Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Ollmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Clution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 Wonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— auf 1 Monat: — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. „ 2 „ 6 „ „ F „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſeht. und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das L eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— — Die Geheimniſſe von Paris. Von Eugene Sue. — —— Ueberſetzt von A. Diezmann. Dritter Band. Mit Illuſtrationen von Theodor Hoſemann. S Berlin, 1843. Verlag von Meyer S Hofmann. XKLV. Das Pfarrhaus. ie letzten Strahlen der Sonne verglommen langſam hin⸗ ter der impoſanten Maſſe des Schloſſes von Ecouen und der Wäl⸗ der um daſſelbe her; auf allen Seiten breiteten ſich unabſehbare Ebenen mit braunen, durch den Froſt verhärteten Furchen aus, — eine weite Einöde, in welcher das Dorf Bvuqueval einer Oaſe glich. Der vollkommen heitere Himmel färbte ſich in Weſten mit langen Purpurſtrahlen, dem ſichern Zeichen von Wind und Kälte. Dieſes anfangs lebhafte Roth wurde violett in dem Maße, wie das Dunkel die Oberhand gewann. Die ſchmale dünne Sichel des Mondes, die der Hälfte eines ſilbernen Ringes glich, begann inmitten von Blau und Dunkel mild zu glänzen. Die Stille war vollkommen, die Stunde feierlich. Der Geiſtliche blieb auf dem Hügel einen Augenblick ſtehen, um ſich an dem Anblicke des ſchönen Abends zu weiden. Nachdem er ſich einige Angenblicke geſammelt hatte, ſtreckte er ſeine zitternde Hand nach dem von dem Abenddunkel halbver⸗ 1* 4 hüllten fernen Horizonte aus und ſagte zu Marien, die nachden⸗ kend neben ihm ging: „Betrachten Sie, mein Kind, dieſe Unermeßlichkeit, deren Grenzen man nicht mehr ſieht; man hört nicht das geringſte Ge⸗ räuſch; es iſt mir, als gäbe uns die Stille und die Unendlichkeit faſt eine Vorſtellung von der Ewigkeit. — Ich ſage Ihnen dies, Marie, weil Sie für die Schönheiten der Schöpfung ſo empf fäng⸗ lich ſind. Oft hat mich die fromme Bewunderung ergriffen, die ſie Ihnen einflößen, da Sie ſo lange von denſelben getrennt wa⸗ ren. — Macht die impoſante Ruhe, die in dieſer Stunde herrſcht, nicht auch Eindruck auf Sie?“ Das Mädchen antwortete nicht. Der Geiſtliche ſah ſie verwundert an; ſie weinte. „Was iſt Ihnen, mein Kind?“ „Mein Vater, — ich bin recht unglicklich!“ „Unglücklich? Sie —, jetzt unglücklich?“ „Ich weiß, ich habe nicht das Recht, mich über mein Schick⸗ ſal zu beklagen, nach dem, was man für mich gethan hat, — und doch —“ „Und doch?“ „Ach, mein Vater, verzeihen Sie mir dieſen Gram; er be⸗ leidigt vielleicht meine Wohlthäter.“ „Wir haben Sie oft nach der Urſache der Traurigkeit ge⸗ fragt, Marie, die Sie bisweilen niederdrückt und die Ihrer zwei⸗ ten Mutter große Sorge macht. — Sie haben immer vermieden, uns eine Antwort darauf zu geben, und wir achteten Ihr Ge⸗ heimniß, wenn es uns auch betrübte, Ihre Schmerzen nicht lin⸗ dern zu können.“ „Ach, mein Vater, ich kann Ihnen nicht ſagen, was in mir 5 vorgeht. — Ich fühlte mich jetzt, wie Sie, von dem Anblicke die⸗ ſes ruhigen, traurigen Abends ergriffen! mein Herz brach — und ich weinte.“ Aber was fehlt Ihnen, Marie? — Sie wiſſen, wie ſehr man Sie liebt. — Geſtehen Sie mir Alles. — Uebrigens, ich fann es Ihnen ſagen, der Tag nahet heran, an welchem Madame Georges und Herr Rudolph Sie zur Taufe führen und vor Gott die Verpflichtung übernehmen werden, Sie ſtets zu ſchützen.“ „Herr Rudolph? — er, — der mich gerettet hat!“ rief Ma⸗ rie aus, indem ſie die Hände faltete; „er wollte mir dieſen neuen Beweis von Liebe geben? Ach, ich will Ihnen nichts verbergen, mein Vater; ich fürchte, zu undankbar zu ſein.“ „Undankbar — und wie?“ „Um Ihnen verſtaͤndlich zu werden, muß ich von den erſten Tagen ſprechen, in denen ich in der Meierei war.“ „Ich höre Ihnen zu; wir plaudern im Gehen.“ „Sie werden nachſichtig ſein, mein Vater, nicht wahr? Was ich Ihnen ſagen will, iſt vielleicht ſehr böſe.“ „Der Herr hat Ihnen bewieſen, daß er barmherzig iſt. Faſ⸗ ſen Sie Muth.“ „Als ich auf dem Wege hierher erfuhr, daß ich die Meierei und Madame Georges nicht wieder verlaſſen würde,“ ſagte Ma⸗ rie, nachdem ſie ſich einen Augenblick geſammelt hatte, „glaubte ich, einen ſchönen Traum zu träumen. Anfangs war ich vom Gluck wie betäubt; jeden Augenblick dachte ich an Herrn Rudolph. Sehr oft, wenn ich ganz allein war, und faſt gegen meinen Wil⸗ len, ſchlug ich die Augen zum Himmel auf, als wollte ich ihn da ſuchen und ihm danken. — Kurz — ich klage mich an, mein Vater, — ich dachte mehr an ihn als an den lieben Gott, denn 6 er hatte für mich gethan, was nur Gott hätte thun können. — Ich war glücklich, glücklich, wie Jemand, der für immer einer großen Gefahr entgangen iſt. — Sie und Madame Georges wa⸗ ren ſo gütig gegen mich, daß ich glaubte, ich wäre mehr zu be⸗ klagen — als zu tadeln.“ Der Geiſtliche ſah das Mädchen verwundert an. Sie fuhr fort: „Allmälig gewöhnte ich mich an dieſes ſo freundliche Leben; ich fürchtete nicht mehr, wenn ich erwachte, wieder bei der Wir⸗ thin zu ſein; ich ſchlief gleichſam in Sicherheit. — Ich kannte keine größere Freude, als Madame Georges bei ihren Arbeiten beizuſtehen, auf den Unterricht aufmerkſam zu ſein, den Sie mir ertheilten, mein Vater, — und auch Ihre Ermahnungen zu be⸗ nutzen. Außer in einigen Augenblicken der Scham, wenn ich an die Vergangenheit dachte, hielt ich mich Allen gleich, weil Alle gütig gegen mich waren, bis eines Tages —“ Hier konnte Marie vor Schluchzen nicht weiter ſprechen. E „Beruhigen Sie ſich, Kind! — Faſſen Sie Muth und fah⸗ ren Sie fort.“ Marie trocknete ihre Augen und fuhr fort: „Sie erinnern ſich, mein Vater, daß am Allerheiligenfeſte Madame Dubreuil, die Pächterin des Herzogs von Lucenay in Arnvuville, mit ihrer Tochter einige Tage bei uns blieb — „Allerdings, und ich habe Sie mit Freuden die Bekanntſchaft mit Clara Dubreuil machen ſehen; ſie iſt ein vortreffliches Mäd⸗ chen —“ „Sie iſt ein Engel, mein Vater, ein Engel. — Ich freute mich ſehr, als ich erfuhr, daß ſie einige Tage bei uns bleiben würde, und dachte nur an den Augenblick, in welchem ich die ſo . —½ 7 — erſehnte Freundin ſehen ſollte. Endlich kam ſie. — Ich war in meinem Stübchen, das ich mit ihr theilen ſollte und das ich des⸗ halb ſo gut als möglich aufputzte. Man holte mich. Ich trat in das Zimmer; das Herz klopfte mir; Madame Georges zeigte mir das ſchöne Mädchen, die ſo ſanft, ſo beſcheiden und ſo'gut ausſah, und ſagte: „Marie, da iſt eine Freundin für Dich.“ — „Ich hoffe, daß Sie und meine Tochter bald wie Schweſtern ſein werden,“ ſetzte Madame Dubreuil hinzu. Kaum hatte ihre Mut⸗ ter dies geſagt, als Clara zu mir kam und mich küßte. — „Da, mein Vater,“ ſagte Marie weinend, „ich weiß nicht, was mit ei⸗ nemmale in mir vorging, — aber als ich das reine, friſche Ge⸗ ſicht Claras auf meiner befleckten Wange fühlte, brannte ſie mir vor Scham, — vor Reue, — denn ich gedachte an das, was ich geweſen war. — Ich, Küſſe empfangen von einem ſo züchtigen Mädchen! — Das kam mir wie ein Betrug, — wie eine unwür⸗ dige Heuchelei vor —“ „Aber, mein Kind —“ „Ach; mein Vater,“ unterbrach Marie den Geiſtlichen im Uebermaße ihres Schmerzes, — „als mich Herr Rudolph aus der Cité fortführte, ahnte mir undeutlich meine Erniedrigung —, aber glauben Sie, daß der Unterricht, der Rath, das Beiſpiel, das Sie und Madame Georges mir gaben, indem ſie meinen Geiſt plötz⸗ lich erhellten, mir nicht das Verſtändniß eröffnet hätten, daß ich mehr verbrecheriſch als unglücklich geweſen? Vor der Ankunft Claras betäubte ich mich, wenn ſolche Gedanken ſich einſtellten, indem ich Madame Georges und Sie, mein Vater, zu befriedigen ſuchte. Wenn ich über die Vergangenheit erröthete, ſo geſchah es nur in meinen Augen. Aber der Anblick des ſo ſchönen, ſo tu⸗ gendhaften Mädchens in meinem Alter nöthigte mich, über den 2 Abſtand nachzudenken, der ſtets zwiſchen ihr und mir ſtattfinden muß. Zum erſtenmale fühlte ich, daß es eine Brandmarkung, eine Schande giebt, die durch nichts zu verwiſchen iſt. — Seit dieſem Tage verläßt mich dieſer Gedanke nicht mehr. — Ich brüte un⸗ willkürlich und unabläſſig darüber; ſeit dieſem Tage finde ich kei⸗ nen Augenblick Ruhe mehr.“ Marie trocknete die Thränen aus ihren Angen. Der Geiſtliche aber ſprach, nachdem er ſie einige Augenblicke mit zärtlichem Mitleiden betrachtet hatte: „Bedenken Sie, mein Kind, daß Madame Georges, da ſie in Ihnen eine Freundin der Mademviſelle Dubreuil zu ſehen wünſchte, Sie dieſer Freundſchaft für würdig hielt. Die Vorwürfe, die Sie ſich ſelbſt machen, gelten faſt Ihrer zweiten Mutter.“ „Ich weiß es, mein Vater, ich habe gewiß Unrecht; aber ich kann meine Scham und meine Scheu nicht überwinden. Es iſt nych nicht Alles; ich will allen Muth zuſammennehmen, um Ih⸗ nen Alles zu erzählen.“ „Fahren Sie fort, Marie; bis hierher zeugen Ihre Bedenk⸗ lichkeiten oder vielmehr Ihre Gewiſſensbiſſe für Ihr Herz.“ „Als Clara in der Meierei war, war ich ſo traurig, als ich glucklich zu ſein gehofft hatte; ſie dagegen war ganz heiter. Man hatte ihr ein Bett in meinem Stübchen aufgeſchlagen. Den er⸗ ſten Abend, ehe ſie ſich niederlegte, küßte ſie mich wieder und ſagte, ſie liebe mich ſchon, ſie fühle ſich zu mir hingezogen; ſie forderte mich auf, ſie blos Clara zu nennen, wie ſie mich Marie nennen würde. — Dann betete ſie zu Gott und ſagte, ſie würde meinen Namen in ihr Gebet einſchließen, wenn ich es auch für ſie thun wollte. Ich wagte es nicht, ihr dies abzuſchlagen. Nachdem ſie noch eine Zeitlang geplaudert hatte, ſchlief ſie ein; ich, ich hatte — —— mich noch nicht niedergelegt; ich trat zu ihr und betrachtete wei⸗ nend ihr Engelgeſicht; dann bedachte ich, daß ſie in demſelben Zimmer ſchlafe wie ich, — wie ich, die man bei der Wirthin un⸗ ter Dieben und Mordern gefunden hatte; — ich zitterte, als hätte ich eine böſe That gethan; ich fürchtete mich, — es war mir, als würde mich Gott eines Tages ſtrafen. — Dann legte ich mich nieder und hatte ſchreckliche Träume; ich ſah die gräulichen Ge⸗ ſichter wieder, die ich erſt vergeſſen hatte, den Chourineur, den Schulmeiſter, die Eule, die einäugige Frau, die mich in meiner Kindheit ſo ſehr gefoltert hatte. — Ach, welche Nacht! — mein Gott! welche Nacht! welche Träume!“ ſprach Marie, die noch bei der Erinnerung daran zitterte. „Arme Marie!“ fiel der Geiſtliche bewegt ein. — „Warum haben Sie mir dies Schreckliche nicht früher mitgetheilt? Ich würde Sie beruhigt haben. — Aber fahren Sie fort.“ „Ich war ſehr ſpät eingeſchlafen, und Clara weckte mich früh mit einem Kuſſe. — Um das, was ſie meine Kälte nannte, zu beſiegen und um mir ihre Freundſchaft zu beweiſen, wollte ſie mir ein Geheimniß anvertrauen; ſie ſollte, wenn ſie achtzehn Jahre alt ſein würde, ſich mit dem Sohne eines Pächters von Gyuſſain⸗ ville verheirathen, den ſie zärtlich liebte. — Die Verbindung war zwiſchen den beiden Familien ſchon längſt verabredet. — Dann erzählte ſie mir mit wenigen Worten ihr früheres Leben, ein ein⸗ faches, ruhiges, glückliches Leben; ſie hatte niemals ihre Mutter verlaſſen und wollte ſie nie verlaſſen, denn ihr Bräutigam ſollte auf das Gut zu Herrn Dubreuil ziehen. Nun, Marie, ſagte ſie zu mir, kennſt Du mich, als wäreſt Du meine Schweſter; erzähle mir nun auch Deinen Lebenslauf. — Ich glaubte vor Scham ſterben zu müſſen, — ich erröthete, ich ſtotterte. — Ich wußte — nicht, was Madame Georges von mir geſagt hatte, und fürchtete ihr zu widerſprechen. Ich antwortete alſo nur, daß ich eine Waiſe und von ſehr harten Perſonen erzogen worden ſei, daß ich in meiner Jugend nicht ſehr glücklich geweſen und mein Glück ſich erſt von meinem Aufenthalte bei Madame Georges herſchreibe. Da fragte mich Clara, mehr aus Theilnahme als aus Neugierde, wo ich erzogen worden ſei, in der Stadt oder auf dem Lande? wie mein Vater heiße? ob ich mich erinnere, meine Mutter geſe⸗ hen zu haben? Jede dieſer Fragen machte mich ſo verlegen, als ſie mir wehthat, denn ich mußte mit Lügen antworten, und Sie, mein Vater, hatten mich gelehrt, daß es eine große Sünde ſei zu lügen. Aber der Clara fiel es nicht ein, daß ich ſie täuſchen könnte. Sie ſchrieb die Zögerung in meinen Antworten dem Kum⸗ mer zu, den mir die traurigen Erinnerungen an meine Jugend verurſachten. Sie glaubte mir und beklagte mich mit einer Güte, die mir das Herz zerriß. Ach, mein Vater, Sie können ſich nicht denken, was ich bei dieſem erſten Geſpräche gelitten habe! Wie ſchwer wurde es mir, nur falſche, unwahre Worte zu ſagen!“ „Unglückliche! Möge der Zorn Gottes die treffen, welche Dich auf den Weg der Sünde führten und Dich vielleicht zwingen, Dein ganzes Leben hindurch die Folgen eines erſten Fehltrittes zu tragen!“ „Ach ja, mein Vater, dieſe Menſchen waren ſehr böſe,“ ent⸗ gegnete Marie bitter, „denn meine Schande iſt unverlöſchlich. Aber es iſt noch nicht Alles; jemehr Clara von dem Glücke ſprach, das ſie erwartete, von ihrer Verheirathung, von dem angenehmen Familienleben, mußte ich unwillkürlich mein Schickſal mit dem ihrigen vergleichen; denn trotz der Güte, mit der man mich über⸗ häuft, wird doch mein Schickſal immer ein elendes ſein. Wäh⸗ 5 11 rend Sie und Madame Georges mich die Tugend kennen lehrten, zeigten Sie mir auch die Tiefe des Abgrundes, in dem ich ver⸗ ſunken war; nichts wird den Gedanken von mir bannen, daß ich der Auswurf des Schlechteſten in der Welt war. Ach! warum überließ man mich nicht meinem unglücklichen Schickſale, da die Erkenntniß des Guten und Böſen für mich ſo verderblich ſein mußte!“ „Marie! Marie!“ „Nicht wahr, mein Vater, was ich da ſage, iſt recht ſchlecht? Ach, — deshalb wagte ich es nicht, Ihnen Alles zu geſtehen. Ja, bisweilen bin ich ſo undankbar, die Güte zu verkennen, mit der man mich überhäuft, und zu ſagen: wenn man mich der Schande nicht entriſſen hätte, würde ich in der Noth und unter den Schlägen bald geſtorben ſein und eine Reinheit nicht ge⸗ kannt haben, die ich immer und ewig vergebens herbeiwünſchen werde.“ „Ach, Marie, das iſt ſchrecklich. Auch die von Gott edel er⸗ ſchaffene Natur behält, wenn ſie auch nur einen Tag in dem Schmuze bleibt, aus dem Sie herausgezogen wurden, ein unver⸗ löſchliches Brandmal. — Das iſt die unabweisliche göttliche Ge⸗ rechtigkeit.“ „Sie ſehen es wohl ein, mein Vater,“ ſprach Marie ſchmerz⸗ lich, „ich darf und kann nicht hoffen bis zum Tode.“ „Sie dürfen nicht hoffen, dieſen Flecken aus Ihrem Leben zu vertilgen,“ ſagte der Prieſter mit ernſter, trauriger Stimme, „aber Sie müſſen auf die unendliche Barmherzigkeit des Allmächtigen hoffen; hienieden, armes Kind, giebt es für Sie nur Thränen, Reue und Buße; eines Tages aber werden Sie dort vben,“ ſetzte er hinzu, indem er die Hand nach dem Firmamente erhob, an dem die Sterne zu flimmern begannen, „Vergebung und ewige Selig⸗ keit finden.“ „Erbarmen — Erbarmen, mein Gott! — ich bin ſo jung und mein Leben iſt vielleicht noch ſo lang! ſprach Marie mit herz⸗ zerreißender Stimme, indem ſie unwillkürlich vor den Füßen des Prieſters auf ihre Kniee ſank. Der Prieſter ſtand auf dem Gipfel des Hügels unfern von ſeiner Wohnung; ſeine ſchwarze Soutane, ſein ehrwürdiges Geſicht, das langes weißes Haar umwallte und von dem letzten Abend⸗ ſcheine beleuchtet wurde, traten ſcharf an dem klaren durchſich⸗ tigen Horizonte hervor, der in Weſten bleiches Gold, im Zenithe Saphir war. Der Prieſter erhob eine ſeiner zitternden Hände gen Him⸗ mel und überließ die andere Marien, die ſie mit Thränen be⸗ netzte. Die Kapuze ihres grauen Mantels, die in dieſem Augen⸗ blicke zurückgeſchlagen war, ließ das zauberiſche Profil des Mäd⸗ chens, den reizenden flehentlichen Blick des thränenfeuchten Auges und den blendendweißen Hals ſehen, an welchem man die ſeiden⸗ weichen Flechten ihres ſchönen blonden Haares erblickte. Dieſe ſo einfache und doch ſo großartige Scene gewährte ei⸗ nen grellen Contraſt mit dem gemeinen, unedeln Auftritte der faſt in demſelben Augenblicke in der Tiefe des Hohlweges zwiſchen dem Schulmeiſter und der Eule vorkam. Ein furchtbarer Räuber war, von der Laſt ſeiner Verbrechen niedergedrückt, in dem Dunkel eines finſtern Hohlweges, von Ent⸗ ſetzen erfaßt, ebenfalls niedergekniet, aber — neben ſeiner Mitſchul⸗ digen, einer höhnenden, rachſüchtigen Furie, die ihn unbarmherzig quälte und zu neuen Verbrechen trieb, — neben ſeiner Mitſchul⸗ 8. 13 digen, der erſten Urſache des Unglücks Mariens, Mariens, die eine unabläſſige Reue quälte. War ihr großer Schmerz nicht erklärlich? Das unglückliche Mädchen war von ihrer Kindheit an von entarteten, ſchlechten, ehrloſen Menſchen umgeben geweſen, hatte das Gefängniß mit dem Hauſe der Wirthin, einem andern ſchrecklichen Gefängniſſe vertauſcht, nie dieſes Haus oder die höhlenartigen Gaſſen der Cité verlaſſen, bis jetzt in völliger Unkenntniß des Schönen und Guten gelebt und die edeln, religiöſen Gefühle eben ſo wenig gekannt wie die Herr⸗ lichkeiten der Natur. Und plötzlich vertauſcht ſie ihre ſtinkende Kloake mit einem reizenden ländlichen Aufenthalte, verläßt ihr beflecktes Leben, um eine friedliche, glückliche Exiſtenz mit den tugendhafteſten, liebevoll⸗ ſten Menſchen zu theilen, die den innigſten Antheil an ihrem Un⸗ glücke nehmen. Alles Bewundernswürdige an dem Erſchaffenen und in der Schöpfung enthüllt ſich in einem Augenblicke ihrem erſtaunten Ge⸗ müthe. — Bei dieſem großartigen Anblicke erhebt ſich ihre Seele; ihr Verſtand entwickelt ſich; ihre edeln Gefühle erwachen. Aber eben weil ihr Geiſt ſich erhebt, ihr Verſtand ſich entwickelt, ihre edeln Gefühle erwachen, weil ſie ihre frühere Verſunkenheit erfennt, ergreift ſie ein ſchmerzlicher und unheilbarer Abſcheu vor ihrem frühern Leben, und ſie empfindet leider! was ſie ſagt: daß es Flecken giebt, die nie verſchwinden. „Wehe mir!“ rief Marie in Verzweiflung aus, „mein gan⸗ zes Leben, dauerte es auch ſo lange wie das Ihrige, wäre es auch ſo ſündenrein wie das Ihrige, mein Vater, wird von nun 14 an durch die Erkenntniß und durch die Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit gebrandmarkt ſein. — Wehe mir!“ „Nein, wohl Ihnen, Marie, wohl Ihnen! Der Herr ſendet Ihnen dieſe zwar bittere, aber heilſame Reue! Sie zeugt von der Empfänglichkeit Ihrer Seele für die Tugend. Viele Andere au Ihrer Stelle würden ſchnell die Vergangenheit vergeſſen haben, um nur an den Genuß des gegenwärtigen Glückes zu denken. Eine ſo zartfühlende Seele wie die Ihrige findet Schmerzen da, wo gemeine Menſchen kein Leiden fühlen würden. Aber jeder die⸗ ſer Schmerzen wird Ihnen da oben zu gut gerechnet werden, glau⸗ ben Sie mir; Gott hat Sie einen Augenblick auf dem Pfade des Laſters wandeln laſſen, um Ihnen die Glorie der Reue und den ewigen Lohn zu reichen, welcher der Buße gebührt. Hat er nicht ſelbſt geſagt: „die, welche Gutes thun ohne Kampf, und die zu mir kommen mit dem Lächeln auf den Lippen, ſind meine Auser⸗ wählten; die aber, welche, im Kampfe verwundet, blutend zu mir kommen ſind die Auserwählten — unter meinen Auserwählten.“ Faſſen Sie alſo Muth, mein Kind; an Unterſtützung, an Rath ſoll es Ihnen nicht fehlen. — Ich bin ſehr alt, aber Madame Georges und Herr Rudolph haben noch viele Jahre zu leben. — Können Sie bedauern, beſonders Herrn Rudolph, der ſo innigen Antheil an Ihnen nimmt, der Ihren Fortſchritten ſo aufmerkſam folgt, — kennen gelernt zu haben?“ Marie wollte eben antworten, als das Banermädchen auftrat, die wir erwähnt haben, die demſelben Wege folgte, wie Marie und der Abbé, und ſie jetzt einholte. Es war eine Magd von der Meierei. „Nehmen Sie 's nicht übel, Herr Pfarrer,“ ſagte e zu dem Geiſtlichen, „aber Madame Georges hat mir befohlen, dieſen Korb 15 mit Obſt zu Ihnen zu tragen und zugleich Marien zu begleiten, da es ſpät wird. — Ich habe auch den Türk mitgenommen,“ ſetzte das Mädchen hinzu, indem ſie einen großen Hund ſtreichelte, der es mit einem Bären aufgenommen haben würde. „Wenn man auch nicht gehört hat, daß Jemand hier angefallen worden wäre, ſo iſt es ſo doch immer beſſer.“ „Du haſt Recht, Claudine. — Uebrigens ſind wir hier an meinem Hauſe angekommen. — Sag' der Madame Georges mei⸗ nen ſchönſten Dank.“ Dann wendete er ſich an Marie und ſagte ernſt, aber leiſe zu ihr: „Ich muß morgen eine Conferenz beſuchen, werde aber um fünf Uhr zurück ſein. Wenn Sie es wünſchen, mein Kind, werde . ich Sie bei mir erwarten. — Ich ſehe an Ihrem Seelenzuſtande, . daß Sie das Bedürfniß fühlen, länger mit mir zu ſprechen.“ „Ich danke Ihnen, mein Vater,“ antwortete Marie; „ich werde morgen wiederkommen, da Sie es mir erlauben.“ „Da ſind wir an der Thür meines Gartens,“ ſagte der Geiſt⸗ liche. „Laß den Korb da ſtehen, Claudine; meine Haushälterin mag ihn hereinholen. — Kehre ſchnell mit Marien zurück, denn es wird finſter und falt. Morgen um fünf Uhr, Marie!“ „Ja, mein Vater.“ Der Abbé trat in ſeinen Garten hinein, und Marie kehrte mit Claudinen und Türk wieder um. XLVI. Das Zulammentretten. 5 ie ſternenhelle kalte Nacht war eingetreten. Dem Rathe des Schulmeiſters zu Folge hatte die Eule ſich mit dem Räuber an eine Stelle des Hohlweges begeben, die wei⸗ ter von dem Fußpfade und näher an dem Orte war, wo Barbil⸗ lon mit dem Fiaere wartete. Der als Wache ausgeſtellte kleine Lahme lauſchte auf die Ruckkehr Mariens, die er durch die Bitte, ſie möchte einer ar⸗ men alten Frau zu Hülfe kommen, in den Hinterhalt locken ſollte. Der Sohn Roth⸗Arms war einige Schritte über den Hohl⸗ weg hinausgegangen, als ſein ſcharfes Gehör in der Ferne Marien mit dem ſie begleitenden Mädchen ſprechen hörte. Marie war nicht allein, das Unternehmen alſo geſcheitert. Der Lahme hinkte ſchnell in den Hohlweg wieder hinunter, um der Eule ſeine Entdeckung mitzutheilen. „Es kommt Jemand mit dem Mädchen,“ ſagte er leiſe und athemlos. 5 17 „Daß ihr der Teufel den Hals umdrehe!“ rief die Eule auf⸗ gebracht aus. „Wer iſt mit ihr?“ fragte der Schulmeiſter. „Wahrſcheinlich die Magd, die eben auf dem Wege hinging und einen großen Hund bei ſich hatte. Es war eine Frauen⸗ ſtimme,“ ſagte der kleine Lahme. — „Gören Sie ihre hölzernen Pantoffeln klappern?“ Wirklich, die hölzernen Pantoffeln klapperten laut auf dem ge⸗ frornen Boden. „Es ſind zwei, — die Kleine mit dem grauen Mantel kann ich auf mich nehmen; aber die Andere? Was ſollen wir thun? Der Schulmeiſter ſieht nicht, und der Lahme da iſt zu ſchwach. — Was ſollen wir thun?“ wiederholte die Eule. „Ich bin nicht ſtark, aber wenn Sie wollen, werfe ich mich der Magd, die einen Hund bei ſich hat, an die Beine, halte mich mit den Händen und Zähnen da feſt und laſſe nicht los. — Un⸗ terdeſſen ſchleppen Sie die Kleine fort —“ „Und wenn ſie ſchreien? wenn ſie ſich wehren? Man wird ſie im Dorfe hören,“ antwortete die Einängige, „und Zeit ha⸗ ben, ihnen zu Hulfe zu kommen, ehe wir den Fiaere Barbillons errei⸗ chen. — Es iſt ſchon nicht eben leicht, ein Mädchen, das ſich ſträubt, fortzutragen.“ „Und ſie haben einen großen Hund bei ſich!“ bemerkte der kleine Lahme. „Wenn es weiter nichts wäre! Mit einem Schlage meines Schuhes auf die Schnauze würde ich ven Hund ſtill machen,“ ſagte die Eule. „Sie kommen!“ begann der kleine Lahme wieder, indem er Die Geheimniſſe von Paris. III. 2 ———— — 18 von Neuem auf die Tritte in der Ferne horchte; „jetzt werden ſie in den Hohlweg heruntergehen.“ „So ſag' doch nur ein Wort, Mann,“ wendete ſich die Eule an den Schulmeiſter. „Du biſt ja ſonſt immer geſcheidt; welchen Rath giebſt Du? Biſt Du ſtumm geworden?“ „Es iſt heute nichts zu machen,“ antwortete der Räuber. „Und die tauſend Franes des Herrn in Trauer?“ rief die Eule aus. „Dein Meſſer! Dein Meſſer, Mann; ich werde die Be⸗ gleiterin erſtechen, damit ſie uns nicht im Wege iſt. Mit der Kleinen werden wir, ich und der Lahme, ſchon fertig.“ „Aber der Mann in Trauer verlangt nicht, daß wir Jemand umbringen ſollen.“ 7 „So hat er ertra für dieſes Blut zu zahlen. Zahlen muß er, da er unſer Mitſchuldiger iſt.“ „Da kommen ſie in den Hohlweg,“ ſagte der kleine Lahme leiſe. „Dein Meſſer, Mann,“ wiederholte die Eule ebenfalls leiſe. „Ach, Eule,“ fiel der Knabe erſchrocken ein, indem er die Hände gegen die Einäugige ausſtreckte, — „das iſt zu viel — ſie zu tödten, ach nein! nein!“ „Dein Meſſer, ſage ich Dir,“ wiederholte ganz leiſe die Eule, ohne auf die Bitte des Knaben zu achten und indem ſie eilig die Schuhe auszog. — „Ich werde meine Schuhe ausziehen,“ ſetzte ſie hinzu, „damit ich leiſe hinter ihnen herſchleichen kann. — Es iſt zwar ſchon dunkel, aber ich werde die Kleine an ihrem Mantel erkennen und die Andere kalt machen.“ „Nein,“ entgegnete der Räuber, „heute iſt es unnöthig; mor⸗ gen wird es auch noch Zeit ſein.“ 19 „Fürchteſt Du Dich?“ fragte die Eule mit tiefer Verach⸗ tung. „Ich fürchte mich nicht,“ antwortete der Schulmeiſter, „aber Du kannſt bei Deinem Stoße fehlen und dadurch alles verderben.“ Der Hund, welcher die Magd begleitete und offenbar die Leute witterte, welche in dem Hohlwege verſteckt lagen, blieb ſte⸗ hen, bellte heftig und hörte nicht auf das wiederholte Rufen der Begleiterin Mariens. „Hörſt Du ihren Hund? — Sie ſind da, — ſchnell Dein Meſſer oder —“ ſprach die Eule in drohendem Tone. „Nimm es mir mit Gewalt,“ antwortete der Schulmeiſter. „Es iſt vorbei; es iſt zu ſpät,“ ſprach die Eule, nachdem ſie einen Augenblick aufmerkſam gehorcht hatte. — „Sie ſind hinaus — Du ſollſt mir dafür büßen! Geh an den Galgen,“ ſetzte ſie wüthend hinzu, indem ſie ihrem Mitſchuldigen die Fauſt wies. — „Tauſend Franes durch Deine Schuld verloren!“ „Tauſend, zweitauſend, dreitauſend vielleicht gewonnen,“ ent⸗ gegnete der Schulmeiſter im Tone der Ueberzengung. „Höre mich an, Eule,“ ſetzte er hinzu, „und Du wirſt ſehen, ob ich Unrecht that, als ich Dir mein Meſſer verweigerte. — Du kehrſt zu Bar⸗ billon zurück, und Ihr fahret an den verabredeten Ort, wo Euch der Herr in Trauer erwartet Sage ihm, daß heute nichts zu machen war, daß es aber morgen geſchehen wird —“ „Und Du?“ murmelte die Eule, noch immer erzürnt. „Höre nur weiter. Die Kleine führt alle Abend den Pfarrer nach Hauſe; es iſt ein Zufall, daß heute Jemand mit ihr ging. Wahrſcheinlich haben wir morgen mehr Glück; Du kommſt alſo morgen um dieſelbe Zeit mit Barbillon und dem Wagen hierher.“ „Aber Du? Du?“ 2 * 20 „Der Lahme führt mich in die Meierei, wo das Mädchen wohnt; er ſagt, wir hätten uns verirrt, und ich wäre ſein Vater, ein armer Handwerker, der durch einen unglucklichen Zufall erblin⸗ det; wir gingen nach Louvres zu einem Verwandten, der uns ei⸗ nige Unterſtützung gewähren könnte, und wir hätten uns verirrt, als wir quer Feldein zu gehen verſuchten. Wir wollen um die Erlaubniß bitten, die Nacht auf dem Gute in einem Stalle blei⸗ ben zu dürfen. Das verweigert man niemals. Die Bauern wer⸗ den uns glauben und uns ein Nachtquartier geben. — Der Lahme betrachtet ſich die Thüren, die Fenſtern und die Ausgänge des Hau⸗ ſes genau; ſolche Leute haben immer Geld bei ſich, wenn die Zeit der Pachtzahlung nahe kommt. Ich ſelbſt habe Güter be⸗ ſeſſen,“ ſetzte er bitter hinzu, „und weiß das. Wir ſind in der erſten Hälfte des Januars, — das iſt eine gute Zeit, denn da pflegt man das Pachtgeld zu bezahlen.— Das Gut liegt, wie Ihr ſagt, einſam; haben wir erſt die Oertlichkeiten beſehen, ſo können wir mit Freunden wiederkommen — „Geſcheidt biſt Du, das muß man Dir laſſen,“ antwortete die Eule, ſich befänftigend. — „Weiter, Männchen!“ „Morgen früh werde ich, ſtatt das Gut zu verlaſſen, über einen Schmerz klagen, der mich am Gehen hindert. Wenn man mir nicht glaubt, ſo zeige ich die Narbe, die ich von dem Ketten⸗ ringe aus dem Bagno her noch habe und die noch immer ſchmerzt. Ich werde ſagen, ich hätte mich mit einem glühenden Eiſen bei meiner Arbeit gebrannt, und man wird mir glauben. — So bleibe ich einen Theil des Tages, damit der Lahme mehr Zeit hat, alles zu beſichtigen. Abends, wenn die Kleine wie ge⸗ wöhnlich mit dem Geiſtlichen fortgeht, ſage ich, ich fühle mich beſſer und im Stande zu gehen. Wir, der Lahme und ich, folgen 21 dem Mädchen von weitem und warten hier auf ſie. Da ſie uns ſchon kennt, ſo wird ſie nicht erſchrecken, wenn ſie uns wiederſieht. Wir treten zu ihr, und kann ich ſie mit meinen Armen erreichen, dann entgeht ſie mir nicht; ſie wird fortgeſchafft, und die tauſend Fraucs ſind unſer. Aber nicht genug. Näch zwei oder drei Ta⸗ gen können wir Barbillon oder andern den Einbruch in dem Gute hier empfehlen und mit ihnen theilen, wenn ſie etwas finden.“ „Komm, Mann ohne Augen, mit Dir nimmt es doch Kei⸗ ner auf,“ ſagte die Eule, indem ſie den Schulmeiſter umarmte. — „Wenn aber die Kleine den Geiſtlichen morgen Abend nicht be⸗ gleitet?“ „So warten wir bis übermorgen; es ſchadet nichts und er⸗ höhet nur die Rechnung, die wir dem Langen in Trauer machen. — Bin ich in dem Gute, ſo werde ich nach dem, was ich höre, auch beurtheilen können, ob es wohl möglich iſt, die Kleine auf die verabredete Weiſe zu entführen, oder ob wir ein anderes Mit⸗ tel erdenken müſſen.“ „Dein Plan iſt ſehr gut, Männchen. — Du mußt Diebsrath werden, wenn Du ganz gebrechlich biſt, und wirſt ſoviel Geld ver⸗ dienen wie eine Gefä ngnißratte“). Umarme Deine Eule und mach', daß Du fortkommſt. Das Bauernvolk geht mit den Hüh⸗ nern zu Bett. Ich ſuche Barbillon auf; morgen um vier Uhr bin ich mit ihm wieder hier, wenn man ihn nicht arretirt hat, weil er den Mann der Milchfrau ermordete. — Aber wenn er es nicht iſt, ſo iſt es ein anderer, da der falſche Fiacre dem Herrn in Trauer gehört, der ſich ſeiner ſchon bedient hat. Eine Viertel⸗ ————— „ *) Advokat. ———— —— 22 ſtunde nach unſerer Ankunft am Kreuze dort bin ich hier und warte auf Dich.“ „Abgemacht! Morgen alſo, Eule.“ „Warte! Ich habe vergeſſen, dem kleinen Lahmen Wachs zu geben; es könnte ein Abdruck von einem Schloſſe zu nehmen ſein. — Weißt Du, wie Du es machſt, Kleiner?“ fragte die Einäu⸗ gige, indem ſie dem Knaben ein Stück Wachs gab. „Ja, ich weiß es; der Vater hat es mich gelehrt. — Ich habe für ihn einen Abdruck von dem Schloſſe des kleinen eiſernen Kaſtens genommen, den mein Herr, der Charlatan, in ſeinem ſchwarzen Cabinette hat.“ „Morgen alſo, Männchen,“ ſagte die Eule. „Morgen!“ wiederholte der Schulmeiſter. Die Eule kehrte zu dem Fiaere zurück. Der Schulmeiſter und der kleine Lahme gingen aus dem Hohlwege heraus nach der Meierei zu. Das Licht, welches aus den Fenſtern flimmerte, diente ihnen als Leitſtern. So brachte das Schickſal Anſelm Durosnel zu ſeiner Frau, die er ſeit ſeiner Verurtheilung zur Zwangsarbeit nicht geſehen hatte. XLVII. — Abend. ann man etwas Erfreulicheres ſehen als die Küche eines großen Landgutes zur Zeit des Abendeſſens, beſonders im Winter? Erinnert etwas mehr an die Ruhe und die Behaglichkeit des Land⸗ lebens? Einen Beweis für unſere Behauptung hätte man in dem Ausſehen der Küche in der Meierei zu Bouqueval finden können. Auf dem ungeheuern ſechs Fuß hohen und acht Fuß breiten Heerde flammte ein wahrer Scheiterhaufen von Buchen- und Ei⸗ chenholz. Dieſes Feuermeer verbreitete in allen Theilen der Küche ebenſoviel Helle als Wärme, und machte das Licht einer Lampe überflüſſig, die an der Decke hing. Große kupferne Töpfe und Caſſerole, die auf Regalen aufge⸗ ſtellt waren, blitzten in dem Lichte; auf einem ſorgfältig gebohn⸗ ten großen Schranke von Nußbaumholz lag friſches Brod, das einen appetitlichen Geruch verbreitete. Eine lange maſſive Tafel, die mit einem groben aber ſehr reinen Tuche bedeckt war, ſtand in der Mitte; der Platz eines Jeden war durch einen jener außen braunen, innen weißen Teller von Faience und durch Meſſer und 24 Gabel bezeichnet, die wie Silber glänzten. In der Mitte der Tafel rauchte eine große Schüſſel mit Suppe wie ein Krater, und bedeckte mit ihrem kräftigen Geruche eine andere große Schüſſel mit Sauerkraut und Schinken, ſo wie eine nicht kleinere mit Schöpsragout und Kartoffeln. Eine gebratene Kalbskeule mit zwei Sallatſchüſſeln daneben, ſo wie zwei Körbchen mit Obſt und zwei Teller mit Käſe vervollſtändigten die Zubereitungen zu dem Mahle. Drei bis vier ſteinerne Krüge mit Aepfelwein und eben ſo viel Brode von der Größe eines Mühlſteines ſtanden und la⸗ gen zur freien Verfügung für die Leute da. Ein alter ſchwarzer, faſt zahnloſer Schäferhund, der emeritirte Aelteſte des Hundevolkes auf dem Gute, verdankte ſeinem hohen Alter und ſeinen fricheren Dienſtleiſtungen die Erlaubniß, am Heerde ſich aufhalten zu vürfen. Er benutzte beſcheiden dieſes Vorrecht, hatte die lange Schnauze auf die beiden Vorderpfoten gelegt und folgte mit aufmerkſamem Blicke den verſchiedenen Küchenarbeiten, welche dem Abendeſſen vorausgingen. Der ehrwürdige Hund führte den etwas bucoliſchen Namen Liſander. Vielleicht erſcheint die, wenn auch ſehr einfache Hausmanns⸗ koſt etwas zu reichlich und üppig; Madame Georges ſuchte aber (ganz nach den Anſichten Rudolphs) das Schickſal ihrer Dienſt⸗ leute ſo viel als möglich zu verbeſſern, die ausſchließlich unter den rechtlichſten und arbeitſamſten Perſonen der Gegend gewählt waren. Man bezahlte ſie reichlich und machte ihre Lage zu einer glücklichen, beneidenswerthen, weshalb denn auch alle Leute in der Umgegend keinen größern Ehrgeiz kannten, als eine Aufnahme in Bouqueval zu finden, — einen ſehr unſchuldigen Ehrgeiz, der un⸗ 25 ter ihnen einen um ſo lobenswertheren Wetteifer erhielt, als er den Herren, denen ſie dienten, zum Vortheile gereichte. Rudolph ſchuf ſo in ſehr kleinem Maßſtabe eine Art Muſter⸗ wirthſchaft, die nicht blos die Verbeſſerung des Ackerbaues und der Viehzucht, ſondern vor allem eine Beſſerung der Men⸗ ſchen bezweckte, und er erreichte dieſen Zweck, indem er den Men⸗ ſchen dafür, daß ſie rechtſchaffen, arbeitſam und verſtändig waren, Vortheile bot. Nachdem die Köchin mit den Zubereitungen zu dem Abend⸗ eſſen zu Ende war, und auf die Tafel einen Krug mit altem Weine zum Deſſert geſtellt hatte, zog ſie, did Glocke. Auf dieſen freudigen Ruf erſchienen die Knechte und Mägde, zwölf bis funfzehn & und traten vergnügt in die Küche ein. Die Männ en ein ännliches offenes Ausſehen; die Frauen waren khiftig und einn mend, die Mädchen flink und luſtig; auf allen ieſen freundlichen Geſichtern ſprach ſich Heiter⸗ keit, Ruhe und Selbſtzufrie denhri aus, und die Leute ſchickten ſich jetzt mit unverſtellter Behaglichkeit an, dem durch beſchwer⸗ liche Arbeit den Tag über wohlverdienten Mahle zuzuſprechen. Den Vorſitz an der Tafel führte ein alter Mann mit weißem Haar, ehrlichem Geſicht, offenem und keckem Blicke und etwas ſpöttiſchem Munde, ein wahres Muſterbild des Bauers mit na⸗ türlichem geſunden Verſtande, einer jener feſten, hellen und klaren Geiſter, in denen man den alten Gallier von weitem erkennt. Der Vater Chatelain (ſo hieß dieſer Neſtor) hatte das Gut von ſeiner Geburt an nicht verlaſſen, und befand ſich auf demſel⸗ ben als Schirrmeiſter, als es Rudolph kaufte. Der Alte wurde ihm warm empfohlen, er behielt ihn deshalb und übertrug ihm, unter der Oberaufſicht der Madame Georges, eine Art Oberlei⸗ 26 tung der Wirthſchaftsarbeiten. Der Vater Chatelain beſaß den Einfluß auf das ganze Perſonal, der ſeinem Alter, ſeinen Kennt⸗ niſſen und ſeiner Erfahrung gebührte. Alle ſetzten ſich jetzt. Nachdem der Vater Chatelain laut das Tiſchgebet geſprochen hatte, machte er nach dem alten frommen Gebrauche mit der Spitze ſeines Meſſers ein Kreuz auf einem der Brode, und ſchnitt ein Stück davon ab, den Antheil der Jungfrau oder des Armen; dann ſchenkte er ein Glas voll Wein und ſtellte alles auf einen Teller, der ſeinen Platz in der Mitte der Tafel erhielt. In dieſem Angenblicke ſchlugen die Hunde im Hofe laut an; der alte Liſander antwortete durch ein dumpfes Knurren, zog die Lippen zuruck und zeigte ein Pnap⸗nbch⸗ recht reſpectable Zahn⸗ ſtumpfe. 2 „Es iſt Jemand draußen vor dem Thore,“ ſagte der Vater Chatelain. ¹ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo wurde die Klingel an dem Hofthore gezogen. „Wer kann noch ſo ſpät kommen?“ ſagte der Alte; „es find alle da. Geh hinaus, René, und ſieh nach.“ René, ein junger Burſch, ließ mit Bedauern auf ſeinem Tel⸗ ler die heiße Suppe ſtehen, in die er mit Gewalt blies, und ging hinaus. „Seit langer Zeit ſitzen heute Madame Georges und Mam⸗ ſell Marie nicht bei uns,“ ſagte der Vater Chatelain; „ich habe gewaltigen Hunger, aber es wird mir doch nicht ſo gut ſchmecken.“ „Madame Georges iſt in die Stube der Mamſell Marie hin⸗ aufgegangen, die ſich unwohl fühlte, als ſie zurückkam, und ſich niederlegte, antwortete Claudine, die rüſtige Magd, welche Marien 27 von dem Pfarrhauſe zurückbegleitet und ſo, ohne es zu wiſſen, die finſtern Pläne der Eule vereitelt hatte. „Unſere gute Marie iſt nur unpäßlich, nicht krank, nicht wahr?“ fragte der alte Chatelain beſorgt. „Nein, Gott ſei Dank! Vater Chatelain; Madame Georges ſagte, es würde bald vorübergehen,“ antwortete Claudine; „ſie hätte ſonſt auch gewiß nach Paris zu Herrn David, dem ſchwar⸗ zen Doctor, geſchickt, der Mamſell Marien ſchon einmal behan⸗ delte, als ſie krank war. Ein ſchwarzer Doctor! Ich für meine Perſon könnte kein Vertrauen zu ihm haben. — Ein weißer, — ah, das iſt etwas anderes!“ „Hat der Herr David Mamſell Marien nicht geſund gemacht, die in der erſten Zeit ſo ſchwach war?“ „Ja, Vater Chatelain.“ „Nun?“ „Ein ſchwarzer Doctor iſt doch immer etwas Gräuliches.“ „Hat er nicht auch der alten Mutter Anica wieder aufgehol⸗ fen, die ſeit drei Jahren im Bette gelegen hatte?“ „Ja, ja, Vater Chatelain.“ „Nun?“ „Ja, Vater Chatelain, — aber ein ſchwarzer Doctor, — ganz, — ganz ſchwarz —“ „Höre, meine Tochter, wie ſieht Dein Bläßchen aus?“ „Weiß, Vater Chatelain, weiß wie ein Schwan, und ſie giebt ſo viel Milch! Das kann man ihr nachſagen, und ſie braucht ſich nicht zu ſchämen.“ „Und Dein anderer Liebling?“ „Rabenſchwarz, Vater Chatelain, und ſie giebt auch viel Milch, das muß man ihr laſſen.“ ————— 28 „Und wie ſieht die Milch dieſer ſchwarzen Kuh aus?“ „Nun — weiß, Vater Chatelain, natürlich weiß wie Schnee.“ „Auch ſo weiß wie die Milch Bläßchens?“ „Eben ſo weiß, Vater Chatelain.“ Obgleich die Kuh ſchwarz iſt?“ „H ſie gleich ſchwarz iſt. — Aber was thut es zur Milch, ob die Kuh ſchwarz, weiß oder roth iſt?“ „Das thut nichts dazu?“ „Gar nichts, Vater Chatelain.“ „Nun, warum ſollte alſo ein ſchwarzer Doetor nicht auch ſo gut ſein als ein weißer?“ Die Antwort Claudinens wurde durch die Rückkehr René's unterbrochen, der eben ſo ſtark in die Hände blies, als er früher in ſeine Suppe geblaſen hatte. „Es wird heute Nacht granſam kalt,“ ſagte er. „Es gefriert hart, und es iſt doch beſſer bei ſolchem Wetter in dem Hauſe als draußen.“ „Wenn es bei Oſtwind gefriert, wird die Kälte groß und hält lange an, das ſollteſt Du wiſſen, René. — Aber wer klin⸗ gelte?“ fragte der Vater Chatelain. „Ein armer Blinder mit einem Jungen, der ihn führt, Va⸗ ter Chatelain.“ XLVIII. Die Galtfreundſchatt. as will der Blinde?“ fragte der Vater Chatelain weiter. Der arme Mann und ſein Sohn haben ſich verirrt, als ſie auf Feldwegen nach Louvres gehen wollten; da es eine grimmige Kälte und ſehr finſter iſt, denn der Himmel hat ſich überzogen, ſo bitten der Blinde und ſein Sohn, die Nacht hier in einem Stalle bleiben zu dürfen.“ „Madame Georges iſt ſo gütig, daß ſie einem Unglücklichen niemals eine gaſtliche Aufnahme verſagt; ſie wird alſo gewiß auch nichts dagegen haben, daß man den armen Leuten ein Nachtlager giebt, aber es muß ihr gemeldet werden. Geh zu ihr, Claudine.“ Claudine ging. „Und wo wartet der arme Mann?“ fragte der Vater Cha⸗ telain. „In der kleinen Scheune.“ „Warum haſt Du ihn in die Scheune geführt?“ „Wenn er in dem Hofe geblieben wäre, hätten ihn die Hunde ſammt ſeinem Jungen in Stücke zerriſſen. — Ich habe ſie noch niemals ſo böſe geſehen, und doch richtet man ſie hier nicht 30 darauf ab, die Armen zu beißen, wie es wohl hier und da ge⸗ ſchieht.“ „Ja, Kinder, heute Abend wird „der Antheil des Armen“ an den Mann kommen. — Rückt ein wenig zuſammen. So Holt noch zwei Teller, einen für den Blinden, den andern für den Knaben, denn Madame Georges wird ſie gewiß die Nacht hier bleiben laſſen.“ „Es iſt aber doch ſeltſam, daß die Hunde ſo wüthend waren,“ ſagte Johann René; „Türk zumal war wie beſeſſen. Ich ſtrei⸗ chelte ihn, um ihn zu beſänftigen, und fühlte, daß er die Haare aufgeborſtet hatte wie ein Igel. — Was bedeutet das, Vater Chatelain, da Ihr doch alles wißt?“ „Ich, mein Sohn, der ich alles weiß, ſage Dir, daß das Vieh noch mehr weiß als ich. Als ich nach dem fürchterlichen Wetter im Herbſte, das den fleinen Bach zu einem großen Fluſſe gemacht hatte, in der finſtern Nacht mit meinen Pferden nach Hauſe zog und auf dem Braunen ſaß, hätte ich wahrhaftig nicht gewußt, wo ich durch das Waſſer durchreiten ſollte, denn es war ſo finſter wie in einem Backofen. Ich ließ da dem alten Braunen den Zügel auf den Hals fallen, und er fand allein, was wir Alle nicht gefunden haben würden. Wer hatte ihn das gelehrt?“ „Ja, Vater Chatelain, wer hatte das den alten Braunen ge⸗ lehrt?“ „Der, welcher die Schwalben lehrt, ihr Neſt an den Dächern, und die Bachſtelzen, ihr Neſt im Rohre zu bauen, mein Sohn. — Nun, Claudine,“ wendete ſich der Alte an die Magd, die zurück⸗ kam und weiße wollene Decken unter dem Arme trug —, „nun, Madame Georges hat befohlen, dem armen Blinden und deſſen Sohn hier ein Abendeſſen und ein Nachtlager zu geben, nicht wahr?“ 31 „Ich bringe hier Decken, auf denen ſie in der kleinen Stube am Ende des Ganges ſchlafen ſollen,“ antwortete Claudine. „So hole ſie herein, René. — Und Du, meine Tochter, rücke zwei Stühle an das Feuer, damit ſie ſich erſt erwärmen, bevor ſie ſich an den Tiſch ſetzen, denn es iſt dieſe Nacht grimmig kalt.“ Man hörte die Hunde von Neuem wüthend bellen und die Stimme René's, der ſie zu beſänftigen ſuchte. Dann wurde raſch die Küchenthüre aufgeriſſen und der Schul⸗ meiſter und der kleine Lahme traten ſchnell ein, als würden ſie verfolgt. „Gebt doch auf Eure Hunde Acht,“ ſagte der Schulmeiſter erſchrocken. „Sie hätten mich beinahe gebiſſen.“ „Sie haben mir ein Stück aus meiner Blouſe geriſſen,“ ſagte der Lahme, der noch leichenblaß vor Angſt war. „Nehmen Sie's nicht übel, lieber Mann,“ ſagte Johann René, indem er die Thür zumachte, „aber ich habe unſere Hunde noch nie ſo geſehen. — Die Kälte muß es machen. — Das Vieh hat keinen Verſtand; ſie wollen vielleicht beißen, um ſich zu er⸗ wärmen.“ „Laß es gut ſein! Fängſt Du nun auch an?“ ſagte der Va⸗ ter Chatelain, indem er den alten Liſander in dem Augenblicke zurückhielt, als er über die Neuangekommenen herfallen wollte. — „Er hat die Andern wüthend bellen hören und will es nun nach⸗ machen. Willſt Du gleich Dich hinlegen?“ Auf dieſe von einem bedeutungsvollen Fußtritte begleiteten Worte des Vaters Chatelain kehrte Liſander knurtend an ſeinen Platz am Heerde zurück. Der Schulmeiſter und der kleine Lahme blieben an der Thür ſtehen und wagten nicht weiter zu gehen. Der Räuber, in einen 32 blauen Mantel mit Pelzkragen gehüllt, den Hut auf die ſchwarze Mütze gedruckt, die ihm die Stirn faſt ganz verhüllte, hielt den kleinen Lahmen an der Hand, der ſich an ihn drückte und die Leute mißtrauiſch anſah; die Ehrlichkeit dieſer Geſichter erſchreckte faſt den Sohn Roth⸗Arms. Auch die böſen Naturen haben ihre Abneigungen wie ihre Zuneigungen. Die Züge des Schulmeiſters waren ſo häßlich, daß die Leute in der Küche einen Augenblick theils vor Abſcheu, theils vor Grauen ſprachlos blieben. Dieſer Eindruck entging dem kleinen Lahmen nicht; die Furcht der Leute beruhigte ihn, und er war ſtolz auf das Entſetzen, das ſein Begleiter um ſich verbreitete. Nachdem die erſte Aufregung ſich gelegt hatte, ſagte der Vater Chatelain, um die Pflichten der Gaſtfreundſchaft zu erfüllen, zu dem Schulmeiſter: „Treten Sie ans Feuer, guter Mann, und wärmen Sie ſich zuerſt, dann eſſen Sie mit uns, denn wir wollten uns eben zu Tiſche ſetzen. — Da, ſetzen Sie ſich hierher. — Aber wo habe ich den Kopf?“ ſetzte der Vater Chatelain hinzu; „ich muß mich an Ihren Sohn wenden, da Sie leider blind ſind. — Da, mein Sohn, führe Deinen Vater hierher.“ „Der liebe Gott vergelt' es Euch!“ antwortete der Lahme in näſelndem heuchleriſchen Tone. — „Komm, armer Vater, komm; — nimm Dich in Acht!“ Und er führte den blinden Räuber. Beide gelangten ſo an den Hrerd⸗ Anfangs knurrte Liſander dumpf, nachdem er aber den Schul⸗ meiſter einen Augenblick berochen hatte, fing er an, grauenhaft zu heulen. — 33 „Hölle und Teufel!“ dachte der Schulmeiſter bei ſich. „Wit⸗ tern die verfluchten Hunde das Blut noch? Ich hatte die Bein⸗ kleider in der Nacht an, als ich den Viehhändler ermordete.“ „Es iſt doch merkwürdig,“ ſagte leiſe Johann René; „der alte Liſander heult!“ Und nun trat ein merkwürdiges Ereigniß ein. Das Geheul Liſanders war ſo grauenhaft, ſo kläglich, daß es die andern Hunde hörten (da der Hof von der Küche nur durch ein Fenſter getrennt war) und nach der Gewohnheit dieſer Thiere um die Wette das klägliche Gewinſel wiederholten. Die Leute in der Küche ſahen einander faſt erſchrocken an, ob ſie gleich nicht ſehr abergläubiſch waren. Das, was geſchah, war freilich ſeltſam genug. Es trat ein Mann, den ſie nicht ohne Grauen hatten anſe⸗ hen können, in den Hof, und die ſonſt ganz friedlichen Thiere wurden wüthend, winſelten und heulten, wie ſie es nach dem Volksglauben thun, wenn ſie einen nahen Todesfall verkünden. Selbſt der Räuber ſchauderte einen Augenblick trotz ſeiner Verhärtung, trotz ſeiner teufliſchen Kühnheit, als er dieſes todver⸗ kündende Geheul hörte, das bei ſeiner, des Mörders, Ankunft losbrach. Nur der kleine Lahme, der ungläubig und frech war wie ein Pariſer Kind, das gleichſam von der Mutter Bruſt an verdorben iſt, blieb gleichgiltig bei dieſer grauenhaften Scene. Sobald er nicht mehr zu fürchten brauchte gebiſſen zu werden, ſpottete er über das, was die Leute in der Küche erſchreckte und ſelbſt dem Schulmeiſter einen Schauer verurſachte. Nachdem das erſte Grauen überwunden war, ging Johann René hinaus, und man hörte bald das Klatſchen ſeiner Peitſche, Die Geheimuiſſe von Paris. MI. 3 8 34 welche dem Türk, Sultan und Medon die düſtern Ahnungen austrieb. Allmälig heiterten ſich auch die Geſichter der Leute am Tiſche wieder auf. Nach einigen Augenblicken flößte ihnen die entſetzliche Häßlichkeit des Schulmeiſters mehr Mitleid als Grauen ein; ſie bedauerten das Gebrechen des kleinen Lahmen und lobten ihn wegen der Sorgfalt, mit der er auf ſeinen Vater bedacht ſei. Der einen Augenblick vergeſſene Appetit der Leute erwachte mit neuer Kraft, und man hörte eine Zeitlang nichts als das Klappern der Meſſer und Gabeln. Die Knechte und Mägde bemerkten trotz dem Eifer, mit wel⸗ chem ſie den Speiſen zuſprachen, mit Rührung die Sorge des Knaben für den Blinden, neben den er ſich geſetzt hatte. Der kleine Lahme machte ihm die Biſſen zurecht, ſchnitt ihm das Brod und ſchenkte ihm ein. Das war die ſchöne Seite der Münze; nun aber die Kehrſeite: Sowohl aus Grauſamkeit als aus der ſeinem Alter eigen⸗ thümlichen Nachahmungsſucht fand der kleine Lahme Vergnügen daran, den Schulmeiſter nach dem Beiſpiele der Eule zu quälen, die er mit Stolz nachahmte und an der er mit einer gewiſſen Hingebung hing. Warum fühlte der durch und durch verdorbene Knabe das Bedürfniß geliebt zu werden? Warum machte ihn ſchon der Schein von Liebe glücklich, die die Einäugige gegen ihn bewies? Warum ergriff ihn die Erinnerung an die Liebkoſungen ſeiner Mutter? Auch dies war eine der häufigen und zahlreichen Anvmalien, welche von Zeit zu Zeit mit Glück gegen die Einheit im Laſter proteſtiren. Der kleine Lahme, der, wie geſagt, gleich der Eule, einen außerordentlichen Reiz darin fand, einen Tiger mit Maulkorb quä⸗ 35 len zu können, war ſo boshaft, dieſes Vergnügen noch dadurch ſteigern zu wollen, daß der Schulmeiſter ſeine ſchlechte Behandlung geduldig ertragen ſollte. Er glich deshalb jede ſcheinbare Aufmerkſamkeit für ſeinen angeblichen Vater durch einen Tritt unter dem Tiſche aus, durch einen Tritt, den er beſonders gegen eine alte Wunde richtete, welche der Schulmeiſter, wie viele Sträflinge, an der Stelle hatte, wo bei ſeinem Aufenthalte im Bagno der Ring der Kette auf⸗ gelegen. Der Räuber mußte einen um ſo ſtoiſchern Muth aufbieten, um bei jedem Tritte des Lahmen ſeinen Schmerz zu verbergen, weil dieſes kleine Ungethüm, um ſein Opfer in eine noch ſchwie⸗ rigere Stellung zu bringen, zu ſeinen Angriffen bald den Augen⸗ blick wählte, wann der Schulmeiſter trank, bald den, wann der⸗ ſelbe ſprach. Die Ruhe des Räubers verläugnete ſich keinen Augenblick; er verbiß bewundernswürdigerweiſe ſeinen Zorn und Schmerz, indem er bedachte (und darauf rechnete der Sohn Roth⸗Arms), daß es für das Gelingen ſeiner Pläne ſehr nachtheilig ſein würde, wenn er errathen ließe, was unter dem Tiſche vorgehe. „Da, armer Vater, iſt eine ausgeſchälte Nuß,“ ſagte der Lahme, indem er eine ſolche Frucht auf den Teller des Schulmei⸗ ſters legte. „Gut, mein Sohn,“ ſagte der BVater Chatelain, der ſich ſo⸗ dann an den Räuber mit den Worten wendete: „Sie ſind freilich ſehr zu beklagen, armer Mann, aber Sie haben einen ſo guten Sohn, — daß dies Sie einigermaßen tröſten muß.“ „Ja, ja, mein Unglück iſt groß, aber ohne die Liebe meines guten Kindes würde ich —“ 8 36 Jetzt konnte der Schulmeiſter einen lauten Schmerzensſchrei nicht unterdrücken. Der Sohn Roth⸗Arms hatte diesmal die ſchmerzhafteſte Stelle der Wunde getroffen. „Mein Gott, was iſt Dir, guter Vater?“ fragte der kleine Lahme mit weinerlicher Stimme. Dann ſtand er auf und hing ſich an den Hals des Schulmeiſters. In dem erſten Aufbrauſen ſeines Zornes und ſeiner Wuth wollte der Räuber den kleinen Lahmen in ſeinen Herculesarmen erſticken, und er drückte ihn wirklich ſo heftig an ſeine Bruſt, daß dem Knaben der Athem verging und er dumpf ächzte; gleich varauf aber bedachte er, daß er den Jungen nicht entbehren konnte, er bezwang ſich alſo und ſchob ihn auf den Stuhl zurück. Die Anweſenden ſahen in dieſer Scene nur einen Austauſch väterlicher und kindlicher Zärtlichkeit; die Bläſſe und das Aechzen des Lahmen erklärten ſie ſich durch die Aufiegung dieſes guten Sohnes. „Was iſt Ihnen, guter Mann?“ fragte der Vater Chatelain. — „Ihr Sohn da iſt über Ihren Schrei erſchrocken und ganz blaß geworden. — Das arme Kind! — Es kann kaum athmen.“ Es iſt nichts,“ antwortete der Schulmeiſter, der ſeine ganze Kaltblütigkeit wieder erlangt hatte. „Ich bin von Profeſſivn ein Schloſſer; als ich nun vor einiger Zeit eine rothglühende Eiſen⸗ ſtange mit dem Hammer bearbeitete, fiel ſie mir auf die Beine, und ich erhielt eine ſo tiefe Brandwunde, daß ſie jetzt noch nicht ganz geheilt iſt. Eben ſtieß ich mich an das Tiſchbein, und ich fonnte einen Schmerzenslaut nicht unterdrücken.“ „Armer Vater!“ ſagte der kleine Lahme, der ſich auch wieder erholt hatte und einen diaboliſchen Blick auf den Schulmeiſter 37 warf. „Ja, es iſt wahr, Ihr guten Leute, die Wunde iſt nie zu⸗ zuheilen geweſen. Ach, ich wollte, ich könnte ſie ihm abnehmen.“ Die Weiber ſahen den Jungen gerührt an. „Es iſt Schade, guter Mann,“ fiel der Vater Chatelain ein, „daß Sie nicht vor drei Wochen zu uns gekommen ſind.“ „Warum?“ „Weil wir da einige Tage einen Doctor aus Paris hier hatten, der ein vortreffliches Mittel gegen Beinſchäden beſitzt Eine gute alte Frau im Dorfe hier konnte ſeit drei Jahren nicht gehen; der Doctor legte ihr ſeine Salbe auf die Wunde, und jetzt läuft ſie mit Jedem um die Wette; ſie will auch eheſter T Tage zu Fuße nach Paris, um ihrem Retter zu danken, der in der Witt⸗ wenallee wohnt. Sie ſehen, daß es eine ziemliche Strecke dahin iſt. — Aber was iſt Ihnen? Schon wieder die verwünſchte Wunde?“ Das Wort „Wittwen⸗Alles“ weckte ſchreckliche Erinnerungen in dem Schulmeiſter, der unwillkürlich gezittert und ſeine häßli⸗ chen Züge verzerrt hatte. „Ja,“ antwortete er nach einiger Zeit, „es gab mir wieder einen Stich.“ „Es iſt wirklich Schade,“ fuhr der Vater Chatelain fort, „daß dieſer würdige Arzt nicht hier iſt, aber ich glaube, er iſt eben ſo menſchenfreundlich wie gelehrt; wenn Sie wieder nach Paris kom⸗ men, laſſen Sie ſich durch Ihren Sohn zu ihm führen; er wird Sie ſicherlich heilen. Seine Adreſſe iſt leicht zu merken: Witt⸗ wen⸗Allee Nr. 17. Wenn Sie aber auch die Nummer vergeſſen, es ſchadet nichts; es giebt in dieſer Gegend nicht viel Aerzte, na⸗ mentlich keine ſchwarzen, denn denken Sie ſich, dieſer vortreff⸗ liche Doertor David iſt ein Neger.“ 38 Das Geſicht des Schulmeiſters war ſo von Narben zerfetzt, daß man nicht ſehen konnte, wie er erblaßte. Er erblaßte wirk⸗ lich, als er zuerſt die Nummer des Hauſes Rudolphs anführen und dann von David, dem ſchwarzen Arzte, reden hörte, von dem ſchwarzen Arzte, der auf Befehl Rudolphs an ihm die entſetzliche Strafe vollzogen hatte, deren ſchreckliche Folgen er jeden Augen⸗ blick empfand. Es war ein unglücklicher Tag für den Schulmeiſter. Früh war er durch die Eule und den Sohn Roth⸗Arms ge⸗ peinigt worden; dann kam er an das Gut, und die Hunde heul⸗ ten, wie ſie es thun, wenn Jemand ſterben ſoll, und wollten ihn zerreißen; und endlich brachte ihn der Zufall gar in ein Haus, in welchem einige Tage vorher ſein Henker geweſen war. Jeder einzelne dieſer Umſtände würde hingereicht haben, ab⸗ wechſelnd die Wuth und die Furcht dieſes Räubers zu erregen; da ſie aber ſämmtlich in der Zeit von einigen Stunden auf ihn ein⸗ ſtürmten, mußte er gewaltig leiden. Zum erſtenmale in ſeinem Leben fühlte er eine Art abergläu⸗ biſcher Furcht; — er fragte ſich, ob der Zufall allein ein ſo ſelt⸗ ſames Zuſammentreffen herbeiführe — Der Vater Chatelain, der das Erbleichen des Schulmeiſters nicht bemerkt hatte, fuhr fort: „Uebrigens wollen wir Ihnen, armer Mann, wenn Sie wie⸗ der fortgehen, die Adreſſe des Doctors mitgeben, denn man er⸗ zeigt dem Herrn David eine Gefälligkeit, wenn man ihn in den Stand ſetzt, Jemandem beizuſtehen —; er iſt ſo gut! ſo gut! Schade nur, daß er immer ſo betrübt iſt. — Kommen Sie, wir wollen auf das Wohl Ihres zukünftigen Retters trinken.“ 6 39 „Ich danke, — ich habe keinen Durſt mehr,“ ſagte der Schul⸗ meiſter finſter. „So trinke doch, guter Vater, trink; es wird Deinem armen Magen gut thun,“ ſagte der kleine Lahme, indem er dem Blinden das Glas in die Hand gab. „Nein, nein, ich will nicht mehr trinken,“ antwortete dieſer. „Ich habe Ihnen keinen Aepfelwein jetzt eingeſchenkt, ſondern alten guten Wein,“ ſagte der Vater Chatelain. „Manche Herren trinken keinen ſolchen. — Die Meierei hier iſt nicht wie jede an⸗ dere. — Was meinen Sie zu unſerer Hausmannskoſt?“ „Sie iſt ſehr gut,“ antwortete der Schulmeiſter, der immer mehr in düſtere Gedanken verſank. „So geht es bei uns alle Tage; tüchtige Arbeit, gutes Eſ⸗ ſen, ein gutes Gewiſſen und ein gutes Bett, das iſt in vier Wor⸗ ten unſer Leben. Wir find hier unſer Sieben, und wir arbeiten, ohne Ruhm zu melden, ſo viel wie vierzehn; man bezahlt uns aber auch wie vierzehn. Gewöhnliche Knechte bekommen monat⸗ lich hundertfunfzig Thaler; die Mägde ſechszig. Ueberdies dürfen wir den fünften Theil vom Ertrage des Gutes unter uns theilen, und Sie können ſich denken, daß wir keinen Halm auf dem Felde laſſen, denn jemehr das Gut hergiebt, deſto beſſer ſtehen wir uns.“ „Dabei wird ſich aber Ihr Herr nicht bereichern,“ ſagte der Schulmeiſter. „Unſer Herr? Der iſt auch nicht ein Herr wie andere Herren. — Er hat eine ganz beſondere Art, ſich zu bereichern.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte der Blinde, der das Ge⸗ ſpräch im Gange erhalten zu wollen ſchien, um den trüben Ge⸗ danken zu entgehen, die ihn verfolgten. — „Sie haben alſo einen ganz außergewöhnlichen Herrn?“ 40⁰ „In Allem iſt er außergewöhnlich, mein guter Mann. — Der Zufall hat Sie hierher geführt, weil das Dorf von der Straße abliegt. Sie kommen ohne Zweifel nie wieder hierher, und Sie ſollen uns wenigſtens nicht verlaſſen, ohne unſern Herrn kennen gelernt und erfahren zu haben, was er aus dem Gute ge⸗ macht hat. Ich will es Ihnen mit zwei Worten erzählen, unter der Bedingung, daß Sie es überall wiedererzählen. — Sie wer⸗ den ſich ſelbſt überzeugen; es erzählt ſich ſo gut wie es ſich anhört.“ „Sie machen mich neugierig,“ antwortete der Schulmeiſter. L. Die Muſterwirthlchatt. ie werden es auch nicht bereuen, mich angehört zu ha⸗ ben, ſagte der Vater Chatelain zu dem Schulmeiſter. — „Den⸗ ken Sie ſich, eines Tages ſagte unſer Herr zu ſich: „ich bin ſehr reich; gut; ich kann deshalb aber nicht zweimal eſſen; wie wär's, wenn ich denen zu eſſen gäbe, die nichts zu eſſen haben, und bra⸗ ven Leuten beſſeres Eſſen gäbe, als ſie ſich jetzt verſchaffen fön⸗ nen? Ja, ja, das wird gut ſein; alſo raſch an's Werk.“ Und unſer Herr ging an's Werk. Er kaufte das Gut hier, das da⸗ mals nicht viel einbrachte und mit zwei Pflügen beſtellt wurde; ich weiß das, denn ich bin hier geboren und aufgewachſen. Unſer Herr kaufte Felder dazu, — Sie werden gleich hören warum — An die Spitze der Verwaltung ſtellte er eine würdige Frau, die eben ſo achtbar als unglücklich iſt, — und ſo wählt er immer. Er ſagte zu ihr: „Dieſes Haus wird wie ein Gotteshaus allen Guten offen ſtehen, allen Schlechten aber verſchloſſen ſein; man wird aus ihm die faulen Bettler verjagen, ſtets aber denen, die guten Willen haben, Arbeit ſtatt der Almoſen geben; dieſes Al⸗ 42 moſen etniedrigt den nicht, welcher es empfängt, und bringt dem Nutzen, welcher es giebt; der Reiche, der dieſes Almoſen nicht giebt, iſt ein ſchlechter Reicher —“ Das ſagte unſer Herr, und er hat wahrhaftig Recht; aber er ſagte es nicht blos, er that mehr, er handelte darnach. Sonſt ging ein gerader Weg von hier nach Ecouen, der um eine gute Stunde näher war, aber er war ſo verdorben, in ſo ſchlechtem Zuſtande, daß man ihn nicht benutzen konnte; die Wagen zerbrachen in den tiefen Geleiſen, und die Pferde quälten ſich ab oder brachen wohl gar die Beine; hätte jeder der Pächter in der Gegend etwas Geld und einige Arbeiter dazu ge⸗ geben, ſo würde man die Straße bald wieder in Stand haben ſe⸗ tzen können; aber jemehr es einem Jeden daran liegen mußte, den Weg in gutem Stande zu ſehen, um ſo mehr weigerte ſich Je⸗ der, daran arbeiten zu laſſen und Geld zur Ausbeſſerung zu ge⸗ ben. Unſer Herr, der dies ſah, ſagte: „der Weg wird gebaut werden; da aber die, welche dazu beitragen ſollten, nichts beitra⸗ gen, da er gewiſſermaßen ein Lurusweg iſt, ſo ſoll er zwar eines Tages denen zu Gute kommen, welche Pferde und Wagen haben, zuerſt aber denen, die nur ihre beiden Arme, Arbeitsluſt, aber keine Arbeit haben. Wenn alſo ein rüſtiger Menſch hier anklopft und ſagt: „ich habe Hunger, aber keine Arbeit,“ ſo wird man ihm zur Antwort geben: hier iſt eine gute Suppe, ein Spaten und eine Schaufel; man wird Dich auf den Weg nach Ecouen führen; beſſere jeden Tag zwei Ruthen daran, und Abends ſollſt Du vierzig Sous, für die Ruthe zwanzig Spus, für die halbe zehn Sous bekommen; arbeiteſt Du nicht, ſo erhältſt Du nichts.“ — Ich für meinen Theil ſollte Abends, wann ich von dem Felde zurückktäme, den Weg beſichtigen und mich überzeugen, was Jeder gethan.“ 43 „Wenn man bedenkt, daß zwei ſo ſchlecht waren, die Suppe zu eſſen und mit Spaten und Schaufel durchzugehen,“ fiel Jv⸗ haun René mit Unwillen ein, „ſo könnte einer wohl die Luſt ver⸗ lieren, Gutes zu thun.“ „Das iſt wahr,“ bemerkten einige. „Kinder,“ entgegnete der Vater Chatelain, „wenn man ſich dadurch abhalten laſſen wollte, ſo dürfte man weder pflanzen noch ſäen, denn es giebt Raupen und Würmer, welche die Blätter und Körner freſſen. Nein; man zerſtört das Ungeziefer, und der liebe Gvott, der nicht geizig iſt, läßt neue Knospen und neue Aehren wachſen, der Schaden wird erſetzt, und man bemerkt es gar nicht, daß Raupen und anderes Ungeziefer dageweſen. Nicht wahr, lieber Mann?“ ſagte der alte Ackersmann zu dem Schulmeiſter. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ antwortete dieſer, der ſeit eini⸗ gen Minuten ſehr nachdenklich geworden war. „Für die Weiber und Kinder giebt es auch Arbeit, die ihren Kräften angemeſſen iſt,“ ſetzte der Vater Chatelain hinzu. „Der Weg wird aber doch nur langſam beſſer,“ fiel Clau⸗ dine ein. „Das beweiſt, meine Tochter, daß es glücklicherweiſe hier in der Gegend den rechtlichen Leuten nicht an Arbeit fehlt.“ „Würde man aber einem Gebrechlichen, wie ich es z. B. bin,“ ſagte plötzlich der Schulmeiſter, „aus Mitleid nicht ein Plätzchen in einem Winkel des Gutes, ein Stückchen Brod und ein Obdach gewähren für die kurze Zeit, die ich noch zu leben habe? — Wenn das möglich wäre, ihr guten Leute, würde ich Euerm Herrn le⸗ benslänglich dankbar ſein.“ Der Ränber ſprach in vollem Ernſt. Er bereute deshalb ſeine Verbrechen nicht, aber das friedliche, glückliche Leben der 44 Leute von dieſem Gute erregte ſeinen Neid, wenn er an die ent⸗ ſetzliche Zukunft dachte, die ihn bei der Eule erwartete, eine Zu⸗ kunft, die er keineswegs vrausgeſehen hatte und die ihn um ſo mehr bedauern ließ, dadurch, daß er ſeine Mitſchuldige zu ſich be⸗ rufen, für immer die Möglichkeit verloren zu haben, bei den recht⸗ lichen Leuten zu wohnen, zu denen ihn der Chourineur gebracht hatte. Der Vater Chatelain ſah den Schulmeiſter mit Verwunde⸗ rung an. „Aber, lieber Mann,“ ſagte er, „ich glaubte nicht, daß Sie ſo ganz arm wären.“ „Ach Gott! — ich habe meine Augen durch einen unglück⸗ lichen Zufall in meinem Gewerbe verloren und bin auf dem Wege nach Loupres, um die Mildthätigkeit eines entfernten Verwand⸗ ten in Anſpruch zu nehmen. — Sie wiſſen aber, daß die Men⸗ ſchen vftmals ſo ſelbſtſüchtig, ſo hart ſind.. .,“ ſagte der Schul⸗ meiſter. „So ſelbſtſüchtig und hart iſt Niemand,“ antwortete der Va⸗ ter Chatelain. — „Ein braver, rechtlicher Handwerksmann wie Sie, der ſo unglücklich iſt, mit einem ſo guten Sohne, — das muß ja einen Stein erbarmen. — Aber warum thut der Herr, bei dem Sie in Arbeit ſtanden, nichts für Sie?“ „Er iſt leider geſtorben,“ ſagte der Schulmeiſter nach kurzem Beſinnen; „er war meine einzige Stütze —“ „Aber die Blindenanſtalt?“ „Ich bin noch nicht alt genug, um Anſpruch auf die Auf⸗ nahme dort zu haben —“ „Armer Mann! Sio ſind zu beklagen.“ „Glauben Sie, daß Ihr Herr, den ich achte ohne ihn zu 45 kennen, ſich meiner nicht erbarmen würde, wenn ich in Louvres die Unterſtützung nicht finde, welche ich ſuche?“ „Das Gut hier iſt, ſehen Sie, leider kein Armen⸗ und Kran⸗ kenhaus. — Man behält gewöhnlich die Kranken eine Nacht oder einen Tag hier, giebt ihnen etwas und dann — mag der liebe Gott für ſie ſorgen.“ „Ich habe alſo keine Hoffnung, die Theilnahme Ihres Herrn für mich zu gewinnen?“ fragte der Räuber mit einem Seufzer des Bedauerns. „Ich habe Ihnen geſagt, wie es gewöhnlich hier gehalten wird; aber unſer Herr iſt ſo mitleidig, ſo edelmüthig, daß er zu Allem fähig iſt.“ „Glauben Sie?“ rief der Schulmeiſter aus;“ es wäre mög⸗ lich, daß er einwilligte, mich hier in einem Winkel leben zu laſ⸗ ſen? Ich würde mit wenigem zufrieden ſein —“ „Ich ſage Ihnen, daß unſer Herr zu Allem fähig iſt. — Wenn er einwilligt, Sie hier zu behalten, ſo würden Sie nicht nöthig haben, ſich in einen Winkel zu verkriechen, ſondern behan⸗ delt werden wie wir, — wie heute. — Es würde ſich Gelegen⸗ heit finden, Ihren Sohn nach ſeinen Kräften zu beſchäftigen; an gutem Rath und gutem Beiſpiele ſollte es ihm nicht fehlen; un⸗ ſer ehrwürdiger Prieſter würde ihn mit den andern Kindern des Dorfes unterrichten, und er würde im Guten aufwachſen, wie man zu ſagen pflegt. — Sie müßten dann aber morgen früh ganz of⸗ fen mit unſerer lieben Frau von guter Hülfe ſprechen.“ „Wie?“ fragte der Schulmeiſter. „So nennen wir unſere Herrin. — Wenn ſie ſich für Sie intereſſirt, ſo iſt Ihre Sache in Ordnung. — Was die Mild⸗ thätigkeit betrifft, da ſchlägt ihr unſer Herr nichts ab —“ 4 46 „So werde ich mit ihr ſprechen; — ich werde mit ihr ſpre⸗ chen,“ rief freudig der Schulmeiſter aus, der ſich ſchon von der Tyrannei der Eule befreit ſah. Dieſe Hoffnung fand indeß bei dem kleinen Lahmen kein Echo, der ſich durchaus nicht geneigt fühlte, von den Anerbietungen des alten Vaters Chatelain Gebrauch zu machen und unter der Auf⸗ ſicht eines ehrwürdigen Geiſtlichen „im Guten aufzuwachſen“. Der Sohn Roth⸗Arms hatte gar keine Neigung für das Landleben und würde es überdies ſehr ungern geſehen haben, wenn der Schul⸗ meiſter ſich ſeinem und der Eule Despotismus entzogen hätte. Er wollte alſo den Räuber, der ſich in heitere ländliche Täuſchungen verirrte, an die Wirklichkeit erinnern. „Ach, ja,“ wiederholte der Schulmeiſter, „ich werde mit un⸗ ſerer lieben Frau von guter Hilfe ſprechen; — ſie wird Mitleid mit mir haben und... Der kleine Lahme gab in dieſem Angenblicke heimtückiſcher⸗ weiſe dem Schulmeiſter einen derben Tritt und traf ihn an die richtige Stelle. . Der Schmerz unterbrach und verkürzte die Phraſe des Räu⸗ bers, der nach einem ſchmerzlichen Zucken wiederholte: „Ja, ich hoffe, daß die gute Dame Mitleid mit mir haben wird.“ „Armer guter Vater,“ fiel der kleine Lahme ein, „rechneſt Du denn gar nicht auf meine gute Tante, Mademe Eule, die Dich ſo ſehr liebt? Die arme Tante Eule! — Sie wird Dich nicht verlaſſen und käme wohl gar mit unſerm Vetter Barbillon her, Sum Dich zurückzufordern —“ „Der brave Mann hat eine ſeltſame Verwandtſchaft,“ 47 Johann René ſchlau, indem er ſeine Nachbarin, Claudine, mit dem Elnbogen anſtieß. „Geh, Du ſchlechter Menſch! Ueber Unglückliche zu lachen!“ antwortete ganz leiſe die Magd, indem ſie ihm ihrerſeits einen Elnbogenwink gab, der ihm faſt drei Rippen einſtieß. „Madame Eule iſt eine Verwandte von Ihnen?“ fragte der Vater Chatelain den Schulmeiſter. „Ja, — ſie iſt eine — Verwandte —,“ antwortete er finſter. Er fürchtete wirklich, daß die Einäugige aus Bosheit ihn ver⸗ rathen würde, wenn er eine unverhoffte Zuflucht auf dem Gute fin⸗ den ſollte; er fürchtete auch, die Namen ſeiner — Verwandten möchten Argwohn erregen, aber in dieſem Punkte waren ſeine Be⸗ ſorgniſſe ungegründet; Johann René fand blos Spaß darin, jene Bemerkung darüber zu machen, die Claudine ſo ſchlecht aufgenvm⸗ men hatte. „Iſt es die Verwandte, die Sie in Louvres aufſuchen wol⸗ len?“ fragte der Vater Chatelain weiter. „Ja,“ antwortete der Räuber; „aber ich glaube, mein Sohn irrt ſich, wenn er ſo ſehr auf ſie rechnet.“ „Guter Vater, ich irre mich nicht. — Die Tante Eule iſt ſo gut; — Du weißt ja, ſie hat Dir das Waſſer geſchickt, das ich Dir auf Dein Bein lege, und hat Dir ſagen laſſen, wie Du es gebrauchen ſollſt. — Sie ſagte zu mir: thue für Deinen armen Vater, was ich für ihn thun würde, und der liebe Gott wird Dich ſegnen. — Ach —, die gute Tante Eule liebt Dich ſo ſehr, — ſo ſehr, daß —“ „Schon gut, — ſchon gut,“ unterbrach ihn der Schulmei⸗ ſter; „es wird mich das nicht hindern, morgen früh mit der gu⸗ ten Dame hier zu ſprechen und ihre Fürſprache bei dem achtungs⸗ 48 würdigen Beſitzer dieſes Gutes in Anſpruch zu nehmen; aber,“ ſetzte er hinzu, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben und den unvorſichtigen Reden des kleinen Lahmen ein Ende zu machen, „aber was den Eigenthümer dieſes Gutes betrifft, ſo ver⸗ ſprachen Sie, mir die Eigenthümlichkeiten der Einrichtungen hier zu beſchreiben“ „Ich habe Ihnen das verſprochen,“ antwortete der Vater Chatelain, „und ich will mein Verſprechen halten. Nachdem ſich ſo unſer Herr das ausgedacht hatte, was er Arbeitsalmoſen nennt, dachte er weiter: es giebt Anſtalten und Preiſe zur Aufmunterung der Verbeſſerung der Pferde⸗ und Viehzucht und anderer Dinge. — Es wäre wohl auch Zeit, die Lage der Menſchen zu verbeſſern.. Gutes Vieh, recht gut; gute Menſchen? — Das wäre noch beſ⸗ ſer, wenn es ſich vielleicht auch ſchwerer bewerkſtelligen läßt. — Schwerer Hafer und trockene Wieſen, reines Waſſer und reine Luft, gute Abwartung und gute Stallung, das giebt Pferde und Rindvieh, wie man ſie nur wünſchen kann; aber einen Menſchen bringt man nicht ſo leicht zur Tugend, wie man einen Ochſen ſatt macht. Die Weide kommt dem Ochſen zu Gute, weil das Gras ihm gut ſchmeckt, er alſo gern davon frißt, und dabei wird er fett; wenn guter Rath dem Menſchen nutzen ſoll, muß er meiner Mei⸗ nung nach auch Vortheil davon haben, daß er ihn befolgt —“ „Wie der Ochſe ſeine Rechnung dabei findet, wenn er gutes Gras frißt, nicht wahr, Vater Chatelain?“ „Richtig, mein Sohn.“ „Aber, Vater Chatelain,“ ſagte ein anderer Arbeiter, „man hat uns von einer Art Landgut erzählt, wo junge Diebe, die ſonſt nicht ſchlecht waren, aufgenommen wurden, die Landwirthſchaft erlernten und wie kleine Prinzen behandelt und gehalten wurden?“ 49 „Das iſt wahr; und auch das iſt gut, denn es iſt menſchlich und chriſtlich, auch an den Böſen nie zu verzweifeln; aber auch die Guten müſſen hoffen können. Wenn ein ehrlicher, kräftiger und arbeitſamer junger Menſch, der etwas lernen wollte, auf jenem Gute erſchiene, wo die jungen ehemaligen Dieb „ſo würde man zu ihm ſagen: mein Sohn, haſt Du Dich umhergetrieben? — Nein. — So haben wir hier keinen Platz für Dich.“ „Das iſt wahr, was Sie da ſagen, Vater Chatelain,“ fiel Johann René ein. — „Man thut für Spitzbuben, was man für ehrliche Leute nicht thut; man verbeſſert das Vieh, aber nicht die Menſchen.“ „Eben um ein Beiſpiel zu geben und dem abzuhelfen, mein Sohn, hat unſer Herr, wie ich dem armen Manne da erzähle, ſein Gut hier ſo eingerichtet. — Ich weiß wohl, hat er geſagt, daß die rechtlichen Menſchen da oben Belohnung finden, aber da oben — Sm! Das iſt hoch oben und weit. Manche (die ſind freilich zu beklagen, meine Kinder) ſehen nicht ſo weit, und ihr Athem reicht nicht bis dahin aus; und dann, wo ſollen ſie die Zeit hernehmen, nach dort oben hinzuſehen? Am Tage müſſen ſie ſich von früh bis zum Abend auf die Erde bücken und ſie umgra⸗ ben und bearbeiten für einen Herrn, und in der Nacht ſind ſie müde und ſchlafen auf ihrem harten Lager. — Sonntags betrin⸗ ken ſie ſich im Wirthshauſe, um die Mühe vom vorigen Tage und die kommende zu vergeſſen. Deshalb bringt aber auch dieſen ar⸗ men Leuten die Arbeit nichts ein. Iſt nach angeſtrengter Arbeit ihr Brod minder ſchwarz, ihr Lager minder hart, ſind ihre Kinder minder ſchwächlich, ihre Frauen minder erſchöpft, ſte zu nähren? — ſie Kinder nähren, da ſie kaum ſelbſt ihren Hunger ſtillen kön⸗ nen! Nein, nein; ich weiß es wohl, wenn das Brod auch ſchwarz Die Geheimniſſe von Paris. III. 4 50 iſt, es iſt doch Brod; wenn auch das Lager hart, es iſt doch ein Lager; wenn auch ihre Kinder ſchwächlich ſind, ſie leben doch! Die Armen würden vielleicht ihr Schickſal mit Freuden ertragen, wenn ſie glaubten, es ergehe einem Jeden ſo wie ihnen. Aber da gehen ſie in die S oder in das Städtchen, wenn Markt dort iſt, und da ſehen ſie weißes Brod, dicke, warme, weiche Betten, Kinder, die blühen wie Roſen im Mai und ſo geſättigt ſind, ſo geſättigt, daß ſie Hunden Kuchen geben. — Da denken die armen Leute, wenn ſie in ihre Hütte, zu ihrem ſchwarzen Brode, zu ihrem har⸗ ten Lager zurückkommen und ihre kränklichen, hagern, hungrigen Kinder ſehen, denen ſie gern einen der Kuchen mitgebracht hätten, welche die reichen Kinder den Hunden vorwarfen: „ Da es Reiche und Arme geben muß, warum ſind wir nicht im Reichthume ge⸗ boren? Das iſt unrecht. — Warum kommt nicht Jeder an die Reihe?“ Freilich iſt das, was ſie da denken, nicht recht, und ſie machen ſich das Joch, das ſie druckt, nicht leichter, während ſie doch dieſes harte, ſchwere Joch, das wohl manchmal zu Boden drückt, ohne Unterlaß tragen müſſen und ohne Hofſnung, daſſelbe einmal ablegen zu dürfen und einen Tag, nur einen Tag das Glück ken⸗ nen zu lernen, welches der Reichthum und der Wohlſtand giebt. — Das ganze Leben lang ſo, — freilich das erſcheint lang, lang wie der Regentag ohne einen einzigen Sonnenblick. Da geht es verdrüßlich und mit Widerwillen an die Arbeit. — Endlich ſagen und denken die Meiſten, die im Lohne arbeiten: warum ſollen wir beſſer und mehr arbeiten? Ob die Aehre ſchwer oder leicht iſt, mir iſt das gleich. Warum ſollen wir uns quälen und abarbeiten? Wir wollen ehrlich bleiben, ja; der Böſe wird beſtraft, alſo Bö⸗ ſes wollen wir nicht thun; das Gute wird aber nicht belohnt, wa⸗ rum ſollten wir Gutes thun? Wenn wir nur die Eigenſchaften des 51 guten Zugviehes haben: Geduld, Kraft und Gelehrigkeit! Die Leute, welche ſo denken, meine Kinder, ſind nicht auf dem rechten Wege; von dieſer Gleichgiltigkeit bis zum Nichtsthun iſt nur ein Schritt, und der Müßiggang iſt aller Laſter Anfang. Leider ſind nun die, welche weder gut noch ſchlecht ſind, w ſchlecht noch gut handeln, die große Mehrzahl; dieſe, dachte unſer Herr, dieſe müſſen gebeſſert werden, ebenſo als wenn ſie die Ehre hätten, Pferde, Rindvieh oder Schafe zu ſein. Es muß dafür geſorgt werden, daß ſie ein Intereſſe dabei haben, fleißig, thätig, klug, unterrichtet und pflichtgetren zu ſein; es muß ihnen bewieſen wer⸗ den, daß ſie ſich materiell wohler befinden, wenn ſie beſſer werden, und — Jedermann wird dabei gewinnen. Damit der gute Rath ihnen aber auch zu Gute komme, muß man ihnen gleichſam einen Vorſchmack von dem Glücke geben, das ſie da oben erwartet. — Nachdem unſer Herr ſich ſeinen Plan wohl überlegt hatte, machte er in der Umgegend bekannt, er brauche ſechs Knechte und eben ſo viele Mägde; aber er wollte dieſe Leute unter den Beſten aus⸗ wählen nach den Zeugniſſen, die er ſich von den Maires, den Geiſtlichen oder ſonſt verſchaffen würde. Sie ſollten bezahlt wer⸗ den, wie wir es werden, d. h. wie Prinzen, beſſere Koſt erhalten wie Bürgersleute und ein Fünftel des ganzen Ertrags unter ein⸗ ander vertheilen; man ſollte zwei Jahre auf dem Gute bleiben, um dann Andern Platz zu machen, die eben ſo ausgewählt wür⸗ den; nach fünf Jahren könnten ſchon früher Dageweſene wieder⸗ kommen, wenn Plätze frei wären. Seit dieſer Einrichtung hier ſagen nun alle Knechte, Mägde und Tagelöhner in der Umgegend: wir wollen recht thätig, recht ehrlich und arbeitſam ſein, wir wollen uns durch unſer gutes Betragen auszeichnen, damit wir einmal eine Stelle auf dem Gute in Bouqueval erhalten; dort 52 werden wir zwei Jahre lang wie im Paradieſe leben, uns in un⸗ ſerm Stande vervollkommnen, uns ein hübſches Sümmchen erſpa⸗ ren und überdies ſpäter überall gern angenommen werden, da Nie⸗ mand hierherkommt, der nicht vortrefflich iſt.“ „Ich bin ſchon von der Madame Dubreuil in Arnouville ge⸗ miethet,“ ſagte Johann René. „Und ich nach Goneſſe,“ fiel ein Anderer ein. „Sie ſehen daran, guter Freund, daß dabei Jedermann ge⸗ winnt; die Pächter in der umgegend haben doppelten Vortheil; es ſind hier nur zwölf Stellen zu vergeben, es bilden ſich aber vielleicht funfzig Perſonen in dem Kreiſe, die darnach ſtreben; und warum ſollten nicht die, welche nicht aufgenommen werden konnten, nichts deſtoweniger brav bleiben? Denn wer einmal keine Aufnahme findet, kann ſie das nächſte Mal hoffen; kurz und gut, es werden viel brave Leute mehr gebildet. — Sehen Sie, für ein Pferd oder ein Stück Rindvieh, das bei einem Rennen oder bei einer Aus⸗ ſtellung den Preis gewinnt, zieht man hundert, die zwar den Preis nicht gewonnen haben, aber doch nichts deſtoweniger auch ſehr gut ſind. Nun, guter Freund, hatte ich nicht Recht, als ich ſagte, unſer Gut hier ſei kein gewöhnliches, und unſer Herr kein gewöhn⸗ licher Herr?“ „Ja, ja,“ antwortete der Schulmeiſter, „und je größer mir ſeine Güte und ſein Edelmuth erſcheinen, um ſo mehr hoffe ich, er wird Mitleid mit meinem traurigen Schickſale haben. Einem Manne, der auf ſo edle und ſo verſtändige Weiſe Gutes thut, muß es auf eine Wohlthat mehr oder weniger nicht ankommen.“ „Im Gegentheile,“ ſagte der alte Chatelain, „darauf kommt ihm ſehr viel an. Um ſich einer neuen guten That rühmen zu können, werden wir ihn, meiner Meinung nach, ſicherlich bald hier X 53 ſehen, und es wird nicht das letztemal ſein, daß Sie an dieſem Tiſche ſitzen.“ „Nicht wahr? — Ich hoffe es auch. — Ach, wenn Sie wüßten, wie glücklich ich mich ſchon fühle und wie dankbar ich bin!“ rief der Schulmeiſter aus. „Ich zweifle nicht; unſer Herr iſt ſo gütig.“ „Darf ich nun aber auch wenigſtens ſeinen Namen und den Namen der guten Dame hier wiſſen,“ fragte lebhaft der Schul⸗ meiſter, „damit ich beide ſchon im voraus ſegnen kann?“ „Ich kann mir Ihre Neugierde denken,“ antwortete der Va⸗ ter Chatelain. „Sie erwarten vielleicht recht vornehme und ſtolze Namen? Sie ſind ganz einfach und klingen wie liebe Heiligen⸗ Namen. Unſere liebe Frau von guter Hülfe heißt Ma⸗ dame Georges, und unſer Herr Herr Rudolph.“ „Meine Frau! . . . Mein Peiniger! —“ murmelte der Räu⸗ ber, den dieſe Namen trafen wie ein Blitzſtrahl. L. Die Uacht. — 6/ udolph! ... Madame Georges!! Der Schulmeiſter konnte nicht glauben, durch eine zufällige Namensgleichheit getäuſcht zu werden. Rudolph hatte, bevor er ihn zu der ſchrecklichen Strafe verurtheilte, ſeine innige Theilnahme an Madame Georges deutlich ausgeſprochen. Und endlich bewies dem Schulmeiſter die erwähnte Anweſenheit des Negers David hier in Bonqueval, daß er ſich nicht irrte. Er erkannte den Finger der Vorſehung und das Schickſal in dieſem Zuſammentreffen, welches die Hoffnungen auf den Edel⸗ muth des Herrn dieſes Gutes vernichtete, die er einen Augenblick genährt hatte. Er wollte fliehen. Rudolph flößte ihm einen unüberwindlichen Schrecken ein; derſelbe befand ſich vielleicht gar in dieſem Augenblicke auf dem Gute. — Sobald der Räuber ſich von ſeinem Entſetzen ein wenig erholt hatte, ſtand er auf, nahm die Hand des kleinen Lahmen und rief aus: 55 „Wir wollen gehen. — Führe mich! — Wir wollen fort von hier.“ Die Leute ſahen einander verwundert an. „Sie wollen gehen — jetzt? Wohin denken Sie, armer Mann?“ ſagte der Vater Chatelain. — „Was fällt Ihnen ein? Iſt es nicht richtig im Kopfe bei Ihnen?“ Der kleine Lahme griff dies klug auf, ſeufzte tief und nickte bejahend. Dann legte er den Zeigefinger an die Stirn und gab dadurch den Leuten zu verſtehen, daß es im Kopfe ſeines angeb⸗ lichen Vaters nicht recht richtig ſei. Der alte Vater Chatelain antwortete ihm durch ein Zeichen, daß er verſtehe und bedaure. Der kleine Lahme, der durchaus ſein gutes Nachtlager nicht verlaſſen wollte, um in der kalten Nacht im Freien umherzulau⸗ ſen, ſagte: „Mein Gott, armer Vater, kommt der Anfall wieder? Be⸗ ruhige Dich und geh in der kalten Nacht nicht fort; — es würde Dir nicht wohl thun. — Ich möchte, ſiehſt Du, Dir lieber un⸗ gehorſam ſein, als Dich um dieſe Zeit hinausführen.“ Dann wendete er ſich an die Leute am Tiſche und ſetzte hinzu: „nicht wahr, Ihr guten Leute, Ihr werdet nicht zugeben, daß mein ar⸗ mer Vater jetzt fortgeht?“ „Nein, nein, ſei ruhig, mein Kind,“ ſagte der Vater Chatelain; „wir werden Deinem Vater nicht aufmachen. — Er wird die Nacht hier bleiben müſſen.“ „Sie werden mich nicht zwingen, hier zu bleiben,“ entgeg⸗ nete der Schulmeiſter; „und dann würde ich auch Ihrem Herrn läſtig ſein, Herrn — Rudolph. — Sie haben mir geſagt, das Gut ſei kein Soſpital. — Alſo, noch einmal, laßt mich fort.“ 56 „Unſerm Herrn läſtig ſein? — Beruhiget Euch. — Er wohnt leider nicht hier und kommt ſelbſt nicht ſo oft zu uns, wie wir es wünſchen. — Aber wenn er auch hier wäre, ſo würden Sie ihn doch nicht belaͤſtigen. — Das Haus iſt freilich kein Ho⸗ ſpital; aber ich habe auch geſagt, daß Gebrechliche wie Sie einen Tag und eine Nacht da bleiben dürfen.“ „Ihr Herr iſt nicht hier — dieſen Abend? 2“ fragte der Schul⸗ meiſter in minder ängſtlichem Tone. „Nein; er kommt erſt in etwa fünf oder ſechs Tagen. — Sie ſehen daraus, daß Ihre Beſorgniſſe gar nicht begründet ſind. — Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß unſere gute Dame heute noch herunterkommt, ſonſt würde ſie ſelbſt Sie beruhigen. — Hat ſie nicht befohlen, Ihnen ein Bett zurecht zu machen? Wenn Sie die gute Frau heute Abend nicht ſehen, ſo werden Sie morgen früh vor Ihrem Aufbruche mit ihr ſprechen. — Legen Sie ihr immer Ihre kleine Bitte vor, daß ſie ſich für Sie verwenden und den Herrn bewegen möge, Sie hier zu behalten.“ „Nein, nein!“ rief der Räuber erſchrocken aus; „ich habe mich anders beſonnen; — mein Sohn hat Recht; meine Ver⸗ wandte in Louvres wird ſich meiner erbarmen. — Zu ihr will ich gehen.“ „Wie Sie wollen,“ ſagte der Vater Chatelain, der es mit einem Manne zu thun zu haben glaubte, mit dem es im Kopfe nicht recht richtig ſei. — „So mögen Sie denn morgen früh weiter wandern; heute Abend können wir Sie mit dem Knaben nicht hinausſtoßen.“ Obgleich Rudolph nicht in der Meierei war, ſo hatte ſich die Angſt des Schulmeiſters doch nicht beruhigt; er fürchtete, trotz ſeinen gräßlichen Verſtummelungen von ſeiner Frau erkannt zu ——— 57 werden, die jeden Augenblick in die Küche herunterkommen konnte. In dieſem Falle zweifelte er nicht, daß ſie ihn anzeigen und ver⸗ haften laſſen würde; denn er war überzeugt, Rudolph habe, als er die ſchreckliche Strafe an ihm vollziehen ließ, hauptſächlich den Haß und die Rache der Madame Georges zu befriedigen geſucht. Aber der Räuber konnte das Haus nicht verlaſſen; er war in den Händen des kleinen Lahmen. Er fügte ſich alſo, ſagte aber zu dem Vater Chatelain, um nicht von ſeiner Frau geſehen zu werden: „Da Sie mir die Verſicherung geben, daß ich weder Ihrem Herrn, noch Ihrer Dame zur Laſt bin, ſo nehme ich das Nacht⸗ quartier an, das Sie mir bieten; da ich aber ſehr müde bin, ſo will ich mich, wenn Sie es erlauben, niederlegen. — Ich möchte morgen ſehr zeitig aufbrechen.“ „Morgen früh, wann Sie wollen. Man ſteht frühzeitig auf, und damit Sie ſich nicht wieder verirren, wird man Sie auf den rechten Weg bringen.“ „Ich will den armen Mann eine gute Strecke fahren,“ ſagte Johann René, „da mir Madame geſagt hat, ich ſoll den kleinen Wagen nehmen und Geld bei dem Notar in Villiers⸗le⸗Bel holen.“ „Du wirſt den armen Blinden auf den rechten Weg bringen, aber zu Fuße gehen,“ antwortete der Vater Chatelain. — „Ma⸗ dame hat ſich anders beſonnen und mit Recht bedacht, daß es ſich nicht der Mühe lohne, eine ſo große Summe im voraus hier zu haben. Es wird Zeit ſein, nächſten Montag nach Villiers⸗le⸗Bel zu gehen. Bis dahin kann das Geld recht wohl auch bei dem Notar bleiben.“ 58 „Madame weiß beſſer, was ſie zu thun hat, als ich. — Sollte ſie hier für das Geld fürchten, Vater Chatelain?“ „Nein, mein Sohn, Gott ſei Dank! nein. Aber gleichviel, ich will lieber fünfhundert Säcke Getraide als ſechs Säcke Thaler hier haben.“ „Nun,“ fuhr der Vater Chatelain zu dem Räuber und dem kleinen Lahmen gewandt fort; „kommen Sie, Freund, und Du, mein Sohn, folge mir,“ ſetzte er hinzu, indem er einen Leuchter nahm. Damit ging er den beiden Gäſten voraus und führte ſie in ein Stübchen zů ebener Erde, in das ſie gelangten, nachdem ſie über einen langen Gang gegangen waren, auf den ſich mehrere Thüren öffneten. Der Alte ſetzte den Leuchter auf einen Tiſch und ſagte zu dem Schulmeiſter: „Hier ſchlafen Sie. Möge Ihnen der liebe Gott eine gute Nacht ſchenken! Du, mein Sohn, ſchläfſt gewiß gut, denn in der Jugend bleibt der Schlaf nie aus.“ Der Räuber ſetzte ſich finſter und nachdenkend auf dem Bette nieder, zu dem ihn der kleine Lahme geführt hatte. Dieſer winkte dem Vater Chatelain, als ſich derſelbe entfernte, und ging ihm auf den Corridor nach. „Was willſt Du, mein Sohn 2“ fragte der Alte. „Mein guter Herr, ich bin gewiß recht zu bedauern. — Manchmal hat mein armer Vater Anfälle, wie Krämpfe, in der Nacht; ich kann ihm nicht allein helfen; würde mich wohl Jemand hören, wenn ich um Hülfe rufen müßte?“ „Armes Kind!“ ſagte der Alte theilnehmend; „aber ſei nu ruhig. — Siehſt Du die Thur hier an der Treppe?“ 7. „Ja, mein guter Herr, ich ſehe ſie — ———— — 59 „Nun, hier ſchläft jede Nacht Jemand; Du brauchſt den Mann nur zu wecken; der Schluſſel ſteckt; er würde Deinem Vater gleich zu Hülfe kommen.“ „Ach, guter Herr, dieſer Mann und ich würden vielleicht über meinen armen Vater nicht Herr, wenn er ſeine Krämpfe bekommt. — Könnten Sie nicht auch kommen? — Sie ſehen ſo gutmüthig aus —“ „Ich, mein Sohn, ſchlafe mit den Andern in einem ganz an⸗ dern Gebäude auf der andern Seite des Hofes; aber beruhige Dich; Johann René iſt ſtark; er kann einen Ochſen an den Hör⸗ nern niederwerfen. — Wenn Ihr noch Jemanden braucht, ſo weckt er die alte Köchin; ſie ſchläft eine Treppe hoch neben unſerer Dame und der jungen Mademoiſelle; im Nothfalle macht ſie mit die Krankenwärterin.“ „Ich danke, ich danke, mein guter Herr. Ich werde für Sie mitbeten, denn Sie ſind ſo gütig, da⸗ Sie ſo viel Mitleid mit meinem armen Vater haben —“ „Gut, mein Sohn. — Aber geh nun; gute Nacht! Hoffent⸗ lich brauchſt Du keine Hülfe, um Deinen Vater zu halten. Geh wieder zu ihm; er wartet vielleicht auf Dich.“ „Ich gehe. Gute Nacht!“ „Gott behüte Dich, mein Sohn!“ Und der Alte entfernte ſich. Kaum hatte er den Rücken gewendet, als ihm der kleine Lahme eine beleidigende Geberde machte, wie ſie bei den Gamins von Paris gebräuchlich iſt und die darin beſteht, daß ſie ſich mehr⸗ mals mit der flachen Hand auf den Nacken ſchlagen und zu glei⸗ cher Zeit die offene Rechte nach vorn werfen. Mit teufliſcher Schlauheit hatte der gefährliche Knabe einen 60 Theil der Nachrichten erfahren, die er wiſſen wollte, um die Pläne der Eule und des Schulmeiſters fördern zu können. Er wußte nun, daß das Gebaude, wo er ſchlafen ſollte, nur von Madame Geor⸗ ges, Marien, einer alten Köchin und einem Knechte bewohnt ſei. Der kleine Lahme hütete ſich wohl, als er in das Stübchen zu dem Schulmeiſter zurückkam, demſelben ſich zu nähern. Der letztere hoͤrte ihn und ſagte leiſe: „Woher kommſt Du?“ „Sie ſind ſehr neugierig, Augenloſer.“ „Du ſollſt mir büßen müſſen für das, was Du mich dieſen Abend haſt erdulden laſſen, Teufelsjunge!“ rief der Schulmeiſter aus, und er ſtand wüthend auf, tappte nach dem kleinen Lahmen umher und hielt ſich dabei an den Wänden an. „Ich erwürge Dich, Du Schlange!“ „Armer Vater! — Du biſt wohl recht aufgeräumt, da Du blinde Kuh mit Deinem lieben Söhnchen ſpielſt?“ ſagte der Lahme lachend, indem er ſich ſehr bequem den Nachſtellungen des Schul⸗ meiſters entzog. Dieſer, der ſich durch unüberlegten Zorn anfangs hatte fort⸗ reißen laſſen, mußte es, wie immer, bald aufgeben, den Sohn Roth⸗Arms erreichen zu wollen. Der Räuber, der ſich genöthigt ſah, ſeine rachſüchtige Ver⸗ folgung bis zu dem Augenblicke zu verſchieben, da er ſich ohne Gefahr würde rächen fönnen, warf ſich fluchend auf ſein Bett. „Armer Vater — haſt Du Zahnſchmerzen, da Du ſo fluchſt? — Und was würde der Herr Pfarrer ſagen, wenn er Dich hörte? Du müßteſt Buße thun.“ „Schon gut! ſchon gut,“ ſagte der Räuber nach langer 61 Pauſe mit dumpfer Stimme, „ſpotte nur über mich und mein Unglück! Es iſt das ſehr ſchön, ſehr edel!“ „Edel! Nun höre Einer,“ rief der kleine Lahme laut achn aus. „Es iſt Schade, daß Du auf jedem Ange blind biſt, guter Vater.“ „Dir, Dir habe ich nichts zu Leide gethan. — Warum pei⸗ nigſt Du mich ſo?“ „Weil Sie dummes Zeug von der Eule redeten. — Und wenn ich denke, daß Sie Luſt bekamen hier zu bleiben —; Sie wollten wohl eine Milchkur brauchen?“ „Naſeweis! Wenn es mir möglich geweſen wäre, in dieſer Meierei zu bleiben, die das Donnerwetter jetzt zerſchlagen mag, würdeſt Du mich durch Deine Reden faſt daran gehindert haben.“ „Sie hier bleiben? Poſſen! Und an wem hätte Madame Eule ihre Wuth auslaſſen ſollen? An mir vielleicht? Ich danke. Ich ſelbſt will mir das Vergnügen machen, denn ich ſage, wie „meine Tante“, es giebt keinen größern Spaß, als Sie ſo recht in Wuth zu bringen, Sie, und Sie könnten mir mit einem Fauſt⸗ ſchlage das Lebenslicht ausblaſen. Wie drollig waren Sie heute Abend bei Tiſche! Herr Gott, welchen Spaß habe ich mir gemacht! Es war eine wahre Comödie. Bei jedem Fußtritte, den ich Ihnen im Dunkel verſetzte, ſtieg Ihnen das Blut vor Wuth nach dem Kopfe, und Ihre weißen Augen wurden roth am Randez es fehlte Ihnen nur ein klein wenig Blau in der Mitte, und ſie wären dann dreifarbig geweſen wie eine Cocarde.“ „Nun, Du lachſt gern, Du biſt luſtig, man iſt in Deinem Alter ſo; ich werde nicht bös darüber,“ ſagte der Schulmeiſter in freundlichem Tone, mit dem er das Mitleid des kleinen Lahmen zu erwerben gedachte; „aber ſtatt mich zu peinigen, würdeſt Du 62 beſſer thun, wenn Du Dich deſſen erinnerteſt, was Dir die Eule geſagt hat, die Du ſo ſehr liebſt; Du ſollteſt alles beſehen, Ab⸗ drüͤcke nehmen. — Haſt Du gehört? Die Leute ſprachen von einer großen Geldſumme, die ſie den Montag hier haben werden. — Wir könnten da mit den Freunden wiederkommen und einen guten Fang machen. — Ich war recht dumm, hier bleiben zu wollen; nach acht Tagen würde ich es bei dieſem gutmüthigen Bauern⸗ volke nicht mehr haben aushalten können. Nicht wahr, mein Sohn?“ ſagte der Räuber, um dem kleinen Lahmen zu ſchmeicheln. „Sie würden mich ſchwer gekränkt haben, auf Ehre!“ ſagte der Sohn Roth⸗Arms lachend. „Ja, ja, es iſt hier ein guter Fang zu machen. — Und ſelbſt wenn es in dem Hauſe da nichts zu ſtehlen gäbe, würde ich mit der Eule wieder daherkommen, um mich zu rächen,“ ſetzte der Räuber mit einer durch die Wuth und den Haß veränderten Stimme hinzu; „denn gewiß hat meine Frau jenen teufliſchen Rudolph gegen mich aufgereizt; und dadurch, daß er mich blendete, gab er mich wehrlos in die Hände des erſten Beſten, der Eule und eines Jungen wie Du biſt. — Da ich mich an ihm nicht rächen kann, werde ich mich an meiner Frau rächen. — Sie ſoll für Alles bü⸗ ßen, und wenn ich Feuer an das Haus legen und mich ſelbſt un⸗ ter den Trümmern mit begraben müßte, — ich würde es thun, — ich würde es thun.“ „Wenn ich wollte, Alter, würde ich Sie an die Thüre Ihrer Frau führen, denn ich weiß, wo ihr Zimmer iſt; ich weiß es, ich — ich weiß es,“ ſetzte der kleine Lahme in ſingendem Tone hinzu. „Du weißt, wo ihr Zimmer iſt?“ rief der Schulmeiſter mit wilder Freude, „Du weißt es?“ —— 63 „Ich ſehe Sie kommen,“ ſagte der Lahme; „ich werde Sie ſchön thun laſſen auf den Hinterbeinen wie einen Hund, dem man einen Knochen zeigt. Aufgepaßt, alter Azor!“ „Du weißt, wo das Zimmer meiner Frau iſt?“ wiederholte der Räuber, indem er ſich nach der Seite wendete, wo er die Stimme des kleinen Lahmen hörte. „Ja, ich weiß es, und noch mehr, die Hauptſache, daß nur ein Mann hier in dem Hauſe ſchläft, wo wir ſind; ich weiß, wo ſeine Thür iſt; der Schlüſſel ſteckt daran; krack! herumgedreht! und er iſt eingeſperrt. Allons! auf, alter Azor!“ „Wer hat Dir das geſagt?“ fragte der Räuber, indem er unwillkürlich aufſtand. „So, Azor. — Neben der Stube Ihrer Frau ſchläft eine alte Köchin; noch einmal den Schlüſſel herumgedreht, und wir ſind Herren im Hauſe, Herren Ihrer Frau und des jungen Mädchens im grauen Mantel, die wir entführen wollten. — Jetzt die Pfote, al⸗ ter Azor! Mach' ſchön für dieſen Herrn!“ „Du lügſt, Du lügſt. — Woher weißt Du alles das?“ „Ich bin lahm, aber nicht dumm. — Eben habe ich dem al⸗ ten Vater, wie Sie ihn nannten, weißgemacht, Sie bekämen in der Nacht manchmal Krämpfe, und ihn gefragt, wo ich Hülfe finden könnte, wenn der Anfall kommen ſollte. — Da ſagte er, wenn das geſchehen ſollte, ſo könute ich den Knecht und die Köchin wek⸗ ken, und er zeigte mir, wo ſie ſchlafen, der eine unten, die andere oben, neben Ihrer Frau, — Ihrer Frau, — Ihrer Frau.“ Nach langem Schweigen ſagte der Schulmeiſter mit ruhiger Stimme und mit aufrichtigem, entſetzlichen Entſchluſſe: „Höre mich an. — Ich habe noch Leben genug. — So eben — ja — ich geſtehe es, hatte ich eine Hoffnung, die mir mein 64 Schickſal jetzt noch ſchrecklicher erſcheinen läßt; — Gefängniß, Bagno, Guillotine ſind nichts gegen das, was ich ſeit dieſem Mor⸗ gen erdulde, und dies werde ich immer zu erdulden haben. — Führe mich in die Stube meiner Frau, — ich habe da mein Meſ⸗ ſer bei mir, — ich will ſie ermorden. — Man wird mich nachher tsdten, — das iſt mir gleich. — Mein Haß erſtickt mich. — Bin ich gerächt, ſo wird das mich erleichtern. — Was ich ertrage, iſt zu viel, — zu viel für mich, vor dem Alles zitterte. Siehſt Du, wenn Du wüßteſt, was ich leide, — Du würdeſt Mitleid mit mir haben. — Seit einem Augenblicke iſt mir, als wollte mein Kopf zerſpringen; die Adern ſchlagen, als wollten ſie berſten; meine Ge⸗ danken verwirren ſich —“ „Ein Stockſchnupfen! Ich weiß das. — Nieße einmal, das hilft,“ ſagte der kleine Lahme, der von neuem in Lachen ausbrach. „Willſt Du eine Priſe?“ Und er ſchlug klatſchend auf den Rücken ſeiner linken ge⸗ ſchloſſenen Hand, als klopfte er auf den Deckel einer Doſe, und ſang dazu: Ich habe Taback, guten Taback da, Ich habe Taback, aber nicht für Dich. „Mein Gott, mein Gott! Sie wollen mich verrückt machen,“ rief der Räuber aus, der wirklich durch ſeine glühende, unbarm⸗ herzige, blutdürſtige Motdluſt, die er vergebens zu befriedigen ſuchte, faſt wahnſinnig wurde. Män denke ſich einen hungrigen, wüthenden, waſſerſcheuen Wolf, der einen ganzen Tag lang von einem Kinde durch die Git⸗ terſtäbe des Käſigs hindurch geneckt worden und zwei Schritte von ſich ein Opfer fühlt, das zu gleicher Zeit ſeinen Hunger und ſeine Wuth ſtillen würde. 65 Bei dem letzten Spotte des kleinen Lahmen verlor der Räu⸗ ber beinahe den Kopf. Er wollte, da er kein Opfer fand, in der Wuth ſein eigenes Blut vergießen. Einen Augenblick war er wirklich entſchloſſen, ſich zu ermorden; hätte er ein geladenes Piſtol in der Hand ge⸗ habt, er würde nicht gezögert haben. — Er griff in ſeine Taſche, zog ein langes dolchartiges Meſſer hervor, machte daſſelbe auf und holte damit aus, um es ſich in das Herz zu ſtoßen. Wie ſchnell aber auch dieſe Bewegungen waren, die Ueberlegung, die Furcht, die Lebensluſt überholten ſie noch. Es gebrach dem Moͤrder an Muth; die Hand mit dem Dolche ſank auf ſeine Kniee. Der kleine Lahme hatte allen dieſen Bewegungen aufmerkſam zugeſehen, und als er die unſchuldige Entwickelung des tragiſchen Anfangs erkannte, lachte er laut auf. Der Schulmeiſter, der bei einem letzten nutzloſen Wuthaus⸗ bruche ſeinen Verſtand ganz zu verlieren fürchtete, that als hörte er die neue Beleidigung des kleinen Lahmen nicht und wollte, um der Grauſamkeit des Knaben, wie er es nannte, zu entgehen, einen neuen Verſuch machen, indem er ſich an die Habſucht des Sohnes Roth⸗Arms wendete. „Ach!“ ſagte er mit faſt flehentlicher Stimme zu ihm, — „führe mich an die Thüre meiner Frau; Du magſt alles nehmen, was Du in ihrem Zimmer findeſt, und dann entfliehen, mich allein laſſen; meinetwegen rufe um Hülfe, wenn Du willſt. Man wird mich feſthalten, wird mich auf der Stelle erſchlagen, — deſto beſ⸗ ſer! — ich ſterbe gerächt, da ich den Muth nicht habe, ſelbſt mei⸗ nem Leben ein Ende zu machen. — Führe mich, führe mich hin; Du findeſt bei ihr gewiß Gold und Juwelen; ich ſage Dir, Du Die Geheimniſſe von Paris. III. 5 66 darfſt, Du ſollſt alles nehmen, alles ſoll Dein ſein, hörſt Du? — alles Dein, allein Dein; ich Leihge nichts, als daß Du mich an die Thüre, zu ihr führſt —“ „Ja, ich höre es wohl; Sie wollen, ich ſol Sie an die Thüre, und dann an das Bett führen, nicht wahr? ich ſoll der Stiel ihres Beiles ſein. Altes ungeheuer!“ fuhr der Lahme ſort mit einem Ausdrucke von Verachtung, Unwillen und Abſcheu, der an dieſem Tage ſein Geſicht, das bis vahin frech und höhniſch ge⸗ weſen war, ernſt erſcheinen ließ; „ich laſſe mich lieber todtſchlagen, — verſtehen Sie mich? — ehe ich mich zwingen laſſe, Sie zu Ih⸗ rer Frau zu führen.“ „Du willſt nicht?“ Der Sohn Roth⸗Arms antwortete nicht. Er trat barfuß und ohne von dem Schulmeiſter gehört zu werden, der auf ſeinem Bette ſaß und noch immer das große Meſ⸗ ſer in der Hand hielt, näher; mit bewundernswürdiger Schnellig⸗ keit und Gewandtheit entriß er ihm ſodann dieſe Waffe und war mit einem Satze wieder am andern Ende der Stube. „Mein Meſſer! Mein Meſſer!“ rief der Räuber, indem er die , ausbreitete. „Nein,“ antwortete der Lahme, „denn Sie ſind im Stanss morgen Ihre Frau um eine Unterredung bitten zu laſſen und dann über ſie herzufallen, um ſie zu tödten, da Sie, wie Sie ſagen, des Lebens iherijſs ſind, aber doch nicht den Muth haben, ſich ſelbſt umzubringen.“ „Jetzt vertheidigt er meine Frau gegen mich!“ ſprach der Räuber, deſſen Gedanken ſich zu verdunkeln begannen. — „Iſt dieſes kleine Ungeheuer der Teufel? Wo bin ich? Warum verthei⸗ digt er ſie?“ 67 „Um Dich zu ärgern,“ antwortete der Lahme, deſſen Geſicht den früheren Ausdruck von frechem Spott wieder annahm. „Ach, deshalb?“ murmelte der Schulmeiſter faſt wahnſinnig vor ſich hin. „Ich werde das Haus in Brand ſtecken, — damit wir alle verbrennen, — alle. — Ein ſolches Feuerchen gefällt mir. — Das Licht, — gieb her das Licht!“ „Ha! ha! ha!“ lachte der Lahme von neuem, „wenn man Dir das Licht nicht ausgeblaſen hätte, und für immer, ſo würdeſt Du ſehen, daß wir gar kein Licht hier haben.“ Der Schulmeiſter ſeufzte tief, ſtreckte die Arme aus und fiel ſo lang er war auf die Dielen nieder, mit dem Geſicht an den Boden. Der Schlag hatte ihn gerührt, und er blieb unbeweg⸗ lich liegen. „Wir kennen das ſchon, Alter,“ ſagte der Lahme; „es iſt eine Finte; Du willſt mich zu Dir locken, damit Du mir eines verſetzen kaunſt. Du wirſt ſchon wieder aufſtehen, wenn Dir es nicht mehr gefällt, da zu liegen.“ * Der Sohn Roth-Arms, der ſich vorgenommen hatte, nicht zu ſchlafen, damit ihn der Schulmeiſter nicht etwa tappend finde, blieb auf dem Stuhle ſitzen und ließ den Räuber nicht aus den Augen, da er überzeugt war, derſelbe lege ihm nur eine Schlinge. Um ſich dabei angenehm zu beſchäftigen, zog der Lahme vor⸗ ſichtig eine kleine rothſeidene Börſe aus der Taſche und zählte lang⸗ ſam und mit innigem Vergnügen die ſiebzehn Goldſtücke auf, welche ſich darin befanden. Man erinnert ſich, daß, als die Frau von Harville bei dem ver⸗ derblichen Rendezvous, welches ſie dem Commandanten bewilligt hatte, beinahe von ihrem Manne überraſcht worden wäre, Rudolph 5* 68 ihr ſchnell eine Börſe gab und ihr empfahl, in die fünfte Etage zu Morel hinaufzugehen, um der Familie deſſelben Unterſtützung zu bringen. Die Frau von Harville ging raſch die Treppe hin⸗ auf und hielt die Börſe in der Hand; der kleine Lahme kam von dem Charlatan herunter, erblickte die Börſe, that als ſtolpere er neben der Marquiſe, ſtieß an ſie an und entriß ihr dabei gewandt die Börſe. Die Frau von Harville, welche die Tritte ihres Man⸗ nes hörte, beeilte ſich in die fünfte Etage hinauf zu kommen und hatte keine Zeit, ſich über den kecken Diebſtahl zu beklagen. Nachdem der Lahme jetzt ſein Gold gezählt und wieder ge⸗ zählt hatte, auch kein Geräuſch mehr im Hauſe hörte, ging er barfuß, lauſchend und das Licht mit der Hand verdeckend hinaus, um Wachsabdrücke von den Schlöſſern der vier Thüren zu nehmen, welche auf den Corridor gingen. Wenn man ihn dabei überraſchte, wollte er ſagen, er ſuche Hülfe für ſeinen Vater. Als der Lahme wieder in das Stübchen trat, lag der Räu⸗ ber noch immer am Boden. Einen Augenblick wurde der Knabe voch ängſtlich; er horchte; da er aber den Räuber athmen hörte, glaubte er noch immer, derſelbe verlängere ſeine Liſt. „Immer noch hier, Alter?“ ſagte er zu ihm. Ein Zufall hatte den Schulmeiſter vor einem ſonſt vielleicht tödtlichen Schlagfluſſe gerettet. Er war auf das Geſicht und die Naſe gefallen und hatte in Folge davon ſtark geblutet. Darauf verſank er in jenen Zuſtand, der halb Schlaf, halb Wahnſinn iſt, und er hatte einen ſeltſamen, entſetzlichen Traum. — LI. YDer Traum. Wer Traum des Schulmeiſters iſt folgender: Fr ſieht Rudolph wieder in dem Hauſe in der Wittwenallee. Nichts iſt verändert in dem Zimmer, in welchem der Räuber die ſchreckliche Strafe erlitt. Rudolph ſitzt an dem Tiſche, auf welchem die Papiere des Schulmeiſters liegen nebſt dem kleinen heiligen Geiſte von Lapis⸗ lazuli, den er der Eule gegeben hatte. Die Züge Rudolphs ſind ernſt und traurig. Zu ſeiner Rechten ſteht ſchweigend und unbeweglich der Ne⸗ ger David, zur Linken der Chonrineur, der beſtürzt zuſieht. Der Schulmeiſter iſt nicht mehr blind, aber er ſieht gleich⸗ ſam durch helles Blut, das ſich ſtatt der Augen in ſeinen Augen⸗ höhlen befindet. Alle Gegenſtände ſind roth gefärbt. Wie die Raubvögel unbeweglich in der Luft über dem Opfer ſchweben, das ſie gleichſam durch einen Zauber feſibannen, bevor ſie es verzehren, ſo ſchwebt eine rieſengroße Eule mit dem Kopfe der Einäugigen über dem Schulmeiſter. Sie wendet ihr rundes, flammendes, grünliches Auge nicht von ihm ab. Dieſer unverwandte Blick drückt auf ſeiner Bruſt gleich einer ſchweren Laſt. Wie man im Dunkel, wenn man ſich an daſſelbe gewöhnt, allmälig die anfangs unbemerkbaren Gegenſtände unterſcheidet, ſo erkennt der Schulmeiſter auch, daß ein großer Blutſee ihn von dem Tiſche trennt, an welchem Rudolph ſitzt. Dieſer unbeugſame Richter wird allmälig, wie der Chouri⸗ neur und der Neger, rieſengroß. Die drei Geſtalten wachſen bis an die Decke des Zimmers, die ſich in gleichem Verhältniſſe hebt. Der Blutſee iſt ruhig und glatt wie ein rother Spiegel. Der Schulmeiſter erblickt darin ſein häßliches Geſicht. Bald aber verwiſcht ſich dieſes Bild in dem Kochen der Wo⸗ gen, die ſich ſchwellend erheben. Aus der bewegten Oberfläche ſteigt, gleich den ſtinkenden Dün⸗ ſten eines Sumpfes, ein bleicher Nebel auf, ein Nebel von der eigenthümlichen bläulichen Farbe, welche die Lippen der Todten haben. In dem Maße wie dieſer Nebel ſteigt und immer höher ſteigt, wachſen auch die Geſtalten Rudolphs, des Chourineurs und des Negers unermeßlich, ſo daß ſie immer über den Nebel hinaus⸗ ragen. Inmitten dieſes Nebels ſieht der Schulmeiſter bleiche Ge⸗ ſpenſter und Mordſcenen erſcheinen, bei denen er ſelbſt eine Rolle ſpielt. In dieſen phantaſtiſchen Gebilden erblickt er zuerſt einen klei⸗ nen Alten mit kahlem Scheitel; er trägt einen braunen Rock und zählt in einem Zimmer bei dem Scheine einer Lampe Goldſtücke, 71 die er in Häufchen aufſetzt. Durch das Fenſter, welches bleicher Mondſchein erhellt, in dem ſich die Wipfel einiger großen Bäume bewegen, ſieht ſich der Schulmeiſter ſelbſt, wie er ſein entſetzliches Geſicht an die Scheiben drückt. Er folgt jeder Bewegung des kleinen Alten mit blitzenden Augen, — dann zerknickt er eine Fenſterſcheibe, öffnet das Fenſter, ſtürzt ſich mit einem Sprunge auf ſein Opfer und ſtößt ihm ein langes Meſſer in den Rücken zwiſchen den Schultern hinein. Die That geſchieht ſo raſch, der Stoß iſt ſo ſicher, daß der Leichnam des Alten auf dem Stuhle ſitzen bleibt — 1 Der Mörder will ſein Meſſer zurückziehen — aus dem tod⸗ ten Körper. Er vermag es nicht. Er verdoppelt ſeine Anſtrengungen — Sie ſind vergeblich — Er will das Meſſer loslaſſen — Es iſt ihm nicht möglich — Die Hand des Mörders hält an dem Griffe des Dolches feſt, wie die Klinge des Dolches in dem Leichnamt des Ermordeten. Da hört der Mörder auf den Steinplatten in dem Meben⸗ zimmer Sporen klingen und Säbel klirten. Er will, damit er um jeden Preis entfliehen könne, den leich⸗ ten Körper des Alten mit ſich nehmen, von dem er weder ſein Meſſer noch ſeine Hand losmachen kann. 4 Es gelingt ihm nicht. Der gebrechliche kleine Körper iſt ſchwer wie Blei⸗ Der Schulmeiſter vermag die ungeheure Laſt nicht zu heben trotz ſeinen Herculesſchultern, trotz ſeinen verzweifelten Anſtren⸗ gungen. 9 72 Das Geräuſch von unen Säbeln kommt näher und näher 3 Schlüſſel wird in dem Schloſſe herumgedreht —, die Thür geht auf — Die Viſion verſchwindet. Die Eule aber ſchlägt mit den Flügeln und kreiſcht: „Das iſt der alte Richard in der Rue du Boule, Dein erſter Mord — Mörder, Mörder!“ Der Nebel, der ſich einen Augenblick verdunkelt hatte, wird jetzt wieder durchſichtig und läßt ein anderes Bild ſehen — Der Tag beginnt zu grauen; über der Erde liegt ein dicker Nebel; ein Mann in der Kleidung der Viehhändler liegt todt am Wege. Die feſtgetretene Erde, der aufgeriſſene Raſen beweiſen, daß das Opfer verzweifelten Widerſtand leiſtete. Dieſer Mann hat fünf blutende Wunden in der Bruſt. — Er iſt todt, und doch pfeift er ſeinen Hunden und ruſt laut um Hülfe: „hierher! hierher!“ Er pfeift, er ruft mit den fünf großen Wunden, deren Rän⸗ der ſich bewegen, wie ſprechende Lippen. Dieſes gleichzeitige fünffache Rufen und Pfeifen des Leichnams durch den Mund ſeiner Wunden iſt grauenhaft anzuhören. In dieſem Augenblick ſchlägt die Eule wieder mit den Flü⸗ geln, äfft das Todesröcheln des Ermordeten nach, lacht fünfmal gellend und ruft: „Der Viehhändler von Poiſſy — Mörder! — Mör⸗ der! — Müpdem!“ Langgedehnte unterirdiſche Echos hallen, nige ſehr laut, das grauenhafte Lachen der Eule nach; dann ſcheinen ſie ſich in dem Innern der Erde zu verlieren. 73 Darauf beginnen zwei große kohlſchwarze Hunde mit Augen gleich glühenden Kohlen, die ſie von dem Schulmeiſter nicht ab⸗ wenden, zu bellen und um ihn herum zu laufen, immer herum, mit wunderbarer Schnelligkeit. Sie berühren ihn faſt, und ihr Bellen ſcheint doch ſo fern zu ſein, als brächte es der Wind mit ſich. Allmälig erbleichen und zerrinnen die Geſpenſter gleich Schat⸗ ten und verſchwinden in dem bleichen Nebel, der noch immer emporſteigt. Die Oberfläche des Blutſees bedeckt ſich von neuem mit Re⸗ bel. Diesmal iſt er grünlich und durchſichtig; er ſcheint einen mit Waſſer gefüllten Canal vorzuſtellen. Anfangs ſieht man das Bett des Canals mit dickem Schlamme bedeckt, der aus zahlloſen, gewöhnlich dem Auge nicht bemerklichen Reptilen beſteht, die aber ſich vergrößern, wie unter einem Miero⸗ ſcope, und entſetzliche Geſtalten, rieſenhafte Verhältniſſe an⸗ nehmen. Es iſt kein Schlamm mehr, ſondern eine compacte, lebendige, wimmelnde Maſſe, ein unlösbares Gewirr, ſo dicht, ſo eng in einander verſchlungen, daß eine unbemerkliche Bewegung die Ober⸗ fläche dieſes Schlammes oder vielmehr dieſe Maſſe von unreinen Geſchöpfen kaum hebt. Darüher hin ſtrömt langſam, langſam ein kothiges, dickes Waſſer, das in ſeinem trägen Laufe den Schmutz mit ſich fort⸗ führt, welchen unaufhörlich die Kloaken einer großen Stadt aus⸗ werfen, Ueberreſte aller Art, todte Thiere zc. Plötzlich hört der Schulmeiſter einen Körper in das Waſſer fallen, das ihm in das Geſicht ſpritzt — Durch eine Menge von Blaſen, die an die Oberfläche des 74 Waſſers emporſteigen, ſieht er plötzlich eine Frau emporkommen, vie ſich vor dem Ertrinken wehrt — Und er erblickt ſich ſelbſt und die Eule, wie beide eilig von dem Canale hinweglaufen und ein Käſtchen in ſchwarzer Leinwand forttragen. 3 Trotzdem ſieht er alle Phaſen des Todeskampfes des Opfers, das er und die Eule in den Eanal gewvrfen haben. MNach dem erſten Eintauchen ſieht er die Frau an die Ober⸗ fläche des Waſſers wieder emporkommen und die Arme bewegen wie Jemand, der nicht ſchwimmen fann und vergebens ſich zu retten ſucht. Dann hört er einen lauten Angſtſchrei. Dieſer verzweiflungsvolle Todesſchrei endigt in einem dum⸗ pfen Geräuſch, in einem Gegurgel, und die Frau ſinkt zum zweiten⸗ male unter das Waſſer. Die Eule, die noch immer unbeweglich über ihm ſchwebt, ahmt das krampfhafte Röcheln der Ertrinkenden nach, wie ſie das Rö⸗ cheln des Viehhändlers nachgeahmt hat. Unter gräßlichem Lachen ruft die Eule: „Gluck! Gluck! Gluck!“ Die unterirdiſchen Echos hallen dieſe Töne nach. Dem Erſticken nahe, macht die Frau im Waſſer eine gewalt⸗ ſame Anſtrengung um zu athmen, aber ſtatt der Luft, zieht ſie nur Waſſer ein. ſn Da ſinkt ihr Kopf nach hinten zurück, ihr Geſicht ſchwillt auf und wird bläulich, ihre Arme erſtarren, und im letzten Krampfe bewegt die Ertrinkende die Füße, die auf dem Schlamme ruhen. Sie wird da von einer Wolke ſchwärzlichen Schlammes umgeben, der mit ihr die Oberfläche des Waſſers emporſteigt. * 75 Kaum hat die Ertrunkene den letzten Athem ausgehaucht, ſo iſt ſie auch ſchon von Myriaden microſevpiſcher Reptile, von ge⸗ fräßigem, ſchrecklichem Gewürme des Schlammes bedeckt. Der Leichnam ſchwimmt einen Augenblick und zittert noch ein wenig, dann ſinkt er langſam horizontal unter und folgt der Strömung des Canals., Bisweilen dreht ſich der Leichnam um ſich ſelbſt herum, ſo daß das Geſicht gegen den Schulmeiſter gerichtet wird; da ſieht ihn das Geſpenſt mit den beiden großen, gläſernen, matten Augen ſtier an, und die bläulichen Lippen bewegen ſich. Der Schulmeiſter iſt weit fort von der Ertrunkenen und doch flüſtert ſie ihm in das Ohr — Gluck Gluck! Gluck! Die Eule flattert mit den Flügeln, wiederholt: Gluck Gluck! Gluck! und ruft ſodann: „Die Frau aus dem Canale St. Martin! — Mör⸗ der! — Mörder! — Mörder!“ Die unterirdiſchen Echos antworten ihr, aber ſtatt allmälig im Innern der Erde zu verklingen, werden ſie ſtärker und ſtärker und ſcheinen näher zu kommen. Der Schulmeiſter glaubt das gellende Lachen von einem Pole zum andern ſchallen zu hören. Das Traumgebilde der Ertrunkenen verſchwindet. Der Blutſee, an deſſen entgegengeſetzter Seite der Schulmei⸗ ſter noch immer Rudolph erblickt, wird ſchwarzbraun, dann wieder roth, und endlich verwandelt er ſich in eine glühende, flüſſige Maſſe gleich geſchmolzenem Metalle. So hebt ſich dieſer See und ſteigt, ſteigt gen Himmel empor wie eine ungeheure Waſſerhoſe. Bald iſt es ein Horizont, der glüht wie bis zum Weißglü⸗ hen erhitztes Eiſen. „ 76 Dieſer unermeßliche endloſe Gorizont blendet und brennt gleich⸗ zeitig die Blicke des Schulmeiſters, der, wie in den Boden gewur⸗ zelt, daſteht und die Augen nicht abwenden kann. Da ſieht er auf dem Grunde dieſer glühenden Lava lang⸗ ſam die ſchwarzen und rieſenhaften Geſtalten ſeiner Opfer, eine nach der andern, hin⸗ und herziehen. „Die Zauberlaterne des Gewiſſens, — des Gewiſ⸗ ſens, — des Gewiſſens!“ ſchreit die Eule, indem ſie mit den Flügeln klatſcht und hell auflacht. Trotz den unerträglichen Schmerzen, welche ihm dieſer An⸗ blick verurſacht, muß der Schulmeiſter fortwähvend die Blicke auf die ſchauerlichen Geſtalten heften, die ſich in dem glühenden Meere bewegen. Er fühlt da etwas Entſetzliches. Er erduldet alle Grade ei⸗ ner namenloſen Pein und dadurch, daß er unabläſſig in dieſen Gluthheerd ſtarrt, werden ſeine Augen, die an die Stelle des Blu⸗ tes getreten ſind, welches ſeine Angenhöhlen füllte, heiß und bren⸗ nend; ſie verſchmelzen mit der Gluth, ſie rauchen und kochen und verkohlen endlich in ihren Höhlen wie in zwei eiſernen Schmelztiegeln. Nachdem er die abwechſelnden Verwandlungen ſeiner Augen in Aſche ſowohl geſehen als empfunden hat, verſinkt er wieder in das Dunkel ſeiner erſten Blindheit. Seine unerträglichen Schmerzen ſchwinden plötzlich wie durch Zaubermacht. Ein aromatiſcher, lieblich friſcher Hauch berührt ſeine noch glühenden Augenhöhlen. Dieſer Hauch iſt ein liebliches Gemiſch von Frühlingsdüften, die den von Thau befeuchteten Feldblumen entweichen. Der Schulmeiſter hört um ſich her ein leiſes Summen und 77 Rauſchen, pleich dem Winde, der mit den Blättern ſpielt, gleich dem Murmeln einer Quelle, die über ihr Bett von Kieſeln und Movos dahin perlt. Tauſende von Vögeln zwitſchern von Zeit zu Zeit die ſüße⸗ ſten Melodlen; wenn ſie ſchweigen, ſingen Kinderſtimmchen in en⸗ gelgleicher Reinheit fremdartige, unbekannte, gleichſam geflügelte Worte, welche der Schulmeiſter mit leichtem Rauſchen zum Him⸗ mel aufſteigen hört. Ein Gefühl von geiſtigem Wohlbehagen und unbeſchreiblicher Weichheit überkommt ihn allmälig, ein ſeliges Entzücken, ein See⸗ lenrauſch, von dem kein körperliches Gefühl, wie wonnig es auch ſein mag, eine Vorſtellung geben kann. Der Schulmeiſter fühlt ſich ſanft gehoben, er ſchwebt in leuch⸗ tenden, ätheriſchen Sphären; es iſt ihm, als werde er hoch, in un⸗ endliche Ferne über die Menſchheit hinausgetragen. Nachdem er einige Augenblicke in dieſer namenloſen Selig⸗ keit geſchwelgt, findet er ſich wieder in der finſtern Tiefe ſeiner gewöhnlichen Gedanken. Er träumt noch immer, aber er iſt nur noch der gebändigte Räuber, der in ohnmächtiger Wuth ſich verwünſcht und gegen den ewigen Gott ſich vermißt. Eine kräftige, feierliche Stimme ertönt. — Es iſt die Stimme Rudolphs. Der Schulmeiſter erbebt vor Entſetzen; zwar hat er eine un⸗ deutliche Vorſtellung davon, daß er nur träume, aber das Grauen, das ihm Rudolph einflößt, iſt ſo gräßlich, daß er vergebens alle Kräfte aufbietet, um dieſem neuen Traumgeſichte zu entgehen. Die Stimme ſpricht; — er horcht. 78 Der Ton Rudolphs iſt nicht mehr zornig, ſonder voll Trauer und Mitleid. „Armer Elender,“ ſagt er zu dem Schulmeiſter, „die Stunde der Reue hat für Dich noch nicht geſchlagen; — Gott allein weiß, wann ſie ſchlagen wird. Die Strafe fur Deine Verbrechen iſt noch unvollſtändig. — Du haſt gelitten, aber nicht abgebüßt; das Schick⸗ ſal vollendek das Werk der Gerechtigkeit. — Deine Mitſchuldigen ſind Deine Peiniger geworden; eine Frau, ein Kind demüthigen und foltern Dich. — Als ich an Dir eine Strafe vollzog, die ſchrecklich war wie Deine Verbrechen, hatte ich es Dir wohl ge⸗ ſagt; erinnere Dich nur an meine Worte: „Du haſt auf verbre⸗ cheriſche Weiſe Deine Stärke gemißbraucht; ich werde Deine Stärke lähmen. Die Kräftigſten, die Wildeſten zitterten vor Dir; Du wirſt nun vor den Schwächſten Du haſt den ſtillen Aufenthalt verlaſſen, in welchem Du der Reue und Buße leben konnteſt. — Du fürchteteſt Dich vor der Stille und der Einſamkeit. — Eben jetzt ſehnteſt Du Dich einen Augenblick, theilzunehmen an dem friedlichen Leben der Leute auf dieſem Gute, — aber es war zu ſpät, — zu ſpät. — Faſt vertheidigungslos fehrſt Du zurück unter Uebelthäter und Mör⸗ der; Du ſcheuteſt Dich, länger bei ehrlichen Leuten zu leben, zu denen man Dich gebracht hatte. — Du wollteſt Dich durch neue Miſſethaten betäuben. — Du haſt keck den herausgefordert, der Dir es unmöglich machen wollte, Deines Gleichen weiter zu ſcha⸗ den, und dieſe Ausforderung war vergebens. — Trotz Deiner Keck⸗ heit, trotz Deiner Schlechtigkeit, trotz Deiner Rieſenkraft biſt Du gefeſſelt. — Der Durſt nach Verbrechen quält Dich, — Du kannſt ihn nicht befriedigen. Eben wollteſt Du in entſetzlichem Blut⸗ vurſte Deine Frau ermorden; ſie iſt hier, unter demſelben Dache 79 mit Dir; ſie ſchläft ſchutzlos; Du haſt ein Meſſer, ihr Zimmer iſt nur wenige Schritte entfernt; nichts hindert Dich zu ihr zu gelangen: nichts kann ſie Deiner Wuth entreißen, nichts als Deine Ohnmacht. — Der Traum, den Du eben träumſt, könnte Dir eine große Lehre ſein, fönnte Dich retten. — Die geheimnißvollen Bilder dieſes Traumes haben einen tiefen Sinn. — Der Blutſee, in welchem Dir Deine Opfer erſchienen, — er iſt das Blut, das Du vergoſſen haſt; — die glühende Lava, die an ſeine Stelle trat, iſt das quälende Gewiſſen, das Dich hätte verzehren ſollen, damit eines Tages Gott, wenn er ſich Deiner langen Pein er⸗ barmt, Dich zu ſich rufe und Dir die unausſprechliche Wonne des Verzeihens gewähre. — Aber es wird nicht alſo ſein, — nein, nein, dieſe Warnungen werden vergeblich ſein; ſtatt zu bereuen, wirſt Du jeden Tag unter entſetzlichen Blasphemien die Zeit be⸗ klagen, in welcher Du Deine Verbrechen begingſt. Aus dem fort⸗ währenden Kampfe zwiſchen Deinem Blutdurſte und der Unmög⸗ lichkeit ihn zu befriedigen, zwiſchen Deiner gewohnten Herrſch⸗ ſucht und der Nothwendigkeit, Dich Perſonen zu fügen, die eben ſo ſchwach wie grauſam ſind, wird für Dich ein entſetzliches, grau⸗ envolles Schickſal hervorgehen. — Ach, armer Elender!“ Und die Stimme Rudolphs wurde tief bewegt. Er ſchwieg einen Augenblick, als wenn er vor innerer Bewe⸗ gung und Grauen nicht weiter hätte ſprechen können. „ Dem Schulmeiſter ſtanden die Haare zu Berge — Welches Schickſal war das, da ſelbſt ſein Peiniger Mitleid fühlte? „Das Schickſal, das Dich erwartet, iſt ſo entſetzlich,“ fuhr Rudolph fort, „daß Gott keine ſchrecklichere Strafe erdenken würde, wenn Du allein für alle Verbrechen aller Menſchen büßen ſollteſt. 80 — Wehe, wehe über Dich! Das Schickſal will, daß Du die grau⸗ volle Strafe erfahreſt, die Dich erwartet, ohne daß Du etwas zu thun vermagſt, um ihr zu entgehen. — Erfahre alſo Deine Zu⸗ kunft —“ Und es war dem Schulmeiſter, als hätte er ſeine Sehkraft wieder erhalten — Er ſchlug die Augen auf; — er ſah — . Was er ſah, machte aber einen ſo entſetzlichen Eindruck auf ihn, daß er einen gellenden Schrei ausſtieß und aus dem ſchreck⸗ lichen Traume auffuhr. LIHI. Der Briet. ie Uhr an der Meierei von Bouqueval verkündete die neunte Morgenſtunde, als Madame Georges leiſe in das Zimmer Mariens trat. Das junge Mädchen ſchlummerte ſo leicht, daß ſie faſt au⸗ genblicklich erwachte. Eine glänzende Winterſonne warf ihre Strah⸗ len durch die Jalouſien und Vorhänge, verbreitete in dem Stüb⸗ chen Mariens einen goldenen Schein und gab dem bleichen, lieb⸗ lichen Geſichte derſelben die Farbe, die ihm fehlte. „Nun, mein Kind,“ ſagte Madame Georges, indem ſie ſich auf dem Bette des Mädchens niederſetzte und ſie auf die Stirn küßte, „wie befindeſt Du Dich?“ „Beſſer, Madame, ich danke Ihnen.“ „Biſt Du nicht dieſen Morgen ſehr frühzeitig geweckt worden?“ „Nein, Madame.“ „Deſto beſſer. — Der unglückliche Blinde und ſein Sohn, enen man ein Nachtquartier gegeben hatte, wollten die Meierei mit Tagesanbruch verlaſſen, und ich fürchtete, das Geräuſch, wel⸗ ches das Aufſchließen der Thuren machte, würde Dich geweckt haben —“ d Die Geheimniſſe von Paris. III. 6 82 „Die armen Leute! Warum brachen ſie ſo zeitig auf?“ „Ich weiß es nicht. Ich ging geſtern Abend, als Du Dich ein wenig beruhigt hatteſt, in die Küche hiuunter, um ſie zu ſehen, aber ſie waren beide ſo ermüdet, daß ſie um die Erlaubniß gebe⸗ ten hatten, zur Ruhe gehen zu dürfen. Der Vater Chatelain ſagte mir, der Blinde ſcheine nicht recht bei Verſtande zu ſein, und allen unſern Leuten war die rührende Sorgfalt und Pflege aufge⸗ fallen, welche der Knabe dem Unglücklichen widmete. Aber, Marie, Du haſt etwas Fieber gehabt; Du darfſt Dich heute der Kälte nicht ausſetzen und wirſt nicht aus der Stube gehen.“ „Verzeihen Sie mir, Madame, ich muß heute Abend um fünf Uhr zu dem Herrn Abbé gehen; er erwartet mich.“ „Das würde unklug ſein; Du haſt, ich weiß es, eine ſchlechte Nacht gehabt; Deine Augen ſind angegriffen, Du haſt nicht gut geſchlafen —“ „Das iſt allerdings wahr; es haben mich entſetzliche Träume gepeinigt. Ich ſah im Traume die Frau wieder, die mich quälte, als ich noch ein Kind war, und fuhr erſchreckt aus dem Schlafe auf; es iſt eine lächerliche Schwachheit, ich weiß es und ſchäme mich.“ „Und mich betrübt dieſe Schwachheit, weil Du dabei leideſt, armes Kind!“ ſagte Madame Georges theilnehmend, als ſie ſah, daß die Augen Mariens ſich wieder mit Thränen fuͤllten. Sie ſchlang die Arme um den Hals ihrer Adoptivmutter und barg ihr Geſicht an dem Buſen derſelben. „Mein Gott, was iſt Dir, Marie? Du erſchreckſt mich.“ Sie ſind ſo gütig gegen mich, Madame, und ich mache mir 7 7 bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen das nicht anvertraute, was ich dem Herrn Pfarrer geſtanden habe; morgen wird er Ihnen alies . g 83 ſelbſt ſagen; mir würde es zu ſchwer werden, alles noch einmal auszuſprechen.“ „Beruhige Dich, mein Kind; ich weiß es und glaube es, daß bei dem großen Geheimniſſe, das Du unſerm guten Abbé an⸗ vertraut haſt, mehr zu loben als zu tadeln ſein wird. — Weine alſo nicht mehr ſo, Du machſt mir Kummer —“ „Verzeihen Sie mir, Madame, aber, ich weiß nicht warum, ſeit zwei Tagen will mir bisweilen das Herz zerbrechen. — Ge⸗ gen meinen Willen treten mir die Thränen in die Augen; mich peinigt eine böſe Ahnung; es iſt mir, als müſſe mir ein Unglück widerfahren —“ „Marie! Marie, ich werde Dir zurnen, wenn Du Dich ſo mit eingebildeter Angſt peinigſt. Haben wir nicht ſchon genug an unſerm wirklichen Leide?“ „Sie haben Recht, Madame, und ich thue Unrecht; ich werde mich bemühen, dieſe Schwäche zu überwinden. Ach, mein Gott, wenn Sie wüßten, welche Vorwürfe ich mir mache, daß ich nicht immer ſo heiter und glücklich bin, wie ich es ſein ſollte! Ach meine Traurigkeit muß Ihnen als Undankbarkeit erſcheinen!“ Madame Georges wollte Marien beruhigen, als Claudine eintrat, nachdem ſie vorher an der Thüre angeklopft hatte. „Was willſt Du, Clandine?“ „Madame, Peter iſt von Arnonville in dem Cabriolet der Madame Dubreuil angekommen und hat den Brief da für Sie mitgebracht; auch ſagt er, es ſei ſehr eilig.“ Madame Georges las den Brief laut wie folgt: „Meine liebe Madame Georges, Sie würden mir einen gro⸗ „ßen Gefallen erzeigen und fönnten mich aus einer großen Ver⸗ „legenheit reißen, wenn Sie ſogleich zu mir kommen wollten; 84 „Peter wird Sie im Wagen zu mir bringen und nach Tiſche wie⸗ „der zurückfahren. — Ich weiß wirklich nicht, was ich vorneh⸗ „men ſoll; mein Mann iſt in Pontviſe, um Wolle zu verkaufen, „und ich wende mich deshalb an Sie und an Marien; Clara „kußt in Gedanken ihre liebe kleine Schweſter und erwartet ſie „mit Ungeduld. — Kommen Sie wo möglich noch um elf Uhr „zum Frühſtinke. „Ihre aufrichtige Freundin „Dubreuil.“ „Was mag es ſein?“ fragte Madame Georges Marien. „Zum Glück beweiſt der Ton in dem Briefe der Madame Dubreuil, daß nichts Schlimmes geſchehen iſt.“ „Soll ich Sie begleiten, Madame?“ fragte Marie. „Das iſt vielleicht etwas unvorſichtig, denn es iſt ſehr kalt; indeß,“ ſagte Madame Georges, „es wird Dich zerſtreuen, und 8 * 7 wenn nur wohlthun.“ „Aber, Madame,“ entgegnete Marie nachdenkend, „der Herr Abbé erwartet mich dieſen Abend um fünf Uhr in ſeiner Woh⸗ Du Dich recht warm einhüllſt, kann Dir die kleine Reiſe nung.“ „Du haſt Recht, aber wir werden vor fünf Uhr zurück ſein, ich verſpreche es Dir.“ „Ich danke Ihnen, Madame, und freue mich ſehr, Mamſell Clara wiederzuſehen.“ „Immer wieder Mamſell Clara,“ ſprach Madame Georges im Tone ſanften Vorwurfs. „Sagt ſie Mamſell Marie, wenn ſie von Dir ſpricht?“ „Nein, Madame,“ antwortete Marie, die die Augen nieder⸗ ſchlug; „aber ich —, ich —“ 85 „Du? — Du biſt ein graufames Kind, da Du Dich nur immer ſelbſt quälſt. Du vergißt bereits, was Du mir eben ver⸗ ſprochen haſt. — Kleide D Dich ſchnell und recht warm an. Wir werden vor elf Uhr in Arnouville ankommen können.“ Madame Georges ging darauf mit Claudinen fort und ſagte zu derſelben: „Peter ſoll einen Angenblick warten, wir werden ſogleich be⸗ reit ſein.“ ——— LIII. Das Erkennen. ine halbe Stunde nach dieſem Geſpräche ſtiegen Madame Geörges und Marie in eines der großen Cabriolets, deren ſich die reichen Pächter in der Gegend von Paris bedienen, und bald rollte dieſer Wagen, von kräftigen Pferden gezogen, raſch auf dem Ra⸗ ſenwege hin, der von Bougqueval nach Arnouville führt — Die großen Gebäude, die zu dieſer Beſitzung gehörten, welche Herr Dubreuil bewirthſchaftete, zengten von der Bedeutung des Gutes, das Fräulein Cäſarine von Noirmont dem Herzoge von Lucenay als Heirathsgut zugebracht hatte. Das Peitſchengeklatſche Peters meldete der Madame Dubreuil die Ankunft Mariens und der Madame Georges, die aus dem Wagen ſtiegen und mit freundlicher Herzlichkeit von der Pächterin und deren Tochter empfangen wurden. Madame Dubreuil war etwa funfzig Jahre alt, ihr Geſicht freundlich und mild, wie die Züge ihrer Tochter, einer hübſchen Brü⸗ nette mit blanuen Augen und friſchen roſigen Wangen, Herzensgüte verriethen. 87 Zu ihrer großen Verwunderung bemerkte Marie, als Clara ihr in die Arme flog, daß auch ſie als Bauermädchen gekleidet war, nicht ſtädtiſch wie ſonſt. „Auch Sie, Clara, haben ſich als Bauermädchen verkleidet?“ fragte Madame Georges, indem ſie das junge Mädchen küßte. „Sie will in Allem ihre Freundin Marie nachahmen,“ ant⸗ wortete Madame Dubreuil. „Sie ruhte nicht, bis ſie einen An⸗ zug hatte ganz wie Ihre Marie. — Aber kommen Sie, meine arme Madame Georges,“ ſetzte Madame Dubreuil hinzu, „damit ich Ihnen meine Verlegenheit erzähle.“ Als Alle in das Zimmer eingetreten waren, ſetzte ſich Clara neben Marien nieder, gab ihr den beſten Platz am Kamine, nahm die Hände der Freundin in die ihrigen, um ſich zu überzeugen, daß ſie nicht mehr kaſt ſeien, küßte ſie nochmals, nannte ſie ihre böſe kleine Schweſter und machte ihr freundliche Vorwürfe darüber, daß ſie ihre Beſuche ſo ſelten wiederhole. Wenn man ſich des Geſpräches Mariens mit dem Geiſtlichen erinnert, ſo wird man ſich vorſtellen können, daß ſie dieſe zärt⸗ lichen und aufrichtigen Liebkoſungen mit einem gemiſchten Ge⸗ fühle von Demüthigung, Freude und Beſorgniß hinnehmen mußte. „Was iſt Ihnen geſchehen, meine liebe Madame Dubreuil?“ fragte Madame Georges, „und in welcher Weiſe kann ich Ihnen nützlich ſein?“ 5 „Ach Gott, in gar vielerlei. Ich will Ihnen Alles erzäh⸗ len. Sie wiſſen, glaube ich, nicht, daß dieſe Beſitzung eigentlich der Frau Herzogin von Lucenay gehört. Wir haben immer mit ihr direct zu thun und übergehen den Intendanten des Herrn Herzogs ganz —“ S „Das wußte ich wirklich nicht.“ . 8 „Sie werden ſogleich ſehen, warum ich dies vorausſchicke. Wir bezahlen alſo das Pachtgeld an die Frau Herzogin oder an ihre erſte Kammerfrau, Madame Simon. Die Frau Herzogin iſt ſo gütig, ſo gütig, obgleich etwas lebhaft, daß es eine wahre Freude iſt, mit ihr zu thun zu haben; ich und mein Mann, wir würden aber auch fur ſie durch das Feuer gehen. Ich habe ſie noch als kleines Mädchen gekannt, als ſie mit ihrem Vater, dem ſeligen Fürſten von Noirmont, hierherkam... Kürzlich noch bat ſie uns um den Pacht auf ein halbes Jahr voraus. — Vierzig⸗ tauſend Franes, das findet man nicht gleich auf der Straße, wie man zu ſagen pflegt, aber wir hatten dieſe Summe in Vorrath, — die Mitgift unſerer Clara, und den nächſten Tag hatte die Frau Herzogin ihr Geld in ſchönen Louisd'ors. .. Die großen Damen haben ſo viele Bedürfniſſe. — Erſt ſeit einem Jahre läßt ſich die Frau Herzogin die Pachtgelder pünktlich am Verfalltage bezahlen; früher ſchien ſie gar kein Geld zu brauchen. — Jetzt iſt das ganz anders.“ t „Bis jetzt ſehe ich noch nicht, meine gute Madame Dubreuil, womit ich Ihnen dienen könnte.“ „Sogleich, ſogleich; ich erzählte dies nur, um Ihnen anzu⸗ denten, daß die Frau Herzogin uns ihr ganzes Vertrauen ſchenkt: ungerechnet, daß ſie in ihrem zwölften oder dreizehnten Jahre mit ihrem Vater bei unſerer Clara Pathe geweſen iſt, die ſie denn auch immer beſchenkt. — Geſtern Abend alſo erhalte ich durch ei⸗ nen erpreſſen Boten den Brief da von der Frau Herzogin: „Der kleine Pavillon im Garten, meine liebe Madame Du⸗ „breuil, muß durchaus übermorgen bewohnbar ſein; laſſen Sie „alle nothwendigen Meubles dahin bringen, Teppiche, Vorhänge 89 „u. ſ. w. Es darf mit einem Worte nichts fehlen und muß be⸗ „ſonders ſo comfortable als möglich ſein.“ „Comfortable! Verſtehen Sie, Madame Georges? Und das iſt noch unterſtrichen,“ ſagte Madame Dubreuil, inden ſie ihre Freundin nachdenklich und verlegen anſah. Dann las ſie weiter: „Laſſen Sie Tag und Nacht das Feuer in dem Pavillon bren⸗ „nen, um die Feuchtigkeit zu vertreiben, denn es hat ſeit langer „Zeit Niemand darin gewohnt. Sie werden die Perſon, welche „den Pavillon beziehen ſoll, ſo behandeln, wie Sie mich ſelbſt „behandeln würden; ein Brief, den Ihnen dieſe Perſon überbringen „wird, wird Ihnen ſagen, was ich von Ihrem immer ſo aufmerk⸗ „ſamen Eifer erwarte. Ich rechne auch diesmal darauf und fürchte nicht, mich zu irren; ich weiß ja, wie gut und wie ergeben Sie „mir ſind. Leben Sie wohl, meine liebe Madame Dubreuil. „Küſſen Sie meine hübſche Pathe und glauben Sie an meine auf⸗ „richtige Gewogenheit. „Noirmont von Lucenay. „NS. Die Perſon, welche den Pavillon bewohnen ſoll, wird „übermorgen Abend ankommen. Vergeſſen Sie nur nicht, den Pa⸗ „villon ſo comfortable als möglich einzurichten.“ „Sie ſehen, das verwünſchte Wort iſt wieder unterſtrichen,“ ſagte Madame Dubreuil, indem ſie den Brief der Herzogin von Lucenay in die Taſche ſteckte. „Nun, das iſt ganz einfach,“ antwortete Madame Georges. „Wie ſo? einfach? Haben Sie denn nicht verſtanden? Die Frau Herzogin verlangt, der Pavillon ſolle beſonders comfortable ſein, ſo comfortable als möglich; — deshalb ließ ich Sie bitten, zu uns zu kommen. Wir beide, Clara und ich, haben uns den 90 Kopf zerbrochen, was comfortable wohl ſein möchte, und wir konnten es nicht errathen. Und Clara iſt doch in der Pen⸗ ſion in Villiers-le-Bel geweſen und hat ich weiß nicht wie viele Preiſe in der Geſchichte und der Geographie gewonnen. Aber ſie weiß nicht mehr als ich von dem fremdartigen Worte; es muß ein Ausdruck vom Hofe, aus der großen Welt ſein. In Verle⸗ genheit kann es Einen bringen, das iſt gewiß; die Frau Herzogin verlangt, daß der Pavillon beſonders comfortable ſei, ſie un⸗ terſtreicht das Wort, ſie wiederholt es zweimal, und wir wiſſen uicht, was es heißt.“ „Gott ſei Dant, dieſes große Geheimniß kann ich Ihnen er⸗ klären,“ antwortete Madame Georges lächelnd; „comfortable heißt hier bequem, wohnlich; es bedeutet ein hübſch arrangirtes, warmes Zimmer, eine Wohnung, der nichts fehlt von dem, was nothwendig, und ſelbſt von dem, was überflüſſig iſt.“ „Nun verſtehe ich, ja, aber da komme ich in eine noch grö⸗ ßere Verlegenheit.“ „Warum?“ „Die Frau Herzogin ſpricht von Meubles, von Teppichen und vielen „und ſo weiter“, aber wir haben keine Teppiche hier, und unſere Menbles ſind ganz gewöhnliche; und dann weiß ich nicht, ob die Perſon, die wir erwarten ſollen, ein Herr oder eine Dame iſt; gleichwohl ſoll morgen Abend Alles bereit ſein. Was da an⸗ fangen? Was anfangen? Hier läßt ſich nicht helfen. Man könnte den Kopf darüber verlieren, Madame Georges.“ „Aber Mutter,“ ſiel Clara ein, „wenn Du die Meubles aus meinem Stübchen nehmen wollteſt, ſo würde ich, bis ks wieder meublirt iſt, drei oder vier Tage bei Marien in Bongueval bleiben.“ 91 „Dein Stübchen! Dein Stübchen, mein Kind, iſt das denn ſchön genug!“ ſagte Madame Dubreuil achſelzuckend; „iſt das ge⸗ nug, — genug comfortable, wie die Frau Herzogin ſagt? Ach Gott, woher nimmt man nur ſolche Wörter?“ „Der Pavillon wird alſo für gewoͤhnlich nicht bewöhnt?“ fragte Madame Georges. „Nein; es iſt das kleine weiße Haus, das ganz allein am Ende des Gartens ſteht. Der Fürſt ließ es für die Frau Herzo⸗ gin bauen, als ſie noch Fräulein war; wenn ſie hierher kamen, ruhten ſie dort aus. Es enthält drei hübſche Zimmer, und am Ende des Gartens eine Schweizer-Meierei, wo die Frau Herzogin als Kind das Milchmädchen ſpielte. Seit ſie verheirathet iſt, ha⸗ ben wir ſie nur zweimal hier geſehen, und jedesmal blieb ſie ei⸗ nige Stunden in dem kleinen Pavillon. Das erſtemal, — es werden nun ſechs Jahre ſein, kam ſie zu Pferde mit —“ Als wenn die Anweſenheit Mariens und Claras ſie verhin⸗ dere weiter zu ſprechen, fuhr Madame Dubreuil fort: „Aber ich ſchwatze und ſchwatze, und alles dies bringt uns aus der Verlegenheit nicht heraus. — Kommen Sie mir zu Hülfe, liebe Madame Georges, kommen Sie mir zu Hülfe —“ „Sagen Sie mir, wie iſt jetzt dieſer Pavillon meublirt?“ „Man kann ihn kaum meublirt nennen; in dem Hauptzimmer liegt eine Strohdecke auf dem Fußboden; dann ſteht ein Canapee von Rohr darin, eben ſolche Stühle, ein Tiſch. Das iſt Alles, und es fehlt, wie Sie ſehen, zum Comfortablen noch ſehr viel.“ „Ich an Ihrer Stelle würde einen verſtändigen Mann nach Paris ſchicken. — Es iſt jetzt elf Uhr.“ „Unſer Factotum! Thätiger als er kann Niemand ſein.“ „Nun wohl; — in zwei Stunden höchſtens iſt er in Paris. — Er geht zu einem Tapezirer, zu dem erſten beſten, übergiebt ihm ein Verzeichniß, das ich Ihnen entwerfen will, nachdem wir geſehen haben, was in dem Pavillon fehlt, und ſagt ihm, es müſſe, es koſte was es wolle —“ „Das verſteht ſich! Auf den Preis kann es nicht ankommen, wenn nur die Frau Herzogin zufrieden geſtellt wird.“ „Er ſagt ihm alſo, es miſſe, was es auch koſte, Alles was auf der Liſte ſtehe, dieſen Abend oder dieſe Nacht hier ſein, da⸗ mit einige Tapezirer⸗Gehülfen Alles aufſtellen und einrichten könn⸗ ten. Da die Meubles nur hierher zu ſchaffen, die Teppiche an⸗ zuſchlagen und die Gardinen aufzuſtecken ſind, ſo kann bis mor⸗ gen Abend Alles recht wohl in Ordnung ſein.“ „Ach, meine gute Madame Georges, aus welcher Verlegen⸗ heit reißen Sie mich! — Daran hätte ich nicht gedacht. — Sie ſind meine Vorſehung, und Sie werden auch die Güte haben, mir ein Verzeichniß von dem zu entwerfen, was wir brauchen, damit der Pavillon —“ „Comfortable wird? Allerdings.“ „Aber die andere Schwierigkeit? Wir wiſſen nicht, ob wir einen Herrn oder eine Dame erwarten ſollen. Die Frau Herzo⸗ gin ſagt in ihrem Briefe „eine Perſon“. Wie ſollen wir uns aus dieſer Verlegenheit herausfinden?“ „Handeln Sie, als erwarteten Siggeine Dame, liebe Ma⸗ dame Dubreuil. Iſt es ein Herr, vn er ſich um ſo wohler befinden.“ „Sie haben Recht, — Sie haben immer Recht.“ Eine Magd meldete, daß das Frühſtück aufgetragen ſei. „Wir wollen ſogleich frühſtücken,“ ſagte Madame Georges, „laſſen Sie aber, während ich das Verzeichniß von dem Noth⸗ 93 wendigen entwerfe, die drei Zimmer der Länge und der Höhe nach meſſen, damit man im voraus die Teppiche und Gardinen dar⸗ nach beſtellen kann.“ „Gut, gut, ich werde dies ſogleich unſerm Factotum ſagen.“ „Madame,“ ſetzte die Magd hinzu, welche das Frühſtück ge⸗ meldet hatte; „es iſt auch die Milchfrau von Rains da —“ „Die arme Frau!“ antwortete Madame Dubreuil theil⸗ nehmend. „Wer iſt dieſe Frau?“ fragte Madame Georges. „Eine Bauerfrau von Rains, die vier Kühe hatte, alle Tage die Milch nach Paris brachte und ſich auf dieſe Weiſe ernährte. Ihr Mann war ein Schmied. Eines Tages begleitete er ſeine Frau nach der Stadt, weil er Eiſen brauchte, und kam mit ihr überein, ſie an der Straßenecke wieder abzuholen, wo ſie die Milch gewöhnlich verkaufte. Leider hatte ſich die Frau ihren Platz, wie es ſcheint, in einem ſchlechten Stadttheile gewählt. Als ihr Mann wieder zu ihr kam, fand er ſie im Handgemenge mit betrunkenen ſchlechten Menſchen, welche ihre Milch boshafter Weiſe auf die Gaſſe gegoſſen hatten. Der Schmied verſuchte die Leute wieder zu Verſtande zu bringen, wurde aber ebenfalls gemißhandelt; er vertheidigte ſich, und bei der Schlägerei erhielt er einen Meſſer⸗ ſtich, der ihn todt niederſtreckte.“ „Das iſt ja gräßlich;“ rief Madame Georges aus. „Hat man den Mörder verhaftet?“ „Leider nicht; in dem Tunulte entkam er. Die arme Wittwe verſichert, ſie würde ihn ſogleich wieder erkennen, denn ſie hätte ihn vorher mehrmals mit ſeinen Cameraden in jener Gegend der Stadt geſehen; bis jetzt ſind aber alle Nachforſchungen nach dem Mörder vergebens geweſen. Nach dem Tode ihres Mannes mußte 94 die Frau, um verſchiedene Schulden zu bezahlen, ihre Kühe und einige Stücken Feld, die ſie beſaß, verkaufen. Der Pächter des Schloſſes Rains hat mir die brave Frau empfohlen, die ſo recht⸗ ſchaffen ſein ſoll als ſie unglücklich iſt. Sie hat drei Kinder, von denen das älteſte noch nicht zwölf Jahre alt iſt. Es war eben eine Stelle bei mir offen; die habe ich ihr gegeben, und jetzt iſt ſie alſo gekommen.“ „Dieſe Güte wundert mich an Ihnen nicht, meine liebe Ma⸗ dame Dubreuil.“ „Willſt Du, Clara,“ fragte die Pächterin, „die brave Frau in ihre Wohuung führen, während ich dem Factotum ſage, daß er ſich zur Reiſe nach Paris fertig mache?“ „Ja, Mutter. Marie wird mit mir gehen.“ „Ohne Zweifel, denn Ihr Mädchen ſcheint nicht mehr ohne einander leben zu können,“ ſprach die Pächterin. „Und ich,“ ſagte Madame Georges, indem ſie ſich an einen Tiſch ſetzte, „ich werde das Verzeichniß entwerfen, um keine Zeit zu verlieren, denn wir müſſen um vier Uhr in Bouqueval zurück ſein.“ „Um vier Uhr ſchon? Sie eilen ſehr,“ antwortete Madame Dubreuil. „Ja, Marie ſoll um fünf Uhr in dem Pfarrhauſe ſein.“ „Ah, bei dem Abbé Laporte! Das iſt etwas anderes,“ ent⸗ gegnete die Pächterin. „Ich werde meine Befehle darnach ge⸗ ben —; die beiden Kinder da haben einander gewiß viel, ſehr viel zu erzählen, und man muß ihnen Zeit geben, ſich auszu⸗ plaudern.“ „Wir werden um drei Uhr aufbrechen, meine liebe Madame Dubreuil.“ 95 „Schon gut. — Ich danke Ihnen nochmals von Perzen. Wie gut, daß ich Sie bat, mir zu Hülfe zu kommen!“ ſagte Ma⸗ dame Dubreuil. „Clara, Marie, geht nun!“ Während Madame Georges ſchrieb, gingen Madame Dubreuil auf der einen Seite, Clara mit Marien auf der andern hinaus, und die letztern begleitete die Magd, welche die Ankunft der Milch⸗ frau von Rains gemeldet hatte. „Wo iſt die arme Frau?“ fragte Clara. „Sie iſt mit ihren Kindern, ihrem kleinen Wagen und ihrem Eſel in dem Scheunenhofe, Manſell.“ „Du wirſt die arme Frau ſehen, Marie,“ ſagte Clara, indem ſie den Arm der Freundin nahm; „Du wirſt Dich uberzeugen, wie blaß und wie traurig ſie in ihrer tiefen Trauer ausſieht. Das letztemal, als ſie hier bei meiner Mutter war, that mir ihr Anblick ſo weh; ſie vergoß heiße Thränen, als ſie von ihrem Manne ſprach, dann aber hörten ihre Thränen plötzlich auf, und ſie gerieth in große Wuth gegen den Mörder. Da fürchtete ich mich vor ihr, ſo bös ſah ſie aus, aber ihr Haß iſt im Grunde doch natürlich. Die Ungluckliche! Es giebt recht unglückliche Menſchen, nicht wahr, Marie?“ „Ach ja, ja wohl,“ antwortete Marie mit einem tiefen Seuf⸗ zer. — „Es giebt ſehr unglückliche Menſchen; Sie haben Recht, Mademviſelle.“ „Geh!“ rief Clara aus, indem ſie verdrießlich mit dem Füß⸗ chen ſtampfte, „da ſagſt Du ſchon wieder „Sie“ und nennſt mich „Mademviſelle.“ Biſt Du denn böſe auf mich, Marie?“ „Ich! Großer Gott!“ „Nun, warum ſagſt Du „Sie“? Du weißt es, meine Mut⸗ 96 ter und Madame Georges haben Dich ſchon darum getadelt. Ich ſage Dir, ich werde noch recht bös werden.“ „Clara, Verzeihung! Ich war zerſtreut.“ „Zerſtreut! — wenn Du mich nach einer langen Trennung von acht Tagen wiederfiehſt!“ ſagte Clara traurig. „Zerſtreut, — das wäre ſehr unrecht; aber nein, nein, das iſt es nicht. Siehſt Du, Marie, ich werde Dich endlich für ſtolz halten.“ Marie wurde todtenbleich und antwortete nicht. Bei ihrem Anblicke hatte eine Fran in Trauerkleidung einen Schrei des Unwillens und des Abſcheus ausgeſtoßen. Dieſe Frau war die Milchfrau, welche jeden Morgen der Nachtigall Milch verkaufte, als dieſe ſich noch bei der Wirthin vom „weißen Kaninchen“ befand. LIV. Die Milchfrau. er Auftritt, den wir beſchreiben wollen, erfolgte in einem Hofe des Gutes im Beiſein von Arbeitern und Frauen, welche von ihren Arbeiten zurückkamen, um das Mittagseſſen einzu⸗ nehmen. Unter einem Schuppen ſah man einen kleinen Wagen, an den ein Eſel geſpannt war und der das armſelige und plumpe Mobiliar der Wittwe trug. Ein Knabe von etwa zwölf Jahren fing an, mit zwei noch jüngern Kindern dieſen Wagen abzu⸗ laden. Die ganz ſchwarz gekleidete Milchfrau war etwa vierzig Jahre alt und hatte ein plumpes, mannhaftes und entſchloſſenes Geſicht. Ihre Angen waren durch Weinen geröthet. Als ſie Marien er⸗ blickte, ſtieß ſie anfangs einen Schreckensſchrei aus, bald aber ver⸗ zerrten der Schmerz, der Unwille und der Zorn ihre Züge; ſie ſtürzte auf Marien zu, faßte ſie kräftig am Arme und rief, indem ſie die Arbeiter auf das Mädchen aufmerkſam machte: „Da iſt eine Unglückliche, welche den Mörder meines armen Mannes kennt; ich habe ſie wohl zwanzigmale mit dem Böſewichte Die Geheimniſſe von Paris. MI. 6 98 ſprechen ſehen; als ich an der Ecke der Straße Milch verkaufte, fam ſie alle Morgen zu mir und holte ſich für einen Sou; ſie muß wiſſen, wer der Böſewicht iſt, welcher meinen armen Mann ermordet hat; ſie gehört wie alle ihres Gleichen zu der Clique dieſer Banditen . . . Du entgehſt mir nicht, Spitzbübin!“ rief die Frau, durch ungegründeten Argwohn gereizt, aus, während ſie auch den andern Arm Mariens ergriff, die an allen Gliedern it⸗ terte, weinte und entfliehen wolſte. 7 Clara, welche durch dieſen untwarttten Anfall gegen Ma⸗ rien ganz verblufft worden war, hatte noch kein Wort ſagen kön⸗ nen; als aber die Wittwe jetzt noch heftiger und ungeſtümer wurde, ſagte ſie zu derſelben: „Du biſt verrückt! — Der Kummer veni Dir den Ver⸗ i — Du irrſt Dich.“ „Ich mich irren!“ wiederholte die Frau mit Irynie; „ich mich irren! Ach nein, — ich irre mich nicht. — Sehen Sie nur, Mamſell, wie die Elende blaß geworden iſt, wie ihr die Zähne im Munde klappern. — Wart' nur, die Juſtiz ſoll Dich ſchon zwingen zu reden; Du gehſt ſogleich mit mir zu dem Herrn Maire, verſtehſt Du? Sträube Dich nur, — ich habe eine gute Fauſt. Ich laſſe Dich nicht, und ſollte ich Dich zu dem Herrn Maire tra⸗ gen müſſen.“ „Unverſchämte Frau Du!“ fiel jetzt Clara erzürnt ein; „ſo⸗ gleich entferne Dich. Wie unterſtehſt Du Dich, Dich ſo an mei⸗ ner Freundin, meiner Schweſter zu vetgreifen!“ „Ihre Schweſter, Mamſellchen? — Ach, gehen Sie. — Bei Ihnen iſt es im Köpfchen nicht richtig,“ autwortete grob die Wittwe. „Ihre Schweſter! — ein Mädchen von der Straße, die ich ſelbſt Monate lang habe iü der Cité herumſtreichen ſehen.“ „ 99 Bei dieſen Worten erhoben die Arbeiter ein Gemurmel des Unwillens gegen Marien; ſie nahmen natürlich die Partei ver Milchfrau, die ihrem Stande angehörte und deren Ungluck ſie in⸗ tereſſirte. Als die drei Kinder ihre Mutter ſo laut ſprechen hörten, eil⸗ ten ſie zu ihr und hingen ſich weinend an ſie, ohne zu wiſſen, um was es ſich handelte. Der Anblick dieſer armen ebenfalls in Trauer gekleideten Kinder erhöhte noch die Theilnahme, welche die Wittwe erregte, und ſteigerte den Unwillen der Knechte und Mägde gegen Marien. Clara, welche vor dieſen faſt drohenden Demonſtrativnen er⸗ ſchrak, ſagte zu den Leuten mit bewegter Stimme: „Bringet dieſe Frau fort von hier; ich wiederhole es, daß der Gram ihren Verſtand verwirrt hat. Marie, Marie, verzeihe! Mein Gott, die Verrückte weiß nicht, was ſie ſpricht.“ Marie ſtand bleich, mit geſenktem Haupte, ſtumm, regungs⸗ los, wie vernichtet da und machte keine Bewegung, ſich den Hän⸗ den der kräftigen Bauerfrau zu entziehen. Clara ſchrieb dieſe Muthloſigkeit dem Entſetzen zu, das ein ſolcher Auftritt in ihrer Freundin erregen mußte, und ſagte von Neuem zu den Arbeitern: „Hört Ihr mich nicht? Ich befehle Euch die Frau fortzuwei⸗ ſen. Da ſie bei ihren Schmähungen bleibt, ſo muß ſie für ihre Grobheit geſtraft werden, und ſie ſoll die Stelle nicht erhalten, die ihr meine Mutter verſprochen hatte. Ich werde nie zugeben, daß ſie den Hof wieder betritt. 6 Keiner der Arbeiter rührte ſich, um den Befehlen Claras zu gehorchen; einer wagte ſogar zu ſagen: „Mamſellchen, wenn ſie ein Straßenmädchen iſt und den Mör⸗ * 100 der des Mannes der armen Frau da kennt, ſo muß ſie bei dem Maire Auskunft geben.“ „Ich wiederhole Dir, daß Du niemals Dich wieder hier ſe⸗ hen laſſen darfſt,“ ſagte Clara zu der Milchfrau, „wenn Du nicht augenblicklich Mademviſelle Marien um Verzeihung bitteſt.“ „Sie weiſen mir die Thüre, Mamſell? Nun wohl,“ antwor⸗ tete die Wittwe mit Bitterkeit. — „Kommt, ihr armen vaterloſen Kinder,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihre Kinder an ſich zog, „vackt Alles wieder auf den Wagen, wir wollen unſer Brod anderswo zu verdienen ſuchen, der liebe Gott wird uns ja nicht verlaſſen. — Aber wir nehmen zu dem Herrn Maire dieſe Ungluckliche hier mit, die ſchon gezwungen werden ſoll, den Mörder meines armen Mannes anzuzeigen, — da ſie die ganze Bande kennt . . . Weil Sie reich ſind, Mamſell,“ fuhr ſie mit einem kecken Blicke auf Clara fort, „weil Sie Freundinnen unter ſolchen Geſchöpfen ha⸗ ben, brauchen Sie nicht ſo hart gegen arme Leute zu ſein.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Einer aus den Leuten; „die Fran hat Recht.“ „Arme Frau!“ „Sie iſt in ihrem Rechte —“ „Man hat ihren Mann ermordet, — ſoll ſie ſich das ſo ru⸗ hig gefallen laſſen?“ „Man kann ſie nicht hindern, Alles zu thun, um die Räuber ausfindig zu machen, welche die That begingen.“ „Es iſt ungerecht, ſie fortzuſchicken.“ „Iſt es ihre Schuld, wenn die Freundin der Mamſell Clara — ein ſchlechtes Mädchen iſt?“ „Man darf eine rechtſchaffene Frau, eine Mutter mit drei Kindern wegen eines ſolchen Mädchens nicht frrtſchicken.“ „— v— „* 101 Das Gemurmel ward drohend, als Clara ausrief: „Gott ſei Dank, da kommt meine Mutter.“ Madame Dubreuil, die aus dem Pavillon zurückkam, ging wirklich eben über den Hof. „Nun, Clara und Marie,“ ſagte die Pächterin, indem ſie zu der Gruppe trat, „kommt zum Frühſtücke, kommt, Kinder, es iſt ſchon ſpät.“ „Mutter,“ ſagte Clara, „vertheidige meine Schweſter da ge⸗ gen die Beleidigungen dieſer Frau,“ — und ſie zeigte auf die Wittwe —, „um Gottes willen ſchicke ſie fort. Wenn Du wüß⸗ teſt, was ſie alles Marien zu ſagen gewagt hat —“ „Wie? — Sie ſollte wagen —?“ „Ja, Mutter. — Sieh, wie die arme Marie zittert; ſie kann kaum ſtehen. — Ach, es iſt eine Schande für uns, daß ein ſol⸗ cher Auftritt bei uns vorkommt. Marie, ich bitte Dich, ver⸗ zeihe uns.“ „Aber was ſoll denn das bedeuten?“ fragte Madame Du⸗ breuil, indem ſie ſich beſorgt umſah, nachdem ſie die Erſchütterung Mariens bemerkt hatte. . „Madame, Sie werden gerecht ſein, gewiß,“ ſagten die Arbeiter. „Da iſt nun Madame Dubreuil, und Du wirſt aus dem Hauſe gewieſen werden,“ fiel die Wittwe, zu Marien gewen⸗ det, ein. „Es iſt alſo wahr!“ rief Madame Dubreuil aus, während die Milchfrau noch immer Mariens Arm feſthielt; „Du wagſt ſo zu der Freundin meiner Tochter zu ſprechen? Iſt das der Dank für meine Güte? Willſt Du das Mädchen ſogleich in Ruhe laſſen?“ 102 „Ich achte und ſchätze Sie, Madame, und bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre Güte,“ entgegnete die Wittwe, indem Sie den Arm Mariens losließ. „Aber ehe Sie mich beſchuldigen und mich mit meinen Kindern aus dem Hauſe weiſen, fragen Sie die unglückliche da. — Sie wird nicht ſo frech ſein, um zu läugnen, daß ich ſie kenne und daß ſie mich auch kennt —“ „Mein Gott! Marie, hörſt Du, was dieſe Frau ſagt?“ fragte Madame Dubreuil in höchſter Verwunderung. „Heißt Du die Nachtigall, ja oder nein?“ fragte die Milch⸗ frau Marien. „Ja —) ſagte die Unglückliche leiſe und ohne Madame Dubreuil anzuſehen. — „Ja, man nannte mich ſo —“ „Sehen Sie!“ riefen die Arbeitsleute unwillig. — „Sie ge⸗ ſteht es —, ſie geſteht es!“ n „Sie geſteht, aber was? Was geſteht ſie? fragte Madame Dubreuil durch das Geſtändniß Mariens halb erſchreckt. „Laſſen Sie das Mädchen antworten, Madame,“ fiel die Wittwe ein; „ſie wird auch geſtehen, daß ſie in einem ſchlechten Hauſe in der Bohnenſtraße war, wo ich ihr alle Morgen für ei⸗ nen Sou Milch verkauft habe; ſie wird auch geſtehen, daß ſie in meiner Gegenwart oftmals mit dem Mörder meines armen Man⸗ nes geſprochen hat. — Sie kennt ihn genau, ich weiß es gewiß; — ein junger blaſſer Mann, der immer Taback rauchte, eine Mütze, eine Blonſe und langes Haar trug; ſie muß ſeinen Na⸗ men kennen. Iſt das wahr? Wiliſt Du antworten?“ fragte die Fran. 1 „Ich habe wohl mit dem Mörder Ihres Mannes ſprechen tönnen, denn leider giebt es in der Cité mehr als Einen Mör⸗ ———————— 103 der,“ antwortete Marie kaum vernehmlich, „aber ich weiß nicht, wen Sie meinen.“ 1 un o „Wie? Was ſagt ſie?“ rief Madame Dubreuil entſetzt aus. „Sie hat mit Mördern geſprochen .. „Solche Geſchöpfe wie ſie kennen keine andere Geſellſchaft,“ antwortete die Wittwe. i hn Madame Dubreuil, die anfangs durch eine ſo unerwartete Enthüllung, welche die letzten Worte Mariens ſelbſt beſtätigt hat⸗ ten, höchlich überraſcht worden war, errieth jetzt Alles, wich mit Ekel und Abſcheu zurück, zog mit Gewalt Clara zu ſich, die zu Marien getreten wär, um dieſelbe zu halten, damit ſie nicht um⸗ ſinke, und rief aus: „Welche Schändlichkeit! — Clara, ſieh Dich vor, komm der Unglücklichen nicht zu nahe. — Aber wie konnte Madame Geor⸗ ges ſie zu ſich nehmen! Wie hat ſie gewagt, ſie mir vorzuſtellen! Wie konnte ſie zulaſſen, daß meine Tochter — Mein Gott! Mein Gott! Das iſt ja entſetzlich. Ich kann kaum glauben, was ich ſehe und höre. — Aber nein, Madame Georges iſt eines ſolchen unwürdigen Benehmens nicht fähig — ſie wird getäuſcht wor⸗ den ſein wie wir — ſonſt wäre es unverzeihlich von ihr.“ Clara war troſtlos, durch dieſen Auftritt im höchſten Grade erſchreckt und glaubte zu träumen. In ihrer Unſchuld begriff ſie die entſetzlichen Beſchuldigungen nicht, die man auf ihre Freun⸗ din häufte; ihr Herz erfüllte ſich mit tiefer Trauer, und aus ih⸗ ren Augen ſtrömten Thränen, als ſie Marien ſtumm, wie eine Verbrecherin vor ihren Richtern ſtehen ſah. Sin „Komm, komm, meine Tochter,“ ſagte Madame Dubreuil zu Clara; dann wendete ſie ſich an Marien und fuhr fort: „und Dich, unwürdiges Geſchöpf, wird der liebe Gott für Deine ſchänd⸗ 104 liche Heuchelei ſtrafen. Du läßt Dich von meiner Tochter, einem Engel an Tugend und Unſchuld, Freundin und Schweſter nennen; ihre Freundin! ihre Schweſter! Du, Auswurf des Niederträchtig⸗ ſten und Schändlichſten in der Welt; welche Frechheit! Du wagſt es, unter ehrliche Menſchen zu treten, und verdienſt, in das Ge⸗ . fängniß gebracht zu werden zu Deines Gleichen! — „Ja, ja,“ riefen die Arbeitsleute; „in's Gefängniß muß ſie. — Sie kennt den Mörder.“ „Sie iſt vielleicht ſeine Mitſchuldige.“ „Siehſt Du, daß es Gerechtigkeit im Himmel giebt?“ rief die Wittwe aus, während ſie Marien die Fauſt wies. „Du brave Frau,“ ſagte Madame Dubreuil zu der Milch⸗ frau, „ich werde Dich nicht nur nicht fortſchicken, ſondern Dir für den Dienſt danken, den Du mir erwieſen haſt, indem Du dieſe Elende entlarvteſt.“ „Unſere Frau Pächterin iſt gerecht!“ riefen die Arbeitsleute. „Komm, Clara,“ fuhr Madame Dubreuil fort, „Madame Georges wird uns ihr Benehmen erklären; wenn nicht, ſo ſehe ich ſie in meinem Leben nicht wieder, denn wenn ſie nicht ſelbſt getäuſcht worden iſt, hat ſie ſich auf eine unverantwortliche Weiſe gegen uns benommen.“ „Aber, liebe Mutter, ſieh doch nur die arme Marie —“ „Mag ſie vor Scham in die Erde finken, um ſo beſſer. — Verachte ſie; — Du darfſt keinen Augenblick länger bei ihr blei⸗ ben. Sie gehort zu den Geſchöpfen, mit denen ein junges Mäd⸗ chen wie Du nicht ſprechen kann, ohne ſich ſelbſt zu entehren.“ „Mein Gott, Mutter,“ ſagte Clara zu ihrer Mutter, die ſie mit ſich fortziehen wollte, „ich weiß nicht, was alles das bedeutet. — Marie kann ſchuldig ſein, da Du es ſagſt, 105 aber ſieh' nur, ſieh', ſie wird ohnmächtig; erbarme Dich ihrer, wenigſtens —“ „Ach, Mademoiſelle Clara, Sie ſind gütig, Sie verzeihen mir. — Glauben Sie mir, ich habe Sie ganz gegen meinen Wil⸗ len getäuſcht, — und mir ſelbſt oft darum Vorwürfe gemacht,“ ſagte Marie, indem ſie ihre Beſchützerin mit einem Blicke unbe⸗ ſchreiblicher Dankbarkeit anſah. „Mutter, biſt Du ganz ohne Erbarmen?“ rief Clara mit herzzerreißender Stimme. „Erbarmen! — für ſie? Wäre nicht Madame Georges, die uns von ihr befreien wird, ich ließe ſie vor die Thüre werfen wie eine Peſtfranke,“ antwortete Madame Dubreuil hartherzig, während ſie ihre Tochter mit ſich fortzog, die ſich zum letztenmale nach Marien umdrehte und ſagte: „Marie, liebe Schweſter, ich weiß nicht, weſſen man Dich beſchuldigt, aber ich bin überzeugt, daß Du unſchuldig biſt, und ich liebe Dich immer —“ „Schweig! Schweig!“ ſagte Madame Dubreuil, indem ſie der Tochter die Hand auf den Mund legte; „ſchweig. Zum Glück iſt Jedermann Zeuge, daß Du nach dieſer ſchändlichen Entdeckung keinen Augenblick allein mit dieſem Mädchen geblieben biſt; nicht wahr, ihr Leute?“ „Ja, ja, Madame,“ ſagte Einer von den Leuten, „wir ſind Zeugen, daß Mamſell Clara keinen Augenblick bei dieſem Mäd⸗ chen geblieben, die gewiß eine Diebin iſt, weil ſie Mörder kennt.“ Madame Dubreuil führte ihre Tochter fort. Marie blieb allein in der drohenden Gruppe, die ſich um ſie genneglet⸗ Trotz den Vorwürfen, mit denen Madame Dubreuil ſie über⸗ häufte, hatte die Gegenwart der Pächterin und Claras Marien über die Folgen dieſes Auftrittes einigermaßen beruhigt; nach der Entfernung der beiden aber, als ſie allein ſich in den Händen der Bauern befand, verließen ſie die Kräfte; ſie mußte ſich auf die Lehne der Pferdetränke ſtützen. Es läßt ſich nichts Rührenderes denken als viſe Unglückliche in dieſer Stellung, aber auch nichts⸗Drohenderes als die Worte und die Haltung der Leute um ſie her. Marie ſaß faſt auf dem Rande des Steines mit geſenktem Haupte, das ſie mit beiden Hän⸗ den bedeckte, während die Zipfel des rothen Tuches, welches um ihr Häubchen gebunden war, ihren Hals und ihren Buſen ver⸗ hüllten. So gewährte ſie ein Bild des heftigſten Schmerzes und der völligen Ergebenheit. Einige Schritte von ihr ſtand die Wittwe des Ermordeten, triumphirend und durch die Verwünſchungen der Madame Dubreuil noch mehr gereizt, und zeigte ihren Kindern und den Arbeitsleu⸗ ten das junge Mädchen mit Geberden des Haſſes und der Ver⸗ achtung. Die Leute, die im Kreiſe um ſie ſtanden, verhüllten die feindſeligen Geſinnungen nicht, welche ſie hegten; ihre rohen Ge⸗ ſichter drückten zu gleicher Zeit Unwillen, Zorn und einen beleidi⸗ genden Hohn aus. Am hitzigſten waren die Frauen, und die rüh⸗ rende Schönheit Mariens machte gewiß die geringſte Urſache der Erbitterung gegen ſie aus⸗ Männer und Frauen konnten es Marien nicht vann daß ſie von ihrer Herrſchaft faſt wie ihres Gleichen behandelt wor⸗ den war. Auch hegten einige der Arbeiter von i vnluvii nicht ſo gute Zeugniſſe hatten aufweiſen können, um eine der x ge⸗ ſuchten Stellen in Bouqueval zu erhalten, gegen Madame Geor⸗ 107 ges einen gewiſſen Groll, den ſie gegen den Schützling derſelben ausließen. Die erſten Regungen ungebildeter Naturen find immer unge⸗ ſtüm, im Guten wie im Böſen; aber ſie werden im höchſten Grade gefährlich, wenn irgend eine Volksmenge ihre Rohheiten durch wirkliches oder ſcheinbgres Unrecht derjenigen für gerechtfertigt hält, gegen welche ihr Haß und Zorn ſich richtet. Obgleich die Meiſten der Arbeiter von Arnonville vielleicht kein Recht hatten, die gekränkten Tugendhelden Marien gegenüber zu ſpielen, ſo ſtellten ſie ſich doch, als beflecke ſie ſchon die An⸗ weſenheit derſelben; ihr Schamgefühl empörte ſich bei dem Gedan⸗ ken, welcher Claſſe die Unglückliche angehört hatte, die überdies geſtanden, oft mit Mördern geſprochen zu haben. Bedurfte es noch mehr, den Zorn dieſer Bauern zu erregen, welche das Beiſpiel der Madame Dubreuil noch mehr aufreizte? „Man muß ſie zu dem Maire führen,“ ſagte Einer. „Ja, ja, und wenn ſie nicht gehen will, ſo muß ſie geſto⸗ ßen werden —“ „Und ſie wagt ſich zu kleiden wie rechtſchaffene Bauermäd⸗ chen,“ ſetzte eine der häßlichſten Mägde hinzu. „Und wie ſie die Unſchuldige zu ſpielen verſteht, als trübe ſie kein Wäſſerchen!“ „Mit den Herrſchaften ging ſie um.“ „Als wenn wir ihr zu gering wären.“ „Zum Gläck kommt an Jeden die Reihe.“ „Du ſollſt ſchon reden und den Mörder anzeigen müſſen!“ rief die Wittwe dazwiſchen. — „Ihr gehort Alle zu Einer Bande⸗ — Vielleicht habe ich Dich ſogar an jenem Tage unter ihnen ge⸗ 108 ſehen. — Dein Weinen hilft Dir nichts, da Du nun einmal er⸗ kannt biſt. — Laß Dein Lärvchen ſehen; hübſch iſt es.“ Und die Wittwe riß Marien die beiden Hände hinweg, mit denen ſie ihr Geſicht verhüllte. Das arme Mädchen, die anfangs nur Scham gefühlt hatte, fing jetzt an zu fürchten, als ſie ſich allein unter den Wuthenden ſah; ſie faltete die Hände, wendete ihre Augen flehentlich auf die Wittwe und ſagte mit ſanfter Stimme: „Gute Frau, ich lebe ja ſchon ſeit zwei Monaten in Bou⸗ queval und konnte alſo unmöglich Zeuge des Unglücks ſein, von dem Sie ſprechen.“ Die ſchüchterne Stimme Mariens wurde durch das drohende Geſchrei übertäubt: „Zu dem Herrn Maire mit ihr! zu dem Maire! Dort wird ſie reden müſſen.“ „Vorwärts! Marſch!“ Da die drohende Gruppe ſich Marien immer mehr und mehr näherte, ſo faltete dieſe unwillkürlich die Hände, ſah bald nach dieſer, bald nach jener Seite und ſchien um Hülfe zu bitten. „Ach!“ fiel die Milchfrau ein, „wenn Du Dich auch um⸗ ſiehſt, Mamſell Clara iſt nicht mehr da; Du wirſt uns nicht entgehen.“ „Ach, gute Frau,“ entgegnete Marie zitternd, „ich will ja nicht fliehen; ich verlange nichts als auf das zu antworten, was man mich fragt, wenn dies Euch von Nutzen ſein kann; aber was habe ich allen den Leuten, die drohend um mich herſtehen, zu Leide gethan?“ „Du haſt Dich bei unſerer Herrſchaft eingedrängt und uns 109 über die Achſel angeſehen, da wir doch tauſendmal beſſer ſind als Du. — Das haſt Du uns zu Leide gethan.“ „Und warum wollteſt Du, daß man die arme Wittwe mit ihren Kindern von hier fortweiſe?“ fragte ein Anderer. „Ich habe dies nicht gewollt, ſondern Mademviſelle Elara —“ „Schweig,“ unterbrach ſie ein Anderer; „Du haſt nicht ein⸗ mal für die arme Wittwe gebeten; es war Dir gerade recht, daß man ihr ihr Brod nehmen wollte.“ „Nein, nein, ſie hat nicht für die arme Wittwe gebeten.“ „Sie iſt ſchlecht.“ „Eine arme Wittwe, — mit drei Kindern!“ „Ich bat nicht für ſie,“ entgegnete Marie, „weil ich kein Wort ſprechen konnte.“ „Du konnteſt ja mit Mördern ſprechen.“ Wie es bei Volksaufläufen immer geſchieht, ſo geſchah es auch hier; die Bauern die mehr dumm als böſe waren, reizten und regten ſich auf durch ihre eigenen Worte und ſteigerten ihren Eifer durch die Schimpfreden und Drohungen, welche ſie gegen ihr Opfer ſchlenderten. So gelangt das Volk bisweilen ſich unbewußt von einer all⸗ mälig wachſenden Aufregung zu den ungerechteſten und roheſten Handlungen. Der drohende Kreis näherte ſich Marien immer mehr; Alle geſticulirten im Sprechen heftig, und die Wittwe des Schmiedes war bereits ganz außer ſich. ſ Marie, welche von dem tiefen Waſſerbaſſin nur durch die Lehne getrennt war, auf die ſie ſich ſtützte, fürchtete in das Waſ⸗ ſer geſtürzt zu werden und rief deshalb aus, indem ſie flehentlich die Hände ausbreitete: 110 — „Aber, mein Gott! was wollen Sie von mir? Aus Barm⸗ herzigkeit, thut mir nichts zu Leide!“ Da die Milchfrau immer geſticulirte, immer näher und näher an ſie trat und mit den beiden Händen faſt das Geſicht der Un⸗ glücklichen berührte, rief Marie aus, indem ſie ſich entſetzt zurück⸗ beugte: „Um Gottes willen, Frau, kommen Sie mir nicht zu nahe; Sie werden mich in das Waſſer ſtoßen.“ Dieſe Worte Mariens erweckten bei den rohen Menſchen ei⸗ nen grauſamen Gedanken. Um einen der Bauernſpäße zu ma⸗ chen, bei welchen man vft halb todt auf dem Platze bleibt, rief Einer der Wüthendſten: „Ins Waſſer mit ihr! Wir wollen ſie untertauchen!“ „Ja, ja, — in's Waſſer! — in's Waſſer!“ wiederholte man unter lautem Gelächter. „Das wird ſie lehren, von rechtſchaffe⸗ nen Leuten wegzubleiben.“ „Einmal tüchtig eingetaucht, daran ſtirbt ſie nicht.“ „Ja, ja, — in's Waſſer! in's Waſſer!“ „Es iſt gut, daß man gerade früh das Eis aufgehackt hat.“ „Sie ſoll ſich an die Leute von Arnvuville er⸗ innern.“ Marie glaubte ſterben zu müſſen, als ſie dieſe unmenſchlichen Worte und den rohen Spott hörte und die Erbitterung auf allen Geſichtern ſah, die ſich an ſie drängten. Auf das erſte Entſetzen folgte indeß bald eine gewiſſe bittere Befriedigung; die Zukunft ſtund in ſo dunkeln Farben vor ihr, daß ſie im Stillen Gott für die Abkürzung ihrer Leiden dankte, welche ſie erwartete; ſie ſprach kein Wort der Klage aus, ſondern 111 ſank auf ihre Kniee nieder, legte die Hände gekreuzt auf ihre Bruſt, ſchloß die Augen und wartete betend. Die Leute, welche durch dirſe Stellung und die ſtumme Er⸗ gebung des Mädchens überraſcht wurden, zögerten einen Augen⸗ blick mit der Ausführung ihres rohen Planes; der weibliche Theil der Verſammlung hielt ihnen aber ihre Schwäche vor, und ſie fingen deshalb von neuem zu ſchreien an, um ſich Muth zu ihrer ſchlechten That zu machen. Zwei der Eifrigſten wollten eben Marien ergreifen, als eine heftig bewegte Stimme ihnen zurief: „Haltet ein!“ In demſelben Augenblicke erſchien Madame Georges, die ſich einen Weg durch die Menge gebahnt hatte, neben Marien, die noch immer kniete, umfaßte ſie mit ihren beiden Armen, hob ſie auf und ſagte: „Steh' auf, mein Kind! Steh' auf, meine liebe Tochter. Man darf nur vor Gvott knieen.“ Der Zorn hatte das gewöhnlich blaſſe Geſicht der Madame Georges lebhaft roth gefärbt. Sie ſah jetzt die Leute mit einem feſten und ſtrengen Blicke an und ſagte mit lauter, drohender Stimme: „Ihr Unſeligen, ſchämt Ihr Euch nicht, ſolche Gewaltthätig⸗ keit gegen das unglückliche Kind auszuüben?“ „Sie iſt eine —“ „Sie iſt meine Tochter!“ fiel Madame Georges ein. „Der Herr Abbé Laporte, den Jedermann liebt und verehrt, liebt und ſchützt ſie, und diejenigen, welche er achtet, müſſen von Jeder⸗ mann geachtet werden.“ Dieſe einfachen Worte imponirten den Leuten. 112 Der Geiſtliche von Bougueval galt in der Gegend faſt für einen Heiligen; mehrere der Arbeiter kannten die Theilnahme recht wohl, welche er dem Mädchen ſchenkte. Trotzdem ließ ſich nach einiger Zeit wieder Gemurmel vernehmen; Madame Georges er⸗ rieth, was daſſelbe zu bedeuten haben ſollte, und ſprach; „Wäre auch das Mädchen das geringſte aller Geſchöpfe und von Allen verlaſſen, ſo würde doch Euer Benehmen gegen ſie nicht minder gehäſſig ſein. Für was wollt Ihr ſie ſtrafen? Und nach wel⸗ chem Rechte? Was berechtigt Euch dazu? Die Uebermacht? Iſt es nicht ſchändlich und ſchmählich für Männer, ein junges ſchutz⸗ loſes Mädchen zu opfern? Komm, Marie, komm, mein liebes Kind; wir wollen nach Hauſe zurückkehren, dort kennt und achtet man Dich.“ Madame Georges nahm den Arm Mariens; die Arbeits⸗ leute ſchämten ſich, ſahen ihr Unrecht ein und traten ehrerbietig bei Seite. Nur die Wittwe trat vor und ſagte entſchloſſen zu Madame Georges: „Das Mädchen wird ſich von hier nicht entfernen, bis ſie bei dem Maire über die Ermordung meines armen Mannes aus⸗ geſagt hat, was ſie weiß.“ „Meine gute Frau,“ antwortete Madame Georges, die ſich mit Anſtrengung mäßigte, „meine Tochter hat hier nichts auszu⸗ ſagen; ſpäter, wenn es die Juſtiz für gut befindet, ihre Zeugen⸗ ausſage zu vernehmen, wird man ſie berufen, und ich werde ſie be⸗ gleiten. — Bis dahin hat Niemand ein Recht, ſie zu verhö⸗ ren —“ „Aber, Madame, ich ſage Ihnen — Kceh 113 Madame Georges unterbrach die Frau und antwortete ernſt und ſtreng: „Das Ungluck, das Dich betroffen hat, kann kaum Dein Be⸗ nehmen entſchuldigen; Du wirſt es noch ſchwer bereuen, die Leute hier ſo unvorſichtig aufgereizt zu haben; Mademviſelle Marie wohnt bei mir in Vougueval, ſage das dem Richter, der Deine erſte Anzeige gehört hat, und wir werden ſeine Befehle erwarten.“ Auf dieſe verſtändigen Worte konnte die Wittwe nichts ant⸗ worten; ſie ſetzte ſich an dem Waſſerbaſſin nieder und küßte unter bittern Thränen ihre Kinder. Einige Minuten nach dieſem Auftritte erſchien Peter mit dem Wagen, und Madame Georges und Marie ſtiegen ein, um nach Bouqueval zurückzukehren. Als ſie vor der Wohnung der Pächterin von Arnouville vor⸗ beifuhren, bemerkte Marie Clara; ſie weinte, halb verſteckt hinter einer halboffenen Jalvuſie, und winkte der Freundin mit dem Ta⸗ ſchentuche Abſchied zu. —e— Die Geheimniſſe von Paris. 1I. 8 LV. Tröltungen. 0 Sh ch Madame, welche Schande für mich, welcher Kummer für Sſe!l“ ſagte Marie zu ihrer Adoptivmutter, als ſie mit der⸗ ſelben in dem Wohnzimmer in Bouqueval wieder allein war. „Sie haben ſich wahrſcheinlich mit Madame Dubreuil für immer veruneinigt — und meinetwegen! Ach, meine Ahnungen! Gott hat mich dafür beſtraft, daß ich die Dame und ihre Tochter hinterging. Ich bin ein Gegenſtand des Haders zwiſchen Ihnen und Ihrer Freundin.“ „Meine Freundin iſt eine vortreffliche Frau, mein liebes Kind, aber nicht die verſtändigſte. — Uebrigens wird ſie, da ſie ein ſehr gutes Herz beſitzt, morgen gewiß bereuen, was ſie ſich heute hat zu Schulden kommen laſſen —“ „Glauben Sie nicht, daß ich ſie rechtfertigen will, wenn ich Sie beſchuldige, aber, bei Gott! Ihre Güte gegen mich verblen⸗ dete Sie vielleicht. — Denken Sie ſich an die Stelle der Madame Dubreuil. Kann man ihren mütterlichen Unwillen tadeln, da ſie erfuhr, die Freundin ihrer geliebten Tochter ſei eine —?“ 3 115 Madame Georges wußte leider auf dieſe Frage nichts zu ant⸗ worten, und Marie fuhr fort: „Morgen wird die ganze Umgegend den entehrenden Auftritt kennen, welchen ich vor Aller Augen gehabt habe. Nicht meinet⸗ wegen fürchte ich es; aber wer weiß, ob nicht der Ruf Claras für immer befleckt iſt, weil ſie mich ihre Freundin, ihre Schweſter nannte? Ich hätte meinem erſten Gefühle folgen und der Neigung widerſtehen ſollen, die mich zu Mamſell Dubreuil hinzog; es wäre beſſer geweſen, wenn ich ſelbſt auf die Gefahr hin, ihr Abneigung gegen mich einzuflößen, mich der Freundſchaft entzogen hätte, die ſie mir entgegenbrachte. — Aber ich vergaß den weiten Abſtand, der mich von ihr trennte, und ich werde, wie Sie ſehen, dafür ge⸗ ſtraft, — ach! grauſam geſtraft, denn ich habe dem armen ſo tugend⸗ haften und ſo herzensguten Mädchen vielleicht einen unerſetzlichen Schaden zugefügt —“ „Mein Kind,“ antwortete Madame Georges nach einigem Nachdenken, „Du machſt Dir mit Unrecht ſo grauſame Vorwürfe. Deine Vergangenheit iſt eine ſchuldvolle, ja, eine ſehr ſchuldvolle: aber iſt es nichts, durch Deine Reue den Schutz unſeres ehrwürdi⸗ gen Geiſtlichen verdient zu haben? Biſt Du nicht unter ſeinem und meinem Schutze der Madame Dubreuil vorgeſtellt worden? Hat ſie Dich nicht blos Deiner Eigenſchaften wegen liebgewon⸗ nen? Hat ſie Dich nicht ſelbſt aufgefordert, Clara Schweſter zu nennen? Und dann — konnte ich, wie icht hr eben geſagt habe, denn ich wollte und durfte ihr nichts verſchweigen, konnte ich, da ich von Deiner Reue überzeugt war, die Vergangenheit bekannt und dadurch Deine Reinigung ſchwerer, vielleicht unmöglich machen, wenn ich Dir die Hoffnung benahm und Dich der Verachtung der Leute preisgab, die ſo unglucklich, ſo tief geſunken ſind, wie Du 116 warſt, aber nicht wie Du das Gefühl für Ehre und Tugend be⸗ wahrten? Die Entdeckung jener Frau iſt traurig und beklagens⸗ werth; durfte ich ihr aber zuvorkommen, durfte ich Deine künftige Ruhe einer faſt unwahrſcheinlichen Möglichkeit aufopfern?“ „Ach, Madame, wie falſch und traurig meine Stellung iſt, ergiebt ſich auch daraus, daß Sie, aus Liebe zu mir, Recht hatten, die Vergangenheit zu verheimlichen, und daß auch die Mutter Cla⸗ ras Recht hatte, mich eben wegen dieſer Vergangenheit zu ver⸗ achten, — wie mich von nun an Jedermann verachten wird; denn der Auftritt in Arnouville wird weiter bekannt werden. — Ach, ich werde ſterben vor Scham, ich werde Niemandem mehr in das Geſicht ſehen können.“ „Auch mir nicht? Armes Kind!“ ſprach Madame Georges mit Thränen in den Augen, indem ſie Marien ihre Arme öffnete; „dennoch wirſt Du in meinem Herzen nichts als die Zärtlichkeit und die Hingebung einer Mutter finden. Faſſe alſo Muth, Marie. — Du biſt hier von Freunden umgeben; dieſes Haus wird für Dich die Welt ſein. — Wir werden der Enthüllung, die Du ſo fürchteſt, entgegengehen; unſer guter Abbé wird die Leute hier, die Dich ſchon ſo ſehr lieben, zuſammenberufen und ihnen die Wahrheit von der Vergangenheit ſagen. — Glaube mir, mein Kind, ſein Wort iſt ſo gewichtig, daß die Erzählung Dich allen noch intereſſanter machen wird.“ „Ich glaube Ihnen, Madame, und füge mich in mein Schick⸗ ſal; geſtern hatte mir der Herr Abbé in der Unterredung mit mir ſchmerzliche Büßungen angekündigt; ſie beginnen bereits, und ich darf mich nicht wundern. — Er ſagte mir auch, meine Leiden würden einſt gezählt werden, — ich hoffe darauf. Wenn ich in dieſen Prüfungen durch Sie und durch ihn unterſtützt werde, will ich mich nicht beklagen.“ „Du wirſt ihn in einigen Augenblicken ſelbſt ſehen, und ſein Rath wird jetzt mehr als je heilſam für Dich ſein. Es iſt be⸗ reits halb funf Uhr; mache Dich auf, mein Kind, zu ihm zu ge⸗ hen. Ich werde an Herrn Rudolph ſchreiben, um ihm zu melden, was in Arnouville geſchehen iſt. — Ein beſonderer Bote ſoll ihm meinen Brief überbringen; dann werde ich Dich bei dem guten Abbé ſelbſt abholen, denn es iſt nothwendig, daß wir drei mit einander ſprechen.“ Wenige Augenblicke nachher verließ Marie die Meierei, um ſich durch den Pohlweg, wo der Schulmeiſter und der Lahme ſich wieder einfinden wollten, wie ſie den Tag vorher verabredet hat⸗ ten, in die Wohnung des Geiſtlichen zu begeben. LVI. kRetklection. h. hatte, wie man aus ihren Geſprächen mit Madame c und dem Pfarrer von Bouqueval erſehen, den Rath ih⸗ rer Wohlthäter auf ſo edle Weiſe benutzt und ſich deren Grund⸗ ſätze in dem Maße angeeignet, daß ſie bei dem Gedanken an ihre frühere Verworfenheit mehr und mehr verzweifelte. Leider hatte ſich auch ihr Geiſt eben ſo entwickelt, wie ihre trefflichen Gefühle ſich enthüllten und in der Atmoſphäre von Ehre und Reinheit, in welcher ſie lebte, ſich befruchteten. Hätte Marie einen minder hohen Verſtand, eine minder le⸗ bendige Phantaſie beſeſſen, ſo würde ſie ſich leicht getröſtet haben. Sie hatte Reue empfunden, ein ehrwürdiger Geiſtlicher hatte ihr verziehen, und ſie würde die Gräuel der Cité in den Annehm⸗ lichkeiten des Landlebens bei Madame Georges vergeſſen, ſie würde ſich ohne Scheu der Freundſchaft hingegeben haben, welche Mam⸗ ſell Dubreuil ihr erwies, und zwar nicht aus Gleichgiltigkeit ge⸗ gen die Vergehen, die ſie ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, 119 ſondern im blinden Vertrauen auf das Wort der Perſonen, deren Vortrefflichkeit ſie erkennen und würdigen lernte. Sie ſagten zu ihr: „jetzt macht Dich Dein gutes Benehmen den rechtſchaffenen Leuten gleich,“ und ſie würde alſo keinen Unter⸗ ſchied mehr zwiſchen ihr und den rechtſchaffenen Leuten geſehen haben. Der ſchmerzliche Auftritt in Arnouville würde ſie zwar aller⸗ dings tief erſchüttert haben; aber ſie hätte ſicherlich dieſen Auftritt nicht gleichſam vorausgeſehen, indem ſie bei dem Anblicke Claras, die rein und unſchuldig in demſelben Zimmer mit ihr ſchlief, bit— tere Thränen vergoß und unklare Gewiſſenspein fühlte. Armes Mädchen! Hatte ſie ſich nicht oft in der Stille der langen ſchlafloſen Nächte ſelbſt weit heftigere Vorwürfe gemacht, als ſie von den Arbeitsleuten in Arnouville hören mußte! Marie tödtete ſich langſam durch die unaufhörliche Prüfung und Erörte⸗ rung deſſen, was ſie ſich zum Vorwurfe machte, durch den beſtän⸗ digen Vergleich, welchen die nicht abzuändernde Vergangenheit ihr aufzwang, zwiſchen der Zukunft, die vor ihr lag, und zwiſchen der Zukunft, von der ſie ohne jene Vergangenheit geträumt haben würde. Der Geiſt der Prüfung, der Erörterung und Vergleichung fin⸗ det ſich faſt immer bei einem überlegenen Verſtande. Bei den ſtolzen und hochmüthigen Seelen führt dieſer Geiſt den Zweifel und die Auflehnung gegen die Uebrigen herbei, bei den Schüchternen und Sanften Zweifel und Auflehnung gegen ſich ſelbſt. Die erſtern verurtheilt man, und ſie ſelbſt ſprechen ſich frei. Die letztern ſpricht man frei, und ſie verurtheilen ſich ſelbſt. 120 Der Pfarrer von Bouqueval konnte trotz ſeiner Heiligkeit, Madame Georges fonnte trotz ihrer Tugenden, oder vielmehr beide konnten wegen ihrer Tugenden und ihrer Heiligkeit ſich keine Vor⸗ ſtellung von dem machen, was Marie litt, ſeit ihr Geiſt, von den Flecken befreit, die Tiefe des Abgrundes, in welchen man ſie ge⸗ ſtürzt hatte, zu ermeſſen vermochte. Sie wußten nicht, daß die ſchrecklichen Erinnerungen Mariens faſt ſo ſtark und mächtig waren, wie die Wirklichkeit; ſie wußten nicht, daß dieſes Mädchen mit ihrer außerordentlichen Empfäng⸗ lichkeit, mit ihrer träumeriſchen und ppetiſchen Phantaſie keinen Tag verlebte, ohne ſich des ſchmachvollen Elendes ihrer frühern Eriſtenz zu erinnern, dieſelbe mit Schmerzen, Abſcheu und Ent⸗ ſetzen faſt noch zu empfinden. Man denke ſich ein reines Mädchen von ſechszehn Jahren, das ſich ſeiner Reinheit und Unſchuld bewußt iſt, durch irgend eine Höllenmacht in das ſchändliche Wirthshaus zum „weißen Ka⸗ ninchen“ gebracht und völlig den Händen der Wirthin übergeben. — So wirkte bei Marien die Vergangenheit auf die Gegenwart ein. Wird man auf dieſe Weiſe das ruckwirkende Gefühl oder vielmehr die moraliſche Nachwirkung begreifen, welche Marie auf ſo ſchmerzhafte Weiſe empfand, daß ſie öfter, als ſie es dem Abbe zu geſtehen gewagt hatte, bedauerte, in dem Schmutze nicht geſtorben zu ſein? Wenn man ein wenig nachdenkt und das Leben einigermaßen kennt, wird man das Geſagte keineswegs für parador halten. Marie verdiente Theilnahme und Mitleiden, nicht blos weil ſie noch nie geliebt hatte, ſondern weil auch ihre Sinnlichkeit noch nicht aus dem Schlummer erwacht war. Wenn häufig bei Frauen, die vielleicht ſelbſt nicht ein ſo feines Zartgefühl beſitzen 121 wie Marie, lange nach der Verheirathung keuſcher Widerwille ſich einfindet, wird man ſich wundern, daß die Unglückliche, welche, durch die Wirthin berauſcht, in ihrem ſechszehnten Jahre rohen, wilden Männern überlaſſen worden war, nur Abſcheu und Ent⸗ ſetzen gefühlt hatte und moraliſch rein aus dieſer Klvake hervorge⸗ gangen war? Die aufrichtigen vertraulichen Geſtändniſſe der Clara Dubreuil über ihre unſchuldige Liebe zu dem jungen Manne, den ſie heira⸗ then ſollte, hatten Marien in's Herz geſchnitten; auch ſie fühlte, daß ſie innig geliebt, daß ſie alles Hingebende, Edle, Reine und Große der Liebe empfunden haben würde, — aber ſie durfte, ſie konnte ein ſolches Gefühl nicht mehr einflößen, nicht mehr ſelbſt empfinden; — denn wenn ſie liebte, würde ſie nach ihrer Seelen⸗ hoheit wählen, und je würdiger dieſe Wahl war, um ſo mehr mußte ſie ſich derſelben unwürdig halten. LV. Die ßegegnung. S. Sonne ſank am Hrrizont hinab; die Ebne war ſtill und öde. 5 Marie näherte ſich dem Hohlwege, durch welchen ſie hin⸗ durchgehen mußte, um zur Wohnung des Geiſtlichen zu gelangen, als ſie aus dieſem Hohlwege einen kleinen Knaben herauskommen ſah, der eine graue Blouſe und eine blaue Mütze trug; er ſchien geweint zu haben, und ſobald er Marien bemerkte, lief er auf ſie zu. „Ach, meine gute Dame, erbarmen Sie ſich meiner,“ rief er, indem er mit flehentlicher Mienè die Hände faltete. „Was willſt Du? was iſt Dir, mein Kind?“ fragte Marie theilnehmend. „Ach, meine gute Dame, meine arme Großmutter, die alt, ſehr alt iſt, iſt hier unten gefallen und hat ſich Schaden gethan; ich fürchte, ſie hat das Bein gebrochen, und ich bin ſo ſchwach, ich kann ihr nicht aufhelfen. Ach Gott, was ſoll ich anfangen, wenn Sie mir nicht zu Hülfe kommen? Arme Sie ſtirbt vielleicht gar.“ * Durch den Schmerz des kleinen Lahmen gerührt, antwortete Marie: „Ich bin auch nicht ſehr ſtark, mein Kind; vielleicht kann ich aber doch Deiner Großmutter beiſtehen. Wir wollen ſchnell zu ihr gehen; — ich wohne hier unten in der Meierei; wenn die arme alte Frau nicht mit uns dahin gehen kann, werde ich ſie holen laſſen.“ „Ach, meine gute Dame, der liebe Gott wird Sie ſegnen. — Sehen Sie, hier, nur zwei Schritte in dem Hohlwege, iſt ſie ge⸗ fallen, wie ich Ihnen ſagte, als ſie auf dem Wege da herun⸗ ter ging.“ „Du biſt wohl nicht hier aus der Umgegend?“ fragte Marie, indem ſie dem Lahmen folgte, den man ohne Zweifel wohl ſchon erkannt hat. „Nein, meine gute Dame, wir kommen von Ecouen.“ „Und wohin wollt Ihr gehen?“ „Zu einem guten Geiſtlichen, der auf dem Berge dort wohnt,“ ſagte der Sohn Roth⸗Arms, um das Vertrauen Mariens noch zu ſteigern. „Zu dem Abbé Laporte vielleicht?“ „Ja, meine gute Dame, zu dem Herrn Abbé Laporte; meine arme Großmutter kennt ihn ſehr genau.“ „Ich wollte eben auch zu ihm gehen; welches Zuſammen⸗ treffen!“ ſagte Marie, indem ſie immer weiter in den Hohlweg hineinging. „Großmutter! Da bin ich! Faſſe Geduld, ich bringe Hülfe,“ rief der Lahme, um dem Schulmeiſter und der Eule anzuzeigen, daß ſie ſich bereit halten möchten, ſich ihres Opfers zu bemäch⸗ tigen. „Deine Großmutter iſt alſo nicht weit von hier gefallen?“ fragte Marie. „Nein, meine gute Dame, hinter dem dicken Baume dort unten, wo der Weg ſich biegt, zwanzig Schritte von hier.“ Der Lahme blieb mit einemmale ſtehen. Man hörte ein Pferd in der Stille des Abends galoppiren. „Wieder Alles verloren!“ dachte der Lahme bei ſich. Der Weg machte eine ſehr ſcharfe Ecke unweit von der Stelle, wy ſich der Sohn Roth⸗Arms mit Marien befand. An dieſer Biegung erſchien ein Reiter, der anhielt, als er an das Mädchen kam. Man hörte dann die Tritte eines andern Pferdes, und einige Augenblicke nachher kam ein Reitknecht in braunem Rock mit ſil⸗ bernen Knöpfen, in weißen Lederbeinkleidern und Stolpenſtiefeln. Ein ſchmales Leder hielt hinter ihm den Makintoſh ſeines Herrn zuſammen. Der Herr, der einen einfachen dicken Rock und hell⸗ graue Beinkleider trug, ſaß zierlich auf einem braunen, außeror⸗ dentlich ſchönen Vollblutpferde; trotz dem langen Ritte glänzte das Pferd und war nicht einmal ſchweißfeucht geworden. Das Pferd des Reitknechtes, der einige Schritte von ſeinem Herrn hielt, war ebenfalls ein vorzügliches. In dem Reiter mit dem hübſchen gebräunten Geſichte er⸗ kannte der Lahme den Vicomte von Saint Remy, welchen man für den Liebhaber der Herzogin von Lucenay hielt. „Mein ſchönes Kind,“ ſagte der Vicomte zu Marien, dere Schonheit ihm auffiel, „wollten Sie wohl die Gefälligkeit mir den Weg nach Arnouville zu zeigen?“ Marie ſchlug die Augen vor dem brennenden, kecken xlic⸗ des Reiters nieder und antwortete: 125 „Wenn Sie aus dem Hohlwege hinaus ſind, ſchlagen Sie den erſten Fußweg rechts ein; dieſer führt zu einer Kirſchallee, welche Sie gerade nach Arnoupille bringt.“ „Tauſend Dank, mein ſchönes Kind. — Sie geben mir beſ⸗ ſere Auskunft als eine alte Frau, die zwei Schritte von hier un⸗ ter einem Baume lag; ich konnte nichts als Wehklagen aus ihr herausbringen.“ „Meine arme Großmutter!“ murmelte der Lahme mit kläg⸗ licher Stimme. „Jetzt noch ein Wort,“ fuhr der Vicomte von Saint Remy fort; „können Sie mir auch ſagen, ob ich in Arnouville das Pacht⸗ gut der Madame Dubreuil leicht finden werde?“ Marie erbebte unwillkürlich bei dieſen Worten, welche ſie an den peinlichen Auftritt am Vormittage erinnerten, und ſie ant— wortete: „Die Gebäude des Gutes ſtoßen an die Allee, in welcher Sie nach Arnvuville kommen werden.“ „Noch einmal Dank, mein ſchönes Kind,“ ſagte Herr von Saint Remy, der darauf mit ſeinem Reitknechte in Galopp da⸗ von ritt. S Die ſchoͤnen Züge des Vicomtes hatten ſich, während er mit Marien ſprach, etwas aufgeheitert; ſobald er wieder allein war, wurden ſie von Neuem durch eine gewiſſe Unruhe verdüſtert. Marie gedachte an die unbekannte Perſon, für welche man eilig den Pavillon in Arnonville auf Befehl der Herzogin von Lucenay einrichtete, und zweifelte nicht, daß der junge ſchöne Herr die fragliche Perſon ſei. Die hart gefrorene Erde erzitterte noch eine Zeit lang unter 126 vem Galopp der Pferde, deren Hufſchlag allmälig ſchwächer und ſchwächer wurde. Alles war endlich wieder ſtill. Der Lahme athmete wieder auf. um ſeine Mitſchuldigen zu beruhigen und aufmerkſam zu ma⸗ chen, von denen der Schulmeiſter von den Reitern nicht geſehen worden war, rief der Sohn Roth⸗Arms: „Großmutter! Ich komme — mit einer gütigen Dame, die Dir helfen will —“ „Schnell, ſchnell, mein Sohn; der Reiter hat uns um einige Augenblicke gebracht,“ ſagte Marie, indem ſie ſchneller ging, um die Biegung des Hohlweges zu erreichen. Kaum war ſie da angekommen, als die Eule, die dort auf der Lauer lag, leiſe ſagte: „Komm her, Männchen!“ Daun ſprang die Einängige auf, packte Marien mit der einen Hand am Halſe und vrückte ihr mit der andern die Lippen zu⸗ ſammen, während der Lahme ſich an die Füße der Unglücklichen feſtklammerte, um ſie zu hindern, einen Schritt thun zu können. Dies war ſo ſchnell geſchehen, daß die Eule keine Zeit gehabt hatte, das Geſicht des Mädchens zu betrachten; in der Zeit aber, welche verging, bevor der Schulmeiſter aus ſeinem Verſteck hervor⸗ brach und mit ſeinem Mantel herbeitappte, erkannte die Alte ihr ehemaliges Opfer. „Der Balg!“ rief ſie, anfangs verwundert, aus; dann ſetzte ſie mit wilder Frende hinzu: „Du biſt es; der Bäcker ſchickt Dich mir; es iſt Dein Schickſal, mir immer in die Hände zu gerathen. Ich habe mein Vitriolöl im Fiacre; diesmal werde ich Dir Dein F. Lärvchen waſchen. — Komm, Mann, ſieh Dich vor, daß ſie Dich nicht beißt, und halte ſie feſt, während wir ſie einpacken.“ Der Schulmeiſter erfaßte Marien mit ſeinen beiden gewalti⸗ gen Fäuſten, und ehe ſie ſchreien konnte, warf ihr die Eule den Mantel über den Kopf und wickelte ſie feſt in denſelben ein. Marie konnte ſich weder bewegen, noch um Hülfe rufen. „Jetzt nimm das Packet, Mann,“ ſagte die Eule. „Es iſt nicht ſo ſchwer wie das der Frau von dem Canal St. Martin, nicht wahr?“ Da der Räuber ſchauderte bei dieſen Woren, welche ihn an ſeinen entſetzlichen Traum in der letzten Nacht erinnerten, fuhr die Einäugige fort: „was haſt Du denn, Mann? Du zitterſt wohl gar? Seit heute früh ſchon klappern Dir manchmal die Zähne, als wenn Du das Fieber hätteſt, und Du drehſt den Kopf herum, als ſuchteſt Du etwas. Komm raſch, Mann. So! So!“ ſetzte ſie hinzu, als ſie ſah, daß der Schulmeiſter Marien wie ein ſchlafendes Kind auf die Arme nahm. „Raſch nach dem Fiacre!“ „Aber wer wird mich führen?“ fragte der Schulmeiſter mit dumpfer Stimme, indem er ſeine leichte, weiche Laſt in ſeinen Her⸗ cules-Armen drückte. „Er denkt doch an Alles!“ fiel die Eule ein. Damit ſchlug ſie ihren Shawl zurück, knüpfte dann ein rothes Tuch ab, das ih⸗ ren dürren Hals bedeckte, drehte daſſelbe der Länge nach zuſammen und ſagte zu dem Schulmeiſter: „Mach' das Maul auf, nimm den Zipfel da zwiſchen die Zähne und beiß feſt zu. Der Lahme wird das andere Ende in die Hand nehmen, und Du brauchſt nur nachzugehen.“ Der kleine Lahme hüpfte herbei, nahm den andern Zipfel des Tuches in die Hand und führte ſo den Schulmeiſter, während die Eule ſchnell vorausging, um Barbillon Anzeige zu machen. 128 Wir haben nicht verſucht, das Entſetzen Mariens zu ſchildern, als ſie ſich in der Gewalt der Eule und des Schulmeiſters ſah. Sie war einer Ohnmacht nahe und fonnte keinen Widerſtand leiſten. war Marie in den Fiaere Barbillons Einige Minuten nachher gebracht; ob es gleich Nacht war, wurde doch der Wagen ſorgfäl⸗ tig zugemacht, und die drei Verbrecher fuhren mit ihrem dem Tode nahen Opfer nach der Gbene von St. Denis, wo Tom ſie er⸗ wartete. LVII. Cemenre von Harville. er Leſer wird uns entſchuldigen, wenn wir eine unſerer Heldinnen in einer ſo kritiſchen Lage verlaſſen, deren Entwickelung wir ſpäter melden. Die Erforderniſſe dieſer vieltheiligen und in ihrer Einheit ſo mannigfaltigen Erzählung nöthigen uns, unaufhörlich von einer Perſon uns zu der andern zu wenden, um, ſo viel an uns iſt, das allgemeine Intereſſe des Werkes (wenn dieſes eben ſo ſchwie⸗ rige wie unvollkommene Werk Intereſſe beſitzt) fortſchreiten zu laſſen. Wir haben noch einigen Perſonen dieſer Erzählung in jene Dachſtübchen zu folgen, wo verſchämte, ſchüchterne, rechtſchaffene und arbeitſame Arme frieren und hungern; — in die Gefängniſſe von Männern und Frauen, in die Gefängniſſe, die vft zierlich und mit Blumen geſchmuckt, oft düſter und ſchauerlich, immer aber großartige Schulen der Entartung ſind, eine verdorbene Atmo⸗ ſphäre, in welcher die Unſchuld verkümmert und ſtirbt, finſtere Pan⸗ dämoniums, in welche ein Angeklagter rein eintreten kann, die er aber faſt immer verdorben verlaſſen wird —; Die Geheimniſſe von Paris. IM. 9 130 in die Hospitäler, in denen der Arme bisweilen mit rühren⸗ der Theilnahme und Freundlichkeit behandelt wird, bisweilen ſich aber auch auf ſein einſames hartes Lager zurückſehnt, das er mit dem kalten Fieberſchweiße benetzte; — in jene geheimnißvollen Zu⸗ fluchtſtätten, in denen das verführte und verlaſſene Mädchen un⸗ ter bittern Thränen das Kind, das ſie nicht wiederſehen ſoll, zur Welt bringt; — an jene ſchrecklichen Orte, wo die Geiſteskrank⸗ heit, die rührende, groteske, dumme, häßliche oder tobende, ſich unter ſtets gräßlichen Geſtalten zeigt, von dem friedlichen Irren an, der traurig mit dem Lächeln lacht, über das man weinen möchte, bis zu dem Tobenden, der wie ein wildes Thier brüllt und ſich an dem Gitter ſeines Käfigs anklammert. — Wir haben noch zu erforſchen — Doch wozu dieſe lange Aufzählung? Müſſen wir nicht fürch⸗ ten den Leſer zu erſchrecken? Er hat uns bereits an ziemlich ſelt⸗ ſame und grauenhafte Oerter begleitet, er würde ſich vielleicht ſcheuen, uns auf neuen Wanderungen zu folgen. — 2 Man erinnert ſich, daß am Tage vor dem, an welchem die eben erzählten Ereigniſſe (der Raub Mariens durch die Eule) ge⸗ ſchehen, Rudolph die Frau von Harville aus einer drohenden Ge⸗ fahr befreit hatte, in die ſie durch die Eiferſucht Sarahs geſtürzt worden war, welche Herrn von Harville das von der Marquiſe dem Herrn Karl Robert ſo unvorſichtig bewilligte Rendezvvus ver⸗ rathen hatte. Rudolph war, durch den Auftritt tief ergriffen, von dem Hauſe in der Rue du Temple in ſeine Wohnung zurückgekehrt und hatte den Beſuch, welchen et der Lachtaube und der Familie der armen Leute zu machen gedachte, auf den nächſten Tag ver⸗ 131 ſchoben, weil er für den Augenblick die Noth durch das Geld he⸗ ſeitigt glaubte, das er der Marquiſe gegeben hatte, um deren angeblichen mildthätigen Beſuch in den Augen des Herrn von Harville wahrſcheinlicher zu machen. Leider vergaß Rudolph, daß der kleine Lahme ſich dieſer Börſe bemächtigt hatte, — auf welche Weiſe, iſt dem Leſer bekannt. Gegen vier Uhr erhielt der Fürſt folgendes Schreiben, das von einer bejahrten Frau übergeben worden war, welche ſich ent⸗ fernt hatte, ohne auf Antwort zu warten: „Ich verdanke Ihnen mehr als das Leben und möchte heute „noch meinen Dank gegen Sie ausſprechen. — Morgen macht „mich vielleicht die Scham ſtumm. — Wenn Sie mir die Ehre er⸗ „eigen können, dieſen Abend zu mir zu kommen, ſo würden Sie „dieſen Tag beſchließen, wie Sie ihn begonnen haben, — durch eine „edle Handlung. „Clemence von Harville. „NS. Beläſtigen Sie ſich nicht mit einer Antwort; ich werde „den ganzen Abend zu Hauſe ſein.“ Obwohl Nudolph ſich freute, der Marquiſe von Harville ei⸗ nen ſo großen Dienſt geleiſtet zu haben, ſo bedauerte er doch, daß dieſer Umſtand eine gewiſſe nothwendige Vertraulichkeit zwiſchen ihm und der Marquiſe herbeiführte. Da er nicht fähig war, die Freundſchaft Harvilles zu ver⸗ rathen, die geiſtreiche Anmuth und die reizende Schönheit der Mar⸗ quiſe aber auch einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, ſo hatte er es ſeit einiger Zeit faſt vermieden ſie zu ſehen. Auch erinnerte er ſich der Unterredung zwiſchen Tom und Sarah, die er in dem Palnſte der Geſandtſchaft von *24 belauſcht hatte. Sarah hatte, um ihren Haß und ihre Eiferſucht zu recht⸗ 9* fertigen, nicht ohne Grund behauptet, die Frau von Harville hege noch immer, wenn auch vielleicht unbewußt, eine ernſte Zuneigung zu Rudolph. Sarah war zu ſcharfſinnig, zu klug und kannte das menſchliche Herz zu genau, um nicht errathen zu können, daß Cle⸗ mence, die ſich von dem Manne, der einen ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht, für vernachläſſigt, vielleicht für verſchmäht hielt, nur aus Verdruß dem Andringen ihrer treuloſen Freundin nachgegeben und ſich für das eingebildete Unglück des Herrn Robert intereſſirt, keineswegs aber Rudolph ganz vergeſſen habe. Andere Frauen würden der Erinnerung an den Mann, wel⸗ chen ſie zuerſt ausgezeichnet, treu und bei den melancholiſchen Blik⸗ ken des „Commandanten“ gleichgiltig geblieben ſein. Clemence von Harville war alſo doppelt ſchuldig, ob ſie gleich nur der Ver⸗ führung des Unglücks nachgegeben hatte und durch ein lebendiges FPflichtgefühl, vielleicht auch durch die Erinnerung an den Fürſten, die noch immer in ihrem Herzen ſchlummerte, vor einem unver⸗ beſſerlichen Fehltritte bewahrt worden war. Rudolph wurde, wenn er an ſeine Zuſammenkunft mit der Frau von Harville dachte, durch ſeltſam einander widerſtreitende Gefühle gepeinigt, obwohl er ſich feſt vorgenommen hatte, die Neigung zu bekämpfen, die ihn zu ihr hinzog. Clemence von Harville ſah dieſer Zuſammenkunft mit ängſt⸗ licher Spannung entgegen; die beiden Gefühle, die in ihr vor⸗ herrſchten, waren eine ſchmerzliche Verlegenheit, wenn ſie an Ru⸗ dolph dachte, tiefer Abſcheu dagegen, wenn ihre Gedanken ſich dem Herrn Karl Robert zuwendeten. Dieſen Abſcheu, dieſen Haß rechtfertigten viele Gründe. 133 Eine Frau wird für einen Mann ihre Ruhe und ihre Ehre wagen, aber nie wird ſie ihm verzeihen, daß er ſie in eine ſie ent⸗ würdigende oder lächerliche Lage brachte. Die Frau von Harville aber war vor Scham faſt geſtorben, als ſie die höhnenden Worte und die frechen, beleidigenden Blicke der Frau Pipelet ertragen mußte. Das war noch nicht alles. Clemence war, nachdem Rudolph ſie auf die Gefahr aufmerk⸗ ſam gemacht, eilig in die fünfte Etage hinaufgegangen. Die Treppe wandte ſich ſo, daß ſie bei dem Hinaufgehen den Herrn Karl Robert in dem prächtigen Schlafrock in dem Augenblicke ſehen konnte, als er den leichten Tritt der Dame hörte, welche er erwartete, und mit einer lächelnden, ſiegesbewußten Miene ſeine Thüre halb öffnete. Die inſolente Eitelkeit des bedeutungs⸗ vollen Anzugs des Commandanten deutete der Marquiſe an, wie ſehr ſie ſich in dieſem Manne getäuſcht hatte. Ihre Herzensgüte, ihr edler Charakter hatten ſie zu einem Schritte verleitet, der ſie in das Verderben ſtürzen konnte; ſie hatte ihm das Rendezvous nicht aus Liebe, ſondern nur aus Mitleid bewilligt, um ihn über die ſchlechte Rolle zu tröſten, in die ihn in ihrer Gegenwart bei dem Balle im Geſandtſchaftshotel der Herzog von Lucenay gebracht. Man denke ſich den Unwillen, die Enttäuſchung der Frau von Harville bei dem Anblicke des Herrn Karl Robert — in der Kleidung als Triumphator! — Die Pendule in dem Zimmer, in welchem ſich die Frau von Harville gewöhnlich aufhielt, verkündigte die neunte Stunde. Die Modehändlerinnen und die Kaffeehauswirthe haben mit dem Style Ludwigs XV und dem Renaiſſance-Styl einen ſolchen 134 Mißbrauch getrieben, daß die Marquiſe, als Frau von gutem Ge⸗ ſchmacke, aus ihrer Wohnung jede Art des ſo gemein gewordenen Lurus verbannt und in den Theil ihres Hauſes verwieſen hatte, welchen ſie den großen Geſellſchaften öffnete. Das Ameublement des Zimmers, in welchem die Marguiſe Rudolph erwartete, war im höchſten Grade elegant und ausge⸗ zeichnet. Die Tapeten und die Vorhänge waren von ſtrohgelbem indi⸗ ſchem Stoffe, und auf dieſem glänzenden Grunde zeigten ſich die reizendſten Arabesken, die in matter Seide von derſelben Farbe eingeſtickt waren. Doppelte Vorhänge von Alengoner Spitzen verhüllten die Fenſter ganz und gar. Die Thüren von Roſenholz waren mit zierlich eiſelirten, ver⸗ goldeten Silberverzierungen beſetzt, welche in jedem Felde ein vva⸗ les Medaillon von Sovres⸗Porzellan einfaßten, das etwa einen Fuß im Durchmeſſer hatte und prächtig gemalte Vögel und Blu⸗ men zeigte. Die Spiegelrahmen und die Stäbchen an den Tape⸗ ten waren ebenfalls von Roſenholz und mit denſelben Verzierun⸗ gen von vergoldetem Silber geſchmückt. Der Fries des Kamins von weißem Marmor und ſeine bei⸗ den Carhatiden von antiker Schönheit und ſeltener Anmuth rühr⸗ ten von dem ausgezeichneten Meißel Marochettis her, jenes vor⸗ zuglichen Künſtlers, der dieſes kleine allerliebſte Meiſterwerk zu lie⸗ fern eingewilligt hatte, wahrſcheinlich weil er ſich erinnerte, daß es auch Benvenuto nicht verſchmäht hatte, Becken und Waffen zu ciſeliren. Zwei Candelaber und zwei Flambeaur von vergoldetem Sil⸗ ber von der Hand Gvuttieres ſtanden zu beiden Seiten der Pen⸗ dule, eines viereckigen Blocks von Lapis Lazuli, auf einem Sockel —0 — 135 von vrientaliſchem Jaspis mit einem großen prächtigen Becher von emaillirtem Golde mit Perlen und Rubinen, welcher aus der ſchönſten Zeit der florentiniſchen Renaiſſance ſtammte. Mehrere vortreffliche Gemälde aus der venetianiſchen Schule und von mittler Größe vervollſtändigten das prachtvolle Ganze. Dieſes ſchöne Zimmer wurde mild durch eine Lampe erleuch⸗ tet, deren Glocke von mattem Glaſe halb inmitten eines Bouquets von natürlichen Blumen verſchwand, das in einem tiefen, großen Becher von japaniſchem Porzellan in Blau, Roth und Gold ruhte. Dieſe Lampe hing wie ein Kronleuchter mittelſt dreier dicken Ket⸗ ten von vergoldetem Silber, um die ſich die grünen Stengel meh⸗ rerer Kletterpflanzen ſchlangen, an der Decke; einige der biegſamen und mit Blüthen bedeckten Zweige reichten über die Glocke hin⸗ weg und fielen anmuthig, wie friſche grüne Franſen, auf den mit Gold, Roth und Blau emaillirten Porzellanbecher. Wir verweilen bei dieſen Details, um eine Vorſtellung von dem natürlichen guten Geſchmacke der Frau von Harville zu ge⸗ ben (dem faſt immer ſichern Symptome eines nicht gewöhnlichen Geiſtes) und weil eine gewiſſe unbekannte Noth, gewiſſes geheim⸗ nißvolles Unglück noch weit ſchmerzensreicher erſcheinen, wenn ſie mit dem Scheine von dem zuſammentreffen, was in den Augen Aller das Leben glücklich und beneidenswerth macht. Clemence von Harville ſaß auf einem großen, gleich den übri⸗ gen Meubles mit ſtrohgelbem Stoffe überzogenen Seſſel und trng ein nicht ausgeſchnittenes Kleid von ſchwarzem Sammet, das die bewundernswürdige Arbeit ihres breiten Kragens und ihrer glatt⸗ anliegenden Manſchetten von engliſchen Spitzen hervorhob, welche einen vermittelnden Uebergang von dem ſchwarzen Sammet zu der blendenden Weiße ihrer Hände und ihres Halſes bildeten. 136 Je näher die Zeit ihrer Beſprechung mit Rudolph kam, um ſo höher ſtieg die Unruhe der Margquiſe; ihre Verlegenheit wich jedoch vor entſchloſſenen Gedanken. Nach langem Nachdenken ent⸗ ſchloß ſie ſich, Rudolph ein großes — ein grauſames Geheimniß mitzutheilen, indem ſie hoffte, ihre große Offenheit wurde ihr viel⸗ leicht eine Achtung gewinnen, die ſie ſo ernſtlich erſtrebte. Ihre erſte Zuneigung zu Rudolph erwachte mit neuer Kraft, da die Dankbarkeit dieſelbe ſtützte. Eine Ahnung, wie ſie die liebenden Herzen ſelten täuſcht, ſagte ihr, nicht blos der Zufall habe den Fürſten ſo gelegen hinzugeführt, daß er ſie hatte retten können; er habe vielmehr, wenn er ſie mehrere Monate nicht ge⸗ ſehen, einem ganz andern Gefühle als der Abneigung nachgege⸗ ben. Ein gewiſſer Inſtinct erregte auch in der Seele der Mar⸗ quiſe Zweifel an der Aufrichtigkeit der Liebe Sarahs. Nach einigen Minuten trat ein Diener, nachdem er an der Thüre deutlich angeklopft hatte, herein und ſagte zu Clemence: „Will die Frau Marquiſe Madame Aſthon und Mademoiſelle empfangen?“ „Gewiß, wie immer. . .,“ antwortete die Frau von Harville, und ihre Tochter trat langſam in das Zimmer. Sie war ein allerliebſtes Kind von vier Jahren, das ohne die krankhafte Bläſſe und die außerordentliche Magerkeit reizend geweſen ſein würde. Madame Aſthon, die Gonvernannte, führte das Kind an der Hand! Clara (ſo hieß das Kind) eilte trotz ihrer Schwäche ſchnell zu ihrer Mutter, gegen die ſie die Aerm⸗ chen ausbreitete. Zwei kirſchrothe Bandſchleifen hielten an jedem Schlafe ihr braunes, geflochtenes und an jeder Seite der Stirn zuſammengerolltes Haar feſt. Ihr Geſundheitszuſtand war ſo ſchwankend, daß ſie einen wattirten braunſeidenen Oberrock ſtatt —— 137 eines der hübſchen weißen Mouſſelinkleider trug, die mit Bän⸗ dern gleich denen im Haar beſetzt und tief ausgeſchnitten ſind, da⸗ mit man die röthlichen Arme und die friſchen glatten Schultern ſe⸗ hen kann, welche bei geſunden Kindern ſo ſchön ſind. Die großen ſchwarzen Augen dieſes Kindes ſahen zu groß aus, weil die Wangen eingefallen waren. Trotz dieſer anſcheinen⸗ den Schwächlichkeit lag in dem Geſichte Claras ein liebliches Lä⸗ cheln, als ſie auf die Kniee ihrer Mutter gehoben wurde, die ſie mit trauriger, aber inniger Zärtlichkeit küßte. „Wie hat ſie ſich in der letzten Zeit befunden, Madame Aſt⸗ hon?“ fragte die Frau von Harville die Gouvernante. „Ziemlich wohl, Frau Marquiſe, ob ich gleich einen Augen⸗ blick fürchtete —“ „Noch immer?“ entgegnete Clemence, indem ſie ihre Tochter in unwillkürlicher Angſt an ihr Herz drückte. „Zum Glücke hatte ich mich getäuſcht,“ fuhr die Gyuvernante fort; „der Anfall kam nicht, und Clärchen wurde wieder ruhig; ſie fühlte nur eine kurze Zeit lang eine Schwäche. — Sie hat dieſen Nachmittag ein wenig geſchlafen, wollte aber nicht zu Bett gehen, ohne der Frau Marquiſe eine gute Nacht zu wünſchen.“ „Armer lieber Engel!“ ſagte die Frau von Harville, indem ſie ihre Tochter küßte. „Dieſe erwiederte die Liebkoſungen mit kindlicher Freude, als der Kammerdiener die beiden Flügelthüren öffnete und mel⸗ dete: „Se. k. Hoheit der Herr Großherzog von Gerolſtein.“ Clara, die auf den Knieen ihrer Mutter ſaß, hatte die beiden Aermchen um deren Hals geſchlungen und hielt ſich an ihr feſt. Bei dem Anblicke Rudolphs erröthete Clemence, hob ihre Tochter 138 ſanft auf den Teppich herunter, winkte der Madame Aſthon, das Kind fortzubringen, und ſtand auf. „Sie werden mir erlauben,“ ſagte Rudolph lächelnd, nach⸗ dem er ſich vor der Marquiſe verbeugt hatte, „die Bekanntſchaft meiner kleinen Freundin da zu erneuern, die mich, wie ich fürchte, vergeſſen hat.“ Dabei bückte er ſich ein wenig und reichte Clara die Hand. Dieſe ſah ihn anfangs neugierig mit ihren beiden großen ſchwarzen Augen an; dann erkannte ſie ihn, nickte freundlich und warf ihm einen Handkuß zu. „Du kennſt den Herrn, mein Kind?“ fragte Clemence ihre Tochter. Dieſe nickte bejahend und warf Rudolph nochmals einen Kuß zu. „Ihr Geſundheitszuſtand ſcheint ſich, ſeit ich ſie nicht geſehen, gebeſſert zu haben,“ ſagte der Fürſt mit Theilnahme zu der Mar⸗ quiſe. „Es geht allerdings etwas beſſer mit ihr,“ antwortete ſie, „ob ſie gleich noch immer etwas leidend iſt.“ Da die Marquiſe wie Rudolph nicht vhne Verlegenheit an die Beſprechung dachten, die ſie mit einander haben ſollten, ſo ſa⸗ hen ſie dieſelbe nicht ungern auf einige Minuten durch die Anwe⸗ ſenheit Claras verſchoben. Vald indeß führte die Gonvernante, um nicht neugierig zu erſcheinen, das Kind hinweg, und Rudolph und Clemence waren allein. LIX. Die Geſtändnille. er Seſſel der Frau von Harville ſtand rechts von dem Ka⸗ minc auf den ſich Rudolph, welcher ſtehen blieb, leicht aufſtützte. Die edeln und anmuthsvollen Züge des Fürſten hatten auf Clemence nie einen tiefern Eindruck gemacht; ſeine Stimme war ihr nie ſo ſanft, ſo wohlklingend vorgekommen. Rudolph, der wohl fühlte, wie peinlich es für die Marquiſe ſein müſſe, dieſe Unterredung zu beginnen, brach deshalb das Schwei⸗ gen zuerſt und ſagte: „Sie ſind das Opfer eines unwürdigen Verrathes geweſen; eine abſcheuliche Anklage durch die Gräfin Sarah Mac Gregor hätte Sie beinahe in das Unglück geſtürzt.“ „Es iſt alſo wahr?“ rief Clemence aus. „Meine Ahnung täuſchte mich alſo nicht? und wie erhielten Ew. königl. Hoheit Kenntniß davon?“ „Ich entdeckte geſtern bei dem Balle der Gräfin ** zufällig das Geheimniß dieſer Niederträchtigkeit. Ich ſaß in einem Verſteck in dem Wi tergarten, und die Gräfin Sarah, die nicht wußte, daß 140 nur ein Gebüſch mich von ihr trenne und mir erlaube Alles zu hören, ſprach da mit ihrem Bruder über ihre Pläne und die Schlinge, die Ihnen gelegt werden ſollte. Um Sie vor der Gefahr zu war⸗ nen, von welcher Sie bedroht waren, eilte ich auf den Ball der Frau von Nerval, weil ich Sie dort zu finden glaubte; Sie wa⸗ ren aber dort nicht erſchienen. Wenn ich Ihnen dieſen Morgen geſchrieben, hätte mein Brief zufälliger Weiſe dem Herrn Marquis in die Hände fallen können, deſſen Verdacht bereits erregt ſein mußte. Ich zog es deshalb vor, Sie in der Rue du Temple zu erwarten, um den Verrath der Gräfin Sarah zu vereiteln. Sie verzeihen mir, nicht wahr? daß ich ſo lange von einem Gegenſtande ſpreche, der Ihnen unangenehm ſein muß. Wenn Sie mir nicht ſelbſt ge⸗ ſchrieben hätten, würde ich nie ein Wort davon erwähnt haben. —“ Nach einer kurzen Pauſe antwortete die Frau von Harville: „Ich kann Ihnen nur auf Eine Art meine Dankbarkeit be⸗ weiſen, — indem ich Ihnen ein Geſtändniß ablege, das ich Nie⸗ mandem gethan habe. — Dieſes Geſtändniß wird mich in Ihren Augen nicht rechtfertigen, aber Sie werden doch mein Verhalten weniger ſchuldvoll finden —“ „Offen geſagt, Madame,“ ſprach Rudolph lächelnd, „ich be⸗ finde mich Ihnen gegenüber in einer Lage voll Verlegenheit.“ Clemence erſtaunte über dieſen faſt leichtfertigen Ton und ſah Rudolph verwundert an. „Wie ſo?“ „In Folge eines Umſtandes, den Sie ohne Zweifel errathen werden, bin ich genöthigt, mich faſt als den Urheber eines Aben⸗ teuers anzuſehen, das nicht verdient ſo ernſt genommen zu werden, da Sie der abſcheulichen Schlinge entgangen ſind, welche die Grä⸗ fin Sarah Ihnen legte. — Aber,“ ſetzte Rudolph mit einem ge⸗ „ 141 wiſſen milden und liebevollen Ernſte hinzu: „Ihr Gemahl iſt mir faſt ein Bruder; mein Vater hegte gegen ſeinen Vater die liebe⸗ vollſte Dankbarkeit. Ich wünſche Ihnen deshalb in vollem Ernſte Glück dazu, daß Sie Ihrem Gemahle die Ruhe und das Gefühl der Sicherheit wiedergegeben haben.“ „Eben weil Sie den Herrn von Harville mit Ihrer Freund⸗ ſchaft beehren, will ich Ihnen die ganze Wahrheit mittheilen, ſo⸗ wohl über eine Wahl, die Sie für ſo unglücklich halten müſſen wie ſie es wirklich iſt, als über mein Benehmen, das denjenigen verletzt, den Ew. königl. Hoheit faſt Ihren Bruder nennen. —“ „Ich werde immer ſtolz ſelbſt auf den geringſten Beweis Ih⸗ res Vertrauens ſein; indeſſen erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich in Bezug auf die Wahl, von der Sie ſprechen, weiß, daß Sie eben ſo ſehr einem Gefühle aufrichtigen Mitleids als dem Andrin⸗ gen der Gräfin Sarah Mac Gregor nachgegeben haben, die ihre Gründe hatte, Sie in das Verderben zu ſtürzen. Ich weiß auch, daß Sie lange zögerten, bevor Sie ſich zu einem Schritt entſchloſ⸗ ſen, den Sie jetzt ſo ſehr bereuen.“ Clemence ſah den Fürſten erſtaunt an. „Sie wundern ſich darüber? Ich werde Ihnen ſpäter das Räthſel löſen, um nicht in Ihren Augen für einen Zauberer zu gelten,“ antwortete Nudolph lächend. „Iſt aber Ihr Gemahl voll⸗ kommen beruhigt?“ „Ja, königl. Hoheit,“ antwortete Clemence, indem ſie verle⸗ gen die Augen niederſchlug; „aber, ich geſtehe es Ihnen, es iſt mir peinlich, ihn um Verzeihung dafür, daß er Verdacht gegen mich hegte, bitten und begeiſtert mein beſcheidenes Schweigen von mei⸗ nen guten Werken rühmen zu hören.“ „Er fuhlt ſich glücklich in ſeiner Illuſion; tadeln Sie ihn alten Sie ihn vielmehr in ſeinem tröſtenden Irr⸗ darum nicht, erh thume. — Wenn es mir nicht verboten wäre, leichtfertig üͤber die⸗ ſes Abenteuer zu ſprechen, und wenn es ſich nicht um Sie handelte, Frau Marquiſe, ſo würde ich ſagen, daß eine Frau ihrem Manne nie reizender vorkommt, als wenn ſie ihm etwas Unrechtes zu verheimlichen hat. Man kann ſich keine Vorſtellung von allen den verführeriſchen Schmeicheleien machen, zu denen ein böſes Gewiſſen die herrlichen Blüthen nicht denken, welche — Als ich noch jung war,“ lte ich immer unwillkürlich ein drängt; man kann ſich aus einer Treuloſigkeit aufſprießen. ſetzte Rudolph lächelnd hinzu, „füh gewiſſes Mißtrauen bei gewiſſer geſteigerter Zärtlichkeit, und da ich mich meinerſeits niemals mehr angeregt fühlte, als wenn ich Verzeihung für irgend etwas zu erlangen wünſchte, ſo war ich, wenn man ſich gegen mich ſo perſid liebenswürdig zeigte, als ich zu erſcheinen mich bemühte, jedesmal überzeugt, daß — irgend eine Untreue im Spiele ſei.“ Die Frau von Harville wunderte ſich mehr und mehr, Ru⸗ dolph ſo ſpottend über ein Abentener ſprechen zu hören, das ſo hätte haben können; da ſie indeſſen bald errieth, ſchreckliche Folgen daß der Fürſt durch dieſen Anſchein von Leichtfertigkeit die Wich⸗ tigkeit des Dienſtes zu verringern ſich bemühte, den er ihr gelei⸗ ſtet hatte, ſo ſagte ſie, durch dieſe zarte Rückſichtnahme tief ge⸗ rührt: „Ich begreife Ihren Edelmuth und erlaube Ihnen nun, über die Gefahr, der Sie mich entriſſen haben, zu ſcherzen, ja ſie ganz zu vergeſſen. — Das aber, was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt ſo ernſt, ſo traurig, ſteht mit de enger Verbindung, Ihr guter Rath ich Sie beſchwöre daran zu denken, kann mir ſo nützlich ſein, daß daß Sie mir die Ehre und n Ereigniſſen von heute frih in ſo 143 das Leben, ja, königl. Hoheit, das Leben gerettet haben. — Mein Mann war bewaffnet; er hat es mir in ſeiner übergroßen Reue geſtanden; er wollte mich ermorden.“ „Großer Gott!“ rief Rudolph in tiefer Bewegung aus „Er hatte das Recht dazu,“ antwortete die Frau von Har⸗ ville bitter. „Ich beſchwöre Sie,“ ſprach Rudolph, diesmal ſehr ernſthaft, „glauben Sie mir, ich vermag bei dem, was Sie betrifft, nicht gleichgiltig zu bleiben. Wenn ich eben jetzt ſcherzte, ſo geſchah es, um Ihre Gedanken nicht mit neuer Trauer auf dieſen Mor⸗ gen hin zu richten, der ſie ſo ſchrecklich erſchüttert haben muß. Jetzt höre ich Sie aufmerkſam an, da Sie mir ſagen, mein Rath könnte Ihnen in irgend einer Sache nützen.“ „Ja, er kann mir ſehr nützen. Aber ehe ich Sie darum er⸗ ſuche, erlauben Sie mir, einige Worte über die Vergangenheit zu ſagen, die Ihnen noch unbekaunt iſt, über die Jahre vor meiner Verheirathung mit dem Herrn von Harville.“ Rudolph verbeugte ſich, und Clemence fuhr fort: „Als ich ſechszehn Jahre alt war, verlor ich meine Mutter,“ ſagte ſie, ohne eine Thräne dabei unterdrücken zu können; „wie ſehr ich ſie liebte, will ich nicht ſagen. Denken Sie ſich das Ideal der Herzensgüte auf Erden. Ihre zärtliche Liebe zu mir war gren⸗ zenlos; ſte fand in derſelben einen ſüßen Troſt für bittern Kum⸗ mer. Da ſie die Geſelligkeit nicht ſehr liebte, kränklich war und viel ſaß, ſo fand ſie das größte Vergnügen darin, meine Erziehung ganz allein zu übernehmen, und ihre tiefen und mannigfaltigen Kenntniſſe erlaubten ihr auch mehr als ſonſt Jemandem, die Pflicht, welche ſie übernommen hatte, zu erfullen. 144 „Denken Sie ſich nun ihr und mein Erſtaunen, als in mei⸗ nem ſechszehnten Jahre, zur Zeit, als meine Erziehung faſt been⸗ digt war, mein Vater den bedauerlichen Geſundheitszuſtand meiner Mutter vorſchützte und uns ankündigte, eine junge Wittwe, eine ausgezeichnete Frau, welche durch großes Unglück noch intereſſan⸗ ter geworden, würde vollenden, was meine Mutter begonnen. — Meine Mutter widerſtrebte anfangs dieſem Wunſche meines Va⸗ ters. Ich ſelbſt bat ihn, keine Fremde zwiſchen ſie und mich zu ſtellen; aber er blieb unerbittlich trotz unſern Thränen. Madame Roland, die Wittwe eines Oberſten, der in Indien geſtorben war, wie ſie ſagte, zog in unſer Haus als meine Erzieherin.“ „Wie! Jene Madame Roland, die Ihr Herr Vater faſt ſo⸗ gleich nach Ihrer Verheirathung heirathete?“ „Dieſelbe.“ „Sie war wohl ſehr ſchön?“ „Nur mäßig hübſch.“ „Alſo ſehr geiſtreich?“ „Heuchleriſch, ſchlau, weiter nichts. Sie ſtand ungefähr im fünfundzwanzigſten Jahre, hatte ſehr blaßblondes Haar, faſt weiße Augenbraunen und große hellblaue Augen. Ihr Geſicht war un⸗ angenehm freundlich und ihr Charakter treulos bis zur Grauſam⸗ keit, dem Anſcheine nach aber bis zur Gemeinheit zuvorkom⸗ mend.“ „Und ihre Kenntniſſe?“ „Völlig null. Ich kann nicht begreifen, wie mein Vater, der bis dahin ſo ſtreng auf Schicklichkeit gehalten, nicht daran ge⸗ dacht hatte, daß die Unfähigkeit dieſer Frau den wirklichen Beweg⸗ grund ihrer Anweſenheit bei ihm ſofort verrathen müſſe. Meine Mutter machte ihm bemerklich, daß Madame Roland gar nichts — —————— 145 wiſſe; er aber antwortete in einem Tone, der keine Erwiederung zuließ, er würde die junge und intereſſante Wittwe bei ſich be⸗ halten, ſie möchte gelehrt ſein oder nicht; die Stellung ſei ihr ein⸗ mal angewieſen. Später erfuhr ich es auch; meine arme Mutter aber errieth ſogleich Alles und wurde davon tief ergriffen, wenn ſie wohl auch weniger die Untreue meines Vaters als die Störung des Hausfriedens und das böſe Beiſpiel beklagte, welche die Fol⸗ gen davon ſein und die auch mich berühren mußten.“ „Selbſt aus dem Geſichtspunkte ſeiner thörichten Liebe rech⸗ nete Ihr Herr Vater, wie mir ſcheint, falſch, indem er dieſe Frau in ſein Haus nahm.“ „Ihr Erſtaunen würde ſich verdoppeln, wenn Sie wüßten, daß mein Vater der ſtolzeſte Mann iſt, den ich kenne; um auf ſolche Weiſe jede Rückſicht und alle Schicklichkeit zu vergeſſen, mußte er völlig unter dem grenzenloſen Einfluſſe der Madame Ro⸗ land ſtehen. Und dieſer Einfluß beſtand um ſo gewiſſer, da ſie ihn unter dem Scheine einer heftigen Liebe zu ihm verhüllte.“ „Wie alt war damals Ihr Herr Vater?“ „Ungefähr ſechzig Jahre.“ „Und er glaubte an die Liebe dieſer jungen Frau?“ „Mein Vater war früher einer der modiſcheſten Herren gewe⸗ ſen, und Madame Roland, die ihrem Inſtincte oder Rathſchlägen folgte —“ „Rathſchlägen? Und wer konnte ihr Rathſchläge geben?“ „Das werde ich Ihnen ſogleich erzählen. — Die Frau, welche wohl errieth, daß ein Mann, der Glück bei den Frauen gemacht hat, im Alter Schmeicheleien über ſeine körperlichen Vorzüge um ſo lieber höre, weil ſie ihn an die ſchönſte Zeit ſeines Lebens er⸗ innern, ſchmeichelte meinem Vater, werden Sie es glauben, über Die Geheimniſſe von Paris. III. 10 146 die Anmuth und den Reiz ſeiner Züge, über die unnachahmliche Lieblichkeit ſeiner Taille und Tournüre; er — war ſechzig Jahre alt, Jedermann ſchätzt ſeinen klaren Verſtand, und er ging blindlings in dieſe ihm ſo plump geſtellte Schlinge. Das war und das iſt ohne Zweifel noch jetzt die Urſache des Einfluſſes die⸗ ſer Frau auf ihn. — Trotz meinen traurigen Gedanken kann ich mich eines Lächelns nicht enthalten, wenn ich mich erinnere, daß ich vor meiner Verheirathung Madame Roland oft ſagen und be⸗ haupten hörte, die wirkliche Reife“ ſei das ſchönſte Alter im Le⸗ ben, und dieſe „wirkliche Reife“ beginne mit dem fünfundfünfzigſten oder ſechszigſten Jahre.“ „Mit dem Ater ihres Herrn Vaters.“ „Ja. Da erſt, ſagte Madame Roland, erlangten der Geiſt und die Erfahrung ihre höchſte Entwickelung; da erſt erfreue ſich ein in der Welt hochgeſtellter Mann ſeines ganzen Anſehens, das er erſtreben könnte; da erſt erhielten auch ſeine Züge wie die An⸗ muth ſeines Benehmens ihre äußerſte Vollkommenheit, denn das Geſicht zeige in dieſem Lebensalter eine ſeltene, göttliche Miſchung von anmuthiger Heiterkeit und ſanftem Ernſt. Endlich vervollſtän⸗ dige ein leichter Anflug von Melancholie in Folge der Täuſchun⸗ gen, welche die Erfahrung immer mit ſich bringe, den unwider⸗ ſtehlichen Reiz der „wirklichen Reife“, einen Reiz, den, wie Ma⸗ dame Roland hinzuſetzte, nur die Frauen von Geiſt und Gemüth würdigen könnten, welche ſo viel Geſchmack beſäßen, um die Ach⸗ ſeln zu zucken über die Jugendausbrüche jener Wildfänge von vier⸗ zig Jahren, deren Charakter keine Sicherheit biete und deren aus⸗ druckslos jugendliche Züge noch nicht durch jenen majeſtätiſchen Ausdruck gehoben würden, welcher die tiefe Kenntniß des Lebens verrathe.“ 147 Nudvolph konnte ſich eines Lächelns über den ironiſchen Eifer nicht enthalten, mit welchem die Frau von Harville ihre Stief⸗ mutter ſchilderte. „Etwas,“ ſagte er zu der Marquiſe, „verzeihe ich lächerlichen Menſchen nicmals —“ „Was?“ „Die Böswilligkeit; ſie hindert, in aller Ruhe über ſie zu lachen.“ „Vielleicht iſt das von ihnen wohl berechnet,“ entgegnete Clemence.“ „Ich glaube es wohl, und es iſt Schade; denn wenn ich z. B. vergeſſen könnte, daß dieſe Madame Roland Ihnen wahrſcheinlich viel Leiden verurſacht hat, würde ich über die Erfindung der „wirk⸗ lichen Reife“ der tollen Jugend der „Springinsfelde von vierzig Jahren“ gegenüber herzlich lachen, welche, der Anſicht dieſer Frau nach, kaum das Pagenkleid abgelegt zu haben ſcheinen, wie ſich unſere Großeltern ausgedrückt haben würden.“ „Mein Vater fühlt ſich wenigſtens, wie ich glaube, in den Illuſtonen glücklich, mit denen ihn meine Stiefmutter umgiebt.“ „Ohne Zweifel erduldet ſie auch, ſchon jetzt für ihre Falſch⸗ heit beſtraft, die Folgen ihrer leidenſchaftlichen Liebe, die ſie zur Schau trug; Ihr Herr Vater hat ſie bei dem Worte genommen und umgiebt ſie mit Einſamkeit und Liebe. — Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, das Leben Ihrer Stiefmutter muß ſo unerträg⸗ lich wie das ihres Gatten glücklich ſein. Denken Sie ſich die ſtolze Frende eines Mannes von ſechszig Jahren, der an Glick bei Frauen gewöhnt iſt und wähnt, von einer jungen Frau noch ſo leidenſchaftlich geliebt zu werden, daß ſie ſich gern mit ihm völ⸗ lig von der Welt abſchließe.“ 10* 148 „Da mein Vater ſich glücklich fühlt, darf ich mich vielleicht uber Madame Roland nicht beklagen; aber ihr gehäſſiges Beneh⸗ men gegen meine Mutter und die leider nur zu thätige Rolle, welche ſie bei meiner Verheirathung ſpielte, flößen mir Abneigung gegen ſie ein,“ ſagte die Frau von Harville nach kurzer Zö⸗ gerung. Rudolph ſah ſie verwundert an. „Herr von Harville iſt Ihr Freund,“ fuhr Clemenee mit feſter Stimme fort. — „Ich weiß, wie bedeutungsvoll und gewichtig die Worte ſind, welche ich eben ausgeſprochen habe. — Sie wer⸗ den mir aber auch ſogleich ſagen, ob ſie gerecht ſind. — Ich fomme auf Madame Roland zurück, die trotz ihrer anerkannten Unfähigkeit mir zur Erzieherin gegeben wurde. Meine Mutter hatte darüber eine unangenehme Unterredung mit meinem Vater und erklärte ihm, daß ſie, um gegen die unerträgliche Stellung dieſer Frau zu proteſtiren, in Zukunft nicht mehr bei Tiſche er⸗ ſcheinen würde, wenn Madame Roland nicht ſofort das Haus ver⸗ laſſe. Meine Mutter war die Sanftmuth und Herzensgüte ſelbſt, entwickelte aber auch eine unerſchütterliche Feſtigkeit, wenn es ſich um ihre perſoͤnliche Würde handelte. Mein Vater blieb unbeug⸗ ſam, und meine Mutter hielt was ſie angekundigt hatte; wir leb⸗ ten von dieſem Augenblicke an nur in ihrem Zimmer. Mein Va⸗ ter war von da gegen mich ebenſo kalt wie gegen meine Mutter, während Madame Roland faſt offentlich die Honneurs in unſerm Hauſe machte, — immer in der Eigenſchaft als meine Er⸗ zieherin.“ * „Zu welchen Seltſamkeiten verleitet doch eine thörichte Lei⸗ venſchaft ſelbſt die ausgezeichnetſten Geiſter! Und dann macht man uns weit ſtolzer, wenn man Eigenſchaften und Vorzüge an uns „ 149 rühmt, die wir nicht oder nicht mehr beſitzen, als wenn man die rühmt, welche wir haben. Einem Manne von ſechszig Jahren zu beweiſen, er ſei erſt dreißig Jahre alt, iſt das ABC der Schmei⸗ chelei; je plumper ſie iſt, um ſo größern Erfolg hat ſie. — Das wiſſen wir Fürſten am beſten.“ „Man macht an Ihnen ſo oft den Verſuch —“ „In dieſer Hinſicht iſt Ihr Herr Vater wie ein König be⸗ handelt worden. — Aber Ihre Frau Mutter mußte ungemein dar⸗ unter leiden.“ „Mehr meinet- als ihretwegen, denn ſie dachte an die Zu⸗ kunft. — Ihr bereits ſehr bedenklicher Geſundheitszuſtand wurde immer ſchwächer; ſie wurde ernſtlich krank; das Unglück wollte, daß der Hausarzt, Herr Sorbier, ſtarb, zu dem meine Mutter das größte Vertrauen hatte. Madame Roland dagegen hatte einen Italiener zum Arzte und Freund, der ſehr geſchickt ſein ſollte; mein Vater gebrauchte ihn bisweilen, befand ſich wohl dabei und ſchlug ihn meiner Mutter vor, die ihn leider annahm. — Er behandelte ſie in ihrer letzten Krankheit.“ Bei dieſen Worten füllten ſich die Augen der Frau von Harville mit Thränen. „Ich ſchäme mich, Ihnen dieſe Schwäche zu geſtehen,“ ſetzte ſie dann hinzu; „aber der bloße Umſtand, daß Madame Roland dieſen Arzt meinem Va⸗ ter empfohlen hatte, erregte (ohne daß ich damals einen Grund dazu hatte) Widerwillen in mir. Ich ſah mit Beſorgniß, daß meine Mutter ihm ihr Vertrauen ſchenkte; indeſſen den Kenntniſ⸗ ſen nach hatte der Doctor Polidori —“ „Was ſagen Sie?“ unterbrach ſie Rudolph. „Was iſt Ihnen?“ fragte Clemence verwundert über den Aus⸗ druck in den Zügen Rudolphs. „Nein, nein,“ ſprach Rudolph mit ſich ſelbſt, „ich irre mich ₰ 150⁰ ohne Zweifel; — es ſind fünf bis ſechs Jahre ſeitdem vergangen, während man mir geſagt hat, Polidori ſei erſt ſeit zwei Jahren und unter falſchem Namen in Paris. Er iſt es, den ich geſtern geſehen habe, jener Charlatan Bradamanti. Freilich — zwei Aerzte dieſes Namens, — das wäre ein ſeltſames Zuſammentref⸗ fen. — Frau Marquiſe,“ — fuhr Rudolph laut fort, „einige Worte über Polidori; wie alt war dieſer Italiener?“ „Etwa funfzig Jahre.“ „Seine Figur, — ſein Geſicht?“ „Es war finſter. — Niemals werde ich die grauen Augen und die Naſe vergeſſen, die wie ein Adlerſchnabel gebogen war —“ „Er iſt es! Er iſt es!“ rief Rudolph aus. LX. Jortletzung der Erzählung. S lauben Sie, Frau Marquiſe, daß der Doctor Polidori noch in Paris wohnt?“ fragte Rudolph die Frau von Harville. „Das weiß ich nicht. Ungefähr ein Jahr nach der Verhei⸗ rathung meines Vaters hat er Paris verlaſſen. Eine meiner Be⸗ kaunten, deren Arzt jener Italiener damals auch war, die Herzo⸗ gin von Lucenay —“ „Die Herzogin von Lucenay!“ rief Rudolph aus. „Ja, königl. Hoheit. Warum dieſes Erſtaunen?“ Erlauben Sie mir, Ihnen die Urſache zu verſchweigen. — Was ſagte Ihnen damals die Herzogin über dieſen Mann?“ „Daß ſie ſeit ſeiner Abreiſe von Paris oftmals ſehr geiſtreiche Briefe über die Länder erhalte, die er beſuche; denn er reiſte viel. Jetzt — erinnere ich mich; vor einem Monate ungefähr fragte ich die Herzogin von Lucenay, ob ſie noch immer Nachricht von Po⸗ lidori erhalte, und ſie antwortete mir verlegen, man höre ſeit lan⸗ ger Zeit nichts mehr von ihm; man wiſſe nicht, was aus ihm ge⸗ worden; manche Leute hielten ihn ſogar für todt —“ 152. „Seltſam,“ ſprach Rudolph, indem er an den Beſuch der Her⸗ zogin von Lucenay bei dem Charlatan Bradamanti dachte. „Sie kennen alſo dieſen Mann?“ . „Ja, leider ja. — Aber fahren Sie in Ihrer Erzählung fort; ſpäter will ich Ihnen ſagen, wer uno was dieſer Polidori iſt —“ „Dieſer Arzt?“ „Sagen Sie vielmehr dieſer Mann, auf dem die ſchrecklich⸗ ſten Verbrechen laſten.“ „Verbrechen!“ wiederholte Frau von Harville entſetzt; „dieſer Mann, der Freund der Madame Roland, der Arzt meiner Mutter, hat Verbrechen begangen? Meine Mutter ſtarb nach einigen Tagen unter ſeinen Händen. Ach, wie haben mich Ew. königl. Hoheit erſchreckt! Sie ſagen mir zu viel, — oder nicht genng. 1 4 „Ohne dieſen Mann eines Verbrechens mehr anzuklagen, ohne Ihre Stiefmutter einer entſetzlichen Mitſchuld zu beſchuldigen, ſage ich blos, daß Sie Gott danken müſſen, daß Ihr Vater nach ſei⸗ ner Verheirathung mit Madame Roland der Kunſt Polidoris nicht bedurft hat —“ „Ach, mein Gott!“ rief die Frau von Harville aus, „meine Ahnungen täuſchten mich alſo nicht?“ „Ihre Ahnungen?“ „Ja — eben erwähnte ich den Widerwillen, den ich gegen dieſen Arzt fühlte, weil er durch Madame Roland in unſer Haus gebracht worden war, — aber ich ſagte Ihnen nicht alles —“ „Was haben Sie noch zu ſagen?“ „Ich fürchtete einen Unſchuldigen anzuklagen, zu ſehr auf meine Abneigung zu hören. — Die Krankheit meiner Mutter hatte fünf Tage gewährt; ich war nicht von ihrem Bette gewichen. — Ich werde Ew. königl. Hoheit alles ſagen. — Eines Abends trat g 153 ich auf die Terraſſe an unſerm Hauſe hinaus, um friſche Luft zu athmen. Nach einer Viertelſtunde kehrte ich über einen dunkeln Corridor zurück. In dem ſchwachen Scheine eines Lichtes, das aus der Thür des Zimmers der Madame Roland herausſchimmerte, ſah ich Herrn Polidori mit dieſer Frau heraustreten. Ich ſtand in dem Schatten; ſie bemerkten mich nicht. Madame Roland ſagte ſehr leiſe einige Worte zu ihm, die ich nicht verſtehen konnte. Der Arzt antwortete lauter: „übermorgen!“ Und als Madame Roland noch immer leiſe zu ihm ſprach, wiederholte er mit ſeltſamer Be⸗ tonung: „übermorgen, ſage ich Ihnen, übermorgen.“ „Was bedeuteten dieſe Worte?“ „Was ſie bedeuteten? Mittwoch Abends ſagte Herr Polidori: „übermorgen“ — Am Freitage ſtarb meine Mutter —“ „Das iſt entſetzlich.“ „Als ich meine Gedanken ſammeln und mich erinnern konnte, fiel mir das Wort: „übermorgen“ wieder ein, das den Zeitpunkt des Todes meiner Mutter verkündigt zu haben ſchien; ich glaubte, Po⸗ lidori habe, durch ſeine Wiſſenſchaft auf die furze Zeit aufmerkſam ge⸗ macht, welche meine Mutter noch leben könnte, Madame Roland davon benachrichtigt,— Madame Ro land, die ſo viele Gründe hatte, über dieſen Tod ſich zu freuen. — Blos deshalb verabſcheute ich dieſen Mann und dieſes Weib; aber nie würde ich zu muthmaßen gewagt haben, — nein, nein, — noch jetzt kann ich an ein ſolches Verbrechen nicht glauben —“ „Polidori hat Ihre Frau Mutter allein behandelt?“ „An dem Tage vor ihrem Tode hatte dieſer Mann einen an⸗ dern Arzt mitgebracht. — Nach dem, was mir ſpäter mein Vater ſagte, hatte dieſer Arzt meine Mutter in einem ſehr gefährlichen Zuſtande gefunden. Als das Unglück geſchehen war, brachte man mich zu einer Verwandten, die meine Mutter innig geliebt hatte. — 154 Sie vergaß die Rückſichten, die meine Jugend verlangte, und ſagte mir ohne Umſtände, wie viele Gründe ich hätte, Madame Roland zu haſſen. Sie klärte mich auf über die ehrgeizigen Hofſnungen, welche dieſes Weib ſchon damals hegte — „Dieſe Enthüllung erſchreckte mich, und ich ſah endlich ein, * was meine Mutter hatte leiden müſſen. Als ich meinen Vater wiederſah, brach mein Herz; er kam, um mich nach der Norman⸗ die abzuhvlen, wo wir die erſte Zeit der Trauer verbringen woll⸗ ten. Unterwegs weinte er viel und ſagte, nur ich könnte ihm die⸗ ſen ſchweren Schlag des Schickſals ertragen helfen. — Ich ant⸗ wortete aus vollem Herzen, daß ich wohl fühle, wie mir nach dem Verluſte der verehrten Mutter auf der Welt nur er, der Vater, geblieben ſei. — Nach einigen Worten über die Verlegenheit, in ver er ſich befinde, wenn er genöthigt ſei, mich allein zu laſſen, was bei ſeinen Geſchäften nicht immer zu vermeiden ſein dürfte, theilte er mir mit einemmale mit als etwas, das ganz natürlich ſei und ſich gleichſam von ſelbſt verſtehe, Madame Roland habe zum Glück für ihn und für mich eingewilligt, das Hausweſen zu führen und mir Führerin und Freundin zu ſein. „Das Staunen, der Schmerz, der Unwille machten mich ſtumm; ich weinte ſchweigend; mein Vater fragte mich über die urſache meiner Thränen, und ich antwortete, wahrſcheinlich mit zu großer Bitterkeit, ich würde nie in einem Hauſe mit Madame Roland zuſammenwohnen; denn ich verachte die Frau eben ſo ſehr als ich ſie wegen des Kummers haſſe, den ſie meiner Mutter ver⸗ urſacht. Er blieb ruhig, bekämpfte meine Kinderei, wie er ſich ausdrückte, und ſagte ſodann kalt, ſein Entſchluß ſtehe unerſchüt⸗ terlich feſt, und ich müſſe mich in denſelben fügen. „Ich hat ihn mir zu erlauben, mich in das Kloſter vom hei⸗ . 155 ligen Herzen zu begeben, wo ich einige Freundinnen hatte und wo ich bleiben wollte, bis er es für paſſend hielt, mich zu verheira⸗ then. Er entgegnete darauf, die Zeit ſei vorbei, in der man mich an dem Sprachgitter eines Kloſters verheirathete; mein eiftiges Beſtreben, ihn zu verlaſſen, würde ihm ſehr wehethun, wenn er nicht in meinen Worten eine zu entſchuldigende Aufregung ſähe, die frei⸗ lich nicht ſehr verſtändig ſei, ſich aber nothwendiger Weiſe beru⸗ higen würde; dann küßte er mich auf die Stirn und nannte mich einen kleinen Eigenſinn. „Ich mußte mich wirklich fügen. Denken Sie ſich meinen Schmerz, jeden Tag mit einer Frau zuſammenſein zu müſſen, der ich faſt den Tod meiner Mutter Schuld gab. — Ich ſah die unangenehm⸗ ſten Auftritte zwiſchen meinem Väter und mir voraus, da mich nichts hindern konnte, meine Abneigung gegen Madame Roland zu erfennen zu geben. — Es war mir, als räche ich auf dieſe Weiſe meine Mutter, während ich das geringſte Wort der Liebe gegen dieſe Frau für eine Sünde an dem Gedächtniſſe meiner Mutter gehalten haben würde.“ Wie peinlich muß dieſes Leben für Sie geweſen ſein! wie wenig ahnete ich, daß Sie ſchon ſo viel gelitten, als ich das Ver⸗ gnügen hatte, Sie öfter zu ſehen. Kein Wort von Ihnen deu⸗ tete mir dies an.“ „Weil ich damals keine unverzeihliche Schwäche vor Ihnen zu entſchuldigen hatte. — Ich ſpreche ſo ausführlich über jene Zeit meines Lebens, weil ich Ihnen andeuten möchte, in welcher Lage ich mich befand, als ich mich verheirathete, und warum ich, trotz einer Andeutung, die mich hätte aufklären ſollen, meine Hand dem Herrn von Harville gab. „Als wir in Aubiers, wie die Beſitzung meines Vaters heißt, 156 angekommen, war Madame Roland die erſte Perſon, die uns ent⸗ gegentrat. Sie hatte ſich am Todestage meiner Mutter hierher begeben. Trotz ihrer demüthigen und ſüßlich-freundlichen Miene ließ ſie bereits eine ſchlecht verhüllte triumphirende Freude durch⸗ blicken. Nie werde ich den zugleich ironiſchen und boshaften Blick vergeſſen, den ſie mir bei unſerer Ankunft zuwarf; ſie ſchien mir ſagen zu wollen: „ich bin hier in meinem Hauſe, und Sie ſind die Fremde.“ Noch ein neuer Schmerz war mir vorbehalten, denn aus unverzeihlicher Tactloſigkeit oder aus ſchamloſer Frechheit be⸗ wohnte dieſes Weib das Zimmer meiner Mutter. Ich klagte in meiner Entrüſtung über dieſe Unſchicklichkeit gegen meinen Vater; er aber antwortete ſtreng, das dürfe mich um ſo weniger Wunder nehmen, da ich mich gewöhnen müſſe, Madame Roland für meine zweite Mutter anzuſehen und als ſolche zu achten Ich entgegnete ihm, dies heiße dieſen heiligen Namen entweihen, und verſäumte zu ſeinem großen Verdruſſe keine Gelegenheit, meinen Widerwillen gegen Madame Roland laut werden zu laſſen; er gerieth darüber mehrmals in Zorn und ſchalt mich im Beiſein dieſer Fran hart aus. Er warf mir meine Undankbarkeit und meine Kälte gegen den tröſtenden Engel vor, den die Vorſehung uns geſandt habe. „Ich bitte Sie, Vater, ſprechen Sie nur in Ihrem Namen,“ ant⸗ wortete ich ihm einſt. Er behandelte mich darauf grauſam. Ma⸗ dame Roland verwendete ſich mit tiefer Heuchelei für mich. „Ha⸗ ben Sie Nachſicht mit Clemence,“ ſagte ſie mit ihrer ſüßlichen Stimme; „der Kummer über den Verluſt der trefflichen Frau, die wir beweinen, iſt ſo natürlich, ſo lobenswerth, daß man Rückſicht auf ihren Schmerz nehmen muß.“ „Nun,“ entgegnete mein Vater, indem er voll Bewunderung auf Madame Roland deutete; „da hörſt Du! Sie iſt ſo guther⸗ —————— 157 zig, ſo edelſinnig! Du ſollteſt ihr in die Arme ſinken, — das ſollte Deine Antwort ſein.“ — „Das iſt nicht nöthig, Vater; Ma⸗ dame haßt mich und — ich haſſe ſie.“ — „Ach Clemence, — Sie thun mir ſehr weh; — aber ich verzeihe Ihnen,“ ſetzte Ma⸗ dame Roland hinzu, indem ſie die Augen zum Himmel aufſchlug. „Meine edle Freundin!“ rief dagegen mein Vater mit bewegter Stimme aus, „beruhigen Sie ſich, ich beſchwore Sie; aus Rückſicht auf mich üben Sie Mitleid mit einer Thörin, die zu beklagen iſt, weil ſie Sie verkennt.“ Dann warf er mir zornige Blicke zu und rief aus: „zittere, wenn Du noch ferner wagſt, die ſchönſte Seele in der Welt zu kränken; augenblicklich bitte ihr ab.“ — „Meine Mutter ſieht und hört mich, — ſie würde mir dieſe Feigheit nicht verzeihen,“ ſagte ich zu meinem Vater, ging fort und überließ es ihm, Madame Roland zu tröſten und deren Croeodilsthränen zu trocknen. Verzeihen Sie mir, Hoheit, daß ich ſo lange bei dieſen Kleinigkeiten verweile; aber nur ſie können eine Vorſtellung von dem Leben geben) das ich damals führte.“ „Es iſt mir, als wohnte ich dieſen ſo traurigen und ſo menſch⸗ lich wahren häuslichen Scenen bei. — In wie vielen Familien mögen ſie ſich ſchun wiederholt haben, und wie oft werden ſie ſich noch erneuen! Nichts iſt gemeiner, aber auch geſchickter als das Benehmen der Madame Roland; dieſe einfachen Mittel in der Per⸗ fidie machen ſie ſo manchem mittelmäßigen Verſtande möglich. Und übrigens war die Frau nicht blos klug, Ihr Herr Vater war auch ſchwach, verblendet. Als was ſtellte er Madame Roland in der Nachbarſchaft vor?“ „Als meine Erzieherin und ſeine Freundin, — und ſo behan⸗ delte man ſie.“ 158 „Ich brauche nicht zu fragen, ob er noch immer ſo eingezo⸗ gen lebte?“ „Mit Ausnahme einiger weniger Beſuche, die wegen der Nach⸗ barſchaft oder wegen Geſchäftsverhältniſſe nicht zu vermeiden wa⸗ ren, ſahen wir faſt Niemanden; mein Vater, der durch ſeine Liebe völlig beherrſcht war und ohne Zweifel dem Andringen der Ma⸗ dame Roland nachgab, legte nach kaum drei Monaten die Trauer um meine Mutter ab unter dem Vorwande, daß er — im Her⸗ zen traure. Seine Kälte gegen mich ſteigerte ſich mehr und mehr, und ſeine Gleichgiltigkeit ging ſo weit, daß er mir eine für ein Mädchen von meinem Alter ganz unglanbliche Freiheit geſtattete. Ich ſah ihn beim Frückſtüͤcke; dann begab er ſich in ſein Zimmer mit Madame Roland, die ihm ſeine Geſchäftscorreſpondenz führtez darauf fuhr oder ging er aus mit ihr und kam erſt eine Stunde vor dem Diner zurück. Madame Roland machte dann eine ſehr hübſche Toilette, und mein Vater kleidete ſich ebenfalls mit einer in ſeinem Alter ſeltſamen Zierlichkeit; nach Tiſche empfing er bis⸗ weilen Perſonen, die er nicht abweiſen konnte; bis zehn Uhr ſpielte er Dame mit Madame Roland, — dann bot er ihr den Arm, um ſie in das Zimmer meiner Mutter zu führen, küßte ihr ehrer⸗ bietig die Hand und begab ſich zur Ruhe. Ich konnte vollkom⸗ men frei über meine Zeit verfügen, in Begleitung eines Reitfnechtes ſpazieren reiten oder lange Spaziergänge in dem Walde an dem Schloſſe machen. Bisweilen, wenn mich die Trauer überwältigte, erſchien ich nicht bei dem Frühſtucke, und mein Vater fragte dann auch nicht nach mir —“ „Wie ſehr vergaß er ſich!“ „Da ich mehrmals in dem Walde, in welchme ich gewöhnlich 159 ſpazieren ritt, einem unſerer Nachbarn begegnete, ſo gab ich dieſe Spazierritte auf und verließ den Park nicht mehr.“ „Wie benahm ſich die Frau gegen Sie, wenn Sie mit ihr allein waren?“ „Sie vermied es eben ſo wie ich mit mir allein zu ſein. Ein einzigesmal ſagte ſie in Bezug auf einige harte Worte, die ich am Tage vorher an ſie gerichtet hatte: „ſehen Sie ſich vor; Sie wollen mit mir kämpfen, Sie werden aber unterliegen.“ — „Wie meine Mutter?“ entgegnete ich; „es iſt Schade, Madame, daß Herr Polidori nicht da iſt, um Ihnen die Verſicherung geben zu können, es werde „übermorgen“ geſchehen.“ Dieſe Worte machten einen tiefen Eindruck auf Madame Roland, den ſie jedoch bald bekämpfte. Jetzt, da ich durch Cw. königl. Hoheit weiß, wer und was dieſer Polidori, weſſen er fähig iſt, könnte der Schrecken, den Madame Roland zeigte, als ich ſie an dieſe räthſelhaften Worte erinnerte, vielleicht als Beſtätigung eines ſchrecklichen Verdachtes dienen. Aber nein, nein, ich will nicht daran glauben; ich würde mich bei dem Gedanken zu ſehr ängſtigen, daß jetzt mein Vater faſt ganz in den Händen meiner Stiefmutter iſt.“ „Und was antwortete ſie, als Sie ſie an dieſe Worte Poli⸗ doris erinnert hatten?“ „Zuerſt erröthete ſie; dann überwand ſie ihren Schreck und fragte kalt, was ich mit dieſen Worten meine. „Fragen Sie ſich ſelbſt, wenn Sie allein ſind, und Sie werden ſich Antwort darauf geben.“ Kurze Zeit darauf ereignete ſich ein Auftritt, der gleich⸗ ſam mein Schickſal entſchied. Unter einer großen Anzahl von Familiengemälden in einem Saale, in welchem wir uns Abends verſammelten, befand ſich auch das Portrait meiner Mutter. Ei⸗ nes Tages vermißte ich es. Zwei unſerer Nachbarn hatten bei 160 uns geſpeiſt, und der Eine, Herr Dorval, Notar, hatte immer die höchſte Achtung gegen meine Mutter geäußert. Als ich in den Saal trat, ſagte ich zu meinem Vater: „wo iſt das Portrait mei⸗ ner Mutter?“ — „Der Anblick dieſes Portraits regte meinen Schmerz zu ſehr auf,“ antwortete er mir verlegen, indem er mich vurch einen Blick auf die fremden Zeugen dieſes Geſprächs auf⸗ merkſam machte. „Und wo befindet ſich das Portrait jetzt, Va⸗ ter?“ Er wendete ſich an Madame Roland und fragte ſie mit ei⸗ nem Blicke der Ungeduld: „wohin hat man das Portrait ge⸗ bracht?“ — „In die Rumpelkammer,“ antwortete ſie, diesmal mit einem herausfordernden Blicke, da ſie wohl glaubte, die An⸗ weſenheit Fremder würde mich hindern ihr zu antworten. „Ich begreife, Madame,“ entgegnete ich kalt, „daß der Anblick meiner Mutter Ihnen läſtig ſein mußte; aber dies iſt kein Grund, das Portrait einer Frau, die Sie, als Sie arm waren, mitleidig in dieſes Haus aufnahm, in die Rumpelkammer zu verweiſen.“ „Sehr gut,“ fiel Rudolph ein. „Dieſe eiskalte Verachtung war vernichtend.“ „Mademoiſelle!“ rief mein Vater. „Sie werden gewiß geſtehen,“ unterbrach ich ihn, „daß eine Perſon, welche auf dieſe Weiſe ſich an dem Andenken an eine Frau vergeht, die ihr Almoſen gab, nur Verachtung und Abſcheu verdient.“ Mein Vater ſtand einen Angenblick ganz verlegen da; Ma⸗ dame Roland wurde vor Scham und Aerger purpurroth; die Nachbarn ſchlugen die Augen nieder und ſchwiegen. „Mademvi⸗ ſelle!“ begann ſodann mein Vater, „Du vergißt, daß Madame die Freundin Deiner Mutter war; Du vergißt, daß Madame Deine Erziehung geleitet hat und noch immer mit mütterlicher 6 161 Sorgfalt leitet; Du vergißt, daß ich die höchſte Achtung für ſie fühle. — Da Du Dir einen ſo unziemlichen Ausfall gegen ſie in Anweſenheit dieſer Herren erlaubſt, ſo will ich Dir ſagen, daß die undankbar ſind, welche die liebevollſte Sorgfalt vergeſſen und ei⸗ ner Perſon, die Theilnahme und Achtung verdient, ihr edles Un⸗ glück vorzuwerfen wagen.“ — „Ich werde mir nicht erlauben, dieſe Sache mit Ihnen, lieber Vatet, zu erörtern,“ ſagte ich mit unterwürfiger Stimme. — „Vielleicht bin ich glücklicher, Made⸗ moiſelle,“ fiel Madame Roland ein, die ſich diesmal durch den Zorn über die Grenzen ihrer gewöhnlichen Klugheit hinausreißen ließ. „Vielleicht haben Sie die Gewogenheit,“ fuhr ſie fort, „wenn auch nicht die Sache zü erörtern, aber doch zu geſtehen, daß ich, weit entfernt Ihrer Mutter Dank ſchuldig zu ſein, mich vielmehr über die Abneigung zu beklagen habe, die ſie ſtets gegen mich äu⸗ ßerte, denn ich habe ganz gegen ihren Willen —“ — „Ach, Ma⸗ dame,“ unterbrach ich ſie, „erſparen Sie uns dieſe ſchmachvollen Geſtändniſſe; ich müßte bedauern, Sie zu ſo demüthigenden Er— öffnungen veranlaßt zu haben — „Wie, Mademviſelle,“ rief ſie faſt außer ſich vor Zorn aus, „Sie wagen zu ſagem „Ich ſage, Madame,“ unterbrach ich ſie nochmals, „ich ſage, meine Mutter erlaubte Ihnen in ihrem Hauſe zu leben, ſtatt Sie aus demſelben weiſen zu laſſen, wozu ſie ein Recht hatte. Sie mußte Ihnen durch Verachtung beweiſen, daß Sie von ihr nur gezwun⸗ gen geduldet wurden —“ „Immer beſſer!“ rief Rudolph aus; „das war eine vollkom⸗ mene Vernichtung. Und die Frau?“ „Madame Roland beendigte dieſe Unterredung durch ein ſehr gewöhnliches und ſehr bequemes Mittel; ſie rief aus: „ach Gott!“ und wurde ohnmächtig. In Folge dieſes Vorfalles verließen die Die Geheimniſſe von Paris. III. 11 4 162 beiden Zeugen dieſes Auftrittes das Zimmer, um, wie ſie ſagten, Hülfe zu holen; ich folgte ihrem Beiſpiele, während mein Vater ſich zärtlich beſorgt um Madame Roland bemühte.“ „Wie zornig mußte Ihr Vater ſein, als Sie ihn darauf wie⸗ derſahen!“ „Er kam am nächſten Morgen zu mir und ſagte: Damit Auf⸗ tritte wie der geſtrige ſich nicht von Neuem wiederholen, ſo er— kläre ich Dir, daß ich nach Ablauf unſerer Trauerzeit Madame Roland heirathen werde. Du wirſt ſie alſo von nun an mit der Achtung und der Rückſicht behandeln, die — meine Frau ver⸗ dient . . . Aus beſondern Gründen mußt Du Dich vor mir ver⸗ heirathen; das Vermögen Deiner Mutter beträgt mehr als eine Miillion; es iſt dies Deine Mitgift. Von heute an werde ich ei⸗ frig beſorgt ſein, Dir eine paſſende Verbindung zu ſichern, da mir bereits einige Anträge gemacht worden ſind; die Ausdauer, mit welcher Du meinen Bitten zum Trotz eine Perſon angreifſt, die mir ſo theuer iſt, läßt mich Deine Liebe zu mir ſelbſt ermeſſen. Madame Roland verachtet dieſe Ausfälle gegen ſie; ich aber werde nicht zugeben, daß ſolche Unziemlichkeiten ſich in meinem Hauſe in Gegenwart von Fremden wiederholen. Du wirſt von nun an nur in den Salon kommen oder da bleiben, wenn ich und Ma⸗ dame Roland allein da ſind. „Nach dieſer letzten Beſprechung lebte ich noch einſamer. Ich ſah meinen Vater nur bei Tiſche, und dann wurde wenig oder gar nichts geſprochen. Mein Leben war ein ſo trauriges, daß ich mit Ungeduld den Augenblick erwartete, in welchem mir mein Vater irgend eine Heirath vorſchlagen würde, um ſie anzunehmen. Madame Roland, die es aufgegeben hatte, übel von meiner Mut⸗ ter zu ſprechen, rächte ſich auf eine andere Weiſe; um mich zu 163 ärgern, gebrauchte und benutzte ſie tauſenderlei Dinge, die meiner Mutter angehört hatten, ihren Seſſel, ihren Stickrahmen, die Bü⸗ cher aus ihrer Bibliothek, ſelbſt einen Schirm, den ich für ſie ge⸗ ſtickt hatte und an dem man ihren Namenszug ſah. Das Weib entweihte Alles —“ „Ich begreife, wie ſchmetzlich Ihnen dieſe Entweihung ge⸗ weſen ſein muß.“ „Und dann macht die Einſamkeit den Aerger noch um vieles ſchmerzlicher.“ „Und Sie hatten Niemanden, Niemanden, dem Sie ſich an⸗ vertrauen konnten?“ „Niemanden. — Ich erhielt indeß einen Beweis von Theil⸗ nahme, der mich rührte, und der mich über meine Zukunft hätte aufklären ſollen. Einer der beiden Zeugen jenes Auftrittes, bei dem ich Madame Roland ſo hart behandelt hatte, war Herr Dor⸗ val, ein alter, redlicher Notar, dem meine Mutter einige Gefällig⸗ keiten erwieſen, indem ſie ſich für eine ſeiner Nichten intereſſirt hatte. Dem Verbote meines Vaters zu Folge begab ich mich nie in den Salon, wenn Fremde da waren; ich hatte alſo Herrn Dor— val nicht wieder geſehen. Eines Tages kam er zu meiner großen Verwunderung mit geheimnißvoller Miene in einem Gange des Parkes zu mir, wo ich gewöhnlich ſpazieren ging. — „Mein Fräu⸗ lein,“ ſagte er zu mir, „ich fürchte von dem Herrn Grafen über⸗ raſcht zu werden; leſen Sie dieſen Brief und verbrennen Sie ihn ſodann; es handelt ſich um etwas für Sie ſehr Wichtiges.“ Damit entfernte er ſich wieder. „In dem Briefe ſagte er mir, man wolle mich mit dem Mar⸗ quis von Harville verheirathen; die Partie ſcheine in jeder Rück⸗ ſicht paſſend zu ſein; man bürge mir für die guten Eigenſchaften L 164 des Herrn von Harville; er ſei jung, ſehr reich, gebildet und ziem⸗ lich hübſch, und doch hätten die Familien der beiden jungen Mäd⸗ chen, denen er ſeine Hand nach einander angetragen, nach einiger Zeit plötzlich mit ihm gebrochen. Den Grund dieſes Bruches konnte der Notar nicht angeben, aber er hielt es, wie er ſagte, für ſeine Pflicht, mich darauf aufmerkſam zu machen, wenn er auch nicht annehmen möge, die Urſache dieſes Bruches könne nachtheilig für den Herru von Harville ſein. Die beiden Mädchen, um die es ſich handelte, waren die Tochter des Herrn von Beauregard, Pairs von Frankreich, und die des Lords Boltrop. Herr Dorval machte mir dieſe Mittheilung, weil mein Vater, der meine Ver⸗ heirathung ſehr zu beſchleunigen wünſche, keine große Wichtigkeit auf die Umſtände zu legen ſcheine, die er mir eben mitgetheilt.“ LXI. Fortletzung der Erzählung. 7 a,“ ſagte Rudolph nach kurzem Nachdenken, „ich erinnere mich jetzt, daß Ihr Gemahl in einer Zeit von einem Jahre zwei⸗ mal von ſeinen Heirathsplänen erzählte, die ſich plötzlich wie⸗ der zerſchlagen hätten — wegen Geldangelegenheiten, wie er mir ſchrieb.“ Die Frau von Harville lächelte bitter und antwortete: „Sie werden ſogleich die Wahrheit erfahren. — Ich war, nachdem ich den Brief des alten Notars geleſen hatte, eben ſo neugierig wie ängſtlich. Wer war der Herr von Harville? Mein Vater hatte ihn nie erwähnt. Ich ſuchte mich vergebens ſeines Namens zu erinnern. Bald reiſte zu meiner großen Verwunde⸗ rung Madame Roland nach Paris ab. Ihre Abweſenheit ſollte höchſtens acht Tage dauern, und doch äußerte mein Vater tiefen Schmerz über dieſe kurze Trennung. Er wurde immer reizbarer und kälter gegen mich. Eines Tages entſchlüpfte ihm ſogar die Antwort, als ich ihn fragte, wie er ſich befinde: „nicht wohl, und Deinetwegen.“ — „Meinetwegen, Vater?“ — „Ja, gewiß 3Du 166 weißt, wie ſehr ich an die Geſellſchaft der Madame Roland ge⸗ wöhnt bin; und dieſe bewundernswürdige Frau, die Du ſo ſchwer gekränkt haſt, macht blos Deinetwegen die Reiſe, welche ſie fern von mir hält.“ Dieſer Beweis von „Theilnahme“ von Seiten der Madame Roland erſchreckte mich; ich ahnte, daß es ſich um meine Verheirathung handle. Denken ſich Ew. königl. Hoheit ſelbſt die Freude meines Vaters bei der Rückkehr meiner zukünf⸗ tigen Stiefmutter. Den Tag darauf beſchied er mich in ſein Zim⸗ mer; er war allein mit ihr. „Ich habe“, begann er, „ſchon lange mich mit Deiner Verſorgung beſchäftigt. In einem Monat geht Deine Trauerzeit zu Ende. Morgen wird der Herr Marquis von Harville hier ankommen, ein junger, ausgezeichneter, ſehr reicher Mann, der wohl im Stande ſein wird, Dein Glück zu ſichern. Er hat Dich in Geſellſchaft geſehen, er wünſcht dieſe Verbindung lebhaft; alle Angelegenheiten ſind bereits geordnet, und es wird alſo nur von Dir abhängen, noch vor ſechs Wochen verheirathet zu ſein. Wenn Du dagegen aus einer Laune, die ich nicht erwar⸗ ten will, dieſe faſt unverhoffte Partie ausſchlagen ſollteſt, ſo werde ich mich dennoch nach meiner Abſicht verheirathen, ſobald meine Trauerzeit abgelaufen iſt. In dem letztern Falle muß ich Dir er⸗ klären, daß mir Deine Anweſenheit in meinem Hauſe nur dann angenehm ſein würde, wenn Du mir verſprächſt, meiner Frau die Liebe und Achtung zu erzeigen, welche ſie verdient.“ — „Ich ver⸗ ſtehe, lieber Vater. Wenn ich nicht heirathe, heirathen Sie, und pann wird es weder für Sie noch für — Madame unpaſſend ſein, wenn ich mich in das Kloſter zurückziehe.“ — „Keineswegs,“ antwortete er kalt. „Das iſt mehr als Schwachheit, das iſt Grauſamkeit!“ fiel Rudolph ein. 157 „Wiſſen Sie, was mich immer gehindert hat, meinem Vater deshalb zu zürnen? Eine Ahnung ſagte mir, er würde eines Ta⸗ ges ſchwer für ſeine verblendete Liebe zu Madame Roland bü⸗ ßen müſſen . Gott ſei Dank, dieſe Zeit iſt noch nicht einge⸗ treten.“ e „Sagten Sie ihm nichts von dem, was Sie durch den alten Notar erfahren hatten, daß zweimal eine beabſichtigte Verheirathung Harvilles plötzlich abgebrochen worden ſei?“ „Allerdings. — Noch denſelben Tag erſuchte ich meinen Va⸗ ter um eine Beſprechung unter vier Augen.“ „Ich habe kein Geheimniß vor Madame Roland; Du kannſt in ihrer Gegenwart ſprechen,“ antwortete er mir. Ich ſchwieg, und er fuhr ernſt und ſtreng fort: „noch einmal, ich habe kein Geheimniß vor Madame Roland. Sprich es alſo aus, was Du ſagen willſt.“ — „Wenn Sie mir erlauben, lieber Vater, werde ich warten, bis Sie allein ſind.“ Madame Roland ſtand auf und ging hinaus. „Nun iſt Dir Dein Wunſch befriedigt —,“ ſagte er. „So rede.“ — „Ich habe keine Abneigung gegen die Ver⸗ bindung, welche Sie mir antragen, lieber Vater; aber ich erfuhr, der Herr von Harville ſei ſchon zweimal auf dem Punkte geweſen, ſich zu verheirathen . . . .“ — „Schon gut, ſchon gut,“ unter⸗ brach er mich; „ich weiß, was das heißen ſoll. Dieſe Verbindun⸗ gen wurden in Folge von Erörterungen über Geldangelegenheiten abgebrochen, bei denen das Zartgefühl des Herrn von Harville durchaus tadellos geblieben iſt. Wenn Du keinen andern Einwurf haſt als dieſen, ſo kannſt Du Dich bereits für verheirathet anſe⸗ ben, für glücklich verheirathet, denn ich wünſche nur Dein Gluck.“ 168 „Ohne Zweifel war Madame Roland über dieſe Heirath entzückt?“ 4 „Entzückt? Ja,“ entgegnete Clemence mit Bitterkeit, — „ſehr entzuckt, denn dieſe Heirath war ihr Werk. — Sie hatte meinen Vater zuerſt darauf aufmerkſam gemacht. Sie kannte die eigentliche Urſache, aus welcher die beiden erſten Heirathsverſuche Harvilles geſcheitert waren, und deshalb lag ihr gerade ſo viel daran, mich zur Frau des Marquis zu machen.“ „Zu welchem Zwecke?“ „Sie wollte ſich an mir rächen, indem ſie mir ein entſetzli⸗ ches Schickſal bereitete —“ „Aber Ihr Vater —“ „War durch Madame Roland getäuſcht und glaubte, die Hei⸗ rathspläne des Herrn von Harville ſeien wirklich an Vermögens⸗ rückſichten geſcheitert.“ „Welches entſetzliche Complott! — Aber die geheimnißvolle, räthſelhafte Urſache?“ „Ich werde Ihnen dieſelbe ſogleich mittheilen. — Herr von Harville kam bei uns an; ſein Benehmen, ſein Geiſt, ſein Geſicht geſielen mir; er hatte etwas Gutmüthiges in ſeinen Zügen; ſein Charakter war mild, ſeine Stimmung etwas melancholiſch. Ich bemerkte in ihm einen Contraſt, der mich in Erſtaunen ſetzte und mir doch angenehm war; ſein Geiſt war ſehr gebildet, ſein Ver⸗ mögen höchſt bedeutend, ſeine Familie gehörte zu den ausgezeich⸗ netſten, und doch lag in ſeinen gewöhnlich entſchloſſenen und ener⸗ giſchen Zügen eine gewiſſe faſt furchtſame Schüchternheit, Nieder⸗ geſchlagenheit und ein gewiſſes Mißtrauen gegen ſich ſelbſt, das mich ſehr rührte. Mit Vergnügen bemerkte ich auch, daß er ſehr gütig und freundlich gegen einen ſehr alten Diener war, der ihn 169 erzogen hatte und der ihn ganz allein bediente. Einige Zeit nach ſeiner Ankunft blieb Herr von Harville zwei ganze Tage in ſei⸗ nem Zimmer; mein Vater wollte ihm einen Beſuch machen, aber der alte Diener wies ihn ab, indem er ſagte, ſein Herr werde von ſo heftigen Kopfſchmerzen geplagt, daß er durchaus Niemanden bei ſich ſehen könne. Als Harville wieder erſchien, fand ich ihn ſehr blaß, ſehr verändert. — Später verrieth er immer eine ge⸗ wiſſe faſt unwillige Ungeduld, wenn man mit ihm von dieſem flüchtigen Unwohlſein ſprach. — Jemehr ich den Herrn von Har⸗ ville kennen lernte, um ſo mehr liebenswürdige Eigenſchaften ent⸗ deckte ich an ihm. — Er hatte ſo viele Gründe glücklich zu ſein, daß ich ihm ſeine Beſcheidenheit im Glücke hoch anrechnete. Nach⸗ dem die Zeit unſerer Verbindung angeſetzt war, kam er ſtets auch meinen geringſten Wünſchen in meinen Plänen für die Zukunft entgegen. Fragte ich ihn bisweilen über die Urſache ſeiner Me⸗ lancholie, ſo ſprach er von ſeiner Mutter und von ſeinem Vater, die hocherfreut und ſtolz geweſen ſein würden, ihn nach ſeinem Herzen und nach ſeinem Geſchmacke verheirathet zu ſehen ... Herr von Harville errieth die Verhältniſſe, in welchen ich bis dahin mit Madame Roland und meinem Vater gelebt hatte, obgleich der letztere, erfreut über meine Heirath, weil ſie die ſeinige be⸗ ſchleunigte, wieder ſehr zärtlich gegen mich geworden war. — In mehreren Unterredungen gab mir Harville mit vielem Tact und mit großer Zurückhaltung zu verſtehen, daß er mich wegen meiner frühern Leiden vielleicht nur noch mehr liebe. — Ich glaubte ihm bei dieſer Gelegenheit anzeigen zu müſſen, daß mein Vater ſich wieder zu verheirathen gedenke, und als ich die Veränderung er⸗ wähnte, welche dieſe Wiederverheirathung in meinem Vermögen bewirken müßte, ließ er mich nicht ausreden und bewies dadurch 5 eine edle Uneigennützigkeit. Die Familien, in welche er früher heirathen wollte, müſſen ſehr geizig geweſen ſein, dachte ich da, indem Vermögensumſtände ihm gegenüber bis zum Bruche führen konnten.“ „So habe ich ihn immer gekannt,“ ſagte Rudolph, „als ei⸗ nen Mann von Herz und Zartgefühl jeder Aufopferung fähig. — Aber haben Sie nie ſeine früheren Heirathspläne gegen ihn er⸗ wähnt?“ „Ich geſtehe es, daß pen ſchwebte, da ich ſah, mir dieſe Frage mehrmals auf den Lip⸗ vaß er ſo rechtlich und gut ſei; aber dann fürchtete ich wieder ihn zu fräͤnken, und ich wagte es nicht über einen ſolchen Gegenſtand mit ihm zu ſprechen. Je näher der Tag unſerer Heirath heranrückte, um ſo glücklicher pries ſich Harville. — Dennoch ſah ich ihn zwei⸗ oder dreimal von tiefer Trauer nieder⸗ gedrückt; eines Tages zumal ſah er mich mit einer Thräne im Auge an; es ſchien ihm etwas ſchwer auf dem Herzen zu liegen; es war, als wollte er mir ein wichtiges Geheimniß anvertrauen, könnte aber den Muth dazu nicht finden. Ich dachte wieder an ſeine beiden frühern Heirathsverſuche und geſtehe, daß ich beſorgt und ängſtlich wurde. Eine geheime Ahnung ſagte mir, es handle ſich um das unglück meines ganzen Lebens; aber bei meinem Va⸗ ter befand ich mich ſo übel, daß ich meine Beſorgniß über⸗ wand —“ „Und Herr von Harville vertraute Ihnen nichts an?“ „Nichts. — Als ich ihn um die Urſache ſeiner Traurigkeit Verzeihen Sie mir, aber ich habe das die er mit rührender Stimme — und dann —, wie konnte Augen voll Thränen ſtanden, fragte, antwortete er mir: „ traurige Glück —“ Dieſe Worte, ſprach, beruhigten mich ein wenig. ich in dem Augenblicke, wo ſeine ein beleidigendes Mißtrauen wegen der Vergangenheit gegen ihn äußern? . „Die Trauzeugen des Herrn von Harville, der Herzog von Lucenay und der Herr von St. Remy, kamen einige Tage vor meiner Verheirathung an. Nur meine nächſten Verwandten wur⸗ den eingeladen. Wir ſollten gleich nach der Trauung nach Paris abreiſen. — Ich fühlte keine Liebe zu Harville, aber er beſaß meine Theilnahme, und ſein Charafter flößte mir Achtung ein. — Ohne die Ereigniſſe, welche ſpäter folgten, würde mich ohne Zwei⸗ fel ein zärtlicheres Gefühl für immer an ihn gefeſſelt haben. Wir wurden vermählt —“ Bei dieſen Worten erbleichte die Frau von Harville leicht, und ihr Vorſatz ſchien zu wanken; doch fuhr ſie nach einiger Zeit fort: „Gleich nach der Trauung ſchloß mich mein Vater in ſeine Arme; auch Madame Roland küßte mich, und ich konnte mich im Beiſein ſo vieler Perſonen dieſer neuen Heuchelei nicht entziehen; ſie drückte mir die Hand mit ihrer dürren weißen Hand, daß ſie mir ſchmerzte, und ſagte mir mit heuchleriſch freundlicher Stimme die Worte, welche ich nie vergeſſen werde, in das Ohr: „Denken Sie in Ihrem Glücke bisweilen an mich, denn ich habe Ihre Heirath geſchloſſen.“ Ach! ich war ſo weit entfernt, den wahren Sinn ihrer Worte zu errathen. — Die Trauung hatte um elf Uhr ſtattgefunden; gleich darauf ſetzten wir uns in den Wagen, und wir fuhren ſo ſchnell, daß wir vor zehn Uhr Abends in Paris ſein mußten. Ich würde mich über das Schweigen und die Traurigkeit des Herrn von Harville gewundert haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß er, wie er ſich ausdrückte, ſtets im Glücke traurig ſei. Ich 172 ſelbſt war ſchmerzlich bewegt, denn ich kehrte zum erſtenmale nach dem Tode meiner Mutter nach Paris zurück, und ob ich gleich keine Gründe hatte, mich in das Vaterhaus zurück zu ſehnen, ſo war ich dort doch zu Hauſe und vertauſchte es jetzt mit einem andern Hauſe, in welchem mir Alles neu und unbekannt ſein mußte, wo ich al⸗ lein mit meinem Gatten ankam, den ich kaum ſeit ſechs Wochen kannte und der noch kein Wort geſagt hatte, das nicht ſteif und förmlich geweſen wäre. Vielleicht achtet man nicht genug auf die Angſt, welche wir bei der plötzlichen Aenderung in dem Tone und dem Benehmen fühlen, die ſich ſelbſt die gebildetſten Männer zu Schulden kommen laſſen, ſobald wir ihnen angehören. Man be⸗ denkt nicht, daß die junge Frau unmöglich in wenigen Stunden die Schüchternheit und Aengſtlichkeit des Mädchens vergeſſen kann.“ „Ich habe ſtets nichts Roheres gekannt, als die Sitte, eine junge Frau wie eine Beute fortzuführen, während die Ehe nur die Weihe des Rechtes ſein ſollte, alle Mittel der Liebe, alle Reize der leidenſchaftlichen Zärtlichkeit aufzubieten und anzuwenden, um ſich Liebe zu erwerben.“ * „Sie werden ſich demnach die Angſt und Unruhe denken kön⸗ ken, mit der ich nach Paris, in jene Stadt zurückkam, wo meine Mutter vor kaum einem Jahre geſtorben war. Wir langten in dem Hauſe Harvilles an —“ Die Verlegenheit der Frau von Harville verdoppelte ſich, ihre Wangen bedeckten ſich mit brennender Röthe, und ſie ſetzte mit ſchmerzlich bewegter Stimme hinzu: „Doch — Sie müſſen Alles wiſſen, ſonſt — würde ich Ih⸗ nen zu verächtlich erſcheinen. Nun,“ fuhr ſie mit verzweiflungs⸗ voller Entſchloſſenheit fort, — „man führte mich in die Zimmer, die mir beſtimmt waren, — man ließ mich allein, — dann kam 5 173 Harville zu mir. Ich ſtarb faſt vor Angſt und Furcht trotz ſei⸗ nen Liebesbetheurungen; vor Schluchzen konnte ich nicht ſprechen; — ich gehörte ihm an, — und ich mußte mich fügen. Aber bald faßte mein Gemahl mich an dem Arme, als wolle er ihn zerdrü⸗ cken, während er einen entſetzlichen Schrei ausſtieß; vergebens ver⸗ ſuchte ich, mich aus dieſer eiſernen Umarmung loszumachen und ihn um Gnade zu bitten, — er hörte mich nicht mehr, ſein Ge⸗ ſicht wurde durch gräßliche Zuckungen verzerrt, ſeine Augen rollten zum Entſetzen ſchnell in ihren Höhlen, und vor dem Munde ſtand ihm blutiger Schaum. — Seine Hand hielt mich noch immer feſt, — ich machte eine verzweifelte Anſtrengung mich zu befreien, — ſeine ſteifen Finger ließen mich endlich los, und ich wurde ohn⸗ mächtig, während Harville im Parorysmus dieſes gräßlichen An⸗ falles zuckte. — Das war meine Brautnacht, — das war die Rache der Madame Roland!“ „Unglückliche Frau“ ſprach Rudolph mit tiefgefühlter wehmü⸗ thiger Theilnahme; — „ich verſtehe, — er iſt epileptiſch. Es iſt entſetzlich!“ „Und das iſt noch nicht Alles,“ ſetzte Clemence hinzu. — „Ach — daß dieſe Nacht ewig verflucht ſein möge! Meine Toch⸗ ter, der arme kleine Engel, hat dieſe gräßliche Krankheit geerbt.“ „Ihre Tochter — auch? Wie! — ihre Bläſſe. .., ihre Schwäche —?“ „Iſt dies, ach Gott! — iſt dies, und die Aerzte glauben, das Uebel ſei unheilbar, — weil es angeerbt iſt.“ Die Frau von Harville bedeckte ihr Geſicht mit beiden Hän⸗ den; nachdem ſie dieſes ſchreckliche Geſtändniß abgelegt hatte, ver⸗ mochte ſie kein Wort mehr zu ſprechen. Auch Rudolph ſchwieg. 4 Seine Gedanken wendeten ſich mit Entſetzen von dem ſchreck⸗ lichen Geheimniß jener Brautnacht ab. — Er ſtellte ſich die junge Frau vor, die ſchon traurig geſtimmt iſt durch die Rückkehr in die Stadt, in welcher ihre Mutter geſtorben war, wie ſie in dem unbekannten Hauſe ankommt und allein iſt mit einem Manne, für den ſie zwar ein gewiſſes Intereſſe und Achtung fühlt, aber keine Liebe, nichts von dem, was ſuße Unruhe erregt, nichts von dem, was berauſcht und ein Weib die keuſche Angſt in dem Auf⸗ ſlammen einer rechtmäßigen und getheilten Leidenſchaft vergeſſen läßt. — Nein, zitternd in züchtiger Furcht, kam Clemence an, trau⸗ rig, kalt, mit gebrochenem Herzen, ſchamroth, die Angen mit Thrä⸗ nen gefüllt. — Sie ergiebt ſich, und dann ſieht ſie, ſtatt Worte des Dankes, der Liebe und der Zärtlichkeit zu hören, die ſie trö⸗ ſten für das Glück, das ſie gegeben hat, zu ihren Füßen einen Mann ſich wälzen, der ſich krümmt und windet, der ſchäumt und ſchreit in den grauenvollen Zuckungen einer der entſetzlichſten Krank⸗ heiten, von denen der Menſch unheilbar getroffen wird. Noch nicht genug. — Ihre Tochter, der arme, kleine, unſchul⸗ dige Engel, hat dieſes Leiden geerbt. — Dieſe ſchmerzlichen und traurigen Geſtändniſſe erweckten in Rudolph bittere Gedanken. So iſt das Geſetz hier zu Lande, dachte er bei ſich, — ein junges, ſchönes, züchtiges Mädchen, das treue und vertrauende Op⸗ fer einer ſchändlichen Verſtellung, verbindet ihr Geſchick mit dem eines Mannes, der mit einer grauenvollen Krankheit behaftet iſt, einem traurigen Erbe, das er auch ſeinen Kindern hinterlaſſen muß. — Die unglückliche Frau entdeckt dieſes entſetzliche Geheim⸗ niß; was kann ſie thun? — nichts, nichts als dulden und wei⸗ nen, nichts als ſich beſtreben, ihr Grauen und ihr Entſetzen zu überwinden, — nichts als ihre Tage in endloſer Angſt und Pein 175 verbringen, — nichts als vielleicht verbrecheriſchen Troſt außer⸗ halb der troſtloſen Eriſtenz ſuchen, die man ihr bereitet hat. Noch einmal, dachte Rudolph bei ſich, dieſe ſeltſamen Geſetze nöthigen bisweilen zu ſchmachvollen Vergleichen — In dieſen Geſetzen ſcheinen die Thiere ſtets über dem Men⸗ ſchen zu ſtehen, weil man für ſie ſorgt, ſie zu verbeſſern und zu veredeln ſich bemüht, ſie ſchützt und mit Bürgſchaften umgiebt. Man kaufe irgend ein Thier; zeigt ſich eine früher nicht be⸗ kannte Krankheit bei ihm nach dem Kaufe, ſo iſt dieſer Kauf un⸗ giltig. Es gilt alſo für etwas Unwürdiges, für ein Verbrechen an der Menſchenwürde, wenn man einen Menſchen zwingen wollte, ein Thier zu behalten, das bisweilen huſtet oder das lahm geht; das wäre etwas Entſetzliches, ein ſchreckliches Verbrechen. Man bedenke nur, gezwungen zu ſein, für immer, vielleicht das ganze Leben hindurch einen Mauleſel behalten zu müſſen, der huſtet, ein Pferd, das übel riecht, einen Eſel, der lahm geht! Welche ſchreck⸗ lichen Folgen könnte das für das Wohl der ganzen Menſchheit haben! Alſo hier gilt kein Handel und kein Contract. Das all⸗ mächtige Gefetz löſet, was gebunden war. Aber nun handele es ſich um ein Weſen, das nach dem Bilde Gottes geſchaffen iſt, um ein junges Mädchen, das in ſei⸗ nem unſchuldigen Glauben an die Rechtlichkeit eines Mannes ſich mit dieſem verbindet und nun findet, daß ſie die Gefährtin eines Gyileptiſchen iſt, eines Unglücklichen, an dem eine entſetzliche Krankheit haftet, deren moraliſche und körperliche Folgen gräßlich ſind, eine Krankheit, die Widerwillen und Entſetzen in die Fa⸗ milie bringen, ein ſchpeckliches Uebel fortpflanzen, ganze Genera⸗ tionen verderben kann — Das Geſetz, das hinkenden, ſtinkenden und huſtenden Thie⸗ 176 ren gegenüber ſo unerbittlich, ſo vorſorglich iſt, nach dem kein krankes Pferd zur Fortpflanzung tauglich ſein ſoll, dieſes Geſetz wird ſich wohl hüten, das Opfer einer ſolchen Verbindung frei zu geben. Dieſes Band iſt heilig und unauflöslich; wer es zer⸗ reißt, vergeht ſich an Gott und an den Menſchen. Wahrhaftig, dachte Rudolph, der Menſch iſt bisweilen ſchmäh⸗ lich demüthig und empörend egviſtiſch. Er erniedrigt ſich unter das Vieh, das er mit Bürgſchaften umgiebt, welche er ſich ſelbſt verſagt; er aber weiht und verewigt ſeine fürchterlichſten Krankheiten, indem er ſie unter die Obhut der Unveränderlichkeit göttlicher und menſchlicher Geſetze ſtelit. LXII. Dir Mildthätigkeit. — S Phn tadelte innerlich den Herrn von Harville, nahm ſich aber vor, ihn der Frau deſſelben gegenüber zu entſchuldigen, ob er gleich nach den traurigen Geſtändniſſen derſelben überzeugt ſein mußte, daß der Marquis ihr Herz für immer verloren habe. Eine Gedankenreihe führte zu der andern, und ſo ſagte Ru⸗ dolph endlich zu ſich ſelbſt: Aus Pflichtgefühl habe ich mich von einer Frau fern gehal⸗ ten, die ich liebte und die vielleicht für mich bereits im Stillen eine gewiſſe Zuneigung fühlte. — Wegen der Leere ihres Herzens oder aus Mitleid hätte ſie beinahe ihre Ehre und ihr Leben ver⸗ loren um eines Tropfes willen, den ſie für unglücklich hielt. Wenn ich mich um ſie bemüht hätte, ſtatt mich von ihr fern zu halten, ſo würde ich ſo ſchonend, ſo rückſichtsvoll verfahren ſein, daß ihr Ruf nicht im mindeſten angetaſtet worden wäre; ihr Gatte würde durchaus keinen Verdacht geſchöpft haben, während ſie jetzt faſt ganz in den Händen des eiteln Karl Robert iſt, der, wie ich fürchte, um ſo weniger verſchwiegen ſein wird, als er Gründe hat es zu ſein. Die Geheimniſſe von Paris. II. 12 178 Und dann, — wer weiß jetzt, ob trotz den Gefahren, denen ſie ausgeſetzt war, das Herz der Frau von Harville immer unbe⸗ ſchäftigt bleibt? — Ihrem Manne kann es ſich unmöglich wieder zuwenden. Welchen Gefahren, welchen Klippen iſt ſie ausgeſetzt, die junge ſchöne Frau mit ihrem Herzen, das Mitleiden fühlt mit allen Schmerzen! Welche Beſorgniſſe, welcher Gram dagegen für Harville! Er iſt verliebt in ſeine Frau und eiferſüchtig auf ſie, trotzdem daß ſie den Widerwillen, das Entſetzen nicht überwinden kann, das er ihr ſeit der ſchrecklichen Brautnacht eingeflößt hat. Welches Schickſal! S6Clemence ftützte die Stirn auf ihre Hand, ihre Augen waren thränenfeucht, ihre Wange brannte vor Scham, und ſie vermied das Auge Rudolphs, ſo ſchwer war ihr die Enthüllung ihrer Lei⸗ den geworden. „Jetzt,“ begann Rudolph nach einer langen Pauſe, „jetzt er⸗ rathe ich die Urſache der Draurigkeit Harvilles, die ich mir bis 5 jetzt nicht enträthſeln konnte. — Ich erkenne ſein Bedauern —“ „Sein Bedauern!“ entgegnete Clemence; „ſagen Sie ſeine Neue, — wenn er dergleichen fühlt — denn nie iſt ein ſolches Verbrechen mit ſo kalter Ueberlegung vollbracht worden.“ „Ein Verbrechen, Frau Marquiſe?“ „Iſt es kein Verbrechen, ein junges Mädchen, das der Eh⸗ renhaftigkeit eines Mannes vertraut, durch unauflösliche Bande an ſich zu feſſeln, obgleich man mit einer Krankheit behaftet iſt, welche Grauen und Entſetzen erregt? Iſt es kein Verbrechen, ein un⸗ glückliches Kind ſicherlich demſelben Leiden zu weihen? Wer nö⸗ thigte den Herrn von Harville, zwei Menſchen zu opfern? Eine verblendete leidenſchaftliche Liebe? — Nein, meine Familie, mein Vermögen, meine Perſon ſagten ihm zu, — er wollte eine „paſ⸗ . * 179 ſende Verbindung“ eingehen, weil das eheloſe Leben ihn ohne Zweifel langweilte —“ „Madame, — üben Sie wenigſtens Mitleiden —“ „Mitleiden! — Wiſſen Sie, wer Mitleiden verdient? — meine Tochter. Das arme Opfer dieſer Ehe! Wie viele Nächte, wie viele Tage habe ich an ihrem Bette verbracht, wie viele bit⸗ tere Thränen haben ihre Schmerzen mir ausgepreßt!“ „Aber ihr Vater — erlitt dieſelben Schmerzen auch un⸗ verdient.“ „Ihr Vater hat ſie zu einer kränklichen Kindheit, zu einer gebrandmarkten Ingend, und, wenn ſie am Leben bleibt, zu einem Leben voll Kummer und Einſamkeit verurtheilt, denn ſie wird und kann ſich nie verheirathen. Ach, nein, ich liebe ſie viel zu ſehr, als daß ich ſie dahin bringen könnte, eines Tages ihr Kind beweinen zu müſſen, wie ich ſie beweine. Ich habe von dieſem Verrathe zu viel gelitten, als daß ich mich eines gleichen Verra⸗ thes ſchuldig oder mitſchuldig machen ſollte.“ „Sie haben Recht, — Ihre Stiefmutter hat ſich auf eine ent⸗ ſetzliche Weiſe gerächt. Doch Geduld! Vielleicht werden auch Sie gerächt,“ ſagte Rudolph nach kurzem Nachdenken. „Wie meinen dies Ew. königl. Hoheit?“ fragte Clemence, verwundert über den Ton ſeiner Stimme. „Ich habe faſt immer — das Gläück gehabt, die böſen Men⸗ ſchen, die ich kannte, ſtrafen, grauſam ſtrafen zu ſehen,“ ſetzte er in einem Tone hinzu, bei dem Clemence zitterte. — „Was ſagte Ihr Gemahl nach der ſchrecklichen Brautnacht?“ „Er geſtand mir mit entſetzlicher Naivetät, die Familien, mit denen er früher wegen ſeiner Heirath unterhandelt, hätten das Ge⸗ heimniß ſeiner Krankheit entdeckt und deshalb mit ihm gebrochen. 3. 180 So hatte er dennoch, obgleich zweimal abgewieſen, — o, es iſt gräßlich! — Und das nennt man in der Welt einen Mann von Ehre!“ „Sie, ſonſt immer ſo weich und gut, werden bitter und grauſam.“ „Ich bin grauſam und bitter, weil man mich auf eine un⸗ würdige Art hintergangen hat. Harville wußte, daß ich gutherzig war; warum wendete er ſich nicht offen an mich, warum ſagte er mir nicht die Wahrheit?“ „Sie hätten ihn dann zurückgewieſen.“ „Gerade dies verurtheilt Harville; ſein Benehmen war ein unwürdiger Verrath, wenn er dies fürchtete.“ „Aber er liebte Sie!“ „Mußte er mich ſeinem Egoismus bien wenn er mich liebte? Ach, mein Gott! Ich befand mich in einer ſo ſchrecklichen Lage, ich wünſchte ſo lebhaft das Haus meines Vaters zu ver⸗ laſſen, daß Harville, wenn er offen und ehrlich geſprochen, mich durch die Schilderung des Fluches, der auf ihm laſte, der Abge⸗ ſchiedenheit, zu der ihn ſein ſchreckliches Leiden verdamme, viel⸗ leicht gerührt und bewegt hätte. Ja, wenn ich ihn ſo unglücklich und doch ſo redlich vor mir geſehen, würde ich vielleicht den Muth nicht gehabt haben, ihn abzuweiſen; und hätte ich auf dieſe Weiſe die heilige Verpflichtung übernommen, die Folgen meiner Hinge⸗ bung zu tragen, ſo würde ich auch muthig mein Verſprechen ge⸗ halten haben; aber eine Thorheit und eine Schlechtigkeit zu glei⸗ cher Zeit war es, mein Intereſſe und Mitleiden dadurch erzwingen zu wollen, daß er mich vor allem an ſich feſſelte, dieſes Intereſſe und dieſes Mitleiden als meine Frauenpflicht zu fordern, nachdem er die Pflicht eines redlichen Mannes mit Füßen getreten hatte. — 181 Jetzt mögen Ew. königl. Hoheit über mein Leben, über meine grau⸗ ſame Täuſchung urtheilen! Ich glaubte an die Rechtlichkeit Har⸗ villes und wurde unwürdig betrogen. — Seine ſtille, ſanfte Me⸗ lancholie rührte mich, und dieſe Melancholie, die durch fromme Erinnerungen, wie er ſagte, in ihm geweckt ſein ſollte, war mur die Ueberzeugung von der Unheilbarkeit ſeiner Krankheit.“ „Aber der Anblick ſeiner Leiden hätte Ihre Theilnahme erre⸗ gen müſſen, ſelbſt wenn er ein Fremder, ein Feind geweſen; Ihr Herz iſt ja edel.“ „Kann ich dieſe Leiden beruhigen, endigen? — Wenn nur wenigſtens meine Stimme gehört würde, wenn ein Blick des Dan⸗ kes meinen mitleidigen Blicken antwortete! Aber nein. Ach, Cw. königl. Hoheit wiſſen nicht, wie grauenvoll jene Anfälle ſind, in denen der Menſch in wilder Wuth um ſich ſchlägt, nichts ſieht, nichts hört, nichts fühlt und aus dieſem Wahnſinne nur heraus⸗ tritt, um in eine völlige Stumpfheit zu verfallen. Wenn meine Tochter einen ſolchen Anfall bekommt, kann ich nichts thun als verzweifeln; mein Herz zerreißt, und ich küſſe weinend die armen kleinen Arme, welche die Krämpfe ſtarr und ſteif machen, die ſie umbringen ... Aber ſie iſt meine Tochter, — meine Tochter — und wenn ich ſie ſo leiden ſehe, fluche ich ihrem Vater tauſend⸗ mal mehr. Laſſen die Schmerzen meines Kindes nach, ſo mindert ſich auch mein Zorn gegen meinen Gatten; dann, ja dann beklage ich ihn, weil ich gutmüthig bin, und auf meinen Widerwillen folgt ein gewiſſes ſchmerzliches Mitleiden. — Aber habe ich mich in meinem ſiebzehnten Jahre verherrathet, um nur immer abwechſelnd Baß und ſchmerzliches Mitleiden zu fühlen? — um ein unglück⸗ liches Kind zu beweinen, das ich vielleicht nicht am Leben er⸗ halte? Und was meine Tochter betrifft, ſo erlauben mir Ew. 182 fönigl. Hoheit einen Vorwurf zu erwähnen, den ich vielleicht ver⸗ diene, den Sie mir aber vielleicht nicht zu machen wagen. Sie iſt ſo intereſſant, daß ſie wohl allein mein Herz hätte beſchäftigen ſollen, denn ich liebe ſie wahrhaft und innig; aber dieſe Liebe ver⸗ miſcht ſich mit ſo vieler Bitterkeit der Gegenwart, mit ſo vielen Beſorgniſſen in der Zukunft, daß meine Zärtlichkeit fur meine Tochter ſich zuletzt immer in Thränen anflöſt. In ihrer Nähe bricht ſtets mein Herz und fühlt die qualvollſte Pein, denn ich vermag ihre Leiden, die man unheilbar nennt, nicht zu enden oder zu lindern. — Um aus dieſer drückenden Atmoſphäre herauszu⸗ kommen, träumte ich von einer Liebe, in deren Wonne ich mich flüchten, in der ich ausruhen wollte. Ach, ich wurde getäuſcht, grauſam getäuſcht, ich geſtehe es, und ſinke wieder in das ſchmer⸗ zensvolle Daſein zurück, das mir mein Gemahl bereitet hat. War dies das Leben, das ich zu erwarten ein Recht hatte? Bin ich allein ſchuldig an dem Vergehen, für das mich dieſen Morgen Harville mit dem Leben büßen laſſen wollte? Das Vergehen iſt groß, ich weiß es, um ſo größer, da ich mich meiner Wahl zu ſchämen habe. Zum Glück für mich haben Ew. königl. Hoheit die Unterredung der Gräfin Sarah mit ihrem Bruder über Herrn Karl Robert gehört, und es iſt mir dadurch die Scham über die⸗ ſes neue Geſtändniß erſpart. Ich hoffe aber wenigſtens eben ſo viel Mitleiden wie Tadel zu verdienen; ich hoffe, daß Sie mir in ver ſchrecklichen Lage, in welcher ich mich befinde, mit Ihrem Rathe beiſtehen werden.“ „Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, wie ſehr Ihre grhl mich ergriffen hat; — welchen Kummer, welche geheimen Schmerzen müſſen Sie erduldet haben von dem Tode Ihrer Mutter an bis 183 zur Geburt Ihrer Tochter! — Sie, die Bewunderte, allgemein Beneidete!“ „Glauben Sie mir, es iſt, wenn man gewiſſe Schmerzen er⸗ trägt, entſetzlich, um ſich her ſagen zu hören: „Wie iſt ſie ſo glücklich!“ „Nicht wahr? Nichts fann qualvoller ſein. Aber Sie ſind nicht die einzige, die von dieſem grellen Abſtande zwiſchen der Wirklichkeit und dem Scheine leidet.“ „Was meinen Ew. königl. Hoheit damit?“ „In den Augen Aller muß Ihr Mann noch glücklicher als Sie erſcheinen, — weil er Sie beſitzt. Und iſt er nicht auch zu beklagen? Giebt es ein entſetzlicheres Leben als das ſeinige? — Er hat viel verſchuldet gegen Sie, aber iſt er nicht auch hart ge⸗ ſtraft? Er liebt Sie, wie Sie geliebt zu werden verdienen, — und er weiß, daß Sie gegen ihn eine unüberwindliche Abneigung haben müſſen. Er ſieht in ſeiner leidenden, kränklichen Tochter einen fortwährenden Vorwurf. — Und dies iſt noch nicht Alles; auch die Eiferſucht quält ihn noch — „Was kann ich dabei thun? — Ihm keine Veranlaſſung zur Eiferſucht zu geben, — wohl; gehört ihm aber mein Herz mehr an, weil es Niemandem gehört? Er weiß es, daß dies nicht der Fall iſt. — Seit dem entſetzlichen Vorfalle, den ich Ihnen be⸗ ſchrieben habe, leben wir getrennt; aber vor den Augen der Welt nehme ich alle Rückſichten auf ihn, welche die Schicklichkeit ver⸗ langt, und ich habe, außer Ihnen, Niemandem ein Wort von ſem entſetzlichen Geheimniſſe geſagt.“ „Und ich verſichere, Frau Marquiſe, daß wenn der Dienſt, den ich Ihnen leiſtete, eine Belohnung verdiente, ich mich durch dieſen Beweis Ihres Vertrauens für tauſendfach bezahlt halte; da 184 . Sie mich aber um meinen Rath befragen und Sie mir erlauben, ganz vffen zu ſprechen —“ „Ich bitte Ew. königl. Hoheit darum.“ „So geſtatten Sie mir die Bemerkung, daß Sie durch die Nichtanwendung einer Ihrer vortrefflichſten Eigenſchaften einen großen Genuß verlieren, der nicht blos das Bedürfniß Ihres Her⸗ zens ſtillen, ſondern Sie ſelbſt Ihren häuslichen Kummer vergeſſen laſſen und jenes Bedürfniß von lebhaften Anregungen, ich möchte faſt hinzuſetzen (verzeihen Sie mir meine ſchlimme Meinung von den Frauen) die natürliche Vorliebe für das Geheimniß und die Intrigue befriedigen würde, welche ſo großen Einfluß auf die Frauen haben.“ „Was wollen Ew. königl. Hoheit damit ſagen?“ „Ich meine, wenn Sie ſich durch Gutes⸗Thun unterhalten wollten, würde Ihnen nichts mehr gefallen, Sie nichts mehr in⸗ tereſſiren.“ Die Frau von Harville ſah Rudolph verwundert an. „Sie ſehen ein,“ fuhr er fort, „daß ich Sie nicht auffordern will, mit Gleichgiltigkeit, faſt mit Verachtung reiche Almoſen den Unglucklichen zu ſenden, die Sie nicht kennen und die vft die Wohl⸗ thaten nicht verdienen. Wenn Sie ſich dagegen gleich mir damit unterhielten, von Zeit zu Zeit die Vorſehung zu ſpielen, ſo würden Sie geſtehen, daß manche gute Werke bisweilen das Pikante eines Romans haben.“ „Ich habe allerdings noch nie daran gedacht, die Wohlthätig⸗ keit von der unterhaltenden Seite 8 betrachten,“ entgegnete Clemence lächelnd. „Es iſt dies eine Entdeckung, die ich meinem Widerwillen vor allem Langweiligen verdanke, dem Widerwillen, den mir be⸗ 185 ſonders meine politiſchen Conferenzen mit meinen Miniſtern einge⸗ flößt haben. Um jedoch auf unſere unterhaltende Wohlthätig⸗ keit zurückzukommen, ſo muß ich leider! geſtehen, daß ich die Tu⸗ gend jener uneigennützigen Perſonen nicht beſitze, welche Andern die Sorge überlaſſen, ihre Almoſen zu verwenden. Wenn ich blos durch einen meiner Kammerherrn jedem Bezirke von Paris einige hundert Louisd'ors ſenden ſollte, ſo (ich geſtehe es zu meiner Schande) würde ich wenig Geſchmack daran finden, während es im höchſten Grade unterhaltend iſt, auf meine Weiſe das Wohlthun zu üben. Ich bleibe bei dem Worte „unterhaltend“, weil es die Sache voll⸗ kommen ausdrückt und Alles bezeichnet, was gefällt, was einen Reiz ausübt. Wenn Sie meine Mitſchuldige bei einigen ſolchen „finſtern Intriguen“ werden wollten, würden Sie ſehen, ich wie⸗ derhole es, daß, ganz abgeſehen von der edlen That, oft nichts merkwürdiger, anziehender, ſeltſamer, bisweilen ſogar ſpaßhafter ſein kann, als dieſe mildthätigen Abenteuer. Und dann, welche Geheimniſſe ſind nöthig, um ſeine Wohlthat zu verbergen, welche Vorſichtsmaßregeln zu gebrauchen, um nicht erkannt zu werden! Welche gewaltigen ver chiedenartigen Gefühle empfindet man bei dem Anblicke der armen guten Leute, die vor Freude weinen, wenn man erſcheint! Das iſt gar oft mehr werth, als das verdrießliche Geſicht eines eiferſüchtigen oder untreuen Liebhabers, und vas iſt abwechſelnd jeder. Sehen Sie, dieſe Empfindungen ſind ungefähr dieſelben, welche Sie dieſen Morgen gefühlt haben, als Sie ſich nach der Rue du Temple begaben. Einfach gekleidet, um nicht erkannt zu werden, würden Sie Ihr Haus mit klopfendem Herzen verlaſſen, ebenfalls in großer Unruhe in einen beſcheidenen Fiaere ſteigen, den Sie völlig zumachten, um nicht geſehen zu werden, und dann, nachdem Sie rings um ſich geſehen haben, ob Sie wohl 1 — — — 186 bemerkt würden, verſtohlen in ein Haus von ärmlichem Ausſehen treten, gerade wie dieſen Vormittag. — Der einzige Unterſchied iſt der, daß Sie heute dachten; wenn man mich erkennt, bin ich verloren; bei dem Wohlthun würden Sie denken: wenn man mich erkennt, wird man mich ſegnen. Da Sie aber bei Ihren Tugen⸗ den auch die Beſcheidenheit beſitzen, ſo würden Sie jede Liſt, ſelbſt die diaboliſcheſte, aufbieten, — nicht geſegnet zu werden.“ „Ach, Ew. königl. Hoheit retten mich,“ rief Madame Harville tief ergriffen aus. — „Ich kann Ihnen nicht ſagen, welche neuen Ideen, welche tröſtende Hoffnungen Ihre Worte in mir erwecken. Sie haben Recht; wenn man ſein Herz und ſeinen Geiſt dadurch beſchäftigt, daß man ſich die Segnungen der Armen erwirbt, ſo kommt dies faſt dem Lieben gleich, oder es iſt vielmehr mehr als Lieben. — Wenn ich das Leben, das ich mir denke, mit dem ver⸗ gleiche, welches mir ein ſchmachvoller Fehltritt bereitet haben würde, ſo werden die Vorwürfe, die ich mir mache, noch weit bitterer.“ „Das würde mir ſehr leid thun,“ entgegnete Rudolph lächelnd; „denn ich wünſche nichts mehr, als Sie die Vergangenheit vergeſſen zu laſſen und Ihnen nur zu beweiſen, daß das Herz auf ſehr ver⸗ ſchiedene Art ſich zerſtreuen kann. — Die Mittel, durch die man zum Guten oder zum Schlechten gelangt, ſind oft ſo ziem⸗ lich dieſelben, — nur der Zweck iſt ein anderer. Um es kurz zu ſagen, warum ſollte man das Schlechte vorziehen, wenn das Gute eben ſo anziehend, eben ſo unterhaltend iſt? Erlauben Sie mir einen gewöhnlichen Vergleich. Warum wählen ſich viele Frauen Liebhaber, die ihren Männern bei weitem nicht gleichkommen? Weil der größte Zauber der Liebe der Reiz der verbotenen Frucht iſt. Sie werden geſtehen müſſen, daß, wenn man dieſer Liebe die 187 Beſorgniſſe, die Angſt, die Schwierigkeiten, das Geheimnißvolle, die Gefahren nähme, nichts vder doch nur ſehr wenig übrig blei⸗ ben würde, d. h. — der Liebhaber in ſeiner urſprünglichen Ein⸗ fachheit; es würde mit einem Worte immer mehr oder weniger das Abenteuer jenes Mannes ſein, zu dem man ſagte: „warum heirathen Sie aber dieſe Wittwe, Ihre Geliebte, nicht?“ — „Ich habe auch daran gedacht,“ antwortete er; „aber wo ſollte ich dann meine Abende zubringen?“ „Das iſt leider nur zu wahr,“ ſagte die Frau von Harville lächelnd. „Wenn ich nun ein Mittel fände, Ihnen dieſe Beſorgniſſe, dieſe Angſt, dieſe Unruhe zu verſchaffen, welche ein Reiz für Sie ſind; wenn ich Ihre natürliche Vorliebe für das Geheimnißvolle, für die Abentener, für die Verſtellung und die Liſt (Sie ſehen, daß meine üble Meinung von den Frauen immer durchblickt) zu etwas Gutem benutzte,“ ſetzte Rudolph heiter hinzu, „würde ich wahr⸗ ſcheinlich die gebieteriſchen und unerbittlichen Neigungen, die bei guter Verwendung vortrefflich, bei ſchlimmer aber höchſt verderb⸗ lich ſind, in edle Eigenſchaften und Tugenden umwandeln. Wol⸗ len wir beide alle Arten von wohlthuenden Machinativnen und von mildthätiger Liſt erdenken, deren Opfer, wie immer, ſehr gute Menſchen ſein ſollen? Wir würden dann Rendezvous haben, eine Correſpondenz, Geheimniſſe, und wir würden uns, vor allem, vor dem Marquis verbergen, denn Ihr Beſuch heute bei Morels wird ihn aufmerſam gemacht haben; kurz wir würden, wenn Sie es wol⸗ len, die regelmäßigſte Intrigue haben.“ „Ich trete mit Frenden, mit dankerfülltem Herzen dieſem fin⸗ ſtern Bunde bei,“ entgegnete Clemence heiter, „und ich werde, um unſern Roman zu beginnen, ſchon morgen wieder zu jenen Un⸗ 188 glücklichen gehen, denen ich dieſen Morgen nur leider einige trö⸗ ſtende Worte bringen konnte, da ein kleiner hinkender Knabe meine Unruhe und Angſt benutzte und mir die Börſe ſtahl, die Sie mir übergeben hatten. — Ach, königl. Hoheit,“ ſetzte Clemence hinzu, und ihr Geſicht verlor den Ausdruck ſanfter Heiterkeit, der es ei⸗ nen Augenblick überſtrahlt hatte, „wenn Sie wüßten, welche Noth da herrſcht! Nein, ich hatte es bis dahin nicht geglaubt, daß es ſo großes Elend geben könnte. und ich beklage mich, ich klage mein Schickſal an!“ Nudolph, der nicht merken laſſen wollte, wie ſehr ihn dieſe Rückkehr der Frau von Harville zu ihr ſelbſt bewegte, ſetzte hei⸗ ter hinzu: „Wenn Sie mir erlauben, nehme ich die Morels von unſerer Gemeinſchaft aus. Ueberlaſſen Sie dieſe Armen mir allein, und verſprechen Sie mir vor allem, nie wieder in jenes traurige Haus zu gehen, denn dort wohne ich —“ „Sie, königl. Hoheit? — Welcher Scherz!“ „Es iſt mein voller Ernſt. — Freilich eine beſcheidene Woh⸗ nung — für 200 Fres. jährlich und ſechs Franes monatlich an die Portiersfrau, Frau Pipelet, die ſchreckliche Alte, die Sie ken⸗ nen. Meine Nachbarin iſt die hübſcheſte Griſette im ganzen Stadttheile, Mademviſelle Lachtaube, und Sie werden geſtehen, daß dies für einen Handlungsdiener, der jährlich 1800 Fres. verdient, (ich gelte für einen Handlungsdiener) höchſt angenehm iſt.“ „Ihre ſo unverhoffte Anweſenheit in jenem Hauſe iſt mir ein Beweis, daß Ew. königl. Hoheit nicht ſcherzen. — Ohne Zweifel handeln Sie in irgend einer guten Abſicht ſo; aber welche gute That überlaſſen Sie mir? Welche Rolle beſtimmen Sie für mich?“ 189 „Die eines tröſtenden Engels und — erlauben Sie mir die⸗ ſes abſcheuliche Wort — eines ſchlauen, liſtigen Teufels; denn wenn es gewiſſe ſchmerzliche Wunden giebt, welche nur eine weib⸗ liche Hand pflegen und heilen kann, ſo giebt es auch ſo ſtolzes ſo mißtrauiſches, ſo verſtecktes Unglück, daß ein ſeltener Scharf⸗ ſinn dazu gehört, daſſelhe zu entdecken, und ein eehit Zauber, das Vertrauen zu gewinnen.“ „Und wann werde ich dieſen Scharfſinn, dieſe Gewandtheit, die Sie mir beilegen, anwenden können?“ fragte die Frau von Harville ungeduldig. „Hoffentlich werden Sie bald eine Ihrer würdige Eroberung zu machen haben; aber Sie werden dann Ihre ganze Liſt und Schlauheit aufbieten müſſen.“ „Und wann werden Sie mir dieſes große Geheimniß mit⸗ theilen?“ „Sehen Sie, da ſtehen wir bereits bei dem Rendezvvus. — Koͤnnen Sie mir das Vergnügen gewähren, nach vier Tagen mich bei Ihnen zu ſehen?“ „So ſpät!“ antwortete Clemence unverſtellt. „Und das Geheimniß? Die Schicklichkeit? Bedenken Sie doch! Wenn man uns beide für gleichſchuldig hielte, würde man vor uns auf der Hut ſein; — vielleicht habe ich Ihnen aber zu ſchrei⸗ ben. — Wer iſt die bejahrte Frau, welche mir heute Abend Ih⸗ ren Brief überbrachte?“ „Eine alte Kammerfrau meiner Mutter, die Sicherheit und Verſchwiegenheit ſelbſt.“ „Ihr werde ich meine Briefe zufertigen, ſie mag Ihnen die⸗ ſelben übergeben. — Wenn Sie die Güte haben mir zu antwor⸗ — 190 ten, ſo ſchreiben Sie: „An Herrn Rudolph, Rue Plumet.“ Ihr Kammermädchen trägt die Briefe auf die Poſt —“ „Ich werde ſie ſelbſt abgeben, wenn ich wie gewöhnlich meine Promenade zu Fuß mache.“ „Gehen Sie voft allein aus? „Faſt täglich, wenn es ſchönes Wetter iſt.“ „Vortrefflich! Es iſt dies eine Gewohnheit, die alle Frauen gleich in den erſten Monaten ihrer Ehe annehmen ſollten; man kann nicht wiſſen, wozu ſie ſpäter gut ſein kann. Es iſt Präce⸗ denzfall, wie die Advokaten ſagen; und dieſe gewöhnlichen Spa⸗ ziergänge werden ſpäter nicht übel gedeutet. Wenn ich eine Frau wäre (unter uns geſagt, ich würde ſehr mildthätig und ſehr leicht⸗ fertig ſein, fürchte ich), würde ich gleich nach dem Trauungstage in aller Unſchuld die geheimnißvollſten Gänge gemacht, abſichtlich den gefährlichſten Schein gegen mich erregt haben, eben um den Präcedenzfall zu haben und dann ſpäter meine Armen oder — meine Liebhaber beſuchen zu können.“ Das wäre ja eine entſetzliche Treuloſigkeit,“ ſagte die Frau von Harville lächelnd. „Es iſt ein Glück für Sie, daß Sie nie in den Fall gekom⸗ men ſind, die Nützlichkeit ſolcher Präcedentien würdigen zu kön⸗ nen.“ Die Frau von Harville lächelte nicht mehr; ſie ſchlug die Augen nieder, erröthete und ſagte traurig: „Das iſt nicht edel, königl. Hoheit.“ Rudolph ſah die Marquiſe anfangs verwundert an, dann ent⸗ gegnete er: „Ich verſtehe, — aber ein- für allemal, laſſen Sie mich Ihre Stellung zu dem Herrn Karl Robert klar erkennen. Eines Tages 8 3 2 191 zeigte Ihnen eine Freundin einen jener jammernden Bettler, die ſchmachtend die Augen verdrehen und gewöhnlich einer Clarinette verzweiflungsvolle Töne entlocken, um die Vorübergehenden zum Mitleide zu bewegen. — Das iſt ein guter Armer,“ ſagte Ihre Freundin,“ er hat wenigſtens ſieben Kinder und eine Frau, die blind, taub und ſtumm iſt.“ — „Ach, der Unglückliche!“ entgeg⸗ neten Sie, indem Sie ihm mildthätig ein Almoſen reichten, „und ſo oft Sie nun dieſem Bettler begegnen, ſieht er Sie, ſobald er Sie von weitem erblickt, recht ſchmachtend an, lockt die kläglichſten Töne aus ſeiner Clarinette und erhält von Ihnen eine Gabe. Ei⸗ nes Tages, als Ihre Freundin, die Ihr Herz böswilliger Weiſe irre leitete, Sie für den „guten Armen“ noch mitleidiger geſtimmt hatte, nehmen Sie ſich vor, aus Mitleid in das Haus des Unglück⸗ lichen zu gehen, um ſein Elend ſelbſt zu ſehen. — Sie kommen an und finden keine melancholiſche Clarinette, keinen jammervol⸗ len ſchmachtenden Blick, ſondern einen iovialen, luſtigen Menſchen, der ein Trink⸗ und Liebeslied anſtimmt. — Da tritt an die Stelle des Mitleidens die Verachtung, denn Sie hielten einen „ſchlechten Armen“ für einen „guten Armen“, weiter nichts. Iſt dem ſo?“ Die Frau von Harville mußte unwillkürlich über den ſeltſa⸗ men Vergleich lächeln und antwortete Rudolph: „So annehmbar auch dieſe Rechtfertigung klingt, ſo ſcheint ſie mir doch zu ſchwach zu ſein.“ * „Sie haben doch nur, wenn man Alles berückſichtigt, eine edelſinnige Unvorſichtigkeit begangen. — Es bleiben Ihnen zu viele Mittel, ſie wieder gut zu machen, als daß Sie große Reue darüber zu fühlen nöthig hätten. — Werde ich aber dieſen Abend den Herrn von Harville nicht ſehen?“ fen, daß — er unwohl iſt,“ ſagte die Marquiſe leiſe. Sie Muth: Es fehlte Ihrem Leben ein Zweck, Sie bedurften in Ihrem Kummer, wie Sie ſelbſt ſagten, einer Zerſtreuung. Laſſen Sie mich glauben, daß Sie dieſe Zerſtreuung in der Zukunft finden werden, von welcher ich ſprach; dann werden Sie ſo vielen ſüßen Troſt finden, daß vielleicht ſelbſt Ihr Haß gegen Ihren Gemahl ſchwindet. Sie werden einigermaßen Mitleid mit ih mit Ihrem Kinde. könnte ich, da ich nun die Urſache ſeiner Kränklichkeit kenne, Sie faſt auffordern zu hoffen . ..“ dankend die Hände faltete. ein König, 192 „Nein. — Der Auftritt von heute Morgen hat ihn ſo ergrif⸗ „Ah, ich verſtehe,“ entgegnete Rudolph traurig; „aber faſſen m haben wie — und was den fleinen Engel betrifft, ſo Wäre es möglich? Aber wie?“ rief Clemence aus, indem ſie „Mein Leibarzt iſt ein ſehr unbekannter, aber ſehr gelehrter Arzt; er hielt ſich lange in America auf; ich erinnere mich, daß er von einigen faſt wunderbaren Heilungen geſprochen hat, die er an Sclaven bewirkte, welche an dieſer fürchterlichen Krankheit litten.“ „Ach, wäre es möglich?“ „Hoffen Sie nicht zu viel, denn die Täuſchung würde grau⸗ ſam ſein. — Aber wir wollen nicht alle Hoffnung aufgeben —“ Clemente von Harville warf auf die edeln Züge Rudolphs einen Blick unausſprechlichen Dankes. — Der Mann vor ihr, faſt tröſtete ſie mit ſo viel Verſtand, Anmuth und Güte. Und ſie fragte ſich, wie ſie ſich für den Herrn Karl Robert habe intereſſiren können? Dieſe Erinnerung war jetzt ſchrecklich für ſie. „Wie viel bin ich Ew. königl. Hoheit ſchuldig!“ ſprach ſie 193 mit bewegter Stimme. „Sie beruhigen mich, Sie geben mir Hoff⸗ nung für meine Tochter, Sie zeigen mir eine neue Zukunft, die zugleich ein Troſt, eine Freude und ein Verdienſt ſein würde. Hatte ich nicht Recht — Ihnen zu ſchreiben, daß, wenn Sie die⸗ ſen Abend zu mir kommen wollten, Sie den Tag beendigen wür⸗ den, wie Sie ihn begonnen, mit einer guten That —?“ „Setzen Sie hinzu, eine gute That, wie ich ſie bei meiner Selbſtſucht liebe, eine gute That voll Reiz und Unterhaltung,“ ſagte Rudolph, indem er aufſtand, denn es war bereits halb zwölf Uhr. „Leben Sie wohl und vergeſſen Ew. königl. Hoheit nicht, mir bald von den armen Leuten in der Rue du Temple Nachricht zu geben.“ „Ich werde ſie morgen früh ſehen, — denn ich hatte un⸗ glücklicherweiſe vergeſſen, daß der kleine Lahme Ihnen die Börſe geſtohlen, und die Armen befinden ſich vielleicht in der ſchrecklich⸗ ſten Noth. Nach vier Tagen, vergeſſen Sie es nicht, werde ich wiederfommen und Ihnen die Rolle mittheilen, die Sie zu über⸗ — nehmen bereit ſind. — Ich muß indeß noch hinzuſetzen, daß eine Verkleidung Ihnen wohl nothwendig werden wird —“ 8 „Eine Verkleidung? Welches Glück! Und welche?“ „Das kann ich noch nicht ſagen. — Ich werde Ihnen die Wahl überlaſſen. —“ Als der Fürſt in ſeine Wohnung zuräckgekehrt war, freute er ſich aufrichtig über die Wirkung ſeiner Unterredung mit der Frau von Harville, denn es ſtand nun bei ihm feſt: den Geiſt und das Herz dieſer jungen Frau auf eine edle Weiſe zu beſchäftigen, die durch eine unüberwindliche Abneigun 4 Die Geheimniſſe von Paris. III. 13 194 von ihrem Manne getrennt war, und in ihr ſo viel romanhafte Neugierde, ſo viel geheimnißvolles Intereſſe, außerhalb der Liebe, zu wecken, daß das Bedürfniß ihrer Phantaſie und ihres Gemü⸗ thes befriedigt und ſie ſo vor einer neuen Liebe geſichert würde, oder auch — der Frau von Harville eine ſo gewaltige, ſo unheilbare und zu gleicher Zeit ſo reine und ſo edle Liebe einzuflößen, daß die junge Frau nicht mehr im Stande ſei, eine minder erhabene Liebe zu empfinden, und folglich auch die Ruhe Harvilles nicht mehr gefährde, den Rudolph wie einen Bruder liebte. LXIII. Armuth. — Sh hat vielleicht nicht vergeſſen, daß eine unglückliche Fa⸗ milie, deren Haupt, ein Steinſchneider, Morel hieß, das Dachſtüb⸗ chen des Hauſes in der Rue du Temple bewohnte. In dieſe traurige Wohnung wollen wir den Leſer führen. Es iſt früh um fünf Uhr. Draußen iſt es ſtill, dunkel und kalt. Es ſchneit. Ein Talglicht, das durch zwei Holzſpähne auf einem vier⸗ eckigen Brettchen gehalten wird, vermag mit ſeinem bleichgelben Lichte kaum das tiefe Dunkel des Stübchens zu durchdringen, das klein und niedrig iſt und zu zwei Dritttheilen durch das ſteilab⸗ fallende Dach bedeckt wird, welches einen ſehr ſpitzen Winkel mit dem Fußboden bildet. Ueberall ſieht man die grünlichen Ziegel des Daches. Die geweißten, durch die Zeit aber geſchwärzten und von vie⸗ len Riſſen durchzogenen Wände laſſen die wurmſtichigen Balken ſehen, welche ſie bilden; in einer dieſer Wände führt eine ſchlecht⸗ ſchließende Thüre auf die Treppe. 13* 196 Der klebrige Fußboden von namenloſer Farbe iſt hier und da mit Halmen verfaulten Strohes, mit ſchmutzigen Lumpen und den dicken Knochen bedeckt, welche der Arme bei den gemeinſten Ver⸗ käufern von verdorbenem Fleiſche kauft, um die Knorpel abzuna⸗ gen, die noch daran hängen *). Eine ſo entſetzliche Unordnung verkündigt immer entweder Liederlichkeit oder ſo tiefe große Noth, daß der gleichſam vernich⸗ tete Menſch den Willen, die Kraft und das Bedürfniß nicht mehr fühlt, aus dem Schmutze ſich herauszuarbeiten; er kauert darin wie das Thier in ſeiner Grube. Am Tage wird dieſe elende Wohnung durch ein ſchmales längliches Fenſter an dem ahſchüſſigen Theile des Daches erhellt. Zu der Zeit, von welcher wir ſprechen, lag auf dieſem Fen⸗ ſterchen eine dicke Schneeſchicht. Das Licht, welches faſt in der Mitte des Stübchens auf dem Arbeitstiſche des Steinſchneiders ſteht, verbreitet an dieſer Stelle einen Kreis von bleicher Helle, die allmählig abnimmt und ſich im Schatten verliert, von welchem das Stübchen umhüllt iſt, in dem Schatten, in welchem undeutlich einige weißliche Geſtalten er⸗ ſcheinen. Auf dieſem Arbeitstiſche, einem viereckigen, ſchweren, plump gearbeiteten, von Fett und Talg befleckten Tiſche liegt, funkelt und flimmert eine Handvoll Diamanten und Rubinen von bewun⸗ dernswürdiger Größe und ſeltenem Glanze. Morel ſchliff ächte Steine, nicht falſche, wie er ſagte und wie man in dem Hauſe glaubte. — Nach dieſer unſchuldigen Lüge *) Man findet häufig in den ſehr volkreichen Stadttheilen Leute, welche Fleiſch von todtgeborenen Kälbern und von Vieh verkaufen das an irgend einer Krankheit ſtarb. 197 erſchienen die Steine, welche man ihm anvertraute, von ſo gerin⸗ gem Werthe, daß er ſie ohne Furcht, beſtohlen zu werden, bei ſich haben konnte. Da ſo große Schätze ſo großer Armuth anvertraut ſind, ſo brauchen wir von der Chrlichkeit Morels nicht weiter zu ſprechen. Der Steinſchneider ſitzt, überwältigt von der Anſtrengung, der Kälte und der Müdigkeit nach einer langen Winternacht, die er arbeitend verbracht hatte, auf einem Schemel ohne Lehne und hat ſein ſchweres Haupt, ſeine erſtarrten Arme auf den Arbeits⸗ tiſch ſinken laſſen; ſeine Stirn ſtützt ſich auf einen großen Schleif⸗ ſtein, der horizontal auf dem Tiſche ſteht und gewöhnlich durch ein kleines Rad mit der Hand gedreht wird; eine feine Stahlſäge und einige andere Werkzeuge liegen daneben. Der Mann, von dem man nur den kahlen Schädel mit wenigem grauen Haare ſieht, trägt eine alte braune geſtrickte Jacke auf der bloßen Haut und ſchlechte Beinkleider von Leinwand; ſeine zerriſſenen Schuhe von Anſchrot verhüllen kaum die kalten bläulichen Füße, die auf dem Fußboden ruhen. Es iſt in der Stube ſo eiskalt, daß der Handwerker trotz ſei⸗ ner Schläfrigkeit, in die er aus Ermattung geſunken iſt, von Zeit zu Zeit am ganzen Körper ſchauert. Die lange Schnuppe des Lichtes zeigt, daß Morel bereits ſeit einiger Zeit ſchlummert; man hört nichts als ſein beſchwerli⸗ ches Athmen, denn die ſechs andern Bewohner dieſer Dachſtube — ſchlafen nicht. Ja, in dieſer kleinen Dachſtube leben ſieben Perſonen. Fünf Kinder, von denen das jüngſte vier, das ölteſte kaum — 198 zwölf Jahre alt iſt; dann die kranke Mutter und endlich eine acht⸗ zigjährige Blövſinnige, die Mutter der Mutter. Die Kälte iſt ſehr bedentend, da die natürliche Wärme der ſieben Perſonen, die in dieſen engen Raum zuſammengedrängt ſind, die eiſige Atmoſphäre nicht mildert; aber dieſe hagern, er⸗ ſchöpften, zitternden Körper, von dem kleinſten Kinde an bis zur Großmutter, ſtrömen auch wenig Wärmeſtoff aus, wie ein Gelehrter ſagen würde. Außer dem Familienvater, der einen Augenblick entſchlum⸗ merte, weil ſeine Kräfte erſchöpft waren, ſchläft Niemand, — nein, denn die Kälte, der Hunger und die Krankheit halten den Schlaf ab von den müden Augen. Man weiß es nicht, wie ſelten, wie koſtbar für den Armen der tiefe geſunde Schlaf iſt, in welchem er neue Kräfte ſammelt und ſeine Leiden vergißt. Er erwacht ſo heiter, ſo kräftig und entſchloſſen zu der ſchwerſten Arbeit nach einer wohlthätigen Nacht, daß ſelbſt die durchaus nicht Religiöſen ein gewiſſes Dankgefühl, wenn auch nicht gegen Gott, ſo doch gegen den Schlaf empfinden, — und wer die Wirkung ſegnet, ſegnet auch die Urſache. Bei dem Anblicke der fürchterlichen Armuth dieſes Handwer⸗ kers, verglichen mit dem hohen Werthe der Edelſteine, die man ihm anvertraut, fällt einer jener Contraſte grell in die Au⸗ gen, welche die Seele zu gleicher Zeit erheben und nieder⸗ drücken. Der Mann hat fortwährend den herzzerreißenden Anblick der Schmerzen der Seinigen vor den Augen; Alles laſtet auf ihnen⸗ von dem Hunger bis zum Blödſinne, — und er ſchont dieſe Edel⸗ ſteine, von denen ein einziger ſeine Frau, ſeine Kinder den Ent⸗ behrungen entreißen würde, die ihnen langſam den Tod geben. 199 Er erfullt ohne Zweifel ſeine Pflicht, er thut nichts als ſeine Pflicht als ehrlicher Mann; aber iſt die Erfüllung dieſer Pflicht minder groß, minder ſchön, weil die Pflicht ſo einfach iſt? Kön⸗ nen die Bedingungen, unter welchen die Pflicht vollbracht wird, die Ausübung derſelben nicht noch verdienſtlicher machen? Und repräſentirt nicht dieſer Handwerker, der neben dieſem Schatze ſo arm und rechtſchaffen bleibt, die unermeßliche und furcht⸗ bare Majorität der Menſchen, die für immer zu Entbehrungen verdammt, aber friedlich, arbeitsſam, ergeben ſind und jeden Tag ohne Haß und Neid die Pracht der Reichen vor ihren Augen glänzen ſehen? Iſt es nicht ein edler, ein tröſtender Gedanke, daß nicht die Gewalt, nicht die Furcht, ſondern nur der moraliſche gute Sinn den furchtbaren Volksozean zurückhält, der, ſobald er über ſeine ufer träte, die ganze Geſellſchaft verſchlingen und deren Geſetze und Macht ſpielend zernichten würde, wie das zornige Meer die Dämme und Wälle zerbricht? Fühlt man dann nicht das innigſte Mitleiden mit jenen ed⸗ len Seelen, die nur einen kleinen Raum in der Sonne ver⸗ langen für ſo großes Unglück, ſo großen Muth und ſo gänzliche Erg ebenheit 7 Doch kehren wir zu dieſem nur zu wahren Beiſpiele entſetz⸗ licher Armuth zurück, die wir in ihrer grauenhaften Nacktheit zu ſchildern verſuchen wollen. Der Steinſchneider beſaß nur noch eine dünne Matratze und ein Stuck Decke, welche der blödſinnigen Großmutter überlaſſen wa⸗ ren, die in ihrer ſtumpfen Selbſtſucht ihr Lager mit Niemandem theilen wollte. 200 Im Anfange des Winters war ſie tobſüchtig geworden und hatte das jüngſte Kind faſt erſtickt, das man neben ſie gelegt, — ein kleines Mädchen von vier Jahren, das ſeit einiger Zeit ſchwind⸗ ſüchtig war und in dem Strohſacke, in welchem es mit ſeinen Brüdern und Schweſtern lag, zu ſehr fror. Wir werden dieſe Schlafweiſe, die bei den Armen ſehr häufig iſt, ſogleich erklären. Ihnen gegenüber wird das Vieh wahrhaft ſybaritiſch behandelt, denn man erneuert dieſem die Stren. Das iſt das vollſtändige Bild, welches das Dachſtübchen des Handwerkers gewährt, wenn das Auge durch das Halbdunkel hin⸗ durchdringt, welches der ſchwache Schein des Lichtes nicht ganz zu vertreiben vermag. An der Querwand, die weniger ſeucht iſt als die übri gen, liegt auf dem Fußboden die Matratze, auf welcher die alte Blöd⸗ ſinnige ruht. Da ſie nichts auf dem Kopfe duldet, ſo laſſen ihre glatt abge⸗ ſchnittenen weißen Haare vollkommen deutlich die Form ihres Schädels mit der eingedrückten Stirn erkennen; ihre dicken grauen Brauen beſchatten die tiefen Augenhöhlen, in denen ein ſcheuer Blick fun⸗ kelt; die bleichen, eingefallenen, von tauſend Runzeln durchzogenen Wangen hängen anu den Backenknochen und den vorſpringenden Ecken der Kinnlade. Sie liegt auf der Seite zuſammengekauert da, ihr Kinn berührt faſt die Kniee, und ſie zittert vor Froſt unter einer grauen wollenen Decke, die zu klein iſt, als daß ſie ſich ganz darin hüllen könnte, und die fleiſchloſen Beine nebſt dem Saume eines alten zerriſſenen Unterrockes ſehen läßt. — Ein ekelhafter Geruch verbreitet ſich von dieſem Lager aus. In geringer Entfernung von dem Lager der Großmutter liegt, 201 ebenfalls parallel mit der Wand, der Strohſack, welcher den fünf Kindern als Bett dient, und zwar in folgender Weiſe: Man hat zwei Oeffnungen in die Leinwand in der Quere gemacht, die eine an dem einen, die andere an dem andern Ende, und dann die Kinder in ein feuchtes, übelriechendes Stroh hinein⸗ geſteckt; die Leinwand dient ihnen als Decke. Zwei kleine Mädchen, von denen das eine ſchwer krank iſt, zittern vor Froſt an der einen Seite, drei Knaben an der an⸗ dern. Die Mädchen und die Knaben liegen in dem Strohſacke in den Kleidern, wenn einige armſelige Lumpen Kleidungsſtücke ge⸗ nannt werden können. Dickes blondes, verworrenes, ſtarres Haar, das ihnen die Mutter wachſen läßt, weil es doch ein wenig vor der Kälte ſchützt, bedeckt zur Hälfte ihre bleichen krankhaften Geſichter. Einer der Knaben zieht mit den ſteifen Fingern die Strohſackleinwand bis an das Kinn an ſich, um ſich beſſer zuzudecken; der andere hält, um nicht die Hände der Kälte auszuſetzen, die Leinwand mit den Zäh⸗ nen feſt, die klappernd aufeinanderſchlagen; der dritte ſchmiegt ſich zwiſchen ſeine beiden Brüder. Das zweite der Mädchen, an dem die Schwindſucht zehrt, ſtützt matt das arme kleine Geſicht, das ſchon leichenbläulich aus⸗ ſieht, auf die kalte Bruſt ihrer Schweſter, die fünf Jahre alt iſt, ſie vergebens in ihren Armen zu erwärmen ſucht und mit ängſt⸗ licher Beſorgniß neben ihr wacht. Auf einem andern Strohſacke, der an der untern Seite je⸗ nes der Kinder liegt, ruht die Frau des Handwerkers, erſchöpft durch ein ſchleichendes Fieber und eine ſchmerzhafte Krankheit, die ſie ſeit mehrern Monaten an das harte Lager gefeſſelt hält. — 202 Magdalene Morel iſt ſechsunddreißig Jahre alt. Ein altes blaues baumwollenes Tuch, das ſie um die Stirn gebunden hat, hebt die gallige Bläſſe ihres abgezehrten Geſichtes noch mehr her⸗ vor. Ein bräunlicher Ring umſchließt die eingefallenen, erloſche⸗ nen Augen; ihre bleichen Lippen ſind aufgeſprungen und bluten. Ihr muthloſes Geſicht, ihre ausdrucksloſen Züge verrathen einen der ſanften Charaktere ohne Spannkraft und Energie, die nicht gegen das Unglück ankämpfen, ſondern ſich beugen, zuſam⸗ menbrechen und wehklagen. Sie war bei ihrer Trägheit und Beſchränktheit ehrlich geblie⸗ ben, weil ihr Mann ehrlich war; wäre ſie ſich ſelbſt überlaſſen geweſen, ſo hätte die Armuth ſie wohl zum Böſen treiben können. Sie liebte ihre Kinder und ihren Mann, aber ſie beſaß weder den Muth noch die Kraft, ihre bittern Klagen über ihr gemeinſames Unglück zurück zu halten. Oft ſah ſich der Steinſchneider, der allein durch angeſtrengte Arbeit die Familie erhielt, genöthigt, ſeine Arbeit zu unterbrechen, um die arme Kranke zu tröſten und zu beruhigen. Ueber ein ſchlechtes, grobes und zerriſſenes Betttuch, welches die Fran bedeckte, hatte Morel, um ſie zu erwärmen, einige Klei⸗ dungsſtücke gebreitet, die ſo alt und ſo geflickt waren, daß der Pfandleiher ſie nicht hatte annehmen mögen. Ein kleiner Ofen, eine Pfanne und ein irdener Topf mit ab⸗ gebrochener Schneppe nebſteinem Paar geſprungener Taſſen, die hier und da ſtanden, ein Eimer, ein Brett zum Einſeifen und ein gro⸗ ßer ſteinerner Krug, der unter dem Dachwinkel neben der klaffen⸗ den Thüre ſtand, an welcher fortwährend der Wind rüttelte, — das war das ganze Beſitzthum dieſer Familie. Dieſes troſtloſe Bild wird durch das Talglicht beleuchtet, deſ⸗ 203 ſen Flamme der Wind bewegt, der durch die Ziegelritzen des Da⸗ ches hereinpfeift. Das Licht wirft ſeinen bleichen flackernden Schein bald auf dieſe Armuth, bald blitzt es in tauſend prismatiſchen Funken auf den Diamanten und Rubinen, die auf dem Tiſche lie⸗ gen, auf welchem der Steinſchneider ſchlummert. Mit unwillkührlicher Aufmerkſamkeit haften die Augen aller dieſer Armen, die alle ſchweigen und alle wachen, von der Groß⸗ mutter bis zu dem jüngſten Kinde, auf dem Steinſchneider, ihrer einzigen Hoffnung, ihrer einzigen Hülfe. In ihrer ſchuldloſen Selbſtſucht ſahen ſie ihn mit Beſorg⸗ niß unthätig, von der Laſt der Arbeit niedergedrückt daſitzen; Die Mutter dachte an ihre Kinder; Die Blödſinnige ſchien an gar nichts zu denken. Mit einemmale aber ſetzte ſie ſich auf, ſchlug die langen, dür⸗ ren, gelblichen Arme über ihrer ſtkelettartigen Bruſt zuſammen, ſah blinzelnd in das Licht, — ſtand dann langſam auf und zog ihren Deckfetzen gleich einem Leichentuche nach ſich. Sie war ſehr lang, ihr glattgeſchorener Kopf dagegen ſah übermäßig klein aus. Ihre dicke, hängende Unterlippe zitterte krampfhaft, und dieſes häßliche Geſicht trug den Stempel völligen Stumpfſinnes an ſich. Die Blödſinnige ſchlich bedächtig an den Arbeitstiſch wie ein Kind, das einen Streich ausführen will. Als ſie das Licht erreichen konnte, hielt ſie ihre beiden zittern⸗ den Hände an die Flamme, und ſie waren ſo abgezehrt, daß ihnen das Licht eine gewiſſe Durchſichtigkeit gab. Magdalene Morel folgte von ihrem Lager aus jeder Bewe⸗ gung der Alten, welche ſich fortwährend an der Flamme des Lich⸗ tes wärmte, dann den Kopf ſinken ließ und mit kindiſcher Neu⸗ gierde das Flimmern der Diamanten und Rubinen betrachtete, die auf dem Tiſche lagen. Bei dieſer Betrachtung hielt die Blödſinnige die Hände nicht fern genug von der Flamme, verbrannte ſich und ſtieß einen hei⸗ ſern Schrei aus — Morel fuhr aus dem Schlafe auf und richtete raſch den Kopf empor. Er war vierzig Jahre alt und hatte ein offenes, kluges, mil⸗ des, aber durch die Noth abgezehrtes Geſicht; ein grauer, mehrere Wochen alter Bart bedeckte den untern Theil ſeines von den Blat⸗ tern zerriſſenen Geſichtes; vorzeitige Runzeln durchzogen ſeine be⸗ reits kahle Stirn, und ſeine Augenlider waren durch übermäßiges Wachen geröthet. Eine Erſcheinung, welche bei ſchwächlichen Handwerkern häufig iſt, die ſitzen und dabei faſt den ganzen Tag in einer und derſel⸗ ben Stellung bleiben müſſen, hatte ſeinen Körper verunſtaltet. Da er immer an ſeinem Arbeitstiſche gebückt ſitzen und ſich nach der rechten Seite hin beugen mußte, um den Schleifſtein zu drehen, ſo hatte der Steinſchneider von der Stellung, die er des Tages zwölf bis funfzehn Stunden einnehmen mußte, einen krummen Rük⸗ ken und eine hohe Schulter erhalten. Sein rechter Arm hatte durch die fortwährende beſchwerliche Drehung des Schleifſteines eine bedeutende Muskelentwickelung er⸗ langt, während der linke Arm und die linke Hand, die immer nur ruhig dalagen, um die Facetten der Diamanten dem Schleifſteine hinzuhalten, in entſetzlicher Weiſe abgezehrt waren; die hagern, durch den gänzlichen Mangel an Bewegung faſt gänzlich kraftlos gewordenen Beine konnten den erſchöpften Körper kaum noch tra⸗ gen, deſſen ganze Kraft und Lebensthätigkeit ſich ausſchließlich in 205 dem Theile concentrirt zu haben ſchienen, der durch Arbeit immer geübt wurde. Mit bitterer Reſignation pflegte Morel zu ſagen: „Ich eſſe weniger um meiner ſelbſt willen, als um den Arm zu ſtärken, der den Schleifſtein dreht.“ Der Steinſchneider führ aus dem Schlafe empor und ſah dicht vor ſich die blödſinnige Alte. „Was iſt Dir, Mutter? Was willſt Du?“ fragte Morel; dann ſetzte er leiſer hinzu, um ſeine Familie nicht zu wecken, die nach ſeiner Meinung ſchlief: „lege Dich nieder, Mutter, und mache keinen Lärm; Magdalene und die Kinder ſchlafen.“ „Ich ſchlafe nicht, — ich wärme Adelen,“ ſagte das älteſte der kleinen Mädchen. „Ich kann nicht ſchlafen, mich hungert zu ſehr,“ fiel einer der Knaben ein; „es war geſtern nicht die Reihe an mir, bei Mamſell Lachtaube Suppe zu eſſen.“ „Ihr armen Kinder!“ ſeufzte Morel; „ich glaubte, Ihr ſchlie⸗ fet wenigſtens.“ „Ich fürchtete Dich zu wecken, Morel,“ ſprach die Fran, „ſonſt würde ich Dich um einen Trunk Waſſer gebeten haben; mich dürſtet; ich liege im Fieber.“ „Sogleich,“ antwortete Morel; „erſt will ich nur Deine Mut⸗ ter wieder zur Ruhe bringen. — Laß meine Steine liegen!“ ſagte er dann zu der Alten, die nach einem großen Rubin griff, deſſen Funkeln ihre Aufmerkſamkeit erregte. „Lege Dich wieder nieder, Mutter!“ wiederholte er. „Da! — Da!“ antwortete die Blödſinnige, indem ſie auf den Edelſtein wies. 206 „Wir werden uns veruneinigen,“ ſagte Morel mit ſtärkerer Stimme, um ſeine Schwiegermutter zu erſchrecken, deren Hand er ſanft wegſchob. „Ach Gott, Morel, mich dürſtet!“ flüſterte Magdalene. — „Komm, gieb mir zu trinken.“ „Ich kann ja nicht, — ich darf Deine Mutter meine Steine nicht angreifen laſſen, damit ſie mir nicht noch einen Diamanten verliert wie vor einem Jahre. — Gott weiß, wie theuer uns die⸗ ſer Diamant zu ſtehen gekommen iſt und wie er uns viel⸗ leicht noch zu ſtehen kommt!“ Der Steinſchneider legte mißmüthig die Hand an ſeine Stirn, dann ſagte er zu einem ſeiner Kinder: „Felir, geh und gieb Deiner Mutter zu trinken, da Du nicht ſchläfſt.“ „Nein, nein, ich werde warten; er könnte ſich erkälten,“ ant⸗ wortete Magdalene. „Ich werde auch nicht mehr frieren als in dem Strohſacke,“ ſagte der Knabe, indem er aufſtand. „Laß das ſein!“ rief Morel jetzt mit drohender Stimme, um die Blödſinnige fortzutreiben, die ſich von dem Arbeitstiſche nicht entfernen mochte und durchaus einen der Steine an ſich nehmen wollte. „Mutter, das Waſſer in dem Kruge iſt gefroren,“ ſagte Felir. „So zerbrich das Eis,“ antwortete Magdalene. „Es iſt zu dick, — es geht nicht.“ „Morel, zerbrich doch das Eis in dem Kruge, “ ſagte Mag⸗ mit jammernder und ungeduldiger Stimme; „da ich nichts anders zu trinken habe als Waſſer, ſo gieb mir wenigſtens Waſ⸗ ſer; Du läſſeſt mich verſchmachten.“ 207 „Guter Gott! Wie kann ich nur anders? Deine Mutter geht ja nicht von der Stelle,“ ſprach der unglückliche Steinſchneider. Es gelang ihm nicht, die Blödſinnige zu entfernen, die über den Widerſtand, welchen ſie fand, zornig zu werden begann und ein gewiſſes Knurren hören ließ. „Rufe ſie doch!“ ſagte Morel zu ſeiner Frau! „bisweilen hört ſie ja auf Dich.“ 6 „Mutter, lege Dich nieder; wenn Du recht folgſam biſt, gebe ich Dir auch Kaffee, den Du ſo gern trinkſt.“ „Da! — Da!“ wiederholte die Blödſinnige, und diesmal ſuchte ſie ſich mit Gewalt des Rubins zu bemächtigen. Morel ſtieß ſie ſchonend zurück, aber umſonſt. „Guter Gott, Du weißt, daß Du mit ihr nicht fertig wirſt, wenn Du ihr nicht mit der Peitſche drohſt,“ fiel Magdalene ein; „es giebt ja nun einmal kein anderes Mittel, Ruhe zu halten.“ „Es iſt freilich nothwendig, aber es iſt mir immer zuwider, einer alten Frau mit Peitſchenhieben zu drohen, wenn ſie auch blöd⸗ ſinnig iſt,“ antwortete Morel. Dann ſagte er zu der Alten, die ihn zu beißen ſuchte und die er mit einer Hand hielt, mit dem ſchrecklichſten Tone ſeiner Stimme: „Nimm Dich vor der Peitſche in Acht — wenn Du Dich nicht ſogleich niederlegſt.“ Auch dieſe Drohung war vergebens. Er nahm deshalb die Peitſche unter ſeinem Arbeitstiſche her⸗ vor, klatſchte heftig damit, drohte der Blödſinnigen und ſagte: „Augenblicklich lege Dich nieder!“ Bei dem Peitſchenknallen entfloh die Alte ſchnell von dem 208 Tiſche, dann blieb ſie aber ſtehen, murmelte zwiſchen den Zähnen und warf ihrem Schwiegerſohne zornige Blicke zu. „In's Bett! In's Bett!“ wiederholte dieſer, indem er ihr folgte und von Neuem mit der Peitſche klatſchte. So kam die Alte rückwärtsgehend, und während ſie gegen den Steinſchneider die Fauſt ballte, auf ihr Lager zurück. Um dieſen ſchmerzlichen Auftritt zu endigen und ſeiner Frau Waſſer reichen zu können, trat er ganz nahe an die Blödſinnige, klatſchte noch einmal ſtark mit der Peitſche, ohne die Alte jedoch zu berühren, und wiederholte mit drohender Stimme: „In's Bett! Sogleich!“ Die Alte ſtieß in ihrer Furcht ein entſetzliches Geheul aus, warf ſich auf ihrem Lager nieder und kauerte ſich da zuſammen wie ein Hund in ſeiner Hütte, hörte aber nicht auf zu heulen. Die erſchrockenen Kinder, welche glaubten, ihr Vater habe die Alte geſchlagen, riefen ihm weinend zu: „Schlage die Großmutter nicht! Schlage die Großmutter nicht!“ Die Wirkung dieſer grauenhaften nächtlichen Scene mit dem bittenden Zurufe der Kinder, dem wilden Gcheule der Blödſinnigen und den Jammertönen der kranken Frau des Steinſchneiders läßt ſich unmöglich beſchreiben. —e— XMAw. Die Schuld. Sh der Steinſchneider, hatte häufig ſolche traurige Auf⸗ tritte erlebt, und doch rief er in einem Anfalle von Verzweiflung jetzt aus, indem er die Peitſche auf den Werktiſch warf: „Welches Leben! Mein Gott, welches Leben!“ „Iſt es meine Schuld, daß meine Mutter blödſinnig iſt?“ entgegnete Magdalene weinend. „Iſt es die meinige?“ ſprach Morel. „Was verlange ich denn? Ich will mich gern für Euch alle todt arbeiten. — Tag und Nacht ſitze ich bei der Arbeit, und ich klage nicht; ſo lange ich Kräfte habe, will ich arbeiten; aber ich kann unmöglich arbei⸗ ten und zu gleicher Zeit die Blödſinnige beaufſichtigen, Dich und die Kinder warten. — Nein, — der Himmel iſt doch nicht gerecht; nein, er iſt nicht gerecht. — Es iſt zu viel Noth und Armuth für einen einzigen Menſchen!“ ſagte der Steinſchneider mit herzzerrei⸗ ßendem Ausdrucke. Erſchöpft ſank er auf ſeinen Schemel und ſchlug die Hände über das Geſicht. „Was ſoll ich Arme thun, da man ſich nun einmal gewei⸗ Die Geheimniſſe von Paris. II. 14 210 gert hat, meine Mutter in das Hoſpital aufzunehmen?“ fragte Magdalene mit ſchleppender, kläglicher Stimme. „Was hilft es Dir, daß Du Dich über das beklagſt, was nun einmal nicht zu ändern iſt?“ „Nichts, — nichts,“ antwortete Morel, und er fuhr mit der Hand über die Augen, in die eine Thräne getreten war, — „nichts, Du haſt Recht; aber man vergißt ſich manchmal, wenn Alles auf Einen einſtürmt.“ „Ach Gott! mich dürſtet, mich dürſtet! Mich ſchaudert, und das Fieber brennt in mir,“ ſprach Magdalene. „Warte, ich werde Dir zu trinken geben — Morel ſtand auf, um den Krug unter dem Dache zu holen. Nachdem er mit Mühe die Eisrinde zerbrochen hatte, welche das Waſſer bedeckte, goß er etwas von dieſer eiskalten Flüſſigkeit in eine Taſſe und trat zu dem ärmlichen Lager ſeiner Frau, die be⸗ gierig die Hände ausſtreckte. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er zu ihr: „Nein — es wäre zu kalt, — beim Fieber, — es könnte Dir ſchaden.“ „Es könnte mir ſchaden? Deſto beſſer, — gieb ſchnell her,“ entgegnete Magdalene bitter; „um ſo eher geht es zu Ende und befreit Dich von mir, ſo daß Du nur für die Blödſinnige und die Kinder zu ſorgen haſt —“ „Warum ſprichſt Du ſo zu mir, Magdalene? Ich verdiene es nicht, ſprach Morel traurig. — „Mache mir keinen Schmerz, — Es iſt ein Wunder, daß . X das wenigſtens kann ich verlangen. ich noch Verſtand und Kraft genug habe, um arbeiten zu können; mein Kopf iſt nicht feſt mehr, was ſollte aus Euch werden, wenn auch ich .2 Nur Ihr macht mir Sorge; wenn ich allein wäre 211 würde ich mich um den andern Tag nicht küͤmmern — Gott ſei Dank, der Fluß iſt ja für Jedermann da.“ „Armer Morel!“ ſagte Magdalene gerührt; es iſt währ, ich hatte Unrecht, als ich Dir verdrießlich ſagte, ich wollte Dich von mir befreien. Sei nicht böſe, — ich hatte eine gute Abſicht dabei, gewiß, denn — ich kann Dir und unſern Kindern doch nichts nützen. — Seit ſechszehn Monaten liege ich nun ſchon hier. — Ach Gott, mich dürſtet; ich bitte Dich, gieb mir zu trinken!“ „Sogleich, ich wärme die Taſſe ein wenig in meinen Hän⸗ den.“ „Du biſt ein guter Mann, — und ich ſage Dir noch ſo harte Dinge!“ „Arme Frau, — Du biſt krank, das macht verdrießlich und reizbar; ſage mir Alles, was Du willſt, nur ſage nicht, daß Du mich von Dir erlöſen möchteſt.“ „Aber wozu nütze ich Dir?“ „Wozu nützen uns die Kinder?“ „Dir Deine Arbeit zu erſchweren!“ „Freilich wohl, aber finde ich nicht Euretwegen die Kraft, manchen Tag zwanzig Stunden zu arbeiten? — ſo daß ich ſogar verwachſen bin! Glaubſt Du, daß ich blos meinetwegen mich ſo plagen würde? Nein, nein, das Leben iſt ſo ſchoͤn nicht, ich würde es bald wegwerfen.“ „So geht es auch mir,“ entgegnete Magdalene; „wären die Kinder nicht, ſo würde ich längſt ſchon zu Dir geſagt haben: Morel, Du biſt des Lebens überbrüſſig, ich auch, zünde Kohlen an, — man ſpottet über die Armuth. — Aber die Kinder! — bie Kinder!“ 14* 212 „Da ſiehſt Du doch, daß ſie zu etwas nützen,“ antwortete Morel. — „Da, trinke, aber nimm einen ganz kleinen Schluck auf einmal, denn es iſt noch ſehr kalt —“ „Ich danke, Morel,“ ſagte Magdalene, indem ſie gierig trank. „Genug! Genug!“ „Es war zu kalt, — mich ſchauert noch mehr,“ ſagte Mag⸗ dalene, indem ſie die Taſſe zurück gab. „Ich ſagte Dir es wohl, — Du biſt krank —“ „Ich habe die Kraft nicht mehr zu zittern, — es iſt mir blos, als läge ich zwiſchen großen Eisſtücken —“ Morel zog ſeine Jacke aus, legte ſie auf die Füße ſeiner Frau und blieb entblößt daſtehen. — Der Arme hatte kein Hemd — „Morel, Du wirſt Dich erkälten.“ „Wenn ich zu ſehr friere, ziehe ich einen Augenblick meine Jacke wieder an.“ „Armer Mann! Du haſt Recht, der Himmel iſt nicht gerecht. — Was haben wir verbrochen, daß wir ſo unglucklich ſind, während Andere .. „Es hat Jeder ſeine Noth, die Großen wie die Klei⸗ 1 nen —“ „Ja, aber die Großen haben keine Noth, bei der ſie hungern und frieren. — Siehſt Du, wenn ich denke, daß einer der Dia⸗ manten, welche Du ſchleifſt, ſo viel werth iſt, daß wir mit den Kindern gemächlich leben könnten, ſo empört mich das; und was nützen den Reichen dieſe Diamanten?“ „Wenn man nur zu fragen brauchte: was nützt das den An⸗ dern? ſo käme man weit! — Es iſt eben ſo, als wenn Du ſag⸗ teſt: was hilft es dem Herrn, welchen Madame Pipelet den Com⸗ mandanten nennt, daß er die erſte Etage dieſes Hauſes, in die er „ 213 niemals kommt, gemiethet und meublirt hat? Was nützt es ihm, da ſchöne Matratzen, ſchöne Bettdecken zu haben, da er anderswo wohnt?“ „Das iſt wahr. — Davon könnte mehr als eine arme Haus⸗ haltung wie die unſrige für eine lange Zeit ausgeſtattet werden, — ungerechnet, daß Madame Pipelet alle Tage Feuer anzünden muß, damit die Meubles nicht von der Feuchtigkeit leiden. — So viele ſchöne Wärme verloren! — während wir und unſere armen Kin⸗ der frieren. Ach, die Reichen! — ſie ſind ſo hart!“ „Nicht härter als Andere, Magdalene. — Aber ſie wiſſen nicht, was Noth und Armuth iſt. — Sie werden im Glück ge⸗ boren, leben glücklich und ſterben im Glücke; — was ſollte ſie an uns erinnern? Sie wiſſen es gar nicht, ſage ich Dir. — Wie könnten ſie ſich eine Vorſtellung von den Entbehrungen anderer Leute machen? Haben ſie einmal ſtarfen Hunger, — ſo freuen ſie ſich darüber, denn dann ſchmeckt ihnen das Eſſen um ſo beſſer. — Iſt es recht kalt, deſto beſſer; ſie ſagen, es hat ſchön ge⸗ froren. Freilich, wenn ſie ausgegangen ſind, ſo finden ſie zu Hauſe ein warmes Zimmer, und je kälter es draußen iſt, um ſo angenehmer finden ſie die Wärme; ſie können uns deshalb nicht beklagen, da ihnen der Hunger und die Kälte nur Vergnügen brin⸗ gen. — Sie wiſſen es nicht, wie uns zu Muthe iſt. — Wir an ihrer Stelle würden es eben ſo machen —“ „Die armen Leute ſind alſo beſſer als ſie alle, weil ſie ein⸗ ander beiſtehen. Die gute kleine Manſell Lachtaube, die ſo oft bei mir und den Kindern gewacht hat, nahm geſtern zwei von den Kindern mit, um ſie bei ſich eſſen zu laſſen. Und ihre Abendmahlzeit iſt doch nur eine Taſſe Milch und Brod. — In 214 ihrem Alter hat man guten Appetit, und ſie hat gewiß ſelbſt ge⸗ hungert —“ „Das arme Mädchen! Ja ße iſt recht gut. Und warum? weil ſie die Noth kennt. Wie ich immer ſage: wenn die Reichen wüßten, wenn es die Reichen nur wüßten!“ „Und die Dame, die geſtern ſo erſchrocken kam und jri ob wir etwas bedürften, die weiß nun, was es eiß arm zu ſein —, aber ſie iſt nicht wiedergekommen.“ „Sie kommt vielleicht wieder, denn ſie ſah ſo ſanft und gut aus, wenn auch ſehr erſchrocken.“ Ja, die Reichen haben, wenn man Dich hört, immer Recht. — Man ſollte meinen, die Reichen beſtänden aus einem ganz andern Stoff als wir!“ „Das ſage ich nicht,“ entgegnete Morel ſanft, „ich ſage viel⸗ mehr, ſie haben ihre Fehler wie wir die unſrigen. Das Un⸗ glück liegt darin, daß ſie nicht wiſſen, was Armuth iſt, und auch darin, daß es viele Leute giebt, welche die Armen aufzuſuchen ha⸗ ben, die Verbrechen begingen, aber keine, welche ehrliche Hand⸗ werker aufſuchen, die eine große Familie haben und ſich in der gräßlichſten Noth befinden, die, weil ſie nicht zu rechter Zeit Hilfe finden, ſich von der Verſuchung verlocken laſſen. — Es iſt ganz gut, daß man das Böſe beſtraft, es wäre aber vielleicht beſſer, daß man es verhinderte. — Man iſt rechtſchaffen geblieben bis in ſein funfzigſtes Jahr, da treibt Einen die äußerſte Noth, der Hunger, zum Böſen, und es giebt einen Spitzbuben mehr, wäh⸗ rend, wenn man — gewußt hätte —, aber was helfen ſolche Ge⸗ danken? Die Welt iſt nun einmal ſo wie ſie iſt. — Ich bin arm und von Verzweiflung geplagt, deshalb ſpreche ich ſo; wäre ich 215 reich, ſo würde ich von Feſten und Vergnügungen reden. — Nun, arme Frau, wie iſt es Dir?“ „Immer noch wie ſonſt. — Ich fühle meine Beine nicht — Aber Du, Du zitterſt —, nimm Deine Jacke wieder * löſche das Licht aus, das nutzlos brennt; der Tag kommt —“ Ein bleicher Schein, der mit Mühe durch den Schnee drang, welcher das Dachfenſter bedeckte, warf wirklich allmählig eine traurige Helle in das Innere dieſer — menſchlichen Wohnung und machte das Ausſehen derſelben noch ſchrecklicher —; das Dunkel der Nacht verhüllte wenigſtens einen Theil der Armuth und des Elendes — „Ich will warten, s es hell genug iſt, um wieder an die Arbeit zu gehen,“ ſagte der Steinſchneider, indem er ſich auf dem Strohſacke ſeiner Frau niederſetzte und ſeine Stirn in ſeine Hände ſtützte. Nach einer kurzen Pauſe ſagte Magdalene zu ihm: „Wann wird Madame Mathieu die Steine wiederholen, an denen Du arbeiteſt?“ „Dieſen Morgen. Ich habe nur noch eine Facette an einem falſchen Diamanten zu ſchleifen“ „An einem falſchen Diamanten! Und Du arbeiteſt doch nur in guten Steinen, trotz dem was man im Hauſe glaubt.“ „Wie? Du weißt nicht? — Doch, es iſt wahr, Du ſchliefſt, als letzthin Madame Mathieu hier war. Sie hat mir zehn falſche Diamanten, zehn Rheinkieſel zu ſchleifen gegeben, die gerade eben ſo ausſehen ſollen wie die ächten Steine, die ſie mir brachte. — Ich habe keine Diamanten von ſchönerem Waſſer geſehen; dieſe zehn Steine ſind ihre 60,000 Fres. werth und mehr.“ 216 „Und warum ſollſt Du unächte gerade ſo machen wie die ächten?“ „Eine vornehme Dame, der ſie angehören, eine Herzogin, glaube ich, hat Herrn Baudoin, den Juwelier, beauftragt, ihren Schmuck zu verkaufen und ihr dafür einen von unächten Steinen machen zu laſſen. Madame Mathieu, die Mäklerin des Herrn Baudvin, ſagte mir das, als ſie mir die ächten Steine brachte, die ganz genau nachgeahmt werden ſollen; Madame Mathieu hat noch vier andern Steinſchneidern Arbeit gegeben, denn es ſind vierzig bis funfzig Steine zu ſchleifen. — Ich konnte nicht Alles arbeiten, denn es ſollte ſchon dieſen Morgen fertig ſein, und Herr Baudvin braucht Zeit, um die falſe Steine zu faſſen. Ma⸗ dame Mathieu ſagt, die Damen ließen im Geheimen ihre äch⸗ ten Diamanten durch unächte erſetzen.“ „Du ſiehſt alſo, die falſchen Steine verrichten den Dienſt eben ſo gut wie die ächten; aber die großen Damen, die ſie nur anlegen, um ſich zu putzen, würden doch nie einen einzigen Diamanten op⸗ fern, um Armen, wie wir es ſind, beizuſtehn.“ „Arme Frau, der Kummer macht Dich ungerecht. — Wer weiß es denn, daß wir, die Familie Morel, arm ſind?“ „Ach, was für ein Mann biſt Du! Wenn man Dich in Stücke hackte, Du würdeſt Dich noch bedanken —“ Morel zuckte mitleidig die Achſeln. „Wieviel wird Dir heute Madame Mathien zu bezahlen ha⸗ ben?“ fuhr Magdalene fort. „Nichts, da ich hundertundzwanzig Franes Vorſchuß von ihr habe —“ „Nichts? Aber wir haben ſchon ſeit vorgeſtern kein Geld mehr —“ — 217 „Ich weiß es wohl,“ antwortete Morel traurig. „Was werden wir anfangen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Der Bäcker will uns nicht borgen.“ „Nein, weil ich geſtern ein Stück Brod von der Frau Pipe⸗ let geliehen habe —“ . „Würde uns die Mutter Burette fein Geld borgen?“ „Uns Geld geben? Auf was ſoll ſie uns Geld geben, da alle unſere Habſeligkeiten bereits bei ihr verſetzt ſind? — auf unſere Kinder?“ ſagte Morel mit bitterm Lächeln. „Aber Ihr, meine Mutter, die Kinder und Du, habt ſeit geſtern nur anderthalb Pfund Brod gehabt! Verhungern dürft Ihr doch nicht. — Aber es iſt Deine Schuld, Du wollteſt Dich dieſes Jahr bei der Armenanſtalt nicht melden.“ „Man nimmt nur Arme dort an, die Meubles haben, — und wir haben keine mehr. — Man ſieht uns an, als wohnten wir in einem meublirten Logis. — Und dann hätte ich auch wohl zwanzigmal in die Anſtalt gehen müſſen, weil wir Niemanden ha⸗ ben, der ſich für uns verwenden könnte, und dabei wäre viel Zeit verloren gegangen —“ „Aber was wollen wir nun anfangen?“ „Vielleicht vergißt uns die Dame nicht, welche geſtern hier war.“ „Ja, rechne Du nur darauf! Vielleicht borgt Dir Madame Muthien eine Kleinigkeit; Du arbeiteſt ja zwanzig Jahre für ſie; ſie kann einen rechtlichen Handwerker mit Familie nicht in ſo gro⸗ ßer Noth laſſen wollen —“ „Ich glaube nicht, daß ſie uns etwas geben kann. — Sie hat Alles gethan, indem ſie mir allmählig hundertundzwanzig 218 Francs vorſchoß, — was eine große Summe für ſie iſt. — Ob ſie gleich Diamantenmäklerin iſt und oft für 50,000 Fres. Dia⸗ manten in ihrem Beutel hat, iſt ſie doch keineswegs reich. — Wenn ſie monatlich hundert Franes verdient, iſt ſie zufrieden, denn ſie hat auch Ausgaben, ſie muß zwei Nichten erziehen. — Es giebt Zeiten, wo ſie auch nichts hat, Du weißt es wohl; und da ſie mir ſchon bedeutende Vorſchüſſe gegeben hat, kann ſie ſich und den Ihrigen das Brod unſertwegen nicht entziehen.“ „Da ſiehſt Du, wie nachtheilig es iſt, für Mittelsverſonen und nicht für reiche Juweliere ſelbſt zu arbeiten. — Aber Du giebſt immer von Deinem Verdienſte an Andre hin; Du biſt ſelbſt Schuld daran —“ . „Ich bin Schuld daran?“ ruf der unglüstich u in Un⸗ willen über dieſen ungerechten Vorwurf; „iſt nicht Deine Mutter an unſter Noth Schuld? Hätten wir den Diamanten nicht bezah⸗ len müſſen, den Deine Mutter verloren hat, ſo würden wir weiter ſein; würden wir erhalten, was ich verdiene, und die 1100 Francs noch haben, die wir aus der Sparcaſſe nehmen mußten, um ſie zu den 1300 Franes zu legen, die uns Herr Jacob Fer⸗ rand lieh, den Gott verfluchen möge.“ „Du willſt von dem Manne noch immer nichts verlangen? Er iſt freilich geizig und würde wahrſcheinlich nichts hergeben, aber einen Verſuch könnte man doch immer machen —“ „Bei ihm? Ich ſoll mich an ihn wenden?“ rief Morel; „lieber will ich mich bei kleinem Feuer ſchmoren laſſen. — Sprich mir nicht von dieſem Manne, Du mich ſonſt wahnſinnig machen — Das ſonſt immer ſo ſanfte und ergebene Geſicht des Stein⸗ ſchneiders nahm bei dieſen Worten einen auffallend energiſchen Ausdruck an; es färbte ſich mit leichter Räthe; er ſtand raſch von dem Strohſack auf, auf welchem er geſeſſen hatte, und ging bewegt in dem Stübchen auf und ab. Trotz ſeinem abgezehrten Ausſe⸗ hen, trotz ſeinem verwachſenen Körper verriethen die Züge und die Haltung dieſes Mannes einen edeln Unwillen. „Ich bin nicht boshaft,“ ſagte er, „und habe mein gæhlang Niemandem etwas zu Leide gethan; aber — ſiehſt Du, dieſem Notar *²) wünſche ich ſo viel Schlimmes, wie et mir zugefügt hat —“ Dann legte er ſeine beiden Hände auf die Stirn und flüſterte in ſchmerz⸗ lichen Tönen vor ſich hin: „ach, mein Gott, warum muß ein bö⸗ ſes Schickſal, das ich nicht verdient habe, mich und die Meinigen dieſem Heuchler gefeſſelt überliefern? Hat er das Recht, ſeinen Reich⸗ thum zum Nachtheile derjenigen zu mißbrauchen, die er verderben und in's Unglück ſtürzen will?“ „Ja, ja,“ fiel Magdalene ein, „tobe nur gegen ihn; — Du wirſt weit gekommen ſein, wenn ers Dich in das Gefängniß bringen wird, wie er es thun kann, wegen des Wechſels von dreizehnhun⸗ dert Franes, der ſchon ſeit drei Monaten verfallen iſt; er hält Dich an einem Faden wie einen Vogel. Ich verabſcheue dieſen Notar auch; da wir aber einmal von ihm abhängen, ſo müſſen wir —“ „Unſere Tochter durch ihn entehren laſſen, wahr?“ 6 der Steinſchneider unwillig aus. „So ſchweige doch, — die Kinder wachen und hören Dich —“ „Deſto beſſer!“ entgegnete Morel in entſetzlicher Fronie; „es wird ein gutes Peiel für beiden Mädchen ſein, — es *) Der Leſer erinnert ſch vielleicht, daß Marie ganz jung dieſem Notar anvertraut worden war und daß die Haushälterin deſſelben das Kind für tauſend Franes, ein⸗ für allemal, der Eule überlaſſen hatte. 220 wird ſie vorbereiten; — vielleicht gefallen ſie dem Notar eines Tages auch. — Hängen wir nicht von ihm ab? wie Du immer ſagſt. — Wiederhole noch einmal, daß er mich in das Gefängniß ſtecken laſſen kann; ſprich offen, wir müſſen ihm unſere Tochter über⸗ laſſen, nicht wahr? —“ Der unglickliche brach nach dieſen Worten in ſchmerzliches Schluchzen aus, denn ſeine ehrliche gute Natur konnte dieſen ſar⸗ kaſtiſchen Ton nicht lange ertragen — „Ach, meine Kinder!“ fuhr er mit Thränen in den Augen fort, „meine armen Kinder, meine Louiſe, meine gute, ſchöne Louiſe! Sie iſt zu ſchön, — zu ſchön, und daher kommt auch all unſer Unglück. Wenn ſie nicht ſo ſchön wäre, würde jener Mann ſich nicht erboten haben, mir das Geld zu leihen. — Ich bin ehrlich und arbeitſam, der Juwelier würde mir Zeit gelaſſen haben, ich wäre dem alten Unmenſchen keinen Dank ſchuldig, und er könnte die Gefälligkeit, die er uns erwieſen hat, nicht mißbrauchen, um meine Tochter womöglich zu entehren; ich würde ſie keinen Tag bei ihm gelaſſen haben, aber jetzt bin ich gezwungen, — gezwun⸗ gen, — ich bin in ſeinen Händen. — Ach, was muß der Arme erdulden und ertragen!“ „Wie aber willſt Du es anders machen? Er ſagt zu Louiſen: Wenn Du mich verläßt, laſſe ich Deinen Vater in das Gefäng⸗ niß ſtecken —“ „Ja, er nennt ſie Du wie das gemeinſte Geſchöpf!“ „Wenn es nur das wäre, könnte man ſich noch tröſten; aber wenn ſie den Notar verläßt, wird er Dich einſperren laſſen — und was ſoll, wenn Du in dem Gefängniſſe biſt, aus mir, den Kin⸗ dern und meiner Mutter werden? Wenn auch Louiſe in einem an⸗ * dern Dienſte 20 Fres. monatlich verdient, können ſechs Perſonen davon leben?“ „Ja, um zu leben, laſſen wir Loniſen vielleicht entehren.“ „Du übertreibſt es immer; der Notar ſtellt ihr nach, das iſt wahr, ſie hat es uns ſelbſt geſagt, aber ſie iſt ein rechtliches, bra⸗ ves Mädchen, wie Du wohl weißt.“ „Ja, ja, ſie iſt brav, ſie iſt gut und arbeitſam. — Habe ich Dir nicht geſagt, wie ſchwer es mir wurde, mich von ihr zu tren⸗ nen, als der Diamant verloren worden war und ſie in Dienſt ge⸗ hen wollte, um uns nicht länger zur Laſt zu fallen? Sie — Magd, gemißhandelt, erniedrigt — ſie, die ſo ſtolz war, daß wir ſie — erinnerſt Du dich noch? — lachend — damals lachten wir noch — die Prinzeſſin nannten, weil ſie immer ſagte, ſie wollte unſer Stübchen ſo rein und nett erhalten, daß es wie ein kleiner Pa⸗ laſt ausſähe? Das liebe Kind! Es wäre meine größte Freude ge⸗ weſen, ſie bei mir zu haben, wann ich die Nacht hindurch arbei⸗ ten muß. — Meine Arbeit wurde mir ſo leicht, wenn ich ihr hüb⸗ ſches, blühendes Geſicht und ihre ſchönen braunen Augen da neben mir ſah und ſie ſingen hörte. Arme Louiſe! So arbeitſam war ſie und doch immer ſo heiter! Selbſt mit Deiner Mutter konnte ſie machen, was ſie wollte. Aber man mußte auch thun, was ſie haben wollte, wenn ſie mit Einem ſprach und Einen dazu an⸗ ſah. — Und wie hat ſie Dich gepflegt, wie Dich unterhalten! Und mit ihren Brüdern und Schweſtern wußte ſie ſich ſo zu beſchäfti⸗ gen! Sie fand zu Allem Zeit —, mit ihr, mit unſerer Louiſe, hat uns das Glück verlaſſen.“ „Morel, erinnere mich nicht daran, Du zerreißeſt mir das Herz“ ſagte Magdalene unter heißen Thränen. „Und wenn ich denke, daß vielleicht der alte Kerl — ſiehſt Du, bei dem Gedanken wird mir ſchwindlig. — Ich möchte hin⸗ gehen, ihn umbringen und dann ſelbſt den Tod ſuchen —“ „Und was ſollte dann aus uns werden? — Noch einmal, Du übertreibſt. — Der Notar wird vielleicht das — im Scherze zu Lyuiſen geſagt haben. Uebrigens geht er jeden Sonntag in die Kirche und ſieht öfters Geiſtliche bei ſich. — Viele Leute ſagen, es ſei ſicherer, Geld bei ihm anzulegen, als es in die Spareaſſe zu geben —“ „Was beweiſt das? — Daß er reich und ein Heuchler iſt. — Ich kenne Louiſen wohl, ſie iſt ein braves Mädchen, — aber ſie liebt uns, wie kaum ein anderes Kind ſeine Aeltern liebt; ihr Herz blutet bei unſerer Armuth. — Sie weiß, daß Ihr verhun⸗ gern müßtet, wenn Ihr mich nicht hättet; und wenn der Notar ihr droht, mich in das Gefängniß ſtecken zu laſſen, ſo iſt die Un⸗ glückliche vielleicht im Stande — ach mein Kopf! — Ich werde wahnſinnig.“ „Ach Gott, wenn das geſchehen wäre, würde der Notar ihr Geld gegeben haben, und ſie hätte gewiß nichts für ſich behalten, — ſie würde uns damit unterſtützt haben —“ „Schweig! — Ich begreife nicht, wie Du nur daran denken kannſt. — Lyuiſe annehmen! — Louiſe —“ „Nicht für ſich, — ſondern für uns!“ „Schweige, noch einmal ſchweige, ich zittere bei Deinen Wor⸗ ten. — Wäre ich nicht geweſen, ich weiß nicht, was bei ſolchen Anſichten aus Dir und aus meinen Kindern geworden wäre —“ „Was Schlechtes habe ich denn geſagt?“ „Nichts.“ „Nun, warum fürchteſt Du, daß — Der Steinſchneider fiel ſeiner Frau ungeduldig in das Wort und ſagte: „Ich fürchte, weil ich ſeit drei Monaten bemerke, das Louiſe jedesmal, wenn ſie zu uns kommt und mich küßt, roth wird —“ „Aus Freude, Dich zu ſehen —“ „Oder aus Scham. — Auch wird ſie immer trauriger.“ „Weil ſie ſieht, daß wir immer unglücklicher werden. — Wenn ich mit ihr von dem Notar ſpreche, ſagt ſie, er drohe nicht mehr, Dich in das Gefängniß bringen zu laſſen.“ „Jaß aber um welchen Preis hat er ſeine Drohung eingeſtellt? Sie ſagt es nicht und wird roth, wenn ſie mich küßt. Ach, mein Gott, es wäre ſchon ſchlimm genug, wenn ein Herr zu einem ar⸗ men braven Mädchen, deſſen Fortkommen von ihm abhängt, ſagte: „ergieb Dich mir, oder ich jage Dich aus dem Hauſe und ant⸗ worte, wenn man ſich nach Dir erkundigt, Du taugteſt nichts, damit Du keinen andern Dienſt erhältſt“; tauſendmal ſchlimmer und ſchlechter iſt es aber, wenn er ſagt: „ergieb Dich mir, oder ich laſſe Deinen Vater in das Gefängniß bringen“, wenn er dies ſagt und weiß, daß eine ganze Familie von der Arbeit dieſes Va⸗ ters lebt.“ „Und wenn man denkt, daß Du mit einem der Diamanten, die da auf Deiner Arbeitsbank liegen, den Notar bezahlen, unſere Tochter von ihm zurücknehmen und ſie zu Hauſe behalten könn⸗ teſt! — ſagte Magdalene langſam. „Was nützt es, wenn Du mir dies auch hundertmal wieder⸗ holſt? Gewiß, wenn ich reich wäre, wäre ich nicht arm,“ entgeg⸗ nete Morel mit ſchmerzlicher Ungeduld. Die Rechtſchaffenheit war dieſem Manne ſo natürlich, gehörte gleichſam ſo weſentlich zu ſeinem ganzen Sein, daß es ihm nicht in den Sinn kam, ſeine durch die Noth niedergedrückte Frau könnte 224 bei ihren Reden einen ſchlimmen Nebengedanken haben und ihn in Verſuchung führen wollen. Er fuhr bitter fort: „Wir müſſen uns in unſer Schickſal fügen. Glücklich die, welche ihre Kinder bei ſich haben und ſie vor Schlingen hüten können; aber wer ſchützt ein Mädchen aus dem Volke? Niemand. Iſt ſie ſo alt, daß ſie ſelbſt etwas verdienen känn, ſo geht ſie des Morgens in die Werkſtatt und kommt Abends nach Hauſe: unter⸗ deß arbeiten ihre Mutter und ihr Vater, jedes nach ſeiner Art. Die Zeit iſt unſer Vermögen, und das Brod iſt ſo theuer, daß wir keine Zeit haben, auf unſere Kinder Acht zu geben, — und dann ſpricht man von der Liederlichkeit, von dem ſchlechten Lebenswan⸗ del der armen Mädchen, als ob ihre Aeltern die Mittel beſäßen, ſie zu Hauſe zu behalten, oder die Zeit hätten, ſie zu beaufſich⸗ tigen, wenn ſie das Aelternhaus verlaſſen haben. — Die Ent⸗ behrungen ſind eine Kleinigkeit neben dem Kummer, unſere Frau, unſer Kind, unſern Vater verlaſſen zu müſſen. Gerade für uns arme Leute würde das Familienleben heilſam und tröſtend ſein. Uund ſobald unſere Kinder herangewachſen ſind, wir uns von ihnen trennen!“ In dieſem Augenblicke wurde ſtark an die Thire des Stüb⸗ chens gepocht. 4 LXRv. Das Urtel. S — S er Steinſchneider ſtand verwundert auf um zu öffnen. Zwei Männer traten ein. Der Eine war groß, hager, hatte ein gemeines, blütenreiches Geſicht mit dickem ſchwarzen Backenbarte, der grau zu werden an⸗ fing, hielt in der Hand einen dicken ſchweren Stock und trug ei⸗ nen aus der Fagon gedrückten Hut und einen langen, ganz zuge⸗ knöpften, mit Koth beſpritzten grünen Rock. Der abgeſchabte ſchwarze Sammetkragen ließ einen langen, rothen, behaarten Hals ſehen. Der Mann hieß Malicorne. Der Andere war kleiner, dick und unterſetzt, hatte ebenfalls ein gemeines Geſicht und war mit einem gewiſſen grotesken Lurus gekleidet. Brillantenknöpfe hielten die Falten ſeines Hemdes von zweifelhafter Weiße feſt, und auf der verſchoſſenen ſchottiſchen Weſte, die unter einem gelblichgrünen Palletot hervorſah, ſchlängelte ſich eine lange goldene Kette. Dieſer Mann hieß Bourdin. „Pfui! Wie das hier nach Armuth und Tod ſtinkt!“ ſagte Malicorne, der auf der Thürſchwelle ſtehen blieb. Die Geheimuiſſe von Paris. II. 15 226 „Ja, nach Moſchus riecht es hier nicht,“ entgegnete Bourdin mit einer Geberde des Ekels und der Verachtung. Dann trat er zu Morel, der ihn eben ſo verwundert wie unwillig anſah. Durch die halb offen gebliebene Thür hindurch ſah man das boshafte, aufmerkſame und ſchlaue Geſicht des kleinen Lahmen, der den Unbekannten gefolgt war, ohne daß ſie es wußten, um zu horchen und zu ſpioniren. 3 „Was wollen Sie?“ fragte der Steinſchneider barſch, den die Grobheit der beiden Männer empörte. „Hieronymus Morel?“ fragte Bourdin. „Der bin ich.“ „Steinſchneider?“ „Der bin ich.“ „Gewiß?“ „Noch einmal, ich bin es. — Sie ſtellen meine Geduld auf eine harte Probe; was wollen Sie? — ſprechen Sie oder entfer⸗ nen Sie ſich.“ „Wozu die Ehrlichkeit? — Ich danke. — Sag' Ma⸗ licorne,“ fuhr der Mann fort, indem er ſich an ſeinen Cameraden wendete, „hier iſt nicht viel zu machen wie bei dem Vicomte von St. Remy.“ „Ja; aber wo etwas zu machen iſt, findet man den Käſig 3 meiſt leer und den Vogel ausgeflogen. — Solches Ungeziefer, wie das hier, klebt dagegen in ſeinem Loche feſt.“ „Freilich; ſolche Menſchen wünſchen nichts mehr als einge⸗ ſperrt zu werden, weil ſie da gefüttert werden müſſen.“ „Es koſtet dem Gläubiger mehr, als die ganze Geſchichte werth iſt; aber das iſt ſeine Sache.“ 227 „Wenn Ihr nicht betrunken wäret,“ fiel Morel unwillig ein, „könnte man in Zorn gerathen. — Entfernt Euch augenblicklich!“ „Sieh da, ſieh da,“ entgegnete Bourdin mit beleidigender Hinweiſung auf den verwachſenen Steinſchneider, „der Krumme da iſt ein famoſer Kerl; denkt, wir wollten in dem Loche da blei⸗ ben, in das ich meinen Hund nicht ſperren möchte.“ „Großer Gott!“ rief Magdalene, die ſo erſchrocken war, daß ſie bis dahin kein Wort hatte ſagen können, „rufe doch um Hülfe; es find vielleicht Spitzbuben; nimm Deine Diamanten in Acht!“ Morel, der die beiden Unbekannten, die nicht eben ehrlich ausſahen, immer näher an ſeinen Arbeitstiſch treten ſah, auf wel⸗ chem die Steine noch lagen, fürchtete wirklich eine böſe Abſicht, ging raſch an den Tiſch und bedeckte mit beiden Händen die Edelſteine. Der kleine Lahme, der noch immer horchte und ſpionirte, hörte die Worte Magdalenens, bemerkte die Bewegung des Hand⸗ werkers und dachte bei ſich: „Sieh — ſieh — ſieh —, man ſagte, er arbeite in falſchen Steinen; wenn ſie falſch wären, würde er nicht ſo ſehr fürchten beſtohlen zu werden. — Gut, daß ich das weiß; die Mutter Ma⸗ thien, die oft hierher kommt, hat alſo auch ächte Diamanten in ihrem Strickbeutel. — Gut, daß ich das weiß; ich werde es der Eule ſagen, der Eule —“ „Wenn Sie ſich nicht ſogleich entfernen, rufe ich die Wache,“ ſagte jetzt Morel. Die Kinder fingen an zu weinen, und die alte Blödſinnige Iſetzte ſich auf ihrem Lager auf. „Wenn Jemand das Recht hat, die Wache zu rufen, ſo ſind wir es; horen Sie, Herr Krummer?“ antwortete Bourdin. 15 * 228 „Weil uns die Wache Beiſtand leiſten muß, um Sie fortzu⸗ bringen, wenn Sie nicht gutwillg mitgehen,“ ſetzte Malicorne hinzu; „wir haben allerdings keinen Friedensrichter bei uns; wenn Ihnen aber an ſeiner Geſellſchaft etwas liegt, ſo werden wir Ei⸗ nen gunz warm aus dem Bette wegholen. — Bourdin, geh' und hole ihn.“ „Ich — ich ſoll in das Gefängniß?“ rief Morel beſtürzt. „Ja, nach Clichy —“ „Nach Clichy?“ wiederholte der Handwerker mit ſtierem Blicke. „Schulden wegen in das Gefängniß, wenn das deutlicher iſt,“ entgegnete Bourdin. „Sie — Sie — wären — der Notar — Ach, mein Gott!“ Und Morel ſank todtenbleich auf ſeinen Schemel, ohne ein Wort hinzuſetzen zu können. „Wir ſind Diener vom Handelsgericht. — Verſtanden?“ „Morel — der Wechſel von dem Herrn Louiſens! Wir ſind verloren!“ rief mit herzzerreißender Stimme Magdalene. „Das iſt das Urtel,“ ſagte Malicorne, indem er aus der Brieftaſche einen Bogen Stempelpapier nahm. Nachdem er in einer gewöhnlichen eintönigen Art und faſt unverſtändlich einen Theil des Actenſtückes geleſen hatte, trug er die letzten nur zu deutlichen Worte höchſt vernehmlich vor: „das Gericht verur⸗ theilt demnach den Herrn Morel, unter Androhung perſönlicher Haft, dem Herrn Jacob Ferrand, Notar zu Paris, die Summe von dreizehnhundert Franes mit Zinſen vom Tage des Proteſts an zu zahlen, und ver⸗ urtheilt ihn überdies zu den Koſten. „Gegeben zu Paris, d. 13. Sept. 1838.“ —,— 229 „Und Louiſe? Louiſe?“ rief Morel faſt wahnſinnig, ohne, wie es ſchien, auf dieſe Vorleſung zu hören, „wo iſt ſie? Hat ſie den Notar verlaſſen — da er mich in das Gefängniß bringen laſſen will? Guter Gott, was iſt aus Louiſen geworden?“ „Wer iſt Louiſe?“ fragte Bourdin. „So laſſ' ihn doch reben,“ ſiel Malicorne brutal ein; „ſiehſt Du denn nicht, daß es nicht recht richtig bei ihm im Kopfe iſt. . Vorwärts,“ ſetzte er hinzu, indem er an Morel trat, „vorwärts, daß wir aus dieſem Loche fortkommen; ich muß reine Luft ath⸗ men; hier wird man verpeſtet.“ „Morel, gehe nicht; vertheidige Dich,“ rief Magdalene außer ſich. — „Schlage die Menſchen da todt. — Ach, Du biſt feige. Du wirſt Dich fortführen laſſen, Du wirſt uns verlaſſen —“ „Thun Sie, als ob Sie zu Hauſe wären, Madame,“ ſiel Bourdin höhnend ein; „aber wenn Ihr Mann die Hand gegen mich erhebt, iſt es um ihn geſchehen —“ Morel, deſſen Gedanken ſich nur mit Louiſen beſchäftigten, hörte nichts von dem, was um ihn her geſprochen wurde; mit ei⸗ nemmale zeigte ſich aber ein Ausdruck bitterer Freude auf ſeinem Geſichte, und er rief aus: „Louiſe hat das Haus des Rotars verlaſſen, — ich gehe mit leichtem Herzen in das Gefängniß.“ Als er aber wieder um ſich blickte, ſetzte er hinzu: „aber wer wird nun meine Frau und ihre Mutter und meine Kinder ernähren? Im Gefängniſſe wird man mir keine Steine zum Schleifen anvertrauen; man wird glauben, ich ſei wegen ſchlechten Lebenswandels dahin gekommen; — will der Notar den Tod der Meinigen, unſer Aller Tod?“ „Noch einmal, wird es bald ein Ende haben?“ fiel Bourdin ein. — „Ziehe Dich an, Mann, und mach', daß wir fortkommen.“ 230 „Ach, meine guten Herren, nehmen Sie es nicht übel, was ich eben geſagt habe,“ rief jetzt Magdalene von ihrem Lager aus. „Sie werden nicht ſo hartherzig ſein, Morel fortzuführen; was ſollte aus mir und meinen fünf Kindern und meiner blödſinnigen Mutter werden? Sehen Sie die Arme da, wie ſie auf der Ma⸗ tratze kauert! Sie iſt verrückt, meine guten Herren, ſie iſt verrückt.“ „Die Alte mit dem geſchorenen Kopfe?“ „Wahrhaftig, ſie iſt geſchoren,“ ſagte Malicorne; „ich glaubte, ſie hätte eine weiße Nachtmütze auf dem Kopfe.“ „Ihr Kinder, knieet hin vor den guten Herren,“ fuhr Magda⸗ lene fort, welche durch dieſes letzte Mittel die Hartherzigen er⸗ weichen wollte, „bittet ſie, daß ſie Euern armen Vater nicht mit fortnehmen, der Euch Brod giebt.“ Frotz dem Befehle ihrer Mutter weinten die Kinder fort und wagten nicht, ihr elendes Lager zu verlaſſen. Die Blödſinnige fing bei dieſem ungewöhnlichen Geräuſch und bei dem Anblicke der beiden fremden Männer an, dumpf zu heulen und zu jammern, und drückte ſich an die Wand. Morel ſchien alles, was um ihn her vorging, nicht zu be⸗ achten; der Schlag, der ihn bedrohte, war ſo entſetzlich, ſo uner⸗ wartet, die Folgen dieſer Verhaftung kamen ihm ſo furchtbar vor, daß er gar nicht daran zu glauben vermochte. Die Kräfte ver⸗ ließen den ſchon durch Entbehrungen aller Art erſchöpften Mann, und er ſaß da auf ſeinem Schemel bleich, mit ſtierem Blicke, in ſich ſelbſt zuſammengeſunken, mit ſchlaff herabhängenden Armen, den Kopf auf die Bruſt geſenkt —“ „Tauſend Donnerwetter, wird's nun bald?“ rief jetzt Mali⸗ corne. „Glaubt Ihr denn, wir erbauten uns hier? Vorwärts, oder ich brauche Gewalt!“ * 231 Und der Mann packte Morel an der Achſel und ſchüttelte ihn tüchtig. Dieſe Drohung, dieſe Geberde erregten in den Kindern die höchſte Angſt; die drei kleinen Knaben krochen aus dem Strohſacke halbnackt heraus, fielen weinend, mit gefalteten Händen vor den Dienern des Handelsgerichts auf die Kniee nieder und riefen mit jammervoller Stimme: „Gnade! Machen Sie unſern Vater nicht todt!“ Bourdin wurde bei dem Anblicke dieſer armen Kinder, die vor Kälte und Angſt zitterten, trotz ſeiner natürlichen Gefuhlloſigkeit und der Gewöhnung an ſolche Auftritte faſt gerührt. Sein un⸗ barmherziger Cämerad aber machte roh ſein Bein von den um⸗ faſſenden Armen der Kinder frei, die ſich bittend an daſſelbe klammerten. „Welch' ein gräuliches Gewerbe hätten wir, wenn wir immer mit ſolchen Menſchen zu thun hätten!“ Eine grauenhafte Epiſode machte dieſen Auſtritt noch gräß⸗ licher. Das älteſte der kleinen Mädchen, das mit der kranken Schwe⸗ ſter in dem Strohſacke geblieben war, rief plötzlich: „Mutter! Mutter! — ich weiß nicht, was Adele hat! — Sie iſt ganz kalt. — Sie ſieht mich immer an, aber ſie athmet nicht mehr —“ Das arme ſchwindſüchtige Kind war ſanft dem Tode in die Arme geſunken, ohne Klage, das Auge auf die Schweſter gerich⸗ tet, die es ſo innig liebte. Unmöglich läßt ſich der Schrei beſchreiben, den die Fran Mo⸗ rels ausſtieß bei dieſer ſchrecklichen Anzeige; ſie errieth die Wahr⸗ 232 heit; es war ein krampfhafter Schrei, ſo wie er aus dem tiefſten Herzen einer Mutter geriſſen wird. „Adele ſieht aus wie todt. Ach, Du lieber Gott, ich fürchte mich!“ rief das Kind, indem es ſchnell den Strohſack verließ und ängſtlich ſich in die Arme der Mutter flüchtete. Dieſe vergaß, daß ihre faſt gelähmten Beine ſie nicht tragen konnten, und machte eine gewaltſame Anſtrengung, um aufzuſtehen und zu ihrem geſtorbenen Kinde zu gehen; aber die Kräfte reichten nicht aus, und ſie ſank mit einem letzten Schrei der Verzweiflung auf den Fußboden nieder. Dieſer Schrei fand ein Echo in dem Herzen Morels; er fuhr aus ſeinem Stumpfſinn auf, war mit einem Sprung an dem Strohſack und nahm ſein vierjähriges Kind — Er fand es todt. Die Kälte und der Hunger hatten das Ende beſchlennigt. Die armen kleinen Glieder waren bereits eiskalt und erſtarrt. — — LXVI. Louisr. orel, dem vor Verzweiflung und Eutſetzen das graue Haar ſich ſträubte, ſtand mit dem todten Kinde in den Armen unbeweg⸗ 2 lich da und betrachtete es mit ſtierem, thränenloſen Auge. „Morel! Morel! Gieb mir Adelen her!“ rief die ungluckliche Mutter aus, welche die Arme nach ihrem Gatten hin ausſtreckte. — „Es iſt nicht wahr, nein, ſie iſt nicht todt; Du wirſt es ſehen, ich erwärme ſie wieder.“ Die Neugierde der Blödſinnigen wurde durch die Eile der beiden Fremden erregt, mit welcher ſie zu dem Steinſchneider tra⸗ ten, der ſich von dem todten Körper ſeines Kindes nicht trennen wollte. Die Alte hörte auf zu jammern, richtete ſich empor, ſchlich langſam hinzu, hielt ihren häßlichen dummen Kopf über die Achſel Morels vor und betrachtete einige Augenblicke den Leich⸗ nam ihrer Enkelin. Ihre Züge behielten den gewöhnlichen Ausdruck des Stumpf⸗ ſinnes, und nach einer Minute etwa gähnte ſie laut in dem Tone eines hungrigen Naubthieres, kehrte auf ihr Lager zurück und warf ſich auf daſſelbe mit den Worten: 234 „Hat Hunger! Hat Hunger!“ „Sie ſehen, meine Herren, Sie ſehen ein armes Kind von vier Jahren, Adele. — Sie heißt Adele. Noch geſtern Abend habe ich ſie geküßt, und dieſen Morgen liegt ſie da. Sie werden ſagen, ich hätte nun ein Kind weniger zu ernähren, ich hätte Glück, nicht wahr?“ Sein Verſtand begann unter ſo vielen harten Schlägen all⸗ mählig zu wanken. „Morel, ich will mein Kind ſehen, ich will es!“ rief Mag⸗ ſeen aus. „Ja, eines nach dem andern,“ antwortete der Mann, und er legte das Kind in die Arme ſeiner Frau. Dann bedeckte er das Geſicht mit beiden Händen und jam⸗ merte laut. Magdalene legte den Leichnam ihres Kindes in das Stroh ihrer Lagerſtätte und betrachtete es mit einem gewiſſen Neide, wäh⸗ rend die andern Kinder neben ihr knieten und weinten. Die Diener des Gerichts, die durch den Tod des Kindes ei⸗ nen Augenblick erweicht worden waren, erlangten bald ihre ge⸗ wöhnliche Gefühlloſigkeit wieder. „Nun,“ ſagte Malicorne zu dem Steinſchneider, „Ihr K Kind iſt geſtorben, das iſt ein Unglück; aber wir ſind alle ſterblich, wir fönnen es nicht hindern und ändern, ebenſowenig wie Sie — Sie müſſen uns folgen, denn wir haben noch Jemanden zu holen. Es giebt viel Arbeit.“ Morel hörte nicht auf ihn. Ganz verſunken in ſeine finſtern Gedanken, ſprach er mit dumpfer, gebrochener Stimme vor ſich hin: „Das arme Kind muß doch begraben und hier bewacht wer⸗ —— — den, bis man es abholt. — Es begraben! — aber wo das Geld dazu hernehmen? Wir haben nichts. — Und den Sarg? Wer wird uns Credit geben? Ach, ein ſo kleiner Sarg, für ein Kind von vier Jahren, der fann nicht theuer ſein, — und einen Lei⸗ chenwagen brauchen wir auch nicht; den kleinen Sarg nimmt man unter den Arm. Ha! ha! ha!“ ſetzte er mit grauenvollem Lachen hinzu, „wie glücklich ich bin! Sie hätte können im achtzehnten Jahre ſterben, in dem Alter Louiſens, und einen ſo großen Sarg würde man mir nicht auf Credit gegeben haben.“ „Nun — der Mann iſt im Stande den Kopf zu verlieren, ſagte Bourdin zu Malicorne; „ſieh nur ſeine Augen an; man könnte ſich vor ihm fürchten. — Und die alte Verrückte, die vor Hunger heult! Welche Familie!“ „Wir müſſen aber doch der Sache ein Ende machen. — Be⸗ zahlen muß uns der Gläubiger. Faſſ' an; er wird freilich unter⸗ wegs ein gewaltiges Geſchrei erheben. — Iſt es aber unſere Schuld, daß ſein Kind geſtorben iſt?“ „Wenn man ſo arm iſt, ſollte man keine Kinder in die Welt ſetzen.“ „Vorwärts! Vorwärts, Mann!“ ſagte Malicorne, indem er Morel auf die Achſel klopfte; „wir haben nicht Zeit lange zu war⸗ ten; wenn Sie nicht bezahlen können, fort in's Gefängniß —“ „In das Gefängniß, Herr Morel?“ fiel eine jugendliche wohlklingende Stimme ein, und raſch trat ein junges, brünettes, friſches Mädchen in das Stübchen. „Ach, Mamſell Lachtaube!“ ſagte eines der Kinder weinend. Sie ſind ſo gütig. — Retten Sie den Vater, man will ihn in das Gefängniß ſchleppen, und unſere kleine Schweſter iſt ge⸗ ſtorben —“ 236 „Adele iſt todt?“ rief das junge Mädchen aus, deſſen große ſchwarze Augen ſich mit Thränen füllten. „Euer Vater in das Gefängniß? Das iſt nicht möglich.“ Und unbeweglich ſah ſie bald den Steinſchneider, bald deſſen Frau, bald die Gerichtediener an. Bourdin trat zu ihr. „Mein ſchönes Kind, Sie ſind bringen Sie doch den Mann da zu Verſtande; ſein Kind iſt geſtorben, leider! Aber er muß uns nach Clichy folgen — in das Schuldgefängniß, wir ſind Diener des Handelsgerichts.“ „Es iſt alſo wahr?“ rief das junge Mädchen erſchrocken aus. „Ja, es iſt wahr. Die Mutter hat das Kind im Bette, man kann es ihr nicht nehmen, — es beſchäftigt ſie. — Der Vater ſollte dies benutzen, um ſich fortzumachen.“ „Ach Gott! Ach Gott! welches Ungluͤck!“ rief das Mädchen aus; „welches Unglück! Und was thun?“ „Bezahlen oder in das Gefängniß gehen, ein Drittes giebt es nicht; können Sie ihm zwei oder drei Tauſendfrancbillets lei⸗ hen?“ fragte Malicorne höhnend; „wenn Sie es können, ſo geben Sie her, und wir ziehen ab.“ „Es iſt entſetzlich““ jammerte das Mädchen in Unwillen. „Bei einem ſolchen Unglücke noch zu ſpaßen!“ „Nun, ohne Spaß!“ ſagte einer der Gerichtsdiener; „wenn Sie etwas hier nützen wollen, ſo ſorgen Sie dafür, daß die Frau ih⸗ ren Mann nicht fortführen ſieht. Sie werden damit beiden eine ſchlimme Viertelſtunde erſparen.“ Der Rath war allerdings brutal, aber gut; das Mädchen be⸗ folgte ihn und trat zu Magdalenen, die in ihrer Verzweiflung ſie — nicht zu ſehen ſchien, ob ſie gleich neben den Kindern an dem Lager der Kranken niederkniete. Morel war aus ſeiner augenblicklichen Verwirrung wieder zu ſich gekommen, wurde aber nun von den niederdrückendſten Gedan⸗ ken beſturmt, denn nachdem er ruhiger geworden, konnte er alle Schrecken ſeiner Lage erkennen. Der Notar mußte unbarmherzig ſein, da er ſich zu dieſem Schritte hatte entſcheiden können; die Gerichtsdiener thaten nur ihre Pflicht. Morel fügte ſich. „Nun, wird es endlich fortgehen?“ ſagte Bourdin zu ihm. „Ich kann dieſe Diamanten nicht hier laſſen; meine Frau iſt halb wahnſinnig,“ antwortete Morel, indem er auf die Edelſteine zeigte, welche auf dem Arbeitstiſche umher lagen. — „Die Mäk⸗ lerin, für die ich arbeite, wird ſie dieſen Vormittag oder doch im Laufe des Tages abholen; ſie haben einen bedeutenden Werth.“ „Gut, gut!“ dachte der kleine Lahme bei ſich, der noch im⸗ mer an der angelehnten Thüre lauſchte, „das ſoll die Eule er⸗ fahren.“ „Geben Sie mir nur Zeit bis morgen,“ fuhr Morel fort, „damit ich der Mäklerin die Diamanten zuruckgeben kann.“ „Das iſt nicht möglich. Die Sache muß ſogleich abgemacht werden.“ „Aber ich kann die Diamanten nicht hier liegen laſſen und der Gefahr ausſetzen, verloren zu werden.“ „Nehmen Sie die Steine mit; unſer Fiacre ſteht unten, und wir wollen zu der Mäklerin fahren; iſt ſie nicht da, ſo legen Sie die Diamanten in dem Bureau in Clichy nieder, wo ſie eben ſo ſicher ſind wie in der Bank; aber raſch nun, raſch! Wir gehen ſtill fort, vhne daß Ihre Frau und Ihre Kinder es merken.“ 238 „Geben Sie mir Zeit bis morgen, damit ich mein Kind be⸗ graben laſſen kann,“ bat Morel mit flehentlicher Stimme und mit Thränen in den Augen. 3 „Nein. — Wir haben nun ſchon eine Stunde hier ver⸗ ſäumt — „Dieſes Begräbniß würde Sie nur traurig ſtimmen,“ fiel Malicorne ein. „Ja wohl, es würde mich traurig ſtimmen,“ entgegnete Mo⸗ rel bitter. — „Sie ſcheuen ſich ſo ſehr, die Leute zu betrüben! — Noch ein letztes Wort —“ Donnerwetter! Machen Sie raſch,“ ſagte Malicprne in bru⸗ taler Ungeduld. „Seit wann haben Sie Befehl mich zu verhaften?“ Das Urtel iſt ſchon vor vier Monaten gefällt, aber geſtern erſt erhielt unſer Huiſſier von dem Notar die Anzeige, das Urtel zu voliziehen —“ „Geſtern? So ſpät?“ „Was geht das mich an? Suchen Sie Ihre iz Sachen zuſammen.“ „Geſtern! Und Louiſe iſt nicht hierhergekommen! Wo iſt ſie? Was iſt aus ihr geworden?“ ſprach der Steinſchneider, indem er ein mit Baumwolle ausgelegtes Schächtelchen nahm und in daſſelbe die Steine legte. — „Aber ich will jetzt nicht daran denken —, im Gefängniſſe werde ich Zeit haben, darüber nachzu⸗ denken —“ „Bolen Sie Ihre Kleider, damit wir fortkommen.“ „Ich brauche nichts nputen und habe nichts mitzunehmen als dieſe Diamanten —“ „So kleiden Sie ſich an.“ — 239 „Ich habe nichts anderes, als was ich auf dem Leibe trage.“ „In dieſen Lumpen wollen Sie ausgehen?“ fiel Bourdin ein. „Sie werden ſich meiner Geſellſchaft ſchämen,“ entgegnete der Steinſchneider bitter. „Nein, denn wir haben ja den Fiacre, den Sie bezahlen müſ⸗ ſen,“ erwiederte Malicorne. „Vater, die Mutter ruft Dich,“ ſagte eines der Kinder. „Hören Sie mich an,“ flüſterte Morel einem der Gerichtsdie⸗ ner ſchnell zu, „geſtatten Sie mir eine letzte Begünſtigung, han⸗ deln Sie nicht unmenſchlich. — Ich habe nicht den Muth, von meiner Frau und meinen Kindern Abſchied zu nehmen, mein Herz würde brechen. Wenn ſie ſehen, daß Sie mich fortführen, werden ſie mir nachlaufen. — Ich möchte das vermeiden und bitte Sie, ſagen Sie laut zu mir, Sie würden in drei oder vier Tagen wie⸗ derkommen, und ſtellen Sie ſich als gingen Sie; erwarten Sie mich auf der Treppe; fünf Minuten nachher komme ich nach, das erſpart mir das Abſchiednehmen; ich würde das nicht ertragen können, ich würde den Verſtand darüber verlieren, was beinahe ſchon jetzt geſchehen wäre.“ „Wir kennen das. Sie wollen uns hinter das Licht führen,“ antwortete Malicorne; „Sie wollen ſich drücken.“ „Ach mein Gott! mein Gott!“ rief Morel in ſchmerzlichem Unwillen aus. „Ich glaube nicht, daß er etwas Ungerechtes vor hat,“ ſagte Bourdin leiſe zu ſeinem Cameraden; „wir wollen ihm den Wil⸗ len thun, ſonſt kommen wir nicht fort von hier; ich werde außen an der Thüre bleiben; die Stube da hat keinen andern Ausgang, er kann uns nicht entgehen.“ „Meinetwegen, aber das Donnerwetter ſoll ihn erſchlagen! — 240 Wie zerlumpt! Wie zerlumpt!“ Dann ſagte er leiſe zu Morel: „gut, wir wollen im vierten Stock warten, aber kommen Sie ſchnell nach.“ „Ich danke Ihnen,“ antwortete Morel. „Nun,“ ſprach Bourdin laut, „da es ſo iſt und Sie verſpre⸗ chen zu bezahlen, ſo wollen wir jetzt gehen; nach fünf oder ſechs Tagen werden wir wiederkommen —“ „„Ja, meine Herren, ich hoffe dann bezahlen zu fönnen,“ ant⸗ wortete Morel. Die Gerichtsdiener entfernten ſich. Der kleine Lahme hatte ſich, um nicht geſehen zu werden, in dem Augenblicke, als die Gerichtsdiener aus dem Stübchen traten, auf die Treppe geflüchtet. „Hören Sie, Madame Morel!“ ſagte Manmſell Lachtaube zu der Frau des Steinſchneiders, um dieſelbe von den traurigen Ge⸗ danken zurückzubringen, „man läßt Ihren Mann in Ruhe; die beiden Gerichtsdiener ſind fortgegangen.“ „Hörſt Du, Mutter? Man führt den Vater nicht fort,“ ſagte der älteſte Knabe. „Morel, Morel, nimm einen der großen Diamanten, man wird es nicht merken, und wir ſind gerettet,“ ſprach Magdalene in völligem Irrſein. „Unſere kleine Adele wird nicht mehr frieren, nicht mehr todt ſein.“ Der Steinſchneider benutzte einen Augenblick, in welchem ihn Niemand von den Seinigen anſah, und ging vorſichtig hinaus. Der Handelsgerichtsdiener wartete draußen auf einem kleinen Vorſaale, deſſen Decke ebenfalls das Dach bildete. Auf dieſen Vorſaal ging auch die Thüre zu einem Boden, in welchem Pipelet ſeinen Ledervorrath hatte. Der würdige Portier 241 nannte dieſe Bodenkammer, wie bereits erwähnt, ſeine Thea⸗ terloge, weil er durch ein Loch in der Wand in das Stüh⸗ chen der Familie Morel hineinſehen und ſo Zeuge mancher trau⸗ rigen Auftritte dort ſein konnte. Der Gerichtsdiener bemerkte dieſe Thür und glaubte einen Augenblick, ſein Gefangener habe vielleicht auf dieſen Ausgang ge⸗ rechnet, um zu entfliehen oder ſich zu verbergen. „Nun vorwärts!“ ſagte er, indem er auf die erſte Stufe trat und dem Steinſchneider winkte, ihm zu folgen — „Nur noch eine Minute, aus Barmherzigkeit!“ ſagte Morel. Er kniete nieder und warf durch eine Ritze in der Thür ei⸗ nen letzten Blick auf ſeine Familie, faltete die Hände und ſwrach ganz leiſe unter heißen Thränen und mit herzzerreißender Stimme vor ſich hin: „Lebt wohl, meine armen Kinder! Lebe wohl, meine arme Frau! Lebt wohl““ „Wird's nun bald?“ ſiel Bvurdin brutal ein. Morel ſtand auf und wollte den Gerichtsdienern folgen, als man auf der Treppe rufen hörte: „Vater! Vater!“ „Louiſe!“ rief der Steinſchneider, indem er die Hände zum Himmel emporhob, „ich werde ſie alſo noch einmal ſehen und um⸗ armen können!“ „Gott ſei Dank, ich komme noch zu rechter Zeit,“ ſprach die Stimme unten, und man hörte das Mädchen raſch die Treppe her⸗ aufſteigen. „Beruhigen Sie ſich, armes Kind,“ ſagte eine dritte, rauhe, keuchende Stimme, die von weiter unken heraufklang, „ich ſtelle mich, wenn es ſein muß, in der Flur unten auf, mit meinem Die Geheimniſſe von Paris. M. 16 Alten, und die Kerle ſollen nicht eher hinaus, bis Sie mit ih⸗ nen geſprochen haben.“ Man hat ohne Zweifel die Frau Pipelet erkannt, die minder raſch auf den Beinen war als Louiſe und derſelben langſam 31 folgte. Einige Minuten nachher lag Louiſe in den Armen ihres Vaters. 5 „Du biſt es, Louiſe, meine gute Louiſe!“ rief Morel unter . Thränen aus. „Aber wie blaß Du ausſiehſt! Mein Gott, was fehlt Dir?“ „Nichts —, nichts —,“ antwortete Loniſe ſtammelnd. — „Ich bin ſo ſchnell gelaufen. — Hier iſt das Geld —“ „Was?“ iiei . „Du wußteſt alſo?“ „Ja, ja. — Nehmen Sie, meine Herren, hier iſt das Geld,“ ſagte das Mädchen, indem ſie Malicorne eine Rolle mit Goldſtük⸗ ken gab. „Aber das Geld, Louiſe, das Geld!“ „Du ſollſt alles erfahren, jetzt nur ſei ruhig. — Geh und beruhige meine Mutter.“ „Nein —, ſogleich,“ ſprach Morel, indem er ſich vor die Thüre ſtellte. — Er dachte an den Tod ſeines Kindes, von dem Louiſe noch nichts wußte. — „Warte, — ich muß erſt mit Dir reden. — Aber das Geld, das Geld?“ „Nur eine Minute!“ ſagte Malicorne, indem er die Gold⸗ ſtücke überzählte und einſteckte. „Vierundſechszig, fünfundſechszig; — das macht dreizehnhundert Franes. — Haben Sie nur das?“ 243 „Du biſt ja nur dreizehnhundert Franes ſchuldig, nicht wahr?“ ſagte Louiſe beſtürzt zu ihrem Vater. „Ja,“ antwortete Morel. „Richtig,“ entgegnete der Gerichtsdiener; „der Wechſel be⸗ trägt dreizehnhundert Franes, gut, der iſt bezahlt, aber die Koſten? Ohne die Verhaftung betragen ſie ſchon elfhundert und vierzig Franes.“ „Ach, mein Gott, mein Gott!“ jammerte Lyuiſe; „ich glaubte, es wären nur dreizehnhundert Francs. — Mein guter Herr, — das ſoll ſpäter bezahlt werden; Sie haben doch eine hübſche Ab⸗ ſchlagsſumme erhalten, nicht wahr, Vater?“ „Später? — Sehr wohl; bringen Sie das Geld in das Ge⸗ fängnißbüreau, und man wird Ihren Vater freilaſſen. — Vorwärts! Halten Sie uns nicht länger auf.“ „Sie führen ihn fort?“ „Wenn er den Reſt bezahlt, wird er frei. Geh voran, Bourdin.“ „Gnade! Gnade!“ jammerte Lyniſe. „Nun geht das Gejammere von neuem an. Man könnte trotz der Kälte dabei ſchwitzen, auf Ehre!“ ſagte der Gerichtsdie⸗ ner. Dann trat er zu Morel und ſetzte hinzu: „Wenn Sie nicht ſogleich gehen, faſſe ich Sie am Kragen und werde Sie hinunter transportiren.“ „Ach, mein armer Vater! — Ich glaubte ihn wenigſtens ge⸗ rettet zu haben,“ ſprach Louiſe tief betrübt. „Nein, nein, Gott iſt nicht gerecht!“ rief der Steinſchneider in Verzweiflung aus, indem er außer ſich mit dem Fuße ſtampfte. „Ja —, Gott iſt gerecht; er erbarmt ſich immer der recht⸗ 16* 244 ſchaffenen Leute, die in Noth kommen,“ ſprach eine kräftige, wohl⸗ klingende Stimme. In demſelben Augenblicke erſchien Rudolph an der Thüre der kleinen Bodenkammer, wo er ungeſehen mehrere Auftritte beobach⸗ tet hatte, die wir beſchrieben haben. Er war blaß und tief ergriffen. 8 Die Gerichtsdiener traten bei dieſer plötzlichen Erſcheinung unwillkührlich zurück. Morel und deſſen Tochter ſahen den Für⸗ ſten erſtaunt an. Rudolph zog aus ſeiner Weſtentaſche ein kleines Packet zu⸗ ſammengelegter Banknoten, nahm drei davon, reichte ſie Malicorne und ſagte zu demſelben: „Hier ſind 2500 Fres.; geben Sie dem Mädchen das Gold zurück, das Sie von ihr erhielten!“ Der ſehr verwunderte Gerichtsdiener nahm zögernd die Bank⸗ noten, beſah ſie von allen Seiten und ſteckte ſie endlich ein. In dem Maaße aber, wie ſein mit Furcht verbundenes Staunen ſchwand, ſtellten ſich ſeine gewöhnliche Rohheit und Grobheit wieder ein; er betrachtete Rudolph von dem Kopfe bis zu den Füßen und ſagte zu ihm: „Die Banknoten ſind echt; aber wie kommen Sie zu einer ſo bedeutenden Summe? — Sie wird doch Ihr Eigenthum ſein?“ Rudolph war ſehr beſcheiden gekleidet und in Folge ſeines Aufenthaltes in der Bodenkammer Pipelets mit Staub bedeckt. „Ich habe Dir geſagt, Du ſollſt das Gold dem jungen Mäd⸗ chen da zurückgeben,“ entgegnete Rudolph kurz und hart. „Ich habe Dir geſagt! — Warum nennſt Du mich Du?“ ſprach der Gerichtsdiener, indem er drohend an Rudolph trat. —— ——————— ——jz———— — —— — ———— 245 „Gieb das Gold heraus!“ wiederholte der Fürſt, indem er das Handgelenk Malicornes faßte und ſo ſtark drückte, daß dieſer unter dem gewaltigen Griffe zuſammenſank und ſprach: „Sie thun mir weh, — laſſen Sie los!“ „Gieb das Gold heraus! Du biſt bezahlt, und pack Dich von dannen, ohne nur ein Wort zu ſagen, vder ich werfe A3 3 ₰ Treppe hinunter.“ „Nur gemach! Nur gemach! Da iſt das Gold,“ ſagte Mali⸗ corne, indem er Louiſen die Goldſtücke überreichte; „aber nennen Sie mich nicht Du und mißhandeln Sie mich nicht. — Weil Sie ſtärker ſind als ich, ſo —“ „Ja, wer ſind Sie, daß Sie hier ſo auftreten?“ fragte Bour⸗ din hinter ſeinem Cameraden hervor; „wer ſind Sie?“ „Wer er iſt, Du Narr? Mein Miethsmann iſt es, mein aller⸗ beſter Miethsmann, Ihr groben Kerle!“ rief die Fran Pipelet, die jetzt gauz athemlos herbeikam und auch diesmal ihre blonde Per⸗ rücke à la Titus trug. Sie hatte in der Hand einen Topf mit rauchender Suppe, die ſie den Morels bringen wollte — „Was will die alte Hexe?“ fiel Bourdin ein. „Wenn Ihr mich antaſtet, kratze ich Euch die Augen aus,“ rief die Frau Pipelet, „und mein Miethsmann, mein beſter Mieths⸗ mann wird Euch die Treppe hinunter ſpediren, wie er es geſagt hat; dann kehre ich Euch mit dem Beſen hinaus wie Unrath⸗ der Ihr ſeid.“ „Die Alte iſt im Stande, das ganze Haus gegen uns in Aufruhr zu bringen. — Wir ſind bezahlt, wir haben auch die Koſten erhalten, wollen alſo gehen,“ ſagte Boutdin zu Malicorne „Da ſind Ihre Papiere,“ ſprach dieſer zu Morel, er ihm ein Actenheft vor die Füße warf. 246 „Willſt Du ſie ſogleich aufheben! Man bezahlt Dich, damit Du redlich und hoflich biſt,“ ſagte Rudolph, indem er den Gerichts⸗ diener mit einer Hand zurückhielt und mit der andern auf die Pa⸗ piere wies. Der Gerichtsdiener, der bei dieſem zweiten fürchterlichen Griffe wohl fühlte, daß er mit einem ſolchen Gegner ſich nicht meſſen könnte, buckte ſich murrend, hob das Heft auf und übergab es Morel, der es maſchinenmäßig nahm. Es war ihm, als träume er. „Wenn Sie auch eine Eiſenfauſt haben, ſo ſehen Sie ſich doch vor, daß Sie nicht einmal unter unſere Hände gerathen,“ ſagte Malicorne. Nachdem er dabei die Fauſt gegen Rudolph geballt hatte, eilte er mit ſeinem Cameraden raſch die Treppe hinunter. Die Frau Pipelet ſchickte ſich an, Rudolph wegen der Dro⸗ hungen des Gerichtsdieners zu rächen; ſie ſah begeiſtert ihren Sup⸗ pentopf an und rief mit Heldenkühnheit aus: „Die Schulden Morels ſind bezahlt, — ſie werden ſich ſelbſt etwas zu eſſen kaufen können und brauchen meine Suppe nicht. Aufgepaßt unten!“ Dabei bog ſich die Alte über die Treppenlehne und goß den Inhalt ihres Topfes den beiden Gerichtsdienern, welche eben die erſte Treppe erreicht hatten, auf den Rücken. „Tauſend Millionen Donnerwetter!“ ſchrie Malicorne; „wollt Ihr da oben aufpaſſen!“ „Alfred!“ rief dagegen Madame Pipelet aus vollem Halſe hinunter, „Alfred! Alter, gieb den Beiden etwas auf den Kopf! Sie erlaubten ſich unanſtändige Bemerkungen gegen Deine Frau. Nimm den Beſen! Schlag zu! Schlag zu!“ 247 Und in ihrem Eifer warf ſie den Gerichtsdienern auch den Topf nach, der mit entſetzlichem Getöſe auf der Treppe zerbrach, als die Verfolgten eben die letzten Stufen erreicht hatten. Während die Frau Pipelet die Gerichtsdiener mit Schimpf⸗ reden und Hohn verfolgte, war Morel vor Rudolph auf die Kniee geſunken. „Ach, lieber Herr, Sie retten uns das Leben! Wem verdanken wir dieſe unverhoffte Hülfe?“ „Gott! er erbarmt ſich, wie Sie ſehen, der Rechtſchaffenen.“ Gedruckt bei Wilhelm Moeſer in Berlin. 2 3 4 3 * „ R 3 * „ —— 978 eii vnende