Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— ceih und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet —— wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— — — ———— aur 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. — If. „ * * — „ „ 5. Auswärtige Abonnentén haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S * Die Geheimniſſe von Paris. Von Eugene Sue. Ueberſetzt von A. Diezmann. Fünkter Zand. Mit Illuſtrativnen von Theodor Hoſemann. O Bertin, 1843. Verlag von Meyer 8 Hofmann. XC. Pläne für die Zukuntt. S. es hell geworden war, klingelte Herr von Harville ſeinem Kammerdiener. Der alte Joſeph hörte ſeinen Herrn, zu ſeiner großen Verwunderung, ein Jagdlied trällern, — ein eben ſo ſeltenes wie ſicheres Zeichen der guten Laune des Herrn von Harville. „Ach, Herr Marquis,“ ſagte der treue Diener gerührt, „welche ſchöne Stimme Sie haben! Wie ſchade, daß Sie nicht öfter ſingen!“ „Wahrhaftig, Joſeph, ich habe eine hübſche Stimme?“ ent⸗ gegnete Harville lachend. * „Ich würde die Stimme des Herrn Marquis inn en finden, wäre ſie auch ſo heiſer und rauh wie die einer Eule oder eines Nachtwächters.“ „Schweig, Schmeichler!“ „Sehen Sie, Herr Marquis, wenn Sie ſingen, ſo iſt das ein Zeichen, daß Sie zufrieden ſind — und dann klingt mir Stimme wie die lieblichſte Muſik.“ 1* „In dieſem Falle öffne nur immer Deine langen Ohren, mein alter Joſeph.“ „Was ſagen Sie?“ „Du wirſt dieſe liebliche Muſik, die Dir ſo wohl gefällt, alle Tage hören können.“ „Sie werden alle Tage glücklich ſein, Herr Marquis?“ rief pſeth aus, indem er mit freudigem S ſeine Hände faltete. „Alle Tage, alter Joſeph, alle Tage werde ich glücklich ſein. — Der Kummer und die Traurigkeit ſind verſchwunden. Dir, dem einzigen und verſchwiegenen Vertrauten meiner Leiden, kann ich es ſagen. Ich bin unbeſchreiblich glücklich. — Meine Frau iſt ein Engel an Güte — ſie hat mich wegen ihrer frühern Abneigung um Verzeihung gebeten und ſie — erräthſt Du es? — der Eiferſucht zugeſchrieben.“ „Der Eiferſucht?“ „Ja, anonyme Briefe haben Mißtrauen in ihr „Welche Schlechtigkeit!“ „Du begreifſt —, die Frauen ſind ſo eitel —, dieſer Umſtand reichte hin, uns zu trennen; zum Glück hat ſie ſich aber geſtern Abend offen gegen mich ausgeſprochen. — Ich habe ſie enttäuſcht und kann Dir nicht beſchreiben, wie entzückt ſie war, denn ſie liebt mie ſie liebt mich. Die Kälte, welche ſie zur Schau trug, wart hr ſo läſtig wie mir. Kurz, unſere grauſame Trennung hat ein Ende, und darnach beurtheile meine Freude.“ „Es iſt alſo wahr!“ rief Joſeph mit Thränen in den Augen aus. „Es iſt alſo wahr, Herr Marquis! Sie ſind uun für immer glucklich, da Ihnen nur noch die Liebe der Frau Marquiſe fehlte, oder vielmehr da ihre Abneigung Ihr einziges Unglück war, — wie Sie mir ſagten —“ „Wem ſonſt hätte ich es ſagen können, mein armer alter Jo⸗ ſeph? Kannteſt Du nicht . . . ein noch traurigeres Geheimniß? Doch — wir wollen nicht von Traurigem reden, — der heutige Tag iſt zu ſchön. — Bemerkſt Du vielleicht, daß ich geweint habe? — Das Glück, meine Freude war zu groß — ich erwartete es ſo wenig! — Ich bin recht ſchwach, nicht wahr?“ „Ach, Herr Margquis, Sie können recht wohl vor Freude wei⸗ nen, — haben Sie doch ſo viel aus Schmerz geweint. Und — — ſehen Sie! — mache ich es nicht auch wie Sie? Und die Thränen gebe ich nicht für zehn Jahre meines Lebens hin. — Ich fürchte nur noch eins —, daß ich nicht werde umhin können, vor der Frau Marquiſe auf die Kniee zu fallen. — Sobald ich ſie ſehe „Alter Narr! Du biſt ſo unverſtändig wie Dein Herr. — Ich hege aber auch eine Beſorgniß —“ „Mein Gott, welche?“ „Daß es nicht lange dauern wird —, ich bin zu glücklich. — Was fehlt mir noch?“ „Nichts, nichts, Herr Marquis, durchans nichts.“ „Eben deshalb. — Einem ſo vollkommenen und vollſtändigen Glücke traue ich nicht.“ „Ach, wenn es nur das iſt, Herr Marquis! Aber nein, ich wage nicht —“ Ich verſtehe Dich und — ich halte Deine Beſorgniß für ungegründet. — Die Umwandlung, die mein Glück in mir her⸗ vorbringt, iſt ſo groß, ſo gewaltig, daß ich überzeugt bin, faſt ge⸗ heilt zu ſein —“ * „Geheilt?“ „Hat mir der Arzt nicht hundertmal geſagt, eine ſtarke gei⸗ ſtige Erſchütterung reiche hin, die ſchreckliche Krankheit hervorzuru⸗ fen und zu heilen? Warum ſollten glückliche Erſchütterungen nicht auch vermögen, uns zu heilen?“ „Wenn Sie es glauben, Herr Marquis, ſo wird es geſchehen, oder es iſt vielmehr ſchon geſchehen, — Sie ſind geheilt. — Iſt denn heute ein heiliger Tag? Ja, wie Sie ſagen, Herr Marquis, die Frau Marquiſe iſt ein Engel vom Himmel, und ich fange faſt auch an zu erſchrecken, Herr Marquis; es zu viel Glück für einen Tag. Doch — da fällt mir etwas ein, — um Sie zu beruhigen, braucht es nur eine kleine Unannehmlichkeit, und damit kann ich, Gott ſei Dank! dienen.“ „Was giebt es?“ „Einer Ihrer Freunde hat ſehr zum Glücke und zur gelege⸗ nen Zeit — wie gut ſich das trifft! — einen Degenſtoß erhalten, der freilich nicht bedeutend iſt, aber das bleibt ſich gleich, — es wird hinreichen, Sie ſo ſehr zu verſtimmen, daß dieſer zu ſchöne heu⸗ tige Tag doch, wie Sie es wünſchen, einen Flecken hat. — Frei⸗ lich könnte man unter dieſen Umſtänden wünſchen, die Wunde möchte weit gefährlicher ſein, indeß man muß zufrieden ſein mit dem, was man eben hat.“ „Willſt Du ſchweigen! — Von wem prichſ Du?“ „Von dem Herzog von Lucenay.“ „Er iſt verwundet?“ „Ein wenig am Arme geritzt. — Er kam geſtern hierher, um Ihnen einen Beſuch zu machen, und ſagte, er würde dieſen Vormittag wieder kommen, um eine Taſſe Thee mit Ihnen zu trinken.“ — „Der arme Lucenay; Und warum haſt Du mir nicht ge⸗ ſagt —?“ „Ich konnte geſtern Abend den Herrn Marquis nicht ſehen.“ Nach kurzem Nachdenken entgegnete Harville: „Du haſt Recht, dieſe leichte Unannehmlichkeit wird ohne Zwei⸗ fel das neidiſche Schickſal befriedigen. Aber da fällt mir etwas ein; ich habe Luſt, dieſen Morgen ein Herrenfrühſtück zu improviſi⸗ ren für die Freunde Lucenays — zur Feier des glücklichen Aus⸗ ganges ſeines Duells. — Da er dieſe Geſellſchaft nicht erwartet, wird er ſich darüber ſehr freuen. „Das iſt ſchön, Herr Marquis! Nur luſtig! Holen Sie die verlorene Zeit ein! Wie viel Couverts? damit ich es dem Haus⸗ hofmeiſter ſagen kann.“ „Sechs Perſonen in dem kleinen Winter⸗Speiſeſaale.“ „Und die Einladungen?“ „Ich werde ſie ſchreiben. Jemand aus dem Stalle ſetzt ſich zu Pferde und trägt ſie ſogleich fort. Es iſt noch früh am Tage, und man wird Jedermann zu Hauſe antreffen. — Klingle!“ Joſeph klingelte. Herr von Harville trat in ſein Kabinet und ſchrieb die fol⸗ genden Briefe ohne irgend eine Abänderung außer dem Namen des Eingeladenen. „Mein lieber ***, das iſt ein Circulär; es handelt ſich um ein Impromptu. Lucenay wird dieſen Morgen bei mir frühſtücken und glaubt, mit mir allein zu ſein; verſchaffen Sie ihm die an⸗ genehme Ueberraſchung und ſchließen Sie ſich mir und einigen ſei⸗ ner Freunde an, die ich ebenfalls davon benachrichtige. Punkt zwölf Uhr. A. v. Harville.“ Ein Diener trat ein. 8 „Es ſoll ſich ſogleich Jemand zu Pferde ſetzen und dieſe Briefe abgeben,“ ſagte Herr von Harville; dann wendete er ſich an Jo⸗ ſeph und ſetzte hinzu: „ſchreibe die Adreſſen: Herr Vicomte von St. Remy, — Lucen y kann ohne ihn nicht ſein,“ ſprach Har⸗ ville bei ſich; — „Herr von Monville — ein Reiſegefährte des Herzogs; — Lord Douglas — mein treuer Partner im Whiſt; — der Baron von Sezannes — ſein Jugendfreund. Haſt Du geſchrieben?“ „Ja, Herr Marquis.“ „Nun ohne Zeitverluſt fort mit dieſen Briefen,“ ſagte Herr von Harville. „Und, Philipp, bitte doch den Herrn Doublet, zu mir zu kommen.“ 5 Philipp ging hinaus. „Was haſt Du?“ fragte Harville den alten Joſeph, der ihn ſtaunend anſah. „Ich kann gar nicht wieder zu mir kommen, Herr Marquis, — ich habe Sie nie ſo heiter, ſo rüſtig geſehen, und dann haben Sie rothe Wangen, während Sie ſonſt immer blaß ausſahen, Ihre Augen blitzen —“ „Das Glück, alter Joſeph, das Glück! Du mußt mir bei ei⸗ ner Intrigue beiſtehen, Dich bei Mademviſelle Julie erkundigen, die, wie ich glaube, die Diamanten meiner Frau unter ſich hat — „Ja, Herr Marquis, Mademviſelle Julie hat die Diamanten in ihrer Verwahrung; ich half ihr vor acht Tagen bei dem Putzen des Schmuckes.“ „Geh zu ihr und frage ſie nach dem Namen und der Adreſſe des Juweliers ihrer Gebieterin, verbiete ihr aber, der Marquiſe et⸗ was davon zu ſagen.“ — 5 — — —— 9 „Ich, verſtehe, Herr Marquis, — eine Ueberraſchung .. „Schnell, ſchnell! Da kommt Doublet.“ Der Intendant trat wirklich ein, während Joſeph hin⸗ ausging. „Ich habe die Ehre, den Befehlen des Herrn Marquis Folge zu leiſten.“ „Mein lieber Herr Doublet, ich werde Sie erſchrecken,“ ſagte Harville lächelnd; „Sie werden die Hände über dem Kopfe zuſam⸗ menſchlagen.“ 8 ch, Herr Marquis?“ „Ja, Sie.“ „Ich werde thun was möglich iſt, um den Herrn Marquis zufrieden zu ſtellen.“ „Ich will viel Geld ausgeben, ungeheuer viel Geld.“ „Das können wir ja, Herr Marquis; wir haben es, Gott ſei Dank!“ „Ich trage mich lauge mit einem Bauplane, möchte dem rech⸗ ten Flügel des Hauſes nach dem Garten zu eine Gallerie hinzu⸗ fügen. Ich habe lange geſchwankt und bisher nichts gegen Sie erwähnt, jetzt aber bin ich entſchloſſen. Mein Baumeiſter wird zu bitten ſein, einmal zu mir zu kommen und darüber mit mir zu ſprechen. Nun, Doublet, Sie erſchrecken vor dieſer Ausgabe nicht?“ „Ich kann verſichern, daß ich nicht erſchrecke —“ „Dieſe Galerie oder dieſer Saal ſoll für große Geſellſchaften und Feſte beſtimmt ſein; ſie ſoll ſchnell, wie durch Zauberei, herge⸗ ſtellt werden. Da nun aber ſolche Zauberei ſehr theuer iſt, ſo werden wir 15 bis 20,000 Liv. Renten verkaufen müſſen, um die 10 Ausgaben beſtreiten zu können, denn die Arbeiten ſollen ſobald als möglich beginnen.“ „Sehr verſtändig. Ich habe immer geſagt, es fehlt dem Herrn Marquis nichts als eine Leidenſchaft, ein Steckenpferd. Die Bauluſt hat das Gute, daß das Gebaute bleibt. Wegen des Gel⸗ des brauchen der Herr Marquis nicht beſorgt zu ſein. Gott ſei Dank, Sie können dieſen Einfall recht wohl ausführen.“ In dieſem Angenblicke trat Joſeph wieder ein. „Da,“ ſagte er, „iſt die Adreſſe des Juweliers; er heißt Baudvin,“ ſagte er zu dem Marquis von Harville. „Mein lieber Doublet, haben Sie die Güte, zu dieſem Ju⸗ welier zu gehen und ihn zu erſuchen, binnen einer Stunde eine Diamantenſchnur hierher zu bringen, für die ich etwa zweitauſend Louisd'ors anzulegen gedenke. Die Frauen haben nie Juwelen genug, zumal da man jetzt ſogar die Kleider damit beſetzt. We⸗ gen der Bezahlung werden Sie ſich mit dem Juwelier einigen.“ „Ja, Herr Marquis. — Auch hier zaudre ich nicht. Bei den Diamanten iſt es wie bei den Gebänden; ſie bleiben und be⸗ halten ihren Werth, und dann wird dieſe Ueberraſchung der Frau Marquiſe ohne Zweifel Vergnügen machen, ungerechnet die Freude, die Sie ſich ſelbſt ſchaffen. Wie ich kürzlich die Ehre hatte zu bemerken, es giebt in der Welt keinen glücklichern Menſchen als den Herrn Marquis.“ „Die Gluͤckwünſche des Herrn Doublet,“ entgegnete Harville lächelnd, „treffen merkwürdiger Weiſe ſtets den rechten Zeitpunkt.“ „Das iſt auch ihr einziges Verdienſt, Herr Marſſuis, nebſt dem, daß ſie wirklich vom Herzen kommen. Ich eile zu dem Ju⸗ welier,“ ſagte Doublet und ging hinaus. 6 11 Harville, der nun wieder allein war, ging, die Arme auf der Bruſt übereinander geſchlagen, mit ſtierem Auge, nachdenkend in dem Zimmer auf und ab. Der Ausdruck ſeines Geſichts änderte ſich plötzlich; es lag darin nicht mehr jene Zufriedenheit, durch welche der alte Diener und der Intendant des Marquis ſich hatten täuſchen laſſen, ſondern ruhige, kalte Entſchloſſenheit. Nachdem er eine Zeit lang auf⸗ und abgegangen war, ſank er auf einen Stuhl, gleichſam niedergedrückt von der Laſt ſeiner Schmerzen, ſtemmte beide Elnbogen auf ſeinen Schreibtiſch und ſtützte die Stirn auf beide Hände. Nach wenigen Augenblicken fuhr er plötzlich wieder empor, wiſchte eine Thräne ab, die ſein geröthetes Augenlid befeuchtete, und ſprach mit Anſtrengung: „Muth! Muth!“ Er ſchrieb ſodann an verſchiedene Perſonen über ziemlich un⸗ bedeutende Gegenſtände und beſtimmte oder verſchob verſchiedene Zuſammenkünfte auf mehrere Tage hinaus. Eben war er mit dieſen Briefen zu Ende, als Joſeph wieder eintrat, der ſo heiter war, daß er ſich ſogar ſo weit vergaß, auch ein Liedchen zu trällern. „Joſeph, Du haſt eine ſchöne Stimme,“ ſagte der Marquis lächelnd zu ihm. „Deſto ſchlimmer, Herr Marquis; in mir ſingt es ſo ſtark, daß ich es außen höre —“ 2 „Du wirſt dieſe Briefe zur Poſt beſorgen.“ „Ja, Herr Marquis; aber wo wollen Sie die geladenen Herren empfangen?“ 12 „Hier in meinem Zimmer. Sie werden nach dem Frühſtück rauchen, und der Tabaksgeruch dringt von hier nicht bis zu mei⸗ ner Frau.“ In dieſem Augenblicke hörte man einen Wagen in den Hof rollen. „Die Frau Marquiſe fährt aus; ſie hat ihre Equipage ſehr zeitig beſtellt,“ ſagte Joſeph. „Geh und bitte ſie, zu mir zu kommen, ehe ſie ausfährt.“ „Ja, Herr Marquis.“ Kaum hatte ſich der Diener entfernt, als Harville an den Spiegel trat und ſich aufmerkſam betrachtete. „Gut, gut,“ ſagte er mit dumpfer Stimme vor ſich hin. — „Rothe Wangen, blitzende Augen — vor Freude oder Fieber — es kommt nichts darauf an, wenn man ſich nur dadurch täuſchen läßt. — Nun noch ein Lächeln um die Lippen! Es giebt ſo viele Arten des Lächelns —, wer könnte das falſche von dem ächten unterſcheiden? Wer vermöchte durch die lügneriſche Maske hindurch zu blicken und zu ſagen, hinter dieſem Lächeln verborgen liegt eine finſtere Verzweiftung? Dieſe lärmende Luſtigkeit verbirgt einen To⸗ desgedanken? Wer könnte dies errathen? Niemand — gläcklicher Weiſe Niemand. Niemand? Ach ja, die Liebe würde ſich doch nicht täuſchen laſſen; ihr ſcharfer Blick würde die Wahrheit erra⸗ then. — Aber ich höre meine Frau, — meine Frau!? Zu Deiner Rolle, unglückſeliger Schauſpieler!“ Clemence trat in das Zimmer Harvilles. „Guten Morgen, Albert, lieber Bruder!“ ſagte ſie mit lie⸗ bevollem Tone zu ihm, indem ſie ihm die Hand reichte. Als ſie das Lächeln ihres Mannes bemerkte, ſetzte ſie hinzu: „Was iſt Dir? Du ſiehſt ſo frendeſtrahlend aus.“ 13 „Ich dachte eben an Dich, liebes Schweſterchen, und über⸗ dies beherrſcht mich ein vortrefflicher Vorſatz —“ „Das wundert mich nicht —“ „Alles, was geſtern geſchehen iſt, Dein bewundernswürdiger Edelmuth, das herrliche Benehmen des Fürſten, hat mir viel zu denken gegeben, und ich habe mich ganz zu Deinen Ideen bekehrt, ganz und gar. Ich bedaure mein geſtriges Aufbrauſen, das Du wenigſtens aus Koketterie entſchuldigen wirſt, nicht wahr?“ ſetzte er lächelnd hinzu, „denn Du würdeſt mir es doch nicht verziehen haben, wenn ich ſo leicht Deiner Liebe entſagt hätte . . .“ „Welche Sprache, welche glückliche Veränderung!“ rief die Frau von Harville aus. „Ich wußte es wohl, daß Du mich ver⸗ ſtehen würdeſt, wenn ich mich an Dein Herz, an Deinen Verſtand wendete. — Jetzt zweifle ich an der Zukunft nicht mehr —“ „Auch ich nicht, Clemence. Ja, ſeit meinem Vorſatze von dieſer Nacht hat ſich dieſe Zukunft, die mir ſo düſter und unklar vorkam, merkwürdiger Weiſe aufgeklärt —“ „Nichts natürlicher, lieber Freund, und wir wollen nun, ge⸗ ſchwiſterlich aufeinander geſtützt, einem Ziele entgegen gehen. Am Ende unſerer Laufhahn werden wir uns ſo wiederfinden, wie wir jetzt ſind. Ich wünſche vom Herzen, daß Du glücklich ſein mögeſt, und Du wirſt es ſein, denn hier —“ und ſie legte einen Finger auf die Stirn. Mit reizendem Lächeln ſenkte ſie aber bald die Hand, legte ſie auf ihr Herz und fuhr fert: „Nein, ich irre mich, hier wird dieſer gute Gedanke wachen für Dich — und auch für mich, und Du wirſt erfahren, was ein feſt entſchloſſenes Herz vermag.“ „Theure Clemence —,“ fiel Harville ein, der ſein überſtrö⸗ mendes Gefühl kaum mäßigen konnte und erſt nach einigen Au⸗ genblicken lächelnd fortfuhr: „Ich ließ Dich bitten, einen Augenblick zu mir zu kommen, weil ich Dir ſagen wollte, daß ich dieſen Morgen den Thee nicht bei Dir trinken kann. — Ich habe mehrere Freunde zum Frühſtück bei mir, das gleichſam improviſirt worden iſt zur Feier des glück⸗ lichen Ausganges des Duells des armen Lucenay, der übrigens durch ſeinen Gegner nur leicht verwundet worden iſt.“ Die Frau von Harville erröthete, als ſie an die Urſache die⸗ ſes Duells dachte, — ein beleidigendes Wort, das Lucenay in ih⸗ rer Gegenwart zu Herrn Karl Robert geſagt hatte. Die Erinnerung war ſchmerzlich für Clemence, denn ſie er⸗ weckte in ihr eine Verirrung, deren ſie ſich jetzt ſchämte. Um dieſem peinlichen Gefühle zu entgehen, ſagte ſie zu ih⸗ rem Manne: „Ein ſeltſames Zuſamentreffen! Der Herzog von Lucenay frühſtückt bei Dir, und ich gehe, um mich, vielleicht auf etwas zu⸗ dringliche Weiſe, bei der Herzogin von Lucenay zum Frühſtück zu bit⸗ ten. Ich habe mit ihr viel über meine beiden unbekannten Schütz⸗ linge zu ſprechen. Von ihr aus denke ich mit der Frau von Blainval das Gefängniß St. Lazarus zu beſuchen, denn ich in⸗ triguire jetzt, um zu den jungen Verhafteten zu gelangen.“ „Du biſt wirklich unerſättlich,“ ſagte Harville lächelnd; dann ſetzte er mit ſchmerzlicher Bewegung hinzu, die ſich trotz ſeiner Anſtrengung etwas verrieth: „ſo werde ich Dich alſo nicht wie⸗ derſehen — heute?“ „Iſt Dir es unangenehm, daß ich ſo früh ausgehe?“ fragte Clemence, die ſich über den Ton ſeiner Stimme wunderte. „Wenn — 15 — Du es wünſcheſt, kann ich meinen Beſuch bei der Herzogin von Lucenay verſchieben.“ Der Marquis war nahe daran ſich zu verrathen, er nahm aber ſchnell den freundſchaftlichſten Ton wieder an und ſagte: „Ja, liebes Schweſterchen, es thut mir leid, daß Du ſo zei⸗ tig ausgehſt, und ich werde Deine Rückkehr mit Ungeduld erwar⸗ ten, — es ſind dies Fehler, die ich ſo leicht nicht ablegen werde.“ „Es würde mir auch leid thun, wenn Du dieſen Fehler ab⸗ legteſt.“ Die Klingel meldete einen Beſuch. „Da kommt ohne Zweifel Einer Deiner Gäſte,“ ſagte Frau von Harville. — „Ich verlaſſe Dich. — Was haſt Du für den Abend vor? Wenn Du noch nichts beſchloſſen haſt, ſo verlange ich, daß Du mich in das italieniſche Theater begleiteſt. Vielleicht macht Dir die Muſik jetzt mehr Vergnügen.“ „Ich füge mich mit dem größten Vergnügen in Deine Be⸗ fehle.“ „Gehſt Du bald aus, und wirſt Du vor Tiſche wieder hier ſein?“ „Ich gehe nicht aus. Du wirſt mich hier treffen — „So werde ich nach meiner Rucktehr fragen, ob Du Dich bei dem Frühſtück gut unterhalten haſt.“ „Adieu, Clemence.“ „Adieu, lieber Freund; auf baldiges Wiederſehen. Ich räume das Feld und wünſche Euch vieles Vergnügen; ſei recht luſtig!“ Nachdem Clemence ihrem Manne herzlich die Hand gedrückt hatte, ging ſie durch die eine Thür hinaus, als eben der Herzog von Lucenay durch eine andre hereintrat. 5 16 „Sie wünſcht mir vieles Vergnügen und fordert mich auf, luſtig zu ſein. In dem Worte Adieu, in dieſem letzten Rufe meiner verzweifelnden Seele, in dieſem Worte eines ewigen Ab⸗ ſchiedes, hat ſie — ein baldiges Wiederſehen verſtanden, und ſie geht ruhig und lächelnd fort. — Das macht meiner Verſtel⸗ lungskunſt Ehre. Beim Himmel, ich glaubte es nicht, ein ſo gu⸗ ter Schauſpieler zu ſein. — Da kommt Lucenay!“ MMeiu —e—— 1 1 LXXXXI. Das Frühſtück. er Herzog von Lucenay trat in das Zimmer Harvilles. Die Wunde des Herzogs war ſo unbedeutend geweſen, daß er ſeinen Arm nicht einmal mehr im Bunde trug. Sein Geſicht hatte noch immer den hochmüthigen Ausdruck, ſeine queckſilberne Unruhe hatte ſich nicht gelegt, und ſeine Spottſucht, ſeine Freude an Neckereien herrſchten noch immer in ihm vor. Trotz ſeinen Selt⸗ ſamkeiten, trotz ſeinen geſchmackloſen Witzen, trotz ſeiner maßlos großen Naſe, die ſeinem Geſichte ein faſt groteskes Ausſehen gab, hatte Lucenay, wie bereits erwähnt, nichts Gemeines, weil er ſtets eine gewiſſe natürliche Würde bewahrte. „Für wie gleichgiltig müſſen Sie mich halten, lieber Hein⸗ rich,“ ſagte Harville, indem er Lucenay die Hand reichte; „aber ich habe wirklich erſt dieſen Morgen von Ihrem unglücklichen Abenteuer gehört —“ „Unglücklich! gehen Sie, Marquis! Ich habe in meinem Le⸗ ben nicht ſo herzlich gelacht. — Der vortreffliche Herr Robert ſah ſo feierlich entſchloſſen aus, die Meinung nicht gelten zu laſſen, daß er die Fettſucht habe! Das war, wiſſen Ste es nicht? die 2 Die Geheimniſſe von Paris. V. 18 urſache des Duells. Ich habe ihn in dem *ssſchen Geſandt⸗ ſchaftshoͤtel in Gegenwart Ihrer Frau und der Gräfin Mae Gre⸗ gor gefragt, wie es mit ſeiner Fettſucht ſtehe, — inde irae, denn unter uns, er leidet an dieſer Sucht keinesweges. Aber das bleibt ſich gleich. — Sie ſehen ein, ſich ſo etwas vor hübſchen Frauen ſagen zu laſſen, — macht böſes Blut.“ „Welcher Einfall! Daran erkenne ich Sie. — Aber wer iſt der Herr Robert?“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht. Ich habe ihn im Bade ken⸗ nen gelernt; er ging im Wintergarten der Geſandtſchaft an uns vorüber, und ich rief ihn, um ihn zu necken. Den zweiten Tag darauf gab er mir ſtatt der Antwort einen kleinen Degenſtoß. So ehen wir mit einander. Doch genug von dieſen Albernheiten. 7 8 Ich bin gekommen, um Sie um eine Taſſe Thee zu bitten.“ Bei dieſen Worten warf ſich Lucenay auf ein Sopha, wor⸗ auf er ſeinen Stock zwiſchen die Wand und den Rahmen eines Gemäldes ſteckte, das über ihm hing, und anfing, daſſelbe hin und her zu bewegen. „Ich erwartete Sie, lieber Heinrich, und habe Ihnen eine Ueberraſchung zugedacht,“ ſagte Harville. „Ah! Und welche?“ rief Lucenah aus, indem er an dem Ge— mälde ſo ſtark rüttelte, daß es beinahe herunter ſiel. „Sie werden ſich das Gemälde auf den Kopf werfen,“ ſagte Harville. „Sie haben wahrhaftig Recht. — Sie beſitzen einen Adler⸗ blick. — Aber die Ueberraſchung, die Ueberraſchung!“ „Ich habe einige unſerer Freunde gebeten, mit uns hier zu frühſtücken.“ „Bravv, Marquis, braviſſimo! erzbraviſſimo!“ rief Lucenay 19 aus voller Kehle, indem er mit aller Kraft mit dem Stocke auf die Sophakiſſen ſchlug. „Und wer wird kommen? Saint Remy? — Nein, der iſt ſeit einigen Tagen auf dem Lande. Was zum Teufel kann er mitten im Winter auf dem Lande ſuchen?“ „Wiſſen Sie gewiß, daß er nicht in Paris iſt?“ „Ganz gewiß. Ich hatte ihn aufgefordert, mein Secundant zu ſein. — Er war aber fort, und ich wählte Lord Douglas und Sezannes.“ „Das trifft ſich vortrefflich. Sie kommen auch.“ „Bravo! bravo!“ ſchrie Lucenay von neuem. Dann wälzte und ſchnellte er ſich auf dem Sopha umher und begleitete ſo ſein unmenſchliches Schreien. Die acrobatiſchen Kunſtſtücke des Herzogs von Lucenay wur⸗ den durch die Ankunft des Herrn von St. Remy unterbrochen. „Ich brauche nicht zu fragen, ob Lucenay hier ſei,“ ſagte der Vicomte. „Man hört ihn unten.“ „Wie, ſind Sie es, Freund des Landlebens, Wehrwolf?“ rief ihm der Herzog entgegen, indem er raſch aufſprang. „Man glaubte, Sie wären auf dem Lande —“ „Ich bin ſeit, geſtern zurückgekommen. Eben erhielt ich die Einladung Harvilles, und ich flog herbei, hocherfreut über dieſe angenehme Ueberraſchung,“ — und St. Remy reichte Lucenay, dann dem Marquis die Hand. „Ich bin Ihnen für dieſe Eile ſehr verbunden, lieber Saint Remy. Miüſſen ſich die Freunde Lucenays über den glücklichen Ausgang des Duells nicht freuen, das doch traurige Folgen ha⸗ ben konnte?“ „Aber,“ begann der Herzog nochmals, „was hatten Sie mit⸗ 2 X 20 ten im Winter auf dem Lande zu ſchaffen, Saint Remy? Ich möchte das gar zu gern wiſſen.“ „Wie neugierig er iſt!“ entgegnete der Vicomte zu Herrn von Harville gewendet. Dann antwortete er dem Herzoge: „ich will mich ein wenig von Paris entwöhnen, da ich es doͤch bald ver⸗ laſſen muß —“ „Ach ja, der ſchöne Einfall, ſich der frauzöſiſchen Geſandt⸗ ſchaft in Gerolſtein beigeben zu laſſen! Laſſen Sie doch Ihre di⸗ plomatiſchen Grillen ruhen; Sie werden nicht nach Gerolſtein rei⸗ ſen; meine Frau ſagt es, und Jedermann wiederholt es.“ „Ich verſichere Sie, daß ſich die Frau Herzogin irrt, wie Jedermann.“ 68 „Sie hat Ihnen in meiner Gegenwart geſagt, daß es eine Thorheit ſei —“ „Ich habe deren in meinem Leben mehrere begangen.“ „Elegante und charmante Thorheiten und Streiche, das lafſ' ich gelten, wie z. B. Ihren fürſtlichen Aufwand, der Sie eigent⸗ lich ruiniren ſollte; aber ſich in einem Loche, wie es jener Hof Gerolſtein iſt, zu begraben! Das iſt kein thörichter, das iſt ein dummer Streich, und Sie ſind viel zu geiſtreich, als daß Sie eine Dummheit begehen könnten.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, lieber eet Wenn Sie ſchlecht von jenem deutſchen Hofe ſprechen, haben Sie es mit Harville zu thun, mit dem vertrauten Freunde des regierenden Großherzogs, der mich übrigens kürzlich bei dem *ssſchen Geſandten außeror⸗ dentlich freundlich aufgenommen hat.“ „Wahrhaftig, lieber Heinrich,“ entgegnete Harville, „wenn Sie den Großherzog kennten, wie ich ihn kenne, Sie würden ein⸗ 21 ſehen, warum Saint Remy gar nicht abgeneigt iſt, einige Zeit in Gerolſtein zuzubringen.“ „Ich glaube Ihnen, Marquis, obgleich man Ihren Großher⸗ zog für einen Sonderling erklärt. Dadurch bin ich aber mit mei⸗ ner Meinung noch keinesweges widerlegt, daß ein Mann, wie Saint Remy, die Creme der Créme, nur in Paris leben kann, nur in Paris Werth hat.“ Die andern Gäſte Harvilles waren eben auch angekommen, als Joſeph eintrat und ſeinem Gebieter einige Worte zuflüſterte. „Meine Herren, Sie werden erlauben,“ ſagte der Marquis. „Der Juwelier meiner Frau bringt mir eben Diamanten, die ich ihr zu einem Geſchenke auswählen will. Sie kennen dies, Luce⸗ nay; wir ſind Ehemänner von altem Schrot und Korn —“ „Eine Ueberraſchung?“ fiel der Herzog ein. „Nun, meine Frau hat mich geſtern auf eine famoſe Weiſe auch überraſcht.“ „Durch ein glänzendes Geſchenk?“ „Sie verlangte von mir — hunderttauſend Franes.“ „Und da Sie ſehr freigebig ſind, ſo haben Sie ihr das „Geliehen! Es wird auf ihr Gut in Arnouville geſchrieben. Gute Rechnung erhält die Freundſchaft. Aber das bleibt ſich gleich; 100,000 Fres. binnen zwei Stunden Jemandem zu leihen, der das Geld braucht, iſt eine große und ſeltſame Gefälligkeit. Nicht wahr, Verſchwender? Sie verſtehen ſich doch auf Anleihen,“ ſetzte der Herzog von Lucenay lächelnd gegen Saint Remy hinzu, ohne zu ahnen, wie richtig dieſe Worte trafen. Der Vicomte erröthete trotz ſeiner Keckheit zuerſt ein wenig, dann entgegnete er frech: „Hunderttauſend Francs! Das iſt ja eine ungeheure Summe. 22 Wozu kann eine Frau hunderttauſend Franes brauchen? Bei uns Männern freilich . . .“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht, was meine Frau mit dieſer Summe anfangen will; auch iſt es mir ſehr gleichgiltig. Schul— den für Putz wahrſcheinlich . . ., nun es iſt ihre Sache. Und dann ſeht Ihr wohl ein, daß es nicht nobel geweſen wäre, ſie zu fra⸗ gen, was ſie mit dem Gelde anfangen wolle —“ „Die Darleiher ſind aber doch ſonſt immer ſehr neugierig zu wiſſen, was man mit dem Gelde anfangen will, welches man von ihnen leiht,“ ſagte der Vicomte lachend. „Saint Remy,“ ſiel Harville ein, „Sie beſitzen einen ſo vor⸗ trefflichen Geſchmack, Sie werden mir den Schmuck für meine Frau ausſuchen helfen. Ihre Zuſtimmung wird meine Wahl entſcheiden, denn gegen Ihre Anſichten in Modeangelegenheiten wendet Nie⸗ mand etwas ein.“ Der Juwelier trat mit mehreren Schmuckfäſtchen in einer gro⸗ ßen Ledertaſche ein. „Es iſt Herr Baudvin!“ ſagte der Herzog von Lucenay. „Ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Herzog.“ „Gewiß ſind Sie es, der meine Frau in Verſuchung führt und ruinirt?“ fuhr Lucenay fort. „Die Frau Herzogin hat dieſen Winter ihre Diamanten nur neu faſſen laſſen,“ antwortete der Juwelier in einer gewiſſen Ver⸗ legenheit. „Eben habe ich ſie zu ihr getragen.“ Herr von Saint Remy wußte, daß die Herzogin von Luce⸗ nay, um ihn unterſtützen zu können, ihre Juwelen gegen falſche Diamanten vertauſcht hatte. Dieſes Zuſammentreffen war ihm unangenehm, aber er ſprach frech weiter: — 23 „Die Ehemänner ſind doch ſehr neugierig! Sagen Sie nichts, Herr Baudvin!“ „Neugierig bin ich wahrhaftig nicht,“ entgegnete der Herzog. „Meine Frau bezahlt, und ſie kann ſich ſolche Einfälle wohl er⸗ lauben, da ſie reicher iſt als ich.“ Während dieſes Geſprächs hatte Herr Baudoin mehrere Col⸗ liers von Rubinen und Diamanten auf einem Schreibtiſche aus⸗ gebreitet. „Welcher Glanz! Und wie vortrefflich ſind die Steine ge⸗ ſchnitten!“ ſagte Lord Douglas. „Ich beſchäftigte mit dieſer Arbeit einen der beſten Stein⸗ ſchneider in Paris; leider iſt derſelbe verrückt geworden, und ich werde ſchwerlich wieder einen ſolchen Arbeiter finden. Meine Steinmäklerin ſaate mir, der Mann habe wahrſcheinlich aus Ar⸗ muth den Verſtand verloren.“ „Aus Armuth! Und Sie vertrauen ſo armen Leuten Dia⸗ manten an?“ ⸗ „Allerdings, und man kennt kein Beiſpiel, daß ein Steinſchnei⸗ der einen Diamanten entwendet habe, ob ſie ſich gleich meiſt nicht in guten Verhältniſſen befinden.“ „Wie viel koſtet dieſes Collier?“ fragte Harville. „Der Herr Marquis wird bemerken, daß die Steine vom rein⸗ ſten Waſſer und vortrefflich geſchnitten, auch faſt alle von gleicher Größe ſind.“ „Das ſind für Ihren Beutel ſehr bedrohliche Antworten, Har⸗ ville,“ ſagte Saint Remy lachend. „Sie müſſen erwarten, eine ſehr bedeutende Summe genannt zu hören.“ „Sprechen Sie ſogleich Ihre geringſte Forderung aus, Herr Bandoin.“ 24 „Ich möchte mit dem Herrn Marquis auch nicht lange han⸗ deln. Der niedrigſte Preis iſt 42,000 Fres.“ „Meine Herren,“ rief Lucenay ſogleich aus, „bewundern wir Alle unſern Freund Harville! Seine Frau mit einem Geſchenke von 42,000 Fres. zu überraſchen! Der Teufel! Wir dürfen kein Wort davon ausplaudern; es wäre ein höchſt verderbliches Bei⸗ ſpiel.“ „Lachen Sie ſo viel Sie wollen, meine Herren,“ entgegnete Harville. „Ich bin in meine Frau verliebt und verheimliche es nicht; ich ſpreche es vielmehr laut aus und rühme mich deſſen.“ „Man ſieht es ja,“ ſiel Saint Remy ein; „ein ſolches Ge⸗ ſchenk ſpricht lauter als alle Betheurungen.“ „Ich nehme alſo dieſes Collier,“ ſagte Harville, „ ſetzt, Saint Remy, daß Ihnen dieſe Faſſung von ſchwarzer Email gefüllt.“ „Sie hebt das Feuer der Steine noch mehr heraus.“ „Es bleibt alſo bei der Wahl,“ ſagte Harville nochmals. vorausge⸗ „Rechnen Sie mit Herrn Doublet, meinem Geſchäftsführer, Herr Baudoin.“ „Herr Doublet hat ſchon mit mir darüber geſprochen, Herr Marquis,“ antwortete der Juwelier, der hinausging, nachdem er, ohne ſie zu zählen (ſo groß war ſein Vertrauen), die verſchiedenen Steine, die er gebracht und die Saint Remy während des Ge⸗ ſprächs lange und aufmerkſam gemuſtert und in die Hand genom⸗ men, wieder in ſeine große Ledertaſche geſteckt hatte. Harville gab das Collier Joſeph, der da geblieben war, und ſagte leiſe zu ihm: „Julie muß dieſe Diamanten geſchickt zu denen ihrer Gebie⸗ erin legen, damit die Ueberraſchung vollſtändig iſt.“ In dieſem Augenblicke meldete der Haushofmeiſter, daß das Frühſtück ſervirt ſei, und die Gäſte des Marquis begaben ſich in den Speiſeſaal, wo ſie Platz nahmen. „Wiſſen Sie, lieber Harville,“ ſagte Lucenay, „daß Ihr Haus eines der eleganteſten und beſteingerichteten in Paris iſt?“ „Es iſt ziemlich bequem, ja, aber nicht geräumig genug. Ich habe deshalb die Abſicht, einen Saal nach dem Garten zu an⸗ bauen zu laſſen. Meine Frau wünſcht einige große Bälle zu ge⸗ ben, und unſere drei Säle würden nicht Raum genug gewähren. Mir iſt nichts läſtiger, als wenn bei großen Geſellſchaften die Zim⸗ mer mit benutzt werden müſſen, welche man gewöhnlich bewohnt und aus denen man nun auf einige Zeit verdrängt wird.“ „Dieſer Meinung bin ich auch,“ ſagte Herr von Saint Remy; „nichts iſt mesquiner und bürgerlicher, als das nothwendige Aus⸗ ziehen wegen Bälle und Concerte. Will man, ohne genirt zu ſein, wahrhaft ſchöne Feſte veranſtalten, ſo muß man ihnen einen ganz beſondern, ausſchließlichen Raum widmen. Auch muſſen die großen und blendenden Ballſäle einen ganz andern Charakter ha⸗ ben als die gewöhnlichen Salons; es findet zwiſchen dieſen beiden Arten Sälen derſelbe Unterſchied ſtatt wie zwiſchen der Fresco⸗ malerei und den Staffeleigemälden.“ „Er hat Recht,“ erwiederte Harville. „Wie Schade, daß Saint Nemy nicht zwölf bis funfzehnhunderttauſend Fres. Ren⸗ ten beſitzt! Was würden wir bei ihm zu bewundern haben!“ „Sollte nicht das Land, da wir das Glück haben, eine re⸗ präſentative Regierung zu beſitzen,“ fiel Lucenay ein, „jährlich für Saint Remy eine Million bewilligen und ihm den Auftrag geben, in Paris den franzöſiſchen Geſchmack, die franzöſiſche Eleganz zu 26 repräſentiren, welche auf dieſe Weiſe über den Geſchmack, über die Eleganz Europas — der Welt entſcheiden würden?“ „Angenommen!“ rief man im Chor. „Die jährliche Millivn müßte als außerordentliche Abgabe von den Knickern erhoben werden, die ein großes Vermögen beſi⸗ tzen, aber angeklagt und überführt würden, wie Pfennigfuchſer zu leben,“ ſetzte Lucenay hinzu. „Die Function als Hoherprieſter oder vielmehr als Großmeiſter der Eleganz, die man Saint Remy übertragen, würde einen außerordentlichen Einfluß auf den allge⸗ meinen Geſchmack haben ...“ „Er würde das Muſter ſein, dem Jedermann gleichzukommen ſtreben müßte.“ „Das iſt klar.“ „Dadurch, daß man ihn nachahmte, würde der Geſchmack ſich verbeſſern —“ „Zur Zeit der Renaiſſance war der Geſchmack überall vor⸗ trefflich, weil man ihn nach dem ausgezeichneten der Ariſtocratie modelte.“ „An der ernſten Wendung, welche die Frage nimmt,“ fiel Harville heiter ein, „erkenne ich, daß weiter nichts nöthig iſt, um die Stelle eines Großmeiſters der franzöſiſchen Eleganz zu ſchaffen, als eine Petition an die Deputirtenkammer zu richten.“ „Da die Deputirten ohne Ausnahme ſehr großartige, kunſt⸗ fördernde Ideen haben wollen, ſo wird der Antrag mit Acelama⸗ tion angenommen werden.“ „Bis dieſe Entſcheidung die Oberherrſchaft rechtskräftig macht, welche Saint Remy factiſch ausübt,“ ſagte Herr von Harville, „möchte ich ihn um ſeinen Rath in Bezug auf den Saal befra⸗ 27 gen, den ich bauen will. Seine Anſichten über den Glanz der Feſte haben Eindruck auf mich gemacht.“ „Meine geringe Fähigkeiten ſtehen zu Ihren Dienſten, Har⸗ ville.“ „Und wann werden wir die neue Pracht einweihen?“ „Wahrſcheinlich im nächſten Jahre, denn ich laſſe die Arbei⸗ ten ſogleich beginnen.“ „Welcher Plänemacher Sie ſind!“ „O, ich habe noch andere Pläne. — Ich denke „Val Richer“ völlig umzugeſtalten.“ „Ihre Beſitzung in Burgund?“ „Ja. Es läßt ſich etwas Vortreffliches daraus machen, wenn. .. mir Gott Leben und Geſundheit ſchenkt.“ „Armer alter Mann!“ „Haben Sie nicht erſt kürzlich eine Meierei bei Val Richer zur Arrondirung gekauft?“ „Ja, und es war dies ein ſehr gutes Geſchäft, zu dem mir mein Notar rieth.“ „Wer iſt der ſeltene und koſtbare Notar, der zu ſo guten Geſchäften räth?“ „Herr Jacob Ferrand.“ Saint Remy konnte bei dieſem Namen einen leichten Schauer nicht unterdrücken. „Iſt er wirklich ſo rechtſchaffen wie man ihn rühmt?“ fragte er leicht hingeworfen Harville, der ſich in dieſem Augenblicke deſſen erinnerte, was Rudolph Clemence von dem Notar erzählt hatte. „Jacob Ferrand! Welche Frage! Er iſt ein Mann von wahr⸗ 28 haft antiker Redlichkeit,“ ſagte der Herzog von Lucenay. „So geachtet wie achtbar.“ „Sehr fromm — das verdirbt nichts.“ „Außerordentlich geizig, was eine Bürgſchaft für ſeine Clien⸗ ten iſt.“ „Kurz, er iſt einer der Notare von altem Schrot und Korn, die fragen, für was man ſie halte, wenn es einem einfällt, von einer Quittung für das Geld zu ſprechen, das man ihnen überge⸗ ben hat.“ „Blos deshalb würde ich ihm mein ganzes Vermögen auver⸗ trauen.“ 8 „Warum zweifelt Saint Remy an dieſem würdigen Manne von ſprichwörtlicher Rechtſchaffenheit?“ „Ich wiederhole nur umlaufende Gerüchte; übrigens habe ich keinen Grund, dieſem Phönir der Notare etwas zu beſtreiten. — Doch um wieder auf Ihre Pläne zu kommen, Harville, — was „ wollen Sie in Val Richer bauen? Das Schloß ſoll bewunderns⸗ würdig ſein.“ „Sie werden zu Rathe gezogen werden, beruhigen Sie ſich, lieber Saint Remy, und vielleicht früher, als Sie es glauben, denn ich verſpreche mir Freude von dieſen Arbeiten. Ich kann mir nichts Anſprechenderes denken als Intereſſen und Pläne, die ſich an einander knüpfen und uns auf Jahre hinaus beſchäftigen. Heute dieſen Plan, — in einem Jahre jenen, — ſpäter einen an⸗ dern, — dazu eine ſchöne Frau, die man anbetet, die an allen Plänen und Entwürfen Antheil nimmt, und Sie werden geſtehen, daß auf dieſe Weiſe das Leben angenehm vergeht.“ „Ich glaube es wahrhaftig. Es iſt ein Paradies auf Erden.“ „Nun, meine Herren,“ ſagte Harville, als das Frühſtück been⸗ digt war, „wenn Sie eine Cigarre in meinem Zimmer rauchen wollen, — Sie werden vortreffliche finden.“ Man ſtand auf und ging wieder in das Zimmer des Mar⸗ quis. Die Thüre ſeines Schlafzimmers, das daran ſtieß, ſtand offen. Wir haben geſagt, daß der einzige Schmuck dieſes Zim⸗ mers zwei Schränke mit ſchönen Gewehren waren. Lucenay, der ſich eine Cigarre angezündet hatte, folgte dem Marquis in dieſes Gemach. „Sie ſehen, ich bin noch immer ein Gewehrliebhaber,“ ſagte Harville zu ihm. „Sie beſitzen wirklich vortreffliche engliſche und franzöſiſche Gewehre. Ich wüßte nicht, welchen ich den Vorzug geben ſollte. Douglas!“ rief der Herzog. „Kommen Sie und ſehen Sie, ob dieſe Gewehre nicht mit den beſten Matons wetteifern können.“ Lord Douglas, Saint Remy und zwei andere Gäſte tra⸗ ten in das Schlafzimmer des Marquis, um die Gewehre zu be⸗ ſichtigen. Harville nahm ein Piſtol, ſpannte den Hahn und ſagte la⸗ chend: „Das, meine Herren, iſt die Univerſal⸗Panaree gegen alle Lei⸗ den, den Spleen, die Langeweile...“ Er hielt ſcherzend das Rohr an den Mund. „Ich ziehe doch ein anderes Mittel vor,“ ſagte Saint Remy. „Das hier iſt nur in den verzweifelten Fällen gut.“ „Es wirkt aber ſo raſch!“ entgegnete Harville. „Knall! und es iſt geſchehen. Der Gedanke iſt nicht ſchneller.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Harville, ſolche Späße ſind im⸗ mer gefährlich. Wie bald iſt ein Ungluck geſchehen!“ ſagte Lu⸗ 30 cenay, als er den Marquis das Piſtol den Lippen noch immer näher bringen ſah. „Glauben Sie denn, ich würde damit ſpielen, wenn es gela⸗ den wäre?“ „Das nicht, aber es iſt immer unvorſichtig —“ „Sehen Sie, meine Herren, ſo macht man es — man nimmt das Rohr zwiſchen die Zähne, und dann —“ „Mein Gott, Harville, wie thöricht!“ ſagte Lucenay mit Ach⸗ ſelzucken. „Man legt den Finger an den Drücker,“ ſetzte Harville hinzu. „Er iſt ein wahres Kind! In ſeinem Alter!“ „Eine kleine Bewegung,“ fuhr der Marquis fort, „und man iſt — in jener Welt. —“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als der Schuß los⸗ ging. — Wir unternehmen es nicht, das Staunen und Entſetzen der Gäſte Harvilles zu ſchildern. Am nächſten Tage las man in einer Zeitung: „Geſtern hat ein eben ſo unerwartetes wie trauriges Ereig⸗ „niß die ganze Vorſtadt Saint Germain in Beſtürzung verſetzt. „Eine jener Unvorſichtigkeiten, die jedes Jahr ſo betrübende Un⸗ „fälle herbeiführen, hat ein ſchreckliches Ungluck veranlaßt. Wir „können die Richtigkeit der nachſtehenden Angaben verbürgen: „Der Herr Marquis von Harville, der Beſitzer eines uner⸗ „meßlichen Vermögens, kaum ſechsundzwanzig Jahre alt, bekannt „durch ſeine Herzensgüte und ſeinen Edelmuth, ſeit wenigen Jah⸗ „ren mit einer Frau verheirathet, die er vergötterte, hatte einige 31 „Freunde zum Frühſtück um ſich verſammelt. Nach Tiſche ging „man in das Schlafzimmer des Herrn von Harville, wo ſich meh⸗ „rere werthvolle Gewehre befanden. Indem Herr von Harville „ſeinen Gäſten einige dieſer Gewehre zeigte, nahm er ſcherzend ein „Piſtol, das er für nicht geladen hielt, und ſetzte es an ſeine „Lippen. In aller Sicherheit drückte er an dem Drücker, der „Schuß ging los, und der ungluckliche junge Mann ſank mit ent⸗ „ſetzlich zerſchmettertem Kopfe todt nieder .. . Man denke ſich „die entſetzliche Beſtürzung der Freunde des Herrn von Harville, „denen er einen Augenblick vorher in Jugendkraft und vollem „Glücke verſchiedene Pläne mitgetheilt hatte! Ueberdies hatte Herr „von Harville, als ob alle Umſtände dieſes ſchmerzlichen Ereig⸗ „niſſes zuſammenkommen müßten, um daſſelbe durch peinliche Con⸗ „traſte noch grauſamer zu machen, henſelben Morgen einen Schmuck „von großem Werthe gekauft, um ſeine Frau mit dieſem Geſchenke „zu überraſchen. In dem Augenblicke alſo, in welchem ihm das „Leben vielleicht reizender und ſchöner erſchien als je, wurde er „ein Opfer eines entſetzlichen Unfalls. „Staunend muß man bei einem ſolchen Unglücke vor den unerforſchlichen Rathſchlüſſen der Vorſehung ſtehen!“ Wir führen die Stelle aus der Zeitung wörtlich an, um zu zeigen, daß man allgemein den Tod des Gatten Clemences einer verderblichen und beklagenswerthen Unvorſichtigkeit zuſchrieb. Brauchen wir zu ſagen, daß Harville allein das Geheimniß ſeines freiwilligen Todes mit in das Grab nahm? Ja, der Tod war freiwillig, berechnet und mit eben ſo großer Kaltblütigkeit als Edelmuth vorbedacht, damit Clemence nicht im geringſten die wirkliche Urſache dieſes Selbſtmordes ahne. 32 Die Pläne, über welche Harville mit ſeinem Intendanten und ſeinen Freunden geſprochen hatte, ſeine glücklichen vertraulichen Mittheilungen an ſeinen alten Diener, das Geſchenk, das er den⸗ ſelben Morgen für ſeine Frau gekauft, waren von ihm erſonnen worden, um die öffentliche Meinung irre zu leiten. Wie konnte man auf den Gedanken kommen, daß ein Mann, der ſich ſo lebhaft mit der Zukunft beſchäftigte, der ſich ſo ſehr bemühte, ſeiner Frau zu gefallen, ſich das Leben abſichtlich ge⸗ nommen habe? Sein Tod wurde alſo einer Unvorſichtigkeit zugeſchrieben und konnte auch nur einer ſolchen zugeſchrieben werden. Seinen Entſchluß hatte eine unheilbare Verzweiflung dictirt. Clemence hatte dadurch, daß ſie ſich ſo liebevoll, ſo zärtlich gegen ihn zeigte, wie ſie früher kalt und ſtolz geweſen war, in dem Herzen ihres Gatten ſchmerzliche Gewiſſensbiſſe geweckt. Er hatte, als er ſie in das lange Leben ohne Liebe neben einem Manne mit einer ſchrecklichen und unheilbaren Krankheit ſo traurig ergeben ſah, als er ſich überzengen mußte, daß ſie ihren Widerwillen gegen ihn nie überwinden würde, tiefes Mitleid mit ſeiner Frau und Abſcheu gegen ſich ſelbſt und gegen das Leben empfunden — In ſeinem übergroßen Schmerze ſagte er zu ſich: „Ich liebe nur eine Frau in der Welt, ich kann keine an⸗ dere lieben, — die meinige. — Ihr edles Benehmen würde meine thörichte Liebe nur noch höher ſteigern, wenn ſie einer Steigerung fähig wäre. — Und dieſe Frau, die meine Frau iſt, kann mir niemals angehören... Sie hat ein Recht, mich zu verachten, mich zu haſſen. 33 „Ich habe ſie durch eine ſchändliche Täuſchung an mein fluch⸗ beladenes Schickſal gefeſſelt. „Ich bereue es. — Was habe ich nun zu thun? „Ich muß ſie von den verhaßten Banden befreien, die meine Selbſtſucht um ſie gelegt hat. „Nur mein Tod kann dieſe Bande zerreißen, — ich muß alſo ſterben.“ Deshalb hatte Harville dieſes große und ſchmerzliche Opfer gebracht. Würde ſich der Ungluckliche ſelbſt getödtet haben, wenn eine Scheidung möglich geweſen wäre? 5 Nein. Er hätte das Uebel, das er ihr zugefügt, zum Theil wieder gut machen, ſeiner Frau die Freiheit geben und ihr erlauben kön⸗ nen, das Glück in einer andern Ehe zu ſuchen. Die unerbittliche Unabänderlichkeit des Geſetzes macht alſo oftmals gewiſſe Vergehen unverbeſſerlich oder geſtattet, wie in die⸗ ſem Falle, die Tilgung derſelben nur durch ein neues Verbrechen. —e— 4 Die Geheimniſſe von Paris. V. 3 LXXXXII. St. Lazarus. — M 2, glauben den Schüchternſten unſerer Leſer gleich von vornherein anzeigen zu müſſen, daß das Gefängniß St. Lazarus, in welchem vorzugsweiſe Diebinnen und öffentliche Dirnen ver⸗ wahrt werden, täglich von mehreren Damen beſucht wird, deren mildthätige Abſicht, deren Name und deren Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft Aller Achtung erfordern. Dieſe im Glanze des Reichthums erzogenen Frauen, die man mit vollem Rechte zu der gewählteſten Geſellſchaft zählt, bringen jede Woche Stunden lang bei den elenden Gefangenen in St. Lazarus zu, beobachten in den verdorbenen Gemüthern jede beſſere Regung, jedes Bedauern über eine verbrecheriſche Vergangenheit, ermuthigen das beſſere Beſtreben, befruchten die Reue und ziehen bisweilen durch den gewaltigen Zauber der Worte: Pflicht, Ehre, Tugend eines dieſer verlaſſenen, verachteten und tiefge⸗ ſunkenen Geſchöpfe aus dem Schmutze wieder hervor. Dieſe muthigen Frauen, welche an die ausgeſuchte Artigkeit und das Zartgefühl der beſſern Geſellſchaft gewöhnt ſind, verlaſ⸗ ſen ihre hundertjährigen Paläſte, füſſen die jungfräuliche Stirn 35 ihrer engelreinen Töchter und gehen in die düſtern Kerker, um der groben Gleichgiltigkeit oder den verbrecheriſchen Reden dieſer Die⸗ binnen und Gefallenen Trotz zu bieten. Sie ſteigen, treu ihrer hochmoraliſchen Aufgabe, muthig in dieſen unreinen Schmutz hinab, legen die Hand auf alle dieſe von Sünden angefreſſenen Herzen, und wenn ihnen ein ſchwaches Klopfen des Ehrgefühls eine ſchwache Hoffnung auf Rettung ent⸗ hullt, ſo ſuchen ſie die kranke Seele, an der ſie nicht verzweifelten, einem unwiderruflichen Verderben zu entreißen. Die ſchüchternen Leſer, an die wir uns wenden, werden ſich alſo beruhigen, wenn ſie bedenken, daß ſie eigentlich doch nur das ſehen und hören werden, was die verehrten Frauen, von denen wir geſprochen haben, jeden Tag ſehen und hören. Ohne eine ehrgeizige Parallele zwiſchen der Aufgabe dieſer Frauen und der unſrigen ziehen zu wollen, werden wir doch ſagen können, daß auch uns bei dieſem langen, peinlichen und ſchwieri⸗ gen Unternehmen die Ueberzeugung aufrecht erhält, hier und da edles Mitgefühl für das ehrliche, muthvoll getragene, unverdiente Unglück, für die aufrichtige Reue und für die einfache, natürliche Rechtſchaffenheit geweckt und Abſcheu, Widerwillen, Grauen und heilſame Furcht vor allem eingeflößt zu haben, was durchaus un⸗ rein und verbrecheriſch iſt. Wir ſind vor den häßlichſten Schilderungen nicht zurückge⸗ wichen, weil wir der Meinung waren, die moraliſche Wahrheit reinige, wie das Feuer, alles. Unſere Worte haben zu wenig Werth, unſere Meinungen zu geringes Gewicht, als daß wir uns anmaßen könnten, lehren und beſſern zu wollen. Wir folgen nur der Hoffnung, die Aufmerkſamkeit der Den⸗ 36 kenden und Wohlmeinenden auf die großen ſocialen Uebelſtände zu lenken, deren Daſein man beklagen, aber nicht beſtreiten kann. Unter den Glücklichen dieſer Welt haben indeß Einige ſich vurch die Nacktheit dieſer ſchmerzlichen Schilderungen verletzt ge⸗ fühlt und von Unwahrſcheinlichkeit, Uebertreibung und Unmöglich⸗ keit geſchwatzt, damit ſie ja nicht ſo viele Leiden zu beklagen ha⸗ ben moͤchten (von einer Linderung derſelben gar nicht zu ſprechen). Es iſt das auch leicht erklärlich. Der Selbſtſüchtige mit vollem Beutel und vollem Magen will vor allen Dingen gut verdauen. Der Anblick der Armen, die vor Hunger und Kälte zittern, iſt ihm ganz beſonders wider⸗ wärtig; er will ungeſtört ſein, und die halbgeſchloſſenen Augen an den üppigen Darſtellungen eines Baliets weiden. N Die meiſten der Reichen und Glucklichen haben jedoch edles Mitleid mit dem Unglück empfunden, das ſie früher nicht kannten; einige Perſonen haben uns ſogar dafür gedankt, daß wir ſie auf eine wohlthätige Verwendung neuer Almoſen aufmerkſam machten. Solche Zuſtimmungen haben uns kräftig unterſtützt und ermuthigt. Wenn dieſes Werk, das wir ohne Hehl ſelbſt für ein ſchlech⸗ tes Buch in künſtleriſcher Hinſicht erklären, das wir aber in mo⸗ raliſcher Hinſicht durchaus nicht für ein ſchlechtes Buch gelten laſſen können, in ſeiner ephemeren Laufbahn auch nur das zuletzt erwähnte Reſultat gehabt hätte, ſo würden wir ſtolz darauf ſein. Giebt es einen ruhmvollern Lohn für uns als den Segen einiger armen Familien, welche den Gedanken, die wir anregten, einige Unterſtützung verdankten? Nachdem wir dies der neuen Wanderung vorausgeſchickt, zu 37 welcher wir den Leſer einladen, nachdem wir hoffentlich ſeine Be⸗ denklichkeiten beruhigt haben, wollen wir ihn nach St. Lazarus führen, in das große Gebände von impoſantem und düſterm Aus⸗ ſehen, das in der Rue du Faubourg Saint Denis ſteht. Die Frau von Harville, die von dem ſchrecklichen Drama nichts ahnte, welches in ihrem Hauſe geſpielt wurde, hatte ſich in das Gefängniß begeben, nachdem ſie von der Herzogin von Luce⸗ nay einige Andeutungen über die beiden unglücklichen Frauen er⸗ halten hatte, welche durch die Habſucht des Notars Jacob Fer⸗ rand in das tiefſte Elend geſtürzt worden waren. Die Frau von Blinval, eine der Vorſteherinnen der jungen Gefangenen, konnte Clemence an dieſem Tage nicht nach St. La⸗ zarus begleiten, und die Marquiſe erſchien deshalb allein. Sie wurde freundlich von dem Director und mehrern Aufſeherinnen empfangen, die durch ihre ſchwarze Kleidung und das blaue Band mit ſilberner Medaille am HBalſe kenntlich ſind. Eine dieſer Aufſeherinnen, eine Frau von reifem Alter, ern⸗ ſtem, aber mildem Geſichte, blieb in einem kleinen Zimmer mit der Frau von Harville allein. Man kann ſich oft die Größe der unbekannten Aufopferung, der Klugheit, des Mitleids und des Scharfſinns dieſer achtbaren Frauen nicht vorſtellen, die ſich dem beſcheidenen und unbekannten Amte als Aufſeherinnen weiblicher Gefangenen widmen. Es giebt nichts Verſtändigeres, nichts Practiſcheres als die Begriffe von Ordnung, Arbeit und Pflicht, welche ſie den Gefan⸗ genen in der Hoffnung beizubringen ſuchen, daß dieſe Lehren auch nach dem Aufenthalte in dem Gefängniſſe nicht vergeſſen werden würden. ℳ Dieſe Frauen, die fortwährend in Berührung mit den Ge⸗ 38 fangenen, abwechſelnd nachſichtig und feſt, geduldig und ſtreng, aber immer gerecht und unpartheiiſch ſind, erlangen nach einer Reihe von Jahren eine ſolche Kenntniß der Phyſiognomie dieſer unglücklichen, daß ſie dieſelben faſt immer auf den erſten Blick richtig beurtheilen und ſie augenblicklich ihrem Grade der Immo⸗ ralität nach zu claſſifieiren wiſſen. Madame Armand, die Aufſeherin, welche mit Frau von Har⸗ ville allein geblieben war, beſaß in außerordentlichem Grade dieſe Vorausahnung, dieſe Divination des Charakters der Gefangenen, weshalb denn auch ihre Worte und Ausſprüche in dem Hauſe von bedeutendem Gewichte waren. Madame Armand ſagte zu Clemence: „Da die Frau Marquiſe mich beauftragt, ihr diejenigen un⸗ ſerer Gefangenen zu bezeichnen, welche durch beſſeres Benehmen oder durch aufrichtige Reue ihre Theilnahme verdienen könnten, ſo glaube ich Ihnen eine unglückliche empfehlen zu müſſen, die ich für mehr unglucklich als verbrecheriſch halte, denn ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, es ſei noch nicht zu ſpät, die⸗ ſes junge Mädchen zu retten, — ein unglückliches Kind von ſechs⸗ zehn bis höchſtens ſiebzehn Jahren.“ „Warum iſt ſie in das Gefängniß gebracht worden?“ „Man hat ſie des Abends in den elyſäiſchen Feldern gefun⸗ . den. — Da es ihres Gleichen bei ſtrenger Strafe verboten iſt, gewiſſe öffentliche Oerter am Tage oder am Abende zu beſuchen, und da die elyſäiſchen Felder zu dieſen verbotenen Promenaden gehören, ſo hat man ſie verhaftet —“ „Und ſie kommt Ihnen intereſſant vor?“ „Ich habe niemals regelmäßigere und unſchuldigere Züge ge⸗ ſehen. — Denken Sie ſich ein Madonnengeſicht. Frau Marquiſe. 39 Einen noch unſchuldigern Ausdruck erhielt ihr Geſicht, weil ſie bei ihrer Ankunft in der Tracht der Landmädchen aus der Gegend von Paris erſchien.“ „Es iſt alſo ein Mädchen vom Lande?“ „Nein, Frau Marquiſe. Die Inſpectoren haben ſie erkannt; ſie hielt ſich in einem ſchrecklichen Hanſe der Cité auf, das ſie ſeit zwei bis drei Monaten verlaſſen hat. Da ſie aber nicht darauf angetragen hatte, ihren Namen aus den Polizeiliſten ausſtreichen zu laſſen, ſo ſtand ſie fortwährend unter der erceptionellen Gewalt, die ſie hierhergeſchickt hat.“ „Vielleicht hatte ſie Paris vnſei um ich an ein beſſeres Leben zu gewöhnen.“ „Das glaube ich, Frau Marquiſe, und deshalb habe ich mich auch ſogleich für ſie intereſſirt. Ich befragte ſie über ihre frühern Verhältniſſe, und warum ſie von dem Lande hereingekommen ſei, ſagte ihr auch, ſie möge hoffen, wenn ſie, wie ich glaubte, einen beſſern Lebenslauf beginnen wolle —“ „Und was antwortete ſie?“ „Sie ſah mich mit ihren großen blauen melancholiſchen und thränenfeuchten Augen an und antwortete mit einem himmliſch milden Tonet „ich danke Ihnen, Madame, für Ihre Güte, aber über die Vergangenheit kann ich Ihnen nichts ſagen. Man hat mich verhaftet; ich hatte Unrecht gethan und beklage mich nicht.“ — „Aber woher kommſt Du? Wo biſt Du geweſen, ſeit Du die Cité verlaſſen haſt? Haſt Du auf dem Lande ein ehrenwerthes neues Leben geſucht, ſo ſage, beweiſe es; wir werden an den Herrn Präfecten ſchreiben laſſen, um Deine Freigebung zu erlangen; man wird Dich aus den polizeilichen Verzeichniſſen ſtreichen und Dich in Deinen ehrenwerthen Vorſätzen unterſtützen.“ — „Ich beſchwöre 40 Sie, Madame, fragen Sie mich nicht, ich kann Ihnen nicht ant⸗ worten,“ entgegnete ſie wieder. — „Willſt Du aber, wenn Du von hier entlaſſen wirſt, in jenes ſchreckliche Haus zurückkehren?“ — „O nie! nie!“ rief ſie aus. — „Und was gedenkſt Du vor⸗ zunehmen?“ — „Gott weiß es,“ antwortete ſie, indem ſie den Kopf auf die Bruſt ſinken ließ.“ „Das iſt ſeltſam. Und wie ſpricht ſie?“ „Sehr gut, Frau Marquiſe. Sie iſt ſchüchtern, ehrerbietig, aber nicht kriechend, ja ich möchte ſagen: trotz der außerordentli⸗ chen Weichheit ihrer Stimme und der Sanftmuth ihres Blickes liegt bisweilen in ihrem Tone und in ihrer Haltung eine gewiſſe ſtolze Trauer, die mich in Verlegenheit ſetzt. Wenn ſie nicht der unglücklichen Claſſe angehörte, würde ich faſt glauben, dieſer Stolz verkünde einen Geiſt, der ſeine Hoheit kennt und fühlt.“ „Das iſt ja ein vollſtändiger Roman!“ rief Clemence aus, deren Intereſſe in hohem Grade erregt war und die ſich über⸗ zeugte, wie es Rudolph ihr geſagt hatte, daß oft nichts unter⸗ haltender ſei als Gutes zu thun. „In welchen Verhältniſſen ſteht ſie zu den andern Gefangenen? Wenn ſie die Seelengröße beſitzt, die Sie vermuthen, ſo muß ſie ſich unter ihren Gefährtin⸗ nen ſehr unbehaglich fühlen.“ „Selbſt für mich, Frau Margquiſe, die ich aus Gewohnheit und Pflicht beobachte, iſt alles an dieſem Mädchen ein Gegenſtand der Verwunderung. Kaum befindet ſie ſich ſeit drei Tagen hier, und ſchon hat ſie einen gewiſſen Einfluß auf die andern Gefan⸗ genen erlangt.“ „In ſo kurzer Zeit?“ „Sie nehmen nicht blos Antheil an ihr, ſondern F faſt Achtung vor ihr.“ 6 41 „Dieſe Unglücklichen —?“ „Sie beſitzen einen ungemein entwickelten Inſtinet, die edeln Eigenſchaften Anderer zu erkennen, ſelbſt zu errathen. Freilich haſſen ſie oft auch die Perſonen, deren Ueberlegenheit ſie zugeben müſſen.“ „Und das arme junge Mädchen haſſen ſie nicht?“ „Im Gegentheil, Frau Marquiſe. Keine hat ſie vor ihrer Ankunft hier gekannt. Zuerſt fiel ihnen die Schönheit des Mäd⸗ chens auf; ihre Züge von ſeltener Reinheit ſind durch eine rüh⸗ rende und krankhafte Bläſſe gleichſam verſchleiert, und das trau⸗ rige, ſanfte Geſicht flößte ihnen gleich anfangs mehr Theilnahme als Neid ein. Dann iſt ſie ſehr ſchweigſam, — ein anderer Ge⸗ genſtand des Staunens für dieſe Geſchopfe, die ſich meiſt immer durch Lärm, Sprechen und Bewegungen zu betäuben ſuchen. End⸗ lich bewies ſie ſich trotz ihrer würdevollen Zurückhaltung theilneh⸗ mend, ſo daß ihre Gefährtinnen durch ihre Kälte nicht verletzt wurden. Wir haben hier ſeit einem Monate ein unbaͤndiges Ge⸗ ſchöpf, welche die Wölfin genannt wird, ſo heftig, keck und be⸗ ſtialiſch iſt ihr Charakter, — ein großes, faſt mannhaftes Mäd⸗ chen von zwanzig Jahren, mit ſchönem, aber hartem Geſicht. Wir mußten ſie oft einſperren, um ihre ungefügigkeit zu bändi⸗ gen. Vorgeſtern trat ſie eben aus der Zelle, noch aufgebracht über die Strafe, die ſie erlitten hatte; es war Eſſenszeit; das arme Mädchen, von dem ich Ihnen erzählte, aß nicht und ſagte traurig zu ihren Gefährtinnen: „Wer will mein Brod?“ — „Ich!“ rief die Wölfin ſogleich. — „Ich!“ ſprach eine andere, die faſt verwachſen iſt, Mont⸗Saint⸗Jean genannt wird, als Ziel⸗ ſcheibe der Neckereien und oft als Sündenbock dienen und viel lei⸗ den muß, ob ſie gleich ſeit mehreren Monaten ſchwanger iſt Das 42 junge Mädchen gab ihr Brod der letztern zum großen Verdruſſe der Wölfin. „Ich habe zuerſt Dein Brod verlangt!“ rief ſie außer ſich. — „Allerdings, aber die Arme da iſt ſchwanger, ſie braucht mehr als Sie,“ antwortete das Mädchen. Die Wölfin entriß der Armen trotzdem ihr Brod und fing an, das Meſſer zu ſchwingen und laut zu ſprechen und zu ſtreiten. Da ſie ſehr bos⸗ haft und ſehr gefürchtet iſt, ſo wagte Niemand die Partei der ar⸗ men Nachtigall zu nehmen, obgleich Alle ihr innerlich Recht gaben.“ „Wie nennen Sie das Mädchen, Madame?“ „Die Nachtigall; unter dieſem Namen iſt meine Schutz⸗ empfohlene hierhergehracht worden; hoffentlich wird ſie bald unter Ihrem Schutze ſtehen, Frau Marquiſe. Faſt alle haben ſolche Spitznamen.“ „Der ihrige iſt ſeltſam.“ „Er bedeutet in der Sprache jener Menſchen die Sänge⸗ rin. Das Mädchen ſoll eine ſehr hübſche Stimme beſitzen, und ich glaube es gern, denn der Ton ihrer Stimme hat wirklich et⸗ was Zauberiſches —“ „Und wie entging ſie der abſcheulichen Wölfin?“ „Sie wurde durch die Ruhe der Nachtigall noch aufgebrach⸗ ter und trat raſch, ſchimpfend und mit erhobenem Meſſer auf ſie zu; alle Gefangenen ſchrieen vor Entſetzen laut auf. Nur die Nachtigall ſah furchtlos das furchtbare Geſchöpf an, lächelte bit⸗ ter und ſagte mit ihrer himmlichen Stimme: „ja, tödten Sie mich! — aber laſſen Sie mich nicht zu lange leiden!“ Dieſe Worte wurden, wie man mir erzählt hat, mit ſo rührender Ein⸗ falt geſprochen, daß faſt allen Gefangenen die Thränen in die Augen traten.“ 43 „Ich glaube es,“ ſprach die Frau von Harville. „Selbſt die ſchlechteſten Charaktere,“ fuhr die Aufſeherin fort, „ſind zum Gluck bisweilen auch guter Eindrücke fähig. Die Worte, welche mit ſo rührender Ergebung geſprochen wurden, er⸗ ſchütterten die Wölfin, wie ſie ſpäter ſelbſt ſagte, bis in das In⸗ nerſte, ſie warf das Meſſer hin, trat es mit Füßen und ſprach: „ich that Unrecht, daß ich Dir drohte, Nachtigall, denn ich bin ſtärker als Du; Du haſt Dich vor meinem Meſſer nicht gefürch⸗ tet, Du biſt muthig. Die Muthigen liebe ich, und jetzt würde ich Dich vertheidigen, wenn man Dir etwas zu Leide thun wollte.“ „Welcher ſeltſame Charakter!“ „Das Beiſpiel der Wölfin erhöhte den Einfluß der Nach⸗ tigall noch mehr, und heute nennt ſie, was faſt beiſpiellos iſt, faſt keine Du; die Meiſten achten ſie und erbieten ſich von freien Stücken, ihr die kleinen Dienſte zu leiſten, welche Gefangene ein⸗ ander leiſten können. Ich wendete mich an Einige, Fe) mit ihr in einem Saale ſchlafen, um die Urſache der Unterwfigkeit zu erfahren, die ſie gegen das Mädchen zeigen. — „Wir müſſen un⸗ willkührlich,“ antworteten ſie mir; „man ſieht es wohl, daß ſie nicht iſt wie wir andern.“ — „Wer hat Euch das geſagt?“ — „Niemand hat es geſagt, aber man ſieht es.“ — „Woran?“ — „An tauſenderlei. Erſtens kniete ſie geſtern, ehe ſie ſich in das Bett legte, nieder und betete. Da ſie betet, ſo muß ſie wohl, wie die Wölfin ſagte, ein Recht dazu haben.“ „Welche ungewöhnliche Bemerkung!“ „Dieſe Unglücklichen haben kein Gefühl von Religion und würden ſich doch nie eine gottesläſterige Handlung erlauben. Sie werden, Frau Marquiſe, in allen unſern Sälen kleine Altäre ſe⸗ hen, auf denen ſich das Bild der Jungfrau befindet, umgeben von Opfergaben oder Schmuckſachen, welche die Gefangenen ſelbſt ge⸗ arbeitet haben. Jeden Sonntag werden viele Votivkerzen ver⸗ brannt. Diejenigen, welche in die Kapelle gehen, betragen ſich da vollkommen anſtändig, aber im Allgemeinen empfinden ſie bei dem Anblicke der heiligen Oerter eine gewiſſe Scheu oder Furcht. Doch um auf die Nachtigall zurückzufommen. Ihre Gefährtin⸗ nen ſagten ferner: „man ſieht, daß ſie nicht iſt wie wir, an ihrem ſanften Geſichte, an ihrer Traurigkeit, an der Art, wie ſie ſpricht. Und dann,“ ſetzte die Wölfin mit einemmale hinzu, die auch zugegen war, „ſie kann nicht zu uns gehören, denn dieſen Morgen, in dem Schlafſaale, ſchämten wir uns, uns vor ihr anzukleiden, ohne daß wir wiſſen warum —“ „Welches ſeltſame Zartgefühl bei ſo tiefer Entartung!“ rief die Marquiſe aus. „Ja, vor den Männern und unter einander kennen ſie keine Schaam ſvſeichwohl kommen ſie in peinliche Verlegenheit, wenn ſie von oder von mitleidigen Perſonen, die gleich Ihnen das Gefängniß beſuchen, einmal nicht vollſtändig bekleidet geſehen wer⸗ den. So offenbart ſich dieſer Inſtinet der Schaam, den Gott in uns gelegt hat, ſelbſt in dieſen Geſchöpfen bei dem Anblicke der einzigen Perſonen, die ſie achten können.“ „Es iſt wenigſtens tröſtend, einige gute Gefühle zu finden, die ſtärker ſind als die Entartung.“ „Ohne Zweifel, denn dieſe Mädchen ſind einer Aufopferung fähig, die, für beſſere Zwecke beſtimmt, höchſt ehrenwerth ſein würde. Ferner bleibt ſelbſt ihnen, die nichts achten und nichts fürchten, ein Gefühl heilig, das Gefühl der Mutter; deſſen rühmen ſie ſich, das rechnen ſie ſich zur Ehre und Freude. Es giebt keine beſſern Mütter, und ſie bieten alles auf, ſie vpfern alles, um ihr 45 Kind bei ſich zu behalten; ſie legen ſich wegen der Erziehung deſ⸗ ſelben die empfindlichſten Entbehrungen auf, denn dieſes kleine Weſen, ſagen ſie, ſei das einzige, das ſie nicht verachte.“ „Sie fühlen alſo, wie tief ſie geſunken ſind?“. „Niemand verachtet ſie ſo, wie ſie ſich untereinander verachten. .. In den Augen einiger, deren Reue aufrichtig iſt, bleibt dieſer ur⸗ ſprüngliche Flecken der Sünde unverlöſchlich, ſelbſt wenn ſie ſich in einer beſſern Lage befinden; andere werden wahnſinnig, ſo we⸗ nig können ſie ſich von dem Gedanken an ihre frühere Verwor⸗ fenheit frei machen. Ich würde mich deshalb auch nicht wundern, wenn der tiefe Schmerz und Gram der Nachtigall eine ſolche Reue wäre.“ „Welche Pein dann für ſie! Gewiſſensbiſſe, die nie ſich be⸗ ſäuftigen laſſen!“ „Zur Ehre der Menſchennatur muß ich bemerken, daß eine ſolche tiefe Reue häufiger iſt als man glaubt; die rächende Stimme des Gewiſſens ſchläft nie ganz ein, oder es ſcheint bisweilen we⸗ nigſtens die Seele zu wachen, wenn der Körper ſchläft; es iſt dies eine Beobachtung, die ich in voriger Nacht von Neuem bei mei⸗ ner Schutzempfohlenen gemacht habe.“ „Bei der Nachtigall?“ „Ja, Frau Marquiſe.“ „Und wie?“ „Ich gehe häuſig durch die Schlafſäle, wenn die Gefangenen ſchlafen. Sie können ſich nicht vorſtellen, einen wie verſchiedenen Ausdruck die Geſichter dieſer Mädchen und Frauen im Schlafe haben! Viele von ihnen, die den Tag über ſorglos, ſpöttiſch, frech waren, erſchienen mir völlig umgewandelt, ſobald der Schlaf ihren Zügen die chniſche Uebertreibung genommen hatte, denn leider! 46 hat auch das Laſter ſeinen Stolz. Ach, Frau Marquiſe, welche Geſtändniſſe machten dieſe dann abgeſpannten, düſtern Geſichter! Wie zuckten ſie! Wie viele ſchmerzliche Seufzer wurden den Un⸗ glücklichen durch irgend einen Traum entriſſen! Ich erwähnte eben ein Mädchen, das man die Wölfin nennt, ein unbändiges Ge⸗ ſchöpf. Vor ungefähr vierzehn Tagen beleidigte ſie mich frech vor allen Gefangenen; ich zuckte die Achſeln; meine Gleichgiltigkeit ſteigerte ihren Zorn, und um mich ſicher zu verletzen, ſagte ſie mir in's Geſicht gemeine Schmähworte über meine Mutter, die ſie oftmals hier bei mir geſehen hat. ..“ „Wie entſetzlich!“ „Ich geſtehe, daß der Ausfall, ſo dumm er auch war, mir Schmerz verurſachte. Die Wölfin bemerkte dies und triumphirte. Den Abend darauf, gegen Mitternacht, nahm ich eine Inſpection der Schlafſäle vor; ich kam an das Bett der Wölfin, die erſt den andern Morgen eingeſperrt werden ſollte; ich erſchrak faſt über den Ausdruck ihres Geſichtes, der in Vergleich mit dem harten und kecken, den es gewöhnlich hatte, faſt ſanft zu nennen war; ihre Züge erſchienen bittend, traurig, reuevoll; ihre Lippen waren halbgeöffnet, ihre Bruſt wie zuſammengepreßt, und — was ich für unmöglich gehalten hätte, zwei Thränen, zwei große Thränen⸗ perlen rollten über die Wangen dieſes Mädchens mit dem eiſer⸗ nen Sinne. Ich betrachtete ſie einige Minuten ſchweigend, — da hörte ich ſie die Worte ſprechen: Verzeihung — Verzei⸗ hung! ihre Mutter! Ich horchte aufmerkſamer, konnte aber in dem faſt unverſtändlichen Gemurmel nur noch meinen Namen vernehmen, — Madame Armand, der mit einem Seufzer ausge⸗ ſprochen wurde.“ „Sie bereute im Schlafe, Ihre Mutter verletzt zu haben.“ 47 „Ich glaubte es, und dies ſtimmte mich auch minder ſtreng. Sie hatte ohne Zweifel vor ihren Gefährtinnen aus beklagens⸗ werther Eitelkeit ihre gewöhnliche Grobheit noch ſteigern wollen, und ein guter Inſtinet weckte die Reue in ihr im Schlafe.“ „Verrieth ſie am nächſten Tage irgend ein Bedauern wegen ihres frühern Benehmens?“ „Nein; ſie war wie immer grob, roh und ungeſtüm; doch verſichere ich, Frau Marquiſe, daß ſolche Beobachtungen ſehr zur Milde und zum Mitleid ſtimmen. Ich rede mir ein — vielleicht täuſche ich mich — daß dieſe Unglücklichen im Schlafe beſſer oder vielmehr ſo werden, wie ſie eigentlich ſind, allerdings mit allen ihren Fehlern, aber auch mit einigen guten Gefühlen, die nicht mehr durch irgend eine abſcheuliche Prahlerei mit dem Laſter un⸗ terdrückt werden. Dieſe Wahrnehmungen haben mich zu der An⸗ nahme gebracht, daß dieſe Mädchen im Allgemeinen weniger ſchlecht ſind, als ſie zu erſcheinen ſich beſtreben; ich habe nach dieſer Ueberzeugung gehandelt und oft Reſultate erlangt, die un⸗ möglich geweſen ſein würden, wenn ich an den Unglücklichen gänz⸗ lich verzweifelt wäre.“ Frau von Harville konnte ihre Verwunderung darüber nicht bergen, ſo viel geſunden Verſtand in Verein mit ſo erhabenen, ſo praktiſchen Anſichten von der Menſchennatur bei einer gewöhn⸗ lichen Aufſeherin über gefallene Mädchen zu finden. „Mein Gott, Madame,“ ſprach Clemence, „Sie ſcheinen Ihr trauriges Amt auf eine Weiſe auszuüben, die es für Sie höchſt intereſſant macht. Welche Beobachtungen, welche Studien können Sie machen, aber auch wie viel Gutes wirken!“ „Das Gute iſt ſehr ſchwer zu erwirken; die Frauenzimmer bleiben nur kurze Zeit hier, und man muß ſich begnügen, Samen 48 auszuſtrenen in der Hoffnung, daß einige gute Keime ſpäter Frucht tragen. Bisweilen geht dieſe Hoffnung wirklich in Erfüllung.“ „Es gehören großer Muth und eine ſtarke Tugend dazu, um vor der Undankbarkeit einer Aufgabe nicht zurückzuweichen, die ſo, ſelten befriedigende Reſultate gewährt!“— „Das Bewußtſein, eine Pflicht zu erfüllen, hält uns aufrecht und ermuthigt zu immer neuen Anſtrengungen; dann findet man auch bisweilen Lohn in glucklichen Entdeckungen; es gibt biswei⸗ len einige lichte Punkte in den Herzen, die man anfänglich für völlig verdunkelt hielt.“ „Trotzdem müſſen Frauen wie Sie ſehr ſelten ſein.“ „O nein; das, was ich thue, thun auch andere und vielleicht mit noch mehr Gluck, mit größerer Einſicht. Eine Aufſeherin in dem andern Theile von St. Lazarus, in welchem ſich diejenigen befinden, welche verſchiedener Verbrechen angeklagt ſind, würde Sie noch weit mehr intereſſiren. — Sie erzählte mir dieſen Morgen von der Ankunft eines Mädchens, das des Kindesmordes ange⸗ klagt iſt. — Ich habe nie etwas Herzergreifenderes gehört. — Der Vater dieſer Unglücklichen, ein ehrlicher Steinſchneider, hat aus Schmerz über die Schande ſeiner Tochter den Verſtand ver⸗ loren; die Armuth der ganzen Familie ſcheint gräßlich geweſen zu ſein. Sie wohnte in einem Dachſtübchen in der Rue du Temple.“ „In der Rue du Temple!“ fiel die Frau von Harville er⸗ ſtaunt ein; „wie heißt der Steinſchneider?“ „Seine Tochter heißt Louiſe Morel —“ „Es iſt ſo —“ „Sie ſtand im Dienſte eines achtbaren Mannes, des Notars Jacob Ferrand.“ 49 „Dieſe arme Familie war mir empfohlen worden,“ ſprach Clemence erröthend, „aber ich erwartete nichts weniger, als ſie durch dieſen neuen Schlag betroffen zu ſehen. Und Lruiſe Morel?“ „Sie nennt ſich unſchuldig und ſchwört, ihr Kind ſei todt zur Welt gekommen. Ihre Worte klingen allerdings wie Wahr⸗ heit. Da Sie ſich für die Familie intereſſiren, Frau Marquiſe, ſo würde, wenn Sie das arme Mädchen beſuchen wollten, dieſes Zeugniß Ihrer Theilnahme die Unglückliche in der Verzweiflung tröſten.“ „Ich werde mich zu ihr führen laſſen und ſo zwei Schütz⸗ linge finden ſtatt der einen, Louiſe Morel und die Nachtigall, denn alles, was Sie mir von dieſem armen Mädchen ſagen, rührt mich ungemein. .. Was aber iſt zu thun, um ihre Freilaſſung zu erhalten? Ich werde für ihre Zukunft ſorgen —“ „Bei Ihrer Stellung und Ihren Bekanntſchaften, Frau Mar⸗ quiſe, wird es Ihnen ſehr leicht werden, das Mädchen ſogleich aus dem Gefängniſſe zu bringen; es hängt dies blos von dem Willen des Polizeipräfecten ab. — Die Empfehlung einer ange⸗ ſehenen Perſon würde bei ihm entſcheidend ſein. — Doch ich bin da weit von der Bemerkung abgekommen, die ich über den Schlaf der Nachtigall machte. Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich mich nicht wundern würde, wenn mit dem tiefſchmerzlichen Gefühle von ihrem frühern verwerflichen Leben noch ein anderer nicht minder ſchmerzlicher Gram in Verbindung ſtände —“ „Was meinen Sie damit, Madame?“ „Ich irre mich vielleicht, aber ich würde mich nicht wundern, wenn das Mädchen, das durch irgend ein Ereigniß aus ihrer t⸗ Die Geheimniſſe von Paris. V. 4 50 ſten Verſunkenheit herausgeriſſen worden iſt, eine wahre, rechtliche Liebe fühlte, die nun ihr Glück und ihre Qual iſt.“ „Aus welchen Gründen glauben Sie dies?“ „Weil ſie hartnäckig den Ort verſchweigt, wo ſie die drei Monate nach ihrem Verſchwinden aus der Cité zugebracht hat, glaube ich, ſie fürchtet von den Perſonen zurückgefordert zu wer⸗ den, bei denen ſie Aufnahme gefunden hatte.“ „Und warum ſollte ſie dies fürchten?“ „Weil ſie eine Vergangenheit geſtehen müßte, die man viel⸗ leicht nicht kennt.“ „Ihre Kleidung als Landmädchen —“ „Noch ein anderer Umſtand hat mich in meiner Vermuthung beſtärkt. Geſtern Abend, als ich in dem Schlafſaale erſchien, trat ich an das Bett der Nachtigall. Sie ſchlief feſt; ihr Geſicht war heiter und ruhig; ihr ſchönes blondes Haar quoll unter der Nacht⸗ mütze hervor und ſiel auf ihren Hals und ihre Schultern. Sie hatte die beiden kleinen Hände gefaltet auf ihren Buſen gelegt, als wenn ſie betend eingeſchlafen wäre. Ich betrachtete einige Augenblicke mit Rührung dieſes Engelsgeſicht, als ſie plötzlich leiſe und in einem zugleich ehrerbietigen, traurigen und liebevollen Tone einen Namen ausſprach —“ „Welchen Namen?“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr Madame Armand ernſt fort: „Obwohl ich das, was man im Schlafe erlauſcht, für heilig halte, ſo nehmen Sie doch an dieſer Unglücklichen ſo innigen An⸗ theil, Frau Marquiſe, daß ich Ihnen dieſes Geheimniß wohl an⸗ vertrauen kann. — Der Name hieß Rudolph.“ „Rudolph!“ entgegnete die Frau von Harville, die ſogleich an den Fürſten dachte. Da ſie indeß bald einſah, daß Se. königl. . 51 Hoheit der Großherzog von Gerolſtein mit dem Rudolph der ar⸗ men Nachtigall nichts gemein haben könnte, ſagte ſie zu der Auf⸗ ſeherin, welche ſich über ihren Ausruf zu verwundern ſchien: „Dieſer Name hat mich überraſcht, denn — zufälligerweiſe iſt es auch der eines meiner Verwandten, — aber alles, was Sie mir von der Nachtigall erzählen, intereſſirt mich mehr und mehr. — Könnte ich ſie nicht heute ſchon ſehen? ſogleich?“ „Ja, Frau Marquiſe; ich gehe, um ſie zu holen, wenn Sie es wünſchen. Ich könnte mich auch nach Louiſe Morel erkundi⸗ gen, die ſich in einem andern Theile des Gefängniſſes befindet —“ „Ich würde Ihnen dafür ſehr dankbar ſein, Madame,“ ant⸗ wortete Frau von Harville, die nun allein blieb. „Seltſam!“ dachte ſie bei ſich. „Ich kann mir keine Rechen⸗ ſchaft von dem ungewöhnlichen Eindrucke geben, den dieſer Name Rudolph auf mich gemacht hat. — Ich bin aber eine rechte Thoͤ⸗ rin! Welches Verhältniß könnte ihm und einem ſolchen Mädchen beſtehen?“ Nach kurzer Pauſe ſetzte die Marquiſe hinzu: „er hatte Recht! Wie ſehr mich alles das intereſſirt! Geiſt und Gemüth erweitern ſich, wenn man ſie ſo edeln Beſchäftigungen widmet. Es iſt, wie er ſagte, als habe man einigen Antheil an der Macht „ der Vorſehung, wenn man die unterſtützt, welche es verdienen. — Und dann —, dieſe Ausflüge in eine Velt, die wir gar nicht ah⸗ nen, ſind ſo feſſelnd, ſo unterhaltend, wie er ſagt! Welcher Noman könnte mich ſo anregen, meine Neugierde in dieſem Grade 3 reizen! Dieſe arme Nachtigall z. B. flößt mir nach dem, was man mir von ihr erzählt hat, ein tiefes Mitleid ein, und ich gebe mich demſelben rückſichtslos hin, denn die Aufſeherin beſitzt zu viel Er⸗ fahrung, als daß ſie ſich über unſere Schutzempfohlene täuſchen — 4* 5 2 5 1 52 könnte. — Und die andere Unglückliche —, die Tochter des Stein⸗ ſchneiders, die der Fürſt in meinem Namen ſo freigebig unterſtützt hat! Die armen Leute! Ihre entſetzliche Armuth diente ihm als Vorwand, mich zu retten. Ich bin der Schande, vielleicht dem Tode durch eine heuchleriſche Lüge entgangen; dieſe Täuſchung laſtet ſchwer auf mir, und ich will ſie durch Wohlthun abbüßen. — Das wird mir ſo leicht werden, und es iſt ſo ſüß, dem edeln Ra⸗ the Rudolphs zu folgen! Es iſt auch Liebe, ihm zu gehorchen. Ach, ich fühle es mit Wonne, nur ſein Athem belebt und befruch⸗ tet das neue Leben, das er mir geſchaffen hat zum Troſte derer, welche leiden; ich empfinde einen anbetungswürdigen Genuß darin, nur durch ihn zu handeln, keine andern Ideen zu haben als die ſeinigen, .. denn ich liebe ihn, ja ich liebe ihn, und er wird dieſe unvergängliche Leidenſchaft meines Lebens nie erfahren.“ Während die Frau von Harville auf die Nachtigall wartet, wollen wir den Leſer unter die Gefangenen ſelbſt führen. 8 — 7 LXXXXIIHM. Mont-S aint-Jean. * N Sh. Uhr an dem Gefängniſſe St. Lazarus verkündete die zweſte Stunde nach Mittag. Auf die Kälte, die ſeit einigen Ta⸗ gen geherrſcht hatte, war eine milde, laue, frühlingsähnliche Tem⸗ peratur gefolgt; die Sonnenſtrahlen ſpiegelten ſich in dem Waſſer eines großen viereckigen, mit Steinen eingefaßten Baſſins in der Mitte eines Hofes, der mit Bäumen bepflanzt und mit hohen ſchwärzlichen Mauern mit vielen vergitterten Fenſtern umgeben war. Hier und da ſtanden in dem großen gepflaſterten Hofe, in welchem die Gefangenen umhergingen, hölzerne Vänke. Die Töne eines Glöckchens verkündeten die Stunde der Erho⸗ lung, und die gefangenen Frauen und Mädchen traten lärmend aus einer Thür heraus, die man ihnen öffnete. Die gleichförmig ge⸗ kleideten Frauen trugen ſchwarze Hauben und lange Kleider von blau wollenem Stoffe, die durch einen Gürtel mit eiſerner Schnalle feſtgehalten wurden. Es waren etwa zweihundert Freudenmädchen, die ſich gegen die eigenthümlichen Verordnungen vergangen hatten, unter welchen ſie ſtehen Auf den erſten Anblick hatte ihr Ausſehen nichts Eigenthüm⸗ liches; beobachtete man ſie aber aufmerkſamer, ſo erkannte man auf faſt allen Geſichtern die beinahe unvertilgbaren Brandmale des Laſters und namentlich der Verthierung, welche die Unwiſſen⸗ heit und die Armuth herbeiführen. Bei dem Anblicke ſo vieler tiefgeſunkener Mädchen kann man ſich des traurigen Gedankens nicht erwehren, daß viele von ihnen wenigſtens eine Zeit lang rein und tugendhaft geweſen ſind. Wir müſſen dieſe Beſchränkung ausſprechen, weil ein großer Theil von ihnen nicht bloß von der Jugend, ſondern von der zarteſten Kind⸗ heit, ja von der Geburt an, wenn man ſich ſo ausdrücken kann, wie man ſpäter ſehen wird, verdorben worden iſt. Man fragt ſich deshalb mit ſchmerzlicher Neugier, welche Ver⸗ kettung von traurigen Urſachen diejenigen jener Elenden daherge⸗ bracht hat, welche früher rein und keuſch waren. O, es führen viele Wege zu dem Verderben! Sehr ſelten treibt die eigentliche Luſt an Ausſchweifungen, ſondern vielmehr die Hül floſigkeit, das ſchlechte Beiſpiel, die ſchlechte Erziehung und beſonders der Hunger zur Schande und Ehrloſig⸗ keit, denn nur die aumen Klaſſen zahlen der Civiliſation dieſe Seelen- und Körperſteuer. Als die Gefangenen ſich ſchreiend in den Hof ſtürzten, konnte man leicht erkennen, daß nicht die Freude allein, aus den Arbeits⸗ ſtuben herauszukommen, ſie ſo ausgelaſſen machte. Nachdem ſie ſich aus der einzigen Thüre hervordrängt hatten, bildeten ſie einen Kreis um ein mißgeſtaltetes Weſen herum, das man mit Hohn und Spott überhäufte. Es war ein kleines, unterſetztes, verwachſenes Mädchen von ſechsunddreißig bis vierzig Jahren mit einem Kopfe, der über die ungleichen Achſeln kaum hinaus ragte. Man hatte ihr die Haube abgeriſſen, und ihr ſtarres, verworrenes, blondes oder vielmehr bleißh⸗ gelbes mit Grau untermiſchtes Haar fiel auf ihre niedrige und dumme Stirn. Sie trug ein blaues Kleid wie die andern Gefan⸗ genen und hatte unter dem rechten Arme ein kleines Packet in ei⸗ nem ſchlechten, zerriſſenen carrirten Tuche. Mit dem linken Elnbo⸗ gen ſuchte ſie die Stöße zu pariren, die man ihr von allen Seiten verſetzte. Es kann nichts Traurig-Groteskeres geben als die Züge die⸗ ſer Unglücklichen; es war ein lächerliches und häßliches, gleich ei⸗ ner Schnauze langgezogenes, runzeliges, lederartiges, ſchmutziges, erdfahles Geſicht mit zwei großen Naſenlöchern und zwei kleinen ſchiefſtehenden rothen Augen. Bald zornig, bald demüthig, grollte und bat ſie, aber man lachte über ihre Klagen noch mehr als über ihre Drohungen. Sie war die Zielſcheibe des Spottes und der Laune aller Ge⸗ fangenen. Ein Umſtand hätte ſie vor den Mißhandlungen ſchützen kön⸗ nen und ſollen, — ſie war ſchwanger; aber ihre Häßlichkeit, ihre Dummheit, die Gewohnheit, ſie als Zielſcheibe aller Witze und Unarten zu ſehen, machten ihre Peinigerinnen rickſichtlos, ob ſie gleich ſonſt gewöhnlich die Schwangerſchaft ehren. Zu den erbittertſten Quälerinnen der Mont⸗Saint⸗Jean (ſo hieß die Arme) gehörte die Wölfin. Die Wölfin war ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren, groß, ſchlank, von wahrhaft männlichem Knochenbau, aber mit ei⸗ nem ziemlich regelmäßigen Geſichte; ihr ſtarres ſchwarzes Haar 56 ſchimmerte in Roth; braune Härchen beſchatteten ihre fleiſchigen Lippen; ihre braunen, dichten, ſtarren Augenbrauen floſſen über ihren großen fahlen Augen in einander; es lag etwas Ungeſtümes, Wildes, Beſtialiſches in dem Geſichtsausdrucke dieſes Mädchens; im Zorne zog ſich ihre Oberlippe etwas empor und ließ die wei⸗ ßen weit auseinander ſtehenden Zähne ſehen. Dieſem Umſtande verdankte ſie ihren Beinahmen die Wölfin. Nichts deſtoweniger erkannte man in dieſem Geſichte mehr Keckheit und Rückſichtsloſigkeit als Grauſamkeit; man ſah ein, daß ſie mehr verdorben, als von Hauſe aus ſchlecht war und daß ſie wohl noch einiger guten Regungen fähig ſein konnte. „Mein Gott! Mein Gott! Was habe ich Euch gethan,“ rief die Mont⸗Saint⸗Jean, indem ſie ſich gegen ihre Gefährtinnen wehrte. „Warum peiniget Ihr mich ſo?“ „Weil uns das Spaß macht.“ „Weil Du nur gut dazu biſt, gepeinigt zu werden.“ „Es iſt dies Dein Stand —“ „Sieh Dich nur um, und du wirſt erkennen, daß Du nicht das Recht haſt, Dich zu beklagen —“ „Ihr wißt aber doch, daß ich mich nur zuletzt beklage, daß ich ſo viel dulde, als ich kann —“ „Nun, wir wollen Dich in Ruhe laſſen, wenn Du uns ſagſt, warum Du Mont⸗Saint⸗Jean heißeſt.“ „Ja, ja, erzähle uns das —“ „Ich habe es Euch ſchon hundertmal erzählt. — Ich heiße ſo von einem ehemaligen Soldaten, den ich ſonſt liebte und den man ſo nannte, weil er in der Schlacht von Mont-Saint-Jean verwundet worden war. — Ich habe ſeinen Namen behalten. — 57 Seid Ihr nun zufrieden? Soll ich immer dieſelbe Geſchichte wie⸗ derholen?“ „Wenn Dein Soldat Dir glich, muß er prächtig ausgeſehen haben.“ „Wahrſcheinlich war er ein Invalid.“ „Ein Stückchen von einem Soldaten —“ „Wie viele Glasaugen hatte er?“ „Und eine Naſe von Blech, he?“ „Er hatte gewiß weder Arme noch Beine und war blind und taub, da Du ihm gefielſt —“ „Ich bin häßlich, ein wahres Ungethüm, ich weiß es. — Sagt mir Grobheiten, ſpottet über mich ſo viel Ihr wollt, das iſt mir gleichgittig, aber ſchlagt mich nur nicht —“ „Was haſt Du da in dem alten Tuche?“ fragte die Wölfin. „Ja — ja, was haſt Du darin?“ „Sie muß es zeigen.“ „Wir wollen es ſehen!“ „Nein; ich bitte Euch,“ rief die Arme, indem ſie das kleine Packet mit allen Kräften feſthielt. „Es muß ihr abgenommen werden —“ „Ja, nimm es ihr, Wölfin!“ „Müßt Ihr denn ſo ſchlecht ſein! Laßt es doch! Laßt es doch!“ „Was iſt es?“ „Es iſt der Anfang zu dem Kinderzeuge für mein Kleines. — Ich arbeite es aus den alten Leinwandſtückchen, die Niemand mehr mag und die ich ſammle. Das iſt euch einerlei, nicht wahr?“ 58 „Ach, das Kinderzeug für den kleinen Mont-Saint-Jean! Das muß poſſierlich ausſehen.“ „Wir müſſen es ſehen!“ „Das Kinderzeng! Das Kinderzeug!“ rief die Wölfin, indem ſie der Mont⸗Saint⸗Jean das Packet entriß. Das zerlöcherte Tuch zerriß bei dem Hin- und Herzerren, und es fielen mehrere Zeugſtücke von allen Farben und Leinwandläpp⸗ chen heraus, die dann im Hofe herumflogen und von den Gefan⸗ genen niedergetreten wurden, die immer lauter lachten. „Was für Lumpen!“ „Als hätte ſie einen Lumpenſammler geplündert!“ „Und alles das zuſammenzunähen!“ „Sie wird mehr Zwirn als Zeug dazu brauchen.“ „Es wird wie Stickerei ausſehen.“ „Lies Deine Lumpen nur wieder zuſammen, Mont⸗Saint⸗ Jean.“ „Wie ſchlecht Ihr ſeid, ach Gott!“ rief die Arme, indem ſie den herumflatternden Fetzen und Läppchen nachlief und dieſelben aufzuleſen ſuchte trotz den Stößen und Puffen, die man ihr gab. „Ich habe niemandem etwas zu Leide gethan,“ fuhr ſie weinend fort; „ich habe mich erboten, damit ſie mich in Ruhe laſſen möch⸗ ten, ihnen alle Dienſte und Gefälligkeiten zu erweiſen, ihnen ſy⸗ gar die Hälfte meiner Ration zu geben, obgleich ich ſelbſt hun⸗ gere — aber nein! nein! ſie peinigen mich fortwährend. Was muß ich thun, um Ruhe zu finden? Sie haben nicht einmal Er⸗ barmen mit einer armen Schwangern! Sind ſie nicht ſchlimmer wie die wilden Beſtien? Es wurde mir ſo ſchwer, alle dieſe Läpp⸗ chen zuſammenzubringen! Wovon ſoll ich das Kinderzeng machen, da ich mir nichts kaufen kann? Wem that ich Unrecht, als ich 569 vas ſammelte, was Andere weggeworfen hatten?“ Mit einemmale rief dann die arme Mont⸗Saint-Jean hoffnungsvoll aus: „ach, Sie ſind da, Nachtigall; nun bin ich gerettet. Legen Sie ein gutes Wort für mich ein; auf Sie werden ſie gewiß horen, da man Sie ſo ſehr liebt, wie man mich haſſet.“ Die Nachtigall, welche zuletzt aus dem Hauſe heraustrat, erſchien in dem Hofr. Sie trug das blaue Kleid und die ſchwarze Haube der Ge⸗ fangenen, ſah aber ſelbſt in dieſem groben Anzuge noch reizend aus. Seit ihrer Entführung von der Meierei in Bouqueval (— wir werden den Ausgang dieſer Entführung ſpäter erzählen —) ſchienen ſich indeß die Zuge ihres Geſichtes ſehr verändert zu haben; ihre Bläſſe, durch die ſonſt ein leichtes Roſenroth hindurch⸗ ſchimmerte, war jetzt matt wie die Weiße des Alabaſters. Auch der Eindruck ihres Geſichtes war ein anderer geworden; es lag in ihm etwas Traurig⸗Würdevolles. Marienblume fühlte, daß ſie durch muthiges Ertragen der ſchmerzlichen Sühnopfer ſich von allen frühern Fehlern faſt reinige. „Bitten Sie um Schonung für mich, Nachtigall,“ fuhr die Mont⸗Saint⸗Jean fort, indem ſie ſich bittend an das junge Mädchen wendete. „Sehen Sie nur, wie ſie alles, was ich mit ſo gro⸗ ßer Mühe zu meinem Kinderzeuge geſammelt hatte, in dem Hofe herumſtrenen! Welches Vergnügen kann ihnen das machen?“ Marienblume ſagte kein Wort, fing aber ſogleich an, alle Läppchen unter den Füßen der Gefangenen mit aufzuleſen. Eine Gefangene ſtand abſichtlich und böswillig auf einem Stückchen grober Leinwand feſt; Marienblume hatte ſich gebückt, 60 ſah dieſe Gefangene mit ihrem zauberiſchen Blicke bittend an und ſprach mit ihrer ſanften Stimme: „Ich bitte Sie, Sie mich dies im Namen der Armen da, die weint — Die Gefangene zog den Fuß zurück. Das Leinwandſtuͤck wurde auf dieſe Weiſe gerettet, wie faſt alle andern Lumpen, welche die Nachtigall Stück für Stück ſo eroberte. Es blieb nur noch ein kleines Kindermützchen übrig, um das ſich zwei Gefangene lachend ſtritten. Marienblume ſagte zu ihnen: „Geben Sie ihr das Mützchen zurück, ich bitte.“ „Nun ja, es iſt für einen Harlekin in Windeln. Sie hat es aus einem grauen Stücke, aus grünen und ſchwarzen mengenäht und mit Sackleinwand Es war ſo. Die Gefangenen lachten laut über dieſe Beſchreibung des Häub⸗ chens. „Lacht darüber und ſpottet ſo viel Ihr wollt, aber gebt es mir nur wieder,“ ſagte Mont-Saint-Jean, „beſonders tretet es nicht in den Schmutz wie das übrige. Nehmen Sie es nicht übel, daß Sie ſich meinetwegen die Hände beſchmutzt haben, Nach⸗ tigall,“ ſetzte die Arme dankbar hinzu. „Mir die Harlekinsmütze!“ rief die Wölfin, die ſich verſelben bemächtigte und ſie wie eine Trophäe ſchwenkte. „Ich bitte Sie, geben Sie mir das Mützchen,“ ſagte die Nachtigall. „Sie wollen es der Mont⸗Saint⸗Jean zurückgeben?“ „Gewiß.“ „Ein ſolcher Lumpen lohnt der Mühe nicht.“ 61 „Die Mont⸗Saint⸗Jean hat ja nichts als Lumpen zur Be⸗ kleidung ihres Kinves, und Sie ſollten deshalb Mitleid mit ihr haben, Wölfin,“ ſagte Marienblume traurig, indem ſie die Hand nach dem Mützchen ausſtreckte. „Ich gebe es nicht her,“ entgegnete die Wölfin roh. „Soll ich Ihnen immer nachgeben, weil Sie die Schwächſte ſind? Sie mißbrauchen meine Nachſicht.“ „Wäre es denn ein Verdienſt, mir nachzugeben, wenn ich die Stärkſte wäre?“ antwortete die Nachtigall mit anmuthigem, leich⸗ ten Lächeln. „Nein, nein. — Sie wollen mich mit Ihrer niedlichen Stimme wieder verlocken. — Sie erhalten das Mützchen nicht.“ „Wölfin, Sie werden nicht boshaft ſein —“ „Laſſen Sie mich in Ruhe; Sie langweilen mich.“ „Ich bitte Sie darum.“ „Mach' mich nicht ungeduldig! Ich habe nein geſagt, und dabei bleibt es,“ ſprach die Wölfin gereizt. „Haben Sie doch Mitleid mit ihr! Sehen Sie, wie ſie weint!“ „Was geht das mich an? Um ſo ſchlimmer für ſie. Sie muß alles ertragen.“ „Ja, — es iſt wahr —, wir hätten ihr die Lumpen nicht wiedergeben ſollen,“ murmelten die Gefangenen, durch das Bei⸗ ſpiel der Wölfin ermuthigt. „Um ſo ſchlimmer für Mont⸗Saint⸗ Jean!“ „Ihr habt Recht — um ſo ſchlimmer für ſie!“ ſagte Marien⸗ blume bitter. — „Sie muß alles über ſich ergehen laſſen, — ihr Wehklagen macht Cuch Spaß, Ihr lacht über ihre Thränen; — Ihr müßt doch die Zeit mit etwas hinbringen. Sie würde nichts 62 ſagen dürfen, wenn man ſie auf der Stelle umbringen wollte. Sie haben Recht, Wölfin; es iſt ganz gerecht; die Arme thut Niemandem etwas zu Leide, ſie kann ſich nicht vertheidigen, ſie iſt allein gegen alle, — das iſt ſehr muthig, ſehr edel von Euch!“ „Wir ſind alſo feig?“ rief die Wölfin in ihrem Ungeſtüm und aus Luſt zum Widerſpruche aus. „Wirſt Du antworten? Sind wir feig, he?“ wiederholte ſie. Es entſtand ein drohendes Gemurmel gegen die Nachtigall. Die beleidigten Gefangenen drängten ſich ſchreiend um ſie und vergaßen oder ſträubten ſich vielmehr gegen den Einfluß, den das junge Mädchen bis dahin über ſie gehabt hatte. „Sie nennt uns feig!“ „Welches Recht hat ſie, uns zu tadeln?“ „Iſt ſie mehr als wir?“ „Wir ſind zu nachſichtig gegen ſie geweſen.“ „Jetzt will ſie ſich ein Air geben — gegen uns!“ „Was kann ſie dagegen ſagen, wenn es uns gefällt, Mont⸗ Saint⸗Jean zu peinigen?“ „Du wirſt nun noch viel mehr geſchlagen werden als früher, Mont⸗Saint⸗Jean.“ „Da haſt Du etwas für den Anfang,“ ſagte eine, indem ſie der Armen einen Schlag gab. „Wenn Du Dich wieder in Dinge mengſt, die Dich nichts angehen, Nachtigall, ſo wird Dir es eben ſo ergehen.“ „Das iſt nicht genug!“ rief die Wölfin aus. „Die Rach⸗ tigall muß Abbitte dafür thun, daß ſie uns feig genannt hat. — Ihr habt Recht, — wenn das ſo fortginge, würde ſie uns 63 noch tyranniſiren. Wir ſind dumm genug, das nicht zu mer⸗ ken.“ „Sie muß um Verzeihung bitten!“ „Auf den Knieen!“ „Auf beiden Knieen!“ „Oder wir behandeln ſie wie die Mont⸗Saint⸗Jeau!“ „Auf die Kniee nieder!“ „Uns feig zu nennen!“ „Sage es noch einmal!“ Marien-Blume blieb in dieſem wüthigen Geſchrei vollkom⸗ men ruhig; ſie ließ den Sturm vorübertoben, dann, als ſie ſich Gehör verſchaffen konnte, blickte ſie alle mit ihren ſchönen Augen an und antwortete der Wölfin, die von Neuem ſchrie: „Wage es noch einmal, uns feig zu nennen!“ „Sie? Nein, nein, — die Arme da, der Ihr die Kleider zerriſſen, die Ihr geſchlagen, in den Schmutz geworfen habt, — ſie iſt feig. — Seht Ihr nicht, wie ſie weint, wie ſie Euch zit⸗ ternd anſieht? Sie iſt feig, — weil ſie ſich vor Euch fürchtet —“ Der Inſtinct der Nachtigall traf das Rechte. Wenn ſie ſich an das Gerechtigkeitsgefühl, an die Pflicht gewendet hätte, um die brutale Erbitterung der Gefangenen gegen Mont⸗Saint-Jean zu entwaffnen, würde man ſie nicht angehört haben. Dagegen machte ſie Eindruck, indem ſir ſich an das Gefühl des natürlichen Edel⸗ muthes wendete, welches nie ganz erlöſcht, ſelbſt nicht in dem ver⸗ dorbenſten wildeſten Haufen. Die Wölfin und die Andern murmelten noch, aber ſie fühl⸗ ten, ſie geſtanden es ſich, daß ſie nicht recht gehandelt hatten. Marien⸗Blume wollte ihren erſten Sieg nicht mißbrauchen und fuhr fort: 64 „Sie verdient kein Mitleiden, ſagt Ihr, aber ihr Kind ver⸗ dient es. — Fühlt es nicht auch die Schläge, die Ihr ſeiner Mutter gebt? Wenn ſie um Gnade bittet, thut ſie es nicht für ſich, ſondern für ihr Kind. — Wenn ſie Euch um etwas von Euerm Brode bittet, wenn Ihr zu viel habt und ſie mehr hun⸗ gert als gewöhnlich, thut ſie es nicht für ſich, ſondern — für ihr Kind. — Wenn ſie Euch mit Thränen in den Augen beſchwört, ihr die Lumpen nicht zu nehmen, die ſie mit ſo vieler Mühe zu⸗ ſammengebracht hat, ſo thut ſie es nicht ihretwegen, ſondern — wegen ihres Kindes. — Das ſchlechte bunte Mützchen, über das Ihr ſo ſehr ſpottet, ſieht vielleicht lächerlich aus, vielleicht ich aber möchte weinen, wenn ich es anſehe. — Spottet nun über uns beide, über Mont-Saint-Jean und über mich, wenn Ihr es könnt.“ Die Gefangenen lachten nicht. Die Wölfin ſah ſogar das Mützchen, das ſie noch in der Hand hielt, mit einem traurigen Blicke an. „Mein Gott,“ fuhr Marien-Blume fort, indem ſie mit dem Rücken ihrer kleinen weißen Hand über die Angen ſtrich, „ich weiß, daß Ihr nicht böswillig ſeid. — Ihr quält die Mont⸗ Saint⸗Jean nur aus Langeweile, nicht aus Grauſamkeit. — Aber Ihr vergeßt, daß ſie nicht allein iſt, daß ſie ein Kind unter dem Herzen trägt. — Ihr würdet ſie ſonſt nicht nur nicht ſchlagen, weil Ihr fürchten müßtet, dem armen unſchuldigen Kinde weh zu thun, Ihr würdet ſogar, wenn es kalt iſt, der Mutter alles ge⸗ ben, was Ihr entbehren könnt, um es zu erwärmen, nicht wahr, Wölfin?“ „Freilich .., wer würde nicht mit einem Kinde Mitleid haben?“ 5. 65 „Das iſt ganz einfach —“ „Ihr würdet, wenn es hungerte, das Brod aus Euerm Munde nehmen und es ihm geben, nicht wahr, Wölfin?“ „Ja, und herzlich gern, — ich bin nicht ſchlechter als an⸗ dere.“ „Wir auch nicht.“ „Ein armes unſchuldiges Kind!“ „Wer hätte den Muth, ihm etwas zu Leide zu thun?“ „Wir müßten ja Unmenſchen ſein!“ „Herzlos!“ „Wilde Beſtien!“ „Ich ſagte es ja,“ fuhr Marien⸗Blume fort, „daß Ihr nicht böswillig ſeid; Ihr ſeid gutmüthig und vergeßt nur, daß Mont⸗ Saint⸗Jean das Kind nicht auf den Armen — ſondern unter dem Herzen trägt —“ „Das iſt es!“ rief die Wölfin wie begeiſtert aus; — „aber noch nicht genug! Sie haben Recht, Nachtigall, wir waren feig, und Sie ſind brav und muthig, weil Sie wagten, uns das zu ſagen. Sie waren brav und muthig, weil Sie nicht zitterten, nachdem Sie es geſagt hatten. Sehen Sie, — wir mogen ſa⸗ gen und thun und uns ſträuben wie wir wollen — Sie ſind nicht wie wir, — das müſſen wir immer wieder zugeſtehen. — Es ärgert mich —, aber es iſt ſo. — Gben haben wir wieder Un⸗ recht gehabt, — Sie waren muthiger als wir.“ „Es iſt wahr, die kleine Blondine mußte viel Muth haben, uns ſo die Wahrheit in das Geſicht zu ſagen —“ „Ihre blauen Augen ſind aber auch ſo ſanſt, ſo lieblich, wenn ſie will —!“ „Sie werden wahre kleine Löwen —“ Die Geheimniſſe von Paris. V. 5 „Arme Mont⸗Saint⸗Jean! Sie iſt ihr viel Dank ſchuldig!“ „Es iſt doch auch wahr, wenn wir ſie ſchlagen, ſchlagen wir hr Kind.“ „Daran hatte ich nicht gedacht.“ „Ich auch nicht.“ „Die Nachtigall denkt an alles.“ „Und ein Kind zu ſchlagen! Pfui!“ „Keine von uns wäre dies im Stande.“ Nichts iſt leichter beweglich als die Leidenſchaften des Vol⸗ kes; nichts wechſelt raſcher und plötzlicher. Einige einfache und rührende Worte der Nachtigall hatten mit einemmale eine Reaction zu Gunſten der Mont⸗Saint-Jean bewirkt, die vor Rührung weinte. Alle Herzen waren bewegt, weil, wie wir ſchon geſagt haben, alles, was ſich auf das Mutterſein bezieht, bei den Unglücklichen, von denen wir hier ſprechen, immer tiefen Eindruck macht. Die Wölfin, die in allem heftig und eraltirt war, nahm mit einemmale das Mützchen, das ſie in der Hand hielt, machte eine Art Börſe daraus, griff in die Taſche, nahm 20 Sous, warf ſie in das Mützchen und rief, indem ſie daſſelbe den andern Gefan⸗ genen hinhielt: „Ich gebe 20 Sous für die Mont⸗Saint-Jean, damit ſie Leinwand zu Kinderzeug kaufen kann. Wir alle helfen zuſchnei⸗ den und mit nähen, damit dies ihr nichts koſte.“ „Ja ja.“ „Wir wollen zuſammenſteuern.“ „Ich bin dabei.“ „Eine prächtige Idee!“ „Die arme Mont-Saint⸗Jean!“ 67 „Sie iſt zwar häßlich wie ein Ungeheuer, aber Mutter wie eine andere.“ „Die Nachtigall hatte Recht, man könnte weinen, wenn man dies Kinderzeug von Lumpen anſieht.“ „Ich gebe zehn Sous.“ „Ich dreißig.“ „Ich zwanzig.“ „Ich vier, — ich habe nicht mehr.“ „Ich habe kein Geld, aber ich verkaufe meine Ration von morgen, um auch beizuſteuern. Wer kauft ſie mir ab?“ „Ich,“ rief die Wölfin, „ich gebe zehn Sous für Dich, Du magſt aber Deine Ration behalten, und die Mont⸗Saint⸗Jean ſoll ein Kinberzeug bekommen wie eine Prinzeſſin —“ Die Verwunderung und die Freude der Mont⸗Saint⸗Jean auszudrücken, würde völlig unmöglich ſein; ihr groteskes und häß⸗ liches Geſicht, über das große Thränentropfen ſtrömten, wurde faſt rührend. Es ſtrahlte von Glück und Dank. Marien⸗Blume war auch glücklich, ob ſie gleich zu der Wölfin ſagen mußte, als dieſe ihr das Mützchen hinhielt: „Ich habe kein Geld, aber ich werde arbeiten ſo viel als möglich —“ „Ach, mein lieber Engel aus dem Paradieſe,“ rief die Mont⸗ Saint-Jean, indem ſie vor der Nachtigall auf die Kniee ſank und die Hand derſelben zu ergreifen ſuchte, um ſie zu küſſen, „was habe ich für Sie gethan, daß Sie ſo gütig und freundlich gegen mich ſind, und alle dieſe Damen auch? Iſt es möglich, Du mein Herr und Heiland! gutes, neues Kinderzeug für mein Kind! Al⸗ les, was dazu gehört! Wer hätte das geglaubt! Ich werde vor Freude verrückt! Eben noch die Z ſcheibe des Spottes, von allen 5 — 68 gemißhandelt und nun, — weil Sie ihnen — etwas geſagt ha⸗ ben mit Ihrer lieben Engelsſtimme, — wenden ſie alles zum Gu⸗ ten, und ſie lieben mich! Ich — ich liebe ſie auch. Sie ſind ſo gut, — es war nicht recht von mir, daß ich bos wurde. Wie dumm war ich — und wie ungerecht — wie undankbar! Sie thaten ja alles nur, um zu lachen; ſie wollten mir nicht wehe thun — ich habe nun den Beweis. — Jetzt könnte man mich auf dem Flecke todtſchlagen, ich würde nicht muckſen —“ „Wir haben achtundachtzig Franecs und ſieben Sous,“ ſagte die Wölfin, nachdem ſie den Betrag der Collecte überzählt hatte, die ſie in das Mützchen wickelte. „Wer ſoll das Geld behalten, bis es ausgegeben iſt? Der Mont⸗Saint-Jean dürfen wir es nicht geben, — ſie iſt zu dumm.“ „Die Nachtigall ſoll das Geld an ſich nehmen!“ riefen alle. „Wenn Ihr auf mich hören wollet,“ ſagte Marien⸗Blume, „ſo bittet die Aufſeherin, Madame Armand, das Geld zu über⸗ nehmen und davon die nöthigen Einkäufe zu machen. Vielleicht, wer weiß es? freut ſie ſich über die gute That, die Ihr verrich⸗ tet habt und bittet, denen, die gut angeſchrieben ſtehen, einige Tage der Haft zu erlaſſen. Nun, Wölfin,“ ſetzte die Nachtigall hinzu, indem ſie dieſelbe am Arme nahm, „ſind Sie nun nicht zufriedener als vorhin, als Sie die Lumpen der armen Mont⸗ Saint⸗Jean umherſtreuten?“ Die Wölfin antwortete anfangs nicht. Auf die Erxaltation, welche einen Augenblick ihre Züge be⸗ lebt hatte, folgte ein gewiſſes Mißtrauen. Marien⸗Blume ſah ſie verwundert an; ſie konnte ſich vieſe vlötzliche Veränderung nicht erklären. „ 69 „Nachtigall .. . kommen Sie, — ich muß mit Ihnen ſpre⸗ chen,“ ſagte die Wölfin finſter vor ſich hin. Dann trat ſie aus der Gruppe der Gefangenen heraus und führte die Nachtigall an das Baſſin mit der ſteinernen Einfaſſung, an dem ſich eine Bank befand. Hier ſetzten ſich die Nachtigall und die Wölfin nieder und waren faſt allein. LXXXXIV. Die Wölfin und die Nachtigall. ir glauben feſt an den Einfluß gewiſſer Charaktere, die eine ſolche magiſche Gewalt über die Maſſen haben, daß ſie die⸗ ſelben zum Guten und zum Böſen beſtimmen können. Einige, die kühn, heftig, unbändig ſind, werden ſich an die ſchlechten Eigenſchaften wenden und dieſelben aufregen, wie der Sturm die Wogen des Meeres aufwühlt, aber dieſe Stürme wer⸗ den wie alle Stürme zwar wüthend, aber auch nur von kurzer Dauer ſein; dem verderblichen Aufbrauſen wird ein Gefühl der Trauer, des Unbehagens folgen, das das Elend noch elender macht. Die Folgen einer Ueberſchreitung des Maßes ſind immer bitter. Die Wölfin ſoll, wenn man will, dieſen verderblichen Ein⸗ fluß perſonifiziren. Andre Organiſationen, die ſeltener ſind, weil ihr edles Ge⸗ fühl durch den Verſtand befruchtet werden, bei denen der Geiſt in gleicher Höhe mit dem Herzen ſtehen muß, werden zum Guten Anlaß geben, wie die Erſtern zum Böſen. — Ihre heilſame Ein⸗ wirkung wird mild die Gemüther durchdringen, wie die warmen 71 Strahlen der Sonne die Körper mit einer belebenden Wärme er⸗ füllen, wie der friſche Thau einer Mainacht die dürre glühende Erde erquickt. Marien⸗Blume perſonifizirt, wenn man will, dieſe wohlthu⸗ ende Einwirkung. Die Reactivn im Guten geht nicht ſo raſch vorüber wie die im Böſen; ihre Wirkungen dauern länger. Sie iſt etwas Sal⸗ bungsvolles, Unausſprechliches, das die verhärtetſten Herzen all⸗ mälig erweicht, beruhigt und ihnen ein Gefühl unnennbarer Wonne giebt. Leider hört aber auch dieſer Zauber auf. Die Böſen verfallen, nachdem ſie die himmliſche Klarheit ge⸗ ſehen, von neuem in die Finſterniß des gewöhnlichen Lebens; die Erinnerung an die lieblichen Empfindungen, die ſie einen Augen⸗ blick uberraſchten, verlöſcht allmälig, wenn ſie ſich auch bisweilen bemühen an dieſelben zurückzudenken, wie wir die Melodie der Lie⸗ der wiederzufinden ſuchen, die unſre glückliche Jugend wiegten. Die Gefährtinnen der Nachtigall hatten durch die gute That, zu der dieſe ſie veranlaßt, die flüchtige Wonne jener Gefühle ken⸗ nen gelernt, die auch die Wölfin theilte. Dieſe ſollte aber, aus Gründen, welche wir bald mittheilen werden, minder lange als die andern Gefangenen dieſen wohlthätigen Eindruck fühlen. Wenn man ſich wundert, die ſonſt ſo paſſiv und ſchmerzlich ergebene Nachtigall muthig und mit einer gewiſſen Autorität han⸗ deln zu ſehen, ſo brauchen wir nur daran zu erinnern, daß die edlen Lehren, die ſie während ihres Aufenthaltes in Bonqueval erhalten, die ſeltenen Anlagen und Eigenſchaften dieſer vortreff⸗ lichen Natur reißend ſchnell entwickelt hatten. Marien⸗Blume ſah ein, daß es nicht hinreichte, eine unabän⸗ 72 derliche Vergangenheit zu bereuen, daß man die Achtung der Men⸗ ſchen und ſeiner ſelbſt nicht anders wieder erlangt, als wenn man Gutes thut und Andre zum Guten lenkt. Die Wölfin ſaß, wie geſagt, auf der Bank neben der Nach⸗ tigall. Die beiden Mädchen gewährten einen höchſt auffallenden Contraſt. Die bleichen Strahlen der Winterſonne beſchienen ſie; der reine Himmel war hier und da mit kleinen weißen flockigen Wol⸗ ken gefleckt; einige Vögel, welche die laue Temperatur lockte, zwitſcherten auf den unbelaubten Zweigen der großen Kaſtanien⸗ bäume des Hofes; einige Sperlinge, die kecker waren, als die an⸗ dern, badeten ſich in dem kleinen Bache, der von dem vollen Baſ⸗ ſin ablief; grünes weiches Moos bekleidete die ſteinerne Einfaſſung, und in den lockern Fugen der Steine wuchſen hier und da einige Grasbüſchel, welche der Winterfroſt verſchont hatte. Dieſe Beſchreibung eines Baſſins in einem Gefängnißhofe wird lächerlich erſcheinen, aber Marien-Blume bemerfte alle dieſe Einzelnheiten; ſie heftete ihre Blicke auf die kleinen grünen Stel⸗ len und das klare Waſſer, in welchem ſich die flüchtigen weißen Wölkchen ſpiegelten, in dem die goldenen Sonnenſtrahlen blitzten, und ſie dachte ſeufzend an die Herrlichkeit der Natur, die ſie ſo ſehr liebte und bewunderte, und von der ſie wiederum getrennt war. „Was wollten Sie mir ſagen?“ fragte die Nachtigall ihre Gefährtin, die ſinſter und ſchweigend neben ihr ſaß. „Wir müſſen zu einer Erklärung kommen,“ antwortete die Wölfin rauh; „das kann ſo nicht fortgehen.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Eben jetzt, im Hofe, wegen der Mont-Saint-Jean, hatte ich mir vorgenommen: ich gebe der Nachtigall nicht mehr nach, und doch habe ich Ihnen wieder nachgegeben.“ „Aber —“ „Ich ſage, das kann nicht ſo fortgehen.“ „Was haben Sie gegen mich, Wölfin?“ „Daß ich nicht mehr bin wie ich war, ſeit Sie hier ſind, nein, — ich habe keinen Muth, keine Kraft, keine Keckheit mehr.“ Dann unterbrach ſich die Wölfin plötzlich, ſtreifte den Aermel ihres Kleides zurück, zeigte auf den weißen, kräftigen, mit ſchwar⸗ zen Härchen bewachſenen Arm und deutete an der innern Seite deſſelben auf eine unverlöſchliche Tättowirung, welche einen blauen Dolch vorſtellte, der zur Hälfte in ein rothes Herz hineingedrückt war. Darunter las man die Worte: Tod den Feigen! Martial F. d. L. (für das Leben). „Sehen Sie das?“ fragte die Wölfin. „Ja, — das iſt ſchrecklich, ſo daß ich mich fürchte,“ antwor⸗ tete die Nachtigall, indem ſie die Augen abwandte. „Als Martial, mein Geliebter, mit einer rothglühenden Na⸗ del dieſe Worte auf den Arm ſchrieb: Tod den Feigen! hielt er mich für muthig. Wenn er wüßte, wie ich mich ſeit drei Ta⸗ gen benommen habe, würde er mir ſein Meſſer in den Leib ſtoßen, wie dieſer Dolch da in das Herz geſtoßen iſt, — und er würde Recht thun, denn es ſteht geſchrieben: Tod den Feigen! Ich bin feig.“ . „Was thaten Sie, um feig genannt werden zu können?“ 74 „Alles —“ „Bereuen Sie den guten Gedanken, den Sie eben hatten?“ Jä⸗ „Das glaube ich nicht — „Ich ſage Ihnen, daß ich ihn bereue, denn auch er iſt ein Beweis davon, was Sie über Alle vermögen. Haben Sie nicht Mont⸗Saint⸗Jean gehört, als ſie auf den Knieen lag und Ihnen dankte?“ „Was ſagte ſie?“ „Sie ſagte, indem ſie von uns ſprach, Sie wendeten uns von dem Böſen zum Guten. Ich hätte ſie erwürgen mögen, als ſie dies ſagte, denn ſie hatte — zu unſerer Schande — Recht. Ja, in wenigen Minuten verändern Sie uns von Weiß in Schwarz; man hört Sie an, man überläßt ſich ſeinen erſten Gefühlen — und thut, wie immer, was Sie haben wollen.“ „Habe ich Sie zu etwas Schlechtem verleitet, als Sie die Arme ſo edelmüthig unterſtützten?“ „Davon handelt es ſich nicht,“ rief die Wölfin zornig aus, — „ich habe noch vor Niemand den Nacken gebeugt. Ich heiße die Wölfin, und mit Recht, — mehr als ein Weib trägt Spuren von mir an ſich, auch mehr als ein Mann, — man ſoll nicht ſagen, ein ſchwächliches Mädchen wie Sie hätte mich ite die Füße gebracht. 2 „Ich! und wie?“ „Weiß ich denn das ſelbſt? Sie kommen hierher und fangen gleich damit an, mich zu beleidigen —“ „Ich Sie beleidigen?“ „Ja. Sie fragen, wer Ihr Brod haben wolle, und ich ant⸗ wortete zuerſt: ich! Dann antwortete die Mont⸗Saint⸗Jean, und — Sie gaben ihr den Vorzug. Wüthend darüber ſpringe ich auf Sie zu mit dem Meſſer in der Hand —“ „Und ich ſage: Tödten Sie mich, wenn Sie wollen, aber laſſen Sie mich nicht zu lange leiden,“ antwortete die Nachtigall; „das war alles.“ „Alles? Ja, alles! Und doch riſſen mir dieſe paar Worte das Meſſer aus der Hand und zwangen mich, Sie um Verzeihung zu bitten, Sie, da Sie mich doch beleidigt hatten. Iſt das na⸗ türlich? Sehen Sie, wenn ich wieder zu mir komme, ſchäme ich mich vor mir ſelbſt. Und gleich am erſten Abende nach Ihrer An⸗ kunft hier, als Sie niederknieten, um zu beten, warum ſagte ich, ſtatt über Sie zu ſpotten und den ganzen Schlafſaal gegen Sie zu hetzen: „man muß ſie in Ruhe laſſen — ſie betet, — ſie hat ein Recht dazu“? Und warum ſchämte ich mich mit allen Andern den andern Morgen, vor Ihnen uns anzukleiden?“ * „Das weiß ich nicht, Wölfin.“ „Wahrhaftig!“ fuhr das ungeſtüme Mädchen ironiſch fort: „Sie wiſſen es nicht? Wahrſcheinlich weil Sie, wie wir biswei⸗ len im Scherz geſagt haben, nicht von unſerer Art ſind. Sie glauben dies vielleicht?“ „Ich habe nie geſagt, daß ich es glaube.“ „Nein, Sie haben es nicht geſagt, aber Sie thun gerade „Ich bitte Sie, hören Sie mich an — „Nein, — es hat mich ſchon zu viel gekoſtet, Sie angehört, Sie angeſehen zu haben. Bis jetzt hatte ich Niemanden benei⸗ det. — Zwei bis dreimal habe ich mich überraſcht — wie dumm und feig! — Sie um Ihr Madonnengeſicht, Ihr ſanftes, trauri⸗ ges Ausſehen zu beneiden. Ja, ich habe Sie ſelbſt um Ihr blon⸗ . d 76 des Haar und Ihre blauen Augen beneidet, obgleich die Blondi⸗ nen mir immer zuwider waren, weil ich ſelbſt braun bin. Ihnen ähnlich ſein zu wollen! — ich, die Wölfin! Hätte mir das vor acht Tagen Jemand geſagt, ich würde ihn gezeichnet haben! Und Ihre Lage iſt doch nicht beneidenswerth; Sie hängen betrübt den Kopf wie eine Magdalena. Geht das natürlich zu?“ „Wie kann ich von den Eindrücken Rechenſchaft geben, die ich auf Sie mache?“ „O, Sie wiſſen recht gut, was Sie thun!“ „Trauen Sie mir dabei eine ſchlechte Abſicht zu?“ „Weiß ich es denn? Eben weil mir alles das unbegreiflich vorkommt, traue ich Ihnen nicht mehr. Noch etwas, bisher bin ich immer luſtig oder zornig geweſen, jetzt bin ich träumeriſch, und Sie haben mich dazu gemacht. Manche Worte, die Sie ſprachen, haben gegen meinen Willen mein Herz ergriffen, mich genöthigt, an mancherlei traurige Dinge zu denken.“ „Es thut mir leid, Sie ſo betrübt zu haben, Wölfin, aber ich erinnere mich nicht, daß ich etwas geſagt hätte —“ „Mein Gott,“ unterbrach die Wölfin die Nachtigall mit zor⸗ niger Ungeduld, „was Sie thun, iſt bisweilen eben ſo rührend wie das, was Sie ſagen. Sie ſind ſo boshaft! „Ereifern Sie ſich nicht ſo, Wölfin, — ſprechen Sie ſich deutlicher aus —“ „Geſtern in dem Arbeitsſaale betrachtete ich Sie; Sie hat⸗ ten den Kopf geſenkt und ſahen nur auf die Arbeit, an der Sie näheten; eine große Thräne fiel auf Ihre Hand — Sie ſahen dieſe Thräne eine Weile an, dann führten Sie die Hand an die Lippe, als wollten Sie die Thräne aufkuſſen. Iſt das wahr?“ „Es iſt wahr,“ ſagte die Nachtigall erröthend. v7 „Das ſieht aus, als wäre es nichts, aber in dieſem Augen⸗ blicke ſahen Sie ſo ungluͤcklich, ſo unglücklich aus, daß es mir das Herz wie zuſammenſchnürte. Halten Sie das für ſpaßhaft? Ich bin immer ſteinhart gegen alles Rührende geweſen, Niemand kann ſich rühmen, mich weinen geſehen zu haben, und jetzt wird mir es weich ums Herz, wenn ich Sie nur anſehe. Das iſt feig, — ich bin feig geworden, und ein Beweis davon iſt, daß ich ſeit drei Tagen nicht an Martial zu ſchreiben gewagt habe, ſo ſehr peinigt mich das Gewiſſen — Ihre Anweſenheit verdirbt meinen Character, — das muß aufhören, es wird ein ſchlechtes Ende neh⸗ men, ich fühle es. — Ich will bleiben, wie ich bin, und nicht über mich ſpotten laſſen.“ „Warum ſollte man über Sie ſpotten?“ „Weil man mich weichmüthig und dumm ſähe, während ſonſt Alle hier vor mir zitterten. Nein, nein, — ich bin zwanzig Jahre alt und in meiner Art ſo ſchön wie Sie; ich bin boshaft, — man fürchtet mich, — das will ich. — Ueber alles andere lache ich. Wehe dem, der das Gegentheil ſagt!“ „Sie zürnen mir, Wölfin?“ „Ja, Sie ſind für mich eine ſchlimme, eine gefährliche Bekannt⸗ ſchaft; wenn das noch vierzehn Tage ſo fort ginge, würde man mich nicht mehr die Wölfin, ſondern das Lamm nennen. Dafir danke ich. — Mein Geliebter würde mich umbringen. — Kurz und gut, ich mag nicht mehr mit Ihnen umgehen und werde, um raſcher getrennt zu ſein, in einen andern Saal verſetzt zu werden bitten; ſchlägt man mir dies ab, ſo mache ich einen ſchlechten Streich, damit man mich einſperre, bis meine Zeit abgelaufen. — — Das habe ich Ihnen zu ſagen Nachtigall.“ Marien⸗Blume erkannte, daß ihre Gefährtin, deren Herz noch 78 nicht ganz verdorben war, ſich gegen die beſſern Regungen gleich⸗ ſam ſträubte. Ohne Zweifel waren dieſelben in der Wölfin durch das unwillkührliche Intereſſe erregt worden, das Marien⸗Blume ihr einflößte. Zum Glück für die Menſchheit beweiſen ſeltene, aber ſchla⸗ gende Beiſpiele, daß es auserwählte Seelen giebt, die, faſt ohne daß ſie es ſelbſt wiſſen, eine ſolche Anziehungskraft ausüben, daß ſie ſelbſt die Widerſtrebendſten zwingen, in ihren Kreis einzu⸗ treten und ſich zu beſtreben, ihnen mehr oder minder ähnlich zu werden. Die wunderbaren Reſultate mancher Miſſionen und Sendun⸗ gen laſſen ſich nicht anders erklären. In einem ſehr beſchränkten Kreiſe war dies die Art des Verhältniſſes, das zwiſchen Marien⸗ Blume und der Wölfin beſtand; die letztere aber wehrte ſich, nach einem ſeltſamen Widerſpruche, oder vielmehr in Folge ihres un⸗ duldſamen Charakters, mit aller Kraft gegen den heilſamen Ein⸗ fluß, der auf ſie wirkte, ebenſo wie redliche Charactere energiſch gegen üble Einwirkungen ſich ſträuben. Wenn man bedenkt, daß das Laſter oft einen teufliſchen Stolz beſitzt, ſo wird man ſich nicht wundern, daß die Wölfin Al⸗ les aufbietet, um ihren Ruf als unbändiges und gefürchtetes Ge⸗ ſchöpf zu bewahren und nicht aus einer Wölfin — ein Lamm zu werden, wie ſie ſich ausdrückte. Dieſes Schwanken, dieſer Un⸗ wille, dieſer Kampf, untermiſcht mit einigen edlen Regungen, ver⸗ riethen bei dieſer Unglücklichen zu günſtige und zu bedeutſame Symptome, als daß Marien⸗Blume die Hoffnung, die ſie einen Au⸗ genblick gehegt hatte, ſogleich hätte aufgeben können. Sie ahnte, daß die Wölfin nicht ganz verdorben ſei, und wünſchte ſie zu ret⸗ ten, wie ſie ſelbſt gerettet worden war. 79 „Die beſte Art, meinem Wohlthäter meine Dankbarkeit zu bezeugen,“ dachte die Nachtigall bei ſich, „wird darin beſtehen, Andern, die noch darauf hören können, den guten Rath zu wieder⸗ holen, den er mir gegeben hat.“ Sie ergriff ſchüchtern die Hand ihrer Gefährtin, die ſie mit finſterm Mißtrauen anblickte, und ſagte: „Ich verſichere Sie, Wölfin, daß Sie Antheil an mir neh⸗ men, nicht weil Sie feig ſind, ſondern weil Sie ein edles Herz beſitzen. Nur die muthigen, edeln Herzen fühlen Rührung bei dem Unglücke Anderer.“ „Dabei iſt weder Edelſinn noch Muth,“ ſprach die Wölfin rauh, „ſondern nur Feigheit. — Uebrigens will ich nicht, daß Sie mir ſagen, ich ſei gerührt worden, — es iſt nicht wahr —“ „Ich will es nicht wieder ſagen, Wölfin, aber dankbar zu ſein, werden Sie mir erlauben, nicht wahr, weil Sie Antheil an mir genommen haben?“ „Meinetwegen. — Noch heute Abend bin ich in einem ande⸗ ren Saal, oder allein im Kerker, und bald werde ich freigelaſſen, Gott ſei Dank!“ „Wohin werden Sie von hier gehen?“ „In meine Wohnung, Rue Pierre Lescvt. Ich habe eine ei⸗ gene Wohnung und eigene Meubles.“ „Und Martial werden Sie mit Frenden wiederſehen?“ fuhr die Nachtigall fort, welche hoffte, länger mit der Wölfin ſprechen zu können, ſobald ſie einen für dieſe intereſſanten Gegenſtand er⸗ wähne. „Ach ja! ja!“ antwortete ſie in leidenſchaftlichem Ton. „Als ich verhaftet wurde, etholte er ſich eben von der Krankheit, von ei⸗ nem Fieber, das er gehabt hatte, weil er immer auf dem Waſſer — 80 iſt. Siebzehn Tage und ſiebzehn Nächte habe ich ihn keine Mi⸗ nute verlaſſen; ich habe die Hälfte meiner Meubles verkauft, um den Arzt, die Arzneien und Alles zu bezahlen. Ich kann mich rüh⸗ men, und ich rühme mich auch, wenn er lebt, ſo verdankt er es mir. — Noch geſtern ließ ich eine Kerze für ihn verbrennen, — es ſind das Albernheiten, aber es bleibt ſich gleich, manchmal hat man doch recht gute Folgen davon geſehen —“ „Und wo iſt er jetzt? was treibt er?“ „Er wohnt bei der Brücke zu Asniéres, ganz dicht am Waſſer.“ „Ganz dicht am Waſſer?“ „Ja, er hat ſich da mit ſeiner Familie in einem einzelnen Hauſe niedergelaſſen. Fortwährend lebt er im Kriege mit den Fiſchereiwächtern, und wenn er in ſeinem Boote ſteht, die Doppel⸗ flinte in der Hand hat, möchte ich Niemandem rathen, ihm zu nahe zu kommen,“ ſagte die Wölfin mit Stolz. „Welches Gewerbe treibt er?“ „Er fiſcht in der Nacht, und dann, wenn ein feiger Menſch Streit mit einem andern ſucht, ſo nimmt das Martial über ſich, denn er iſt muthig wie ein Löwe. Sein Vater hat Unglück mit der Juſtiz gehabt. Er hat eine Mutter, zwei Schweſtern und ei⸗ nen Bruder. Freilich wäre es beſſer für ihn, er hätte dieſen Bru⸗ der nicht, der ein Taugenichts iſt und noch einmal guillotinirt werden wird, wie ſeine Schweſtern auch. Na, — es geht doch nur an ihren Hals!“ . „Wo haben Sie Martial kennen gelernt?“ „In Paris. Er wollte das Schloſſer-Handwerk erlernen, ein ſchönes Handwerk! — immer glühendes Eiſen — Feuer um ſich her —, Gefahr! Das war etwas für ihn, aber er hatte, wie ich, — 81 ſeinen eigenen Kopf und kam mit den Meiſtern nicht aus. Da kehrte er wieder zu ſeinen Aeltern zurück und fing an auf dem Fluſſe zu ſtehlen. Er beſucht mich in Paris, und ich beſuche ihn am Tage in Asniöres. Es iſt ganz nahe; ich würde auch zu ihm gehen, wenn es weiter wäre, und müßte ich auf Händen und Fü⸗ ßen mich fortſchleppen.“ „Ach, Sie werden alſo das Glück haben, Wölfin, auf das Land zu gehen!“ ſprach die Nachtigall ſeufzend. — „Gehen Sie auch ſo gerne wie ich auf dem Felde ſpazieren?“ „Ich gehe mit meinem Geliebten lieber im Walde, in dem großen Walde ſpazieren.“ „In dem Walde? Und ſie fürchten ſich nicht?“ „Fürchten! Ja, fürchten! Fürchtet ſich denn eine Wölfin? Je öder und dichter der Wald iſt, um ſo mehr liebe ich ihn. Ein einzelnes Häuschen, in dem ich mit Martial wohnte, der Wild⸗ dieb wäre, — mit ihm in der Nacht hinauszugehen, um Schlin⸗ gen für das Wild zu legen, dann, wenn die Wildhüter uns ver⸗ haften wollten, aus dem Gebüſche nach ihnen zu ſchießen, das wäre prächtig!“ „Haben Sie ſchon in dem Walde gelebt?“ „Niemals.“ „Wer hat Sie alſo auf dieſe Gedanken gebracht?“ „Martial.“ „Wie?“ „Er war Wilddieb in dem Walde von Rambyuillet. Vor einem Jahre hieß es, er habe auf einen Wildhüter geſchoſſen, der auf ihn geſchoſſen hatte. Der Lump von Wildhüter! Zwar iſt nichts vor Gericht bewieſen worden, Martial mußte aber doch die Gegend verlaſſen. Da kam er nach Paris, um das Schloſſer⸗ Die Geheimniſſe von Paris. V. 6 Handwerk zu lernen, und hier machte ich ſeine Bekanntſchaft. Da er ſich, wie geſagt, mit den Meiſtern nicht vertragen konnte, ſo kehrte er lieber nach Asniéres zu ſeinen Eltern zurück und trieb verbotenen Fiſchfang. — Aber er ſehnte ſich immer wieder in den Wald, und er wird früher oder ſpäter dahin zurückkehren. Durch ſein vieles Reden von der Wilddieberei und von den Wäldern hat er mir dieſe Gedanken in den Kopf geſetzt, und mir iſt es jetzt, als wäre ich dafür geboren. Aber ſo iſt es, nur, was der Ge⸗ liebte will, das will auch das Mädchen. Wenn Martial ein Dieb wäre; würde ich eine Diebin ſein. Wenn man einen Geliebten hat, muß man ſein wie er.“ j „Und wo ſind ihre Aeltern, Wölfin?“ „Das weiß ich nicht.“ „Haben Sie dieſelben lange nicht geſchen? 86 „Ich weiß nicht einmal, ob ſie leben vder todt ſind.“ „Sie waren alſo hart gegen Sie?“ „Weder gut noch ſchlecht. — Ich war, glaube ich, elf Jahre alt, uls meine Mutter mit einem Soldaten davonging; mein Va⸗ ter, der Tagelöhner war, hielt ſich nun eine Geliebte, die mit zwei Knaben zu uns zeg. Det eine war ſechs, der andere elf Jahre alt wie ich. Sie handelte mit Aepfeln. Im Anfange ging es nicht ſchlecht, dann aber, wenn ſie bei ihrem Aepfelkrame war, kam eine Auſternhändlerin zu uns, mit der mein Vater auch gut ſtand. Das erfuhr die erſte, und nun gab es faſt alle Tage ſo entſetzliche Schlägereien, daß wir Kinder faſt den Tod davon hatten. Sch ſchlief mit den beiden Jungen zuſammen, denn wir hatten nut ein Stübchen und nur ein Bett für uns drei, das ne⸗ ben dem meines Vaters und ſeiner Geliebten ſtand. Eines Tages, es war gerade ihr Namenstag, Magdalenentag, machte ſie ihm 83 Vorwürfe, daß er ihr nicht gratulirt habe. Ein Wort gab das andere, und mein Vater ſchlug ſie endlich mit dem Beſenſtiele auf den Kopf. Ich dachte, es wäre aus mit ihr. Sie ſiel wie ein Stück Blei hin, aber ſie hatte ein zähes Leben und einen harten Kopf. Sie blieb meinem Vater nichts ſchuldig; einmal biß ſie ihm ſo ſtark in die Hand, daß ſie ein Stück Fleiſch zwiſchen den Zähnen behielt. Solche Tage waren gleichſam Feſttage; an den Werkeltagen ſahen wir nicht ſoviel von den Schlägereien.“ „Behandelte dieſe Frau Sie ſchlecht?“ „Die Mutter Magdalena? Nein, im Gegentheil; ſie war nur zu lebhaft, ſonſt eine kreuzbrave Frau. Endlich wurde mein Vater der Sache aber doch überdrüſſig; er überließ ihr die wenigen Meu⸗ bles, die wir hatten, ging fort und kam nicht wieder. Er ſtammte aus Burgund und iſt wahrſcheinlich dahin zurückgekehrt. Ich war damals funfzehn oder ſechzehn Jahre alt.“ „Und Sie blieben bei der ehemaligen Geliebten Ihres Va⸗ ters?“ „Wohin hätte ich gehen ſollen? Sie wurde mit einem Dach⸗ decker einig, der zu uns zog. Einer der beiden Jungen der Mut⸗ ter Magdalene, der größte, ertrank bei der Schwaneninſel; der an⸗ dere kam zu einem Tiſchler in der Lehre.“ „Und was thaten Sie bei dieſer Frau?“ „Ich zog ihren Aepfelfarren mit ihr, kochte die Suppe und trug ſie zu ihrem Manne. Kam er betrunken nach Hauſe, was ihm ſehr oft paſſirte, ſo half ich der Mutter Magdalene ihn prü⸗ geln, um Ruhe zu haben, denn wir wohnten noch immer in dem Stübchen. Einmal würde er uns beide erſchlagen haben, wenn wir ihm ſeinen Hammer nicht genommen hätten. Die Mutter 6 X Magdalene erhielt einen Schlag auf die Achſel, und ſie blutete davon wie ein Schwein —“ „Und wie wurden Sie — was Sie ſind?“ fragte Marien⸗ Blume zögernd. „Der Sohn Magdalenens, der kleine Karl, der ſpäter bei der Schwaneninſel ertrank, war bei mir geweſen, faſt ſeit der Zeit, als er mit ſeiner Mutter zu uns kam und wir noch Kinder wa⸗ ren. — Seine Stelle nahm der Dachdecker ein. Mir war es gleichgultig, aber ich fürchtete, von der Mutter Magdalene aus dem Hauſe gejagt zu werden, wenn ſie etwas merkte. Das ge⸗ ſchah denn auch; da ſie aber eine gutmüthige Frau war, ſo ſagte ſie zu mir: Da es ſo iſt, — Du biſt ſechzehn Jahre alt, taugſt zu nichts, biſt zu eigenſinnig und ſtarrköpfig, um dienen oder et⸗ was lernen zu können, komm mit mir, ich will Dich bei der Po⸗ lizei einſchreiben laſſen. Da du keine Aeltern haſt, will ich für Dich ſorgen, und Du wirſt ſo wenigſtens einen von der Regie⸗ rung genehmigten Stand haben. Du wirſt immer in Freuden le⸗ ben, ich kann ruhig ſein, und Du biſt mir nicht mehr zur Laſt. Was meinſt Du dazu?“ — Sie mögen wohl Recht haben,“ antwortete ich; „ich habe daran nicht gedacht.“ Wir gingen in das Sitten⸗Bureau; ſie empfahl mich in einem Hauſe, und ſeit⸗ dem bin ich eingeſchrieben. Vor einem Jahre ungefähr habe ich die Mutter Magdalene wiedergeſehen; ich trank mit meinem Schatze, und wir luden ſie ein, uns Geſellſchaft zu leiſten. Sie erzählte uns, daß ihr Dachdecker auf den Galeeren ſei. Seitdem habe ich ſie nicht wiedergeſehen. Ich weiß nicht, wer letzthin erzählte, ſie ſei vor drei Monaten in die Morgue gebracht worden. Schade, wenn es wahr iſt! Sie war eine brave Fran, die Mutter Magda⸗ — — lene. Sie hatte das Herz in der Hand und nicht mehr Galle als eine Taube.“ Marien⸗Blume hatte, obgleich jung in eine Atmosphäre der Verdorbenheit geſtürzt, ſeitdem eine ſo reine Luft geathmet, daß ſie bei der ſchrecklichen Erzählung der Wölfin eine ängſtliche Be⸗ klemmung fühlte. Wir hatten den traurigen Muth, dieſe Geſchichte nachzuer⸗ zählen; aber wir müſſen hinzuſetzen, daß, ſo gräßlich ſie auch ſein mag, ſie doch weit, unendlich weit hinter unzähligen wirklichen Vorfällen der Art zurückbleibt. Ja, die Unwiſſenheit und die Armuth führen oft die armen Klaſſen zu dieſer entſetzlichen menſchlichen und ſpeialen Erniedrigung — Ja, es giebt eine Menge elender Wohnungen, in denen Kin⸗ der und Erwachſene, Mädchen und Knaben, eheliche und unehe⸗ liche auf einem Strohſacke ſchlafen, wie Vieh auf einer Streu, und fortwährend gräuelhafte Vorbilder von Trunkenheit, Gewaltthat, Ausſchweifung und Mord vor Augen haben. Ja, und nur zu oft fügt dieſen Greueln die Blutſchande ei⸗ nen neuen Greuel hinzn. Die Reichen können ihre Laſter mit Dunkel und Geheimniß umhüllen und die Heiligkeit des häuslichen Heerdes ſchonenz aber ſelbſt die achtbarſten Handwerker, die faſt immer ein Zimmer mit ihrer Familie bewohnen, ſind gezwungen, weil es ihnen an Raum und Betten fehlt, ihre Kinder, Brüder und Schweſtern bei einan⸗ der ſchlafen zu laſſen und ſelbſt mit ihrer Frau wenige Schritte da⸗ von zu ſchlafen. Wenn man ſchyon bei den nachtheiligen Folgen ſolcher Noth⸗ wendigkeit zittert, der faſt unvermeidlich die armen, aber rechtſchaf⸗ fenen Handwerker ausgeſetzt ſind, wie ſoll es werden, wenn die — —— 86 Leute durch Unwiſſenheit und ſchlechten Lebenswandel ſich herab⸗ gewürdigt haben? Welche entſetzliche Beiſpiele werden ſie ihren unglücklichen Kindern geben, die ſchon von ihrer früheſten Jugend an allen thieriſchen Neigungen und Leidenſchaften überlaſſen, ja zu denſel⸗ ben angereizt werden? Werden ſie nur eine Idee von Pflicht, Rechtſchaffenheit und Scham haben? Werden ſie den ſocialen Ge⸗ ſetzen nicht eben ſo fremd gegenüberſtehen wie die Wilden der neuen Welt? Die armen, ſchon in der Geburt verdorbenen Geſchöpfe, die in den Gefängniſſen, in die ſie hauſig wegen Heimathloſigkeit und liederlichen Herumtreibens kommen, ſchon durch die grobe und ſchreckliche bildliche Bezeichnung gebrandmarkt werden: Zucht⸗ hausſamen! Das Bild iſt ganz treffend. Dieſe traurige Vorherſagung geht faſt immer in Erfüllung. Wir wollen keinen Fehltritt entſchuldigen, aber man vergleiche nur die freiwillige Herabwürdigung eines Mädchens, das fromm im Schooße einer wohlhabenden Familie erzogen wurde, die ihm nur edle Beiſpiele gegeben hat, mit jener Entartung der Wölfin, die im Laſter, durch und für das Laſter aufgezogen wurde, und die man auf die Proſtitution — nicht mit Unrecht — als auf einen von der Regierung beſchützten Stand aufmerkſam macht. Es iſt wahr. Es giebt in Paris ein Bureau, wo dies ein⸗ regiſtrirt, beſcheinigt wird; ein Bureau, wo oft die Mutter die Proſtitution ihrer Tochter, der Mann die ſeiner Frau genehmigt, und dieſen Ort nennt man das Sitten⸗Bnreau! Muß nicht ein tiefgehender, unheilbarer Organiſationsfehler — — 87 der Geſellſchaft in den Geſetzen liegen, welche den Stand des Mannes und der Frau beſtimmen, wenn die Gewalt, die Ge⸗ walt, dieſe ernſte und moraliſche Abſtraction, ſich genöthigt ſieht, dieſen Verkauf des Körpers und der Seele, der jeden Tag eine ſchauerlicher große Zahl erreicht, nicht blos zu dulden, ſondern zu regeln, zu legaliſiren, zu ſchützen, um ihn minder gefährlich zu machen! * LXXXXv. Luftüchlölter. S ie Nachtigall kämpfte die Bewegung nieder, welche die traurige Beichte ihrer Gefährtin in ihr geweckt hatte, und ſagte ſchuͤchtern zu ihr: „Hören Sie mich an, ohne bös zu werden —“ „Wir wollen ſehen —, reden Sie — ich hoffe, genug ge⸗ ſchwatzt zu haben, — im Ganzen ſchadet es doch nicht, da wir doch zum letztenmale mit einander ſprechen.“ „Sind Sie glücklich, Wölfin?“ „Wie?“ „Finden Sie ein Glück in dem Leben, das Sie führen?“ „Hier in St. Lazarus?“ „Nein — wenn Sie frei ſind?“ „Ja, ich bin glücklich —“ „Immer?“ „Immer.“ „Sie möchten Ihr Schickſal nicht mit einem andern ver⸗ tauſchen?“ — 89 „Mit welchem andern Schickſale? Für mich giebt es kein andres.“ „Sagen Sie mir, Wölſin,“ fuhr Marien-Blume nach einer kurzen Pauſe fort, „bauen Sie ſich nicht bisweilen Luftſchlöſſer? Das unterhält . . . im Gefängniſſe.“ „Warum Luftſchlöſſer?“ „Wegen Martial.“ „Meines Geliebten?“ „Ja t „Nein, ich habe nie Luftſchlöſſer gebaut.“ „So will ich einmal eins bauen — für Sie und Mar⸗ tial —“ „Wozu das?“ „Zum Zeitvertreibe —“ „Nun —, meinetwegen! Laſſen Sie Ihr Luftſchloß ſehen.“ „Denken Sie ſich z. B., Sie träfen einmal zufällig, wie dies doch bisweilen geſchieht, Jemanden, der zu Ihnen ſagte: Verlaſ⸗ ſen von Ihrem Vater und Ihrer Mutter, ſtanden Ihnen in Ih⸗ rer Kindheit ſo ſchlechte Beiſpiele vor Augen, daß Sie eben ſo zu beklagen wie zu tadeln ſind, daß Sie . wurden . . „Was wurden?“ „Was Sie und ich, was wir geworden ſind,“ antwortete die Nachtigall mit lieblicher Stimme; dann fuhr ſie fort: „Nehmen Sie an, dieſer Jemand ſagte ferner zu Ihnen: Sie lieben Mar⸗ tial, — er liebt Sie — Geben Sie beide Ihren Le⸗ benswandel auf, werden Sie ſeine Frau —“ Die Wölfin zuckte die Achſeln. „Wer weiß, ob er mich zu ſeiner Frau haben möchte.“ 90 „Außer der Wilddieberei hat er nichts Schlechtes begangen, nicht wahr?“ „Nein, — er iſt Wilddieb auf dem Waſſer, wie er es im Walr⸗ war, und er hat Recht. Sind die Fiſche im Waſſer wie das Wild im Walde nicht da für den, welcher ſie fängt? Wo tra⸗ gen ſie das Zeichen ihres Eigenthümers an ſich?“ „Angenommen, er hätte ſein gefährliches Gewerbe als Fiſch⸗ dieb aufgegeben und wollte ein ganz ehrlicher Mann werden; an⸗ genommen, er flößte durch ſeinen guten Vorſatz einem unbekann⸗ ten Wohlthäter ſo viel Vertrauen ein, daß er ihm eine Stelle gäbe, . B. die Stelle eines Jägers, eines Wildhüters, — da er Wilddieb war, würde eine ſolche Stelle ihm wohl zuſagen, — ſie iſt daſſelbe Geſchäft, nur im Guten —“ „Ja, wahrhaftig, da könnte man auch immer im Walde leben.“ „— Angenommen, man gäbe ihm die Stelle nur unter der Bedingung, daß er Sie heirathete und mit ſich nähme.“ „Ich mit Martial fortgehen!“ „Sie würden ſich ſo gläcklich fühlen, ſagten Sie, mit einan⸗ der mitten im Walde zu wohnen; würde Ihnen ein Häuschen, in welchem Sie die thätige und arbeitſame Hausfrau wären, nicht lieber ſein als eine ſchlechte Wilddiebshütte, in welcher Sie ſich beide wie Verbrecher verſteckt halten müßten?“ „Sie haben mich zum Beſten! Iſt denn das moͤglich?“ „Wer weiß? Der Zufall! — Uebrigens iſt es eben ein Luftſchloß.“ 1 „Ja ſo.“ „Ich ſehe Sie ſchon ngerichtet in dem mitten 91 im Walde, mit Ihrem Manne, mit zwei, drei Kindern — Kin⸗ der! — welches Glück, nicht wahr?“ „Kinder von meinem Manne?“ rief die Wölfin in wilder Leidenſchaft, — „ach ja! o die würde ich lieben!“ „Sie würden Ihnen Geſellſchaft leiſten in Ihrer Einſamkeit, und wenn ſie größer geworden, fingen ſie an, Ihnen hier und da behülflich zu ſein; die kleinſten ſammelten dürres Holz, der größerr ginge mit einer Kuh oder mit zwei Kühen in den Wald hinein, um ſie weiden zu laſſen — man gäbe Ihrem Manne dieſe Kühe, um ihn für ſeine Thätigkeit zu belohnen, denn da er Wilddieb ge⸗ weſen, würde er nur ein um ſo beſſerer Wildhüter ſein.“ „Es iſt doch wahr, ja — die Luftſchlöſſer unterhalten. — Erzählen Sie noch weiter, Nachtigall!“ „Man wäre ſehr zufrieden mit Ihrem Manne, — Sie er⸗ hielten von ſeinem Herrn einige Geſchenfe — Hühner in den Hof, einen Garten — aber Sie würden auch tüchtig arbeiten müſſen, Wölfin — von früh bis Abends.“ „O wenn es weiter nichts wäre! Bei meinem Manne würde ich mich vor der Arbeit nicht fürchten, — ich habe gute Arme.“ „Beſchäftigung für Sie würde ſich immer finden, dafür ſteh' ich. — Es giebt ſo viel zu ſchaffen, ſo viel! Da iſt das Vieh zu beſchicken, das Eſſen zu kochen, die Kleidungsſtücke der Fami⸗ lie auszubeſſern. Heute wird gewaſchen, morgen Brod gebacken, oder das Haus wird von oben bis unten geſcheuert, damit die andern Wildhüter ſagen: „Es giebt doch weit und breit keine ſo gute Wirthin, wie die Frau Martials. Vom Keller bis unter das Dach alles immer ſpiegelblank, und die Kinder immer rein⸗ lich! Aber ſie arbeitet auch früh und ſpät, Madame Martial —“ 92 „Ja, Nachtigall, Madame Martial würde ich heißen,“ wie⸗ derholte die Wölfin mit einem gewiſſen Stolze. „Madame Mar⸗ tial!“ „Und das klingt gewiß beſſer als: die Wölfin, nicht wahr?“ Freilich, der Name meines Mannes würde mir lieber ſein als der eines Thieres. — Aber — aber — Wölfin bin ich ge⸗ boren, Wölfin werde ich ſterben!“ „Wer weiß? Wer weiß! Nur ſich nicht geſcheut vor einem mühſeligen, aber ehrlichen Leben, — das bringt Glück! Sie wür⸗ den ſich alſo vor der Arbeit nicht ſcheuen?“ „Gewiß nicht. Für meinen Mann und drei oder vier Kinder zu ſorgen, ſollte mir nicht ſchwer werden!“ „Es giebt aber auch nicht immer Arbeit, es kommt auch Ruhe. — Im Winter, Abends, wenn die Kinder ſchlafen — Ihr Mann ſeine Pfeife raucht, während er ſeine Gewehre putzt oder ſeine Hunde ſtreichelt, können Sie ein wenig ausruhen —“ „Ah, gute Zeit! Die Hände in den Schvoß legen! Nein, — da will ich doch lieber die Wäſche der Familie ausbeſſern, wenn wir Abends am Feuer ſitzen —, das iſt keine Arbeit. — Im Win⸗ ter ſind die Tage ſo kurz!“ Die Wölfin vergaß bei den Worten der Nachtigall mehr und mehr über ihren Träumen von der Zukunft die Gegenwart, denn ſie fühlte ſich ſo lebhaft angezogen, wie früher Marien⸗Blume, als Rudolph von den Freuden des Landlebens mit ihr geſpro⸗ chen hatte. i Die Wölfin verheimlichte die Neigungen nicht, welche ihr Ge⸗ liebter ihr eingeflößt hatte. Marien-Blume erinnerte ſich des tie⸗ fen heilſamen Eindruckes, den die lachenden, reizenden Schilderun⸗ * 93 gen Rudolphs von dem Landleben auf ſie gemacht hatten, und wollte daſſelbe Mittel bei der Wölfin verſuchen. Mit Recht meinte ſie, wenn ihre Gefährtin ſich durch die Schilderung eines rauhen, einſamen, armen Lebens ſchon ſo ſehr bewegen ließe, um ein ſol⸗ ches zu wünſchen, ſo verdiente das Mädchen Theilnahme und Mitleiden. Hocherfreut, daß die Wölfin neugierig zuhörte, fuhr die Nach⸗ tigall lächelnd fort: „Und dann, Madame Martial, erlauben Sie, daß ich Sie ſo nenne —, es ſchadet ja nichts.“ „Im Gegentheil es ſchmeichelt mir,“ antwortete die Wölfin, indem ſie lächelnd die Achſeln zuckte. Gleich darauf ſetzte ſie aber hinzu: „Wie dumm! Die Madame zu ſpielen! Sind wir Kinder! Aber gleichviel, — nur weiter —, es iſt hübſch. — Was ſag⸗ ten Sie?“ „Ich meine, Madame Martial, wenn wir von Ihrem Leben im Winter mitten im Walde ſprechen, ſo haben wir die ſchlech⸗ teſte Jahreszeit gewählt.“ „Nein, es iſt nicht die ſchlechteſte. — So in der Nacht im Walde den Wind pfeifen und bisweilen die Wölfe — in weiter Ferne heulen zu hören, das wiürde ich nicht langweilig finden, wenn ich nur mit meinem Manne und meinen Kindern am Feuer ſaͤße, oder auch allein, ohne meinen Mann, wenn er die Runde machte. — Vor einer Flinte fürchte ich mich nicht — wenn ich meine Kinder zu vertheidigen hätte. — Das ſollte man ſehen. Die Wölfin würde ihre jungen Wölfe gut hüten.“ „Ich glaube es Ihnen, — Sie ſind ſehr muthig, — ich aber, ich ziehe den Frühling dem Winter vor. Ach, der Frühling, Madame Martial, der Frühling! wenn die Bäume grün werden und die ſchönen Blumen im Walde blühen, die ſo gut, ſo gut riechen, daß die Luft voll Wohlgeruch iſt! Da würden ſich Ihre Kinder luſtig in dem neuen Graſe herum wälzen und der Wald wäre ſo buſchig, daß man Ihr Haus in dem Grün kaum ſehen könnte. — Ich ſehe es ordentlich vor mir; vor der Thür hat es eine Laube mit Wein, den Ihr Mann gepflanzt hat und der die Raſeubank beſchattet, auf der er in der großen Tageshitze ſchläft, während Sie ab- und zugehen und den Kindern empfehlen, ja den Vater nicht zu wecken. — Ich weiß nicht, ob Sie das ſchon bemerkt haben: im höchſten Sommer, Mittags, iſt es in dem Wald ſo ſtill wie in der Nacht. — Kein Blättchen regt ſich, und die Vögel ſingen nicht —“ „Das iſt wahr,“ antwortete faſt mechaniſch die Wölfin, die mehr und mehr die Wirklichkeit vergaß und faſt vor ihren Augen die reizenden Bilder zu erblicken glaubte, die ihr die pvetiſche Phantaſie der Nachtigall vorhielt, welche die Schönheiten der Na⸗ tur ſo außerordentlich liebte. Entzückt durch die Aufmerkſamkeit, die ihre Gefährtin ihr ſchenkte, fuhr Marien⸗Blume fort, indem ſie ſich ſelbſt dem Zauber der Gedanken hingab, welche ſie hervorrief: „Etwas liebe ich faſt eben ſo ſehr wie die Waldesſtille: das Rauſchen der großen Regentropfen im Sommer, die auf die Blät⸗ ter fallen; hören Sie das auch gern?“ ² „Ach ja, ich liebe den Sommerregen auch.“ „Nicht wahr? Dann ſind die Bäume, das Moos, das Gras wie gebadet, und wie friſch riecht alles! Und wie die Sonne, wenn ſie durch die Blätter ſcheint, alle dieſe Waſſertröpfchen funkeln läßt, die an den Blättern hängen! Haben Sie das auch bemerkt?“ „Ja — aber ich erinnere mich nur daran, weil Sie eben —— 95 davon ſprechen. — Es iſt drollig! Sie erzählen ſo hübſch, Nach⸗ tigall; man glaubt alles zu ſehen, vor ſich zu ſehen, ſo wie Sie ſprechen, und dann, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das erklären ſoll, aber ſehen Sie, was Sie ſagen, das duftet gleichſam, es er⸗ friſcht, wie der Sommerregen, von dem Sie reden.“ Die Poeſie iſt wie das Gute, das Schöne oft anſteckend. Die Wölfin, dieſe rohe Natur, ſollte die ganze Einwirkung der Marien⸗Blume empfinden. Dieſe fuhr fort: „Wir lieben den Sommerregen nicht allein — Die Vögel? Wie freuen ſie ſich, wie ſchütteln ſie die Federn und zwitſchern luſtig, — aber doch nicht luſtiger als Ihre Kinder, Ihre Kinder, die frei, leicht und luſtig ſind wie ſie. Sehen Sie nur, wie ge⸗ gen Abend die kleinſten durch den Wald dem ältern entgegenlau⸗ fen, der die beiden Kühe von der Weide zurücktreibt; ſie haben ſchnell das Klingeln der Glöckchen in der Ferne gehört!“ „Nachtigall, ich ſehe das kleinſte und keckſte da vor mir, das ſich von dem ältern auf den Rücken einer Kuh hat heben laſſen und da reitet!“ „Und man ſollte ſagen, das Thier wiſſe, welche Laſt es trägt, ſo vorſichtig geht es. — Aber nun iſt die Zeit des Abendeſſens; Ihr Aelteſter hat, während er die Kühe im Walde hütete, ein ganzes Körbchen voll Erdbeeren für Sie gepflückt, die er unter einer Decke wilder Veilchen mitbringt.“ „Erdbeeren und Veilchen! Das muß ein Wonnegeruch ſein! Aber mein Gott! mein Gott! wo zum Teufel! nehmen Sie nur die Einfälle her, Nachtigall?“ „Aus dem Walde, wo die Erdbeeren wachſen und die Veil⸗ chen blühen, — man braucht nur hinzuſehen und ſie aufzuheben, 96 Madame Martial. — Aber wir wollen von der Wirthſchaft re⸗ den. — Es iſt Abend, — Sie müſſen Ihre Kühe melken, das Abendeſſen unter der Weinlaube vor der Thür bereit ſtellen, denn Sie hören die Hunde Ihres Mannes bellen und bald auch die Stimme ihres Herrn, der, ſo müde er auch iſt, ſingend heim⸗ kehrt.. Und warum ſollte er auch nicht ſingen wollen, da er an einem ſchönen Sommerabende mit zufriedenem Herzen dem Hauſe zuſchreitet, wo ihn eine gute Frau nnd liebe ſchöne Kinder erwarten? Nicht wahr, Madame Martial?“ „Es iſt wahr, man muß da ſingen“ antwortete die Wölfin, die immer nachdenkender wurde. „Wenn man nicht etwa vor Rührung weint,“ fuhr Marien⸗ Blume, ſelbſt bewegt, fort. „Solche Thränen ſind aber ſo ſüß wie Liebe. Und dann, wenn es ganz dunkel geworden iſt, welches Glück, in der Laube ſitzen zu bleiben, den ſchönen Abend zu ge⸗ nießen, den Duft des Waldes zu athmen, die Kinder plaudern zu hören und die Sterne anzublicken! Dann wird einem das Herz ſo voll, ſo voll, daß es in Gebete überſtrömen muß. Und warum em nicht danken, welcher die Abendkühle, den Waldesduft, den Sternenſchimmer giebt? Nach dieſem Danke oder dieſem Gebete ſchläft man ſanft und friedlich bis an den andern Morgen und dankt dann wieder dem Schöpfer, denn dieſes arme, arbeitſame, aber ruhige und redliche Leben bleibt ſich alle Tage gleich.“ „Alle Tage!“ wiederholte die Wölfin, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, mit ſtierem Blick und gepreßter Bruſt; „es iſt wahr, der liebe Gott iſt ſo gut, giebt uns was wir brauchen und macht, daß wir bei Wenigem glücklich ſind.“ „Nun ſagen Sie mir,“ fuhr Marien⸗Blume ſanft fort, „ſa⸗ gen Sie mir, verdiente der nicht geſegnet zu werden, der Ihnen 97 dieſes friedliche und arbeitſame Leben gäbe für das elende Leben, das Sie im Schmutze der Straßen von Paris führen?“ Das Wort „Paris“ brachte die Gedanken der Wölfin ſo⸗ gleich wieder zu der Wirklichkeit zurück. Es ging in dem Gemüthe dieſes Mädchens eine ſeltſame Er⸗ ſcheinung vor. Dieſe Erzählung, eine einfache Schilderung eines gewöhnli⸗ chen beſchwerlichen Lebens, die natürliche Erzählung, abwechſelnd durch das milde Licht des häuslichen Heerdes erhellt, durch einige warme Sonnenſtrahlen überglüht, durch den Wind des Waldes erfriſcht, von dem Wohlgeruche wilder Blumen durchduftet, hatte auf die Wölfin einen tiefern, einen ergreifendern Eindruck gemacht, als es die Ermahnungen einer überſchwenglichen Moral vermocht haben würden. Je länger Marien⸗Blume ſprach, um ſo mehr wünſchte die Wölfin unermüdliche Hausfrau, muthige Gattin, fromme und er⸗ gebene Mutter zu ſein. War es nicht ein ſchöner Triumph für Marien⸗Blume ſo, und wäre es auch nur für einen Augenblick geweſen, einem leidenſchaft⸗ lichen, unmoraliſchen, erniedrigten Weibe die Liebe für die Fami⸗ lie, die Achtung vor der Pflicht, den Geſchmack an der Arbeit, die Dankbarkeit gegen den Schöpfer einzuflößen, und zwar nur da⸗ durch, daß ſie ihr verſprach, was Gott Allen giebt, die Sonne des Himmels und den Schatten des Waldes, das, was der Menſch dem ſchuldig iſt, welcher arbeitet, ein Obdach und Brod?“ Würde der ſtrengſte Moraliſt, der donnerndſte Prediger mehr erlangt haben, welche ihr mit jeder menſchlichen Rache und mit allen Blitzen des Himmels gedroht hätten?“ Der ſchmerzliche Zorn, den die Wölfin empfand, als ſie ſich Die Geheimniſſe von Paris. V. 7 98 wieder ganz in der Wirklichkeit fand, nachdem ſie ſich durch die neuen heilſamen Träumereien hatte bezaubern laſſen, in die ſie zum erſtenmale durch die Worte der Nachtigall verſenkt worden war, bewies den Einfluß der Worte derſelben. Je bitterer die Reue war, als ſie von dieſem tröſtenden Bilde auf ihre ſchreckliche Lage zuruckblickte, um ſo deutlicher und grö⸗ ßer war der Triumph der Nachtigall. Nach einer kurzen Pauſe des Nachdenkens richtete ſie raſch den Kopf empor, ſtrich mit der Hand über die Stirn, ſtand dro⸗ hend und zornig auf und ſagte: „Siehſt Du —, ſiehſt Du, daß ich Recht hatte, als ich Dir nicht traute und nicht auf Dich hören wollte, weil es ſchlecht für mich ausfallen würde? Warum haſt Du ſo mit mir geredet? Um mich zum Narren zu haben? Um mich zu peinigen? Und blos, weil ich ſo dumm war und ſagte, ich möchte gern mit meinem Geliebten im Walde leben. — Aber wer biſt denn Du? Warum mich ſo umzuwandeln? Du weißt nicht, was Du gethan haſt, Un⸗ 0 glͤckliche Jetzt werde ich alle Tage unwillkührlich an jenen Wald, an jenes Haus, an jene Kinder, an das Glück denken, das ich nie, nie erlangen werde. Und wenn ich nicht vergeſſen kann, was Du mir geſagt haſt, dann wird mein Leben eine Strafe, eine Hölle für mich ſein. Und das iſt Deine Schuld, ja — Deine Schuld!“ „Deſto beſſer! deſto beſſer!“ ſprach Marien⸗Blume. „Du ſagſt: deſto beſſer?“ wiederholte die Wölfin mit zorn⸗ funkelnden Angen. „Ja, deſto beſſer; denn wenn dein elendes Leben Dir nun als eine Hölle erſcheint, wirſt Du das vorziehen, von dem ich geſpro⸗ chen habe.“ 89 „Und warum es vorziehen, da es doch nicht für mich iſt? Warum es bereuen, ein Freudenmädchen zu ſein, da ich doch als ſolche ſterben muß?“ rief die Wölfin aus, deren Unwille höher und höher ſtieg, und indem ſie die kleine Hand der Nachtigall in ihre ſtarke Fauſt nahm. „Antworte! Antworte! Warum biſt Du hierher gekommen, um Wünſche in mir zu erregen, die nie in Er⸗ füllung gehen können?“ „Wenn Sie ein ehrliches und arbeitſames Leben wünſchen, Sie ſich eines ſolchen Lebens, wie ich es beſchrieben habe, würdig,“ entgegnete Marien-Blume, die ihre Hand nicht zurückzu⸗ ziehen ſuchte. „Nun — und wenn ich eines ſolchen Lebens würdig bin? Was beweiſt das? Wozu dient, was nützt mir das?“ „Es wird das, was Sie für einen Traum halten, zur Wirk⸗ lichkeit machen helfen,“ ſagte Marien-Blume in ſo ernſtem, ſo überzeugungsvollem Tone, daß die Wölfin, von Neuem überwun⸗ den, die Hand der Nachtigall losließ und ſtaunend daſtand. „Hören Sie mich an, Wölfin,“ fuhr Marien⸗Blume voll Mit⸗ leid fort, „halten Sie mich nicht für ſo ſchlecht, daß ich dieſe Ge⸗ danken, dieſe Hoffnungen in Ihnen erwecken könnte, wenn ich nicht die Gewißheit hätte, Ihnen die Mittel gewähren zu können, aus Ihrer jetzigen Lage herauszufommen, über die Sie nun erröthen.“ „Sie? Wie vermöchten Sie das?“ „Ich — nicht, aber Jemand, der gütig, groß und mächtig iſt wie Gott.“ „Mächtig wie Gott?“ „Hören Sie mich an, Wölfin. Vor drei Monaten, als ich wie Sie ein armes, verlorenes, verlaſſenes Geſchöpf war, kam eines Tages der, von welchem ich mit Thränen des Dankes ſpreche,“ .. 7* 100 — und Marien⸗Blume trocknete ihre Thränen ab — „zu mir, und er ſcheute ſich nicht, ſo tief geſunken, ſo verachtet ich auch war, tröſtende Worte zu mir zu ſagen, die erſten, welche ich gehört habe. Ich hatte ihm meine Leiden, meine Noth, meine Schande erzählt, ohne ihm etwas zu verſchweigen, ſo wie Sie, Wölfin, mir eben Ihr Leben erzählt haben. Nachdem er mich gütig angehört hatte, tadelte er mich nicht, ſondern beklagte mich; er warf mir meine Lage nicht vor, ſondern pries mir das ruhige und unſchuldige Le⸗ ben, das man auf dem Lande führe.“ „Wie Sie eben —“ „Da erſchien mir meine Verworfenheit um ſo gräßlicher, je ſchöner mir die Zukunft vorkam, die er mir zeigte.“ „Wie mir, ach Gott!“ 2 „Ja, und ich ſagte wie Sie: was nützt es, mir dieſes Para⸗ dies zu zeigen, da ich doch in der Hölle bleiben muß? Aber ich that Unrecht, als ich verzweifelte, denn der, von welchem ich ſpreche, iſt wie der liebe Gott höchſt gerecht, außerordentlich gütig und nicht im Stande, einem armen Geſchöpfe, das von Niemandem Mitleiden, Glück und Hoffnung verlangte, eine falſche Hoffnung vorzuſpiegeln.“ „Und was that er für Sie?“ „Er behandelte mich wie ein krankes Kind; ich hatte wie Sie in einer verdorbenen Luft gelebt, und er ließ mich eine geſunde, belebende Luft athmen; ich lebte auch unter häßlichen, verbreche⸗ riſchen Menſchen, er vertraute mich Menſchen an, die ihm glichen, die meine Seele gereinigt, meinen Geiſt erhoben haben, denn er giebt, wie der liebe Gott, allen denen, die ihn lieben und achten, einen Funken ſeines himmliſchen Verſtandes. Ja, wenn meine Worte Sie rühren, Wölfin, wenn Sie bei meinen Thränen weinen⸗ 101 ſo ſpricht ſein Geiſt, ſein Gedanke aus mir, und wenn ich von einer glücklichern Zukunft ſpreche, die Sie durch die Reue erlan⸗ gen könnten, ſo thue ich es, weil ich Ihnen in ſeinem Namen dieſe Zukunft verſprechen kann, ob er gleich in dieſem Augenblicke die Verpflichtung nicht kennt, welche ich übernehme. Ich ſage zu Ihnen: „hoffen Sie“, denn er erhört immer die Stimme derer, welche beſſer werden wollen, weil Gott ihn auf die Erde geſandt hat, damit die Menſchen an die Vorſehung glauben lernen —“ Das Geſicht der Marien⸗Blume ſah, während ſie ſo ſprach, ſtrahlend aus wie das einer begeiſterten Seherin; ihre bleichen Wangen färbten ſich einen Augenblick mit leichter Röthe, ihre ſchönen blauen Augen funkelten mit mildem Glanze; ſie ſtrahlte in einer ſo edeln, ſo rührenden Schönheit, daß die Wölfin, auf welche dieſes Geſpräch ſchon einen tiefen Eindruck gemacht hatte, ihre Gefährtin mit ehrerbietiger Bewunderung betrachtete und ausrief: „Mein Gott! — wo bin ich? Träume ich? Ich habe nie⸗ mals etwas der Art gehört oder geſehen? Es iſt nicht möglich! — Wer ſind Sie denn? Ach, ich ſagte es immer, daß Sie ganz an⸗ ders wären als wir. Und warum ſind Sie hier — gefangen mit uns, da Sie doch ſo gut ſprechen, da Sie alles vermögen und ſo mächtige Menſchen kennen? Sind Sie da, um uns in Verſuchung zu führen?! Sind Sie für das Gute, was der Teufel für das Böſe iſt?“ Marien⸗Blume wollte antworten, als Madame Armand ſie unterbrach, um ſie zu der Frau von Harville zu führen. Die Wölfin ſaß unbeweglich vor Staunen da, und die Auf⸗ ſeherin ſagte zu ihr: „Ich bemerke mit Vergnügen, daß die anneſenheit der Nach⸗ 102 tigall in dem Gefängniſſe Ihnen und den Andern Glück gebracht hat. Ich weiß, daß Ihr für die arme Mont⸗Saint⸗Jean zuſam⸗ mengelegt habt; das iſt brav, das iſt mildthätig, Wölfin. — Es ſoll Ihnen dies zu gut kommen. — Ich wußte wohl, daß Sie beſſer waren, als Sie ſcheinen wollten. Zum Lohne für Ihre gute That glaube ich Ihnen verſprechen zu können, daß Ihnen die noch übrige Gefängnißzeit bedeutend gefürzt werden wird —“ Madame Armand entfernte ſich darauf mit Marien⸗Blume. Man wird ſich über die faſt beredte Sprache der Nachtigall nicht wundern, wenn man bedenkt, daß dieſes von der Natur ſo außerordentlich begabte Mädchen in Folge der Erziehung und des Unterrichts, den ſie in Bouqueval erhalten, ſich ſchnell entwik⸗ kelt hatte. Dann kam ihr die eigene Erfahrung ſehr zu Statten. Die Gefühle, die ſie in dem Herzen der Wölfin geweckt, wa⸗ ren fricher in ihr ſelbſt durch Rudolph erregt worden unter faſt ähnlichen Umſtänden. Da ſie einige gute natürliche Empfindungen bei ihrer Ge⸗ fährtin zu bemerken glaubte, ſo bemühte ſie ſich, dieſelbe auf den rechten Weg zu führen, indem ſie ihr (nach der Theorie, die Ru⸗ dolph in Bouqueval anwenden ließ) bewies, daß es in ihrem ei⸗ genen Intereſſe liege, rechtſchaffen zu werden, und ihr dafür eine lachende und lockende Zukunft andeutete. Bei dieſer Gelegenheit müſſen wir bemerken, daß man unſe⸗ rer Anſicht nach ein unvollſtändiges, unpaſſendes und unwirkſames Mittel anwendet, um die Armen und Unwiſſenden dahin zu brin⸗ gen, das Böſe zu verabſchenen und das Gute zu lieben. um ſie von dem ſchlechten Wege abzubringen, droht man ih⸗ 103 nen fortwährend mit der göttlichen und menſchlichen Strafe, macht man fortwährend ein ſchauerliches Geränſch vor ihnen mit Ge⸗ fängnißſchlüſſeln, Halseiſen und Kerkerketten und zeigt ihnen in erſchrecklichem Halbdunkel, am äußerſten Horizonte des Verbrechens, das Schwert des Henkers, das im Glanze ewiger und unverlöſch⸗ licher Flammen blitzt. Man ſieht, die Einſchüchterung iſt unaufhörlich, fürchterlich, entſetzlich. Wer uebles thut, für den gehört Ehrloſigkeit, Strafe. Das iſt vollkommen gerecht; aber reicht die Geſellſchaft dem, welcher gut handelt, ehrenvolle Gaben, ruhmvolle Auszeichnungen? Nein. Ermuthigt die Geſellſchaft durch wohlwollende Vergeltung die ungeheure Maſſe von Menſchen, die für immer an die Arbeit, an Entbehrungen, faſt immer an die tiefſte Armuth gekettet ſind, zur Geduld, zur Ordnung, zur Rechtſchaffenheit? Nein. Seltſames, ſchauerliches Symbol! Man ſtellt die Gerechtigkeit blind dar, in der einen Hand mit dem Schwerte zum Strafen, in der andern mit der Wage, in welcher die Anklage und die Ver⸗ theidigung abgewogen werden. Das iſt nicht das Bild der Gerechtigkeit, ſondern das Bild des Geſetzes oder vielmehr des Menſchen, der nach ſeinem Gewiſ⸗ ſen verurtheilt oder freiſpricht. Die Gerechtigkeit ſollte in der einen Hand ein Schwert, in der andern eine Krone halten, das erſtere, um die Böſen zu ſtrafen, die zweite, um die Guten zu belohnen. Das Volk würde dann ſehen, daß es, wie das Böſe eine ſchreckliche Strafe findet, für das Gute glänzende Trinmphe giebt, 104 während es jetzt nach ſeinem natürlichen, unverbildeten, geſunden Verſtande vergeblich einen Gegenſatz zu den Gerichtshöfen, den Ge⸗ fängniſſen, den Zuchthäuſern und den Schaffotten ſucht. Das Volk ſieht recht wohl eine Strafjuſtiz, gehandhabt von feſten, redlichen, aufgeklärten Männern, die ſich immer beſtre⸗ ben, die Verbrecher ausfindig zu machen und zu ſtrafen, aber es ſieht keine Lohnjuſtiz *), die von feſten, redlichen, aufgeklärten Männern gehandhabt würde, welche ſich unabläſſig bemühen, brave, redliche Menſchen ausfindig zu machen und zu belohnen. Alles ſpricht zu ihm: Zittere! Nichts ſagt: Hoffe! Alles droht, nichts tröſtet. Der Staat wendet jährlich viele Millionen zur unfruchtbaren Beſtrafung der Verbrechen auf. Mit dieſer ungeheuern Summe unterhält er Gefangenwärter, Gefängnißaufſeher, Zuchthausknechte, Schaffotte und Henker. *) Einige Tage nachdem wir dieſe Zeilen niedergeſchrieben hatten, laſen wir wieder einmal „Die Denkwürdigkeiten von St. Helena“, jenes unſterbliche Buch, das wir für eine großar⸗ tige Abhandlung über praktiſche Philoſophie halten, und fanden darin eine Stelle, die uns bis dahin entgangen war: „Einer meiner Träume (der Kaiſer ſpricht), nachdem vie großen Kriegsereigniſſe beendigt und wir uns wieder dem Innern zugewendet, würde der geweſen ſein, ein Dutzend wahrhaft gute Menſchenfreunde, jene rechtlichen Leute aufzufinden, die nur für das Gute leben; ich hätte ſie in dem Reiche vertheilt, das ſie insge⸗ heim hätten durchreiſen müſſen, um an mich ſelbſt zu berichten; ſie würden die Spione der Tugend geweſen ſein. Meine Hauptbeſchäftigung, ſobald ich völlig zur Ruhe gekommen, würde darin beſtanden haben, durch meine Macht gründlich den Zuſtand der ganzen Geſellſchaft zu verbeſſern ꝛc.“ (Memorial, V. pag. 109. Ausgabe von 1824.) 105 Es iſt dies nothwendig, ich gebe es zu; aber wie viel wen⸗ det der Staat auf die ſo heilſame, ſo fruchtbringende Belohnung der Guten? Nichts. Noch nicht genug. Wie viele Handwerker von untadeliger Rechtſchaffenheit wür⸗ den, wie wir zeigen werden, wenn wir im Verlaufe dieſer Erzäh⸗ lung zu den Männergefängniſſen gelangen, ihre höchſten Wünſche befriedigt ſehen, wenn ſie die Gewißheit hätten, die materielle Lage der Gefangenen zu erhalten, immer einer guten Koſt, eines guten Bettes und einer guten Wohnung ſicher zu ſein! Und haben ſie nicht das Recht, im Namen ihrer Würde als ſchwergeprüfte ehrliche Leute, wenigſtens dieſelbe Behaglichkeit zu verlangen wie die Verbrecher, nachdem ſie, wie der Steinſchneider Morel, zwanzig Jahre lang arbeitſam, rechtſchaffen und in gedul⸗ diger Ergebung unter Verſuchungen aller Art und in Armuth ge⸗ lebt haben? Haben ſie ſich um die Geſellſchaft nicht ſo wohl verdient ge⸗ macht, daß man ſich die Mühe geben ſollte, ſie aufzuſuchen und ſie, wenn auch nicht zu belohnen, ſo doch wenigſtens auf dem mühſeligen und beſchwerlichen Wege aufrecht zu erhalten, den ſie muthig wandeln? Verbirgt ſich der ausgezeichnet rechtliche Mann, wie beſcheiden er auch ſein möge, mehr als der Dieb und Mörder? Und werden dieſe durch die Strafjuſtiz nicht immer entdeckt? Ach, es iſt dies ein Utopien, aber es hat etwas Tröſtendes. Man denke ſich eine Geſellſchaft, die ſo eingerichtet wäre, daß ſie Aſſiſen für die Tugend hätte, wie ſie Aſſiſen für das Ver⸗ brechen hat, und ein öffentliches Miniſterium, welches die guten — 106 Thaten ermittelte und ſie dem Danke Aller bezeichnete, wie man jetzt die Verbrechen der Strafe des Geſetzes bezeichnet. Hier zwei Beiſpiele, eine zwiefache Juſtiz. Man ſage, welche fruchtbringender an guten Lehren, an Folgen, an poſitiven Reſul⸗ taten iſt. Ein Mann hat einen andern erſchlagen, um ihn zu beſtehlen; mit Tagesanbruch baut man im Stillen die Guillotine in einem öden Winkel von Paris auf und ſchlägt dem Mörder den Kopf ab in Gegenwart der Hefe des Volks, das über den Richter, über den armen Sünder und über den Henker lacht. Das iſt das letzte Wort der Geſellſchaft. Wir haben da das größte Verbrechen, welches gegen ſie be⸗ gangen werden kann, die größte Strafe, die ſchrecklichſte, die heil⸗ ſamſte Lehre, die man dem Volke geben kann, — die einzige, denn nichts hält dieſem bluttriefenden Gerüſte die Wage, die Geſell⸗ ſchaft hat dieſem grauenhaften Schauſpiele kein erfreuliches, wohl⸗ thuendes entgegen zu ſtellen. Würde es nicht anders ſein, wenn das Volk faſt jeden Tag vor ſeinen Angen irgend eine hohe Tugend durch den Staat laut anerkannt und materiell belohnt ſähe? Würde es nicht unaufhörlich zum Guten ermuthigt werden, wenn es oft ein erhabenes, impoſantes, verehrtes Tribunal vor den Augen einer großen Menge einen armen rechtſchaffenen Hand⸗ werker berufen hörte, deſſen langes rechtſchaffenes Leben ni würde und zu dem man ſagte: „Sie haben zwanzig Jahre lang mehr als ein anderer gear⸗ „beitet, gelitten und muthig gegen das Unglück gekämpft; Ihre „Familie iſt von Ihnen in den Grundſätzen der Ehre und Moral „erzogen worden, ſeltenen Tugenden haben Sie ausgezeich⸗ 107 „net, darum ſollen Sie öffentlich gerühmt und belohnt werden. „Die aufmerkſame, gerechte und allmächtige Geſellſchaft vergißt „weder das Gute noch das Böſe. Sie vergilt jedem nach ſeinen „Werken. — Der Staat erkennt Ihnen einen Jahrgehalt zu, der „zur Beſtreitung Ihrer Bedürfniſſe hinreichen wird. Sie werden, „umgeben von der allgemeinen Achtung, ein Leben, das Allen zur „Lehre dienen muß, in Ruhe und frei von Sorgen beſchließen. „So werden ſtets diejenigen erhöhet, die, gleich Ihnen, viele Jahre „lang unerſchütterlich im Guten ausharrten. — Ihr Beiſpiel wird „Viele zur Nacheiferung anfeuern, und die Hoffnung die ſchwere „Laſt erleichtern, die ihnen das Schickſal während einer langen „Laufbahn auferlegt. Angetrieben durch eine heilſame Nacheife⸗ „rung, werden ſie muthig ausharren in der Erfüllung ſelbſt der „ſchwerſten Pflichten, um einſt unter Allen ausgezeichnet und be⸗ „lohnt zu werden gleich Ihnen. —“ Wir fragen, welches der beiden Siauyiele das des hinge⸗ richteten Mörders oder das des belohnten Tugendhelden, würde den heilſamſten, den fruchtbringendſten Eindruck auf das Volk machen? Ohne Zweifel werden ſich einige zartfühlende Gemüther ſchon durch den Gedanken an dieſe unedeln materiellen Belohnun⸗ gen verletzt fühlen, die man dem Aetheriſcheſten in der Welt, der Tugend, zuerkennen wollte; ſie werden Gründe mancherlei Art, die mehr oder minder philoſophiſch, platoniſch, thevlogiſch ſind, hauptſächlich aber ökonomiſche gegen eine ſolche Einrichtung auf⸗ findig machen, z. B. „Das Gute trägt den Lohn in ſich — „Die Tugend iſt etwas, deſſen Werth man nicht tariren kann — 108 „Die Zufriedenheit des Gewiſſens iſt der edelſte Lohn“ und endlich jenen ſiegreichen Einwurf, gegen den ſich nichts ſagen läßt: „Die ewige Seligkeit, welche die Gerechten in der andern Welt erwartet, muß vollkommen zur Ermun⸗ tetung für das Gute hinreichen.“ Wir haben dagegen nichts zu ſagen, als daß die Geſellſchaft bei der Einſchüchterung und Beſtrafung der Schuldigen ſich nicht blos auf das Strafgericht Gottes zu verlaſſen ſcheint, das dieſel⸗ ben doch gewiß in dem andern Leben erreichen wird. Die Geſellſchaft greift dem jüngſten Gerichte durch menſch⸗ liche Gerichtsſprüche vor. Sie begnügt ſich, bis die Zeit der Erzengel mit den ſchmet⸗ ternden Poſaunen und den flammenden Schwertern kommt, beſchei⸗ den mit — Gensd'armen. Wir wiederholen es: Man reducirt die anticipirten Wirkungen des göttlichen Zor⸗ nes auf menſchliche, greifbare, ſichtbare Verhältniſſe, um die Bö⸗ ſen zu ſchrecken; warum will man nicht auch in Bezug auf die göttliche Belohnung der Guten in ähnlicher Weiſe verfahren? Doch — vergeſſen wir dieſes abſurde, thörichte Utopien, das in der Wirklichkeit nicht beſtehen kann, wie man ſagt. Die Ge⸗ ſellſchaft iſt gut ſo wie ſie iſt!! Man frage nur die, welche mit unſichern Beinen, mit gläſernen Augen, unter lautem Gelächter von einem luſtigen Gelage kommen. LXXXXVI. Die Velchützerin. — ie Aufſeherin erſchien bald mit der Nachtigall in dem kleinen Saale, in welchem ſich die Marquiſe von Harville befand. Das bleiche Geſicht des jungen Mädchens hatte ſich durch das lebhafte Geſpräch mit der Wölfin leicht geröthet. „Die Frau Marquiſe“, ſagte Madame Armand zu Marien⸗ Blume, „wünſcht in Folge des guten Zeugniſſes, das ich Ihnen gegeben habe, Sie zu ſehen, und wird vielleicht die Gewogenheit haben, Sie vor Ablauf Ihrer Strafzeit aus dem Gefängniſſe zu bringen.“ „Ich danke Ihnen, Madame,“ antwortete Marien-Blume ſchüchtern der Aufſeherin, die ſie mit der Marquiſe allein ließ. Clemence mußte bei dem Anblicke der Geſichtszüge ihres Schützlings und der graziöſen, beſcheidenen Haltung derſelben un⸗ willkührlich daran denken, daß die Nachtigall im Schlafe den Na⸗ men Rudolph ausgeſprochen hatte, und daß die Aufſeherin glaubte, die arme Gefangene hege eine ſtille leidenſchaftliche Liebe. Ob ſie gleich vollkommen überzeugt war, daß von dem Groß⸗ herzoge Rudolph die Rede nicht ſein könnte, ſo erkannte Clemence 11⁰ doch an, daß die Nachtigall ihrer Schönheit nach wohl der Liebe eines Fürſten würdig ſei. Marien-Blume fuühlte ſich ihrerſeits nach dem erſten Blicke auf ihre Beſchützerin, deren Geſicht, wie wir bereits erwähnt ha⸗ ben, die rührendſte Herzensgüte ausdrückte, unwiderſtehlich zu der⸗ ſelben hingezogen. „Mein Kind,“ ſagte Clemence zu ihr, „Madame Armand rühmt allerdings Deinen ſanften Charakter und Dein untadelhaf⸗ tes Betragen, aber ſie beklagt ſich darüber, daß Du ihr ſo wenig Vertrauen ſchenkſt.“ Marien⸗Blume ließ das Köpfchen ſinken und antwortete nicht. „Der Anzug eines Bauernmädchens, den Du trugſt, als Du verhaftet wurdeſt, und Dein hartnäckiges Schweigen über den Ort, wo Du Dich aufhielteſt, bevor Du hieher kamſt, beweiſen, daß Du gewiſſe Umſtände verſchweigſt —“ „Madame —“ „Ich habe keinen gerechten Anſpruch auf Dein Vertrauen, armes Kind, und möchte Dir keine zudringliche Frage vorlegen, aber man verſichert mich, daß man mir mein Geſuch bewilligen würde, wenn ich mich für Deine Freilaſſung verwendete. Ehe ich dies thue, möchte ich mit Dir über Deine Pläne und Hülfsmittel für die Zufunft ſprechen. — Was würdeſt Du beginnen, wenn Du frei gelaſſen wäreſt? Biſt Du, wie ich nicht zweifle, entſchloſſen, auf dem guten Wege fortzuwandeln, den Du betreten haſt, ſo ſchenke mir volles Vertrauen, und ich werde Dich in den Stand ſetzen, Deinen Unterhalt auf ehrenvolle Weiſe zu verdienen — Die Theilnahme der Frau von Harville rührte die Nachtigall bis zu Thränen. Nach einigem Zögern antwortete ſie: 111 „Sie zeigen ſich ſo wohlwollend, ſo edelmüthig gegen mich, daß ich vielleicht das Schweigen über die Vergangenheit brechen muß, welches mir — ein Eid zur Pflicht machte.“ „Ein Eid?“ „Ja, ich habe geſchworen, gegen die Juſtiz und die bei die⸗ ſem Gefängniß angeſtellten Perſonen zu verſchweigen, durch welche Ereigniſſe ich hieher gekommen bin; — wenn Sie mir aber ein Verſprechen geben wollen —“ „Welches?“ „Mein Geheimuiß zu bewahren, ſo könnte ich vielleicht durch Ihre Vermittelung, ohne gegen meinen Schwur zu handeln, achtbare Perſonen beruhigen, die ohne Zweifel meinetwegen ſehr beſorgt ſind.“ „Rechne auf meine Verſchwiegenheit; ich werde nur ſagen, was Du mir zu ſagen geſtatteſt —“ „O, ich danke Ihnen, Madame! Ich fürchtete ſo ſehr, mein Schweigen könnte meinem Wohlthäter als Undankbarkeit erſcheinen.“ Der ſanfte liebliche Ton der Stimme und die faſt gewählte Sprache der Nachtigall verſetzten die Frau von Harville von Neuem in Staunen. „Ich verheimliche Dir nicht“, ſagte ſie zu ihr, „daß Deine Haltung, Deine Worte, alles mich im höchſten Grade in Erſtau⸗ nen ſetzt. Wie konnteſt Du bei Deiner, wie es ſcheint, ausgezeich⸗ neten Erziehung —“ „So tief fallen, nicht wahr?“ unterbrach die Nachtigall die Marquiſe bitter. Leider habe ich dieſe Bildung erſt kürzlich erhal⸗ ten. Ich verdanke dieſe Wohlthat einem edeln Beſchützer, der ſich meiner erbarmte, wie Sie, ohne mich zu kennen, ſogar ohne die 112 günſtigen Zeugniſſe zu haben, die man Ihnen über mich gegeben hat —“ „Und wer, was iſt dieſer Beſchützer?“ „Das weiß ich nicht.“ „Du weißt es nicht?“ „Er giebt ſich, wie man ſagt, nur durch ſeine unerſchöpfliche Güte zu erkennen; ich kam, Gott ſei Dank, ihm in den Weg —“ „Wo trafſt Du ihn?“ „In der Cité“, ſprach die Nachtigall mit niedergeſchlagenen Augen, „wollte mich einſt in der Nacht ein Mann ſchlagen, und dieſer unbekannte Wohlthäter vertheidigte mich muthig. So lernte ich ihn kennen.“ „Er war ein Mann aus — dem Volke?“ „Als ich ihn das erſtemal ſah, war er ſo gekleidet, auch ſprach er ſo, aber ſpäter —“ „Später?“ „Die Art, wie er mit mir ſprach, die tiefe Ehrfurcht, mit der ihn diejenigen behandelten, welchen er mich anvertraute, alles beweiſt mir, daß er ſich nur ſo gekleidet hatte wie die Leute, welche ſich in der Cité aufhalten —“ „Aber zu welchem Zwecke?“ „Ich weiß es nicht.“ „Kennſt Du den Namen dieſes geheimnißvollen Beſchützers 2 „Ja, Madame“, antwortete die Nachtigall mit Begeiſterung, „Gott ſei Dank, ich kann unabläſſig dieſen Namen ſegnen und anbeten. Mein Retter heißt Herr Rudolph —“ Clemence wurde purpurroth. „Hat er keinen andern Namen?“ fragte ſie die Nachtigall ſchnell. 113 „Ich weiß es nicht. In der Meierei, in die er mich ge⸗ bracht hatte, kannte man ihn nur unter dem Namen: Herr Ru⸗ dolph.“ „Sein Alter?“ „Er iſt noch jung —“ „Und ſchön?“ „Ach ja, ſchön, edel, wie ſein Herz —“ Der leidenſchaftliche Ton der Dankbarkeit, in welchem Marien⸗ Blume dieſe Worte ſprach, machte einen ſchmerzlichen Eindruck auf die Frau von Harville. Eine unabweisliche, unerklärliche Ahnung ſagte ihr, dieſer Rudolph ſei der Fürſt. Die Bemerfungen der Aufſeherin waren richtig, dachte Cle⸗ mence. — Die Nachtigall liebt Rudolph; ſein Name war es, den ſie im Traume ausſprach. „Unter welchen ſeltſamen Umſtänden waren der Fürſt und dieſe Unglückliche zuſammengetroffen?“ „Warum war Rudolph verkleidet in die Cité gegangen?“ Die Marquiſe vermochte dieſe Fragen nicht zu beantworten. Sie erinnerte ſich nur deſſen, was ihr Sarah ſonſt böswillig von den angeblichen Seltſamkeiten und ungewöhnlichen Liebeshändeln Rudolphs erzählt hatte. War es nicht merkwürdig, daß er die⸗ ſes Mädchen von ſeltener Schönheit und ungewöhnlichem Verſtande aus dem Schmutze herausgeriſſen hatte? Clemence beſaß edle Eigenſchaften, aber ſie war ein Weib und liebte Rudolph leidenſchaftlich, ob ſie gleich eutſchloſſen war, dieſes Geheimniß tief im Herzen zu begraben. Ohne zu bedenken, daß hier wahrſcheinlich nur eine der edel⸗ müthigen Handlungen vorlag, welche der Fürſt im Stillen zu ver⸗ Die Geheimniſſe von Paris. V. 8 114 richten pflegte; ohne zu bedenken, daß ſie vielleicht ein Gefühl be⸗ geiſterter Dankbarkeit mit der Liebe verwechſelte; ohne zu beden⸗ ken, daß dieſes Gefühl, auch wenn es noch inniger geweſen, Ru⸗ dolph unbekannt ſein konnte, konnte die Marquiſe nicht umhin, im erſten Augenblicke die Nachtigall als Nebenbuhlerin anzuſehen Ihr Stolz empörte ſich, als ſie anerkennen mußte, daß ſie er⸗ röthet ſei, daß ſie Schmerz empfinde über eine ſo gemeine Neben⸗ buhlerſchaft. Sie fuhr deshalb in hartem Tone fort, der grell von dem liebevollen Wohlwollen ihrer erſten Worte abſtach: „Und warum läßt Sie, Mademviſelle, Ihr Beſchützer im Ge⸗ fängniß? Wie ſind Sie hierher gekommen?“ „Mein Gott, Madame,“ ſprach Marien⸗Blume, welcher die⸗ ſer plötzliche Tonwechſel auffiel, „habe ich Ihnen in etwas miß⸗ fallen?“ „Worin können Sie mir mißfallen haben?“ fragte die Frau von Harville ſtolz. „Es kommt mir vor, als hätten Sie — noch eben — güti⸗ ger zu mir geredet —“ „Soll ich alle meine Worte abwägen, Mademoiſelle? — Da ich mich für Sie intereſſtre, ſo habe ich wohl das Recht, Ihnen gewiſſe Fragen vorzulegen —“ Clemence hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als ſie aus mehrern Gründen die Härte derſelben bereute, erſtlich, weil ihr Edelmuth wieder die Oberhand erlangte, und dann weil ſie dachte, ſie würde, wenn ſie ihre Nebenbuhlerin barſch behandle, das nicht erfahren, was ſie zu wiſſen wünſchte. Das noch eben ſo offene und vertrauensvolle Geſicht der Nach⸗ tigall wurde wirklich plötzlich ſchüchtern. Wie die Sinnpflanze 115 bei der erſten Betaſtung ihre zarten Blätter zuſammenzieht, ſo zog ſich das Herz der Marien⸗Blume ſchmerzlich zuſammen. Clemence fuhr deshalb ſanft fort, um nicht den Argwohn ih⸗ res Schützlings zu erwecken: „Ich kann wirklich, ich wiederhole es, nicht begreifen, daß Sie hier gefangen gehalten werden, während Sie Ihren Wohl⸗ thäter ſo ſehr rühmen, und daß Sie, nachdem Sie aufrichtig ſich zum Guten gewendet, in der Nacht auf einer Promenade verhaftet werden konnten, die Ihnen unterſagt war. Alles dies kommt mir, ich geſtehe es, ſeltſam vor. Sie ſprachen von einem Eide, der Sie bis jetzt zum Schweigen genöthigt, — ſelbſt dieſer Eid iſt ſo räthſelhaft“ — „Ich habe die Wahrheit geſprochen.“ „Ich glaube es; — man braucht Sie nur anzuſehen, nur zu hören, um überzeugt zu ſein, daß Sie nicht lügen können; aber das Unbegreifliche in Ihrer Lage ſteigert und reizt meine Neugierde noch mehr, und blos dieſer müſſen Sie meine etwas lebhafte Worten zuſchreiben, die ich eben ſprach. — Ich geſtehe es gern, ich that Unrecht, denn obgleich ich kein ande⸗ res Recht auf Ihr Vertrauen habe als meinen lebhaften Wunſch, Ihnen nützlich zu werden, ſo erboten Sie ſich doch mir zu ſagen, was Sie Niemandem geſagt haben, und dieſer Beweis von Ihrem Glauben an meine Theilnahme rührt mich wirklich. Ich verſpreche Ihnen deshalb auch, nicht nur Ihr Geheimniß tren zu wahren, wenn Sie mir daſſelbe anvertrauen, ſondern auch alles zu thun, um den Zweck zu erreichen, nach dem Sie ſtreben.“ So bemühete ſich Clemence von Harville ihr Verſehen wie⸗ der gut zu machen, und ſie gewann dadurch auch wirklich das Ver⸗ trauen der Nachtigall von Neuem. Das Mädchen machte ſich ſo⸗ 8 116 gar in ihrer Ehrlichkeit Vorwürfe, die Worte, durch die ſie ſich verletzt gefühlt, falſch ausgelegt zu haben. „Verzeihen Sie mir, Madame,“ ſagte ſie zu Clemence, „ich that ohne Zweifel Unrecht, daß ich Ihnen nicht ſogleich ſagte, was Sie zu wiſſen wünſchten: aber Sie fragten mich nach dem Na⸗ men meines Retters, und ich konnte dem Glücke nicht widerſtehen, von ihm zu ſprechen.“ „Das beweiſt, mein Kind, wie dankbar Du ihm biſt. — Aber warum haſt Du die braven Leute verlaſſen, zu denen er Dich ohne Zweifel gebracht hat? Bezieht ſich darauf der Eid, den Du er⸗ wähnteſt?“ „Ja, aber durch Ihre Vermittelung glaube ich jetzt meine Wohlthäter über mein Verſchwinden beruhigen zu können, ohne mein gegebenes Wort zu brechen.“ „Erzähle armes Kind —“ „Vor ungefähr drei Monaten hatte mich Herr Rudolph in eine Meierei vier bis fünf Stunden von hier gebracht —“ „Er ſelbſt hat Dich dahin gebracht?“ „Ja. Er übergab mich einer Frau, die ſo gut wie ehrwür⸗ dig iſt und die ich bald liebte wie meine Mutter. Sie und der Pfarrer des Dorfes beſchäftigten ſich, auf die Empfehlung Rudolphs, mit meiner Erziehung — „Und Herr — Rudolph kam oft dahin?“ „Nein. — Er kam nur dreimal, während ich dort war —“ Clemence konnte eine freudige Bewegung nicht unterdrücken. „Sein Beſuch machte Dich wohl recht glücklich?“ „Ach ja, — es war für mich mehr als Glück, ein Gefühl von Dankbarkeit, Ehrfurcht, Bewunderung und ſelbſt von etwas Furcht —“ 117 „Von Furcht?“ „Ja, — Der Abſtand zwiſchen ihm und mir, zwiſchen ihm und den Andern iſt ſo groß.“ „Welchen Rang bekleidet er?“ „Ich weiß nicht, ob er einen Rang hat —“ „Du ſprichſt doch von dem Abſtande zwiſchen ihm und Andern?“ „Ja, die Hoheit ſeines Charakters, — ſeine unerſchöpfliche Freigebigkeit gegen die Leidenden und der Enthuſiasmus, den er Allen einflößt, ſtellen ihn über Jedermann. — Selbſt die Böſen können ſeinen Namen nicht hören, ohne zu zittern, — ſie achten ihn faſt ſo ſehr, wie ſie ihn fürchten. — Aber verzeihen Sie, daß ich wieder von ihm ſpreche, — ich muß ſchweigen, denn ich werde Ihnen doch nur eine unvollſtändige Vorſtellung von dem geben, den man nur ſchweigend verehren kann. — Es iſt eben ſo, als wenn man die Größe Gottes durch Worte ausdrücken wollte —“ „Dieſer Vergleich — „Iſt vielleicht eine Gottesläſterung; aber beleidigt man Gott, wenn man mit ihm den vergleicht, welcher mich das Gute und Böſe unterſcheiden lehrte und mich aus dem Verderben zog, dem ich ein neues Leben verdanke?“ „Ich tadle Dich nicht, mein Kind, ich verſtehe und begreife Deine edlen Uebertreibungen. Aber warum haſt Du das Landgut verlaſſen, wo Du Dich ſo glücklich fühlen mußteſt?“ „Ach, es geſchah nicht freiwillig.“ „Wer zwang Dich dazu?“ „Eines Abends ging ich — vor einigen Lngew⸗ ſagte Ma⸗ rien⸗Blume noch zitternd, „in das Pfarrhaus des Dorfes, als eine böſe Frau, die mich in meiner Kindheit gepeinigt hatte, und ein 118 Mann, ihr Mitſchuldiger, der mit ihr in dem Hohlwege im Hin⸗ terhalte lag, über mich herfielen, mich knebelten und in einen Fiaere trugen.“ „— Zu welchem Zwecke?“ „Das weiß ich nicht. Meine Entführer gehorchten, glaube ich, mächtigen Perſonen.“ „Und welche Folgen hatte dieſer Raub?“ „Kaum hatte ſich der Wagen in Bewegung geſetzt, als die böſe Frau, welche „die Eule“ heißt, ausrief: „Ich habe da mein Vitriolöl und will damit der Nachtigall das Geſicht reiben, um ſie zu entſtellen.“ „Entſetzlich! Unglückliches Kind! Und wer rettete Dich aus dieſer Gefahr?“ „Der Helfershelfer jener Frau, — ein Blinder, welcher „der Schulmeiſter“ heißt. „Er vertheidigte Dich?“ „Ja, bei dieſer Gelegenheit und noch bei einer andern. Das erſtemal entſtand ein Kampf zwiſchen ihm und der Eule. Der Schulmeiſter gebrauchte ſeine Kraft und zwang ſie, die Flaſche mit dem Bitriolöl aus dem Wagen hinaus zu werfen. Das war der erſte Dienſt, den er mir leiſtete, nachdem er zu meiner Entführung mitgewirkt hatte. Die Nacht war ſehr dunkel. Nach etwa einer Stunde hielt der Wagen an, ich glaube auf der Straße, welche über die Ebene von St. Denis geht. Es wartete dort ein Mann zu Pferde. „Nun,“ ſagte er, „habt Ihr ſie endlich?“ — „Ja, wir haben ſie,“ antwortete die Eule, wüthend darüber, daß ſie ge⸗ hindert worden war, mich zu entſtellen. „Wenn Sie die Kleine aus dem Wege geräumt wiſſen wollen, ſo weiß ich ein gutes Mit⸗ tel. Ich lege ſie hier auf der Straße an die Erde und laſſe ihr * . 119 die Wagenräder über den Kopf gehen. — Man wird dann glau⸗ ben, ſie ſei zufällig verunglückt.“ „Das iſt entſetzlich! „Ach, die Eule war im Stande das zu thun, was ſie ſagte. Zum Glück antwortete der Mann zu Pferde, er wünſche nicht, daß man mir etwas zu Leide thue, man brauche mich nur zwei Mo⸗ nate lang an einem Orte eingeſperrt zu halten, den ich nicht ver⸗ laſſen und von dem aus ich an Niemand ſchreiben könnte. Da ſchlug die Eule vor, mich zu einem gewiſſen Roth-Arm zu brin⸗ gen, der ein Wirthshaus in den elyſäiſchen Feldern hat. In die⸗ ſem Wirthshaus gäbe es mehrere unterirdiſche Gemächer; eines davon, ſagte die Eule, könnte als Gefängniß für mich gebraucht werden. Der Mann zu Pferde nahm dieſen Vorſchlag an und verſprach mir dann, es würde mir, nachdem ich zwei Monate ge⸗ blieben, ein Schickſal geſichert werden, über welchem ich das Land⸗ gut Bonqueval vergeſſen könnte.“ „Welches ſeltſame Geheimniß!“ „Der Mann gab der Eule Geld und verſprach noch mehr, wenn man mich von Roth⸗Arm abholen würde; dann ritt er ſchnell davon. Unſer Fiaere fuhr nach Paris zu. Kurz vorher, ehe wir an die Barriere gelangten, ſagte der Schulmeiſter zu der Eule: „Du willſt die Nachtigall in einen Keller Roth⸗Arms einſperren; weißt Du, daß dieſe Keller, die ſo nahe an der Seine ſind, im „Winter ſich mit Waſſer anfüllen? — Willſt Du ſie erſäufen?“ „—„Ja,“ antwortete die Eule. „Aber, mein Gott, was hatteſt Du dieſer ſchrecklichen Frau gethan?“ „Nichts, Madame, und doch iſt ſie von meiner Kindheit an immer ſo erbittert gegen mich geweſen.“ Der Schulmeiſter ant⸗ 120 wortete ihr: „Ich gebe es nicht zu, daß die Nachtigall erſäuft „werde; ſie wird nicht zu Roth⸗Arm gebracht.“ Die Eule ver⸗ wunderte ſich darüber eben ſo ſehr wie ich, wie ſie den Mann mich ſo vertheidigen hörte. Sie gerieth in ſchrecklichen Zorn und ſchwur, ſie würde mich, dem Schulmeiſter zum Trotze, zu Roth⸗Arm brin⸗ gen. „Ich trotze Dir,“ ſagte er, „denn ich halte die Nachtigall am „Arm und laſſe ſie nicht los. Wenn Du ihr zu nahe kommſt, er⸗ „würge ich Dich.“ — „Aber was ſoll mit ihr geſchehen?“ fragte die Eule, „da ſie auf zwei Monate verſchwinden muß, ohne daß man „weiß, wo ſie iſt?“ — „Es giebt ein Mittel,“ antwortete der Schulmeiſter, „wir gehen in die elyſäiſchen Felder und laſſen den „Fiaere in einiger Entfernung von einem Wachthauſe halten; Du „gehſt zu Roth⸗Arm; es iſt Mitternacht, Du wirſt ihn finden und „bringſt ihn hierher. Er nimmt das Mädchen mit ſich und führt „ſie zu dem Wachtpoſten, wo er ſagt, ſie ſei ein Mädchen aus der „Cité, die um ſein Wirthshaus herumgeſchlichen. Da die Mäd⸗ „chen auf drei Monat in das Gefängniß kommen, wenn man ſie in „den elyſäiſchen Feldern ertappt, und die Nachtigall bei der Polizei „noch eingeſchrieben iſt, ſo wird man ſie feſtnehmen und nach St. „Lazarus bringen, wo ſie ſo gut bewacht und ſo verborgen ſein „wird, wie in dem Keller Roth⸗Arms.“ — „Aber,“ entgegnete die Eule, „die Nachtigall wird ſich nicht verhaften laſſen. Iſt ſie in „dem Wachthauſe, ſo wird ſie erzählen, daß wir ſie geraubt hät⸗ „ten, und uns anzeigen. Aber auch angenommen, ſie käme in das „Gefängniß, ſo wird ſie an ihre Beſchützer ſchreiben und alles an „den Tag bringen.“ — „Nein, ſie wird freiwillig in das Gefäng⸗ „niß gehen,“ antwortete der Schulmeiſter, „und ſchwören, uns ge⸗ „gen Niemanden zu nennen, weder ſo lange ſie in St. Lazarus „iſt, noch ſpäter; ſie iſt mir dies ſchuldig, denn ich habe Dich ge— 121 „hindert, daß Du ihr Geſichtchen entſtellteſt, Eule, und bei Roth⸗ „Arm erſäufteſt; hätte ſie, nachdem ſie geſchworen, nichts zu ſa⸗ „gen, das Unglück, doch etwas auszuplandern, ſo brennen wir „Bouqueval nieder und ermorden alles dort.“ Dann wendete er ſich an mich und ſagte: „Entſchließe Dich, ſchwöre was ich ver⸗ „lange, und Du wirſt mit dreimonatlichem Gefängniſſe davon „kommen; wenn nicht, ſo überlaſſe ich Dich der Eule, die Dich „in den Keller Roth⸗Arms führt, wo Du ertrinken wirſt. Ent⸗ „ſchließe Dich. — Ich weiß, wenn Du ſchwörſt, hältſt Du es „auch.“ „Und Du haſt geſchworen?“ „Ach ja, ich fürchtete eben ſo ſehr, durch die Eule entſtellt, wie durch ſie in einem Keller erſäuft zu werden. Das kam mir fürchterlich vor. — Ein andrer Tod würde mir minder ſchrecklich geweſen ſein, und ich hätte vielleicht nicht geſucht, ihm zu ent⸗ gehen —“ „Welche traurigen Gedanken in Deinem Alter!“ ſprach die Frau von Harville, indem ſie die Nachtigall verwundert anſah. „Wirſt Du nicht glucklich ſein, wenn Du, von hier entlaſſen, Dei⸗ nen Wohlthätern übergeben biſt? — Hat nicht Deine Reue Deine frühere Schuld getilgt?“ „Kann die Vergangenheit getilgt werden? Läßt ſich die Ver⸗ gangenheit vergeſſen? Tödtet die Reue die Erinnerung?“ ſprach Marien⸗Blume in ſo verzweiflungsvollem Tone, daß Clemence zitterte. „Aber alle Vergehen werden vergeben, unglückliches Kind.“ „Wird die Erinnerung an die Sünde nicht immer ſchrecklicher, jemehr die Seele ſich reinigt, jemehr der Geiſt ſich erhebt? Ach, 122 je höher man ſteigt, um ſo tiefer erſcheint der Abgrund, aus dem man emporgeſtiegen iſt — „Du giebſt alſo alle Hoffnung auf Vergebung auf? „Von Seiten der Andern — nein. Ihre Güte beweiſt mir, daß der Reue nie die Nachſicht fehlt.“ „Du allein alſo willſt unbarmherzig gegen Dich ſein?“ „Andere werden vergeſſen und verzeihen können, was ich war. — Ich, Madame, vermag es nie zu vergeſſen —“ „Du wünſcheſt alſo bisweilen zu ſterben?“ „Bisweilen!“ ſprach die Nachtigall mit bitterm Lächeln. Dann fuhr ſie nach kurzer Pauſe fort: „bisweilen, ja —“ „Und doch fürchteteſt Du, durch jene ſchreckliche Frau entſtellt zu werden, und hielteſt auf Deine Schonheit, arme Kleine? Das beweiſt, daß das Leben noch einigen Reiz für Dich hat. Faſſe alſo Muth!“ „Es iſt vielleicht eine Schwäche, ſo zu denken, — aber wenn ich ſchön wäre, wie Sie ſagen, ſo möchte ich ſchön ſterben und im Sterben den Namen meines Wohlthäters ausſprechen —“ Die Augen der Frau von Harvville füllten ſich mit Thränen. Marien-Blume hatte dieſe letztern Worte ſo einfach geſpro⸗ chen; ihre engelgleichen ſchmerzlichen Züge und ihr trauriges Lä⸗ cheln paßten ſo gut zu ihren Worten, daß man an der Wirklich⸗ keit dieſes ſchrecklichen Wunſches nicht zweifeln konnte. Die Frau von Harville beſaß zu viel Zartgefühl, um das Schreckliche in dem Gedanfen der Nachtigall nicht nachzuempfin⸗ den: „ich werde nie vergeſſen, was ich geweſen bin“ — die fire Idee, welche Marien-Blume unabläſſig beherrſchen und quälen ſollte. Clemence ſchämte ſich, einen Angenblick den immer ſo unei⸗ 123 gennützigen Edelmuth des Fürſten verkannt zu haben, und be⸗ dauerte, daß ſie ſich zu einer Regung thörichter Eiferſucht gegen die Nachtigall hatte hinreißen laſſen, welche ihre Dankbarkeit ge⸗ gen ihre Beſchützerin ſo begeiſtert ausſprach. Merkwürdiger Weiſe erhöhete die Bewunderung, welche die arme Gefangene ſo lebhaft gegen Rudolph äußerte, die große Liebe vielleicht noch mehr, die Clemence gegen ihn immer verheimlichen ſollte. Um dieſen Gedanken zu entfliehen, ſprach ſie: „Ich hoffe, daß Du in Zukunft minder ſtreng gegen Dich ſelbſt ſein wirſt. — Aber wir wollen jetzt von Deinem Schwure ſprechen; ich erkläre mir nun Dein Schweigen — Du wollteſt die Elenden nicht anklagen —“ „Obgleich der Schulmeiſter an meiner Entführung Antheil genommen, hatte er mich doch zweimal vertheidigt, — und ich hätte gefürchtet, undankbar zu ſein —“ „Du gingſt alſo in den Plan dieſer Unmenſchen ein?“ „Ja, — ich war ſo erſchrocken. Die Eule holte Roth⸗Arm; er führte mich in die Hauptwache und ſagte, ich hätte mich an ſeinem Hauſe herumgetrieben. Man verhaftete mich und brachte mich hierher —“ „Ihre Freunde auf dem Landgute mußten in der ſchrecklich⸗ ſten Angſt ſein!“ „Ach, in meinem erſten Schrecken hatte ich nicht bedacht, daß mein Schwur mich hindern würde, ſie zu beruhigen. Das macht mich jetzt ſo ſehr betrübt, aber — nicht wahr, ich kann, ohne meinen Schwur zu brechen, Sie bitten, an Madame Geor⸗ ges in Bonqueval zu ſchreiben, ſie möge um mich unbeſorgt ſein? Freilich dürfen Sie nicht ſagen, wo ich bin, denn ich habe ver⸗ ſprochen, dies zu verſchweigen.“ 124 „Mein Kind, dieſe Vorſicht wird unnöthig werden, wenn man Dich auf meine Empfehlung begnadigt. Morgen ſchon ſollſt Du nach Bouqueval zurückkehren, ohne Deinen Schwur gebrochen zu haben. Dann beräthſt Du Dich mit Deinen Wohlthätern, in wie weit Dich der Schwur bindet, zu dem Du gezwungen wurdeſt.“ „Sie glauben, daß ich hoffen dürfte, durch Ihre Güte dieſen Ort bald zu verlaſſen?“ „Du verdienſt ſo viel Theilnahme, daß mir es ſicherlich ge⸗ lingen wird, und ich zweifele nicht, daß Du übermorgen Deine Wohlthäter ſelbſt wirſt beruhigen können —“ „Mein Gott, wodurch konnte ich ſo viel Güte verdienen? Wie kann ich dafür dankbar genug ſein?“ „Wenn Du fortfährſt, Dich ſo zu betragen, wie jetzt. — Ich bedaure nur, nichts für Deine Zukunft thun zu können, da dieſes Glück Deine Freunde ſich vorbehalten haben —“ In dieſem Augenblick trat Madame Armand beſtürzt herein. „Frau Marquiſe,“ ſagte ſie zögernd zu Clemence, „es thut mir leid, Ihnen eine ſolche Nachricht bringen zu müſſen —“ „Was iſt geſchehen?“ „Der Herr Herzog von Lucenay iſt unten, — er kommt von Ihnen —“ „Mein Gott! Sie erſchrecken mich. Was iſt geſchehen?“ „Ich weiß es nicht, aber der Herr Herzog überbringt Ihnen, wie er ſagt, eine eben ſo traurige wie unvorhergeſehene Nachricht. — Er erfuhr bei ſeiner Gemahlin, der Herzogin, daß Sie hier wären, und eilte ſogleich hierher —“ „Eine traurige Nachricht!“ dachte Frau von Harville. Dann rief ſie plötzlich in herzzerreißendem Tone: „meine Tochter! meine Tochter — vielleicht — ach, reden Sie, Madame!“ — — „Ich weiß von nichts —“ „Ach, um der Barmherzigkeit willen, führen Sie mich zu Lu⸗ cenay!“ rief Frau von Harville, indem ſie weinend mit Madame Armand hinausging. „Arme Mutter!“ ſprach die Nachtigall, indem ſie Clemenre nachſah . . . „Aber nein — es iſt unmöglich —; in dem Angen⸗ blicke, da ſie ſich ſo wohlwollend gegen mich zeigte, ſollte ſie ein ſolcher Schlag treffen? Nein, nein, noch einmal, es iſt nicht möglich.“ — e— LXXXXVM. Autgedrungene Freundſchaft. ir führen den Leſer in das Haus in der Rue du Temple an dem Tage, wo ſich Herr von Harville gegen drei Uhr Nach⸗ mittags erſchoſſen hatte. Pipelet, der unermüdliche und gewiſſenhafte Arbeiter, war al⸗ lein in ſeiner Stube und beſchäftigte ſich mit der Reſtauration ei⸗ nes Stiefels, der ſeit dem letzten kühnen Eindringen Cabrions mehr als einmal ſeinen Händen entfallen war. Der Ausdruck des Geſichts des keuſchen Portiers war ein noch weit melancholiſcherer als gewöhnlich. Wie ein Soldat in der Scham über ſeine Niederlage traurig mit der Hand über die Narben ſeiner Wunden ſtreicht, ſo ſeufzte Pipelet oft und tief, unterbrach ſeine Arbeit und fuhr mit dem zitternden Finger über den Querbruch, den ſein altehrwürdiger Hut unter der frechen Hand Cabrions erlitten hatte. Aller Verdruß, alle Beſorgniſſe und alle Befürchtungen Al⸗ freds erwachten bei dem Gedanken an die unbegreiflichen und un⸗ abläſſigen Verfolgungen jenes Menſchen. 127 Pipelet beſaß keinen ſehr umfaſſenden, keinen hohen Geiſt; eine Phantaſie gehörte weder zu den lebhafteſten noch zu den poetiſcheſten, aber er beſaß einen ſehr ſoliden und geſunden haus⸗ backenen Menſchenverſtand. Da er nun leider, der natürlichen Folge ſeines richtigen Ur⸗ theils nach, das excentriſche und thörichte Benehmen Cabrions nicht zu begreifen vermochte, ſo bemühte er ſich, verſtändige und mög⸗ liche Beweggründe für daſſelbe ausfindig zu machen, und legte ſich deshalb eine Menge unlöslicher Fragen vor. Er fühlte ſich, wie ein zweiter Pascal, bisweilen wirklich vom Schwindel ergriffen bei dieſem Beſtreben, den bodenloſen Abgrund zu ermeſſen, welchen die teufliſche Schlauheit des Malers vor ſei⸗ nen Füßen geöffnet hatte. Wie oftmals hatte er ſich genöthigt geſehen, ſich gleichſam in ſich ſelbſt zurückzuziehen, da ſeine Frau, die ſich ausſchließlich an die vorliegenden Thatſachen hielt und es verſchmähte, die Ur⸗ ſachen derſelben zu ermitteln, das unbegreifliche Benehmen Cabrions gegen Alfred grobſinnig blos als Poſſenmacherei anſehen wollte! Pipelet, ein ernſter, gravitätiſcher Mann, konnte eine ſolche Auslegung durchaus nicht zugeben; er ſeufzte über die Verblen⸗ dung ſeiner Frau, und ſeine Menſchen- und Manneswürde em⸗ pörte ſich bei dem Gedanken, das Spielwerk einer gemeinen Poſ⸗ ſenreißerei ſein zu können. Er war vielmehr feſt überzeugt, hinter dem unerhörten Benehmen Cabrions liege irgend ein ſchauerliches Complott verborgen. Um dieſes ſchwere Räthſel zu löſen, er⸗ ſchöpfte der Mann im Hute, wie bereits erwähnt, unabläſſig ſeine gewaltige Dialektik. „Lieber wollte ich meinen Kopf auf das Schaffot tragen,“ ſagte der ſtrenge Mann bei ſich, der allen Fragen, ſobald er ſie 128 berührte, eine großartige Ausdehnung gab, „lieber wollte ich mei⸗ nen Kopf auf das Schaffot tragen, als daß ich zugäbe, Cabrion habe es nur eines albernen Spaßes wegen auf mich abgeſehen; nur für die Galerie werden Poſſen getrieben. Nun hatte dieſe boshafte Creatur bei dem letzten Unternehmen keinen Zeugen; er handelte allein, im Dunkel, wie immer; er ſchlich ſich leiſe in mein einſames Stübchen, um ſeinen häßlichen Kuß auf meine ent⸗ würdigte Stirn zu drücken. Zu welchem Zwecke? Das möchte ich jeden unbetheiligten und unpartheiiſchen Menſchen fragen. Es war keine Prahlerei, denn Niemand ſah es; es war kein Vergnü⸗ gen, — dagegen ſprechen die Geſetze der Natur; es geſchah auch nicht aus Freundſchaft, — ich habe in der Welt nur einen Feind, und das iſt er. Es läßt ſich deshalb nicht abläugnen, daß da⸗ hinter ein Geheimniß ſtecke, welches mein Verſtand nicht zu er⸗ grübeln vermag. Wohin geht der finſtere teufliſche Plan, der ge⸗ wiß lange vorbereitet iſt und der mit erſchrecklicher Ausdauer ver⸗ folgt wird? Das kann ich nicht begreifen, ich befinde mich in der Unmöglichkeit, dieſen Schleier zu lüften, der mich noch umbringen wird.“ Das waren die peinlichen Gedanken Pipelets in dem Augen⸗ blicke, als wir ihn den Leſern vorführen. Der ehrliche Portier hatte ſelbſt ſeine immer blutenden Wun⸗ den wieder aufgeriſſen, indem er melancholiſch an den Bruch, an die Beule ſeines Hutes griff, als eine kreiſchende Stimme aus ei⸗ nem der obern Stockwerke die Worte herunterrief: „Schnell, ſchnell, Herr Pipelet, kommen Sie herauf! Schnell!“ „Dieſe Stimme kenne ich nicht“, ſagte Alfred, nachdem er einen Augenblick aufmerkſam gehorcht hatte. Dann ließ er ſeinen 129 Vorderarm, an dem er den auszubeſſernden Stiefel trug, auf die Kniee fallen. „Pipelet! Pipelet! kommen Sie doch ſchnell!“ wiederholte die Stimme in dringendem Tone. „Dioſes Organ iſt mir völlig fremd. — Es iſt ein männ⸗ liches; man ruft mich —, ſoweit bin ich meiner Sache gewiß. — Aber das iſt kein hinreichender Grund für mich, meine Stube zu verlaſſen, ſie allein zu laſſen in Abweſenheit meiner Frau. Nie,“ rief Alfred mit einem heldenmüthigen Entſchluſſe, „nie!“ „Herr Pipelet,“ rief die Stimme von neuem, „kommen Sie doch ſchnell — Frau Pipelet iſt krank —“ „Anaſtaſia?“ ſprach Alfred, indem er von ſeinem Schemel aufſtand. Aber in dem nächſten Augenblick ſank er wieder auf denſelben nieder und dachte bei ſich: „bin ich nicht ein Kind? Es iſt ja gar nicht möglich; meine Frau iſt vor einer Stunde ausgegangen .. . Aber könnte ſie nicht zurückgekommen ſein, ohne daß ich ſie bemerkte? Das wäre ſeltſam, — aber möglich iſt es, ja, möglich iſt es.“ „Herr Pipelet, kommen Sie doch, Ihre Frau liegt in meinen Armen.“ „Meine Frau in ſeinen Armen!“ wiederholte Pipelet, indem er wieder aufſprang. „Ich kann die Frau Pipelet nicht allein aufſchnüren!“ ſetzte die Stimme hinzu. Dieſe Worte machten einen wahrhaft zauberiſchen Eindruck auf Pipelet; er wurde kirſchbraun im Geſicht; ſein Keuſchheits⸗ gefühl war im höchſten Grade verletzt. „Das männliche unbekannte Organ ſpricht von dem Auf⸗ Die Geheimniſſe von Paris. V. 9 130⁰ ſchnüren Anaſtaſias?“ dachte er bei ſich; „dem widerſetze ich mich, das verbiete ich.“ Damit ſtürzte er aus der Stube hinaus, an der Schwelle aber blieb er wieder ſtehen. Pipelet befand ſich in einer jener entſetzlich kritiſchen und ungemein dramatiſchen Lagen, die oft von den Dichtern benutzt worden ſind. Auf der einen Seite hielt ihn die Pflicht in der Portierſtube zurück, und auf der andern rief ihn ſeine keuſche Em⸗ pfindlichkeit in die höhern Etagen des Hauſes hinauf. Während er ſo mit ſich kämpfte, wiederholte die Stimme: „Sie kommen nicht, Herr Pipelet? Deſto ſchlimmer; ich drücke die Augen zu und ſchneide das Schnürband entzwei.“ Dieſe Drohung beſtimmte Pipelet. „Herrrr!“ rief er mit furchterlicher Stimme, indem er aus ſeiner Stube hinausſtürzte. „Im Namen der Ehre beſchwöre ich Sie, nichts zu zerſchneiden und meine Frau unberührt zu laſſen. — Ich komme.“ Alfred eilte die dunkle Treppe hinauf und ließ in ſeiner Aufregung die Thüre ſeiner Stube offen ſtehen. Kaum hatte er dieſe verlaſſen, als plötzlich ein Mann hin⸗ eintrat. Er nahm den Hammer des Schuhflickers von dem Tiſche, ſprang auf das Bett und befeſtigte eine dicke Pappe, an deren ei⸗ nem Ende ſich bereits ein Nägelchen befand, an der Wand des dunklen Alkovens, worauf er ſich wieder entfernte. Dies geſchah ſo geſchwind, daß der Portier, welcher faſt in demſelben Augenblicke daran dachte, daß er die Thüre habe offen ſtehen laſſen, eilig wieder herunterkam, ſie verſchloß, den Schluͤſſel zu ſich nahm und wieder hinaufging, durchaus nicht ahnen konnte, es ſei Jemand in ſeiner Wohnung geweſen. Nach dieſer Vor⸗ 131 ſichtsmaßregel eilte Alfred von neuem ſeiner Anaſtaſia zu Hülfe und rief dabei aus Leibeskräften: „Herr, ſchneiden Sie nichts mehr entzwei, — ich komme, — da bin ich —“ Kaum hatte er von neuem die erſten Stufen der Treppe er⸗ ſtiegen, als er die Stimme Anaſtaſias, nicht in der obern Etage, ſondern in der Flur hörte. Dieſe Stimme, die gellender, kreiſchender war als je, rief: „Alfred, warum verläſſeſt Du die Stube? Wo biſt Du, alter Herumläufer?“ Pipelet hatte eben den erſten Treppenabſatz erreicht; er blieb wie verſteinert ſtehen, das Geſicht hinunter nach der Flur gewen⸗ det, mit offenem Munde, mit ſtierem Blick und auf einem Beine, wie eine Gans. „Alfred!“ rief Frau Pipelet von neuem. „Anaſtaſia iſt unten, — ſie iſt alſo nicht oben und keiner Gefahr ausgeſetzt?“ dachte Pipelet bei ſich. — „Aber — das männliche unbekaunte Organ, das mir drohte, ſie aufzuſchnüren? Wer iſt das? ein Lügner? Man treibt ein grauſames Spiel mit meiner Angſt? Welche Abſicht hat man dabei? — Dahinter ſteckt etwas. Indeß: Thue Deine Pflicht und komme dann was will. Nachdem ich meiner Frau geantwortet habe, werde ich wieder heraufgehen, um dieſes Geheimniß aufzuklären und den Unbekannten zu ermitteln.“ Pipelet ging ſehr bewegt hinunter und ſtand bald vor ſeiner Frau. „Du biſt es?!“ ſagte er zu ihr. „Nun ja, ich bin es, freilich. Wer ſollees ſonſt ſein?“ „Du biſt es, mein Auge täuſcht mich nicht.“ 9 „Machſt Du wieder einmal große Augen, als ob Du mich verſchlingen wollteſt?“ „Deine Anweſenheit hier ſagt mir, daß Dinge vorgehen, Dinge —“ „Was für Dinge? Gieb her den Stubenſchlüſſel; warum gehſt Du fort? Ich komme von dem Bureau der Poſten der Normandie, wohin ich im Fiaere den Koffer des Herrn Brada⸗ manti gebracht habe, der es nicht wiſſen laſſen will, daß er dieſen Abend abreiſt, und dem kleinen Lahmen nicht traut. Er hat auch ganz Recht.“ Die Frau Pipelet nahm bei dieſen Worten den Schlüſſel, welchen ihr Mann in der Hand hielt, ſchloß die Thüre auf und trat vor ihrem Manne in die Stube hinein. Kaum befand ſich das Paar darin, als Jemand leichten Schrittes die Treppe herunter kam und ſchnell und unbemerkt vor der Portierwohnung vorübereilte. Es war das männliche Organ, welches die Beſorgniſſe Pipe⸗ lets in ſo hohem Grade erregt hatte. Pipelet ſank auf ſeinen Stuhl und ſagte mit bewegter Stimme zu ſeiner Frau: „Anaſtaſta — ich befinde mich nicht wie gewöhnlich. — Es gehen hier Dinge vor, — Dinge —“ „Was Du nur ſchon wieder ſchwatzeſt! Es gehen überall Dinge vor. — Was haſt Du? Du ſchwitzeſt ja über und über! Was iſt Dir paſſirt, lieber Alter?“ „Jo, ich bin wie aus dem Waſſer gezogen und mit Recht —“ Pipelet ſtrich mit der Hand über ſein in Schweiß gebadetes Ge⸗ ſicht. „Es gehen Dinge hier vor, die — „Aber was iſt geſchehen? Kannſt Du nie Ruhe halten? . 133 Du mußt immer herumſchleichen, wie eine dürre Katze, ſtatt ruhig auf Deinem Schemel ſitzen zu bleiben.“ „Anaſtaſta, Du biſt ungerecht, wenn Du ſagſt, ich ſchleiche herum, wie eine dürre Katze. Wenn ich es thue, ſo geſchieht es Deinetwegen.“ „Meinetwegen?“ „Ja, um Dich vor einer Schmach zu behüten, über die wir beide würden haben erroͤthen müſſen. Ich habe meinen Pvoſten hier in der Stube verlaſſen, den ich für ſo heilig halte, wie das Schilderhäuschen des Soldaten —“ „Man wollte mir eine Schmach anthun?“ „Du warſt es nicht, weil die Schmach, mit der man Dich bedrohte, da oben vor ſich gehen ſollte, und Du doch ausgegangen wareſt, — aber —“ „Der Teufel ſoll mich bei lebendigem Leibe holen, wenn ich etwas von dem verſtehe, was Du mir vorredeſt! Wirſt Du wirk⸗ lich verrückt? — Siehſt Du, ich muß am Ende glauben, daß Du manchmal nicht bei Sinnen biſt. Seit geſtern kenne ich Dich nicht mehr. — Iſt der Cabrion immer Dein Alp?“ Kaum hatte Anaſtaſia dieſe Worte geſprochen, als ein ſelt⸗ ſames Ereigniß geſchah. Alfred ſaß da, mit dem Geſicht nach dem Bette zu. Die Stube wurde durch das bleiche Licht einer Winterſonne und durch eine Lampe erhellt. In dieſem doppelten Lichte glaubte Pipelet, als ſeine Frau den Namen Cabrion ausſprach, im Schat⸗ ten des Alkovens das unbewegliche höhniſche Geſicht des Malers zu erblicken. Er war es, es war der ſpitze Hut, das hagere Geſicht mit 134 dem langen Haar, das ſataniſche Lächeln, der ſpitze Bart und der zauberiſche Blick — Einen Augenblick glaubte Pipelet zu träumen; er ſtrich mit der Hand über die Augen —, aber es war keine Täuſchung, es konnte nichts wirklicher ſein, als dieſe Erſcheinung. Aber wie ſchauerlich! Man ſah keinen Körper, ſondern nur einen Kopf, deſſen lebhafte Farbe in dein Dunkel des Alkovens deutlich vortrat. Pipelet ſank bei dieſem Anblicke, ohne ein Wort zu ſagen, zurück; dann erhob er den rechten Arm nach dem Bette zu und deutete auf dieſe ſchreckliche Erſcheinung mit einer ſo entſetzensvol⸗ len Geberde, daß ſeine Frau ſich umdrehte, um die Urſache die⸗ ſes Entſetzens aufzufinden, das ſie bald theilte. Sie wich zwei Schritte zurück, ergriff die Hand Alfreds und rief aus: „Cabrion!“ „Ja,“ murmelte Pipelet mit hohler, faſt erloſchener Stimme, indem er die Augen zudrückte. Das Staunen und Entſetzen der beiden Eheleute machte dem Talente des Künſtlers, der die Züge Cabrions ſo dig auf Papier gezeichnet hatte, die größte Ehre. Nachdem die erſte Ueberraſchung vorüber war, trat Anaſtaſia, muthig wie eine Löwin, an das Bett, ſtieg auf daſſelbe hinauf und riß, nicht ohne eine gewiſſe Angſt, die Pappe mit dem Geſichte Cabrions von der Wand. Alfred, der noch immer mit geſchloſſenen Augen, mit ausge⸗ ſtreckten Armen daſaß, blieb unbeweglich, wie er es in kritiſchen Lagen ſeines Lebens gewöhnt war. Nur das krampfhafte Zittern — 135 ſeines Hutes zeugte von Zeit zu Zeit von ſeiner fortdauernden heftigen Aufregung. „So mache doch die Angen auf, lieber Alter,“ ſagte Frau Pivelet triumphirend; „es iſt nichts, blos ein Bild, das Portrait des ſchändlichen Cabrion. — Da ſieh, wie ich es mit Füßen trete,“ — und Anaſtaſia warf in ihrem Unwillen das Bild an den Boden, trat es mit Füßen und ſprach dabei: „ſo möcht' ich Cabrion, den lebendigen Cabrion, unter meinen Füßen haben.“ Dann hob ſie das Bild wieder auf und ſetzte hinzu: „nun ſieh' es an: es trägt die Spuren von meinen Füßen an ſich.“ Alfred ſchüttelte das Haupt, ohne ein Wort zu ſagen, und winfte ſeiner Frau, ſie möge das verhaßte Bild entfernen. „Hat man eine gleiche Frechheit geſehen! — Es iſt nicht al⸗ les; da ſteht in rothen Buchſtaben darunter: Cabrion ſeinem guten Freunde Pipelet — für das ganze Leben —,“ ſagte die Frau des Portiers, indem ſie das Bild an das Licht hielt. „Sein guter Freund, — für das ganze Leben!“ flüſterte Alfred, und er erhob die Hände gen Himmel, gleichſam als wollte er denſelben zum Zengen aufrufen bei dieſem neuen frechen Hohne. „Aber wie iſt das zugegangen?“ ſagte Anaſtaſia. „Das Portrait war heute früh, als ich das Bett machte, nicht da. — Du hatteſt eben den Schlüſſel mit Dir genommen, es konnte alſo wäh⸗ rend Deiner Abweſenheit Niemand hereinkommen. Wie alſo iſt das Bild hiehergekommen? — Haſt Du es ſelbſt dahergehangen, Alter?“ Alfred ſprang bei dieſer unbegreiflichen Vermuthung von ſei⸗ nem Seſſel auf, riß die Angen weit auf und antwortete drohenden Blickes: — 136 „Ich —, ich in meinem Alkoven das Portrait dieſes Böſe⸗ wichtes aufhängen, der mich nicht nur mit ſeiner verhaßten Ge⸗ genwart verfolgt, ſondern ſogar in der Nacht im Traume, am Tage durch ſeine Malerei peinigt! Willſt Du mich verrückt ma⸗ chen, Anaſtaſia?“ „Nun —, wäre es denn ein ſo großes Ungluck, wenn Du Dich in meiner Abweſenheit mit Cabrion ausgeſöhnt hätteſt, um Ruhe zu haben?“ „Ich — mich mit ihm ausgeſöhnt! Gott, Du hörſt es!“ „Er könnte Dir darauf ſein Portrait gegeben haben — als Zeichen der Freundſchaft. — Vertheidige Dich nur nicht, läugne es nicht, wenn es ſo iſt —“ „Anaſtaſia!“ „Wenn es ſo iſt, mußt Du geſtehen, daß Du wankelmüthig biſt wie eine hübſche Frau 5 „Frau!“ „Du mußt aber doch das Portrait ſelbſt aufgehangen haben.“ „Ich! Mein Gott! Mein Gott!“ „Wer denn ſonſt?“ „Du, Frau —“ 3 antwortete Pipelet, halb wahnſinnig, „Du biſt es ge⸗ weſen, etwas Anderes kann ich nicht glauben. Ich werde es nicht geſehen haben, als ich heute früh dem Bette den Rücken zu⸗ kehrte.“ „Aber, Alter.. 1 „Ich ſage Dir, Du mußt es geweſen ſein, wenn ich nicht glanben ſoll, daß es der Teufel gethan hat. Ich habe ja die — 137 Stube nicht verlaſſen, und als ich hinaufging, um dem Rufe des männlichen Organs zu folgen, hatte ich den Schlüſſel bei mir; die Thüre war verſchloſſen, Du heaſt ſie ja ſelbſt geoffnet. Läugne das, wenn Du kannſt.“ „Das iſt wahr.“ „Du geſtehſt alſo?“ 2 „Ich geſtehe, daß ich nichts davon begreife; — der Poſſen⸗ ſtreich iſt gut ausgedacht und ausgeführt, das muß zugegeben werden.“ „Ein Poſſenſtreich!“ rief Pipelet im höchſten Unwillen. „Ich ſage Dir, daß dahinter ein entſetzliches Complott ſteckt! Man ver⸗ deckt den Abgrund mit Blumen, — man verſucht mich zu betäu⸗ ben, damit ich den Abgrund nicht ſehe, in den man mich ſtürzen will. — Es bleibt mir nichts übrig, als den Schutz der Geſetze anzurufen. — Glücklicherweiſe ſchützt Gott Frankreich.“ Pipelet ging nach der Thüre zu. „Wohin gehſt Du, Alterchen?“ „Zu dem Herrn Commiſſär, um meine Klage anzubringen und ihm das Portrait, als Beweis der Verfolgung, zu überge⸗ ben —“ 6 „Aber worüber klagſt Du?“ „Ueber was ich mich beklage? Wie! mein Todfeind ſoll durch — betrügeriſche Mittel mich zwingen können, ſein Protrait bei mir zu haben, über dem Ehebette bei mir zu haben? Und die Behörden ſollten mich nicht in Schutz nehmen? Gieb mir — das Portrait, Anaſtaſia —, gieb her — aber drehe es herum, da⸗ mit ich die Malerei nicht ſehe. — Der Verräther kann es nicht leugnen, es ſteht da von ſeiner Hand geſchrieben: Cabrion ſeinem guten Freunde — für das ganze Leben. Für das ganze Leben! 138 Ja, um mein Leben zu haben, verfolgt er mich, — und er wird endlich ſeinen Zweck erreichen. — Ich werde in ewiger Unruhe und Angſt leben, ich werde immer glauben, dieſer teufliſche Menſch ſei da — unter den Dielen, in der Wand, an der Decke. In der Nacht wird er mich anſehen, wenn ich in den Armen meiner Gattin ſchlafe, und am Tage ſteht er mit ſeinem hölliſchen Lachen hinter mir. — Wer ſagt mir, daß er nicht in dieſem Augenblicke hier iſt, irgendwo verſteckt, wie ein giftiges Inſekt? — Wo biſt Du, Ungeheuer? Biſt Du da?“ rief Pipelet aus, indem er den wüthenden Ausruf mit einer ſchnellen kreisförmigen Bewegung des Kopfes begleitete, um ſchnell alle Theile ſeiner Stube zu muſtern. „Ich bin da, guter Freund!“ antwortete zärtlich die wohlbe⸗ kannte Stimme Cabrions. Dieſe Worte ſchienen aus dem Alkeven zu kommen un er⸗ hielten durch ein gewöhnliches Bauchrednerkunſtſtückchen dieſen Klang, denn Cabrion ſtand draußen an der Thür und hörte mit Lachen das Geſpräch vollſtändig mit an. Nachdem er dieſe letzten Worte geſprochen, hielt er es jedoch für geratben, ſich zu entfernen, frei⸗ lich nicht, ohne, wie man ſpäter ſehen wird, einen neuen Gegen⸗ ſtand des Zornes, des Staunens und des Nachſinnens für ſein Opfer zurückzulaſſen. Frau Pipelet, welche auch diesmal der Muth nicht verließ, ſah unter das Bett, in jeden Winkel der Stube, ohne etwas zu entdecken, und durchſuchte die Hausflur, ohne glücklicher zu ſein, während Pipelet, durch dieſen letzten Schlag niedergeſchmettert, wieder auf ſeinen Schemel geſunken war. „'s iſt nichts, Alfred,“ ſagte Anaſtaſia, die ſich immer ſehr freigeiſteriſch zeigte; „der Böſewicht war an der Thür verſteckt und wird Reißaus genommen haben, während wir hier ſuchten. 139 Aber Geduld! ich erwiſche ihn ſchon noch einmal, und dann ſei ihm Gott gnädig! Er ſoll meinen Beſenſtiel kennen lernen.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet und Madame Seraphin, die Haushälterin des Jacob Ferrand, trat ein. „Guten Tag, Madame Seraphin,“ ſagte Frau Pipelet, die, um ihre häuslichen Unannehmlichkeiten nicht merken zu laſſen, ſo⸗ gleich eine heitere, freundliche Miene annahm, „was ſieht zu Ih⸗ ren Dienſten?“ „Zuerſt ſagen Sie mir, was Ihr neues Schild bedeutet?“ „Unſer neues Schild?“ „Ja, das ſchwarze Schild mit rothen Buchſtaben, das über der Thür hängt —“ „Auf der Straße?“ „Ja, auf der Straße, über der Thür.“ „Meine liebe Madame Seraphin, ich weiß von nichts, und Du, Alter?“ Alfred ſchwieg. „Es geht Herrn Pipelet an,“ fuhr Madame Seraphin fort, „er wird mir es auch erklären.“ Alfred ſeufzte tief, und der Hut zitterte ihm auf dem Kopfe. Dieſe Pantomime bedeutete, daß Alfred ſich für unfähig er⸗ klärte, das Andern zu erklären, was ihm ſelbſt ein unauflösliches Räthſel ſei. „Achten Sie nicht darauf, Madame Seraphin,“ entgegnete Anaſtaſia, „der arme Alfred hat ſeinen Magenframpf. — Aber was iſt es mit dem Schilde? Betrifft es den Deſtillateur?“ „Nein, nein. Es iſt ein fleines Schild getade über Ihrer Thur — * 4 „Sie wollen ſpotten —“ 140 * „Keineswegs, ich ſah es, als ich hereintrat, denn es ſteht mit großen Buchſtaben geſchrieben: „Pipelet und Cabrion handeln mit Freundſchaft und andern Dingen. Man wende ſich an den Portier.“ „Mein Gott! Das ſteht geſchrieben über unſerer Thür? Hörſt Du, Alfred?“ Pipelet ſah Madame Seraphin mit ſtierem Blicke an. Er verſtand nicht, was ſie ſagte, oder wollte nicht verſtehen — „Das ſteht auf einem Schilde — auf der Straße?“ fragte Frau Pipelet nochmals. „Ja, denn ich habe es eben geleſen. Ich dachte bei mir: wie komiſch! Pipelet iſt Schuhmacher von Profeſſion, und er zeigt den Vorübergehenden an: er handle in Verbindung mit Cabrion mit Freundſchaft. Was heißt das? Es ſteckt dahinter etwas, was den Leuten nicht ſogleich deutlich iſt. — Da aber ferner darauf ſteht: „man wende ſich an den Portier,“ ſo wird Frau Pipelet mir die Sache wohl erklären. — Aber ſehen Sie,“ unterbrach ſich Madame Seraphin, „Ihr Mann ſcheint ſich nicht wohl zu befin⸗ den. — Sehen Sie ſich vor, damit er nicht rücklings umfällt.“ Die Frau Pipelet fing den halb ohnmächtigen Alfted in ih⸗ ren Armen auf. Der letzte Schlag war zu heftig geweſen; Alfred verlor all⸗ mälig die Beſinnung und murmelte vor ſich hin: „Der Unglckliche! Er hat mich öffentlich ausgehangen!“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, Madame Seraphin, Alfred hat ſei⸗ nen Magenkrampf, ungerechnet einen Böſewicht, der ihn fortwäh⸗ rend ärgert. Der liebe Alte wird es nicht aushalten. Zum Glück habe ich noch ein Tröpfchen Abſinth da; das bringt ihn vielleicht wieder auf die Strümpfe.“ 141 Alfred kam wirklich, in Folge dieſes Univerſalmittels der Frau Pipelet, allmälig wieder zu ſich, aber kaum hatte er ſich ein wenig erholt, ſo ſollte er eine neue ſchmerzliche Prüfung beſtehen. Ein anſtändig gekleideter Mann von reifem Alter und ehr⸗ lichem oder vielmehr dummen Geſichte, machte die Thür auf und ſagte, wie es ſchien, von großer Neugierde geplagt: „Ich habe eben das Schildchen draußen geleſen: „Pipelet und Cabrion handeln mit Freundſchaft und andern Dingen. Man wende ſich an den Portier.“ Wollten Sie wohl die Gefälligkeit haben und mir ſagen, was das bedeuten ſoll? Sie ſind doch der Portier?“ „Das bedeutet,“ fuhr endlich Pipelet mit donnernder Stimme auf, „das bedeutet, daß Cabrion ein infamer Betrüger iſt, Herrr!“ Der Neugierige prallte bei dieſer zornigen Antwort einen Schritt zurück. Alfred, deſſen Geſicht glühte, deſſen Augen funkelten, war halb aus der Thür hinausgetreten, hielt ſich an die Thürpfoſten an und fuhr fort: „Ich habe gar nichts zu ſchaffen mit dem Lump von Ca⸗ brion, mein Herrr! und von Freundſchaft kann zwiſchen uns am wenigſten die Rede ſein.“ „Das iſt wahr, und Sie müſſen einen Schluck über den Durſt gethan haben, alter Narr, daß Sie daher kommen und ſo fragen,“ ſiel die Frau Pipelet ein, die ihrem Alfred über die Achſel ſah. „Madame,“ entgegnete der Fremde ernſthaft, indem er noch einen Schritt zurücktrat; „die Schilder ſind da, damit man ſie leſe; Sie hängen ein Schild aus, ich leſe es; ich bin alſo ganz im Rechte, während Sie Unrecht thun, indem Sie mir Grobhei⸗ ten ſagen.“ 142 „Grobheiten gehören einem alten Narren!“ „Beleidigungen, wenn man kommt, um Sie nach den Nach⸗ weiſungen zu fragen, die Sie auf dem Schilde draußen ankündi⸗ gen! Das ſoll Ihnen nicht ſo hingehen!“ „Aber Herrr! —“ rief der ungluckliche Portier. „Aber, Herr,“ entgegnete der aufgebrachte Neugierige, „blei⸗ ben Sie Freund ſo viel Sie wollen mit Ihrem Cabrion, aber ſchreiben Sie es nicht mit großen Buchſtaben auf der Straße hin. Ich werde Sie bei dem Polizei⸗Commiſſär verklagen —“ Der Mann ging zornig fört. „Anaſtaſia,“ ſprach Pipelet mit wehklagender Stimme, hich überlebe das nicht, ich fühle es; der Tod ſitzt mir im Herzen, und ich werde ihm nicht entgehen. Du ſiehſt es, mein Name iſt öf⸗ fentlich mit dem ſeinigen verbunden worden. — Er wagt anzuzei⸗ gen, ich ſei ſein Freund, und das Publifum glaubt es. Ich theile es ihm ſelbſt mit, — es iſt ungeheuer, monſtrös, eine teufliſche Idee. Aber das muß aufhören, — das Masß iſt voll. Einer muß unterliegen, er oder ich.“ Pipelet überwand ſeine gewöhnliche Apathie, 5 einen gro⸗ ßen Entſchluß, nahm das Cabrions und ſthritt nach der Thür zu. M „Wohin gehſt Du, Alnvt „Zu dem Polizei⸗Commiſſät. — Ich werde ſogleich das in⸗ fame Schild ab- und mitnehmen und dem Commiſſär zurufen: Vertheidigen, ſchützen Sie, rächen Sie mich! Befreien Sie mich von dieſem Cabrion!“ „Wohl geſprochen, Alterchen! Geh, laufe, rühre Dich. Kannſt Du das Schild nicht abnehmen, ſo bitte den Deſtillateur, daß er Dir helfe und eine kleine Leiter borge. Der Lüm von Cabrion! 143 Hätte ich ihn da und ich dürfte es, ich würde ihn bei kleinem Feuer ſchmoren. Ja, es iſt gewiß wahr, es werden Menſchen ge⸗ köpft, die lange nicht ſo ſchlecht ſind wie er, der Boöſewicht!“ Alfred zeigte bei vieſer Gelegenheit eine großartige Langmuth. Trotz ſeinen Beſchwerden gegen Cabrion fühlte er dennoch noch Mitleiden mit ſeinem Peiniger und ſagte: „Nein, nein, — ſeinen Kopf würde ich nicht verlangen, wenn ich es auch könnte —“ „Ich — ja, ich könnte es!“ entgegnete Frau Pipelet. „Nein,“ wiederholte Alfred, „ich liebe das Blut nicht, habe aber das Recht, die lebenslängliche Einſperrung dieſes Uebelthä⸗ ters zu verlangen; meine Ruhe fordert, meine Geſundheit befiehlt es; das Geſetz iſt mir dieſe Genugthuung ſchuldig, und wenn ſie mir nicht gewährt wird, verlaſſe ich Franfreich, mein ſchönes Frank⸗ reich. Das gewinnt man dabei.“ In Schmetz verſunken, ſchritt Alfred aus der Stube hinaus, gleich einem der impoſanten Opfer des alten Fatums. LXXXXVIII. Cerilp. he wir den Leſer der Unterredung der Madame Seraphin und der Frau Pipelet beiwohnen laſſen, müſſen wir ihm mitthei⸗ len, daß Anaſtaſia, ohne im Geringſten die Tugend und Fröm⸗ migkeit des Notars zu ahnen, die Strenge außerordentlich tadelte, mit welcher er gegen Louiſe Morel und Germain verfahren war. Der Natur der Sache nach traf Madame Seraphin in den Ge⸗ danken der Frau Pipelet derſelbe Tadel; ſie verhüllte aber, aus Klugheit und Gründen, die wir ſpäter mittheilen werden, ihre Abneigung gegen die Haushälterin unter der herzlichſten Auf⸗ nahme. Nachdem Madame Seraphin das unwürdige Benehmen Ca⸗ brions förmlich gemißbilligt hatte, fuhr ſie fort: Was wird denn aus dem Herrn Bradamanti (Polidori)? Ich habe ihm geſtern Abend geſchrieben und keine Antwort erhal⸗ ten; dieſen Vormittag komme ich zu ihm, und es iſt Niemand da. Hoffentlich habe ich jetzt mehr Gluck.“ Frau Pipelet ſtellte ſich ſehr betrübt und antwortete: — — 145 „Herr Bradamanti iſt noch nicht zurückgefommen.“ „Unerträglich!“ „Arme Madame Seraphin!“ „Und ich habe ihm ſo viel zu ſagen!“ „Das iſt Unglück!“ „Zumal ich Vorwände erſinnen muß, um hierherkommen zu können, denn wenn Herr Ferrand ahnte, daß ich einen Charlatan kenne, ſo würde es einen ſchönen Auſtritt geben. Sie wiſſen, wie fromm, wie gewiſſenhaft er iſt.“ „Wie Alfted. Der iſt auch ſo dummfromm, daß er über alles erſchrickt —“ „Und Sie wiſſen nicht, wann er zurückkommt?“ „Er hat Jemanden um ſechs oder ſteben Uhr beſtellt und mich gebeten, der Perſon, die er erwartet, zu ſagen, ſie möchte wiederkommen, wenn er noch nicht zurück ſei. Kommen Sie alſo Abends wieder, dann werden Sie ihn ſicher treffen.“ In Gedanken ſetzte Anaſtaſia hinzu: „rechne Du nur dar⸗ auf, binnen einer Stunde iſt er auf dem Wege nach der Nor⸗ mandie.“ „Ich werde alſo Abends wiederkommen,“ ſagte Madame Se⸗ raphin verdrüßlich. Dann ſetzte ſie hinzu: „ich hatte Ihnen auch ſonſt noch etwas zu ſagen, werthe Frau Pipelet . . . Sie wiſſen was der Louiſe begegnet iſt, die Jedermann für ein braves Mäd⸗ chen hielt —?“ „Sprechen Sie nicht davon,“ antwortete die Frau Pipelet, indem ſie die Augen zum Himmel emporrichtete; „es ſtehen einem dabei die Haare zu Berge.“ ch wollte Ihnen alſo ſagen, daß wir kein Dienſtmädchen mehr haben und daß Sie die Güte haben möchten, wenn Sie zu⸗ Die Geheimniſſe von Paris. V. 10⁰ 146 fällig von einem braven, gewilligen und arbeitſamen Mädchen hö⸗ ren, ſie zu uns zu ſchicken. Gute Mädchen ſind ſo ſelten, daß man nach allen Seiten hin nach ihnen ſuchen muß —“ „Beruhigen Sie ſich, Madame Seraphin. Wenn ich etwas höre, werde ich es Ihnen melden. Gute Dienſte ſind eben ſo ſel⸗ ten als gute Dienſtboten.“ Dann ſetzte Anaſtaſta, aber immer in Gedanken hinzu: „ſie ſind häufiger, als daß ich Dir ein armes Mädchen ſchicken ſollte, damit man es halb verhungern läßt; Dein Herr iſt zu geizig und zu ſchlecht. Mit einem Male die arme Louiſe und den armen Herrn Germain anzuklagen!“ „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen,“ fuhr Madame Seraphin fort, „wie ruhig es in unſerem Hauſe iſt; ein junges Mädchen, daß unſern Dienſt erhaäͤlt, kann nur gewinnen und die Louiſe muß ſehr ſchlecht geweſen ſein, da ſie trotz den guten Lehren, die ihr Herr Ferrand gegeben hat, auf Abwege gerathen konnte.“ „Gewiß, — gewiß; verlaſſen Sie ſich nur auf mich; wenn ich von einem Mädchen höre, das Sie brauchen können, werde ich es ſogleich zu Ihnen ſchicken.“ „Noch etwas,“ fuhr Madame Seraphin fort. „Es liegt dem Herrn Ferrand ſehr viel daran, ein Mädchen zu bekommen, die womöglich keine Familie hier hat, weil ſie weniger in Verſuchung geräth, ſobald ſie keine Gelegenheit zum Ausgehen hat. Wenn es ſich ſo träfe, würde deshalb der Notar eine Waiſe vorziehen, erſtlich weil es eine gute That wäre und dann, weil ſie, wie ge⸗ ſagt, keine Veranlaſſung zum Ausgehen hätte. Dieſe Louiſe hat dem Notar eine empfindliche Lection gegeben. Nun iſt er in der Wahl eines Dienſtboten ſo ſchwierig. Ein ſolches Scandal in ei⸗ nem ſo frommen Hauſe wie es das unſerige iſt! — Nun, ich komme —— — 147 heut Abend wieder und werde bei der Gelegenheit gleich einen Augenblick bei der Mutter Burette einſprechen.“ „Heut Abend, Madame Seraphin; Sie werden Herrn Brada⸗ manti gewiß treffen.“ Madame Seraphin entfernte ſich. „Iſt ſie auf den Bradamanti erpicht!“ dachte die Frau Pipe⸗ let bei ſich; „was mag ſie von ihm wollen? Und warum will er ſie vor ſeiner Abreiſe nach der Normandie durchaus nicht ſehen? Sie wird gewiß wieder abziehen müſſen, zumal Herr Bradamanti die Dame erwartet, die ſchon geſtern Abend dageweſen iſt. Ich konnte ſie nicht genau ſehen, diesmal muß ich aber ihr Geſicht ſe⸗ hen, eben ſo gut wie das Dämchen des lumpigen Kommandanten. Er hat ſich nicht wieder ſehen laſſen. — Ich werde aber auch ſein Holz verbrennen, ſein ganzes Holz; warum giebt er nur die lumpigen zwölf Franes! — Wer mag aber die Dame des Herrn Bradamanti ſein? Iſt ſie vornehm oder nicht? Ich möchte es wohl wiſſen, denn neugierig bin ich wie eine Elſter. — Der liebe Gott hat mich ſo erſchaffen! — Da fällt mir ein prächtiger Gedanke ein, wie ich den Namen der Dame erfahren kann! Es gilt einen Verfuch. Aber wer kommt da? Mein prächtiger Mieths⸗ mann! Ihre Dienerin, Herr Rudolph!“ ſagte Madame Pipelet, indem ſie militäriſch grüßend die Hand an die Perrücke legte. Es war wirklich Rudolph. Er kannte den Tod des Herrn von Harville noch nicht. „Guten Tag, Madame Pipelet,“ ſagte er. „Iſt Mamſell Lachtaube zu Hauſe? Ich muß mit ihr ſprechen.“ „Iſt die Kleine nicht immer zu Hauſe und bei der Arbeit? Sie feiert niemals.“ „Und wie geht es der Frau Morels? Erholt ſie ſich etwas?“ „Ja, Herr Rudolph, Dank ſei es Ihnen oder dem Wohlthä⸗ ter, in deſſen Namen Sie handeln, ſie iſt jetzt mit ihren Kindern glüͤcklich. Sie befinden ſich wie die Fiſche im Waſſer, haben Feuer, Luft, gute Betten, gute Speiſen, eine Krankenwärterin und Mamſell Lachtaube, die trotz ihrem Fleiße, und wenn ſie auch thut, als bekümmere ſie ſich um nichts, ſie nicht aus den Augen läßt. Dann haben Sie der Frau Morels auch einen ſchwarzen Doctor geſchickt. Ha! ha! iſt denn der Schwarze der Doctor der Kohlenträger? Hm! Er kann ihnen an den Puls fühlen, ohne ſich die Hände ſchwarz zu machen. Aber das iſt wahr, ein geſcheidter Arzt ſcheint er zu ſein. Er hat der Frau einen Trank verordnet, der ihr ſogleich gute Dienſte geleiſtet hat.“ „Die arme Frau! Sie muß noch immer ſehr traurig ſein.“ „Ach ja, Herr Rudolph — der Mann verrückt, die Tochter im Gefängniſſe! Sehen Sie, über die Louiſe grämt ſie ſich noch todt. Für eine rechtliche Familie iſt es erſchrecklich. Und eben war die Madame Seraphin da, die Haushälterin des Notars und ſchimpfte uber das arme Mädchen. Warte nur! Sie ſchämte ſich nicht, von mir zu verlangen, ich ſolle ihr ein anderes braves Mäd⸗ chen ſchicken. Wie geizig der Notar iſt! Denken Sie ſich, das Dienſtmädchen ſoll, wo möglich, eine Waiſe ſein. Wiſſen Sie wa⸗ rum, Herr Rudolph? Weil eine Waiſe keine Eltern und alſo keine Urſache hat auszugehen. Aber das ſagen ſie nur ſo. Sie wollen ein armes Mädchen haben, das ganz allein in der Welt ſteht, da⸗ mit ſie mit ihm machen, es drücken und mißhandeln können wie ſie wollen. Nicht wahr, Herr Rudolph?“ „Ja, ja,“ antwortete dieſer in Gedanken verſunken. Er ſah, als er erfuhr, daß Madame Seraphin eine Waiſe als Dienſtmädchen an die Stelle Lyuiſens ſuche, darin ein faſt ſicheres — — —,——————— 149 Mittel, zur Züchtigung des Notars zu gelangen. Er änderte, während die Frau Pipelet ſprach, in Gedanken die Rolle allmäh⸗ lig ab, die er bisher der Ceeily zugedacht hatte, welche das Haupt⸗ werkzeug der gerechten Strafe werden ſollte. „Ich wußte, daß Sie wie ich denken würden,“ fuhr Madame Pipelet fort; „ja, ich ſage es noch einmal, ſie wollen ein armes hilfloſes Mädchen, dem ſie am Lohne abdrücken können und ich werde mich wohl hüten, ihr Jemanden zu ſchicken. Erſtens kenne ich Niemanden, aber wenn ich auch ein Mädchen kennte, ſo würde ich ihr lieber ab- als zureden, in jenes ſchlechte Haus zu gehen. Und ich hätte Recht, nicht wahr, Herr Rudolph?“ „Madame Pipelet, wollen Sie mir einen großen Gefallen thun?“ „Du lieber Gott, Herr Rudolph, ſoll ich durch's Feuer lau⸗ fen, mir die Perrücke verbrennen? Oder ſoll ich Jemanden beißen? Reden Sie, ich thue alles, was Sie verlangen, — ich und mein Herz ſind Ihre Selaven, vorausgeſetzt daß meinem Alfred kein Un⸗ recht geſchieht —“ „Beruhigen Sie ſich, Madame Pipelet. Ich will Ihnen ſo⸗ gleich ſagen, was ich wünſche. Ich möchte eine junge Waiſe un⸗ terbringen, eine Ausländerin. Sie iſt noch nie in Paris geweſen und ich würde es gern ſehen, wenn ſie zu Ferrand käme. „Was? In das Haus? Zu dem alten Geizhals?“ „Es iſt doch immer ein Dienſt. — Gefällt es dem Mädchen nicht dort, ſo kann ſie ja wieder abziehen; ſie verdient doch we⸗ nigſtens ſogleich ihren Unterhalt und ich werde unbeſorgt ſein können.“ „Nun, Herr Rudolph, es iſt Ihre Sache, ich habe das Mei⸗ nige gethan. — Wenn Sie den Dienſt noch immer für gut ſin⸗ 15⁰ den, — ſo ſteht es Ihnen frei und man muß allerdings, wenn man gerecht ſein will, auch zugeſtehen, daß ſich auch Manches für den Dienſt bei dem Notar ſagen läßt. Er iſt geizig wie ein Hund, hart wie ein Eſel, bigott wie ein Kirchner, das iſt wahr, aber er iſt ein rechtlicher Mann wie es wenige giebt. — Er giebt wenig Lohn, bezahlt aber pünktlich. — Das Eſſen iſt ſchlecht, es reicht aber zu. Mit einem Worte, es iſt ein Haus, in dem das Dienſtmädchen arbeiten muß wie ein Pferd, wo es aber auch nicht auf ſchlechte Wege gebracht wird. Louiſe ... das war ein Zufall.“ „Madame Pipelet, ich will Ihnen ein Geheimniß anvertrauen.“ „So wahr ich Anaſtaſia Pipelet geb. Galimord heiße, ſo wahr es einen Gott im Himmel giebt, ſo gewiß Alfred nur einen grünen Frack trägt, ich werde ſchweigen wie das Grab.“ „Sie dürfen auch Herrn Pipelet nichts ſagen.“ „Ich ſchwöre es bei dem Haupte meines Alten, — wenn der Grund rechtſchaffen iſt —“ „Madame Pipelet!“ „Wir können ihm alles vormachen, denn er iſt, was die Un⸗ ſchuld und die Bosheit betrifft, wie ein Kind von drei Monaten.“ „Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Hören Sie mich alſo an.“ „Reden Sie —“ „Das junge Mädchen, das ich meine, hat einen Fehltritt gethan —“ „Wir kennen das. — Hätte ich nicht in meinem funfzehnten Jahre Alfred geheirathet, ſo hätte ich vielleicht funfzig Fehler, hundert gemacht. Ich war, wie Sie mich da ſehen, ein wahres Pulverfaß. Zum Glück hat Pipelet mein Feuer in ſeiner Tu⸗ gend gedämpft, ſonſt hätte ich wohl mit Männern Dummheiten — , ——— — 151 gemacht. Wenn alſo Ihr Mädchen nur einen Fehler gemacht hat, ſo iſt noch nicht alle Hoffnung verloren —“ „Ich glaube es auch. Das Mädchen war im Dienſt in Deutſchland bei einer meiner Verwandten; der Sohn dieſer Ver⸗ wandten hat ſie verführt, begreifen Sie nun —?“ „Freilich begreife ich es, — ſo gut, als wäre ich es ſelbſt geweſen.“ „Die Mutter jagte das Mädchen aus dem Hauſe, der junge Mann war aber ſo thöricht, das Aelternhaus auch zu verlaſſen und mit dem Mädchen hieher nach Paris zu kommen.“ „Dieſe jungen Leute..“ „Nachdem der dumme Streich gemacht war, kamen ſie zur Beſinnung, zumal das Geld, das ſie beſaßen, verbraucht war. Mein junger Vetter wendete ſich an mich und ich verſprach ihm das Reiſegeld nach Hauſe zu geben, wenn er das Mädchen hier zurücklaſſen wolle, für deren Unterkommen ich ſorgen würde.“ „Ich hätte nicht beſſer an meinem Sohne gehandelt, wenn ich einen bekommen hätte.“ „Es freut mich, daß Sie mein Benehmen billigen; freilich iſt es nun ſehr ſchwer, das Mädchen unterzubringen, da ſie fremd iſt und Niemand für ſie bürgen kann. Wenn Sie der Madame Seraphin ſagen wollten, ein Verwandter von Ihnen, der in Deutſchland wohne, habe das Mädchen zu Ihnen geſchickt und ſie Ihnen empfohlen, ſo nähme der Notar ſie vielleicht in Dienſt und ich wäre in doppelter Hinſicht darüber erfreut. Da Cecily, ſo heißt ſie, nur verleitet worden iſt, ſo würde ſie in einem ſo ſtrengen Hanſe, wie es das des Notars iſt, gewiß wieder auf einen beſſern Weg kommen. Aus dieſem Grunde namentlich ſehe ich das Mäd⸗ chen gern bei dem Herrn Ferrand. — Ich brauche nicht zu ſagen, 152 daß wenn ſie von Ihnen, einer ſo achtbaren Frau, empfohlen witd „Ach, Herr Rudolph!“ „Madame Seraphin ſie gewiß annimmt, während wenn ich ſie empfehle —“ „Ich weiß das. — Es iſt gerade ſo, als wenn ich einen jungen Mann empfehlen wollte. — Alſo abgemacht. Ich ſtehe Ihnen dafür, Herr Rudolph. Ich werde der Madame Seraphin ſagen, ich hätte, ich weiß nicht ſeit wie lange, eine Couſine in Deutſchland gehabt; ſie wäre, wie ich erfahren, geſtorben wie ihr Mann und ich hätte nun ihre Tochter auf dem Halſe —“ „Sehr gut.. Sie bringen dann Ceeily ſelbſt zu Herrn Ferrand, ohne weiter mit Madame Seraphin zu ſprechen. — Da Sie Ihre Conſine ſeit zwanzig Jahren nicht geſehen, ſo werden Sie nichts zu antworten haben, als daß Sie ſeit ihrer Reiſe nach Deutſchland nichts von ihr gehört —“ „Aber wenn das Mädchen nur deutſch ſpricht?“ „Sie ſpricht vollkommen gut franzöſiſch; ich werde ihr ihre Rolle einlernen und Sie haben deshalb weiter nichts zu thun, als ſie der Madame Seraphin dringend zu empfehlen — oder nein, ſie würde dann vielleicht glauben, das Mädchen ſolle ihr aufge⸗ nöthigt werden. Sie wiſſen, man braucht bei manchen Perſonen nur um etwas zu bitten, um ſogleich eine abſchlägige Antwort zu erhalten.“ „Ja wohl! Ja wohl!“ „Machen Sie alſo der Madame Seraphin keinen Antrag und laſſen Sie dieſelbe ſelbſt damit kommen. Sagen Sie ihr nur, Cecily ſei eine Waiſe, fremd, ſehr jung, ſehr hübſch, ſie würde Ihnen ſehr zur Laſt ſein und Sie wären ihr nicht eben ſehr ge⸗ ——.— ——— 153 geneigt, da Sie mit Ihrer Schweſter auf Fuße geſtan⸗ den hätten.“ „Ei, wie Sie doch boshaft ſind! Aber wie gut wir zuſam⸗ menpaſſen! Wenn ich bedenke, daß Sie meinem Alter geweſen wären, als ich Feuer und Flamme war, wahrhaftig, ich weiß nicht. . . und Sie?“ „Still! Wenn Herr Pipelet —“ „Freilich, freilich! Der arme Alte! — Ein neuer Streich von dem ſchändlichen Cabrion! Ich werde Ihnen das ſpäter er⸗ zählen. — Ueber Ihr Mädchen können Sie ganz ruhig ſein; ich wette, daß ich die Seraphin ſo weit bringe, daß ſie mich ſelbſt auffordert, meine Verwandte zu ihr zu geben.“ „Wenn es Ihnen gelingt, meine liebe Madame Pipelet, ſo erhalten Sie von mir hundert Francs. Ich bin nicht reich, aber —“ „Spotten Sie über die Leute, Herr Rudolph? Glauben Sie daß ich aus Eigennutz handele? Du lieber Gott, aus Freund⸗ ſchaft. — Hundert Franes!“ „Bedenken Sie, daß ich mit dieſer Sin nicht meit kom⸗ men würde, wenn mir das Mädchen lange auf dem Halſe bliebe. — Nach einigen Monaten —“ „Ich werde alſo die hundert Franes nehmen, Herr Rudolph, um Ihnen einen Gefallen zu thun. — Aber iſt es nicht als hät⸗ ten wir in der Lotterie gewonnen, daß Sie in das Haus gezogen ſind? Ich kann es von den Dächern ausſchreien, daß Sie der al⸗ lerbeſte Abmiether ſind. — Aber da kommt ein Fiacre. — Gewiß die Dame des Herrn Bradamanti. — Sie war geſtern ſchon da, aber ich konnte ihr Geſicht nicht ſehen. — Heute muß ich ſie ſe⸗ hen und ich habe mir auch ein Mittel erdacht, ihren Namen zu erfahren. — Geben Sie Acht, — es wird Ihnen Spaß machen.“ 154 „Nein, nein, Madame Pipelet, es liegt mir ſehr wenig an dem Namen und dem Geſichte der Dame,“ antwortete Rudolph, in⸗ dem er weiter zurücktrat in der kleinen Wohnung. „Madame,“ rief Anaſtaſia, indem ſie der Eintretenden ent⸗ gegeneilte, „wohin wollen Sie?“ „Zu dem Herrn Bradamanti,“ antwortete die Dame, offenbar ſehr verdrüßlich darüber, ſich ſo angehalten zu ſehen. „Zu dem Herrn Bradamanti? Er iſt nicht zu Hauſe.“ „Das iſt nicht möglich. Er hat mich beſtellt.“ „Er iſt nicht zu Hauſe.“ „Sie irren ſich —“ „Ich irre mich keineswegs,“ ſagte die Portiersfrau, indem ſie geſchickt manövrirte, um das Geſicht der Dame zu ſehen. — „Herr Bradamanti iſt ausgegangen, — er iſt nicht zu Hauſe — außer für eine Dame —“ * „Nun das bin ich. .. Laſſen Sie mich gehen —“ „Ihr Name, Madame? Ich werde ſehen, ob es der Name der Perſon iſt, die ich zu Bradamanti laſſen ſoll. — Wenn Sie dieſen Namen nicht führen, ſo laſſe ich Sie unter keiner Bedin⸗ gung weiter —“ „Er hat Ihnen meinen Namen genannt!“ ſagte die Dame eben ſo verwundert als verlegen. „Ja, Madame.“ „Wie unvorſichtig!“ flüſterte die Dame, die nach einiger Zö⸗ gerung ungeduldig und leiſe, als hätte ſie gefürchtet gehört zu werden, hinzuſetzte: „nun ich heiße Fran von Orbigny.“ Rudolph zuckte bei dieſem Namen zuſammen. Es war der Name der Stiefmutter der Frau von Harville. 155 Statt in dem Schatten zu bleiben, trat er vor und er er⸗ kannte in dem Lichte des Tages und der Lampe leicht die Frau, 2 die ihm Clemence mehr als einmal geſchildert hatte. N „Frau von Orbigny?“ wiederholte die Frau Pipelet, „ja das iſt der Name, den mir Herr Bradamanti nannte. Sie können hinauf gehen, Madame.“ Die Stiefmutter der Frau von Harville ging ſchnell vor der Portiersſtube vorüber. „Angeführt! angeführt!“ rief die Frau Pipelet triumphirend; „ich weiß ihren Namen! Orbigny heißt ſie! Iſt mein Mittel nicht gut, Herr Rudolph? Aber was haben Sie? Sie ſtehen ja in tie⸗ fen Gedanken da!“ „Iſt die Dame ſchon einmal bei geweſen?“ h Rudolph. „Ja, geſtern Abend, und ſobald ſie fort war, ging auch Herr Bradamanti aus, wahrſcheinlich um ſeinen Platz auf der Poſt zu beſtellen, denn er will heute fortreiſen und bat mich, ſeine Sachen in das Poſtbureau zu bringen, weil er dem kleinen Lahmen nicht traut.“ „Und wohin reiſet Herr Bradamanti? Wiſſen Sie es?“ „In die Normandie — auf der Straße von Alencon hin.“ Rudolph erinnerte ſich, daß das Landgut Aubiers, das Or⸗ bigny bewohnte, in der Normandie lag. Kein Zweifel alſo, der Charlatan reiſte zu dem Vater der Frau von Harville, und in ſchlechter Abſicht. „Seine Abreiſe wird der Madame Seraphin ſehr unangenehm ſein,“ fuhr die Frau Pipelet fort. „Sie will Herrn Bradamanti durchaus ſehen und er vermeidet dies ſo viel er kann, denn er hat mir empfohlen, ihr zu verſchweigen, daß er heute Abend um ſechs 156 Uhr abreiſe. Wenn ſie wiederkommt, iſt er über alle Berge. Ich werde bei dieſer Gelegenheit von Ihrem Mädchen mit ihr ſprechen. — Wie hieß ſie? Cice?“ „Cecily —“ „Ich werde mir ein Stückchen Papier in meine Schnupfta⸗ backsdoſe legen, um den verteufelten Namen nicht zu vergeſſen. — Cici — Caci — Cecily, richtig, ſo war's!“ „Ich gehe jetzt zu Mamſell Lachtaube hinauf,“ ſagte Rudolph zu der Portiersfrau. „Wollen Sie meinen Alten nicht guten Tag ſagen, wenn Sie wieder herunterkommen? — Er hat ſich ſchwer geärgert und es Ihnen Der Unmenſch Cabrion hat wieder einen eich ausgeführt —“ „Ich werde immer an dem Sune Ihres Mannes nehmen, Madame Pipelet —“ Nach dieſen Worten ging Rudolph, der den Beſuch der Frau von Orbigny bei Polidori nicht aus den Gedanken bringen konnte, zur Lachtaube hinauf. — — LXXXXIX. Ver erſte Kummer der Lachtaube. N Stübchen der Lachtaube war wie immer niedlich und reinlich; die große ſilberne Taſchenuhr in einem hölzernen Gehäuſe auf dem Kamine zeigte die vierte Stunde an. Die Kälte hatte nachgelaſſen und die ſparſame Näherin deshalb kein Feuer ange⸗ macht. Kaum bemerkte man von dem Fenſter aus ein Stückchen blauen Himmels über der unregelmäßigen Maſſe von Dächern, Dachſtuben und hohen Schornſteinen, welche auf der andern Seite der Straße den Horizont bildeten. „Plötzlich färbte ein Sonnenſtrahl, der ſich gleichſam verirrt hatte und zwiſchen zwei hohen Giebeln hindurch ſchien, einige An⸗ genblicke lang mit glänzend röthlicher Farbe den Fußboden des Stübchens des jungen Mädchens. Lachtaube ſaß, mit ihrer Arbeit beſchäftiget, an dem Fenſter und ihr liebliches Profil zeichnete ſich auf dem leuchtenden durch⸗ ſichtigen Glaſe ab, wie ein Camée von roſiger Weiße auf einem goldenen Grunde. Die Sonne glänzte auf ihrem ſchwarzen Haar, das am Hin⸗ terkopfe zuſammengeſchlungen war und gab ihren kleinen fleißigen Händen, welche mit unvergleichlicher Geſchwindigkeit die Nadel handhabten, eine warme bernſteinartige Farbe. Die langen Falten ihres braunen Kleides, von welchem die Zäckchen einer grünen Schürze abſtachen, verhüllten zur Hälfte ih⸗ ren Strohſtuhl; ihre beiden niedlichen Füße ſtützten ſich auf ein Fußbänkchen, das vor ihr ſtand. Sowie ein großer Herr bisweilen aus Laune die Wände ei⸗ ner Hütte unter glänzenden Draperien verhüllt, ſo beleuchtete die untergehende Sonne einen Augenblick das Zimmerchen mit tau⸗ ſendfarbigem Widerſcheine, blitzte auf den glänzend polirten Nuß⸗ baummeubles, ſpiegelte ſich auf dem Fußboden wie auf Kupfer und umgab den Käfig der Vögel gleichſam mit einem goldenen Gegitter. Trotz dieſem fteundlichen Sonnenſtrahle hüpften die beiden Vögel unruhig in dem Käfige umher und ſangen, gegen ihre Ge⸗ wohnheit, nicht. Auch Lachtaube ſang, gegen ehre Gewohheit, nicht und alle drei zwitſcherten nie ohne einander. Faſt immer gab der friſche Morgengeſang des Mädchens die Veranlaſſung zu dem Geſange der beiden Vögel, die träger waren und ihr Neſt ſo früh nicht verließen. Dann folgte ein Wettkampf im Singen und die Vögel tru⸗ gen nicht immer den Sieg davon. Lachtaube ſang nicht mehr, weil ſie zum erſten Male in rem Leben einen Kummer empfand. Der Anblick der Armuth Morels hatte ſie zwar oft tief etgriffen, 159 aber den Armen ſind ſolche Bilder zu gewöhnlich, als daß ihre Gefühle dauernd davon ergriffen werden können. Nachdem das Mädchen den Armen faſt jeden Tag beigeſtan⸗ den, ſo viel es ihr möglich war, nachdem ſie mit ihnen und über ſie geweint hatte, empfand ſie zu gleicher Zeit Rührung und Freude, Rührung über das Unglück, Freude über ſich ſelbſt und ihr weiches Herz. Aber das war kein Kummer; bald gewann der natürliche heitere Sinn des Mädchens die Ueberhand wieder und dann fühlte ſie ſich, ohne Selbſtſucht, blos durch Vergleichung, ſo glücklich in ihrem Stübchen, daß ihre Traurigkeit bald ganz verging. Dieſes bewegliche Gefühl war ſo frei von Perſönlichkeit, daß es das Mädchen faſt für eine Pflicht hielt, mit denen zu theilen, die noch ärmer waren als ſie, um ohne Gewiſſenspein ſich einer Eriſtenz erfreuen zu können, die allerdings wohl ſehr precair, aber ganz durch eigene Arbeit gewonnen war und die ihr, in Vergleich mit der Noth der Familie des Steinſchneiders, faſt luxuriös vorkam. „Um mit Ruhe ſingen zu können, wenn man Leute neben ſich hat, die ſo ſehr zu beklagen ſind,“ ſagte ſie, „muß man ſie ſoviel als möglich unterſtützt haben.“ Ehe wir dem Leſer die Urſache des erſten Kummers der Lachtaube mittheilen, möchten wir ihn über die Tugend dieſes jungen Mädchens vollkommen beruhigen. Wir bedauern, das ernſte, feierliche, gewichtige Wort „Tu⸗ gend“ zu gebrauchen, das faſt immer auch an ſchmerzliche Opfer, an peinlichen Kampf gegen die Leidenſchaften und an ernſtes Nach⸗ denken über das Ende aller irdiſchen Dinge erinnert. Das war die Tugend der Lachtaube nicht. 160 Sie hatte weder gekämpft, noch viel nachgedacht. Sie hatte gearbeitet, gelacht und geſungen. Ihre „Unſchuld“, wie ſie einfach und aufrichtig zu Rudolph ſagte, hing beſonders von der Zeitfrage ab. Sie hatte nicht Muße gehabt, verliebt zu ſein. Da ſie vor allem heiter, arbeitſam und ordnungliebend war, ſo hatten, ihr unbewußt, die Ordnung, die Arbeit, die Heiterkeit ſie vertheidiget, erhalten, gerettet. Man findet dieſe Moral vielleicht leichtfertig, leichtſinnig; aber was liegt an der Urſache, wenn nur die Wirkung da iſt! Was kommt auf die Richtung der Wurzeln der Pflanze an, wenn nur die Blüte ſich rein, glänzend und duftig entfaltet! Wir haben bei unſerm Utopien über die Aufmunterung, die Unterſtützung und Belohnung, welche die Geſellſchaft den Hand⸗ werkern und Arbeitern zuerkennen ſollte, die ſich durch hohe ſociale Eigenſchaften auszeichnen, von jener Tugendſpionirerei, einem Plane des Kaiſers geſprochen. Denken wir uns dieſen fruchtbringenden Gedanken des großen Mannes ausgeführt. — Einer jener ächten Menſchenfreunde, welcher von ihm den Auftrag erhalten, die Tugend aufzuſuchen, hat die Lachtaube gefunden. Obgleich verlaſſen, rath⸗ und hülflos, und allen Gefahren ihrer Armuth, allen Verführungen ausgeſetzt, welche die Jungend und Schönheit umringen, iſt das reizende Mädchen doch rein ge⸗ blieben; ihr rechtſchaffenes, arbeitſames Leben könnte als Lehre und Beiſpiel dienen. Verdiente nicht dieſes Mädchen, wir wollen nicht ſagen eine Belohnung, eine Unterſtützung, aber einige billigende, ermuthigende 161 freundliche Worte, welche ihr das Bewußtſein ihres Werthes gä⸗ ben, ſie in ihren eigenen Augen erhöhten und ſelbſt für die 3⸗ kunft nöthigten, auf demſelben Wege zu verharren? Sie wüßte, daß man ihr mit theilnehmendem ſecenden Blicke auf der ſchwierigen Bahn folgte, auf welcher mit ſo viel Muth und Heiterkeit dahin wandelt; Sie wüßte, daß, wenn eines Tages Mangel an Arbeit oder Krankheit das Gleichgewicht dieſes armen thätigen Lebens zu ſtö⸗ ren drohte, das ganz auf der Arbeit und der Geſundheit beruht, ſie eine kleine Unterſtützung finden würde, die ſie vollkommen verdiente. Man wird dieſe ſchützende Aufſicht, mit der wir die Perſonen umgeben ſehen möchten, die ihres vortrefflichen Lebens wegen der Theilnahme vorzugsweiſe würdig ſind, für unmöglich erklären. Die Geſellſchaft ſcheint aber dieſe Aufgabe bereits gelöſt zu haben. Hat ſie nicht die Beaufſichtigung durch die hohe Polizei er⸗ dacht zu dem allerdings ſehr nützlichen Zwecke, die Lebensweiſe der gefährlichen Perſonen, die ſich als ſolche bereits erwieſen haben, fortwährend zu controliren? Warum ſollte die Geſellſchaft nicht auch eine Beaufſichtigung der Guten ausüben können? Doch wir kehren aus dieſem Utopien zurück zu der Veranlaſ⸗ ſung des erſten Kummers der Lachtaube. Die Nachbarn der Griſette hatten mit Ausnahme Germains, des ernſten, rechtlichen jungen Mannes, die vriginelle Vertraulich⸗ feit und ihre angebotene gute Nachbayſchaft zuerſt für eine ſehr bedentſame Herausforderung angeſehen, zu ihrer Verwunde⸗ rung und ihrem Verdruſſe aber bald anerkennen müſſen, daß ſie Die Geheimniſſe von Paris. V. 11 an Lachtaube wohl eine liebenswürdige und heitere Geſellſchafte⸗ rin bei ihrer ſonntäglichen Erholung, eine gefällige und gutmüthige Nachbarin, aber keineswegs eine Geliebte finden würden. Ihre anfangs ziemlich große Verwunderung, ihr großer Ver⸗ druß waren ſodann allmälig der vffenherzigen, reizenden guten Laune des Mädchens gewichen und ſodann, wie ſie ſelbſt ſehr rich⸗ tig gegen Rudolph bemerkte, ſtolz darauf geworden, Sonntags ein ſo hübſches Mädchen am Arme zu haben, das ihnen in mehr als einer Art Ehre machte (über den Schein ſetzte ſich Lachtaube leicht hinweg), das ihnen wenig Aufwand verurſachte, durch ſeine Liebenswürdigkeit das Vergnügen aber mehr als verdoppelte. Uebrigens war das liebe Mädchen ſo leicht zufrieden geſtellt; an Tagen der Noth kaute ſie mit ihren kleinen weißen Zähnen fröhlich und vergnügt auch ein Stück hartes ſchwarzes Brod und freute ſich über eine Promenade auf den Boulevards. Wenn unſere Leſer ſich einigermaßen für Lachtaube intereſſi⸗ ren, ſo werden ſie geſtehen, daß es ſehr thöricht oder ſehr gefühl⸗ los geweſen ſein würde, einmal wöchentlich dieſes beſcheidene Ver⸗ gnügen einem ſo anmuthigen Mädchen zu verſagen, das übrigens kein Recht hatte eiferſüchtig zu ſein, und deshalb ihre Begleiter auch nicht hinderte, ſich bei minder grauſamen Schönen ſchadlos zu halten. Nur Franz Germain baute keine thörichte Hoffnung auf das vertrauliche Zuſammenleben mit dem jungen Mädchen; er errieth, aus Inſtinet des Herzens oder Scharfſinn, gleich am erſten Tage, wie viel Annehmlichkeiten und Reiz ihm die Freundſchaft gewäh⸗ ren müßte, wele ihm Lachtaube antrug. i Was nothwendiger Weiſe geſchehen mußte, geſchah. 163 Germain verliebte ſich leidenſchaftlich in ſeine Nachbarin, ohne aber zu wagen, ihr ſeine Liebe zu geſtehen. Germain hatte, — weit entfernt, ſeine Vorgänger nachzu⸗ ahmen, die, nachdem ſie die Ueberzeugung erlangt hatten, daß ihre Bemühungen bei Lachtaube vergeblich ſein würden, ſich durch an⸗ dere Liebſchaften tröſteten, trotzdem aber mit ihrer Nachbarin fort⸗ während im beſten Vernehmen ſtanden, — mit innigem Behagen ſich an dem freundſchaftlichen Verhältniſſe ergötzt und nicht blos den Sonntag, ſondern auch alle Abende, die ihm frei blieben, bei dem Mädchen zugebracht. Lachtaube war in allen dieſen langen Stunden heiter, luſtig, ja ausgelaſſen geweſen, Germain dagegen glücklich, aufmerkſam, ernſt, bisweilen ſogar etwas traurig. Dieſe Traurigkeit war das einzige Unangenehme an ihm, denn ſein Benehmen konnte mit der lächerlichen Anmaßung Gi⸗ raudeaus, des Reiſenden, oder mit der lärmenden Ercentrieität Cabrions gar nicht verglichen werden; aber Giraudeau gewann durch ſeine unerſchöpfliche Geſchwätzigkeit, der Maler durch ſeine nicht minder unerſchöpfliche Heiterkeit den Sieg über Germain, deſſen milder Ernſt der Nachbarin einigermaßen imponirte. Lachtaube hatte alſo bis dahin keinen ihrer drei Anbeter auf eine merkliche Art ausgezeichnet; da es ihr aber d. einem geſun⸗ den Urtheil nicht fehlte, ſo fand ſie, daß Germaln allein alle die Eigenſchaften beſitze, welche eine verſtändige Frau glücklich ma⸗ chen können. Nachdem wir dies vorausgeſchickt haben, wollen wir ſogleich erzählen, warum Lachtaube betrübt war und warum ſie mit ihren Vögeln nicht ſang. Ihr rundes friſches Geſichtchen war etwas blaß geworden; ihre großen ſchwarzen Angen, die meiſt von Luſt und Fröhlichkeit 11 ſtrahlten, erſchienen matter und trüber; aus ihren Zügen ſprach eine ungewohnte Abſpannung. Sie hatte einen großen Theil der Nacht hindurch gearbeitet. 1 Von Zeit zu Zeit warf ſie einen traurigen Blick auf einen Bries, der aufgeſchlagen auf dem Tiſche neben ihr lag; dieſen Brief hatte ihr Germain geſandt, und er lautete ſo: n „Gefängniß der Conciergerie. „Mademoiſelle! „Sie werden ſich die Größe meines Unglücks nach dem Orte „denken können, von dem aus ich Ihnen ſchreibe. — Ich bin im „Gefängniß als — Dieb. Ich bin ſchuldig in Aller Augen, und „doch wage ich an Sie zu ſchreiben. „Es würde mir ſchrecklich ſein, wenn ich glauben müßte, daß „auch Sie mich für einen geſunkenen, verbrecheriſchen Menſchen „hielten. — Ich beſchwöre Sie alſo, verdammen Sie mich nicht, „bevor Sie dieſen Brief geleſen haben. — Wenn Sie mich auch „zurückwieſen, würde mich das ganz niederdrücken. „Hören Sie, was geſchehen iſt. „Ich wohnte ſeit einiger Zeit nicht mehr in der Rue du Tem⸗ „ple, wußte aber durch die arme Louiſe, daß die Familie Morel, „an der wir, Sie und ich, ſo innigen Antheil nahmen, in immer „ſchrecklichere Noth geſunken war. Mein Mitleiden mit dieſen „armen Leuten hat mich in das Unglück gebracht. — Zwar be⸗ „reue ich es nicht, aber mein Schickſal iſt doch grauſam. „Geſtern war ich bis ſpät in die Nacht bei Herrn Ferrand „geblieben, um dringende Arbeiten zu beendigen. In dem Zim⸗ mer, in welchem ich arbeitete, befand ſich ein Schreibpult, in welches der Notar jeden Tag das einſchloß, was ich gearbeitet „hatte. An jenem Abende kam er mir ſehr unruhig und bewegt 165 „vor. „Gehen Sie nicht fort, bis dieſe Rechnungen in Ordnung „gebracht ſind, und legen Sie dieſelben in das Pult; ich laſſe Ih⸗ „nen den Schlüſſel da.“ Damit ging er fort. „Nachdem ich mit meiner Arbeit zu Ende gekommen, zog ich „den Kaſten heraus, um die Papiert hineinzulegen; unwillkürlich „ſielen meine Augen auf einen offenen Brief, in welchem ich den „Namen Hieron. Morel ſah. „Ich geſtehe, daß ich neugierig genug war, dieſen Brief zu „leſen, weilnes ſich um den unglücklichen Morel handelte; ichner⸗ „fuhr auf dieſe Weiſe, daß derſelbe den nächſten Tag wegen eines „Wechſels von 1300 Fres. auf Antrieb Ferrands verhaftet werden „ſollte, der ihn unter einem angenommenen Namen in das Ge⸗ „fängniß bringen laſſen wollte. 1 „Der Brief war von dem Geſchftaagenten des Notars Ich „kanunte die Lage der Familie Morel ſo genau, daß ich wohl be⸗ „urtheilen kounte, welcher fürchterliche Schlag die Einſperrung des „Mannes für ſie ſein mußte. Ich war eben ſo betrübt wie un⸗ „willig. Leider erblickte ich neben dem Briefe ein offenes Käſt⸗ „chen mit Gold;, 2000 Fres. In dieſem Augenblicke hörte ich „Louiſen die Treppe herunter kommen; ich nahm, ohne über die „Bedeutung meines Thuns nachzudenken, 1300 Fres. von dem „daliegenden Gelde, wartete in der Flur auf Louiſen, drückte ihr „das Geld in die Hand und ſagte zu ihr: „Morgen mit Tages⸗ „aubruch ſoll Ihr Vater Lerhaftet werden wegen 1300 Fres.; hier „iſt das Geld, retten Sie ihn, ſagen Sie aber nicht, daß Sie das „Geld von mir erhalten haben. — Ferrand iſt ein ſchlechter „Menſch.“ u hn hi mih. „Sie ſehen, Mademuviſelle, meine Abſicht war gut, meine „That aber allerdings ſchlecht; ich n nichts. Nun meine „Entſchuldigung. „Ich hatte mir die zleine Summe von 1500 ße erſpart „und ſie einem Bankier übergeben. Vor acht Tagen hatte die⸗ ſer mir angezeigt, daß die Zeit, für welche ich ihm das Geld „gegeben, abgelaufen ſei und er die Summe für mich bereit halte, „wenn ich ſie ihm nicht länger zu laſſen gedenke. „Ich beſaß alſo mehr, als ich von dem Notar nahm; ich „konnte am nächſten Tage meine 1500 Fres. einziehen; aber der „Caſſirer des Bankiers kam vor Mittag nicht in das Geſchäft, „und Morel ſollte gleich bei Tagesanbruch verhaftet werden; ich „mußte dieſen alſo in den Stand ſetzen, gleich früh bezahlen zu „können, wenn er nicht vor den Augen ſeiner Frau, welche dieſer „Unfall umbringen konnte, verhaftet und fortgeführt werden ſollte. „Ueberdies hätte der Arme die Koſten der Verhaftung zu bezahlen „gehabt, wenn ich ihn auch ſpäter wieder aus dem Gefängniſſe „befreit hätte. Sie ſehen ein, daß alle dieſe Unfälle nicht eintreten „konnten, wenn ich die 1300 Fres. nahm, welche ich am nächſten „Tage wieder hinlegen zu können glaubte, ehe Ferrand etwas be⸗ „merkt. Leider täuſchte ich mich. „Ich ging von Ferrand fort und dachte nun erſt über meine „gefährliche Lage nach; tauſend Beſorgniſſe peinigten mich; ich „kannte die Strenge des Notars; er konnte nach meinem Wegge⸗ „hen in dem Pulte nachgeſehen und den Diebſtahl bemerkt haben, „denn in ſeinen, in Aller Augen iſt es ein Diebſtahl. „Dieſe Gedanken machten mich hoͤchſt unglücklich; ob es gleich „ſchon ſpät war, ging ich doch noch zu dem Bankier, um ihn zu „bitten, mir mein Geld ſogleich zu übergeben. Ich würde Gründe „für dieſe ungewöhnliche Bitte angegeben und dann zu Ferrand „zurückgegangen ſein, um das dort Wm Geld wieder „hinzulegen. „Leider befand ſich 1 zwei —. in Belle⸗ ville, in einem Landhauſe, wo er beſondere Einrichtungen treffen „ließ; ich erwartete den Tag mit zunehmender Angſt und kam end⸗ „lich in Belleville an. Alles ſchien ſich gegen mich verſchworen „zu haben; der Bankier war eben wieder nach Paris zurückgekehrt; ich folgte ihm dahin; erhielt endlich mein Geld und ging zu „Ferrand. — Alles war bereits entdeckt. „Das iſt indeß nur ein Theil meines Unglücks; der Notar „beſchuldigt mich jetzt, ihm 15,000 Fres. in Banknoten geſtohlen „zu haben, die nebſt 2000 Fres. in Gold in dem Pulte gelegen „haben ſollen. Es iſt dies eine ſchändliche Anklage, eine imfame „Lüge. Ich geſtehe die Wegnahme der 1300 Fres., ſchwöre Ih⸗ nen aber bei Allem, was heilig iſt, daß ich den zweiten Diebſtahl „nicht begangen habe. Ich habe keine Banknoten in dem Pulte „geſehen; es lagen nur 2000 Fres. in Gold da, wovon ich die „1300 Fres. nahm, welche ich zurückgebracht habe. „Das iſt die Wahrheit, Mademviſelle. Es laſtet eine unge⸗ „heure Anklage auf mir, aber Sie müſſen wiſſen, daß ich unfähig „bin zu lügen. — Werden Sie mir glauben? Leider kann, wie „Ferrand zu mir ſagte, der, welcher eine kleine Summe nahm, auch Heine größere entwendet haben, und ſeine Worte verdienen keinen „Glauben. „Ich habe Sie immer ſo gig ſo aufopfernd für Unglück⸗ „liche gefunden, Mademviſelle; ich weiß, daß Sie ſo brav und red⸗ „lich ſind, und wie ich hoffe, wird Sie auch hier bei der Würdi⸗ „gung der Wahrheit Ihr Herz lenken. — Mehr verlange ich nicht. „Schenken Sie meinen Worten Glauben, und Sie werden mich 168 „ebenſo beklagen wie tadeln, denn, ich wiederhole es, meine Abſicht „war gut; umſtände, die ich unmöglich vorausſehen fahn haben „mich in das Ungluck geſtürzt. „Ach, Mademviſelle, ich bin ſehr unglücklich! Wenn Sie wüß⸗ „ten, unter welchen W . leben — bis meine — be⸗ endigt iſt! u n⸗ . Ran 0 „Geſtern brachte man mich an einen Ort, elchen man das „Depot der Polizeipräfectur nennt. Ich kann Ihnen nicht ſagen, „was ich empfand, nachdem ich eine dunkle Treppe hinaufgegangen „und vor einer Thüre mit einem eiſernen Pförtchen ankam, das „man öffnete und dann hinter mir wieder ſchloß. „Ich war ſo aufgeregt, daß ich anfangs gar nichts ſah. Eine „warme, unangenehm riechende Luft drang mir entgegen; ich hörte „einen großen Lärm von Stimmen, untermiſcht mit Lachen, Aus⸗ „drücken des Zornes und unzüchtigen Geſängen; unbeweglich blieb „ich an der Thüre ſtehen, blickte auf die ſteinernen Platten des Fußbodens, wagte weder weiter zu gehen noch die Augen aufzu⸗ „ſchlagen und glaubte, daß Jedermann mich beobachte. „Man kummerte ſich nicht um mich; ein Gefangener mehr „oder weniger, iſt dieſen Leuten ſehr gleichgiltig. Endlich wagte „ich, den Kopf emporzurichten. Mein Gott, welche häßliche Ge⸗ „ſichter! Welche zerlumpte Anzüge! Welcher Schmutz! Ueberall „die äußern Zeichen der Armuth und des Laſters. Es waren vier⸗ „zig bis funfzig Leute da, die auf an den Wänden befeſtigten „Bänken ſaßen oder lagen, oder daſtanden, Vagabunden, Diebe, „Mörder, welche die Nacht oder den Tag über — wor⸗ „den waren.“ „Da ſie meine Nuweſenheit nicht beachteten, ſo ſund ich einen traurigen Troſt in dem Gedanken: ſie fühlten es, das ich keiner 469 der ihrigen ſei. Einige ſahen mich mit frechen ſpöttiſchen Blicken „an und ſprachen dann leiſe unter einander in einer häßlichen Sprache, die ich nicht verſtand. Kurz darauf ſchlug mich der Rihnſe auf die Achſel und nlelu Geld von mir zur Bezah⸗ „lung meines Willkommens. „Ich gab einige Geldſtücke und hoffte, auf ieſe Weiſe — „Ruhe zu erhalten; aber ſie waren damit nicht zufrieden und ver⸗ „langten mehr. Ich ſchlug es ab; da umringten mich mehrere „und überſchütteten mich mit Schimpfreden uud Drohungen; ſie wollten ſogar über mich herfallen, als zum Glück ein Aufſeher „den Lärm hörte und eintrat; ich beklagte mich gegen ihnz er ver⸗ „langte, daß man das Geld zurückgäbe, das ich hingegeben, und ſagte) ich würde, wenn ich es verlange, für eine geringe Summe „in die ſogenannte Piſtole geführt werden, d. h. in eine Stube, „wo ich allein ſein würde. Ich nahm dieſes Anerbieten mit Dank „an und verließ dieſe Banditen unter den Drohungen derſelben für „die Zukunft, denn wir würden, ſigren ſie, W wieder „kommen. „Der bruchte: mich in meine Su wo ich tie „über blieb. „Von da aus ſchreibe ich Ihnen Nrgen nach dem Verhöre werde ich in ein anderes Gefängniß, La⸗ Force, gebracht „werden, wo ich leider mehrere meiner Gefährten aus dem De⸗ pot wieder zu finden fünchte. 1 „Der Aufſeher, den mein Schmerz und meine Thränen rühr⸗ „ten, hat mir verſprochen, Ihnen dieſen Brief zuzuſenden, vleich „ſolche Gefälligkeiten ſtreng verboten ſind. „30 erwarte eine Shsie von ehemaligen 1 Freundſchaft, wenn Sie ſich dieſer Freundſchaft jetzt nicht „ſchämen. in „Meine Bitte iſt lheder „Mit dieſem Briefe zugleich werden⸗ Sie einen tleinen — „ſel 6 einige Zeilen für den Portier des Hauſes erhalten, welchem ich wohnte, Boulevard St. Denis, Nr. 11. Ich „ihm an, daß Sie gleich mir ſelbſt über alles verfügen können, „was mir gehört, und daß er Ihre Befehle auszuführen hat. Er „wird Sie in mein Zimmer führen. Haben Sie die Güte, mit „dem Schlüſſel, den ich Ihnen ſende, meinen Seeretair zu öffnen; „Sie werden ein großes Packet mit verſchiedenen Papieren finden, „die Sie für mich aufbewahren mögen; eines dieſer Papiere iſt, „wie Sie ſehen werden, an Sie ſelbſt adreſſirt; andere ſind in „Bezug auf Sie in einer glücklichen Zeit geſchrieben. — Werden „Sie nicht bös darüber; Sie ſollten nie etwas davon erfahren. „Ich bitte Sie auch, das wenige Geld zu nehmen, das ſich „in dem Secretair befindet, ſowie ein Atlastäſchchen, das ein klei⸗ „nes ſeidenes Cravattentuch enthält, welches Sie bei unſrem letz⸗ „ten Sonntagsſpaziergange trugen und das Sie mir an dem „Tage gaben, als ich das Haus in der Rue du Temple verließ. „Ich wünſche auch, daß Sie mit Ausnahme der wenigen „Wäſche, welche Sie mir nach La Force ſchicken mögen, die Meu⸗ „bles und übrigen Habſeligkeiten verkaufen, die ich beſitze. Ob „ich freigeſprochen, ob ich verurtheilt werde, gebrandmarkt bin ich „doch und muß Paris verlaſſen. Wohin ich mich wenden, wovon ich leben werde, das weiß Gott. „Madame Bouvard, die Trödlerin im Temple, die mir wi „mehrere Gegenſtände verkauft und abgekauft hat, übernähme viel⸗ „leicht Alles; ſie iſt eine ehrliche Frau; dieſe Anordnung würde Ihnen 171 „viel Mühe erſparen, und ich weiß, wie S die Zeit für „Sie iſt. „Ich habe meine Miethe vvrausbezahlt und bitte Sie ao, „nur dem Portier eine kleine Gratifiention zu geben. Verzeihen „Sie mir, daß ich Sie mit allen dieſen Dingen beläſtige; aber „Sie ſind die einzige Perſon in der Welt, an die ich mich wenden „ann und an die ich mich zu wenden wage. „Ich hätte dieſen Freundſchaftsdienſt von einem der Schreibe⸗ „Ferrands verlangen können, der mein Freund iſt, aber ich fürchte „ſein Ausplaudern in Bezug auf mehrere Papiere; einige derſel⸗ „ben betreffen Sie, wie ich ſchon erwähnt habe; andre beziehen ſich „auf traurige Ereigniſſe in meinem Leben. „Glauben Sie mir, Mademoiſelle, dieſer letzte Beweis Ihrer ehemaligen Zuneigung wird, wenn Sie mir ihn gewähren, mein „einziger Troſt in dem großen Unglücke ſein, das mich betroſſen „hat, und ich hoffe, Sie werden mir ihn nicht verſagen. „Auch bitte ich Sie um die Erlaubniß, Ihnen bisweilen ſchrei⸗ „ben zu dürfen. Es würde mir ſo ſüß, ſo unſchätzbar ſein, die „Traurigkeit, die mich niederdrückt, gegen ein wohlwollendes Herz „ausſprechen zu können. „Ach, ich ſtehe allein in der Welt; Niemand nimmt Antheil „an mir. — Dieſes Alleinſtehen war mir ſchon früher peinlich; „bedenken Sie, wie es mich jetzt betrüben muß. „Und ich bin doch redlich und ehrlich; ich habe das Bewußt⸗ „ſein, Niemand etwas zu Leide gethan, ja vielmehr immer, ſelbſt „mit Gefahr meines Lebens, meine Abneigung gegen alles Schlechte „bewieſen zu haben, wie Sie aus den Papieren erſehen werden, um deren Aufbewahrung ich Sie bitte und die Sie leſen können. „Aber wer wird mir glauben, wenn ich es ſage? Herr Ferrand iſt 172 „von Jedermann geehrt, ſein Ruf als redlicher Mann ſteht lange „feſt, er hat eine begründete Klage gegen mich, und er wird „mich zermalmen. Ich ergebe mich im Voraus in mein Schickſal. * „Wenn Sie mir glauben, Mademviſelle, werden Sie hof⸗ eutlich mich nicht verachten, ſondern auch beklagen und bisweilen „an einen aufrichtigen Freund denken. Und wenn Sie Mitleid „mit mir fühlen, ſetzen Sie vielleicht Ihrem Evelmuthe die Krone „auf und fommen einmal, Sonntags, Cach, welche Erinnerun⸗ „gen voh dieſes um mich hier im zu be⸗ „ſuchen. rüß „Aber nein — nein, ich u es „ wagen, Sie an ei⸗ „nem Orte —— Freilich — Sie ſind ſo gut, „daß . ₰ n a Brief ſcließen . n nt an Sie mitn dem „Schlüſſel und den Zeilen an den Portier abſchickenz der Aufſeher „meldet mir, daß ich vor den Richter gebracht werden ſoll, „Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Mademviſelle; — verſtoßen „Sie mich nicht; — meine einzige Hoffnung ſind Sie, Sie „allein!“ in ch 0 ig 7 „Franz Germain.“ „N. S Wenn Sie mir antworten, ſchicken Sie Brief „in das Gefängniß La Force.“ Nun kennt man die Urſache des erſten Kummart der taube⸗ Ihr treffliches Sen war von einem tief ergrifen worden, das ſie bis dahin gar nicht geahnt hatte. Sie glaubte unbedingt an die Wahrhaftigkeit der Erzählung Germains, des unglücklichen Sohnes des Schulmeiſters, ja, da ſie es mit der Moral nicht ſo ſehr ſtreng nahm, meinte ſie ſogar, ihr ehemaliger 173 Nachbar übertreibe ſeine Schuld ungemein. Er hatte, um einen unglücklichen Familienvater zu retten, Geld genommen, das er zu⸗ rückerſtatten konnte und wollte. Dieſe That war in den Augen des Mädchens eine edle. Wie es bei den Frauen, namentlich bei den Frauen dieſer Claſſe, häufig vorkommt und natürlich iſt, ſo empfand das Mäd⸗ chen, das bis dahin für Germain wie für ihre andern Nachbarn nur eine herzliche Frß S it mit einemmale etwas weit Innigeres. Sobald ſie wußte, däß er Slclih, ungerecht angeklagt und gefangen war, dachte ſie nur an ihn und vergaß ſeine frühern Nebenbuhler. Es war noch nicht Liebe, was ſie empfand, ſondein eine leb⸗ hafte, aufrichtige, mitleidsvolle Zuneigung, ein Gefühl, das für ſie neu war, da ſich Bitterkeit mit ihm vermiſchte. Das war der Gemüthszuſtand des Mädchens, als Rudolph in das Zimmer trat, nachdem er beſcheiden an die Thur ge⸗ klopft hatte. ———— Germain, der die Ehrlichkeit ſelbſt, ſo ordentlich, ſo ſanft, ſo trau⸗ C. Freundſchaft. uten Tag, Nachbarin,“ ſagte Rudolph zur Lachtaube; „ſtöre ich?“ „Nein, Herr Nachbar; im Gegentheil, es freut Sie zu ſehen, da ich ſehr traurig bin.“ „Ich ſinde Sie wirklich blaß; Sie ſcheinen 5 zu haben.“ „Freilich habe ich geweint! Ich hatte wohl Urſache dazu. Der arme Germain! Da, leſen Sie.“ Und Lachtaube gab Ru⸗ dolph den Brief des Gefangenen. „Kann Einem darüber nicht das Herz brechen? Sie haben mir geſagt, Sie nähmen Antheil an ihm; jetzt iſt es Zeit, es zu beweiſen,“ ſetzte ſie hinzu, während Rudolph aufmerkſam las. „Will denn der abſcheuliche Ferrand Jedermann unglucklich machen! Erſt Louiſen und nun Germain. — Ich bin nicht boshaft, aber ich würde mich doch freuen, wenn dem Notar etwas recht Schlimmes begegnete. Einen ſo en jungen Mann zu beſchuldigen, 15,000 Fres. geſtohlen zu haben! — 175 rig iſt! Und nun iſt er im Gefängniſſe unter allen den Böſewich⸗ tern! Ach, Herr Rudolph, heute zum erſtenmale ſehe ich ein, daß doch nicht alles roſenfarben im Leben iſt —“ „Was gedenken Sie zu thun, Nachbarin?“ „Was ich zu thun gedenke? — Alles, was Germain von mir verlangt, und zwar ſobald als möglich. Ich würde ſchon fortge⸗ gangen ſein, wenn die Arbeit da nicht ſo dringend wäre. Ich werde dieſe ſogleich in die Rue Honoré tragen und dabei in die Wohnung Germains gehen, um die Papiere zu holen, die er er⸗ wähnt. Ich habe einen Theil der Nacht hindurch gearbeitet, um einige Stunden früher fertig zu werden. Ich werde ſoviel zu thun haben, daß ich mich mit meiner Arbeit einrichten muß. — Madame Morel wünſcht auch, ich möchte Louiſen in ihrem Ge⸗ fängniſſe beſuchen; das wird ſehr ſchwer ſein, indeß — ich will es verſuchen. Leider weiß ich nicht einmal, an wen ich mich zu wenden habe.“ „Ich habe daran gedacht —“ „Sie, Nachbar?“ „Da iſt ein Erlaubnißſchein.“ „Welches Glück! Können Sie mir nicht auch einen für das Gefängniß des unglücklichen Germain verſchaffen? Das würbe ihm viel Freude machen.“ „Ich werde Ihnen auch die Mittel verſchaffen, Germain zu ſehen.“ „O, ich danke Ihnen, Herr Rudolph.“ „Werden Sie ſich nicht ſchämen, in ſein Gefängniß zu gehen?“ „Das erſtemal wird mir das Herz freilich ſehr klopfen, aber gleichviel! War Germain, als er noch glücklich, nicht auch ſtets 176 bereit, allen meinen Wünſchen zuvorzukommen? mich in das The⸗ ater vder auf die Promenade zu begleiten? mir Abends vorzule⸗ ſen? mein Stübchen zu bohnen? Jetzt iſt er im Unglück, und die Reihe hat mich getroffen. Ich armes Ding kann freilich nicht viel thun, ich weiß es, aber was ich thun kann, werde ich thun, darauf kann er rechnen. Er ſoll ſehen, daß ich eine gute Freun⸗ din bin. Nur etwas thut mir leid, Herr Rudolph, — ſein Miß⸗ trauen. Hält er mich nicht für fhig, ihn zu verachten, mich? Ich frage Sie, warum? Der alte Geizhals von Notar beſchuldigt ihn, grſtohlen zu haben; — was geht das mich an? ich weiß doch, daß es nicht wahr iſt. Wenn es mir auch der Brief Germains nicht ſonnenklar bewieſen hätte, daß er unſchuldig iſt, ich würde ihn doch nicht für ſchuldig gehalten haben. Man braucht ihn ja nur anzuſehen, ihn zu kennen, um zu wiſſen, daß er einer ſchlech⸗ ten Handlung nicht fähig iſt. Man müßte ſo ſchlecht ſein wie der Herr Ferrand, wenn man ſolche Lügen behaupten wollte.“ „Bravo, Nachbarin. Ihr edler Unwille gefällt mir.“ „Sehen Sie, ich möchte ein Mann ſein, um zu dem Notar hingehen und ſagen zu können: „Sie behaupten, Germain habe ſie beſtohlen; da haben Sie etwas, alter Lügner; das wird er Ih⸗ nen nicht ſtehlen. Und plautz! plautz! würde ich auf ihn los⸗ ſchlagen.“ 1 „Sie haben eine ſehr raſche Juſtiz,“ ſagte Rudolph, der über die Ereiferung des Mädchens lächelte. „Ja, aber das empört auch — und, wie Germain in ſeinem Briefe ſagt, Jedermann wird dem Alten glauben, weil er reich und angeſehen iſt, weil Germain ein armer junger Menſch ohne Schutz iſt, — Sie müßten ihm denn zu Hülfe kommen, Herr Ru⸗ 177 dolph, da Sie ſo wohlthätige Perſonen kennen. Läßt ſich denn nichts für ihn thun?“ „Man muß ſeinen Prozeß abwarten. — Iſt er einmal freige⸗ ſprochen, was, wie ich glaube, geſchieht, ſo wird er viele Beweiſe von Theilnahme finden. Aber, hören Sie, Nachbarin, ich weiß aus Erfahrung, daß man auf Ihre Verſchwiegenheit rechnen kann —“ „Ja, Herr Rudolph, ich bin nie geſchwätzig geweſen —“ „Nun, es darf Niemand wiſſen, auch Germain darf es nicht erfahren, daß Perſonen über ihn wachen, denn er hat Freunde —“ „Wahrhaftig?“ „Sehr mächtige und ſehr aufopfernde Freunde.“ „Das würde ihm Muth machen, wenn er es wüßte —“ „Ohne Zweifel, aber es würde ihm vielleicht auch zum Nach⸗ theile ſein. Herr Ferrand wäre gewiß mehr auf ſeiner Hut, ſein Mißtrauen würde rege werden, und es könnte, da er ſehr ſchlau iſt, ſchwierig ſein, an ihn zu kommen, was ſehr zu bedauern wäre, denn es muß nicht blos die Unſchuld Germains anerkannt ſein, dem Verläumder muß auch die Maske abgeriſſen werden.“ „Ich verſtehe, Herr Rudolph —“ „Eben ſo iſt es mit Lyuiſen; ich brachte Ihnen dieſen Erlaub⸗ nißſchein, ſie zu beſuchen, damit Sie die Arme bitten ſollten, ge⸗ gen Niemanden Das zu erwähnen, was Sie mir entdeckt hat. — Sie wird ſpäter erfahren, warum —“ „Das genügt, Herr Rudolph.“ „Mit einem Worte, Louiſe darf ſich in dem Gefängniſſe über die Schlechtigkeit ihres Herrn nicht beklagen, das iſt von großer Wichtigkeit; dagegen darf ſie einem Advoeaten nichts verheimlichen, Die Geheimuiſſe von Paris. V. 12 178 den ich ihr ſchicken werde, damit er ſich wegen ihrer Vertheidigung mit ihr verſtändige. Sagen Sie ihr dies.“ „Ich werde nichts vergeſſen, Herr Nachbar, ich habe ein gu⸗ tes Gedächtniß. — Aber wie gut, wie edel Sie ſind! Kaum iſt Jemand in Noth, ſo ſind Sie auch bei ihm.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, liebe Nachbarin, daß ich nur ein armer Commis bin; wenn ich aber bei meinem Herumſchlen⸗ dern brave Leute finde, die Schutz verdienen, ſo melde ich es einer wohlthätigen . die mir großes Vertrauen ſchenkt und ſie dann unterſtützt —“ „Und wo wohnen Sie jetzt, pin Sie Ihr Zimmer an die Fa⸗ milie Morel abgetreten haben? —“ „Ich habe mir eine meublirte Wohnung genommen —“ „Das wäre mir ſehr zuwider; wenn man da iſt, wo ſchon Viele waren, ſo iſt es, als wäre man mit Vielen zuſammen.“ „Ich ſchlafe nur dort und dann —“ „Das iſt freilich minder unangenehm . . . Aber wie ſteht es nun mit uns, Herr Rudolph! Mein Stübchen machte mich ſo gluͤcklich; ich hatte mir ein ſo ruhiges Leben geſchaffen, daß ich es nicht für möglich hielt, einmal von Kummer gequält zu werden, und nun ſehen Sie mich an! Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr mich das Unglück Germains erſchüttert hat. Ich habe die Morels und andere geſehen, die ſehr zu beklagen waren, aber Ar⸗ muth iſt Armuth; bei armen Leuten erwartet man das, wird nicht überraſcht und ſteht einander bei, wie es eben gehen will. Heute Der, morgen Jener. Sich ſelbſt bringt man mit Muth und hei⸗ terem Sinne ſchon durch; aber einen armen jungen Mann, der brav und gut iſt, der lange unſer Freund war, des Diebſtahls be⸗ ſchuldigt zu ſehen, ihn im Gefängniſſe zu wiſſen, unter Böſewich⸗ „ * N 6 179 tern, — ach, Herr Rudolph, da geht mir die Kraft aus, das iſt ein Unglück, an das ich nicht gedacht hatte —“ Und die großen Augen des Mädchens füllten ſich mit Thränen. „Muth! Muth! Ihr heiterer Sinn wird zurückkehren, ſobald Ihr Freund freigeſprochen iſt —“ „Und freigeſprochen muß er werden! Man braucht den Rich⸗ tern nur den Brief vorzuleſen, den er mir geſchrieben hat, nicht wahr, Herr Rudolph?“ „Allerdings, dieſer einfache und rührende Brief trägt alle Zei⸗ chen der Wahrheit an ſich; Sie werden mich wohl eine Abſchrift davon nehmen laſſen müſſen; es dürfte zur Vertheidigung Ger⸗ mains nöthig werden.“ „Gewiß, Herr Rudolph. — Wenn ich nicht gar zu ſchlecht ſchriebe trotz dem Unterrichte, den mir der gute Germain gegeben hat, ſo würde ich mich erbieten, ihn abzuſchreiben, aber .. .“ „Ich werde Sie nur bitten, mir den Brief bis morgen an⸗ zuvertrauen —“ „Da iſt er, Herr Nachbar; aber Sie nehmen ihn recht in Acht, nicht wahr? Ich habe alle Liebesbriefe verbrannt, welche mir Cabrion und Giraudeau im Anfange unſerer Bekanntſchaft ſchrieben, als ſie glaubten, ihre Schmeicheleien würden Eindruck auf mich machen; aber dieſen armen Brief von Germain werde ich ſorgfältig aufbewahren, und die andern auch, wenn er mir wieder ſchreibt; denn, nicht wahr, Herr Rudolph, es iſt ein Be⸗ weis zu meinen Gunſten, daß er dieſe kleinen Gefälligkeiten von mir verlangt?“ „Allerdings; das beweiſt, daß Sie die beſte Freundin find, die man ſich wünſchen kann. — Aber da fällt mir etwas ein; ſoll ich Sie in die Wohnung Germains begleiten?“ 12 * 180 „Mit Vergnügen, Herr Nachbar. Es wird dunkel, und Abends bin ich nicht gern allein auf der Straße. Aber ich habe meine Arbeit bis faſt an das Palais Royal zu tragen; der weite Weg könnte Sie ermüden und langweilen.“ „Keineswegs; wir nehmen einen Fiacre.“ „Wirklich! Ach, wie würde ich mich freuen, im Fiaere zu fah⸗ ren, wenn ich nicht ſo traurig wäre! Und ich muß recht traurig ſein, denn heute zum erſtenmale, ſeit ich hier bin, habe ich den ganzen Tag nicht geſungen. — Meine Vögel ſind ganz verdutzt darüber, die armen kleinen Thiere, Sie wiſſen nicht, was das be⸗ deutet; der eine, Papa Cretu, ſang ein paar mal, um mich her⸗ auszufordern; ich wollte ihm antworten, aber — nach einer Mi⸗ nute fing ich an zu weinen. Da fing der andere an, Ramonette, aber ich konnte nicht ſingen —“ „Welche ſeltſame Namen haben Sie Ihren Vögeln gegeben! Papa Cretu? Ramonette?“ 8 „Meine Vögel erheitern mich in meiner Einſamkeit; ſie ſind meine beſten Freunde, und ich habe ſie wie die braven Leute ge⸗ nannt, welche die Freude meiner Jugend und meine beſten Freunde waren, ungerechnet, daß Papa Cretu und Ramonette auch luſtig wa⸗ ren und ſangen wie die Vögel des lieben Gottes.“ „Ah — jetzt erinnere ich mich, — Ihre Adoptivältern hie⸗ ßen ſ „Ja, Nachbar; dieſe Namen ſind für Vögel lächerlich, ich weiß es, aber das iſt doch nur meine Sache. — Auch daran habe ich geſehen, daß Germain ein gutes Herz hat —“ „Wie ſo?“ „Gewiß. Giraudeau und Cabrivn, beſonders Cabrion, mach⸗ ten immer Späße uber die Namen meiner Vögel. — Er trieb 181 es ſo arg, daß ich zwei Sonntage mit ihm nicht ausgehen mochte, auch ſagte ich ihm ſehr ernſt, daß wenn er ſeine Spöttereien wie⸗ der anfange, die mir wehe thäten, wir niemals wieder mit einan⸗ der ausgehen würden.“ „Welch muthiger Fntſchluß!“ „Es kam mir ſchwer an, da ich auf den Sonntag immer warte wie auf den Meſſias; es that mir ſehr leid, bei prächtigem Wetter allein zu bleiben, aber ich opferte doch lieber meinen Sonn⸗ tag, als daß ich noch länger von Cabrion das verſpotten hörte, was ich achtete. Ich hätte freilich meinen Vögeln gern andere Namen gegeben, wenn ich nicht einen beſondern Gedanken dabei gehabt; der Name Colibri z. B. gefällt mir außerordentlich; aber ich habe ihn mir verſagt, weil ich die Vögel nie anders nennen werde, als Papa Cretn und Ramonette; es würde ja ſcheinen, als hätte ich meine guten Adoptivältern vergeſſen; nicht wahr, Herr Rudolph?“ „Sie haben Recht, vollkommen Recht. — Und Germain ſpot⸗ tete über dieſe Namen nicht?“ „Im Gegentheil. — Nur das erſtemal kamen ſie ihm lächer⸗ lich vor wie Jedermann; aber als ich ihm den Grund davon ge⸗ ſagt, wie ich ihn auch Cabrivn geſagt hatte, traten ihm die Thrä⸗ nen in die Augen. — Von dieſem Tage an dachte ich immer: Germain hat ein recht gutes Herz; nur ſeine Traurigkeit iſt ſein Fehler. Und ſehen Sie, Herr Rudolph, es hat mir Ungluck ge⸗ bracht, ihm ſeine Traurigkeit vorgeworfen zu haben. — Damals konnte ich mir es nicht denken, daß man traurig ſein könnte; jetzt ſehe ich es nur zu gut ein. — Aber, da bin ich mit meinem Pa⸗ cket fertig; wollen Sie mir einen Shawl geben, Herr Nachbar? 182 es iſt nicht ſo kalt, daß man den Mantel umnehmen muß, nicht wahr?“ „Wir ſetzen uns in einen Wagen, und ich bringe Sie wieder zurück —“ „Wir werden dann ſchneller zurückkommen, und ich büße nicht ſoviel Zeit ein.“ „Aber ich habe vergeſſen. — Ihre Arbeit wird darunter lei⸗ den, wenn Sie Beſuche in den Gefängniſſen machen —“ „Ach nein, nein, — ich habe ſchon daran gedacht. — Erſt⸗ lich habe ich die Sonntage für mich; an dieſen werde ich Louiſen und Germain beſuchen, das wird mein Spaziergang und meine Zerſtreuung ſein, und dann gehe ich in der Woche ein paar mal in das Gefüngniß; jeder Beſuch wird mich drei Stunden koſten, nicht wahr? Um das wieder einzubringen, arbeite ich jeden Tag eine Stunde länger, lege mich um zwölf Uhr nieder ſtatt um elf, dabei gewinne ich ſieben oder acht Stunden wöchentlich. — Sie ſehen, ich bin reicher als ich ſcheine,“ ſetzte das Mädchen lächelnd hinzu. „Und Sie fürchten nicht, dadurch ermattet zu werden?“ „Ach, ich werde mich daran gewöhnen; man gewöhnt ſich an alles, und dann bleibt es ja nicht immer ſo — „Da iſt der Shawl, Nachbarin. — Ich werde nicht ſo un⸗ artig ſein wie geſtern, mit meinen Lippen nicht wieder zu nahe an den reizenden Nacken kommen —“ „Ach, Nachbar, geſtern war geſtern, da konnte man lachen; heute iſt es etwas anderes... Stechen Sie mich nicht!“ „Die Nadel hat ſich gebogen.“ „So nehmen Sie eine andere —, da von dem Nadelkiſſen. — 183 Ach, ich vergaß, wollen Sie mir einen Gefallen thun, Herr Nachbar?“ „Befehlen Sie, ſchöne Nachbarin.“ „Schneiden Sie mir eine gute Feder, recht dick, damit ich, wenn ich nach Hauſe komme, dem armen Germain ſchreiben kann, wie ich ſeine Aufträge beſorgt habe . .. Mein Brief wird morgen zeitig im Gefängniſſe ſein und ihn beim Erwachen erfreuen.“ „Wo haben Sie Ihre Federn?“ „Da auf dem Tiſche. — Das Federmeſſer liegt im Tiſch⸗ kaſten. — Warten Sie, ich will Ihnen ein Licht anzünden, denn es fängt an dunkel zu werden.“ „Es wird mich nicht hindern, die Feder zu ſchneiden.“ „Ich muß auch mein Häubchen feſiſtecken.“ Lachtaube zündete ein Kerzenſtückchen auf einem blanken Leuch⸗ ter an. „Nachbarin, Wachslicht? Welcher Lurus!“ „O, bei dem Wenigen, das ich brenne, koſtet es eine Idee mehr als Talglicht und iſt doch reinlicher.“ „Nicht theurer?“ „Nein. Ich kaufe dieſe Wachslichtſtücke nach dem Pfunde, und an einem halben Pfunde habe ich faſt ein ganzes Jahr lang.“ „Aber,“ ſagte Rudolph, indem er ſorgfältig Feder ſchnitt, während vas Mädchen vor dem Spiegel das Häubchen aufſetzte und zuband, „ich ſehe keine Anſtalten zu Ihrem Abendeſſen.“ „Ich habe keinen Hunger. — Ich trank dieſen Morgen eine Taſſe MWilch und trinke den Abend wieder eine mit ein werig Brod, und ich bin zuftieden.“ 184 „Wollen Sie, ohne Umſtände, mit mir eſſen, wenn wir von Germain kommen?“ „Ich danke, Herr Nachbar, das Herz iſt mir zu ſchwer; ein anderesmal mit Vergnügen. — Abends vor dem Tage, an wel⸗ chem der arme Germain aus dem Gefängniſſe entlaſſen wird, lade ich mich ein, und nachher begleiten Sie mich in das Theater, ja?“ „Gern, liebe Nachbarin, und ich werde es nicht vergeſſen. — Heute ſchlagen Sie mir meine Einladung ab?“ „Ja, Herr Rudolph, ich würde eine ſchlechte, verdrüßliche Ge⸗ ſellſchafterin ſein, ungerechnet, daß es mich viel Zeit koſtete. — Bedenken Sie doch — jetzt darf ich gar nicht faul ſein —“ „Nun, ſo entſage ich dieſem Vergnügen — für hente.“ „Nun gehen Sie voraus, Nachbar, ich werde die Thür zu⸗ ſchließen.“ u6 „Da haben Sie eine vortreffliche Feder, nun geben Sie mir das Packet.“ „Zerdrücken Sie es nicht. .., es iſt Pour de Svie, das be⸗ hätt die Falten — tragen Sie es — ſo — in der Hand, ganz icht. — Nun gehen Sie, ich werde leuchten —“ Rudolph ging die Treppe hinab, während Lachtaube mit dem Lichte vorausging. In dem Augenblicke, als ſie beide an der Wohnung des Por⸗ tiers vorbeikamen, ſahen ſie Pipelet, der mit ſchlaff herabhängen⸗ den Armen aus der Hausflur ihnen entgegenſchritt; in der einen Hand hielt er das Schild, welches dem Publicum anzeigte, daß er Cabrions Freund ſei, in der andern das Portrait des Malers. Die Verzweiflung Alfreds war ſo gewaltig, daß ſein Kinn die Bruſt berührte und man von dem Kopf nichts als den brei⸗ ten Boden des Hutes ſah. 185 Bald darauf erſchien Anaſtaſia auf der Schwelle ihrer Stube und rief bei dem Anblicke ihres Mannes aus: „Nun, lieber Alter, da biſt du ja! Was hat der Commiſſär geſagt? Alfred! Alfred! ſo paß doch auf, Du wirſt mit dem Kopfe an unſern allerbeſten Miether anrennen! Nehmen Sie's nicht übel, Herr Rudolph, der vermaledeite Cabrion bringt ihn immer weiter herunter! Alfred, ſo antworte doch!“ Pipelet richtete den Kopf empor, als er dieſe ſeinem Herzen ſo theure Stimme hörte; in ſeinen Zügen lag die tiefſte Trauer. „Was hat der Commiſſär zu Dir geſagt?“ wiederholte Anaſtaſia. „Anaſtaſia, wir müſſen das Wenige zuſammennehmen, das wir beſitzen, unſere Freunde an unſer Herz drücken, unſre ſieben Sachen zuſammenpacken und auswandern — aus Paris, — aus Frankreich — aus meinem ſchönen Frankreich, denn der Unmenſch, der nun ſicher vor Strafe iſt, wird mich verfolgen, in allen De⸗ partements des Königreichs.“ „Was? Der Commiſſär —2“ „Der Commiſſär!“ rief Pipelet im höchſten Unwillen aus; „Der Commiſſär! Er hat mir in das Geſicht gelacht.“ „Dir? einem Manne von Deinem Alter, der ſo achtbar aus⸗ ſieht, daß man Dich für blitzddumm halten könnte, wenn Deine Tugenden nicht bekannt wären?“ „Nun, trotzdem hat mir dieſer Beamte geantwortet, nachdem ich ehrerbietig einen Haufen von Klagen und Beſchwerden gegen den teufliſchen Cabrion vor ihm niedergelegt, nachdem er lachend, ja lachend, mit unanſtändigem Lachen das Schild und das Por⸗ trait angeſehen, die ich als Beweis mitgenommen, hat er mir ge⸗ antwortet, ſage ich: „Mein lieber Mann, der Cabrivn iſt ein när⸗ 186 riſcher Kauz, ein Spaßvogel, — achten Sie auf ſeine Späße nicht. — Ich rathe Ihnen, lachen Sie darüber; Sie haben ja Urſache dazu.“ — „Lachen, Herr,“ rief ich aus, „lachen ſoll ich? während der Gram an mir nagt, während der Menſch mein gan⸗ zes Leben vergiftet, mich öffentlich aushängt, mich um den Ver⸗ ſtand bringt! — Ich verlange, daß man ihn einſperre, verbanne, — wenigſtens aus meiner Straße.“ Bei dieſen Worten lachte der Commiſſär wieder und wies mir ſehr artig die Thür. Ich verſtand dieſen Wink, und da bin ich —“ „Ein Beamter will er ſein!“ rief die Frau Pipelet aus. „Alles iſt vorbei, Anaſtaſia, alles iſt vorbei; keine Hoffnung mehr! Es giebt keine Gerechtigkeit mehr in Frankreich, — ich werde ſchändlich geopfert.“ Pipelet warf, ſtatt aller weitern Worte, das Schild und das Portrait mit aller Kraft in der Hausflur hin. Rudolph und Lachtaube hatten im Dunkel über die e lung des Pipelet ein wenig gelacht. Nachdem „der König der Miether“ dem unglücklichen Alfred einige Worte des Troſtes zugeſprochen hatte, den auch Anaſtaſia zu beruhigen ſuchte, verließ er das Haus in der Rue du Temple mit ſeiner Begleiterin, mit der er in einen Fiacre ſtieg, um ſich in die Wohnung des Franz Germain zu begeben. CI. Das Teſtament. SShrunz Germain wohnte auf dem Boulevard Saint Denis Nr. 11. Wir erinnern den Leſer daran, der es ohne Zweifel ver⸗ geſſen hat, daß Madame Mathieu, die Diamantenmäklerin, von der wir ſchon geſprochen haben, in demſelben Hauſe wohnte. Auf dem langen Wege von der Rue du Temple bis zur Rue St. Honoré, wo die Frau wohnte, für welche Lachtaube arbeitete und der ſie zuerſt die fertige Arbeit übergeben wollte, konnte Ru⸗ dolph den vortrefflichen Charakter des Mädchens noch beſſer ken⸗ nen lernen. Wie alle gutmüthigen Menſchen fühlte ſie es gar nicht, wie edel ſie handelte; im Gegentheil, das, was ſie that, fam ihr ganz natürlich vor. Es würde für Rudolph ſehr leicht geweſen ſein, die Gegen⸗ wart und Zukunft des Mädchens zu ſichern und ſie ſo in den Stand zu ſetzen, Lyuiſen und Germain in dem Gefängniſſe zu tröſten, ohne nöthig zu haben, auf die Zeit zu achten, welche ihr dieſe Beſuche koſteten und ihrer Arbeit entzogen; aber der Fürſt fürchtete, das Verdienſt der Anfopferung des Mädchens zu ſchwä⸗ chen, wenn er ihr dieſelbe zu leicht mache. Ob er gleich ent⸗ 188 ſchloſſen war, die vortrefflichen, ſeltenen Eigenſchaften zu belohnen, die er an ihr gefunden hatte, ſo wollte er ſie doch auch in dieſer neuen und intereſſanten Prüfung bis zu Ende beobachten. Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, daß Rudolph der Armen ſogleich beigeſtanden haben würde, wenn die Geſundheit derſelben bei der vermehrten Arbeit im geringſten leiden ſollte, die ſie entſchloſſen übernahm, um jede Woche der Tochter des Stein⸗ ſchneiders und dem Sohne des Schulmeiſters einige Stunden wid⸗ men zu können. Er bevbachtete mit eben ſo großer Freude wie Rührung das von Natur ſo glückliche, an Kummer ſo wenig gewöhnte Mädchen. Nach einer Stunde etwa hielt der Fiacre auf dem Boulevard St. Denis Nr. 11 vor einem Hauſe von beſcheidenem Ausſehen. Rudolph war ſeiner Begleiterin bei dem Ausſteigen behülf⸗ lich. Das Mädchen ging zu dem Portier und theilte ihm die Abſichten Germains mit, ohne die verſprochene Gratification zu vergeſſen. Der Sohn des Schulmeiſters war überall geliebt. Der Portier des Hauſes Nr. 11 vernahm deshalb mit Beſtürzung, daß er einen ſo rechtlichen und ruhigen Abmiether verlieren ſolle. Lachtaube hatte ein Licht erhalten und kehrte zu ihrem Be⸗ gleiter zurück, da der Portier erſt ſpäter hinauf kommen ſollte, um die letzten Anweiſungen zu erhalten. Das Zimmer Germains befand ſich im vierten Stockwerke. Vor der Thür ſagte Lachtaube zu Rudolph, indem ſie ihm den Schlüſſel gab: „Nachbar ... ſchließen Sie auf; mir zittert die Hand zu ſehr. — Sie werden über mich ſpotten, aber wenn ich bedenke, daß der arme Germain nie wieder hierherkommen wird, iſt es mir, als träte ich in das Zimmer eines Todten.“ . 189 „Wer wird ſolche Gedanken haben, Nachbarin!“ „Es iſt nicht Recht von mir, ich weiß es, aber ich kann nicht anders —“ Und ſie wiſchte eine Thräne ab. Rudolph war zwar nicht ſo bewegt wie ſeine Nachbarin, er empfand aber doch auch einen peinlichen Eindruck, als er in das beſcheidene Stübchen trat. Da er wußte, mit welchen abſcheulichen Zumuthungen die Mitſchuldigen des Schulmeiſters Germain verfolgt hatten und vielleicht noch verfolgten, ſo konnte er ſich recht wohl vorſtellen, welche traurige Stunden der Unglückliche in dieſer Einſamkeit wohl verbracht haben mochte. Lachtaube ſtellte das Licht auf einen Tiſch. Das Meublement des Zimmers war höchſt einfach und be⸗ ſtand in einem Bett, einer Commode, einem Secretair von Nuß⸗ baumholz, vier Strohſtühlen und einem Tiſche; Vorhänge von weißem baumwollenen Zeuge drapirten die Fenſter und den Alko⸗ ven; ſtatt aller Verzierung ſah man auf dem Kamine eine Waſ⸗ ſerflaſche und ein Glas. An dem Zuſtande des Bettes ſah man, daß Germain nur einige Augenblicke angekleidet in der Nacht vor ſeiner Verhaftung darauf gelegen hatte. „Armer Germain!“ rief das Mädchen aus, indem ſie das Zimmer theilnehmend muſterte; „man ſieht es wohl, daß er ſeine Nachbarin nicht mehr hatte. Es herrſcht wohl Ordnung da, aber die rechte Aufmerkſamkeit fehlt; überall liegt Staub; die Vor⸗ hänge ſind verräuchert, die Fenſterſcheiben bleich geworden, und der Fußboden iſt nicht gebohnt. Wie anders, wie ſchöner und heite⸗ 190 rer in der Rue du Temple! Da blitzte und funkelte alles wie bei mir.“ „Da waren aber auch Sie, um ihm mit Ihrem Rathe bei⸗ zuſtehen.“ „Sehen Sie,“ fuhr Lachtaube fort, indem ſie auf das Bett zeigte; „er hat die Nacht nicht geſchlafen, ſo unruhig iſt er ge⸗ weſen. — Da hat er ein Taſchentuch liegen laſſen; es iſt noch feucht von Thränen. Man ſieht es.“ Sie nahm es und ſetzte hinzu: „Germain hat ein kleines vrange ſeidenes Cravattentuch behalten, das ich ihm gab, als wir glücklich waren; ich werde vas Taſchentuch behalten zur Erinnerung an ſein Unglück. — Er wird gewiß nicht bos darüber —“ c „Im Gegentheil, er wird ſich über dieſen Beweis hrer Liebe freuen.“ „Nun zu ernſten Dingen. — Ich wrpe gleich die Viſce ftmmnipuden die ich in der Commode finde, um ſie ihm in das Gefängniß zu bringen; das Uebrige mag die Mutter Bou⸗ vard nehmen, die ich morgen herſchicken werde. — Zuerſt will ich aber den Secretair aufſchließen, um die Papiere und das Geld zu nehmen, das ich ihm aufheben ſoll.“ „Jetzt fällt mir ein,“ ſagte Rudolph, „Louiſe Morel hat mir geſtern die 1300 Fres. in Gold übergeben, die Germain ihr ge⸗ geben hatte, um damit die Schuld des Steinſchneiders zu tilgen, welche ich ſchon bezahlt hatte; ich habe das Geld, es gehört Ger⸗ main, da er den Notar wiederbezahlt hat; ich werde es Ihnen übergeben, und Sie legen es zu dem übrigen.“ „Wie Sie wollen, Herr Rudolph, aber ich möchte beinahe eine ſo große Summe nicht bei mir haben; es giebt jetzt ſo viele 191 Diebe. — Papiere — ja, da iſt nichts zu fürchten; Geld iſt ge⸗ fährlich.“ „Sie haben vielleicht Recht, Nachbarin; ſoll ich das Geld behalten? Wenn Germain etwas braucht, ſo melden Sie mir es ſogleich; ich werde Ihnen meine Adreſſe übergeben und Ihnen ſchicken, was er verlangt.“ „Ich wagte nicht, Sie um dieſe Gefälligkeit für uns zu bit⸗ ten; ſo iſt es beſſer, und ich werde Ihnen auch übergeben, was wir für die Meubles erhalten. Nun die Papiere!“ ſagte das Mädchen, indem ſie den Secretair und drei Käſtchen öffnete „Ach, mein Gott, Herr Rudolph, wie traurig das iſt, was er da ge⸗ ſchrieben hat.“ Und ſie las mit bewegter Stimme: „Im Fall ich eines gewaltſamen Todes oder ſonſt ſterbe, bitte ich die Perſon, welche dieſen Serretair öff⸗ net, dieſe Papiere zu Mademviſelle Lachtaube, Nähe⸗ rin, Rue du Temple Nr. 17 zu tragen.“ „Kann ich das Couvert abnehmen, Herr Rudolph?“ „Ohne Zweifel. Hat Ihnen Germain nicht geſchrieben, es befinde ſich unter den Papieren darin ein Brief an Sies“ Das Mädchen erbrach alſo das Siegel. Es befanden ſich mehrere Papiere in dem Couvert; eines hatte die Aufſchrift: An Mademviſelle Lachtaube und enthielt die Worte: „Mademviſelle, wenn Sie dieſen Brief leſen, werde ich nicht „mehr ſein. Wenn ich, wie ich fürchte, eines gewaltſamen Todes „ſterbe, indem ich in einen Hinterhalt falle gleich dem, welchem ich „kürzlich entgangen bin, ſo werden einige Bemerkungen, die unter „dem Titel: Notizen über mein Leben, beigefügt ſind, auf die „Spur meiner Mörder führen können.“ 192 „Ach, Herr Rudolph,“ unterbrach ſich Lachtaube, „nun wun⸗ dere ich mich nicht mehr, daß er ſo traurig war. Der arme Ger⸗ main! Immer von ſolchen Gedanken verfolgt!“ „Ja, er mußte ſehr betrübt ſein; aber ſeine ſchlimmſten Tage ſind vorüber, glauben Sie mir —“ „Ich wünſche es, Rudolph; aber im Gefängniſſe, des Diebſtahls beſchuldigt. „Beruhigen Sie ic; iſt erſt ſeine Unſchuld anerkannt, ſo wird er nicht mehr allein ſein, ſondern — Freunde finden, — Sie und eine geliebte Mutter, von der er ſeit ſeiner Kindheit getrennt iſt.“ „Seine Mutter? Er hat noch ſeine Mutter?“ „Ja. — Sie hielt ihn für verloren. — Denken Sie ſich ihre Freude, wenn Sie ihn wiederſehen wird — aber von der unwürdigen Anklage, die gegen ihn erhoben iſt! Ich hatte alſo wohl Recht, als ich Ihnen ſagte, ſeine ſchlimmſten — wären vorüber. — Sprechen Sie aber nicht von ſeiner Mutter mit ihm. Ich vertraue Ihnen dieſes Geheimniß an, weil Sie ſo innigen Antheil an ihm nehmen, daß ich Sie wenigſtens über ſeine Zu⸗ kunft beruhigen muß.“ „Ich danke Ihnen, Herr Rudolph. — Sie können unbeſorgt ſein, ich werde Ihr Geheimniß bewahren —“ Und ſie las weiter in dem Briefe Germains: „Wenn Sie einen Blick in dieſe Bemerkungen thun wollen, „werden Sie finden, daß ich mein ganzes Leben hindurch recht un⸗ glucich geweſen bin — ausgenommen in der Zeit, welche ich „bei Ihnen verbrachte. — Was ich Ihnen 2 ſagen gewagt „haben würde, werden Sie in einer Art Tagebuch finden, das „heißt: meine einzigen glücklichen Tage . 6 193 „Faſt jeden Abend, nachdem ich Sie verlaſſen, ſchrieb ich ſo „die tröſtenden Gedanken nieder, die ihre Zuneigung mir einflößte „und die allein das Bittere in meinem Leben verſüßten. Was „bei Ihnen Freundſchaft war, war bei mir Liebe. — Ich habe „es Ihnen verſchwiegen, daß ich Sie ſo liebte, bis zu dem Augen⸗ „blicke, wo ich für Sie nur noch eine traurige Erinnerung bin. „Mein Schickſal war ein ſo unglickliches, daß ich nie von dieſem „Gefühle gegen Sie geſprochen haben würde; es würde Ihnen Un⸗ „glck gebracht haben, obwohl es tief und aufrichtig war. „Es bleibt mir nur noch ein einziger Wunſch auszuſprechen „ubrig, und ich hoffe, Sie werden ihn erfüllen. „Ich habe geſehen, mit welchem bewundernswürdigen Muthe „Sie arbeiten, und wie viel Ordnung, wie viel Klugheit dazu ge⸗ „hört, damit Sie von dem Wenigen leben können, was Sie ſo „mühſam verdienen; oft habe ich bei dem Gedanken gezittert, eine „Krankheit, vielleicht die Folge übermäßiger Arbeit, könnte Sie in „eine Lage verſetzen, die ſo ſchrecklich ſein würde, daß ich ohne Be⸗ „ben nicht daran denken kann. Mir gewährt es einen ſüßen Troſt, „daß ich Ihnen wenigſtens einen großen Theil der Pein erſparen „kann und vielleicht — Noth, die Ihre ſorgloſe Ingend zum „Gluck nicht ahnt.“ — „Was will er damit ſagen, Herr Rudolph?“ fragte das Mädchen verwundert. — „Leſen Sie nur weiter, — wir werden ja ſehen —“ „Ich weiß, von wie Weni n Sie leben und wie nützlich es „Ihnen ſein würde, wenn Sie in ſchlimmer Zeit auch nur eine „ſehr beſcheidene Summe hätten; ich bin zwar arm, aber ich habe „mir 1500 Fres. erſpart, die bei einem Bankier angelegt ſind; es „iſt dies alles, was ich beſitzt. In meinem Teſtamente, das Sie Die Geheimniſſe von Paris. V. 13 „hier finden werden, vermache ich Ihnen das Geld; nehmen Sie „es an von einem Freunde, von einem guten Bruder — der nicht „mehr iſt.“ „Ach, Herr Rudolph!“ ſagte Lachtaube, der die Thränen über die Wangen ſtrömten, während ſie den Brief dem Fürſten gab; „das ſchmerzt mich zu ſehr. Der gute Germain! So an meine Zufunft zu denken! Ach, welches Herz, guter Gott! Welches vor⸗ treffliche Herz!“ „Ein würdiger, braver junger Mann!“ entgegnete Rudolph bewegt. „Aber beruhigen Sie ſich, mein Kind; Germain iſt, Gott ſei Dank! nicht todt, und das Teſtament dient nur dazu, Ihnen zu beweiſen, wie iehr er Sie liebte, wie ſehr er Sie liebt.. und ich habe nichs giliut⸗ Herr Rudolph!“ fuhr das Mäd⸗ chen fort, indem ſie die Thränen trocknete. „Im Anfange unſerer Nachbarſchaft ſprachen Giraudeau und Cabrion immer von ihrer glühenden Leidenſchaft, wie ſie ſich ausdrückten; da ſie aber ſahen, daß dies zu nichts führte, hörten ſie bald auf. Germain dagegen hat nie von ſeiner Liebe geſprochen. Als ich ihm vorſchlug, wir wollten gute Freunde ſein, ging er gleich darauf ein, und ſeitdem haben wir in inniger Freundſchaft gelebt —, aber jetzt kann ich es Ihnen geſtehen, Herr Rudolph, ich war nicht bös, Bi Esn nicht zu mir ſagte wie die Andern, er liebe mich — „Aber — Sie wunderten ſich doch darüber?“ „Ja, Herr Rudolph; ich bte, ſeine Traurigkeit mache ihn ſo — „Und Ihnen war dieſe Trauri nehm?“ „Sie war ſein einziger Fehler, t — ein wenig unange⸗ ſagte das Mädchen aufrich⸗ 195 tig; „jetzt entſchuldige ich ihn und mache mir ſogar Vor⸗ würfe —“ „Zuerſt weil Sie wiſſen, daß er leider viele Urſachen zur Traurigkeit hatte, und dann vielleicht, weil Sie nun überzeugt ſind, daß er Sie trotz ſeiner Traurigkeit liebte?“ entgegnete Ru⸗ dolph lächelnd. „Ja. — Es ſchmeichelt dem Herzen, von einem ſo braven jungen Manne geliebt zu werden, nicht wahr, Herr Rudolph?“ „Vielleicht erwiedern Sie einſt dieſe Liebe?“ „Herr Rudolph, es iſt ſehr verführeriſch; der arme Germain iſt ſo zu beklagen. — Ich denke mich in ſeine Lage; wenn in dem Augenblicke, wo ich mich für verlaſſen, von Allen verachtet hielt, eine geliebte Perſon, noch zärtlicher, als ich es hoffte, zu mir käme, würde ich mich ſehr glücklich fühlen!“ — Nach einer Pauſe fuhr Lachtaube mit einem Seufzer fort: „auf der andern Seite, — wir ſind alle beide ſo arm, daß es vielleicht nicht klug wäre. — Sehen Sie, Herr Rudolph, ich will nicht daran denken, ich irre mich vielleicht, — aber gewiß iſt, ich werde für Germain alles thun, was ich vermag, ſo lange er in dem Gefängniſſe iſt. — Iſt er frei, dann wird es immer Zeit ſein zu überlegen, ob ich Liebe oder Freundſchaft für ihn empfinde. — Itſt es Liebe, nun ſo mag es Liebe ſein. Bis dahin werde ich mich nicht darum kümmern. — Aber es wird ſpät, Herr Rudolph; wollen Sie die Papiere zuſammennehmen, während ich die Wäſche einpacke? Ach, ich vergaß das Täſchchen mit dem kleinen Tuche, das ich ihm ge⸗ geben habe. Es wird in dem Kaſten da liegen. Ja, da iſt es. — Sehen Sie, wie hübſch das Täſchchen iſt; ganz geſtickt! Armer Germain! er hat das kleine Tuch wie eine Reliquie auf⸗ bewahrt. Ich erinnere mich noch recht deutlich, als ich es das 13 * 196 letzte mal trug und es ihm gab —; er war ſo gluͤcklich, ſo glück⸗ lich! —“ In dieſem Augenblicke wurde an die Thüre geklopft. „Wer iſt da?“ fragte Rudolph. „Man möchte mit Madame Mathien ſprechen,“ antwortete eine heiſere Stimme mit dem Tone, welcher die niedrigſte Volks⸗ claſſe bezeichnet. Dieſe ſeltſam betonte Stimme weckte in den Gedanken Ru⸗ dolphs einige undentliche Erinnerungen. Um ſich zu überzeugen, nahm er das Licht und öffnete ſelbſt die Thüre. Er ſtand einem der Stammgäſte der Penne „ Zum weißen Kaninchen“ gegenüber, den er ſofort wieder erkannte, ſo tief war das jugendliche, unbärtige Geſicht von dem Laſter gezeichnet. Es war Barbillon; Barbillon, der falſche Fiacrekutſcher, der den Schul⸗ meiſter und die Eule in den Hohlweg von Bouqueval, gebracht hatte; Barbillon, der Mörder des Mannes der unglücklichen Milch⸗ frau, welche die Arbeiter gegen die Nachtigall auf⸗ gereizt hatte. N Er äußerte keine Verwunderung bei dem Anblicke Rudolphs, weil entweder die Züge Rudolphs vergeſſen, den er in der Penne nur einmal geſehen, oder weil er in dem veränderten Anzuge den Beſieger des Chvurineurs nicht wieder erkannte. „Was wollen Sie?“ fragte Rudolph. „Ich habe einen Brief für Madame Mathicu, den ich ihr aber ſelbſt übergeben muß,“ antwortete Barbillon. „Sie wohnt nicht hier; gegenüber,“ ſagte Rudolph. „Ich danke; man hatte mir geſagt: die Thüre links; ich habe mich geirrt.“ Rudolph erinnerte ſich des Namens der Diamantenmäklerin 197 nicht, da Morel ihn nur ein⸗ vder zweimal ausgeſprochen hatte. Er hatte alſo keinen Grund, ſich für die Frau zu intereſ⸗ ſiren, zu welcher Barbillon als Bote kam. Nichts deſto weniger, und obgleich er die Verbrechen des Banditen nicht kannte, ſprach ſich in dem Geſichte deſſelben doch ſo große Verdorbenheit aus, daß er auf der Thürſchwelle ſtehen blieb, um die Perſon zu ſehen, welcher Barbillon den Brief brachte. Kaum hatte Barbillon an der Thüre gegenüber geklopft, als ſie geöffnet wurde und die Mäklerin, eine veleibte Frau von etwa funfzig Jahren, mit einem Licht in der Hand erſchien. „Madame Mathieu?“ fragte Barbillon. „Die bin ich.“ „Da iſt ein Brief; ich bekomme Antwort darauf.“ Barbillon wollte in die Stube der Mäklerin hineingehen, dieſe winkte ihm aber zu bleiben, erbrach den Brief, hielt ihn an das Licht, las und antwortete zufrieden: „Sagen Sie nur, es ſei gut; ich werde bringen, was man verlangt, und in derſelben Stunde wie gewöhnlich gehen. — Viele Complimente — an dieſe Dame —“ „Vergeſſen Sie auch den Ueberbringer des Briefes nicht.“ „Laß Dich von denen bezahlen, die Dich ſchicken; ſie ſind reicher als ich.“ Die Mäklerin machte die Thüre wieder zu. Rudolph trat in das Zimmer Germains zurück und ſah Bar⸗ billyn raſch die Treppe hinunter gehen. Der Räuber traf auf dem Boulevard einen Mann von ſchlech⸗ tem Ausſehen, der vor einem Laden auf ihn wartete. Obgleich mehrere Perſonen ihn hören konnten (freilich verſtan⸗ 198 den ſie ihn nicht), ſo ſagte Barbillon doch, wie es ſchien in höch⸗ ſter Freude, zu dem Andern: „Komm, Nicolaus, Gefinkel ſchwächen! Die Olderſch holcht in die Regierung; ſie holcht zur Eule; die Mutter Martial wird uns helfen, die Awone Tauwes zu baſchen, dann buckeln wir den Bejer in Deinen Kahn *).“ „So komm. Ich muß bei guter Zeit in Asniéres ſein; ich fürchte, mein Bruder Martial merkt etwas.“ Die beiden Banditen gingen nach dieſem Geſpräche, das Nie⸗ mand verſtanden haben würde, wenn es auch gehört worden wäre, nach der Rue St. Denis zu. Einige Minuten ſpäter ſtiegen Lachtaube und Rndolph wieder in den Fiaere und gelangten in die Rue du Temple zurück. Der Fiaere hielt. In dem Augenblicke, als der Wagenſchlag geöffnet wurde, er⸗ kannte Rudolph im Scheine der Lampen des Deſtillateurs ſeinen treuen Murph, der ihn an der Thüre erwartete. Die Anweſenheit des Squire kündigte immer ein wichtiges oder unerwartetes Ereigniß an, denn er allein wußte den Fürſten zu finden. „Was giebt es? fragte Rudolph lebhaft, während Lachtaube mehrere Packete aus dem Wagen nahm. „Ein großes Unglück!“ „Um Gottes willen ſprich!“ *) Komm, Nicolaus, wir wollen Branntwein trinken! Die Alte geht in die Falle; ſie kommt zur Eule; die Mutter Martial wird uns helfen, ihr die Diamanten abzunehmen; dann tragen wir die Leiche in Deinen Kahn. — 199 „Der Herr Marquis von Harville —“ „Du erſchreckſt mich —“ „Er hatte dieſen Morgen mehreren ſeiner Freunde ein Früh⸗ ſtück gegeben. — Alles ging vortrefflich; man hatte ihn nie ſo heiter geſehen; eine unglückliche Unvorſichtigkeit —“ „Vollende! Vollende!“ „Er ſpielte mit einem Piſtol, das er für nicht geladen hielt —“ „Hat er ſich gefährlich verwundet?“ Er „Nun?“ „Etwas Schreckliches!“ „Was ſagſt Du?“ „Er iſt todt!“ „Harville!! Entſetzlich!“ rief Rudolph in ſo herzzerreißendem Tone, daß Lachtaube, die eben mit ihren Packeten aus dem Wa⸗ gen ſtieg, ausrief: „Mein Gott! Was iſt Ihnen, Herr Rudolph?“ „Ich habe meinem Freunde eben eine ſehr traurige Nachricht mitgetheilt, Mademoiſelle,“ ſagte Murph zu dem Mädchen; denn der Fürſt vermochte nicht zu antworten. „Ein großes Unglück?“ fragte das Mädchen zitternd. „Ein ſehr großes Unglück,“ antwortete der Squire. „Entſetzlich! Entſetzlich!“ rief Rudolph nach längerem Schwei⸗ G gen; dann gedachte er an ſeine Begleiterin und ſagte: „Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie nicht hinaufbe⸗ gleite. — Morgen — werde ich Ihnen meine Adreſſe ſchicken und einen Erlaubnißſchein, mit dem Sie Germain beſuchen fönnen⸗ Bald ſehe ich Sie wieder —“ 200 „Ach, Herr Rudolph, ich verſichere Sie, daß ich innigen An⸗ theil nehme. — Ich danke Ihnen, daß Sie mich begleitet haben. — Auf baldiges Wiederſehen, nicht wahr?“ „Ja, mein Kind, bald.“ „Gute Nacht, Herr Rudolph,“ ſetzte ſie hinzu, worauf Sie mit den verſchiedenen Gegenſtänden, welche ſie aus Germains Wohnung mitgenommen, in dem Dunkel der Hausflur ver⸗ ſchwand. Der Fürſt und Murph ſtiegen in den Fiacre, der ſie in die Rue Plumet brachte. Rudolph ſchrieb ſogleich folgendes Billet an Clemence: „Madame, „ich erfahre ſo eben das unerwartete Unglück, das Sie be⸗ „troffen und mir einen meiner beſten Freunde geraubt hat; Ihnen „mein Entſetzen, meinen Kummer zu ſchildern, verſuche ich nicht. „Ich muß Sie von Dingen unterhalten, welche dieſem ſchmerz⸗ „lichen Ereigniſſe fremd ſind. Eben habe ich erfahren, daß Ihre „Stiefmutter, die ohne Zweifel ſeit einigen Tagen in Paris iſt, „heute Abend mit Polidori nach der Normandie abreiſt. Ich „nenne Ihnen damit zugleich die Gefahr, welche ohne Zweifel Ih⸗ „ren Herrn Vater bedroht. Erlanben Sie mir Ihnen einen Rath „zu geben, den ich für heilſam halte. — Nach dem ſchrecklichem „Unglücke von heute wird man es ſehr begreiflich finden, daß Sie „Paris für einige Zeit verlaſſen. Glauben Sie mir, reiſen Sie „augenblicklich nach Aubiers ab, um, wenn nicht vor, doch wenig⸗ ) „ſtens gleichzeitig mit Ihrer Stiefmutter anzukommen. — Uebri⸗ „gens bleiben Sie ruhig; ich werde über Sie wachen, Sie mögen „nahe oder fern ſein; die abſcheulichen Pläne Ihrer Stiefmutter „ſollen vereitelt werden — 201 „Leben Sie wohl, Frau Marquiſe; ich ſchreibe Ihnen dieſe „Worte in Eile. Mein Herz bricht, wenn ich an den geſtrigen „Abend denke, an dem ich ihn ruhiger, glücklicher wen habe, „als ich ihn ſeit lange geſehen. — „Glauben Sie an meine Ergebenheit, mit der „ich bin . „Rudolph.“ Drei Stunden nach Empfang dieſes Briefes war die Frau von Harville, dem Rathe des Fürſten zufolge, mit ihrer Tochter auf dem Wege nach der Normandie. Ein Ertrapoſtwagen, der aus dem Hauſe Rudolphs abfuhr, folgte derſelben Straße. Leider vergaß Clemence in der Beſtürzung über die unerwar⸗ teten Ereigniſſe und bei der eiligen Abreiſe, dem Fürſten anzuzei⸗ gen, daß ſie in St. Lazarus Marien⸗Blume gefunden. Man erinnert ſich vielleicht, daß den Tag vorher die Eule der Madame Seraphin gedroht hatte, die Exiſtenz der Nachtigall zu entdecken, und daß ſie behauptete (mit Recht), ſie wiſſe, wo das Mädchen ſich befinde. Man erinnert ſich auch, daß nach dieſer Mittheilung der No⸗ tar Jacob Ferrand, in der Beſorgniß, ſein Verbrechen enthüllt zu ſehen, es für dringend nothwendig hielt, die Nachtigall verſchwin⸗ den zu laſſen, deren Eriſtenz, ſobald ſie bekannt geworden, ihn ge⸗ fährlich compromittiren konnte. Er hatte deshalb an Bradamanti, einen ſeiner Helfershelfer, ſchreiben und ihn auffordern laſſen, zu ihm zu kommen, um mit ihm ein neues Complott zu entwerfen, deſſen Opfer Marien⸗Blume ſein ſollte. Bradamanti, den die nicht minder dringenden Intereſſen der 202 Stiefmutter der Frau von Harville beſchäftigten, die verderbliche Gründe hatte, den Charlatan zu dem Herrn von Orbiguy zu bringen, Bradamanti, der es vhne Zweifel vortheilhafter fand, ſei⸗ ner Freundin zu dienen, leiſtete der Einladung des Notars keine Folge und reiſte nach der Normandie ab, ohne Madame Sera⸗ phin zu ſehen. Der Sturm grollte über Se Ferrand; im Verlaufe des Tages war die Eule von Neuem erſchienen, um ihre Drohungen zu wiederholen, und hatte, um zu beweiſen, daß ſie ernſtlich ge⸗ meint waren, dem Notar erklärt, das Mädchen, welches früher durch Madame Seraphin verlaſſen worden ſei, befinde ſich unter dem Namen „die Nachtigall“ in dem Gefängniſſe St. Lazarus. Wenn er nicht binnen drei Tagen 10,000 Fres. zahle, würde das Mädchen Papiere erhalten, die ihr mittheilten, daß ſie in ihrer Kindheit dem Notar Jacob Ferrand anvertraut geweſen ſei. Der Letztere läugnete nach ſeiner Gewohnheit keck alles ab und jagte die Eule als freche Lügnerin fort, ob er gleich von der Gefährlichkeit der Drohungen überzeugt und darüber erſchrok⸗ ken war. Durch ſeine zahlreichen Verbindungen gelang es dem Notar wirklich, ſich den Tag über (während des Geſprächs der Marien⸗ Blume mit der Frau von Harville) zu überzeugen, daß die Nach⸗ tigall ſich wirklich in St. Lazarus befinde und ſich durch ihr Be⸗ nehmen ſo auszeichne, daß man jeden Augenblick ihre Entlaſſung erwarte. Jacob Ferrand hatte, nachdem ihm dies bekunnt geworden, einen teufliſchen Plan erdacht, bei deſſen Ausführung ihm aber die Hülfe Bradamantis durchaus nothwendig war. Aus dieſem Grunde hatte Madame Seraphin ſich ſo ſehr bemüht, den Charlatan zu treffen. Als der Notar noch denſelben Abend die Abreiſe Bradaman⸗ tis erfuhr, während die Gefahr dringend zum ſchnellen Handeln aufforderte, erinnerte er ſich der Familie Martial, der Süß⸗Waſſer⸗ Piraten bei der Brücke von Asniéres, zu denen er, auf den Vor⸗ ſchlag Bradamantis, Louiſe Morel hatte ſchicken wollen, um ſie ſicher aus dem Wege zu ſchaffen. Da er eines Mitſchuldigen durchaus bedurfte, um ſeine ſchänd⸗ lichen Pläne gegen Marien-Blume auszuführen, ſo ging der No⸗ tar äußerſt vorſichtig zu Werke, um nicht compromittirt zu wer⸗ den, wenn ein neues Verbrechen begangen werden ſollte. Am Tage nach der Abreiſe Bradamantis nach der Normandie begab ſich Madame Seraphin in großer Eile zu Martial. Die Inlel des Ausluchers. ₰ ie nachfolgenden Scenen ſpielen an dem Abende des Ta⸗ ges, an welchem Madame Seraphin, dem Befehle des Notars Jacob Ferrand zu Folge, ſich zu den Martials begeben hatte, den Süß⸗Waſſer⸗Piraten, die an der Spitze einer kleinen Inſel in der Seine, unweit von der Brücke von Asniéres, wohnten. Der Vater Martial, der wie ſein Vater auf dem Schaffot geſtorben war, hatte eine Wittwe, vier Söhne und zwei Töchter hinterlaſſen. Der zweite dieſer Söhne war bereits zu lebenslänglicher Ga⸗ leerenſtrafe verurtheilt. Es blieben alſo von der zahlreichen Fa⸗ milie auf der Inſel des Ausſuchers (wie man in der Gegend dieſes Räuberneſt gewöhnlich nannte) noch übrig: Die Mutter Martial; Drei Söhne; der älteſte (der Liebhaber der Wölfin) ſtand im fünfundzwanzigſten, der andere im zwanzigſten, der jüngſte im zwölften Jahre; Zwei Töchter, eine von achtzehn, eine andere von neun Jahren. 205 Die Beiſpiele von Familien, in denen man ein gewiſſes ent⸗ ſetzliches Forterben von Verbrechen bemerkt, ſind nur zu häufig. Es kann nicht anders ſein. Pir müſſen immer wiederholen: die Geſellſchaft will nur ſtrafen; ſie ſucht das Böſe nicht zu verhindern. Ein Verbrecher wird für ſein ganzes Leben in das Zuchthaus gebracht, ein anderer enthauptet. Beide hinterlaſſen Kinder. Kümmert ſich die Geſellſchaft um dieſe Waiſen? — um dieſe Waiſen, denen ſie den Vater genommen hat, indem ſie ihm den Kopf herunterſchlug oder ihn fur bürgerlich todt erklärte? Läßt ſie eine heilſame, ſchützende, bewahrende Vormundſchaft an die Stelle jener des Mannes eintreten, welchen das Geſetz fur unwürdig, für ehrlos erflärt, vder den das Geſetz getödtet hat? Nein. — Die todte Beſtie beißt nicht mehr, ſagt die Geſellſchaft. Sie irrt ſich. Das Gift der Sittenloſigkeit iſt ſo fein, ſo freſſend, ſo au⸗ ſteckend, daß es faſt immer erblich von Geſchlecht ſich zu Geſchlecht fortpflanzt, wohl aber unſchädlich zu machen wäre, wenn man es bei Zeiten bekämpfte. Wenn die Leichenöffnung darthut, daß ein Menſch an einer anſteckenden Krankheit geſtorben iſt, ſo bewahrt man durch An⸗ wendung von Schutzmitteln die Nachkommen jenes Menſchen vor der Krankheit, deren Opfer er wurde. Daſſelbe ſollte auch in geiſtiger Hinſicht geſchehen. Wird man, wenn es bewieſen iſt, daß ein Verbrecher in ſei⸗ nem Sohne faſt immer den Keim zu friühzeitigem Verderben hin⸗ ——————— * 206 terläßt, für das Heil dieſer jungen Seele das thun, was der Arzt für den Körper thut, ſobald ein erbliches Leiden zu bekämpfen iſt? Nein. Statt den Unglucklichen zu heilen, laͤßt man den Krebs bis zum Tode an ihm nagen. Wie das Volk glaubt, der Sohn eines Henkers müſſe noth⸗ wendig wieder Henker werden, ſo iſt es der Meinung, der Sohn eines Verbrechers müſſe nothwendig wieder Verbrecher ſein. Das ſittliche Verderben, das durch die ſelbſiſüchtige Sorglo⸗ ſigkeit der Geſeliſchaft verurſacht wird, hält man für unvermeid⸗ lich vererbt, ſo daß, wenn die Waiſe, welche durch das Geſetz Waiſe wurde, trotz der verderblichen Lehre und dem anſteckenden Beiſpiele, zufällig arbeitſam und ehrlich bleibt, ein barbariſches Vorurtheil die Ehrloſigkeit des Vaters auf ſie überträgt, ſie der unverdienten Schande ausſetzt und ihr faſt jede Arbeit entzieht. — Statt einem ſolchen Unglücklichen zu Hülfe zu kommen, ihn vor der Entmuthigung, vor der Verzweiflung und beſonders vor der gefährlichen Rache der Ungerechtigkeit zu ſchützen, die biswei⸗ len ſelbſt die edelſten Charaktere zum Böſen treiben, ſagt die Ge⸗ ſellſchaft vielmehr: „Mag er ſchlecht werden, — wir werden ja ſehen. — Habe ich nicht Kerkermeiſter, Zuchtmeiſter und Henker?“ Es hat alſo der, welcher (was eben ſo ſelten wie ſchön iſt) ſich trotz verderblichen Beiſpielen rein erhält, keine Stütze, keine Ermuthigung? Es bleibt dem, welcher von der Geburt an in Sittenloſigkeit verſunken war, keine Hoffnung auf Heilung? „Ja, ja; — ich, ich werde den heilen, den ich zur Waiſe ge⸗ 207 „macht habe,“ antwortete die Geſellſchaft, „aber zu der Zeit, an „dem Orte, nach der Art, wie ich es will, — ſpäter — „Das Geſchwür, das ausgeſchnitten werden ſoll, muß reif „ſein.“ — „Gefängniſſe und Zuchthäuſer ſind meine Hospitäler; im „Falle der Unheilbarkeit habe ich das Fallbeil oder das Schwert „des Henkers. „Was die Heilung meines verwaiſten Kindes betrifft, ſo „werde ich auch daran denken, ſage ich Euch; aber geduldet Euch, „laſſen wir den Keim erblicher Sittenloſigkeit, der in ihm liegt, „ſich entwickeln, groß wachſen. „Geduld, Geduld! Iſt er bis in's innerſte Mark verfault, „dann wird das Verbrechen durch alle Pyren ausſchwitzen, und „wenn ein Diebſtahl, ein Mord ihn auf die Bank der Ehrloſig⸗ „keit gebracht, wo ſein Vater ſaß, dann werden wir den Erben „von dem Leiden heilen, wie wir den Vater heilten — „Im Zuchthauſe oder auf dem Schaffot wird der Sohn den „Platz des Vaters noch warm finden —“ Ja, ſo ſpricht in dieſem Falle die Geſellſchaft. Und ſie wundert, ſie entſetzt ſich, wenn ſie ſieht, daß Dieb⸗ ſtahl und Mord in manchen Familien von Geſchlecht zu Geſchlecht forterben. Das nachſtehende düſtere Gemälde: Die Süß⸗Waſſer⸗ Piraten, ſoll zeigen, was in einer Familie die Erblichkeit des Böſen werden kann, wenn die Geſellſchaft nicht einſchreitet, um die unglücklichen Waiſen des Geſetzes vor den ſchreckli⸗ chen Folgen des Ausſpruchs über den Vater zu wahren. Der Leſer wird entſchuldigen, daß wir dieſer neuen Epiſode eine Art Einleitung vorausſchicken. 208 Wir handeln ſo aus folgenden Gründen: Je weiter wir in dieſer Schrift vorſchreiten, um ſo heftiger wird ihr moraliſcher Zweck angegriffen, und zwar, unſerer Mei⸗ nung nach, mit ſo völliger Ungerechtigkeit, daß man uns erlauben wird, dringend und wiederholt auf den ernſten, wohlgemeinten Ge⸗ danken hinzuweiſen, der uns bis jetzt aufrecht erhalten und gelei⸗ tet hat. Mehrere hochſinnige, zartfühlende Perſonen ermuthigten uns bei unſerm Beſtreben und ſandten uns ſchmeichelhafte Beweiſe ihrer Zuſtimmung; dieſen bekannten und unbekannten Freunden ſind wir es ſchuldig, noch einmal, zum letzten Mal auf die ver⸗ blendeten, hartnäckigen Beſchuldigungen zu antworten, welche ſo⸗ gar in der Deputirtenkammer laut geworden ſind. Wenn man unſere Schrift für unmoraliſch erkläͤrt, erklärt man die Perſonen für unmvraliſch, welche uns mit ihrer lebhaf⸗ ten Theiln ahme beehren. Im Namen dieſer Perſonen wie in unſerm eigenen wollen wir an einem Beiſpiele, das wir unter mehreren herausnehmen, beweiſen, daß es dieſer Schrift keineswegs an edeln und praecti⸗ ſchen Ideen fehlt. In einem der erſten Theile des Werkes ſchilderten wir eine Muſterwirthſchaft, die von Rudolph angelegt worden war, um die armen, rechtſchaffenen und fleißigen Landleute aufzumuntern, zu unterrichten und zu belohnen. Bei dieſer Gelegenheit fügten wir hinzu: „Die unglücklichen rechtſchaffenen Menſchen verdienen wenig⸗ ſtens eben ſo viel Theilnahme wie die Verbrecher; zwar giebt es zahlreiche Geſellſchaften, welche ſich junger Gefangener oder aus vem Gefängniſſe Entlaſſener annehmen wollen; aber noch iſt keine 209 Geſellſchaft geſtiftet worden, welche den Zweck hätte, arme junge Leute zu unterſtützen, die ſich immer exemplariſch aufgeführt ha⸗ ben, — ſo daß ſie nothwendig ein Vergehen begangen haben müſſen, um ſich der Wohlthat dieſer Anſtalten erfreuen zu können, die übrigens ſehr verdienſtlich und heilſam ſind.“ Und wir ließen einen Landmann in der Meierei Bouqueval ſagen: „Es iſt menſchlich und edel, an den Schlechten nicht zu ver⸗ zweifeln, aber man ſollte auch den Guten Hoffnung geben. Wenn ein ehrlicher, ſtarker und arbeitſamer junger Burſch, der etwas ler⸗ nen und gut handeln will, in jener Anſtalt für jugendliche Ver⸗ brecher erſchiene, würde man ihn fragen: Haſt Du geſtohlen? Haſt Du Dich umhergetrieben? — Nein. — So iſt kein Platz hier für Dich.“ Dieſer Widerſpruch war auch edeln Gemüthern aufgefallen, durch die das, was wir für ein Utopien hielten, verwirklicht wor⸗ den iſt. Unter dem Vorſitze eines der ehrenwertheſten und ausgezeich⸗ netſten Männer unſerer Zeit, des Grafen Portalis, und unter der verſtändigen Leitung eines ächten Menſchenfreundes mit edelm Herzen und praktiſchem Sinne, des Herrn Allier, iſt eine Geſell⸗ ſchaft gegründet worden, die den Zweck hat, armen, ehrlichen jun⸗ gen Leuten aus dem Departement der Seine zu Hülfe zu kommen und ſie in Ackerbaucolonien zu beſchäftigen. Dieſe einzige und einfache Thatſache wird genügen, den mo⸗ raliſchen Gedanken unſerer Schrift zu conſtatiren. Wir find ſtolz darauf, wir ſchätzen uns glücklich, in Ideen, Wünſchen und Hoffnungen mit den Stiftern dieſer neuen wohl⸗ thätigen Geſellſchaft zuſammengetroffen zu ſein, denn wir halten Die Geheimniſſe von Paris. V. 14 210 uns für einen der geringſten wohl, aber auch für einen der völlig überzeugten Miſſionäre jener beiden großen Wahrheiten — daß es Pflicht der Geſellſchaft iſt, das Böſe zu verhindern und zum Guten aufzumuntern, das Gute zu belohnen, ſo viel in ihren Kräften ſteht. Da wir von dieſem neuen Werke der mildthätigen Liebe ge⸗ ſprochen haben, deren richtiger und moraliſcher Gedanke reiche gute Früchte tragen muß, ſo drücken wir auch unſere Hoffnung aus, daß die Stifter noch eine andere Lücke ausfüllen mögen, indem ſie ſpäter ihren Schutz und ihre Fürſorge auf die Kinder ausdehnen, deren Vater hingerichtet oder zu ei⸗ ner entehrenden Strafe verurtheilt worden iſt, welche den bürgerlichen Tod nach ſich zieht, die, wir wiederholen es, durch die Anwendung des Geſetzes zu Waiſen ge⸗ macht worden ſind. Diejenigen dieſer unglücklichen Kinder, welche durch ihre Ar⸗ muth und ihre Unverdorbenheit der Theilnahme ſchon würdig wä⸗ ren, würden wegen ihrer ungewöhnlichen, peinlichen, ſchwierigen, gefährlichen Lage eine noch beſondere Aufmerkſamkeit verdienen. Die Familie eines Verurtheilten, die faſt immer und überall abgewieſen wird und vergebens um Arbeit bittet, ſieht ſich ge⸗ zwungen, um der Schande zu entgehen, den Ort zu verlaſſen, wo ſie bis dahin die Mittel zu ihrem Unterhalte fand. Werden dieſe Unglücklichen, auch wenn ſie rechtſchaffen blei⸗ ben, nicht nahe daran geweſen ſein, den Pfad des Laſters zu be⸗ treten, da ſie durch die Ungerechtigkeit gereizt und erbittert wer⸗ den, wegen Vergehen, an denen ſie keine Schuld haben, die wie Verbrecher gebrandmarkt ſind, bisweilen ſich faſt in der Unmög⸗ lichteit befinden, auf rechtliche Weiſe ihr Brod zu verdienen? Hat ein faſt unvermeidlich verderblicher Einfluß auf ſie ge⸗ wirkt, muß man dann ſich nicht beſtreben, ſie zu retten, wenn es noch Zeit iſt? Die Anweſenheit dieſer Waiſen des Geſetzes unter den andern Kindern, die von der erwähnten Geſellſchaft aufgenommen worden, würde übrigens für alle eine nützliche Lehre ſein. Sie würde darthun, daß, wenn der Schuldige unerbittlich geſtraft wird, die Seinigen doch nichts verlieren, vielmehr in der Achtung der Welt gewinnen, wenn ſie durch Muth und Tugend einen geſchän⸗ deten Namen wieder zu Ehren bringen. Will man behaupten, der Geſetzgeber habe die Strafe da⸗ durch noch ſchrecklicher machen wollen, daß er den verbrecheriſchen Vater zugleich in der Zukunft ſeines unſchuldigen Kindes mit⸗ treffe? Das wäre barbariſch, unmoraliſch und unſinnig. Wäre es nicht im Gegentheil ſehr moraliſch, wenn man dem Volke bewieſe: es giebt im Böſen keine erhebliche ſolidariſche Ver⸗ antwortlichkeit; der urſprüngliche Flecken iſt zu tilgen. Wir wagen zu hoffen, daß dieſe Gedanken der neuen Geſell⸗ ſchaft der Beachtung werth erſcheinen mögen. Es iſt ohne Zweifel ſchmerzlich, wenn man denkt, daß der Staat in jenen Fragen, die in die ſociale Organiſation tief ein⸗ ſchneiden, nie die Initiative ergreift. Kann es anders ſein? In einer der letzten Sitzungen der Deputirtenkammer ſchlug Jemand, gerührt von der Noth und den Leiden der armen Claſ⸗ ſen, in einer Petitivn unter andern die Gründung von Invali⸗ denhäuſern für Arbeitslente vor. 14* ————— 212 Dieſer Vorſchlag, der ohne Zweifel nur in der Form man⸗ gelhaft iſt, aber eine hohe philanthropiſche Idee enthält, welche der ernſteſten Prüfung werth iſt, wurde mit allgemeinem, lang⸗ dauerndem Gelächter aufgenommen. Wir gehen nun weiter und wenden uns wieder zu den Süß⸗ Waſſer⸗Piraten und der Inſel des Ausſuchers. Das Haupt der Familie Martial, das ſich zuerſt auf dieſer kleinen Inſel niederließ, war Ausſucher (ravageur). Die Ausſucher bleiben wie die Floßer oder Holzauslader (debardeurs) bei der Ausübung ihres Gewerbes den ganzen Tag bis an den Gürtel im Waſſer, ihre Induſtrie hat aber ein ande⸗ res Ziel. Der Ausſucher tritt ſoweit als möglich in das Waſſer hinein und hebt mit einer langen Hohlſchaufel den Flußſand un⸗ ter dem Schlamme heraus, ſchüttet ihn in große hölzerne Gefäße, wäſcht ihn wie Erz oder Goldſand und bringt ſo eine große Menge von Metallſtückchen aller Art, Eiſen, Kupfer, Blei, Zinn, die Ueberreſte verſchiedener Geräthe heraus. Oſt finden die Aus⸗ ſucher in dem Sande ſogar Stückchen von Gold- und Silberwaa⸗ ren, welche durch die Cloaken oder mit den Schnee- und Eismaſ⸗ ſen, die man im Winter von den Straßen fort und in den Fluß ſchafft, in die Seine gekommen ſind. Da der Vater Martial, der erſte Bewohner der bis dahin un⸗ beachteten Inſel, Ausſucher war, ſo nannten die Uferbewohner die Inſel: Inſel des Ausſuchers. Die Wohnung der Süß⸗Waſſer-Piraten liegt am ſüdlichen Theile dieſer Inſel. 213 Am Tage kann man auf einem Schilde, das über der Thüre hängt, leſen: Zum Sammelplatz der Ausſucher. Guter Wein und gute Fiſche. Es werden Kähne zum Spazierenfahren vermiethet. Man ſieht daraus, der BVater Martial hatte neben ſeinen be⸗ kannten und geheimen Geſchäften das Gewerbe eines Gaſtwirthes, eines Fiſchers und Kahnvermiethers betrieben. Die Wittwe des Gerichteten trieb die Wirthſchaft fort; Hei⸗ mathloſe, Vagabunden, Bärenführer, herumziehende Charlatane u. ſ. w. verbrachten den Sonntag des Vergnügens wegen hier. Martial (der Liebhaber der Wölfin), der älteſte Sohn der Familie, der am mindeſten Schuldige von allen, trieb verbotenen Fiſchfang und nahm im Nothfalle als ächter Bravo und gegen Bezahlung die Partei der Schwächern gegen die Starken. Einer ſeiner andern Brüder, Nicolaus, der künftige Mitſchul⸗ dige Barbillons bei der Ermordung der Diamantenmäklerin, war zum Schein Ausſucher, raubte aber in der Wirklichkeit auf dem Fluſſe und an den Ufern. Franz endlich, der jüngſte Sohn des Hingerichteten, führte die Neugierigen, welche eine Luſtfahrt im Kahne machen wollten. Ambroſius Martial war wegen nächtlichen Diebſtahls mit Ein⸗ bruch und Mordverſuch lebenslänglich auf die Galeeren gekommen. Die älteſte Tochter, der Kürbiß genannt, half ihrer Mutter in der Küche und bediente die Gäſte, wie ihre neunjährige Schweſter Amandine. — Die Nacht iſt dunkel; ſchwere graue Wolken, die der Wind jagt, laſſen nur ſelten hier und da ein von Sternen flimmerndes Stückchen des dunkeln Himmels durchſchimmern. 214 Die Umriſſe der Inſel, die mit hohen blätterloſen Pappeln bepflanzt iſt, ſtechen ſchwarz von dem durchſcheinenden Dunkel des Himmels und der weißen Durchſichtigkeit des Fluſſes ab. Das Haus mit unregelmäßigem Giebel iſt völlig im Dunkel begraben; nur zwei Fenſter im Erdgeſchoſſe ſind erleuchtet; die Fenſterſcheiben flammen, und dieſer röthliche Schein ſpiegelt ſich gleich zwei langen Feuerſtreifen in den kleinen Wellen, welche den Ausſteigeplatz am Hauſe beſpülen. Die Ketten, mit denen die Kähne befeſtigt ſind, klirren ſchau⸗ erlich, und dieſes Klirren miſcht ſich in das Rauſchen des Windes, der die kahlen Aeſte der Pappeln ſchüttelt, ſo wie in das dumpfe Getöſe des angeſchwollenen Fluſſes. Ein Theil der Familie iſt in der Küche des Hauſes ver⸗ ſammelt. Dieſe Küche iſt groß und niedrig; der Thüre gegenüber befin⸗ den ſich zwei Fenſter, unter denen ſich ein langer Ofen hinzieht; links iſt der hohe Heerd, rechts eine Treppe, welche in das obere Stockwerk hinaufführt, neben dieſer Treppe der Eingang zu einer großen Stube mit mehreren Tiſchen für die Gäſte des Wirths⸗ hauſes. In dem Lichte einer Lampe und der Flammen des Heerdes blitzen viele Caſſerole und andere Kupfergeſchirre, die an den Wän⸗ den hängen oder auf Regalen mit irdenem Geſchirr aufgeſtellt ſind. In der Mitte der Küche ſteht ein großer Tiſch. Die Wittwe des Gerichteten ſitzt, umgeben von dreien ihrer Kinder, neben dem Heerde. Dieſe Frau, die groß und hager iſt, ſcheint fünfundvierzig Jahre zu zählen. Sie iſt ſchwarz gekleidet; ein um den Kopf ge⸗ bundenes Trauertuch, das ihr Haar verhüllt, geht um ihre flache, bleiche, von Runzeln durchzogene Stirn herum; ihre Naſe iſt lang, gerade und ſpitz; ihre Backenknochen ſtehen ſcharf vor; ihre Wan⸗ gen ſind eingefallen; ihr gallichtes Geſicht iſt von tiefen Blatter⸗ narben zerriſſen; die immer heruntergezogenen Mundwinfel machen den Ausdruck dieſes kalten, unveränderlichen Geſichtes, das einem Marmorbilde gleicht, noch härter. Graue Augenbrauen ziehen ſich über den mattblauen Augen hin. Die Wittwe des Gerichteten iſt mit der Nadel beſchäftigt wie ihre beiden Töchter. Die ältere, die dürr und groß iſt, gleicht ihrer Mutter ſehr. Es iſt daſſelbe ruhige, harte, boshafte Geſicht, die dünne Naſe, der ſtrenge Mund, der bleiche Blick. Nur ihre gelbe Farbe hat ihr den Beinamen Kürbiß verſchafft. Sie trauert nicht; ihr Kleid iſt braun; unter dem Häubchen von ſchwarzem Tülle be⸗ merkt man zwei dünne, glanzloſe blonde Haarſtreifen. Franz, der jüngſte Sohn Martials, kauert auf einem Sche⸗ mel und beſſert ein auf der Seine ſtreng verbotenes Fiſchnetz aus. Obgleich von der Sonne verbrannt, ſieht das Geſicht des Knaben doch blühend aus; ein Wald von braunem Haar bedeckt ſeinen Kopf; ſeine Lippen ſind dick, ſeine Angen lebhaft und durch⸗ bohrend; ſeine Stirn ſpringt vor; er gleicht weder ſeiner Mutter, noch ſeiner ältern Schweſter; er hat ein ſchüchternes, heimtücki⸗ ſches Ausſehen; bisweilen wirft er unter der Art Mähne, die über ſeine Stirn hängt, einen mißtrauiſchen Blick von der Seite auf ſeine Mutter, oder wechſelt mit ſeiner kleinen Schweſter Aman⸗ dine einen Blick des Einverſtändniſſes und der Liebe. Dieſe ſitzt neben ihrem Bruder und iſt damit beſchäftigt, die Zeichen aus geſtohlener Wäſche herauszumachen. Sie iſt neun 216 Jahre alt und gleicht eben ſo ſehr ihrem Bruder, wie ihre Schwe⸗ ſter der Mutter gleicht; ihre Züge ſind gerade nicht regelmäßig, aber minder grob als die des Franz; ihr Geſicht iſt zwar mit rothen Flecken bedeckt, ſonſt aber friſch und blühend; ihre Lippen ſind dick, aber roth; ihr Haar iſt röthlich, aber fein, weich und glänzend; ihre Augen ſind klein, aber von reinem Blau und ſanft. Wenn der Blick Amandinens dem des Bruders begegnet, zeigt ſie auf die Thüre; Franz antwortet auf dieſen Wink mit einem Seufzer; dann lenkt er die Aufmerkſamkeit ſeiner Schweſter durch eine raſche Geberde auf ſich und zählt deutlich zehn Maſchen ab — Dies bedeutet in der ſymboliſchen Sprache der Kinder, daß ihr Bruder vor zehn Uhr nicht zurückkommen ſoll. Sieht man dieſe beiden ſchweigenden Frauenzimmer mit bos⸗ haften Mienen und die beiden armen, unruhigen, ſtummen, ſchüch⸗ ternen Kinder, ſo erräth man zwei Henker und zwei Opfer. Kürbiß bemerkte, daß Amandine einen Augenblick aufhörte zu arbeiten, und ſagte ſogleich in hartem Tone zu ihr: „Haſt Du das Zeichen aus dieſem Hemd bald heraus?“ Das Kind ließ den Kopf ſinken ohne zu antworten; mittelſt der Finger und der Scheere brachte Amandine ſchnell die ro⸗ then baumwollenen Faden heraus, mit denen die Leinwand gezeich⸗ net war. Nach einigen Augenblicken wendete ſich Amandine ſchüchtern an die Wittwe, reichte ihr die Arbeit und ſagte: „Mutter, ich bin fertig.“ Ohne zu antworten, warf ihr die Wirthin ein anderes Stück Wäſche zu. Das Kind konnte es nicht zu rechter Zeit erfaſſen und ließ es fallen. Sogleich gab ihr die große Schweſter mit ihrer holzharten Hand einen kräftigen Schlag auf den Arm und ſagte: „Dummes Ding!“ Amandine kehrte auf ihren Platz zurück und arbeitete fleißig, nachdem ſie den Bruder mit einer Thräne im Auge angeſehen hatte. Es war in der Küche wieder völlig ſtill. Draußen pfiff der Wind und rüttelte an dem Wirthshaus⸗ ſchilde. Dies und das Wallen des Waſſers in einem Topfe vor dem Feuer war alles, was man hörte. Die beiden Kinder bemerften mit geheimer Angſt, daß ihre Mutter nicht ſprach. Obgleich ſie für gewöhnlich ſchweigſam war, ſo kündigte ih⸗ nen doch dieſes vollſtändige Schweigen und ein gewiſſes Zuſam⸗ menbeißen der Lippen an, daß die Wittwe innerlich höchſt aufge⸗ bracht war. Das Feuer drohte zu verlöſchen. „Franz! lege ein Stück Holz an!“ ſagte die ältere Schweſter. Der junge Netzflicker ſah hinter den Heerd und antwortete: „Es iſt keins mehr da —“ „So hole anderes,“ fuhr Kürbiß fort. Franz murmelte einige unverſtändliche Worte, rührte ſich aber nicht. „Franz! Hörſt Du?“ fragte die Schweſter. Die Wittwe des Gerichteten legte eine Serviette, aus der ſie 218 auch das Zeichen austrennte, auf ihré Knice und ſah ihren Sohn an. Dieſer hatte den Kopf geſenkt, aber er errieth, er fühlte gleichſam den ſchrecklichen Blick ſeiner Mutter, und um dem gefürchteten Geſichte nicht zu begegnen, ſaß der Knabe unbe⸗ weglich. „Biſt Du taub, Franz?“ fuhr die Schweſter gereizt fort. — „Mutter, Du ſiehſt —“ Die Schweſter ſchien das Amt zu haben, die beiden Kinder anzuklagen und auf die Strafen anzutragen, welche die Wittwe unbarmherzig vollſtreckte. Amandine ſtieß leiſe, ohne daß man ihre Bewegung bemerken konnte, den Bruder mit dem Elnbogen an, um ihn ſo ſtillſchwei⸗ gend aufzufordern, der Schweſter zu gehorchen. Franz rührte ſich nicht. Die ältere Schweſter ſah ihre Mutter an, um die Beſtrafung des Schuldigen zu verlangen; die Wittwe verſtand ſie. Sie zeigte mit ihrem langen dürren Finger auf ein zähes Weidenſtäbchen, das am Heerde lehnte. Die ältere Tochter bengte ſich zurück, nahm dieſes Werkzeng der Züchtigung und übergab es der Mutter. Franz war der Geberde ſeiner Mutter gefolgt, ſtand jetzt raſch auf und war mit einem Sprunge außer dem Bereiche des drohen⸗ den Stäbchens. „Soll Dich die Mutter gerben?“ fragte die ältere Schweſter. Die Wittwe, welche das Stäbchen in der Hand hielt, die bleichen Lippen mehr und mehr zuſammenkniff, ſah den Knaben ſtier an, ohne ein Wort zu ſprechen. An dem leichten Zittern der Hände Amandinens, die den Kopf 219 geſenkt hielt, an der Röthe, die plötzlich ihr Geſicht überflog, er kannte man, daß das Kind, obgleich an ſolche Auftritte gewöhnt, über das Schickſal erſchrak, das ihrem Bruder drohte. Dieſer hatte ſich furchtſam und gereizt in einen Winkel der Küche geflüchtet. „Nimm Dich in Acht; die Mutter wird aufſtehen, und dann iſt es nicht mehr Zeit,“ ſagte die ältere Schweſter. „Mir iſt es gleich,“ antwortete Franz erbleichend. — „Ich will lieber geſchlagen werden wie vorgeſtern, als in den Holzſtall gehen — und gar in der Nacht —“ „Warum?“ fragte das Mädchen ungeduldig. „Ach —, ich fürchte mich in dem Holzſtalle,“ Franz, der unwillkührlich ſchauderte. „Du fürchteſt Dich, Dummkopf — und warum?“ Franz zuckte die Achſeln vhne zu antworten. „Wirſt du reden? Warum fürchteſt Du Dich?“ „Ich weiß es nicht, — aber ich fürchte mich.“ „Du biſt hundertmal dort geweſen, noch geſtern Abend —“ „Jetzt mag ich nicht mehr hingehen —“ „Die Mutter ſteht auf!“ „Deſto ſchlimmer,“ ſagte der Knabe; „ſie mag mich ſchlagen, ſie mag mich todtſchlagen, ich gehe nicht in den Holzſtall, — beſonders in der Nacht —“ „Noch einmal, warum?“ „Nun, weil —“ „Weil?“ „Weil Jemand da —“ „Es iſt Jemand da?“ „Begraben! murmelte Franz ſchaudernd.“ 220 Die Wittwe des Gerichteten zuckte trotz ihrer gewöhnlichen kalten Ruhe plötzlich zuſammen, eben ſo ihre Tochter; es war, als wären beide von einem elektriſchen Schlage getroffen wor⸗ den — „Es iſt Jemand in dem Holzſtalle begraben?“ wiederholte die Schweſter achſelzuckend. „Ja,“ antwortete Franz ſo leiſe, daß man ihn kaum ver⸗ ſtand. „Lügner!“ rief das Mädchen aus. „Ich, ich ſage Dir, ich habe, als ich das Holz aufſchichtete, in dem dunkeln Winkel des Holzſtalles einen Todtenknochen geſe⸗ hen, — er guckte etwas aus der Erde heraus, die da feucht war,“ antwortete Franz. „Hörſt Du, Mutter? Wie dumm er iſt!“ ſagte das Mädchen, indem ſie der Mutter zuwinkte; „es ſind Schöpsknochen, die ich hingelegt habe —“ „Es war kein Schöpsknochen,“ fuhr das Kind zitternd fort, — „es war ein Todtenknochen, — ein Fuß, der aus der Erde herausragte, — ich habe es wohl geſehen —“ „Und Du haſt das gleich erzählt — Deinem Bruder, Dei⸗ nem guten Freunde Martial, nicht wahr?“ ſagte die Schweſter mit wilder Ironie. „ Franz antwortete nicht. „Schlechter kleiner Kannohv*)!“ rief das Mädchen zornig ans: „er iſt furchtſam wie ein Haſe und könnte uns kirbiſen**) laſſen, wie man unſern Vater kirbiſet hat.“ *) Spion. **) Köpfen. 221 „Weil Du mich Kannohv ſchimpfſt,“ antwortete der Knabe erbittert, „ſo werde ich alles dem Bruder Martial ſagen. — Ich habe ihm noch nichts geſagt, denn ich habe ihn ſeitdem nicht ge⸗ ſehen, — Aber wenn er heute Abend kommt,..“ Er konnte nicht weiter ſprechen. — Die Mutter trat auf ihn zu, ruhig, aber unerbittlich. Ob ſie gleich gewöhnlich etwas gebückt ging, war ſie doch für eine Frau ſehr lang; ſie hielt in der einen Hand das Stäb⸗ chen, mit der andern faßte ſie ihren Sohn am Arme, zog ihn trotz ſeinem Widerſtreben, ſeinen Bitten und Thränen hervor und nöthigte ihn, die Treppe in der Küche hinaufzugehen. Einen Angenblick ſpäter hörte man oben ein dumpfes Stam⸗ pfen mit den Füßen, untermiſcht mit Geſchrei und Schluchzen. Einige Minuten darauf hörte dieſes Geräuſch auf. Es wurde eine Thüre heftig zugeſchlagen. Die Wittwe des Gerichteten kam wieder herunter. Völlig kalt und ruhig ſtellte ſie das Stäbchen wieder an ſei⸗ nen Ort, ſetzte ſich an dem Heerde nieder und nahm ihre Arbeit von Neuem vor, ohne ein Wort zu ſprechen. CIHI. Der Sülz-Waller-Pirat. — Sh einer Pauſe von einigen Angenblicken ſagte die Wittwe des Gerichteten zu ihrer Tochter: „Geh und hole Holz. — Dieſe Nacht wollen wir in dem Holzſtalle aufräumen, ſobald Nicolaus und Martial zurück ſind.“ „Martial? Du willſt ihm auch ſagen, daß ..“ „Holz!“ — unterbrach die Wittwe ihre Tochter barſch. Dieſe zündete eine Laterne an und ging hinaus. Sie war daran gewöhnt, ſich unter dieſen eiſernen Willen zu beugen. In dem Augenblicke, als ſie die Thür aufmachte, ſah man draußen die ſchwarze Nacht und hörte das Rauſchen der hohen Pappeln, welche der Wind ſchüttelte, das Klirren der Ketten an den Kähnen, das Pfeifen des Sturmes, das Toſen des Fluſſes — Während der vorherbeſchriebenen Scene hatte Amandine, tief ergriffen von dem Schickſale des Bruders Franz, den ſie zärtlich liebte, weder die Angen aufzuſchlagen, noch die Thränen abzuwi⸗ ſchen gewagt, die in Tropfen in ihren Schooß fielen. Das un⸗ — — 223 terdruckte Schluchzen erſtickte ſie faſt, und ſie hätte, wenn es mög⸗ lich geweſen wäre, ſogar das Klopfen ihres Herzens unterdrückt, das vor Angſt zitterte. Die Thränen verdunkelten ihre Augen. In der Eile, mit welcher ſie das Zeichen aus dem ihr zugeworfenen Hemd heraus⸗ zutrennen verſuchte, hatte ſie ſich mit der Scheere in die Hand ge⸗ ſtochen; die Wunde blutete ſehr, aber das arme Kind dachte we⸗ niger an den Schmerz als an die Strafe, die es für die Blut⸗ flecken im Hemde erwartete. Zum Glück war die Wittwe mit ihren Gedanken beſchäftigt und bemerkte nichts. Die ältere Schweſter kam zurück und brachte einen Korb voll Holz. Auf den Blick ihrer Mutter antwortete ſie durch ein be⸗ jahendes Kopfnicken. Sie meinte, das Todtenbein rage wirklich aus der Erde heraus. Die Wittwe biß die Lippen zuſammen und arbeitete fort; nur ſchien ihre Nadel ſich raſcher zu bewegen. Das Mädchen ſchürte das Feuer wieder an, ſah nach dem Topfe auf dem Heerde, in dem Waſſer kochte, und ſetzte ſich dann neben ihrer Mutter wieder nieder. „Nicolaus kommt nicht,“ ſagte ſie zu ihr. „Wenn ihn uur die alte Frau von heute früh, die ihn mit Jemandem von Bra⸗ damanti erwartete, nicht in eine ſchlimme Lage verwickelt hat. — Sie ſah ſo duckmänſerig aus. Sie wollte ſich weder erklären, noch ihren Namen nennen, noch ſagen, woher ſie komme.“ Die Wittwe zuckte die Achſeln. „Du glaubſt, Mutter, es ſei keine Gefahr für Nicolaus? — Du haſt vielleicht Recht. — Die Alte forderte ihn auf, um ſieben Uhr Abends auf dem Kai von Billy zu ſein und da auf einen 224 Mann zu warten, der mit ihm zu ſprechen wünſche und der als Erkennungswort Bradamanti ſagen würde. — Darin liegt frei⸗ lich nichts Gefährliches. — Wenn Nicolaus ſo ſpät ausbleibt, ſo hat er vielleicht unterwegs etwas gefunden, wie vorgeſtern die Wäſche da, die er von dem Boote einer Wäſcherin geſchuppt.“ — Und ſie deutete auf eines der Hemden, aus welchen Amandine die Zeichnung herausmachte. Dann wendete ſie ſich an das Kind und fragte: „Was heißt — ſchuppen?“ „Das heißt — nehmen,“ antwortete das Kind ohne die Au⸗ gen aufzuſchlagen. „Stehlen heißt es, kleine Gans; hörſt Du? — ſtehlen —“ „Ja, Schweſier.“ „Und wenn man gut zu ſchuppen verſteht wie Nicolaus, ſo giebt es immer etwas zu verdienen. — Die Wäſche, die er vor⸗ geſtern geſtohlen hat, können wir ſelbſt gut brauchen, und ſie ko⸗ ſtet uns weiter keine Arbeit als das Herausmachen des Zeichens, nicht wahr, Mutter?“ ſetzte ſie mit lautem Lachen hinzu, das ihre ſchlechten gelben Zähne Fehen ließ. Die Wittwe blieb kalt und ruhig bei dieſem Scherze. „Vielleicht können wir uns wo anders noch mehr holen,“ fuhr das Mädchen fort. „Du weißt, Mutter, daß ein alter Mann ſeit einigen Tagen in dem Landhauſe des Herrn Griffon wohnt, das ganz allein, hundert Schritte vom Ufer, dem Kalkofen gegen⸗ über liegt.“ 6 Die Wittwe ließ den Kopf ſinken. „Nicolaus ſagte geſtern, dort würde vielleicht ein guter Fang zu machen ſein,“ fuhr das Mädchen fort. „Ich weiß ſeit heute früh, daß die Beute ſicher iſt; man müßte Amandine um das 225 Haus herumſchleichen laſſen, man würde auf ſie nicht merken; ſie könnte ſich ſtellen, als ſpiele ſie, müßte auf Alles wohl Acht ge⸗ ben und dann wiederkommen und erzählen, was ſie geſehen hat. Hörſt Du, was ich ſage?“ fuhr ſie die jüngere Schweſter hart an. „Ja, Schweſter, ich werde hingehen,“ antwortete das Kind zitternd. „ „Du ſagſt immer: ja, und thuſt doch nichts, Duckmäuſerin. Letzthin hatte ich Dir aufgetragen, in dem Laden des Krämers zu Asnieres hundert Sous wegzunehmen, während ich ihn an einer andern Seite des Ladens beſchäftigte; es war ganz leicht; gegen ein Kind hat man kein Mißtrauen. Warum haſt Du es nicht gethan?“ „Schweſter, — ich hatte kein Herz dazu, — ich wagte es nicht.“ „Letzthin haſt Du aber doch ein Tuch aus dem Packete des Herumträgers zu ſtehlen gewagt, während er in der Schenkſtube verkaufte. Hat er etwas bemerkt?“ „Du zwangſt mich dazu, Schweſter; das Tuch war für Dich. — Und dann war es auch kein Geld —“ „Iſt das ein Unterſchied?“ „Ein Tuch zu nehmen iſt nicht ſo ſchlimm wie Geld zu nehmen.“ „Dieſe ſchönen Sachen lehrt Dich Martial, nicht wahr?“ fragte die ältere Schweſter höhniſch. „Du hinterbringſt ihm Al⸗ les, kleiner Spion. — Denkſt denn Du, wir fürchteten uns vor Deinem Martial?“ Dann wendete ſie ſich an die Wittwe und ſetzte hinzu: „Mutter, mit ihm nimmt es noch einmal ein ſchlech⸗ tes Ende. — Er will hier befehlen. — Nicolaus iſt wüthend ge⸗ Die Geheimniſſe von Paris. V. 15 226 gen ihn, — ich auch. — Er hetzt Amandine und Franz gegen uns, gegen Dich auf. — Darf das ſo fortgehen?“ „Nein,“ antwortete die Mutter kurz und hart. „Beſonders ſeit ſeine Wölfin in St. Lazarus iſt, iſt er wie toll gegen Jedermaun. Iſt es denn unſere Schuld, daß ſie in das Gefängniß gekommen, ſeine Geliebte? — Wenn ſie entlaſſen iſt und ſie kommt hierher — ſo werde ich ſie bedienen —“ Die Wittwe ſagte nach einer kurzen Pauſe zu ihrer Tochter: „Du glaubſt, bei dem Alten in dem Landhauſe drüben ſei ein Schlag zu machen?“ „Ja, Mutter.“ „Er ſieht aber aus wie ein Bettler.“ „Er iſt aber doch von Adel.“ „Von Adel?“ „Ja und hat Gold im Beutel, ob er gleich alle Tage zu Fuß nach Paris und zurückgeht mit ſeinem dicken Stocke.“ „Woher weißt Du, daß er Gold hat?“ „Als ich in das Poſtbureau in Asnières ging, um zu ſehen, ob nicht ein Brief von Tvulon da ſei —“ Die Wittwe unterdruͤckte einen Seufzer und runzelte die Stirn, denn jene Worte erinnerten ſie an den Aufenthalt ihres Sohnes im Bagnv. „Ich wartete, und da kam der Alte, der drüben wohnt. — Ich erkannte ihn ſogleich an dem weißen Barte und dem weißen Kopfe, dem gelben Geſichte und den ſchwarzen Augenbrauen. — Trotz ſeinem Alter muß er ein entſchloſſener Mann ſein. Er ſagte zu der Frau: „Haben Sie Briefe von Angers an den Gra⸗ fen von St. Remy?“ — „Ja,“ antwortete ſie, „da iſt einer.“ — „Er iſt für mich,“ ſagte er dann; „hier mein Paß.“ Während die Frau ihn grüßte, hatte der Alte, um das Porto zu bezahlen, die grünſeidene Börſe gezogen. An dem einen Ende ſah ich Gold durch die Maſchen ſchimmern; es war ein Häufchen, dick wie ein Ei; vierzig bis funfzig Louisd'ors mußten es ſein!“ ſagte das Mädchen, und ihre Augen funkelten vor Begierde. „Dennoch trägt er ſich wie ein Lump. Er iſt ein alter reicher Geizhals. — Wir wiſſen ſeinen Namen, — das kann uns von Nutzen ſein, — um zu ihm hineinzukommen, nachdem Amandine uns geſagt hat, ob er Dienſtleute hält.“ Heftiges Hundebellen unterbrach ſie. „Ah, die Hunde bellen,“ rief ſie aus; „ſie hören ein Boot. — Martial kommt oder Nicolaus —“ Bei dem Namen Martials ſpiegelte ſich Freude in den Zügen Amandinens. Nach einigen Minuten, in denen ſie mit ungeduldigen und unruhigen Blicken auf die Thür geſehen hatte, ſah ſie zu ihrem großen Leidweſen Nicvlaus eintreten, den künftigen Mitſchuldigen Barbillons. Das Geſicht des Nicolaus Martial war gemein und roh; ſein Körper klein, hager, ärmlich, ſo daß man ſich wundern mußte, wie er im Stande ſei, ſein gefährliches und verbrecheriſches Ge⸗ werbe auszuüben. Leider erſetzte eine wilde geiſtige Energie bei dieſem Elenden das, was ihm an Körperkraft fehlte. Nicvlaus trug über ſeinem blauen Rocke eine Art Kutte ohne Aermel mit langen braunen Haaren; als er eintrat, warf er ein Stück Kupfer hin, das er mit Mühe auf der Achſel hereinge⸗ tragen hatte. „Guten Abend und gute Beute, Mutter!“ rief er mit hohler und heiſerer Stimme, nachdem er ſich ſeiner Laſt entledigt; „drau⸗ 15* 228 ßen liegen noch drei ſolche Stücke, ein Packet Sachen und eine Kiſte. Was darin iſt, weiß ich nicht, ich habe ſie nicht aufge⸗ macht. Vielleicht bin ich angeführt!“ „Und der Mann auf dem Kai?“ fragte das Mädchen, wäh⸗ rend die Wittwe ihren Sohn ſchweigend anſah. Statt zu antworten, griff Nicolaus in die Taſche ſeiner Beinkleider und ließ darin eine große Anzahl von Geldſtücken klingen. „Das haſt Du ihm abgenommen?“ fragte die Schweſter. „Nein; er gab von freien Stücken zweihundert Franes und will noch achthundert geben, wenn nicht —. Doch genug davon. Erſt muß mein Kahn ausgeladen werden, nachher können wir ſchwatzen. Iſt Martial nicht da?“ „Nein,“ antwortete die Schweſt r. „Deſto beſſer! So weiß er von der Sache nichts —“ „Du fürchteſt Dich vor ihm, Haſenfuß?“ warf die Schweſter bitter hin. „Ich mich vor ihm fürchten? ich?“ — und er zuckte die Ach⸗ ſeln. — „Ich fürchte nur, daß er uns verkauft, — weiter nichts . . . Mein Meſſer iſt ſcharf —“ „Ja, wenn er nicht da iſt, prahlſt Du, ſobald er aber kommt, rührſt Du Dich nicht.“ 1 Nicolaus ſchien dieſen Vorwurf nicht zu beachten und ſagte: „Raſch, raſch nach dem Kahne! Wo iſt Franz, Mutter? Er könnte mithelfen.“ „Die Mutter hat ihn durchgebläut und dann oben einge⸗ ſperrt; er wird hungrig zu Bett gehen müſſen,“ antwortete die Schweſter. 229 „Gut, aber er kann doch kommen und den Kahn ausladen helfen, nicht wahr, Mutter? Wir unſer drei bringen alles auf ein⸗ mal herein.“ Die Wittwe wies mit dem Finger nach der Decke; ihre äl⸗ teſte Tochter verſtand, was damit geſagt werden ſollte, und ging hinauf, um Franz zu holen. Das finſtere Geſicht der Mutter Martial hatte ſich ſeit der Ankunft ihres Sohnes Nicvlaus ein wenig aufgeheitert; ſie liebte ihn mehr als die älteſte Tochter, wenn auch weniger als ihren Sohn in Toulon, wie ſie ſich ausdrückte, denn die Mutterliebe dieſes ſchrecklichen Weibes ſtieg mit der Sündhaftigkeit der Ihrigen. Dieſe Bevorzugung erklärt denn auch hinreichend die Abnei⸗ gung der Wittwe gegen ihre beiden jüngſten Kinder, welche keine ſchlechten Neigungen verriethen, ſowie ihren tiefen Haß gegen Mar⸗ tial, ihren älteſten Sohn, der, ohne zwar ein ganz untadeliges Leben zu führen, in Vergleich mit ſeinen Geſchwiſtern für einen braven und rechtſchaffenen Mann gelten konnte. „Wo haſt Du dieſe Nacht gearbeitet?“ fragte die Wittwe den Nicolaus. „Als ich von dem Kai von Billy zurückkam, wo ich die Be⸗ ſprechung mit dem Manne hatte, bemerkte ich ein Boot am Kai in der Nähe der Invaliden-Brücke. Es war pechfinſter, und ich dachte bei mir: kein Licht in der Kajüte? Die Leute ſind am Lande; ich mache mich daran; finde ich einen Wächter, ſo bitte ich ihn um ein Stück Thau. — Ich trat in die Kajüte hinein; keine Seele zu ſehen. Da nahm ich denn, was ich fortſchaffen konnte, Sachen, eine große Kiſte und von dem Verdeck vier große Kupferſtücke. — Das Boot war mit Eiſen und Kupfer beladen. — 230 Da kommt die Schweſter mit Franz; ſchnell in den Kahn! Aman⸗ dine, Du gehſt auch mit und trägſt die Sachen —“ Die Wittwe beſchäftigte ſich, nachdem ſie allein geblieben, mit den Vorbereitungen zu dem Abendeſſen der Familie, ſtellte Gläſer und Flaſchen auf den Tiſch neben Steingnttellern und ſil⸗ bernen Meſſern, Gabeln und Löffeln. Eben als ſie damit fertig war, kamen ihre Kinder, ſchwer be⸗ laden, zurück. Die Laſt der beiden Kupferſtücke, welche er auf den Achſeln trug, ſchien den kleinen Franz zu Boden zu drücken; Amandine verſchwand zur Hälfte unter dem Haufen geſtohlener Kleidungs⸗ ſtucke, die ſie auf dem Kopfe trug; Nicolaus endlich trug mit der ältern Schweſter eine Kiſte herein, auf die er das vierte Kupfer⸗ ſtück gelegt hatte. „Die Kiſte! Die Kiſte aufgemacht!“ rief das Mädchen mit Ungeduld. Die Kupfermaſſen wurden an den Boden geworfen. Nicolaus nahm das dicke Eiſen des Beiles, das er am Gür⸗ tel trug, und zwängte es unter den Deckel der Kiſte hinein, um denſelben emporzuheben. Der röthliche flackernde Schein des Heerdes erhellte dieſe Raubſcene. Draußen ſtürmte der Wind heftiger und heftiger. Nicolaus kauerte vor der Kiſte, bemühte ſich ſie aufzubrechen und fluchte gräßlich, als der ſtarke Deckel ſeinen widerſtand. Seine Schweſter kniete mit gierig funkelnden Augen und ge⸗ rötheten Wangen auf der Kiſte, um der Hebelkraft des Nicolaus einen noch feſtern Stützpunkt zu geben. —— — — 231 Die Wittwe, welche durch die Breite des Tiſches von dieſer Gruppe getrennt wurde, bückte ſich ebenfalls nach dem geſtohlenen Gegenſtande zu, und ihre Angen blitzten vor Habgier: Die beiden Kinder endlich, deren guter natürlicher Inſtinct oft über den verderblichen Einfluß der ſchrecklichen Verdorbenheit im Hauſe triumphirt hatte, vergaßen, wie das leider in der menſch⸗ lichen Natur liegt, ihre S und Bedenklichkeit und dem Reize der Neugierde nach — Franz und Amandine hatten ſich an einander S ihr Auge blitzte, und ſie athmeten kaum vor Begierde, den Inhalt der Kiſte kennen zu lernen. Endlich zerſprang der Deckel in Stücke. Ah!“ rief die Familie einſtimmig und frendig. Und alle, von der Mutter bis zu dem kleinen Mädchen, ſtürz⸗ ten ſich gierig auf die geöffnete Kiſte. — Sie war ohne Zweifel von Paris an einen Modenhändler in einer kleinen Städt am Fluſſe abgeſchickt worden, denn ſie ce eine große Menge Ge⸗ genſtände des weiblichen Putzes. „Nicolaus hat ſich nicht angeführt!“ rief vie ateſe Tochter der Wittwe, indem ſie ein Stück Wollenmuslin Fe ſchlug. „Nein,“ antwortete der Dieb, der ſeinerſeits ein Packet oſt⸗ indiſche Taſchentücher aufmachte; jich bin glücklich geweſen.“ „Levantine! Das verkauft ſich wie friſches Brod,“ dis Wittwe, die ihrer Seits auch in die Kiſte griff. hſiut „Die Hehlerin Roth⸗Arms, die in der Rue du Temple wohnt, wird die Zeuge kaufen,“ ſetzte Nicolaus hinzu, „und der Micou nimmt das Kupfer.“ „Amandine,“ ſagte Franz leiſe zu ſeiner Hleinen e 232 „ein ſolches ſchönes ſeidenes Tuch gäbe ein prächtiges Halstuch!“ „Auch ein ſchönes Kopftuch!“ antwortete das Mädchen mit Bewunderung. „Das muß man ſagen, Nicolaus, Glück haſt Du gehabt,“ ſiel die älteſte Tochter der Wittwe ein. — „Sieh — da kommen nun gar Shawls! — Drei — ſeidene! Sieh, Mutter!“ „Die Mutter Burette wird für alles wenigſtens 500 Francs geben,“ ſagte die Wittwe nach reiflicher Prüfung⸗ „Dann muß es wenigſtens 1500 werth ſein,“ entgegnete Ni⸗ colaus. „Ja, die Canaillen von Hehlern wiſſen, daß man ſie braucht,“ fiel das Mädchen ein, indem ſie einen Shawl „und bieten ein Spottgeld.“ „Weiter iſt nichts drin,“ ſagte Nicolaus, indem er in der Kiſte herumſuchte. „Wir müſſen nun alles wieder zuſammenpacken,“ meinte die Wittwe. „Den Shawl behalte ich,“ ſagte das Mädchen — „Du behältſt ihn? Du behältſt ihn?“ fuhr Nicolaus auf; „ja, wenn ich Dir ihn gebe. — Du willſt immer nur neh⸗ men —“ „Was verlierſt Du denn dabei?“ „Ich trage meine Haut zu Markte, wenn ich ſchuppe. — Du hätteſt mich nicht frei gemacht, wenn man mich 6 dem Boote erwiſcht.“ „Da haſt Du Deinen Shawl! Ich mag ihn gar nicht, 4 antwortete die Schweſter, indem ſie wieder in die warf. „Ich rede nicht wegen des Shawls un bin cht ſo nnſei — 233 daß ich wegen eines Shawls knickere! ob es einer mehr oder we⸗ niger iſt, die Mutter Burette ändert deshalb den Kaufpreis nicht; ſie kauft in Bauſch und Bogen,“ entgegnete Nicvlaus. „Aber Du ſollſt nicht ſagen: ich nehme den Shawl; Du kannſt mich da⸗ rum bitten. — Da — behalte ihn, — behalte ihn, ſge ich, oder ich werfe ihn in das Feuer.“ Dieſe Worte beſänftigten die — die den Shawl ohne Groll nahm. Nicolaus war ohne Zweifel gerade ſehr ſnguugh denn er riß ein Packet auf, nahm zwei ſeidene Tücher heraus und warf ſie Amandinen und Franz hin, ſie immer begehrlich ange⸗ ſehen hatten. „Das iſt für Euch, ihr Tungenichtſe! Es wird Euch Luſt zum Schuppen machen. — Jetzt geht zu Bett, — ich habe mit der Mutter zu reden; Ihr ſollt Euer Eſſen hinaufbekommen.“ Die Kinder klatſchten in die Hände und ſchwenkten trium⸗ phirend die geſtohlenen Tücher, die ſie erhalten hatten. „Nun, Ihr Maulaffen?“ fuhr ſie die ältere Schweſter an; „werdet Ihr nun immer noch auf Martial Hat er Euch jemals ſo ſchöne Tücher gegeben?“ Franz und Amandine ſahen einander an und ſchlugen dann die Augen nieder, ohne zu antworten. „Wollt Ihr reden! Euch S w etwas ge⸗ ſchenkt?“ „Nein — er hat uns nichts zeſchentt⸗ 4 nnen Franz, indem er mit innigem Behagen ſein rothſeidenes tete⸗ 1 Amandine ſetzte leiſe hinzur 234 „Unſer Bruder Martial ſchenkt uns nichts, weil er ſelbſt nichts hat —“ „Wenn er ſtehlen wollte, würde er auch etwas haben,“ ſagte Nicolaus hart; „nicht wahr, Franz?“ „Ja, Bruder,“ antwortete Franz, der dann hinzuſetzte: „Ah, das ſchöne Tuch — das hübſche Halstuch für den Sonntag!“ „Und wie werden Euch die Kinder des Kalkhrenners neidiſch anſehen, wenn Ihr mit den ſchönen Tüchern kommt!“ fiel die äl⸗ tere Schweſter ein, welche die Züge der Kinder aufmerkſam beob⸗ achtete, um zu ſehen, ob ſie den Sinn ihrer Worte verſtanden. Das durch und durch verdorbene Mädchen rief die Eitelkeit zu Hülfe, um die letzten Serupel der unglücklichen Kinder zu erſticken⸗ „Die Kinder des Kalkbrenners“, fuhr ſie fort, „werden wie Bettelkinder in Vergleich mit Euch ausſehen und vor Neid platzen.“ „Das iſt wahr!“ rief Fraänz aus, „und ich freue mich über das ſchöne Tuch noch weit mehr, weil die kleinen Kalkbrenners keins haben und neidiſch ſein werden, nicht wahr, Amandine?“ „Ich — ich freue mich blos über das ſchöne Tuch.“ „Aus Dir wird auch nichts werden,“ antwortete die Schwe⸗ ſter verächtlich; dann nahm ſie Brod und Käſe von dem Siſc gab es den Kindern und ſagte: „Nun geht und legt Euch nieder. — Hier iſt eine Laterne, nehmt Euch aber in Acht damit und löſcht ſie aus, ehe Ihr einſchlaft.“ „Noch was!“ ſetzte Nicolaus hinzu. „Wenn Ihr dem Mar⸗ tial etwas von der Kiſte, von dem Kupfer und von den Sachen erzählt, habt Ihr es mit mir zu thun, und ich nehme die Tücher wieder.“ Nachdem die Kinder ſich entfernt hatten, brachten Nicolaus und ſeine Schweſter die geſtohlenen Gegenſtände in einen kleinen Keller, in den einige Stufen in der Küche neben dem Heerde hin⸗ einführten. „Nun, Mutter, was zu trinken und was Gutes! Brannt⸗ wein! — Ich habe es heute verdient. — Und Du, Schweſter, trage das Eſſen auf; Martial mag die Knochen abnagen; das iſt gut genug für ihn. — Jetzt können wir auch von dem Manne auf dem Kai Billy reden, denn morgen oder übermorgen muß es los⸗ gehen, wenn ich das Geld verdienen will, das er mir verſprochen hat. — Ich will Dir's erzählen, Mutter; aber erſt muß ich trin⸗ ken, Donnerwetter! Ich bezahl s ja.“ Und Nicolaus ließ von Neuem die Geldſtücke in der Taſche klingen; dann warf er ſeine ſchwarze wollene Mütze und ſeinen Kittel ab, ſetzte ſich am Tiſche nieder vor einer großen Schüſſel mit Schoͤpsragout, einem Stücke kalten Kalbsbraten und Salat. Nachdem die Schweſter auch Wein und Branntwein auf den Tiſch geſtellt hatte, ſetzte ſich die noch immer finſtere Wittwe an dem Tiſche ebenfalls nieder, ſo daß ſie Nicolaus zur Rechten, ihre Tochter zur Linken hatte. Ihr gegenüber waren die leeren Plätze Martials und der beiden jüngſten Kinder. Der Bandit zog ein breites langes Meſſer mit Horngriff und ſpitzer Klinge aus der Taſche, betrachtete dieſe mörderiſche Waffe mit einem gewiſſen Wohlgefallen und ſagte zu der Wittwe: „Das ſchneidet immer gut. — Gieb her das Brod, Mutter.“ „Bei dem Meſſer fällt mir ein,“ ſagte das Mädchen, „Franz hat etwas bemerkt . . . im Holzſtalle.“ „Was?“ fragte Nicolaus, der ſie nicht verſtand. „Er hat ein Bein geſehen.“ 236 „Von dem Manne?“ fragte Nicolaus weiter. „Ja,“ antwortete die Wittwe, indem ſie ein Fleiſchſtück auf den Teller ihres Sohnes legte. „Sonderbar! Das Loch war doch tief!“ ſagte der Räuber. — „Die Erde wird ſich aber in der Zeit geſenkt haben.“ „Es muß dieſe Nacht alles in den Fluß geworfen werden,“ rieth die Wittwe. „Das iſt ſicherer,“ meinte Nicolaus. „Man könnte einen Stein daran binden,“ ſagte das Mädchen. „Auch nicht dumm!“ entgegnete Nicolaus, indem er ſich ein⸗ ſchenkte. Dann wendete er ſich, während er die Flaſche hochhielt, an die Wittwe und ſetzte hinzu: „trink mit uns, Mutter, das wird Dich aufheitern.“ Die Wittwe ſchuttelte den Kopf, ſchob ihr Glas zuruͤck und ſagte zu ihrem Sohne: „Und der Mann auf dem Kai von Billy?“ „Die Sache iſt ſo,“ antwortete Nicolaus, ohne ſich in dem Eſſen und Trinken zu unterbrechen. „Ich band meinen Kahn an und ſtieg auf den Kai hinan; es ſchlug eben ſieben Uhr, und man konnte nicht vier Schritte weit ſehen. Ich ging eine Viertelſtunde lang an der Lehne hin und her, da hörte ich leiſe hinter mir gehen; ich ging langſamer, und nun trat ein Mann, der in einen Mantel gehüllt war, an mich und huſtete; ich blieb ſtehen, er auch. Von ſeinem Geſichte habe ich weiter nichts geſehen, als daß der Mantel die Naſe und der Hut die Augen verdeckte.“ (Wir erinnern den Leſer daran, daß dieſe geheimnißvolle Per⸗ ſon der Notar Jacob Ferrand war, der um Marien⸗Blume bei Seite zu ſchaffen, an dem Vormittage Madame Seraphin zu den 237 Martials geſchickt hatte, die er zu Werkzeugen ſeines neuen Ver⸗ brechens zu machen hoffte.) „Bradamanti! ſagte der Mann zu mir,“ fuhr Nicolaus fort. „So war das Wort, an welchem ich meinen Mann erken⸗ nen ſollte, wie die Alte ausgemacht hatte. Ausſucher, antwor⸗ tete ich ihm, weil es eben ſo ausgemacht war. — „Sie heißen Martial?“ fragte er mich. — „Es iſt dieſen Vormittag eine Frau auf Ihrer Inſel ge⸗ „weſen; was hat ſie Ihnen geſagt?“ — „Daß Sie von Seiten des Herrn Bradamanti mit mir „zu ſprechen hätten.“ — „Wollen Sie Geld verdienen?“ — „Ja wohl; je mehr, deſto beſſer.“ — „Sie haben einen Kahn?“ — „Wir haben vier, Herr, denn ſie gehören zu unſerm „Geſchäfte.“ — „Ich will Ihnen ſagen, was Sie zu thun haben, wenn „Sie nicht fürchten. —“ — „Fürchten — was?“ — „Jemanden zufällig ertrinken zu ſehen. — Man „müßte dem Zufalle etwas zu Hülfe kommen.“ — „Es ſoll alſo Jemand Seine-Waſſer trinken? Ich will „abei behülflich ſein; aber Geld wird es koſten.“ — „Wie viel — für zwei?“ — „Für zwei? Es ſollen alſo zwei Perſonen — tauchen lernen?“ üt 238 — „Fünfhundert Franes ver Kopf, Herr; das iſt nicht „theuer.“ — „Alſo tauſend Franes!“ — „Voraus bezahlt!“ „Sweihuit Franes voraus, das üͤbrige nachher —“ — „Sie trauen mir nicht, Herr?“ — „Doch. — Sie können ja auch meine zweihundert Franes „einſtecken und nichts dafür thun.“ — „Und Sie, Herr, können, wenn die Sache geſchehen iſt, „wenn ich meine achthundert Franes verlange, dann ſagen: „michts da!“ — „Möglich iſt das freilich. — Aber wollen Sie oder wol⸗ „len Sie nicht? Zweihundert Franes baar und übermorgen Abends „hier, um neun Uhr, die übrigen achthundert.“ — „Und wer wird Ihnen ſagen, daß ich die beiden Perſonen „— Seinewaſſer trinken ließ?“ „Das iſt meine Sache. — Ich werde es — Sind wir einig?“ — „Ja.“ — „Hier die wenunden Franeh Jetzt hören Sie mich an. „Werden Sie die alte Fran wieder die dieſen Morgen „bei Ihnen war?“ — „Ja.“ — „Morgen oder ſpäteſtens übermorgen wird ſie gegen vier „Uhr Nachmitttags mit einem jungen blonden Mädchen an dem „ufer Ihrer Inſel gegenüber erſcheinen. Die Alte wird mit dem „Taſchentuche winken.“ „— Sehr wohl.“ 239 — „Wie lange Zeit brauchen Sie, um von dem Ufer auf „Ihre Inſel zu kommen?“ — „Zwanzig Minuten.“ — „Sind Ihre Kähne flach?“ — „Wie ein Handteller.“ — „Machen Sie geſchickt eine Klappe in den Boden eines „ihrer Kähne, damit Sie denſelben augenblicklich, ſobald Sie es „wollen, ſinken laſſen können. Verſtanden?“ — „Sehr wohl, mein Herr. — Sie ſind pfiffig. — Ich habe „gerade ein altes halb verfaultes Boot; ich wollte es ſchon zer⸗ „ſchlagen; zu dieſer letzten Fahrt iſt es noch gut genug.“ — „Sie fahren alſo mit dieſem Bovte von Ihrer Inſel ab; „ein gutes Boot folgt Ihnen, das Jemand von Ihrer Familie „rudert. Sie legen an, nehmen die alte Frau und das junge „blonde Mädchen in das Boot und fahren nach der Inſel zu; in „gehöriger Entfernung von dem Un ſtellen Sie ſich, als hätten „Sie etwas in dem Bovte vorzunehmen, machen die Klappe auf „und ſpringen raſch in das andere Boot, während die alte Frau „und das blonde Mädchen —“ — „Aus einem Kruge trinken, — ſehr wohl.“ — „Sind Sie aber auch ſicher, daß Sie nicht geſtört wer⸗ „den? Wenn Gäſte in Ihr Gaſthaus kämen?“ — „Es iſt nichts zu fürchten. Um dieſe Zeit und im Win⸗ „ter beſonders kommt Niemand; das iſt unſere Gurkenzeit. — „Käme aber auch Jemand, ſo ſchadet es nichts, — im Gegentheil, „es ſind alle gute Freunde.“ „Uebrigens kommen Sie in keine Gefahr; man wird glau⸗ „ben, das Boot ſei geſunken, weil es zu alt geweſen, und die alte „Frau, die Ihnen das junge Mädchen zugeführt, verſchwindet . 249 zgleich mit. Um ſicher zu ſein, daß auch beide ertrinken (natür⸗ „lich zufällig), könnten Sie, wenn ſie wieder heraufkämen oder „wenn ſie ſich an das Boot anklammerten, ſich ſtellen, als ſtreng⸗ „ten Sie ſich an, ſie zu retten, während —“ — „Ich behülflich wäre, ſie wieder . unter das Waſſer zu „bringen? Ja, ja.“ — „Die Spazierfahrt muß nach Sonnenuntergang geſchehen, es finſter iſt, wenn ſie in das Waſſer fallen.“ „Dafür bin ich nicht. Wie ſoll man ſehen, wenn es niſht „hell z ob die beiden Frauenzimmer genug haben?“ — „Sie haben Recht; alſo wird der unglückliche Zufall vor Sonnenuntergang geſchehen.“ — „Die Alte merkt vichts?“ — „Nein. — Wenn ſie anfommt, wird ſie leiſe zu Ihnen „ſagen: Die Kleine muß ertrinken; kurz vorher, ehe „Sie das Boot ſinken laſſen, geben Sie mir einen „Wink, damit ich mich mit Ihnen retten kann. Sie ge⸗ „ben der Alten darauf eine Antwort, die ihr keinen Argwohn „erregt.“ — „Sie wird glauben, die Kleine zum Krinken zu „führen 24 — „Und wird mit der Blondine ſeuſt ſ mien rne — Schint ausgedacht!“ — „Sorgen Sie nur, daß die Alte nichts merkt!“ — „Ganz unbeſorgt!“ — „Gute Verrichtung alſo! Wenn ich mit Ihnen zufrieden „bin, kann ich Ihnen vielleicht noch mehr Arbeit — „Ich ſtehe zu Dienſten.“ „Darauf,“ ſchloß der Räuber ſeine Erzählung, „habe ich den 241 Mann im Mantel verlaſſen, kehrte nach meinem Boote zurück und hieß bei Gelegenheit die Sachen mitgehen, welche ich gebracht habe.“ Aus der Erzählung des Räubers erſieht man, daß der Notar durch ein doppeltes Verbrechen gleichzeitig Marien⸗Blume und Madame Seraphin beſeitigen und die letztere mit in die Schlinge fallen laſſen wollte, die, wie ſie glaubte, nur der Nachtigall ge⸗ legt werde. Brauchen wir zu wiederholen, daß Jacob Ferrand (der mit Recht fürchtete, die Eule fönne irgend einmal der Nachtigall ſagen, daß ſie von Madame Seraphin verlaſſen worden ſei) ein großes In⸗ tereſſe dabei hatte, das junge Mädchen verſchwinden zu laſſen, deſſen Reelamationen ſeinem Vermögen und ſeinem Rufe äußerſt gefährlich werden konnten? Wenn der Notar Madame Seraphin opferte, ſo entledigte er ſich einer der beiden Mitſchuldigen (Bradamanti war der an⸗ dere), welche ihn ins Verderben ſtürzen konnten, freilich nur, in⸗ dem ſie ſich ſelbſt mit unglücklich machten; aber Jacob Ferrand war doch ber Meinung, durch das Grab würden ſeine Geheim⸗ niſſe noch beſſer bewahrt als durch das perſönliche Intereſſe. Die Wittwe des Gerichteten und deren älteſte Tochter hatten Nicolaus aufmertſam angehört, der während der Erzählung reich⸗ lich getrunken, weshalb er denn auch bald mit ſeltſamer Aufre⸗ gung zu ſprechen begann. „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr er fort, „ich habe noch eine andere Geſchichte mit der Eule und Barbillon aus der Bohnen⸗ ſtraße eingefädelt, eine famoſe Sache. Wenn ſie nicht fehlſchlägt, iſt dabei viel zu verdienen. Es ſoll nämlich eine Diamantenmäk⸗ Die Geheimniſſe von Paris. v. 16 242 lerin ausgebeutelt werden, die manchmal für 50,000 Fres. Juwe⸗ len in ihrem Strickbeutel hat.“ „Funfzigtauſend Franes!“ riefen Mutter und Tochter zugleich, deren Augen begehrlich funkelten. „Ja. — Roth⸗Arm wird mit dabei ſein. — Geſtern hat er die Mäklerin durch einen Brief geködert, den ich und Barbillon zu ihr getragen haben. Der Roth⸗Arm iſt ein famvſer Kerl! Um die Mäklerin ſicher zu machen, hat er ihr ſchon einen Diamanten für 400 Fres verkauft, und ſie wird alſo, ohne etwas Arges da⸗ bei zu denken, gegen Abend in ſein Wirthshaus in den elyſäiſchen . Feldern kommen. Dort halten wir uns verſteckt. Die Schweſter da muß auch mit und mein Boot auf der Seine bewachen. Müſ⸗ ſen wir die Mäklerin todt oder lebendig fortſchaffen, ſo iſt das Boot ein bequemes Fuhrwerk, das kein Geleiſe zurückläßt. Das iſt ein Plänchen! Von Roth⸗Arm geſcheidt ausgedacht!“ „Ich traue dem Roth⸗Arm nicht,“ ſagte die Wittwe. „Nach der Geſchichte in der Rue Montmartre kam Dein Bruder nach Toulon, dem Roth⸗Arm aber wurde kein Haar gekrümmt.“ Weil es keine Beweiſe gegen ihn gab. O der iſt ſchlau! Aber Andere verrathen — nie!“ Die Wittwe ſchüttelte den Kopf, als wenn ſie von der Recht⸗ lichkeit Roth⸗Arms nicht ſo recht überzeugt wäre Nach einigem Nachdenken ſagte ſie: „Lieber iſt mir die Sache vom Kai Billy für morgen oder übermorgen Abend, — das Erſäufen der beiden Frauenzimmer. — Aber Martial wird uns im Wege ſein — wie immer.“ Will denn ihn der Teufel gar nicht holen!“ rief Nicolaus halb betrunken aus, indem er ſein langes Meſſer in den Tiſch ſtieß. Ich habe es der Mutter auch ſchon geſagt, daß es nicht — — 7 S. 8 mehr zu ertragen ſei, und daß es ſo nicht länger fortgehen könne,“ ſagte die Schweſter. „So lange er hier bleibt, iſt mit den beiden Kindern nichts anzufangen.“ „Ich ſage Euch, er iſt im Stande uns einmal der Polizei anzuzeigen,“ fuhr Nicvlaus fort. „Siehſt Du, Mutter, warum haſt Du mir nicht geglaubt,“ ſetzte er dann mit einem bedeutungs⸗ vollen Blicke auf die Wittwe hinzu, — „Alles wäre vorbei —“ „Es giebt andere Mittel.“ „Jenes iſt das beſte,“ antwortete der Bandit. „Jetzt — nein,“ entgegnete die Wittwe in ſo beſtimmtem Tone, daß Nicolaus ſchwieg, weil er wußte, daß ſeine Mutter ſo verbrecheriſch oder entſchloſſen war wie er ſelbſt. Die Wittwe ſetzte hinzu: „Morgen früh wird er die Inſel für immer verlaſſen.“ „Wie?“ fragten ihre beiden Kinder gleichzeitig. „Wenn er jetzt kommt, ſo fangt Streit mit ihm an, aber ernſtlich und keck, — ſo wie Ihr es noch nie gewagt habt. — Treibt es im Nothfalle bis zu Thätlichkeiten. Er iſt zwar ſtark, aber Ihr ſeid zwei, und ich werde Euch helfen. — Aber keine Meſſer! kein Blut! Prügelt ihn, aber verwundet ihn nicht!“ „Und nachhet, Mutter?“ fragte Nicolaus. „Nachher — wird es zu einer Erklärung kommen. — Wir ſagen ihm, er müſſe morgen die Inſel verlaſſen, wenn er nicht alle Tage einen gleichen Auftritt erleben wolle. — Dieſe ewigen Schlägereien werden ihm das Haus verleiden, ich weiß es. — Bis jetzt hat man ihn zu ſehr in Ruhe gelaſſen —“ „Aber er iſt dickköpfig und ſtarrſinnig wie ein Pferd; er iſt im Stande, wegen der Kinder hier bleiben zu wollen,“ ſagte die älteſte Tochter der Wittwe. 163 244 „Er iſt ein ausgemachter Lump, — aber vor einer Schläge⸗ rei fürchtet er ſich nicht.“ „Vor einer nicht,“ antwortete die Wittwe, — „aber alle Tage, alle Tage — das iſt eine wahre Hölle, und er wird weichen.“ „Wenn er aber doch nicht wiche?“ „So habe ich ein anderes ganz ſicheres Mittel, ihn zu zwin⸗ gen, ſich noch dieſe Nacht oder ſpäteſtens morgen früh zu entfer⸗ nen,“ entgegnete die Wittwe mit grauenhaftem Lächeln. „Wahrhaftig, Mutter?“ „Ja, aber ich möchte ihn lieber durch Schlägereien vertreiben; wenn das nicht wirkt —, das andere Mittel zieht gewiß.“ „Wenn aber das andere Mittel doch auch nicht ziehen ſollte, Mutter?“ fragte Nicolaus. „So bleibt eins, das immer wirkt,“ antwortete die Wittwe. In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet, und Martial trat ein. Es ſtürmte draußen ſo ſtark, daß man das Bellen der Hunde nicht gehört hatte, welche die Ankunft des älteſten Sohnes der Wittwe des Gerichteten meldeten⸗