— — Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. nein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em- me und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens „Abends 8 Uhr offen. F Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von bf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ken. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ne dem Werthe deſſelben entſprechende Summe veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet muß voraus bezahlt werden und er: 4 Bücher: 6 Bücher: —— — Pf. 1 Mk. 50 50 Pf. 2 Mr. — Pf. 4 haben fü r n⸗ und Zurückſendung oſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Hmutzte, zerriſſene, verlorene und ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ en Theil eines größeren Werkes ſo iſt Ganzen verpflichtet. elbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird nerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen tfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ auch dafür zu ſtehen haben. ——— 6. , , „ 7 „ 1. 3 — —— 3 7 „— . c 8 — — e — — ℳ 1. . 6 — 3 6 „ — —. — , , * ₰* 3 — . . Die Geheimniſſe von Paris. W N— ₰ Von Eugen Sue. Aus dem Franzöſiſchen neu überſetzt. Erſter Band. Potsdam, 1814. Etpedition der Allgemeinen Unterhaltungs Bibliothet (S. A. Guttſchich). eiſernen Stäben vergittert, ſo ſehr fürchteten die Händl die kühnen Diebe des Viertels. Als der Mann, von dem wir vorhin ſprachen, die Bohnenſtraße betrat, die mitten in der Cité liegt, hielt er zuweilen ſeine Schritte an und ging langſamer; er fühlte ſich auf ſeinem Grund und Boden. ſen und Die Nacht war rabenſchwarz, der Regen ſiel in e nach⸗ Strömen hernieder, und anhaltende Windſtöße wie der hes Lä⸗ heftige Regen ſchlugen klatſchend gegen die Häuſer. Von zeigen, der Uhr des Juſtizpalaſtes her tönte eben die zehnte ariſto⸗ Stunde. ge⸗ Frauen, die unter gewölbten, höhlenartig dunkelen Hallen ſaßen, ſangen halblaut einige Volkslieder. weißen Eines dieſer Geſchöpfe ſchien dem Mann, von dem worfen wir ſprechen, offenbar bekannt zu ſein, denn er hielt plötzlich dicht vor ihr ſeine Schritte an und ergriff ihren usſchwei⸗ Arm. gewiß ein Die Unglückliche trat einen Schritt zurück, ndem verfälſchtes ſie mit ängſtlicher Stimme ſagte: n Auge — Guten Abend Schuri⸗Mann. *) — Du biſt es Lerche? **) — ſagte der Mann in der Blouſe, — Du mußt Gefinkel ***) für mich be 6 zahlen, oder ich laſſe Dich tanzen, ohne daß Du Muſik den ſt! d doch — Ich habe ja kein Geld — erwiederte das Mädchen undes, ternd, denn das ganze Viertel fürchtete dieſen Mann. deln⸗ Ves ihren hieden⸗ ſchaf⸗ e, nri⸗Mann (franzöſiſch Chourineur) bedeutet Meſſermann en dieſes ſchreckliche Rothwalſch oder dieſe Senech nicht brauchen, wir beabſichtigen nur, einige bezeichnende Proben⸗ angerin. ranntwein. —— Wenn Dein Fuchsnetz *) leer iſt, ſo borgt Dir die Wirthin auf Dein ehrlich Geſicht. — Ohl mein Gott . ich bin ihr noch die Miethe für die Kleider ſchuldig, die ich trage .. — Was! Du raiſonnirſt? — rief der Schuri⸗Mann, indem er der Unglücklichen im Dunkeln und auf gut Glück hin einen Fauſtſchlag gab, daß ſie vor Schmerz einen gellenden Schrei ausſtieß. — Das thut nichts, mein Kind; es war nur eine Kaum hatte der Mann dieſe Worte geſprochen, als it einem ſchrecklichen Fluche ausrief: — Du haſt mich mit der Scheere geſtochen! — und wüthend der Lerche in den finſtern Flur nachlief. — Komm' näher — ſagte ſie entſchloſſen — und ch ſteche Dir die Scheine **) mit meiner Scheere aus. habe Dir Nichts gethan, warum haſt Du mich ſſchlagen? —ch will's Dir ſchon ſagen, — erwiederte der Bandit, indem er im Dunkel immer weiter täppte. — Ha! ich habe Dich! Jetzt ſollſt Du mir tanzen, — fügte er hinzu; als ſeine großen, rauhen Fäuſte eine kleine, zarte Hand ergriffen hatten. 2 — Du wirſt nun tanzen müſſen, — ſagte eine feſt männliche Stimme. — Ein Mann! Biſt Du's Roth⸗Arm? antwo doch und vrücke nicht ſo fürchterlich . Du kannſt doch nur ſein, da wir in Deinem Hauſe ſind. 6 iſt nicht Roth Arm — ſagte die S 19 Es würde ſehr ſchwer geweſen ſein, den Zügen Ru dolph's einen beſtimmten Character unterzulegen, denn et vereinigten ſich in ihnen die ſeltſamſten Widerſprüche Sein Geſicht war vollkommen ſchön, zu ſchön vielleicht für einen Mann. Seine zarte, blaſſe Geſichtsfarbe, ſeine großen braunen Augen, die immer halb geſchloſſen und mit leichten blauen Ringen umgeben waren, ſeine nach⸗ läßige Haltung, ſein zerſtreuter Blick, ſein ironiſches Lä⸗ cheln ſchien in ihm den überſättigten Mann zu zeigen, deſſen Geſundheit wenn nicht zerrüttet, doch durch ariſto⸗ kratiſche Ausſchweifungen eines üppigen Lebens ge⸗ ſchwächt iſt.* Und doch hatte Rudolph mit dieſen feinen, weißen Händen einen der ſtärkſten Banditen zu Boden geworfen der von dem ganzen Viertel gefürchtet wurde. Wir ſagten vorhin von „ariſtokratiſchen Ausſchwei⸗ fungen,“ weil der Rauſch von edelem Weine gewiß ein 5 ganz anderer iſt, als der, den ein ſchlechtes, verfälſchtes 6 Getränk verurſacht; weil, mit einem Worte, in dem Auge des Veobachters ſich Ausſchweifungen ebenſo verſchieden⸗ artig in den Wirkungen, wie in der Natur und Beſchaf⸗ * fenheit äußern. Einige Falten auf Rudolph's Stirn verriethen den tiefen Denker, den wahrhaft ſinnenden Mann, und doch erkannte man in den feſten Umriſſen ſeines Mundes, die kecke, ſelbſt ſtolze Haltung ſeines Kopfes, den handeln⸗ den Mann, deſſen Körperkraft, deſſen Muth nie ihren Eindruck auf die Menge zu machen verfehlen. Oft athmete ſein Blick eine tieſe Melancholie, danm lag in ſeinen Zügen das tiefſte Mitleid, des Mitgefühl. Bald darauf konnte ſein V — boshaft werden, ſeine Züge drückten ſo viel Verachtung, ſo große Grauſamkeit aus, daß man ihn keiner zarteren Empfindung fähig halten konnte. Die Folge der Erzäh⸗ lung wird es zeigen, welche Thatſachen oder Gedanken ſo verſchiedene Leidenſchaften bei ihm hervorriefen. Rudolph hatte in ſeinem Kampf mit dem Meſſer⸗ mann weder Haß noch Zorn gegen ſeinen Gegner blicken laſſen, der ſeiner durchaus unwürdig war. Im feſten Vertrauen auf ſeine Kraft, auf ſeine Gewandtheit hatte er nur Verachtung für den thieriſchen Menſchen empfun⸗ den, den er beſiegte. Um das Portrait Rudolph's zu vollenden, fügen wir noch hinzu, daß ſein Haar von kaſtanienbrauner Farbe war, eben wie die ſchön gebogenen Augenbrauen und der kleine weiche Schnurrbart, der ſeine Lippe zierte; das etwas hervorſtehende Kinn war ſorgfältig raſirt. Endlich empfing er durch die Manieren und die Sprache, die er mit unglaublicher Fertigkeit nachahmte, eine vollkommene Aehnlichkeit mit den Stammgäſten der Penne. Sein ſchlanker, ſchöner Hals, der wie nach dem Modell des indiſchen Bachus geformt war, wurde von einer ſchwarzen, zierlich geſchlungenen Kravatte umgeben, deren Zipfel auf eine Blouſe niederfielen, die durch eine in's Weiße ſpielende Farbe ein beträchtliches Alter ver⸗ rieth. Seine plumpen Schuhe zeigten eine doppelte Reihe von Nägeln, und ſeine feinen, weißen Hände ausge⸗ nommen, unterſchied ihn Nichts von den Gäſten der Penne, als ſein entſchloſſenes, ſo zu ſagen heiter⸗kühnes Weſen, das freilich einen ziemlich großen Abſtand zi ihn und den Andern brachte. P„ mann zitterte. die wir vorhin beſchrieben haben, — nämlich der Leichen⸗ und wy hinab zog — wandte ſich zu der 21 Als ſie in die Schenke traten, legte der Meſſerman eine ſeiner rauhen Hände auf Rudolph's Schulter und rief⸗ — Reſpect vor dem Meiſter des Meſſermann's! Jn Freunde, der hat mich bezwungen, was ſich die zu Herzen nehmen mögen, die bielleicht Luſt haben, ſich die Rippen im Leibe zerbrechen zu laſſen. Nun wird auch der Schulmeiſter ſeinen⸗ Meiſter finden, ich ſtehe dafür und habe große Luſt darauf zu wetten! Bei dieſen Worten blickten Alle, von der Wirthin bis zum letzten Gaſt der⸗Peune mit einer heiligen Scheu auf den Beſieger des Meſſernnnes. Einige zogen ihre Gläſer und Kannen bis an's Ende des Tiſches zurück und beeilten ſich Rudolph Platz zu machen, für den Fall, daß er ſich neben ſie ſetzen wollte. Andre näherten ſich dem Meſſermann, um von ihm mehr von dem Unbekannten zu hören, der ſo ſiegreich in „der Welt“ aufgetreten war. Die Wirthin ſelbſt hatte Ru⸗ dolph mit ihrem freundlichſten Lächeln begrüßt, ja, ſie hatte ſich herabgelaſſen — was in der Geſchichte des weißen Kaninchens ganz unerhört war — aufzuſtehen, um ſelbſt Rudolph's Befehle zu holen und zu fragen, womit ſie ſeiner Geſellſchaft dienen könne. Solche Auf⸗ merkſamkeit hatte ſie ſelbſt nicht dem Schulmeiſter, dem ſchrecklichen Böſewicht erzeigt, vor dem ſogar der Meſſer⸗ Einer der beiden verdächtig ausſehenden Männer, blaſſe, der ſtets ſeine linke Hand zu verbergen ſuchte, ſt eine alte, griechiſche Mütze bis zu einen Tiſch für Rudolph abwiſchte und ſagte mit heiſerer Stimme: — Der Schulmeiſter iſt heut nicht hier geweſen? — Nein — antwortete Mutter Poniſſe. — Und geſtern? . — War er hier. — Mit ſeiner neuen Frau? — Hör!? Hältſt Du mich für einen Polizeiſpion? Glaubſt Du, daß ich meine Gäſte verrathe? — ſügte die Wirthin ärgerlich. ² — Ich muß ihn ſprechen — fuhr der Bandit fort, — wir haben miteinander zu thun. 4 — Das werden ſchöne Geſchäfte ſein, unter ſolchen Sündenfegern *) wie Ihr. — Sündenfeger! — rief der Räuber gereizt aus, — lebſt Du etwa nicht von ihnen? — — Willſt Du gleich das Maul halten! — rief die Wirthin drohend, indem ſie Anſtalt machte, ihm die Kanne, die ſie grade in der Hand hatte, an den Kopf zu werfen. Der Mann ging murrend auf ſeinen Platz zurück. Marienblume hatte dem jungen Mann mit dem ver⸗ lebten Geſicht, als ſie in die Penne trat, einen freund⸗ lichen Gruß zugeworfen. ut Der Meſſermann ſagte zu ihm: — Na, Barbillon, Du trinkſt alſo nach wie vor Branntwein! — Ja, nach wie vor. Ich will lieber hungern, als keinen Branntwein in der Kehle und keinen Taback in der Pfeife haben, — antwortete der junge Mann mit hohler Stimme, ohne ſeine Stellung zu ändern, indem er un⸗ geheure Rauchwolken von ſich blies. — Guten Abend, Mutter Poniſſe, — ſagte die Lerche. — Guten Abend, Marienblume, — entgegnete die Wirthin, die ſich ihr näherte, um prüfend die Kleider zu betrachten, die die Unglückliche bedeckten und die von ihr geliehen waren. Nachdem ſie dieſelben hinreichend geprüft hatte, ſagte ſie mit einer eignen mürriſchen Zufriedenheit: — Wahrhaftig, Marienblume! es iſt ein Vergnügen, Dir Sachen zu borgen, ... Du biſt reinlich wie eine kleine Katze. — Ich würde aber auch einen ſo ſchönen Shawl, Kanaillen wie der Drechslerin und dem Todtenkopf, nicht geborgt haben. Aber ich habe Dich auch erzogen, ſeit Du aus dem Gefängniſſe biſt, und man kann Dir mit Recht nachſagen, daß Du das beſte Mädchen aus der ganzen Cité biſt. Die Lerche ſenkte den Kopf und ſchien durchaus nicht über die Lobeserhebungen der Wirthin erfreut zu ſein. — Sieh Mutter! — ſagte Rudolph, indem er mit dem Finger auf die Kuckucksuhr zeigte, — Ihr habt da einen hübſchen geweihten Zweig über dem Uhrgehäuſe? — Nun ja, man kann doch nicht wie die Heiden leben, — ſagte das Weib in einem ſeltſam naiven Ton. Dann wandte ſie ſich zu Marienblume und ſagte: — Hör' Lerche, willſt Du uns heut Nichts ſingen? — Nach dem Eſſen, Mutter Poniſſe — entgegnete der Meſſermann, der einigen Appetit zu haben ſchien. — Womit kann ich dienen? — richtete ſich die Wirthin an Rudolph, den ſie ſich zum Freunde 3 ih ſuchte. — Daß muß der Meſſermann ſasen er ißt, ich bezahle nur. — Nun gut — fuhr ſie fort, indem ſit ſich zum Meſſermann wandte, — was willſt Du haben, Altet? † — Zwei Schoppen Wein, einen Harlekin *) und drei Stücken Brodt, — entgegnete der Meſſermann nach einem kurzen Nachſinnen. — Ich merke ſchon, daß Du immer noch der alte Gutſchmecker biſt, und daß Deine Vorliebe für die Har⸗ lekins noch nicht verraucht iſt. — Und Du Lerche, — fragte der Meſſermann, — haſt Du keinen Hunger? — Nein. — Willſt Du vielleicht etwas Anderes eſſen, mein 3 Kind, — ſagte Rudolph zu Marienblume. — Ach! nein, .. mein Hunger iſt fort. — So ſieh doch wenigſtens meinen Meiſter an, Kind — ſagte der Meſſermann mit einem lauten Lachen, indem er einen Seitenblick auf Rudolph warf. — Wagſt Du nicht, ihm in's Geſicht zu ſehen. n erröthete und ſchlug die Augen nieder, ohne ein Wort zu erwiedern. Nach wenigen Minuten brachte die Wirthin eigen händig für den Tiſch Rudolph's einen Krug Wein, Brodt und einen Harlekin, den zu beſchreiben wir nicht ver⸗ ſuchen wollen, obgleich er vollkommen den Beifall des Meſſermann's zu haben ſchien, denn er rief bald aus: — Herr Gott! was für ein Eſſen! „ grade wie ein Omnibus, für jeden Geſchmack iſt Etwas drin! hier *) Ein Harlekin iſt ein Gemiſch von Fiſchen, Fleiſch und allerlei Ueber⸗ reſten Ziſche der Dienerſchaft in großen Hauſern. ie, die Fett lieben; hier Magern; hier Zucker für die Feinen, dort Pfeffer für Geflügelbeine, Fiſchſchwänze, Koteletten⸗ knochen, Paſtetenrinde, Käſe, Gemüſe, Schnzpfenköpfe, Bisqujt, Salat . . iß doch mit, Lerche . oder haſt Du heut ſchon gegeſſen? Ich habe wie gewöhnlich heut Morgen für 1 Sous Milch, für 1 Sous Brodt gegeſſen. Die Ankunft eines neuen Gaſtes in der Schenke unterbrach jedes Geſpräch und bewirkte, daß alle Köpfe ſich empor richteten. Es war ein Mann von mittlerem Alter, kräftig und gewandt, er trug eine Jacke und eine Mütze und ſchien ganz an das Leben und Treiben in der Penne gewöhnt zu ſein. Er brauchte die dort gewöhnlichen Worte, um ſein Abendeſſen zu verlangen. Obgleich der Fremde kein Stammgaſt der Penne war, ſo ſchenkte man ihm doch bald keine Aufmerkſam⸗ keit mehr: er war gerichtet. Einen ſo ſichern Blick haben die Banditen im Erkennen ihrer Farbe. Der Neuangekommene hatte ſeinen Platz ſo genom⸗ men, daß er die beiden verdächtig ausſehenden Männer, von denen der Eine nach dem Schulmeiſter beobachten konnte. Er ließ während die Beiden durch den Platz, den ſie einnahmen, verhindert waren, die Aufmerkſamkeit zu bemerken, die ſpendet wurde. Mageres für d ſie Picht aus den Angen, Die Geſpräche, die einen Augenblick unterbrochen waren, kamen bald wieder in Gung. Trotz ſeiner Kühn⸗ heit beobachtete der Meſſermann Rudo lph gegenüber eine gewiſſe Unterwürfigkeit. Dieſer Mann a ete die Geſetze 26 für Nichts, aber er hatte große Ehrfurcht vor der Wahrhaftig! — ſagte er zu Rudolph — obgleich ich meinen Theil von Ihnen bekommen habe, ſo iſt es mir doch lieb, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. — Weil der Harlekin nach Deinem Geſchmack iſt. .. — Erſtens, und dann, weil ich mich darauf freue, Sie mit dem Schulmeiſter zuſammen kommen zu ſehen; er hat mich ein Paarmal durchgehauen, es würde mir Freude machen .. . . . wenn er 'mal Prügel bekäme. — Aha! und Du glaubſt, daß ich zu Deinem Vergnügen wie ein Bulldog auf den Schulmeiſter los⸗ fahren werde? — Nein! das nicht, aber er wird auf Sie losgehen, ſobald er hört, daß Sie ſtärker ſind als er, — erwie⸗ derte der Meſſermann, indem er ſich ſeelenvergnügt die Hände rieb. — Ich habe noch Vorrath für ihn — ſagte Rudolph nachläſſig, darauf fuhr er fort — aber wahrlich es iſt heut ein Hundewetter; wie wär's, wenn wir uns ein Glas Branntwein mit Zucker geben ließen, vielleicht be⸗ wegte das die Lerche, uns Etwas zu ſingen .... — Mir recht — ſagte der Meſſermann⸗ — Und um bekannter zu werden, wollen wir uns ſagen, wer wir eigentlich ſind; — fügte Rudolph hinzu. — Der Albino, genannt Meſſermann, freigelaſſener Galeerenſclave, Holzflößer am Quai St. Paul; im Winter halb erfroren, im Sommer beinah gebraten, das iſt mein Character — ſagte Rudolp's Gaſt, indem er mit der linken Hand einen militairiſchen Gruß machte. — Aber nun P mein Meiſter, den man heut zum erſten Mal in der Cité ſieht . . . Ich will Euch keine Vorwürfe machen, aber Ihr ſeid in die Cité eingetreten wie ein tüchtiger Tambour, der einen hölliſchen Wirbel auf meinem Schädel ſchlug. Heiliger Gott! war das ein Rollen, beſonders die Fauftſchläge am Ende, ich komme immer wieder darauf zurück, es war zu ſchön! Haben Sie ſonſt noch ein Gewerbe, außer dem, daß Sie den Meſſermann. prügeln? — — Ich bin Fächermaler und heiße Rudolph. — Fächermaler! darum habt Ihr auch ſo ſchöne, weiße Hände — ſagte der Meſſermann. — Aber das ſchadet nichts, wenn alle Ihre Collegen Ihnen gleichen, ſo ſcheint es, daß einigermaßen Kraft dazu gehört. Aber da Sie ein Handwerker ſind, und ohne Zweifel ein ehr⸗ licher Handwerker, warum gehen Sie in die Penne, wohin nur Diebe und Mörder kommen, die nicht wo anders hingehen können? — Ich komme her, weil ich gute Geſellſchaft liebe. — So! So! — ſagte der Bandit, indem er ſein Haupt zweifelnd wiegte. — Ich traf Sie in Roth⸗Arm's Haus am Ende ſchadt's nicht .. und Sie ſagen, daß Sie ihn nicht kennen? — Haſt Du Luſt mich noch länger mit Deinem Roth⸗Arm zu langweilen, den der Teufel holen möge, wenn er ihn ſonſt mag!. — Nicht ſo hitzig, mein Meiſter, Sie trauen mir nicht, wie es ſcheint, und haben da vielleicht nicht ganz Unrecht .. Aber, wenn Sie Luſt haben, erzähle ich Ihnen meine Geſchichte, unter der Bedingung, daß ie mir Ihre Art und Weiſe zu ſchlagen beibrir ich wöcht's wahrhaftig lernen. — Gut, ich willige ein. Du erzählſt Deine Ge⸗ ſchichte und Marienblume erzählt uns die ihre auch. — Richtig — entgegnete der Meſſermann — es iſt ein Wetter, daß man keinen Polizeidiener hinausjagen möchte, und wir wollen uns die Zeit vertreiben. Willſt Du, Lerche? — Ich will wohl, aber es wird nicht lang ſein, — erwiederte Marienblume. — Und Kamerad Rudolph erzählt uns auch aus ſeinem Leben — fügte der Meſſermann hinzu. — Ja, ich werde anfangen. . — Fächermaler — ſagte Marienblume leiſe, — das iſt ein hübſches Gewerbe. — Und wie viel verdienen Sie ungefähr damit? — fragte der Meſſermann. — Das iſt verſchieden, — antwortete Rudolph, — meine beſten Tage bringen mir 4, zuweilen 5 Franken, d. h. im Sommer, wenn die Tage lang ſind. — Und da thun Sie oft Nichts? — Ja, ſo lange das Geld reicht. Zuerſt 6 Sous für die Nacht in meiner Wohnung . 5 — Sie entſchuldigen, gnädiger Herr ... Sie ſchlafen zu 6 Sous — ſagte der Meſſermann, indem er ſeine Hand⸗ ehrfurchtsvoll an die Mütze legte .. Das Wort gnädiger Herr, das der Gaſt Ru⸗ dolph's in einem ſeltſamen Toue ſprach, machte dieſen Unrilltürlich lächeln und er fuhr fort: — Ja, ich habe es gern bequem und liebe die Rein⸗ lichkeit. — Der Kſendr — Luisß der Meſſermann außer ſich, ein Bangnier er ſchläft zu 6 Sous. — L. — Außerdem — fuhr Rudolph fort — 4 Sous für Taback, macht 10; 4 Syus Frühſtück, iſt 14 15 Sonhs MWittagsbrodt und 1 oder 2 Sous Branntwein, da kommt auf den Tag ungefähr 30 Sous. So brauche ich nich die ganze Woche zu arbeiten; die übrige Zeit thue ich Nichts. — Und Ihre Familie? .. .. — fragte Marienblume. — Starb an der Cholera — antwortete Rudolph. — Was waren Ihre Eltern? — Sie handelten mit Lumpen und ſtanden unter den Säulen der Halle. — Wie haben Sie Ihre Vorräthe verkauft? — fragte der Meſſermann. — Ich war damals zu jung; das hat mein Vor⸗ mund beſorgt. Als ich mündig wurde, gab er mir 30 Franken, das war meine Erbſchaft. — Und wer iſt jetzt Ihr Fabrikherr? — Er nennt ſich Borell, in der Straße Bourdonnais; dumm, aber grob und geizig, er liebt es mehr, ſich ein Auge ausdrücken zu laſſen, als den Arbeitern ihren vollen Lohn zu geben. Das iſt ſein Signalement. Seit meinem funfzehnten Jahre bin ich bei ihm in der Lehre geweſenz bei der Militairaushebung zog ich eine gute Nummer, wohne in der Straße de la Juiverie, im vierten Stock meine Geſchichte. — Nun kommſt Du d'ran, Maxienblume — ſagte der Meſſermann. — Ich hebe meine Geſchichte bis zu⸗ letzt auf. vorn heraus und heiße Rudolph Durand . Das iſt ſtatt Len zu geben. Drittes Kapitel. Geſchichte der Lerche. — Wir fangen doch mit dem Anfang an? — ſagte der ſermenn. — Ja — erwiederte Rudolph — Deine Eltern?“ — Ich habe ſie nie gekannt — ſagte Marienblume. — Ah! ſo — ſagte der Meſſermann. — Nicht gekannt, nicht geſehen, ich bin auf dem Baume gewachſen; wie man zu den Kindern ſagt. — Merkwürdig, Marienblume, wir ſtammen aus einer Familie. — Du auch Meſſermann? — Eine Waiſe der Pariſer Straßen, ganz wie Du, mein Kind. — Und wer hat Dich erzogen, Lerche? — fragte Rudolph. — Ich weiß nicht. So lange ich denken kann, ich mochte wohl ſieben bis acht Jahr alt ſein, war ich Lei einer alten Einäugigen, die man die Eule nannte, weil ſie eine krumme Naſe, ein ganz rundes, grünes Auge hatte, und weil ſie ganz und gar einer Eule glich, die ein Auge verloren hat. — Ah! — rief der Meſſermann, — es iſt, als ob ich ſie ſähe! Abend's — fuhr Marienblume fort, — verkaufte ich für die Eule Gerſtenzucker auf den Pont⸗Neuf, um auf dieſe Art zu betteln. Wenn ich nach Hauſe kam und nicht wenigſtens 10 ₰ mitbrachte, ſchlug mich ie 31 — Ich verſtehe, mein Kind — ſagte der Meſſermann. — Biſt Du gewiß, daß die Eule nicht Deine Mutter war? — fragte Rudolph. — Ich bin deſſen gewiß, denn ſie warf mir oft ge⸗ nug vor, daß ich weder Vater und Mutter hätte; ſie ſagte mir immer, daß ſie mich von der Straße auf⸗ geſucht habe. — So bekamſt Du alſo Schläge, wenn Du nicht 10 Sous mit nach Hauſe brachteſt? — fragte der Meſſermann. — Und ein Glas Waſſer dazu. Und dann mußte ich die ganze Nacht auf einem Strohſack, der an der Erde lag, frieren; die Eule hatte ein Loch hinein ge⸗ ſchnitten, in das ſie mich hineinſteckte. Man ſagt ge⸗ wöhnlich, Stroh ſei warm, aber man täuſcht ſich. — Stroh! — rief der Bandit, — Du haſt Recht, Kind, das iſt ſo kalt wie Eis; Miſt wäre tauſendmal beſſer, aber man ſagt, das iſt gemeines Volk, das kann was vertragen. „ Dieſe ſpöttiſche Bemerkung entlockte Marienblume ein leichtes Lächeln, dann fuhr ſie fort: — Am andern Morgen gab mir die Eule dieſelbe Portion zum Frühſtück, die ſie mir zum Abendeſſen gege⸗ ben hatte und dann mußte ich nach Montfaucon gehen, um Regenwürmer zum Angeln zu ſuchen, denn am Tage hatte die Eule eine Bude unter der Brücke Notre⸗Dame, in der ſie Angelruthen verkaufte. — Für ein Kind, das einah vor Hunger und Froſt ſtirbt, iſt es ein weiter Leg von der Straße Mortellerie bis nach Montfauch — Der tägliche Spaziergang, mein Kind wchſen laſſen, ſo ſchlank wie eine W ſollteſt Du Dich nicht beklagen — ſagte der Meſſermann, indem er Feuer anpinkte, um ſeine Pfeife in Brand zu ſetzen. — Endlich kam ich halb todt mit einem Korbe voll Regenwürmern an; dann war es Mittag und die Eule gab mir ein tüchtiges Stück Brodt, von dem, ich brauche es kaum zu verſichern, kein Krümchen übrig blieb. . — Von dem wenigen Eſſen haſt Du Deine Taille, 7 die ſo ſchlank wie die einer Wespe iſt, meine Tochter, ſollteſt Dich nicht darüber beklagen — unterbrach ſie der Meſſermann, indem er gewaltige Rauchwolken von ſich blies. — Aber was iſt Euch denn, Kamerad! wollt' ich ſagen: Meiſter Rudolph? Ihr macht ja ein ganz ſon⸗ derbares Geſicht ... vielleicht, weil dies junge Blut uir Elend aufgewachſen iſt? Oho! das haben wir Alle durch⸗ gemacht! — Ah! Meſſermann, ich möchte es nicht glauben, daß Du ſo unglücklich warſt wie ich — ſagte Marienblume traurig. — Ich, Lerche! ich ſage Dir, daß Du wie eine kleine Königin gegen mich lebteſt. Du ſchliefeſt wenigſtens auf „ 3 * Stroh und aßeſt Brodt, als Du klein warſt ... Ich, ich konnte glücklich ſein, wenn ich Nachts ein Plätzchen N in den Ghpsöfen von Clichh fand; meine Speiſe waren Kohlblätter, die ich von der Straße aufſuchte, und oft, wenn ich meine Füße wund gelaufen hatte und der We nach Clichh mir zu weit war, ſchlief ich auf den große und hatte im Winter d Steinen des Louore ... ſchönſte weiße Bettzeug, wenn es nämlich grade ſchn Das glaub' ich, aber ein Mann iſt auch kräft als ein kleines Mädchen — ſagte Marienblume; — und doch wurde ich dick und fett dabei, wie eine Lerche. Das weißt Du jetzt noch? ch weiß es ſchon, denn wenn die Eule mich hlug fiel ich immer auf den erſten Schlag nieder; dann ſie mit den Füßen auf mich herum und rief: „Das mädchen hat nicht für einen Pfennig Kraft,“ und annte ſie mich Luder, das war mein Taufname, nie einen andern gehört. Grade wie bei mir; mich rief man wie einen nen Hund; bald Dings da ... bald Duda, oder binv. Es iſt wunderbar, wie wir uns gleichen, — ſagte der Meſſermann. — Es iſt wahr — fuhr Marienblume fort, die ſich beinah ausſchließlich an dieſen Mann richtete; ſie empfand in Rudolph's Gegenwart eine Art von Schande, ſie wagte kaum die Augen zu erheben, obgleich er doch den Men⸗ ſchen anzugehören ſchien, mit denen ſie täglich verkehrte. — Und wenn Du Regenwürmer für die Eule ge⸗ ſucht hatteſt, was mußteſt Du dann thun? — fragte der Meſſermann. — Dann mußte ich in der Nähe der Eule betteln bis es Abend wurde, denn Abends verkaufte ſie Brat⸗ fiſche auf der Brücke Notre⸗Dame. Ach! dann war es „noch lange hin, bis zu meinem Stückchen Brodt; aber wenn ich es mir einmal einfallen ließ, von der Eule Eſſen zu fordern, dann ſchlug ſie mich und „Bettle erſt 10 Sous zuſammen, Luder, dann ſe Abendbrodt haben!“ Dann weinte ich, wei unger hatte, und weil ſie mich ſchlug. Alsbald mir meinen kleinen Korb mit Gerſtenzuck Hals und ſtellte mich auf den Pont⸗Neuf, wie ich auch ſchluchzte und zitterte vor Hunger und Kälte. — Alles, wie bei mir, mein Kind — ſagte der Meſſermann, — man naubt es nicht, aber man zittert ebenſo vor Hunger, ws vor Kälte. — So blieb ich Kuf dem Pont⸗Neuf bis 11 Uhr Abends, mit meinem Käſtchen Gerſtenzucker am Halſe, und weinte bitterlich. Das rührte zuweilen die Vor⸗ übergehenden und ich brachte der Eule einigemal 10 bis 15 Sous. — Aber die Eule merkte ſich das und ſie ge⸗ wöhnte ſich daran, mich immer zu ſchlagen, eh' ſie mich betteln ſchickte, damit ich weinen um ihre Ein⸗ nahme zu termehren. — Das war nicht ſo ganz dumm. — Glaubſt Du? Zuletzt gewöhnte ich mich an die Schläge, und da ich ſah, daß die Eule wüthend wurde, wenn ich nicht weinte, rächte ich mich an ihr; je mehr ſie mich guälte, je fröhlicher wurde ich, und Abends beim Verkauf, ſtatt zu weinen, ſang ich wie eine obgleich ich wenig Luſt zum Singen hatte. — Sag 'mal Lerche, kamſt D u nie mit dem Gerſten⸗ zucker in Verſuchung? — Ich glaube wohl, Meſſermann, aber ich Hatte nie ein Stückchen davon genommen; das war mein Stolz. ind ieſer Stolz hat mich in's Verderben geſtürzt, wie Du ſehen wirſt. Eines Tages, als ich von Montfaucon ückkam, hatten mich die Straßenjungen geſchlagen 6 mir meinen Korb fortgenommen. Ich kam nach Hauſe und bekomme, wie ich erwartet hatte, Scliß Brodt! Am Abend eh' ich zur Brücke gehe, mah eEule, wüthend vurüber, daß ich am Wore Nichts eingenommen habe, ſtatt mich zu ſchlagen dad twe daß ſie mir die Haare an den Schläfen ausreißt, wo es am wehſten thut. — Donnerwetter! das iſt zu viel! — rief der Meſſer⸗ mann, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlägt und » die Augenbrauen zuſammenzieht⸗ — Ein Kind ſchla⸗ gen gut aber es auf dieſe Weiſe martern, das iſt zu viel! Rudolph hatte aufmerkſam der Erzählung Marien⸗ blume's zugehört; bei vieſer Unterbrechung blickte er den Meſſermann erſtaunt an. Dieſes Aufleuchten menſchlichen Gefühls ſetzte ihn in Erſtaunen. — Was iſt Dir denn, Meſſermann? — ſagte er. — Was mir iſt? Wie! Fühlen Sie nicht, was mir iſt? dies Ungeheuer von Eule, das ein Kind zu Tode guält. Sie ſind alſo ſo hart wie Ihre Fäuſte? — Fahre fort, Marienblume — ſagte Rudolph, ohne dem Meſſermann Etwas auf ſeine Frage zu erwiedern. — Ich ſagte Ihnen, daß die Eule mich peinigte, um mich zum Weinen zu bringen; aber das ärgerte mich; „ um ſie böſe zu machen, fing ich an zu lachen und ging mit meinem Gerſtenzucker zum Verkauf nach der Brücke. — Die Eule ſtand bei ihrer Bratpfanne, und drohte mir zuweilen mit geballter Fauſt, aber ſtatt zu weinen, ſang ich immer lauter und dabei hatte ich einen Hunger! mein Gott! .. Seit ſechs Monaten hatte ich Gerſtenzucker verkauft und nie war es mir eingefallen, ein Stück d von zu kpoſten .. Den Abend war es zu End neiner Enthaltſamkeit . . . theils um meinen Hunge Bllen, thoils um die Eule zu ärgern, nehme ich ein St cker und eſſe es. ihn ihr vor der Naſe entzwei. — Bravo, mein Kind! — Ich eſſe zwei . . — Braviſſimo! Es lebe die Charte! — Tauſend! ich fand das ganz hübſch, da ſah es eine Drangenhändlerin, die ſogleich der Einäugigen zuruft: — He da! Eule! das Luder frißt Dir Dein Vermögen auf! — Donnerwetter! das wird heiß werden — ſagte der Meſſermann, den das Alles beſonders zu intereſſiren ſchien. — Armes Kind! welcher Schreck, als die Eule es bemerkte, nicht!? — Wie haſt Du Dich herausgeredet, mein Kind? — fragte Rudolph, der den Gang der Erzählung mit eben ſo großer Theilnahme verfolgte wie der Meſſermann. — Ach Gott! das war ſchwer; aber es war wenig⸗ ſtens komiſch — ſagte Marienblume lächelnd, — daß die Eule, obgleich ſie wüthend war, mich ihren Gerſten⸗ zucker eſſen zu ſehen, ihre Pfanne nicht verlaſſen konnte, weil ihre Fiſche grade im Sieden waren. — Ah! . ah! .. das iſt wahr! das iſt eine ſonder⸗ bare Lage! — rief der Meſſermann, indem er laut auflachte. Marienblume fuhr fort: — Wahrhaftig! wenn ich an die Schläge dachte, die mich erwarteten, ſagte ich mir: Schlimm genug! ich werde nicht mehr Schläge für ein Stück bekommen, als für drei. So nehme ich ein drittes und eh' ſch es eſſe, als die Eule mir von Weitem mit der großen eiſernen Gabel drohte, zeige ich ihr den Gerſtenzucker und —, — Bravo, meine Tochter! das iſt 3 Erklär zu den Scheerenſtichen von Vorhin; ja! ja, ich habe Dir ſchon geſagt: Du haſt Muth. Aber hat Dir die Eule die Haut nicht bei lebendigem Leibe abziehen wollen nach dieſem Streiche? — Als ihre Fiſche fertig waren, kam ſiezumi ich hatte 3 Sous erbettelt, und für 6 gegeſſen. Als die Eule mich an die Hand nahm, um mich fort zu führen, glaubte ich vor Furcht auf der Stelle umzuſinken; ich weiß es noch ganz genau, es war grade am Neujahrs⸗ tag. Du weißt, es ſtehen in der Zeit immer Buden mit Spielzeug auf dem Pont⸗Neuf; den ganzen Abend hatte ich die niedlichen Puppen, die kleinen Wohnungen mit glänzenden Augen betrachtet .. . . 5 — Und Du haſt nie Spielzeug gehabt? — ſagte 12 der Meſſermann. — Ich? biſt Du nicht klug? wer hätte es mir göben ſollen? Nun ging der Abend zu Ende; obgleich es mitten im Winter war, hatte ich doch nichts auf dem Leibe, als ein Läppchen Leinwand, keine Strümpfe, kein Hemde und Holzſchuhe an den Füßen. Das war nicht zum Schwitzen gemacht, nicht wahr? Als mich die Eule nun an die Hand nahm, wurde mir fürchterlich heiß! und was mich beſonders erſchreckte, war, daß die Eule ſtatt zu fluchen und zu ſchimpfen, den ganzen Weg über nur zwiſchen den Zähnen murmelte. Aber ſie ließ mich nicht los, und ging ſo ſchnell, daß ich laufen mußte, um mit meinen kleinen Füßen zu folgen. Im Laufen hatte ich einen Schuh verloren, ich wagte es nicht zu ſagen, und ſo folgte ich ihr nackten Fußes als wir anhamen, war er ganz blutig. — Did Beeſt von Eule] — rief indem er von Neuem zornig auf den Tiſch ſchlug; — mir wird ganz ſonderbar zu Muthe, wenn ich mir die Kleine denke, wie ſie mit den blutigen Füßen neben der Alten herläuft .. — Wir ſtiegen in eine Dachſtube der Straße de la Mortellerie; dicht am Eingang wohnte ein Schenkwirth, die Eule trat bei ihm ein, mich immer noch bei der Hand haltend. Dort trank ſie ſtehend am Ladentiſch einen hal⸗ ben Schoppen Branntwein. — Teufel! das könnte ich nicht trinken, ohne total betrunken zu ſein. — Das war ihr gewöhnliches Maaß, und darum legte ſie ſich auch ſtets betrunken zu Bette. Vielleicht war es der Grund, daß ſie mich ſo geſchlagen hat. End⸗ lich ſteigen wir hinauf und ich kann ſagen, daß mir nicht ganz wohl zu Muthe war. Wir treten ein, und die Eule verſchließt die Thür doppelt; ich werfe mich ihr zu Füßen und flehe um Verzeihung für meinen Fehl⸗ tritt. Sie antwortet mir nicht, und indem ſie in der Stube auf und ab rennt, höre ich ſie murmeln: „Was werd' ich dem Luder nun thuen, das mir meinen Gerſten⸗ zucker geſtohlen hat? — Was fange ich mit ihr an?“ und ſie ſtellte ſich vor mir hin, indem ſie mich mit dem großen grünen Auge furchtbar anſah. Ich lag immer noch auf den Knieen; plötzlich ſcheint ihr etwas einzu⸗ fallen, ſie geht an einen Kaſten und holt eine Zange . — Eine Zange! — rief der Mſſeun — Ja, eine Zange. — Und wozu? — Um 2 zu n — ſengi — Ach Gott, ja! — Um Dir die Haare auszureißen? — Aerger! ärger, Ihr habt's noch nicht! „ um mir einen Zahn auszureißen. Der Meſſermann ſtieß einen ſolchen Fluch aus und begleitete ihn mit ſo heftigen Verwünſchungen, daß alle Gäſte der Penne erſtaunt ihre Blicke auf ihn richteten. — Was iſt Dir, Meſſermann? — fragte Marienblume. — Was mir iſt? ich möchte ſie kaporen, die Eule, wenn ich ſie hätte! ... Wo iſt ſie! ſage mir, wo ich it finde, ich will ſie tödten. Die Augen des Banditen unterliefen bei dieſen Wor⸗ ten mit Blut. Rudolph theilte das Entſetzen des Meſſermannes über die Grauſamkeit der Eule; aber er fragte ſich, wie es möglich ſei, daß ein Mörder in Wuth geräth, wenn er erzählen hört, daß ein altes Weib einem Kinde einen Zahn ausreißen wollte. — Wir halten die Aeußerung ſolches Micleids bei einer durchaus rohen Natur nicht nur für möglich, ſondern ſogar für wahrſcheinlich. — Und ſie hat Dir den Zahn ausgeriſſen, meine arme Kleine? — fragte Rudolph. — Ja! „ ſie hat ihn mir ausgeriſſen! „ und nicht wal auf den erſten Ruck! Mein Gott! wie arbeitete ie; ſie hatte meinen Kopf zwiſchen ihre Kniee wie zwi⸗ ſchen einen Schraubſtock genommen, endlich zog ſie mir halb mit der Zange, halb mit den Fingern den Za heraus und dann ſagte ſie mir, um mich zu erſchre So werde ich Dir einen Zahn nach dem ande kißen, Luder und wenn Du keine Zähne meh 40 aus Rache, daß Du Würmer geſucht haſt, um ſie zufangen!“ Ich erinnere mich deſſen noch recht gut, weil es mir ungerecht ſchien als ob es mir Ver⸗ gnügen gemacht hätte, Würmer zu ſuchen! — Oh! das Weib! einem armen, kleinen Kinde die Zähne auszureißen! — rief der Meſſermann mit ver⸗ doppelter Wuth. — Kann man es noch ſehen? — ſagte Marienblume, indem ſie lächelnd ihren roſigen Mund öffnete, und zwei Reihen kleiner, weißer Zähne zeigte. War es Sorgloſigkeit, Vergeſſenheit oder angeborner Edelmuth, Rudolph hatte in der ganzen Erzählung von Marienblume kein Wort des Haſſes, keine Verwün⸗ ſchung gegen das Weib gehört, das ſie bis auf's Blut gepeinigt hatte. — Und was thateſt Du? — fragte der Meſſermann nach einer Weile. — Ich hatte damit genug. Am andern Morgen, ſtatt nach Regenwürmern zu gehen, lief ich nach der Seite des Pantheon zu dabon. Ich in den ganzen Tag in einer Richtung fortgelaufen, ſo gr. Furcht hatte ich vor der Eule. Ich würde gern bis an e der Welt gelaufen ſein, um ihr nicht wieder in die u fallen. 4 Als ich in unbekannte Stadttheile 9 war, ſah ich Niemand, den ich hätte um Almoſen a en önnen, ich würde es auch nicht gewagt haber cht ſchlief ich auf einem Holzhofe, unter einem H. der Hunger verzehrte mich faſt, ich verſuchte ei inde zu eſſen, um meinen Huyger zu ſtillen ate nicht; ich vermochte nur efStück Birken Peil es die zarteſte war. h ich ein. Am andern Tage hö noch weiter in das Holz hin warm darunter, wie in ein eſſen gehabt hätte, hätte zugebracht. — Das war ger — Ich wagte ich bildete mir mir die Zähne a werfen. — Hör geht mir ählung fort, Marienblume, — gunter dem Holzhaufen ver⸗ bellen fing; da der Hund ſagte eine tiefe, männ⸗ gt an! es iſt Jemand — „Es ſind Diebe,“ ſie fingen an, den tkam und ich chrie ich aus hervor⸗ 43 das kleinſte Scheit.“ — „Du haſt Recht,“ ſagte der Holz⸗ händler, „aber ſie kommt vielleicht nicht von ſelbſt. Die Diebe haben immer ſolche kleine Kinder, die ſpivniren müſſen und ſich verbergen, um ihnen Nachts die Thüren zu öffne. Sie muß zur Polizei.“ — Oh! das Rindvieh von Holzhändler ... — Und man brachte mich zur Polizei. Ich bete meine Geſchichte her, ich klage mich ſelbſt des Landſtrei⸗ chens an, und man ſchickt mich nach dem Gefängniß. bIch war verurtheilt bis zum ſechszehnten Jahre in der s Beſſerungsanſtalt zu bleiben. Ich dankte den Richtern s für ihre Güte, .. Du findeſt das ſonderbar, ich hatte zu eſſen, man ſchlug mich nicht, es war ein kleines Paradies für mich gegen die Dachſtube der Eule. Und dann lernte ich im Gefängniß nähen, aber ich war faul und that gern nichts als ſingen, beſonders wenn es recht ſchönes Wetter war. Oh! wenn die Sonne ſo recht ſchön in's Fenſter ſchien, dann konnte ich mich nicht hal⸗ ten, ich mußte ſingen .. und, war es die Macht des Geſanges, ich fühlte mich dann nicht mehr gefangen. — So biſt Du denn alſo eine geborene Nachtigall — ſagte Rudolph lächelnd. — Sꝛie ſind ſehr gütig, Herr Rudolph, aber es iſt wahr, ſeit der Zeit nannte man mich Lrrche ſtatt Luder. Endlich wurde ich 16 Jahr alt und konnte aus dem Ge⸗ fämgniß gehen . . . Da traf ich an der Thür die rthin hier und zwei oder drei alte Weiber, die zu⸗ en zu meinen Kameradinnen gekommen waren und ir immer ſagten, daß ſie mir Arbeit geben würden, ich frei ſei. — „Mein Engel, mein Schatz, meine liebe Kleine,“ ſag⸗ ten ſie zu mir, . . „willſt Du nicht bei uns wohnen? Wir geben Dir ſchöne Kleider und Du ſollſt nur für das Vergnügen leben.“ — Du kannſt Dir denken, Meſſermann, daß man nicht vergebens 8 Jahr im Gefängniß geweſen iſt, daß man weiß, was das heißen will. Ich hieß die alten Kupplerinnen gehen und ſagte zu mir: Ich kann gut nähen, habe 300 Franken für mich, bin jüng — Hübſch und jung, Marienblume — ſagte der Meſſermann. — Acht Jahr war ich im Gefängniß geweſen, da konnte ich wohl Luſt bekommen, mein Leben ein Bißchen zu genießen. Ich dachte bei mir: das ſchadet Niemand Etwas und Arbeit kann ich ſuchen, wenn das Geld alle iſt. Und ſo brachte ich meine 300 Franken in Umlauf; ich that Unrecht daran — fügte ſie mit einem Seufzer hinzu, — ich hätte mir erſt Arbeit verſchaffen ſollen, aber ich hatte Niemand, der mir rathen konnte ... doch was geſcheh'n iſt, iſt geſcheh'n, ich fing an, mein Geld auszugeben. Zuerſt kaufte ich Blumen, um mein Zimmer zu ſchmücken, ich liebe die Blumen ſo ſehr! dann kaufte ich mir ein Kleid, einen hübſchen Shawl, und ritt nach dem Boulogner Hölzchen zu Eſel, und nach Saint⸗Germain ebenfalls zu Eſel. — MWit einem Liebhaber? — fragte der Meſſermnn. — Nein! ich wollte meine eigne Herrin ſein. § machte meine Partien mit einer Gefährtin aus dem füngniß, die früher im Findelhauſe geweſen war, tliches, gutes Mädchen; man nannte ſie Lach i ſie beſtändig lachte. — Lachtaube? Lachtaube? die kenne ich wohl nicht — ſagte der Meſſermann mit einer Miene, die anzudeuten ſchien, daß er ſeine Erinnerungen durchging. — Ich glaube ſchon, daß Du ſie nicht kennſt; ſie iſt ein ehrliches Mädchen, die Lachtaube, und eine gute Arbeiterin, denn ſie verdient jetzt 25 Sous den Tag und hat ihre eigene kleine Wirthſchaft. — Ich habe nicht den Muth gehabt, ſie wieder aufzuſuchen; endlich hatte ich mein Geld ſo gut in Umlauf gebracht, daß mir nur noch 43 Franken blieben. — Damit hätteſt Du Dir einen kleinen Kram kaufen ſollen — ſagte der Meſſermann. — Nein! Ich habe es anders angewendet ich hatte eine Wäſcherin, die die Lothringerin hieß, eine gute Seele; ſie war damals hochſchwanger und trotzdem mußte ſie den ganzen Tag im Waſſer arbeiten! Du kannſt Dir denken, in ſolchem Zuſtande, und arbeiten, ſie mel⸗ dete ſich zur Aufnahme in einem Gebärhauſe, aber man wies ſie ab, weil kein Platz mehr war. So ſollte ſie niederkommen und hatte nicht mal ſo viel, um ein Bett in irgend einem Hauſe zu bezahlen. Glücklicher Weiſe traf ſie eines Abends in einem Winkel des Pont⸗Neuf die Frau Goubin, die ſich ſeit pier Tagen in dem Keller eines Hauſes verbarg, das eben eingeriſſen wurde . — Und warum verbarg ſie ſich denn in dem Keller? — Um ſich vor ihrem Manne zu ſchützen, der ſie tödten wollte; ſie ging nur des Abends aus, um ſich ihr aufen. Auf dieſem Gange traf ſie die arme die nicht mehr wußte, wohin ſie ihr Halpt nd ſie erwartete ihre Entbindung jeden lls die Frau Goubin ihren Zuſtand ſub 46 nahm ſie ſie mit in den Keller, es war doch wenigſtens ein Unterkommen. — Halt mal! — Goubin's Frau, iſt das nicht Hel⸗ mina? — ſagte der Meſſermann. — Ja, eine brabe Frau — antwortete Marienblume, — ſie nähte für mich und die Lachtaube; ſie that nach ihren Kräften, als ſie der Lothringerin die Hälfte von ihrem Stroh, ihrem Keller und Brodt gab. Dieſe kam denn auch mit einem Kinde nieder, aber es war nicht einmal eine Decke da, nichts als das bloße Stroh! Als Frau Goubin das ſah, vergaß ſie Alles, und auf die Gefahr hin, auf offener Straße von ihrem Manne ermordet zu werden, ging ſie am hellen Tage aus ihrem Keller, um mich zu ſuchen. Sie wußte, daß ich noch etwas Geld hatte, und daß ich nicht ſchlecht war; ich war eben im Begriff mit der Lachtaube in einen M⸗ lord *) zu ſteigen; um den Reſt des Geldes todt zu machen, wollten wir auf das Land fahren, ohl ich liebe das Land ſo ſehr! Die Bäume die Wieſen „ Aber als mir Helmina das Unglück der Lothringerin erzählte, ſchicke ich den Mhlord fort und laufe nach meinem Zimmer, um Alles zu holen, was ich von Wäſche, Matratzen und Decken hatte; ich lade das auf den Rücken eines Trägers und folge der Frau Goubin nach ihrem Keller. Oh! Sie hätten ſehen ſollen, wie die arme Lothringerin ſich freute! Wir haben abwechſelnd bei ihr gewacht, Helmina und ichz als ſie wieder aufſtehen konnte habe ich ihr mit meinem letzten Gelde unt 6 gegriffen, bis ſie ſich wieder an das W ) Eine Art kleiner Wagen 8 4 3 * 1 1 1 3 49 * den man nicht gebrauchen kann. Ich will ihnen keinen Vorwurf darüber machen, ſie konnten ſich vielleicht ſelbſt nicht ernähren, aber darum giebt es doch Menſchen, die ein glücklicheres Schickſal gehabt haben, als ich. — Glücklicher als Du? — Sag? — was fehlt Dir? ſchön wie eine Venus, erſt 17 Jahr alt, ſingſt wie eine Nachtigall, ſiehſt aus wie eine Jungfrau und heißt Marienblume, .. ich weiß nicht, warum Du Dich beklagſt. Was wirſt Du erſt ſagen! wenn Du ein Kohlenbecken unter den Füßen haſt, und einen Pelz⸗ kragen um den Bals, wie die Wirthin da. — Ah! ſo alt werde ich nie werden. — Vielleicht haſt Du ein Mittel gegen das Alt⸗ werden erfunden? — Nein! aber mein Leben wird nicht ſo lang ſein, ich habe jetzt ſchon einen böſen Huſten. — Oh! ich ſehe Dich ſchon im Leichenwagen! När⸗ „ mach mich nicht zum Lachen. — Machſt Du Dir vft ſolche Gedanken, Marien⸗ blume? — fragte Rudolph. — Zuweilen, Herr Rudolph, Sie werden mich viel⸗ leicht verſtehen. Wenn ich mir des Morgens für 1 Sous Milch bei der Milchfrau an der Straßenecke kaufe, und ſie dann in ihrem kleinen Wagen mit ihrem Eſel nach Hauſe fahren ſehe, dann wandelt mich oft die Luſt an, mitzufahren. Ich denke dann bei mir: Sie fährt auf das Land, in die höne, friſche Luft, nach ihrem Hauſe, zu ihrer Familie, und ich ſteige allein in die Kammer der Wirthin o man am hellen Mittag nichts ſehen kann. n ſo ſei ehrlich, mein Kind, ſpiele die Poſſe ſagte der Meſſermann. Pris. 1. rin „ 50 — Ehrlich! mein Gott! wie ſoll ich denn ehrlich ſein? Die Kleider, die ich trage, gehören der Wirthin, ich bin ihr Wohnung und Eſſen ſchuldig! . . . ich darf nicht fortgehen von ihr, ſie würde mich wie eine Diebin feſtnehmen laſſen, . ich gehöre ihr an . .. und muß mich bei ihr auslöſen. Als die Unglückliche die letzten Worte ausſprach, ſchauderte ſie unwillkürlich zuſammen. — Darum bleibe was Du biſt, und vergleiche Dich nicht mit einer Bäuerin — ſagte der Meſſermann. — Willſt Du verrückt werden? Denke hübſch daran, daß Du in der Hauptſtadt glänzeſt, während die Milchfrau fort⸗ geht, um ihren Bälgen Muß zu kochen, um ihre Kühe zu melken, Gras für ihre Kaninchen zu ſuchen, und allenfalls einen Buckel voll Prügel von ihrem Manne zu bekommen, wenn er aus der Schenke kommt. — Iſt das ein Leben, das ſich rühmen kann ſchön zu ſein. — Gieb mir zu trinken, Meſſermann, — ſagte Marienblume nach einem langen Stillſchweigen und hielt ihr Glas hin. — Nein, keinen Wein, Branntwein will ich der iſt ſtärker — ſagte ſie mit ihrer ſanften Stimme, indem ſie den Weinkrug fortſchöh, den der Meſſermann ihrem Glaſe näherte. — Branntwein!? der Tauſend, das gefällt mir von Dir, Marienblume — ſagte der Mann, ohne die V wegung des jungen Mädchens zu verſtehen, und ohne Thräne zu bemerken, die in ihrem Auge zitterte — Es iſt Schade, daß der Branntwej ſchlecht trinken läßt, daß er ſo ſchnell beth ſagte Marienblume, indem ſie ihr Glg — —* 51 ſetzte, nachdem ſie mit eben ſo viel Widerwillen als Eckel daraus getrunken hatte. Rudolph hatte die Erzählung der Lerche mit ge⸗ ſteigertem Intereſſe verfolgt. — Elend und Entbehrung hatten die Unglückliche eher in's Verderben geſtürzt, als ihre Neigung zum Schlechten. Viertes Kapitel. Geſchichte des Meſſermann. Der Leſer entſinnt ſich vielleicht noch, daß zwei Gäſte der Penne aufmerkſam von einer dritten Perſon, die erſt vor Kurzem eingetreten wap, beobachtet wurden. Der eine der beiden änner, der, wie ſchon geſagt, eine alte griechiſche Mütze trug, und ſeine linke Hand fortwährend verborgen hielt, hatte die Wirthin dringend gefragt, ob der Schulmeiſter noch nicht da geweſen ſei. Während der Erzählung der Lerche, die ſie nicht hören konnten, ſprachen die beiden Männer zuweilen leiſe miteinander; indem ſie ängſtlich nach der Thür blicktn. Der mit der griechiſchen Mütze ſagte zu ſeinem Begleiter: — Der Schulmeiſter kommt nicht, wenn ihn der Kameras nur nicht ermordet hat, um ihm ſeinen Antheil zu nehmen! — Das könnte ſchlimm für uns werden, weil wir en Raub vorbereitet haben, — erwiederte der Andere. Neuangekommene, der die beiden Männer be⸗ obachtete, ſaß zu entfernt, um die letzten Worte zu hören. Nachdem er mehrmals ein kleines Papier, das in ſeiner Mütze lag, ſehr geſchickt zu Rathe gezogen hatte, ſchien er mit ſeinen Beobachtungen zufrieden zu ſein, ſtand von ſeiner Bank auf und ſagte zur Wirthin, die hinter dem Ladentiſch ſchlief, die Füße auf das Kohlen⸗ becken geſtützt, und ihre große Katze auf den Knieen: — Ich komme bald wieder, Mutter Poniſſe, hab' doch ein Bißchen auf meinen Krug und Teller Acht, . man muß hier etwas vorſichtig ſein. — Sei ganz ruhig, mein Junge — antwortete die Wirthin, — wenn Dein Teller und Dein Krug leer iſt, wird ihn Niemand anrühren. Der Mann lächelte über den Witz der Wirthin und entfernte ſich, ohne daß es bemerkt wurde. In dem Augenblick, wo der Fremde die Penne verließ, bemerkte Rudolph auf det Strnß⸗ die große, ſchwarze Figur des Kohlenträgers, von dem wir vorhin geſprochen haben. Eh' die Thür wieder geſchloſſen war, hatte Ru⸗ dolph Zeit gehabt, durch eine ungeduldige Bewegung zu zeigen, wie ungelegen ihm die ſchützende Aufſicht des Kohlenträgers fei; dieſer aber ſchien nicht darauf zu achten, und blieb fortwährend in der Nähe der Penne. Marienblume fand trotz des Glaſes Branntwein, das ſie getrunken hatte, ihre gute Laune nicht wieder; ihre Züge waren vielmehr unter dem Einfluß des auf⸗ regenden Getränkes noch trauriger geworden. Den Rücken gegen die Wand gelehnt, ſank ihr Haupt auf die Bruſt herab, irrten ihre großen, blauen Augen unbewußt um⸗ her; ſie ſchien von düſtern, traurigen Gedanken überwältigt zu werden. Mehreremal hatte ſie die Auge fortgewandt, als ſie den feſten Blicken Rudolph's be⸗ gegneten; ſie wußte ſich den Einfluß nicht zu erklären, den er auf ſie ausübte. Niedergedrückt und beſchämt durch ſeine Gegenwart, warf ſie ſich vor, ſo wenig dankbar gegen den zu ſein, der ſie den Händen des Meſſermann's entriſſen hatte; es that ihr beinahe Leid, in Rudolph's Gegenwart ihre Geſchichte ſo aufrichtig erzählt zu haben. Der Meſſermann dagegen war in ſeiner beſten Laune; er hatte ganz allein den Harlekin verzehrt, der Wein und Branntwein machten ihn immer geſprächiger. Die Schande, ſeinen Meiſter gefunden zu haben, war von dem edlen Benehmen Rudolph's verlöſcht, und er erkannte bei dieſem eine ſo große Ueberlegenheit von Körperkraft an, daß ſeine Demüthigung einem Gefühl Platz ge⸗ macht hatte, das ſich als Bewunderung, Furcht und Achtung äußerte. Dieſer Mangel an Groll, ſeine rohe Freimüthigkeit, mit der er geſtand, daß er gemordet habe; dafür aber beſtraft ſei; der natürliche Stolz, mit dem er ſich rühmte, nie geſtohlen zu haben, bewieſen hinreichend, daß der Meſſermann trotz ſeiner Verbrechen nicht ganz und gar verdorben ſei. Dieſe Bemerkung war dem Scharfblick Rudolph's nicht entgangen, und er war mit Recht neugierig auf die Erzählung des Meſſermann's. Der Ehrgeiz des Menſchen iſt unerſättlich, und ſo ſeltſam in ſeinem Verlangen, daß Rudolph die Ankunft des Schulmeiſter, jenes ſchrecklichen Räubers, den er bei⸗ nah entthront hatte, herbeiſehnte. So forderte er den ſermann auf, ſeiner Ungeduld ein Ende zu machen, je Erzählung ſeiner Geſchichte. 54 — Nun, mein Junge — ſagte er zu ihm, — fang' an, wir hören. Der Meſſermann leerte ſein Glas, und begann alſo: — Du Lerche biſt doch wenigſtens von der Eule, die der Teufel holen möge, aufgenommen, Du hatteſt ein Obdach bis zu der Zeit, wo Du wie eine Landſtreicherin eingeſperrt wurdeſt, ich kann mich nicht entſinnen, vor meinem neunzehnten Jahre, wo ich Soldat wurde, in einem Dinge geſchlafen zu haben, das man gewöhnlich ein Bett nennt. — Du heaſt gedient, Meſſermann? — ſagte Rudolph. — Drei Jahre, — doch das kommt ſpäter. Die ſteinernen Treppen des Louvre, die Gypsöfen von Clichh und die Steinbrüche des Mont⸗Rouge, waren meine Wohnung in der Jugend. Sie ſehen, ich war da⸗ mals vornehm, ich hatte ein Haus in Paris, und eins auf dem Lande. — Und was triebſt Du? — Wahrhaftig, Meiſter, es iſt mir, als hätte ich mich in meiner Kindheit mit einem Lumpenſammler herumgetrieben, der mich mit ſeinem eiſernen Haken ſchlug. Und es muß wohl wahr ſein, denn ich kann nie einem dieſer Kerl's begegnen, ohne Luſt zu bekommen, ihn zu prügeln; das beweiſt, daß mich Einer von ihnen früher geſchlagen hat. Mein erſtes Geſchäft war, däß ich den Schindern in Montfaucon die Pferde tödten half Ich war damals 40 bis 12 Jahr alt. Als ich anfing, die armen, alten Thiere todtzuſtechen, machte es in mir einen ſeltſamen, beinah traurigen Eindruck; nach einem Monat dachte ich nichts mehr dabei; Gegentheil, mein Geſchäft gefiel mir ganz gut. hatte ſo ſcharfe Meſſer, als ich . das machte Luſt, ſie zu gebrauchen! ... Wenn ich dann meine Pferde abgeſchlachtet hatte, warf man mir ein Stück Fleiſch von einem an einer Krankheit geſtorbenen Pferde hin, denn die, die man todtſtach, verkaufte man an die Köche und Gaſthäuſer in der Nähe der mediziniſchen Schule; die machten Rindfleiſch, Hammelfleiſch, Kalbfleiſch und Wildbraten daraus, wie es grade ihre Gäſte verlangten. — Oh! wenn ich dann mein Stück Pferdefleiſch in der Hand hatte, dünkte ich mich glücklicher als der König! Ich lief davon nach meiner Wohnung, dem Ghypsofen, wie ein Wylf in ſeine Höhle, und briet es mit Erlaub⸗ niß der Arbeiter i den Kohlen. Wurde in den Gyps⸗ öfen nicht gearbeitet, dann ſuchte ich mir im Walde trocknes Holz zuſammen, ſchlug Feuer an, und briet meinen Braten an irgend einer Mauer. Der Tauſend, es war beinah noch roh und blutete, aber auf die Art aß ich doch nicht immer daſſelbe Gericht. — Und wie nannte man Dich? — fragte Rudolph. — Mein Haar hatte damals eine noch weißere Farbe als jetzt, das Blut ſtieg mir immer in die Augen und darum nannte man mich den Albinv. Die Albino's ſind bekanntlich die weißen Kaninchen unter den Menſchen, und haben rothe Augen — ſetzte der Meſſermann ernſt⸗ haft hinzu. — Und Deine Glret „Deine Familie? — Meine Eltern? die wohnen in einem Hauſe mit denen der Lerche Der Ort meiner Gebu eine Straßenecke, e wie genannt, rechts — Und Du haſt Vater und Mutter 5 ſie verl Wſſin haben? — 56 — Wozu wäre das gut geweſen? Aber ſie haben mir doch einen ſchlechten Streich geſpielt, als ſie mich in die Welt ſetzten. Ich würde mich gar nicht beklagen, wenn ſie mich nur gemacht hätten, wie der liebe Gott die Bettler machen ſollte, d. h. unempfindlich gegen die Kälte, ohne Hunger und Durſt. Das würde ihm nicht ſo viel Mühe machen, und es würde den Armen nicht ſo ſchwer ſein, ehrlich zu bleiben. — Du frorſt und hatteſt Hunger, und haſt dennoch nicht geſtohlen, Meſſermann? — Nein! und ich bin oft in Noth geweſen; manch⸗ mal habe ich zwei Tage nichts gegeſſen, . . aber ge⸗ ſtohlen habe ich nicht. — Aus Furcht vor dem Gefängniß? — Unſinn! — ſagte der Meſſermann, indem er mit den Achſeln zuckte und laut auflachte. — Ich hätte nicht Brodt ſtehlen ſollen, aus Furcht Brodtzuerhalten? Ich war ehrlich, und mußte hungern; ich konnte ſtehlen, und man würde mich im Gefängniſſe ernährt haben! . . .. Nein, ich habe nicht geſtohlen, weil . weil nun, weil ich keine Luſt zum Stehlen hatte. Dieſe wahrhaft ſchöne Antwort, deren tiefe Bedeu⸗ tung der Meſſermann ſelbſt nicht verſtand, ſetzte Rudolph von Neuem in Erſtaunen. Er fühlte, daß der Arme, der inmitten der Noth und Entbehrung ehrlich bleibt, doppelt achtbar iſt, weil die Strafe für das Verbrechen eine ſichere Hülfsquelle für ihn werden kann. Rudolph reichte dem Unglücklichen, den die nicht verdorben hatte, die Hand. Der ſah ſeinen mit ſn Achtung an; kaum wagte er die Hand zu berühren, die ihm geboten wurde, er ahnte in dem Augenblick, daß zwiſchen ihm und Rudolph ein tiefer Abgrund lag. — Wayrlich! — ſagte Rudolph — Du haſt noch Herz und Ehre im Leibe .. . . — Ich weiß es wahrhaftig nicht, — antwortete der Meſſermann bewegt, — was Sie mir da ſägen ſehn Sie, daran hab' ich eigentlich nie gedacht .. . Aber gewiß iſt's, daß die Fauſtſchläge zu Ende unſers Kampfes, die Sie mir gegeben haben, und die ſchönen Dinge, die Sie mir jetzt ſagen, während Sie mein Abend⸗ brodt bezahlen .. . . daß .. daß Sie auf den Meſſer⸗ mann rechnen können, und ſei's auf Tod und Leben! Rudolph fuhr kälter fort, um die Gefühle, die ihn beſtürmten, nicht merken zu laſſen: — Warſt Du lange bei den Abdeckern? — Ich glaube wohl .. . . Anfangs, wie geſagt, that es mir Leid, die armen alten Thiere todtzuſtechen, aber bald wurde es mein Vergnügen, und als ich 16 Jahr alt war, als meine Stimme ſich ſetzte, da wurde das Todtmachen eine beſondere Leidenſchaft von mir. Ich vergaß Eſſen und Trinken darüber und dachte an nichts Anders. Ha! Sie hätten mich bei der Arbeit ſehen ſol⸗ len, ein Paar alte Beinkleider ausgenommen, war ich ganz nackt. Wenn ich mein großes, ſcharfes Meſſer in die Hand nahm, hatte ich um mich herum oft 15 bis 20 Pferde, die ſich in der Reihe aufſtellten, um ihr Ende abzuwarten. — Donnerwetter! wenn ich anfing die Pferde todtzuſtechen, dann wurde mir ſeltſam zu Muthe, . ich weiß nicht wie .. es mußte eine Art Mordluſt ſein; die Ohren ſummten mir, ich ſah roth, Alles roth, und ſo ſtach ich, und ſtach und ſtach, bis mir das Meſſer aus den Händen fiel. Donnerwetter! das war eine Luſt! — Wenn ich ein reicher Mann geweſen wäre, ich glaube, ich hätte Geld bezahlt für das Vergnügen. — Dabei bekamſt Du die Gewohnheit, todtzuſtechen ? — ſagte Rudolph. — Das kann ſein; aber als ich 16 Jahr alt war, da war die Wuth ſo arg geworden, daß ich die Arbeit verdarb, wenn ich erſt in's Todtſtechen hineingekommen war. Ich verdarb die Häute, weil ich überall hinſtach, wo es mir grade einfiel. Da jagte man mich endlich aus der Abdeckerei fort. Ich wollte Arbeit bei den Flei⸗ ſchern ſuchen, ich hatte immer eine gewiſſe Vorliebe für das Gewerk O ja doch! . die waren zu hoch⸗ näſig; ſie verachteten mich, wie der Schuſter den Schuh⸗ flicker verachtet. Als ich das ſah, und da meine Stech⸗ wuth ſich ein Bißchen gelegt hatte, ſuchte ich anderswo Arbeit aber ich fand keine; damals habe ich tüchtig gehungert. Endlich bekam ich Arbeit in den Steinbrüchen des Mont⸗Rouge. Aber nach zwei Jahren wurde es mir zu langweilig, immer in den großen Rädern herum⸗ zuſteigen, durch die die Steine heraufgewunden werden, beſonders, da man mir nur 20 Sous für den Tag be⸗ zahlte. Ich war groß und ſtark, und ließ mich bei einem Regimente anwerben; man fragte nach meinem Namen, meinem Alter und meinen Papieren. Mein Name? — Der Albino; mein Alter? — Sehen Sie meinen Bart an; meine Papiere? — Hier eine Beſcheinigung von meinem letzten Herren. Ich konnte ein herrlicher Gre⸗ nadier werden; ſo nahm man mich an. — Mit Deiner Stäpke, Deinhin Muth und Deiner angebornen Neigung zum Todtmachen, würdeſt Du bald Officier geworden ſein, wenn es damals grade Krieg ge⸗ geben hätte. — Teufel ja! Was Sie da ſagen; es würde mir wahrhaftig mehr Spaß gemacht haben, Engländer oder Preußen zu maſſacriren, als alte Pferde .. Aber das war eben das Unglück! .. Krieg gab es damals nicht, aber einen deſto größeren Gehorſam gegen die Vorge⸗ ſetzten. Wenn ein Lehrling verſucht, ſeinen Meiſter zu prügeln, bekommt er die Schläge, wenn er der Schwä⸗ chere iſt; iſt er ſtärker, ſo giebt er ſie; das iſt ganz natürlich. Man wirft ihn äus dem Hauſe, ſteckt ihn wohl gar in's Gefängniß und die Sache iſt abgemacht. Bei den Soldaten iſt das anders. Eines Tages ſchimpft mich mein Feldwebel, um mich zum ſchnellen Gehorſam zu zwingen; er hatte Recht, denn ich war faul, aber ich nahm das übel und fing an zu raiſonniren; er ſtößt mich, ich ſtoße ihn wieder, er nimmt mich beim Kragen, ich gebe ihm einen Fauſtſchlag. Man fällt über mich her, und die Wuth benimmt mir alle Sinne, das Blut ſteigt mir in die Augen ich ſehe roth und habe mein Meſſer in der Hand, denn es war in der Küche und da ging's los ich fange an zu ſtechen .. zu ſtechen . wie in der Abdeckerei. Ich tödtete meinen Feldwebel und verwundete zwei Sol⸗ daten, es war eine ee SSchlächterei eilf Stiche hatten die drei und Blut floß wie in einem Schlachthofe! Der Meſſermann ſenkte das Haupt mit einem fin⸗ Pern, wilden Blick und blieb einen Augenblick in Still⸗ weigen verſunken. — Woran denkſt Du — fragte Ki ver ihn it Aufmerkſamkeit beobachtete. — An Nichts, an Nichts, — erwiederte er raſch, dann fuhr er mit ſeiner rohen Sorgloſigkeit fort: — Endlich ergriff man mich, ich kam vor das Ge⸗ richt und wurde zum Tode verurtheilt. — Du biſt alſo davongegangen? — — Nein! aber ich war 15 Jahre auf den Galeeren, ſtatt geköpft zu werden. — Ich habe zu ſagen vergeſſen, daß ich früher als Soldat zwei Kameraden, die in die Marne gefallen waren, herausfiſchte; wir lagen damals in Melun in Garniſon. Ein andermal, .. . . Sie wer⸗ den lachen und mich für ein Amphibium halten, das im Waſſer und Feuer lebt, weil ich Männer und Weiber rettete, — ein ander Mal, als wir in Rouen in Gar⸗ niſon lagen, kam Feuer aus; es brannte wie Schwefel⸗ hölzchen und ich wurde zum Löſchen commandirt; als wir auf der Brandſtelle angekommen waren, hörte ich, daß eine alte Frau nicht von ihrem Zimmer herunter könne, obgleich es ſchon an zu brennen fing. Ich laufe hinauf, Donnerwetter ja! es war heiß aber ich dachte an meige Gypsöfen in der guten Zeit und rettete die Alte. Mein Advocat gab ſich unendliche Mühe und es gelang ihm, meine Strafe zu verändern; ſtatt das Schaffot auf dem armen Sünderberge zu be⸗ ſteigen, kam ich 15 Jahre lang auf die Galeeren .. Als ich ſah, daß ich keine Pnulg hatte getödtet zu werden, war meine erſte Bewegung auf meinen Advo⸗ caten zuzuſpringen und ihn zu erwürgen. Sie verſtehen mich, mein Meiſter? — Es that Dir alſo leid, daß Deine Strafe gemil dert war? — Ja! Denen, die mit dem Meſſer geſpielt he ben, gehört das Meſſer des Henkers, das iſt in der Ord⸗ nung. Die, die geſtohlen haben, bekommen dafür Ket⸗ ten an die Knochen! .. Jedem muß das Seine gege ben werden, aber Einen zum Leben zwingen, wenn er gemordet hat! . . Teufel! das iſt nicht Recht!. Die Richter wiſſen nicht, wie das in der erſten Zeit thut. — Du haſt Dir alſo Gewiſſensbiſſe gemacht? — Nein! Jetzt nicht ich habe meine Zeit richtig abgeſeſſen, aber früher verging keine Nacht, wo ich nicht den Feldwebel und die Soldaten wie den Alp geſehen hätte; das heißt ſie waren nicht allein, — fuhr der Mörder mit einem gewiſſen Schauder fort, — ſie kamen zu Zehnen, zu Hunderten, zu Tauſenden und warteten ... wie die alten Mähren, die ich in Montfaucon tödtete, bis die Reihe an ſie komme ... Dann ſah ich wieder Alles roth, und ich fing an zu ſtechen, .. und immer⸗ fort zu ſtechen, nach den Menſchen, wie früher nach den Pferden. Aber jemehr Soldaten ich tödtete, jemehr kamen, und ſterbend ſahen ſie mich mit ſo ſonderbar ſanften Blicken an, daß ich mich verfluchte, ſie getödtet zu haben, . aber dennoch konnte ich nicht zu morden. — Doch das war noch nicht Alles .₰ich hatte nie einen Brüder, und ich t immer, daß alle die, welche ich ermordete, meine Brüder waren . Brüder, für die ich durch's Feuer gegangen wäre. Endlich, wenn es mit meiner Kraft zu Ende war, wachte ich auf und dann war ich in Schweiß gebadet, der ſo kalt war, wie ge⸗ ſchmolzener Schnee. — Das war ein fürchterlicher Traum, Wſen Ja ohl — in der r Zeit meiner Traum es war zum Raſendwerden. Zweimal Ler⸗ ſuchte ich mich zu tödten, einmal nahm ich Grünſpan, ein andermal wollte ich mich mit meiner Kette erdroſſeln, aber ich bin ſtark wie ein Ochſe. Der Grünſpan machte mich durſtig, das war Alles und von der Kette, die ich mir um den Hals gedreht hatte, bekam ich ein natürliches, blaues Halstuch. Dennoch gewann die Luſt zum Leben wieder die Oberhand, der Alp drückte mich ſeltener, und ich machte es wie die Andern. — Du warſt da in guter Schule, um ſtehlen zu lernen. — Ja, aber die Luſt dazu war nicht da. Die an⸗ dern Sträflinge verſpotteten mich darüber, aber ich brachte ſie mit meiner Kette zur Ruhe. Damals lernte ich den Schulmeiſter kennen . . vor deſſen Fäuſten hatte ich Achtung! er gab mir mein Theil, wie Sie es mir ge⸗ geben haben. — So iſt er alſo auch ein freigelaſſener Galeeren⸗ ſträfling? — Das heißt, er iſt eigentlich auf Lebenszeit ver⸗ urtheilt, aber er hat ſich ſelbſt freigelaſſen. — Er iſt alſo geflohen, und man zeigt ihn nicht an? — Ich werde ihn nicht verrathen, denn ich fürchte ihn. — Wie kommt es, daß die Polizei ihn nicht ent⸗ deckt? hat man nicht ſein Signalement? — Sein Signalement? 1... O ja! aber es iſt ſchon lange her, daß er in ſeinem Geſichte das ausge⸗ löſcht hat, was der liebe Gott einſt hineinlegte. Jetzt iſt der Bäcker, der die Seelen in den Ofen ſchiebt*) der Einzige, der in ihm den Schulmeiſter erkennen könnte. *) Der Teufel. unter ſeiner Sri immer w geladene und 63 — Und wie hat er das angeſtellt. — Er hat ſich zuerſt die Naſe abgeſchnitten, die eine Elle lang war; außerdem hat er ſich das Geſicht mit Vitriol beſchmiert. — Du ſpaßt! — Wenn er heut Abend kommt, ſo können Sie's ſehen. Er hatte früher eine Habichtsnaſe, jetzt hat er eine Stupsnaſe, wie ein Todtenkopf, abgeſehen davon, daß er dicke Lippen hat und ein olivenbraunes Geſicht, das eben ſo zerfetzt ausſieht, wie die Weſte eines Lumpen⸗ ſammlers. . — So iſt er ganz unkenntlich geworden? — Seit ſechs Monaten, wo er von Rochefort ent⸗ ſprungen iſt, ſind ihm hundert Polizeidiener begegnet, ohne ihn zu erkennen, obgleich ſie ihn ſuchen. — Warum war er im Bagno? — Weil er Fälſcher, Dieb und Mörder geweſen iſt. Wir nennen ihn Schulmeiſter, weil er eine herrliche Hand ſchreibt und ſehr gelehrt iſt. — Man fürchtet ihn? — So lange, bis ſie ihn beſiegen werden, wie ſie mich beſiegt haben. Donnerwetter! ... Ich bin neu⸗ gierig, das zu ſehen. Wovon lebt er? — Er rühmt ſich, vor drei Wochen einen Viehhänd⸗ ler auf der Straße nach Poiſſy getödtet und beraubt zu haben. — Man wird ihn früher oder ſpäter doch einmal faſſen. Dazu gehören aber mehr als zwei, 3 er trägt 64 einen Dolch. Der Henker wartet auf ihn, aber mehr als einmal kann er ihn doch nicht tödten. Der Schul⸗ meiſter wird ſo viel todtmachen, wie nöthig iſt, um da⸗ vonzukommen. Er verhehlt das gar nicht, und weil er zweimal ſo ſtark iſt, wie Sie und ich zuſammen, wird es was koſten, ihn zu greifen. — Was haſt Du gemacht, Meſſermann, als Du aus dem Bagno entlaſſen wurdeſt? — Ich ging zum Floßinſpector am Quai St. Paul und dort verdiene ich mir mein tägliches Brodt. — Aber da Du nicht geſtohlen haſt, warum lebſt Du in der Cité? — Wo ſoll ich denn leben? Wer will denn mit einem früheren Sträfling umgehen? Und allein halte ich es nicht aus, es iſt mir zu langweilig; ich liebe die Ge⸗ ſelligkeit, und hier bin ich unter meines Gleichen. Und man fürchtet mich in der Cité wegen meiner Kraft und der Commiſſarius hat mir nichts zu ſagen, höchſtens, daß ich mal eine Keilerei habe, und dafür 24 Stunden eingeſperrt werde. — Wie viel verdienſt Du den Tag? — 35 Sous. — Das wird ſo lange gehen, wie ich ein Paar kräftige Arme habe; ſpäter nehme ich Korb und Haken und werde Lumpenſammler, wie der Alte, den ich in der Erinnerung meiner frühſten Kindheit herum⸗ gehen ſehe. — Und bei alle dem fühlſt Du Dich nicht unglücklich? — Es giebt Welche, die es ſchlimmer haben als ich. Ohne meine Träume vom Feldwebel und den Soldaten, die ich noch jetzt manchmal habe, könnte ich ruhig an einer Straßenecke oder im Hoſpital ſterben, wie jeder ——— — — 65 Andere, . . aber dieſe Träume ... doch ſtill davon, — ich mag gar nicht daran denken .. .. Und er klopfte bei dieſen Worten ſeine Pfeife an einer Tiſchecke aus. Marienblume hatte dem Meſſermann zerſtreut zuge⸗ hört; ſie ſchien in ein ſchmerzliches Nachdenken verſunken zu ſein. Selbſt Rudolph war nachdenkend geworden. Die Peiden Erzählungen, die er eben gehört hatte, weckten neue Gedanken in ihm. Ein trauriger Vorfall erinnerte die Perſonen daran, wo ſie ſich befanden. Fünftes Kapitel. Die Verhaftung. Der Mann, der einen Augenblick die Penne verlaſſen hatte, nachdem er der Wirthin ſeinen Teller und ſeinen * Krug empfohlen, kam mit einem Begleiter zurück, deſſen ganze Geſtalt eine muthige Entſchloſſenheit anzeigte. — Das iſt ein hübſches Zuſammentreffon, Borell! — Gläschen zuſammen. Der Meſſermann zeigte auf den Neuangekommenen und ſagte leiſe zu Rudolph und Marienblume: ſagte er zu ihm. — Nur immer herein, wir trinken ein PVolizeiſpivn. eheimniſſe won Paris 1. — Die beiden Banditen, von denen der Eine, mit der griechiſchen Mütze, mehrmals nach dem Schulmeiſter gefragt hatte, wechſelten ſchnell einen Blick, erhoben ſich mit einemmal von ihren Sitzen, und gingen auf die Thür zu; aber die beiden Polizeidiener fielen über ſie her, in⸗ dem ſie einen eigenthümlichen Ton ausſtießen. — Es be⸗ gann ein ſchrecklicher Kampf. Die Thür der Penne öffnete ſich, andere Polizeidiener ſtürzten in das Zimmer, während man draußen die Gewehre der Gensdarme blitzen ſah. Der Kohlenträger, von dem wir früher geſprochen haben, benutzte die Verwirrung, trat auf die Schwelle des Zimmers, und indem er zufällig den Blicken Ru⸗ volph's begegnete, legte er den Zeigefinger ſeiner rechten Hand an die Lippen. Rudolph befahl ihm mit einer eben ſo ſchnellen als gebietenden Miene, ſich zu entfernen, und fuhr dann fort zu beobachten, was in der Penne vorging. Der Mann mit der griechiſchen Mütze heulte faſt vor Wuth; halb auf dem Tiſche ausgeſtreckt ſtieß und ſchlug er ſo um ſich, daß drei Männer ihn kaum zu halten vermochten. Der Andere leiſtete nicht den geringſten Wiederſtand; bleich und vernichtet hielt er ſelbſt die Hände zu den Handſchellen hin, die man ihm anlegte. Die Wirthin blieb ruhig hinter dem Ladentiſche ſitzen, ſo gewöhnt war ſie an ſolche Auftritte. Die Hände in ihre Schürze gewickelt fragte ſie einen der Polizeidiener, den ſie zu kennen ſchien: — Was haben denn die Beiden gemacht, meir Herr Borell? — Sie haben geſtern eine alte Frau in der St. * 4 * ſtophsſtraße ermordet, um ihr Zimmer auszuräumen⸗ Die Unglückliche ſagte noch vor ihrem Tode aus, daß ſie Einen der beiden Mörder in die Hand gebiſſen habe. Man hatte gleich Verdacht auf dieſe Beide, mein Ka⸗ merad ging her, um ſich der Sache zu urrſichern, und ſo haben wir ſie richtig gegriffen. — Gott ſei Dank, daß ſie mir ihren Schoppen vvraus bezahlt haben! — ſagte die Wirthin. — Haben Sie nicht Luſt ein Gläschen Magentroſt zu nehmen, Herr Borell? — Danke ſchön, Mutter Poniſſe; die beiden Kerl's müſſen erſt zur Ruhe gebracht werden, der Eine ſcheint noch nicht Luſt zu haben, ſich zu ergeben. Wirklich ſchlug der Bandit mit der griechiſchen Mütze immer noch wüthend um ſich. Als man ihn in einen Wagen bringen wollte, der auf der Straße hielt, ſträubte er ſich ſo ſehr, daß man ihn hineintragen mußte. Sein Mitſchuldiger wurde von einem heftigen Zittern ergriffen, er konnte ſich kaum aufrecht erhalten; ſeine bläulichen Lippen bewegten ſich, als wenn er ſpreche . man warf dieſe faſt lebloſe Maſſe in den Wagen. — Hör mal, Mutter Poniſſe, — ſagte der Polizei⸗ diener, nimm Dich mit Roth⸗Arm in Acht; er iſt bos⸗ haft, und könnte Dich in Verlegenheit bringen. — Roth⸗Arm? warum grade der? er iſt Wochen⸗ lang nicht hier geweſen, Herr Vorell. — Sie wiſſen wohl, daß man ihn hier nicht ſehen kann, wenn er wo anders iſt . .. aber nehmen ſie nichts ihm in Verwahrung, das wäre Diebshehlerei. Sein Sie ohne Sorge, Hexr Borell, ich fürchte Arm wie den Teufel. Man nie, wohin er 3. fange geht und woher er kommt. Als ich ihn das letzte Mal ſah, da that er ſo, als käme er aus Deutſchland. — Nun, ich warne Sie nur; — nehmen Sie ſich in Acht. Eh' der Polizeidiener die Penne verließ, betrachtete er vorher die übrigen Gäſte genau und ſagte dann zum Meſſermann faſt in einem liebeyollen Tone: £ — Biſt Du auch noch da, Tangenichts? Ich habe lange nichts von Dir gehört; Du mußt keine Schlägerei gehabt haben? Du wirſt wohl vernünftig. — Vernünftig wie ein Bild, Herr Borell. Sie wiſſen ja, daß ich nur denen den Kopf blutig ſchlage, die es nicht anders haben wollen. — Das fehlte auch noch, daß Du, der Du ſo ſtark biſt, die Andern heraus foͤrderteſt. — Ja, aber meinen Meiſter habe ich doch gefunden, Herr Borell, — ſagte der Meſſermann, indem er ſeine Hand auf Rudolph's Schulter legte.“ — Sieh da! den kenne ich noch nicht — ſagte der Polizeidiener, indem er Rudolph prüfend betrachtete. — Wir werden auch wohl keine Bekanntſchaft machen, denke ich, — erwiederte dieſer. — Das wünſche ich Ihretwegen, — ſagte Ler Po⸗ lizeidiener; dann wandte er ſich zur Wirthin it der Swun — Penne iſt eine wahre Mauſefalle, Mutr Poniſſe; das iſt nun der dritte Mörder, den ich hier — Und ich hoffe, ß es nicht der Letzte Herr Borell; ich ganz zu Ihren Dienſten ſagte die Wirthin mi einer zierlichen Verbeugung 69 Als der Polizeidiener hinausgegangen war, ſagte der verlebte, junge Mann, der rauchte und Branntwein trank, indem er von Neuem ſeine Pfeife ſtopfte, mit heiſerer Stimme zum Meſſermann: — Haſt Du die griechiſche Mütze nicht erkannt? es war Völu. Als ich die Polizeidiener eintreten ſah, ſagte ich: Es wird was geben; und überdem hielt Vélu immer ſeine linke Hand verborgen. — Auf jeden Fall iſt es ein Glück für den Schul⸗ meiſter, daß er grade nicht hier war — ſagte die Wirthin. — Der mit der griechiſchen Mütze fragte zweimal nach ihm, weil er Geſchäfte mit ihm hatte, wie er ſagte . Aber ich werde nie meine Kunden verrathen. Wenn man ſie verhaftet „.. gut, Jeder hat ſein Handwerk, .. aber verrathen thue ich ſie nicht. Doch ſieh da! wenn man vom Wolf ſpricht, iſt er nicht weit — fügte die Wirthin hinzu, als ein Mann und eine Frau in die Stube traten; — da iſt ja der Schulmeiſter mit ſeiner neuen Frau. Ein unwillkürlicher Schauder ergriff die in der Penne anweſenden Gäſte. — Selbſt Rudolph konnte trotz ſeiner natürlichen Unerſchrockenheit ſich einer leichten Bewegung beim Anblick des gefürchteten Räubers nicht erwehren. Der Meſſermann hatte Recht; der Schulmeiſter hatte ſich furchtbar verſtümmelt. ₰ Man konnte nichts ſchrecklichers ſehen, als das Ge⸗ ſicht dieſes, Räubers. Es war nach allen Seiten hin von bläulichen, Narben durchzogen; die freſſende Wirkung des P e ſeine Lippen dick aufgetrieben. Seine Naſe o3 ſPftten, und an der Stelle der Naſenlöcher wan ePaar unförmlich große Oeffnungen. Seine 70 grauen, klaren, ſehr kleinen Augen funkelten vor Wild⸗ heit; ſeine Stirn, flach wie die eines Tiegers, verſchwand halb und halb unter einer Pelzmütze mit langem, gelben Baar, die man beinah für die Mähne des Unthiers halten konnte. Der Schulmeiſter hatte nicht mehr als fünf Fuß drei Zoll; ſein unverhältnißmäßig großer Kopf verſchwand faſt unter zwei mächtigen, breiten Schultern, die ſich ſelbſt unter den dicken Falten ſeiner leinenen Blouſe bemerklich machten. Er hatte lange, kräftige Arme, kurze, große und bis zu den Fingerſpitzen behaarte Hände; ſeine Füße waren etwas gebogen, aber die Beine verriethen eine her⸗ kuliſche Kraft. Dieſer Mann zeigte mit einem Wort, die Ueber⸗ treibung des Kurzen, Unterſetzten im farneſiſchen Herkules. Was den Ausdruck der Wilvheit, der in ſeinen ſchreck⸗ lichen Zügen lag, den unruhigen, beweglichen Blick betrifft. der blutgierig war, wie der eines Thieres, ſo verzichten wir darauf, ihn zu beſchreiben. Die Frau, die den Schulmeiſter begleitete, war alt, trug ein ziemlich reinliches braunes Kleid, einen ſchwarz und roth karrirten Shawl und eine weiße Mütze. Rudolph ſah ſie nur von der Seite; ihr grünes, rundes Auge, ihre gebogene Naſe, ihre trockenen Lippen, das vorſtehende Kinn, ihr gleichzeitig voshaftes und ſchlaues Geſicht erinnerten ihn an die Eule. Er wollte ſeine Bemerkung der Lerche mittheilen, als er das junge Mädchen erbleichen ſah; ſie blickte mit einem ſtummen Schrecken auf die gräuliche Begleiterins meiſters; endlich ergriff ſie zitternd Rudolph Arn ſagte mit leiſer Stimme — Die Eule! . . . o mein Gott! die Eule! In dieſem Augenblicke trat der Schulmeiſter, der einige Worte mit einem Gaſte der Penne gewechſelt hatte, an den Tiſch, wo Rudolph, Marienblume und der Meſſer⸗ mann ſaßen. Dann wandte er ſich mit einer Stimme, die rauh wie das Brüllen eines Tigers war, an Marienblume und ſagte: — Ha! niedliche Blondine, Du kannſt die Beiden da verlaſſen und zu mir kommen ... Die Lerche antwortete nicht, aber ſie rückte näher an Rudolph heranz ihre Zähne ſchlugen vor Angſt zuſammen. — Immer zu! — rief die Eule mit einem entſetzlichen Lachen, — ich bin nicht eiferſüchtig. Sie erkannte in Marienblume noch nicht das Luder, ihr früheres Schlachtopfer. — Na Kleine! kannſt Du nicht hören? — ſagte das Ungethüm und trat näher. — Wenn Du nicht kommſt, ſchlage ich Dir ein Auge ein, damit Du ein Seitenſtück zur Eule abgeben kannſt; und Du mit dem Schnurrbarte da (wandte er ſich zu Rudolph), wenn Du mir nicht die Blonde über den Tiſch herüber giebſt, ſo giebts was . — Mein Gott, mein Gott! . . . Schützen Sie mich, Herr Rudolph, — rief das Mädchen in der höchſten Angſt, indem ſie die Hände faltete. Gleich darauf fiel es ihr aber ein, daß er ſich einer großen Gefahr aus⸗ ſetzen könkte, und ſie ſagte leiſe zu ihm: — Nein! ſein Fille, Herr Rudolph; wenn er mich anrühtt, ſchreie ach Hülfe, und die Wirthin wird mich beſchützen urcht vor Lärm, der die Polizei herbeiziehen könnte — Sei ruhig, mein Kind — erwiederte Rudolph, indem er den Schulmeiſter unerſchrocken anblickte; — Du biſt bei mir, und ſollſt nicht vom Flecke gehen. Und weil Dir das Scheuſal da eben ſo wenig zu gefallen ſcheint wie mir, werde ich es zur Thür hinaus werfen! — Du? — fragte der Schulmeiſter. — Ich! . — erwiederte Rudolph, der trotz der Bemühungen der Lerche, ihn zurückzuhalten, ſich erhob. Der Schulmeiſter wich einige Schritte zurück bei dem ſchrecklichen Anblick, den das Geſicht Rudolph's darbot. Sowohl Marienblume als der Meſſermann ſchreckten vor dem Ausdruck von Bosheit und teufliſcher Wuth, den das edle Geſicht ihres Begleiters annahm, zurück; er wurde unkenntlich. In ſeinem Kampfe mit dem Meſſer⸗ mann hatte er ſich ſpöttiſch und höhniſch gezeigt, aber dem Schulmeiſter gegenüber ſchien ihn ein wilder Haß zu ergreifen; die Pupille ſeines Auges, vom Zorn weit ausgedehnt, ſtrahlte einen ſeltſamen Glanz aus. Gewiſſe Blicke haben eine magnetiſche unwider⸗ ſtehliche Kraft; einige berühmte Duellanten verdanken, wie man ſagt, ihre blutigen Siege der zauberiſchen Macht dieſes Blickes, der ihre Gegner zu Boden ſchlägt und ſie entmuthigt. Rudolph war mit dieſem entſetzlich durchdringenden, ſtieren Blicke begabt, der entkräftigt und dem die, auf die er geheftet wird, nicht ausweichen können .. Dieſer Blick verwirrt und beherrſcht ſie; ſie fühlen ſeine Macht und ohne es zu wollen, ſuchen ſie ihn; .. ſie können ſich nicht davon losmachen. Der Schulmeiſter ſchauderte zuſammen, trat einen Schritt zurück und griff, ſeiner Körperkraz 6 mehr vertrauend, nach dem Dolche, den er unter der Blouſe trug. 4 Ein Mord hätte vielleicht die Penne mit Blut fleckt, wenn die Eule nicht den Arm des Schulmeiſters ergriffen und gexufen hätte: — Wart ein Bißchen, Mörderchen (ſo pflegte ſie ihn zu nennen), wart' ein Bißc en, ich habe nur ein Wort zu ſagen, Du kannſt die Beiden nachher Lvornehmen; ſie entgehen Dir nicht! Der Schulmeiſter ſah die Einäugige verwundert an. Die Eule hatte Marienblume ſeit einigen Minuten auttſun betrachtet, indem ſie ihre Erinnerungen zu ſammeln ſuchte. Endlich hegte ſie keinen Zweifel mehr, ſie erkannte die Lerche. — Iſt es möglich! — rief die Einäugige aus, in⸗ dem ſie die Hände verwundert zuſammenſchlug, — es iſt das Luder, die Gerſtenzucker⸗Diebin! aber wo kommſt Du her? hat Dich der Teufel fortgejagt? — fügte ſie hinzu, indem ſie dem jungen Mädchen die Fäuſte zeigte. — Krieg' ich Dich doch wieder unter die Hände? Sei ruhig, will Dir keine Zähne mehr uuseißen aber ich werde D alle — auspreſſen, die in Deinen Augen ſind. ahr ſollſt Du Dich ärgern! du weißt es noch nicht? ich kenne Deine Der Schulmeiſter hat im Gefängniß den Mann geſehen, von dem ich Dich bekommen habe, als Du klein warſt er hat ihm den Namen Deiner Mutter geſagt .. es ſind vornehme Leute, Deine Eltern. — Meine Eltern! Ihr kennt ſie2 . ... — kief Ma⸗ lume. — Ja, mein Mann weiß aber eher werde ich ihm n Namen D einer Zunge aus de die 74 — „ reißen, als daß er ihn Dir ſagen ſoll Er hat noch geſtern den geſehen, der Dich in meine Wohnung brachte, weil man ſeine Frau nicht mehr bezahlte, die Dich er⸗ nährt hatte .. denn Deine Mutter hielt nicht viel auf Dich, ſie hätte ſich gewiß gefreut, wenn Du krepirt wäreſt. Nicht wahr! wenn Du jetzt ihren Namen wüßteſt, könn⸗ teſt Du ihr Manches abzwacken, mein kleiner Baſtard. Der Mann, von dem ich ſpreche, hat Papiere, .. hat Briefe von Deiner Mutter, Luderchen, und wenn er ſie nicht benutzt, ſo hat er ſeine Gründe. Ha! .. . Du Dich, Du weinſt, „ Nein! nein, Du ſollſt Deine Mutter nicht kennen ... — Sie mag mich lieber für todt halten ... — ſagte Marienblume, indem ſie ihre Augen trocknete. Rudolph vergaß den Schulmeiſter, und hörte der Eule zu, deren Erzählung ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Während dieſer Zeit hatte der Räuber, der nicht mehr unter dem Einfluſſe von Rudolph's Blick ſtand, ſeinen Muth wieder gewonnen; er konnte ſich nicht damit ver⸗ traut machen, daß der junge Mann, mit der ſchlanken, e Figur es wagen wollte, ſich mit ihm zu meſſen. Vertrauend auf ſeine Rieſenkraft näherte er ſich dem Vertheidiger der Lerche, und ſagte gebieteriſch zu der Eule. — Nun haſt Du genug geſchwatzt „. Jetzt will ich dem Laffen da das Geſichtchen ein Bißchen zerfetzen, damit mich die kleine Blonde hübſcher findet als ihn. Mit einem Sprunge ſetzte Rudolph über den Ti — Zerbrecht mir meine Teller nicht! — rie V Und de Schulmeiſter machte 6 w Vert 3 75 zurückgebogen, ſtützte er ſich auf eins ſeiner ungche Beine, das einem ſteinernen Strebepfeiler glich. In dem Augenblicke, wo Rudolph ſich auf ihn ſtürzte, öffnete ſich heftig die Thür der Penne; der Kohlenträger, von dem wir geſprochen haben, ſtürzte in das Zimmer, rannte den Schulmeiſter um, näherte ſich Rudolph und ſagte ihm auf Engliſch in's Ohr: — Gnädiger Herr, .. Tom und Sarah „ſie ſind am Ende der Straße. Nach dieſer geheimnißvollen Bemerkung warf Ru⸗ dolph mit einer zornigen Bewegung einen Louisd'or auf den Schenktiſch und ſtürzte auf die Thür zu. Der Schulmeiſter verſuchte es, Rudolph den Weg zu verſperren, aber dieſer wandte ſich um, und gab ihm zwei ſo furchtbare Fauſiſchläge mitten in das Geſicht, daß er wie ein Stier unter dem Beile des Fleiſchers wankte, und betäubt mit dem halben Körper auf einen 15 Tiſch hinſank. — Es lebe die Charte!!! — rief der Meſſermann. — Da erkenne ich endlich meine Fauſtſchläge wieder! Noch ein Paar Unterrichtsſtunden wie dieſe eben, ſ kann ich ſie auswendig und dann .. Der Schulmeiſter war nach einigen Minuten wieder zu ſich gekommen und er ſprang auf, um Rudolph zu verfolgen. Doch dieſer war mit dem Kohlenträger in den ver⸗ ſchlungenen Straßen der Cité verſchwunden; es war unmöglich, ihn wieder zu finden. In dem Augenblicke, als der Schulmeiſter vor Wuth und wieder zurückkam, traten zwei Männer 9 der Grßeſtbten Seite ſchnell in das S ren ganz außer Athem, und es ſchien, als wären ſie lange und ſchnell gelaufen. Ihre erſte Bewegung war, ſich in der Stube umzu⸗ ſehen, um den Gegenſtand zu finden, den ſie ſüchten. — Wir haben Unglück! — ſagte der Eine — er iſt uns wieder entwiſcht! . .. . 10 — Geduld! — erwiederte der Zweite. — Der Tag hat vier und zwanzig Stunden und das Leben iſt lang. Die Beiden Nruangekommenen ſprachen engliſch. Sechstes Kapitel. Tom und Sarah. 8 ie beiden Perſonen, welche in die Schenke getreten waren, gehörten augenſcheinlich einer weit W Klaſſe an, als die Stammgäſte der Penne. Der Eine, groß und hoch aufgeſchoſſen, hatte beinah weißes Haar, ſchwarze Augenbrauen und Backenbart, ein knochiges, braunes Geſicht, ein finſteres Ausſehen; an ſeinem runden Hute konnte man einen ſchwarzen Flor bemerken. Sein langer, ſchwarzer Regenrock war bis an den Hals zugeknöpft. Ueber ſeine engen, grauen Luch⸗ beinkleider trug er hohe Stiefeln, die man ſonſt Suwa⸗ row⸗Stiefeln nannte. Sein Begleiter, eine kleine Figur, war ebenfalls ir Seine ſchwe An der Haltung, dem Wuchſe, an der Zartheit ſeiner Züge konnte man leicht eine verkleidete Frau in ihm erkennen. — Tom, laſſen Sie uns etwas zu trinken geben und fragen Sie die Leute hier nach ihm — ſagte Sarah immer in engliſcher Sprache. — Ja, Sarah — antwortete der Mann mit dem weißen Haar und ſchwarzen Augenbrauen. Er ſetzte ſich an einen Tiſch, und indem Sarah ſich die Stirn abtrocknete, ſagte er zur Wirthin in gutem Franzöſich, faſt ohne fremde Ausſprache: — Madame, haben Sie die Güte, uns Etwas zu trinken zu geben. Der Eintritt dieſer beiden Perſonen in die Penne erregte allgemeine Aufmerkſamkeit. Ihre Kleidung, ihre Bewegungen zeigten deutlich, daß ſie nicht gewohnt waren, ſolche gemeine Kneipen zu beſuchen, während man an der Unruhe, die ſich in ihren Zügen ausſprach, ſehen „ konnte, daß es wichtige Beweggründe waren, die ſie in. dieſen Stadttheil führten. Der Meſſermann, der Schulmeiſter und die Eule betrachteten ſie mit einer unerſättlichen Neugier. Marienblume, erſchreckt durch das unerwartete Be⸗ gegnen mit der Einäugigen, fürchtete die Drohungen des Schulmeiſters, der ſie mit ſich nehmen wollte, und be⸗ nutzte ſo die allgemeine Zerſtreuung, indem ſie durch die halb offen gebliebene Thür ſchlüpfte und davon ging. Der Meſſermann und der Schulmeiſter hatten in Wer achtungsvollen Stellung zu einander, kein Intereſſe neuem Streit zu beginnen⸗ * Die Wirthin war erſtaunt über das nehmer Gäſte und „ S Tom ſagte daher zum zweiten Male etwas ungedul⸗ dig zu ihr: — Wir haben Etwas zu trinken verlangt, Madame, — haben ſie die Güte uns zu bedienen. Mutter Poniſſe, durch dieſe Höflichkeit eingenommen, verließ ihren Schenktiſch und ſagte zu Tom, indem ſie ſich zierlich auf deſſen Tiſch ſtützte: — Wünſchen Sie einen Schoppen Wein, oder eine verſiegelte Flaſche? — Geben Sie uns eine Flaſche Wein, Gläſer und Waſſer. Die Wirthin holte das Verlangte; Tom warf ihr ein hundert Sousſtück hin und wieß die Münze, die ſie ihm herausgeben wollte, mit den Worten zurück: — Behalten Sie das für ſich, Frau Wirthin, und trinken Sie ein Gläschen mit uns. — Sie ſind ſehr gütig, mein Herr, — erwiederte 4 Mutter Poniſſe, indem ſie Tom mit mehr Erſtaunen als Dankbarkeit anblickte. — Aber ſagen Sie mir — fuhr dieſer fort, — wir hatten verabredet, uns mit einem Bekannten in einem Gaſthauſe dieſer Straße zu treffen; wir haben uns viel⸗ leicht getäuſcht. — Sie ſind hier im weißen Kaninchen, mein Herr. — Das iſt richtig, — ſagte Tom, indem er Sarah einen Wink gab; — es war im weißen Kaninchen, wo er uns erwarten wollte. — Es giebt in dieſer Straße nicht zwei weiß ſagte die Wirthin ſtolz. — Aber wie aus? 79 — Er iſt groß und ſchmächtig; Haar und etuit⸗ bart ſind hellbraun, — antwortete Tom. * — Warten Sie mal, das iſt ja wohl der Mann der eben da war .. .. Ein Fehlenträger von ungeheurer Größe holte ihn ab, und ſie gingen zuſammen fort. — Sie ſind's — ſagte Tom. — Und ſie waren allein hier? — fragte Sarah. — Das heißt, der Kohlenträger kam nur einen Augenblick herein; der Andere hat mit der Lerche und dem Meſſermann hier Abendbrodt gegeſſen! — und die Wirthin deutete mit den Augen auf den von Rudolph's Gäſten, der noch in der Penne war. Tom und Sarah drehten ſich herum, um den Meſſer⸗ mann zu betrachten. Nachdem ſie ihn einige Minuten aufmerkſam angeſehen hatten, ſagte Sarah auf Engliſch zu ihrem Begleiter: — Kennen Sie den Mann da? — Nein. Karl hatte Rudolph's Sp am Ein⸗ gange dieſer dunkeln Straßen verloren; als er aber Murph ſah, der als Kohlenträger verkleidet knſptnic um dies 3 Wirthshaus herumſchlich und in die Fenſtern kuckte, merkte er Etwas und kam, um uns davon zu be⸗ 6 nachrichtigen. Während dieſe Worte leiſe und in fremder Sprache geſprochen wurden, ſagte der Schulmeiſter, der Tom und noch aufmerkſam betrachtete, ganz leiſe zur Eule: — Der große Magere hat der Wirthin hundert Sous gegeben. Es iſt bald Mitternacht; es ſtürmt und N regnet; wenn ſie fortgehen, wollen wir ich packe den Großen von hinten, unden 80 Geld ab. Er hat eine Frau bei ſich und wird nicht zu ſchreien wagen. — Wenn die Kleine Luſt hak nach der Wache zu . rufen, habe ich mein Vitriol in der Taſche und werde ihr die Flaſche auf dem Lärochen zerſchlagen; — erwiederte die Einäugige. — Man muß den Kindern zu trinken geben, wenn ſie ſchreien wollen. — Dann fügte ſie hinzu: — Sage doch, Mörderchen, das erſte Mal, wo wir das Luder begegnen, nehmen wir ſie mit Gewalt mit, nicht wahr? Haben wir ſie 'mal, dann reibe ich ihr das Ge⸗ ſicht mit Vitriol ein, damit ſie nicht mehr ſo ſtolz auf ihr hübſches L Lirvchen iſt. — Wahrhaftig, Eule, — ſagte der Schulmeiſter, — ich werde Dich doch noch heirathen müſſen; Du ſuchſt Deinesgleichen in Schlauheit und Muth .. . . In der Nacht mit dem Viehhändler habe ich Deinen Werth kennen gelernt; ich ſagte zu mir? das iſt eine Frau, wie F! ich ſie brauche; ſie wird beſſer arbeiten wie ein Mann. Nach einem kurzen Nachdenken ſprach Sarah zu Tom, indem ſie nach dem Meſſermann hinblickte: — Wenn wir dieſen Mann in Betreff Rudolph's fragten, erführen wir vielleicht, was ihn hierher führte? — Wir wollen ſehen! — entgegnete Tom. Dann „ wandte er ſich zum Meſſermann mit den Worten: — Kame⸗ rad, wir ſollten in der Schenke einen unſerer Freunde treffen; er aß mit Euch zu Abend. Da Ihr ihn auf dieſe Art kennt, vermögt Ihr uns vielleicht zu ſagen, wohin er gegangen iſt? Ich kenne ihn nur, weil er mich vor zwei Stunden iger der Leuche durchgeprügelt hat. vordem habt Ihr ihn nie geſehen? — Niemals . wir begegneten uns in dem Fure von Roth⸗Arm's Hauſe. vom Beſten! — rief Tom. — Er und Sarah hatten kaum die Lippen an ihren noch vollen Gläſern genetzt; Mutter Paniſ e wollte wahr⸗ ſcheinlich ihrem eignen Krller Ehre machen, weßhalb ſie ihr Glas ſchon mehrmals ausgetrunken hatte. — Setzen Sie die Flaſche auf den Tiſch des Herrn da, wenn er es erlaubt, — fügte Tom hinzu, indem er ſich mit Sarah zu dem Meſſermann ſetzte, der über dieſe Höflichkeit eben ſo ſehr erſtaunte, als ſie ihm ſchmeichelte. Der Schulmeiſter und die Eule ſprachen immer noch ganz leiſe von ihren finſtern Plänen. Als die Flaſche auf dem Tiſche ſtand, an dem Tom und Sarah mit dem Meſſermann und der Wirthin, die eine zweite Einladung für unnöthig hielt, Platz genommen hatten, nahm das Geſpräch ſeinen Fortgang. — Sie ſagten uns ja wohl, daß ſie unſerm Freunde Rudolph in Roth⸗Arm's Hauſe begegnet ſeien? — fragte . Tom, indem er mit dem Meſſermann anſtieß. — Ja, — antwortete dieſer, und machte ſchnell ſein Glas leer. 5 3 * — Das iſt ein ſeltſamer Name .. Roth⸗Arm! wer iſt dieſer Roth⸗Arm? — Er 3 ein Schmuggler; — warf der Meſſermann leicht hin⸗ dann fügte er hinzu: — Das iſt ein famvſes Glas Wein, Mutter Poniſſe! — Darum dürfen wir Ihr Glas auch laſſen; — fuhr Tom fort, indem er ihm e — Frau Wirthin! noch eine Flaſche Vetſiegeltent — Auf Ihr Wohl! — ſagte dieſer — und auf das Ihres kleinen Freundes, der . .. doch das geht mich Nichts an, aber wenn meine Tante ein Mann wäre, wäre ſie mein Onkel, wie das Sprichwort ſagt! . . .. Nicht wahr, ich hab's hinter den Ohren. Sarah erröthete ein wenig, während Tom fortfuhr: — Sie ſagten Roth⸗Arm ſei ein Schmuggler! . . . . in wiefern das? kam Rudolph von ihm? — Wahrhaftig! mein Herr, oder Madame, wie es Ihnen am Liebſten iſt, ich weiß es nicht, ſo wahr ich dieſes Glas Wein trinke. Heut Abend, wie geſagt, wollte ich die Lerche ſchlagen, es war ſchlecht von mir, denn ſie iſt ein gutes Mädchen; aber ſie flüchtete ſich in Roth⸗ Arm's Haus, ich verfolge ſie, obgleich es verteufelt finſter war. Aber ſtatt die Lerche in die Hände zu bekommen, fiel ich Herrn Rudolph unter die Fäuſte, und det hat mir mit fürchterlicher Kraft mein Theil gegeben .. Ja, ja, es gab'zuletzt Fauſtſchläge, die hatten Hand und Fuß. Donnerwetter! Er hat mir aber verſprochen, mir den Kniff zu zeigen. — Und was für ein Mann iſt der Roth⸗Arm nun eigentlich was für Waaren verkauft er? — — Teufel, . . er verkauft Alles, was zu verkaufen nicht erlaubt iſt; er thut Alles, was zu thun nicht er⸗ laubt iſt. Das iſt ſein Gewerbe, ſein nicht wahr, Mutter Poniſſe? „— Oh! das iſt ein ſchlauer Burſche; — ſagte die Wirthin. — Und er verſteht es, die Steuerbeamten zu binſer⸗ fuhr der Weſtrnan en — mehr ne — % —— — — ——— —,— Unterirrdiſche Gewolbe. Etwas zu finden, obgleich er mit großen Packeten herauskommt. — Er iſt ſchlau, wie ein Fuchs! — ſagte die Wirthin. — Man munkelt, daß aus ſeinem Hauſe ein geheimer Gang in die Katakomben *) führt. — Man hat dieſen Gang aber nie finden können; — ſetzte der Meſſermann hinzu, — man müßte das ganze Haus niederreißen, wenn man damit in's Klare kommen wollte. — Und welche Nummer hat Roth⸗Arm's Haus? — Nummero 13 in der Bohnenſtraße: Roth⸗Arm, Verkäufer von Allem, was man kaufen will. Er iſt all⸗ bekannt in der Cité, — fügte der Meſſermann hinzu. — Ich werde mir dieſe Addreſſe in meine Brieftaſche ſchreiben, — ſagte Tom, indem er den Namen der Straße und die Nummer des Schmugglers aufſchrieb. — Wenn wir Rudolph nicht finden, werde ich bei Roth⸗Arm Erkundigungen über ihn einziehen. — Sie können ſich rühmen, in meinem Meiſter Rudolph einen tüchtigen Freund zu haben; — fuhr der Meſſermann fort. — Wahrhaftig wenn der Kohlenträger nicht gekommen wäre, würde es einen tüchtigen Fauſt⸗ kampf mit dem Schulmeiſter, der dort in der Ecke bei der Eule ſitzt, gegeben haben .... Donnerwetter! ich muß mich zuſammen nehmen, daß ich der alten Here nicht den Hals umdrehe, wenn ich daran denke, wie ſie der Lerche mitgeſpielt hat . . . aber Geduld, ein zugedachter Fauſtſchlag geht nicht verloren, wie man ge⸗ ſagt. 36 „ 84 — Rudolph hat Sie geſchlagen? und Sie haſſen ihn nicht? — ſagte Sarah. — Was!? Ich ſollte einen ſo braven Kerl haſſen? Wahrhaſtig nicht! im Gegentheil, .. obgleich's drollig iſt. Sehen Sie, den Schulmeiſter da, der mich auch geſchlagen hat, würde ich mit großem Vergnügen hängen ſehen, aber mit Herrn Rudolph iſt das eine ganz andere Sache, obwohl er mich viel ſtärker geprügelt hat; ich wünſche ihm nur Gutes. Es kommt mir vor, als ſüunt⸗ ich für ihn durch's Feuer gehen, obgleich ich ihn erſt ſeit heut Abend kenne. — Das ſagen Sie, weil er Freund iſt. — Nein, wahrhaftig nicht! .. . . Sehen Sie ... er hat eine Manier zu ſchlagen, die nig in ihrer Art iſt . und darauf iſt er nicht einmal ſtolz; er ſpricht nicht davon, obgleich er ein Meiſter darin iſt. Und dann weiß er ſo hübſch ze reen, er an Ihnen Sachen ſprechen, daß ſich Einem das Herz im Leibe umdreht, und endlich, . . wenn er Einen anſieht, . hat er etwas in den Augen ich war einſt Soldat, ſehen Sie, mit ſolchem Anführer holte man den Mond und die Sterne vom Himmel herunter. Tom und Sarah ſahen ſich ſtillſchweigend an. — Folgt ihm denn dieſe unglaubliche Macht der Beherrſchung überall? — ſagte Sarah bitter. — Ja, bis wir den Zauber gelöſt haben, — erwiederte Tom. — Und das muß bald geſchehen, wie es auch kommen mag; — fügte Sarah hinzu, indem ſie mit der Hand über die Stirn fuhr, als wollte ſie eine unangenehme gerſcheuchen. F Vom Hötel⸗de⸗Ville her tönte es Mitternacht. Der Wandleuchter, der früher die Schenke beleuchtete, warf nur noch ein ſchwaches, ungewiſſes Licht. Den Meſſermann und ſeine beiden Freunde ausge⸗ nommen, hatten alle Gäſte, bis auf den Schulmeiſter und die Eule die Penne nach und nach verlaſſen. Der Schulmeiſter ſagte ganz leiſe zur Eule: — Wir wollen uns in dem Hausflure gegenüber verbergen; von da können wir ſie herauskommen ſehen; dann gehen wir ihnen nach. Wenden ſie ſich rechts, dann 6 erwarten wir ſie an der Ecke der Straße St. Floi; im andern Falle erwarten wir ſie bei dem eingeriſſenen Hauſe. Ich weiß da ein großes, tiefes Loch, und habe mir ſo— meinen Plan entworfen. Nach dieſen Worten gingen der Schulmeiſter und die Eule auf die Thür zu. — Ihr nehmt alſo heute Nichts zu Euch? — ſagte die Wirthin zu ihnen. — Nein, Mutter Poniſſe .. . . heut ſind wir nur bei Dir untergetreten. — Hierauf verließ der Schulmeiſter mit der Eule das Zimmer. — — ——— Siebentes Kapitel. Die Pörſe oder das Leben. Bei dem Geräuſche, das die Thür machte, indem ſie in's Schloß ſiel, erwachten Tom und Sarah au ihren Träuznereien. Sie erhoben ſich, und dankten mann für die Auskunft, die er ihnen gegeben hatte, ob⸗ gleich er ihnen mehr Vertrauen einflößte, ſeit er auf eine zwar ſchlichte, aber doch aufrichtige Weiſe die Be⸗ wunderung ausgeſprochen hatte, die er für Rudolph empfand. In dem Augenblicke, wo der Meſſermann die Penne verließ, war der Wind noch heftiger als zuvor, und der Regen fiel in Strömen herab. Der Schulmeiſter und die Eule, die in dem der Penne gegenüberliegenden Hauſe verborgen waren, ſahen den Meſ⸗ ſermann ſich nach der Seite der Straße zu entfernen, wo vas eingeriſſene Haus ſtand. Bald wurden ſeine Tritte, die durch den reichlichen Genuß des Weines etwas ſchwer waren, von dem lauten Heulen des Windes und dem Ge⸗ räuſch übertönt, das der Regen verurſachte, indem er an die Mauern ſchlug. Tom und Sarah verließen die Penne trotz des un⸗ geheuren Sturmes, und nahmen gerade die entgegen⸗ geſetzte Richtung von der, die der Meſſermann verfolgte. — Sie ſind verloren, — ſagte der Schulmeiſter ganz leiſe zur Eule. — Nimm den Pfropfen von Deinem Vi⸗ triol und dann aufgepaßt! — Wir wollen lieber unſere Schuhe ausziehen, da⸗ mit ſie es nicht hören, wenn wir hinter ihnen her gehen, — erwiederte die Eule. — Du haſt Recht, Eule, Recht wie immer; ich würde nicht daran gedacht haben. Und vas ſcheußliche Paar zog die Schuhe aus, wäh⸗ rend ſie im Schatten dicht an den Häuſern hinſchlichen. Durch dieſe Liſt wurden die Schritte der Eule und Umeiſters ſo gedämpft, daß ſie Tom und Sarah nah' genug folgten, um ſie berühren zu können, ohne daß dieſe es hörten. — Glücklicher Weiſe ſteht unſer Wagen an der Straßenecke, — ſagte Tom; — ſonſt würden wir durch und durch naß werden. — Sie frieren doch nicht Sarah? — Vielleicht erfahren wir Etwas durch den Schmugg⸗ 3 ler, dieſen Roth⸗Arm — ſprach Sarah, ohne auf Tom's Frage zu achten. Dieſer ſtand plötzlich ſtill, indem er ſich prüfend umſah. Sie waren bis auf eine kleine Entfernung zu der Stelle gekommen, die der Schulmeiſter bezeichnet hatte, um dort ſein Verbrechen zu begehen. — Wir haben einen falſchen Weg genommen — ſagte Tom, — wir mußten links gehen, als wir aus der Kneipe kamen; wir müſſen bei einem eingeriſſenen Hauſe vorbeikommen, um unſern Wagen zu finden. Gehen wir zurück. Der Schulmeiſter und die Eule ſprangen ſchnell in eine Thür hinein, um von Tom und Sarah nicht be⸗ 6 6 merkt zu werden, die dicht an ihnen vorüberſtreiften. ſ* — Es iſt mir eigentlich auch lieber, daß ſie den andern Weg nehmen; wenn er ſich wehrt, habe ich ſo meine eigenen Gedanken. Nachdem Tom und Sarah wieder bei der Penne vorübergegangen waren, kamen ſie endlich an das ver⸗ fallene Haus. Das Gebäude war ſchon halb abgetragen, und die offenen Keller bildeten gewiſſermaßen einen Abgrund, an dem die Straße entlang ging. . Hier ſprang der Schulmeiſter mit der Gewandtheit eines Tigers auf ſein Opfer 88 er Tom mit ſeinen großen Händen an der Kehle faßte, rief er: 2 * — Dein Geld! oder ich werfe Dich in dieſes Loch. — Er ſtieß Tom bei dieſen Worten zurück, ſo daß dieſer das Gleichgewicht verlor, und hielt ihn ſo gleichſam mit der einen Hand ſchwebend über den tiefen Abgrund, während er mit der andern Hand den Arm Sarah's wie in einem Schraubſtocke feſthielt. Eh' Tom auch nur eine Bewegung gemacht hatte, leerte die Eule ſeine Taſchen mit einer ungeheuren Fertig⸗ keit aus. Sarah ſchrie weder, noch wehrte ſie ſich; ſie ſagte ganz ruhig: — Geben Sie ihnen Ihre Börſe, Tom. — Dann wandte ſie ſich zu dem Räuber, und ſprach: — Wir wollen nicht ſchreien, aber thut uns auch nichts zu Leide. Nachdem die Eule die Taſchen ihrer beiden Opfer mit großer Genauigkeit durchſucht hatte, ſagte ſie zu Sarah: — Zeig' Deine Hände her, .. .. Du könnteſt Ringe haben. — Nein — fügte ſie murrend hinzu. — Du haſt alſo Niemand, der Dir ſo was ſchenken könnte? .. .. Schade! Die Kaltblütigkeit Tom's verleugnete ſich während dieſes unvorhergeſehenen Auftrittes nicht einen Augenblick. — Wollt Ihr einen Handel machen? — ſagte er zum Schulmeiſter, deſſen Griff nach und nach loſer wurde. — Meine Brieftaſche enthält Papiere, die Euch nichts nützen können; bringt ſie mir morgen zurück, und ich gebe Euch fünf und zwanzig Louisd'vr. Nicht wahr! um uns zu fangen! — antwortete der Räuber. — Mach' Dich davon, ohne Dich umzuſchenz Du kannſt von Glück ſagen, daß Du ſo davon ge⸗ kommen biſt. — Einen Augenblick — ſagte die Eule nachdenkend; — wenn er vernünftig iſt, wollen wir ihm die Brief⸗ taſche wieder geben. Ich weiß ein Mittel. — Dann wandte ſie ſich zu Tom und fragte: — Ihr kennt die Ebene Saint⸗Denis? — Ja. — Wißt Ihr wo Saint⸗Ouen liegt? — Ja. — Gut. Dicht vor Saint⸗Ouen, am Ende des Weges de la Röévolte iſt eine große flache Ebene; wenn man über das Feld geht, kann man weitum geſehen werden. Wenn Sie morgen früh ganz allein mit dem Gelde dorthin kommen, werden Sie mich mit der Brief⸗ taſche treffen, wir wollen dann tauſchen. — Wenn er Dich wird faſſen laſſen, Eule! — Nimm doch Vernunft an; es iſt unmöglich. Man kann dort ungeheuer weit ſehen, und habe ich auch nur ein Auge, ſo iſt das eine doch ſo ſcharf, wie das eines Falken; wenn der Herr in Begleitung kommen ſollte, würde er Niemand finden; ich werde dann verſchwunden ſein. Sarah ſchien plötzlich von einem Gedanken ergriffen zu werden; ſie ſagte zum Schulmeiſter: — Willſt Du Geld gewinnen? — Haſt Du in der Schenke, wo wir zuſammen waren, deun ich erkenne Dich nun, haſt Du den Menſchen geſehen, den der Kohlenträger abholte? — Mager mit einem Schnurrba 90 eben ein Hühnchen mit ihm pflücken, aber er ließ mir nicht Zeit dazu. — Er betäubte mich mit zwei Fauſt⸗ ſchlägen dermaßen, daß ich umfiel; ... das iſt das erſte Mal, daß mir ſo was paſſirt iſt .. .. aber ich werde mich rächen. — Nun gut! von ihm iſt grade die Rede. — Von ihm? rief der Schulmeiſter mit wildem Lachen. — Gebt tauſend Franken, und ich tödte ihn. — Sarah! .. — rief Tom entſetzt. — Elender! es handelt ſich nicht darum, daß er getödtet wird, — ſagte Sarah ſchaudernd. — Warum denn? — Kommt morgen nach der Ebene St. Denis, dort werdet Ihr meinen Begleiter treffen; Ihr werdet ja ſe⸗ hen, ob er allein iſt, dort ſollt Ihr erfahren, was zu thun iſt. Nicht 1000 — — 2000 Franken will ich Euch geben, wenn Ihr Alles gut ausrichtet. — Mörderchen — ſagte die Eule leiſe zum Schul⸗ meiſter — da giebt's was zu verdienen; das ſind reiche Leute, die etwas gegen einen Feind unternehmen wollen, und dieſer Feind iſt der junge Laffe, den Du ſelbſt auf den Strich haſt . . es muß angenommen werden; ich werde ſtatt Deiner gehen .. . zweitauſend Dingerchen .. Teufel! das lohnt der Mühe! — Gut! meine Frau wird kommen — ſprach der Schulmeiſter; — Sie werden ihr das Nöthige ſagen, und dann wollen wir ſehen. . .. — Sei's! morgen um ein Uhr. — Um ein Uhr. — Auf der Ebene St. Denis. f der Ebene St. Denis. 91 — Zwiſchen St.⸗Ouen und der Straße de la Re⸗ volte; am Ende des Weges. — Abgemacht. — Ich bringe Ihnen Ihre Brieftaſche. ... — Und ich die verſprochenen 500 Franken; außer⸗ dem giebt's eine Abſchlagszahlung auf den andern Han⸗ del, Ihr vernünftig ſeid. — Nun gehen Sie rechts, wir links; folgen Sie uns nicht, wenn Sie nicht.. Und der Schulmeiſter eitſehn ſich ſchleunig mit der Eule. — Der Teufel kommt uns zur Hülfe — ſagte Sa⸗ rah; — dieſer Bandit kann uns nützlich werden. — Aber ich habe Furcht, Sarah — erwiederte Tom. — Ich nicht. Im Gegentheil ich hoffe.... Aber kommen Sie, ich finde mich jetzt zurecht; der Wagen kann nicht weit von hier ſein. Die beiden Perſonen gingen eiligen Schrittes nach der Kirche Notre⸗Dame zu. Ein unſichtbarer Zeuge hatte Auftritte bei⸗ gewohnt. Es war der Meſſermann, der unter den Schutthau⸗ fen gekrochen war, um Schutz vor dem Regen zu ſuchen. Der Vorſchlag, den Sarah dem Räuber in Bezug auf Rudolph machte, erregte die Aufmerkſamkeit des Meſſermann's im höchſten Grade. Erſchrocken über die Gefahren, die ſeinen neuen Freund bedrohten, bedauerte er nur, ihn nicht ſchützen zu können. Vielleicht ver⸗ mehrte ſein Haß gegen den Schulmeiſter und die das edle Gefühl, 3 in ſeiner Sh au Gefahr zu unterrichten, die ihn bedrohte; aber wie ſollte er zu ihm gelangen? — Er hatte die Wohnung des an⸗ geblichen Fächermalers vergeſſen.. vielleicht kam Rudolph nicht wieder in die Penne zurück; wie ſollte er ihn auffinden? Während der Meſſermann ſich dieſe Gedanken machte, war er Tom und Sarah unwillkürlich gefolgt; er ſah ſie in den Wagen ſteigen, der ſie vor der Kirche Notre⸗ Dame erwartet hatte. Der Wagen rollte fort. Der Meſſermann bekam einen glücklichen Gedanken: er ſtieg hinten auf. Um ein Uhr Morgens hielt der Wagen auf dem Boulevard de 'Obſervatyire; Tom und Sarah ſtiegen aus und verſchwanden in einem der kleinen Gäßchen, die an dieſen Platz ſtoßen. Die Nacht war ſtockfinſter, und es war dem Meſſer⸗ mann unmöglich, ein Zeichen zu finden, daß er am an⸗ dern Morgen die Oertlichkeit, in der er ſich befand, wie⸗ derfinden konnte. Da zog er mit dem Scharfſinne eines Wilden ein Meſſer aus der Taſche, und machte einen tiefen breiten Schnitt in einen der Bäume, vor denen der Wagen ſtill gehalten hatte. Dann kehrte er lang⸗ ſam und nachdenkend nach ſeiner Schlafſtelle zurück, von der er ſich weit entfernt hatte. Es war ſeit langer Zeit das erſte Mal, daß der Neſſermann eines tiefen, ruhigen Schlafes genoß, der nicht vurch den ſchrecklichen Traum des „Feldwebelſchlach⸗ tens,“ wie er ſich in ſeiner gräßlichen Sprache ausprückte, untyrbrochen wurde. 93 Achtes Kapitel. Spczierkahrt. Am Ende der Nacht, in der die verſchiedenen Er⸗ eigniſſe, die wir erzählen, vor ſich gingen, glänzte die Sonne herbſtlich ſtrahlend inmitten eines reinen, blauen Himmels, der keine Spur mehr von den Stürmen der vergangenen Nacht zeigte. Der ſchmutzige Stadttheil, in den wir den Leſer führten, ſchien in dem Lichte eines ſchönen Tages weniger ſchrecklich, obgleich er noch im⸗ mer von den hohen, geſchwärzten Sigſen verdunkelt wurde. Sei's, daß Rudolph entweder das Begegnen der zwei Perſonen, denen er am vergangenen Abend aus dem Wege ging, nicht mehr erwartete, ſei's, daß er es nicht fürchtete und ihm trotzte; er trat um 11 Uhr Mor⸗ gens in die Bohnenſtraße und ging gerade auf die Penne zu. Rudolph trug noch immer die Kleidung eines Ar⸗ beiters, aber man bemerkte heute in ſeinem Anzuge eine gewiſſe Eleganz. Seine neue, auf der Bruſt offen ſte⸗ hende Blyuſe, ließ ein rothwollenes Hemd ſehen, das von mehreren kleinen ſilbernen Knöpfen zuſammen gehalten wurde. Der Kragen eines zweiten Hemdes von weißer Leinwand war über dem ſchwarzſeidenen Tuche, das nach⸗ läſſig um ſeinen Hals geſchlungen war, umgeſchlagen. Unter ſeiner Mütze von himmelblaum Sammet und ckirtem Schirme ſtahlen ſich ein Paar dunkelbraune Locken hervor. Die ſpiegelblank gewichsten Stieſein die mit Nagtli beſchlagei — „ Paris. 1. . 94 der um ſo kleiner ſchien, da er aus weiten Beinkleidern oon olivengrünem Sammet hervorging. Dieſer Anzug ſchadete der zierlich eleganten Geſtalt Rudolph's, in der ſich auf ſeltene Weiſe: Anmuth, Gewandtheit und Kraft vereinigten, durchaus nicht. Unſere Kleidung iſt ſo häßlich, daß man nur gewin⸗ nen kann, wenn man ſie auszieht, um ſie mit andern, und wären es ſelbſt die gewöhnlichſten, zu vertauſchen. Mutter Poniſſe ſaß bequemlich auf der Schwelle ihres Hauſes, als Rudolph eintreten wollte. — Ihre Dienerin, junger Herr! Sie wollen ſich ge⸗ wiß das Geld holen, was Sie auf Ihre 20 Franken her⸗ aus bekommen? — ſagte ſie mit einer gewiſſen Nachgie⸗ bigkeit, weil ſie nicht zu vergeſſen wagte, daß der Meiſter des Meſſermann's ihr beim Weggehen einen Lyuisd'or auf den Ladentiſch geworfen hatte. — Sie bekommen 17 Livres und 10 Sous zurück. .. aber das iſt noch nicht Alles. Man hat geſtern noch nach Ihnen gefragt: ein großer, gut gekleideter Mann mit einer kleinen, als Herr gekleideten Frau. Sie haben mit dem Meſſermann von dem „Verſfiegelten“ ge⸗ trunken . — Ah! — Sie haben mit dem Meſſermanne ge⸗ trunken? Und was ſprachen ſie mit ihm? — Wenn ich ſage, ſie haben mit dem Meſſermanne getrunken, ſo habe ich eigentlich Unrecht, denn ſie haben kaum ihte Lippen naß gemacht. — Ich fragte Dich ja, was ſie mit dem Meſſer⸗ manne geſprochen haben. — Ahl ſie ſprachen von dieſem und jenem . . von Roth⸗Ari, von Regen und ſchönem Wetter. * beeile Dich, daß unſer Handel zu Ende kommt . . Wie 5 ſind die Kleidungsſtücke nerzh die Du der Ungli 95 — So kennen Sie Roth⸗Arm? — Nein, im Gegentheil; der Meſſermann erzählte ihnen, wer er ſei, und wie ſie ihn geprügelt hätten. — Es iſt gut. Darum handelt es ſich nicht. — Sie wollen alſo blos ihr Geld? — Ja. und dann will ich mit der Lerche einen Tag auf dem Lande zubringen. — Geht nicht, mein Junge. — Und warum nicht? — Wenn ſie nicht wiederkämen? Ihre Sachen ge⸗ hören mir, ohne zu rechnen, daß ſie mir noch 220 Fran⸗ ken für Wohnung, Eſſen und Trinken ſchuldig iſt, denn ich habe ſie ernährt, ſo lange ſie bei mir iſt. Wenn ſie nicht ehrlich wäre, wie ſie es iſt, würde ich ſie nicht wei⸗ ter als bis zur Straßenecke gehen laſſen . — Marienblume ſchuldet Dir 220 Franken? — 220 Franken und zehn Sous . . Aber was geht Sie denn das an? — Möchte man nicht glauben, Sie hätten Luſt, das Geld zu bezahlen? Spielt den großen Herrn wie Einer! — Hier — ſagte Rudolph, indem er eilf Louisd'or auf den Schenktiſch warf. — Und wie viel gilt ungefähr die Kleidung, die Du ihr leihſt? Die Alte, für den Augenblick verblüfft, betrachtete zweifelnd und mißtrauiſch einen Louisd'or nach dem andern. — Teufel! glaubſt Du vielleicht, daß ich Dir fal⸗ ſches Geld gebe? Schicke es zum Wechsler, und nun chen leihſt? 8 Die W hin, die zwiſchen dem Wunf ten Handel zu machen, zwiſchen dem Staunen darüber, daß ein Arbeiter ſo viel Geld beſaß, zwiſchen der Furcht, übervortheilt zu werden, und endlich zwiſchen der Hoff⸗ nung, noch mehr zu verdienen, hin⸗ und herſchwankte, ſchwieg einen Augenblick ſtill, dann erwiederte ſie: — Die Sachen, die ſie von mir hat, ſind wenig⸗ ſtens. . hundert Franken werth. — Dieſe Lumpen?!...Hör mal! .. Du behältſt das, was ich von geſtern heraus bekomme, und ich gebe noch einen Louis zu, aber mehr nicht einen Pfennig. — Wenn man ſich von Dir betrügen läßt. .. beſtiehlt man die Armen, die ein Recht auf Almoſen haben. — Gut! dann behalte ich meine Sachen und die Lerche geht nicht fort von hier. Ich kann meine Sachen verkaufen, wie und an wen ich will. — Der Teufel hole Dich eines Tages, wie Du es verdienſt. Hier iſt Dein Geld! nun hole mir Marien⸗ blume. *Die Wirthin ſteckte das Geld ein, und indem ſie dachte: Er wird geſtohlen oder eine Erbſchaft gemacht haben, ſagte ſie zu Rudolph mit einem gemeinen Lä⸗ cheln: — Warum wollt Ihr nicht ſelbſt hinaufgehen und die Lerche holen, mein Sohn? Das würde ihr durchaus nicht mißfallen . . . denn bei meinem Glauben, ſie ſah Euch geſtern zunz ſonderbar an. — Mach', hole ſie, und ſage ihr, vaß ich mit ihr auf das Land will. . . . weiter nichts. Beſonders darf ſie nicht wiſſen, daß ich ihre Schulden bezahlt — Warum denn — Däs geht Dich nichts an. 97 — Es iſt mir ganz gleich; im Gegentheil, es macht mir daß ſie ſich noch unter meiner Herr⸗ ſchaft glaubt. — Wirſt Du das Maul halten und hinaufgehen! — Mein Gott! welch' fürchterlich Geſicht Sie ma⸗ chen. Ich beneide den nicht, der Euch einmal in die Hände fällt. . . ich gehe ja ſchon.. Die Wirthin ging. Einige Minuten ſpäter kam ſie wieder herunter und ſagte: — Die Lerche wollte mir nicht glauben; ſie wurde carmviſinroth, als ſie hörte, Sie wären da. . aber als ich ihr ſagte, ſie dürfe den Tag auf dem Lande zubrin⸗ gen, glaubte ich, ſie würde wahnſinnig; zum erſten Male in ihrem Leben ſchien ſie Luſt zu haben, mir um den Hals zu fallen. — Das war die Freude. Dich verlaſſen zu können. Marienblume trat in dem Augenblicke in das Zim⸗ mer; ſie war wie am vorigen Abend gekleidet: ein brau⸗ nes Alepine⸗Kleid, einen auf dem Rücken zuſammenge⸗ bundenen Orange⸗Shawl und ein rothkarrirtes Tuch, das nur zwei dicke, blonde Haarflechten ſehen ließ. Sie erröthete, als ſie Rudolph erkannte und ſenkte verlegen die Augen. — Wollen Sie den Tag mit mir auf dem Lande zubringen, mein Kind? — fragte Rudolph. — Sehr gern, Herr Rudolph, — antwortete die Lerche, — wenn es Madame erlaubt. — 3 erlaube es Dir, mein als vu⸗ nung für Deine gute Aufführung . Komn einen Kuß. 98 Und das alte häßliche Weib reichte Marienblume ihr gemeines, kupferrothes Geſicht hin. Die Unglückliche bekämpfte ihren Widerwillen, und näherte ihre Stirn den Lippen der Wirthin, aber Ru⸗ dolph warf die Alte mit einem tüchtigen Stoße hinter den Schenktiſch, nahm den Arm der Lerche und verließ die Penne unter den Flüchen und Verwünſchungen der Wirthin. . — Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Rudolph, — ſagte Marienblume — die Wirthin wird Ihnen etwas an den Kopf werfen, ſie iſt ſo boshaft. — Beruhigen Sie ſich, mein Kind; aber was iſt Ihnen? Sie ſind verlegen und traurig? Iſt es Ihnen nicht angenehm, mit mir zu gehen? — Im Gegentheil .. gben aber Sie führen mich ja. — Und? . — Sie ſind Arbeiter. es möchte Jemand Ihrem Meiſter ſagen, daß Sie mit mir gegangen ſind . und das wird Ihnen nachtheilig ſein. Die Meiſter lieben es nicht, daß ihre Arbeiter ſich ruiniren. Und Marienblume zog leiſe ihren Arm zurück, indem ſie ſagte: — Gehen Sie allein, ich werde Ihnen von Weiten folgen, bis wir an die Barriére kommen. Sind wir einmal vor dem Thore, dann können wir zuſammen⸗ gehen. — Fürchten Sie nichts — antwortete Rudolph, ge⸗ rührt von dem Zartgefühle der Unglücklichen, indem er ihren Arm wiedernahm — mein Meiſter wohnt nicht in dieſem Viertel, und dann finden wir auf dem Blumen⸗ ma einen Wagen. — Wie Sie wollen, Herr Rudolph; ich ſagte das nur, um Ihnen keine Unannehmlichkeiten zu bereiten .. — Ich glaube es, und danke Ihnen dafür. Aber ſagen Sie mir aufrichtig, ob es Ihnen gleich iſt, zu wel⸗ chem Thore wir hinausgehen? — Das iſt mir ganz gleich, Herr Rudolph, voraus⸗ geſetzt, daß wir auf das Land kommen .es iſt ſo ſchönes Wetter, .. die Luft iſt ſo friſch, ſo angenehm zu athmen, wiſſen Sie, daß ich in fünf Monaten nicht weiter gekommen bin, als bis zum Blumenmarkte? — Sie beſuchten dieſen Markt, um Blumen zu kaufen? — Ach nein! ich hatte ja kein Geld; ich kam nur, um Blumen zu ſehen, um ihren Duft einzuathmen. Die halbe Stunde, die ich an den Markttagen ausgehen durfte, war mein einziges Vergnügen ich war ſo zu⸗ frieden. ich vergaß Alles in der ſchönen Zeit. — Und wenn Sie dann zur Wirthin .in die ſchmutzigen Straßen zurückkamen?. .. — Dann war ich trauriger als vorher; aber ich mußte meine Thränen zurückhalten, um keine Schläge zu bekommen. Wie beneidete ich die jungen, hübſchen Mäd⸗ chen, die Näherinnen, die ich den Markt mit einem hüb⸗ ſchen Blumentopfe ganz luſtig verlaſſen ſah⸗ — Sie würden gewiß nicht ſo traurig allein gewe⸗ ſen ſein, wenn Sie einige Blumen am Fenſter gehabt hätten? — Sie haben Recht, Herr Rudolph, ich würde nicht ſo traurig geweſen ſein. Denken Sie ſich, einmal ſchenkte mir die Wirthin, es war an ihrem Gebu stage, einen kleinen Roſenſtock, da ſie meine Lieb 100 kannte. Wie glücklich mich das machte! ich fühlte keine Langeweile mehr, ich ſah meinen Roſenſtock an und es machte mir Spaß, ſeine Blätter, ſeine Blüthen zu zäh⸗ len . aber die Luft in der Cité iſt ſo ſchlecht und nach zwei Tagen fing er an zu kränkeln .. . . Da aber Sie werden über mich lachen, Herr Rudolph. — Nein, nein! fahren Sie fort. — Da bat ich die Wirthin um Erlaubniß, meinen Roſenſtock ſpazieren tragen zu dürfen . ja. gerade, als wenn er ein kleines Kind wäre. Ich trug ihn auf den Blumenmarkt, ich bildete mir ein, daß es ihm gut gehen müßte, mit ſo vielen Blumen zuſammen zu ſein, die ſchöne Luft zu athmen; ich näßte die kleinen, verſchrumpften Blätter mit dem klaren Waſſer des Springbrunnens und ſtellte ihn dann eine Weile in die Sonne, um ihn zu trocknen ... Armer Roſenſtock! er ſah nie die Sonne in der Cité, denn nur die Dächer unſerer Straße können ſie erblicken . .. Endlich ging ich mit ihm nach Hauſe, und Sie können glauben, Herr Rudolph, daß, Dank dieſen Spaziergängen, mein Roſenſtock vielleicht zehn Tage länger gelebt hat, als er ohne ſie gelebt haben würde. — Ich glaube es; und es war ein großer Verluſt für Sie, als er ſtarb. Nicht wahr? — Ich weinte, denn es war ein großer Kummer für mich. Und ſehen Sie, Herr Rudolph, Sie verſtehen es gewiß, daß man für Blumen ſchwärmen kann, Ihnen kann ich ſagen, daß ich ihm faſt dankte, daß er aber Sie werden diesmal gewiß über la⸗ MNein! Wahrhaftig nicht . . . ich liebe pie Blu⸗ 101 men ebenfalls und weiß daher, daß man Lhocheiten jüt ſie begehen kann. — Nun, ich dankte dem armen Roſenſtoce faſt, daß er ſo lieblich für mich blühte, obgleich ich . trotz⸗ dem. daß ich. Marienblume ſenkte das Haupt und wurde purpur⸗ roth vor Scham. — Unglückliches Kind! mit Bewußtſein Ihrer ſchrecklichen Lage mußten Sie oft.. — Luſt haben, ihm ein Ende nichtn Herr Ru⸗ dolph — unterbrach ihn Marienblume. — Ja, ja mehr als einmal ſah ich in die Seine, über das Brückengeländer . . aber dann dachte ich wieder an die Blumen, an die Sonne . dann ſagte ich mir: — der Fluß wird ſpäterhin auch noch da ſein; ich bin erſt 17 Jahr alt . Wer weiß!2 — Als ſie ſagten: Wer weißk⸗ Da hofften Sie alſo 2 — Ja . — Und was hofften Sie? — Ich weiß nicht . . ich hoffte. . ..; es ſchien mir in ſolchen Augenblicken, als wenn mein Schickſal nicht gerecht ſei, wenn noch etwas Gutes in mir läge. Ich ſagte mir: — Man hat mich viel gemißhandelt, und doch that ich Niemand etwas zu Leide zwenn ich Jemand gehabt hätte, den ich um Rath fragen konnte, wäre ich das nicht, was ich bin. — Dann verging meine Fraurigktit ein wenig . . .. Aber ich muß geſtehen, daß ich mir beſonders nach S Verluſte meines Roſenf ſtockes ſolche Gedanken machte; — ſagte Marien mit ſo ernſter Wi ene⸗ daß Rudolph nicht umhin kon 10 — Immer dieſer große Kummer ... — Ja. ſehen Sie hier. Und Marienblume zog aus ihrer Taſche ein kleines Päckchen Holz; ſorgfältig geſchnitten und mit einem ro⸗ then Bändchen umwunden. — Sie haben ihn aufgehoben. — Jaz. iſt es doch Alles, was ich auf der Welt beſitze. — Wie? Sonſt gehört Ihnen Nichts? — Nichts!. . — Aber dieſes Korallenhalsband? — Gehört der Wirthin. — und Sie beſitzen nicht ein Tuch, nicht ein Schnupftuch? — Nein! Nichts „nichts, als die trockenen Zweige meines armen Roſenſtockes. Darum halte ich auch ſo viel auf ihn. Bei jedem Worte verdoppelte ſich das Erſtaunen Rudolph's; er konnte dieſe fürchterliche Sclaverei, dieſen ſchrecklichen Verkauf des Leibes und der Seele für einen ſchmutzigen Zufluchtsort, für einige Lumpen und ein Bißchen Nahrung nicht begreifen *). Sie waren auf dem Blumenmarkte angekommen, wo ſie ein Wagen erwartete. Rudolph ließ Marien⸗ blume einſteigen und folgte ihr, indem er zum Kutſcher ſagte: *) Wenn es uns erlaubt wäre, in Einzelnheiten einzugehen, vor denen wir zurückſchaudern, könnten wir beweiſen, daß ſolche Leibeigenſchaft vorhan⸗ den iſt; daß die Geſetze der Polizei der Art ſind, daß ein unglückliches Ge⸗ ſchöpt, von ihren Verwandten perkauft und in dieſen ſcheußlichen Abgrund geſtoßen, gewiſſermaßen verurtheilt iſt, lebenslanglich darin zu bleiben; daß ihre Reuc, ihre Gewiſfensbiſſe vergebens ſind, und daß es ihr ſaſt unmöglich iſt, aus dieſem Schmutze heraus zü kommen. 105 Hier war der Wagen an der Stelle vor St.⸗Ouen angekommen, wo ſich die Straße nach St.⸗Denis un der Weg de la Révolte theilen. Obgleich die Landſchaft einfach, faſt eintönig wit⸗ ſo jauchzte Marienblume doch bei dem Anblicke der Fel⸗ der auf und vergaß die traurigen Gedanken, die die Er⸗ innerung an die Eule aufgeweckt hatte. Sie ſteckte das reizende, vor Freude verklärte Geſicht zur Wagenthür hinaus, und rief, indem ſie in die Hände klatſchte: — Herr Rudolph! welches Glück! .. Ich ſehe . Gras! . Felder!. . erlauben Sie mir auszuſteigen es iſt ſo ſchön! es würde mir mehr Vergnügen machen, zu gehen!. — Wir wollen gehen, mein Kind. .. Kutſcher! Halt! — Wie! Sie auch, Herr Rudolph? — Ich auch, es iſt eine Freude für mich. — Welches Glück!! Herr Rudolph! Und Rudolph lief mit Marienblume Hand in Hand über eine Wieſe, von der erſt vor Kurzem das Grummet abgemäht war. Es würde vergebens ſein, die Se die liebſten Ausrufungen des Erſtaunens, das Entzücken Ma⸗ rienblumens zu beſchreiben. Armes, unglückliches, ſo lange gefangenes Geſchöpf, es athmete entzückt die friſche Luft. Sie lief und kam zurück, ſie blieb ſtehen und lief bald wieder unter neuem Jubel davvn. Beim Anblick einiger Maßliebchen, einiger Gold⸗ knöpſchen, die der erſte Froſt noch verſchont hatte, konnte ſie neue Ausrufungen des Entzückens nicht zurückhalten; k kniete nieder und e alle ab, ſie heine der ganzen Wieſe. Cw 106 Nachdem ſie ſo auf den Feldern umhergelaufen war, ermüdete ſie bald, denn ſie war zu wenig daran gewöhnt; ſie hielt daher an, um Athem zu ſchöpfen, und ließ ſich auf einen Baumſtamm nieder, der umgeſtürzt am Rande eines Grabens lag. Die durchſichtig weiße Geſichtsfarbe Marienblume's, die oft beinahe bleich wurde, ging in lebhafte Farben über. Ihre großen blauen Augen ſtrahlten, ihr reizen⸗ der, roſiger Mund zeigte zwei Reihen feinſter, weißer Perlen, ihr Buſen hob ſich lebhaft unter dem alten, gel⸗ ben Shawl, ſie legte eine Hand auf das Herz, als wollte ſie ſeine Schläge beruhigen, während ſie mit der andern Hand Rudolph das Bouquet Feldblumen hinreichte, das ſie gepflückt hatte. Man konnte nichts Reizenderes ſehen, als den Aus⸗ druck reiner, unſchuldiger Freude, die auf dieſem aufrich⸗ tigen Geſichte ſtrahlte. Als Marienblume wieder ſprechen konnte, ſagte ſie zu Rudolph mit einem Ausdrucke tiefen Glückes und beinah frommer Dankbarkeit: — Wie gut der liebe Gott iſt, daß er uns einen ſo ſchönen Tag giebt! Eine Thräne kam in Rudolph's Auge, als er das arme, verlaſſene, verachtete, verlorene Geſchöpf einen Laut unausſprechlichen Glücks, tiefer Dankbarkeit gegen ihren Schöpfer ausſtoßen hörte, weil ein Sonnenſtrahl es er⸗ wärmte, weil es eine Wieſe ſah — — — — —— Rudolph wurde in ſeinen Betrachtungen durch ein un⸗ erwartetes Ereigniß geſtört. 107 Neuntes Kapitel. Die Meberraſchung. Wir haben erzählt, daß Marienblume ſich auf einen Baumſtamm geſetzt hatte, der umgeſtürzt am Rande eines Grabens lag. Plötzlich richtete ſich ein Mann aus dem Innern dieſes Grabens auf, ſchüttelte die Streu, unter der er ſich verborgen hatte, ab, und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Marienblume wandte ſich mit einem Schrei des Ent⸗ ſetzens um. Es war der Meſſermann. — Sei ohne Furcht, mein Kind, — ſagte er, als er ſah, daß das Mädchen ſich zu ihrem Begleiter flüchtete, — aber das iſt ein merkwürdiges Zuſammentreffen, nicht wahr? Meiſter Rudolph! Sie erwarteten das nicht, ich auch nicht. Aber ſehen Sie, Meiſter — fügte er ernſt hinzu, — man mag ſagen, was man will, es iſt doch 'was in der Luft, da oben, über uns, der liebe Gott iſt ſonderbar, . aber es macht mir den Eindruck, als ſagte es zum Menſchen: Geh' wohin ich Dich führe . . . er hat Sie hierher geführt, und das iſt verteufelt wunderbar! — Was machſt Du denn da, — ſagte Rudolph ganz erſtaunt. B — Ich wache für Sie im Heu, mein Meiſter aber Donyerwetter! wie komiſch das iſt, daß ſie grade lin die Mlich meiner Sommerwohnung kommen ₰ von Pat on Parn 108 Sehen Sie! .. . . es giebt 'was außer dem, was wir ſehen, es giebt wahrhaſtig was „. — Noch einmal, was machſt Du hier? — Sie ſollen es ſogleich erfahren, laſſen Sie mir nur ſo viel Zeit, um einen Augenblick auf Ihre einſpän⸗ nige Sternwarte zu ſteigen. Der Meſſermann lief bei dieſen Worten nach dem Wagen hin, ſtieg auf den Tritt, warf einen Blick auf die weite Ebene und kam dann zu Rudolph zurück. — Wirſt Du mir nun bald auseinanderſetzen, was das Alles bedeuten ſoll? — Geduld, Geduld, Meiſter!. . ich muß vorher noch fragen, was die Uhr iſt. — Halb Eins — antwortete Rudolph, indem er ſeine Uhr betrachtete. — Gut, dann haben wir grade noch Zeit. .. in einer halben Stunde wird die Eule hier ſein. — Die Eule? — riefen die beiden Andern gleich⸗ zeitig aus. — Ja, die Eule. Nun mit zwei Worten die Geſchichte, Meiſter, geſtern Abend, als Sie die Penne verlaſſen hat⸗ ten, kamen . — Ein großer Herr mit einer Frau in Manns⸗ kleidern; ſie fragten nach mir, das weiß ich, weiter? — Darauf ließen ſie mir zu trinken geben und woll⸗ ten mich über Sie aushorchen . . ich wollte aber nichts ſagen weil Sie mir nichts anders mitgetheilt haben, als die Prügel, die mir noch ſo lebhaft im Gedächtniſſe ſind. — Ich wußte alſo Nichts von Ihnen, und wenn ich was gewußt hätte, ſo wäre ſich das⸗ gleich g blieben, „denn Sie wiſſen, ich bin der Ihre, auf Le⸗ ben und Tod. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mir zu erklären weiß, warum ich für Sie eine Anhänglich⸗ keit fühle, wie ein Hund für ſeinen Herrn aber das iſt auch ganz gleich, es iſt mal ſo. . Sie iſt ſtär⸗ ker als ich. und ich miſche mich nicht mehr darein; das iſt Ihre Sache, Sie haben es zu verantworten. — Ich danke Dir, mein Junge, aber fahre fort.. — Der große Herr und die kleine Frau verließen die Penne, als ſie ſahen, daß von mir nichts zu erfah⸗ ren ſei, und ich ging auch; ſie nach dem Juſtizpalaſte zu, ich nach der Seite von Notre⸗Dame. Als ich am Ende der Straße war, kam es mir bor, als regne es wie mit Keulen. Ich wußte ganz in der Nähe ein eingeriſſenes Haus, und ich ſagte zu mir: Wenn der Platzregen noch lange dauert, kann ich eigentlich hier eben ſo gut ſchla⸗ fen, wie in meiner Schlafſtelle. Ich laſſe mich alſo in eine Art von Keller gleiten, wo ich ganz hübſch im Trockenen war; ich mache mein Bett auf einem alten Balken zurecht, lege meinen Kopf auf ein Stück . fallenen Kalk, und lag ſpmit wie ein kleiner König. — Weiter, weiter! — Wir hatten zuſammen getrunken, Herr Krwe ich hatte mit dem großen Herrn und der kleinen Frau auch noch getrunken, und ich hatte ſo zu ſagen einen kleinen Rauſch. Nun iſt es merkwürdig, daß mich nichts leichter in den Schlaf wiegt, als das Plätſchern des Re⸗ gens; es mochte daher gicht lange dauern, bis ich ein⸗ ſchlief, als mich mit ei m Male ein Geräuſch erwe ich borchte auf: es war der Schulmeiſter, der mit nnd ſprach 8 110 ich erkannte die Stimme des Langen, der mit der klei⸗ nen Frau in Mannskleidern nach der Penne kam. — Sie ſprachen mit dem Schulmeiſter und der Eule? — ſagte Rudolph erſtaunt. — So iſt es! Sie kamen überein, heut wieder zu⸗ ſammen zu kommen. — Heut? — — Heut, um 1 Uhr . — Das wäre ja gleich! — Gleich, an der Stelle, wo der Weg nach St.⸗ Denis und die Straße de la Röévolte ſich ſcheiden. — Alſo hier? — Wie Sie ſagen, Meiſter Rudolph. — Der Schulmeiſter! — nehmen Sie ſich in Acht, Herr Rudolph — rief Marienblume aus. — Sei ruhig, mein Kind, er kommt nicht, . nur die Eule. — Wie iſt der große Herr zu den beiden Elenden gekommen? — fragte Rudolph. — Das kann ich wahrhaftig nicht ſagen. Wie es mir ſcheint, Meiſter, bin ich erſt am Ende der Unter⸗ handlung aufgewacht; denn der Lange ſprach von ſeiner Brieftaſche, die er wieder haben wollte, und die Eule ſoll ſie ihm für 500 Franken hierher bringen. Das läßt mich glauben, daß des Schulmeiſter ſie zuerſt beſtohlen hat, und daß ſie erſt ſpäter in die freundſchaftliche Un⸗ terhaltung gekommen ſind. 8 — Das iſt ſeltſam! WMeein Gott! ich ängſtigk mich Ihretwegen, Herr udolph — ſagte Marienblume. WMeiſter Rudolph iſt kein Kind, Lerche; a 111 wie Du ſagſt, der könnte ihm was in v Suppe brocken . darum bin ich aber hier. — Weiter, mein Junge! — Der Große hat dem Schulmeiſter 2000 Fan⸗ ken verſprochen, um Euch . ich weiß nicht was zu thun. Die Eule ſoll hierher tnnznie Brieftaſche zu⸗ rückgeben und dabei erfahren, warum es ſich handelt, damit ſie es dem Schulmeiſter mittheilen kann, der dann das Uebrige übernimmt. Marienblume ſchauderte. Rudolph lächelte verächtlich. — 2000 Franken, um Ihnen etwas zu thun, Herr Rudolph. . . daß erinnert mich daran, (ohne Vergleich) daß ich einſt eine Anzeige las, in der 500 Franken für einen verloren gegangenen Hund geboten wurden; ich dachte bei mir: Du würdeſt dich recht gern verlieren, Beſtie, wenn man auch nur 100 Sous böte, um dich wiederzufinden, und nun ja 2000 Franken, um Ihnen etwas zu thun . . „Wer ſind Sie denn eigentlich? — Ich werde es Dir bald ſagen. — Schön, Herr Rudolph! — Als ich der Eule die⸗ ſen Vorſchlag machen hörte, ſagte ich zu mir: Du mußt erfahren, wo die reichen Leute wohnen, die den Schul⸗ meiſter auf Herrn Rudolph loshetzen wollen; ſo was kann yft ſehr nützlich werden. Als ſie ſich entfernte, kroch ich aus meiner Höhle hervor und folgte ihnen. Bei der Kirche Notre⸗Dame ſtiegen ſie in einen Wagen, ich ſetzte mich hintenauf, und ſo kamen wir auf den Boulevard de LObſ ſervakbire. Es war finſter, wie in Backofen, ich konnte nichts ſehen und ſo ſchnit Baum an, um mich am andgrn Tage wieder zurech — — Sehr vernünftig, mein Sohn. 5 — Heut Morgen bin ich dahin zurückgegangen. Zehn Schritt von dem bezeichneten Baume ſah ich eine kleine Gaſſe, die von einer Barriére geſchloſſen wird. Im Schmutze bemerkte ich große und kleine Fußtapfen, am Ende der Straße ein Haus, in dem ſie wohnen müſſen. 3 — Danke Dir, mein Junge; Du thateſt mir, ohne es zu wiſſen, einen großen Gefallen. N 5 — Entſchuldigen Sie, Herr Rudolph, ich ahnte ſo N etwas, darum habe ich es gethan. — Ich glaube es und würde Dir Deinen Dienſt gern anders vergellen, als durch einen bloßen Dank; unglücklicherweiſe bin ich aber nur ein armer Teufel von Arbeiter, obgleich man 2000 Franken bietet, um mir N etwas zu thun, wie Du Dich ausdrückſt. Ich will Dir das erklären. K — Gut! wenn es Ihnen Vergnügen macht, . ſonſt iſt es ganz gleich. — Man will Ihnen 'was anhaben, „ ich widerſetze mich dagegen .. Das Andere geht mich nichts an. — Ph errathe, was ſie wollen. — Höre mich an: ich habe n um das Elfenbein der Fächerſtäb⸗ chen durch Pahanismus zu ſchneiden; aber dies Geheim⸗ niß gehört nx nicht ganz allein. Ich erwarte in dieſen Tagen meinen Pompagnon, um die Sache dann im Gro⸗ ßen zu treiben Nun will man ſich, wie es ſcheint, um jeden Preis des Modells der Maſchine bemächtigen, das ich bei mir zu Hauſe habe, vi es iſt mit dieſer Er⸗ findung viel Geld zu verdienen. Der Große und die Fleine.. ſind alſo 7 — Fabrikanten, bei denen ich früher gearbeitet habe denen ich aber mein Geheimniß nicht verrathen wollte. Dieſe Erklärung ſchien dem Meſſermann, deſſen Verſtand nicht beſonders entwhelt war, hinreichend zu genügen, und er erwiederte: — Nun verſtehe ich . . . telvolk an, das hat nicht 'mals „ Streiche ſelbſt auszuführen. — ſzu Ende kommen, habe ich heut Morgenggiegt Ich weiß den Ort, wo die Eule tit dem Großen zu⸗ ſammenkommen will, ich werde ſie warten, ich habe ja gute Beine; . mein Meiſter Holzſchßer wird zwar auſ mich lauern, aber ſchadet nichts . . ich komme hierher, ehe den umgefallenen Baumſtamm, ſtecke mich bis an ſe Naſe in den Graben, decke mich mit der herumliegen⸗ den Spreu zu und erwarte die Eule; — aber da muß S der Teufel es wollen, daß Sie hierher kommen und daß j die Lerche ſich gerade auf den Grenzſtein meines Parkes ſetzt. Da konnte ich mir denn einen kleinen Spaß nicht verſagen . . . ich ſchrie, als wenn es brennte, und kroch aus meinem Verſtecke hervor. — Was haſt Du nun für einen Plan — Ich erwarte die Eule hier, die ſi kommen wird; ich vrſuche, ob ich hören Broße zu ihr ſagt, weil Ihnen das nützer nn. Von dieſem umgeſtürzten Baumſtamme aus, Fann man die ganze Ebene überſehen, er iſt wie zum Siben gemacht. Das Stelldichein der Eule mit dem Großen in 4 Schritt davon da wo die Straßs ſich ſcheidet; man könnte wet⸗ ten, daß ſie ſich hier niederſetzen werden. Wenn ſis nicht * mal Einer das Bet⸗ Ruth, ſeine ſchlechten damit wir endlich zuerſt „was der 14 die Euls, wenn der Große fort iſt, bezahle ihr, was ich ihr noch von wegen des Zahnes der Lerche ſchuldig bin und drehe ihr den Hals um, wenn ſie mir nicht die El⸗ tern des armen Mädchens nennt. — Was meinen Sie zu meinem Plane, Herr Rudolph? — Er iſt ſehr gut Meſſermann, aber etwas müſſen wir doch daran ändern⸗ — Vor Allem, Meſſermann, fange meinetwegen i⸗ nen Streit an. Wenn Du die Eule ſchlägſt, wird Dir der Schulmeiſter ... . — Stille, Kind! die Eule kriegt meine Fäuſte zu ſchmecken, und grat, weil der Schulmeiſter ihr Verthei⸗ . diger iſt, bekommt ſie das Doppelte. — Höre mich, mein Junge! Ich habe ein beſſeres 4 Mittel, Marienblume an der Eule zu rächen; ich werde Dir es ſpäter ſagen. Für jetzt — fuhr Rudolph leiſer, fort, indem er ſich einige Schritte von der Lerche ent⸗ fernte, — für jetzt kannſt Du mir einen wichtigeren Dienſt erweiſen. 5 7 — Sprechen Sie, Meiſter. — Die Eule kennt Dich nicht? — Ich habe ſie geſtern zum erſten Male geſehen. — Nun höre, was Du thun mußt. Zuerſt ver⸗ birgſt Du Dich, aber wenn Du die Eule kommen ſiehſt, gehſt Du aus Deinem Verſteck hervor. — Um ihr den Hals umzudrehen? — Nein! das kannſt Du ſpäter thun .. heute ſollſt Du ſie nur verhindern, mit dem Großen zu unterhan⸗ ½ deln. Wenn er ſieht, daß Jemand bei ihr iſt, wird ni wägen, näher zu kommen; ſollte er dennoch Luſ it ihr zu ſprechen, ſo gehe leinen Augenb 3 115 von ihrer Seite, dann wird er es wohl unterlaſſen § müſſen. § — Wenn der Große finden ſollte, daß ich neugie⸗ rig bin, ſo werde ich das ſchon mit ihm abmachen. Er wird hoffentlich nicht auch ein Schulmeiſter oder gar ein Meiſter Rudolph ſein. — Sei ohne Sorge, ich kenne ihn; er wird nicht m Dir anbinden. — Deſto beſſer! Ich folge alſo der Eule wie ihr 2 Schatten. Der Große ſoll kein Wort ſagen, das ich nicht höre; zuletzt wird er ſich davon machen. — Wenn ſie eine neue Zuſammenkunft verabreden, ſo wirſt Du es ja hören, wenn Du ſie nämlich nicht erläßt. Uebrigens wird Deine Gegenwart hinreichen, um den Großen zu verſcheuchen. — Gut! Und darauf gebe ich der Eule eine Tracht; nicht wahr? . . . . ich habe wirklich große Luſt dazu. Noch nicht! — Die Eule weiß doch nicht, ob Du ein Dieb biſt oder nicht? . — NRein, vorausgeſetzt, daß der Schulmeiſter ihr nicht geſagt hat, daß es nicht in meinen Grundſätzen liegt. — Wenn er es ihr geſagt hätte, ſo wirſt Du thun, als hätteſt Du Deine Grundſätze geändert. — Ich? — Du? — Donnerwetter! Herr Rudolph .. aber ſagen Sie mir hm hm das gefällt mir am wenigſten von Allem . das . — Du wirſt nichts thun, wozu Du nicht Luſt haſt, 4... Du wirſt ja ſehen, ob ich ſchlecht genug bin, Dir Geinen ſchändlichen Streich vorzuſchlagen — Oh! — darüber könnte ich ſchon ruhig ſein. f — Und Du thuſt recht daran. — Sprechen Sie, Meiſter, ich muß ja doch gehorchen. — Wenn der Große fort iſt, wirſt Du verſuchen, der Eule die Kur zu machen .. — Was! — Ich ſoll der alten Here die Kur ma⸗ chen . . .. ſoll ihr Schmeicheleien ſagen? Lieber möchte ich mich ja mit dem Schulmeiſter prügeln, ſo gewiß ich weiß, daß ich den Kürzeren ziehe. Ich weiß jetzt noch nicht, wie ich es anfangen ſoll, daß ich ſie nicht gleich an der Kehle packe. — Dann wirſt Du das ganze Spiel verderben. — Aber was ſoll ich denn thun? — Die Eule wird wüthend ſein, daß ihr der fette Biſſen entgangen iſt; Du wirſt Sie beruhigen müſſen, indem Du ihr ſagſt, daß Du ein gutes Geſchäft wüß⸗ teſt; daß Du da ſei'ſt, um einen Gefährten zu erwarten, und daß viel Geld zu gewinnen ſei, wenn der Schul⸗ meiſter Luſt hätte, mitzumachen .. * — Aha! 5 — Wenn Du eine halbe Stunde gewartet haſt, ſagſt Du ihr: „Mein Kam'rad ſcheint nicht zu kom⸗ men . . es muß aufgeſchoben werden,“ und dann be⸗ ſtellſt Du den Schulmeiſter und die Eule auf Morgen ganz früh — Du verſtehſt? — Ich verſtehe. — Und heut Abend um 10 Uhr erwarteſt Du mich an der Ecke der elhſäiſchen Felder und der Wittwenallee; ich werde kommen und Dir das Uebrige ſagen. — Wens ne Falle iſt, ſo nehmen Sie ſich i Achr Der Schulmeiſter iſt boshaft Sie haben 117 ihn geſchlagen, .. beim geringſten Zweifel iſt er fähig, Sie zu ermorden. 4 — Sei ohne Sorge. — Donnerwetter! ich kann nicht d'raus klug wer⸗ den, aber Sie können mit mir machen, was Sie wol⸗ len . . Es iſt etwas in der Sache, das mir ſagt, es ſoll dem Schulmeiſter und ſeiner Eule ein Süppchen ein⸗ gebrockt werden. — Aber noch ein Wort, Herr Rudolph. — Sprich. — Ich traue Ihnen nicht zu, daß Sie dem Schul⸗ meiſter eine Falle legen wollen, um ihn von der Po⸗ lizei faſſen zu laſſen. — Er iſt ein ausgemachter Spitz⸗ bube, der verdient, hundertmal gehangen zu werden, aber ihn arretiren helfen, das iſt nicht meine Sache. — Eben ſo wenig die meine, mein Junge; aber ich habe mit ihm und der Eule ein Hühnchen zu pflücken, weil ſie ſich von Leuten gebrauchen laſſen, die mir übel wollen, . und wir werden zu unſerm Zwecke kom⸗ men, wenn Du mir hilſſt. — Ah! auf dieſe Art bin ich gern dabei. — Und wenn es uns gelingt — fügte Rudolph in einem ernſten, beinah feierlichen Tone hinzu, der den Meſſermann ſonderbar zu ergreifen ſchien, — wenn es uns gelingt, dann wirſt Du das Bewußtſein einer guten That haben, wie damals, als Du die alte Frau aus dem Feuer gerettet hatteſt. — Wie Sie das ſagen, Meiſter Rudolph! . Ich habe noch nie dieſen Blick bei Ihnen geſehen .. Aber ſchnell, ſchnell! — rief der Meſſermann plötzlich i ſehe da ganz unten in der Ebene einen weiße aufſteigen . . . das iſt die Haube der Eule⸗ 118 Sie, daß Sie fortkommen, ich krieche in meine Som⸗ merwohnung! — Dieſen Abend um 10 Uhr .. — An der Ecke der Wittwenallee und der eliſäiſchen Felder. Marienblume hatte den letzten Theil des Geſprä⸗ ches zwiſchen Rudolph und dem Meſſermann nicht ge⸗ hört. Sie ſtieg Li ihrem Reiſegefährten wieder in den „ Wagen. Zehntes Kapitel. Die Meierei. Rudolph blieb nach ſeiner Unterhaltung mit dem Meſſermann einige Minuten nachdenkend ſtill. Marienblume wagte nicht, ſein Schweigen zu unter⸗ brechen, aber ſie blickte ihn traurig an. Endlich erhob nriphlhen Kopf und ſagte lächelnd zu ihr: 3 Woran denken Sie, mein Kind? — Das Zuſam⸗ mentreffen mit dem Meſſermann iſt Ihnen unangenehm geweſen? Wir waren ſo luſtig. — Es iſt im Gegentheil ſehr gut für uns, Herr Rudolph, weil der Meſſermann Ihnen nützlich ſein kann. — Wußte man unter den Stammgäſten der Penne, daß dieſer Mann noch gute, unverdorbene Gefühle hat? — Ich weiß es nicht, Herr Rudolph, vor dem Auf⸗ ngeſtern habe ich ihn wohl oft geſehen, al Pelde, der Rauch ſteigt ſo ſchön weiß zum Hir nie mit ihm geſprochen, . . ich hielt ihn für e e ſo ſchlecht, wie die Andern. — Wir wollen daran nicht mehr denken, meine kleine Marienblume. Es ſollte mir leid thun, wenn ich Sie betrübt hätte; ich, der ich Ihnen einen frohen Tag be⸗ reiten wollte. — Ah! ich bin ja ſo glücklich!. . .. Es iſt ſo lange her, daß ich nicht aus Paris gekommep bin! — Seit Ihren Ausflügen im Mhlord mit der Lach⸗ taube? — Ach Gott ja! . . .. Es war damals Frühling, und obgleich wir jetzt Winter haben, macht es mir faſt eben ſo viel Freude! — Wie ſchön die Sonne ſcheint! — Sehen Sie die kleinen rothen Wölkchen dort unten? und den Hügel mit den hübſchen weißen Häuſern, die durch die Bäume blitzen .. .. Mein Gott! es ſind noch Blätter an den Bäumen, — das iſt wunderbar, Herr Rudolph! — nicht wahr? im November? — In Paris fallen die Blätter ſo früh ab . . . ach! und dort unten den Flug Taubenz. . ſie laſſen ſich auf dem Dache einer Mühle nieder . . . man wird doch auf dem Lande nicht müde, ſich umzuſehen! Alles iſt ſo hübſch. — Es macht mir Vergnügen, zu ſehen, daß Sie empfänglich für ſolche Kleinigkeiten ſind, die den Reiz, der Landſchaft ausmachen, Marienblume. 6 Und wirklich, je länger das junge Mädchen das ſtille, lachende Bild betrachtete, das ſich vor iht auf⸗ rollte, je mehr klärte ſich ihr Geſicht auf. — Ah! dort unten ſehe ich ein Strohfener auf dem immel auf 8 ind der Pflug mit den beiden dicken Sch meln 120 wenn ich ein Mann wäre, ich wäre Ackerbauer ge⸗ worden! — Mitten in der weiten, ſtillen Ebene den Furchen ſeines Pfluges folgen zu können den Wald in der Ferne vor ſich zu haben, bei einem Wetter wie heute zum Beiſpiel! .. . man würde in Verſuchung kommen, eins von den ſchönen, etwas traurigen Liedern zu ſingen, die Einem Thränen in die Augen bringen — wie „Genpveva von Brabant.“ — Kennen Sie Genoveba von Brahju, Herr Rudolph? — Nein, mein Kind; aber wenn Du artig biſt, ſollſt Du es mir in der Meierei vorſingen. — Wie! wir fahren in eine Meierei, Herr Ru⸗ dolph? — — Ja, in eine Meierei die meine Amme gepachtet hat, eine gute, würdige Frau, die mich erzog. — Ach! wir werden Milch trinken! — rief Marien⸗ blume aus, indem ſie in die Hände klatſchte. — Pfui, Milch! — ausgezeichnete Sahne Feten wir trinken, köſtliche Butter werden wir eſſen, wenn es Ihnen Spaß macht, und friſche Eier. .. — Die wir uns ſelbſt aus den Neſtern holen? — Gewiß! — Und wir beſehen uns die Kühe in den Ställen? — Das thun wir. — Und wir gehen in die Milchkammern? — In die Wilchkammern. — Und nach dem Taubenſchlag. — Auch dahin. — Ach, Herr Rudolph! das kann man ja gar nicht Alles glauben! .. Wie wollen wir uns freuen! Weſch ein ſchöner Tag! — rrief das junge chen, indem ſie unaufhörlich in die kleinen klatſchte. 3 Aber plötzlich dachte die Unglückliche S Rückgang der Gedanken daran, daß ſie nach diefen ſch nen Stunden der Freiheit wieder in ihre alte Gefangen⸗ ſchaft zurückkehren mußte; . . ſie barg das Haupt in die Hände und begann zu weinen. — Was iſt Ihnen, Marienblume? — fragte Ru⸗ dolph erſtaunt. — Nichts, nichts, Herr Rudolph — ſagte ſie und trocknete ihre Thränen, während ſie zu lächeln verſuchte. — Verzeihen Sie, wenn ich traurig war, es war ein Gedanke ich will wieder lachen. — Aber Sie waren noch eben ſo luſtig. — Eben deshalb . . . .antwortete ſie aufrichtig und erhob ihre noch thränenfeuchten Augen zu Ru⸗ dolph. — Dieſe Worte erhellten Rudolph; er errieth Alles. Um die trühenz danken des jungen Mädchens zu ver⸗ ſcheuchen, ſägte er lächelnd: — Ich wette, daß Sie an ihr Roſenſtöckchen dachten? Sie bedäuerten, daß es nicht Spa⸗ zierfahrt auf das mit genießen kann arme Roſe! Das junge Mädchen benutzte dieſen Scherz als Vor⸗ wand, um zu lächeln. Nach und nach zerſtreute ſich auch ihr Trübſinn, ſie wollte wieder die Gegenwart genießen und nicht mehr an die Zukunft denken. Der Wagen war in der Nähe von St.⸗Denis an⸗ gekor mmen; man komite 9on weitem die hohe Spitzr des thurms ſehen. Ach! der ſchöne Kirchthurm! — rief Marien⸗ E Er gehört zur Kirche von St.⸗Denis, einer prächtigen Kirche! — Wollen wir ſie inwendig beſehen? ſo laſſe ich den Kutſcher halten. Marienblume ſchlug die Augen nieder. — Seit ich bei der Wirthin bin, bin ich in keiner Kirche geweſen; . ich habe es nicht gewagt. Oh! im Ge⸗ füngniſſe ſang ich ſo gern d die Meſſe, und am Aller⸗ ſeelen⸗Tage wanden wir ſo hübſche Kränze den Altar. — Aber Gott iſt gutig und nachſichtig; warum fürchten Sie, zu ihm zu beten in eine Kirche zu gehen? — Oh, Herr Rudolph, es würde eine große Sünde ſein; es iſt genug, daß man den lieben Gott auf andere Art läſtert. Nach einem St ſagte Rudolph zur Lerche: — Haben Sie nie geliebt? — Nie, Herr Rudolph! — Warum? — Sie haben geſehen, was für Leute die Penne be⸗ ſuchen, und dann . muß man ehrlich ſein, um lieben zu können. — Wieſo? — Man muß unabhängig . .. im Stande ſein. aber wenn es Ihnen gleich iſt, Serr Rudolph, ſo, wot 3 len wir lieber davon ſchweigen. * — Sei's, Marienblume! ſprechen wir von etwas An den er warum ſehen Sie mich ſo ſonderbar aß 23 Ihre ſchönen Augen füllen ſich ſchon wieder ni 8h nen Sollte ich Sie betrübt haben? — Nein, im Gegentheile! Aber Sie ſind ß gegen mich, daß ich weinen muß, ohne es zu wollenz und dann duzen Sie mich nicht, und außerdem ſieht es faſt aus, als hätten Sie nich nur mitgenym⸗ nen, um mir ein Vergnügen zu machen. Nicht damit zufrieden, daß Sie mich geſtern vertheidigt haben, berei⸗ ten Sie mir heut einen ſo ſchönen Tag. — Sie ſind alſo wirklich glücklich? — Es wird lange dauern, eh' ich dieſes Glück vergeſſe. — Es iſt ſo ſelten ... das Glück! .. — Ja wohl! — ſo ſelun — Wahrhaftig, weil ich ſo wenig beſitze, macht es mir zuweilen Vergnügen, mir das zu erträumen, was ich haben möchte ... Und Sie, Marienblume, machen Sie ſich nicht auch manchmal ſolche Gedanken? Bauen⸗ Sie nicht auch zuweilen ſchöne Luftſchlöſſer? — Früher im Gefängniß, wohl. Eh' ich zur Wirthin kam, vertrieb ich mir die Zeit mit Träumen und Singen; aber jetzt geſchieht es nur ſelten .. und was wünſchen Sie ſich noch, Herr Rudolph? — Ich möchte reich ſein, ſehr reich . möchte Bediente und Equipage haben, ein großes Haus, möchte in feine Geſellſchaften gehen, alle Tage nach dem Theater; und Sie Marienblume? — So viel wünſche ich mir nicht: ich möchte nur die Wirthin bezahlen können, etwas Geld haben, um le⸗ ben zu können bis ich Arbeit finde, ein kleines, ſauberes Zimmer, von dem aus ich Bänme ſehen ianz wenn ich arbeite K* 124 Viel Blumen am Fenſter .. Ja wohl! Blumen am n Fenſter, auf dem Lande wohnen, wenn ns ginge . weiter nichts. — Ein kleines Stübchen, . . . Arbeit, das iſt das Nothwendigſte; aber wenn man einmal wünſcht, kann man ſich auch etwas Unnöthiges wünſchen .. .. Wür⸗ den Sie nicht auch gern einen Wagen, Diamanten und eine ſchöne Garderobe haben? — Das wünſche ich mir nicht .. .. Frei ſein, auf dem Lande wohnen und die Gewißheit haben, nicht im Hospital ſterben zu müſſen ... Ahl nur nicht da ſter⸗ ben müſſen! ... . Sehen Sie, Herr Rudolph, der Ge⸗ danke kommt mir zuweilen ein und er iſt fürchterlich! — Ja! wir armen Leute .. — Ich ſage nicht des Elendes wegen aber nach⸗ — Wenn man todt iſt? — Wiſſen Sie nicht, Herr Rudolph, was nachher mit uns geſchieht? — Nein! — — Ich kannte ein Mädchen im Gefängniſſe ſie ſtarb im Hoſpital .... Man überlieferte ihren Körper den jungen Aerzten — tüſterte die Unglückliche — Ja, das iſt furchtbar!! Wie, unglückliches Kind, Sie machen ſich oft dieſen Gedanken? — Das wundert Sie, Herr Rudolph? daß mich das mit Scham erfüllt, was nach meinem Tode mit mir ge⸗ ſchieht . . . Ach! mein Gott! . man ließ mir ja nur dieſe Scham! dDieſe ſchmerzlich bittern Worte machten ſu tiefen Eindruck auf Rudolph. Zitternd verhüllte er Geſicht mit beiden Händen; .. . er dachte an das E das ſich ſchwer laſtend auf Marienblume grworftn hutte — Er dachte an die Mutter dieſer Unglücklichen Ihre Mutter! . Sie war vielleicht glücklich, reich, . vielleicht geachtet. Geachtet, reich und glücklich! und ihr Kind, das ſie grauſam der Schande in die Arme warf, hatte die Kammer der Eule verlaſſen, um das Gefängniß zu bewohnen; war aus dem Gefängniſſe entlaſſen, um in die Penne der Wirthin zu gehen, ſollte vielleicht im Hospitale ſterben um . nach ihrem Tode .. Es war entſetzlich. Als das arme Mädchen das trübe Geſicht ihres Be⸗ gleiters ſah, ſagte ſie traurig zu ihm: — Verzeihung, Herr Rudolph; ich ſollte wohl nicht ſolche Gedanken haben . .. Sie nehmen mich mit, um vergnügt zu ſein, und ich Preche von ſo traurigen Din⸗ gen. Mein Gott! aber ich weiß nicht, wie es kommt, es iſt ohne meinen Willen! — Ich war nie glücklicher als heute, und dennoch kommen mir jeden Augenblick Thränen in die Augen. — Nicht wahr, Sie ſind nicht böſe auf mich, Herr Rudolph? .. Und dann ſehen Sie ja, daß dieſe Traurigkeit vergeht, ſchnell, wie ſie kommt. — Sehen Sie, ich denke ſchon nicht mehr daran .. . ich bin ſchon wieder vernünſtig. Sehen ſie einmal meine Augen an, .. Herr Rudolph. Und Marienblume öffnete ihre ſchinn großen Augen, dem ſie ſie einigemal geſchloſſen hatte, um eine wieder⸗ ſpen ſſtige Thräne daraus zu vertreiben, öffnete ſie ſo weit, iho und ſah Rudolph mit einer rezend n Unſchuld ar Feheimniſſe von Paris. 1. S 126 ch bitte Sie, Marienblume, thun Sie ſich keinen Zwang an; ſein Sie heiter, wenn Sie heiter ſein wollen, ſein Sie traurig, wenn die Trauer ftärker iſt als die Freude. — Mein Gott! ich habe ja ſelbſt ſolche trübe Stunden .. . . ich würde mich ſehr unglücklich fühlen, wenn ich eine Freude heucheln ſollte, die ich nicht empfinde. — Sind Sie wirklich auch zuweilen traurig, Herr Rudolph? — Wirklich! .. Meine Erinnerungen ſind nicht viel freudiger als die Ihrigen. Ich habe weder Vater noch Mutter, wenn ich morgen krank werde, „ wovon ſoll ich dann leben? Was ich verdiene brauche ich, Tag auf Tag. — Das iſt Unrecht, Herr Rudolph, . ſehr Un⸗ recht — ſagte Marienblume in einem ernſten, ermah⸗ nenden Tone, der Rudolph lächeln machte. — Sie ſollten Etwas in die Sparkaſſe legen. Ich bin unglücklich ge⸗ worden, weil ich es nicht verſtand, mit dem Gelde um⸗ zugehen. Wenn ein Arbeiter nur 200 Franken hat, fällt er ſo leicht Niemand zu Laſt, kommt er nicht gleich in Verlegenheit .. .. Die Verlegenheit wird ja ſo oft ein Rathgeber zum Böſen. — Das iſt Alles recht klug, recht weiſe, meine kleine Haushälterin, aber die 200 Franken, ... wo kom⸗ men die her? — Aber, Herr Rudolph, das iſt ja ganz einfſch. Wir wollen mal einen kleinen Ueberſchlag machen und Sie werden ſehen. — Sie verdienen zuweilen bis a 5 Franken den Tag, nicht wahr? ſ — Ja, wenn ich arbeite. — Sie müſſen alle Tage arbeiten! ſind Sie bei einer ſo hübſchen Beſchäftigung zu beklagen? Fächer⸗ maler, das muß ja ein wahres Vergnügen ſein. — Sie ſind etwas leichtſinnig, Herr Rudolph, — fügte ſie in einem ernſten Tone hinzu. — Ein Arbeiter kann mit drei Franken ſehr gut leben. Da bleiben Ihnen ja täg⸗ lich 2 Franken übrig, das macht am Ende des Monats 60 Franken . 60 Franken! — Tauſend, das iſt ein Vermögen! — Ja; aber es iſt ſo hübſch, ſich umherzutreiber nichts zu thun. — Ich ſage Ihnen nochmals, Herr Rudolph, Sie ſind zu leichtſinnig. — Nun, ich werde mich beſſern, werde vernünftig werden, meine kleine Erzicherin. — Sie haben mich da auf Gedanken gebracht, an die ich nie dachte: — Wahrhaftig! — ſagte das junge Mädchen, in⸗ dem ſie vor Freude in die Hände klatſchte. — Wenn Sie wüßten, wie mich das zufrieden macht! wie es mich freu Sie ſparen aber auch nun täglich 2 Franken .. nicht wahr? — Ja, ich werde täglich 2 Franken zurücklegen — antwortete Rudolph, der unwillkührlich lächeln mußte. — Iſt's aber auch gewiß? — Ich verſpreche es. — Sie werden 'mal ſehen, wie ſtolz Sie auf Ihre erſten Srpruiſ ſein werden .. . . Aber das iſt noch nicht Alles; wenn Sie mir earecnn wollten, mir übel zu was ich ſagen will. — Scehe ich denn ſo böſe au ich darf. — Nein, gewiß nicht! aber ich weiß nicht, ob — Sie dürfen mir Alles ſagen, Marienblume. — Nun gut! Man ſieht Ihnen an, daß Sie mehr ſind, beſſer ſind als wir, warum beſuchen Sie Wirthshäuſer, wie das zum weißen Kaninchen? — Wenn ich geſtern nicht in die Penne gekommen, hätte ich heute nicht das Vergnügen gehabt, mit Ihnen auf das Land fahren zu können. — Das iſt wohl wahr, Herr Rudolph . . .. ſehen Sie, ich bin heut ſo glücklich, wie man es nur ſein kann, aber ich würde gern darauf verzichten, noch einen ſo ſchönen Tag zu verleben, wenn es Ihnen Nachtheil brin⸗ gen könnte. — Im Gegentheil, Sie haben mir ja gute Rath⸗ ſchläge für meine Wirthſchaft gegeben. — Die Sie befolgen werden? — Ich habe Ihnen verſprochen; . . ich werde täg⸗ lich 2 Franken ſparen. Elftes Kapitel. Die Wünſche. In dieſem Augenblicke ſagte Rudolph zum Kutſcher, der bei dem Dorfe Sarcelles vorbeigefahren war: — Nimm den erſten Weg rechts, durch Villiers⸗le⸗ und dann links, immer grade aus. Dann wandte er ſich zur Lerche: 3 — Da Sie nun mit mir zufrieden ſind, Marien⸗ blume, können wir uns wieder das Vergnügen macheh Bel — 129 wie wir vorher ſagten, um Luftſchlöſſer zu bauen. Da koſtet nicht viel, und Sie werden mir hoffentlich dieſe Ausgaben nicht vorwerfen. — Nein, bauen Sie immerzu Ihr Luſtſchloß. — Erſt das Ihre, Marienblume. — Verſuchen Sie 'mal Herr Rudolph, ob Sie mei⸗ nen Geſchmack errathen? — Ich nehme an, daß dieſer Weg, weil wir ihn grade fahren, nach einem kleinen, niedlichen, von der Straße entfernt gelegenen Dörfchen führt. — Das recht ſtill iſt. — Es iſt an dem Ufer erbaut, und liegt halb von Bäumen verſteckt. — Es iſt alſo dicht dabei ein kleiner Fluß. — Richtig, ein kleiner Fluß. Am Ende des D Dor⸗ fes ſieht man eine niedliche Meierei. An der einen Seite des Hauſes iſt ein Obſt⸗, an der andern ein Vu⸗ mengarten. es iſt, als wenn ich es ſähe, Herr Ru⸗ dolph! — Im Erogeſchoſſe haben wir eine große Küche für die Leute, und einen Speiſeſaal für die Pächterin. — Das Haus hat grüne Laden, das iſt ſo freundlich, nicht wahr, Herr Rudolph? — Grüne Laden, ich bin ganz Ihrer Meinung, es giebt nichts Freundlicheres, als grüne Laden. — Na⸗ fürlicherweiſe iſt die Pächterin Ihre Tante. — Meine Tante, jah und dabei eine recht ute Frau. — Eine ausgezeichnete Frau! Sie lett Sie wie ine Mutter. — Gute Tante! .. es muß doch hübſch ſein, von Jemand geliebt zu ſein. — Und Sie würden ſie wieder lieben? — Oh! — rief Marienblume, indem ſie die Hände faltete und die Augen mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ druck von Glück zum Himmel erhob. — Ja, ja, ich werde ſie lieben; und dann werde ich ihr in der Wirthſchaft helfen, arbeiten, nähen, Wäſche ordnen, bleichen, . .. ſie ſollte ſich nicht über meine Faulheit beklagen! Des Morgens . — Aber warten Sie doch, Marienblume, bis ich Ihnen das Wohnhaus fertig gemalt habe. — Ja, ja, Herr Maler, man ſieht ſchon, daß Sie ſich damit beſchäftigen, niedliche Landſchaften auf die Fächer zu malen. — Kleine Schwätzerin, laſſen Sie mich doch nur das Haus zu Ende bringen. — Es iſt wahr, ich ſchwatze; aber es iſt ſo hübſch! Aber nun will ich hören, Herr Rudolph, beendigen Si⸗ das Haus der Pächterin. 3 — Ihr Zimmer iſt im erſten Stock. — Mein Zimmer! welches Glück! Laſſen Sie mich doch mein Zimmer ſehen! — Ihr Zimmer hat zwei Fenſter, von denen eins nach dem Blumengarten hinausgeht, das andere auf eine Wieſe, durch die der Fluß ſtrömt. An der andern Seite des kleinen Fluſſes erhebt ſich ein Hügel, der mit 3 Kaſtanien bewachſen iſt; durch die Zweige ſieht man de Firchthurm des Dorfes. — Ach wie niedlich, Herr Rudolph! Man bekoynn ordentlich Luſt dort zu ſein⸗ 3 131 — Drei bis vier ſchöne Kühe weiden auf der Wieſe, die durch eine Dornenhecke vom Garten geſchieden iſt. — Und von meinem Fenſter aus kann ich die Kühe ſ — Vollkommen. — Eine von ihnen wird mein Liebling werden, nicht wahr, Herr Rudolph? Ich werde ihr ein hüb⸗ ſches Halsband mit einem Glöckchen machen und ge⸗ wöhne Sie daran, aus meiner Hand zu freſſen. — Was ſie gewiß nicht von ſich weiſen wird. Sie iſt ganz weiß, noch ganz jung und heißt Weißchen⸗ — Ach, der hübſche Name! — Wie ich das gute Weißchen liebe. — Bringen wir Ihr Zimmer zu Ende, Marien⸗ blume. — Es iſt mit einer Art perſiſchen Stoffes tapezirt, während Gardinen von gleichem Zeuge die tenſer ver⸗ hüllen. Ein großer Roſenſtock und ein eben ſo großer Jlängerjelieber bedecken die Seite des Hauſes, wo Ihre Fenſter ſind, die ſie wie mit einem Rahmen umgeben. — Sie brauchen des Morgens nur die Hand aus dem Fenſter zu ſtrecken, um ſich das ſchönſte Bouquet von Roſen und Jelängerjelieber zu z — Ach! Herr Rudolph⸗ ein wie guter Maler Sie ſind! — Nun hören Sie, wie Sie Ihren Tag Uriagen n — Richtig! — Zuerſt kommt Ihre gute Tante, die Sie wrlkt, indem ſie Ihre Stirn küßt; ſie bringt Ihnen eine Taſſe warme MWilch, weil Ihre Bruſt ſchwach iſt, wus Kind! Sie ſtehen auf, Sie gehen in der um⸗ her, beſuchen Weißchen, die Hühnet, die Tauben, den Blumengarten .. . . Um 9 Uhr kommt Ihr Schrei⸗ — Mein Schreibelehrer? — ſehen doch ein, daß Sie leſe ſen, ſchreiben und rechnen lernen müſſen, um Ihrer Tante kyftig die Bü⸗ cher führen zu tönnen⸗ — Das iſt wahr, Herr Rudolph, ich S an nichts ich muß ſchreiben lernen, um meine Tante unter⸗ ſtützen zu können; — ſagte das junge Mädchen ernſthaft und ſo verſenkt in die Schilderung dieſes ruhigen Lebens, daß ſie an die Wirklichkeit deſſelben glaubte. — Nach der Lehrſtunde arbeiten Sie an der Wäſche des Hauſes, oder ſticken ſich ein niedliches Mützchen. Um 2 Uhr arbeiten Sie an Ihren Schreibereien, und dann machen Sie einen Spaziergang mit Ihrer Tante, im Sommer, um die Schnitter, im Herbſt, um die Pflüger zu beſuchen. Dabei werden Sie recht müde werden und beim Nachhauſegehen nehmen Sie Weißchen eine Sand voll ſchönes Gras mit. — Denn wir gehen doch über die Wieſe zurick, nicht wahr, Herr Rudolph? — Ganz gewiß! es geht eine hölzerne Brücke über den Fluß. Wenn der Spaziergang beendigt iſt, dann iſt's bald 7 Uhr; ein hübſches, helles Feuer brennt in der Küche, und Sie gehen einen Augenblick hin, um ſich zu wärmen und ein Paar Worte mit den guten Leuten zu ſprechen, die von der Arbeit heimgekommen ſind und zu Abend eſſen. Dann gehen Sie hinauf und eſſen mit Ihrer Tante zuſammen; zuweilen kommt der Pfarrer oder ein anderer Freund des Hauſes und Sie leſen oder arbeiten, während Ihre Tante Ihre Parthie macht. — Um 10 Uhr giebt Sie Ihnen einen zweiten Kuß anf die Stirn, ſie ſteigen nach Ihrem Zimmer hin⸗ auf und am andern Morgen geht Alles wieder von vorn los. — Auf dieſe Art könnte man hundert Jahre leben, Herr Rudolph, ohne ſich einen Augenblick zu lang⸗ weilen. — Oh, das iſt noch gar nichts! Aber an Sonn⸗ und Fefttagem erſt! — Was iſt an dieſen Tagen, Herr Rudolph? — Dann putzen Sie ſich; Sie ziehen ein niedliches Kleid an, ſetzen ein kleines Mützchen auf, die Ihnen zum Entzücken ſteht, beſteigen dann mit Ihrer Tante und Johann, dem Kutſcher, den Wagen, um zur Meſſe in die benachbarte Kirche zu fahren. Im Sommer begleiten Sie Ihre Tante auf alle Erndtefeſte in den umliegenden Dörfern. Sie ſind ſo hübſch, ſo niedlich, ſo gute Wir⸗ thin; Ihre Tante liebt Sie ſo ſehr, ... der Pfarrer ſpricht ſd gut von Ihnen, daß alle junge Pachter aus der Umgegend mit Ihnen tanzen wollen, weil auf dieſe Art alle Heirathen beginnen. Nach und nach bemerken Sie auch Einen, der Ihnen ... Erſtaunt über das Stillſchweigen des jungen Mäd⸗ chens, ſah er zu ihr hin ... Die Unglückliche konnte ihr Schluchzen kaum unterdrücken⸗ * Durch Rudolph's Schilderung getäuſcht, hatte ſie einen Augenblick die Gegenwart vergeſſen und der Ab⸗ ſtand dieſer Gegenwart mit dem Traume eines heitern, gemüthlichen Lebens, rief ihr ihr gräßliches Schickſal zurück. — Marienblume! — Was iſt Ihnen? — Ach! Herr Rudolph! Sie haben mich, oh . zu wollen, recht betrübt . . . . ich glaubte einen Augen⸗ blick an dies Paradies. — Aber, mein armes Kind, dies Paradies iſt wirk⸗ lich da. — Sehen Sie! — Kutſcher, halt! Der Wagen hielt. Marienblume erhob unwillkührlich den Blick. Sie befand ſich auf der Spitze eines kleinen Hügels. Wie groß war ihre Verwunderung, ihr Erſtaunen! Das Dörfchen an dem Ufer des Fluſſes, die Meierei, die Wieſe, die Kühe, das Knſtaniengwaltchen die Kirche in der Ferne, . . nichts fehlte zu dem Bilde, das nun vor ihren Blicken lag, nichts als Weißchen, der künftige Liebling der Lerche. Die reizende Landſchaft ſtrahlte unter der Friſche einer ſchönen Novemberſonne. Die rothen und gelben Blätter, die noch an den Ka⸗ ſtanienbäumen ſaßen, ſtachen wunderbar von dem Blau des Himmels ab. — Nun, Marienblume, was ſagen Sie? Bin ich ein guter Maler? — ſagte Rudolph lächelnd. Marienblume betrachtete ihn mit einem Erſtaunen, in das ſich eine gewiſſe Unruhe zu miſchen ſchien. Das Alles kam ihr wie Zauberei vor. — Wie geht das zu, Herr Rudolph? Mein Gott! iſt es ein Traum? ... Ich fürchte mich beinah . Wär' es wirklich ſo, wie Sie mir geſagt? — Nichts iſt einfacher als das, mein Kind. Die Pachterin iſt meine Amme, ich bin hier erzogen. — Ich habe ihr dieſen Morgen geſchrieben, daß ich ſie Kſa wollte; ich malte nach der Natur. — Oh! Herr Rudolph! es iſt wahr, — ſagte das junge Mädchen mit einem tiefen Seufzer. 135 Zwölftes Kapitel. Die Meierei. Die Meierei, in die Rudolph Marienblume brachte, lag außerhalb und am äußerſten Ende des Dorfes Bou⸗ gueval, das ungekannt und einſam verſteckt beinah zwei Stunden von Ecouen entfernt liegt. Der Wagen verfolgte nach Rudolph's Anweiſung einen ziemlich ſteil bergabgehenden Weg und fuhr in eine lange Allee, die von Kirſch⸗ und Apfelbäumen gebildet wurde. Der Wagen rollte ohne Geräuſch auf einem weichen, feinen Raſen hin. Marienblume blieb ſtill und traurig, denn es gelang ihr nicht, einen unbekannt ſchmerzlichen Eindruck zu ver⸗ löſchen, den Rudolph ſich vorwarf, ihr verurſacht zu haben Nach einigen Minuten fuhr der Wagen bei dem großen Thore der Meierei vorbei, verfolgte ſeinen Weg an einer dicken Hecke entlang und hielt endlich vor einer alten, hölzernen Thür, die halb und halb von den herbſt⸗ lich gelben Blättern eines großen Weinſtockes verdeckt war — Da wären wir am Ziele, Marienblume, — ſagte Rudolph; — ſind Sie zufrieden? — Ja, Herr Rudolph, obgleich es mir ſcheint, daß ich nicht wagen werde, die Pachterin anzuſehen. — Warum nicht, mein Kind? — Sie haben Recht, Herr Rudolph; ſie kennt mich ja nicht. — Und das junge Mädchen unterdrückte einen tiefen Seußzer. 136 Man hatte ohne Zweifel auf die Ankunft des Wa⸗ gens gewartet, denn als der Kutſcher die Thür öffnete, kam eine Frau von etwa 50 Jahren, in der gewöhnli⸗ chen Kleidung der keichen Pächterinnen, mit traurig ſanf⸗ ten Zügen heraus und trat zu Rudolph mit ehrerbieti⸗ ger Eile. Die Lerche wurde purpurroth und ſtieg nach eini⸗ gem Zögern aus. — Guten Tag, meine gute Madame Georges, — ſagte Rudolph zur Pachterin, — Sie ſehen, ich halte Wort. Dann wandte er ſich um, und indem er den Kut⸗ ſcher Geld in die Hand drückte, ſagte er: — Du kannſt zurückfahren nach Paris. Der Kutſcher, ein kleiner, unterſetzter Kerl, hatte den Hut bis tief über die Augen gezogen und das Ge⸗ ſicht faſt ganz mit ſeinem Pelzkragen verhüllt. Er ſteckte das Geld ein, antwortete nichts, ſtieg auf ſeinen Bock, peitſchte das Pferd und verſchwand eiligſt in der grünen Allee. — Nach einer ſo langen Fahrt hat der ſtumme Kutſcher große Eile, um davon zu kommen, — dachte Rudolph anfangs. — Aber doch! es iſt noch nicht 2 Uhr, er will noch zeitig nach Paris zurückkommen, um den Reſt des Tages zu benutzen. — Und Rudolph dachte nicht weiter an die Bemerkung, die er gemacht hatte. Marienblume näherte ſich ihm ängſtlich, faſt be⸗ ſorgt und ſagte leiſe zu ihm, ſo daß Madame Georges es nicht hören konnte: Mein Gott, Herr Rudolph! Verzeihen Sie Sie ſchicken aber den Wagen zurück Die Wirthin? Ach! .. . . Ich muß ja bis zum Abend zu ihr zurück. wenn ſie mich nicht als eine Diebin betrachten ſoll⸗ Meine Kleider gehören ihr und ich bin ihr außerdem noch ſchuldig. — Seien Sie ruhig, mein Kind, ich muß Sie um Verzeihung bitten. — Sie, und warum? — Weil ich Ihnen nicht früher geſagt habe, daß Sie der Wirthin nichts mehr ſchulden, .. daß Sie dieſe ſchlechten Kleider mit beſſern vertauſchen können, vie Ihnen Madame Georges geben wird. Sie hat welche, — ie Ihnen genau paſſen werden, und ſie Ihnen ge⸗ wiß gern geben. — Sie ſehen, daß ſie ſchon ihre Rolle als Tante beginnt. Marienblume glaubte zu träumen; ſie blickte von er Pachterin auf Rudolph und ſchien ihren Ohren nicht zu trauen. — Wie! — ſagte Sie mit zitternder Stimme, — ich werde nicht nach Paris zurücktehren hier bleiben, Madame erlaubt es mir? Wäre es möglich? . Es war alſo kein Luftſchloß? — Es hat ſich verwirklicht. — Nein! nein, es wäre zu viel, zu Glück! — Man iſt nie glücklich genug, Marienblug — Seien Sie harmherzig, Herr Rudol täuſchen Sie mich Kücht! — Glauben Sie mir, mein liebes King Rudolph mit noch immer liebevoller Stiz mit einer Würde, die Marienblume nochen kaunte; — können hier bleiben, wem 4 c Sr gefällt; können von heute ab jenes friedliche Leben bei Ma⸗ dame Georges führen, deſſen Beſchreibung Sie noch eben entzückte. Wenn Madame Georges auch nicht Ihre Tante iſt, wird ſie doch für Sie die größte Zärtlichkeit fühlen, wenn ſie bekannter mit Ihnen wird. Sie wer⸗ den ſelbſt bei den Leuten für ihre Nichte gelten, . dieſe kleine Lüge wird Ihre Lage angenehmer machen. — Noch einmal, Marienblume, wenn es Ihnen gefällt, können Sie Ihren Traum verwirklichen. Sobald Sie wie eine kleine Pachterin gekleidet ſein werden, — fügte er lächelnd hinzu, — wollen wir Sie zu Ihrem Lieb⸗ ling, zu Weißchen, führen, die nur das Halsband er⸗ wartet, das ſie ihr verſprochen haben. Wir werden auch zu den Tauben gehen und in die Milchkammern; wir werden die ganze Meierei durchlaufen, ganz wie wir es uns vorhin vornahmen. Marienblume faltete gerührt die Hände. Das Er⸗ ſtaunen, dik Freude, die Dankbarkeit, die Achtung ſpra⸗ chen ſich auf ihrem reizenden Geſichtchen aus; ihre Augen füllten ſich mit Thränen und ſie ſagte: — Herr Rudolph, Sie ſind ein Engel, den der liebe Gott den Unglücklichen ſchickt, daß Sie ihnen ſo el Gutes erzeigen, ohne ſie zu kennen! daß Sie ſie der chande entreiſſen und ihr Elend mildern! — Mein armes Kind — etwiederte Rudolph mit cheln tiefer Trauer, aber unausſprechlicher Güte, hich noch jung bin, habe ich doch ſchon viel das mag Ihnen das MWitgefühl erklären⸗ heißen werden. Vor meiner Unglückliche habe. Gehen Sie mit Madame karienblume, oder vielmehr Marie, wie Sie breiſe werden wir noch zuſammen plaudern und ich werde glücklich ſein, wenn ich weiß, daß ich Sie glücklich und zufrieden verlaſſe. Marienblume antwortete nicht, aber ſie näherte ſich Rudolph, beugte vor ihm das Knie und ergriff ſeine Hand, die ſie ehrfurchtsvoll, mit einer Bewegung von Grazie und Züchtigkeit an die Lippen führte. Dann folgte ſie Madame Georges, die ſie mit tiefer Theilnahme betrachtete. Dreizehntes Kapitel⸗ Murph und ndolph. Rudolph lenkte ſeine Schritte nach dem Hofe, wo er den großen ſtarken Mann traf, der ihn am Abend vorher als Kohlenträger verkleidet von der Ankunft Tom's und Sarah's benachrichtigt hatte. Murph, ſo iſt der Name des Mannes, war un⸗ gefähr 50 Jahre alt; in den beiden blonden Locken, die ſich an jeder Seite ſeines faſt kahlen Kopfes zeigten, waren ſchon einige weiße Härchen. Sein großes, rothes Geſicht war Sle rein raſirt, bis auf einen kurzen Backenbart von hellrother Farbe. Trotz ſeines Alters und ſeiner Wohlbeleibtheit war Murph gewandt und Kräftig. Seine ruhigen Züge zeigten Wohlwollen und Entſchloſſenheit; er trug ein weißes Halstuch, eine große Weſte und einen ſchwarzen Rock mit langen Schößen⸗ Stin kurzen grünen Beinkleider waren von demſelben 140 Stoffe, wie die Kamaſchen mit Perlenmutterknöpfen, die S nicht ganz bis an die Strumpfbänder hinaufreichten. Sie ließen an dieſer Stelle ſeine wollenen Strümpfe ſehen. Die Kleidung und die männliche Haltung Murph's erinnerten an die Eigenthümlichkeit deſſen, was die Eng⸗ länder einen Gentleman⸗Pachter nennen. Wir müſſen ſagen, daß Murph ein Engländer und Gentleman, wenn auch kein Pachter, war. Als Rudolph in den Hof trat, ſteckte Murph in ie Seitentaſche eines kleinen Reiſewagens zwei Piſtolen, die er ſorgfältig abgewiſcht hatte. — Welchem Teufel willſt Du mit Deinen Piſtolen zu Halſe gehen? — fragte Rudolph. — Das iſt meine Sache, gnädiger Herr — antwortete õſ Murph, indem er von dem Wagentritte herunterſtieg. — Beſorgen Sie Ihre Geſchäfte, ich habe meine eigenem⸗ — Wennehr haſt Du die Pferde beſtellt? — Wie Sie befohlen haben, bei Einbruch der Nacht. — Du biſt heut Morgen angekommen? — Um 8 Uhr. Madame Georges hat ſomit Zeit gehabt, Alles vorzubereiten. * — Du biſt eben nicht guter Laune .... Biſt Du nicht mit mir zufrieden? — Nur zu ſehr, gnädiger Herr; aber einen Tag oder den andern, . . endlich . .. die Gefahr Ihr Leben ſteht auf dem Spiele. — Du haſt gut reden! ... Wenn ich Dich hanf veln ließe, würden die Gefahren nur für Dich da ſein⸗ — Und was würde es ſchaden, gnädiger Herr — Würde mir das Vergnügen machen? — Sie, — ſagte Murph achſelzuckend, — Sie und in ſolchen Kneipen? — Aha! Da zeigt ſich der Engländer mit ſeinen vornehmen Bedenklichkeiten, der da glaubt, die großen Herren ſind anders gemacht, aus anderm Stoffe als der gewöhnliche Mann. — Wenn Sie ein geborner Engländer wären, gnä⸗ diger Herr, würden Sie mich begreifen .. .. man ehrt den, der ſich ſelbſt ehrt. — Wäre ich übrigens auch ein Türke, Chineſe oder Amerikaner, ich würde immer darüber reden, daß Sie ſich ſolchen Gefahren ausſetzen. — Ge⸗ ſtern Abend, in der abſcheulichen Straße der Cité, wo ich mit Ihnen jenen Roth⸗Arm, den der Teufel holen möge, ausfindig machen ſollte, war es nur die Furcht, Ihnen ungehorſam zu ſein, die mich beſtimmte, Ihnen nicht zu Hülfe zu kommen, als Sie ſich mit dem Ban⸗ diten in dem Hauseingange ſchlugen. — So bezweifelſt Du meinen Muth, meine Kraft? — Loider haben Sie mir hundertmal bewieſen, daß ich weder an der einen noch an der andern zweifeln kann. Grabb in Ramsgate hat Ihnen das Boren, La⸗ cvur in Paris die Handhabung des Stockes und außer⸗ dem, der Seltſamkeit wegen, die Diebesſprache, der be⸗ rühnnte Bertrand das Fechten beigebracht, und Sie be⸗ ſiegten ſogar zuweilen Ihre Lehrer .. .. Sie tödten mit einem gewöhnlichen Piſtol eine Schwalbe im Fluge Sie haben Muskeln, ſo feſt wie Stahl, obgleich ſchlank und behende wten Sie mich ſo leicht beſiegen, wie ein Pr Bis 6 S 142 Rudolph hat mit einer lächelnden Zufriedenheit die Aufzählung ſeiner Gladiator⸗Eigenſchaften angehört; er fragte lächelnd: — Nun! und Du fürchteſt noch für mich? — Ich bleibe dabei, gnädiger Herr, daß es ſich für Sie nicht ſchickt, ſich mit dem Erſten, Beſten einzulaſ⸗ ſen. Ich ſage nicht, daß ich es unpaſſend für einen achtbaren Mann meiner Bekanntſchaft finde, ſich das Geſicht mit Kohle zu um das Ausſehen eines Teufels zu haben trotz meiner grauen Haare, mei⸗ ner Würde und meiner Wohlbeleibtheit, würde ich mich in einen Seiltänzer verwandeln, wenn ich Ihnen damit einen Gefallen thun könnte; aber ich bleibe dabei, es vaßt ſich für Sie nicht. — Oh! ich weiß Murph, wenn ſich eine Ueberzeugung bei Dir Trotzkopf eingeniſtet hat, wenn ſich die Hingebung in Deinem muthigen Herzen feſtge⸗ ſetzt hat, dann würde ſie ſelbſt ein Teufel nicht mit ſei⸗ nen Krallen herausreißen .. — Sie ſchmeicheln, gnädiger Herr, Sie haben wie⸗ d einen — Nimm kein Blatt vor den Mund⸗ — Einen thörichten Streich vor, gnädiger Herr. — Guter Murph, Du haſt eine ſchlechte Zeit ge⸗ wählt, um mir Vorleſungen zu halten. — Warum? — Weil ich grade jetzt mich ſtolz und u 5 fühle; ich bin hier. — An einem Orte, wo Sie Gutes gethan haben; nicht? — An dem Orte, wo ich gegen Deine Previgten taub binz er iſt mein Temple⸗Bar . wa Gnädiger Herr, Sie thun, was Ihnen gut ſcheint — Aber wo zum Teufel kann ich Ihnen denn an kommen, gnädiger Herr? — Murph, Du ſagſt mir Schmeicheleien, Du willſt mich beſtimmen, einen thörichten Streich zu unterlaſſen.. — Gnädiger Herr, es giebt Thorheiten, gegen die ich nachſichtig bin . . . — Die Geldthorheiten? — Ja, denn wenn man bedenkt, mit beinah zwei Millionen Einkünften. — Kommt man doch oft in Verlegenheit, mein gu⸗ ter Murph. — Wem wollen Sie das ſagen, gnädiger Herr? — Und es giebt ſo reine, tiefe Freuden, die ſo we⸗ nig koſten! Wie ſoll ich beſchreiben, was ich eben em⸗ pfunden habe, als dieſe Unglückliche ſich endlich hier in Sicherheit ſah und mir dankbar die Hand küßte! Und das iſt noch nicht Alles; mein Glück hat eine lange Zu⸗ kunft; morgen, übermorgen, viele Tage noch werde ich mit Vergnügen an das denken, was das junge Mädchen empfand, als ſie in dieſem ſtillen Zufluchtsorte, bei der guten Madame Georges erwachte, die ſie gewiß lieben wird, denndas Unglück macht mitfühlend. — Oh! was Madame Georges betrifft, ſo iſt eine Wohlthat nie beſſer angewendet worden .. .. Eine edel⸗ nüthige Frau, ein tugendhafter Engel, ein Engel! ich werde ſelten bewegt, aber ich wurde be⸗ wegt, bei dem Leiden der Madame Georges . Aber Ihr neuer Schützling, .. ſehen Sie, doch, ſchwei⸗ gen wir lieber davhn. — Warum, Murph? 10 — Ich thue das, was Recht iſt, — antwortete Rudolph mit einem Anfluge von Ungeduld. — Recht, wie Sie es dafür halten .. — Recht, wie es vor Gott und meinem Gewiſſen, — entgegnete Rudolph ernſt. — Wir verſtändigen uns doch nicht, gnädiger Herr; ich wiederhole es, ſchweigen wir darüber. — Und ich befehle D Dir, davon zu ſprechen! — rief Rudolph gebieteriſch. — Ich habe mich nie dem ausgeſetzt, daß Sie mir ——————— verboten haben zu ſprechen, ich denke, Sie werden mich auch nicht zum Rihn zwingen, — antwortete Murph ſtolz. E — Murph!! — rief Rudolph mit einem go ſtei⸗ genden Unwillens. — Gnädiger Herr! — Sie wiſſen, daß ich jeden Widerſpruch haſſe. — Es ſteht mir zu, zu widerſprechen! — erwiederte Murph barſch. 9 — Vernehmen Sie, mein Herr, daß wenn ich mich mit Ihnen bis zur Vertraulichkeit herablaſſe, es unter der Bedingung geſchieht, daß Sie ſich nicht bis zur Un⸗ verſchämtheit erheben! — Gnädiger Herr! Ich bin 50 Jahre alt und Gentleman. Sie dürfen nicht ſo mit mir — Schweigen Sie! — Gnädiger Herr! — Schweigen Sie!! — Gnädiger Herr, es iſt unwürdig, einen Ehren⸗ mann zu zwingen, daß er an die Dienſte erinnert, d er geleiſtet hat. 145 . — Deine Dienſte? — Sind ſie etwa nicht anſtän⸗ dig bezahlt? Wir müſſen geſtehen, daß Rudolph in dieſe grau⸗ ſamen Worte nicht den demüthigenden Sinn gelegt hatte, der Murph in die Stellung eines Miethlings ſetzte; leider legte dieſer ſeine Worte ſo aus. Eine hef⸗ tige Schamröthe flog über ſein Geſicht, und er drückte die geballten Fäuſte an die kahle Stirn mit dem Aus⸗ drucke eines heftigen Unwillens; dann blickte er plötzlich auf Rudolph, deſſen edles Geſicht durch einen unmäßi⸗ gen Hochmuth verzerrt und entſtellt war, erſtickte einen Seufzer, blickte den jungen Mann mit einer Art von zärtlichem Mitleiden an und ſagte mit bewegter Stimme: . — Gnädiger Herr! kommen Sie zu ſich! Sie ſind nicht bei Sinnen! .. . . Dieſe Worte trieben Rudolph's Zorn bis auf die höchſte Spitze; ſein Blick blitzte wild auf, ſeine Lippen erbleichten, und indem er drohend auf Murph zuging, vief er: — Du wagſt es! — Murph ſprang zurück und ſagte lebhaft, faſt wie gegen ſeinen Willen: — Gnädiger Herr! gnädiger Herr! Denken Sie an den dreizehnten Januar! L Dieſe Worte machten einen beinah zauberiſchen Ein⸗ druck. Er blickte Murph feſt an, ſenkte das Haupt und ſagte nach einem kurzen Stillſchweigen mit bewegter Stimme: Oh Murph! . Sie ſind grauſam ich e einſt, daß Sie wenigſtens . . bolph konnte ſeine Rede nicht vollenden, ſeine 146 Stimme erloſch; er ſank auf eine Steinbank nieder und barg ſein Haupt in beide Hände. — Gnädiger Herr! — rief Murph troſtlos, — mein guter Herr, verzeihen Sie Ihrem alten, treuen Murph. Nur der äußerſte Nothfall, weil ich die Folgen Ihrer Hitze, ach nicht für mich, nein für Sie fürch⸗ tete, ſagte ich das, was ich geſagt habe, ohne Zorn, ohne Vorwurf, mitleidig und faſt gegen meinen Willen. — Mein guter, gnädiger Herr, ich that Unrecht, daß ich empfindlich war, ... mein Gott, wer ſoll Sie denn kennen, wenn ich Sie nicht kenne, der ich Sie von Kind auf nicht verlaſſen habe!? ... Verzeihung, ſagen Sie, daß Sie mir verzeihen, Sie an jenen trau⸗ rigen Tag erinnert zu haben .. .. Oh! was für Buße haben Sie ſich nicht dafür . . Rudolph erhob den Kopf; er ſah leichenblaß aus und ſagte mit ſanfter, trauriger Stimme zu ſeinem Be⸗ gleiter: — Genug, genug, mein alter Freund! ich danke Dir, daß Du mit einem Worte meinen verderblichen Zorn verſcheuchteſt; ich bitte nicht um Verzeihung, der harten Worte wegen, die ich Dir geſagt habe, denn Du weißt wohl, wie weit es vom Herzen bis zu den Lippen iſt, wie man bei uns zu Lande ſagt. Ich war abwe⸗ ſend; ... ſprechen wir nicht mehr dabon. — Acht nun ſind Sie wieder lange Zeit traurig! Ich habe nur den einen Wunſch, Ihren Trübſinn zu Lerſcheuchen, und ſtoße Sie dennoch durch meine ki diſche Empfindlichkeit wieder hinein. — Gott's wozu nützt es denn, ein rechtſchaffener Mann und graue Haare zu haben, wenn man nicht . und Prahlhans. Wir müfi ab geduldig Vorwürfe anhören kann, die man nicht Ler dient. Aber nein! — fuhr er mit einer tomniſchl Be⸗ gaſni fort, die ſeltſam gegen ſeine gewöhnliche Ruhe abſtach, — aber nein, man wird mir alle Tage Schmei⸗ cheleien ſagen müſſen, zum Beiſpiel: Herr Murph, ſie ſind das Muſter aller Diener; Herr Murph, es kommt keine Treue der ihrigen gleich; Herr Murph, ſie ſind ein bewunderungswürdiger Menſch; Murph, Donnerwetter! Teufel! wie hübſch das iſt; Murph! braver Murph! He, alter Papagei, auf und kraue dir doch deinen Kopf!! Dann erinnerte er ſich an die liebevollen Worte, die Rudolph ihm beim Beginn ihres Geſpräches geſagt hatte und er rief mit geſteigertär Heftigkeit: — Und er nennt mich noch ſeinen guten, alten, ſeinen treuen Murph; mich, der ich wie ein gemeiner Kerl über ein einziges Wort . . . . in meinem Alter! Gott's Tod! Man möchte ſich die Haare ausreißen. — Und der gute Mann griff mit beiden Händen nach dem Kopfe. Dieſer Ausdruck und dieſe Bewegung war bei ihm das Zeichen der bis zum Wahnſinn geſteigerten Ver⸗ zweiflung. Unglücklicherweiſe oder glücklicherweiſe war ſein Haupt faſt ganz kahl, wodurch ſeine Verzweiflung, freilich zu ſeinem Bedauern, ganz unſchuldig wurde; denn wenn die That den Worten folgte, das heißt; wenn ſeine Finger auf dem glänzenden, marmorglatten Schädel nichts fanden, wurde der würdige Mann vér⸗ wirrt und ſchämte ſich; er hielt ſich dann für einen A 148 WMurph von dieſem Verdachte zu befreien, daß er einſt ſo ſchönes, dickes, goldgelbes Haar gehabt hatte, wie es nur jemals den Kopf eines Gentleman aus WYorkſhire geſchmückt hat. Gewöhnlich hatte Murph's Täuſchung, in Betreff ſeines Kopfputzes, auf Rudolph's Laune einen ſehr gün⸗ ſtigen Einfluß. Aber eben jetzt waren Rudolph's Ge⸗ danken ernſt, ſchmerzlich; und dennoch wollte er Murph's Kummer lindern, darum ſagte er ſanft lächelnd zu ihm: — Sage, guter Murph, Du ſcheinſt das, was ich für Madame Georges gethan habe, ohne Unterſchied für gut zu halten .. — Gnädiger Herr .. — Und ſcheinſt Dich dagegen über den Antheil zu wundern, den ich an dem armen, unglücklichen Mäd⸗ chen nehme. — Gnädiger Herr, Verzeihung ich habe Un⸗ recht gehabt, ich habe mich vergangen .. — Nein; ich begreife, Du haſt Dich durch den Schein täuſchen laſſen. — Aber da Du mein Leben, mein ganzes Leben kennſt, da Du mich ſo treu wie muthig bei der Aufgabe, die ich mir geſtellt habe, unterſtützſt, iſt es meine Pflicht, oder, wenn Du es lieber willſt, eine natürliche Dankbarkeit, Dich zu überzeugen, daß ich nicht leichtſinnig handle. — Ich weiß es, gnädiger Herr. — Du kennſt die Gedanken, die ich von dem Guten, was der Menſch thun kann und ſoll, habe. — Schuld⸗ loſe Armen, die klagen, zu Futerſtützen, iſt gut. Er⸗ ngen über die einz uziehen, die mit Ehre und aft und ihnen bisweilen ohne es ihnen 3 2 — 7 und Elend geſtorben ſein; denn ſie ſchämte wiſſen zu laſſen, . bei Zeiten dem Elend vorbeugen oder die Verſuchung entfernen .. . . iſt beſſer. Diejeni⸗ gen in den eigenen Augen wieder ehrlich und rechtſchaf⸗ fen machen, die in der Verachtung, die ſie brandmarkt, in der Noth, die ſie verzehrt, in der Verderbtheit, die ſie umgiebt, noch einige reine, edle Gefühle behalten haben, und hierbei es ſelbſt nicht ſcheuen, mit der Noth, dem Schmutze und der Verderbtheit in nahe Verührung zu kommen, iſt noch beſſer. Mit mächtigem Haſſe, mit einer unerſättlichen Rache das Laſter, die Gemeinheit, das Verbrechen zu verfolgen, das im Schmutze herum⸗ kriecht, oder ſich auf Seide wälzt, iſt Gerechtigkeit. Aber blind, ein verſchuldetes Elend zu lindern, .. .. Almoſen und Mitleid, dieſe züchtig frommen Tröſterinnen meines kranken Herzens zu entweihen, ſie an unwürdige, ge⸗ meine Weſen fortzuwerfen, wäre unfromm und gottes⸗ läſterlich. Es hieße an Gott zweifeln, und wer giebt, muß den Glauben daran haben. — Gnädiger Herr, ich wollte nicht ſagen, daß Sie Ihre Wohlthaten an Unwürdige fortgeworfen haben. — Noch ein Wort, mein alter Freund. Madame Georges und das junge Mädchen, die ich ihr anber⸗ traue, ſind von den zwei äußerſten Punkten ausgegan⸗ gen, um in einen und denſelben Abgrund des Unglückes zu ſtürzen. Die Eine ſah reich, geliebt, geachtet und mit allen Tugenden begabt ihr Leben durch den heuchle⸗ riſchen Böſewicht zertrümmert, gebrandmarkt, an den verblendete Eltern ſie verheirathet hatten. Ich kann es freudig ſagen: ohne mich würde die arme Frau in Noth Jemand —5 — Ach! gnädiger Herr, als wir in dem Dachſtüb⸗ chen ankamen, welche entſetzliche Armuth zeigte ſich un⸗ ſeren Blicken! Es war ſchrecklich! ... ſchrecklich! . .. Und als ſie nach einer langen, ſchweren Krankheit ſo zu ſagen hier, in dem ſtillen, ruhigen Hauſe erwachte, . welches Erſtaunen! .. . welche Erkenntlichkeit. — Sie haben Recht, gnädiger Herr! man lernt wieder an Gott glauben, wenn man ſolche Unglückliche unterſtützen ſieht. — Und man ehrt Gott, wenn man ihnen zu Hülfe kommt; ich geſtehe, nichts iſt himmliſcher, als die reine, bedächtige Tugend einer Frau wie Madame Geor⸗ ges, die durch eine gute, fromme Mutter in der verſtän⸗ digen Erfüllung aller ihrer Pflichten erzogen iſt, nie⸗ mals gewankt hat . . . niemals!! muthig durch die ſchrecklichſten Prüfungen ſchritt. — Aber heißt es nicht ebenfalls Gott in dem Göttlichſten ehren, wenn man eine von den wenigen Naturen, die er vollkommen be⸗ gabte, aus dem Schmutze zieht? .. .. Verdient ſie nicht. auch Mitleid, Theilnahme, Achtung? ... ja Achtung, das arme Kind, das allein ſeinem Inſtinkte überlaſſen, das gemartert, eingekerkert, erniedrigt, heilig, in der Tiefe ſeines Herzens die guten Keime bewahrte, die Gott hineingelegt hatte? — Wenn Du das arme Geſchöpf gehörs hätteſt, wie bei dem erſten theilnehmenden Worte, das ich ihr ſagte, bei der erſten anſtändigen, freundlichen Rede, die ſie hörte, die reizendſten Gefühle, die rein⸗ ſten einfachſten Neigungen, die zarteſten, poetiſchſten Ge⸗ danken in Fülle in ihrer unſchuldigen Seele erwachten, wie im Frühlinge beim erſten Strahle der Sonne die rauſend wilden Blumen der Wieſen erblühen, ohn ,— verſöhnlichen Haß, es zu wiſſen! .... In einem Geſpräche von einer Stun mit einem armen Arbeiter habe ich in Marienblume Schätze von Güte, Anmuth und Züchtigkeit entdeckt, mein guter Murph. Ein Lächeln kam auf meine Lippen, eine Thräne in mein Auge, als ſie mir mit ihrem lieb⸗ lichen, aber vernünftigen Geplauder bewies, daß ich täg⸗ lich 40 Sous erſparen müſſe, um vor Noth und Ver⸗ ſuchung geſchützt zu ſein. Arme Kleine! ſie ſagte das in einem ſo ernſten, gläubigen Tone! ſie empfand eine ſo große Zufriedenheit, mir einen guten Rath geben zu dürfen, eine ſo freudige Genugthuung, als ich verſprach, ihn zu befolgen! .. .. Ich war bewegt . . ja bewegt bis zu Thränen und man beſchuldigt mich, abgeſtumpft, hart und unbeugſam zu ſein! . . . . Oh nein! Gott ſei Dank! ich fühle zuweilen, daß mein Herz noch dem Edeln warm entgegenſchlägt! — Aber ſelbſt Du biſt ja ge⸗ rührt, alter Murph. — Nicht? Marienblume wird nie auf Madame Georges eiferſüchtig ſein, . Murph wird auch an ihrem Glücke theilnehmen? — Gewiß, gnädiger Herr! . . . Dieſer Zug, Sie bereden zu wollen, täglich 40 Spus zu ſparen, — weil ſie Sie ſir einen Arbeiter hielt, — ſtatt Sie zu beſtim⸗ men, das Geld für ſie auszugeben, . dieſer Zig rührt mich mehr, als er es wohl ſollte. — Und wenn ich daran denke, daß dieſes Kilid eine Mutter, eine reiche, geehrte Mutter hat, wie man ſagt, die es unwürdig verlaſſen hat. — Oh! wenn dem ſo iſt! — und ich denke es zu erfahren, — danm wehel wehe! dieſer Frahl! Sie wird eine ſchreckliche Buße zu büßen haben. Murph! Murph! nie fühlte ich einen ſo un⸗ als wenn ic an dieſe 5 nke die ich nicht kenne. — Du weißt, Murph, manche Rache iſt ſo ſüß, mancher Schmerz ſo wonnig für mich, ich nach gewiſſen Thränen! 3 Ach, gnädiger Herr, — ſagte Murph betrübt über den Ausdruck teufliſcher Bosheit, der ſich in Ru⸗ dolph's Zügen zeigte, als er dies ſprach, — ich weiß F es, die, welche Theilnahme und Mitleid verdienen, ha⸗ 3 ben oft von Ihnen geſagt: er iſt ein guter Engel! — Die, welche der Verachtung und des Haſſes werth ſind, riefen Sie verfluchend in ihrer Verzweiflung aus: er iſt ein Teufel! . — Stile, S kommt Madame Georges mit Marie. — Bereite Alles zu unſerer Abreiſe vor; wir müſſen bei ₰ Zeiten in Paris ſein. „ Vierzehntes Kapitel. S Per Abſchied. Marie (dieſen Namen werden wir von nun an der Lerche geben) war, Dank der Sorge der Mabame ges, kaum wieder zu erkennen. Ein niedliches Häubchen, wie es die jungen Pachte⸗ rinnen zu tragen pflegen, und zwei dicke, blonde Haar⸗ flechten faßten ihr jungfräuliches Geſicht wi in einem Rahmen ein. Ein Tuch von weißem Mouſ ſſeline kreuzte ſich auf ihrer Bruſt und verſchwand halb halb unter dem hohem Latze einer ſeidenen Schürze, durch ihre ſchillernd blauen und rothen S 7 * — i Georgesz ſie iſ dunkeln Kleide abſtach, das eigens für Marie gemacht zu ſein ſchien. Ihre Züge waren ernſt und geſammelt; manches Glück macht auf die Seele einen ſonderbaren Eindruck, indem es ſie in eine tiefe Wehmuth, in eine heilige Me⸗ lancholie verſetzt. — Rudolph war über den Ernſt Ma⸗ rie's nicht erſtaunt; er hatte ihn erwartet. Er würde weniger gut von ihr gedacht haben, wenn ſie fröhlich und heiter geweſen wäre. Mit vollkommenem Lakte ſagte er ihr nicht die ge⸗ ringſte Schmeichelei über ihre Schönheit, die doch in ihrem reinſten Glanze ſtrahlte. Rudolph fühlte, daß etwas Feierliches, Erhabenes in der Erlöſung einer Seele liegt, die dem Laſter entriſſen wird. Man konnte in den ernſten, ergebenen Zügen der Madame Georges die Spuren langer Leiden, tiefen Gra⸗ mes ſehen. Sie ſah auf Marie mit beinah mütterlicher Zärtlichkeit, ſo ſchnell übte die Anmuth und die Milde des jungen Mädchens ihren Einfluß auf die Herzen gu⸗ ter Menſchen aus. — Sier kommt mein Kind, die Ihnen für Ihre Güte danken will, Herr Rudolph, — ſagte Madame Georges, indem ſie mit Marie näher trat. Bei den Worten, mein Kind, wandte Marie ihre großen Augen langſam nach ihrer Beſchützerin und be⸗ trachtete ſie einige Augenblicke mit dem Ausprucke un⸗ ausſprechlichtr Dankbarkeit. — Ich danke für Marie, meine gute Madame ſt dieſer tiefen Theilnahme werth, ſie wird ſie gewiß immer gerdienen. ber Ridolph, — ſprach Marie m * begreifen, . nicht wahr? . Stimme, — Sie wenn ich nicht Worte zu finden vermag? ... — Ihre Bewegung ſagt mir mehr, Marie. — 5 — Oh! Sie fühlt wohl, daß das Glück, das ſie gefunden hat, von der Vorſehung kommt. Ihre erſte Bewegung als ſie in das Zimmer trat, war ein tie⸗ fes Gebet vor meinem Cruzifir. — Ich danke es Ihnen, Herr Rudolph, daß ich jetzt wieder zu beten wage, — ſagte Marie, indem ſie ihren Freund anſah. Rudolph erwiederte: — Ich habe noch ein Paar Worte mit Madame Georges zu ſprechen, mein Kind .. mein Freund Murph wird Sie auf Ihrem Spaziergange durch die Meierei begleiten, .. Sie mit Ihren künftigen Schütz⸗ lingen bekannt machen, wir kommen balv nach. . Nun Murph? hörſt Du mich nicht? Der würdige Mann drehte ſich in dieſem Augen⸗ blicke um, that, als ob er ſich heftig ſchnaube, ſteckte dann ſein Taſchentuch wieder ein, drückte den Hut tief in das Geſicht und bot Marie ſeinen Arm. Er hatte ſo geſchickt manöbrirt, daß weder Rudolph noch Madame Georges ſein Geſicht ſehen konnten. Als er Marie's Arm genommen hatte, ſchritt er ſo ſchnell auf die Meierei⸗Gebäude zu, daß das junge Mädchen laufen mußte, wie ſie als Kind neben der Eule herge⸗ laufen war. — Nun, Madame Georges? — fragte Rudolph, — was halten Sie von Marie? — Herr Rudolph; ich habe Ihnen ſchon geſag kaum war ſie in mein Zimmer getreten, als ſie auß 155 mein Cruzifir zulief und davor niederkniete. Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, ein wie großes, natürlich from⸗ mes Grfühl in dieſer Bewegung lag. Ich erkannte auf der Stelle, daß ihre Seele noch nicht verworfen ſei. Und dann hat ihre Dankbarkeit gegen Sie, Herr Rudolph, nichts Uebertriebenes, Erheucheltes; ſie iſt daher um ſo 6 aufrichtiger. Noch ein Wort wird Ihnen beweiſen, wie groß die natürliche Frömmigkeit in Ihrem Herzen iſt; ich ſagte zu ihr: Sie müſſen recht erſtaunt und glück⸗ lich geweſen ſein, als Herr Rudolph Ihnen ſagte, daß 1 Sie von nun an hier bleiben dürften . . einen wie tiefen 6 Eindruck muß das auf Sie gemacht haben. — Ach ja“ antwortete ſie mir; „als Herr Rudolph mu vas ſagte, wußte ich nicht, was in dem Augenblicke mit mir vorging, aber ich empfand den Einfluß eines fropumen Glückes, eines heiligen Schauers; . .. es war mit, als wenn ich in eine Kirche trat, als ich noch zur Kirche gehen durfte, . denn Sie können denken, Madame,“ ich ließ ſie nicht vollenden, als ich ſah, daß * eine tiefe Schamröthe ihr Geſicht überzog. — Ich weiß es mein Kind, aber ich werde Sie darun doch immer mein Kind nennen ... wenn Ihnen das lieb iſt; ich weiß, daß Sie viel gelitten haben, aber Gott ſegnet die, die ihn lieben und fürchten, die Unglücklichen und die Reuigen. .. — WMeine gute Madame Georges, ich bin dop⸗ pelt zufrieden mit dem, was ich gethan habe. Das arme Mädchen wird ihre Theilnahme erregen. „ Sie brazichen daher nur zu ſäen, um zu erndten; Sie ur⸗ g beien richtig; ſie hat treffliche Gefühle⸗ Was mich rührte, Herr Rudolph, iſt, ſich nicht erlaubte, die geringſte Frage über Sie zu thun, obgleich ihre Neugier eigentlich doch genug erregt ſein müßte. Erſtaunt über dieſes zarte Gefühl, wollte ich hören, ob Sie das Bewußtſein davon hätte, und fragte deßhalb: Sie müſſen ſehr neugierig ſein, zu er⸗ fahren, wer Ihr geheimnißvoller Wohlthäter iſt? — „Ich weiß es“ — antwortete ſie mir mit einer reizen⸗ den Unſchuld, „er heißt mein Wohlthäter.“ — Sie werden ſie alſo lieben? ihre Geſellſchaft wird Ihnen angenehm ſein, ſie wird Ir Herz we⸗ nigſtens etwas beſchäftigen? . .. . Rudolph ergriff die Hand der Madame Georges. — Ja! ich werde mich mit ihr beſchäftigen, wie ich mich mit ihm beſchäftigt haben würde — ant⸗ wortete Madame Georges mit herzzerreißender Stimme. — Muth! Muth, wenn unſere tachforſchungen bis jetzt ohne Erfolg geweſen ſind, ſo können ſie 2 leicht doch noch. Madame Georges ſchütteite traurig das Haupt und ſagte bitter: — Mein armer Sohn würde nun 20 Jahre alt ſein! . — Sagen Sie doch: Er iſt 20 Jahre alt. — Gott hört Sie, Herr Rudolph. Er wolle es! — Er wird es wollen . . ich hoffe es. Geſtern ging ich aus, leider vergebens, um einen gewiſſen Roth⸗Arm aufzuſuchen, der mir, wie man mir geſagt hat, vielleicht Nachrichten über Ihren Sohn geben könnte. Als ich ſein Haus verlaſſen wollte, traf ich in Folge eines Streites mit dem jungen Mädchen zuſammen K — Deſto beſſer! dann hat Br guter Wr —— mich, ſie mit einer andern Unglücklichen bracht. — Es lag übrigens längſt in meinem Vorſatze, 1 die niedrigen Klaſſen der Menſchen kennen zu lernen. — Ich wußte ziemlich gewiß vorher, daß ich dem Satan dort einige Seelen entreißen würde, dem ich ſo gern einen Strich durch die Rechnung mache, und dem ich oft die beſten Biſſen aus den Zähnen reiße. Sie haben keine Nachrichten aus Rochefort? — fügte er ernſter hinzu. — Keine — ſagte Madame Georges ſchaudernd mit leiſer Stimme. . — Deſto beſſer! — Das Ungeheuer wird ſeinen Tod in den Moräſten gefunden haben, als er zu entfliehen ſuchte. Sein Signalement iſt genug verbreitet und er iſt ein zu gefährlicher Böſewicht, daß man nicht Alles in Bewegung ſetzen ſollte, um ihn zu entdecken und doch ſind 6 Monate verfloſſen ſeit er aus dem Bag. .. Rudolph zögerte einen Augenblick; er wollte das ſchreckliche Wort nicht ausſprechen. * — Seit er aus dem Bagno entſprungen iſt! Dh, ſagen Sie es nur, aus dem Bagno! — rief die unglück⸗ liche Frau ſchaudernd aus. — Der Vater meines Soh⸗ nes aus dem Bagno! Oh! wenn der Unglückliche noch lebte, wenn er nicht wie ich den Namen geändert hätte, welche Schande! Und das iſt noch nicht Alles. Vielleicht hat ſein Vater ſein ſchreckliches Verſprechen ge⸗ halten Oh! Herr Rudolph, verzeihen Sie mir; abe ich bin trotz Ihrer Güte noch immer ſehr unglücklich. — Arme Frau, beruhigen Sir ich Zuweilen befällt mich eine ſchreckli 6 mniſſe 1. zuſammenge⸗ bilde mir ein, daß mein Mann wohl und geſund aus Rochefort entſprungen iſt; daß er mich ſucht, um mich zu tödten, wie er vielleicht mein Kind ſchon getöd⸗ tet hat, . denn was ſoll er mit ihm gemacht ha⸗ ben! — Dies Geheimniß iſt das Grab meines Geiſtes, — ſagte Rudolph nachdenkend; — warum hat der Elende Ihren Sohn mitgenommen, als er vor 15 Jahren, wie Sie mir ſagten, in das Ausland flichen wollte? Ein Kind in dem Alter konnte ſeine Flucht nur hindern. — Ach, Herr Rudolph, als mein Mann (die Un⸗ glückliche ſchauderte als ſie das Wort ausſprach) an der Grenze feſtgenommen, nach Paris zurückgebracht und in das Gefängniß geworfen wurde, mir erlaubte, ihn dort zu beſuchen. Da ſagte er mir die ſchrecklichen Worte: „Ich habe Dein Kind mitgenommen, weil Du es liebſt und weil es ein Mittel iſt, Dich zu zwingen, daß Du mir Geld ſchickſt, von dem es Nutzen haben ſoll, .. oder nicht, das iſt meine Sache! Ob es lebt oder ſtirbt, geht Dich wenig an . ... aber wenn es lebt, ſollſt WDu die Schande des Kindes tragen, wie Du die Schande des Vaters getragen haſt!“ — Ach! einen Monat ſpäter wurde mein Mann auf Lebenszeit verurtheilt. — Von da an war Alles vergebens; trotz der Bitten, der Beſchwö⸗ rungen in meinen Briefen erfuhr ich nichts von dem Schickſale meines Kindes. — Ach! Herr Rudolph, wo mag mein Sohn jetzt ſein? Immer kommen mir die ſchrecklichen Worte wieder in den Sinn: Du wirſt pir Schande des Kindes tragen, wie Du die Schande Vaters getragen haſt. Aber es wäre eine unerklärliche Gtauſai 159 das Kind zu verderben, entriß er es Ihnen? — Ich habe Ihnen geſagt, G zu zwingen, daß ich ihm Geld ſchi Vermögen durchgebracht hatte, blieben mir doch einige Hülfsquellen übrig, die ſich aber auch auf dieſe Art erſchöpf⸗ ten. Trotz ſeiner Schlechtigkeit mußte ich doch glauben, daß er einen Theil dieſer Summen zur Erziehung des unglücklichen Kindes anwende. — Und Ihr Sohn hatte kein Zeichen, kein Merk⸗ maal, an dem man il hn wieder erkennen könnte? — Kein anderes als das, von dem ich ſchon ge⸗ ſprochen habe, Herr Rudolph; einen kleinen heiligen Geiſt, aus Lapis⸗Lazuli geſchnitten, den er mit einem ſilbernen Kettchen am Halſe trug. Dieſe vom Pabſte geweihte Reliquie ſtammte von meiner Mutter her, die es als Kind getragen hatte und ſie hoch in Ehren hielt. Später trug ich ſie, bis ich ſie meinem Sohne umhing! Ach! der Talisman hat ſeine Kraft verloren! — Wer weiß, meine gute Madame Georges! Gott iſt allmächtig. — Hat mich nicht die Vorſehung Ihnen in den Weg geführt, Herr Rudolph? — Zu ſpät, meine Freundin, hätte ich Ihnen manches von den k es unglücklich zu machen. Warum err Rudolph, um mich cke. Ob er gleich mein zu ſpät. Vielleicht ummervollen Jahrer erſparen können. — Oh! Herr Rudolph, haben Sie mich ni Wohlthaten überhäuft? — Worin? Ich habe dieſe Meierei rden mein Verwalter, und durch „ ſe Sorge bringt es mir 160 — Bringt es Ihnen, Herr Rudolph? — unter⸗ brach Madame Georges Rudolph; — bezahle ich nicht die Pacht an unſeren guten Abbé Laporte? Wird dieſe Summe nicht auf Ihren Befehl unter die Armen ver⸗ theilt? — Nun! iſt das nicht ein herrlicher Ertrag? — Aber Sie haben doch den guten Pfarrer von meiner Ankunft in Kenntniß geſetzt? Ich möchte ihm meinen neuen Schützling anempfehlen . er hat meinen Brief erhalten? — Herr Murph hat ihn heut Morgen hingetragen. — Ich habe dem Abbé in dem Briefe mit wenigen Worten die Geſchichte des armen Kindes erzählt; ich wußte noch nicht gewiß, ob ich heut Morgen kommen würde ... . In dieſem Falle würde Murph Ihnen Marie zugeführt haben. Ein Arbeiter unterbrach hier das Geſpräch, das im Garten ſtattgefunden hatte, indem er ſagte: — Madame, der Herr Pfarrer iſt ſo eben gekom⸗ men und erwartet Sie. — Sind die Poſtpferde angekommen, mein Sohn? — Ja, Herr Rudolph, man ſpannt ſo eben an. Madame Georges, der Pfarrer und die Arbeiter des Gutes kannten den Beſchützer der Lerche nur unter dem amen Rudolph. Murph's Verſchwiegenheit war undurchdringlich; ſo ich er Rudolph unter vier Augen gnädiger Herr o ſehr nahm er ſich in Acht, ihn vor Fremden Herr Rudolph zu nennen. aß, Sie darauf aufmerkſam zu machen, me Georges, daß Marie, wie ich g, eine ſchwache Bruſt hat; — ſagte Rudolph, währen ſie nach dem Hauſe zurückgingen. Entbehrung und Elend haben ihre Geſundheit geſchwächt. — Heut Morgen er⸗ ſchrak ich über ihre Bläſſe, obgleich ihre Wangen leb⸗ haft gefärbt waren; auch ſchienen mir ihre Augen fieber⸗ haft zu glänzen. Sie wird einer recht ſorgfältigen Pflege bedürfen. — Rechnen Sie auf mich, Herr Rudolph; es wird Gott ſei Dank! nichts zu ſagen haben .. . . In dieſem Alter, auf dem Lande, in der friſchen Luft, bei einem glücklichen, ruhigen Leben wird ſie ſich bald erholen. — Ich glaube es auch, — aber ich habe doch zu Ihren Landärzten kein rechtes Vertrauen. Ich werde Murph beauftragen, daß er einen geſchickten Arzt her⸗ führt, der vorſchreiben wird, wie ſich Marie verhalten ſoll. Sie werden ſo gut ſein, mir von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben, wie es ihr geht; ſpäter, wenn ſie ruhig geworden iſt, wollen wir an ihre Zukunft denken. Vielleicht wäre es gut für ſie, wenn ſie immer bei Ihnen bliebe, vorausgeſetzt, daß Ihr Betragen Ihnen zuſagt. — Das wäre mein größter Wunſch, Herr Rudolph; ſie würde mir die Stelle des Kindes vertreten, das ich alle Tage beweine. — Boffen wir für Sie und für Marie. In dem Augenblicke, wo Rudolph und Madame Georges an das Wohnhaus kamen, langten Murph und Marie von der andern Seite an. Marie war durch den Späziergang aufgeregt worden. Rudolph machte Ma⸗ dapte Georges auf die zirkelförmige, lebhafte Röthe 90 MW is Wangen aufmerkſam, die die zarte We Murph ließ den Arm des jungen Mädchens los und ſagte Rudolph beinah verlegen in's Ohr: — Die Kleine hat mich ganz bezaubert; ich weiß wahrhaftig nicht, wen ich lieber haben ſoll, ſie oder Ma⸗ dame Georges . Ich war nicht klug vorhin. — Reiß' Dir nicht das Haar darum aus, alter Murph — ſagte Rudolph lächelnd, indem er ihm die Hand drückte. WMadame Gevorges trat Arm in Arm mit Marie in das kleine Zimmer im Erdgeſchoſſe, wo der Abbé La⸗ porte ſie erwartete, während Murph ſie verließ, um die Vorbereitung zur Abreiſe zu betreiben. Madame Georges, Marie und Rudolph blieben mit dem Pfarrer allein. Einfach, aber ſehr wohnlich, war das kleine Zimmer ganz ſo eingerichtet, wie Rudolph es der Lerche beſchrie⸗ ben hatte. — Ein dicker Teppich bedeckte den Boden, ein tüchtiges Feuer praſſelte im Kamine, zwei große Blu⸗ menſträuße, die in zwei krhſtallenen Vaſen ſtanden, ver⸗ breiteten einen angenehmen Geruch. — Durch die grü⸗ nen, halbgeſchloſſenen Jalouſien konnte man die Wieſe, den Fluß und jenſeits den Hügel mit den Kaſtanienbäu⸗ men ſehen. Der Abbé Laporte, der vor dem Kamine ſaß, war über die achtziger Jahre hinaus. Seit den letzten Tagen der Revolution ſtand er der kleinen Pfarre vor. Man konnte nichts Ehrwürdigeres, nichts ſanfter Ergreifendes ſehen, als dies hagere, etwas leidende, greiſe Geſicht, das von ſchneeweißen langen Haarem ½ e die auf ſein hrrabfi 163 da er licher wie er ſagte, zwei oder drei armen Kindern ein warmes Kleid gab, als daß er das Seine eher ab⸗ legte, bis es durchaus nöthig war. Der gute Abbé war ſo alt, daß ſeine Hände fodt⸗ während zitterten. Es lag etwas unendlich Rührendes in dieſer Bewegung, ſo daß es zuweilen, wenn er die Hände im Sprechen erhob, ausſah, als wollte er ſeinen Segen ertheilen. Rudolph beobachtete Marie aufmerkſam. — Hätte er ſie weniger gekannt, weniger ihr Inneres errathen, er würde vielleicht erſtaunt geweſen ſein, daß ſie zu dem Pfarrer mit einer gewiſſen frommen Heiterkeit trat. Das bewunderungswürdige natürliche Gefühl des jungen Mäd⸗ chens ſagte ihr, daß die Schande aufhöre, wo Reue und Sühne beginnen. — Herr Pfarrer — ſagte Rudolph achtungsvoll, — Madame Georges will ſich dieſes jungen Mädchens an⸗ nehmen, für das ich auch Ihre Güte erbitte. — Sie hat ein Recht darauf, mein Herr, wie Alle, die zu uns kommen. Gottes Güte iſt unerſchöpflich, mein Kind; er hat es Ihnen bewieſen, als er Sie in recht ſchmerzlichen Prüfungen nicht verließ. — Ich weiß Alles, und er nahm Marie's Hand in ſeine ehrwürdig zitternden Hände. — Der edle Mann, der Sie gerettet hat, erfüllte die Worte, der heiligen Schrift: „Der Herr iſt nahe de⸗ nen, die ihn anrufen; er wird die Wünſche derer erfül⸗ len, diel ihn fürchten, er wird ihre Stimme hören und ſie erretten.“ Und nun verdienen Sie ſeine Güte durch Ihre Aufführung; Sie werden mich ſtets bereit IhnpoMuth einzuſprechen, Sie aufrecht zu erh dem erten Wege; den ſie betreten. Sie w — in Madame Georges ein Muſter vor Augen höben, in mir einen aufmerkſamen Rathgeber finden, ſo mag der Herr ſein Werk vollenden .. — Und ich werde für die zu ihm beten, die Mitleid mit mir hatten und mich wieder zu ihm zurückgeführt haben, mein Vater — ſagte Marie, während ſie unwillkürlich vor dem Abbé auf die Knie ſank. Sie war tief bewegt und ſchluchzte laut. Madame Georges, Rudolph und der Abbé waren zu Thränen gerührt. — Erheben Sie ſich, mein liebes Kind — ſagte der Pfarrer — Sie werden bald die Vergebung für große Fehltritte verdienen, denen Sie mehr zum Opfer wur⸗ den, als ſie ſich ihrer ſchuldig machten; denn um noch⸗ mals mit der heiligen Schrift zu ſprechen: „Der Herr erhält aufrecht die, welche fallen wollen, und erhebt die, welche man erniedrigt.“ — Leben Sie wohl, Marie — ſagte Rudolph, in⸗ dem er ihr ein kleines goldenes Kreuz gab, das an einem ſchwarzen Sammtbande befeſtigt war. — Tragen Sie dies zum Andenken an mich; — ich habe den Tag Ih⸗ rer Befreiung hineinſchreiben laſſen. Bald ſehen wir uns wieder. Marie brachte das Kreuz an ihre Lippen und küßte es. — In dieſem Augenblicke öffnete Murph die Thür und ſagte: 3 — Herr Rudolph, es iſt angeſpannt. N — Adieu, mein Vater .. Adieu, meine gute Ma⸗ dame Georges, ich empfehle Sinen nochmals mein Kind an. — Noch einmal, leben Sie wohl, Matie! Der Pfarrer e. S den Arm der ihe geſtüst das. Sne um Rudolph abreiſen zu ſhn n. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten di ſchöne traurige Gruppe: Einen alten Prieſter, das Sinn⸗ bild der Milde, der Vergebung, der ewigen Hoffnung; — eine Frau, die Alles erduldet hatte, was eine Gattin, eine Mutter erdulden kann; — ein junges, kaum der Kindheit entwachſenes Mädchen, das durch Noth und Verführung in den Abgrund des Laſters geſtoßen und gerettet war. Rudolph ſtieg in den Wagen; Murph ſetzte ſich ne⸗ ben ihn . .. Die Pferde jagten im Galopp davon. Fünfzehntes Kapitel. Das Stelldichein. Am andern Tage fand ſich Rudolph, noch immer als Arbeiter gekleidet, genau um die zwölfte Stunde vor der Thür des Wirthshauſes „zum Blumenkorbe“ ein, das dicht an der Barriére von Berch liegt. Am Abend vorher, um 10 Uhr, war der Meſſer⸗ mann pünktlich an den Ort gekommen, den ihm Rudolph bezeichnet hatte. Der Erfolg, den dieſe Zuſammenkunft hatte, wird aus dem Folgenden hervorgehen. Es war Mittag und regnete in Strömen ; die Seine, durch den fortwährenden Regen angeſchwollen, hatte eine ungewöhnliche Breite erlangt und überſtrömte einen Theil des Bollwerkes. — Rudolph ſah zuweilen ungedu die Ferſe; endlich bemerkte er einen Mann . 166 einer Frau unter einem Regenſchirme näher kam. Er erkannte den Schulmeiſter und die Eule. Dieſe beiden Leute waren völlig verändert. Der Räu⸗ ber hatte ſeine groben Kleider und ſelbſt ſein wildes Aus⸗ ſehen abgelegt; er trug einen langen, grünen Rock und einen runden Hut. Sein Halstuch und ſein Vorhemd⸗ chen waren von blendender Weiße. Die abſchreckende Häßlichkeit ſeiner Züge und den fahlen Glanz ſeines Auges ausgenommen, würde man ihn ſeiner Haltung nach für einen ſtillen, friedlichen Bürger gehalten haben. Die Einäugige war ebenfalls ſonntäglich geputzt. Sie trug eine weiße Mütze, einen großen, ſeidenen Shawl und hielt einen mächtigen Arbeitsbeutel in der Hand. Der Regen hatte einen Augenblick aufgehört und Rudolph überwand ſeinen Widerwillen, indem er dem ſchrecklichen Paare entgegen ging. An die Stelle der Gaunerſprache des Schulmeiſters war heut eine faſt geſuchte Redeweiſe getreten, die um ſo ſchrecklicher klang, als ſie einen gebildeten Geiſt an⸗ zeigte und von den blutdürſtigen Gedanken des Räubers ſonderbar abſtach. Als Rudolph ſich näherte, grüßte ihn der Schul⸗ meiſter tief und ſagte: — Ihr ergebener Diener, mein Herr . . Sehr erfreut, Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen oder viel⸗ mehr, ſie zu erneuern; denn Sie waren vorgeſtern ſo gü⸗ tig, mir ein Paar Fauſtſchläge zu geben, die ein Rhi⸗ nozeros umgeworfen haben würden .. Aber nichts mehr davon; es war ein kleiner Scherz von Ihnen! — Gewiß! nichts als ein kleiner Scherz. Wir haben wich⸗ igere Dinge zu beſprechen. — Geſtern Abend ſprach ich F , 167 den Meſſermann in der Penne; ich habe ihn hierher be⸗ ſtellt, für den Fall, daß er unſer Mitarbeiter werden wollte . aber es ſcheint, daß er ſich beharrlich wei⸗ gert. — E — Aber Sie nehmen den Vorſchlag an? — Wenn es Ihnen Recht iſt, Herr ... Ihr Name? — Rudolph. — Herr Rudolph, wir wollen ein Bißchen in den „Blumenkorb“ hineingehen. Weder ich noch Madame haben bis jetzt gefrühſtückt, und wir können beim Eſſen von unſeren Geſchäften plaudern. — Ich bin dabei. X — Wir können auch im Gehen plaudern; Sie und der Meſſermann ſind uns wahrhaftig eine Entſchädigung ſchuldig. Wir haben durch Sie mehr als 2000 Franken verloren. Die Eule ſollte nicht weit von St.⸗Ouen eine Zuſammenkunft mit einem großen Herrn in Trauer ha⸗ ben, der neulich Abend in der Penne nach Ihnen fragte. Er bot 2000 Franken, um Ihnen etwas zu thun .. Der Meſſermann hat mir die Sache ſchon ziemlich er⸗ klärt Aber ich denke, Finette, (ſo nannte er die Eule) Du läßt Dir ein Zimmer im „Blumenkorbe“ ge⸗ ben und beſtellſt Frühſtück! Koteletts, etwas Kalbfleiſch und zwei Flaſchen Wein vom beſten. Wir kommen gleich nach. Die Eule hatte Rudolph nicht eine Secunde außer Acht gelaſſen. Sie ging voraus, nachdem ſie mit dem Schulnteiſter einen Blick gewechſelt hatte. Dieſer fuhr fort: Ich ſagte doch, Herr Rudolph, daß der Meſſer⸗ tich über den Vorſchlag von 2000 Franken er⸗ hatte. 168 — Was heißt erbauen? — Ich ſehe, dieſe Sprache iſt etwas zu hoch für Sie;z ich wollte ſagen, daß der Meſſermann mir ziemlich deutlich auseinander geſetzt hat, was der große Herr in Trauer mit ſeinen 2000 Franken wollte. — Gut, gut . — Das iſt noch nicht ſo gut, wie Sie meinen, jun⸗ ger Mann; denn der Meſſermann begegnete geſtern der Eule bei St.⸗Ouen und ging nicht von ihrer Seite, als er den Großen kommen ſah, ſo daß dieſer ſich nicht herangetraut hat. Das ſind doch 2000 Franken, die Sie uns verdienen laſſen müſſen, 20 Louisd'or ungerechnet, die wir für die Zurückgabe einer Brieftaſche empfangen ſollten, die wir aber nicht zurückgegeben haben würden, nachdem wir die Papiere unterſucht und werthvoller ge⸗ funden haben. — Sie Sind alſo von großem Werthe? — Die Papiere, die ſie enthält, ſcheinen mir ſehr ſeltſam, obgleich ſie größtentheils engliſch geſchrieben ſind. Ich halte ſie feſt, ſagte der Räuber, indem er auf die Bruſttaſche ſeines Rockes ſchlug. Rudolph war ganz zufrieden, als er erfuhr, daß der Schulmeiſter noch im Beſitz der Papiere ſei, die er am Abend Lorher Tom geraubt hatte, denn ſie hatten für ihn großen Werth. Der Meſſermann hatte Tom nur verhindern wollen, ſich der Eule zu nähern, damit dieſe die Brieftaſche behielte und Rudolph in ihren Veſitz kommen könnte. — Ich hebe dieſe Papiere auf — fuhr der fort; — denn ich weiß jetzt die Wohnung des Trauer und ſo oder ſowerde ich ihn ſchon einmalwiet — Wir können ein hübſches Geſchäft mit einander machen. Wenn unſre Sache gelingt, kaufe ich Ihnen die Papiere ab, weil ich den Mann kenne, und ſie mir mehr nützen können, als Ihnen .. — Das wird ſich finden .. Aber von dem beſag⸗ ten Hammel zu ſprechen .. .. — Ich hatte dem Meſſermann ein herrliches Ge⸗ ſchäft vorgeſchlagen; erſt nahm er es an, aber ſpäter zog er ſich zurück. — Er hat immer ſeine eigenen Gedanken .. — Aber dabei machte er mich darauf aufmerkſam... — Er machte Sie aufmerkſam . . .. — Daß er Andern nicht ihre Geſchäfte verderben wolle, wenn er auch nicht theilnehmen könnte, und daß Sie gewiß mein Mann ſein würden. — Und darf ich, ohne neugierig zu ſein, fragen, warum Sie geſtern früh mit ihm eine Zuſammenkunft bei St.⸗Duen hatten? Was ihm den Vortheil ver⸗ ſchaffte, der Eule zu begegnen? Er wurde verlegen, als er mir das ſagen ſollte. . Rudolph biß ſich in die Lippen und antwortete ach⸗ ſelzuckend: — Ich glaube es wohl, denn ich hatte ihm meinen Anſchlag nur halb mitgetheilt, weil ich doch nicht wußte, ob er dabei ſein würde .. Sie verſtehen. — Binreichend, . es war auch klüger; Sie ſind ein ſchlauer Burſche! — Aber Sie hatten den Meſſer⸗ mann nach St.⸗Duen beſtellt um .. e Rupolph fand nach einigen Augenblicken glück weiſe Ane Fabel, durch die er die Ungeſchicklichke Meſſehinnes verdecken konnte; er erwi Mn 170 — Die Sache verhält ſich folgendermaßen: Das Geſchäft, das ich vorgeſchlagen habe, iſt ſehr gut, weil der Beſitzer des Hauſes auf dem Lande iſt meine größte Furcht war, er möchte zurückkommen. Um in's Klare zu kommen, war nur eins zu thun — Sich zu überzeugen, ob der beſagte Herr wirk⸗ lich auf dem Lande ſei. — Wie Sie ſagen ich gehe nach Pierrefitte, wo das Landhaus iſt, ich habe dort eine Couſine, die bei ihm dient . . . Sie begreifen? — Vollkommen, Spitzbube, und? — Meine Couſine hat mir geſagt, daß ihr Herr nicht vor übermorgen nach Paris zurückkommt. — Uebermorgen? — Ja. — Ganz gut, aber ich komme auf meine Frage zurück wozu hatten Sie die Zuſammenkunft mit dem Meſſermann bei St.⸗Ouen? — Sie ſind nicht ſehr einſichtig .. .. wie weit iſt es von Pierrefitte bis St.⸗Ouen? — Eine Stunde ungefähr. — Und von St.⸗Ouen bis Paris? — Ebenſoviel, — Nun! Wenn ich Niemand in Pierreſtte fand, das heißt, wenn Niemand im Hauſe war, . ſo konnte man da ſein Geſchäftchen machen, . zut weniger gut, als in Paris, aber doch ziemlich vortheilhaft. Ich wäre dann nach St.⸗Ouen zurückgegangen, wo mich der Meſſermann erwartete. Zuſammen wären wir dann wieder auf einem Nebenwege nach Pierrefitte Pgngen — Nun verſtehe ich. Wenn im Gegentheil das Haus in Paris unbewohnt war ... — Wären wir durch die Barisre de Létvile, nach der Wittwenallee gegangen .. .. — Das iſt ein Schritt, . . . es iſt natürlich. In St.⸗Ouen hatten Sie ſowohl Paris als Pierrefitte zur Hand, Das war ganz geſchickt. Ich erkläre mir nun die Gegenwart des Meſſermannes in St.⸗Ouen. Sie ſagten alſo, das Haus in der Wittwenallee ſei bis übermorgen unbewohnt? — Unbewohnt, den Portier ausgenommen. — Und es wird ein gutes Geſchäft werden. — Meine Cvuſine ſprach von 60,000 Franken in Gold, die in dem Zimmer ihres Herrn lägen. — Und ſie wiſſen Beſcheid im Hauſe? — Wie in meiner Taſche. meine Couſine iſt ſchon ein Jahr da, und der Gedanke kam mir, als ich ſie von großen Summen ſprechen hörte, die er aus der Bank bekäme, um ſie anderweitig unterzubringen. Weil nun der Portier ein ſtarker Kerl iſt, ſprach ich mit dem Meſſermann; er ſagte nach einigen Umſtänden zu nahm aber zuletzt doch ſein Wort zurück. Uebrigens, iſt er nicht der, der einen Freund verräth. Vei riſt gutmüthig. . . . Aber da ſind wir vor dem Wirthshauſe. Ich weiß nicht, ob es Ihnen ſo geht wie mir, aber die Morgenluft hat mir tüchtigen Bunger gemacht. — Die Eule ſtand auf der Schwelle der Schenke und ſagte: Vur herein! . . .. ich habe Frühſtück beſtellt. 6 th wollte den Räuber ovrangehen laſſenz er hatte ſeine Gründe Hazu, aber der Schulmeiſter wies die Aufmerkſamkeit mit vieler Höflichkeit zurück, ſo daß Ru⸗ dolph zuerſt eintrat. Eh ſie ſich zu Tiſche ſetzten, klopfte der Schulmeiſter hier und da an die Wand, um ſich von ihrer Stärke zu überzeugen. — Hier brauchen wir eben nicht ſachte zu ſprechen, — ſagte er. — Die Mauer iſt nicht dünn. Man kann alles mit einmal auftragen, damit wir nicht in unſerer Unterhaltung geſtört werden. Eine Magd trug das Frühſtück auf. Eh die Thür geſchloſſen wurde, ſah Rudolph den Kohlenträger Murph ernſthaft in einem Nebenzimmer ſitzen. Das Zimmer, in dem der Auftritt, den wir ſchil⸗ dern wollen, ſich zutrug, war lang, ſchmal und von einem Fenſter erhellt, das nach der Straße hinausging und der Thür gegenüber lag. — Die Eule ſaß mit dem Rücken dem Fenſter zu, der Schulmeiſter an der einen, Rudolph an der andern Seite. Als die Magd hinausgegangen war, ſtand der Räuber auf, nahm ſeinen Teller und ſetzte ſich neben Rudolph, ſo, daß er ihm die Thür verdeckte. — Wir können ſo beſſer plaudern, — ſprach er — und brauchen nicht ſo laut zu reden. — Und dann ſetzen Sie ſich zwiſchen mir und der Thür, um mich am Hinausgehen zu hindern — erwie⸗ derte Rudolph kaltblütig. Der Schulmeiſter machte ein beiſtimmendes Zeichen, dann zog er aus der Taſche ſeines Oberrocks die Hälfte eines runden Dolches, der ſo ſtark wie eine Fed ſe war, deſſen hölzernes Heft unter ſeiner großen Har wand. Nachricht für den Liebhaber. — Er zog bei dieſen Worten die Augenbrauen zuſammen, durch welche Bewegung ſeine Stirne faltig und breit wie die eines Tigers wurde und machte ein ziemlich deutliches Zeichen. — Und Sie können ſich auf mich verlaſſen, ich habe den Dolch geſchliffen, — fügte die Eule hinzu. Rudolph griff mit einer wahren Seelenruhe unter ſeine Blouſe, zog ein Doppelpiſtol hervor, zeigte es dem Schulmeiſter und ſteckte es wieder ein. — Wir paſſen zuſammen, — ſagte der Räuber — aber Sie erſtehen mich nicht recht. Es wäre doch möglich, daß Sie mir eine Falle gelegt hätten, .. ich würde Sie kalt machen. Er warf einen wilden Blick auf Rudolph. — Während ich ihn an den Hals packen würde, um . Dir zu helfen, — rief die Eule. Rudolph antwortete nicht, er zuckte nur die Schul⸗ tern, te ſich ein Glas Wein ein und trank es aus. Dieſe Ruhe flößte dem Schulmeiſter Staunen ein. — Ich wollte Ihnen nur damit andeuten .. .. — Meinetwegen! aber jetzt ſtecken Sie Ihre Spick⸗ nadel wieder ein; es giebt hier keine Hühnchen zu ſpicken, und ich bin ein alter Hahn mit gutkn Sporen. — Nun von unſeren Geſchäften. — Richtig, von unſeren Geſchäften .. . . aber ſpre⸗ chen Sie nicht ſchlecht von meiner Spicknadel. Sie macht wenig Geräuſch und ſtört Niemand. — Und ſie hat ſchon hübſche Arbeit verrichtet; richt wahr, Mördprchen? — ſetzte die Eule hinzu. Geheimniſſe von Paris. I. 12 — Iſt es wah die Eltern der Lerche kennen? — Mein Mann da hat zwei Briefe des Groe Trauer in deſſen Brieftaſche gelegt, die davon ſprechen. Aber das Luder ſoll ſie nicht zu ſehn bekommen, eher reiße ich ihr mit dieſen Händen die Augen aus .. .. Wenn ich ſie nur erſt wiederfinde, will ich ihr ſchon eine hübſche Rechnung machen. — Aber Finette, wir plaudern und plaudern und kommen nicht zur Sache. — Können wir in ihrer Gegenwart unterhandeln? fragte Rudolph. — Ganz ſicher; ſie iſt erprobt und kann uns großen Nutzen bringen, indem ſie Erkundigungen einzieht, Sachen verwahrt und ſie nachher verkauft . ſie hat alle Ei⸗ genſchaften einer guten Hausfrau .. .. Gute Finette, — fügte der Räuber hinzu, indem er der ſchrecklichen Alter zärtlich die Hand drückte, — ich kann gar nicht ſagen, wie wichtige Dienſte ſie mir ſchon geleiſtet hat. Aber Du ſollteſt Deinen Shawl abnehmen, Finette, damit Du nicht frierſt, wenn wir wieder in's Freie kommen. Die Eule nahm den Shawl ab und legte ihn mit dem Arbeitsbeutel zugleich bei Seite. Trotz der Geiſtesgegenwart und der Herrſchaft, die er über ſich ſelbſt beſaß, konnte Rudolph eine Bewegung des Erſtaunens nicht zurückhalten, als er einen kleinen, in Lapis⸗Lazuli geſchnittenen heiligen Geiſt bemerkte, der mit einer dicken, vergoldeten Kette am Halſe der alten Frau hing. Er glich der Beſchreibung nach auf d Haar dem, den der Sohn der Madame Georges hei Entfernung mit ihrem Manne trug. Bei dieſer E deckung ging Rudolph plötzlich ein Gedanke durch den 1 Kopf. Wie der Meſſermann ſagte, war es 6 Monat her, ſeit welcher der Schulmeiſter aus dem Bagno entfloh und ſich verſtümmelte, um den Verfolgungen der Polizei zu entgehen ſeit 6 Monaten war der Mann Ma⸗ dame Georges aus Rochefort verſchwun man wußte, was aus ihm geworden ſei. Rudolph kam zu der Ueberzeugung, daß der Schul⸗ meiſter recht gut der Mann der unglücklichen Frau ſein könnte. — Der Elende hatte den höhern Claſſen der Geſellſchaft angehört, und der Schulmeiſter ſprach heut in gewählten Worten. Eine Erinnerung erweckt die andre Rudolph dachte daran, daß Madame Georges ihm eines Tages ſchaudernd von de er Verhaftung ihres Mannes erzählt hatte, . von dem Lerzweifelten Widerſtande, den er geleiſtet hatte, von ſeiner Rieſenſtärke, die ihn 3 beinah entkommen ließ. Wenn der Räuber wirklich der frühere Gatte der Madame Georges war, ſo mußte er das Schickſal ſeines Sohnes kennen. Außerdem hatte det Schulmeiſter noch einige Papiere über Maria's Herkunftein der Brieftaſche die er Tom geſtohlen. Rudölph fand immer wich Benehmen zu verharren. — Glücklicherweiſe entging ſein Nachdenken dem Räuber, der ſehr beſchäftigt war, der Eule und ſich vorzulegen. * — Sie häben da eine ſchöne Kette! — ſagte Ru⸗ dolph zur Eule. — Schön die A den, ohne daß * tigere Gründe, bei ſeinem und nicht theuer, — erwiederte lte lachendf — ſie iſt unächt, ich warte bis mein Mann mir eine ächte ſchenkt 2 7 7 „ — — — — — — Das hängt von dem Herrn ab, Finette; went⸗ wir ein gutes Geſchäft machen, ſo .. — Sie iſt erſtaunlich gut nachgeahmt — fuhr Ru⸗ dolph fort; — und was iſt das für ein kleines blaues — Ein Geſchenk meines Mannes — Rudolph ſah ſeine Vermuthung halb und halb be⸗ ſtätigt. Er wartete ängſtlich auf das, was der Schul⸗ meiſter ſagen würde; dieſer ſprach endlich kauend: — Das darfſt Du nicht weggeben, Finette, . es iſt ein Talisman und bringt Glück. — Ein Talisman? — ſagte Rudolph ſpöttiſch. — Sie glauben an ſolches Zeug? Sagen Sie mir doch, wo das Ding gemacht iſt. — Man macht ſie nicht mehr; die Bude iſt ge⸗ ſchloſſen . . . . ſo, wie Sie das Ding da ſehn, iſt es ur⸗ alt, iſt drei Menſchenalter von einem zum andern geerbt. Ich halteſehr viel darauf, — es iſt ein Fa⸗ milienſtück — fügte er grinſend hinzu, — und ich habe es Finetten gegeben, damit es ihr in den Unternehmun⸗ gen, durch die ſie mich unterſtützt, Glück bringt. — Aber auf den beſagten Hammel zurückzukommen, Sie verſichern alſo, daß in der Wittwenallee .. — Nro. 17 ein Haus ſteht, das von einem reichen Manne bewohnt wird, Namens . — Ich will ſeinen Namen nicht wiſſen bin nicht neugierig, . ſie ſagen, es liegen 60,000 Franken in Gold in dem einen Zimmer? — 60,000 Franken! . .. — rief die Eule. Rudolph machte ein bejahendes Zeichen. — Und Sie wiſſen in dem Hauſe Beſcheis? 177 — Sehr güt. — Iſt der Eingang ſchwer? — Eine Mauer von 7 Fuß nach der Wittwenallee zu, ein Garten und die Fenſter ziemlich niedrig. Das Haus hat nur ein Erdgeſchoß. — Und der Portier allein bewacht den Schatz? — Ja. — Und wie wäre Ihr Plan, junger Mann? — fragte der Schulmeiſter. — Ganz einfach; wir überſteigen die Mauer und brechen ein Fenſter auf. — Und wenn der Portier erwacht? ſagte der Schulmeiſter, indem er Rudolph feſt anſah. — . Iſt es ſeine Schuld . . . — antwortete dieſer mit einer bedeutungsvollen Bewegung. — Nun! Sind Sie damit zufrieden? — Sie werden begreifen, daß ich nichts ſagen kann, eh' ich nicht Alles mit Hülfe meiner Frau geprüft habe. — Wenn dem ſo iſt, wie Sie es ſagen, ſo bin ich der Meinung, daß wir uns gleich dabei machen, heut Abend etwa, — Und der Räuber faßt Rudolph noch feſter in das Auge. — Heut Abend, das iſt unmöglich — ant⸗ wortete dieſer ruhig. — Warum? Der Mann kommt ja erſt übermorgen zurück. — Jn, aber ich, ich kann heut Abend nicht. — Wirklich? Aber morgen kann ich nicht. — Aus welchem Grunde? — Aus demſelben, der Sie verhindert, heut Abend zu können. 178 Nachdem Rudolph einen Augenblick nachgedacht hatte, ſagte er: — Gjut! Sei's heut Abend wo wollen wir uns treffen. — Uns treffen? — erwiederte der Schulmeiſter grinſend, — wir werden gar nicht Hon einander gehn. — Wie2 — Warum ſollten wir uns trennen? Wenn⸗ das Wetter beſſer wird, gehn wir ein Bißchen in der Witt⸗ wenallee ſpazieren; ſei ſollen ſehen, wie meine Frau zu arbeiten verſteht. Nachher gehn wir zurück, eſſen. einen Biſſen und ſpielen Piquet in einem Krller in den ely⸗ ſäiſchen Feldern, den ich Ekenne, ganz Unahe am Fluſſe; undzweil die Wittwenallee bald öde wird, können wir uns gegen zehn Uhr auf den Weg machen. — Ich werde Sie um 9 Uhr wieder treffen. — Wollen Sie, daß wir das Geſchäft zuſanimen machen, oder nicht? — Ich wünſchte es . — So verlaſſen wir uns nicht, bis es geendigt iſt ſonſt — Sonſt? . — Glaube ich, daß Sie mir ſicherlich eine Schlinge legen und deßhalb noch vorher fortgehen wollen. — Wenn ich Ihnen eine Schlinge legen wollte was hinderte mich, es heut Abend zu thun? — Alles Sie dachten nicht daran, daß ich Ihnen vorſchlagen würde, ſobald ans Werk zu gehn Nun, wenn Sie uns nicht verlaſſen, können Sie Nies mand benachrichtigen. — So mißtrauen Sie mir? — Ganz und gur aber weil an dem, was Sie mir anbieten, etwas Wahres ſein kann, und die Hälfte von 60,000 Franken ſchon die Mühe lohnt, ſo will ich es verſuchen; aber heut Abend oder nie. Wenn mie ſo weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe ich werde Ihnen einen ähnlichen Streich, aber nach meiner Art ſpielen. — Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich Ihre Höf⸗ lichleit nicht unetwiedert laſſen würde. — Aber das führt zu gar nichts! — ſagte die Eule; — ich denke wie Mörderchen; heut Abend oder nicht. Rudolph befand ſich in einer grauſamen Verlegen⸗ heit; wenn er dieſe Gelegenheit, ſich des Schulmeiſters zu bemächtigen vorübergehn ließ, ſo fand er vielleicht nie eine andere. Der Räuber konnte trotz ſeiner Vorſicht erkannt, verhaftet und nach dem Bagno zurückgebracht werden und dann würde er die Geheimniſſe mit ſich genommen haben, die für Rudolph von ſo großer Wichtigkeit waren. Er verließ ſich endlich auf den Zufall, ſeine Geſchick⸗ lichkeit und auf ſeinen Muth und ſagte zum Schulmeiſter: — Ich willige ein wir wollen bei einander bleiben bis zum Abend. — Dann bin ich Ihr Mann, aber es iſt bald 2 Uhr, von hier nach der Wittwenallee iſt ziemlich weit, es regnet wie mit Molden — wir wollen die Zeche bezahlen und einen Fiacre nehmen. ch möchte wohl vorher noch eine Cigarre rauchen. — Immerzu — antwortete der Schulmeiſter. — nette kann den Tabacksrauch vertragen. — Dann will ich mir nur Cigarren holen — ſagte Rudolph, indem er ſich erhob. — Bemühen Sie ſich nicht, — ſprach der Schul⸗ meiſter, während er ihm den Weg vertrat; — Finette wird gehen. Rudolph ſetzte ſich wieder und war ärgerlich darüber, daß der Schulmeiſter von Neuem ſeinen Plan erra⸗ then hatte. Die Eule ging hinaus. — Welch eine Frau ich habe, nicht wahr? — ſagte der Böſewicht, — und ſo gefällig! ſie würde durch das Feuer für mich gehn. — Da Sie gerade von Feuer ſprechen, es iſt verteufelt kalt hier; — erwiederte Rudolph, indem er die Hände unter ſeiner Blouſe verbarg. Während er ganz ruhig ſeine Unterhaltung mit dem Schulmeiſter fortſetzte, nahm er Bleiſtift und Papier aus ſeiner Weſtentaſche und ſchrieb eilig, ohne daß man es bemerken konnte, ein Paar Worte, die er Sorge trug, recht weit auszudehnen, damit ſie nicht in einander kämen, weil er ohne zu ſehen unter ſeiner Blouſe ſchrieb. Nachdem dies Billet der Aufmerkſamkiht des Schul⸗ meiſters entgangen war, kam es darauf an, es an den Mann zu bringen. Rudolph ſtand auf, trat an das Fenſter und ſang leiſe ein Lied, während er auf die Scheiben trommelte. — Was ſingen Sie da ſo ſchön? — fragte der Schulmeiſter, der zu ihm getreten war. — Ich ſinge „Du ſollſt meine Roſe nicht haben — Ein allerliebſtes Liedchen! . . .. Ich wollte nu ſehen, ob es auf die Vorübergehenden einen Eindruck macht, daß ſie ſtehen bleiben. — So geſchickt bin ich denn doch nicht. — Sie haben Unrecht, denn Sie trommeln ganz niedlich auf den Scheiben .. . . Aber mir iſt eingefallen, wenn der Portier ein entſchloſſener Kerl iſt, der ſich wehrt, ſo haben Sie nichts als ein Piſtol, und das macht Lärm, während ein Dolch, wie dieſer, (er ließ Rudolph das Heft des ſeinen ſehen) durchaus kein Geräuſch macht. — Sie wollen ihn doch nicht ermorden! — rief Rudolph. — Wenn Sie dieſe Abſicht haben, ſo wird nichts daraus, .. . rechnen Sie nicht auf mich. — So habe ich Sie unrecht verſtanden; es iſt doch gut, wenn man Alles vorher beſpricht. Alſo handelt es ſich um einen einfachen Diebſtahl mit Einbruch. — Um weiter nichts. — Nun, denn machen wir es fo. Und weil ich Dich nicht eine Minute verlaſſen werde — dachte Rudolph, — werde ich Dich ſchon ver⸗ hindern, Blut zu vergießen. ſo großen Sechszehntes Kapitel. Vorbereitungen. In dieſem Augenblicke kam die Eule mit Cigar⸗ ren zurück. — Es ſcheint mit dem Regen aufgehört zu haber ſagte Rudolph, indem er ſeine Cigarre anzündete; — wenn wir uns den Wagen ſelbſt holen wollten, ſo könnten wir uns die Beine ein Bißchen vertreten. — Wie? Es regnet nicht mehr? — erwiederte der Schulmeiſter; — ſind Sie denn blind? Glauben Sie, daß ich Finette einer Erkältung ausſetzen werde? Daß ich ein mir ſo koſtbares Leben und einen ſo theuren Shawl auf das Spiel ſetzen werde? — Du haſt Recht, Mörderchen; es iſt ein wahres Hundewetter draußen. — Die Aufwärterin wird ſchon kommen; — wenn wir ſie bezahlen, ſagen wir ihr, daß ſie uns einen Wa⸗ gen holt — ſagte Rudolph. Die Aufwärterin trat ein. Rudolph gab ihr hun⸗ dert Sous. — Aber mein Herr, wie können Sie! ich werde nie zugeben, daß rief der Schulmeiſter⸗ — Nachher können Sie bezahlen, etzt bezahle ich. — Das mag gehen, aber unterher Bedingung, daß ich Ihnen nachher, in dem Wirkhshauſe in den elhſäiſchen Feldern etwas anbieten darf. — Ich nehme es an. Nachdem die Zeche bezahlt war, ging man fort. Rudolph wollte aus Höflichkeit für die Eule der Letzte ſein, aber der Schulmeiſter gab dies nicht zu, folgte ihm auf dem Fuße nach und beobachtete die kleinſte ſeiner Bewegungen. Der Wirth verband mit der Speiſeanſtalt eine Schenkwirthſchaft. Als unſere Geſellſchaft hinausging, bezahlte eben ein Kohlenträger, der ſeinen Hut bis 3 den Augen herabgezogen hatte, ſeine Zeche. 183 Trotz der Aufmerkſamkeit des Schulmeiſters und der Eule, wechſelte Rudolph, der vor ihnen ging, ſchnell und entſchloſſen einen bedeutungsvollen Blick mit Murph. Die Thür des Wagens war geöffnet; Rudolph ſtellte ſich zur Seite, diesmal entſchloſſen, zuletzt einzuſteigen, denn der Kohlenträger hatte ſich ihm unbemerkt genä⸗ hert. — Wirklich ſtieg die Eule zuerſt ein, aber nach vie⸗ len Complimenten war Rudolph genöthigt, ihr dennoch zu folgen, denn der Schulmeiſter ſagte leiſe zu ihm: — Wollen Sie denn durchaus, daß ich Ihnen miß⸗ trauen ſoll? Als Rudolph eingeſtiegen war, ſtand der Kohlen⸗ träger pfeifend auf der Schwelle des Hauſes und ſah ihn verwundert und beſorgt an. — Wohin geht's? — fragte der Kutſcher und Ru⸗ dolph antwortete laut: — Nach der Wittwen .. — Nach der Akazien⸗Allee im Voulogner Wäld⸗ chen! — rief der Schulmeiſter ihn unterbrechend; dann fügte er hinzu: — Du wirſt gut bezahlt, Kutſcher. Die Wagenthür wurde geſchloſſen. — Teufel! wie konnten Sie vor all den Maulaffen laut ſagen, wohin wir wollen. Solche Unvorſichtigkeit kann es dahin bringen, daß wir morgen entdeckt werden. Junger Mann, Sie ſind noch ſehr leichtſinnig! — Es iſt wahr, — antwortete Rudolph, während der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, — ich dachte nicht daran. Aber mit meiner Cigarre werde ich ſie einräu⸗ chern wie die Bücklinge; — wollen wir nicht ein Fen öffnen. Und Rudolph ließ den Worten die während er mit großer Geſchicklichkeit das kleine Papier hinausfallen ließ, auf das er eilig unter ſeiner Blouſe ein Paar Worte mit Bleiſtift geſchrieben hatte. Der Blick des Schulmeiſters war ſo ſcharf, daß er trotz der gleichgültigen Miene, mit der Rudolph ihn jetzt anſah, dennoch einen flüchtigen Ausdruck der Freude darauf bemerken mußte, denn er ſteckte den Kopf zum Wagenfenſter hinaus und rief dem Kutſcher zu: — Es ſitzt Einer hinten auf! Rudolph zitterte, aber er rief zugleich mit dem Schulmeiſter. Der Wagen hielt; der Kutſcher ſtieg auf den Bock, ſah nach hinten und ſagte: — Nein, Bürger; es ſitzt Niemand hinten auf. — Ich will mich aber doch ſelbſt überzeugen, — antwortete der Schulmeiſter, indem er aus dem Wagen auf die Straße ſprang. Er ſah Niemand, bemerkte nichts. Seit Rudolph das Papier hinausgeworfen hatte, war der Wagen ein Stückchen gefahren. Der Schulmeiſter glaubte ſich ge⸗ täuſcht zu haben. — Sie werden lachen, — ſagte er, als er wieder eingeſtiegen war, — aber ich weiß nicht, warum ich mir einbildete, daß uns Jemand folge. Der Wagen fuhr hier in eine Querſtraße ein. Als er verſchwunden war, ſprang Murph, der ihn nicht aus den Augen gelaſſen und das Manöver Rudolph's ſehr gut bemerkt hatte, hinzu und hob das Papier auf, das in ein kleines Loch, welches das Pflaſter bildete, hinein⸗ gefallen war. ⸗ Nach einer Viertelſtunde ſagte der Sch zum — Wir haben uns beſonnen, Kutſcher, nach dem Magdalenenplatze! Rudolph ſah ihn erſtaunt an. — Ich glaube, junger Mann, daß man von die⸗ ſem Platze aus nach tauſend verſchiedenen Straßen ge⸗ hen kann. Wenn man uns verfolgen wollte, würde die Ausſage des Kutſchers nichts verrathen können. Als der Wagen an die Barriere kam, jagte ein . großer Herr, in einem weißlichen Ueberzieher auf einem prächtigen, großen Jagdpferde ſchnell vorbei. Er hatte ſeinen Hut über die Augen herabgezogen, ſo daß man wenig von ſeinem gebräunten Geſichte bemerken konnte. — Dem ſchönen Pferde gebührt ein guter Reiter! — ſagte Rudolph, indem er zur Wagenthür hinausſah und Murph nachblickte. — Wie er trabt! — Haben Sie nicht geſehen? — Nein, er ritt zu ſchnell vorüber, daß ich ihn nicht bemerken konnte. Rudolph verbarg ſeine Freude vollkommen. Murph hatte die Schrift glücklich entziffert. Der Schulmeiſter, der nun überzeugt war, daß ihnen Niemand folge, 6 wollte es der Eule nachmachen, die ſchlief oder wenig⸗ ſtens zu ſchlafen ſchien. Er ſagte zu Rudolph: — Nehmen Sie es nicht übel, Herr Rudolph; aber ie Bewegung, die der Wagen macht, bringt auf mich eeine ſeltſame Wirkung hervor, es ſchläfert mich ein, wie ein Kind. Der Räuber wollte unterm Schutze dieſes erheuchel⸗ ten Schlafes beobachten, ob die Züge ſeines Gefährn keine Bewegung verrathen würden. Rudolph errieth ſeine Liſt und antwortet — Ich bin ziemlich früh aufgeſtanden, bin müde und werde es machen wie Sie. Er ſchloß die Augen. Bald überzeugte das heftige Schnarrchen des Schul⸗ meiſters und der Eule Rudolph, daß ſie eingeſchlafen ſeien. Er öffnete die Augen halb und halb, um ſich zu überzeugen. Der Schulmeiſter und die Einäugige ſaßen mit offe⸗ nen Augen da und unterhielten ſich lebhaft durch die Fin⸗ gerſprache. Plötzlich hörten ihre Finger auf ſich zu bewegen; der Räuber mußte bemerkt haben, daß Rndolph nicht ſchlief. Er ſagte lachend: — Ah! Kamerad! — Sie ſtellen Ihre Freunde auf die Probe? — Das darf Ihnen, 6 Sie mit offenen Augen ſchnarchen, doch nicht wunderbar Lvorkommen. — Oh! mit mir iſt das eine andere Sache; — ich bin mondſüchtig. Der Wagen war auf dem Magdalenen⸗Platze an⸗ gekommen und hielt. Der Regen hatte etwas nachge⸗ laſſen, aber die ſchwarzen Wolken, die der Wind vor ſich herjagte, hingen ſo niedrig, daß es ſchon ganz fin⸗ ſter war. Rudolph, der Schulmeiſter und die Eule gingen nach dem Cvurs⸗la⸗Reine zu. — Ich habe einen Gedanken kommen, der nicht ſeſchlecht iſt; — ſagte der Räuber⸗ 3 Wer neridis Ha auſes in Le Wit n geſt ſah thabe en, — Wollten Sie jetzt unter irgend einem Vorwande hingehen, ſo würde das Verdacht erregen. 5 — Ich bin nicht unſchuldig genug da Mann, Aber wozu hat man eine Fra nette heißt? — Die Eule richtete den Kopf empor. — Sehen Sie, Herr Rudolph; ſie iſt wie ein Ka⸗ valleriepferd, das zum Angriff blaſen hört. — Sie wollen Sie auf Kundſchaft ausſchicken? — Wie Sie fagen. — Es war ja wohl Nr. 17 in der Wittwenallee, junger u, die Fi⸗ Männchen, — ſagte die Eule ungeduldig. — Sei ruhig, ich habe zwar nur ein Auge, aber das iſt gut. — Sehen Sie mal! ſie hat ſchon keine Ruht mehr, es brennt ihr unter den Füßen — Wenn ſie geſchickt hineinzukommen ſucht, finde ich Ihren Gedanken nicht ſo ganz ſchlecht. — Nimm nur den Regenſchirm, Mörderchen; in einer halben Stunde bin ich wieder hier, und dann ſollſt Du ſehen, ob ich's verſtehe, — ſagte die Eule. — Wart' einen Augenblick, Finette; wir wollen erſt in das „blutende Herz“ gehen, das zwei Schritt von hier iſt. Wenn der kleine Lahme zu Hauſe iſt, kannſt Du ihn mitnehmen. Er ſoll Wache ſtehen, während Du hineingehſt. — Du haſt Recht; er iſt ſo dieſer kleine Lahme; obgleich er er war er es doch, der neulich .. .. — Ein Zeichen des Schulmeiſters unt au wie ein Fuchs, n Jahr alt iſt, 1 F 8 D „ 6 s ſoll d „ as blutende Dach kaum die Höhe des Erdbodens 188 fragte Rudolph; — ein ſonderbares Schild für ein Wirthshaus! — Sie müſſen ſich beim Wirthe beklagen. — Wie er? — Der Wirth zum blutenden Herzen! — Aber .. — Er fragt nicht nach dem Namen ſeiner Gäſte; nennen Sie ihn Peter, Thomas, Chriſtoph, Barnabé, er wird immer antworten. Aber wir ſind an der Stelle, und zur guten Zeit, denn der Regen fängt von neuem an. Und wie de Fluß ſtrömt, ſehen Sie doch, noch zwei Tage ſolchen Regen, ſo geht das Waſſer über die Brückenpfeiler weg. — Sie ſagen, wir ſind an der Stelle, aber ich ſehe das Wirthshaus nicht. — Wenn Sie ſich umſehen, werden Sie's ſchon ſehn. — Aber wo ſoll ich denn hin ſehen? — Zu Ihren Füßen. — Zu meinen Füßen? — o denn? — Sehen Sie denn nicht das Dach? Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht darauf treten. Rudolph hatte wirklich nicht eines jener unterirdi⸗ ſchen Wirthshäuſer erkt, die man noch vor einigen Jahren an gewiſſe Stellen der elhſäiſchen Felder, be⸗ ſonders noch beim Cours⸗la⸗Reine ſehen konnte. Eine feuchte Treppe führt in eine Art Grube hin⸗ an die eine Seite derſelben lehnte ſich ein kleines ges Haus, deſſen mit bemooſten Ziegeln bedecktes erreichte Rudolph ſtand. Zwei bis drei Hütten von verf lten Brettern dienten als Keller und Ställe dieſe 1 Kneipe. 2 Ein ſchmaler Gang durchſchnitt die Grub nach und ging von dem Ende der Tr Thür. Der übrige Theil des Raumes Gitterlaube bedeckt, unter derem Schutze zwei Reihen plum⸗ per Tiſche ſtanden, die in dem Erdboden efeſtigt waren. Der Wind ſpielte pfeifend mit cum alten Schilde von Blech, auf dem man ein rothes, von einem Pfeil durchbohrtes Herz ſehen konnte. 1 X Ein dicker, feuchter Nebel verband ſich mit dem Regen, ſo daß es beinah Nacht war. — Was meinen Sie zu dem Wirthshauſe? — ſagte der Schulmeiſter. — Es muß da unten ziemlich feucht ſein, nach dem vierzehntägigen Regen .. für einen Angler aber gute Beute vorhanden ſein .. . . Nun, gehen Sie im⸗ mer voran. — Einen Augenblick! . . 4 ich muß mich erſt über⸗ zeugen; ob der Wirth da iſt, .. Paſſen ſie auf. Der Räuber drückte bei dieſen Worten ſeine Zunge ſtark an den Gaumen und brachte auf dieſe Weiſe eine Art Gurgeln hervor, einen lang gedehnten, tiefen Ton, der von unten herauf ſogleich beantwortet wurde. — Er iſt da, — ſagte der Schulmeiſter — Ver⸗ ihung, Herr Rudolph, Ehre den Frauen! läſſen Sie die ule vorangehen, ich werde Ihnen folgen, aber nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht fallen; „ be der Länge eppe bis zu der war von einer —— 190 Siebzehne Kapitel. Das blutende Herz. Als der Wirth zum blutenden Herzen das Zeichen des Schulmeiſters beantwortet hatte, trat er höflich auf die Schwelle ſeiner Thür. Dieſer Mann, den Rudolph in der Cité geſucht hatte, und den er noch nicht unter ſeinem wahren, oder vielmehr ſeinen Spitznamin kennen ſolte, war Roth⸗Arm. Er war ungefähr 50 Jahr alt, klein und hager. Seine Züge hatten zugleich Aehnlichkeit mit denen des Marders und der Ratte; ſeine ſpitze Naſe, das hervor⸗ ſtehende Kinn, die ſtarken Backenknochen, ſeine kleinen, ſchwarzen, durchdringenden Augen gaben ſeinem Geſichte einen Ausdruck von Liſt, Feinheit und Einſicht. Eine alte blonde, oder vielmehr, wie ſein Geſicht, gelbe Perrücke ſaß auf dem Scheitel ſeines Kopfes und ließ einen grauen Hinterkopf ſehen. Er trug eine runde Jacke und eine von den langen, ſchwarzen Schürzen, die die Kellner in den Weinhäuſern vorhaben. Unſere Geſellſchaft hatte kaum die letzte Stufe der Treppe betreten, als ein Kind von 10 Jahren, das ſehr klein, lahm und etwas verwachſen war, obgleich es ein kluges, zwar kränkliches Geſicht hatte, zu Roth⸗Arm trat, dem es ſo ungemein glich, daß man es für ſig Kind ieſt mußte. ähnlich waren. Der Anzug des Lahmen, wie er ge⸗ wöhnlich genannt wurde, beſtand aus braunen Bein⸗ kleidern und einer grauen Blouſe, die durch einen Gurt zufammen gehalten wurde. Wie er ſo neben ſeinem Vater auf dem guten Beine ſtand, glich er einem Kra⸗ nich, der am Rande eines Sumpfes ſteht. — Dä iſt er a — ſagte der Schulmeiſter. — Die Zeit drängt, Finette, die Nacht bricht ſchon her⸗ ein und der Reſt des Tages muß benutzt werden. — Du haſt Recht, Mörderchen, .. ich will mir den Lahmen von dem Vater ausbitten. — Guten Tag, Alter — ſagte Roth⸗Arm zum Schul⸗ meiſter mit einer dünnen, kreiſchenden Stimme; — wo⸗ mit kann ich dienen? — Du ſollſt meiner Frau Deinen Jungen auf eine Viertelſtunde leihen; ſie hat etwas verloren, was er ihr ſuchen helfen ſoll. Roth⸗Arm kniff das Auge halb zu, machte ein Zei⸗ chen, das anzeigte: er verſtehe, und ſagte: — Lahmer .. folge Madame. Das häßliche Kind ſchien durch das boshafte Aus⸗ ſehen der Eule angezogen zu werden, wie Andere durch ein hübſches, gefälliges Aeußere beſtochen werden, denn er hinkte ſchnell zur Eule hin und ergriff ihre Hand. — Das nenne ich mir ein Kind! — ſagte Finette; — wie das auf den erſten Wink gehorcht. Das iſt an⸗ drs, als das Luder, das immer ausſah, als wenn ihm be würde, wenn es zu mir kam, das kleine Beeſt — Nun mach, . daß Du wegkommſt, F mach Dein Auge auf und ſieh Dich ordent ich hier erwarten. S 12 — Das ſoll nicht lange dauern. Geh voran, Lahmer. Die Einäugige ging mit dem Lahmen die glatte Treppe hinauf. — Nimm doch den Regenſchirm, Finette; — rief ihr der Schulmeiſter nach. — Der würde mir nut hinderlich ſein, Männ⸗ chen! — antwortete die Eule, die mit dem Lahmen bald verſchwunden war. 5 — Wollen wir nicht eintreten? — ſagte Rudolph⸗ Er mußte ſich bücken, um durch die Thür des Wirths⸗ hauſes treten zu können, welches in zwei Säle getheilt war. In dem einen ſah man einen Schenktiſch und ein ſchlechtes Billard; in dem Andern ſtänden Gartentiſche und Stühle, die einſt grün angeſtrichen waren. Zwei ſchmale Fenſtern, deren Scheiben mit Spinnweben dick bedeckt waren, er⸗ hellten kaum die dunkeln Räume, deren Wände durch die Feuchtigkeit wie mit Salpeter überzogen ſchienen. — Wir können ein Glas Bier oder Branntwein trinken, während wir auf meine Prau⸗ warten — ſagte der Schulmeiſter. — Ich danke, ich bin n durſtig. — Wie Sie wollen. Ich werde ein Glas Brannt⸗ wein trinken, — fuhr der Räuber fort, indem er ſich an einem der grünen Tiſche des anderen Zimmers niederließ. Die Dunkelheit war dort unten ſo groß, daß es unmöglich war, in einem Winkel dieſes zweiten Zim⸗ mers den gähenden Eingang zu einem der Keller zu be⸗ merken, die gewöhnlich mit einer Doppelfallthür ver⸗ ſehen ſind, deren eine Hälfte zur Bequemlichkeit faſt immer offen ſteht. . Der iſch⸗ gelen der Schulmeiſter beſcht ſtand der Kellerthür ganz nahe und indem er dieſer den Rücken zukehrte, verdeckte er ſie ſo, daß Rudolph ſie nicht bemerken konnte. Dieſer ſah zum Fenſter hinaus, um doch etwas zu thun und beſonders, um die Unruhe zu berbergen, mit der er dem Abend entgegen ſah. Obgleich er geſehen hatte, daß Murph ſich eiligſt nach der Wittwenallee be⸗ geben hatte, ſo war er doch nicht ganz ohne Beſorgniß. Er fürchtete, daß der würdige Mann die Bedeutung ſeines Briefes nicht vollkommen verſtanden hatte, da dieſer nothwendigerweiſe ſo kurz geworden war, daß er nur die Paar Worte enthielt: — Heut Abend um 10 Uhr. Entſchloſſen, ſich vor dieſer Zeit nicht nach der Witt⸗ wenallee zu begeben, und den Schulmeiſter bis dahin nicht zu verlaſſen, zitterte er dennoch, die einzige Gele⸗ genheit zu verlieren, die ſich ihm vielleicht bot, in den Beſitz der Geheimniſſe zu kommen, die kennen zu lernen für ihn ſo wichtig war. Obgleich kräftig und wohlbe⸗ waffnet, ſo war doch der Kampf mit einem der ge⸗ fürchtetſten Mörder, der zu Allem fähig war, ziemlich ungewiß. Und brauchen wir zu ſagen, daß dieſer Charakter ſo ſeltſam, ſo begierig nach heftigen, aufregenden Bewe⸗ gungen war, daß Rudolph eine Art ſchrecklichen Reizes in den Hinderniſſen fand, die ſich dem mit Murph und dem Meſſermann am Abend vorher beſprochenen Plane entgegenſtellten? Um ſeine Gefühle jedoch nicht zu verrathen „ſetzte ſich Rudolph mit an den Tiſch des Schulmeiſters und Lerlangte ein Glas Branntwein. — einen Laut hörte, der dem glich, den der Schulmeiſter 194 Roth⸗Arm ſah, nachdem er leiſe einige Worte mit dem Schulmeiſter gewechſelt hatte, höhniſch mißtrauiſch auf Rudolph. — Wenn meine Frau uns den Beſcheid brächte, daß die Leute, die wir beſuchen wollen, zu Hauſe ſind, könnten wir ihnen um acht Uhr unſern Beſuch abſtatten. — Das wäre zwei Stunden zu früh, — erwiederte Rudolph; — es möchte ihnen unangenehm ſein. — Glauben Sie? — Ich bin deſſen gewiß. — Ah! unter Freunden macht man nicht ſolche Umſtände. — Ich kenne ſie; ich wiederhole es Ihnen, daß wir nicht vor zehn Uhr gehen dürfen. — Sind Sie eigenſinnig, Fudolph? — Ich hab's mir nun einmal in den Kopf geſetzt, und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich vor zehn Uhr von der Stelle gehe. — Thun Sie ſich keinen Zwang an;z ich ſchließe meine Gaſtſtube nicht vor Mitternacht — ſagte Roth⸗ Arm mit ſeiner Fiſtelſtimme. — Dann kommen gewöhn⸗ lich erſt meine beſten Kunden und meine Nachharn können nicht über den Lärm klagen, den man bei mir macht. — Man muß Ihnen immer den Willen thun, Herr Rudolph, — ſagte der Schulmeiſter. — Sei's! Wiv wollen erſt um 10 Uhr unſern Beſuch machen. — Da iſt die Eule! — ſagte Roth⸗Arm, als von ſich gegeben hatte, ehe er die Treppe hinabſtieg. Einen Augenblick ſpäter trat die Eule i in das nn 195 — Es iſt Alles richtig, Mörderchen! — ſagte die Eule im Eintreten. Roth⸗Arm ging beſcheiden hinaus, ohne nach dem Lahmen zu fragen, den er wahrſcheinlich noch nicht er⸗ wartet hatte. Die Kleider der Eule trieften vom Regen; ſie ſetzte ſich Rudolph und dem Schulmeiſter gegenüber. — Nun — ſagte der Schulmeiſter. — Soweit hat Herr Rudolph die Wahrheit geſagt. — Sehen Sie wohl! — rief Rudolph. — Laſſen Sie doch die Eule erzählen, junger Mann. — Weiter, Finette. — Ich kam in Nr. 17 an und verſteckte den Lah⸗ men in einen Winkel, damit er wachen ſollte. Es war noch heller Tag. Ich klopfe an die Thür, .. . . Niemand kommt; ich klingele, der Portier öffnet. Es iſt ein großer, dicker Mann, in den Fünßzigern etwa, mit einem gutmüthigen, aber ſchläfrigem Ausſchen, rothem Backenbarte und kahlem Kopfe. Ehe ich klingelte, hatte ich meine Haube abgenommen und in die Taſche geſteckt, um wie eine Nachbarin auszuſehen. So wie ich den Portier kommen ſah, ſing ich an zu ſchreien und zu weinen, ich hätte meinen Papagei, meinen Cocotte, ver⸗ loren, ein Thierchen, das ich vergötterte ich ſage, daß ich in der Allee Marbveuf wohne, und daß ich Cy⸗ eotte von Garten zu Garten verfolge. Zuletzt bat ich den Portier, mit zu erlauben, daß ich meinen Papagei ſuchen darf. — Sm! — ſagte der Schulmeiſter mit einer ſtolze zufriedenen Miene; — welch eine Frau! — — Wahrhaftig, . . ſehr geſchickt, — murmelte Rudolph; — aber weiter. — Der Portier erlaubt mir Cocotte zu ſuchen und ich laufe in den Garten, wo ich Cocotte! Cocotte! ru⸗ fend, mich überall umſehe, um Alles zu unterſuchen. An den innern Mauern ſind überall Geländer, wahre Treppen; links, in der einen Ecke ſteht eine Fichte, an der eine ſchwangere Frau herunter ſteigen könnte. Das Haus hat ſechs Fenſter im Erdgeſchoſſe, keinen zweiten Stock, und vier Kellerfenſter ohne eiſerne Stäbe. Die Fenſter des Erdgeſchoſſes ſind mit Laden verſehen. Den Ein⸗ gang bildet eine Glasthün mit zwei Vorſetzern . . — Welches Gedächtniß — ſagte der Räuber. — Es iſt ſo! .. . . es iſt als ob man dort wäre — erwiderte Rudolph. — Linker Hand — fuhr die Eule fort, — dicht am Bofe iſt ein Senkbrunnen; das Seik könnte nützlich wer⸗ den, wenn der Ausgang nach der Thür abgeſchnitten wäre, weil an der Stelle der Mauer kein Geländer iſt. Wenn man in das Haus eintritt, .. — Sie iſt in das Haus hinein gekommen, junger Mann, — ſagte der Schulmeiſter ſtolz. — Nun! Ob ich hineingekommen bin. Als ich meinen Papagei nicht fand, hatte ich ſo viel geweint, daß ich halb ohnmächtig wurde. Ich bat den Portier um die Erlauhniß, mich ein Weilchen auf die Schwelle ſetzen zu dürfen und der gute Mann ließ mich eintreten und brachte mir ein Glas Waſſer und Wein. Reines Waſſer, ſagte ich, reines Waſſer, mein gutet Herr; da ließ er Jich in das Vorzimmer treten . überall Fuß⸗ docken; eine prächtige Einrichtung, die man hört weder Gehen, noch das Klirren einer Fenſter⸗ ſcheibe, die man vielleicht eindrücken müßte. Rechts und links Thüren mit ſchlechten Schlöſſern, die könnte man aufpuſten. — Im Hintergrunde eine ſtarke, ver⸗ ſchloſſene Thür, die wie eine Kaſſenthür ausſah; — es roch nach Geld! — Ich hatte mein Wachs im Arbeits⸗ — Sie hatte ihr Wachs, junger Mann, — ſagte der Schulmeiſter, deſſen Stolz ſich immer mehr ſteigerte, — ſie geht nie ohne ihr Wachs! Die Eule fuhr fort: — Ich mußte an die Thür zu kommen ſuchen, die nach Geld roch. Ich ſtellte mich, als wäre mir etwas ſo ſehr in die Kehle gekommen, daß ich mich gegen die Wand ſtützen mußte; als der Portier dies ſah, ſagte er: Ich werde Ihnen ein Stückchen Zucker holen. Er ſuchte gewiß nach einem Löffel, denn ich hörte Silber klingen Das Silber liegt in dem Zimmer rechts, Mörder⸗ chen, vergiß das nicht! Fürchterlich huſtend hatte ich mich endlich der Thür im Hintergrunde genähert; ich drückte das Wachs in die hohle Hand und lehnte mich gegen das Schloß wie zufällig. Hier iſt der Abdruck. Wenn wir ihn heute nicht gebrauchen können, nützt er uns doch vielleicht ein andermal. 5 Und die Eule gab dem Schulmeiſter ein Stück gel⸗ bes Wachs, in dem man deutlich den Abdruck ſehen konnte. — Iſt das wirklich die Thür zum Gelde? — fragte die Eule Rudolph. — Sie iſt's; in dem Zimmer liegt das Geld — antwortete dieſer. 3 4 5. 198 Darauf ſagte er leiſe zu ſich: — Hat ſich Murph von der alten Hexe betrügen laſſen? Es iſt leicht mög⸗ lich, denn er erwartet den Angriff erſt um 10 Uhr ... — Aber alles Geld iſt nicht da! — fuhr die Eule, deren Auge glänzte, fort. — Immer noch nach Cocotte ſuchend, trat ich an das Fenſter und ſah in dem Zim⸗ mer zur Linken Geldſäcke auf einem Schreibtiſche ſtehen ich habe ſie geſehen, wie ich Dich ſehe, Mörderchen es waren wenigſtens ein Dutzend. — Wo iſt der Lahme? — fragte der Schulmeiſter. — Er ſteckt immer noch in ſeinem Winkel .. . . zwei Schritt von der Gartenthür entfernt. Er ſieht im Fin⸗ ſtern, wie die Katzen; es iſt nur der eine Eingang in Nr. 17 und wenn wir kommen, kann er uns ſagen, ob Jemand dort geweſen iſt. — Das iſt gut .. X Kaum hatte der Schulmeiſter Lieſe Worte ausge⸗ ſprochen, als er ſich unvorhergeſehen auf Rudolph warf, ihn an der Kehle packte und ihn in den Keller ſtürzte, der hinter dem Tiſche offen ſtand. Dieſer Angriff kam ſo ſchnell und unerwartet, daß ihm Rudolph nicht widerſtehen konnte. Die Eule ſtieß vor Schreck einen durchdringenden Schrei aus, denn ſie hatte den Erfolg dieſes kurzen Kampfes nicht ſogleich bemerkt. Als das Geräuſch, das der Körper Rudolph's machte, indem er die Treppe herunter rollte, verſchollen war, ſtieg der Schulmeiſter, der genau mit den unterirdiſchen Räumen dieſes Hauſes bekannt war, in den Keller und horchte aufmerkſam. — Mörderchen! nimm Dich in Acht! — rief die — au, inden ſe an die Fulthir tru. — Zich Ln Dolch. Der Mörder antwortete nicht und verſchwand. Anfangs hörte man nichts, aber nach einigen Minu⸗ ten tönte aus der Tiefe des Kellers das Gekreiſch einer Thür, die ſich in ihren Angeln dreht, dann wurde wieder Alles ſtill. Es war vollkommen dunkel. Die Eule holte aus ihrem Arbeitsbeutel ein Schwefelhölzchen hervor, ent⸗ zündete es, und brannte ein kleines Licht an, deſſen ſchwacher Schein ſich in dem dunkeln Zimmer verbreitete. — In dieſem Augenblicke erſchien das ſcheußliche Geſicht des Schulmeiſters an der Kelleröffnung. Die Eule konnte einen Ausruf des Entſetzens beim Anblick dieſes bleichen, verſtümmelten Geſichtes mit den ſprühenden Augen nicht zurückhalten. Als ſie wieder zu ſich gekommen war, ſagte ſie mit einer gewiſſen ſchrecklichen Freundlichkeit: — Du mußt wirklich gräulich ſein, Mörderchen, Du haſt mir Furcht gemacht!! — Schnell, . fort! nach der Wittwenallee, — ſagte der Räuber, indem er die Fallthür mit einer eiſer⸗ nen Stange verriegelte; — in einer Stunde iſt es viel⸗ leicht zu ſpät! Wenn es eine Falle ſein ſoll, ſo iſt ſie jetzt noch nicht gelegt! . . . wenn es keine ſein ſollte, machen wir allein das Geſchäft. 200 — Achtzehntes Kapitel. Der Reller. Rudolph war von dem gewaltigen Schlage, den er in Folge des Sturzes empfangen hatte, betäubt und ohne Bewegung am Fuße der Kellertreppe liegen geblieben. Der Schulmeiſter hatte ihn bis vor den Anfang eines noch tieferen Kellers geſchleppt, ihn in dieſen hin⸗ untergetragen und die dicke mit Eiſen beſchlagene Thür ebenfalls verſchloſſen; dann war er wieder hinaufgeſtiegen, um mit der Eule zuſammen in der Wittwenallee einen Einbruch, vielleicht einen Mord zu verüben. Nach einer Stunde kam Rudolph näch und nach zu ſich. Er lag auf der Erde; ringßumm war Alles finſter und als er die Arme ausſtreckte, um zu fühlen, wo er ſei, berührte er ſteinerne Stufen. Er hatte in den Füßen ein lebhaftes Gefühl von Kälte, er faßte hin es war ein Pfuhl Waſſer. Durch eine gewaltſame Anſtrengung kam er dahin, ſich auf die letzte ſteinerne Stufe zu ſetzen; ſeine Ohn⸗ macht verließ ihn nach und nach, er konnte einige Be⸗ wegungen machen. Glücklicherweiſe hatte er kein Glied gebrochen. Er lauſchte, . . . hörte aber nichts, als fortwährend ein gewiſſes dumpfes, leiſes Rauſchen. Anfangs ahnte er nicht, was es ſein konnte. Je klarer ſeine Gedanken wurden, um ſo mehr kamen ihm die Umſtände des Ueberfalls, denen er zum Opfer geworden war, in Erinnerung. Er wollte eben Alles genau überdenken, als ihn von Neuem das Gefühl von 201 Kälte an den Füßen ſtörte. Er bückte ſich, taſtete um⸗ her, .. das Waſſer reichte ihm bis zu den Knöcheln. Inmitten der ſchauerlichen Stille, die ihn umgab, hörte er wieder das dumpfe, leiſe Rauſchen. Diesmal vermochte er es ſich zu erklären: das Waſſer ſtieg in den Keller; das Flußbett der Seine war überfüllt und dieſer unterirdiſche Ort lag tiefer als die Waſſerfläche ſelbſt. Dieſe Gefahr brachte Rudolph plötzlich zu ſich; ſchnell wie der Blitz klimmte er die feuchte Treppe hin⸗ auf; oben angekommen drängte er mit aller Kraft gegen die Thür, .. vergebens verſuchte er ſie zu öffnen, ... ſie blieb unbeweglich. In dieſer ſchrecklichen Lage war ſein erſter Gedanke: Murph! — Wenn er ſich nicht in Acht nimmt, wird ihn das Ungeheuer ermoren, und ich! .. . ich, habe ſeinen Tod verſchuldet! . Armer Murph! Dieſer ſchreckliche Gedanke verdoppelte Rudolph's Kräfte; er ſtemmte heftig gegen, beugte die Schultern und verſuchte noch einmal ſeine Kräfte, vergebens, . er vermochte die Thür nicht einmal zu erſchüttern. Er hoffte in dem Keller eine Art Hebel zu finden und ſtieg wieder hinunter; auf der letzten Stufe fühlte er unter den Füßen ein paar runde, weiche Körper, die ſchnell ſeinen Tritten entflohen, . . . . es waren Ratten, die das Waſſer aus ihren Schlupfwihkeln vertrieb. Rudolph durchlief den Keller nach allen Richtungen, taſtete überall hin, obgleich ihm das Waſſer bis zur Hälfte des Kniees reichte, aber er fand nichts. Lang⸗ ſam, iſe Verzweiflung ſtieg er die Treppe wieder 202 hinauf. Er zählte die Stufen, es waren dreizehn, von denen drei bereits unter caſſ er ſtanden. Dreizehn! unglückliche Zahl! .. .. Unter gewiſſen Umſtänden ſind ſelbſt die ſtärkſten Geiſter nicht frei von Aberglauben. Rudolph ſah in dieſer Zahl ein ſchlechtes Zeichen; das mögliche Schickſal Murph's kam ihm wieder in den Sinn. Er ſuchte vergebens nach einer kleinen Oeffnung zwiſchen dem Boden und der Thür, die durch die Feuchtigkeit gequollen ſein mußte, denn ſie ſchloß ſich feſt dem Fußboden an. Rudolph fing an aus Leibeskräſten zu ſchreien, denn er hoffte, daß die Gäſte der Schenke vielleicht ſeine Stimme hören möchten. Er horchte . .. aber er hörte nichts, als das dumpfe Rauſchen des⸗Waſſers, das im⸗ mer höher ſtieg. Entmuthigt ſetzte ſich Rudolph auf der oberſten Stufe, den Rücken an die Thür gelehnt, nieder. Er be⸗ weinte ſeinen armen Freund, der vielleicht eben unter dem Meſſer des Räubers fiel. Tief bereute er ſeine unvorſichtigen, ehrgeizigen Pläne, obgleich ihr Zweck ein edler war. Er dachte an tauſend Beweiſe von der Hingebung Murph's, der reich und geehrt ein Weib, ein geliebtes Kind verlaſſen hatte, der Alles aufgegeben, um Rudolph zu folgen, um ihm bei der ſeltſamen aber zuthigen Vuße beizuſtehen, die dieſer ſich auferlegt hatts Das Waſſer ſtieg forrbährend .. . . es waren nur noch fünf Stufen trocken; Rudolph ſtieß an die Decke, wenn er ſich äufrichtete. Er konnte die Zeit berechnen, wie lange ſein Todeskampf dauern würde. „ Er dachte an das Piſtol, das er bei ſ hatn 203 Auf die Gefahr hin ſich zu verwunden, nahm er ſich vor, ſie an die Thür zu ſetzen, um ſie vielleicht zu ſprengen. Furchtbar! .. im Fallen hatte er die Waffe ver⸗ loren oder der Schulmeiſter hatte ſie ihm abgenommen. Ohne für das Leben Murph's fürchten zu müſſen, würde Rudolph froh und heiter geſtorben ſein .. . . Er hatte gelebt! .. geliebt .. er hatte Gutes gethan und würde gern noch mehr gethan haben. Ohne gegen das Schickſal, das ihn ereilen ſollte, zu murren, ſah er darin eine Strafe für eine noch nicht genug gebüßte ſchlechte That. Seine Gedanken vermehrten und verdop⸗ pelten ſich mit der Gefahr. ℳ Eine neue Plage ſtellte ſeine Ergebung auf die Probe. Die Ratten, die durch das Waſſer vertrieben wur⸗ den, flüchteten ſich von Stufe zu Stufe, da ſie keinen Ausgang fanden. Da es ihnen ſchwer wurde, an den feuchten Wänden hinaußzuklimmen, kletterten ſie an Ru⸗ dolph's Kleidungsſtücken empor. Sein Abſcheu war un⸗ beſchreiblich, als er ſie fühlte. Er wollte ſie vertreiben, aber ihre ſpitzen, kalten Zähne verwundeten ſeine Hände. , Bei ſeinem Falle war Blouſe und Weſte aufgegangen, und er fühlte auf ſeiner Bruſt kleine, kalte Pfoten und einen behaarten Körper. Er warf die ſchmutzigen Thiere weit von ſich, wenn er ſie von ſeinen Kleidern losge⸗ macht hatte, aber ſie kamen ſchwimmend wieder zu ihm zurück. Rudolph fing von Neuem an zu ſchreien, aber man hörte ihn nicht .. . . In wenigen Minuten konnte er nicht mehr ſchreien, das Waſſer war ſchon bis zu der Höhe ſeines Halſes geſtiegen, .. bald mußte es ſeinen Mund 204 Schon wurde ihm das Athmen ſchwer, weil die Luft aus dem Zimmer gedrängt wurde; die Anzeichen des höchſten Grades von Ohnmacht, ... die Anzeichen des Todes überwältigten Rudolph; die Adern an ſeinen Schläfen begannen heftig zu klopfen, es ſchwindelte ihm, er war dem Tode Noch einmal dachte er an Murph, dann erhob er ſeine Seele zu Gott, nicht, damit er ihn der Gefahr entreiße, nur, daß er ſeine Leiden abkürze. Rudolph war auf dem Punkte, wo er nicht nur al⸗ les das, was ein Leben glücklich, glänzend, beneidens⸗ werth macht, ſondern auch einen beinah königlichen Ti⸗ tel, eine Königliche Macht verlieren ſollte .. . . ge⸗ zwungen, auf ein Unternehmen zu verzichten, durch das er zwei ſeiner angebornen Leidenſchaften: Die Liebe zum Guten und den Haß gegen die Schlechten befriedigen, und das ihm auch einſt als Buße für ſeine Feh⸗ ler angerechnet werden konnte .. .. bereit einen ſchreck⸗ lichen Tod zu ſterben, fühlte Rudolph nichts von jener kleinlichen Wuth, von jener ohnmächtigen Raſerei, in der ſchwache Seelen bald die Wenſchen, bald das Ge⸗ ſchick, bald Gott verfluchen. Nein! Rudolph ertrug ſein Geſchick mit demüthiger Unterwürfigkeit, ſo lange ſein Geiſt hell und klar blieb. Als das des Todes ſeine Gedanken ver⸗ wirrte, kämpfte er, ganz dem Trieb zum Leben überlaſ⸗ ſen körperlich, aber nicht geiſtig gegen den Tod. Der Schwindel riß ſeine Gedanken in ſeinen entſetz⸗ lich raſchen Wirbel hinein; das Waſſer rauſchte vor ſei⸗ . nen Ohren, es kam ihm vor, als drehe er ſich um 5 ſich ſelbſt; der letzte Schein von Beſinnung wollte von Stimmen dicht vor der Kellerthür ertönten. Die Hoffnung belebte ſeine Kräfte von Neuem; durch eine ungeheure Anſtrengung ſeines Geiſtes konnte er die Worte vernehmen, die letzten, die er hörte und die er verſtand: — Du ſiehſt ja, daß Niemand da iſt. — Donnerwetter! es muß wahr ſein! — antwor⸗ tete die Stimme des Meſſermann's traurig, und die Tritte entfernten ſich. Vernichtet hatte Rudolph nicht mehr Kraft genug, ſich aufrecht zu erhalten .. . . er glitt die Treppe hin⸗ unter. Plötzlich wurde die Kellerthür heftig von außen ge⸗ öffnet, das in dem Raume verſchloſſene Waſſer ſchoß her⸗ aus wie durch die Oeffnung einer Schleuſe. . . . . Der Meſſermann konnte die Arme Rudolph's ergreifen, der ſich halb ertrunken durch eine krampfhafte Bewegung an der Thürſchwelle ikatieit hatte. Neunzehntes Kapitel. Der Rrankenwärter. Durch den Meſſermann einem gewiſſen Tode ent⸗ riſſen, liegt Rudolph, nachdem er in das von der Eule vor dem Verſuche des Schulmeiſters beſichtigte Saus in der Wittwenallee gebrucht iſt, in einem wohnlich ein⸗ ne von Paris. 1. eben verlöſchen, als eilige Schritte und das Geräuſch gerichteten Zimmer. Im Kamine Bren ein Feuer, von der Komode aus verbreitet eine Lampe ein lebhaftes Licht durch das Zimmer, vor der nur Rudolphs Bett, das von dicken, grünen Panns umge⸗ ben iſt, verſchont bleibt. Eein Neger von mittlerem Wuchſe, mit weißem Haar ud weißen Augenbrauen, ſorgfältig gekleidet und mit em kleinen Orange⸗ und grünem Bändchen in dem Knopfloche ſeines blauen Rockes, hält in der linken Hand eine goldene Sekundenuhr, die er von Zeit zu Zeit be⸗ fragt, während ſeine rechte Hand die Pulsſchläge Ru⸗ dolph's verfolgt. Dieſer Neger iſt traurig und nachdenkend; er be⸗ trachtet den ſchlummernden Rudolph mit der zärtlichſten Theilnahme. Der Meſſermann ſteht ſchmutzig und mit Lumpen bekleidet unbeweglich am Fußende des Bettes; er hat die Arme übereinander geſchlagen; ſein langer, rother Bart, ſein dickes flachsfarbiges Haar iſt unordentlich und ⸗ von Waſſer triefend, ſeine Züge ſind ſcharf und gebräunt, aber durch dieſe häßliche, rauhe Hülle dringt ein unbe⸗ 3 ſchreiblich tiefer Ausdruck von Theilnahme und Mitleid. Er wagt kaum zu athmen, .. nur gezwungen und un⸗ terdrückt hebt ſich ſeine breite Bruſt. Unruhig über die 3 nachdenkende Miene des Doktors, einen üblen, ſchlimmen Ausſpruch deſſelben fürchtend, wagt er, indem er Ru⸗ dolph betrachtet, leiſe folgende Betrachtung anzuſtellen: — Sollte man wohl glauben, wenn man ihn ſo ſchwach ſieht, daß er es war, der mir ſo fürchterliche Fauſtſchläge zu geben wußte? Es wird nicht lange dauern, dann wird er wieder vollkommen zu ſich kom⸗ men .. nicht wahr, Herr Doktorß Wahrhaftig, ich 20 wollte zu ſeiſter Geneſung gern noch mal ſeinen höllt⸗ ſchen Wirbel auf meinen Kopf nehmen, wenn ihm das helfen könnte, nicht wahr, Herr Doktor? Der Schwarze machte eine leiſe Bewegung mit Hand, ohne zu antworten. Der Meſſermann ſchwieg. — Die Arzenei? — ſagte der Neger. Sogleich ging der Meſſermann, der ehrfurchtsvoll ſeine ſchweren, beſchlagenen Schuhe draußen ausgezogen hatte, nach der Komode, indem er auf den Zehen ſo leicht als möglich zu gehen verſuchte; dies geſchah mit einer Verdrehung der Beine, einer Zuſammetgiehung ver Schultern und des Rückens, das unter andern Umſtänden ſehr komiſch erſchienen ſein würde. Der arme Teufel wollte alle Schwere in den Punkt zuſammenziehe, der den Boden nicht berührte; aber trotzdem und, trotz des Teppiches ächzte der Fußboden unker der Laſt ſeines Körpers. Unglücklicher Weiſe hielt er 3 in ſeinem Eifer, Alles gut zu machen, und aus Furcht, 3 die kleine Flaſche fallen zu laſſen, den Hals derſelben in 6 ſeiner harten Hand ſo feſt, daß er ſie zerdrückte und die Arzenei auf den Teppich goß. 5 Beim Anblick dieſes Mißgeſchicks blieb der Meſſer⸗ mann unbeweglich, ein Bein in der Luft, die Zehen feſt zuſammengezogen ſtehen und ſah bald den Arzt, bald den Hals der Flaſche, den er noch in der Hand hätte, ver⸗ legen an. — Ungeſchickter — rief der unge⸗ duldig. — Donnerwetter! 6 ich i — „ fügte der W zu ſich 3 ſwhei inzu. 208 — Glücklicherweiſe — fuhr der Arzt fort, indem er auf die Komode ſah, — haſt Du Dich geirrt, .. ich wollte die andere Flaſche. — Die kleine rothe? — fragte der ungeſchickte Kran⸗ kenwärter leiſe. — Ja, es iſt ja keine andere mehr dort. Der Meſſermann wandte ſich aus Gewohnheit aus ſeiner Soldatenzeit auf einem Fuße um, wobei er die Scherben der Flaſche zertrat; zartere Füße würden ſich verwundet haben, aber der Meſſermann verdankte ſeinem Stande ein Paar natürliche Fußſohlen, die ſo hart wie der Huf eines Pferdes waren. — Nimm Dich in Acht, Du wirſt Dich ſchneiden — ſagte der Doktor. Der Meſſermann achtete wenig auf dieſe Ermahnung. Tief von der Wichtigkeit ſeines neuen Auftrages erfüllt, deſſen er ſich rühmlichſt entledigen wollte, um ſeine vo⸗ rige Ungeſchicklichkeit vergeſſen zu machen, hätte man ſe⸗ hen müſſen, wie leicht und vorſichtig er ſeine beiden Fin⸗ ger öffnete und diesmal das Gläschen faßte . . . Ein Schmetterling würde nicht das kleinſte Goldſtäubchen ſeines Flügels verloren haben unter den. Fingern des Meſſermann's. Der Neger zitterte vor einem neuen Unfalle, den dieſe übertriebene Vorſicht herbeiführen konnte. Glück⸗ licherweiſe entging das Fläſchchen dieſer Gefahr. Wäh⸗ rend der Meſſermann ſich dem Bette näherte, zertrat er von Neuem mit den Füßen die übrigen Glasſcherben. — Unglücklicher, willſt Du Dich denn durchaus ver⸗ wunden? — ſagte der Arzt leiſe. Der Meſſermann ſah ihn erſtaunt an. „ 209 — Womit ſoll ich mich denn Lerwunden, Herr Doktor? — Du trittſt ja immerzu auf den Glasſcherben herum. — Wenn's weiter nichts iſt, ſo ſei'n Sie ohne Sor⸗ gen, ich habe doppelte Sohlen. — Einen kleinen Löffel! — ſagte der Arzt. Der Meſſermann fing von Neuem an auf den Ze⸗ hen zu gehen und brachte das Verlangte. Nachdem Rudolph einige Löffel voll von der Arzenei eingenommen hatte, machte er mit den Händen eine ſchwache Bewegung. — Gut! gut! Die Betäubung verliert ſich — ſagte der Doktor. — Der Aderlaß hat gute Dienſte gethan, bald wird er außer Gefahr ſein .. . . — Gerettet!. Hurrah! Es lebe die Charte! — ſchrie der Meſſermann, indem ſeine Freude ausbrach. — Willſt Du gleich ruhig ſein! — Ja, Herr Doktor. — Der Pulsſchlag wird regelmäßiger ... Sehr gut! Sehr gut! Und der arme Freund des Herrn Rudolph, Herr Doktor? Donnerwetter, wenn er es hören wird! Zum Glück .. — Still! — Ja, Herr Doktor. — Setze Dich doch! — Aber Herr Do . — Setz' Dich! Du eni mich, wenn Du im⸗ mer ſo um mich herunſchieh das zerſtreut mich, ſetz' Dichl 3 — Herr Doktor, ich bin ſo ſchmutzig wie ein Stück Floßholz, das aus dem Waſſer gezogen wird; ich mache die Stühle naß. — Dann ſetz' Dich auf die Erde. — So beſchmutze ich die Fußdecke. — Mach' was Du willſt, aber um Himmelswillen! verhalte Dich ruhig — ſagte der Doktor ungeduldig, in⸗ dem er ſich in einen Armſtuhl ſetzte und den Kopf in die Hand ſtützte. Nachdem der Meſſermann einen Augenblick nachge⸗ dacht hatte, nahm er, weniger um ſich zu ruhen, als um dem Doktor zu gehorchen, einen Stuhl, kehrte ihn mit einer vollkommen zufriedenen Miene um, ſo daß die Lehne auf den Fußboden zu ſtehen kam, in der beſchei⸗ denen Abſicht, ſich auf die Vorderbeine des Stuhls zu ſetzen, um nichts zu beſchmutzen. Alles dieſes that er mit einer zärtlichen Aufmerkſamkeit. Zum Unglück aber kannte der Meſſermann die Geſetze des Hebels und des Schwerpunktes der Körper zu wenig, der Stuhl ſchwankte hin und her, J... der Unglückliche ſtreckte durch eine unwillkürliche Bewegung die Arme aus und warf dadurch einen kleinen Spiegeltiſch um, auf dem ein Teller, eine Taſſe und eine Theekanne ſtand. Bei dem fürchterlichen Lärmen, den dies Manöber verurſachte, ſprang der Neger von ſeinem Armſtuhl auf. Auch Rudolph war erwacht, richtete ſich auf, ſetzte ſich zurecht, ſah ſich ängſtlich um, ſammelte ſeine Gedanken und rief: — Murph! wo iſt Murph? — Beruhigen Sie ſich, Hoheit, — ſagte der Neger ehrfurchtsvoll — es iſt Hoffnung vprhanden. — So iſt er verwundet? — rief Rudolph. — Leider ja, gnädiger Herr. — Wo iſt er? ich will ihn ſehen! Und Rudolph verſuchte aufzuſtehen, aber der Si den er in den Gliedern empfand, warf ihn zurück. — Man trage mich augenblicklich zu Murph — rief er — weil ich doch nicht gehen kann. — Gnädiger Herr, er ruht, es iſt gefährlich, ihm jetzt eine große Aufregung zu bereiten. — Sie täuſchen mich! er iſt todt . . er iſt todt! ermordet! . . . und ich, ich habe ſeinen Tod verurſacht — rief Rudolph mit herzzerreißender Stimme, indem er die Hände zum Himmel erhob. — Sie wiſſen, gnädiger Herr, daß es mir nicht ge⸗ geben iſt, zu lügen. Bei meiner Ehre! Herr Murph lebt, obgleich er ſchwer verwundet iſt; aber es ſind geichen vorhanden, die mit vorausſetzen laſſen, daß er geneſen wird. — Sie ſagen mir das, um mich auf eine ſchreckliche Nachricht vorzubereiten .. Er iſt ohne Zweifel in einem hoffnungsloſen Zuſtande. — Gnädiger Herr . .. — Gewiß, Sie täuſchen mich ich will augenblicklich zu ihm gebracht ſein, ... der Anblick eines Freundes iſt immer heilbringend. — Ich verſichere noch einmal bei meiner Ehre, gnädiger Herr, daß Herr Murph bald wieder hergeſtellt ſein wird, wenn nicht die unwahrſcheinlichſten Zufälle eintreten. — Sie ſprechen die Wahrheit, k David? — Ich ſpreche die Weze gnädiger Berr. 212 — Hören Sie, Sie kennen das Vertrauen, das ich Ihnen geſchenkt habe, ſo lange Sie in meinem Hauſe ſind. Niemals habe ich Ihr hohes Wiſſen in Zwei⸗ fel gezogen, aber um des Himmels Willen! wenn die Zuziehung eines andern Arztes nöthig wäre .. — Es war mein erſter Gedanke, aber jetzt iſt dies durchaus unnöthig, glauben Sie mir; und dann wagte ich nicht, einen Fremden hineinzubringen, da ich nicht wußte, ob die Befehle, die Sie geſtern . — Aber wie iſt das Alles gekommen? — unter⸗ brach Rudolph den Neger; — wer hat mich aus dem Koller befreit, in dem ich ſchon halb und halb ertrun⸗ ken war? . .. Mir iſt, als hätte ich die Stimme des Meſſermannes gehört, oder habe ich mich getäuſcht? — Nein! nein! der brave Mann wird Ihnen Alles erzählen können, denn er hat Alles gethan. — Wo iſt er? Wo iſt er? Der Doktor ſuchte den ungeſchickten Krankenwärter, der ſich verlegen über ſeinen Fall hinter den Bettvorhän⸗ gen verborgen hielt. — Bier iſt er — ſagte der Doktor — er ſchämt ſich ordentlich. — Immer näher, mein braber Kerl! — rief Ru⸗ dolph, indem er ſeinem Retter die Hand entgegen ſtreckte. Zwanzigſtes Kapitel. Erzählung des Meſſermannes. Die Verlegenheit des Meſſermannes hatte ſich ge⸗ ſteigert, als er gehört, daß der ſchwarze Arzt Rudolph verſchiedene Male gnädiger Herr nannte. — Aber ſo tritt doch näher und gieb mir Deine Hand! — ſagte Rudolph. — Nehmen Sie's nicht übel, Herr Ru „ gnädiger Herr wollt' ich ſagen . — Nenne mich, Herr Rudolph, wie früher ich höre es lieber. — Es iſt mir auch angenehmer und wird mir we⸗ niger Mühe machen; . aber meine Hand, verzeihen Sie, ſie hat ſo viel arbeiten müſſen. Und er hielt ſchüchtern ſeine ſchwarze, mit Schwie⸗ len verſehene Hand hin. Rudolph drückte ſie herzlich. — Nun ſetz' Dich und erzähle mir Alles, wie haſt Du den Keller entdeckt? Aber ſo eben denke ich erſt an den Schulmeiſter. — Er iſt hier und in Sicherheit — ſagte der ſchwarze Arzt. — Er und die Eule ſind zuſammen ge⸗ ſchnürt, wie ein Paar Rollen Taback. Was für ein Ge⸗ ſicht ſie machen werden wenn ſie einander anſehen .. — Und mein armer Murph! . . mein Gott, X erſt jetzt denke ich an ihn!! David, wo iſt er eruibt — An der rechten Seite, gnädiger Herr Gluci in det Nähe der ſtien Ripp 214 — Ah! ich lechze nach einer furchtbaren! furchtba⸗ ren Rache, David! Ich rechne auf Sie .. . . — Der gnädige Herr weiß, .. daß ich Sein bin mit Leib und Seele. — Nun erzähle, wie Du zur rechten Zeit hieher kamſt, mein braver Kerl? — ſagte Rudolph zum Meſſer⸗ manne. — Wenn's Ihnen Recht iſt, gnädig .. nein, Herr Rudolph, ſo fange ich mit dem Anfange an. — Du haſt Recht ich höre. — Sie wiſſen, daß Sie mir geſtern Abend, als Sie von der Spazierfahrt zurückkamen, die Sie mit der Lerche gemacht hatten, ſagten: Sieh, daß du den Schulmeiſter in der Cité findeſt; ſage ihm, daß du ein hübſches Ge⸗ ſchäft weißt, aber keine Luſt haſt, dabei zu ſein, daß er, wenn er ſtatt meiner Theil nehmeß wollte, ſich nur WMorgen (es war heut früh) an der Barrisre von Berth im „Blumenkorbe“ einzufinden hätte, wo er den treffen würde, der Alles vorbereitet hätte. — Ich weiß. — Als ich Sie verließ, trollte ich nach der Cité und ging zu Mutter Poniſſe .. . . kein Schulmeiſter. Ich ſtreife durch die Straße St. Eloi, durch die Boh⸗ nenſtraße, durch die Lumpengaſſe, . Niemand zu ſehen. Endlich faßte ich ihn mit der Eule auf dem Kirchhof Notre⸗ Dame bei einem kleinen Schneider, der zugleich Tröbler, Hehler und Dieb iſt. Sie wollten ſich mit dem Gelde, das ſie dem großen Herrn in Trauer, der Ihnen Etwas anhängen wollte, fortgenommen hatten, neu kleiden; ſie kauften allerhand Sachen; . die Eule, das alte Beeſt handelte eben um einen rothen Shawl. Ich machte 215 dem Schulmeiſter meine Beſtellung. Er antwortete mir, daß er Luſt hätte und ſich einfinden würde. Gutz heut Morgen mache ich mich nach ihren Befehlen von Geſtern 3 auf den Weg und laufe hieher, um Ihnen die Antwort zu bringen. Sie ſagten mir: komm morgen vor Tages⸗ anbruch wieder, du ſollſt den Tag über in dem Hauſe bleiben und am Abend Etwas ſehen, das der Mühe der⸗ ohnen wird. Weiter ſagten Sie nichts zu mir, aber ich errieth, was ſie meinten. Ich ſagte zu mir; Es wird dem Schulmeiſter morgen ein Süppch ein⸗ gebrockt, man will ihm eine Falle legen. Er iſt einBöſe⸗ 3 wicht, . er hat den Viehhändler ermordet Ich bin dabei. — Es war Unrecht von mir, daß ich Dir nicht Alles ſagte, mein Junge, dann wäre das ent ſeliche Un⸗ glück vielleicht nicht geſchehn. — Das konnten Sie halten, wie Sie wpltten Herr S Rudolph; ich hatte weiter nichts zu thun, alß Ihre Be⸗ fehle auszurichten, weil es mir einmal iſt, wie ich Ihnen ſchon oft geſagt habe, als wenn ich Ihr Hund wäre. Ich dachte: die Hochzeit iſt erſt morgen, heüte iſt noch nichts zu thun, . .. Herr Rudolph hat mir die beiden Tage, die ich nic zu meinem Floßmeiſter gegangen bin, bezahlt ... ich bin kein Millionair, die Arbeit. iſt mein Brodt. 36h dachte weiter: Sieh! Herr Rudolph bezahlt dir deine Zeit, folglich gehört ihm deine Zeit. So kam ich auf folgenden Gedanken: Der Schulmeiſter iſt ſchlau und boshaft, er kann vielleicht die Falle, die ihm „gelegt werden ſoll, ahnen .. .. Herr Rudolph wi ihm Sache zu morgen voclhlagen, das iſt rich Fite iſt im Snde ſich das 216 beſehen, .. und wenn er Herrn Rudolph nicht traut, bringt er vielleicht gar einen andern Gefährten mit, wenn er nicht gar ſagt: Morgen und das Geſchäft ſchon heut für eigene Rechnung beſorgt. — Du haſt Alles richtig vorausgeſehen, es iſt ſo gekommen und die Vorſehung hat gewollt, daß Du mein Leben retten ſollteſt! — Es iſt wunderbar, Herr Rudolph, daß, ſeitdem ich Sie kennen gelernt habe, mir Dinge vorkommen, die dort oben eingeleitet ſein müſſen! und dann habe ich Gedanken, die ich niemals früher hatte, ſeitdem Sie mir geſagt haben: Du haſt noch Herz und Ehrgefühl. Donnerwetter, Herz! Ehrgefühl! die Worte ſummen mir fortwährend in den Ohren. Sehen Sie, Herr Rudolph, wenn man gewohnt iſt, ſich wie ein Wolf, wie ein toller Hund betrachtet und behandelt zu werden, ſobald man unter ehrliche Leute tritt ... — Du machſt Dir alſo ſeit einigen Tagen Ge⸗ danken, die Dir neu ſind? — Ja, Herr Rudolph. Sehen Sie, ich ſagte mir weiter: Wenn mir Jemand bekannt wäre, der einen ſchlechten Streich gemacht hat, durch Branntwein, Zorn oder ſonſt Etwas verleitet, .. . würde ich ihm ſagen: Du haſt nicht Recht gethan, lieber Freund, gut aber das iſt noch nicht Alles . . .. die Menſchen, die ertrinken, verbrennen, die vor Hunger ſterben, ſind auch Menſchen. Du wirſt von nun an von den 40 Sous, die du verdienſt, zwanzig an arme Alte oder kleine Kinder geben, an ſolche, die unglücklicher ſind, als du, die weder Brodt noch Kraft haben, ſich Etwas zu Lerdienen ynd vor Allem, vergiß nicht, dich nich zu beſinnen, wenn Jemand mit Lebensgefahr zu retten iſt, . das iſt deine Sache. Wenn du ſo handelſt und deine Streiche nicht von Neuem anfängſt, wirſt du immer in mir ... Aber verzeihen Sie, Herr Ru⸗ dolph ich plaudre, und Sie ſind gewiß begierig zu erfahren .. — Nein; ich höpe diqᷓſgern ſr und dann werde ich nur zu bald etfahren, wie das entſetzliche Unglück kam, deſſen Opfer mein armer Murph geworden iſt. . . . . Ich wollte dei Schulmeiſter während des ge⸗ fährlichen Unternehtens nicht einen Augenblick verlaſſen, dann ſollte eremich tauſendmal getödtet haben, ehe er hätte an Murph die Hand legen ſollen. Ach! das Schick ſal hat es anders gewollt fahre fört, mein Junge. — Da ich nun mrihe Zeit für Sie Kinwenden wollte, Herr Rudolph, ſagte ich mir: Ich müß mir einen Ver⸗ ſteck ſuchen, von dem aus die Mauer und die Gartenthür zu ſehen ſind, weil es keinen andern Eingang giebt . Wenn ich einen finde und es fängt an zu regnen, ſo bleibe ich den ganzen Tag darin und die Nacht dazu, dann bin ich am andern Morgen gewiß früh genug da. Ich fand wenige Schritte von Ihrer Thür ein kleines Wirthshaus, in das ich mich ſogleich begab, mich am Fenſter aufpflanzte, während ich mir einen Schoppen Wein und Nüſſe geben ließ. Ich ſagte, ich erwartete Freunde . einen buckeligen Mann und eine große Frau, das war doch ganz natürlich. Ich mache mir's teguem und laſſe die Thür nicht aus dem Auge⸗ Nacht kam und Niemand ging vorbei, 6 — Aber — ut Rudolph, tt er de n Weſet⸗ mann unterbrach — warum biſt Du denn nicht in mein Haus hineingegangen? ₰ — Sie hatten mir befohlen, am andern Morgen wieder zu kommen, Herr Rudolph .. . . ich wagte nicht, früher zu kommen. Ich weiß, was ſic gehört . ich weiß, daß ich doch nur ein freigelaſſener Sträſting z und wenn Jemand, wie Sie, mit mir umgeht, Herr Rudolph, dann darf ich nicht zu ihm gehen, bis er ſagt: komm. So ſaß ich am Fenſter, trank meinen Wein und knackte Nüſſe, als ich die Eule und den kleinen Lahmen kommen ſah, Roth⸗Arm's Sohn. — Roth⸗Arm! ſo iſt er der Beſitzer des unterirdiſchen rishies in den elhſäiſchen Feldern? — rief Rudolph. — Fa, Herr Rudolph; Sie wiſſen es nicht? — Reinz ich glaubte, daß er in der Cité wohne. — Dort wohnt er auch, er wohnt überall, dieſer Roth⸗Atm. Er iſt ein ſchlauer Kerl mit ſeiner . gelben Perrücke und ſpitzen Naſe! .. . . Als ich nun endlich die Eule und den kleinen Feen kommen ſah, dachte ich bei mir: nun wird's losgehen! Wirklich ver⸗ ſteckte ſich der Lahme in einem Graben der Allee, von dem aus er Ihre Thür beobachten konnte. Die Eule nahm ihre Haube ab, ſteckte ſie in die Taſche und klin⸗ gelte; der arme Herr Murph,/ öffnet ihr und nachdem ſie ein Paar Worte mit ihm geſprochen hatte, lief ſie in den Garten. Ich ärgerte mich fürchterlich, daß ich nicht errathen konnte, was die Eule eigentlich vorhatte Endlich kam ſie wieder aus dem Hauſe heraus, ſegte ihre Haube auf, ſagte bem Lahmen im Graben im Vorbeigehen ein Ftt Worte und ging fort. Ich dachte mir; Nun wird's kommen) .. die Eule iſt mit 6 219 dem kleinen Lahmen gekommen, . .. ſomit iſt Herr Rudolph und der Schulmeiſter bei Roth⸗Arm. Die Eule iſt⸗ gekommen, um die Umſtände zu unterſuchen, ſie wollen alſo das Geſchäft ſchon heute Abend vornehmen. Wenn dies geſchieht, ſo haben ſie Herrn Rudolph, der es erſt morgen gethan haben will, bei Seite gebracht. Ich muß alſo zu Roth⸗Arm gehen, dachte ich, und ſehen, wie Alles ſteht, aber, Donnerwetter! wenn der Schulmeiſter unterdeß ankommt .. .. deſtv ſchlim⸗ mer! ich werde in das Haus gehen und Herrn Murph ſagen: Nehmen Sie ſich in Acht . . . . Ja, aber nun lauert dieſer verfluchte Junge an der Thür, er wird mich klingeln hören, er wird mich ſehen, der Eule Nach⸗ richt geben, wenn ſie zurückkommt, ... Das kann die ganze Geſchichte verderben. Und wenn nun gar Herr Rudolph ſeine Abſicht geändert hätte und die Sache heut vornehmen wollte? — . . .. Donnerwetter! .... dies ewige Hin⸗ urd Herſchwanken machte mich beinah verrückt. Ich wußte nicht, was ich thun ſollte; ich dachte, du willſt in's Freie gehen, vielleicht fällt dir dann ein Ausweh ei Ich gehe hinaus, ... und richtig, es fällt mir Etwas ein. Ich ziehe meine Blouſe aus, binde mein Halstuch ab und gehe nach dem Graben, wo der Lahme verſteckt liegt. Ich nehme ihn beim Fell, wie einen Teckel, ſtecke ihn trotz ſeines Widerſtandes in meine Blouſe, wie in einen Sack, binde das eine Ende mit den beiden Aermeln, das andere mit meinem Halstuche zu, ſo daß er gerade athmen konnte. Dann nehme ich mein Packet unter den Arm unßſehe mich um, wo ich es am Beſten laſſen ſoll; da bemerke ich einen kleinen Gemüſe⸗ — * 220 da hinein werfe ich den Lahmen, ſo daß er mitten in ein Mohrrübenbeet zu liegen kommt. Er grunzte wie ein Schwein, aber weiter als zwei Schritt konnte man ihn nicht hören. Es war nun die höchſte Zeit, daß ich mich aus dem Staube machte; ich ſtieg auf einen der höchſten Bäume der Allee, der gerade Ihrer Thür gegenüber ſteht. Zehn Minuten ſpäter höre ich Jemand kommen; es regnete immerzu, war ſo finſter, daß der Teufel ſich auf den Schwanz getreten hätte . . . ich horche: Es iſt die Eule: — Lahmer! .. .. Lahmer! — ruft ſie leiſe. — Ja, ſuche Du nur Deinen Lahmen! — Es regnet; der Racker wird müde geworden ſein, länger zu warten! — fluchte die Stimme des Schulmeiſters. — Wenn ich ihn finde, ziehe ich ihm das Fell über die Ohren!! — Mörderchen — fuhr die Eule fort, — nimm Dich in Acht! er iſt vielleicht fortgegangen, um uns eine Nachricht zu bringen ... wenn man uns doch eine Falle gelegt hätte? .. . . Der Andere wollte erſt um 10 Uhr anfangen und jetzt iſt es erſt 7 Uhr. — Das iſt ganz gleich — antwortete der Schul⸗ meiſter; — Du haſt Geld geſehen, .. wer nicht wagt, der nicht gewinnt; gieb mir die Zange und das Brecheiſen. — Dieſes Werkzeug .. .. — fragte Rudolph. — Hatten ſie von Roth⸗Arm geliehen. Oh! er hat ein wohl eingerichtetes Haus. . . . . Die Thür war bald erbrochen. — Bleib hier — ſagte der Schulmeiſter zur Eule; — paſſ' auf und gieb mir das Zeichen, wenn Du etwas hörſt. — Steck' den Dolch in das Knopfloch der Weſte, Mörderchen, damit Du ihn gleich bei der Band haſt, wenn's Zeit iſt — ſagte die Eule. Der Schulmeiſter trat in den Garten ein .. . ich ſagtt mir 221 ſogleich: Herr Rudolph iſt nicht dabei; er iſt todt oder lebend, ich kann ihm nicht helfen, . .. aber die Freunde unſerer Freunde ſind unfre eigenen .. . . Ach nein! Ver⸗ zeihen Sie gnädiger .. — Weiter! weiter! — Ich dachte bei mir: Der Schulmeiſter kann Herrn Murph, den Freund des Herrn Rudolph, der nichts ahnt, ermorden .. . . ich ſpringe von dem Baume herunter, falle über die Eule her, betäube ſie mit zwei ausgeſuchten Fauſtſchlägen dermaßen, daß ſie beſinnungs⸗ los niederfällt, . . . trete in den Garten ein, .1 Don⸗ nerwetter! Herr Rudolphl! es war zu ſpät. — Armer Murph! — Ohne Zweifel war er hinausgegangen, als er das Geräuſch an der Thür hörte, und wälzte ſich nun mit dem Schulmeiſter auf der kleinen Vortreppe. Ob⸗ gleich er ſchon verwundet war, hielt er doch ſeinen Geg⸗ ner feſt, ohne nach Hülfe zu rufen. Braber Mann! Er iſt wie die guhen Hunde: tüchtig beißen, aber nicht heulen, dachte ich bei mir und warf mich ohne zu zögern über beide her, 'indem ich den Schulmeiſter faßte. — Es lebe die Charte! ich bin's, Herr Murph! der Meſſermann! nun hat er's mit Zweien zu thun! — Kerl! wo kommſt Du her? — rief mir der Schulmeiſter, über den neuen Angriff betäubt, zu. — Auch noch neu⸗ gierig — antwortete ich ihm, indem ich eines ſeiner Beine zwiſchen meine Kniee nahm und den Arm packte, in dem er den Dolch hielt . — Und F rief Herr Murph, indem er mir teißnt — Edler, vortrefflicher Mann! — ſagte „ſchmerzlich durch dieſe Selbſtoerläugnung N G niſe von Paris. I. — Ich weiß nichts von ihm, — antwortete ich. — Der Kerl hier hat ihn vielleicht umgebracht .. .. — und ich ſetzte dem Schulmeiſter mit verdoppelter Kraft. zu, da er mich mit dem Meſſer zu verwunden ſuchte aber ich lag mit der Bruſt auf ſeinem Arm und er hatte nur die Fauſt frei. — Sie ſind alſo allein? — fragte ich Herrn Murph, indem wir immer noch fort⸗ fuhren uns mit dem Schulmeiſter herumzuwälzen. — Es ſind wohl Leute in der Nähe, aber man würde meine Stimme nicht hören, wenn ich auch ſchreien wollte. — Iſt es weit? — Höchſtens zehn Minuten. — Rufen wir nach Hülfe, vielleicht geht Jemand vorüber und kommt uns beizuſtehn. — Nein; wir haben ihn einmal feſt, wir müſſen ihn beſchäftigen. Aber ich werde ſchwach ich bin verwundet, — ſagte Herr Murph. — Don⸗ nerwetter! Dann gehen Sie und holen uns Beiſtand, wenn Sie es noch vermögen. Ich will verſuchen, ob ich ihn feſthalten kann; nehmen Sie ihm nur das Meſſer weg und helfen Sie mir, mich auf ihn zu legen, denn wenn er auch zweimal ſo ſtark iſt als ich, ſo traue ich mir doch zu, ihn zu halten, wenn ich ihn einmal unter habe. — Der Schulmeiſter ſprach kein Wort, . man hörte ihn nur ſchnaufen, wie einen Ochſen. Aber Donnerwetter! iſt der Kerl ſtark .. Herr Murph hatte ihm das Meſſer nicht entreißen können, denn die Hand dieſes Menſchen iſt ſo feſt wie ein Schraubſtock. End⸗ lich gelang es mir, mich mit dem ganzen Körper auf ſeinen rechten Arm zu legen, meine beiden Hände hinter ſeinen Nacken zu bringen, die ich nun mit aller Kraft zuſammendrücke „ als wollte ich ihn umarmen 3 — 223 Darauf blieb ich mit dem Schulmeiſter allein; er ſchien zu wiſſen, was ihn erwartete. — Er wußte es nicht, . . ſo wenig wie Du es weißt, braver Kerl — ſagte Rudolph finſter, während ſich ſeine Züge zu jenem harten, boshaften Ausdruck verzo⸗ gen, von dem wir ſchon öfter geſprochen haben. Der Meſſermann ſah Rudolph erſtaunt an und ſagte: — Ich glaubte der Schulmeiſter wiße, was ihn er⸗ wartete, denn Donnerwetter! ich will mich nicht rühmen, aber es gab einen Augenblick, wo mir gar nicht hochzeitlich zu Muthe war . .. Wir lagen halb auf der Erde, halb auf der letzten Treppenſtufe . ich hielt ſeinen Hals mit meinen Armen umſpannt, „ meine Backe lag an ſeiner ich hörte ihn mit den Zähnen knirſchen .. . . Es war ſtockfinſter, regnete und nur die Lampe, die in dem Vorzimmer brannte, beleuchtete uns ein wenig . Eins ſeiner Beine hatte ich zwiſchen den Knieen, trotzdem hatte er in dem andern ſo viel Kraft, daß er uns einigemal wohl einen Fuß hoch hob .. Er wollte mich beißen, aber er konnte nicht .. .. Nie hatte ich mich noch ſo kräftig gefühlt . . .. Donnerwetter! Das Herz klopfte mir, . aber auf dem rechten Flecke und ich dachte bei mir: Ich bin wie Einer, der einen tollen Hund packt, um zu verhindern, daß er die Leute nicht beißt. — Laß mich davon und ich verſpreche, Dir nichts zu thun — ſagte mir der Schulmeiſter Ah! Du biſt auch noch feige! — antwortete ich ihm — Dein Muth iſt alſo nur in Deiner Stärke. Du hätteſt es Ilſo nicht gewagt, den Viehhändler zu ermorden, wenn er ſo ſtark geweſen wäre wie ich. — Nein — erwiederte i, aber ich werde Dich ermorden, wie ich ihn ermordet 224 habe. — Bei dieſen Worten machte er eine ſo gewaltige Anſtrengung, daß er mich hoch hob und zur Seite warf. Aber ich hatte noch immer ſeinen Hals mit meinen Hän⸗ den umſpannt und ſein Arm lag unter meinem Körper. Als er nun einmal ſeine beiden Beine frei hatte, wußte er ſie gehörig zu gebrauchen .. .. Das gab ihm einen großen Vortheil und wenn ich nicht den Arm mit dem Dolche feſtgehalten hätte, wäre es um mich geſchehen geweſen .. .. Da verrenkte ich mir die linke Hand und ließ vor Schmerz los . ... Nun iſt's alle! er iſt oben, ich unten ... nun wird er mich kalt machen .. doch, das ſchadet nichts .. . . ich möchte doch nicht er ſein, denn Herr Rudolph hat mir gſaht Du haſt noch Herz und Ehre! und ich fühlte in dem Augenblicke ſelbſt, daß es wahr iſt. So weit waren wir gekommen, als ich plötzlich die Eule vor mir ſtehen ſah, mit ihrem großen, grünen Auge, ihrem ro⸗ then Shawl. Donnerwetter! Ich glaubte das Alpdrücken zu bekommen. — Finette! — rief der Schulmeiſter, — ich habe das Meſſer fallen laſſen, . . lang es auf. . . . und gieb es mir .. . oder ſtoß lieber ſelbſt zu, in den Rücken zwiſchen die beiden Schultern. — Wart' ein Bißchen, Mörderchen, ich will mich umſehen — und die Eule ſtrich um uns herum wie ein Vogel, der Unglück bringt. Endlich ſieht ſie den Dolch . . . will ihn aufnehmen, aber ich gebe ihr einen Fußtritt auf den Magen, daß ſie weit davon fliegt; aber ſie ſteht wieder auf und kommt von Neuem heran ich hatte keine Kraft mehr; ich hielt den Schulmeiſter zwar noch feſt, aber er gab mir ſo fürchterliche Schläge unter die Kinnlade, daß ich ihn immer loslaſſen wollte. Es hatte am längſtr ge⸗ dauert, als ich drei bis vier bewaffnete Leute kommen ſehe und Herrn Murph, der ganz blaß ausſah, und ſich auf den Herrn Doktor ſtützte. Man griff den Schulmei⸗ ſter und die Eule und knebelte ſie .. Das war gemacht, aber nun fehlte noch Herr Rudolph. ich ſpringe noch einmal auf die Eule, indem ich an den Zahn der armen Lerche denke, drehe ich ihr den Arm um und frage: — Wo iſt Herr Rudolph? Sie hielt ſich gut, aber als ich immer mehr drehte, rief ſie: . bei Roth⸗Arm im Keller . .. im blutenden Herzen! . . Gut! im Vorübergehen will ich den kleinen Lahmen aus dem Gemüſegarten holen und ihn mitnehmen, aber er war fort . . . nur meine Blouſe lag da . er hatte ſie mit den Zähnen durchgebiſſen. Ich komme im blu⸗ tenden Herzen an, packe Roth⸗Arm an der Kehle .. — Wo iſt der junge Mann, der heut Abend mit dem Schulmeiſter und der Eule hergekommen iſt? — Tauſend! erwürge mich nicht, ich will es ſagen. Man hat ſich nur einen Scherz mit ihm gemacht, . . er iſt im Keller, wir wollen ihn herauslaſſen. — Wir gehen in den Keller, Niemand da . .. — Er wird hinausge⸗ gangen ſein, während ich draußen war, — ſagte Roth⸗ Arm. — Du ſiehſt ja, es iſt Niemand da. — Ich will eben ganz traurig davon gehen, als ich beim Schein der Laterne eine zweite Thür bemerke. Ich laufe hin, mache ſie auf und bekomme bei dieſer Gelegen⸗ cheit ein billiges Bad, denn das Waſſer ſtürzte mir entgegen. Ich ſah Ihre beiden Arme, ſiſchte ſie her⸗ aus und trug Sie auf dem Rücken hierher, weil ich Niemand ſah, der mir hätte einen Wagen holen können Das iſt Alles, Herr Rudolph, und kann ſegen 226 ohne mich zu rühmen, daß .. . . ich zufrieden da⸗ mit bin. — Du haſt mir das Leben gerettet, mein Junge ... Das iſt eine Schuld, die ich, verlaß Dich darauf .. . . eines Tages abtragen werde. Du haſt ein ſo gutes Herz, daß Du das Gefühl verſtehen wirſt, das mich in dieſer Stunde beſeelt, . . . eine ſchreckliche Unruhe für das Leben des Freundes, das Du auf eineſ ſo tapfere Weiſe gerettet haſt . . .ferner ein Bedürfniß nach Rache gegen den, der uns Alle beinah ermordet hätte. — Ich verſtehe Sie, Herr Rudolph .. über Sie herzufallen, Sie unvorhergeſehen in einen Keller zu ſtür⸗ zen und Sie ohnmächtig in ein Gewölbe zu werfen, um Sie zu erſäufen, daß verdient vine gehörige Strafe. ... Er hat mir geſtanden, däß er den Viehhändler ermordet hat, ich bin nicht eben weichherzig, . aber Don⸗ nerwetter! diesmal holte ich mit Freuden ſelbſt die Wache, um den Schulmeiſter einwerfen zu laſſen. — Wollen Sie nicht nachſehen, David, wie es mit Murph geht? — ſagte Rudolph ohne dem Meſſermanne zu antworten. — Sie ſagen mir dann Beſcheid. — Der Schwarze ging hinaus. — Weißt Du nicht, wo ſie den Schulmeiſter hin⸗ gebracht haben? — Er iſt in einem der untern Zimmer mit der Eule zuſammen. Sie wollen die Wache holen laſſen, Herr Rudolph? Nein. — Sie wollen ihn doch wohl nicht frei fortgehen laſſen?. . Seien Sie nicht ſo großmüthig, Herr Ru⸗ dolph! ich bleibe dabei, er iſt wie ein toller Hund ——— Dhr. Dieſer ſchauderte. die Vorübergehenden können ſich nur in Acht neh⸗ men. — — Er ſoll Niemand mehr beißen . verlaß Dich darauf. — Sie wollen ihn alſo irgendwo einſperren? — Nein! in einer halben Stunde wird er dies Haus verlaſſen. — Der Schulmeiſter? — Ja. — Ohne von Gensdarmen begleitet zu werden? — Ohne begleitet zu werden⸗ — Ganz frei wird er fortgehen? — Ganz frei. — Und allein? — Allein. — Aber er wird . — Hingehen, wohin er Luſt hat, unterbrach Ru⸗ dolph den Meſſermann, während ein Lächeln über ſein Geſicht glitt, das dieſen erſchreckte. Der Doctor kam zurück. — Nun David, was macht Murph? — Er ſchlummert, gnädiger Herr, — erwiederte der Arzt traurig. — Sein Athem iſt noch immer beengt. — Und es iſt noch immer Gefahr? — Sein Zuſtand iſt . . „ſehr gefährlich, gnädiger Herr wir müſſen hoffen . — Rache Murph! .. .. Rache! — rief Rudolph mit kalter, aber furchtbarer Wuth. — Dann fuhr er fort: — Dävid ein Wort Und er ſagte den Neger ein Paar Worte in das — Sie zögern? — ſagte Rudolph. — Und ich habe Ihnen doch ſchon oft meinen Willen erklärt nun Zeit, ihn auszuführen. — Ich zögere nicht, gnädiger Herr. Ich billige Ihre Anſicht, ſie enthält eine vollſtändige Aenderung des Strafverfahrens, die werth iſt, von den erſten Richtern der Welt unterfucht zu werden, denn die Strafe würde darnach einfach, .. . ſchrecklich und gerecht. Sie iſt in dieſem Falle anwendbar, denn die Verbrechen ungerech⸗ net, für die dieſer Verbrecher lebenslänglich zu den Ga⸗ leeren verurtheilt iſt, hat er drei Morde begangen, .. . an den Viehhändler, an⸗Murph und an Sie .. .. ſie iſt gerecht. — Und dann hat er ſein Leben lang den unbegrenz⸗ ten Horizont der Reue vor ſich — fügte Rudolph hinzu. — Sie verſtehen mich, David? — Wir ſtreben nach einem Ziele, gnädiger Herr. — Und Sie meinen, David, — fügte Rudolph hinzu, — daß fünftauſend Franken genug filr ihn ſein werden? — Vollkommen genug, gnädiger Gerr. — Ich habe ein Paar Worte mit dem Herrn zu ſprechen, — ſagte Rudolph nach einer Weile zum Meſ⸗ ſermann; — geh unterdeſſen in das Nebenzimmer, mein Junge, und hole mir5 Kaſſen⸗Anweiſungen, jede zu tau⸗ ſend Franken, die Du in einer rothen Brieftaſche, auf dem Schreibtiſch liegend, finden wirſt. — Und für wen ſollen dieſe 5000 Franken ſein? — fragte der Meſſermann unwillkürlich — Für den Schulmeiſter .. Du kannſt gleich ſa⸗ gen, daß man ihn hereinführe. e ſt Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Peſtratung. Der Auftritt, den wir ſchildern werden, geht in einem rothausgeſchlagenen, glänzend erleuchteten Zimmer vor. Rudolph ſitzt in einem langen Schlafrock von ſchwarzem Sammet, der ſein bleiches Geſicht noch mehr hervorhebt, vor einem großen, mit einem Teppiche bedeckten Tiſche. Auf dieſem Tiſche liegen zwei Brieftaſchen; die, welche der Schulmeiſter Tom geſtohlen hatte, und die eigene des Räubers; ferner die falſch goldene Kette der Eule mit dem kleinen heiligen Geiſt von Lapis⸗Lazuli, der noch blutige Dolch, welcher Murph verwundet hat, das Brech⸗ eiſen, mit dem der Schulmeiſter die Thür öffnete, und endlich die fünf Kaſſen⸗Anweiſungen, die der Meſſermann aus dem Nebenzimmer geholt hatte. Der ſchwarze Arzt ſitzt an der einen Seite des Ti⸗ ſches; ihm gegenüber der Meſſermann. Der Schulmeiſter ſitzt geknebelt, ſo daß er ſich nicht rühren kann, auf einem großen Rollſtuhle mitten im Zimmer. Die Leute, die ihn hereingebracht, haben das Zim⸗ mer wieder verlaſſen und der Räuber iſt mit Rudolph, dem Doktor und dem Meſſermanne allein. Rüdolph's Wuth hat ſich gelegt; er iſt ruhig, trau⸗ rig und gefaßt . . er will eine fe ierliche, furchtbare That erfüllen. 8 Der Doktor iſt nachdenkend. 230 Der Meſſermann fühlt eine unbeſtimmte Angſt; er wendet keinen Blick von Rudolph ab. Der Schulmeiſter iſt todtenbleich, ... er hat Furcht Eine geſetzliche Verhaftung würde ihm weniger ſchrecklich geſchienen haben, denn ſeine alte Frechheit würde ihn gewöhnlichen Richtern gegenüber nicht verlaſſen haben. Aber Alles, was ihn hier umringt, überraſcht. und erſchreckt ihn; er befindet ſich in der Gewalt Ru⸗ dolph's, den er wie einen gewöhnlichen Handwerker be⸗ trachtete, der fähig geweſen wäre, in der Stunde des Verbrechens den Muth zu verlieren, oder ihn zu ver⸗ rathen und den er dieſem Verdachte, wie der Hoffnung geopfert hatte, allein den Diebſtahl zu begehen. In dieſer Stunde, in dieſer Umgebung ſchien ihm Rudolph ſchrecklich, furchteinflößend wie die Gerech⸗ tigkeit ſelbſt. Die tiefſte Stille herrſchte ringsumher; man hörte nur den Regen, der einförmig vom Dache auf das Pflaſter fällt. Rudolph wandte ſich zum Schulmeiſter und ſagte: — Ihr ſeid aus dem Bagnv von Rochefort ent⸗ ſprungen, wo Ihr zeitlebens bleiben ſolltet, als Strafe für Fälſchung, Mord und Diebſtahl. Ihr heißt: Anſelm Duresnel! — Das iſt gelogen! Beweiſen Sie, was Sie ſagen! — antwortete der Schulmeiſter mit zitternder Stimme, indem er einen ſcheuen, unruhigen Blick umhexwarf. — Was?! — rief der Meſſermann — nicht zuſammen in Rochefort geweſen? Rudolph gab dem Meſſermann ein Zeichen, worauf er ſchwieg, während jener fortfuhr: — Ihr ſeid Anſelm Duresnel, Du wirſt es ſpäter ſchon geſtehn; Ihr habt einen Viehhändler auf der Straße nach Poiſſy ermordet. — Gelogen! — Ihr werdet es ſpäter eingeſtehen. Der Räuber ſah Rudolph erſtaunt an. — Dieſe Nacht ſeid Ihr hier eingebrochen, um zu ſtehlen; Ihr habt deßwegen den Beſitzer des Hauſes er⸗ mordet . — Seh Sie mir nicht ſelbſt den Diebſtahl vor⸗ geſchlagen? — erwiederte der Schulmeiſter, der ſeine Faſſung etwas wieder gewann; — man hat mich an⸗ gegriffen, . . ich habe mich nur vertheidigt. — Der Mann, den Ihr getödtet habt, hat Euch nicht angegriffen; er war ohne Waffen. Es iſt wahr, ich habe Euch den Diebſtahl vorgeſchlagen und ich will Euch ſagen, aus welchem Grunde: Nachdem Ihr am Tage vorher einen Mann und eine Frau in der Cité beraubt, ihnen ihre Vrieftaſche geſtohlen hattet, botet Ihr Euch an, mich für tauſend Franken zu tödten .. — Ich hab's gehört! — fiel der Meſſermann ein. Der Schulmeiſter warf ihm einen wüthenden Blick zu, während Rudolph fortfuhr: — Ihr ſeht, daß ich Euch ſchlechte Handlungen nicht erſt vorzuſchlagen brauchte. — Sie ſind nicht mein Richter; ich werde Ihnen nicht mehr antworten. — hatte Euch den Diebſtahl aus folgenden Gründen vorgeſchlagen: Ich wußte, daß Ihr aus dem Bagno entſprungen waret, daß Ihr die Eltern ein S kanntet, deſſen Unglück Eure Witſcht dige, die Eule, allein herbeigeführt hat. Ich wollte Euch durch ein Verbrechen, denn nur ein ſolches kann Euch verführen, hieher locken. Wart Ihr einmal in meiner Gewalt, würde ich Euch die Wahl gelaſſen haben, den Händen der Gerechtigkeit für Eure Flucht und den Mord des Viehhändlers übergeben zu werden, oder ... — Gelogen! Ich habe ihn nicht ermordet! — Oder auf meine Koſten fort von Frankreich ge⸗ bracht zu werden, an einen Ort ewiger Einſamkeit, unter der Bedingung, mir die Nachrichten zu geben, die ich haben wollte. Ihr wart lebenslänglich verurtheilt und entfloht, ich leiſtete der menſchlichen Geſellſchaft ſomit einen Dienſt, wenn ich mich Euter bemächtigte und es Euch unmöglich machte, ferner zu ſchaden, während ich zu gleicher Zit einem armen Mädchen, das unglück⸗ licher iſt als ſchlecht, ihre Familie wiedergab. Das war mein Vorſatz. Er war nicht geſetzlich, aber Du warſt durch Deine Flucht, durch Deine neuen Verbrechen außer⸗ halb der Geſetze getreten. — Es iſt gelogen! .. . . ich heiße nicht Duresnel! Rudolph nahm die Kette der Eule, die auf dem Tiſche lag und während er dem Schulmeiſter den kleinen in Lapis⸗Lazuli geſchnittenen heiligen Geiſt hinhielt, rief er mit erhobener Stimme: — Heiligthumsſchänder! .. . . Ihr habt dieſe Re⸗ 3 liquie entweiht, indem Ihr ſie einem gemeinen Geſchöpfe gabt, obgleich ſie Euch dreimal heilig ſein ſollte, denn Euer Kind hatte das fromme Geſchenk von ſeiner Groß⸗ mutter und ſeiner Mutter erhalten. Der Schulmeiſter war verwirrt durch dieſe Ent⸗ deckung. Er blickte zu Boden, ohne zu antworten. 233 — Geſtern erfuhr ich, daß Ihr vor 15 Jahren Euren Sohn der Mutter raubtet, daß Ihr allein wißt, ob und wo er lobt. Dieſer neue Frevel beſtimmte mich noch mehr mich Eurepzl bemächtigen, ohne das zu erwägen, was mich perſönlich betrifft, .. . . denn, das werde ich nicht beſtrafen. — Noch einöl habt Ihr heut Nacht unnöthig Blut vergoſſen. Der Mann, den Ihr ermordet habt, trat Euch vertrauungsvoll entgegen, denn er kennt keinen Verdacht. Er fragte Euch nach Eurem Begehr, und Ihr antwortetet ihm mit einem Dolchſtoß und den Worten! Ich will Dein Geld und Dein, Leben! — So erzählte Murph den Hedgang, als ich ihm die erſte Hülfe brachte; — fiel der Bitor ein. — Es iſt erlogen. — Murph lügt nie — erjebh Rudolph kalt. — Gure Verbrechen erfordern eine außergewöhnliche Strafe. Ihr ſeid bewaffnet in den Garten Kingedrungen, Ihr habt einen Mann ermordet, um ihn zu berauben, Ihr habt noch einen andern Mord begangen . Ihr werdet hier ſterben! Aus Mitleid für Eure Frau, für Euren Sohn wird man Euch die Schande des Schaffots erſparen, ... wird man ſagen, daß Ihr bei einem An⸗ falle mit bewaffneter Hand umgekommen ſeid. Bereitet Euch zum Tode! .. .. Die Gewehre ſind geladen. In Rudolph's Zügen lag ein tiefer, unverſöhnli⸗ cher Haß. Der Schulmeiſter hatte in dem Vorzimmer zwei mit Gewehren bewaffnete Männer ſtehen ſ ſehen Sein Name war entdeckt; er glaubte wirklich, man woll ihn ermorden, um ſeine letzten Vergehungen vergeſſe machen und ſeiner Familie die neue Schande zu erſpat ——— 234 Wie alle ſeines Gleichen war er eben ſo feig als wild; als er ſeine letzte Stunde herangekommen glaubte, zitterte er wie ein Weib, ſeine Lippen erbleichten und er rief mit halb erſtickter Stimme: — Gnade! — Es giebt keine Gnade mehr für Euch — er⸗ wiederte Rudolph — ſchießt man Dir hier keine Ku⸗ gel durch den Kopf, ſo erwartet Dich der Block des Henkers. — Ich will lieber durch den Henker ſterben .. dann lebe ich wenigſtens noch einige Monate! . . . Was thut Ihnen das, wenn ich nur geſtraft werde .. Gnade! Gnade! + Aber Dein Weib, Dein Kind, ſie tragen Deinen Nament — Mein Name iſt doch entehrt! — Gnade! — Nicht einmal dieſe Verachtung des Lebens, die man ſonſt bei großen Böſewichten findet! — ſagte Ru⸗ dolph verachtend. — Uebrigens verbietet das Geſetz, ſich ſelbſt Recht zu ſchaffen, — rief der Schulmeiſter ermuthigt. — Das Geſetz? — erwiederte Rudolph, — Du wagſt das Geſetz anzurufen, mit dem Du ſchon ſeit 20 Jahren in offener Fehde liegſt? Der Räuber ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken, dann antwortete er wieder demüthiger: — Laſſen Sie mich leben, aus Mitleid leben! — Willſt Du ſagen, wo Dein Sohn iſt? — Ja, ja; ich will ſagen, was ich weiß. Willſt Du ſagen, wer die Eltern des armen Mädchens ſind, die die Eule als Kind marterte? — Dort, in meiner Brieftaſche finden Sie Papiere, die Sie auf die rechte Spur bringen werden. Es ſcheint⸗ daß Ihre Mutter eine vornehme Dame iſt. — Wo iſt Dein Sohn? 3 — Sie laſſen mich leben? — Erſt geſteh mir Alles. . — Und wenn ich geſtanden habe, — antwortete der Schulmeiſter mißtrauiſch, — dann . — Du haſt ihn getödtert — Nein, nein! ich habe ihn einem meiner Mit⸗ ſchuldigen anvertraut, der entkam, als ich verhaftet wurde. — Was iſt aus ihm geworden? — Der Mann hat ihn erzogen und ihm die nöthigen Kenntniſſe beibringen laſſen, um in den Handelsſtand treten und uns ſpäter nützen zu können und .. .. Aber ich werde das Andere nicht ſagen, wenn Sie mir nicht verſprechen, mich nicht tödten zu wollen. — Du machſt Bedingungen, Elender? — Nein! aber Erbarmen! laſſen Sie mich für mein heutiges Verbrechen verhaften; ſprechen Sie nicht von den andern .. . . Rauben Sie mir nicht die Möglichkeit, meinen Kopf zu retten. — Du willſt alſo leben? — Ach ja! wer weiß — man kann nicht in die Zukunft ſehen — ſagte der Räuber unwillkürlich. Er dachte an die neue Möglichkeit, noch einmal zu ent⸗ kommen. — Du willſt um jeden Preis leben? — Leben! nur leben, und wenn es an der Kette wäre, ein Monat, acht Tage; nur nicht gleich ſterben! 83 — Geſtehe all Deine Verbrechen! Du ſollſt l — Ich werde leben? wirklich! ich werde leben? — Höre, aus Mitleid für Deine Frau, Deinen Sohn gebe ich Dir den guten Rath: ſtirbl ſtirb heute! — Ach nein! nein! nehmen Sie nicht Ihr Ver⸗ ſprechen wieder zurück; — laſſen Sie mich leben! Das traurigſte, elendeſte Leben iſt ein Glück gegen den Tod. — Du willſt leben? — Ja! ja! — Noch einmal: Du willſt leben, nur leben? — Jaz ich will mich nie beklagen! — Was iſt aus Deinem Sohne geworden? — Der Freund, der ihn erzogen hat, hat ihm das Buchführen beigebracht, um ihn in ein Handlungshaus unterzubringen, damit er uns über gewiſſe Sachen Nachrichen geben könnte. Wir waren darüber einig ge⸗ worden, denn obgleich ich noch in Rochefort war, leitete ich den Plan, indem wir uns durch Zeichen ſchrieben. — Dieſer Menſch flößt mir Entſetzen ein! — rief Rudolph ſchaudernd; — er begeht Verbrechen, von denen ich keine Ahnung hatte. Geſtehe, warum wollteſt Du Deinen Sohn in ein Geſchäft bringen? — Um . .. Sie verſtehen mich wohl, . .. um uns in die Hände zu arbeiten, während er ſeinem Herrn Ver⸗ trauen einflößte. 5 — Mein Gott! den eigenen Sohn! — rief Ru⸗ dolph, indem er ſein Geſicht mit Fven Händen be⸗ — Es handelte ſich ja nur um eine Fälſchung! ſagte der Räuber; — und als meinem Sohne unſe Abſichten mitgetheilt wurden, entſetzte er ſich darüber verſchwand nach einem heftigen Streit mit dem Freunde, der ihn erzogen hatte. Das iſt nun etwa acht⸗ zehn Monat her ſpäter wiſſen wir nicht, was aus ihm geworden iſt. Aus meiner Brieftaſche können Sie die Schritte ſehen, die mein Freund gemacht hat, um ihn wieder zu finden, aus Furcht, daß er unſere Ver⸗ bindung verrathen möchte; aber man verlor ſeine Spur hier in Paris. Zuletzt wohnte er in der Straße du Temple Nro. 14 unter dem Namen Franz Germain. Dieſe Adreſſe iſt ebenfalls in meiner Brieftaſche. Sie ſehen, ich habe Alles geſagt, Alles. Nun halten Sie S Verſprechen: laſſen Sie i für mein heutiges Verbrechen verhaften. — Und der Viehhändler? haſt Du ihn ermordet? — Das kann unmöglich herauskommen; ich wußte nicht, wovon ich leben ſollte, ... die Eule machte mir den Vorſchlag . ich bereue es jetzt, denn ich geſtehe es Ihnen, aber vor dem Richter würde ich, läugnen. Wenn Sie edel genug wären, mich nicht den Richtern auszuliefern, würde ich Ihnen mein Ehrenwort geben, daß ich mich beſſern will. — Du wirſt leben! — Ich werde Dich nicht den Gerichten überliefern. — Sie verzeihen mir? — rrief der Swu meiſter, kaum ſeinen Ohren trauend. — Ich richte und beſtrafe Dich! — antwortete Ru⸗ dolph mit donnezter Stimme. — Ich werde Dich nicht den Gerichten üb iefern, weil Du auf die Galeeren oder f das Schaffot kommen würdeſt, und das parf nicht Im Bagno? — Damit Du dieſen Auswurf 3 Menſchheit von Neuem durch Deine Kraft, Schlechtigkeit beherrſchen könnteſt, Du i Ge heimniſſe von Paris. I. wäreſt von Allen, denn auch Laſter iſt ſtolz, und Du biſt es auf Deine Verworfenheit In's Bagno! Nein! Dein eiſerner Körper trotzt den Arbeiten der Ga⸗ leere, den Hieben des Aufſehers. Und eines Tages wür⸗ den Deine Ketten brechen, würdeſt Du die Mauern über⸗ ſteigen und noch einmal über die menſchliche Geſellſchaft herfallen, wie ein wildes Thier und würdeſt Deinen Weg durch Raub und Mord zeichnen, denn wer iſt vor Dei⸗ nem Meſſer, Deiner Stärke ſicher? — Nein! es darf nicht ſein! — Und wieder — ſoll ich Dich dem Henker überliefern, um die Welt vor Deiner Wuth zu ſchützen? — Alſo wollen Sie doch meinen Tod? — rief der Räuber, von Neuem aus ſeiner Hoffnung geriſſen. — Den Tod? Du haſt ihn nicht zu hoffen! .. Du biſt feige, Du fürchteſt ihn, daß Du ihn nie nahe glauben würdeſt! Du würdeſt in dem blinden Eifer, mit dem Du das Leben liebſt, in Deiner ſteten Hoffnung der Todesangſt entgehen. Unſinnige, kindiſche Hoffnung! Du würdeſt nur dann an den Tod glauben, wenn Dich die Krallen des Henkers gefaßt hielten! Beſinnungslos vor Schrecken würde man in Dir eine lebloſe, unempfind⸗ liche Maſſe Deinen Verbrechen als Opfer bringen, das darf nicht ſein! Solch ein Ungeheuer ſollte noch hoffen dürfen? Sollte an den kahlen Mauern ſeines Gefängniſſes noch die füßen Bilder tröſtender Hoffnung erſtehen ſehen? — Nein! Der Satan würde triumphiren! ½ Nein! Wenn Du nicht bereueſt, n nicht, daß Du in dieſem Leben noch hoffſt.⸗ — Aber was habe ich dieſem Manne gethan? S ſt er?. — rief der Schulmeiſter in einem An⸗ on Wunut ———————— — 239 Rudolph fuhr fort: — Wenn Du im Gegentheil dem Tode nuthiʒ ins Auge ſchauteſt, dürfteſt Du ihm auch nicht überliefert werden. Der Block des Henkers würde denn für Dich nur ein blutiges Gerüſt ſein, auf dem Du wie viele An⸗ dere nur Deine Gemeinheit zur Schau ſtellteſt, auf dem Du, unbekümmert um ein elendes Leben, Deine Seele verſcherzen würdeſt, für eine letzte Läſterung! Das darf noch weniger ſein! — Es iſt nicht gut für das Volk, wenn es den Verurtheilten mit dem Fallbeile ſcherzen, dem Henker trotzen und ſpottend den göttlichen Funken aushauchen ſieht, den der Schöpfer in uns ge⸗ legt hat . . .. Es iſt etwas Heiliges, das Heil einer Seele! — Jedes Verbrechen iſt zu büßen und wieder gut zu machen, hat der Erlöſer geſagt, aber es muß aufrichtig bereuet werden! Es iſt ein kurzer Weg vom Ge⸗ richtshof bis zum Schaffot!. .. Du darfſt nicht alſo ſterben Der Schulmeiſter war vernichtet! — Zum erſten Male in ſeinem Leben empfand er Etwas, das ſchreck⸗ licher war, als die Furcht vor dem Tode. Dieſe unbe⸗ ſtimmte Angſt drohte ihn wahnſinnig zu machen. Der Arzt und der Meſſermann betrachteten Rudolph mit ängſtlicher Spannung. Sie hörten ſchaudernd ſeine Reede, die ſcharf und unbarmherzig war, wie die Schneide eeines Schwertes. Sie fühlten, daß ihr Herz zuſammen⸗ geſchnürt wurde. Rudolph fuhr fort: — Anſelm Duresnel, Du wirſt nicht auf die Ga⸗ leeren gehen, .. Du wirſt nicht ſterben — Aber was wollen Sie von mir? die , die Sie ſchickt? — Vernimm! — ſagte Rudolph, indem er mit feierlicher Miene aufſtand, Du haſt Deine Stärke ver⸗ brecheriſch gemißbraucht . . . . ich werde ſie ſchwächen! Die Kräftigſten zitterten vor Dir, ... Du wirſt vor den Schwächſten zittern! Mörder! Du haſt Geſchöpfe Gottes in die ewige Nacht geſtürzt .. .. Die Finſterniß der Ewigkeit ſoll für Dich ſchon im Leben beginnen. — Jetzt! in dieſer Stunde ſoll Deine Strafe Deinen Verbrechen gleich werden. Aber — fügte Rudolph mit einem Anfluge von ſchmerzlichem Mitleid hinzu — dieſe ſchreckliche Strafe ſoll Dir wenigſtens den unbegrenzten Horizont der Reue laſſen ... Ich wäre ſo ſtrafbar wie Du ſelbſt, wenn ich in Deiner Strafe nur meine eigene Rache befriedigte, ſo gerecht ſie auch ſein mag. Weit entfernt, unfruchtbar zu ſein, wie der Tod, ſoll Deine Strafe ſegenbringend werden; — weit entfernt, Dich zu verderben, ſoll ſie Dich erretten. Wenn ich Dich außer Stand ſetze, ferner zu ſchaden, wenn ich Dich für immer „ des Glanzes der Schöpfung beraube, . wenn ich eine ewige, undurchdringliche Nacht um Dich ſchaffe, ſo ge⸗ ſchieht es .. damit Du allein ſeieſt mit Deinen Ver⸗ brechen, damit Du fortwährend ihre Größe betrachten kannſt. Ja! — für immer von der äußern Welt abge⸗ ſchloſſen, wirſt Du gezwungen ſein, täglich, ſtündlich in Dich hineinzuſehen und ich hoffe, daß ſich dann Deine Stirn mit Schamröthe bedecken, daß Deine von Ver⸗ brechen gehärtete Seele weich werden wird in der Reue! Jedes Deiner Worte war eine Läſterung, jedes Dei⸗ ner Worte wird ein Gebet ſein! Du warſt kühn und grauſam, weil Du ſtark warſt, Du wirſt ſanſt d üthig ſein, weil Du ſchwach biſt. Dein Herz 166 241 bis jetzt keine Reue kannte, wird einſt Deine Opfer be⸗ weinen! Du haſt den Verſtand entwürdigt, den Gott in Dich gelegt hat, Du haſt ihn erniedrigt zu einer wil⸗ den Mordluſt .. . Du wirſt ihn einſt wieder ſtärken durch das ihn erheben durch die Reue. Du achteſt ſelbſt nicht das, was die wildeſten Thiere achten: ihr Weib, ihre Jungen .... Du wirſt nach einem lan⸗ gen, der Buße gewidmeten Leben in dem letzten Gebete Gott bitten, Dir das unverhoffte Glück zu gewähren, in den Armen Deines Weibes, Deines Sohnes zu ſterben! Rudolph's Stimme war bei dieſen Worten nach und nach traurig weich geworden. Der Schulmeiſter fühlte beinah keine Furcht mehr. Er glaubte, daß Rudolph ihn hatte erſchrecken wollen, bevor er dieſe ermahnenden, prophetiſchen Worte ſprach. Der weiche ſanfte Ton, in dem ſein Richter ſprach, hatte ihn wieder beruhigt, und er ſagte ſo frech wie es ihm + möglich war, mit einem rohen Lachen: — Nun! löſen wir Räthſel? oder nehmen wir viel⸗ leicht den Catechismus durch? Der Doktor ſah Rudolph unruhig an; er erwartete einen neuen Ausbruch der Wuth. Er erfolgte nicht. Der junge Mann ſchüttelte das Haupt mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Trauer und ſagte zum Doktor: — Gehen Sie an das Werk, Dabid! Mag Gott mich allein ſtrafen, wenn ich mich irr — Und er verhüllte bei dieſen Worten das Geſicht mit beiden Händen. Der Neger ſchellte. Zwei ſchwarzgekleidete Männer traten ein 242 tor deutete auf die Thür eines Nebenzimmers. Dahin rollten dieſe den Stuhl, auf dem der Schulmeiſter ge⸗ feſſelt war. Der Kopf war ihm durch ein breites Tuch, das Hals und Schultern umhüllte, an die Lehne des Stuhles gebunden. — Vindet die Stirn mit einem Tuche an den Stuhl und ſteckt ihm ein anderes in den Mund! — rief David, ohne in das Nebenzimmer zu treten. — Sie wollen mich alſo doch ermorden? ... Gnade! — kreiſchte der Schulmeiſter; — Gnade! und Weiter konnte man ihn nicht verſtehen und man hörte nur ein Gemurmel. Die beiden Männer kamen wieder zurück und ver⸗ ließen das Zimmer, als der Doktor ihnen ein Zeichen gab. — — Gnädiger Herr? — ſagte David noch einmal zu Rudolph mit fragender Miene. — Gehen Sie an's Werk! — antwortete Rudolph, ohne ſeine Stellung zu verändern. David ging in das Nebenzimmer. — Herr Rudolph — ſagte der Meſſermann bleich und mit zitternder Stimme — Herr Rudolph, ſprechen Sie doch ein Wort! .. . ich habe Furcht!. .. Träume ich? Was ſoll der Schwarze denn dem Schulmeiſter thun? Man hört nichts, Herr Rudolph, und das macht mir noch mehr Furcht . In dieſem Augenblicke kam David aus dem Ne⸗ benzimmer. Er war bleich, wie es die Neger ſind; . ſein Lippen waren weiß. Er klingelte. ie beiden Männer traten wieder herein. ———————————— — Bringt ihn wieder hierher. Man rollte den Schulmeiſter wieder in das Zimmer zurück. — Nehmt ihm das Tuch aus dem Munde. Man nahm es heraus. — Wollen Sie mich denn foltern? — rief der Schulmeiſter, mehr im Zorn als vor Schmerz — warum haben Sie mir ſo in die Augen geſtochen? Sie ha⸗ ben mir weh gethan .. .. Wollen Sie mich im Dunkeln noch mehr quälen, daß Sie alle Lichter ausgelöſcht ha⸗ ben, wie in der andern Stube? Es herrſchte eine Weile lang eine unheimliche Stille. — Du biſt blind — ſagte endlich David mit be⸗ wegter Stimme. — Das iſt nicht wahr es iſt unmöglich! Sie haben abſichtlich die Lichter ausgelöſcht! — rief der Räuber, indem er ſich bemühte, ſeine Feſſeln zu zerreißen. „ — Macht ihn los .. . er mag ſich erheben, gehen — ſagte Rudolph. Als ihm ſeine Feſſeln abgenommen waren, erhob ſich der Schulmeiſter ſchnell, machte einen Schritt vor⸗ wärts und ſiel dann in ſeinen Stuhl zurück, indem er ſeine Arme zum Himmel erhob. — Geben Sie ihm dieſe Brieftaſche, David — ſagte Rudvlph. Der Arzt legte in die zitternden Hände des Schul⸗ meiſters ein kleines Notizbuch. — Du findeſt in dieſer Brieftaſche genug Geld, um zeitlebens an einem einſamen Orte eine Wohnung und S zu erhalten. Nun biſt Du frei gch id Der Herr iſt barmherzig! 244 — Blind! — rief der Schulmeiſter, indem er ma⸗ ſchinenmäßig die Brieftaſche in der Hand hielt. — Oeffnet ihm die Thüren! .. . er kann gehen! — ſagte Rudolph. — Blind! blind! blind!!! — wiederholte der Räuber. — Mein Gott! ſo iſt es doch wahr! — Du biſt frei! — Du haſt Geld, . geh! — Aber ich kann nicht gehen allein! .. Wie ſoll ich es machen? .. ich kann nicht ſehen! — rief er verzweifelnd aus. — Aber es iſt ſchändlich, ſeine Kraft ſo zu mißbrauchen, um .... — Es iſt ſchändlich, ſeine Kraft zu mißbrauchen! — wiederholte Rudolph mit feierlicher Stimme. — Und wie haſt Du Deine Kraft angewandt? — Oh! den Tod! Ja! ich würde den Tod vor⸗ gezogen haben! — rief der Schulmeiſter. — Dem Mit⸗ leid der ganzen Welt überlaſſen zu ſein ... immer fürch⸗ ten zu müſſen ein Kind könnte mich jetzt ſchlagen. Was ſoll ich machen? mein Gott! was ſoll ich machen! — Du haſt Geld. — Man wird es mir ſtehlen! — antwortete der Räuber. — Man wird es Dir ſtehlen! . .. Bedenke dieſe Worte, die Du jetzt mit Furcht ausſprichſt. Du haſt geſtohlen; . geh! — Bei der Barmherzigkeit Gottes — w Schulmeiſter mit bittender Stimme. — Geben Sie mir Jemand als Führer mit! Wie kann ich allein durch die Straßen gehen? Oh! tödten Sie mich! tödten Sie nch! c flehe Sie an, tödten Sie mich aus Barmherzigi W — Nein Du wirſt eines Tages bereuen. — Nie! . Nie werde ich bereuen! — ſchrie der Räuber wüthend. — Rächen werde ich mich, nicht be⸗ reuen! Und während er vor Wuth mit den Zähnen knirſchte, ſprang er drohend, mit geballten Fäuſten von ſeinem Stuhle auf. Beim erſten Schritte, den er machte, ſtrauchelte er. — Nein! ich werde es nicht können und doch ſo ſtark zu ſein! Oh! ich bin wohl zu beklagen ... Niemand hat Mitleid mit mir . . . . Niemand bedauert hich Der Schulmeiſter .. . weinte. Es iſt unmöglich, den Schreck und das Entſetzen des Meſſermann's während dieſes furchtbaren Auftrittes zu beſchreiben. Seine rohen Züge hatten ſich in das Mit⸗ leid ſelbſt vorwandelt. Er näherte ſich Rudolph und ſagte zu mit leiſer Stimme: — Herr Rudolph, er hat gewiß nur die Strafe bekommon, die er verdient, denn er war ein großer Böſe⸗ wicht; er hat auch mich tödten wollen, aber nun iſt er blind, . er weint. Donnepwetter! er thut mir leid; er weiß nicht, wie er fortkommen ſoll, .er könnte efahren werden, . ſoll ich ihn nicht irgendwo ingen, wo er wenigſtens ſicher ſein kann? Ja — antwortete Rudolph, der gerührt über ſ Edelmuth dem Meſſermann gie Hand reichte Fa, geh. Der Meſſermann trat an den Schulmeiſter heran legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Räuber zuckte zuſammen. 246 — Wer faßt mich an? — fragte er mit dumpfer Stimme. — Ich . — Wer, ich? — Der Meſſermann. — Du willſt Dich auch rächen? — Du weißt nicht, wie Du fortkommen ſollſt? Nimm meinen Arm; ich will Dich führen? — Du? — Ja; Du thuſt mir leid . . . komm .. — Du willſt mir eine Falle legen? — Du weißt, daß ich nicht ſchlecht bin . ich werde Dein Unglück nicht mißbrauchen. Komm, wir wollen geh'n; es tagt ſchon. — Es tagt! und ich werde nie mehr das Licht der Sonne erblicken! — rief der Schulmeiſter ſchmerzlich aus. Rudolph konnte den Anblick dieſes At ftrittes nicht länger ertragen. Er ging mit David in W Neben⸗ zimmer, und winkte den beiden Dienern, ſich zu ent⸗ fernen. Der Meſſermann blieb mit dem Unglücklichen allein. — Iſt es wahr, daß Geld in der Brieftaſche iſt, die er mir gegeben hat? — ſagte der Räuber nachleinem langen Stillſchweigen. „ — Ja. Ich ſelbſt habe 5000 Franken hine müſſen; damit kannſt Du Dich irgend wo einm bei einer Familie, .. auf dem Lande, oder ſone um den Reſt Deines Lebens daſelbſt zuzubringen. pder willſt Du lieber, daß ich Dich zur Wirthin führen ſpll? — Nein! Sie würde mich beſtehlen. — Zu Roth⸗Arm? — Er würde mich vergiften, um mich zu ſehun — Wohin ſoll ich Dich führen? — Ich weiß es nicht. Du biſt kein Dieb, Meſſer⸗ mann; Du haſt nie geſtohlen; verbirg die Brieſtaſche in meiner Weſte, damit ſie die Eule nicht gleich findet, . ſie würde mich auch beſtehlen. — Die Eule iſt nach dem Hoſpital Beaujou ge⸗ bracht. Als ich mich heut Nacht gegen Euch Beide wehrte, habe ich ihr ein Bein zerſchlagen. — Aber was ſoll aus mir werden? Mein Gott! Was ſoll aus mir werden — mit dem ſchwarzen Schleier vor den Augen! ... Und wenn ich auf dieſem ſchwarzen Hintergrunde die bleichen, todten Geſichter derer erſchei⸗ nen ſähe, die ich . Er ſchauderte und ſagte mit dumpfer Stimme zum Meſſermanne: — Iſt der Mann von heut Nacht „todt? — Nein. — Deſto beſſer. Und der Räuber blieb einen Augenblick ſtill, dann rief er plötzlich in einem Anfalle von Wuth: — Und das Alles verdänke ich Dir, Meſſermann! Wärſt Du nicht gekommen, würde ich den Mann er⸗ mordet und ihn beraubt haben. Du biſt Schuld, daß ich blind bin, . Du! — Laß das ſein, . es möchte Dir ſchaden. Willſt Du mitgehen oder nicht? Ich bin müde und will ſchlafen gehen. Morgen muß ich wieder in mein Geſchäft, zu meinein Holzflößer, . jetzt will ich Dich noch führen, wohin Du willſt, nach er gehe ich nach Hauſe. — Aber ich weiß nicht, wohin ich gehen 8 . 248 meine Wohnung .. . . kann ich nicht gehen, . . . ich müßte ſagen .. — Söre: Willſt Du für ein Paar Tage mit zu mir kommen? Ich finde vielleicht ein Paar ordentliche Leute, die Dich gufnehmen und verpflegen. Halt! ... Ich kenne einen Män, deſſen Mutter, eine gute wür⸗ dige Frau, in St.⸗Mandé wohnt; es geht ihr nicht be⸗ ſonders gut, vielleicht übernimmt ſie Deine Pflege. — Man kann Dir vertrauen, Meſſermann. Ich fürchte mich nicht, mit zu Dir zu gehen; mein Geld iſt ſicher, . Du haſt nie geſtohlen ... Du biſt ein guter Kerl. — Komm nur. — Ich danke Dir für Das, was Du für mich thun willſt, Meſſermann; — ſagte der Schulmeiſter demüthig. — Du biſt ohne Haß und Groll, „WDu Piſt über⸗ haupt beſſer als ich. — Donnerwetter! ich glaube es ſelbſt, denn Herr Rudolph hat mir geſagt, daß ich noch Herz und Ehre im Leibe hätte. — Aber wer iſt dieſer Mann? Er iſt kein Menſch! — rief der Schulmeiſter mit verzweifelnder Wuth aus. — Er iſt ein Henker! Ein Ungeheuer! Der Meſſermann zuckte mit den Schultern und ſagte: — Wollen wir gehn? — Wir gehen zu Dir, Meſſermann; nicht wahr? — Weißt Du gewiß, daß er nicht todr iſt, Der von heut Nacht? 4 —3 weiß es gewiß. 249 — So iſt doch dieſer Eine weniger — ſagte Räuber mit leiſer Stimme. Auf den Arm des Meſſermannes geſtützt, ß der Schulmeiſter das Haus in der Wittwenallee. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Sle-Adam. Ein Monat war ſeit den Ereigniſſen, die wir ge⸗ ſchildert haben, verfloſſen. Wir wollen unſern Leſer nun in die kleine Stadt Ile⸗Adam führen, die reizend am Ufer der Oiſe, am Saume eines Waldes liegt. In kleinen Städten der Provinz werden die unbe⸗ deutendſten Umſtände gewöhnlich zu wichtigen Ereigniſſen. So riethen die Müßiggänger von Fle⸗Adam, die an dieſem Morgen auf dem Markte ſpazieren gingen, hin und her, wann wohl der neue Käufer des ſchönſten Flei⸗ ſchergeſchäfts in der Stadt ankommen würde, das die Wittwe Dumont, der es gehört, ſeit Kurzem abgetre⸗ ten hatte. Ohne Zweifel mußte der neue Beſitzer ein reicher Mann ſein, denn er hatte den Laden prächtig malen laſſen und ihn glänzend eingerichtet. Seit drei Wochen hatten die verſchiedenen Handwerker Tag und Nacht ge⸗ arbeitet; ein ſchönes Broncegitter mit reicher Vergoldu zog ſich um die ganze Fleiſchbant herum und ſchloß 250 ab, indem es die Luft ungehindert durchwehen ließ. An jedem Ende des Gitters ſtanden große Pfeiler mit zwei großen Stierköpfen, deren Hörner vergoldet waren, die den ſchönen breiten Sims trugen, auf dem das Schild der Handlung angebracht werden ſollte. Der übrige Theil des einſtöckigen Hauſes war in einer unbeſtimmten Steinfarbe, die Laden hellgrau angeſtrichen. Bis auf das Schild, das die Bewohner von Ile⸗Adam ſehnſüch⸗ tig erwarteten, um den Namen des neuen Beſitzers kennen zu lernen, waren die Arbeiten vollendet. Endlich brachten die Arbeiter ein großes Brett, und als es angemacht wurde, laſen die Neugierigen auf einem ſchwarzen Grunde die goldgeſchriebenen Worte: Franeveur, Fleiſchwaarenhändler. Die Neugier der Bewohner von Ile⸗Adam war nur zum Theil durch dieſe Entdeckung befriedigt. — Wer war dieſer Herr Francveur? — Einer der Ungeduldigſten wollte ſich hierüber unterrichten und trat zu einem Flei⸗ ſchergeſellen heran, der beſchäftigt war, im Laden noch Einiges zu ordnen. Als der Geſelle über ſeinen neuen Meiſter ausgefragt wurde, antwortete er, daß er ihn ſelbſt noch nicht kenne, weil er das Geſchäft durch einen Bebollmächtigen gekauft habe; daß er jedoch nicht be⸗ zweifle, ſein Meiſter werde ſich bemühen, die Kundſchaft der werthen Bewohner von Ile⸗Adam zu erhalten. Die ſo kleine, herzlich und zuvorkommend ausge⸗ ſprochene Schmeichelei, verbunden mit der prächtigen Einrichtung des Ladens, verfehlte nicht, die Neugierigen zu Gunſten des Herrn Francveur zu ſtimmen. Mehrere verſprachen ſogar auf der Stelle ihre Kundſchaft. as Haus hatte nſch der Kirche zu einen Thoͤrweg. Zwei Stunden nach der Cröffnung des Geſchäfts fuhr ein kleiner Korbwagen mit einem kräftigen Einſpänner in den Hof und brachte zwei Männer, Lon denen wir in dem einen Murph, der hergeſtellt war, obgleich er noch bleich ausſah, dem anderen den Weſſermann erkennen. Auf die Gefahr hin, etwas ganz Alltägliches zu ſagen, bemerken wir, daß das Sprichwort: „Kleider machen Leute“ bei dem Meſſermanne ſo auffällig wurde, daß man ihn kaum wieder erkennen konnte. Sein Ge⸗ ſicht hatte dieſelbe Veränderung erlitten; er hatte mit ſeinen Lumpen ſein rohes, wildes Ausſehn abgelegt. Wenn man ihn jetzt gehen ſah, beide Hände in den Taſchen eines langen, braunen Rockes, das wohlraſirte Kinn in einem weißen Tuche verſenkt, würde man ihn für einen guten, unſchuldigen Bürgersmann gehalten haben. Murph befeſtigte das Pferd mit dem Zügel an einen eiſernen Ring, der in der Mauer angebracht war, gab dem Meſſermanne ein Zeichen, ihm zu folgen und trat in ein niedliches Zimmer mit Mrubles von Nuß⸗ baumholz, das hinter dem Laden lag und mit den Fen⸗ ſtern nach dem Hofe hinausging. Murph ſchien in dem Zimmer bekannt oder wohl gar zu Hauſe zu ſein, denn er nahm aus einem Spinde eine Flaſche Branntwein und ſagte zum Meſſermanne, während er ein voll⸗ ſchenkte: — Es war heut Morgen ziemlich friſch; Sie trinken wohl ein Gläschen? — Wenn es Ihnen gleich iſt, Herr Wurßh, werde ich lieber nicht trinken. — Sie ſchlagen es ab? 252 a. Ich bin ſo zufrieden, und die Freude .. . . wärmt auch. Wenn ich ſage zufrieden, ſo .. . . — Sie kamen geſtern zu mir, nach der Brücke Saint⸗ Nicolas, wo ich bei meinem Herrn arbeitete wie ein Pferd, um mich zu erwärmen. Ich hatte Sie ſeit der Nacht nicht geſehen, wo der Schwarze mit den weißen Haaren den Schulmeiſter blendete. Er hatte es verdient, aber Donnerwetter! . . . er that mir doch Leid! und was Herr Rudolph für ein Geſicht machte, .. .. er ſieht ſonſt ſo gutmüthig aus, aber damals fürchtete ich mich vor ihm. — Gut. Weiter. — Sie ſagten: — Guten Tag, Meſſermann. — Guten Tag, Herr Murph. Sie ſind alſo wieder auf? Deſto beſſer, Donnerwetter! Deſto beſſer! Und Herr Rudolph? — Er mußte einige Tage nach dem Auftritte in dem Hauſe der Wittwenallee verreiſen. Und er hat Sie vergeſſen. — Wahrhaftig, Herr Murph! antwortete ch Ihnen; wenn mich Herr Rudolph vergeſſen hat, ſo thut es mir Leid! wahrhaftig! — Ich wollte damit ſagen, daß er vergeſſen habe, Ihre Dienſte zu belohnen, braver Mann . ... aber daran denken wird er immer ... * — Sehen Sie, Herr Murph, dieſe Worte ſtimmten mich gleich wieder luſtig. Donnerwetter! ich, ich werde ihn ſo leicht nicht vergeſſen! . . er hat mir ge⸗ ſagt: Du haſt noch Herz und Ehre im Leibe und en, enk ich k — nglücklicherweiſe iſt der gnädige Herr abgereiſt, in Betreff Ihrer Befehle zu hinterlaſſen. Ich habe 253 nicht mehr, als er mir giebt und ich kann das, was ich Ihnen ſelbſt ſchuldig bin, nicht ſo vergelten, wie ich wohl möchte. — Gehen Sie doch, Herr Murph! . gehen Sie doch! Sie ſpaßen! — Aber warum zum Teufel ſind Sie nicht nach jener Nacht zu uns ie Berr Rudolph würde nicht abgereiſ't ſein, ohne an Sie zu denken. — Warum? weil Herr Rudolph mich nicht rufen ließ. Ich glaubte, ich wäre nicht mehr nöthig. — Aber Sie konnten doch denken, daß Sie wenig⸗ ſtens nöthig waren, um ſeinen Dank zu empfangen. — Da Sie mir einmal geſagt haben, Herr Rudolph e mich nicht vergeſſen .. — Still davon! Aber es hat mir viel Mühe ge⸗ cht, Sie aufzufinden. Sie gehen wohl nicht mehr in Penne? — Nein. — Warum nicht? — J habe jetzt ſo meine eigenen Gedanken — Aber kommen wir auf das zurück, was Sie mir hin ſagten. — Was, Herr Murph? — Sie ſagten: ich bin zufrieden, und wenn ich ſage zufrieden, ſo . — Sie ſollen gleich hören, Herr Murph. Als Sie mich geſtern aufſuchten, ſagten Sie mir! — Ich bin nicht reich, Meſſermann, aber ich kann Ihnen eine Stelle verſchaffen, wo es Ihnen beſſer gehen ſoll, als jetzt; wo Sie täglich vier Franken Lerdienen können. Pier Franken täglich .. .. Es lebe die Charte! Geheimniſſe von Paris. 1. 17 254 glaub's nicht! „Das iſt ja Unteroffiziersſold! Ich nehme es an, Herr Murph! — Aber Sie müſſen Ihre Lumpen ablegen — fuhren Sie fort, — damit Sie kei⸗ nen ſchlechten Eindruck auf die Leute machen, zu denen ich Sie bringen werde. — Ich habe aber kein Geld, um mich anders zu kleiden — und Sie nahmen mich mit! ſich undlich kaufte mir bei der Mutter Hubert was mir gefiel. Sie ſchoſſen mir die Zahlung vor und eine Vier⸗ telſtunde ſpäter war ich herausgeputzt wie ein Bürger und Eigenthümer. Sie beſtellten mich für heut Morgen an das Thor St. Denis; ich ſtieg mit Ihnen in den Wa⸗ gen und da ſind wir. — Nun; giebt es irgend etwas dabei zu bedauerd? — Ich meine: man verwöhnt ſich, wenn es Einem plötzlich gut geht. Ich weiß nicht, ob ich jetzt wieder meine Lumpen anlegen möchte ... Und ich täglich 4 Franken, der ich kaum 2 verdienen konnte und ſo plötz⸗ lich, . das iſt ſo bübſch, daß ich glaube, es wird nich lange dauern und ich möchte wahrhaftig lieber auf m ner Streu bleiben, als eine Weile in einem guten B ſchlafen und dann wieder auf die Streu zurückteh⸗ — Das iſt ganz vernünftig, aber jedenfalls ifth am beſten, immer in einem guten Bette zu ſchlafen. — Gewiß; es iſt beſſer, ſo viel Brod zu haben, als man eſſen kann, als zu hungern. — Ah! das iſt ja hier ein Fleiſchladen? — fuhr der Meſſermann fort, als er das Hacken des Geſellen hörte und durch die Glas⸗ thür Fleiſch auf dem Ladentiſche liegen ſah. — Ja. Das Geſchäft gehört einem meiner Freunde. Wollen wir es beſehen, während unſer Pferd verſchnauft? — Richtig; das wird mich an meine Jugend erin⸗ nern, wenn ich damals auch nur alte Pferdt ſchlachtete! Es iſt merkwürdig! Wenn ich ſo könnte, wie ich wollte würde ich am liebſten ein Fleiſcher ſein. So auf einem tüchtigen Pferde auf die Jahrmärkte zu reiten, Vieh zu kaufen, dann nach Hauſe zurückzukehren, ſich zu wärmen, wenn man ausgefroren iſt, ſich zu trocknen, wenn man naß iſt, ſeine Frau vorzufinden, eine dicke, gute Mutter, friſch und aufgeräumt, ein Häufchen Kinder, welche die Taſchen umkehren, um zu ſehen, ob man ihnen etwas mitgebracht hat .. . . Dann am andern Morgen im Schlachthauſe einen Ochſen bei den Hörnern faſſen, .. wenn er gar wild iſt; ihn feſtbinden, niederſchlagen und zerlegen, Donnerwetter! das wäre meine Luſt gewe⸗ ſen, wie die Lerche den Gerſtenzucker der Eule aufaß, als ſie klein war. Dabei fällt mir ein, daß ich mir gleich gdacht habe, als die Lerche nicht zur Wirthin zurück⸗ kum, Herr Rudolph hätte ſie irgendwo untergebracht. Sehen Sie! . das nenne ich eine gute Handlung! — Ich bin Ihrer Meinung; aber wir wollen uns ja das Haus beſehen. Sie traten in den Laden, beſuchten dann den Stall, in dem ſich drei prächtige Ochſen und etwa zwanzig Hammel befanden, gingen dann in den Pferdeſtall, in die Remiſen, in das Schlachthaus, auf den Futterboden und in all' die andern Räume, die das ſchöne Haus noch hatte. Als ſie bis auf den zweiten Stock Alles geſehen hatten, ſagte Murph zu ſeinem Begleiter: — Geſtehen Sie, daß mein Freund ein glücklicher Menſch iſt? Das Haus und die Vorräthe gehören ihm, ohne tauſend Thaler baares Geld zu rechnen. Anferdem 17* Stimme. iſt er 38 Jahre alt, ſtark wie ein Stier, beſitzt eine eiſerne Geſundheit und liebt ſein Geſchäft über Alles. Der ehrliche Burſche, den wir im Laden geſehen haben, vertritt ſeine Stelle, wenn er auf den Märkten iſty . er iſt wirklich ein recht glücklicher Menſch! — Gewiß, Herr Murph. Es giebt nun einmal Glückliche und Unglückliche. Wenn ich bedenke, daß ich von nun an täglich 4 Franken verdienen werde, während Andere kaum die Hälfte und noch weniger erwerben, ſ5 — Wollen wir in den zweiten Stock hinaufſteigen? — Sehr gern, Herr Murph. — Der Meiſter, der Sie beſchäftigen will, iſt ge⸗ rade oben. — Mein künftiger Meiſter iſt da? — Ja. — Aber! Warum haben Sie mir das nicht eher geſagt? — Ich ſetze es Ihnen ſpäter auseinander. — Warten Sie einen Augenblick — ſagte der Meſ⸗ ſermann mit trauriger Stimme; — ich muß Ihnen etwas ſagen, was Ihnen Herr Rudolph vielleicht verſchwiegen hat; aber mein Meiſter muß es vorher wiſſen, . . wenn es ihm nicht gefällt, ſo iſt es beſſer jetzt, als ſpäter. — Was wollen Sie damit ſagen? — Daß ich ein Miſſethäter war, daß ich im Bagno geweſen bin, — ſagte der Meſſermunn mit leiſer — Ah! — erwiederte Murph. — Aber ich habe Niemand Unrecht gethan! — rief r WMeſſermann — ich würde lieber verhungern, als — 257 ſtehlen. Aber ich habe darum doch etwas Schlimmeres gethan, als geſtohlen — fuhr er fort, indem er zu Bo⸗ den ſah; — ich habe gemordet, .. aus Zorn, und die Meiſter nehmen keinen Geſellen, der früher auf den Ga⸗ leeren war. Darum konnte ich auch nie Arbeit finden, bis endlich bei meinem Floßmeiſter. Sehen Sie, es würde mir lieber ſein, gleich zurückgewieſen, als ſpäter entdeckt zu werden, und darum will ich dem Meiſter auch Alles ſagen. Sie kennen ihn ja; wenn er mich abweiſen ſollte, ſo ſagen Sie es mir lieber vorher, damit ich gleich umkehren kann. — Kommen Sie nur — antwortete Murph. Der Meſſermann folgte Murph, der eine Treppe hinaufſtieg. Eine Thür öffnete ſich ... Sie ſtanden vor Rudolph. — Laß uns einen Augenblick allein, mein guter Murph, — ſagte Rudolph. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Pelohnung. — Es lebe die Charte! Wie freue ich mich, Sie wiederzuſthen, Herr Rudolph, oder vielmehr gnädiger 1 Herr! — rief der Meſſermann. Er empfand eine wahrhafte Freude, Rudolph wie⸗ der zu ſchen, d denn edle Herzen knüpfen ſich eben ſo ſehr aneinander durch die Dienſte, die ſie leiſten, als die, die ſie empfangen. — Guten Tag, mein Freund! Ich freue mich eben ſo ſehr, Dich wieder zu ſehen. — Herr Murph iſt ein Spaßmacher! er ſagte mir, Sie wären verreiſ't, gnädiger Herr. — Nenne mich Rudolph; ich habe es lieber. — Gut! Alſo nehmen Sie es nicht übel, Herr Ru⸗ dolph, daß ich nach der Nacht mit dem Schulmeiſter nicht wieder zu Ihnen gekommen bin. Ich ſehe jetzt ein, daß es unhöflich war, aber Sie nehmen es mir gewiß nicht übel. — Durchaus nicht — erwiederte Rudolph — Murph hat Dir das Haus gezeigt? — Ja, Herr Rudolph .. . ein ſchönes Haus, ſchö⸗ ner Laden! Alles ſo ſauber und reinlich! ... Da füllt mir ein, Herr Rudolph, ich werde nun auch ſauber gehen! Vier Franken ſoll ich täglich verdienen, wie Herr Murph ſagt! Vier Franken! — Ich habe Dir einen beſſern Vorſchlag zu machen. — Einen beſſern! .. .. Donnerwetter! das möchte ſchwer ſein! — Einen beſſern, ſage ich, denn dies Haus, und Alles, was es enthält, den Laden und tauſend Tha⸗ ler baar Geld, in dieſer Brieſtaſche, — Alles das iſt von heut ab Dein! Der Meſſermann lächelte mit einer dummen, aber gutmüthigen Miene, zerdrückte ſeinen Filzhut zwiſchen . den Knieen, die er unwillkürlich zuſammenpteßte und verſtand nicht, was Rudolph ihm ſagte, obteich die Worte ziemlich deutlich waren. — Ich begreiſe Dein Erſtaunen, aber ich wieder⸗ 259 hole: dies Haus und dies Geld gehören Dir, ſind Dein Eigenthum. Der Meſſermann wurde purpurroth, fuhr mit ſei⸗ ner ſchwieligen Hand über die Stirne, auf der dicke Schweißtropfen ſtanden und ſtotterte: — Das hieße alſo .. das hieße .. mein Eigen⸗ thum? — Ja, Dein Eigenthum, weil ich es Dir gebe; verſteh mich recht, ich gebe es Dir. Der Meſſermann vermochte nicht mehr ſtill zu ſitzen; er bewegte ſich hin und her, kratzte ſich den Kopf, hu⸗ ſtete, ſchlug die Augen nieder und antwortete nicht. Er fühlte, daß ihm der Faden ſeiner Gedanken ent⸗ ſchlüpfe, er hörte ganz deutlich, was Rudolph ſagte, aber eben darum ſchien es ihm unglaublich. Zwiſchen dem Elende und der Erniedrigung, in der ſein Leben verfloſſen war, und der Stellung, die ihm Rudolph geben wollte, lag ein Abgrund, den ſelbſt der Dienſt nicht ausfüllen konnte, den er Rudolph erwieſen hatte. Rudolph beſchleunigte den Augenblick nicht, wo ſein Schützling die Augen öffnen würde, um die Wirk⸗ lichkeit zu begreifen. Er erfreute ſich an ſeiner Verwir⸗ rung, an dieſer Betäubung ein unerwartetes Glück. Nachdem er ſich noch eine Weile an der Verwirrung des Meſſermannes ergötzt hatte, fuhr er fort: — Was ich Dir gebe, ſcheint Deine Erwartung weit zu übertreffen? — Gnädiger Herr! — antwortete der Meſſermann⸗ indem er ſich erhob — Sie bieten mir dies Haus und Geld an, um mich in Verſuchung zu aber es geht nicht. — Es geht nicht? — ſagte Rudolph erſtaunt. Das Auge des Meſſermannes belebte ſich, ſeine Blödigkeit verſchwand und er ſagte mit feſter Stimme: — Ich weiß, daß Sie mir nicht ſo viel Geld bieten, um mich zum Stehlen zu verleiten; .. viel⸗ leicht ſoll ich Jemand tödten, aber ich habe genug mit den Träumen vom Sergeanten! — Oh! die Unglücklichen! — rief Rudolph bitter aus. — Das Mitleid, welches man ihnen bezeigt, iſt ſo ſelten, daß ſie die Freigiebigkeit ſchlechten Abſichten zuſchreiben! — Dann fuhr er mit gütiger Stimme fort: — Du täuſchſt Dich . . . ich verlange nichts von Dir, als Ehrenhaſtes. Was ich Dir gebe, gebe ich, weil Du es verdienſt. — Weil ich es verdiene? — rief der Meſſermann, deſſen Erſtaunen von Neuem anfing. — Und womit? — Ich will es Dir ſagen. Ohne eigentlich zu wiſ⸗ ſen, was Recht und Unrecht iſt, allein Deinen wilden Begierden überlaſſen, lebteſt Du fünfzehn Jahr im Bagno, unter den ſchrecklichſten Verbrechern, wurdeſt durch Noth und Hunger gedrückt, durch die Verachtung ehrlicher Menſchen gezwungen, fortwährend mit Verbre⸗ chern umzugehen, und dennoch bliebſt Du nicht allein ehrlich, nein .. . . Deine Reue hat Deine Vergehungen üͤbertroffen, durch die Buße, welche die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft Dir auferlegte. Dieſe einfache, edle Sprache war für den Meſſer⸗ mann eine neue Quelle des Erſtaunens. Er ſah auf Rudolph mit einer Miſchung von Achtung, Furcht und Dankbarkeit. Aber noch immer konnte er es nicht begreifen. — Wie, Herr Rudolph, .. weil Sie mich geprü⸗ gelt haben, weil ich Ihnen meine Geſchichte erzählte, weil ich glaubte, Sie ſeien ein Arbeiter, wie ich es bin, da Sie die Diebesſprache verſtanden wie Einer, weil ich Sie nicht habe ertrinken laſſen, darum .. geben Sie mir Geld, — ein Haus . . Sehen Sie, Herr Rudolph, es geht nicht! — Du hielteſt mich für einen Kameraden und er⸗ zählteſt mir Deine Lebensgeſchichte, ohne mir das zu verhehlen, was Du Schlechtes gethan haſt. Ich habe Dich erkannt, genau erkannt und es macht mir Vergnü⸗ gen, Dich zu belohnen. — Nein, es geht nicht, Herr Rudolph! . Es giebt ja arme, unglückliche Arbeiter genug, die ihr ganzes Leben lang ehrlich waren und doch ... — Ich weiß es und habe vielleicht für Einige von ihnen mehr gethan, als ich für Dich thue. Aber wenn der Menſch, der ehrlich unter ehrlichen Menſchen lebt und durch ihre Achtung aufrecht erhalten wird, Unter⸗ ſtützung verdient, ſo verdient ſie der noch mehr, der von der bürgerlichen Geſellſchaft ausgeſtoßen iſt, und trotzdem in der Mitte der niedrigſten Verbrecher ehrlich bleibt. Außerdem haſt Du mir das Leben gerettet, — Du haſt Murph vor den Dolchſtößen des Schulmeiſters bewahrt und er iſt mein beſter Freund. Darum iſt das, was ich für Dich thue, ſowohl eine perſönliche Dankbarkeit als ein Wunſch, einen guten Menſchen, der ſich verirrt hat, auf den rechten Weg zurückzuführen. Und doch iſt es noch nicht Alles. 6 — Was hätte ich denn noch gethah, Herr Ru⸗ W 262 Rudolph ergriff ſeine Hand und drückte ſie herzlich, indem er fortfuhr: — Gerührt durch das Unglück eines Menſchen, der Dich tödten wollte, boteſt Du ihm Deine Stütze an, gabſt ihm ſelbſt einen Aufenthalt in Deiner ärmlichen Woh⸗ nung. — — Sie wiſſen es, Herr Rudolph? — Wenn Du auch die Dienſte vergißt, die Du mir geleiſtet haſt, ſo vergeſſe ich ſie nicht. Als Du mit dem Schulmeiſter mein Haus verließeſt, folgte man Dir bis zu Deiner Wohnung. — Aber Herr Murph ſagte mir, daß Sie meine Wohnung nicht wüßten. — Ich wollte Dich zum letzten Male auf die Probe ſtellen, um zu erfahren, ob Du auch die Uneigennützig⸗ keit des Edelmuthes beſäßeſt. Und wirklich! Du kehrteſt nach Deiner muthigen Handlung ſtill und zufrieden zu Deiner harten Arbeit zurück, ohne eine Belohnung zu erwarten. Als endlich Murph zu Dir kam und Dir eine Beſchäftigung anbot, die etwas beſſer war, als Deine alte, nahmſt Du den Vorſchlag freudig und dankbar an. — Donnerwetter! Herr Rudolph, das war auch kein Spaß! Vier Franken täglich, das iſt doch Geld und viel zu viel für die kleinen Gefälligkeiten, die ich Ihnen erzeigt habe. Eigentlich müßte ich mich bei Ih⸗ nen bedanken. — Warum das? — Ja, ja, Herr Rudolph — fügte er traurig hinzu. — Ich hab's nicht wieder aus dem Sinn kriegen können, daß Sie mir geſagt haben: Du haſt noch Herz und Ehre im Leibel.. Es iſt erſtaunlich, wie nachden⸗ 6 „ kend ich ſeitdem geworden bin .. und das haben zwei Worte bewirkt, zwei einfache Worte! Aber es iſt wahr! Wenn man zwei kleine, kleine Saatkörner in die Erde ſtreut, ſo werden ein Paar große Aehren daraus. Dieſer richtige, beinah dichteriſche Vergleich ſetzte Rudolph in Erſtaunen. Wirklich hatten zwei kleine, aber zwei mächtige Worte plötzlich die guten edlen An⸗ lagen ausgebildet, die in dieſer kräftigen Natur ſchlum⸗ merten. — Sehen Sie, gnädiger Herr — fuhr der Meſſer⸗ mann fort — ich habe Herrn Rudolph und gewiſſerma⸗ ßen auch Herrn Murph das Leben gerettet, aber ich könnte Hunderte und Tauſende retten, ohne daß die wie⸗ der auferſtehen, die ich . Die Stimme des Wrſermannes wurde herzzerſchnei⸗ dend traurig und er ſenkte düſter das Haupt. — Reue iſt heilſam, aber eine gute That wird dem Sünder angerechnet. — Und was ſie dem Schulmeiſter über die Mörder ſagten, Herr Rudolph, das ging mich eben ſo gut an. — Du haſt den Schulmeiſter in St.⸗Mandé un⸗ tergebracht? — ſagte Rudolph, um die trüben Gedanken des Meſſermannes zu unterbrechen. — Ja, Herr Rudolph .. . . Ich mußte ihm ſeine Scheine gegen Gold umtauſchen und ihm eine Geld⸗ katze kaufen, die ich ihm auf dem Leibe feſtnähte. Dann ſteckten wir das Geld hinein, und glückliche Reiſe! Er bezahlt täglich 30 Sous und wird von den guten Leuten, denen die kleine Summe zu Statten Lait eſt ver⸗ pflegt. — Du mußt mir noch einen Dienſt ſ 264 — Sprechen Sie nur, Herr Rudolph. — Du gehſt in einigen Tagen mit dieſem Papiere zu ihm, das ihm die Aufnahme in das Krankenhaus der „guten Armen“ zuſichert. Er giebt 4500 Franken und iſt dann zeitlebens untergebracht. Es iſt Alles ſchon vorbereitet und er braucht nur das Papier vorzuzeigen. Das iſt beſſer für ihn, dann hat er für nichts zu ſorgen, als für ſeine Seele. Ich hätte ihm gleich dieſe Auf⸗ nahme ſichern ſollen, ſtatt ihm Geld zu geben, das er vielleicht verſchwendet, oder das ihm geſtohlen wird; aber er flößte mir ein ſolches Grauen ein, daß ich ihn vor Allem los ſein wollte. Du wirſt ihm daher dies Aner⸗ bieten machen und ihn nach dem Krankenhauſe führen. Wenn er es ausſchlagen ſollte, ſo wollen wir es anders überlegen. Alſo Du thuſt mir den Gefallen? — Ich würde Ihnen ſehr gern dieſen Gefallen thun, wie Sie es nennen, Herr Rudolph, aber ich weiß nicht, ob ich die Zeit dazu haben werde. Herr Murph hat mich für Jemand gemiethet, der mir täglich 4 Franken giebt. Rudolph ſah den Meſſermann verwundert an. — Wie! .. Und Dein Laden? .. Dein Haus? — Herr Rudolph! haben Sie einen armen Teufel nicht zum Beſten. Sie haben mich genug auf die Probe geſtellt, wie Sie es nennen. So iſt es auch mit dem Laden und mit dem Hauſe. Sie haben gedacht: ich will doch ſehen, ob der Meſſermann dumm genug iſt, ſich einzubilden, daß es iſt genug, Herr Rudolph. Sie ſind ein Spaßvogel! — Aber habe ich Dir nicht eben erſt auseinander⸗ geſetzt, daß .. — Ja, um der Such ein Anſehen zu geben — Aber Freund, Du biſt närriſch! — Nein, nein, gnädiger Herr! Sprechen wir lieber von Herrn Murph. Obgleich es ſchon beinah unglaub⸗ lich iſt, daß ich täglich 4 Franken verdienen ſoll, ſo läßt ſich das doch noch eher glauben; . . . . aber ein Haus, ein Laden, ein Haufen Thaler . . . . was für ein Spaß! Donnerwetter! was für ein Spaß! Und er lachte laut auf. — Aber nochmals .. . — Hören Sie, gnädiger Herr! aufrichtig geſagt, ich habe doch zuerſt ein Bißchen daran geglaubt, denn ich dachte: Herr Rudolph iſt ein Mann, wie es keinen zwei⸗ ten giebt; er hat vielleicht einen zum Teufel zu ſchicken, er will mir den Auftrag geben und mir die Hand ſchmie⸗ ren, damit ich das Feuer nicht fürchte. Aber dann fiel mir ein, daß es doch unrecht ſei, ſo etwas von Ihnen zu glauben und da merkte ich denn, daß Sie ſich einen Spaß mit mir machen wollten, denn wenn ich dumm genug geweſen wäre, zu glauben, daß Sie mir ein Ver⸗ mögen für nichts gähen, würden Sie geſagt haben: Armer Meſſermann, du thuſt mir leid! Rudolph wußte nicht mehr, wie er es anfangen ſollte, den Meſſermann zu überzeugen. Er ſagte zu ihm in einem ernſten, faſt Lerweiſendem Tone: — Ich ſcherze nie mit der Dankbarkeit und der Theilnahme, die mir ein guter Menſch einflößt. Ich habe Dir geſagt: dies Haus und dies Geld iſt Dein .. ich ſchenke es Dir, und weil Du es bezweifelſt, weil Du mich zwingſt, meine Worte durch einen Eid zu bekräfti⸗ gen, Sſchrire ich Dir, daß Dir dies Alles wirklich gehört und daß ich es Dir aus den ſchon angeführten Gründen ſchenke. Die ernſte Miene, mit der Rudolph dieſe Worte ſprach, ließ den Meſſermann nicht länger an der Wahr⸗ heit zweifeln. Einen Augenblick ſah er ſeinen Wohlthä⸗ ter ſtumm an, dann ſagte er⸗ ruhig, aber mit tief be⸗ wegter Stimme: — Ich glaube Ihnen, gnädiger Herr, und ich danke Ihnen. Ein armer Mann wie ich kann keine ſchönen Worte machen, aber ich danke Ihnen. Das Ein⸗ zige, was ich noch ſagen will, iſt, daß ich nie einem Unglücklichen meine Hülfe verſagen werde, weil Hunger und Elend den alten Kupplerinnen gleichen, welche die Louche verführten, und weil nicht Jeder ſtark genug iſt, ſich aus dem Schlamme heraus zu helfen, wenn er ein⸗ mal hineingeſunken iſt. — Du kannſt Deinen Danl nicht würdiger ausſpre⸗ chen, als auf dieſe Art. Du verſtehſt mich. Du wirſt in dieſem Schreibtiſch die Papiere finden, die Dir den Beſitz des Hauſes unter dem Namen: Francveur zu⸗ ſichern. — Francveur? — Du haſt keinen Namen .. . ich gebe Dir dieſen. Er iſt von guter Bedeutung und ich bin überzeugt, daß Du ihm Ehre machen wirſt. — Ich verſpreche es, gnädiger Herr. — Muth! mein Freund! und Du wirſt mich in einem ſchönen Werke unterſtützen! — Ich, gnädiger Herr! — Du, Du wirſt in den Augen der Welt als ein lebendes, heilſames Beiſpiel daſtehen. ½ glück⸗ liche Lage, in die die Vorſehung Dich plötzlich ver⸗ ſetzt, wird es beweiſen, daß ein Tiefgeſunkener wieder erhoben werden kann, wenn er bereut. Wenn man Dich glücklich ſehen wird, weil Du eine ſchreckliche That ſchrecklich gebüßt haſt, weil Du rechtſchaffen und ehrlich geblieben biſt, werden ſich die zu beſſern ſuchen, die gefallen ſind. Ich will nicht, daß Dein vergangenes Leben verſchwiegen bleibt, — man würde es früher oder ſpäter doch erfahren, und es iſt beſſer, daß wir es ſelbſt aufdecken. Ich werde nachher mit Dir zum Maire gehen; ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen, er iſt werth, an meinem Werke mitzuarbeiten. Ich werde mich nennen und für Dich bürgen; und um von Anfang an ehrenwerthe Beziehungen zwiſchen Dir und den beiden Perſonen herzuſtellen, die gewiſſermaßen die Geſellſchaft dieſer Stadt vertreten, werde ich zwei Jahre lang eine Summe von monatlich 2000 Franken für die Armen ausſetzen, die Du monatlich empfangen und in Gemein⸗ ſchaft des Maire und des Predigers an Arme vertheilen ſollſt. Wenn Einer von ihnen Bedenken trüge, mit Dir umzugehen, ſo werden die Erforderniſſe der Mildthätig⸗ keit dies Bedenken verſcheuchen. Wenn dieſe Verbindun⸗ gen einmal angeknüpft ſind, wird es von Dir abhängen, die Achtung dieſer ehrenwerthen Männer zu verdienen und es wird Dir gewiß gelingen. — Ich verſtehe, gnädiger Herr ... Nicht nur allein dem Meſſermann erweiſen Sie ſo viel Gutes, nein, den Unglücklichen, die gleich mir im Elend waren, durch das WVerbrechen, die daraus hervor gegangen ſind, ohne ihr Herz, ihre Ehre verloren zu haben, wie Sie ſagen. Es — iſt i im Kriege; wenn ein ganzes Bataillon — dem Tode muthig entgegen gegangen iſt, können nicht Alle eine Auszeichnung erhalten. Es ſind nur 4 Kreuze da für 500 Tapfere; aber die es nicht bekommen, werden denken: Du kommſt ein andermal dran, und ſie werden das nächſte Mal noch muthiger kämpfen. Rudolph hörte ſeinen Schützling mit Vergnügen an. Indem er dieſem Manne die Achtung vor ſich ſelbſt wie⸗ dergab, indem er ihn von ſeinem Werthe überzeugte, erweckte er zugleich in ihm herrliche, ſinnige Gedanken. — Aber nun wollen wir Dein Haus noch einmal beſehen; mein alter Murph hat ſich das Vergnügen ge⸗ macht; ich will es auch haben. — Rudolph ſtieg mit dem Meſſermann die Treppe hinab. Als ſie in den Hof kamen, trat der Geſelle auf den Meſſermann zu und ſagte achtungsvoll: — Da Sie mein künftiger Meiſter ſind, Herr Fran⸗ coeur, will ich Ihnen nur ſagen, daß das Geſchäſt gut geht. Es ſind weder Coteletten noch Hammelkeulen mehr vorhanden und wir werden daher ſogleich ein Paar Hammel ſchlachten müſſen. — Da iſt ja gleich Gelegenheit, Dein Talent zu zeigen — ſagte Rudolph zum Meſſermann. — Das kommt mir gerade recht, denn die friſche Luft hat mich hungrig gemacht und ich will Deine Coteletten koſten, obgleich ſie gewiß etwas hart ſein werden. — Soll ich einen Hammel nach dem Schlachthauſe führen, Meiſter? — fragte der Geſelle. — Ja; aber bringe auch ein ſcharfes Meſſer mit, ſtark, mit einem tüchtigen Rücken. — Damit kann ich aufwarten, Meiſter; ſehen Sie hier, — man könnte ſich damit raſiren. 5 — Donnerwetter! Herr Rudolph, — ſagte der Meſſermann, indem er ſeinen Rock auszog und ſich die Hemdärmel aufkrempte, — das erinnert mich an meine Jugend, an die Abdeckerei. Sie ſollen ſehen, wie ich das zu handhaben weiß, ich wollte, es ginge ſchon los, Das Meſſer, Burſche, das Meſſer . .. Donnerwetter! mit ſolchem Meſſer fürchte ich ſelbſt einen wüthenden Stier nicht! Er ſchwang bei dieſen Worten das Meſſer. Seine Augen unterliefen mit Blut, .. . . das Thieriſche in ihm gewann die Oberhand. Das Schlachthaus, das ſich auf dem Hofe befand, war ein mit Steinen gepflaſteter Raum, der ziemlich dunkel war, weil er nur durch eine kleine Oeffnung von oben herab erleuchtet wurde. — Der Ge⸗ ſelle hatte einen Hammel hineingeführt und fragte: — Soll ich ihn anbinden, Meiſter? — Anbinden! Donnerwetter! Wozu hätte ich meine Kniee? Sei ruhig, ich will ihn damit feſthalten, wie ein Schraubſtock. Gieb das Thier her und geh nach dem Laden zurück. . Der Geſelle that es und entfernte ſich. — Nun an's Werk! — ſagte Rudolph, der den Meſſermann aufmerkſam, faſt ängſtlich betrachtete. — Das ſoll nicht lange dauern! Sie werden ſehen, ob ich das Meſſer zu führen verſtehe. Es ſummt mir ordentlich vor den Ohren, ... die Pulsadern ſchlagen mir als wenn ich ſchon Roth ſähe Vorwärts Schöps! Seine Augen glänzten in einem wilden Feuerz er bemerkte die Gegenwart Rudolph's nicht mehr, hob den Hammel empor und trug ihn in das Er Geheimniſſe von Paris. I. 18 270 glich beinah einem Wolfe, der ſein Opfer fortſchleppt. Rudolph folgte ihm und lehnte ſich an einen Thürpfo⸗ ſten, während er die Thür ſchloß. Das Schlachthaus war finſter und nur ein heller Lichtſtrahl, der von oben hineinfiel, beleuchtete das ſelt⸗ ſame Bild. — Der Meſſermann hatte das Thier zwiſchen die Kniee genommen, ſtreckte ihm den Hals aus und ſtach es todt. Als das Schaf die Klinge fühlte, ſtieß es einen leiſen Klagelaut aus und ſah den Meſſermann ſterbend mit traurigen Augen an, während ein Blutſtrahl aus ſeinem Halſe hervorſchoß. Als der Meſſermann dieſen Klagelaut hörte, dieſen ſterbenden Blick ſah, entfiel das Meſſer ſeinen Händen, ſein Geſicht wurde todtenbleich und verzerrt; die Augen traten aus ihren Höhlen heraus, das Haar ſträubte ſich auf ſeinem Kopfe, und während er entſetzt einen Schritt zurückſprang, rief er mit erſtickter Stimme: — Der Feldwebel! Der Feldwebel! — Beruhige Dich, Freund, — ſagte Rudolph, der ihm zu Hülfe gekommen war. — — Da! Da der Feldwebel! — wiederholte der Meſſermann, indem er Schritt vor Schritt mit ſtar⸗ rem Blicke zurückwich und mit der Hand auf ein unſicht⸗ bares Geſicht hindeutete. Dann ſtieß er einen entſetzlichen Schrei aus, als habe ihn das Geſpenſt berührt, ſtürzte in den dunkelſten Winkel des Schlachthauſes, ſtemmte Geſicht, Bruſt und Hände gegen die Mauer, als wollte er ſie umſtürzen, um ſeinem unſichtbaren Verfolger zu ent⸗ geheh und wiederholte mit dumpfer, krampfhafter Stimme: — Der Feldwebel! Der Feldwebel! — — — Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Ibreiſe. Durch die Sorge Murph's und Rudolph's kam der Meſſermann nach langer Zeit wieder zu ſich. — Er war mit Rudolph allein, in einem Zimmer des zweiten Stockes. — Gnädiger Herr — ſagte er mit ſchwacher Stimme, — Sie haben es gut mit mir gemeint, aber ich möchte lieber noch tauſendmal unglücklicher werden, als ich war, als das Geſchäft annehmen, das Sie mir zugedacht ha⸗ ben — Aber bedenke doch, daß .. — Sehen Sie, gnädiger Herr als ich den Schmerzensſchrei dieſes armen Thieres hörte, das ſich nicht vertheidigen konnte, als ich das Blut ſah, das warme Blut, — da träumte ich meinen Traum vom Feldwebel und den armen Soldaten, die ich ermordet habe, und die mich ſterbend ſo ſanft ... ſo ſanft an⸗ ſahen, als wollten Sie mich anklagen ... Oh! gnädiger Herr! ich könnte wahnſinnig werden, ich daran denke! Und der unglückliche verhüllte das Geſicht mit den Händen. — Beruhige Dich. — Und ſo fühle ich jetzt, daß ich kein Blut mehr ſehen kann. Jeden Augenblick würden meine Träume zurückkehren, die ich zu vergeſſen anfing. Nein! es geht nicht! ich würde lieber blind ſein, wie der X — 16 ſter, als alle Tage in Blut baden zu müſſen. — Es iſt unmöglich, die Geberden und den Ton zu beſchreiben, in dem der Meſſermann dieſe Worte ſprach. — Rudolph war tief bewegt. Er war zufrieden mit dem ſchrecklichen Eindruck, den der Anblick des Blutes auf ſeinen Schütz⸗ ling hervorgebracht. Einen Augenblick hatte das Thie⸗ riſche in dem Meſſermanne die Oberhand gewonnen, aber die Reue beſiegte ſeinen natürlichen Trieb. Es lag darin eine tiefe Lehre. — Wir müſſen zum Lobe Rudolph's ſagen, daß er dieſen Erfolg erwartet hatte. Sein Wille, nicht der Zufall, hatte den Auftritt herbeigeführt. — Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr — fuhr der Moſſermann ſchüchtern fort, — daß ich Ihre Güte ſo ſchlecht vergelte. — Nein, im Gegentheil; Du krönſt meine Wünſche. Aber ich geſtehe dennoch, daß ich dieſe heilige Steigerung der Reue nicht bei Dir zu finden hoffte. Warum, gnädiger Herr? — Ich hatte den Stand eines Fleiſchers für Dich erwählt, weil es Dein Wunſch war, weil Deine Neigung Dich dazu trieb. — Es iſt wahr, gnädiger Herr, es würde mein größtes Glück ausmachen, wie ich auch Herrn Murph ſagts, enn nicht . . . — Ich weiß es. Wenn Du den Vorſchlag, den ich Dir machte, angenommen hätteſt, ſo hätte ich damit nur eine heilige Schuld bezahlt. Ich hätte Dich aus einer unglücklichen Lage geriſſen, hätte in Dir ein gutes, heilſames Beiſpiel gegeben, und würde auch ferner noch an Deinem Schickſale den größten Antheil genommen haben. Wenn Dich aber im Gegentheile der Anblick 3 — 273 des Blutes, welches Du täglich vergießen wollteſt, an das Verbrechen erinnern würde, das Du einſt begangen haſt und das noch immer in der Reue Deines Herzens lebt, ſo harte ich eine andere Abſicht, denn der Stand, der Dich glücklich machen ſollte, würde eine Strafe für Dich geweſen ſein. — Ja wohl! Herr Rudolph! eine ſchreckliche Strafe. — Nun höre, was ich Dir vorſchlagen will. Du wirſt es annehmen, denn ich habe in dieſer Ueberzeugung gehandelt. Jemand, der viel Land in Algier beſitzt, hat mir für Dich ein großes Gut abgetreten, was ſich be⸗ fonders zur Viehzucht eignet. Die Ländereien, die dazu gehören, ſind ſehr fruchtbar, und ich ſage geradezu, daß ich das Gut für Dich gekauft habe, weil es gerade an den Vorpoſten der Araber liegt und daher oft den Streif⸗ zügen dieſes Volkes ausgeſetzt iſt. Der Beſitzer muß ein eben ſo guter Soldat als Ackerbauer ſein. Der Mann, der es in Abweſenheit des Beſitzers bewirthſchaf⸗ tet, wird Dir das Nähere mittheilen; es ſoll ein guter, ehrlicher Menſch ſein und Du könnteſt ihn ja behalten, ſo lange es nöthig iſt. Biſt Du einmal eingerichtet, ſo wirſt Du nicht allein Deinen Wohlſtand befördern, ſon⸗ dern auch dem Lande große Dienſte durch Deinen Muth erweiſen können. Die Coloniſten bilden ein kleines Heer und die Ausdehnung Deiner Beſitzung, die Zahl Deiner Pächter, die damit verbunden iſt, würde Dich zum Ar führer eines beträchtlichen, gut gewaffneten Haufens mas chen. Dies geregelte, muthige Heer kann von großem Nutzen ſein, um die in der Ebene zerſtreuten Beſitzungen zu vertheidigen. Ich wiederhole es; ich habe es trotz der Gefahr, oder vielmehr der Gefahr wegen, für Dich gekauft, weil ich Deiner natürlichen Unerſchrockenheit ein Feld anweiſen wollte. Wenn ich Dir nicht gleich dieſen Vorſchlag machte, ſo geſchah es darum, weil ich vermu⸗ thete, daß der erſte Dich befriedigen würde, und weil dieſer ſo abentheuerlich iſt, daß ich Dir wenigſtens die Wahl laſſen wollte. Wenn Dir daher auch dies Aner⸗ bieten nicht gefallen ſollte, ſo ſage es frei heraus, damit wir etwas Anderes für Dich ſuchen. Gefällt es Dir, ſo iſt Alles abgemacht; ich übergebe Dir die it i. nes neuen Beſitzthumes und Du trittſt Deine Reiſe mit einer, von dem alten Eigenthümer bezeichneten Perſon nach Algier an, um Dein Gut zu übernehmen. Bei Deiner Ankunft wirſt Du das Pachtgeld von zwei Jah⸗ ren von dem Verwalter erheben, welches er Dir ſchuldet. Das Gut bringt 3000 Franken ein; arbeite, beſſere Dich, ſei thätig und wachſam, und Du wirſt Dein und Deiner Nachbarn Vermögen vermehren. Ich zweifle nicht, daß Du Dich immer mildthätig zeigen und daran denken wirſt, daß reich ſein viel geben heißt. Bin ich auch fern von Dir, werde ich Dich doch nie aus den Augen ver⸗ lieren. Ich werde nie vergeſſen, daß ich Dir mein und meines Freundes Leben verdanke. Alles, was ich ſonſt von Dir verlange, iſt, daß Du ſchreiben und leſen lernſt, üm mich wöchentlich einmal von dem zu unterrichten, was Du vornimmſt, und Dich einzig und allein an mich u wenden, wenn Du des Rathes, der Unterſtützung bedarfſt. Es iſt unnöthig, das Entzücken des Meſſermannes zu beſchreiben. Sein Charakter und ſeine Neigungen ſind dem Leſer genug bekannt, um zu verſtehen, daß ihm kein Vorſchlag mehr zuſagen konnte, als der, den Ru⸗ dolph ihm machte. Am andern Morgen reiſte er nach Algier ab. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Erkundigungen. Rudolph hielt ſich für gewöhnlich nicht in dem Hauſe auf, das er in der Wittwenallee beſaß. Er be⸗ wohnte eines der größten Hötels in der Vorſtadt St.⸗ Germain. Um die Ehrenbezeigungen zu vermeiden, die von ſeinem Range als Herrſcher unzertrennlich waren, hatte er ſeit ſeiner Ankunft in Paris einen andern Namen an⸗ genommen und ſeinem Geſchäftsträger den Auftrag gege⸗ ben, dem franzöſiſchen Hofe die Anzeige zu machen, daß ſein Gebieter die dienſtlich nothwendigen Beſuche unter dem Namen eines Grafen v. Düren machen würde. Durch dieſen Gebrauch wurde es Rudolph möglich, mit eben ſo vieler Freiheit zu reiſen, wie ein Privat⸗ mann und den läſtigen Vorſtellungen zu entgehen. Trotzdem machte Rudolph, wie es ſeinem Stande ziemte, ein großes Haus. Wir führen den Leſer einen Tag ſpäter in ſein Palais, nachdem der Meſſermann nach Algier abgereiſt war. Es war nach 10 Uhr Morgens. In inm großen 276 Zimmer im Erdgeſchoſſe, dem Vorzimmer von Rudolph's Geſchäftsſtube, ſaß Murph vor einem Schreibtiſche und verſiegelte mehrere Briefe. Ein ſchwarzgekleideter Diener öffnete die Flügelthür und meldete: — Seine Exellenz der Baron von Graun! Murph grüßte den Baron mit einer herzlichen Be⸗ wegung, ohne ſeine Geſchäfte zu unterbrechen. — Belieben ſich der Herr Geſchäftsträger ein wenig zu wärmen — ſagte Murph — ich bin augenblicklich der Ihrige. — Ich werde Ihre Befehle erwarten, Sir Walter Murph, Geheimſecretair Seiner Durchlaucht — antwor⸗ tete der Baron launig, indem er dem ehrwürdigen Squire eine tiefe Verbeugung machte. Der Baron war ungefähr 50 Jahre alt, hatte graue Haare, die leicht gepudert und gekräuſelt waren. Sein etwas hervorſpringendes Kinn verſchwand halb und balb in einem geſtickten Halstuche von weißem Mouſſe⸗ lin, das ſtark geſteift und von blendender Weiße war. Sein Geſicht ſprach Schlauheit aus, ſein Benehmen zeigte den feinen Mann und unter den Gläſern ſeiner goldenen Brille blitzte ein tiefer, durchdringender Blick hervor. Obgleich es erſt 10 Uhr Morgens war, trug Baron Graun doch ſchon den ſchwarzen Frack, den die Etikette vorſchrieb; ein Ordensband war durch das Knopfloch geſchlungen. Er legte ſeinen Hut auf einen Stuhl und näherte ſich dem Kamin, während Murph ſeine Arbeit fortſetzte. — Seine Hoheit hat wahrſcheinkich die halbe Racht — gewacht, mein lieber Murph, denn Ihre Srt ſcheint mir bedeutend zu ſein. — Der gnädige Herr hat ſich erſt heute Wuthn um 6 Uhr zur Ruhe begeben. Er hat unter Andern an den Großmarſchall einen Brief von 8 Seiten geſchrie⸗ ben, während er mir einen eben ſo langen dictirte. — Soll ich warten, bis Se. Hoheit auſſteht, um ihm die Nachrichten mitzutheilen, die ich eingezogen habe? — Nein, mein lieber Baron. Seine Hoheit will nicht vor 3 Uhr geweckt ſein, und ich wünſche, daß Sie dieſe Briefe, ſtatt bis Montag zu warten, noch heute durch einen beſonderen Courier abſenden. Ihre Nach⸗ richten können Sie mir immerhin anvertrauen; ich werde ſie Sr. Hoheit mittheilen, ſobald er ſich erhoben hat. So lauteten ſeine Befehle. — Ich denke, Seine Hoheit wird mit meinen Er⸗ kundigungen zufrieden ſein. Aber ich hoffe, lieber Murph, daß die Abſendung dieſes Couriers keine ſchlechte Be⸗ deutung hat. Die letzten Briefe, die ich Sr. Hoheit vor⸗ zulegen die Ehre hatte ... . — Lauteten, daß zu Hauſe Alles ganz gut geht, und Seine Hoheit wünſcht eben nur, dem Präſidenten ſeine Zufriedenheit auszuſprechen, weßhalb dieſe Briefe durch einen beſonderen Courier abgehen ſollen. — Doch nun erzählen Sie, was es Neues giebt, Baron. Unſere geheimnißvollen Abenteuer ... — Sind bis jetzt ganz unentdeckt. Man iſt ſeit ſeiner Ankunft in Paris gewohnt, ihn bei wenigen Per⸗ ſonen zu ſehen, denen er ſich hatte vorſtellen kaſſen; man glaubt, daß er ſehr zurückgezogen lebt, und zucwei⸗ len Ausflüge in die Umgebung der Stadt macht. Seine Hoheit hat ſich auf einige Zeit des Kammerherrn und des Adjutanten entledigt, die er aus Deutſchland mitge⸗ bracht hat, und — die uns ſehr läſtige Zeugen geweſen ſein würden. — Daher weiß außer der Gräfin Sarah Mac⸗Gre⸗ gor, ihres Bruders Tom Sehton von Halsburh und Karl Niemand von den Verkleidungen Seiner Hoheit; und Keinem von ihnen kann daran gelegen ſein, das Ge⸗ heimniß verrathen zu ſehen. — Aber lieber Baron! Welch ein Unglück iſt es daß dieſe verwünſchte Gräfin zur Wittwe geworden iſt. — Verheirathete ſie ſich nicht 18272 — Ganz recht. Im Jahre 1827; kurze Zeit nach dem Tode des unglücklichen Kindes, das jetzt 16 oder 17 Jahre alt ſein würde und das der gnädige Herr noch täglich beweinet, ohne von ihm zu ſprechen. — Der Kummer iſt um ſo größer, da Seine So⸗ heit aus ſeiner Ehe keine Kinder hat. — Daher glaube ich auch nicht Unrecht zu haben, wenn es mir ſcheint, daß das Mitleid, welches ihm Marienblume einflößt, darum ſo groß iſt, weil das Mädchen eben ſo alt iſt, wie ſeine Tochter ſein würde, die er ſo tief betrauert, wie er Ihre Mutter, die Grä⸗ fin, haßt. — Es iſt wirklich nicht gut, daß dieſe Sarah, von der wir uns ganz befreit glaubten, ſich gerade da wie⸗ der findet, wo Seine Hoheit das Muſter einer Gattin, nach einer Ehe von wenigen Jahren verloren hat. Die Gräfin hält ſicher dieſen doppelten Swe einen Wink des Schickſals. 29 — Und ihre unſinnigen Hoffnungen ſcheinen ſtärker zu ſein, als je; und dennoch weiß ſie, daß Seine Hoheit ihr die verdiente, Verachtung zollt. Oh! Barvn, dieſe Frau iſt unſer Verderben! Gott gebe, daß ſie uns nicht neues Unglück bringt. — Was haben wir zu fürchten, lieber Murph? Früher hatte ſie die Macht über Seine Hoheit, die ein kluges, geſchicktes Weib immer über einen jungen Mann erhält, der zum erſten Male liebt. Aber dieſer Einfluß wurde durch die unwürdigen Abſichten, die dieſes Geſchöpf hatte, zerſtört, wie durch die Erinnerung an die ſchreck⸗ liche Begebenheit, die ſie hervorrief .. . — Leiſer, Baron, leiſer — ſagte Murph. — Wir ſind in dem ſchrecklichen Monat und wir nahen uns dem noch ſchrecklicheren Tage, dem 13. Januar, an dem ich immer für unſern Herrn fürchte. — Müßte aber Seine Hoheit nicht längſt Verge⸗ bung erhalten haben, wenn ein großes Vergehen durch Buße geſühnt werden kann? — Schweigen wir, lieber Baron; es macht mich für den ganzen Tag traurig, wenn wir davon ſprechen. — Ich ſagte vorher, daß die Pläne der Gräfin ge⸗ rade jetzt ehrgeiziger ſind, als je, obgleich der Tod des armen Mädchens das letzte Band zerriſſen hat, welches Seine an dies Weib knüpfte. — Sie iſt wahn⸗ ſinnig! . — Ja, aber gefährlich wahnſinnig. Sie wiſſen, daß ihr Bruder ihre ehrgeizigen Abſichten theilt, obgleich das würdige Paar, wie Sie ſagen, jetzt am wenig⸗ ſten zur Hoffnung berechtigt es iſt nun achtzehn Jahre her. . — Oh! Was für Unglück hat der teufliſche Abbé Polidori durch ſeine verbrecheriſche Gefälligkeit herbeige⸗ führt! — Man ſagt, daß der Elende ſeit zwei Jahren in Paris iſt, ohne Zweifel in einem tiefen Elende, oder ſich durch ein verbrecheriſches Gewerbe ernährt. — Welch tiefer Fall für einen Mann von ſolchen Kenntniſſen, ſolchem Geiſte, ſolcher Klugheit! — Aber auch von ſolchem ſchlechten Herzen! Gebe der Himmel, daß er nicht der Gräfin begegnet; das Zu⸗ ſammentreffen dieſer beiden böſen Geiſter würde uns ge⸗ fährlich werden. — Noch einmal, mein lieber Murph! Die Gräfin wird ihren eigenen Vortheil zu gut kennen, um den abentenerlichen Geſchmack des gnädigen Herrn zu einer ſchlechten Handlung zu benutzen. — Ich hoffe daſſelbe. Aber ſchon hat der Zufall ich weiß nicht welchen Anſchlag zerſtört, den dies Weih mit dem Schulmeiſter, dem ſchrecklichen Böſewichte, ma⸗ chen wollte, der jetzt unfähig, Jemand zu ſchaden, unbe⸗ kannt, vielleicht reuevoll im Dorfe St.⸗Mandé bei ehr⸗ lichen Landleuten lebt. Ich bin überzeugt, daß Seine Boheit hauptſächlich, um mich an dieſem Menſchen zu rä⸗ chen, ihm eine ſo fürchterliche Strafe ertheilte, die ihn ſelbſt in eine gefährliche Lage brachte. — Kommen wir auf die Nachrichten zurück, die ich Ihnen mittheilen wollte. Ich erhielt ſie aus den Pa⸗ pieren, die beim Schulmeiſter gefunden wurden und aus den Geſtändniſſen der Eule, die ſie während Ihres Auf⸗ enthalts im Krankenhauſe, das ſie wegen Ihres Bein⸗ bruches einen Monat hüten mußte, machte. 281 — Sie beziehen ſich zunächſt auf die Nachforſchun⸗ gen, die man anſtellte, um die Geburt des jungen Mäd⸗ chens, genannt die Lerche, zu ermitteln und auf den ge⸗ genwärtigen Wohnort Franz Germain's, dem Sohne des Schulmeiſters. — Wollen Sie mir nicht die Notizen vorleſen? — ſagte Murph, indem er die Papiere zurückgab, die ihm der Baron bei den ſetzten Worten übergeben hatte. — Ich kenne die Abſichten Sr. Hoheit und werde ſehen, ob dieſe Nachrichten genügen. Sie ſind noch immer mit Ihrem Agenten zufrieden? — Ein unbezahlbarer Mann, fein, klug und ver⸗ ſchwiegen. Ich muß zuweilen ſeinen Eifer zügeln, denn Sie wiſſen, daß ſich Se. Hoheit gewiſſe Aufklärungen ſelbſt vorbehält. — Und er ahnt nicht, wie ſehr Seine Hoheit bei alle dem betheiligt iſt? — Nicht im geringſten, mein lieber Murphz Badi⸗ not, ſo heißt der geſchickte Burſche, ſcheint ſich einzu⸗ bilden, daß die Nachrichten, die er uns einzieht, das Intereſſe unſers Staates bezwecken. — Nun immer zu; aber nun leſen Sie. D Der Baron las Folgendes: Nachrichten über Marienblume. Am Anfang des Jahres 1827 machte ein Mann, Pierre Tournemine genannt, der gegenwärtig we⸗ gen Fälſchung im Bagno von Rochefort iſt, der Frau Gervais, genannt Eule, den Vorſchlag, ein kleines Wädchen von 5 bis 6 Jahren anzunehmen, gegen Em⸗ pfangnahme der Summe von 1000 Franken. — Ach! lieber Baron! — unterbrach Murph den Herrn von Graun, — 1827, das iſt das unglückliche Jahr, wo Seine Hoheit den Tod ſeiner Tochter er⸗ fuhr. — Ganz recht. Der Handel wurde geſchloſſen und das Kind blieb ungefähr zwei Jahre bei dieſem Weibe, nach welcher Zeit es verſchwand, da es wahrſcheinlich der ſchlechten Behandlung entfliehen wollte, die es täg⸗ lich erdulden mußte. Jahrelang hatte die Eule nichts von ihrer Pflegetochter gehört, als ſie ſie endlich in einer Kneipe der Cité wieder findet. Das Kind war zur Jung⸗ frau herangewachſen und trug den Namen: die Lerche. — Wenige Tage vor dieſem Zuſammentreffen, hatte Roth⸗Arm, der geheimnißvolle Geſchäftsträger der im Bagno befindlichen Galeerenſelaven, von dem P. Tourne⸗ mine einen Brief über die Herkunft des Kindes erhalten, das er früher der Frau Gervais, genannt Eule, über⸗ geben hatte. — Aus dieſem Briefe ergab ſich, daß eine gewiſſe Madame Seraphin, Haushälterin eines Notars Ja⸗ cob Ferrand 1827 Tyurnemine beauftragt hatte, ihr eine Frau zu verſchaffen, die für eine Summe von 1000 Franken geneigt wäre, ein Kind anzunehmen, das man los ſein wolle. Die Eule nahm den Vorſchlag an. Die Abſicht, die dieſer Tournemine hatte, als er Roth⸗Arm dieſe Mittheilungen machte, war, von der Madame Seraphin Geld zu ziehen, durch die Drohung, die längſt vergeſſene Begebenheit ruchbar zu machen, weil er glaubte, daß Madame Seraphin nur die Unter⸗ händlerin unbekannter Perſonen ſei. — Roth⸗Arm hatte der Eule den Brief mitgetheilt, da ſie ſchon einige Zeit 2 an dem Verbrechen des Schulmeiſters theilnahm, da er die ſchadenfrohe Aeußerung der Eule, als ſie die Lerche in dem weißen Kaninchen wiederfand: Wir ken⸗ nen Deine Eltern, aber Du ſollſt es gewiß nicht erfah⸗ ren! — hinlänglich erklärt wird. — Es war nun die Frage, ob die Nachrichten, die der Brief Tournemines enthielt, richtig ſeien. Man erkundigte ſich nach dem Notar Jacob Ferrand und nach ſeiner Soishet Madame Seraphin. Sie leben beide. Der Notar wohnt Straße Sentier 41 und wird für ſtreng und fromm gehalten, wenigſtens geht er häu⸗ ſig in die Kirche. — In ſeinen Geſchäften iſt er von ungeheurer Pünktlichkeit, die man ſeinem Geize zuſchreibt; ſein Geſchäft iſt ausgezeichnet, er lebt ſparſam, faſt gei⸗ zig, und Madame Seraphin iſt noch immer ſeine Haus⸗ hälterin. Herr Jacob Ferrand war früher ſehr arm und kaufte ſein Geſchäft mit einer Summe von 350,000 Franken, die man ihm unter der Bürgſchaft eines Hrn. Karl Robert, Stabs⸗Offizier bei der Nationalgarde in Paris, eines hübſchen jungen Mannes, der in gewiſſen Geſell⸗ ſchaften ſehr gern geſehen iſt, lieh. Er theilt mit dem Notar den Ertrag des Geſchäfts, der auf 50,000 Fran⸗ ken geſchätzt wird, ohne ſich jedoch im geringſten um die Geſchäfte zu bekümmern. Böſe Zeugen wollen behaup⸗ ten, daß der Notar durch glückliche Börſengeſchäfte längſt im Stan de ſei, die Kaufſumme zurückzugeben; aber der Ruf ves Herrn Ferrand iſt ſo feſtgeſtellt, daß man all⸗ 9 in dieſe Gerüchte für neidiſche Verläumdungen hält. Zerſt Cteint gewiß zu daß L S Ge 3 28¹ Baushälterin dieſes frommen Mannes, genaue Nachrich⸗ ten über die Geburt Marienblumens geben kann. ve 8 — Herrlich! lieber Baron — ſagte Murph; — die Erklärungen dieſes Tournemine ſind nicht ganz unwahr⸗ ſcheinlich. Vielleicht können wir durch den Notar die Eltern des jungen Mädchens entdecken. Haben Sie eben ſo gute Nachrichten über den Sohn des Schulmeiſters? — Sind Sie auch nicht ganz ſo genau, ſo ſcheinen ſie mir doch genügend. — Wahrhaftig, Baron! Ihr Badinot iſt ein Haupt⸗ kerl! — Sie werden ſehen, daß dieſer Roth⸗Arm in allen unſeren Nachforſchungen eine Hauptrolle ſpielt. Badinot, der mit der Polizei bekannt ſein muß, bezeich⸗ nete Roth⸗Arm vom Anfauge an als einen Unterhänd⸗ ler der Galeerenſelaven. Schon bei den erſten Schritten, die Seine Hoheit that, um den Sohn der unglücklichen Madame Duresnel, der Frau des Schulmeiſters, aufzu⸗ finden, bezeichnete Badinot Roth⸗Arm. — Ganz recht, denn es war auf dem Wege zu Roth⸗Arm, in ſeinem Hauſe in der Cité, wo Seine Hoheit den Meſſermann und Marienblüme kennen lernte. Bei dieſer Gelegenheit kam Seine Hoheit auf den Ge⸗ danken, die Diebesherbergen der Cité zu beſuchen, um daſelbſt vielleicht Unglückliche zu finden, die es werth ſeien, aus dem Schmutze geriſſen zu w en. Seine Ahnung täufchte ihn nicht, aber welchen hren hat er ſich ausgeſetzt? — Gefahren, die Sie muthig getheilt had Jein lieber Murph. babe ich nicht deßhalb den Titel eines — Kohlenträgers Seiner Hoheit erhalten? — ſagte Murph lächelnd. — Sagen Sie doch, den Titel eines unerſchrockenen Leibwächters. Doch ich fahre in meinem Berichte fort Hier iſt die Notiz über Franz Germain, Soh der Ma⸗ dame Georges und des Schulmeiſters, früher genannt Duresnel. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Machrichten über Franz Germain. Herr von Graun fuhr fort: — Es ſind nun 18 Monate, als ein junger Mann unter dem Namen Franz Germain von Nantes nach Paris kam, wo er in dem Wechſelgeſchäfte der Herren Noél und Compagnie gearbeitet hatte. Wie aus den Geſtänd⸗ niſſen des Schulmeiſters und aus den bei ihm gefundenen Briefen hervorgeht, entdeckte der Schändliche, dem er ſeinen Sohn übergab, um ihn zu verführen und ihn ſpäter zu ſchlechten Handlungen zu gebrauchen, dem jun⸗ gen Manne ſeine Abſicht, ihn zu einem Raub und Fäl⸗ ſchungsverſuche gegen das Haus Nosl und Comp., wo Germain arbeitete, zu gebrauchen. Franz Germain wies den Vorſchlag erzürnt zurück, aber da er den Mann, der ihn erzogen hatte, nicht verrathen wollte, ſchrieb er mit verſtellter Handſchrift einen Brief an ſeinen Herrn, indem Geheimniſſe von Paris. 1. 19 1 er ihm den Anſchlag entdeckte, den man auf ihn machen wollte und verließ heimlich Nantes, um den Unwürdigen, die ihn zum Theilnehmer ihrer Verbrechen machen woll⸗ ten, zu entgehen. — Als die Schändlichen die Abreiſe Germain's erfuhren, folgten ſie ihm nach Paris, berie⸗ then ſich mit Roth⸗Arm und ſuchten den Sohn des Schulmeiſters wieder zu finden, ohne Zweifel in verbre⸗ cheriſchen Abſichten, da er ſie verrathen konnte. Nach langen Mühen entdeckten ſie ſeine Wohnung, aber zu ſpät; — Germain der von Weitem den geſehen hatte, der ihn um ſeine Ehre bringen wollte, hatte ſchleunig ſeine Wohnung gewechſelt, da er die Abſicht ſeiner Ver⸗ folger errieth. So entging er noch einmal den Schlingen, die man ihm legte. Es iſt ſechs Wochen her, als die Elenden erfuhren, Franz Germain wohne in der Tempelſtraße Nro. 17. Als er eines Abends nach Hauſe kam, war er nahe daran, das Opfer eines Hinterhaltes zu werden. Dieſen Umſtand hatte der Schulmeiſter in ſeinen Geſtändniſſen verſchwiegen. — Germain errieth die Quelle, aus welcher der Anfall hervorging, verließ ſeine Wohnung und man wußte von Neuem ſeinen Aufenthalt nicht. Soweit wa⸗ ren die Verfolgungen gediehen, als der Schulmeiſter die Strafe ſeiner Verbrechen empfing .. Daher ſind die Nachſuchungen auf Befehl des gnädigen Herrn an dieſen Punkt wieder angeknüpft. — Und hier iſt der Erfolg: — Franz Germain wohnte ungefähr 3 Monate in Nro. 17 der Tempelſtraße, einem Hauſe, das durch die Sitten und die ſeltſamen Beſchäftigungen, welche die verſchiedenen⸗Bewohner ausüben, höchſt merkwürdig iſt. Germain war dort ſehr beliebt durch ſein heiteres, offt⸗ nes Weſen. Obgleich es ſchien, daß er ſich bedeutend einſchränken mußte, ſorgte er auf die rührendſte Art für eine arme Famikie, die in dem Dachzimmer des Hauſes wohnte. Vergebens fragte man in der Tempelſtraße nach ſeiner neuen Wohnung und nach den Geſchäften, die er ausübte. Man muthmaßt, daß er von Neuem in ein Handlungshaus eingetreten iſt, denn er ging des Morgens aus und kam des Abends ſpät wieder. Die einzige Perſon, welche den Aufenthalt des jun⸗ gen Menſchen zu kennen ſcheint, iſt eine Bewohnerin deſſelben Hauſes. Dies junge Mädchen, welches ſehr genau mit Germain bekannt geweſen ſein muß, iſt eine allerliebſte Griſettes) Namens Lachtaube. Sie bewohnt ein kleines Zimmer, das der früheren Wohnung Ger⸗ main's zunächſt liegt. Dieſe Wohnung ſteht leer, ſeit⸗ dem Germain ausgezogen iſt, und iſt gegenwärtig noch zu vermiethen. Dieſe Nachrichten ſind unter dem Vor⸗ wande, das Zimmer miethen zu wollen, eingezogen. — Lachtaube! — ſagte Murph, der ſeit einigen Augenblicken nachdenkend geworden war; — Lachtaube?! ich habe den Namen ſchon gehört. — Was, Herr Walter Murph! — rief der Baron ſchelmiſch — was! Sie . .. ein würdiger, ehrbarer Fa⸗ milienvater, Sie haben Griſettenbekanntſchaften? Der Name der Mamſell Lachtaube iſt Ihnen nicht un⸗ bekannt? Ohl oh! iſt es möglichl — Zum Teufel! Baron . . der gnädige Herr hat *) Allgempine Benennung der Näherinnen und Putzmacherinnen in Paris. Anmes Ueberſetzers. 19* 288 mich gezwungen, ſo ſeltſame Bekanntſchaften zu machen, daß Sie ſich über dieſe durchaus nicht wundern ſollten. Aber warten Sie mal .. ich entſinne mich jetzt: Als mir Seine Hoheit die Geſchichte Marienblume's erzählte, konnte er ſich nicht enthalten, bei dem ſeltſamen Namen: Lachtaube zu lachen. Ich weiß jetzt, daß es eine Freundin der Lerche geweſen, als dieſe noch im Gefäng⸗ niſſe war. 2 — Nun gut. Dieſe Mamſell Lachtaube kann für uns von großer Wichtigkeit werden. Ich ſchließe meinen Bericht. — Es iſt vielleicht vortheilhaft, das leer ſtehende Zimmer in dem Hauſe Nro. 17 der Tempelſtraße zu miethen. Ich hatte keinen Befehl, die Nachforſchungen weiter ausdehnen zu laſſen, aber einigen flüchtigen Wor⸗ ten der Frau des Portiers*) nach zu urtheilen, glaube ich hoffen zu dürfen, daß wir in dieſem Hauſe nicht allein Nachrichten über Franz Germain erhalten würden, ſondern auch, daß Seine Hoheit dort Gelegenheit haben würde, Sitten und beſonders Elend kennen zu lernen, von dem er keine Ahnung hat. Die meiſten Häuſer in Paris haben einen Portier, zu deutſch: Haus⸗ nann der gewiſſermaßen die Stelle des Wirthes vertritt, dadurch, daß er die W Geſchäfte des Hauswirthes beſorgt. Lohnunen vermiethet, überhaupt die ſo daß die Miether vieſen oft gar nicht kennen. Außerdem hat er die Pflicht, die Aus⸗ und Eingehenden zu beobachten, wozu er ein unmittelbar an der s Zimmer bewohnt, von dem aus er durch ein kleines Fenſter behachten kann. Der Wirth entbindet den Portier gewöhnlich für ſeſt Dienſtleiſtungen des Miethözinfes, da dieſer faſt immer nebenbei niedriges Handwerk treibt. Anm. des Ueber Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der Marquis von Harville. — Sie ſehen, mein lieber Murph, — ſchloß der Baron ſeinen Bericht, den er dieſem übergab, — daß wir unſern Nachrichten zufolge wahrſcheinlich beim No⸗ tar Jacob Ferrand die Eltern Marienblume's erfahren werden und daß Mamſell Lachtaube allein im Stande iſt, uns die Wohnung Franz Germain's zu entdecken. Man iſt dem Gegenſtande, den man ſucht, bedeutend näher, wenn man nur weiß, wo man ihn ſuchen ſoll. — Gewiß, Baron! Uebrigens bin ich überzeugt, daß der gnädige Herr in dem Hauſe ein reiches Feld für ſeine Beobachtungen finden wird. Doch das iſt noch nicht Alles: Haben Sie ſich von dem unterrichtet, was den Marguis von Hardille angeht? — Ja, und ich habe gefunden, daß die Beſorgniß Seiner Hoheit in Bezug auf die Vermögensumſtände des Marquis nicht gegründet ſind. Badinot herſichert, daß das Vermögen des Herrn von Harville nie beſſer ver⸗ waltet worden ſei, als gerade jetzt. Und ich glaube, daß er Recht hat. — Da es Seiner Hoheit nicht gelungen iſt, den tiefen Kummer zu entdecken, der den Marquis zu verzehren ſcheint, iſt er auf den Gedanken gekommen, er möchte ſich vielleicht in Geldverlegenheit befinden. Er würde ihm alsdann mit der ihm eigenthümlichen Zartheit ent⸗ gegen gekommen ſein; — aber va er, ſich ch getiſcht hat, wird er es ungern aufgeben, den Marquis, welchen er ſo ſehr liebt, aufzuheitern. — Ich weiß, daß Seine Hoheit nie vergißt, was ſein Vater dem Vater des Marquis ſchuldete. — Sie wiſſen, lieber Murph, daß der Vater Sr. Hoheit 1815, bei der Umbildung der europäiſchen Staa⸗ ten durch ſeine bekannte Liebe für Napoleon Gefahr lief, ſeinen Thron zu verlieren und daß ihm der ſelige Mar⸗ quis von Harville bei dieſer Gelegenheit, unterſtützt durch ſein Anſehen beim Kaiſer von Rußland, ungeheure Dienſte leiſtete. — Ja; und ſehen Sie, Baron, wie die guten Hand⸗ lungen oft Hand in Hand gehen. Als der alte Harville 1792 verbannt wurde, fand er beim Vater unſers Herrn die gaſtfreundlichſte Aufnahme. Nachdem er drei Jahre an unſerm Bofe gelebt, reiſt er nach Rußland, er⸗ wirbt ſich die Achtung des Kaiſers, um ſpäter dem Fürſten nützlich zu werden, der ihn ſo freundlich aufge⸗ nommen hatte. — Entſpann ſich nicht ſchon im Jahre 1815, als der alte Marquis beim Großherzog war, die Freund⸗ ſchaft Sr. Hoheit mit dem jungen Harville? — Ja, und Sie erinnern ſich noch immer mit der größten Freude an die fröhliche Jugendzeit. Und ſo ehrt Seine Hoheit das Andenken des Mannes, der ſeinem Va⸗ ter einen Dienſt erwies, ſo ſehr, daß Jeder, der zur Fa⸗ milie des Herrn von Harville gehört, Anſpruch auf ſeine Güte hat. Darum iſt es nicht nur die Tugend und das Unglück der Madame Georges, welche die große Theil⸗ nahme feiner Hoheit hervorriefen, ſondern auch die Ver⸗ wandtſchoft wit dieſer Familie. — Madame Georges, die Frau des Schulmeiſters, verwandt mit dem Marquis von Harpville? — rief ber Baron erſtaunt aus. — Ja; ſie iſt eine Couſine ſeiner Mutter und eine theure Freundin von ihm. — Aber wie konnte die Familie ſie an dies Unge⸗ heuer von Duresnel verheirathen? — Der Vater der Unglücklichen, ein Herrv. Lagny⸗ beſaß vor der Revolution ein ungeheures Vermögen und entging der Verbannung. In den erſten Tagen nach jener ſchrecklichen Zeit dachte Herr von Lagnh daran, ſeine Tochter zu verheirathen. Duresnel, der einer alten Familie angehörte, wurde eingeführt; er war reich und verſtand es damals, ſeine ſchlechten Abſichten unter der Maske der Heuchelei zu verbergen. Er heirathete Fräu⸗ lein von Lagny. Bald kamen die Laſter dieſes Menſchen zum Vorſchein; ein Verſchwender und gräßlicher Spieler machte er ſeine Frau grenzenlos unglücklich. Sie klagte nicht, verheimlichte ihren Kummer und zog ſich nach dem Tode ihres Vaters auf eines ihrer Güter zurück, das ſie ſelbſt bewirthſchaftete, um ſich zu zerſtreuen. Bald hatte ihr Mann nicht nur ſein, ſondern auch ihr Vermögen verſpielt; das Gut, wohin ſie ſich zurückgezogen hatte, wurde Lerkauft. Da nahm ſie ihren Sohn, verließ ihren Mann und ging zu ihrer Freundin, der Marquiſe, die ſie zärtlich liebte. Nachdem Duresnel ſein und ſeiner Frau Vermögen verſchwendet hatte, ſuchte er im Ver⸗ brechen neue Quellen, um ſein Treiben fortzuſetzen; er wurde Fälſcher, Dieb und Mörder und zeitlebens zu den Galeeren verurtheilt, nahm er ſeiner Frau den Sohn 292 fort, um ihn einem elenden Genoſſen anzubertrauen . Das Andere wiſſen Sie. — Aber wie hat Seine Hoheit Madame Duresne aufgefunden? — Als ihr Mann nach dem Bagno gebracht wurde, nahm Madame Georges, die mit der Zeit zur tiefſten Armuth herabgeſunken war, den Namen Georges an. — Und in dieſer traurigen Lage wandte ſie ſich nicht an die Marquiſe? — Die Marquiſe war vor der Verurtheilung Du⸗ resnels geſtorben und Madame Georges hatte, von einer unbeſieglichen Scham zurückgehalten, nie von ihrer Schande geſprochen. Endlich, getrieben durch das tiefſte Elend, nahm ſie die Hülfe des jungen Harville in An⸗ ſpruch, und auf dieſe Art lernte unſer Herr ſie kennen. — Und wie? — Er wollte ſeinem Freunde Harville eines Tages einen Beſuch machen, als er eine arme, dürftig gekleidete Frau vor ſich gehen ſah, die bleich und leidend zu ſein ſchien. An der Thür des Palais angekommen, und eben im Begriff einzutreten, drehte ſie ſich plötzlich um und ging ihren Weg zurück, als mangelte ihr die Kraft, ihn zu vollenden. Erſtaunt folgt ihr der gnädige Herr, den ihre ſanfte, kummervolle Miene einnahm. Sie trat in eine ärmliche Wohnung; die Erkundigungen, die ihr Verfolger einzog, konnten nicht ehrenvoller ſein. Sie arbeitete, um zu leben, aber es fehlte ihr augenblicklich nicht nur die Arbeit, ſondern auch die Kraft. Als ich am andern Morgen mit Seiner Hoheit in ihr Zimmer trat, kamen wir zu rechter Zeit, um ſie vom Hunger⸗ De zu erretten⸗ MNach einer langen Krankheit, in der ibr alle nur mögliche Pflege erwieſen wurde, erzählte Madame Georges Sr. Hoheit aus Dankbarkeit ihre Ge⸗ ſchichte, die Verurtheilung ihres Mannes, den Verluſt ihres Sohnes. — So erfuhr alſo Seine Hoheit ihre Verwandt⸗ ſchaft mit der Familie Harville? — Ja. Und nach dieſer Entdeckung nahm er ſie von Paris fort, da er mehr und mehr die herrlichen Eigenſchaften dieſer Frau erkannte und gab ihr die Meierei Bouqueval zu verwalten, wo ſie augenblicklich mit Marienblume lebt. Dort fand ſie, wenn auch nicht ihr Glück, doch Ruhe und Zerſtreuung. Um das Zart⸗ gefühl der Madame Georges nicht zu verletzen und weil er nicht gern von ſeinen Wohlthaten ſprechen hört, hat Se. Hoheit dem Herkn von Harville verſchwiegen, daß er ſeine Couſine der ſchrecklichſten Noth entriſſen habe. — Ich verſtehe nur, daß Sr. Hoheit doppelt daran gelegen ſein muß, den Sohn dieſer armen Frau auf⸗ zufinden. — Sie können aus der großen Theilnahme für dieſe Familie auch ermeſſen, wie Leid es Sr. Hoheit thun muß, den jungen Marquis, der ſo viel Grund hätte, glücklich zu ſein, traurig und niedergeſchlagen zu ſehen. — — Ja; aber was fehlt ihm denn? Er beſitzt Alles: Geburt, Vermögen, Jugend; eine reizende Frau, die eben ſo ſchön als gut iſt .. — Das iſt wahr; aber da Se. Hoheit ſich ver⸗ gebens bemühte, den Kummer ſeines Freundes zu ent⸗ cken, kam er auf den Gedanken, Nachrichten über ihn uziehen zu laſſen, denn Harville zeigte ſich gegen ſeir „ lnahme dankbar und gerührt, aber er ſchwieg über Quelle ſeines Kummers. Vielleicht iſt es ein Her⸗ enskummer? — Wie man ſagt, liebt er ſeine Frau unausſprech⸗ lich und ſie giebt ihm nicht den geringſten Anlaß zur Eiferſucht. Ich ſahe ſie oft in Geſellſchaft, wo ſie ſtets von Anbetern, wie jede junge, hübſche Frau umringt iſt, aber ihr Ruf iſt tadellos. — Ja; der Marquis zeigt ſich auch immer ſtolz auf ſeine Frau. Die Gräfin Sarah Mac⸗Gregor war die einzige Urſache zu einem kleinen Streite zwiſchen Beiden. — Sie kennt ſie alſo? — Durch einen unglücklichen Zufall lernte der Vater des Marquis vor 18 Jahren Sarah und ihren Bruder Tom Sehton von Halsburh kennen, als ſie von der engliſchen Geſandtin in den höchſten Zirkeln der Pariſer Geſellſchaft eingeführt wurden. Als der Marquis erfuhr, daß ſie ſich nach Deutſchland begeben würden, gab er ihnen Briefe an den Vater Sr. Hoheit mit, mit dem er ſich noch oft ſchrieb. Oh! mein lieber Baron! ohne dieſe unglückliche Empfehlung würde man⸗ ches Unglück nicht geſchehen ſein, denn der gnädige Herr würde dieſe Frau nicht kennen gelernt haben. Als nun die Gräfin nach Paris kam und von der Freund⸗ ſchaft Sr. Hoheit mit dem Marquis hörte, ließ ſie ſich von Neuem im Hötel Harville vorſtellen, in der Hoff⸗ nung, dort dem gnädigen Herrn zu begegnen, denn ſie ſcheint ihn eben ſo zu ſuchen, wie er ſie flieht. — Sich als Mann zu verkleiden und Sr. Hoheit anken haben. bis in die Cité zu folgen! . .. Nur ſie kann ſolche — Sie hoffte vielleicht, Se. Hoheit dadurch zu rühren und eine Unterredung zu erhalten, die er ihr noch immer verweigert. — Um auf Madame von Har⸗ ville zurückzukommen, muß ich ſagen, daß ihr Gemahl, zu dem Se. Hoheit geſprochen hatte, wie er ſprechen mußte, ſeiner Frau den Rath gab, die Gräfin ſo wenig als möglich zu ſehen. Aber die junge Marquiſe, durch die erheuchelten Schmeicheleien der Gräfin verführt, ſtellte ſich etwas ernſtlich der Meinung ihres Gemahls gegenüber. Das erregte einige kleine Streitigkeiten, die übrigens nicht die Urſache von der Niedergeſchlagenheit des Maruis ſein können. — Ach! die Frauen! .... die Frauen! mein lieber Murph; ich bedaure, daß die Marquiſe mit dieſer Sarah umgeht .. .. Dieſe junge, reizende Frau kann durch die Verbindung mit dem teufliſchen Weibe nur erdorben werden. — Bei dem teufliſchen Weibe fällt mir em, — ſagte Murph, — daß hier eine Depeſche liegt, die Ce⸗ eilh, die unwürdige Frau David's angeht. — Unter uns geſagt, lieber Murph, hätte dieſe verwogene Meſtize *) wohl dieſelbe Strafe verdient, die ihr Mann an dem Schulmeiſter ausführen mußte. Auch ſie hat Blut vergoſſen und iſt bis auf den Grund verderbt. — Und doch iſt ſie ſo ſchön! ſo verführeriſch. Ein verdorbenes Gemüth in einer ſchönen Hülle erſchreckt mich immer doppelt. S — Dadurch iſt Cecilh freilich doppelt haſſenswerth, — — Meſtize heißt die Tochter eines Weißen mit einet Sie ſcheidet ſich nur durch ſehr kleine Merkmale von einer Weißen doch ich hoffe, daß dieſe Depeſche die letzten Befehle Sr. Boheit, in Betreff der Elenden, widerrufen wird. — Im Gegentheil, Baron ... — Se. Hoheit will noch immer, daß man ihr Hülfe leiſten ſoll, aus der Feſtung zu entfliehen, wohin ſie für ihr ganzes Leben gebracht war. — Ja. — Und ihr angeblicher Entführer ſoll ſie nach rankreich bringen? — Ja, und dieſe neue Depeſche befiehlt, die Flucht Cecilh's ſo viel als möglich zu beſchleunigen und ſie überhaupt reiſen zu laſſen, damit ſie ſpäteſtens in 14 Tagen hier iſt. — Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll, da Se. Hoheit immer einen tiefen Abſcheu gegen ſie zu haben ſchien, .. — Der noch größer geworden wäre, wenn dies möglich wäre. — Und doch läßt er ſie zu ſich kommen. Uebri⸗ gens wird, wie Se. Hoheit denkt, ihre Auslieferung immer leicht ſein, wenn ſie das nicht thut, was er von ihr erwartet. Man befiehlt dem Sohn des Kerker⸗ meiſters in der Feſtung Gerolſtein die Frau zu ent⸗ führen, indem er ſie zu lieben heuchelt und man macht ihm die Ausführung dieſes Befehls ſo leicht als möglich. Entzückt über dieſe Gelegenheit, zu entkommen, wird Cecilh ihrem angeblichen Liebhaber folgen und ſo nach Paris kommen. Aber ihre Verdammung iſt darum nicht anfgehoben, ſie bleibt immer eine entflohene Ge⸗ fangene und ich bin überzeugt, daß ich ihre Auslieferung durchſetze, ſobald es Sr. Hoheit gefällt, ſie zurückzu ſenden⸗ — Wir werden ja ſehen, mein lieber Baron. Ich habe Sie außerdem auf Befehl Sr. Hoheit zu erſuchen, an unſere Hofkanzlei zu ſchreiben und ſie ſchleunigſt um eine beglaubigte Abſchrift von David's Trauſchein zu erſuchen, da dieſer als Hofbeamter Sr. Hoheit in der Schloßkirche getraut iſt. — Wenn wir noch mit dem heutigen Courier ſchrei⸗ ben, können wir die Abſchrift in ſpäteſtens 8 Tagen hier haben. — Als David aus dem Munde Sr. Hoheit von der baldigen Ankunft Cecilh's hörte, wurde er ſichtbar erſchreckt und rief aus: — Ich hoffe, daß Ihre Hoheit mich nicht zwingen wird, das Ungeheuer zu ſehen. — Sein Sie ruhig — antwortete der Fürſt — Sie werden ſie nicht ſehen, aber ich brauche ſie zu gewiſſen Zwecken. — David ſchien bei dieſen Worten von einer ſchweren Laſt erlöſt zu werden; trotzdem bin ich gewiß, daß die Erinnerung traurige Gedanken in ihm erweckte. — Armer Mann! ich glaube, er liebt ſie noch immer; ſie ſoll noch ſo hübſch ſein. — Reizend! . .. leider zu reizend! Nur das un⸗ erbittliche Auge eines Crevlen würde das gemiſchte Blut an der etwas bräunlichen Färbung der Nägel dieſer Meſtize erkennen. Die erſten Schönheiten des Nordens können keine durchſichtigere Hautfarbe, eine weißere Haut, weichere kaſtanienbraunere Haare haben als ſie. — Ich war gerade in Frankreich, als Se. Boheit on Amerika zurückkam und David und Cecilh mitbrachte; ich weiß, daß dieſer ausgezeichnete Mann ſeit jener Zeit Se. Hoheit mit der tiefſten Dankbarkeit dient, aber ich habe noch immer nicht erfahren können, in Folge welcher Begebenheit er zu unſerem Herrn kam und Cecilh hei⸗ rathete, die ich zum erſten Male ungefähr ein Jahr nach ihrer Verheirathung ſah. — Ich kann Sie genügend von dem unterrichten, was Sie zu wiſſen wünſchen, mein lieber Baron. Ich begleitete Se. Hoheit auf ſeiner Reiſe in Amerika, wo er David und Cecily dem gräßlichſten Schickſale entriß. — Sie ſind ſehr gütig, mein lieber Murph; ich höre — antwortete der Baron. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Geſchichte Pavid's und Cecily's. Murph erzählte: — Willis, ein reicher, amerikaniſcher Pflanzer in Florida hatte in einem jungen Negerſclaven, Namens David, der in dem Krankenhauſe der Pflanzung beſchäf⸗ tigt war, einen außergewöhnlichen Verſtand, ein tiefes, aufmerkſames Mitleid für die armen Kranken und end⸗ lich einen eigenthümlichen Beruf für das Studium der Pflanzenkunde, ſo weit ſie der Arzneikunde angehört, entdeckt, durch welchen es ihm ohne die geringſte An⸗ weiſung gelungen war, die verſchiedenen Pflanzen des Landes, nach ihrer beſonderen Kraft, in verſchiedene Klaſſen zu ordnen. Die Beſitzung des Pflanzers lag am Meere und war beinahe 20 Stunden von der nächſten Stadt ent⸗ fernt; die unwiſſenden Aerzte des Landes bequemten ſich ungern zu reiſen in der Umgegend, nicht nur der großen Entfernung, ſondern auch der ſchlechten Wege halber. Um dieſem Uebelſtande abzuhelfen und um in einem Lande, wo die anſteckenden Krankheiten ſo häufig ſind, einen eigenen Arzt zu haben, kam der Pflanzer auf den Gedanken, David nach Frankreich zu ſchicken und ihn die Arzneiwiſſenſchaft ſtudiren zu laſſen. Entzückt über dieſen Vorſchlag, reiſ'te der junge Schwarze nach Paris ab, der Pflanzer zahlte die Koſten des Studiums und . 8 Jahren unausgeſetzten Fleißes, kehrte David, der den Doctortitel mit der größten Auszeichnung empfangen hatte, nach Amerika zurück um ſeine Kenntniſſe zur Ver⸗ ſügung ſeines Gebieters zu ſtellen. — Aber David mußte ſich als frei betrachten, von dem Augenblicke an, wo er in Frankreich eintrat. — David's⸗Rechtlichkeit iſt eine wirklich ſeltene; er hatte Willis verſprochen, wieder zu kommen und er kam wieder, denn er betrachtete ſeine Kenntniſſe nicht als ſein Eigenthum, da er ſie durch das Geld ſeines Herrn erworben hatte und dann hoffte er, die Leiden ſeiner Brüder nicht nur körpelich, ſondern auch geiſtig zu mildern. — Er gelobte ſich, nicht nur ihr Arzt, ſondern auch ihre Stütze, ihr Vertheidiger dem Pflanzer zu ſein. — Es gehört wirklich eine ſeltene Gprlichteit und eine heilige Liebe für ſeine Mitmenſchen dazu, um als Stlahe zu einem Herrn zurückzukehren, nachdem man 8 Jhre in Paris gelebt hat, in der Mitte junge 300 Männer, die eifrig für die gleichen Rechte der Menſchen kämpfen. — Beurtheilen Sie dieſen Mann nach dieſem ein⸗ zelnen Zuge. Nun war er wieder in Florida und wurde von Willis mit liebevoller Achtung behandelt, aß an ſeinem Tiſche und wohnte unter ſeinem Dache; doch glaubte der übrigens dumme Pflanzer, der wie viele Creolen boshaft, ſinnlich und herrſchſüchtig war, ſehr freigebig zu ſein, wenn er David 600 Franken Gehalt gab. Bald brach ein ſchreckliches Nervenfieber auf der Pflanzung aus, von der Willis befallen, aber durch die unermüdliche Sorge Davids geheilt wird. Von dreißig kranken Sclaven ſtarben nur zwei und Willis, über die Dienſte ſeines Arztes entzückt, erhöht ſein Gehalt um das Doppelte. Der ſchwarze Arzt dünkte ſich der glück⸗ lichſte Menſch auf der Welt; ſeine Brüder betrachteten ihn wie die Vorſehung, denn nach vielem Bitten hatte er von dem Pflanzer eine Verbeſſerung ihres Looſes er⸗ halten und hoffte mehr von der Zukunft; unterdeß beſ⸗ ſerte und tröſtete er die armen Selaven, ermahnte ſie zur Ergebung und Duldſamkeit, ſprach ihnen von Gott, dem der Schwarze ſo lieb ſei, wie der Weiße; von einer Welt, die nicht von Herren und Sclaven, aber von Guten und Böſen bewohnt würde; von einem anderen Leben . von einem ewigen, wo ſie nicht mehr die Selaven anderer ſein, aber ſich ſo glücklich fühlen wür⸗ den, daß ſie im Himmel für ihre Henker beteten! .. — Was ſoll ich ſagen? — David flößte dieſen Un⸗ glücklichen, die im Gegenſatz von anderen Menſchen fteu⸗ dig die Schritte zählten, die ſie dem Grabe zu machten, eine tiefe Hoffnung auf unſterbliche Freiheit ein; Fihre 301 Ketten ſchienen ihnen ſeitdem weniger ſchwer, ihre Arbeit weniger drückend. David war ihr Abgott! — Ein Jahr verfloß in dieſer Art. Unter den ſchönſten Sclavinnen der Pflanzung bemerkte man eine junge, 15 Jahr alte Meſtize, Namens Cecily. Herr Willis empfand für die junge Selavin eine Art Sultanslaune und wurde zum erſtenmale in ſeinem Leben vielleicht zurückgewieſen, ſtieß auf einen hartnäckigen Widerſtand. — Cecilh liebte . liebte Dabid, der ſie während der letzten Krankheit mit einer aufopfernden Thätigkeit gepflegt und gerettet hatte. Die zarteſte, keuſcheſte Liebe zahlte David die Schuld der Dankbarkeit. David hatte ein zu zartes Gefühl, um von ſeinem Glück zu ſprechen, bevor er im Stande war, die Geliebte zu heirathen; er wartete, bis Cecily das 46. Jahr zurückgelegt haben würde. Willis, der von dieſer Liebe nichts wußte, hatte Cecilh gewählt, doch dieſe kam weinend zu Dabid, um ihm die rohen Verſuche des Herrn zu erzählen, denen ſie kaum entkommen war, David tröſtete ſie und ging augenblicklich zu Willis, um Cecilh von ihm zur Frau zu begehren. — Teufel! mein lieber Murph „ich fürchte, bei⸗ nah die Antwort des amerikaniſchen Sultans zu erra⸗ then er ſchlug die Bitte ab? — Er ſchlug ſie ab. Er fände allein Geſchmack an Cecily und hätte nie von einer Selavin eine Weigerung gehört, und von dieſer wollte er ſie am wenigſten hören. Daovid ſolle ſich boch eine andere Frau wählen, es ſeien auf der Pflanzung wenigſtens noch zehn eben ſo hübſche Meſtizen wie Cecily. — David ſprach von ſeiner Li die Cecilh ſeit langer Zeit theile, — der Pflanzer die Achßfn. David beſtand auf ſeiner Vitte, ah Geß jiſſe von Paris. 1. 20 5 302 gebens. Der Creole war unberſchämt genug, ihm zu ſagen, daß es ein ſchlechtes Beiſpiel geben würde, wenn ein Herr der Sclavin nachgäbe, und er würde dies nicht thun, um einer Laune David's zu genügen. Dieſer fuhr fort zu bitten und der Pflanzer wurde ungeduldig. David erröthete, daß er ſich erniedrigt hatte und ſprach in einem feſten Tone von den Dienſten, die er leiſtete, von ſeiner Uneigennützigkeit, und Willis wurde zornig, indem er ihm ſagte, daß er für einen Sclaven tauſend⸗ mal zu gut behandelt würde. Bei dieſen Worten brach Dabvid's Unwille los. Zum erſten Male ſprach er von ſeinen Rechten, die er durch den Aufenthalt in Paris erhalten. Willis wüthete, behandelte ihn wie einen wi⸗ derſpenſtigen Sclaven und drohte mit der Kette. David ſprach ein Paar bittere, heftige Worte und zwei Stunden ſpäter wurde er an einen Pfahl gebunden, und während man Cecilh vor ſeinen Augen in das Serail des Pflanzers ſchleppte, zerfleiſchte man feinen Rücken mit hieben. — Das Benehnen des Pflanzers war dumm und abſcheulich! Dieſe Albernheit in der Grauſamkeit . er konnte doch den Menſchen nicht entbehren. — Durchaus nicht entbehren; denn ſchon am andern Morgen zog ihm die Wuth, in die er gerathen war, und die Trunkenheit, in die er ſich jeden Abend ſtürzte, eine der gefährlichſten Entzündungskrankheiten zu. — In einem fünrchterlichen Fieber legte er ſich zu Bette, während er einen reitenden Boten nach einem Arzt abſchickte, der jedoch erſt in 36 Stunden gankommen konnte⸗ N. SW — Das nenne ich eine wahre Fügung der Vorſe⸗ hung! Er verdiente dieſe ſchreckliche Lage. — Die Krankheit machte reißende Fortſchritte; nu David vermochte den Pflanzer zu retten, aber mißtrauiſch, wie alle ſchlechten Menſchen, zweifelte Willis nicht, daß der Schwarze aus Rache die Medizin vergiften würde, denn er hatte ihn nach den Ruthenſchlägen in den Ker⸗ ker werfen laſſen. Endlich wurde ſein Starrſinn durch die Schmerzen gebrochen, er dachte, da er doch einmal ſterben müſſe, könnte er wenigſtens in dem Fall, daß ſein Sclave großmüthig ſei, leben. Nach langem Zögern ließ er David entfeſſeln . . — Und dieſer rettete ihn? — Rettete ihn, nachdem er fünf Tage und fünf Nächte an ſeinem Bette gewacht und die Krankheit Schritt vor Schritt mit bewunderungswürdiger Geſchick⸗ lichkeit verfolgt hatte. Er wurde ihrer mächtig, zum gro⸗ ßen Erſtaunen des Arztes, der erſt am zweiten Tage ankam. — Und als er wieder geſund war? . † — Wollte der Pflanzer nicht vor ſeinem Sclaven errö⸗ then, der ihn jeden Augenblick durch ſeine Großmuth nie⸗ derbeugen konnte und feſſelte den andern Arzt durch unge⸗ heure Opfer an ſeine Pflanzung, während David wieder ₰ in den Kerker gebracht wurde. — Das iſt furchtbar! Aber es iſt wahr, . Da⸗ vid würde für den Unmenſchen ein ewiger Vorwurf ge⸗ weſen ſein. — Dies grauſame Verfahren entſtand übrigens allein aus Rache und Eiferſucht, .. Willis wußt ut, daß ſeine Selaven David mit der glühendſt barkeit liebten, denn er hatte geſehen, wie ſie ihren Un⸗ willen, oder vielmehr ihren Schmerz zu unterdrücken fuchten, als ſie David durch Peitſchenhiebe zerfleiſchen ſahen. Willis glaubte hierin den Keim zu einem baldi⸗ gen Aufſtande bemerkt zu haben; er glaubte ferner, Da⸗ vid würde ſich an die Spitze ſeiner Brüder ſtellen, um ſich an der Undankbarkeit ſeines Herrn auf eine andere Weiſe zu rächen. Dieſe Furcht war ein neuer Grund für den Pflanzer, David mit Züchtigungen zu überhäu⸗ fen und ihn unfähig zu machen, die Pläne auszuführen, deren Abſicht er ihm zuſchrieb. — Von dem Geſichtspunkte der Furcht aus betrach⸗ tet, erſcheint ſeine Handlungsweiſe weniger dumm, ob⸗ gleich ſie fürchterlich bleibt. — Kurze Zeit darauf kamen wir in Amerika an. Seine Hoheit hatte in St.⸗Thomas eine däniſche Brigg*) gemiethet und wir bereiſten unter falſchen Namen alle Pflanzungen, die an der Küſte lagen. Wir wurden von Willis glänzend aufgenommen. Am Abend nach unſerer Ankunft erzählte uns der Pflanzer, vom Wein berauſcht, prahlend und unter entſetzlichen Späßen, die Geſchichte David's und Cecilh's, denn ich habe vergeſſen zu ſagen, daß man das junge Mädchen ebenfalls einge⸗ kerkert hatte, um ſie für ihre erſte Weigerung zu beſtra⸗ ſen. Bei der ſchrecklichen Erzählung glaubte Se. Hoheit, daß Willis betrunken ſei oder daß er prahle, aber dem war leider nicht ſo. Um uns von der Wahrheit zu öberzeugen, erhob ſich der Pflanzer und befahl einem Selaven, uns mit einer Fackel nach David's Gefängniß *) Eine Brigg iſt ein Seeſchiff mit zwei Maſten. zu führen „ In meinem Leben habe ich nicht ſo Herzzerreißendes geſehen. Bleich, abgemagert, halb nackt und von Wunden bedeckt, glichen David und ſeine Ge⸗ liebte, die Beide mit Ketten an die verſchiedenen Enden des Kerkers geſchmiedet waren, Geſpenſtern. David ſprach bei unſerm Anblick kein Wort; ſein Blick hatte eine entſetzliche Starrheit. Der Pflanzer ſagte ihm mit fürchterlichem Hohn: — Nun Doktor! wie geht's Dir? .. Du, der Du ſo klug biſt, vermagſt Dich nicht einmal zu retten. Der Schwarze antwortete durch ein erhabenes Wort. Langſam erhob er die rechte Hand ſchwörend empor und ſagte mit feierlicher Stimme: — Gott! — Dann ſchwieg er. — Gott? — rief der Pflanzer lachend. — Sage doch Deinem Gotte, daß er Dich meinen Händen ent⸗ reißen ſoll! Ich trotze ihm! Dann hob er, vom Wein und Hohn verwirrt, die Fauſt drohend zum Himmel und rief läſternd: — Ja! ich trotze Gott! und fordere ihn auf, mir meine Selaven vor ihrem Tode zu entreißen! „„ Wenn er es nicht vermag, ſo leugne ich ſein Daſein! Der gnädige Herr ſprach kein Wort, aber ich ſah, was in ihm vorging. Wir verließen das Gefängniß, das wie die Pflanzung an der Küſte lag. Wir kehrten auf unſere Brigg zurück, die in geringer Entfernung vor Anker lag. Um ein Uhr Mitternacht, als die ganz Pflanzung in tiefem Schlummer lag, betrat Se. Hohei mit acht wohlbewaffneten Leuten wieder das Land, by die Thüren des Gefängniſſes auf und befreite Davig⸗ Cecily. Die beiden Unglücklichen wurden auf daß — 5 306 gebracht, ohne daß ein Menſch uns bemerkt hatte. Dann folgte ich Seiner Hoheit nach dem Wohnhauſe des Pflan⸗ zers. — Seltſame Kühnheit! Dieſe Menſchen martern ihre Sclaven und gebrauchen nicht die geringſte Vorſicht: ſie ſchlafen bei offenen Thüren und Fenſtern. Wir tra⸗ ten ungehindert in das Schlafzimmer des Pflanzers, welches matt durch eine Nachtlampe beleuchtet wurde. Se. Hoheit weckte ihn und er richtete ſich mit wein⸗ ſchwerem Kopfe auf. — Sie haben heute Abend Gott herausgefordert, Ihnen Ihre Opfer vor ihrem Tode zu entreißen er ent⸗ reißt ſie Ihnen! — ſagte Se. Hoheit. Dann nahm er einen Beutel mit 25,000 Franken in Gold, warf ihn auf das Bett des Pflanzers und fügte hinzu: — Hier iſt Ihre Entſchädigung für den Verluſt der beiden Selaben. Ihrer Gewalt, die tödtet, ſetze ich eine Gewalt entgegen, die rettet. Gott mag richten! — Wir verließen das Zimmer, und den Pflanzer, be⸗ täubt und unbeweglich, in dem Glauben zu träumen. Wenige Minuten ſpäter ging unſere Brigg unter Segel. — Es ſcheint mir, lieber Murph, daß Se. Hoheit den Elenden zu reichlich für den Verluſt ſeiner Sclaven entſchädigte, denn eigentlich gehörte ihm doch David nicht mehr an. — Wir hatten ungefähr das berechnet, was die Studien David's gekoſtet hatten und verdreifachten dann ſeinen und Cecilh's Werth als gewöhnliche Selaven. Unſer Verfahren verletzte das Völkerrecht, ich weiß es, aber wenn Sie den ſchrecklichen Zuſtand der Beiden ge⸗ ſehen, wenn Sie die Läſterung gehört hätten, die der Kende ausſtieß, würden Sie zugeben, daß Se. Boheh 307 Recht hatte, wenn er in dieſem Falle — ein wenig 6 Rolle der Vorſehung ſpielte. — Dieſe Handlung läßt ſich angreifen und rechtfer⸗ tigen, eben ſo wie die Beſtrafung des Schulmeiſters. Und ſie hatte keine Folgen? — — Sie konnte keine haben. Die Brigg fuhr unter däniſcher Flagge, der Name und Stand Seiner Hoheit wurde ſtreng geheim gehalten und wir galten für reiche Engländer. An wen ſollte Willis ſeine Klage richten? Er hatte uns ja ſelbſt geſagt und der Arzt Sr. Hoheit beſtätigte es amtlich, daß die Unglücklichen nicht mehr 8 Tage in dem Gefängniſſe gelebt haben würden⸗ Es bedurſte der größten Pflege, um ſie einem gewiſſen Tode zu entreißen. Endlich erholten ſie ſich und ſeit dieſer Zeit iſt David als Arzt in Dienſten Seiner Hoheit, dem er mit der tiefſten Dankbarkeit ergeben iſt. — Daoid heirathete ohne Zweifel Cecily, ſobald ſie in Europa angekommen waren? — Die Vermählung, die ſo glücklich werden zu wol⸗ len ſchien, wurde in der Schloßkirche Seiner Hoheit voll⸗ zogen. Aber durch eine ſeltſame Veränderung der Um⸗* ſtände, vergaß Cecilh, ſobald ſie ſich in beſſern Umſtän⸗ den befand, Alles, was David für ſie und ſie für David gelitten hatte, und erröthete vor dieſer neuen Welt, an einen Neger verheirathet zu ſein. Von einem ſchrecklich verworfenen Menſchen verführt, that Cecilh ihren erſten Fehltritt, und man möchte ſagen, daß die natürliche Verderbtheit dieſer Unglücklichen, die bis dahin geſchlur mert hatte, ſich plötzlich in furchtbarer Stärke entwich⸗ Das Andere, ihre abſcheulichen, gemeinen Abenter nen Sie. Nach einer zubhrigen Ehe erfuh — 308 der eben ſo viel Vertrauen als Liebe beſaß, ihre Schänd⸗ lichkeit. — Man ſagte, er hätte ſeine Frau ermorden wol⸗ len? — — Ja, aber Dank den Vorſtellungen Sr. Hoheit! war er damit zufrieden, daß ſie zeitlebens auf die Feſtung gebracht wurde. Und dieſen Kerker will Seine Hoheit nun zu unſerm beiderſeitigen Erſtaunen öffnen. — Offen geſagt, wundere ich mich um ſo mehr über Seine Hoheit, als der Commandant der Feſtung oft genug über den unzähmbaren Charakter dieſes Wei⸗ bes berichtet hat. Aber trotzdem beſteht Seine Hoheit darauf, Cecilh hierher bringen zu laſſen. Wozu? Warum? — Das weiß ich eben ſo wenig, wie Sie, lieber Baron. Aber es iſt ſchon ſpät und Se. Hoheit wünſcht, daß der Courier ſobald als möglich nach Gerolſtein ab⸗ geht. — Er wird noch vor 2 Uhr unterwe Pſein. Nun Adieu! Bis auf⸗heut Abend. — Heut Abend? — Baben Sie denn ſchon vergeſſen, daß großer Ball bei der ssſchen Geſandtſchaft iſt, und daß Seine Boheit hingehen will? Wahrhaftig! Seit der Abweſenheit des Ober⸗ ſten Warner und des Grafen Harneim vergeſſe ich im⸗ mer, daß ich zugleich die Dienſte eines Kammerherrn und Adjutanten verſehe. — Sie wiſſen, daß Seine Hoheit ſie entfernt hat, um weniger beobachtet zu ſein. Was die Aufträge be⸗ trifft, die den Einen nach Avignon, den Andern nach Straßburg entfernten, ſo werde ich ſie Ihnen mitthei⸗ 309 len, wenn wir einmal rech terdrießlich ſind; denn ver rgſte Grillenfünger würde vör Lachen platzen über die wichtige Miene, mit⸗der dieſe beiden Ehrenmänner ihre — ſogenannte Sending empfingen. — Wahrhaftig, ich wußte nie recht, warum Seine Hoheit die beiden Herren ſo in ſeine Nähe gezogen hat. — Wie? Iſt der Oberſt Warner nicht das Mu⸗ ſterbild eines Soldaten? Giebt es in dem deutſchen Bundesheere eine ſchönere Figur, einen ſchöneren Schnurr⸗ bart, ein kriegeriſches Ausſehen? Und wenn er fertig geſchniegelt und gebügelt iſt, kann man dann ein ſtolze⸗ res, ſchöneres — Vieh ſehen, als er iſt? — Ganz recht! aber dieſe Schönheit iſt es eben, die den Oberſten verhindert, nur ein Bißchen geiſtreich auszuſehen. . — Aber Se. Hoheit hat geſagt, daß er ſich durch den Umgang mit dem Oberſten erſt daran gewöhnt hat, die unerträglichſten Menſchen von der Welt erträglich zu finden. Vor gewiſſen, ſterblich langweiligen Sitzungen ſchließt er ſich ein Halbſtündchen mit dem Oberſten ein und geht daraus ſo geſtärkt hervor, daß er der Langweilig⸗ keit ſelbſt trotzen würde. — Ah! Nun begreife ich den Nutzen, den der Oberſt bringt. Aber der Graf Harneim? — Iſt Sr. Hoheit nicht weniger unentbehrlich. Aber Ihr Courier, Baron! Ihr Courier! — 3 Nurph, indem er auf die Wanduhr deutete. — Es iſt Ihre Schuld, lieber Murph —= ſagte Baron und ergriff ſeinen Hut, — Sie haben zum Plaudern verführt. Machen Sie Sr. Hoheit SMun und nun auf Wiederſehen, heu — Aber etwas ſpät, lieber Baron, .. . . denn ich kann mir ſchon denken, daß Seine Hoheit noch heute ſelbſt das geheimnißvolle Haus in der Tempelſtraße be⸗ ſuchen wird. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Das Haus in der Tempelſtraße. Um die Nachrichten zu benutzen, die der Baron üher Germain und Marienblume eingezogen hatte, nahm ſich Rudolph vor, nach der Tempelſtraße und zum Notar Ferrand zu gehen, — zu dieſem, um von Madame Se⸗ raphin genauere Nachrichten über die Eltern der Lerche einzuziehen, — nach der Tempelſtraße, um durch Mam⸗ ſell Lachtaube die Wohnung Germain's zu entdecken, was vielleicht eine ſchwierige Aufgabe war, da die Griſette wahrſcheinlich wußte, wie ſehr Germain daran gelegen war, ſeine neue Wohnung zu verheimlichen. Wenn Rudolph das leer gewordene Zimmer Ger⸗ main's miethete, erleichterte er ſich nicht nur die Nach⸗ forſchungen, die er machen wollte, er ſetzte ſich auch in den Stand, die verſchiedenen Klaſſen von Menſchen zu beobachten, die dies Haus bewohnten. Um 3 Uhr deſſelben Tages, wo die Unterhaltung Murph's mit dem Baron ſtattfand, begab ſich Rudolph nach der Tempelſtraße Nro. 17. In dem Mittelpunkte eines geſchäftigen, volkreichen Stadttheiles gelegen, bot das Haus in ſeinem Aßblick nichts Veſonderes dar. Es beſtand aus einem Erdge⸗ ſchoſſe, in dem ein Branntweinbrenner wohnte, und 4 Stuc werken. Ein dunkler, enger Flur führte auf einen klei nen Hof von 5 Fuß Breite, der von der Luft und dem Sonnenlichte abgeſchloſſen war. Dieſer Raum ſchien der Behälter für die Unreinigkeiten des ganzen Hauſes zu ſein, die aus den oberen Stockwerken herabgeſchüttet wurden. An dem Fuße einer ſchwarzen, feuchten Treppe ſei⸗ tete ein röthlicher Schimmer in die Loge des Portiers, die durch den Dampf der Lampe, welche ſelbſt bei Tage zur Erleuchtung des dunkelen Flurs brennen mußte, ſchwarz geräuchert war. Wir folgen Rudolph, der ſich das Aeußere eines Handlungsdieners gegeben hatte. — Er trug einen Ueberzieher von unbeſtimmter Farbe, einen verbogenen Hut, ein rothes Halstuch, Regenſchirm und ungeheure Ueberſchuhe. Um ſeine Verkleidung zu vervollſtändigen, trug er eine Rolle Seidenzeug unter dem Arme, die ſorgfältig eingewickelt war. Er trat in die Portierloge, um dieſen aufzufordern, ihm das leer ſtehende Zimmer zu zeigen. Eine Lampe, die hinter einer mit Waſſer gefüllten Glaskugel hing, welche die Strahlen verdoppeln ſoll, erhellte die Loge; im Pintergrunde bemerkte man ein Bett, das mit einer aus tauſend Flicken verſchiedener Zeuge zuſammengeſetz⸗ ten Decke verſehen iſt; links vom Eingange eine Ko⸗ mode von Nußbaumholz, deren Marmorplatte folgende Gegenſtände als Verzierung trägt:; Einen kleinen hei gen Johannes von Wachs, mit einem weißen Sch und einer flachsblonden Perrücke, von einer glä Glocke umgeben, deren Sprünge geſchickt mit Papierſtreifen verdeckt werden. — Außerden 31 einſtmals plattirte Leuchter, die ſtatt der Kerzen ein Paar Drangen tragen, welche die Portiersfrau wahr⸗ ſcheinlich am Neujahrstage geſchenkt erhielt. Ferner zwei Käſtchen; das eine von gefärbtem Stroh, das an⸗ dere mit kleinen Muſcheln beſetzt. Dieſe beiden Kunſt⸗ gegenſtände ſind aus dem Bagno hervorgegangen, in dem ſich die Gefangenen ausſchließlich mit der Anfertigung ſolcher Käſtchen beſchäftigen. Wir ſetzen zu Ehren des Portiers voraus, daß dies Geſchenk nicht eine Widmung des Künſtlers ſelbſt iſt. Endlich ſieht man zwiſchen die⸗ ſen Käſtchen und unter einer ehemaligen Uhr⸗Glasglocke ein Paar wunderbar kleine Stiefeln von rothem Maro⸗ quin, die, obgleich wahre Puppenſtiefel, ſorgfältig und ſauber gearbeitet ſind. Dies Meiſterſtück, verbunden mit einem furcht⸗ baren Geruch von altem Leder und einer unzähligen Menge alten Schuhwerks, das an den Wänden hängt, deutet genugſam an, daß der Portier dieſes Hauſes frü⸗ her neue Schuhe gearbeitet hat, bis er zu einem ſo⸗ genannten Flickſchuſter hinabſank. Als Rudolph in die Loge eintrat, wurde Herr Pi⸗ pelet, der gerade abweſend war, durch ſeine würdige Ehegattin, Madame Pipelet vertreten. Dieſe huckte ſo eben vor einem kleinen Ofen von Gußeiſen und horchte 3 aufmerkſam auf das Singen eines Topfes, den ſie am Feuer hatte. — Der franzöſiſche Hogarth *), Heinrich Monnier hat die Pariſer Portierfrau ſo treffend geſchil- dert, daß wir uns begnügen, dem Leſer, der Madam Pogarth war ein berühmter engliſcher Maler, deſſen Chrakterzeich nungen bis auf unſre Zeit das Beſte ſind, was wir in dieſe Zeſi 6. Pipelet ſehen will, zu bitten, ſich die gemeinſte! häßlichſte Portiersfrau zurückzurufen, die Monnier je gezeichnet hat. — Der einzige Zug, den wir dieſem Bilde hinzufügen, iſt eine verwegene Haartracht, die aus einer früher blonden Titusperrücke entſtanden und durch die Zeit ſo vielfarbig geworden war, daß ſie, ſo zu ſagen, aus einem Wirrwarr gelber, rother, brauner und anderer Locken beſtand, und den einzigen Schmuck aus⸗ machten, der das ſechzigjährige Haupt der würdigen Madame Pipelet nicht Tag, nicht Nacht verließ. Beim Anblick Rudolph's ſprach die Portiére in einem ſchnarrenden Tone die gewichtigen Worte: — Woy⸗ hin wollen Sie? — Wenn ich nicht irre, Madame, ſo iſt in dieſem Hauſe ein Zimmer mit einer Kammer zu vermiethen, — antwortete Rudolph, indem er das Wort Madame betonte, was der Portiére nicht wenig ſchmeichelte. Ste erwiederte höflicher: — Es iſt zwar im vierten Stock ein Zimmer zu vermiethen, aber Sie können es jetzt ſchen Alfred iſt ausgegangen. — Ohne Zweifel Ihr Sohn, Madame? Kommt er bald zurück? — Nein, mein Herr, nicht mein Sohn, ſondern mein Gemahl . . . . Warum ſollte Pipelet nicht Alfred heißen ? — Er hat das vollkommenſte Recht dazu, Madame doch, wenn Sie erlauben, werde ich ſeine Rückkehr e warten. Es liegt mir vi t daran, dies Zimmer zu then, denn die Gegend iſt mir bequem und dag gefällt mir, weil es gut gehalten zu werde 314 Aber dennoch möchte ich vorher wiſſen, ob ſich Madame würde mit der Führung meiner Wirthſchaft beſchweren können? Ich bin gewohnt, dies immer der Haushäl⸗ terin zu übertragen, vorausgeſetzt, daß ſie Luſt hat, meinen Wunſch zu erfüllen. Dieſer ſo ſchmeichelhaft gemachte Vorſchlag und das Wort: Baushälterin, gewannen Madame Pipelet vollkommen. Sie antwortete: — Oh gewiß, mein Se Ehre daraus machen, Ihre Wi für 6 Franken monatlich dient werden. — Abgemacht, für 6 Franken monatlich, Madame Ihr Name? — Panora, Fortunata, Anaſtaſia Pipelet. — Gut, Madame Pipelet; ich bewillige 6 Franken monatlich und wenn das Zimmer mir gefüllt, wie theuer iſt es? — Mit der Kammer 150 Franken, nicht einen Pfen⸗ nig weniger, denn der Hauptmiether iſt ein Geizhals.. — Wie heißt er? — Roth⸗Arm. Bei dieſem Namen und bei der Erinnerung, die er erweckte, ſchauderte Rudolph leicht zuſammen. — Wo wohnt dieſer Herr Roth⸗Arm? — Bohnenſtraße Nro. 13. Er hat auch eine Kneipe in den elhſäiſchen Feldern. Es war kein Zweifel mehr, daß es derſelbe Roth⸗ vat. Dies Zuſammentreffen ſchien Rudolph ſeltſam. Wer iſt denn der Beſitzer des Hauſes, wenn h Arin nur der Hauptmiether iſt. ich werde mir eine rthſchaft zu beſorgen und ſollen Sie wie ein Fürſt be⸗ — Herr Bourdon; aber wir haben nur mit Herr Roth⸗Arm zu thun. Rudolph wollte die Portiére vertraulich machenz er reichte ihr ein hundert Sousſtück hin und ſagte: — Ich bin ganz erfroren, liebe Madame Pipelet; Sie würden mir einen großen Gefallen erweiſen, wenn Sie zum Branntweinbrenner hinuntergingen und eine Flaſche Liqueur nebſt zwei, oder lieber drei Gläſern holten, für den Fall, daß Herr Pipelet bald zurückkommt. — Soll man ſie beim erſten Worte gleich lieb gewinnen, mein Herr? rief Madame Pipelet, deren rothe Naſe ſich auf den nahen Genuß zu freuen ſchien. — Ja, Madame Pipelet; ich habe es gern, wenn man mich lieb hat. — Aber ich bringe nur zwei Gläſer, denn Alfred trinkt nur aus dem Glaſe, aus dem ich trinke; es ſchmeckt ihm gleich noch einmal ſo gut. — Laufen Sie, Madame, wir werden auf Alfred warten. — Aber wenn nun Jemand käme? „Sie bleiben wohl in der Loge? — Gehen Sie ganz ruhig. — Und die Alte ging. Als Rudolph allein war, dachte er darüber nach, daß ein ſeltſamer Umſtand ihn wieder in die Nähe dieſes Roth⸗Arm's brachte. Er wunderte ſich nur, daß Franz Germain einen Tag in dieſem Hauſe bleiben konnte, ohne von den Genoſſen des Schulmeiſters entdeckt zu werden, die doch mit Roth⸗Arm in Verbindung ſtanden — In dieſem Augenblicke klopfte ein Briefträger Fenſter, reichte zwei Briefe hinein und ſagte: Drei Sp — Sechs Sous; es ſind ja zwei BVriefe Rudohph. — Der eine iſt frei — antwortete der Briefträger. Nachdem Rudolph bezahlt hatte, betrachtete er in Gedanken die beiden Briefe, die er in der Hand hielt; aber bald ſchienen ſie ihm einer näheren Unterſuchung werth. . Der Eine, der an Madame Pipelet gerichtet war, duftete nach wohriechendem Waſſer. Das rothe Siegel zeigte die beiden Buchſtaben C. R. auf einem beſternten 5 Schilde, das außerdem das Kreuz der Ehrenlegion trug. — Der andere Brief war auf grauem Papier geſchrieben, mit der Oblate verſiegelt und an Herrn „Cäſar Bra⸗ damanti, Zahnarzt“ gerichtet. Die Aufſchrift war augenſcheinlich verſtellt und von lauter großen Buchſtaben zuſammengeſetzt. War es Ahnung, Einbildung oder Wahrheit, dieſer Brief ſchien Rudolph von einer tiefen Trauer durchweht zu ſein. Er bemerkte, daß einige Buch⸗ ſtaben der Aufſchrift verwiſcht waren, eine Thräne war darauf gefallen. Madame Pipelet kehrte zurück und brachte die Flaſche Liqueur mit zwei Gläſern. — Ich bin lange geblieben, nicht wahr? aber wenn man einmal in dem Laden des Vater Joſeph iſt, kommt an ſobald nicht wieder hinaus. Glauben Sie wohl, daß er noch mit einer Frau in meinem Alter ſein Späßchen macht? — Teufel! wenn Alfred das wüßte! Mein Himmel! Sprechen Sie nicht davon! Mir Hon ganz heiß, bei dem bloßen Gedanken. Alfred ſuchtig, wie ein Mohr und mit Vater Joſeph hes zu ſagen. Man lacht und dann iſt Alles gut. r ſind zwei Briefe angekommen. — Waren Sie ſo gütig, ſie zu bezahlen? — Dann werde ich es Ihnen von der Münze wie⸗ der geben, die ich zurückbringe. Wie viel? — Drei Sous — antwortete Rudolph und konnte ſich nicht enthalten, über die ſeltſame Art von Zurück⸗ bezahlung zu lachen, die Madame Pipelet in Anwen⸗ dung brachte. — Sie meinen 6 Svus? . . es ſind ja zwei 3 Briefe. — Ich könnte Ihr Vertrauen mißbrauchen und 6 Sous ſtatt 3 nehmen, aber ich kann Sie nicht hinter⸗ gehen, Madame Pipelet. — Der eine Brief iſt frei ge⸗ macht. Uebrigens muß ich Ihnen ſagen, daß Sie mit Jemand in Briefwechſel ſtehen, deſſen Briefe verdammt gut riechen! — Laſſen Sie ſehen! — ſagte die Poetiére, indem ſie den duftenden Brief ergriff. — Wahrhaftig! es ſieht bald wie ein Liebesbrief aus! .. . . Der Tauſend! Wer mag der Schelm ſein, der den Muth hätte.. — Und wenn Alfred nun gerade hier geweſen wäret — Himmel! — Schweigen Sie, oder ich falle Ihnen ohnmächtig in die Arme. — Ich ſchweige, Madame Pipelet! — erwiedertz Rudolph, innerlich entſetzt. 4 — Aber wie konnte ich auch ſo dumm ſein, — die Portiére fort, indem ſie ſich vor die Srne ſ — Der Brief iſt ja vom Commandan mich erſchrocken habe, aber varüber di Rechnung nicht vergeſſen. Das wäl Geheimniſſe von Paris. I. für , 3 Sous Briefportv, macht 18 Sous und Pier ſind 2, macht 20 Sous und endlich 4 Franken, machen 100 Spus. — Und hier ſind 20 Sous für Sie, M adame, denn Sie haben eine ſo bewunderungswürdige Art, die Aus⸗ lagen zurück zu bezahlen, die man für Sie gemacht hat, daß ich nicht umhin kann ſie zu ermuthigen. — Sie ſchenken mir 20 Sous .. und wofür? — rief Madame Pipelet, die über dieſe fabelhafte Freigebig⸗ keit nicht nur erſtaunt war, ſondern ſogar davon beun⸗ ruhigt wurde. — Wir rechnen es nachher auf das Handgeld ab, wenn ich das Zimmer miethe. — Dann nehme ich es an, aber ich werde es Alfred mittheilen. — Gut. Aber hier iſt der andere Brief, der an Herrn Cäſar Bradamanti gerichtet iſt. — Ach ja! Das iſt der Zahnarzt im dritten Stocke. Ich muß ihn gleich in den Briefſtiefel legen. Rudolph glaubte falſch gehört zu haben, aber er ſah, daß Madame Pipelet den Brief in einen alten Stulpenſtiefel warf, der an der Mauer in der Nähe der hing. Rudolph ſah die Frau an. Wie — Sie werfen den Brief . — In den Brieſſtiefel, „das iſt ganz natür⸗ damit nichts verloren gehe Wenn die Miether mmen, ſchüttet Alfred den Stiefel aus kommt Jeder ſeinen Theil. btigehrem Hauſe herrſcht eine ſo bewunderns⸗ daß immer mehr winſche; warin 578 e1* auenanea