„ 0 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzi öſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Fehashtn und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rücke gabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 6 4 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. v 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 6 eträgt für chenirih 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: — Pf. 1 Mt. 50 S 2 Mk. — Pf. 3 6 5 — 6 5. Answärtige Wonnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Martial, der ein natürliches gutes Gefühl hatte und keiner poſitiv niederträchtigen oder ſchlechten Handlung fähig war, führte doch nichts deſtoweniger ein nicht eben geregeltes Leben. Er fiſchte da, wo er zu fiſchen kein Recht hatte, und ſeine Körperkraft wie ſeine Kühnheit flößten den Fiſchereiaufſehern ſo große Furcht ein, daß ſie ſein Thun und Treiben abſichtlich nicht ſahen. Mit dieſer nicht eben ſehr legalen Beſchäftigung verband Mar: ttial eine andere, völlig unerlaubte. Als gefürchteter Bravv übernahm er es gern, mehr noch aus Ue⸗ bermuth und Liebhaberei als aus Gewinnſucht, mit der Fauſt oder dem Stocke diejenigen zu rächen, welche ſich über ſtärkere Gegner zu beflagen hatten. Indeß muß zugleich bemerkt werden, daß Mar⸗ 4 tial mit einem gewiſſen Rechtsgefühle die Prozeſſe auswählte, die er mit Fauſtſchlägen führte; im Allgemeinen nahm er die Partei des Schwachen gegen den Stärkern. Der Liebhaber der Wolfin glich ſeinen Geſchwiſtern Franz und Amandine; er war von mittler Größe, aber ſtark und breit⸗ ſchultrig; ſein dichtes rothes, bürſtenartig abgeſchnittenes Haar bil⸗ dete fünf Spitzen auf ſeiner ziemlich offenen Stirn; ſein dicker, ſtarrer und kurzer Bart, ſeine großen Backen, ſeine breite vorſprin⸗ gende Naſe und ſeine blauen kecken Augen gaben dieſem männli⸗ chen Geſichte einen ſehr entſchloſſenen Ausdruck. Auf dem Kopfe hatte er einen alten lackirten Hut; trotz der Kälte trug er nur eine ſchlechte blaue Blouſe über der Jacke und den Pantalons von grobem abgeſchabten Mancheſter. In der Hand hielt er einen dicken Knotenſtock, den er neben ſich ſtellte. Ein dicker ſchwarzer rothgefleckter Hund mit krummen Beinen war mit Martial hereingekommen, blieb aber an det Thüre und wagte ſich weder dem Feuer noch den Perſonen zu nähern, dis ſchon am Tiſche ſaßen, da die Erfahrung dem alten Nimrod — dem ehemaligen Wilddiebereigehülfen Martials — bewieſen hatte, daß er wie ſein Herr bei der Familie ſehr ſchlecht angeſchrie⸗ ben ſtehe. t „Wo ſind die Kinder?“ Das waren die erſten Worte Martials, als er ſich an den Tiſch ſetzte⸗ „Da, wo ſie ſind,“ antwortete ihm die Schweſter⸗ „Wo ſind die Kinder, Mutter?“ fragte Martial nochmals, ohne auf die Antwort ſeiner Schweſter zu hören. „Im Bett,“ antwortete die Wittwe kurz. 5 „Und ſie haben nicht gegeſſen, Mutter?“ „Was geht das Dich an?“ fiel Nicolaus ein, agcheh er ein großes Glas Wein ausgetrunken hatte, um ſich mehr Muth zu machen, denn er fürchtete ſich vor dem Charakter und der Kraft ſeines Bruders. Martial achtete ſo wenig auf die Worte des Brudera wie die der Schweſter und ſagte zu der Wittwe weiter: „Es thut mir leid, daß die Kinder ſchon ſchlafen —“ „Deſto ſchlimmer,“ antwortete die Wittwe. 3 „Ja, deſto ſchlimmer, — denn ich ſehe ſie gern neben mir, wenn ich eſſe.“ „Uns ſind ſie zur Laſt, und ſo haben wir ſie fortgeſchickt,“ ſiel Nicolaus ein. „Wenn Dir das nicht anſteht, ſo geh zu ihnen.“ Martial ſah ſeinen Bruder verwundert an, dann zuckte er aber die Achſeln, als habe er die Nutzloſigkeit eines Zankes erkannt, ſchnitt ſich ein Stück Brod ab und nahm ein Stück Fleiſch. Der Hund hatte ſich Nicolaus genähert, ob er gleich in einer gewiſſen ſehr ehrerbietigen Ferne blieb, und ver Bandit, den die verächtliche Sorgloſigkeit ſeines Bruders aufbrachte und der den⸗ ſelben zu reizen hoffte, wenn er den Hund ſchlage, gab Nimrod einen ſo gewaltigen Fußtritt, daß der Arme laut heulter Martial wurde purpurroth, faßte das Meſſer, das er in der Hand hielt, krampfhaft feſt und ſchlug heftig auf den Tiſch, aber auch diesmal hielt er an ſich; er rief ſeinen Hund und ſagte ſanft zu demſelben: „Hier, Nimrod!“ Der Hund legte ſich vor den Füßen ſeines Herrn nieder. Dieſe Mäßigung war den Plänen des Nicolaus völlig entge⸗ 6 gegen; er wollte ſeinen Bruder zum Aeußerſten treiben, um einen Bruch herbeizuführen. Er ſetzte alſo hinzu: „Mir ſind die Hunde zuwider. — Dein Hund darf nicht hier bleiben.“ Statt aller Antwort ſchenkte ſich Martial ein Glas Wein ein und trank es langſam aus. Die Wittwe wechſelte flüchtig einen Blick mit Nicolaus und forderte ihn durch einen Wink auf, ſeine Neckereien gegen Martial fortzuſetzen, weil ſie, wie geſagt, hoffte, ein heftiger Zank würde einen Bruch und eine vollſtändige Trennung herbeiführen. Nicolaus holte das Weidenſtäbchen, mit welchem die Wittwe ihren Sohn Franz geſchlagen hatte, trat damit an den Hund, ſchlug denſelben und ſagte: „Hinaus, Nimrod!“ Vis dahin hatte Nicolaus ſeinen Bruder immer nur heim⸗ tückiſcher Weiſe angegriffen, aber nie gewagt, ihn ſo keck und aus⸗ dauernd zu reizen. Der Geliebte der Wölfin nahm ſich abſichtlich im zuſammen, weil er errieth, daß man ihn aus irgend einer Abſicht zum Aeußerſten treiben wolle. Als ſein Hund ſchmerzlich heulte, ſtand Martial auf, öffnete die Thüre, ließ den Hund hinaus und ſetzte ſich dann ruhig wie⸗ der an den Tiſch. Dieſe unglaubliche Geduld, die mit dem gewöhnlich ſo hitzi⸗ gen Charakter Martials ſo wenig zuſammenpaßte, brachte ſeine Gegner in Verlegenheit; ſie ſahen einander, höchlich verwundert, an. Martial ſchien gar nicht zu bemerken, was um ihn 50 vor⸗ ging, ſondern aß ruhig weiter und ſchwieg. — 7 „Trage den Wein fort,“ ſagte die Wittwe zu ihrer Tochter. Dieſe wollte eben gehorchen, als Martial ſagte: „Warte noch, ich bin noch nicht fertig.“ „Deſto ſchlimmer,“ entgegnete die Wittwe, indem ſie ſelbſt die Flaſche wegnahm. „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte der Geliebte der Wölfin, der ſich ein großes Glas voll Waſſer goß, dies austrank, mit der Zunge ſchnalzte und ſagte: „Prächtiges Waſſer!“ Dieſe unverwüſtliche Kaltblütigkeit reizte den gehäſſigen Zorn des Nicolaus, der durch den Wein ſehr aufgeregt war; nichts de⸗ ſtoweniger wich er vor einem directen Angriffe zurück, da er die ungewöhnliche Kraft ſeiner Bruders recht wohl kannte. Mit ei⸗ nem Male aber rief er aus, entzückt über ſeinen Einfall: „Du thateſt recht, daß Du mit Deinem Hunde nachgabſt, Martial; das ſollteſt Du Dir überhaupt angewöhnen, denn Du mußt erwarten, daß wir Deine Geliebte eben ſo mit Fußtritten forttreiben wie Deinen Hund.“ „Ja, denn wenn Deine Wölfin das Unglück hätte, hierher auf die Inſel zu kommen,“ fiel die Schweſter ein, welche die Ab⸗ ſicht des Nicolaus errieth, „ſo würde ich ſie rechts und links maul⸗ ſchelliren.“ „Und ich würde ſie in dem Schlamme an der Inſel eintau⸗ chen,“ ſetzte Nicolaus hinzu. Dieſe beleidigenden Reden über die Wölfin, welche Martial mit wilder Leidenſchaft liebte, warfen ſeine friedlichen Vorſätze um; er runzelte die Stirn; das Blut ſchoß ihm in das Geſicht; die Adern an der Stirn ſchwollen auf und ſpannten ſich wie Stricke; trotzdem hatte er ſo viel Herrſchaft über ſich, daß er mit 8 einer nur leicht vom Zorn veränderten Stimme zu Nicvlaus ſa⸗ gen konnte: n „Nimm dich in Acht! Du ſuchſt Streit mit mir, würdeſt aber wieder etwas finden, was Du nicht erwarteſt,“ „Ich?“ „Ja, — Du ſollſt daran denken.“ „Was, Nicolaus?“ fiel die Schweſter mit höhniſcher Verwun⸗ derung ein — „Martial hat Dich geſchlagen? Mutter, hörſt Du? Nun wundert es mich freilich nicht mehr, daß Nicolaus ſichfürchtet.“ „Er hat mich geſchlagen, weil er mich unerwartet überfiel,“ antwortete Nievlans, der bleich vor Wuth wurde⸗ „Du lügſt; Du hatteſt mich heimtückiſch angefallen, und ich habe Dich nur gewarnt; wenn Du aber noch einmal von meinem. Mädchen ſprichſt — diesmal vergebe ich es Dir — ſo ſollſt Du lange daran denken.“ „Und wenn ich von der Wölfin reden will?“ ſagte die Schweſter.. „So werde ich Dir ein Paar freundſchaftliche Winke geben, und wenn Du wieder anfängſt, werde ich noch einmal winken —“ „Und wenn ich rede?“ fiel langſam die Wittwe ein. „Du?“ . „Ja — ich?“ „Duſ?“ fragte Martial, der mit aller Macht an ſſich hielt, „Du?“ „So wirſt Du mich auch ſchlagen, nicht?“ „Mein, aber wenn Du pon der Wölfin ſchlecht ſprichſt, ſo werde ich den Ricolaus prügeln —“ „Du,“ rief der Bandit wüthend, indem er ſein gefährliches Meſſer erhob, Du willſt mich prügeln?“ 9 „ „Niecolaus — nicht das Meſſer!“ wief die Wittwe aus, indem ſie ſchnell aufſtand, um den Arm ihres Sohnes zu ergreifen; die⸗ ſer aber, trunken von Wein und Zorn, ſtieß ſeine Mutter roh zu⸗ rück und ſtürzte ſich auf ſeinen Bruder. Martial wich zurück, ergriff den dicken Knotenſlock, den er bei dem Eintreten hingeſtellt hatte, und nahm eine vertheidigende Stellung an. „Nirolaus, nicht das Meſſer!“ wiederholte die Wittwe. „Laß ihn doch,“ fiel die Schweſter der beiden Brüder ein, die ſelbſt ein Beil ergriff. Nieolaus fuhr noch immer mit ſeinem fünchterlichen Meſſer herum und lauerte auf den Augenblick, um ſich auf ſeinen Bru⸗ der ſtürzen zu können. „Ich ſage Dir,“ rief er aus, „daß ich Dich und die Canaille von Wölfin erſteche. Zu mir, Mutter! Her, Schweſter — wir wollen ihn kalt machen — Es kann ſo nicht mehr bleiben.“ Er hielt jetzt den Augenblick günſtig für ſeinen Angriff und ſtürzte mit hoch erhobenem Meſſer auf ſeinen Bruder. Martial, ein gewandter Stockſchläger, zog raſch den Ober⸗ körper zurück und erhob den Stock, der blitzſchnell pfeifend eine 8 beſchrieb und dann ſo gewaltig auf den rechten Vorderarm des Nicolaus auffiel, daß dieſer vor Schmerz das Meſſer fallen ließ. „Räuber! Du haſt mir den Arm zerſchlagen!“ rief er aus, indem er mit der linken Hand den rechten Arm faßte, der ſchwer an der Seite herabhing. „Nein; ich fühlte, daß der Stock zurückſchnellte,“ antwortete Martial, indem er mit dem Fuße das Meſſer unter den Küchen⸗ ſchrank ſtieß. 10 Dann benutzte er den Schmerz, welchen Nicolaus empfand, faßte ihn am Kragen, trieb ihn unbarmherzig zurück bis an die Thür des kleinen Kellers, den wir erwähnt haben, öffnete dieſe mit der einen Hand und warf mit der andern ſeinen Bruder hin⸗ ein, der durch dieſen plötzlichen Angriff noch ganz betäubt war. Dann kehrte er zu den beiden Frauen zurück, faßte ſeine Schweſter an den Achſeln und ſchloß ſie trotz ihrem Widerſtreben, ihrem Geſchrei und einem Beilhiebe, der ihn leicht an der Achſel verwundete, in dem niedrigen Saale der Scheukſtube ein, welche an die Küche ſtieß. Darauf wendete er ſich an die Wittwe, welche über dieſes eben ſo geſchickte wie unerwartete Manöver ganz erſtaunt war, und ſagte kalt: „Nun, Mutter, haben wir beide es mit einander zu thun.“ „Ja, wir beide,“ antwortete die Wittwe, deren kaltes, bleiches Geſicht ſich lebhaft färbte, deren faſt erloſchene Augen zu funkeln begannen und deren Zügen der Haß einen entſetzlichen Ausdruck gab; — „ja, wir beide!“ wiederholte ſie mit drohender Stimme. „Ich erwartete dieſen Augenblick; Du ſollſt endlich erfahren, was ich auf dem Herzen habe.“ „Auch ich werde ſagen, was mir das Herz drückt.“ „Du ſollſt an dieſe Nacht denken, und würdeſt Du hundert Jahre alt —“ „Ich werde daran denken! — Mein Bruder und meine Schweſter wollten mich ermorden, Du thateſt nichts, um ſie daran zu hindern. — Aber nun laß hören, — ſprich, — was habt Ihr gegen mich?“ „Was ich habe?“ 3 11 „Seit dem Tode Deines Vaters biſt Du nichts geweſen als eine feige Memme.“ h „Ja, eine feige Memme! — Statt bei uns zu bleiben und uns beizuſtehen, biſt Du nach Rambuuillet entlaufen, um mit dem Wildpretshändler, den Du in Berey kennen gelernt, Wilddieberei zu treiben —“ 8 „Wenn ich hier geblieben wäre, würde ich jetzt auf den Ga⸗ leeren ſein wie Ambroſius, oder nahe daran wie Nicolaus; ich mochte kein Dieb ſein wie die Andern, — daher Euer Haß!“ „Und welches Gewerbe treibſt Du? Du ſtahlſt Wild und ſtiehlſt jetzt Fiſche, — ein Diebſtahl ohne Gefahr, ein feiger Diebſtahl!“ „Das Wild und die Fiſche gehören Niemandem; heute ſind ſie bei dem, morgen bei jenem; wer ſie fängt, dem ſind ſie. — Ich ſtehle nicht. — Und was die Feigheit betrifft —“ „Du ſchlägſt, für Geld, Menſchen, die ſchwächer ſind als Du „Weil ſie noch Schwächere gemißhandelt haben.“ „Handwerk einer feigen Seele!“ „Es giebt ehrlichere, ja, aber Dir kommt es nicht zu, mir das zu ſagen.“ „Warum betreibſt Du dieſe ehrlichen Gewerbe nicht, ſtatt hier zu faulenzen und auf meine Koſten zu leben?“ „Ich gebe Dir die Fiſche, welche ich fange, und das Geld, welches ich verdiene, — es iſt nicht viel, aber genug; ich koſte Dich nichts. Ich wollte Schloſſer werden, um mehr zu verdienen, wenn man aber von Jugend auf ſich auf dem Fluſſe und in dem Walde herumgetrieben hat, kann man nirgends anders aushalten; 12 man iſt lebenslang verdorben. Und dann,“ ſetzte Martial finſter hinzu, „bin ich noch immer lieber allein auf dem Fluſſe und in dem Walde geweſen, — da fragt mich Niemand. Synſt überall fragt man mich nach meinem Vater, und muß ich nicht ſagen, daß er — geköpft worden? Muß ich nicht ſagen, daß mein Bru⸗ der auf den Galeeren, daß meine Schweſter eine Diebin iſt?!“ N „Und was ſagſt Du über Deine Mutter?“ „3c ſage —“ „Was?“ „Ich ſage, ſie ſei — todt.“ „Daran thuſt Du recht. — Ich verläugne Dich auch. — Dein Bruder iſt im Bagno; Dein Vater und Dein Großvater ſind auf dem Schaffot geſtorben. — Statt ſie zu zitterſt Du —“ „Sie rächen?“ „Ja; Du ſollteſt Dich als ichten Martial zeigen, dem Beile und dem rothen Kittel des Henkers trotzen und endigen wie Vater und Mutter, wie Bruder und Schweſter —“ Martial ſchauderte unwillkührlich, ſo ſehr er auch an ähnliche Aeußerungen ſeiner Mutter ſchon gewöhnt war. Das Geſicht der Wittwe des Gerichteten war ſchrecklich in dem Augenblicke, als ſie dieſe ſchauerlichen Worte ſprach. Mit ſteigender Wuth ſetzte ſie hinzu: „Du biſt noch dümmer als feig! Ein ehrlicher Mann willſt Du ſein!? Ehrlich? Wirſt Du nicht immer verachtet und zurück⸗ geſtoßen werden als Sohn eines Mörders, als Bruder eines Ga⸗ leerenſträflings? Aber ſtatt an Rache zu denken, fürchteſt Du Dich! ſtatt Dich zu vertheidigen, entfliehſt Du. — Als ſie Deinen Va⸗ ter köpften, verließeſt Du uns, feige Memme! Und Du wußteſt, — — 13 daß wir die Inſel nicht verlaſſen, in das Städtchen nicht gehen konnten, ohne daß das Volk hinter uns her ſchrie und uns mit Steinen warf wie tolle Hunde! Dafür ſollen ſie uns büßen! Das ſollen ſie entgelten!“ „Ich fürchte mich vor keinem Menſchen, ich fürchte mich nicht vor zehn; aber von Jedermann verwünſcht zu werden als Sohn und Bruder eines Verurtheilten . .! — Nein, ich konnte es nicht, lieber ging ich fort und trieb Wilddieberei mit Peter, dem Wildpretshändler.“ „So hätteſt Du in Deinem Walde bleiben ſollen.“ „Ich bin zurückgekommen wegen meiner Sache mit dem Wildhüter und beſonders — wegen der Kinder, weil ſie in dem Alter waren, in welchem das Beiſpiel ſie zum Böſen verleiten konnte.“ „Was geht das Dich an?“ „Ich werde es nicht zugeben, daß ſie werden wie meine an⸗ dern Geſchwiſter!“ „Nicht möglich!“ „Und ſie würden es geworden ſein, wenn ſie allein hier bei Euch geweſen wären. Ich tret in die Lehre, um wo möglich ſo viel zu verdienen, daß ich die Kinder zu mir nehmen und die In⸗ ſel verlaſſen könnte, aber in Paris weiß man Alles, — ich hieß überall der Sohn des Gerichteten, der Bruder des Sträflings, — ich hatte alle Tage Schlägereien und wurde es endlich über⸗ drüſſig —“ „Aber ehrlich zu ſein, wurdeſt Du nicht überdrüſſig; das bliebſt Du, ſtatt zu uns zu halten, ſtatt zu handeln wie wir und wie die Kinder handeln werden, Dir zum Trotze, ja — Dir zum Trotzr. — Du glaubſt, ſie durch Deine Predigten fin Dich zu ge⸗ — 14 winnen, aber wir ſind auch noch da. — Franz iſt ſchon bei⸗ nahe der unſrige; — eine Gelegenheit, und er gehört uns ganz.“ „Ich ſage, das geſchieht nicht.“ „Du wirſt es ja ſehen — oder ich will mich nicht darauf verſtehen. — Im Grunde iſt er ſchon unſer; Du ſtehſt ihm nur noch im Wege. Iſt Amandine nur erſt funfzehn Jahre alt, ſo wird ſie ſchon allein dahin kommen, wohin ſie kommen muß. Man hat uns mit Steinen geworfen, man hat uns verfolgt wie tolle Hunde, — nun ſoll man ſehen, was unſere Familie fann — Dich feige Memme, ausgenommen —, denn Du nur machſt uns Schande *).“ „Das iſt Schade —“ „Und da Du bei uns verderben könnteſt, ſo wirſt Du Dich morgen von hier entfernen, um nie wieder zu kommen —“ Martial ſah ſeine Mutter ſtaunend an; nach einer kurzen Pauſe antwortete er ſodann: „Ihr habt abſichtlich bei meiner Ankunft Streit mit mir ge⸗ ſucht —“ „Ja, um Dir zu zeigen, was Dich erwartet, wenn Du gegen unſern Willen hier bleiben wollteſt, — eine Hölle, hörſt Du? — eine Hölle! jeden Tag ein Zank und eine Prügelei, und wir wer⸗ den nicht allein ſein wie hente Abend; wir werden Freunde hier haben, die uns beiſtehen. — Du wirſt Dich nicht acht Tage hal⸗ ten können.“ *) Dieſe entſetzlichen Lehren ſind leider nicht übertrieben. Man leſe nur den trefflichen Bericht des Herrn von Bretignéres über die Pönitentiaranſtalt zu Mettray. (S. Sitzung der franzö⸗ ſiſchen Deputirtenkammer vom 12. Mätz 1843.) „ * „Ihr glaubt mich einzuſchüchtern?“ „Ich ſage Dir, was geſchehen wird.“ „Mir gleichviel, — ich bleibe.“ „Du willſt hier bleiben?“ „Jat „Gegen unſern Willen?“ „Gegen Euern Willen —“ „Lächerlich!“ „Ich ſage Dir, daß ich hier bleiben werde, bis ich Mittel finde, mit den Kindern anderswo meinen Lebensunterhalt zu ver⸗ dienen; ſtände ich allein, ſo würde ich ohne Sorgen ſein und in den Wald zurückkehrén, der Kinder wegen aber brauche ich mehr Zeit, zu finden, was ich ſuche — bis dahin bleibe ich.“ „Du willſt alſo bleiben, bis Du die Kinder mit Dir nehmen kannſt?“ „So iſt es.“ „Die Kinder willſt Du mitnehmen?“ „Wenn ich zu ihnen ſage: kommt, ſo werden ſie kommen, ſo ſchnell als ſie laufen können; ich weiß es.“ Die Wittwe zuckte die Achſeln und entgegnete: „So höre mich an. Ich habe Dir eben geſagt, Du würdeſt an dieſe Nacht denken, und wenn Du noch hundert Jahre leben ſollteſt. Ich will Dir erklären warum; aber biſt Du wirklich ent⸗ ſchloſſen, von hier nicht fortzugehen?“ „Ja, tauſendmal ja!“ „Du wirſt ſogleich: nein, tauſendmal nein! ſagen. Höre mich wohl an. — Weißt Du, welches Gewerbe Dein Bruder treibt?“ „Ich ahne es, mag es aber nicht wiſſen —“ 1 16 „Du ſollſt es wiſſen; — er ſtiehlt.“ „Deſto ſchlimmer füt ihn.“ ß. „Und für Dich.“ . „Für mich?“ „Er bricht ein, das kann ihn auf die Galeeren bringen; wir verbergen, was er ſtiehlt; wenn man es herausbekommt, werden wir als Hohler zu derſelben Strafe verurtheilt, und Du auch; man nimmt die ganze Familie zuſammen, und die Kinder werden auf die Straße hinausgeſtoßen, wo ſie das Gewerbe Deines Vaters und Deines Großvaters eben ſo gut lernen werden wie hier.“ „Ich als Hehler, als Euer Mitſchuldiger verhaftet? Wer ſoll mir das beweiſen?“ „Man weiß nicht, wie Du lebſt; Du ſtreichſt überall umher, ſtehſt in ſchlechtem Rufe und wohnſt bei uns; wem willſt Du be⸗ weiſen, daß Du von unſerm Hehlen und Stehlen wüßteſt?“ „Ich werde es beweiſen.“ „Wir werden Dich als unſevn Nitſchuldigen ngthe — „Mich angeben? und warum?“ „Um Dich dafür daß Du gegen unſern Willen hier bleiben wollteſt —“ „Eben wollteſt Du mich auf die eine Weiſe in Furcht 5 jetzt verſuchſt Du es auf eine andere; aber es hilft Dir nichts; ich werde beweiſen, daß ich nie geſtohlen habe. — Ich bleibe —“ „Du bleibſt? So höre nuch mehr. Erinnerſt Du Dich, was im vorigen Jahre in der Weihnachtsnacht hier vorgegan⸗ gen iſt?“ „In der Weihnachtsnacht? fragte Martial, der ſich an nn erinnern konnte. 1 „Denke nur nach! Denfe ur nach! — „Ich erinnere mich an nichts.“ „Weißt Du nicht, daß an jenem Abende Roth⸗Arm einen gut gekleideten Mann hierherbrachte, der Urſache hatte ſich zu ver⸗ bergen?“ „Ja, jetzt erinnere ich mich; ich ging zu Bett und ließ ihn hier bei Euch zurück. Er kam in der Nacht in das Haus; vor Tagesanbruch brachte ihn Nicolaus nach St. Ouen.“ „Weißt Du es gewiß, daß Nicvlaus ihn nach St. Ouen ge⸗ bracht hat?“ „Ihr habt mir es am andern Morgen geſagt.“ „Du warſt alſo in der Weihnachtsnacht hier?“ „Ja — nun?“ „In jener Nacht iſt dieſer Mann, der viel Geld bei ſich hatte, in dieſem Hauſe ermordet worden.“ „Er — hier?“ „Und beraubt und in dem Holzſtalle begraben.“ „Das iſt nicht wahr,“ entgegnete Martial, der todtenbleich wurde und an dieſes neue Verbrechen der Seinigen nicht glauben wollte. — „Du willſt mich erſchrecken. — Noch einmal, es iſt nicht wahr.“ „Frage Deinen Liebling Franz, was er heute in dem Holz⸗ ſtalle geſehen hat.“ „Franz! Und was hat er geſehen?“ „Einen Fuß des Mannes, der aus der Erde hervorragt. — Nimm die Laterne, geh hin und überzeuge Dich ſelbſt —“ „Nein,“ antwortete Martial, indem er ſeine mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn abwiſchte, — „nein, ich glaube Dir nicht. — Du ſagſt es nur, um . . .“ Die Geheimuiſſe von Paris. VI. 2 — „Um Dir zu beweiſen, daß, Pen Du gegen unſern Willen bleibſt, Du jeden Augenblick der Gefahr ausgeſetzt biſt, als Dieb und Mörder mit verhaftet zu werden; Du warſt in der Weihnachts⸗ nacht hier; wir werden behaupten, Du hätteſt uns bei dem Morde beigeſtanden. Wie willſt Du das Gegentheil beweiſen?“ „Gott! Gott!“ rief Martial aus, indem er beide Hände auf das Geſicht ſchlug. „Wirſt Du nun gehen?“ fragte die Wittwe mit höhniſchem Lachen. Martial war wie vom Donner getroffen; er zweifelte leider nicht an dem, was ſeine Mutter ihm geſagt hatte; ſein Umher⸗ ſtreifen und das Beiſammenwohnen mit einer ſo verbrecheriſchen Familie mußten ihn wirklich in ſchrecklichen Verdacht bringen, und dieſer Verdacht konnte ſich in den Augen der Juſtiz in Gewißheit verwandeln, wenn ſeine Mutter, ſein Bruder und ſeine Schweſter ihn als ihren Mitſchuldigen bezeichneten. Die Wittwe weidete ſich an der Niedergeſchlagenheit ihres Sohnes. „Du haſt ein Mittel, aus der Verlegenheit zu kommen; zeige uns an!“ „Ich ſollte es eigentlich thun, — aber ich werde es nicht thun. — Ihr wißt es nur zu wohl.“ „Ich ſage es Deinetwegen. — Wirſt Du nun gehen?“ Martial wollte verſuchen, die Megäre zu rühren; mit minder rauher Stimme ſagte er zu ihr: „Mutter, ich halte Dich dieſes Mordes nicht für fähig —“ „Wie Du willſt, mach' nur, daß Du ſortkommſt —“ „Ich werde gehen, aber unter einer Bedingung —“ „Keine Bedingung!“ 19 „Gieb die Kinder in die Lehre, — weit weg von hier —, ir⸗ gendwo in der Provinz.“ „Sie werden hier bleiben —“ „Was nützt es Dir, wenn ſie geworden ſind, wie die ältere Schweſter, wie Nievlaus, wie Ambroſius und mein Vater?“ „Sie werden mir helfen, manchen guten Fang zu machen. — Wir ſind unſerer nie zu viele. — Deine Schweſter bleibt hier bei mir, um die Wirthſchaft mit zu führen; Nicolaus iſt allein; Franz und Amandine können ihm beiſtehen, ſobald ſie abgerichtet ſind; man hat ſie auch mit Steinen geworfen, ob ſie gleich noch klein ſind; ſie müſſen ſich rächen —“ „Mutter, Du liebſt Kürbiß und Nicolaus, nicht wahr?“ „Nun?“ „Wenn die Kinder werden wie dieſe, wenn Euere und ihre Verbrechen herauskommen —“ „Nun?“ „So ſterben ſie auf dem Schaffot, wie mein Vater —“ „Nun? Nun?“ „Zitterſt Du nicht ver ihrem Schickſale?“ „Ihr Schickſal wird das meinige ſein, nicht beſſer und nicht ſchlechter. — Ich ſtehle, — ſie ſtehlen; ich morde, — ſie mor⸗ den; wer die Mutter nimmt, wird auch die Kinder nehmen. — Wir werden uns nicht von einander trennen. Fallen unſere Köpfe, ſo ſollen ſie in einen Korb fallen und da von einander Abſchied nehmen. — Wir weichen nicht zurück; Du allein biſt der Feige in der Familie, und wir verjagen Dich; — geh' und packe Dich!“ „Aber die Kinder? Die Kinder?“ „Die Kinder werden groß werden; ſie wären ſchon anders, wenn Du nicht in das Haus gekommen. Franz iſt ſo ziemlich 2* ſchon bereit; ſobald Du fort biſt, wird auch Amandine die verlo⸗ rene Zeit bald einholen —“ „Mutter, ich beſchwöre Dich, ſchicke die Kinder weit weg von hier in die Lehre.“ „Wie vft ſoll ich Dir's ſagen, daß ſie ihre Lehrzeit hier be⸗ ſtehen werden?“ Die Wittwe des Gerichteten ſprach die letztern Worte in ei⸗ nem ſo entſchiedenen, unerbittlichen Tone, daß Martial die Hoff⸗ nung verlor, ihr Eiſenherz zu erweichen. „Nun, da es ſo iſt,“ ſagte er ebenfalls kurz und entſchloſſen, „ſo höre Du mich auch an, Mutter; — ich bleibe.“ Ah „Nicht in dieſem Hauſe, denn hier würde mich der Bruder erſchlagen oder die Schweſter vergiften; aber ich werde, da ich nicht Geld genug beſitze, um mir eine Wohnung mit den Kindern zu miethen, in dem Schuppen am Ende der Inſel wohnen; die Thüre iſt feſt, und ich werde ſie noch feſter machen. — Bin ich erſt da, wohl verbarricadirt, mit meiner Flinte, meinem Stocke und mei⸗ nem Hunde, ſo fürchte ich Niemanden. — Morgen früh nehme ich die Kinder mit mir; den Tag über bleiben ſie mit mir in einem Boote oder wo ich ſonſt bin; Abends ſchlafen ſie bei mir in der Hütte; wir nähren uns von meinem Fiſchfange, ſo lange bis es mir gelungen iſt, ſie unterzubringen, und es wird mir gelingen.“ „So iſt es?“ . „Weder Du, noch Kürbiß, noch Nicolaus könnt das verhin⸗ dern, nicht wahr? Wenn man Euere Räubereien und Mordthaten während meiner Anweſenheit auf der Inſel entdeckt, — deſto ſchlim⸗ mer, ſo ſetze ich mich der Gefahr aus; ich werde es nicht verſchwei⸗ gen, warum ich zurückgekehrt, warum ich geblieben bin, wegen der 21 Kinder, — damit ſie nicht auch Diebe würden, — und man mag dann das Urtheil ſprechen. Aber das Donnerwetter ſoll mich er⸗ ſchlagen, wenn ich die Inſel verlaſſe und wenn die Kinder noch einen Tag länger in dem Hanſe bleiben. — Ja, und ich trotze Euch Allen; jagt mich von der Inſel fort, verſucht es!“ Die Wittwe kannte die Entſchloſſenheit Martials; die Kinder liebten ihren ältern Bruder eben ſo wie ſie die Mutter fürchteten; ſie folgten ihm ſicherlich dahin, wohin er ſie führte. Er ſelbſt, gut bewaffnet, feſt entſchloſſen, immer auf ſeiner Hut, am Tage in dem Boote, während der Nacht in der Hütte am Ende der In⸗ ſel verſchanzt und verbarricadirt, hatte von den ſchlimmen Plänen ſeiner Familie nichts zu fürchten. Das Vorhaben Martials konnte demnach recht wohl ausge⸗ führt werden; aber die Wittwe hatte viele Gründe, dieſe Ausfüh⸗ rung zu verhindern. - Erſtens zählte die Wittwe auf Amandine und Franz zur Un⸗ terſtützung bei ihren Verbrechen, wie die ehrlichen, fleißigen Hand⸗ werker bisweilen die Zahl ihrer Kinder fül einen Segen Gottes, für einen Reichthum halten, wegen der Hülfe, die ſie ihnen bei ihrer Arbeit leiſten müſſen. Dann war es wahr, was ſie von ihrer Abſicht geſagt hatte, ihren Mann und ihren Sohn zu rächen. Manche Menſchen, die im Verbrechen aufgezogen, alt geworden und verhärtet find, treten in offener Empörung mit erbittertem Kriege gegen die Geſellſchaft auf und glauben, durch neue Verbrechen ſich wegen der gerechten Strafe zu rächen, welche ſie oder die Ihrigen getroffen hat. Endlich konnten die Abſichten des Nicolaus gegen Marien⸗ Blume und ſpäter gegen die Mäklerin durch die Auweſenheit Mar⸗ tials vereitelt werden. Die Wittwe hatte gehofft, eine ſofortige Trennung zwiſchen ihr und Martial herbeizuführen, entweder wenn ſie Nicolaus zum Zanke gegen ihn aufreize oder wenn ſie ihm mit⸗ theile, daß er ſich der Gefahr ausſetze, für einen Mitſchuldigen ih⸗ rer Verbrechen zu gelten, wenn er durchaus auf der Inſel bleibe. Die Wittwe war inveß ſo ſchlau wie ſcharfſinnig und fühlte, als ſie einſah, daß ſie ſich in ihrer Erwartung getäuſcht hatte, daß ſie zu einem ſcheuslichen Mittel greifen müſſe, um ihren Sohn in eine blutige Schlinge fallen zu laſſen. Sie fuhr demnach nach einer langen Pauſe und mit erheuchelter Bitterkeit fort: „Ich ſehe Deinen Plan; Du willſt uns nicht ſelbſt anzeigen, ſondern durch die Kinder anzeigen laſſen.“ „Sie wiſſen jetzt, daß ein Menſch hier begraben worden iſt; ſie wiſſen, daß Nicolaus geſtohlen hat. .. Sind ſie in die Lehre gegeben, ſo werden ſie davon reden, man wird uns ergreifen, und wir werden Alle, Du mit uns, in das Gefängniß wandern; das würde geſchehen, wenn ich auf Dich hörte, wenn ich Dich die Kin⸗ der irgendwo unterbringen ließe. — Und doch ſagſt Du, Du woll⸗ teſt uns nichts Schlimmes zufügen! Ich verlange nicht, daß Du mich lieben ſollſt, — aber beſchleunige wenigſtens den Augenblick unſerer Verhaftung nicht.“ Der weicher gewordene Ton der Wittwe brachte Martial zu dem Glauben, ſeine Drohungen hätten einen heilſamen Eindruck auf ſie gemacht; er ging in eine ſchreckliche Schlinge. „Ich kenne die Kinder,“ fuhr er fort, „und bin überzeugt, daß ſie nichts ſagen werden, wenn man ihnen Schweigen anempfiehlt. Uebrigens werde ich ja immer bei ihnen ſein, und ich ſtehe für ihr Schweigen.“ 23 „Kann man denn für die Worte eines Kindes bürgen, na⸗ mentlich in Paris, wo man ſo neugierig und ſo ſchwatzhaft iſt! Ich will ſie hier behalten, damit ſie uns bei unſern Unternehmun⸗ gen unterſtützen, und auch damit ſie uns nicht verrathen können.“ „Gehen ſie nicht bisweilen in das Städtchen und nach Pa⸗ ris? Wer hindert ſie zu reden, wenn ſie etwas zu reden haben? Wenn ſie weit weg von hier waͤren, würde es ganz anders ſein! es hätte keine Gefahr, was ſie auch ſagten —“ „Weit von hier und wo?“ fragte die Wittwe, indem ſie ih⸗ ren Sohn unverwandt anſah. „Laß ſie mich mitnehmen; — es liegt Dir doch wenig daran.“ „Wie willſt Du mit ihnen leben können?“ „Mein ehemaliger Schloſſermeiſter iſt ein braver Mann; ich werde ihm ſagen, was zu ſagen iſt, und vielleicht leiht er mir et⸗ was der Kinder wegen; damit bringe ich ſie weit weg in die Lehre. — Nach zwei Tagen brechen wir auf, und Ihr werdet nie wieder etwas von mir hören —“ „Nein — ſie bleiben hierz ich habe ſie ſo mehr in meiner Gewalt.“ „So nehme ich morgen mein Quartier in der Hütte — bis auf beſſere Zeiten. — Ich habe auch einen harten Kopf —“ „Ich weiß es wohl und wollte, Du waͤrſt, wo der Pfeffer wächſt! Warum biſt Du nicht in dem Walde geblieben?“ „Ich erbiete mich ja, Euch von mir und den Kindern zu befreien. —“ „Du willſt alſo die Wölfin verlaſſen, die Du ſo ſehr liebſt?“ fragte die Wittwe plötzlich. „Das iſt meine Sache; ich weiß, was ich zu thun habe; ich habe meine Idee —“ „Ihr würdet alſo Paris nie wieder betreten, wenn ich Dich mit den Kindern fortgehen ließe?“ 24 „Vor drei Tagen würden wir fort und für Euch todt ſein.“ „Das iſt mir immer noch lieber, als Dich hier zu haben und vor den Kindern ſtets auf der Hut ſein zu müſſen. — Nimm ſie alſo mit, — ich füge mich. — Macht, daß Ihr ſobald als möglich fortkommt und daß ich Euch nie wiederſehe! —“ „Abgemacht?“ „Ja. — Gieb mir den Schlüſſel zum Keller, damit ich den Nicolaus herauslaſſen kann —“ „Nein; erſt muß er ſeinen Rauſch ausſchlafen; den Schlüſſel gebe ich Dir morgen früh.“ „Und Deine Schweſter?“ „Das iſt etwas anderes; laß ſie heraus, — wenn ich fort bin, ich mag ſie nicht ſehen —“ „Geh, und möge Dich der Teufel holen!“ „Iſt das Dein Gute⸗Nacht⸗Wunſch, Mutter?“ „36 — „Zum Glück iſt es der letzte,“ ſagte Martial. „Der letzte, wiederholte die Wittwe. Ihr Sohn zündete ein Licht an, dann öffnete er die Küchen⸗ thüre und pfiff ſeinem Hunde, der freudig hereinkam und ſeinem Herrn in das obere Stockwerk des Hauſes folgte. „Geh. — Deine Rechnung iſt gut!“ murmelte die Mutter, indem ſie hinter ihrem Sohne die Fauſt ballte; „Du haſt es ſelbſt gewollt.“ Dann öffnete ſie mit ihrer Tochter, die eine Anzahl Dieteriche und Nachſchlüſſel hatte, die Thüre des Kellers, in welchem ſich Nicolaus befand, und ließ dieſen heraus. ——— CV. Franz und Amandine. SMrn und Amandine ſchliefen in einer Kammer unmittel⸗ bar über der Küche am Ende eines Ganges, auf welchen ſich meh⸗ rere Stuben öffneten, die den Stammgäſten des Wirthshauſes als „Geſellſchaftszimmer“ dienten. Die beiden Kinder hatten, nachdem ſie ihr frugales Abend⸗ brod verzehrt, ſtatt, wie die Mutter ihnen befohlen, die Laterne auszulöſchen, gewacht und die Thüre halb offen gelaſſen, um auf ihren Bruder Martial zu warten. Die Laterne ſtand auf einem lahmen Schemel und warf ein bleiches Licht durch die durchſcheinenden Hornſeiten. Mit Kalk beworfene Wände, ein ſchlechtes Lager für Franz, ein altes kleines viel zu kurzes Kinderbett für Amandine, ein Haufen von Stuhl⸗ und Banküberreſten, welche von den unruhi⸗ gen Gäſten des Wirthshauſes zerſchlagen worden waren, weiter ſah man in der Kammer nichts. Amandine ſaß auf dem Rande des Lagers ihres Bruders und ſuchte das geſtohlene Tuch, das Geſchenk ihres Bruders Nicolaus, zierlich um den Kopf zu binden. Franz kniete vor ſeiner Schweſter und hielt ihr ein Spiegel⸗ ſtuck vor; ſie hatte eben den Kopf halb zur Seite gewendet und zupfte eine dicke Roſette an der Schleife, die ſie von den Zipfeln des Tuches gebunden hatte. Franz, der dieſen Putz ſehr bewunderte, verſäumte einen Au⸗ genblick, das Spiegelſtück ſo zu halten, daß die Schweſter ihr Ge⸗ ſicht darin ſehen konnte. „Halte doch den Spiegel höher,“ ſagte Amandine; „ich ſehe mich ja nicht mehr. — So — nun warte noch ein Weilchen; jetzt bin ich fertig. Sieh mich einmal an! Wie gefällt Dir's?“ „Sehr gut, ſehr gut. — Und die ſchöne Schleife! Du wirſt mir ſo eine an meinem Halstuche binden, nicht wahr?“ „Ja, gleich, — erſt muß ich aber ein Bischen umhergehen. — Du gehſt vor mir — rückwaͤrts und hältſt immer den Spiegel hoch, ſo daß ich mich im Gehen ſehen kann —“ Franz führte nach beſten Kräften dieſes ſchwierige Manöver zur großen Zufriedenheit Amandinens aus, die ſich an ihrem Putze nicht ſatt ſehen konnte und mit freudigem Stolze einherſchritt. Dieſe Koletterie, die bei jedem andern umſtande ſehr unſchul⸗ dig und ſehr naiv geweſen ſein würde, wurde tadelnswerth, da, wie die Kinder wohl wußten, die Tücher geſtohlen waren. Es iſt dies wieder ein Beweis von der entſetzlichen Leichtigkeit, mit welcher Kinder, faſt ohne daß ſie es wiſſen, verdorben werden, wenn ſie fortwährend in einer unreinen Atmoſphäre zubringen müſſen. Ueberdies war der einzige Führer und Lehrer dieſer unglück⸗ lichen Kinder, ihr Bruder Martial, ſelbſt nicht uhne Tadel, wie ſchon geſagt; wenn er auch nicht zu ſtehlen und zu morden ver⸗ mochte, ſo führte er doch nichts deſtoweniger ein unſtätes, regello⸗ 27 ſes Leben. Ohne Zweifel empörten ihn die Verbrechen ſeiner Fa⸗ milie; er liebte die beiden Kinder zärtlich, er vertheidigte ſie ge⸗ gen Mißhandlungen, ſuchte ſie dem verderblichen Einfluſſe ſeiner Familie zu entziehen; aber ſeine Ermahnungen gewährten den Kleinen nur geringen Schutz, da ſie ſich nicht auf Lehren einer ſtrengen beſtimmten Moral ſtützten. Sie weigerten ſich, gewiſſe ſchlechte Handlungen zu begehen, nicht aus Rechtſchaffenheit, ſon⸗ dern um Martial zu gehorchen, den ſie liebten, und um gegen den Willen ihrer Mutter zu handeln, die ſie fürchteten und haßten. Sie hatten keine Begriffe von Recht und Unrecht, da ihnen jeden Tag abſchenwürdige Beiſpiele vor Augen lagen, denn das Wirthshaus wurde von dem Auswurfe des gemeinſten Pöbels be⸗ ſucht und war der Schauplatz gemeiner Orgien und Ausſchweifun⸗ gen, und gegen dieſe ſchmutzigen Saturnalien hatte Martial nichts einzuwenden. Man erkennt daraus, wie zweifelhaft, wie ſchwankend und unſicher der moraliſche Inſtinet der Kinder, namentlich bei Franz war, der jenen gefährlichen Punkt erreicht hatte, wo die Seele zwiſchen dem Guten und dem Schlechten unentſchieden hin- und herſchwankt und in einem Augenblicke für immer verloren gehen oder auch gerettet werden kann. „Wie ſchön Dir dieſes rothe Tuch ſteht, Schweſter!“ fuhr Franz fort; „ach, das iſt hübſch! Wenn wir vor dem Gipsofen drüben am Ufer ſpielen, mußt Du es ſo umbinden, damit die Kinder des Kalkbrenners neidiſch werden, die uns immer mit Steinen werfen und Fleine Gerichtete nennen. — Ich binde auch mein ſchönes rothes Halstuch um, und dann ſagen wir zu ihnen: Ihr habt doch nicht ſo ſchöne ſeidene Tücher wie wir!“ „Aber, Franz —,“ antwortete Amandine nach kurzem Nach⸗ denken, „wenn ſie wüßten, daß die Tücher, die wir tragen, geſtoh⸗ len ſind, würden ſie uns kleine Diebe ſchimpfen —“ „Sie mögen ſich hüten!“ „Wenn es nicht wahr iſt, mögen ſie uns immer Diebe nen⸗ nen, aber jetzt —“ „Nicvlaus hat uns die Tücher gegeben, wir haben ſie nicht geſtohlen —“ „Ja, aber Nicvlans hat ſie auf einem Boote weggenommen, und Bruder Martial ſagt, man dürfe nicht ſtehlen —“ „Nicolaus hat ja geſtohlen, das geht uns nichts an.“ „Meinſt Du, Franz?“ „Gewiß —“ „Lieber wäre mir es doch, der Mann hätte mir das Tuch gegeben, dem ſie gehörten. — Und Du, Franz?“ „Mir iſt es einerlei. — Man hat uns die Tücher geſchenkt, und ſie ſind unſer.“ „Weißt Du das gewiß?“ „Nun freilich, ſei doch ruhig darüber.“ „Deſto beſſer, ſo thun wir nichts, was Martial uns verbie⸗ tet, und haben doch ſchöne Tücher.“ „Wenn er es wüßte, Amandine, daß Du letzthin das carrirte Tuch aus dem Packet des Herumträgers nehmen mußteſt, als er ſich umgedreht hatte!“ „Ach, Franz, erwähne das nicht!“ ſagte vas arme Kind, deſſen Augen ſich mit Thränen füllten. — „Der Bruder Mar⸗ tial wäre im Stande, mich nicht mehr zu lieben — uns hier al⸗ . lein zu laſſen — „Fürchte Dich nicht, — werde ich es ihm erzählen? Ich lachte —“ „Lache nicht darüber, Franz, es hat mir ſo leid gethan, aber ich mußte, die Schweſter knipp mich bis auf's Blut, und dann machte ſie mir ſo fürchterliche Augen. — Zweimal verging mir der Muth, — ich glaubte, ich würde es nicht thun können. — Der Herumträger bemerkte aber nichts, und die Schweſter hat das Tuch behalten. — Wenn er mich ertappt hätte, Franz, wäre ich in das Gefängniß gekommen —“ „Man hat Dich nicht ertappt, und es iſt ſo gut, als hätteſt Du nicht geſtohlen —“ 8 „Meinſt Du?“ „Nun freilich!“ „Wie ſchrecklich muß es im Gefängniſſe ſein!“ „Im Gegentheile . . .“ „Wie, Franz, im Gegentheile?“ „Du kennſt doch den dicken Lahmen, der in Paris bei dem Vater Micou, dem Hehler des Bruders Nicolaus, wohnt?“ „Einen dicken Lahmen?“ „Nun ja, er kam zu Ende des Herbſtes hierher, da ihm Mi⸗ con aufgetragen hatte, einen Affenführer und zwei Weiber zu uns zu führen —“ „Ja, ja, der dicke Lahme, der ſo viel Geld verthat!“ „Er bezahlte für Alle. — Erinnerſt Du Dich der Spazier⸗ fahrten auf dem Waſſer? Ich ruderte ſie, und der Affenführer hatte ſeine Drehorgel mitgenommen, um Muſik zu machen.“ „Abends brannten ſie das ſchöne Feuerwerk ab —“ „Der dicke Lahme war nicht geizig; er gab mir zehn Sous! Er trank nur Wein aus verſiegelten Flaſchen; bei jeder Mahlzeit mußte Huhn dabei ſein; er hat wenigſtens 80 Fres bezahlt.“ „So viel, Franz?“ . „Ia „So war er wohl recht reich?“ „Nein, Alles, was er ausgab, war Geld, das er in dem Ge⸗ fängniſſe verdient hatte, aus dem er eben entlaſſen worden war—“ „Er hatte alles dies Geld im Gefaͤngniſſe verdient?“ „Ja, er ſagte, er habe noch 700 Fres., und wenn er damit ſertig ſei, werde er wieder ſtehlen, und wenn man ihn ertappte, ſo ſei es ihm einerlei, weil er dann wieder in das Gefängniß . komme — „Er fürchtete ſich alſo nicht vor dem Gefängniſſe, Franz?“ „Im Gegentheil, er ſagte zu unſerer Schweſter, es wären da eine große Menge Freunde, und ſie lebten ganz vergnügt mit ein⸗ ander, er hätte in ſeinem Leben kein beſſeres Bett und kein beſſeres Eſſen gehabt als in dem Gefängniſſe, — viermal in der Woche gutes Fleiſch, den ganzen Winter Feuer und bei der Entlaſſung ein hübſches Sümmchen Geld, während dumme ehrliche Arbeiter faſt verhungern und erfrieren müßten.“ „Das ſagte der dicke Lahme, Franz?“ „Ich habe es ſelbſt gehört, weil ich ruderte, als er es der Schwe⸗ ſter und den beiden Frauenzimmern erzählte, die ſagten, es ſei in dem Weibergefängniſſe, aus dem ſie kämen, eben ſo —“ „So muß es doch nicht ſo ſchlecht ſein zu ſtehlen, da man ſich in dem Gefängniſſe ſo wohl befindet?“ „Ich weiß nicht, — nur der Bruder Martial ſagt, es ſei ſchlecht zu ſtehlen, — vielleicht irrt er ſich —“ 33 „Wir müſſen ihm doch glauben, Franz, denn er meint es ſo gut mit uns —“ „Ja, er liebt uns, das iſt wahr; wenn er da iſt, brauchen wir uns vor Schlägen nicht zu fürchten. — Wenn er heute Abend da geweſen wäre, würde mich die Mutter nicht ſo geprügelt haben, die alte Here! Ach, ich haſſe die Mutter, ich haſſe ſie und möchte groß ſein, um ihr alle Schläge wiedergeben zu können, mit denen ſie uns tractirt hat, Dich zumal, da Du nicht ſo viel aushalten kannſt wie ich —“ „Franz, rede nicht ſo, — mich ſchaudert es, wenn Du ſagſt, Du wollteſt die Mutter ſchlagen,“ entgegnete die arme Kleine wei⸗ nend, indem ſie die Arme um den Hals ihres Bruders ſchlang. „Es iſt aber doch wahr,“ ſprach Franz, indem er ſich ſanft von Amandine losmachte; „warum ſind die Mutter und die Schwe⸗ ſter immer ſo böſe gegen uns?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete Amandine, welche die Angen mit dem Rücken der Hand abwiſchte, „vielleicht weil man den Bru⸗ der Ambroſius auf die Galeeren gebracht und den Vater geköpft hat, ſind ſie ungerecht gegen uns —“ „War das unſere Schuld?“ „Mein Gott, nein, aber warum ſonſt?“ „Wenn ich immer und immer Schläge bekommen ſoll, ſo werde ich am Ende doch lieber ſtehlen, wie ſie es wollen. — Was hilft es mir, daß ich nicht ſtehle?“ „Und was würde Martial ſagen?“ „Wäre er nicht, ich hätte ſchon längſt Ja geſagt, denn ich bin es überdrüſſig, immer geſchlagen zu werden. — Siehſt Du, die Mutter iſt nie ſo böſe geweſen wie heute Abend; ſie war wie eine Furie; — es war ſiockfinſter, — ſie ſagte kein Wort, — ich 32 fühlte nur ihre kalte Hand am Halſe, während ſie mich mit der andern ſchlug, und dann war es mir, als funkelten ihre Augen im Dunkel —“ „Armer Franz! — Weil Du geſagt hatteſt, Du hätteſt einen Todtenknochen in dem Holzſtalle geſehen.“ Ja, es guckte ein Fuß aus der Erde,“ ſagte Franz, der vor Schrecken ſchauderte, — „ich habe es ganz deutlich geſehen —“ „Vielleicht iſt ſonſt ein Kirchhof hier geweſen, nicht wahr?“ „Wahrſcheinlich, aber warum ſagte da die Mutter, ſie würde mich todtſchlagen, wenn ich etwas von dem Todtenknochen gegen den Bruder Martial erwähnte? Vielleicht iſt gar Jemand im Streite hier erſchlagen worden, und man hat ihn hier eingeſchartt, damit Niemand etwas davon erfahre —“ „Du haſt Recht, denn, erinnerſt Du Dich? ein ſolches Unglück iſt ſchon einmal beinahe geſchehen —“ „Wann denn?“ „Weißt Du, als Barbillon dem Großen, der ſo dürr, ſo dürr iſt, daß er ſich für Geld ſehen läßt, einen Meſſerſtich gab —“ „Ach ja, das wandelnde Skelett, wie ſie ihn nennen; die Mutter kam dazu und trennte ſie, ſonſt würde Barbillon den Dürren vielleicht ermordet haben. Haſt Du geſehen, wie der Bar⸗ billon ſchäumte und wie ihm die Augen faſt aus dem Kopfe her⸗ austraten?“ „Der giebt Einem einen Meſſerſtich wegen gar nichts —“ „So jung und ſo ſchlecht, — Franz!“ „Der kleine Lahme iſt noch jünger und würde wenigſtens eben ſo ſchlecht ſein, wenn er ſtark genug wäre —“ „Ach ja, er iſt ſehr ſchlecht. — Letzthin hat er mich geſchla⸗ gen, weil ich nicht mit ihm ſpielen wollte —“ 33 „Er hat Dich geſchlagen? Gut, ſobald er wieder kommt —“ „Nein, nein, ſiehſt Du, Franz, es war nur im Spaße —“ „Gewiß?“ „Ja, gewiß.“ „Das iſt ſein Glück, ſonſt — Aber ich weiß nicht, wie der Junge es anfängt, immer ſo viel Geld zu haben. Als er einmal mit der Eule daher kam, zeigte er uns Goldſtücke von 20 Fres. Wie ſpöttiſch ſagte er: Ihr würdet auch Geld haben, wenn Ihr nicht ſo dumm wäret.“ „Ja, das iſt wahr.“ „Vierzig Franes in Gold! Wie viele ſchöne Sachen wollte ich dafür kaufen! — Und Du, Amandine?“ „Ich auch.“ „Was würdeſt Du Dir kaufen?“ „Wart' einmal,“ antwortete das Mädchen, indem es nachden⸗ kend das Köpfchen ſinken ließ, „zuerſt würde ich für meinen Bru⸗ der Martial einen guten warmen Rock kaufen, damit er in ſeinem Boote nicht friere.“ „Aber für Dich — für Dich!“ „Ich möchte gern einen kleinen Jeſus von Wachs mit dem Schäfchen und dem Kreuze haben, wie ich es bei dem Gipsfigu⸗ renhändler am Sonntage geſehen, weißt Du? vor der Kirche in Asnières —“ „Wenn es nur Niemand der Mutter oder der Schweſter ſagt, daß man uns in der Kirche geſehen hat!“ „Ja, das iſt wahr, ſie hat es uns immer ſo ſtreng verboten, dahin zu gehen. — Es iſt Schade, denn es gefällt mir ſehr in der Kirche, Dir auch, Franz?“ Welche ſchöne ſilberne Leuchter!“ Die Goheimniſſe von Paris. VI. 3 34 „Und das Bild der heiligen Jungfrau! Wie gut ſie ausſieht!“ „Und die ſchönen Lampen — haſt Du geſehen? Und das ſchöne Tuch auf dem großen Tiſche hinten, an welchem der Prie⸗ ſter die Meſſe las mit ſeinen beiden Freunden, die eben ſo ange⸗ zogen waren wie er, und die ihm Waſſer und Wein gaben?“ „Erinnerſt Du Dich noch, Franz, als wir im vorigen Jahre alle kleinen Communicantinnen mit den weißen Schleiern hier über die Brücke gehen ſahen?“ „Sie hatten ſo ſchöne Blumenſträuße!“ „Und wie lieblich ſie ſangen, während ſie die Bänder ihrer Fahne hielten!“ „Und wie die Silberſtickerei auf ihrer Fahne in der Sonne blitzte! Das mußte viel Geld gekoſtet haben!“ „Ach, wie ſchön das war, nicht wahr, Franz?“ „Und die jungen Communicanten mit den weißen Atlaspüff⸗ chen am Arme und den Kerzen mit rothſammetnem Griff!“ „Sie hatten auch ihre Fahne, nicht wahr, Franz? Ach und wie hat mich die Mutter an dieſem Tage geſchlagen, weil ich ſie fragte, warum wir nicht auch bei der Prozeſſivn wären wie die andern Kinder!“ „Ja, damals hat ſie es uns verboten, in eine Kirche zu ge⸗ hen, wenn wir in dem Städtchen oder in Paris wären, wir müß⸗ ten denn den Armenſtock beſtehlen oder Taſchendieberei treiben wol⸗ len, während die Leute die Meſſe hörten, ſetzte die Schweſter lachend hinzu, ſo daß man ihre langen gelben Zähne ſah.“ „In einer Kirche zu ſtehlen, Franz! Das könnte ich um kei⸗ nen Preis thun“ „Hier oder dort, das bleibt ſich gleich, wenn man einmal ſteh⸗ len will.“ „Ich weiß es doch nicht, — in der Kirche würde ich doch mehr Furcht haben, — ich könnte es nicht.“ „Wegen der Prieſter —“ „Nein, — vielleicht wegen des Bildes der heiligen Jungfrau, die ſo mild und ſo gütig ausſieht.“ „Was ſollte Dir denn das Bild thun! Wie dumm Du biſt!“ „Es würde mir freilich nichts thun, aber ich könnte es doch nicht. — Es iſt nicht meine Schuld.“ „Bei den Prieſtern fällt mir ein, Amandine, daß Nicolaus mir einmal tüchtige Ohrfeigen gab, weil er geſehen hatte, daß ich einen Geiſtlichen gegrüßt; ich glaubte nichts Böſes zu thun; an⸗ dere Leute grüßten ihn und ſo that ich es auch.“ „Ja, ich erinnere mich und der Bruder Martial ſagte auch, wie Nicolaus, wir brauchten die Geiſtlichen nicht zu grüßen.“ In dieſem Angenblicke hörten Franz und Amandine auf dem Gange gehen. Martial begab ſich ohne Argwohn nach der Unterredung mit ſeiner Mutter in ſein Schlafgemach, weil er glaubte, Nicolaus ſei bis zum andern Morgen eingeſchloſſen. Als er einen Lichtſtreifen aus der Kammer der Kinder durch die angelehnte Thüre herausfallen ſah, trat Martial zu ihnen hinein. Beide liefen ihm entgegen und er küßte ſie zärtlich. „Nun, ihr kleinen Plaudermäuler, ihr habt Euch noch nicht niedergelegt?“ Nein, Bruder, wir warteten auf Dich, um Dir guten Abend zu ſagen,“ antwortete Amandine. 3 * 36 „Und dann hörten wir auch unten ſehr ſtark reden, als wenn Zank wäre,“ ſetzte Franz hinzu. „Ja,“ ſagte Martial, „ich hatte Streit mit Nicolaus, aber es iſt nichts. Uebrigens freue ich mich, Euch noch auf zu finden, da ich Euch eine gute Nachricht mitzutheilen habe.“ „Uns, Bruder?“ „Wuürdet Ihr gern von hier fort und mit mir anderswohin gehen — fort, weit fort?“ „Ja, Bruder.“ „Ja, Bruder.“ „Nun, nach zwei oder drei Tagen verlaſſen wir alle drei die Inſel —“ „Welches Glück!“ rief Amandine aus, die freudig in die Hände llatſchte. „Und wohin gehen wir?“ fragte Franz. „Das wirſt Du wohl ſehen; wir gehen an einen Ort, wo Du ein gutes Handwerk lernſt, mit dem Du Dir Deinen Lebens⸗ unterhalt verdienen kannſt. — So viel iſt gewiß.“ „Ich ſoll nicht mehr mit Dir fiſchen?“ „Nein, mein Sohn, Du trittſt in die Lehre bei einem Tiſch⸗ ler oder Schloſſer; Du biſt ſtark und gewandt, und wenn Du flei⸗ ßig arbeiteſt, wirſt Du nach einem Jahre ſchon etwas verdienen. — Nun? Du ſcheinſt damit gar nicht zufrieden zu ſein?“ „Ich —, ich — Bruder —“ „Nun, ſo rede —“ „Ich möchte Dich lieber nicht verlaſſen, ſondern lieber mit Dir ſiſchen, Deine Netze ausbeſſern, als ein Handwerk lernen.“ „Wirklich?“ „O, den ganzen Tag in einer Werkſtatt eingeſperrt zu ſein, 37 das iſt traurig, und dann — Lehrling zu ſein — das iſt lang⸗ weilig!“ Martial zuckte die Achſeln. „Nicht wahr, es iſt beſſer faul zu ſein und ſich zwecklos um⸗ her zu treiben,“ ſagte er mit ſtrengem Ernſt, „bis man ein — Dieb wird.“ „Nein, Bruder, aber ich möchte anderswo mit Dir ſo leben, wie hier, weiter nichts.“ „Ja, eſſen, trinken, ſchlafen, zur Unterhaltung fiſchen, nicht wahr?“ „Das würde mir allerdings beſſer gefallen —“ „Wohl möglich, — aber etwas Anderes wird Dir auch ge⸗ fallen. — Siehſt Du, armer Franz, es wird hohe Zeit, daß ich Dich von hier wegbringe; Du würdeſt, ohne daß Du es merkſt, ſo ſchlecht werden wie die Andern. — Die Mutter hat Recht, — ich fürchte, daß Du von dem Laſter bereits angeſteckt biſt. — Und Du, Amandine, möchteſt Du nicht etwas lernen?“ „O ja, Bruder, ich möchte gern etwas lernen; ich will Alles thun, wenn ich nur nicht hier zu bleiben brauche. Ich würde ſo gern mit Dir und Franz fortgehen!“ „Aber was haſt Du da auf dem Kopfe, Mädchen?“ fragte Martial, als er den vrächtigen Kopfputz Amandinens bemerkte. „Ein Tuch, daß Nicolaus mir geſchenkt hat.“ „Er hat mir auch eins gegeben,“ fiel Franz ſtolz ein. „Woher ſind dieſe Tücher? Ich bezweifle, daß Nicolans ſie gekauft hat, um ſie Euch zu ſchenken.“ Die beiden Kinder ließen den Kopf ſinken, ohne zu ant⸗ worten. Nach einer Secunde endlich ſagte Franz entſchloſſen: 38 „Nicolaus hat ſie uns gegeben; wir wiſſen nicht, woher er ſie hat, nicht wahr, Amandine?“ „Nein, — nein, — Bruder,“ ſetzte Amandine ſtotternd und hocherröthend hinzu und ſie wagte es nicht die Augen aufzu⸗ ſchlagen. „Lügt nicht!“ ſprach Martial ernſt. „Wir lügen nicht,“ antwortete Franz keck. „Amandine, ſage Du mir die Wahrheit,“ fuhr Martial ſanft fort. „Nun, um die Wahrheit zu ſagen,“ entgegnete das Mädchen ſchüchtern, „dieſe ſchönen Tücher ſind aus einer Kiſte, welche Ni⸗ colaus heute Abend auf ſeinem Boote mitgebracht hat. „Und die er geſtohlen hat?“ „Ich glaube es, Bruder „Siehſt Du, Franz, Du haſt gelogen,“ ſagte Martial. Der Knabe ließ den Kopf ſinken, vhne zu antworten. „Gieb mir das Tuch, Amandine, und Du, Franz, gieb mir auch das Deinige. Das Mädchen nahm das Tuch ab, betrachtete noch einmal die ſchöne Schleife und übergab es Martial mit einem unterdrück⸗ ten Seufzer. Franz nahm ſein Tuch langſam aus der Taſche und übergab es, wie ſeine Schweſter, Martial. „Morgen früh,“ ſagte dieſer, „werde ich die Tücher dem Nico⸗ laus zurückgeben; Ihr hättet ſie gar nicht nehmen ſollen, meine Kinder; wer von einem Diebſtahle etwas benutzt, iſt ſo ſchlimm wie der Dieb ſelbſt.“ 4. „Es iſt Schade, die Tücher waren ſo hübſch!“ fiel Franz ein. 39 „Wenn Du durch Arbeit ſelbſt Geld verdienſt, wirſt Du Dir eben ſo ſchöne kaufen. Jetzt legt Euch nieder, es iſt ſchon ſpät, Ihr Kinder.“ „Du biſt nicht böſe, Bruder? fragte Amandine ſchüchtern. „Nein, mein Kind, — es iſt ja nicht Eure Schuld. — Ihr lebt bei ſchlechten Menſchen und handelt wie ſie, ohne daß Ihr es wißt. Wenn Ihr bei rechtlichen Leuten ſein werdet, werdet Ihr wie dieſe handeln, und das ſoll bald geſchehen — oder der Teufel ſoll mich holen! Gute Nacht!“ „Gute Nacht, Bruder!“ Martial küßte die Kinder. Sie blieben allein. „Was haſt Du nur, Franz? Du ſiehſt ja ganz traurig aus!“ ſagte Amandine. „Der Bruder hat mir das ſchöne Tuch genommen und dann, haſt Du nicht gehört —?“ „Was?“ „Er will uns mit fortnehmen, um uns in die Lehre zu geben.“ „Macht Dir das kein Vergnügen?“ „Wahrhaftig nicht —“ „Du willſt hier lieber alle Tage geprügelt werden?“ „Ich bekomme Schläge, aber ich arbeite doch auch nicht, ich bin den ganzen lieben Tag in dem Boote oder fange Fiſche oder ſpiele oder bediene die Gäſte, die mir bisweilen etwas geben, wie der dicke Lahme; das iſt viel unterhaltender, als von früh bis Abends in einer Werkſtatt eingeſperrt zu ſein und arbeiten zu müſ⸗ ſen wie ein Hund.“ 40 „Haſt Du aber nicht auch gehört, daß der Bruder ſagte, wir würden ſchlechte Menſchen werden, wenn wir noch länger hier bleiben?“ „Das iſt mir ganz einerlei, da die andern Kinder uns ſchon kleine Diebe, kleine Geköpfte nennen. — Und dann — das Arbei⸗ ten iſt zu langweilig —“ „Aber hier werden wir immer geſchlagen.“ „Man ſchlägt uns, weil wir lieber auf Martial hören als auf die Andern.“ „Er iſt ſo gut gegen uns!“ „Er iſt gut, ja, er iſt gut, und ich liebe ihn auch. — Man wagt es nicht, in ſeiner Gegenwart uns etwas zu Leide zu thun, — er nimmt uns mit ſpazieren, — aber das iſt auch Alles, — er giebt uns nie etwas.“ „Er hat ja nichts! was er verdient, giebt er der Mutter für das Eſſen —“ „Nicvolaus hat etwas. — Wenn wir auf ihn hörten und auf die Mutter, würden ſie uns das Leben nicht ſo ſchwer machen, ſondern ſchöne Sachen geben wie heute; ſie würden nicht mehr mißtrauiſch gegen uns ſein und wir hätten Geld wie der kleine Lahme.“ . „Aber, mein Gott, dann müßten wir ja auch ſtehlen und das würde unſerm Bruder Martial ſo leid thun!“ „Deſto ſchlimmer.“ „Ach, Franz, und wenn man uns ertappte, müßten wir in das Gefängniß gehen.“ „Es bleibt ſich gleich, ob man im Gefängniſſe oder in einer Werkſtatt den ganzen Tag eingeſchloſſen iſt. Der dicke Lahme ſagt auch, man unterhielte ſich im Gefängniſſe ganz gut.“ 41 „Aber bedenkſt Du gar nicht, welchen Kummer wir dem Bru⸗ der Martial machen würden? Unſertwegen iſt er hierher zurũcge⸗ gekommen, unſertwegen bleibt er hier; wäre er allein, ſo würde er durch nichts gehindert ſein und in den Wald zurückkehren, den er ſo ſehr liebt.“ „So mag er uns in den Wald mitnehmen,“ ſagte Franz, „das wäre beſſer als Alles. Ich wäre dann bei dem Bruder, den ich liebe und brauchte doch auch nicht zu arbeiten.“ Das Geſpräch der Kinder wurde unterbrochen. Man verſchloß ihre Thüre von außen. „Man ſchließt uns ein!“ rief Franz aus. „Mein Gott, warum, Bruder? Was will man mit uns vor⸗ nehmen?“ „Vielleicht iſt es Martial —“ „Horch — horch, wie ſein Hund bellt!“ ſagte Amandine hor⸗ chend. Nach einigen Augenblicken ſetzte Franz hinzu: „Es iſt als klopfe man mit einem Hammer an ſeine Thüre; man will ſie vielleicht einſchlagen —“ „Ja, ja, ſein Hund bellt noch immer.“ „Horch, Franz! Jetzt iſt es, als nagelte man etwas an. — Ach Gott, ich fürchte mich! Was thut man unſerm Bruder? Sein Hund heult jetzt!“ „Amandine, — man hört nichts mehr,“ fuhr Franz fort, in⸗ dem er näher an die Thüre trat. Die Kinder wagten kaum zu athmen und horchten ängſtlich. „Jetzt kommen ſie wieder von dem Bruder,“ ſagte Franz leiſe; ich höre auf dem Gange gehen.“ „Wir wollen uns niederlegen; die Mutter ſchlägt uns todt, wenn ſie uns noch auf findet,“ ſagte Amandine erſchrocken. „Nein,“ entgegnete Franz, der noch immer lauſchte, „ſie ſind an unſerer Thüre vorbei gegangen, — ſie gehen ſchnell die Treppe hinunter —“ „Mein Gott! was giebt es nur?“ „Jetzt macht man die Küchenthüre auf.“ „Meinſt Du?“ „Ja, ja, ich habe es deutlich gehört.“ „Der Hund Martials heult noch immer,“ ſagte Amandine. Mit einem Male rief ſie: „Franz, der Bruder ruft uns!“ „Martial?“ „Ja. — Hörſt Du? Hörſt Du?“ Wirklich, es drang trötz den beiden verſchloſſenen Thüren die ſchallende Stimme Martials, der von ſeiner Kammer aus die bei⸗ den Kinder rief, zu dieſen. „Gott, wir können nicht zu ihm gehen, — wir ſind einge⸗ ſperrt,“ ſagte Amandine; „man will ihm gewiß etwas zu Leide thun, da er uns ruft.“ „Wenn ich es hindern könnte,“ ſprach Franz entſchloſſen, „ich würde es hindern und zerhackte man mich auch in kleine Stücke.“ „Der Bruder weiß nicht, daß man unſere Thüre zugeſchloſſen hat und er wird glauben, wir wollten ihm nicht zu Hilfe kommen; rufe ihm zu, daß wir eingeſchloſſen ſind, Franz!“ Der Letztere wollte dem Rathe ſeiner Schweſter folgen, als ein kräftiger Schlag von außen den Laden an dem kleinen Fen⸗ ſter der beiden Kinder erſchütterte. „Sie ſteigen durch das Fenſter herein, um uns todt zu ma⸗ 43 chen!“ rief Amandine aus, die ſich in ihrer Angſt auf das Bett warf und die Hände über das Geſicht ſchlug. Franz blieb unbeweglich ſtehen, ob er gleich die Angſt ſeiner Schweſter theilte. Der Fenſterladen öffnete ſich trotz dem gewaltigen Schlage nicht und in dem Hauſe herrſchte die tiefſte Stille. Martial rief nicht mehr nach den Kindern. Franz, der wieder etwas ruhiger geworden war und durch eine unbezwingliche Neugierde getrieben wurde, ſuchte das Fenſter halb auf zu machen und zwiſchen den Brettern der Jalouſie hinauszu⸗ ſehen. „Nimm Dich in Acht, Bruder,“ ſagte Amandine leiſe, welche ſich aufgeſetzt hatte, als ſie das Fenſter öffnen hörte. „Siehſt Du etwas?“ ſetzte ſie hinzu. „Nein, es iſt zu finſter.“ „Hörſt Du nichts?“ „Nein, der Wind lärmt zu ſehr.“ „So komm, komm fort vom Fenſter —“ „Jetzt ſehe ich etwas!“ „Was?“ „Den Schein einer Laterne, — er geht hin und her —“ „Wer trägt ſie?“ „Ich ſehe nur den Schein. — Jetzt kommt er näher, — man ſpricht —“ „Wer?“ „Horch! horch — es iſt Kürbiß!“ „Was ſagt ſie?“ „Sie ſagt, man möge die Leiter unten feſthalten.“ 44 „Man wird die große Leiter an unſere Jalouſie gelegt ha⸗ ben; daher kam der ſtarke Schlag.“ „Ich höre nichts mehr.“ „Was machen ſie jetzt mit der Leiter?“ „Ich kann nichts mehr ſehen.“ „Hörſt Du nichts mehr?“ i „Gott, vielleicht wollen ſie durch das Fenſter zu Martial hineinſteigen —“ „Das iſt wohl möglich!“ „Wenn Du die Jalouſie ein wenig aufmachteſt, um zu ſe⸗ hen —“ „Das wage ich nicht.“ „Nur ein klein wenig —“ „Nein, nein. Wenn es die Mutter bemerkte!“ „Es iſt ja ſo finſter und nichts zu fürchten —“ Franz fügte ſich, wenn auch ungern in den Wunſch ſeiner Schweſter, öffnete die Jalvuſie ein wenig und ſah hinaus. „Nun, Bruder?“ fragt. Amandine, welche ihre Angſt nieder⸗ kämpfte und auf den Zehen zu Franz ſchlich. „Ich ſehe im Scheine der Laterne,“ ſagte dieſer, „die Schwe⸗ ſter, welche die Leiter unten hält; ſie iſt an das Fenſter Martials angelehnt.“ „Und dann?“ „Nicvlaus ſteigt auf der Leiter herauf; er hat ſein kleines Beil in der Hand —“ — „Ah —, Ihr ſeid noch im Bette, — Ihr ſpionirt!“ rief plotzlich die Wittwe, indem ſie von außen nach Franz und Aman⸗ dine herauf ſprach. Sie hatte in dem Augenblicke, als ſie in die 4⁵ Küche zurückgehen wollte, den Lichtſchein bemerkt, welcher durch die halbgeöffnete Jalouſie herausfiel. Die unglücklichen Kinder hatten vergeſſen, das Licht auszu⸗ löſchen. „Ich komme hinauf,“ ſetzte die Wittwe mit ſchrecklicher Stimme hinzu, „ich komme hinauf, — wartet, Ihr kleinen Spione!“ Das geſchah auf der Inſel des Ausſuchers an dem Abende vor dem Tage, an welchem Madame Seraphin Marien-Blume da⸗ hin bringen ſollte. CVI. Eine meublirte Miethwohnung. S — ie passage de la Brasserie, ein dunkler und wenig be⸗ kanſter Durchgang, obgleich im Mittelpunkt von Paris gelegen, ſtößt auf der einen Seite auf die Ouerſtraße Saint Honoré und auf der andern auf den Hof St. Guillaume. In ver Mitte dieſes feuchten, ſchmutzigen, düſtern und trau⸗ rigen Gäßchens, in welches die Sonne faſt nie ſcheint, ſtand ein Haus, in welchem meublirte Zimmer vermiethet wurden. Auf einem ſchlechten Aushängeſchilde las man: Hier ſind meublirte Zimmer und Schlafeabinets zu vermiethen. Rechts in der dunkeln Hausflur führte eine Thür in ein nicht minder dun⸗ keles Magazin, in welchem ſich der Hauptmiether des Hauſes ge⸗ wöhnlich aufhielt. Dieſer Mann, deſſen Name auf der Inſel des Ausſuchers be⸗ reits mehrmals genannt worden iſt, heißt Micou; öffentlich han⸗ delt er mik altem Eiſen, in Geheimen aber kauft und verkauft er geſtohlene Metalle, wie Eiſen, Blei, Kupfer und Zinn. N N 47 Wenn man weiß, daß der Vater Micon in Geſchäfts⸗ und Freundſchaftsverhältniſſen mit den Martials ſtand, ſo kennt man auch ſeinen moraliſchen Werth. Es iſt überhaupt eine merkwürdige und ſchreckliche Thatſache, daß faſt alle Uebelthäter von Paris in einer gewiſſen Verbindung, in einer geheimnißvollen Gemeinſchaft mit einander ſtehen. Die gemeinſamen Gefängniſſe ſind die großen Mittelpunkte, zu denen hin und von denen zurück fortwährend jene Fluthen des Verderbens wogen, welche allmälig die Hauptſtadt erfüllen. Der Vater Micou iſt ein dicker Mann von funfzig Jahren mit gemeinem, ſchlauem Geſichte, einer blütenreichen Naſe und weinrothen Backen; er trägt eine Mütze von Fiſchotterfell und ei⸗ nen alten grünen Carrick. Ueber dem kleinen eiſernen Ofen, an welchem er ſich wärmt, bemerkt man an der Mauer ein numerirtes Brett, an welchem die Schlüſſel der Zimmer hängen, deren Inhaber ausgegangen ſind. Das Glas des Ausbaues, der hinter dicken Eiſenſtangen auf die Straße hinausging, war beſtrichen, ſo daß man von außen nicht ſehen konnte, was in dem Laden vorging. Es iſt in der großen Niederlage ziemlich dunkel; an den ſchwärzlichen und feuchten Mauern hängen verroſtete Ketten von jeder Stärke und Länge; der Fußboden verſchwindet faſt ganz un⸗ ter Haufen von allerlei altem Eiſengeräthe. Ein dreimaliges eigenthümliches Klopfen an der Thür erregte die Aufmerkſamkeit des Mannes, der Vermiether, Hehler und Tröd⸗ ler war. „Herein!“ rief er. Man kam herein. Es war Nicolaus, der Sohn der Wittwe des Gerichteten. 48 Er ſah ſehr bleich aus; ſein Geſicht war noch finſterer als den Tag vorher, und doch wird man ihn in dem nachfolgenden Geſpräche eine gewiſſe lärmende Heiterkeit zur Schau tragen ſehen. „Da biſt Du ja!“ ſagte der Vermiether herzlich zu ihm. „Ja, Vater Micou; ich habe Geſchäfte mit Ihnen.“ „So mache die Thur zu, mache die Thür zu —“ Ich habe meinen Hund und meinen Karren draußen mit etwas —“ „Was bringſt Du mir? Blei?“ „Nein, Vater Micou.“ „Nun, Ausgeſuchtes iſt es nicht; Du biſt jetzt zu faul, Du arbeiteſt nicht mehr; iſt es vielleicht Roſt *)?“ „Nein, Vater Micon, es iſt Bläres **), vier Stück, we⸗ nigſtens 150 Pfund. — Mein Hund konnte es kaum ziehen.“ „Hole mir Bläres herein; wir wollen es wiegen.“ „Sie müſſen mir helfen, Vater Micou, ich habe einen böſen Arm.“ Und bei der Erinnerung an ſeinen Kampf mit dem Bruder Martial drückten die Züge des Banditen zu gleicher Zeit Haß und wilde Freude aus, als ſei ſeine Rachſucht bereits befriedigt. „Was haſt Du am Arme, mein Sohn?“ „Nichts beſonderes.“ „Du mußt ein Eiſen im Feuer rothglühend machen, dann in Waſſer tauchen und in dies faſt kochende Waſſer den Arm halten; es iſt dies ein Mittel der Schmiede und ſehr gut.“ *) Eiſen. **) Kupfer. 49 „Ich danke, Vater Micou.“ „Komm nun, wir wollen Bläres holen; ich helfe Dir.“ Auf zweimal trugen ſie die Kupferſtücke von dem kleinen Kar⸗ ren herein, den ein großer Hund zog. „Dein Karren iſt eine gute Idee!“ ſagte der Vatér Micon, indem er die hölzernen Wagſchaalen einer großen Wage zurecht machte, welche an der Decke hing. „Ja, wenn ich etwas zu bringen habe, nehme ich meinen Hund und meinen Karren in mein Bovot und am Ufer ſpanne ich an. Ein Fiaere ſchwatzt vielleicht, mein Hund plaudert nichts aus.“ „Es geht gut zu Hauſe?“ fragte der Hehler, indem er das Kupfer wog; „Deine Mutter und Schweſter befinden ſich wohl?“ „Ja, Vater Micou!“ „Die Kinder auch?“ „Die Kinder auch. Und wo iſt Ihr Neſſe Andreas?“ „Sprich nicht von dem! Barbillon und der dicke Lahme hat⸗ ten ihn mitgenommen, und er iſt erſt heute früh wiedergekommen. — Jetzt iſt er wieder ausgegangen, nach der Poſt. Und Dein Bru⸗ der Martial will ſich noch immer nicht fügen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Du weißt es nicht?“ „Nein,“ ſagte Nicolaus, der ſich gleichgiltig anſtellte. „Wir haben ihn ſeit zwei Tagen nicht geſehen. Vielleicht iſt er in den Wald zurückgekehrt, um Wilddieberei zu treiben, wenn nicht etwa ſein Boot, das ſehr alt war, mitten im Fluſſe geſunken iſt und er mit — „Das würde Dir gar nicht leid thun, Tangenichts, denn Du konnteſt Deinen Bruder nicht ausſtehen —“ Die Gebeimniſſe von Paris. VI. 4 50 „Das iſt wahr, — man hat ſo ſeine Gedanken über die Leute. — Wie viel Pfund hat das Kupfer?“ „Du haſt ein gutes Augenmaß, 148 Pfund.“ „Und was zahlen Sie mir dafür?“ „Gerade dreißig Franes.“ „Dreißig Franes! Und das Pfund Kupfer koſtet 20 Sous?“ „Nun, ich will Dir 35 Franes geben, und nun ſagſt Du kein Wort weiter, oder ich ſchicke Dich, Dein Kupfer, Deinen Karren und Deinen Hund zum Teufel.“ „Aber, Vater Micon, Sie machen es zu arg mit mir.“ „Willſt Du mir beweiſen, daß das Kupfer Dein Eigenthum iſt, ſo gebe ich Dir für das Pfund 15 Sous.“ „Immer das alte Lied. — Es iſt doch Einer von Euch wie der Andere! Wie können Sie nur Ihre Freunde ſo ſchinden! — Wenn ich Waaren dagegen nehme, werden Sie mir doch wenig⸗ ſtens gutes Maß geben?“ „Das verſteht ſich. Was brauchſt Du? Ketten oder Klam⸗ mern?“ „Nein, ich möchte drei bis vier ſehr ſtarke Eiſenbleche, die man zum Beſchlagen von Fenſterladen brauchen kann.“ „Ich habe ſolches Blech, — vier Linien dick. — Es dringt keine Piſtolenkugel durch.“ „So etwas ſuche ich.“ „Und von welcher Größe?“ „Im Ganzen ſieben bis acht Fuß im Qnadrat.“ „Gut. — Brauchſt Du ſonſt noch etwas?“ „Drei Eiſenſtangen, drei bis vier Fuß lang und zwei Zoll ſtark.“ 51 „Ich habe geſtern ein Gitterthor auseinander genommen; — das wird Dir paſſen wie ein Handſchuh. — Und dann?“ „Zwei ſtarke Charniere und eine Klinke, um eine Klappe von zwei Fuß im Quadrat nach Belieben ſchließen und öffnen zu können.“ „Eine Fallthüre meinſt Du?“ „Nein, eine Klappe —“ „Ich begreife nicht, wozu Du eine Klappe brauchen kannſt —“ „Wohl msglich; ich begreife es.“ „Nun meinetwegen; Du brauchſt Dir nur auszuſuchen, ich habe da einen ganzen Haufen von Charnieren. Suchſt Du noch etwas?“ „Nein. Suchen Sie mir Alles zuſammen, ich werde es auf dem Rückwege mitnehmen; jetzt habe ich noch einige Wege zu gehen.“ „Mit Deinem Karren? Ich habe da einen Ballen geſehen, Du haſt gewiß noch etwas zu verkaufen?“ „Sie haben Recht, Vater Micou, aber das iſt nicht für Sie. — Laſſen Sie mich mit dem Eiſenzenge nicht warten, denn ich muß vor Mittag wieder auf der Inſel ſein —“ „Jetzt iſt es erſt acht Uhr, — wenn Du nicht weit gehſt, kannſt Du in einer Stunde wieder hier ſein; Alles iſt da bereit, Geld und Waare. — Willſt Du einen Schluck trinken?“ „Ja wohl, — Sie ſind mir es ſchuldig.“ Der Vater Micon nahm aus einem alten Schranke eine Flaſche mit Branntwein, ein zerſprungenes Glas, eine Taſſe ohne Henkel und ſchenkte ein. „Auf Ihre Geſundheit, Vater Micon!“ ₰ — Auf die Deinige, mein Sohn, und auf die Damen bei Dir zu Hauſe!“ „Ich danke. Und hier bei Ihnen geht es auch immer gut?“ „So ſo; ich habe immer einige Miether, die vor der Polizei nicht ſicher ſind; aber ſie bezahlen auch darnach.“ „Warum?“ „Wie kannſt Du ſo dumm ſein! Ich nehme bisweilen Leute auf, wie ich Waaren kaufe, — die ich eben ſo wenig nach dem Paſſe frage, wie ich Dich gefragt habe, woher Du das Kupfer haſt.“ „Ich verſtehe, aber die Leute müſſen ihre Wohnung in dem Verhältniſſe theuer bezahlen, wie Sie mir meine Waaren wohlfeil abkaufen.“ „Man muß die Feſte feiern, wie ſie fallen. Ein Vetter von mir hält ein hübſches Haus mit Vermiethungen in der Rue St. Hynoré, während ſeine Frau eine vortreffliche Näherin iſt und bis zwanzig Mädchen beſchäftigt.“ „Darunter ſind wohl recht hübſche, Alter?“ „Das glaube ich! Zwei vder drei habe ich bisweilen Arbeit bringen ſehen. Der Tauſend! Das waren Mädchen! Eine Kleine beſonders, die bei ſich zu Hauſe arbeitet, die immer lacht und des⸗ halb Lachtaube heißt! Ich habe es immer bedauert, wenn ich ſie ſah, daß ich nicht mehr zwanzig Jahre alt bin.“ „Vater Micou, Sie brennen ja lichterloh. Soll ich: Feuer! ſchreien?“ „Alles in Ehren, Alles in Ehren, mein Sohn.“ „Ihr Vetter alſo? —“ 53 „Hält ſein Haus immer rein, und da er iſt wie die kleine Lachtaube —“ „Das heißt ehrlich?“ „Alter Fuchs!“ „So mag er keine Miether, deren Papiere nicht in Ordnung ſind. Kommen ſolche, ſo ſchickt er mir ſie zu —“ „Und ſie müſſen tüchtig zahlen?“ „Immer.“ „Aber die, welche keine Papiere haben, ſind doch immer Diebe.“ 7 „O nein; erſt vor ein paar Tagen hat mir mein Vetter Kun⸗ den zugeſchickt, aus denen ich nicht klug werde. — Willſt Du noch ein Glas? —“ „Ja —, der Schnaps iſt gut. — Auf Ihre Geſunbheit, Va⸗ ter Micou!“ „Auf die Deinige auch! Ich ſagte eben, mein Vetter habe mir Leute zugeſchickt, aus denen ich nicht klug werde. Denke Dir eine Mutter und eine Tochter, die freilich ſehr ärmlich ausſahen; ſie hatten ihr ganzes Hab und Gut in einem Taſchentuche. Ob nun gleich nicht viel mit ihnen ſein kann, da ſie keine Papiere ha⸗ ben und nur auf vierzehn Tage ſich einmietheten, ſo rühren ſie ſich doch nicht, ſeit ſie eingezogen ſind; es kommen keine Herren zu ih⸗ nen, kein einziger. Wenn ſie nicht ſo mager und blaß wären, müßte man ſie ſchön nennen, das Mädchen zumal. Sie iſt höch⸗ ſtens funfzehn bis ſechszehn Jahre alt, weiß wie ein weißes Ka⸗ ninchen mit großen ſchwarzen Augen —, die ſollteſt Du einmal ſehen!“ 54 „Sie gerathen ſchon wieder in Feuer und Flammen, Vater Micvu! Was treiben die beiden Frauenzimmer?“ „Ich ſage Dir ja, daß ich aus ihnen nicht klug werde; ſie müſſen rechtſchaffene Leute ſein und gleichwohl haben ſie keine Pa⸗ piere. — Zwar erhalten ſie Briefe ohne Adreſſe, aber ich glaube doch, ihr Name müßte ſich, geſchrieben, gut ausnehmen.“ „Wie ſo?“ „Sie ſchickten dieſen Morgen meinen Neffen Andreas in das Bureau der poste restante, um dort einen Brief an Madame X. 7. abzuholen. Der Brief ſoll aus der Normandie kommen, aus einem Orte Aubiers. Sie haben das auf ein Papier geſchrieben, damit Andreas den Brief nach dieſen Angaben erhalte. Du ſiehſt, daß das nach nicht viel ausſieht; — Frauen, die ſich N. Z. nen⸗ nen! Und doch erhalten ſie keinen Herrenbeſuch!“ „Sie werden nicht bezahlen.“ „Mir macht man nichts vor. Sie haben eine Stube ohne Kamin genommen, für die ſie zwanzig Franes den halben Monat vorausbezahlen miſſen. Vielleicht ſind ſie krank, denn ſeit zwei Tagen ſind ſie nicht herunter gekommen. Na, den Magen haben ſie ſich nicht üͤberladen, denn ſeit ſie hier ſind, haben ſie nichts Warmes gegeſſen, glaube ich. — Aber ich komme immer wieder darauf, — ſie erhalten keine Herrenbeſuche und haben keine Pa⸗ piere —“ „Wenn Sie nur ſolche Miethsleute haben, Vater Micou —“ „Man kommt und geht; mein Haus iſt wie ein Taubenſchlag; es wohnen da Leute mit und ohne Paß; in dieſem Angenblicke habe ich auch zwei Reiſediener, einen Brieftäger, den Dirigenten des Orcheſters im Caſinv der Blinden und eine Frau, die von ih⸗ rem Gelde lebt, lauter ehrliche Leute. — Sie würden den Ruf meines Hauſes aufrecht S wenn die Polizei einmal genauer ſich darin umſehen wollte. — Dieſe Miether brauchen ſich nicht zu verſien — Willſt Du nih ein Glas?“ „Ja, aber das iſt das letzte, — ich muß weiter. Apropos, wohnt Robin, der dicke Lahme, noch hier?“ neben der Mutter mit der Tochter. Er verthut das Geld, das er aus dem Gefängniſſe mitgebracht hat, und ich glaube, er wird fertig ſein.“ „Nehmen Sie ſich in Acht; er hat ſich aus dem ihm ange⸗ wieſenen Bezirke entfernt.“ „Ich weiß es, kann ihn aber nicht loswerden. Er hat wahr⸗ ſcheinlich etwas im Sinne; der kleine Lahme, der Sohn Roth⸗ Arms, kam letzthin Abends mit Barbillon her, um ihn abzuholen. Wenn er nur meinen Miethsleuten nichts anthut! Iſt ſeine Zeit um, ſo muß er fort; ich dulde ihn nicht länger und ſage, ſein Zimmer ſei für einen Geſandten oder für den Mann der Madame St. Ildefonſe beſtimmt, — das iſt die Frau, die bei mir wohnt und von ihrem Gelde lebt.“ „Von ihrem Gelde lebt?“ „Das glaube ich! Sie hat drei Zimmer und ein Schlafcabi⸗ net vorn heraus, — Alles neu meublirt, — und unter dem Dache ein Stübchen für ihr Mädchen, — 80 Fres. monatlich, die durch ihren Onkel vorausbezahlt werden, dem ſie ein Zimmer als Ab— ſteigequartier überläßt, wenn er von dem Lande hereinkommt. Uebri— gens glaube ich, er wohnt gar nicht auf dem Lande.“ „Man kennt das. — Der Alte wird der Frau das Geld ge⸗ ben, von dem ſie lebt.“ . „Halt das Maul! Da kommt ihre Dienerin.“ 56 Eine ſchon ziemlich bejahrte Frau, die eine Schürze von zwei⸗ felhaft weißer Farbe trug, trat in dieſem Augenblicke herein. „Was ſteht zu ihren Dienſten, Madame Charles?“ „Vater Micou, iſt Ihr Neffe nicht da?“ „Sr iſt noch auf der Briefpoſt, muß aber ſogleich wiederkom⸗ men.“ „Herr Badinot wünſcht, er möge ſogleich den Brief abgeben; er braucht nicht auf Antwort zu warten, — aber es iſt ſehr drin⸗ gend.“ „In einer Viertelſtunde wird er unterwegs ſein, Madame Charles.“ „Daß er nur recht ſchnell geht!“ „Verlaſſen Sie ſich darauf.“ Die Alte entfernte ſich. „Das iſt alſo die Dienerin eines ihrer Abmiether, Vater Micvn?“ „Nein doch, die Dienerin der Dame, welche von ihrem Gelde lebt, der Madame St. Ildefonſe. Herr Badinot iſt ihr Onkel; er kam geſtern vom Lande herein,“ ſagte Micou, indem er den Brief betrachtete; dann ſetzte er hinzu, indem er die Adreſſe las: „Sieh! ſieh! Schöne Bekanntſchaften! Wie geſagt! Er ſchreibt an einen Vicomte —“ „Ah bah!“ „Da lies: An den Herrn Vicomte von Saint Remy, Rue de Chaillot. Sehr eilig. — Eigenhändig. Wenn man Frauen im Hauſe hat, die von ihrem Gelde leben und Oheime haben, welche an Vicomtes ſchreiben, ſo braucht man es doch wohl mit den Päſſen einiger Miether nicht ſo genau zu nehmen.“ „Das glaube ich auch. — Vater Micou, ich will meinen Hund mit dem Wagen an ihrer Thüre anbinden und das, was ich habe, ſelbſi forttragen. — Halten Sie meine Waaren und mein Geld be⸗ reit, ſo daß ich mich nicht aufzuhalten brauche.“ „Sei unbeſorgt; vier gute Stücke Blech, jedes zwei Fuß im Quadrat, drei Eiſenſtäbe von drei Fuß Länge und zwei Charniere zu einer Klappe. Dieſe Klappe kommt mir lächerlich vor, aber das bleibt ſich gleich; iſt das Alles?“ „Ja, und mein Geld?“ „Und Dein Geld. Aber ehe Du fortgehſt, muß ich Dir et⸗ was ſagen; ich habe Dich, ſeit Du da biſt, genau angeſehen —“ „Nun?“ „Ich weiß nicht, aber es kommt mir vor, als hätteſt Du et⸗ was —“ „Jde „Sie ſind nicht wohl bei Troſte. — Was ſoll ich haben? — Hunger habe ich.“ „Du haſt Hunger, — Du haſt Hunger, wohl möglich, aber Du ſiellſt Dich luſtig, und in Dir haſt Du etwas, was Dich brennt und foltert, man könnte Gewiſſensbiſſe ſagen.“ „Ich ſage noch einmal, Sie ſind nicht wohl bei Troſte, Va⸗ ter Micvu,“ antwortete Nicvlaus, den es unwillkührlich ſchanderte. „Siehſt Du, ich wollte darauf ſchwören, daß Du zitterſt —“ „Weil mich mein Arm ſchmerzt.“ „So vergiß mein Hausmittel nicht, das wird Dir helfen.“ „Ich danke, Vater Micou, und werde es brauchen.“ Der Bandit ging hinaus. Der Hehler verſteckte die Kupferblöcke hinter einem Schranke und ſuchte ſodann die verſchiedenen Gegenſtände zuſammen, welche Nicvlaus verlangt hatte, als wieder Jemand eintrat. Es war ein Mann von etwa funfzig Jahren mit pfiffigem Geſichte, einem dicken grauen Backenbarte, der unter dem Kinne herumgezogen war, und einer goldenen Brille. Er war ziemlich elegant gekleidet; die weiten Aermel ſeines braunen Palletots mit ſchwarzen Sammetaufſchlägen ließen die Hände mit paille Handſchuhen ſehen; die Stiefeln waren glänzend gewichst. Das war Herr Badinot, der Onkel der Frau, welche von ihren Renten lebte, jener Madame St. Ildefonſe, auf deren ſociale Stellung der Vater Micon ſich ſo viel einbildete. Man erinnert ſich vielleicht, daß Badinot, ein ehemaliger Advokat, der aus der Corporation ansgeſtoßen worden, Induſtrie⸗ ritter und Agent in zweideutigen Geſchäften, dem Baron von Graun als Spion diente und dieſem Diplomaten ziemlich zahl⸗ reiche und ſehr genane Nachweiſungen über mehrere Perſonen die⸗ ſer Geſchichte gegeben hatte. „Madame Charles hat Ihnen eben einen Brief gegeben, der weggetragen werden ſollte,“ ſagte Herr Badinot. „Ja, mein Herr, mein wird ſogleich zurückkommen und ſoll dann augenblicklich gehen — „Nein, geben Sie mir den Brief zurück; ich habe mich an⸗ ders beſonnen und werde ſelbſt zu dem Vicomte von St. Remy gehen,“ ſagte Badinot, indem er abſichtlich dieſen adeligen Namen ſtark betonte. „Da iſt der Brief, mein Herr; einen andern Auftrag haben Sie nicht zu geben?“ „Nein, Vater Micou,“ antwortete Badinot mit einer Gönner⸗ miene, „aber Vorwürfe muß ich Ihnen machen.“ „Mir?“ „Sehr ernſte Vorwürfe —“ „Warum?“ „Gewiß. — Die Frau von St. Ildefonſe bezahlt Ihr erſtes Stockwerk ſehr theuer; meine Nichte iſt eine Abmietherin, der man die größte Ruckſicht ſchuldig iſt; ſie iſt mit vollem Vertrauen in das Haus gekommen, da ſie ſich vor dem Lärm der Wagen in den an⸗ dern Straßen ſcheut, — ſie hoffte hier wie auf dem Lande zu wohnen —“ „So iſt es auch, — wie in einem Dörfchen. — Sie müſſen das am beſten beurtheilen können, da Sie ſelbſt auf dem Lande leben, — es iſt wie in einem Dörfchen.“ „Wie in einem Dörfchen? Und doch immer ein Heiden⸗ lärm?“ „Es iſt unmöglich, ein ruhigeres Haus zu finden. Ueber Madame wohnen der Director des Orcheſters und ein Reiſender, darüber ein anderer Reiſender, ſodann —“ „Von dieſen Perſonen ſpreche ich nicht, ſie ſind ſehr ruhig und ordentlich, meine Nichte geſteht das gern zu, aber in dem vierten Stock wohnt ein dicker Lahmer, dem die Frau von St. Ildefonſe betrunken auf der Treppe begegnete; er ſchrie wie ein Wilder, und ſie erſchrak ſo gewaltig, daß ſie faſt Krämpfe bekam. Wenn Sie glauben, daß Ihr Haus mit ſolchen Bewohnern einem Dörfchen gleiche —“ „Ich verſichere, daß ich nur anf eine Gelegenheit warte, um dem dicken Lahmen die Thüre zu weiſen; er hat mir die letzten vierzehn Tage vorausbezahlt, ſonſt wütde ich ihn ſchon fortge⸗ ſchickt haben.“ „Sie hätten ihn gar nicht hereinnehmen ſollen.“ 60 „Ihn abgerechnet, hat Madame ſich hoffentlich über Nieman⸗ den zu beſchweren? Es wohnt noch ein Briefträger da, der rn⸗ higſte Menſch von der Welt, und darüber, neben dem Lahmen, eine Frau mit ihrer Tochter, die ſich nicht rühren.“ „Noch einmal, die Frau von St. Ildefonſe beklagt ſich nur über den Lahmen; er iſt der Alp in dieſem Hauſe, und ich kann es Ihnen nicht verhehlen, daß er alle achtbaren Leute vertreiben wird, wenn er länger bleiben ſollte.“ „Sie konnen ohne Sorge ſein, ich ſchicke ihn fort, — es liegt mir nichts an ihm.“ „Sie werden wohl daran thun, — denn es liegt manchen Leuten auch nichts an Ihrem Hauſe.“ „Das ſollte mir leid thun. — Halten Sie den Lahmen für bereits entfernt, denn er hat nur noch vier Tage hier zu bleiben.“ „Das iſt ſchon zu viel, indeß es iſt dies Ihre Sache. Bei der erſten Unannehmlichkeit zieht meine Nichte aus.“ „Ohne Sorge, ohne Sorge!“ . „Es iſt Ihr eigenes Intereſſe, vergeſſen Sie nicht, — ich brauche nur ein Wort zu ſagen,“ ſetzte Badinot mit Gönner⸗ miene hinzu. Und er entfernte ſich. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß die Frau mit dem jungen Mädchen, die ſo einſam lebten, die beiden Opfer der Habſucht des Notars Ferrand waren. Wir werden den Leſer in die traurige Wohnung führen, welche ſie inne hatten. — CVII. Die Opfer eines Milsbrauchs des vertrauens. er Leſer denke ſich ein Stübchen im vierten Stocke des traurigen Hauſes in der passage de la Brasserie. Ein bleiches mattes Licht dringt mit Mühe in das kleine Zimmer durch ein Fenſterchen mit einem einzigen Flügel und drei geſprungenen blinden Scheiben hinein; die Wände ſind mit einer gelblichen ſchlechten Papiertapete überzogen, und in den Ecken der geſprungenen Decke hängen vichte Spinneweben. Der hier und da geſprungene Fußboden läßt hier und da die darunter liegenden Bal⸗ ken ſehen. Ein Tiſch von weichem Holze, ein Stuhl, ein alter Koffer S ohne Schloß und eine Bettſtelle mit Gurt, einer dünnen Matratze, groben Tüchern und einer alten braunen wollenen Decke, — das war das Mobiliar. Auf dem Stuhle ſitzt die Baronin von Fermont. Auf dem Bette ruht Clara von Fermont — ſo hießen die beiden Opfer des Notars Jacob Ferrand. Da ſie nur dies ein⸗ 62 zige Bett hatten, ſo legten ſich Mutter und Tochter abwechſelnd hinein und theilten ſo die Stunden der Nacht. Die Mutter wurde von zu vielen Sorgen, von zu großer Pein gequält, als daß ſie ſich oft hätte dem Schlafe hingeben tönnen; die Tochter dagegen fand doch wenigſtens bisweilen Ruhe und Vergeſſen. In dieſem Augenblicke eben ſchlief ſie. Es läßt ſich nichts Rührinderes, nichts Schmerzlicheres den⸗ fen als dies Bild dieſer Armuth, in welche die Habſucht des No⸗ tars zwei Frauen geſtürzt hatte, die bisher an Wohlſtand gewöhnt und in ihrer Heimath von der Achtung umgeben geweſen waren, welche eine ehrbare Familie immer findet. Die Frau von Fermont iſt ſechsunddreißig Jahre alt; ihr Geſicht trägt den Stempel der Sanftmuth und des Adels an ſich, war ſonſt auffallend ſchön geweſen, jetzt aber bleich und ſehr ver⸗ ändert; ihr ſchwarzes, auf der Stirn geſcheiteltes und in Streirfen geordnetes Haar liegt am Hinterkopfe zuſammengedreht; der Gram hat bereits einige graue Härchen hineingemiſcht. Sie trägt ein an mehreren Stellen ausgebeſſertes ſchwarzes Kleid, ſtützt den Eln⸗ bogen auf das Bett, die Stirn in die Hand und betrachtet ſo mit unausſprechlichem Kummer ihre Tochter. Clara ſteht erſt im ſechszehnten Jahre; das edle Profil ihres abgemagerten Geſichtes tritt auf der grauen Farbe der groben Leinwand ſcharf hervor, mit welchen ihr mit Sägeſpähnen gefüll⸗ tes Kopfkiſſen überzogen iſt. Der Teint des jungen Mädchens hat die blonde Reinheit ver⸗ loren; die langen ſchwarzen Wimpern ihrer großen geſchloſſenen Augen reichen bis auf die hohlen Wangen. Ihre halbgeöffneten ſonſt roſigen, feuchten, jetzt trockenen und bleichen Lippen laſſen den weißen Schmelz der Zähne ſehen; die rauhe Berührung der gro⸗ . 63 ben Leinwand und der wollenen Decke hat an mehreren Stellen die zarte Haut des Halſes, der Schultern und der Arme des jun⸗ gen Mädchens roth gerieben. Von Zeit zu Zeit zieht ein leichtes Zittern die ſchmalen ſam⸗ metartigen Augenbrauen zuſammen, als würde ſie von einem böſen Traume gequält. Der Anblick dieſes Geſichtes mit krankhaf⸗ tem Ausdrucke iſt ein peinlicher; denn man bemerkt in ihm die traurigen Symptome einer drohenden Krankheit. Die Frau von Fermont hatte längſt ſchon keine Thränen mehr; ſie ließ auf der Tochter ihr trockenes Auge ruhen, das durch die Gluth eines ſchleichenden Fiebers entzündet war. Sie wurde von Tag zu Tag ſchwaͤcher; ſie fühlte, gleich ihrer Tochter, jenes Unbehagen, jene Verſtimmung, welche die ſichern Vorboten einer ſchweren, noch verborgen liegenden Krankheit ſind; da ſie aber Clara zu erſchrecken fürchtete, ja weil ſie ſich nicht ſelbſt erſchrecken wolkte, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, kämpfte ſie mit allen ihren Kräften gegen die erſten Aeußerungen ihres Leidens. Die Tochter ſuchte ihrer Seits, aus ähnlichen edlen Grün⸗ den, um ihre Mutter nicht zu beunruhigen, ihre Leiden zu ver⸗ heimlichen. So ſollten die beiden Unglücklichen, an denen gleicher Kummer nagte, von gleichen Leiden betroffen werden. Es tritt in dem Unglck ein äußerſter Moment ein, in wel⸗ chem die Zukunft unter einem ſo entſetzlichen Anblick erſcheint, daß auch die energiſcheſten Charaftere ihr nicht in das Geſicht zu blicken wagen, ſondern die Augen zudrücken und ſich durch thörichte Illuſionen ſelbſt zu täuſchen ſuchen. Das war die Lage der Frau und des Fräuleins von Fermont. 64 Wenn man die Qualen dieſer Frau in den langen Stunden ſchildern wollte, in denen ſie ſo ihre ſchlummernde Tochter betrach⸗ tete, an die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft dachte, müßte man das Bitterſte, Verzweiflungsvollſte in den heiligen, er⸗ habenen Schmerzen einer Mutter zu beſchreiben verſtehen: zaube⸗ riſche Erinnerungen, trübe Beſorgniſſe, ſchreckliche Ahnungen, bitte⸗ ren Gram, tödtliche Muthloſigkeit, ohnmächtigen Zorn gegen den Urheber ſo vieler Leiden, inbrünſtiges Gebet und endlich, endlich entſetzliche Zweifel an der allmächtigen Gerechtigkeit deſſen, der un⸗ erbittlich bleibt ſelbſt bei dem lauten Wehklagen eines Mutterher⸗ zens, bei dem heiligen Schrei, der doch bis zum Himmel dringen ſollte: Erbarmen für mein Kind! „Wie ſie jetzt friert,“ ſprach die arme Mutter bei ſich, indem ſie mit ihrer eiskalten Hand die kalten Arme ihrer Tochter be⸗ rührte, — „ſie friert. — Vor einer Stunde war ſie brennend heiß; das iſt das Fieber! Zum Glück weiß ſie es nicht, daß ſie das Fieber hat. Mein Gott, wie kalt! Die Decke iſt aber auch ſo dunn. Ich möchte meinen alten Shawl noch auf das Bett legen, aber wenn ich ihn von der Thüre wegnehme, vor der ich ihn auf⸗ gehangen habe, ſehen die betrunkenen Männer wieder wie geſtern durch die Löcher am Schloſſe oder durch die Ritze herein. „Welches grauenhafte Haus! „Hätte ich gewußt, welche Menſchen hier wohnen, ehe ich die Miethe auf vierzehn Tage vorausbezahlte, ich wäre nicht da ge⸗ blieben, — aber ich wußte es nicht. — Wenn man keine Papiere hat, wird man in andern Häuſern nicht aufgenommen. — Konnte ich errathen, daß ich eines Paſſes bedürfen würde? Als ich aus Angers in meinem Wagen fortfuhr — weil ich es nicht für paſſend 65 hielt, meine Tochter in einem öffentlichen Wagen reiſen zu laſſen, konnte ich da glauben, daß —“ Dann unterbrach ſie ſich zornig: „Es iſt doch ſchändlich, weil jener Notar mich betrügen wollte, in die grauenhafteſte Armuth geſtürzt zu ſein und nichts, nichts gegen ihn unternehmen zu können! „Wenn ich Geld hätte, um einen Prozeß anzufangen, — konnte ich das Andenken an meinen guten und edeln Bruder in den Koth ziehen ſehen, könnte ich ſagen hören, daß er in ſeinem Ruin ſeinem Leben ein Ende gemacht, nachdem er mein und mei⸗ ner Tochter Vermögen vergeudet? Könnte ich ſagen hören, daß er uns in ſo tiefe Noth gebracht? Nein, nie, nie! „Und doch, wenn auch das Andenken am meinen Bruber hei⸗ lig iſt, ſo ſind mir doch das Leben und die Zukunft meiner Toch⸗ ter eben ſo heilig. — Aber ich habe keine Beweiſe gegen den No⸗ tar, und ich könnte nur ein nutzloſes Scandal verurſachen. „Das Schrecklichſte iſt,“ fuhr ſie nach kurzer Pauſe fort, „daß ich bisweilen, gereizt durch dieſes entſetzliche Schickſal, meinen Bru⸗ der zu beſchuldigen und dem Notar gegen ihn Recht zu geben wage, als wenn mein Schmerz erleichtert würde, wenn ich zwei Namen zu verwünſchen hätte. Dann werde ich unwillig über meine eigenen ungerechten, gehäſſigen Vermuthungen gegen den beſten und edelſten Bruder — „Ach, dieſer Notar kennt nicht alle entſetzlichen Folgen ſeines⸗ Diebſtahls. Er glaubte nur Geld zu ſtehlen, und er marterte zwei Herzen, er bringt zwei Frauen mit langſamer Pein um. „Ach ja, ich wage es nicht, meinem armen Kinde alle meine Beſorgniſſe zu ſagen, um ihm nicht allen Troſt, nicht allen Muth zu nehmen, — aber ich bin krank, ich habe das Fieber und halte Die Geheimniſſe von Paris. VI. 5 66 mich nur durch die äußerſte Anſtrengung aufrecht. Ich fühle in mir die Keime einer Krankheit, einer vielleicht gefährlichen Krank⸗ heit, — ich fühle ihre Annäherung, meine Bruſt brennt, mein Kopf will zerſpringen. Dieſe Symptome ſind ernſter, als ich es mir ſelbſt geſtehen mag. — Gott, wenn ich wirklich auf das Kran⸗ kenlager ſinfen, — wenn ich ſterben ſollte! Nein, nein,“ rief Frau von Fermont begeiſtert aus, „ich will, ich kann nicht ſterben. — Ich es denn möglich, meine Clara in ihrem ſechszehnten Jahre, ohne Hülfsmittel, allein, mitten in Paris zurück zu laſſen? Nein, — ich bin eigentlich doch nicht krank; was fühle ich denn? etwas Wärme in der Bruſt, einige Schwere im Kopfe, — das ſind Folgen des Kummers, der Schlaf⸗ loſigkeit, der Kälte, der Sorgen; jeder Andere würde an meiner Stelle daſſelbe empfinden, — es iſt nichts Ernſtes. „Herr, mein Gott, laß mich nicht ſchwach werden! Wenn man ſich ſolchen Gedanken hingiebt, wenn man ſich ſelbſt anhört, wird man wirklich frank, — und habe ich denn Zeit dazu? Muß ich nicht Arbeit ſuchen für mich und Clara, da der Mann, der uns Kupferſtiche zu colvriren gab —“ Nach kurzer Pauſe ſetzte die Frau von Fermont mit Unwil⸗ len hinzu: „O, das iſt niederträchtig! Dieſe Arbeit an die Schande Cla⸗ ras zu knüpfen, — uns unbarmherzig den kleinen Verdienſt zu entziehen, weil ich nicht wollte, daß meine Tochter allein in der Nacht bei ihm arbeite! Vielleicht finden wir anderswo Arbeit, Mäherei, Stickerei. — Freilich, es iſt ſo ſchwer, wenn man Nie⸗ manden kennt! Noch kürzlich verſuchte ich es vergebens. — Wenn man eine ſo ärmliche Wohnung hat, hegen die Leute fein Ver⸗ trauen, — und was ſollen wir beginnen, was ſoll aus uns wer⸗ 67 den, wenn die kleine Summe vollends aufgezehrt iſt? Es wird uns dann nichts, — nichts auf der Erde übrig bleiben, kein Hel⸗ ler, und ich war reich, reich! „Ich mag gar nicht daran denken, — ſolche Gedauken ma⸗ chen mich ſchwindelig, verrückt. — Es iſt dies auch ein Fehler von mir, daß ich mich zu viel mit ſolchen Ideen beſchäftige, ſtatt daß ich mich zu zerſtreuen ſuche. — Das wird mich krank gemacht ha⸗ ben, — doch nein, ich bin ja nicht frank, ich glaube ſogar, daß das Fieber jetzt geringer iſt,“ ſetzte die unglückliche Mutter hinzu, indem ſie ihren Puls befühlte. Aber ach, der ſchnelle, kurze, unregelmäßige Pulsſchlag, den ſie unter ihrer trockenen kalten Haut fühlte, ließ ihr keinen Zwei⸗ fel mehr. Nach einem Augenblicke düſterer Verzweiflung fuhr ſie bit⸗ ter fort: „Herr, mein Gott, warum ſo großes Unglück? Welches Un⸗ recht habe ich begangen? War nicht meine Tochter ein Muſter der Unſchuld und Frömmigkeit und ihr Vater die Ehre ſelbſt? Habe ich nicht immer muthig meine Pflichten als Gattin und Mutter erfüllt? Warum erlaubſt Du, daß ein Elender uns zu ſeinen Opfern macht — beſonders dies arme Kind? „Ohne den Diebſtahl dieſes Notars würde ich über das Schick⸗ ſal meiner Tochter ganz unbeſorgt ſein können. Wir wären jetzt in unſerm Hauſe ruhig über die Zukunft und nur betrübt über den Tod meines unglücklichen Bruders; nach zwei oder drei Jah⸗ ren dächte ich an die Verheirathung Claras und fände gewiß ei⸗ nen Mann, der ihrer würdig wäre. Sie iſt ja ſo gut und ſo ſchön! Wer würde ſich nicht glücklich geſchätzt haben, ihre Hand zu erhalten? Ich hätte ihr gern, mit Ausnahme eines kleine 5 * 68 Jahrgeldes, um in ihrer Nähe leben zu können, bei ihrer Verhei⸗ rathung Alles überlaſſen, was ich beſaß, wenigſtens hunderttauſend Thaler, denn ich hätte mir noch einiges ſparen können, und wenn ein Mädchen, daß ſo hübſch und ſo gut erzogen iſt, wie meine Tochter, eine Mitgift von hunderttauſend Thalern hat —“ Frau von Fermont erinnerte ſich in dieſem Augenblicke ihrer jetzigen traurigen Lage und rief wie wahnſinnig aus: „Es iſt unmöglich, daß, weil es der Notar will, — ich ge⸗ duldig meine Tochter in die tieſſte Armuth geſtürzt ſehen ſoll, während ſie Anſpruch hatte auf ſo großes Glück — „Wenn die Geſetze dieſes Verbrechen ungeſtraft laſſen, ich werde es zu ſtrafen wiſſen, denn wenn mich das Unglück zum Aeußerſten treibt, wenn ich nicht Mittel finde, mich aus der grau⸗ ſamen Lage herauszureißen, in welche mich der Elende mit mei⸗ nem Kinde geſtürzt hat, — ſo weiß ich nicht, was ich thue, — ich bin im Stande ihn zu tödten, ich den Mann. — Dann mag man mit mir thun, was man' für gut findet; — alle Mütter werden für mich ſein. „Ja, aber meine Tochter? — meine Tochter? „Sie allein und ſchutzlos zuruckzulaſſen, das iſt eben mein Entſetzen, das iſt es eben, warum ich nicht ſterben, warum ich je⸗ nen Mann nicht ermorden kann. Was ſollte aus ihr werden? Sie iſt ſechszehn Jahre alt, ſie iſt jung und unſchuldig wie ein Engel, aber auch ſo ſchön! Und die Schutzloſigkeit, die Armuth, der Hunger — können dieſe Leiden, vereint, ein Mädchen in die⸗ ſem Alter nicht . . .? und in welchen Abgrund würde ſie dann ſinken! „O, es iſt gräßlich. — Je mehr ich über das Wort „Ar⸗ muth“ nachdenke, um ſo Entſetzlicheres finde ich darin. 69 „Die Armuth, die Armuth iſt ſchmerzlich für Alle, ſchmerz⸗ licher aber vielleicht noch für die, welche ſich ihr ganzes Leben hindurch im Wohlſtande befanden. Ich kann mir es nicht verzei⸗ hen, daß ich ſelbſt im Angeſichte ſo vieler drohender Leiden ein Gefühl des Stolzes nicht unterdrücken kann. — Es müßte meiner Tochter geradezu an Brod fehlen, ehe ich mich entſchließen könnte zu betteln —“ Und mit Bitterkeit ſetzte ſie hinzu: „Dieſer Notar hat mich dahin gebracht, daß ich Almoſen ſu⸗ chen muß, und es bleibt mir nichts übrig, als mich an das Un⸗ vermeidliche meiner Lage zu gewöhnen; es kann von Bedenklich⸗ keiten, von Zartgefühl keine Rede mehr ſein; ich muß jetzt die Hand ausſtrecken um meinetwillen und um meiner Tochter willen; ja, wenn ich keine Arbeit finde, werde ich mich entſchließen müſſen, die Mildthätigkeit der Menſchen anzurufen, da es der Notar ſo gewollt hat — . „Es gehört gewiß auch dazu eine gewiſſe Geſchicklichkeit, eine Kunſt, welche die Erfahrung giebt; ich werde ſie erlernen. Es iſt ein Gewerbe wie ein anderes,“ ſetzte ſie mit wahnſinniger Aufre⸗ gung hinzu. — „Ich habe doch wohl Alles, was das Mitleid er⸗ regen kann, — entſetzliches unverdientes Elend und eine Tochter von ſechszehn Jahren, einen Engel; aber man muß dieſe Vor⸗ theile geltend zu machen wiſſen, ſie geltend zu machen wagen; — auch dies wird mir gelingen. „Worüber ſoll ich mich denn eigentlich auch beklagen?“ rief ſie mit ſchrecklichem Lachen aus. „Das Vermögen iſt vergäng⸗ lich. — Der Notar hat mich wenigſtens in einen beſtimmten Stand gebracht —“ 8 Die Frau von Fermont ſaß eine Zeit lang in Gedanken ver⸗ ſunken da, dann fuhr ſie ruhiger fort: „Ich habe oft daran gedacht, eine Anſtellung zu ſuchen, und ich möchte an der Stelle der Dienerin der Frau im erſten Stocke ſein; hätte ich dieſen Dienſt, ſo könnte ich mit dem Lohne, den ich erhielte, vielleicht die Bedürfniſſe Claras beſtreiten, vielleicht durch die Verwendung dieſer Frau Arbeit für meine Tochter fin⸗ den, die hier bliebe. — Ich brauche ſie dann nicht zu verlaſſen. Welches Gluck, wenn es ſich ſo einrichten ließe! Aber ach, nein, es wäre zu ſchön, es wäre ein Traum; — wenn ich den Dienſt erhalten ſollte, müßte die jetzige Dienerin fortgeſchickt werden, und ſie käme dann vielleicht in eine eben ſo traurige Lage wie die unſerige jetzt iſt. — Hat man ſich aber geſcheut, mich zu berau⸗ ben? Wie gelange ich zu der Frau im erſten Stocke? Durch welche Mittel könnte ich die Dienerin vertreiben?“ In dieſem Augenblicke wurde dreimal ſtark an die Thüre ge⸗ klopft. Die Frau von Fermont erſchrak, und ihre Tochter fuhr aus dem Schlafe auf. „Mein Gott, Mutter, was giebt es?“ rief Clara aus, indem ſie ſich aufſetzte. Dann ſchlang ſie in einer unwillkührlichen Be⸗ wegung die Arme um den Hals ihrer Mutter, die, eben ſo er⸗ ſchtocken, die Tochter an ſich drückte und ängſtlich beſorgt nach der Thür hin ſah⸗ „Mutter, was giebt es?“ wiederholte Clara. „Ich weiß es nicht, mein Kind ... Beruhige Dich, — es iſt nichts, — man hat nur angeklopft. — Vielleicht die Antwort, die man uns von der Poſt bringt.“ . i Die wurnſtichige Thür zitterte von Neuem unter mehreren kräftigen Fauſtſchlägen. „Wer iſt da?“ h Frau von Fermont mit bebender Stimme. Eine gemeine, eiſee Stimme antwortete: „Sind denn die e taub? He, Nachbarinnen! Nachbarinnen!“ „Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht,“ ſprach Frau von Fermont, indem ſie die Veränderung ihrer Stimme zu verbergen ſuchte. „Ich bin Robin, Ihr Nachbar, — geben Sie mir Feter zum Anzünden meiner Pfeife. — Raſch! Raſch!“ „Mein Gott, es iſt der lahme Mann, der immer betrunken iſt,“ ſagte die Mutter leiſe zu ihrer Tochter. „Wollen Sie mir Feuer geben, oder ſoll ich die ein⸗ ſchlagen? Donnerwetter!“ „Ich häbe kein Feuer —“ „So haben Sie doch Schifelyotzchen — alle Leute — Schwefelhölzchen. — Sie auf!“ „Entfernen Sie ſich — „Sie wollen Eins! — Zwei! —“ „Ich bitte Sie, entfernen Sie ſich, oder ich rufe um Hülfe —“ „Eins! — Zwei! Drei! Nicht? Sie wollen nicht auf⸗ machen? So zerſchlage ich Alles. Plautz!“ Und der Elends ſchlug ſo⸗ an die — daß das ſchlechte ab⸗ ſprang⸗ 1 15 Min Die beiden Frauen ſhrien aitjeßt laut auf. Frau von Fermbnt trat trotz ihrer Schwäche dem Banditen in dem Augenblick entgegen, als er den S ſetzte und vertrat ihm den Weg. „Herr, das iſt unwürdig, — Sie werden nicht weiter gehen,“ 72 ſprach die unglückliche Mutter, indem ſie die halboffene Thür mit aller Kraft andrückte .. „Ich rufe um Hülfe.“ Sie ſchauderte vei dem Anblicke dieſes Mannes mit dem hiß lichen Geſichte. „Warum?“ antwortete er; „thun Nachbarn einander nichts zu Gejullen? Sie hätten aufmachen ſollen; ich hätte dann die Thür nicht eingeſchlagen.“ Dann ſetzte er mit der Hartnäckigkeit eines Betrunkenen hinzu, während er auf ſeinen ungleichen Beinen wankte: „Ich will hinein, — und ich muß biatn und ich wech nicht, bis ich meine Pfeife angezündet habe — „Ich habe weder Feuer noch Schwefelhölzchen. — In des Himmels Namen, gehen Sie! „Es iſt nicht wahr, Sie ſagen das nur, damit ich die Kleine nicht im Bette ſehen ſoll. — Geſtern haben Sie die Löcher in der Thür verſtopft. — Die Kleine iſt niedlich, — ich will ſie ſehen. — Nehmen Sie ſich in Acht, ich ſchlage Sie ins Geſicht, wenn Sie mich nicht hineinlaſſen. — Ich muß die Kleine im Bette ſe⸗ hen und meine Pfeife anſtecken, — oder ich zerſchlage Alles und Sie mit!“ „Hülfe! Hülfe!“ rief Frau von Fermont, als ſie fühlte. daß ſie die Thür nicht länger halten konnte. Eingeſchüchtert durch das Hülferufen, trat der Mann einen Schritt zuruck, ballte die Fauſt gegen die Frau von Fermont und ſagte: „Das ſollſt Du mir büßen! — Ich zn — und ſopſ⸗ Dir dus Maul zu, daß Du nicht ſchreien kannſt — Und der dicke Lahme, wie man ihn auf der Inſel des Aus⸗ ſuchers nannte, ging drohend die Treppe hinunter. 73 Frau von Fermont, die fürchtete, er möchte umkehren, und weil das Schloß zerbrochen war, ſchob den Tiſch an die Thür. Clara war ſo erſchrocken über dieſe entſetzliche Scene, daß ſ faſt bewegungslos auf ihr Lager zurückgeſunken. Frau von Fermont vergaß ihre eigene Angſt und eilte zu ih⸗ rer Tochter, ſchloß ſie in ihre Arme, gab ihr etwas Waſſer zu trinken und brachte ſie nach langer Mühe wieder zum Bewußtſein. Dann ſagte ſie zu ihr: „Beruhige Dich und faſſe Wh armes Kind. — 35 ſchlechte Menſch iſt fortgegängen.“ WMit einem unbeſchreiblichen Tone des Schmerzes und des Un⸗ willens rief darauf die⸗ unglückliche Mutter aus: „Der Notar iſt die erſte Urſache aller unſerer Leiden!“ vie Opter eines Klilsbrauchs des ertraenn Ge ſah mit eben ſo großer S wie Furcht um ſich. „Beruhige Dich, mein Kind,“ wiederholte Frau von Semn indein ſie ihre Tochter zärtlich küßte, „der Elende iſt fort — „Gott! Mutter, wenn er wieder käme! Du ſiehſt, Du haſt um Hülfe gerufen, und es iſt Niemand gekommen. Ach, ich bitte Dich, wir wollen dies Haus verlaſſen, — ich ſterbe vor Angſt —“ „Wie Du zitterſt! Du haſt das Fieber!“ „Nein, nein,“ entgegnete das Mädchen, um die Mutter zu be⸗ ruhigen, „es iſt nichts, nur der Schreck, — es vergeht wieder. — Aber wie geht es Dir? Gieb mir Deine Hände. — Mein Gott, wie ſie brennen! Dn biſt krank und willſt es mir verbergen.“ „Glaube das nicht, ich befinde mich wohler als je; es iſt nur die Aufugueg in die mich der Mann verſetzt hat; ich ſchlief f auf dem Stuhle da und bin gleichzeitig mit Dir aufgewacht — 75 „Aber Deine armen Angen, Mutter, ſind roth und ent⸗ zündet —“ „Der Schlaf auf einem Stuhle erguickt weniger, mein Kind —“ „Iſt es wirklich wahr, daß Du nicht krank biſt?“ „Gewiß nicht. — Und Du?“ „Ich auch nicht; ich zittere nur vor Furcht. Mutter, wir wollen das Haus verlaſſen, nicht wahr?“ „Wohin wollen wir uns wenden? Du weißt, wie große Muhe es uns gekoſtet hat, dieſes Stübchen ausfindig zu machen, da wir leider keine Papiere zur Legitimation haben. Und dann haben wir auch vierzehn Tage vorausbezahlt, — das Geld würden wir nicht zurück erhalten, und wir beſitzen nur noch ſo wenig, ſo we⸗ nig, daß wir es ſo viel als möglich ſchonen müſſen.“ „Vielleicht antwortet Dir der Herr von St. Remy bald.“ „Ich hoffe es nicht mehr, — es iſt ja ſchon ſo lange, ſeit ich ihm geſchrieben habe.“ „Er hat vielleicht Deinen Brief nicht erhalten. — Warum willſt Du ihm nicht noch einmal ſchreiben? Von hier nach Angers * iſt es nicht weit, und wir können bald Antwort haben.“ „Armes Kind, Du weißt, wie ſchwer mir dies ſchon gewor⸗ den iſt.“ 16 5 „Was wagſt Du? Er iſt doch von Herzen gut, trotz ſeinem rauhen Weſen. — War er nicht einer der älteſten Freunde meines Vaters? Und dann iſt er ja mit uns verwandt —“ „Er iſt ſelbſt arm; ſein Vermögen iſt ſehr gering. — Vielleicht antwortet er uns nicht, weil er ſich den Schmerz erſparen will, uns eine abſchlägliche Antwort zu geben.“ „Wenn er aber Deinen Brief nicht erhalten hätte, Mutter?“ „Wenn er ihn aber erhalten hat, mein Kind, ſo iſt nur zwei⸗ erlei möglich: entweder er befindet ſich ſelbſt in einer zu gedrück⸗ ten Lage, als daß er uns beiſtehen könnte, oder — er nimmt kei⸗ nen Antheil an uns; warum uns alſo einer abweiſenden Antwort oder einer Demüthigung ausſetzen?“ „Faſſe Muth, gute Mutter; es bleibt uns immer noch eine Hoffnung. — Vielleicht bringt uns dieſer Morgen ſchon eine gute Antwort —“ . Von dem Herrn von Orbigny?“ „Allerdings. — Dieſer Brief, den Du ſchon früher einmal entworfen hatteſt, war ſo einfach, ſo rührend, — er legte unſer unglück ſo natürlich dar, daß er Mitleid mit uns haben wird. — Ich weiß nicht, was mir ſagt, Du verzweifelteſt mit Unrecht an ihm.“ „Er hat ſo wenig Urſache, ſich fur uns zu intereſſiren. — Zwar kannte er Deinen Vater, und ich habe oft meinem armen Bruder von dem Herrn von Orbigny als einem Manne ſprechen hören, mit dem er in ſehr gutem Vernehmen geſtanden, bevor er ſich aus Paris entfernte, um ſich mit ſeiner jungen Frau ganz in die Normandie zurückzuziechen —“ „Eben deshalb hoffe ich; er hat eine junge Frau; ſie wird mitleidig ſein. Und dann kann man auf dem Lande ſo viel Gu⸗ tes thun. Er könnte Dich z. B. als Wirthſchafterin annehmen, und ich würde gern die Wäſche beſorgen. — Der Herr von Or⸗ bigny iſt ſehr reich, und in einem großen Hauſe fehlt es nie an Arbeit“ „Ja, aber wir haben ſo geringen Anſpruch auf ſeine Theil⸗ nahme —“ K. „Wir ſind ſo unglucklich!“ „Das iſt freilich in den Augen ſehr mildthätiger Menſchen ein Anſpruch.“ „Wir wollen hoffen, daß der Herr von Orbigny und ſeine Frau dies ſind.“ „Wenn von ihm nichts zu erwarten ſein ſollte, werde ich meine falſche Scham überwinden und an die Frau Herzogin von Lucenay ſchreiben.“ „An die Dame, von welcher Herr von Saint Remy ſo oft ſprach und deren gutes Herz er unaufhörlich rühmte?“ „Ja, an die Tochter des Fürſten von Noirmont. Er hat ſie ſchon als Kind gekannt und behandelte ſie faſt wie ſein eigenes Kind, denn er ſtand mit dem Fürſten in ſehr vertrauten Verhält⸗ niſſen. Die Herzogin muß ſehr viel Bekanntſchaften haben; viel⸗ leicht wird es ihr möglich, uns ein Unterkommen zu verſchaffen.“ „Gewiß, Mutter, aber ich begreife Deine Zurückhaltung; Du kennſt ſie gar nicht, während den Herrn von Orbiguy wenigſtens mein Vater und mein armer Oheim kannten.“ „Könnte auch die Herzogin von Lucenay nichts thun, ſo werde ich zu einem letzten Mittel greifen.“ „Zu welchem, Mutter?“ „Es iſt eine ſehr geringe, ſehr thörichte Hoffnung vielleicht; aber warum ſie unverſucht laſſen? — Der Sohn des Herrn von St. Remy iſt —“ „Herr von St. Remy hat einen Sohn?“ unterbrach Clara ihre Mutter verwundert. „Ja, mein Kind, er hat einen Sohn —“ „Er ſprach doch nie von ihm; er kam nie nach Angers —“ „Allerdings und aus Gründen, die Du nicht erfahren kannſt. Herr von St. Remy hat Paris vor funfzehn Jahren verlaſſen und ſeinen Sohn ſeitdem nicht wiedergeſehen.“ „Funfzehn Jahre, ohne ſeinen Vater zu ſehen! Iſt das möglich?“ „Ja wohl, wie Du ſiehſt. — Der Sohn des Herrn von Saint Remy war in ſehr vielen Cirkeln bekannt, ſehr reich —“ „Sehr reich, und ſein Vater iſt arm?“ „Alles Vermögen des Herrn von Saint Remy rührt von ſei⸗ . ner Mutter her — „Das bleibt ſich gleich. Warum läßt er ſeinen Vater...?2“ „Sein Vater würde vvn ihm nichts angenommen haben.“ „Warum nicht?“ „Auch das iſt eine Frage, auf die ich Dir nicht antworten kann, mein Kind. — Ich hörte von meinem armen Bruder, man rühme die Freigebigkeit des jungen Mannes ſehr. — Da er jung und freigebig iſt, muß er auch gut von Herzen ſein. — Wenn er durch mich erfährt, daß mein Mann der vertraute Freund ſeines Vaters war, ſo intereſſirt er ſich vielleicht für uns und bemüht ſich, Arbeit oder eine Stelle für uns zu ermitteln; er hat ſo zahlreiche vornehme Bekanntſchaften, daß es ihm leicht werden wird.“ „Und dann erführe man von ihm vielleicht auch, ob ſein Va⸗ ter Angers verlaſſen habe, bevor Du ihm geſchrieben; das würde dann ſein Schweigen erklären —“ „Ich glaube, er ſteht mit ſeinem Vater in gar keiner Verbin⸗ dung mehr.. Es gilt indeß einen Verſuch —“ „Wenn Herr von Orbigny uns keine günſtige Antwort giebt, aber, ich wiederhole es, ich weiß nicht, ich hoffe gerade auf ihn.“ „Ich habe ihm freilich ſchon ſeit mehreren Tagen geſchrieben, 79 ihm die Urſachen unſeres Unglücks auseinander geſetzt und doch — keine Antwort. Ein Brief, den man vor vier Uhr Abends auf die Poſt giebt, kommt ſchon am andern Morgen früh in Aubiers an; ſeit fünf Tagen haben wir noch keine Antwort.“ „Vielleicht überlegt er, bevor er Dir ſchreibt, auf welche Weiſe er uns nützlich ſein kann.“ „Gott gebe es, mein Kind!“ „Das kommt mir ganz einfach vvr. — Wenn er nichts für uns thun könnte, würde er ſofort geantwortet haben.“ „Er müßte denn nichts thun wollen —“ „Wie iſt das möglich, Mutter? Wie kann er uns nicht ant⸗ worten wollen, uns vier, vielleicht acht Tage hoffen laſſen? denn wenn man unglücklich iſt, hofft man immer.“ „Ach, mein Kind, manche Leute beſitzen eine große Gleichgil⸗ tigkeit für Leiden, die ſie nicht fennen.“ „Aber Dein Brief — 2“ „Mein Brief kann ihm keine Vorſtellung von unſern unauf⸗ hörlichen Leiden und Sorgen geben. Wird mein Brief ihm unſer ſo ungläckliches Leben, unſere Demüthigungen aller Art, unſere Eriſtenz in dieſem ſchrecklichen Hauſe, die Angſt, welche wir eben ausſtanden, beſchreiben? Wird mein Brief ihm die ſchreckliche Zu⸗ kunft ſchildern, die uns erwartet, wenn — Doch, wir wollen nicht mehr davon ſprechen, mein Kind. — Mein Gott, Du zitterſt —, Du frierſt!“ „Nein, Mutter, — achte nicht darauf, aber, ſage mir, können wir, wenn uns Alles fehlt, wenn das wenige Geld, das wir noch haben, ausgegeben iſt, in einer ſo reichen Stadt, wie Paris, beide Bungers ſterben, weil wir keine Arbeit erhalten und weil ein ſchlech⸗ ter Menſch Dir Alles genommen hat, was Du beſaßeſt?“ „Schweig, unglückliches Kind!“ „Iſt es möglich, Mutter?“ „Ach!“ „Kann Gpott, der Alles weiß und Alles vermag, uns ſo ganz verlaſſen, da wir ihn doch nie beleidigt haben?“ „Ich bitte Dich, mein Kind, gieb Dich nicht ſo troſtloſen Ge⸗ danken hin; ich ſehe es lieber, wenn Du, ohne Grund vielleicht, hoffſt. — Beruhige Du mich vielmehr durch Deine Illuſionen; ich ſekbſt bin leider nur zu muthlos, Du weißt es —“ „Ja, ja, wir wollen hoffen; das iſt beſſer. Der Neffe des Mannes unten wird uns heute gewiß einen Brief von der Poſt bringen... Durch meine Schuld mußt Du ihm von Deinem ge⸗ ringen Schatze noch einmal einen Weg bezahlen. — Wäre ich nicht ſo ſchwach geweſen, geſtern und heute, ſo würden wir ſelbſt nach der Poſt gegangen ſein wie vorgeſtern, aber Du wollteſt nicht al⸗ lein gehen, mich nicht allein hier laſſen —“ „Konnte ich es, mein Kind? Bedenke doch — der Elende, der eben die Thüre eingeſchlagen hat —; wenn Du allein geweſen wäreſt?!“ „Schweig, Mutter! Der bloße Gedanke erſchreckt mich — In dieſem Augenblicke wurde ſtark an die Thüre geklopft. „Himmel, er iſt es!“ rief die Frau von Fermont erſchrocken aus, und ſie vruͤckte mit aller Kraft den Tiſch gegen die Thüre — Ihre Angſt verſchwand indeß, als ſie die Stimme des Vaters Micou hörte. „Madame, mein Neffe kommt von der poste restante. — Es iſt ein Brief mit einem R und einem 7 daf er kommt weit her und koſtet 8 Sous; mit der Beſorgung macht es 20 Sous.“ „Mutter, ein Brief aus der Provinz! Wir ſind gerettet! Er 81 kommt von dem Herrn von Saint Remy vder von Orbigny. — Arme Mutter, Du wirſt nicht länger leiden, meinetwegen nicht mehr beſorgt ſein, Du wirſt wieder glucklich werden. Gott iſt ge⸗ recht! Gott iſt gütig!“ rief das junge Mädchen aus, und ein Hoff⸗ nungsſtrahl verklärte ihr reizendes Geſicht. „Ach Herr, ich danke —, geben Sie, geben Sie ſchnell her,“ ſagte die Frau von Fermont, indem ſie raſch den Tiſch bei Seite ſchob und die Thüre halb öffnete. „Zwanzig Sous, Madame,“ wiederholte der Hehler, indem er den ſo erſehnten Brief zeigte. „Ich werde Sie ſogleich bezahlen —“ „Es hat keine Eile —; jetzt gehe ich auf den Boden hinauf; nach zehn Minuten komme ich wieder und werde im Vorbeigehen das Geld mitnehmen.“ Er übergab den Brief der Fran von Fermont und ver⸗ ſchwand. „Der Brief iſt aus der Normandie. — Da ſteht der Poſt⸗ ſtempel Aubiers. — Er iſt von Orbigny!“ ſagte die Frau von Fermont, indem ſie die Adreſſe betrachtete: An Madame R. Z., boste restante. Paris. *) „Nun, Mutter, hatte ich nicht Recht? Wie mir das Herz klopft!“ *) Die Frau von Fermont hatte ihren Brief in ihrer letzten Wohnung geſchrieben und, da ſie nicht wußte, wo ſie eine andere finden würde, den Herrn von Orbigny gebeten, ſeinen Brief poste vestante zu bezeichnen; da ſie aber keinen Paß hatte, um nach orzeigung deſſelben den Brief von dem Poſtbureau zu erhalten, ſo hatte ſie eine Adreſſe mit Anfangsbuchſtaben gewählt, die man nur anzugeben braucht, um einen damit bezeichneten Brief ausge⸗ liefert zu ſehen. * Die Geheimniſſe von Paris. VI. 6 „Wir halten hier unſer Glück oder Unglück in der Hand,“ ſprach die Frau von Fermont mit bewegter Stimme. Zweimal griff ſie nach dem Siegel, um daſſelbe zu erbrechen. Sie hatte den Muth nicht. tai Kann man hoffen, die ſchreckliche Angſt zu ſchildern, welche diejenigen fühlen, die wie die Frau von Fermont von einem Briefe Hoffnung oder Verzweiflung erwarten? Kaum vermöchte die glühende fieberhafte Aufregung des Spie⸗ lers, der ſeine letzten Golbſtücke auf ein Kartenblatt ſetzt und athemlos, mit prennendem Auge von einem entſcheidenden Abzuge ſeine gänzliche Verarmung oder ſeine Rettung erwartet, eine Vor⸗ ſtellung von der entſetzlichen peinlichen Spannung zu geben, von der wir hier ſprechen. In einer Serunde erhebt ſich die Seele zu der ſtrahlendſten Hoffnung oder ſinkt in tödtliche Entmuthigung hinab, je nachdem ſie Hülfe oder Abweiſung erwartet. Der Unglückliche geht abwech⸗ ſelnd zu den entgegengeſetzteſten heftigſten Gefühlen über, von un⸗ beſchreiblichen Empfindungen der Hoffnung und der Dankbarkeit gegen das edle Herz, das ſich ſeines Schickſals erbarmte, zu dem itterſten, ſchmerzlichſten Unwillen über die ſelbſtſüchtige Gleichgil⸗ tigkeit. Welche Schwachheit!“ ſagte Frau von Fermont mit einem traurigen Lächeln, indem ſie ſich auf dem Bette ihrer Tochter nie⸗ derſetzte. „Noch einmal, meine arme Clara, ich halte unſer Schick⸗ ſal hier in der Sand.“ Sie deutete auf den Brief. „Ich brenne vor Verlangen, dieſes Schickſal zu erfahren, und doch wage ich es nicht. — Bringt der Brief eine Weigerung, ach! ſo erfahren wir s immer zu frith. „Und wenn er uns Unterſtützung zuſagt, Mutter? Wenn der 00 83 kleine Brief gute und tröſtende Worte enthält, die uns über die Zukunft beruhigen, indem ſie uns eine beſcheidene Stelle in dem Hauſe des Herrn von Orbigny verſprechen, — iſt dann nicht jede verlorene Minute ein Augenblick verlorenen Glücks?“ „Ja, mein Kind, wenn aber im Gegentheile —“ „Nein, Mutter, Du irrſt Dich gewiß. Ich ſagte Dir ſchon, der Herr von Orbigny hat mit der Antwort ſo lange gezögert, um uns eine günſtige Gewißheit geben zu können. — Zeige mir den Brief, Mutter, ich errathe gewiß ſchon an der Handſchrift, ob er uns gute oder ſchlimme Nachricht bringt. Siehſt Du, jetzt bin ich überzeugt,“ ſetzte Clara hinzu, indem ſie den Brief nahm; „man braucht die feſte, gute Schrift nur anzuſehen, um zu erra⸗ then, daß ſie von einer treuen, edeln Hand herrührt, welche ge⸗ wöhnt iſt, ſich für die Unglucklichen auszuſtrecken.“ „Ich bitte Dich, Clara, keine thörichten Hoffnungen! Ich finde ſonſt noch weniger den Muth, den Brief zu öffnen.“ „Mein Gott, gute Mutter, ich kann Dir ſo ziemlich genau ſagen, was er enthält, ohne daß ich ihn erbreche. Höre mich an: „Madame, Ihr und Ihrer Tochter Schickſal verdient die Theil⸗ nahme in dem Maße, daß ich Sie erſuche, zu mir zu fommen, wenn Sie geneigt ſein ſollten, die Leitung meines Hausweſens zu übernehmen —“ „Ich bitte Dich, Kind, keine unſinnige Hoffnung! Die Wirk⸗ lichkeit würde zu ſchrecklich davon abſtechen. — Muth!“ ſetzte ſie dann hinzu, indem ſie den Brief aus der Hand ihrer Tochter nahm und ſich anſchickte, das Siegel zu erbrechen. „Muth?“ fiel Clara lächelnd und in dem hohen Vertrauen ein, das der Jugend ſo natürlich iſt. „Ich brauche keinen Muth, 84 gewiß. — Soll ich den Brief denn ich bin deſſen, was ich ſage, erbrechen und leſen? Gieb her!“ „Ja, — das iſt mir lieber. — Aber nein, ſein, daß ich ihn ſelbſt leſe.“ Und die Frau von Fermont erbrach in der ängſtlichſten Span⸗ es wird doch beſſer nung das Siegel. die trotz ihrem ſcheinbaren Vertrauen doch auch Die Tochter, ſehr bewegt war, athmete kaum. „Lies laut, Mutter,“ ſagte ſie. „Der Brief iſt nicht lang; die Gräfin von Orbigny hat ihn geſchrieben,“ ſagte die Mutter, „Deſto beſſer. Das iſt ein gutes Zeichen. — Siehſt Du, Mutter, die vortreffliche junge Dame wird Dir ſelbſt haben ant⸗ worten wollen — „Wir wollen ſehen.“ Und die Frau von Fermont las mit bebender Stimme: „Madame, „der Herr Graf von Orbigny, „wohl iſt, konnte ihnen während meiner Abr der ſeit einiger Zeit ſehr un⸗ weſenheit nicht antwor⸗ . ten — — „Siehſt Du, Mutter, es war nicht ſeine Schuld.“ — „Höre nur weiter —“ indem ſie nach der Unterſchrift ſah.. beeile ich „Erſt dieſen Morgen aus Paris hier angekommen, „mich, Ihnen zu ſſchreiben, nachdem ich Ihren Brief dem Herrn „von Orbigny mitgetheilt habe. Er erinnert ſich nur ſehr unbe⸗ „ſtimmt der Verhältniſſe, in denen er nach Ihrer „mit Ihrem Herrn Bruder geſtan „Herrn Gemahls iſt dem Graf er kann ſich aber nicht erinnern, Vermuthung den haben ſoll. Der Name Ihres en von Orbigny nicht unbekannt, bei welcher Gelegenheit er den⸗ 85 „ſelben nennen hörte. Die angebliche Beraubung, deren Sie ſo „leichthin den Herrn Jacob Ferrand beſchuldigen, welcher glückli⸗ „cherweiſe unſer Notar iſt, hält der Graf von Orbigny für eine „ſchmachvolle Verläumdung, deren Bedeutung Sie ohne Zweiſel „nicht genügend bedacht haben. Mein Gemahl kennt und bewun⸗ „dert gleich mir die ausgezeichnete Rechtſchaffenheit jenes achtbaren „und frommen Mannes, den Sie ſo verblendeter Weiſe angreifen. „Der Graf von Orbigny bemitleidet die traurige Lage, in welcher „Sie ſich Ihrer Angabe nach befinden und deren wirkliche Urſache „zu ermitteln ihm nicht zukommt, ſieht ſich aber in die Unmöglich⸗ „keit verſetzt, etwas für Sie zu thun. „Empfangen Sie, Madame, mit dem Ausdrucke des Bedauerns „meines Gemahls, die Verſicherung meiner ausgezeichneten Hoch⸗ „achtung. „Gräfin von Orbigny.“ Mutter und Tochter ſahen einander mit ſchmerzlicher Ver⸗ wunderung an und vermochten kein Wort zu ſprechen. In dieſem Augenblicke klopfte der Vater Micou an die Thüre und ſagte: „Kann ich eintreten, Madame? Ich will die 20 Sous mit⸗ nehmen.“ Freilich, — eine ſo gute Nachricht iſt es wohl werth, daß wir ſoviel dafür geben, wie wir in zwei Tagen zu unſerm Lebens⸗ unterhalte brauchen,“ ſagte die Frau von Fermont mit bitterm Lächeln. Sie ließ den Brief auf dem Bette ihrer Tochter liegen, ging an einen alten Koffer ohne Schloß, bückte ſich und öffnete ihn. „Wir ſind beſtohlen!“ rief die unglückliche Frau entſetzt aus. — „Nichts, — nichts iſt mehr da,“ ſetzte ſie düſter hinzu. Und wie vernichtet, ſtützte ſie ſich auf den Koffer. 86 „Was ſagſt Du, Mutter, — der Beutel mit dem Gelde —?“ Frau von Fermont ſprang raſch auf, ging aus dem Stübchen hinaus und ſagte zu dem Hehler, der vor der Thüre wartete, mit funkelnden Augen und hochgerötheten Wangen: „Herr, ich hatte einen Beutel mit Geld in dieſem Koffer, — man hat ihn mir geſtohlen, vorgeſtern ohne Zweifel, denn an die⸗ ſem Tage bin ich mit meiner Tochter eine Stunde ausgegangen. õ Das Geld muß wieder herbeigeſchafft werden, — hören Sie? Sie ſind verantwortlich.“ „Man hat ſie beſtohlen! Das iſt nicht wahr. In meinem Sauſe wohnen nur ehrliche Leute,“ antwortete der Hehler brutal; „Sie ſagen dies nur, um mir die 20 Sous nicht zu bezahlen.“ „Ich ſage Ihnen, daß man mich beſtohlen hat und daß dies Geld Alles war, was ich in der Welt beſaß; es muß wiederge⸗ funden werden, oder ich klage. .. Ich werde nichts ſchonen, keine Rückſicht nehmen, — merken Sie ſich das. . „Das wäre hübſch! Sie? Sie haben ja nicht einmal S mationspapiere. Klagen Sie immerhin, — gehen Sie ſogleich —“ Die ungluckliche Frau ſtand da wie vom Blitze getroffen. Sie konnte nicht ausgehen, die Tochter nicht allein im Bett laſſen, ſeit der dicke Lahme ſie ſo erſchreckt hatte, beſonders aber wegen der Drohungen, die der Hehler ausſprach, denn er fuhr fort: „Das iſt eine Finte; Sie haben, kein Geld und wollen mich nicht bezahlen, nicht wahr? Nun, meinetwegen; wenn Sie vor meiner Thüre vorbeigehen, werde Ich Ihnen Ihren alten ſchwarzen Shawl abreißen; er iſt zwar ſehr abgeſchabt, aber zwanzig Sous iſt er doch wohl noch werth.“ „Ach, Herr,“ entgegnete Frau von Fermont weinend, „haben Sie Mitleiden mit uns. Die kleine Summe war Alles, was wir N 87 beſaßen. Da man uns dieſe geſtohlen hat, ſo iſt uns nichts, gar nichts mehr geblieben, nichts — und wir müſſen verhungern.“ „Was geht das mich an? Wenn es wahr iſt, daß man Sie beſtohlen, daß man Ihnen Geld geſtohlen hat (ich halte es aber für eine Lüge), ſo iſt da nichts zu machen —“ „Großer Gott!“ „Der, welcher Sie beſtohlen hat, wird nicht ſo dumm gewe⸗ ſen ſein, die Geldſtücke zu bezeichnen und ſie bei ſich zu behalten, um ſich feſtnehmen zu laſſen, wenn es Jemand in dem Hauſe ge⸗ weſen ſein ſollte, was ich nicht glaube, denn, wie ich noch dieſen Morgen zu dem Onkel der Dame im erſten Stock ſagte, es iſt hier wie in einem Dörfchen. — Hat man Sie beſtohlen, ſo iſt es ein Unglück. — Sie können hunderttauſendmal klagen und werden doch keinen Pfennig wieder erhalten, glauben Sie mir. — Aber,“ unterbrach ſich der Hehler, als er die Frau von Fermont wanken ſah, „was fehlt Ihnen? Sie werden ganz blaß. — Nehmen Sie ſich in Acht, — Mademviſelle, Ihrer Mutter wird unwohl,“ ſetzte er hinzu, indem er zeitig genug vortrat, um die unglückliche Mut⸗ ter zu halten, die in Folge dieſes letzten Schlages vhnmächtig wurde. Die erheuchelte Energie, welche ſie ſo lange aufrecht er⸗ halten hatte, wich endlich. „Mutter! Mein Gott, was iſt Dir?“ rief Clara aus, die noch im Bette lag. Der trotz ſeinen funfzig Jahren noch rüſtige Hehler konnte einem Anfluge von Mitleid nicht widerſtehen, nahm die Frau von Fermont in ſeine Arme, ſchob mit einem Knie die Thüre auf und ſagte: „Verzeihen Sie, Mademoiſelle, daß ich hereinkomme, während Sie noch im Bette liegen, aber ich muß Ihnen doch die Mutter 88 bringen. — Sie iſt ohnmächtig geworden, es wird aber bald wie⸗ der vergehen —“ i Clara ſtieß, als ſie den Mann hereintreten ſah, einen Schrei des Entſetzens aus und verbarg ſich ſo gut ſie konnte mnter ihrer Bettdecke. Der Hehler ſetzte die Frau von Fermont auf den Stuhl ne⸗ ben dem Bette und entfernte ſich, ließ aber die Thüre angelehnt, da der dicke Lahme das Schloß abgeriſſen hatte. Eine Stunde nach dieſer letzten Erſchütterung war die heftige Krankheit, die längſt ſchon in der Frau von pamnt gelegen hatte, ausgebrochen. In Fieberhitze, irre redend, lag die unglückliche Frau in dem Bette ihrer weinenden Tochter, die, allein, faſt eben ſo krank wie ihre Mutter, weder Geld noch Freunde hatte und jeden Augen⸗ blick fürchtete, den Banditen eintreten zu ſehen, der nebenan wohnte. —.——————— CIX. Die Stralse Chaillot. 2 ir eilen einige Stunden dem Herrn Badinot voraus, der ſich Ju dem Vicomte von St. Remy begab. Der Letztere wohnte, wie wir bereits erwähnt haben, in der Straße Chaillot und hatte allein ein ſchönes kleines Haus inne, welches zwiſchen dem Hofe und Garten ſtand. Trotz der Nähe der elyſäiſchen Felder, der modiſcheſten Promenabe von Paris, iſt jener Stadttheil ziemlich ſtill und einſam. Wir brauchen die Vortheile nicht aufzuzählen, welche die Lage einer ſo klug ausgewählten Wohnung dem Herrn von St. Remy gewährte, der hauptſächlich auf ſein Glück bei den Frauen ſpecu⸗ lirte. Wir erwähnen blos, daß eine Dame ganz unbemerft zu ihm gelangen konnte durch eine kleine Thüre des großen Gartens, welche in ein ganz ödes Gäßchen führte, das die Straße Chaillot mit der Straße Marbeuf verband. Sehr zufälliger Weiſe hatte auch einer der ſchönſten und be⸗ rühmteſten Kunſtgärten von Paris einen ſehr wenig benutzten Aus⸗ 90 gang in dieſes Gäßchen, und die Beſucherinnen des Herrn von St. Remy konnten deshalb, wenn ſie unerwartet Bekannte hier trafen, einen völlig plauſiblen Vorwand geltend machen, warum ſie ſich in dieſes Gäßchen gewagt. Sie wollten (konnten ſie ſa⸗ gen) bei einem berühmten Kunſtgärtner ſeltene Blumen ſich aus⸗ ſuchen. 8 Die ſchönen Beſucherinnen würden in dieſem Falle nur halb gelogen haben, denn auch der Vicomte, welcher den Lurus nach je⸗ der Richtung hin pflegte, beſaß ein ſchönes Treibhaus, das ſich zum Theil an dem erwähnten Gäßchen hinzog. Die kleine ge⸗ heime Thüre führte in dieſen köſtlichen Wintergarten, welcher an ein Boudoir (man verzeihe dieſen veralteten Ausdruck) in dem Erdgeſchoſſe des Hauſes ſtieß. Man konnte deshalb recht wohl ohne Bild ſagen, daß die Da⸗ men, welche über die gefährliche Schwelle ſchritten, um zu dem Herrn von St. Remy zu gelangen, auf blumigen Wegen in ihr Verderben gingen, denn im Winter namentlich war der zierliche Eingang mit ſchönen blühenden Gebüſchen ausgeſchmückt. Die Herzogin von Lucenay, vie eiferſüchtig war wie ein lei⸗ venſchaftlich liebendes Weib, hatte einen Schlüſſel zu dieſer kleinen Thüre verlangt. Wir verweilen einen Augenblick bei dem allgemeinen Cha⸗ rakter dieſer ſeltſamen Wohnung, weil ſie, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, ein Spiegel jener entwürdigenden Lebensweiſe war, die glüͤcklicherweiſe jetzt täglich ſeltener wird, aber doch als eine Seltſarnkeit unſerer Zeit mitangeführt werden muß, der Lebens⸗ die Courtiſanen für die Männer ſind. Wir möchten dieſe Män⸗ weiſe jener Männer nämlich, welche für die Frauen das ſind, was 91 ner, da es keinen beſondern Ausdruck für ſie giebt, Freudenmänner nennen. Das Innere des Hauſes des Herrn von St. Remy gewährte in dieſer Hinſicht einen merkwürdigen Anblick, oder es war viel⸗ mehr in zwei völlig verſchiedene Theile geſchieden, in das Erdge⸗ ſchoß, in welchem er die Damen anfnahm, und in die erſte Etage, in welcher er ſeine Spiel⸗, Tiſch⸗ und Jagdgenoſſen, die ſogenann⸗ ten Freunde, empfing. Im Erdgeſchoſſe befand ſich ein Schlafgemach, in welchem man nichts ſah als Gold, Spiegel, Blumen, Atlas und Spitzen, ein kleines Muſikzimmer mit einer Harfe und einem Piano (der Vicomte ſpielte vortrefflich), ein Zimmer mit Gemälden und Cu⸗ rioſitäten, das Bondoir, welches mit dem Treibhauſe in Verbin⸗ dung ſtand, ein Speiſezimmer für zwei Perſonen, ein Badezimmer, ein vollendetes Muſter von vrientaliſchem raffinirten Lurus, und dicht daran eine fleine Bibliothek, die zum Theil nach dem Cata⸗ log jener eingerichtet war, welche La Mettrie für Friedrich den Großen zuſammengeſtellt hatte. Wir brauchen nicht zu erwähnen, daß alle dieſe mit wahrhaft ſardanapaliſchem Lurus und vortrefflichem Geſchmack meublirten Zimmer wenig befannte Vatteaus und Bouchers, Porzellangrup⸗ pen von Clodion ꝛe. zur Verzierung hatten. Dazu denke man ſich im Sommer als Perſpective die grüne Tiefe eines buſchigen, ein⸗ ſamen, blütenreichen Gartens mit Vögeln und einem kleinen Bache, der, bevor er ſich auf dem friſchen Raſen verbreitet, von einem ſchwarzen Felſen herunterſtürzt, wie Silbergaze glänzt und ſich in ein klares Becken ergießt, in welchem ſchöne weiße Schwäne ſpielen. Kam dann die Nacht, welcher Schatten, welcher Duft, welche 92 n dichtes Blätterdach Binſen und indiſchen Matten ausbreitete! der Glasthüre, welche in das Treibhaus führte, Alles dicht verſchloſſen; die durch⸗ ſichtige Seide der Rouleaur und das Spitzengeflecht der Vorhänge Stille in den wohlriechenden Bosquets, dere ſich über Ruhebänken von Im Winter dagegen war mit Ausnahme machten das Licht noch geheimnißvoller, während auf allen Meubles fremdlaͤndiſche ſchönblühende Gewächſe ſtanden. In dieſer ſchweigenden Behauſung voll we men und reizender Gemälde athmete man gewiſſermaßen eine be⸗ rauſchende Liebesluft, welche die Seele und die Sinne in ſchmach⸗ tende Sehnſuchte verſenkte. Endlich, um die Honneurs in dieſem Tempel zu machen, wel⸗ cher der Liebe des Alterthums oder den nackten Gottheiten Griechen⸗ lands errichtet zu ſein ſchien, erſchien der Vicomte, ein ſchöner jun⸗ ger Mann, der vald geiſtreich, bald zärtlich, bald ſchmachtend, bald keck, bald ſpöttiſch, bald ausgelaſſen luſtig war, ein ausgezeichne⸗ ter Harfen⸗ und Pianoſpieler mit einer jener leidenſchaftlichen Stimmen, welche die Frauen nie ſingen hören können, ohne einen tiefen faſt körperlichen Eindruck zu empfinden, der Vicomte von Saint Remy, der überdies verliebt, leidenſchaftlich verliebt und hlriechender Blu⸗ immer verliebt war. In Athen würde er ohne Zweifel bewundert, geprieſen, ver⸗ göttert worden ſein wie Alcibiades; in unſern Tagen, in der Zeit, von welcher wir ſprechen, war der Vicomte nur ein Fälſcher, ein gemeiner Betrüger. Das erſte Stockwerk des Hauſes des Vicomtes hatte ein ganz männliches Ausſehen. Hier empfing er ſeine zah ſämmtlich der beſten Geſellſchaft angehörten. lreichen Freunde, die übrigens 93 Hier fand ſich nichts Kokettes, nichts Weibiſches, ein einfa⸗ ches Meublement und als Ausſchmückung ſchöne Waffen, Abbil⸗ dungen von Pferden, welche dem Vicomte eine gute Anzahl gol⸗ dener und ſilberner Becher und Vaſen gewonnen hatten, die auf den Meubles ſtanden. Das Rauch⸗ und das Spielzimmer ſtießen an einen hübſchen Speiſeſaal, wo acht Perſonen (eine Zahl, welche durchaus nicht überſchritten werden darf, wenn es ſich um ein äch⸗ tes Diner handelt) oftmals die vortreffliche Küche und den nicht minder ansgezeichneten Keller des Vicomtes ſchätzen gelerut hatten, bevor ſie mit ihm eine Partie Whiſt um 5 bis 600 Louisd'ors ſpielten oder die Würfel ergriffen. Nachdem wir dieſe beiden völlig geſchiedenen Theile des Hau⸗ ſes beſchrieben haben, möge uns der Leſer in tiefere Regionen fol⸗ gen, in den Hof eintreten und die kleine Treppe hinaufſteigen, welche zu der ſehr comfortablen Wohnung des Edward Patterſon, Vorſtehers des Marſtalls St. Remys, führte. Dieſer ausgezeichnete Kutſcher hatte Boyer, den vertrauten Kammerdiener des Vicomte, zum Frühſtück geladen. Nachdem eine ſehr hübſche engliſche Dienerin die ſilberne Theekanne gebracht und ſich wieder entfernt hatte, blieben die beiden Männer allein. Patterſon war ungefähr vierzig Jahre alt. Nie ächzte ein Bock unter einem geſchicktern und dickern Kutſcher, nie ſchaute ein rötheres, volleres Geſicht unter einer weißen Perrücke hervor, nie hielt eine linke Hand graziöſer die Zügel von vier Pferden. Er verſtand ſich auf Pferde ſo gut wie Tatterſal in London, und der Vicomte hatte in ihm einen Mann gefunden, der nicht blos ge⸗ ſchickt vom Bocke zu fahren wußte, ſondern auch alle Vortheile kannte, die bei einem Wettrennen anzuwenden ſind. . 94 Wenn Patterſon nicht in ſeiner prächtigen Livrée in Braun und Silber auf dem Bocke ſaß, glich er vollkommen einem ehr⸗ lichen engliſchen Pächter. So führen wir ihn jetzt dem Leſer vor, doch müſſen wir noch vorausſchicken, daß man in dem dicken ro⸗ then Geſichte die Schlauheit eines Roßtänſchers erkannte. Boyer, der vertraute Kammerdiener des Vicomte, war ein langer hagerer Mann mit ſchlichtem grauen Haar, kahler Stirn, ſchlauem Blick und kaltem Geſichte. Er ſprach in gewählten Aus⸗ drücken, beſaß ein ungezwungenes artiges Benehmen und eine ge⸗ wiſſe literariſche Bildung; ſeine politiſchen Anſichten waren con⸗ ſervative, und er konnte bei einem Dilettantenquartett recht gut die erſte Violine ſpielen. Von Zeit zu Zeit nahm er eine Priſe aus einer mit ächten Perlen beſetzten goldenen Doſe, worauf er mit dem Rucken ſeiner Hand, die ſo tadellos war wie die ſeines Herrn, die Falten ſeines Hemdes von feiner holländiſcher Leinwand abſtäubte. „Wiſſen Sie, lieber Patterſon,“ ſagte Boyer, „daß Ihre Magd Betty recht gut bürgerlich zu kochen verſteht?“ „Ja, ſie iſt ein gutes Mädchen,“ ſagte Patterſon, der voll⸗ kommen gut franzöſiſch ſprach, „und ich werde ſie mit in mein Gtabliſſement nehmen, wenn ich mich noch entſchließe, dies zu über⸗ nehmen. — Da wir allein ſind, ſo wollen wir denn auch von Geſchäften ſprechen, lieber Boyer. Sie verſtehen ſich ſo gut darauf.“ „Nun, ein wenig,“ ſagte Boyer beſcheiden, indem er eine Priſe nahm. „Man lernt es mit der Zeit, wenn man die Ge⸗ „ſchäfte Anderer zu führen hat.“ * „Ich möchte Sie um einen wichtigen Rath fragen, und des⸗ — halb bat ich Sie eigentlich, eine Taſſe Thee bei mir zu trinken.“ 95 „ „Ich ſtehe Ihnen ganz zu Hien. lieber Patterſon.“ „Sie wiſſen, daß ich, abgeſehen von den Rennpferden, mit dem Vicomte einen Contract eingegangen bin, für 24,000 Fres., meinen Gehalt eingerechnet, ſeinen Stall vollſtändig zu unterhal⸗ ten, Vieh und Menſchen, d. h. acht Pferde und fünf bis ſechs Stallknechte und Jungen.“ „Vier Jahre lang hat mich der Herr Vicomte pünftlich bezahlt. — In der Mitte vorigen Jahres aber ſagte er zu mir: Edward, ich bin Ihnen ungefähr 24,000 Fres. ſchuldig. Wie hoch ſchätzen Sie wenigſtens meine Pferde und Wagen? — Herr Vicomte, je⸗ des der acht Pferde kann nicht unter 3000 Fres. verkauft werden, und dann iſt es noch halb geſchenkt (— das iſt auch wahr, Boyer, denn das Paar am Phaöton iſt mit 500 Guineen bezahlt wor⸗ den —, das gäbe 24,000 Fres. für die Pferde. Dann ſind vier Wagen da; dafür wollen wir 12,000 Fres. ſetzen, und es machte alſo im Ganzen 36,000 Fres. — „Nun,“ fuhr der Herr Vicomte fort, kaufen Sie mir Alles um dieſen Preis ab, unter der Bedin⸗ gung, daß Sie mir für die 12,000 Fres., welche über Ihre For⸗ derung hinausgehen, Pferde, Wagen und Leute noch ſechs Monate zur Verfügung überlaſſen.“ „Sie ſind klüglicherweiſe den Handel eingegangen? Es war ja reiner Gewinn.“ g „Allerdings; nach vierzehn Tagen ſind die ſechs Monat um, und die Pferde, die Wagen werden mein Eigenthum.“ „Nichts einfacher. Der Kauf iſt von Bavinot, dem Geſchäfts⸗ führer des Herrn Vicomte, aufgeſetzt worden. Worin bedürfen Sie noch meines Rathes?“ „Was ſoll ich nun machen? Soll ich die Wagen und Pferde 96 verkaufen, weil der Herr Vicomte Paris verläßt, und Alles wird ſich ſehr gut verkaufen, denn er iſt als der erſte Kenner in der Stadt berühmt, vder ſoll ich mit meinem Stalle einen Pferdehan⸗ del anfangen? Es gäbe einen hübſchen Anfang. Wozu rathen Sie mir?“ „Ich rathe Ihnen das, was ich an Ihrer Stelle thun würde.“ „Wie ſo?“ „Ich befinde mich in derſelben Lage wie Sie.“ „Sie?“ „Dem Herrn Vicomte iſt das Detail zuwider. Als ich hier eintrat, beſaß ich als eigenes Vermögen und Erſparniſſe etwa 60,000 Fres. Ich habe die Ausgaben des Haushaltes beſtritten wie Sie die des Stalles, und der Herr Vicomte bezahlte mich alle Jahre, ohne die Rechnungen anzuſehen. Ungefähr um dieſelbe Zeit wie Sie hatte ich eine ziemliche Summe vorgeſchoſſen, und der Vicomte machte mir, wie Ihnen, den Antrag, mir das Mo⸗ biliar dieſes Hauſes zu verkaufen, mit Einſchluß des ſehr ſchönen Silberzenges, ſehr ſchöner Gemälde ꝛe. Alles dies wurde zum niedrigſten Preiſe, 140,000 Fres., angeſetzt; 80,000 Fres. hatte ich ausgelegt, es blieben alſo noch 60,000 übrig, von denen ich den Tiſch, den Lohn der Leute, aber weiter nichts, bezahlen ſollte, ſo lange ſie reichen würden.“ i „Bei dieſen Ausgaben gewannen Sie auch noch.“ „Es war dies nöthig, denn ich hatte mit den Lieſeranten Con⸗ tracte dahin abgeſchloſſen, daß ich erſt nach dem Verkaufe bezahlen würde,“ ſagte Boyer, indem er eine ſtarke Prieſe nahm⸗ „Nach Ablauf des jetzigen Monats —“ iant h 97 „Iſt das Mobiliar Ihr Eigenthum, wie die Pferde und Wa⸗ gen mein Eigenthum ſind.“ „Der Herr Vicomte hat dadurch erlangt, daß er in der letz⸗ ten Zeit wie ein großer Herr lebte, ſeinen Gläubigern das Mobiliar, Silbergeſchirr, Pferde, Wagen, Alles w zahlt und unſer Eigenthum geworden.“ „So iſt alſo der Herr Vicomte ruinirt?“ „In fünf Jahren —“ „Und der Vicomte hatte geerbt?“ „Eine lumpige Million,“ ſagte Boyer verächtlich, indem er wieder eine Priſe nahm. „Dieſe Million iſt ausgegeben, und er hat noch etwa 200,000 Fres. Schulden dazu gemacht. — Ich wollte Ihnen nur ſagen, daß ich die Abſicht hatte, das trefflich meublirte Haus, ſo wie es iſt, mit Wäſche, Gläſern, Porzellan, Silbergeſchirr und Treibhaus, an Engländer zu vermiethen. Manche Ihrer Landsleute würden es ſehr thener bezahlt haben.“ „Allerdings. Warum thun Sie es nicht?“ „Es iſt doch gewagt, und ich ziehe vor, das Mobiliar zu ver⸗ kaufen. Der Herr Vicomte iſt als Kenner in koſtbaren Meubles und Kunſtgegenſtänden ſo berühmt, daß das, was er beſaß, einen doppelten Werth haben wird und ich gewiß ein hübſches Sümm⸗ chen herausbringe. Machen Sie es wie ich, Herr Patterſon, ver⸗ kaufen Sie Pferde und Wagen und laſſen Sie ſich nicht in Spe⸗ eulativnen ein. Man wird einander überbieten, um Sie, den erſten Kutſcher des Herrn Vicomte von Saint Remy, zu erhalten; man ſprach geſtern ſchon von einem ganz jungen Manne, einem Vetter der Frau Herzogin von Lucenay, dem jungen Herzog von Mont⸗ briſon, der mit ſeinem Lehrer aus Italien kommt und ſein Haus⸗ weſen einrichten wird. Zweihundert und funfzigtauſend Liv. Ren⸗ Die·Gebeimniſſe von Paris. vI. 5 um Trotze; aar be⸗ 98 ten von Grundbeſitz, mein lieber Patterſon, zweimalhundert und funfzigtauſend Liv. Renten! Dabei zwanzig Jahre alt, noch voll von Vertrauen und verſchwenderiſch wie ein Fürſt! ... Ich kenne den Intendanten und kann Ihnen in Vertrauen ſagen, daß er mich bereits als erſten Kammerdiener engagirt hat, — er protegirt mich, Herr Boyer zuckte dabei die Achſeln und nahm wieder eine Prieſe. „Sie hoffen ihn zu verdrängen?“ „Er iſt ein Dummkopf, denn er führt mich in das Haus ein, als wenn ich für ihn nicht zu fürchten wäre! Ehe zwei Monate vergehen, bin ich an ſeiner Stelle —“ „Zweihundert und funfzigtauſend Liv. Renten von Grundbe⸗ ſitz!“ wiederholte Patterſon nachdenkend, — „und ein junger Mann, — das iſt ein gutes Haus.“ „Ich ſage Ihnen, hier iſt etwas zu machen. — Ich werde gegen meinen Gönner,“ ſetzte Boyer ironiſch hinzu, „für Sie ſpre⸗ chen. — Treten Sie mit ein; es iſt da ein Vermögen, das gute Wurzeln hat, und an dem man lange zehren lann. Es iſt das nicht wie die lumpige Million des Heren Vicomte ein Schneeball, den ein Strahl der Pariſer Sonne ſchmilzt. Ich habe es gleich eingeſehen, daß ich nicht lange hier ſein würde; es iſt Schade, denn das Haus machte uns Ehre, und ich werde dem Herrn Vi⸗ comte bis zum letzten Augenblicke mit der ihm gebührenden Ach⸗ tung dienen.“ „Ich danke Ihnen, lieber Boyer, und nehme Ihren Vorſchlag an. Was meinen Sie, wenn ich dem jungen Herzoge die Pferde und Wagen des Herrn Vicomte anböte? Sie ſind in ganz Paris bekannt und allgemein bewundert.“ 99 „Sehr wahr; Sie können da ein glänzendes Geſchäft machen.“ . „Warum wollen Sie ihm nicht auch das ſo prächtig einge⸗ richtete Haus anbieten, wie es ſteht und liegt? Er kann es nicht beſſer finden.“ „Wahrhaftig, Patterſon, Sie ſind ein Mann von Geiſt, das weiß ich, und Sie bringen mich da auf einen herrlichen Gedan⸗ ken. Wir müſſen uns an den Herrn Vicomte wenden; er iſt ein ſo guter Herr, daß er gewiß bei dem jungen Herzoge für uns ſpricht; er kann ja recht gut ſagen, daß er ſeine ganze Einrichtung verkaufen wolle, weil er zu der Geſandtſchaft in Gerolſtein abgehe. Laſſen Sie ſehen; 160,000 Fres. für das Haus, ganz menblirt, mit Silbergeſchirr und Gemälden, 50,000 Fres. für Wagen und Pferde, das macht ſo 230 bis 240,000 Fres. Das iſt gefunden für einen jungen Mann, der ſich Alles anſchaffen will; es würde ihm dreimal ſo viel koſten, wenn er ſich ſo elegant einrichten wollte, wie er es hier findet; denn, das muß man geſtehen, es verſteht kein Anderer zu leben wie der Vicomte.“ „Und die Pferde!“ „Und die Küche! Gottfried, der Koch, hat ſich außerordent⸗ lich vervollkommnet, ſeit er hier iſt, denn der Vicomte hat ihm die trefflichſten Lehren gegeben —“ „Ueberdies ſoll der Vicomte ein ausgezeichneter Spieler ſein.“ „Er iſt bewundernswürdig beim Spiele und gewinnt die größ⸗ ten Summen mit noch größerem Gleichmuthe, als er ſie verliert.“ „Und die Weiber! Boyer, die Weiber! Sie müſſen davon viel zu erzählen wiſſen, da Sie allein in die Zimmer im Parterre hineingehen dürfen —“ 7 * 100 „Ich habe meine Geheimniſſe, wie Sie die Ihrigen haben.“ „Ich die meinigen?“ „Erhielten Sie nicht beſonders vertrauliche Mittheilungen, als der Vicomte ſeine Pferde an den Wettrennen Antheil nehmen ließ? Ich will nichts gegen die Rechtlichkeit der Jockeys Ihrer Gegner ſagen, es ging jedoch das Gerücht —“ „Still, lieber Boyer! Ein Gentleman gefährdet den Ruf eines Jockeys, der ſo ſchwach war, auf ihn zu hören, nicht mehr —“ * „Als ein galanter Mann den Ruf einer Frau gefährdet, die ihm Zugeſtändniſſe machte; wir wollen alſo unſere Geheimniſſe, „der vielmehr die Geheimniſſe des Herrn Vicomte, bewahren, lieber Patterſon.“ „Was wird er nun vornehmen? „Er wird in einem guten Reiſewagen und mit 7 bis 8000 Franes, die er irgendwo zu finden wiſſen wird, nach Deutſchland reiſen. O, um den Herrn Vicomte bin ich unbeſorgt; er gehört zu den Perſonen, die, wenn ſie fallen, ſtets wieder auf die Beine zu ſtehen kommen, wie man zu ſagen pflegt —“ „Hat er keine Erbſchaft zu erwarten?“ „Nein, denn ſein Vater iſt nicht reich.“ „Sein Vater?“ „Allerdings —“ „Der Vater des Herrn Vicomte iſt nicht todt?“ „Er lebte wenigſtens noch vor fünf bis ſechs Monaten. — Der Herr Vicomte ſchrieb damals wegen gewiſſer Familienpapiere an ihn —“ „Man ſieht ihn ja aber niemals hier — 7 101 „Aus dem ganz einfachen Grunde, weil er ſeit funfzehn Jah⸗ ren in der Provinz, in Angers, lebt.“ „Der Vicomte beſucht ihn auch nie?“ „Seinen Vater?“ „Ja56 „Niemals.“ 7 „Sie haben ſich alſo veruneinigt?“ „Was ich Ihnen ſagen kann, iſt kein Geheimniß, denn ich weiß es von dem ehemaligen Vertrauten des Herrn Fürſten von Noirmont.“ „Des Vaters der Herzogin von Lucenay?“ fragte Patterſon mit einem bedeutungsvollen Blicke, den aber Boyer, ſeiner Zurück⸗ haltung und Verſchwiegenheit getreu, nicht beachtete. Er fuhr viel⸗ mehr ganz ruhig fort: „Die Frau Herzogin von Lucenay iſt in der That die ter des Fürſten von Noirmont; der Vater des Vichmte war der vertraute Freund des Fürſten; die Frau Herzogin war damals noch ganz jung, und der Herr von St. Remy, der Vater, der ſie ſehr liebte, behandelte ſie wie ſein eigenes Kind. Ich habe dies von Simon, dem Vertrauten des Fürſten, erfahren; auch kann ich ohne Rückhalt ſprechen, denn das Abentener, das ich erzählen will, bil⸗ dete damals das Tagesgeſpräch von ganz Paris. Der Vater des Herrn Vicomte iſt, trotz ſeinen ſechszig Jahren, ein Mann von eiſernem Charakter, von Löwenmuth uns von einer Rechtſchaffen⸗ heit, die ich fabelhaft nennen möchte. — Er beſaß faſt gar nichts und hatte aus Liebe die Mutter des Vicomte geheirathet, ein ziem⸗ lich reiches Mädchen, das die Million beſaß, welche wir dem Biwne haben durch die Finger laufen ſehen —“ en 102 Herr Boyer verneigte ſich dabei, und Patterſon folgte ſeinem Beiſpiele. „Die Ehe war eine ſehr glückliche bis zu dem Angenblicke, als der Vater des Vicomte zufällig, wie man ſagt, vertenfelte Briefe fand, welche klar bewieſen, daß ſeine Frau während einer Reiſe, die er gemacht, drei oder vier Jahre nach ſeiner Verheira⸗ thung, mit einem polniſchen Grafen in vertrauten Verhältniſſen geſtanden hatte.“ „Die Polen haben darin viel Glück. — Als ich bei dem Herrn Marquis von Senneval war, fand man die Frau Mar⸗ quiſe —“ Boyer unterbrach ſeinen Cameraden. „Sie ſollten, mein lieber Patterſon, wiſſen, wie unſere großen Familien verwandt ſind, ehe Sie ſprechen; ſonſt ſetzen ſie ſich ſchlim⸗ ʒ men Dingen aus.“ „Wie ſo?“ „Die Frau Marquiſe von Senneval iſt die Schweſter des Herrn Herzogs von Montbriſon, in deſſen Dienſt Sie zu treten wünſchen —“ B „Der Teufel!“ Ayfr ni Bedenken Sie, wenn Sie in ſolchen Ausdrücken in Gegen⸗ wart von Andern geſprochen hätten! Man würde Sie nicht vier⸗ undzwanzig Stunden im Hauſe geduldet haben.“ 3Sie haben Recht, Boyer; ich werde mich um die Verwandt⸗ ſchaften bekümmern.“ nn „Weiter. Der Vater des Vicomte entdeckte alſo nach einer zwölf⸗ oder funfzehnjährigen Ehe, daß er ſich über einen polniſchen Grafen zu beklagen hatte. Glücklicher- oder unglücklicherweiſe war der Herr Vicomte neun Monate nach der Rückfunft ſeines Vaters 103 oder vielmehr des Grafen von St. Remy von jener verderblichen Reiſe zur Welt gekommen, ſo daß er, trotz großer Wahrſcheinlich⸗ keit, nicht gewiß wußte, ob der Herr Vicomte die Frucht eines Ehebruchs ſei. Trotzdem trennte ſich der Graf ſofort von ſeiner Frau, wollte keinen Pfennig mehr von dem Vermögen haben, das ſie ihm zugebracht hatte und zog ſich mit etwa 80,000 Fres., die er beſaß, in die Provinz zurück. Bedenken Sie aber den Groll dieſes Mannes. Obgleich die Beleidigung bereits vor funfzehn Jahren geſchehen war, als er ſie entdeckte, alſo eigentlich Verjäh⸗ rung hätte eingetreten ſein müſſen, ſo machte er ſich doch in Be⸗ gleitung des Herrn von Fermont, eines Verwandten, auf, um den Polen; den Verführer, aufzuſuchen. Nachdem er ihn anderthalb Jahre lang in faſt allen Städten Europas geſ hatte, traf er ihn endlich in Venedig.“ „Wie eigenſinnig!“ „In Venedig kam es zu einem ſirterlicen Duell, in wel⸗ chem der Pole auf dem Platze blieb. Alles geſchah ganz in der Ordnung, aber der Vater des Vicomte zeigte, wie man ſagt, eine ſo große Freude, als er den Polen tödtlich verwundet ſah, daß ſein Vetter, der Herr von Fermont, ihn mit Gewalt von dem Kampfplatze hinwegreißen mußte, da der Graf durchaus, wie er ſagte, ſeinen Feind vor ſeinen Augen ſterben ſehen wollte.“ „Welcher Mann!“ „Der Graf kam nun nach Paris zurück, ging zu ſeiner Frau, erzählte ihr, daß er den Polen getödtet habe, und entfernte ſich wieder. Seitdem hat er weder ſie noch ſeinen Sohn wiedergeſe⸗ hen und ſich nach Angers zurückgezogen; dort ſoll er wie ein Wehrwolf von dem Ueberreſte ſeiner 80,000 Fres. keben, die, wie Sie ſich denken können, durch die Reiſen hinter dem Polen her ſehr 104 zuſammengeſchmolzen ſind. In Angers geht er mit Niemand um, als mit der Frau und Tochter ſeines Verwandten Fermont, der ſeit einigen Jahren todt iſt. Uebrigens hat dieſe Familie Unglück gehabt, denn der Bruder der Frau von Fermont ſoll ſich vor ei⸗ nigen Monaten erſchoſſen haben.“ „Und die Mutter des Vicomte?“ „Er hat ſie ſchon längſt verloren. Nachdem er mündig ge⸗ worden, erhielt er das Vermögen derſelben. Sie ſehen alſo, lie⸗ ber Patterſon, daß der Herr Man von ſeinem Vater mn oder nichts zu erwarten hat — „Der Vater muß ihn überdies haſſen.“ Er mochte ihn nie ſehen, ſeitdem er die fragliche Entdeckung gemacht hat, wahrſcheinlich er überzeugt iſt, be der Vicomte der Sohn des Polen iſt —“ Das Geſpräch der beiden Männer wurde durch einen rieſen⸗ haften, ſorgfältig gepuderten Lakai unterbrochen. „Herr Boyer, der Herr Vicomte hat bereits ntun⸗ gelt,“ ſagte der Rieſe. Boyer ſchien außer ſich über viſen ſeinen Mangel an Auf⸗ merkſamkeit zu ſein, ſtand ſofort auf und folgte dem Lakai ſo eil⸗ fertig und ehrerbietig, als wäre er üic der Wiseuttehm des S*5 ſes ſeines Herrn geweſen. CX. Der Graf von St. kemy. zwei Stunden nachdem Boyer ſeinen Freund Pat⸗ terſon verlaſſen und ſich zu dem Herrn von Saint Remy begeben hatte, klopfte der Vater des Letztern an der Hausthür in der Straße Chaillot an. Der Graf von Saint Remy war ein hochgewachſener und trotz ſeinem Alter noch rüſtiger und kräftiger Mann; „die faſt kupferrothe Farbe ſeines Teints ſtach ſeltſam von der blendenden Weiße ſeines Bartes und Haares ab; ſeine ſchwarz gebliebenen dichten Brauen bedeckten zur Hälfte ſeine ſtechenden tief in den Höhlen liegenden Augen. Ob er gleich aus einer gewiſſen miſan⸗ thropiſchen Manie faſt ſchmutzige Kleidungsſtücke trug, ſo lag doch in ſeinem ganzen Weſen etwas Ruhiges, Stolzes, das Achtung gebot. Die Thür des Hauſes ſeines Sohnes wurde geöffnet, und er trat ein. Eein Portier in vollſtändiger Liprée, braun und Silber, ge⸗ pudert und mit ſeidenen Strümpfen, erſchien auf der Schwelle ſei⸗ ner zierlichen Wohnung, welche ſich zu der verräucherten Stube 106 ½ as Verkaufslveal einer modiſchen Putzhänd⸗ Pipelets verhielt, wie d lerin zu der Bude einer Trödlerin. „Herr von Saint Remy?“ fragte der Graf kurz. Portier mit verächtlicher Statt zu antworten, betrachtete der ſchabten Rock und den Verwunderung den weißen Bart, den abge alten Hut des Unbekannten, der einen dicken Rohrſtock in der Hand hielt. „Herr von Saint Remy?“ fragte der Graf, ungeduldig und verletzt vurch das Anſtarren des Portiers, nochmals. 5 „Der Herr Vicomte iſt nicht zugegen.“ Nach dieſen Worten zog der Portier die Schnur und for⸗ derte den Unbekannten mit einer bedentungsvollen Geberde auf, ſich zu entfernen. „Ich werde warten,“ ſagte der Graf. Und er ging weiter. „He! Guter Mann, ſo tritt man nicht in die Häuſer hinein“ rief der Portier, indem er dem Grafen nachlief und ihn am Arme faßte. . ò⁵ 3 4 „Menſch!“ antwortete der Alte mit drohender Miene, und in⸗ vem er den Stock erhob, „Du wagſt, mich anzurühren!“ „Ich werde noch mehr wagen, wenn Sie nicht augenblicklich das Haus verlaſſen. Ich habe Ihnen geſagt, daß der Herr Vi⸗ comte nicht zu Hauſe iſt, alſo entfernen Sie ſich.“ In dieſem Augenblicke erſchien Boyer, der den Lärm gehört hatte, auf den Stufen vor dem Hauſe. 0 Fſi i „Was bedeutet dieſer Lärm?“ fragte er. ni „Herr Boyer, dieſer Mann will durchaus herein, obgleich ich ihm geſagt habe, daß der Herr Vicomte nicht zu Hauſe iſt.“ „Machen wir der Sache ein Ende,“ ſprach der Graf, indem 107 er ſich an Boyer wendete, welcher näher getreten war; „ich will mit meinem Sohne ſprechen; wenn er ausgegangen iſt, ſo warte ich.“ Boyer kannte, wie bereits erwähnt, allerdings die Eriſtenz und den Menſchenhaß des Vaters ſeines Herrn, er verſtand ſich auch ziemlich gut auf den Geſichtsausdruck, zweifelte deshalb kei⸗ nen Augenblick an der Identität des Grafen, verbeugte ſich ehrer⸗ bietig vor demſelben und antwortete: „Wenn der Herr Graf mir folgen will, ſtehe ich zu Dien⸗ „Gehen Sie voran,“ antwortete Herr von Saint Remy, der zur großen Verwunderung des Portiers Boyer begleitete. Der Graf gelangte, indem er dem Kammerdiener immer folgte, in die erſte Etage. Sein Führer, der mit ihm durch das Arbeits⸗ zimmer Floreſtans von Saint Remy (wir werden von jetzt an den Vicomte mit dieſem ſeinen Taufnamen bezeichnen, um ihn von ſei⸗ nein Vater zu unterſcheiden) hindurchgegangen war, geleitete ihn in ein Zimmer, welches an das erwähnte anſtieß und ſich unmit⸗ telbar über dem Boudvir im Erdgeſchoſſe befand. „Der Herr Vicomte mußte dieſen Morgen ausgehen,“ ſagte Boyer; „er wird aber bald zurückkommen; wenn der Bert Graf alſo auf ihn warten will . Der Kammerdiener verſchwand. u Als der Graf allein war, ſah er ſich ziemlich gleichgiltig um; mit einem Male fuhr er heftig zuruck, ſein Geſicht färbte ſich röther, und Zorn verzerrte ſeine Züge. Er hatte das Portrait ſeiner Frau, der Mutter Floreſtans von Saint Remh, erblickt. n Er ſchlug die Arme über der Bruſt zuſammen, ließ den Kopf 108 * ſinken, gleichſam um das Bild nicht mehr zu ſehen, und ging mit großen Schritten auf und ab. „Seltſam!“ ſprach er bei ſich. „Die Frau iſt todt; ich habe ihren Liebhaber getödtet, und doch ſchmerzt mich meine Wunde noch ſo ſehr wie am erſten Tage; mein Rachedurſt iſt noch nicht geſtillt; mein Menſchenhaß, der mich faſt ganz von der Welt fern hält, ließ mich ſtets mit dem Gedanken an meine Beſchimpfung allein, — ja, der Tod des Mitſchuldigen der Ehrloſen hat meine Entehrung gerächt, — aber ſie nicht aus meinem Gedächtniſſe verwiſcht. „Ich weiß es wohl, mein Haß iſt unheilbar, weil ich funf⸗ zehn Jahre lang getäuſcht wurde, weil ich funfzehn Jahre lang eine Elende, die mich hinterging, geachtet und geehrt, weil ich ih⸗ ren Sohn, den Sohn ihres Verbrechens, geliebt habe wie mein eigenes Kind, — denn der Widerwille, den mir dieſer Floreſtan jetzt einflößt, beweiſt mir nur zu gut, daß er die Frucht des Ehe⸗ bruchs iſt. . „Und doch habe ich keine abſolute Gewißheit davon; er könnte doch mein Sohn ſein — und bisweilen iſt dieſer Zweifel ſchreck⸗ lich für mich. „Wenn er mein Sohn doch wäre! Dann wäre die Abnei⸗ gung, die ich immer gegen ihn bewieſen, und meine Weigerung, ihn zu ſehen, unverzeihlich. Indeſſen, er iſt reich, jung, glücklich; worin hätte ich ihm nützlich ſein können? Nun, ſeine Liebe hätte vielleicht den Kummer gemildert, den mir ſeine Mutter gemacht hat —“ Nach einem kurzen Nachdenken fuhr der Graf achſelzuckend Ku fort: „Immer wieder dieſe unſinnigen Vermuthungen, aus denen 109 doch nicht herauszukommen iſt, und die alle meine Wunden wie⸗ der aufreißen! — Sei ein Mann, Alter, und kämpfe die alberne peinliche Empfindung nieder, die Du fühlſt, wenn Du bedenkſt, daß Du den wiederſehen wirſt, welchen Du zehn Jahre lang ge⸗ liebt, faſt vergöttert haſt — — ihn, ihn, den Sohn jenes Man⸗ nes, den Du mit Wonne unter Deinem Degen fallen, deſſen Blut Du hocherfreut fließen ſaheſt! Man hinderte mich, ſeinem Verſchei⸗ den beizuwohnen! Man wußte nicht, was es heißt, ſo ſchmerzlich verwundet zu ſein, wie ich es war. Und dann der Gedanke, daß mein immer geachteter und geehrter Name ſo vft mit Hohn und Spott genannt worden ſein muß, — wie man den Namen eines betrogenen Ehemannes ausſpricht; der Gedanke, daß mein Name, mein Name, auf den ich immer ſo ſtolz geweſen bin, jetzt dem Sohne des Mannes angehört, dem ich das Herz hätte aus dem Leibe reißen mögen! Ich weiß nicht, warum ich nicht verrückt werde, wenn ich daran denke.“ * Herr von Saint Remy ging aufgeregt hin und her, ſchob dann den Thürvorhang bei Seite, welcher das Zimmer von dem Arbeitszimmer Floreſtans trennte, und trat einige Schritte in daſ⸗ ſelbe hinein. Er war eben erſt verſchwunden, als eine kleine verborgene Thür leiſe geöffnet wurde und die Herzogin von Lucenay, von einem großen grünen Caſchemirſhawl umhüllt, in das Zimme trat, welches der Graf verlaſſen hatte. Erklären wir die Urſache dieſer unerwarteten Erſcheinung. Floreſtan von Saint Remy hatte den Abend vorher mit der Herzogin ein Stelldichein für den nächſten Morgen verabredet. Da ſie, wie erwähnt, einen Schluſſel zu der kleinen Thür nach dem Gäßchen zu beſaß, ſo war ſie wie gewöhnlich durch das Treib⸗ 110 haus hereingekommen und hatte Floreſtan in den untern Zimmern zu finden geglaubt. Da ſie ihn hier nicht ſah, ſo glaubte ſie (wie das bisweilen der Fall geweſen war), der Vicomte ſei in ſeinem Zimmer mit Schreiben beſchäftigt. Eine verborgene Treppe führte aus dem Bondvir in die erſte Etage. Die Herzogin ging ohne Scheu hinauf, da ſie annahm, daß der Herr von St. Remy wie gewöhnlich verboten habe, Jemanden zu ihm zu führen. Leider hatte ein ziemlich drohender Beſuch Badinots Flore⸗ ſtan genöthigt, eilig auszugehen, und darüber hatte er das Rendez⸗ vous mit der Herzogin von Lurenay vergeſſen. Dieſe wollte, als ſie Niemanden ſah, in das Cabinet eintre⸗ ten, als die Thürvorhänge auseinander geſchlagen wurden und die Herzogin vor dem Vater Floreſtans ſtand. Sie konnte einen Schrei des Entſetzens nicht zurückhalten. „Clotilde!“ rief der Graf verwundert aus. Der Herr von Saint Remy, der ein vertrauter Freund des Fürſten von Noirmont, des Vaters der Herzogin von Lucenay, geweſen und dieſe als Kind und junges Mädchen gekannt, hatte ſie ſonſt ſo vertraulich bei ihrem Taufnamen genannt. Die Her⸗ zogin blieb unbeweglich ſtehen und betrachtete überraſcht den ſchlecht gekleideten alten Mann mit dem weißen Barte, an deſſen Züge ſie ſich nur undeutlich erinnerte. „Sie, Clotilde —,“ wiederholte der Graf im Tone ſchmetz⸗ lichen Vorwurfs, „Sie — hier — bei meinem Sohne!“ Dieſe letztern Worte gaben den unklaren Erinnerungen der Herzogin von Lucenay eine beſtimmte Richtung; ſie erfannte jetzt den Vater Floreſtans und rief aus: „Herr von Saint Remy!“ Ihre Lage war ſo bedeutungsvoll und unzweifelhaft, daß es 111 die Herzogin, deren ercentriſchen und entſchloſſenen Charakter man übrigens ſchon kennt, verſchmähte, zu einer Lüge zu greifen, um ihre Anweſenheit in der Wohnung Floreſtans zu erklären. Sie rechnete auf die wahrhaft väterliche Liebe, welche der Graf früher für ſie gehegt hatte, reichte ihm die Hand und ſagte mit dem ihr eigenen zugleich grazibſen, herzlichen und kecken Weſen: „Schelten Sie mich nicht; — Sie ſind mein älteſter Freund; erinnern Sie ſich, daß Sie mich vor zwanzig Jahren Ihre liebe Clotilde nannten.“ „Ja, ſo nannte ich Sie, aber —“ „Ich weiß im voraus Alles, was Sie mir ſagen wollen; Sie kennen aber meinen Spruch: Was iſt, iſt — und was ge⸗ ſchehen ſoll, geſchieht. . .“ „Clotilde!“ „Erſparen Sie mir Ihre Vorwürfe und laſſen Sie mich lieber von meiner Freude ſprechen, Sie wieder zu ſehen. — Ihre Anwe⸗ ſenheit erinnert mich an vielerlei, zuerſt an meinen armen Vater und dann an meine funfzehn Jahre. — Ach, wie ſchön iſt es, wenn man erſt funfzehn Jahre zählt!“ „Nur weil Ihr Vater mein Freund war, werde ich —“ „Ach ja,“ unterbrach ihn die Herzogin,“ er liebte Sie ſo ſehr! Erinnern Sie ſich? — er nannte Sie lachend den Mann mit den grünen Bändern. Sie ſagten immer zu ihm: Sie ver⸗ ziehen die Clotilde, nehmen Sie ſich in Acht, und er antwortete, waͤhrend er mich küßte: ich glaube es ſelbſt, daß ich ſie verziehe, aber ich muß meine Zärtlichkeit verdoppeln, denn bald wird mir die Welt ſie entreißen und noch mehr verziehen. — Der vortreff⸗ liche Vater! Welchen Freund habe ich in ihm verloren!“ In den ſchönen Augen der Herzogin glänzte eine Thräne, dann reichte ſie 3 dem Herrn von Saint Remy die Hand und ſagte mit bewegter Stimme zu ihm: „ja, ich freue mich ſehr, Sie wieder zu ſehen. Sie wecken Erinnerungen in mir, die meinem Herzen ſo theuer ſind!“ Obwohl der Graf den vriginellen Charakter der Herzogin ſchon lange kannte, ſo überraſchte ihn doch die Leichtfertigkeit, mit welcher ſie über den Umſtand hinwegging, bei ihrem Geliebten den Vater ihres Geliebten zu treffen. „Wenn Sie ſchon lange in Paris ſind,“ fuhr die Herzogin von Lucenay fort, „ſo iſt es unrecht von Ihnen, daß Sie mich nicht bereits beſucht haben; wir würden ſo Vieles von der Ver⸗ gangenheit geſprochen haben, denn, wiſſen Sie? ich nähere mich dem Alter, in welchem es einen außerordentlichen Reiz hat, zu al⸗ ten Freunden zu ſagen: erinnern Sie ſich?“ Die Herzogin hätte nicht mit ruhigerer Ungezwungenheit ſprechen können, wenn ſie einen Morgenbeſuch in ihrem Palaſte empfangen. Der Herr von Saint Remy konnte nicht umhin, in ſtrengem Tone zu ihr zu ſagen: „Es würde beſſer ſein, ſtatt von der Vergangenheit zu reden, von der Gegenwart zu ſprechen; mein Sohn kann jeden Augenblick zurückfommen —“ „Nein,“ unterbrach ihn Clotilde, „ich habe den Schlüſſel zu der kleinen Thüre des Treibhauſes, und man meldet ſeine Ankunft ſtets durch einen Schellenzug, wenn er durch die große Thüre ein⸗ tritt; höre ich dies, ſo werde ich ſo geheimnißvoll verſchwinden, wie ich gekommen bin, und Sie in Ihrer Freude nicht ſtören, Flo⸗ reſtan wieder zu ſehen. Wie angenehm werden Sie ihn über⸗ 113 1 raſchen! Sie haben ihn ſo lange nicht geſehen! Ich hätte Ihnen eigentlich Vorwürfe zu machen —“ „Mir? mir?“ „Gewiß. Welchen Führer, welche Stütze hatte er bei ſeinem Eintritte in das Leben? Und der Rath eines Vaters iſt in ſo vie⸗ len tauſend Fällen gar nicht zu entbehren. Aber, aufrichtig, es war ſehr unrecht von Ihnen, daß —“ Die Herzogin überließ ſich hier ganz ihrem ſeltſamen Charak⸗ ter, unterbrach ſich durch lautes Lachen und ſagte dann zu dem Grafen: „Geſtehen Sie nur, es iſt ſeltſam und ſehr pikant, daß ich Ihnen hier gute Lehren gebe.“ „Ja, das iſt allerdings ſeltſam, aber ich verdiene weder Ihre Vorwürfe, noch Ihre Lobſprüche. — Ich ſuche meinen Sohn auf, aber nicht ſeinetwegen. In ſeinem Alter braucht er meinen Rath nicht, oder wenigſtens nicht mehr.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie müſſen wiſſen, aus welchen Gründen mir die Geſellſchaft und namentlich Paris zuwider iſt,“ ſprach der Graf. „Es konn⸗ ten mich deshalb nur Umſtände von der größten Wichtigkeit nöthi⸗ gen, Angers zu verlaſſen und gar hierher, — in dieſes Haus zu kommen. Aber ich mußte meinen Widerwillen niederkämpfen und mich an alle diejenigen Perſonen wenden, die mir bei Nachfor⸗ ſchungen, welche mir hochſt wichtig ſind, behülflich und nützlich ſein können.“ „O, in dieſem Falle,“ fiel die Herzogin mit dem liebevollſten Eifer ein, verfügen Sie ganz über mich, wenn ich Ihnen in etwas dienen kann. Handelt es ſich um ein Geſuch? Der Herzog von Lucenay muß ein gewiſſes Anſehen haben, denn an den Tagen, Die Geheimniſſe von Paris. VI. 8 wann ich bei me 114 * iner Großtante von Montbriſon ſpeiſe, ladet er Deputirte zur Tafel; das thut man nicht ohne Abſicht; dieſe Be⸗ läſtigung muß durch irgend einen Vortheil wieder ausgeglichen werden. Er hat oder ſucht demnach wohl einen Einfluß auf Leute, die in der jetzigen Zeit großen Einfluß haben follen⸗ Alſo noch einmal, wenn wir Ihnen dienen können, fo verfügen Sie ganz über uns. Mein junger Vetter, der kleine Herzog von Montbri⸗ ſon ferner, iſt ſelbſt Pair und mit der ganzen jungen Pairie ge⸗ nau bekannt. eine aufopfernde Freundin bin.“ „Ich weiß es und ſchlage Ihre Unterſtützung nicht aus, ob⸗ gleich —“ Könnte er vielleicht etwas thun? In dieſem Falle ſtelle ich ihn Ihnen ebenfalls zur Verfügung. Mit einem Worte, rechnen Sie ganz auf mich und die Meinigen; Sie wiſſen, daß ich „Wir wollen ſehen. — Wir ſind Leute von Welt und wollen von keiner Bedeutung für die Sache ſein, für die Sie ſich intereſ⸗ als ſolche handeln. Ob wir hier ſind oder anderswo, das wird ſiren, und für die ich mich nun auch außerordentlich intereſſire, weil ſie die Ihrige iſt. Laſſen Sie uns davon reden, und recht gründ⸗ lich, ich verlange es —“ Bei dieſen Worten trat die Herzogin an den Kamin, ſtützte ſich auf denſelben und ließ den ſchönſten Fuß von der Welt ſehen. Sie ergriff mehr von dem Vicomte zu ſprechen und ſich mit dem Herrn von Saint Remy über einen Gegenſtand zu unterhalten, der für den⸗ ſelben von großer Wichtigkeit zu ſein ſchien. Anders würde das Benehmen Clotildens der Mutter Floreſtans ſo, mit vollkommenem Tact, die Gelegenheit, nicht 115 gegenüber geweſen ſein; dieſer würde ſie mit Stolz geſtanden und auseinandergeſetzt haben, wie theuer er ihr ſei. Der Herr von Saint Remy konnte ſich trotz ſeiner Rauhheit und ſeinem Rigvrismus der Einwirkung der herzlichen Anmuth dieſer Frau nicht entziehen, welche er als Kind gekannt und ge⸗ liebt hatte. Er vergaß faſt, daß er mit der Geliebten ſeines Soh⸗ nes ſprach. „Sie wiſſen vielleicht nicht, Clotilde,“ ſagte der Graf, „daß ich ſeit langer Zeit in Angers wohne?“ „Ich weiß es.“ „Außer wegen der Abgeſchiedenheit, die ich ſuchte, hatte ich dieſe Stadt auch darum gewählt, weil dort einer meiner Verwand⸗ ten wohnte, der Herr von Fermont, der bei dem ſchrecklichen Un⸗ glücke, das mich betraf, wie ein Bruder gegen mich gehandelt hat. Nachdem er mich in alle Städte Europas begleitet, wo ich — einen Mann zu finden hoffen konnte, den ich ermorden wollte, war er mein Secundant in einem Duell —“ „Ja, in einem ſchrecklichen Duelle; mein Vater hat mir frü⸗ her Alles erzählt,“ fiel die Herzogin von Lucenay traurig ein; „aber zum Glück weiß Floreſtan eben ſo wenig etwas von dieſem Duell, wie von der Veranlaſſung deſſelben —“ „Ich wollte ihm die Achtung für ſeine Mutter laſſen,“ ant⸗ wortete der Graf, der einen Seufzer unterdrückte und dann fort⸗— fuhr: 1 „Nach einigen Jahren ſtarb Fermont in Angers in meinen Armen und hinterließ eine Tochter und eine Frau, die ich, trotz meinem Menſchenhaſſe, lieben mußte, weil es in der Welt nichts Reineres, nichts Edleres geben kann, als dieſe beiden Weſen. Ich 116* wohnte allein in einer von der Stadt entlegenen Vorſtadt, wenn aber meine finſtere Verſtimmung etwas von mir wich, beſuchte ich die Frau von Fermont, um mit ihr und ihrer Tochter von dem zu ſprechen, welchen wir verloren hatten⸗ Ich ſtärkte und beru⸗ higte mich, wie damals als mein Freund noch lebte, in dieſem freundſchaftlichen Kreiſe, auf den ich meine ganze Liebe übergetra⸗ gen hatte. Der Bruder der Frau von Fermont wohnte in Paris; er beſorgte alle Geſchäfte ſeiner Schweſter nach dem Tode ihres Mannes und legte bei einem Notar die 100,000 Thaler an, welche das Vermögen der Wittwe ausmachten. Nach einiger Zeit betraf die Frau von Fermont ein neues ſchreckliches Unglück; ihr Bru⸗ der, der Herr von Renneville, nahm ſich vor etwa acht Monaten ſelbſt das Leben⸗ Ich tröſtete ſie, ſo gut ich es vermochte. Nach⸗ dem ihr erſter Schmerz ſich etwas beruhigt hatte, reiſte ſie nach Paris, um ihre Angelegenheiten zu ordnen. Nach einiger Zeit erfuhr ich, daß man auf ihren Befehl das beſcheidene Mobiliar in dem Hauſe verfaufe, das ſie in Angers gemiethet hatte, und daß man mit dem Erlöſe einige Schulden bezahlte, die ſie in Angers ʒurückgelaſſen. Dieſer Umſtand beunruhigte mich, ich erkundigte mich und erfuhr, die unglückliche Frau befände ſich mit ihrer Toch⸗ ter in großer Noth, da ſie wahrſcheinlich die Opfer eines Banke⸗ rottes geworden. Wenn die Frau von Fermont in einem ſolchen Unfalle auf Jemanden rechnen konnte, ſo war ich es, — aber ich erhielt durchaus keine Nachricht von ihr. Ich erkannte den Werth des freundſchaftlichen umgangs mit ihr erſt recht, nachdem ich ihn verloren hatte. Sie können ſich vorſtellen, wie beſorgt ich geweſen bin, was ich gelitten habe ſeit der Abreiſe der Frau von Fermont mit ihrer Tochter. Ihr Vater, ihr Mann war mir ein Bruder; ich mußte ſie alſo durchaus ausfindig machen und erfahren, warum M ſie ſich in ihrem Unglücke nicht an mich wendeten, ſo arm ich auch ſelbſt bin; ich reiſte alſo ab, um hierher zu kommen, und ließ in Angers Jemanden zurück, der mir Nachricht geben ſollte, wenn er zufällig etwas erfahre —“ „Nun?“ . „Noch geſtern habe ich einen Brief erhalten; man weiß nichts. Sobald ich in Paris ankam, habe ich meine Nachforſchungen be⸗ gonnen. — Zuerſt begab ich mich in die ehemalige Wohnung des Bruders der Frau von Fermont. Da ſagte man mir, ſie wohne am Kai des Kanals Saint Martin —“ „Und dieſe Adreſſe?“ „War allerdings die ihrige geweſen, aber man kannte ihre neue Wohnung nicht. Leider ſind bisher meine Nachforſchungen vergeblich geweſen. Nach tauſend nutzloſen Verſuchen, und ehe ich ganz verzweifelte, entſchloß ich mich, hierher zu kommen vielleicht hat ſich die Frau von Fermont, die aus einem mir unerklärlichen Grunde mich nicht um Hülfe und Beiſtand angegangen, an mei⸗ nen Sohn, als den Sohn des beſten Freundes ihres Mannes, ge⸗ wendet. — Freilich iſt auch dieſe letzte Hoffnung eine ſehr ſchwache, aber ich will nichts unverſucht gelaſſen haben, um die arme Frau und ihre Tochter aufzufinden.“ Die Herzogin von Lucenay hörte ſeit einigen Minuten den Grafen mit geſteigerter Aufmerkſamkeit anz mit einem Male ſagte ſie dann: „Es waͤre wirklich ſonderbar, wenn es dieſelben Perſonen ſein ſollten, für die ſich die Frau von Harville intereſſirt —“ „Welche Perſonen?“ fragte der Graf. „Die Wittwe, von welcher Sie ſprechen, iſt noch jung, nicht wahr? ihr Geſicht ſehr edel?“ 118 „Allerdings; — aber woher wiſſen Sie . „Ihre Tochter, die ſchön iſt wie ein Engel, ſteht etwa im ſechszehnten Jahre?“ „Ja — ja —“ „Sie heißt Clara?“ „Ach, um aller Barmherzigkeit willen, ſagen Sie mir, wo ſie ſind.“ „Das weiß ich leider nicht.“ „Sie wiſſen es nicht?“ „Ich will Ihnen erzählen, was geſchehen iſt. Eine Freun⸗ din, die Frau von Harville, kam zu mir, um mich zu fragen, ob ich nicht eine Wittwe kenne, deren Tochter Clara heiße und deren Bruder ſich erſchoſſen habe. Die Frau von Harville wendete ſich an mich, weil ſie auf dem Concepte eines Briefes, den ſie an eine unbekannte Perſon geſchrieben und in dem ſie um Unterſtützung gebeten, die Worte geſehen hatte: „an die Herzogin von Lu⸗ cenay zu ſchreiben.“ „Sie wollte an Sie ſchreiben, — an Sie — und warum?“ „Das weiß ich nicht; ich kenne ſie nicht.“ „Aber ſie kennt Sie!“ rief der Herr von Saint Remy aus, dem ein Gedanke durch den Kopf ſchoß⸗ „Was ſagen Sie?“ „Sie hat mich hundert Male von Ihrem Vater, von Ihnen, von Ihrem edeln und vortrefflichen Herzen ſprechen hören, und in ihrem Unglücke wird ſie ſich entſchloſſen haben, ſich an Sie zu wenden —“ 7 „So läßt es ſich allerdings erklären —“ „Wie aber war die Frau von Harville in Beſitz jenes Brief⸗ conteptes gekommen?“ Sh 119 „Das weiß ich auch nicht. Ich weiß nichts weiter, als daß ſie auf der Spur der Unglücklichen war, ſie aber noch nicht hatte ausfindig machen können.“ „So erſuche ich Sie, Clotilde, mich bei der Frau von Har⸗ ville einzuführen; ich muß ſie noch heute ſehen —“ „Das iſt nicht möglich. — Ihr Gemahl iſt das Opfer eines entſetzlichen Unfalls geworden; ein Gewehr, das er für nicht ge⸗ laden hielt, ging in ſeinen Händen los, und er fand dabei den Tod.“ „Das iſt entſetzlich!“ „Die Marquiſe iſt ſogleich abgereiſt, um die erſte Zeit ihrer Trauer bei ihrem Vater in der Normaudie zuzubringen —“ „Clotilde, ich beſchwöre Sie, ſchreiben Sie ihr noch heute und bitten Sie um das, was ſie von der Wittwe ſchon weiß; da ſie ſich für die Arme intereſſirt, ſo ſagen Sie ihr, daß ſie keinen. eifrigern Beiſtand finden könne als mich. Mein einziger Wunſch iſt, die Wittwe meines Freundes wieder zu finden und mit ihr und ihrer Tochter das Wenige zu theilen, was ich beſitze. Sie ſind jetzt meine Familie.“ „Sie ſind noch immer ſo edel und aufopfernd wie ſonſt! Rechnen Sie auf mich; ich werde noch heute an die Frau von Harville ſchreiben. Und wohin ſende ich meine Antwort?“ „Nach Asnières, poste restante.“ „Warum wohnen Sie dort und nicht in Paris?“ „Ich haſſe Paris wegen der Erinnerungen, die es in mir weckt,“ antwortete der Graf finſter; „mein ehemaliger Arzt, Dr. Griffon, mit dem ich im Briefwechſel geblieben bin, beſitzt ein fleines Landhaus am Ufer der Seine bei Asniéres; im Winter wohnt er nicht dort, und er bot es mir an. Es iſt dies faſt wie 5 120 in einer Vorſtadt von Paris, und ich kann, wenn ich meinen Nach⸗ forſchungen nachgegangen bin, dort ganz allein ſein. — Ich nahm es alſo an.“ „ „Ich werde Ihnen alſo nach Asnières ſchreiben. Uebrigens kann ich Ihnen ſchon jetzt eine Nachricht geben, welche Ihnen vielleicht nützlich iſt und die ich der Frau von Harville verdanke. Das Unglück der Frau von Fermont iſt durch den Betrug des Notars herbeigeführt worden, welchem ihr ganzes Vermögen über⸗ geben worden war. Der Notar hat es abgeläugnet, das Geld erhalten zu haben —“ „Der Nichtswürdige! Wie heißt er?“ „Jacob Ferrand,“ antwortete die Herzogin, welche einer Lach⸗ lnſt nicht widerſtehen konnte. „Wie ſonderbar Sie doch ſind, Clotilde! Das iſt ſehr ernſt und ſehr traurig, und — Sie lachen!“ ſagte der Graf verwun⸗ dert und unwillig. Die Herzogin hatte bei der Erinnerung an die Liebeserklärung des Notars einen Anflug von Lachluſt nicht unterdrücken können. „Verzeihen Sie mir, alter Freund,“ ſagte ſie; „ich lache, weil dieſer Notar ein ſehr ſonderbarer Menſch iſt, und man von ihm ſehr lächerliche Dinge erzählt. — Jetzt ernſtlich! Wenn ſein Ruf von Rechtſchaffenheit eben ſo wenig verdient iſt wie der ſeiner Frömmigkeit und Sittlichkeit — und dieſer iſt nicht verdient — ſo iſt er ein großer Sünder.“ „Und er wohnt?“ „In der Rue du Sentier.“ „Ich werde ihn aufſuchen. — Das, was Sie mir von ihm ſagen, trifft ſo ziemlich mit gewiſſen Muthmaßungen zuſam⸗ men — 121 „Mit welchen?“ „Nach mehreren Erkundigungen, die ich über den Tod des Bruders meiner armen Frenndin eingezogen habe, bin ich faſt ver⸗ ſucht zu glauben, der Unglückliche habe ſich nicht ſelbſt getödtet, ſondern ſei ermordet worden —“ „Großer Gott, und was veranlaßt Sie zu dieſer Muthma⸗ ßung?“ „Mehrere Umſtände, die ich Ihnen jetzt nicht auseinander ſetzen kann. — Ich verlaſſe Sie. — Vergeſſen Sie nicht die freundlichen Anerbietungen, die Sie mir in Ihrem und Ihres Ge⸗ mahls Namen gemacht haben —“ „Sie gehen, ohne Floreſtan geſehen zu haben?“ „Das Zuſammentreffen würde für mich zu peinlich ſein, wie Sie ſich wohl denken können. — Ich wollte es ertragen, weil es die einzige Hoffnung war, hier einige Nachrichten über die Frau von Fermont zu finden, und weil ich nichts verſaͤumen wollte, was mich auf ihre Spur leiten fönnte; jetzt leben Sie wohl —“ „O, wie unbarmherzig ſind Sie!“ „Wiſſen Sie nicht —2“ „Ich weiß, daß Ihr Sohn Ihres Rathes nie mehr bedurft hat als jetzt —“ „Wie ſo? Iſt er nicht reich und glücklich?“ „Ja, aber er kennt die Menſchen nicht. Er giebt blindlings mit vollen Händen, weil er edelherzig und freigebig iſt, überall und zu jeder Zeit, und ich fürchte ſehr, man mißbraucht ſeine Güte. — Wenn Sie ſein edles Herz kennen ſollten! Ich habe es nie gewagt, ihm wegen ſeiner Ausgaben und Unordnung Voͤr⸗ würfe zu machen, erſtens weil ich wenigſtens eben ſo viel Vor⸗ 122 würfe verdiene wie er und dann — aus andern Gründen; Sie dagegen könnten recht wohl —“ Die Herzogin konnte nicht vollenden. Man hörte plötzlich die Stimme Floreſtans von Saint Remy. Er trat raſch in das anſtoßende Zimmer ein; nachdem er die Thür zugeworfen hatte, ſagte er mit bewegter Stimme zu Jeman⸗ dem, der ihn begleitete: „Ich ſage Ihnen aber, es iſt nicht möglich.“ „Und ich wiederhole Ihnen,“ antwortete die helle ſcharfe Stinme Badinots, „ich wiederhole Ihnen, daß Sie vor vier Uhr verhaftet werden; denn wenn das Geld nicht bald eintrifft, wird unſer Mann ſeine Klage bei dem königlichen Procurator einrei⸗ chen, und Sie wiſſen, was eine ſolche Fälſchung zu bedeuten hat. — Sie kommen auf die Galeeren, mein armer Vicomte.“ Der Blick, welchen die Herzogin von Lucenay und der Vater Floreſtaus mit einander wechſelten, als ſie dieſe ſchrecklichen Worte hörten, läßt ſich nicht beſchreiben. CXI. Das Gelpräch. S ls der Graf von St. Remy die ſchrecklichen Worte: „Sie kommen auf die Galeeren!“ zu ſeinem Sohne ſagen hörte, wurde er todtenbleich; er ſank an die Stuhllehne zurück. Sein ehrwürdiger und geachteter Name — entehrt durch ei⸗ nen Mann, den er die Frucht eines Ehebruchs nannte! Nachdem der erſte Schreck überwunden war, verriethen die zornigen Züge des Alten und eine drohende Geberde, welche er machte, indem er nach der Thüre hin ſchritt, einen ſo entſetzlichen Vorſatz, daß die Herzogin von Lucenay ſeine Hand ergriff, ihn zu⸗ rückhielt und leiſe, im Tone der innigſten Ueberzeugung, zu ihm ſagte: „Er iſt unſchuldig, — ich ſchwöre es Ihnen! Hören Sie ſchweigend zu.“ Der Graf blieb ſtehen. Er wollte glauben, was die Herzogin ſagte⸗ Dieſe war wirklich von der Rechtlichkeit Floreſtans über⸗ zeugt. Um neue Opfer von dieſer ſo blindlings freigebigen Frau zu erlangen, Opfer, die ihn allein vor gefänglicher Einziehung ſchützen konnten und vor den Verfolgungen des Notars Jacob Ferrand, hatte der Vicomte der Herzogin von Lucenay verſichert, er ſei von einem ſchlechten Menſchen betrogen worden, von dem er als Be⸗ zahlung einen falſchen Wechſel erhalten, und er ſei der Gefahr ausgeſetzt, als Mitſchuldiger des Fälſchers angeſehen zu werden, da er jenen falſchen Wechſel wieder ausgegeben habe. Die Herzogin, wußte, daß der Vicomte unklug, verſchweude⸗ riſch und unordentlich war, aber nie würde ſie ihn einer Nieder⸗ trächtigkeit vder Ehrloſigkeit, ja nur einer Indelicateſſe fähig ge⸗ halten haben. Sie hatte ihm zweimal unter ſehr ſchwierigen Umſtänden be⸗ deutende Summen geliehen, um ihm einen Freundſchaftsdienſt zu erweiſen, da der Vicomte dieſe Gelder immer nur unter der Be⸗ vingung angenommen hatte, ſie zurückzubezahlen, indem Andere ihm, wie er verſicherte, daß Doppelte ſchuldig wären⸗ Nach dem Lurus, mit dem er prahlte, konnte man dies wohl glauben. Uebrigens hatte die Herzogin vun Lucenay, als ſie nach ihrer angeborenen Gutherzigkeit handelte, an nichts weiter gedacht, als Floreſtan nützlich zu ſein, keineswegs aber ſich zu überzeugen geſucht, ob er die Schuld an ſie wieder werde abtragen fönnen. Er behauptete es; ſie zweifelte nicht daran; würde er ſonſt ſo be⸗ veutende Summen von ihr angenommen haben? Die Herzogin glaubte, als ſie ſich für die Ehre Floreſtans verbürgte, als ſie den alten Grafen bat, das Geſpräch ſeines Sohnes mit dem Unbe⸗ fannten ruhig anzuhören, es würde von dem Mißbrauche des Ver⸗ trauens die Rede ſein, deſſen Opfer der Vicomte geworden zu ſein vorgab, und ſeine Unſchuld demnach in den Augen ſeines Vaters vollſtändig dargethan werden. „Noch einmal,“ ſprach Floreſtan mit bebender Stimme, „die⸗ ſer Petit⸗Jean iſt ein ehrloſer Menſch; er gab mir die Verſiche⸗ rung, daß er keine andern Wechſel habe als die, welche ich geſtern und vor drei Tagen von ihm zurückgenommen. Der vorliegende war, meiner Meinung nach, in Circulation und erſt nach drei Mo⸗ naten in London bei Adams u. C. zahlbar. „Ja, ja,“ entgegnete die helle Stimme Badinots, „ich weiß es, mein lieber Vicomte, daß Sie Ihre Angelegenheit klug genug berechnet hatten; Ihre Fälſchungen ſollten erſt an das Licht kom⸗ men, nachdem Sie abgereiſt ſein würden. — Andere Leute ſind aber auch fein.“ „Jetzt iſt es die rechte Zeit, mir dies zu ſagen, unſeliger Menſch!“ rief Floreſtan wüthend aus; „haben Sie mich nicht ſelbſt mit dem befannt gemacht, der mir dieſe Wechſel abgekauft hat?“ „Nur ruhig, lieber Ariſtocrat,“ autwortete Badinot falt. — „Sie machen die Unterſchriften vortrefflich nach; das iſt wohl zu bewundern, aber kein Grund, Ihre Freunde mit einer unangeneh⸗ men Vertraulichkeit zu behandeln. — Wenn Sie wieder auffah⸗ ren, gehe ich fort und überlaſſe es Ihnen, wie Sie ſich heraus⸗ ziehen wollen.“ . „Glauben Sie, daß man in einer ſolchen Lage ruhig bleiben könne? Wenn es wahr iſt, was Sie mir da ſagen; wenn die Klage heute noch dem königl. Procurator überreicht werden ſoll, bin ich verloren —“ „Das ſage ich ja auch, Sie müßten ſich denn noch einmal au Ihre reizende Vorſehung mit dem ſchönen blauen Augen wen⸗ den — 126 „Das geht nicht.“ „So fügen Sie ſich in Ihr Schiuſal. — Es iſt Schade, — es war der letzte Wechſel und — wegen lumpiger 25,000 Fres. nach Toulon wandern zu müſſen, iſt — ſehr ungeſchickt, ſehr dumm. Wie kann ſich ein ſo gewandter Mann wie Sie ſo in die Enge treiben laſſen!“ „Mein Gott, was ſoll ich thun? Nichts von Allem hier iſt mein Eigenthum, — ich beſitze nicht zwanzig Louisd'vrs —“ „Ihre Freunde?“ „Allen denen, welche mir borgen könnten, bin ich ſchon ſchul⸗ dig; halten Sie mich für ſo dumm, daß ich bis heute gewartet haben würde, wenn ich mich noch an ſie wenden könnte?“ „Sie haben Recht, verzeihen Sie. Wir wollen ganz ruhig von der Sache reden; ſo kommt man am beſten zu einem verſtän⸗ digen Beſchluſſe. Ich wollte Ihnen eben auseinanderſetzen, wie Sie an Einen gekommen ſind, der noch klüger iſt wie Sie, Sie mochten mich aber nicht anhören —“ So reden Sie, wenn es zu etwas nützen kann.“ „Sie ſagten vor zwei Monaten zu mir: ich habe für 113,000 Fres. langſichtige Wechſel auf verſchiedene Bankiers, lieber Badi⸗ not, ſehen Sie zu, wie ich dieſelben anbringe — „Nun?“ „Warten Sie nur. — Ich verlangte die Papiere zu ſehen. * Sin gewiſſes Etwas ſagte mir, daß dieſe Wechſel falſch wären, ob ſie gleich vollkommen nachgeahmt waren. — In Ihnen ſelbſt ſuchte ich ein ſo ausgezeichnetes kalligraphiſches Talent nicht, da ich aber Ihr Vermögen verwaltete, ſeit Sie keins mehr haben, ſo wußte ich, daß Sie vollkommen ruinirt waren. Ich hatte die Do⸗ cumente entworfen, nach denen Ihre Pferde, Ihre Wagen und das 127 Mobiliar dieſes Hauſes Boyer und Patterſon angehören; ich durfte mich alſo wohl wundern, als ich Sie im Beſitze ſo bedeutender Wechſel ſah, he?“ „Verſchonen Sie mich mit ihrem Verwundern und kommen Sie zur Sache —“ „Sogleich. — Ich bin ſo erfahren oder ſo ſchüchtern, mich nicht direct in Geſchäfte ſolcher Art zu miſchen; ich wies Sie des⸗ halb an einen Dritten, der eben ſo hell ſah wie ich und den Streich errieth, den Sie ihm ſpielen wollten —“ „Das iſt nicht möglich; er würde die Papiere nicht discon⸗ tirt haben, wenn er ſie für falſch gehalten hätte.“ „Wie viel hat er Ihnen auf dieſe 113,000 Fres. baar ge⸗ geben?“ „Fünfundzwanzigtauſend Fres. baar und das Uebrige in Creditbriefen —“ „Und was haben Ihnen dieſe Creditbriefe eingebracht?“ „Nichts, Sie wiſſen es ja; — aber er wagte doch immer 25,000 Fres.“ „O, wie unerfahren ſind Sie, mein lieber Vicomte! Da ich von Ihnen meine Commiſſtonsgebühr von 100 Louisd'ors zu erhal⸗ ten hatte, wenn das Geſchäft gelang, ſo hütete ich mich wohl, einem Dritten genau zu ſagen, wie es mit Ihrem Vermögen ſtehe; er hielt ſie noch immer für reich genug, er wußte vor allen Dingen, daß Sie von einer vornehmen, außerordentlich reichen Dame geliebt wurden, die Sie ſchwerlich in der Verlegenheit ver⸗ laſſen würde; er war demnach ſo ziemlich ſicher, wenigſtens wie⸗ der zu ſeinen Vorſchüſſen zu gelangen; zwar wagte er, das Geld zu verlieren, aber er konnte dabei auch viel gewinnen, und er hat richtig gerechnet; denn letzthin haben Sie ihm 100,000 Fres. be⸗ 128 zahlt, um den falſchen Wechſel von 58,000 Franes zurück zu er⸗ halten, geſtern 30,000 für den zweiten. — Woher nahmen Sie geſtern die 30,000 Fres.? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich das ertathe! Sie ſind ein einziger Menſch! Sie ſehen alſo, daß Petit⸗Jean, wenn er Sie nöthigt, auch den letzten Wechſel von 25,000 Fres. zu bezahlen, von Ihnen 155,000 Fres. erhalten hat für die 25,000, die er Ihnen zahlte. Er war deshalb noch klu⸗ ger als Sie.“ „Aber warum ſagte er mir, dieſer letzte Wechſel, den er heute bringt, ſei verkauft?“ „Um Sie nicht zu erſchrecken; er hatte Ihnen auch geſagt, daß die andern, außer dem vun 58,000 Fres. ſich in Circulation befänden; nachdem aber der erſte bezahlt war, kam geſtern der zweite, und ſo kommt heute der dritte.“ „Der Elende!“ „Hören Sie mich an; jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte, ſagt ein berühmter Rechtsgelehrter, deſſen Ausſpruch auch ich ſehr be⸗ wundere. Aber laſſen Sie uns ruhig überlegen. — Das beweift. vaß Petit⸗Jean (und, unter uns geſagt, ich würde mich nicht wundern, wenn der Notar Jacob Ferrand trotz ſeinem Rufe von Rechtlichkeit bei dieſen Speculationen betheiligt wäre), das beweiſt, ſage ich, daß Petit⸗Jean, nachdem Sie einmal und zweimal bezahlt haben, auf den letzten Wechſel ſpeculirt, in der Ueberzeugung, Ihre Freunde wurden Sie nicht vor die Aſſiſen ſtellen laſſen. Ihre Sache iſt es, ob dieſe Freundſchaften bereits völlig abge⸗ nutzt ſind, ob nichts mehr aus ihnen herauszupreſſen iſt, denn wenn Sie die 25,000 Fres. nicht binnen drei Stunden haben, ſo werden Sie unfehlbar eingeſteckt —“ „Sie wiederholen mir dies unaufhörlich —“ — — 129 „Weil Sie endlich einwilligen werden, dem Flügel der frei⸗ gebigen Herzogin noch eine Feder auszurupfen —“ 8 Ich wiederhole Ihnen, daß daran nicht zu denken iſt. Es wäre Thorheit, zu hoffen, ſie würde nach den Opfern, die ſie be⸗ reits gebracht hat, binnen drei Stunden noch 25,000 Fres. herbei⸗ ſchaffen können.“ „Um Ihnen gefällig zu ſein, glücklicher Sterblicher, verſucht man das Unmögliche —“ „Sie hat ſchon das Unmögliche verſucht! ſie mußte 100,000 Fres. von ihrem Manne leihen, um ſie zu erhalten; und das ſind Erſcheinungen, welche ſich nicht zweimal wiederholen. — Sehen Sie, lieber Badinot, Sie haben ſich bisher über mich nicht zu be⸗ flagen gehabt, — ich bin immer freigebig geweſen, — ſuchen Sie von dem niederträchtigen Petit⸗Jean einen Aufſchub zu erlangen. — Sie wiſſen es, ich finde immer Mittel, denjenigen zu belohnen, der mir gefäͤllig iſt. — Iſt dieſe letzte Geſchichte beſeitigt, — ſo nehme ich einen neuen Aufſchwung, — und Sie ſollen mit mir zu⸗ frieden ſein —“ „Petit⸗Jean iſt ſo unerbittlich, wie Sie jetzt unverſtändig ſind.“ „Ich —2“ „Suchen Sie nur Ihre edle Freundin für Ihr trauriges Schickſal zu intereſſiren. — Zum Teufel auch! Sagen Sie ihr geradezu, wie die Sachen ſtehen, nicht daß Sie von Fälſchern be⸗ trogen worden, ſondern daß Sie ſelbſt der Fälſcher wären —“ „Ein ſolches Geſtändniß werde ich ihr nie thun; das wäre eine Schande, ohne daß etwas dabei gewonnen würde.“ „Ziehen Sie vor, daß ſie anorgen die Sache aus der Gazette des Prihunanx erfahre?“ „Ich habe noch drei Stunden vor mir und kann fliehen —“ Die Geheimniſſe von Paris. VI. 9 130 „Wohin wollen Sie ſich wenden ohne Geld? Bedenken Sie dagegen, wenn Sie den letzten falſchen Wechſel wieder in Ihren Händen haben, befinden Sie ſich in einer ganz vortrefflichen Lage, — haben keine Schulden mehr. — Verſprechen Sie mir, noch ein⸗ mal mit der Herzogin zu reden. — Sie ſind ſo gewandt, Sie werden ſich trotz Ihren Verirrungen intereſſant machen; achtet man Sie auch etwas weniger, was ſchadet es? wenn man Sie nur aus der Verlegenheit reißt! Verſprechen Sie mir, Ihre ſchöne Freundin zu beſuchen; ich eile zu Petit⸗Jean und will Alles auf⸗ bieten, um einen Auſſchub von zwei oder drei Stunden zu erlan⸗ „Hölle und Teufel, ich müßte die Schande bis auf die Hefen leeren!“ „Ich wünſche viel Glück! Stellen Sie ſich recht zärtlich, recht leidenſchaftlich; ich eile zu Petit⸗ Jean, und Sie werden mich bis drei Uhr dort finden; ſpäter würde es nicht mehr Zeit ſein, — denn das Bureau des königl. Procurators iſt nur bis vier Uhr geöffnet —“ Badinot eutfernte ſich. Als die Thüre ſich wieder geſchloſſen hatte, hörte man Flo⸗ reſtan im Tone der höchſten Verzweiftung ausrufen: „Mein Gott! — mein Gott! mein Gott!“ Während dieſes Geſprächs, welches dem Grafen die Ehrloſig⸗ keit ſeines Sohnes und der Herzogin von Lucenay die Ehrloſigkeit des Mannes enthüllte, den Sie aufrichtig geliebt, hatten beide un⸗ beweglich dageſtanden und kaum zu athmen gewagt — unmglich läßt ſich die ſtumme Beredtſamkeit der ſchmerzlichen Scene zwiſchen der jungen Frau und dem Grafen ſchildern, als Rber das Verbrechen Floreſtans fein Zweifel mehr obwalten konnte. ein Ma 131 Der Alte ſtreckte den Arm nach dem Zimmer hinaus, in welchem ſich ſein Sohn befand, lächelte mit bitterer Ironie, warf einen vernichtenden Blick auf die Herzogin und ſchien ſagen zu wollen: „Das iſt der Mann, um deſſentwillen Sie der Schande ge⸗ trotzt und alle Opfer gebracht haben; und Sie machten mir Vor⸗ würfe, von einem ſolchen mich fern gehalten zu haben!“ Die Herzogin verſtand dieſen Vorwurf, und einen Augenblick ſenkte ſie unter der Laſt der Scham ihr Haupt. Die Lehre, die ſie empfing, war ſchrecklich genug. Allmählig aber trat an die Stelle der ſchmerzlichen Angſt, welche die Züge der Herzogin verzerrt hatte, ein gewiſſer ſtolzer Unwille. Die nicht zu entſchuldigenden Fehltritte dieſes Weibes wurden wenigſtens durch ihre aufrichtige wahre Liebe, durch ihre kühne bereitwillige Aufopferung, durch ihren großartigen Edelmuth, durch ihren offenen Charakter und den unüberwindlichen Widerwil⸗ len gegen alles Niedrige und Gemeine ausgeglichen. Sie war noch zu jung, zu ſchön, zu allgemein bewundert, als daß ſie die Demüthigung fühlen konnte, nur benutzt worden zu ſein; nachdem der Liebeszauber mit einem Male gewichen war, empfand die ſtolze und entſchloſſene Frau weder Baß noch Zorn; augenblicklich, ohne irgend einen Uebergang, tödtete eiskalte Ver⸗ achtung ihre bis dahin ſo warme Zuneigung; ſie war nicht mehr eine durch den Geliebten auf unwürdige Weiſe hintergangene Ge⸗ liebte, ſondern eine vornehme Dame, welche ſich überzengt, daß nn aus ihrer Geſellſchaft ein Betrüger oder Fälſcher iſt und ihn aus ihrem Hauſe weiſt. Selbſt angenommen, einige Umſtände hätten die Schmach Floreſtans mindern können, die Herzogin von Lucenay würde ſie nicht haben gelten laſſen. Der Mann, welcher gewiſſe Schranken 9 X 132 der Ehre aus Laſterhaftigkeit, aus Schwäche oder Leichtſinn über⸗ ſchritt, eriſtirte in ihren Augen nicht mehr, da die Ehrenhaftigkeit für ſie eine Frage von Sein und Nichtſein war. 12 Die einzige ſchmerzliche Empfindung, welche die Herzogin fühlte, erregte der fürchterliche Eindruck, welchen dieſe unerwartete Entdeckung auf den Grafen, ihren alten Freund, gemacht hatte. Er ſchien ſeit einigen Angenblicken nicht mehr zu ſehen, nicht mehr zu hören; ſeine Augen ſtierten gerade aus, ſein Haupt war auf die Bruſt geſunken, ſeine Arme hingen ſchlaff an den Seiten herab, und ſein Geſicht war todtenbleich geworden. Von Zeit zu Zeit hob ein frampfhafter Seufzer ſeine Bruſt. Bei einem eben ſo entſchloſſenen wie energiſchen Manne war eine ſolche Niedergeſchlagenheit ſchrecklicher als der heftigſte Zorn⸗ ausbruch. Die Herzogin von Lucenay ſah ihn beſorgt an. „Muth, alter Freund!“ ſagte ſie leiſe zu ihm. — „Ich weiß, was mir zu thun übrig bleibt — für Sie, für mich und für die⸗ ſen Mann.“ Der Alte blickte ſie ſtier an, dann richtete er den Kopf em⸗ por, als hätte er ſich durch eine gewaltſame Anſtrengung aus ſei⸗ ner Beſtürzung aufgerafft, ſeine Züge wurden drohend, er vergaß, daß ſein Sohn ihn hören konnte, und rief aus: „Ich weiß auch, was mir für Sie, für mich und für dieſen Mann zu thun übrig bleibt —“ „Wer iſt da?“ fragte Floreſtan überraſcht. Die Herzogin, die mit dem Vicomte zuſammen zu treffen fürchtete, verſchwand durch die kleine Thüre und eilte auf der ver⸗ borgenen Treppe hinunter. „ Floreſtan fragte noch einmal, wer da ſei, und da er keine Antwort empfing, trat er in das Zimmer hinein. — Er war mit dem Grafen allein. Der lange Bart des alten Mannes verſtellte ihn ſo ſehr, und er war ſo ärmlich gekleidet, daß ſein Sohn, der ihn ſeit mehreren Jahren nicht geſehen hatte, ihn anfangs nicht erkannte und dro⸗ hend auf ihn zutrat. „Was wollen Sie hier? Wer ſind Sie?“ „Ich bin der Mann dieſer Frau!“ antwortete der Graf, in⸗ dem er auf das Portrait der Frau von Saint Remy deutete. „Mein Vater!!“ rief Floreſtan aus, indem er erſchrocken zu⸗ rückwich und ſich plötzlich der längſt vergeſſenen Züge des Grafen erinnerte. Der Graf ſtand da furchtbar, mit flammendem Blicke, die Stirn durch den Zorn geröthet, das weiße Haar zurückgeworfen, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, und blickte ſeinen Sohn an, der die Augen nicht zu ihm aufzuſchlagen wagte. Der Herr von Saint Remy ſtrengte ſich aus einem geheimen Grunde an, um ruhig zu bleiben. „Mein Vater!“ wiederholte Floreſtan mit bebender Stimme; „Sie waren hier?“ „Ich war hier —“ „Sie haben gehört?“ „Alles.“ „Ach!!“ rief der Vicomte ſchmerzlich aus, indem er das Ge⸗ ſicht mit beiden Händen bedeckte. Es trat eine kurze Pauſe ein. Floreſtan, der anfangs über das unerwartete Erſcheinen ſeines * „ 134 Vaters eben ſo verwundert wie erſchrocken war, dachte bald an den Vortheil, den er aus dieſem Zufalle ziehen könnte. „So iſt noch nicht Alles verloren,“ ſprach er bei ſich⸗ „Die Anweſenheit meines Vaters iſt ein Glück. Er weiß Alles, er wird ſeinen Namen nicht brandmarken laſſen; zwar iſt er nicht reich, aber mehr als 25,000 Fres. muß er doch beſitzen. — Nun klug geſpielt! — Ich laſſe die Herzogin ruhen und bin gerettet.“ Dann gab er ſeinen ſchönen Zügen einen Ausdruck ſchmerz⸗ licher Niedergeſchlagenheit, befeuchtete ſeine Augen mit Thränen der Reue, nahm ſeinen pathetiſchen Ton an und rief, indem er die Hände mit einer verzweiflungsvollen Geberde faltete: „Ach, Vater — wie unglücklich bin ich! — nach ſo vielen Jahren Sie — in einem ſolchen Augenblicke wiederzuſehen. Sie müſſen mich für ſo verbrecheriſch halten! Aber hören Sie mich an, ich beſchwöre Sie; erlauben Sie, nicht mich zu rechtfertigen, aber Ihnen mein Verhalten zu erklären. — Wollen Sie es, Vater?“ Der Graf von Saint Remy autwortete nicht; ſeine Züge blieben unveränderlich; er ſetzte ſich auf einem Seſſel nieder, ſtützte da die Elnbogen auf, das Kinn in die hohle Hand und ſah den Vicomte ſchweigend an. Hätte Floreſtan die Beweggründe ge⸗ kannt, welche die Seele ſeines Vaters mit Haß, Zorn und Rache erfüllten, er würde, erſchrocken über die ſcheinbare Ruhe des Gra⸗ fen, ohne Zweifel nicht verſucht haben, ihn irre zu führen. Da er aber die traurigen Muthmaßungen nicht kannte, welche auf der Rechtmäßigkeit ſeiner Geburt laſteten, da er von dem Fehltritte ſeiner Mutter nichts wußte, ſo zweifelte Floreſtan an dem Erfolge ſeiner Lügen nicht, da er glaubte, er habe nur das Herz eines Vaters zu erweichen, der zugleich ein Menſchenfeind 135 und ſehr ſtolz auf ſeinen Namen, ſich gewiß lieber zu den äußer⸗ ſten Opfern entſchließen, als ſeinen Namen entehren laſſen würde. „Vater,“ begann Floreſtan ſchüchtern, „erlauben Sie mir, daß ich verſuche, nicht die Schuld von mir zu wälzen, aber Ih⸗ nen zu ſagen, durch welche Reihe von Ereigniſſen ich faſt gegen meinen Willen zu — ich geſtehe es — ehrloſen Handlungen ge⸗ kommen bin.“ Der Vicomte hielt das Schweigen ſeines Vaters für Zuſtim⸗ mung und fuhr fort: „Als ich das Unglück hatte, meine Mutter, meine arme Mut⸗ ter, die mich ſo ſehr geliebt, zu verlieren, war ich erſt zwanzig Jahre alt. Ich ſtand allein in der Welt, — ohne Rath, ohne Stütze. — Im Beſitze eines bedeutenden Vermögens, von Kind⸗ heit auf an den Lurus gewöhnt, wurde derſelbe mir ein Bedürf⸗ niß. Da ich nicht wußte, wie ſchwer es iſt, Geld zu verdienen, ſo warf ich es achtungslos hin. — Leider, — ich ſage leider, weil mich dies in das Unglück geſtürzt hat, zeichnete ſich mein Aufwand, ſo toll er auch war, durch ſeine Eleganz aus. Ich ſtellte, durch meinen guten Geſchmack, zehmal reichere Leute in den Schatten. — Der erſte Erfolg berauſchte mich; ich wurde ein Mann des Lurus, wie man Soldat, wie man ein Staatsmann wird; ja, ich liebte den Lurus, nicht aus gemeiner Prahlerei, ſon⸗ dern wie der Maler die Malerkunſt, wie der Dichter die Poeſie liebt, und wie jeder Künſtler war ich eiferſüchtig auf mein Werk, und mein Werk war eben der Lurus. Ich opferte der Vollendung deſſelben Alles. — Ich wollte ihn ſchön, groß, vollſtändig und in allen Dingen glänzend harmoniſch — von meinem Stalle bis zur Tafel, von meinem Anzuge bis zu meiner Wohnung. Mein Le⸗ ben ſollte gleichſam eine Lehre des Geſchmacks und der Eleganz 136 — ſein. 4ls Künſtler war ich begierig auf den Beifall der Menge und auf die Bewunderung der Auserwählten, und ich erlangte die⸗ ſen ſo ſeltenen Erfolg —“ Die Züge Floreſtans verloren, während er ſo ſprach, allmälig ihren erheuchelten Ausdruck, aus ſeinen Augen gläuzte eine gewiſſe Begeiſterung; er ſprach die Wahrheit; er war anfangs durch dieſe nicht eben gewöhnliche Art, den Luxus anzuſehen, verführt worden. Der Vicomte ſah ſeinen Vater fragend in das Geſicht; es ſchien etwas milder zu werden. Er fuhr mit wachſender Aufregung fort: „Ich war das Orakel der Mode; mein Tadel oder mein Lob galt als Geſetz; ich wurde überall genannt, nachgeahmt, gerühmt, bewundert, und zwar durch vie beſte Geſellſchaft in Paris, d. h⸗ in Europa, in der Welt⸗ Die Frauen theilten die allgemeine Be⸗ wunderung, die reizendſten ſtritten um das Vergnügen, zu den we— nigen Feſten zu kommen, die ich gab, und überall und zu jeder Zeit begeiſterte man ſich über die unvergleichliche Eleganz, über den Geſchmack bei dieſen Feſten, — dem die Millionäre weder gleichkommen noch ihn verdunkeln konnten, kurz ich war, was man den König der Mode nennt. Dies Wort wird Ihnen Alles ſagen, Vater, wenn Sie es verſtehen —“ „Ich verſtehe es — und bin überzeugt, daß Du im Bagno irgend eine raffinirte Eleganz in der Art, die Kette zu tragen, er⸗ ſinden würdeſt; dies würde Mode unter den Sträflingen werden und — à la Saint Remy heißen,“ entgegnete der Alte mit ſchnei⸗ dender Ironie; dann ſetzte er hinzu: „und Saint Remy — iſt mein Name!“ Er ſchwieg, ſtützte fortwährend den Elnbogen auf und das Kinn in die hohle Hand. Floreſtan mußte ſeine ganze Selbſtbeherrſchung aufbieten, um die Wunde zu verbergen, welche ihm dieſer ſchneidende Hohn ge⸗ ſchlagen. Er ſetzte in demüthigerem Tone hinzu: „Ach, Vater, nicht aus Stolz erinnere ich Sie an dieſe Er⸗ folge, denn, ich wiederhole es, ſie haben mich in das Unglück ge⸗ ſtürzt. — Ich war geſucht, beneidet, geſchmeichelt, — nicht durch eigennützige Schmarotzer, ſondern durch Leute, die hoch über mir ſtanden und die ich nur durch Eleganz übertraf, welche bei dem Lurus das iſt, was bei den Künſten der Geſchmack; — kein Wun⸗ der, daß ich allmälig ſchwindlig wurde. — Ich rechnete nicht mehr, und es war mir auch gleichgültig, ob mein Vermögen in wenigen Jahren verſchwendet war. Konnte ich dem fieberhaft aufgeregten blendenden Leben eutſagen, in welchem Vergnügungen auf Ver⸗ gnügungen, Genüſſe auf Genüſſe, Feſte auf Feſte, Trunkenheit jeder Art auf Wonne jeder Art folgten? Ach, wenn Sie wüßten, Va⸗ ter, was es heißt, überall als Held des Tages bezeichnet zu wer⸗ den, das Gemurmel zu vernehmen, wenn man in einen Salon eintritt, die Diener ſagen zu hören: er iſt es — da iſt er! Wenn Sie dies wüßten ...“ „Ich weiß es,“ ſprach der Alte, ohne ſeine Stellung zu ver⸗ ändern, „ich weiß es. — Letzthin waren auf einem öffentlichen Platze viele Menſchen verſammelt; mit einemmale hörte man ein Gemurmel, gleich dem, das Dich empfing, wenn Du irgendwo er⸗ ſchienſt, die Frauen namentlich ſahen alle nach einem ſehr hübſchen Burſchen hin — wie ſie auf Dich ſahen — ſie zeigten ihn einan⸗ der und ſagten: er iſt es — da iſt er, immer als wenn von Dir die Rede geweſen wäre.“ 6 „Und dieſer Mann, Vater —* „War ein Fälſcher, den man an den Pranger ſtellte.“ „Ach!“ rief Floreſtan mit kaum verhaltener Wuth aus, dann erheuchelte er eine tiefe Betrübniß und ſetzte hinzu: — „Vater, Sie ſind unbarmherzig. Was ſoll ich Ihnen noch ſagen? Ich fuche mein Vergehen nicht zu leugnen, ich will nur erklären, wie ich dazu gekommen bin. Und wenn Sie mich mit blutigen Sar— casmen zu Boden drücken, ich werde meine Beichte zu Ende brin⸗ gen und Ihnen die fieberhafte Aufregung begreiflich zu machen ſuchen, die mich in das Verderben geſtürzt hat, weil Sie mich dann vielleicht beklagen. Ja, man beklagt einen Wahnſinnigen, und ich war ein Wahnſinniger. Ich überließ mich mit geſchloſſenen Augen dem glänzenden Wirbel, in welchen ich die reizendſten Frauen, die liebenswürdigſten Männer mit mir hineinzog. Konnte ich mich zurückhalten? Dann könnte man auch zu dem Dichter ſagen, der ſich erſchöpft, deſſen Geiſt den Körper aufreibt: Halten Sie inne inmitten der Begeiſterung, die Sie erhebt! Nein, ich, ich konnte das Königthum nicht niederlegen, mit dem ich bekleidet war, ich konnte unmöglich mit Scham bedeckt, verarmt, verſpottet in den unbekannten Pöbel zurücktreten, unmöglich meinen Neidern, die ich bis dahin herausgefordert, beherrſcht, zermalmt hatte, dieſen Triumph laſſen, — nein, nein, ich konnte es nicht, wenigſtens nicht freiwillig. Da kam der Tag, an dem es mir zum erſtenmale an Geld fehlte. Ich war überraſcht, als wenn dies niemals hätte eintreten können. Ich beſaß jedoch noch meine Pferde, meine Wa⸗ gen, vas Mobiliar dieſes Hauſes. Nach Bezahlung meiner Schul⸗ den wären mir vielleicht 60,000 Franes übrig geblieben. Was fonnte ich mit dieſer Wenigkeit anfangen? Da, Vater, that ich 139 den erſten Schritt auf den Weg der Schuld. — Ich war bis da⸗ hin ehrlich geweſen, — ich hatte nur ausgegeben, was mein war; damals fing ich an Schulden zu machen, die ich nicht bezahlen konnte. — Ich verkaufte Alles, was ich beſaß, an zwei meiner Leute, um ihre Anſprüche an mich zu befriedigen, und noch ſechs Monate lang, meinen Gläubigern zum Trotze, den Lurus genießen zu können, der mir das Höchſte war. Um zu erhalten, was ich zum Spiele und zu andern thörichten Ausgaben brauchte, borgte ich zuerſt bei Juden, dann, um die Juden zu bezahlen, bei meinen Freunden, und, um meine Freunde zu bezahlen, bei meinen Gelieb⸗ ten. Nachdem dieſe Hülfsquellen erſchöpft waren, trat ein neuer Abſchnitt in meinem Leben ein. — Ich wurde aus einem ehrlichen Mann ein Induſtrieritter, war aber noch kein Verbrecher. — Noch zoͤgerte ich, — ich wollte einen gewaltſamen Entſchluß faſſen, — ich hatte in mehreren Duellen bewieſen, daß ich den Tod nicht fürchtete, und wollte mir ſelbſt das Leben nehmen —“ „Ah, wirklich?“ fiel der Graf mit ſchneidender Ironie ein. „Sie glauben mir nicht, Vater?“ 3 „Es war ſehr bald oder ſehr ſpät,“ ſetzte der Alte kalt und in derſelben Stellung hinzu. Floreſtan glaubte, ſeinen Vater durch die Erwähnung ſeines beabſichtigten Selbſtmordes gerührt zu haben, und hielt es für nö⸗ thig, einen neuen Theaterevup zu verſuchen. Er öffnete einen Secretair, nahm ein grünliches Glasfläſchchen heraus und ſagte, indem er daſſelbe auf den Kamin ſtellte: „Ein italieniſcher Charlatan verte mir dies Gift —“ „Und das Gift — war für Dich?“ fragte der Alte, der ſich noch immer aufſtützte. 3 140⁰ Floreſtan verſtand die Bedeutung dieſer Worte recht wohl, und ſeine Züge drückten diesmal wirklichen Unwillen aus, denn er hatte die Wahrheit geſagt. Es war ihm eines Tages wirklich flüchtig in den Sinn ge⸗ kommen, ſich zu tödten; Leute dieſer Art ſind zu feig, als daß ſie ſich kaltblütig und ohne Zeugen zu einem Tode entſchließen könn⸗ ten, dem ſie aus Ehrgeiz in einem Zweikampfe entgegentreten. Er ſagte deshalb mit dem Tone der Wahrheit: „Ich bin ſehr tief gefallen, aber doch nicht ſo tief, Vater. — Ich bewahrte dieſes Gift für mich auf —“ „Du fürchteteſt Dich aber davor?“ fragte der Graf, ohne ſeine Stellung zu ändern. „Ich geſtehe es, ich ſchauderte vor dieſem entſetzlichen letzten Mittel zurück; es war noch nicht Alles verloren; die Perſonen, die mir das Geld geliehen hatten, waren reich und konnten war⸗ ten. In meinem Alter, bei meinen Bekanntſchaften hoffte ich, wenn auch nicht meine Verhältniſſe gänzlich wieder herzuſtellen, ſo doch mir eine ehrenvolle unabhängige Stellung zu verſchaffen. Mehrere meiner Freunde, die von der Natur vielleicht mehr ver⸗ nachläſſigt waren als ich, hatten in der Diplomatie ſchnell ihr Gluck gemacht. Mich wandelte der Ehrgeiz an. — Ich brauchte nur zu wollen und wurde der Geſandtſchaft in Gerolſtein beigege⸗ ben. Leider brachte mich einige Tage nach dieſer Ernennung eine Spielſchuld an einen Mann, den ich haßte, in eine entſetzliche Verlegenheit. — Alle meine Hülfsquellen waren erſchöpft. — Da fiel mir ein ſchlimmer S edanke ein. — Ich hielt mich vor aller Strafe ſicher und beging eine ehrloſe Hanblung. — Sie kennen ſie, Vater, ich habe Ihnen nichts verheimlicht, ich geſtehe mein ſchimpfliches Verhalten und ſuche es nicht zu beſchönigen. Jetzt 141 ſind mir zwei Auswege offen, und ich bin zu beiden entſchloſſen, — ich nehme mir entweder das Leben und laſſe Ihren Namen entehren, denn wenn ich nicht heute noch 25,000 Franes zahle, wird die Klage angeſtellt, es giebt ein Scandal, und ich bin, todt oder lebendig, gebrandmarkt, — oder ich werfe mich in Ihre Arme, Vater, und ſaget retten Sie Ihren Sohn, retten Sie Ihren Na⸗ men, und ich ſchwöre, morgen nach Algier abzureiſen, Soldat zu werden und da das Leben zu verlieren oder gereinigt einſt zurück⸗ zukehren. — Ich kann nicht anders. — Entſcheiden Sie ſich nun, — entweder ich ſterbe mit Schande bedeckt, oder ich lebe, durch Sie gerettet, um meinen Fehler wieder gut zu machen. — Es ſind dies nicht Drohungen und Worte eines jungen Mannes; ich bin fünf und zwanzig Jahre alt, führe Ihren Namen und habe Muth genug, mich zu tödten oder Soldat zu werden, — denn in das Zuchthans will ich nicht wandern.“ Der Graf ſtand auf. „Meinen Namen will ich nicht entehren laſſen,“ ſagte er falt zu Floreſtan. „Ach, mein Vater, mein Vater!“ rief der Vicomte mit Wärme aus, und er wollte ſich in die Arme ſeines Vaters ſturzen, der ihn aber mit einer eiskalten Geberde zurück wies. „Man erwartet Dich bis drei Uhr — bei dem Manne, der den falſchen Wechſel hat?“ „Ja, Vater, und jetzt iſt es zwei Uhr.“ „Gieb mir Papier, Feder und Dinte — „Hier, Vater.“ Der Graf ſetzte ſich an Floreſtans Schreibtiſche nieder und ſchrieb mit feſter Hand: 142 „Ich verpflichte mich, heute Abend um zehn Uhr die 25,000 Franes zu bezahlen, die mein Sohn ſchuldig iſt. „Graf von Saint Remy.“ „Dein Gläubiger verlangt nur Geld; trotz ſeiner Drohungen wird er Dir in Folge meines Verſprechens einen neuen Aufſchub bewilligen. Er mag zu dem Banquier Dupont gehen, der für die Bezahlung bürgen wird — „Ach, mein Vater, wie werde ich „Du wirſt mich dieſen Abend erwarten; um zehn Uhr bringe ich das Geld. — Dein Gläubiger mag hierher kommen — Ja, Vater, und übermorgen reiſe ich nach Afrika ab. — Sie werden ſehen, ob ich undankbar bin. — Wenn ich abgebüßt habe, nehmen Sie vielleicht auch meinen Dank an —“ „Du biſt mir nichts ſchuldig; ich habe geſagt, mein Name ſolle nicht mehr entehrt werden, und er wird nicht entehrt werden,“ antwortete der Graf, indem er ſeinen Stock nahm, den er auf den Schreibtiſch gelegt hatte, und nach der Thüre zu ging. „Reichen Sie mir nicht wenigſtens die Hand, Vater?“ begann Floreſtan von neuem und in bittendem Tone. „Hier, heute Abend um zehn Uhr,“ ſagte der Graf, der ſeine Hand dem Sohne verſagte und fortging. „Gerettet!“ rief Floreſtan fröhlich aus. „Gerettet!“ Nach einer kurzen Pauſe begann er von neuem: — „Gerettet, — ſo ziemlich — doch gleichviel. — Geſtehe ich ihm heute Abend viel⸗ leicht auch die andere Geſchichte? — er iſt einmal im Zuge. — Er wird auf ſo gutem Wege nicht ſtehen bleiben, da ſein er⸗ ſtes Opfer ohne ein zweites gar nichts nützt. — Aber warum ſoll ich es ihm ſagen? Wer wird es erfahren? — Nun, wenn nichts herauskommt, ſo behalte ich das Geld, das er mir geben wird, 143 um dieſe letzte Schuld zu tilgen. — Wie ſchwer iſt es mir ge⸗ worden, dieſen harten Mann zu erweichen! Seine bittern Sar⸗ casmen erregten in mir Zweifel an ſeiner guten Abſicht, aber meine Drohung mit dem Selbſtmorde und die Furcht, ſeinen Namen be⸗ ſchimpft zu ſehen, haben ihn zum Entſchluſſe gezwungen; ich traf ihn an der rechten Stelle. — Er ſcheint weniger arm zu ſein, als er ſich ſtellt. — Wahrſcheinlich hat er bei ſeiner Lebensweiſe hübſch erſpart. Seine Ankunft iſt wirklich ein kußerardentliches Glück für mich. — Er ſieht ſo rauh und hart aus, iſt im Grunde aber doch wohl ein gutmüthiger Mann. Nun fort zu dem Huiſſier.“ Er klingelte; Herr Boyer erſchien. „Warum haben Sie mir nicht angezeigt, daß mein Vater hier ſei? — Es iſt dies eine Nachläſſigkeit —“ „Ich verſuchte zweimal den Herrn Vicomte anzureden, der mit Badinot durch den Garten kam, aber der Herr Vicomte ach⸗ tete nur auf das Geſpräch mit dem Herrn Badinot und winkte mir, ihn nicht zu ſtören; da erlaubte ich mir nicht, zudringlich zu erſcheinen. — Es würde mir ſehr leid thun, wenn der Herr Vi⸗ comte mich einer Nachläſſigkeit ſchuldig hielte —“ „Es iſt gut. — Sagen Sie Patterſon, er möge mir ſogleich den Orion — nein den Plover an das Cabrivlet anſpannen laſſen —“ Boyer verneigte ſich ehrerbietig. In dem Augenblicke, als er fortgehen wollte, wurde an die Thüre geklopft. Boyer ſah den Vicomte fragend an. „Herein!“ rief Floreſtan. Ein zweiter Kammerdiener erſchien, der einen kleinen vergol⸗ deten ſilbernen Teller in der Hand hielt. 144 Boyer nahm den Teller und reichte ihn dem Vicomte. Dieſer nahm ein ziemlich vickes ſchwarzgeſiegeltes Packet. Die beiden Diener entfernten ſich. Floreſtan erbrach das Siegel. — In dem Packete lagen 25,000 Franes in Schatzſcheinen, — ſonſt nichts. „Nun, der heutige Tag iſt ein ganz beſonders glücklicher!“ rief er aus. „Gerettet! Diesmal vollſtändig gerettet! Ich eile zu dem Juwelier — aber — vielleicht — es wird doch beſſer ſein zu warten, — man fann keinen Verdacht gegen mich haben. Die 25,000 Franes behalte ich vor der Hand. — Ich war ſehr thöricht, an meinem glücklichen Stern zu zweifeln. Erſcheint er nicht glän⸗ zender als je, als ich ihn für verdunkelt hielt? Aber woher kommt das Geld? — — Die Handſchrift der Adreſſe iſt mir unbekannt — das Siegel? — richtig ein N. und L. Von Clotilden! Wie hat ſie erfahren? Und kein Wort geſchrieben? das iſt ſeltſam . . Jetzt fällt mir ein, ich hatte ihr ein Rendezvous für dieſen Vor⸗ mittag zugeſagt — das habe ich über den Drohungen Badinvts ganz vergeſſen. Sie wird auf mich gewartet haben und wieder fortgegangen ſein. Ohne Zweifel iſt dieſe Sendung eine feine Andeutung, ſie fürchte wegen Geldverlegenheiten vergeſſen zu wer⸗ den. — Ja, es iſt ein indirecter Vorwurf — daß ich mich nicht wie immer an ſie gewendet. Die gute Clotilde, — ſie bleibt ſich immer gleich, freigebig wie eine Königin. — Schade, daß ich mit ihr ſchon ſo weit gekommen bin, ſie iſt noch ſo hübſch. — Bis⸗ weilen bedaure ich es, — freilich wendete ich mich erſt in der größ⸗ ten Noth an ſie, — ich war dazu gezwungen.“ „Das Cabriolet des Herrn Vicomte ſteht bereit,“ meldete Boyer. 145 „Wer hat dieſes Packet gebracht?“ ftagte Floreſtan. „Ich weiß es nicht, Herr Vicomte.“ „Ich werde unten fragen. Aber ſagen Sie mir, iſt Niemand im Parterre geweſen?“ ſetzte der Vicomte mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick auf Boyer hinzu. „Es iſt Niemand mehr da, Herr Vicomte.“ . „Ich habe mich nicht geirrt;“ dachte Floreſtan. — „Clotilde hat auf mich gewartet und iſt fortgegangen.“ „Wollen der Herr Vicomte mir zwei Minuten ſchenken?“ fragte Boyer. „Sprechen Sie, aber ſchnell —6 „Patterſon und ich haben , der Herr Herzog von Montbriſon wünſche ſein Haus einzurichten, — wenn der Herr Vicomte ſo gütig ſein und ihm vorſchlagen wollte, das Ihrige wie es iſt zu übernehmen, mit dem Stalle, ſo würde dies für Patterſon und mich eine gute Gelegenheit ſein alles los zu wer⸗ den, und für den Herrn Vicomte vielleicht eine gute Gelegenheit den Verkauf zu motiviren.“ „Sie haben vielleicht Recht, Boyer, was mich betrifft. — Ich ziehe das vor, werde Montbriſon aufſuchen nud mit ihm ſpre⸗ chen. Was verlangen Sie?“ „Der Herr Vicomte ſieht ein, daß wir ſoviel als möglich zu verdienen ſuchen müſſen.“ „Nichts einfacher — alſo der Preis?“ „Das Ganze 260,000 Franes, Herr Vicomte.“ „Und dabei verdienen Sie und Patterſon?“ „Ungefähr 40,000 Franes, Herr Vicomte.“ „Schön. — Ich bin es zufrieden, denn Sie haben mir treu Die Geheimniſſe von Paris. VI. 10 146 gedient. — Hätte ich ein Teſtament zu machen gehabt, würde ich eine ſolche Summe Ihnen hinterlaſſen haben.“ Der Vicomte ging fort, um ſich zuerſt zu ſeinem Gläubiger, dann zu der Herzogin von Lucenay zu begeben, da er nicht ahnte, daß dieſe das Geſpräch mit Badinot gehört hatte. —— CXII. Die Zulammenkunkt. —) er Palaſt Lucenay war eine jener wahrhaft königlichen Wohſnungen in der Vorſtadt Saint Germain, die wegen des ver⸗ ſchwendeten Raumes ſo großartig ſind. Ein modernes Haus fände recht wohl Platz in dem Treppenraume eines jener Paläſte und an der Stelle, wo ſie ſtehen, würde man jetzt eine ganze Straße anlegen. Gegen neun Uhr Abends an demſelben Tage öffneten ſich die breiten Flügel des gewaltigen Portals jenes Palaſtes vor einem prächtigen Coupé, das gewandt einen Halbkreis in dem unermeß⸗ lichen Hofe beſchrieb und vor breiten Stufen hielt, welche in ein erſtes Vorzimmer führten. Während die beiden kräftigen und feurigen Pferde auf dem ſchallenden Pflaſter des Hofes ſcharrten, öffnete ein rieſenhafter Diener den wappengeſchmückten Wagenſchlag. Ein junger Mann ſprang gewandt heraus und nicht minder raſch die fünf oder ſechs Stufen vor dem Hauſe hinauf. g Der junge Mann war der Vicomte von St. Nemy. 10 * 148 Nachdem er bei ſeinem Gläubiger geweſen, der, durch die Zah⸗ lungszuſage des Vaters Floreſtans befriedigt, die Geſtundung be⸗ willigte und Abends das Geld abzuhvlen verſprach, begab ſich der Vicomte zu der Herzogin von Lucenay, um ihr für den neuen Dienſt zu danken, den ſie ihm geleiſtet. Da er die Herzogin früh nicht geſehen, ſo erſchien er triumphirend, feſt überzeugt, ſie in prima Sera, zu der Zeit zu finden, in welcher ſie ihn gewöhnlich empfing. An der Beeiferung der beiden Diener im Vorzimmer, die ſich beeilten, die Glasthüre zu öffnen, ſobald ſie den Wagen Floreſtans erkannt hatten, an dem ehrerbietigen Weſen, mit welchem alle übri⸗ gen Diener ſich erhoben, an denen der Vicomte vorbeikam, errieth man leicht den zweiten oder vielmehr den erſten Herrn des Hauſes. Wenn der Herzog von Lucenay, den Regenſchirm in der Hand und mit großen Ueberſchuhen an den Füßen, erſchien (er mochte am Tage ſich nie des Wagens bedienen), ſo zeigten ſich die Diener eben ſo dienſteifrig und ehrerbietig, der aufmerkſame Beobachter konnte aber doch einen großen Unterſchied zwiſchen dem Empfange wahrnehmen, der dem Gemahl, und jenem, welcher dem Geliebten der Frau vom Hauſe zu Theil wurde. Derſelbe Dienſteifer zeigte ſich im Zimmer bei den Kammer⸗ dienern, als Floreſtan da eintrat; ſogleich ging einer vor ihm her, um ihn bei der Herzogin von Lucenay anzumelden. Nie war der Vicomte eitler geweſen, nie hatte er ſich leich⸗ ter, ſeiner ſelbſt ſicherer, ſiegesbewußter gefühlt. Der Sieg, den er früh über ſeinen Vater davon getragen, der neue Beweis von Zuneigung der Herzogin von Lucenay, die Frende über die wunderbare Erlöſung ans einer ſo ſchrecklichen 149 Lage und ſein dankbares Vertrauen auf ſeinen Glücksſtern gaben ſeinem hübſchen Geſicht einen Ausdruck von guter Laune und Keckheit, der es noch verführeriſcher machte. Seine ſchlanke bieg⸗ ſame Geſtalt hatte ſich nie ſtolzer emporgerichtet; nie hatte er den Kopf höher getragen; nie war ſein Stolz wonniger durch den Ge⸗ danken gekitzelt worden: die vornehme Dame, die Herrin dieſes Palaſtes, iſt mein, liegt zu meinen Füßen, — noch dieſen Vormit⸗ tag wartete ſie bei mir auf mich —“ Floreſtan war mit dieſen ſchmeichelhaften Gedanken beſchäftigt, während er durch drei bis vier Zimmer ſchritt, welche in das kleine Gemach führten, in welchem ſich die Herzogin gewöhnlich aufhielt. Ein letzter Blick, den Floreſtan in einen Spiegel warf, vol⸗ lendete die vortreffliche Meinung, die er von ſich ſelbſt hatte. Ein Kammerdiener öffnete die beiden Flügel der Thüre und meldete: „Herr Vicomte von St. Remyh —“ Das Staunen und der Unwille der Herzogin laſſen ſich nicht. beſchreiben. Sie glaubte, der Graf habe ſeinem Sohne nicht verſchwie⸗ gen, daß auch ſie alles gehört. 3 Wir haben bereits erwähnt, daß die Liebe der Herzogin von Lucenay, ſobald dieſelbe erfahren, daß Floreſtan ehrlos ſei, plötz⸗ lich erloſchen war und ſich in eiskalte Verachtung verwandelt hatte. Wir haben auch angeführt, daß die Herzogin trotz ihrer Leicht⸗ fertigkeit und ihren Verirrungen ihre Anſichten über Rechtlichkeit, Ehre und ritterliche Treue rein und unverletzt erhalten hatte, daß ſie mit ihren Fehlern gute Eigenſchaften, mit ihren Laſtern Tugen⸗ 150 genden verband, daß ſie die Liebe ſo behandelte, wie ſie ſonſt nur von Männern behandelt wird, daß ſie aber auch die Aufopferung, den Edelmuth, den Muth und vor allem den Abſcheu vor jeder Niederträchtigkeit eben ſo weit, vielleicht noch weiter trieb als ein Mann. . Da die Herzogin an dieſem Abende eine Geſellſchaft beſuchen wollte, ſo war ſie, wenn auch ohne Diamanten, mit ihrem gewöhn⸗ lichen Geſchmack und reich wie gewöhnlich gekleidet; ihr pracht⸗ voller Anzug, das lebhafte Roth, das ſie ungeſcheut trug, ihre be⸗ ſonders bei Licht blendende Schönheit, ihr Wuchs, der „einer über Wolken ſchreitenden Göttin“ glich, hoben ihr vornehmes Weſen noch mehr hervor, das Niemand in demſelben Grade beſaß wie ſie und das ſie im Nothfalle ſo weit trieb, daß es verletzend wurde. Man kennt bereits den ſtolzen, entſchloſſenen Charakter Per Herzogin; man denke ſich alſo ihr Geſicht, ihren Blick, als der Vicomte feierlich, lächelnd, vertrauensvoll zu ihr trat und liebevoll zu ihr ſagte: „Meine liebe Elotilde, wie gütig Sie ſind, wie —“ Er konnte nicht ausreden. n Die Herzogin ſaß, und ſie rührte ſich nicht, aber ihre Haltung, ihr Blick verriethen eine ſo ruhige, vernichtende Verachtung, daß Floreſtan kurz abbrach — na Er vermochte kein Wort mehr zu ſagen, teinri Schritt weiter zu thun — Die Herzogin hatte ſich ihm nie ſo gezeigt. Er konnte nicht glauben, daß es dieſelbe Frau ſei, die er ſo oft ſauft, zärtlich, lei⸗ denſchaftlich unterwürſig gefunden hatte, denn nichts iſt demüthiger 6 151 und ſchüchterner als eine entſchloſſene Frau dem Manne gegenüber, welchen ſie liebt und der ſie beherrſcht. Nachdem die erſte Verwunderung vorüber war, ſchämte ſich Floreſtan ſeiner Schwäche, und ſeine gewöhnliche Keckheit erlangte die Oberhand wieder. Er trat einen Schritt näher an die Her⸗ zogin, um die Hand derſelben zu ergreifen, und ſagte dann in dem ſchmeichelndſten Tone: „Mein Gott, Clotilde, was iſt Dir? — Ich habe Dich nie ſo ſchön geſehen, und doch —“ 8 „Dieſe Frechheit geht zu weit!“ rief die Herzogin, indem ſie mit ſo viel Abſcheu und Stolz zurückwich, daß Floreſtan von neuem wie niedergedonnert daſtand. Er ſammelte ſich indeß allmälig wieder etwas und ſagte: Wollen Sie mir wenigſtens die Urſache dieſer plötzlichen Ver⸗ erklären? Was habe ich Ihnen zu Leid gethan? Was verlangen Sie?“ Die Herzogin maß ihn, wie man zu ſagen pflegt, vom Kopf bis zum Fuße, ohne zu antworten, mit ſo verletzender Miene, daß Floreſtan vor Zorn erröthete und ausrief: „Ich weiß, Madame, daß Sie bisweilen plötzlich einen Bruch herbeiführen. — Wünſchen Sie unſer Verhältniß abzu⸗ brechen?“ „Eine ſeltſame Anmaßung!“ ſprach die Herzogin mit höhni⸗ ſchem Lachen; „wenn ein Diener mich beſtiehlt, ſo breche ich nicht mit ihm, ſondern ich jage ihn aus dem Hauſe —“ „Madame!“ Endigen wir,“ ſprach die Herzogin in beleidigendem Tone weiter; „Ihre Anweſenheit iſt mir widerwärtig. — Was wollen Si⸗ hier? Haben Sie Ihr Geld nicht erhalten?“ 152 „Es war alſo wahr? — Ich habe recht gerathen? Dieſe 25,000 Francs —“ „Ihr letzter falſcher Wechſel iſt zurückgenommen, nicht wahr? — Die Ehre des Namens Ihrer Familie gerettet? — Gut, — nun gehen Sie —“ „Glauben Sie —“ Das Geld dauert mich, ich hätte viel ehrliche Leute da⸗ mit uierſtitzen iſen⸗ — aber ich mußte an die Beſchimpfung Ihres Vaters und die meinige denken —“ „Sie wiſſen alſo Alles, Clotilde? Ach, nun bleibt mir nichts chrig als zu ſterben!“ rief Floreſtan in dem pathetiſchſten und verzweiflungsvollſten Tone aus. Die Herzogin erwiederte dieſen tragiſchen Ausruf mit tm Lachen und ſagte dann: „Ich hätte nicht geglaubt, daß die Niederträchtigkeit ſo licher lich ſein könnte —“ „Madame!“ Floreſtan, aus deſſen Zügen die hef⸗ tigſte Wuth ſprach. In dieſem Augenblicke wurden die Flügelthüren geräuſchvoll geöffnet, und man meldete: „Der Herr Herzog von Muntöriſonl⸗ Trotz ſeiner Kunſt der Selbſtbeherrſchung konnte Floreſtan ſeine Aufregung doch kaum verbergen, und ein erfahrnerer Mann als der Herzog müßte ſie bemerkt haben. Der Herzog von Montbriſon war kaum achtzehn Jahre alt. Man denke ſich ein allerliebſtes junges Mädchengeſicht, wie 5 Milch und Blut, deſſen rothe Lippen und weiches Kinn durch einen keimenden Bart dicht beſchattet werden; man füge große braune noch etwas ſchüchterne Augen hinzu, eine eben ſo ſchlanke Taille 153 wie die der Herzogin, und man wird ſich vielleicht eine Vorſtellung von dem jungen Herzoge machen können. Der Vicomte war ſo ſchwach oder ſo keck zu bleiben. „Wie freundlich, Conrad, daß Du dieſen Abend an mich ge⸗ dacht haſt!“ ſagte die Herzogin in dem liebevollſten Tone ſie dem jungen Herzoge ihre ſchöne Hand reichte. Er wollte ſie herzlich drücken, Clotilde zog ſie aber leicht in die Höhe und ſagte heiter: „Küſſe Sie, Vetter, Du haſt Handſchuhe an.“ „Ich bitte um Vergebung, Couſine,“ ſagte der junge Mann, und er drückte ſeine Lippen auf die ihm gebotene reizende Hand. „Was haſt Du heute Abend vor, Conrad?“ fragte die Her⸗ zogin, die ſich nicht im mindeſten um den Vicomte zu kümmern ſchien. — — „indem „Nichts, Cvuſine; von hier gehe ich in den Club.“ „Keineswegs, Du wirſt mich und meinen von Senneval begleiten; ihr vorzuſtellen —“ Mann zu der Frau ſie hat mich ſchon mehrmals erſucht, Dich „Cuuſine, ich füge mich mit Vergnügen in Deinen Befehl.“ „Offen geſtanden, ich ſehe es nicht gern, daß Du Dich ſchon ſo an den Elub gewöhnſt, Du beſitzeſt Alles, um in der Geſell⸗ ſchaft gut aufgenommen, ſelbſt geſucht zu werden — Du mußt alſo häufig in Geſellſchaft erſcheinen „Ich werde es thun, Cvuß „Und da ich ſo ziem lieber Conrad, ſo we, mündig, aber ich lange bedürfen nige zu ſtelle 154 „Mit Freuden, mit Vergnügen, Cvuſine,“ fiel der junge Her⸗ zog raſch ein. Die ſtumme Wuth Floreſtans, der, auf den Kamin geſtützt, vaſtand, läßt ſich nicht beſchreiben. Weder der Herzog, noch Clotilde achteten auf ihn. Da er wohl wußte, wie ſchnell ſich die Herzogin von Lucenay entſchied, ſo bildete er ſich ein, ſie treibe die Keckheit und Verachtung ſo weit, daß ſie in ſeiner Gegenwart und ſofort eine regelmäßige Koketterie mit dem Herzoge von Montbriſon anfange. Das war keinesweges der Fall; die Herzogin empfand für ihren Vetter eine ganz mütterliche Zuneigung, da ſie ihn faſt hatte geboren werden ſehen. Der junge Herzog war aber ſehr hübſch, und die freundliche Aufnahme bei ſeiner Cyuſine ſchien ihn ſo fröh⸗ lich zu machen, daß die Eiferſucht oder vielmehr der Stolz Flore⸗ ſtans ſich verletzt fühlte; ſein Herz wand ſich unter den ſchmerzli⸗ chen Stichen des Neides, den er gegen Montbriſon empfand, der, reich und ſchön, ſo glänzend in dieſes Leben voll Vergnügungen und Feſtlichkeiten eintrat, aus welchem er verarmt, gebrandmarkt, verachtet und entehrt heraustrat. Herr von St. Remy beſaß jenen Verſtandesmuth, wenn man es ſo nennen kann, mit welchem ein Mann aus Eitelkeit oder Zorn in einem Zweikampfe auftritt; dagegen ging ihm jener Muth des Neigungen ſiegt oder doch wenigſtens rch einen freiwilligen Tod der über die Verachtung, n Gerzoge ſeinen Keckheit mit 155 der Herzogin zu wetteifern, im Nothfalle ſelbſt Streit mit Conrad zu ſuchen. un! Die Herzogin, die über die Kühnheit Floreſtans empört war, ſah ihn nicht an, und Montbriſon, der in ſeinem Eifer ſeiner Cou⸗ ſine gegenüber die Schicklichkeit faſt etwas aus den Augen ſetzte, hatte den Vicomte, den er doch fannte, weder gegrüßt, noch ein Wort mit ihm geſprochen. Dieſer trat jetzt zu Conrad, welcher ihm den Rucken zukehrte, berührte leicht ſeinen Arm und ſagte in trocknem, ironiſchem Tone: „Guten Abend, Herr . .., ich bitte um Vergebung, daß ich Sie nicht bemerkt habe —“ Montbriſon glaubte wirklich ſich gegen die Schicklichkeit ver⸗ gangen zu haben, drehte ſich raſch um und ſagte herzlich zu dem Vicomte: „Sie machen mich verlegen, — aber ich hoffe, meine Cou⸗ ſine, die Urſache meiner Zerſtreuung, wird mich bei Ihnen ent⸗ ſchuldigen und —“ „Conrad,“ ſagte die Herzogin, durch die Unverſchämtheit Flo⸗ reſtans zum Aeußerſten gebracht, der ſie nicht verließ, ihr zum Trotz. wie es ſchien, „Conrad, ſchon gut; keine Entſchuldigung, — es lohnt ja nicht der Mühe —“ Montbriſon, der glaubte, ſeine Couſine mache ihm ſcherzend den Vorwurf, daß er zu förmlich ſei, ſagte darauf heiter zu dem Vicomte, der bleich vor Zorn war: „Nun, ich will nicht darauf beſtehen, — da meine Couſine es verbietet. — Sie ſehen, die Vormundſchaft beginnt bereits —“ „Sie wird dabei nicht ſtehen bleiben, mein lieber Herr, glau⸗ ben Sie mir. In dieſer Vorausſicht (welche die Frau Herzogin „ 156 ohne Zweifel zu verwirflichen ſich beeilen wird) möchte mir er⸗ lauben, Ihnen einen Vorſchlag zu machen —“ „Mir?“ fragte Conrad, den der höhniſche Ton eſt zu nhe anfing — „Jo, Ihnen. — Ich reiſe nach einigen Tagen zur Geſandt⸗ ſchaft in Gerolſtein ab, der ich beigegeben bin. — Ich wünſche mein Haus, wie es meublirt iſt, meine Pferde und Wagen zu verkaufen; Sie werden ſich auch einrichten müſſen —“ Und der Vicomte betonte die letzten Worte ſtark, indem er die Herzogin anſah. — „Es wird pikant, nicht wahr, Frau Herzogin?“ „Ich verſthe Sie nicht,“ antwortete Montbriſon, deſſen Ver⸗ wunderung höher und höher ſtieg. „Ich werde Dir ſagen, Conrad, warum Du dies Anerbieten nicht annehmen kannſt,“ fiel Clotilde ein. „Warum kann der Herr mein Anerbieten nicht annehmen, Frau Herzogin?“ „Lieber Conrad, was Dir zum Kaufe angeboten wird, iſt be⸗ reits verkauft; „ ſiehſt ein, — daß Du beraubt würdeſt, wie in einem Walde — Floreſtan biß ſich vor Wuth auf die Lippe. „Sprechen Sie vorſichtiger, Madame, “ſagte er. „Wie? Drohungen — hier — mein Herr?“ fragte Conrad. „Achte nicht darauf, Conrad,“ entgegnete die Herzogin, die mit nverunt Kaltblütigkeit eine Bonbonniere öffnete, — „ein Mann von Ehre kann und darf ſich mit dem Herrn da nicht nbheiten Wenn er darauf beſteht, will ich Dir auch ſagen warum —“ Es wäre vielleicht zu einem ſchrecklichen Auftritte getommen in dieſem Augenblicke aber wurde die Thur geöffnet, und der Her⸗ zog von Lucenay trat herein, geräuſchvoll, rückſichtslos wie ge⸗ wöhnlich. „Schon bereit?“ ſagte er zu ſeiner Frau: „das iſt ja ſtau⸗ nenswerth, überraſchend. — Guten Abend, Saint Remy, guten Abend, Conrad ... Ihr ſeht den verzweiflungsvollſten Menſchen vor Euch, d. h. ich ſchlafe nicht mehr, ich eſſe nicht mehr, — ich kann mich nicht daran gewöhnen, — der arme Harville! welches unglück!“ Und er warf ſich auf einen Lehnſtuhl, ſchleuderte mit einer Geberde der Verzweiflung den Hut weit weg, legte das linke Bein auf das rechte Knie, nahm den Fuß in die Hand und jammerte troſtlos. Die Aufregung Conrads und Floreſtans konnte ſich beruhi⸗ gen, ohne daß der Herzog von Lucenay etwas merkte, der übri⸗ gens überhaupt nicht zu den Hellſehenden gehörte. Die Herzogin ihrer Seits ſagte zu ihrem Gemahle, — nicht aus Verlegenheit, denn ſie war, wie man weiß, nicht die Frau, die in Verlegenheit kam, ſondern weil die Wweſenheit Floreſtans ihr unerträglich wurde: „Wenn Du willſt, brechen wir auf; ich ſtelle Conrad der Frau von Senneval vor —“ „Nein, nein, nein!“ ſchrie der Herzog laut auf, indem er ſei⸗ nen Fuß los ließ und mit beiden Händen auf die Kiſſen ſchlug, zum großen Schrecken Clotildens, die bei dem unerwarteten Auf⸗ ſchreien ihres Gemahls von ihrem Seſſeel aufſprang. „Gott, was iſt Dir?“ ſagte ſie zu ihm; „Du erſchreckſt mich —“ „Nein!“ wiederholte der Herzog, der die Kiſſen zurückwarf, aufſprang und geſticulirend umherlief, „ich kann mich nicht an den 158 Gedanken gewöhnen, daß der arme Harville todt ſei. — Wie, Saint Remy?“ „Das iſt ein entſetzliches Unglück,“ entgegnete der Vicomte, der, Haß und Wuth im Herzen, das Auge des jungen Herzogs von Montbriſon ſuchte. Dieſer aber wendete nach den letzten Worten ſeiner Couſine, nicht aus Mangel an Muth, ſondern aus Stolz, das Geſicht von einem ſo gebrandmarkten Manne ab. „Ich bitte,“ ſagte die Herzogin zu ihrem Gemahle, „beklage den Herrn von Harville nicht auf ſo geräuſchvolle, ſo ungewöhn⸗ liche Weiſe. Sei ſo gut und klingle, um meine Leute zu ru⸗ fen —“ „Es iſt wahr,“ entgegnete der Herzog von Lucenay, indem er die Klingelſchnur erfaßte; „vor drei Tagen war er lebeusfriſch und geſund, und was iſt nun von ihm übrig? — Nichts — nichts — nichts!!“ Dieſe letzten drei Worte begleitete er mit drei ſo heftigen Zügen an der Klingelſchnur, welche er geſticulirend in der Hand hielt, daß ſie oben abriß, auf einen Candelaber mit brennenden Kerzen fiel und zwei derſelben herunterwarf. Die eine fiel auf den Kamin und zerbrach eine allerliebſte kleine Porzellanvaſe, die andere rollte am Boden auf einen Hermelinteppich hin, der Feuer fing, von den Füßen Conrads aber ſogleich ausgetreten wurde. In demſelben Augenblicke kamen zwei durch dieſes fürchterliche Schellen gerufene Kammerdiener eilig herbei. Der Herzog hielt den Klingelzug noch in der Hand, die Herzogin lachte laut über den Kerzenfall, und der Herzog von Montbriſon theilte die Lach⸗ uſt ſeiner Couſine. Nur Saint Remy lachte nicht. Der Herzog von Lucenah, der an ſolche Vorfälle gewöhnt 159 war, blieb vollkommen ernſt, warf den Klingelzug einem ver Leute zu und ſagte: „Den Wagen der Herzogin!“ Nachdem Clotilde ſich etwas beruhigt hatte, ſagte ſie: „Kein Menſch in der Welt außer Dir vermag über ein ſo beklagenswerthes Ereigniß Lachen zu erregen —“ „Beklagenswerth! ſage: entſetzlich, ſchauderhaft. Siehſt Du, ſeit geſtern denke ich darüber nach, wie viel Perſonen, ſelbſt aus meiner eigenen Familie, ich ſtatt des armen Harville hätte mögen ſterben ſehen. Mein Neffe Emberval z. B., der wegen ſeines Stotterns ſo langweilig iſt, oder Deine Tante Merinville, die im⸗ mer von ihren Nerven, von ihrer Migraine ſpricht und alle Tage vor dem Diner ein Frühſtück hält wie eine Portiersfrau. — Liegt Dir viel an Deiner Tante Merinville?“ „Du biſt ein Narr,“ antwortete die Herzogin achſelzuckend. „Ich ſpreche in vollem Ernſt,“ fuhr der Herzog fort; „für einen Freund giebt man zwanzig Leute hin, die Einem gleichgül⸗ tig ſind, nicht wahr, Saint Remy?“ „Ohne Zweifel —“ „Es iſt immer die alte Geſchichte von dem Schneider. Kennſt Du die Geſchichte von dem Schneider, Conrad?“ * „Nein.“ „Du wirſt die Allegorie ſogleich begreifen. Ein Schneider ſoll gehangen werden; das Städtchen hat aber keinen andern Schneider außer ihm —; was machen die Einwohner? Sie ſagen zu dem Richter: Herr Richter, wir haben nur den einen Schnei⸗ der, aber drei Schuhmacher; wenn es Ihnen recht wäre, daß ei⸗ ner von den drei Schuhmachern gehangen würde, ſo hätten wir 160 doch immer noch zwei und folglich genug. — Verſtehſt Du die Allegorie, Conrad?“ „Ja —“ „Und Sie, Saint Remy?“ „Ich auch —“ „Der Wagen der Frau Herzogin!“ ſagte ein Diener. „Warum haſt Du Deine Diamanten nicht angelegt?“ ſagte Lucenay plötzlich: „zu dieſem Anzuge müßten ſie prächtig aus⸗ ſehen —“ Saint Remy erbebte. „Da wir ſo ſelten mit einander in Geſellſchaft gehen,“ fuhr der Herzog fort, „ſo hätteſt Du mir zu Ehren wohl die Diaman⸗ ten anlegen können. — Ah, die Diamanten der Herzogin ſind ſchön! Haben Sie dieſelben ſchon geſehen, Saint Remy?“ „Ja — der Herr kennt ſie — ſehr genau,“ ſagte Clotilde, die ſodann hinzuſetzte; „Deinen Arm, Conrad —“ Lucenay folgte der Herzogin mit St. Remy, der kaum noch an ſich halten konnte. „Kommen Sie nicht mit uns zu Sennevals, St. Remy?“ fragte ihn Lucenay. „Nein, — es iſt mir nicht möglich,“ autwortete er barſch. „Sehen Sie, St. Remy, die Frau von Senneval iſt auch eine Perſon, — was ſage ich eine? — zwei, die ich gern vpferte; denn ihr Mann ſteht auch mit auf meiner Liſte —“ „Auf welcher Liſte?“ „Auf der Liſte der Beute, die ich ſehr gern hätte ſterben ſe⸗ . hen, wenn uns Harville geblieben wäre — 6 In dem Augenblicke, als in dem Wartezimmer Montbriſon der Herzogin den Mantel umgab, ſagte Lucenay zu ſeinem Conſin: 1 — 161 „Da Du uns begleiteſt, Conrad, ſo ſage doch Deinem Wa⸗ gen, er möge uns folgen, — Sie müßten denn mitkommen, Saint Remy. — Ich würde Dir dann einen Platz anbieten und Dir eine andere hübſche Geſchichte erzählen, die ſo gut iſt wie die von dem Schneider —“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Saint Remy trocken; „ich kann Sie nicht begleiten —“ „Dann auf Wiederſehen ... Haben Sie ſich mit meiner Frau gezankt? Sie ſteigt ja in den Wagen, ohne Ihnen ein Wort zu ſagen —“ Die Herzogin ſtieg wirflich raſch in den Wagen, ſeheh der⸗ ſelbe vorgefahren war. „Vetter?“ ſagte Conrad, der aus Artigkeit auf Lucenay war⸗ tete. „Steige immer ein!“ antwortete der Herzog, der einen Angen⸗ blick auf den Stufen vor dem Hauſe ſtehen blieb und das elegante Geſpann des Vicomte betrachtete. „Das ſind Ihre Braunen, Saint Remy?“ „Ja —“ „Und Ihr dicker Patterſon — welche Tournüre! Das nenn' ich mir den Kutſcher eines guten Hauſes! Wie er die Pferde in der Hand hat! Das muß wahr ſein, in Allem hat der verfluchte Saint Remy das Beſte —“ „Die Frau Herzogin und Ihr Vetter warten auf Sie,“ ſagte Saint Remy bitter. „Sie haben Recht —, ich bin recht grob. — Auf Wieder⸗ ſehen, Saint Remy. — Bald hätte ich vergeſſen,“ ſagte der Her⸗ zog, indem er noch einmal ſtehen blieb, „wenn Sie nichts BVeſſe⸗ res zu thun haben, eſſen Sie mggen bei uns. — Lord Dudley Die Geheimniſſe von Paris. vl. 11 162 hat mir Haidehühner aus Schottland geſchict — ſind mon⸗ ſtröſe Dinger! Sie kommen, nicht wahr?“ Und der Herzog ſtieg in den Wagen⸗ Saint Remy, der nun allein auf den Stufen ſtand, ſah dem dahinrollenden Wagen nach. Der ſeinige fuhr vor. Er ſtieg ein und warf einen Blick voll Zorn, Haß und Ver⸗ zweiflung auf das Haus, das er ſo oft als ½ betreten hatte, aus dem er nun ſo ſchimpflich verjagt war⸗ „Nach Hauſe!“ ſagte er. „In das Hötel!“ ſagte der Bediente zu dem Kutſcher, indem er den Schlag zuwarf. Die bittern Gedanken Saint Remys, als er nach Hauſe kam, kann man ſich denken. In dem Augenblicke, als er in daſſelbe trat, ſagte Boyer, der ihn unten erwartete: „Der Herr Graf iſt oben und wartet auf den Herrn Vi⸗ comte —“ „Schon gut.“ „Auch ein Mann iſt da, den der Herr Vicomte um zehn Uhr beſtellt hat, Herr Petit⸗Jean.“ „Gut, gut!“ „Welcher Abend!“ dachte Flyreſtan, als er zu ſeinem Vater hinaufging, den er in dem Zimmer fand, in welchem das Geſpräch früh ſtattgefunden hatte. „Ich bitte um Entſchuldigung, Vater, daß ich bei Ih⸗ rer Ankunft nicht hier war, aber ich — „Iſt der Mann hier, welcher den falſchen Wechſel beſitzt?“ unterbrach der Graf ſeinen Sohn. „ 163 „Ja, Vater, er iſt unten — „Laß ihn heraufkommen —“ „ Floreſtan klingelte, Boyer erſchien. „Herr Petit⸗Jean möge heraufkommen.“ „Ja, Herr Vicomte,“ und Boyer ging hinaus. „Wie gütig Sie ſind, Vater, daß Sie ſich Ihres Verſprechens erinnerten —“ „Ich vergeſſe nie, was ich verſpreche —“ „Wie viel Dank bin ich Ihnen ſchuldig! — Wie werde ich Ihnen beweiſen können —“ „Ich wollte meinen Namen nicht entehrt ſehen, er wird es nicht werden —“ „Er wird es nicht werdenß Nein, er wird nicht entehrt wer⸗ den, ich ſchwöre es, Vater.“ . Der Graf ſah ſeinen Sohn mit einem ſeltſamen Blicke an und wiederholte: „Nein, er ſoll nicht wieder entehrt werden.“ Dann ſetzte er hinzu: „Kannſt Du die Zukunft errathen?“ 4 „Ich leſe meinen Entſchluß in meinem Herzen.“ Der Vater Floreſtans antwortete nicht. Er ging in dem Zimmer umher, die beiden Hände in die Taſchen des langen Ueberrocks geſteckt. Er ſah bleich aus. „Herr Petit⸗Jean,“ ſagte Boyer, indem er einen Mann mit gemeinem, aber pfiffigem Geſichte einführte. „Wo iſt der Wechſel?“ fragte der Graf. „Hier, mein Herr,“ antwortete Petit⸗Jean (der Strohmann 164 des Notars Jacob Ferrand), indem er dem Grafen das Papier hinhielt. » „Iſt er dies?“ ſagte dieſer zu ſeinem Sohne. Der Graf nahm nun aus ſeiner Weſtentaſche 25 Tauſend⸗ franesbillets, übergab ſie ſeinem Sohne und ſagte: „Bezahle!“ Floreſtan bezahlte und nahm vas Papier mit einem tiefen Seufzer. Petit⸗Jean legte die Billets ſorgfältig in eine alte Briefta⸗ ſche und empfahl ſich. Der Graf ging mit ihm hinaus, während Floreſtan den Wechſel klüglicher Weiſe zerriß. „So bleiben mir wenigſtens die fünfundzwanzigtauſend Fres. von Clotilden. — Wenn nichts heraus kommt, — iſt es ein Troſt. Aber wie ſie mich behandelt hat! — Was mag mein Vater dem Petit⸗Jean zu ſagen haben?“ In dieſem Augenblicke wurde eine Thür doppelt zugeſchloſſen, und der Vicomte fuhr zuſammen. . Der Graf trat herein. Er war noch bleicher — „Mir war es, als hätte ich die Thur zuſchließen hören, Vater.“ „Ich habe ſie zugeſchloſſen —“ „Sie, Vater? Warum?“ fragte Floreſtan pnct. „Das wirſt Du ſogleich erfahren Der Graf ſtellte ſich ſo, daß ſein Sohn nicht us der ver⸗ borgenen Treppe fortgehen konnte, die in das Parterre hinun⸗ terführte. Floreſtan wurde auf den Geſichtsausdruck ſeines Vaters auf⸗ merkſam und folgte allen Bewegungen deſſelben mit Mißtrauen. Er empfand eine gewiſſe Angſt, ohne ſich ſagen zu können warum — „Was iſt Ihnen, Vater?“ „Als Du mich heute früh ſahſt, hatteſt Du keine andre Ge⸗ danken als: mein Vater wird ſeinen Namen nicht entehren laſſen, et wird bezahlen, wenn ich ihn durch einige Shenchel Worte der Reue mürbe mache —“ „Können Sie glauben, daß —“ „Unterbrich mich nicht. — Ich habe mich durch Dich nicht täuſchen laſſen; Du kennſt weder Scham noch Reue, biſt durch und durch verdorben und haſt nie einen rechtſchaffenen Gedanken ge⸗ habt; Du ſtahlſt nicht, ſo lange Du Deine Launen und Einfälle befriedigen konnteſt, das nennt man die Ehrlichkeit der Reichen Deines Schlages; dann famen undelicate Dinge, darauf Gemein⸗ heiten, endlich das Verbrechen, die Fälſchung — das iſt nur die erſte Periode Deines Lebens, die rein . ſchön iſt in Vergleich mit der, welche Dich erwarten würde —“ „Wenn ich mich nicht änderte, ich geſtehe es, aber ich werde mich ändern, Vater, ich habe es Ihnen geſchworen —“ „Du würdeſt Dich nicht ändern —“ „Aber —“ „Du würdeſt Dich nicht ändern. — Aus der Geſellſchaſt ver⸗ bannt, in welcher Du bis jetzt lebteſt, würdeſt Du bald Verbre⸗ chen begehen, wie die Elenden, unter die Du geſtoßen ſein wür⸗ deſt; Du e ſtehlen, im morden. — Das iſt Deine Zukunft — „Ich ein Mörder!“ . 166 „Ja, weil Du feig geweſen biſt.“ „Ich habe Duelle gehabt und bewieſen — „Ich ſage Dir, daß Du feig geweſen biſt. — Du haſt die Schande dem Tode vorgezogen. Es würde ein Tag kommen, an welchem Du die Strafloſigkeit wegen neuer Verbrechen dem Leben Anderer vorzögeſt. — Das darf nicht ſein, ich gebe es nicht zu. Ich komme zu rechter Zeit, um wenigſtens für die Zukunft mei⸗ nen Namen vor öffentlicher Beſchimpfung zu bewahren. — Es muß ein Ende nehmen.“ „Wie, Vater, ein Ende nehmen! Was wollen Sie damit ſa⸗ gen?“ rief Floreſtan aus, der über den entſetzlichen Ausdruck des Geſichtes ſeines Vaters mehr und mehr erſchrak. Mit einem Male wurde heftig an die Thür draußen geklopft; Floreſtan wollte öffnen, um der ſchauerlichen Scene ein Ende zu machen, aber der Graf erfaßte ihn mit eiſerner Fauſt und N ihn zurück. „Wer klopft?“ fragte der Graf. „Im Namen des Geſetzes, öffnen Sie — öffnen Sie!“ ut wortete eine Stimme. „War dieſe Fälſchung nicht die letzte?“ fragte der Graf indem er ſeinem Sohne einen fürchterlichen Blick zuwarf. „Ja, Vater, ich ſchwöre es,“ ſagte Floreſtan, indem er ſich vergebens von der kräftigen Hand ſeines Vaters los zu machen ſuchte. „Im Namen des Sie!“ wiederholte die Stimme. „Was wollen Sier“ fragte der Graf. „Ich bin der Polizeicommiſſar dieſes Bezirks und will Haus⸗ ſuchung anſtellen wegen eines Diamantendiebſtahls, deſſen der Herr 167 von Saint Remy beſchuldigt iſt. Der Juwelier Baudoin hat Beweiſe. Wenn Sie nicht öffnen, ſo werde ich genöthigt ſein, Gewalt zu brauchen —“ „Schon Dieb! — Ich hatte mich nicht getäuſcht,“ ſagte der Graf leiſe. — „Ich wollte Dich ermorden, ich habe zu lange ge⸗ zögert —“ „Mich ermorden!“ „Mein Name iſt geſchändet genug; endigen wir; habe hier zwei Piſtolen; Du wirſt Dir eine Kugel durch den Kopf ja⸗ gen, ſonſt ſchieße ich Dich ſelbſt nieder und ſage, Du hätteſt Dich aus Verzweiflung erſchoſſen, um der Schande zu entgehen —“ Mit entſetzlicher Kaltblütigkeit zog der Graf ein Piſtol aus der Taſche und reichte es ſeinen Sohne mit der Hand, die er frei hatte. „Mach raſch ein Ende, wenn Du keine Memme biſt,“ ſagte er. Nach neuen vergeblichen Verſuchen, ſich den Händen des Gra⸗ fen zu entwinden, warf ſich Floreſtan entſetzt zurück und wurde todtenbleich. Er ſah an dem ſchrecklichen Blicke ſeines Vaters, daß er kein Mitleid zu erwarten habe. „Vater!“ rief er aus. „Du mußt ſterben.“ „Ich bereue —“ „Es iſt zu ſpät. — Hörſt Du Man ſchlägt die Thüre ein.“ „Ich will meine Fehler abbüßen —“ „Man kommt herein. — Soll ich Dir den Tod geben?“ „Erbarmen!“ „Die Thüre weicht! — Du haſt es gewollt — 168 Und der Graf ſetzte die Mündung des Piſtols auf die Bruſt Floreſtans. Der Lärm draußen verrieth wirklich, daß die Thür am an⸗ dern Zimmer nicht länger widerſtehen konnte. Der Vicomte ſah, daß er verloren war. Ein plötzlicher verzweifelter Entſchluß malte ſich auf ſeiner Stirn; er wehrte ſich nicht mehr gegen Vater und ſagte mit Feſtigkeit und Ergebung: „Sie haben Recht, Vater; geben Sie her die Wäſſ — Da mein Name ſo beſchimpft iſt, muß das Leben, das mich erwartet, fürchterlich ſein und kann die Mühe nicht lohnen, die man ſich giebt, es zu erhalten. Geben Sie mir die Waffe. Sie ſollen ſe⸗ hen, ob ich feig bin —“ Er ſtreckte die Hand nach dem Piſtol aus. — „Aber wenigſtens — ein Wort, ein einziges Wort des Troſtes, des Nitleides, des Lebewohls!“ ſetzte er hinzu. Seine zitternden Lippen, ſeine Bläſſe, ſein verſtörtes Ausſehen vertiethen ſeine fürchterliche in dieſem üßetſten Sugen blicke. „Wenn er mein Sohn doch wäre!“ dachte der Graf mit Schreckei, indem er zögernd das Piſtol zurückhielt. — „Wenn er mein Sohn iſt, darf ich mit dieſem Opfer noch weniger zögern.“ Die Thüre draußen krachte, ſie war zertrümmert. „Vater — ſie kommen. — Ja, jetzt fühle ich es, der Tod iſt eine Wohlthat. — reichen Sie mir die Hand und verzeihen Sie mir.“ Trotz ſeiner Härte konnte ſich der Graf eines S nicht erwehren, während er ſagte: „Ich verzeihe Dir —“ „Vater — die Thüre wird geöffnet, — gehen Sie den Leu⸗ 169 ten entgegen, — damit man wenigſtens keinen Verdacht gegen Sie hegen kann. — Wenn ſie hereinkämen, würden ſie mich an der That hindern —“ Man hörte mehrere Perſonen in dem Nebenzimmer gehen. Floreſtan ſetzte ſich das Piſtol auf das Herz. Der Schuß ſiel in dem Augenblicke, als der Graf, um die⸗ ſem ſchrecklichen Anblicke zu entgehen, das Geſicht abwendete und aus dem Zimmer ſtürzte — Bei dem Knalle, bei dem Anblicke des bleichen Grafen mit verſtörtem Geſicht blieb der Commiſſar plötzlich an der Schwelle der Thüre ſtehen und winkte ſeinen Leuten, nicht weiter zu ehen. Er errieth Alles, da ihm Boyer geſagt hatte, der n habe ſich mit ſeinem Vater eingeſchloſſen, und ehrte den großen Schmerz des Vaters. „Todt!“ rief der Graf aus, indem et die Hände auf das Ge⸗ ſicht ſchlug; „todt!“ wiedetholte er. „Es war recht. — Der Töd iſt beſſer als die Schande, — aber es iſt entſetzlich.“ „Mein Herr,“ ſagte der Beamte nach einer Pauſe — „erſpa⸗ ren Sie ſich einen ſchmerzlichen Anblick; verlaͤſſen Sié das Haus. — Ich habe jetzt eine andere peinlichere Pflicht zu erfüllen, als die war, welche mich eigentlich hierher rief.“ „Sie haben Recht,“ ſprach der Graf von Saint Remy. — „Was den Beſtohlenen betrifft, ſo ſagen Sie ihm, et möge ſich bei dem Banquier Dupont melden. Wie hoch werden die geſtohlenen Diamanten geſchätzt?“ S Auf 30,000 Fres. ungefähr; die Perſon, die ſie gekauft hat und durch welche der Diebſtahl herausgekommen iſt, dieſe Summe — Ihrem Sohne.“ „Ich werde auch dies noch bezahlen nen⸗ — Det Juwelier 170 möge übermorgen zu meinem Banquier gehen; ich werde mich mit ihm verſtändigen.“ Der Commiſſär verbeugte ſich. Der Graf ging hinaus. Nachdem derſelbe ſich entfernt hatte, ging der Beamte, von dieſem unerwarteten Vorfalle tief ergriffen, langſam nach dem Zim⸗ mer zu und hob die Thürvorhänge mit zitternder Hand auf. „Niemand?“ ſagte er erſtaunt, indem er ſich in dem Zimmer umſah und nicht die geringſte Spur von dem tragiſchen Ereig⸗ niſſe erblickte, das da vorgekommen ſein ſollte. Dann bemerkte er die Tapetenthür und eilte dahin. Sie war von der andern Seite verſchloſſen. „Eine Liſt alſo? Durch dieſe Thür iſt er entflohen!“ rief er ärgerlich aus. Der Vicomte hatte ſich vor den Angen ſeines Vaters das Piſtol auf die Bruſt geſetzt, dann aber wohlweislich unter ſeinem Arme hin geſchoſſen und ſich dann raſch geflüchtet. Trotz den ſorgfältigſten Nachſuchungen in dem ganzen Hauſe fand man Flyreſtan nicht. Während des Geſpräches zwiſchen ſeinem Vater und dem Py⸗ lizeicommiſſar hatte er ſchnell das Bondoir, dann das Treibhaus erreicht, war von da in das Gäßchen und endlich in die elyſäiſchen Felder gelangt. Das Bild dieſer ſchimpflichen Entartung im Reichthume iſt etwas Trauriges. Wir wiſſen es wohl; aber die reichen Claſſen haben auch ihr Elend, ihre Laſter, ihre Verbrechen. 171 Nichts iſt häuſiger und betrübender, als die unſinnigen und furchtbaren Verſchwendungen, die wir geſchildert haben, und die immer Verarmung, Mißachtung, Gemeinheit oder Schande nach ſich ziehen. Es iſt dies ein beklagenswerthes, trauriges Schauſpiel, — wie wenn man ein blühendes Getraidefeld nutzlos durch ein Rudel Wild verwüſten ſieht. Das Erbe, das Eigenthum ſind unverletzlich und heilig und müſſen es ohne Zweifel ſein. Der erworbene oder ererbte Reichthum muß ungeſtraft und prächtig in den Augen der armen, leidenden Claſſen glänzen fönnen. Lange noch müſſen ſolche entſetzliche Mißverhältniſſe beſtehen wie zwiſchen dem Millionair Saint und dem Handwerker Morel. Aber eben weil dieſe unvermeidlichen Mißverhältniſſe durch das Geſetz geweiht, geſchützt werden, ſind die, welche ſo viele Gü⸗ ter beſitzen, moraliſch denen Rechnung ſchuldig, welche nur ihre Rechtſchaffenheit, ihre Ergebung, ihren Muth und ihren Fleiß haben. In den Augen des Verſtandes, des Menſchenrechtes und ſelbſt des wohlverſtandenen ſocialen Intereſſes ſollte ein großes Vermö⸗ gen ein erbliches Depot in klugen, feſten, geſchickten, freigebigen Händen ſein, die den Auftrag hätten, dieſes Vermögen fruchtbar zu machen, aber auch alles das zu beleben, zu verbeſſern verſtän⸗ den, was ſich glücklicher Weiſe in ſeinem glänzenden heilbringen⸗ den Kreiſe befände. Es iſt pisweilen wirklich ſo, aber ſelten. Wie viele junge Leute wie Saint Remy, die im zwanzigſten 172 Jahre in den Beſitz eines bedeutenden Vermögens kommen, ver⸗ geuden es thörichter Weiſe im Müßiggange, in der Langenweile, im Laſter, weil ſie es nicht beſſer für ſich ſelbſt und Andere an⸗ zuwenden wiſſen! Andere, welche die Vergänglichkeit und Unbeſtändigkeit der menſchlichen Dinge fürchten, häufen geizig Schätze auf Schätze. Noch Andere, die wiſſen, daß ein ſtationäres Vermögen fich mindert, geben ſich, nothwendig um zu betrügen oder weil ſie be⸗ trogen ſind, jeder gewagten und unmoraliſchen Agiotage hin, welche die Regierung leider ſchützt und begünſtigt. Wie ſollte es auch anders ſein! Wer unterrichtet die unerfahrene Jugend in jener Wiſſenſchaft, der individuellen und dadurch auch ſocialen Oeconomie? Niemand. Der Reiche wird mit eien Reichthume in die Geſellſchaſt geſtoßen wie der Arme mit ſeiner Armuth. Man kummert ſich eben ſo wenig um den Ueberfluß des Ei⸗ nen wie um den Mangel des Andern. Man denkt eben ſo wenig daran, den Reichthum moraliſch zu machen, wie die Armuth. Liegt dieſe große und edle Pflicht nicht der Regierung ob? Wenn ſie ſich endlich der Noth, der immer wachſenden Schmer⸗ zen der jetzt noch ergebenen Arbeiter erbarmte, eine allen verderb⸗ liche Concurrenz beſeitigte, endlich einmal die drohende Frage der Arbeitsorganiſation in Berathung zöge und ſelbſt das heilſame Beiſpiel der Aſſociation des Geldes und der Arbeit gäbe, aber einer redlichen, verſtändigen, billigen Aſſoeiativn, welche das Wohlbefinden des Arbeiters ſicherte, ohne dem Vermögen des Rei⸗ chen zu ſchaden, dieſe beiden Claſſen durch Bande der Liebe und 173 des Dankes vereinigte, welche gewaltigen Folgen würde dieſe prak⸗ tiſche Lehre haben! Wer unter den Reichen würde dann noch ſchwanken zwiſchen den unredlichen, unſeligen Chancen der Agiotage, den ſchauerlichen Genüſſen des Geizes, der thörichten Eitelkeit einer verderblichen Verſchwendung, oder einer zugleich fruchtbringenden und wohlthätigen Anlage des Geldes, welche den Wohlſtand, die Moralität, das Glück und die Freude unter zwanzig Familien verbreitete? . CXIHI. Der Iblchied. Shm Tage nach jenem Abende, an welchem der Graf von St. Nemy durch ſeinen Sohn auf eine ſo unwürdige Weiſe hin⸗ tergangen worden war, kam in St. Lazarus während der Erho⸗ lungsſtunde der Gefangenen ein rührender Auftritt vor. Marien⸗Blume ſaß, während die andern Gefangenen umher⸗ gingen, auf einer Bank an dem Brunnen, welche bereits den Na⸗ men „Bank der Nachtigall“ erhalten hatte. Die Gefangenen über⸗ ließen ihr in Folge einer ſtillſchweigenden nebereinkunft dieſen ihr liebgewordenen Platz, denn der milde Einfluß des jungen Mädchens hatte noch zugenommen. Die Nachtigall liebte dieſe Bank an dem Brunnen, weil doch wenigſtens das Moos, welches am Rande des Waſſerbehälters wuchs, ſie an das Grün der Felder erinnerte, wie das klare Waſ⸗ ſer ſie an den kleinen Bach in dem Dorfe Bouqueval erinnerte. Für den betrübten Blick des Gefangenen iſt ein Grasbüſchel eine Wieſe, — eine Blume ein Garten. Marien⸗Blume vertraute auf die liebevollen Zuſicherungen der —— 175 Frau von Harville und hatte ſeit zwei Tagen auf ihre Entlaſſung aus St. Lazarus gewartet. n Ob ſie gleich keinen Grund hatte, ſich über die Verzögerung dieſer ihrer Entlaſſung aus dem Gefängniſſe zu beunruhigen, ſo wagte ſie doch kaum zu hoffen, bald ihre Freiheit zu erlangen, da ſie ja au Unglück gewöhnt war. Seit ihrer Ruͤckkehr unter dieſe Geſchöpfe, deren Anblick, de⸗ ren Sprache jeden Augenblick in ihrer Seele die unheilbare Erin⸗ nerung an ihre frühere Schande erweckten, hatte die Traurigkeit Mariens noch mehr zugenvmmen und war noch druckender ge⸗ worden. Noch nicht genug. Aus dem leidenſchaftlichen, begeiſterten Danfe gegen Rudolph wurde für ſie ein neuer Gegenſtand der Unruhe, des Kummers, faſt des Entſetzens. Sie ermaß ſeltſamer Weiſe die Tiefe des Abgrundes, in wel⸗ chen ſie verſunken geweſen war, nur um darnach den Abſtand zu ſchätzen, der ſie von jenem Manne trennte, deſſen Hoheit ihr über⸗ menſchlich vorkam, von jenem Manne, der ſo göttlich⸗gütig, aber auch gegen die Böſen ſo furchtbar⸗mächtig war. Trotz der Achtung und Verehrung, die ſie für ihn empfand, fürchtete Marien-Blume leider bisweilen, in dieſer Verehrung die Zeichen der Liebe zu erkennen, einer eben ſo tiefen wie verborge⸗ nen, ſo keuſchen wie tiefen, ſo verzweiflungsvollen wie keuſchen Liebe. Die Unglückliche hatte dieſe betrübende Entdeckung in ihrem Herzen erſt nach ihrem Geſpräche mit der Frau von Harville ge⸗ macht, die ſelbſt, ihr unbewußt, in Rudolph verliebt war. 176 Nach der Entfernung und den Beſprechungen der Marqt hätte Marien⸗Blume bei dem Gedanken an ihre Freunde in Bon⸗ gueval und an Rudolph, die ſie wiederſehen b höchſt erriül ſein ſollen. Es war dies aber ict der Fall. Ihr Herz wurde ſchmerzlich zuſammengeſchnürt, — lich gedachte ſie an die harten Worte, an die ſtolzen forſchenden Blicke der Frau vpn Harpille, als die arme Gefangene im Ge⸗ ſpräch von ihrem Wohlthäter ſich bis zum Enthuſiasmus erho⸗ ben hatte. Die Nachtigall hatte merkwürdiger Weiſe einen Theil des Geheimniſſes der Frau von Harville errathen. „Meine begeiſterte Dankbarkeit gegen Herrn Rudolph hatte die ſchne und ſo vornehme junge Dame verletzt“ dachte Marien⸗ Blume. „Jetzt verſtehe ich ihre bittern Worte; ſie ſprachen eine verächtliche Eiferſucht aus.“ „Sie! Eiferſüchtig auf mich? Sie muß ihn alſo lieben, und ich muß ihn auch lieben! Meine Liebe muß mich gegen meinen Willen verrathen haben.“ „Ich ihn lieben —, ich das auf ewig gebrandmarkte, undank⸗ bare, elende Geſchöpf, das ich bin! — Ach beſſer, hundertmal beſ⸗ ſer wäre da der Tod!“ Wir müſſen ſogleich hinzuſetzen, daß die Unglückliche, die zu allen Leiden auserſehen zu ſein ſchien, das übertrieb, was ⸗ ihre Liebe nannte. Mit ihrem innigen Dank gegen Rudolph verband ſ eine unwillkührliche Bewunderung der Aumuth, der Kraft und Schön⸗ heit, die ihn vor Allen auszeichneten. Dieſe Bewunderung war 177 allerdings im höchſten Grade immateriell und rein, aber feurig und gewaltig, weil die körperliche Schönheit immer reizend iſt. Auch giebt ſich die Stimme des Blutes, die ſo oft geläugnet und verkannt wird, ſo oft ſtumm und unbeachtet bleibt, bisweilen zu erkennen; die innige Zärtlichkeit, welche Marien⸗Blume für Ru⸗ dolph empfand und über die ſie erſchrak, weil ſie dieſelbe in ihrer Unwiſſenheit falſch deutete, hatte ihre Quelle in jenet räthſelhaften Sympathie, die ſo offenbar und doch ſo unerklärlich iſt wie die Geſichtsähnlichkeit. Hätte Marien⸗Blume erfahren, daß ſie die Tochter Rudolphs ſei, ſo würde ſie ſich die Gewalt, die ſie nach ihm hinzog, wohl erklärt und ohne Schen die Schönheit ihres Vaters bewundert haben. So erklärt ſich die Traurigkeit Mariens, ob ſie gleich, nach dem Verſprechen der Frau von Harville, jeden Augenblick erwar⸗ ten mußte, aus St. Lazarus entlaſſen zu werden. Marien⸗Blume ſaß alſo, in traurigen Gedanken, auf ihrer Bank an dem Brunnen und beobachtete mit unwillkührlichem In— tereſſe die Spiele einiger zutraulicher Vögel, welche ſich ungeſcheut auf den Rand des Baſſins ſetzten. Einen Augenblick hörte ſie auf, an dem Kinderjüpchen zu nähen, das ſie in der Hand hielt. Brauchen wir zu ſagen, daß das Jüpchen zu dem Kinderzeuge gehörte, das die Gefangenen in Folge der rührenden Verwendung Mariens der armen Mont⸗Saint⸗Jean gefauft hatten? Die arme mißgeſtaltete Schutzempfohlene der Nachtigall ſaß zu den Füßen derſelben, nähete an einem Mützchen, warf aber doch von Zeit zu Zeit auf ihre Wohlthäterin einen zugleich dankenden, ſchuchternen und liebevollen Blick, einen Blick, wie ihn der Hund auf ſeinen Herrn wirft. Die Geheimniſſe von Paris. VI. 12 Die Schönheit, die nnuth⸗ die Milde Mariens flößten der unglucklichen eben ſo viel Liebe wie Ehrfurcht ein. Es liegt immer etwas Heiliges, etwas Großes in dem ſelbſt entarteten Herzen, das ſich zum erſtenmale der Dankbarkeit öffnet, und bis dahin hatte Niemand der Mont-Saint-Jean Gelegenheit gegeben, dieſes für ſie ſo ganz neue Gefühl kennen zu lernen. Nach einigen Minuten zuckte Marien⸗Blume einigermaßen zu⸗ ſammen, wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen und begann von Neuem fleißig zu nähen. „Wollen Sie denn nicht während der Erholungsſtunde die Aubeit ausſetzen, mein guter rettender Engel?“ ſagte die Mont⸗ Saint⸗Jean zur Nachtigall⸗ „Ich habe kein Geld zum Ankaufe gegeben, muß a iſo um ſo fleißiger arbeiten,“ antwortete das junge Mädchen. „Ach Du mein Gott, wenn Sie nicht geweſen wären, hätte ich ſut der ſchönen Leinwand und des warmen Barchents für mein Kind nur jene Lumpen, die man im Hofe in den Schmutz trat. — Ich danke den Andern recht ſehr, ſie ſind ſehr gütig ge⸗ gen mich geweſen, ja — aber Sie! — Sie! Wie ſoll ich es nur ausſprechen?“ ſetzte die Arme zögernd hinzu, da ſie nicht wußte, wie ſie ihre Gedanken in Worten ausdrücken ſollte. — „Sehen Sie,“ fuhr ſie fort, „das iſt die Sonne, nicht wahr?“ „Ja, Mont⸗Saint⸗Jean — ich höre aufmerkſam,“ antwortete Marien-Blume, die ihr reizendes Geſichtchen zu dem häßlichen Geſichte ihrer Gefährtin neigte. „Aber ſie werden über mich ſpotten,“ fuhr ſie traurig fort, — „ich geel⸗ mich in den Re eden, — ich weiß nicht —“ „Reden Sie nur ungeſcheut, Mont⸗Saint⸗Jean.“ 179 „Wie gute Engelsaugen Sie haben!“ ſagte die Gefangene, indem ſie Marien⸗Blume mit einer gewiſſen Begeiſterung betrach⸗ tete, — „ſie ermuthigen mich, Ihre lieben Augen. — Ich will nun verſuchen, ob ich ſagen kann, was ich denke. Da iſt die Sonne, nicht wahr? Sie iſt recht warm, man ſieht ſte gern und erquickt ſich in ihren Strahlen, nicht wahr?“ „Gewiß.“ „Aber — die Sonne hat ſich nicht ſelbſt gemacht, und wenn man gegen die Sonne dankbar iſt, muß man es noch viel mehr gegen —“ „Den ſein, der ſie geſchaffen hat, nicht wahr, Mont-Saint⸗ Jean? Sie haben Recht; zu dieſem muß man beten, ihn muß man verehren, — es iſt Gott.“ „So iſt es, das meinte ich,“ fiel die Gefangene freudig ein; „ſo iſt es, ich muß dankbar gegen die Andern ſein, Sie aber, die Nachtigall, muß ich anbeten, denn Sie haben die Andern, die ſonſt ſo grauſam waren, ſo gütig gegen mich gemacht —“ „Gott müſſen Sie dauken, Mont⸗Saint⸗Jean, nicht mir —“ „Ach — Ihnen, — Sie ſehe ich, Sie haben mir Gutes ge⸗ than —“ „Aber wenn ich gut bin, wie Sie ſagen, Mont⸗Saint⸗Jean, ſo hat mich Gott ſo geſchaffen, und Sie müſſen alſo ihm danken.“ „Nun — freilich, — vielleicht doch, weil Sie es ſagen,“ ent⸗ gegnete die Gefangene unentſchloſſen, . . . „wenn es Ihnen ſo Ver⸗ gnügen macht, — freilich —“ „Ja, meine arme Mont⸗Saint⸗Jean, beten Sie nur recht oft zu dem lieben Gott. — Sie werden ſo am beſten beweiſen, daß Sie mich ein wenig lieben —“ 180 Ob ich Sie liebe, Nachtigall! Mein Gott! Wiſſen Sie nicht e was Sie zu den andern Gefangenen ſagten, um ſie abzuhalten, mich zu ſchlagen? — Ihr ſchlagt nicht blos ſie, ſondern auch ihr Kind. — So iſt es auch mit der Liebe zu Ihnen; ich liebe Sie nicht blos meinetwegen, ſondern auch wegen meines Kindes.“ „Ich danke, Mont⸗Saint⸗Jean, Sie machen mir mit dieſen Worten Freude.“ Marien⸗Blume reichte gerührt der häßlichen Mont⸗Saint⸗Jean die Hand. . „Welch' ſchönes kleines Händchen! wie weiß und niedlich!“ ſagte die Mont⸗Saint⸗Jean, indem ſie zurückwich als hätte ſie ſich geſcheut, mit ihren plumpen, rothen und ſchinutzigen Händen dieſe reizende Hand zu berühren. Nach einiger Zögerung berührte ſie indeß ehrerbietig und ganz leicht mit ihren Lippen die Fingerſpitzen der Hand, die ihr Marien⸗Blume reichte, dann fiel ſie ſchnell auf ihre Knie nieder und betrachtete ſie mit einer gewiſſen Andacht.“ S „Setzen Sie ſich doch hierher neben mich,“ ſaste die Nachti⸗ gall zu ihr. „O nein, nein, niemals.“ „Und warum nicht?“ „Reſpect vor der Disciplin, wie ſonſt mein braver Mont⸗ Saint⸗Jean ſagte; die Soldaten zuſammen, die Offiziere zuſam⸗ men, jeder dahin, wohin er gehört.“ „Sie ſind eine Thörin. — Es giebt feinen Unterſchied zwi⸗ ſchen uns beiden —“ „Keinen Unterſchied? Du lieber Gott! — Und Sie ſagen das, da ich Sie doch ſehe, wie ich Sie ſehe, ſo ſchön wie eine Königin! Laſſen Sie mich immer ſo knieen, Sie ſo anſehen. — 181 Wer weiß, ob mein Kind Ihnen nicht ähnlich wird, wenn ich auch ſo häßlich bin. — Man ſagt, daß bisweilen ein Blic 6 etwas paſſirt —“ Dann ſetzte Mont⸗Saint⸗Jean traurig hinzu, weil ſie in Folge eines faſt unglaublichen Zartgefühls fürchtete, ſie habe Marien⸗Blume durch dieſen ſeltſamen Wunſch vielleicht beleidigt: „Nein, nein; ich ſage das nur im Spaße. — Sehen Sie, Nachtigall, ich würde mir nicht erlauben, Sie mit dieſem Gedan⸗ ken anzuſehen, wenn Sie mir es nicht erlaubten. — Mein Kind wird ſo häßlich ſein, wie ich, und es ſchadet nichts, ich werde es deshalb doch nicht weniger lieben. — Das arme kleine Ding iſt ija nicht gefragt worden, ob es in die Welt kommen will, wie man zu ſagen pflegt. — Lebt es einmal, was wird dann aus ihm werden?“ ſetzte ſie betrübt und niedergeſchlagen hinzu. — „Ach ja, was wird aus ihm werden?“ Die Nachtigall ſchauderte bei dieſen Worten. Was konnte auch aus dem Kinde dieſes armen, i tiefgeſunkenen Mädchens werden? Welches Schickſal! Welche Zukunft! „Denken Sie nicht daran, Mont⸗Saint⸗ „Jean,“ entgegnete Marien⸗Blume; „hoffen Sie, daß Ihr Kind auf ſeinem Wege menſchenfreundliche Perſonen ſindet — „Ach, das trifft ſich nicht zweimal ſo, ſehen Sie, Nachtigall,“ ſprach Mont⸗Saint-Jean bitter und kopfſchüttelnd. „Ich habe Sie gefunden, das iſt ſchon etwas Großes, und es wäre beſſer geweſen, — ich will Sie damit nicht kränken — wenn mein Kind dies Glück gehabt hätte, nicht ich. — Sieis Wunſch iſt Alles, was ich ihm geben kann.“ 182 „Beten Sie, beten Sie, Gott wird Sie erhören.“ „Ja, ich will beten, wenn Ihnen das Freude macht, Nachti⸗ gall; vielleicht bringt es mir auch Glück. Wer hätte auch ſagen können, als die Wölfin mich ſchlug und als ich der Sundenbock und die Zielſcheibe Aller war, wer hätte ſagen können, daß ſich ein guter, lieber rettender Engel finden würde, der mit ſeiner lieben ſüßen Stimme S8 wäre als Alle, als die Wölfin, die ſo ſtark und ſo böſe iſt — „Ja, aber die Wölfin iſt ſo gut gegen Sie genrſon als ſie bedachte, daß Sie doppelt zu beklagen wären.“ „Das iſt wahr, — und Ihnen habe ich es zu danken; auch werde ich es niemals vergeſſen. Aber, ſagen Sie, Nachtigall, warum hat ſie gebeten, woandershin gebracht zu werden, die Wöl⸗ fin, da ſie doch trotz ihrer Heftigkeit nicht mehr M Sie leben zu können ſchien?“ „Sie iſt etwas launenhaft —“ „Es iſt ſeltſam. — Eine, die dieſen Morgen aus jenem Theile des S kam, wo die Wölfin jetzt iſt, ſagt, ſei ganz verändert — „In wie fern?“ „Statt ſich mit Allen zu zanken, ſtatt zu drohen, iſt ſie trau⸗ rig, ſehr traurig, und hält ſich immer allein. — Wenn man ſie anredet, dreht ſie ſich um und antwortet nicht. Sonſt ſchrie ſie immer, jetzt iſt ſie ſtumm, iſt das nicht merkwürdig? Und dann ſagte die, welche mir das erzählte, noch etwas, aber ich glaube es nicht —“ „Was denn?“ „Sie will die Wölfin haben weinen ſehen. — Die Wẽl̃n und weinen! Das iſt nicht möglich.“ 183 „Die arme Wölfin! Meinetwegen hat ſie ſich in einen an⸗ dern Theil des Gefängniſſes bringen laſſen; — ich habe ihr Kummer gemacht, uhne daß ich es wollte,“ ſagte die Nachti⸗ gall traurig. „Sie Jemandem Kummer machen, mein guter Engel.“ In dieſem Augenblicke trat die Aufſeherin, Madame Armand, in den Hof. Nachdem ſie ſich nach der Nachtigall umgeſehen hatte, kam ſie freundlich lächelnd auf ſie zu. „Gute Nachricht, mein Kind!“ „Was ſagen Sie, Madame?“ fragte die Nachtigall, indem ſie aufſtand. „Ihre Freunde haben Sie nicht vergeſſen und ihre Freilaſ⸗ ſung bewirkt. — Der Herr Director hat eben die Anzeige erhal⸗ ten — „Wäre es möglich, Madame! Welches Glück!“ Marien-Blume war ſo bewegt, daß ſie erbleichte, die Hand auf ihr heftig ſchlagendes Herz legte und wieder auf ihre Bans ſank. „Beruhigen Sie ſich, mein Kind,“ ſagte Madame Armand gütig zu ihr; „zum Glück ſind ſolche Erſchütterungen nicht ge⸗ fährlich.“ „Ach, Madame, wie viel Dank —!“ „Ohne Zweifel hat die Frau Marquiſe von Harville Ihre Freilaſſung bewirkt. — Es iſt eine alte Dame da, welche ſie zu den Perſonen bringen ſoll, welche Antheil an Ihnen nehmen. War⸗ ten Sie auf mich, ich werde Sie mit mir nehmen, nachdem ich ein Paar Worte in dem Arbeitsſaale geſagt habe.“ 184 Schwer zu ſchildern dürfte der Ausdruck von Troſtloſigkeit ſein, welcher die Züge der armen Mont-Saint-Jean verdüſterte, als ſie erfuhr, daß ihr guter Rettungsengel, wie ſie die Nachtigall nannte, St. Lazarus verlaſſen ſolle. Der Schmerz dieſer Unglucklichen lag weniger in der Beſorg⸗ niß, von Neuem in dem Gefängniſſe Mißhandlungen dulden zu müſſen, als in dem Kummer, ſich von dem einzigen Weſen ge⸗ trennt zu ſehen, das ihr jemals Theilnahme geſchenkt hatte. Sie ſaß noch immer vor der Bank und griff mit beiden Hän⸗ den an die ſtarren Haarbüſchel, welche unter ihrer ſchwarzen Mütze hervorquollen, als wollte ſie dieſelben ausreißen; bald aber wich dieſer heftige Schmerz der Niedergeſchlagenheit; ſie ließ den Kopf ſinken und ſaß da, ſtumm und unbeweglich, die Stirn auf ihre Hände, die Elnbogen auf die Kniee geſtützt. Marien⸗Blume ſchauderte, trotz ihrer Freude darüber, daß ſie das Gefängniß verlaſſen ſollte, unwillkührlich bei der Erinnerung an die Eule und den Schulmeiſter, da es ihr einfiel, daß ſie die⸗ ſen beiden Unmenſchen hatte ſchwören müſſen, ihren von ihrem traurigen Schickſale nichts zu ſagen. Dieſe trüben Gedanken ſchwanden indeß bald vor der Bof⸗ nung, daß ſie Bouqueval, Madame Georges und Rudvlph wieder⸗ ſehen würde, dem ſie die Wölfin und Martial zu empfehlen ge⸗ dachte. Es war ihr ſogar, als ob die aufgeregten Gefühle, welche ſie ſich zum Vorwurfe machte, ſich beruhigen würden, ſobald ſie nicht mehr durch den Gram und die Einſamkeit genährt würden, ſobald ſie ihre ländlichen Arbeiten wieder beginne, mit denen ſie ſich ſo gern in Geſellſchaft der braven Bewohner der Meierei be⸗ ſchäftigte. 185 Erſtaunt über das Schweigen ihrer Gefährtin, deſſen Urſache ſie nicht muthmaßte, legte die Nachtigall ihre Hand auf die Ach⸗ ſel der Mont⸗Saint⸗Jean und ſagte zu ihr: „Mont⸗Saint⸗Jean, kann ich Ihnen nicht in etwas nützlich ſein, da ich nun frei bin?“ Die Gefangene zuckte zuſammen, als ſie die Hand der Nach⸗ tigall fühlte, ließ ihre Arme auf die Kniee ſinken und wendete ihr von Thränen überſtrömtes Geſicht zu dem jungen Mädchen empor. Es lag in dem Geſichte der Mont-⸗Saint-Jean ein ſo tiefer Schmerz, daß ihre Häßlichkeit gänzlich verſchwand. „Mein Gott, was iſt Ihnen?“ ſagte die Nachtigall zu ihr; „warum weinen Sie ſo?“ „Sie gehen fort!“ murmelte die Gefangene ſchluchzend. „Ich hatte nicht daran gedacht, daß Sie uns jeden Augenblick verlaſſen könnten, und daß ich Sie nie, — nie wiederſehen würde.“ „Ich verſichere, daß ich mich immer Ihrer Freundſchaft erin⸗ nern werde, Mont⸗Saint⸗Jean.“ „Mein Gott! mein Gott! Und ich liebte Sie ſo ſehr! Wenn ich da zu Ihren Füßen ſaß, war es mir, als wäre ich gerettet, als hätte ich nichts mehr zu fürchten. — Ich meine nicht die Schläge, die ich nun vielleicht wieder von den Andern bekomme, — ich kann viel aushalten; es war mir, als wären Sie mein gu⸗ ter Engel, und als brächten Sie meinem Kinde Glück, weil Sie Mitleid mit mir hatten. Sehen Sie, wenn man immer gemiß⸗ handelt worden iſt, fühlt man die Freundlichfeit mehr als Andere.“ Dann unterbrach ſie ſich, ſchluchzte laut und rief aus: „nun iſt es vorbei! — nun iſt es vorbei! — Es mußte einmal ſo kommen. 5 186 — Es iſt meine Schuld, warum habe ich nie daran gedacht — Es iſt vorbei! — Nichts — nichts mehr —“ „Faſſen Sie Muth, ich werde an Sie denken, wie Sie an mich denken werden.“ „O, wenn man mich in Stücke zerhackte, ich werde Sie nicht verläugnen, nicht vergeſſen. — Und wenn ich alt, ſteinalt werde, immer wird mir Ihr ſchönes Engelsgeſicht vor den Augen ſtehen. Das erſte Wort, das ich mein Kind lehre, iſt Ihr Name, Nach⸗ tigall, denn Ihnen verdankt es, daß es nicht erfroren iſt.“ „Hören Sie mich an, Mont⸗Saint-Jean,“ ſagte Marien⸗ Blume, tief gerührt; „für Sie kann ich Ihnen nichts verſprechen, obgleich ich recht mildthätige Menſchen kenne, aber etwas Anderes iſt es mit Ihrem Kinde; das iſt ganz unſchuldig, und die Perſo⸗ nen, die ich meine, werden es vielleicht erziehen laſſen, wenn Sie ſich von ihm trennen können —“ „Ich mich von ihm trennen? Nie, niemals!“ rief Mont⸗ Saint⸗Jean begeiſtert aus. „Was ſollte aus mir werden, da ich ſo viel auf das Kind gerechnet habe?“ „Aber wie wollen Sie das Kind erziehen? Es muß ehrlich werden, und dazu —“ „Muß es ehrlicher Leute Brod eſſen, nicht wahr, Nachtigall? Ich glaube es, das iſt mein Ehrgeiz, und ich ſage mir es alle Tage. — Auch werde ich ehrlich, wenn ich wieder aus dem Ge⸗ fängniſſe fort bin, — ich ſammle Lumpen, kehre die Straßen, ſündigen werde ich gewiß nicht wieder. Man iſt das, wenn nicht ſich ſelbſt, doch ſeinem Kinde ſchuldig, wenn man die Ehre hat, eins zu hahen —,“ ſetzte ſie mit einem gewiſſen Stolze hinzu. 187 „ „Wer ſoll Ihr Kind hüten und warten, wenn Sie arbeiten?“ fuhr die Nachtigall fort; „wäre es nicht beſſer, wenn es ſich thun läßt, wie ich hoffe, Sie gäben es auf das Land zu braven Leu⸗ ten, die es zu einem arbeitſamen, ehrlichen Mädchen oder zu einem fleißigen Burſchen erzögen? Sie könnten es von Zeit zu Zeit be⸗ ſuchen, und vielleicht fänden Sie auch einmal Gelegenheit, ganz zu ihm zu ziehen. Auf dem Lande lebt man ſo wohlfeil.“ „Aber mich von ihm zu trennen? Das Kind iſt meine ganze Freude, da ich Niemanden habe, der mich liebt —“ „Sie müſſen mehr an das Kind denken als an ſich, arme Mont⸗Saint⸗Jean. Nach zwei oder drei Tagen werde ich an Ma⸗ dame Armand ſchreiben, und wenn die Frage wegen Ihres Kin⸗ des, die ich thun will, eine günſtige Aufnahme findet, ſo brauchen Sie von ihm nicht mehr zu ſagen, was mir eben in das Herz ſchnitt: „ach, mein Gott, was wird aus ihm werden?“ Die Aufſeherin, Madame Armand, unterbrach das Geſpräch; ſie kam, um Marien⸗Blume abzuholen. Mont⸗Saint⸗Jean ſank, nachdem ſie nochmals laut geſchluchzt und die Hände des jungen Mädchens mit heißen Thränen benetzt hatte, in völliger Verzweiflung auf die Bank und dachte nicht ein⸗ mal mehr an das Verſprechen, welches Marien-Blume ihr wegen ihres Kindes gegeben hatte. „Die Arme!“ ſagte Madame Armand, indem ſie mit Ma⸗ rien⸗Blume den Hof verließ. „Ihre Dankbarkeit gegen Sie giebt mir eine beſſere Meinung von ihr.“ Die andern Gefangenen äußerten ihre Freude, als ſie erfuh⸗ ren, daß die Nachtigall begnadigt ſei, ohne wegen dieſer Gunſt neidiſch zu ſein. Einige drängten ſich um Marien-Blume, nah⸗ 8 188 men herzlichen Abſchied von ihr und wunſchten ihr aufrichtig Glück wegen ihrer ſchnellen Entlaffung. „Was wahr iſt, bleibt wahr,“ ſagte Eine; „die kleine Blon⸗ dine hat uns zu einem guten Angenblicke verholfen, — als wir für das Kinderzeug der Mont-Saint-Jean zuſammenſteuerten. — Daran wird man in St. Lazarus denken.“ Als Marien-Blume das Gefängnißgebäude mit der Aufſehe⸗ rin verlaſſen hatte, ſagte dieſe zu ihr: „Nun, mein Kind, gehen Sie in die Garderobe, um die Ge⸗ fangenen⸗Kleidung abzulegen und Ihren Anzug wieder anzuziehen, der Ihnen ſo gut ſtand. — Leben Sie wohl, — Sie werden glück⸗ lich ſein, denn Sie begeben ſich unter den Schutz achtbarer Per⸗ ſonen und verlaſſen dieſes Haus, um es nie wieder zu betreten. — Sehen Sie nur —,“ ſagte Madame Armand, in deren Augen Thränen traten, „ich kann es Ihnen nicht verſchweigen, wie lieb ich Sie ſchon gewonnen hatte.“ Dann ſetzte ſie hinzu, als ſie ſah, daß auch die Augen des Mädchens feucht wurden: „Sie zürnen mir nicht, daß ich Sie beim Abſchiede noch traurig mache?“ „Ach, Madame, verdanke ich es nicht Ihrer Empfehlung, daß die junge Dame, die meine Freilaſſung erwirkt hat, ſich für mich intereſſirte?“ „Ja, und ich freue mich über das, was ich gethan habe. — Meine Ahnungen haben mich nicht getäuſcht —“ In dieſem Augenblicke hörte man Glockentöne. „Die Arbeitsſtunde beginnt, ich muß umkehren! Leben Sie wohl, mein Kind, leben Sie wohl.“ Madame Armand, die ſo gerührt war wie Marien⸗ Blume, küßte ſie zärtlich, dann ſagte ſie zu einem der Leute: „Führen Sie Mademviſelle in die Garderobe.“ Eine Viertelſtunde ſpäter trat Marien⸗Blume, als Landmäd⸗ chen gekleidet, wie wir ſie in Bouqueval geſehen haben, in das Bureau, wo Madame Seraphin ſie erwartete. Die Haushälterin des Notars Jacob Ferrand holte die Un⸗ glückliche ab, um ſie auf die Inſel des Ausſuchers zu begleiten. —— OCXIV. Erinnerungen. S acob Fetrand hatte leicht und ſchnell die Freilaſſung der Marlen⸗Blume erlangt, die von einem einfachen adminiſtrativen Beſchluſſe abhing. Nachdem er durch die Eule den Aufenthalt der Nachtigall in St. Lazarus erfahren, hatte er ſich ſogleich an einen ſeiner Clien⸗ ten, einen ehrenwerthen und einflußreichen Mann, gewendet und dieſem geſagt, ein junges Mädchen, das anfangs allerdings auf Abwege gelommen ſei, jetzt aber aufrichtige Reue fühle und neuer⸗ dings in St. Lazarus eingeſperrt worden, ſei der Gefahr ausge⸗ ſetzt, durch den Umgang mit den andern in ihren guten Vorſätzen wieder erſchüttert zu werden. Da ihm, hatte Jacob Ferrand hin⸗ zugeſetzt, das Mädchen durch achtbare Perſonen dringend empfoh⸗ len worden ſei, die ſich ihrer annehmen wollten, ſobald ſie aus dem Gefängniſſe entlaſſen, ſo erſuche er ſeinen vielvermögenden Gönner im Namen der moraliſchen Religion und im Intereſſe der unglücklichen, ſich für die Freilaſſung derſelben zu verwenden. Auch hatte der Notar, um ſich vor jeder weitern Nachfor⸗ 191 ſchung ſicher zu ſtellen, ſeinen Gönner vor allen Dingen und drin⸗ gend gebeten, ihn bei der Ausführung dieſes guten Werkes nicht zu nennen. Dieſer Wunſch, den man der menſchenfreundlichen Be⸗ ſcheidenheit Ferrands, des eben ſo ſam wie angeſehenen Man⸗ nes, zuſchrieb, wurde gewiſſenhaft befolgt. Die Freilaſſung der Marien⸗Blume wurde blos unter dem Namen des Gönners erbe⸗ ten, der, um ſich noch gefälliger zu zeigen, dem Notar den Ent⸗ laſſungsbefehl direct zuſchickte, damit er denſelben den Beſchützern des jungen Mädchens zufertigen könnte. Madame Seraphin übergab den Entlaſſungsbefehl dem Di⸗ rector des Gefängniſſes und ſetzte hinzu, ſie habe den Auftrag, die Nachtigall zu den Perſonen zu bringen, welche ſich für dieſelbe intereſſirten. 3 Nach den vortrefflichen Zeugniſſen, welche die Aufſeherin der Frau vou Harville über Marien-Blume gegeben hatte, zweifelte Niemand, daß dieſelbe ihre Freilaſſung der Vermittelung der Mar⸗ quiſe verdanfe. Die Haushälterin des Notars konnte deshalb das Mißtrauen ihres Opfers in keiner Weiſe erregen. Madame Seraphin konute bei Gelegenheit eine recht gutmü⸗ thige Miene annehmen, und es gehörte ein ziemlicher Grad von Beobachtungskunſt hinzu, um etwas Hinterliſtiges, Falſches und Grauſames in ihrem Blicke, in ihrem heuchleriſchen Lächeln zu erblicken. Trotz ihrer tiefen Verdorbenheit, die ſie zur Mitſchuldigen oder Mitwiſſerin der Verbrechen ihres Herrn gemacht hatte, ſiel der Madame Seraphin die rührende Schönheit des jungen Mäd⸗ chens auf, die ſie als Kind der Eule überliefert hatte und die ſie ijetzt zum ſicheren Tode führen wollte. 192 „Nun, meine liebe Mademviſelle,“ ſagte Madame Seraphin mit ſüßlicher Stimme, „Sie ſind gewiß recht froh, aus dem Ge⸗ fängniſſe herauszukommen.“ „Ach ja, Madame, und gewiß verdanke ich dieſe Gnade der Gunſt der Frau von Harville, die ſo gütig gegen mich war?“ „Sie irren ſich nicht. — Aber kommen Sie, wir haben uns ſchon etwas verſpätigt und müſſen noch einen weiten Weg ma⸗ chen —“ „Wir gehen nach Bouqueval, zu der Madame Georges, nicht wahr?“ fragte die Nachtigall. „Ja — wir gehen auf das Land, zu Madame Gevorges,“ antwortete die Haushälterin, um jeden Argwohn des Mädchens zu entfernen. Dann ſetzte ſie hinzu: „aber nicht ſogleich; ehe Sie Madame Georges ſehen, ſteht Ihnen eine kleine Ueberraſchung be⸗ vor. — Kommen Sie, kommen Sie, . . . der Fiacre wartet. — Wie frei müſſen Sie jetzt aufathmen, liebe Mademviſelle, da Sie das Gefängniß hinter ſich haben!“ Madame Seraphin verbeugte ſich vor dem Secretair und ging mit der Nachtigall fort. Ein Diener folgte ihnen, um ihnen das Thor zu öffnen. Dieſes hatte ſich hinter den beiden Frauen wieder geſchloſſen, und ſie ſtanden unter dem großen Portal, das auf die Straße Faubourg-Saint⸗Denis geht, als ſie einem jungen Mädchen be⸗ gegneten, das ohne Zweifel eine Gefangene beſuchen wollte. Es war Lachtaube, — die immer flinke und zierliche Lach⸗ taube. Ein ſehr einfaches, aber friſches und mit kirſchrother Bandſchleife ausgeputztes Häubchen faßte ihr hübſches Geſicht ein; ein ſehr weißer Kragen fiel auf ihren langen brauncarrirten Shawl. Am Arme trug ſie ein Strohkörbchen, und in Folge ihres vorſich⸗ 193 tigen Ganges waren ihre Stiefelchen völlig rein, ob ſie gleich weit her kam. „Lachtaube!“ rief Marien⸗Blume aus, als ſie ihre ehemalige Gefängnißgenoſſin erfannte. „Nachtigall!“ rief ihrerſeits die Griſette. Und die Mädchen ſanken einander in die Arme. Man kann ſich nichts Lieblicheres denken als den Contraſt dieſer beiden ſechszehnjährigen Mädchen, die einander umſchlungen hielten, beide ſo hübſch und doch ganz verſchieden waren: Die eine, blond, mit großen blauen, melancholiſchen Augen, einem idealen, etwas bleichen, engliſchreinen Profil; die andere, eine pikante Brunette mit vollen rothen Wangen, ſchönen ſchwar⸗ zen Augen und heiterer Miene, ein reizendes Bild der Jugend und Sorgloſigkeit, ein ſeltenes Beiſpiel von Glück in der Armuth, der Rechtlichkeit bei aller Verlaſſenheit und der Frende bei der Arbeit. Nachdem die beiden jungen Mädchen einander aufrichtig ge⸗ liebkoſt hatten, ſahen ſie einander an. Lachtaube war über dieſes Zuſammentreffen hocherfreut; Ma⸗ rien-Blume konnte ihre Verlegenheit nicht bergen. Der Anblick ihrer Freundin erinnerte ſie an die wenigen Tage des ruhigen Glückes, die ihrer erſten Entwürdigung vorausgegangen waren. „Du biſt es? Welches Glück!“ rief Lachtaube nochmals aus. „Ja, welche liebe Ueberraſchung! Wir haben einander ſo lange nicht geſehen,“ antwortete die Nachtigall. „Jetzt wundere ich mich nicht mehr, Dich ſeit ſechs Monaten nicht geſehen zu haben,“ fuhr Lachtaube mit einem Blicke auf die ländliche Kleidung der Nachtigall fort: „Du wohnſt auf dem Lande?“ . Die Geheimniſſe von Paris. vl. . 13 194 „Ja — ſeit einiger Zeit,“ antwortete Marien-Blume mit niedergeſchlagenen Augen. „Und Du willſt wie ich Jemanden in dem Gefängniſſe be⸗ ſuchen?“ „Ja — ich habe — ich habe Jemanden beſucht,“ ſagte Ma⸗ rien⸗Blume ſtotternd und erröthend. „Jetzt gehſt Du nach Hauſe? wohl weit fort von Paris? Liebe kleine Nachtigall, Du biſt immer ſo gut, daran erkenne ich Dich. — Erinnerſt Du Dich noch der armen Frau, die niederge⸗ kommen war und der Du Deine Matratze, Wäſche und das we⸗ nige Geld gabſt, das Du noch beſaßeſt und das wir auf dem Lande verzehren wollten? Damals ſchon liebteſt Du das Land —“ „Und Dir gefiel es gar nicht, Lachtaube, aber Du warſt ſo gefällig und begleiteteſt mich nur meinetwegen.“ „Doch auch meinetwegen, denn Du warſt immer ein wenig ernſt und wurdeſt ſo zufrieden, ſo heiter, ſo luſtig, ſobald Du auf dem Felde oder im Walde warſt, daß es mir ſchon Vergnügen machte, Dich zu ſehen. Aber laß mich Dich anſehen! Wie gut Dir das runde Häubchen ſteht! Wie hübſch Du geworden biſt! Ja, ja, es war Deine Beſtimmung, ein Bauernhäubchen zu tra⸗ gen, wie es die meinige war, ein Griſettenhäubchen zu tragen⸗ Du haſt Deinen Wunſch erreicht und mußt nun recht zufrieden ſein, das wundert mich nicht. — Als ich Dich nicht mehr ſah, vachte ich bei mir: die gute kleine Nachtigall iſt nicht für Paris geſchaffen; ſie iſt ein wahres Waldblümchen, und dieſe Blumen gedeihen in der Hauptſtadt nicht; die Luft da ſagt ihnen nicht zu. Die Nachtigall wird alſo zu braven Leuten auf das Land gegan⸗ gen ſein, und das haſt Du denn wirklich gethan, nicht wahr?“ „Ja —,“ antwortete Marien-Blume erröthend. 195 „Einen Vorwurf habe ich Dir aber doch u machen.“ „Mir?“ „Du hätteſt mir es anzeigen ſollen; man läuft doch nicht ſo von einander fort und giebt ſeinen Freundinnen wenigſtens Nach⸗ richt.“ „Ich —, ich habe Paris ſo ſchnell verlaſſen,“ antwortete Ma⸗ rien⸗Blume in immer größerer Verlegenheit, „daß mir es nicht möglich war —“ „Ich bin ja auch nicht böſe darüber, — ich freue mich zu ſehr, Dich wiederzuſehen. Du haſt recht daran gethan, Paris zu verlaſſen; es iſt ſo ſchwer, hier ruhig zu leben, ungerechnet, daß ein armes einzelnes Mädchen, ohne es zu wollen, auf einen ſchlech⸗ ten Weg kommen kann. Wenn man Niemanden kennt, der Einem einen guten Rath giebt, — die Männer verſprechen immer ſo viel, und — die Armuth thut bisweilen ſo weh. Erinnerſt Du Dich noch der kleinen Julie, die ſo hübſch war, und der Roſine, der Blondine mit den ſchwarzen Augen?“ Si ich erinnere mich ihrer —“ „Nun, ſiehſt Du, arme Nachtigall, ſie ſind beide hintergan⸗ gen und dann verlaſſen worden. Von Unglück zu Ungluck ſanken ſie tiefer und tiefer, bis ſie ſolche ſchlechte Mädchen wurden, die man hier einſperrt —“ „Ach Gott!“ rief Marien-Blume aus, die den Kopf ſinken ließ und feuerroth wurde. Lachtaube, welche die Bedeutung dieſes Ausrufes ihrer Freun⸗ din nicht errieth, fuhr fort: „Sie ſind ſehr ſchlecht, fehr verächtlich ſelbſt, wenn Du willſt, aber wir dürfen nicht zu ſtreng gegen die Andern ſein, weil wir beide rechtlich geblieben ſind, Du, weil Du auf dem Lande bei 13 * 196 braven Leuten lebteſt, ich, weil ich keine Zeit mit Liebhabern zu verlieren hatte, weil ich ihnen meine Vögel vorzog und mein größ⸗ tes Glück darin fand, mir durch meine Arbeit eine hübſche kleine Wirthſchaft zu erwerben. — Wer weiß, ob nicht Gelegenheit, Be⸗ trug und Noth viel zum Verderben der Roſine und Julie beitru⸗ gen, und ob wir es an ihrer Stelle auch ſo gemacht hätten —“ „Ach,“ ſprach Marien⸗Blume bitter, „ich klage ſie nicht an, ich bedaure ſie.“ „Wir haben Eile, liebe Mademviſelle,“ ſagte Madame whin, indem ſie ungeduldig ihrem Opfer den Arm bpt. „Geſtatten Sie uns nur noch einige Augenblicke, Madame; ich habe meine arme Nachtigall ſo lange nicht geſehen,“ entgeg⸗ nete Lachtaube. „Es iſt ſpät, ſchon drei Uhr, und wir haben noch einen wei⸗ Weg vor uns,“ ſagte Madame Seraphin, für welche dieſes e ſehr unangenehm war. Dann ſetzte ſie hinzu: „Ich bewillige noch zehn Minuten —“ „Und Du?“ fragte Marien⸗Blume, indem ſie die Hände der Freundin in die ihrigen nahm; „Du beſitzeſt einen ſo glücklichen Charakter! Biſt Du immer heiter, immer zufrieden?“ „Ich war es bis vor wenigen Tagen, jetzt aber.. . „Haſt Du Kummer?“ „Ich? Ja wohl, ja wohl. Ich freilich habe mich nicht geim dert, aber leider iſt nicht Jedermann ſo wie ich. Da nun Andere Kummer haben, ſo leide ich mit —“ „Immer ſo gut!“ „Denke Dir nur, ich komme hierher, um ein armes Mädchen zu ſn — eine Nachbarin, eine gutmüthige Seele, der man 197 ganz mit Unrecht ein Verbrechen ſchuld giebt und die recht zu be⸗ klagen iſt. Sie heißt Louiſe Morel und iſt die Tochter eines ehr⸗ lichen Handwerkers, der vor übergroßem Unglück den Verſtand ver⸗ loren hat —“ Madame Seraphin zuckte zuſammen, als ſie Louiſe Morel, Eines der Opfer des Notars, nennen hörte, und ſah Lachtaube aufmerkſam an. Das Geſicht des Mädchens war ihr völlig unbekannt; nichts deſtoweniger horchte die Haushälterin von nun an weit aufmerk⸗ ſamer auf das Geſpräch der beiden jungen Mädchen. „Die Arme!“ entgegnete die Nachtigall; „wie muß ſie ſich freuen, daß Du ſie in ihrem Unglucke nicht vergißt.“ „Das iſt noch nicht Alles. Wie Du mich da ſiehſt, komme ich weit her, aus einem andern — Gefängniſſe, aus einem Män⸗ nergefängniſſe.“ „Du aus einem Männergefängniſſe?“ „Leider ja; ich habe da einen andern armen, recht traurigen Bekannten. — Sieh mein Körbchen da, — es iſt in zwei Hälften getheilt, und jede Seite hat ihre Beſtimmung; heute bringe ich Louiſen etwas Wäſche, und letzthin brachte ich auch dem armen Germain etwas, — mein Gefangener heißt Germain. — Ich kann an das, was mir mit ihm begegnet iſt, nicht denken, ohne daß mir die Thränen in die Augen treten; es iſt das dumm, ich weiß es, daß es nicht der Mühe werth iſt, aber ich bin nun ein⸗ — mal ſo.“ „Und warum treten Dir die Thränen in die Augen?“ „Denke Dir, Germain iſt ſo unglücklich, weil man ihn mit den Böſewichtern in dem Gefängniſſe zuſammengeſperrt hat, daß er ganz niedergeſchlagen daſitzt, zu Nichts Luſt hat, nicht ißt und 198 zuſehends abmagert. Ich bemerkte dies und dachte bei mir: er hat keinen Hunger, ich will ihm etwas mitnehmen, was er ſehr liebte, als er mein Nachbar war, — das wird ihm wieder Appe⸗ tit machen. — Es war gar nichts Beſonderes, ſchöne gelbe Kar⸗ toffeln mit etwas Milch und Zucker — Kartoffelmus. — Ich füllte damit eine hübſche Taſſe, trug es ihm in ſein Gefängniß und ſagte, ich hätte es ſelbſt gemacht, wie ſonſt, in guter Zeit — du verſtehſt mich ſchon —. Ich glaubte ihm damit Appetit zu machen, — ja, Du mein Gott! —“ „Nun?“ „Die Thränen traten ihm in die Augen, als er die Taſſe erblickte, aus der ich ſo oft in ſeiner Gegenwart meine Milch ge⸗ trunken hatte, — er weinte wirklich, und endlich weinte ich ſelbſt mit, ob ich es gleich gar nicht wollte. Da ſiehſt Du, wie ſchlecht es mir geht; ich glaubte ihn aufzuheitern und betrübte ihn nur noch mehr —“ „Ja, aber dieſe Thränen werden ihm ſehr ſüß geweſen ſein.“ „Lieber wäre mir es doch geweſen, wenn ich ihn auf andere Weiſe hätte tröſten können. Aber ich ſpreche da von ihm, ohne Dir zu ſagen, wer er iſt; er iſt ein ehemaliger Nachbar von mir, der rechtlichſte Menſch von der Welt, ſo ſanft, ſo ſchüchtern wie ein Mädchen, und ich liebte ihn wie einen Bruder —“ „Nun begreife ich, daß Dir ſein Kummer das Herz auch ſchwer macht.“ „Nicht wahr? Aber Du ſollſt ſehen, wie gut er iſt. Als ich fortging, fragte ich ihn wie gewöhnlich, was er zu beſtellen habe, und ſagte lachend, um ihn aufzuheitern, ich ſei ſeine kleine Wirthſchafterin und würde recht pünktlich, recht fleißig ſein, um mir ſeine Kundſchaft zu erhalten. Da zwang er ſich auch zum ₰ 199 Lachen und bat mich, ihm einen der Romane von Walter Scott zu bringen, die er mir ſonſt Abends, während ich arbeitete, vor⸗ geleſen. Der Roman heißt IJvan —, Jvanhoe, ja, richtig — das Buch gefiel mir ſo gut, daß er mir es zweimal vorgeleſen hat. — Der arme Germain, er war ſo gefällig!“ „Er will eine Erinnerung an jene vergangene glückliche Zeit haben —“ „Freilich, denn er bat mich auch, in dieſelbe Leihbibliothek zu gehen und dieſelben Bände, die wir mit einander geleſen, nicht zu leihen, ſondern zu kaufen — ja, ſie zu kaufen. — Du kannſt Dir denken, welches Opfer das für ihn iſt, denn er iſt ſo arm wie wir.“ „Ein vortreffliches Herz!“ ſagte die Nachtigall bewegt. „Siehſt Du, es rührt Dich auch, wie es mich rührte, als er mir dieſen Auftrag gab, meine gute Nachtigall; Du kannſt Dir aber denken, daß ich um ſo mehr zu lachen ſuchte, je näher mir das Weinen kam, denn zweimal bei einem Beſuche zu weinen, den ich gemacht hatte, um den Gefangenen zu erheitern, wäre doch zu viel geweſen. Um das zu ändern, erinnerte ich ihn an die drolligen Geſchichten von einem Juden, der in dem Romane vor⸗ kommt, und über den wir ſonſt viel gelacht hatten. Jemehr ich aber ſprach, um ſo reichlicher ſtrömten ihm die Thränen aus den Augen. Das ſchnitt mir ins Herz; vergebens drängte ich die Thränen eine Viertelſtunde lang zurück, endlich mußte ich doch mit weinen. Als ich ihn verließ, ſchluchzte er, und ich ſagte, aufge⸗ bracht über meine eigene Dummheit: wenn ich ihn auf dieſe Weiſe tröſte und aufheitere, verlohne es ſich der Mühe nicht, zu ihm zu gehen —“ Madame Seraphin hatte, als ſie den Namen Germains, des 200 zweiten Opfers des Notars, vernommen, noch einmal ſo aufmerk⸗ ſam zugehört. „Und was hat der junge Mann gethan, daß er im niſſe iſt?“ fragte Marien⸗Blume. „Er!“ rief Lachtaube, deren Rührung jetzt dem Unwillen wich, „er wird durch einen alten abſcheulichen Notar verfolgt, der auch Louiſen angezeigt hat.“ „Louiſen, die Du hier beſuchen willſt?“ „Ja, ſie war im Dienſt bei dem Notar, und Germain war ſein Caſſirer. Es würde zu lange dauern, wenn ich Dir erzählen wollte, was er dem armen jungen Manne mit Unrecht ſchuld giebt. Der alte ſchlechte Mann iſt wie beſeſſen gegen die beiden Unglücklichen, die ihm nie etwas zu Leide gethan haben. Aber nur Geduld — die Reihe wird auch an ihn kommen.“ Lachtaube ſprach dieſe letztern Worte mit einem Ausdrucke, der Madame Seraphin beunruhigte. Sie miſchte ſich von nun an in die Erzählung und ſagte ſchmeichelnd zu Marien-Blume: „Meine liebe Mademoiſelle, es iſt ſpät, wir müſſen fort, — man wartet auf uns. Ich ſehe wohl ein, daß das, was Ihre Freundin Ihnen erzählt, Sie ſehr intereſſirt, denn mich rührt es, ob ich gleich das junge Mädchen und den jungen Mann nicht kenne. Kann es ſo ſchlechte Menſchen geben! Wie heißt denn der abſcheuliche Notar, von dem Sie ſprechen, Mademoiſelle?“ Lachtaube hatte keine Urſache, der Madame Seraphin zu miß⸗ trauen, ſie gedachte aber an die Empfehlungen Rudolphs, welcher ihr die größte Vorſicht in Bezug auf den Schutz angerathen hatte, welchen er insgeheim Germain und Louiſen angedeihen ließ, und bereute die Worte: „Geduld! Die Reihe wird auch an ihn kommen.“ 201 „Dieſer ſchlechte Menſch heißt Ferrand, Madame,“ fuhr Lach⸗ taube fort, dann ſetzte ſie aber klug hinzu, um ihren erſten Fehler wieder gut zu machen: „Und es iſt um ſo ſchlechter von ihm, Louiſen und Germain zu peinigen, da ſie Niemanden haben, der ſich ihrer annimmt, mich ausgenvmmen, und ich kann ihnen nicht viel nützen.“ „Wie Schade!“ antwortete Madame Seraphin, „ich hatte das Gegentheil gehofft; als Sie ſagten: aber Geduld! — da glaubte ich, Sie rechneten auf irgend einen Beſchützer, der ſich der beiden Unglücklichen gegen den ſchlechten Notar annehmen würde.“ „Ach nein, Madame,“ fuhr Lachtaube fort, um den Atgwohn der Madame Seraphin gänzlich zu zerſtreuen. „Wer ſollte ſo edel ſein, ſich der beiden armen jungen Leute gegen einen reichen und mächtigen Mann anzunehmen, wie es dieſer Ferrand iſt!“ „Ach, es giebt doch ſo edle Gerzen,“ fiel Marien⸗Blume nach einigem Nachdenken und mit kaum verhaltener Begeiſterung ein. „Ja, ich kenne Jemanden, der es ſich zur Pflicht macht, die Lei⸗ denden zu ſchützen und zu vertheidigen; er, den ich meine, iſt ge⸗ gen rechtliche Leute ſo huͤlfreich, wie für die Böſen furchtbar.“ Lachtaube ſah die Nachtigall erſtaunt an und war naht daran, da ſie an Rudolph dachte, zu entgegnen, ſie kenne auch Jemanden, der die Partei des Schwachen gegen den Starken nehme; da ſie aber treu beobachten wollte, was ihr Nachbar ihr anempfohlen hatte, ſo antwortete ſie der Freundin: „Wirklich? Du kennſt Jemanden, der edel genug wäre, den armen Leuten zu Hülfe zu kommen?“ „ „Ja, — und obgleich ich ſein Mitleiden und ſeine Wohltha⸗ ten ſchon für andere Perſonen in Anſpruch zu nehmen habe, ſo bin ich doch überzeugt, daß, wenn ihm das unverdiente Unglück 202 Louiſens und Germains bekannt wäre, er ſie retten und ihren Verfolger ſtrafen würde, denn ſeine Gerechtigkeit und ſeine Güte ſind unerſchöpflich, wie die Gerechtigkeit und die Güte Got⸗ tes — Madame Seraphin ſah ihr Opfer mit Verwunderung an. „Sollte das Mädchen noch gefährlicher ſein als wir glaub⸗ ten?“ dachte ſie bei ſich. „Wenn ich mit ihr hätte Mitleiden ha⸗ ben können, ſo würde das, was ſie jetzt ſagt, den Unfall, der uns von ihr befreien ſoll, unvermeidlich machen.“ „Da Du einen ſo guten Menſchen kennſt, meine liebe Nachti⸗ gall, ſo empfiehl ihm meine Louiſe und meinen Germain, denn ſie verdienen ihr ſchlimmes Schickſal nicht,“ ſagte Lachtaube, die der Meinung war, ihre Freunde könnten nur gewinnen, wenn ſie zwei Beſchützer hätten ſtatt des einen. „Sei ruhig, ich verſpreche Dir, bei dem Herrn Rudolph für Deine Schützlinge zu thun, was ich vermag,“ ſagte Marien⸗ Blume. „ „Rudolph!“ rief Lachtaube, ſeltſam überraſcht, aus. „Ja, Rudolph,“ wiederholte die Nachtigall. „Rudolph! — ein Reiſediener?“ „Ich weiß nicht, was er iſt. — Aber warum erſtaunſt Du ſo?“ „Weil ich auch einen Herrn Rudolph kenne.“ „Dieſer kann nicht derſelbe ſein.“ „Wir wollen das gleich ſehen. Wie ſieht er aus.“ „Jung.“ „Richtig.“ „Ein edles, gutmüthiges Geſicht.“ „Richtig! Aber mein Gott, ſo ſieht der meinige auch aus,“ 203 entgegnete Lachtaube, die ſich mehr und mehr verwunderte und hinzuſetzte: „Iſt er braun? Hat er einen kleinen Schnurrbart?“ „Ja. „Er iſt groß und ſchlank, — hat eine herrliche Taille und ſieht für einen Reiſediener ſehr vornehm aus. — Iſt das bei dem Deinigen auch ſo?“ „Gewiß,“ antwortete Marien⸗Blume; „er iſt es, aber ich wun⸗ dere mich, daß Du ihn für einen Reiſediener hältſt.“ „Was das betrifft, ſo bin ich meiner Sache gewiß, denn er hat es mir ſelbſt geſagt.“ „Du kennſt ihn?“ „Ob ich ihn kenne! Er iſt ja mein Nachbar.“ „Herr Rudolph?“ „Er hat ein Zimmer im vierten Stock neben dem mei⸗ nigen.“ „Er! Er!“ 3 „Iſt das ſo wunderbar? Ich denke, das iſt ganz einfach; er verdient jährlich nur funfzehn- bis achtzehnhundert Franes und kann ſich alſo nur eine beſcheidene Wohnung nehmen. Freilich ſcheint er auch nicht viel Ordnung zu halten, denn er weiß nicht einmal, was ſein Rock koſtet, — mein Herr Nachbar —“ „Nein, nein, das iſt nicht derſelbe,“ ſagte Marien⸗-Blume nach⸗ denkend. „Der Deinige iſt wohl ein Muſter von Ordnung?“ „Der, von welchem ich ſpreche, ſiehſt Du, Lachtaube,“ ſagte Matzen⸗Blume in Begeiſterung, „iſt allmächtig, — man ſpricht ſeinen Namen nur mit Liebe und Verehrung aus, — ſein Blick ſchon bringt in Verlegenheit und imponirt; man iſt verſucht, vor ihm nieder zu knieen, ſo hochherzig und gütig iſt er —“ 204 „Da muß ich freilich wie Du ſagen, es iſt nicht mehr der⸗ ſelbe; denn der meinige iſt weder allmächtig, noch impoſant. Er iſt ſehr gutmüthig, ſehr luſtig, und man kniet nicht vor ihm nie⸗ der, im Gegentheil, — denn er hat mir verſprochen, mir mein Stübchen bohnen zu helfen, und er will mich auch Synntags ſpa⸗ zieren führen. — Siehſt Du, ein großer Herr iſt er nicht. — Aber woran denke ich? Immer fällt mir das Spazierengehen ein. Und Louiſe und mein armer Germain! So lange ſie im Gefängniſſe ſind, giebt es für mich kein Vergnügen.“ Marien⸗Blume war ſeit einigen Augenblicken in Gedanken verſunken; ſie erinnerte ſich plötzlich, daß Rudolph, als ſie ihn zum erſten Male bei der Wirthin geſehen, wie ein gewöhnlicher Gaſt des Wirthshauſes gekleidet geweſen war und geſprochen hatte. Konnte er bei Lachtaube nicht die Rolle eines Reiſedieners ſpielen? Welchen Zweck konnte dieſe neue Verkleidung haben? Die Griſette bemerkte das nachdenkliche Ausſehen der Freun⸗ din und fuhr fort: „Du brauchſt Dir deshalb den Kopf nicht zu eichen gute Nuchtigall; wir werden es ſchon erfahren, ob wir einen und den⸗ ſelben Rudolph kennen. Siehſt Du den Deinigen, ſo ſprich mit ihm von mir; wenn ich den meinigen ſehe, werde ich mit ihm von Dir ſprechen. Auf dieſe Weiſe werden wir erfahren, woran wir ſind.“ 6 „Wo wohnſt Du, Lachtaube?“ „Rue du Temple, Nr. 17.“ „— Das kann uns von Nutzen ſein,“ dachte Madame Sera⸗ phin bei ſich, welche aufmerkſam auf dieſes Geſpräch gehört hatte. „Dieſer Rudolph, der geheimnißvolle, allmächtige Menſch, der ſich ohne Zweifel für einen Reiſediener ausgiebt, hat eine Woh⸗ ) 205 nung neben der Griſette da, welche mehr zu wiſſen ſcheint, als ſie ſagen will, und dieſer Vertheidiger der Unterdrückten wohnt alſo in demſelben Hauſe wie Morel und Bradamanti. Gut! Wenn die Griſette und der angebliche Reiſediener ſich noch ferner in Dinge miſchen, die ſie nichts angehen, ſo weiß man ſie zu finden.“ „Sobald ich mit Herrn Rudolph geſprochen habe, werde ich Dir ſchreiben,“ ſagte die Nachtigall, „und ich werde Dir meine Adreſſe geben, damit Du mir antworten kannſt; aber wiederhole mir die Deinige, ich furchte ſie zu vergeſſen.“ „Ich habe da grade eine Karte bei mir, wie ich ſie meinen Kunden zu übergeben pflege,“ und ſie übergab Marien⸗Blume eine kleine Karte, auf welcher geſchrieben ſtand: „Mademoiſelle Lach⸗ taube, Näherin, Rue du Temple, 17.“ „Es ſieht aus wie gedruckt, nicht wahr?“ ſetzte die Griſette hinzu; „die Karten hat mir noch der Herr Germain geſchrieben; er war ſo gut, ſo zuvor⸗ kommend! Ich bemerke alle ſeine guten Eigenſchaften erſt ſeit er unglücklich iſt, und ich mache mir ordentlich Vorwürfe darüber, daß ich ihn nicht früher geliebt habe —“ „Du liebſt ihn alſo?“ „Ach ja. — Ich muß doch einen Vorwand haben, um ihn in dem Gefängniſſe zu beſuchen. Bin ich nicht ein närriſches Mädchen?“ ſagte Lachtaube, indem ſie einen Seufzer unterdrückte und unter Thränen lachte. „Du biſt freundlich und gut wie immer,“ antwortete Marien⸗ Blume, indem ſie die Hand ihrer Freundin herzlich drückte. Madame Seraphin hatte aus dem Geſpräche der beiden jun⸗ gen Mädchen ohne Zweifel genug erfahren, denn ſie ſagte jetzt faſt barſch zu Marien⸗Blume: 206 „Aber nun müſſen wir fort; es iſt ſpät; wir haben eine ganze Viertelſtunde verſäumt.“ „Die Alte gefällt mir gar nicht,“ ſagte Lachtaube leiſe zu Marien⸗Blume; dann ſetzte ſie laut hinzu; „wenn du wieder nach Paris kommſt, gute Nachtigall, ſo vergiß mich nicht; Dein Be⸗ ſuch würde mir große Freude machen; ich zeige Dir mein Stüb⸗ chen, meine kleine Wirthſchaft, meine Vögel. — Ich habe Vögel, — das iſt mein Lurus —“ „Wenn es möglich iſt, beſuche ich Dich, gewiß aber ſchreibe ich Dir. Jetzt lebe wohl, meine gute Lachtaube. Wenn Du wüß⸗ teſt, wie glücklich ich bin, Dich wiedergeſehen zu haben!“ „Ich auch, — aber hoffentlich iſt es nicht das letzte Mal, und dann bin ich ſo neugierig zu erfahren, ob Dein Rudolph und der meinige ein und derſelbe Rudolph iſt. Schreibe mir recht bald darüber —“ „Ja, ja, — lebe wohl, Lachtaube.“ „Lebe wohl, meine gute kleine Nachtigall.“ Die beiden Mädchen küßten einander zärtlich. Lachtaube ging in das Gefängniß hinein, um auf den Er⸗ laubnißſchein, den ihr Rudolph verſchafft hatte, Louiſen zu be⸗ ſuchen. Marien⸗Blume ſtieg mit Madame Seraphin in den Fiaere, dem ſie befahl, nach Batignolles zu fahren und an der Barriére zu halten. Ein ſehr kurzer Seitenweg führte von da faſt gerade an das ufer der Seine, nicht weit von der Inſel des Ausſuchers. Marien⸗Blume, die Paris nicht kannte, hatte nicht bemerken können, daß der Wagen auf einem andern Wege als nach der 207 Barrière St. Denis hinfuhr. Erſt als der Fiaere anhielt, ſagte ſie zu Madame Seraphin, welche ſie aufforderte auszuſteigen: „Das ſcheint mir nicht der Weg nach Bouqueval zu ſein; — und wir wollen zu Fuße dahin gehen?“ „Ich kann Ihnen weiter nichts ſagen, liebes Kind,“ antwor⸗ tete die Haushälterin herzlich, „als daß ich nach dem Auftrage Ihrer Wohlthäter handle und daß Sie ihnen Schmerz verurſachen würden, wenn Sie mir nicht folgen wollten —“ „Glauben Sie das nicht, Madame,“ entgegnete Marien⸗Blume; „Sie ſind von ihnen abgeſchickt, und ich habe Ihnen keine Frage vorzulegen; ich folge Ihnen unbedingt; ſagen Sie mir nur, ob ſich Madame Georges wohl befindet?“ „Sie iſt ganz wohl.“ „Und — Herr Rudolph?“ „Befindet ſich auch ganz wohl.“ „Sie kennen ihn alſo, Madame? Gleichwohl ſagten Sie nichts, als ich eben mit Lachtaube von ihm ſprach?“ „Wahrſcheinlich, weil ich nichts ſagen ſollte. — Ich folge mei⸗ nen Befehlen —“ „Er hat ſie Ihnen gegeben?“ „Iſt das Mädchen nengierig!“ entgegnete die Haushälterin lachend. „Sie haben Recht; verzeihen Sie meine Fragen, Madame. Da wir zu Fuße dahin gehen, wohin Sie mich führen,“ ſetzte Marien⸗Blume ſanft lächelnd hinzu, „ſo werde ich ja bald erfah⸗ ren, was ich zu wiſſen wünſche.“ „Ja, vor einer Viertelſtunde werden wir an Ort und Stelle ſein.“ 208 Die Haushälterin ging mit Marien-Blume auf einem 6. hin, neben dem Nußbäume ſtanden. Es war ein ſchöner lauer Tag und der Himmel halb von Wolken verdeckt, welche die untergehende Sonne mit einem pur⸗ purnen Schein übergoß. Je näher Marien⸗Blume dem ufer des Fluſſes kam, um ſo ſichtbarer färbten ſich ihre bleichen Wangen; ſie athmete mit Ent⸗ zucken die reine Landluft ein⸗ Ihr reizendes Geſicht druckte eine ſo innige aus, daß Madame Seraphin zu ihr ſagte: „Sie ſcheinen ſehr zufrieden zu ſein?“ „Ach ja, Madame, — ich ſoll ja Madame Georges, — viel⸗ leicht Herrn Rudolph wiederſehen . . . Ich habe ihnen ſehr un⸗ glückliche Menſchen zu empfehlen und hoffe, daß denſelben gehol⸗ fen werde, ſollte ich da nicht glücklich und zufrieden ſein? Müßte meine Traurigkeit nicht ſchwinden, wenn ich auch traurig wäre? Und dann, ſehen Sie, iſt der Himmel ſo ſchon mit den woſenrothen Wolken, — und der Raſen, wie grün, trotz der frühen Jahres⸗ zeit! Da unten hinter den Weiden der Fluß — wie groß! Und die Sonne blitzt darauf — wie eben in dem Baſſin in dem Ge⸗ fängniſſe. — Gott vergißt auch die armen Gefangenen nicht, — er giebt auch ihnen einen Strahl von ſeiner Sonne,“ ſetzte Ma⸗ rien⸗Blume mit einem gewiſſen frommen Dankgefühle hinzu. Dann rief ſie freudig aus: e „Ach, Madame, da unten mitten im Fluſſe die ſchöne kleine Inſel mit den Weiden und Pappeln und dem weißen Hauſe dicht am Waſſer! Wie ſchön muß es da im Sommer ſein, wenn alle Baͤume grün ſind! Wie ſtill und wie friſch!“ „Es freut mich,“ antwortete Madame Seraphin, „daß Sie dieſe Inſel hübſch finden.“ „Warum, Madame?“ geil wir dahin gehen.“ „Auf dieſe Inſel?“ „Ja. Sie wundern ſich darüber?“ „Ein wenig, ja.“ „Und wenn Sie Ihre Freunde da fänden?“ „Was ſagen Sie?“ „Ihre Freunde, hier verſammelt zur Feier Ihrer Entlaſſung aus dem Gefängniſſe? Würden Sie ſich darüber nicht freuen?“ „Wäre es möglich? Madame Georges? — Herr Rudolph?“ „Sehen Sie, Sie locken mir mein ganzes Geheimniß ab —“ „Ich werde ſie wiede⸗ Ach! Madame, wie mein Herz klopft!“ „Gehen Sie nicht zu ſchnell. — Ich begreife Ihre Ungeduld, aber ich kann Ihnen kaum folgen —“ „Verzeihen Sie, Madame, aber es drängt und treibt mich —“ „Das iſt natürlich, 3 mache Ihnen auch keinen Vorwurf daraus, im Gegentheil — „Hier führt der Weg abwärts; er iſt nicht gut; wollen Sie meinen Arm annehmen?“ „Ich ſchlage dies nicht aus, meine liebe Mademoiſelle; Sie ſind raſch und gut zu Fuße, während ich alt bin —“ „Stützen Sie ſich nur feſt auf mich und fürchten Sie mich zu ermüden.“ „Ich danke. — Ihre Hülfe iſt nicht überflüſſig; es geht ſo ſteil abwärts. — Endlich ſind wir auf beſſerm Wege.“ Die Geheimniſſe von Paris. VI. 14 210 „Es iſt alſo wahr, daß ich Madame Georges wiederſehen ſoll? Ich kann es kaum glauben.“ „Gedulden Sie ſich nur noch ein wenig. — In einer Vier⸗ telſtunde werden Sie ſich überzeugen —“ „Ich kann nicht begreifen,“ ſetzte Marien⸗Blume ncentend hinzu, „warum Madame Georges mich hier erwartet und nicht in der Meierei.“ „Immer neugierig! Immer neugierig!“ „Ja, nicht wahr, Madame?“ ſagte Marien⸗Blume lächelnd. „Um Sie zu ſtrafen, möchte ich Ihnen nun auch die Ueber⸗ raſchung erzählen, welche Ihre Freunde Ihnen bereitet haben —“ „Eine Ueberraſchung? Mir Madame?“ Ich antworte nicht mehr, — Sie ſchwatzen mir ſonſt Al⸗ les ab.“ Wir wollen Madame Seraphin und ihr Opfer auf dem Wege verlaſſen, der nach dem Fluſſe führt, und ihnen auf einige Augen⸗ blicke auf die Inſel des Ausſuchers vorauseilen. 1 cxv. 4 Das Boot. S)n der Nacht ſah die von der Familie Martial bewohnte Inſel düſter aus, bei glänzendein Sonnenſcheine dagegen ließ ſich nichts Freundlicheres, Lachenderes denken als dieſes Raubneſt. Die Inſel, welche an den Ufern mit Weiden und Pappeln bepflanzt, faſt ganz mit dichtem Graſe bedeckt war, durch das ſich einige mit gelbem Sand beſtreute Gänge ſchlängelten, enthielt ei⸗ nen kleinen Küchengarten und eine ziemliche Anzahl Obſtbäume. Mitten in dieſem Garten ſah man den mit Stroh bedeckten Schup⸗ pen, in welchen ſich Martial mit Franz und Amandine zurückzie⸗ hen wollte. Auf dieſer Seite endigte die Inſel an ihrer Spitze in einer Art Stacket von dicken Pfählen, welche die Abſchwem⸗ mung des Landes verhindern follten. Vor dem Hauſe, faſt ganz dicht an dem Landungsplatze, ſtand eine Laube von grün angeſtrichenen Latten, welche im Som⸗ mer die kletternden Zweige von wildem Weine und Hopfen trug und in welche die Trinker ſich zu ſetzen pflegten. An dem einen Ende des Hauſes, das weiß angeſtrichen und 14 * 212 mit Ziegeln bedeckt war, bildete ein Holzſtall einen kleinen Flü⸗ gel, der weit niedriger war als das Hauptgebäude. Faſt über dieſem Flügel bemerkte man ein Fenſter mit Laden, der mit Blech beſchlagen und von außen durch zwei eiſerne Querſtangen in ſtar⸗ ken Klammern feſtgehalten wurde. An den Pfählen des Ausſteigeplatzes ſchaukelten ſich drei Vöte. In einem dieſer Böte kauerte Nicolaus und probirte die Klappe, die er in demſelben angebracht hatte. 1 Auf einer Bank vor der Laube ſtand Kürbiß, die ältere Schweſter des Nicolaus, hatte die Hand ſchirmartig über die Au⸗ gen gelegt und ſah in der Richtung hin, in welcher Madame Se⸗ raphin mit Marien⸗Blume ankommen mußte. „Ich ſehe noch Niemanden, weder die Alte noch die Junge,“ ſagte das Mädchen zu Nicolaus, indem ſie von der Bank herun⸗ terſtieg; „es wird werden wie geſtern; wir warten umſonſt. Wenn ſie nicht binnen einer halben Stunde ankommen, — müſſen wir fort; das Unternehmen mit Roth⸗Arm iſt beſſer, und er wartet auf uns. Die Mäklerin kommt um fünf Uhr zu ihm; wir müſſen vor ihr dort ſein. Die Eule hat es uns dieſen Morgen ein⸗ mal geſagt.“ „Du haſt Recht,“ entgegnete Nicvlaus, indem er aus ſeinem Boote trat. „Daß das Donnerwetter die Alte erſchlage, die uns zu Narren hat! Die Klappe geht prächtig. Statt der zwei Ge⸗ ſchäfte machen wir vielleicht nur eins —“ „Uebrigens brauchen Roth⸗Arm und Barbillon uns; ie uleit können nichts thun.“ „Ja wohl, denn während der Schlag ausgeführt wird, nß Roth⸗Arm draußen Wache halten, und Barbillon iſt nicht ſtarf ge⸗ ung, um allein die Mäklerin in den Keller zu ziehen —“ 213 „Sagte die Eule nicht lachend, ſie hätte den Schulmeiſter in dieſen Keller in Penſion gethan?“ „In dieſen nicht, in einen andern, der weit tiefer iſt und in den das Waſſer tritt, wenn der Fluß anſchwillt —“ „Ein ſchöner Aufenthalt für den Schulmeiſter! So allein da zu ſein und blind!“ „Wenn er auch die beſten Augen hätte, würde er doch nichts ſehen; es iſt in dem Keller ſo finſter wie in einem Backofen.“ „Nun, wenn er zu ſeiner Zerſtreuung alle Lieder geſungen hat, die er kennt, muß ihm doch die Zeit niedlich lang werden.“ „Die Eule ſagt, er vertreibe ſich die Zeit mit der Rattenjagd, und der Keller iſt ſehr reich an dieſem Wildpret.“ „Nicolaus, bei den Leuten; die ſich langweilen müſſen,“ ſagte das Mädchen mit einem häßlichen Lächeln, indem ſie auf das mit dem Laden verſchloſſene Fenſter zeigte, „fällt mir ein, daß da Einer iſt, der ſein eigenes Blut eſſen muß —“ „Bah! er ſchläft. — Seit heute früh rührt er ſich nicht mehr, und ſein Hund iſt ſtumm —“ „Vielleicht hat er ihn erwürgt, um ihn zu eſſen. — Seit zwei Tagen müſſen ſie fürchterlich hungern und durſten.“ „Das iſt ihre Sache. — Martial kann es noch lange aus⸗ halten, wenn er Luſt dazu hat. — Iſt es vorbei, ſo ſagt man, er ſei an einer Krankheit deih und es kräht kein Hahn dar⸗ nach.“ „Meinſt Du?“ „Gewiß. Die Mutter begegnete heute fruh auf dem Wege nach Asniéres dem alten Ferot, dem Fiſcher. Da er ſich wun⸗ verte, ſeinen Freund Martial ſeit zwei Tagen nicht geſehen zu ha⸗ ben, ſo ſagte ihm die Mutter, er könne das Bett nicht verlaſſen, 214 ſo krank ſei er, und er werde wohl ſterben. Der alte Ferot hörte es an und glaubte es; er wird es weiter erzählen, und wenn die Sache geſchieht, ſo wird ſie ganz einfach ausſehen. „Ja, aber er wird noch nicht gleich ſterben; auf dieſe Weiſe dauert es lange.“ „Es gab kein anderes Mittel, zum Ziele zu kommen. Der verfluchte Martial iſt, wenn er wild wird, böſe wie der Teufel und ſtark wie ein Ochſe überdies; er traute nicht, und wir hätten uns nicht ohne Gefahr an ihn wagen können. Was konnte er aber thun, nachdem ſeine Thür S von außen zugenagelt war? Sein Fenſter war vergittert — „Er hätte die Gitterſtäbe ausheben können, wenn er mit ſei⸗ nem Meſſer den Gips ausgegraben hätte, und N würde es ge⸗ wiß auch gethan haben, wenn ich nicht auf der Leiter hinauf ge⸗ ſtiegen wäre und ihm die Hände mit dem Beile hätte, ſo oft er an die Arbeit ging.“ „Eine ſchöne Art Schildwache! Du mußt Dich da oben 6 unterhalten haben,“ ſagte der Räuber lachend. „Ich mußte Dir doch Zeit laſſen mit dem Bleche anzukom⸗ men, das Du bei dem Vater Micou gekauft hatteſt.“ „Der liebe Bruder wird wüthend geweſen ſein — „Er knirſchte mit den Zähnen wie ein Toller; zwei⸗ oder dreimal wollte er mich zwiſchen den Stäben hindurch mit dem Stocke herunterſtoßen; da er aber nur noch eine Hand frei hatte, ſo konnte er nicht arbeiten und die Stäbe nicht herausheben .. „Glücklicher Weiſe giebt es keinen Kamin in ſeiner Stube.“ „Und die Thür iſt feſt und die Hand iſt ihm verdorben! Sonſt wäre er im Stande, er machte ſich durch die Dielen ein Loch —“ 0 24 . 215 „Und die Balken? Wie könnte er durch dieſe kommen? Nein; wir brauchen nicht zu fürchten, daß er entkomme; der Laden iſt mit Blech beſchlagen und durch zwei Eiſenſtangen feſtgehalten, — die Thür iſt mit drei Zoll langen Nägeln von außen zugenagelt. — Sein Sarg iſt alſo feſter, als wäre er von Eichenholz und Blei.“ „Wenn aber die Wölfin aus dem Gefängniſſe entlaſſen wird, hierher kommt und ihren Mann ruft?“ „So ſagen wir ihr: ſuche ihn —“ „Weißt Du, daß die beiden Kinder, wenn die Mutter ſie nicht eingeſperrt hätte, im Stande wären, die Thüre wie Ratten zu zernagen, um Martial zu befreien? Der Franz iſt ein wahrer Teufel, ſeit er merkt, daß wir den großen Bruder eingeſperrt haben.“ „Laſſen wir ſie oben in der Stube, während wir die Inſel verlaſſen? Ihr Fenſter iſt nicht vergittert; ſie können alſo heraus⸗ ſteigen —“ In dieſem Augenblicke erregte Geſchrei und Schluchzen, das aus dem Hauſe drang, die Aufmerkſamkeit der Geſchwiſter. Sie ſahen die Thür des Erdgeſchoſſes, welche bis dahin offen geſtanden hatte, heftig zuſchlagen, und eine Minute ſpäter erſchien das bleiche, finſtere Geſicht der Wittwe Martial an dem Gitter des Küchenfenſters. Sie winkte mit ihrem langen dürren Arme ihren Kindern, ihr zu Hülfe zu kommen. „Es giebt etwas; ich wette, daß Franz wieder eigenfinnig iſt,“ ſagte Nicolaus. „Der verfluchte Martial! Wäre er nicht gewe⸗ ſen, ſo würden wir mit dem Jungen gar keine Noth gehabt ha⸗ 216 ben .. Nun, ſieh Dich immer um und rufe mich, wenn die bei⸗ den Frauenzimmer kommen.“ Während die Schweſter wieder auf die Bank ſtieg und ſich umſah, vb Madame Seraphin und die Nachtigall ankämen, ging Nicolaus in das Haus hinein. Die kleine Amandine kniete mitten in der Küche, ſchluchzte und bat um Gnade für ihren Bruder Franz. Dieſer hatte ſich in eine Ecke der Küche gedrückt, ſchwang drohend das Beil des Nicolaus und ſchien entſchloſſen zu ſein, diesmal dem Willen ſeiner Mutter einen verzweifelten Widerſtand entgegen zu ſetzen. Die Wittwe ſtand kalt und ſchweigend da, deutete auf den Eingang in den Keller, deſſen Thüre angelehnt war, und winkte ihrem Sohne Nicolaus, Franz in denſelben einzuſperren. „Ich laſſe mich nicht da hinein ſperren!“ rief der Knabe ent⸗ ſchloſſen aus, deſſen Augen funkelten wie die einer jungen Katze. „Ihr wollt mich da mit Amandine verhungern laſſen wie den Bruder Martial.“ „Mutter, um der Liebe Gottes willen, laß uns oben in un⸗ ſerer Kammer wie geſtern,“ bat das kleine Mädchen in flehentli⸗ chem Tone und mit gefaltenen Händen; „in dem dunkeln Keller fürchten wir uns zu ſehr —“ Die Wittwe ſah Nicolaus ungeduldig an, als mache ſie es ihm zum Vorwurfe, daß er ihren Befehl noch nicht vollzogen habe; dann zeigte ſie mit einer neuen gebieteriſchen Geberde auf Franz. Der Knabe erhob, als er den Bruder herankommen ſah, ver⸗ zweifelt das Beil und rief aus: „Wer mich in den Keller ſperren will, — es mag die Mut⸗ ⸗ 217 * 3 ter oder 65 — den haue ich mit dem Beile, und das Beil iſt ſcharf — Nicolaus fühlte wie die Wittwe die gothnenvigkeit, die bei⸗ den Kinder zu hindern, Martial beizuſtehen, während ſie allein im Hauſe blieben, eben ſo ihnen die Kenntniß der Auftritte zu ent⸗ ziehen, die geſchehen ſollten, denn von ihrem Fenſter aus ſah man auf den Fluß, wo man Marien⸗Blume ertränken wollte. Nicolaus, der ſo ſchlecht wie feig war und keineswegs Luſt hatte, ſich einen Hieb mit dem gefährlichen Beile geben zu laſſen, das ſein jungerer Bruder in der Hand hatte, zögerte noch immer, denſelben zu faſſen. Die Wittwe erzürnte ſich über dieſes Zögern ihres ältern Sohnes und ſtieß ihn auf Franz zu. Nicolaus aber wich von Neuem zurück und ſagte: „Ich kann ja nichts thun, Mutter, wenn ich eine Wunde be⸗ komme —. Du weißt, daß ich meine Arme eben ſehr nöthig brau⸗ chen werde, und ich fühle den Schlag noch, den mir Martial gab —“ Die Wittwe zuckte verächtlich die Achſeln und that einen Schritt auf Franz zu. „Komm mir nicht zu nahe, Mutter!“ rief Franz wüthend aus, „oder Du mußt für alle Schläge büßen, die Du mir und Amandinen gegeben haſt —“ „Bruder, laß Dich lieber einſperren. — Ach, Gott! ſchlage die Mutter nicht!“ rief Amandine entſetzt aus. Nicolaus erblickte in dieſem Augenblicke auf einem Stuhle eine große wollene Decke; dieſe nahm er, ſchlug ſie halb ausein⸗ ander und warf ſie geſchickt Franz über den Kopf, ſo daß der Knabe von ſeiner Waffe keinen Gebrauch machen konnte. 218 Nun ſiel Nicolaus über ihn her und trug ihn mit Hülfe ſei⸗ ner Mutter in den Keller. Amandine war mitten in der Küche auf ihren Knieen liegen geblieben. Sobald ſie das Schickſal ihres Bruders ſah, ſtand ſie raſch auf und eilte freiwillig, trotz ihrer Furcht, zu ihm in den finſtern Keller hinein. 1 Die Thüre wurde hinter ihnen verſchloſſen. „Der Martial iſt Sch ild, daß die Kinder jetzt ganz des Teu⸗ fels ſind,“ ſagte Nicolaus. „Man hört ſeit heute früh in ſeiner Stube nichts mehr,“ ſagte die Wittwe, und ſie ſchauderte, „gar nichts —“ „Das beweiſt, Mutter, daß Du ganz recht thateſt, als Du zu dem alten Ferot in Asnières ſagteſt, Martial liege ſeit zwei Ta⸗ gen todtkrank im Bette. — Wenn es vorbei iſt, wird man ſich nicht wundern.“ Nach einer kurzen Pauſe ſagte die Wittwe, gleichſam als hätte ſie einem peinlichen Gedanken entgehen wollen: Iſt die Eule hier geweſen, während ich in Asniéres war?“ „Ja, Mutter.“ „Warum blieb ſie nicht, um uns zu Roth⸗Arm zu begleiten? Ich traue ihr nicht.“ „Du traueſt Niemandem, Mutter; eut⸗ iſt Dir die Eule nicht recht, geſtern hatteſt Du gegen Roth⸗Arm Einwendungen.“ „Roth⸗Arm iſt frei und mein Sohn in Toulon; dennoch hat⸗ ten ſie den Diebſtahl zuſammen gemacht.“ „Das wiederholſt Du fortwährend. — Roth⸗Arm iſt davon gekommen, weil er ſchlau iſt. Es iſt ja ganz einfach. — Die Enle blieb nicht hier, weil ſie um zwei Uhr bei dem Obſervato⸗ rium eine Zuſammenkunft mit dem großen Manne in Trauer hat, 219 für deſſen Rechnung ſie mit Hülfe des Schulmeiſters und des klei⸗ nen Lahmen das junge Landmädchen entführt hat. Warum ſollte die Eule uns verrathen, da ſie uns Alles ſagt, was ſie anſpinnt, wir aber ihr nichts ſagen? Sie weiß nichts von der Badege⸗ ſchichte, die wir jetzt vornehmen wollen. — Die Wölfe freſſen ein⸗ ander nicht, Mutter. — Es giebt heute einen guten Tag; denke Dir, die Mäklerin hat oft für 20 bis 30,000 Fres. Diamanten in ihrem Strickbeutel — und ehe zwei Stunden vergehen, haben wir ſie in dem Keller Roth⸗Arms. Dreißigtauſend Franes! Be⸗ denke!“ „Roth⸗Arm ſoll draußen vor ſeinem Wirthshauſe bleiben, während wir die Mäklerin halten?“ fragte die Wittwe arg⸗ wöhniſch. „Wo ſoll er ſonſt ſein? Wenn Jemand zu ihm kommt, muß er doch da ſein und die Leute abhalten, dahin zu kommen, wo wir unſere Sache abmachen.“ „Nicolaus! Nicolaus!“ rief jetzt deſſen Schweſter draußen; „es kommen zwei Frauenzimmer —“ „Schnell, Mutter, Deinen Shawl, ich will Dich gleich mit hinübernehmen,“ ſagte Nicolaus. Die Wittwe hatte ſtatt ihrer gewöhnlichen Mütze ein ſchwar⸗ zes Tüllhäubchen aufgeſetzt. Jetzt nahm ſie einen grau und weiß carrirten großen Shawl um, ſchloß die Küchenthür zu, legte den Schlüſſel hinter einen der Laden im Erdgeſchoſſe und folgte ihrem Sohne an den Landungsplatz. Faſt unwillkürlich warf ſie, ehe ſie die Inſel verließ, noch ei⸗ nen Blick auf das Fenſter Martials; ſie kniff dabei die Augen⸗ brauen zuſammen, biß ſich auf die Lippe und murmelte, während ſie ſchauderte: „es iſt ſeine Schuld! — es iſt ſeine Schuld.“ 220 „Nicolaus, ſiehſt Du ſie — da unten? Eine Frau aus der Stadt und eine vom Dorfe,“ ſagte die Schweſter, indem ſie auf das Ufer hinüber auf Madame Seraphin und Marien⸗Blume zeigte, die auf einem Fußwege herabkamen. „Wir wollen das Signal abwarten, damit nicht etwa eine Verwechſelung paſſirt,“ ſagte Nicolaus. „Biſt Du blind? Erkennſt Du die alte dicke Frau nicht, die geſtern hier war? Sieh doch ihren vrangen Shawl! Wie ſchnell das Bauermädchen läuft! O, — die iſt noch unerfahren! Man ſieht es, daß ſie nicht weiß, was ſie erwartet —“ „Ja, ich erkenne die dicke Frau .. Wir müſſen nun einig werden, Schweſter, wie wir uns benehmen. Ich werde die Alte und die Junge in das Boot mit der Klappe nehmen, Du folgſt mir in dem andern und ruderſt ſo, daß ich mit einem Sprunge in Deinem Byote ſein kann, ſobald ich die Klappe in dem meinigen aufgeſtoßen habe.“ Fürchte nichts; rudere ich denn das erſte Mal?“ Ich fürchte nicht zu ertrinken, Du weißt ja, wie ich ſchwimme, aber — wenn ich nicht zu rechter Zeit in das andere Boot ſpränge, könnten ſich die Frauenzimmer in der Angſt an mich anklammern und — ich habe keine Luſt, mit ihnen zu gehen.“ „Die Alte winkt mit ihrem Tuche,“ ſagte das Mädchen; „ſie ſind jetzt am Ufer.“ „Komm, komm, Mutter,“ ſagte Nicolaus, indem er ſein Boot losband; „komm her in mein Boot. — Die Beiden drüben wer⸗ den dann nichts argwöhnen. Du, Schweſter, ſpringe in das an⸗ dere und rudere tüchtig. — Da, nimm meinen Haken — lege ihn neben Dich und nun vorwärts!“ ſagte der Bandit, indem er in 221 das Boot ſeiner Schweſter eine lange Stange mit einer ſcharfen Spitze legte. Nach wenigen Augenblicken erreichten die beiden Böte das Ufer, wo Madame Seraphin und Marien⸗Blume warteten. Während Nicolaus ſein Boot an einem Pfahle am Ufer an⸗ band, trat Madame Seraphin zu ihm und ſagte leiſe und ſchnell zu ihm: „Sagen Sie, Madame Georges warte auf uns,“ dann fuhr die Haushälterin des Notars laut fort: „Wir haben uns etwas verſpätigt —“ „Ja, Madame Georges hat ſchon mehrmals gefragt.“ „Sehen Sie, liebes Kind, Madame Gebrges wartet auf uns,“ ſagte Madame Seraphin, indem ſie ſich nach Marien⸗Blume um⸗ drehte, der es trotz ihrem Vertrauen bei dem Anblicke der Wittwe und der beiden Kinder derſelben etwas unheimlich zu Muthe wurde. Aber der Name der Madame Georges beruhigte ſie wie⸗ der, und ſie antwortete: „Ich ſehne mich eben ſo ſehr, Madame Georges zu ſehen; zum Glück dauert die Ueberfahrt nicht länge —“ un „Die liebe Dame wird ſich freuen!“ fuhr Madame Seraphin fort. Dann wendete ſie ſich an Nicolaus und ſagte: „Ziehen Sie Ihr Boot noch etwas näher heran, damit wir einſteigen können.“ — Leiſe ſetzte ſie hinzu: „Die Kleine muß durchaus ertrinfen; kommt ſie empor, ſo ſtoßen Sie ſie nur wieder hinein.“ „Ja, ja; ganz unbeſorgt! Wenn ich Ihnen winke, geben Sie mir Ihre Hand. — Sie ſinkt dann ganz allein, — Alles iſt vor⸗ bereitet, und Sie brauchen nicht ängſtlich zu ſein,“ antwortete Ni⸗ colaus leiſe. Ohne von der Schönheit und Ingend der Nachtigall gerührt zu werden, reichte er dieſer die Hand. Das Mädchen ſtützte ſich leicht darauf und trat in das Bovt. „Nun Sie, Madame,“ ſagte Nicolaus zu Madame Seraphin. Und er bot ihr ebenfalls die Hand. War es Ahnung, Mißtrauen oder blos die Beſorgniß, nicht ſchnell genug aus dem Bvote heraus ſpringen zu können, wenn es Nicolaus ſinken laſſen würde, genug, die Haushälterin des Notars ſagte zu Nicolaus: „Ich werde doch lieber in dem andern Boote &berfuhten — Und ſie nahm ihren Platz bei der Schweſter des Nicolaus. „Wie Sie wollen,“ antwortete Nicolaus mit einem ausdrucks⸗ vollen Blicke auf ſeine Schweſter, worauf er ſein Boot abſtieß. Die Schweſter folgte ihm, als Madame Seraphin neben ihr war. Die Wittwe ſtand unterdeß unbeweglich am Ufer, gleichgil⸗ tig bei dieſem Auftritte, und ſah, in Gedanken vertieft, nach dem Fenſter Martials hinüber, das durch die Pappeln hindurch zu er⸗ kennen war. Die beiden Böte, deren erſtes Marien⸗Blume und Nicolaus, das zweite Madame Seraphin und die Tochter der Wittwe trug, entfernten ſich langſam vom Ufer. 1 CXVI. Des Wiederlehens Glück. he wir dem Leſer die Entwickelung des Dramas in dem Boote mit der Klappe berichten, müſſen wir einmal umkehren. Wenige Augenblicke nachdem Marien-Blume mit Madame Seraphin St. Lazarus verlaſſen hatte, war auch die Wölfin aus dem Gefängniſſe entlaſſen worden. In Folge der Empfehlungen der Madame Armand und des Directors, welche ſie für die gute That für die Mont⸗Saint⸗Jean belohnen wollten, hatte man der Geliebten Martials die wenigen Tage erlaſſen, vie ſie eigentlich noch in dem Gefängniß zubringen ſollte. In dem Geiſte dieſes verdorbenen und unbändigen Mädchens war übrigens eine vollſtändige Umwandlung vorgegangen. Die Wölfin hatte ihr früheres Leben verabſcheuen lernen, da ihr fortwährend das Bild des ſtillen, arbeitſamen Lebens vor⸗ ſchwebte, das Marien⸗Blume ihr geſchildert hatte. Ihr einziges Ziel, ihr ſteter Gedanke, gegen welchen ſich alle ihre frühern ſchlechten Neigungen vergebens geſträubt hatten, 224 war jetzt, mit Martial allein und verborgen im tiefen Walde zu leben. Um dieſe ſchnelle und aufrichtige Bekehrung zu bewirken, hatte Marien-Blume nach ihrem geſunden Verſtande ſo bei ſich gedacht: Die Wölfin, ein heftiges und entſchloſſenes Mädchen, liebt ihren Martial leidenſchaftlich und muß alſo mit Freuden die Mög⸗ lichkeit ergreifen, aus dem ſchmachvollen Leben herauszufommen, deſſen ſie ſich zum erſten Male ſchämt. und ſich ganz jenem rau⸗ hen Manne zu widmen, deſſen Neigungen ſie ſämmtlich in ſich auf⸗ genommen hat, jenem Manne, welcher die Einſamkeit aufſucht aus Neigung und um der Schande zu entgehen, welche auf ſeiner ver⸗ brecheriſchen Familie laſtet. Mit Hülfe blos dieſer Elemente, die ſie aus ihrem Geſpräche mit der Wölfin geſchöpft, hatte Marien⸗Blume, indem ſie der un⸗ geſtümen Liebe und dem fühnen Charakter des Mädchens eine gute Richtung gab, eine Ehrloſe in eine brave Frau umgewandelt. Denn iſt es nicht der Wunſch einer braven Frau, nur an die Hei⸗ rath mit Martial zu denken, um ſich mit ihm in den Wald zu⸗ rck zu ziehen und da arbeitend, vielleicht unter Entbehrungen zu leben? Nachdem die Wölfin freigelaſſen war, dachte ſie an nichts, als ihren Mann, wie ſie ſich ausdrückte, wieder zu ſehen⸗ Seit mehreren Tagen hatte ſie keine Nachricht von ihm erhalten. In der Hoffnung alſo, ihn auf der Inſel des Ausſuchers zu treffen, und entſchloſſen, dort zu warten, wenn er nicht da ſein ſollte, ſtieg ſie in ein Cabriolet und ließ ſich an die Brücke von Asniéres bringen, über welche ſie etwa eine Viertelſtunde vorher gegangen 225 war, als Madame Seraphin und Marien-Blume an dem Seine⸗ Ufer in der Nähe des Gipsofens erſchienen. Da Martial nicht kam, um die Wölfin in ſeinem Boote auf die Inſel hinüber zu holen, ſo wendete ſie ſich an einen Fiſcher, den alten Ferot, der in der Nähe der Brücke wohnte. Um vier Uhr Nachmittags hielt alſo ein Cabriolet am Ein⸗ gange eines Gäßchens von Asnières. Die Wölfin gab dem Kut⸗ ſcher hundert Sous, war mit einem Sprunge heraus und eilte nach der Wohnung des Fiſchers Ferot zu. Die Wölfin, welche ebenfalls ihre Gefängnißkleidung abgelegt hatte, trug ein dunkelgrünes Merinoskleid, einen rothen Shawl mit Palmenmuſtern und ein Tüllhäubchen mit Band; ihr dichtes krauſes Haar war kaum glatt geſtrichen, denn in ihrer Ungeduld, Martial zu ſehen, hatte ſie ſich mit mehr Eile als Sorgfalt an⸗ gefleidet. Jedes andere Mädchen hätte ſich nach einer ſo langen Tren⸗ nung ohne Zweifel die Zeit genommen, um ſich für dieſes erſte Wiederſehen zu putzen; die Wölfin kümmerte ſich darum wenig. Sie wollte vor allen Dingen ihren Mann ſobald als möglich ſehen, erſtens aus heftiger Sehnſucht, wie ſie die leidenſchaftliche Liebe kennt, welche ſolche Menſchen bisweilen bis zum Wahnſinn aufregt, dann aber auch, um Martial den heilſamen Entſchluß mitzutheilen, den ſie nach dem Geſpräche mit Marien⸗Blume ge⸗ faßt hatte. Die Wölfin kam bei dem Hauſe des Fiſchers bald an. Der alte Ferot, ein Mann mit weißem Haar, faß vor ſeiner Thür und beſſerte ſeine Netze aus. Schon von weitem, ſobald ſie ihn erblickte, rief ihm die Wölfin: 7 Die Geheimniſſe von Paris. VI. 15 226 „Ihr Boot, Vater Ferot! Schnell! Schnell!“ „Ach, Sie ſind es, Mamſell; guten Tag. — Habe ich Sie voch lange nicht hier geſehen.“ „Ja, — aber Ihr Boot! Schnell, — auf die Inſel hin⸗ über.“ „Heute iſt es nicht möglich, Mamſell.“ „Warum nicht möglich?“ „Mein Junge hat das Bovt genommen und iſt mit den An⸗ dern zum Wettrudern nach St. Ouen gefahren. Es iſt an dem ganzen Ufer kein einziges Boot zu haben —“ „Donnerwetter!“ rief die Wölfin aus, und ſie ſtampfte mit dem Fuße. „Es thut mir wirklich leid, Sie nicht auf die Inſel hinüber⸗ bringen zu können, — denn wahrſcheinlich geht es noch ſchlechter mit ihm.“ „Schlechter? — mit wem?“ „Nun mit dem Martial.“ „Martial!!“ rief die Wölfin aus, indem ſie den alten Ferot am Kragen faßte; mein Mann iſt krank?“ „Das wiſſen Sie nicht?“ „Martial?!“ „Ja, ja, — aber Sie zerreißen mir ja meine Blouſe! Stehen Sie doch ruhig.“ „Er iſt krank? Und ſeit wann?“ „Seit zwei oder drei Tagen.“ „Das iſt nicht wahr; er hätte es mir ſonſt geſchrieben.“ „Er iſt ſo krank, daß er nicht ſchreiben kann.“ „So krank, daß er nicht ſchreiben kann? Aber auf der Inſel iſt er? — Das wiſſen Sie gewiß?“ 227 „Ich will Ihnen erzählen, was ich weiß. — Heute früh be⸗ gegnete ich der Wittwe Martial. — Gewöhnlich gehe ich, wenn ich ſie auf der einen Seite ſehe, auf die andere, — Sie verſtehen mich ſchon, — denn ich liebe ihre Geſellſchaft nicht —“ „Aber mein Mann? wo iſt er?“ „So warten Sie doch. — Diesmal konnte ich ſeiner Mutter nicht ausweichen und hielt es alſo für gut, auch mit ihr zu reden; ſie ſieht ſo bös aus, daß ich mich vor ihr fürchte, und übrigens iſt ſie auch ſtärker als ich. — Ich habe ſeit zwei Tagen Ihren Martial nicht geſehen, ſagte ich alſo zu ihr; iſt er in die Stadt gegangen? Darauf ſah ſie mich mit großen ſchrecklichen Augen an, die mich umgebracht hätten, wenn es Piſtolen geweſen wären, wie man zu ſagen zflegt —“ „Ich ſterbe vor Ungeduld. — Nun? — nachher?“ Der alte Ferot ſchwieg einen Augenblick. Dann fuhr er fort: „Sehen Sie, Sie ſind ein gutes Mädchen, — verſprechen Sie mir, nichts zu verrathen, und ich will Ihnen Alles ſagen, was ich weiß —“ „Von meinem Manne?“ „Ja, denn, ſehen Sie, Martial iſt gut, ob er gleich ein Hitz⸗ kopf iſt, und es wäre Schade, wenn ihn durch die böſe Alte, ſeine Mutter, oder durch ſeinen ſchlechten Bruder ein Unglück betreffen ſollte . .“ „Aber was geht vor? — Was haben ihm ſeine Mutter und ſein Bruder gethan? — wo iſt er? he? So reden Sie doch, reden Sie, Vater Ferot!“ „Laſſen Sie meine Blouſe los! — Wenn Sie mich immer unterbrechen und mir meinen Kittel vom Leibe reißen, ſo werde ich nie fertig, und Sie erfahren nichts —“ 15 * 228 „Ach, Geduld, ſteh' mir bei!“ rief die Wölfin aus, und ſie ſtampfte von Neuem mit dem Fuße. „Sie wollen alſo gegen Niemanden verrathen, was ich Ihnen erzähle?“ „Nein! Nein! Nein!“ „Auf's Ehrenwort?“ „Vater Ferot, — mich rührt der Schlag —“ „Iſt das ein Mädchen! So gedulden Sie ſich doch nur. — Alſo erſtens muß ich Ihnen ſagen, daß Martial mit ſeiner Fami⸗ lie ſchlechter ſteht als je, ſo daß ich mich nicht wundern würde, wenn ſie ihm eins verſetzten. — Deswegen thut mir es auch ſo leid, daß ich mein Boot nicht dahabe, — denn wenn Sie glauben, die auf der Inſel würden Sie hinüber holen, ſy verrechnen Sie „Das weiß ich. — Aber was ſagte die Mutter meines Man⸗ nes? Auf der Inſel alſo iſt er krank geworden?“ „Stören Sie mich nicht in meiner Erzählung. — Dieſen Mor⸗ gen alſo ſagte ich zu der Wittwe: Ich habe ſeit zwei Tagen den Martial nicht geſehen, — ſein Boot liegt drüben angebunden; — iſt er in der Stadt? Die Wittwe ſah mich groß an und ſagte: er liegt krank auf der Inſel, ſo krank, daß er nicht wieder aufſte⸗ hen wird. Da dachte ich bei mir: wie geht das zu? Vor drei Tagen noch — nun — was —?“ unterbrach ſich der alte Fiſcher, „wohin wollen Sie? . . Wohin zum Teufel läuft ſie?“ Die Wölfin, welche das Leben Martials durch die Bewohner der Inſel gefährdet hielt, hörte in ihrer großen Angſt und Wuth nicht länger auf den Fiſcher und lief an der Seine hin. Einige topographiſche Details ſind zum Verſtändniß der nach⸗ folgenden Scene unumgänglich nöthig. 4 229 Die Inſel des Ausſuchers lag dem linken Flußufer näher als dem rechten, von dem aus Madame Seraphin und Marien⸗Blume in den Böten abgeholt worden waren. Die Wölfin befand ſich auf dem linken Ufer. Die Inſel war nun zwar nicht ſehr hoch, dennoch verhinderte ſie in ihrer ganzen Länge das Hinüberſehen an das andere Ufer. So hatte die Geliebte Martials das Einſteigen und das Ueberfah⸗ ren der Nachtigall nicht ſehen können, wie die Familie des Aus⸗ ſuchers die Wölfin nicht erblicken konnte, welche in dieſem Augen⸗ blicke an dem entgegengeſetzten Ufer hinlief. Auch müſſen wir den Leſer daran erinnern, daß das Landhaus des Doctors Griffon, in welchem vor der Hand der Graf von St. Remy wohnte, an dem linken Ufer dicht am Waſſer und an der Stelle ſtand, wo die Wölfin ſich jetzt befand. Sie zing, ohne ſie zu ſehen, an zwei Perſonen vorüber, denen das verſtörte Ausſehen des Mädchens auffiel und die ihr deshalb nachblickten. Die beiden Perſonen waren der Graf von St. Remy und der Doctor Griffon. 3 Die Wölfin hatte, ſobald ſie von der Gefahr ihres Geliebten gehört, den Entſchluß gefaßt, dahin zu eilen, wo er ſich befand. Je näher ſie aber der Inſel kam, um ſo deutlicher erkannte ſie die Schwierigkeit, an dieſelbe hinüber zu gelangen. Sie durfte, wie es der alte Fiſcher ihr geſagt, auf kein fremdes Boot rechnen, und von der Familie Martial holte ſie ſicherlich Niemand hinüber. Athemlos, hochgeröthet, mit funkelnden Augen blieb ſie alſo der Spitze der Inſel gegenüber ſtehen, welche an dieſer Stelle eine Krummung machte und ſo dem Ufer ziemlich nahe kam. Die Wölfin konnte durch die blätterloſen Zweige der Weiden X 230 und Pappeln hindurch das Dach des Hauſes ſehen, in welchem Martial vielleicht im Sterben lag. Bei dieſem Anblicke ſtieß ſie ein lautes Ach! aus, warf ihren Shawl und ihr Häubchen ab, ließ ihr Kleid herunterfallen, behielt nur ihren Unterrock an, ſprang unverzagt in den Fluß, ging ſo lange ſie Grund fand und fing, als ſie denſelben verlor, muthig an nach der Inſel hin zu ſchwimmen. Bei jeder ihrer kräftigen Armbewegungen zitterte das lange Haar der Wölfin, das ſich aufgelöſt hatte, um ihren Kopf wie eine braune Mähne. Ohne die glühenden ſtieren Augen, die unabläſſig auf das Haus Martials gerichtet waren, ohne ihre durch entſetzliche Angſt verzerrten Züge hätte man glauben ſollen, die Geliebte des Wild⸗ diebes ſpiele mit den Wellen, ſo frei, ſo ſicher ſchwamm das Mäd⸗ chen. Ihre weißen männlich-kräftigen Arme, die zur Erinnerung an ihren Geliebten tättowirt waren, theilten das Waſſer, das in feuchten Perlen über ihre breiten Schultern und über die feſte, ſtarke Bruſt ſpritzte, die einem Marmorbilde glich. Mit einem Male ertönte von der andern Seite der Inſel ein Angſtſchrei, — ein entſetzlicher, verzweiflungsvoller Angſiſchrei. Die Wölfin erſchrak und hielt an. Dann ſchlug ſie mit der einen Hand ihr dichtes Haar zurück und horchte. Ein neuer Schrei erklang, — aber er war ſchwächer, gleich⸗ ſam bittend, — krampfhaft, wie aus ſterbender Bruſt. Dann war Alles wieder todtenſtill. „Mein Mann!“ rief die Wölfin aus und fing an, angeſtrengt weiter zu ſchwimmen. 231 Sie hatte in ihrer Angſt die Stimme Martials zu erkennen geglaubt. Der Graf und der Doctor, an denen die Wölfin vorbei ge⸗ laufen war, hatten ihr nicht folgen können, um ſie an ihrem toll⸗ kühnen Unternehmen zu hindern. Sie kamen eben der Inſel gegenüber an, als ſich die beiden Angſtrufe hören ließen. Sie blieben eben ſo erſchrocken ſtehen wie die Wölfin. Als ſie dieſe unerſchrocken gegen die Strömung kämpfen ſa⸗ hen, ſagten ſie zu einander: „Die Ungluckliche wird ertrinken.“ Ihre Beſorgniſſe waren ungegründet. Die Geliebte Martials ſchwamm wie eine Fiſchotter, — noch einige Ruderſchläge mit den Armen, und das muthige Mädchen ge⸗ langte an das Ufer. 8 Sie hatte bereits wieder Grund unter den Füßen und hielt ſich, um hinaus zu ſteigen, an einem der Pfähle an, welche am Ende der Inſel eine Art Stacket bildeten, als plötzlich, von dem Strome getragen, an dieſe Pfahlreihe langſam der Körper eines jungen Bauermädchens herangeſchwommen kam. Sich mit einer Hand an einen der Pfähle anklammern, mit der andern raſch das Mädchen am Kleide faſſen, war bei der Wölfin das Werk eines Augenblicks. Nur zog ſie die Unglückliche, welche ſie zu retten verſuchte, ſo ungeſtüm an ſich, daß ſie einen Angenblick unter dem Waſſer verſchwand. Da raffte die Wölfin ihre ganze Kraft zuſammen, hob die Nachtigall (denn dieſe war es), die ſie noch nicht erkannt hatte, empor, nahm ſie wie ein Kind auf ihre Arme, that noch einige Schritte in dem Fluſſe hin und legte ſie endlich an dem raſigen Ufer der Inſel nieder. „Muth! Muth!“ rief ihr der Graf von St. Remy zu, wel⸗ cher wie der Doetor Griffon Zeuge dieſer muthigen Rettung ge⸗ weſen war. „Wir gehen über die Brücke von Asniéres und kom⸗ men Ihnen in einem Bvote zu Hülfe.“ Beide ſchritten ſchnell nach der Brücke zu. Die Wölfin horte dieſe Worte nicht. Wir wiederholen, daß man von dem rechten Ufer der Seine aus, wo ſich Nicolaus, deſſen Schweſter und Mutter nach ihrem ſchändlichen Verbrechen noch befanden, durchaus nicht ſehen konnte, was an der andern Seite der Inſel vorging. Marien⸗Blume, jetzt von der Wölfin an das Ufer der Inſel gebracht, war geſunken, um vor den Augen ihrer Mörder nicht wieder zum Vorſcheine zu kommen, — dieſe mußten alſo glauben, daß ihr Opfer ertrunken ſei. Einige Minuten nachher führte der Strom einen andern Leich⸗ nam fort, ohne daß die Wölfin ihn bemerkte. Es war der Leichnam der Haushälterin des Notars, — denn dieſe war völlig todt. Nicolaus und deſſen Schweſter hatten ein eben ſo großes In— tereſſe wie Jacob Ferrand, dieſen Zeugen, dieſe Mitwiſſerin ihres neuen Verbrechens verſchwinden zu laſſen. Sobald alſo das Boot mit der Klappe mit Marien-Blume geſunken war, ſprang Nicolaus in das andere Boot, welches ſeine Schweſter ruderte und in dem ſich Madame Seraphin befand. Bei ſeinem Hineinſpringen wankte das Boot ſtark, die Haushälterin ſchwankte, und Nicolaus benutzte dieſen Augenblick, um ſie in den Fluß hineinzuſtoßen und ihr durch einen Stoß mit der Ruderſtange vollends den Tod zu geben. Die Wölfin kniete erſchöpft auf dem Raſen neben Marien⸗ Blume, erholte ſich und betrachtete das Geſicht derer, welche ſie dem Tode entriſſen hatte. Man denke ſich ihr Erſtaunen, als ſie ihre Gefängnißgenoſſin erkannte, die Gefährtin, welche einen ſo wohlthuenden, ſo unerwar⸗ teten Einfluß auf ihr Schickſal gehabt hatte. Die Wolfin vergaß ſogar einen Augenblick Martial. „Die Nachtigall!“ rief ſie aus. Mit vorgebeugtem Leibe, auf ihre Kniee und Hände geſtützt, mit aufgelöſtem Haar, mit triefenden Kleidern betrachtete ſie das unglückliche Kind, das ſterbend auf dem Graſe lag, bleich, bewe⸗ gungslos, mit halboffenen glanzloſen Augen, das ſchöne blonde Haar an die Schläfe gedrückt, mit bläulichen Lippen, ſchon er⸗ ſtarrten, eiskalten Händen — „Die Nachtigall!“ wiederholte die Wölfin; „welcher Zufall! — und ich wollte eben meinem Manne alles das Gute und Böſe erzählen, das ſie mir mit ihren Worten und Verſprechungen ge⸗ than hat. — Die arme Kleine! — und ich finde ſie hier todt! Aber nein — nein!“ rief die Wölfin aus, indem ſie ſich noch nä⸗ her über Marien-Blume beugte und einen kaum bemerklichen Athem an derſelben zu fühlen glaubte, — „nein, Gott! Gott! — ſie ath⸗ met noch, — ich habe ſie vom Tode gerettet! Das iſt mir noch nicht paſſirt, daß ich Jemand gerettet hätte —! Das iſt eine gute That, — das wird mir angerechnet werden. — Aber meinen Mann, meinen Mann muß ich auch retten. — Vielleicht liegt er eben jetzt im Sterben. — Seine Mutter und ſein Bruder ſind im Stande, ihn zu ermorden. — Freilich, ich kann die arme Kleine hier nicht liegen laſſen, — ich werde ſie mit zu der Wittwe nehmen. — 234 Sie muß ihr beiſtehen und mir Martial zeigen, — oder ich zer⸗ ſchlage Alles, ich ſchlage Alles todt. Ich kümmere mich weder um Mutter, noch um Bruder, noch um Schweſter, — wenn mein Mann da iſt —“ . Sie ſtand alsbald auf und nahm Marien-Blume wieder auf die Arme. So eilte ſie auf das Haus zu, denn ſie zweifelte nicht, daß die Wittwe und deren Tochter trotz ihrer Schlechtigkeit ſich der Geretteten annehmen würden. Als die Geliebte Martials auf dem höchſten Punkte der In⸗ ſel angekommen war, wovon aus ſie die beiden Ufer der Seine erblicken konnte, hatten ſich Nicvlaus, deſſen Mutter und Schwe⸗ ſter bereits entfernt. Sie waren überzeugt, den doppelten Mord vollbracht zu ha⸗ ben, und eilten nun zu Roth⸗Arm. In dieſem Angenblicke verſchwand auch ein Mann, der, am Ufer hinter dem Gipsofen verſteckt, ungeſehen dieſer ſchrecklichen Scene beigewohnt hatte und ebenfalls das Verbrechen für voll⸗ bracht hielt. Dieſer Mann war Jacob Ferrand. Das Boot des Nicvlaus war an einem Pfahle am Ufer, an der Stelle angebunden, wo die Nachtigall und Madame Seraphin eingeſtiegen waren. Kaum verließ Jacob Ferrand den Gipsofen, um nach Paris zurückzukehren, als ver Graf von St. Remy und der Doctor Grif⸗ fon eilig über die Brücke von Asniéres ſchritten, um auf dem Boote des Nicolaus, das ſie von weitem geſehen hatten, auf die Inſel hinüber zu fahren. 235 Die Wölfin fand zu ihrer großen Verwunderung, als ſie am Hauſe der Ausſucher ankam, die Thür verſchloſſen. Sie legte die noch immer ohnmächtige Marien-Blume in der Laube nieder und trat an das Haus. Sie kannte das Fenſter der Stube Martials; wie erſchrak ſie alſo, als ſie den Laden vor die⸗ ſem Fenſter mit Blech beſchlagen und durch zwei eiſerne Stangen zugehalten ſah! Sie errieth einen Theil der Wahrheit und rief mit aller Kraft: „Martial! Mein Mann!“ Niemand antwortete. Erſchreckt durch dieſe Stille, lief die Wölfin an dem Hauſe hin und her wie ein wildes Thier, das brüllend den Eingang der Höhle ſucht, in welcher ſein Männchen eingeſchloſſen iſt. Von Zeit zu Zeit rief ſie: „Mein Mann — biſt Du da?“ In ihrer Wuth rüttelte ſie an den Eiſenſtangen vor dem Küchenfenſter, ſchlug an die Mauer, klopfte an die Thür. — Mit einem Male antwortete ihr ein dumpfes Geräuſch im Zimmer des Hauſes. Die Wölfin zuckte zuſammen und horchte. Das Geräuſch hörte wieder auf. „Mein Mann hat mich gehört, — ich muß hinein, — und ſollte ich die Thür mit meinen Zähnen zernagen.“ Sie rief und ſchrie von Neuem. Ein wiederholtes, aber ſchwaches Klopfen von innen an dem Fenſterladen Martials antwortete ihr. „Er iſt da!“ rief ſie aus, indem ſie unter dem Fenſter ihres Geliebten ſtehen blieb. „Er iſt da. — Wenn es nicht anders 236 geht, reiße ich das Blech mit meinen Nägeln ab, — der Laden muß geöffnet werden.“ Während ſie dies bei ſich dachte, erblickte ſie eine große Lei⸗ ter, die hinter einem Laden im untern Saale halb verſteckt war. Sie zog heftig an dieſem Laden, dabei fiel der Hausſchlüſſel her⸗ vor, welchen die Wittwe da verſteckt hatte. „Wenn er ſchließt,“ dachte die Wölfin, während ſie mit dem Schlüſſel zu der Thür eilte, „kann ich in ſeine Stube hinaufge⸗ hen. — Die Thür geht auf!“ rief ſie freudig; „mein Mann iſt gerettet.“ Als ſie in die Küche trat, hörte ſie das Rufen der beiden Kinder, die in dem Keller eingeſchloſſen waren und, als ſie ein un⸗ gewöhnliches Geräuſch vernahmen, um Hülfe riefen. Die Wittwe hatte nicht geglanbt, daß in ihrer Abweſenheit Jemand auf die Inſel oder in das Haus kommen würde, und ſich deshalb begnügt, Franz und Amandine einzuſchließen, den Schlüſ⸗ ſel aber in dem Schloſſe zu laſſen. Bruder und Schweſter ſprangen aus dem Keller heraus, ſo⸗ bald die Wölfin aufgeſchloſſen hatte. „Ach, Wölfin, retten Sie den Bruder Martial, — er ſoll ſterben,“ rief Franz. — „Seit zwei Tagen haben ſie ihn in ſeine Stube eingeſperrt.“ „Verwundet haben ſie ihn nicht?“ „Nein, — ich glaube es nicht.“ „So komme ich zu rechter Zeit,“ ſprach die Wölfin, indem ſie zur Treppe eilte, aber nachdem ſie einige Stufen hinauf war, kehrte ſie um und ſagte: „Und die Nachtigall vergeſſe ich! Amandine .. . mach ſogleich Feuer an — und trage mit Deinem Bruder an das Kamin ein 237 armes Mädchen, das beinahe ertrunken wäre und das ich gerettet habe. — Sie liegt in der Laube. — Franz — ein Brecheiſen — ein Beil, — einen Eiſenſtab, damit ich die Thür meines Mannes aufbrechen kann —“ „Die Holzart iſt da, aber die iſt für Sie zu ſchwer,“ ſagte der Knabe, indem er eine ungehenere Art herbeiſchleppte. „Zu ſchwer!“ antwortete die Wölfin, indem ſie ohne Mühe die ſchwere Art hob, die ſie unter andern Umſtänden vielleicht kaum hätte heben können. Dann eilte ſie die Treppe hinauf und rief den Kindern noch⸗ mals zu: „Lauft und holt das Mädchen herein und tragt ſie an das Feuer —“ Mit zwei Sätzen war die Wölfin am Ende des Ganges an Thür Martials — „Muth, Mann, Deine Wölfin iſt da!“ rief ſie, erhob dann die Art und erſchutterte mit einem fürchterlichen Schlage die Thür. „Sie iſt von draußen zugenagelt. — Ziehe die Nägel her⸗ aus,“ ſagte Martial mit ſchwacher Stimme. Sie kniete ſogleich nieder, brauchte die Art und die Hände, die bald bluteten, und ſo gelang es ihr, mehrere ſtarke lange Nä⸗ gel herauszuziehen. Endlich konnte die Thür geöffnet werden. Martial ſank bleich, mit blutigen Händen, faſt bewegungslos in die Arme der Wölfin. de * CXVII. Die Wölfin und Martial. 3 SBlich ſehe ich Dich — ewlich habe ich Dich,“ rief die Wöifin aus, indem ſie Martial in ihre Arme ſchloß. Dann ſtützte ſie ihn, ſie ihn faſt und half ihn, ſich — eine Bank auf dem Gange ſetzen. Einige Minuten lang ſaß Martial da, ſchwach, mit verſtörten Zügen, und ſuchte ſich von der heftigen Aufregung zu erholen, die ſeine geſchwächten Kräfte erſchüttert hatte. Die Wölfin rettete ihren Geliebten, als er vor Ermattung und Verzweiflung den Tod kommen fühlte, weniger aus Mangel an Nahrung als aus Mangel an Luft, die in einem Stübchen ohne Kamin, das überdies überall dicht verſchloſſen, ſelbſt in den Ritzen der Thüre und der Laden verſtopft war, ſich nicht erneuern konnet. Die Wölfin lag zitternd vor Freude und Angſt, mit Thrä⸗ nen in den Augen, auf ihren Knieen und beobachtete alle Bewe⸗ gungen in dem Geſichte Martials. 239 Dieſer ſchien ſich allmählig zu erholen und ſog in gewaltigen Zügen die reine Luft ein. Nach einiger Zeit richtete er den Kopf empor, der ihm eent⸗ nerſchwer war, feufzte tief und ſchlug die Augen auf. „Martial! — ich bin es. — Deine Wölfin! Wie geht es?“ „Beſſer —,“ antwortete er mit ſchwacher Stimme. „Ach Gott! Was willſt Du? — Waſſer — Weineſſig?“ „Nein, — nein,“ entgegnete Martial, der ſich freier und freier fühlte, — „Luft — ach Luft, — neue Luft!“ Die Wölfin zerſchlug, auf die Gefahr hin, ſich die Hände zu verwunden, die vier Scheiben eines Fenſters, das ſie nicht hätte öffnen können, ohne vorher einen ſchweren Tiſch bei Seite zu ſchieben. „Jetzt — athme ich, — ich athme. — Mein Kopf wird freier —“ ſagte Martial, der nun ganz zu ſich kam. Dann rief er, als erkenne er jetzt erſt den Dienſt, welchen ihm die Wölfin geleiſtet hatte, im Tone unausſprechlichen Dan⸗ kes aus: „Ohne Dich hätte ich ſterben müſſen, meine gute Wölfin.“ „Schon gut. . . Wie fühlſt Du Dich jetzt?“ „Beſſer, — beſſer.“ „Haſt Du Hunger?“ „Nein, — ich bin zu matt. — Am meiſten litt ich von Luft⸗ mangel. — Ich würde erſtickt ſein, — es wäre ſchrecklich ge⸗ weſen.“ „Und jetzt?“ „Ich lebe wieder auf, — ich ſtehe aus dem Grabe auf — und habe Dir es zu danken —“ 240 „Aber Deine Hände — Deine armen Hände! Dieſe Wunden! Mein Gott, was haben ſie Dir gethan?“ „Nicvlaus und die Schweſter, die mich nicht zum zweiten Male anzugreifen wagten, hatten mich eingeſperrt, um mich ver⸗ hungern zu laſſen. — Ich wollte ſie hindern, den Fenſterladen zu⸗ zunageln — und die Schweſter hieb mich mit dem Beile dar⸗ auf —“ „Die Unmenſchen! Man ſollte glauben, Du wärſt ſo krank, daß Du nicht wieder aufſtehen würdeſt. — Deine Mutter — Mann, — Deine Mutter!“ „Sprich nicht von ihr —,“ ſagte Martial bitter. — Dann erſt bemerkte er die naſſen Kleidungsſtücke und das ſeltſame Aus⸗ ſehen der Wölfin und fragte: „was iſt Dir geſchehen? Dein Haar iſt ganz naß? — Du biſt im Unterrock! Und der iſt auch ganz naß!“ „Was liegt daran? Genug, ich habe Dich gerettet!“ „Aber erkläre mir, warum Du ſo durchnäßt biſt.“ „Ich wußte, daß Du in Gefahr warſt, — fand kein Boot —“ „Und Du biſt herüber geſchwommen?“ „Ja. — Aber Deine Hände! Laß ſie mich küſſen! Sie ſchmer⸗ zen! Die Unmenſchen! Und ich war nicht da!“ „Meine gute Wölfin!“ rief Martial begeiſtert aus, „brav und muthig unter allen Braven!“ „Haſt Du nicht hierher geſchrieben: Tod den Feigen?“ Und die Wölfin zeigte auf ihren tättowirten Arm, auf dem jene Worte in unverlöſchlichen Buchſtaben zu leſen waren. „Aber — Du frierſt, — Du zitterſt.“ 241 „Nicht vor Froſt —“ 5 „Gleichviel. — Tritt da herein, — nimm den Mantel mei⸗ ner Schweſter und hülle Dich hinein.“ „Aber —“ Ich verlange es — „In der nächſten Secunde hatte ſch die Wölin in einen car⸗ rirten Mantel gehüllt und kam wieder. „Meinetwegen das zu wagen! Du konnteſt ertrinken!“ ſagte Martial, indem er ſie hocherfreut anſah — „Im Gegentheil. — Ein armes Mädchen ertrank, — die habe ich gerettet, als ich an die Inſel trat — „Du haſt ſie gerettet? auch? Wo iſt Sie?“ „Unten — bei den Kindern —“ „Wer iſt bei dem Mädchen?“ „Ach halt! Wenn Du wüßteſt, welcher Zufall, — welcher glückliche Zufall! Sie iſt eine meiner Gefährtinnen aus St. Laza⸗ rus, ein ganz ungewöhnliches Mädchen —“ „Wie ſo?“ „Denke Dir, ich liebte und ich haßte ſie, weil ſie mir den Tod und die Seligkeit zugleich in das Herz geſetzt hatte — „Sie?“ „Ja — Deinetwegen —“ „Meinetwegen?“ „Höre mich an, Martial —“ Dann unterbrach ſich die Wolfin und ſetzte hinzu: „nein, nein, ich werde nie den Muth haben —“ „Wozu denn?“ „Ich wollte Dich um etwas bitten. — Ich war deshalb und Die Geheimniſſe von Paris. VI. 16 242 um Dich zu ſehen, hierhergekommen; als ich von Paris fortging, wußte ich nicht, daß Du in Gefahr warſt.“ § „Nun, ſo rede — aut „Ich habe den Muth nicht mehr —“ „Du haſt den Muth nicht mehr, — nach dem, was Du für mich gethan haſt?“ „Eben deshalb. — Es würde wollte ich es zetavt dafür haben —“ „Und was wäre ich Dir nicht ſchuldig? Haſt Du mich nicht ſchon bei meiner Krankheit im vorigen Jahre und ge⸗ pflegt?“ „Biſt Du nicht mein Mann?“ „Weil ich Dein Mann bin und immer 6½ werde, mußt Du frei von der Leber weg reden.“ „Immer willſt Du es ſein, Martial?“ „Immer, ſo wahr ich Martial heiße. — Für mich wird es in der Welt kein anderes Mädchen geben als Dich, Wölfin. — Magſt Du dies oder das ſein, — ſchlimm iſt es, — aber es iſt meine Sache; ich liebe Dich, Du liebſt mich, und ich verdanke Dir das Leben. — Ich bin freilich nicht mehr derſelbe, ſeit Du im Gefängniß geweſen biſt. — Ich habe viel darüber nachgedacht, — Du darfſt nicht mehr ſein, was Du warſt —“ „Was meinſt Du damit?“ „Jetzt will ich nicht mehr ſagen, aber das muß ich noch hin⸗ zuſetzent ich verlaſſe Amandine und Franz nicht mehr.“ „Deinen kleinen Bruder und Deine kleine Schweſter?“ „Ja; ich muß Vaterſtelle bei ihnen vertreten, und Du wirſt einſehen, daß das mir Pflichten auferlegt; ich müß für ſie ſorgen. 243 — Man möchte ſie zu Spitzbuben machen, und um ſie zu e werde ich mit ihnen fortgehen —“ „Wohin?“ „Das weiß ich noch nicht, aber weit fort von Paris —“ „Und ich?“ „Dich nehme ich auch mit —“ „Du willſt mich mitnehmen?“ rief die Wölfin in freudigem Erſtaunen aus. Sie konnte an ein ſo großes Glück nicht glau⸗ ben. „Ich ſoll Dich nicht mehr verlaſſen?“ „Nein, meine gute Wölfin, nie. — Du hilfſt mir die Kinder erziehen. — Ich kenne Dich; wenn ich zu Dir ſage: meine arme kleine Amandine ſoll ein braves Mädchen werden, ſprich mit ihr in dieſem Tone, ſo wirſt Du eine gute Mutter für ſie ſein, ich weiß es —“ „Ach — ich danke Dir, Martial, ich danke Dir —“ 3 „Wir leben als rechtſchaffene Leute; wir finden Arbeit, verlaß Dich darauf, und wir arbeiten wie Sclaven — Die Kinder ſollen wenigſtens nicht werden wie ihr Vater und ihre Mutter, ich werde mich nicht mehr den Sohn und Bruder eines Geköpften nennen hören und nicht mehr durch Straßen kommen, — wo man Dich ſennt — Aber was iſt Dir? was haſt Du?“ „Martial, ich fürchte, ich ſchnappe über —“ „Warum? „Aus Freude —“ „Worüber?“ „Weil, — ſiehſt Du, — es iſt zu viel!“ „Was?“ „Was Du da von mir verlangſt. — Ach nein, — es iſt zu 16* 244 viel. — Es muß mir Gluͤck gebracht haben, weil ich die Nachti⸗ gall rettete. „Noch einmal, was iſt Dir?“ „Was Du mir da ſagſt, Martial, — ach, Martial!“ „Nun?“ „Das wollte ich eben Dir ſagen —“ „Du wollteſt Paris verlaſſen?“ „Ja,“ entgegnete ſie raſch, — „und mit Dir in den Wald ziehen, wo wir ein reinliches Häuschen und Kinder hätten, die ich ach! ſo ſehr lieben wollte! Wie wollte ich, wie wollte die Wölfin die Kinder ihres Mannes lieben, — meines Ehemanns, wenn ich ſo ſagen darf, denn ſonſt würden wir keine Stelle bekommen,“ ſetzte ſie hinzu. Martial ſah nun ſeinerſeits die Wölfin mit Verwundrung an, denn er verſtand nichts von ihren Reden. „Welche Stelle meinſt Du?“ „Eine Stelle als Waldhüter, als Jäger —“ „Die ich bekommen ſollte?“ „Wer ſollte ſie mir geben?“ „Die Gönner des jungen Mädchens, das ich gerettet habe —“ „Sie kennen mich ja nicht —“ „Aber ich, ich habe von Dir mit ihr geſprochen, und ſie wird uns ihren Gönnern empfehlen —“ „Und weshalb haſt Du mit ihr von mir geſprochen?“ „Weshalb ſollte ich mit ihr ſprechen!“ „Gute Wölfin —!“ „Im Gefängniß wird man auch leicht mit einander vertraut, und das Mädchen war ſo freundlich, ſo ſanft, daß ich mich gegen 245 meinen Willen zu ihr hingezogen fühlte. Gleich ini Anfange habe ich errathen, daß ſie keine von unſerer Art ſei —“ „Wer iſt ſie ſonſt? „Ich weiß es nicht und kann es nicht begreifen, aber ich habe in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches geſehen oder gehört; ſie lieſt Einem wie eine Fee im Herzen, und ſie intereſſirte ſich für uns, als ich ihr weiter nichts geſagt hatte, als wie ſehr ich Dich liebe. Sie brachte es dahin, daß ich mich meines frühern Le⸗ bens ſchämte, nicht indem ſie mir harte Worte darüber ſagte, das würde ich nicht geduldet haben, ſondern indem ſie mir von ei⸗ nem arbeitsvollen, mühevollen Leben bei Dir nach Deinem Ge⸗ ſchmacke mitten im Walde vorerzählte. Ihrer Meinung nach ſoll⸗ teſt Du aber nicht Wilddieb, ſondern Jagdaufſeher, ich ſollte nicht Deine Geliebte, ſondern Deine ordentliche Frau ſein, und wir ſoll⸗ ten Kinder haben, die Dir entgegenliefen, wenn Du Abends mit den Hunden, das Gewehr auf der Achſel, nach Hauſe kämſt; dann äßen wir in der Abendkühle vor der Thüre unſeres Häuschens un⸗ ter großen Bäumen, und endlich legten wir uns glücklich und zu⸗ frieden nieder. — Ich hörte, ſage ich Dir, gegen meinen Willen zu und war wie bezaubert. — Wenn Du wüßteſt, — ſie ſprach ſo hübſch, ſo hübſch, daß ich alles, was ſie erwähnte, vor meinen Augen zu ſehen glaubte und gleichſam im Wachen träumte.“ „Ach ja, das wäre ein ſchönes, ein himmliſches Leben,“ ent⸗ gegnete Martial ſeufzend. „Der arme Franz iſt zwar noch nicht ganz verdorben, aber ſo lange bei ſeinen andern Geſchwiſtern ge⸗ weſen, daß es ihm im Walde beſſer gefällt als in der Stadt. — Amandine würde Dir in der Wirthſchaft zur Hand gehen, und ich wäre gewiß ein ſo guter Jäger wie irgend einer, da ich ein fa⸗ moſer Wilddieb war. — Du wärſt meine Hausfrau, gute Wölfin 246 und dann — hätten wir Kinder, was fehlte uns noch? Hat man ſich einmal an den Wald gewöhnt, ſo fühlt man ſich in ihm wie zu Hauſe; man könnte hundert Jahre da leben, ohne daß man Langeweile fühlte. Aber bin ich nicht ein Narr! — Du hätteſt von einem ſo ſchönen Leben nichts ſagen ſollen, es erregt Sehn⸗ ſucht und nützt doch nichts —“ „Ich ließ Dich reden, weil Du da ſagſt, was ich zu der Nach⸗ tigall ſagte —“ „Du?“ „Ja, als ich dieſes Feenmährchen horte, ſagte ich zu ihr: Schade, daß dieſe Luftſchlöſſer, wie Sie es nennen, Nachtigall, keine Wirklichkeit ſind! Und was antwortete Sie mir, Martial?“ fuhr die Wolfin mit frendig blitzenden Augen fort. „Das weiß ich nicht — „Wenn Martial Sie heirathet und Ihr beide verſprecht, als ehrliche Leute rechtſchaffen zu leben, ſo werde ich ihm die Stelle, die Ihnen ſo wohl gefällt, verſchaffen, ſobald ich aus dem Gefäng⸗ niſſe entlaſſen bin,“ antwortete ſie. „Mir eine Jägerſtelle?“ „Ja, Dir —“ „Du haſt Recht, es iſt ein Traum. — Wenn ich Dich nur zu heirathen brauchte, meine gute Wölfin, um jene Stelle zu er⸗ halten, ſo ſollte es morgen geſchehen; von heute an, ſiehſt Du, biſt Du meine Frau, meine wahre Frau!“ „Martial, ich bin Deine wahre Frau?“ „Meine wahre, meine einzige, und Du ſollſt mich Deinen Mann, aber Deinen Ehemann nennen. Es iſt ſo gut, als wären wir mit einander in der Mairie geweſen —“ „Die Nachtigall hatte Recht; — 6 klingt ſo ſcön: nein Mann!“ Martial, Du ſollſt ſehen, wie Deine Wölfin wirthſchaf⸗ tet und arbeitet —“ „Aber glaubſt Du, daß dieſe Stelle —?“ „Wenn die arme kleine Nachtigall ſich täuſcht, — ſo liegt es an den Andern, denn ſie ſah ganz aus, als glaubte Sie, was ſie ſagte. — Uebrigens ſagte mir die Aufſeherin, als ich das Ge⸗ fängniß verließ, die Gönner der Nachtigall, die ſehr vornehme Leute wären, hätten auch ihre Freilaſſung bewirkt, — es iſt das alſo ein Beweis, daß ſie Unflußreiche S hat und vaß ſie halten kann, was ſie mir verſprochen hat —“ „Ich weiß aber nicht,“ ſagte Martial, indem er raſch auf⸗ ſtand, „ich weiß nicht, was wir denken —“ „Was meinſt Du?“ „Das junge Mädchen liegt unten, vielleicht im Sterben, und ſtatt ihr beizuſtehen, ſitzen wir da und ſchwatzen —“ „Beruhige Dich, Franz und Amandine ſind bei ihr, und ſie würden heraufgekommen ſein, wenn es gefährlicher geworden wäre. Aber Du haſt Recht, wir wollen zu ihr gehen; Du mußt ſie ſe⸗ hen, der wir vielleicht unſer Glück verdanken.“ Martigl ſützte ſich auf den Arm der Wölfin und ging die Treppe hinunter. . Ehe wir ſie in die Küche begleiten, müſſen wir ezhlen was geſchehen war, ſeit die Wölfin Marien⸗Blume den beiden Kindern übergeben hatte. CXVIIHI. Der Doctor Gritton. ranz und Amandine hatten Marien⸗Blume neben das Feuer in der Küche getragen, als der Graf von Saint Remy und der Doector Griffon, welche auf dem Boote des Nicolaus übergefahren waren, in das Haus eintraten. Während die Kinder das Feuer unſchütten und Holzſtücke dar auf warfen, die bald in Brand geriethen und eine helle Flamme verbreiteten, beſchäftigte ſich der Doctor Griffon mit der Verun⸗ glückten. „Ein unglückliches Kind von kaum ſiebzehn Jahren!“ rief der Graf theilnehmend aus. Dann wendete er ſich an den Arzt und fragte: „Nun, Freund?“ „Man fühlt den Puls kaum, merkwürdiger Weiſe iſt aber die Haut im Geſicht bei dieſem Subjecte nicht blau gefärbt, wie es doch bei Ertrunkenen der Fall zu ſein pflegt,“ antwortete der Arzt mit unerſchütterlicher Ruhe, indem er Marien⸗Blume in tiefem Nachdenken betrachtete. Der Doctor Griffon war ein langer, hagerer, blaſſer Mann 249 mit einem ganz kahlen Kopfe bis auf zwei ſchwarze Haarbuſchel⸗ chen, die ſorgfältig von dem Hinterkopfe vor an die Schläfe ge⸗ ſtrichen waren; ſein eingefallenes Geſicht verrieth Kälte, aber auch einen nicht ganz gewöhnlichen Verſtand. Der Doctor Griffon, ein Mann von ungeheuren Kenntniſſen und vielen Erfahrungen, ein berühmter und geſchickter praktiſcher Arzt, Vorſteher eines Hoſpitals (in welchem wir ihn ſpäter wie⸗ derfinden werden), hatte nur einen Fehler, den nämlich, daß er, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, von dem Kranken ganz abſtra⸗ hirte und ſich nur mit der Krankheit beſchäftigte. Es war ihm gleichgültig, ob er einen jungen oder alten Kranken, einen Mann oder eine Frau, einen Reichen oder Armen vor ſich hatte. Er dachte ſtets nur an das mehr oder minder intereſſante mediziniſche Factum, welches ihm das Subjeet darbot. Es gab für ihn nur Subjecte. „Welch' allerliebſtes Geſicht! Wie ſchön iſt es noch trotz der entſetzlichen Bläſſe!“ ſagte der Graf von St. Remy, indem er trau⸗ rig Marien-Blume betrachtete. — „Haben Sie jemals ſanftere, lieblichere Züge geſehen, lieber Doctor? Und ſo jung, — ſo jung!“ „Das Alter thut nichts zur Sache,“ antwortete der Arzt rauh, „eben ſo wenig wie das Waſſer in den Lungen, das man ſonſt für tödtlich hielt. — Man irrte ſich gewaltig, die bewunderns⸗ würdigen Verſuche Godwins, des berühmten Godwin, haben es über allen Zweifel . „Aber, Doctor —“ „Es iſt eine Thatſache,“ entgegnete Griffon, ganz mit ſent Kunſt beſchäftigt. „Um ſich von der Wirkung einer fremden Flüſ⸗ ſigkeit in der Lunge zu überzeugen, tauchte Godwin mehrmals ei⸗ 250 nige Secunden lang Katzen und Hunde in Eimer mit Dinte, zog ſie lebendig wieder heraus und ſecirte die Thiere einige Zeit dar⸗ auf. Durch dieſe Seetion überzengte er ſich, daß die Dinte aller⸗ dings in die Lungen eingedrungen war, daß aber die Anweſenheit dieſer Flüſſigkeit in den Athmungsorganen keineswegs den Tod verurſacht hatte.“ Der Graf kannte den Arzt, der von Herzen ein vortrefflicher Menſch war, den aber ſeine unbegrenzte Leidenſchaft für die Wiſ⸗ ſenſchaft oft hart, faſt grauſam erſcheinen ließ. „Haben Sie wenigſtens einige Hoffnung?“ fragte ihn der Graf von St. Remy ungeduldig. „Die Ertremitäten des Subjectes ſind zutt, antwortete der Arzt; „es iſt wenig Hoffnung —“ In e Alter zu ſterben — unglückliches Kind! — Das iſt ſchrecklich —“ „Unbewegliche, erweiterte Pupille,“ fahr der aur unverändert fort, indem er mit der Fingerſpitze das kalte Augenlid des Mäd⸗ chens emporhob. „Seltſamer Mann!“ rief der Gruf faſt unwillig aus; „man könnte Sie für mitleidlos halten, und doch haben Sie ganze Nächte an meinem Bette gewacht. Sie hätten ſich nicht mſern⸗ der zeigen können, wenn ich Ihr Bruder geweſen wäre.“ Der Doetor antwortete, während er ſich mit Marien⸗Blume beſchäftigte, mit unerſchütterlichem Phlegma und ohne den Grafen anzuſehen: „Gluuben Sie denn, man findet ein ſo S zirtes ataktiſches Fieber, wie Sie eins hatten, deſſen Beobachtung ſo lehrreich iſt, alle Tage? Es war wunderbar, alter Freund, wunderbar! Stupor, Delirium Flockenleſen, Ohnmacht, — die 251 verſchiedenartigſten Symptome vereinigten ſich bei Ihrem intereſ⸗ ſanten Fieber; es kam ſogar, was ſehr ſelten und intereſſant iſt, eine partielle und momentane Lähmung vor. Aus dieſem Grunde hatte Ihre Krankheit einen Anſpruch auf meine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit; Sie waren ein koſtbarer Gegenſtand des Studiums für mich, und, offen geſtanden, werther Freund, ich habe keinen grö⸗ ßern Wunſch, als ein ſo ſchönes Fieber noch einmal beobachten zu können, — aber ein ſolches Glück hat man nicht zweimal.“ Der Graf zuckte ungeduldig die Achſeln. In dieſem Augenblicke kam Martial, auf den Arm der Wölfin geſtützt, welche, wie man weiß, den erarrirten Mantel der Schweſter ihres Geliebten ubergeworfen hatte. Als der Graf die Bläſſe g— und deſſen blutbeſect⸗ Hände erblickte, fragte er: „Wer iſt der Mann?“ „Mein Mann,“ antwortete die Wölfin, indem ſie Martial mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Stolz und Seligkeit an⸗ blickte. i „Sie haben eine gute, muthige Frau,“ ſagte der Graf zu ihm; „ich ſah, wie ſie das unglückliche Mädchen mit ſeltener Un⸗ erſchrogkenheit rettete —“ „Ja, Herr, ſie iſt gut und unerſchrocken, meine Frau,“ antwortete Martial, der die letzten Worte beſonders betonte und ſeiner Seits die Wölfin mit inniger Liebe anblickte; „ja, uner⸗ ſchrocken, — denn ſie hat eben auch mir das Leben gerettet —“ „Ihnen?“ fragte der Graf erſtaunt. „Sehen Sie ſeine Hände;, — ſeine armen Hände!“ ſiel die Wölfin ein, indem ſie die Thränen abwiſchte, welche den feurigen Glanz ihrer Augen milderten. 252 „Schrecklich!“ rief der Graf aus; „die Hände des Unglückli⸗ chen ſind ja zerhackt! — Sehen Sie, Doctor —“ Der Doctor Griffon ſah ſich um, betrachtete die zahlreichen Wunden, welche Martial durch ſeine Schweſter an den Händen er⸗ halten hatte, und ſagte zu ihm: „Machen Sie einmal die Hand auf und zu.“ Martial führte dieſe Bewegung mit Mühe aus. Der Doctor zuckte die Achſeln, beſchäftigte ſich weiter mit Marien⸗Blume und ſagte verächtlich, gleichſam bedauernd: „Dieſe Wunden haben durchaus nichts Gefährliches; es iſt keine Sehne verletzt; nach acht Tagen wird ſich das Subject der Hände vollkommen wieder bedienen können —“ „Mein Mann wird alſo nicht verſtümmelt bleiben?“ fragte die Wolfin den Doctor. Der Doctor ſchüttelte den Kopf. „Und die Nachtigall? Sie wird leben, nicht wahr?“ fragte die Wölfin weiter. „Sie muß leben, ich und mein Mann verdan⸗ ken ihr ſo viel!“ Dann wendete ſie ſich an Martial und ſagte: „Da liegt die arme Kleine, von der ich mit Dir ſprach; ſie iſt vielleicht die Urſache unſeres Gluckes; ſie hat mich auf die Idee gebracht, zu Dir zu kommen und Dir Alles zu ſagen, was ich Dir geſagt habe. — Und zufällig mußte ich ſie retten — hier!“ „Sie iſt unſere Vorſehung,“ ſagte Martial, auf den die Schön⸗ heit der Nachtigall einen tiefen Eindruck machte. „Welches En⸗ gelsgeſicht! Sie wird nicht ſterben, nicht wahr, Herr Doctor?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Arzt. „Vor allen Din⸗ gen, kann ſie hier bleiben? Kann ſie hier die nöthige Pflege finden?“ „Hier?“ rief die Wölſfin aus; „hier, wo man mordet?“ 253 „Schweige!“ ſiel Martial ein. Der Graf und der Arzt ſahen die Wölfin verwundert an. „Das Haus auf der Inſel ſteht in der Umgegend in ſchlech⸗ tem Rufe, — und ich würde mich nicht wundern —,“ ſagte der Arzt halblaut zu dem Grafen von St. Remy. „Sie ſind alſo das Opfer von Gewaltthätigkeiten geweſen?“ fragte der Graf Martial. „Wer hat Ihnen dieſe Wunden beige⸗ bracht?“ „Es iſt nichts, — ich hatte einen Streit, — es kam zur Schlägerei, und ich wurde verwundet. — Aber das Mädchen kann nicht hier bleiben,“ ſetzte er hinzu; „ich ſelbſt bleibe nicht hier, auch meine Frau da, mein Bruder und meine Schweſter hier nicht. Wir verlaſſen die Inſel auf immer —“ „Ach, welches Gluck!“ riefen die beiden Kinder aus. „Was ſoll dann geſchehen?“ ſagte der Doctor mit einem Blicke auf Marien⸗Blume. — „Nach Paris kann das Subject in dieſem Zuſtande nicht gebracht werden. — Indeß, mein Haus liegt ganz in der Nähe; meine Gärtnerin und ihre Tochter werden treff⸗ liche Krankenwärterinnen abgeben — Da die Verunglückte Sie in⸗ tereſſirt, ſo werden Sie die Pflege derſelben beaufſichtigen, werther St. Remy, und ich beſuche ſie jeden Tag —“ „Und Sie ſpielen den harten Mann, Unbarmherziger!“ ent⸗ gegnete der Graf, „haben aber doch das edelſte Herz, wie es die⸗ ſer Vorſchlag wieder beweiſet —“ „Wenn das Subjeect ſtirbt, was möglich iſt, ſo läßt ſich eine intereſſante Section machen, die mir Gelegenheit geben wird, die Beobachtungen Godwins zu beſtätigen —“ „Was Sie da ſagen, iſt ſchrecklich,“ ſprach der Graf — Für Jeden, der darin zu leſen verſteht, iſt der Cadaver ein 254 Buch, in welchem man lernt, Kranken das Leben zu retten,“ ent⸗ gegnete ſtviſch der Detor Griffon. „Die Hauptſache iſt, Sie thun Gutes,“ ſagte der Graf von St. Remy bitter. „Was liegt an der Urſache, wenn nur die Wohlthat geſchieht? Das arme Kind! Je länger ich es anſehe, um ſo innigeren Antheil nehme ich —“ „Und ſie verdient es,“ entgegnete die Wölfin, indem ſie nä⸗ her trat — „Sie kennen ſie?“ fragte der Graf — „Ob ich ſie kenne! Ihr werde ich mein Lebensglück zu ver⸗ danken haben; als ich ſie rettete, that ich nicht ſo viel für ſie, als ſie für mich gethan hat.“ Und die Wölfin ſah liebevoll ihren Mann an. „Wer iſt ſie?“ fragte der Graf. „Ein Engel, Herr, das Beſte, was es in der Welt giebt. Ja, und wenn ſie auch wie ein Landmädchen gekleidet iſt, ſo ſpricht doch keine vornehme Dame ſo wie ſie mit ihrer lieblichen Stimme, die wie Muſik klingt. Sie iſt ein braves, ein muthiges und gu⸗ tes Mädchen —“ „Durch welches Unglück fiel ſie in das Waſſer?“ „Das weiß ich nicht —“ „Sie iſt alſo kein Landmädchen?“ fragte der Graf weiter — „Ein Landmädchen! Sehen Sie doch ihre kleinen weißen Hände an!“ „Sie haben Recht,“ antwortete der Graf. „Aber ihr Name, ihre Familie?“ „Das Subject muß in das Boot gebracht werden,“ unter⸗ brach der Arzt das Geſpräch. Eine halbe Stunde ſpäter war Marien⸗Blume, die noch nicht 255 zu ſich gekommen, in das Haus des Atztes gebracht, lag in einem guten Bette und wurde von der Gärtnerin des Doctor Griffon und der Wölfin gewartet. Der Doctor verſprach dem Grafen, der mehr und mehr An⸗ theil an dem Mädchen nahm, Abends noch einmal zu kommen. Martial begab ſich mit Franz und Amandine nach Paris, da die Wölfin Marien⸗Blume nicht verlaſſen wollte, bevor ſie außer Gefahr wäre. „ Auf der Inſel des Ausſuchers befand ſich Niemand mehr. Wir werden die Bewohner derſelben bei Roth⸗Arm wiederfin⸗ den, wo ſie mit der Eule wegen der Ermordung der Diamanten⸗ mäklerin zuſammentreffen ſollten. Ehe wir davon ſprechen, wollen wir den Leſer zu der Zuſam⸗ menkunft führen, welche Tom, der Bruder Sarahs, mit der ſchreck⸗ lichen Gefährtin und Mitſchuldigen des verabredet hatte. —— Das Portrait. S. Seyton, der Bruder der Gräfin Sarah Mae Gre⸗ gor, ging ungeduldig auf einem der Boulevards in der Nähe des Obſervatoriums hin und her, als er die Eule ankommen ſah. Die ſchreckliche Alte trug ein weißes Häubchen und ihren großen rothearrirten Shawl. Die Spitze eines ſehr ſpitzen, run⸗ den Dolches von der Dicke einer Federſpuhle war durch den Bo⸗ den des großen Strohkobers, welcher an ihrem Arme hing, hin⸗ durchgedrungen, und man ſah dieſe mörderiſche Waffe hervorragen, welche dem Schulmeiſter gehört hatte. Thomas Seyton bemerkte nicht, daß die Eule bewaffnet war. „Es ſchlägt drei Uhr,“ ſagte die Alte, „und ich komme alſo punktlich.“ „Kommen Sie,“ antwortete ihr Thomas Seyton. Er ging vor ihr her, gelangte in ein ödes Gäßchen bei der Straße Caſſini, blieb in der Mitte deſſelben an einem Drehkreuze ſtehen, öffnete eine kleine Thur, winkte der Eule ihm zu folgen, 257 ging darauf noch einige Schritte in einer grünen dichten Baum⸗ allee hin und ſagte dann: „Warten Sie hier.“ Darauf verſchwand er. „Wenn er mich nur nicht zu lange hier ſtehen läßt,“ ſprach die Alte mit ſich ſelbſt; „ich muß mit den Martials bei Roth⸗ Arm ſein, um die Mäklerin abzufertigen. — Ich habe da meinen Dolch. — Ah, der Spitzbube guckt ſich um,“ ſetzte die Alte hinzu, als ſie die Spitze des Dolches durch den Boden ihres Korbes herausragen ſah — „das hab' ich davon, daß ich ihn nicht in der Scheide gelaſſen —“ Sie zog den Dolch zurück, der einen hölzernen Griff hatte, und legte ihn ſo, daß er nicht mehr geſehen werden konnte. „Es iſt das Werkzeug des Schulmeiſters,“ fuhr ſie fort. „Er verlangte ihn von mir, um die Ratten todt zu machen, die ihm in ſeinem Keller Beſuche abſtatten. Die armen Thierchen — Sie haben nur den alten Blinden, mit dem ſie ſich unterhalten können. Er darf ihnen nichts zu Leide thun, und deshalb behalte ich den Dolch. — Uebrigens brauche ich ihn vielleicht bald für die Mäklerin. — Dreißigtauſend Francs! Welch ein Fang! Das giebt einen guten Tag, — beſſer als letzthin bei dem ſpitzbübi⸗ ſchon Notar, dem ich etwas abzwacken wollte. Ich mochte dro⸗ hen wie ich wollte, wenn er kein Geld gäbe, würde ich anzeigen, daß ſeine Haushälterin mir die Nachtigall übergeben ließ, als ſie noch ein ganz kleines Kind war; er fürchtete ſich nicht, nannte mich eine alte Lügnerin und ſchlug mir die Thür vor der Naſe zu. Gut! Gut! Ich werde einen anonhmen Brief an die Leute in Bouqueval ſchreiben laſſen, um ihnen anzuzeigen, daß der No⸗ Die Geheimniſſe von Paris. vI. 17 — — — — ——— 258 . tar das Mädchen in die Welt hinausſtieß. Sie kennen vielleicht ihre Familie, und wenn ſie aus St. Lazarus entlaſſen wird, geht man dem alten Jucob Ferrand vielleicht zu Leibe. Aber ſtill! man kommt, — es iſt die blaſſe Dame, die als Mann verkleidet mit dem Langen in dem „Weißen Kaninchen“ war,“ ſetzte die Alte hinzu, als ſie Sarah am Ende der Allee erſcheinen ſah. — „Es wird wieder eine Beſtellung geben, und wir haben gewiß auch auf Rechnung der Dame die Nachtigall von dem Landgute entführt. Wenn ſie gut bezahlt, ſtehe ich ihr immer zu Dienſten.“ Das BGeſicht Sarahs drückte, als ſie ſich der Eule näherte, welche Sie ſeit dem Auftritte in der Penne zum erſten Male wie⸗ derſah, jene Verachtung, jenen Widerwillen aus, welche Leute von gewiſſem Stande fühlen, wenn ſie mit den Elenden in Berührung fommen müſſen, die ſie als Werkzeuge oder Mitſchuldige brauchen. Thomas Seyton, welcher bis dahin die verbrecheriſchen Pläne ſeiner Schweſter thätig befördert hatte, ob er ſie gleich für ziemlich vergeblich hielt, hatte ſich geweigert, dieſe Rolle weiter zu ſpielen, und nur noch eingewilligt, zum erſten und letzten Male ſeine Schweſter mit der Eule zuſammenzubringen, ohne aber ſich in ihre neue Pläne miſchen zu wollen. Da es der Gräfin nicht gelungen war, Rudolph dadurch wei⸗ ter an ſich zu ziehen, daß ſie die Bande zerriß, die ihm ihrer Meinung nach theuer waren, ſo hoffte ſie, wie wir bereits erwähnt haben, ihn auf unwürdige Weiſe zu täuſchen und ſo vielleicht ihren grauſamen, ehrgeizigen Traum zu verwirklichen. Rudolph ſollte überredet werden, die Tochter, welche ihm Sarah geboren, ſei nicht todt, und um dies zu bewirken, wollte die Gräfin eine Waiſe fir ihr Kind ausgeben. t 259 Man weiß, daß Jacob Ferrand, der ſich beſtimmt geweigert, trotz den Drohungen Sarahs, in dieſen Vorſchlag einzugehen, den Vorſatz gefaßt hatte, Marien⸗Blume verſchwinden zu laſſen, ſowohl aus Furcht vor der Ausſage der Eule, als aus Beſorgniß vor dem Anſinnen der Gräfin. Dieſe gab indeß ihren Plan keineswegs auf, da ſie die Ueberzengung feſthielt, den Notar beſtechen vder einſchüch⸗ tern zu können, ſobald ſie ein junges Mädchen gefunden habe, das die Rolle übernehmen könnte, die ſie ihr zugedacht. Nach einer Pauſe ſagte Sarah zu der Eule: „Sie ſind gewandt, verſchwiegen und entſchloſſen?“ „Gewandt wie ein Affe, entſchloſſen wie eine engliſche Dogge, ſtumm wie ein Fiſch; ſo iſt die Eule, wie ſie der Teufel geſchaffen hat, Ihnen zu dienen, wenn ſie es im Stande wäre, und ſie iſt es,“ antwortete die Alte wohlgemutb. „Das Landmädchen haben wir, denke ich, gut gefaßt, und ſie iſt jetzt auf zwei Monate in St. La⸗ zarus eingeſperrt —“ „Von dem Mädchen handelt es ſich nicht mehr, — ſondern von etwas Anderm.“ „Ganz wie Sie wünſchen, ſchöne Dame. — Wenn Geld bei dem, was Sie mir vorſchlagen wollen, zu verdienen iſt, ſind wir beide wie zwei Finger einer Hand —“ Sarah konnte ein Gefühl des Abſcheus nicht unterdrücken. „Sie muͤſſen“, — fuhr ſie fort, „Leute aus dem Volle, — recht unglückliche Leute kennen.“ „Deren giebt es mehr als Millionäre, — man fann, Gott ſei Dank, unter ihnen wählen. — An Armuth iſt Paris ſehr reich.“ „Ich möchte ein verwaiſtes armes Mädchen haben, das ſeine Aeltern verlor, als es noch ein kleines Kind war. Dieſe Waiſe 17* 260 muß ein hübſches Geſicht und einen ſanften Charakter beſitzen und darf nicht über ſiebzehn Jahr alt ſein —“ Die Eule ſah Sarah mit Verwunderung an. „Eine ſolche Waiſe kann nicht ſchwer zu finden ſein,“ fuhr die Gräfin fort; „es giebt ja ſo viele Findelkinder.“ „Vergeſſen Sie denn die Nachtigall, meine ſchöne Dame? Die würde gerade paſſen.“ „Wer iſt die Nachtigall?“ „Das Mädchen, das wir von Bouqueval entführt haben.“ „Von dieſer iſt nicht mehr die Rede, habe ich ſchon geſagt.“ „Hören Sie mich nur an, und vor allen Dingen vergelten Sie mir meinen guten Rath. Sie verlangen eine lammfromme Waiſe, die ſchon iſt wie der Tag und nur ſiebzehn Jahre zählt, nicht wahr?“ „Allerdings —“ „Nun, ſo nehmen Sie die Nachtigall, ſobald ſie aus St. Lazarus entlaſſen wird; ſie paßt für Sie, als wäre ſie beſtellt, da ſie etwa ſechs Jahre alt war, als der ſchlechte Jacob Ferrand (vor zehn Jahren) ſie mir nebſt 1000 Fres. übergeben ließ, um ſie los zu werden. Tournemine, der jetzt auf den Galeeren in Rochefort iſt und der ſie zu mir brachte, ſagte mir ausdrücklich, es ſei ohne Zweifel ein Kind, das man beſeitigen oder für todt ausgeben wolle —“ „Jacob Ferrand, ſagen Sie?“ rief Sarah mit ſo bewegter Stimme aus, daß die Eule erſchrocken zurückwich. — „Der No⸗ tar Jacob Ferrand,“ fuhr ſie fort, „hat Ihnen dieſes Kind über⸗ geben und —“ . Sie vermochte nicht weiter zu ſprechen. — 261 Ihre Aufregung war zu gewaltig; ihre beiden Hände, die ſie nach der Eule ausſtreckte, zitterten krampfhaft; die Ueberraſchung, die Freude veränderten ihre Züge ganz und gar. „Ich weiß nicht, was Sie ſo ergreift, meine werthe Dame,“ ſprach die Alte. — „Die Sache iſt ganz einfach. Vor zehn Jah⸗ ren kam Tournemine, ein alter Bekannter, zu mir und ſagte: Willſt Du ein kleines Mädchen aufnehmen, das man verſchwinden laſſen will? Sie mag ſterben oder leben, das iſt gleichgültig; es ſind tauſend Franes dabei zu verdienen, und mit dem Kinde kannſt Du thun, was Du willſt —“ „Vor zehn Jahren!“ rief Sarah aus. „Vor zehn Jahren —“ „Ein kleines blondes Mädchen?“ „Ein kleines blondes Mädchen.“ „Mit blauen Augen?“ — Mit ſchönen blauen Augen.“ „Und es iſt die, welche auf dem Landgute — „Von uns weggeholt und nach St. Lazarus gebracht worden iſt. — Ich erwartete ſie freilich nicht da zu finden —“ „Mein Gott! Mein Gott!“ rief Sarah aus, indem ſie auf ihre Kniee ſank und die Augen und Hände gen Himmel erhob, „Deine Wege ſind unerforſchlich, und ich beuge mich vor Deiner Weisheit. — Ach, wenn ein ſolches Glück möglich wäre, — aber nein, ich kann es noch nicht glauben, — es wäre zu ſchön!“ Dann erhob ſie ſich raſch und ſagte zur Eule, die ſie ſtaunend anſah: „Kommen Sie!“ M Sarah ging raſchen Schrittes vor derſelben her. Am Ende der Allee zeigte ſie auf einige Stufen, welche zu der Glasthür eines prachtvoll meublirten Arbeitszimmers führten. ——— —— ——— 2 262 In dem Augenblicke, als die Eule hineintreten wollte, winkte ihr Sarah, draußen zu bleiben. Die Gräfin ſchellte ſtark, und es erſchien ein Diener. „Ich bin für Niemanden zu ſprechen — und Niemand darf hier eintreten, — verſtunden? — Durchaus Niemand.“ Der Diener entfernte ſich wieder. Der größern Sicherheit wegen ſchob Sarah noch einen Riegel an der Thüre vor. Die Eule hatte den Auftrag an den Diener gehört und ge⸗ ſehen, daß Sarah den Riegel vorſchob. Die Gräfin wendete ſich jetzt um und ſagte: „Treten Sie ſchnell ein und machen Sie die Thüre zu.“ Die Eule trat ein. Sarah öffnete eilig einen Secretair, nahm ein Käſtchen von Ebenholz heraus, trug dies auf einen mitten im Zimmer ſtehenden Schreibtiſch und winkte der Eule, zu ihr zu treten. Das Käſtchen enthielt mehrere Boden über einander und war mit prachtvollen Juwelen gefüllt. Sarah war ſo ungeduldig, auf den Boden des Käſtchens zu gelangen, daß ſie rückſichts los die Halsbänder, die Armbänder und Diademe, an denen die Smaragden, Diamanten und Rubine in tauſend Farben ſpielten, auf den Tiſch warf. Die Eule war wie geblendet. Sie war bewaffnet und allein mit der Gräfin engeſchloſen. — Die Flucht war leicht und ſicher. Ein teufliſcher Gedanke ſchoß durch den Kopf dieſer Frau. Aber, um die neue Schandthat vollführen zu können, mußte ſie den Dolch aus ihrem Körbchen herausnehmen und nahe an Sarah treten, ohne Argwohn zu ertegen . 263 Mit der Schlauheit einer Tiegerkatze, die ſich hinterliſtig an ihre Beute ſchleicht, benutzte die Alte den Zuſtand Sarähs, deren Gedanken ſich ausſchließlich mit einem Gegenſtande beſchäftigten, um unmerklich um den Tiſch herumzugehen, welcher ſie von ihrem Opfer trennte. ¹ Die Eule hatte dieſes Manöver bereits als ſie lich ſtehen bleiben mußte. Sarah nahm ein Medaillon aus dem Käſtchen heraus, hielt es der Eule mit zitternder Hand hin und ſiht⸗ „Sehen Sie das Bild an.“ „Es iſt die Nachtigall!“ rief die Eule aus, überraſcht von der außerordentlichen Aehnlichkeit; „es iſt das kleine Mädchen, das man mir übergab; ich ſehe es noch vor mir, wie es Tournemine zu mir brachte. Es ſind die langen blonden Locken, die ich ſo⸗ gleich abſchnitt und gut verkaufte —“ „Sie erkennen ſie —, ſie war es? Ach, ich beſchwöre Sie, täuſchen Sie mich nicht, — täuſchen Sie mich nicht —“ „Ich ſage Ihnen, meine werthe Dame, es iſt das Mäd⸗ chen —,“ antwortete die Eule, die unbemerkt Sarah näher zu kommen ſuchte, „ſie gleicht heute noch dem Bilde da; wenn Sie das Mädchen ſähen, würde es Ihnen ſelbſt auffallen.“ Sarah hatte keinen Schrei des Schmerzes und des Eutſetzens, als ſie erfuhr, daß ihre Tochter zehn Jahre lang elend und ver⸗ laſſen gelebt; ſie fühlte keine Gewiſſenspein, als ſie bedachte, daß ſie ſelbſt das Kind von da hatte wegbringen laſſen, wo es Ru⸗ dolph untergebracht. Die unnatürliche Mutter fragte die Eule nicht vor allen Dingen mit ſchrecklicher Angſt über die Vergan⸗ genheit ihres Kindes. Rein, bei Sarah hatte längſt ſchon der Ehrgeiz die Mutterliebe erſtickt. Sie zitterte nicht aus Freude, 264 ihre Tochter wieder zu finden, ſondern in der gewiſſen Hoffnung, endlich den ſtolzen Traum ihres ganzen Lebens verwirklicht zu ſehen. Rudolph hatte ſich für das unglückliche Kind intereſſirt, hatte es aufgenommen, ohne es zu kennen; was würde er erſt thun, wenn er wüßte, daß es ſeine Tochter ſei!! Er war frei, die Gräfin Wittwe. Sarah ſah bereits vor ihren Augen die Fürſtenkrone glänzen. Die Eule, welche immer näher ſchlich, war endlich an das eine Ende des Tiſches gelangt und hatte ihren Dolch perpendicu⸗ lär in ihr Körbchen geſtellt, — ſo daß ſie ihn nur zu faſſen brauchte. Sie befand ſich nur noch einige Schritte von der Gräfin. „Können Sie ſchreiben?“ ſagte dieſe plötzlich, indem ſie das Käſtchen und die Juwelen zurückſchob und ein Schreibzeug näher rückte. „Nein, meine werthe Dame, ſchreiben kann ich nicht,“ ant⸗ wortete die Eule — „So will ich ſchreiben, was Sie mir vorſagen. Erzählen Sie mir alle Umſtände, unter welchen Ihnen jenes Kind überge⸗ ben wurde —“ Sarah ſetzte ſich auf einen Seſſel vor dem Schreibtiſche, nahm eine Feder und winkte der Eule, näher an ſie zu treten. Das Auge der Alten funkelte. Endlich — ſtand ſie dicht neben dem Sitze Sarahs. Dieſe beugte ſich über den Tiſch und machte ſich zum Schrei⸗ ben bereit. „Ich werde laut und langſam leſen,“ ſagte die Gräfin; „Sie berichtigen, wo ich irrte.“ 265 „Ja, Madame,“ entgegnete die Eule, welche jede Bewegung Sarahs beobachtete. Dann griff ſie mit der rechten Hand in ihr Körbchen, um den Dolch faſſen zu können, ohne geſehen zu werden. Die Gräſin fing an zu ſchreiben: „Ich erkläre, daß —“ Sie unterbrach ſich jedoch, drehte ſich nach der Eule um, welche bereits den Griff ihres Dolches gefaßt hatte, und ſetzte hinzu: „Zu welcher Zeit wurde Ihnen das Kind übergeben?“ „Im Februar 1827.“ „Und durch wen?“ fragte Sarah weiter, welche die Eule da⸗ bei unverwandt anſah. „Durch Peter Tournemine, der ſich jetzt im Bagno zu Roche⸗ fort befindet. — Ihm hatte das Kind Madame Seraphin, die Haushälterin des Notars, übergeben —* Die Gräfin fing nun wieder an zu ſchreiben und las laut: „Ich erkläre, daß im Monat Februar 1827 der —“ Die Eule hatte ihren Dolch gezogen. Schon richtete ſie ſich empor, um ihr Opfer zwiſchen die Schultern zu ſtoßen. Da drehte ſich Sarah von neuem um. Um nicht überraſcht zu werden, ſtützte die Eule raſch die mit dem Dolch bewaffnete rechte Hand auf die Lehne des Stuhles Sarahs und bückte ſich zu ihr hin, um die neue Frage zu beant⸗ worten. Ich vergaß den Namen des Mannes, der Ihnen das Kind übergeben hat,“ ſagte die Gräfin. „Peter Tournemine,“ antwortete die Eule. — — 266 „Peter Tournemine,“ wiederholte Sarah, indem ſie weiter ſchrieb, „der ſich gegenwärtig im Bagno zu Rochefort befindet, mir ein Kind übergeben hat, das ihm von der Haushälterin des —“ Weiter konnte die Gräfin nicht ſchreiben⸗ Die Eule war, nachdem ſie ihr Körbchen langſam auf den Boden hatte gleiten laſſen, eben ſo raſch wie wüthend über die Gräfin hergefallen, hatte ſie mit der linken Hand am Nacken ge⸗ faßt, ihr das Geſicht auf den Tiſch niedergedrückt und mit der rechten Hand den Dolch zwiſchen den Schultern hineingeſtoßen. — Dieſer entſetzliche Mord geſchah ſo ſchnell, daß die Gräfin keinen Schrei ausſtieß, nicht einmal einen Laut von ſich gab. Sie blieb ſitzen, den Oberleib und den Kopf auf den Tiſch gebeugt. — Die Feder entfiel ihrer Hand. „Gerade ſo ein Stoß, wie ihn der Schulmeiſter dem kleinen Alten verſetzte,“ ſprach die fürchterliche Alte bei ſich. — „Noch eine, die nichts mehr ſagt; ihre Rechnung iſt abgeſchloſſen —“ Die Eule bemächtigte ſich eilig der Edelſteine, warf ſie in ih⸗ ren Kober und bemerkte nicht, daß ihr Opfer noch lebte. Nach Vollendung des Mordes und Raubes öffnete die Alte die Glasthüre, ging raſch in der Baumallee hin und durch die kleine Thüre hinaus. Bei der Sternwarte nahm ſie einen Fiaere, der ſie nach den elyſäiſchen Feldern zu Roth⸗Arm brachte. Die Wittwe Martial, Nicolaus, deſſen Schweſter und Bar⸗ billon hatten, wie man weiß, dort eine Zuſammenkunft mit der Gule verabredet, um die Diamantenmäklerin zu berauben und zu ermorden. 13 50 CXX. Der Sicherheitsdiener. — N N er Leſer kennt bereits das Wirthshaus zum „blutenben Herſen,“ vas in den elyſäiſchen Feldern in einem der breiten Grä⸗ ben lag, welche ſich noch vor einigen Jahren an dieſer Promenade hinzogen. Die Bewohner der Inſel des Ausſuchers waren noch nicht er⸗ ſchienen. Seit der Abreiſe Bradamantis, der, wie man weiß, die Stief⸗ mutter der Frau von Harville in die Normandie begleitet hatte, war der „kleine Lahme“ zu ſeinem Vater zurückgekehrt. Dieſer kleine Lahme ſtand Wache oben an der Treppe und ſollte durch einen gewiſſen Ton die Ankunft der Martials anzei⸗ gen, da Roth⸗Arm eben eine geheime Unterredung mit dem Si⸗ cherheitsdiener Narciß Borel hatte, den die Leſer bereits in dem „Weißen Kaninchen“ geſehen haben, als er daſelbſt zwei des Mor⸗ des beſchuldigte Taugenichtſe verhaftete. in 8 Dieſer Polizeidiener, ein kräftiger, unterſetzter Mann von etwa vierzig Jahren, hatte eine lebhafte Geſichtsfarbe, ein pfiffiges, 268 ſcharfblickendes Auge und war ganz glatt raſirt, um die bei ſeinen gefährlichen Unternehmungen nöthigen verſchiedenen Verkleidun⸗ gen annehmen zu können, denn er mußte oft die geſchickte Verſtel⸗ lungs⸗ und Verfleidungskunſt des Schauſpielers mit dem Muthe und der Energie des Soldaten verbinden, um ſich gewiſſer Bandi⸗ ten zu bemächtigen. Narciß Borel war mit einem Worte eines der nützlichſten und thätigſten Wertzeuge jener Vorſehung in klei⸗ nem Maßſtabe, welche beſcheiden die Polizei genannt wird. Die Unterredung zwiſchen Nareiß Vorel und Roth⸗Arm ſchien ſehr lebhaſt zu ſein. „Ja,“ ſagte der Sicherheitsdiener, „man beſchuldigt Sie, Sie benutzten ihre doppelte Stellung, um ungeſtraft an den Dieb⸗ ſtählen einer Bande ſehr gefährlicher Uebelthäter Antheil zu neh⸗ men und der Sicherheitspolizei falſche Nachweiſe über dieſelben zu geben. Nehmen Sie ſich in Acht, Roth⸗Arm, wenn dies heraus⸗ kommt, haben Sie keine Schonung zu erwarten.“ „Ich weiß wohl, daß man mir dies Schuld giebt, und es betrübt mich ſehr, mein guter Herr Borel,“ antwortete Roth⸗Arm, indem er ſeinem pfifſigen Geſichte einen heuchleriſchen Ausdruck gab; „aber ich hoffe, daß man mir heute endlich wird Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, daß man meine Rechtlichkeit anerkennt —“ Vir werden ja ſehen.“ Wie kann man Mißtrauen gegen mich hegen, habe ich nicht Proben abgelegt? Habe ich Sie nicht in den Stand geſetzt, den Ambroſius Martial, einen der gefährlichſten Uebelthäter in auf der That zu ertappen? Dieſe Familie Martial ſtammt aus der Hölle, und dahin wird ſie zurückkehren müſſen, wenn der gute Gott gerecht iſt —“ 6 269 „Das Alles iſt recht ſchön und gut, aber Ambroſius war ge⸗ warnt, daß man ihn verhaften würde; wäre ich nicht eine Stunde früher gekommen, als Sie mir angegeben hatten, ſo entkam er.“ „Halten Sie mich für fähig, Herr Borel, ihn insgeheim auf Ihre Ankunft aufmerkſam gemacht zu haben?“ „Ich weiß weiter nichts, als daß ich von dieſem Räuber ei⸗ nen Schuß erhielt, der zum Glück nur durch den Arm ging.“ „Nun freilich, bei Ihrem Geſchäfte iſt man ſolchen Irrthü⸗ mern ausgeſetzt —“ „Das nennen Sie Irrthum?“ „Gewiß, denn der Böſewicht wollte Sie ohne Zweifel nicht in den Arm treffen.“ „Es bleibt ſich ſo ziemlich gleich, ob ich am Arm, am Leibe oder am Halſe getroffen wurde, — ich klage darüber nicht, denn jeder Stand hat ſeine Unannehmlichkeiten.“ „Wie ſeine Annehmlichkeiten, Herr Borel, ſeine Annehmlich⸗ keiten! Wenn z. B. ein ſo ſchöner, ſo gewandter, ſo muthiger Mann wie Sie lange einer Spitzbubenbande auf der Fährte iſt, ſie von Straße zu Straße, von Herberge zu Herberge mit einem ſo guten Spürhunde wie Ihr Diener Roth⸗Arm verfolgt, ſie end⸗ lich auswittert und umſtellt in einer Falle, aus welcher keiner ent⸗ wiſchen kann, ſo iſt das, geſtehen Sie mir, Herr Borel, ein gro⸗ ßes Vergnügen, eine Jagdluſt, — ungerechnet den Dienſt, welchen man der Juſtiz leiſtet,“ ſetzte der Wirth vom blutenden Herzen ernſthaft hinzu. „Ich würde ſo ziemlich Ihrer Meinung ſein, wenn der Spür⸗ hund tren wäre; aber ich fürchte, er iſt es nicht.“ „Ach, Herr Borel, Sie glauben —“ ————— * 270 „Ich glaube, daß Sie uns gern irre leiten, ſtatt uns auf die rechte Fährte zu bringen, und daß Sie das Vertrauen mißbrau⸗ chen, das man in Sie ſetzt. Jeden Tag verſprechen Sie uns be⸗ hülflich zu ſein, die Bande zu ergreifen, und — dieſer Tag kommt nie.“ „Und wenn dieſer Tag heute kommt, Herr Borel, wie ich überzeugt bin, und wenn ich es Ihnen möglich mache, Barbillon, Nicolaus Martial, die Wittwe, deren Tochter und die Eule zu faſſen, wäre das nicht ein ſchöner Fang? Würden Sie mir 3 dann noch mißtrauen?“ „Nein, und Sie würden einen wirklichen Dienſt geleiſtet ha⸗ ben, denn man hat gegen dieſe Bande ſtarke Vermuthungen, faſt Gewißheit, aber leider keine Beweiſe.“ „Ihr Spiel würde gefährlich werden, wenn man ſie an ein Verbrechen gehen ließe, nicht wahr, Herr Borel?“ „Ohne Zweifel, und Sie geben mir die Verſicherung, daß Sie keine Anleitung zu dem Unternehmen gegeben haben, welches die Bande verſuchen will?“ „Auf Ehre nicht, — die Eule kam zu mir und machte mir den Antrag, ich möchte die Mäklerin hierher zu mir locken, weil die teufliſche Einäugige durch meinen Sohn erfahren hatte, Morel, der Steinſchneider in der Rue du Temple, arbeite in ächten, nicht in unächten Steinen, und die Mutter Mathien habe oft Diaman⸗ ten von bedeutendem Werthe bei ſich. Ich ging in die Sache ein, machte aber der Eule den Vorſchlag, auch die Martials und Bar⸗ billon beizuziehen, um Ihnen das ganze Neſt in die Hände zu ſpielen.“ „Und der Schulmeiſter, jener ſo geihm ſo ſtarke und ſo ——— ——— 271 wüthende Menſch, der die Eule immer begleitete, Einer der Stamm⸗ gäſte des „Weißen Kaninchen“?“ „Der Schulmeiſter?“ fragte Roth⸗Arm mit erheucheltem Er⸗ ſtaunen. „Ja, ein Sträfling, der aus dem Bagno in Rochefort ent⸗ flohen iſt, ein gewiſſer Anſelm Duresnel, der auf Zeit Lebens ver⸗ urtheilt war. Man weiß jetzt, daß er ſich entſtellt hat, um ſich unkenntlich zu machen. — Haben Sie von ihm keine Spur?“ „Nein,“ antwortete Roth⸗Arm unerſchrocken, der ſeine Gründe zu dieſer Lüge hatte, denn der Schulmeiſter war damals in einem Keller des Wirthshauſes eingeſperrt. „Man hat allen Grund, zu glauben, daß der Schulmeiſter neue Mordthaten begangen hat. Es wäre ein ſehr wichtiger Fang, wenn —“ „Man weiß ſeit ſechs Wochen nicht, was aus ihm geworden iſt —“ „Man macht Ihnen auch zum Vorwurfe, daß Sie ſeine Spur verloren haben —“ „Immer Vorwürfe! immer Vorwürfe, — Herr Vorel!“ „Es fehlt nicht an Gründen dazu. — Und die Schmug⸗ gelei?“ „Muß ich nicht von allen Arten Menſchen einige kennen? — Schmuggler wie andre, um Sie auf die Fährte zu leiten. — Ich habe Ihnen jene Röhre verrathen, durch welche Branntwein her⸗ eingeleitet wurde in das Haus —“ „Das alles weiß ich,“ unterbrach Borel den Roth⸗Arm, „aber für den Einen, den Sie anzeigen, laſſen Sie vielleicht zehn ent⸗ ſchlüpfen, und Sie treiben unverſchämt Ihr Gewerbe fort. — Ich 272 bin überzengt, daß Sie auf beiden Achſeln tragen, wie man zu ſagen pflegt —“ „Einer ſolchen Belaſtung bin ich nicht fähig, Herr Borel.“ „Das iſt noch nicht Alles; in der Rue du Temple Nr. 17 wohnt eine Frau Burette, die auf Pfänder leiht und die Ihre Privat⸗Hehlerin ſein ſoll —“ „Was ſoll ich aber thun, Herr Borel? — man ſagt ſo vie⸗ lerlei, — die Welt iſt ſo böſe. — Ich wiederhole, ich muß mit der größtmöglichen Anzahl von Spitzbuben umgehen, muß mich als ihres Gleichen ſtellen, noch ſchlimmer, damit ſie kein Mißtrauen faſſen; — aber ſie nachzuahmen, pfui! das ſchneidet mir ins Herz. Ich muß gewiß ſehr dienſteifrig ſein, um mich zu dieſem Gewerbe zu verſtehen —“ „Armer lieber Mann, — ich beklage Sie von ganzem Herzen!“ „Sie lachen, Herr Borel, — aber wenn man das glaubt, was Sie eben ſagten, warum hat man denn keine Hausſuchung bei der Mutter Burette und bei mir angeſtellt?“ „Sie wiſſen es recht wohl, — um jene Banditen nicht zu verſcheuchen, deren Auslieferung Sie uns ſchon ſo lange verſpro⸗ chen haben.“ „Ich werde ſie Ihnen ausliefern, Herr Borel; ehe eine Stunde vergeht, ſind Alle gebunden, — und ohne viele Mühe, denn es ſind drei Frauenzimmer dabei. Nicolaus Martial und Barbillon ſind zwar blutdürſtig wie Tiger, aber feig wie Haſen.“ „Tiger oder Haſen,“ ſagte Vorel, indem er ſeinen langen Ueberrock auseinander ſchlug und auf zwei Piſtolen zeigte, welche aus den Taſchen ſeiner Beinkleider hervorragten, — „ich werde ſie bedienen.“ 273 „Sie werden doch wohlthun, wenn Sie zwei Ihrer Leute mitnehmen, Herr Borel; denn die Muthloſeſten werden bisweilen wie toll, wenn ſie ſich ergriffen ſehen“ „Ich werde zwei meiner Leute in den kleinen niedrigen Saal neben der Stube bringen, in welche Sie die Mäklerin führen; auf den erſten Schrei erſcheine ich an der einen Thür, während meine beiden Leute ſich an der andern zeigen.“ „Sie müſſen ſich aber beeilen, denn die Geſellſchaft kann je⸗ den Augenblick ankommen, Herr Borel.“ „Nun wohl ich will meine Leute aufſtellen, vorausgeſetzt, daß es nicht noch einmal vergeblich geſchieht.“ Die Unterredung wurde durch ein eigenthümliches Pfeifen un⸗ erbrochen, welches als Signal diente Roth⸗Arm trat an ein Fenſter, um zu ſehen, wen der kleine Lahme anmeldete. „Sehen Sie, da kommt die Eule ſchon. — Glauben Sie mir nun, Herr Borel?“ „Es iſt allerdings etwas, aber nicht Alles. Doch, wir wer⸗ den ſehen; ich eile, um meine Leute unterzubringen.“ Der Sicherheitsdiener verſchwand durch eine Seitenthür. 3 3 3 e Geheimniſſe von Paris. VI. 18 CXXI. Die Cule. 6 as ſchnelle Gehen, die Raub⸗ und Mordſucht, welche noch wie èfn Fieber in ihr glühten, hatten das häßliche Geſicht der Eule geröthet; ihr grünes Auge funfelte. Der kleine Lahme folgte ihr hüpfend. In dem Augenblicke, als ſie die letzten Stufen der Treppe hinunterſtieg, trat der Sohn Roth⸗Arms in boshaftem Muthwil⸗ len hinten auf das Kleid der Eule⸗ Die Alte wankte in Folge dieſes plötzlichen Haltes, und da ſie ſich an der Lehne nicht anhalten konnte, ſiel ſie mit vorgehal⸗ tenen Händen auf die Kniee, wobei ſie ihr koſtbares Körbchen los⸗ laſſen mußte, aus welchem ein mit Smaragden und ächten Perlen beſetztes Armband herausfiel. Die Eule hatte ſich bei dem Falle die Haut von einigen Fin⸗ gern abgeſtoßen, hob aber raſch das Armband wieder auf, welches dem ſcharfen Blicke des Knaben nicht entgangen war, der heuchle⸗ riſch zu ihr trat und ſagte: „Ach Gott, traten Sie fehl?“ 275 Die Eule nahm aber, ohne ihm zu antworten, den kleinen Lahmen an den Haaren, bückte ſich zu ihm hinab und biß ihn in den Backen, daß es blutete. Merkwürdiger Weiſe ließ der Sohn Roth⸗Arms trotz dem heftigen Schmerze und trotz ſeiner Boshaftigkeit keinen Schrei, keinen Laut hören. Er wiſchte ſein blutbeflecktes Geſicht ab und ſagte mit er⸗ zwungenem Lächeln: „Wenn Sie mich ein anderes Mal nicht ſo ſtark küſſen woll⸗ ten, würde mir es doch lieber ſein, Eule —“ „Boshafter kleiner Affe, warum trateſt Du mir abſichtlich auf das Kleid? — Damit ich fallen ſollte?“ „Ich? Ich ſchwöre es, daß ich es nicht abſichtlich gethan habe, gute Eule. Der kleine Lahme liebt Sie viel zu ſehr; wenn Sie ihn auch ſchlagen und beißen, er bleibt bei Ihnen wie der Hund bei ſeinem Herrn,“ ſagte der Knabe mit ſüßlicher Stimme. Die Eule ließ ſich durch die Heuchelei täuſchen und ant⸗ wortete: „Habe ich Dich unverdienter Weiſe diesmal gebiſſen, ſo haſt Du es ein anderes Mal gut, kleiner Taugenichts. — Heute bin ich bei guter Laune und kann mit Niemand böſe ſein. Wo iſt Dein Vater?“ „Im Hauſe. Soll ich ihn holen?“ „Nein. — Sind die Martials da?“ „Noch nicht.“ „So habe ich Zeit, zu meinem Manne hinunter zu gehen; ich muß mit dem alten Blinden reden —“ „Sie gehen in den Keller des Schulmeiſters?“ fragte der Knabe, der eine teufliſche Freude kaum bergen konnte. 18 * 276 „Was geht das Dich an?“ i 2 „Ja, Du fragſt mich in einem ſo näreiſchen Tone!“ „Weil ich an etwas Närriſches denke.“ „An was?“ „Sie ſollten ihm nſen ein Spiel Karten zum Zeitver⸗ treibe geben,“ ſagte der kleine Lahme. „Jetzt hat er es nur mit den Ratten zu thun, und mit der Zeit möchte ihm das doch lang⸗ weilig vorkommen.“ Die Eule lachte laut und ſagte dann zu dem kleinen Lahmen: „Ein lieber Affe! Ich kenne keinen Buben, der in ſeinem Alter ſchon ein ſolcher Böſewicht wäre. Geh, hole mir ein Licht und leuchte mir hinunter zu dem Alten; auch magſt Du mir die Thüre aufmachen helfen —“ „Nein, nein, — es iſt zu finſter in dem Keller,“ antwortete der kleine Lahme achſelzuckend. k „Wie? Du biſt boshaft wie ein Teufel und fürchteſt Dich? Das möchte ich ſehen. — Geh geſchwind und ſage Deinem Vater, ich würde gleich wiederkommen, ich ſei unten bei meinem Alten und rede mit ihm über unſer Aufgebot, hä! hä! hä!“ ſetzte ſie lachend hinzu. „Mach geſchwind, — Du ſollſt auch zur Hochzeit kommen.“ Der kleine Lahme ging verdrüßlich fort, um ein Licht zu holen. Während ſeiner Abweſenheit griff die Eule, wie trunken von dem Gelingen ihres Raubes, mit der rechten Hand in ihren Stroh⸗ kober, um den koſtbaren Schmuck darin zu betaſten. Um auf kurze Zeit dieſen Schatz zu verbergen, wollte ſie 277 jetzt in den Keller des Schulmeiſters hinuntergehen, nicht um, wie gewöhnlich, ſich an den Leiden ihres neuen Opfers zu weiden. Wir werden ſogleich erzählen, warum die Eule, mit Einwil⸗ ligung Roth⸗Arms, den Schulmeiſter in denſelben Keller einge⸗ ſperrt hatte, in welchen früher Rudolph durch den Räuber geſtürzt worden war. Der kleine Lahme erſchien mit einem Lichte in der Thüre des Wirthshauſes. Die Eule folgte ihm in den niedrigen Saal, in welchem eine Fallthüre, die wir ſchon kennen, in den Keller hinunterführte. Der Sohn Roth⸗Arms, der die hohle Hand vor das Licht hielt und vor der Alten vorausging, ſtieg langſam auf den ſtei⸗ nernen Stufen hinab, die ſteil an die dicke Thüre des Kellers führten, welcher beinahe das Grab Rudolphs geworden wäre. An dieſer Thüre ſchien der kleine Lahme zu zögern, der Eule weiter zu folgen. „Nur vorwärts! vorwärts!“ ſagte ſie zu ihm. „Es iſt ſo finſter — und daun gehen Sie ſo ſchnell, Eule — ich will lieber umkehren und Ihnen das Licht laſſen —“ „Und die Thüre unten, Schwachkopf? Kann ich die allein aufmachen? Willſt Du weiter gehen?“ „Nein, — ich fürchte mich zu ſehr —“ „Wenn ich Dich erwiſche, — ſo nimm Dich in Acht.“ Der Knabe wich einige Schritte zurück. „Nun,“ ſagte endlich die Eule, die ihren Zorn niederkämpfte, „wenn Du hübſch folgſam biſt, werde ich Dir auch etwas ge⸗ ben —“ „Ah,“ antwortete der kleine Lahme, der wieder näher kam, „wenn Sie ſo reden, können Sie aus mir machen, was Sie wol⸗ len, Mutter Eule.“ „So geh ſchnell, — die Zeit drängt.“ „Ja, aber verſprechen Sie mir, daß Sie mich den Schulmei⸗ ſter necken laſſen wollen?“ 2 „Ein anderes Mal, heute habe ich teine Zeit.“ „Nur ein klein wenig —“ 7 „Ein anderes Mal. — Ich ſage Dir, ich muß ſogleich wie⸗ der hinauf.“ „Warum wollen Sie denn die Thüre ſeines Zimmers auf⸗ machen?“ „Das geht Dich nichts an. — Raſch! raſch! Die Martials ſind vielleicht ſchon oben, — ich muß mit ihnen ſprechen. — Sei artig, und Du wirſt es nicht bereuen —“ „Nun, ich bin Ihnen einmal gut, Eule, Sie wickeln mich um Ihren kleinen Finger, wenn Sie wollen,“ ſagte der kleine Lahme, indem er langſam weiter ging. Der bleiche flackernde Schein des Lichtes, der ſchwach den dunkeln Gang beleuchtete, warf das ſchwarze Schattenbild des häß⸗ lichen Knaben auf die grünliche feuchte geſprungene Wand. Weiter unten, im Halbdunkel, ſah man das niedrige Thür⸗ gewölbe, die ſtarke, mit Eiſen beſchlagene Thür des Kellers und den rothearrirten Shawl wie das weiße Häubchen der Eule. Unter den Anſtrengungen der Alten und des Knaben bewegte ſich die Thüre endlich fnarrend in ihren Angeln. Ein feuchter Dampf drang aus der finſtern Tiefe heraus. Das Licht, welches am Fußboden niedergeſetzt wurde, beleuch⸗ „tete die erſten Stufen der ſteinernen Treppe, deren letzte ſich in völligem Dunkel verloren. 279 Aus der Tiefe des Kellers drang ein Schrei oder vielmehr ein wildes Gebrüll herauf. „Ach, mein Männchen ſagt mir guten Tag!“ ſprach die Eule ironiſch. Sie ging noch einige Stufen hinunter, um ihren Kober in irgend einer Ecke zu verſtecken. „Mich hungert,“ rief der Schulmeiſter, und ſeine Stimme zitterte vor Wuth. „Soll ich hier ſterben wie ein tolles Vieh?“ „Du haſt Hunger?“ wiederholte die Eule lachend, „nun, ſteck' Dir den Daumen in das Maul —“ Man hörte das Klirren einer Kette, die mit Gewalt ſtraff angezogen wurde, — dann einen Seufzer verhaltener Wuth. „Nimm Dich in Acht! Nimm Dich in Acht! Du wirſt Dich wieder an das Bein ſtoßen wie in Bouqueval. Armes Väterchen!“ fiel der kleine Lahme ein. „Das Kind hat Recht; bleibe doch ruhig, Alterchen,“ ſagte die Eule; „der Ring und die Kette ſind feſt, Blinder, ſie ſind von dem Vater Micou, der nur Gutes verkauft. Es iſt wieder Deine Schuld; warum ließeſt Du Dich im Schlafe binden? Man brauchte Dich dann nur an die Kette zu legen und herunter — ins Kühle zu bringen, — um Dich beſſer zu conſerviren.“ „Es iſt aber Schade um ihn, er wird hier unten ſchimmelig werden,“ fiel der Knabe ein. Man hörte von Neuem die Kette klirren. „Alterchen ſpringt wie ein Maikäfer, der an einem Beine feſtgebunden iſt,“ ſagte die Eule weiter. — „Es iſt mir, als ſähe ich ihn —“ At 5 „„Maikäfer flieg, 280 „„Dein Vater iſt im Krieg““ — ſang der kleine Lahme, und die Eule lachte von Neuem. Nachdem die Eule ihren Kober in einem Loch an der Wand verſteckt hatte, ſagte ſie: „Siehſt Du, Alterchen?“ „Er ſieht ja nicht,“ antwortete der Knabe. „Der Junge hat Recht. Nun, hörſt Du, Alter? Du hätteſt nicht ſo dumm, nicht ſo gutmüthig ſein und mich hindern ſollen, der Nachtigall das Lärvchen mit meinem Vitriol zu waſchen. — Dann ſprachſt Du auch von Deinem Gewiſſen, und ich ſah, daß mit Dir nichts mehr zu machen iſt, daß Du rechtſchaffen werden willſt. — Du könnteſt uns am Ende gar verrathen, alter Blin⸗ der, und dann —“ „Wenn Dich der alte Blinde nur erſt hätte, Eule!“ rief der Lahme, indem er mit einem Male und mit aller Kraft die Alte von hinten ſtieß. Die Eule fiel unter einem e Fluche, und man hörte ſie die Stufen hinunter rollen.“ „Beiß! beiß! Die Eule fommt, — packe ſie, Alter!“ rief der kleine Lahme. Dann nahm er den Kober aus dem Mauerloche, in welches er ihn durch die Eule hatte verſtecken ſehen, ſtieg raſch die Stufen hinauf und rief unter lautem Lachen: „Der Stoß war beſſer als der letzte, nicht wahr, Eule? Und diesmal wirſt Du mich nicht wieder aufs Blut beißen. Du dach⸗ teſt, ich würde es vergeſſen, — proſit! — ich blute noch.“ „Ich hab' ſie, ich hab' ſie!“ rief der Schulmeiſter unten im Keller. ——— 281 „Ich gratulire!“ entgegnete der Knabe lachend und blieb auf der letzten Treppenſtufe ſtehen. „Hulfe! Hülfe!“ rief die Eule mit faſt erſtickter Stimme. „Ich danke Dir, Lahmer,“ ſprach der Schulmeiſter, „ich danke Dir und verzeihe Dir alles Böſe, das Du mir gethan haſt. — Zur Belohnung ſollſt Du ſie ſingen hören, — die Eule — paſſ“ auf! — der Todtenvogel!“ „Bravo! Ich ſitze hier auf der erſten Galerie,“ antwortete der Lahme, indem er ſich oben auf der Treppe niederſetzte. —— CXXII. Der Reller. S 8r kleine Lahme, der ſo auf der erſten Treppenſtufe ſaß, hob das Licht empor, um die ſchreckliche Scene zu beleuchten, welche in der Tiefe des Kellers vorgehen ſollte; aber das Dunkel war zu dicht, — ein ſo ſchwacher Schein vermochte es nicht zu verſcheuchen. Der Sohn Roth⸗Arms erkannte nichts. Der Kampf des Schulmeiſters und der Eule geſchah mit ent⸗ ſetzlicher Erbitterung, aber ohne einen Schrei, ohne ein Wort. Man hörte nur von Zeit zu Zeit das laute Athmen oder den erſtickten Hauch, welcher immer die gewaltſamen Anſtrengungen be⸗ gleitet. Der kleine Lahme ſtampfte im Tact mit den Füßen, wie es die ungeduldigen Zuſchauer im Theater zu thun pflegen, um den Beginn der Vorſtellung zu beſchleunigen; endlich rief er gar: „Vorhang auf! Das Stück! Muſik!“ „ „O, ich halte Dich, wie ich will,“ murmelte der Schulmeiſter unten, „und Du ſollſt —“ 283 Eine verzweifelte Anſtrengung der Eule unterbrach ihn. Sie wehrte ſich mit der Kraft, welche die Todesfurcht giebt. „Lauter! Man verſteht nichts!“ fiel der Lahme ein. „Wenn Du mir auch die Hand zerbeißeſt, ich halte Dich doch wie ich will,“ ſagte der Schulmeiſter. Dann ſetzte er hinzu, als es ihm Zweifel Fi war, die Eule feſtzuhalten: „So! Jetzt höre — „Lahmer, rufe Deinen Vater!“ rief die Eule mit keuchender Stimme. „Hülfe! Hülfe!“ „Fort mit der Alten! Man hört ihretwegen nichts,“ antwor⸗ tete der kleine Lahme laut lachend. Der Hülferuf der Eule konnte aus der Tiefe nicht hinauf in das Haus dringen. Als die Elende ſah, daß ſie von dem Sohne Roth⸗Arms keine Hülfe zu erwarten habe, wollte ſie ein letztes Mittel ver⸗ ſuchen. „Lahmer, geh und hole Hülfe, und ich gebe Dir meinen Ko⸗ ber; er iſt voll Juwelen und ſteht da in der Mauer —“ „Ueber die Freigebigkeit! Ich danke, Madame. Ich habe Deinen Kober ſchon. Hörſt Du; wie es drinnen klingt?“ ſagte der Knabe, indem er den Kober ſchüttelte . . . „Wenn Du mir ſo⸗ gleich für zwei S Kuchen giebſt, viu ich meinen Vater rufen.“ „Erbarme Dich meiner, und ich —“ Die Eule konnte nicht weiter ſprechen. Es folgte eine neue Pauſe. Der kleine Lahme trommelte von Neuem mit den Füßen auf die ſteinerne Stufe und rief fortwährend: 3 284 6 „Warum geht es nicht los? Den Vorhang auf! Muſik! Muſik!“ n „So, Eule, wirſt Du mich nicht mehr durch Dein Schreien betäuben können,“ ſagte der Schulmeiſter nach einigen Minuten, in denen es ihm ohne Zweifel gelungen war, der Alten einen Kne⸗ bel in den Mund zu ſtopfen. „Du ſiehſt wohl ein,“ fuhr er langſam mit hohler Stimme fort, daß ich es nicht ſogleic ausmachen will. Folter gegen Fol⸗ ter! Du haſt mich genug leiden laſſen. — Ich muß lange mit Dir reden, ehe ich Dich umbringe, ja — lange. Das wird ſchreck⸗ lich für Dich ſein. He?“ „Keine Dummheiten, Alter!“ rief der kleine Lahme, der halb aufſtand; „züchtige ſie, aber ſpiel' ihr nicht zu arg mit. — Du willſt ſie umbringen, — das iſt eine Finte, nicht wahr? Ich halte auf meine Eule, — ich habe ſie Dir geliehen, aber Du mußt ſie mir wiedergeben; mach' ſie nicht todt, — mach' meine Eule nicht todt, oder ich rufe den Vater —“ „Sei ruhig, ſie bekommt nur was ſie verdient, — eine Lehre, die ihr nützlich ſein wird,“ ſagte der Schulmeiſter, um den kleinen Lahmen zu beruhigen, damit dieſer nicht etwa Hülfe hole. „Das iſt recht! Bravv! Nun geht das Stuck los!“ ſagte der Sohn Roth⸗Arms, welcher keineswegs glaubte, daß der Schul⸗ meiſter das Leben der ſchrecklichen Alten ernſtlich bedrohe. „Nun wollen wir mit einander reden, Eule,“ fuhr der Schulmeiſter mit ruhiger Stimme fort. „Zuerſt, ſiehſt Du, iſt ſeit jenem Traume, in Bouqueval, der mir alle unſere Ver⸗ brechen wieder vorführte, ſeit jenem Traume, der mich bei⸗ nahe wahnſinnig machte und mich noch wahnſinnig machen 285 wird, — denn in der Einſamkeit und Abgeſchiedenheit, in welcher ich lebe, wenden ſich unwillkührlich alle meine Gedanken immer wieder auf jenen Traum, — ſeit jenem Traume iſt in mir eine ſeltſame Veränderung vorgegangen, — „Ich — habe vor meiner frühern Bosheit geſchandert. „Zuerſt ließ ich Dich die Nachtigall nicht mißhandeln, — das war aber noch nichts — „Als Du mich hier in dieſem Keller an die Kette legteſt, mich Kälte und Hunger leiden ließeſt, — mich aber auch von Deiner Gegenwart befreiteſt — übergabſt Du mich ganz dem Grauen vor meinen Gedanken. „Du weißt nicht, was es heißt, allein, immer allein zu ſein — mit einem ſchwarzen Schleier vor den Augen, wie der ſchreck⸗ liche Mann ſagte, welcher mich geſtraft hat — „Das iſt grauenhaft! „In dieſen Keller hatte ich ihn geſtürzt, um ihn zu tödten, und dieſer Keller iſt der Ort meiner Pein, wird vielleicht mein Grab. „Ich wiederhole Dir, daß dies grauenhaft iſt. „Er ſagte zu mir: Du haſt Deine Kraft gemißbraucht, Du wirſt das Spielzeng der Schwächſten werden. „Er hatte Recht. „Er ſagte zu mir: Von der Außenwelt getrennt, mit der ewi⸗ gen Erinnerung an Deine Verbrechen allein, wirſt Du eines Ta⸗ ges Deine Verbrechen bereuen — „Dieſer Tag iſt gekommen, — die Abſonderung hat mich ge⸗ reinigt — „Ich hätte es nicht für möglich gehalten. 286 „Ein anderer Beweis, daß ich vielleicht minder ſchlecht bin als ſonſt, iſt die unſägliche Freude, die ich empfinde, Dich hier feſtzu⸗ halten, — nicht um mich zu rächen, ſondern um unſere Opfer zu rächen. Ja, ich werde eine Fflicht erfüllen, wenn ich mit eigener Hand meine Mitſchuldige ſtrafe. „Eine Stimme ſagt mir, daß viel Blut, viel Blut nicht ge⸗ floſſen ſein würde, wenn Du mir früher in die Hände gefallen wäreſt. „Ich verabſcheue jetzt meine frühern Mordthaten und doch, — findeſt Du das nicht ſeltſam? — werde ich ohne Furcht, mit völliger Ruhe an Dir einen ſchrecklichen Mord begehen. — Sag', ſag', begreifſt Du das?“ — „Bravo! Gut geſpielt, alter Blinder!“ rief der kleine Lahme mit Händeklatſchen. „Das iſt Alles zum Lachen!“ „Alles zum Lachen!“ entgegnete der Schulmeiſter mit einer hohlen Stimme. „Halt' ſtill, Eule, ich muß Dir vollends erklären, wie ich zur Reue gekommen bin. „Dieſe Erzählung wird Dir, verſtocktes Herz, widerwärtig ſein, ſie wird Dir beweiſen, wie unbarmherzig ich in der Rache ſein werde, die ich im Namen unſerer Opfer an Dir üben will. „Aber ich muß mich beeilen — „Mein Blut hüpft vor Freude, Dich hier zu halten, — die Adern an meinen Schläſen klopfen, wie wenn nach vielem Nach⸗ denken über den Traum mein Verſtand ſich verwirrt, — vielleicht geſchieht mir etwas, — aber ich werde doch Zeit haben, Dir die Nähe des Todes ſchrecklich zu machen, wenn ich Dich zwinge, mich anzuhören —“ — „Mun, Eule,“ rief der kleine Lahme, „heraus mit der 287 Sprache! — Haſt Du Deine Rolle nicht gelernt? Sag' doch dem Teufel, daß er Dir ſoufflire, Alte —“ „Wenn Du auch zappelſt, um Dich ſchlägſt und beißeſt,“ fuhr der Schulmeiſter nach einer neuen Pauſe fort, — „Du ent⸗ gehſt mir nicht, — Du haſt mir die Finger zerbiſſen bis auf die Knochen, aber ich reiße Dir die Zunge aus, wenn Du Dich rührſt — „Laß uns weiter reden. „Als ich ſo allein war, immer allein in der Stille und im Dunkel, wandelte mich eine tolle — ohnmächtige Wuth an, und ich verlor zum erſten Mal den Kopf. — Ja, ob ich gleich wachte, ſo ſah ich doch den Traum wieder, — weißt Du? — den FTraum — „Den kleinen Alten in der Rue de Roule, — die erſäufte Frau, — den Viehhändler und Dich, Eule, die Du über dieſen Geſpenſtern ſchwebteſt. „Ich ſage Dir, es iſt grauenhaft. „Ich bin blind, und meine Gedanken nehmen eine Geſtalt, einen Körper an, um mir unabläſſig ſichtbar, faſt greifbar, die Züge meiner Opfer vorzuſtellen. „Wenn ich auch jenen ſchrecklichen Traum nicht geträumt hätte, mein Geiſt würde, fortwährend mit der Erinnerung an meine frühern Verbrechen beſchäftigt, durch dieſelben Viſtonen ge⸗ quält worden ſein. „Bisweilen, wenn ich dieſe Geſpenſter lange mit Ergebung und Grauen betrachtet habe, kommt es mir vor, als hätten ſie Mitleiden mit mir, — ſie erbleichen, ſie verſchwimmen und ver⸗ ſchwinden. Dann glaube ich aus einem ſchrecklichen Traume zu erwachen, aber ich fühle mich ſchwach, niedergedrückt, zermalmt und — wirſt Du es glauben? Oh, wie wirſt Du lachen, Eule, — 288 ich weine, hörſt Du? ich weine. — Du lachſt nicht? So lache doch — lache doch!“ Die Eule ächzte dumpf. — „Lauter!“ rief der kleine Lahme, — „man verſteht nichts. —“ „Ja,“ fuhr der Schulmeiſter fort, „ich weine, denn ich leide, und meine Wuth iſt vergeblich. Ich ſage zu mir: morgen, über⸗ morgen, immer wird mich dieſer Wahnſinn, dieſe grauenhafte Ver⸗ zweiflung martern — „Welches Leben! Ach, welches Leben! „Und ich habe nicht lieber den Tod gewählt, ſtatt mich leben⸗ dig in dieſer Tiefe begraben zu laſſen! „Blind, — einſam, — gefangen, was könnte mich vor der Reue retten? Nichts — nichts — „Wenn die Geſpenſter einen Augenblick aufhören, auf dem ſchwarzen Schleier, den ich vor Augen habe, hin und herzuziehen, foltern mich andre Qualen, — vernichtende Vergleiche. Ich ſage zu mir: Wenn ich ein ehrlicher Mann geblieben wäre, würde ich jetzt frei, ruhig, glücklich, von den Meinigen geliebt und geehrt, ſtatt uun blind und in dieſem Kerker gefeſſelt und meinen Mit⸗ ſchuldigen überlaſſen zu ſein. „Ach, die Sehnſucht nach dem Glücke, das man durch ein Verbrechen verlor, iſt der erſte Schritt zur Reue. „Und wenn ſich mit der Reue eine entſetzlich harte Buße ver⸗ bindet, eine Buße, welche das Leben in eine lange ſchlafloſe Nacht mit verzweiflungsvollen Gedanken und rächenden Viſionen verwan⸗ delt, — dann folgt vielleicht der Reue und der Buße die Verzei⸗ hung der Menſchen.“ — „Nimm Dich in Acht!“ rief der kleine Lahme, — „Du kommſt in eine andere Rolle! Bekannt! bekannt!“ 289 Der Schulmeiſter hörte nicht auf den Sohn Roth⸗Arms. „Du wunderſt Dich, Eule, mich ſo ſprechen zu hören? Wenn ich mich fortwährend durch andere blutige Schandthaten, oder durch die wüſte Trunkenheit des Bagno⸗Lebens fort und fort betäubt hätte, würde dieſe heilſame Umwandlung in mir nicht erfolgt ſein, ich weiß es wohl — „Aber woran ſoll ich denken, da ich allein bin, blind und ge⸗ foltert von der Gewiſſenspein, die ich ſehe? „An neue Verbrechen? „Wie fönnte ich ſie begehen? „An eine Flucht? „Wie wäre ſie möglich? „Und wenn ich entflöhe — wohin ſollte ich mich wenden, was mit meiner Freiheit beginnen? „Nein, ich muß von nun an in einer ewigen Nacht leben, zwiſchen der Qual der Reue und dem Grauen vor den fürchter⸗ § lichen Erſcheinungen, die mich verfolgen — „Bisweilen freilich glänzt — ein ſchwacher Strahl der Hoff⸗ nung in meine Nacht, bisweilen folgt ein Augenblick der Ruhe auf meine Leiden, — ja bisweilen gelingt es mir, die Geſpenſter, die mich quälen, zu beſchwören, wenn ich ihnen die Erinnerung an eine ehrliche, friedliche Vergangenheit vorhalte, wenn ich mich in Gedanken in die Zeit meiner erſten Jugend, meiner Kindheit zurückverſetze — „Zum Glück haben ſelbſt die größten Böſewichter wenigſtens einige Jahre des Friedens und der Unſchuld — ihren verbreche⸗ riſchen blutigen Jahren entgegenzuſetzen. „Man wird nicht ſchlecht geboren. „Die Verdorbenſten haben die liebenswürdige Unſchuld der Die Geheimniſſe von Paris. vl. 19 . 290 Kindheit gehabt, die ſanften Freuden jenes lieblichen Alters ge⸗ kannt. Und, ich wiederhole es Dir, bisweilen giebt es mir einen bittern Troſt, wenn ich zu mir ſaget jetzt flucht mir die ganze Welt, aber es gab eine Zeit, da man mich liebte, mich ſchätzte, weil ich ſchuldlos und gut war — „Ach! — ich muß mich wohl in die Vergangenheit flüchten, wenn ich es kann, denn nur dort finde ich einige Ruhe. —“ Der Ton des Schulmeiſters hatte bei dieſen letztern Worten die Rauhheit verloren; der unbändige Mann ſchien tief ergriffen zu ſein und ſetzte hinzu: „Siehſt Du, dieſe Gedanken haben einen ſo heilſamen Ein⸗ fluß, daß meine Wuth nachläßt, daß es mir an Muth, an Kraft und an dem Willen gebricht, Dich zu ſtrafen. — Nein, — es ſteht mir nicht zu, Blut zu vergießen —“ — „Bravo, Alter! Siehſt Du, Eule, es war eine Finte,“ rief der kleine Lahme mit Händeklatſchen. Nein, es ſteht mir nicht zu, Dein Blut zu vergießen,“ fuhr der Schulmeiſter fort; — „es wäre das ein Mord, — ein zu entſchuldigender vielleicht, aber doch immer ein Mord, — und ich habe an den drei Geſpenſtern ſchon genug. — Und, wer weiß? vielleicht fühlſt Du auch einſt noch Reue.“ Der Schulmeiſter hatte, während er ſo ſprach, der Eule un⸗ willkührlich größere Freiheit in der Bewegung gelaſſen. Sie benutzte dies, um den Dolch zu ergreifen, den ſie nach der Ermordung Sarahs in ihr Corſet geſteckt hatte, und dem Ban⸗ diten einen gewaltigen Stoß zu verſetzen, um ſich ganz von ihm frei zu machen. Er ſtieß einen gellenden Schmerzensſchrei aus. Die Glut ſeines Haſſes, ſeines Rachedurſtes, ſeiner Wuth, ſeines Blutdurſtes, die durch dieſen Angriff plötzlich geweckt und zum Aeußerſten geſteigert wurde, brach gräßlich aus, und ſein be⸗ reits erſchütterter Verſtand verließ ihn ganz und gar. „Ah, Schlange, — ich habe Deinen Zahn gefühlt!“ rief er mit einer Stimme, die vor Wuth zitterte und faßte mit Kraft die Eule, die ihm entſchlüpfen wollte; — „Du krochſt in dem Keller — he? Aber ich werde Dich zermalmen, Schlange vder Eule — Du warketeſt wohl auf das Erſcheinen der Geſpenſter, — ja, denn das Blut pocht an meinen Schläfen — es ſummt mir in den Ohren — Alles dreht ſich im Kreiſe — als wenn ſie kommen wollten. — Ja, — ich irre mich nicht — da ſind ſie. — Dort aus dem Dunkel kommen ſie hervor! — Wie ſie blaß ausſehen — und wie ihr Blut fließt — roth und rauchend! — Du furchteſt Dich — Du ſträubſt Dich. — Sei ruhig. — Du wirſt die Ge⸗ ſpenſter — nicht ſehen, wie — Du wirſt ſie nicht ſehen, — ich hale Erbarmen mit Dir, — ich werde Dich blind machen — Du ſollſt wie ich — ohne Augen ſein. —“ . Der Schulmeiſter machte eine Pauſe. Die Eule ſtieß einen ſo gräßlichen Schrei aus, daß der kleine Lahme entſetzt auf der ſteinernen Stufe aufſprang. Das entſetzliche Geſchrei der Eule ſchien die wahnſinnige Wuth des Schulmeiſters auf den höchſten Grad zu ſteigern. „Singe nur —“ ſagte er leite, — „ſinge nut, Eule, — ſinge Dein Todtenlied. — Du biſt glücklich, — Du ſiehſt die drei Geſpenſter — unſerer Ermordeten nicht mehr, — den Feinen Al⸗ ten in der Rue du Roule, — die erſäufte Frau, — den Vieh⸗ händler. — Aber ich, — ich ſehe ſie, — ſie kommen heran, — ſie greifen mich an! O — wie ſie kalt ſind!“ 19* 292 Der letzte Schein der Vernunft des Böſewichtes erloſch in dieſen Schrei des Entſetzens. Von nun an ſprach der Schulmeiſter nicht mehr; er rannte umher, er brüllte wie ein wildes Thier und gehorchte nur noch dem Inſtincte der Vernichtung. In dem Dunkel des Kellers geſchah etwas Entſetzliches. Man hörte ein raſches Stampfen mit den Füßen, das häufig durch ein dumpfes Geräuſch wie von einem Knochenkaſten unter⸗ brochen wurde, der von einem Steine zurückprallt, auf den man ihn zerſchmettern will. Gellende, krampfhafte Klagetöne ui ein teufliſches Lachen begleiteten jeden dieſer Schläge. Dann folgte ein — Todesröcheln. Und endlich hörte man gar nichts mehr, — nichts als das wüthende Stampfen, als die dumpfen Schläge, die noch immer fortgeſetzt wurden. Bald gelangte ein fernes Geräuſch von Tritten und Stimmen bis in die Tiefe des Kellers. Helles Licht gbänzte am Ende der Treppe, welche herabführte. Der kleine Lahme war vor Grauen über den Auftritt, dem er beigewohnt hatte, ohne ihn zu ſehen, wie erſtarrt und ſah meh⸗ rere Perſonen mit Lichtern raſch die Stufen herunterkommen. — Im nächſten Augenblicke war der Keller mit Sicherheitsdienern, Narciß Borel an der Spitze, und mit Municipalgardiſten an⸗ gefüllt. Der kleine Lahme wurde auf den erſten Stufen des Kellers ergriffen, wo er noch mit dem Körbchen der Eule in der Hand ſtand. 293 Narciß Borel ſtieg mit einigen der Seinigen in den Keller des Schulmeiſters hinunter. Alle wichen vor einem gräßlichen Anblicke zurück. Der Schulmeiſter, der mit dem Fuße an einen großen Stein mitten in ſeinem Kerker gefeſſelt war, lief, grauenvoll anzuſehen, mit ſtarrendem Haar, mit langem Barte, mit ſchäumendem Munde, mit blutbefleckten Lumpen bekleidet, wie ein wildes Thier in ſeinem Kerker umher und ſchleppte an beiden Füßen den Leichnam der Eule nach, deren Kopf entſetzlich zerſtümmelt, zerſchmettert, zer⸗ malmt war. Die blutigen Ueberreſte ſeiner Mitſchuldigen konnten ihm nur nach einem heftigen Kampfe entriſſen werden, und man mußte alle Kraft aufbieten, um ihn zu binden. Nach einem kräftigen Widerſtande gelang es, ihn in den nie⸗ drigen Saal des Wirthshauſes Roth⸗Arms zu bringen. Hier befanden ſich, an den Händen gefeſſelt und bewacht, Barbillon, Nicvlaus Martial, deſſen Mutter und Schweſter. Sie waren in dem Augenblick ergriffen worden, als ſie die Diamantenmäklerin fortſchleppten, um ſie zu ermorden. Dieſe erholte ſich allmälig in einem Nebenzimmer. Der Schulmeiſter, an dem Arme durch die Eule leicht ver⸗ wundet, lag auf dem Boden, wurde mit Mühe durch zwei Poli⸗ zeidiener gehalten und brüllte wie ein Stier, der erſchlagen wer⸗ den ſoll. Bisweilen ſchnellte er den ganzen Körper durch krampf⸗ hafte Anſtrengung empor. Barbillon ſaß mit geſenktem Kopfe, bleich, mit bläulichen Lippen und ſtierem Blicke auf einer Bank; ſein langes ſchlichtes ſchwarzes Haar fiel auf den Kragen ſeiner im Kampfe zerriſſenen blanen Blouſe; ſeine gefeſſelten Hände ruhten auf ſeinen Knien⸗ 294 Das jugendliche Ausſehen dieſes Böſewichts (er zählte kaum achtzehn Jahre) und die Regelmäßigkeit ſeines unbärtigen Geſich⸗ tes machten den häßlichen Eindruck noch beklagenswerther, der aus ſeinen von Ausſchweifung und Verbrechen gebrandmarkten Zügen ſprach. Er rührte ſich nicht und ſprach kein Wort. Es ließ ſich nicht erkennen, ob dieſe ſcheinbare Unempfind⸗ lichkeit die Folge des Entſetzens oder einer ruhigen Energie war; er athmete ſchnell, und von Zeit zu Zeit wiſchte er mit den bei⸗ den zuſammengefeſſelten Händen den Schweiß ab, der auf ſeiner bleichen Stirn ſtand. Neben ihm ſah man die Tochter der Wittwe; das Häubchen war ihr abgeriſſen; ihr röthliches, im Nacken zuſammengebundenes Haar hing in mehreren dünnen Flechten auf den Rücken hinab. Sie war mehr ergrimmt als niedergeſchlagen, ihre hagern, etwas ge⸗ bleichten Wangen hatten ſich leicht geröthet, und ſie betrachtete mit Verachtung die Niedergeſchlagenheit ihres Bruders Nicolaus, der auf einem Stuhle ihr gegenüberſaß. Dieſer Bandit, der vorausſah, welches ihn er⸗ wartete, war in ſich ſelbſt zuſammengeſunken und ließ den Kopf hängen; ſeine Kniee zitterten und ſchlugen aneinander, ſeine Zähne klapperten, und er ächzte dumpf. Nur die Mutter Martial, die Wittwe des Gerichteten, die an der Wand lehnte, hatte von ihrer Keckheit nichts verloren. Sie hielt den Kopf hoch und ſah ſich mit feſtem Blicke um; ihr ehernes Geſicht verrieth auch nicht die mindeſte Unruhe. Bei dem Anblicke Roth⸗Arms aber, den man in den niedri⸗ gen Saal zurückbrachte, nachdem er der ſorgfältigſten Durchſuchung des Hauſes durch den Polizeicommiſſar und deſſen Secxetair bei⸗ 295 gewohnt, verzerrten ſich die Züge der Wittwe unwillkührlich; ihre kleinen, gewöhnlich matten Augen fingen an zu leuchten und zu funkeln wie die einer wüthend gewerdenen Schlange, ihre zuſam⸗ mengebiſſenen Lippen wurden bleich, und ſie ſpannte die beiden ge⸗ bundenen Arme an. Aber gleich als bedauerte ſie dieſe ſtumme Aeußerung machtloſen Zornes und Haſſes, kämpfte ſie ihre Aufre⸗ gung nieder und wurde wieder eiskalt. Während der Commiſſar in Verbindung mit ſeinem Secre⸗ tair das Protveoll aufnahm, warf Nareiß Borel, indem er ſich die Hände rieb, einen wohlgefälligen Blick auf den wichtigen Fang, den er gethan hatte, und der Paris von einer Bande gefährlicher Verbrecher befreite, geſtand ſich aber auch, wie nützlich ihm Roth⸗ Arm dabei geweſen, und ſah dieſen deshalb dankend an. Der Vater des kleinen Lahmen mußte bis nach der gericht⸗ lichen Entſcheidung das Gefängniß und das Schickſal derer thei⸗ len, welche er verrathen hatte; er trug wie Dieſe Handſchellen, ſah noch zitternder und beſtürzter aus, verzerrte ſein Geſicht nach Kraͤften, um ihm einen recht verzweiflungsvollen Ausdruck zu ge⸗ ben, und ſeufzte jämmerlich. Er küßte den kleinen Lahmen, als ſuche er in dieſen väterlichen Liebkoſungen einigen Troſt. Der kleine Lahme zeigte ſich nicht eben empfänglich für dieſe Beweiſe von Zärtlichkeit, denn er hatte erfahren, daß er bis auf Weiteres in das Gefängniß der jungen Verbrecher gebracht wer⸗ den ſollte. „Welches Unglück, von meinem geliebten Sohn getrennt zu werden!“ rief Roth⸗Arm mit erheuchelter Rührung aus; „Wir ſind doch die beiden unglücklichſten, Mutter Martial, denn man trennt uns von unſern Kindern.“ Die Wittwe konnte ihre Kaltblütigkeit nicht länger behaup⸗ ten; ſie zweifelte an dem Verrath Roth⸗Arms nicht, den ſie ge⸗ ahnt hatte, und ſagte: „Ich wußte wohl, daß Du meinen Sohn in Toulon verkauſt hatteſt. — Da, Judas!“ — und ſie ſpuckte ihm in das Geſicht. — „Du verkaufſt uns, — nun meinetwegen! — Man wird ſehen, wie ächte Martials ſterben.“ „Ja, wir werden nicht zucken vor dem Henker,“ ſetzte die Tochter der Wittwe in wilder Aufregung hinzu Die Wittwe deutete dann mit einem Blicke der Verachtung auf Nicolaus und ſagte zu ihrer Tochter: „Dieſer Feigling wird uns auf dem Schafft noch Schande machen.“ Einige Augenblicke nachher ſtieg die Wittwe mit ihrer Toch⸗ ter, begleitet von zwei Polizeidienern, in einen Fiacre, um ſich nach St. Lazarus zu begeben. Barbillon, Nicolaus und Roth-Arm wurden nach La Force gebracht, der Schulmeiſter dagegen in die Conciergerie, wo ſich Zellen zur proviſoriſchen Aufnahme von Wahnſinnigen befinden. CXXIII. Die Vorstellung. SHue Tage nach der Ermordung der Madame Seraphin, dem Tode der Eule und der bei Roth⸗Arm überraſchten Uebel⸗ thäterbande begab ſich Rudolph in das Haus in der Rue du Temple. Rudolph hatte, wie wir wiſſen, weil er der Liſt des Jacob Ferrand Liſt gegenüberſetzen, die geheimen Verbrechen deſſelben ent⸗ vecken, ihn zur Wiedergutmachung zwingen und ihn ſchrecklich ſtra⸗ fen wollte, wenn es durch Klugheit und Heuchklei dem Elenden gelingen ſollte, ſich der Rache der Geſetze zu entziehen, aus einem Gefängniſſe in Deutſchland eine Creolin, die unwürdige Frau des Negers David, kommen laſſen. Dieſe Frau, eben ſo ſchön wie ſchlecht, eben ſo reizend wie gefährlich, war am Tage vorher angekommen und hatte detaillirte Inſtructionen von dem Baron Graun erhalten. 4 Aus der letzten Beſprechung Rudolphs mit der Frau Pipelt hat man geſehen, daß dieſe die Cecily der Madame Seraphin als Nachfolgerin der Louiſe Morel, als Magd des Notars, vorge⸗ . „ ſchlagen und die Haushälterin verſprochen hatte, mit Jacoh Fer⸗ rand darüber zu ſprechen, was ſie denn auch in der für Cerily günſtigſten Weiſe an dem Morgen des Tages gethan hatte, an welchem ſie (Madame Seraphin) an der Inſel des Ausſuchers er⸗ ſäuft worden war. Rudolph kam alſo, um ſich nach dem Reſultate der Empfeh⸗ lung zu erkundigen. Zu ſeinem großen Erſtaunen ſah er bei ſeinem Eintritt in die Portierswohnung, ob es gleich bereits elf Uhr war, Herrn Pipe⸗ let im Bette liegen, Anaſtaſia aber an demſelben ſtehen und ihm einen Trank reichen. Da Alfred, deſſen Stirn und Augen unter einer großen Schlaf⸗ mütze verſchwanden, ſeiner Anaſtaſia nicht antwortete, ſo ſchloß dieſe, daß er ſchlafe, und zog die Bettvorhänge zuſammen. Als ſie ſich umkehrte, erblickte ſie Rudolph, und alsbald legte ſie, wie ein Soldat, die linfe Hand an ihre Perücke. „Ihre Dienerin, mein Miether-König! Sie ſehen mich in der ſchrecklichſten Beſtürzung und Verzweiflung. Es ſind ſchreck⸗ liche Dinge im Hauſe vorgegangen, und nun liegt auch Alfred ſeit geſtern im Bett.“ „Was fehlt ihm?“ „Kann das eine Frage ſein?“ „Warum nicht?“ „Immer das alte Lied. Der Unmenſch ereifert ſich mehr und mehr gegen Alfred und wird ihn noch unter die Erde bringen; ich weiß nicht mehr, was ich anfangen ſoll.“ „Wieder Cabrion?“ „Wieder.“ „Iſt er des Teufels?“ ——— —— — 299 „Ich glaube nun vald, daß er der Teufel ſelber iſt, Herr Ru⸗ volph, denn er erräth immer die Zeit, wann ich ausgegangen bin. Kaum habe ich den Rücken gewendet, — ſo ſitzt er meinem lieben Alten auf dem Nacken, und der kann ſich nicht mehr wehren als ein Kind. Noch geſtern, als ich zu dem Notar ging —“ „Und Cecily?“ fragte Rudolph begierig; „ich kam eben, um zu erfahren —“ „Sachte, mein beſter Herr, verwirren Sie mich nicht, — ich habe Ihnen ſo viel zu erzählen, daß ich in Confuſion gerathe, wenn ſie mich irre machen —“ „Nun, — ich werde ganz ruhig zuhören —“ „Zuerſt von dem Hauſe hier. Denken Sie, geſtern hat man die Mutter Burette verhaftet —“ „Die Frau im zweiten Stock, welche auf Pfänder lieh?“ „Mein Gott, ja; ſie ſcheint außer dem Leihgeſchäfte noch einige andere betrieben zu haben; ſie war Hehlerin, Diebin, ſchmolz geſtohlenes Gold und Silber ein, und was das Schlimmſte iſt, ihr alter Liebhaber, Herr Roth⸗Arm, der das Haus im Ganzen gemiethet und wieder vermiethet hat, iſt ebenfalls verhaftet —“ „Roth⸗Arm auch verhaftet?“ „Ja, in ſeinem Wirthshauſe in den elyſäiſchen Feldern; ſelbſt ſeinen Sohn, den boshaften kleinen Lahmen, hat man mit einge⸗ ſteckt. Es ſollen bei ihm, wie man ſagt, eine Menge Mordthaten vorgekommen ſein; auch wäre bei ihm, wie man ſagt, eine Bande Böſewichter zuſammengekommen. Die Eule, eine Freundin der Mutter Burette, ſoll erwürgt ſein, und wenn man nicht zu rechter Zeit gekommen wäre, würden ſie Madame Mathien, die Diaman⸗ tenmäklerin, ermordet haben, welche dem armen Morel Arbeit gab. Sind das nicht Neuigkeiten?“ 300 „Roth⸗Arm verhaftet! Die Eule todt!“ dachte Rudolph ver⸗ wundert bei ſich. „Die ſchreckliche Alte hat ihr Schickſal verdient; ſo iſt wenigſtens die arme Marien⸗Blume gerächt.“ „Das war hier, — ungerechnet die neue Schändlichkeit Ca⸗ brions. Sie ſollen gleich erfahren, welche Frechheit dieſer Menſch beſitzt. Als man die Mutter Burette verhaftete und als wir er⸗ fuhren, daß auch Roth⸗Arm eingeſteckt ſei, ſagte ich zu meinem Alten: Du mußt gleich zu dem Beſitzer des Hauſes laufen und ihm ſagen, daß Roth⸗Arm eingeſteckt iſt. Alfred machte ſich auf den Weg, und nach zehn Minuten kam er zurück, aber in einem Zuſtande, — einem Zuſtande, weiß wie ein Stück Wäſche und feuchend wie ein Ochs —“ „Was war geſchehen?“ „Sie werden es gleich erfahren, Herr Rudolph. Denken Sie ſich, zehn Schritte von hier iſt eine große weiße Mauer; mein Al⸗ ter ſieht, wie er aus dem Hauſe tritt, zufällig auf dieſe Wand, und was ſieht er da mit Kohle in großen Buchſtaben angeſchrie⸗ ben? „Pipelet — Cabrion,“ dieſe beiden Namen durch einen dik⸗ ken Bindeſtrich verbunden. Meinem Alten wird es ſchon ſchlimm; was ſieht er aber zehn Schritte weiter auf dem großen Thore des Temple? Wieder „Pipelet — Cabrion“ mit einem Bindeſtriche. Er geht weiter, und bei jedem Schritte, Herr Rudolph, ſieht er dieſe verwünſchten Namen auf den Mauern der Häuſer, auf den Thüren, überall „Pipelet — Cabrion.“ Meinem Alten fing es an grün und gelb vor den Augen zu werden; es war ihm, als ſähen ihn alle Vorübergehenden an, und er drückte den Hut tiefer herein, ſo ſchämte er ſich. Längs der Boulevards, an jedem Orte, wo etwas hingeſchrieben werden konnte, ſtand „Pipelet — Ca⸗ brion!“ Endlich kam der arme Mann ſo beſtürzt bei dem Hans⸗ 6 . 301 beſitzer an, daß dieſer nicht verſtand, was Alfred ihm vorſagte; er ſchickte ihn deshalb fort, nannte ihn einen alten Dummkopf und trug ihm auf, mich zu ihm zu ſchicken. Gut! Alfred ſchlug einen andern Weg ein, um die Namen nicht zu ſehen, die überall an⸗ geſchrieben waren, aber —“ 2 „Auch da „Pipelet — Cabrion“?“ „Wie Sie ſagen, mein beſter Herr, ſo daß mein Alter ganz außer ſich nach Hauſe kam und auswandern wollte. Er erzählte mir die Geſchichte, ich beruhigte ihn ſo gut ich konnte und ging mit Mademviſelle Cecily, um ſie erſt zu dem Notar zu bringen, ehe ich zu dem Hausbeſitzer ginge. Sie glauben nun, das ſei Alles? Gott behüte! Kaum hatte ich den Rücken gewendet, ſo hatte der Cabrion, der mein Fortgehen erlauert, die Frechheit, zwei Mädchen zu Alfred zu ſchicken. Sehen Sie, die Haare ſtehen mir zu Berge, — ich will Ihnen aber das ſpäter erzählen; erſt von dem Notar. „Ich fahre alſo mit Mademviſelle Cecily im Fiaere fort, wie Sie es mir anempfohlen hatten. — Sie trug ihren hübſchen deut⸗ ſchen Landmädchen-Anzug, weil ſie, wie ich Herrn Ferrand ſagen ſollte, eben angekommen ſei und keine Zeit gehabt habe, ſich einen andern machen zu laſſen. „Sie mögen mir glanben, wenn Sie wollen, beſter Herr, ich habe viel und hübſche Mädchen geſehen, ich habe mich ſelbſt in meiner Frühlingszeit geſehen, aber niemals ein Mädchen, das ſich mit Cecily hätte meſſen können. — Sie hat beſonders in ihren großen ſchwarzen Augen — ein Etwas, — ein Etwas, — man weiß nicht, was es iſt, aber es iſt etwas, das gleich auffällt — Welche Augen! „Sehen Sie, Alfred iſt nicht von der Art, aber als er ſie ————————— — —— — ———— 302 das erſte Mal ſah, wurde er roth wie ein geſottener Krebs, und um Alles in der Welt hätte er das Mädchen nicht noch einmal anſehen mögen; eine Stunde lang rutſchte er auf ſeinem Schemel hin und her, als ſäße er auf Brennneſſeln. Später ſagte er zu mir, er wiſſe nicht, wie es zugehe, aber der Blick Cecilys habe ihn an alle Geſchichten des ſchamloſen Bradamanti von den Wil⸗ dinnen erinnert, über die der keuſche Alfred ſo oft roth gewor⸗ den iſt —“ „Und der Notar? der Notar?“ „Gleich, Herr Rudolph. Es war etwa ſieben Uhr Abends, als wir bei Herrn Ferrand ankamen; ich ſagte dem Portier, er möge ſeinem Herrn melden, Madame Pipelet ſei da mit dem Mäd⸗ chen, von dem Madame Seraphin ſchon mit ihm geſprochen. Der Portier ſtutzte und fragte mich, ob ich wiſſe, was der Madame Seraphin widerfahren ſei; ich antwortete, daß ich es nicht wüßte. Ach, Herr Rudölph, das iſt wieder eine ſchreckliche Geſchichte.“ „Was?“ „Die Seraphin iſt bei einer Landpartie ertrunken, die ſie mit einer ihrer Verwandten machte —“ „Ertrunken? — Eine Landpartie im Winter?“ fragte Ru⸗ dolph verwundert. „Mein Gott, ja, Herr Rudolph, ertrunken. — Mich wundert es mehr, als es mich betrübt, denn ſeit dem Unglücke der armen Loniſe haßte ich die Seraphin, die ſie angezeigt hatte.“ „Und Ferrand?“ „Der Portier ſagte zuerſt, er glaube nicht, daß ich ſeinen Herrn würde ſprechen können, und bat mich, in ſeiner Stube zu warten; ſehr bald kam er aber wieder, um mich zu holen. Wir gingen über den Hof und traten in ein Zimmer im Parterre. 303 „Es brannte nur ein einziges ſchlechtes Talglicht. Der No⸗ tar ſaß an der Ecke des Kamins, in welchem ein Holzreſt rauchte. — Ich hatte Herrn Ferrand nie geſehen. Guter Gott, wie häß⸗ lich! Das iſt auch Einer von denen, die mir den Thron von Arabien anbieten könnten, meinem Alfred einen Streich zu ſpie⸗ len —“ „Schien die Schönheit Cecilys dem Notar aufzufallen?“ „Kann man ihm das bei ſeiner grünen Brille anſehen? Ein ſolcher frommer Betbruder kann ſich auf Frauenzimmer nicht verſte⸗ hen. Als wir beide eintraten, ſprang er, wie erſchrocken, von ſei⸗ nem Stuhle auf, wahrſcheinlich vor Erſtaunen über den elſäſſiſchen Anzug Cecilys, denn ſie ſah neunhundert Milliarden mal beſſer aus, als die Müllerinnen und Gärtnerinnen in den Ballets mit den kurzen Röckchen und den hübſchen Beinen in den blauen Strüm⸗ pfen mit rothen Zwickeln. Sapperment! Welche Waden! Und die Knöchel! Und die Füßchen! Kurz der Notar ſchien bei ihrem An⸗ blicke ganz verblüfft zu ſein.“ F „Wahrſcheinlich fiel ihm die ungewöhnliche Tracht Cecilys auf.“ „Man muß das glauben, — aber nun kam das Häkliche. Zum Glück erinnerte ich mich des Spruchs, den Sie mir geſagt hatten, Herr Rudolph, und das war mein Gruß —“ „Welches Spruchs?“ „Sie wiſſen ſchon: es genügt, daß Einer will, damit der Andre nicht will, oder daß Einer nicht will, damit der Andre will. Ich dachte alſo bei mir: Ich muß meinem beſten Miethsmann ſeine Deutſche vom Halſe ſchaffen; nur keck zu! So ſagte ich denn zu dem Notar, ohne ihm Zeit zum Nachdenken zu laſſen: „Verzeihen Sie, Herr, daß meine Richte nach der Mode ihrer 304 „Heimath gekleidet erſcheint; aber ſie iſt eben erſt angekommen, „hat nur dieſen Anzug, und ich kann ihr keinen andern machen „laſſen, auch würde es ſich nicht der Mühe lohnen, denn wir kom⸗ „men blos, um Ihnen dafür zu danken, daß Sie Madame Sera⸗ „phin ſagten, Sie wollten, nach den guten Zeugniſſen, die ich ihr „gegeben, die Ceeily ſehen, aber ich glaube kaum, daß ſie Ihnen „gefallen wird —“ — „Sehr gut, Madame Pipelet.“ „Warum ſollte mir Ihre Nichte nicht gefallen?“ antwortete der Notar, der ſich wieder geſetzt hatte und uns über ſeine Bril⸗ lengläſer hinweg anzuſehen ſchien. „Weil ſich bei der Cecily ſchon das Heimweh einſtellt. Sie „iſt erſt drei Tage hier und will ſchon wieder fort, müßte ſie auch „unterwegs betteln und kleine Beſen verkaufen wie ihre Lands⸗ „männinnen.“ „Sie ſind ihre Tante,“ ſagte Ferrand zu mir, „und wollten das zugeben?“ „Ich bin freilich ihre Tante, aber ſie iſt eine Waiſe, zwanzig „Jahre alt und kann thun, was ſie will.“ „Bah! Thun, was ſie will? In ihrem Alter muß man den „Verwandten gehorchen!“ antwortete er barſch. „Cecily ſing darüber an zu weinen und zu zittern und ſchmiegte ſich an mich an; ſie fürchtete ſich gewiß vor dem Notar. — „Und Jacob Ferrand?“ „Er brummte vor ſich hin: „Ein Mädchen in dieſem Alter ſich „ſelbſt überlaſſen, heißt ſie ins Unglück ſtürzen. Bettelnd nach Dentſch⸗ „land zurückkehren! Und Sie, ihre Tante, wollten ein ſolches Be⸗ „nehmen zugeben?“ „Schon gut,“ dachte ich, „Du kommſt ſchon allein, alter 305 Brimmbär; ich ſchwatze Dit die Cecily auf odet will nicht Anaſtaſia heißen.“ „Freilich bin ich ihre Tante,“ ſagte ich alſo, „aber es iſt „eine unglückliche Verwandtſchaft; es liegt mir ſo ſchon genug auf „dem Halſe; ich laſſe die Nichte alſo lieber gehn, als ich ſie hier⸗ „bleiben ſehe. Hol' der Guckuck die Verwandten, die einem ein „ſolches erwachſenes Mädchen ſo mir nichts dir nichts zuſchicken!“ „Cecily, die etwas ſagen zu wollen ſchien, weinte laut, der Notar nahm einen Predigerton an und ſagte: „Sie ſind Gott Rechen⸗ „ſchaſt ſchuldig für das Anvertraute, welches die Vorſehung in „Ihre Hände legte; es wäre ein Verbrechen, dieſes junge Mädchen „dem Verderben auszuſetzen — Ich will Sie alſo bei einer mild⸗ „thaͤtigen Handlung unterſtützen, wenn Ihre Nichte mir verſpricht, „arbeitſam, brav und fromm zu ſein, vor allen Dingen aber nie⸗ „mals, niemals mein Haus zu verlaſſen; ich will Mitleid mit „ihr haben und ſie in meinem Dienſte behalten.“ „Nein, ich will lieber wieder nach Hauſe gehen,“ antwortete Cecily zitternd. „Das teufliſche Weib hat, wie ich ſehe,“ dachte Rudolph, „die Befehle des Baron Graun vollkommen verſtanden.“ Dann ſetzte der Fürſt laut hinzu: „Schien das Widerſtreben Cecilys dem Notar unangenehm zu ſein?“ „Ja, Herr Rudolph, er murmelte zwiſchen den Zähnen und ſagte dann barſch zu ihr: „Es kommt nicht darauf an, was Sie lieber wollten, Mam⸗ „ſell, ſondern auf das, was ſich ſchickt und ziemt; der Himmel „wird Sie nicht verlaſſen, wenn Sie ſich gut betragen und ihre reli⸗ giöſen Pflichten erfüllen. Sie werden hier in einem eben ſo ſit⸗ Die Geheimniſſe von Paris. vr. 20 „tenſtrengen wie frommen Hauſe ſein; liebt Ihre Tante Sie wirk⸗ „lich, ſo wird ſie mein Anerbieten annehmen. — Im Anfange „werden Sie keinen hohen Lohn erhalten, durch Eifer und gutes „Betragen aber mehr verdienen, und ſpäter erhöhe ich ihn viel⸗ „leicht.“ „Gut!“ dachte ich bei mir; „der iſt breitgeſchlagen! Dir al⸗ tem herzloſen Geizhals und Betbruder habe ich die Cerily aufge⸗ ſchwatzt. — Die Seraphin war Jahre lang in Deinem Dienſte, und Du ſiehſt mir gar nicht darnach aus, als dächteſt Du daran, daß ſie geſtern ertrunken iſt.“ Daunn ſetzte ich laut hinzu: „Die Stelle iſt gewiß eine ſehr vortheilhafte, aber wenn das „Mädchen das Heimweh hat —“ „Das wird vergehen,“ antwortete mir der Notar; „entſchlie⸗ „ßen Sie ſich, — ja oder nein? — Wenn Sie einwilligen, ſo „bringen Sie morgen Abend um dieſelbe Zeit Ihre Nichte zu mir, „ſie kann ſogleich antreten; mein Portier wird ihr das Nöthige „ſagen. — Was den Lohn betrifft, ſo gebe ich ihr für den An⸗ „fang zwanzig Francs monatlich und Koſt —“ „Fünf Franes werden Sie aber gewiß noch zulegen, Herr „Notar.“ „Nein, ſpäter, — wenn ich mit ihr zufrieden bin, werden „wir ſehen —. Aber ich muß wiederholen, daß Ihre Nichte nie⸗ „mals ausgehen und daß ſie keinen Beſuch annehmen darf —“ „Du lieber Gott, wer ſoll ſie denn beſuchen? Sie kennt au⸗ „ßer mir keinen Menſchen in Paris, und ich habe zu Hauſe zu „ſchaffen; es hat mich geſtört genug, ſie nur hierher zu begleiten. „— Sie werden mich nicht wiederſehen, und ſie wird mir ſo fremd „ſein, als wäre ſie nie aus ihrer Heimath hergekommen. Wenn „Sie wollen, daß ſie nicht ausgehen ſoll, da haben Sie ein ſehr 307 „einfaches Mittel in der Hand; laſſen Sie ihr ihren jetzigen „Anzug, und ſie wird ſich in demſelben nicht auf die Straße „wagen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte der Notar zu mir; „übrigens iſt es „auch ehrenwerth, an der Tracht ſeines Vaterlandes feſtzuhalten. — Sie wird alſo ihren jetzigen Anzug tragen.“ „Nun,“ ſagte ich zu Cecily, die den Kopf hing und noch im⸗ „mer weinte, „entſchließe Dich, meine Tochter; ein guter Dienſt „in einem angeſehenen Hauſe findet ſich nicht alle Tage; weigerſt „Du Dich, ſo mach' was Du willſt, ich küͤmmere mich um nichts „mehr.“ 5 . „Cecily antwortete darauf ſeufzend und mit ſchwerem Herzen: „ſie wolle bleiben, aber unter der Bedingung, daß ſie gehen „dürfe, wenn ſie nach vierzehn Tagen das Heimweh gar zu ſehr „plage.“ „Mit Gewalt will ich Sie nicht halten,“ ſagte der Notar, „und es wird mir nicht ſchwer, ein Dienſtmädchen zu finden. — „Da iſt das Miethgeld; Ihre Tante wird Sie morgen Abend „hierherbringen.“ „Cecily hatte nicht aufgehört zu weinen. — Ich nahm in ihrem Namen das lumpige Miethgeld des alten Knickers, und wir gingen wieder.“ „Sehr gut, Madame Pipelet; ich vergeſſe auch mein Ver⸗ ſprechen nicht. Da iſt, was ich Ihnen verſprochen habe, wenn Sie das arme Mädchen, das mir zur Laſt liegt, unterbringen würden.“ * „Warten Sie bis morgen, mein beſter Miethsmann,“ antwor⸗ tete Madame Pipelet, indem ſie das Geld Rudolphs zurückwies; —˖˖̃ — 308 „denn Herr Ferrand kann ſich anders beſonnen haben, wenn ich heute Abend mit Cecily zu ihm komme.“ „Ich glaube nicht, daß er ſich anders beſinnt; aber wo iſt ſie?“ „In dem Zimmerchen neben der Wohnung des Commandan⸗ ten; ſie rührt ſich nicht, wie Sie befohlen haben; ſie ſieht ergeben aus wie ein Lamm, ob ſie gleich Augen hat wie . . — Ah, welche Augen! — Aber bei dem Commandanten fällt mir ein, — als er ſelbſt hier war, um bei dem Einpacken ſeiner Meubles die Aufſicht zu führen, ſagte er, wenn Briefe an eine Madame Vincent kä⸗ men, die wären für ihn und ich möchte ſie Nr. 5. Straße Mon⸗ dovi ſchicken. Der Zeiſig läßt ſich unter einem Frauennamen ſchreiben! Aber das iſt nicht Alles; denken Sie ſich, der Menſch hatte die Unverſchämtheit, mich zu fragen, was aus ſeinem Holze geworden ſei. „Ihr Holz! — Warum nicht gleich lieber Ihr Wald?“ antwortete ich ihm. „Zwei ſchlechte Klaftern, — eine Flößholz, nur die andere friſch. — Ihr Holz? Ihr Bolz habe ich verbrannt,“ ſagte ich, „damit Ihre Meubles nicht beſchlagen möch⸗ ten; es iſt ſo feucht hier; es würden Pilze auf Ihrem geſtickten Käppchen und in Ihrem Schlafrocke gewachſen ſein, den Sie ſo oft vergebens anzogen, weil — das Dämchen Sie immer zum Nar⸗ ren hatte.“ Ein dumpfes klägliches Aechzen Alfreds unterbrach die Frau Pipelet. „Der Alte orwacht. — Erlauben Sie, mein beſter Mieths⸗ mann?“ „Gewiß; — übrigens habe ich Sie noch über Einiges zu fragen.“ — — 309 „Nun, lieber Alter, wie geht Dirs?“ fragte die Frau Pipe⸗ let ihren Mann, indem ſie die Bettvorhänge auseinander ſchob. „Herr Rudolph iſt da, er kennt die neue Schändlichkeit Cabrions und beklagt Dich von ganzem Herzen.“ „Ach, Herr,“ ſagte Alfred, indem er matt das Geſicht gegen Rudolph richtete, — „diesmal werde ich nicht wieder aufſſtehen, — das Ungehener hat mich in's Herz getroffen. — Mein Name ſteht auf allen Wänden von Paris vereint mit dem Namen jenes Elenden, Pipelet — Cabrion, mit einem ungeheuren Binde⸗ ſtriche; Herr, mit einem Bindeſtriche! Ach, verbunden in den Augen der Hauptſtadt Europas mit jenem Böſewichte!“ „Herr Rudolph weiß das, — aber noch weiß er Dein geſtri⸗ ges Abenteuer mit den Mädchen nicht.“ „Ach, Herr Rudolph, ſeine ſchändlichſte Niederträchtigkeit hatte er bis jetzt aufgeſpart, und dieſe überſtieg alle Schranken,“ ſprach Alfred mit klagender Stimme. „Erzählen Sie mir dieſes neue Unglück, werther Herr Pipelet.“ „Alles, was er bis jetzt gethan hat, iſt nichts gegen dies — und er hat ſein Ziel erreicht — durch die ſchmachvollſten Mittel. — Ich weiß nicht, ob ich die Kraft zu dieſer Erzählung haben werde, — vie Verlegenheit, die Scham werden mich immer hindern.“ Pipelet ſetzte ſich mit Mühe und Anſtrengung auf, knöpfte verſchämt und zuchtig ſein wollenes Jäckchen zu und begann alſo; „Meine Gattin war ausgegangen; in der tiefſten Trauer über die neue Proſtitution meines Namens, der an allen Wänden der Hauptſtadt zu leſen iſt, ſuchte ich mich zu zerſtreuen, indem ich 310 mich bemühte, einen alten Stiefer zu beſohlen, den ich ſchon zwan⸗ zig Mal in die Hand genommen und wieder weggelegt hatte. Ich ſaß da vor einem Tiſche, als ich die Thür aufgehen und ein Frauenzimmer eintreten ſah. „Dieſes Frauenzimmer war in einen Mantel mit Capuchon gehüllt. Ich ſtand höflich von meinem Schemel auf und legte die Hand an den Hut. In dieſem Augenblicke trat ein zweites Frauen⸗ zimmer ebenfalls in einem Mantel mit Capuchon herein und rie⸗ gelte die Thür von innen zu. „Ich wunderte mich freilich über dieſes vertrauliche Weſen und über das hartnaͤckige Stillſchweigen der beiden Frauenzimmer, ſtand aber doch noch einmal von meinem Stuhle auf und legte die Hand an den Hut. Da, Herr, — aber nein, nein, ich werde es nicht über die Lippen bringen können, — mein Schamgefühl empört ſich —“ „Nun, blöder Alter, wir ſind ja unter uns, immer erzähle!“ Da,“ fuhr Alfred fort, und Schamröthe bedeckte ſein Ge⸗ ſicht, — „da fielen die Mäntel und — was ſah ich? Zwei Sire⸗ nen oder Nymphen ohne alle Bekleidung bis auf ein kurzes durch⸗ ſichtiges Gewand. — Ich war verſteinert. — Beide kamen auf mich zu —, ſtreckten mir die Arme entgegen, als wollten ſie mich auffordern, hinein zu ſinken *) —“ „Die Spitzbübinnen —“ „Dieſe Lockungen der Schamlvoſen h mich,“ fuhr Al⸗ fred in keuſchem Unwillen fort, „und ich blieb nach meiner Gewohn⸗ *) Zwei Tänzerinnen, Freundinnen Cabrions, in Tricot und Ballet⸗Anzug. 311 heit, die mich auch in den kritiſcheſten Augenblicken meines Lebens nicht verläßt, völlig unbeweglich auf meinem Schemel ſitzen. — Die beiden Sirenen benutzten mein Staunen, kamen in einem ge⸗ wiſſen Tacte näher heran und balancirten t und Beine. — Ich wurde immer unbeweglicher, — ſie erreichten, ſie umfaßten mich — „Einen verheiratheten Mann zu umarmen, die Frechen! Na, wäre ich nur da geweſen — mit meinem Beſenſtiele,“ fiel Ana⸗ ſtaſia ein, — „ich hätte ihnen aufſpielen wollen zum Tanze!“ „Als ich mich umſchlungen fühlte,“ fuhr Alfred fort, „war es mir, als müſſe mich der Schlag rühren. Da neigte ſich eine der Sirenen, die ſchamloſeſte, eine große Blondine, über meine Achſel, nahm mir meinen Hut, entblößte ſo mein Haupt, — im⸗ mer im Tact, immer mit Beinſchwenkungen. — Dann brachte ihre Begleiterin eine Scheere zum Vorſchein, nahm Alles, was mir von Haaren hinten am Kopfe geblieben war, in einen großen Büſchel zuſammen und ſchnitt mir alles ab, alles, — immer mit Beinſchwenkungen, wobei ſie ſang: „Es iſt für Cabrion“, während das andere freche Mädchen wie im Chore wiederholte: „Es iſt für Cabrion, — es iſt für Cabrion!“ Nach einer Pauſe und einem ſchmerzlichen Seuſzer fuhr Al⸗ fred fort: „Während dieſer unanſtändigen Beraubung ſchlug ich die Au⸗ gen empor und erblickte an dem Fenſter der Stube das teufliſche Geſicht Cabrions mit ſeinem Barte und dem ſpitzen Hute; er lachte, er lachte, — entſetzlich! Um dieſem häßlichen Anblicke zu entgehen, ſchloß ich die Augen. Als ich ſie wieder öffnete, war alles verſchwunden, — ich ſaß da auf meinem Schemel, mit kah⸗ 312 lem Schädel, völlig beraubt. — Sie ſehen, mein Herr, Cabrion hat durch Liſt, Hartnäckigkeit und Kühnheit ſein Ziel erreicht, — aber durch welche Mittel, du lieber Gott! — Er wollte mich für ſeinen Freund gelten laſſen und ſchlug zuerſt hier an, daß wir eine freundſchaftliche Verbindung geſchloſſen hätten. Damit war er aber nicht zufrieden, — in dieſem Augenblicke iſt mein Name auf allen Mauern der Hauptſtadt neben dem ſeinigen, mit ihm durch einen ungeheuern Bindeſtrich verbunden, zu leſen! Kein Menſch in Paris zweifelt in dieſem Augenblicke an meiner Freund⸗ ſchaft für dieſen Elenden; er wollte mein Haar und — er hat es, er hat es ganz, durch die Verbindung mit den ſchamloſen Sire⸗ nen. Jetzt, das ſehen Sie ſelbſt ein, bleibt mir nichts übrig, als Frankreich, mein ſchönes Frankreich zu verlaſſen, wo ich leben und ſterben zu können hoffte.“ Und Alfred ſank mit gefaltenen Händen auf ſein Lager zurück. „Im Gegentheil, lieber Alter, jetzt wird er Dich in Ruhe laſſen, da er Dein Haar hat —“ „Mich in Ruhe laſſen!“ rief Herr Pipelet aus, indem er ſich raſch wieder aufſetzte; „Du kennſt ihn nicht, — er iſt — Wer weiß, was er jetzt von mir verlangen wird?“ Lachtaube, die in der Thür erſchien, machte den Klagen des Herrn Pipelet ein Ende. „Kommen Sie nicht herein, Mamſell,“ rief Pipelet, ſeinen Anſichten von Keuſchheit treu; „ich liege im Bette.“ Während er dies ſagte, zog er die Bettdecke bis an das Kinn empor, und Lachtaube blieb beſcheiden in der Thür ſtehen. „Ich wollte eben zu Ihnen kommen, liebe Nachbarin,“ ſagte Rudolph. „Warten Sie nur einen Augenblick.“ Dann wendete 313 * er ſich an Anaſtaſta und ſagte: „Vergeſſen Sie nicht, Cecily heute Abend zu dem Herrn Ferrand zu bringen.“ „Ganz ruhig, mein beſter Abmiether, um ſieben Uhr iſt ſie an Ort und Stelle. Da die Madame Mvorel jetzt gehen kann, werde ich ſie bitten, hier in der Stube zu bleiben, da ich um kei⸗ nen Preis Alfred allein laſſen kann.“ cxxV. Nachbar und Uachbarin. S ie Roſen auf den Wangen der Lachtaube erbleichten mehr und mehr; ihr reizendes, ſonſt ſo friſches, ſo rundes Geſicht wurde allmälig länglich; der ſonſt ſo heitere, lebensluſtige Ausdruck war noch ernſter und trauriger geworden, wie bei dem letzten Zuſam⸗ mentreffen der Griſette und Marien-Blume vor dem Gefängniſſe St. Lazarus. „Wie freue ich mich, Sie zu ſehen, Herr Nachbar!“ ſagte Lachtaube zu Rudolph, als dieſer aus der Wohnung Pipelets her⸗ ausgetreten war. — „Ich habe Ihnen Vieles zu erzählen; kommen Sie —“ „Zuerſt, liebe Nachbarin, wie befinden Sie ſich? — Iſt das hübſche Geſichtchen noch immer ſo blühend und heiter? Ah, nein! ich finde Sie blaß — Sie arbeiten gewiß zu viel —“ „Ach, nein, Herr Rudolph, ich verſichere, daß ich jetzt an die geringe Mehrarbeit ſchon ganz gewöhnt bin. — Mich verändert nichts als der Gram. — Du lieber Gott! Je öfter ich den armen Germain ſehe, um ſo trauriger werde ich.“ —— 315 „Er iſt alſo niedergeſchlagen und muthlos?“ „Mehr als je, Herr Rudolph, und leider fällt Alles, was ich thue, um ihn zu troſten, gegen meinen Wunſch aus; ich habe gro⸗ ßes Unglück darin,“ — und eine Thräne verſchleierte die großen ſchwarzen Aungen des Mädchens. „Erklären Sie mir dies, Nachbarin.“ „Geſtern zum Beiſpiel beſuchte ich ihn, um ihm ein Buch zu bringen, um das er mich gebeten hatte, weil es ein Roman war, den wir während der Zeit unſerer Nachbarſchaft miteinander gele⸗ ſen hatten. Bei dem Anblicke des Buches traten ihm die Thränen in die Augen; — ich wunderte mich nicht darüber, es war das natürlich, denn der Vergleich zwiſchen unſern ſo glücklichen Aben⸗ den im warmen Stübchen und ſeinem ſchrecklichen Gefängnißleben iſt für den armen Germain ſehr betrübend.“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Nudolph zu dem Mädchen, „iſt Germain aus ſeinem Gefängniſſe entlaſſen, iſt ſeine Unſchuld aner⸗ kannt, ſo wird er ſeine Mutter und Freunde finden und bei dieſen und bei Ihnen ſehr bald ſeine ſchwere Prüfungszeit vergeſſen.“ „Ja, aber bis dahin, Herr Rudolph, wird er noch viel lei⸗ den. — Und dann iſt das auch nicht Alles —“ „Was giebt es noch?“ „Da er der einzige rechtliche und gebildete Menſch unter allen den Böſewichtern iſt, ſo haſſen und peinigen ſie ihn, weil er nicht mit ihnen übereinſtimmt. Der Aufſeher, ein recht braver Mann, bat mich, Germain in deſſen eigenem Intereſſe aufzufordern, min⸗ der ſtolz zu ſein, ſich ſo viel als möglich mit den ſchlechten Men⸗ ſchen auf gleichen Fuß zu ſtellen; — aber er kann es nicht, es geht über ſeine Kräfte, und ich fürchte jeden Tag, daß ihm ein Unglück widerfahre.“ Dann unterbrach ſie ſich plötzlich, wiſchte ————— 316 ihre Thränen ab und fuhr fort: „Da denke ich aber ſchon wieder nur an mich und vergeſſe, mit Ihnen von der Nachtigall zu ſpre⸗ chen —“ „Von der Nachtigall?“ fragte Rudolph verwundert. „Ich ſah ſie vorgeſtern, als ich Louiſen in St. Lazarus be⸗ ſuchen wollte.“ „Die Nachtigall?“ Ja, Herr Rudolph.“ „In St. Lazarus?“ „Sie kam mit einer alten Frau heraus.“ „Das iſt nicht möglich!“ rief Rudolph im höchſten Grade verwundert aus. „Ich verſichere Sie, Herr Nachbar, daß ſie es war.“ „Sie müſſen ſich geirrt haben.“ „Nein, nein; ich erkannte ſie ſogleich, ob ſie gleich als Bauer⸗ mädchen gekleidet war; ſie iſt noch immer ſo hübſch, obgleich blaß, und ſieht ſo ſanft und traurig aus wie ſonſt.“ „Sie in Paris — und ich weiß nichts davon! Ich kann es nicht glauben. — Was wollte ſie in St. Lazarus?“ „Wahrſcheinlich gleich mir eine Gefangene beſuchen; ich hatte nicht Zeit ſie viel zu fragen; die Alte, die ſie begleitete, ſah ſo mürriſch aus und ſchien große Eile zu haben. — Sie kennen alſo die Nachtigall auch, Herr Rudolph?“ „Allerdings.“ „So iſt es kein Zweifel, daß ſie von Ihnen ſprach.“ „Von mir?“ „Ja, Herr Nachbar. — Ich erzählte ihr das Unglück Loni⸗ ſens und Germains, die beide ſo gut, ſo rechtſchaffen wären und von dem abſcheulichen Jacob Ferrand ſo arg verfolgt würden, hü⸗ 317 tete mich aber, da Sie mir es verboten hatten, zu erwähnen, daß Sie ſich für beide intereſſirten. Da ſagte die Nachtigall, wenn ein edler Mann, den ſie kenne, das unglückliche und unverdiente Schick⸗ ſal meiner beiden armen Gefangenen kenne, würde er denſelben gewiß beiſtehen; ich fragte natürlich nach dem Namen dieſes Man⸗ nes, und ſie nannte Sie, Herr Rudolph —“ „Sie iſt es, ſie iſt es —“ „Sie können ſich denken, daß wir uns beide über dieſe Ent⸗ oder Namensähnlichkeit ſehr verwunderten, und ſo verſpra⸗ chen wir denn auch einander, eine der andern zu ſchreiben, ob un⸗ ſer Rudolph derſelbe ſei. — Nun, Sie ſcheinen allerdings derſelbe zu ſein, Herr Nachbar —“ „Ja, ich habe mich auch für dieſes arme Kind intereſſirt. — Ihre Gegenwart in Paris aber, von der Sie mir erzählen, ſetzt mich in ſo große Verwunderung, daß ich beſtimmt behauptet haben würde, Sie hätten ſich geirrt, wenn Sie mir nicht ſo viele Einzelnheiten von Ihrem Zuſammentreffen mit ihr erzählt hätten. — Leben Sie wohl, Nachbarin, das, was Sie mir von der Nach⸗ tigall ſagten, nöthigt mich, Sie zu verlaſſen. — Bleiben Sie im⸗ mer gegen Louiſen und Germain ſo verſchwiegen über den Schutz, den unbekannte Freunde ihnen gewähren, bis es Zeit ſein wird, davon zu ſprechen. — Jetzt iſt das Geheimniß nothwendiger als je. — Wie geht es der Familie Morel?“ „Immer beſſer, Herr Rudolph, die Mutter iſt wieder ganz auf den Beinen, und die Kinder erholen ſich zuſehends. Die ganze Fa⸗ milie verdankt Ihnen das Leben, das Glück. — Sie ſind ſo frei⸗ gebig gegen ſie! — Aber wie geht es dem armen Morel?“ „Auch beſſer. — Ich habe geſtern Nachrichten über ihn erhal⸗ ten; er ſcheint von Zeit zu Zeit lichte Angenblicke zu haben, und 318 man darf daher wohl hoffen, ihn wiederhergeſtellt zu ſehen. — Muth alſo, gute Nachbarin! Bedürfen Sie nichts? Reicht das, was Sie verdienen, noch immer aus?“ „Ach ja, Herr Rudolph; ich arbeite in der Nacht etwas län⸗ ger, und es ſchadet, nichts, da ich ſo faſt nicht ſchlafen kann.“ „Arme kleine Nachbarin, ich fürchte, Ihre beiden Vögel ſin⸗ gen nicht viel mehr, wenn ſie warten müſſen, bis Sie anfangen —“ „Sie irren ſich nicht, Herr Rudolph; ich und meine Vögel ſingen, leider! nicht mehr; aber Sie werden mich auslachen, ſehen Sie, ich glaube, meine Vögel errathen, daß ich traurig bin, denn ſtatt luſtig zu zwitſchern, wenn ich komme, ſingen ſie ſo ſanft, ſo klagend, als wollten ſie mich tröſten. — Ich bin recht albern, nicht wahr, daß ich das glaube, Herr Rudolph?“ „Keineswegs; ich bin vielmehr auch überzeugt, daß Ihre Vö⸗ gel Sie ſo ſehr lieben, daß ſie Ihren Gram recht wohl benetifn.“ „Ja, ja, die armen Thierchen ſind ſo verſtändig,“ entgegnete Lachtaube, die ſich ſehr freute, in ihrer Anſicht von der Klugheit der Genoſſen ihrer Einſamkeit beſtärkt zu werden. „Nichts iſt allerdings ſcharfblickender als die Dankbarkeit. — Leben Sie wohl, Nachbarin; binnen Kurzem, hoffe ich, werden Ihre ſchönen Augen wieder lebhaft, Ihre Wangen blühend ſein, bald werden Sie wieder ſo luſtig ſingen, daß Ihre Vögel Ihnen kaum zu folgen vermögen.“ „Gott gebe, daß Sie die Wahrheit ſprechen, Herr Rudolph,“ entgegnete Lachtaube mit einem ſchweren Seufzer. „Leben Sie wohl, Herr Nachbar!“ „Leben Sie wohl, Nachbarin, auf baldiges Wiederſehen!“ Rudolph, der nicht begreifen konnte, wie Madame Georges 319 Marien⸗Blume nach Paris mitzunehmen oder dahin zu ſchicken ge⸗ wagt, ohne ihn davon zu benachrichtigen, ging in ſeine Wohnung, um ſofort einen Boten nach Bouqueval zu ſchicken. In dem Augenblicke, als er die Rue Plumet betrat, ſah er einen Ertrapoſtwagen vor ſeinem Hauſe halten; — Murph kam aus der Normandie zurück. Der Squire war, wie erwähnt, dahin geeilt, um die Pläne der Stiefmutter der Frau von Harville und Bradamantis, ihres Mitſchuldigen, zu entlarven. — — cxxv. Murph und Polidori. D N 5 Geſicht Sir Walter Murphs ſtrahlte vor Freude. Als er aus dem Wagen ſtieg, übergab er einem Diener des Fürſten ein Paar Piſtolen, zog ſeinen Reiſe-Ueberrock aus und folgte, ohne erſt die Kleider zu wechſeln, Rudolph, der ihm unge⸗ duldig in ſein Zimmer vorausgeeilt war. „Gute Nachrichten, königl. Hoheit, gute Nachrichten!“ ſagte der Squire, als er ſich mit Rudolph allein ſah; „die Elenden ſind entlarvt, der Herr von Orbigny iſt gerettet, — aber Sie ſchickten mich gerade zu rechter Zeit fort, — eine Stunde ſpäter, und ein neues Verbrechen war vollbracht.“ „Und die Marquiſe von Harville? „Iſt hochſt erfreut über die Wiedererlangung der Liebe ihres Vaters, ganz glücklich, auf Ihren Rath zu rechter Zeit angekom⸗ men zu ſein, um ihn einem gewiſſen Tode noch entteißen zu können.“ „Alſo Polidori. . .“ 321 „War auch diesmal der würdige Helfershelfer der Stiefmut⸗ ter der Frau Marquiſe von Harville. — Welches Ungeheuer iſt dieſe Stiefmutter! Welche Kaltblütigkeit, welche Keckheit beſitzt ſie! Und dieſer Polidori —, ach, fönigl. Hoheit, Sie wünſchten wohl zuweilen, mir für das zu danken, was Sie meine Beweiſe von Anhänglichkeit nennen —“ „Ich — immer Beweiſe Deiner Freundſchaft geſagt, mein guter Murph — „Nun wohl, — nie, nie iſt dieſe Freundſchaft auf eine här⸗ tere Probe geſtellt worden, als in dieſem Falle,“ ſagte der Squire halb im Ernſt, halb im Scherz. „Wie ſo?“ „Die Verkleidung als Kohlenträger, die Wanderungen in der Cité und tutti quanti, Alles war nichts, durchaus nichts im Ver⸗ gleich mit der Reiſe, welche ich mit dieſem teufliſchen Polidori gemacht habe —“ „Was ſagſt Du? Polidori ..“ „Ich habe ihn mit zurückgebracht —“ „Du?“ „Ich. — Denken Sie — dieſe Geſellſchaft! Zwölf Stunden neben dem Menſchen zu ſitzen, den ich mehr als irgend etwas in der Welt haſſe und verachte. Es iſt eben ſo ſchlimm als reiſete ich mit einer Schlange, dem mir widerwärtigſten Geſchöpfe —“ „Und wo iſt Polidori jetzt?“ „In dem Hauſe in der Wittwen⸗Allee, ſicher und bewacht —“ „Sträubte er ſich nicht, Dir zu folgen?“ „Nein. — Ich ließ ihm die Wahl, entweder ſofort dur ech die franzöſiſchen Behörden verhaftet zu werden oder mein Gefangener Die Geheimniſſe von Paris. VI. in der Wittwen⸗Allee zu ſein; — da bedachte er ſich denn nicht lange.“ „Du hatteſt Recht; es iſt beſſer, daß wir ihn ſo bei der Hand haben. — Du biſt ein Goldmann, alter Murph! aber erzähle mir Deine Reiſe; ich brenne vor Ungeduld, zu erfahren, wie die un⸗ würdige Frau und ihr Helfershelfer entlarvt worden ſind — „Das war ſehr einfach; ich brauchte nur Ihren Anweiſungen buchſtäblich nachzukommen, um die Schändlichen zu erſchrecken und zu vernichten. Sie haben hier, wie immer, Gute gerettet und Böſe beſtraft. Sie ſind die Vorſehung auf Erden!“ „Sir Walter! Sir Walter! Denken Sie an die Schmeiche⸗ leien des Barons von Graun,“ ſagte Rudolph lächelnd. „Mag ſein, königl. Hoheit. — Ich werde alſo damit anfan⸗ gen, — oder leſen Sie vielmehr erſt dieſen Brief da von der Frau Marquiſe von Harville, der Sie von Allem unterrichten wird, was geſchah, bevor meine Ankunft Polidori in Verlegenheit brachte.“ „Ein Brief? Gieb geſchwind ſ Murph übergab Rudolph den Brief der Maärquiſe und ſetzte hinzu: „Ich war, wie verabredet, ſtatt die Frau von Harville zu ih⸗ rem Vater zu begleiten, in dem Wirthshauſe ganz in der Nähe des Schloſſes abgeſtiegen, um da zu warten, bis die Frau Mar⸗ quiſe mich rufen laſſen würde.“ Rudolph las mit theilnehmender Haſt: „Königl. Hoheit! „Ich werde Ihnen nach Allem, was ich Ihnen ſchon ſchul⸗ „dig bin, auch das Leben meines Vaters verdanken. — 323 „Ich laſſe die Thatſachen ſprechen; ſie werden Ihnen beſſer, „als ich es vermag, ſagen, welche neue Schätze von Dankbarkeit „gegen Sie ich in meinem Herzen aufgehäuft habe. „Ich ſah die ganze hohe Bedeutung des Rathes ein, den Sie „mir durch Sir Walter Murph geben ließen, der mich in kurzer „Entfernung von Paris auf der Straße nach der Normandie ein⸗ „holte, und eilte in größter Haſt nach dem Schloſſe Aubiers. „Ich weiß nicht, warum mir die Geſichter der Leute, die mich „empfingen, unangenehm vorkamen; ich ſah unter ihnen keinen der „ehemaligen Diener unſeres Hauſes; Niemand kannte mich; ich „mußte meinen Namen nennen und erfuhr, daß mein Vater ſeit „mehreren Tagen ſehr krank ſei, meine Stiefmutter aber einen Arzt „aus Paris mitgebracht habe. „Ich konnte nicht zweifelhaft ſein, daß ſie Polidori meinten. „Ich wollte mich ſofort zu meinem Vater führen laſſen und „fragte, wo ein alter Kammerdiener ſei, an dem er ſehr hing. „Dieſer Mann hatte vor einiger Zeit das Schloß verlaſſen. Al⸗ „les dies erfuhr ich von einem Intendanten, der mich in meine „Wohnung geleitet hatte und mir ſagte, er wolle meine Anfunft „meiner Stiefmutter melden. „War es Täuſchung, Vorurtheil? Es kam mir vor, als ſei „meine Ankunft ſelbſt den Leuten meines Vaters unangenehm. „Alles in dem Schloſſe kam mir düſter und unheimlich vor. In „der Stimmung, in welcher ich mich befand, zieht man aus den „geringſten Umſtänden Folgerungen. Ueberall bemerkte ich Spuren „von Unordnung, von Sorgloſigkeit, als hätte man es nicht für „nöthig gefunden, ein Haus in gutem Zuſtande zu erhalten, das man doch einmal Pald verlaſſen mußte * ————————————— „Meine Unruhe, meine Angſt ſtiegen jeden Augenblick. — „Nachdem ich meine Tochter und deren Gouvernante in meiner „Wohnung untergebracht hatte, wollte ich eben fortgehen, um mei⸗ „nen Vater zu beſuchen, als meine Stiefmutter eintrat. „Trotz ihrer Falſchheit, trotz ihrer ſonſtigen Selbſtbeherr⸗ „ſchung ſchien meine plötzliche Ankunft ſie gewaltig erſchreckt zu „haben. — „Der Herr von Orbigny erwartet Ihren Beſuch nicht, „Madame,“ ſagte ſie zu mir. — „Er iſt ſo krank, daß eine ſolche „Ueberraſchung ihm ſehr nachtheilig werden könnte. — Ich halte „es deshalb für rathſam, ihm Ihre Ankunft zu verheimlichen; er „würde ſich nicht erklären können —“ „Ich ließ ſie nicht ausreden. — „Es iſt ein großes Ungluck geſchehen,“ ſprach ich. — „Mein Mann iſt geſtorben, — als Opfer einer traurigen Unvor⸗ „ſichtigkeit. — Nach einem ſo beklagenswerthen Ereigniſſe konnte „ich unmöglich in Paris bleiben, und ich komme alſo, um meine „erſte Trauerzeit bei meinem Vater zu verbringen.“ — „Sie ſind Wittwe! Das iſt ein übermäßiges Glück!“ rief „meine Stiefmutter wüthend aus. „Nach dem, was Sie von der unglücklichen Ehe iſten, welche „dieſe Fran geſtiftet hatte, um ſich an mir zu rächen, werden Sie „ſich ihren Ausruf leicht erklären können. — „Ich komme aber eigentlich auch hierher,“ fuhr ich, viel⸗ „leicht unklug fort, „weil ich fürchte, daß Sie ebenſo übermä⸗ „Fig glücklich zu werden wünſchen. Ich will meinen Vater „ſehen.“ — „Das iſt in dieſem Augenblicke unmöglich,“ ſagte ſie er⸗ „bleichend; Ihr Anblick würde ihn zu heftig erſchüttern.“ 325 — „Warum hat man mir keine Nachricht davon gegeben, „daß mein Vater ſo gefährlich krank iſt?“ fragte ich. — „Der Herr von Orbigny wünſchte es ſo“, antwortete „meine Stiefmutter.“ — „Ich glaube Ihnen nicht, Madame, und will mich ſelbſt „von der Wahrheit überzeugen,“ entgegnete ich, während ich mich „anſchickte, aus dem Zimmer hinauszugehen. — „Ich wiederhole es, daß Ihr unerwarteter Anblick für „Ihren Vater von höchſt nachtheiligen Folgen ſein kann,“ ſprach „ſie, während ſie mir den Weg vettrat. „Ich werde nicht zugeben, „daß Sie ſich zu ihm begeben, bevor ich ihn mit der nöthigen „Schonung von Ihrer Ankunft benachrichtigt habe.“ „Ich befand mich in einer peinlichen Verlegenheit. Eine „Ueberraſchung konnte meinem Vater wirklich gefährlich werden; „die ſonſt ſo kalte, ſo vollkommen ſich beherrſchende Frau ſchien „aber über meine Gegenwart ſo erſchrocken zu ſein, und ich hatte „ſo viele Gründe, an der Aufrichtigkeit ihrer Beſorgniß für die „Geſundheit deſſen zu zweifeln, den ſie aus Habſucht geheirathet „hatte; die Anweſenheit des Doctors Polidori endlich, des Mör⸗ „ders meiner Mutter, verſetzte mich in ſo große Angſt, daß ich „das Leben meines Vaters für bedroht hielt und zwiſchen der „Hoffnung, ihn zu retten, und der Beſorgniß, ihn zu ſehr zu er⸗ „ſchüttern, nicht länger ſchwankte. — „Ich werde meinen Vater ſogleich ſehen,“ ſagte ich zu „meiner Stiefmutter, und ich ſchritt hinaus, ob ſie mich gleich am „Arme hielt. „Die Frau verlor den Kopf ganz und gar und wollte mich „zum zweiten Male, faſt mit Gewalt, in dem Zimmer zurückhal⸗ „ten. Dieſer unglaubliche Widerſtand ſteigerte meine Angſt nur ———————————— „noch mehr, — ich machte mich aus ihren Händen frei, eilte nach „dem Zimmer meines Vaters und trat hinein. „Ach, königl. Hoheit, — ich werde, ſo lange ich lebe, den „Anblick nicht vergeſſen, der ſich mir darbot.“ „Mein Vater lag, faſt unkenntlich, bleich, abgemagert, mit „dem Ausdruck des Leidens in allen Zügen, auf einem großen „Stuhle. „An der Ecke des Kamins ſtand neben ihm der Doctor Po⸗ „lidori und war eben beſchäftigt, in eine Taſſe, welche ihm eine „Krankenwärterin reichte, einige Tropfen aus einem Fläſchchen zu „gießen, das er in der Hand hielt. „Sein langer rother Bart gab ſeinem Geſichte einen noch „unheimlichern Ausdruck. Ich trat ſo raſch ein, daß er eine Be⸗ „wegung der Ueberraſchung machte, einen Blick mit meiner Stief⸗ „mutter wechſelte, die mir ſogleich gefolgt war, und das Fläſchchen „wieder auf den Kamin ſetzte, ſtatt meinem Vater den Trank zu „veichen, den er bereitete. i6 „Ein Inſtinet, von dem ich mir jetzt noch keine Rechenſchaft „geben kann, trieb mich, das Fläſchchen an mich zu nehmen. Ich „bemerkte recht wohl den Schrecken meiner Stiefmutter und Poli⸗ „doris und wünſchte mir deshalb Glück. Mein Vater war höch⸗ „lich erſtaunt und ſchien mich ungern zu ſehen; ich etwartete das. „Polidori warf mir einen wüthenden Blick zu, und ich fürchtete, „der Elende möchte, trotz der Anweſenheit meines Vaters und der „Wärterin, das äußerſte gegen mich unternehmen, da er ſein Ver⸗ „brechen faſt entdeckt ſah. i „Ich fühlte in dieſem Angenblicke das Bedürfniß einer Un⸗ „terſtützung und klingelte; es erſchien ein Diener meines Vaters, „und ich bat ihn, meinem Kammetdiener (der ſchon Anweiſung 327 „erhalten hatte) zu ſagen, er möchte die Sachen hoſen, die ich im „Wirthshauſe erhalten hatte. Sir Walter Murph wußte, daß ich „für den Fall, im Beiſein meiner Stiefmutter Befehle geben zu „müſſen, um ihren Argwohn nicht zu wecken, ihn auf dieſe Weiſe „zu mir beſcheiden würde. „Die Verwunderung meines Vaters und meiner Stiefmutter „war ſo groß, daß der Diener ſich wieder entfernt hatte, bevor ſie „ein Wort ſagen konnten. Ich meines Theils war beruhigt, nach „einigen Minuten mußte Sir Walter bei mir ſein. — „Was ſoll das bedeuten?“ fragte endlich mein Vater mit „ſchwacher, aber ſtrenger, gebieteriſcher Stimme. — „Du hier, „Clemence, — ohne daß ich Dich habe rufen laſſen? Und kaum „biſt Du da, ſo nimmſt Du das Fläſchchen weg, welches die „Tropfen enthält, die der Doctor mir reichen wollte; wirſt Du mir „erklären —“ — „Geh hinans“, ſagte meine Stiefmutter zu der Wärterin. „Die Frau gehorchte. — „Beruhige Dich, lieber Mann“, ſagte meine Stiefmutter „zu meinem Vater; „Du weißt es, daß die geringſte Erſchütterung „Dir nachtheilig ſein könnte. Da Deine Tochter gegen Deinen „Willen hier iſt und ihre Anweſenheit Dir läſtig wird, ſo gieb „mir Deinen Arm, ich werde Dich in den kleinen Saal führen. — „Unterdeß wird unſer guter Doctor da der Frau von Harville „begreiflich wM wie unklug, um nicht mehr zu ſagen, ſie ſich „benommen hat — „Und ſie warf ihrem Pelſehshelſe einen „Blick zu. „Ich errieth die Abſicht meiner Stiefmutter. Sie wollte „meinen Vater fortführen und mich mit Polidori allein laſſen, 328 „der in dieſem äußerſten Falle wahrſcheinlich Gewalt gebraucht „haben würde, um mir das Fläſchchen zu entreißen, das als un⸗ „widerleglicher Beweis ſeiner verbrecheriſchen Abſichten dienen „konnte. — „Du haſt Recht“, ſagte mein Vater zu meiner Stief⸗ „mutter. — „Da man mich ſelbſt in meinem Hauſe verfolgt, „ohne auf meinen Willen zu achten, ſo will ich der Zudringlichen „Platz machen —“ „Er erhob ſich mit Anſtrengung, nahm den Arm, den meine „Stiefmutter ihm bot, und that einige Schritte nach dem kleinen „Saale zu⸗ „In dieſem Augenblicke trat Polidori zu mir, aber ich nä— „herte mich meinem Vater wieder und ſagte zu ihm: — „Ich werde Ihnen das Unerwartete meines Beſuchs „und das Ungewöhnliche meines Benehmens erklären. — Ich „bin ſeit geſtern Wittwe, und ſeit geſtern weiß ich auch, das Ihr „Leben bedroht iſt —“ „Er ging mit Anſtrengung, tief gebeugt. Bei meinen Wor⸗ „ten blieb er ſtehen, richtete ſich lebhaft empor, ſah mich mit ho⸗ „her Verwunderung an und ſagte: — „Du biſt Wittwe? Mein Leben iſt bedroht? Was be⸗ „deutet das?“ — „Und wer wagt das Leben des Herrn von Orbigny zu „bedrohen, Madame?“ fragte keck meine Stiefmutter. — „Ja, wer bedroht es?“ ſetzte Polidori hinzu. — „Sie, mein Herr, — Sie, Madame,“ antwortete ich. „Welche Abſcheulichkeit!“ rief meine Stiefmutter aus, in⸗ „dem ſie auf mich zu trat. 329 — „Was ich ſage, werde ich beweiſen, Madame,“ antwor⸗ „tete ich. — „Eine ſolche Anklage iſt ja fürchterlich!“ ſprach mein „Vater. — „Ich verlaſſe augenblicklich dieſes Haus, da ich ſo ſchänd⸗ „lichen Verläumdungen ausgeſetzt bin,“ ſagte der Doector Polidori „mit dem erheuchelten Unwillen eines an ſeiner Ehre verletzten „Mannes. Er wollte ohne Zweifel fliehen, da er das Seßihrle „ſeiner Lage zu fühlen begann. „In dem Augenblicke, als er die Thür öffnete, ſtund er Sir „Walter Murph gegenüber.“ Rudolph unterbrach ſich hier, reichte dem Squire die Hand und ſagte: 6 — „Sehr gut, mein alter Freund; Deine Gegenwart mußte den Elenden niederſchmettern wie ein Blitzſtrahl.“ — „Sie haben Recht; er wurde todtenbleich und wich zwei Schritte zurück, während er mich anſtarrte; er war wie vernichtet. — Mich tief in der Normandie, in einem ſolchen Augenblicke wie⸗ derzuſehen! — er mußte glauben, von einem böſen Traume ge⸗ veinigt zu werden. — Aber leſen Sie nur weiter, Hoheit; Sie werden ſehen, daß auch die teufliſche Gräfin von Orbigny ihrer⸗ ſeits gleichſam niedergedonnert wurde, — da Sie mir ihren Be⸗ ſuch bei dem Charlatan Bradamanti⸗ Polidori in dem Hauſe in der Rue du Temple erzählt hatten.“ Rudolph las in dem Briefe der Frau von Harville weiter: „Bei dem Anblick Sir Walter Murphs blieb Polidori wie „verſteinert ſtehen; meine Stiefmutter konnte ſich von ihrem Stau⸗ „nen nicht erholen; mein Vater, der durch die Krankheit geſchwächt „und durch dieſen Auftritt erſchüttert wurde, mußte ſich ſetzen. „Sir Walter verſchloß und verriegelte die Thür, durch welche er „eingetreten war, ſtellte ſich vor die, welche in ein anderes Zim⸗ mer führte, um die Flucht des Doctor Polidori zu hindern, und „ſagte dann im Tone der höchſten Achtung zu meinem Vatert — „Ich bitte ergebenſt um Verzeihung, Herr Graf, wegen „der Freiheit, die ich mir nehme, aber eine gebieteriſche Nothwen⸗ „digkeit, welche die Theilnahme an Ihnen herbeigeführt hat (wie „Sie ſogleich erkennen werden), zwingt mich, ſo zu handeln. — „Ich heiße Walter Murph, wie es Ihnen dieſer erbärmliche Menſch „beſtätigen kann, der bei meinem Anblicke an allen Gliedern zittert: „ich bin Geheimrath Sr. k S des regierenden S . von Gerolſtein — „Es iſt wahr,“ ſagte der Doctor Polidori ſtotternd. — Aber Herr, was wollen Sie hier?“ — „Sir Walter Murph“, ſagte ich zu meinem Vate „ſchließt ſich mir an, um die Elenden zu entlarven, deren Opfer „Sie beinahe geworden wären.“ „Dann übergab ich Sir Walter das Fläſchchen und ſetzte „hinzu: „Ich hatte den glücklichen Gedanken, mich dieſes Fläſch⸗ „chens in dem Augenblicke zu bemächtigen, als der Doctor Poli⸗ „dori einige Tropfen des Inhalts in einen Trank 8e und den⸗ „ſelben meinem Vater bieten wollte.“ — „Ein Sachverſtändiger wird in Ihrer Gegenwart den In⸗ „halt dieſes Fläſchchens unterſuchen, das ich Ihnen übergebe, Herr „Graf, und wenn es bewieſen wird, daß es ein langſam aber „ſicher wirkendes Gift enthält,“ ſagte Sir Walter zu meinem Va⸗ „ter, „ſo werden Sie die Gefahr nicht länger bezweifeln, der Sie „ausgeſetzt waren und die durch die Liebe Ihrer Tochter i „abgewendet worden iſt.“ * 331 „Mein armer Vater ſah bald ſeine Frau, bald den Doctor „Polidori, bald mich, bald Sir Walter Murph beſtürzt an; ſeine „Züge verriethen eine unbeſchreibliche Angſt. Ich las in ſeinem „Geſichte den heſtigen Kampf, der ſein Herz zerriß. Ohne Zwei⸗ „fel widerſtand er mit aller ſeiner Macht dem wachſenden und „ſchrecklichen Argwohne und fürchtete, die Schlechtigkeit meiner „Stiefmutter anerkennen zu müſſen; endlich verbarg er ſein Ge⸗ „ſicht in den Händen und rief aus: — „Ach, mein Gott! Mein Gott! — Das iſt ſchrecklich, — „unmöglich. — Träume ich?“ — „Nein, es iſt kein Traum,“ fiel meine Stiefmutter keck „ein, „wir hören Alle die ſchändliche Verläumdung, die voraus verabredet worden iſt, um eine unglückliche Fran zu verderben, Gn einzige Schuld darin beſteht, daß ſie Dir ihr Leben wid⸗ „mete. Komm, komm, lieber Mann, laß uns nicht eine Secunde „länger bleiben,“ fuhr ſie, zu meinem Vater gewendet, fort; vielleicht treibt Deine Tochter die Frechheit nicht ſo weit, Dich „gegen Deinen Willen hier zu halten —“ — „Ja, ja, wir wollen fortgehen,“ ſagte mein Vater außer „ſich; „s iſt nicht wahr, es kann nicht wahr ſein, ich will nicht mehr hören; — mein Verſtand würde es nicht ertragen; es würde „ein ſchrecklicher Argwohn in meinem Herzen entſtehen und die „wenigen Tage vergiften, die ich noch zu leben habe, und nichts „würde mich für eine ſolche ſchändliche Entdeckung entſchädigen.“ „Mein Vater ſah ſo leidend, ſo verzweiflungsvll aus daß ich „um jeden Preis dieſer für ihn ſo peinigenden Scene hätte ein „Ende machen mögen. Sir Walter errieth meine Gedanken, da er aber volle und ganze Gerechtigkeit üben wollte, ſo ſagte er zu „meinem Vater: — „Nur noch einige Worte, Herr Graf; Sie werden den „ohne Zweifel ſchmerzlichen Kummer haben, daß eine Frau, die „Sie immer für dankbar und Ihnen zugethan gehalten haben, im⸗ „mer die böswilligſte Heuchlerin geweſen iſt; aber Sie werden auch Heinen ſichern Troſt in der Liebe Ihrer Tochter finden, die Ihnen „nie gefehlt hat.“ — „Dies überſchreitet alle Grenzen,“ fiel meine Stiefmutter „in höchſtem Zorne ein; „mit welchem Rechte, Herr, und mit wel⸗ chen Beweiſen wagen Sie ſo ſchändliche Verläumdungen zu be⸗ „gründen? Sie behaupten, jenes Fläſchchen enthalte Gift? Ich „leugne das und werde es leugnen, bis das Gegentheil bewieſen „iſt; ſollte aber auch der Doctor Polidori aus Verſehen eine Arz⸗ „nei mit der andern verwechſelt haben, ſo iſt dies kein Grund „mich zu beſchuldigen, ich hätte in Verein mit ihm —. Aber neild „ich werde es nicht ausſprechen; ein ſo ſcheußlicher Gedanke iſt „ſchon ein Verbrechen. Noch einmal, Herr, ich frage Sie, mit „welchen Beweiſen Sie und Madame da die entſetzliche Beſchuldi⸗ „gung zu begründen verſuchen?“ ſagte meine Stiefmutter mit un⸗ „glaublicher Keckheit. 6 — „Ja, mit welchen Beweiſen?“ fragte mein unglücklicher „Vater. — „Die Folter, der man mich ausſetzt, muß ein Ende „nehmen.“ — „Ich bin nicht ohne Beweiſe gekommen, Herr Graf,“ „ſagte Sir Walter. „Und dieſe Beweiſe werden Ihnen ſofort die „Antworten dieſes Elenden geben.“ Dann redete Sir Walter den „Doctor Polidori deutſch an, der ſich wieder etwas beruhigt zu „haben ſchien, aber die Faſſung ſogleich wieder verlor.“ — „Was ſagteſt Du zu ihm?“ fragte Rudolph, der ſich im Leſen unterbrach. . 333 — „Einige bedeutungsvolle Worte, ungefähr folgende: Du biſt durch die Flucht der Verurtheilung entgangen, welche die Ju⸗ ſtiz des Großherzogthums über Dich ausgeſprochen hatte; Du wohnſt in der Rue du Temple unter dem falſchen Namen Brada⸗ manti; man weiß, welches ſchändliche Handwerk Du treibſt; Du haſt die erſte Frau des Grafen vergiftet; vor drei Tagen war die Frau von Orbiguy bei Dir, um Dich hierher zu holen und ihren Mann durch Dich vergiften zu laſſen; Se. königl. Hoheit iſt in Paris und hat die Beweiſe von Allem, was ich da ſage, in den Händen. — Wenn Du die Wahrheit geſtehſt, um dieſe abſcheu⸗ liche Frau zu entlarven, ſo varfſt Du, nicht Deine Begnadigung, aber eine Milderung der Strafe hoffen, die Du verdienſt; Du wirſt mir nach Paris folgen, wo ich Dich an einem ſichern Orte terbringen werde, bis Se. königl. Hoheit über Dich entſchieden hat. Wenn nicht, ſo haſt Du zu wählen: entweder Se. königl. Hoheit verlangt Deine Auslieferung, die nicht verweigert werden wird, oder ich laſſe ſelbſt ſofort aus der nächſten Stadt die Be⸗ hörde kommen. — Dieſes Fläſchchen mit Gift überliefere ich, man wird Dich ſofort verhaften und in Deiner Wohnung Haus⸗ ſuchung anſtellen; wie ſehr dieſe Dich cvmpromittiren würde, weißt Du, und dann mag die franzöſiſche Juſtiz ihren Lauf nehmen. Wähle alſo — „Dieſe Enthüllungen, die Anklagen und Drohungen, die, wie er wohl wußte, vollkommen begründet waren und Schlag auf Schlag folgten, ſchmetterten den Elendeu ganz nieder, der mich nicht für ſo genan unterrichtet gehalten haben mochte. In der Hoffnung, die ihn erwartende Strafe zu mildern, zögerte er nicht, ſeine Mitſchuldige zu opfern, und er antwortete alſo: „Fragen Sie mich, und ich werde die Wahrheit ſagen.“ ———— 334 — „Gut, gut, mein würdiger Murph; ich erwartete auch nicht weniger von Dir.“ — „Während meines Geſprächs mit Polidori änderten ſich die Züge der Stiefmutter der Frau von Harville auf eine grauen⸗ hafte Weiſe, ob ſie gleich deutſch nicht verſtand. Sie ſah an der zunehmenden Muthloſigkeit ihres Mitſchuldigen, an ſeiner bittenden Stellung, daß ich ihn vollkommen beherrſchte. Sie ſuchte in ihrer entſetzlichen Angſt die Augen Polidoris, um ihm Muth zu ma⸗ chen oder ſein Schweigen zu erflehen, aber er vermied ihren Blick.“ — „Und der Graf?“ — „Seine Erſchütterung war unbeſchreiblich; er hielt ſich krampfhaft mit den Händen an der Lehne ſeines Stuhles feſt; auf ſeine Stirn trat ihm kalter Schweiß, er athmete kaum, ſeine Au, gen wendeten ſich von den meinigen nicht ab; ſeine Angſt war nicht minder groß als die ſeiner Frau. Der Brief der Frau von Har⸗ ville wird Ihnen das Ende dieſes peinlichen Auftrittes ſchildern.“ oxxvx. Die Strafr. 5 Zihn las in dem Briefe der Frau von Harbville weiter. „Nach einem Geſpräche in deutſcher Sprache zwiſchen Sir „Walter Murph und Polidori, das einige Minuten dauerte, ſagte „Sir Walter zu dem letztern: — „Jetzt antworten Sie. Nicht wahr, Sie ſind durch Ma⸗ „dame — und er deutete auf meine Stiefmutter — bei der letz⸗ „ten Krankheit der erſten Frau des Herrn Grafen als Arzt einge⸗ „führt worden?“ — „Ja, durch ſie —,“ antwortete Polidori. — „Haben Sie nicht, um den abſchenlichen Plänen der Frau „da zu dienen, durch Ihre mörderiſchen Mittel die anfangs leichte „Krankheit der Gräfin von Orbigny tödtlich gemacht?“ — „Ja,“ antwortete Polidori. „Mein Vater ſtieß einen ſchmerzlichen Seufzer aus, erhob ſeine beiden Augen gen Himmel und ließ ſie dann matt wieder „ſinken. — „Lügen und Niederträchtigkeit!“ rief meine Stiefmutter 336 „aus. — Alles iſt falſch; ſie haben ſich mit einander verſtändigt, „um mich unglücklich zu machen.“ — „Schweigen Sie, Madame,“ ſprach Sir Walter Murph „mit impoſanter Stimme. Dann fuhr er, zu Polidori gewendet, fönt: — „Iſt es wahr, daß Madame vor drei Tagen bei Ihnen „in der Rue du Temple Nr. 17. geweſen iſt, wo Sie unter dem „falſchen Namen Bradamanti wohnen?“ — „Ja.“ — „Hat Madame Sie nicht aufgefordert, hierher zu kommen, „den Grafen von Orbigny zu ermorden, wie Sie deſſen Frau er⸗ „mordet?“ — „Ich kann es leider nicht lengnen,“ antwortete Polidori. „Bei dieſem Geſtändniſſe richtete ſich mein Vater auf, wies mit gebieteriſcher Geberde meiner Stiefmutter die Thür, breitete „dann die Arme gegen mich aus und ſprach mit von Schluchzen „unterbrochener Stimme: — „Im Namen Deiner unglücklichen Mutter — vergieb! — „vergieb! Ich habe ihr viel Schmerzen bereitet, aber ich ſchwöre „es Dir, — von dem Verbrechen, das ſie in das Grab gebracht, „wußte ich nichts.“ „Ehe ich es hindern konnte, ſank mein Vater vor mir auf „die Kniee nieder. „Als Sir Walter Murph und ich ihn aufhoben, war er ohn⸗ „mächtig. „Ich klingelte den Leuten; Sir Walter nahm den Doctor „Polidori am Arme und ging mit ihm hinaus, während er zu „meiner Stiefmutter ſagte: 337 — „Verlaſſen Sie, wenn Sie klug ſind, binnen einer Stunde „dieſes Haus, oder ich überliefere Sie der Juſtiz.“ „Die Frau ſchwankte in einem Zuſtande des Entſetzens und „der Wuth, den Sie ſich leicht denken können, hinaus. „Als mein Vater wieder zur Beſinnung kam, erſchien ihm „Alles, was um ihn her vorgegangen war, wie ein grauenvoller „Traum. Ich ſah mich in die traurige Nothwendigkeit verſetzt, „ihm meinen erſten Verdacht über den vorzeitigen Tod meiner „Mutter auseinanderzuſetzen, einen Verdacht, den Ihre Kenntniß „von den erſten Verbrechen Polidoris in Gewißheit umgewandelt „hatte. „Ich mußte ferner meinem Vater ſagen, wie meine Stiefmut⸗ „ter mich mit ihrem Haſſe bis in meine Ehe verfolgt hatte, und „welche Abſicht ſie gehabt, als ſie mich Harville zur Frau gab. „So ſchwach, ſo verblendet mein Vater in Hinſicht auf dieſe „Frau geweſen war, ſo hart und unbarmherzig wollte er nun ge⸗ „gen ſie ſein; er beſchuldigte ſich verzweifelnd, faſt ihr Mitſchuldi⸗ „ger geweſen zu ſein, indem er ihr nach dem Tode meiner Mutter „ſeine Hand gegeben; er wollte ſie den Gerichten überliefern. Ich „ſtellte ihm aber das Gehäſſige, das Scandalöſe eines ſolchen Pro⸗ „eſſes vor, der zu ſeinem eigenen Schaden großes Aufſehen ma⸗ „chen würde, und forderte ihn auf, meine Stiefmutter für immer „aus ſeiner Nähe zu verbannen, ihr aber den nothwendigen Lebens⸗ „unterhalt zu ſichern, da ſie einmal ſeinen Namen führe⸗ „Es wurde mir ziemlich ſchwer, meinen Vater zu dieſen ge⸗ „mäßigten Anſichten zu bewegen, und er wollte dann mir den Auf⸗ „trag geben, ſie aus dem Hauſe zu weiſen. Dieſer Auftrag war „mir indeß doppelt peinlich, und ich meinte, Sir Walter übernähme „ihn vielleicht. — Er willigte auch ein“ Die Geheimniſſe von Paris. VI. 22 338 — „Mit Freuden willigte ich ein,“ ſagte Murph zu Rudolph; „ich wüßte nichts, was mir größeres Vergnügen machte, als ſchlech⸗ ten Menſchen dieſe Art letzte Oelung zu geben.“ „Und was ſagte die Frau?“ „Die Frau von Harville war wirklich ſo gütig geweſen, ih⸗ rren Vater um einen Jahrgehalt von hundert Louisd'or für die Frau zu bitten. Ich hielt dies nicht für Güte, ſondern für Schwachheit; es kam mir ſchon unrecht vor, ein ſo gefährliches Geſchöpf der Juſtiz zu entziehen. Ich ging deshalb zu dem Gra⸗ fen, und er fand meine Bemerkungen vollkommen begründet; wir kamen überein, der Elenden höchſtens, und zwar ein für allemal, fünf und zwanzig Louisd'ors zu geben, um ſie in den Stand zu ſetzen, ſich gelegentlich eine Anſtellung oder Arbeit zu verſchaffen. — „Welche Anſtellung, welche Arbeit könnte ich, die Gräfin von Orbigny, übernehmen?“ fragte ſie mich unverſchämt. „Das iſt Ihre Sache,“ antwortete ich; „werden Sie Krankenwärterin oder Haushälterin, ſuchen Sie, wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, das unbeachtetſte Gewerbe, denn wenn Sie die Keckheit haben ſoll⸗ ten, Ihren Namen zu nennen, den Namen, den Sie einem Ver⸗ brechen verdanken, ſo würde man ſich wundern, wie die Gräfin von Orbigny in eine ſolche Lage gekommen, man würde ſich er⸗ kundigen, und die Folgen mögen Sie ſich ſelbſt denken, wenn Sie ſo unvorſichtig ſein und von der Vergangenheit ſprechen ſollten. Verbergen Sie ſich alſo in weiter Ferne; ſorgen Sie dafür, daß man Sie vergißt; werden Sie Frau Peter oder Frau Jacob, und bereuen Sie, — wenn es Ihnen möglich iſt.“ — „Und Sie glau⸗ ben,“ ſagte ſie, „ich würde auf die Vortheile keinen Anſpruch ma⸗ chen, die mein Heirathscontract mir ſichert?“ — „Nichts dürfte gerechter ſein, Madame; es wäre unwürdig von dem Grafen Or⸗ bigny, ſeine Verſprechungen nicht zu halten und zu verkennen, was Sie für ihn gethan haben, namentlich was Sie für ihn thun woll⸗ ten. — Klagen Sie, — klagen Sie, — wenden Sie ſich an die Juſtiz, und ich zweifle nicht, daß ſie Ihnen gegen Ihren Gemahl Recht giebt.“ — Eine Viertelſtunde nach dieſem Geſpräche war die Frau unterwegs nach der nächſten Stadt.“ „Du haſt Recht, es iſt peinlich, ein ſo firchterliches Weib faſt ſtraflos entkommen zu laſſen, — aber das Seandal eines Pro⸗ zeſſes für einen ſo ſchon geſchwächten alten Mann! Man darf nicht daran denken.“ — „Ich habe meinen Vater leicht beſtimmt, heute noch Au⸗ „biers zu verlaſſen,“ las Rudolph in dem Briefe der Frau von „Harville weiter; „es würden ihn hier zu traurige Erinnerungen „verfolgen; obgleich ſein Geſundheitszuſtand ſchwankend iſt, ſo kön⸗ „nen doch die Zerſtreuungen einer Reiſe von einigen Tagen, wie „eine Luftveränderung nur heilſam für ihn ſein, wie der Arzt „ſagte, der Dortor Polidori erſetzt hatte und den ich ſogleich aus „der Stadt rufen ließ. Mein Vater verlangte eine Unterſuchung „des Inhaltes des Fläſchchens, ohne daß er von dem Vorgefallenen „etwas ſagte. Der Arzt antwortete, er könne dieſe Unterſuchung „nur in ſeiner Wohnung vornehmen, wir ſollten aber noch vor „zwei Stunden das Reſultat derſelben erfahren. Dieſes Reſultat „lautete dahin, daß mehrere Gaben dieſer mit tenfliſcher Kunſt „bereiteten Fluſſigkeit in einer gegebenen Zeit den Tod herbeifüh⸗ „ren könnten, ohne daß ſie eine andere Spur als die einer gewöhn⸗ „lichen Krankheit hinterließen, welche der Arzt nannte⸗ „Nach einigen Stunden reiſe ich mit meinem Vater und „meiner Tochter nach Fontaineblau ab, wo wir einige Zeit zu 22 * ₰ 340 „bleiben gedenken, dann werden wir, nach dem Wunſche meines „Vaters, wieder nach Paris kommen, aber nicht in meinem Hauſe „wohnen, in welchem ich nach dem beklagenswerthen Ereigniſſe „nicht zu weilen vermag. „Die Thatſachen beweiſen alſo, wie ich im Anfange dieſes 4 „Briefes ſagte, was ich Ihrer unerſchöpflichen Güte und Vorſorge verdanke. Durch Sie gerettet, durch Ihren Rath unterſtützt, mit „Beihülfe Ihres vortrefflichen und muthigen Sir Walter vermochte „ich meinen Vater einer ſichern Gefahr zu entreißen und gewann „mir ſeine Liebe wieder. „Leben Sie wohl, königl. Hoheit; es iſt mir unmöglich, Ih⸗ „nen mehr zu ſagen; mein Herz iſt zu voll, von zu vielen Gefüh⸗ „len beſtürmt, ſo daß ich zu ſchwach ausdrücken würde, was em⸗ „pfindet „Clemence von Harville, geb. v. Orbigny.“ „Ich öffne eilig dieſen Brief noch einmal, um ein Vergeſſen „wieder gut zu machen. — Als ich nach Ihrer edlen Anleitung „auf Wohlthun ausging, begab ich mich in das Gefängniß St. „Lazarus, um die dortigen armen Gefangenen zu beſuchen; ich „fand da ein unglückliches Mädchen, für das Sie ſich intereſſirt „haben. — Ihre engliſche Milde und ihre fromme Ergebenheit er⸗ „regen die Bewunderung der achtbaren Frauen, welche die Aufſicht „über die Gefangenen führen. — Ich brauche Ihnen nur zu ſa⸗ „gen, wo die Nachtigall ſich befindet (ſo heißt ſie, wenn ich „nicht irre), um Sie in den Stand zu ſetzen, die Befreiung der⸗ „ſelben ſofort zu erlangen. — Die Unglückliche wird Ihnen erzäh⸗ „len, durch welches Zuſammentreffen widriger Umſtände ſie dem „Aſyl entriſſen worden iſt, in das Sie dieſelbe brachten, und wie 341 „ſie in das Gefängniß kam, wo ſie wenigſtens ihren bcen „Charakter geltend zu machen wußte — „Erlauben Sie mir auch, Sie an meine beiden zukunftigen „Schutzempfohlenen zu erinnern, an die unglickliche Mutter und „deren Tochter, welche der Notar Ferrand beraubt hat. Wo ſind „ſie? Haben Sie etwas über ihren Aufenthalt ermittelt? Ach, be⸗ „mühen Sie ſich, ihre Spur zu finden, damit ich nach meiner „Rückkehr die Schuld bezahlen kann, welche ich gegen alle Un⸗ „glücklichen übernommen habe.“ — „Die Nachtigall hat alſo Bouqueval verlaſſen, fönigl. Hoheit?“ fragte Murph, über dieſe Mittheilung eben ſo erſtaunt wie Rudolph. „Eben hat man mir geſagt, man habe Sie aus St. Lazarus fortgehen ſehen,“ antwortete Rudolph. „Ich begreife das nicht; das Stillſchweigen der Madame Georges *) beunruhigt mich und ſetzt mich in Verlegenheit. — Welch' neues Unglück mag die arme Marien⸗Blume betroffen haben? Schicke ſogleich einen reitenden Boten nach Bouqueval und ſchreibe an Madame Georges, ſie möge ſofort nach Paris kommen. Sage auch Graun, mir die Erlaub⸗ niß zum Beſuche des Gefäͤngniſſes St. Lazarus zu verſchaffen. — Wie mir die Frau von Harville ſchreibt, iſt Marien⸗Blume da ge⸗ fangen; — aber nein,“ ſetzte Rudolph nach einigem Nachdenken hinzu, — „ſie iſt nicht mehr dort, denn Lachtaube hat ſie mit ei⸗ ner bejahrten Frau aus dieſem Gefängniſſe herauskommen ſehen. *) Der Leſer erinnert ſich, daß Madame Georges, getäuſcht durch den Boten Sarahs, der ihr geſagt, Marien⸗Blume habe Bouqueval auf Vefehl des Fürſten verlaſſen, wegen ihres Schütz⸗ lings unbeſorgt war und dieſen jeden Tag zurückerwartete. Suute dies Madame Georges geweſen ſein? Wer ſonſt? Wohin iſt die Nachtigall gegangen?“ „Geduld, Hoheit; ehe es Abend wird, ſollen Sie alles wiſ⸗ ſen. Morgen ſtellen wir ſodann das Verhör mit dem elenden Po⸗ lidori an. Er hat Ihnen, wie er ſagt, wichtige Entdeckungen zu machen, die er aber nur Ihnen allein mittheilen will —“ „Das Zuſammentreffen mit ihm wird mir ſehr peinlich ſein,“ ſagte Rudolph traurig, „denn ich habe dieſen Menſchen ſeit jenem verderblichen Tage nicht geſehen, an welchem ich —“ Rudolph vermochte nicht weiter zu ſprechen; er ſchlug die Hände auf das Geſicht. „Warum wollen Sie in das willigen, was Polidori verlangt? Bedrohen Sie ihn mit der franzöſiſchen Juſtiz oder einer unmit⸗ telbaren Auslieferung; er muß ſich wohl entſchließen, mir mitzu⸗ theilen, was er nur Ihnen ſagen wollte —“ „Du haſt Recht, armer Freund, denn die Anweſenheit jenes Elenden würde jene ſchrecklichen Erinnerungen nur noch drohender machen, an die ſich ſo viele unheilbare Schmerzen knüpfen, — von dem Tode meines Vaters an, bis zu dem meiner armen klei⸗ nen Tochter. — Ich weiß es nicht, aber je älter ich werde, um ſo mehr vermiſſe ich dieſes Kind. — Wie würde ich daſſelbe ge⸗ liebt haben! wie theuer, wie werth würde mir dieſe reizende Frucht meiner erſten Liebe, meines erſten und teinen Glaubens oder viel⸗ mehr meiner jugendlichen Illuſtonen geweſen ſein! Ich hätte alle Schätze der Liebe, deren die Mutter unwürdig iſt, auf das un⸗ ſchuldige Kind übertragen, und das Kind würde, glaube ich, ſo wie ich es mir gedacht habe, durch die Sesienſchönheit und den Reiz des Körpers allen meinen Gram, alle Gewiſſenspein gemil⸗ dert und beſänftigt haben, die ſich an ſeine Geburt knüpfen.“ 343 „Ich ſehe mit Bedauern, daß dieſe eben ſo vergebliche wie ſchmerzliche Sehnſucht eine immer größere Herrſchaft über Ihren Geiſt gewinnt.“ Nach einer Panſe ſagte Rudolph zu Murph: „Ich kann Dir jetzt ein Geſtändniß ablegen, alter Freund: ich liebe, ja ich liebe eine Frau, welche die edelſte, die aufopferndſte Liebe verdient. Seit mein Herz ſich von neuem der Wonne der Liebe geöffnet hat, vermiſſe ich meine Tochter um ſo ſchmerzlicher. — Ich hätte wohl fürchten können, die Sehuſucht nach ihr würde geringer werden, wenn mein Herz eine neue Liebe gefunden, aber nein, mein Liebesvermögen hat ſich geſteigert; ich fühle mich beſſer und menſchenfreundlicher, und es iſt mir ſchmerzlicher als je, meine Tochter nicht lieben zu können.“ „Nichts einfacher, königl. Hoheit, und, verzeihen Sie mir den Vergleich, wie manche Menſchen in der Trunkenheit heiter und wohlwollend gegen die ganze Menſchheit ſind, ſo werden Sie durch die Liebe gut und edel —“ „Dennoch iſt auch mein Haß gegen die Schlechten ſtärker ge⸗ worden und meine Abneigung gegen Sarah mehrt ſich, ohne Zwei⸗ fel in dem Verhältniſſe wie der Gram über den Tod meiner Toch⸗ ter. Ich bilde mir ein, dieſe ſchlechte Mutter habe ſie vernach⸗ läſſigt. Die Gräfin wird, da ihre ehrgeizigen Hoffnungen durch meine Vermählung vernichtet waren, in ihrer unbarmherzigen Selbſtſucht unſer Kind Miethlingen überlaſſen haben, und meine Tochter iſt vielleicht in Folge eines Mangels an Pflege geſtorben. — Daran habe ich auch Schuld; — ich hatte damals die Größe der heiligen Pflichten eines Vaters noch nicht erkannt. — Als mir mit einem Male der wahre Charakter Sarahs enthullt wurde, hätte ich ihr ſogleich meine Tochter nehmen und mit Liebe und * 344 Sorgſamkeit über dieſelbe wachen ſollen. Ich mußte vorausſehen, daß die Gräfin ſtets eine unnatürliche Mutter ſein würde. — Du ſiehſt, ich trage auch Schuld —“ „Der Schmerz bringt Sie auf ſolche Gedanken. — Konnten Sie, nach dem bekannten traurigen Ereigniſſe, die lange Reiſe, welche Sie ſich auferlegten, einen Tag länger verſchieben —2“ „Ja, die ich mir als Buße auferlegte! — Du haſt Recht, Freund,“ ſagte Rudolph gebeugt. „Haben Sie ſeit meiner Abreiſe nichts von der Gräfin Sa⸗ rah gehört?“ „Nein, ſeit ihren ſchändlichen Anklagen, welche zweimal die Frau von Harville beinahe in Unglück geſtürzt hätten, habe ich nichts von ihr vernommen. Ihre Anweſenheit iſt mir läſtig; es kommt mir vor, als umſchwebe mein böſer Engel, als 6 drohe mich ein neues Unglück — „Geduld, Hoheit, Geduld! Zum Gluck varf ſie Deutſchland nicht betreten, und Deutſchland erwartet uns.“ „Ja, wir reiſen bald ab. — Ich werde aber doch während meines kurzen Aufenthaltes in Paris wenigſtens ein heiliges Ver⸗ ſprechen erfüllt und einige Schritte mehr auf dem verdienſtvollen Wege gethan haben, den mir ein erhabener und barmherziger Wille zu meiner Reinigung vorgezeichnet hat. Sobald der Sohn der Madame Georges frei und unſchuldig ihrer Liebe zurückgegeben, ſobald Jacob Ferrand ſeiner Verbrechen überführt und dafür ge⸗ ſtraft iſt, ſobald ich die Zukunft aller der rechtlichen und arbeitſa⸗ men Leute geſichert habe, welché durch ihre Ergebung, ihren Muth und ihre Rechtlichkeit meine Theilnahme verdienten, kehren wir nach Deutſchland zurück, und meine Reiſe wird wenigſtens nicht fruchtlos geweſen ſein.“ . 345 „Beſonders wenn es Ihnen gelingt, den abſcheulichen Jacob Ferrand zu entlarven, den Eckſtein, den Angelpunkt ſo vieler Ver⸗ brechen.“ „Obgleich der Zweck die Mittel heiligt und Bedenklichkeiten dieſem Böſewichte gegenüber keineswegs angewendet wären, ſo be⸗ daure ich doch bisweilen, Cecily bei dieſer rächenden Vergeltung verwendet zu haben.“ „Sie kann jeden Augenblick ankommen —“ „Sie iſt ſchon angekommen —“ „Cecily?“ „Ja. — Ich mochte ſie nicht ſehen; Graun hat ihr ſehr aus⸗ führliche Inſtructionen gegeben, und ſie hat verſprochen, denſelben nachzukommen.“ „Wird ſie das Verſprechen halten?“ „Alles veranlaßt ſie dazu, die Hoffnung auf eine Milderung ihres Schickſals in der Zukunft und die Beſorgniß, unmittelbar in ihr Gefängniß nach Deutſchland zurückgebracht zu werden, denn Graun wird ſie nicht aus den Augen laſſen; bei der geringſten Unbeſonnenheit wird er ihre Auslieferung verlangen.“ „Mit Recht; ſie iſt als Flüchtige hier angekommen; ſohald man erfährt, welche Verbrechen ihre lebenslängliche Einſperrung veraulaßt haben, wird man ihre Auslieferung unbedenklich bewil⸗ ligen —“ „Nöthigte ſie aber auch ihr eigenes Intereſſe nicht, unſere Pläne zu fördern, da die ihr geſtellte Aufgabe nur durch Schlau⸗ heit, Hinterliſt und teufliſche Verlockung gelöſt werden kann, ſo muß Cecily ſich freuen (und ſie freut ſich, wie mir Graun ſagt), eine Gelegenheit gefunden zu haben, ihre Künſte und Reize, mit denen ſie ſo reichlich ausgeſtattet iſt, geltend machen zu können.“ —— . —— —————————————— 346 „Iſt ſie noch immer hübſch?“ „Graun findet ſie reizender als je; er wurde, wie er ſagt, durch ihre Schönheit ganz geblendet, welche durch die elſäſſiſche Kleidung, die ſie gewählt hat, etwas Pikantes erhält. Das Auge dieſer Teufelin beſitzt noch immer den wahrhaft zunberiſchen Aus⸗ druck.“ 3 „Ich bin nie leichtſinnig, nie herz⸗ und ſittenlos geweſen; wenn ich aber in meinem zwanzigſten Jahre Ceeily geſehen, ſelbſt wenn ich gewußt hätte, daß ſie ſo gefährlich und böswillig iſt, wie ich es jetzt weiß, ſo hätte ich nicht für meinen Verſtand bür⸗ gen mögen, namentlich wenn ich lange dem Feuer ihrer großen ſchwarzen glühenden Augen ausgeſetzt geweſen wäre, die in ihrem bleichen Geſichte blitzen. Ja, beim Himmel, ich mag gar nicht daran denken, wohin mich eine ſo verderbliche Liebe hätte führen können.“ „Das wundert mich nicht, mein würdiger Murph, denn ich kenne dies Weib. Uebrigens iſt der Baron Graun über den Scharfſinn faſt erſchrocken, mit welchem ſie die herausfordernde und doch Nolle errieth, die ſie bei dem Notar ſpielen ſoll —“ v „Wird ſie aber ſo leicht zu ihm gelangen, als Sie es hoffen? Leute wie Jacob Ferrand ſind ſehr mißtrauiſch —“ „Ich hatte mit Recht auf den Anblick Cecilys gerechnet und gehofft, derſelbe würde das Mißtrauen des Notars bekämpfen und beſiegen —“ „Er hat ſie ſchon geſehen?“ „Geſtern. Nach der Erzählung der Frau Pipelet zweifle ich nicht, daß er durch die Crevlin bezaubert iſt, denn er hat ſie ſofort in ſeinen Dienſt genommen —“ 347 „So iſt die Partie gewonnen —“ „Ich hoffe es; eine glühende Begehrlichkeit hat den Henker der Louiſe Morel zu den gräulichſten Schandthaten geführt; in der wollüſtigen Begehrlichkeit wird er die ſchreckliche Strafe für ſeine Verbrechen finden, eine Strafe, die namentlich für ſeine Opfer nicht fruchtlos ſein ſoll, denn Du weißt, nach welchem Zwecke all Bemühungen der Creolin gerichtet ſein müſſen.“ „Cecily! Cecily! Nie wird größere Bosheit und gefährlichere Verdorbenheit, nie wird eine ſchwärzere Seele zur Ausführung ei⸗ nes moraliſcheren Planes, ſucteichunß eines edleren Zweckes gewirkt haben. Und Daviv?“ „Er billigt Alles. — Bei der Verachtung und dem Abſcheu, die er jetzt gegen ſeine Frau empfindet, ſieht er in ihr nichts als das Werkzeug einer gerechten Rache. — „Wenn die Verfluchte je⸗ * mals einiges Erbarmen verdienen könnte nach dem Böſen, das ſie mir gethan hat“ — ſagte er zu mir — „ſo würde es ge⸗ ſchehen, wenn ſie ſich der unbarmherzigen Züchtigung dieſes Sün⸗ ders widmete, deſſen böſer Geiſt ſie ſein muß.“ Es klopfte in dieſem Augenblicke ein Huiſſier leiſe an die Thür; Murph ging hinaus und kam bald mit zwei Briefen zu⸗ rück, von denen nur einer für Rudolph beſtimmt war. „Ein paar Worte von Madame Georges!“ rief der Letztere, indem er den Brief ſchnell überlas. „Nun? — Die Nachtigall?“ „Kein Zweifel mehr,“ ſagte Rudolph, nachdem er geleſen hatte, „er handelt ſich wieder von irgend einem ſchenßlichen Com⸗ plotte. Abends nachdem das arme Kind von Bougueval verſchwun⸗ den war, in dem Augenblicke, als Madame Georges mich von dieſem Vorfalle in Kenntniß ſetzen wollte, kam ein Mann, den ſie 348 nicht kannte, als erpreſſer reitender Bote, angeblich von mir, um ſie zu beruhigen, und ſagte ihr, ich ſei von dem plötzlichen Ver⸗ ſchwinden der Marien⸗Blume unterrichtet und würde ſie nach ei⸗ nigen Tagen ſelbſt wiederbringen. Trotz dieſer Anzeige ängſtigt ſich Madame Georges über mein Schweigen und kann, wie ſie ſagt, dem Wunſche nicht länger widerſtehen, Nachricht von ihrer Tochter zu erhalten, wie ſie das arme Kind nennt.“ „Seltſam!“ „In welcher Abſicht kann man Marien⸗Blume entführt haben?“ „Königl. Hoheit,“ ſagte Murph plötzlich, „der Gräfin Sarah iſt dieſe Entführung ſicherlich nicht fremd —“ „Sarah? Warum glaubſt Du das?“ „Halten Sie dieſe Entführung mit ihren Verläumdungen ge⸗ gegen die Frau von Harville zuſammen —“ „Du haſt Recht,“ entgegnete Rudolph, dem plötzlich manches Dunkle hell wurde, „offenbar, — jetzt begreife ich, — ja, immer dieſelbe Berechnung. Die Gräfin hält hartnäckig an dem Glan⸗ ben feſt, wenn ſie alle Bande der Liebe zerreiße, die mich ihrer Meinung nach feſſeln, würde ſie in mir das Bedürfniß wecken, mich ihr wieder zu nähern. Es iſt das eben ſo gehäſſig wie un⸗ ſinnig. — Aber eine ſo unwürdige Verfolgung muß enden. — Schicke ſogleich den Baron von Graun offiziell zu der Gräfin, damit er ihr erkläre, ich habe genaue Kenntniß von dem Antheile, den ſie an der Entführung der Marien⸗Blume genommen, und wenn ſie nicht die nöthigen Nachweiſe gäbe, nach denen das un⸗ glückliche Mädchen wiedergefunden werden könne, würde ich ohne Erbarmen ſein und mich an die Juſtiz wenden.“ „Nach dem Briefe der Frau von Harville wäre die Nachtigall in dem Gefängniſſe St. Lazarus.“ 349 „Ja, aber Lachtaube verſichert, ſie frei und außer dem — fängniſſe geſehen zu haben. — Es liegt hier ein e aufgehellt werden muß.“ „Ich werde dem Baron von Graun ſogleich Ihre Befehle überbringen, aber erlauben Sie mir dieſen Brief zu erbrechen; er⸗ iſt von meinem Correſpondenten in Marſeille, dem ich den Chon⸗ rineur empfohlen hatte; er ſollte dem armen Teufel die Ueberfahrt nach Algier erleichtern —“ „Nun, iſt er abgereiſt?“ „Seltſam!“ „Was giebt es?“ „Der Chourineur hat, nachdem er in Marſeille lange auf ein nach Algier ſegelndes Schiff gewartet hatte und immer trauriger geworden war, an dem zur Abfahrt feſtgeſetzten Tage plötzlich er⸗ mh er wolle lieber nach Paris zurückkehren.“ „Welche Verkehrtheit!“ „Obgleich mein Correſpondent, wie es feſtgeſetzt war, dem Chourineur eine ziemlich bedentende Summe zur Verfügung ge⸗ ſtellt, ſo nahm derſelbe doch nur das, was er zur Noth brauchte, um wieder nach Paris zu gelangen, wo er, ſchreibt man mir, bald ankommen muß.“ „So wird er uns ſeine Sinnesänderung ſelbſt erklären; aber ſchicke den Baron von Graun ſogleich zu der Gräfin Mac Gregor und geh Du ſelbſt in das Gefängniß St. Lazarus, um V nach Marien⸗Blume zu erkundigen.“ Nach einer Stunde kam der Baron von Graun von der Gräfin Sarah Mae Gregor zurück. Der ſonſt ſo ruhige und gemeſſene Diplomat ſah höchſt be⸗ ſtürzt aus; Rudolph bemerkte dies ſofort und fragte: „Nun von Graun;, was iſt Ihnen? Haben Sie die Gräfin geſehen?“ „Ach, königl. Hoheit!“ „Was iſt geſchehen?“ „Bereiten ſich Ew. königl. Hoheit vor, etwas recht Betrüben⸗ des zu erfahren.“ „Aber was? was?“ „Die Frau Gräfin Mac Gregor —“ „Nun?“ „Verzeihen mir Ew. königl. Hoheit, daß ich Ihnen ſo gera⸗ dezu ein ſo trauriges, ſo unerwartetes Ereigniß —“ „Iſt die Gräfin geſtorben?“ „Nein, königl. Hoheit, — aber man zweifelt an ihrem Auf⸗ kommen; ſie hat einen Dolchſtich erhalten.“ * „Das iſt entſetzlich!“ rief Rudolph, trotz ſeiner Abneigung gegen Sarah, mitleidig aus. „Und wer hat das Verbrechen be⸗ gangen?“ „Das weiß man nicht; es war ein Raubmord; man hat ſich in das Zimmer der Frau ſ und eine große Menge Juwelen geraubt —“ „Wie geht es ihr jetzt?“ „Ihr Zuſtand iſt faſt ganz hoffnungslos; ſie hat ihr Be⸗ wußtſein 8 6 wieder erl 4 ihr Bruder iſt in der höchſten Beſtürzung — „Sie müſſen ſich jeden Tag nach dem Zuſtande der Gräfin erkundigen, mein lieber Baron.“ In dieſem Augenblicke kam Murph von St. Lazarus zurück. 351 „Erfahre zuerſt eine traurige Nachricht,“ ſagte S zu ihm: „die Gräfin Sarah iſt von Mördern worden, ihr Leben ſchwebt in der äußerſten Gefahr — „Ob ſie gleich viel verſchuldet hat, königl. Hoheit, ſo beklage ich ſie doch.“ „Ja, ein ſolches Ende wäre entſetzlich. — Und die Nach⸗ tigall?“ „Iſt geſtern in Freiheit geſetzt, wie man vermuthet durch Vermittlung der Frau von Harville.“ „Das iſt nicht möglich. — Die Frau von Havville bittet mich ja, die nöthigen Schritte zu thun, um das unglückliche Mäd⸗ chen aus dem Gefängniſſe zu befreien.“ „Allerdings, es iſt aber eine bejahrte Frau von anſtändigem Ausſehen nach St. Lazarus gekommen und hat den Befehl vor⸗ gelegt, Marien⸗Blume in Freiheit zu ſetzen. Beide haben dann das Gefängniß verlaſſen —“ „Das hat mir Lachtaube geſagt; wer aber iſt die bejahrte Frau, welche Marien-Blume abgeholt hat? Wohin ſind ſie ge⸗ gangen? Welches neue Geheimniß! Vielleicht könnte daſſelbe allein durch die Gräfin Sarah aufgeklärt werden, und dieſe befindet ſich in einem Zuſtande, daß ſie keine Nachweiſe geben kann. Wenn ſie das Geheimniß nur nicht mit in das Grab nimmt!“ „Ihr Bruder, Thomas Seyton, würde gewiß auch einige Nachweiſungen geben können. Er war ja immer der geheime Rath der Gräfin.“ „Seine Schweſter liegt im Sterben; wenn es ſich um ein neues Complott handelt, wird er nichts ſagen; aber“ ſetzte Ru⸗ dolph nachdenkend hinzu, „der Name der Perſon muß ermittelt werden, welche ſich für Marien⸗Blume intereſſirte und deren Frei⸗ 352 laſſung bewirkte; auf dieſe Weiſe muß man nothwendig etwas erfahren.“ . „Sehr richtig.“ „Suchen Sie dieſe Perſon ſobald als möglich zu ermitteln und zu ſprechen, lieber von Graun; gelingt es Ihnen nicht, ſo ſchicken Sie Badinot aus, — ſparen Sie nichts, um die Spur des armen Kindes wieder aufzufinden.“ „Ew. ksnigl. Hoheit können auf meinen Eifer rechnen.“ „Wahrhaftig, Hoheit,“ ſagte Murph, „es kann uns von Nutzen ſein, daß der Chourineur wiederkommt; er kann uns bei dieſen Nachforſchungen behülflich ſein „Du haſt Recht, und ich ſehne mich nun, meinen braven Le⸗ bensretter — ich werde nie vergeſſen, daß ich ihm das Leben ver⸗ danke — in Paris ankommen zu ſehen.“ CXXVII. Die Schreibſtubr. S waren mehrere Tage vergangen, ſeit Jacob Ferrand Ce⸗ cily in ſeinen Dienſt genommen hatte. Wir wollen den Leſer (der dieſen Ort ſchon kennt) in die Schreibſtube des Notars zur Frühſtüͤckszeit der Schreiber führen. Etwas Unerhörtes, Ungeheuerliches, Wunderbares! Statt des magern und gar nicht lockenden Ragonts, welches die ſelige Mad. Seraphin dieſen jungen Leuten jeden Morgen zu bringen pflegte, thronte ein ungeheurer kalter Truthahn in der Mitte eines der Tiſche neben zwei weißen Broden, einem holländiſchen Käſe und drei verſiegelten Weinflaſchen; ein altes bleiernes Schreibzeug mit untereinander gemiſchtem Pfeffer und Salz diente als Salz⸗ und Pfeffergefäß. Jeder Schreiber wartete, mit ſeinem Meſſer und einem fürch⸗ terlichen Appetite verſehen, mit unbändiger Ungeduld auf die Eß⸗ ſtunde; einige kauten bereits, wenn' ſie auch noch nichts zwiſchen den Zähnen hatten, und verwünſchten die Abweſenheit des erſten Schreibers, ohne den man, der Ordnung gemäß, das Frühſtück nicht beginnen konnte. Die Geheimniſſe von Paris. VI. 2* 354 Ein ſolcher Fortſchritt oder vielmehr eine ſolche radicale Um⸗ wälzung in der Koſt der Schreiber Jacob Ferrands kündigte eine außerordentliche Veränderung in dem Hausweſen an. Die nachſtehende (wenn wir uns dieſes Ausdrucks bedienen dürfen) ungemein böptiſche S wird einiges Licht auf dieſe wichtige Frage werfen. „Der Truthahn da hat es, als er in die Welt trat, auch nicht erwartet, einſt zum Frühſtück bei Schreibern zu erſcheinen.“ „Eben ſo wenig, wie der Herr, als er in die — Notarswelt trat, es erwartete, ſeinen Schreibern jemals einen Truthahn zum Frühſtück zu geben.“ „Laßt ſein; der Truthahn iſt unſer,“ fiel der Laufburſche mit leckerhafter Begehrlichkeit ein. „Guter Freund, Du vergißt Dich; dies muß für Dich ein Fremdling ſein.“ „Und als ächter Franzoſe mußt Du alle und Aus⸗ ländiſche haſſen.“ „Du wirſt höchſtens die Beine erhalten können.“ „Als Sinnbild der Schnelligkeit, mit welcher Du dis Wibe Gänge beſorgſt.“ „Ich glaubte wenigſtens Anſpruch auf das zu 3 antwortete der Geneckte. „Man könnte Dir es bewilligen, aber einen Anſpruch haſt Du nicht darauf, wie es mit der Charte von 1814 war, die auch nur ein Freiheitsgerippe war,“ bemerkte der Mirabeau der Schreib⸗ ſtube. „Bei dem Gerippe fällt mir ein,“ ſagte einer der jungen Leute mit roher Unempfindlichkeit, „wie gut es doch iſt, daß der liebe Gott die Mutter Seraphin zu ſich genommen hat, denn ſeit 355 ſie bei einer Landpartie ertrunken iſt, ſind wir doch von ihrer lie⸗ benswürdigen Koſt befreit.“ „Und ſeit einer Woche giebt uns der Herr ſtatt des Früh⸗ ſtücks —“ „Jedem täglich 40 Sous.“ „Deshalb eben ſage ich, was Gott thut, das iſt wohlgethan. Er konnte nichts Beſſeres thun, als die Mutter Seraphin von uns zu nehmen.“ „Zu ihrer Zeit würde uns der Notar gewiß nicht 40 Sous gegeben haben.“ „Es iſt enorm!“ „Fabelhaft.“ „Es giebt keine Schreibſtube in Paris —“ „In Europa —“ „In der ganzen Welt, wo ein Schreiber 40 Sous zum Frühſtuck erhält.“ „Wer von Euch hat denn die neue Magd geſehen?“ „Die Elſaſſerin, die die Portiersfrau aus dem Hauſe, in welchem die arme Louiſe wohnte, eines Abends hergebrucht hat, wie der Portier ſagt?“ „Ich habe ſie noch nicht geſehen.“ „Ich auch nicht.“ „Es iſt auch vein unmöglich ſie zu ſehen, weil der Herr uns noch ſtrenger als ſonſt abhält, in das Haus im Hofe hinten zu kommen.“ „Und da der Portier e6t die Schreibſtube rein macht, wie ſoll man denn das Mädchen ſehen?“ „Ich, ich habe ſie geſehen.“ 3* „Du?“ „Wo denn?“ „Wie ſieht ſie aus?“ „Iſt ſie groß oder klein?“ „Jung oder alt?“ „So hübſch und liebenswürdig wie die arme Lyuiſe iſt ſie gewiß nicht, das behaupte ich gleich vorn weg.“ „Wie ſieht ſie aus? So rede doch.“ „Wenn ich ſage, ich habe ſie geſehen, ſo — habe ich ihr Häub⸗ chen geſehen, — ein närriſches Ding.“ „Wie ſo?“ „Es war kirſchroth und von Sammet, glaub' ich, ſo unge⸗ fähr wie es die Beſenverkäuferinnen tragen.“ „Wie die Elſaſſerinnen? Nun, das iſt begreiflich, da ſie eine Elſaſſerin iſt.“ „Die gebrannte Katze fürchtet das Fener.“ „Wie paßt Dein Sprichwort, Chalamel, auf das amſi⸗ Häubchen?“ „Gar nicht.“ „Warum erwähnſt Du es alſo?“ „Weil eine Wohlthat nie verloren und die Eidechſe der Freund des Menſchen iſt.“ „Da kommt der Chalamel wieder einmal mit ſeinen albernen Sprichwörtern, die wie die Fauſt auf das Auge paſſen und die et immer im Munde führt. — Sag' lieber, was Du von der neuen Magd weißt.“ „Ich ging vorgeſtern über den Hof; da lehnte ſie an einem Fenſter im Parterre. Die untern Scheiben ſind aber ſo ſchmutzig, ſo blind, daß ich von der Figur der Elſaſſerin nichts ſehen konnte; 357 da aber die mittleren Scheiben minder trübe ſind, ſo ſah ich ihr kirſchrothes Häubchen und eine Fülle rabenſchwarzer Locken; ſie trug Locken.“ „Der Herr hat gewiß nicht ſo viel durch ſeine Brille wie Du geſehen; denn er gehört auch zu denen, die das Menſchenge⸗ ſchlecht ausſterben laſſen würden, wenn ſie mit einer Frau allein auf der Erde wären —“ „Darüber braucht man ſich gar nicht zu wundern; „wer am letzten lacht, lacht am beſten“, wie die Artigkeit der Könige iſt.“ „Chalamel wird unerträglich, wenn er ſo anfängt —“ „Sage mir, mit wem Du umgehſt, und ich will Dir ſagen, wer Du biſt.“ „Ich für meine Perſon glaube, der fromme Aberglaube ver⸗ dirbt den Herrn immer mehr und mehr.“ „Vielleicht giebt er uns auch zur Buße täglich 40 Sous.“ „Er iſt mit einem Worte verrückt.“ „Oder krank.“ „Ich finde, daß er ſeit einigen Tagen ſehr verſtört ausſieht.“ „Man ſieht ihn gar nicht oft. Während er ſonſt zu unſerm Unglücke in ſeinem Cabinet war und uns auf dem Nacken ſaß, ſteckt er jetzt mitunter in zwei die Naſe nicht einmal in die Schreibſtube.“ „Deshalb iſt der erſte Schreiber auch mit Arbeit überhäuft.“ „Und deshalb müſſen wir heute auf ihn warten und dabei halb verhungern.“ 65 „Der arme Germain würde ſich ſehr wundern, wenn man ihm ſagte: Denk' Dir, der Herr giebt uns jetzt vierzig Sous täglich zum Frühſtück. — Nicht möglich. — Er hat es mir, Chalamel, ſelbſt angekündigt. — Du willſt mir etwas weiß machen. — Ich will Dir ſagen, wie es zugegangen iſt; in den erſten zwei oder drei Tagen nach dem Tode der Mutter Seraphin hatten wir gar kein Frühſtück, und das war uns in einer Art ſehr lieb, auf der andern Seite mußten wir aber doch eſſen, und das foſtete uns Geld. Dennoch hatten wir Geduld, weil wir dachten: Der Herr hat jetzt weder Magd, noch Haushälterin; iſt er wieder verſehen, wird es uns an unſerm ſchlechten Frühſtuck auch nicht fehlen. Aber nein, Germain, der Herr nahm ſich wieder eine Magd, und unſer Frühſtück blieb im Strome der Vergeſſenheit begraben. — Da ſchickte man mich gleichſam als Abgeordneten ab, um dem Herrn uuſere Beſchwerde vorzutragen. — Er war mit dem erſten Schreiber allein. — „Ich mag Euch früh kein Eſſen mehr geben,“ ſagte er brummig, und als ob er an etwas ganz anderes dächte; „meine Magd hat keine Zeit, ſich um Euer Frühſtuck zu bekummern.“ — „Es iſt aber doch ausgemacht, daß wir Frühſtüͤck erhalten ſollen.“ — „Nun ja, ſo laßt Eüch das Frühſtuck holen, und ich werde es bezahlen. — Wie viel wird es koſten? — 40 Sous für jeden?“ ſetzte er hinzu, und er ſah im⸗ mer mehr aus, als denke er an etwas ganz anderes, und als nenne er 40 Sous, ohne zu wiſſen, was er ſage. — „Ja,“ meinte ich, „40 Sous werden hinreichen.“ — „Alſo abgemacht; der erſte Schreiber wird das Geld auslegen, und ich werde mich mit ihm berechnen.“ Darauf warf er mir die Thüre vor der Naſe zu. Geſteht nur, Ihr Herren, Germain würde ſich über dieſe Freigebigkeit gewaltig wundern.“ I „Germain würde ſagen, der Herr habe getrunken —“ „Es ſei ein Mißbrauch —“ in „Chalamel, — Deine Sprichwörter ſind uns noch lieber als —“ 359 „Ich halte den Herrn im Ernſt für krank. — Seit zehn Tagen iſt er nicht wieder zu erkennen; die Backen ſind ihm ſo eingefallen, daß man eine Fauſt hineinlegen könnté.“ „Und zerſtreut iſt er, Zerſtreut! Letzthin nahm er ſeine Brille ab, um ein Aetenſtück zu leſen; waren roth wie glü⸗ hende Kohlen.“ „Gute Rechnung macht ge Freunde.“ „So laß mich doch reden! Ich ſage Euch, es iſt ſeltſam. — Ich gab ihm das hin, — äber es war umgekehrt, das Unterſte zu oberſt — „Da wird er ſchön aufgefahren ſein! „Gott behüte! Er bemerkte es gar nicht, ſtierte die Urkunde zehn Minuten lang mit ſeinen großen rothen Augen an und gab mir ſie dann mit den Worten zurück: es iſt gut.“ „Immer verkehrt?“ unig Ii „Er hatte ſie alſo nicht geleſen?““ „Er müßte denn verkehrt leſen können 6 „Sonderbar.“ 0 „Der Herr ſah in dieſem Augenblicke ſo mürriſch und bös⸗ willig aus, daß ich nichts zu ſagen wagte und wieder fortging.“ „Ich war vor vier Tagen in dem Bureau des erſten Schrei⸗ bers, und es fanden ſich zwei; drei Elienten ein, welche der Herr beſtellt hatte. — Sie wurden verdrüßlich über das Warken, und ich klopfte auf ihr Verlangen an dev Thüre des Cabinets an. Es antwortete Niemtnd, und , trat“ 3 n 12 Nun?“ u nſne 10 . S Jacob W die Arme auß e 360 gelegt und ſeine kahle, nicht eben ſchöne Stirn auf dieſe Arme geſtützt; er rührte ſich nicht.“ „Schlief er?“ 8 „Ich glaubte es, trat näher und ſagte: „Herr Ferrand, es ſind Leute da, die Sie beſtellt haben.“ Er rührte ſich nicht. „Herr!“— Keine Antwort. Endlich legte ich die Hand auf ſeine Achſel; da fuhr er empor, als hätte ihn der Teufel gepackt. Bei der raſchen Bewegung fiel ihm die Brille von der Naſe und ich ſah — Ihr werdet es nicht glauben —“ „Nun, was ſahſt Du?“ „Thränen.“ „Welche Poſſe!“ „Das iſt zu arg.“ „Ferrand weinen! Geh!“ „Wenn ich das ſehe, glaube ich auch, daß die Maikäfer Trompete blaſen.“ „Und die Hühner Stiefeln mit Sporen tragen.“ „Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt, ich weiß, was ich ge⸗ ſehen habe.“ „Thränen?“ „Ja, Thränen. — Dann wurde er aber ſo wüthend, als er ſah, daß er in dieſem Thränenzuſtande überraſcht worden, daß er eilig ſeine Brille wieder zurecht ſetzte und mich anſchrie: „Hinaus! hinaus!“ — „Aber, Herr,“ ſagte ich. — „Hinaus!“ — „Es ſind Leute da, die Sie beſtellt haben und.“— „Ich habe keine Zeit, ſie mögen zum Teufel gehen und Sie mit!“ Darauf ſprang er wüthend auf, als wenn er mich hinauswerfen wollte; ich wartete dies nicht ab, pruckte mich und ſchickte die Leute fort, die nicht eben zufrieden und vergnügt ausſahen. —“ — — 361 Dieſe intereſſante Unterhaltung wurde durch den erſten Schrei⸗ ber unterbrochen, der geſchäftig eintrat; ſeine Ankunft wurde durch eine allgemeine und laute Bewillkommnung begrüßt, und aller Augen richteten ſich mit ungeduldigem Verlangen nach dem Trut⸗ hahn. „Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, Herr, aber Sie laſſen teufelmäßig lange auf ſich warten,“ ſagte Chalamel zu ihm. „Sehen Sie ſich ein anderes Mal beſſer vor, unſer Appetit dürfte ſich nicht wieder ſo beſchwichtigen laſſen.“ „Es iſt nicht meine Schuld; ich muß mehr ertragen, als Ihr Euch einbildet. — Auf Ehre, ich glaube, Ferrand iſt ver⸗ ruͤckt.“ „Habe ich es Euch nicht geſagt!“ „Das hindert uns aber nicht am Eſſen —“ „Im Gegentheil —“ „Wir können mit vollem Munde eben ſo gut reden.“ „Beſſer!“ fiel der Laufburſche ein, während Chalamel den Truthahn zerlegte und zu dem erſten Schreiber ſagte: „Warum halten Sie Ferrand für verrückt?“ „Wir waren bereits nicht abgeneigt, ihn für völlig umge⸗ wandelt zu halten, als er uns täglich 40 Sous zum Frühſtück be⸗ willigte —“ „Ich geſtehe, daß mich dies eben ſo überraſcht hat wie Euch; es war dies aber nichts, gar nichts gegen das, was eben geſchehen iſt.“ „Ah!“ * „Sollte es dem Unglücklichen einfallen, uns alle Tage auf ſeine Koſten in der beſten Reſtaurativn zu Mittag eſſen zu laſſen?“ 362 „Dann in das Theater zu ſchicken?“ „Dann in ein e um den Abend mit einem Punſch zu beſchließen?“ „Und dann?“ „Scherzt ſo viel Ihr wollt; der mt. dem ich eben eb iſt eher ſchrecklich als — „So erzählen Sie den Auftritt — . Ja, in, wir A zwur,“ ſagte Chalamel, „ſind aber dabei ganz Ohr —“ „Und ganz Kinnlade! Ich ſehe es kommen: während ich er⸗ zäͤhle, kaut Ihr ſo tapfer als möglich, und wenn ich fertig bin, iſt auch der Truthahn ſ — Getuldet Euch, ich ſpare die Geſchichte zum Deſſert auf — Wir wiſſen nicht, ob der Stachel des Hungers oder der Neu⸗ gierde die jungen Leute antrieb, aber ſie gingen mit einem ſo er⸗ emplariſchen Eifer an das Eſſen, daß der? —— des ſehr bald kam. Um von Ferrand nicht 6 zu werden, wurde vngunß burſche als Vorpoſten in das anſtoßende Zimmer geſtellt, nachdem ihm die Beine und das des S S6 zuerkannt worden waren. Der erſte Schreiber ſagte dann zu ſeinen Gollegen! Zuerſt müßt Ihr wiſſen, daß der Portier ſeit einigen Tagen um die Geſundheit Ferrands beſorgt war; da der gute Mann bis ſpät in die Nacht aufbleibt, ſo hatte er Ferrand mehrmals in der Nacht in den Garten gehen und trotz der Kälte oder dem Re⸗ gen dort mit großen Schritten auf und ab wandeln ſehen. — Einmal wagte er es, aus ſeiner Stube herauszutreten und ſeinen — — 363 Herrn zu fragen, ob er etwas bedürfe? — Ferrand ſchickte ihn aber in einem Tone zu Bett, daß der Portier ſich ſeitdem ganz ruhig verhalten hat und noch ruhig verhält, ſobald er den Herrn in den Garten hinunter gehen hört, was faſt alle Nächte das Wetter mag ſein wie es will — . „Iſt Ferrand vielleicht — thn „Das dürfte nicht wahrſcheinlich ſein, aber eine große innere Unruhe verrathen ſolche nächtliche Wanderungen. — Ich komme zu meiner Geſchichte. — Ich ging eben in das Cabinet Ferrands, um ihn einiges unterſchreiben zu laſſen; in dem Augenblicke, als ich die Hand an das Thürſchloß legte, war es mir; als hörte ich ſprechen; ich blieb ſtehen und vernahm deutlich ein paar Mal ein dumpfes Aufſchreien, wie erſtickte Klagetöne. Nachdem ich einige Augenblicke gezögert hatte, machte W. . die W u da ich wahrhaftig ein Unglück fürchtete —“ „Nun?“ . „Was ſah ich? — Ferrand auf den Dielen auf den Knieen —“ „Auf den Knieen?“ u9ſ 3 „Auf den Dielen?“ Mnnmn 5 „Ja auf den Dielen knieend, die Stirn auf die Hände und die Elnbogen auf einen ſeiner alten Stühle geſtützt —“ „Sind wir nicht dumm! Darüber brauchen wir uns doch gar nicht zu verwundern. Er iſt ja ein Betbruder und wird ein tragebet verrichtet haben —“ 1043 „Es mag jedenfalls ein närriſches Gꝛbet ene ſein. Man hörte nur halberſticktes Aechzen, bisweilen aber murmelte er Zwi⸗ ſchen den Zähnen: „Mein Gottt „. — mein Gott! . . mein Gott!“ — wie in der gräßlichſten Verzweiflung. — Als ich das ſah, wußte ich wahrhaftig nicht, ob ich bleiben oder wieder gehen ſollte —“ „Das wäre meine anſcht auch geweſen.“ „Ich blieb — in großer Verlegenheit, als Ferrand ſich plötz⸗ lich aufrichtete und ſich umdrehte; er hatte ein altes rarrirtes Taſchentuch zwiſchen den Zähnen; ſeine Brille lag auf dem Stuhle. — Nein, meine Herren, ich habe in meinem Leben kein uche⸗ Geſicht geſehen. — Ich prallte, auf Ehre! zurück und er —“ „Packte Sie an der Kehle?“ „Fehlgeſchoſſen! Anfangs ſah er mich verſtört an, dann ließ er das Taſchentuch fallen, das er zernagt und zerbiſſen hatte, warf ſich in meine Arme und rief aus: „Ach, ich bin ſehr unglücklich!“ „Welche Poſſe!“ „Welche Poſſe? Trotz e. Todtenkopfgeſichte war ſeine Stimme, als er das ſagte, ſo herzzerreißend, faſt ſanft —“ „Sanft? Gehen Sie! Eine Nachtwächterſchnurre, die Stimme einer W Eule iſt die lieblichſte Muſik gegen die Stimme des Notars — „Wohl möglich; in dieſem Augenblicke war ſie aber ſo kla⸗ gend, daß ich faſt gerührt wurde, um ſo mehr, da Ferrand bekannt⸗ lich für gewöhnlich gar nicht mittheilend iſt. — „Herr Ferrand,“ ſagte ich, „glauben Sie, daß .. —“ „Laß mich! laß mich!“ er mich; „ach, es eeich⸗ tert, Jemandem ſagen zu können, daß man leidet.“ Er hielt mich offenbar für eine andere Perſon.“ „Er nannte Sie Du? Dann ſind Sie uns u Flaſchen Bordeaux ſchuldig: „Wenn der Herr Sie Du genanut, Müſſen Wein Sie geben.“ 365 das ſagt das Sprichwort, das iſt heilig; denn die Sprichwörter ſind die Weisheit der Nationen.“ „Laſſen Sie Ihre Witze, Chalamel. — Sie ſehen ein, meine Herren, daß ich, ſobald ich mich von dem Herrn Du nennen hörte, ſogleich begriff, er halte mich für einen Andern oder habe das hitzige Fieber. — Ich machte mich von ihm los und ſagte: „Herr Ferrand, beruhigen Sie ſich, beruhigen Sie ſich, — ich bin es.“ — Da ſah er mich ganz verblüfft an. „He!“ antwortete er; „was giebt es? Wer iſt da? Was wollen Sie?“ und er ſtrich bei jeder Frage mit der Hand über die Stirn, als wollte er eine Wolfe vertreiben, welche ſeine Gedanken verdunkelte.“ „Was mag der Notar haben?“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht, ſoviel iſt aber gewiß; daß es aus einem ganz andern Tone ging, als er ſeine Kaltblütigkeit wieder erlangt hatte; er kniff die Augenbraunen ſchrecklich zuſam⸗ men und ſagte polternd zu mir, ohne mir zu einer Antwort Zeit zu laſſen: „Was ſuchen Sie hier? Waren Sie ſchon lange hier? ... Kann ich nicht einmal in meinem Zimmer vor Spionen ſicher ſein? Was habe ich geſagt? Was haben Sie gehört? Antworten Sie! Antworten Sie!“ Er ſah ſo ſchrecklich aus, daß ich erwie⸗ derte: „Ich habe nichts gehört, — ich bin eben erſt hereingekom⸗ men.“ — „Sie hintergehen mich nicht?“ — „Nein, Herr Fer⸗ rand.“ — „Was wollen Sie?“ — „Sie um Ihre Unterſchrift bitten.“ — „Geben Sie her.“ Und er fängt an zu unterſchrei⸗ ben, zu unterſchreiben ohne etwas zu leſen, während er ſonſt ſei⸗ nen Namen nicht unterzeichnete, ehe er Alles, Buchſtabe für Buch⸗ ſtabe, zwei Mal vom Anfange bis zu Ende durchgeſehen hatte. Ich bemerkte, daß ſeine Hand bisweilen mitten im Schreiben inne hielt, als wenn er ſich aus ſeinen Gedanken nicht herausreißen * 366 könnte, dann ſchrieb er raſch, raſch, wie krampfhaft weiter. — Nachdem Alles unterzeichnet war, hieß er mich gehen, und ich horte ihn auf der kleinen Treppe die aus ſeinem Cabinet in den Hof führt.“ „Ich komme immer wieder viiuß zteht: was kann er haben?“ „Vielleicht giti er 5 iber den Tod der Madame Sera⸗ phin ſo ſehr.“ „Ach ja, er ſich über Jemanden grämen!“ „Es fällt mir auch ein, daß der Portier ſagte, der Geiſtliche und deſſen Vicar wären mehrmals dageweſen, um Ferrand zu be⸗ ſuchen, aber ſtets abgewieſen worden. — Das iſt auch wun⸗ derbar!“ hin „Ich für meinen Theil möchte wiſſen, was der Tiſchler und Schloſſer in dem Hauſe hinten gearbeitet haben.“ „Ja, ſie waren drei ganze Tage beſchäftigt.“ „Und dann brachte man eines Abends Meubles.“ „Vielleicht thut es ihm leid, daß er Germain einſperren ließ.“ n „Ihm leid thun? Dazu iſt er zu hartgeſotten.“ „Der arme Germain wird ſchöne neue Geſellſchaft . vahen ½ „Wie ſo?“ „Ich las in der Gazette des Tribunaux, man habe die Räuber- und Mörderbande, welche in den elyſäiſchen Feldern in einem der unterirdiſchen Wirthshäuſer verhaftet worden iſt —“ „Das ſind wahre Höhlen!“ „Man habe, ſage ich, dieſe Bande nach La Force gebracht.“ „Eine ſchöne Geſellſchaft für den armen Germain!“ 367 „Louiſe Morel wird auch ihren Antheil davon bekommen ha⸗ ben, denn es ſoll ſich unter der Bande eine ganze Familie von Dieben und Mördern befunden haben, Vater und Sohn, Mutter und Tochter.“ „Dann ſchickt man die Frauenzimmer nach St. Lazarus, wo Louiſe iſt.“ . „Vielleicht hat auch einer von dieſer Bande die Gräfin er⸗ mordet, welche bei dem Obſervatvrium wohnt, eine Clientin Fer⸗ rands. — Wie oft hat er mich zu der Gräfin geſchickt, um ſich nach ihrem Befinden erkundigen zu laſſen! Er ſcheint ſich ſehr da⸗ für zu intereſſiren. — Noch geſtern trug er mir zu ihr zu gehen.“ „Nun?“ „Es iſt immer gleich: einen Tag hat man Hoffnung, den andern iſt ſie aufgegeben, und man weiß nicht, ob ſie den Tag überleben wird; vorgeſtern verzweifelte man, geſtern hieß es, es zeige ſich ein wenig Hoffnung. — Schlimm i es freilich, da ſie ein hitziges Fieber dabei hat.“ „Konnteſt Du in das Haus und den Ort ſehen, wo die That geſchehen iſt?“ „Oh ja, — ich durfte nicht weiter als an 6 — hor gehen, und der Portier ſcheint auch nicht zu denen zu gehören, die mehr reden, als gerade ſein muß.“ „Der Herr kommt die Treppe herauf!“ rief der Laufburſche in die Schreibſtube hinein, indem er gleich darauf, das Truthahn⸗ geripp in der Hand, ſelbſt erſchien. Die jungen Leute kehrten eilig zu ihren verſchiedenen Plätzen zurück und fingen an eifrig zu ſchreiben, während der Laufburſche 368 momentan das Truthahngerippe in einen großen Pappenkaſten legte. Jacob Ferrand erſchien wirklich. Seine mit Grau untermiſchten rothen Haare, die unter der ſchwarzen ſeidenen Mütze hervordrangen, fielen ordnungslos an jeder Seite der Schläfe herunter; einige Adern ſchienen bis zum Berſten mit Blut gefüllt zu ſein, während ſein eingefallenes Ge⸗ ſicht bleich war. Den Ausdruck ſeiner Augen konnte man der großen grünen Brillengläſer wegen nicht ſehen, aber die gewaltige Veränderung in den Zügen dieſes Mannes verrieth die Zerſtörun⸗ gen einer verzehrenden Leidenſchaft. Er ſchritt langſam durch die Schreibſtube, ohne ein Wort zu ſeinen Schreibern zu ſagen, ja ohne, wie es ſchien, zu bemerken, daß ſie da waren, ging in das Zimmer hinein, in welchem ſich der erſte Schreiber befand, durch dieſes auch hindurch, wie durch ſein Cabinet, und unmittelbar auf der kleinen Treppe wieder hin⸗ unter, die in den Hof führte. Da Ferrand alle Thüren hinter ſich offen ließ, ſo konnten die Schreiber ſich mit vollem Recht über ihren Herrn wundern, der auf der einen Treppe heraufgekommen und auf einer andern wie⸗ der hinuntergegangen war, ohne in einem der Zimmer ſtehen zu bleiben, durch die er maſchinenartig ſchritt. — —— — ——— — CXXVIII. Du Lollit nicht begehren .. Die tiefe Stille, welche in dem von Jacob Ferrand bewohn⸗ ten Hauſe herrſcht, wird von Zeit zu Zeit durch das Geheul des Windes und das Plätſchern des Regens unterbrochen, der in Strö⸗ men herunterfällt. Dieſe ſchauerlichen Töne ſcheinen die Oede dieſer Wohnung noch vollſtändiger zu machen. In einem ſehr bequem und ganz neu meublirten, mit weichen Teppichen belegten Schlafzimmer im erſten Stock ſteht eine junge Frau vor einem Kamine, in welchem ein luſtiges Feuer flackert. In der Mitte der ſorgfältig verriegelten Thür, dem Bette ge⸗ genüber, bemerkt man ſeltſamer Weiſe ein kleines, fünf bis ſechs Zoll im Quadrat haltendes Thürchen, das von außen geöffnet werden kann. Eine Lampe verbreitet ein mattes Licht in dem Zimmer, das mit rothen Papiertapeten ausgeſchlagen iſt; die Bett⸗ und Fenſter⸗ Die Geheimniſſe von Paris. VI. 24 . 37⁰ vorhänge, ſo wie der Ueberzug des großen Sophas ſind von gleich⸗ farbigem Damaſt, Seide und Wolle. Wir erwähnen dieſe Einzelnheiten eines gewiſſen Lurus, der ſeit Kurzem in die Wohnung des Notars gekommen iſt, weil die⸗ ſer halbe Lurus eine vollſtändige Umwandlung in der Lebensweiſe Ferrands anzeigt, der bis dahin ſchmutzig geizig war und um Gemächlichkeit und Bequemlichfeit ſich gar nicht kümmerte. Die junge Fran in dieſem Schlafzimmer iſt Cecily, und wir wollen ſie zu ſchildern verſuchen. Die hoch und ſchlank gewachſene Creolin ſteht in der vollſten Blüte ihres Alters. Die Entwickelung ihrer ſchönen Schultern und ihrer breiten Huͤften giebt ihrer runden Taille ein ſo wunder⸗ bar ſchmächtiges Ausſehen, daß man glauben ſollte, Cecily könnte ihr Halsband als Gürtel gebrauchen. Ihr eben ſo einfacher wie niedlicher und reizender elſäſſi⸗ ſcher Anzug iſt von etwas ſeltſamem Geſchmack, einigermaßen theatraliſch und vollkommen für die Wirkung geeignet, die ſie da⸗ durch hervorbringen wollte. Ihr auf der vollen Bruſt halb offener, vorn weit herunter gehender ſchwarzer Caſimir⸗Spenzer mit langen Aermeln und glat⸗ tem Rücken iſt auf den Nähten leicht mit rother Wolle geſtikt und mit einer Reihe kleiner ſilberner Knöpfe beſetzt. Ein kurzer orange Merino⸗Rock, der außerordentlich weit zu ſein ſcheint, ob er gleich dicht an den üppigen Formen ſich anſchmiegt, läßt halb das reizende Bein der Creolin und die rothen Strümpfe mit— blauen Zwickeln ſehen, wie man es bei den alten niederländiſchen Malern bemerkt, welche die Strumpfbänder ihrer kräftigen Heldin⸗ nen ſo gern zeigen. Nie hat ein Künſtler ein ſo ſchoͤn geformtes Bein erdacht, 371 wie das Cecilys; kräftig und dünn unter der tunden Wade, endigt es in einem niedlichen Fuße, den ein ganz kleiner Schuh von ſchwarzem Maroquin mit ſilberner Schnalle feſthält. Ceeily ſteht, etwas in die linke Hüfte eingeſunken, vor dem Spiegel über dem Kamine. Der Ausſchnitt ihres Spenzers läßt ihren zierlichen, vollen, blendend weißen Hals ſehen. Die Creolin nimmt ihre kirſchrothe Sammetmütze ab, um ſie durch ein Tuch zu erſetzen, und enthüllt ſo ihr dichtes prächtiges blauſchwarzes Haar, das, in der Mitte der Stirn geſcheitelt und von Natur gelockt, nur bis auf das „Venus⸗Halsband“ — fällt, das den Hals mit den Achſeln verbindet. Man muß den unnachahmlichen Geſchmack kennen, mit wel⸗ chem die Creolinnen jene hellfarbigen ſeidenen Tücher um ihren Kopf zu winden wiſſen, um ſich eine Vorſtellung von dem Nacht⸗ kopfputze Cecilys und von dem reizenden Contraſte zwiſchen dieſem Gewebe in Purpur, Blau und Orange und dem ſchwarzen Haar machen zu können, das unter der dichten Falte des Tuches her⸗ vorquillt und mit ſeinen tauſend Locken ihre bleichen, aber vollen und feſten Wangen umhüllt. Sie hält die beiden runden Arme über den Kopf und iſt eben beſchäftigt, mit ihren zarten Fingern eine große Roſette tief un⸗ ten an der linken Seite, faſt am Ohre, zu binden. Die Züge Cecilys gehören zu denen, welche man nie wieder vergißt. Die kühne etwas vorſtehende Stirn wölbt ſich über ihrem vollfommen vvalen Geſicht; ihr Teint iſt matt weiß und hat die Atlasfriſche eines Camelienblattes, das faſt unmerklich durch einen Sonnenſtrahl übergoldet wird; ihre faſt übergroßen Augen beſitzen einen eigenthümlichen Ausdruck, denn das glänzende Schwarz der— 24 * 372 ſelben läßt kaum an den beiden Winkeln der Lider mit langen Wimpern das bläuliche durchſichtige Weiß des Augapfels ſehen; ihr Kinn tritt ſcharf hervor; die feine gerade Naſe endigt in zwei beweglichen Löchern, die ſich bei der geringſten Aufregung ausdeh⸗ nen, und ihr kecker verliebter Mund iſt lebhaft roth gefärbt. Man denke ſich dieſes farbloſe Geſicht mit den funkelnden, ganz ſchwarzen Augen und den beiden feuchten, glatten, rothen Lippen, die wie Korallen glänzen. Die Creolin, ſchlank und fleiſchig, kräftig und geſchmeidig wie ein Panther, war der wahre Typus der glühenden Sinnlich⸗ keit, die nur in dem Sonnenbrand der Tropen ſich entzünden kann. Jedermann hat von jenen für die Europäer faſt tödtlichen farbigen Mädchen, von jenen zauberiſchen Vampyren gehört, welche ihr Opfer mit ſchrecklicher Wonne berauſchen, ihm den letzten Tropfen Geld und Blut ausſaugen und ihm, wie man dort be⸗ zeichnend genug ſagt, nur ſeine Thränen zum Tranke, ſein Herz zum Nagen übrig laſſen. So war auch Cecily. Nur hatten ſich ihre Inſtinete, weil ſie durch die wirkliche Liebe zu David eine Zeit lang feſtgebannt gehalten geweſen, erſt in Europa entwickelt und waren durch die Civiliſation und den elimatiſchen Einfluß des Nordens in ihrem Ungeſtüm gemä⸗ ßigt, in ihrer Aeußerung modifizirt worden. Statt ſich gewaltſam auf ihre Beute zu ſtürzen und, wie ih⸗ res Gleichen, nur daran zu denken, ein Leben und Vermögen ſo bald als möglich zu zerrütten oder zu vernichten, begann Ceccily damit, daß ſie ihren magnetiſchen Blick auf ihre Opfer heftete und ſie allmälig in den glühenden Wirbel zog, der von ihr auszuſtrö⸗ men ſchien; ſah ſie dann, daß ſie keuchten, von den Qualen eines ungeſtillten Verlangens gemartert wurden, ſo verlängerte ſie gern durch raffinirte Koketterie ihren glühenden Wahnſinn, bis ſie zu ihrem urſprünglichen Inſtinete zurückkehrte und ſie in ihren mör⸗ deriſchen Umarmungen aufrieb. Das war noch ſchrecklicher. Der hungrige Tiger, der ſich auf ſeine Beute ſtürzt, ſie fort⸗ ſchleppt und brüllend zerreißt, erregt geringeres Grauen und Ent⸗ ſetzen als die Schlange, die ſtill und ſchweigend ihren Zauber übt, die Bente allmälig an ſich zieht, ſie t ihren unentwirrbaren Ringeln umſchlingt, ſie darin langſam zermalmt, ſie unter ihren trägen Biſſen zittern fühlt und ſich eben ſo ſehr an den Schmer⸗ zen wie an dem Blute ihres Opfers zu weiden ſcheint. Cecily konnte, wie wir erwähnt haben, nachdem ſie kaum in Deutſchland angekommen und zuerſt durch einen völlig ſittenloſen Menſchen verführt worden war, ohne daß es David wußte, der ſie verblendet vergötterte, eine Zeit lang ihre gefährlichen Verführungs⸗ künſte entfalten und ausüben; bald aber kamen ihre ärgerlichen Abenteuer an den Tag, man machte ſchreckliche Eutdeckungen, und die Frau mußte zu lebenslänglichem Gefängniſſe verurtheilt werden. Man denke ſich dazu einen ſchlauen, gewandten, einſchmeicheln⸗ den Geiſt, einen ſo wunderbaren Verſtand, daß ſie binnen einem Jahre mit der größten Geläufigkeit, bisweilen ſelbſt mit einer na⸗ türlichen Beredtſamkeit, deutſch und franzöſiſch zu ſprechen gelernt hatte. — Man denke ſich eine Sittenloſigkeit, gleich jener der kö⸗ niglichen Courtiſanen des alten Roms, eine allen Prüfungen troz⸗ zende Kühnheit und teufliſche Bosheit, und man wird ſich unge⸗ fähr ein Bild von der neuen Magd Jocob Ferrands machen kön⸗ 374 nen, von dem entſchloſſenen Weibe, das ſich in die Höhle des Wolfes hineingewagt hatte. Eine ſeltſame Anomalie aber bleibt es, daß Cecily, als ihr durch den Baron von Graun die herausfordernde und platoniſche Rolle zugetheilt worden war, welche ſie bei dem Notar ſpielen ſollte, als ſie erfahren, zu welchem Rachezwecke ihre Lockungen die⸗ nen ſollten, bereitwillig verſprochen hatte, ihre Rolle con amore oder vielmehr mit ſchrecklichem Haſſe gegen Jacob Ferrand durch⸗ zuführen, mit Haß, denn die ſchändlichen Gewaltthaten gegen Louiſe hatten ſie wirkl'de empört, und man mußte ihr von denſel⸗ ben erzählen, damit ſie vor den heuchleriſchen Verſuchen des Un⸗ menſchen auf ihrer Hut ſein konnte. Ueber den letztern ſind hier einige ruckblickende Worte nöthig. Als Cecily ihm durch die Frau Pipelet als Waiſe vorgeſtellt worden wer, auf die ſie ſich kein Recht, keine Beaufſichtigung vor⸗ behalten wollte, hatte ſich der Notar vielleicht noch weniger durch die Schönheit der Creolin ergriffen, als durch deren unwiderſteh⸗ lichen Blick gefeſſelt gefuhlt, durch den Blick, der ſchon bei dem erſten Sehen das Feuer in den Sinnen des Notars entzündet und ſeinen Verſtand verwirrt hatte. Wir haben es ſchon bei Gelegenheit der unfinnigen Frechheit einiger ſeiner Worte in dem Geſpräche mit der Herzogin von Lu⸗ eenay ausgeſprochen, — dieſer gewöhnlich ſich ſo ganz beherrſchende, ſp ruhige, ſo ſchlaue Mann vergaß die kalte Berechnung ſeiner Verſtellungskunſt, ſobald der Dämon der Lüſternheit ſeine Gedan⸗ ken verdüſterte. . Uebrigens hatte ihn nichts gegen die Schutzempfohlene der Frau Pipelet mißtrauiſch machen können. — Madame Seraphin hatte nach ihrer Beſprechung mit der Pi⸗ pelet ihrem Herrn an die Stelle Louiſens ein junges, faſt von der ganzen Welt verlaſſenes Mädchen empfohlen, für die ſie bürgte. — Der Notar war ſogleich darauf eingegangen, weil er hoffte, ungeſtraft die ſchutzloſe und precäre Stellung ſeiner neuen mißbrauchen zu können. Jacob Ferrand war endlich keineswegs zum Mißtrauen ge⸗ neigt und fand in dem Gange der Ereigniſſe neue Sicherheits⸗ gründe. Alles entſprach ſeinen Wünſchen. Der Tod der Madame Seraphin befreite ihn von einer ge⸗ fahrlichen Mitſchuldigen. Der Tod der Marien⸗Blume (er hielt ſie für todt) befreite ihn von dem lobendigen Beweiſe eines ſeiner erſten Verbrechen. Wegen des Todes der Eule endlich und der unerwarteten Er⸗ mördung der Gräfin Mac Gregor (deren Zuſtand hoffnungslos war) Frauchte er dieſe beiven Frauen nicht mehr zu fürchten, deren Ausplauderungen und Verfolgungen ihm hätten verderblich werden können. — Wir wiederholen es, kein Mißtrauen hielt in dem Geiſte Fer⸗ rands dem plötzlichen und unwiderſtehlichen Eindrucke, welchen Ce⸗ eily auf ihn gemacht hatte, das Gegengewicht, und er ergriff des⸗ halb mit Eifer die Gelegenheit, die angebliche Nichte der Fran Pi⸗ pelet in ſeine einſame Wohnung zu ziehen. Da nun der Charakter, die Lebensweiſe und frühere Geſchichte Ferrands befannt ſind, da man die reizende Schönheit der Creolin, wie wir ſie zu ſchildern verſucht haben, zugeben wird, ſo wird man nach einigen andern Thatſachen, die wir weiter unten auseinander⸗ 376 ſetzen, die plötzliche und grenzenloſe Leidenſchaft für die verführe⸗ riſche und gefährliche Ceeily hoffentlich begreiflich finden. Dann darf man auch nicht vergeſſen, daß die Frauen wie Ce⸗ eily, wenn ſie auch Männern von feinem Gefühl und gereinigtem Geſchmacke nur Widerwillen und Abneigung einflößen, eine zaube⸗ riſche Allgewalt auf die rohſinnlichen Männer wie Jacob Ferrand ausüben. Sie errathen dieſe Frauen auf den erſten Blick und wünſchen ſie zu beſitzen; eine unwiderſtehliche Gewalt zieht ſie zu denſelben hin, und bald ſehen ſie ſich durch geheimnißvolle Wahlverwandt⸗ ſchaft, durch ohne Zweifel magnetiſche Sympathien unlöslich zu den Füßen ihres Ideals gefeſſelt, denn nur ſie, jene Frauen, ver⸗ mögen die Flammen zu löſchen, die ſie entzünden. Ein gerechtes rächendes Schickſal zog alſo den Notar zu der Creolin hin. Es begann für ihn eine ſchreckliche Prüfungszeit. Eine wilde Sinnenluſt hatte ihn ſo weit gebracht, daß er ſich Gewaltthätigkeiten erlaubte, mit unerbittlicher Gier eine arme ehr⸗ liche Familie verfolgte, ſie in Armuth, Wahnſinn und Tod ſtürzte —. Die Lüſternheit ſollte die fürchterliche Strafe dieſes großen Sünders werden. Man kann wohl ſagen: gewiſſe unnatürliche Leidenſchaften tragen, wie zur Ausgleichung, ihre Strafe in ſich. Eine evle Liebe kann, ſelbſt wenn ſie nicht glücklich iſt, Troſt finden in der Freundſchaft, in der Achtung. die ein der Liebe wer⸗ thes Weib ſtets gewährt, wenn ſie nicht lieben känn. Beruhigt dieſe Entſchädigung den Kummer des unglücklich Liehenden nicht, iſt ſeine Verzweiflung unheilbar wie ſeine Liebe, ſo kann er dieſe hoffnungsloſe Liebe doch wenigſtens geſtehen, ja ſich ihrer rühmen. Welche Entſchädigung aber iſt jener Sinnengluth zu bieten, welche der materielle Reiz Lis zum Wahnſinn treibt? denn dieſer 377 materielle Reiz iſt für ſinnliche Naturen ebenſo unwiderſtehlich wie der geiſtige Reiz für edle Seelen. Nein, die ernſte Leidenſchaft des Herzens iſt nicht die einzige plötzliche, blinde, ausſchließliche, die einzige, welche alle Gevanken und Fähigkeiten auf die auserwählte Perſon concentrirt, jede an⸗ dere Neigung unmöglich macht und über ein ganzes Geſchick ent⸗ ſcheidet. Die phyſiſche Leidenſchaft kann, wie es bei Jacob Ferrand geſchah, ebenfalls eine unglaubliche Stärke erreichen, und es wie⸗ derholen ſich dann alle Erſcheinungen, welche in geiſtiger Hinſicht die unwiderſtehliche, einzige Liebe charakteriſiren. Obgleich Jacob Ferrand nie glücklich werden ſollte, ſo hatte die Creolin ſich doch wohl gehütet, ihm alle Hoffnung zu beneh⸗ men; aber die in der Ferne liegende ungewiſſe Hoffnung, mit wel⸗ cher ſie ihn lockte, hing von ſo vielen Launen ab, daß ſie eine Qual mehr für ihn wurde und ihn nur um ſo feſter an die glü⸗ hende Kette ſchmiedete, welche er trug. Wenn man ſich wundert, daß ein Mann von ſolcher Kraft und Kühnheit nicht bereits zur Liſt oder Gewalt gegriffen hatte, um den berechneten Widerſtand Cecilys zu beſeitigen, ſo vergißt man, daß Cecily keineswegs eine zweite Louiſe war. Uebrigens hatte ſie gleich am Tage nach ihrem Erſcheinen in dem Hauſe des Notars eine ganz andere Rolle geſpielt als die, durch welche ſie ſich bei ihrem Herrn eingeführt. Die Creolin, welche durch den Baron von Graun das Schick⸗ ſal Louiſens erfahren hatte und wußte, durch welche ſchändliche Mittel die unglückliche Tochter Morels die Beute des Notars ge⸗ worden war, hatte bei ihrem Eintritte in dieſes öde Haus treff⸗ 378 liche Vorſichtsmaßregeln ergriffen, um ihre erſte Nacht in volliger Sicherheit zu verbringen⸗ Gleich am Abende ihrer Ankunft, als ſie allein mit Jacob Ferrand war, der, um ſie nicht zu erſchrecken, ſie kaum anſah und ihr barſch gebot zu Bett zu gehen, hatte ſie ihm naiv geſtanden, ſie fürchte ſich in der Nacht ſehr vor Spitzbuben, aber ſie ſei ſtark, entſchloſſen und bereit, ſich zu vertheidigen. „Womit?“ fragte Jacob Ferrand. „Da —,“ antwortete die Creolin, indem ſie einen kleinen Dolch hervorzog, deſſen Anblick den Notar zum Nachdenken zwang. Da er jedoch überzeugt war, ſeine neue Magd fürchte ſich nur vor Dieben, ſo führte er ſie in ihre Kammer, — in die Loui⸗ ſens. Nachdem Cecilh dieſelbe gemuſtert hatte, ſagte ſie zitternd und mit niedergeſchlagenen Augen, ſie würde wegen ihrer Furcht die Nacht auf einem Stuhl verbringen, weil ſie an der Thür we⸗ der Schloß noch Riegel ſehe. Jacob Ferrand, der bereits vollſtändig in ihren Zanberbanden lag, aber ihr Mißtrauen nicht wecken wollte, um nichts zu ver⸗ derben, ſagte in mürriſchem Tone, ſie ſei eine Närrin, verſprach aber, am andern Tage einen Riegel an die Thür machen zu laſſen. Die Creolin legte ſich wirklich nicht nieder. Früh ging der Notar zu ihr hinauf, um ſie in ihre eigent⸗ lichen Arbeiten einzuführen. Er hatte ſich vorgenommen, in den erſten Tagen eine heuchleriſche Zurückhaltung der neuen Magv ge⸗ genüber zu bewahren, um ſie ſicher zu machen; ihre Schönheit aber, die im Tageslichte noch glänzender erſchien, machte einen ſo gewaltigen Eindruck auf ihn, daß er, durch ſeine begehrlichen ——————— 379 Wünſche geblendet, einige Schmeicheleien über den Wuchs und die Schönheit Cecilys ſtammelte. Dieſe hatte mit ihrem ſeltenen Scharfblicke nach dem erſten Zuſammenſein mit dem Notar erkannt, daß er bereits völlig in ihren Zauberkreis gebannt ſei, und als er ihr ſeine Liebe geſtand, glaubte ſie plötzlich ihre erheuchelte Schüchternheit ablegen zu müſſen, um wie wir bereits erwähnt haben, eine andere Rolle zu beginnen. Die Creolin nahm plötzlich eine kecke, herausfordernde Miene an. Als Jacob Ferrand von Neuem die Schönheit des Geſichtes und den verführeriſchen Wuchs ſeiner neuen Dienerin pries, ſagte Cecily entſchloſſen zu ihm: „Sehen Sie miech gerade an. — Sehe ich wie eine Magd aus, ob ich gleich als elſäſſiſches Bauermädchen gekleidet bin?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Betrachten Sie dieſe Hand. — Iſt ſie an harte Arbeit ge⸗ wöhnt?“ Und ſie zeigte eine weiße reizende Hand mit zarten feinen Fingern und roſenfarbenen achatglatten Nägeln, deten etwas dun⸗ keler Hof das gemiſchte Blut verrieth. „Und dieſer Fuß? Iſt das der Fuß einer Magd?“ Und ſie ſtreckte einen entzückenden kleinen niedlich be ſchuhten Fuß vor, den der Notar noch nicht bemerkt hatte und von dem er jetzt die Augen nur abwendete, um erſtaunt Cecily anzublicken. „Ich habe meiner Tante Pipelet geſagt, was mir gefiel; ſie kennt mein früheres Leven nicht, konnte alſo glauben, ich ſei durch den Tod meiner Aeltern in eine ſolche Lage gebracht, konnte mich für eine Magd halten; Sie aber ſind hoffentlich zu ſcharfſichtig, als daß Sie ihren Irrthum theilten, lieber Herr.“ 380 „Und wer ſind Sie?“ fragte Jacob Ferrand, über dieſe Worte mehr und mehr verwundert. „Das iſt mein Geheimniß. Aus mir bekannten Gründen mußte ich Deutſchland in dieſem Bauermädchenanzuge verlaſſen und wollte eine Zeit lang ſo geheim als möglich in Paris ver⸗ borgen bleiben. Meine Tante, die mich für ſehr arm hielt, machte mir den Vorſchlag, mich zu Ihnen zu bringen; man erzählte von dem einſamen Leben, das man in Ihrem Hauſe führen müſſe, und kündigte mir an, ich würde daſſelbe nie verlaſſen dürfen. Ich nahm den Antrag ſofort an. Meine Tante kam, ohne es zu wiſſen, meinem innigſten Wunſche entgegen. Wer konnte mich hier ſuchen oder finden?“ „Sie verbergen ſich? Was haben Sie gethan, daß Sie ſich verbergen müſſen?“ „Vielleicht beging ich angenehme Sünden, — aber das iſt auch mein Geheimniß.“ „Und was beabſichtigen Sie nun?“ „Noch immer daſſelöe. — Ohne Ihre bedeutungsvollen Complimente über meinen Wuchs und meine Schönheit würde ich Ihnen dieſes Geſtändniß vielleicht nicht abgelegt haben, das mir Ihr ſcharfer Blick aber früher oder ſpäter doch abgelockt hätte. Hören Sie mich alſo an, lieber Herr; ich habe für den Augen⸗ blick den Stand oder vielmehr die Rolle einer Magd angenom⸗ men; die Umſtände nöthigen mich dazu, und ich werde den Muth haben, dieſe Rolle bis zu Ende durchzuführen, werde alle Folgen tragen und Ihnen mit Eifer, Fleiß und Achtung dienen, um meine Stelle zu behalten, d. h. ein ſicheres, unbekanntes Verſteck. Bei dem geringſten galanten Worte aber, bei der geringſten Freiheit, 381 die Sie ſich gegen mich erlauben, verlaſſe ich Sie, — nicht aus Prüderie, denn ich glaube, nichts verräth Prüderie an mir —“ Und ſie warf einen Blick voll ſinnlicher Electricität bis in die Tiefe der Seele des Notars, der zuſammenzuckte. „Nein, ich bin nicht prüde,“ fuhr ſie mit einem herausfor⸗ dernden Lächeln fort, das ihre blendend weißen Zähne ſehen ließ; „Gott weiß es, wenn die Liebe mich erfaßt, ſind die Bacchantin⸗ nen Heilige neben mir. — Aber ſeien Sie gerecht, und Sie wer⸗ den geſtehen, daß Ihre unwürdige Magd weiter nichts verlangen kann, als redlich ihre Dienſtarbeiten zu verrichten. Jetzt kennen Sie mein Geheimniß oder wenigſtens einen Theil meines Geheim⸗ niſſes; wollen Sie vielleicht als galanter Mann handeln? Hal⸗ ten Sie mich vielleicht für zu ſchön, als daß ich Sie bedienen könnte? Wünſchen Sie die Rollen zu tauſchen, mein Selave zu werden? Offen geſtanden, ich würde das vorziehen, — aber im⸗ mer unter der Bedingung, daß ich nie das Haus verließe und daß Sie eine nur väterliche Aufmerkſamkeit gegen mich hätten, was Sie nicht hindern kann, mir zu ſagen, daß Sie mich hübſch fin⸗ den; das würde der Lohn für Ihre Hingebung und Ihre Ver⸗ ſchwiegenheit ſein —“ „Die einzige? Die einzige?“ fragte Jacob Ferrand ſtam⸗ melnd. „Die einzige, — die Einſamkeit und der Teufel müßten mich denn um den Verſtand bringen, was unmöglich iſt, denn Sie wer⸗ den mir Geſellſchaft leiſten und als frommer Mann den Teufel vertreiben. Nun, laſſen Sie hören, entſchließen Sie ſich; nur keine Stellung halb ſo und halb ſo; entweder ich diene Ihnen oder Sie dienen mir, — ſonſt verlaſſe ich Ihr Haus und bitte meine Tante, mir eine andere Stelle zu ſuchen. Was ich Ihnen 382 da ſage, wird Ihnen ſeltſam vorkommen; möglich; aber wenn Sie mich für eine Abenteurerin ohne Eriſtenzmittel halten, ſo irren Sie ſich. — Damit meine Tante, ohne es zu wiſſen, meine Mitſchuldige wurde, ließ ich ſie in dem Glauben, ich ſei ſo arm, daß ich mir nicht einmal andere Kleidungsſtücke kaufen könne; — ich habe aber, wie Sie da ſehen, eine wohlgeſpickte Börſe; auf der einen Seite Gold, auf der andern Juwelen — (und Cecily zeigte dem Notar eine lange rothſeidene Börſe voll Gold, durch die man auch einige Edelſteine blitzen ſah). Leider würde mir alles Geld in der Welt keinen ſo ſichern Zufluchtsort verſchaffen wie Ihr Haus. — Nehmen Sie alſo das eine oder das andere meiner Anerbieten an, — Sie werden mir eine Gefälligkeit er⸗ weiſen. — Sie ſehen, ich ergebe mich Ihnen faſt auf Gnade oder Ungnade, denn wenn ich Ihnen ſage, daß ich mich verberge, ſo iſt es ſo gut als ich ſagte, man ſuche mich. Aber ich bin überzengt, daß Sie mich nicht verrathen werden, ſelbſt wenn Sie wüßten, wie Sie mich verrathen könnten —“ Dieſes romanhafte Geſtändniß, dieſer plötzliche Rollenwechſel verwirrte Ferrand ganz und gar. Wer war dies Weib? Warum verbarg ſie ſich? Hatte wirklich blos der Zufall ſie zu ihm geführt? Wenn ſie dagegen in einer geheimen Abſicht gekommen war, worin beſtand dieſe Abſicht? Unter allen Vermuthungen, welche dieſes ſeltſame Abenteuer in dem Geiſte des Notars hervorrief, konnte der wirkliche Beweg⸗ grund der Anweſenheit der Creolin in ſeinem Hauſe ihm nicht in den Sinn kommen. Er hatte keine andern Feinde, er glanbte es wenigſtens, als die Opfer ſeiner Lüſternheit und Habſucht, und alle dieſe befanden ſich in ſo trübſeligen Lagen oder in ſolcher — — ——— 383 Noth, daß er ſie unmsglich für faͤhig halten konnte, ihm eine Schlinge zu legen, in welcher Cecily als Lockmittel dienen ſollte. Und in welcher Abſicht hätte man ihm dieſe Schlinge legen ſollen? Nein, die plötzliche Umwandlung Cecilys erregte in Ferrand nur eine Beſorgniß; er glaubte, Cecily ſei vielleicht, wenn ſie die Wahrheit nicht ſagte, eine Abenteurerin, die ihn für reich halte, ſich in ſein Haus eingeführt habe, um ihn zu hintergehen, zu be⸗ nutzen, ſich vielleicht von ihm heirathen zu laſſen. Obgleich aber ſein Geiz und ſeine Habſucht ſich gegen dieſe Idee ſträubten, ſo bemerkte er doch ſchaudernd, daß dieſe Muth⸗ maßungen, dieſe Gedanken zu ſpät kämen, denn mit einem Worte konnte er ja ſein Mißtrauen beruhigen, wenn er die Schöne aus ſeinem Hauſe wies. Er ſprach dieſes Wort nicht aus. Kaum vermochten ſogar dieſe Gedanken ihn einige Augen⸗ blicke der glühenden Aufregung zu entfremden, in welche ihn das ſo ſchöne, ſo ſinnlich ſchöne Weib verſetzte. Er fühlte ſich über⸗ dies ſeit dem vorigen Tage durch einen Zauber gebannt, be⸗ herrſcht. Er liebte bereits, nach ſeiner Art, wie wahnſinnig. Der Gedanke, daß das reizende Weib ſein Haus verlaſſe, kam ihm bereits unerträglich vor; ſchon fühlte er die Folterpein einer wüthigen Eiferſucht, wenn er ſich einbildete, Ereily könne Andern die Wonne gewähren, die ſie ihm vielleicht ewig verſage, und es war ihm eine Art Troſt, ſich ſagen zu können: „So lange ſie in meinem Hauſe iſt, wird ſie kein Anderer beſitzen.“ 384 Die kuhne Sprache dieſes Weibes, das Feuer ihrer Blicke, die herausfordernde Freiheit in ihrem Benehmen zeigten ihm deut⸗ lich genng, daß ſie, wie ſie ſich ausdruckte, nicht prüde ſei. Dieſe Ueberzeugung, welche dem Notar einige Hoffnung gewährte, ſicherte die Herrſchaft Cecilys noch mehr. Mit einem Worte, die Lüſternheit Ferrands erſtickte die Stimme des kalten Verſtandes, und er überließ ſich blindlings dem Strome ſeiner aufgeregten Begierden, der ihn mit fortriß. Es wurde beſchloſſen, daß Ceeily nur ſcheinbar ſeine Magd ſein ſollte; auf dieſe Weiſe würde es kein Aergerniß geben; auch wollte er, um die Sicherheit ſeines Gaſtes noch mehr zu erhö⸗ hen, teine andere Magd nehmen, vielmehr ſelbſt ſie und ſich be⸗ dienen; ein Speiſewirth in der Nähe ſollte das Eſſen bringen, er wollte das Frühſtück ſeiner Schreiber mit Geld bezahlen, und der Portier ſollte das Reinigen der Schreibſtube übernehmen. End⸗ lich übernahm es der Notar, ein Zimmer im erſten Stock ſobald als möglich ganz nach dem Geſchmacke Cecilys meubliren zu laſ⸗ ſen. — Sie wollte zwar die Koſten ſelbſt tragen, aber er wider⸗ ſetzte ſich und gab zweitauſend Franes aus. Dieſe Verſchwendung war ungeheuer und bewies die unerhörte Heftigkeit ſeiner Liebe. In der undurchdpinglichen Einſamkeit ſeines Hauſes, Allen unzugänglich, von einer wahnſinnigen Liebe beſtrickt, ohne es weiter zu verſuchen, das Geheimniß des ſchönen Weibes zu ergründen, wurde er aus dem Herrn Seclave; er war der Die⸗ ner Cecilys und that Alles, was ſie von ihm verlangte. Da die Creolin durch den Baron erfahren hatte, Loniſe ſei durch ein betäubendes Mittel machtlos geworden, trank ſie nur ganz klares Waſſer und aß nur Speiſen, die unmöglich vergiftet werden konnten; ſie hatte das Zimmer gewählt, das ſie bewohnen wollte und ſich überzeugt, daß in den Wänden keine verborgene Thüre ſich befand. Uebrigens ſah Ferrand bald ein, daß Cecily das Weib nicht ſei, das überraſcht oder ungeſtraft durch Gewalt gezwungen wer⸗ den könnte. Sie war kräftig, gewandt und gefährlich bewaffnet; nur Wahnſinn hätte ihn zu verzweifelten Verſuchen treiben kön⸗ nen, und gegen dieſe Gefahr hatte ſie ſich auch zu ſichern ge⸗ wußt. Nichts deſtv weniger ſchien die Crevlin, um die Leidenſchaft des Notars nicht ermatten und erkalten zu laſſen, bisweilen durch ſeine Zuvorkommenheit gerührt und durch die Herrſchaft, welche ſie über ihn ausübte, geſchmeichelt zu ſein. Dann äußerte ſie, er könne es doch wohl durch Beweiſe von Aufopferung und Selbſtver⸗ läugnung dahin bringen, daß ſie ſeine Häßlichkeit und ſein Alter vergeſſe und ſchilderte ihm wohlgefällig mit glühender Keckheit die unendliche Wonne, in der ſie ihn zu berauſchen vermöchte, wenn das Wunder der Liebe ſich an ihr je verwirkliche. Bei dieſen Worten eines ſo jungen, ſo ſchönen Weibes war es Ferrand bisweilen, als müſſe er den Verſtand verlieren; verzeh⸗ rende Bilder verfolgten ihn im Wachen und im Schlafe. Bei dieſer namenloſen Qual verlor er die Geſundheit, den Appetit, den Schlaf. Bald gingeer in der Nacht, trotz Regen und Kälte, in ſeinen Garten hinunter und ſuchte durch einen Spaziergang ſeine Glut zu dämpfen. Die Geheimniſſe von Paris. VI. 25 386 Bald blickte er Stundenlang in das Zimmer der ſchlafenden Creolin hinein, denn ſie hatte die teufliſche Gefälligkeit gehabt, die Erlaubniß zu geben, daß in ihrer Thüre ein ganz kleines Thür⸗ chen angebracht werde, das ſie oft öffnete, oft, denn Cecily hatte nur einen Zweck, den Zweck, die Leidnſchaft dieſes Mannes fort⸗ während zu reizen, ohne ſie zu Pefriedigen, ihn ſo faſt bis zur Verrücktheit aufzuregen, um dann die Befehle ausführen zu können, die ſie erhalten hatte. Dieſer Augenblick ſchien zu nahen. Die Züchtigung Ferrands wurde von Tage zu Tage ſeinen Verbrechen angemeſſener. Er litt Höllenqualen. Bald er in tiefes Grübeln, bald war er ganz außer ſich, vernachläſſigte ſeine wichtigſten In⸗ tereſſen und achtete nicht mehr auf die Erhaltung ſeines Rufes als ſittenſtrenger, ernſter, frommer Mann, auf den Ruf, den er durch Jahre lange Verſtellung und Liſt ſich erworben hatte; er ſetzte ſeine Schreiber durch ſeine anſcheinende Verrücktheit in Erſtaunen, machte ſeine Clienten mißvergnügt, weil er ſie ab⸗ wies, und hielt die Geiſtlichen fern, die, durch ſeine Heuchelei ge⸗ täuſcht, bis dahin ſeine eifrigſten Gönner und Lobredner geweſen waren. Seiner Abſpannung, welche ihm Thränen abpreßte, folgte das wüthigſte Aufbrauſen; er brüllte in dem Dunfel und der Oede ſei⸗ nes Hauſes wie ein wildes Thier, bis er endlich gleichſam in ſich ſelbſt zuſammenbrach, aber er fand dann nicht einmal jene Todes⸗ ruhe, welche die Vernichtung des Denkens oft herbeiführt; das kochende Blut dieſes Mannes in der ganzen kräftigen Reife des Alters ließ ihm nicht Ruhe, nicht Raſt. 387 Cecilh ſtand, wie erwähnt, vor dem Spiegel und war mit ihrem Nacht⸗Kopfputze beſchäftigt. Sie hörte ein leiſes Geräuſch auf dem Corridor und blickte nach der Thüre hin. CXXIX. Die Rlappe in der Thüre. Gr dem Geräuſche an ihrer Thüre beſchäftigte ſich Cecily ruhig mit ihrer Nachttoilette. Sie zog aus ihrem Corſet, in wel⸗ chem er gleichſam das Blankſcheit bildete, einen fünf bis ſechs Zoll langen Dolch, der ſich in einer ſchwarzen Maroquinſcheide befand und einen kleinen Griff von Ebenholz mit ſchmalen Silberreifen hatte. Es war feine Luxuswaffe. Cecily zog den Dolch mit außerorvennic Vorſicht aus der Scheide und legte ihn auf den Marmor ihres Kamins. Die vor⸗ züglich gehärtete Klinge vom feinſten Stahl war dreikantig ge⸗ ſchliffen und die nadelfeine Spitze wäre durch einen Piaſter ge⸗ drungen ohne ſich abzuſtumpfen. Die geringſte Verletzung mit dieſem Dolche wurde tödtlich, denn er war in ein feines dauerndes Gift getaucht. Als Jacvob Ferrand eines Tages die gefährliche Eigenſchaft dieſer Waffe bezweifelte, machte die Crevlin vor ſeinen Augen ei⸗ ————— 389 nen Verſuch mit einem lebendigen Thiere, nämlich an dem ungluck⸗ lichen Haushunde, der, nur leicht an der Naſe geritzt, nach kurzer Zeit unter ſchrecklichen Zuckungen ſtarb. Nachdem Cecily den Dolch auf den Kamin gelegt hatte, zog ſie ihren ſchwarzen Spencer aus und ſtand nun mit entblöß⸗ ten Schultern, Buſen und Armen da wie eine Dame im Ball⸗ anzuge. Wie die meiſten farbigen Mädchen trug ſie ſtatt des Corſets ein zweites Leibchen von doppelter Leinwand, das ihre Taille ſcharf zuſammenhielt. Ihr orange Rock, der unter dieſem ſehr tief aus⸗ geſchnittenen weißen Leibchen mit kurzen Aermeln noch feſt gehalten war, bildete ſo einen weit minder ſtrengen Anzug als der erſte war und paßte vortrefflich zu den ſcharlachrothen Strümpfen und dem bunten Tuche, das ſie kokett um den Kopf geſchlungen hatte. Man konnte nichts Reineres, nichts Vollendeteres ſehen als die Umriſſe ihrer Arme und Schultern, denen zwei niedliche Grübchen und ein kleines ſchwarzes Maal einen Reiz mehr gaben. Ein tiefer Seufzer erregte die Aufmerkſamkeit Cecilys. Sie lächelte, indem ſie um einen ihrer Finger einige Haarlok⸗ ken wickelte, die unter den Falten des Tuches hervorquollen. „Cecily! — Cecily!“ flüſterte eine zugleich rauhe und kla⸗ gende Stimme, und an der kleinen Klappe in der Thüre erſchien das bleiche Geſicht Ferrands, deſſen Augen im Dunkel fun⸗ felten. Cecily, die bis dahin ſtill geweſen war, fing an leiſe ein crev⸗ liſches Liedchen zu ſingen. Die Worte dieſer langſamen Melodie waren lieblich und aus⸗ drucksvoll. Der männliche Contre-Alt Cecilys übertönte, ob er 390 gleich nicht in ſeiner ganzen Kraft erſchallte, das Plätſchern des Regens und das Toſen des Windes, der das alte Haus bis in den Grund zu erſchüttern ſchien. „Cecily! — Cecily!“ wiederholte Ferrand in flehentlichem Tone. Die Creolin unterbrach ſich plötzlich, drehte raſch ſich um, als wenn ſie jetzt erſt die Stimme des Notars höre, und trat nachläſſig an die Thür. „Wie, Sie ſind da, lieber Herr?“ ſagte ſie mi unbedeutend fremdartigem Aecent, der ihrer wohlklingenden Stimme noch mehr Reiz gab. „Ach, wie ſchön Sie ſo ſind!“ flüſterte der win „Meinen Sie?“ antwortete die Creolin; „das bunte Tuch paßt gut zu meinem ſchwarzen Haar, nicht wahr?“ „Ich ſinde Sie täglich ſchöner.“ „Und ſehen Sie nur! — wie weiß mein Arm iſt.“ „Ungeheuer — hebe Dich weg von mir!“ rief Ferrand halb wahnſinnig aus. Cecily lachte laut auf. „Nein, nein, ich ertrage die Qual nicht länger. — Ach, wenn ich den Tod nicht fürchtete!“ ſprach der Notar plötzlich dumpf vor ſich hin, — „aber wenn ich ſterbe, ſehe ich Sie nicht mehr, und Sie find zu ſchön. — Ich will lieber Höllenqual lei⸗ den und Sie ſehen.“ „So ſehen Sie mich, — die Klappe in der Thür iſt ja zu dieſem Zwecke gemacht, und — damit wir wie zwei Freunde mit einander plaudern und ſo unſere Einſamkeit erheitern konnen, die mir wirklich recht ſehr zur Laſt iſt. — Sie ſind ein ſo guter ——— 391 Herr! — Das ſind ſolche gefährliche Geſtändniſſe, die ich durch die Thüre hindurch machen kann —“ „Und werden Sie dieſe Thür nie öffnen? Sehen Sie doch, wie gehorſam ich bin! — Dieſen Abend hätte ich verſuchen kön⸗ nen, mit Ihnen in Ihr Zimmer zu gelangen, — und ich that es nicht.“ „Sie ſind aus zwei Gründen gehorſam. — Erſtens weil Sie wiſſen, daß ich bei meinem Umherſchweifen einen Dolch zu tragen lernen mußte, und daß ich dieſes vergiftete Werkzeug, das ſpitzer iſt als der Zahn einer Schlange, mit feſter Hand zu führen weiß, und weil Sie wiſſen, daß ich mich aus dieſem Hauſe, ſobald ich mich nur einigermaßen über Sie zu beklagen hätte, entfernen und Sie noch viel verliebter verlaſſen würde, — da Sie mir, Ihrer unwürdigen Magd, einmal die Ehre angethan haben, ſich in mich zu verlieben.“ „Meine Magd? Ich bin ja Ihr Selave, Ihr verſpotteter, verachteter Selave —“ „Das iſt auch wahr.“ „Und — das rührt Sie nicht?“ „Es gewährt mir Unterhaltung. — Die Tage, und beſonders die Nächte ſind ſo lang!“ „O, Du Schlange!“ „Sie ſehen, ernſtlich, ſo verſtört aus, Ihre Züge verändern ſich ſo merklich, daß ich mich ſehr geſchmeichelt fühle. — Es iſt freilich ein geringer Triumph, denn Sie ſind alléin hier —“ „Dies zu hören und ſich in ohnmächtiger Wuth aufzehren zu müſſen!“ „Wie unverſtändig Sie doch ſind! — Ich habe Ihnen viel⸗ leicht noch nie etwas Zärtlicheres geſagt.“ 392 „Spotten Sie nur! Spotten Sie!“ „Ich ſpotte nicht; ich habe noch keinen Mann von Ihrem Alter — nach Ihrer Art verliebt geſehen, und man muß geſtehen, ein junger, ſchöner Mann würde einer ſolchen wahnſinnigen Lei⸗ denſchaft nicht fähig ſein. — Ein Adonis bewundert ſich ſelbſt eben ſo ſehr wie uns, und was iſt einfacher, als ihn zu begünſti⸗ gen? Das iſt man ihm ſchuldig und er dankt kaum dafür; einen Mann aber wie Sie, lieber Herr, zu begünſtigen, hieße ihn in Entzücken von der Erde in den Himmel heben, ſeine unſinnigſten Träume wahr machen, ſeine unmöglichſten Hoffnungen erfüllen; denn wenn Jemand zu Ihnen ſagte: „Sie lieben die Cecily lei⸗ denſchaftlich; wenn ich es will, iſt ſie in einer Secunde die Ih⸗ rige,“ ſo würden Sie glauben, dieſer Mann beſäße eine überna⸗ türliche Macht, nicht wahr, lieber Herr?“ „Ja, ach ja!“ „Nun, wenn Sie mich von Ihrer Leidenſchaft noch mehr zu überzeugen vermöchten, hätte ich vielleicht den ſeltſamen Einfall, bei mir ſelbſt, zu Ihren Gunſten, dieſe übernatürliche Rolle zu ſpielen? Verſtehen Sie mich?“ „Ich ſehe ein, daß Sie mich noch immer, immer und un⸗ barmherzig verſpotten.“ „Vielleicht; . . die Einſamkeit bringt auf ſo ſonderbare Ge⸗ danken!“ Der Ton Cecilys war bis dahin ſpöttiſch geweſen, die letztern Worte aber ſprach ſie mit ernſtem, überlegtem Ausdrucke und be⸗ gleitete ſie mit einem langen Blicke, unter welchem der Notar zuckte. „Schweigen Sie, — ſehen Sie mich nicht ſo an, — Sie machen mich wahnſinnig. — Es wäre mir lieber, Sie ſagten: ——— —— 393 nie! Dann könnte ich Sie doch verabſcheuen, aus meinem Hauſe iagen,“ entgegnete Jacob Ferrand, der ſich ganz einer eiteln Hoff⸗ nung überließ. — „Ja, denn ich würde nichte von Ihnen erwar⸗ ten. Aber wehe! wehe! — ich kenne Sie jetzt hinlänglich, — um, faſt unwillkürlich, zu hoffen, daß ich doch eines Tages vielleicht Ihrer Langenweile oder einer Ihrer verächtlichen Launen das ver⸗ danke, was ich von Ihrer Liebe nie erhalten werde. — Sie ver⸗ langen, ich ſolle Sie von meiner Liebe überzeugen; ſehen Sie nicht, wie unglücklich ich bin? Thue ich nicht Alles, was ich ver⸗ mag, um Ihnen zu gefallen? — Siö wollen vor Aller Augen verborgen ſein, und ich verberge Sie vor Aller Augen, vielleicht auf die Gefahr hin, mich ernſtlich zu compromittiren, denn ich weiß ja nicht einmal, wer Sie ſind; ich ehre Ihr Geheimniß und ſpreche nie mit Ihnen davon. Ich habe Sie über Ihr früheres Leben befragt und Sie antworteten mir nicht —“ „Ich that Unrecht; ich will Ihnen einen Beweis von mei⸗ nem blinden Vertrauen geben, lieber Herr; hören Sie mich alſo an.“ „Noch ein bitterer Scherz, nicht wahr?“ „Nein, ich ſpreche ganz im Ernſt. — Sie müſſen doch das frühere Leben derjenigen kennen, welche Sie ſo gaſtfreundlich auf⸗ genommen haben.“ Und in heuchleriſchem weinerlichen Tone ſetzte Cecily hinzu: „Ich bin die Tochter eines tapfern Soldaten, des Bruders meiner Tante Pipelet, erhielt eine über meinen Stand hinausgehende Erziehung und wurde von einem reichen jungen Manne verführt, dann verlaſſen. Um dem Zorn meines alten Vaters zu entgehen, der in Ehrenſachen außerordentlich ſtreng war, floh ich aus meiner Heimath —“ Hier brach Cecily in lau⸗ tes Lachen aus und ſagte: „Das iſt doch hoffentlich eine annehm⸗ 394 bare und beſonders ſehr wahrſcheinliche Geſchichte, denn ſie iſt ſchon oft erzählt worden. — Unterhalten Sie ſich damit, bis eine pikantere Eröffnung folgt.“ „Ich wußte ſchon, daß es wieder auf einen grauſamen Scherz abgeſehen war,“ ſagte der Notar mit verbiſſenem Grimme — „Sie find durch nichts zu rühren, durch nichts; was ſoll ich thun? Sprechen Sie wenigſtens. — Ich diene Ihnen wie der geringſte Knecht, ich vernachläſſige Ihretwegen meine theuerſten Intereſſen, ich weiß nicht mehr was ich thue, werde von meinen Schreibern mit Staunen angeſehen und verlacht, meine Clienten wiſſen nicht, ob ſie mir ihre Angelegenheiten noch länger überlaſſen ſollen, — ich habe mit einigen frommen Perſonen gebrochen, die ich ſonſt oftmals ſah, und ich wage nicht daran zu denken, was das Pu⸗ blikum über meine völlige Umwandlung ſagen wird. — Sie wiſ⸗ ſen nicht, welche nachtheiligen Folgen meine thörichte Leidenſchaft für mich haben kann. — Das ſind doch gewiß Beweiſe von Hin⸗ gebung, Opfer. — Verlangen Sie noch andere? Sprechen Sie! Wünſchen Sie Gold? — Man hält mich für reicher als ich bin, indeß —“ 5 „Was nützt mir jetzt Ihr Gold?“ unterbrach Cecily den No⸗ tar achſelzuckend; „wozu brauche ich hier Gold? Sie ſind nicht eben erfindungsreich.“ „Es iſt nicht meine Schuld, wenn Sie wie eine Gefangene leben. — Mißfällt Ihnen das Zimmer? Wünſchen Sie es präch⸗ tiger? Sprechen Sie, befehlen Sie —“ „Zu welchem Zwecke? Noch einmal, zu welchem Zwecke? Ja, wenn ich einen geliebten Mann hier erwarten ſollte, glühend von der Liebe, die er weckt und theilt, dann würde ich mir Gold, Seide, Blumen, Wohlgerüche wünſchen, alle Wunder des Lurus, 395 das Prachtvollſte, das Zauberiſchſte,“ ſagte Cecily mit leidenſchaft⸗ lichem Tone. „Sprechen Sie ein Wort, und dieſe Wunder des Lurus —“ „Zu welchem Zwecke? Zu welchem Zwecke? Was nützt mir ein Rahmen ohne Gemälde? — Und wo wäre der geliebte Mann, lieber Herr?“ „Freilich,“ enigegnete der Notar bitter, „ich bin alt, ich bin haͤßlich, — ich kann nur Abſcheu und Widerwillen erregen. — Sie drückt mich durch ihre Verachtung zu Boden, ſie ſpielt mit mir, und ich beſitze nicht die Kraft, ſie aus meinem Hauſe zu wei⸗ ſen. — Ich habe nur die Kraft, zu dulden.“ „O, der unerträgliche Thränenmenſch! der alberne Mann mit ſeinem Jammergeſichte!“ rief Cecily in verächtlichem höhniſchem Tone, „er kann nur wehklagen und verzweifeln, und er iſt ſeit zehn Tagen in einem unbewohnten Hauſe mit einem jungen Mädchen allein.“ „Ja, aber das Mädchen verſchmäht mich, — das Mädchen iſt bewaffnet, — das Mädchen hat ſich eingeſchloſſen!“ rief der Notar aus. „So beſiege die Verachtung des Mädchens, nöthige ſie, den Dolch fallen zu laſſen, zwinge ſie, die Thür zu öffnen, die Dich von ihr trennt, aber nicht durch rohe Kraft, denn dieſe würde nichts vermögen. „Auf welche Weiſe?“ „Durch die Kraft der Liebe.“ „Der Liebe? Kann ich Liebe wecken?“ „Du biſt nur ein Notar, und ein halber Pfaffe dazu, Du dauerſt mich. — Soll ich Dir Deine Rolle einlernen? Du biſt häßlich, — ſei ſchrecklich, und man wird Deine Häßlichkeit ver⸗ 396 geſſen; Du biſt alt, — ſei energiſch, und man wird Dein Alter vergeſſen; Du biſt widerwärtig, — ſei drohend. Da Du das edle Roß nicht ſein kannſt, das unter ſeinem Reiter ſtolz wiehert, ſo ſei wenigſtens nicht das dumme Kameel, das die Kniee bengt und den Rücken darbietet, — ſei ein Tiger; ein alter Tiger, der blut⸗ triefend brüllt, beſitzt auch eine gewiſſe Schönheit, und ſeine Ti⸗ gerin antwortet ihm aus der Tiefe der Wüſte —“ Bei dieſer Sprache, der eine gewiſſe natürliche kühne Beredt⸗ ſamkeit nicht abging, zuckte Ferrand zuſammen, dieſer wilde Aus⸗ druck in den Zügen Cecilys ſiel ihm auf, die mit wogendem Bu⸗ ſen, mit weit geöffneten Naſenlöcheri mit frechem Munde ihre großen ſchwarzen brennenden Augen auf ihn heftete.“ Nie war ſie ihm ſchöner vorgekommen. „Sprechen Sie, ſprechen Sie weiter,“ rief er begeiſtert aus, „3jetzt ſprechen Sie, wie Sie denken. — Ach, wenn ich könnte — „Man kann, was man well,“ fiel Cecily raſch ein. „Aber —“ „Aber ich ſage Dir, ſo alt und ſo widerwärtig Du auch ſein magſt, ich möchte doch an Deiner Stelle ſein und ein ſchönes, feuriges, junges Weib zu verführen haben, das mir die Einſam⸗ keit zugeführt, ein Weib, das alles begreift, weil es vielleicht zu allem fähig iſt, — ja, ich würde ſie verführen. Und wäre dieſes Ziel erreicht, dann würde das, was gegen mich geweſen, zu mei⸗ nem Vortheile ausſchlagen. — Welcher Stolz, welcher Triumph, ſich ſagen zu können: Ich habe bewirkt, daß man mir mein Alter und meine Häßlichkeit verzieh! Ich verdanke die Liebe, welche man mir gewährt, nicht dem Mitleiden, nicht einer unnatürlichen Laune; ich verdanke ſie meinem Geiſte, meiner Kühnheit, meiner Energie, ich verdanke ſie meiner msßloſen Leidenſchaft. Ja, und wenn — ——— —— — —— — ——— ſchöne reizende junge Männer da wären: das ſo ſchöne Weib, das ich durch grenzenloſe Beweiſe einer wahnſinnigen Leidenſchaft ge⸗ wonnen, würde keinen Blick für ſie haben, nein, denn ſie wüßte, daß dieſe verweichlichten Stutzer fürchten würden, die Schleife ih⸗ rer Cravatte oder eine Locke ihres Haares zu verderben, wenn ſie einem ihrer phantaſtiſchen Befehle gehorchen ſollten, während ihr alter Tiger, wenn ſie ihr Taſchentuch in die Flammen würfe, anf einen Wink von ihr freudig ſich in die Glut ftürzte.“ „Ja, das würde ich thun. — Verſuchen Sie es, — verſu⸗ chen Sie es,“ rief Ferrand in immer höherer Aufregung aus. Cecily näherte ſich mehr und mehr der Klappe in der Thür und heftete einen durchbohrenden Blick auf Jacob Ferrand. „Dieſes Weib wüßte,“ fuhr die Creolin fort, „daß, wenn ſie eine koſtſpielige Laune zu erfüllen hätte, die ſchönen Jünglinge nach ihrem Gelde, wenn ſie Geld hätten, ſehen, oder, wenn ſie keins beſäßen, auf eine Gemeinheit ſinnen würden, während ihr alter Tiger —“ „Nichts achtete, nichts, verſtehen Sie? — nichts — Vermö⸗ gen, Ehre, Alles würde er ihr opfern —“ „Wirklich?“ ſagte Cecily, indem ſie ihre reizenden Finger auf die knochigen behaarten Finger Ferrands legte, deſſen Hände krampf⸗ haft die Thür gefaßt hatten. Er fühlte zum erſten Male die friſche glatte Haut der Creolin. Er wurde noch bleicher und athmete ſchwer und tief. „Warum ſollte jenes Weib nicht glühend liebevoll ſein?“ ſetzte Cecily hinzu. — „Wenn ſie einen Feind hätte, ſie bezeich⸗ nete ihn ihrem alten Tiger und ſagte: ſtoß zu! —“ 398 „So würde er zuſtoßen,“ entgegnete Jacob Ferrand, indem er ſeine dürren Lippen den Fingerſpitzen Cecilys zu nähern ſuchte. „Wirklich? Der alte Tiger würde zuſtoßen?“ fragte die Creo⸗ lin, indem ſie ſanft ihre Hand auf die Hand Ferrands legte. „Um Dich zu beſitzen, würde ich, glaube ich, ein Verbrechen begehen,“ ſagte der Elende. „Halt!“ ſagte plötzlich Cecily, indem ſie die Hand zurückzog. — „Jetzt iſt die Reihe an mir, auszurufen: Weiche von mir! weiche von mir! Ich kenne Dich nicht mehr, Du kommſt mir nicht mehr ſo häßlich vor wie noch eben —, weiche von mir!“ Und ſie ging ſchnell von der Thür weg⸗ Das boshafte Weib wußte ihrer Geberde und dieſen letzten Worten einen ſo unglaublichen Ton der Wahrheit zu geben; ihr verwunderter, glühender und zorniger Blick ſchien ſo natürlich ihren Verdruß darüber auszudrücken, daß ſie einen Augenblick die Häßlichkeit Ferrands vergeſſen, daß dieſer, von wahnſinniger Hoff⸗ nung durchzittert, in höchſter Leidenſchaft ausrief: „Cecily — komm wieder, — komm wieder! — Befiehl, und ich werde Dein Tiger ſein —“ „Nein, nein, Herr,“ entgegnete Cecily, indem ſie ſich immer weiter von der Thür entfernte, — „und um den Teufel zu be⸗ ſchwören, der mich in Verſuchung führen will, werde ich ein Lied aus meiner Heimath ſingen. — Hörſt Du, Herr? Draußen tobt der Wind immer ärger — welch' ſchöne Nacht für zwei Liebende, neben einander an einem kniſternden Feuer zu ſitzen!“ „Cecily, komm wieder!“ rief Jacob Ferrand in bittendem Tone. „Nein, nein, ſpäter, — wenn ich es ohne Gefahr thun kann; — aber das Licht dieſer Lampe ſchmerzt meine Augen, — ein — ——— —z——— —— 399 ſüßes Schmachten drückt meine Augenlider nieder; ich n nicht, was mich ergreift, — ein Halbdunkel würde mir lieber ſein —“ Und Cecily trat an den Kamin, löſchte die Lampe aus, nahm eine Guitarre, die an der Wand hing, und ſchürte das Feuer an, deſſen flackernder Schein das große Zimmer erhellte. Jacob Ferrand ſah von der Klappe in der Thür aus Fol⸗ gendes: In der Mitte des hellen Kreiſes, welchen der zitternde Schein des Feuers im Kamin bildete, hielt Cecily, die auf einem großen Divan von rothem Damaſt in der reizendſten Stellung halb lag, eine Guitarre, der ſie einige harmoniſche Töne entlockte. Die Flammen im Kamine warfen ihren röthlichen Widerſchein auf die Creolin, welche auf dieſe Weiſe, mitten in dem Dunkel im Zimmer, hen beleuchtet erſchien. Zur Vervollſtändigung dieſes Bildes erinnere ſich der Leſer des geheimnißvollen, faſt phantaſtiſchen Ausſehens eines Zimmers, in welchem die Flamme des Kamins gegen den ſtarken Schatten kämpft, der an der Decke und an den Wänden zittert. Der Sturm tobte heftiger; man hörte ihn draußen brüllen. Während Cecily ein Vorſpiel auf der Guitarre ſpielte, heftete ſie hartnäckig ihren magnetiſchen Blick auf Jacob Ferrand, der ſeine Augen nicht von ihr abwenden konnte. „Hören Sie, Herr,“ ſagte die Creolin, „ein Lied aus meiner Heimath; wir verſtehen es nicht, Verſe zu machen, wir ſprechen einfach eine Erzählung ohne Reim, und bei jedem Ruhepunkte im⸗ proviſiren wir ſo gut als möglich einen Geſang, der zu der Er⸗ zählung paßt; es iſt das ſehr einfach, Herr, und es wird Ihnen gewiß gefallen. Das Lied heißt: Das liebende Weib. — Sie ſpricht:“ 400 „ Und Cecily begann eine Art Recitativ, das mehr durch den Ausdruck der Stimme als durch die Modulation des Geſanges betont war. Einige leiſe Accorde dienten als Begleitung. Cecily ſang: Blumen, überall Blumen. Mein Geliebter kommt! Die Erwartung des Glückes ermattet mich. Wir wollen die Helle des Lichtes mildern, denn der Genuß ſucht einen durch⸗ ſichtigen Schatten. Mein Geliebter zieht dem friſchen Blumendufte meinen warmen Athem vor. Der Glanz des Tageslichtes wird ſeine Augen nicht blenden, denn ſeine Li⸗ der werden unter meinen Küſſen geſchloſſen bleiben. Mein Engel, ach! komm, — mein Buſen hebt ſich, mein Blut brennt. — Komm! — komm! — komm! Dieſe Worte, welche die Creolin mit ſo glühender Ungeduld ſprach, als wenn ſie dieſelben an einen unſichtbaren Geliebten ge⸗ richtet, überſetzte ſie ſodann gleichſam in eine entzückende Melodie; ihre reizenden Finger entlockten der ſonſt nicht eben wohlklin⸗ genden Guitarre ſüßmelodiſche Töne. Das begeiſterte Geſicht Cecilys und ihre feuchten, noch im⸗ mer auf Ferrand gerichteten Augen drückten die heiße Sehnſucht der Erwartung aus. Liebesworte, eine berauſchende Muſik, entflammende Blicke, eine ſinnliche Schönheit; draußen Nacht und Stille; alles trug in dieſem Augenblicke dazu bei, den Verſtand Ferrands vollends zu verwirren. Er rief, ſeiner nicht mehr mächtig, aus: „Gnade, Cecily! . . . Gnade! Ich verliere den Kopf. — Schweige, Du tödteſt mich. — Ach, daß ich wahnſinnig wäre!“ „Hören Sie nur den zweiten Abſchnitt, Herr,“ ſagte die ———— 401 Creolin, indem ſie ein neues Vorſpiel begann. Dann ſetzte ſie ihr leidenſchaftliches Recitativ fort: Wenn mein Geliebter da wäre, wenn ſeine Hand meine entblößte Schul⸗ ter berührte, würde ich ſchauern und ſterben. Wenn er da wäre und ſein Haar ſtreifte meine Wange, ſo würde meine ſo bleiche Wange ſich purpurroth färben. Meine ſo bleiche Wange würde erglühen. Seele meiner Seele, wenn Du da wäreſt, — würden meine vertrockneten, meiue gierigen Lippen kein Wort mehr ſprechen. Leben meines Lebens, wenn Du da wäreſt, — ich würde, hinſterbend, nicht um Schonung bitten. — Ich bringe die um, die ich liebe, wie ich Dich liebe. — Mein Engel, ach komm! mein Buſen hebt ſich, — mein Blut brennt. — Komm! — komm! — komm! Hatte die Creolin die erſte Strophe mit ſehnſüchtigem Schmach⸗ ten geſprochen, ſo legte ſie in die letzten Worte das ganze Unge⸗ ſtüm der heißeſten Liebe. Und als ob die Muſik ihre Glut nicht wiederzugeben ver⸗ möchte, warf ſie die Guitarre von ſich, richtete ſich bald empor, breitete die Arme nach der Thüre hin aus, wo Jacob Ferrand ſtand, und wiederholte mit ſchmachtend verklingender Stimme: „Ach komm! — komm! — komm!“ Der elektriſche Blick, mit dem ſie die Worte begleitete, läßt ſich unmöglich beſchreiben. Jacob Ferrand ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus. „Ach, den Tod, — den Tod dem, welchen Du ſo liebteſt, welchem Du dieſe glühenden Worte ſagteſt!“ ſagte er, indem er mit der Wuth der Eiferſucht und Lüſternheit an der Thür rüttelte. „Mein Vermögen, — mein Leben für eine Minute ſolch' verzeh⸗ render Wonne, die Du mit Flammenzügen ſchilderſt.“ Cecily, gewandt wie ein Panther, war mit einem Sprunge an der Thüre und ſagte, als ob ſie ihr — erheucheltes — Ent⸗ zücken kaum zu mäßigen vermochte, mit leiſer, bebender Stimme zu Ferrand: „Nun, — ich geſtehe Dir — ich habe mich ſelbſt an den glühenden Worten dieſes Liedes entzündet. — Ich wollte nicht wieder an dieſe Thüre kommen, und bin doch, gegen meinen Wil⸗ len, von neuem daher gekommen, denn ich höre noch Deine Wörte: Wenn Du mir ſagteſt, ſtoß zu, — ich würde zuſtoßen. — Du liebſt mich alſo ſehr?“ „Verlangſt Du Geld, — all mein Geld?“ „Nein, Geld habe ich. —“ „Haſt Du einen Feind, — ich ermorde ihn. Die Geheimniſſe von Paris. VI. 26 402 „Ich habe keinen Feind.“ „Willſt Du meine Frau ſein? — ich heirathe Dich.“ „Ich bin verheirathet.“ „So ſage, was verlangſt Du? — Gott, was verlangſt Du?“ „Beweiſe mir, daß Deine Liebe zu mir blind und wahnfinnig iſt, daß Du ihr Alles zum Opfer bringen würdeſt!“ „Alles, ja Alles! Aber wie?“ „Ich weiß es nicht, aber jetzt eben hat mich der Glanz Dei⸗ ner Augen geblendet. — Wenn Du mir in dieſer Stunde einen Beweis jener unbegrenzten Liebe gäbeſt, welche die Phantaſie eines Weibes bis zum Wahnſinn erhitzt, — ich weiß nicht, was ich thun könnte. — Aber eile, ich bin launenhaft, veränderlich; morgen iſt vielleicht der jetzige Eindruck völlig verwiſcht.“ „Aber welchen Beweis kann ich Dir hier, augenblicklich ge⸗ ben?“ fragte der Elende händeringend. „Es iſt eine grauſame Marter! Welchen Beweis? ſage mir, welchen Beweis!“ „Du biſt ſehr dumm,“ antwortete Cecily, indem ſie ſich mit anſcheinendem verächtlichen Aerger entfernte. — „Ich habe mich geirrt, — ich hielt Dich einer großen Aufopferung für fähig. — Gute Nacht! — Es iſt Schade —“ „Cecily, — geh' nicht fort, — komm zurück! Was ſoll ich thun? — ſage mir es wenigſtens. — Ach ich werde wahnſinnig — Was ſoll ich thun? Was ſoll ich thun?“ „Denke nach —“ „Mein Gott! mein Gott!“ „Ich war nur zu ſehr geneigt, mich verführen zu laſſen, wenn Du gewollt hätteſt. — Du wirſt eine ſolche Gelegenheit nicht wiederfinden —“ „Aber man ſagt doch, was man verlangt,“ ſprach der Notar außer ſich. „Errathe es —“ „Erkläre Dich, — befiehl —“ „Wenn Du ſo leidenſchaftlich, wie Du ſagſt, nach mir ver⸗ langſt, würdeſt Du das Mittel finden, mich zu überreden. — Gute Nacht!“ „Cecily!“ „Ich werde die Klappe in der Thüre zumachen, — ſtatt die Thüre ſelbſt zu öffnen.“ „Gnade! Höre mich an.“ Ich glaubte einen Augenblick, — das Blut würde mir in —— — 403 den Kopf ſteigen. — Das Feuer im Kamin erlöſcht, — es wäre dunkel geworden, ich hätte nur noch an Deine Aufopferung ge⸗ dacht, und dann wäre dieſer Riegel, — aber nein, — Du willſt nicht. — Ach. Du weißt nicht, was Du verlierſt. — Gute Nacht, frommer Mann!“ „Cerily — höre mich, — bleibe, — ich habe es gefunden“ ſprach Ferrand nach einer kurzen Pauſe mit einer unmöglich zu beſchreibenden Freude. Den Elenden hatte der Schwindel ergriffen. Ein Nebel verdunkelte ſeinen Verſtand; der ungeſtüme thieri⸗ ſche Trieb nahm ihm alle Klugheit, alle Vorſicht, und der Inſtinet der Selbſterhaltung wich von ihm. „Nun, worin beſteht dieſer Beweis Deiner Liebe?“ ſagte die Creolin, die ſich dem Kamine genähert hatte, um ihren Doich zur Hand zu nehmen, und dann, von dem Lichte des Feuers beſchie⸗ nen, langſam wieder an die Thüre kam. Ohne daß es der Notar bemerkte, überzeugte ſie ſich, daß die Kette innerhalb der Thüre gehörig eingehakt war. „Höre mich an,“ ſagte Jacob Ferrand mit ſeiner rauhen Stimme, — „höre mich an; wenn ich meine Ehre, mein Vermö⸗ gen, mein Leben hier, ſogleich, in Deine Hand legte, würdeſt Du dann glauben, daß ich Dich liebe? Würde Dir dieſer Beweis von wahnſinniger Liebe genügen?“ „Deine Ehre, — Dein Vermögen, — Dein Leben? Ich verſtehe das nicht.“ „Wenn ich Dir ein Geheimniß mittheilte, das mich auf das Schaffot bringen kann, würdeſt Du dann mein ſein?“ „Du ein Verbrecher? Du ſpotteſt. — Und Deine Sitten⸗ ſtrenge?“ „Lüge —“ „Deine Rechtſchaffenheit?“ „Lüge —“ „Deine Frömmigkeit?“ „Lüge 3 „Du giltſt für einen Heiligen und wärſt ein Teufel? Du prahlſt. Nein, es giebt feinen Menſchen, der ſo geſchickt ſchlau, ſo kalt energiſch, ſo glücklich kuhn wäre, um in dieſer Weiſe das Vertrauen und die Achtung der Andern zu erſchleichen. Es wäre ein teufliſcher Hohn, eine entſetzliche Herausforderung der Geſellſchaft.“ 26 * „ „Ich bin dieſer Menſch. — Ich habe dieſen Hohn und dieſe Ausforderung der Geſellſchaft in das Geſicht geſchlendert,“ ſprach der Unmenſch mit ſchauerlichem Stolze. „Jacob! — Jacob! ſprich nicht ſo,“ ſagte Cecily mit krei⸗ ſchender Stimme und wogendem Buſen, — „Du konnteſt mich wahnſinnig machen —“ „Willſt Du meinen Kopf für Deine Liebkoſungen?“ „Das iſt endlich Leidenſchaft!“ ſprach Cecily. — „Da, nimm meinen Dolch —, Du entwaffneſt mich —“ Jacob Ferrand nahm durch die Oeffnung in der Thür vor⸗ ſichtig die gefährliche Waffe und ſchleuderte ſie weit von ſich. „Cecily, — Du glaubſt mir alſo?“ fragte er in Entzücken. „Ob ich Dir glaube!“ entgegnete die Creolin, indem ſie ihre beiden reizenden Hände auf die krampfhaft zuſammengedrückten Hände Ferrands legte. — „Ja, ich glaube Dir, denn ich finde eben jenen Blick bei Dir wieder, der mich ſchon einmal an ſich bannte. Deine Augen funkeln. — Jacob, — ich liebe Deine Augen!“ „Cecily!!“ „Du mußt aber die Wahrheit ſprechen.“ „Ich ſpreche die Wahrheit — Du ſollſt es ſehen.“ „Deine Stirn iſt drohend, Dein Geſicht furchtbar. — Sieh, Du biſt entſetzlich und ſchön wie ein wüthender Tiger. — Aber Du ſagſt die Wahrheit, nicht wahr?“ „Ich habe Verbrechen begangen, ſage ich Dir.“ „Deſto beſſer, wenn Du mir durch das Geſtändniß Deine Liebe beweiſeſt.“ „Und wenn ich Alles geſtehe?“ „So bewillige ich Dir Alles, denn wenn Du dieſes blinde, muthige Vertrauen haſt, — ſiehſt Du, Jacob, ſo werde ich nicht mehr den eingebildeten Geliebten meines Liedes rufen. — Zu Dir, mein Tiger, zu Dir, werde ich dann ſagen: Komm! — komm! — komm!“ Während Cecily dieſe Worte mit dem Ausdrucke der glühend⸗ ſten Sehnſucht ſprach, trat ſie ſo nahe an die Klappe in der Thür, daß Ferrand auf ſeiner Wange den heißen Athem der Creolin und auf ſeinen behaarten Fingern den electriſchen Eindruck ihrer feſten, friſchen Lippen fühlte — „Ah, Du wirſt mein, ich werde Dein Tiger ſein!“ rief er aus, „und nachher magſt Du, wenn Du willſt, mich entehren, —— — 405 mich auf das Schaffot bringen. — Meine Ehre, mein Leben liegt jetzt in Deiner Hand.“ „Deine Ehre?“ „Meine Ehre. — Höre mich an. — Vor zehn Jahren hatte man mir ein Kind, zweimalhunderttauſend Francs für daſſelbe übergeben; ich ſtieß das Kind in die Welt hinaus, gab es durch einen falſchen Todtenſchein für todt aus und behielt das Geld. — „Das iſt klug und fühn; — wer hätte das von Dir ge⸗ glaubt?“ „Höre weiter. — Ich haßte meinen Caſſirer. Eines Abends hatte er mir ein wenig Gold genommen, das er mir am andern Tage zurückbrachte; aber um den Elenden zu verderben, beſchul⸗ digte ich ihn, er habe mir eine bedeutende Summe geſtohlen. Man glaubte mir und warf ihn in das Gefängniß. — Liegt nun meine Ehre in Deiner Hand?“ „Ach, Du liebſt mich, Jacob, Du liebſt mich! — Welche Gewalt habe ich über Dich, da Du mir ſolche Geheimniſſe an⸗ vertrauſt! — Ich werde nicht undankbar ſein, — reiche mir dieſe Stirn, in welcher ſolche teufliſche Gedanken erſtanden ſind, — da⸗ mit ich ſie küſſe —“ „Ach,“ rief der Notar ſtammelnd aus, — „und wenn das Schaffot hier ſtände, ich würde nicht zurückweichen. — Höre wei⸗ ter. — Das Kind, das von mir verſtoßen war, fand ſich wieder ₰ auf meinem Wege; ich fürchtete es — und ließ es umbringen.“ „Du? — Und wie? Wo?“ „Vor wenigen Tagen, — bei der Brücke von Asniöres, — an der Inſel des Ausſuchers. — Ein gewiſſer Martial hat ſie in dem Fluſſe erſäuft. — Sind das genug Einzelnheiten? Willſt Du mir glauben?“ „O, Du Teufel — aus der Hölle, — Du erſchreckſt mich, und doch zieht es mich hin zu Dir, doch weckſt Du die Leiden⸗ ſchaft in mir. — Welche Macht beſitzeſt Du?“ „Höre weiter. — Vorher hatte mir ein Mann hunderttauſend Thaler übergeben, — ich lockte ihn in einen Hinterhalt, — jagte ihm eine Kugel durch den Kopf, — bewies, daß er ſich ſelbſt das Leben genommen und leugnete das Geld ab, das ſeine Schweſter zurück⸗ forderte. — Jetzt liegt mein Leben in Deiner Hand — Oeffne!“ „Jacob —, ich bete Dich an!“ ſprach die Creolin. Wenn mir tauſendfacher Tod droht, ich trotze ihm!“ entgeg⸗ nete der Notar im höchſten Sinnenrauſche. — „Ja, Du hatteſt Recht, ich wurde dieſe triumphirende Freude nicht haben, wenn ich jung und ſchön wäre. — Den Schlüſſel! — Wirf mir den Schlüſ⸗ ſel zu! — Ziehe den Riegel zurück!“ Die Creolin zog den Schlüſſel aus dem Schloſſe und reichte ihn dem Notar, indem ſie voli Liebe ſprach: „Jacob — ich bin außer mir.“ „Endlich biſt Du mein!“ rief er in wildem Jubel aus, indem er das Schloß zu öffnen verſuchte. Aber die Thüre war noch verriegelt und ließ ſich nicht offnen. „Komm, mein iger komm!“ ſprach Cecily mit ſchmachtender Stimme. „Den Riegel! — den Riegel!“ rief Jacob Ferrand. „Aber wenn Du mich hintergingeſt,“ warf die Creolin plötz⸗ lich ein, wenn Du dieſe Geheimniſſe erſonnen hätteſt —“ Der Notar ſtand einen Augenblick ſtaunend da; er glaubte ſich am Ziele ſeiner Wünſche, und dieſer letzte Aufenthalt trieb ſeine Ungeduld auf den äußerſten Gipfel. Er griff raſch in den Buſen, riß die Weſte auf und eine ſtählerne Kette entzwei, an welcher ein kleines flaches Taſchenbuch hing, nahm dies, zeigte es der Cecily und ſagte, faſt athemlos, u ihr: „Da — haſt Du, was mich um meinen Kopf bringen kann. — Zieh den Riegel zurck. — Das Taſchenbuch iſt Dein.“ „Gieb her, mein Tiger!“ ſprach Cecily. Mit der einen Hand zog ſie hörbar den Riegel zurück, mit der andern nahm ſie das Taſchenbuch. Jacob Ferrand überließ es ihr aber erſt, als er fühlte, daß die Thüre unter ſeinem Andrängen nachgab. Wenn aber die Thüre nachgab, ſo öffnete ſie ſich doch nur etwa einen halben Fuß breit, da ſie in der Gegend des Schloſſes durch die Kette zugehalten wurde. Bei dieſem unerwarteten Hinderniſſe warf ſich Ferrand mit verzweifelter Anſtrengung an die Thure. Cecily nahm blitzſchneil das Taſchenbuch zwiſchen die Zähne, riß das Fenſter auf, warf einen Mantel in den Hyf hinunter und ließ ſich, eben ſo gewandt wie kühn, an einem vorher an dem Fen⸗ ſter befeſtigten Kuvtenſtricke aus dem erſten Stocke in den Hof hinunter. Dann hullte ſie ſich raſch in den Mantel, eilte zu der Stube des Portiers, öffnete ſie, zog die Schnur, wodurch die Haus⸗ —— — — 407 thüre geöffnet wurde, gelangte auf die Straße hinaus und ſprang in einen Wagen, der, ſeit Cerily bei dem Notar war, auf Befehl des Barons von Graun für jeden Fall zwanzig Schritte von dem Hauſe des Notars wartete. Der Wagen fuhr raſch davon und erreichte die Boulevards, bevor Ferrand die Flucht Cecilys bemerkt hatte. Kehren wir zu dieſem Unmenſchen zurück. Durch die kleine Oeffnung der Thür hindurch konnte er das Fenſter nicht ſehen, durch das die Creolin entfloh. Mit einer gewaltigen Anſtrengung ſeiner breiten Schultern zerſprengte Ferrand die Kette, welche die Thür halb offen hielt. Er ſtürzte in das Zimmer hinein, — fand aber Niemanden. Der Knotenſtrick ſchwang noch an dem Fenſter hin und her. Da ſah er, an der andern Seite des Hofes, in dem Mond⸗ lichte, das durch die zerriſſenen Wolken fiel, das Thor offen ſtehen. Er errieth Alles, aber noch blieb ihm ein ſchwacher Hoff⸗ nungsſchimmer. Kräftig und entſchloſſen, wie er war, trat er in das Fenſter, ließ ſich an dem Stricke ebenfalls in den Hof hinunter und eilte aus dem Hauſe hinaus. Die Straße war ſtill und öde. Er ſah Niemanden und hoörte nichts als das ferne Rollen des Wagens, welcher die Creolin forttrug. Der Notar glaubte, es ſei dies irgend eine verſpätete Car⸗ roſſe und achtete nicht darauf. Es blieb ihm alſo keine Ausſicht, Cecily wiederzufinden, welche die Beweiſe ſeiner Verbrechen mit ſich genommen hatte! Bei dieſer entſetzlichen Gewißheit ſank er wie niedergeſchmet⸗ tert auf einen Prellſtein an ſeiner Thür.. Lange ſaß er da, ſtumm, unbeweglich, wie verſteinert, mit ſtieren Augen, mit feſt aufeinander gedrückten Zähnen, mit Schaum vor dem Munde, zerkratzte mit den Nägeln ſeine Bruſt und glaubte, in einen bodenloſen Abgrund zu verſinken. Als er ſich wieder aufräffte, ging er mit ſchweren, unſichern Tritten umher; die Gegenſtände wankten vor ſeinen Augen, als wenn er betrunken wäre. Dann warf er die Thüre ſeines Hauſes heftig zu und trat wieder in den Hof. Der Regen hatte aufgehört. Der Wind, der noch immer wehte, jagte ſchwere graue Wol⸗ 2 408 ken vor ſich her, welche das Mondenlicht verſchleierten, ohne es ganz zu verdunkeln. Nachdem die kalte friſche Luft ihn etwas beruhigt hatte, ging Ferrand, in der Hyffnung, ſeine Aufregung vollends zu beſänfti⸗ gen, mit ſchnellen Schritten in den ſchmutzigen Gängen ſeines Gartens hin, während er von Zeit zu Zeit die beiden geballten Fäuſte auf die Stirn drückte. So ſchritt er auf Geradewohl fort und gelangte an das Ende eines Ganges bei einem verfallenden Gewächshauſe. Mit einem Male ſtieß er an einen Haufen friſch umgegrabe⸗ ner Erde. — Er bückte ſich, ſah mechaniſch hin und erblickte blutige Leinwand. Er befand ſich neben dem Grabe, das Louiſe Morel gegra⸗ ben hatte, um ihr todtes Kind da zu verbergen, ihr Kind, das auch das Kind Ferrands war. . Trotz ſeiner Verſtocktheit, trotz ſeiner entſetzlichen Angſt, die ihn ruhelos umhertrieb, ſchauderte Ferrand vor Entſetzen. Das Schickſal ſelbſt ſchien ihn in dieſem Augenblick gerade hierher geführt zu haben. Verfolgt durch die rächende Strafe der Lüſternheit, brachte . ihn der Zufall an das Grab ſeines Kindes — der unglücklichen Frucht ſeiner Gewaltthat und ſeiner Lüſternheit. Unter allen andern Umſtänden würde Jacob Ferrand gleich⸗ giltig über dieſes Grab hinweggeſchritten ſein, da er aber ſeine Energie in der Scene erſchöpft hatte, die wir eben erzählt haben, übermannte ihn plötzlich Schwäche und Entſetzen. Eiskalter Schweiß trat auf ſeine Stirn, ſeine Kniee zitterten und brachen unter ihm zuſammen, und ſo ſank er bewegungslos neben dieſem offenen Grabe nieder. 5 *