— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oikmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ene und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens is Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die den angenvmmen. eines geliehenen Buches wird von Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 2. Clution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Mynat: 3 6 Bücher: — — —— — 1 Wk. — Pf. 1 Wr. 57 P 2 W 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . 4 Die Geheimniſſe von Paris. Von Pugene Sue. — —— Ueberſetzt von A. Diezmann. Bweiter Band Mit Illuſtrationen von Theodor Hoſemann. — 65 Berlin, 1843. Verlag von Meyer S Hofmann. XXIII. Die Velohnung. s lebe die Charte! 's freut mich, Sie wieder zu ſehen, Herr Rudolph, oder vielmehr gnädigſter Herr,“ ſagte der Chon⸗ rineur. Er freute ſich wirflich, Rudolph wieder zu ſehen, denn edle Herzen binden ſich an einander ſowohl durch die Dienſte, welche ſie leiſten, als durch die, welche ihnen geleiſtet werden. „Guten Tag, Freund! Auch ich freue mich, Sie wieder zu ſehen.“ „Herr Murph hat alſo Spaß gemacht, als er ſagte, Sie wä⸗ ren abgereiſt, — Aber ſehen Sie, gnädigſter Berr —“ Nennen Sie mich Rudolph; ich höre es lieber.“ „Alſo, Herr Rudolph, nehmen Sie es nicht übel, daß ich nach jener Nacht mit dem Schulmeiſter nicht wiedergekommen bin. — Ich ſehe ein, daß es grob war, aber Sie nehmen mir es nicht übel, nicht wahr?“ „Ich verzeihe es,“ antwortete Rudolph lächelnd. Dann ſetzte er hinzu: „Murph hat Ihnen das Haus gezeigt?“ 4 Schönes Haus — ſchöner Laden! Alles „Ja, Herr Rudolph. — Ich werde nun auch ſauber ſein, denn Herr ſauber und nett! Franes verdienen laſſen, — vier Murph will mich täglich vier Franes!“ „Ich habe Ihnen einen noch beſſern Vorſchlag zu machen, Freund.“ „Noch beſſer, nehmen Sie mir's ni — Vier Franes täglich habe Ihnen einen noch beſſern Vorſchlag zu machen, was darin iſt, der cht übel, — das möchte ſchwer ſein. 4 „Ich ich; denn das Haus hier mit Allem, ſage Thaler, die ſich hier in dem Portefeuille befin⸗ Laden und tauſend den, ſind Ihr Eigenthum.“ Der Chourineur lächelte etwas dumm, drückte ſeinen lang⸗ en den Knieen breit und verſtand nicht, haarigen Caſtorhut zwiſch orte deutlich genug was Rudolph zu ihm ſagte, obgleich die W waren. — Rudolph fuhr dagegen freundlich fort: „Ich begreife Ihre Ueberraſchung, aber ich Haus und das Geld ſind Ihr Eigenthum.“ Der Chourineur wurde jetzt feuerroth, ſtrich mit ſeiner ſchwie⸗ ligen Hand über die Stirn, auf die ihm der Schweiß trat, und ſtotterte mit unſicherer Stimme: „Das heißt —, das heißt — mein Eigenthum — hr Eigenthum, weil ich Ihnen alles dies gebe. wiederhole es, das . „Ja — 3 Verſtehen Sie? — Ich gebe es Ihnen.“ Chourineur rückte auf dem Stuhle hin und her, kratzte Der ſich hinter den Ohren, ſchlug die Augen nieder und antwortete nicht. — Er verlor den Faden ſeiner Gedanken, — hörte vollkom⸗ men deutlich, was Rudolph ſagte, — aber gerade deshalb konnte — 5 er nicht glauben, was er hörte. — Zwiſchen der tiefen Armuth und Erniedrigung, in welcher er immer gelebt hatte, und der Stellung, welche ihm jetzt Rudolph ſicherte, lag ein Abgrund, den ſelbſt der Dienſt nicht ausfüllte, welchen er Rudolph geleiſtet hatte. Rudolph beeilte den Angenblick nicht, in welchem ſein Schütz⸗ ling endlich die Wirklichkeit mit klarem Blicke anſehen würde, ſondern weidete ſich vielmehr an dem Staunen, an der Betäubung deſſelben. — Er ſah mit einem unbeſchreiblichen Gefühle von Freude und Schmerz, daß manche Menſchen ſo ſehr an Leiden und Unglück gewöhnt ſind, daß ihr Verſtand nicht einmal die Möglichkeit einer Zukunft anerkennt, welche für eine ſehr große Anzahl eine nicht eben beneidenswürdige Eriſtenz ſein würde. Wenn der Menſch, dachte er, jemals, wie Prometheus, einen Strahl der Gottheit geraubt hat, ſo geſchah es in den Augenblik⸗ ken, in welchen er (man verzeihe dieſe Blasphemie!) das that, was die Vorſehung von Zeit zu Zeit zur Erbauung der Welt thun ſollte, nämlich den Guten und den Schlechten einen Beweis geben, daß es für die erſtern eine Belohnung, für die letztern eine Strafe giebt. Nachdem er ſich ſo eine Zeitlang an der Verblüffung des Chourineurs geweidet hatte, fuhr Rudolph fort: „Das, was ich Ihnen gebe, ſcheint Ihre Hoffnung weit zu übertreffen.“ „Gnädigſter Herr,“ entgegnete der Chourineur, indem er auf⸗ ſprang, — „Sie bieten mir dieſes Haus und viel Geld an, um — mich in Verſuchung zu führen; aber ich kann nicht —“ „Was können Sie nicht?“ fragte Rudolph verwundert. 6 6 6 Das Geſicht des Chourineurs röthete ſich; ſeine Blödigkeit ſchwand, und er ſprach mit feſter Stimme: „Um mich zum Stehlen zu verleiten, bieten Sie mir ſo vie⸗ les Geld nicht, das weiß ich; — übrigens habe ich nie in mei⸗ nem Leben geſtohlen. — Vielleicht ſoll ich einen Mord begehen, — aber ich habe zu viel von dem Feldwebel geträumt,“ ſetzte der Chouri⸗ neur mit dumpfer Stimme hinzu. „O, die Unglücklichen!“ rief Rudolph bitter aus. „Finden ſie ſo ſelten Mitleiden, daß ſie ſich die Freigebigkeit nur durch Verbrechen erklären können?“ Dann wendete er ſich an den Chvu⸗ rineur und ſagte in ſehr mildem Tone zu ihm: „— Sie beur⸗ theilen mich falſch, — Sie irren ſich. — Ich verlange von Ihnen nur — Ehrenvolles. Was ich Ihnen gebe, gebe ich Ihnen blos, weil Sie es verdienen.“ „Ich!“ entgegnete der Chyurineur, deſſen Staunen ſich von Neuem ſteigerte, „ich verdiene es, und wodurch?“ „Das will ich Ihnen ſagen. Obgleich Sie keinen rechten Begriff von Recht und Unrecht haben, ob Sie gleich Ihren wil⸗ den Inſtincten überlaſſen waren, funfzehn Jahre mit den ſchreck⸗ lichſten Verbrechern im Bagno leben mußten, durch die Noth, den Hunger, durch den Widerwillen der ehrlichen Menſchen genöthigt wurden, fortwährend mit dem Auswurfe der Geſellſchaft umzuge⸗ hen, ſind Sie doch nicht blos brav geblieben, ſondern die Reue uber Ihr Verbrechen hat ſogar länger gedauert als die Buße, welche die menſchliche Geſellſchaft Ihnen auferlegte —.“ Dieſe einfache, edle Sprache war eine neue Ouelle des Er⸗ ſtaunens für den Chourineur. Er ſah Rudolph mit einem Ge⸗ fühle von Achtung, Scheu und Dankbarkeit an, konnte aber immer ſeinen Ohren nicht glauben. — — v— — 7 „Wie, Herr Rudolph, — weil Sie mich geſchlagen haben, weil ich Ihnen, da ich Sie für einen Arbeitsmann hielt und Sie unſere Sprache redeten, bei einem Glaſe Wein meine Geſchichte erzählte und Sie dann nicht ertrinken ließ —, deshalb für mich ein Haus und Geld? Sehen Sie, Herr Rudolph, noch einmal, es iſt nicht möglich.“ „Weil Sie mich für Ihres Gleichen hielten, erzählten Sie mir Ihre Lebensgeſchichte natürlich und unverſtellt, ohne mir das Verbrecheriſche oder das Edle darin zu verbergen. — Ich habe Sie genau kennen gelernt, und ich wünſche Sie zu belvhnen.“ „Aber, Herr Rudolph, das geht nicht an. — Rein, es giebt arme Tagelöhner, welche ihr ganzes Leben lang redlich geweſen ſind und —“ „Ich weiß es und habe vielleicht für Mehrere derſelben ge⸗ than, was ich jetzt für Sie thue. Wenn aber der Menſch, der rechtſchaffen unter rechtſchaffenen Leuten lebt und durch die Ach⸗ tung derſelben ermuthigt wird, Theilnahme und Unterſtützung ver⸗ dient, ſo verdient derjenige, welcher von den Rechtſchaffenen ab⸗ geſtoßen wird und unter den abſcheulichſten Verbrechern auf Erden rechtſchaffen bleibt, eben ſo gut Theilnahme und Unterſtützung. — Das iſt übrigens nicht Alles; Sie haben mir das Leben gerettet, Sie haben es Murph, meinem theuerſten Freunde, gerettet. Was ich für Sie thue, gebietet mir alſo eben ſo ſehr die perſönliche Dankbarkeit, wie der Wunſch, eine verirrte, aber nicht verlorene gute und ſtarke Natur aus dem Schmuze zu ziehen. Auch dies iſt noch nicht Alles.“ „Was habe ich denn noch gethan, Herr Rudolph?“ Rudolph nahm herzlich die Hand des Chourineurs und ſagte zu ihm: 8 „Du boteſt aus Mitleid mit dem Unglücke eines Mannes, der Dich früher hatte uinbringen wollen, Deine Unterſtutzung an und nahmſt ihn ſelbſt in Deine ärmliche Wohnung, Nute⸗Oume Nr. 9, auf.“ „Sie wußten, wo ich wohnte, Herr Rudolph?“ „Wenn auch Sie die Dienſte vergeſſen, welche Sie mir ge⸗ leiſtet haben, ſo vergeſſe ich ſie doch nicht. — Als Sie mein Haus verließen, ſchickte ich Ihnen Jemand nach, und man ſah Sie mit dem Schulmeiſter dahin gehen.“ „Murph ſagte mir aber doch, Sie hätten nicht gewußt, wo ich wohne, Herr Rudolph.“ „Ich wollte Sie zum letztenmale prüfen und erfahren, ob Sie auch uneigennützig edelmüthig wären. Und wirklich, Sie kehrten nach Ihrer muthigen That zu Ihrer gewöhnlichen beſchwer⸗ lichen Arbeit zurück, ohne etwas zu hoffen, ohne ſelbſt durch ein bitteres Wort die ſcheinbare Undankbarkeit zu tadeln, mit der ich Ihre Dienſte unbelohnt ließ. Als Ihnen geſtern Murph eine et⸗ was beſſer bezahlte Beſchäftigung inth nahmen Sie den Vor⸗ ſchlag mit Freuden und mit Dank an.“ „Hören Sie, Herr Rudolph, was das betrifft, ſo ſind vier Franes täglich — immer vier Francs. Für den Dienſt, den ich Ihnen geleiſtet habe, muß ich Ihnen danken.“ „Wie ſo?“ „Ja, ja, Herr Rudolph,“ ſetzte er traurig hinzu. „Ich habe etwas nicht wieder aus den Gedanken bringen können; denn ſeit ich Sie kenne, ſeit Sie die paar Worte zu mir geſagt haben: „Du haſt noch ein Herz und Ehre im Leibe,“ denke ich er⸗ ſtaunlich viel nach. 's iſt merkwürdig, daß zwei Worte, blos zwei Worte ſo etwas bewirken können. Aber fteilich, wenn man * . ——— — ——— ———— 2 —— — ————— 9 zwei ganz kleine Körner in die Erde ſtreut, wachſen auch große Aehren daraus.“ Dieſer ganz richtige und faſt pvetiſche Vergleich ſiel Rudolph auf. Wirklich, zwei Worte, freilich zwei gewaltige, ja überkräf⸗ tige Worte für die, welche ſie begreifen, hatten in dieſer energi⸗ ſchen Natur die guten, edeln Inſtinete plötzlich entwickelt, die im Keime darin lagen. „Sehen Sie, gnädigſter Herr,“ fuhr der Chourineur fort, „ich habe Herrn Rudolph und einigermaßen auch Herrn Murph gerettet, das iſt wahr, aber ich kann Hunderte, Tauſende retten: die werden doch nicht wieder lebendig, welche ich —“ Und der Chourineur ließ traurig das Haupt ſinken. „Dieſe Reue iſt heilſam, aber eine gute That wird auch ſtets gezählt.“ „Und dann, Herr Rudolph, aus dem, was Sie über die Mordthaten zu dem Schulmeiſter ſagten, konnte ich mir auch mei⸗ nen Theil nehmen.“ Um den Gedankengang des Chourineurs zu unterbrechen, ſagte Rudolph: „Sie haben den Schulmeiſter nach St. Mandé gebracht?“ „Ja, Herr Rudolph. — Er ließ ſich durch mich ſeine Pa⸗ piere gegen Gold auswechſeln, und ich mußte ihm einen Gürtel kaufen, den ich über ſeinem Leibe feſtgenähet habe. Dahinein thaten wir das Geld und — glückliche Reiſe! Er zahlt bei den Leu⸗ ten täglich dreißig Sous, und für die guten Leute iſt es auch eine Unterſtützung.“ „Sie müſſen mir noch einen Gefallen thun, Freund.“ „Sprechen Sie, Herr Rudolph.“ „Nach einigen Tagen gehen Sie zu ihm mit dieſem Papiere 10 da, das ihm Aufnahme in dem „Hospital der guten Armen“ ver⸗ ſchaffen wird. Er giebt 4500 Franes und iſt dann lebensläng⸗ lich verſorgt; es iſt bereits Alles abgemacht. Ich denke, dies wird beſſer ſein. Er ſichert ſich auf dieſe Weiſe Obdach und Unterhalt für den Reſt ſeines Lebens und — braucht nur an die Reue und Buße zu denken. Ich bedaure, ihn nicht ſogleich dahin gebracht und ihm eine Summe Geld gegeben zu haben, die vergendet oder geſtohlen werden konnte, — aber mir graute ſo vor dem Men⸗ ſchen, daß ich vor allem ihn forthaben wollte. — Machen Sie ihm alſo den Antrag und bringen Sie ihn in das Armenhaus. Weigert er ſich, ſo ſprechen wir weiter davon. Sie gehen alſo zu ihm?“ „Ich würde Ihnen mit Vergnügen den Gefallen thun, wie Sie es nennen, Herr Rudolph, aber ich weiß nicht, ob ich werde Zeit haben. Murph hat mich für Jemanden engagirt, der mir täglich vier Franes giebt.“ Rudolph fah den Chvurineur mit Erſtaunen an. „Und Ihr Laden? Ihr Haus?“ „Herr Rudolph, halten Sie einen armen Teufel nicht zum Narren. Sie haben ſich mit dem Prüfen, wie Sie es nennen, ſchon Spaß genug gemacht. Ihr Haus und Ihr Laden iſt wie⸗ der daſſelbe Lied. Sie dachten: wir wollen doch ſehen, ob der Eſel von Chvurinenr ſo dumm iſt und ſich einbildet — Herr Ru⸗ dolph, Sie ſind ein Spaßvogel. —“ „Hane ich Ihnen nicht ſo eben auseinandergeſetzt —2“ „Um die Sache wahrſcheinlicher zu machen. Ich kenne das und bin nicht ſo dumm. —“ „Aber, Freund, Sie ſind ganz irre.“ „Nein, nein, gnädigſter Herr. — Wir wollen lieber vom 11 Herrn Murph reden. Obgleich vier Francs des Tages auch ſchon entſetzlich viel Geld iſt, ſo läßt ſich's am Ende doch noch begrei⸗ fen; aber ein Haus, ein Laden, Geld in Maſſe — welche Poſſe! — Donnerwetter, welche Poſſe!“ Und er lachte laut und aus Herzensgrunde. „Noch einmal —“ „Hören Sie mich an, gnädigſter Herr. Ich geſtehe, anfangs war ich doch ein wenig in die Falle gegangen. Ich dachte da bei mir: Herr Rudolph iſt ein Mann, wie es wenige giebt; er hat vielleicht etwas bei dem Bäcker *) zu beſtellen, beauftragt mich damit und will mir die Hand ſchmieren, damit ich das Feuer nicht fürchte. — Nachher überlegte ich mir's aber genauer und ſah ein, daß ich ſo etwas von Ihnen nicht denken dürfe. Da kam ich denn auch dahinter, daß Sie mir einen Bären aufbinden wollten, denn wenn ich ſo dumm wäre und glaubte, Sie wollten mir für nichts und wieder nichts ein ganzes Vermögen geben, ſo konnten Sie ſagen: Armer Chourineur, Du dauerſt mich, geh, biſt Du krank?“ Rudolph wußte nicht mehr, wie er den Chourineur überzeu⸗ gen ſollte, und ſagte deshalb in ernſtem, impoſanten, faſt ſtren⸗ gen Tone: „Ich erlaube mir niemals, mit der Dankbarkeit und der Theilnahme, die ich für eine edle Handlung fühle, Scherz zu treiben. Ich habe Ihnen geſagt: dies Haus und dieſes Geld ſind Ihr Eigenthum, ich gebe es Ihnen. Da Sie mir nicht glauben wollen, da Sie mich zwingen, einen Eid zu thun, ſo *) Teufel. ſchwöre ich bei meiner Ehre, daß alles dies Ihnen angehört und ich es Ihnen aus den angeführten Gründen ſchenke.“ Bei dieſem feſten, würdevollen Tone und dem ernſten Aus⸗ vrucke der Züge Rudolphs zweifelte der Chourineur nicht länger an der Wahrheit. Einige Minuten lang ſchwieg er, dann ſagte er mit tiefbewegter Stimme: „Ich glaube Ihnen, gnädigſter Herr, und danke Ihnen. — Ein armer Mann wie ich kann nicht viel Worte machen. Noch einmal, — ſehen Sie —, ich danke Ihnen. — Ich kann Ihnen weiter nichts ſagen, ſehen Sie, als: ich werde niemals einem Un⸗ glcklichen Beiſtand verſagen, weil die Noth und der Hunger wie die alten Weiber ſind, welche die arme Nachtigall verführten, und nicht Jeder, der einmal in den Schlamm geſunken iſt, Kraft ge⸗ nug hat, ſich wieder heraus zu arbeiten.“ „Sie können Ihre Dankbarkeit auf keine beſſere Art zu er⸗ kennen geben — Sie verſtehen mich. — Hier in dieſem Secretair werden Sie die Beſitzurkunden finden, die auf Sie unter dem Na⸗ men Francveur ausgeſtellt ſind.“ „Francveur?“ „Sie haben keinen Namen, — ich gebe Ihnen dieſen. Sie werden ihm Ehre machen, ich bin überzeugt davon. —“ „Gnädigſter Herr, ich verſpreche es. —“ „Nur Muth, Freund! — Sie können mir bei einem guten und ſchönen Werke beiſtehen.“ „Ich, gnädigſter Herr?“ „Sie. Sie werden der Welt als lebendiges, heilſames Bei⸗ ſpiel dienen. — Die glückliche Lage, in welche Sie die Vorſehung verſetzt, wird ein Beweis ſein, daß auch die Tiefgefallenen ſich wieder aufrichten und viel hoffen können, wenn ſie Reue fühlen 13 und einige beſondere Eigenſchaften rein halten. Wenn man Sie glcklich ſieht, nachdem Sie eine verbrecheriſche That begangen und dieſelbe durch eine ſchreckliche Strafe abgebüßt, aber muthig, uneigennützig und brav geblieben ſind, werden diejenigen, welche ſchwankten, beſſer zu werden ſuchen. Ihre Vergangenheit ſoll kei⸗ neswegs unbekannt⸗ bleiben. Sie würde früher oder ſpäter doch an den Tag kommen, und es iſt alſo beſſer, ſie lieber gleich zu erzählen. Ich werde deshalb mit Ihnen zu dem Maire gehen. Ich habe mich nach ihm erkundigt; er iſt ein würdiger Mann, der gern an meinem Werke mitarbeiten wird. Ich werde mich nennen und mich für Sie verbürgen, und um ſchon jetzt ehren⸗ werthe Beziehungen zwiſchen Ihnen und den beiden Perſonen her⸗ beizuführen, welche moraliſch die Geſellſchaft dieſer Stadt vertre⸗ ten, werde ich eine Summe von monatlich tauſend Franes für die Armen des Ortes auf zwei Jahre ausſetzen; jeden Monat werde ich Ihnen dieſe Summe ſenden, deren Verwendung durch Sie, den Maire und den Geiſtlichen beſtimmt werden ſoll. Wenn einer von den beiden das geringſte Bedenken hätte, mit Ihnen zu verkehren, ſo würde dieſes Bedenken vor den Erforderniſſen der Mildthätig⸗ keit ſchwinden. Iſt der Umgang einmal eingeleitet, ſo wird es von Ihnen abhängen, die Achtung dieſer Männer zu verdienen, und Sie werden gewiß nichts verſäumen.“ „Gnädigſter Herr, ich verſtehe Sie. — Nicht mir, dem Chvu⸗ rineur, erweiſen Sie ſo viel Gutes, ſondern den unglücklichen, die gleich mir in Noth und Verbrechen verſunken waren und ſich, wie Sie ſagen, mit Muth und Ehren herausgearbeitet haben. Es iſt wie in der Armee: wenn ein ganzes Bataillon ſich ausgezeichnet hat, können nicht Alle decorirt werden; es giebt nur vier Ordens⸗ kreuze für fünfhundert Tapfere; aber die, welche das Kreuz nicht 14 haben, denken bei ſich: „gut, ich bekomme es ein andermal“ und das nächſtemal ſchlagen ſie ſich noch tapferer.“ Rudolph hörte ſeinen Schützling mit Vergnügen an. Er hatte dadurch, daß er dieſem Manne die Selbſtachtung wiedergab, ihn in den eigenen Augen wieder aufrichtete und gleichſam auf ſeinen eigenen Werth hinwies, faſt augenblicklich in dem Herzen und Geiſte deſſelben ſinn- und gefühlvolle Gedanken geweckt. „Was Sie mir da ſagen, Francveur,“ ſprach Rudolph, „iſt eine neue Art, mir Ihren Dank zu beweiſen. — Es gefällt mir ſehr wohl. —“ „Deſto beſſer, gnädigſter Herr, denn ich weiß nicht, wie ich ihn anders beweiſen ſoll.“ „Jetzt wollen wir Ihr Haus beſichtigen; mein alter Murph hat ſich das Vergnügen gemacht, ich möchte es auch haben.“ Rudolph und der Chourineur gingen hinunter. Als ſie in den Hof traten, ſagte der Geſelle ehrerbietig zu dem Chourineur: „Da Sie der Meiſter ſind, Herr Francveur, ſo muß ich Ih⸗ nen melden, daß ſchon viele Kunden kommen. Es ſind bereits keine Cotrletten und keine Schöpskeulen mehr da, und wir werden ein paar Schöpſe ſchlachten müſſen.“ „Da bietet ſich ja eine ſchöne Gelegenheit dar, Ihr Talent zu zeigen,“ ſagte Rudolph. „Und ich möchte die erſte Frucht da⸗ von haben; die friſche Luft hat mir Appetit gemacht, und ich will Ihre Coteletten koſten, ob ſie gleich, wie ich fürchte, etwas zäh ſein werden.“ „Sie ſind ſehr gütig, — Herr Rudolph,“ entgegnete der Chourineur freudig; „Sie ſchmeicheln mir; ich werde meine Sache ſo gut als möglich machen. —“ 15 „Soll ich zwei Schöpſe in das Schlachthaus führen, Mei⸗ ſter?“ ſagte der Geſell. „Ja, und bringe ein recht ſcharfes Meſſer mit. —“ „Damit kann ich dienen, Meiſter. — Man könnte ſich damit raſiren. Sehen Sie einmal. —“ „Donnerwetter! — Herr Rudolph,“ ſagte der Chourineur, indem er raſch den Rock auszog und die Hemdärmel auſſtreifte, ſo daß man ſeine Athleten⸗Arme ſehen konnte. „Das erinnert mich an meine Jugend — und den Schlachthof. — Sie ſollen einmal ſehen, wie ich arbeite! — Dein Meſſer, Burſche, Dein WMeſſer! Du verſtehſt Deine Sache. — Das nenn' ich eine Klinge! Donnerwetter, mit einem ſolchen Schuri mache ich mich an einen wüthenden Stier. —“ Der Chourineur ſchwang das Meſſer. Seine Augen fingen an mit Blut zu unterlaufen; das Thieriſche in ihm gewann wie⸗ der die Oberhand; der Blutdurſt erſchien von Neuem in ſeiner ganzen entſetzlichen Stärke. Das Schlachthaus befand ſich im Hofe und war ein gewölb⸗ tes, dunkles, mit Steinplatten gepflaſtertes und von oben durch eine ſchmale Oeffnung erleuchtetes Local. Der Geſelle führte einen Hammel an die Thür. „Soll ich ihn an den Ring binden, Meiſter?“ „Anbinden? Donnerwetter! — Und meine Kniee? Sei ganz ruhig, ich werde ihn dazwiſchen einklammern wie in einen Schraub⸗ ſtock. — Gieb her das Vieh und geh wieder in den Laden.“ Der Geſelle ging, und Rudolph blieb allein mit dem Chou⸗ rineur, den er aufmerkſam, mit faſt ängſtlicher Spannung be⸗ obachtete. „An's Werk nun!“ ſagte er. 16 „Das ſoll nicht lange dauern. — Sie werden ſehen, wie ich das Meſſer zu brauchen weiß. — Die Hände brennen mir. — Es ſummt mir in den Ohren. — Die Adern klopfen mir an den Schläfen wie damals, als ich — roth ſah. — Komm her, Schöps!“ Seine Augen funkelten in wildem Feuer, er bemerkte die An⸗ weſenheit Rudolphs nicht mehr, hob das Thier ohne Mühe em⸗ vor und trug es mit einer gewiſſen Wolluſt in das Schlacht⸗ haus. — Es war, als wenn ein Wolf mit ſeiner Beute ſich in ſeine Höhle flüchtet. Rudolph folgte ihm und lehnte ſich an einen Flügel der Thüre, den er zumachte. Das Schlachthaus war dunkel; ein heller Lichtſtrahl, der gerade herunterfiel, beleuchtete in Rembrandtſcher Manier das Ge⸗ ſicht des Chourineurs, — ſeine ſehr blonden Haare und ſeinen rothen Backenbart. Er bog ſich zuſammen, hielt ein langes Meſ⸗ ſer, das in dem Halbdunkel blitzte, zwiſchen den Zähnen und zog das Schaf zwiſchen ſeine Kniee. — Als er ihm die paſſende Lage gegeben hatte, faßte er es am Kopfe, ſtreckte ihm den Hals aus und — ſtach es todt. In dem Augenblicke, als das Schaf die Klinge fühlte, ſtieß es einen leiſen klagenden Ton aus und richtete das brechende Auge auf den Chourineur, dem das Blut in das Geſicht ſpritzte. Dieſer Laut, dieſer Blick, dieſes Blut, das an ihm herab⸗ tropfte, machten einen entſetzlichen Eindruck auf den Mann. Das Meſſer entfiel ſeiner Hand; ſein Geſicht wurde bleich und erhielt unter dem Blute, welches daſſelbe bedeckte, einen gräßlichen Aus⸗ druck; die Augen traten aus den Höhlen heraus, das Haar rich⸗ tete ſich empor, dann wich er plötzlich entſetzt zurück und rief mit halb erſtickter Stimme: „Der Feldwebel! Der Feldwebel!“ Rudolph eilte zu ihm und ſagte: „Erholen Sie ſich, Freund!“ „Da, da, — der Feldwebel!“ wiederholte der Chourineur, indem er ſchrittweiſe mit ſtarrem Blicke zurückwich und mit dem Finger auf ein unſichtbares Phantom wies. Endlich ſtieß er ei⸗ nen entſetzlichen Schrei aus, als habe ihn das Geſpenſt berührt, zog ſich in den dunkelſten Theil des Schlachthauſes zurück, ſtemmte ſich mit der Bruſt, dem Geſicht und den Armen an die Wand, als wollte er ſie umſtürzen, um einer gräßlichen Erſcheinung zu ent⸗ fliehen, und wiederholte mit krampfhafter Reue: „Der Feldwebel! — Der Feldwebel! — Der Feldwebel!“ — ——— 5 Die Geheimniſſe von Paris. 1l. XXIV. Die Abreile. Entet dem Zureden Murphs und Rudolphs, die ſeine Auftegung nur mit Mühe beſänftigen konnten, kam endlich der Chourineur nach einer langen Kriſis vollſtändig wieder zu ſich. Er befand ſich mit Rudolph allein in einem Zimmer des er⸗ ſten Stockwerkes. „Gnädigſter Herr,“ ſagte er ermattet, „Sie ſind ſehr gütig gegen mich geweſen, aber, ſehen Sie, lieber will ich noch tauſend⸗ mal ärmer und elender ſein als ich geweſen bin, als das Ge⸗ ſchäft annehmen, das Sie mir antragen.“ „Aber bedenken Sie —“ „Sehen Sie, gnädigſter Herr, als ich den Schrei des armen Thieres hörte, das ſich nicht wehrte; als ich das Blut in dem Geſichte fühlte, das warme Blut, — ach! Sie wiſſen nicht, was das heißt —, da ſah ich mein Traumgeſicht wieder, den Feldwe⸗ bel und die armen jungen Soldaten, die ich niederdolchte, die ſich nicht vertheidigten und die im Sterben mich ſo ſanft, ſo klagend anſahen. — Ach, gnädigſter Herr, ich könnte den Verſtand darüber verlieren!“ Und der Unglückliche ſchlug die Hände krampfhaft über das Geſicht. „Beruhigen Sie ſich.“ „Nehmen Sie mir's nicht übel, gnädigſter Herr, aber ich fühle es jetzt, ich würde den Anblick des Blutes, eines Meſſers nicht mehr ertragen können. — Jeden Augenblick würden meine Träume wieder geweckt werden, die ich allmälig vergaß. — Alle Tage die Hände und Füße im Blute zu haben, — die armen Thiere zu erſtechen, die ſich nicht vertheidigen, — nein, nein, das kann ich nicht. Lieber will ich blind ſein wie der Schulmeiſter, als dieſes Gewerbe treiben müſſen.“ Die Geberden, der Ton, der Ausdruck des Geſichtes des Chou⸗ rineurs bei dieſen Worten laſſen ſich unmöglich beſchreiben. Rudolph war tief bewegt und — zufrieden mit dem ſchreck⸗ lichen Eindrucke, den der Anblick des Blutes auf ſeinen Schützling gemacht hatte. Einen Augenblick hatte das Thieriſche, der inſtinctmäßige Blut⸗ durſt in dem Chvurineur das Uebergewicht über den Menſchen er⸗ langt, aber die Reue überwand den Inſtinct. Es war dies eine ſchöne, große Lehre. Zum Ruhme Rudolphs muß erwähnt werden, daß er dieſes Reſultat erwartet hatte. Sein Wille, nicht der Zufall, hatte die Scene in dem Schlachthauſe herbeigeführt. „Verzeihen Sie mir, gnädigſter Herr,“ ſagte ſchüchtern der Chourinenr, „ich vergelte Ihre Güte gegen mich ſchlecht, aber —“ „Im Gegentheil, Sie erfüllen meinen Wunſch. Ich geſtehe jedoch, daß ich nicht gewiß war, dieſen hohen heiligen Grad der Reue zu finden.“ „Wie, gnädigſter Herr?“ „Hören Sie mich an,“ ſagte Rudolph. — „Ich hatte für Sie das Metzgergewerbe gewählt, weil Sie Ihre Neigung zu demſelben hinzog. —“ „Allerdings, gnädigſter Herr. — Es würde mich glucklich machen, wenn das nicht wäre, was Sie ſchon kennen; ich ſagte es vor Kurzem zu Herrn Murph. —“ „Ich wußte es. Wenn Sie das Anerbieten, das ich Ihnen machte, lieber Francveur, annahmen, und Sie konnten es, ohne in meiner Achtung zu verlieren, ſo gehörte Ihnen Alles hier an; ich bezahlte eine heilige Schuld, — ich riß Sie aus einer pein⸗ lichen Lage, ſtellte Sie als ein in die Augen fallendes heilſames Beiſpiel auf und würde immer Antheil an Ihrem Schickſale ge⸗ nommen haben. Wenn dagegen der Anblick des Blutes, das Sie gedankenlos vergießen wollten, Sie an Ihr Verbrechen erinnerte, wenn eine unwillkürliche Regung mir bewies, daß die Reue noch nicht in Ihrem Herzen entſchlummert ſei, ſo änderten ſich meine Anſichten mit Ihnen; denn das Gewerbe, das ich Ihnen bot, wäre eine Strafe für Sie geworden. —“ „Sie haben Recht, Herr Rudolph, eine ſchreckliche Strafe.“ „Hören Sie, was ich Ihnen nun vorſchlage; Sie werden es, glaube ich, annehmen, denn ich habe nach dieſer Ueberzengung bereits gehandelt. Eine Perſon, die viel Land in Algier beſitzt, hat mir für Sie ein großes Gut, das zur Viehzucht eingerichtet iſt, abgetreten, und die Urkunde braucht nur unterzeichnet zu wer⸗ den. Die dazu gehörigen Ländereien ſind ſehr fruchtbar, aber, ich verheimliche es Ihnen nicht, der Beſitzer muß ein Mann von Muth ſein, da ſie an den Grenzen des Atlas, d. h. an den Vor⸗ poſten liegen und häufigen Einfällen der Araber ausgeſetzt ſind. — Der Beſitzer muß eben ſo wohl Soldat wie Landmann ſein; das 21 21 Gut iſt eine Redoute und eine Meierei zugleich. Der Mann, wel⸗ cher daſſelbe jetzt im Namen des Beſitzers bewirthſchaftet, wurde Ihnen Alles mittheilen, was Sie wiſſen müſſen; er iſt, wie man ſagt, brav und entſchloſſen; Sie können ihn bei ſich behalten, ſo lauge Sie es für nöthig finden. Sind Sie dort einmal einge⸗ richtet, ſo werden Sie nicht nur Ihren Wohlſtand durch Arbeit und Klugheit vermehren, ſondern auch dem Lande durch Ihren Muth Dienſte leiſten können. — Die Ausdehnung Ihrer Beſitzung und die Anzahl Ihrer Pächter würden Sie zu dem Führer einer ziemlich anſehnlichen, disciplinirten, durch Ihre Tapferkeit electri⸗ ſirten bewaffneten Schaar machen. Sie könnten zum Schutze der in der Ebene zerſtreut liegenden Beſitzungen viel beitragen. Ich wiederhole es, ich habe dies gewählt trotz der Gefahr oder viel⸗ mehr wegen der Gefahr, weil ich Ihren natürlichen Muth nütz⸗ lich verwenden wollte, weil Ihre Rehabilitation, nachdem Sie ein großes Verbrechen faſt abgebüßt haben, vollſtändiger, edler, hel⸗ denmüthiger ſein würde, wenn ſie unter Gefahren in einem noch nicht gänzlich unterworfenen Lande erfolgte. Ich machte Ihnen dieſen Antrag nicht gleich, weil es mehr als wahrſcheinlich war, daß der andere Sie zufrieden ſtellen würde; der erſtere iſt ſo ge⸗ fahrvol, daß ich Sie demſelben nicht aufzwingen wollte, ohne Ihnen eine freie Wahl zu laſſen. — Noch iſt es Zeit. — Wenn mein Antrag Ihnen nicht zuſagt, ſo ſprechen Sie es offen aus; willigen Sie dagegen ein, ſo iſt morgen Alles unterzeichnet, ich übergebe Ihnen die Urkunden, welche Sie in Beſitz des Gutes ſetzen, und Sie reiſen mit einer von dem ehemaligen Eigenthumer bezeichneten Perſon ab, die Ihnen Alles übergeben wird. — Bei Ihrer Ankunft werden Sie Pachtgeld von zwei Jahren zu erheben haben. — Das Gut bringt dreitauſend Francs ein; arbeiten Sie, 22 beſſern Sie ſich, bleiben Sie thätig und wachſam, und Sie werden leicht Ihren und der Anſiedler Wohlſtand erhöhen können, welchen Sie beizuſtehen vermögen. Ich zweifle nicht, daß Sie immer menſchenfreundlich und mildthätig ſein und nie vergeſſen werden, daß, wer viel hat, viel geben muß. Ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, wenn ich auch fern von Ihnen bin. Nie werde ich vergeſſen, daß wir, ich und mein beſter Freund, Ihnen vas Leben verdanken. Der einzige Beweis von Dankbarkeit, den ich von Ihnen verlange, iſt, daß Sie ſo ſchnell als möglich leſen und ſchreiben lernen, damit Sie mir regelmäßig wöchentlich Nach⸗ richt von dem, was Sie treiben, geben und ſich direct an mich wenden können, wenn Sie Rath oder Hülfe bedürfen.“ zu ſchildern. Die Leſer kennen bereits ſeinen Charakter und ſeine Neigung hinreichend, um einzuſehen, daß ihm kein Antrag mehr zuſagen konnte. Am andern Tage reiſte der Chourineur nach Algier ab. —e—— Es wird nicht nöthig ſein, die große Freude des Chourineurs XXV. Nachforſchungen. Eudolph wohnte nicht für gewöhnlich in dem Hauſe, wel⸗ ches er in der Wittwen⸗Allee beſaß, ſondern in einem der größ⸗ ten Paläſte in der Vorſtadt St. Germain am Ende der Straße Plumet. um den ſeinem Range als Souverain gebührenden Ehrenbe⸗ zeigungen zu entgehen, hatte er ſeit ſeiner Ankunft in Paris das Incognito beibehalten und ſein Geſchäftsträger bei dem franzö⸗ ſiſchen Hofe die Anzeige gemacht, ſein Gebieter würde die unum⸗ gänglich nothwendigen vfficiellen Beſuche unter dem Namen eines Grafen von Düren machen. Trotz ſeinem durchſichtigen Incognito machte Rudolph, wie es ſich ziemte, ein großes Haus. Wir führen den Leſer in das Hötel der Straße Plumet am Tage nach der Abreiſe des Chon⸗ rineurs nach Algier. Es hatte eben zehn Uhr Vormittags geſchlagen. In einem großen Zimmer im Erdgeſchoſſe, dem Cabinet Rudolphs, ſaß Murph an einem Schreibtiſche und fiegelte mehrere Depeſchen. Ein ſchwarz gekleideter Huiſſier, der eine ſilberne Kette um den Hals trug, öffnete die beiden Flügel der Thüre eines Vorzim⸗ mers und ſprach anmeldend: „Se. Ercellenz der Herr Baron von Graun.“ Murph grüßte, ohne ſich in ſeiner Beſchäftigung ſtören zu laſſen, den Baron mit einer herzlichen und vertraulichen Handbe⸗ wegung. „Wärmen Sie ſich, Herr Geſchäftsträger,“ ſagte er lächelnd, „ich ſtehe augenblicklich zu Dienſten.“ „Sir Walter Murph, Geheimſecretair Sr. durchlauchtigen Hoheit, — ich werde auf Ihre Befehle warten,“ entgegnete heiter der Herr von Graun und machte dem würdigen Squire eine tiefe, „— ehrerbietige Verbeugung. Der Baron ſtand etwa im funfzigſten Jahre und hatte dün⸗ nes, graues, leicht gepudertes und gekräuſeltes Haar. Sein etwas vorſpringendes Kinn verſchwand zur Hälfte hinter einer blendend weißen, ſehr geſtärkten Muſſelineravatte. Sein Geſicht verrieth Schlauheit und ſeine Haltung den vornehmen Mann; hinter den Gläſern ſeiner goldenen Brille blitzte ein ebenſo ſchalkhafter wie durchdringender Blick. Ob es gleich zehn Uhr Vormittags war, trug doch der Herr von Graun bereits den ſchwarzen Frack; die Etikette verlangte es ſo; ein in mehreren hellen Farben geſtreiftes Band befand ſich in einem Knopfloche. Er ſtellte ſeinen Hut auf einen Stuhl und trat an den Kamin, während Murph ſeine Be⸗ ſchäftigung fortſetzte. „Se. Hoheit hat ohne Zweifel einen Theil der Nacht hin⸗ durch gearbeitet, lieber Murph; denn Ihre Correſpondenz ſcheint ziemlich anſehnlich zu ſein.“ „Der gnädige Herr iſt erſt früh um ſechs Uhr zur Ruhe ge⸗ 5— — — — 25 gangen. Er ſchrieb unter andern einen Brief von acht Seiten an den Großmarſchall und dictirte mir einen nicht minder langen an den Regierungspräſidenten.“ „Soll ich auf das Lever Sr. Hoheit warten, um ihm die Nachrichten mitzutheilen, welche ich überbringe?“ „Nein, lieber Baron. — Er hat mir befohlen, ihn vor zwei oder drei Uhr Nachmittags nicht zu wecken, und wünſcht, daß Sie dieſe Deveſchen durch einen beſonderen Courier noch dieſen Vormittag befördern, ſtatt bis zum Montage zu warten. Vertrauen Sie mir die Nachrichten an, welche Sie eingezogen haben; ich werde ſie dem gnädigſten Herrn mittheilen, ſobald er aufgeſtanden iſt. Er hat es ſo befohlen —“ „Vortrefflich! Se. Hoheit wird, glaube ich, mit dem, was ich zu berichten habe, zufrieden ſein. — Aber, lieber Murph, die Abſendung dieſes Couriers wird doch nicht von böſer Vorbedeutung ſein? Die letzten Depeſchen, welche ich die Ehre hatte, Sr. Ho⸗ heit vorzulegen —“ „Meldeten, daß drüben Alles ganz gut gehe, und eben weil Se. Hoheit dem Regierungspräſidenten und dem Großmarſchall ſeine Zufriedenheit ſobald als möglich zu erkennen zu geben wünſcht, ſollen Sie dieſen Courier noch heute abfertigen.“ „Daran erkenne ich ihn. — Wenn ein Verweis zu ertheilen wäre, würde er ſich nicht beeilen. Uebrigens iſt auch wirklich nur eine Stimme über die kluge und feſte Verwaltung unſerer Inte⸗ rimsregierung. Die Sache iſt freilich ſehr einfach,“ ſetzte der Ba⸗ ron lächelnd hinzu; „das Uhrwerk war vortrefflich und durch un⸗ ſern Gebieter vollkommen geregelt; man braucht es nur regelmä⸗ ßig aufzuziehen, und ſein unveränderlicher ſicherer Gang zeigt jeden Tag jedem die Verwendung jeder Stunde an. Ordnung in 26 der Regierung erzeugt ſtets Vertrauen und Ruhe im Volke, und daraus erkläre ich mir die günſtigen Nachrichten, die Sie mir mittheilen.“ „Und hier giebt es gar nichts Neues, lieber Baron? Es iſt nichts ruchbar geworden? Unſere geheimnißvollen Abenteuer —“ „Sind für Jedermann ein Geheimniß. Man iſt ſeit der An⸗ kunft Sr. Hoheit in Paris daran gewöhnt, ihn nur ſehr ſelten bei den wenigen Perſonen zu ſehen, die er ſich hat vorſtellen laſ⸗ ſen; man glaubt, er liebe die Eingezogenheit und mache häufig Ausflüge in die Umgegend der Stadt. — Klüglicherweiſe hat er ſich für einige Zeit von dem Kammerherrn und dem Adjutanten frei gemacht, die er aus der Heimath mitgebracht.“ „Und die ſehr läſtige Zeugen geweſen ſein würden.“ „Niemand alſo, außer der Gräfin Sara Mac Gregor, deren Bru⸗ der Tom Seyton of Halesbury und Karl, weiß etwas von den Ver⸗ kleidungen Sr. Hoheit, und weder die Gräfin, noch deren Bruder, noch Karl haben ein Intereſſe dabei, das Geheimniß zu verrathen.“ „Ach, lieber Baron,“ ſprach Murph ſeufzend, „welch Unglück, daß dieſe verwünſchte Gräfin jetzt Wittwe iſt!“ „Hatte ſie ſich nicht 1827 oder 1828 verheirathet?“ „Im Jahre 1827, kurz nach dem Tode des unglücklichen Mäd⸗ chens, das jetzt ſechszehn oder ſiebzehn Jahr alt ſein würde und das Se. Hoheit noch jeden Tag beweint, ohne jemals von ihm zu ſprechen.“ „Die Trauer über dieſen Verluſt iſt um ſo begreiflicher, da Se. Hoheit keine Kinder aus ſeiner Ehe hat.“ „Deshalb glaube ich auch, daß neben dem Mitleiden, wel⸗ ches die arme Nachtigall einflößt, das Intereſſe, das Se. Ho⸗ heit an dieſem unglücklichen Mädchen nimmt, hauptſächlich ſich —,— 27 daher ſchreibt, daß die Tochter, die er ſo ſchmerzlich betrauert, wenn er auch die Gräfin, die Mutter, verwünſcht, in gleichem Alter ſte⸗ hen würde.“ „Es iſt wirklich eine unglückliche Fügung des Schickſals, daß jene Sara, von der man für immer frei zu ſein glauben mußte, gerade anderthalb Jahr nach dem Tode der vortrefflichen Gemah⸗ lin Sr. Hoheit wieder zum Vorſchein kommt. Die Gräfin ſieht ſicherlich dieſen doppelten Wittwenſtand für eine Gunſt des Schick⸗ ſals an.“ „Und ihre unſinnigen Hoffnungen leben von Neuem heftiger als je wieder auf, ob ſie gleich weiß, daß Se. Hoheit die tiefſte und gerechteſte Abneigung gegen ſie fühlt. — War ſie nicht die Urſache — Ach, Baron,“ ſprach Murph ohne den erſten Satz zu vollenden, „dieſe Frau iſt uns verderblich. Gott gebe, daß ſie nicht neues Unglück über uns bringe!“ „Was kann man von ihr fürchten, lieber Murph? Sonſt hatte ſie den Einfluß auf Se. Hoheit, den ein intrigantes kluges Weib immer auf einen jungen Mann ausüben wird, der zum er⸗ ſtenmale liebt, beſonders wenn er ſich in den Umſtänden befindet, die Sie kennen; dieſer Einfluß iſt aber durch die Entdeckung der unwürdigen Intriguen eines Weibes, beſonders durch die Erinne⸗ rung an das ſchreckliche Ereigniß, welches die Folge davon war, vernichtet worden.“ „Leiſer, leiſer, lieber Baron, leiſer!“ fiel Murph ein. — „Wir ſtehen in jenem grauenvollen Monate und nahen dem dreizehn⸗ ten Januar. Ich fürchte an dieſem ſchrecklichen Tage immer für unſern Herrn —“ „Muß aber Se. Hoheit, wenn ein ſo großes Vergehen durch — — 28 Buße Vergebung erlangen kann, nicht bereits Vergebung erlangt haben?“ „Sprechen wir nicht davvn, lieber Baron. — Es würde mich für den ganzen Tag verſtimmen.“ „Ich ſagte Ihnen, daß die Pläne jener Gräfin Sara jetzt thöricht ſind, da der Tod des armen kleinen Mädchens, von dem Sie eben ſprachen, das letzte Band zerriſſen hat, das unſern Herrn noch an jenes Weib feſſeln konnte; ſie iſt wahnſinnig, wenn ſie auf ihren Hoffnungen verharrt —“ „Ja, aber ſie iſt eine gefährliche Wahnſinnige. — Ihr Bru⸗ der theilt, wie Sie wiſſen, die ehrgeizigen und hartnäckigen Ein⸗ bildungen derſelben, obgleich das würdige Paar jetzt eben ſo viele Gründe zur Aufgabe jeder Hoffnung hätte, als es vor achtzehn Jahren für die Erfüllung derſelben hatte.“ „Welches Ungluck hat in dieſer Zeit auch der teufliſche Abbé Polidori durch ſeine verbrecheriſche Gefälligkeit veranlaßt!“ „Wie man mir geſagt hat, befindet ſich dieſer Elende ſeit einem Jahre oder länger hier, ohne Zweifel in der tiefſten Ar⸗ muth oder mit irgend einer verbrecheriſchen Induſtrie beſchäftigt.“ „Welcher tiefe Fall für einen Mann von ſo umfaſſenden Kennt⸗ niſſen, von ſo viel Geiſt und Klugheit!“ „Und ſo ſchlechtem Herzen! — Gebe Gott, daß er der Gräfin nicht begegnet. — Die Verbindung dieſer beiden böſen Geiſter würde ſehr gefährlich ſein.“ „Noch einmal, lieber Murph, die Gräfin wird durch ihr eigenes Intereſſe, wie maßlos auch ihr Ehrgeiz ſein mag, ſtets verhindert werden, die Abenteuerſucht Sr. Hoheit zu benutzen, um irgend ei⸗ nen böſen Streich zu verſuchen.“ „Ich hoffe es wie Sie; der Zufall hat indeß irgend einen, . wahrſcheinlich abſcheulichen, Antrag verhindert, welchen dieſes Weib dem Schulmeiſter, jenem entſetzlichen Böſewichte, machen wollte, der jetzt außer Stand geſetzt iſt, Jemandem zu ſchaden, und unbe⸗ kannt, vielleicht reuevoll, bei ehrlichen Bauersleuten in dem Dorfe St. Mandé lebt. Ich bin überzeugt, daß Se. Hoheit hauptſäch⸗ lich durch den Wunſch, mich an dieſem Mörder zu rächen, ſich ei⸗ ner ſehr gefährlichen Lage ausſetzte, als er eine ſchreckliche Strafe an ihm vollziehen ließ.“ „Einer gefährlichen Lage? nein, nein, lieber Murph, denn die Sache war doch einfach die: ein entflohener Züchtling, ein Mörder, ſchleicht ſich in Ihr Haus und verwundet Sie durch ei⸗ nen Dolchſtoß; Sie können ihn in rechtmäßiger Nothwehr tödten oder auf das Schaffot bringen; in beiden Fällen iſt er dem Tode verfallen; ſtatt ihn zu tödten oder dem Henker zu übergeben, be⸗ nehmen Sie dem Unmenſchen durch eine fürchterliche, aber ver⸗ diente Strafe die Fähigkeit, der Geſellſchaft zu ſchaden. Wer ſollte Sie anklagen? Sollte die Juſtiz als Klägerin gegen Sie zu Gunſten eines ſolchen Banditen auftreten? Sollten Sie verur⸗ theilt werden können, weil Sie weniger weit gegangen ſind, als das Geſetz Ihnen zu gehen erlaubte? weil Sie dem, welchem Sie nach dem Geſetze das Leben nehmen konnten, nur das Geſicht nah⸗ men? Wie? Die Geſellſchaft erkennt mir, um mein Leben zu vertheidigen oder um mich wegen eines Ehebruches zu rächen, deſſen Zeuge ich werde, das Recht über Leben und Tod meines Mitmenſchen zu, — das furchtbare Recht ohne Controlle und Ap⸗ pellation, — das mich zum Richter und Vollſtrecker macht —, und ich ſollte nicht nach meinem Belieben die Todesſtrafe, welche ich ungeſtraft vollſtrecken darf, modificiren können? — beſonders wenn es ſich von dem Räuber handelt, von dem wir ſprechen? Das iſt ———— —— 30 die einfache Frage, und ich laſſe die Stellung eines ſouverainen Für⸗ ſten ganz unbeachtet. Ich weiß wohl, daß dies dem Rechte nach nichts bedeutet, aber de facto muß man doch Strafloſigkeit anerkennen. Denken Sie ſich einen ſolchen Prozeß gegen unſern Herrn! Wie viele edle Handlungen würden für ihn ſprechen, wie viele Almv⸗ ſen und Wohlthaten würden an das Licht kommen! Noch einmal, nehmen Sie an, dieſe ſeltſame Sache käme unter den Umſtänden vor ein Gericht; was würde Ihrer Anſicht nach geſchehen?“ „Se. Hoheit hat es oft geſagt. Er würde die Anklage an⸗ nehmer und die Strafloſigkeit, die ihm ſeine Stellung ſichern könnte, durchaus nicht benutzen. Aber wer ſollte das unglückliche Ereig⸗ niß an den Tag bringen? Die unerſchütterliche Verſchwiegenheit Davids und der vier ungariſchen Diener in dem Hauſe in der Witt⸗ wen⸗Allee kennen Sie. Der Chourineur, den der gnädigſte Herr mit Wohlthaten überhäufte, hat kein Wort von der Beſtrafung des Schulmeiſters geſagt, um ſich nicht zu compromittiren. Er hat mir noch vor ſeiner Abreiſe nach Algier geſchworen, über die⸗ ſen Umſtand durchaus zu ſchweigen. Der Räuber ſelbſt weiß, daß er ſeinen Kopf dem Henker überliefert, ſobald er ſich beklagt —“ „Und der Herr ſelbſt, Sie und ich werden auch nicht davon ſprechen, nicht wahr? Lieber Murph, das Geheimniß wird nicht minder Geheimniß bleiben, wenn auch Mehrere Kenntniß davon haben. Im ſchlimmſten Falle wären einige Unannehmlichkeiten zu fürchten, und es würden da ſo viele edle, große Dinge bei dieſem merkwürdigen Prozeſſe an den Tag kommen, daß eine ſolche Anklage, ich wiederhole es, für Se. Hpheit ein Triumph wer⸗ den müßte.“ „Sie beruhigen mich vollkommen. Aber Sie bringen mir, wie Sie ſagen, die Nachrichten, die durch die bei dem Schulmei⸗ . 31 ſter gefundenen Briefe und die Ausſagen der Eule im Hoſpitale, das ſie ſeit einigen Tagen geheilt verlaſſen hat, erlangt worden ſind?“ „Hier ſind ſie,“ ſagte der Baron, indem er ein Papier aus der Taſche zog. „Sie beziehen ſich auf die Nachforſchungen, welche über die Geburt des jungen Mädchens, der Nachtigall, und den gegenwärtigen Aufenthaltsort des Franz Germain, des Soh⸗ nes des Schulmeiſters, angeſtellt worden ſind.“ „Wollen Sie mir dieſe Notizen vorleſen, lieber Baron? Ich kenne die Abſichten Sr. Hoheit und werde ſehen, ob die erlangten — Nachrichten genügen. — Sie ſind mit Ihrem Agenten noch im⸗ mer zufrieden?“ „Er iſt ein koſtbarer, ſehr verſtändiger, gewandter und ver⸗ ſchwiegener Mann. — Ich muß ſogar bisweilen ſeinen Eifer mä⸗ ßigen, da, wie Sie wiſſen, unſer Herr ſich gewiſſe Aufklärungen ſelbſt vorbehält.“ „Und er weiß noch immer nicht, welchen Antheil Se. Hoheit an allem dem hat?“ „Nein. — Meine diplomatiſche Stellung dient als vortreff⸗ licher Vorwand für die Nachforſchungen, mit denen ich ihn beauf⸗ trage. Herr Badinot (ſo heißt er) hat viele Mittelsperſonen und offene wie geheime Verbindungen unter faſt allen Claſſen der Ge⸗ ſellſchaft. Er war früher Sachwalter, mußte ſein Amt wegen be⸗ deutenden Mißbrauchs des ihm geſchenkten Vertrauens verkaufen, kannte aber natürlich noch immer das Vermögen und die Stellung ſeiner ehemaligen Clienten ſehr genau; er kennt manches Geheim⸗ niß, mit dem er, wie er ſchamlos geſteht, Handel getrieben hat. Er gewann und verlor zwei bis dreimal ein ziemliches Vermögen in Geſchäften, iſt jetzt zu bekannt, als daß er neue Sperulationen . 32 verſuchen könnte, muß durch eine Menge mehr oder minder uner⸗ laubter Mittel ſich ſeinen Unterhalt verſchaffen, und iſt eine Art Figaro, deſſen Erzählungen immer von Intereſſe ſind. So lange es ſein Vortheil iſt, gehört er dem, welcher ihm bezahlt, mit Leib und Seele an; er hat kein Intereſſe, uns zu verrathen; übrigens laſſe ich ihn beobachten, ohne daß er es weiß, und wir haben des⸗ halb keine Urſache, ihm zu mißtrauen. —“ „Die Nachrichten, die er uns bis jetzt verſchafft hat, waren übrigens vollkommen genau.“ „Er iſt nach ſeiner Art ſehr rechtſchaffen — und, wie ich Sie verſichern fann, lieber Murph, der höchſt originelle Typus einer jener geheimnißvollen Eriſtenzen, die nur in Paris möglich ſind. Er würde Sr. Hoheit vieles Vergnügen gewähren, wenn es nicht nothwendig wäre, ihn außer Berührung mit demſelben zu halten.“ „Man könnte den Gehalt Badinots erhöhen; halten Sie eine ſolche Gratification für nöthig?“ „Fünfhundert Francs monatlich und die Auslagen, welche ſich ſo ziemlich auf dieſelbe Summe belaufen, ſcheinen mir vollkom⸗ men hinzureichen. Er iſt auch zufrieden, und wir werden ja ſpä⸗ ter ſehen. —“ „Er ſchämt ſich ſeines Gewerbes nicht?“ „Er? Im Gegentheile, er rühmt ſich deſſelben; er nimmt je⸗ desmal, wenn er mir ſeine Berichte bringt, eine wichtige, ich will nicht ſagen diplomatiſche, Miene an, denn er ſtellt ſich, als glaube er, es handele ſich um Staatsangelegenheiten, und als wundere er ſich über die geheimnißvolle Verbindung, die zwiſchen den ver⸗ ſchiedenſten Intereſſen und den Geſchicken der Staaten beſtehen könne. Ja, er iſt unverſchämt genug, bisweilen zu mir zu ſagen: 33 „welche unbekannte Complicationen mit dem Gemeinen liegen doch in der Regierung eines Staates! Wer ſollte glauben, daß die Nachweiſungen, die ich Ihnen übergebe, Herr Baron, ihre Bedeu⸗ tung in den Angelegenheiten Europas haben!“ „Und dieſe Nachweiſungen, lieber Baron?“ „Hier ſind ſie, wie ich ſie nach dem Berichte Badinots nie⸗ dergeſchrieben habe.“ „Ich bin ganz Ohr.“ Der Herr von Graun las wie folgt: „Notizen über Marienblume. „Zu Anfange des Jahres 1827 machte ein gewiſſer Peter „Tournemine, der ſich wegen Fälſchung gegenwärtig in dem Bagno „zu Rochefort befindet, der Frau Gervais, die Eule genannt, den „Vorſchlag, ein kleines Mädchen von fünf bis ſechs Jahren zu „ſich zu nehmen gegen eine Bezahlung von tauſend Franes ein „für allemal. — „Ach, werther Baron,“ unterbrach ihn Murph, „18272 — in dieſem Jahre erfuhr der Herr den Tod des ungläcklichen Kindes, das er noch jetzt ſo ſchmerzlich betrauert. — Wegen die⸗ ſes Umſtandes und wegen manches andern war jenes Jahr ein ſehr unglückliches für ihn.“ „Die glücklichen Jahre ſind ſelten, lieber Murph. Aber ich fahre fort: „Der Handel wurde geſchloſſen, und das Kind blieb zwei „Jahre bei der Frau, worauf das Mädchen, um der übeln Be⸗ „handlung zu entgehen, die es erleiden mußte, verſchwand. Die „Eule hatte mehrere Jahre nichts von ihr gehort, als ſie dieſelbe „vor ungefähr ſechs Wochen in einem Wirthshauſe in der Cité Die Geheimniſſe von Paris. I. 3 34 „zum erſtenmale wiederſah. Das Kind war ein erwachſenes Mäd⸗ „chen geworden und hieß damals die Nachtigall. „Wenige Tage vor dieſem Wiederſehen hatte der genannte „Tournemine, den der Schulmeiſter im Bagno zu Rochefort ge⸗ „kannt, dem Roth⸗Arm (einem geheimnißvollen Correſpondenten „und Bekannten der gefangenen und freigelaſſenen Sträflinge) ei⸗ „nen ausführlichen Brief über das Kind übergeben, welches der „Frau Gervais, genannt die Eule, anvertraut worden war. Aus „dieſem Briefe und aus den Ausſagen der Eule geht hervor, daß „eine Madame Seraphin, die Haushälterin eines Notars, Jacob „Ferrand, 1827 Tournemine aufgetragen hatte, eine Frau ausſin⸗ „dig zu machen, die für 1000 Franes ein Kind von fünf bis ſechs „Jahren aufzunehmen geneigt ſei, das man verlaſſen wollte. „Die Eule ging auf dieſen Antrag ein. „Tournemine theilte Roth⸗Arm dieſe Angaben mit, um den⸗ „ſelben in den Stand zu ſetzen, Madame Seraphin durch einen „Dritten Geld abzupreſſen, indem er ihr drohe, die lange ver⸗ „geſſene Sache bekannt zu machen. Tournemine verſicherte, jene „Madame Seraphin habe nur im Auftrage unbekannter Perſonen „gehandelt. „Roth⸗Arm hatte dieſen Brief der Eule mitgetheilt, die ſeit „langer Zeit an den Verbrechen des Schulmeiſters Theil nahm, „wodurch es ſich erklärt, daß dieſe Nachweiſungen im Beſitze des „Räubers waren und daß die Eule bei ihrem Zuſammentreffen „mit der Nachtigall im „Weißen Kaninchen“ zu dem Mädchen „ſagte, um dieſelbe zu peinigen: „man hat Deine Aeltern ausfin⸗ „dig gemacht, aber Du ſollſt ſie nicht kennen lernen.“ „Es war nun zu ermitteln, ob der Brief Zninmnt in 35 „Betreff des Kindes, das er früher der Eule übergeben hatte, die „Wahrheit enthielt. „Man hat ſich nach Madame Seraphin und dem Notar Ja⸗ „cob Ferrand erkundigt. „Beide erxiſtiren. „Der Notar wohnt in der Rue du Sentier Nr. 41; er gilt „für einen ſittenſtrengen, frommen Mann; wenigſtens geht er häufig „in die Kirchen. In ſeiner Praris zeichnet er ſich durch die un⸗ „gewöhnlichſte Ordnung und Regelmäßigkeit aus, die man Härte „nennt; er lebt mit einer Sparſamkeit, die an Geiz grenzt. Ma⸗ „dame Seraphin iſt noch immer ſeine Haushälterin. „Herr Jacob Ferrand, der ſehr arm war, hat ſeine Stelle „mit 350,000 Franes bezahlt, welche Summe er unter guter „Bürgſchaft von dem Herrn Karl Robert, Officier im Stabe der „Nationalgarde zu Paris, einem ſchönen, jungen, in gewiſſen Krei⸗ „ſen ſehr gern geſehenen Manne, erhielt. Er theilt mit dem No⸗ „tar den Ertrag der Stelle, welcher auf ungefähr 50,000 Franes „geſchätzt wird, kümmert ſich aber, wohlverſtanden, um die Nota⸗ „riatsgeſchäfte nicht. Böſe Zungen behaupten, der Notar ſei durch „glückliche Speculationen oder durch Börſenoperationen, die er „zugleich mit Karl Robert gemacht, jetzt in den Stand geſetzt, „dem Letztern das Geld zurückzuzahlen; der Ruf des Herrn Ja⸗ „cob Ferrand iſt aber ein ſo feſt begründeter, daß man jene Ge⸗ „rüchte allgemein für abſcheuliche Verläumdung hält. Gewiß „ſcheint zu ſein, daß Madame Seraphin, die Haushälterin dieſes „heiligen Mannes, Nachweiſungen über die Geburt der Nachtigall „würde geben können.“ „Sehr gut, lieber Baron,“ ſagte Murph; „es ſcheint etwas Wahres in den Erklärungen Tournemines zu liegen. Vielleicht 3 5 finden wir bei dem Notar das Mittel, die Aeltern jenes unglück⸗ lichen Kindes zu erforſchen. — Haben Sie nun eben ſo gute Nachrichten über den Sohn des Schulmeiſters?“ „Sie ſind vielleicht weniger genau, aber doch ziemlich be⸗ friedigend.“ „Wahrhaftig, der Herr Badinot iſt ein koſtbarer Menſch.“ „Sie ſehen, daß jener Roth⸗Arm beſonders die Hände im Spiele hatte. Badinot, der mit der Polizei in Verbindung ſte⸗ hen muß, hatte uns denſelben als Mittelsperſon verſchiedener Sträflinge ſchon bei den erſten Schritten Sr. Hoheit zur Auffin⸗ dung des Sohnes der Madame Georges Duresnel, der unglück⸗ lichen Frau jenes Scheuſals, des Schulmeiſters, bezeichnet.“ „Allerdings, und als ihn Se. Hoheit in der Cité, Bohnen⸗ ſtraße Nr. 13, aufſuchen wollte, traf er auf den Chourineur und die Nachtigall. Unſer Herr wollte auch durchaus dieſe Gelegen⸗ heit benutzen, um jene ſchrecklichen Diebsherbergen und Mörder⸗ gruben zu beſuchen, da er glanbte, dort vielleicht einige Unglück⸗ liche zu finden, die er aus der Verſunkenheit herausreißen könnte. — Seine Muthmaßung hat ihn nicht getäuſcht, aber, mein Gott! welchen Gefahren war er auch ausgeſetzt!“ „Sie haben die Gefahren muthig getheilt, lieber Murph. —“ „Bin ich nicht deshalb der Hof⸗Kohlenträger Sr. Ho⸗ heit?“ antwortete der Squire lächelnd. „Sagen Sie lieber der unerſchrockene Leibwächter, würdiger Freund. Indeſſen Ihr Muth und Ihre Ergebenheit ſind be⸗ kannt. — Ich fahre in meinem Berichte fort —. Da ſind die Bemerkungen über Franz Germain, den Sohn der Madame Geor⸗ ges und des Schulmeiſters oder Duresnels. —— —— ——— XXVI. Uachrichten über Franz Germain. * er Baron von Graun fuhr fort: „Vor ungefähr achtzehn Monaten kam ein junger Mann, „Namens Franz Germain, in Paris von Nantes an, wo er in „dem Bangquierhauſe Noöl und Comp. angeſtellt geweſen war. „Aus den Geſtändniſſen des Schulmeiſters und aus mehrern „bei ihm gefundenen Briefen geht hervor, daß der Böſewicht, dem „er ſeinen Sohn übergab, damit er ihn verderbe, um ihn ſpäter „zu verbrecheriſchen Handlungen brauchen zu können, dieſe ſchreck⸗ „liche Abſicht dem jungen Manne mittheilte und ihm vorſchlug, „einen Raub⸗ und Fälſchungsverſuch zu begünſtigen, den man ge⸗ „gen das Haus Noöl und Comp., in welchem Franz Germain „arbeitete, unternehmen wollte. „Der junge Mann wies den Antrag mit Unwillen zurück; „da er aber den Mann, welcher ihn erzogen hatte, nicht anzeigen „wollte, ſchrieb er einen anvnhmen Brief an ſeinen Prinzipal, be⸗ „nachrichtigte ihn von dem Complotte, das gegen ihn angelegt „war, und verließ in der Stille Nantes, um denen zu entgehen, 38 „welche ihn zum Werkzeuge und Mitſchuldigen ihrer Verbrechen „hatten machen wollen. „Dieſe Elenden kamen, nachdem ſie die Abreiſe Germains „erfahren hatten, nach Paris, beſprachen ſich mit Roth⸗Arm und „ſtellten dem Sohne des Schulmeiſters nach, ohne Zweifel in „ſchlimmen Abſichten, weil der junge Mann ihre Pläne kannte. „Nach langen und zahlreichen Nachforſchungen machten ſie endlich „ſeine Wohnung ausfindig; aber es war zu ſpät, denn Germain „war einige Tage vorher dem begegnet, welcher ihn zu verführen „geſucht, und hatte ſogleich eine andere Wohnung bezogen, weil „er die Abſicht errieth, welche jenen Mann nach Paris geführt „haben mochte. Der Sohn des Schulmeiſters entging ſo noch einmal ſeinen Verfolgern. „Vor ſechs Wochen indeß erſuhren ſie, daß er in der Rue „du Temple Nr. 17 wohne. Eines Abends, als er nach Hauſe * „zurückkehrte, wurde er beinahe das Opfer eines Hinterhaltes. „Dieſen umſtand hatte der Schulmeiſter Sr. Hoheit ver⸗ „ſchwiegen. „Germain errieth, woher der Anfall rühre, verließ die Straße „und man kannte von Neuem ſeine Wohnung nicht. So ſtanden „die Sachen, als der Schulmeiſter die Strafe für ſeine Verbre⸗ „chen erhielt, und hier wurden die Nachforſchungen auf Befehl Sr. „Hoheit wieder aufgenommen. Sie ergeben Folgendes: „Franz Germain hat ungefähr 3 Monate in der Rue du „Temple Nr. 17 in einem Hauſe gewohnt, das wegen der Sit⸗ „ten und der ſeltſamen Induſtrie der meiſten Bewohner deſſelben „höchſt merkwürdig iſt. Germain war allgemein da geliebt wegen „ſeines heitern, gefälligen und offenen Weſens. Ob er gleich von „ſehr beſcheidenen Einkunften zu leben ſchien, ſo zeigte er doch — —— — ———— — —— — 39 „gegen eine arme Familie in der Dachſtube des Hauſes die rüh⸗ „rendſte Theilnahme. Vergebens erkundigte man ſich in dieſem „Hauſe nach der neuen Wohnung Germains und nach den Ge⸗ „ſchäften, die er treibe; man vermuthet, daß er in irgend einem „Burean oder Handelsgeſchäft angeſtellt iſt, weil er früh ausging „und erſt Abends gegen zehn Uhr nach Hauſe kam. „Die einzige Perſon, welche ſicherlich weiß, wo der junge „Mann jetzt wohnt, iſt ein Mädchen, das in jenem Hauſe eben⸗ „falls ein Stübchen inne hat, mit Germain auf ſehr vertrautem „Fuße zu ſtehen ſcheint und eine ſehr hübſche Griſette iſt, Mam⸗ „ſell Lachtaube. Ihr Stübchen befindet ſich neben dem, welches „Germain bewohnte. Dieſes Stübchen ſteht ſeit dem Auszuge des „jungen Mannes leer und iſt zu vermiethen. Unter dem Vor⸗ „wande, das Stübchen zu miethen, hat man ſich die weitern Nach⸗ „richten verſchafft. —“ — „Lachtaube?“ fiel plötzlich Murph ein, der ſeit einigen Augenblicken nachzudenken ſchien; „Lachtaube? dieſen Namen kenne ich.“ „Wie, Sir Walter Murph!“ entgegnete lachend der Baron, — „wie, würdiger und achtbarer Familienvater, Sie haben Be⸗ kanntſchaften unter den Griſetten? Wie? der Name einer Mam⸗ ſell Lachtaube iſt Ihnen nicht neu?“ — „Ich habe durch unſern Herrn ſo ſeltſame Bekanntſchaf⸗ ten gemacht, daß Sie ſich auch über dieſe nicht wundern dürfen, lieber Baron; aber warten Sie — ja, jetzt erinnere ich mich voll⸗ kommen; Se. Hoheit mußte, als er mir die Geſchichte der Nach⸗ tigall erzählte, unwillkürlich über den Namen „Lachtaube“ lachen. So viel ich mich erinnere, war ſie eine Freundin der armen Ma⸗ rienblume im Gefängniſſe.“ 40 „Mademviſelle Lachtaube kann uns jetzt ſehr nützlich werden. Doch ich beendige meinen Bericht: „Vielleicht wäre es von Vortheil, dieſes leerſtehende Zimmer „in dem Hauſe Nr. 17 der Rue du Temple zu miethen. Man „hatte keinen Befehl, die Nachforſchungen weiter zu treiben; eini⸗ . „gen Worten nach aber, welche der Frau des Portiers ent⸗ „ſchlüpften, hat man alle Urſache zu glauben, daß man in . „dem Hauſe nicht nur beſtimmte Auskunft über den Sohn des „Schulmeiſters durch Mademoiſelle Lachtaube erhalten könnte, ſon⸗ „dern daß da auch Beobachtungen über Sitten, Induſtriezweige „und beſonders über ein Elend zu machen wären, die man gar „nicht ahnte.“ XXVII. Der Marquis von Harville. ie Sie ſehen, mein lieber Murph,“ ſagte der Baron Graun nach beendigter Vorleſung des Berichtes, den er Murph übergab, „muß man nach unſern Nachrichten bei dem Notar Jacob Ferrand die Spur der Aeltern der Nachtigall ſuchen und bei Mlle. Lach⸗ taube erfragen, wo jetzt Franz Germain wohnt. Es iſt meiner Anſicht nach ſchon viel, wenn man weiß, wo man das, was man ſucht, zu ſuchen hat.“ „Allerdings, werther Baron, und übrigens wird der Herr, wie ich überzeugt bin, in dem bezeichneten Hauſe eine reiche Ernte von Beobachtungen machen können. Aber dies iſt nicht alles; ha⸗ ben Sie ſich auch nach dem Marquis von Harville erkundigt?“ „Ja, und die Beſorgniſſe Sr. Boheit ſind wenigſtens in Be⸗ zug auf die Geldſache nicht begründet. Herr Badinot verſichert, und ich halte ihn für gut unterrichtet, das Vermögen des Mar⸗ quis ſei nie ſolider geweſen, nie verſtändiger verwaltet worden.“ „Se Boheit fürchtete, nachdem er vergebens die Urſache von Harvilles tiefem Kummer zu ergründen geſucht hatte, der Mar⸗ quis möchte ſich in Geldverlegenheit befinden! er würde ihm in dieſem Falle mit dem geheimnißvollen Zartgefühle, das Sie an ihm kennen, zu Hülfe gekommen ſein; da er ſich aber in ſeinen Vermu⸗ thungen getäuſcht hat, ſo wird er es wohl aufgeben müſſen, den 42 Schlüſſel zu dieſem Räthſel zu finden, freilich mit großem Bedau⸗ ern, da er den Marquis ſehr liebt.“ „Natürlich, Se. Hoheit hat nie vergeſſen, was ſein Vater dem Vater des Marquis ſchuldig war. Sie wiſſen, daß 1815 bei der Neubildung der Staaten Europas der Vater Sr. Hoheit der Gefahr ausgeſetzt war, ſein Land zu verlieren. Der ſelige Margquis leiſtete damals dem Vater unſeres Herrn äußerſt wichtige Dienſte, weil er viel bei dem Kaiſer Alerander galt, deſſen Ver⸗ mittelung er in Anſpruch nahm.“ „Wie die edeln Handlungen oftmals ſich an einander ketten! Im Jahre 1792 war der Vater des Marquis verbannt und fand bei dem Vater Sr. Hoheit die gaſtlichſte Aufnahme. Nach einem vreijährigen Aufenthalt an unſerm Hofe reiſte er nach Rußland, er⸗ warb ſich dort die Gewogenheit des Kaiſers und konnte durch dieſe Gewogenheit ſeinerſeits dem Fürſten, der ihn ſo edel aufgenommen hatte, ſehr nützlich werden.“ „Aus dem Jahre 1815 ſchreibt ſich ja wohl auch die Freund⸗ ſchaft des damaligen Prinzen Rudolph mit dem jungen Harville her?“ „Ja, und ſie denken beide mit Freuden an dieſe glückliche Zeit ihrer Jugend zurück. Joa, unſer Herr fühlt eine ſo hohe Dank⸗ barkeit gegen das Andenken des Mannes, deſſen Freundſchaft ſei⸗ nem Vater von ſo großem Nutzen war, daß alle, die zur Familie Harville gehören, Anſpruch auf das Wohlwollen Sr. Hoheit haben. — Deshalb empfing die arme Madame Georges nicht blos wegen ihres Unglücks und ihrer Tugend, ſondern auch wegen ihrer Ver⸗ wandtſchaft mit jener Familie ſo viele Wohlthaten von ihm.“ „Madame Georges! die Frau Duresnels? — des Sträflings, der als „Schulmeiſter“ bekannt iſt?“ rief der Baron aus. —,— 43 „Ja, die Mutter jenes Franz Germain, den wir ſuchen und den wir finden werden, wie ich hoffe.“ „Sie iſt mit dem Herrn von Harville verwandt?“ „Sie iſt die Couſine ſeiner Mutter und war deren vertraute Freundin. Der alte Marquis hatte ſie ſehr lieb.“ „Aber wie konnte die Familie Harville eine Verheirathung mit jenem Unmenſchen, dem Duresnel, zugeben, lieber Murph?“ „Der Vater der Unglücklichen, der Herr von Lagny, vor der Revolution Intendant von Languedoc, beſaß ein großes Vermö⸗ gen und entging der Proſcription. In den erſten Tagen der Ruhe, welche nach jener ſchrecklichen Zeit folgte, ſuchte er ſeine Tochter zu verheirathen. Duresnel erſchien; er gehörte zu einer ausge⸗ zeichneten Familie, war reich und wußte ſeine ſchlechten Neigungen unter einer heuchleriſchen Außenſeite zu verbergen; er erhielt die Hand des Fräuleins von Lagny. Bald aber entwickelten ſich die eine Zeitlang verheimlichten Laſter dieſes Menſchen; er war ein Verſchwender, ein leidenſchaftlicher Spieler, den gemeinſten Völle⸗ reien ergeben und machte ſeine Frau höchſt unglücklich. Sie klagte nicht, verbarg ihren Kummer und zog ſich nach dem Tode ihres Vaters auf ein Gut zurück, das ſie ſelbſt bewirthſchaftete, um ſich zu zerſtrenen. Das ganze Vermögen war durch die Ausſchwei⸗ fungen und das Spiel ihres Mannes bald verſchlungen, und auch das kleine Gut, auf welchem Madame Georges Duresnel lebte, wurde verkauft. Da nahm ſie ihren Sohn und wollte ſich zu ih⸗ rer Verwandten, der Marquiſe von Harville, begeben, die ſie wie eine Schweſter liebte. Duresnel mußte, nachdem er ſein und ſeiner Frau Vermögen durchgebracht hatte, auf andere Mittel denken, wie er ſeine Lebensweiſe fortſetzen wollte; er wurde ein Fäl⸗ ſcher, Dieb und Mörder, man ergriff ihn, er wurde zu lebens⸗ 44 länglicher Strafarbeit verurtheilt und raubte ſeinen Sohn ſeiner Frau, um ihn einem Elenden ſeines Schlages zu übergeben. — Das Uebrige wiſſen Sie.“ „Wie aber hat Se. Hoheit Madame Duresnel ausfindig ge⸗ macht?“ „Als Duresnel in das Bagno gebracht wurde, nahm ſeine in die tiefſte Armuth geſtürzte Frau den Namen Georges an.“ „Wendete ſie ſich in ihrer traurigen Lage nicht an die Mar⸗ quiſe von Harville, ihre Verwandte und beſte Freundin?“ „Dieſe Marquiſe war noch vor der Verurtheilung Duresnels geſtorben, und ſpäter wagte Madame Georges aus unüberwindli⸗ cher Schaam nicht, ſich zu ihrer Familie zu begeben, welche ſie gewiß mit aller der Achtung und Schynung behandelt haben würde, die ſo großes Unglück verdiente. Ein einziges Mal, als ſie durch Noth und Krankheit zum Aeußerſten gebracht war, entſchloß ſie ſich, den Herrn von Harville, den Sohn ihrer beſten Freundin, um Unterſtützung anzugehen. Auf dieſe Weiſe lernte unſer Herr ſie kennen.“ „Auf welche Weiſe?“ „Er wollte eines Tages den Herrn von Harville beſuchen; einige Schritte vor ihm ging eine ſchlecht gekleidete, arme, bleiche, niedergeſchlagene Frau. An der Thüre von Harvilles Hauſe, in dem Augenblicke, als ſie eben nach langer Zögerung anklopfen wollte, kehrte ſie plötzlich um, als wenn ſie mit einemmale den Muth verloren hätte. Se. Durchlaucht wunderte ſich darüber und folgte der Frau, deren ſanftes, leidendes Ausſehen ihn für ſie ein⸗ nahm. Sie begab ſich in eine ärmliche Wohnung. Se. Durch⸗ laucht erkundigte ſich nach ihr und erfuhr nur Ehrenvolles. Sie arbeitete, um ſich ihren Lebensunterhalt zu verſchaffen; aber es 45 fehlte ihr an Arbeit, und auch ihre Geſundheit hatte gelitten. Sie war von Allem entblößt. Am Tage darauf ging ich mit Sr. Durchlaucht zu ihr und wir kamen eben noch zu rechter Zeit, um ſie vor dem Hungertode zu bewahren. Nach einer langen Krankheit, in welcher ſie ſorgſam gepflegt wurde, erzählte Madame Georges aus Dankbarkeit Sr. Durchlaucht, deſſen Namen und Rang ſie noch nicht kannte, ihr Leben, die Verurtheilung Dures⸗ nels und die Entführung ihres Sohnes.“ „Bei dieſer Gelegenheit erfuhr Se. Durchlaucht, daß Madame Georges zu der Familie Harville gehöre?“ „Ja, und nach dieſer Erklärung brachte ſie Se. Durchlaucht, der die vortrefflichen Eigenſchaften der Madame Georges mehr und mehr würdigen lernte, aus Paris fort auf die Meierei Bou⸗ queval, wo ſie ſich jetzt mit der Nachtigall befindet. Sie hat in dieſem ſtillen Aufenthalte, wenn auch nicht das Glück, doch wenig⸗ ſtens Ruhe gefunden und kann durch die wirthſchaftlichen Arbeiten ihren Kummer verſcheuchen. Sowohl um die Empfindlichkeit der Madame Georges nicht zu verletzen, als weil er von ſeinen Wohl⸗ thaten nicht gern ſprechen läßt, hat Se. Durchlaucht bis jetzt dem Herrn von Harville verſchwiegen, daß er eine Verwandte deſſelben aus ſchrecklicher Noth herausgeriſſen hat.“ „Jetzt begreife ich das doppelte Intereſſe, welches Se. Durch⸗ laucht hat, die Spur von dem Sohne der armen Frau ausfindig zu machen.“ „Sie werden daraus auch die Zuneigung beurtheilen können, welche er für die ganze Familie hegt und wie weh es ihm thut, den jungen Marquis, der doch alle Urſache hat, ſich glücklich zu ſchätzen, ſo traurig ſehen zu müſſen.“ „Ja, was fehlt dem Herrn von Harville? Er beſitzt alles, — 46 vornehme Geburt, Vermögen, Geiſt, Jugend; ſeine Frau iſt höchſt anmuthig, eben ſo keuſch wie ſchön —“ „Allerdings, und Se. Durchlaucht hat auch an die Nachforſchun⸗ gen, von denen wir eben ſprachen, erſt gedacht, nachdei er die Urſache der Schwermüthigkeit Harvilles zu errathen verſucht. Har⸗ ville ſchien durch die liebevolle Theilnahme Sr. Durchlaucht tief gerührt zu werden, ſchwieg aber hartnäckig über die Urſache ſei⸗ ner Traurigkeit. Vielleicht liegt die Krankheit im Herzen —“ „Er ſoll aber doch ſeine Frau ſehr lieben, und ſie giebt ihm keine Veranlaſſung zur Eiferſucht. Ich ſehe ſie vft in Geſellſchaf⸗ ten; ſie wird viel umſchwärmt, wie jede junge ſchöne Frau, ihr Ruf aber iſt vollkommen fleckenlos geblieben.“ „Ja, der Marquis rühmt ſich auch immer des Beſitzes ſeiner Frau. Nur einmal hatte er einen kleinen Wortwechſel mit ihr wegen der Gräfin Sarah Mac Gregor.“ „Sie geht alſo mit derſelben um?“ „In Folge eines höchſt unglücklichen Zufalls lernte der Va⸗ ter des Marquis Harville vor ſiebzehn oder achtzehn Jahren Sa⸗ rah Seyton of Halesbury und deren Bruder Tom bei ihrem Auf⸗ enthalte in Paris kennen, wo ſie durch die Gemahlin des engli⸗ ſchen Geſandten eingeführt wurden. Der alte Marquis gab ihnen, als er hörte, daß die Geſchwiſter nach Deutſchland reiſten, Em⸗ pfehlungsſchreiben an den Vater Sr. Durchlaucht mit, mit welchem er fortwährend in Briefwechſel ſtand. Ach, lieber Baron, ohne dieſe Empfehlung wäre vielleicht manches Ungluck nicht geſchehen, denn Se. Durchlaucht würde jene Frau nicht kennen gelernt haben. Als endlich die Gräfin Sarah wieder hierher kam, ließ ſie ſich, da ihr die Freundſchaft Sr. Durchlaucht mit dem Marquis bekannt war, in das Haus Harvilles einführen, in der Hoffnung, da mit 47 Sr. Durchlaucht zuſammenzutreffen, denn ſie verfolgt ihn eben ſo eifrig, wie er vor ihr flieht —“ „Sich in Männerkleidung zu ſtecken und Sr. Durchlaucht bis in die Cité nachzugehen! Auf ſolche Gedanken kann nur ſie kom⸗ men.“ „Sie hoffte vielleicht Se. Durchlaucht dadurch zu erweichen und ihn zu einer Verſprechung zu zwingen, die er immer verwei⸗ gert und vermieden hat. — Doch wieder auf die Frau von Har⸗ ville zurückzukommen, — ihr Gemahl, mit dem Se. Durchlaucht über Sarah geſprochen hatte, wie er ſprechen mußte, empfahl ihr, Sa⸗ rah ſo ſelten als möglich zu ſehen; die junge Marquiſe aber, welche durch die heuchleriſchen Schmeicheleien der Gräfin beſtochen war, ſprach ſich etwas unwillig gegen dieſen Rath aus. Die Folge davon war ein kleiner Zwiſt, der übrigens die Urſache zu der fin⸗ ſtern Muthloſigkeit des Marquis durchaus nicht ſein kann.“ „Ach die Weiber, die Weiber, lieber Murph! Es thut mir ſehr leid, daß die Frau von Harville mit dieſer Sarah umgeht. Die junge, reizende kleine Marquiſe kann bei dem Verkehre mit einer ſo diaboliſchen Frau nur verlieren.“ „Bei der diaboliſchen Frau fällt mir ein“ ſagte Murph, „daß eine Depeſche in Bezug auf Cecilh, dieunwürdige Frau des wür⸗ gen David, hier liegt.“ „Unter uns, lieber Murph, jene kühne Meſtize hätte auch die ſchreckliche Strafe verdient welche ihr Mann, der liebe ſchwarze Arzt, auf Befehl Sr. Durchlaucht an dem Schulmeiſter vollzogen hat. — Auch ſie hat Blut vergoſſen und iſt eine vollendete Sünderin.“ „Und dabei ſo ſchön, ſo verführeriſch! Eine verdorbene Seele in einem ſchönen Körper verurſacht mir immer einen doppelten Schauder.“ „In dieſer Hinſicht iſt Cecily doppelt haſſenswerth; ich hoffe jedoch, daß dieſe Depeſche die letzten Befehle aufhebt, welche Se. Durchlaucht in Bezug auf dieſe Elende gegeben hat.“ „Im Gegentheil, Baron —“ „Se. Durchlaucht will noch immer, man ſolle ihr behülflich ſein, aus der Feſte zu entfliehen, in welcher er ſie lebenslänglich eingeſperrt halten wollte?“ „Und ihr angeblicher Entführer ſoll ſie nach Frankreich brin⸗ gen? nach Paris?“ „Ja, und mehr noch, die Depeſche befiehlt, die Flucht Cecilys ſo viel als möglich zu beſchleunigen und ſie ſchnell reiſen zu laſ⸗ ſen, damit ſie ſpäteſtens in vierzehn Tagen hier ſein könnte.“ „Das begreife ich nicht. — Se. Durchlaucht äußerte doch immer ſo großen Widerwillen gegen ſie! —“ „Der wo möglich noch zugenommen hat.“ „Und doch will er ſie zu ſich kommen laſſen! Uebrigens wird es immer, wie Se. Durchlaucht geglaubt hat, leicht ſein, die Aus⸗ lieferung Cecilys zu erlangen, wenn ſie nicht erfüllt, was man von ihr verlangt. Man beſiehlt dem Sohne des Kerkermeiſters in der Feſtung Gerolſtein, die Frau zu entführen und ſich verliebt zu ſtellen in dieſelbe, und erleichtert ihm den Plan auf jede mög⸗ liche Weiſe. Die Meſtize wird die Gelegenheit, zu entfliehen, be⸗ reitwillig ergreifen, ihrem angeblichen Entführer folgen und ſo nach Paris kommen; ihrer Verurtheilung entgeht ſie dadurch doch nicht; ſie bleibt immer eine entflohene Gefangene, und ich kann, ſobald es Sr. Durchlaucht gefällt, ihre Auslieferung fordern und erhalten.“ „Wir werden ja ſehen, was geſchieht, werther Baron. Auch 49 habe ich Befehl von Sr. Durchlaucht, Sie zu erſuchen, an unſere Kanzlei zu ſchreiben, um von derſelben ſofort eine beglaubigte Ab⸗ ſchrift des Trauſcheins Davids zu verlangen, denn er iſt in dem Schloſſe, als Hofbeamter Sr. Durchlaucht, getraut worden.“ „Wenn ich mit dem heutigen Courier das Schreiben abge⸗ hen laſſe, werden wir das Gewünſchte in ſpäteſtens acht Tagen haben —“ „David war wie verſteinert, als er die bevorſtehende Ankunft Cecilys von Sr. Durchlaucht erfuhr; dann ſagte er: „ich hoffe, Ew. Durchlaucht werden mich nicht nöthigen, dieſes Ungeheuer zu ſehen.“ — „Bleiben Sie ganz ruhig,“ antwortete Se. Durchlaucht; „Sie werden die Frau nicht ſehen, aber ich bedarf ſie zu gewiſſen Plänen —.“ Durch dieſe Worte wurde David eine ſchwere Laſt abgenommen; nichtsdeſtoweniger bin ich überzeugt, daß ſehr ſchmkrz⸗ liche Erinnerungen in ihm erwachten.“ „Der arme Neger, er liebt ſie vielleicht noch immer. Sie ſoll ſo hübſch ſein!“ „Reizend iſt ſie, nur zu reizend. — Nur das unbarmherzige Auge eines Creolen könnte in der faſt unbemerklichen dunkeln Farbe der Fingernägel dieſer Meſtize das „gemiſchte Blut“ erken⸗ nen; unſere friſchen nordiſchen Schönen beſitzen keinen durchſchei⸗ nendern Teint, keine weißere Haut, kein goldbrauneres Haar.“ „Ich war bereits in Frankreich, als Se. Durchlaucht aus Amerika zurückkam und David und Cecily mitbrachte; ich weiß, daß der vortreffliche Mann ſeitdem durch die innigſte Dankbarkeit an Se. Durchlaucht gefeſſelt worden iſt; immer aber iſt mir unbe— kannt geblieben, nach welchem Abenteuer er ſich unſerm Herrn widmete und wie er zu der Verbindung mit der Cecily gekommen Die Geheimniſſe von Paris. II. 4 50 iſt, die ich erſt ohngefähr ein Jahr nach ihrer Verheirathung ſah. —“ „Ueber das, was Sie zu wiſſen wünſchen, kann ich Ihnen genaue Auskunft geben, lieber Baron; ich begleitete Se. Durch⸗ laucht bei jener amerikaniſchen Reiſe, wo er David und Cecily dem ſchrecklichſten Schickſale entriß.“ „Erzählen Sie, lieber Murph.“ XXVIII. Die Gelchichte Davids und Cerilys. Se Willis, ein reicher amerikaniſcher Pflanzer in Florida,“ ſagte Murph, „hatte an einem ſeiner jungen Negerſelaven, Na⸗ mens David, der dem Krankenhauſe der Pflanzung beigegeben war, einen ungewöhnlichen Verſtand, tiefes, aufmerkſames Mitleiden mit den armen Kranken, denen er liebevoll jede von den Aerzten an⸗ geordnete Pflege angedeihen ließ, und einen beſtimmt ausgeſpro⸗ chenen Beruf zu dem Studium der medieiniſchen Botanif bemerkt. Der Neger hatte ohne Unterweiſung eine Art Flora der Pflan⸗ zung und der Umgegend geſammelt und geordnet. Die Beſitzung des Herrn Willis, die an der Meeresküſte lag, war funfzehn bis zwanzig Stunden von der nächſten Stadt entfernt; die dortigen, übrigens ſehr unwiſſenden Aerzte ließen ſich wegen der großen Ent⸗ fernung und der beſchwerlichen Reiſe nur ungern ſtören und zu ei⸗ nem Beſuche bewegen. Um dieſem in einem Lande mit heftigen Epidemien ſo ernſten Uebelſtande abzuhelfen und um immer einen geſchickten Arzt in der Nähe zu haben, fiel es dem Pflanzer ein, David nach Frankreich zu ſchicken, um ihn dort Chirurgie und Me⸗ 4 * 52 diein ſtudiren zu laſſen. Der junge Neger reiſte entzückt nach Paris ab; der Pflanzer bezahlte die Koſten des Studirens, und nach acht Jahren kehrte David, der die medieiniſche Doctorwürde mit Auszeichnung erworben hatte, nach Amerika zurück, um ſeine Kenntniſſe ſeinem Herrn zur Verfügung zu ſtellen.“ „David mußte ſich aber für frei und emancipirt halten, ſo⸗ bald er den Boden Frankreichs betreten hatte.“ „David iſt ein Mann von ſeltener Rechtlichkeit; er hatte dem Herrn Willis verſprochen zurückzukehren, und er reiſte alſo zu⸗ rück. Die Kenntniſſe, die er durch das Geld ſeines Herrn ſich verſchafft hatte, ſah er gewiſſermaßen nicht für ſein Eigenthum an. Auch hoffte er, geiſtig und körperlich die Leiden der Sclaven, ſeiner ehemaligen Genoſſen, lindern zu können; er wollte nicht blos ihr Arzt, ſondern auch ihr Beſchützer, ihr Vertheidiger bei dem Pflanzer ſein. —“ „Es gehört allerdings eine ſeltene Rechtlichkeit und eine hei⸗ lige Menſchenliebe dazu, um nach einem achtjährigen Aufenthalte in Paris, unter der demokratiſcheſten Jugend Europas, zu einem Herrn zurückzukehren. —“ „Nach dieſem Zuge können Sie den Mann beurtheilen. — Er war alſo wieder in Florida und wurde, das muß ich ſagen, von Willis mit Auszeichnung behandelt; er aß an dem Tiſche deſſelben und ſchlief in demſelben Hauſe, übrigens aber glaubte der Pflanzer, der dumm, boshaft, ſinnlich und despotiſch war, wie es einige Crevlen ſind, ſehr freigebig zu ſein, wenn er David ei⸗ nen Gehalt von 600 Fres. gebe. Nach einigen Monaten brach ein entſetzliches bösartiges Nervenfieber auf der Pflanzung aus; Willis wurde auch befallen, durch David aber ſchnell wieder her⸗ geſtellt. Von dreißig ſchwer erkrankten Negern ſtarben nur zwei. 53 Willis erhöhte, hoch erfreut über dieſe Dienſtleiſtung Davids, deſ⸗ ſen Gehalt auf 1200 Fres. Der ſchwarze Arzt war der glück⸗ lichſte Menſch; ſeine Brüder verehrten in ihm ihre Vorſehung; er hatte, wenn auch mit vieler Mühe, von dem Herrn eine Ver⸗ beſſerung ihres Schickſals erlangt und hoffte von der Zukunft noch mehr; bis dahin beſſerte und tröſtete er die armen Men⸗ ſchen; er ermahnte ſie zur Ergebung und ſprach mit ihnen von Gott, der über den Neger wache wie über den Weißen, von einer andern Welt, in welcher keine Scheidung nach Herren und Sela⸗ ven, ſondern nach Guten und Böſen gelte, von einem andern, ewigen Leben, in welchem nicht einige das Vieh, die Sache der Andern wären, ſondern die, welche hier Opfer geweſen, ſo glück⸗ lich würden, daß ſie im Himmel für ihre Henker beteten. Was ſoll ich ſagen? David brachte die Unglücklichen, die gegen das dem Menſchen angeborene Gefühl mit Freuden jeden Schritt zähl⸗ ten, den ſie mit jedem Tage nach dem Grabe zu thun, die nur auf das Nichts hofften, dahin, daß ſie hoffend einer unendlichen Freiheit entgegenſahen; ihre Ketten kamen ihnen da minder drückend, ihre Arbeiten minder beſchwerlich vor. David war ihr Abgott. — So verging faſt ein Jahr. Unter den ſchönſten Sela⸗ vinnen dieſer Pflanzung bemerkte man eine fuufzehnjährige Me⸗ ſtize, Cecily genannt. Willis fühlte für dieſes junge Mädchen eine Sultanslaune, aber er ſtieß, vielleicht zum erſtenmale in ſeinem Leben, auf eine Weigerung, auf hartnäckigen Widerſtand. Cecily liebte, — ſie liebte David, der ſie während der letzten Epidemie mit aufopfernder Sorgfalt behandelt und gerettet hatte. Die Liebe, die keuſcheſte Liebe bezahlte die Schuld der Dankbar⸗ keit. David war zu zartfühlend, als daß er von ſeinem Glücke vor dem Tage geſprochen hätte, an welchem er Cecily heirathen 54 konnte, und er erwartete nur, daß ſie ſechszehn Jahre alt gewor⸗ den. Willis, der dieſe gegenſeitige Liebe nicht kannte, hatte der ſchönen Meſtize ſtolz ſein Schnupftuch zugeworfen, aber ſie berich⸗ tete weinend ihrem David die brutalen Nachſtellungen, denen ſie mit Mühe entgangen. Der Schwarze beruhigte ſie und begab ſich ſogleich zu Willis, um bei demſelben um die Hand der Ce⸗ cily anzuhalten.“ „Ich fürchte die Antwort des amerikaniſchen Sultans zu er⸗ rathen,“ fiel der Baron ein. „Er gab eine abſchlägige Antwort?“ „Ja. Das junge Mädchen gefalle ihm, ſagte er; er habe nie in ſeinem Leben die Verſchmähung einer Selavin geduldet, er wolle dieſe haben und würde ſie haben; David möge ſich eine andre Frau oder Beiſchläferin nach Gefallen ausſuchen; es gebe auf der Pflanzung vielleicht noch zehn eben ſo hübſche Mädchen wie Cecily. David ſprach dagegen von ſeiner Liebe, die Cecily längſt ſchon theile. Der Pflanzer zuckte die Achſeln, und David blieb bei ſeinem Verlangen, aber vergebens. Der Creole hatte die Unverſchämtheit ihm zu ſagen, es würde ein ſchlechtes Bei⸗ ſpiel ſein, wenn man einen Herrn einer Selavin nachgeben ſehe, und dieſes Beiſpiel würde er nicht geben einer Laune Davids willen. — Dieſer bat; der Herr verlor die Geduld; David ſchämte ſich, noch weiter ſich zu erniedrigen, und ſprach in beſtimmtem Tone von den Dienſten, die er leiſte, und von ſeiner Uneigen⸗ nützigkeit, denn er begnüge ſich mit dem geringfügigſten Gehalte. Willis antwortete ihm gereizt und mit Verachtung, er würde für einen Sclaven viel zu gut behandelt. Bei dieſen Worten konnte David ſeinen Unwillen nicht zurückhalten; er ſprach zum erſtenmale als aufgeklärter Mann von ſeinen Rechten, die ihm ein achtjähriger Aufenthalt in Frankreich gegeben. Willis wurde 55 dadurch im höchſten Grade aufgebracht, behandelte ihn als unge⸗ horſamen Selaven und drohte ihm mit der Kette. David ſprach noch einige bittere und heftige Worte. — Zwei Stunden nachher war er an den Pfahl gebunden, und Peitſchenhiebe zerfleiſchten ihn, während man vor ſeinen Augen Cecily in das Serail des Pflanzers ſchleppte.“ „Dieſes Benehmen des Pflanzers war dumm und entſetzlich zugleich, die Albernheit in der Grauſamkeit. Er brauchte doch den Mann. —“ „Ja wohl. — Noch denſelben Tag zog ihm der Zorn, in den er gerathen war, in Verbindung mit der Trunkenheit, in welche er ſich gegen Abend ſtürzte, eine ſehr gefährliche entzünd⸗ liche Krankheit zu, deren Symptome ſich mit der jenen Leiden eigenthümlichen Schnelligkeit entwickelten. — Der Pflanzer legte ſich mit einem ſchrecklichen Fieber in das Bett und ſchickte einen Boten ab, um einen Arzt herbeizuholen, der jedoch unter ſechs und dreißig Stunden auf der Pflanzung nicht ankommen konnte.“ „Das war eine Fügung der Vorſehung. Der Menſch hatte dieſe Strafe verdient. —“ „Das Uebel griff ſchnell um ſich; nur David konnte den Pflanzer retten, Willis aber war mißtrauiſch, wie es alle böſe Menſchen ſind, und zweifelte nicht, daß ihn der Schwarze, um ſich zu rächen, vergiften würde. Man hatte David, nachdem er die Züchtigung erlitten, in den Kerker geworfen. Endlich aber, als die Krankheit noch immer weitere Fortſchritte machte, kam er auf den Gedanken, da er einmal ſterben müßte, bliebe ihm doch wenigſtens eine Hoffnung in dem Edelmuthe ſeines Sclaven, und nach langer Weigerung ließ er David die Ketten abnehmen. —“ „Und David rettete den Pflanzer?“ 56 „Fünf Tage und fünf Nächte wachte er bei ihm, wie er bei ſeinem Vater gewacht haben würde, belauſchte die Krankheit Schritt vor Schritt mit bewundernswürdiger Kenntniß und Geſchicklichkeit und beſiegte ſie endlich zur großen Verwunderung des Arztes, den man hatte rufen laſſen und der am zweiten Tage ankam.“ „Und was that der Anſiedler, als er die Geſundheit — erlangt hatte?“ „Um vor ſeinem Selaven nicht erröthen zu müſſen, der ihn ieden Augenblick, wie er voraus ſah, durch ſeinen bewunderns⸗ würdigen Edelmuth zermalmen würde, gewann der Pflanzer durch ein ſehr bedeutendes Opfer den Arzt, den er hatte rufen laſſen, für ſeine Pflanzung, und David wurde wieder in den Kerker gebracht.“ „Das iſt gräßlich, aber ich wundere mich nicht darüber; Da⸗ vid wäre für dieſen Mann ein lebendiger Vorwurf geweſen.“ „Dieſes barbariſche Verfahren wurde übrigens nicht blos durch die Rache und die Eiferſucht dictirt. — Die Schwarzen des Herrn Willis liebten David mit der ganzen Innigfeit der Dank⸗ barkeit; er war für ſie der Retter des Körpers und der Seele. Sie kannten die Pflege, die er dem Pflanzer während der Krank⸗ heit deſſelben gewidmet hatte, traten wie durch ein Wunder aus der verthierenden Gefühlloſigkeit heraus, in welche die Selaverei den Menſchen meiſt ſtürzt, und äußerten ihren Unwillen oder viel⸗ mehr ihren Schmerz, als ſie David durch Peitſchenhiebe zerflei⸗ ſchen ſahen. Willis glaubte in dieſer Manifeſtation den Keim einer Empörung zu erblicken, bedachte den Einfluß, den David über die Selaven erlangt hatte, und hielt ihn für fähig, ſich ſpä⸗ ter an die Spitze eines Aufſtundes zu ſtellen und ſich dann an der fluchwürdigen Undankbarkeit ſeines Herrn zu rächen. — Dieſe 57 Furcht war ein neuer Beweggrund für den Pflanzer, David ſo ſchlecht als möglich zu behandeln und ihm die Möglichkeit zu be⸗ nehmen, die Abſichten auszuführen, die er ihm zutraute.“ „Von dem Geſichtspunkte der Furcht aus ſcheint dieſes Ver⸗ fahren minder thöricht zu ſein, wenn es auch eben ſo grauſam bleibt.“ „Kurze Zeit nach dieſen Ereigniſſen kamen wir in Amerika an. Se. Durchlaucht hatte in St. Thomas eine däniſche Brigg gemiethet und wir beſuchten incognitv alle Pflanzungen an dem amerikaniſchen Küſtenlande, an welchem wir hinfuhren. Herr Willis nahm uns glänzend auf. Den Tag nach unſerer Ankunft, Abends, erzählte uns Willis im Weinrauſche und aus cyniſcher Prahlerei unter entſetzlichen Späßen die Geſchichte Davids und Cecilys, denn ich vergaß zu erwähnen, daß man auch das un⸗ glückliche Mädchen eingeſperrt hatte, um ſie für ihre erſte Ver⸗ ſchmähung ihres Herrn zu ſtrafen. Se. Durchlaucht glaubte bei dieſer gräßlichen Erzählung, Willis prahle oder ſei betrunken; betrunken war er nun allerdings, aber er prahlte nicht. Um un⸗ ſere Ungläubigkeit zu beſeitigen, ſtand er wankend von dem Tiſche auf, befahl einem Selaven eine Laterne zu nehmen und führte uns in den Kerker Davids.“ „Nun?“ „In meinem Leben haben meine Augen nichts ſo Herzzerrei⸗ ßendes geſehen. Bleich, abgemagert, halb nackt, mit Wunden be⸗ deckt, glichen David und das unglückliche Mädchen, die beide mit einer Kette an den entgegenſetzten Seiten des Kerkers angeſchloſſen waren, wirklich Geſpenſtern. Die Laterne warf auf dieſes Bild ein noch grauenvolleres Licht. David ſprach kein Wort, ſondern ſah ſtier vor ſich hin. Der Pflanzer ſagte mit ſchneidendem Hohne 58 zu ihm: „nun Doctor, wie geht es Dir? Du biſt ja ſo klug, — ſo heile dich doch!“ Der Schwarze antwortete durch erhabene Worte und Geberden; er erhob langſam die rechte Hand mit ausgeſtrecktem Zeigefinger und ſprach, ohne den Pflanzer an⸗ zuſehen, in feierlichem Tone: „Gott!“ dann ſchwieg er wieder. „Gott!“ wiederholte der Pflanzer mit rohem Gelächter; „ſo ſage doch Deinem Gott, er möge Dich meinen Händen entreißen! Ich trotze ihm.“ Dann erhob dieſer Willis in ſeiner Wuth und Trunkenheit die geballte Fauſt gegen den Him⸗ mel und ſprach gottesläſterlich: „ja, ich fordere Gott auf, mir meine Sclaven vor ihrem Tode zu entreißen. — Wenn er es nicht thut, glaube ich nicht an ſein Daſein.“ „Er war ein wahnſinniger Thor.“ „Wir wendeten uns mit Abſcheu ab. Se. Durchlaucht ſagte kein Wort. Wir gingen aus dem Kerker hinaus, der, wie die ganze Pflanzung, an der Seeküſte lag. Wir kehrten auf unſere Brigg zurück, welche ſich in geringer Entfernung befand. Um ein Uhr früh, als die ganze Pflanzung in tiefem Schlafe lag, landete Se. Durchlaucht mit acht Bewaffneten, begab ſich geraden Wegs nach dem Kerker Davids, ſprengte denſelben auf und ent⸗ führte den Unglucklichen nebſt der Cecily. Die beiden Opfer wur⸗ den auf die Brigg gebracht, ohne daß unſer Unternehmen bemerkt worden war, und dann begleitete ich Se. Durchlaucht in das Haus des Pflanzers. Seltſam! dieſe Menſchen foltern ihre Selaven und brauchen durchaus keine Vorſicht gegen dieſelben; ſie ſchlafen bei offnen Thüren und Fenſtern. Wir gelangten ſehr leicht in das Schlafzimmer des Pflanzers. Se. Durchlaucht weckte ihn, und Willis richtete ſich, noch halbberauſcht, auf.“ „Sie hahen vorigen Abend Gott herausgefordert, Ihnen Ihre 59 beiden Opfer — vor dem Tode derſelben zu entreißen. Ich nehme ſie Ihnen,“ ſprach Se. Durchlaucht. „Dann nahm er einen Sack, den ich trug und der 25,000 Franes in Gold enthielt, warf ihn auf das Bett des Mannes und ſetzte hinzu: „Das wird Sie für den Verluſt Ihrer beiden Selaven entſchädigen. — Ihrer Gewalt⸗ that, die tödtet, ſetze ich eine Gewaltthat entgegen, welche rettet. — Gott wird richten.“ „Wir verſchwanden darauf und ließen Willis betäubt, unbe⸗ weglich und in dem Glauben zurück, er träume. Einige Minuten ſpäter hatten wir die Brigg erreicht, die ſogleich unter Segel ging.“ „Se. Durchlaucht ſcheint da, lieber Murph, den Elenden für den Verluſt der beiden Selaven ſehr reichlich entſchädigt zu ha⸗ ben, denn eigentlich gehörte ihm doch David nicht mehr an.“ „Wir hatten die Ausgaben überſchlagen, welche ihm das achtjährige Studium Davids gekoſtet haben mochte, und ſodann ſeinen und der Cecily Werth als gewöhnliche Selaven dreifach gerechnet. Unſer Verfahren war gegen das Völkerrecht, ich weiß es; wenn Sie aber geſehen hätten, in welchem Zuſtande ſich die beiden dem Tode nahen Unglücklichen befanden, wenn Sie die gottes⸗ läſterliche Herausforderung des von Wein und Grauſamkeit be⸗ rauſchten Mannes gehört hätten, würden Sie es gerechtfertigt finden, daß Se. Durchlaucht, wie er bei dieſer Gelegenheit ſagte, „ein wenig die Rolle der Vorſehung ſpielen wollte.“ „Es läßt ſich dies eben ſo angreifen und rechtfertigen wie die Beſtrafung des Schulmeiſters. Hatte übrigens dieſes Aben⸗ teuer keine Folgen?“ „Es konnte keine haben. Die Brigg fuhr unter däniſcher Flagge; das Incognito Sr. Durchlaucht wurde ſtreng beobachtet, 60 und wir galten für reiche Engländer. An wen hätte Willis, wenn er zu klagen gewagt, ſeine Reclamationen richten ſollen? Ue⸗ brigens hatte er es uns ſelbſt geſagt, und der Arzt Sr. Durch⸗ laucht beſtätigte es in einem Protokolle, daß die beiden Sclaven nicht noch acht Tage in jenem ſchrecklichen Kerker würden haben leben können. — David und Cecily konnten nur durch die ſorg⸗ fältigſte Pflege und ärztliche Behandlung einem faſt nahen Tode entriſſen werden. Endlich erholten ſie ſich aber doch. Seitdem iſt David als Arzt bei Sr. Durchlaucht geblieben und fühlt für denſelben die tiefſte Dankbarkeit.“ „David heirathete wahrſcheinlich nach der Ankunft in Europa ſeine Cecily?“ „Die Trauung, welche eine ſo glückliche Ehe zu verſprechen ſchien, wurde in der Schloßkapelle vollzogen, kaum aber ſah ſich Cecily in einer ungehofften angenehmen Stellung, als ſie Alles vergaß, was David für ſie und was ſie ſelbſt für ihn gelitten hatte, und ſich, in der ihr neuen Welt, ſchämte, die Frau eines Negers zu ſein. Sie ließ ſich durch einen übrigens höchſt ſittenloſen Mann zu einem erſten Fehltritte verführen; und es war, als wenn die natürliche Schlechtigkeit der Unglücklichen, die bis dahin ge⸗ ſchlummert, nur dieſe gefährliche Anregung erwartet hätte, um ſich mit unglaublicher Energie zu entwickeln. Das Uebrige wiſſen Sie; Sie kennen ihre ſcandalöſen Abenteuer. Nach einer zwei⸗ jährigen Verbindung erfuhr David, der ſo feſt auf ſie vertraute wie er ſie liebte, alle dieſe Schändlichkeiten; ein Blitzſtrahl riß ihn aus ſeinem tiefen verblendeten Sicherheitsgefühle.“ „Er wollte, wie man ſagt, ſeine Frau ermorden?“ „Ja; nur auf das Bitten Sr. Durchlaucht willigte er ein, daß ſie lebenslänglich in einer Feſtung eingeſperrt gehalten würde. — 61 Dieſes Gefängniß hat Se. Durchlaucht jetzt geöffnet — zu Ihrem und meinem großen Erſtaunen, lieber Baron.“ „Offen geſagt, wundert mich dieſer Entſchluß Sr. Durch⸗ laucht um ſo mehr, als der Gouverneur der Feſtung oftmals ge⸗ äußert hat, jenes Weib ſei unverbeſſerlich. Nichts hat ihren küh⸗ nen, im Laſter verhärteten Charakter zu beugen vermocht, und trotz dem beſteht Se. Durchlaucht darauf, ſie hierher zu beſcheiden. Zu welchem Zwecke? aus welchem Grunde?“ „Das weiß ich eben ſo wenig wie Sie. — Doch es wird ſpät. Se. Durchlaucht wünſcht, daß der Courier ſobald als mög⸗ lich nach Gerolſtein abgehe. —“ „Vor zwei Uhr ſoll er bereits unterwegs ſein. — Für heute Abend alſo, lieber Murph. —“ „Heute Abend?“ „Haben Sie vergeſſen, daß in dem ſchen Geſandtſchafts⸗ hotel großer Ball iſt und daß Se. Durchlaucht ihm beiwohnen wollen?“ „Richtig. — Seit der Abweſenheit des Oberſten Warner und des Grafen Harnheim vergeſſe ich immer, daß ich auch Kam⸗ merherr und Adjutant bin.“ „Wann werden der Oberſt und der Graf zurückkommen? Sind ihre Aufträge bald erledigt?“ „Se. Durchlaucht hält ſie, wie Sie wiſſen, ſo lange als möglich entfernt, um einſamer und freier zu ſein. Was die Sen⸗ dung betrifft, die er ihnen übertragen hat, um ſie auf ehrliche Art los zu werden, indem er den einen nach Avignon, den an⸗ dern nach Straßburg ſchickte, ſo werde ich ſie Ihnen eines Tages offenbaren, wenn wir beide einmal recht traurig geſtimmt ſind, denn der ärgſte Hypochondriſt muß laut auflachen nicht nur über 62 die Sendung ſelbſt, ſondern auch über manche Stellen in den De⸗ peſchen, welche die beiden Herren erhielten, die jene Sendung un⸗ glaublich ernſt behandeln.“ „Offen geſtanden, ich habe niemals einſehen können, warum Se. Durchlaucht den Oberſten und den Grafen in ſeine Nähe ge⸗ zogen hat?“ „Iſt der Oberſt Warner nicht das bewundernswürdigſte Muſter eines Soldaten? Giebt es im ganzen Lande eine ſchönere Taille, einen ſchönern Schnurrbart, eine martialiſchere Haltung? Und kann man, wenn er ſeinen ganzen Staat angelegt hat, ein ſtol⸗ zeres, ein ſchöneres — Kameel ſehen?“ „Allerdings, aber gerade ſeiner Schönheit wegen ſieht der Oberſt nicht eben geiſtreich aus.“ „Se. Durchlaucht ſagt, durch den Oberſten habe er ſich daran gewöhnt, auch die langweiligſten und läſtigſten Menſchen erträg⸗ lich zu finden. Vor gewiſſen ihm widerwärtigen Audienzen ſchließt er ſich eine halbe Stunde lang mit dem Oberſten ein; dadurch erhält er den Muth, jeder Langenweile zu trotzen.“ „Wie der römiſche Soldat vor einem forcirten Marſche blei⸗ erne Sandalen anlegte, um nach Ablegung derſelben jede Anſtren⸗ gung leicht zu finden. — Jetzt erkenne und würdige ich die Nütz⸗ lichkeit des Oberſten. — Aber der Graf Harnheim?“ „Iſt Sr. Durchlaucht eben ſo nützlich; indem er unaufhör⸗ lich dieſe alte, hohle, glänzende Klapper neben ſich hört, dieſe von — nichts aufgeblähete, ſo prächtig gefärbte Seifenblaſe vor ſich ſieht, welche die theatraliſche, nichtige Seite der Fürſtenmacht darſtellt, fühlt er um ſo lebhafter die eitele Nichtigkeit des Pom⸗ pes, und oft hat ihn auch der Contraſt, die Betrachtung des nutz⸗ 63 loſen geputzten Kammerherrn auf die ernſteſten und fruchtbarſten Gedanken gebracht.“ „Man muß aber auch gerecht ſein, lieber Murph. An wel⸗ chem Hofe fände man wohl ein vollkommeneres Muſter eines Kammerherrn? Wer kennt die zahlloſen Regeln und Traditionen der Etikette beſſer als der vortreffliche Harnheim? Wer verſteht ernſter ein Emailkreuz am Halſe und majeſtätiſcher einen goldenen Schlüſſel auf dem Rücken zu tragen?“ „Se. Durchlaucht behauptet, der Rücken eines Kammerherrn habe eine ganz eigenthümliche Phyſiognomie, einen zugleich ge⸗ zwungenen und ſich ſträubenden Ausdruck, den man kaum ohne Schmerz betrachten könne; denn leider! glänzt auf dem Rücken des Kammerherrn das ſymboliſche Zeichen ſeines Amtes, und der würdige Harnheim ſieht, wie Se. Durchlaucht meint, immer aus, als ſei er verſucht, ſich von der Rückſeite zu zeigen, damit man ſeine Wichtigkeit ſogleich erkenne. — Aber der Courier, Baron, der Courier!“ „Ihre Schuld, lieber Murph. — Empfehlen Sie mich Sr. Durchlaucht,“ ſagte der Baron, indem er den Hut nahm, „und vergeſſen Sie nicht, heute Abend. —“ „Heute Abend, lieber Baron, aber wahrſcheinlich etwas ſpät, denn ich bin überzeugt, daß Se. Durchlaucht noch heute das ge⸗ heimnißvolle Haus in der Rue du Temple wird beſuchen wollen.“ XXIX. Ein Haus in der Rue du Temple. 2 Um die Nachweiſungen zu benutzen, welche der Baron von Graun über die Nachtigall und Germain, den Sohn des Schul⸗ meiſters, zuſammen gebracht hatte, mußte Rudolph ſich in die Rue du Temple und zu dem Notar Jacob Ferrand begeben; zu dieſem, um wo möglich von Madame Seraphin einige Angaben über die Familie der Marienblume zu erhalten; in das Haus der Rue du Temple, welches Germain zuletzt bewohnt hatte, um wo möglich den Aufenthalt des jungen Mannes durch die Vermittelung der Lachtaube zu erfahren, — eine ziemlich ſchwierige Aufgabe, da die Griſette vielleicht wußte, daß der Sohn des Schulmeiſters das größte Intereſſe hatte, ſeine neue Wohnung nicht bekannt werden zu laſſen. Wenn Rudolph in dem Hauſe der Rue du Temple das frü⸗ her von Germain inne gehabte Zimmer miethete, erleichterte er ſich ſeine Nachforſchungen und ſetzte ſich in den Stand, die ver⸗ beobachten. Noch an demſelben Tage, an welchem die Beſprechungen zwi⸗ ſchiedenen Perſonen, welche dieſes Haus bewohnten, mit Muße zu 6 6 65 ſchen dem Baron von Graun und Murph ſtattgefunden hatten, ge⸗ gen drei Uhr Nachmittags an einem trüben Wintertage, begab ſich Rudolph in die Rue du Temple. Dieſes im Mittelpunkte eines geſchäfts- und volksreichen Stadttheiles gelegene Haus hatte in ſeinem Ausſehen nichts Ei⸗ genthümliches; es beſtand aus dem Erdgeſchoſſe, das ein Liqueur⸗ fabrikant inne hatte, vier Etagen und Dachwohnungen darüber. Ein dunkler ſchmaler Gang führte in einen kleinen Hof oder vielmehr in eine niedrige, fünf bis ſechs Fuß breite Grube, der es ganz an Licht und Luft fehlte, den Aufbewahrungsort von allem Schmutze des Hauſes, der aus den obern Stockwerken herunter⸗ geworfen wurde. Am Fuße einer finſtern feuchten Treppe verrieth ein röthlicher Schein die Wohnung des Portiers, welche durch eine Lampe ver⸗ räuchert wurde, die ſelbſt am Tage brennen mußte, um die dunkle Höhle zu erhellen, in welche wir Rudolph folgen, der etwa wie ein nicht ſonntäglich herausgeputzter Commis gekleidet war. Er trug einen Palletot von zweifelhafter Farbe, einen etwas aus der Facon gerathenen und abgegriffenen Hut, ein rothes Hals⸗ tuch und große Ueberſchuhe. In der Hand hatte er einen Regen⸗ ſchirm und unter dem Arme, um die Illuſion vollſtändiger zu machen, ein Packet. So trat er zu dem Portier hinein, um zu melden, daß er das zur Vermiethung angekündigte Zimmer zu ſehen wünſche. Eine Lampe hinter einer mit Waſſer angefüllten Glaskugel, die als Reflector diente, erhellte die Portierwohnung. Der Thüre gegenüber bemerkte man ein Bett, über welches eine bunte Decke aus Flecken von jeder Stoffart und Farbe gebreitet war, und links eine Commode von Nußbaumholz, auf der zur Verzierung ſtanden: Die Geheimniſſe von Paris. II. 5 66 Ein kleiner heiliger Johannes von Wachs mit dem weißen Schafe und der blonden Perrücke, unter einer geſprungenen Glas⸗ glocke, deren Riſſe ſinnreich mit blauem Papiere verklebt waren; Zwei alte, mit der Zeit roth gewordene plattirte Leuchter, die ſtatt der Kerzen Orangen mit Goldflittern trugen, welche die Frau des Portiers ohne Zweifel als Neujahrsgeſchenk erhal⸗ ten hatte; Zwei Käſtchen, eines von Stroh in bunten Farben und ein anderes, das mit kleinen Muſcheln beſetzt war. Dieſen beiden Kunſtgegenſtänden merkte man von weitem an, daß ſie in einem Zuchthauſe oder Bagnv verfertigt worden wa⸗ ren *). Endlich, zwiſchen den beiden Käſichen und unter einer Uhr⸗ glasglocke, ein Paar kleine Stiefeln von rothem Maroquin, wahre Puppenſtiefeln, die aber ſorgfältig gearbeitet waren. Dieſes Meiſterſtück, verbunden mit einem abſcheulichen Leder⸗ geſtanke und phantaſtiſchen Arabesken, die an der Mauer durch eine zahlloſe Menge alten Schuhwerkes gebildet waren, bewies genügend, daß der Portier des Hauſes früher neue Arbeit gelie⸗ fert hatte, bevor er zur Ausbeſſerung alten Schuhwerles herab⸗ geſunken war. Als Rudolph in dieſe Höhle ſich hineinwagte, wurde Pipelet, der Portier, der für den Augenblick abweſend war, durch ſeine Frau vertreten. Dieſe ſtand neben einem eiſernen Ofen in der Mitte der Stube und horchte ernſthaft auf das Singen eines Topfes am Feuer. *) Die Züchtlinge beſchäftigen ſich faſt ausſchließlich mit der Verfertigung ſolcher Käſtchen. 67 Der franzöſiſche Hogarth, H. Monnier, hat die Frauen der Portiers ſo vortrefflich geſchildert, daß wir uns damit begnügen, den Leſer, wenn er ſich eine Vorſtellung von der Frau Pipelet machen will, aufzufordern, an die häßlichſte, runzelnreichſte, ſchmu⸗ zigſte, ſchlumpigſte, keifendſte, giftigſte der Portiersfrauen zu den⸗ ken, welche durch den erwähnten Künſtler unſterblich gemacht wor⸗ den ſind. Das einzige, was wir dieſem Ideale, das der Wirklichkeit vollkommen entſprechen muß, hinzuzufügen uns erlauben, iſt ein ſeltſamer Kopfputz, der aus einer Titus⸗Perrücke beſteht, welche ur⸗ ſprünglich blond geweſen iſt, durch die Zeit aber eine Menge röth⸗ licher und gelblicher, brauner und fahler Farbentöne erhalten hat. Dieſe einzige und ewige Zierde ihres ſechszigjährigen Hauptes legte Frau Pipelet nie ab. Bei dem Anblicke Rudolphs fragte die Frau des Portiers in barſchem Tone: „Was wünſchen Sie?“ „Es iſt, wie ich glaube, in dieſem Hauſe ein Zimmer nebſt einem Schlafcabinet zu vermiethen, Madame,“ antwortete Rudolph, der das Wort „Madame“ beſonders betonte, was die Frau Pipe⸗ let nicht wenig ſchmeichelte. Sie entgegnete deshalb auch minder mürriſch: „Es iſt im vierten Stock ein Zimmer zu vermiethen, kann aber nicht gezeigt werden. — Alfred iſt ausgegangen.“ „Ihr Sohn, ohne Zweifel, Madame? Wird er bald zurück⸗ kommen?“ „Nein, nicht mein Sohn, ſondern mein Mann. — Warum ſollte Pipelet nicht Alfred heißen?“ „Er hat ein unbeſtrittenes Recht darauf, Madame; aber wenn 5 * 68 Sie erlauben, werde ich einen Augenblick auf ihn warten. — Es liegt mir daran, dieſes Zimmer zu miethen; der Stadttheil und die Straße gefallen mir und das Haus ebenfalls, denn es ſcheint außerordentlich gut gehalten zu werden. Ehe ich indeß das Zim⸗ mer beſehe, das ich zu miethen wünſche, möchte ich wiſſen, ob Sie die Führung meiner kleinen Wirthſchaft übernehmen können, Ma⸗ dame. Ich pflege damit ſtets die Hausverwalter zu beauftragen, wenn ſie es wollen.“ Dieſer in ſo ſchmeichelhaften Worten ausgeſprochene Antrag und die Benennung: Hausverwalter gewannen die Frau Pipelet vollſtändig, und ſie antwortete: „Ich will Ihre Wirthſchaft recht gern führen; ich rechne es mir zur Ehre, und für ſechs Franes monatlich ſollen Sie wie ein Fürſt bedient ſein.“ „Sechs Franes monatlich gebe ich gern. Ihr Name?“ „Pomona Fortunata Anaſtaſia Pipelet.“ „Sie erhalten ſechs Franes monatlich, Madame Pipelet. Und wie theuer iſt das Zimmer?“ „Mit dem Schlafzimmer 150 Franes; kein Pfennig geht her⸗ unter. — Der Hauptmiether iſt ein Geizhals.“ „Wie heißt er?“ „Herrn Roth⸗Arm.“ Bei dieſem Namen und den Erinnerungen, die derſelbe weckte, ſchauderte Rudolph. „Wie nannten Sie den Hauptmiether, Madame?“ „Nun, Herrn Roth⸗Arm.“ „Und er wohnt?“ „In der Bohnenſtraße Nr. 13, hat auch ein Wirthshaus in dem Graben der Champs Elyſées.“ 69 Es unterlag keinem Zweifel, es war derſelbe Mann. Rudolph hielt dieſes Zuſammentreffen für ſeltſam. „Wenn Herr Roth⸗Arm der Hauptmiether iſt,“ ſagte er, „wer iſt denn der Beſitzer des Hauſes?“ „Herr Bourdon, aber ich habe immer nur mit dem Herrn Roth⸗Arm zu thun gehabt.“ . Um das Vertrauen der Portiersfrau zu gewinnen, fuhr Ru⸗ dolph fort: „Sehen Sie, meine werthe Madame Pipelet, ich bin müde und friere ſehr; wollen Sie mir wohl den Gefallen thun und zu dem Liqueurfabrikanten, der im Hauſe wohnt, gehen, um mir eine Flaſche und zwei Gläſer oder vielmehr drei Gläſer zu holen, da Ihr Mann bald zurückkommen wird.“ Und er gab der Frau hundert Sous. „Man muß Ihnen gleich nach dem erſten Worte gut werden,“ entgegnete die Frau, deren blütenreiche Naſe in allem Glanze des Liqueurverlangens zu funkeln begann. „Allerdings, Madame Pipelet, wünſche ich, daß Sie mich gern ſehen ſollen.“ „Ich bringe zwei Gläſer; ich und Alfred triit immer aus Einem Glaſe. Dem lieben Manne ſchmeckt Alles noch einmal ſo gut, was Frauen berührt haben.“ „Nun, Madame Pipelet, wir werden Alfred erwarten.“ „Sie bleiben hier? — Wenn Jemand käme — „Verlaſſen Sie ſich darauf.“ Die Alte ging fort. Rudolph, der nun allein war, dachte über den ſeltſamen Um⸗ ſtand nach, der ihn dem Roth⸗Arm wieder näher brachte; er wun⸗ derte ſich beſonders, wie Franz Germain drei Monate lang in dem 70 Hauſe hatte bleiben können, ohne von den Mitſchuldigen des Schul⸗ meiſters entdeckt zu werden, welche mit Roth⸗Arm in Verbindung ſtanden. In dieſem Augenblicke klopfte ein Briefträger an das Fenſter, ſteckte den Arm herein und reichte zwei Briefe mit den Worten hin: „Drei Sous!“ „Sechs Sous, da es zwei Briefe ſind?“ fragte Rudolph. „Einer iſt frei,“ antwortete der Briefträger. Nachdem Rudolph das Geld bezahlt hatte, betrachtete er die beiden Briefe, die man ihm übergeben, und ſie ſchienen ihm bald eine genauere Prüfung zu verdienen. Der eine, welcher an die Frau Pipelet gerichtet war, duf⸗ tete trotz des Converts von ſatinirtem Papiere ſtark nach Mo⸗ ſchus. Auf dem rothen Siegel ſah man die beiden Buchſtaben C. R. mit einem Helme darüber auf einem geſternten Schilde des Kreuzes der Ehrenlegion; die Adreſſe war mit feſter Hand geſchrie⸗ ben, und die heraldiſche Prätenſton des Helmes und Kreuzes be⸗ ſtärkte Rudolph in der Meinung, daß der Brief nicht von einer Frau geſchrieben ſei. Wer konnte der moſchusduftige, wappenſüchtige Correſpon⸗ dent der Madame Pipelet ſein? Der andere Brief von grauem, gemeinen Papiere, mit einer Oblate geſchloſſen, die mit einer Stecknadel durchſtochen, war an den „Herrn Cäſar Bradamanti, Zahnarzt“ adreſſirt. Die offenbar verſtellte Handſchrift dieſer Adreſſe beſtand aus lauter großen Buchſtaben. Rudolph hielt dieſen Brief, aus Ahnung oder aus Einbil⸗ dung, für einen traurigen: einige Buchſtaben der Adreſſe an einer Stelle, wo das Papier leicht gebrochen war, waren halb verwiſcht. 71 Es war eine Thräne darauf gefallen. In dieſem Augenblicke kam Madame Pipelet mit der Flaſche Liqueur und zwei Gläſern zurück. „Ich bin lange ausgeblieben, nicht wahr? Ja, wenn man einmal in den Laden des Vaters Joſeph getreten iſt, kommt man nicht wieder fort. — Glauben Sie, daß er ſogar mit einer alten Frau, wie ich bin, noch ſchäkert?“ „Wenn das Alfred wüßte!“ „Sprechen Sie nicht davon; es ſummt mir im Kopfe, wenn ich nur daran denke. — Alfred iſt eiferſüchtig wie ein Beduine, wenngleich von dem Vater Joſeph gewiß nichts zu fürchten und alles nur Spaß iſt.“ „Da hat der Briefträger zwei Briefe gebracht,“ ſagte Ru⸗ dolph. „Ach, nehmen Sie es nicht übel. — Sie haben bezahlt?“ „Sie ſind ſehr gütig. — Ich werde es Ihnen von dem Gelde zurückbehalten, das ich Ihnen wiederbringe; wie viel macht' es?“ „Drei Sous,“ antwortete Rudolph, indem er über die ſelt⸗ ſame Art der Rückzahlung der Madame Pipelet lachte. „Wie, drei Svus? Sechs Sous müſſen es ſein, da es zwei Briefe ſind.“ „Ich könnte Ihr Vertrauen mißbrauchen und Sie ſechs Sous ſtatt drei von meinem Gelde zurückbehalten laſſen, aber ich kann das nicht, Madame Pipelet. Einer der Briefe, der an Sie ſelbſt gerichtet, iſt frei, und ich muß bemerken, wenn ich mich der Sünde der Unbeſcheidenheit nicht ſchuldig mache, daß Sie da einen Cor⸗ reſpondenten haben, deſſen Briefe ungemein gut riechen.“ „Es iſt wahrhaftig wahr,“ ſagte die Frau, indem ſie den ſſtinirten Brief nahm, „es ſieht aus wie ein Liebesbrief. Sehen 3 72 Sie nur, — ein Liebesbrief! Wer könnte ſich wohl unterſtehen —“ „Wenn Alfred den Brief gefunden hätte, Madame Pipelet!“ „Sagen Sie das nicht, oder ich falle Ihnen ohnmächtig in die Arme.“ „Ich ſage kein Wort weiter, Madame Pipelet.“ „Wie dumm ich aber auch bin! Jetzt hab' ich's,“ ſagte die Frau achſelzuckend, „ich weiß es, ich weiß es, — von dem Com⸗ mandanten. — Aber wir müſſen mit einander rechnen; drei Sous haben Sie für den Brief gegeben, nicht wahr? Alſo funfzehn Sous der Liqueur und drei Sous Porto, die ich behalte, macht achtzehn; achtzehn und zwei ſind zwanzig und vier Franes giebt hundert Sous. Nur immer richtig bezahlt, das macht gute Freunde!“ „Und hier ſind zwanzig Sous für Sie, Madame Pipelet. Sie haben eine ſo bewundernswürdige Art, die Auslagen, die man für Sie macht, wieder zu erſtatten, daß ich das Meinige beitrage, Sie darin zu ermuthigen.“ „Zwanzig Sous! Sie ſchenken mir zwanzig Sous? Warum denn?“ rief die Frau mit einem Geſichte, in welchem ſich zugleich Beſorgniß und Erſtaunen über dieſe fabelhafte Freigebigkeit aus⸗ ſprach. „Abſchläglich auf das Trinkgeld, wenn ich das Zimmer miethe.“ „Nun da nehme ich es an, aber ich muß es Alfred ſagen.“ „Gewiß; aber da iſt auch der andere Brief an Herrn Cäſar Bradamante.“ „Ach ja, an den Zahnarzt im dritten Stocke. Ich werde ihn in den Briefſtiefel legen.“ Rudolph glaubte, nicht recht gehört zu haben, ſah aber, daß 73 die Frau den Brief ernſtlich in einen alten Stolpenſtiefel warf, der an der Wand hing. Rudolph konnte ſein Erſtaunen nicht bergen und ſagte: „Wie? Sie legen den Brief —“ „In den Stiefel; — da geht nichts verloren. Wenn die Miethsleute nach Hauſe kommen, ſchütten wir der Stiefel aus, ſortiren die Briefe, und Jeder bekommt ſein Theil.“ „In Ihrem Hauſe iſt Alles in der ſchönſten Ordnung, ſo daß ich immer mehr Luſt bekomme, herein zu ziehen. Dieſer Briefſtiefel beſonders gefällt mir vortrefflich.“ Die Frau hatte unterdeß den Brief erbrochen, den ſie erhal⸗ ten hatte, und drehte ihn nach allen Seiten herum. Nach eini⸗ gen Augenblicken voll Verlegenheit ſagte ſie endlich zu Rudolph: „Bei uns hat Alfred das Amt, die Briefe zu leſen, weil ich es nicht verſtehe. — Wollten Sie wohl einmal die Stelle meines Mannes vertreten?“ „Um den Brief zu leſen? Recht gern,“ ſagte Rudolph, der den Correſpondenten der Madame Pipelet kennen zu lernen wünſchte. Er las das Nachſtehende, das auf ſatinirtem Papiere ſtand, auf welchem man oben an der Ecke wieder den Helm, die Buch⸗ ſtaben C. R., den Schild und das Ehrenkreuz ſah. „Morgen, Freitag, um elf Uhr, wird man Feuer in beiden „Zimmern anmachen, die Spiegel putzen und überall die Kappen „von den Stühlen abziehen, ſich aber wohl in Acht nehmen, bei „dem Abſtäuben und Auspochen der Meubles die Vergoldung zu „beſchädigen. Sollte ich zufällig noch nicht daſein, wenn um ein „Uhr eine Dame im Fiaere ankommt und nach mir als Herrn „Karl fragt, ſo läßt man ſie in die Wohnung hinaufgehen, nimmt 74 aber den Schlüſſel wieder mit herunter und übergiebt ihn mir, „wenn ich ſelbſt ankomme.“ Trotz der nicht eben empfehlenswerthen Faſſung dieſes Brief⸗ chens errieth doch Rudolph vollkommen, um was es ſich handelte, und ſagte zu der Frau des Portiers: „Wer wohnt denn in dem erſten Stock?“ Die Alte legte ihren gelben, knochendürren Finger auf ihre hängende Lippe und antwortete mit einem Lächeln, das ſchelmiſch ſein ſollte: „Ach, Liebesabenteuer!“ „Ich frage blos, meine liebe Madame Pipelet, weil man, ehe man in ein Haus einzieht, doch wiſſen möchte —“ „Sie haben Recht: „ſag' mir, mit wem Du umgehſt, und ich will Dir ſagen, was Du biſt;“ nicht wahr?“ „Das wollte ich ſagen.“ „Ich kann Ihnen wohl ſagen, was ich davon weiß, denn es iſt nicht viel. — Vor etwa ſechs Wochen kam ein Tapezirer da⸗ her, beſah ſich das erſte Stock, das zu vermiethen war, fragte nach dem Preiſe und kam den Tag varauf wieder mit einem ſchö⸗ nen, jungen blonden Herrn, der einen kleinen Schnurrbart, das Kreuz und ſchöne Wäſche trug. Der Tapezirer nannte ihn — Commandant.“ „Er iſt alſo Militair?“ „Militair!“ wiederholte die Frau achſelzuckend; „es iſt ſo, als wenn Alfred ſich Hausverwalter nennen wollte.“ „Wie ſo?“ „Er gehört mur zur Nationalgarde und iſt bei dem Stabe; der Tapezirer nannte ihn Commandant, um ihm zu ſchmeicheln. Als der Commandant (wir kennen ihn nur unter dieſem Namen) Alles geſehen hatte, ſagte er zu dem Tapezirer: „es iſt gut, es gefällt mir, richten Sie es ein und machen Sie die Sache mit dem Beſitzer ab.“ „Ja, Herr Commandant,“ ſagte der Andere. Und den andern Tag unterzeichnete der Tapezirer im Namen des Andern den Miethscontract mit Roth⸗Arm und zahlte die Miethe auf ein halbes Jahr voraus, weil der junge Herr, wie es ſcheint, nicht gekannt ſein will. Gleich nachher kamen die Arbeitsleute, demolirten Alles im erſten Stocke, brachten Sophas, ſeidene Vor⸗ hänge, goldene Spiegel und prächtige Meubles; es ſieht oben ſo ſchön aus wie in einem Kaffeehauſe, — ungerechnet die Teppiche, die überall liegen und ſo dick und ſo weich ſind, daß man gleich⸗ ſam auf Vieh geht. Als Alles vorbei war, kam der Comman⸗ dant wieder, um die Einrichtung zu beſehen, und ſagte zu Alfred: „Können Sie und wollen Sie die Wohnung, in die ich nicht oft fommen werde, in Stande halten, von Zeit zu Zeit Feuer darin anmachen und Alles einrichten zu meinem Empfange, wenn ich es Ihnen vorher durch die Stadtpoſt melde?“ — „Ja, Herr Com⸗ mandant,“ ſagte Alfred. — „Und wie viel verlangen Sie da⸗ für?“ — „Zwanzig Francs monatlich, Herr Cymmandant.“ — „Zwanzig Franes? Sie ſpaßen wohl!“ Und der ſchöne Herr han⸗ delte wie ein Jude. Wegen ein paar Franes! Und giebt ein Sündengeld für eine Wohnung aus, die er nicht bewohnt! Nach langem Hin⸗ und Herreden blieb es bei zwölf Francs. Zwölf Francs! Pfui, Commandant! Sie ſind ein anderer Mann,“ ſetzte die Frau zu Rudolph gewendet hinzu, „Sie laſſen ſich nicht Com⸗ mandant nennen, ſehen nach gar nichts aus und bewilligen mir aufs erſte Wort zehn Francs.“ „Iſt der junge Herr ſeitdem hier geweſen?“ „Das iſt eben das Spaßhafteſte. Man ſcheint den Herrn 76 Commandanten an der Naſe herumzuführen. Er hat ſchon drei⸗ mal geſchrieben wie heute und befohlen, Feuer anzumachen und Alles in Ordnung zu bringen, weil eine Dame kommen würde. Aber die Damen kommen nicht.“ „Es erſchien Niemand?“ „Hören Sie nur. Das erſtemal kam der Herr Commandant trällernd und ſeelensvergnügt an und wartete zwei volle Stunden, aber es war nichts. Als er hier wieder vorüberging, ſtellten wir zwei Pipelets uns ans Fenſterchen, um zu ſehen, was für ein Ge⸗ ſicht er mache, und ihn mit den Worten zu ärgern: Herr Com⸗ mandant, es hat keine Dame nach Ihnen gefragt. — „Schon gut!“ antwortete er ärgerlich und verdrießlich, kaute vor Wuth an den Nägeln und ſchoß wie ein Pfeil hinaus. Das zweitemal brachte ein Mann ein Brieſchen an Herrn Karl. „Herr Comman⸗ dant,“ ſagte ich, als er kam, und ich legte die Hand an meine Perrücke wie ein alter Soldat, „da iſt ein Brief; es ſcheint heute wieder nichts zu werden. —“ Er ſah mich groß an, erbrach den Brief, las ihn, wurde roth wie ein Truthahn, ſtellte ſich aber, als ärgere er ſich gar nicht, und ſagte: „ich wußte es ſchon, daß man heute nicht kommen würde, und kam nur, um Ihnen anzuempfeh⸗ len, die Zimmer recht in Acht zu nehmen.“ Dann ging er träl⸗ lernd wieder fort, aber er ärgerte ſich doch, man ſah es ihm an, und wir hatten unſere Freude daran. Warum giebt er auch nur zwölf Francs?“ „Und das drittemal?“ „Das drittemal glaubte ich wirklich, es würde was werden. Der Commandant kam an; ſein Geſicht ſtrahlte vor Freude, ſo zufrieden, ſo gewiß ſchien er ſeiner Sache zu ſein. Nun, ein ſchö⸗ ner Mann iſt er, das muß man ihm laſſen, und parfümirt hatte —— — 77 er ſich, daß man ihn von weitem roch. Er nahm den Schlüſſel und ſagte zu uns, während er hinausging, in aufgeblaſenem Tone, gleichſam um ſich wegen des vorigen Males an uns zu rächen: „Sie werden der Dame ſagen, daß ihr die Thüre gerade entge⸗ genſteht. —“ Gut! Wir zwei Pipelets waren ſo neugierig und wollten die Dame ſo gern ſehen, obgleich wir noch nicht recht daran glaubten, daß ſie kommen würde, daß wir hinausgingen und uns an der Treppe auf die Lauer ſtellten. Ein blauer Fia⸗ cre hielt vor dem Hauſe an. „Sie iſt es!“ ſagte ich zu Alfred. „Komm weiter zurück, damit ſie nicht erſchrickt.“ Der Kutſcher öffnete den Wagenſchlag, und wir ſahen eine Dame mit einem Muff auf den Knieen und einem ſchwarzen Schleier, der ihr das Geſicht verhüllte, abgerechnet das Taſchentuch, das ſie vor den Mund hielt. Sie ſah aus, als weinte ſie; kaum aber war der Tritt heruntergeſchlagen, als die Dame, ſtatt auszuſteigen, einige Worte zu dem Kutſcher ſagte, der verwundert den Schlag wieder zuwarf.“ „Die Dame ſtieg alſo nicht aus?“ „Nein; ſie legte ſich im Wagen zurück und druͤckte die Hände auf das Geſicht. Ich konnte es in dem Verſteck nicht länger aus⸗ halten, lief geſchwind an die Thüre und ſagte zu dem Kutſcher, ehe er wieder auf den Bock geſtiegen war: „Nun, Sie kehren um?“ — „Ja,“ ſagte er. — „Und wohin fahren Sie?“ fragte ich weiter. — „Dahin, woher ich komme.“ — „Und woher kom⸗ men Sie?“ — „Aus der Rue St. Dominique, Ecke der Rue Belle-Chaſſe.“ Rudolph fuhr bei dieſen Worten zuſammen. Der Marquis von Harville, einer ſeiner beſten Freunde, der ſeit einiger Zeit von düſterer Melancholie geplagt wurde, wie wir 78 bereits erwähnt haben, wohnte in der Rue St. Dominique an der Ecke der Rue Belle-Chaſſe. War es die Marquiſe von Harville, die ſo in ihr Verderben eilte? Argwöhnte ihr Mann ihre Untreue? Dieſe Untreue war vielleicht die alleinige Urſache des Kummers, der an ihm zu na⸗ gen ſchien. Dieſe Gedanken beſtürmten Rudolph. Er kannte indeß die Perſonen, mit denen die Marquiſe umging, und erinnerte ſich nicht, jemals einen Mann geſehen zu haben, welcher dem Commandan⸗ ten glich. N Die junge Dame, um die es ſich handelte, konnte übrigens auch einen Fiacre in der Nue St. Dominique genommen haben, ohne dort zu wohnen. Nichts bewies, daß ſie die Marquiſe ſei. Demungeachtet konnte er einen ſchmerzlichen unklaren Verdacht nicht los werden. Seine Unruhe und Zerſtreutheit waren der Frau des Portiers nicht entgangen. „Nun, ſchöner Herr, woran denken Sie?“ fragte ſie ihn. „Ich denke darüber nach, aus welchem Grunde die Dame, da ſie doch ſchon bis an die Thüre gekommen war, ſich plötzlich eines Andern beſann.“ 3 „Warum? Wegen eines plötzlichen Einfalls, einer Angſt. — Wir armen Weiber ſind ſo ſchwach, ſo muthlos,“ ſagte die Frau des Portiers mit ſchüchterner, ängſtlicher Miene. — „Ich kann mir es denken, — wenn ich in ſolchem Falle geweſen wäre, — ich würde auch vielmals haben anſetzen müſſen, ja ich würde niemals dazu gekommen ſein. Armer Alfred! Kein Mann auf Gottes Erdboden kann ſich rühmen —“ 79 * „Ich glaube Ihnen, Madame Pipelet; aber die junge Dame?“ „Ich weiß nicht, ob ſie jung war; man konnte nicht einmal die Naſenſpitze ſehen. — Genug, ſie fuhr wieder ab, wie ſie ge⸗ kommen war, ganz ſtill. Und wenn wir zehn Francs bekommen hätten, wir würden uns nicht ſo gefreut haben.“ „Warum?“ „Welches Geſicht mußte der Commändant machen! Ich konnte das Lachen nicht laſſen, noch ehe ich es geſehen hatte. Zuerſt ließen wir ihn, ſtatt gleich zu ihm zu gehen und ihm zu ſagen, die Dame ſei wieder fortgefahren, eine volle Stunde war⸗ ten und zappeln. Dann ging ich hinaus; ich hatte nur meine Filzſchuhe an und kam an die Thirre, die gleich der Treppe ge⸗ genüber iſt. Ich machte ſie auf; ſie quiekte; auf der Treppe war es finſter wie in einem Backofen, in dem Vorzimmer ebenfalls. — Und wie ich eintrete, umfaßt mich der Commandant mit ſeinen Armen und ſagt in ſüßem Tone: „mein Gott, mein Engel, wie ſpät Du kommſt!“ Trotz der ernſten Gedanken, die ihn beſchäftigten, konnte Ru⸗ dolph doch das Lachen nicht unterdrücken, beſonders da er gerade die groteske Perrücke und das häßliche, runzelige, blütenreiche Ge⸗ ſicht der Heldin dieſes lächerlichen Quiproquos betrachtete. Madame Pipelet fuhr ihrerſeits mit grinſender Freundlichkeit, die ſich noch häßlicher machte, fort: „He he he! Das war prächtig; aber hören Sie nur. Ich, ich antworte nicht, halte den Athem an und ſträube mich auch nicht. Mit einemmale aber ſchreit er auf, ſtößt mich von ſich, der grobe Menſch, als hätte er eine Spinne angegriffen. „Wer zum Teufel iſt denn da?“ fragte er. — „Ich bin es, Herr — 80⁰ Commandant, die Frau Pipelet, die Portiersfrau; ei, ei! Sie hätten Ihre Hände für ſich behalten, mich nicht umarmen, mich nicht Ihren Engel nennen und mir nicht ſagen ſollen, daß ich ſpät käme. — Wenn Alfred dazu gekommen wäre!“ — „Was zum Teufel! wollen Sie?“ fragte er wüthend. — „Herr Com⸗ mandant,“ ſagte ich, „die Dame iſt in einem Fiacre angekom⸗ men.“ — „Nun, ſo führen Sie die Dame herauf. Wie dumm Sie ſind! Habe ich Ihnen nicht geſagt, Sie ſollten die Dame ſo⸗ gleich heraufführen?“ Ich ließ ihn reden, immer reden. „Ja, Herr Commandant,“ ſagte ich dann, „Sie haben Recht, Sie ha⸗ ben mir geſagt, die Dame heraufzuführen.“ — „Nun?“ — „Die Dame —“ — „So reden Sie aber doch!“ — „Die Dame iſt wieder fortgefahren.“ — „So haben Sie gewiß etwas Albernes geſagt oder gethan,“ fuhr er mich noch wüthender an. — „Nein, Herr Commandant, die Dame iſt gar nicht ausgeſtiegen; als der Kutſcher den Schlag aufmachte, ſagte ſie ihm, er möchte ſie wie⸗ der dahin fahren, wo er ſie abgeholt habe.“ — „Der Wagen kann noch nicht weit fort ſein!“ ſagte der Commandant, und er ſturzte nach der Thüre zu. „O doch,“ antwortete ich, „er iſt ſchon länger als eine Stunde fort.“ — „Eine Stunde! — eine Stunde; Und warum ſagen Sie mir das erſt jetzt?“ ſprach er in noch viel größerem Zorne. — „Hm! — weil wir fürchteten, Sie würden ſich ärgern, daß Sie auch diesmal leer ausgegangen ſind.“ Warte, dachte ich, das ſoll Dich lehren, Ekel und Abſchen zu zei⸗ gen, wenn Du mich angegriffen haſt. — „Machen Sie, daß Sie fortkommen,“ fuhr er mich an, „Sie ſprechen und thun nur dum⸗ mes Zeug.“ Dabei zog er ſeinen türkiſchen Schlafrock aus und warf ſein griechiſches Sammtkäppchen, das mit Gold geſtickt iſt, auf die Erde — ein ſchönes Käppchen! Und der Schlafrock auch! N. 81 Das ſticht in die Augen! Der Commandant ſieht aus wie ein Johanniswürmchen. —“ „Und ſeitdem iſt weder er noch die Dame wiedergekommen?“ „Weder er noch ſie; aber hören Sie nur das Ende von der Geſchichte an,“ ſagte Madame Pipelet. Die Geheimniſſe von Paris. I. 6 XXX. Die drei Stockwerke. MWas Ende von der Geſchichte iſt das,“ fuhr die Frau Pipelet fort. „Ich zog wieder ab, um zu meinem Alfred zu ge⸗ hen und fand in meiner Stube die Portiersfrau von Nr. 19 und die Auſternhändlerin, die ihren Stand an der Thür des Liqueur⸗ fabrikanten hat. Ich erzählte ihnen, daß der Commandant mich ſeinen Engel genannt und umarmt habe. Da hätten Sie einmal das Lachen hören ſollen, und Alfred, wenn er auch ſehr melan —, ja melancholiſch, wie er es nennt, wenn er auch ſehr melancho⸗ liſch iſt ſeit der Geſchichte mit dem Unmenſchen Cabrion —“ Rudolph ſah die Frau ſtaunend an. „Nun, wenn wir näher mit einander bekannt ſind, ſollen Sie auch das erfahren. — In dieſem Augenblicke kam der Comman⸗ dant aus ſeiner Wohnung und ſchloß die Thüre zu, um fort zu gehen; da er uns aber lachen hörte, ſo wagte er ſich nicht her⸗ unter, denn er mochte fürchten, wir könnten ihn auslachen. Vor unſerer Stube mußte er vorbei. Wir erriethen dies, und die Au⸗ ſternfrau ſagte mit ihrer Stimme, die man über drei Häuſer hin⸗ weg hörte: „Pipelet, Du kommſt ſpät, mein Engel!“ Da kehrte 83 der Commandant wieder um und warf ſeine Thüre wie toll zu; er muß ein wüthiger Mann ſein, denn er hat eine weiße Naſen⸗ ſpitze. Um es kurz zu machen, er öffnete ſeine Thüre wohl zehn⸗ mal, um zu horchen, ob noch immer Leute in der Portiersſtube wären. Wir waren noch immer alle da und rührten uns nicht von der Stelle. Endlich, als er ſah, daß man nicht ging, faßte er ſich ein Herz, ſprang die Treppe herunter, warf mir den Schlüſſel zu, ohne etwas zu ſagen, und lief wüthend davon unter lautem Gelächter von unſrer Seite und während die Auſternfrau noch einmal ſchrie: „Du kommſt ſo ſpät, mein Engel!“ „Sie ſetzten ſich dabei aber der Gefahr aus, daß der Com⸗ mandant Sie nicht mehr beſchäftigte.“ „Ach, das wagt er nicht; — wir haben ihn feſt. — Wir wiſſen, wo ſeine Schöne wohnt, und wenn er uns etwas ſagt, würden wir ihm drohen, die Geſchichte zu erzählen. Und dann, wer ſollte für lumpige zwölf Franes die Aufſicht über ſeine Woh⸗ nung übernehmen? Eine Frau, die nicht im Hauſe wohnt? Der würden wir das Leben ſauer genug machen. Der Knicker der! Glauben Sie, Herr, daß er ſo genau iſt und nach ſeinem Holz⸗ vorrathe ſieht, uns die Stücke zuzählt, die wir verbrennen ſollen, bis er kommt? Er iſt gewiß ein armer Schlucker geweſen und plötzlich reich geworden. Dergleichen Leuten hängt das Sparen noch immer an; hier werfen ſie das Geld durch's Fenſter hinaus und dort knickern ſie. — Ich habe übrigens nichts gegen ihn, aber es macht mir Spaß, daß ihn ſeine Schöne an der Naſe herumführt. — Ich wette, daß es ihm morgen nicht beſſer geht. — Ich werde es der Auſternfrau ſagen, die das letztemal hier war, und wir machen uns wieder einen Spaß. Wenn ſeine Dame kommt, ſo werden wir ſehen, ob ſie eine Brünette oder Blondine 6 N ⸗ 84 und ob ſie hübſch iſt. — Wenn man bedenkt, daß ein armer Manu dabei im Spiele iſt, ſo muß man lachen, nicht wahr, Herr? Aber das iſt ſeine Sache und geht uns nichts an. Morgen wer⸗ den wir ſie ſehen und trotz ihrem Schleier, wenn ſie ihn auch uber das Geſicht hängen läßt, werden wir erfahren, welche Farbe ihre Augen haben. Sie möchte wohl, aber ſie traut nicht, wie man bei mir zu Hauſe ſagt; ſie geht zu einem Mann, thut aber, als fürchte ſie ſich. Aber nehmen Sie mir's nicht übel, daß ich den Topf vom Feuer nehme; er ſingt nicht mehr; das Fleiſch will gegeſſen ſein. — Es iſt ein prächtiges fettes Stück, und dem Alfred wird dabei das Herz im Leibe lachen, denn er ſagt ſelbſt, für ein ſchönes Stück fettes Fleiſch würde er Frankreich, ſein ſchö⸗ nes Frankreich verrathen.“ Während Madame Pipelet ſich mit ihren häuslichen Angele⸗ genheiten beſchäftigte, gingen Rudolph traurige Gedanken im Kopfe herum. 6 Die Frau, von der die Rede war (ſie mochte die Marquiſe von Harville ſein oder nicht), hatte vhne Zweifel lange gezögert, ehe ſie ein erſtes und ein zweites Rendezvous bewilligte, und war, erſchrocken über die Folgen ihres unvorſichtigen Schrittes, wahr⸗ ſcheinlich durch die Stimme ihres Gewiſſens verhindert worden, ihr gefährliches Verſprechen zu halten. Endlich gab ſie einem unwiderſtehlichen Zuge nach, kam wei⸗ nend und von tauſendfacher Angſt bewegt, an der Thüre des Hau⸗ ſes an, vernahm aber, in dem Augenblicke, als ſie ſich für immer unglücklich machen wollte, nochmals die Stimme der Pflicht und entfloh abermals der Schande⸗ ————————— — —,—— —— Und für wen ſetzte ſie ſich ſo großer Schmach, ſo großen Gefahren aus! Rudolph kannte die Welt und das menſchliche Herz; er er⸗ rieth den Charakter des Cymmandanten nach den flüchtigen An⸗ deutungen, welche die Portiersfrau über ihn gegeben hatte. War er nicht ein ſo eiteler Menſch, daß er mit einem in mili⸗ tairiſcher Hinſicht unbedeutenden Grade prahlte? Fehlte es ihm nicht ganz an Takt, da er ſich nicht in das tiefſte Incognito hullte, um den verbrecheriſchen Schritt einer Frau, die alles für ihn wagte, mit undurchdringlichem Dunkel zu umgeben? War er nicht ſo thöricht und geizig, daß er nicht einſah, wie er, um ei⸗ nige Louisd'ors zu erſparen, ſeine Geliebte dem gemeinen, inſolen⸗ ten Geſpötte der Leute im Hauſe ausſetze? Wenn am andern Tage die unglückliche junge Frau, durch einen verderblichen Einfluß getrieben, zitternd und weinend zu dem Rendezvvus kam, die Größe ihres Vergehens wohl fühlte und in ihrer Angſt nur ihr blindes Vertrauen auf die Diseretion und die Ehrenhaftigkeit des Mannes hatte, dem ſie mehr als ihr Leben gab, ſie ſollte die neugierigen frechen Blicke einiger gemeiner Weiber ertragen, vielleicht die unzüchtigen Späße derſelben anhören! Welche Schande! Welche Lehre! Welches Erwachen für eine Ver⸗ irrte, die bis dahin vielleicht in den reizendſten, pvetiſchen Illu⸗ ſionen der Liebe gelebt hat! Wird der Mann, um deſſenwillen ſie ſo großer Schande, ſo großen Gefahren trotzt, die herzzerreißende Angſt, deren Urſache er iſt, wenigſtens fühlen? Nein. Arme Frau! Die Leidenſchaft verblendet ſie und treibt ſie zum letztenmale an den Rand des Verderbens. Ein muthiges 86 Aufraffen ihrer Tugend rettet ſie noch einmal. — Was wird der Mann bei dem Gedanken an dieſen ſchmerzlichen Kampf em⸗ pfinden? Er wird ärgerlich, unwillig darüber ſein, daß er ſich dreimal vergebens bemühte, und daß ſeine thörichte Eitelkeit ſchwer belei⸗ digt iſt — in den Angen ſeines Portiers. Ein letzter Zug der großen Tactloſigkeit des Mannes iſt end⸗ lich, daß er ſich zu dieſem erſten Rendezvous auf eine Art kleidet, welche eine Frau, auf der bereits Verlegenheit und Schaam ſchwer laſten, in die größte Verlegenheit bringen, ihre Schaam auf's Höchſte ſteigern muß. Ach, dachte Rudolph, welche ſchreckliche Lehre, wenn die Frau (die ich hoffentlich nicht kenne) hören könnte, in welchen häßlichen Ausdrücken man von einem, allerdings verbrecheriſchen Schritte ſprach, der ihr aber ſo große Liebe, ſo viele Thränen, ſo große Angſt und ſo heftige Gewiſſenspein koſtete! Dann fragte ſich Rudolph, als er daran dachte, daß die Mar⸗ quiſe von Harville die traurige Heldin dieſes Abenteuers ſein könnte, nach welcher Verirrung, durch welches traurige Schickſal der Herr von Harville, ein junger, geiſtreicher, hingebender, edel⸗ ſinniger Mann, der ſeine Frau wirklich zärtlich liebte, einem offen⸗ bar albernen, geizigen, ſelbſtſüchtigen und lächerlichen Menſchen aufgevpfert werden könnte. Hatte ſich die Marquiſe nur in das Aeußere jenes Mannes verliebt, der ſchön ſein ſollte? Rudolph kannte aber doch die Marquiſe vvn Harville als eine Frau von Geiſt, Gemüth, Geſchmack und Charakter; ihr Ruf war nie auch nur durch den geringſten Hauch getrübt worden. Wo hatte ſie jenen Mann kennen gelernt? Rudolph ſah ſie ziem⸗ lich oft und etinnerte ſich nicht, in dem Hoͤtel Harvilles einen 87 Mann bemerkt zu haben, den man Commandant nannte. So überredete er ſich nach reiflicher Ueberlegung ſo ziemlich, daß die Geliebte des ſogenannten Commandanten die Marquiſe nicht ſein könnte. Nachdem die Portiersfrau ihre Kochpflichten erfüllt hatte, ſetzte ſie ihr Geſpräch mit Rudolph fort. „Wer wohnt im zweiten Stock?“ fragte er ſie. „Die Mutter Burette; eine kluge Kartenſchlägerin. — Sie lieſt Ihnen in der Hand wie in einem Buche. Es kommen ſehr vornehme Leute zu ihr, um ſich von ihr wahrſagen zu laſſen, und ſie verdient viel Geld. Das Wahrſagen iſt überdies nur eine ihrer Beſchäftigungen.“ „Was treibt ſie ſonſt noch?“ „Sie leiht auf Pfänder, und das wird für Sie, einen jungen Mann, eine Veranlaſſung mehr ſein, in das Haus zu ziehen.“ „Warum?“ „Ich meine nur ſo. Es kommt bald die Carnevalszeit, in der manchen, die ſonſt immer Geld haben, das Geld ausgeht. Da iſt es denn doch bequem, ein Hülfsmittel im Hauſe zu haben, ſo daß man nicht zur Tante (— ins Leihhaus —) zu gehen braucht, was nicht alten angenehm iſt, denn da ſieht und weiß es die ganze Regierung. Und die Frau im zweiten Stock iſt über⸗ dies billiger als das Leihhaus; man bekommt bei ihr keine Hau⸗ fen Papiere, Empfangsſcheine, Zettel, gar nichts. Bringen Sie zu der Mutter Burette ein Hemd, das drei Franes werth iſt, ſo leiht ſie Ihnen zehn Svus darauf; nach acht Tagen bringen Sie ihr zwanzig Sous und bekommen Ihr Hemd wieder; wenn nicht, ſonbehält ſie es. Das iſt doch ſehr einfach, nicht wahr? immer eine runde Summe; ein Kind kann es einſehen.“ 88 „Es iſt wirklich ſehr verſtändlich; ich glaubte aber, es ſei verboten, auf Pfänder zu leihen.“ „Ach, ha! ha! ha!“ lachte die Frau laut aufz — Sie vom Dorfe, junger Herr? — aber nehmen Sie mir 's nicht übel, ich rede mit Ihnen als wäre ich Ihre Mutter.“ „Sie ſind ſehr gütig.“ „Es iſt freilich verboten, auf Pfänder zu leihen, aber wenn man nur thun wollte, was erlaubt iſt, müßte man den ganzen Tag die Hände in den Schooß legen. Die Mutter Burette ſchreibt nichts, giebt keinen Empfangsſchein; man hat alſo keine Beweiſe gegen ſie, und ſie lacht die Polizei aus. Sie ſollten einmal ſe⸗ hen, was man alles zu ihr bringt! Sie glauben nicht, auf was ſie manchmal borgt; ich habe es mit meinen eigenen Augen ge⸗ ſehen, daß ſie auf einen grauen Papagei lieh, der wie ein Beſeſ⸗ ſener ſchrie und ſchimpfte.“ „Auf einen Papagei? Aber welchen Werth —“ „Warten Sie nur; — er war bekannt, der Papagei einer Wittwe, die hier in der Nähe wohnt, Rue Sainte Avvie, Mad. Herbelot; man wußte, daß ſie ihren Papagei ſo lieb hatte wie ſich ſelbſt. Da ſagte die Mutter Burette zu ihr: „ich leihe Ih⸗ nen zehn Franes auf Ihr Vieh, aber heute über acht Tage um Mittag muß ich meine zwanzig Franes haben. —“ „Ihre zehn Franes.“ „Mit den Zinſen machte es gerade zwanzig Franes; immer eine runde Summe. — Wenn ich meine zwanzig Franes und die Fütterungskoſten nicht habe, gebe ich dem Vieh einen Peterſilien⸗ ſalat, der mit Arſenik gewürzt iſt. — Sie kannte die Frau ſchon und bekam nach ſieben Tagen ihre zwanzig Franes, während Mad. Herbelot ihren Papagei mitnahm, der den ganzen Tag nichts that ————— 89 als fluchte, ſo daß ſich Alfred entſetzte. — Sie dürfen ſich dar⸗ über nicht wundern; ſein Vater war Pfarrer, — in der Revolu⸗ tion, — wiſſen Sie? — Damals heiratheten manche Pfarrer Nonnen.“ „Ein anderes Gewerbe treibt Mutter Burette nicht?“ „Nein, ein anderes hat ſie nicht, wenn Sie wollen. — Was ſie aber in einem Zimmerchen vornimmt, in das Niemand hinein⸗ kommt außer Herr Roth⸗Arm und eine alte Einäugige, welche die Eule heißt, weiß ich nicht.“ Rudolph ſah die Frau mit Panttunt an. Dieſe erklärte ſich das Staunen ihres zukünftigen Miethman⸗ nes anders und ſagte: „Das iſt ein närriſcher Name, nicht wahr?“ „Ja. Kommt die Frau oft hierher?“ „Seit etwa ſechs Wochen iſt ſie nicht dageweſen, aber vor⸗ geſtern haben wir ſie geſehen; ſie hinkte ein wenig.“ „Und was will ſie bei der Wahrſagerin?“ „Das weiß ich nicht. Was das Wirthſchaften in dem klei⸗ nen Zimmer betrifft, in welches die Eule mit dem Herrn Roth⸗ Arm und der Mutter Burette allein hineingeht, ſo habe ich nur bemerkt, daß die Einäugige ſowohl wie Herr Roth⸗Arm immer ein Packet unter dem Mantel brachten, aber nicht wieder mitnahmen.“ „Und was enthielten dieſe Packete?“ „Das weiß ich wieder nicht. Sie müſſen einen Bund mit dem Teufel haben, denn es riecht immer, wenn ſie in dem kleinen Zimmer ſind, wie Schwefel, Kohle und Zinn, und dann hört man ſie blaſen, Flaſen, blaſen — wie Blaſebälge. Die Mutter Bu⸗ rette muß da an ihrer Zauberei arbeiten, wenigſtens hat mir es 90 der Herr Cäſar Bradamanti ſo geſagt, der im dritten Stock wohnt. Das iſt ein gelehrter Mann, der Herr Bradamanti! Er iſt ein Italiener, ob er gleich ſo gut franzöſiſch ſpricht wie Sie und ich; man hört es zwar, daß er ein Ausländer iſt, aber das bleibt ſich gleich, er iſt ein Gelehrter, verſteht ſich auf die Kräuter und nimmt den Leuten die Zähne aus nicht des Geldes, ſondern der Chre wegen; ja, Herr, der puren Ehre wegen. Sie können ſechs ſchlechte Zähne haben, — er ſagt es ſelbſt jedem, der es hören will, — er zieht Ihnen die fünf erſten ganz umſonſt aus und läßt ſich nur für den ſechsten bezahlen. — Seine Schuld iſt es nicht, wenn Sie nicht ſechs haben.“ „Sehr edelmüthig.“ „Dann verkauft er ein ſehr gutes Waſſer, das das Ausfallen der Haare verhindert, Angenſchmerzen heilt, Hühneraugen zerſtört, den Magen ſtärkt und die Ratten vertreibt ohne Arſenik. —“ „Daſſelbe Waſſer, welches den Magen ſtärkt?“ „Daſſelbe Waſſer.“ „Es vertreibt auch die Ratten?“ „Nicht eine verſchont es, weil das, was dem Menſchen ge⸗ ſund, für die Thiere Gift iſt“ „Richtig, Madame Pipelet; daran hatte ich nicht gedacht.“ „Daß das Waſſer ſehr gut iſt, geht daraus hervor, daß es aus Kräutern, welche Herr Cäſar auf den Bergen des Libanon geſammelt hat, und aus dergleichen aus Amerika bereitet, woher er auch ſein Pferd mitbrachte, das wie ein Tiger ausſieht; es iſt ganz weiß mit braunen Flecken. — Wenn der Herr Cäſar Bra⸗ damanti in ſeinem rothen Fracke mit gelben Aufſchlägen und mit ſeinem Federhute auf dem Pferde ſitzt, könnte er ſich für Geld ſe hen laſſen, denn, allen Reſpect! er ſieht dann aus wie Judas 91 Iſcharioth mit dem großen rothen Barte. Seit einem Monate hat er den Sohn des Herrn Roth⸗Arm, den kleinen Lahmen, zu ſich genommen und ihn wie einen Troubadour herausgeputzt mit einem ſchwarzen Barett, einem Kragen und einem aprikoſengelben Wamms. Er muß die Trommel ſchlagen um Herrn Cäſar herum, um Kunden anzulocken, und dann das Tigerpferd des Zahnarztes füttern und abwarten.“ „Der Sohn Ihres Hauptmiethers ſcheint eine ſehr beſchei⸗ dene Rolle zu ſpielen.“ „Der Vater will ihn in gute Zucht geben, denn er ſagt ſelbſt, der Junge würde ſonſt auf dem Schaffot ſterben. Und da hat er Recht, denn der Junge iſt boshaſt wie ein Affe und ſpielt dem armen Herrn Cäſar Bradamanti, der der ehrlichſte und beſte Mann iſt, manchen Streich. Wir achten und lieben ihn ſehr, denn er hat Alfred von einem böſen Rheumatismus curirt. Manche Leute freilich ſind ſo ſchlecht, daß ſie, — aber nein, — die Haare ſte⸗ hen einem dabei zu Berge. Alfred ſagt, wenn es wahr wäre, müßte er auf die Galeeren. —“ „Wenn was wahr wäre?“ „Ich wage es nicht zu ſagen, ich werde es nie wagen. —“ „So ſprechen wir nicht mehr davvn.“ „Das einem jungen Herrn zu ſagen. —“ „Sprechen wir nicht davon, Mad. Pipelet.“ „Da Sie aber in unſer Haus ziehen wollen, ſo müſſen Sie wiſſen, daß es Lügen ſind. — Sie können mit Herrn Bradamanti bekannt und ſein Freund werden; wenn Sie aber an ſolche Ge⸗ rüchte glaubten, würden Sie ſich vor ihm in Acht nhe „Sprechen Sie. —“ . „Man ſagt, daß wenn einmal ein Mädchen einen — 92 Streich gemacht hat, — Sie verſtehen mich ſchon, nicht wahr? und die Folgen fürchtet —“ „Nun?“ „Ich kann es nicht heraus bringen. — „Was denn?“ „Nein, es geht nicht, und übrigens iſt es dummes Zeug. —“ „Sagen Sie es immerhin.“ „Es ſind Lügen. —“ „Es ſchadet nichts.“ „Die böſen Männer. —“ „Aber —“ „Leute, dir den Herrn Cäſar um ſein Tigerpferd beneiden — „Was ſagen dieſe Leute?“ 36 ſchäme mich.“ „Aber in welchen Verhältniſſen kann ein Mädchen, das einen Fehltritt gethan hat, mit dem Charlatan ſtehen?“ „Ich behaupte nicht, daß es wahr iſt —“ Aber in's Himmels Namen! was denn?“ rief Rudolph, dem ℳ. die Geduld ausging. „Hören Sie, junger Herr,“ fuhr die Frau in feierlichem Tone fort, „ſchwören Sie mir auf Ihre Ehre, gegen Niemanden etwas davon zu ſagen?“ „Wenn ich gehört haben werde, was es iſt, werde ich ja vder nein ſagen.“ „Ich entdecke es Ihnen nicht wegen der ſechs Franes, 5 Sie mir verſprochen haben, auch nicht wegen des Louisd'ors — „Sehr wohl.“ „Sondern weil ich glaube, daß ich mich auf Sie berlaſſeſ tunn 93 ai recht. —“ „Und um dem armen Herrn Bradamanti nützlich zu ſein, in⸗ dem ich den Lügen widerſpreche.“ „Ihre Abſichten ſind ganz vortrefflich, ich zweifle nicht daran; alſo —2“ „Man ſagt alſo, — aber es darf nicht unter die Leute kommen —“ „Gewiß nicht; man ſagt alſo?“ „Sehen Sie, ich bringe es wieder nicht heraus. — Ich will es Ihnen in's Ohr ſagen, — damit es Niemand hört. — Bin ich nicht wie ein Kind?“ Und die Alte murmelte einige Worte in das Ohr Rudolphs, der dabei ſchauderte. — „Das iſt ja aber entſetzlich!“ ſprach er, indem er unwillkür⸗ lich aufſtand und entſetzt um ſich blickte, als laſtete ein Fluch auf dieſem Hauſe. „Mein Gott! Mein Gott!“ ſprach er halblaut vor ſich hin, — „ſo entſetzliche Verbrechen ſind möglich! Und die häßliche Alte da bleibt ganz ruhig und gleichgiltig bei der grauenhaften Sache, die ſie mir mittheilt!“ Die Frau hörte nicht, was Rudolph ſagte, und fuhr fort, wäh⸗ rend ſie ſich mit häuslichen Arbeiten beſchäftigte: „Nicht wahr, das ſind abſcheuliche Verläumdungen? Ein Mann, der Alfred von dem Rheumatismus befreit, ein Mann, der ein getiegertes Pferd vom Libanon mitgebracht hat, — ein Mann, der ſich erbietet, von ſechs Zähnen fünf umſonſt herauszuziehen, — ein Mann, der Atteſte von ganz Europa hat und ſeinen Mieth⸗ zins mit dem Punkte bezahlt! — ich glaube es nicht, und wenn ich ſterben ſollte.“ 94 Während Madame Pipelet ſo ihre Entrüſtung über die Ver⸗ leumder ausſprach, gedachte Rudolph des Briefes an den Char⸗ latan, der angekommen, auf ſchlechtes Papier mit verſtellter Hand geſchrieben und auf dem ein Theil der Adreſſe durch Thränen halb ausgelöſcht war. Rudolph ſah in dieſer Thräne, in dem vᷣitnnehi Briefe an dieſen Mann ein Drama. Ein ſchreckliches Drama! Eine Ahnung ſagte ihm, daß die grauenvollen Gerüchte, die über den Italiener umliefen, begründet wären. — Da kommt Alfred,“ ſagte die Frau des Portiers, „er wird Ihnen auch ſagen, daß nur böſe Zungen den armen Herrn Bra⸗ damanti, der ihm von einem Rheumatismus geholfen hat, ſolcher gräulichen Dinge beſchuldigen.“ XXXI. Berr Pipelet. ir müſſen den Leſer daran erinnern, daß die Ereigniſſe ſich im Jahre 1838 zutrugen. Pipelet trat ernſt und bedächtig in die Stube herein; er war ungefähr ſechszig Jahre alt, hatte eine ungeheure Naſe, einen reſpectabeln Schmerbauch und ein dickes Geſicht, ähnlich dem ei⸗ nes Nürnberger Nußknackers. Auf dem Kopfe trug er einen vor Alter roth gewordenen Hut mit breiten Krämpen. Alfred, der dieſen Hut eben ſo wenig abſetzte wie ſeine Frau ihre phantaſtiſche Perrücke ablegte, trug einen alten grünen Frack mit ungeheuren Schößen und von Fett glänzenden und ſtarrenden Klappen. Trotz dem Hute aber und dem grünen Fracke, die ihm etwas Feierliches gaben, hatte Pipelet das beſcheidene Zeichen ſei⸗ nes Standes, das Schurzfell, nicht abgelegt, deſſen röthliches Dreieck man auf der langen Weſte ſah, welche eben ſo viele Farben hatte wie die Bettdecke ſeiner Frau. Der Portier grüßte Rudolph allerdings mit einer gewiſſen Freundlichkeit, aber das Lächeln dieſes Mannes war ſehr bitter. 96 Man las darin den Ausdruck einer tiefen Melancholie, wie Madame Pipelet bereits zu Rudolph geſagt hatte. „Alfred, der Herr will das Zimmer und das Schlafcabinet im vierten Stockwerke miethen,“ ſagte die Frau, indem ſie Ru⸗ volph ihrem Manne vorſtellte, und wir haben bis zu Deiner An⸗ kunft ein Glas Liqueur getrünken, den er holen ließ.“ Durch dieſe zarte Aufmerkſamkeit gewann Rudolph ſogleich das Vertrauen Pipelets; er legte die Hand an den vordern Rand ſeines Hutes und ſagte mit einer Baßſtimme, die eines Cantors nicht unwürdig geweſen ſein würde: „Wir werden Sie als Portiers zufrieden ſtellen, wie Sie uns as Miether zufrieden werden; und gleich geſellt ſich gern. —“ Dann unterbrach er ſich und ſagte mit einer g6 en Aengſt⸗ lichkeit zu Rudolph: „Aber Maler dürfen Sie nicht ſein.“ „Das bin ich nicht, ſondern Handlungsdiener.“ „In dieſem Falle mache ich Ihnen mein Compliment wünſche der Natur Glück, daß Sie von ihr nicht wie die Unmen⸗ ſchen, die Künſtler, gemacht wurden.“ „Die Künſtler — Unmenſchen?“ fragte gunh „Pipelet erhob, ſtatt zu antworten, ſeine beide Hände gen Himmel und ließ ein gewiſſes unwilliges Aechzen hören. „Die Maler haben das Leben Alfreds vergiftet und ihn zu der Melancholie gebracht, von der ich ſchon mit Ihnen ſprach,“ ſagte die Frau Pipelets leiſe zu Rudolph. Dann ſetzte ſie laut und in ſchmeichelndem Tone hinzu: „ſei vernünftig, Alfred, und denke nicht mehr an jenen Flegel; Du ärgerſt Dich ſonſt, und das Eſſen ſchmeckt Dir nicht.“ 97 „Nein, ich werde Muth faſſen und vernünftig ſein,“ antwor⸗ tete Pipelet mit reſignirter trauriger Würde; „er hat mir viel Kum⸗ mer gemacht, — er war mein Verfolger, — mein Henker eine lange Zeit, — aber jetzt verachte ich ihn. — Die Maler,“ ſetzte er zu Rudolph gewendet hinzu, „ja, Herr, ſind eine Peſt im Hauſe, der Ruin des Hauſes.“ „Haben Sie einen Maler im Hauſe gehabt?“ „Leider haben wir einen im Hauſe gehabt,“ antwortete Pi⸗ pelet, „und noch dazu einen, der Cabrion hieß.“ Der Portier ballte bei dieſer Erinnerung trotz ſeiner ſchein⸗ baren Ruhe krampfhaft die Fäuſte. „War es der letzte Inhaber des Zimmers, das ich miethen will?“ fragte Rudolph. „Nein, der letzte Abmiether war ein braver, würdiger junger Mann Namens Germain; vor ihm wohnte Cabrion da. Ach Herr, dieſer Cabrion hat mich, ſeit er fort iſt, faſt zur Verzweif⸗ lung, zum Wahnſinne gebracht.“ „Bedauerten Sie ſein Ausziehen ſo ſehr?“ fragte Rudolph. „Bedauern? Cabrion?“ wiederholte der Portier ſtaunend, „Cabrion bedauern? Bedenken Sie nur, daß Herr Roth⸗Arm, der das Haus im Ganzen gemiethet hat und im Einzelnen wieder vermiethet, ihm den Zins auf ein halbes Jahr herauszahlte, um ihn nur fortzubringen. Sie haben keine Idee von den ſchreckli⸗ chen Streichen, die er uns und den andern Hausbewohnern ſpielte. Um nur eins zu erwähnen, er blies auf jedem nur erdenklichen Blasinſtrumente, um die Hausbewohner zu ärgern; ja, Herr, von dem Jagdhorne bis zu dem Serpent ſpielte er Alles, und er ging in der Bosheit ſogar ſo weit, daß er falſch blies, und abſichtlich ganze Stunden lang. Es war zum Närriſchwerden. Wohl zwan⸗ Die Geheimuiſſe von Paris. I. 7 98 zigmal haben wir uns Alle an Herrn Roth⸗Arm gewendet, er möchte den Menſchen hinausjagen. Endlich gelang es, indem man ihm eine halbjährliche Miethe zahlte; iſt das nicht närriſch? — einem Abmiether Miethe zu zahlen! Aber wir hätten gern eine Jahres⸗ miethe gezahlt, um ihn nur loszuwerden. — Er zog aus, und Sie denken, nun waren wir ihn los? Gott bewahre! Den andern Tag, um elf Uhr Abends, als ich ſchon im Bette lag, ging es: paff! paff! Ich ſtehe auf und mache auf. „Guten Abend, Portier,“ ſagte eine Stimmez „w ollen Sie mir wohl eine Locke von Ihrem Haare geben?“ Meine Frau rief mir zu: „es iſt Jemand, der ſich im Hauſe irrt,“ und ich ſagte zu dem Unbekannten: „Das iſt nicht hier, ſondern nebenan.“ — „Das Haus hat doch die Nummer 177 Der Portier heißt Pipelet?“ antwortete die Stimme. — „Ja,“ ſagte ich, „ich heiße Pipelet.“ — „Nun alſo, Freund Pipelet, ich bitte Sie um eine Haarlocke für Cabrion; er wünſcht ſie dringend und wird ſich nicht abweiſen laſſen.“ Pipelet ſah Rudolph kopſſchüttelnd an und ſchlug die Arme über der Bruſt über einander. „Verſtehen Sie?“ fuhr er dann fort, „mich, ſeinen Todfeind, den er mit Schimpfreden überhäuft hat, erſucht der unverſchämte Menſch um eine Haarlocke, eine Gunſt, welche Damen ſogar ihren Geliebten bisweilen abſchlagen.“ „Weun nur Cabrion wenigſtens ein guter Miether geweſen wäre wie Herr Germain!“ antwortete Rudolph mit unverwüſtlicher Gelaſſenheit. „Auch wenn er ein guter Miethsmann geweſen wäre, würde ich ihm keine Locke bewilligt haben,“ ſagte der Mann im Hute majeſtätiſch; „es iſt gegen meine Grundſätze und Gewohnheiten, — 99 aber ich würde mir es zur Fflicht, zum Geſetze gemacht haben, ihm ſein Geſuch artig abzuſchlagen.“ „Das iſt noch nicht Alles,“ fiel die Frau des Portiers ein; „denken Sie ſich, ſeit dieſem Tage hat der ſchreckliche Cabrion früh, Abens, in der Nacht, zu jeder Stunde einen Schwarm von Plagegeiſtern losgelaſſen, die einer nach dem andern kamen, um Alfred um eine Locke von ſeinem Haare zu bitten — und immer für Cabrivn.“ „Ich aber habe nicht nachgegeben,“ ſagte Pipelet mit ent⸗ ſchloſſener Miene; „ich hätte mich eher auf das Schaffot ſchleppen laſſen. Nach drei oder vier Monaten hartnäckiger Ausdauer von ihrer und unerſchütterlichen Widerſtandes von meiner Seite hat meine Energie über die Gegner triumphirt. Sie ſahen, daß ſie es mit einem eiſernen Menſchen zu thun hatten, und mußten von ihren unverſchämten Forderungen abſtehen. Aber da, da fühle ich es,“ ſetzte Alfred hinzu, indem er die Hand auf ſein Herz legte. — „Mein Schlaf könnte nicht unruhiger ſein, wenn ich die ſchreck⸗ lichſten Verbrechen begangen hätte. Jeden Angenblick fuhr ich aus dem Schlafe auf und glaubte die Stimme des verdammten Cabrion zu hören. Ich traute keinem Menſchen mehr, in jedem fürchtete ich einen Feind, und ſo kam ich um meine Ruhe. Ich konnte kein fremdes Geſicht da an dem Fenſter erſcheinen ſehen, ohne zu erſchrecken und zu fürchten, es möchte Einer von der Bande Cabrions ſein. — Sogar jetzt bin ich noch argwöhniſch, mürriſch, verdrüßlich und ſpreche mit mir ſelber wie ein Uebelthäter; ich fürchte mich, mein Herz vor einem neuen Bekannten auszuſchütten, weil er zu der Bande Cabrions gehören könnte; an nichts finde ich mehr Geſchmack.“ 7 * 100 Hier legte Pipelets Frau den Zeigefinger an ihr linkes Auge, als wollte ſie eine Thräne abwiſchen, und nickte bejahend. Alfred fuhr in immer kläglicherem und wehmüthigeren Tone fort: „Hatte ich Unrecht, Herr, als ich Ihnen ſagte, jener teufliſche Cabrion habe mein Leben vergiftet?“ und Pipelet neigte mit einem tiefen Seufzer ſeinen breit⸗ krämpigen Hut unter der Laſt dieſes ungeheuern Unglücks. „Ich begreife jetzt, daß Sie die Maler nicht lieben,“ ſagte Rudolph, „aber Herr Germain, von dem Sie ſprachen, hat Sie doch für Cabrion entſchädigt?“ „Ach ja, er war ein guter, würdiger junger Mann, treu wie Gold, dienſtwillig, gar nicht ſtolz und ſehr luſtig, aber luſtig in einer Art, die Niemanden beläſtigte, wie es der Cabrivn that, den der Teufel holen mag.“ „Nun, beruhigen Sie ſich nur, mein lieber Herr Pipelet, und ſprechen Sie dieſen Namen nicht wieder aus. Wer iſt denn aber jetzt der gluckliche Hausbeſitzer, der die Perle der Abmiether, den Herrn Germain, beherbergt?“ „Iſt mir völlig unbekannt; Niemand weiß es und ſoll es wiſſen, wo der Herr Germain jetzt wohnt. Wenn ich ſage Nie⸗ mand, ſo nehme ich Mamſell Lachtaube aus.“ „Wer iſt die Mademviſelle Lachtaube?“ fragte Rudolph. „Eine Näherin, die auch im vierten Stocke wohnt,“ antwor⸗ tete die Frau des Portiers; „auch eine Perle, bezahlt ihre Miethe voraus, hält ihr Stübchen ſo nett und iſt ſo artig gegen Jeder⸗ mann, ſo luſtig und guter Dinge, arbeitet fleißig und verdient manchmal bis zwei Franes des Tages —“ „Warum aber kennt die Mademoiſelle Lachtaube allein die Wohnung Germains?“ 101 „Als er auszog,“ antwortete die Portiersfrau, „ſagte er zu uns: ich erwarte keine Briefe, ſollte aber zufällig einer ankommen, ſo übergeben Sie ihn an Mademviſelle Lachtaube,“ — und ſie ver⸗ dient allerdings ſein Vertrauen, ſogar wenn Geld in dem Briefe ſein ſollte; nicht wahr, Alfred?“ „Es ließe ſich nichts gegen Mademvoiſelle Lachtaube ſagen,“ ſprach ernſt der Portier, „wenn ſie nicht ſo ſchwach geweſen wäre, ſich von dem ſchändlichen Cabrion die Cour machen zu laſſen —“ „Was das betrifft, Alfred,“ ſetzte die Frau hinzu, „ſo weißt Du recht wohl, daß Mademviſelle Lachtaube daran unſchuldig war; — das liegt an der Oertlichkeit, denn es war gerade ebenſo mit dem Reiſediener, der vor Cabrion dort wohnte, wie es nach dem abſchen⸗ lichen Cabrion mit dem Herrn Germain war, der ihr auch den Hof machte; aber wie geſagt, das kann nicht anders ſein; es liegt an der Wohnung.“ „Alſo,“ ſagte Rudolph, „müſſen die Inhaber des Zimmers, welches ich miethen will, der Mademviſelle Lachtaube nothwendig den Hof machen?“ „Es geht nicht anders; Sie werden das einſehen. — Made⸗ moiſelle Lachtaube wohnt nebenan, — die beiden Zimmer ſtoßen an einander; und junge Leute, nun — bald iſt ein Licht anzuzün⸗ den, bald hat man ein paar Kohlen zu borgen oder etwas Waſ⸗ ſer. — Waſſer findet man bei Mademviſelle Lachtaube immer; es geht bei ihr nicht aus, ſie iſt eine wahre kleine Ente; ſobald ſie einen Augenblick Zeit hat, fängt ſie ſogleich an, ihre Fenſter und dgl. abzuwaſchen. Darum ſieht es auch immer ſo reinlich bei ihr aus, Sie werden ſich ſelbſt überzeugen —“ „Der Herr Germain ſtand alſo, der Oertlichkeit wegen, wie Sie ſagen, gut nachbarlich mit dem Mädchen?“ 102 „Ja, und man kann wohl ſagen, ſie ſind für einander geſchaf⸗ fen. Sie ſind ſo hübſch, ſo jung, man ſah ſie ſo gern am Sonntage, an welchem die armen Kinder allein freie Zeit hatten, die Treppe herunterkommen, ſie in einem hübſchen Kleide, das ſie ſich ſelbſt macht, das ihr aber immer ſteht wie einer Königin, — und er wie ein wahrer Stutzer.“ „Und Herr Germain hat das Mädchen nicht wiedergeſehen, ſeit er ausgezogen iſt?“ „Nein, es müßte denn Sonntags geſchehen ſein, denn an den andern Tagen hat das Mädchen keine Zeit, an die Liebhaber zu denken. Sie ſteht um fünf oder um ſechs Uhr auf, arbeitet bis um zehn, ja bis um elf Uhr Abends und kommt niemals aus ihrem Zimmer, ausgenvmmen früh, um einzukaufen, was ſie mit ihren zwei Canarienvögeln braucht. Sie brauchen alle drei nicht viel, — für zwei Sous Milch, etwas Brod, Vogelfutter und rei⸗ nes Waſſer; dabei zwitſchern und klappern ſie alle drei, das Mäd⸗ chen und ihre beiden Vögel, den ganzen Tag lang, daß es eine Freude iſt. Und ſie iſt ſo gut und mildthätig, ſo viel ſie nur kann, — d. h. ſie vpfert ihren Schlaf auf, denn wenn ſie auch zwölf Stunden des Tages arbeitet, verdient ſie doch kaum ſo viel wie ſie zum Leben braucht. Sehen Sie, bei den armen Leuten oben unter dem Dache, die Herr Roth⸗Arm in drei oder vier Ta⸗ gen wird aus dem Hauſe jagen laſſen, haben Mademviſelle Lachtaube und Herr Germain die Kinder mehrere Nächte gewartet und ge⸗ pflegt.“ „Es wohnt alſo auch eine arme Familie hier?“ „Eine recht arme, Herr Gott! das glaube ich. Fünf kleine Kinder, die Mutter todtkrank, die Großmutter blödfinnig und ein Mann, der nicht einmal trocknes Brod genug hat, wenn er auch —— 103 arbeitet wie ein Negerſelave. Er ſchläft nicht länger als drei Stunden des Tages, und was für ein Schlaf iſt es, wenn man durch Kinder geweckt wird, die Brod verlangen, durch eine kranke Frau, die auf dem harten Lager wimmert, oder durch die blödſinnige Alte, die bisweilen heult wie eine Wölfin — auch vor Hunger! Wenn ſie der Hunger gar zu ſehr quält, hört man ſie hier auf der Treppe ſchreien.“ „Das iſt ja entſetzlich,“ fiel Rudolph ein, „und ſteht den Leu⸗ ten Niemand bei?“ „Wir thun, was arme Leute thun können. Seit der Com⸗ mandant mir ſeine 12 Franecs monatlich giebt, um ſeine Woh⸗ nung in Stande zu erhalten, koche ich wöchentlich einmal Fleiſch, und die Armen oben bekommen Brühe. — Mademviſelle Lachtaube arbeitet in der Nacht — und das koſtet ihr Licht — um von Zeugſtückchen Kleidchen und Schürzchen für die Kleinen zu ma⸗ chen. Der arme Herr Germain war nicht hartherzig; er that als bekomme er von Zeit zu Zeit einige Flaſchen guten Wein von ſeinen Eltern, und Morel (ſo heißt der arme Mann) trank davon ein paar tüchtige Schlucke, die ihn erwärmten und eine Zeit 66 den Hunger vergeſſen ließen.“ „Der Charlatan hat nichts für die armen Leute gethan?“ „Herr Bradamanti?“ fragte der Portier; „er hat mir vom Rheumatismus geholfen, und ich verehre ihn; aber ſeit dem Tage ſagte ich zu meiner Frau: Anaſtaſia — Bradamanti — hm! hm! — habe ich Dir es geſagt, Anaſtaſia?“ „Du haſt es geſagt, — aber der Mann lacht gern, — we⸗ nigſtens nach ſeiner Art, denn er macht die 34 dabei nicht aus einander —“ „Was that er denn?“ 104 „Sehen Sie, Herr, als ich ihm von der Armuth der Morels erzählte, nachdem er ſich über die alte Blödſinnige beklagt, welche die ganze Nacht geheult und ihn dadurch am Schlafe gehindert hatte, ſagte er zu mir: „Da ſie ſo arm ſind, werde ich den Leu⸗ ten, wenn ſie ſich Zähne herausnehmen laſſen wollen, ſelbſt den ſechsten unentgeltlich ausziehen und ihnen eine Flaſche von mei⸗ nem Waſſer für die Hälfte des Preiſes geben —.“ Sehen Sie, »ob er mir gleich von dem Rheumatismus geholfen hat, ſo halte ich dies doch für einen ungebürlichen Spaß. — Aber er macht feine andern. — Und wenn ſie nur ungebürlich wären!“ „Bedenke, Alfred, daß er ein Italiener iſt. Die Italiener ſpaßen vielleicht auf dieſe Weiſe.“ „Ich habe eine ſchlechte Meinung von dieſem Manne, Ma⸗ dame Pipelet, und ich werde keine Freundſchaft mit ihm ſchließen, nicht mit ihm umgehen. — Iſt die Pfandverleiherin mildthätiger geweſen?“ „Hm! — nach der Art Bradamantis,“ ſagte die Frau, „ſie hat ihnen auf ihre ärmlichen Sachen geborgt. Alles iſt zu ihr gewandert bis auf die letzte Matratze, was freilich nicht viel ſagen will, da ſie nur zwei hatten.“ „Und ſeitdem unterſtützt ſie die Leute nicht?“ Die Mutter Burette? Ach, ſie iſt ſo geizig in ihrer Art wie ihr Schatz in der ſeinigen, denn Herr Roth⸗ „Arm und die Mutter Burette —“ ſetzte ſie mit einem bedeutungsvollen Augenblinzeln und Achſelzucken hinzu. „Wirklich?“ fragte Rudolph. „Ich glaube es —“ Seit die Frau ein gewiſſes Mitleiden mit den Unglücklichen 105 in der Dachwohnung gezeigt hatte, kam ſie Rudolph minder wi⸗ derwärtig vor. „Welchem Stande gehört der Mann an?“ „Er arbeitet in falſchen Steinen, nach dem Stücke, und hat ſich dabei ganz verdorben, Sie werden es wohl ſehen. — Ueber feine Kräfte kann der Menſch nicht gehen. — Wenn Brod für eine Familie von ſieben Perſonen zu ſchaffen iſt, muß man ſich rühren. — Seine älteſte Tochter hilft ihm ſo viel ſie kann.“ „Wie alt iſt dieſes Mädchen?“ „Siebzehn Jahre und ſchön, ſchön — wie der Tag. — Sie dient bei einem alten ſteinreichen Manne, einem Notar Jacob Ferrand.“ „Jasob Ferrand?“ fragte Rudolph verwundert über dieſes neue Zuſammentreffen; denn bei dieſem Notar oder doch bei deſſen Haushälterin mußte er Nachrichten über die Nachtigall ein⸗ ziehen. „Bei Jacob Ferrand in der Rue du Sentier?“ wiederholte er. „Richtig. Kennen Sie ihn?“ „Er iſt der Notar des Handelshauſes, in welchem ich ar⸗ beite.“ „So werden Sie auch wiſſen, daß er ein abſchenlicher Knik⸗ ker, aber, das muß man geſtehen, rechtſchaffen und fromm iſt. Alle Sonntage geht er zur Meſſe und Vesper und häufig zur Beichte, — ein heiliger Mann — die Sparcaſſe der armen Leute, die ihre Erſparniſſe bei ihm anlegen; aber geizig und zähe gegen die Andern wie gegen ſich ſelbſt. — Loniſe, die Tochter des armen Steinſchneiders, iſt nun ſeit anderthalb Jahren bei ihm im Dienſt; ſie iſt ein wahres Lamm in ihrer Sanftmuth, arbeitet dort Alles und bekommt nur achtzehn Franecs Lohn, nicht mehr und nicht we⸗ 106 niger; ſechs Franes des Monats behält ſie zu ihrem Unterhalte, das Uebrige giebt ſie ihrer Familie; es iſt freilich etwas, aber wenn ſieben Perſonen davon eſſen ſollen —“ „Der Vater verdient doch auch etwas, wenn er fleißig iſt.“ „Ob er fleißig iſt! Er iſt ein Mann, der in ſeinem Leben nicht betrunken geweſen, ruhig und ſanft wie ein Engel und möchte den lieben Gott bitten, den Tag achtundvierzig Stunden dauern zu laſſen, damit er mehr Brod für die Seinigen verdienen könnte.“ „Seine Arbeit bringt ihm alſo ſehr wenig ein?“ „Er iſt drei Monate bettlägerig geweſen, das hat ihn zurück gebracht; ſeine Frau hat bei ſeiner Wartung und Pflege ihre Ge⸗ ſundheit zugeſetzt und liegt jetzt im Sterben. — In dieſen drei Monaten haben die Leute von den zwölf Franes Louiſens, von dem, was ſie durch Verpfändung ihrer Sachen bei der Mutter Burette erhielten, und von einigen Thalern leben müſſen, die ih⸗ nen die Frau vorſchoß, welche mit falſchen Edelſteinen handelt und für die er arbeitet. Aber acht Perſonen! — Darauf komme ich immer wieder zurück. Wenn Sie die Stube der Leute ſehen ſoll⸗ ten! — Aber wir wollen nicht mehr davon reden, unſere Mahl⸗ zeit iſt bereit, und es vergeht Einem aller Appetit, wenn man nur an die Leute da oben denkt. Glucklicherweiſe wird Herr Roth⸗ Arm das Haus von ihnen befreien. Wenn ich ſage „glücklicher⸗ weiſe,“ ſo meine ich es nicht böſe. Da ſie einmal unglücklich ſein müſſen, die armen Morels, und wir nichts für ſie thun können, ſo iſt es eben ſo gut, wenn ſie anderswo unglucklich find. Wir ha⸗ ben dann eine Laſt weniger im Hauſe.“ „Wohin ſollen ſich aber die armen Leute wenden, wenn man ſie von hier vertreibt?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wie viel kann der arme Mann den Tag über verdienen?“ „Wenn er nicht ſeine Mutter, ſeine Frau und ſeine Kinder warten müßte, würde er vier bis fünf Franes verdienen, da er ſo fleißig iſt; da er aber drei Viertel ſeiner Zeit nicht arbeiten kann, ſo verdient er höchſtens einen halben Franc.“ „Das iſt freilich wenig. — Die armen Leute!“ „Ja, arme Leute, das iſt bald geſagt. — Es giebt aber ſo viele arme Leute, denen man doch nicht helfen kann, daß man ſich tröſten muß, nicht wahr, Alfred? Bei dem Troſte fällt mir aber der Liqueur ein; trinken Sie nichts davon?“ „Was Sie mir da erzählt haben, Madame Pipelet, hat mich ſehr ergriffen; trinken Sie den Liqueur mit dem Herrn Pipelet auf meine Geſundheit.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ entgegnete der Portier; „reflectiren Sie aber noch auf das Zimmer oben?“ „Allerdings; wenn es mir gefällt, gebe ich Ihnen Drauf⸗ geld.“ Der Portier ſchritt aus ſeiner Stube hinaus, und Rudolph folgte ihm. XXXM. Die vier Stockwerke. ie dunkle feuchte Treppe war an dem trüben Wintertage noch bunkler. Der Eingang zu jeder der Wohnungen in dieſem Hauſe bot dem Beobachter gleichſam einen eigenthümlichen Ausdruck dar. So war die Thüre zu der Wohnung, welche der Comman⸗ dant als Abſteigequartier benutzte, neu in der Farbe des Paliſ⸗ ſanderholzes angeſtrichen; am Schloſſe blitzte ein vergoldeter kupfer⸗ ner Drücker, und eine ſchöne Klingelſchnur mit einer rothſeidenen Quaſte ſtach grell von den ſchmuzigen alten Mauern ab. Die Thür im zweiten Stockwerke, welches die Wahrſagerin und Pfandleiherin bewohnte, gewährte einen noch ſeltſamern An⸗ blick; eine ausgeſtopfte Eule, ein höchſt ſymboliſcher und cabbali⸗ ſtiſcher Vogel, war mit den Fängen und Flügeln über der Thür angenagelt, und ein fleines mit ſtarkem Draht vergittertes Schieb⸗ fenſter geſtattete, die Ankommenden zu muſtern, bevor ihnen ge⸗ öffnet wurde. Auch die Wohnung des italieniſchen Charlatans, der, wie 109 man argwöhnte, ein ſchändliches Gewerbe betrieb, zeichnete ſich durch den ſeltſamen Eingang aus. Sein Name war, durch Pferdezähne auf einer ſchwarzen Holztafel gebildet, an der Thüre zu leſen. Die Klingelſchnur war, ſtatt wie herkömmlich in einem Ha⸗ ſen- oder Rehfuße zu endigen, an den Vorderarm und die Hand eines Affen befeſtigt. Dieſer vertrocknete Arm und die kleine Hand mit den fünf gegliederten Fingern und Nägeln ſahen grauſig aus; denn man konnte glauben, ſie rührten von einem Kinde her. Eben als Rudolph vor dieſer Thüre vorbeiging, glaubte er unterdrücktes Schluchzen zu hören; dann ſchallte plötzlich ein krampfhafter, ſchrecklicher Schmerzesſchrei durch die Stille des Hauſes. Rudolph zuckte zuſammen. 5 Mit einer gedankenſchnellen Bewegung trat er an die Thür und klingelte heftig. „Was wollen Sie, Herr?“ fragte der betroffene Portter. „Dieſer Schrei —,“ antwortete Rudolph, „haben Sie ihn nicht gehört?“ „Allerdings. — Der Herr Cäſar Bradamanti zieht wahr⸗ ſcheinlich Jemandem einen Zahn aus, vielleicht zwei.“ Dieſe Erklärung war wahrſcheinlich, ſie genügte aber Ru⸗ dolph nicht. Der entſetzliche Schrei, den er gehört hatte, ſchien ihm nicht blos der Ausdruck körperlichen Schmerzes, ſondern auch, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, der Schrei eines Seelenwehs zu ſein. Er hatte außerordentlich heftig geklingelt. Anfangs antwortete man nicht darauf. * 110⁰ Es wurden plötzlich mehrere Thüren geſchloſſen; dann ſah Rudolph hinter einem runden Fenſter neben der Thür, auf das er unwillkürlich ſeine Blicke gerichtet hatte, ein hageres, leichen⸗ blaſſes Geſicht erſcheinen. Ein Wald von röthlichem, ins Graue übergehenden Haar umgab das häßliche Geſicht, das ſich in ei⸗ nem langen Barte von der Farbe des Haupthaares endigte. Nach einer Secunde verſchwand die Erſcheinung wieder. Rudolph blieb wie verſteinert ſtehen. So kurze Zeit auch die Erſcheinung ſichtbar geweſen war, ſo glaubte er doch gewiſſe, ſehr charakteriſtiſche Zuge dieſes Mannes erkannt zu haben. Die grünen Augen, die unter den dicken, ſtarken, röthlichen Braunen funkelten, die Leichenbläſſe, die dunne, vorſpringende, wie ein Adlerſchnabel gekrümmte Naſe, deren merkwürdig ausgeweitete und ausgeſchweifte Löcher einen Theil der Naſenſcheidewand ſehen ließen, erinuerten ihn auf eine frappante Weiſe an einen gewiſſen Abbé Polidori, deſſen Namen ſchon Murph in ſeinem Geſpräche mit dem Baron von Graun verflucht hatte. Obgleich Rudolph jenen Abbé Polidori ſeit ſechszehn oder ſiebzehn Jahren nicht geſehen, ſo hatte er doch tauſend Gründe, denſelben nicht zu vergeſſen; nur das ſtörte ſeine Erinnerungen und erregte Zweifel in ihm an der Identität dieſer beiden Per⸗ ſonen, daß der Prieſter, welchen er in dieſem Charlatan mit ro⸗ them Bart und Haar wieder zu erkennen glaubte, dunkelbraun war. Rudolph (angenommen, daß ſeine Vermuthung begründet war) wunderte ſich übrigens nicht, einen Mann, der einem ge⸗ weihten Stande angehörte, einen Mann, deſſen hohen Verſtand, umfaſſendes Wiſſen und ſeltnen 655 er kannte, in dieſe Tiefe der 111 Wurdeloſigkeit, vielleicht der Niederträchtigkeit verſunken zu ſehen, weil er wohl wußte, daß mit dieſem hohen Verſtande und um⸗ faſſenden Wiſſen eine ſo tiefe moraliſche Verdorbenheit, eine ſo unordentliche Lebensweiſe, eine ſo große Völlerei und beſonders ein ſolches Prahlen mit Cynismus und Verachtung gegen Men⸗ ſchen und Dinge in Verbindung ſtanden, daß dieſer Menſch, nach⸗ dem er in verdiente Armuth verſunken, die ehrloſeſten Hülfsmittel hatte aufſuchen und eine gewiſſe ironiſche Befriedigung darin fin⸗ den müſſen, wenn er, der durch geiſtige Gaben wirklich ausge⸗ zeichnet und mit einem heiligen Charakter bekleidet war, ſich das gemeine Gewerbe eines ſchamloſen Marktſchreiers betreiben ſah. Aber, wir wiederholen es, obgleich Rudolph den Abbé Poli⸗ dori in der Kraft des Alters aus den Augen verloren hatte und dieſer nun in den Jahren des Charlatans ſtehen mußte, ſo zeigten ſich doch zwiſchen dieſen beiden Perſonen gewiſſe ſo bedeutende Unterſchiede, daß Rudolph an ihrer Identität ſtark zweifelte; trotz dem ſagte er zu Pipelet: „Wohnt Herr Bradamanti ſchon lange in dieſem Hauſe?“ — „Seit ungefähr einem Jahre, — ja, es war im Januar. Er iſt ein ſehr pünktlicher Bezahler und hat mich von einem fa⸗ moſen Rheumatismus befreit. Aber, wie ich Ihnen ſchon ſagte, er hat einen Fehler, er ſchont in ſeinen Reden gar nichts.“ „Wie ſo?“ „Ich bin auch gerade kein Tugendheld,“ antwortete Pipelet ernſthaft, „aber zwiſchen Lachen und Lachen iſt doch ein Un⸗ terſchied.“ „Er iſt alſo ſehr luſtig?“ „O nein, luſtig iſt er nicht, im Gegentheil, er ſieht aus wie eine Leiche; aber wenn er auch Piemals mit dem Munde lacht, ſo 6 112 lacht er doch immer in Worten; für ihn giebt es weder Vater noch Mutter, weder Gott noch Teufel, er witzelt über Alles, — ſelbſt über ſein Laſter, Herr, über ſein eigenes Laſter. Ich kann es Ihnen nicht verſchweigen, bei ſeinen Späßen und Witzen ſchau⸗ ert mich's manchmal, und es überläuft mich eiskalt. Wenn er eine Viertelſtunde unten in meiner Stube geſeſſen und unanſtän⸗ dig über die faſt nackten Frauenzimmer der verſchiedenen wilden Länder geſprochen, die er beſucht hat, und ich bin dann mit mei⸗ ner Anaſtaſia wieder allein, ſo kommt mir es vor, als hätte ich ſie weniger lieb, ob ich gleich ſeit ſieben und dreißig Jahren an ſie gewöhnt bin und mir's zum Geſetze gemacht habe, ſie zu lie⸗ ben. Sie werden lachen, aber ich ſage es noch einmal, wenn Cäſar fort iſt, nachdem er von Feſtmählern der Fürſten geſprochen hat, denen er beiwohnte, um zu ſehen, wie ſich die Zähne mach⸗ ten, die er ihnen eingeſetzt hatte, ſo ſchmeckt mir Alles bitter, und ich habe keinen Hunger mehr. — Ich liebe meinen Stand und rechne mir's zur Ehre ihm anzugehören, — ich hätte können auch Schuhmacher ſein wie mancher Ehrgeizige, aber ich glaube der Welt eben ſo große Dienſte zu leiſten, wenn ich alte Schuhe wie⸗ der zuſammenflicke. Aber, ſehen Sie, Herr, manchmal bringt mich dieſer Teufel von Cäſar durch ſeine Spöttereien dahin, daß ich bedaure, nicht auch ſo ein Stiefelfabrikant zu ſein, auf Ehre! — Und dann hat er eine gewiſſe Art, von wilden Frauenzimmern zu reden, die er gekannt hat, — ich wiederhole es, ich bin auch kein Tugendheld, aber bisweilen werde ich über und über roth,“ ſetzte Pipelet mit empörtem Schamgefühl hinzu. „Und Ihre Frau duldet das?“ „Anaſtaſia hört gern geiſtreiche Reden, und Herr Cäſar, das 5 113 muß man ihm laſſen, ſpricht ſehr geiſtreich; deshalb duldet ſie Alles. —“ „Sie hat gegen mich auch gewiſſer ſchrecklicher Gerüchte er⸗ wähnt.“ „Hat ſie davon geſprochen?“ „Aengſtigen Sie ſich nicht, ich bin verſchwiegen.“ „Sehen Sie, an ſolche Gerüchte glaube ich nicht und werde niemals daran glauben; trotzdem muß ich unwillkürlich daran denken, und dadurch wird mir bei den Späßen und Witzen des Herrn Bradamanti noch unheimlicher zu Muthe. Mit einem Worte, um Alles zu ſagen, ich haſſe den Cabrivn gewiß ſehr, und ich werde dieſen Haß mit in das Grab nehmen, — aber bisweilen kommt es mir doch vor, als könnte ich mir die gemei⸗ nen Streiche und Narrenpoſſen, die er in meinem Hauſe zu trei⸗ ben ſich unterſtand, noch eher gefallen laſſen als die Späße und Witze, die uns der Herr Cäſar vorträgt, während er die Lippen verzieht, ohne zu lachen, was mich immer an das Sterben mei⸗ nes Oheims Rouſſelet erinnert, der beim Verſcheiden die Lippen gerade ſo verzog wie es Herr Bradamanti thut.“ Dieſe Worte Pipelets über den ewigen Hohn und Spott, mit welchem der Charlatan von Allen und Allem ſprach und die züch⸗ tigſten und beſcheidenſten Freuden brandmarkte, beſtätigten die er⸗ ſten Vermuthungen Rudolphs, denn der Abbé hatte, ſobald er ſeine Heuchlermaske abgelegt, immer den kühnſten und empörend⸗ ſten Unglauben zur Schau getragen. Feſt entſchloſſen, ſeine Zweifel aufzuklären, da die Anweſen⸗ heit dieſes Prieſters in dem Hauſe ihm hinderlich ſein konnte und er immer geneigter wurde, den ſchrecklichen Schmerzensſchrei, den er gehört, auf die traurigſte Weiſe auszulegen, folgte Rudolph Die Geheimniſſe von Paris. I. 114 dem Portier in das obere Stockwerk, in welchem ſich das Zimmer befand, das er miethen wollte. Die Wohnung der Mademviſelle Lachtanbe nebenan war in Folge einer Galanterie des Malers, des Todfeindes Pipelets, leicht zu erkennen. Ein halbes Dutzend kleiner dickbäckiger Amoretten, im Ge⸗ ſchmack Watteau's leicht und geiſtreich gemalt, war um eine Art zierlicher Einfaſſung gruppirt; der eine trug einen Fingerhut, der andere eine Scheere, der dritte ein Bügeleiſen, der vierte einen kleinen Spiegel; in der Mitte der Verzierung, auf hellblauem Grunde, las man in rothen Buchſtaben: „Mademviſelle Lachtaube, Näherin.“ Das Ganze war von einer Blumenguirlande umge⸗ ben, die von dem celadongrünen Grunde der Thüre ſich gut her⸗ vorhob. Dieſes kleine Gemälde war ſehr hubſch und ſtach ebenfalls auffallend von der häßlichen Treppe ab. Auf die Gefahr hin, die noch blutenden Wunden Alfreds wieder aufzureißen, ſagte Rudolph, während er auf die Thüre des Mädchens zeigte: „Das iſt ohne Zweifel das Werk des Herrn Cabrion?“ „Ja, er hat ſich erlaubt, die friſchangeſtrichene Thüre mit ſei⸗ ner unanſtändigen Pinſelei zu verderben; nackte kleine Kinder! Amoretten nannte er ſie. Hätte nicht Mademviſelle Lachtaube ge⸗ beten, und wäre Herr Roth⸗Arm nicht ſo nachſichtig, ſo hätte ich die Malerei eben ſo weggekratzt wie die auf Ihrer Thüre.“ Und wirklich auf der Thüre war eine Palette, die an einem Nagel zu hängen ſchien, täuſchend gemalt. Rudolph folgte dem Portier in dieſes ziemlich geräumige 115 Zimmer hinein, vor dem ſich ein kleines Cabinet befand und das ſein Licht durch zwei Fenſter erhielt, die auf die Straße gingen. Rudolph hatte zu viel Gründe, dieſes Haus zu bewohnen, als daß er die Wohnung nicht hätte miethen ſollen; er gab alſo dem Portier beſcheiden vierzig Sous und ſagte: „Das Zimmer gefällt mir ſehr wohl, da iſt das Daraufgeld; morgen werde ich Meubles ſchicken. Daß ich zu dem Herrn Roth⸗ Arm gehe, iſt nicht nöthig, nicht wahr?“ „Nein; er kommt nur ſelten hierher, außer wenn er mit der Mutter Burette zu verhandeln hat. — Die Miether unterhandeln immer blos mit mir, und ich frage blos nach Ihrem Namen.“ „Rudolph.“ „Rudolph — wer?“ „Blos Rudolph, Herr Pipelet.“ „Das iſt etwas anderes; ich frage nicht aus Neugierde; der Name und der Wille ſind frei.“ „Sagen Sie, Herr Pipelet, darf ich wohl morgen als neuer Nachbar zu der Familie Morel gehen, um ſie zu fragen, ob ich ihnen in etwas dienen kann, da mein Vorgänger, Herr Germain, ſie ebenfalls nach ſeinen Kräften unterſtützte?“ „Das können Sie thun; es wird ihnen freilich nicht viel nützen, weil ſie aus dem w müſſen; ſie werden ſich aber doch darüber freuen.“ Dann ſetzte Pipelet, als komme ihm plötzlich ein Gedanke, hinzu, indem er ſeinen neuen Abmiether mit einer ſchlauen Miene anſah: „Ich verſtehe, ich verſtehe; es ſoll ein Anfang ſein, damit Sie auch bei der kleinen Nachbarin da den guten Nachbar ſpielen können.“ 8 N * 116 „Das will ich allerdings auch.“ „Es iſt auch nichts Böſes, ſondern ſo gebräuchlich. Made⸗ moiſelle Lachtaube hat gewiß ſchon gehört, daß Jeinand das Zim⸗ mer beſieht, und ſteht auf der Laner, um Sie hinuntergehen zu ſehen. Ich werde die Thür etwas ſtark zuſchlagen; geben Sie wohl Acht, wenn Sie fortgehen.“ Rudolph bemerkte wirklich, daß die mit Watteau'ſchen Amo⸗ retten ſo hübſch verzierte Thür ein wenig offen ſtand und erblickte undeutlich durch die ſchmale Oeffnung hindurch ein Näschen und ein großes, ſchwarzes, lebhaftes und neugieriges Auge; als er aber anfing langſamer zu gehen, wurde die Thür ſchnell zugemacht. „Habe ich es Ihnen nicht geſagt, daß ſie würde auf der Lauer ſtehen!“ ſagte der Portier; dann ſetzte er hinzu: „um Verzeihung, ich will nun auf mein kleines Obſervatorium gehen.“ „Was iſt das?“ „Ueber dieſer Leiter oben iſt der Vorſaal, auf den das Stüb⸗ chen Morels geht, und hinter einer Tapete iſt ein kleines ſchwar⸗ zes Loch; da hindurch kann ich ſehen und hören, als wäre ich vrinnen. Ich will nicht ſpioniren, Du lieber Gott! — ich gehe aber bisweilen daher, um zuzuſehen, wie man in das Theater geht, um ein recht ſchauerliches Stück mit anzuſehen. Komme ich dann in meine Stube hinunter, ſo glaube ich in einem Palaſte zu ſein⸗ Es iſt traurig, aber merkwürdig, wenn die Leute Fremde ſehen, verſtecken ſie ſich; ich glaube es ihnen recht wohl; wenn Sie alſo etwas von den Leuten ſehen und hören wollen, ſo kommen Sie.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Pipelet; ein andermal, morgen vielleicht benutze ich Ihr Anerbieten.“ „Wie Sie wollen, aber ich muß zu meinem Obſervatorium hinauf. Gehen Sie immer wieder hinunter, ich komme Ihnen ſchon nach.“ Und Pipelet ſtieg auf der Leiter hinauf, die zu den Dachſtu⸗ ben führte, was für ſein Alter keine ganz gefahrloſe Unterneh⸗ mung war. Rudolph warf einen letzten Blick auf die Thür der Made⸗ moiſelle Lachtaube und dachte daran, daß dieſes Mädchen, die ehe⸗ malige Gefährtin der armen Nachtigall, ohne Zweifel den Aufent⸗ halt des Sohnes des Schulmeiſters kannte, als er in der untern Etage Jemanden von dem Charlatan herauskommen hörte. Er erkannte den leichten Tritt eines Frauenzimmers und unterſchied das Rauſchen eines ſeidenen Kleides. Um nicht neugierig zu er⸗ ſcheinen, blieb Rudolph einen Augenblick ſtehen. Als er nichts mehr hörte, ging auch er hinunter. In dem zweiten Stockwerke ſah er auf einer der letzten Trep⸗ penſtufen ein Taſchentuch liegen, das er aufhob; es gehörte offen⸗ bar der Perſon an, welche aus der Wohnung des Charlatans ge⸗ „ kommen war. 8 Rndolph trat an eines der ſchmalen Fenſter, welche die Treppe beleuchteten, und betrachtete das prächtig mit Spitzen garnirte Tuch; in dem einen Zipfel waren ein L. und ein N. mit einer Herzogskrone darüber eingeſtickt. Das Taſchentuch war buchſtäblich von Thränen durchnäßt. Rudolph hatte zuerſt den Gedanken, ſchnell nachzueilen, um das Taſchentuch der Dame, die es verloren, zurückzugeben; er überlegte ſich aber, daß ein ſolcher Schritt unter ſolchen Umſtän⸗ den als Folge einer unziemlichen Neugierde erſcheinen könnte, be⸗ hielt alſo das Tuch und war ſo, ohne es zu wollen, auf die Spur 118 eines geheimnißvollen und ohne Zweifel traurigen Abenteuers ge⸗ kommen. Als er wieder bei der Frau des Portiers angelangt war, ſagte er: „Iſt eben jetzt eine Dame vorbeigegangen?“ „Ja. Eine ſchöne Dame, groß und ſchlank, mit einem „ ſchwarzen Schleier. Sie kam von dem Herrn Cäſar. Der kleine Lahme mußte ihr einen Fiacre holen, in den ſie geſtiegen iſt. Mich wunderte es, daß der Junge ſich hinten auf den Wagen ſetzte, — vielleicht um zu ſehen, wohin ſie fährt, denn er iſt nen⸗ gierig wie eine Aelſter und flink wie ein Wieſel trotz ſeinem lah⸗ men Fuße.“ So erfährt der Charlatan vielleicht den Namen und die Wohnung der Dame, dachte Rudolph. „Nun, gefällt Ihnen das Zimmer?“ fragte die Frau. „Es gefällt mir recht wohl, ich habe es gemiethet und werde morgen Meubles ſchicken.“ Der gute Gott ſegne Sie dafür, daß Sie an unſerer Thüre vorübergingen; wir werden an Ihnen einen vortrefflichen Mieths⸗ mann mehr haben. Sie ſehen ſo gutmüthig aus, und Pipelet wird Sie bald lieben. Sie werden ihn zum Lachen bringen wie Hert Germain, der ihm immer eine Poſſe zu erzählen hatte, denn er lacht gar zu gern, der arme Mann. Ehe ein Monat in's Land geht, werden wir, denke ich, gute Freunde ſein.“ ch hoffe das, Madame Pipelet, aber Sie ſchmeicheln mir.“ „Gar nicht; ich rede wie ich denke und wie mir es ums Herz iſt. Wenn Sie freundlich mit Alfred ſind, werde ich auch erkenntlich ſein; Sie werden es an Ihrem Stübchen ſehen; was die Reinlichkeit betrifft, ſo kommt keine Frau über mich, und wenn 119 Sie Sonntags zu Hauſe eſſen wollen, will ich Ihnen Dinge bra⸗ ten, nach denen Sie alle zehn Finger lecken ſollen.“ „Es iſt ausgemacht; Sie beſorgen meine kleine Wirthſchaft; morgen wird man meine Meubles bringen, und ich werde bei dem Einräumen ſelbſt zugegen ſein.“ Damit ging Rudolph fort. Die Reſultate ſeines Beſuches in dem Hauſe der Rue du Temple waren wichtig für die Aufhellung des Geheimniſſes, das er ans Licht bringen wollte, wie für die edle Neugierde, mit wel⸗ cher er die Gelegenheit ſuchte, Gutes zu thun und Böſes zu ver⸗ hindern. Dieſe Reſultate waren: Mademvoiſelle Lachtaube kannte nothwendigerweiſe die neue Wohnung des Franz Germain, des Sohnes des Schulmeiſters; Eine junge Dame, welche einiger Wahrſcheinlichkeit nach lei⸗ der die Marquiſe von Harville ſein konnte, hatte dem Comman⸗ danten für den nächſten Tag ein neues Rendezvous gegeben, das ſie vielleicht auf immer unglücklich machen konnte, und aus tau⸗ ſend Gründen nahm Rudolph den innigſten Antheil an Harville, deſſen Ruhe und Ehre ſo ſehr gefährdet zu ſein ſchienen; Ein redlicher und arbeitſamer Mann, den die ſchrecklichſte Ar⸗ muth niederdrückte, ſollte mit ſeiner Familie durch Roth⸗Arm aus dem Hauſe geſtoßen werden; Unwillkürlich hatte Rudolph einige Spuren von einem Aben⸗ teuer entdeckt, in welchem die Hauptperſonen der Charlatan Cäſar Bradamanti (vielleicht der Abbé Polidori) und eine Dame waren, die ohne Zweifel den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft angehörte; Die Eule, vor Kurzem aus dem Hoſpitale entlaſſen, in wel⸗ ches ſie nach dem Auftritte in der Wittwen⸗Allee gebracht worden 120 war, ſtand in verdächtiger Verbindung mit der ſogenannten Mut⸗ ter Burette, einer Wahrſagerin und Pfandleiherin, welche das zweite Stockwerk des Hauſes inne hatte. Nachdem Rudolph dies Alles erfahren hatte, kehrte er in ſeine Wohnung zurück und verſchob ſeinen Beſuch bei dem Notar Jacob Ferrand auf den nächſten Tag. Abends ſollte er, wie man weiß, einen großen Ball in der — ſchen Geſandtſchaft beſuchen. Ehe wir unſerm Helden dahin folgen, wollen wir einen Blick zurückwerfen auf Tom und Sarah, die in dieſer Geſchichte wich⸗ tige Rollen ſpielen. XXXIII. Tom und Sarah. arah Seyton, damals Wittwe des Grafen Mac⸗Gregor und ſieben bis achtunddreißig Jahre alt, ſtammte aus einer treff⸗ lichen ſchottiſchen Familie und war die Tochter eines Landedel⸗ mannes. Im ſiebzehnten Jahre verwaiſet, voll vollendeter Schönheit, hatte Sarah mit ihrem Bruder Tom Seyton von Halsbury Schottland verlaſſen. Die albernen Prophezeihungen einer alten Hochländerin, ih⸗ rer Wärterin, hatten die beiden Hauptfehler Sarahs, den Stolz und den Ehrgeiz, faſt bis zum Wahnſinn geſteigert, indem ſie ihr mit einer unglücklichen ausdauernden Ueberzeugung das höchſte Geſchick, — warum es nicht ſagen? — einen Thron, verhießen. Die junge Schottin glaubte an die Prophezeihung jener Wär⸗ terin und ſprach ſich ſelbſt, um ihren ehrgeizigen Glauben zu be⸗ feſtigen, fortwährend vor, daß eine Wahrſagerin der ſchönen und vortrefflichen Creolin, die auf dem Throne Frankreichs ſaß und Königin war durch Anmuth und Herzensgüte, wie es Andere durch Majeſtät ſind, die Krone ebenfalls prophezeiht hatte. Seltſam! Tom Seyton, der ſo aberglänbig war wie ſeine Schweſter, beſtärkte dieſe in ihren thörichten Hoffnungen und hatte ſich vorgenommen, der Verwirklichung des Traumes Sarahs, des eben ſo blendenden wie unfinnigen Traumes, ſein Leben zu widmen. Der Bruder und die Schweſter waren indeß nicht ſo verblen⸗ det, daß ſie feſt an der Prophezeihung der Hochländerin hielten und auf einen Thron vom erſten Range ſpeculirten, ſecundäre Kö⸗ nigreiche und ſouveraine Fürſtenthümer aber verachteten; nein, wenn nur auf der Stirn der ſchönen Schottin einſt eine Krone glänzte, die Größe der Beſitzungen derſelben beachtete das ehrgeizige Paar weiter nicht. Nach dem Gothaiſchen Hofkalender von 18.. entwarf Tom Seyton kurz vor der Abreiſe aus Schottland eine Tabelle von al⸗ len Königen und ſouverainen Fürſten Europas, die damals hei⸗ rathsfähig waren. Der Ehrgeiz der Geſchwiſter war, wenn auch ſehr abſurd, doch rein und frei von jedem ſchmachvollen Mittel; Tom ſollte ſeiner Schweſter beiſtehen, das Eheband zu ſchlingen, mit welchem ſie irgend einen Kronenträger zu feſſeln hoffte; er ſollte Theil neh⸗ men an jeder Liſt, an allen Intriguen, welche zu dieſem Zwecke führen könnten, aber lieber hätte er gewiß ſeine Schweſter umge⸗ bracht, als zugegeben, daß ſie die Maitreſſe eines Fürſten würde. Die Nachforſchungen in dem Gothaiſchen Hofkalender gaben ein befriedigendes Reſultat; Deutſchland zumal hatte eine ziem⸗ liche Anzahl junger muthmaßlicher Thronerben; Sarah war Pro⸗ teſtantin, und Tom wußte, wie leicht es in Dentſchland den Für⸗ ſten iſt, eine Ehe zur linken Hand einzugehen, die übrigens voll⸗ kommen rechtmäßig iſt und in die er im Nothfalle für ſeine Schwe⸗ 122 123 ſter eingewilligt haben würde. Beide entſchloſſen ſich alſo, zuerſt nach Deutſchland zu gehen. Wenn man den Plan für unwahrſcheinlich, dieſe Hoffnungen für unſinnig hält, ſo antworten wir darauf, daß ein maßloſer Ehrzeiz, der überdies noch durch Aberglauben geſteigert wird, in ſeinen Plänen und Abſichten ſelten vernünftig iſt und meiſt nur das Unmögliche verſucht, und wenn man ſich gewiſſer zeitgeſchicht⸗ licher Thatſachen von hohen morganatiſchen Ehen zwiſchen Sou⸗ verainen und einer Schönen aus ihren Unterthanen erinnert, läßt ſich den Einbildungen Toms und Sarahs einige Wahrſcheinlichkeit auf glücklichen Erfolg nicht abſprechen. Uebrigens müſſen wir hinzuſetzen, daß Sarah mit einer be⸗ wundernswürdigen Schönheit die verſchiedenartigſten Talente und eine um ſo größere Macht der Verführung verband, als ſie neben einem harten Gemüthe, einem gewandten und boshaften Geiſte, einer vollendeten Verſtellungskunſt und einem hartnäckigen Cha⸗ rakter einen Schein von einer edeln, warmen und leidenſchaftlichen Natur beſaß. Auch ihre körperliche Organiſation war eben ſo perfid. Ihre großen ſchwarzen Augen, die unter den ebenholzſchwar⸗ zen Brauen bald glüheten, bald ſchmachteten, konnten das Feuer der Wolluſt heucheln; aber die glühende Sehnſucht der Liebe hatte nie ihre kalte Bruſt bewegt; nie konnte das Herz, nie konnten die Sinne die kaltblütigen Berechnungen dieſes ſchlauen, ſelbſtſüchtigen und ehrgeizigen Weibes ſtören. Nach der Ankunft auf dem Continente wollte Sarah, wie ihr Bruder es ihr rieth, ihre Unternehmungen nicht beginnen, be⸗ vor ſie ſich eine Zeitlang in Paris aufgehalten, wo ſie ihre brit⸗ 124 tiſche Steifheit im Umgange mit einer eleganten, liebenswürdigen Geſellſchaft abzulegen hoffte. Sarah wurde in Folge einiger Empfehlungsſchreiben und des Wohlwollens der Gemahlin des engliſchen Geſandten, ſowie des alten Marquis von Harville, welcher den Vater Toms und Sa⸗ rahs in England kennen gelernt hatte, in die beſte und höchſte Geſellſchaft eingeführt. Falſche, kalte Verſtandesmenſchen nehmen mit überraſchender Schnelligkeit ſelbſt die Sprache und die Manieren an, welche ih⸗ rem Charakter am meiſten widerſtreben; bei ihnen iſt Alles Au⸗ ßenſeite, Oberfläche, Schein, Firniß, Rinde; ſobald man in die Tiefe geht, ſobald man ſie erräth, ſind ſie verloren; der Erhaltungsin⸗ ſtinct, den ſie beſitzen, macht ſie deshalb zur Verſtellung vollkom⸗ men geeignet. Sie legen ihr Geſicht in beliebige Falten und co⸗ ſtümiren ſich ſo ſchnell und geſchickt wie ein vollendeter Schau⸗ ſpieler. Nach einem Aufenthalte von ſechs Monaten in Paris hätte Sarah mit der pariſiſcheſten Pariſerin an pikanter Grazie des Gei⸗ ſtes, an reizender Heiterkeit, an Koketterie und der herausfordernden Naivetät ihres zugleich keuſchen und leidenſchaftlichen Blickes wett⸗ eifern können. Rachdem ſeine Schweſter auf dieſe Weiſe genügend gerüſtet war, reiſte Tom mit ihr nach Deutſchland ab, wohin er die vor⸗ züglichſten Empfehlungsſchreiben mitnahm. Der erſte Staat, welcher in dem Reiſeplane Sarahs aufge⸗ führt ſtand, war das Großherzogthum Gerolſtein, das in dem di⸗ plomatiſchen und unfehlbaren Gothaiſchen Hofkalender alſo auf⸗ gezeichnet iſt: 125 Gerolſtein. „Großherzog Maximilian Rudolph, geb. am 10. De⸗ cember 1764, ſucc. ſeinem Vater Karl Friedrich Rudolph am 21. April 1785, Wittwer ſeit dem Januar 1808 von Louiſe, Tochter des Prinzen Johann Auguſt von Burglen. Sohn: „Guſtav Rudolph, geb. den 17. April 1803. Mutter: „Großherzogin Indith, Wittwe des Großherzogs Karl Fried⸗ rich Rudolph ſeit dem 21. April 1785.“ Tom hatte wohlbedacht zuerſt auf die Liſte die Jüngſten der Fürſten geſchrieben, die er ſich zu Schwägern wünſchte, weil er wohl wußte, daß die Jugend viel leichter zu verführen iſt als das reifere Alter. Uebrigens waren, wie bereits erwähnt, Tom und Sarah an den regierenden Großherzog von Gerolſtein von dem alten Marquis von Harville dringend empfohlen, der wie Jeder⸗ mann für Sarah eingenommen war, deren Schönheit und Grazie er nicht genug bewundern konnte. Es braucht nicht geſagt zu werden, daß der muthmaßliche Thronerbe von Gerolſtein Guſtav Rudolph war; er zählte kaum achtzehn Jahre, als Tom und Sarah ſeinem Vater vorgeſtellt wurden. Die Ankunft der jungen Schottin war an dem kleinen, ſtil⸗ len, ernſten, ſo zu ſagen patriarchaliſchen Hofe ein Ereigniß. Der Großherzog, der beſte Menſch, regierte ſein Land mit weiſer Fe⸗ ſtigkeit und väterlicher Güte; es konnte in materieller und mora⸗ liſcher Hinſicht kein Staat glücklicher ſein als Gerolſtein; die Ein⸗ wohner deſſelben, arbeitſame und ernſte, mäßige und fromme Men⸗ 3 126 ſchen, bildeten gleichſam den idealen Typus des deutſchen Cha⸗ rakters. Dieſe braven Leute erfreuten ſich alſo eines ſo geruhigen Glückes, ſie waren mit ihrer Lage ſo vollkommen zufrieden, daß die erleuchtete Fürſorge des Großherzogs wenig zu thun nöthig gehabt hatte, um ſie vor der Sucht der conſtitutionellen Neuerungen zu bewahren. — Was die neuen Entdeckungen und die praktiſchen Ideen be⸗ traf, welche einen heilſamen Einfluß auf das bürgerliche und gei⸗ ſtige Wohl des Volkes haben konnten, ſo unterrichtete ſich der Großherzog ſtets davon und wendete ſie an, da ſeine Geſchäfts⸗ träger an den Höfen der verſchiedenen europäiſchen Mächte eigent⸗ lich kein anderes Geſchäft hatten als das, ihren Herrn und Ge⸗ bieter von allen Fortſchritten der Wiſſenſchaft in Bezug auf prak⸗ tiſche Nützlichkeit zu unterrichten. Wir haben bereits erwähnt, daß der Großherzog ebenſoviel Liebe wie Dankbarkeit gegen den alten Marquis von Harville fühlte, der ihm 1815 ſehr große Dienſte geleiſtet hatte; deshalb wurden denn auch wegen dieſer Empfehlung Tom und Sarah Sey⸗ ton von Halsburh am Hofe von Gerolſtein mit ganz beſonderer Auszeichnung aufgenommen. Vierzehn Tage nach ihrer Ankunft hatte Sarah, die einen ſcharfen Beobachtungsgeiſt beſaß, den feſten, lohalen, offenen Geiſt des Großherzogs erkannt; ehe ſie den Sohn gewann, was ihr nicht fehlen konnte, wollte ſie ſich der Meinung des Vaters ver⸗ ſichern. Dieſer ſchien ſeinen Sohn ſo ſehr zu lieben, daß Sarah einen Augenblick glaubte, er würde lieber in eine Mißheirath wil⸗ ligen, als ſeinen geliebten Sohn ewig unglucklich ſehen wollen. Vald aber überzeugte ſich die Schottin, daß der ſo zärtliche Vater — von gewiſſen Grundſätzen, von gewiſſen Ideen über die Pflichten der Fürſten niemals abweichen würde. Es war dies keineswegs Stolz bei ihm, ſondern Sache des Gewiſſens, der Vernunft, der Würde. Ein Mann von ſo energiſchem Charakter, der um ſo liebe⸗ voller und gütiger iſt, je feſter und ſtärker er iſt, giebt in Dingen, welche ſein Gewiſſen, ſeinen Verſtand, ſeine Würde berühren, nie⸗ mals nach. Sarah ſtand bereits auf dem Punkte, vor ſolchen faſt un⸗ überſteiglichen Hinderniſſen ihr Unternehmen aufzugeben; ſie be⸗ dachte indeß, daß auf der andern Seite Rudolph ſehr jung war, daß man allgemein ſeine Sanftmuth, ſeine Herzensgüte, ſeinen ſchüchternen und träumeriſchen Charakter rühmte, hielt den jungen Prinzen für ſchwach und unentſchloſſen und blieb ℳ bei ihrem Plane und ihren Hoffnungen. Ihr und ihres Bruders Benehmen bei dieſer Getegeuhei war ein Meiſterſtück der Gewandtheit. Das junge Mädchen wußte Jedermann und namentlich die Perſonen für ſich zu gewinnen, die auf ihre Vorzüge eiferſüchtig oder neidiſch hätten ſein können; ſie wußte durch die beſcheidene Einfachheit, in die ſie ſich hüllte, ihre Schönheit und Anmuth ver⸗ geſſen zu machen. Bald wurde ſie der Abgott nicht blos des Großherzogs, ſondern auch der Mutter deſſelben, der verwittweten Großherzogin Judith, die trotz ihren ſechsundneunzig Jahren oder vielmehr wegen derſelben, Alles, was jung und ſchön war, in 1 hohem Maße liebte. Tom und Sarah ſptachen mehrmals von ihrer Abreiſe, und niemals wollte der Souverain von Gerolſtein einwilligen. Um den Bruder und die Schweſter ganz ſich zu erſuchte 8 128 er den Baronet Tom Seyton von Halsbury, die eben varante Stelle eines erſten Stallmeiſters anzunehmen, und bat Sarah, die Großhetzogin Judith nicht zu verlaſſen, die ſie nicht mehr ent⸗ behren konnte. Nach langer Zögerung, welche durch die dringendſten Bitten bekämpft wurde, nahmen Tom und Sarah dieſe glänzenden An⸗ träge an und blieben an dem Hofe von Gerolſtein, an welchem ſie vor zwei Monaten angekommen waren. Sarah, eine ausgezeichnete Muſikkennerin, welche die Vorliebe der Großherzogin für die alten Meiſter und unter andern für Gluck kannte, ließ die Werke dieſes berühmten Mannes kommen und feſſelte die alte Fürſtin durch ihre unerſchöpfliche Gefälligkeit, ſo wie durch das Talent, mit welchem ſie jene alten ſo einfach ſchö⸗ nen, ſo ausdrucksvollen Arien ſang. Tom ſeinerſeits wußte ſich in dem Amte, das der Großher⸗ zog ihm übertragen hatte, ſehr nützlich zu machen. Er war ein vollendeter Pferdekenner, beſaß viele Ordnungsliebe und Feſtigkeit und geſtaltete in kurzer Zeit den Stalldienſt, der durch Nachläſ⸗ ſigkeit und Schlendrian ſehr heruntergekommen war, faſt ganz um. Die Geſchwiſter ſahen ſich bald an dem Hofe gleich geliebt und fotirt. Den, welcher von dem Herrn ausgezeichnet wird, zeichnen auch andere Perſonen aus. Sarah bedurfte übrigens zu ihren kunftigen Plänen zu vieler Stützpunkte, als daß ſie nicht ihre ganze Verführungskunſt aufgewendet hätte, um ſich Anhänger zu verſchaffen. Ihre Heuchelei, die ſie in die reizendſten Formen kleidete, täuſchte leicht die meiſten dieſer rechtlichen deutſchen Frauen, und bald weihete die allgemeine Liebe das große W wollen, welches ihr der Großherzog ſchenkte. So war denn unſer Paar an dem Hofe von Gerolſtein i 129 und ehrenvoll geſtellt, ohne daß auch nur einen Augenblick die Rede von Rudolph geweſen wäre. In Folge eines glücklichen Zufalls war der letztere einige Tage nach der Ankunft Sarahs mit einem Adjutanten und dem treuen Murph zu einer Truppen⸗ inſpection abgereiſt. Dieſe für die Pläne Sarahs doßpelt günſtige Abweſenheit geſtattete ihr, die Hauptfäden des Gewebes, das ſie anlegte, ord⸗ nen und anknüpfen zu können, ohne durch die Anweſenheit des jungen Prinzen gehindert und geſtört zu werden, deſſen zu ſtark ausgeſprochene Bewunderung Beſorgniß in dem Großherzoge hätte erregen können. Dieſer dachte leider bei der Abweſenheit ſeines Sohnes nicht daran, daß er ſeine Freundſchaft einem Mädchen von ſeltener Schönheit und reizendem Geiſte geſchenkt hatte, das alle Tage mit Rudolph zuſammentreffen mußte. Sarah blieb innerlich gleichgiltig gegen dieſe ſo rührende, ſo edle Aufnahme und gegen das Vertrauen, mit dem man ſie in den Schooß dieſer ſouverainen Familie aufnahm. Weder das junge Mädchen, noch der Bruder verloren ihre ſchlechten Abſichten einen Augenblick aus den Augen; ſie brachten abſichtlich und bewußt Unruhe und Kummer an den bis dahin ſo friedlichen und glücklichen Hof. Sie berechneten kaltblütig die wahrſcheinlichen Reſultate des grauſamen Zwiſtes, den ſie zwiſchen einen Vater und einen Sohn ſäeten, die bis dahin durch die in⸗ nigſte Liebe mit einander vereinigt geweſen waren. ——— Die Geheimniſſe von Paris. I. 9 30 XXXIV. Sir Walter Murph und der Abbe P udolph war von ſeiner Kindheit an von ſchwächlicher Conſtitution geweſen, und ſein Vater kam auf folgende ſcheinbar ſehr bizarre, dem Grunde nach aber ſehr verſtändige Gedanken: Die engliſchen Landedelleute zeichnen ſich meiſt durch eine eiſenſtarke Geſundheit aus. Dieſer Vorzug rührt zum großen Theile von ihrer körperlichen Erziehung her, die einfach und rauh iſt und ihre Kräfte entwickelt. Rudolph muß den Hinden der Frauen entnommen werden; wenn ich ihn gewöhne, wie der Sohn eines engliſchen Pächters zu leben (mit einiger Schonung) ſtärke ich vielleicht ſeine Conſtitutivn. Der Großherzog ließ deshalb aus Su einen würdigen Mann kommen, der im Stande war, eine ſolche Phyſiſche Etzie⸗ hung zu leiten, und Sir Walter Murph, ein herkuliſcher Land⸗ edelmann aus Yorkſhire, erhielt dieſen wichtigen Auftrag. Die Richtung, welche er dem jungen Prinzen gab, entſprach vun . men den Anſichten des Großherzogs. 131 Murph und ſein Zögling bewohnten mehrere Jahre lang ein reizendes Landgut, das mitten unter Feldern und Wäldern einige Stunden von der Stadt Gerolſtein maleriſch und geſund lag. Rudolph führte hier, frei von jeder Etikette, ein mäßiges, männliches und regelmäßiges Landleben, beſchäftigte ſich nebſt Murph mit ländlichen Arbeiten, die für ſein Alter paßten; und ſeine Vergnügungen, ſeine Zerſtreuungen waren ſtarke Leibesübun⸗ gen, das Ringen, der Fauſtkampf, das Reiten und die Jagd. In der reinen Luft der Wieſen, Wälder und Berge ſchien der junge Prinz ſich umzugeſtaälten und wurde kräftig wie eine junge Eiche; ſeine etwas krankhafte Bläſſe wich der ſtrahlenden Farbe der Geſundheit; obgleich noch immer ſchlank und ſchmäch⸗ tig, ertrug er die rauheſten Strapazen; Gewandtheit, Energie und Muth erſetzten, was ihm an Muskelkraft gebrach, und er konnte deshalb ſich bald mit jungen Leuten meſſen, die weit älter waren als er. Er ſtand damals im funfzehnten oder ſechszehnten Jahre. Auf ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung hatte die Bevorzugung der körperlichen allerdings einen weſentlichen Einfluß gehabt; Ru⸗ dolph wußte ſehr wenig; der Großherzog meinte aber mit Recht, wenn man von dem Geiſte viel verlangen wollte, müßte derſelbe durch einen kräftigen Körper unterſtützt werden, und die geiſtigen Fähigkeiten entwickelten ſich dann, wenn auch ſpät, um ſo raſcher. Der gute Walter Murph war kein Gelehrter und konnte Rudolph nur einige Elementarfenntniſſe beibringen; dagegen ver⸗ ſtand es Niemand beſſer als er, in ſeinem Schüler das Gefühl für Recht und Ehre, ſo wie den Abſchen vor allem Niedrigen, Gemeinen und Erbärmlichen zu entwickeln. Dieſe energiſche und heilſame Vorliebe und Abneigung wurzel⸗ ten für immer in der Seele Rudolphs einz ſpäter wurden zwar 9 X dieſe Grundſätze durch die Stürme der Leidenſchaften gewaltſam erſchüttert, nie aber aus ſeinem Herzen ganz herausgeriſſen. Der Blitz trifft, zerreißt und zerſplittert einen feſtgewurzelten Baum, in den Wurzeln aber wirkt der Saft immer fort, und tauſend grüne Zweige brechen aus dem Stumpfe hervor, der vertrocknet zu ſein ſchien. Murph gab alſo, wenn man ſo ſagen darf, ſeinem Zöglinge die Geſundheit des Körpers und der Seele; er machte ihn ſtark und gewandt und pflanzte ihm Theilnahme ein an allem Guten und Schönen, ſo wie Widerwillen an allem Schlechten und Böſen. Nachdem der Saquire auf dieſe Weiſe ſeine Aufgabe bewun⸗ vernswürdig gelöſt hatte, beriefen ihn wichtige Intereſſen nach England zurück, und er verließ zur großen Betrübniß Rudolphs, der ihn zärtlich liebte, auf einige Zeit Deutſchland. Er ſollte zurückkommen und ſich für immer in Gerolſtein mit ſeiner Familie niederlaſſen, nachdem er einige für ihn ſehr wich⸗ tige Angelegenheiten beendigt haben würde. Er hoffte, daß ſeine Abweſenheit höchſtens ein Jahr dauern ſollte. Der Großherzog dachte, nachdem er über den Geſundheitszu⸗ ſtand ſeines Sohnes beruhigt war, ernſtlich an die wiſſenſchaftliche Ausbildung dieſes geliebten Kindes. Ein gewiſſer Abbé Polidori, berühmter Philolog, ausgezeich⸗ neter Arzt und Geſchichtsforſcher, ein Mann, der in den eracten und phyſikaliſchen Wiſſenſchaften vollkommen erfahren war, erhielt den Auſtrag, den reichen, aber noch jungfräulichen, von Murph ſo ernſtlich vorbereiteten Boden zu bebauen und zu befruchten. Diesmal aber war die Wahl des Großherzogs eine unglück⸗ liche, oder vielmehr ſein Glaube wurde durch die Perſon, welche 133 ihm deu Abbé vorſtellte und die Annahme des katholiſchen Prie⸗ ſters zum Lehrer eines proteſtantiſchen Prinzen bewirkte, grauſam getäuſcht. Dieſe Neuerung wurde von vielen Leuten für eine nicht zu rechtfertigende gehalten, und man erwartete allgemein die traurigſten Folgen davon für die Erziehung Rudolphs. Der Zufall oder vielmehr der abſcheuliche Charakter des Abbé rechtfertigte zum Theil dieſe traurigen Vermuthungen. Der Abbé Polidori war gottlos, heuchleriſch, boshaft und verachtete das Heiligſte, was der Menſch hat; bei ſeiner Verſchla⸗ genheit und Verſchmitztheit verhüllte er leicht die gefährlichſte Im⸗ moralität und den grauenvollſten Unglauben unter einer fröm⸗ melnden ſittenſtrengen Außenſeite; er heuchelte eine übertriebene falſche chriſtliche Demuth, um ſeine einſchmeichelnde Gefügigkeit zu verſtecken, und trug ein allumfaſſendes Wohlwollen, einen ſchein⸗ bar aufrichtigen Optimismus zur Schau, um ſeine perfiden, eigen⸗ nützigen Schmeicheleien zu verbergen; er beſaß eine vollendete Menſchenkenntniß vder hatte vielmehr nur immer die ſchlechten Seiten und die ſchändlichen Leidenſchaften der Menſchen kennen gelernt und benutzt; er war mit Einem Worte der gefährlichſte Lehrer und Führer, den man einem jungen Manne geben konnte. Rudolph, der höchſt ungern das unabhängige Leben aufgab, das er bis dahin bei Murph geführt hatte, um über Büchern zu erbleichen und den ceremoniöſen Sitten und Gebräuchen am Hofe ſeines Vaters ſich zu unterwerfen, hegte vom Anfange an Wider⸗ willen gegen den Abbé. Das konnte nicht anders ſein. Der arme Squire hatte ſeinen Zögling, als er von demſel⸗ ben ſchied, mit einem jungen wilden, anmuthigen, feurigen Füllen verglichen, das auf den ſchönen Wieſen aufgewachſen und da frei 134 und fröhlich umhergeſprungen war, nun aber ſich dem Zaume, dem Zügel und den Sporen unterwerfen, ſich mäßigen und ſeine Kraft nützlich anzuwenden lernen ſollte, die es bisher nur gebraucht hatte, um frei umherzuſpringen. Rudolph erklärte dem Abbé ſogleich, daß er keinen Beruf zum Studiren fühle, daß er zuerſt ſeine Arme und Beine üben, die ſreie Luft athmen, in den Wäldern und auf den Bergen umher⸗ ſchweifen müſſe, und daß er ein gutes Gewehr und ein gutes Pferd den ſchönſten Büchern auf der Erde vorziehe. Der Prieſter antwortete ſeinem Zöglinge, daß es allerdings nichts Langweiligeres und Widerwärtigeres gebe als das Studi⸗ ren, daß aber auch nichts gröber ſein könnte als die Vergnügun⸗ gen, die er dem Studium vorziehe, Vergnügungen, die nur eines ungebildeten Bauers würdig ſeien, — kurz der Abbé entwarf eine ſo komiſche, ſo lächerliche Schilderung von dem einfachen länd⸗ lichen Leben, daß Rudolph ſich zum erſtenmale ſchämte, ſich bis dahin ſo glücklich gefühlt zu haben, und endlich den Prieſter naiv fragte, womit man ſeine Zeit hinbringen könne, wenn man weder das Studium, noch die Jagd, noch das freie Leben auf dem Lande liebe. Der Abbé antwortete geheimnißvoll, daß er ihn ſpäter davon unterrichten würde. 1 Die Hoffnungen dieſes Geiſtlichen waren, unter anderm Ge⸗ ſichtspunkte, ſo ehrgeizig wie die Sarahs. i⸗ Obgleich der Staat Gerolſtein nur zu denen des zweiten Ranges gehörte, glaubte der Abbé doch, einſt in demſelben ein Richelien werden und Rudolph zu einem Fürſten erziehen zu kön⸗ neu, der ſich um die Regierung nicht kümmert. Er fing alſo damit an, ſich ſeinem Zöglinge wo möglich an⸗ — — 135 genehm zu machen und ihm Murph zu erſetzen. Er gab ihm deshalb in Allem nach. Da Rudolph ſeine Abneigung gegen das Studium nicht überwand, ſo verſchwieg der Abbé dem Großher⸗ zoge dieſe Abneigung, rühmte vielmehr den Fleiß und die ſtau⸗ nenswerthen Fortſchritte des jungen Prinzen, und einige Prüfun⸗ gen, die vorher zwiſchen ihm und Rudolph verabredet worden waren, die aber improviſirt zu ſein ſchienen, erhielten den Groß⸗ herzog, der, wie ich nicht verſchweigen darf, freilich ſelbſt kein großer Gelehrter war, in ſeiner Verblendung und ſeinem Ver⸗ trauen. Allmälig änderte ſich der Widerwille, den der Prieſter an⸗ fangs dem Prinzen eingeflößt hatte, in eine von der ernſten Liebe zu Murph ſehr verſchiedene eavaliere Vertraulichkeit um. Rudolph ſah ſich nach und nach an den Abbé (wenn auch in ſehr unſchul⸗ digen Dingen) durch eine gewiſſe ſolidariſche Verbindlichkeit ge⸗ feſſelt, welche beide Mitſchuldige vereinigte. Früher oder ſpäter mußte er aber einen Mann von dem Charakter und dem Alter dieſes Prieſters verachten, der unwürdig log, um die Trägheit ſei⸗ nes Zöglings zu entſchuldigen. — Der Abbé wußte dies. Er wußte aber auch, daß, wenn man ſich nicht ſofort mit Unwillen von verdorbenen Geſchöpfen abwendet, man ſich unwill⸗ kürlich und allmälig an ihr oft geiſtreiches Weſen gewöhnt und unmerklich ohne Scham und Unwillen Alles, was man bisher verehrte, verſpotten und verhöhnen hören lernt. Der Abbé war übrigens zu ſchlau, um geradezu gegen ge⸗ wiſſe edle Ueberzengungen Rudolphs, die Frucht der Erziehung Murphs, anzuſtoßen. Der Prieſter verdoppelte ſeinen Spott über die plumpen Zeitvertreibe der erſten Jahre ſeines Zöglings, legte 1³6 allmälig die Maske der Sittenſtrenge ab und reizte die Neugierde Rudolphs lebhaft durch halbe Eröffnungen über das herrliche Le⸗ ben gewiſſer Fürſten in früherer Zeit; dann gab er den dringen⸗ den Bitten Rudolphs nach und entflammte, nach mancherlei ſcherz⸗ haften Bemerkungen über den ceremoniellen Ernſt am Hofe des Großherzogs, die Phantaſie des jungen Prinzen durch übertriebene und lebhaft ausgemalte Erzählungen von den Vergnügungen und Galanterien aus der Zeit Ludwigs XIV, des Regenten und be⸗ ſonders Ludwigs XV, des Helden Cäſar Polidoris. Er verſicherte dem unglücklichen Jüngling, der ihm mit ver⸗ derblicher Begierde zuhörte, daß ſelbſt übermäßige Genüſſe einem glücklich begabten Fürſten nicht nur nicht ſchadeten, ſondern ihn vielmehr gnädig und mild machten. Ludwig KV, der „Vielge⸗ liebte“, ſei ein unwiderſprechlicher Beweis von dieſer Behauptung. Und daun, ſagte der Abbé, wie viele große Männer der alten und neuen Zeit haben dem raffinirteſten Epicuräismus gehuldigt! von Antonius bis zu dem großen Condé, von Cäſar bis zu Ven⸗ dome! Solche Geſpräch⸗ mußten entiehien Schaden in einem jun⸗ gen feurigen und jungfräulichen Herzen anrichten; aber es blieb nicht dabei; der Abbé überſetzte zufällig ſeinem Zöglinge die Oden des Horaz, in welchen dieſer ſeltene Geiſt mit der reizendſten An⸗ muth die üppige Wonne eines Lebens preiſet, das ganz der Liebe und ausgeſuchten ſinnlichen Genüſſen gewidmet iſt. Um die Ge⸗ fahr dieſer Theorien zu verhüllen und auch dem angeborenen Edel⸗ ſinne zu genügen, welcher in dem Charakter Rudolphs lag, ſchil⸗ derte ihm der Abbé bisweilen die reizendſten Utopien⸗ ſin Seinen Worten nach konnte ein mit Klugheit ſinnlicher Fürſt die Menſchen durch das Vergnügen beſſern, durch das Glück tu⸗ 2 137 3 gendhafter machen und in den Ungläubigſten das religiöſe Gefühl wecken, indem er ihren Dank gegen den Schöpfer lenke, welcher den Menſchen in unerſchöpflicher Fülle Genüſſe biete. Stets und Alles zu genießen hieß, nach dem Abbé, Gott in der Herrlichkeit und Ewigkeit ſeiner Gaben preiſen. Dieſe Theorien trugen ihre Früchte. Immitten des ſo regelmäßigen und tugendhaften Hofes, der durch das Beiſpiel des Gebieters nur unſchuldige Zerſtreuungen und Vergnügungen kannte, träumte Rudolph bereits von den tol⸗ len Nächten in Verſailles, von den Orgien in Chviſy, von den Freuden des Hirſchparks und bisweilen wohl von irgend ei⸗ ner romantiſchen Liebſchaft. Der Abbé hatte auch nicht verfehlt, ſn Zöglinge zu be⸗ weiſen, daß der Prinz eines ſo kleinen Staates keine militairiſchen Prätentionen haben könne, und überdies war der eſ nicht mehr für den Krieg. Im lieblichen Nichtsthun ſeine Tage unSrten und im raffinirten Lurus zu verbringen, von dem Rauſche der ſinnlichen Freuden an herrlichen Schöpfungen der Künſte ſich zu erholen, bis⸗ weilen in der Jagd, nicht wie ein wilder Nimrod, ſondern als kluger Epifuräer, jene flüchtigen Anſtrengungen zu ſuchen, welche den Reiz des Nichtsthuns erhöhen, — das war, der Meinung des Abbé nach, die einzig mögliche Lebensweiſe für einen Fürſten, der Cals Gipfel des Glückes) einen erſten Miniſter fände, welcher mu⸗ thig die ſchwere Laſt der Staatsgeſchäfte auf ſich nähme. Rudolph hörte dieſe Einflüſterungen an, die ihm nichts Ver⸗ brecheriſches zu haben ſchienen, weil ſie über den Kreis der We ſcheinlichkeit nicht hinausgingen, und nahm ſich vor, ſobald Gott den Großherzog zu ſich berufen würde, ganz ſich dem Leben zu 138 widmen, welches ihm der Abbé Polidori mit ſo warmen heitern Farben ſchilderte, und den Prieſter zum erſten Miniſter zu machen. Wir wiederholen es, Rudolph liebte ſeinen Vater zärtlich und wurde deſſen Tod ſchmerzlich betrauert haben, obgleich derſelbe ihm erlaubt hätte, den kleinen Sardanapal zu ſpielen. Daß der Prinz die unſeligen Hoffnungen, die in ihm gohren, ſtreng geheim hielt, brauchen wir wohl kaum zu erwähnen. ut Ruvolph, der wohl wußte, daß die Lieblingshelden ſeines Vaters, des Großherzogs, Guſtav Adolph, Karl Xll und Frie⸗ drich der Große waren, glaubte mit Recht, ſein Vater, welcher die immer geſtiefelten und geſpornten, reitenden und kriegführenden Könige vor Allen bewunderte, würde jeinen Sohn für verloren hal⸗ ten, wenn er in demſelben die Abſicht vder Neigung erkenne, an ſeinem Hofe den herkömmlichen Ernſt durch die leichtfertigen und ausſchweifenden Sitten der Regentſchaftszeit zu erſetzen. Es ver⸗ ging ſo ein ganzes und noch ein halbes Jahr; Murph war noch nicht zurückgekehrt, ob er gleich ſeine Ankunft als nahe bevorſte⸗ hend angefündigt hatte. nophi Nachdem Rudolph ſeinen erſten Widerwillen gegen den Abbé überwunden hatte, benutzte er auch den wiſſenſchaftlichen Unterricht deſſelben und erwarb ſich, wenn auch nicht gerade eine ſehr um⸗ faſſende Gelehrſamkeit, ſo doch mannigfaltige Kentniſſe, die ihn, verbunden mit ſeinem lebhaften Geiſte, in den Stand ſetzten, un⸗ terrichteter zu erſcheinen, als er es wirklich war, und ſo dem Unter⸗ richte des Abbé die größte Ehre zu machen⸗ Murph kam endlich mit ſeiner Familie aus England an und te vor Freuden, als er ſeinen Zögling wieder in ſeine Arme ſchloß. Nach einigen Tagen fand der würdige Mann, ohne die Ur⸗ — * 139 ſache der Veränderung ergründen zu können, die ihn tief betrübte, Rudolph kalt und gezwungen gegen ihn, faſt ironiſch, wenn er den⸗ ſelben an ihre frühere Lebensweiſe erinnerte. Er kannte die natürliche Herzensgüte des jungen Prinzen. konnte eine gewiſſe Ahnung nicht von ſich weiſen und meinte in manchen Augenblicken, der Einfluß des Abbé Polidori, den er in⸗ ſtinetmäßig haßte und den er aufmerkſam zu ſich vor⸗ nahm, habe Rudolph verdorben. Der Prieſter ſeinerſeits, dem die Rückkunft et⸗ ſehr un⸗ gelegen war, deſſen Offenheit, Geradheit und Scharfblick er fürch⸗ tete, hatte nur einen einzigen Gedanken, wie er nämlich denſelben aus dem Herzen Rudolphs verdränge. Um dieſe Zeit erſchienen Tom und Sarah an dem Hofe von Gerolſtein und wurden da mit der größten Auszeichnung aufge⸗ nommen. Einige Zeit vor ihrer Ankunft war Rudolph mit einem Adjutanten und Murph abgereiſt, um die Truppen in einigen Garniſonen zu inſpieiren. Da dieſer Ausflug einen rein militai⸗ riſchen Zweck hatte, hielt es der Großherzog nicht für paſſend, daß der Abbé den Prinzen begleite, und der Prieſter ſah deshalb mit großem Bedauern Murph für einige Tage in die ehemaligen Funt⸗ tionen bei dem jungen Prinzen wieder eintreten. Der Sauire rechnete viel auf dieſe Gelegenheit, über die Ur⸗ ſache der Kälte Rudolphs ins Klare zu kommen. Leider aber war dieſer in der Verſtellungskunſt ſchon erfahren, hielt es für gefähr⸗ lich, ſeine Pläne für die Zukunft von ſeinem ehemaligen Mentor errathen zu laſſen, war deshalb ſehr freundlich gegen denſelhen, ſtellte ſich, als denke er mit Freuden an ſeine erſte Ingend und „ 140 ſeine damaligen Vergnügungen zurück und beruhigte ſo Murph faſt gänzlich. Wir ſagen „faſt“, denn manche Freundſchaft beſitzt einen be⸗ wundernswürdigen Inſtinet. Trotz den Beweiſen von Liebe, die ihm der junge Prinz gab, ahnte Murph unklar, daß zwiſchen ih⸗ nen ein Geheimniß liege; aber er verſuchte vergebens, ſich darüber klarer zu werden; ſeine Verſuche ſcheiterten an der frühzeitigen Verſtellungskunſt Rudolphö. Der Abbéwar während der Dauer dieſer Reiſe nicht müßig geweſen. Die Intriganten errathen einander gegenſeitig oder erkennen einander an gewiſſen geheimnißvollen Zeichen, die ihnen eine Be⸗ obachtung geſtatten, bis ihr Intereſſe ſie zu einem erklärten Bünd⸗ niſſe oder einer ausgeſprochenen Feindſchaft beſtimmt. Einige Tage nach der Anſtellung Toms und Sarahs an dem Hofe des Großherzogs war Tom mit dem Abbé Polidori eng befreundet. Der Prieſter geſtand es ſich mit einem widerwärtigen Cynis⸗ mus, daß ihn eine natürliche Wahlverwandtſchaft zu den Schlech⸗ ten und Schurken hinziehe; deshalb ſagte er, ohne genau den Zweck zu errathen, den Tom und Sarah zu erreichen ſuchten, es habe ihn eine ſo ſtarke Sympathie zu ihnen hingezogen, daß er bei ihnen einen teufliſchen Plan vorausſetzen müſſe. Einige Fragen Tom Seytons über den Charakter und das frichere Leben Rudolphs, welche jeder Andere, als der Abbé, für höchſt unbedeutend gehalten haben würde, enthüllten dieſem plötzlich die Abſichten der Geſchwiſter; nur muthmaßte er hei der jungen Schottin keine ſo ernſten und ehrgeizigen Pläne. Die Ankunft dieſes reizenden Mädchens hielt der Abbé für einen Fingerzeig. Rudolphs Phantaſie war von Liebesträumen 141 entflammt; Sarah mußte die herrliche Wirklichkeit ſein, die alle jene reizenden Träume erſetze, denn ehe man zur Wahl in dem Vergnügen und zum Wechſel in den Genüſſen gelangt, dachte der Abbé, beginnt man faſt immer mit einer wirklichen und roman⸗ haften Liebſchaft. Ludwig XIV und Ludwig XVW waren vielleicht nur der Marie Maneini und der Roſette von Arey treu. Ebenſo mußte es der Anſicht des Abbé nach mit Rudolph und der jungen Schottin werden. Dieſe mußte offenbar einen unermeßlichen Einfluß auf ein Herz erlangen, das zum erſtenmale liebte. Dieſen Einfluß wollte der Abbé leiten und benutzen und durch denſelben Murph für immer verderben. Als kluger Mann gab er dem ehrzeizigen Geſchwiſterpaare deutlich zu verſtehen, daß ſie auf ihn zählen müßten, da er allein dem Großherzoge über das Privatleben des jungen Prinzen ver⸗ antwortlich ſei. Das ſei, ſagte er, noch nicht Alles, man müßte auch auf der Hut ſein vor einem ehemaligen Lehrer des Prinzen, der ihn auf der Inſpectionsreiſe begleite. Dieſer rohe, etwas ungeſchlachte Mann voll thörichter Vorurtheile hätte früher großen Einfluß auf Rudolph gehabt, könnte ein gefährlicher Wächter werden und, weit entfernt, die angenehmen jugendlichen Verirrungen zu entſchuldi⸗ gen und zu dulden, ſich für verpflichtet halten, dem ſtrengmora⸗ liſchen Großherzoge Anzeige davon zu machen. Tom und Sarah wußten ſogleich, was er meinte, ob ſie gleich den Abbé nicht im mindeſten von ihren geheimen Plänen unter⸗ richtet hatten. Bei der Rückkehr Rudolphs und Murphs waren ſie alle drei, da ihr gemeinſames Intereſſe ſie zuſammenführte, ſtillſchwei⸗ gend gegen Murph, ihren am meiſten zu fürchtenden Feind, verbündet. — —— XXXV. Eine erſte Liebe. as geſchehen mußte, geſchah. Rudolph, der nach ſeiner Rückkehr Sarah jeden Tag ſah, verliebte ſich leidenſchaftlich in dieſelbe. Bald geſtand ſie ihm auch, vaß ſie ſeine Liebe theile, obgleich dieſelbe, wie ſie vorausſehe, ihnen vielen Kummer verurſachen müßte. Sie würden nie glück⸗ lich ſein können, denn ſie wären durch den Rang zu weit ausein⸗ ander gehalten. Sie empfahl deshalb dem Prinzen die tiefſte Verſchwiegenheit, damit nicht der Argwohn des Großherzogs ge⸗ weckt würde, der gewiß unerbittlich wäre, und ſie ihres einzigen Glückes beraube einander jeden Tag zu ſehen. Rudolph verſprach auf ſich zu achten und ſeine Liebe zu ver⸗ bergen. Die Schottin war zu ehrgeizig und verſand zu g t ſich zu beherrſchen, als daß ſie ſich compromittirt und vor den Augen des Hofes verrathen hätte. Auch der junge Prinz ſühlte das Bedürfniß der Verſtellung. Er ahmte deshalb die Klugheit Sa⸗ rahs nach, und das Geheimniß ihrer Liebe b ieb eine lange Zeit hindurch verſchwiegen. „ 143 Als die Geſchwiſter ſahen, daß die zügelloſe Leidenſchaft des Prinzen den höchſten Grad erreicht hatte, ſeine Aufregung täglich ſchwerer im Zaume zu halten und ein Eelat zu fürchten war, der alles verderben konnte, nahmen ſie ſich vor, den großen Streich zu führen. Da der Charakter des Abbé eine vertrauliche Mittheilung ge⸗ ſtattete, die ja überdies ganz moraliſch war, machte ihm Tom die erſten Eröffnungen über die Nothwendigkeit einer Heirath zwiſchen Rudolph und Sarah, wenn er und ſeine Schweſter, ſetzte er auf⸗ richtig hinzu, Gerolſtein nicht augenblicklich verlaſſen ſollten. Sa⸗ rah theilte die Liebe des Prinzen, würde aber den Tod der Schande vorziehen und könnte nur die Gattin Sr. Hoheit ſein. Dieſer hochſtrebende Plan ſetzte den Prieſter in Erſtaunen; für ſo kühn ehrgeizig hatte er Sarah nicht gehalten. Eine ſolche von Schwierigkeiten ohne Zahl und von Gefahren aller Art um⸗ ringte eheliche Verbindung kam dem Abbé unmöglich vor, und er ſagte Tom offen die Gründe, aus welchen der Großherzog nie⸗ mals in eine ſolche Verbindung willigen würde. Tom ließ dieſe Gründe gelten und erkannte die Triftigkeit derſelben an, ſchlug aber als mezzo termine, der alles vereinige, eine geheime Vermählung vor, die erſt nach dem Tode des regie⸗ renden Großherzogs bekannt gemacht werden ſollte. Sarah ſtammte aus einer alten adeligen Familie; eine ſolche Verbindung war nicht beiſpiellos, und Tom bewilligte dem Prie⸗ ſter, folglich dem Prinzen, acht Tage Zeit zur Ueberlegung; län⸗ ger, ſagte er, würde ſeine Schweſter die peinigende Angſt der Un⸗ gewißheit nicht ertragen; müßte ſie der Liebe Rudolphs entſagen, ſo wünſchte ſis dieſen ſchmerzlichen Entſchluß ſo ſchnell wie mög⸗ lich zu faſſen. 144 um die ſchnelle Abreiſe zu rechtfertigen, welche die Folge da⸗ von ſein mußte, hatte Tom, wie er ſagte, für jeden Fall an einen ſeiner Freunde in England einen Brief geſchrieben, der in London auf die Poſt gegeben und nach Deutſchland geſchickt werden ſollte; dieſer Brief enthielte ſo wichtige Gründe für die Ruckkehr, daß Tom und Sarah ſagen könnten, ſie müßten durchaus den Hof des Großherzogs auf einige Zeit verlaſſen. Der Abbé errieth diesmal durch die ſchlechte Meinung, welche er von den Menſchen hatte, die Wahrheit. Da er auch bei den beſten Geſinnungen immer einen Neben⸗ gedanken ſuchte, ſo ſah er, als er erfuhr, Sarah wollte ihre Liebe durch eine Heirath legitimiren laſſen, darin nicht ſowohl einen Be⸗ weis von Tugend als von Ehrgeiz. Er würde kaum an die Un⸗ eigennützigkeit der Liebe des jungen Mädchens geglaubt haben, wenn ſie ihre Ehre Rudolph geopfert hätte, was er ihr anfangs zugetraut hatte, da er glaubte, ſie wünſchte nur die Maitreſſe ſeines Zöglings zu werden. Nach den Grundſätzen des Abbé hieß mit ſich ſelbſt Handel treiben und die Rolle der Fflicht ſpielen keinesweges lieben; die Liebe, ſagte er, welche ſich um den Him⸗ mel und um die Erde kümmert, iſt ſchwach und kalt. Nachdem er überzeugt war, daß er ſich uber den Plan Sa⸗ rahs nicht täuſche, befand ſich der Abbé in großer Verlegenheit. Der Wunſch, welchen Tom im Namen ſeiner Schweſter ausſprach, war höchſt achtbar, denn er verlangte ja nichts weiter als eine Trennung oder eine rechtmäßige Verbindung. Trotz ſeinem Cynismus würde der Prieſter nicht gewagt haben, vor den Augen Toms ſich über die ehrenwerthen Gründe zu ver⸗ wundern, welche das Benehmen des letztern zu leiten ſchienen, oder demſelben geradezu zu ſagen, er und ſeine Schweſter hätten ge⸗ 145 ſchickt manövrirt, um den Prinzen zu einer unverhältnißmäßigen Heirath zu bringen. Der Abbé hatte nun drei Wege einzuſchlagen: Er konnte dem Großherzoge dieſes Heirathscomplott ent⸗ decken; dem Prinzen die Augen über die Intriguen Toms und Sa⸗ rahs öffnen, oder die Hände zu dieſer Verbindung bieten. Wenn er dem Großherzoge Anzeige machte, ſo entfremdete er ſich den muthmaßlichen Thronerben für immer; wenn er Rudolph über die eigennützigen Abſichten Sarahs aufklärte, ſo ſetzte er ſich der Gefahr aus, von demſelben aufgenommen zu werden, wie man von Verliebten aufgenommen wird, wenn man den geliebten Ge⸗ genſtand in ihren Augen herunterzuſetzen ſucht; und dann — welcher ſchreckliche Schlag für die Eitelkeit oder für das Herz des jungen Prinzen, wenn man ihm entdeckte, daß man ihn hauptſächlich wegen ſeiner Souverainität heirathen wollte! Zuletzt endlich hätte er, der Prieſter, das Benehmen eines Mädchens tadeln müſſen, die rein bleiben und die Rechte eines Geliebten nur ihrem Gatten zu⸗ geſtehen wollte. Wenn er dagegen die Hand zu dieſer Heirath bot, feſſelte der Abbé den Prinzen und die Gemahlin deſſelben durch ein Band hoher Dankbarkeit oder wenigſtens durch die ſoli⸗ dariſche Verantwortlichkeit einer gefährlichen Handlung an ſich. Ohne Zweifel konnte Alles entdeckt werden, und er ſetzte ſich in dieſem Falle dem Zorne des Großherzogs aus; war aber die Heirath giltig geſchloſſen, ſo mußte der Sturm vorüber ziehen und der künftige Fürſt von Gerolſtein um ſo größere Verpflichtungen gegen den Abbé haben, je bedeutendern Gefahren dieſer ſch im Dienſte deſſelben ausgeſetzt hatte. Die Geheimniſſe von Paris. II. 10 146 Nach reiflicher Ueberlegung entſchloß ſich alſo der Abbé, Sa⸗ rah behüflich zu ſein, mit einem gewiſſen Vorbehalte jedoch, von dem wir ſpäter ſprechen werden. Die Liebe Rudolphs hatte die letzte Periode erreicht; er war im hoöchſten Grade durch den Zwang und durch die gewandte Ver⸗ führung Sarahs aufgeregt, und ſie ſelbſt ſchien ſogar noch mehr als er von den unüberſteiglichen Hinderniſſen zu leiden, welche die Ehre und Pflicht ihrem Glücke entgegenſtellten. Noch einige Tage in dieſem Zuſtande, und der Prinz mußte ſich verrathen. Man bedenke es wohl . . . Es war eine erſte Liebe, eine eben ſo aufrichtige wie glühende, eine eben ſo hingebende wie leiden⸗ ſchaftliche Liebe. Sarah hatte, um ihn aufzuregen, alle Hülfsmit⸗ der raffinirteſten Koketterie aufgeboten. Niemals waren die jung⸗ fräulichen Gefühle eines jungen kräftigen, phantaſiereichen und feu⸗ rigen Mannes länger und auf klüger berechnete Weiſe angeregt worden; niemals war ein Weib gefährlicher reizend geweſen als Sarah. Abwechſelnd war ſie ausgelaſſen und traurig, keuſch und leidenſchaftlich, zuchtig und herausfordernd, und ihre großen ſchwar⸗ zen Augen, bald ſchmachtend, bald glühend, entzundeten in der heißen Seele Rudolphs ein unverliſchliches Feuer. Als der Abbé ihm die Wahl vorlegte, das reizende Mädchen entweder nie wiederzuſehen oder den Beſitz derſelben ſich durch eine geheime Vermählung mit ihr zu ſichern, ſiel Rudolph dem Geiſt⸗ lichen um den Hals und nannte ihn ſeinen Retter, ſeinen Freund, ſeinen Vater. Wären eine Kirche und ein Geiſtlicher dageweſen, der junge Prinz würde ſich auf der Stelle mit Sarah haben trauen laſſen. Der Abbé wollte, aus Gründen, alles übernehmen. Er fand einen Geiſtlichen und Zeugen, und die Trauunn (deren 147 Formalitäten von Tom ſorgſam beobachtet und beglaubigt wur⸗ den) wurde insgeheim während einer kurzen Abweſenheit des Groß⸗ herzogs vollzogen. Die Prophezeihung der ſchottiſchen Hochländerin war erfüllt; Sarah vermählte ſich mit dem Erben einer Krone. Der Beſitz machte Rudolph vorſichtiger, ohne das Feuer ſei⸗ ner Liebe zu ſchwächen, und beruhigte den Ungeſtüm, welcher das Geheimniß der Liebe zu Sarah hätte gefährden müſſen. Das junge Paar, das Tom und der Abbé beſchützten, verſtand ſich ſo gut und ging ſo zurückhaltend zu Werfe, daß das Verhältniß, in welchem der Prinz und die Fremde ſtanden, allen Augen entging. In den drei erſten Monaten ſeiner Ehe war Rudolph der glücklichſte Menſch; auch als an die Stelle der Leidenſchaft die ruhige Ueberlegung trat und er ſeine Lage mit kaltem Blute über⸗ ſchaute, bereute er es nicht, ſich durch ein unauflösliches Band an Sarah gefeſſelt zu haben; er entſagte gern für die Zukunft jenem galanten, wollüſtigen Leben, das er anfangs erſehnt hatte, und entwarf mit Sarah die ſchönſten Pläne von der Welt über ihre zukünftige Regierung. Bei dieſen fernen Hypotheſen verlor die Rolle des erſten Miniſters, welche der Abbé für ſich beſtimmt hatte, viel an Wich⸗ tigkeit, denn Sarah ſelbſt behielt ſich dieſe Function vor; ſie war zu herrſchſüchtig, als daß ſie nicht nach der Gewalt und Regie⸗ rung hätte ſtreben ſollen, und ſo hoffte ſie an der Stelle Rudolphs das Regiment zu führen. Ein von Sarah mit Ungeduld erwartetes Ereigniß wandelte bald die Ruhe in Sturm um. Sie wurde ſchwanger, und es gaben ſich nun bei ihr ganz neue und für Rudolph ſchreckliche Forderungen kund; ſie erklärte 10 148 ihm unter erheuchelten Thränen, daß ſie den Zwang, in welchem ſie lebe und der ihre Schwangerſchaft noch peinlicher mache, nicht länger ertragen könnte. In dieſer Noth ſchlug ſie Rudolph entſchloſſen vor, dem Groß⸗ herzoge alles zu geſtehen, der, wie die verwittwete Großherzogin, Sarah immer lieber gewonnen hatte. Ohne Zweifel, ſetzte ſie hinzu, würde er anfangs unwillig werden, poltern und toben, aber er liebe ja ſeinen Sohn ſo zärtlich und ſei ihr, Sarah, ſo zuge⸗ than, daß der väterliche Zorn ſich bald beſänftigen und ſie endlich an dem Hofe von Gerolſtein den Rang einnehmen würde, der ihr, wenn man ſo ſagen könne, doppelt gebühre, da ſie dem muthmaß⸗ lichen Erben des Großherzogs bald ein Kind geben würde. Dieſes Verlangen erſchreckte Rudolph; er wußte, wie ſehr ſein Vater ihn liebte, fannte aber auch die Unbeugſamkeit der Grundſätze des Großherzogs in Bezug auf die Pflichten der Fürſten. Auf alle dieſe Einwendungen antwortete Sarah unbarm⸗ herzig: „Ich bin Deine Frau vor Gott und vor den Menſchen. Bald werde ich meine Schwangerſchaft nicht mehr verbergen können, und ich will nicht mehr über einen Zuſtand erröthen, auf den ich viel⸗ mehr ſo ſtolz bin und deſſen ich mich laut zu rühmen gedenke.“ Die Ausſicht, Vater zu werden, hatte die Liebe Rudolphs zu Sarah verdoppelt, und er fühlte die peinigendſten Schmerzen, als er ſo zwiſchen dem Wunſche, ihren Bitten zu willfahren, und der Furcht vor dem Zorne ſeines Vaters ſtand. Tom nahm die Partei ſeiner Schweſter. „Die Ehe iſt unauflöslich,“ ſagte er zu ſeinem durchlauchti⸗ 149 gen Schwager. „Der Großherzog kann Sie und Ihre Gemahlin von dem Hofe verbannen, mehr nicht. Er liebt Sie aber viel zu ſehr, als daß er ſich zu einer ſolchen Maßregel entſchließen ſollte; er wird lieber vorziehen das zu dulden, was er nicht hindern kann.“ Dieſe an ſich ganz richtigen Gründe beruhigten die Aengſt⸗ lichkeit Rudolphs nicht. Unterdeß erhielt Tom von dem Groß⸗ herzoge den Auftrag, mehrere Geſtüte zu beſuchen. Dieſe Sen⸗ dung, die er nicht ablehnen konnte, ſollte ihn höchſtens auf vier⸗ zehn Tage entfernen, und er reiſte zu ſeinem großen Bedauern in einem für ſeine Schweſter ſo entſcheidenden Augenblicke ab. Dieſe fühlte über die Abweſenheit ihres Bruders zu gleicher Zeit Trauer und Freude; ſie verlor allerdings die Stütze ſeines Rathes, er war aber auch, wenn das Geheimniß an den Tag kommen ſollte, dem Zorne des Großherzogs nicht erreichbar. Sarah hatte verſprochen, ihrem Bruder täglich Nachricht von den verſchiedenen Veränderungen und dem Gange einer für Beide ſo wichtigen Sache zu geben. Damit die Correſpondenz ſicherer und geheimer ſei, kamen ſie über eine Chiffre überein. Schon dieſe Vorſicht beweiſet, daß Sarah ihrem Bruder von andern Dingen als von ihrer Liebe zu Rudolph zu ſchreiben hatte Und wirklich, das Eis im Herzen dieſes ſelbſtſüchtigen, tollen, ehr⸗ geizigen Weibes war ſelbſt an der Flamme der leidenſchaftlichen Liebe nicht geſchmolzen, welche ſie entzündet hatte. Ihre Schwangerſchaft war für ſie nur ein Mittel mehr, auf Rudolph einzuwirken, und erweichte dieſe eherne Seele nicht. Die Jugend, die grenzenloſe Liebe, die Unerfahrenheit des Prinzen, der ſo hinterliſtig in eine ſo gefährliche Lage verlockt worden war, 150 flößten ihr keine Theilnahme ein; ſie beklagte ſich vielmehr in ih⸗ ren vertraulichen Beſprechungen mit Tom mit bitterem Spott über die Schwachheit dieſes knabenhaften Jünglings, der vor dem väterlichſten Fürſten zittere, welcher ſehr lange lebe. Mit Einem Worte, der Briefwechſel zwiſchen dem Bruder und der Schweſter enthüllte volllommen ihre eigennützige Selbſtſucht, ihre ehrgeizige Berechnung, ihre faſt mörderiſche Ungeduld, und legte offen die Fäden des Complottes dar, welches durch die Hei⸗ rath Rudolphs gekrönt worden war. Wenige Tage nach der Abreiſe Toms befand ſich Sarah in einer Geſellſchaft bei der verwittweten Großherzogin. Mehrere Damen ſahen ſich verwundert an und ziſchelten un⸗ ter einander. Die Großherzogin Judith hatte trotz ihrem hohen Alter ein ſcharfes Ohr und ein gutes Ange, und jenes Ziſcheln entging ihr nicht. Sie winkte einer ihrer Damen und erfuhr von derſelben, das man Miß Sarah Seyton von Halsbury minder ſchlank finde als gewöhnlich. Die alte Großherzogin liebte das ſchottiſche Mädchen ſehr und würde ſich bei Gott für die Tugend Sarahs verbürgt haben. Sie zuckte deshalb, unwillig über das bösartige Geſchwätz, mit den Achſeln und ſagte ganz laut von der Ecke des Zimmers aus, wo ſie ſich befand: „Meine liebe Sarah!“ Sarah ſtand auf. Sie mußte durch den Kreis der Damen hindurchgehen, um zu der Großherzogin zu gelangen, die aus wohlwollender Abſicht und blos durch dieſes Gehen Sarahs die Läſterzungen be⸗ 151 ſchämen und ſiegreich darthun wollte, daß die Taille ihres Schütz⸗ lings nichts von ihrer ſchlanken Grazie verloren habe. Ach, die ſchlimmſte Feindin hätte nichts beſſeres erdenken können, als das, was die treffliche Fürſtin in dem Wunſche er⸗ dachte, ihren Schützling zu vertheidigen. Dieſe kam zu ihr, und es gehörte die hohe Achtung dazu, welche man der Großherzogin ſchuldig war, um ein Gemurmel der Ueberraſchung und des Unwillens zu unterdrücken, als das Mädchen durch den Kreis ſchritt. Auch die Unerfahrenſten bemerkten, was Sarah nicht länger verbergen wollte, denn ihre Schwangerſchaft wäre recht wohl noch zu verheimlichen geweſen! aber das ehrgeizige Weib hatte abſichtlich dieſen Eelat herbeigeführt, um Rudolph zu zwingen, ſeine Verheirathung einzugeſtehen. Die Großherzogin, die ihren Augen nicht glauben wollte, ſagte leiſe zu Sarah: „Liebes Kind, Sie haben ſich heute gar nicht gut gekleidet. — Ihre Taille iſt ſonſt mit den Fingern zu umſpannen, und heute erkennt man Sie nicht wieder.“ Später werden wir die Folgen dieſer Entdeckung erzählen, die große und ſchreckliche Ereigniſſe herbeiführte. Nur das ſa⸗ gen wir ſchon jetzt, was der Leſer ohne Zweifel ſchon errathen hat, daß nämlich Marienblume, die Nachtigall, die Tochter Rudolphs und Sarahs war und daß beide ſie für todt hielten. Man hat nicht vergeſſen, daß Rudolph, nachdem er das Haus in der Rue du Temple beſucht hatte) in ſeine Woh⸗ 152 nung zurückgekehrt war und daß er am Abende dieſes Tages einen Ball beſuchen ſollte, den die Gemahlin des — ſchen Ge⸗ ſandten gab. Zu dieſem Ballfeſte folgen wir nun Sr. Durchlaucht, dem regierenden Großherzoge von Gerolſtein, Guſtav Rudolph, der unter dem Namen eines Grafen von Düren in Frankreich reiſte. ————————— XXXVI. Der Ball. N m elf Uhr Abends öffnete ein Thürſteher in Staatsli⸗ vrée die Thür eines Palaſtes in der Straße Plumet, um eine prächtige blaue Berline mit zwei herrlichen großen Grauſchimmeln hinaus zu laſſen. Auf dem Sitze, der mit gefranſeter Decke über⸗ zogen war, ſaß ein ungeheurer Kutſcher, der ein noch gewaltigeres Ausſehen durch einen blauen Pelzrock mit großem Marderkragen, ſilbernen Treſſen und Schnüren erhielt; hintenauf ſtand ein rieſen⸗ hafter gepuderter Lackai in blauer Livrée, die gelb aufgeſchlagen und mit Silbertreſſen beſetzt war, neben einem Jäger mit unge⸗ heurem Schnauzbarte, deſſen breit bordirter Hut zur Hälfte von einem gelb und blauen Federbuſche verdeckt wurde. Die Laternen warfen ein helles Licht in das Innere dieſes mit Atlas ausgeſchlagenen Wagens; man konnte Rudolph erken⸗ nen, an deſſen linker Seite der Baron von Graun und dem ge⸗ genüber der treue Murph ſaß. Aus Achtung für den Souverain, den der Geſandte vertrat, deſſen Ball er beſuchte, trug Rudolph auf ſeinem Fracke den Dia⸗ mant⸗Stern des — Ordens. —— 154 Das Band und Emailkreuz des goldnen Adlerordens von Gerolſtein hingen am Halſe Sir Walter Murphs; der Baron von Graun trug dieſelbe Decorativn. Der zahlloſen Kreuze aller Län- der, welche an einer goldenen Kette zwiſchen den erſten Knopf⸗ löchern ſeines Fracks hingen, erwähnen wir nicht weiter. „Ich freue mich ſehr,“ ſagte Rudolph, „über die günſtigen Nachrichten, welche mir Madame Georges über meinen armen Fleinen Schützling in Bonqueval giebt. Die Behandlung Davids hat Wunder gethan. Bis auf die Trauer, welche die Unglückliche niederdrückt, geht es beſſer. Geſtehen Sie, Sir Walter Murph,“ ſetzte Rudolph lächelnd hinzu. „daß wenn Einer von Ihren ſchlech⸗ ten Bekanntſchaften in der Cité Sie in Ihrer jetzigen Verkleidung ſähe, er ſich ungemein wundern würde.“ — „Ich glaube, daß Ew. Durchlaucht dieſelbe Verwunderung erregen würde, wenn Sie heute Abend der Frau Pipelet in der Nue du Temple einen freundſchaftlichen Beſuch machen wollten in der Abſicht, den armen Alfred in ſeiner Melancholie etwas aufzu⸗ heitern, der Sie gern lieben möchte, wie die achtbare Portiersfrau zu Ew. k. Hoheit ſagte.“ „Ew. Durchlaucht haben uns dieſen Alfred mit dem majeſtä⸗ tiſchen grunen Frack und dem unabſetzbaren Hute ſo vollkommen geſchildert,“ ſetzte der Baron hinzu, „daß ich ihn in ſeiner dun⸗ keln und verräucherten Stube vor mir ſitzen ſehe. Uebrigens ſind Ew. Durchlaucht, wie ich zu hoffen wage, mit den Mittheilungen meines geheimen Agenten zufrieden. Das Haus in der Rue du Temple hat Ihrer Erwartung vollkommen entſprochen?“ „Ja,“ ſagte Rudolph, „ich fand dort ſogar mehr als ich er⸗ wartete. —“ Nach einem Angenblicke traurigen Schweigens, und um den peinlichen Gedanken zu verſcheuchen, den ihm die Beſorg⸗ — —— 155 niß in Bezug auf die Marquiſe von Harville verurſachte, ſetzte er in heitererm Tone hinzu: „ich wage die Kinderei kaum zu ge⸗ ſtehen, aber ich finde etwas Pikantes in dieſen Contraſten: eines Tages Fächermaler in einer gemeinen Kneipe in der Bohnen⸗ ſtraße; dieſen Morgen Commis, der der Frau Pipelet ein Glas Liqueur anbietet, und heute Abend einer der Bevorzugten, die von Gottes Gnaden über die Welt hienieden herrſchen der Mann mit vierzig Thalern ſagt „meine Renten“ ſo gut wie der Milliv⸗ nair“ ſetzte Rudolph in Parentheſe hinzu als Anſpielung auf den geringen Umfang ſeiner Staaten. „Aber viele Millionaire haben nicht den bewundernswürdigen ſeltenen geſunden Verſtand des Mannes mit vierzig Thalern,“ ſagte der Baron. „O, mein lieber Herr von Graun, Sie ſind zu gütig, viel zu gütig; Sie beſchämen mich,“ entgegnete Rudolph, der ſich er⸗ freut und verlegen ſtellte, während der Baron Murph mit der Miene eines Mannes anſah, welcher zu ſpät bemerkt, daß er eine Dummheit geſagt hat. „Wirklich,“ fuhr Rudolph immer ernſt fort, „ich weiß nicht, mein lieber Herr von Graun, wie ich für die gute Meinung dan⸗ ken ſoll, die Sie von mir haben, beſonders aber, wie ich Gleiches mit Gleichem vergelten kann.“ „Bemühen Sie ſich nicht, Durchlaucht, ich bitte darum,“ ſagte der Baron, der einen Augenblick vergeſſen hatte, daß Ru⸗ dolph ſich für Schmeicheleien, die er haßte, ſtets durch unbarm⸗ herzigen Spott rächte. „Wie ſo, Baron? Ich darf Ihnen nichts ſchuldig bleiben; ich kann Ihnen leider für den Augenblick nichts bieten als die Verſicherung, daß Sie höchſtens zwanzig Jahre alt zu ſein ſchei⸗ 156 nen, und daß Antinous kein reizenderer Mann geweſen ſein kann als Sie.“ „Ach, Durchlaucht, Gnade —!“ „Sehen Sie nur, Murph, beſitzt der Apoll von Belvedere ſchlankere, zierlichere, jugendlichere Formen?“ „Es iſt mir dies ſeit ſo langer Zeit nicht widerfahren, Durchlaucht. —“ „Und dieſer Purpurmantel! Wie gut er ihm ſteht!“ „Ew⸗ Durchlaucht, ich werde mich beſſern. —“ „Und dieſer goldene Reif, der die ſchönen ſchwarzen Locken, welche auf den göttlichen Hals fallen, hält, ohne ſie zu ver⸗ bergen. — „Ueben Sie Barmherzigkeit, Durchlaucht! Ich bereue,“ ſagte der unglückliche Diplomat mit einem Ausdrucke komiſcher Ver⸗ zweiflung. Man hat nicht vergeſſen, daß er funfzig Jahre zählte, graues gepudertes Haar, eine hohe weiße Cravatte, ein hageres Geſicht und eine goldene Brille hatte. „Bei Gott, Murph, es fehlt ihm nur ein ſilberner Köcher auf den Schultern und ein Bogen in der Hand, um ganz wie der Beſieger der Schlange Pytho auszuſehen.“ „Verzeihen Sie ihm, Durchlaucht, und drücken Sie ihn unter der Laſt dieſer Mythologie nicht ganz zu Boden,“ ſagte der Squire lächelnd; „ich verbürge mich, daß er lange — keine Schmeichelei mehr ſagen wird, weil in dem neuen Wörterbuche von Gerolſtein das Wort Wahrheit ſo überſetzt iſt.“ „Wie? Auch Du, alter Murph? Du wagſt in dem jetzigen Augenblicke —“ „Der arme Baron dauert mich, Durchlaucht, und ich wünſche ſeine Strafe zu theilen. — . 157 „Das iſt eine aufopfernde Freundſchaft, die Ihnen zur Ehre gereicht, mein Herr Leibköhler; aber ernſtlich, mein lieber Herr von Graun, wie können Sie vergeſſen, daß ich nur Harmeins und ſeines Gleichen Schmeicheleien geſtatte? Billig muß man ſein; jene Menſchen wiſſen nichts weiter zu reden; ſie plappern her was ſie gelernt haben; aber ein Mann von Ihrem Geſchmack und Ih⸗ rem Geiſte, pfui, Baron!“ „Nun, Durchlaucht,“ ſagte der Baron entſchloſſen, „es liegt doch viel Stolz, verzeihen Sie mir, in Ihrem Widerwillen gegen das Lob.“ „Das iſt etwas anderes; ſo höre ich es gern; erklären Sie ſich näher.“ „Es iſt gerade ſo, als wenn eine ſehr ſchöne Frau zu einem ihrer Anbeter ſagte: mein Gott, ich weiß es, daß ich ſchön bin; Ihr Beifall iſt vollkommen nichtig und langweilig. Wozu be⸗ theuern, was Niemand läugnet und vor Augen liegt? Ruft man es auf den Straßen aus, daß die Sonne ſcheint?“ „Das iſt geiſtreicher, Baron, und gefährlicher, und um in Ihrer Strafe abzuwechſeln, geſtehe ich Ihnen, daß der teufliſche Abbé Polidori das Gift der Schmeichelei nicht beſſer zu verhüllen gewußt haben würde.“ „Ich ſchweige, Durchlaucht.“ „Sie zweifeln alſo nicht mehr,“ fiel Murph ernſt ein, „daß Sie in dem Charlatan den Abbé wiedergefunden haben?“ „Nein, ich zweifle nicht mehr, da Sie wußten, daß er ſich ſeit einiger Zeit in Paris aufhält.“ „Ich habe vergeſſen oder vielmehr vermieden, mit Ew. Durch⸗ laucht über ihn zu ſprechen,“ ſagte Murph traurig, „weil ich ————— . 158 weiß, wie ſehr die Erinnerung an dieſen Prieſter Ihnen zuwi⸗ der iſt.“ Die Züge Rudolphs verdüſterten ſich von Neuem; er verſank in traurige Gedanken und ſchwieg, bis der Wagen in den Hof des Geſandtſchaftspalaſtes einfuhr. Alle Fenſter dieſes gewaltigen Palaſtes glänzten hell erleuch⸗ tet in der dunkeln Nacht; eine doppelte Reihe von Lakaien in Staatslivrée ſtand von der Vorhalle und den Vorzimmern bis zu den Warteſälen, in denen ſich die Kammerdiener befanden; es war ein impoſanter und königlicher Lurus. Der Graf **½ und die Gräfin waren bis zur Ankunft Rudolphs in dem erſten Empfangsſaale geblieben. Bald trat er mit Murph und dem Baron von Graun ein. Rudolph ſtand damals in ſeinem ſechsunddreißigſten Jahre; ob er ſich aber gleich dem Punkte näherte, von dem aus das Le⸗ ben abwärts geht, ſo würden ihn doch die vollkommene Regel⸗ mäßigkeit ſeiner Zuge, die, wie wir bereits erwähnt haben, für einen Mann vielleicht zu ſchön waren, und die würdevolle Freund⸗ lichkeit, die in ſeinem ganzen Weſen lag, anßerordentlich bemer⸗ kenswerth gemacht haben, ſelbſt wenn dieſe Vorzüge nicht durch den Glanz ſeines hohen Ranges noch erhöht worden wären. Als er in dem erſten Saale der Geſandtſchaft erſchien, war er plötzlich wie umgewandelt, denn er hatte nicht mehr den ge⸗ wandten, kecken Gang des Fächermalers und Beſiegers des Chouri⸗ neurs; er war nicht mehr der Commis, welcher ſo munter an dem Unglücke der Madame Pipelet Theil nahm, — ſondern ein Fürſt in der ppetiſchen Iealität des Wortes. Rudolph trug den Kopf hoch und ſtolz; ſein von Natur ge⸗ locktes braunes Haar fiel um die preite, edle, offene Stirn; ſein 159 Blick war ſauft und würdevoll; ſprach er mit dem ihm eigenen geiſtvollen Wohlwollen mit Jemandem, ſo ließ ſein feines anmu⸗ thiges Lächeln herrliche weiße Zähne ſehen, welche die dunkle Farbe ſeines kleinen Schnurrbartes noch blendender erſcheinen ließ, und der braune Backenbart, welcher das vollkommene Oval ſeines bleichen Geſichtes einfaßte, reichte bis unter ſein etwas vorſtehen⸗ des Grübchenkinn. Er war ſehr einfach gekleidet. Er trug eine weiße Cravatte und eine weiße Weſte; ſein blauer hoch hinauf zugeknöpfter Frack, an deſſen linker Seite ein Diamantſtern glänzte, hob ſeine zier⸗ liche und doch kräftige Taille hervor; etwas Männliches und Ent⸗ ſchloſſenes in ſeiner ganzen Haltung mäßigte das, was in Aeußern vielleicht zu graziös war. Rudolph kam wenig in Geſellſchaften, und er hatte ein ſo ganz fürſtliches Weſen, daß ſeine Ankunft eine gewiſſe Senſation machte; Aller Blicke hefteten ſich auf ihn, als er in dem erſten Salon des Geſandtſchaftshotels mit Murph und dem Baron von Graun erſchien, die einige Schritte hinter ihm gingen. Ein Attaché der Geſandtſchaft, der den Auftrag erhalten hatte, auf die Ankunft Rudolphs zu achten, meldete dieſelbe ſogleich der Gräfin **, die nebſt ihrem Gemahle Rudolph entgegenging und zu ihm ſagte: „Ich weiß nicht, wie ich meinen Dank für die Ehre ausſpre⸗ chen ſoll, die Sie uns heute zu erzeigen geruhen.“ „Sie wiſſen, Frau Gräfin, daß ich mich immer beſtrebe, Ih⸗ nen meine Huldigung darzubringen, und daß ich mich freue, dem Herrn Geſandten ſagen zu können, wie ſehr ich ihm gewogen bin, denn wir ſind alte Bekannte, Herr Graf.“ „Ew. Durchlaucht ſind zu gütig, indem Sie ſich daran erin⸗ nern und mir von Neuem Urſache geben, Ihre Güte nie zu ver⸗ geſſen.“ „Ich verſichere Sie, Herr Graf, daß es meine Schuld nicht iſt, wenn ich immer an gewiſſe Dinge denke; ich bin ſo glücklich, nur das, was mir angenehm iſt, in dem Gedächtniſſe zu behalten.“ „Das iſt eine bewundernswürdige Gabe der Natur,“ entgeg⸗ nete die Gräfin *** lächelnd. „Nicht wahr, Frau Gräfin? Ich werde demnach auch hof⸗ fentlich nach vielen Jahren noch das Vergnügen haben, mich des heutigen Tages, des vortrefflichen Geſchmackes und der Eleganz zu erinnern, welche bei dieſem Balle das Scepter führen. Auf⸗ richtig, ich kann es Ihnen leiſe ſagen, daß nur Sie Feſte zu ge⸗ ben verſtehen.“ „Durchlaucht!“ „Nicht genug; ſagen Sie mir, Herr Geſandter, warum kom⸗ men mir ſtets die Damen hier ſchöner vor als an andern Orten?“ „Weil Ew. Durchlaucht das Wohlwollen, das Sie uns ſchen⸗ ken, auch auf die anweſenden Damen ausdehnen.“ „Erlauben Sie mir anderer Meinung zu ſein, Herr Graf; ich glaube, daß dies blos der Frau Gräfin zu verdanken iſt.“ „Wollten Ew. Durchlaucht wohl geruhen, mir dieſes Wunder zu erklaͤren?“ fragte die Gräfin lächelnd. „Das iſt ganz einfach, Frau Gräfin; Sie verſtehen alle dieſe ſchönen Damen mit ſo vollendeter Urbanität, mit ſo vorzüglicher Anmuth zu empfangen, Sie ſägen einer jeden einige ſo aller⸗ liebſte, ſo ſchmeichelhafte Worte, daß diejenigen, welche ein ſo liebenswürdiges Lob nicht ganz, — nicht ganz —, verdienen, ſich um ſo mehr freuen, durch Sie ſo ausgezeichnet worden zu ſein, — 161 während die Andern, welche es verdienen, ſich nicht weniger freuen, ſich gerade durch Sie gewürdigt zu ſehen. Dieſe unſchuldige Zu⸗ friedenſtellung klärt alle Geſichter auf; das Glück macht ſelbſt die minder Angenehmen anziehend, und aus dieſem Grunde, Frau Gräfin, erſcheinen die Damen bei Ihnen ſtets ſchöner als an an⸗ dern Orten. — Ich bin überzeugt, daß der Herr Geſandte mir beiſtimmt.“ „Ew. Durchlaucht führen zu ſchmeichelhafte Gründe an, als daß ich ihnen widerſtehen könnte.“ „Und ich,“ entgegnete die Gräfin, „nehme auf das Wagniß hin, ſo hübſch zu werden, wie die ſchönen Damen, welche die Lo⸗ beserhebungen, die man ihnen ſagt, nicht ganz, — nicht ganz —, verdienen, die ſchmeichelhafte Erklärung Ew. Durchlaucht eben ſo dankbar und erfreut an, als wenn ſie eine Wahrheit wäre. —“ „Um Sie zu überzeugen, Frau Gräfin, daß nichts begrün⸗ deter ſein kann, wollen wir einige Beobachtungen über die Wir⸗ kung des Lobes auf die Phyſiognomie anſtellen. —“ „Das würde eine höchſt gefährliche Schlinge ſein,“ antwor⸗ tete lachend die Gräfin. „So entſage ich meiner Abſicht, Frau Gräfin, aber unter ei⸗ ner Bedingung, daß Sie mir nämlich erlauben, Ihnen auf einen Augenblick meinen Arm zu bieten. — Man hat mir von einem Blumengarten erzählt, der, in dem jetzigen Januar, wirklich feen⸗ haft ſein ſoll. Würden Sie wohl vie Gefälligkeit haben, mich zu dieſem Wunder aus Tauſend und einer Nacht zu gelei⸗ ten?“ „Mit dem größten Vergnügen, — aber man hat Ew. Durchlaucht die Sache zu übertrieben geſchildert. — Sie wer⸗ Die Geheimniſſe von Paris. II. 11 162 den ſelbſt urtheilen, wenn Sie nicht, wie ſo häufig, in Ihrer Nachſicht zu weit gehen. —“ Rudolph bot der Gräfin den Arm und ging mit ihr in andere Säle, während der Graf ** ſich mit dem Baron von Graun und Murph unterhielt, die er ſchon längſt kannte. XXXVII. Der Wintergarten. der Tauſend und einen Nacht Würdigeres geben als den Garten, den Rudolph gegen die Gräfin *** erwähnt hatte. Man denke ſich an dem Ende einer langen und prachtvollen Galerie einen vierzig Klafter langen und dreißig Klafter breiten Raum; ein außerordentlich leichtes, kuppelartig geformtes Glas⸗ gehäuſe bedeckt in einer Höhe von etwa funfzig Fuß dieſes Paral⸗ lelogramm; die Seiten, die mit einer zahlloſen Menge von Spie⸗ geln bedeckt ſind, auf denen ſich die kleinen grünen Rauten eines Rohrgeflechtes kreuzen, gleichen in Folge des in den Spiegeln zu⸗ rückſtrahlenden Lichtes einer durchbrochenen Laube, und an dieſer ganzen Wand hin ſtehen hohe und ſtarke Orangenbäume, ſo wie eben ſo große Camelien, die erſtern mit Früchten bedeckt, die wie goldene Aepfel unter den grünen Blättern glänzen, die letztern mit purpurnen, weißen und roſenrothen Blüthen geſchmückt. Fünf oder ſechs große Gruppen von Bäumen und Sträu⸗ chern aus Indien oder den Tropenländern ſind von mit Muſcheln 164 moſaikartig belegten Alleen umgeben, in denen zwei bis drei Per⸗ ſonen bequem neben einander gehen können. Die Wirkung, welche dieſe üppige, kräftige erotiſche Vegeta⸗ tion im vollen Winter und gleichſam mitten in einem Balle machte, läßt ſich unmöglich beſchreiben. Hier reichen ungeheure Piſangbäume bis faſt an das Glas der Kuppelwölbung und miſchen ihre bteiten glänzendgrünen Pal⸗ men unter die ſchmalen Blätter der großen Magnolien, von de⸗ nen einige bereits mit dicken, eben ſo wohlriechenden wie pracht⸗ vollen Blüthen bedeckt ſind; aus ihren inwendiß ſilberglänzenden, außen purpurfarbigen glockenförmigen Kelchen ragen goldene Staubfäden heraus; weiterhin vervollſtändigen Palmen, levauti⸗ ſche Dattel⸗ und rothe Fächerpalmen und indiſche Feigenbäume, alle kräftig und blätterreich, dieſe unerméßlichen Maſſen von Grün, von dem glänzenden Grün, wie es alle Gewächſe der Tropen be⸗ ſitzen und das den Glanz des Smaragdes zu theilen ſcheint, ſo funkelud, ſo metalliſch iſt die Farbe der dicken Pchigen, ſam lackirten Blätter. 6 1 Längs dem Gittergeflecht zwiſchen den wenneſe un⸗ ter den Baumgrußpen, klettern, ſchlingen und ſchlängeln ſich von einem Baume zum andern, hier in Guirlanden von B er Blüthen, dort ſpiralförmig gedreht, bis zu dem höch der gläſernen Kuppel die zahlloſen Rankengewächſe Se ten Grenadillen, die Paſſiflyren mit den große uugeſtreiften und mit einem Buſch in Dunkelviolett gekrönten purpurnen Blü⸗ then fallen von der Decke herunter gleich eoloſſalen Guirlanden, und ſcheinen wieder hinauf ſteigen zu wollen, indem ſie ihre zar⸗ ten Gäbelchen an die hohen Alven hängen⸗ Dort eine indiſche Bignonia mit langen we — 165 Kelchen und leichten Blättern von einer Stephanotis mit fleiſchi⸗ gen weißen Blüthen umſchlungen, die einen lieblichen Geruch ver⸗ breiten, und dieſe beiden ſo verſchlungenen Lianen hängen mit ih⸗ ren grünen Blattfranſen und goldenen und ſilbernen Glockenblü⸗ then um die ungeheuern ſammetartigen Blätter eines indiſchen Feigenbaumes. Weiterhin ſteigt empor und fällt gleich einer bunten Pflan⸗ zencascade eine zahlloſe Menge Aselepiasſtengel, deren Blätter und Blüthenbüſchel ſo dick, ſo glänzend ſind, daß man ſie für Bouquets von roſa Email, umgeben von kleinen Blättern von Porzellan, halten könnte. Die Baumgruppen ſind eingefaßt von Haide vom Cap, von Tulpen, von Natziſſen aus Conſtantinopel, von perſiſchen Hya⸗ zinthen, gon Cyelamen und Iris, die eine Art natürlichen Tep⸗ vichs bilden, auf welchem alle Farben und alle Nüanten auf das Prächtigſte Lerſchwimmen. Chineſiſche Laternen von durchſcheinender Seide, theils blau, theils blaßroſa, die hier und da unter dem Grün verſteckt ſind, erhellen dieſen Garten. Das geheimnißvolle milde Licht, das aus dieſen beiden Far⸗ ben hervorging, der phantaſtiſche Schein, der etwas von der bläu⸗ lichen Klarheit einer ſchönen Sommernacht hatte, über welche die goldenen Strahlen eines Nordlichts einen ſchwachroſa Glanz aus⸗ gießen, läßt ſich nicht beſchreiben. Man gelangte in dieſes große Gewächshaus, zu welchem etwa drei Stufen hinabführten, auf einer langen Galerie, die von Gold, Spiegeln und Licht ſtrahlte. Dieſe flammende Helle rahmte gleichſam das Halbdunkel ein, in welchem ſich unklar die Umriſſe er grßen Bäume des Wintergartens zeigten, welchen man durch 166 den Eingang hindurch ſah, der mittelſt zweier hoher Vorhänge von rarmviſinrothem Sammet halbgeſchloſſen war und einem rie⸗ ſenhaften Fenſter glich, durch welches man in einer herrlichen Nacht auf eine ſchöne Landſchaft Aſiens hinausſchaut. Von dem Garten aus geſehen, in welchem unter einer Kup⸗ pel von Blättern und Blüthen große Divans ſtanden, gewährte die Galerie einen umgekehrten Contraſt mit dem milden Dunkel des Gewächshauſes; es war von weitem eine Art leuchtenden goldenen Duftes, in welchem, gleich einer lebendigen Stickerei, die hellen mannigfaltigen Farben der Damenkleider und die prisma⸗ tiſchen Blitze der Edelſteine funkelten und ſich ſpiegelten. Die Töne des Orcheſters verklangen, geſchwächt durch die Ferne und durch das Stimmengeſumme auf der Galerie, melodiſch unter den unbeweglichen Blättern der großen erotiſchen Bäume. Unwillkürlich ſprach man leiſe in dieſem Garten; man hörte hier kaum das leichte Geräuſch der Tritte und das Rauſchen der Atlasgewänder; die leichte, freie, von tauſend Wohlgerüchen der aromatiſchen Gewächſe durchduftete Luft und die ferne Muſik ver⸗ ſetzten alle Sinne in eine liebliche weiche Ruhe. Zwei Perſonen, welche, vpr Kurzem erſt durch die Liebe zu⸗ ſammengeführt, glücklich und berauſcht von Liebe, Harmonie und Wohlgeruch, in einer ſchattigen Ecke dieſes Edens faßen, konnten keinen entzuckendern Rahmen für ihre junge glühende Leidenſchaft finden. Leider verwandelt die Dauer des friedlichen geſicherten Glückes während nur zweier Monate ein Liebespaar in ein kal⸗ tes Ehepaar. Rudolph konnte in dieſem bezaubernden Wintergarten einen Ausruf der Ueberraſchung nicht unterdrücken und ſagte zu der Gräfin: 167 „Wahrhaftig, Frau Gräfin, ich hätte ein ſolches Wunder nicht für möglich gehalten. Es iſt nicht blos ein großer Lurus, verbun⸗ den mit vortrefflichem Geſchmack, es iſt wirkliche lebendige Poeſie; ſtatt zu ſchreiben wie ein Dichter, voder zu malen wie ein großer Maler, ſchaffen Sie, — was jene kaum zu träumen wagen würden.“ „Ew. Durchlaucht ſind viel zu gütig.“ „Geſtehen Sie aufrichtig, daß der, welcher dieſes zauberiſche Bild mit dem Reiz der Farbe und des Contraſtes, dort jenes blendende Gedränge, hier die entzückende Ruhe, als Dichter oder als Maler treu wiederzugeben vermöchte, etwas Bewundernswür⸗ diges ſchaffen würde.“ Die Lobeserhebung, welche Sie in Ihrer Nachſicht auszu⸗ en geruhen, iſt um ſo gefährlicher, weil man unwillkürlich ch den Geiſt, der darin liegt, entzuckt wird, und man ſie gegen fnen Willen mit dem größten Vergnügen anhört. — Aber be⸗ Sie jene reizende junge Frau! So viel werden Sie mir gewiß zugeſtehen, daß die Marquiſe von Harville überall ſchön iſt. Iſt ihr anmuthiges Weſen nicht entzückend, und gewinnt ſie nicht durch den Contraſt mit der ſtrengen Schönheit, die ſie begleitet?“ Die Gräfin Sarah Mac Gregor und die Marquiſe von Har⸗ ville ſtiegen in dieſem Augenblicke die wenigen Stufen herab, welche von der Galerie in den Wintergarten führten. XXXVMI. Das zulammentreklen. — . 6 S. Schilderung, welche die Gräfin von der Marquiſe von Hardile entwarf, war nicht übertrieben. Ich wüßte nicht, wodurch ſich eine Vorſtellung von dem bezaubernden Geſichte geben ließe, auf welchem ſich eben die Blume einer zierlichen Schönheit voll eutfaltete, einer Schönheit, die um ſo ſeltener war, als ſie weni⸗ ger in der Regelmäßigkeit der Züge, als in dem unbeſchreiblichen Reize der Phyſiognomie der Marquiſe lag, deren reizendes Geſicht ſich, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, beſcheiden unter einem rührenden Ausdruck von Herzensgüte verhüllte. Wir heben beſonders das Wort Herzensgüte hervor, weil ge⸗ wöhnlich dieſelbe in dem Angeſichte einer jungen Frau nicht vor⸗ herſcht, die ſchön, geiſtreich, geſucht und umſchwärmt iſt wie es die Frau von Harville war. Auch erregte der Contraſt zwiſchen dieſer unausſprechlichen Sanftmuth und den Siegen, deren ſich die Frau von Harville rühmen konnte, ein ganz eigenthümliches In⸗ tereſſe; ungerechnet die Vorzüge der Geburt, des Namens und des Vermögens, die ſie vereinigte. 169 Wir wollen verſuchen, unſere Meinung ganz deutlich zu machen. Die Fran von Harville, die ſich ihrer Würde zu ſehr bewußt war und zu viel Geiſt beſaß, um Huldigungen zu ſuchen zeigte ſich doch eben ſo dankbar für die, welche man ihr darbrachte, als wenn ſie dieſelben kaum verdient hätte; ſie war nicht ſtolz darauf, freute ſich aber darüber; während ſie gegen Lobeserhebungen gleich⸗ giltig blieb, wußte ſie das Wohlwollen ſehr hoch zu ſchätzen und unterſchied die Schmeicheleien ſehr wohl von der Theilnahme. Ihr immer das Richtige treffender, fein gebildeter, bisweilen ſchalkhafter, aber keineswegs ſchadenfroher Geiſt verfolgte mit geiſt⸗ reichem, unſchuldigem Spott beſonders diejenigen Perſonen, die über ſich ſelbſt entzückt ſind, immer dahin ſtreben Aufmerkſam zu erregen und ſich in den Vordergrund zu ſtellen, Leute, di die Frau von Harville im Scherze ſagte, ihr ganzes Lel ausſehen, wie Jemand, der allein vor einem unſichtbare gel tanzt, dem er ſelbſtgefällig zulächelt. Dagegen erregte ein ſchüchterner und in ſeiner Zurk tung faſt ſtolzer Character das Intereſſe der Frau von Harvillé gewiß. Dieſe wenigen Worte werden zum Verſtändniß, wenn wir ſo ſagen dürfen, der Schönheit der Marquiſe beitragen. Ihr blendend weißer Teint war von dem friſcheſten Roth an⸗ gehaucht; lange Locken ihres hellbraunen Haares ſielen bis auf ihre Schultern, die feſt waren und glänzten wie ſchöner weißer Marmor. Schwer dürfte auf einem Gemälde die engelgleiche Schönheit ihrer großen grauen Augen mit den langen ſchwarzen Wimpern wiederzugeben ſein. Ihr friſcher Mund verhielt ſich z dieſen herrlichen Augen, wie das freundlich gewinnende Wort zu 17⁰ dem ſanften melancholiſchen Blicke. Von ihrem tadelloſen Wuchſe und den übrigen Vorzügen ihrer Perſon wollen wir gar nicht ſprechen. Sie trug ein weißes Kreppkleid, das mit natürlichen roſa Camelien und Blättern derſelben Pflanze garnirt war, unter denen hier und da halb verſteckte Diamanten gleich funkelnden Thautrop⸗ fen blitzten; eine ähnliche Guirlande lief anmuthig über ihre weiße und reine Stirn. Die Art der Schönheit der Gräfin Sarah Mae Gregor hob die der Marquiſe noch mehr hervor. Sarah war ungefähr fünf und dreißig Jahre alt, ſchien aber kaum dreißig zu zählen. Nichts ſcheint dem Körper ſo geſund zu als die kalte Selbſtſucht; man erhält ſich in dieſem Eiſe uche dürre, harte Seelen, welche den Gefühlen nicht zugäng⸗ die das Herz erſchüttern und die Züge des Geſichtes zer⸗ verrathen nur die Täuſchungen des Stolzes und des Ehr⸗ und dieſe Art von Aerger und Verdruß wirkt nur ſchwach äuf den Körper ein. Die Art, wie ſich Sarah conſervirt hatte, bewies unſere Be⸗ hauptung. Bis auf eine gewiſſes Embonpvint, das ihrem größern aber minder ſchlanken Körper, als jener der Marquiſe von Harville war, eine üppige Grazie gab, ſtrahlte Sarah noch in ganz jugend⸗ lichem Glanze; wenige Blicke vermochten das trügeriſche Feuer ihrer glühenden ſchwarzen Angen auszuhalten; ihre feuchten rothen Lippen verriethen Entſchloſſenheit und Sinnlichkeit. Das bläu⸗ liche Aderngeflecht an ihren Schläfen und ihrem Halſe ſchimmerte vurch ihre milchweiße feine Haut hindurch. Die Gräfin Mac Gregor trug ein Kleid von paille Moiré unter einer Tunica von Krepp in derſelben Farbe und über der Stirn einen einfachen Kranz natürlicher ſmaragdgrüner Pyrrus⸗ blätter, der vortrefflich zu den kohlſchwarzen Haarſtreifen paßte, die über der geraden Stirn geſcheitelt waren. Dieſer einfache Kopf⸗ putz gab dem gebieteriſchen und leidenſchaftlichen Profil dieſer Frau mit der Adlernaſe etwas Antikes. Viele Perſonen, die ſich durch ihr Geſicht täuſchen laſſen, ſe⸗ hen in dem Character ihrer Phyſiognomie einen unwiderſtehlichen Beruf. Der eine findet an ſich ein ungemeines kriegeriſches Aus⸗ ſehen und widmet ſich dem Kriegerſtande; der andere glaubt wie ein Dichter auszuſehen und reimt; ein dritter findet in ſeinen Zügen den Stempel eines Verſchwörers und träumt von nichts als Verſchwörungen. Sarah fand in ihrem Geſicht und ihrer Ge⸗ ſtalt, nicht mit Unrecht, etwas vollkommen Königliches; ſie mußte deshalb die in Erfüllung gegangene Prophezeihung der Hochlän⸗ derin für wahr erkennen und in dem Glauben beharren, für einen Thron beſtimmt zu ſein. — Die Marquiſe und Sarah hatten Rudolph in dem Winter⸗ garten in dem Augenblicke bemerkt, als ſie auch in denſelben hin⸗ abſtiegen; der Fürſt dagegen ſchien ſie nicht zu bemerken, denn er befand ſich eben an der Ecke einer Allee, als die beiden Damen erſchienen. „Der Fürſt beſchäftigt ſich ſo ſehr mit der Gräfin“ ſagte die Marquiſe zu Sarah, „daß er auf uns gar nicht achtet.“ „Glauben Sie dies nicht, liebe Clemence,“ antwortete Sa⸗ rah, welche die vertraute Freundin der Frau von Harville war, „der Fürſt hat uns recht wohl geſehen; aber er fürchtet ſich vor mir; er ſchmollt noch immer.“ 172 * „Ich begreife weniger als je ſeinen Eigenſinn, Ihnen aus dem Wege zu gehen; ich habe ihm vft ſein ſonderbares Benehmen ge⸗ gen Sie, — eine ehemalige Freundin, vorgehalten. „Die Gräfin Sarah und ich ſind Todfeinde,“ antwortete er mir ſcherzend, „ich habe mir gelobt, nie mit ihr zu ſprechen, und dieſes Gelübde, ſetzte er hinzu, muß gewiß ein ſehr heiliges ſein, da es mich der Unterhaltung mit einer ſo liebenswürdigen Perſon beraubt.“ So ſeltſam mir dieſe Antwort auch vorkam, liebe Sarah, ſo mußte ich mich damit begnügen.“*) „Ich verſichere Sie, daß die Urſache zu dieſer halb ſpaßhaf⸗ ten, halb ernſten Todfeindſchaft eine höchſt unſchuldige iſt; wenn nicht eine dritte Perſon dabei betheiligt wäre, würde ich Ihnen dieſes große Geheimniß ſchon längſt mitgetheilt haben. — Aber was iſt Ihnen, liebes Kind, Sie ſcheinen ſo tief in Gedanken ver⸗ ſunken zu ſein?“ „Nichts, gar nichts; es war in der Galerie ſo heiß, daß ich Kopfweh bekam. Wir wollen uns einen Augenblick hier nieder⸗ ſetzen, — es wird hoffentlich vorübergehen.“ „Sie haben Recht, und da iſt gerade ein hübſches dunkles Plätzchen; Sie werden hier vollkommen ſicher vor den Nachfor⸗ ſchungen derer ſein, die Ihre Abweſenheit wahrſcheinlich troſtlos macht,“ ſetzte Sarah lächelnd hinzu, indem ſie dieſe Worte beſon⸗ ders betonte. Beide nahmen Platz auf einem Divan. *) Da die Liebe Rudolphs zu Sarah und die Ereigniſſe, welche darauf folgten, bereits ſiebzehn bis achtzehn Jahre zuruck⸗ lagen, ſo wußte man in der Geſellſchaft nichts davon, zumal da Rudolph und Sarah gleichwichtige Gründe hatten, darüber zu ſchweigen. — 173 „Ich ſage diejenigen, welche Ihre Abweſenheit troſtlos machen wird, liebe Clemence — danken Sie mir nicht für meine Ver⸗ ſchwiegenheit?“ Die junge Frau erröthete eicht, ſn⸗ das me und ant⸗ wortete nicht. „Sie haben kein Vertrauen zu mir, Kind?“ ſagte Sarah im Tone freundſchaftlichen Vorwurfs zu ihr. Gewiß, Kind. Ich bin doch wohl in dem Alter, Sie Tochter nennen zu können.“ „Ich ſollte kein Vertrauen zu Ihnen haben?“ entgegnete die Marquiſe traurig; „habe ich Ihnen nicht im Gegentheil das ge⸗ ſagt, was ich mir ſelbſt nie geſtanden haben würde?“ n „Nun gut! laſſen Sie ſehen. Wir wollen einmal von ihm ſprechen. Haben Sie geſchworen, ihn bis zum Tode hoff⸗ nungslos zu laſſen?“ „Was ſagen Sie?“ entgegnete die Frau von Harville er⸗ ſchrocken. 3 „Sie kennen ihn noch nicht, armes liebes Kind. Er iſt ein Manv von kalter Energie, der das Leben nicht achtet. Immer iſt er ſo unglücklich geweſen, und man ſollte meinen, es mache Ihnen Vergnügen, ihn noch mehr zu quälen.“ „Glauben Sie das? Ach Gott!“ Vielleicht thun Sie es unabſichtlich, aber das ändert die Sache nicht. Wenn Sie wüßten, einen wie viel ſchmerzlichern und tiefern Eindruck Alles auf diejenigen macht, welche lange un⸗ glücklich geweſen ſind! Ich habe noch eben Thränen in ſeinen Au⸗ gen geſehen.“ „Wäre es möglich?“ „Es iſt ſo. Und bei einem Balle! auf die Gefahr hin, ſich lächerlich zu machen, ſobald man ſeinen Kummer bemerkt. Man 174 muß ſehr lieben, um ſo leiden zu können, beſonders um im Stande zu ſein, vor der Welt dieſes Leiden zu verbergen.“ „Aus Barmherzigkeit, ſprechen Sie nicht davon,“ fiel die Frau von Harville mit bewegter Stimme ein; „Sie thun mir weh. Ich kenne den Ausdruck des ſo ganz ergebenen Leidens nur zu wohl. — Eben das Mitleid, das er mir einflößte, hat mich in das Ungluck geſtürzt,“ ſetzte die Marquiſe unwillkürlich hinzu. Sarah ſchien den Sinn dieſer letzten Worte nicht zu verſte⸗ hen und fuhr fort: „Welche Uebertreibung! — Nennen Sie es ein Unglück, in einem galanten Verhältniſſe mit einem Manne zu ſtehen, welcher die Diseretivn und Zurückhaltung ſo weit treibt, daß er ſich nicht einmal Ihrem Gemahle vorſtellen läßt, um Sie auf keine Weiſe zu compromittiren? Iſt der Herr Karl Robert nicht ein Mann von Ehre, Muth und Zartgefühl? Ich vertheidige ihn ſo warm, weil Sie ihn bei mir geſehen und kennen gelernt haben und weil er für Sie eben ſo hohe Achtung wie heftige Liebe fühlt.“ „Ich habe an ſeinen edeln Eigenſchaften nie gezweifelt und Sie haben mir immer ſo viel Gutes von ihm erzählt. Aber wie Sie wiſſen, hat mir ihn namentlich ſein Unglück intereſſant ge⸗ macht.“ „Und wie ſehr verdient und rechtfertigt er dieſes Intereſſe, das Sie an ihm nehmen, geſtehen Sie es nur! Wie könnte auch ein ſo bewundernswürdiges Geſicht nicht der Spiegel der Seele ſein! Er erinnert mich durch ſeine hohe ſchöne Geſtalt an die Rit⸗ terzeiten. Einmal ſah ich ihn in Uniform, und ich geſtehe, daß es nichts Schöneres geben kann. Wenn der Adel nach dem Ver⸗ dienſt und nach der Geſtalt gemeſſen würde, müßte er, ſtatt blos 175 Herr Karl Robert, Herzog und Pair ſein. Würde er nicht einen der größten Namen Frankreichs bewundernswürdig repräſentiren?“ „Sie wiſſen, daß ich auf den Adel der Geburt wenig gebe; werfen Sie mir doch bisweilen ſogar vor, ein wenig republika⸗ niſch zu ſein,“ ſagte die Frau von Harville lächelnd. „Auch ich habe, wie Sie, immer geglaubt, Herr Karl Ro⸗ bert bedürfe keiner Titel, um liebenswürdig zu ſein. Und dann — welches Talent, welche herrliche Stimme! Wie nützlich war er uns bei unſern vertraulichen Morgenconcerten, erinnern Sie ſich! Welchen Ausdruck legte er in das Duett, als er das erſte Mal mit Ihnen ſang! welches Gefühl!“ „Laſſen Sie uns von etwas anderm ſprechen, ich bitte darum,“ entgegnete die Frau von Harville nach einer langen Pauſe. „Warum?“ „Es ſtimmt mich traurig; was Sie mir eben über ſein ver⸗ zweiflungsvolles Ausſehen geſagt haben —“ „Ich verſichere Sie, daß ein ſo leidenſchaftlicher Charakter im Uebermaße des Kummers in dem Fode ein Ende —“ „Ich beſchwöre Sie, ſchweigen Sie, ſchweigen Sie!“ fiel die Frau von Harville ein, Sarah unterbrechend. — „Ich habe auch ſchon daran gedacht —“ Nach einer neuen, ziemlich langen Pauſe ſetzte die Marquiſe hinzu: „Noch einmal, laſſen Sie uns von etwas anderm ſprechen, von Ihrem Todfeinde,“ ſagte ſie mit erzwungener Heiterkeit, on dem Fürſten, den ich ſeit ſo langer Zeit nicht geſehen habe. Wiſſen Sie, daß ich ihn ſehr anziehend finde, ob er gleich faſt König iſt? So ſehr ich auch republikaniſch geſinnt bin, ſo ge⸗ 176 ſtehe ich doch, daß ich . Männer kenne, die mir ſo wohl ge fällen wie er“ n m Sarah warf cepztn einen ſprſchenpin und ngnriſchen vlie auf die Frau von Harville und ſprach ſodann heiter: „ „Geſtehen Sie, liebe Elemence, daß Sie ſehr wankelmüthig ſind. Sie bewundern und vermeiden den Fürſten abwechſelnd; vor einigen Monaten, als er hier ankam, waren Sie dermaßen von ihm eingenommen; daß ich — unter uns — einen Augenblick 6* die Ruhe Ihres Herzeus fürchtete.“ 1 „Ihnen habe ich es zu danken;“ entgegnete die Frau von Harville lächelnd, „daß meine Bewunderung nicht von langer Dauer warz Sie haben die Rolle der Todfeindin ſo gut geſpielt, haben mir ſolche Dinge von dem Firrſten erzählt, daß, ich geſtehe es, die Abneigung an die Stelle der Vorliebe trat, die Sie für die Ruhe meines Herzens beſorgt machte, welche Ihr Todfeind übrigens durchaus nicht zu ſtören gedachte; denn kutz vor Ihren Mittheilungen über ihn hatte er faſt ganz aufgehört mich mit ſei⸗ nen Beſüchen zu beehren, obwohl et mit meinem Manne noch im⸗ mer umging.“ pi „Apropos! Iſt Ihr Mann heute Abend hier?“ fragte Sarah. u Nein; er wollte nicht ausgehen,“ antwortete die Frau von Harville verlegen. pni „Er zeigt ſich, wie es mir ſcheint, immer ſeltener in Ge⸗ ſellſchaften.“ ſ 0a t „Ja, — bisweilen zieht er vor zu Hauſe zu bleiben⸗“ Die Marquiſe war i in Sn Sarah bemerkte es und fuhr fort: —— 177 „Als ich ihn das letztemal ſah, kam er mir bläſſer vor als gewöhnlich.“ . „Ja, — er befindet ſich nicht ganz wohl.“ „Soll ich offen ſein, liebe Clemence?“ „Ich bitte Sie darum.“ „Sie ſind häufig in ſeltſamer Unruhe, wenn die Rede auf Ihren Gemahl kommt.“ „Ich! was glauben Sie?“ „Wenn Sie von ihm ſprechen, ſpricht ſich bisweilen, gegen Ihren Willen, in Ihren Zügen ein —, mein Gott! wie ſoll ich ſagen?“ — und Sarah betonte die nachſtehenden Worte ſtark, während ſie in dem Herzen der Freundin leſen zu wollen ſchien — „ja, in Ihren Zügen ſpricht ſich eine gewiſſe ſchüchterne Abnei⸗ gung aus. —“ Die unveränderlichen Züge der Frau von Harville täuſchten anfangs den forſchenden Blick Sarahs, doch bemerkte dieſe ein leichtes, aber kaum erkenntliches Zittern, das einen Augenblick die Unterlippe der jungen Frau bewegte. Da die Gräfin ihre Forſchungen nicht weiter treiben, nament⸗ lich nicht das Mißtrauen ihrer Freundin wecken wollte, ſo ſetzte ſie ſchnell hinzu: „Ja, eine gewiſſe ſchüchterne Abneigung, einen Widerwillen, wie ihn wohl ein eiferſüchtiger, mürriſcher Mann hervorruft.“ Bei dieſer Erläuterung hörte das leichte krampfhafte Zucken der Lippe der Frau von Harville auf; es war, als wäre ihr eine ſchwere Laſt abgenommen worden, und ſie antwortete: „Nein, Harville iſt weder eiferſüchtig, noch mürriſch —“ Dann ſagte ſie plötzlich, ohne Zweifel um ein Geſpräch abzu⸗ brechen, das ihr läſtig war: „mein Gott, da kommt der unerträg⸗ Die Geheimniſſe von Paris. I. 12 178 liche Herzog von Lucenay, ein Freund meines Mannes. — Wenn er uns nur nicht bemerkt! Woher mag er kommen? Ich glaubte, er ſei tauſend Meilen weit weg.“ „Man ſagte wirklich, er ſei auf ein oder zwei Jahre nach dem Oriente gereiſt, und er hätte Paris kaum vor fünf Monaten verlaſſen. Das nenne ich eine unerwartete Wiederkehr, welche der Herzogin von Lucenay gewiß ſehr unangenehm geweſen iſt, vb⸗ gleich der Herzog ihr nirgends hindernd in den Weg tritt,“ ſagte Sarah mit boshaftem Lächeln. — „Sie wird übrigens nicht die einzige ſein, welche dieſe verdrüßliche Rückkunft verwünſcht. Der Herr von St. Remy wird ſich auch ärgern.“ „Sprechen Sie nicht böswillig, liebe Sarah, und ſagen Sie, die Rückkunft iſt für Jedermann verdrüßlich. — Der Herr Herzog iſt ſo unangenehm, daß Sie recht wohl ganz im Allgemeinen ſpre⸗ chen können.“ „Böswillig? Nein, gewiß nicht; ich bin darin nur ein Echv. Man ſetzt hinzu, der Herr von Saint Remy, das Muſter der Elegants, der ganz Paris durch ſeinen Lurus blendete, ſei ſo ziem⸗ lich ruinirt, ob er gleich ſeinen Aufwand nicht einſchränkt; die Frau Herzogin von Lucenay iſt freilich unerweßlich reich —“ „Abſcheulich!“ „Ich wiederhole es, ich bin nur ein Echv. Ach Gott! der Herzog hat uns geſehen. Er kommt; wir müſſen uns in unſer Schickſal ergeben, das freilich traurig genug iſt. Ich kenne nichts Unausſtehlicheres als dieſen Mann; er beträgt ſich oft ſo gemein, lacht über ſeine Albernheiten ſo laut und macht einen ſo gewal⸗ tigen Lärm, daß man betäubt wird. Legen Sie einen Werth auf Ihr Flacon oder Ihren Fächer, ſo vertheidigen Sie dieſe Gegen⸗ ſtände muthig gegen ihn, denn er beſitzt überdies die Ungeſchick⸗ . — — — — . — 179 lichkeit, Alles zu zerbrechen, was er berührt und zwar auf eine Art, als mache es ihm das größte Vergnügen.“ Der Herzog von Lucenay, der einer der größten Familien Frankreichs angehörte, noch jung war und ein Geſicht hatte, das nur durch die maßloſe und groteske Länge der Naſe unangenehm gemacht wurde, fuhr immer ruhelos und haſtig umher, ſchrie und lachte ſo laut, führte oft ſo unanſtändige und gemeine Worte im Munde und nahm dabei eine ſo ungewöhnliche Haltung an, daß man jeden Augenblick an ſeinen Namen denken mußte, um ſich nicht zu verwundern, wie er in die beſte Geſellſchaft in Paris komme, und einzuſehen, warum man ſeine ungewöhnlichen Geberden und Worte duldete, an die man überdies bereits ge⸗ wöhnt war. Man floh ihn wie die Peſt, obgleich es ſeiner über⸗ mäßigen Weitſchweifigkeit und Wortfulle bisweilen nicht an einem gewiſſen Geiſte fehlte. Er war Einer jener Rächer, in deren Hände man immer die lächerlichen oder verhaßten Menſchen ge⸗ rathen zu ſehen wünſcht. Die Herzogin von Lucenay, trotz ihren dreißig Jahren noch immer eine der angenehmſten und modiſcheſten Damen von Paris, hatte oft von ſich reden gemacht; aber man entſchuldigte faſt ihren leichtfertigen Wandel, wenn man an die unausſtehlichen Seltſam⸗ . keiten ihres Gemahls dachte. Ein fernerer Zug dieſes unleidlichen Mannes war eine un⸗ erhörte Maßloſigkeit und Rückſichtsloſigkeit im Ausdruck in Bezug auf Krankheiten und unmögliche oder alberne Gebrechen, die er den Leuten andichtete und um deren willen er ſie laut und vor hundert Perſonen bemitleidete. Uebrigens beſaß er Muth, ſcheute ſich nicht vor den Folgen ſeiner ſchlechten Späße und hatte zahl⸗ reiche Wunden erhalten und ausgetheilt, ohne ſich zu ändern. 12 ½ 180 Nachdem wir dies vorausgeſchickt haben, müſſen wir die gel⸗ lende unangenehme Stimme des Herzogs von Lurenay ertönen laſſen, der die Marquiſe von Harville und die Gräfin kaum er⸗ blickt hatte, als er laut rief: „He! he! Was giebt's da? Was ſeh' ich dort? Wie? — Die ſchönſte Frau beim Balle zieht ſich zurück? Iſt das erlaubt? Muß ich von den Antipoden zurückkehren, um einem ſolchen Scan⸗ dale ein Ende zu machen? Wenn Sie ſich der allgemeinen Be⸗ wunderung noch länger entziehen, Marquiſe, ſchrei' ich wie ein Beſeſſener und rufe es überall aus, der ſchönſte Schmuck ſei ver⸗ loren gegangen.“ Dann warf er ſich neben der Marquiſe auf den Divan, lehnte ſich weit zurück, legte das linke Bein über den rechten Schenkel und nahm den Fuß in die Hand. „Sie ſind alſo aus Conſtantinopel ſchon wieder zurück?“ fragte die Frau von Harville, indem ſie zurückwich. „Schon? Sie ſagen da gewiß, was meine Frau gedacht hat, denn ſie wollte mich heute Abend bei meinem erſten Wieder⸗ erſcheinen in Geſellſchaft nicht begleiten. Da überraſche man ſeine Freunde, wenn man ſo empfangen wird!“ „Das iſt ſehr einfach; es war Ihnen ſo leicht liebenswürdig zu bleiben — in der Ferne,“ entgegnete die Frau von Harville mit einem halben Lächeln. „Das heißt abweſend zu bleiben, nicht wahr? Es iſt ein Gräuel, eine Schändlichkeit, was Sie da ſagen,“ ſprach der Her⸗ zog, indem er das Bein von dem Schenkel herunternahm und auf ſeinem Hute trommelte wie auf einem Tambourin. „um des Himmels willen, Herr Hetzog, ſchreien Sie nicht — ————— 181 ſo und bleiben Sie ruhig, Sie zwingen uns außerdem fortzuge⸗ hen,“ ſagte die Marquiſe ernſt. „Fortzugehen? Um mir Ihren Arm zu geben und einen Gang um die Galerie zu machen?“ „Mit Ihnen? — Gewiß nicht. — Ich bitte Sie, greifen Sie das Bouquet nicht an; laſſen Sie auch den Fächer unberührt, Sie werden ihn zerbrechen, wie es Ihre Gewohnheit iſt.“ „Wenn es weiter nichts iſt! Ich habe ſchon mehr als einen zerbrochen, beſonders einen prachtvollen chineſiſchen, den die Frau von Vaudemont meiner Frau gegeben hatte.“ Während der Herzog von Lurenay dieſe beruhigenden Worte ſprach, griff er nach einem Geflecht von Kletterpflanzen, die er an ſich zerrte und endlich wirklich von dem Baume losriß, der ſie ſtützte. Sie fielen herunter, und der Herzog wurde davon gleich⸗ ſam gekrönt. Darüber lachte er ſo laut, ſo betäubend, daß die Frau von Harville ſich von dem unausſtehlichen läſtigen Menſchen entfernt haben würde, wenn ſie nicht eben Herrn Karl Robert (den Com⸗ mandanten, wie die Frau Pipelet ſagte) von der andern Seite des Ganges her hätte kommen ſehen. Sie fürchtete, es könnte ſcheinen, als ſei ſie ihm entgegen gegangen, und blieb alſo bei dem Herzoge. „Sagen Sie, Madame Mae Gregor, ſehe ich unter dieſem Grün nicht aus wie der Gott Pan, wie eine Najade, wie ein Wilder?“ wendete er ſich an Sarah, vor die er ſich raſch hin⸗ ſtellte. „Bei dem Wilden fällt mir eine närriſche Geſchichte ein, die ich Ihnen erzählen muß. — Denken Sie ſich, daß auf Otahaiti —“ 182 „Herr Herzog!“ unterbrach ihn Sarah mit ſchneidender Kälte. „Schon gut, ſchon gut! Ich erzähle Ihnen meine Geſchichte nicht, ſondern behalte ſie für die Frau von Fonbonne, die da eben kommt.“ Es war dies eine kleine dicke, ſehr prätentiöſe und ſehr lächer⸗ liche Frau von etwa funfzig Jahren, deren Kinn den Buſen be⸗ rührte und die fortwährend die Angen ſo verdrehte, daß man nur das Weiße derſelben ſah. Sie ſprach immer von ihrer Seele, von der Sehnſucht ihrer Seele, von den Bedürfniſſen ihrer Seele und von dem Streben ihrer Seele. Dieſen Abend trug ſie einen abſcheulichen Turban von kupferfarbigem Zenge mit grünen Muſtern. „Ich behalte ſie für die Frau von Fonbonne,“ wiederholte der Herzog. „Was behalten Sie für mich, Herr Herzog?“ fragte die Frau von Fonbonne affectirt, in girrendem Tone und mit ver⸗ drehten Augen. „Eine gräulich unanſtändige, unpaſſende Geſchichte,“ antwor⸗ tete der Herzog. „Mein Gott, und Sie wollten wagen, Sie wollten ſich er⸗ lauben?“ „Ja, Frau von Fonbonne. Mancher Mann würde dabei roth werden, aber ich kenne Ihren Geſchmack. — Alſo hören Sie mich an.“ „Herr!“ „Nein, Sie ſollen meine Geſchichte auch nicht erfahren, denn während Sie ſich ſonſt immer ſo gut, ſo geſchmackvoll, ſo elegant kleiden, tragen Sie heute einen Turban, erlauben Sie mir, dies ——— 183 Ihnen geradezu zu ſagen, der, auf Ehre! ausſieht wie ein altes fupfernes Caſſerol mit Grünſpanflecken.“ Darauf belachte er laut ſeinen angeblichen Witz. „Wenn Sie aus dem Oriente zurückgekommen ſind, um Ihre albernen Späße wieder fortzuſetzen, die man Ihnen nur verzeiht, weil Sie halb verrückt ſind,“ ſagte die dicke Frau gereizt, „ſo wird man Ihre Ruckkunft ſehr beklagen, Herr —.“ Und ſie ſchritt majeſtätiſch weiter. „Ich muß wahrhaftig an mich halten, um der Närrin nicht den Turban herunter zu reißen,“ ſagte der Herzog, „aber ich achte ſie, ſie iſt eine Waiſe. Ha! ha! ha!“ Und er lachte von Neuem. „Sieh da, Herr Karl Robert!“ fuhr er ſodann fort. „Ich habe ihn in den Pyrenäenbädern getroffen, — ein prächtiger Menſch, ſingt wie ein Schwan. — Geben Sie Acht, Marquiſe, wie ich ihn ſchraube. — Soll ich ihn Ihnen vorſtellen?“ „Bleiben Sie in Ruhe und laſſen Sie uns in Ruhe,“ ſagte Sarah. Während Herr Karl Robert langſam näher kam, indem er ſich ſtellte, als bewundere er die Blumen des Treibhauſes, hatte der Herzog von Lucenay ſo geſchickt mansvrirt, daß er ſich wirk⸗ lich des Flacons Sarahs bemächtigte, von dem er den Stöpſel abzumachen ſich bemühte. Herr Karl Robert kam immer näher; ſeine hohe Geſtalt war vollkommen proportionirt; ſein Geſicht zeichnete ſich durch die ta⸗ delloſe Reinheit der Züge und ſeine Kleidung durch die höchſte Eleganz aus; dennoch fehlte es ſeinem Geſichte und ſeiner Figur an Grazie, an Feinheit; ſeine Haltung war ſteif und gezwungen, ſeine Hände und Füße waren groß und gemein. Als er die Frau von Harville erblickte, verſchwand die regelmäßige Nichtigkeit ſei⸗ 184 ner Züge plötzlich unter einem Ausdrucke tiefer Melancholie, der indeß ſo raſch eintrat, daß man ihn nothwendig für erheuchelt halten mußte. Nichtsdeſtoweniger war die Heuchelei täuſchend, und Herr Robert ſah ſo entſetzlich unglücklich, ſo natürlich troſt⸗ los aus, als er an die Frau von Harville herantrat, daß dieſe unwillkürlich an die unglückverkündenden Worte Sarahs über die möglichen traurigen Folgen ſeiner Verzweiflung denken mußte. „Ah guten Tag, mein Lieber,“ rief ihm Lucenay zu, indem er ihn beim Vorübergehen aufhielt; „ich habe nicht wieder das Vergnügen gehabt Sie zu ſehen ſeit unſerm letzten Beiſammen⸗ ſein im Bade. — Aber was fehlt Ihnen? Sie ſehen ſo krank aus.“ Herr Karl Robert warf einen langen melancholiſchen Blick auf die Frau von Harville und antwortete dem Herzoge mit kläg⸗ licher Stimme: „Ich befinde mich allerdings nicht wohl.“ „Mein Gott, können Sie Ihre Verſchleimung nicht los werden?“ fragte der Herzog von Lucenay, wie es ſchien, mit wirk⸗ licher Theilnahme. Dieſe Frage war ſo abgeſchmackt lächerlich, ſo albern, duß Herr Karl Robert einen Augenblick ganz verblufft daſtand; daun färbte ſich ſein Geſicht mit Zornesröthe, und er ſagte mit feſte Stimme zu dem Herzoge: „Da Sie an meiner Geſundheit ſo großen Antheil nehmen, ſo werden Sie hvffentlich morgen früh nach meinem Befinden ſich erkundigen.“ „Wie ſo, mein Lieber? Gewiß, ich werde ſchicken,“ antwortete der Herzog ſtolz. Herr Karl Robert verbeugte ſich leicht und ging weiter. 185 „Das Merkwürdigſte bei der ganzen Sache iſt, daß er eben ſo wenig verſchleimt iſt als der Großtürke,“ ſagte der Herzog, in⸗ dem er ſich von Neuem neben Sarah zurücklehnte, „ich müßte es denn errathen haben, ohne es zu wiſſen. — Sagen Sie ſelbſt, Madame Mae Gregor, ſieht der Herr aus, als wäre er verſchleimt?“ Sarah drehte ihm den Rücken zu, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Alles dies war in ſehr kurzer Zeit geſchehen. Sarah hatte mit Mühe das Lachen verbergen können. Die Frau von Harville dagegen hatte viel gelitten bei dem Gedanken an die ſchreckliche Lage eines Mannes, der vor einer Dame, die er liebt, auf ſo lächerliche Weiſe angeredet wird; ſie fühlte überdies eine unbezwingliche Unruhe, als ſie bedachte, daß ein Duell die Folge davon ſein könnte. Sie ſtand endlich raſch auf, nahm den Arm Sarahs, holte den Herrn Karl Robert ein, der ſich vor Unwillen nicht laſſen konnte, und ſagte im Vorüber⸗ gehen ganz leiſe zu ihm: „Morgen um ein Uhr komme ich —.“ Dann kehrte ſie mit der Gräfin in den Ballſaal zurück und fuhr bald darauf nach Hauſe. XXXIX. Mein Engel, Du kommſt ſpät. — Eudolph hatte, als er ſich zu dieſem Balle begab, um eine Pflicht der Convenienz zu erfüllen, auch die Abſicht gehabt, ſich wo möglich zu überzeugen, ob ſeine Befürchtungen in Bezug auf die Frau von Harville begründet wären und ob ſie wirklich die Heldin der Erzählung der Frau Pipelet wäre. Nachdem er den Wintergarten mit der Gräfin * * * verlaſ⸗ ſen hatte, war Rudolph vergebens durch mehrere Säle gegangen, um die Marquiſe allein zu treffen. Er kehrte eben in das Treib⸗ haus zurück und blieb einen Augenblick auf der erſten Stufe ſte⸗ hen, als er Zeuge der flüchtigen Scene zwiſchen der Frau von Harville und dem Herrn Karl Robert nach dem ſchlechten Spaße des Herzogs von Lucenay war. Er bemerkte einen Austauſch ſehr bedeutungsvoller Blicke, und ein geheimes Gefühl ſagte ihm, der große, ſchöne junge Mann ſei der Commandant. Um ſich da⸗ von zu überzeugen, begab er ſich wieder in die Galerie. Eben begann ein Walzer. Nach einigen Minuten ſah er Herrn 187 Karl Robert in einer Thüre ſtehen. — Er ſchien mit ſeiner Ant⸗ wort an den Herrn von Lucenay (Karl Robert war trotz ſeiner mancherlei lächerlichen Eigenſchaften wirklich tapfer) und mit dem Verſprechen, das ihm die Frau von Harville für den nächſten Tag gegeben hatte, gleich zufrieden und gewiß zu ſein, daß ſie diesmal Wort halten würde. Rudolph ſuchte Murph auf. „Siehſt Du dort den jungen blonden Mann?“ „Den großen jungen Herrn, der ſo ſelbſtzufrieden ausſieht? Ja, Durchlaucht.“ „Suche ihm ſo nahe zu kommen, daß Du, ohne von ihm ge⸗ ſehen zu werden, leiſe, doch ſo, daß er es hört, die Worte ſagen kannſt: „mein Engel, Du kommſt ſpät.“ Der Squire ſah Rudolph verwundert an. „Ernſtlich, Durchlaucht?“ „Es iſt mein Ernſt. Dreht er ſich bei dieſen Worten um, ſo bewahre Deine koſtbare Kaltblütigkeit, die ich ſo oft bewundert habe, damit der Herr nicht merken kann, wer die Worte geſpro⸗ chen hat.“ „Ich begreife nicht, werde aber gehorchen.“ Der würdige Murph war vor dem Ende des Walzers un⸗ mittelbar hinter Herrn Karl Robert gekommen. Rudolph, der ſich einen Standpunkt gewählt hatte, um die Wirkung dieſes Er⸗ perimentes genau beobachten zu können, folgte Murph aufmerkſam mit den Augen. Nach einer Secunde drehte ſich Herr Karl Ro⸗ bert plötzlich und höchſt erſtaunt um. Der Sguire zuckte nicht mit den Wimpern, und der Comman⸗ vant hielt den großen, kahlköpfigen Mann mit dem ernſten, impo⸗ ſanten Geſichte am allerwenigſten für fähig, jene Worte geſprochen zu haben, welche ihn an das unangenehme Quiproquo erinnerten, deſſen Urſache und Heldin die Frau Pipelet geweſen war. Nach dem Walzer kam Murph zu Rudolph zurick. „Der junge Mann drehte ſich um, als hätte ich ihn gebiſſen. Sind das Jauberworte?“ „Allerdings, mein lieber Murph. Sie haben mir entdeckt, was ich wiſſen wollte.“ Rudolph konnte nun die Frau von Harville wegen einer Ver⸗ wirrung nur beklagen, die um ſo gefährlicher war, weil er unklar ahnte, daß Sarah die Mitſchuldige oder Vertraute ſei. Er fühlte bei dieſer Entdeckung einen brennenden Schmerz und zweifelte nicht mehr an der Urſache von Harvilles Kummer, den er aufrichtig liebte; offenbar war dieſer Kummer eine Folge der Eiferſucht. Seine Frau opferte ſich einem Manne auf, der es nicht verdiente. Da indeß Rudolph zufällig ein Geheimniß erfahren hatte, er keinen Mißbrauch davon machen und nichts unternehmen konnte, um der Frau von Harville die Augen zu öffnen, die überdies einer Leiden⸗ ſchaft folgte, welche ſie verblendete, ſo mußte er zu ſeinem Be⸗ dauern die junge Frau ſich in das Verderben ſtürzen ſehen und unthätiger Zuſchauer dabei bleiben. Aus dieſen Gedanken riß ihn der Baron von Graun. „Wenn Ew. Durchlaucht mir einen Augenblick Gehör ſchen⸗ ken wollen in dem kleinen Zimmer nebenan, in welchem ſich Nie⸗ mand befindet, ſo werde ich die Ehre haben, Ihnen Rechenſchaft über die Erkundigungen abzulegen, die ich einziehen ſollte.“ Rudolph folgte dem Baron. „Die einzige Herzogin, auf deren Namen die Anfangsbuchſta⸗ ben N. und L. paſſen, iſt die Herzogin von Lucenay, geb. von Noirmont,“ ſagte der Baron. „Sie iſt dieſen Abend nicht hier. 189 Eben habe ich aber ihren Gemahl geſehen, den Herrn Herzog von Lucenay, der vor fünf Monaten eine Reiſe nach dem Orient un⸗ ternahm, die über ein Jahr dauern ſollte. Vor zwei oder drei Tagen iſt er unerwartet zurückgekommen.“ Man erinnert ſich, daß Rudolph bei ſeinem Beſuche in dem Hauſe in der Rue du Temple auf der Treppe zu der Wohnung des Charlatans Cäſar Bradamanti ein thränenfeuchtes, reich mit Spitzen garnirtes Taſchentuch gefunden, und daß er in einem Zip⸗ fel dieſes Tuches die Buchſtaben N. und L., mit einer Herzogs⸗ krone darüber, bemerkt hatte. Nach ſeinem Befehle hatte der Herr von Graun, ohne dieſe Umſtände zu kennen, ſich nach den Namen der eben in Paris anweſenden Herzoginnen erkundigt und die Nach⸗ weiſungen erhalten, die wir eben angeführt haben. Rudolph durchſchaute Alles. Er hatte keinen Grund ſich für die Herzogin von Lucenay zu intereſſiren, ſchauderte aber unwillkürlich bei dem Gedanken, daß, wenn ſie wirklich dem Charlatan einen Beſuch gemacht hatte, die⸗ ſer Elende, der kein Anderer als der Abbé Polidori war, den Na⸗ men dieſer Dame kannte, der er den kleinen Lahmen nachgeſchickt hatte, und daß derſelbe von dem ſchrecklichen Geheimniſſe, welches die Herzogin ganz in ſeine Hände gab, einen entſetzlichen Miß⸗ brauch machen konnte. „Der Zufall iſt bisweilen ſehr ſonderbar,“ fuhr der Ba⸗ von fort. — „Wie ſo?“ „In dem Augenblicke, als mir der Herr von Grangeneuve dieſe Mittheilung über den Herzog von Lucenay und deſſen Ge⸗ mahlin machte und hinzuſetzte, die unerwartete Rückkunft des Her⸗ zogs würde der Gemahlin deſſelben und einem ſehr ſchönen jungen — 190 Manne, dem erſten Elegant von Paris, Vicomte von Saint Remy, ſehr ungelegen geweſen ſein, fragte mich der Geſandte, ob ich wohl glaube, daß Ew. Durchlaucht ſich den anweſenden Vicomte vor⸗ ſtellen laſſen würden. Er iſt der Geſandtſchaft in Gerolſtein bei⸗ gegeben worden und würde ſich glücklich ſchätzen, Ew. Durchlaucht bei dieſer Gelegenheit ſeine Aufwartung machen zu dürfen.“ „Rudolph konnte eine Bewegung der Ungeduld nicht unter⸗ drücken und ſagte: „Das iſt mir ſehr unangenehm, — ich kann mich aber nicht weigern. — Sagen Sie alſo dem Grafen * *, er möge mir den Herrn von Saint Remy vorſtellen.“ Trotz ſeiner übeln Laune war Rudolph ſeiner ſo mächtig, daß er es an Freundlichkeit nicht gebrechen ließ. Uebrigens nannte man den Herrn von Saint Remy den Geliebten der Herzogin von Lucenay, und dieſer Umſtand erregte Rudolphs Neugierde. Der Vicomte kam mit dem Grafen von ** * herbei. Er war ein ſchöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, ſchlank gewachſen und hatte die vorzüglichſte Haltung wie das einneh⸗ mendſte Geſicht. Dieſes Geſicht hatte eine ſtark braune Farbe, aber jenes ſammetartige, durchſichtige Braun, welches man an den Portraits Murillos ſieht. Sein ins Bläuliche fallendes, über dem linken Schlaf geſcheiteltes, auf der Stirn ſehr glatt liegendes Haar lockte ſich anmuthig um das Geſicht und ließ kaum das farbloſe Ohrläppchen ſehen. Das Dunkelſchwarz ſeiner Augen trat glänzend auf dem Augapfel hervor, der, ſtatt weiß zu ſein, perlenmutterartig in das leichte Blau ſpielte, welches dem Auge der Indianer einen ſo reizenden Ausdruck giebt. Nach einer Laune der Natur ſtach der dichte ſeidenweiche Schnurrbart von der bart⸗ loſen Jugendlichkeit des Kinnes und der Wangen ab, die ſo glatt 191 waren wie die eines Mädchens. Er trug eine ſehr niedrige ſchwarze Atlascravatte, welche ſeinen herrlichen Hals ſehen ließ. Eine einzige Perle hielt die langen Falten ſeiner Cravatte zuſammen, eine Perle von unſchätzbarem Werthe wegen ihrer Größe, der Reinheit ihrer Form und ihres auffallenden Glanzes. Die höchſt geſchmackvolle Kleidung des Herrn von Saint Remy paßte voll⸗ kommen zu dieſem prachtvollen, einfachen Juwel. Man konnte das Geſicht und die Perſon des Herrn von Saint Remy nicht wieder vergeſſen, ſobald man ihn einmal geſe⸗ hen hatte, ſo ſehr unterſchied er ſich von dem gewöhnlichen Typus der Elegants. Sein Lurus in Wagen nnd Pferden war außerordentlich groß; er ſpielte ſtark, und der Betrag ſeiner Wetten bei den Pferderen⸗ nen belief ſich jährlich immer auf zwei bis dreitauſend Louisd'yrs. Sein Haus in der Rue de Chaillot galt für das Muſter elegan⸗ ter Pracht; er führte einen ausgezeichneten Tiſch, und nach Tiſche ſpielte man gewöhnlich, wobei er oft bedeutende Summen mit der gaſtfreundlichſten Sorgloſigkeit verlor. Dennoch wußte man ge⸗ wiß, daß er ſein väterliches Erbe längſt verſchwendet hatte. Die Neidiſchen und Böswilligen ſprachen, um ſeinen unbe⸗ greiflichen Aufwand zu erklären, von dem großen Reichthume der Herzogin von Lucenay, wie es auch Sarah gethan hatte; aber man vergaß, daß, abgeſehen von der Böswilligkeit dieſer Annahme, der Herzog natürlich das Vermögen ſeiner Frau controllirte und Herr von Saint Remy jährlich wenigſtens funfzigtauſend Thaler ausgab. Andere ſprachen von Wucherern, die man mit Recht un⸗ vorſichtige nannte, denn der Vicomte hatte keine Erbſchaft mehr zu erwarten. Noch Andere endlich nannten ihn zu glücklich bei den Wettrennen und ſprachen leiſe von den Jockehs, die er beſto⸗ 192 chen haben ſollte, damit ſie die Pferde verlieren ließen, gegen welche er bedeutende Summen gewettet; die meiſten indeß küm⸗ merten ſich nicht um die Mittel, welche der Herr von Saint Remy anwandte, um ſeinen Aufwand beſtreiten zu können. Durch ſeine Geburt gehörte er der großen Welt an; er war heiter, muthvoll, geiſtreich, ein guter Geſellſchafter; er gab vor⸗ treffliche Garcvn⸗Diners und hielt dann alle Einſätze, die man ihm vorſchlug; was brauchte er alſo noch weiter? Die Damen vergötterten ihn; ſeine Siege bei den Schönen waren kaum zu zählen; er war jung und ſchön, galant und bis zur Verſchwendung freigebig bei allen Gelegenheiten, in denen es ein Mann Damen von Rang gegenüber ſein kann; kurz ſeine Be⸗ liebtheit war ſo groß, daß das Dunkel, mit welchem er die Quelle des Pactolus umgab, aus welcher er mit vollen Händen ſchöpfte, ſeinem Leben ſelbſt einen gewiſſen geheimnißvollen Reiz gab. Man ſagte lächelnd: „Der Saint Remy muß den Stein der Weiſen gefunden haben.“ Andere Perſonen meinten, als ſie erfuhren, St. Remy habe ſich der franzöſiſchen Geſandtſchaft bei dem Großherzoge von Ge⸗ rolſtein beigeben laſſen, er wolle ſich auf eine ehrenvolle Weiſe zurückziehen. * Der Graf von *** ſagte zu Rudolph, als er ihm den Vi⸗ comte von St. Remy vorſtellte: „Ich habe die Ehre, Ew. Durchlaucht den Vicomte von Saint Remy, Attaché der Geſandtſchaft in Gerolſtein, vorzu⸗ ſtellen.“ Der Vicomte verbeugte ſich tief und ſagte zu Rudolph: „Werden Ew. Durchlaucht meine Ungeduld entſchuldigen, — 193 die mich treibt, Ihnen meine Ehrfurcht zu bezeigen? Vielleicht eile ich zu ſehr, einer Ehre mich zu erfreuen, auf die ich ſo großen Werth lege.“ „Ich werde Sie mit Vergnügen in Gerolſtein wiederſehen. — Gedenken Sie bald dahin abzureiſen?“ „Der Aufenthalt Ew. Durchlaucht in Paris iſt die Urſache, daß ich meine Abreiſe nicht mehr beſchleunige.“ „Der friedliche Contraſt unſerer deutſchen Höfe wird Ihnen ſehr auffallen, Herr Vicomte, da Sie an das Leben in Paris ge⸗ wöhnt ſind.“ „Ich wage Ew. Durchlaucht zu verſichern, daß allein das Wohlwollen, das Sie mir zu gewähren geruhen und das Sie mir vielleicht auch in der Zukunft ſchenken, meine Sehnſucht nach Pa⸗ ris verringern wird.“ „Es wird nicht von mir abhängen, Herr Vicomte, daß Sie während Ihres Aufenthaltes in Gerolſtein immer ſo denken.“ Und Rudolph nickte leicht mit dem Kopfe, um dem Herrn von Saint Remy anzuzeigen, daß er ſich wieder entfernen könnte. Der Vicomte verbeugte ſich tief und ging. Rudolph war ein großer Phyſiognom und faßte ſchnell gegen Perſonen Zuneigung oder Abneigung, die ſich ſpäter faſt immer rechtfertigte. Nach den wenigen Worten, die er mit dem Herrn von Saint Remy gewechſelt hatte, fühlte er gegen denſelben ei⸗ nen unwillkürlichen Widerwillen, ohne ſich einen Grund dazu angeben zu können. Er glaubte etwas perfid Schlaues in den Blicken des Vicomtes zu finden und hielt deſſen Geſicht für ge⸗ fährlich. Die Geheimniſſe von Paris. U. 13 194 Wir werden den Herrn von Saint Remy in Umſtänden wie⸗ derfinden, die einen ſchrecklichen Contraſt mit der glänzenden Stel⸗ lung bilden, die er zu der Zeit einnahm, als er Rudolph vorge⸗ ſtellt wurde. Dann wird ſich auch die Richtigkeit der Ahnungen des letztern ergeben. Nach dieſer Vorſtellung ging Rudolph in Gedanken über das ſeltſame Zuſammentreffen, welches der Zufall herbeigeführt hatte, iu den Wintergarten zurück. Da die Souperzeit gekommen, ſo waren die Säle faſt ganz leer. Das geheimſte, verſteckteſte Plätz⸗ chen in dem Treibhauſe befand ſich am Ende eines Dickichts, an der Ecke zweier Wände, die ein von Kletterpflanzen umſchlunge⸗ ner ungeheurer Piſangbaum faſt ganz verdeckte. Eine kleine durch das Gitterwerk maskirte Thüre, welche über einen langen Cor⸗ ridor in den Büffetſaal führte, war unfern von dieſem buſchigen Baume halb offen geblieben. Hier ſetzte ſich Rudolph, geſchützt durch dieſen grünen Schirm, nieder, und er ſaß ſeit einigen Augenblicken in Gedanken verſun⸗ ken da, als er von einer wohlbekannten Stimme ſeinen Namen ausſprechen hörte. Sarah, die an der andern Seite des Dickichts ſaß, welches Rudolph völlig unſichtbar machte, ſprach engliſch mit ihrem Bru⸗ der Tom. Tom war ſchwarz gekleidet. Ob er gleich nur wenige Jahre älter war als Sarah, ſo ſah doch ſein Haar ganz weiß aus; ſein Geſicht verrieth einen kalten, unerſchrockenen Willen; ſein Blick war finſter, und ſeine Stimme klang hohl. Es mußte ein großer Schmerz oder ein tiefer Haß in ihm wühlen. Rudolph hörte aufmerkſam auf das nachſtehende Geſpräch: — ———— — — — — —— 195 „Die Marquiſe iſt auf einen Augenblick auf den Ball des Barons von Nerval gegangen; zum Gluck entfernte ſie ſich, ohne mit Rudolph ſprechen zu können, der ſie ſuchte; ich fürchte immer den Einfluß, den er auf ſie ausübt und den zu bekämpfen, theil⸗ weiſe zu vernichten mir ſo ſchwer wird. Endlich wird dieſe Ne⸗ benbuhlerin, die ich immer aus Ahnung gefürchtet habe und die ſpäter meinen Plänen ſo hinderlich werden könnte, in ihr Verder⸗ ben gehen. — Höre mich an, Tom, die Sache iſt wichtig.“ „Du irrſt Dich — Rudolph hat nie an die Marquiſe ge⸗ dacht.“ „Es iſt Zeit, Dir endlich einige Aufklärungen darüber zu ge⸗ ben. — Es iſt während Deiner letzten Reiſe viel geſchehen, und da ſchneller gehandelt werden muß, als ich glaubte, — noch die⸗ ſen Abend — bei dem Fortgehen von hier, — ſo iſt dieſe Be⸗ ſprechung durchaus nothwendig. — Zum Glück ſind wir allein.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Die Marquiſe hatte, ich bin überzeugt davon, bevor ſie Ru⸗ dolph ſah, nicht geliebt. — Ich weiß nicht, aus welchem Grunde ſie einen unüberwindlichen Widerwillen gegen ihren Mann hat, der ſie anbetet. Es liegt dahinter ein Geheimniß, in das ich ver⸗ gebens einzudringen verſuchte; — die Anweſenheit Rudolphs hatte in ihrem Herzen tauſend neue Gefühle erregt. Ich erſtickte dieſe aufkeimende Liebe durch Erzählungen, die den Fürſten verdächtig⸗ ten. Aber das Bedürfniß zu lieben war in der Marquiſe erwacht, und als ſie bei mir jenen Karl Robert ſah, fiel ihr ſeine Schön⸗ heit auf, wie der Anblick eines Gemäldes frappirt. Der Menſch iſt leider ſo albern wie er ſchön iſt, aber er hat etwas äußerft Rührendes in ſeinem Blicke; ich rühmte den Adel ſeiner Seele, die Hoheit ſeines Charakters. Ich kannte die angeborene Gutmü⸗ 13 * 196 thigkeit der Marquiſe und legte dem Herrn Robert das intereſſan⸗ teſte Unglück bei; ich empfahl ihm, immer bis zum Tode betrübt zu ſcheinen, fortwährend zu ſeufzen und namentlich wenig zu ſpre⸗ chen. Durch ſein Geſangstalent, durch ſein Geſicht, beſonders aber durch ſeine ſcheinbare Traurigkeit hat er es dahin gebracht, daß ihn die Frau von Harville faſt liebt, welche ſo jenes Bedürfniß zu lie⸗ ben befriedigt, das der Anblick Rudolphs in ihr geweckt hatte. Begreifſt Du nun?“ „Ja, vollkommen. Weiter nun.“ „Robert und die Marquiſe ſahen einander ungeſtört nur bei mir; zweimal in der Woche machten wir Drei Vormittags Muſik. Der ſchöne Traurige ſeufzte, ſprach leiſe einige zärtliche Worte und ſteckte ihr ein paarmal Liebesbriefchen zu. Dieſe Briefe fürch⸗ tete ich noch mehr als ſeine Worte, ein Weib iſt aber immer ge⸗ gen die erſten Erklärungen, die ſie erhält, nachſichtig, und die mei⸗ nes Schützlings ſchadeten ihm nicht. Die Hauptſache für ihn war, ein Rendezvvus zu erlangen. Die kleine Marquiſe beſaß mehr Grundſätze als Liebe, oder vielmehr nicht Liebe genug, um die Grundſätze zu vergeſſen. Ihr unbewußt, lag in der Tiefe ihres Herzens noch immer eine Erinnerung an Rudolph, die gleichſam uber ſie wachte und die ſchwache Neigung zu Karl Robert be⸗ kämpfte, die mehr gemacht, als wirklich war, aber durch ihre leb⸗ hafte Theilnahme an dem erheuchelten Unglücke des Herrn Karl Robert und durch meine fortwährende übertriebene Lobeserhebung dieſes hirnloſen Apolls unterhalten wurde. Endlich entſchloß ſich Clemence eines Tages, als ſie dem verzweifelten Ausſehen ihres unglücklichen Anbeters nicht mehr widerſtehen konnte, ihm das ſo ſehr gewünſchte Rendezvous zu bewilligen.“ „Sie hatte Dich alſo zu ihrer Vertrauten gemacht?“ 197 „Sie hatte mir ihre Neigung für Karl Robert geſtanden, wei⸗ ter nichts; ich bemühte mich nicht, mehr zu erfahren, es wäre mir hinderlich geweſen. — Er aber theilte mir aus Entzücken oder vielmehr aus Stolz ſein Glück mit, ohne mir indeß den Tag oder den Ort der Zuſammenkunft zu nennen.“ „Und wie haſt du es erfahren?“ „Karl ſtellte ſich auf meinen Befehl den erſten und zweiten Tag darauf ſehr frühzeitig an der Thüre Roberts in Hinterhalt und folgte ihm. Am zweiten Tage gegen Mittag nahm unſer Verliebter einen Fiaere und fuhr in einen vergeſſenen Stadttheil, Rue du Temple. — Er ſtieg in einem Hauſe von ſchlechtem Aus⸗ ſehen ab, blieb darinnen anderthalb Stunden und ging dann wie⸗ der fort. Karl wartete lange, um zu ſehen, ob Jemand nach dem Herrn Karl Robert herauskäme. Dies geſchah nicht: die Mar⸗ quiſe hatte ihr Verſprechen nicht gehalten. Ich erfuhr es den andern Tag durch den Verliebten, der eben ſo niedergeſchlagen wie aufgebracht war. Ich rieth ihm, noch verzweifelter ſich zu ſtellen. Das Mitleid der Marquiſe wurde noch einmal angeregt, ſie ver⸗ ſprach ihm von Neuem ein Rendezvous, kam aber wieder nicht. Das drittemal kam ſie wirklich bis an die Thüre; das war ein Fortſchritt. Du ſiehſt, wie die Frau kämpft. Und warum? Weil ſie, ich bin überzeugt davon, und das erregt meinen Haß, im Herzen, unbewußt, noch immer an Rudolph denkt, was ſie auch zu ſchützen ſcheint. Heute Abend hat die Marquiſe endlich dieſem Robert ein Rendezvous für morgen zugeſagt, und diesmal wird ſie, ich zweifle nicht daran, gehen. Der Herzog von Lucenay hat den jungen Mann ſo entſetzlich lächerlich gemacht, daß die Marquiſe, von der Demüthigung ihres Geliebten tief er⸗ griffen, ihm aus Mitleiden bewilligt hat, was ſie ihm außerdem 198 vielleicht nicht bewilligt haben würde. Diesmal, ich wiederhole es, wird ſie ihr Verſprechen halten.“ „Welche Pläne haſt Du nun?“ „Die Marquiſe folgt einer Art eraltirten Mitleidens, nicht der Liebe; Karl Robert iſt ſo wenig im Stande, das Zartgefühl zu begreifen, das heute Abend den Entſchluß der Marquiſe be⸗ ſtimmte, daß er morgen von dieſem Rendezvvus wird Vortheil ziehen wollen und ſicherlich in der Achtung der Marquiſe alles verliert, die ſich zu dieſem ſie compromittirenden Schritte ohne Leidenſchaft, blos aus Mitleid entſchloß. Mit Einem Worte, ich zweifle nicht daran, daß ſie geht, um ihre Theilnahme zu bethä⸗ tigen, aber vollkommen ruhig und überzeugt, ihre Pflichten auch nicht einen Augenblick zu vergeſſen. Der Herr Karl Robert wird dies nicht begreifen; die Margquiſe wird ihn verabſcheuen und nach Zerſtörung ihrer Illuſion wieder unter den Einfluß ihrer Erinne⸗ rungen an Rudolph gerathen, die, wie ich überzeugt bin, noch im⸗ mer in ihrem Herzen ſchlummern.“ „Nun?“ „Sie muß für Rudolph auf immer verloren ſein; er würde ſicherlich früher oder ſpäter die Freundſchaft Harvilles verrathen und die Liebe der Marquiſe erwiedert haben: ſobald er ſie aber eines Vergehens ſchuldig weiß, das ihn nicht zum Gegenſtand hatte, wird er ſie verabſcheuen; es iſt dies ein für einen Mann unverzeihliches Verbrechen. Er wird die Liebe zu Harville vor⸗ ſchützen und die Frau nicht wiederſehen, die den Freund, den er ſo. ſehr liebt, ſo unwürdig hinterging.“ „Du willſt alſo den Marquis benachrichtigen?“ „Ja, und noch dieſen Abend, Du müßteſt denn anderer Mei⸗ nung ſein. Nach dem, was mir Clemence geſagt hat, ahnt er 199 etwas, ohne aber zu wiſſen, gegen wen ſich ſein Argwohn richten ſoll. Es iſt Mitternacht; wir verlaſſen den Ball; Du gehſt in das erſte beſte Kaffeehaus und ſchreibſt an den Herrn von Harville, daß ſich ſeine Frau morgen um ein Uhr zu einem Liebes⸗Rendezvous in der Rue du Temple No. 17 begeben würde. Er iſt eiferſüch⸗ tig, wird Clemence überraſchen; das Uebrige erräthſt Du.“ „Das iſt eine abſcheuliche Handlung,“ ſagte Tom kalt. „Du biſt bedenklich, Tom?“ „Ich werde thun, was Du verlangſt, aber ich wiederhole, es iſt abſcheulich.“ „Du willigſt ein?“ „Ja, — noch dieſen Abend ſoll Harville alles erfahren. Und — aber — es iſt mir, als wäre Jemand hier, hinter dieſem Dik⸗ kicht,“ ſagte Tom plötzlich, indem er ſich unterbrach und leiſe ſprach: „Es bewegte ſich Jemand.“ „So ſieh hin,“ antwortete Sarah beſorgt. Tom ſtand auf, ging um das Dickicht herum und erblickte Niemanden. Rudolph war durch die erwähnte kleine Thüre verſchwunden. „Ich hatte mich geirrt,“ ſagte Tom, als er zurückkam; „es iſt Niemand da.“ „Es war mir —“ „Höre mich an, Sarah. Ich glaube nicht, daß die Frau ſo gefährlich für die Zukunft Deiner Pläne iſt, wie Du glaubſt. Ru⸗ dolph hat Grundſätze, gegen die er niemals handeln wird. Das junge Mädchen, das er vor ſechs Wochen, als Handwerker ver⸗ kleidet, auf die Meierei gebracht hat, das Geſchöpf, dem er alle Sorgfalt zuwendet, dem er eine gewählte Erziehung geben läßt und das er mehrmals beſucht hat, ſcheint mir gefährlicher zu ſein. 200 Wir wiſſen nicht, wer das Mädchen iſt, ob ſie gleich der gemei⸗ nen Claſſe anzugehören ſcheint. Die ſeltene Schönheit aber, die ſie beſitzen ſoll, die Verkleidung, in welcher Rudolph ſie in jenes Dorf brachte, die wachſende Tbeilnahme, die er an ihr nimmt, alles beweiſt, daß dieſe Neigung nicht ohne Bedeutung iſt. Ich bin deshalb auch Deinen Wünſchen zuvorgekommen. Um dieſes andere, meiner Anſicht nach ernſtlichere, Hinderniß bei Seite zu ſchaffen, mußte ſehr vorſichtig gehandelt, mußten genauere Erkun⸗ digungen nach den Leuten auf dem Gute und nach der Lebens⸗ weiſe des Mädchens eingezogen werden. Dieſe Erkundigungen habe ich eingezogen; der Angenblick zu handeln iſt gekommen; der Zufall führte mir die häßliche Alte wieder zu, die meine Adreſſe behalten hatte. Ihre Verbindung mit Leuten wie der Räuber, der uns bei unſerm Ausfluge nach der Cité anfiel, werden uns von großem Nutzen ſein; alles iſt vorgeſehen — und es wird ſich kein Beweis gegen uns vorbringen laſſen. Wenn übrigens das Mädchen, wie es ſcheint, der arbeitenden Claſſe angehört, ſo wird ſie zwiſchen unſern Anerbietungen und ſelbſt dem gländzendſten Geſchicke, von dem ſie träumen kann — der Fürſt hat ſich ſtreng im Incognito gehalten — nicht lange wählen. — Morgen wird die Sache erledigt ſein; wenn nicht, ſo werden wir weiter ſehen —“ „Sind dieſe beiden Hinderniſſe beſeitigt, Tom, dann wird unſer großer Plan —“ „Er hat Schwierigkeiten, kann aber gelingen.“ „Glaubſt Du nicht, daß der Erfolg begünſtigt wird, wenn wir ihn in dem Augenblicke ausführen, in welchem Rudolph durch das Seandal des Schrittes der Marquiſe und das Ver⸗ 201 ſchwinden jenes Mädchens, an dem er ſo großen Antheil nimmt, doppelt niedergebeugt iſt?“ „Ich glaube es. — Wenn uns aber auch dieſe letzte Hoff⸗ nung entgeht, — dann bin ich frei,“ ſagte Tom wit einem trau⸗ rigen Blicke auf Sarah. „Dann biſt Du frei.“⸗ „Du wirſt die Bitten nicht wiederholen, die ſchon zweimal meine Rache verſchoben haben!“ Dann blickte er auf den ſchwar⸗ zen Krepp an ſeinem Hute und auf die ſchwarzen Handſchuhe, die ſeine Hände verhüllten, und ſetzte, bitter lächelnd, hinzu: „ich warte noch immer. — Du weißt, daß ich dieſe Trauer ſeit ſechszehn Jah⸗ ren trage und daß ich ſie nicht eher ablegen werde, bis —“ Sarah, deren Züge eine unwillkürliche Angſt verriethen, un⸗ terbrach ſchnell ihren Bruder und ſagte: „Ich ſage Dir, Du biſt dann frei — Tom —, denn dann werde ich jenes hohe Vertrauen, das mich unter ſo verſchiedenen Um⸗ ſtänden aufrecht erhalten hat, weil es über menſchliche Vorausſicht hinaus gerechtfertigt wurde, gänzlich aufgeben — bis dahin aber bin ich entſchloſſen, auch die ſcheinbar geringfügigſte Gefahr um jeden Preis zu entfernen. — Der Erfolg hängt oft von kleinen Urſachen ab. Unbedeutende Hinderniſſe liegen vielleicht in dem Augenblicke in meinem Wege, wann ich dem Ziele nahe bin; ich will das Feld rein haben und werde ſie hinwegräumen. Meine Mittel ſind vielleicht ſchlecht, — ich gebe es zu. — Bin ich ſelbſt geſchont worden?“ ſprach Sarah, indem ſie unwillkürlich die Stimme erhob. „Still! Man kommt vom Souper zurück,“ ſagte Tom. — „Da Du es für vortheilhaft hältſt, den Marquis von Har⸗ 203 ville auf das Rendezvous ſeiner Frau aufmerkſam zu machen, ſo laß uns gehen; es iſt ſchon ſpät.“ „Die ſpäte Nachtſtunde, in welcher er die Warnung erhält, wird ihm ein Beweis von ihrer Wichtigkeit ſein.“ Tom und Sarah verließen den Ball. — XL. Das Rendezvous. — — iyy, der um jeden Preis die Frau von Harville vor der Gofahr warnen wollte, die ſie bedrohte, und das Geſandtſchafts⸗ hotel verlaſſen hatte, ohne das Ende des Geſprächs zwiſchen Tom und Sarah abzuwarten, kannte das Complott, das beide gegen Marienblume entworfen hatten, und die nahe Gefahr nicht, welche vas junge Mädchen bedrohte. Trotz ſeinem Eifer konnte Rudolph leider die Marquiſe, wie er gehofft hatte, nicht retten. Die Mar⸗ quiſe ſollte, nachdem ſie den Saal im Geſandtſchaftshotel verlaſ⸗ ſen, aus Convenienz einen Angenblick bei der Frau von Nerval erſcheinen; die Gefühle ihres Herzens beſtürmten ſie aber ſo ge⸗ waltig, daß ſie nicht den Muth hatte, zu dieſem zweiten Balle zu gehen und nach Hauſe zurückkehrte. Dies verdarb alles. Der Baron von Graun, wie faſt alle Perſonen der Geſell⸗ ſchaft der Gräfin ***, war zu der Frau von Nerval geladen, und Rudolph ſchickte ihn mit dem Befehle dahin, die Frau von Harville aufzuſuchen, ihr anzuzeigen, daß der Fürſt noch dieſen Abend einige höchſt wichtige Worte mit ihr zu ſprechen wünſche, zu Fuße vor ihrem Hauſe erſcheinen und an ihren Wagen treten würde, um an dem Schlage mit ihr zu ſprechen, während die Leute auf das Oeffnen des Thores warteten. Nachdem der Baron die Marquiſe lange vergebens geſucht hatte, kehrte er zurück. — Sie war gar nicht auf dem Balle er⸗ ſchienen. Rudolph war in Verzweiflung; er meinte mit Recht, er müßte ihr vor allem den Verrath anzeigen, zu deſſen Opfer man ſie machen wollte; denn dann mußte die Anklage Sarahs, die er nicht verhindern konnte, als eine unwürdige Verläumdung erſchei⸗ nen. — Es war zu ſpät, der ſcheußliche Brief war dem Marquis eine Stunde nach Mitternacht zugekommen. Am andern Morgen ging der Herr von Harville langſam in ſeinem Schlafzimmer auf und ab, das mit einfacher Eleganz meublirt war und nur einen Schrank mit modernen Waffen und eine Etagére mit Büchern enthielt. Das Bett war noch gemacht, die ſeidene Bettdecke hing aber zerriſſen daran; ein Stuhl und ein Ebenholztiſchchen mit gedreh⸗ ten Beinen lagen umgeſtürzt am Kamine; an andern Stellen ſah man auf dem Teppiche die Scherben eines geſchliffenen Glaſes, halb zertretene Kerzen und einen Armleuchter, der weit hinge⸗ rollt war. Dieſe Unordnung ſchien durch einen heftigen Kampf veran⸗ laßt worden zu ſein. Der Herr von Harville war ungefähr dreißig Jahre alt und hatte ein männliches, charakteriſtiſches Geſicht, von ſonſt meiſt an⸗ genehmem und mildem Ausdrucke, das jetzt aber bleich, bleifarbig, verzerrt war; er trug noch den Anzug vom vigen Tage; ſein 205 Hals war entblößt; die Weſte ſtand offen; das Hemd war zerriſſen und ſchien hier und da Blutflecken zu haben; ſein braunes, ſonſt gelocktes Haar hing ſtarr und verworren über ſeine bleiche Stirn. Nachdem Harville lange mit übereinandergeſchlagenen Ar⸗ men, geſenktem Haupte und ſtierem Blicke einhergegangen war, blieb er plötzlich vor dem Kamine ſtehen, in welchem trotz der heftigen Kälte, welche die Nacht über eingetreten war, kein Feuer brannte. Er nahm von dem Marmorſimſe jenen Brief, den er mit gieriger Aufmerkſamkeit in dem bleichen Lichte des Winterta⸗ ges nochmals überlas: „Morgen um ein Uhr wird ſich Ihre Frau zu einem Liebes⸗ Rendezvous in der Rue du Temple No. 17 begeben. Folgen Sie ihr dahin, und Sie werden alles erfahren. — Glücklicher Gatte!“ In dem Maße, wie er die ſo oft ſchon überleſenen Worte wieder las, ſchienen ſeine vor Froſt bläulichen Lippen krampfhaft das verderbliche Briefchen zu buchſtabiren. In dieſem Augenblicke wurde die Thür gesffnet, und ein Kam⸗ merdiener trat ein. Dieſer ſchon hejahrte Diener hatte graues Haar und ein ehr⸗ liches, gutmüthiges Geſicht. Der Marguis wendete raſch das Geſicht ab, ohne ſeine Stel⸗ lung zu verändern, und hielt noch immer den Brief in beiden Händen. „Was willſt Du?“ fuhr er den Diener hart an. Dieſer betrachtete, ſtatt zu antworten, mit ſchmerzlichem Stau⸗ 1 nen die Unordnung in dem Zimmer, dann ſah er aufmerkſam ſei⸗ nen Herrn an und rief: „Blut an Ihrem Hemd! — mein Gott! — mein Gott! — Herr Marquis — Sie werden ſich verwundet haben. — Sie wa⸗ . 206 ren allein. — Warum klingelten Sie mir nicht — wie gewöhn⸗ lich, als ſie merkten, daß —“ „Geh!“ „Aber, Herr Marquis, Ihr Feuer iſt ausgegangen, es iſt ent⸗ ſetzlich kalt hier und beſonders — nach — Ihrem —“ „Wirſt Du ſchweigen? — Laß mich allein.“ „Aber Herr Marquis,“ fuhr der Kammerdiener an allen Gliedern zitternd fort, „Sie haben Herrn Doublet befohlen, die⸗ ſen Morgen Punkt halb elf Uhr hier zu ſein. — Es iſt halb elf Uhr, und er befindet ſich mit dem Notar hier.“ „Es iſt gut,“ entgegnete bitter der Marquis, indem er ſeine Ruhe allmälig wiederfand. — „Wenn man reich iſt, muß man an die Geſchäfte denken. — O, der Reichthum iſt eine ſo ſchöne Sache!“ — Dann ſetzte er hinzu: „Laß den Herrn Doublet in mein Arbeitszimmer treten.“ „Er iſt ſchon dort, Herr Marquis.“ „Gieb mir einen andern Anzug. — Gleich —, ich muß aus⸗ gehen. —“ „Aber, Herr Marquis —“ „Thu' was ich Dir ſage, Joſeph,“ ſagte der Marquis von Harville in milderm Tone. Dann ſetzte er hinzu: „iſt man ſchon bei meiner Frau geweſen?“ „Ich glaube nicht, daß die Frau Marguiſe ſchon geklingelt hat.“ „Man wird mir es melden, ſobald ſie klingelt.“ „Ja, Herr Marquis.“ „Sage dem Philipp, er möge mir helfen; Du wirſt nicht fertig.“ „Aber, Herr Marquis, laſſen Sie mich nur erſt etwas auf⸗ 207 räumen hier,“ antwortete Joſeph traurig. „Man würde die Un⸗ ordnung bemerken und nicht begreifen, was in der Nacht bei dem Herrn Marquis geſchehen ſein könnte.“ „Und wenn man es begriffe, ſo wäre es ſehr ſchlimm, nicht wahr?“ entgegnete Harville im Tone ſchmerzlichen Spottes. „Ach, Herr,“ rief Joſeph, „Gott ſei Dank, Niemand ahnt —“ „Niemand? — Nein, Niemand,“ antwortete der Marquis düſter vor ſich hin. Während Joſeph damit beſchäftigt war, die Ordnung in dem Zimmer ſeines Herrn wieder herzuſtellen, trat dieſer an den er⸗ wähnten Gewehrſchrank, betrachtete aufmerkſam einige Minuten lang die Waffen darin, gab durch eine Bewegung ſeine Zufrieben⸗ heit zu erkennen und ſagte zu Joſeph: „Du haſt gewiß nicht vergeſſen, meine Gewehre da oben in dem Jagdneceſſaire putzen zu laſſen.“ „Der HBerr Marquis hat mir nichts davon geſagt,“ antwor⸗ tete Joſeph verwundert. „Doch; Du haſt es aber vergeſſen.“ „Ich verſichere, der Herr Marquis —“ „Sie müſſen in einem ſchönen Zuſtande ſein!“ „Man hat ſie ja vor kaum einem Monate von dem Büchſen⸗ macher geholt.“ „Gleichviel; ſobald ich angekleidet bin, hole mir dieſes Ne⸗ eeſſaire; ich gehe vielleicht morgen oder ſpäter auf die Jagd und will die Gewehre unterſuchen.“ „Ich werde ſie ſogleich herunterholen.“ Nachdem das Zimmer wieder in Ordnung gebracht war, kam ein zweiter Diener, um Joſeph behülflich zu ſein. Nach Beendigung der Toilette trat der Marquis in das Ar⸗ 208 t, und der Schrei⸗ beitszimmer, in welchem Doublet, ſein Intendan ber eines Notars warteten. „Es iſt das Document, erden ſoll,“ ſagte der Intendant; „ welches dem Herrn Marquis vorge⸗ leſen w es braucht nur noch unterzeichnet zu werden.“ „Haben Sie es geleſen, Herr Donblet?“ „Ja, Herr Marquis.“ „So bin ich zufrieden und unterzeichne.“ Er unterzeichnete, und der Schreiber ging wieder. „Nach dieſem Ankaufe, Herr Marquis,“ ſagte Doublet mit triumphirender Miene, „wird Ihr Einkommen von Grund und Boden, lauter ſchöne Beſitzungen, nicht weniger als 126,000 Fres. baar betragen. — Wiſſen Sie, Herr Marquis, daß ein Einkom⸗ men von 126,000 Fres. von Grund und Boden ſelten iſt?“ „Ich bin ein ſehr glücklicher Mann, nicht wahr, Herr Dou⸗ plet? 126,000 Fres. Einnahme von Gütern! Es giebt kein Glück, das ſich mit dieſem vergleichen ließe!“ „Ungerechnet das Portefeuille des Herrn Marquis, — un⸗ gerechnet —“ „Gewiß, und ungerechnet — ſo viele andere Glücksumſtände! „Gott ſei Dank, Herr Marquis, es fehlt Ihnen nichts. Sie eichthum, Herzensgüte, Geſundheit angenehmen Lächeln, . beſitzen alle Güter: Jugend, R und dabei,“ ſagte Herr Doublet mit einem ſächlich eine Gemahlin wie die Frau Mar⸗ das wie ein Engelchen ausſieht —“ en Intendanten finſter an. Ausdruck ſchneidender Ironie zu Doublet ſagte, indem er „oder vielmehr haupt quiſe und ein Töchterchen, Herr von Harville ſah d Wir verſuchen nicht, den ſchildern, mit welcher er zu dem Herrn denſelben vertraulich auf die Achſel klopfte: 3 209 „Wenn man 126,000 Franes Renten von Grund und Bo⸗ den, eine Frau wie die meinige und ein Kind hat, das wie ein Engel ausſieht, bleibt nichts zu wünſchen übrig, nicht wahr?“ „Es bleibt nur zu wünſchen übrig,“ antwortete der Inten⸗ dant aufrichtig, „ſo lange als möglich zu leben, — um Ihre Fräu⸗ lein Tochter zu verheirathen und Großvater zu werden. Daß Sie Großvater werden mögen, wünſche ich Ihnen von Herzen, wie ich der Frau Marquiſe wünſche, Großmutter und Urgroßmutter zu werden.“ „Der gute Herr Doublet denkt an Philemon und Baucis und hat immer ganz beſondere Einfälle!“ „Der Herr Marquis iſt zu gutig. — Haben Sie mir nichts zu befehlen?“ „Nein. — Und doch — wie viel haben Sie in der Kaſſe?“ „Neunzehntauſend dreihundert und einige Franes, Herr Mar⸗ quis, ungerechnet das bei der Bank deponirte Geld.“ „Bringen Sie mir noch dieſen Vormittag zehntauſend Franes in Gold und übergeben Sie das Geld Joſeph, wenn ich ausge⸗ gangen ſein ſollte.“ „Noch dieſen Vormittag?“ „Dieſen Vormittag.“ „Binnen einer Stunde wird das Geld hier ſein. — Weiter hat der Herr Marquis mir nichts zu ſagen?“ * „Nein, Herr Doublet.“ „Hundertſechsundzwanzigtauſend Franes Einnahme vom Grund⸗ beſit! vom Grundbeſitz!“ wiederholte der Intendant im Fortge⸗ hen. — „Ich rechne den heutigen Tag zu einem der ſchönſten in meinem Leben; ich fürchtete immer, das Gut, das uns ſo bequem liegt, möchte uns entgehen. — Ihr Diener, Herr Marquis.“ Die Geheimuiſſe von Paris. I. 14 ——— . „Auf Wiederſehen, Herr Doublet. Sobald der Intendant fort war, ſank Herr von Harville wie vernichtet auf einen Stuhl. Er ſtützte beide Elnbogen auf ſeinen Schreibtiſch und verbarg ſein Geſicht in den Händen. Zum erſtenmale, ſeit er den unſeligen Brief Sarahs erhalten hatte, konnte er weinen. „Ach!“ ſagte er, — „grauſamer Hohn des Schickſals, das mich reich gemacht hat! Was ſoll ich nun in dieſen goldenen Rahmen faſſen? Meine Schande —, die Schändlichkeit der Cle⸗ mence, — die Schmach, welche bei einem Erlat vielleicht ſelbſt meine Tochter mit trifft! Muß ich mich zu dieſem Eelat entſchlie⸗ ßen, over ſoll ich Mitleiden haben mit —“ Er richtete ſich auf; ſeine Augen funkelten, und er ſprach finſter vor ſich hin: „Nein —, nein. — Blut! Blut! Das Schreckliche rettet vor dem Lächerli⸗ chen!“ Dann hielt er plötzlich inne, als machte ein Gedanke tiefen Eindruck auf ihn, und er fuhr fort: „Ihr Widerwille —, ich weiß wohl, was die Urſache davon iſt; ſie ſcheut ſich vor mir. — Aber iſt es meine Schuld? Muß ſie mich deshalb hintergehen? Ver⸗ diene ich nicht ſtatt des Haſſes vielmehr Mitleiden? — Nein, nein, Blut! Beide, — alle beide! Denn ohne Zweifel hat ſie dem An⸗ dern Alles erzählt.“ Dieſer Gedanke erhöhete den Unwillen und Zorn des Mar⸗ quis noch mehr. Er erhob die geballten Fäuſte gen Himmel, fuhr dann mit der brennenden Hand über ſeine Augen und kehrte, da er die Nothwendigkeit fühlte, vor ſeinen Leuten ruhig zu er⸗ ſcheinen, in ſein Schlafzimmer zurück, wo er Joſeph fand. „Nun, die Gewehre?“ „Hier ſind ſie, Herr Marquis. — Sie befinden ſich in voll⸗ fommen gutem Zuſtande.“ „Ich werde mich davon überzeugen. — Hat meine Frau ge⸗ klingelt?“ „Ich weiß es nicht, Herr Marquis.“ „Geh und erkundige Dich.“ Der Kammerdiener ging, und Herr von Harville nahm aus dem Jagdneceſſaire ein kleines Pulverhorn, einige Kugeln und Zünd⸗ huͤtchen; dann ſchloß er es wieder zu, ſteckte den Schlüſſel zu ſich, nahm aus dem Gewehrſchrank ein Paar kleine Piſtolen, lnd ſie und ſteckte ſie in die Taſchen ſeines langen Morgenrockes. In dieſem Augenblicke kam Joſeph zurück. „Man darf zur Frau Marquiſe gehen.“ „Hat ſie ihren Wagen beſtellt?“ „Nein, Herr Marquis. Juliette ſagte in meiner Gegenwart dem Kutſcher der Frau Marquiſe, der nach ihren Befehlen fragte, Madame würde, wenn ſie ausgehe, zu Fuße ausgehen, da es kalt und trocken ſei.“ „Gut. — Bald hätte ich etwas vergeſſen. Ich werde mor⸗ gen oder ſpäter auf die Jagd fahren. — Sag' dem William, er möge ſogleich den grünen Jagdwagen unterſuchen. Verſtehſt Du?“ „Ja, Herr Marquis. — Wünſchen Sie nicht Ihren Stock?“ „Nein. — Iſt nicht in der Nähe eine Fiaereſtativn?“ „Ganz in der Nähe, an der Ecke der Rue de Lille.“ Nach einiger Zögerung ſetzte der Marquis hinzu: „Geh und frag' Julietten, ob meine Frau zu ſprechen iſt.“ Joſeph ging hinaus. „Es iſt ein Schauſpiel wie ein anderes. — Ja, ich will zu ihr gehen und die freundliche perfide Maske beobachten, unter welcher die Ehrloſe ohne Zweifel eben an den Ehebruch denkt; ich will ihren Mund lügen hören, während ich das Verbrechen in ih⸗ 14 * 212 em bereits verdorbenen Herzen leſe. — Ja, es iſt ein merkwür⸗ diges Schauſpiel, zu ſehen, wie eine Frau, die einen Augenblick nachher dem Namen ihres Mannes einen jener gräßlichen und lächerlichen Flecken anhängt, die nur durch Blut abzuwaſchen ſind, dieſen ihren Mann anblickt, mit ihm ſpricht und ihm antwortet. — Aber bin ich nicht ein Narr? Sie wird mich anſehen wie immer mit dem Lächeln auf den Lippen und der Unſchuld auf der Stirn! Sie wird mich anſehen wie ſie ihre Tochter anſieht, indem ſie die⸗ ſelbe auf die Stirn küßt und ſie zu Gott beten läßt. — Das Auge! — der Spiegel der Seele!“ und er zuckte verächtlich die Achſeln, — „je ſanfter und zuchtiger es iſt, um ſo falſcher iſt es! Sie beweiſt es. Und ſie hat mich dadurch irre geführt. Mit welcher kalten Verachtung mußte ſie mich durch dieſen heuchleri⸗ ſchen Spiegel hindurch vielleicht in dem Augenblicke betrachten, in welchem ſie zu dem Andern gehen wollte! — Ich überhäufte ſie mit Beweiſen von Achtung und Liebe, — ich ſprach ſtets mit ihr wie mit einer züchtigen, ernſten jungen Mutter, auf die ich die Hoffnung meines ganzen Lebens ſetzte. — Nein, nein!“ rief der Herr von Harville, deſſen Zorn ſich von Neuem ſteigerte, — „nein, ich werde ſie nicht ſehen, ich will ſie nicht wiederſehen, — auch meine Tochter nicht, — ich würde mich verrathen und meine Rache vielleicht verſcherzen.“ Er ging aus ſeinem Zimmer hinaus, begab ſich aber nicht zu ſeiner Frau, ſondern ſagte blos dem Kammermädchen derſelben: „Sagen Sie der Frau von Harville, daß ich dieſen Vormit⸗ tag mit ihr zu ſprechen wünſchte, aber einen Angenblick ausgehen müßte; will ſie zufällig mit mir frühſtücken, ich werde gegen Mit⸗ tag zurückkommen. Komme ich nicht, ſo mag ſie weiter nicht auf mich warten.“ 213 Wenn ſie glaubt, ich komme zurück, wird ſie ſich für freier halten, dachte Harville bei ſich und ging nach dem FPlatze der Fiacres in der Nähe ſeines Hauſes. „Kutſcher, welche Zeit iſt es?“ „Halb zwölf Uhr, Herr. Wohin fahren wir?“ „Rue de Belle Chaſſe, Ecke der Rue Saint Dominique, an der Mauer eines Gartens hen, der dort liegt. Dort warteſt Du.“ „Sehr wohl.“ Herr von Harville ließ die Fenſter herunter; der Fiaete fuhr ab und kam bald dem Hauſe des Marquis ziemlich gegenüber an. Von hier aus mußte er Jedermann ſehen, der aus dem Hauſe kam. Das von ſeiner Frau bewilligte Rendezvous war auf ein Uhr feſtgeſetzt, und er ließ die Thür ſeines Hauſes nicht aus den Augen. Seine Gedanken waren mit ſo vielerlei Entſetzlichem beſchäf⸗ tigt, daß die Zeit ihm im Fluge zu enteilen ſchien. Es ſchlug die Mittagsſtunde, als die Thür von Harville's Pa⸗ laſte ſich langſam öffnete und die Marquiſe heraustrat. „Schon! Welche Aufmerkſamkeit! Sie fürchtet den Andern warten zu laſſen!“ ſprach der Marquis in bitterer Jronie bei ſich. Es war kalt und die Straße trocken. Clemence trug einen ſchwarzen Hut mit einem ſchwarzen Blondenſchleier darüber und einen braunſeidenen Ueberrock; ihr großer dunkelblauer Caſchemirſhawl reichte bis auf die Falbel ih⸗ res Kleides hinunter, das ſie leicht und graziös aufhob, um über die Straße hinüber zu gehen. Bei dieſer Bewegung ſah man ihren kleinen ſchönen Fuß bis an den Knöchel und die knappen Stiefelchen von Satin turec. 214 Trotz den ſchrecklichen Gedanken, die den Marquis beſtürmten, achtete er merkwürdiger Weiſe in dieſem Angenblicke auf den Fuß ſeiner Frau, der ihm nie zierlicher und reizender erſchienen war. Zum erſtenmale in ſeinem Leben fühlte er im Herzen einen tiefen körperlichen Schmerz, ein ſchneidendes, durchdringendes Weh, das ihm einen dumpfen Schrei entriß. Bis dahin hatte nur ſeine Serle gelitten, weil er bis dahin nur an die Heiligkeit der verletzten Pflichten gedacht hatte. Der Eindruck, den er empfand, war ſo ſchmerzlich, daß er die Veränderung in ſeiner Stimme kaum bemeiſtern konnte, um mit dem Kutſcher zu ſprechen, während er das Fenſter ein wenig emporſchob. „Siehſt Du die Dame dort im blauen Shawl und ſchwarzen Hute, die an der Mauer hingeht?“ Sa, Herr „Fahre im Schritt und folge ihr. — Geht ſie nach dem Fia⸗ ereplatz, wo ich Dich genommen habe, ſo folge dem Wagen, in den ſie ſteigt.“ „Sehr wohl. — Die Sache wird ſpaßhaft.“ Die Marquiſe von Harville begab ſich wirklich auf den Fia⸗ creplatz und ſtieg in einen dieſer Wagen. Der Kutſcher Harville's folgte ihm. Beide Fiacres fuhren gleichzeitig ab. Nach einiger Zeit ſchlug zum großen Erſtaunen des Marquis ſein Kutſcher den Weg nach der nächſten Kirche ein und hielt bald an derſelben. „Was thuſt Du?“ „Die Dame iſt in die Kirche hineingegangen. — Nettes Füß⸗ chen! — Die Sache wird ſpaßhaft.“ Tauſend verſchiedene Gedanken beſtürmten den Marquis; an⸗ fangs glaubte er, ſeine Frau bemerke, daß man ihr folge und wünſche ſich dieſer Verfolgung zu entziehen; dann dachte er, der Brief, den er erhalten, ſei vielleicht eine unwürdige Verläumdung. — War aber Clemence ſchuldig, wozu dieſe Frömmigkeitsheuche⸗ lei? War dies nicht Spott gegen das Heilige?“ Einen Augenblick erfreute ihn ein Hoffnungsſtrahl, denn es lag ein zu großer Contraſt zwiſchen dieſer anſcheinenden Frömmig⸗ keit und dem Schritte, den ſeine Frau thun wollte, wie man ihm angezeigt hatte. Dieſe tröſtliche Täuſchung währte aber nicht lange. Der Kutſcher bog ſich zu ihm zurück und ſagte: „Die kleine Dame ſteigt wieder in den Wagen.“ „Fahre ihr nach.“ „Sehr wohl. — Die Sache iſt ſpaßhaft —, ſehr ſpaßhaft.“ Der Fiarre erreichte die Kais, das Rathhaus, die Rue Sainte Avoye und endlich die Rue du Temple. „Herr,“ ſagte der Kutſcher, indem er ſich nach dem Marquis umdrehte, „mein Camerad hält vor Nr. 17; wir ſind vor Nr. 13; ſoll ich auch anhalten?“ „Die kleine Dame geht in das Haus hinein.“ „Oeffne mir.“ „Sogleich.“ Einige Secunden ſpäter trat der Marquis von Harville hin⸗ ter ſeiner Frau in das Haus hinein. — e—— XLI. Ein Engel. Sh. die Frau von Harville in dem Hauſe erſchien, ſtanden neugierig die Frau Pipelet, Alfred und die Auſternhändlerin in der Thüre der Portiersſtube. Die Treppe war ſo dunkel, daß man ſie nicht bemerken konnte, wenn man von draußen hereinkam; die Marquiſe mußte ſich alſo an die Frau Pipelet wenden und fragte mit bewegter, faſt klang⸗ loſer Stimme: „Herr Karl? — Madame —“ „Herr wer?“ wiederholte die Alte, die ſich ſtellte, als habe ſie die Fragende nicht verſtanden, um ihrem Manne und der Au⸗ ſternfrau Zeit zu geben, das Geſicht der unglücklichen Frau durch den Schleier hindurch zu ſehen. „Ich frage nach Herrn Karl, Madame,“ wiederholte Clemence mit bebender Stimme, indem ſie den Kopf ſinken ließ, um ihr Geſicht den Blicken zu entziehen, die ſie mit ſo läſtiger Neugier muſterten. „Ach, Herr Karl? — Sie ſprechen ſo leiſe, daß ich Sie nicht 217 verſtand. — Da Sie, meine kleine Dame, zu dem Herrn Karl ge⸗ hen wollen, ſo bemühen ſie ſich nur die Treppe hinauf, die Thüre ſteht Ihnen entgegen.“ In der höchſten Verlegenheit ſetzte die Marquiſe den Fuß auf die erſte Stufe. „Ha! ha! ha!“ lachte die Alte; „heute ſcheint es was Or⸗ dentliches zu werden. Ich wünſche viel Vergnügen!“ „Einen ſchlechten Geſchmack hat der Commandant doch nicht,“ ſetzte die Auſternfrau hinzu. Die Marquiſe, die vor Scham und Entſetzen faſt verging, würde augenblicklich umgekehrt ſein, wenn ſie nicht vor der Stube, an welcher dieſe Menſchen ſtanden, hätte wieder vorübergehen müſ⸗ ſen. Sie machte alſo eine letzte Anſtrengung und kam oben an dem Treppenabſatze an. Wie ſtaunte ſie! — Sie befand ſich hier Rudolph gegenüber, der ihr eine Börſe in die Hand drückte und eilig zu ihr ſagte: „Ihr Gemahl weiß; er folgt Ihnen.“ In dieſem Augenblicke hörte man die kreiſchende Stimme der Frau Pipelet rufen: „Wohin wollen Sie, mein Herr?“ „Er iſt es,“ ſagte Nudolph, der dann raſch hinzuſetzte, indem er die Frau von Harville nach der Treppe zum zweiten Stockwerke gleichſam ſchob: „Gehen Sie in das fünfte Stock hinauf. — Sie wollen eine arme Familie unterſtützen; ſie heißt Morel.“ „Mein Herr, ich laſſe Sie nicht vorüber, wenn Sie mir nicht ſagen, wohin Sie wollen,“ rief Frau Pipelet, indem ſie dem Mar⸗ quis den Weg vertrat. 218 Als er am Anfange der Treppe ſeine Frau mit der Portiers⸗ frau ſprechen ſah, war er einen Augenblick ſtehen geblieben. „Ich gehöre zu der Dame, — die eben gekommen iſt,“ ſagte der Marquis jetzt. „Das iſt etwas anderes. Gehen Sie in Gottes Namen.“ Herr Karl Robert hatte, als er ein ungewöhnliches Geränſch gehört, ſeine Thür ein wenig aufgemacht; Rudolph trat raſch zu ihm hinein und ſchloß die Thüre hinter ſich zu, als eben Harville vor derſelben erſchien. Rudolph fürchtete, trotz dem Dunkel von dem Marquis erkannt zu werden, und benutzte dieſe Gelegenheit, um ihm zu entgehen. Herr Karl Robert, der ſeinen prächtigen großgeblumten Schlaf⸗ rock und ſeine geſtickte griechiſche Sammtmütze trug, blieb ver⸗ blüfft bei dem Anblicke Rudolphs ſtehen, den er am Abende vor⸗ her auf dem Balle nicht bemerkt hatte und der in dieſem Augen⸗ blicke mehr als beſcheiden gekleidet war. „Mein Herr, was ſoll —“ „Still!“ antwortete Rudolph leiſe und mit einem ſolchen Ausdrucke von ängſtlicher Beſorgniß, daß Herr Karl Robert wirk⸗ lich ſchwieg. Ein heftiges Geräuſch, als wenn ein ſchwerer Körper falle und mehrere Stufen herunter rolle, ſchallte durch die Stille des Hauſes. „Der Unglückliche hat ſie ermordet!“ rief Rudolph. „Ermordet? wen? — was geht denn aber hier vor?“ fragte Karl Robert leiſe und erbleichend. Rudolph hatte, ohne zu antworten, die Thüre halb geöffnet. Er ſah den kleinen Lahmen hinkend raſch die Treppe herun⸗ 219 ter kommen und die rothſeidene Börſe in der Hand halten, die Rudolph eben der Frau von Harville gegeben hatte. Der kleine Lahme verſchwand. Man hörte den leichten Tritt der Frau von Harville und den ſchwerern ihres Gatten, der ihr in die höhern Etagen folgte. Rudolph konnte zwar nicht begreifen, wie der Lahme in den Beſitz der Börſe gekommen ſein möchte, war aber einigermaßen be⸗ ruhigt und ſagte zu dem Herrn Robert: „Gehen Sie nicht hinaus; Sie hätten beinahe alles ver⸗ dorben.“ „Aber, Herr —,“ begann Robert wieder im Tone der Unge⸗ duld und des Unwillens, „werden Sie mir endlich ſagen, was das alles bedeutet? Wer ſind Sie, und mit welchem Rechte —2“ „Es bedeutet, daß der Marquis von Harville alles weiß, daß er ſeiner Frau bis an Ihre Thüre folgte und ihr in die obern Etagen nachgeht.“ „Mein Gott! Mein Gott!“ rief Karl Robert, indem er mit Entſetzen die Hände faltete; „und was will ſie da oben?“ „Daran kann Ihnen wenig liegen. Bleiben Sie hier, und gehen Sie nicht hinaus, bis es Ihnen die Portiersfrau anzeigt.“ „Rudolph ließ Herrn Robert eben ſo erſchrocken als erſtaunt ſtehen und ging in die Portiersſtube hinunter. „Was ſagen Sie dazu?“ redete ihn die Frau Pipelet mit ſtrahlendem Geſichte an; „es geht der kleinen Dame ein Herr nach, ohne Zweifel der Ehemann, der Eiferſüchtige. Ich habe alles das gleich errathen und ließ ihn die Treppe hinaufgehen. Es wird einen Streit auf Tod und Leben mit dem Commandanten geben; das macht Aufſehen in der Straße, und man wird ſich drängen, das Haus zu ſehen, wie Nr. 16, in dem ein Mord ge⸗ ſchehen war.“ „Meine liebe Madame Pipelet, wollen Sie mir eine große Gefälligkeit erzeigen?“ ſagte Rudolph, indem er der Alten fünf Louisd'r in die Hand drückte. „Wenn die Dame wieder herun⸗ ter kommt, ſo fragen Sie dieſelbe, wie es den armen Morels gehe, und ſagen Sie ihr, ſie thue ein gutes Werk, wenn ſie ihnen bei⸗ ſtehe, wie ſie es verſprochen, als ſie ſich nach den Leuten erkundi⸗ get habe.“ Frau Pipelet ſah das Gold und Rudolph verwundert an. „Das Gold, — Herr —, iſt für mich? — Und die liebe kleine Dame — iſt nicht bei dem Commandanten?“ „Der Herr, welcher ihr nachgeht, iſt ihr Mann. Die arme Frau wurde bei Zeiten gewarnt, konnte zu Morels hinaufgehen und thut, als bringe ſie denſelben Unterſtützung; verſtehen Sie?“ „Ob ich verſtehe! — Ich ſoll Ihnen helfen, den Ehemann dumm zu machen; das iſt gerade mein Fach — ha! ha! man ſoll denken, ich hätte es in meinem ganzen Leben ſelbſt ſo ge⸗ macht.“ Der hohe Hut Pipelets richtete ſich in dieſem Augenblicke im Dunkel der Stube empor. „Anaſtaſia,“ ſagte Alfred ernſt, „Du ſchonſt nichts auf Got⸗ tes Erdboden, wie der Herr Cäſar Bradamanti. — Es giebt Dinge, mit denen man nie ſpaßen darf —“ „Na, Alter, ſei nicht dumm und ſtiere mich nicht mit ſo gro⸗ ßen Glotzaugen an. — Du ſiehſt doch, daß ich ſpaße. Weißt Du nicht, daß ſich kein Mann in der Welt rühmen kann, — aber Punktum — wenn ich der jungen Dame einen Gefallen thue, ſo thue ich unſerm neüen Miethsmanne einen Gefallen, der ſo gut 221 iſt.“ Dann wendete ſie ſich an Rudolph und ſetzte hinzu: „Sie werden ſehen, wie gut ich meine Sache mache — wollen Sie hier in der Ecke hinter dem Vorhange bleiben? — Ich höre ſie kommen.“ Rudolph verſteckte ſich ſchnell. Herr und Frau von Harpille kamen die Treppe herunter. Der Marquis führte ſeine Frau. In der Stube des Portiers bemerkten die Anweſenden, daß ſich in den Zügen Harvilles ein hohes Glück, verbunden mit Ver⸗ wunderung und Verlegenheit, ausſprach. Clemence ſah ruhig, aber bleich aus. „Nun, meine gute liebe Dame,“ begann die Frau Pipelet, indem ſie aus der Stube hinaustrat, „haben Sie die armen Mo⸗ rels geſehen? — Der Anblick zerreißt Einem das Herz, nicht wahr? — Sie verrichten da einen wahren Liebesdienſt. — Ich ſagte es Ihnen gleich, daß die Leute ſehr zu bedauern ſind, als Sie das letztemal hier waren und ſich nach ihnen erkundigten. — Ach, Sie werden für die armen Leute nie genug thun können, nicht wahr, Alfred?“ Alfred, deſſen natürliches Rechtsgefühl ſich gegen den Ge⸗ danken empörte, an dieſem Complott gegen einen Ehemann Theil zu nehmen, antwortete unverſtändlich durch ein verneinendes Ge⸗ murmel. Seine Frau dagegen fuhr fort: „Alfred hat ſeinen Magenkrampf, und da hört er immer nicht gut, ſonſt würde er Ihnen ſagen, daß die armen Leute zu dem lieben Gott für Sie beten werden, meine gütige Dame.“ Der Herr von Harville ſah ſeine Frau mit Bewunderung an und ſprach: 222 „Ein Engel! Ein Engel! O die Verläumdung!“ „Ein Engel? Sie haben Recht, Herr, ſie iſt ein guter Engel des guten Herrgottes.“ „Laß uns gehen“ ſagte die Marquiſe, welcher der Zwang unerträglich läſtig wurde, den ſie ſich auferlegt, ſeit ſie das Haus betreten hatte. Sie fühlte, daß ihre Kräfte zu Ende gingen. „Ja, wir wollen gehen,“ antwortete der Marquis. Als er durch die Thur ſchritt, ſetzte er hinzu: „Clemence, ich bedarf ſehr nothwendig der Verzeihung und des Mitleides —“ „Wer bedürfte ihrer nicht!“ antwortete die junge Frau. Rudolph trat, tief bewegt durch dieſe Scene des Entſetzens, der Lächerlichkeit und der Dummheit, durch die unerwartete Ent⸗ wickelung eines geheimnißvollen Dramas, das ſo verſchiedene Lei⸗ denſchaften erregt hatte, aus ſeinem Verſtecke hervor. „Nun,“ ſagte die Fran Pipelet, „ich hoffe, den Eiferſüchti⸗ gen gut abgeführt zu haben. — Der arme Mann! — Und Ihre Meubles, Herr Rudolph? man hat ſie noch nicht gebracht.“ „Ich werde ſie ſchicken. — Sie können nun dem Comman⸗ danten anzeigen, daß er herunter kommen dürfe.“ „Nun, das muß wahr ſein, zum Lachen iſt es. Er ſcheint ſeine Wohnung rein vergeblich gemiethet zu haben. Es iſt ihm aber ſchon recht, warum giebt er uns nur zwölf Franes mo⸗ natlich.“ Rudolph ging fort. „Jetzt kommt die Reihe an den Commandanten, Alfred,“ ſagte die Frau Pipelet — „wie will ich lachen!“ Sie ging zu dem Herrn Karl Robert hinauf und klingelte; er öffnete die Thür. 3 223 „Herr Commandant,“ ſagte Anaſtaſia und legte militairiſch die Hand an ihre Perrücke, „ich entlaſſe Sie aus dem Gefängniſſe. Sie ſind Arm in Arm fortgegangen, der Mann und die Frau, Ihnen vor der Naſe. Aber das bleibt ſich gleich, ſind Sie doch mit einem blauen Auge davon gekommen. Das haben Sie dem Herrn Rudolph zu verdanken.“ „Das iſt der ſchlanke Herr mit dem Schnurrbärtchen?“ „Er ſelbſt.“ „Wer iſt der Mann?“ „Der Mann?“ wiederholte Frau Pipelet; „er iſt ſo gut wie maucher andere, wie zwei andere. Er iſt ein Reiſediener, wohnt hier im Hauſe, hat nur ein Zimmer und knickert nicht. — Er hat mir ſechs Franes für die Beſorgung ſeiner Wirthſchaft gege⸗ ben, ſechs Franes, den Augenblick, ohne lange zu handeln.“ „Schon gut, ſchon gut. — Da iſt der Schlüſſel.“ „Soll ich morgen wieder Feuer anmachen, Herr Comman⸗ dant?“ „Nein.“ „Uebermorgen?“ „Auch nicht.“ „Denken Sie daran, Herr Commandant, ich habe es Ihnen gleich geſagt, daß es nichts werden würde.“ Herr Karl Robert warf einen Blick der Verachtung auf die Frau und ging fort, ohne begreifen zu können, wie ein Reiſedie⸗ ner, Herr Rudolph, ſein Rendezvvus mit der Marquiſe von Har⸗ ville erfahren haben könnte. In dem Augenblick, als er durch die Hausflur ging, begeg⸗ nete er dem kleinen Lahmen, der hinkend herbeikam. 224 „Was willſt Du da, Taugenichts?“ rief ihm Fran Pipe⸗ let zu. „Hat mich die Einäugige nicht geſucht?“ fragte der Knabe die Frau, ohne ihr zu antworten., „Die Eule? Nein. Warum ſollte ſie Dich ſuchen?“ „um mit mir auf's Land zu gehen,“ antwortete der kleine Lahme, indem er ſich in der Thür herüber und hinüber wiegte. „Und Dein Herr?“ „Mein Vater hat den Herrn Bradamanti gebeten, mir heute Urlaub zu geben, — damit ich auf's Land gehen könnte, — auf's Land, — auf's Land!“ wiederholte ſeelenvergnügt der Sohn Roth⸗ Arms, indem er mit den Fingern auf einer Fenſterſcheibe trom⸗ melte. „Wirſt Du aufhören? Willſt Du mir die Scheibe zerſchla⸗ gen? — Da kommt ein Fiacre!“ „Das iſt die Eule!“ rief der Knabe. „Ah, wir fahren!“ Man ſah wirklich in dem Wagen das ſchreckliche Geſicht der Einäugigen. Sie winkte dem kleinen Lahmen, der hinzu lief. Der Kutſcher machte ihm den Wagenſchlag auf, und der Knabe ſtieg hinein. Die Eule war nicht allein. In der andern Ecke des Wagens ſah man den Schulmeiſter, der ſich in einen alten Mantel mit einem Pelzkragen gehüllt und das Geſicht ſich durch eine ſchwarzſeidene Mütze verdeckt hatte. Seine rothen Angenlider ließen, wenn wir uns ſo ausdrücken können, zwei weiße unbewegliche Augen ohne Pupille ſehen, welche das narbige Geſicht noch grauenhafter machten. „Leg' Dich auf die Trittlinge meines Mannes, Junge; Du wirſt ihn ſo warm halten,“ ſagte die Einäugige zu dem kleinen Lahmen, der ſich wie ein Hund zwiſchen den Beinen des Schul⸗ meiſters und der Eule zuſammenkauerte. „Nun,“ ſagte der Kutſcher, „fort zur Gefahr *) Bougque⸗ val! Nicht wahr, Eule? Du ſollſt ſehen, wie ich holchen **) kann.“ „Treib deinen Trappert***) nur recht an,“ fiel der Schul⸗ meiſter ein. „Sei ruhig, Blochart 4); er läuft prächtig.“ „Soll ich Dir einen guten Nath geben?“ ſetzte der Schul⸗ meiſter hinzu. „Welchen?“ antwortete der Kutſcher. „Sieh Dich vor, wenn Du an den Winde-Fackelern†) vorbeikommſt; ſie könnten Dich erkennen.“ „Ich werde die Augen aufſperren,“ ſagte der Andere, indem er auf den Bock ſtieg. Wenn wir dieſe häßliche Sprache wieder anführen, ſo ge⸗ ſchieht es um zu zeigen, daß der improviſirte Kutſcher ein Räuber war, ein würdiger Gefährte des Schulmeiſters. Der Wagen verließ die Rue du Temple. *) Zum Dorfe. **) Fahren. **) Dein Pferd. *) Blinder. †*) Thoraufpaſſern. Die Geheimniſſe von Paris. 1. 15 Zwei Stunden nachher, gegen Abend, hielt dieſer Fiacre, in welchem der Schulmeiſter, die Eule und der kleine Lahme ſaßen, vor einem Kreuze, welches an der Stelle ſtand, wo von der Straße ein öder Hohlweg abging, der nach der Meierei Bouqueval führte, in welcher ſich die Nachtigall unter der Aufſicht der Madame Georges befand. — — — XLII. Jdpllr. S6 . * ſchlug fünf Uhr an der Kirche des kleinen Dorfes Bou⸗ queval; es war ſehr kalt und der Himmel hell; die Sonne, welche langſam hinter dem großen blätterloſen Walde niederſank, der die Höhen von Ecvouen krönte, übergoß den Horizont mit Purpur und warf ihre bleichen Strahlen auf die weitgeſtreckte, hartgefrorene Ebene. Im Freien gewährt jede Jahreszeit faſt immer reizende An⸗ ſichten. Bald wandelt der blendende Schnee Feld und Wald in unge⸗ heure Alabaſter-Landſchaften um, die ſich in reinem Glanze unter einem grausroſa Himmel ausbreiten. Da kommt der Landmann, der ſich verſpätigte und, bisweilen im Dunfel, den Hügel hinauf — oder in das Thal hinunterſteigt, nach Hauſe; Mantel, Hut, Pferd, alles iſt von Schnee bedeckt; der Wind weht ſchneidend kalt, und die Nacht, die ſchnell herein⸗ bricht, iſt ſtockfinſter; da unten aber, unter den blätterloſen, kahlen Bäumen, ſchauen die kleinen Fenſter ſeines Hauſes hell erleuchtet hervor; der hohe Schornſtein wirft eine hohe Rauchſäule aus, die 0 28 dem Landmanne ſagt, man erwarte ihn; dann das kniſternde Feuer im Kamin, das einfache Abendeſſen, das freundliche Geſpräch den Abend hindurch, die ſtille, warme Stube, während draußen der Wind heult und die Hunde in den einzeln in der Ebene umherlie— genden Gütern bellen und einander antworten. Bald hängt früh der Rauchfroſt an den Bäumen ſeine ery⸗ ſtallnen Kerzen auf, die im Lichte der Winterſonne funkeln wie Diamanten; im feuchten, fetten Ackerfelde gräbt ſich der Haſe ſein Lager, und in den Furchen laufen die Rebhühner hin und her. Hier und da hört man das melancholiſche Klingeln des Glöck⸗ chens des Leit-Bockes einer großen Schafheerde, die ſich an den grünen Hängen der Hohlwege zerſtreut, während der Schäfer, in den grauen Mantel gehüllt, unter einem Baume ſitzt und ſingend einen Binſenkorb flechtet. Bisweilen wird die Scene lebhafter; das Echo wiederholt ſchwächer die Töne des Jagdhornes und das Bellen der Hunde; ein gejagter Hirſch kommt an dem Waldrand heraus, flieht über die Ebene und verſchwindet am Horizonte unter anderem Gebüſch. Der Schall der Jagdhörner, das Hundegebell kommt näher; ie Hunde erſcheinen ihrer Seits unter den dunkeln Bäumen des Waldes; ſie jagen in geſtrecktem Laufe über die braune Erde der Felder dahin, die Naſe dicht auf der Fährte, der ſie bellend fol⸗ gen. Ihnen nach eilen die roth gekleideten Jäger, die ſich auf den Hals ihrer flüchtigen Renner bengen und die Hunde durch Zuruf und Hörnerſchall antreiben. Blitzſchnell jagt der glänzende Haufe vyrüber, dann nimmt das Geräuſch ab, und allmälig ſchweigt alles; Hunde, Pferde, Jäger verſchwinden in der Ferne im Walde, in den ſich der Hirſch flüchtete. Dann tritt wieder die Ruhe ein, die tiefe Stille der großen 229 Ebenen, und die Ruhe am weiten Horizonte wird nur durch den monotonen Geſang des Schäfers unterbrochen. Solche Bilder, ſolche Erſcheinungen zeigten ſich häufig in der Nähe des Dorfes Bouqueval, das, trotz ſeiner Nähe bei Paris, in einer Art Einöde lag, zu welcher man nur auf wenig betrete⸗ nen Sln gelangen konnte. Die Meierei, in welcher die Nachtigall lebte und die im Som⸗ mer wie ein Neſt in Blättern verſteckt war, zeigte ſich jetzt voll⸗ ſtändig und ohne Blätterſchleier. Der kleine zugefrorene Fluß glich einem langen Bande von mattem Silber, das iumitten immer grüner Wieſen aufgerollt war, auf denen ſchöne Kühe weideten, während ſie langſam zu ihrem Stalle zurückkehrten. Flüge von Tauben, welche der hereinbrechende Abend zurücktrieb, ließen ſich nach einander auf dem ſpitzen Dache des Taubenhauſes nieder; die großen Nußbäume, die während des Sommers den Hof und die Gebäude der Meierei beſchatteten, jetzt aber ihre Blätter verloren hatten, ließen die von gränem Moos überwachſenen Ziegel- und Strohdächer ſehen. Ein ſchwerer Wagen, gezogen von drei fräftigen, unterſetzten Pferden mit dichter Mähne, ſpiegelglattem Haar, Glöckchen und rothen wollenen Troddeln am Geſchirr, brachte Getreidegarben von einem Feimen in der Ebene. Dieſer ſchwere Wagen gelangte durch das große Thor in den Hof, während ſich eine zahlreiche Schafheerde durch eines der Seitenthore hineindrängte. Die Menſchen und Thiere ſchienen ſich zu beeilen, der Kälte des Abends zu entrinnen und die ſüße Ruhe zu genießen; die Pferde wieherten vergnügt bei dem Anblicke des Stalles; die Schafe blökten in dichtgedrängter Schaar an der Thüre ihres 230 —0 Stalles, und die Arbeiter ſahen ungeduldig auf die Fenſter der Küche im Erdgeſchoſſe, wo das Abendeſſen zubereitet wurde. Es herrſchte in dieſer Meierei eine ſeltene, ungewöhnliche Ordnung und eine auf das Aeußerſte getriebene Reinlichkeit. Die Eggen, Pflüge, Walzen und andern Ackergeräthe, unter denen ſich einige von neuer Erfindung befanden, ſtanden nicht etwa hier und da umher, mit Schmuz bedeckt, ſondern rein, angeſtrichen, in gerader Reihe unter einem großen Schuppen, wo die Knechte auch die Geſchirre ihrer Pferde ſymmetriſch aufhingen. Der große, reine, mit Bäumen bepflanzte und mit Sand beſtreute Hof zeigte nicht die Düngerhaufen und Pfützen, welche ſonſt wohl die Höfe der ſchönſten Landgüter verunzieren. Der Hühnerhof, der mit ei⸗ nem grün angeſtrichenen Geländer umgeben war, ſchloß das ge⸗ ſammte Federvieh ein, das früh durch eine kleine Thüre hineinge⸗ laſſen wurde. Ohne uns weiter in Einzelnheiten einzulaſſen, ſagen wir nur noch, daß dieſe Meierei mit vollem Rechte in der Gegend für eine Muſterwirthſchaft galt ſowohl wegen der Ordnung, die daſelbſt eingeführt war, als wegen der vortrefflichen Bewirthſchaftung und wegen des Wohlbefindens und moraliſchen Wandels des zahlrei⸗ chen Perſonals. Die Urſache dieſer Vortrefflichkeit werden wir ſogleich auch angeben; vorerſt aber führen wir den Leſer an die Gitterthüre des Hühnerhofes und Federviehſtalles, welche der ſbrigen Meierei in ländlicher Eleganz in nichts nachſtanden und durch welche ein klei⸗ ner klarer Bach floß, der jetzt ſorgfältig vom Eiſe gereinigt war. Es trat mit einemmale unter den geflügelten Bewohnern eine Revolutivn ein; die Hühner ſlogen kackernd von ihren Sitzſtangen herunter, die Truthähne gluckten, die Perlhühner ſchrien und die 231 Tauben kamen von dem Dache des Taubenhauſes, um ſich girrend und trommelnd auf dem Sande dieſes Hofes niederzulaſſen. Die Urſache dieſer allgemeinen freudigen Aufregung war Marie. Greuze und Watteau hätten nie ein reizenderes Modell für ihren Pinſel erdenken können, wären die Wangen des armen Mäd⸗ chens voller und röther geweſen; trotz ihrer Bläſſe, trotz dem ha⸗ gern Oval ihres Geſichtes würden indeß der Ausdruck ihrer Züge, ihre ganze Perſönlichfeit und die Grazie ihrer Haltung würdig ge⸗ weſen ſein, die Pinſel der genannten großen Maler zu beſchäftigen. Das kleine Häubchen Mariens ließ ihre Stirn und das blonde geſcheitelte Haar unbedeckt; wie faſt alle Landmädchen in der Um⸗ gegend von Paris hatte ſie über dieſes Häubchen, deſſen Boden und Backen indeß ſichtbar blieben, ein breites rothes Tuch gebun⸗ den, deſſen Enden auf ihre Schultern fielen, — ein moleriſcher und graziöſer Kopfputz, den ſelbſt die Schweiz und Italien benei⸗ den müſſen. Ein weißes Batiſttuch, das über dem Buſen übereinanderging, war halb durch den hohen breiten Latz ihrer grauen Leinwandſchürze verdeckt; ein Spenzer von dunkelblauem Tuche mit engen Aermeln hob die ſchlanke Taille hervor und ſtach von dem dicken grauen Rocke mit braunen Streifen ab; ſehr weiße Strümpfe und Abſatz⸗ ſchuhe, die jeßzt in kleinen Holzſchuhen verſteckt waren, vervollſtän⸗ digten dieſen einfach-ländlichen Anzug, der durch die natürlichen Reize Mariens etwas ungewöhnlich Graziöſes erhielt. Sie hielt mit der einen Hand die an den beiden Ecken zu⸗ ſammengenommene Schürze und holte daraus Hände voll Körner, die ſie unter die geflügelte Menge vertheilte, welche ſie umringte. Eine hübſche ſilberweiße Tanbe mit purpurrothem Schnabel und eben ſolchen Füßen, die kecker oder zahmer war als die übri⸗ 232 gen, ſetzte ſich auf die Achſel Mariens, nachdem ſie eine Zeitlang um ſie herumgeflogen war. Das Mädchen, welches an dieſe zutrauliche Keckheit wohl ſchon gewöhnt war, ließ ſich dadurch in dem Austheilen der Kör⸗ ner nicht ſtören, wendete aber ihr liebliches Geſicht mit reizendem Profil halb um, erhob das Köpfchen ein wenig und reichte lächelnd ihre roſigen Lippen dem kleinen rothen Schnabel ihres Lieblings⸗ täubchens. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne warfen einen matten Goldglanz auf dieſes reizende Bild. XLIII. Betorgnittr. ährend Marie ſo beſchäftigt war, ſaßen Madame Geor⸗ ges und der Abbé Laporte, der Prieſter von Bouqueval, am Ka⸗ mine in dem kleinen Zimmer und ſprachen von dem Mädchen, ei⸗ nem für ſie immer intereſſanten Gegenſtande. Der alte Geiſtliche, der nachdenkend den Kopf geſenkt und die Elnbogen auf die Kniee geſtützt hatte, ſtreckte mechaniſch ſeine beiden zitternden Hände vor dem Feuer aus. Madame Georges nähte, ſah von Zeit zu Zeit den Abbé an und ſchien auf eine Antwort deſſelben zu warten. Nach einem Augenblicke ſagte er denn auch: „Sie haben Recht, Madame Georges, es muß dem Herrn Rudolph angezeigt werden. Wenn er Marien fragt, ſo wird ſie ihrem Wohlthäter, gegen den ſie ſo erkenntlich iſt, vielleicht geſte⸗ hen, was ſie uns verbirgt.“ „Nicht wahr? Noch dieſen Abend will ich an ihn ſchreiben; er hat mir ja ſeine Adreſſe gegeben.“ „Das arme Kind!“ fuhr der Abbé fort. „Sie ſollte ſo glück⸗ lich ſein! — Welcher Kummer mag wohl an ihr nagen?“ 234 „Ihre Traurigkeit iſt durch nichts zu zerſtreuen, Herr Abbé, nicht einmal durch den Fleiß, welchen ſie ihrem Unterrichte widmet —“ „Sie hat wirklich in der kurzen Zeit, in welcher wir uns mit ihrer Ausbildung beſchaäftigen, außerordentliche Fortſchritte gemacht.“ „Nicht wahr, Herr Abbé? Sie kann ſchon ziemlich geläufig leſen, ſchreiben und ſo gut rechnen, daß ſie mir behülflich ſein kann, die Bücher der Meierei in Ordnung zu halten. Und ſie ſteht mir ſo fleißig in allem bei, daß ich mich wundere und tief gerührt werde! Hat ſie ſich nicht, faſt gegen meinen Willen, ſo angeſtrengt, daß ich über ihre Geſundheit beſorgt geworden bin?“ „Zum Glück hat uns jener ſchwarze Arzt über die Folgen des leichten Huſtens beruhigt, der uns ängſtigte.“ „Der Herr David iſt ſo gut! Er nimmt ſo ſehr Theil an ihr! — wie alle, die ſie kennen. Hier liebt und achtet ſie Jeder⸗ mann. Das iſt freilich kein Wunder, da die Leute hier die beſten in der ganzen Umgegend ſind; aber auch die Gleichgiltigſten, die Noheſten müßten den Reiz der engelgleichen und doch ſchüͤchternen Sauftmuth fühlen, die immer um Verzeihung zu bitten ſcheint. Das arme Kind! Als wenn ſie allein ſchuldig wäre.“ Nach einigen Minuten entgegnete der Abbé: „Haben Sie mir nicht geſagt, daß die Traurigkeit Mariens ſeit der Anweſenheit der Madame Dubreuil, der Pachterin des Herzogs von Lucenay in Arnonville, ſich bemerklich gemacht hat?“ „Ja, Herr Abbé, das glaube ich allerdings bemerkt zu haben, und doch waren Madame Dubreuil wie auch beſonders ihre Toch⸗ ter Clara von Marien ſo entzückt wie alle andern, beide überhäu⸗ fen ſie täglich mit Beweiſen ihrer Freundſchaft. Sie wiſſen, daß unſere Freunde von Arnouville Sonntags zu uns kommen oder daß wir zu ihnen grhen. Jeder ſolche Beſuch ſcheint die Traurig⸗ 235 keit des lieben Kindes zu vermehren, obgleich Clara ſie liebt wie eine Schweſter.“ „Es iſt wirklich ein ſeltſames Räthſel, Madame Georges. — Was kann die Urſache dieſes geheimen Kummers ſein? Sie ſollte ſich ſo glücklich fühlen. Es iſt zwiſchen ihrem frühern und jetzigen Leben ein Unterſchied wie zwiſchen Hölle und Paradies. — Man könnte ſie faſt der Undankbarkeit beſchuldigen —“ „Sie! großer Gott! — ſie, die ſo innig dankbar iſt für un⸗ ſere Sorgfalt für ſie! die immer ein ſo feines Zartgefühl gezeigt hat! Thut die Arme nicht Alles, was ſie thun kann, um gleich⸗ ſam ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Bemühet ſie ſich nicht, die gaſtliche Aufnahme, welche ſie gefunden hat, durch Dienſtlei⸗ ſtungen zu vergelten? Noch mehr; ausgenommen an Sonntagen, an denen ich verlange, daß ſie ſich etwas beſſer kleide, wenn ſie mit mir zur Kirche geht, wollte ſie einen ſo groben Anzug tra⸗ gen wie die Bauermädchen. Trotzdem liegt etwas ſo Ungewöhn⸗ liches, eine ſo natürliche Grazie in ihr, daß ſie auch in dieſem Anzuge allerliebſt ausſieht, nicht wahr, Herr Abbé?“ „Daran erkenne ich den Mutterſtolz!“ ſagte der alte Geiſt⸗ liche lachend. Die Augen der Madame Georges füllten ſich bei dieſen Wor⸗ ten mit Thränen; ſie dachte an ihren Sohn. Der Abbé errieth die Urſache ihrer Bewegung und ſagte: „Faſſen Sie Muth! Gott hat Ihnen das arme Mädchen ge⸗ ſandt, damit Sie geduldiger den Angenblick erwarten, in dem Sie Ihren Sohn wiederfinden werden. Und dann wird Sie bald ein heiliges Band an Marien feſſeln; eine Pathe iſt faſt eine Mutter, wenn ſie die Bedeutung recht erfaßt; Herr Rudolph ſeiner Seits hat ihr gleichſam das Seelenleben gegeben, indem er ſie aus dem 236 Abgrunde herausriß, und er erfuͤllte ſeine Pathenpflichten im Vor⸗ aus.“ „Halten Sie ſie für unterrichtet genug, um ihr das Saera⸗ ment zu reichen, das die Unglückliche ohne Zweifel noch nicht em⸗ pfangen hat?“ „Eben wenn ich jetzt mit ihr nach Hauſe gehe, werde ich ihr ſagen, daß die Ceremonie wahrſcheinlich binnen vierzehn Tagen ſtattfindet.“ „Vielleicht verrichten Sie eines Tages eine andere ebenſo ernſte Ceremonie —“ „Was meinen Sie?“ „Warum ſollte ſich Marie nicht verheirathen, wenn ſie ſo ge⸗ liebt wird, wie ſie es verdient, und wenn ſie einem braven, recht⸗ lichen Manne ihr Herz ſchenkt?“ Der Abbé ſchüttelte traurig das Haupt und antwortete: „Heirathen? Bedenken Sie, Madame Georges, die Wahr⸗ heit gebietet, dem, welcher Marien zur Frau nehmen will, Alles zu ſagen; und welcher Mann würde die Vergangenheit nicht ſcheuen, welche die Jugend dieſes unglücklichen Mädchens hat? Niemand wird ſie zur Frau haben wollen“ „Aber Herr Rudolph iſt ſo freigebig! Er wird für ien Schützling mehr thun, als er jemals gethan hat. — Eine Mit⸗ Fiſt s „Ach!“ unterbrach der Geiſtliche Madame Georges, „wehe Marien, wenn nur die Geldgierde die Bedenklichkeiten deſſen beru⸗ higen ſoll, der ſie heirathen will. Sie würde dem traurigſten Schickſale entgegengehen; bald würden bittere Anklagen einer ſol⸗ chen Verbindung folgen —“ „Sie haben Recht, Herr Abbé; es würde ſchrecklich ſein. — Welche ungluckliche Zukunft ſteht ihr alſo bevor!“ „Sie hat große Sünden abzubüßen,“ ſagte der Geiſtliche ernſt. „Mein Gott, Herr Abbé, mußte ſie nicht fallen, da ſie ſo jung ſich ſelbſt überlaſſen, vhne Stütze, ohne Unterhalt war, kaum wußte, was gut und was ſchlecht iſt, und gegen ihren Willen in das Laſter hineingezogen wurde?“ „Das moraliſche Gefuhl hätte ſie aufrecht erhalten ſollen. — Und hat ſie jemals einen Verſuch gemacht, dieſem ſchrecklichen Schickſale zu entgehen? Sind denn chriſtlich-mitfühlende Menſchen in Paris ſo ſelten?“ „Gewiß nicht; aber wo ſollte Marie ſie finden? Wie vft würde ſie abgewieſen worden ſein, wie oft Gleichgiltigkeit gefun⸗ den haben, ehe ſie einen wahren Freund entdeckte! Und es genügte bei Marien kein flüchtiges, einmaliges Almoſen; ſie hätte dauernde Theilnahme finden müſſen, die ſie in den Stand ſetzte, auf recht⸗ liche Weiſe ihr Brod zu verdienen. — Manche Mütter wurden ohne Zweifel Mitleid mit ihr gehabt haben; aber wo ſie finden? — Glauhen Sie mir, ich habe die Noth auch gekannt. — Wenn nicht ein ſo glücklicher Zufall eintritt wie der, welcher, nur zu ſpät, den Herrn Rudolph mit Marien bekannt machte, ſo glauben die Unglücklichen, die faſt immer bei ihren erſten Geſuchen roh abgewieſen werden, nirgends Mitleid zu finden und ſuchen vft⸗ mals, von dem Hunger, von dem gebieteriſchen Hunger gedrängt, in dem Laſter Erwerbsquellen, die ſie bei dem Erbarmen der Men⸗ ſchen zu finden verzweifeln.“ In dieſem Augenblicke trat Marie ein. „Woher kommſt Du, mein Kind?“ fragte Madame Georges theilnehmend. 238 „Ich war in der Obſtkammer, Madame, nachdem ich das Federvieh eingeſchloſſen. — Das Obſt hat ſich gut gehalten bis auf weniges, das ich ausgeleſen habe —“ „Warum trägſt Du dieſe Arbeit nicht der Claudine auf, Ma⸗ rie? Du wirſt Dich wieder recht ermüdet haben.“ „Ach nein, Madame; ich bin ſo gern in der Obſtkammer: der Geruch iſt ſo lieblich!“ „Sie müſſen ſich einmal von Marien in die Obſtfammer füh⸗ ren laſſen, Herr Abbé,“ ſagte Madame Georges. — „Sie können ſich keine Vorſtellung davon machen, wie geſchmackvoll ſie Alles eingerichtet bat; Traubenguirlanden ſcheiden jede Obſtart, und auch da noch giebt es wieder einzelne Felder, die ſie mit Moos einge⸗ faßt hat.“ „Ja, Herr Abbé, Sie werden gewiß zufrieden ſein,“ ſagte Marie unverſtellt . . . „Sie werden ſehen, wie hübſch das Moos um die rothbäckigen Aepfel und die goldgelben Birnen ausſieht. Beſonders die Apisäpfel mit den ſchönen rothen und weißen Bäck⸗ chen ſehen aus wie Engelsköpfchen in einem Bettchen von grü⸗ nem Mooſe,“ ſetzte das Mädchen im Kunſteifer für ihr Werk hinzu. Der Geiſtliche ſah Madame Georges lächelnd an und ſagte zu Marien: „Ich habe ſchon die Milchkammer bewundert, der Sie vor⸗ ſtehen, liebes Kind; die eigenſinnigſte Hausfrau könnte ſie benei⸗ den. — Nächſtens werde ich Ihre Obſtkammer bewundern, die ſchönen rothbäckigen Aepfel und die goldgelben Birnen, beſonders die hübſchen, kleinen Engeläpfel in ihrem Moosbettchen. — Aber die Sonne iſt eben untergegangen; Sie werden nur ſo viel Zeit haben, mich nach Hauſe zu führen und hierher zuruckzukehren, be⸗ 239 vor es Nacht wird .. Nehmen Sie Ihren Mantel; wir wollen gehen, mein Kind . . . Aber, ich denke da erſt daran, es iſt ſo kalt, bleiben Sie lieber; es mag mich Jemand von den Leuten nach Hauſe bringen.“ „Herr Abbé, Sie würden Marien unglücklich machen,“ ſagte Madame Georges; „ſie freut ſich ſo ſehr, Sie jeden Abend nach Hauſe zu führen.“ „Herr Abbé,“ ſetzte Marie hinzu, indem ſie ihre großen, blauen, ſchüchternen Augen zu dem Geiſtlichen aufſchlug, „ich wurde glau⸗ ben, Sie wären mit mir nicht zufrieden, wenn Sie mir nicht er⸗ laubten, Sie wie gewöhnlich zu begleiten.“ „Ich? — armes Kind! — Nehmen Sie ſchnell, ſchnell Ih⸗ ren Mantel und hüllen Sie ſich warm ein.“ Marie warf raſch einen Mantel mit Kapuze von grobem weißlichen Wollenzeuge, der mit einem ſchmalen ſchwarzen Sam⸗ metſtreifen beſetzt war, über und bot dem Geiſtlichen den Arm. „Zum Glück,“ ſagte dieſer, „iſt es nicht weit und der Weg iſt ſicher.“ „Da es heute etwas ſpäter iſt als gewöhnlich,“ ſetzte Ma⸗ dame Georges hinzu, „ſo könnte Jemand von den Leuten mitge⸗ hen, Marie —“ „Da würde man mich für ſehr furchtſam halten,“ entgegnete Marie lächelnd. — „Stören Sie meinetwegen Niemanden, Ma⸗ dame; es iſt ja kaum ein Viertelſtündchen bis zur Wohnung des Herrn Abbé, und ich werde zurück ſein, ehe es finſter wird. „Nun, ich beſtehe nicht darauf, denn man hat, Gott ſei Dank! niemals von Geſindel in der Gegend hier gehört.“ „Sonſt würde ich auch die Begleitung des lieben Kindes 240 nicht annehmen,“ ſagte der Geiſtliche, „ob ſie mich gleich ſehr un⸗ terſtützt.“ Der Abbé verließ die Meierei an dem Arme Mariens, die ihre leichten Schritte nach dem langſamen Schritte des Greiſes richtete. Einige Minuten ſpäter gelangten der Geiſtliche und Marie an den Hohlweg, wo der Schulmeiſter, die Eule und der kleine Lahme verſteckt lagen. XLIV. Der Hinterhalt. S. Kirche und die Wohnung des Geiſtlichen von Bongque⸗ val ſanden am Hügel unter Kaſtanienbäumen, und man überſah von da aus das ganze Dorf. Marie und der Abbé gelangten an einen Weg, der quer durch den Hohlweg führte, welcher den Hügel durchſchnitt, und dann an der Anhöhe ſich hinaufſchlängelte. Die Eule, der Schulmeiſter und der kleine Lahme, die in einer Einbiegung des Weges kauerten, ſahen den Geiſtlichen und Marie in den Hohlweg herunterkommen und an der andern Seite wieder emporſteigen. Das Geſicht des Mädchens war durch die Kapuze des Mantels verhüllt, und die Einäugige erkannte ihr ehemaliges Opfer nicht. „Still, Mann!“ ſagte die Alte zu dem Schulmeiſter; „das Schickschen *) und der Schwarze **) ſind eben durch den Hohlweg. Nach der Beſchreibung, die uns der Lange in Trauer gegeben hat, muß ſie es ſein: bänerlicher Anzug, Mittelgröße, *) Mädchen. **) Geiſtliche. Die Geheimniſſe von Paris. II. 16 242 braungeſtreifter Rock, wollener Mantel mit ſchwarzem Beſatz. Sie führt wie alle Tage den Schwarzen nach Hauſe und geht dann allein zurück. Wenn ſie wiederkommt und hier am Ende des We⸗ ges iſt, müſſen wir über ſie herfallen und nach dem Wagen forttragen.“ „Und wenn ſie um Hülfe ſchreit?“ fiel der Schulmeiſter ein. „Man wird es im Dorfe hören, da, wie Du ſagſt, die Häuſer ganz in der Nähe hier ſtehen ſollen. — Ihr — könnt ſehen!“ ſetzte er mit dumpfer Stimme hinzu. „Ja, ganz nahe ſtehen die Häuſer,“ ſagte der kleine Lahme. — „Ich kletterte eben da an der Seite auf dem Bauche hinauf und hörte Jemanden in dem Hofe dort mit den Pferden reden —“ „Wir müſſen es dann ſo machen,“ ſprach der Schulmeiſter nach einer kutzen Pauſe: „der kleine Lahme hält Wache da, wo der Weg hereinkommt. Sieht er die Kleine von weitem kommen, ſo läuft er ihr entgegen, ſagt, er ſei der Sohn einer armen alten Frau, die in den Hohlweg gefallen, und bittet ſie, ihr zu Hülfe zu kommen.“ „Nichtig, Alterchen. — Die arme alte Frau iſt Deine Eule. — Gut ausgedacht! — Du biſt doch immer der geſcheidteſte, Mann. — Und was habe ich denn zu thun?“ „Du legſt Dich weit weg in dem Hohlwege, nach der Seite hin, wo Barbillon mit dem Fiaere wartet, nieder. — Ich ver⸗ ſtecke mich in der Nähe .. . Hat der Lahme die Kleine bis in die Mitte des Hohlwegs gebracht, ſo hörſt Du auf zu wimmern und packſt ſie mit der einen Hand am Langert *), mit der andern *) Halſe. — —r 243 greifſt Du ihr in den Morf *), um den Laller **) zu halten, damit ſie nicht ſchreien kann.“ „Ich verſtehe, Alterchen. — Wie bei der Frau am Canal 3 Saint Martin, die wir ſchwimmen ließen ***), nachdem man „ ihr das Packet genommen, das ſie unter dem Arme trug, nicht wahr?“ „Ja, gerade ſo. — Während Du die Kleine feſthältſt, holt mich der Lahme, wir wickeln ſie in meinen Mantel und tragen ſie in den Wagen. Dann geht es fort nach der Ebene von St. De⸗ nis, wo der Mann in Trauer auf uns wartet.“ „Abgemacht! Dir kommt doch Keiner gleich. — Mein Mann, das iſt ein Mann,“ ſagte die Alte ſtolz zu dem kleinen Lahmen. Dann wendete ſie ſich an den Schulmeiſter und ſagte: . „Apropos, weißt Du, daß Barbillon ſich wie ein Hund vor dem Gehirnfieber †) fürchtet?“ „Warum?“ 2 „Er hat vor einiger Zeit bei einem Zanke den Mann einer Milchfrau kaporet †t), die alle Morgen mit einem kleinen Wa⸗ gen und einem Eſel vom Dorfe kam, um in der Cité, in der Nähe des „weißen Kaninchens“, Milch zu verkaufen.“ Der Sohn Roth⸗Arms, der dieſe Sprache nicht verſtand, hörte die Eule mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit an. *) Mund. **) Die Zunge. ***) Ertränkten. 1) Todesurtheil. †) Erſchlagen. — 244 „Du möchteſt wohl gern wiſſen, was wir reden, nicht wahr?“ „Gewiß.“ „Wenn Du folgſam biſt, ſollſt Du unſere Sprache lernen. — Du biſt bald alt genug, daß Du ſie brauchen kannſt. Biſt Du's zufrieden?“ „Ja wohl. — Ich bleibe lieber bei Ihnen als bei meinem alten Charlatan, bei dem ich immer Arzenei ſtoßen und das Pferd putzen muß. Wenn ich wüßte, wo er ſein Rattengift für die Menſchen verſteckt hat, ich würde ihm etwas davon in die Suppe thun, um von ihm los zu kommen.“ . Die Eule lachte und ſagte zu dem kleinen Lahmen, indem ſie ihn an ſich zog: „Gieb mir 'nen Schmatz! Du biſt ein drolliger Kauz. — Aber woher weißt Du, daß Dein Herr Rattengift für die Men⸗ ſchen hat, he?“ „Ich hörte es ihn ſagen, als ich einmal in dem ſchwarzen Cabinet in ſeinem Zimmer verſteckt war, in das er ſeine Flaſchen und die ſtählernen Maſchinen ſtellt und wo er in ſeinen kleinen Töpfen kocht —“ „Was hörteſt Du ihn ſagen?“ fragte die Eule. „Ich hörte ihn zu einem Herrn ſagen, dem er ein Pulver in einem Papiere gab: „Wer das auf dreimal nähme, müßte unter die Erde, ohne daß man wüßte wie und warum, und ohne daß eine Spur davon übrig bliebe —“ „Wer war der Herr?“ fragte der Schulmeiſter. „Ein ſchöner junger Herr, der einen ſchwarzen Schnurrbart hatte und ein hübſches Geſicht wie ein Mädchen. — Er kam dann noch einmal, und dann mußte ich ihm auf Befehl des Herrn Bra⸗ damanti nachgehen, um zu wiſſen, wo er wohnt. Der ſchöne Herr — ——— — 245 ging in ein hübſches Haus in der Rue de Chaillot. — Mein Herr hatte zu mir geſagt; „wohin der Herr auch geht, folge ihm und warte an der Thüre; kommt er wieder heraus, ſo folge ihm wie⸗ der, bis er irgendwo nicht herauskommt, denn das wird beweiſen, daß er an dem letztern Orte wohnt. — Dann ſieh zu, mein Sohn, daß Du ſeinen Namen erfährſt, — oder ich werde Dich an den den Ohren zauſen —“ „Nun?“ „Ich bin ihm nachgegangen und habe den Namen des ſchö⸗ nen Herrn erfahren.“ „Wie haſt Du das angefangen?“ fragte der Schulmeiſter. „O, ich bin nicht ſo dumm. Ich ging zu dem Portier des Hauſes in der Rue de Chaillot, aus dem der Herr nicht wieder herauskam; es war ein gepuderter Portier in einem ſchönen brau⸗ nen Fracke mit gelbem Kragen und einer Silbertreſſe daran. — Ich ſagte zu ihm: „mein guter Herr, ich will mir hundert Sous holen, die mir der Herr verſprochen hat, weil ich ſeinen Hund wie⸗ dergefunden und gebracht habe. — Der Herr hat hraunes Haar, einen ſchwarzen Schnurrbart, einen weißlichen Rock uud hellblaue Beinkleider. Er ſagte mir, er wohne in der Rue de Chaillot, Nr. 11 und hieße Dupont.“ — „Der Herr, von dem Du ſprichſt, iſt mein Herr und heißt der Vicomte von Saint Remy; es iſt kein Hund hier als Du, Taugenichts; pack Dich alſo, oder ich werde Dir hundert Prügel für die hundert Sous anfzählen, die Du mir ablügen willſt,“ antwortete der Portier und gab mir ei⸗ nen Fußtritt. „Das bleibt ſich aber gleich,“ ſetzte der kleine Lahme mit philoſophiſcher Ruhe hinzu, „ich wußte doch den Namen des ſchönen Herrn mit dem ſchwarzen Schnurrbarte, der bei meinem Herrn Rattengift für Menſchen geholt hatte; er heißt der Vicvmte von Saint Remy.“ 246 „Du biſt ein Junge zum Anbeißen!“ ſagte die Eule, indem ſie den kleinen Lahmen küßte; „ſo pfiffig! Du biſt werth, daß ich Deine Mutter wäre, Spitzbube!“ Dieſe Worte machten einen ſeltſamen Eindruck auf den klei⸗ nen Lahmen; ſein boshaftes, ſchlaues Geſicht wurde plötzlich trau⸗ rig; er ſchien die mütterlichen Aeußerungen der Eule ernſtlich zu nehmen und antwortete: „Ich liebe Sie auch ſehr, weil Sie mich küßten, als Sie mich zum erſtenmale von meinem Vater in dem „blutenden Herzen“ abholten. Seit meiner ſeligen Mutter hat es Niemand ſo gut mit mir gemeint wie Sie; Alle ſchlagen mich und jagen mich fort wie einen räudigen Hund, Alle, ſelbſt Mutter Pipelet, die Portiersfrau.“ „Ich will ſie lehren!“ antwortete die Eule, indem ſie ſich empört ſtellte, was ihr dem kleinen Lahmen gegenüber vollkom⸗ men gelang. — „Ein ſo liebes Kind zu ſchlagen, wie Du biſt!“ und die Einäugige küßte den Lahme von Neuem mit gro⸗ tesker Affectativn. Der Sohn Roth⸗Arms, den dieſer neue Beweis von Liebe tief rührte, erwiederte die Liebkoſungen aufs Innigſte und rief in über⸗ ſtrömendem Dankgefühle aus: „Sie brauchen nur zu befehlen, und Sie werden ſehen, wie ich Ihnen gehorche, wie gut ich Sie bediene!“ „Iſt das wahr? Nun, es ſoll Dein Schaden nicht ſein.“ „Ich möchte ſo gern bei Ihnen bleiben.“ „Wenn Du recht folgſam biſt, wird ſich das finden; Du ſollſt uns beide nicht verlaſſen, mein Junge.“ „Ja,“ ſagte der Schulmeiſter, „Du wirſt mich führen als einen armen Blinden und ſagen, Du wäreſt mein Sohn. Wir gehen ſo in die Häuſer hinein und — Blut und Wetter!“ ſetzte der —————3 „— FÜGQ“%“Ü“YQꝓᷓYᷓꝓYÜ“ —— Mörder hinzu, „wenn die Eule hilft, können wir manchen guten Griff thun. — Ich will dem Teufel von Rudolph, der mich blen⸗ dete, zeigen, daß meine Thaten noch nicht abgeſchloſſen ſind. — Er hat mir das Geſicht genommen, aber die Gedanken an das Böſe konnte er mir nicht nehmen; ich werde der Kopf, der Lahme wird das Auge und Du, Eule, wirſt die Hand ſein. — Du hilfſt mir, he?“ „Bin ich nicht Dein für Strick und Galgen, Mörderchen? Bin ich nicht gleich, als ich aus dem Spitale kam und Du mich durch den Gimpel von St. Mandé zur Wirthin vom weißen Ka⸗ ninchen beſtellen ließeſt, zu Dir auf das Dorf gelaufen und habe geſagt, ich ſei Deine Frau?“ Dieſe Worte der Einäugigen weckten in dem Schulmeiſter eine böſe Erinnerung. Er änderte plötzlich den Ton und die Sprache gegen die Eule und rief mit zorniger Stimme: „Ja, ich langweilte mich, da ich ſo allein mitten unter recht⸗ ſchaffenen Leuten war. — Nach einem Monate konnte ich es nicht mehr aushalten, — ich fürchtete mich und kam auf den Gedan⸗ ken, Dich zu mir beſtellen zu laſſen. — Und wie bekam mir's!“ ſetzte er in noch zornigerem Tone hinzu; „den Tag nach Deiner Ankunft war das Geld verſchwunden, das der Teufel in der Witt⸗ wenallee mir gegeben hatte. — Ja, man hatte mir im Schlafe meinen Gürtel voll Gold geſtohlen. — Das konnteſt nur Du ge⸗ than haben, und ich bin nun ganz in Deine Hände gegeben. Siehſt Du, ſo oft ich daran denke, weiß ich nicht, warum ich Dich nicht auf der Stelle todtſchlage, — alte Spitzbübin.“ Und er that einen Schritt nach der Einäugigen zu. „Nehmen Sie ſich in Acht!“ — rief der kleine Lahme! „wenn Sie der Eule etwas zu Leide thun. ..“ „Ich werde Euch beide zermalmen, Dich und ſie, ihr beiden Schlangen,“ rief der Räuber in Wuth. Und da er den Sohn Roth⸗Arms ganz in ſeiner Nähe reden hörte, ſchlug er auf gera⸗ dewohl ſo gewaltig nach ihm, daß er ihn erſchlagen haben würde, wenn er ihn getroffen hätte. Der Lahme ergriff, um ſich ſelbſt und die Eule zu rächen, einen Stein, zielte nach dem Schulmeiſter, warf und traf ihn an der Stirn. „ Der Wurf war nicht gefährlich, aber er ſchmerzte. Der Räuber richtete ſich wüthend auf, ſchrecklich wie ein wilder verwundeter Stier, ging einige Schritte weit, ſtrauchelte aber bald. „Brich den Hals!“ rief ihm die Eule lautlachend zu. Trotz dem blutigen Bande, das ſie an jenen Unmenſchen feſ⸗ ſelte, ſah ſie doch, aus mehrern Gründen mit Freuden den un⸗ ſchädlich gemacht, der früher ſo gefürchtet und auf ſeine Rieſen⸗ kraft ſo ſtolz geweſen war. Die Einäugige rechtfertigte ſo auf ihre Weiſe den ſchrecklichen Gedanken La Rochefoucaulds, daß wir in dem Unglücke ſelbſt un⸗ ſerer beſten Freunde immer etwas Befriedigendes finden. Der häßliche Junge mit dem rothgelbem Haare theilte die Freude der Einäugigen. Als der Schulmeiſter zum zweitenmale ſtol⸗ perte, rief er aus: „So mach' doch die Augen auf, Alter. — Du gehſt ja von der Seite. — Siehſt Du denn nicht? Wiſche Deine Brillenglä⸗ ſer ab.“ Da der hereuliſche Mörder die Unmöglichkeit erkannte, den Knaben zu erreichen, blieb er ſtehen, ſtampfte wüthend den Fuß auf die Erde, legte die beiden geballten behaarten Fäuſte auf ſeine Augen und brüllte wie ein Tiger, dem ein Maulkorb ange⸗ legt iſt. — 53 — 249 „Du huſteſt, Alter!“ rief ihm der Sohn Roth⸗Arms zu. — „Da nimm! prächtiger Lakrizenſaft! Ein Gensd'arm hat mir ihn gegeben. — Du brauchſt Dich nicht zu ekeln.“ Und er hob eine Handvoll feinen Sandes auf, den er dem Mörder in das Geſicht warf. Den Schulmeiſter verletzte die ihm angethane Schmach mehr als der Wurf mit dem Steine; er wurde abwechſelnd blaß und roth vor Wuth, ſchlug die beiden Arme in einer Bewegung un⸗ beſchreiblicher Verzweiflung übereinander, erhob ſein grauenvolles Geſicht gen Himmel und rief mit flehentlicher Stimme: „Mein Gott! Mein Gott!“ Dieſer unwillkürliche Anruf der göttlichen Barmherzigkeit von Seiten eines mit allen Verbrechen befleckten Mannes, vor welchem ſonſt die entſchloſſenſten Böſewichter zitterten, hatte etwas Tiefergreifendes. „Ach, Mörderchen betet!“ rief die Eule lachend. . . „Aber Du verſprichſt Dich, Mann; den Bäckers) mußt Du zu Hilfe rufen.“ „NMur ein Meſſer, daß ich mich umbringen könnte! Nur ein Meſſer, da alle Welt mich verläßt!“ ſprach der Schulmeiſter, in⸗ dem er in wilder Wuth ſich in die Hände biß. „Ein Meſſer? Du haſt eins in der Taſche, Männchen, und ich habe es gut gewetzt. . . Der kleine Alte in der Rue du Roule und der Viehhändler kennen es —“ Der Schulmeiſter, der ſich nun das Leben nehmen konnte, wenn er es wollte, gab dem Geſpräche eine andere Richtung und ſagte mit dumpfer Stimme vor ſich hin: „Der Chourineur war gut; — er hat mich nicht beſtohlen; er hatte Mitleid mit mir.“ *) Den Teufel. „Warum haſt Du geſagt, ich hätte Dir Dein Geld geſtohlen?“ entgegnete die Eule, die mit Mühe das Lachen unterdrückte. „Nur Du biſt in meine Kammer gekommen,“ ſagte der Räu⸗ ber; „Du haſt mich in der Nacht beſtohlen; wen ſonſt ſoll ich in Verdacht haben? — Die Leute im Hauſe waren dazu nicht fähig.“ „Warum ſollten ſie nicht auch ſtehlen wie andere? Weil ſie Milch trinken und Gras für das Vieh holen?“ „Kurz und gut, man hat mich beſtohlen — „Iſt das die Schuld Deiner Eule? Was denkſt Du nur? Würde ich denn noch bei Dir geblieben ſein, wenn ich Dir Dei⸗ nen Gürtel genommen hätte? Biſt Du dumm! — Ich hätte Dir Dein Geld gewiß genommen, wenn mir es möglich geweſen wäre; aber Du würdeſt mich wiedergeſehen haben, ſobald es verzehrt ge⸗ weſen, weil Du mir gefällſt mit Deinen weißen Augen — Räuber! Sei alſo artig und beiß' Dir die Zähne nicht aus vor Wuth.“ „Er thut, als knacke er Nüſſe,“ warf der kleine Lahme ein. „Ha! ha! ha! Der Junge hat Recht. — Beruhige Dich, Männchen, und laß ihn lachen; die Jugend lacht einmal immer. Aber geſtehe auch, daß Du ungerecht geweſen biſt. Als der Lange in Trauer zu mir ſagte: „Sie können tauſend Franes verdienen, wenn Sie ein junges Mädchen rauben, das in der Meierei in Bou⸗ queval ſich aufhält, und ſie an einen Ort in der Ebene von Saint Denis bringen, den ich Ihnen anzeigen will,“ habe ich Dich ſo⸗ gleich aufgefordert, die Sache mitzumachen, und es keinem Andern geſagt, der beſſer ſieht als Du. — Ich gebe Dir da gleichſam ein Almoſen; denn Du wirſt doch nicht beſſer ſein als das fünfte Rad am Wagen, ausgenommen daß Du die Kleine hältſt, wäh⸗ rend wir ſie einwickeln; aber es bleibt ſich gleich; wenn ich Dich auch beſtohlen hätte, wenn es angegangen wäre, ſo erzeige ich Dir doch gern etwas Gutes. — Du ſollſt Alles Deiner lieben 6 . 251 Eule zu verdanken haben; ich bin nun einmal ſo. — Wir geben dem Barbillon zweihundert Franes dafür, daß er den Wagen brachte und mit einem Diener des Langen in Trauer ſchon einmal hier war, um ſich die Oertlichkeit zu beſehen, wo wit die Kleine erwarten müßten, und es bleiben dann noch achthundert für uns. Was ſagſt Du dazu? — Biſt Du noch immer bös auf Deine Alte?“ „Wer bürgt mir dafür, daß Du mir etwas giebſt, wenn die Sache geſchehen iſt?“ ſagte der Räuber mißtrauiſch. „Es iſt wahr, ich könnte Dir nichts geben, denn Du wohnſt bei mir, wie ſonſt die Nachtigall, und mußt es Dir bei mir ge⸗ fallen laſſen, bis der Teufel Dich holt. . . Schmollſt Du noch im⸗ mer mit Deiner Eule?“ ſetzte die Einäugige hinzu, indem ſie den Räuber, der ſtumm daſtand, auf die Achſel klopfte. „Du haſt Recht,“ ſagte er mit einem unterdrückten Seufzer; „es iſt mein Schickſal. — Ich, — ich der Gnade und Ungnade eines Kindes und eines Weibes überlaſſen, die ich ſonſt mit einem Schlage todtgeſchlagen hätte! — Ach, wenn ich mich nicht vor dem Tode fürchtete!“ ſetzte er hinzu, während er ſich niederſetzte. „Wie Du nun ſo memmenhaft biſt, ſo feig!“ erwiederte die Eule mit Verachtung. — „Rede doch lieber gleich von Deinem Gewiſſen; das wäre noch ſpaßhafter. — Wenn Du keinen Muth mehr haſt, ſo laſſe ich Dich hier ſitzen und gehe meinen Weg.“ „Und ſich nicht an dem Menſchen rächen zu können, der mich in die ſchreckliche Lage gebracht hat, in welcher ich mich befinde und aus der ich nicht wieder herauskommen kann!“ rief der Schul⸗ meiſter, deſſen Wuth zurückkehrte. — „Ach ja, ich fürchte mich vor dem Tode, ich fürchte mich ſehr: — wenn mir aber Einer ſagte, man wird Dir jenen Mann in Deine Arme führen, in Deine Arme und Euch dann beide in einen Abgrund werfen, ich würde gleich einwilligen, ja, denn ich wäre meiner Sache gewiß, daß ich ihn nicht eher losließe, bis ich unten in der Tiefe mit ihm angekommen; und während wir hinunterrollten, würde ich ihn in das Geſicht, in die Kehle, in das Herz beißen, mit meinen Zäh⸗ nen zerreißen —“ „So, Männchen, gefällſt Du mir! — Sej nur ruhig, wir werden ihn wiederfinden, den Lump von Rudolph und den Chouri⸗ neur auch. — Als ich aus dem Spital entlaſſeßt war, bin ich in der Wittwenallee umhergeſchlichen; — Alles war verſchloſſen. — Aber ich ſagte zu dem Langen in Trauer;„ Früher wollten Sie uns Geld geben, wenn wir dem Pnenſch dem Rudolph, etwas thun wollten; wäre nicht etwas gegen ihn, zu unternehmen, wann wir das Mädchen geholt haben?“ — Viekleicht, antwortete er. Hörſt Du, Männchen, vielleicht! — Alſo Muth, Mann, er kommt uns noch einmal unter die Hände, ſage ich Dir. Er kommt uns unter die Hände!“ „Du wirſt mich alſo nicht verlaſſen?“ ſagte der Räuber zur Eule in unterwürfigem, aber noch immer mißtrauiſchem Tone. — „Was ſollte jetzt aus mir werden, wenn Du mich im Stiche lie⸗ iet 56 „Das iſt wahr. Wäre es nicht ein Spaß, wenn wir beide, der kleine Lahme und ich, in dem Wagen fortführen und Dich hier zurückließen, — mitten auf dem Felde, — in der Nacht, in der es außerordentlich kalt werden wird? he?“ Der Schulmeiſter zitterte bei dieſer Drohung, rückte näher an die Eule und ſagte bebend zu ihr: „Nein, nein, das wirſt Du nicht thun, Eule, auch Du nicht, Lahmer. Es wäre zu abſcheulich —“ „Ha! ha! ha! Zu abſcheulich? — Und der kleine Alte in der Rue du Roule! Und der Viehhändler! Und die Frau vom Ca⸗ 253 nal St. Martin! Und der Herr in der Wittwenallee! Glanbſt Du, ſie hätten Dich angenehm und liebreich gefunden mit Deinem Meſſer? Warum ſollte man Dir nicht auch einen Poſſen ſpielen?“ „Ich geſtehe es —,“ ſagte der Schulmeiſter dumpf. .. „Ich habe Dir Unrecht gethan, als ich Dich beſchuldigte, Du hätteſt mir meinen Gürtel geſtohlen; ich that auch Unrecht, als ich den Lahmen ſchlagen wollte; — ich bitte Dich um Verzeihung, hörſt Du? — Und Dich auch, Lahmer, — ja, ich bitte Euch beide um Verzeihung.“ „Er muß auf den Knieen abbitten, daß er die Eule ſchlagen wollte,“ antwortete der kleine Lahme. „Das liebe Kind! Prächtige Einfälle hat der Junge!“ ſagte die Eule lachend —, „und ich möchte wohl ſehen, wie Du Dich ſo ausnähmſt, Männchen. — Nieder auf die Kniee, als wenn Du Deiner Eule eine Liebeserklärung machen wollteſt! Raſch! raſch! — oder wir laſſen Dich im Stiche, und in einer halben Stunde iſt es Nacht, das merke Dir —“ „Nacht oder Tag iſt ihm gleich,“ fiel der kleine Lahme ein. „Er läßt ſeine Fenſterladen immer zu: er fürchtet, ſeinen Teint zu verderben.“ „Da lieg' ich auf den Knieen. — Ich bitte Dich um Verzei⸗ hung, Eule, und Dich auch, Lahmer. — Seid ihr nun zuftieden?“ ſagte der Räuber, indem er mitten im Wege niederkniete. — Nun werdet Ihr mich nicht verlaſſen, nicht wahr?“ Dieſe ſeltſame Gruppe, die der röthliche Schein der Abend⸗ röthe beleuchtete, gewährte ein häßliches Bild. Mitten in dem Hohlwege ſtreckte der Schulmeiſter bittend ſeine kräftigen Hände nach der Einäugigen aus; ſein dichtes ſtarres Haar fiel wie eine Mähne über ſeine bleiche Stirn; ſeine rothen Angen⸗ lider, die er vor Angſt weit aufriß, ließen die Hälfte ſeiner mat⸗ 254 ten, glaſigen, erſtorbenen, unbeweglichen Pupillen, — den Blick ei⸗ ner Leiche ſehen. Seine ungeheuern Schultern beugten ſich de⸗ müthig. Der Hereules kniete zitternd vor den Füßen einer al⸗ ten Frau und eines Knaben. — Die Einäugige, die ſich in ei⸗ nen roth carrirten Shawl gehüllt hatte und auf dem Kopfe eine alte Haube von ſchwarzem Tüll trug, unter welcher ein Büſchel grauer Haare hervorragte, ſtand ſtolz und gerade vor dem Schul⸗ meiſter. Das knochige, ſtark gebräunte, runzelige Geſicht der Al⸗ ten mit der Hakennaſe drückte eine rohe, ſtolze Freude aus; ihr grünliches Auge funkelte gleich einer glühenden Kohle; ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln zog ihre von langem Haar beſchattete Oberlippe zurück und zeigte ſo drei bis vier lange gelbliche Zähne. Der kleine Lahme, der eine Blouſe mit einem ledernen Gür⸗ tel trug, ſtand dabei auf einem Fuße und lehnte ſich an den Arm der Eule, um ſich im Gleichgewichte zu erhalten. Das kränkliche ſchlaue Geſicht des Knaben verrieth in dieſem Augenblicke eine teufliſche Bosheit und Schadenfreude. „Verſprecht mir wenigſtens, mich nicht zu verlaſſen!“ wieder⸗ holte der Schulmeiſter, den das Schweigen der Eule und des Lah⸗ men erſchreckte, die ſich an ſeiner Angſt weideten. — „Seid Ihr nicht mehr da?“ ſetzte der Mörder hinzu, indem er horchend den Kopf vorſtreckte und unwillkürlich mit den Händen um ſich griff. „Ja, ja, Männchen, wir ſind noch da; fürchte Dich nicht. — Dich verlaſſen —! lieber ſterben. — Ich muß Dich ein für alle⸗ mal beruhigen und Dir ſagen, warum ich Dich nicht verlaſſen werde. — Höre mich alſo an. — Ich habe immer gern Jeman⸗ den bei mir gehabt, an dem ich meine Wuth auslaſſen konnte, ein Vieh oder einen Menſchen. Vor dem „Balge“ (den der Bäk⸗ fer mir wieder in die Hände geben mag — denn ich habe noch immer meine Idee — ſie mit Scheidewaſſer zu waſchen) hatte ich 255 einen Jungen, der es nicht aushalten konnte und ſtarb; ich mußte dafür ſechs Jahre ſitzen. — Unterdeß quälte ich Vögel; ich lockte ſie an mich und machte ſie zahm, um ſie dann lebendig zu rupfen; aber das lohnte ſich der Mühe nicht, ſie hielten es nicht lange aus. — Als ich aus dem Gefängniſſe kam, gerieth mir die Nach⸗ tigall in die Hände, aber ſie nahm Reißaus; dann hatte ich einen Hund, der eben ſo viel gelitten hat wie ſie. Zuletzt ſchnitt ich ihm eine Hinter- und eine Vorderpfote ab. Wenn er ſo laufen wollte, ſah er ſo poſſierlich aus, daß ich laut auflachen mußte —“ „Das muß ich an einem Hunde nachmachen, den ich kenne und der mich einmal gebiſſen hat,“ dachte der kleine Lahme bei ſich. „Als ich Dich kennen lernte, Männchen,“ fuhr die Eule fort, „wollte ich mir eben ein Kätzchen anſchaffen. Jetzt wirſt Du mein Kätzchen, mein Hund, mein Vogel, mein Balg, kurz der Sündenbock ſein. Verſtehſt Du mich, Männchen? Dich zu quä⸗ len, einen Tiger, muß ein ganz anderes Vergnügen ſein, als einen Vogel zu rupfen und ein Kind zu ſchlagen!“ „Alte Furie!“ rief der Schulmeiſter aus, indem er ſich in ei⸗ nem neuen Wuthanfalle aufrichtete. „Schmollſt Du ſchon wieder mit Deiner Alten? — Nun, Du kannſt ſie ja verlaſſen, es ſteht Dir frei. Ich ſperre Dich nicht ein.“ „Ja, die Thür ſteht offen, geh ohne Augen und immer ge⸗ rade aus!“ ſagte der kleine Lahme lachend. Ach, könnte ich ſterben! — ſterben!“ rief der Schulmeiſter, die Hände ringend. „Das haſt Du ſchon einmal geſagt, Männchen! Du ſterben! Du mußt noch lange warten, denn Du biſt feſt wie der Pont⸗ Neuf; Du wirſt leben zur Freude Deiner Eule. — Ich werde 256 Dich zwar hier und da ärgern und quälen, weil das mein Ver⸗ gnügen iſt und weil Du doch das Brod verdienen mußt, das ich Dir gebe; aber wenn Du hübſch folgſam biſt, ſollſt Du bei guten Unternehmungen ſein dürfen, wie heute und bei noch beſſern, wenn Du von Nutzen ſein kannſt. — Dn ſollſt mein Hund ſein; wenn ich ſage: komm her! ſo wirſt Du kommen; wenn ich ſage: beiß! ſo wirſt Du beißen. — Aber ich zwinge Dich nicht, Männchen; wenn Dir das Leben, das ich Dir antrage, nicht gefällt, ſo ge⸗ nire Dich nicht, ſag' es gerade heraus. Die ganze Welt ſieht Dir ja offen. Nicht wahr, Lahmer?“ „Ja, er kann gehen, wohin er will, immer gerade aus!“ ant⸗ wortete der kleine Lahme lachend. Plötzlich aber bückte er ſich und ſagte leiſe: „Ich höre auf dem Wege gehen, — wir wollen uns ver⸗ ſtecken. — Aber es iſt nicht das junge Mädchen, denn man kommt von derſelben Seite her, von welcher ſie kam.“ Es erſchien wirklich nach einigen Minuten eine rüſtige Bäue⸗ rin in den beſten Jahren, der ein großer Hund folgte und die ei⸗ nen bedeckten Korb auf dem Kopfe trug; ſie ging durch den Hohl⸗ weg hindurch und dann auf dem Fußſteige hinauf, wo der Geiſt⸗ liche und Marie gegangen waren. Wir werden zu dieſen beiden Perſonen zurückkehren und die drei Böſewichter in dem Hohlwege im Hinterhalte liegen laſſen. Gedruckt bei Wilhelm Moeſer in Berlin. — ——— . - — — — — ** * 2 78 8 14