8 * 6 „ „ 4 7 — Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abongement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: . für wöch ntlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr — W 1Wr 5 Pf. 2 W — Pf. „ „ * „ „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 7 18 e Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. 32 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, F verlörene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der N Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ borene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weitervetleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S—————— Die Geheimniſſe des Ropfkiſſens. Nachgelaſſener Roman von Eugen Sue. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Gottlob Fink. Dritter Band. — 000 0 0000 —— Stuttgart. Francky'ſche Verlagshandlung. 1858. Druck der K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. — T Antonine Jourdan, die ſich noch unter dem Ein⸗ druck der tragiſchen Ereigniſſe des geſtrigen Abends befand, hatte an dieſem Tag auf ihre Muſikſtunden verzichtet. Wie wir bereits geſagt haben, ſchmückten zwei Bilder das Studirzimmer der jungen Künſtlerin, das Portrait ihrer Mutter und das Daguerreotyp ihres Bräutigams Albert Gerard in der Uniform der Chaſſeurs d'Afrique. Das Daguerreotyp iſt verſchwunden. Antonine Jourdan kniet in frommer Sammlung vor dem Portrait ihrer Mutter; ſie hat andächtig die Hände gefaltet und ſcheint zu beten, während ihre Augen auf dem mütterlichen Bilde haften, das ſie mit einem Ausbruck zärtlicher und religiö⸗ ſer Anbetung anruft. Ihre blaſſen, von der Schlafloſigkeit ermatteten Züge ſind ruhig, ernſt, aber nicht niedergeſchlagen; ſie athmen im Gegentheil eine Art von ſchwermü⸗ thiger Gelaſſenheit. Auf einmal hört ſis klingeln; ſie ſteht auf und öffnet, da ihre Dienerin gerade abweſend iſt, ſelbſt die Thüre. Sie iſt höchlich erſtaunt, als ſie die 1 Gemahlin Wolfrangs erblickt; ſie kann ſich nicht denken, welchen Zweck dieſer Beſuch haben ſoll, wel⸗ cher ihr in Folge der unſeligen Vorurtheile, die der geſtrige Skandal gegen ſie hervorrufen mußte, ſelt⸗ ſam, ja beinahe unerklärlich erſcheint. Gleichwohl verbeugt ſie ſich höflich vor der jungen Dame, und führt ſie ſchweigend in ihren Salon. Kaum ſind ſie eingetreten, als Sylvia, die ihre Thränen nicht zu⸗ rückzuhalten vermag, in einer Regung unwiderſteh⸗ licher Sympathie der Sängerin um den Hals fällt und ſchluchzend zu ihr ſagt: „Arme Antonine! wie müſſen Sie geſtern gelitten haben!“ Dieſer Beweis von rührender Theilnahme über⸗ raſcht das junge Mädchen und macht einen lebhaften Eindruck auf ſie. Gleichwohl verräth Nichts an ihr jene Beſchämung, in welche wir häufig durch Kund⸗ gebungen eines unverdienten Wohlwollens verſetzt werden. Nein, Antonine ſchlägt die Augen nicht nieder; ihr ehrlicher, zuverſichtlicher Blick ſucht im Gegen⸗ ſe den der jungen Dame und ſcheint zu ihr zu agen: „Danke! Sie haben mich gut beurtheilt, obſchon der Schein ſtark gegen mich zeugte.“ Dieſer Blick würde genügt haben Antonine zu rechtfertigen, ſelbſt wenn Wolfrang nicht am vor⸗ hergehenden Abend, ohne ſich weiter zu erklären, ſeine Gemahlin verſichert hätte, daß die junge Künſt⸗ lerin nicht blos unſchuldig ſei, ſondern auch wie Herr Dubousquet muthvoll ein großherziges Opfer bringe. „Ja, ich habe ſehr gelitten,“ antwortete Anto⸗ 8 6 — 5 nine; „aber Sie laſſen mich in dieſem Augenblick meine Kümmerniſſe vergeſſen, Madame.. „Madame! Sie wollen mich alſo nöthigen wieder mein Fräulein zu Ihnen zu ſagen. Darf man ſich unter Künſtlern auch ſo ceremoniös behan⸗ deln, da ich ja, wenigſtens nach Ihrer Behauptung, liebe Antonine, einiges Künſtlertalent beſitze? In dieſem Fall nehme ich meine Rechte auf gute Ka⸗ meradſchaft in Anſpruch.“ „Ach, der tiefe Eindruck, den Ihr Eeſang auf mich machte, wird mir ſtets gegenwärtig bleiben, liebe Sylvia. da Sie mir erlauben Sie ſo zu nennen, und ich geſtehe Ihnen, ich bin ganz ent⸗ zückt darüber, denn das Wort Madame hat etwas Eiskaltes für mich. Ja, ich habe eine ſo lebhafte Sympathie für Sie, und Ihr Beſuch nach dem geſt⸗ rigen Skandal beweist von Ihrer Seite eine ſolche Herzensgüte, aber auch einen ſolchen Scharfblick, daß ich ganz beſchämt bin.“ „In was habe ich denn meinen Scharfblick be⸗ kundet?“ „Wenn Sie nur entfernt an die beſchimpfenden Vorwürfe glaubten, mit denen ich geſtern Abend überhäuft worden bin, ſo würden Sie jetzt nicht hier ſein.“ „Nein, gewiß nicht.“ „Wer hat Sie alſo überzeugen können, daß ich trotz des ungünſtigen Anſcheins ein rechtſchaffenes Mädchen bin?“ „Wer mich davon überzeugt hat? Ach mein Gott, liebe Antonine, Sie ſelbſt, der offene Aus⸗ druck Ihres Geſichtes, worin ich ſogleich die Auf⸗ 6 richtigkeit Ihrer Seele geleſen habe; die Freimü⸗ thigkeit, die alle Ihre Worte verrathen: Ihr feſter und ehrlicher Blick, der ſich aber jetzt mit ſo ſtolzer Zuverſicht auf den meinigen heftet. .. würden Sie mich ſo anzuſehen wagen, wenn Sie nicht, wie Sie ſagen, ein rechtſchaffenes Mädchen wären?“ „Es iſt wahr, Sylvia, meine Verlegenheit würde meine Falſchheit verrathen, wenn ich Sie täuſchte.“ „Nun wohl, ich frage Sie ohne Uebergang, ohne Schonung und auf die Gefahr hin eine noch blu⸗ tende Wunde wieder aufzufriſchen: wie kommt es, daß dieſer unglückliche Narr, der Sie ohne Zweifel ſchon lange kennt, der Ihren Werth würdigen muß, da er Sie wahnſinnig liebt, denn eine wahnſinnige Liebe erklärt wenigſtens ſolche wilde Ausbrüche der Leidenſchaft, wenn ſie dieſelben auch nicht zu ent⸗ ſchuldigen vermag .. ja, ich frage Sie, liebe An⸗ tonine, wie konnte dieſer unglückliche Narr auch nur einen einzigen Augenblick an eine ſolche Schändlich⸗ keit von Ihnen glauben?“ Dieß kommt daher, daß Albert Gerard ſo heißt er . . die Fehler ſeiner Tugenden hat. Es gibt keinen edleren, muthvolleren, aber auch keinen aufbrauſenderen Charakter, als der ſeinige iſt. Ob⸗ wohl noch ſehr jung, zählt er Züge von heroiſcher Bravour; er ſtürzt ſich in die Gefahr, ohne jemals ihre Folgen zu berechnen. Seine erſte Regung iſt immer ein unüberlegtes Ungeſtüm; ich ſchreibe da⸗ her auch den unſeligen Skandal von geſtern Abend dieſer leidigen Unüberlegtheit zu und ganz beſonders eiferſüchtigen Inſtinkten, die nicht die mindeſte Be⸗ rechtigung haben, aber dennoch unüberwindlich ſind.“ — 8 . 4 „Ich begreife die Eiferſucht, wenn ſie einen Grund hat, aber wie konnte Ihr Bräutigam ſich zum Echo einer ungerechten, abgeſchmackten Verleum⸗ dung machen?“ „Nein, es war keine Verleumdung, Sylvia.“ „Was ſagen Sie?“ „Es iſt wahr, wie ich auch Albert geſagt habe, daß ich geſtern früh einen alten Freund, den ich eben ſo liebe wie verehre, geküßt habe mit den Worten: morgen wieder. Wie konnte Albert dieſen Umſtand erfahren? Das weiß ich nicht; aber der unbedeutendſte Schein genügt ſeine angeborene Ei⸗ ferſucht aufzureizen, und ich würde das ſogar na⸗ türlich finden, wenn er mich nicht ſchon von meiner Kindheit an kennte, wenn er nicht wüßte, in wel⸗ chen Grundſätzen der Ehre ich von der beſten, zärt⸗ lichſten der Mütter erzogen worden bin.“ So ſprechend ſchlägt Antonine ihre Augen zu dem mütterlichen Bilde auf. Sylvia, die jetzt das Gemälde bemerkt, betrach⸗ tet es und ſagt dann: „Antonine, welch ein ſanftes und edles Geſicht!“ „Ach ja, meine Mutter war auch ſtets meine Anbetung, meine Führerin, meine Stütze, mein Cul⸗ tus, mein Glaube!“ antwortet das junge Mädchen in tief gerührtem Ton. „Sie beräth mich, ſie ſpricht mir Muth ein, ſie tröſtet mich noch heute wie früher.“ „Theure Antonine, ich liebte Sie, jetzt aber be⸗ wundere ich Sie.“ „Sylvia,“ ſagt Antonine, indem ſie die Hand der jungen Frau ergreift und ſie mit unſäglicher 8 Freude betrachtet, „wie glücklich bin ich, daß ich mich von Ihnen ſo gut verſtanden fühle!“ „Und dieſer arme Narr, den ich im wüthenden Wahnwitz der Eiferſucht ſah Sie lieben ihn?“ „Ja, und das ſind, ich verſichere Sie, keine Romanredensarten. Mein Charakter iſt bei all ſeiner Heiterkeit ſehr feſt. Es gibt drei Dinge, die ich auf Ehre und Gewiſſen verſichern kann: daß meine Mutter mir ſtets gegenwärtig ſein wird, daß ich ſtets ein rechtſchaffenes Weib ſein, daß ich Albert ſtets lieben werde.“ Und Antonine fügt voll Rührung hinzu: „Ich kann noch ſerner verſichern, daß Ihre Freundſchaft, Sylvia, mir ſtets theuer ſein wird .. denn ich verdanke ihr eine Schweſter.“ „Ja, die ergebenſte Schweſter, das dürfen Sie wohl glauben.“ „Und wiſſen Sie, Sylvia, warum ich Albert liebe? weil er meine Verehrung für meine Mutter theilte.“ „Er hat ſie alſo genau gekannt?“ „Er iſt beinahe mit mir erzogen worden e wohnte in demſelben Hauſe wie wir, bei ſeiner Tante, die einen kleinen Kramladen hatté.“ „Und ſein Vater? und ſeine Mutter?“ „Albert iſt Waiſe; wir ſind zuſammen aufge⸗ wachſen: er kam beſtändig zu meiner Mutter, die er über Alles liebte. Wenn Albert Dein Bruder wäre, ſagte ſie oft zu mir, er könnte mir nicht mit mehr Zärtlichkeit und Hochachtung begegnen. Mit fünfzehn Jahren begann ich meine Studien im Con⸗ ſervatoire. Albert, der zwei Jahre älter iſt als 9 6 ich, trat bei einem Notar ein; um dieſe Zeit ver⸗ ſprachen wir uns mit einander. Wir ſahen uns tagtäglich; ſein Benehmen war muſterhaft; die Conſcription traf ihn, ſeine Tante war zu arm, um ihn loszukaufen; meine Mutter war ebenfalls zu arm: ſie konnte dieſes Opfer auch nicht bringen, ſie hätte es ſonſt ſehr gerne gethan, denn ſie billigte unſere Heirathspläne. Albert ging zur Armee und wir gelobten uns, daß wir nach Ablauf ſeiner Dienſtzeit heirathen wollten. Als er in Afrika eine leichte Wunde erhielt, brachte er ſeine Reconvales⸗ cenz bei uns zu; ich traf ihn wieder ganz ſo, wie er vor ſeiner Abreiſe geweſen war, eben ſo gut, eben ſo zärtlich, eben ſo liebreich; nur bemerkte ich an ihm einen zunehmenden Hang zur Eiferſucht; es beunruhigte ihn beinahe, daß ich allein in die Sa⸗ lons ging, um zu ſingen, oder daß ich allein aus⸗ ging, um meine Lectionen zu geben. Es wurde daher beſchloſſen, daß er nach Ablauf ſeiner Dienſt⸗ zeit einen Gebietsantheil in Algerien verlangen ſolle. Er konnte mit Sicherheit darauf rechnen, denn ſeine Dienſtzeugniſſe ſind ausgezeichnet. Die kleine Mitgift, die ich zuſammengeſpart habe, wäre dazu verwendet worden, das erhaltene Land tüchtig zu bearbeiten. Wir wären nach Afrika gegangen und hätten friedlich als Coloniſten gelebt. Dieſe Zu⸗ kunft entzückte mich, weil ſie Albert zuſagte und weil ich wenig Freude an der Welt habe. Dieß waren unſere Pläne. Unſere Hoffnungen ſollten demnächſt in Erfüllung gehen, denn Albert wird in fünf Monaten dienſtfrei; als ich ihn daher geſtern ganz unverſehens ankommen ſah, war mein erſter Gedanke, er habe ſeinen definitiven Abſchieb erhal⸗ ten und mich mit dieſer glücklichen Nachricht über⸗ raſchen wollen; denn ich wußte nichts von ſeiner Rückkehr.“ In dieſem Augenblick tritt Antonines Haushäl⸗ terin mit ernſter, abgemeſſener Miene und mit einem Brief in der Hand ein. „Sind Sie etwa unwohl geweſen, meine gute Madame Pigal?“ ſagt die junge Künſtlerin wohl⸗ wollend zu ihr; „Sie ſind heute früh nicht gekommen.“ „Nein, mein Fräulein, ich war nicht unwohl,“ antwortet Madame Pigal trocken. „Ich bin wie gewöhnlich Morgens um ſieben Uhr gekommen, habe aber ſogleich wieder umgekehrt.“ „Warum das?“ „Weil ich Herrn Bachelard, den Ladendiener des Buchhändlers, an der Hausthüre getroffen habe.“ Nn „Nun, mein Fräulein, Herr Bachelard hat mir von Ihnen Dinge erzählt . .. ach Dinge. „ „Was für Dinge?“ fragt Antonine. „Bitte, ſprechen Sie ſich aus.“ Die Künſtlerin wendet ſich jetzt gehen Sylvia und ſagt mit einem halben Lächeln zu ihr: „Verzeihen Sie, meine Freundin, ich wünſche dieſe ſchreckliche Enthüllung zu vernehmen, welche die gute Madame Pigal kaum auszuſprechen wagt.“ „Nein, mein Fräulein, ich werde dieſe garſtigen Dinge nicht nachſprechen,“ ruft die Haushälterin empört über Antonines Kaltblütigkeit. „Aber als ich erfuhr, was vorgegangen iſt, da bin ich zu mei⸗ 11 nem Manne gelaufen und habe ihn gefragt, ob ich noch länger Ihre Haushälterin bleiben könne.“ „Ah, ah, das beweist eine lobenswerthe Folg⸗ ſamkeit gegen die Wünſche des Herrn Pigal,“ ſagt Antonine lächelnd. „Und was hat er geantwortet?“ „Er hat mir verboten noch einen einzigen Tag länger hier zu bleiben, und ich komme. ..“ „Schon gut,“ verſetzt Antonine, „ich werde mich nach einer andern Perſon umſehen.“ Da Sylvia über die Impertinenz der Haushäl⸗ terin empört ſchien, ſo warf die Künſtlerin ihr einen bittenden Blick zu, daß ſie ſchweigen möchte, und fuhr dann fort: „Es thut mir leid um Ihre Dienſte, Madame Pigal, denn Sie ſind eine gute und rechtſchaffene Frau. Was iſts mit dieſem Brief, den Sie in der Hand haben? iſt er für mich?“ „Ja, mein Fräulein . . der Soldat, der ihn mir ſo eben zuſtellte, wartet draußen auf eine Ant⸗ wort.“ k Das Mädchen nimmt raſch den Brief und er⸗ blaßt ein wenig, während Madame Pigal folgender Maßen fortfährt: „Ich würde mich mit einem ſolchen Auftrag nicht befaßt haben, wenn dieſer Soldat mich nicht ſo dringend gebeten hätte, denn er hat mich ſehr gedauert, der arme junge Menſch.“ Während dieſer Betrachtung von Madame Pigal hat die Künſtlerin das Billet geleſen; eine ſtrah⸗ lende Hoffnung beglänzt ihre Züge und ſie reicht den Brief Sylvia, indem ſie, ohne eine Thräne der Rührung zurückzuhalten, zu ihr ſagt: 12 „Leſen Sie, liebe Freundin leſen Sie und theilen Sie mein Glück.“ Sylvia überblickt das Schreiben raſch, während Madame Pigal, ein rechtſchaffenes, ſehr rechtſchaffe⸗ nes Weib, wie ſchon ihre Bedenklichkeiten bewieſen, mit einem Blick ſchmerzlicher Verachtung auf Anto⸗ nine zu ſich ſagt: „Und wenn ich daran denke, daß dieſe Unglück⸗ liche, wie Herr Bachelard mir erzählt hat, Wohl⸗ thaten von dieſem alten Militär annimmt, der ſie ſo oft beſucht, ohne von dem jungen zu ſprechen, der ihr geſtern Abend aus Eiferſucht vor aller Welt eine ſo ſchreckliche Scene gemacht hat! Und das ſchamloſe Ding erröthet nicht einmal vor mir! Sie ſieht aus, wie wenn ſie das Alles höchſt einfach fände! iſts möglich! Und man hätte ihr ohne Beichte das Nachtmahl gegeben. Ich wäre für ſie ins Feuer gegangen, für ſo gut und tugendhaft hielt ich ſie.“ „Ach, dieſer ſchmerzliche Brief muß ihn in Ih⸗ ren Augen entſchuldigen,“ ſagt Sylvia halblaut zu Antonine. „Sie müſſen ihn empfangen müſſon ihm verzeihen ich verlaſſe Sie und werde ſpä⸗ ter wieder kommen.“ „Sylvia,“ ſagt Antonine raſch, indem ſie die junge Frau im Augenblick, wo ſie aufſtehen will, bei der Hand ergreift, „geben Sie mir einen Be⸗ weis Ihrer Freundſchaft.“ „Von Herzen gern.“ „Bleiben Sie. .. „Wie Sie wollen?“ 13 „Ich wünſche, daß Sie meiner erſten Beſprechung mit e nach dieſer peinlichen Scene anwohnen.“ „Aber „Ich bitte Sie, verweigern Sie mirs nicht; ich wünſche, daß Sie Albert kennen lernen . ich will Sie überzeugen, daß er meiner Liebe eben ſo wür⸗ dig iſt, wie ich Ihrer Freundſchaft würdig bin. Und dann muß ſich Albert ja auch bei Ihnen we⸗ gen des Skandals entſchuldigen, den er geſtern bei Ihnen gemacht hat.“ Und Antonine fügt mit einem bezaubernden Lächeln hinzu: „Kurz, entſchuldigen Sie meinen Hochmuth .. ich bin ſtolz darauf Albert zeigen zu können, daß ich eine Freundin, wie Sie ſind, zu erringen ge⸗ wußt habe.“ „Es ſei . ich bleibe, liebe Antonine.“ „Sagen Sie Herrn Albert Gerard, er möge eintreten, meine gute Madame Pigal,“ ſagt die Künſtlerin beinahe heiter, „und wollen Sie mich gefälligſt erwarten, damit wir mit einander abrech⸗ nen, wenn Sie, was ich nicht glauben kann, darauf beſtehen mich nach dem unbarmherzigen Befehl des geſtrengen Herrn Pigal wegen unwürdiger Auffüh⸗ rung zu verlaſſen.“ „Die Unglückliche wagt es noch zu ſcherzen,“ ſagt die gute Frau entrüſtet, indem ſie hinausgeht. Bald tritt Albert Gerard in den Salon. 14 IM. Er glaubte ſeine Braut allein zu finden, und konnte daher ſeine Ueberraſchung nicht verbergen, als er Sylvia erblickte. Der junge Mann, der am vorhergehenden Abend in den wilden Aufwallungen ſeiner Eiferſucht ſo ſchrecklich geweſen, iſt beinahe unkenntlich; ſeine Züge drücken trotz ihres energiſchen und leidenſchaft⸗ lichen Charakters jetzt Sanftmuth, Ergebung und Leiden aus. Betreten bleibt er auf der Schwelle ſtehen und wagt es kaum die Augen zu den beiden Freundinnen aufzuſchlagen. Antonine nimmt ihren Bräutigam bei der Hand; er folgt ihr mechaniſch bis vor Sylvia; dann ſagt ſie in rührendem Ton zu ihm: „Albert, ich muß Sie vor allen Dingen Madame Wolfrang vorſtellen . . ſie iſt meine Freundin ... meine beſte Freundin. . Sie verzeiht Ihnen den Skandal, den Sie geſtern Abend in ihrem Salon gemacht haben; denn bei ihr ſang ich.“ „Ach Madame,“ ſtammelt der Unteroffizier in zermalmender Beſchämung; „ich bin in Verzweif⸗ lung über das Vorgefallene ... wie ſoll ich mich entſchuldigen?“ „Antonine hat Sie bereits entſchuldigt, mein Herr und ich habe ihre Entſchuldigung von Herzen gern angenommen. Sprechen wir nicht mehr von dieſem Ereigniß; von meiner Seite iſt es, das verſichere ich Sie, bereits vergeſſen . Ihr Brief hat uns alle Beide tief bewegt.“ 15 „Madame, ich will Ihnen die ganze Wahrheit erzählen,“ ſagt Albert; „ich ſegne den Zufall, der Sie hieher geführt hat .. denn ich finde es weni⸗ ger peinlich dieſes Geſtändniß vor Ihnen abzulegen, als wenn ich Antonine allein vor mir hätte.“ „Nur Muth gefaßt,“ ſagt Sylvia in wohlwollen⸗ dem Tone; „meine würdige Freundin wird von dieſem Geſtändniß nur das hören, was Ihnen günſtig iſt; das Uebrige wird ſie als nicht exiſtirend be⸗ trachten.“ „Madame, ich hatte bis zum Ablauf meiner Dienſtzeit Urlaub erhalten, konnte mich alſo ſchon ziemlich als frei betrachten. Um Antonine eine Ueberraſchung zu bereiten, eile ich nach Paris, komme geſtern Abend hieher und will eben den Con⸗ cierge fragen, ob Antonine zu Hauſe ſei, als ich unter dem Hofthor einem jungen Menſchen begegne, der mir ſogleich ſagt, daß er zu dem Hauſe ge⸗ höre und mir alle Aufſchlüſſe ertheilen könne, die ich etwa wünſchen möge. Ich frage ihn einfach, ob Fräulein Antonine Jourdan zu Hauſe ſei. Bei dieſem Namen ſieht er mich aufmerkſam an, lächelt ſonderbar und antwortet, dieſes Fräulein ſei ab⸗ weſend, denn ſie ſei vom Hausherrn zur Soiree eingeladen worden; dann fügt er geheimnißvoll hinzu: wenn Sie wollen, ſo kann ich Ihnen viele ſehr curioſe Dinge über unſere ſchöne junge Haus⸗ bewohnerin mittheilen und unter Anderem ein ge⸗ wiſſes Abenteuer, das ſich heute früh zugetragen hat und Sie gewiß intereſſiren muß; wäre es auch nur aus Corpsgeiſt, denn es handelt ſich um einen 16 Militär. Ich geſtehe zu meiner Schande, ſtatt die⸗ ſem Schwätzer den Rücken zu kehren, fühle ich mich, ich weiß ſelbſt nicht warum, von einer unbeſtimmten Unruhe ergriffen; ich laſſe mich von einer erbärm⸗ lichen Neugierde ergreifen . ich höre ich ver⸗ nehme Bei dieſer Erinnerung und dem Gedanken an die furchtbare Scene vom geſtrigen Abend erblaßt der Unteroffizier von Neuem und iſt dermaßen be⸗ wegt, daß ſeine Stimme auf ſeinen Lippen erſtirbt. Sylvia, die nicht minder gerührt iſt als Anto⸗ nine, will Albert den Schmerz erſparen dieſe qual⸗ volle Beichte zu vollenden, und fügt hinzu: „Sie vernehmen eine ehrloſe Verleumdung, und ohne auch nur zu bedenken, daß die Schändlichkeit dieſes Verdachtes der beſte Beweis für ſeine Albern⸗ heit war, laſſen Sie ſich von dem natürlichen Un⸗ geſtüm Ihres Charakters hinreißen, eine ſinnloſe Eiferſucht ſtört Ihren Geiſt, Sie verlieren den Kopf. . Sie werden ein Narr. . ein ſo vollſtän⸗ diger Narr, daß Sie Antonine den blutigſten Schimpf anthun, den man einem braven Mädchen anthun kann, und ſie auch noch tödten wollen.“ „Ach wehe mir,“ murmelt Albert ſchaudernd und ſein Geſicht zwiſchen beiden Händen verbergend. „Nein,“ antwortet Antonine mit dem zärtlichſten Mitleid, „Nachſicht, Verzeihung und Glück, lieber Freund!“ 0 Die junge Künſtlerin ergreift jetzt eine der Hände ihres Bräutigams, nöthigt ihn ſoni durch eine ſanfte Bewegung ſein Geſicht zu enthuͤllen, und ſagt: 17 „Sylvia hat es geſagt . armer Albert! geſtern Abend waren Sie ein Narr Sie wußten nicht mehr, was Sie ſagten und was Sie thaten; ver⸗ geſſen Sie dieſen unſeligen Traum, wie ich ſelbſt ihn vergeſſe.“ „Ach wie kann ich je vergeſſen, daß ich Sie vor den Augen Aller anſchuldigen konnte, daß ich Ihnen nicht einmal Zeit ließ mir zu antworten und mich von der Falſchheit dieſes trügeriſchen Schei⸗ nes zu überführen ... „Offen geſprochen, Albert,“ verſetzt die junge Künſtlerin mit würdevoller Freundlichkeit, indem ſie den Unteroffizier unterbricht, „hätte denn eine ſolche Anklage ſelbſt für den unmöglichen Fall, daß Sie dieſelbe bei kaltem Blut gegen mich ausgeſpro⸗ chen hätten, mich treffen können? Nur Sie ſelbſt, armer Blinder, würden ſich dadurch herabgewürdigt haben „ Aber bitte, laſſen wir ſolche Annahmen, die Ihrer, meiner und der Freundin, die uns hört, unwürdig ſind und da Alles vergeſſen iſt, ſo wollen wir ihr unſern Dank für ihre freundliche Theilnahme beweiſen, indem wir ſie durch unſer Glück glücklich machen .. ſie kennt unſere Pläne Nichts ſteht ihrer Verwirklichung mehr im Wege Sie haben Ihren Abſchied und ſind frei. Es bleibt nur noch zu wiſſen, wie es mit der Ge⸗ bietszutheilung in Algerien ausſieht; haben Sie dieſelbe erlangt?“ „Noch nicht,“ antwortet Albert; „aber mein Oberſt hat es mir förmlich verſprochen.“ Albert hat dieſe Worte mit verlegener Miene ausgeſprochen und iſt immer bläſſer geworden; ſeine Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſeno. III. 2 18 Züge haben ſich trotz der nachſichtsvollen und zärt⸗ lichen Verſicherungen ſeiner Braut noch nicht erhei⸗ tert, ſondern enthüllen eine ſteigende Angſt, die Antonine bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Sylvia beſitzt einen klareren Blick; in ihr er⸗ regt ſich ein Zweifel, worüber ſie erſchrickt. Da ſie ihn um jeden Preis aufzuklären wünſcht, betrachtet ſie aufmerkſam die Züge des Unteroffiziers, deſſen Blick geſenkt iſt, und indem ſie ſich trotz ihrer Bangig⸗ keit zu einem Lächeln zwingt, ſagt ſie: „Liebe Antonine, Sie werden mir ohne Zweifel den Vorwurf machen, daß ich die Sachen etwas raſch betreibe, aber hören Sie meine Entſchuldigun⸗ gen. Wolfrang und ich ſind Zugvögel ... Es iſt möglich, daß wir bald Paris verlaſſen . . . aber ich wünſche ſo ſehr Zeugin Ihres Glückes zu ſein, daß ich unſere Abreiſe bis zu Ihrer Hochzeit verſchieben will. Wann wird ſie ſtattfinden?“ „Liebe Sylvia,“ antwortet Antonine heiter, „dieſe Frage hat mein zukünftiger Herr und Gebie⸗ ter zu entſcheiden.“ Die junge Künſtlerin blickt jetzt Albert an und be⸗ ginnt das peinliche Schweigen ſo wie die kummer⸗ vollen, immer mehr ſich verdüſternden Züge ihres Bräu⸗ tigams zu bemerken; erſtaunt, aber ohne unruhig zu werden, ſagt ſie daher: * „Ei wie, mein Freund, ſollten Sie ſich noch im⸗ mer unter dem Eindruck dieſer peinlichen Frinne⸗ rungen befinden, die wir vergeſſen müſſen und die ich ſelbſt bereits vergeſſen habe?“ „Dieſe Erinnerungen,“ antwortet Albert mit An⸗ ſtrengung und bebender Stimme, „dieſe Erinnerun⸗ 19 gen werde ich vergeſſen, Antonine, ſobald ich von Ihnen eine Erklärung habe, um die ich Sie aufs Dringendſte im Namen unſeres künftigen Glückes bitte.“ Und die Phyſiognomie des Unteroffiziers hat plötzlich einen ſo ſchmerzlichen Ausdruck angenom⸗ men, daß der Verdacht Sylvias immer ſtärker wird und Antonine unruhig zu werden anfängt. Sie antwortet mit ernſter und ſanfter Stimme: „Ich glaubte, nach Ihrem Schreiben und in Folge unſerer Beſprechung wäre jede Erklärung überflüſſig es iſt nicht ſo . ich bedaure es. . und ich bin bereit Ihnen in Gegenwart un⸗ ſerer Freundin Rede zu ſtehen.“ „Auch ich,“ antwortet Albert, „wünſche ſehr, daß dieſe Erklärung in Gegenwart von Madame ſtattfinde, die uns ſo viel Theilnahme zu beweiſen die Güte hat.“ Der Unteroffizier ſammelt ſich einen Augenblick und beginnt dann: „Ich fürchte, Antonine, daß Sie den Sinn mei⸗ nes Briefes, den ich im Aunenblick des größten Schmerzes und der tiefſten Reue geſchrieben, miß⸗ verſtanden haben.“ „Erlauben Sie, mein Herr,“ ſagt Sylvia, „die⸗ ſer Brief ließ kein Mißverſtändniß zu.“ „Mein Bedauern und meine Reue ſind aufrich⸗ tig, Madame, und eben deßhalb beſchwöre ich An⸗ tonine, daß ſie mir jetzt, wo ich ſie kalthlütig an⸗ hören kann, beweiſe, wie trügeriſch der Schein war, der mich irre führte.“ Bei dieſen Worten, die keinen Zweifel mehr 2 immer nicht von Antonines Unſchuld überzeugt an Alberts innerſten Gedanken übrig laſſen, bebt Antonine zuſammen, bleibt aber ſtill, und in ihrem Blick verräth ſich das ſchmerzliche Gefühl ihres Her⸗ zens und ihres verletzten Stolzes. „Wie mein Herr,“ ruft Sylvia, „Sie ſind noch „Ich bin davon überzeugt, Madame, wenn ich nur meiner Liebe, meiner Hochachtung vor Anto⸗ nine Gehör ſchenken will, und gleichwohl bleibt mir wider meinen Willen ein Argwohn ... und einige Worte von ihr .. . nur einige wenige Worte .. können dieſen Argwohn auf immer heben.“ „Aber mein Herr,“ verſetzt Sylvia, „die Be⸗ harrlichkeit dieſes Zweifels iſt eine Beſchimpfung gegen Ihre Braut, die ſich niemals — verſtehen Sie mich wohl — niemals Ihrer Hochachtung unwerth gezeigt hat.“ „Ach Madame,“ ſagt Albert im Tone unwider⸗ ſtehlicher Aufrichtigkeit, „glauben Sie mir, wenn ich Antonine beſchwöre mir im Namen unſeres gemein⸗ ſchaftlichen Glückes dieſe Erklärung zu bewilligen, ſo bin ich weit entfernt ſie beſchimpfen zu wollen, ſondern handle nur als ehrlicher Mann. Großer Gott, was für ein Leben hätten wir denn, wenn es durch einen Zweifel vergiftet werden ſollte, der, ich geſtehe es, abgeſchmackt, unwürdig, abſcheulich iſt, den zu überwinden ich aber vielleicht nie den Muth haben würde? Ach ich würde nicht der ein⸗ zige Uinglückliche ſein. Antonine würde durch meine Ungerechtigkeiten gegen ſie noch mehr leiden, als ich ſelbſt; unſer Daſein würde eine Hölle; ich kenne die Leivenſchaftlichkeit meines Charakters. Ach, ich 2 wiederhole es Ihnen, glauben Sie mir es, Ma⸗ dame . glauben Sie mir, Antonine wenn ich weniger ehrlich wäre, ſo würde ich nur auf die egoiſtiſche Stimme der Leidenſchaft hören, ich würde Alles der Vollziehung einer Ehe opfern, von der wir ſeit unſerer frühen Jugend geträumt haben; aber ſpäter würde ſich der einen Augenblick vergeſ⸗ ſene Verdacht wider meinen Willen von neuem ein⸗ ſtellen, und ich würde meine Frau auf immer un⸗ glücklich machen! Sprechen Sie, Madame, ſprechen Sie iſt es denn ein ſo großes Unrecht von mir, wenn ich Antonine beſchwöre, daß ſie ſchon jetzt und für immer dieſen Keim des Unglücks zerſtören möge? Und was bedarf es denn zu dieſem Behuf? Ein paar Worte von ihr werden der Folterqual, die ich ſeit geſtern dulde, ein Ende machen.“ Wenn man Alberts Charakter annimmt, ſo ſprach und handelte er offenbar als ehrlicher Mann. Sylvia war gerührt durch die Klugheit und zärtliche Vorſicht, die ſich in Alberts Idee kundgab. „Nun denn, liebe Antonine,“ ſagte ſie, „ſeien Sie bis ans Ende barmherzig . . . haben Sie Mit⸗ leid mit dieſem letzten Anfall von einer Krankheit, von welcher einige Worte aus Ihrem Mund dieſen Eiferſüchtigen auf immer curiren werden.“ „Ich bin bereit auf Ihre Fragen zu antwor⸗ ten, Albert,“ ſagt Antonine ernſt und ruhig. „Geſtern früh,“ ſprach der Unteroffizier mühſam, denn dieſe Worte ſchienen ſeine Lippen zu verbren⸗ nen — „Heſtern früh begleiteten Sie einen Mann bis an die Thüre Ihrer Wohnung?“ „ iſ wahr allerbeſter Freun Als Alb nd dieſer Mann iſt mein ert jetzt Anſtand nimmt dieſes peinliche Verhör fortzuſetzen, blickt ihm Antonine feſt, ohne die mindeſte Verlegenheit, ins Geſicht und fügt von ſelbſt hinzu: „Und überdieß hat dieſer alte Freund mich zum Abſchied geküßt.“ „Sie haben hinzugefügt, Antonine: auf morgen, Du verſprichſt es mir.“ „Ja, ich habe das geſagt.“ Eine Pauſe folgt auf dieſe Antwort. Albert iſt verblüfft über den zuverſichtlichen Blick und die Phyſiognomie, womit ſeine Braut dieſes Geſtändniß ablegt. Selbſt Sylvia iſt ein wenig überraſcht, als ſie Antonine mit ſolcher Sicherheit und Heiterkeit ein⸗ geſtehen hört, daß ſie den Mann, der ſie geküßt, gedutzt habe. „Antonine, es ſollte mir unendlich Leid thun, wenn ich Sie beleidigte . aber ich muß ganz auf⸗ richtig mit Ihnen ſprechen,“ beginnt der Unteroffi⸗ zier mit zunehmender Bläſſe wieder. „Glauben Sie nicht, daß wenigſtens ſcheinbar, ich ſage ſcheinbar eine ſolche Vertraulichkeit gegen einen Frem⸗ den . zum mindeſten .. ſehr eigenthümlich iſt?“ „Der Herr Oberſt Germain ſo heißt er. . iſt kein Fremder für mich . er iſt mein beſter Freund: ich habe Ihnen das geſagt, Albert.“ „Gleichwohl habe ich ihn nie bei Ihrer Mut⸗ ter geſehen.“ . „Das iſt wahr.“ 23 „Ihre Freundſchaft für ihn ſtammt alſo aus neuer Zeit?“ „Sie iſt bald drei Jahre alt.“ „Dieß iſt der Zeitpunkt, wo Ihre Mutter ſtarb und ich meinen letzten Urlaub bekam. Gleichwohl haben Sie mir damals nie etwas von dem Oberſten Germain geſagt.“ „Weil ich ihn erſt kennen lernte, als Sie zu Ihrem Regiment zurückgekehrt waren.“ „Wollen Sie mir eine Bemerkung erlauben, An⸗ tonine?“ „Natürlich.“ „Wir ſchrieben uns oft: wie kommt es, daß Sie in Ihren Briefen niemals des Oberſten Germain gedacht haben?“ „Weil ich, wenn ich an Sie ſchreibe, lieber von Ihnen ſprechen will als von andern Leuten.“ „Dieſe Antwort, Antonine, iſt eben ſo graziös als zärtlich .. gleichwohl . .. „Sie iſt wahr.. befragen Sie Ihre EFrinnerung, und Sie werden zugeben müſſen, daß ich in meiner Correſpondenz außer dem Namen meiner Mutter, der beinahe eben ſo oft vorkommt wie Ihr eigener, niemals von einer fremden Perſon etwas geſchrie⸗ ben habe.“ „Ich geſtehe es, aber erlauben Sie mir, war dieſe freundſchaftliche Verbindung, die ſo innig, ſo vertraulich und liebreich wurde, daß Sie den Oberſt Germain zuletzt dutzen, nicht eine exceptionelle That⸗ ſache? Könnten Sie mir nicht die Urſachen und die ohne Zweifel ebenfalls ſehr exceptionellen Umſtände mittheilen, welche dieſe Verbindung herbeigeführt rage das, Madame,“ jugt⸗ fter Stimme gegen Sylvia hin⸗ aufmerkſam zuhörte, „ſcheint eine tganz außerordentlich zu ſein?“ Mei eber,“ antwortet Antonine, indem ſie den jungen Mann unterbricht und ihren ehrlichen Blick mit tiefer Betrübniß auf ihn heftet, „Sie kennen mich von Kindheit auf, habe ich jemals ge⸗ logen?“ „Oh nie.“ „Glauben Sie mich . . . und überlegen Sie meine Worte wohl, ſie ſind ernſt,“ fügt Antonine mit bei⸗ nahe feierlicher Stimme hinzu, „glauben Sie mich einer Lüge fähig, ſelbſt wenn es ſich um die theuer⸗ ſten Intereſſen meines Lebens handelt?“ „Nein nein ich kenne Ihre Offenher⸗ zigkeit, Antonine. 1 „Nun wohl, mein Lieber, ſo befragen Sie mich nicht über die Umſtände, die meine innige Freund⸗ ſchait mit dem Oberſten Germain herbeigeführt haben.“ „Warum ſoll ich Sie nicht über dieſen Gegen⸗ ſtand befragen, Antonine?“ ſtammelt Albert mit angſtvoll keuchender Stimme; „würden Sie mir eine Antwort verweigern?“ „Was höre ich, Antonine!“ 2 „Ich würde Ihnen eine Antwort darüber ver⸗ weigern und werde ſie ſtets verweigern, Albert; vergeſſen Sie das nie.“ „Und die Urſache dieſer Weigerung?“ „Weil ich Ihnen die Wahr und daher genöthigt wäre zu lügen. „Ach, Madame. Madame Sie hören es.“ Dieſe Worte ruft Albert in verzweiflungsvollem Tone; Thränen benetzen ſein mannhaftes Geſicht; er ſinkt vernichtet auf einen Lehnſtuhl. Sylvia bezweifelt Antonines Unſchuld nicht, weil ſie unbedingt an die dießfallſigen Verſicherungen Wolfrangs glaubt und weil Alles ihr verkündet, daß die junge Künſtlerin aufrichtig iſt; gleichwohl kann auch ſie eine ziemliche Verwunderung über dieſe Antwort an einen Bräutigam nicht verhehlen, nicht als ob ſie Antonine ſchuldig glaubte, ſondern weil es ihr unbegreiflich erſcheint, daß dieſe ſich weigert ihre Vertraulichkeit mit dem Oberſt Ger⸗ main zu erklären. Antonine, die ſich über den Ausdruck der Phy⸗ ſiognomie ihrer Freundin täuſcht, ſagt mit ſchmerz⸗ licher Bitterkeit zu ſich: „Auch ſie zweifelt an mir!“ Und ihre beſchämten Augen zu dem mütterlichen Vild aufſchlagend, wie wenn ſie von ihm Hülfe, Muth und Troſt erbitten wollte, murmelt ſie: „Oh meine Mutter! meine Mutter!“ III. Sylvia mußte in der That mit Schmerz zuge⸗ ſtehen, daß auch der vertrauensvollſte, von aller Eiferſucht freieſte Mann ſich mit Recht beunruhigt haben würde. Um wie viel mehr ſteigerten ſich ihre em Gedanen, eaß An⸗ ſchon zum Voraus von Eiferſucht gequält war! edeckt in dieſem Augenblick ein Kind. Die Thränen des unerſchrockenen Sol⸗ daten waren herzzerreißend. Die junge Künſtlerin ſchien nicht minder ver⸗ zweiflungsvoll, als Albert Gerard, obſchon ſie ſich in ihrem Schmerz gemeſſener zeigte; denn nachdem ſie einen langen Blick auf das Portrait ihrer Mut⸗ ter geworfen, deren Beiſtand ſie in dieſem bedeu⸗ tungsſchweren Augenblick anzurufen ſchien, wiſchte ſie ihre Thränen, gewann ihre Feſtigkeit wieder, richtete ihr Haupt empor, und obſchon ein ſchmerz⸗ liches Lächeln um ihre Lippen ſpielte, ſo verkündete doch ihr blaſſes, ſanftes Geſicht, ihr Blick, ihre Haltung, kurz Alles eine ſolche Heiterkeit des Ge⸗ daß Sylvia ſich gegen Albert wandte und rief: „Ei, ſo betrachten Sie Antonine doch, mein Herr, dann werden Sie ihr zu Füßen fallen und ſie um Verzeihung bitten, wie ich es ſelbſt dafür thue, daß ich einen Augenblick, nicht an ihrer Unſchuld, gezweifelt habe, großer Gott! nein.. aber „Ach, Sylvia, Dank, Dank!“ ruft Antonine in tiefſter Rührung, indem ſie die Hände ihrer Freun⸗ din zwiſchen die ihrigen drückt. „Einen Augenblick glaubte ich mich von Ihnen verkannt und das that mir ſchrecklich weh!“ „Rein, nein, ich habe nie an Ihnen gezweifelt, meine Freundin, meine Schweſter; aber das geſtehe 27 ich, daß ſoeben Ihre Weigerung Ihrem Bräutigam zu antworten mich einen Augenblick ziemlich über⸗ raſcht hat. Jetzt ſagt mir Alles, daß ein gebiete⸗ riſcher, unüberwindlicher Grund Sie zwingt über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen . und daß dieſer Grund nur ein ehrenvoller ſein kann.“ „Ach, der edle Inſtinkt Ihres Herzens täuſcht Sie nicht.“ Im Augenblick, wo Antonine dieſe Worte in herzzerreißendem Ton ausſpricht, wirft ſich Albert, blaß, das Geſicht in Thränen gebadet, welche den hartnäckigen Kampf zwiſchen ſeinem Argwohn und ſeiner Hochachtung gegen ſeine Braut bezeugen, ihr zu Füßen und ſtammelt mit gefalteten Händen und flehender, von Schluchzen unterbrochener Stimme: „Antonine, auch ich . auch ich glaube an Sie ich habe Vertrauen zu Ihnen; ich weiß, daß Sie unfähig ſind zu lügen, mich zu hintergehen . . Ihr Geſicht, Ihr Blick, Alles ſagt mir, daß Sie unſchuldig ſind .. Ja, ich ſchwöre es bei Ihrer Mutter, die mir eben ſo heilig iſt, wie wenn ſie die meinige geweſen wäre ja, ich glaube jetzt an Ihre Unſchuld.“ „Gott ſei gedankt!“ ruft Sylvia, indem ſie mit Antonine einen unausſprechlichen Blick wechſelt, während Albert, ohne ſich an den Ausruf der jungen Frau zu kehren, mit angſtvoller Stimme fortfährt: „Ja, ich ſchwöre es, ich glaube jetzt an Ihre Unſchuld aber wehe mir! dieſer Eindruck wird nicht dauern ich kenne mich meine Zweifel werden ſich ſpäter erneuern.“ Dann fährt der junge Mann gegen Sylvia fort; 28 ich habe ihr niemals geſagt, was ich in der Ferne ausgeſtanden habe, wenn ich daran dachte, daß ſie allein in eine glänzende Ge⸗ ſellſchaft ging, welche ſie mit Huldigungen umgab; wenn ich daran dachte, daß ſie allein lebte und allein ausging, um ihre Lectionen zu geben. Ich hatte Unrecht ſo zu leiden . es war ſchmählich es war dumm aber ſehen Sie, Madame, es iſt entſetzlich was ich litt.“ Albert unterbricht ſich einen Augenblick und fährt dann gegen ſeine Braut fort: „Und gleichwohl beargwöhnte ich Sie damals nicht, Antonine; ich empörte mich mit Unrecht, das gebe ich zu, gegen die Nothwendigkeit Ihrer Stellung als Künſtlerin; ich geſtehe auch, daß dieſe hartnäckige Eiferſucht mir den von Ihnen angenommenen Plan eingegeben hat nach Algerien zu gehen und ein friedliches, einſames Coloniſtenleben zu führen. An⸗ tonine, ich wiederhole es Ihnen, in dieſem Augen⸗ blick, ja, halte ich Sie für unſchuldig . aber morgen aber in einer Stunde .da wird mein Argwohn ſchrecklicher als je wiederkehren.“ Und er wendet ſich von neuem an Sylvia: „Sie ſelbſt, Madame, waren, Sie haben es ge⸗ ſagt, einen Augenblick peinlich überraſcht, als Sie hörten, wie Antonine mir jede Antwort über dieſen Mann verweigerte . . zum Teufel! dieſer Mann... ich werde ihn .. . Der Soldat vollendet nicht; er wird bleich, ſchrecklich, er ſpringt von ſeiner knienden Stellung auf, ſeine Blicke werden wirr und funkeln von einer ſo wüthenden Eiferſucht, daß Antonine ſchaudert und 29 ₰ den jungen Mann beim Arm ergreift, indem ſie ſtammelt: „Um Gotteswillen, mein Lieber, kommen Sie doch zu ſich ſelbſt.“ Albert Gerard fährt mit ſeinen geballten Fäuſten an ſeine von kaltem Schweiß gefeuchtete Stirne und ſchweigt einen Augenblick; dann ſagt er mit einer vom Schmerz gebrochenen Stimme: „Verzeihen Sie, Antonine „ verzeihen Sie, Madame Ich weiß nicht mehr was ich fagte.. ich war raſend.“ Nach einer neuen Pauſe wendet er ſich in flehen⸗ dem Ton, deſſen rührende Sanftheit mit ſeinen letzten Wuthausbrüchen contraſtirt, abermals an ſeine Braut und ſagt: „Antonine, haben Sie Mitleid mit mir! Seien Sie nachſichtig, ſeien Sie großmüthig .. Verwei⸗ gern Sie mir dieſe Erklärung nicht, welche augen⸗ blicklich die Folterqualen meiner Eiſerſucht in Freude und Vertrauen für die Gegenwart und die Zukunft verwandeln würde. Antonine, ich beſchwöre Sie beim Namen Ihrer Mutter, die unſere Liebe ge⸗ ſegnet hat, treiben Sie mich nicht zur Verzweiflung, nehmen Sie einige Rückſicht auf einen wilden und aufbrauſenden Charakter.“ K Antonine ſammelt ſich und ſagt mit ſanfter aber feſter Stimme, die einen unbeugſamen Entſchluß ankündet: 5 „Hören Sie, mein Lieber, dieſe Erörterung hat ſchon allzu lange gedauert; machen wir ihr ein Ende. Sie beſchwören mich auf Ihren wilden Charakter Rüctſicht zu nehmenz ich habe es gethan. Sie haben 30 5 öffentlich angeſchulbigt, Sie haben mich töbten n „Ach meine Reue meine Gewiſſensbiſſe. . .“ „Ihre Reue, Ihre Gewiſſensbiſſe haben mich ge⸗ rührt, Albert, und Sylvia wird es Ihnen ſagen, ſchon ehe ich Ihren Brief erhielt, hatte ich Ihnen verziehen. So beſchimpfend Ihre Anklage von geſtern Abend war, ſo konnte ſie mich nicht treffen .. Sie waren nicht bei Verſtand, und wenn Sie mich in Ihrer Wuth getödtet hätten, ſo würde ich Ihnen ſterbend ver⸗ ziehen haben. . .. Nun wohl, trotz Ihrer abſcheu⸗ lichen Anklage, trotz Ihrer Todesdrohung, trotz der Zähigkeit Ihres beleidigenden Argwohns gehört mein Herz noch immer Ihnen ... meine Pläne ſind noch immer dieſelben .. . Sie können jeden be⸗ liebigen Zeitpunkt für unſere Hochzeit feſtſetzen. . Wir leben dann wo Sie wollen und wie Sie wollen. Dieſe Anerbietungen mache ich Ihnen mit hochge⸗ haltener Stirne, weil ich .. und bedenken Sie, welchen Werth dieſer Eid in meinem Munde haben mußte . . . weil ich Ihnen beim Andenken meiner Mutter ſchwöre, daß ich mich niemals in irgend einer Beziehung Ihrer Achtung unwürdig gezeigt habe, und daß ich noch immer das ehrliche und rechtſchaffene Mädchen bin, welches Sie liebten.“ „Wie, mein Herr, und der Klang dieſer Stimme die Sicherheit dieſes Blickes . . . die Heiligkeit dieſes Eides ſollten Sie nicht überzeugen! Sie könnten noch einen Argwohn hegen?“ ruft Sylvia, hinge⸗ riſſen von der unwiderſtehlichen Macht der Aufrich⸗ tigkeit Antonines. Dieſe aber bittet mit einer Geberde ſie nicht zu unterbrechen und fährt alſo fort: 31 2 „Ich will noch das hinzufügen, Albert .. Ja, . bei jedem Andern als bei Ihnen wäre meine Weigerung, mich über die Urſachen meiner innigen Freundſchaft mit dem Oberſten Germain zu erklären, allerdings unerklärlich und könnte für mich nachthei⸗ lige Zweifel hervorrufen.“ „Sie geſtehen es mein Gott . . . und Sie ſollten ſich noch immer weigern. . . .“ „Ich geſtehe es, weil es wahr iſt, und ich wei⸗ gere mich und werde mich immer weigern . . . hören Sie mich wohl, Albert, Sie kennen die Feſtig⸗ keit meines Charakters . . . ich werde mich immer weigern mich über dieſen Gegenſtand zu erklären.“ „Ach, Sie ſind unbarmherzig!“ „Meine Stellung erheiſcht es.“ „Mein Gott!“ ruft der Soldat; „aber die Ur⸗ ſachen Ihrer innigen Freundſchaft mit . . . dieſem Manne ſind doch ohne Zweifel ehrenhaft?“ „Vollkommen ehrenhaft.“ „Ums Himmelswillen, Antonine, warum be⸗ ſtehen Sie dann darauf ſie mir geheim zu halten?“ „Weil die Pficht mir zu ſchweigen gebietet.“ „Die Pflicht! . . . welche Pflicht?“ „Ich konn Ihnen nicht mehr darüber ſagen. Sie wiſſen jetzt die Wahrheit, Albert . . die ganze Wahrheit . . Ihr eigenes Schickſal und dos meinige ruht in Ihren Händen. Wenn Sie nicht genug Vertrauen zu mir haben, daß Sie an mein Wort, an meinen Schwur glauben, wenn der Argwohn auf immer Ihr Leben vergiften ſoll, kurz, wenn Ihre Vernunft nicht zugeben kann, daß es Umſtände gibt, in Folge deren ein rechtſchaffenes Mädchen, 32 * — drch die Pflicht gebunden, ihre Ehre nicht anders vertheidigen kann als daß ſie die Untadelhaftigkeit ihres Benehmens beſchwört, in dieſem Fall, mein Lieber, mag Alles zwiſchen uns aus ſein .. . Sie haben es dann ſo gewollt. . .. Antonine trocknet ihre Thränen, gibt ihrer durch eine ſteigende Aufregung zitternd gewordenen Stimme neue Feſtigkeit und fährt alſo fort: „Was auch Ihr Entſchluß ſein mag, Albert, ich werde mich nicht darüber beklagen ich werde Sie nicht anſchuldigen .. . denn ich weiß, daß Sie bei Ihrem Charakter eine ungewöhnliche Seelen⸗ ſtärke beſitzen oder das Vertrauen zu mir haben müßten, das ich einzuflößen verdiene, um einem äußern Schein Trotz zu bieten, deſſen Bedeutſamkeit ich mir nicht verhehle. ... Ueberlegen Sie die Sache ruhig, Albert, und theilen Sie mir Ihren Entſchluß mit. Wie er auch ausfallen mag, ſo wiederhole ich Ihnen und Sie dürfen mirs glauben, daß er an meiner Liebe für Sie Nichts ändern wird.“ Hier kann Antonine, gebrochen, überwältigt durch eine Aufregung, gegen welche ſie von neuem ver⸗ gebens anzukämpfen ſucht, ihre Thränen nicht mehr zurückhalten und lehnt ſchluchzend ihre Stirne an die Schulter ihrer Freundin. Dieſe ſagt mit thränen⸗ erſtickter Stimme zu Albert: „Ach, mein Herr, wenn Sie ihr nicht glauben, ſo beweiſen Sie, daß Sie nicht lieben.“ „Nein, ſie liebt mich nicht! ſie liebt mich nicht mehr!“ ruft der junge Mann erbittert; „ſie opſert unſere Liebe, unſere Zukunft einem abſcheulichen Eigenſinn.“ 33 „Dieſer Vorwurf iſt ungerecht, Albert,“ antwor⸗ tete Antonine unter Schluchzen, „wenn das ſchmerz⸗ liche Opfer vollbracht werden ſoll, ſo werde ich es, wie ich ſchon geſagt habe, im Namen ber Pflicht vollbringen.“ „Ihre Pflicht iſt aufrichtig gegen mich zu ſein; Ihre Pflicht iſt mir zu beweiſen, daß Ihre ſeltſame Vertraulichkeit mit dieſem Manne ehrenwerthe Mo⸗ tive habe .. und wenn ſie das wären, ſo würden Sie dieſelben geſtehen .. ja und da Sie ſo hartnäckig ein Geheimniß daraus machen, ſo beweist dieß, daß Sie ſich daran zu ſchämen haben.“ „Ei wie, mein Herr,“ verſetzte Sylvia im Tone heftigen Vorwurfs, „dieſes unglückliche Kind hat Ihnen geſagt, daß Sie durch die Pflicht gebunden den bewundernswürdigen Muth haben würde dieſer Pflicht ihre Liebe zu opfern, und Sie können es noch wagen ſie anzuſchuldigen!“ „Ah, Madame, wenn dieß wahr wäre, ſo gibt es alſo bei ihr ein Gefühl, das ſtärker iſt als ihre Liebe zu mir.“ „Seien Sie doch nicht ſo unſinnig. .. Antonine iſt bereit Sie zu heirathen und zwar trotz Ihrer beleidigenden Zweifel, die ſie Ihnen verzeiht.“ „Ja,“ verſetzte der Soldat mit Bitterkeit, „wenn ich niederträchtig, wenn ich gemein genug bin, um über ihre Vertraulichkeit mit dieſem Elenden meine Augen zuzudrücken.“ „Albert, dieſe Worte ſind ſchändlich und Antonine beherrſcht ihre ſchmerzliche Entrüſtung und fügt hinzu: Sue, Geheimniſſe d. Kopfliſſens. II. 3 ich 34 „Aber Sie fangen von neuem an den Verſtand zu verlieren, Sie können mich nicht mehr beleidigen.“ „Sie beleidigen!“ ruft der Soldat, hingeriſſen von der Leidenſchaftlichkeit ſeines Charakters, die er bisher ſo mühſam im Zaume gehalten hat, „ha, ich beleidige Sie, wenn ich dieſen erbärmlichen Alten, der mein Glück, meine Zukunft zerſtört hat, bei ſeinem rechten Namen nenne. Sie tieben ihn alſo ſehr, dieſen Mann, den Sie ſo vertheidigen.“ „Ha! das iſt zu viel!“ ruft Antonine. Ilber in dieſem Augenblick öffnet ſich die Salon⸗ thüre, und die Haushälterin führt den Oberſt Ger⸗ main herein. IV. Madame Pigal, die Haushälterin, führt den Oberſt Germain bei Antonine ein und ſagt, indem ſie wieder abtritt, bei ſich ſelbſt: „Jetzt ſind der alte und der junge beiſammen .. ſie ſollen die Sache mit einander ausmachen. das wird eine furchtbare Scene geben! Sie werden ein⸗ ander erwürgen und auffreſſen. Aber das freut mich gerade, das wird eine gute Lection für dieſe ſchlechte Creatur werden, die ich für ſo rechtſchaffen hielt.“ Unter ſolchen Betrachtungen macht Madame Pigal die Salonthüre hinter ſich zu. Der Oberſt Germain war ein Mann von unge⸗ fähr fünfzig Jahren, hatte aber trotz ſeines grau werdenden Schnurrbarts und der zahlreichen Silber⸗ ſtreifen in ſeinem Haare noch nichts Greiſenhaftes. 35 Sein Wuchs war ſchlank, elegant und hoch; in ſei⸗ nem Auge, das ſchwarz war wie ſeine ſtark ausge⸗ ſprochenen Brauen, ſtrahlte noch Jugendfeuer; ſeine Züge, die einſt merkwürdig ſchön geweſen, beſaßen fortwährend die Regelmäßigkeit ihrer Linien; kurz es war unmöglich ein edleres und martialiſcheres Geſicht zu finden, als das ſeinige. Obſchon die Haushälterin den Namen des Ober⸗ ſten nicht ausgeſprochen hatte, ſo erkannte ihn Al⸗ bert doch ſogleich und ſeine Eiferſucht ſteigerte ſich bis zum Wahnwitz. Da er eine ganz andere Per⸗ ſönlichkeit in ihm erblickte, als er ſich bis daher gedacht hatte, ſo zweifelte der Soldat nicht mehr daran, der Oberſt werde, da er vermuthlich in Folge der zahlreichen Eroberungen, die er in ſeiner Jugend gemacht, große Gewandtheit als Wüſtling beſitze, bei ſeinen natürlichen Vorzügen ohne ſonderliche Mühe die Unerfahrenheit Antonines mißbraucht ha⸗ ben, die allein, ohne allen Schutz dageſtanden und ihrem Verführer preisgegeben geweſen ſei. Albert redete ſich alſo die ſchreckliche Möglichkeit in daß ſeine Braut ſeinen Nebenbuhler geliebt habe. Dieſer einem Andern gewährte Vorzug, wobei er ſich kein ſchmutziges Intereſſe dachte, ſchnitt ſei⸗ ner Eigenliebe tief ins Fleiſch und brachte ihn außer ſich. Er bemerkte auch noch, daß ſeine Braut, ohne Zweifel in Vorausſicht einer furchtbaren Scene, gleich nach dem Eintritt des Oberſten mit den Symptomen der lebhafteſten und zärtlichſten Angſt auf ihn zugelaufen war, ihm die Hand gedrückt 36 und einige Worte ins Ohr geflüſtert hatte, indem ſie ihren Bräutigam mit dem Blick bezeichnete. Sylvia ſteht blaß und zitternd daz ſie iſt ſo be⸗ ſtürzt, daß ſie ſich an einem Möbel halten muß, und ſie fällt beinahe in Ohnmacht, wenn ſie daran denkt, was zwiſchen dieſen beiden Männern ohne Zweifel vorgehen werde. Albert iſt bleich und ſeine Züge ſind verzerrt von Eiferſucht, Haß und Wuth; im Anfang ſucht er ſich in Schranken zu halten, denn der militäri⸗ ſche Grad ſeines Gegners flößt ihm einen beinahe unwillkürlichen, durch lange Diſciplin angewöhnten, Reſpect ein. Endlich beginnt er mit dumpfer, höhniſcher Stimme: „Herr Oberſt. . . Sie kommen pünktlich zu dem Rendezvous, das Sie dem Fräulein geſtern früh . .. nebſt einem Kuſſe . . gaben; es thut mir in Wahr⸗ heit leid Ihr tétertéte zu ſtören.“ Antonine (troſtlos, leiſe zu dem Oberſten). — „Haben Sie Mitleid mit ihm!“ S Der Oberſt (leiſe zu Antonine). — „Sei ruhig (laut mit ruhiger und ernſter Stimme), Herr Albert Gerard, ich halte Sie für einen Ehrenmann und weiß, daß Sie es ſind.“ Albert (mit einem ſpöttiſchen Gelächter). — „Mit andern Worten, Sie halten mich für einen Einfaltspinſel, Herr Oberſt.“ Sylvia (leiſe zu Antonine). — „Muth, liebe Freundin, Muth!“ Antonine (mit ſchwacher Stimme). — „Mir iſt, 37 als ob ich ſterben müßte; ich hatte vergeſſen, daß der Oberſt mich dieſen Morgen beſuchen ſollte.“ Der Oberſt (zu Albert). — „Einige Worte, mein Herr, werden ein Mißverſtändniß beſeitigen, das Sie zuerſt beklagen werden. Fräulein Antonine, für welche ich die ehrerbietigſte und aufrichtigſte Freundſchaft hege, hat mir die Ehre erwieſen mir ihre Heirathspläne anzuvertrauen und ich er⸗ blickte in dieſer Heirath die glücklichſte Zukunft für das Fräulein und für Sie. Sie hat mir alles mög⸗ liche Gute von Ihnen geſagt und mir erklärt, daß Albert (ſchrecklich). — „Ohne Sie ſelbſt zu rech⸗ nen, Herr Oberſt.. das verſteht ſich von ſelbſt .. und Sie haben gedacht, ich würde ſpäter ſo ſchlecht ſein, daß ich Ihre Maitreſſe heirathe.“ Antonine (mit einem Schluchzen). — „Mein Gott! das hören zu müſſen!“ Sylvia (bei Seite). — „Die Kaltblütigkeit dieſes Unglücklichen erſchreckt mich noch mehr, als ſeine geſtrigen Wuthausbrüche.“ Der Oberſt (unempfindlich). — „Herr Albert, wir ſind alle Beide Soldaten, alle Beide Männer von Herz, und unter Soldaten und Männern von Herz gibt es einen Eid, dem man immer Glauben ſchenkt z wenn man nicht anders Etwas iſt, was glück⸗ licher Weiſe keiner von uns Beiden iſt Ich zähle fünfzig Jahre, mein Herr. .. Albert. — „Ah bah, Herr Oberſt! Sie ſehen ganz ein Jüngling aus, fragen Sie nur Ihre Mai⸗ reſſe.“ 38 Antonine (flehend zu dem Oberſt). — „Um Gottes⸗ willen, er hat ganz den Kopf verloren!“ Der Oberſt (Antonine durch einen Blick beruhi⸗ gend, mit kalter Würde). — „Ich zähle fünfzig Jahre, Herr Albert .. und habe während meiner dreißig Dienſtjahre Niemand ein Recht gegeben an meiner Loyalität zu zweifeln Sie werden mir alſo glau⸗ ben ich gebe Ihnen mein Wort als Soldat dar⸗ auf, daß Fräulein Antonine Jourdon niemals auf⸗ gehört hat Sie zu lieben; ſie iſt Ihrer höchſten Achtung und Liebe noch eben ſo würdig, als an dem Tag, wo Sie Paris verließen.“ Albert. — „Herr Oberſt, haben Sie geſtern beim Abſchied das Fräulein geküßt?“ Der Oberſt (etwas verlegen). — „Es iſt wahr, mein Herr.“ Albert. — „Nun alſo! Das nenne ich offen ſpre⸗ chen! nur keine Geheimniſſe.“ — Der Oberſt. — „Ich habe keinen Grund Ihnen geheim zu halten, mein Herr, daß das Fräulein, wenn ich die Ehre habe mich von ihr zu verabſchie⸗ den, mir gütigſt einen Kuß geſtattet.“ Albert. — „Eine vortreffliche Gewohnheit, Herr Oberſt . . . Und das Fräulein hat die nicht minder charmante Gewohnheit Sie zu dutzen?“ Der Oberſt (erröthend). — „Mein Herr. . . Albert. — „Ei wie, Sie werden roth⸗ Herr Oberſt! Sie wagen nicht zu antworten? Eine rüh⸗ rende Schüchternheit von einem alten Wüſtling; (Bewegung des Oberſten; ein bethränter Blick von Antonine hält ihn zurück.. Aber Ihre Maitreſſe, die weniger ſchüchtern iſt, geſteht ganz einfach, daß. 39 * ſie Du zu Ihnen ſagt. Könnten Sie mir wenigſtens den Grund Ihrer ehrbaren Vertraulichkeit mit einer jungen Perſon erklären, die ich heirathen ſoll?“ Sylvia (bei Seite). — „Ach, ich zittere! Die Wuth dieſes Soldaten wird zum Ausbruch kommen.“ Der Oberſt. — „Mein Alter rechtfertigt die Ver⸗ traulichkeit, womit das Fräulein mich als einen guten alten Freund zu behandeln die Güte hat. Aber er⸗ lauben Sie; ich ſehe mit Bedauern, Sie haben, ohne Zweifel aus Unachtſamkeit, den Werth der Worte nicht genügend erwogen, die ich Ihnen jetzt wiederholen werde, mein Herr. und dießmal, bin ich überzeugt, werden Sie aufhören mit Anſchuldi⸗ gungen hervorzutreten, welche nur die Störung Ihres Geiſtes entſchuldigen kann .. (laut und feierlich) Fräulein Antonine hat ſich in keinerlei Beziehung Ihrer Achtung unwürdig gemacht, mein Herr, und darauf gebe ich Ihnen von neuem mein Wott als Soldat.“ Albert (bleich und mit blutunterlaufenem Auge). — „Und ich, mein Herr, ich gebe Ihnen mein Sol⸗ datenwort darauf, daß Sie ein erbärmlicher Hunds⸗ Antonine (ſich dem Oberſten entgegenwerfend, der bei dieſer Beſchimpfung aufgeſprungen iſt). — „Antworten Sie ihm nicht. er verliert den Kopf 8 um Gotteswillen gehen Sie . gehen 6. Sylvia (mit Entſetzen, als ſie Albert auf die Thüre zuſtürzen ſieht, um den Durchgang zu ver⸗ ſperren). — „Es iſt zu ſpät!“ Antonine (verzweiflungsvoll auf Albert zulau⸗ 40 fend, der mit dem Rücken an der Thüre ſteht und ſich ſchrecklich geberdet). — „Ich beſchwöre Sie, kom⸗ men Sie zu ſich, Albert. Er hat Ihnen die Wahr⸗ heit geſagt, das beſchwöre ich Ihnen; laſſen Sie ihn hinausgehen, um Gotteswillen, laſſen Sie ihn hin⸗ ausgehen!“ Albert. — „Du zitterſt um das Leben Deines Liebhabers. Du haſt alles Recht, daß Du zitterſt. Ich werde ihn umbringen.“ Antonine (will Alberts Hand ergreifen).— „Lie⸗ ber Albert, hören Sie mich an! Ich. .. Albert (ſie heftig von ſich ſtoßend). — „Zurück, ſchamloſe Dirne!“ Antonine iſt ſo derb zurückgeworfen worden, daß ſie ohne den Beiſtand Sylvias zu Boden gefallen wäre. Sylvia empfängt ſie in ihren Armen und hält ſie aufrecht in dem Augenblick, wo der Oberſt, der ſich nicht länger beherrſchen kann, drohend auf den Unteroffizier losſtürzt. Aber in Folge einer letzten Selbſtüberwindung hält er zwei Schritte von dem jungen Mann inne, mißt ihn und ſchweigt einen i ; dahn ſagt er mit beinahe ruhiger Stimme zu ihm: „In dem Zuſtand der Erbitterung, worin Sie ſich befinden, werde ich Sie mit dem Fräulein nicht allein laſſen. Gehen wir, mein Herr!“ Albert. — „Oh, noch nicht! noch nicht!“ Der Oberſt. — „Sehen Sie das Fräulein doch an unglückſeliger Narr! ſie ſtirbt vor Angſt. . Albert. — „Uim ſo beſſer! Und wenn ich auch Sie getödtet haben werde, ſo werde ich meine Rache haben. Es muß ein Duell auf Leben und Tod 3 werden (ſich gegen Antonine wendend), du hörſt's, mein ehrſames Bräutchen . ein Duell auf Leben und Tod Antonine (ſich voll Schrecken wieder aufrichtend). — „Ein Duell! . zwiſchen ihnen! Nein, das iſt unmöglich! und ich .. (ihre Kräfte ſchwinden, ſie ſinkt von neuem in die Arme Sylvias, welche die noch immer Knieende aufrecht erhält) mein Gott habe Erbarmen mit mir!“ Der Oberſt (kalt zu Albert). — „Ich kann mich nicht mit Ihnen ſchlagen .. . Sie wiſſen es wohl ich bin Oberſt. Sie ſind Unteroffizier.“ Albert. — „Ich bin nicht mehr Soldat, ich habe meinen Abſchied.“ Der Oberſt. — „Gleichviel! ich werde mich nicht mit Ihnen ſchlagen.“ Albert. — „Ha, Sie weigern ſich?“ Der Oberſt. — „J Antonine (geſtützt auf Sylvia, mit leiſer und herzzerreißender Stimme). „Sie werden ſich tödten mein Gott! und ich hätte nur ein einziges Wort zu ſagen . Sylvia (flehend). — „Sagen Sie es ver⸗ hindern Sie ein ſchreckliches Unglück .. ſagen Sie es.“ Antonine (verzweifllungsvoll die Hände ringend). — „Ich kann es nicht ſagen ... mein Gott, ich kann nicht! Ich habe geſchworen, ich habe den hei⸗ ligſten Eid abgelegt!“ Albert (keuchend vor Wuth zu dem Oberſten). — „Sie verweigern alſo das Duell?“ Der Oberſt. — „Ja 42 Albert. — „Sie ſind alſo nicht bloß e ein Meineidiger, ſondern auch noch. . ein Der Oberſt wird purpurroth, dann aber als er Antonine ſieht, die noch in vor Schrecken auf den Knieen liegt und gefalteten Hände entgegenſtreckt, thut er ſich Gewalt an und ſagte entſchloſſen: „Nein, mein Herr, ich kann mich nicht mit Ihnen ſchlagen.“ Albert (furchtbar und mit geballten Fäuſten). — „Iſt das Ihr letztes Wort?“ Der Oberſt. — „Ja.“ Alberl. — „Hören Sie .. . Sie ſind ein alter Soldat „ ich habe noch meine militäriſchen Vor⸗ urtheile . es widerſteht mir, ſehen Sie, die Hand gegen einen Graukopf zu erheben, der die Uniform getragen hat; aber wenn Sie ſich nicht ſchlagen wollen, ſo beohrfeige ich Sie.“ Bei dieſer letzten Beſchimpfung verliert der Oberſt ſeine Kaltblütigkeit. Er ſchleudert dem Unteroffizier . einen ſolchen Blick zu und ſein Geſicht iſt ſo dro⸗ hend, daß Antonine ſich auf ihren Knieen zwiſchen die beiden Gegner ſchleppt und unter Zittern und Beben ruft: 23 „Albert! . .. Hören Sie Sie ſollen Alles erfahren . . . ich . . .“ 3 Aber auf einmal begegnen die wirren Augen des Mädchens dem Portrait ihrer Mutter; ſie ſtößt einen Schrei des Entſetzens aus, und indem ſie ihr Geſicht zwiſchen ihren Händen verbirgt, murmelt ſie, ohnmächtig werdend: „Nein! ich kann nicht! .. ich kann nicht!“ 43 Danmit ſinkt ſie zurück und bleibt beinahe ſterbend liegen, noch etwas emporgehalten von Sylvia, die neben ihr niedergekniet iſt. Der Oberſt pflanzt ſich dicht vor Albert auf und ſagt, die Arme über ſeiner Bruſt kreuzend: „Ja, ich verweigere das Duell . . . und jetzt, junger Mann, wagen Sie es doch die Hand gegen mich zu erheben! .. . wagen Sie es doch in dieſes Geſicht zu ſchlagen, das Narben aus der Schlacht trägt! (Albert tritt beſtürzt einen Schritt zurück.) Wagen Sie es doch mir dieſen letzten Schimpf zu⸗ zufügen, während Sie wiſſen, daß ein Duell zwiſchen uns unmöglich iſt. Und dann, wer von uns Beiden, junger Mann, wird dann der Feigling ſein! .. Antworten Sie! . . . wer wird der Feigling ſein?“ Albert fühlt ſich durch dieſe edlen Worte zer⸗ malmt und ſchweigt; eine düſtere Verzweiflung folgt auf ſein wildes Aufbrauſen. „Mein Herr,“ ſagt er dann, „wäre mir noch der mindeſte Zweifel über das ſchreckliche Unglück geblieben, das mich betroffen hat (ſeine Stimme wird hohl), ſo würde Ihre Ruhe gegenüber meinen Beſchimpfungen, Ihre unerklär⸗ liche Weigerung ſich mit mir zu ſchlagen, mir eine Sache beweiſen, vön der ich nur zu feſt überzeugt bin: man bringt ein ſolches Opfer nur einer Frau, von welcher man geliebt wird.“ . Der Oberſt. — „Unſinniger Menſch, ich habe doch mein Soldatenwort darauf gegeben, uß Albert. — „Kein Wort mehr, mein Herr; ich trete Ihnen den Platz ab .. (ſich an ſeine Brant wendend, die krampfhaft ſchluchzt und ihre Stirne mn Sylvias Schulter gelehnt hält): „Leben Sie wohl, Antonine, und für immer leben Sie wohl! Sie fügen mir großes Herzeleid zu . ich verzeihe es Ihnen; ſeien Sie glücklich! . .. Was mich be⸗ trifft. . ſo iſt Alles aus . Und heute Abend Albert vollendet nicht, ſondern ſtürzt auf die Thüre zu und wendet ſich noch einmal gegen das Mädchen um: . „Leben Sie wohl, Antonine . ſeien Sie glück⸗ i 4 4 Er verſchwindet in dem Augenblick, wo der Oberſt auf ihn zuläuft, um ihn zurückzuhalten. V. Sylvia hat mit Hülfe des Oberſten Antonine wieder aufgerichtet und dann in halbliegender Stel⸗ lung auf einen Sopha gebracht. Das arme Mäd⸗ 3 chen ſchluchzt fortwährend mit geſchloſſenen Augen, ohne ein Wort zu ſprechen, und drückt von Zeit zu Zeit mit krampfhafter Kraft die Hand Sylvias, die neben dem Sopha ſteht, gegen welchen der Oberſt ſich herabneigt. Er betrachtet Antonine mit einem Ausdruck unausſprechlicher Angſt und Zärtlichkeit, und ſeine Thränen, die jetzt fließen, verlieren ſich in ſeinem dicken, grauen Schnurrbart. Das fortwährende Schweigen ihrer Freundin und des Oberſten bringt Sylvia auf den Gedanken, daß ſie nach dieſer ſchrecklichen Scene allein zu bleiben wünſche; ſie beugt ſich zu der jungen. Künſtlerin hinab, küßt ſie traurig auf die Stirne und ſagt zu ihr: X 4⁵ „Auf baldiges Wiederſehen, liebe Antonine .. ich werde im Verlauf des Tages wiederkommen .. Muth, arme Schweſter, Muth! ... verzweifeln Sie nicht . . . Sie werden Albert wiederſehen . . . die Ueberlegung und ſeine Liebe werden ihn zu Ihnen zurückführen.“ Und als Antonine mit einem ſchmerzlichen Seuf⸗ zer verneinend den Kopf ſchüttelte, fügte die junge Frau hinzu: „Seine Liebe wird ihn zurückführen, ſage ich Ihnen .. aber Sie ſollten ihm ſchreiben . . wenn Ihnen das in Ihrer gegenwärtigen Betrübniß zu ſchwer fällt, ſoll dann ich ihm ſchreiben? Er ſchien mir einiges Vertrauen zu ſchenken.. Wolfrang wird ihm meinen Brief bringen, und ich bin aus mehreren Gründen beinahe ſicher, er würde den armen Narren überzeugen, daß Sie ſich ſeiner Liebe nicht unwürdig gemacht haben.“ „Liebe liebe Sylvia,“ antwortete Antonine mit ſchwacher Stimme, indem ſie die Hand der jungen Frau küßte, „Sie ſind ein Engel des Troſtes und der Güte.“ „Ach, Madame, entſchuldigen Sie mich, daß ich Ihnen nicht ſchon früher meine innigſte Erkenntlich⸗ keit für die Theilnahme ausgedrückt habe, welche Sie dem Fräulein ſchenken,“ ſagte jetzt der Oberſt Germain in gerührtem Tone zu Sylvia; „aber in⸗ mitten des Wirrwars, den all dieſe peinlichen Vor⸗ fälle verurſachten, habe ich Sie noch nicht anreden können; ich weiß noch nicht, Madame, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen.“ „Mit Antonines beſter Freundin, Herr Oberſt, 3 obſchon unſere Freundſchaft erſt von geſtern datirt; aber was ſagen Sie von meiner Nee an dieſen Unglücklichen zu ſchreiben und ihm meinen Brief durch meinen Mann zuſtellen zu laſſen, der ihn, ich wiederhole es, von der Wahrheit zu überzeugen wiſſen wird.“ „Dieſe Idee iſt vortrefflich, Madame, und ſollte ſogleich ausgeführt werden.“ „Liebe Antonine,“ fragte Sylvia, „wo wohnt Albert?“ „Ach, ich weiß nicht, in welchem Hotel er abge⸗ ſtiegen iſt, und Sie wiſſen ja, ich habe nicht Zeit gehabt ihn darum zu fragen.“ „Ach, das iſt ſehr ſchlimm,“ verſetzte Sylvia; „aber wo wohnt er denn gewöhnlich 2. „In einem möblirten Haus der Rue Montmartre, im Hotel des Etrangers.“ „Vermuthlich wird er auch dießmal da wohnen; ich will ſogleich hinſchicken und mich erkundigen laſ⸗ ſen,“ ſagte Sylvia; „aber was thun, wenn unſere Hoffnung ſich als irrig erweist?“ „Albert,“ antwortete der Oberſt, „hat bei ſeiner Ankunft ſeine Marſchroute auf dem Hauptquartier * viſiren laſſen müſſen, ich will ſogleich hingehen und dort fragen.“ „In dieſem Fall, liebe Antonine, will ich augen⸗ blicklich einen Brief ſchreiben . . es iſt jetzt beinahe gewiß, daß wir auf die eine oder andere Art Al⸗ berts Adreſſe erfahren werden .. und dann ... rechnen Sie auf die Wirkung meines Briefes und beſonders auf die überzeugende Beredtſamkeit Wolf⸗ rangs alſo auf baldiges Wiederſehen; ich werde 47 wieder kommen und Ihnen das Ergebniß meiner Nachfragen mittheilen. Nur Muth, liebe Freundin!“ „So ſehr der Schein gegen mich zeugte, ſo hal⸗ ten doch Sie wenigſtens mich für unſchuldig, nicht wahr?“ „Würde ich ſonſt an Albert ſchreiben?“ antwor⸗ tete Sylvia, indem ſie Antonine die Hand drückte. Dann wendet ſie ſich gegen den Oberſten, der ſich ehrerbietig vor ihr verbeugt. „Leben Sie wohl, mein Herr, ich laſſe Sie bei unſerer armen Freundin .. wachen Sie über ſie und glauben Sie, daß Antonine bei mir ſtets die ergebenſte Schweſterliebe finden wird.“ RKaum hat Sylvia die Thüre hinter ſich zuge⸗ macht, ſo wirft ſich Oberſt Germain vor dem Sopha nieder, auf welchem Antonine halbliegend ruht, und murmelt mit einer von Thränen erſtickter Stimme: „Mein Kind, mein armes Kind!“ „Ach lieber Vater, ich bin ſehr unglücklich! Ich werde Albert nie wieder ſehen!. . aber ich werde meine Pflicht erfüllt, ich werde das Andenken meiner Mutter nicht entehrt, ich werde den Schwur gehalten haben, den ſie mir in ihrer Todesſtunde abforderte; denn als ſie mir den einzigen Fehltritt ihres Lebens, einen ſo viel beweinten und ſo würdevoll geſühnten Fehltritt offenbarte, als ſie mir das Geheimniß mei⸗ ner Geburt mittheilte, da ſagte ſie zu mir: Schwöre mir dieſes traurige Geheimniß Niemand anzuver⸗ trauen, nicht einmal deinem Bräutigam Aibert. Ich habe geſchworen . ich habe mein Wort gehalten das Opfer iſt vollbracht.“ Während die erzählten Ereigniſſe ſich in den verſchiedenen Stockwerken des Hauſes des lie⸗ ben Herrgotts zutrugen, hatte die Stunde ge⸗ ſchlagen, auf welche Francine Lambert Herrn von Luxeuil eine Unterredung bewilligt hatte. Als der Buchhändler nach dem Schloß von Stains abgefahren war, wo ihn die Auction einer großen Anzahl koſtbarer Bücher bis in die Nacht zurückhalten ſollte, war die junge Frau, ſchmerzlich aufgeregt durch einen mächtigen Kampf zwiſchen ihrer ſtrafbaren Liebe und ihren Pflichten, zwiſchen ihrer Dankbarkeit für die großmüthige Güte ihres Mannes und der fatalen Anziehungskraft, die der Stutzer auf ſie ausübte, lange Zeit unentſchloſſen geblieben. Bald dachte ſie, die verlängerte Abweſenheit ihres Mannes und der von ihr ausgeſonnene Vorwand, nach den Büchern auf dem Speicher ſehen zu wollen, biete ihr eine vielleicht einzige Gelegenheit zu dem Stelldichein, das ſie Herrn von Luzeuil auf ſein beharrliches Drängen verſprochen hatte. Bald bebte ſie vor dieſem Entſchluß zurück, denn ſie fühlte, daß dieſer erſte Schritt ſie zu ihrem Ver⸗ derben, zur Unehre, zu einem elenden Leben und vielleicht zu noch Schlimmerem führen könnte. Bei dieſem Gedanken zitterte Francine vor Ent⸗ ſetzen, denn trotz ihres beſchränkten Verſtandes, trotz der Schwachheit ihres ſittlichen Gefühls blieb ihr doch ein Grundſtock von Zartgefühl und Ehrbarkeit. Wenn ihr daher dieſe furchtbare Eventualität vor 49 die Seele trat, und dieß geſchah oft: „wenn mein Mann mich fortjagt, von was ſoll ich leben?“ ſo fiel es ihr nicht ein einziges Mal ein zu ſich zu ſagen: „Herr von Luxeuil iſt reich, er iſt die erſte Urſache meines Verderbens, ich werde mich an ihn wenden.“ RNein, dieſer erbärmlichen und thörichten Liebe opferte ſich Madame Lambert blindlings, ohne Hintergedanken, ohne Berechnung, mit jener ſtraf⸗ baren, aber von blinder Ergebenheit erzeugten Selbſtverleugnung, welcher in der Regel nur die Frau allein fähig iſt. Dieſe Behauptung iſt nicht übertrieben. Was riskirt z. B. Herr von Luxeuil im ſchlimm⸗ ſten Fall? Es iſt dreierlei möglich: Herr von Luxeuil kann Herrn Lambert im Duell tödten, aber auch von ihm getödtet, oder er kann von ihm verklagt und zum Gefängniß verurtheilt werden. Dieſe Folgen ſind allerdings von Bedeutung, aber ihre ganze materielle, in den Augen der Welt zu wenig entehrende Wirkung iſt überdieß unbe⸗ rechenbaren Zufälligkeiten unterworfen. Aber welcher Art mußte das keineswegs unbe⸗ rechenbare, ſondern gewiſſe Schickſal von Madame Lambert werden? Franeine würde ſich unfehlbar für immer dem Schmerz, der Reue, dem Elend oder einer Schmach, die noch ſchlimmer war als Elend, geweiht haben. Und dieſes Beiſpiel läßt ſich auf alle Verbin⸗ dungen ſolcher Art anwenden. Von Seiten des Mannes iſt das Riſiko ein rein materielles. Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 4 5⁰ ten der Frau iſt das Opfer unermeßlich, unſinnig. Ach wenn die Männer verhältnißmäßig dieſelben Gefahren liefen wie ihre Opfer; wenn ihre ganze Exiſtenz zertrümmert, geſchändet, entehrt, wenn ihre Zukunft zu Grunde gerichtet werden könnte, wie viele Verführer würden vor ſolchen Möglichkei⸗ ten zurückbeben! Die Moral würde dabei viel ge⸗ winnen. Francine Lambert kämpfte alſo nach beſten Kräf⸗ ten gegen ihre unſelige Neigung an. Der Commis Bachelard, der ſcheinbar mit der Ordnung der Bücher beſchäftigt war, beſpähte heim⸗ tückiſch ſeine Prinzipalin. Einige Minuten vor zwei Uhr bemerkt er, wie Herr von Luxeuil langſam am Laden vorüber fährt und unter leiſem Huſten einen tiefen Blick hineinwirft. Franecine fährt zuſammen, erhebt ihren Kopf, ihre Blicke begegnen denen des jungen Stutzers . ſie wird purpurroth; er geht vorüber und ſchlägt die Richtung nach dem Hofthor des Hauſes ein. „Sie haben einen Blick des Einverſtändniſſes ausgetauſcht! ſie verſtehen einander .ich dacht' es mir wohl . . . der Zierbengel geht nach Hauſe. Nur Achtung .ich wette, daß es etwas Neues gibt,“ ſagt Bachelard zu ſich. „Ah meine liebenswürdige Prinzipalin, um in den Speicher hinaufgehen und mit ihm koſen zu können, haſt du mich beſchuldigt, ich laſſe die Bücher von den Ratten freſſen! Schon gut, ſchon gut! Du ſollſt mir das bezahlen „ Deine Rechnung iſt fertig .. mit Deinem friſchen Häubchen, Deinem apfelgrünen Kleid und Deinen neuen Stiefelchen.“ 51 Während dieſer Betrachtungen des unaufhörlich lauernden Commis ſitzt Madame Lambert bleich und mit wallendem Buſen da; ihr Auge haftet ſtarr auf dem Speicherſchlüſſel, der vor ihr hängt, ſie fühlt, daß der entſcheidende Augenblick gekommen iſt. In dieſem Augenblicke tritt der Kammerdiener des Herrn von Luxeuil in den Laden und fragt ſie: „Madame, haben Sie die Werke von Walter Scott, wenn ich bitten darf?“ „Nein, mein Herr,“ antwortet Francine, indem ſie ihrem Ton Feſtigkeit zu geben verſucht, denn Herr von Luxeuil hatte ihr geſagt, daß er ſeinen Bedienten entfernen würde. „Entſchuldigen Sie, Madame,“ ſagt der Bediente, indem er ſich entfernt, während Bachelard, der von der Schwelle aus ihm nachblickt und ihn über die Thüre des Hauſes hinausgehen ſieht, zu ſich ſagt: Gut! Sollte die Frau Prinzipalin ſich im zwei⸗ ten Stock aufhalten, ſtatt auf den Speicher zu gehen? Das wäre wirklich allerliebſt! Unglücklicher Prinzi⸗ pal, Du dauerſt mich! Aber Du ſoliſt gerächt werden! und ich auch! denn bas ganze Haus ſoll erfahren, daß die Frau Prinzipalin ihre neuen Stiefelchen nur angezogen hat, um zu dieſem Zierbengel hinauf⸗ zutrippeln.“ „Bachelard,“ ſagt auf einmal Franeine, indem ſie ſich vom Comptoirtiſch erhebt und mit zitternder Hand den Speicherſchlüſſel ergreift, „hüten Sie ben Laden ich gehe hinauf, um die Bücherkiſten zu unterſuchen.“ Madame Lambert begibt ſich nach dem hintern Theil des Ladens, von wo eine beſondere Treppe nach dem 4 52 Entreſols führt, den ſie mit ihrem Manne von da kann man in die oberen Stockwerke hinauf kommen. „Ja wohl, ja,“ ruft Bachelard, als er allein geblieben iſt, „ſo, ich laſſe die Ratten die Bücher freſſen! Ei Du täuſcheſt Dich verdammt, liebes Kind, wenn Du glaubſt, ich werde dableiben und Maul⸗ affen feil haben.“ 3 So ſprechend zieht Bachelard zweimal an der Klingel, welche vom Laden in die Wohnung des Entreſols geht. „Ich will mir den Genuß verſchaffen Dich ſogleich 6 von Deinem Galan herauskommen zu ſehen, meine liebe Prinzipalin,“ ſagt Bachelard; „ich werde Dich mit meinem Blick zermalmen und Du wirſt die Sache nicht leugnen können, wenn ich ſie meinem unglück⸗ lichen Prinzipal erzähle.“ Juliette, die Magd, welche glaubt, daß ihre Ge⸗ bieterin ihr geläutet habe, kommt vom Entreſol herab, tritt durch die Hinterthüre in den Laden und ſagt: „Sie haben geläutet, Madame?“ Aber als ſie den Commis allein ſieht, fährt ſie fort: „Ei ſieh da, Madame iſt nicht da? Wer hat denn geläutet?“ „Ich, Juliette.“ „Wie . Sie läuten mir.. und warum denn 2 „Um Sie zu erſuchen, meine Liebe, daß Sie den Laden hüten,“ antwortete Bachelard, indem er nach der hintern Bude geht, „ich habe droben zu thun.“ — 53 „Was? ich ſoll den Laden hüten? Sind Sie ein Narr? Ich habe mein Mittageſſen am Feuer ſtehen.“ „Ihr Mittageſſen mag ſchmoren, mein Kind, be⸗ ruhigen Sie ſich und laſſen Sie ſich's nicht verdrie⸗ ßen hier auf mich zu warten,“ antwortet Bachelard und entfernt ſich nach hinten. „Bachelard, Bachelard! verfluchter Burſch, ich kann doch den Laden nicht allein ſtehen laſſen.“ Bald ſieht ſie ein Cabriolet, das vor der Thüre hält, und ſagt voll Ueberraſchung: „Ei ſieh da, der Herr kommt ſchon zurück, und wir hatten ihn erſt auf den Abend erwartet.“ VII. Bachelard findet, daß Juliette in der Eingangs⸗ thüre zur Wohnung des Entreſol den Schlüſſel k ſtecken gelaſſen hat. Er tritt ins Vorzimmer und ſtellt ſich auf die Lauer, indem er die Thüre ange⸗ lehnt hält. Der Umfang und die Einrichtung des Treppenhauſes geſtatten ihm von ſeinem Platz aus im zweiten Stock die Thüre zu Herrn von Luxeuils Wohnung zu bemerken. „Bleiben wir hier als Beobachter,“ ſagt Bache⸗ lard zu ſich, „und ſobald ich die Prinzipalin von ihrem Galan herauskommen ſehe, um heimlich wieder hinabzugehen, will ich ſchnell hinaufgehen, um mich auf der Treppe mit ihr zu kreuzen. Ich werde ſie dann mit meinen Blicken durchbohren und ganz Pliſtig zu ihr ſagen: Ei, ſieh da, Madame, ſieh da, ie kommen von dieſem ſchönen jungen Mann 54 heraus? Und ich hatte geglaubt, Sie wären mit Ihrem apfelgrünen Kleid und Ihren Stiefelchen auf den Speicher hinaufgegangen, blos um nach den Büchern zu ſehen, welche ich von den Ratten freſſen laſſe! Dann werde ich meine Blicke noch tiefer in ſie einbohren und . Aber auf einmal unterbricht ſich der Commis in größter Ueberraſchung und ruft: „Großer Gott! Der Prinzipal! Welches Glück Und er bemerkt durch die halboffene Thüre hin⸗ durch Herrn Lambert, der, ohne ſich im Entreſol aufzuhalten, die Treppe nach den obern Stockwerken hinaufgeht, in der Erwartung ſeine Frau mit der Unterſuchung der Bücher auf dem Speicher beſchäf⸗ tigt zu finden. „Der Prinzipal!“ wiederholt Bachelard, indem er ihm verblüfft nachſchaut; „er wird jezt den Ro⸗ ſentopf entdecken. Herrlich, herrlich! das wird die Sache in den Gang bringen. Wahrſcheinlich hat der unglückliche Mann, als er ſein Weibchen nicht im Laden fand, Juliette, die ich drunten auf dem Poſten gelaſſen habe, nach Madame gefragt . . . Juliette wird geantwortet haben, ſie wiſſe nichts von ihr, und jezt geht er in der Meinung, das ver⸗ dammte Weib ſei auf dem Speicher, hinauf; dort findet er ſie nicht, dann meint er natürlich, ſie ſei hier, und kommt herab. Nun aber werde ich mit Schonung zu meinem unglücklichen Prinzipal ſpre⸗ chen, damit der Schlag ihn nicht allzu hart trifft, und zu ihm ſagen: „Sie wiſſen es nicht, Herr? iſt bei dem Zierbengel im zweiten tock.“ 55 Und Bachelard fährt alſo in ſeinem Selbſtge⸗ ſpräch fort: „Welcher Skandal im Hauſe des lieben Herrgotts! Geſtern wird ein ehemaliger Galee⸗ renſklave unter dem Fell dieſes alten Bären von Dubousquet entdeckt; Nummero Eins! Dann kommt dieſer Militär, der Bräutigam der Sängerin, und will ſie erdolchen, weil ſie einen alten Kert zum Wohlthäter hat; Nummero Zwei! Heute endlich niſtet ſich Madame Lambert bei dem Zierbengel ein und wird von ihrem Manne überraſcht werden! Nummero drei! Welcher prächtige Stoff für mich, um meine Zunge ſpazieren laufen zu laſſen!“ Während der Commis ſich dieſen Betrachtungen hingibt, kommt Herr Lambert langſam die Treppe von den oberen Stockwerken herab; er iſt ſehr blaß und bleibt von Zeit zu Zeit ſtehen, um ſich den kalten Schweiß aus dem Geſicht zu wiſchen. Auf dem Abſatz des zweiten Stockes von der Thüre zur Wohnung des Herrn Luxeuil angelangt, macht er von neuem Halt. „Ach mein Gott! der Prinzipal hat Alles erra⸗ then er iſt todesblaß . . er wird jetzt zu dem Zierbengel hineingehen,“ ſagt Bachelard, der fort⸗ während auf der Lauer liegt. „Das Blut gerinnt mir in den Adern . . es iſt doch curios .. ich hätte nie geglaubt, daß mir das einen ſolchen Ein⸗ druck machen würde aber nein,“ fährt der Com⸗ mis fort, der Herrn Lambert nicht aus dem Auge läßt, „aber nein, er geht nicht zu dem Zierbengel er ahnt alſo nicht, daß die Frau Prinzipalin da iſt. Warum iſt er dann ſo blaß, der unglückliche 3 Mann? Ohne Zweifel aus Ueberraſchung, weil er ſeine Frau nicht auf dem Speicher gefunden hat Wenn es ſo iſt, ſo hat er blos Zweifel . .. aber da kommt er ja. . . Bachelard thut jezt, wie wenn er gerade aus der Wohnung herauskäme, geräth auf dem Abſatz des Entreſol mit Herrn Lambert zuſammen und ſagt zu ihm: „Sie gehen in die Wohnung?“ Dann tritt er auf die Seite, um ſeinen Prinzi⸗ pal, der ihm keine Antwort gibt, vorüberzulaſſen, und fährt mit geheuchelter Verwunderung fort: „Ach Herr, wie blaß Sie ausſehen! Sind Sie unwohl geworden?“ „Ja ich bin unterwegs von einer ſolchen Unpäßlichkeit überfallen worden, daß ich mich genö⸗ thigt ſah umzukehren,“ antwortet Herr Lambert auf den Salon zuſchreitend, der mit dem Schlafzimmer ſeiner Frau in Verbindung ſteht, während Bache⸗ lard ihm folgt und zu ihm ſagt: 4 „Sie glaubten Madame auf dem Speicher zu treffen? Sie iſt allerdings vor zehn Minuten hinauf⸗ gegangen, aber wahrſcheinlich iſt ſie müde geworden und ruht ein wenig aus bei Herrn von Luxeuil, unſerm Nachbar auf dem zweiten Stock.“ Im Augenblick, wo Bachelard dieſe Lügen ſagt, denn wenn er auch alle Urſache hat zu glauben, daß Francine bei Herrn von Luxeuil ſei, ſo hat er doch das Factum nicht geſehen, kann er das Geſicht —nicht bemerken, womit ſein Prinzipal dieſe vernich⸗ tende Mittheilung aufnimmt. Er ſcheint ſogar ſeinen Commis nicht gehört zu haben und geht vor ihm 57 her nach dem Salon, der ſich vor dem Schlafzimmer befindet. In dieſes tritt er und macht augenblicklich die Thüre hinter ſich zu. Man denke ſich die Verblüfftheit Bachelards, als er jetzt Herrn Lambert in lebhafter Ueberraſchung rufen hört: „Ei wie . meine Liebe . Du biſt hier! . .. und Juliette verſicherte mich doch, Du ſeieſt nicht da, ſondern ſeieſt ohne Zweifel in den Speicher hinaufgegangen . . . ich habe Dich dort geſücht . . . Wahrhaftig, das iſt unerträglich!“ fügt Herr Lam⸗ bert mit geſteigerter Stimme hinzu. „Ich komme ſehr unpäßlich nach Hauſe zurück ich bedarf Deiner Pflege. .. und da muß ich in meinem lei⸗ denden Zuſtand vier Treppen hinauf und hinab⸗ gehen.“ . Und in Folge einer Antwort, welche der immer verblüffter werdende Commis nicht hören kann, fügt der Buchhändler in ungeduldigem und gereiztem Tone hinzu: „Du erwarteteſt mich nicht ſo bald .. ſagſt Du? Was geht das mich an! . . . Es bleibt den⸗ noch wahr, daß ich nach Hauſe komme, weil ich Deiner bedarf, und daß ich, ich wiederhole es, vier Stockwerke hinauf und hinabgehen muß, ehe ich Dich finden kann; das iſt ſehr unangenehm.“ ———— VIII. Bachelard war gänzlich verdutzt und wollte ber⸗ ſten vor Aerger über das Mißlingen ſeines Rache⸗ 58 plans, hielt jedoch beſtändig ſein Ohr gegen das Schlafzimmer hin, wo er Herrn Lambert in ſo rauhem Ton mit ſeiner Frau ſprechen hörte. „Ich Dummkopf!“ ſägte der Commis zu ſich; „ich habe mich getäuſcht; die Prinzipalin iſt nicht zu dem Zierbengel hinaufgegangen, ſondern hat ſich hierher begeben, während ich im Laden blieb und wartete, bis Juliette herabkam. Ich bin betrogen! und ich hatte ſo ſicher auf meine Rache gerechnet.“ „Ich muß geſtehen,“ fuhr der Buchhändler in gereizterem Tone fort, „ich würde mich über die Mühe in meinem leidenden Zuſtand die vier Stock⸗ werke hinaufzuſteigen weniger beklagt haben, wenn ich Dich wenigſtens auf dem Speicher getroffen hätte, wo Du nach den Büchern zu ſehen verſprachſt .. . Aber nein, da ſteheſt Du und putzeſt Dich heraus, wie wenn Du auf der Welt nichts Anderes zu thun hätteſt, als die Zeit mit Deiner Toilette zu verlieren.“ „Es iſt ſchon ſo! die Spitbübin war auf ihr Zimmer gegangen, um ſich recht ſchön zu machen, bevor ſie zu dem Zierbengel ging,“ ſagte Bachelard zu ſich. „Mein Dummkopf von einem Prinzipal iſt eine Viertelſtunde zu früh zurückgekommen, doch er zankt ſie wenigſtens aus, und das iſt immer etwas gewonnen! .. . Aber wie wird er erſt mir den Koöpf waſchen, weil ich zu ihm geſagt habe, ſeine Frau ſei zu dem Zierbengel hineingegangen! Welches Glück, wenn er mich nicht gehört hat, wie es auch wirklich der Fall zu ſein ſchien! .. Denn er hat nicht einmal den Kopf nach mir umgedreht, als ich ihm die Sache mittheilte, und ich hätte erwartet, daß er in die größte Wuth ausbräche. Er iſt manch⸗ mal zerſtreut und vielleicht hat er meine furchtbaren Worte gar nicht beachtet; um ſo beſſer, denn er wäre im Stande mich aus dem Hauſe zu jagen.“ „Ei, ſo ſprich doch lauter; Dein Weinen iſt keine Antwort,“ fuhr Herr Lambert im Schlaf⸗ zimmer fort; „ich verſtehe kein Wort von dem was Du ſagſt „Du biſt beſorgt um meine Geſund⸗ heit? das iſt in Wahrheit ein großes Glück für mich.“ Und einen Augenblick nachher fügt er hinzu: „Man muß in der That zum Arzt ſchicken, denn ich habe ein heftiges Fieber.“ Nach einer neuen Pauſe ſagt Herr Lambert, indem er ſich der Thüre nähert, hinter welcher der Commis fortwährend lauſcht: „Nun meinetwegen, weine immerhin, wenn es Dir ſo gefällt. Aber es wäre mir weit lieber, wenn Du mir eine Tiſane machteſt; ich will in den Laden hinabgehen und Bachelard augenblicklich nach dem Arzte ſchicken.“ In dieſem Augenblick öffnet er raſch die Thüre, und der Commis, der auf der Lauer ertappt zu werden fürchtet, hat nur noch Zeit zurückzuſpringen und ſich an eines der Fenſter des Salons zu ſtellen, indem er ſich den Anſchein gibt, als ob er auf die Straße hinabſchaue. „Barmherziger Gott! der Elende lauſchte .. ich war deſſen beinahe ſicher,“ ſagt Herr Lambert zu ſich, und indem er das Schlafzimmer zumacht, ſtellt er ſich ganz erſtaunt Bachelard im Salon zu finden, und ruft in zornigem Ton: ie, Sie waren da?“ „Ja, Herr Lambert, ich. „Was thun Sie hier? warum ſind Sie nicht im Laden?“ „Weil „Weil Sie ſchon wieder an den Thüren horchten, Sie nichtsnutziger Schlingel!“ „Nein, Herr Lambert, ich . . . „Still jetzt! Gehen Sie ſogleich zu dem Doctor Simon, er möge augenblicklich zu mir kommen. Wenn er nicht daheim iſt, ſo warten Sie auf ihn.“ „Ich gehe.“ „Aber lungern Sie mir nicht auf der Straße herum, wie ſonſt Ihr Brauch iſt.“ „Ei, Herr Lambert . .. „Gehen Sie augenblicklich und tummeln Sie ſich; ich werde zum Fenſter hinausſehen, wie ſchnell Sie gehen.“ „Ich bin gerettet! Er hat meine Aeußerung über ſeine Frau überhört,“ ſagte Bachelard im Weggehen zu ſich, während der Buchhändler das Fenſter öffnet und ſich mit dem Ellbogen auf die Bruſtlehne ſtemmt, ommis, der ſich von ſeinem Prin⸗ worauf er den C zipal überwacht wußte, wirklich mit großen Schritten weggehen ſieht. Herr Lambert ſieht ihm lange nach, dann ſchließt er das Fenſter wieder und ſagt: „Endlich iſt er doch aus dem Hauſe; er braucht wenigſtens eine Stunde zum Hin⸗ und Hergehen.“ Er wird immer bläſſer und ſcheint einen furcht⸗ . baren innern Kampf zu kämpfen⸗ „Jetzt, ſagt er, „will ich zu der Unglücklichen 61 denn ich kann nicht mehr daran zweifeln, iſt Er vollendet nicht; ſein Geſicht zieht ſich ſchreck⸗ lich zuſammen; er verläßt ſeine Wohnung und geht mit krampfhafter Haſt die Treppe hinauf; dann bleibt er vor Herrn von Luxeuils Thüre ſtehen und klingelt heftig und an Einem fort. Nach einigen Augenblicken öffnet Herr von Luxeuil ſeine Thüre ein wenig. Beim unerwarteten Anblick des Herrn Lambert verliert der junge Stutzer trotz ſeiner Frechheit und vieljähriger Erfahrung 3. Kopf und bleibt unbeweglich mit offenem Munde ehen. IX. Herr Lambert benützt die augenblickliche Ver⸗ blüfftheit des Herrn von Luxeuil, ſtößt ihn derb zurück, ſchreitet raſch durch das Vorzimmer in den Speiſeſaal und hält ſich erſt im Salon auf, wo Franeine entſetzt daſteht und ihr in Thränen ge⸗ badetes Geſicht trocknet. Beim Anblick ihres Mannes ſtößt ſie einen Angſt⸗ ſchrei aus und ſinkt wie vernichtet zuſammen, ohne ein Wort hervorbringen, ohne eine Bewegung machen zu können. Herr von Luxeuil eilt, ſobald er ſich von ſeiner Beſtürzung erholt hat, in den Salon und ſagt im Tone unwiderſtehlicher Aufrichtigkeit, denn dießmal log er nicht, zu dem Buchhändler: „Mein Herr, ich ſchwöre Ihnen auf Ehre . 62 ſo erdrückend auch für Madame ihre Anweſenheit bei mir ſein mag, ſo können Sie ihr doch nichts Anderes als eine Unklugheit vorwerfen, welche her⸗ vorgerufen zu haben ich innigſt beklage. Ich flehe Sie an, verzeihen Sie mir und Madame; denn ich wiederhole Ihnen und auf Ehre, ſie hat keinen andern Fehler begangen, als daß ſie hiehergekom⸗ men iſt.“ „Kein Wort mehr, mein Herr,“ antwortet Herr Lambert. „Sie ſagen blos, was Sie unter ſolchen Umſtänden ſagen müſſen.“ „Nein, ich verſichere Sie, noch einmal ... „Genug, Herr von Luxeuil, genug!“ Nach dieſen Worten wendet ſich der Buchhändler an ſeine Frau und ſagt in eiſigem Tone zu ihr: „Wollen Sie ſich gefälligſt ſetzen, Madame, damit wir alle drei miteinander ſprechen können.“ Francine ſetzt ſich mechaniſch und iſt vom Blick ihres Mannes wie verzaubert. Sie hat vor Angſt alles Bewußtſein verloren, und wenn ſie auch noch ſieht und hört, ſo iſt es ihr doch, als wohne ſie einer Scene hei, die ihr fremd ſei. „Mein Herr,“ verſetzt Herr Lambert, indem er ſich ebenfalls ſetzt, nach einer kurzen Pauſe, „Sie haben Madame zu Grunde gerichtet . ..“ „Ich ſchwöre Ihnen von neuem auf Ehre, Sie haben Madame nichts Anderes vorzuwerfen, als daß ſie die Unklugheit begangen hat mich auf mein dringendes Bitten zu beſuchen.“ „Sie können ſich wohl denken, mein Herr, daß ich mich mit ſolchen Gründen nicht abſpeiſen laſſe. Ich finde meine Frau eingeſchloſſen und allein bei 63 Ihnen; meine Ueberzeugung iſt fertig. Folglich, nejn Herr, haben Sie Madame zu Grunde ge⸗ richtet.“ „Ich beſchwöre Sie, Madame, faſſen Sie ſich,“ ſagt der junge Stutzer lebhaft. „Ein Wort, ein einziges Wort von Ihnen wird Herrn Lambert von ſeinem Irrthum überzeugen.“ Dann nähert er ſich Francine, die wie vernichtet, ſtumpiſinnig vor Angſt daſitzt, und ſagt zu ihr: „Madame ich bitte Sie um Alles .. hören Sie mich denn nicht?“ „Doch ich höre Sie .. ich ſehe Sie . . .“ antwortet die junge Frau in einem beinahe lethar⸗ giſchen Zuſtand, „aber ich ... weiß nicht ich weiß nicht . . . Herr Lambert bleibt unbeweglich ſitzen und ſagt zu Herrn von Luxeuil: „Das Ableugnungsſyſtem von Madame hat in meinen Augen durchaus keinen Werth, mein Herrz wollen Sie es ihr erſparen. Ich komme nur, um Sie zu fragen, was Sie mit Madame zu machen gedenken.“ „Was? wie?“ ſtammelt Herr von Luxeuil ganz verdutzt. „Ich frage Sie, was Sie mit Madame zu machen gedenken?“ „Ei, mein Herr. ich . ich begreife. . ganz und gar nicht.. was Sie . ſagen wollen .. „Und doch iſt die Sache höchſt einfach,“ ant⸗ wortet Herr Lambert, ohne ſeine eiſige Ruhe zu verlieren. „Meine Frau wird meine Wohnung nie 64 mehr betreten .. mein Haus bleibt einer ſchuldbe⸗ ladenen Gattin für immer verſchloſſen.“ S einmal, mein Herr, ich ſchwöre Ihnen, „Aber trotz des unentſchuldbaren Benehmens von Madame und trotz meines feſten Entſchluſſes ſie nie wieder zu ſehen,“ fährt Herr Lambert, ohne ſich an die Worte des Andern zu kehren, fort, „flößt Madame mir noch einiges Mitleid ein. Sie zählt kaum fünfundzwanzig Jahre; ſie beſitzt keinen Sou im Vermögen, denn ich habe ſie ohne Mitgift ge⸗ heirathet; und Sie begreifen, mein Herr, vaß Ma⸗ dame nach ſolchen Vorgängen von mir keinen Obol zu erwarten hat. Nun iſt ſie ſo ziemlich unfähig ihren Unterhalt zu verdienen, und daher kommt es, mein Herr, daß ein letztes Gefühl des Mitleids mich an ihre Zukunft denken läßt. .. Ich frage Sie alſo, auf welche Art Sie das Schickſal von Madame zu ſichern gedenken . . Sie, mein Herr, der ſie zu Grunde gerichtet hat.“ Herr von Luxeuil war, wie wir bereits geſagt haben, ein ſchmutziger Geizhals und ein Egoiſt wie faſt alle Wüſtlinge. Es war ihm nie eingefallen, daß ſeine Laune für die Buchhändlerin für ſeine Börſe und ſeine Zukunft ſo bedeutungsſchwere Fol⸗ gen haben könnte, wie Herr Lambert jetzt mit un⸗ zerſtörbarer Ruhe ankündete. Dieſe junge Frau zu verführen, ſodann ohne den mindeſten Kummer um ſein Opfer zu andern Eroberungen zu fliegen, das war der einzige Zweck, welchen der Geck ſich vorgeſetzt hatte. 65 Aber dieſer Galanterie eine ernſte Seite abzu⸗ gewinnen! Aber ſich dieſes Gänschen für immer aufzu⸗ halſen! Aber — und dieſe Betrachtung beſonders be⸗ trübte den Beſieger ſo vieler reichen und ſchönen Damen — aber im Intereſſe dieſer Buchhändlers⸗ frau ſein eigenes Vermögen zu ſchmälern, das er mit ſolcher Ordnung und Klugheit verwaltete, denn dieſer Herr war ein Wunder von Ordnungsliebe und zeigte ſich als ein ſehr guter Haushälter. Aber ſeinen Pferdeſtund um einen Kopf ver⸗ mindern, blos um einer Madame Lambert ihre Exiſtenz zu ſichern! Ei, warum nicht gar! Solche Albernheiten er⸗ regten dem gemeinen Wüſtling einen Schauder, und er ſagte zu ſich: „Nun wohl, Herr Lambert iſt doch ein guter Kerl, er fragt mich da mit einem prächtigen Aplomb, was ich mit ſeiner Frau zu thun gedenke, und er hofft ohne Zweifel ſie mir beizulegen, um ſie los zu werden! Dank für das ſchöne Geſchenk.“ Kurz, ſelbſt wenn Madame Lambert ſich etwas Anderes vorzuwerfen gehabt hätte, als die ſtraf⸗ bare Unvorſichtigkeit ihres Beſuches bei ihm, was jedoch nicht der Fall war, ſo würde es Herrn von Luxeuil nie eingefallen ſein für die Zukunft ſeiner Maitreſſe zu ſorgen; um ſo mehr empörte er ſich alſo bei dem Gedanken, daß er ſich Francine, die nicht ſeine Maitreſſe war, aufhalſen ſolle, und dieſes in ſeinen Augen unwiderſtehliche Argument wollte er jett gegen Herrn Lambert geltend machen. Sue, Geheimniſſe d. Kopftiſſens 1II. 5 66 Drſchon Herr Lambert von dem abſcheulichen Egoismus und dem ſchmutzigen Geiz des Gecken nichts wußte, ſo errieth er doch ohne Mühe, daß er ein vollendeter Hallunke war, als er die peinliche Verlegenheit erblickte, worein ihn ſeine beſtimmte Frage verſetzte. „Was gedenken Sie zu thun, um das Schickſal der Frau zu ſichern, die Sie ins Verderben geſtürzt haben?“ Der Buchhändler bemerkte auch, daß Francine aus dem Zuſtand gänzlicher Erſchlaffung, worein ſen ihrer erſten Angſt verfallen war, zu erwachen ien. Die unglückliche Creatur zitterte krampfhaft am ganzen Leibe und verbarg jetzt ihr Geſicht in ihrem Schnupftuch, um ſich den Anblick ihres Mannes zu erſparen. Sie kam allmählig wieder zum Bewußt⸗ ſein und verlor jetzt kein Wort mehr von der Unter⸗ haltung, die Herr von Luxeuil nach einer kurzen Pauſe wieder anknüpfte mit den Worten: „Mein Herr, ich habe mich einen Augenblick ſammeln müſſen, bevor ich Ihre Frage beantworte; ich habe mein Gewiſſen und meine Ehre zu Rath ziehen müſſen.“ „Und was haben Ihnen Ihr Gewiſſen und Ihre Ehre geantwortet, mein Herr?“ „Sie haben mir Folgendes geantwortet,“ ver⸗ ſetzt Herr von Luxeuil in gerührtem Tone; „ja wenn ich mir unglücklicher Weiſe vorzuwerfen hätte, daß ich Madame ins Verderben geſtürzt habe, ſo wäre es meine Pflicht als Ehrenmann ihr für den Fall einer Verſtoßung von Ihnen Hilfe und Schutz an⸗ 67 zubieten, weil ich die Urſache ihres Verderbens wäre; aber glücklicher Weiſe iſt dieß nicht der Fall.“ „Madame,“ antwortet der Buchhändler, ſich an Francine wendend, „ſind Sie jetzt im Stand dieſem Geſpräch aufmerkſam zu folgen?“ „Ja, mein Herr,“ ſtammelt die junge Frau, „ich glaube es.“ „Sie haben die Antwort gehört, die Herr von Lureuil ſo eben gegeben hat?“ „Ich habe ſie gehört.“ „So hören Sie noch weiter, Madame,“ fügte Herr Lambert mit bitterem Lächeln hinzu, „hören Sie.“ „Ja, Madame, hören Sie,“ ſagt Herr von Lux⸗ euil, „und bezeugen Sie mir, daß ich die Wahrheit ſpreche.“ Herr von Luxeuil ſagt darauf zu Herrn Lambert ſich wendend: „Die Wahrheit, mein Herr, iſt wie folgt. Als Sie zu mir kamen, befand ſich Madame höchſtens ſeit einer Viertelſtunde da. Kaum hatte ſie dieſen Salon betreten, ſo brach ſie in Thränen aus und rief, ſie ſehe jetzt erſt ein, welch ſchreckliche Unklug⸗ heit ſie begangen habe, und ſie werde ſich ihre Pflichtvergeſſenheit nie verzeihen. Ich beſchwöre Madame zu ſagen, ob dieß nicht die Wahrheit iſt.“ „Ja,“ murmelt Francine mit ſchwacher Stimme, „das iſt allerdings die Wahrheit, mein Gott.“ „Madame bat mich dann aufs Dringendſte ſie gehen zu laſſen,“ fährt Herr von Luxeuil fort; „ich verſuchte ſie zu beſchwichtigen; ich fürchtete jeden Augenblick, ſie möchte das Bewußtſein verlieren; da haben Sie bei mir geläutet. Ich behi 68 abermals zu ſagen, ob dieß nicht die Wahrheit, die volle Wahrheit iſt.“ „Oh, ich ſchwöre es,“ ſtammelt die junge Frau. Herr Lambert, der bis jetzt geſchwiegen, verſetzt mit eiſiger Kaltblütigkeit: „Und was wollen Sie aus dieſen Verſicherungen folgern, die durch das Zeugniß von Madame be⸗ kräftigt ſind?“ „Ich folgere daraus, daß Sie ein zu billig den⸗ kender, zu edelmüthiger Mann ſind, Herr Lambert, um nicht Nachſicht gegen Madame zu üben, die ſich allerdings eines ſehr unklugen Schrittes ſchuldig gemacht, denſelben aber ſchon vor Ihrer Ankunft auf's bitterſte bereut hat, denn ſie wiederholte mehrere Male unter Thränen: Es iſt ſehr unrecht von mir, daß ich zu Ihnen gekommen bin, aber ich werde meinen Fehler wieder gut machen, indem ich den beſten und edelmüthigſten Mann nicht hinter⸗ gehe.“ Dann fügt Herr Luxeuil in höchſt ehrer⸗ bietigem Ton hinzu: „Und Madame ſprach die Wahr⸗ heit, mein Herr, indem ſie Ihre edein Eigenſchaften auf dieſe Art würdigte . . . Ich ſelbſt erkenne ſie an und ich . . . „Ei wie, Sie ſingen mein Lob, Herr von Luxeuil? Das iſt in der That ſehr rührend; aber laſſen Sie uns auf die Frage zurückkommen, wenns gefällig iſt. Nach Ihrer Erklärung hat ſich Madame nur einer ſchweren Unklugheit ſchuldig gemacht?“ „Allerdings.“ „Sehr gut, mein Herr; aber wenn ich die uner⸗ ſchütterliche Ueberzeugung habe, daß ſchon die bloße Thatſache, daß Madame aus freien Stücken zu Ihnen 69 gekommen iſt, was nun auch die Folgen dieſes Schrittes ſein mögen, Madame in meinen Augen entehrt und mich nöthigt ſie aus dem Hauſe zu ſchicken und ihr meine Wohnung für immer zu ver⸗ bieten?“ „Keine Hoffnung mehr!“ murmelt Francine unter lautem Schluchzen; „Alles iſt aus für mich!“ „Aber, mein Herr,“ ruft der Stutzer, „dieſe un⸗ barmherzige Strenge von Ihrer Seite wäre, erlau⸗ ben Sie mir Ihnen das zu ſagen, im höchſten Grad ungerecht.“ „Ah! Sie finden?“ „Ich berufe mich auf den Schmerz, auf die Reue von Madame.“ „Mein Herr, Sie werden vermuthlich zugeben, hat ich in Sachen meiner Ehre allein zu entſcheiden abe?“ „Allerdings inzwiſchen „ „Ich glaube, ich fühle mich entehrt; ich trenne mich von meiner Frau; ſie ſteht ganz mittellos da. Was ſoll aus ihr werden, wenn Sie, mein Herr, der Mann, dem ſie Ehre, Stellung, Zukunft, kurz Alles geopfert hat, ſie im Stich laſſen 2“ Herr Lambert wandte ſich jetzt gegen ſeine Frau. „Hören Sie jetzt auch noch die Antwort, Madame, die ich bekommen werde.“ „Dieſe Antwort wird einfach lauten, mein Herr,“ verſetzt Herr von Luxeuil. „Ich wiederhole Ihnen: wenn ich das Unglück gehabt hätte das Verderben von Madame zu verſchulden, fo würde ich meine Pflicht als Ehrenmann erfüllen aber „„ „Ein Wort, mein Herr . haben Sie Madame erſucht hieherzukommen?“ 70 „Sind Sie die Veranlaſſung zu dem Schritt, der Madame in meinen Augen entehrt und mich nöthigt ſie aus dem Hauſe zu ſchicken?“ „Entſchuldigen Sie, mein Herr, wir müſſen un⸗ terſcheiden,“ ruft Herr von Luxeuil im Ton eines Caſuiſten; „zum Teufel, laſſen Sie uns unterſchei⸗ den! „Ich bin allerdings factiſch die Veranlaſ⸗ ſung zu dieſem Schritte; aber rechtlich iſt es nicht meine Schuld, wenn Sie dieſem Schritt eine Wich⸗ tigkeit zuſchreiben, die er nicht verdient und wofür die Verantwortlichkeit nicht auf mich fallen kann. Unterſcheiden wir, wenns gefällig iſt, unterſcheiden „Ich unglückſeliges Geſchöpf!“ ſagt Francine zu ſich, da ſie trotz ihres beſchränkten Verſtandes die Herzloſigkeit und Niederträchtigkeit des Herrn von Lureuil erkennt; „für dieſen Mann hätte ich Alles opfern fönnen.“ „Mein Herr, Sie wären ein vortrefflicher Advo⸗ kat geworden, wie Ihre einſichtsvollen Unterſchei⸗ dungen zwiſchen Thatſache und Recht beweiſen,“ ver⸗ ſetzte der Buchhändler mit einem ſpöttiſchen Phlegma. „Ich will in Bezug auf Empfindlichkeit nicht mehr mit Ihnen rechten. Ich ſtelle Ihnen alſo die Frage ganz beſtimmt . . und ich erſuche Madame wohl Acht zu geben. Die Bande, die mich an Madame knüpfen, ſind durch ihre eigene Schuld zerriſſen und beſonders durch die Ihrige, mein Herr. Madame hat Richts mehr von mir zu erwarten. Sie iſt Waiſe, ohne Familie, ohne Vermögen; ſie verſteht kein Gewerbe, womit ſie ihren Unterhalt verdienen könnte. 71 Wenn nun Niemand Mitleid mit ihr hat, nicht ein⸗ mal Sie, mein Herr, ſo wird ſie in ſchreckliches Clend verfallen und vielleicht den furchtbaren Ein⸗ gebungen erliegen, welche die äußerſte Noth, der Hunger hören Sie, mein Herr? der Hunger einer ſchönen jungen Frau einflößen kann. Ja oder nein, wollen Sie vor ihr und vor mir die Ehrenverpflichtung übernehmen für die Zukunft einer Frau zu ſorgen, welche Sie ins Verderben geſtürzt haben?“ „Noch einmal, mein Herr, ich . . „Keine Phraſen, ja oder nein?“ „Mein Herr „ „Ja oder nein?“ „Mein Herr,“ verſetzt Herr von Luxeuil hoch⸗ fahrend, „ich laſſe mich auf eine in beinahe unver⸗ ſchämtem Ton geſtellte Frage nicht ein, und es be⸗ liebt mir nicht Ihnen zu antworten.“ Der Wüſtling, der ſich in ſeiner Schmach von Herrn Lambert in die Enge getrieben ſah, hoffte dem Geſpräch dadurch ein Ende zu machen, daß er ſich ſtellte, als ſei er in ſeiner Würde beleidigt; denn, obſchon mit Egoismus und Geiz gepanzert, fühlte er ſich ſchwer verletzt durch die Rolle, die er in Francines Augen ſpielte. Dieſe hatte die Angſt, welche die Blicke ihres Mannes ihr einjagten, überwunden, ihre Stirne wieder emporgerichtet, ihr bisher mit dem Schnupf⸗ tuch bedecktes Geſicht frei gemacht und betrachtete jetzt Herrn von Luxeuil mit einer Miſchung von Schmerz, Entrüſtung und Eckel, indem ſie bedachte, daß ſie ihre Zukunft vernichtet und den edelmüthigſten 72 Mann beſchimpft habe durch ihre unſinnige Liebe zu dieſem herzioſen Gecken, der nicht einmal ein Wort des Mitleides für ſie hatte und ſie ihrem entſetzlichen Schickſal, das er verſchuldet, überließ. „Mein Herr,“ verſetzt der Buchhändler, „ich fordere Sie zum letzten Mal auf mir mit Beſtimmt⸗ heit zu erklären, ob Sie die Ehrenverpflichtung übernehmen wollen das Schickſal von Madame ſicher zu ſtellen?“ „Zum letzten Mal antworte ich Ihnen, daß es mir nicht beliebt auf eine ſolche Aufforderung Rede zu ſtehen.“ „Herr von Luxeuil,“ ſagt der Buchhändler auf⸗ ſtehend und im Tone zermalmender Verachtung, „Sie ſind ein erbärmlicher Hundsfott!“ Und zu ſeiner Frau ſich wendendt „Nehmen Sie meinen Arm .. Madame . und laſſen Sie uns gehen.“ „Mein Herr, Sie beſchimpfen mich!“ ruft der Geck feuerroth vor Beſchämung und Wuth, daß er ſich vor Francineiſo ſchmählich behandelt ſehen mußte, „Sie werden mir dafür Rede ſtehen.“ „Schweigen Sie, Herr von Luxeuil! Sie haben kein Recht mich zu fordern, Sie haben kein Recht Ihre Stimme zu erheben. Ich habe meine Frau bei Ihnen gefunden; ich bezeichne Ihr ſchimpfliches Benehmen, wie es bezeichnet zu werden verdient. Ja, der Menſch, der eine Frau zu Grunde richtet und ſie dann niederträchtiger Weiſe einem Schickſal überläßt, deſſen Schrecklichkeit er ſich denken kann, ein ſolcher Menſch iſt ein erbärmlicher Hundsfott!“ „— — 73 Damit verläßt er den Gecken, der durch dieſe rächenden Worte niedergeſchmettert iſt, und entfernt ſich mit ſeiner Frau, deren wankende Schritte er aufrecht hält. Herr Lambert iſt ſeit einigen Augenblicken wieder in ſeiner eigenen Wohnung; er hat die äußere Thüre des Entreſols geſchloſſen, um das Geſpräch, das er jetzt mit Francine haben will, vor der zudringlichen Neugierde ſeines Commis zu ſchützen. Er iſt zu ſeiner Frau ins Schlafzimmer hineingegangen. Francine betrachtet jetzt ihre Lage in ihrer ganzen grauenvollen Wirklichkeit; ſie zweifelt nicht daran, daß ihr Mann entſchloſſen ſei ſie aus dem Hauſe zu jagen. Für ſie iſt dieſe Verſtoßung das Unbe⸗ kannte, der Zufall, die unheimliche Ausſicht auf eine Exiſtenz, die dem Elend, vielleicht der Schande ge⸗ weiht iſt. Sie denkt zuweilen an Selbſtmord, muß ſich aber geſtehen, daß ſie ſich zu ſchwach fühlt und den Tod zu ſehr fürchtet, um in dieſem äußerſten Noth⸗ behelf das Ende ihrer Qualen zu ſuchen. Was ſoll aus ihr werden? Heute noch wird ſie dieſe Wohnung verkaſſen müſſen, wo ſie im Wohl⸗ ſtand lebte, umgeben von den Aufmerkſamkeiten eines Gatten, der nach Maßgabe ſeiner Mittel ihren geringſten Wünſchen zuvorzukommen ſtrebte, und deſſen höchſter Lebenszweck ihr Glück war. Dieſer Gedanke der Erkenntlichkeit für die Güte 74 ihres Gatten war ein untergeordneter bei Franeine, deren moraliſches Gefühl nicht ſehr entwickelt war; ſie mußte zuerſt die materiellen Folgen des Unglücks, das ſie bedrohte, ins Auge faſſen; denn ſie zweifelte nicht daran, daß ihr Mann, indem er ſich von ihr trennte, ſie unbarmherzig dem furchtbaren Schickſal preisgeben würde, das ſie ſich ſelbſt bereitet; und was ſie auch von der gerechten Strenge des Herrn Lambert zu fürchten hatte, ſo war doch die Reue über ihre Undankbarkeit gegen ihn um nichts weniger aufrichtig und qualvoll. Was aber Francines Schmerz am höchſten ſtei⸗ gerte, das war die ſchauderhafte Ueberzeugung, daß ſie ihr friedſames, angenehmes Leben, ſowie die Ruhe und das Glück des beſten Mannes einem Elenden geopfert habe, der ſie unbarmherzig im Stich ließ, der ſie nicht liebte und nur das Spiel⸗ zeug einer flüchtigen Laune in ihr geſehen hatte. Die ſchmähliche Verachtung, welche ihr Mann auf ſo derbe Weiſe gegen Herrn von Luxeuil ausge⸗ ſprochen hatte, verdoppelte noch ihren Ueberdruß und ihre Abneigung gegen den Gecken und flößte ihr neue Verehrung für Herrn Lambert ein. „Madame,“ begann dieſer mit ſtrenger Stimme, worin gleichwohl das Mitleid durchdrang, „Sie ſind ſehr angegriffen . . . Unſere Beſprechung kann ſich in die Länge ziehen . . . ſind Sie im Stand mich anzuhören .. mir zu antworten. . . oder wünſchen Sie, daß wir die Beſprechung auf den Abend ver⸗ ſchieben?“ „Ganz wie Sie wollen, mein Herr.“ „Ich frage Sie, ob Sie ſich in einer Stimmung — 75⁵ befinden, die Ihnen geſtattet mich anzuhören und mir zu antworten?“ „Ich glaube es, mein Herr.“ „Madame,“ beginnt Herr Lambert nach einer kurzen Pauſe wieder, „es ſind jetzt vierthalb Jahre, daß ich Sie zum erſten Mal ſah . . . erinnern Sie ſich, unter welchen Umſtänden?“ „Ja, mein Herr . . . Ich war im Stich ge⸗ laſſen von „Von dem Menſchen, der Sie verführt hatte, als Sie noch ſehr jung waren; Sie waren kaum ſech⸗ zehn und ein halb Johr alt . . . Sie ſtanden im Begriff Mutter zu werden.“ „Ich weiß . . wie ſtrafbar ich damals war.“ „Sie waren damals nicht ſo wohl ſtrafbar als ein Opfer . . . deßhalb intereſſirte ich mich für Sie. Waiſe, von einer unmoraliſchen Verwandten erzogen, deren Beiſpiele, ich möchte ſagen Rathſchläge, die Haupturſache Ihres erſten Fehltritts waren, ver⸗ dienten Sie weniger Tadel als Mitleid. Ich be⸗ klagte Sie „Sie haben noch mehr gethan, mein Herr: ich wäre vor Kummer und Elend geſtorben, da ich von aller Welt verlaſſen war und im Begriff ſtand dieſes unglückliche Kind zu gebären, das nicht gelebt hat; Sie haben . . . .“ „Ich hobe einfach die Pflicht eines rechtſchaffenen Mannes erfüllt. Der Zufall führte mich in Ihre Nähe, ich ſtand Ihnen bei und brachte Sie in einer ehrlichen Handwerkerfamilie unter, wo Sie nur vor⸗ treffliche Rathſchläge erhalten konnten. Als Sie wiederhergeſtellt waren, beſuchte ich Sie oft .. . 76 Sie waren an Müßiggang gewöhnt, Sie hatten nur eine halbe Erziehung genoſſen. Um Ihnen ein Aus⸗ kommen zu ſichern, wünſchte ich, daß Sie das Blu⸗ menmachen erlernen ſollten, da die Frau und die Tochter des Handwerkers, dem ich Sie anvertraut hatte, daſſelbe Handwerk trieben. War es nun Kopf⸗ loſigkeit oder Mangel an Luſt zu dieſem Gewerbe oder Ungewohntheit an Arbeit überhaupt, kurz es kam bei Ihrer Lehre nicht viel heraus.“ „Dennoch gab ich mir alle Mühe.“ „Ich glaube es .. aber gehen wir darüber hin⸗ weg. Ich habe Sie ſechs Monate lang beobachtet, ſtudirt; ich habe an Ihnen gewiſſe wirkliche Vorzüge ſchätzen gelernt, Madame, Sanftmuth, Herzensgüte, Offenheit ſogar, wenn man Ihr Vertrauen zu ge⸗ winnen wußte, ferner eine aufrichtige Erkenntlichkeit für die Theilnahme, die man Ihnen bezeugte. Ich täuſchte mich nicht über Ihre Fehler: große Charal⸗ terſchwäche, einige Eitelkeit, eine unüberwindliche Neigung zur Trägheit, trotz Ihrer Liebe zum Wohl⸗ ſtand. Dieſe Fehler, die an und für ſich von kei⸗ nem großen Belang waren, erſchreckten mich gleich⸗ wohl um Ihretwillen, Madame, weil ſie im Stande ſind eine Frau zu Grunde zu richten, die mit der Noth zu kämpfen hat. Ihre Fehler haben daher mehr noch als Ihre Vorzüge, Ihre Jugend und Ihre Schönheit, gegen welche ich, das geſtehe ich, nicht unempfänglich war, Ihre Fehler, ſage ich und ich habe ein Recht auf Glauben Anſpruch zu machen, haben mir hauptſächlich den Muth eingeflößt Sie zu heirathen, weil ich überzeugt war, daß dieſe Feh⸗ ler Sie in Ihrer Armuth und Verlaſſenheit ins Ver⸗ 77 derben ſtürzen konnten, ja beinahe mußten, während die Folgen derſelben durch meine Beſorgtheit, meine Neigung zu Ihnen und durch den beſcheidenen Wohl⸗ ſtand, deſſen Sie ſich als meine Frau zu erfreuen hatten, leicht beſchworen werden konnten. Deßhalb, Madame, habe ich Ihnen vor etwa drei Jahren den Vorſchlag gemacht Ihr Schickſal mit dem meinigen zu verbinden.“ „Ach, trotz meines unentſchuldbaren Vergehens habe ich Ihre Güte, Ihre Großmuth niemals ver⸗ geſſen und werde ſie nie vergeſſen!“ „Ja, Madame, ich habe mich gütig und groß⸗ müthig gezeigt, indem ich Sie heirathete. Es war nur Menſchenfreundlichkeit von mir geweſen, als ich Sie vor Ihrer Entbindung vor Verlaſſenheit und Noth ſchützte. Aber wenn ich Sie an die Vergan⸗ genheit erinnere, ſo geſchieht dieß, glauben Sie es wohl, nicht um mich zu rühmen.“ „Ich weiß das, mein Herr, denn ſehr oft haben Sie mir während unſerer Ehe, wenn ich von mei⸗ ner Dankbarkeit ſprach, zur Antwort gegeben ...“ „Daß Sie gegen mich quitt ſeien, weil Sie mich glücklich gemacht haben,“ antwortet Herr Lambert mit bekämpfter Gemüthsbewegung. „Es iſt wahr: drei Jahre hindurch habe ich Ihnen nur unbedeu⸗ tende Vorwürfe zu machen gehabt; ich werde Ihnen die drei glücklichſten Jahre meines Lebens zu ver⸗ danken gehabt haben.“ Herrn Lamberts Stimme beginnt zu beben: er gibt ihr wieder Feſtigkeit und fährt alſo fort: „Als ich Ihnen meine Hand anbot, Madame, ſagte ich zu Ihnen: ich bin mehr als doppelt ſo 78 alt wie Sie; meine Neigungen ſind dem Studium zugewendet, ich liebe die Zurückgezogenheit. Wenn Sie mich heirathen, Francine, ſo müſſen Sie ſich zum Voraus auf ein zurückgezogenes Leben gefaßt halten, ohne andere Zerſtreuungen als Spaziergänge auf das Land an den Sonntagen, wo mein Laden geſchloſſen iſt, oder von Zeit zu Zeit einen Theater⸗ beſuch. Sie müſſen lange Stunden im Comptoir bleiben und ſich über die Hauptbegriffe meines Handels in ſo weit unterrichten, daß Sie in meiner Abwe⸗ ſenheit den Kunden Antwort geben können; endlich müſſen Sie die Details der Haushaltung beſorgen. Dieſes Leben iſt ollerdings ſehr eintönig, aber wenn Sie ſich dazu entſchließen, ſo werde ich es Ihnen durch meine Liebe erträglich zu machen ſuchen. Jetzt, Francine, überlegen Sie mein Anerbieten reiflich. Ich kenne Sie gut genug, um überzeugt zu ſein, daß Sie, wenn Sie daſſelbe annehmen, die feſte Ab⸗ ſicht haben ſich als rechtſchaffene Frau zu benehmen. Wenn dagegen die Exiſtenz, deren Theilung ich Ihnen anbiete, weder Ihren Neigungen, noch Ihrem Alter, noch Ihrem Charakter zuſagt, ſo werden Sie mirs aufrichtig geſtehen . . . Ich werde Sie darum nicht im Stich laſſen . . . ganz gewiß nicht, denn Sie wer⸗ den eine Stütze mehr als je bedürfen. Wir werden eine Profeſſion ſuchen, die Ihnen beſſer gefällt als die Blumenmacherei; denn bedenken Sie wohl, Fran⸗ cine, Sie können auf meine Unterſtützung rechnen unter der Bedingung, daß Sie arbeiten. Der Müſ⸗ ſiggang würde Sie zu Grunde richten. Ueberlegen Sie alſo reiflich, und wie auch Ihr Entſchluß aus⸗ fallen mag, ſo werden Sie nie einen beſſern Freund 79 haben als mich. So lauteten meine Worte, Ma⸗ dame; Sie erinnern ſich ihrer ohne Zweifel?“ „Oh ja,“ antwortet Francine in Thränen aus⸗ brechend; „dieſe Erinnerungen zeigen mir, wie groß meine Schuld iſt . . . und daß ich von Ihnen kein Mitleid zu erwarten habe.“ Herr Lambert fährt fort: „Nach einigen Tagen der Ueberlegung, als Sie die Bürgſchaften der Ruhe und Sicherheit, die unſere Ehe Ihnen bot, in Erwägung gezogen hatten, und da Sie, wie Sie mir ſagten, ſich auch von einem 2 der Dankbarkeit und Anhänglichkeit leiten ießen .. „Oh, ich ſchwöre Ihnen es war die Wahr⸗ heit . es war vollkommen wahr.“ „Ich habe es geglaubt und ich glaube es noch, weil Ihr Herz gut war und ich Ihre Neigung verdiente . Wir haben uns alſo verheirathet, Madame, und, ich wiederhole es Ihnen, Sie haben Alles gehalten was ich erwartete, ja ſogar mehr als ich von Ihnen erwarten durfte, und ich habe mir bis auf den heu⸗ tigen Tag zu unſerer Verbindung nur Glück zu wünſchen gehabt.“ Nach dieſen Worten ſchweigt Herr Lambert ſehr bewegt einen Augenblick. Vielleicht iſt dem Leſer eine Aeußerung von Herrn Lambert aufgefallen, welche die Vortrefflichkeit ſeines Herzens merkwürdig charakteriſirt. Wie er von ſei⸗ nem Commis geſagt hatte: er iſt ſo neugierig, ſo ſchwatzhaft, ſo unerträglich, daß ich ihn nur darum nicht fortjage, weil kein Anderer als ich ihn ertra⸗ gen, und weil der erbärmliche Geſell ſonſt keinen Platz finden würde; ebenſo hatte er in ſeiner intelli⸗ genten Menſchenfreundlichkeit von Francine geſagt: nicht ſowohl ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Vor⸗ züge, als vielmehr ihre Fehler haben mir den Wunſch eingeflößt, ſie zu heirathen, weil ihre Fehler ſie ſicher ins Verderben ſtürzen würden, wenn man, ſie den Eingebungen der Verlaſſenheit und des Elen überließe, während ich, wenn ſie meine Frau wi die Folgen dieſer Fehler durch Aufmerkſamkeit, E lichkeit und Zärtlichkeit neutraliſiren kann. Und es verhielt ſich wirklich ſo. — Ja, Herr Lambert hatte Francine geheirathet, weil er das arme Geſchöpf vor den unſeligen Fol⸗ gen der Fehler zu ſchützen hoffte, die ſo viele Frauen ins Verderben ſtürzen: Charakthrſchwäche, Ei⸗ telkeit und Hang zum Müßißgange, trotz eines Verlangens nach Wohlſtand, wenn ſie arm ſind. Nun hatten in Folge einer dieſer Fatalitäten — einer rauhen und herben Probe, welche die großen Herzen neu ſtählt, ſtatt ihre Feſtigkeit im Guten zu erſchüttern, zwei von dieſen Fehlern deren unſelige Folgen Herr Lambert zu beſchwören gehofft hatte, die Charakterſchwäche und die Eitelkeit Francine für die Verführungspläne des Herrn von Luxeuil zugänglich gemacht. Die Eitelkeit, daß ſie, eine glanzloſe Ladenhü⸗ terin, dieſen ſchönen jungen Elegant, in welchen ſo viele vornehme Damen vernarrt waren, zu ihren Füßen erblicken ſollte. Die Charakterſchwäche, welche der Unglück⸗ lichen nicht geſtattet hat einer ſchlimmen Verſuchung 81 zu widerſtehen und ſomit in dieſem Kampf zwiſchen ihren Pflichten und ihrer ſtrafbaren Neigung obzu⸗ ſiegen. * Mit ſchrecklicher Angſt ſah jetzt Madame Lambert die Löſung dieſes Geſpräches herannahen⸗ Hatte nicht Herr Lambert ſo eben noch vor Herrn von Luxeuil erklärt, daß er ſie aus dem Hauſe jagen und ohne alle Unterſtützung ihrem Schickſal preisgeben würde? Trotz ſeiner angebornen Groß⸗ muth mußte er ſich ſo ſchwer gekränkt fühlen, daß die Unglückliche keine Verzeihung hoffen konnte. Der Ton ihres Mannes, ſeine Haltung und ſeine Phy⸗ ſiognomie verriethen keine Rührung. Er ſchien zu ſehr zu leiden, um für das Mitleid zugänglich zu ſein. Nach einigen Minuten ſchmerzlicher Sammlung fuhr Herr Lambert fort: „Ich habe Sie mit einigen Worten an die Ver⸗ gangenheit erinnert, Madame, und zwar, ich wie⸗ derhole es, nicht um meine Großmuth gegen Sie zu rühmen, ſondern um Ihnen zu beweiſen, daß ich trotz Ihres heutigen Benehmens nicht vergeſſe, was Sie mir während der drei Jahre geweſen ſind, in denen ich Ihre Aufführung nur rühmkn konnte. Aber bevor ich Ihnen meinen Entſchluß mittheile, muß ich Ihnen einige Umſtände dieſes unglückſeligen Tages erzählen. Ich war abgereist, um nach dem Schloß Stain zu fahren; der Verkauf der Bibliothek wurde vertagt. Ich komme hierher zurück und treffe Sie nicht in dem Laden; ich frage Juliette, wo Sie ſeien, ſie antwortet mir, ſie wiſſe es nicht, Sie ſeien nicht im Entreſol, von wo ſie gerade herabkomme, aber Sie ſeien auch nicht ausgegangen, denn Sie Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. MI. 6 „ 82 haben weder Shawl noch Hut mitgenommen. Ihre eigenthümliche Abweſenheit ſetzt mich Anfangs in Erſtaunen; dann aber ſtellen ſich gewiſſe Erinnerun⸗ gen einz Sie wußten, daß ich bis zum Abend aus⸗ bleiben ſollte; Sie hatten ſich ſchon am Morgen mit ungewohnter Eleganz geputzt, Sie ſchienen vertieft, zerſtreut zu ſein. Kurz, unbeſtimmte peinliche Ah⸗ nungen ſchnürten mir bereits das Herz zuſammen, als ich mich plötzlich erinnere, daß Sie mich dringend um Erlaubniß gebeten hatten, nach unſern Büchern auf dem Speicher zu ſehen. Bei dieſem Gedanken wird es mir wieder um ein Gutes leichter ums Herz, und gleichwohl kam mir, als ich überlegte, daß Sie ſo dringend ein Geſchäft verlangt hatten, das Ihnen bisher ganz fremd geweſen, wieder ein gewiſſer Zweifel. Um ihn zu verſcheuchen oder zu beſtätigen, gehe ich ſchnell nach dem Speicher hinauf. Die Thüre iſt verſchloſſen, ich klopfe an und horche; Richts .. Sie waren nicht da. Sie waren auch nicht im Entreſol, wie Juliette mir geſagt hatte; wo waren Sie alſo? Meine Angſt wurde immer größer und um ſo peinlicher, als ich Ihnen bisher ein blin⸗ des Vertrauen geſchenkt hatte. Ich gehe wieder hinab und will mich als letzte Hoffnung verſichern, ob Sie nicht trotz der Gegenbehauptung Juliettes dennoch im Entreſol ſeien. Als ich auf den Abſatz komme, bemerke ich, daß unſere Thüre halb offen iſt, und überraſche meinen Commis, der auf der Lauer ſteht. Meine Ahnungen ſagen mir, daß er Ihnen auflauert. Ich denke jetzt nur noch darauf, ſine Argwohn irre zu leiten. Meine Bläſſe fällt ihm auf; er fragt mich ob ich unwohl ſei; ich antworte 83 ihm, ich ſei allerdings unterwegs von einer ſtarken Unpäßlichkeit überfallen worden und deßhalb zurück⸗ gekommen.“ Herr Lambert bemerkt die Ueberraſchung Franci⸗ nes, als ſie hört, daß er einen falſchen Grund für ſ unerwartete Rückkehr angibt, und fügt daher inzu: 1 46 täuſchte meinen Commis, indem ich ihm ſagte, daß ein plötzliches Unwohlſein mich nach Haus zurückgeführt habe. Sie werden ſogleich erfahren, warum ich dieſen Menſchen über den wahren Grund meiner Rückkehr irre leiten mußte. Kaum war ich eingetreten, als Bachelard in boshaftem Ton zu mir ſagte: Madame iſt auf den Speicher hinaufgegan⸗ gen, aber wahrſcheinlich iſt ſie müde geworden und hat deßhalb einen unſerer Nachbarn im zweiten Stock beſucht.“ „Oh ich Unglückſelige!“ ruft Francine zermalmt von Schmerz und Scham, „dieſer Commis iſt ſo ſchwatzhaft! . . Das ganze Haus wird es erfah⸗ Fen „Nein, Madame, Niemand hier wird Etwas er⸗ fahren.“ „Was ſagen Sie?“ „Als mein Commis mir ſagte, Sie ſeien wahr⸗ ſcheinlich bei unſerem Nachbar im zweiten Stock (und glücklicher Weiſe war dieß von Seiten des Elenden nur eine Vermuthung und keine Gewißheit), da ma⸗ ren ſeine Worte für mich eine plötzliche Offenbarung; ich erinnerte mich, daß Herr von Luxeuil ſich geſtern viel mit Ihnen beſchäftigt, daß er mehrere Male leiſe zu Ihnen geſprochen hatte. So bedeutungẽlos mir 6 84 dieſe Umſtände bei meinem vollſtändigen Vertrauen und weil ich überdieß glaubte, Sie hätten Herrn von Luxeuil zum erſten Mal getroffen, geſtern ge⸗ ſchienen hatten, ſo ließen ſie mir doch, als ich ſie mit einigen andern Umſtänden zuſammenhielt, keinen Zweifel mehr darüber, daß ich entehrt war. Sie waren bei dieſem Manne, mein Commis hatte die Wahrheit geſagt. Ich kehrte ihm den Rücken, als er mir dieſe Enthüllung machte, die ich nicht einmal zu hören ſchien, und ſo konnte er glücklicher Weiſe nicht in meinen Zügen leſen, was in dieſem Augen⸗ blick in mir vorging.“ Herr Lambert unterbricht ſich abermals einen Augenblick, da ſeine Bewegung ihn von neuem über⸗ mannt, dann fährt er fort: „Ich trat in Ihr Zimmer, verſchloß die Thüre und that jetzt, als ob ich Sie angetroffen hätte. Ich redete Sie ſehr laut an und that, als ob ich leiſe Aeußerungen von Ihnen beantwortete, denn ich war gewiß, daß mein Commis draußen lauſchte. Das that er auch wirklich. Durch dieſes verſtellte Manöver iſt er jetzt auf die Ueberzeugung gekom⸗ men, daß er ſich getäuſcht habe, daß Sie nicht zu dieſem Manne gegangen, ſondern in Ihrer Wohnung geblieben ſeien. Somit, Madame, wird dieſes Ge⸗ heimniß, das Bachelard allein ausſchwatzen könnte, zwiſchen Ihnen, mir und Herrn von Lureuil blei⸗ ben. Sein abſcheuliches, niederträchtiges Benehmen zwingt ihn zur Verſchwiegenheit. Alſo, Madame, wird, wie ich Ihnen geſagt habe, Niemand hier Etwas von dem Vorgefallenen erfahren. Ihr Ruf iſt ge⸗ rettet.“ 85⁵ Madame Lambert hörte ihren Mann mit ſteigen⸗ der Aufregung an. Beſtürzung, Erkenntlichkeit, Be⸗ wunderung und ein ſchwacher Hoffnungsſchimmer verſetzen ſie in eine unausſprechliche Verwirrung. Ei wie! dieſer Mann, der Angeſichts einer Ent⸗ deckung, die ihm keinen Zweifel mehr an ſeiner Unehre geſtattet, ſeinem erſten Unmuth Luft ſchaffen und nur auf Rache denken könnte, mäßiat ſich und ſinnt nur darauf, wie er den Ruf der Frau retten ſoll, die ihn verräth! Er weiß ſie bei ihrem Ver⸗ führer und in ſeinem Mitleid greift er zu einer erhabenen Liſt, die ein Genieblitz von Güte iſt, und zeigt ſich barmherzig bis zum Ende. Die ſtrafbare Gattin ſoll wenigſtens nur in den Augen des Man⸗ nes, den ſie tödtlich beleidigt hat, über ihre Schmach zu etröthen haben. Die Größe dieſer Handlungsweiſe mußte auf Francine trotz der Schwäche ihres moraliſchen Ge⸗ fühls und der Geringfügigkeit ihrer Intelligenz tiefen Eindruck machen; ſie begriff, ſie fühlte, auf welche Höhe ihr Gatte ſich ſtellte. Um ſo verächtlicher mußte ihr daher auch die Niederträchtigkeit und Schänd⸗ lichkeit des Herrn von Luxeuil erſcheinen, um ſo bitterer mußten ihre Gewiſſensbiſſe werden. Gleichwohl glaubte die Unglückliche inmitten dieſer Abgründe von Schmerz einen ſchwachen Hoffnungs⸗ ſchimmer zu erblicken und ſagte zu ſich: „Wenn mein Mann entſchloſſen wäre mich fort⸗ zujagen und meinem Schickſal preiszugeben, würde er dann ſo großmüthig meinen Ruf gerettet haben? Was würde er ſich um dieſen bekümmern, wenn alle Bande zwiſchen uns zerriſſen werden ſollten?“ 86 Aber ach, auf dieſe Betrachtung folgte bald eine andere von ſchmerzlicher Art. „Mein Mann hat nicht blos meine Ehre retten wollen, ſondern vielleicht hauptſächlich ſeine eigene er verſtoßt mich, aber Niemand ſoll den Schimpf erfahren, den er erlitten hat. . ich werde wenig⸗ ſtens dieſes Haus verlaſſen können, ohne vor Je⸗ mand erröthen zu müſſen . . . ach, welcher Grund ihn auch leiten mag, ſeine Großmuth bleibt immer bewundernswürdig.“ Und unter dem Eindruck dieſer verſchiedenen Ge⸗ fühle fällt die junge Frau, die zu bewegt, zu ver⸗ wirrt iſt, um ihren Dank ausdrücken zu können, vor ihrem Manne nieder und ſtammelt mit gefalte⸗ ten Händen unter erſticktem Schluchzen: „Oh, Sie ſind gütig! . . . Sie ſind gütig wie Gott!“ „Ich bin mir einfach der Pflichten bewußt, die ich eingegangen habe, als ich Sie heirathete, Ma⸗ dame . Ich habe in meiner Seele und bei mei⸗ nem Gewiſſen geſchworen Ihnen Hilfe und Schutz zu leiſten. Ich bin verpflichtet Ihnen Hilfe und Schutz zu leiſten, und ich werde es auch thun . . Ich bin ein rechtſchaffener Mann . .. Ihre Schmach entbindet mich meines Eides nicht,“ antwortet Herr Lambert mit edler Einfachheit; dann beugt er ſich gegen ſeine Frau hinab und ſagt: „Stehen Sie auf, Madame, ſtehen Sie auf!“ „Dieſe eben ſo rührende als würdevolle Er⸗ klärung, daß er ſich durch den ihm angethanen Schimpf von ſeinem Eid nicht entbunden erachte, geſtattet Francine keinen Zweifel mehr; ihr Mann 87 wird ſie nicht unbarmherzig ihrem Schickſal preis⸗ geben. Im Drang ihrer Dankbarkeit ergreift die Un⸗ glückliche eine ſeiner Hände und bedeckt ſie mit Thränen und Küſſen. Herrn Lamberts Züge drücken einen qualvollen Schmerz aus. Eine Thräne rollt in ſeinen Augen. Aber er beherrſcht ſich und wiederholt mit feſter Stimme: „Stehen Sie auf, Madame, und hören Sie mich gefälligſt an.“ Francine ſteht auf und ſetzt ſich wieder; Herr Lambert fährt alſo fort: „Ich habe es Ihnen geſagt, Madame; mein Commis glaubte Sie mit mir eingeſchloſſen; er hörte mich die Stimme erheben und Ihnen einige ziemlich unbedeutende Vorwürfe machen, auf welche Sie mit Thränen zu antworten ſchienen .. Auf dieſe Art wird ſich bei der Rückkehr dieſes Menſchen die Röthe Ihrer Augen erklären, wie die Entſtellung meiner Züge ſich durch die angebliche Unpäßlichkeit erklären wird, die mich unterwegs befallen hat. Man nußte Alles vorſehen, um den Argwohn unſeres Haus⸗ ſpions vollſtändig irre zu leiten. Ich glaube Alles vorgeſehen zu haben.“ „Mein Gott! in einem ſolchen Augenblick, wo er im höchſten Grad über mich erbittert ſein mußte, hat er dieſe Geiſtesgegenwart bewahren können,“ murmelt Francine voll Bewunderung, während ihr Mann alſo fortfährt: „Ihr Ruf, Madame, iſt alſo gerettet. Es bleibt mir jetzt zweierlei zu thun übrig Sie können 88 wählen . . . hoffentlich kennen Sie mich ſo gut, Madame, um begriffen zu haben, daß ich durch meine Erklärung gegen Herrn von Luxeuil, daß ich Sie aus dem Hauſe jagen und dem Elend preis⸗ geben würde, blos die angebliche Liebe dieſes Menſchen auf die Probe ſetzen und Ihnen dadurch eine Lehre geben wollte, die unglücklicher Weiſe zu ſpät gekommen iſt.“ „Mein Benehmen gegen Sie war von der Art, mein Herr, daß ich, ich geſtehe es, an dieſe Preis⸗ gebung geglaubt habe, denn ich hatte ſie verdient.“ „Sie haben mich falſch beurtheilt, Madame .. . und ich bedaure es .. . Ich habe, ich wiederhole es, indem ich ſie heirathete, in meiner Seele und meinem Gewiſſen eine Verpflichtung übernommen, die jedem rechtſchaffenen Mann heilig iſt, die Verpflichtung Sie zu ſchützen. Ich würde ihr ſchändlich zuwider handeln, wenn ich Sie ohne Hilfsmittel im Stich ließe, denn ſo wie ich Sie kenne .. namentlich jetzt . . . dieß iſt kein Vorwurf .. Sie werden überhaupt keinen über meine Lippen kommen hören ich conſtatire einfach eine Thatſache und muß ſie wegen ihrer Folgen für die Zukunft conſtatiren ſo wie ich Sie kenne, kann ich Sie bei den äußeren Vortheilen, die Sie beſitzen, nicht mittellos verlaſſen, ohne Sie wiſſentlich der Schande preis⸗ zugeben.“ „Ah, mein Herr . .. „Ich übertreibe nicht. ich kenne die Schwäche Ihres Charakters, Ihre Eitelkeit, Ihren Hang zur Trägheit und zum guten Leben. Schön und jung, wie Sie ſind, vermöchten Sie, ſage ich Ihnen, den 89 furchtbaren Einflüſterungen der Noth nicht zu wi⸗ derſtehen.“ „Niemals! oh niemals! ich wollte lieber ſterben, als mich herabwürdigen.“ „Dieſe Worte ſprechen Sie aufrichtig, Madame, ich glaube es und gleichwohl, ohne von Ihrem erſten Fehltritt zu ſprechen, denn Sie verdienten damals mehr Mitleid als Tadel, haben Sie nicht (und noch einmal, es iſt kein Vorwurf von meiner Seite, ſon⸗ dern ich führe blos eine Thatſache an) haben Sie nicht heute, während Sie doch im Wohlſtande lebten und im Verhältniß zu Ihrer ſocialen Stellung nichts zu wünſchen hatten, haben Sie ſich nicht heute einzig und allein durch eine ſtrafbare Liebe verleiten laſſen Ihre Pflichten zu vergeſſen? Großer Gott, was würde erſt geſchehen, wenn Sie von aller Welt verlaſſen, unfähig zu arbeiten, in ſchreckliche Noth verſetzt ..“ Herr Lambert unterbricht ſich ſchaudernd und fügt dann hinzu: „Ich ſage Ihnen, Madame, daß ſchon der bloſe edanke, was im Elend aus Ihnen werden könnte, mich mit Entſetzen erfüllt.“ Francine läßt in tiefer Niedergeſchlagenheit den Kopf ſinken; ſie fühlt, wie wahr die furchtbaren Worte ihres Mannes ſind. Dieſer fährt fort: „Der erſte von den beiden Entſchlüſſen, die ich faſſen kann, Madame, beſteht darin, daß ich nicht in Paris, denn dieſer Ort iſt zu gefährlich für Sie, ſondern in der Touraine, in Beaugency, einem Städtchen, wo ich geboren bin und noch einige Ver⸗ 90 wandte habe, eine anſtändige Familie ausfindig mache, die ſich herbeiläßt Sie in Koſt zu nehmen. Wenn Sie dann mitten unter Leuten von einfachen und reinen Sitten in einem wenig beſuchten Städt⸗ chen leben würden, ſo hätten Sie, glaube ich, weni⸗ ger als überall ſonſt Gelegenheit einen Fehltritt zu begehen. Ich würde zu dieſen Leuten ſagen, daß ich Ihnen fortwährend mit der zärtlichſten Neigung zugethan ſei, daß aber trotz Ihres geſunden Aus⸗ ſehens die Luft von Paris und die beſtändige Ein⸗ ſperrung, wie mein Geſchäft ſie mit ſich bringe, Ihnen ſchädlich ſeien, und daß ich in unſere Trennung nur mit dem größten Bedauern und nur, weil ſie burchaus nothwendig erſcheine, willige. Ich würde Ihnen jeden Monat eine für Ihren Unterhalt ge⸗ nügende Summe zur Verfügung ſtellen; es würde Ihnen wenigſtens nichts fehlen.“ „Welche Güte, mein Gott!“ murmelt Francine unter lautem Schluchzen; „welche Nachſicht! welche Barmherzigkeit!“ z6 erfülle meine Pflicht, Madame, und weiter nichts.“ „Und,“ fügt Francine mit ängſtlicher, troſtloſer Stimme hinzu, „ich würde Sie nie wiederſehen?“ „Sie würden mich beinahe jeden Sonntag ſehen, Madame. Die Eiſenbahn von Orleans macht dieſen Ausflug leicht.“ „Wie! Sie können ſich entſchließen mich wieder⸗ zuſehen!“ ruft Francine, indem ſie in der Freude unausſprechlicher Hoffnung die Hände faltet, „Alles wäre nicht abgebrochen zwiſchen uns?“ „Ich müßte Sie aus zwei Gründen wieder⸗ 91 ſehen, Madame. Der erſte beſteht darin, daß die Leute, bei denen ich Sie unterbrächte, es nicht be⸗ greifen könnten, wenn ich Sie trotz meiner Anhäng⸗ lichkeit allein ließe. Dieſes Benehmen von meiner Seite könnte Vermuthungen hervorrufen, die für Sie unvortheilhaft wären.“ „Ach mein Herr, wie kann ich Ihnen je dan⸗ „Der zweite Grund, der mich oft nöthigen würde Sie zu ſehen, beſteht darin, daß ich verpflichtet bin, über Sie zu wachen und mir alle Mühe zu geben, Sie durch vernünftige Rathſchläge auf den guten Weg zurückzuführen, Sie vor neuen Fehlern zu bewahren, und Sie mit ſich ſelbſt auszuſöhnen, wenn überhaupt mein Einfluß auf Sie dieſes Re⸗ ſultat erzielen kann. Wo nicht. wenn Sie meine letzte Hoffnung täuſchen ſollten, Madame, ſo würde ich auf etwas Anderes dringen. Auf was? das weiß ich ſelbſt noch nicht; aber ich wiederhole es Ihnen, ich habe Ihnen gegenüber die Seelſorge, und dieſe heilige Sendung werde ich bis in ihre letzten Theile erfüllen.“ Dieſer Milde, Aufrichtigkeit und Hingebung, dieſem innigen Pflichtbewußtſein gegenüber, das ihr Mann mit ſo rührender Einfachheit kund gibt, ver⸗ mag Francine kein Wort zu finden. Ihr Herz blu⸗ tet, wenn ſie an die Schätze von Liebe denkt, welche ſie geopfert und zwar für einen Herrn von Luxeuil geopfert hat. 92 X. Francines Verzweiflung war um ſo ſchmetzlicher, als, wie Herr Lambert ihr zum Voraus geſagt hatte, nicht ein einziger Vorwurf über die Lippen ihres Mannes kam. Er erdrücte, nicht ſeinen Zorn, nicht ſeine Entrüſtung, denn dieſe große Seele konnte unter den gegenwärtigen Umſtänden keine Gefühle des Unmuthes empfinden, ſondern ſeinen ſchrecklichen Schmerz. Seine Stimme war weder rauh noch drohend; aber ſie war ernſt, eindringlich, und verkun⸗ dete eine tief empfundene Ergebung. Er fuhr alſo fort: „Dieß, Madame, iſt alſo der erſte Entſchluß, den ich faſſen kann, und wenn ich nur meine Wünſche ins Auge faßte, ſo würde ich dabei bleiben.“ „Was hindert Sie ihn auszuführen?“ „Ihr Intereſſe, Madame. Hören Sie mich ge⸗ fälligſt noch weiter an. Das Zweite, was ich thun kann, iſt, daß ich Sie bei mir behalte.“ Francine iſt ganz beſtürzt und ſieht ihren Ge⸗ mahl Anfangs ſchweigend an; ſie kann ihren Ohren nicht trauen, dann ruft ſie mit keuchender Stimme: ,Ei wie, Sie könnten die Gnade haben mich bei ſich zu behalten?“ „Ja, Madame; allein ich darf Ihnen in Be⸗ treff der Exiſtenz, welche Sie in dieſem Fall haben würden, keine Illuſionen laſſen.“ „Ach, wie ſie auch ſein mag, ich ſchwöre Ihnen, André, ja. . . wie ſie auch ſein mag, ich ergebe mich zum Voraus darein,“ ruft Francine, indem ſie ihre Hände flehend gegen ihren Gatten ausſtreckt und ihr grundgutes Herz zum Vorſchein kommen 93 läßt. Ach, müßte ich auch jeden Tag Ihren Zorn, Ihre gerechte Verachtung ertragen ... ſo werde ich mich ohne ein Wort der Klage unterwerfen ich verdiene dieß . und ich werde Ihre Güte ſegnen.“ „Sie werden noch weit Schlimmeres zu ertra⸗ gen haben, als meine Verachtung und meinen Zorn.“ „Was denn! . . großer Gott!“ „Den Anblick meines Kummers, Madame.“ Hier vermag Herr Lambert trotz ſeiner Charak⸗ terſtärke und Selbſtüberwindung dicke Thränen nicht zurückzuhalten, die über ſeine blaß gewordenen Wangen ſtrömen. Dieſe vom tiefſten Schmerz ausgepreßten Thrä⸗ nen bringen Francine vollends zur Verzweiflung; beinahe irrſinnig ruft ſie, die Hände ringend: „Ach, was habe ich gethan? Wehe mir! . es iſt nur allzu wahr . . . Der Anblick Ihres Kum⸗ mers, den ich verſchuldet habe, wird meine ſchreck⸗ lichſte Strafe ſein . ich fühle es wohl, indem ich Sie weinen ſehe.“ Herr Lambert beherrſcht ſeine Bewegung, trock⸗ net ſeine Thränen und verſetzt mit neu gewonnener Feſtigkeit ſeiner Stimme; „Madame, ich muß Ihnen die Zukunft, die uns vorbehalten iſt, in ihrem wahren Lichte zeigen. Ehe ich Sie heirathete, habe ich es Ihnen aufrichtig geſagt, welcher Art unſer Leben ſein würde .. dieſelbe Aufrichtigkeit iſt mir auch jetzt geboten .. unſere Exiſtenz wird ſcheinbar wenigſtens bleiben was ſie war. ich werde Ihnen niemals Vor⸗ würfe machen.“ „Ach, diejenigen, die ich mir ſelbſt machen werde, 94 ſind ſchmerzlicher als diejenigen, die Sie mir machen könnten.“ „Wenn wir allein ſind, werde ich Ihnen nach wie vor dieſelben Rathſchläge ertheilen, die ich Ihnen bereits ertheilte, als ich Sie zu überzeugen ſuchte, daß die wahre Weisheit darin beſtehe, entſchloſſen ſein Schickſal anzunehmen, welche Entſagungen und Entbehrungen es auch auferlegen möge; daß man ſeine Pflichten mit Muth erfüllen müſſe und nie⸗ mals vom rechten Weg abgehen dürfe, weil die geringſte Abweichung uns beinahe immer in Abgründe von Uebeln ſtürze.“ „Ach, wenn ich dieſe väterlichen Rathſchläge be⸗ folgt hätte, ſo wäre es nicht dahin mit mir ge⸗ kommen.“ „Nein! denn ich habe es Ihnen oft geſagt, Ma⸗ dame, wenn man für das Rechte und Gute einige von den zuweilen ſchmerzlichen und peinlichen Opfern brächte, die man für das Schlechte bringt, ſo wäre das Leben eben ſo friedlich, als es jetzt häufig qual⸗ voll iſt.“ „Welche Wahrheiten, mein Gott,“ antwortet Francine naio. „Es wäre mir ſo leicht geweſen, mein und Ihr Unglück zu verhüten, André! ... Sie ſprechen davon, was ich vom Anblick Ihres Kummers zu ertragen hätte, wenn Sie mir erlauben, bei Ihnen zu bleiben. Ach, ich muß vielmehr fürch⸗ ten, daß ich Sie durch meinen Schmerz und meine Gewiſſensbiſſe beläſtigen könnte! . .. Dieſe würden Sie unaufhörlich an meine Schmach und meine Un⸗ dankbarkeit erinnern. . vielleicht iſt es beſſer, wenn 95 wir uns trennen meine Anweſenheit hier würde Sie allzu unglücklich machen.“ „Deßhalb ſagte ich Ihnen auch, Madame, daß ich, wenn ich meine Wünſche berückſichtigen wollte, den erſten Vorſchlag vorziehen würde; aber in Ihrem eigenen Intereſſe und in Erwägung Ihres ſchwachen Charakters halte ich es für wünſchenswerth, daß Sie hier bleiben. Aber bedenken Sie wohl, meine Sorgfalt für Sie wird nicht abnehmen, ſondern vielmehr noch größer werden, denn mein Schutz wird Ihnen niemals nothwendiger geweſen ſein; nur wird mein Vertrauen zu Ihnen verſchwunden ſein, dieſes Vertrauen, das unſere Beziehungen ſo heiter und, für mich wenigſtens, ſo angenehm machte. Ich werde an Ihren Worten, an Ihren Blicken, an Allem was ich ſehe, zweifeln müſſen. Dieſe Zweifel werde ich Ihnen nicht ausdrücken, aber Sie werden die Qual derſelben jeden Augenblick zu em⸗ pfinden haben, und in der Eintönigkeit unſeres zu⸗ rückgezogenen Lebens, ohne Zerſtreuungen und ohne Vergnügungen wird dieſe eiſige Kälte auf Ihnen laſten, wie ein bleiernes Leichentuch.“ „Ach, wenn es ſich nur um mich handelt, ſo fürchten Sie das nicht, André Das Glück, bei Ihnen zu bleiben, würde mir Alles erträglich machen.“ „Sie täuſchen ſich, Madame Sie geben ſich den Illuſionen Ihres Alters hin Sie dürfen unſere zukünftigen Eindrücke nicht nach den gegen⸗ wärtigen beurtheilen. Nein! in dieſem Augenblick ſind wir vom Fieber des Schmerzes aufgeregt; dieſe ſieberiſche Aufregung verleiht uns eine erkünſtelte 96 Kraft; aber wenn dieſe Kraft uns verlaſſen wird, wenn wir morgen, ſpäter und immer einander dü⸗ ſter und niedergeſchlagen gegenüber ſtehen werden, ach, dann erſt werden wir den Gegenſchlag des Un⸗ glücks, das uns getroffen hat, in ſeiner ganzen Bit⸗ terkeit empfinden.“ „Mein Gott, mein Gott, das iſt ſchrecklich,“ ſtammelt Francine, entſetzt über den Gedanken an eine ſolche Zukunft. „Alſo dieſes Vertrauen, das Sie zu mir hatten, André, das habe ich verloren, für immer verloren? für immer! ... Sie werden mirs nie wieder ſchenken?“ „Ich weiß es nicht, Madame. Das Vertrauen läßt ſich nicht gebieten, es muß erworben werden.“ „Mein Gott! wenn ich hoffen könnte! aber nein, was ich auch thun mag, ſo werden Sie mir nie mehr glauben.“ „Man muß der Hoffnung nie die Thüre ver⸗ ſchließen, Madame. Dieſen Glauben an Sie, dem ich die drei beſten Jahre meines Lebens verdanke, weil ich Sie glücklich oder vielmehr zufrieden mit Ihrer beſcheidenen Stellung glaubte, dieſen Glau⸗ den an Sie werden Sie mir mit der Zeit vielleicht auf's Neue einflößen, aber „ „Sie zweifeln daran? ach!“ „In dieſer Stunde zweifle ich allerdings daran, weil es möglich iſt, daß die Herbheit meines Ver⸗ druſſes mich gegen Sie ungerecht macht.“ „Ungerecht! . Sie Andreé, Sie, deſſen göttliche Güte .. „Ich ſage ungerecht, Madame, in ſo fern ich trotz meiner Ueberzeugung von der Aufrichtigkeit 97 Ihrer Reue dennoch nicht glaube, daß ſie ſo dauernd ſein könne, als ſie es vielleicht in der That ſein wird.“ „Großer Gott! Sie könnten mich für fähig hal⸗ ten ſpäter einen neuen Fehltritt zu begehen!“ „Ich fürchte es; darum ſage ich Ihnen, der Verluſt dieſes Vertrauens muß für Sie und für mich eine lange Folterqual ſein, und dieſe beginnt ſchon jetzt, da ich Sie mit Unrecht beſchuldige, wenn Sie in Ihren guten Entſchließungen beharren.“ „Aber wenn ich darin beharre, André! wenn ich Ihnen durch alle Handlungen meines Lebens be⸗ weiſe, daß meine Reue von Dauer iſt, werden Sie mir dann verzeihen?“ „Ich habe Ihnen verziehen, Madame.“ „Es iſt wahr, aber werden Sie das Geſchehene vergeſſen?“ „Es iſt unmöglich das Geſchehene zu vergeſſen, Madame, und ſollten Sie auch mit der Zeit mein Vertrauen wieder gewinnen, ſo wird doch dieſer Un⸗ glückstag immer ſchmerzlich auf unſerem Schickſal laſten. Das iſt der Fluch der böſen That. Eine augen⸗ blickliche Verirrung genügt, um das ganze Leben zu vergiften. In dem unſrigen wird immer ein ſchreck⸗ licher Augenblick ſtattgefunden haben, welchen nichts aus unſerer Erinnerung und unſern Herzen zu verwiſchen vermag. Ach, ich fühle es, dieſe Wunde iſt wenigſtens für mich unheilbar,“ fügt Herr Lam⸗ bert in unausſprechlich traurigem Tone hinzu, „und jetzt, Madame, überlegen Sie, wählen Sie zwiſchen den beiden Plänen, die ich Ihnen vorgelegt habe.“ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 7 25 98 „Ach, meine Wahl iſt getroffen, André. Bei Ihnen zu bleiben, wenn Sie es erlauben, wäre der Gipfel meiner Wünſche.“ „Dieſer Entſchluß iſt zu folgenſchwer, als daß er unter dem erſten Eindruck eines Gefühls gefaßt werden könnte, deſſen Werth ich zu ſchätzen weiß, deſſen Raſchheit aber zu fürchten iſt. Wenn Ihre peinliche Aufregung beſchwichtigt iſt, dann überlegen Sie mit Muße und Sie werden vielleicht Ihre An⸗ ſicht ändern.“ Herr Lambert unterbricht ſich, weil er draußen läuten hört. „Ohne Zweifel kommt mein Commis zurück,“ beginnt er dann wieder. „Suchen Sie jetzt einige Herrſchaft über ſich zu gewinnen, um ſeinen Arg⸗ wohn irre zu leiten. Im Uebrigen bleibt es dabei, daß meine ſchleunige Rückkehr und die Entſtellung meiner Züge ihre Urſache in einem ziemlich bedeu⸗ tenden Unwohlſein hatten.“ So ſprechend läßt er ſeine Frau im Schlafzim⸗ mer, um die Thüre des Entreſols zu öffnen. Zu ſeiner großen Ueberraſchung erblickt er Sylviä vor ſich. Dieſer Beſuch, der ihm unter andern Umſtänden ſehr geſchmeichelt hätte, erſcheint ihm jetzt höchſt unlieb, weil er an die Niedergeſchlagen⸗ heit ſeiner Frau denkt, die ohne Zweifel nicht im Stande iſt ihren Kummer zu verbergen. Gleich⸗ wohl macht er gute Miene, empfängt die junge Dame aufs beſte und führt ſie in den Salon mit den Worten: „Madame, ich bin wahrhaft beſchämt von Ihrer Güte; ich wagte nicht zu hoffen, daß Sie das Ver⸗ 99 ſprechen, womit Sie meine Frau und mich beehrt hatten, ſo bald erfüllen würden.“ „Ich verſprach mir zu viel Vergnügen von die⸗ ſem Beſuch, um ihn aufzuſchieben, mein lieber Herr Lambert,“ antwortet Sylvia. Dann unterbricht ſie ſich, und indem ſie den Buchhändler mit einer Miſchung von Verwunderung und Theilnahme betrachtet, fährt ſie fort: „Mein Gott, wie blaß Sie ausſehen! ſollten Sie leidend ſein?“ „Ach, Madame, ich habe Ihnen ein ſchreckliches Bekenntniß abzulegen,“ verſetzt der Buchhändler, indem er zu lächeln verſucht; „Sie kommen juſt mitten in einem furchtbaren Eheſtreit.“ „Ein Streit zwiſchen Ihnen und Ihrer lieben Frau? iſt das möglich?“ „Ich beeile mich hinzuzufügen, Madame, daß dieſer Streit die Entſtellung meiner Züge nicht ver⸗ urſacht hat ich war leidend . das Leiden machte mich reizbar . . und nun habe ich um einer Kleinigkeit willen meine Frau hart angelaſſen.“ „Ah, Herr Lambert!“ „Ich darf wohl ſagen, daß Barſchheit ſo wenig in meinen Gewohnheiten liegt, daß Francine ſich dadurch unglücklicher Weiſe um ſo ſchmerzlicher ver⸗ letzt gefühlt hat. Sie hat zu weinen angefangen; dieſe Thränen hätten mir meine Härte zum Be⸗ wußtſein bringen und mich gegen mich ſelbſt erbittern müſſen; allein das Gegentheil hat ſtattgefunden; ich habe mich gegen meine arme Frau aufbrauſend gezeigt und ſo kommt es, daß mein Opfer —“ fügt der Buchhändler mit einem wiederholten zu 100 lächeln hinzu — „daß mein Opfer jetzt tief betrübt in der Kammer ſitzt.“ „Dann werden Sie mir doch erlauben ſie zu tröſten und ganz beſonders Verſöhnung zwiſchen Ihnen zu ſtiften?“ „In Wahrheit, Madame, das arme Kind iſt, Sie wiſſen ja, ſo ſchüchtern, daß ich fürchte . . „Beruhigen Sie ſich; ich werde ihr keine Angſt einjagen . . . Sie werden ſehen und dann wird ſie mir gewiß Dank dafür wiſſen, wenn ich zu einer Verſöhnung beitrage, welche ſie ohne Zweifel leb⸗ haft wünſcht. Brauche ich wohl hinzuzufügen, daß Sie, wenn mein Benehmen Ihnen im mindeſten indiscret erſcheint, dieſe Indiscretion nur der Theil⸗ nahme zuzuſchreiben haben, welche Madame Lambert mir einflößt, und daß ich, wenn Sie glauben, meine Gegenwart könnte ſie geniren, ein andermal wie⸗ der kommen werde, um Ihnen meinen Beſuch zu machen?“ 5 „Weit entfernt, Madame, ich zweifle nicht, daß meine Frau im Gegentheil von dieſem neuen Be⸗ weis Ihrer Güte ſehr gerührt ſein wird,“ antwortet der Buchhändler, welcher fürchtet, eine längere Weigerung könnte Sylvias Argwohn in Betreff des wahren Grundes dieſes angeblichen Ehezwiſtes rege machen; „ich bitte blos um Entſchuldigung wegen der Aufregung, worin Sie Francine finden werden.“ So ſprechend geht er ins Zimmer ſeiner Frau voran und ſagt mit einem ausdrucksvollen Blick zu dieſer: 2 „Mein liebes Kind, ich habe Madame geſtanden, vaß ich durch die Unpäßlichkeit, woran ich bei mei⸗ 101 ner Heimkehr litt, ſehr reizbar geworden ſei und Sie zu meinem großen Bedauern um einer höchſt unbedeutenden Sache willen hart angelaſſen habe. Madame Wolfrang will uns durchaus mit einander verſöhnen. „ Sie werden gleich mir dieſen neuen Si ihres Wöhlwollens gegen uns zu ſchätzen wiſſen.“ Francine iſt über den Beſuch Sylvias gänzlich verblüfft und vermag kaum einige beinahe unver⸗ ſtändliche Worte zu ſtammeln. „Entſchuldigen Sie mich, liebe Madame,“ be⸗ ginnt Sylvia lächelnd, „daß ich darauf beſtanden habe Sie in dieſem Augenblick zu ſehen, aber nach⸗ dem Herr Lambert mir die Urſache Ihres ſchreck⸗ lichen Verdruſſes mitgetheilt hatte, dachte ich, Sie würden meine Vermittlung in dieſem großen Streit vielleicht gerne annehmen.“ Da es ihr auffällt, daß Francine bei dieſen Worten ſchmerzlich zuſammenzudt, ſo fährt ſie in gerührtem Tone fort: „Verzeihen Sie, verzeihen Sie, liebe Madame, ich darf von dem jedenfalls ſehr wirklichen Kummer, den Sie haben, nicht leichthin reden, denn in einem ſo glücklichen Leben wie das Ihrige nehmen die geringſten Widerwärtigkeiten die Verhältniſſe wahrer Kümmerniſſe an. Aber, Gott ſei Dank, dieſer große kleine Kummer wird ſogleich aufhören, da unſer Freund, Herr Lambert, ſein Unrecht, das erſte und einzige, wollte ich wetten, das er ſich gegen Sie vorzuwerfen hat, eingeſteht, bereut, und nur Ihre Verzeihung erwartet, um den Frieden wieder herzu⸗ ſtellen. Iſt es nicht wahr, Herr Lambert?“ 102 „Ja, Madame,“ antwortet der Buchhändler, ſich beherrſchend; um jedoch dieſem qualvollen Mißver⸗ ſtändniß, bei welchem jedes Wort ein Dolchſtoß für ſeine Frau iſt, ſchnell ein Ende zu machen, wendet er ſich an dieſe und ſagt in liebreichem Tone zu ihr: 8 „Verzeihen Sie meine Lebhaftigkeit von vorhin, liebes Kind, und entſchuldigen Sie dieſelbe mit meiner Ungeduld über die Unpäßlichkeit, die mich befallen hatte.“ Damit reicht er Francine die Hand und fügt hinzu: „Verſöhnen wir uns . . . Alles ſei vergeſſen.“ „Alles ſei vergeſſen, mein Lieber; aber was ich nie vergeſſen werde, das iſt Ihre Güte gegen mich,“ ſtammelt Francine, die es kaum wagt die Hände ihres Mannes zwiſchen den ihrigen zu drücken. Man begreift die Folterqual der unglücklichen Frau. Der liebreiche, väterliche Ton ihres Mannes ging ihr tief zu Herzen, denn er erinnerte ſie an eine glückliche Vergangenheit, die auf immer zer⸗ ſtört war, und dieſe erkünſtelte Verſöhnung, ein blutiger Spott auf ihr Schickſal, machte ihr die Wirklichkeit noch ſchauerlicher. Sylvia, die mit ſteigender Ueberraſchung bemerkt, daß das Geſicht von Madame Lambert in Folge dieſer Verſöhnung ſich nicht nur nicht aufheitert, ſondern im Gegentheil noch mehr verdüſtert, erinnert ſich jetzt erſt an Wolfrangs Mittheilung in Betreff des Rendezvous, das Madame Lambert Herrn von Luxeuil gegeben habe. Da ſie nun nicht glauben kann, daß ein unbedeutender ehelicher Zwiſt Francine —, 103 ſo tief darnieder gebeugt habe, ſo erräth ſie bald einen Theil der Wahrheit, fühlt wie läſtig in die⸗ ſem Fall ihre Gegenwart für die beiden Gatten ſein muß, und will eben ihrem Beſuch ein Ende machen, um verſprochener Maßen zu Antonine Jourdan zu⸗ rückzukehren, als auf einmal an die Thüre des Schlafzimmers gepocht wird. Herr Lambert öffnet ſie und findet ſich Wolfrang gegenüber, welcher tief betrübt und mit bebender Stimme zu ihm agt: „Verzeihen Sie, wenn ich ſtöre, mein lieber Herr Lambert. Iſt Sylvia nicht bei Ihnen?“ „Doch, mein Herr,“ antwortet der Buchhändler, indem er Wolfrang ins Zimmer führt. Sylvia erſchrickt über die Aufregung, die Wolf⸗ rang kaum zu verbergen weiß, und ſagt raſch zu ihm: „Mein Gott, was haſt Du denn? Warum ſiehſt Du ſo bekümmert aus?“ „Ich habe Dir ein Unglück zu verkünden, Sylvia „ein großes Unglück.“ „Du erſchreckſt mich.“ „Ach, Herr Lambert,“ verſetzt Wolfrang, „Ihr Commis hat, ich glaube mehr durch ſeine dumme Geſchwätzigkeit als durch berechnete Bosheit, ein ſchreckliches Ereigniß herbeigeführt.“ „Ich bitte um Alles, erklären Sie ſi „ antwor⸗ tet der Buchhändler ganz beſtürzt, indem er an die ſchmerzliche Enthüllung denkt, die er der Spionerei Bachelards verdankt. Aber in demſelben Augenblick kommt der Com⸗ mis von ſeinem Ausgang zurück, klopft an die Thüre und ruft: X 104 „Ich bins, Herr Prinzipal; ich habe den Auf⸗ trag ausgerichtet. . . ich habe den Herrn Doctor ge⸗ ſehen. er kann erſt auf den Abend kommen.“ 6 „Herr Lambert,“ ſagt Wolfrang lebhaft, „laſſen Sie dieſen Unglücklichen hereinkommen „ Die Lec⸗ tion wird furchtbar ſein vielleicht wird ſie gut bei ihm anſchlagen.“ Herr Lambert, der ſich perſönlich nur allzuſehr über ſeinen Commis zu beklagen hat, heißt ihn eintreten. Bachelard iſt Anfangs überraſcht, bald aber wird er ſehr beunruhigt durch das Schweigen ſämmt⸗ licher Anweſenden, die ihn ſtark ſixiren. „Geſtern,“ beginnt Wolſrang in ſtrengem Tone gegen den Commis, „hat ein Unteroffizier Sie ge⸗ fragt, ob Fräulein Jourdan hier wohne. Sie ha⸗ ben auf die gehäſſigſte Art dieſe achtungswürdige junge Dame verleumdet; der Militär, deſſen Braut ſie war, hat unglücklicher Weiſe an Ihre Verleum⸗ dungen geglaubt; Sie haben den Skandal verur⸗ ſacht, der geſtern Abend bei mir ſtattfand.“ „Herr Volfrang,“ antwortet Bachelard betäubt und mit zitternder Stimme, „ich. . habe nicht . verleumdet . . ich habe nur geſagt. . was ich ge⸗ ſehen habe und „. 5 „Sie haben auf die treuloſeſte, falſcheſte und ſchimpflichſte Weiſe die Abſchiedsgrüße ausgelegt, die zwiſchen Fräulein Jourdan und dem Herrn Ober⸗ ſten Germain gewechſelt wurden, für welchen ſie eine kindliche Verehrung hegt, weil er ein alter Freund ihrer Familie iſt.“ 105 „Ach, mein Herr ich wußte das nicht verſetzt Bachelard in jämmerlichem, bußfertigem Ton. „Wiſſen Sie, was geſchehen iſt?“ ruft Wolf⸗ rang ſchaudernd und wendet ſich dann zu Sylvia: „Faſſe Muth, meine Liebe, Du wirſt, wie ich bereits geſagt habe, ein großes Unglück vernehmen, das ſich durch Nichts wieder gut machen läßt.“ . 5 bitte Dich um Alles, Wolfrang, vollende 0 7 „Albert Gerard iſt, wie Du weißt, nach ſeiner heutigen Unterredung mit Fräulein Antonine ver⸗ wahnſinnig vor Eiferſucht fortge⸗ türzt.“ „Allerdings. . und Du ſollteſt ſeine Adreſſe zu erfahren ſuchen.“ „Ich habe ſie erfahren; er wohnt in einem Ho⸗ tel der Rue Montmartre.“ „Du haſt ihn geſehen?“ „Es war zu ſpät.“ „Zu ſpät?“ „Als ich in die Nähe des Hotels kam, bemerkte ich zahlreiche Gruppen auf der Straße ich er⸗ kundigte mich. ach Sylvia, faſſe Muth! .. Arme Antonine!“ „Großer Gott!“ murmelte Sylvia, „welche Ah⸗ nung! Oh! ich zittere.“ „Albert Gerard hatte ſich ſo eben erſchoſſen.“ Nach dieſen Worten, die Sylvia einen Schrei entriſſen, wendet ſich Wolfrang gegen Bachelard: „Sehen Sie, Unglücklicher, das haben Sie ver⸗ ſchuldet! Albert Gerard kam nach Paris zurück, um Fräulein Jourdan zu heirathen, und nun hat er 106 ſich umgebracht! Sie haben beide Brautleute mit einem und demſelben Schlag getödtet.“ Ein Augenblick ſtiller ſchmerzlicher Beſtürzung folgt auf die Worte Wolfrangs. Sylvia bebt vor Entſetzen, wenn ſie an die Ver⸗ zweiflung Antonines denkt. Herr Lambert hatte, wie ſämmtliche Perſonen, die der geſtrigen Soiree ange⸗ wohnt, mit großem Wohlgefallen die Beſcheidenheit und Anmuth der jungen Künſtlerin bemerkt. Tief ergriffen von dem unſeligen Ereigniß vergißt er einen Augenblick ſein eigenes Unglück, und Francine, welche die Aufregung ihres Mannes theilt, vergißt ebenfalls einen Augenblick ihren Kummer. Bachelard, dieſer neugierige, geſchwätzige, äußerſt verleumderiſche, heimtückiſche und rachſüchtige Menſch, war, wie man bereits geſagt hat, noch mehr dumm als ſchlecht. Als er die Kataſtrophe vernahm, die er wenigſtens zum großen Theil verſchuldet hatte, gerieth er in aufrichtige Verzweiflung. Er war der⸗ maßen beſtürzt, daß er halb das Bewußtſein verlor; ſeine Beine zitterten, er fiel ſchluchzend auf beide Kniee, und murmelte mit der Stimme eines Irr⸗ ſinnigen: ₰ „Welch ein Ungeheuer ich bin! . Ich habe den Tod eines Menſchen verſchuldet! Iſts möglich! Ich, mein Gott.. den Tod eines Menſchen!“ „Fntfernen Sie ſich,“ ſagt Herr Lambert zu ihm; „ich habe aus Mitleid lange Zeit Ihre Fehler er⸗ tragen. . aber meine Nachſicht würde ſtrafbar, wenn ich eine ſolche abſcheuliche Handlung verziehe verſuchen Sie es nicht mich zu erweichen .. mein Entſchluß iſt unwiderruflich.“ 107 „Ich habe mein Schickſal verdient,“ ſtammelt der Commis mit aufrichtiger Reue; „ich weiß wohl, daß ich keine Gnade zu erwarten habe.“ Damit erhebt er ſich mühſelig, ſchleicht an den Wänden ſich haltend nach der Thüre und entfernt ſich, indem er mit lautem Schluchzen wiederholt: „Mein Gott! . mein Gott! . den Tod eines Menſchen! . ich habe den Tod eines Men⸗ ſchen verſchuldet!“ Während Herr Lambert ſeinem Commis die Thüre wies, bemühte ſich Wolfrang ſeine Frau aufzu⸗ richten, die zitternd und verzweiflungsvoll an den ſchrecklichen Schlag dachte, der Antonine bedrohte. „Muth, Sylvia!“ ſagte er zärtlich zu ihr; „tröſte Dich durch den Gedanken, daß dieſe unſelige Nach⸗ richt, wie ich hoffe, wenigſtens in Deinem Munde Etwas von ihrer Schrecklichkeit verlieren wird. Antonine wird an Dir ein liebendes, hingebungs⸗ volles Herz haben, in welches ſie ihre Thränen ergießen kann. Wie unendlich mehr wäre ſie zu beklagen, wenn ſie ganz allein wäre und nirgends Sympathie und Mitleid fände!“ Er bot ihr ſeinen Arm und fügte hinzu: „Auf, wackeres und edelmüthiges Herz! Die Aufgabe iſt groß und ſchmerzlich, aber ſie iſt Deiner würdig.“ „Adieu, Madame Lambert,“ ſagte Sylvia, „auf Wiederſehen.“ Dann fügte ſie mit einer abſichtlichen Anſpielung auf die geheimen Kümmerniſſe Francines und ihres Mannes hinzu: „Ach, laſſen Sie uns in unſerem Unglück immer 108 an diejenigen denken, die noch unglücklicher ſind als wir; ſo werden wir unſere eigenen Leiden muthigen ertragen.“ „Wollen Sie und Herr Lambert mich entſchul⸗ digen, daß ich Sie ſo betrübt habe,“ fügt Wolfrang hinzu, indem er das Zimmer verläßt. „Aber das Ereigniß war von ſolcher Wichtigkeit, daß ich, da ich Sylvia bei Ihnen wußte, mich beeilt habe es ihr mitzutheilen.“ „Die Rachricht hat mich aufs tiefſte geſchmerzt,“ antwortet der Buchhändler, indem er Wolfrang und Sylvia bis an die äußere Thüre geleitet; „es iſt unmöglich ſich nicht für Fräulein Jourdan zu in⸗ tereſſiren. Ich bedaure im höchſten Grad, daß mein Commis dieſe Kataſtrophe verurſacht hat, aber ich hoffe, der Unglückliche wird ſich dieſe furchtbare Lehre zu Herzen nehmen, denn ſeine Reue iſt wenig⸗ ſtens aufrichtig. Wollen Sie Fräulein Jourdan ſagen, welchen Antheil meine Frau und ich an ihrem Unglück nehmen,“ fügt Herr Lambert hinzu, indem er ſich von Wolfrang und Sylvia verabſchiedet. „So geh denn, holder Engel des Troſtes, erfülle deine heilige Sendung bei Antonine,“ ſagt Wolf⸗ rang zu ſeiner Lebensgefährtin, als ſie draußen waren; „ich gehe zur Herzogin della Sorga.“ „Nimm Dich in Acht, Wolfrang, nimm Dich in 0 „Ich muß doch alle Mittel anwenden, um Dich zu überzeugen⸗ da Du noch immer zweifelſt.“ „Ach ja! . . . Wie viele Schmerzen, Opfer, Thränen, Beſchimpfungen, Folterqualen ſind doch den Guten beſchieden, während die ſchlechten Leute 109 ganz ungeſtraft Frechheit und Hochmuth ausüben und dabei Ruhe und Glück genießen!“ „Im Gegentheil, Sylvia, welche Schmach und welche Qualen warten der ſchlechten Leute! welches Glück und welche Heiterkeit iſt dagegen den Guten vergönnt, die ſich mit gerechtem Stolz daran er⸗ freuen dürfen! Welche furchtbaren Züchtigungen für die Einen, welche himmliſchen Belohnungen für die Andern! Welches Paradies für die Erwählten, Hölle für die Verdammten, ſchon in dieſer elt“ „Immer dieſes Paradoxon, Wolfrang?“ „Immer dieſe Wahrheit, Sylvia!“ „Ei wie! Alles was geſtern und heute in dieſem Hauſe vorgeht .. „Beweist die Wahrheit meiner Behauptungen ... und in der morgenden Nacht wirſt Du Dich ſelbſt überzeugen. Aber,“ fügt Wolfrang hinzu, indem er nach unten lauſcht, von wo er laut ſprechen hört, ves kommt Jemand, ich gehe zur Herzogin hinab... ich werde Dir die Unterredung erzählen . ſie wird ſehr curios ausfallen, Sylvia.“ Während die junge Frau hinaufſteigt, um ſich zu Antonine Jourdan zu begeben, geht Wolfrang hinab, um zur Herzogin zu gehen, und im Augen⸗ blick, wo er auf den letzten Stufen ankommt, die bis unter das Gewölbe des Hofthors reichen, erkennt er, daß das laute Geſpräch, das ſo eben ſeine Auf⸗ merkſamkeit angezogen, nichts Anderes als ein ziem⸗ lich lebhafter Dialog zwiſchen der muthwilligen Mumſell Cricri und dem phlegmatiſchen, ehrfurchts⸗ vollen Concierge Saturn iſt. 2 . 110 „Da ein Täfelchen aushängt, ſo iſt die Woh⸗ nung im erſten Stock zu vermiethen,“ ruft Mamſell Cricri, „und da ſie zu vermiethen iſt, ſo miethe ich ſie und zwar ſogleich. .. Ich bezahle ein Jahr vo⸗ raus, wenn es ſein muß.“ „„Ich habe bereits die Ehre gehabt, Madame, zu bemerken, daß eine der Wohnungen im erſten Stock allerdings zu vermiethen ſei, daß ich aber feinen Auftrag habe über dieſe Miethe zu unter⸗ handeln.“ „Gott! wie langweilig Ihr mit Euern Phraſen ſeid, mein lieber Mann! Sagt mir doch ſogleich, wo der Eigenthümer wohnt . .. dann wird die Sache mit zwei Worten im Reinen ſein . .. denn ich be⸗ zahle voraus.. nun wo wohnt er denn, der Eigen⸗ thümer! Fürchtet Ihr etwa, ich würde ihn freſſen?“ Saturn, der auf der Schwelle ſeiner Loge ſteht, bemerkt jetzt Wolfrang, welchem Cricri den Rücken kehrt; er ſieht aus einer Geberde ſeines Herrn, daß er beim Vorbeigehen an dieſer Dame ihr nicht als der Hauseigenthümer bezeichnet werden will. Er tommt wirklich die letzten Stufen der Treppe herab, ſchreitet durch das Gewölbe, ohne ſcheinbar Cricri zu bemerken, und begibt ſich nach dem Garten des Hotels, das der Herzog della Sorga bewohnt. „Ei ſieh da, ſieh da, welch ein ſchöner Junge!“ ſagt Cricri, indem ſie Wolfrang nachſchaut: „was iſt das für ein Herr da?“ „Do Madame mir die Ehre erwieſen hat mir vorzuhalten, daß ich Mißbrauch mit der Phraſe treibe, und .. „Ich habe blos geſast, daß Ihr ein langweili⸗ 111 ger Kerl ſeid, mein Lieber, das iſt weit einfacher; macht es wie ich, faßt Euch kurz.“ „Alſo um mich kurz zu faſſen und den Wünſchen zu entſprechen, welche Mabame gegen mich zu äußern beliebt, werde ich die Ehre haben Madame zu ant⸗ worten . „Er nennt das kurz ſein! Welch ein Kürbißſchä⸗ e „Ich hatte alſo die Ehre, Madame, kurz zu ant⸗ worten, daß nicht der Herr Hauseigenthümer, ſon⸗ dern ſein Bevollmächtigter, der Intendant, ſich mit der Vermiethung der Wohnungen befaſſe.“ „Endlich!. Nun wohl, wo wohnt er denn, dieſer Intendant?“ „Madame braucht nur durch den Hof zu gehen und den Gang rechter Hand einzuſchlagen, dann wird ſie im Garten ein Hotel finden und nach Herrn Tranquillin fragen; dieß iſt der Name unſers Herrn Intendanten.“ „Tranquillin!“ ſagt Cricri, „das nenne ich ein⸗ mal einen Namen, bei dem Einem zum Voraus das Blut in den Abern kochen muß. Ich will ihn alſo aufſuchen, und er mag wollen oder nicht, er muß die Wohnung an mich vermiethen, denn ich will noch heute Abend einziehen.“ Damit begibt ſich Mademoiſelle Cricri nach dem Hotel, das Wolfrang bewohnt, während Saturn 1 vor der frechen Dirne tief verbeugt und zu ihr agt: „Ich habe die Ehre Madame meine ehrfurchts⸗ vollen Huldigungen darzubringen.“ Jedem nach ſeinen Werken. J. Als Sylvia bei Antonine eintrat, um ihr den Selbſtmord Alberts mitzutheilen, traf ſie das arme Mädchen mit Schreiben beſchäftigt. Sie war blaß, aber gefaßt. Sie begrüßte die Eintretende mit einem ſanften wehmüthigen Lächeln, blieb aber an ihrem Tiſch ſitzen und ſagte: „Liebe Sylvia, Sie ſehen, ich mache mit Ihnen keine Komplimente; ſchenken Sie mir einige Augen⸗ blicke, damit ich meinen Brief an Albert vollenden kann, von dem ich mir wirklich Gutes verſpreche. Sie können ihn ſogleich leſen.“ Die junge Frau wird durch dieſe Einleitung, die ihre Sendung noch erſchwert, außer Faſſung gebracht; ſie ſetzt ſich ohne zu antworten, und inmitten des tiefen Schweigens, das die beiden Freundinnen be⸗ obachten, hört man das leichte Geräuſch von Anto⸗ nines Feder, die mit fieberhafter Schnelligkeit über das Papier hinläuft. „Albert kann ſolchen Gründen unmöglich wider⸗ ſtehen,“ murmelt ſie, indem ſie ihren Brief ſchließt. 113 Ich werde der heiligſten aller Pflichten treu geblie⸗ ben ſein, und ich will doch ſehen, ob Albert es jetzt noch wagen kann an meiner Unſchuld zu zweifeln.“ „Die Unglückliche . ſie ſchreibt an einen Tod⸗ ten!“ denkt Sylvia in dem Augenblick, wo Antonine von ihrem Tiſch aufſteht, mit ihrem Brief in der Hand auf die junge Frau zugeht und mit beinahe lächelnder Miene zu ihr ſagt: „Und jetzt leſen Sie, liebe Freundin, dann wer⸗ den Sie gewiß meine Hoffnungen theilen.“ Die junge Künſtlerin nimmt neben ihrer Freun⸗ din auf dem Sopha Platz, lehnt mit rührender ak⸗ muthsvoller Vertraulichkeit ihre Wange an Sylvias Schulter, und ſchickt ſich an mit ihren Blicken dieſer Lectüre zu folgen. Man kann ſich denken, wie es Sylvia zu Muthe war. Bald warf ſie ſichs als eine Grauſamkeit vor, daß ſie Antonine ſich an ihrer letzten Hoffnung feſt⸗ klammern ließ; bald dachte ſie dagegen, eine allzu ſchnelle Enthüllung der Wahrheit könnte der Unglück⸗ lichen vielleicht den Todesſtoß verſetzen. Von ſolchen Bedenklichkeiten gequält und zitternd vor Bangigkeit beſchloß Sylvia, trotz der Feſtigkeit ihres Charakters, durch Erfüllung des Wunſches ihrer Freundin Zeit und Aufſchub zu gewinnen. Antonine führte Albert in raſchen Hügen die Vergangenheit vor, von ihrer erſten Jugendzeit an bis zu dem ſchmerzlichen Auftritt dieſes Morgens; ſie appellirte an ſeine Frinnerungen, an den Inhalt der fleißigen Correſpondenz, welche die beiden Ver⸗ lobten mit einander geführt hatten, und bewies ihm, Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 8 114 daß ſie ſich niemals, unter keinen Umſtänden, in Widerſpruch mit ſich ſelbſt befunden habe. . Somit hatte auch das brave Kind vollkommen Recht gehabt zu ihrer Freundin zu ſagen: „Ich will doch ſehen, ob Albert es jetzt noch wagen kann an meiner Unſchuld zu zweifeln.“ Sylvia theilte dieſe Ueberzeugung. „Nein, nein, hundertmal nein,“ dachte ſie; „aber es iſt leider nicht mehr Zeit.“ Dieſer letzte Gedanke erinnerte Sylvia daran, daß der entſcheidende Augenblick gekommen war⸗ Sie nßte Antonine die ſchreckliche Wahrheit geſtehen. „Liebe Sylvia,“ fragte die junge Künſtlerin, in⸗ dem ſie ihren Kopf aufrichtete, den ſie bisher an die Schulter ihrer Freundin gelehnt, „habe ich Un⸗ recht mir eine gute Wirkung von meinem Briefe zu verſprechen?“ . „Ich fürchte es.“ „Wirklich?“ ſagte Antonine, zuerſt überraſcht und betrübt durch dieſe Antwort; dann fuhr ſie mit heiterem Lächeln fort: „Sehen Sie, ich ſetze mein ver⸗ meſſenes Vertrauen nicht auf mich ſelbſt, ſondern auf die Güte meiner Soche; dieſer Brief genügt Ihnen nicht, und dennoch hoffe ich viel von ihm.“ „Sie täuſchen ſich über den Sinn meiner Worte, liebe Antonine; Ihr Brief genügt mir vollkommen, denn er ſcheint mir unwiderſtehlich zu ſein wie die Wahrheit. Ihr Bräutigam ſelbſt würde überzeugt worden ſein, wenn er es noch werden könnte.“ „Er wird es werden. .. Alles ſagt mir das. Finden Sie dieſe Hoffnung unvernünftig, Sylvia?“ „Ach leider ja.“ 115⁵ „Ich ſelbſt fand ſie Anfangs unvernünftig; dann aber haben unbeſtimmte, glückliche Ahnungen die Befuͤrchtungen meiner Vernunft verſcheucht.“ „Die Ahnungen ſind oft ſehr trügeriſch, liebe Antonine.“ „So eben noch war mein Herz ſchrecklich betrübt und jetzt wird es leicht und heiter in Ihrer Gegen⸗ wart. Die Hoffnung allein bringt dieſes Wunder zu Stande. Ich kenne Albert ſo gut. Sehen Sie, er läßt ſich ſogleich von der erſten Aufregung, ob ſie nun gut oder ſchlecht iſt, hinreißen; er gibt ihr mit der Heftigkeit ſeines Charakters nach; darh aber, wenn er ſeinen Irrthum ſpäter erkennt, füh⸗ ren ſein gerader Sinn und die Ueberlegung ihn zur Wahrheit zurück. Wollen Sie ein recht ſchlagendes Beiſpiel dafür? Hat nicht Albert geſtern Abend mich tödten wollen? Was geſchah ſpäter? Heute früh war er hier und bereute ſeine Aufwallungen aufs bit⸗ terſte.. Deßhalb ſage ich Ihnen auch, beruhigen Sie ſich.“ „Großer Gott,“ dachte Sylvia, „ſie will mich beruhigen.“ Dann verſetzte ſie laut: „Antonine, meine arme Freundin, ich ſetze jetzt Vertrauen genug in die Feſtigkeit Ihres Charakters, Vertrauen genug in die Tröſtungen, die meine Freundſchaft Ihnen bieten kann, um Ihnen unverſtellt und ohne Um⸗ ſchweif zu ſagen .. .“ „Vollenden Sie.“ „Antonine, verzichten Sie auf Albert, verzichten ie für immer auf ihn.“ Die junge Künſtlerin erbebt, erblaßt, blickt ihre Freundin feſt an und ſagt dann mit angſtvoller Stimme 8 116 „Ihr Ton macht mich ſchaudern, Sylvia.“ „Drum bin ich ſelbſt von Schauder erfüllt, An⸗ tonine; berühren Sie meine Hand, wie kalt ſie iſt.“ „Wie Marmor,“ ruft die Künſtlerin; „Ihre Augen füllen ſich mit Thränen. Mein Gott, was haben Sie mir denn mitzutheilen?“ „Ein Unglück, ein großes Unglück.“ „Albert iſt abgereist!“ ruft Antonine plötzlich, indem ſie zitternd und mit angſtvollem Blicke Syl⸗ vias Auge befragt. „Verhehlen Sie mir nichts, ich werde Muth haben. Sprechen Sie. Albert iſt ab⸗ gereist! Ach, wenn ein ſolches Unglück mich treffen ſollte. . . Aber nein! es iſt unmöglich . . Trotz der Scene von heute früh, trotz ſeiner Wuth, trotz ſei⸗ nes Abſchieds auf ewig kann und will ich nicht glau⸗ ben, daß er mich auf immer verlaſſe, ohne einen Verſuch zu machen mich wieder zu ſehen, ohne mir zu ſchreiben. Nein, nein, es wäre eine Beleidigung gegen ihn, wenn ich ihn ſolcher Grauſamkeit fähig glaubte.“ „Sie hatten ſich in dieſe ewige Trennung erge⸗ ben, liebe Freundin. Ich werde Albert nie wieder ſehen, ſagten Sie dieſen Morgen zu mir.“ „Ach,“ ruft Antonine mit einem herzzerreißenden Lächeln, „ſolche Dinge ſagt und glaubt man in der erſten Betäubung einer ſinnloſen Verzweiflung; aber ſpäter kehrt die Vernunft zurück. . ſie iſt mir zu⸗ rückgekehrt, und ich glaubte nicht, daß Albert mich Stiche laſſen könnte, ich glaube es jetzt noch nicht.“ „Ich ſage Ihnen, arme Freundin, daß Sie ſich 117 in ein Unglück ergeben müſſen, bei welchem keine Abhilfe mehrmöglich iſt. .. ich ſage Ihnen. . . “ „Nein, nein!“ ruft Antonine, ihre Freundin unter⸗ brechend und ſich gegen den Schrecken einer Wirklichkeit abkämpfend, an der ſie hartnäckig zweifelt. „Nein, Albert iſt nicht abgereist, er kann nicht abgereist ſein. Vielleicht hat man ſeine Adreſſe nicht auffin⸗ den können? Mein Gott, da fällt mir jetzt grade ein, ich hatte es ganz vergeſſen wir waren doch übereingekommen, daß Sie ihm ſchreiben ſollten.“ „Ich habe mein Verſprechen gehalten, Antonine; mein Brief enthielt Alles wodurch ich den Unglück⸗ lichen zurückuführen hoffen konnte; aber. ..“ „Ach! Ich war ſo zermalmt, daß es mir unmög⸗ lich ſchien ihm ſelbſt zu ſchreiben. Herr Wolfrang ſollte ihm Ihren Brief in das Hotel Rue Mont⸗ martre bringen, wo er gewöhnlich abſteigt; und wenn man ihn nicht fand, ſo ſollte der Oberſt Germain, den ich erwarte, auf die Hauptwache, glaube ich, gehen, um ſich nach Alberts Adreſſe zu erkundigen.“ „Wolfrang hat es in der That übernommen bert meinen Brief zu bringen und .. „Und Herr Wolfrang hat Albert ohne Zweifel in der Rue Montmartre nicht getroffen?“ fragt Antonine, indem ſie das letzte Bedenken ihrer Freun⸗ din nach ihren Wünſchen deutet. Dann verſucht ſie Ruhe zu gewinnen und fährt alſo fort: „Es iſt freilich ſehr zu bedauern, daß Herr Wolfrang Ihren Brief Albert nicht zuſtellen konnte, er würde ihn in beſſere Stimmung verſetzt haben, um den meinigen zu leſen aber dieſes Unglück läßt ſich 118 ſchon wieder gutmachen . der Oberſt Germain kann uns jeden Augenblick Alberts Adreſſe brin⸗ gen, und ſelbſt wenn er ſie nicht brächte, ſo wäre dieß für mich kein Grund mich verlaſſen zu glau⸗ ben. O nein, nein, Albert iſt trotz ſeiner Heftig⸗ keit das edelſte Herz von der Welt er weiß, wie ich ihn liebe . und daß ſeine Abreiſe mich .. Antonine unterbricht ſich bebend und fährt dann ort: „Sehen Sie, Sylvia, ich mag gar nicht daran denken denn über dieſe Idee könnte ich den Verſtand verlieren.“ Beim Anblick dieſes Zuſtandes gänzlicher Zer⸗ malmung glaubt Sylvia das unglückſelige Geſtänd⸗ niß noch einmal hinausſchieben zu müſſen, und ſucht nach einem Uebergang, um es für Antonine weniger ſchrecklich zu machen. Endlich thut ſie ſich ſelbſt Gewalt an und verſetzt im Tone des ergreifendſten Mitleids: „Arme Freundin! mein Herz bricht, wenn ich an den furchtbaren Schlag denke, den ich Ihnen verſetzen werde. Gleichwohl muß es durchaus ſein. Ihre Sicherheit bringt mich zur Verzweiflung, er⸗ füllt mich mit Entſetzen .. „Die Hoffnung iſt, ſo begründet ſie auch ſein mag, noch weit entfernt von Sicherheit, Sylvia.“ „Die Hoffnung! Ach mein Gott, ich habe es Ihnen geſagt, ich wiederhole es Ihnen und ich verſi⸗ chere Sie, es wäre Unſinn, wenn Sie noch die min⸗ deſte Hoffnung bewahren wollten. So erfahren Sie es denn: wenn Albert abgereist wäre und Sie im Stich gelaſſen hätte . erwägen Sie meine Worte 119 wohl wenn Albert abgereist wäre und Sie im Stich gelaſſen hätte, ſo wäre dieß beinahe eine Wohlthat für Sie. verſtehen Sie mich? . . beinahe eine Wohlthat im Vergleich mit der furcht⸗ baren Wirklichkeit, die ich, aus Anaſt Sie unter dem Streich erliegen zu ſehen, nicht über meine Lip⸗ pen bringen kann ... „Furchtbare Wirklichkeit .. Was iſt es, das Sie mir nicht mitzutheilen wagen? .. fragt die junge Künſtlerin langſam und voll Beſtürzung, in⸗ den ſie ſich über dieſe Worte Rechenſchaft zu geben ucht. Dann heſtet ſie einen fragenden Blick auf Syl⸗ via und fügt hinzu: „Ich begreife Sie nicht, liebe Freundin.“ Sylvia ſammelt ſich zum letzten Mal und ſpricht dann mit bebender Stimme: „Antonine, Albert war Soldat in Africa und als ſolcher häufig Todesgefahren ausgeſetzt.“ „Leider ja.“ „So ſchauerlich dieſe Annahme ſein mag, ſo iſt es Ihnen doch vielleicht hie und da in den Sinn gekommen, daß Ihr Bräutigam eines Tags ver⸗ wundet werden könnte?“ „Ja, dieſer unſelige Gedanke hat ſich mir häufig aufgedrängt,“ antwortet die junge Künſtlerin bei⸗ nahe mechaniſch. „Als die Befürchtung ſpäter zur Gewißheit wurde, als Albert vor drei Jahren in Algerien eine ſchwere Wunde erhielt, da ... Aber auf einmal beginnt Antonine zu zittern, eine plötzliche Angſt, wogegen ſie ſich vergebens ab⸗ 120 müht, ergreift ſie und ſie ſtammelt mit ſteigender Bangigkeit: „Warum dieſe Anſpielung auf eine Wunde, die Albert erhalten könnte? warum dieſe Annahme, Sylvia?“ „Wollte Gott, es wäre blos eine Annahme! So erfahren Sie denn, Albert ... „Ich habe begriffen. . Albert hat ſich mit dem Oberſten geſchlagen und iſt verwundet worden,“ ruft Antonine mit herzzerreißender Stimme. „Sie haben ſich wieder geſehen; Albert wird ihn an der Thüre erwartet haben, er hat ihn ohne Zweifel gereizt, und in Folge dieſer letzten Beſchimpfung wird der Oberſt trotz ſeiner Verſprechungen gegen mich .... Antonine vollendet nicht, ſo ſchreckiich iſt für ſie der Gedanke an ein Duell zwiſchen ihrem Vater und ihrem Bräutigam. Sie bleibt ſtumm vor Schreck ſitzen und verbirgt ihr Geſicht mit beiden Händen. Sylvia überzeugt ſich mit unausſprechlichem Kummer von der Nutzloſigkeit des neuen Uebergangs, den ſie verſucht hatte. Da ſie nun fürchtet, die Unglückliche möchte auf dieſe Art ihre Kräfte in vergeblichen Martern erſchöpfen, ſo daß ſie zuletzt dem wahren Schlag, womit ſie bedroht iſt, nicht mehr widerſtehen könnte, ſo verliert ſie ſelbſt ihre Geiſtesgegenwart, vergißt alle Schonung, fällt An⸗ tonine um den Hals und ruft, indem ſie ihre Thrä⸗ nen nicht mehr zurückzuhalten vermag, unter lautem Schluchzen: „Albert hat ſich heute früh als er nach Hauſe kam erſchoſſen er iſt todt.“ Jetzt ereignete ſich etwas Herzzerreißendes. 121 Antonine wendet ſich todtenblaß aus den Armen ihrer weinenden Freundin los, ſtößt ſie zurück, und bebend, ſich halb beugend, um der jungen Frau, gegen welche ſie ihre krampfhaft zitternden Arme ausſtreckt, ins Geſicht zu ſchauen, heftet ſie ihre Augen, die ſich maßlos vergrößert und einen ſchreck⸗ lichen Ausdruck angenommen haben, ſtarr auf ſie und ſagt dann mit irrer Stimme kurz und haſtig: „Das iſt unmöglich was Sie mir da ſagen, Madame.“ „Ich ſchwöre Ihnen, daß es die Wahrheit iſt,“ murmelt Sylvia beinahe flehend, denn Antonines Blick erfüllt ſie mit Schrecken, „ich ſchwöre es Ihnen.“ „Es iſt nicht wahr . . Sie täuſchen mich .. .“ „Antonine! Um Gottes willen, Antonine, hören Sie mich an; ich verſichere Sie, daß „Schweigen Sie! .. Wenn Sie die Wahrheit ſprächen, Unglückliche, ſo müßte ich meine Mutter verfluchen.“ Dieſe Worte ſprach die junge Künſtlerin mit der Exaltation eines ſo wilden Schmerzes, daß Sylvia, obſchon ſie ihre wahre Bedeutung nicht errieth, dennoch den Ausdruck der bei ihrem Paroxis⸗ mus angelangten Verzweiflung darin erkennen mußte. Noch mehr aber erſchrack ſie, als Antonine auf einmal eine ſeltſame Ruhe an den Tag legte, wie wahnſinnig, mit einer trockenen Eluth in den Augen, ihre Freundin derb am Arme faßte und in beinahe drohendem Ton zu ihr ſagte: „Sehen Sie, es genügt nicht zu ſagen, er iſt todt; Sie müſſen es auch beweiſen, Madame.“ 122 „Ich beſchwöre Sie, Antonine, faſſen Sie ſich; Ihre Vernunft verwirrt ſich, Sie erkennen mich nicht mehr . . Ich bins, ich, Ihre Freundin Sylvia.“ Freundin!“ antwortete ſie: „wo? wann? wie?“ „Dieſe Details ſind ſchrecklich, Antonine; zwin⸗ 1 Sie mich nicht ſie Ihnen zu geben; faſſen Sie i „Ich frage Sie noch einmal: wo? wie?“ „Ach das iſt unmöglich! Es würde Sie tödten .. in dieſem Augenblick kann ich Ihnen nichts agen „Ah, Sie können nichts ſagen! Sie lügen alſo! Ich dachte mirs wohl .. . er iſt nicht todt!“ „Unglückliches Kind! Ich muß ſie zu beſchwich⸗ tigen verſuchen, wie man die Narren beſchwichtigt,“ ſagte Sylvia zu ſich. Dann ſpricht ſie laut: „Nun wohl, Antonine, hören Sie mich an .. Sie verlangen alſo Details?“ Sie können mir alſo jetzt welche geben?“ a „Welch ein Glück! Laſſen Sie doch hören.“ „So eben ging Wolfrang aus, um meinen Brief fortzutragen . ..“ „Ihren Brief an Albert? Sprechen Sie doch aus! Und weiter?“ „Er war nach ſeiner Gewohnheit im Hotel der Rue Montmartre abgeſtiegen.“ „Nun und weiter?“ „Als Wolfrang in die Nähe des Hotels kam, ſah er auf der Straße zahlreiche Gruppen.“ ——— — — ——0— — — 123 „Ah! und warum dieſe Gruppen?“ „Antonine, Sie erſchrecken mich.“ „Warum dieſe Gruppen?“ 2 „Weil ſich das Gerücht verbreitet hatte, daß ein ſchreckliches Ereigniß . . .“ „Daß ein ſchreckliches Ereigniß? Sprechen Sie doch aus! Sie unterbrechen ſich bei jedem Wort.“ „Ein ſchreckliches Ereigniß hatte ſich ſo eben im Hotel der Rue Montmartre zugetragen ... Ein junger Militär hatte .. .“ „Hätte „So eben ſich erſchoſſen. ..“ Antonine wird am ganzen Leib von einem krampf⸗ haften Beben befallen; ſie ſchweigt einen Augen⸗ blick, dann ſegt ſie: „Und das war Er?“ „Leider ja.“ „Sie wiſſen es gewiß?“ X „Sie ſchwören mirs, daß Er es war?“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Dank!“ Antonine war während dieſes kurzen und raſchen Zwiegeſprächs aufrecht und wie ſteif durch die krampf⸗ hafte Spannung des Schmerzes ſtehen geblieben; ihre nicht minder geſpannten Züge, ſo wie ihr ſtar⸗ res trockenes Auge drückten, wenn man ſo ſagen kann, eine Art von ruhigem Irrſinn und dabei den⸗ noch eine gewiſſe Klarheit aus; ihre Fragen und Antworten waren logiſch in ihrer ſchrecklichen Kalt⸗ blütigkeit. Als ſie das Geſpräch mit dem Wort Dank abbrach, deſſen Ton ſich nicht wiedergeben „ 124 läßt, hatte ſie augenſcheinlich den ganzen Umfang ihres Unglücks begriffen, und von dieſem Augenblick an begannen auch ihre Züge allmählig ihre Straff⸗ heit zu verlieren; auf die nervöſe Zuſammenziehung, welche, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, ihr phy⸗ ſiches und moraliſches Weſen ſteif gemacht hatte, folgte eine zunehmende Erſchlaffung ihrer Lebens⸗ geiſter. Sie ſetzte ſich jetzt, brach zuſammen, ließ ihre Ellbogen auf ihren Schoos fallen, legte ihre Stirne in beide Hände und ſchien mit feſtem geſenk⸗ tem Blick den Abgrund von Schmerz zu erforſchen, der ſich durch den tragiſchen Tod ihres Bräutigams vor ihr erſchloſſen hatte. Sylvia ſaß unbeweglich und ſchweigend da. Sie betrachtete ihre Freundin mit angſtvoller Sorglich⸗ keit und dachte mit bitterer Befriedigung daran, daß die Unglückliche der furchtbaren Wirklichkeit ins Auge ſchauen, und daß bald die Stunde kommen werde, wo die Freundſchaft ihre Tröſtungen bieten könne. Mit dieſen Tröſtungen wollte es Sylvia noch nicht verſuchen, da ſie die thatſächliche Eitelkeit der⸗ ſelben kannte und auch aus der Derbheit, womit ſie ſo eben behandelt worden war, ohne es jedoch im mindeſten übel zu nehmen, erſehen mußte, wie reizbar und trotzig die Empfindlichkeit eines ſolchen Kummers war. Sie beobachtete Antonine mit der aufmerkſamſten Aengſtlichkeit. Sie bemerkte bald, daß die Unglückliche ihre Wimpern geſchloſſen hielt, und daß ihre Thränen, die Anfangs langſam und ſelten gekommen, allmählig nach und nach reichlich floſſen und ihr Geſicht überſtrömten. 125⁵ „Sie weint.. ſie iſt gerettet.. .“ſagte Sylvia zu ſich. Antonine erhob ſich langſam und that nicht ohne Mühe einige ſchwankende Schritte gegen den Fond des Salons, wo das Portrait ihrer Mutter hing; dann kniete ſie mit gefalteten Händen in betender Haltung nieder und murmelte mit erloſchener Stimme und mit dem Ausdruck qualvoller Reue: „Verzeih mir, Mutter, verzeih mir! Einen Augen⸗ blick habe ich Dir geflucht. Hab Erbarmen mit mir! Inſpirire mich, hilf mir, meine Mutter!“ So blieb ſie auf ihren Knieen liegen, war aber ſo niedergedrückt, ſo zermalmt unter der Laſt des Schmerzes und beugte ihre Stirne ſo tief gegen den Boden, daß Sylvia ihr Geſicht nicht zu ſehen vermochte. Die Worte, die Antonine im Ton qualvoller Reue und ſodann des inbrünſtigſten Gebetes aus⸗ geſprochen hatte, fielen Sylvia auf; ſie bezogen ſich auf den Ausruf, der dem jungen Mädchen bei der Mittheilung von Alberts Selbſtmord entfahren war: „Dieß iſt nicht wahr, denn ſonſt müßte ich meiner Mutter fluchen.“ Sylvia wagte es jedoch nicht An⸗ tonines fromme Sammlung zu ſtören, und als ſie eben über den Sinn dieſer Ausrufungen nachzuden⸗ ken anfing, ſah ſie die Salonthüre langſam aufge⸗ hen und den Oberſten Germain auf der Schwelle erſcheinen. . Auf ein ausdrucksvolles Zeichen und eine raſche Geberde der jungen Dame, die einen Finger an ihre Lippen führt und auf die knieende Antonine deutet, welche in ihrem tiefen Schmerz die Erſchei⸗ N 126 . des Oberſten nicht bemerkt hat, bleibt dieſer tehen. Sylvia erhebt ſich jetzt, ſchleicht auf den Zehen durch den Salon, deſſen Thüre ſie geräuſchlos hin⸗ ter ſich zumacht, und als ſie ſich mit dem Oberſten Germoin allein im Nebenzimmer befindet, ſagt ſie leiſe zu ihm: „Ein ſchreckliches Unglück hat ſich zugetragen.“ „Bitte, vollenden Sie, Madame.“ „Dieſer unglückſelige junge Menſch hat dem Wahn⸗ witz ſeiner ſinnloſen Eiferſucht nicht widerſtehen kön⸗ nen „Was? ErſollteFräulein Jourdan imStich laſſen?“ „Er ging heute früh verzweiflungsvoll in ſein Hotel zurück und .. .“ „Nun?“ „Hat ſich erſchoſſen.“ Der Oberſt will vor Ueberraſchung und Schreck einen Schrei ausſtoßen, aber Sylvia verhindert dieß mit einer raſchen Geberde und ſagt: „Stille, ſtille! Die Unglückliche geht ſoeben aus einer furchtbaren Criſis hervor, ich fürchtete ſie da⸗ rin erliegen zu ſehen.“ „Ach Madame,“ erwiderte der Oberſt leiſe und mit mühſam bekämpfter Rührung, „welch eine ſchreck⸗ liche Nachricht! Und Antonine . ..“ „Sie weiß Alles.“ „Großer Gott! Es wird ſie tödten.“ „Ich hoffe, wir werden ſie aus ihrer Verzweif⸗ lung retten; aber,“ fügt die junge Frau mit brechen⸗ der Stimme hinzu, „ich geſtehe Ihnen, daß meine Kräfte zu Ende ſind; ich kann Ihnen nicht ſagen, 127 was ich gelitten habe, bevor ich Antonine von der unſeligen Wahrheit überzeugen konnte.“ „Wie Madame, Sie haben den Muth gehabt ihr dieſes ſchreckliche Unglück mitzutheilen?“ „Ja, in der Hoffnung ihr den Schlag weniger ſchmerzlich zu machen. Aber, wie geſagt, meine Kräfte ſind zu Ende, ich laſſe Sie allein bei ihr Ich werde bald wieder nach ihr ſehen. Inzwiſchen tröſten Sie das arme Kind. Laſſen Sie uns hof⸗ fen, Herr Oberſt, laſſen Sie uns hoffen . Wir werden ſie erhalten. Adieu, adieu! Und wenn ſie ſich über meine augenblickliche Abweſenheit wundert, ſo ſagen Sie, wie es wahr iſt, nämlich daß ich nach dieſer ſchmerzlichen Aufregung einiger Augenblicke ruhiger Sammlung bedürfe, die ich mir um ſo mehr gönnen dürfe, als ich wiſſe, daß ihr die Tröſtun⸗ gen Ihrer Freundſchaft nicht fehlen. In einer Stunde werde ich wiederkommen. Alſo auf baldiges Wie⸗ derſehen, Herr Oberſt!“ Sylvia war in der That durch dieſe gewaltſamen Erſchütterungen gänzlich erſchöpft und verlangte um ſo mehr nach ihrer eigenen Wohnung zurück, als ſie wußte, daß ſie bei Antonine einen treu ergebe⸗ nen Freund zurückließ. Mit wankenden Tritten war die junge Dame die Treppe hinabgeſtiegen, hierauf über den Hof, ſodann durch den Garten ihres Hotels gegangen und war eben im Begriff die Freitreppe hinaufzuſteigen, als ſie Tranquillin unter der Säulenhalle hervor⸗ kommen ſah. „Ach mein Gott!“ rief der gute Alte, „wie leidend meine geehrte Gebieterin ausſieht!“ 128 „Ich bin es in der That ein wenig; reiche mir Deinen Arm, Tranquillin, und führe mich die Frei⸗ treppe hinan.“ Und auf den Arm des würdigen Dieners geſtützt ſagt Sylvia, indem ſie mühſam die Stufen hinauf⸗ ſteigt: „Wo iſt Wolfrang?“ „Mein geehrter Gebieter befindet ſich bei dem Herrn Herzog della Sorga, und ich will eben zu ihm gehen, um ihm etwas Schreckliches mitzuthei⸗ len, worüber Madame mich ganz beſtürzt ſieht . .. und „Wenn Wolfrang von dem Herrn Herzog weg⸗ geht, ſo ſag ihm, er möchte zu mir kommen,“ ant⸗ wortete Sylvia, ohne den Worten des würdigen Intendanten ſonderliche Wichtigkeit beizulegen, da ſie ſeine Neigung zu Uebertreibungen kennt. „Wolf⸗ rang findet mich in unſerm Atelier.“ „Ich will ihn ſogleich benachrichtigen; aber wünſcht meine geehrte Gebieterin nicht, daß ich ſie bis in ihr Zimmer begleite oder daß ich ihre Kammerfrau rufe?“ verſetzte Tranquillin, nachdem er Sylvia die Freitreppe hinauf geholfen hatte. „Madame ſieht ſo ſchwach aus, ſo ſchwach, daß ich es kaum wagen kann ſie allein zu laſſen.“ „Dank, Tranquillin.. Geh jetzt nur zu Wolf⸗ rang und ſag ihm, daß ich ihn ſo bald als möglich erwarté.“ Sylvia tritt ins Hotel und Tranquillin begibt ſich raſch nach der Wohnung des Herzogs della Sorga, indem er zu ſich ſagt: „Hoffen wir zu Gott, daß die Anweſenheit meines geehrten Gebieters ge⸗ 129 nügen wird, um den Kummer zu beſchwichtigen, den ſie auf dem Herzen zu haben ſcheint.“ Dann erinnert ſich der Intendant wieder an die Thatſachen, die ihm monſtrös, himmelſchreiend vor⸗ kommen; er hebt ſeine Arme empor und ruft: „Mam⸗ ſell Cricri verlangt die leere Wohnung im erſten Stock zu miethen! Mamſell Cricri! Und ich ſoll die Entrüſtung meines geehrten Herrn dadurch rege machen, daß ich ihm dieſe exorbitante, unerhörte An⸗ maßung einer Mamſell Cricri mittheile! . . Sie will ſich bei uns einmiethen! Guter Gott, in wel⸗ chen Zeiten leben wir?“ Die Herzogin della Sorga war kaum aus dem Park von Monceaux zurückgekehrt, wo ſie Herrn von Luxeuil eine ganz kurze Unterhaltung gewährt hatte, als man ihr den Beſuch anmeldete, welchen Wolfrang ihr und ihrem Gemahl abſtatten wollte. Sie gerieth darüber in die größte Unruhe. Man wird immer an dem geſtraft, womit man gefündigt hat, ſagt die Weisheit der Nationen. So ſollte auch Frau della Sorga durch eine wahre Liebe die Strafe ihrer tollen Vergeudungen erleiden. Die Triebfeder ihres Benehmens gegen Herrn von Luxeuil war weiter nichts als ganz einfache pure Coketterie, während Wolfrang ihr eine Art rherung einflößte, wodurch ſie verzaubert wurde. Die Herzogin verfügte ſich bald zu Wolfrang Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 9 130 in den Salon, wo er auf ihr Erſuchen in Abweſen⸗ heit ihres Gemahls ein wenig gewartet hatte. „Ich habe mich etwas beeilt, Madame,“ redete Wolfrang ſie an, „hieherzukommen, um Ihnen un⸗ ſern Dank für die Ehre abzuſtatten, die Sie uns geſtern Abend erwieſen; aber ich wünſchte Ihnen auch mein lebhaftes Bedauern über den verdrieß⸗ lichen Scandal auszudrücken, welcher der Soiree ein ſo ſchnelles Ende machte . Unglücklicher Weiſe hat er höchſt tragiſche Folgen gehabt.“ „Wie ſo?“ „Dieſer Unterofficier hat ſich im Wahnwitz ſei⸗ ner Eiferfucht erſchoſſen.“ „Ach mein Gott, das iſt ja ſchrecklich. Welch ein furchtbares Gefühl iſt doch die Eiferſucht! Wa⸗ b muß ſie von der wahren Liebe unzertrennlich ein!“ „Ich glaube das nicht ſo ganz. Sieht man nicht wahrhaft verliebte Leute, welche die Eiferſucht nicht kennen?“ „Dieſe müſſen ſelten ſein.“ „Sie ſind im Gegentheil ſehr zahlreich, denn woher kommt das Ausbleiben der Eiferſucht? Von einem ungemeinen Vertrauen auf unſer eigenes Ver⸗ dienſt oder auch von unſerm großherzigen Vertrauen zu der geliebten Perſon, woraus erfolgt, daß die Leute von edlem Herzen und die impertinenten ein⸗ gebildeten Gecken, und Gott weiß wie viele es von dieſer Sorte gibt, meines Erachtens die Mehrheit der Verliebten ausmachen.“ „Wenn die edlen Charaktere dieſem Gefühl fremd 131 bleiben, ſo müſſen Sie nicht eiferſüchtig ſein, Herr Wolfrang.“ „Und Sie, Frau Herzogin?“ „Eine eigenthümliche Frage! Nun wohl, beant⸗ worten Sie zuerſt die meinige, dann werde ich viel⸗ leicht die Ihrige beantworten.“ „Ich bin nicht eiferſüchtig, Madame.“ „Ich bin alſo jetzt verpflichtet Ihnen meinerſeits zu ſagen, ob ich eiferſüchtig bin oder nicht, oder vielmehr, ob ich es war oder nicht . .. denn wahr⸗ haftig in meinem Alter,“ fügt die Herzogin mit einem ängſtlich lauernden Blick auf Wolfrang hinzu, „in meinem Alter, wenn man bald eine gute Vier⸗ zigerin iſt, wäre es doch ſchmählich lächerlich von Liebe und Eiferſucht anders als aus der Erinnerung ſprechen zu wollen. Iſt es nicht wahr, mein Herr?“ „Madame, Sie bringen mich ſehr in Verlegenheit.“ „Ich bringe Sie in Verlegenheit?“ „Allerdings im höchſten Grad. Die faden und trivialen Complimente, welche die Höflichkeit aufer⸗ legt, ſind mir im Grund meiner Seele zuwider. Als Mann von Erziehung ſollte ich jetzt eine ſehr überraſchte Miene annehmen und nach dem einge⸗ führten Gebrauch rufen: „Nein, Madame, Sie ha⸗ ben nicht vierzig Jahre, Sie haben zweimal zwan⸗ zig Jahre. Und überdies bedeutet die Altersfrage blos, daß Sie ſeit längerer Zeit ſchöner ſind als andere, weiter nichts. Wozu Ihnen alſo Etwas ſagen, wovon Sie ſelbſt überzeugt ſind? Wozu mich auf dieſe Art zum überflüſſigen Echo der wohlver⸗ dienten Bewunderung machen, welche Sie Jedermann einflößen? Aber ich wiederhole Ihnen, Fehei 132 ſind mir zuwider. So ſei es denn! Entſchuldigen Sie meine Brutalität, Madame; Sie ſind eine gute alte Frau, die von Eiferſucht nur noch aus der Er⸗ innerung ſprechen kann.“ „Sollte dieſe geiſtreiche Tirade eine verſchleierte Erklärung ſein?“ fragt ſich Frau della Sorga und fährt dann laut fort: „Es verſteht ſich von ſelbſt, mein Herr, daß, wenn ich mit Ihnen von Liebe und Eiferſucht ſprach, die ich vielleicht empfunden habe, dieſe Gefühle Niemand anders als Herrn della Sorga zum Ge⸗ genſtand haben konnten.“ „Es wäre eine Beleidigung gegen Sie, Madame, wenn ich mir erlauben wollte das Gegentheil anzu⸗ nehmen,“ antwortet Wolfrang mit einem ſolchen Anſchein von Ueberzeugung, daß die Herzogin bei Seite zu ſich ſelbſt ſagt: „Es unterliegt keinem Zweifel mehr: mein Ruf ſtrenger Tugend legt ihm dieſen Zwang auf, der aus ſeinen Worten hervorſieht.“ Sodann fährt ſie laut und beinahe barſch fort: „Seien Sie aufrichtig, was denken Sie von mir?“ „Madame, ich empfinde all die Ehrfurcht und Bewunderung, die Sie nothwendig allen Denjenigen einflößen müſſen, welche die Ehre haben Sie zu kennen.“ 3 „Wie! Eine ſolche Antwort von Ihnen, mein Herr, dem erklärten Feind aller faden und alltäg⸗ lichen Redensarten!“ „Sie müſſen allerdings dieſe Ausdrücke der Ehr⸗ furcht und Bewunderung fad und alltäglich finden, 133 da Sie dieſelben ſo oft zu hören bekommen. Aher bitte, wer iſt Schuld daran?“ Haben wir nöthig unſern Leſern ein für allemal zu bemerken, daß nicht wir ſelbſt ſprechen, ſondern eine von unſern Perſonen, und daß dasjenige was ihnen erhaben, rührend oder geiſtreich ſcheint, dieß Alles nur in ihren eigenen Augen iſt? „Sie ſehen wohl, daß Sie ein Schmeichler ſind, was Sie auch ſagen mögen. Aber da wir auf das ſentimentale Gebiet gerathen, ſo will ich Ihnen meinerſeits auch eine Frage vorlegen: Glauben Sie an jene plötzlichen unwiderſtehlichen Leidenſchaften, über denen man jede Klugheit vergißt, ſo daß man ohne Gnade und Barmherzigkeit dem zärtlichen Mit⸗ leid oder der Verachtung des Gegenſtands derſelben preisgegeben wird?“ „Sie bringen mich jetzt von Neuem in Verlegen⸗ heit, Madame.“ „Wodurch, wenn ich bitten darf?“ „Nach den Regeln der allergewöhnlichſten Ga⸗ lanterie müßte ich Ihnen antworten: Ach Madame, bis jetzt zweifelte ich an einem ſolch plötzlichen un⸗ widerſtehlichen Liebesdrang, aber ſeit ich das Glück habe Sie zu kennen, muß ich an dieſen plötzlichen, an dieſen unüberwindlichen Reiz glauben, der uns verführt, irre leitet und hinreißt, ſo groß auch die Gefahr und der Wahnſinn einer ſolchen Liebe ſein mag. Aber,“ fährt Wolfrang fort, indem er plötz⸗ lich ſeinen Ton verändert und wieder ſpöttiſch und kalt wird, „aber getreu meinem Widerwillen gegen abgedroſchene Fadheiten werde ich Ihnen ganz ein⸗ fach ſagen, Madame, daß ich an ſolche fabelhafte Liebesverhältniſſe nie geglaubt habe und auch jetzt ſchlechterdings nicht glaube.“ Frau della Sorga war im Begriff geweſen ſich zu verrathen, als ſie Wolfrang mit bewegtem Ton und vibrirender Stimme dieſe Antwort ertheilen hörte, die er, wie er ſagte, als eine abgedroſchene Fadheit betrachtete; aber die letzten Worte, die mit eiſigem Spott geſprochen wurden, der ſich von Neuem auf ſeinen Zügen abprägte, warfen ſie in einen Abgrund bangen Bedenkens zurück. „Wahrhaftig, mein Herr, Sie ſehen mich ſtumm vor Erſtaunen,“ verſetzte ſie. „Und woher kommt dieſes Staunen, Madame?“ „Daher daß ich Sie die Plötzlichkeit gewiſſer unwiderſtehlicher Leidenſchaften leugnen höre, wäh⸗ rend ſo viele Thatſachen, ſo viele Beiſpiele beweiſen, daß es gebieteriſche Liebesanwandlungen gibt, die uns auf den erſten Blick zu Boden werfen, uns beherrſchen und gegen unſern Willen eine unglaub⸗ liche Macht über uns gewinnen.“ „Im Ernſt geſprochen, Madame, das ſind ro⸗ mantiſche Uebertreibungen.“ „Leider ſind es Wahrheiten, mein Herr.“ „Die Höflichkeit, Madame, verpflichtet mich Ihnen zu glauben.“ „Ich nehme ein ſolches Zugeſtändniß nicht an. Ich will Sie zwingen, ſich als überzeugt zu er⸗ klären.“ „Ich wage das zu bezweifeln, Madame.“ „Aber wenn ich Ihnen ein Beiſpiel anführe?“ „Ein Beiſpiel?“ 135 6 „Ja ein Beiſpiel, eine Thatſache. Was haben Sie darauf zu antworten?“ „Vor einer Thatſache, Madame, verbeugt man „Nun wohl, dieſe Thatſache iſt folgende: Eine Dame aus meiner Bekanntſchaft, ihren Ramen werde ich verſchweigen, genoß, ob nun mit Recht oder Unrecht, einen untadelhaften Ruf. Eines Abends, und bemerken Sie wohl, mein Herr, die Sache iſt ſo neu, wie wenn ſie erſt geſtern vorgefallen wäre — geſtern, Sie verſtehen mich?“ „Ganz gewiß, Madame.“ „Ich könnte alſo kein paſſenderes Beiſpiel an⸗ führen?“ „Zugegeben, Madame. Laſſen Sie hören, in wie fern es ſo paſſend iſt.“ „Alſo eines Abends trifft dieſe Frau in Geſell⸗ ſchaft mit einem Manne zuſammen, der mit unglaub⸗ lichen Verführungsmitteln ausgeſtattet iſt.“ „Es konnte nicht anders ſein: jeder Romanheld muß auf dieſe Art ausgeſtattet ſein, wenn es ihm darum zu thun iſt ſeine Rolle angemeſſen durchzu⸗ führen. Aber ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Madame, daß ich Sie unterbreche. Ich wünſche Ihnen zu beweiſen, daß ich vollſtändig auf den Geiſt der Erzählung eingegangen bin, womit Sie mich ſo eben erfreut haben.“ „Herr Wolfrang, Sie würden ein lebhaftes Mißfallen in mir hervorrufen, ja ich ſage Ihnen noch mehr, Sie würden mir einen wirklichen Kummer verurſachen, wenn Sie an meinen Mittheilungen ſich 136 F. zweifeln wollten. Ich bitte Sie um Alles, ſpotten Sie nicht, dieſe Erzählung iſt wahr, nur allzu wahr.“ „Entſchuldigen Sie gütigſt meine Unterbrechung, Madame; ich höre Sie mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit an.“ „Vor allen Dingen muß ich Ihnen, wenn ich kann, den Mann ſchildern, um den es ſich handelt, um Ihnen den plötzlichen und gründlichen Eindruck begreiflich zu machen, den er verurſachte. Ich will Nichts von ſeiner Jugend, von ſeiner männlichen Schönheit, von der Miſchung von Grazie, Eleganz und Würde ſagen, die ſeiner Perſon einen gons außerordentlichen Zauber verleihen. Ich will nicht einmal von der ausgeſuchten Diſtinction ſeiner Ma⸗ nieren ſprechen, die ihn zum vollendetſten Gentleman machen; nein, ich gehe über ſeine äußeren Vorzüge weg, obſchon ſie genügen würden jeden andern Mann ungemein intereſſant und verführeriſch zu machen; aber ſie ſind die geringſten Vorzüge desjenigen, um den es ſich handelt. Sie dürfen die Genauigkeit dieſes Portraits nicht bezweifeln, Herr Wolfrang.“ „Nein, Madame, ich zweifle nicht, ich bewundere. Die großen Maler beſitzen, das weiß ich, die Kunſt eine oft alltägliche Natur zu idealiſiren, ihr jedoch nichts deſtoweniger ihre Aehnlichkeit zu laſſen.“ „Es iſt unmöglich mir auf eine liebenswürdigere Art zu ſagen, daß ich ein Phantaſiebild entwerfe, und gleichwohl haben Sie allein, verſtehen Sie mich? Sie allein nicht das Recht die Wirklichkeit dieſes Bildes zu leugnen.“ „Warum dieß, Madame?“ „Vielleicht werde ich es Ihnen ſogleich klar — 137 machen. Die äußeren Vortheile des Helden meiner Erzählung ſind alſo, ich wiederhole es Ihnen, ſeine geringſten Vorzüge. Was ſogleich an ihm auffällt und Jedermann überwältigt, das iſt ſein bald tiefer, bald originell pikanter Geiſt, bald mit einem feinen beißenden Spotte geſtählt, bald zu den höchſten Be⸗ trachtungen ſich emporſchwingend, denn dieſem außer⸗ ordentlichen Manne iſt Nichts fremd, und in der Soiree, von der ich Ihnen erzähle, Herr Wolfrang, hat er die vielſeitigſten umfaſſendſten Kenntniſſe be⸗ wieſen, ſowohl in den unbedeutendſten als in den gelehrteſten Dingen. Aber Sie lächeln ſchon wieder, Sie zweifeln ſchon wieder an der Aehnlichteit des Bildes.“ „Madame, haben Sie ein Converſations⸗Lexikon geleſen?“ „Eigenthümliche Frage!“ „Ach Madame, welch einen Schatz enthält nicht ein ſolches Converſations⸗Lexikon! Geben Sie mir den allerdummſten Gimpel, den allerunwiſſendſten Ignoranten; wenn er eine gute Doſis Gedächtniß beſitzt, ſo ſperre ich ihn täglich zwei Stunden lang mit dieſem Wunderbuche ein, und wenn dann mein Gimpel ſich mittelſt dieſes Trichters gebührend mit falſchem Wiſſen angefüllt hat, ſo laſſe ich ihn in die Welt hinaus. O Wunder! Mein Gimpel weiß jetzt ganz vortrefflich von Krieg, Finanzen, Kunſt, Induſtrie, Literatur, Wiſſenſchaft, Geſchichte und was weiß ich noch mehr zu ſprechen, ſo daß die Einfaltspinſel ſich ungemein verwundern.“ „Das iſt ganz und gar nicht höflich von Ihnen, Herr Wolfrang.“ * — 138 „Und woher kommt meine Unhöflichkeit, Ma⸗ dame?“ „Sie verwechſeln mich alſo mit den Schwach⸗ köpfen, welche die wahrhaft werthvollen Kenntniſſe nicht von denen zu unterſcheiden wiſſen, mit denen man nittelſt eines Bischen Gedächtniß blos zu prunken ſucht?“ „Entſchuldigen Sie, Madame, aber es handelt ſich ganz und gar nicht um Ihr Urtheil, ſondern um das Urtheil der Bewundererin unſeres Helden, deren Bewunderung, ich will es gerne glauben, aufrichtig ſein mag, aber eben darum vielleicht etwas zu ſtark ſein dürfte.“ „Es ſei. . . Ich habe mich mit dieſer Perſon dermaßen identificirt, daß mir Derjenige, welcher die Sicherheit ihres Urtheils im vorliegenden Fall anficht, die Sicherheit meines eigenen Urtheils anzu⸗ taſten ſcheint. Aber ich will nun einmal das Gegen⸗ theil von der Wahrheit annehmen; ich will glauben, daß die Kenntniſſe unſeres Helden einzig und allein aus dem Converſations⸗Lexikon geſchöpft ſeien; aber dieß kann vermuthlich bei dem ausgezeichneten und wunderbar begabten Geiſt dieſes Mannes nicht der Fall ſein, denn die Perſon, von der ich ſpreche, iſt, das verſichere ich Sie, vollkommen fähig, den Werth dieſes ſeltenen Geiſtes zu ſchätzen, der den tiefſten Eindruck auf ſie gemacht hat, aber das iſt noch nicht Alles.“ „Was gibt es denn ſonſt noch, Madame 7 „Man machte in dieſer Soiree Muſik: unſer Held wird eingeladen ſich an's Klavier zu ſetzen; 3 * 139 er thut es mit dem beſten Anſtand von der Welt und dann, Herr Wolfrang .. .“ „Nun wohl, Madame?“ „Denken Sie ſich die Vereinigung der ſeltenſten aben. ein Talent, das den Reid der großen Künſtler erregen könnte, und eine Stimme, ſo aus⸗ drucksvoll, ſo anſprechend, daß alle Saiten der Seele vibriren und beben. Zauberiſche, göttliche Töne! Wer ſie vernimmt, der gehört ſich nicht mehr an. So war es mit der Perſon, von der ich rede. Be⸗ reits durch die andern Verführungen ihres Helden bezaubert, bewunderte ſie ihn nicht mehr, ſondern betete ihn an. Dieſes plötzliche Gefühl hat ſie nicht zu bekämpfen verſucht, fondern ſich ihm gänzlich hin⸗ gegeben. Sollte es auch das ewige Unglück ihres Lebens ausmachen, ſo werden ſogar ihre Folter⸗ qualen ihr theuer ſein, denn ſie wird für ihn und durch ihn leiden.“ Frau della Sorga unterbricht ſich einen Augen⸗ blick, da ſie ihre Aufregung kaum zu beherrſchen vermag, und ohne daß ſie es wagt ihre Augen zu Wolfrang zu erheben, fügt ſie mit ſchwacher, beinahe flehender Stimme hinzu: „Sagen Sie, glauben Sie jetzt an ſolche plötz⸗ liche und unwiderſtehliche Liebesanwandlungen, wo⸗ von ich Ihnen ein Beiſpiel anführe? Vielleicht wird es, wenn auch nicht Ihre Theilnahme, doch wenig⸗ ſtens Ihr Mitleid verdienen. Ach, glauben Sie mir, ſie iſt ſehr unglücklich die Frau, welche dieſe unwiderſtehliche Liebe empfindet.“ „Auf Ehre, Madame, Sie erzählen ganz vor⸗ trefflich,“ verſetzte Wolfrang unempfindlich; „Sie 140⁰ verleihen dieſem kleinen Roman einen ungemeinen Zauber.“ „Roman! Ach ich ſchwöre Ihnen mit der ganzen Aufrichtigkeit meiner Seele, daß ich die reinſte Wahr⸗ heit ſpreche.“ „Ich glaube gern, Madame, daß Sie ſelbſt von dem überzeugt ſind was Sie mich zu verſichern die Güte haben, nur denke ich, daß Sie allzu leicht an die Wirklichkeit deſſen glauben was man Ihnen er⸗ zählt hat.“ „Wenn ich Ihnen aber doch ſchwöre, daß Alles vollkommen wahr iſt!“ „Ein Schwur in Dingen, die Sie perſönlich be⸗ träfen, Madame, würde mich überzeugen, aber wenn es ſich um eine Andere handelt als um Sic „Alſo,“ verſetzte Madame della Sorga nach kurzem Bedenken mit bebender Stimme, „wenn alſo meine Erzählung mich perſönlich beträfe und ich Sie verſicherte, daß die Sache wahr ſei, ſo würden Sie mir glauben?“ „Ich müßte wohl, Madame, ſo ſeltſam mir auch die Wahrheit erſcheinen möchte.“ „Nun wohl, da es ſein muß, ſo erfahren Sie denn Aber bebend bei dem Gedanken, daß Wolfrang dieſes Bekenntniß mit kalter Verachtung aufnehmen könnte, hält die Herzogin von Neuem inne und ſagt dann mit flehendem Ton: „Herr Wolfrang, ſeien Sie großmüthig, ſeien Sie aufrichtig. . . Sie haben errathen. . „Was, wenn ich bitten darf?“ „Sie wiſſen es wohl 141 e Sie, Madame, ich verſtehe Sie nicht.“ „Nein, nein, es iſt unmöglich, daß Sie mich nicht errathen haben ſollten.“ „Madame,“ antwortete Wolfrang mit unſtör⸗ barer Ruhe, „ich bekenne Ihnen in aller Demuth meinen gänzlichen Mangel an Scharfblick. Ich habe alſo ein Recht auf Ihre Nachſicht, und Sie werden mich gütigſt entſchuldigen, wenn ich die Löſung des Räthſels, das Sie mir aufgeben, nicht zu finden vermag.“ Frau della Sorga mußte jetzt überzeugt ſein, daß Wolfrang zwar vollkommen wiſſe, daß es ſich um ſie und um ihn handle, daß er ſie aber den⸗ noch, ſei es nun um nicht hintergangen zu werden oder um nicht eine lächerliche Anmaßung an den Tag zu legen, zu einem förmlichen Geſtändniß zwin⸗ gen wolle. Da ſie nun dachte, wenn ihr die Ver⸗ achtung Wolfrangs zugeſchieden ſei, ſo leide ſie ſchon jetzt darunter, da er nothwendig ein Geheimniß durchſchaut haben müſſe, das ſie ihm ſo klar vor Augen hielt, ſo ergab ſie ſich in ihr Schickſal in der Poffnung, Wolfrang werde ſich vielleicht durch die Demuth dieſes Bekenntniſſes zum Mitleid bewe⸗ gen laſſen. Sie begann alſo mit zitternder Stimme wieder: „Sie verſchanzen ſich hinter Ihren Mangel an Scharfblick, und dennoch haben Sie, o leugnen Sie es nicht, die ganze Sache wohl begriffen; ja, Der⸗ jenige, der dieſen tiefen Eindruck hervorgerufen hat, iſt kein Anderer als ... „Wer denn, Madame?“ 142 „Sie ſelbſt!“ „Ah, Frau Herzogin,“ antwortete Wolfrang, „erlauben Sie mir, Ihnen mit aller ſchuldigen Ehr⸗ erbietung und mit Ihren eigenen Worten von vor⸗ hin zu bemerken: das iſt ganz und gar nicht höflich.“ ch Unglückſelige, ich habe mich der Schmach preisgegeben und werde jetzt die Verachtung erleiden müſſen,“ denkt Frau della Sorga, welcher der ſar⸗ doniſche Ton Wolfrangs keine Hoffnung übrig ließ. Sie wagte es in ihrer Angſt nicht zu ihm aufzu⸗ ſchauen und ſie fühlte ſozuſagen das Gewicht des — kalter Verachtung, den er auf ſie fallen ieß. „Nein, Frau Herzogin, nein,“ fuhr Wolfrang fort, „es iſt nicht höflich von Ihnen, mir auf ſolche Art ein Patent auf blödſinnige Geckenhaftigkeit aus⸗ zuſtellen. Auf Ehre und Seligkeit, ich verdiene es nicht, und trotz der traurigen Meinung, die Sie von meinem Verſtand hegen, Madame, werde ich nicht * i boshafte Schlinge fallen, die Sie mir gelegt aben.“ „Mein Herr,“ ſtammelte Frau della Sorga außer ſich vor Beſchämung, Verzweiflung und Wuth, denn der Unmuth über die Verachtung Wolfrangs begann ihre ſinnloſe Liebe in grimmigen Haß um⸗ „ich weiß nicht . Sie täuſchen ſich .. i 5 „Verzeihen Sie, Madame, ich täuſche mich nicht. Sie haben mich für geckenhaft genug gehalten, daß ich mir einfältiger Weiſe einbilden könnte, Sie Madame, hätten ſich plötzlich in mich vernartt. 143 Sagen Sie ſelbſt, Madame, wie konnten Sie mich für ſo verrückt und für ſo dumm und eitel halten, daß ich im Stande wäre an dieſes ſchöne Bekennt⸗ niß zu glauben?“ Dann fügt Wolfrang lächelnd hinzu: „Ich zittere bei dem Gedanken an die blutigen Spöttereien, womit Sie mich heimgeſchickt haben würden, wenn ich mich von Ihrer ſinnreichen Bos⸗ heit hätte bethören laſſen. Ich will wahrlich hier keine Beſcheidenheit heucheln, die eben ſo impertinent wäre als eingebildeie Anmaßung, aber ich bin nun einmal weder ein Einfaltspinſel noch ein Geck; Sie beſitzen zu viel Geiſt und Tact, Madame, als daß Sie ſich in Beziehung auf mich vollkommen getäuſcht hätten. Wie konnten Sie glauben, daß ich einer ſolchen Argliſt zum Opfer fallen würde?“ Frau della Sorga hatte Wolfrang nicht unter⸗ brochen. Seine höflich kalte und ſpitzige Ironie ging ihr geradezu ins Herz; aber mit unglaub⸗ licher Verſtellungskunſt begabt, beherrſchte ſie ſich nach und nach, wenn die Leidenſchaften ſie nicht hin⸗ riſſen; ſie nahm ihre Maske wieder vor und ſagte, indem ſie Wolfrang mit einer Miſchung von Hoch⸗ muth und erheuchelter Ueberraſchung feſt anſchaute: „Wahrhaftig, mein Herr, ich weiß nicht, ob ich träume oder wache.“ Dann maß ſie Wolfrang ſtolz, übermüthig und mit feſtem Auge: „Die unglaubliche Frechheit Ihrer Worte ver⸗ wirrt mich dermaßen, daß ich mich noch frage, ob Sie es wirklich gewagt haben ſie auszuſprechen.“ 144 „Gütiger Gott, Madame, welcher Abſcheulichkeit habe ich mich denn ſchuldig gemacht?“ „Es ſcheint mir, mein Herr, daß Sie, obſchon Sie, wenigſtens nach Ihrer eigenen Verſicherung, weder ein Geck noch ein Einfaltspinſel ſind, keine ſehr klare Idee von den Gebräuchen der Welt be⸗ ſitzen.“ „Würden Sie deßhalb die außerordentliche Ge⸗ fälligkeit haben, Madame, ſich in dieſer Hinſicht meiner Erziehung ein wenig anzunehmen?“ „Meinetwegen,“ antwortet die Herzogin, indem ſie ihre vornehmſte Miene annimmt. „Ich muß Herrn Wolfrang eine Lection in der guten Lebens⸗ art geben. Dieſe Lection wird er empfangen und ſie wird ihm hoffentlich von Nutzen ſein, denn ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß er ſich in Zukunft nicht mehr erlauben darf meine Wohnung zu betreten.“ „Herr Wolfrang iſt natürlich untröſtlich über dieſes Verbot, aber er fleht die Frau Herzogin della Sorga in tiefſter Beſchämung an zu der ſo huldvoll verſprochenen Lection ſchreiten zu wollen, denn er findet dieſe Unterhaltung ungemein er⸗ götzlich.“ „Nun ſo empfangen Sie dieſe Lection,“ verſetzt die Herzogin, bleich vor einer Wuth, die ſie kaum zu bemeiſtern vermag, denn Wolfrangs kalter Hohn bringt ſie ganz außer ſich. „Da Frau della Sorga trotz ihres ſehr begreiflichen Widerwillens geſtern ſich herabgelaſſen hat die beinahe impertinente Ein⸗ ladung ihres Hausbeſitzers anzunehmen, und da ſie wirklich die Gnade gehabt hat ſich zu dieſem Herrn 14⁵ zu verfügen, ſo hat dieſe Herablaſſung, wie es ſcheint, ſein Gehirn aus dem Geleiſe gebracht.“ „Dieſer arme Herr ſchätzt ſich trotz des Scha⸗ dens, den ſein Gehirn genommen hat, ſehr glücklich, daß er noch Geiſtesklarheit genug beſitzt, um der Frau Herzogin della Sorga zu erklären, daß ſie ſo⸗ wohl durch ihre Kaltblütigkeit als auch durch ihr Mienenſpiel und durch ihren Ton die höchſte Meiſter⸗ ſchaft beurkundet,“ verſetzt Wolfrang mit einem be⸗ wundernden Kopfſchütteln. „Das Alles iſt wirklich ganz außerordentlich.“ „Dieſer Herr,“ fährt ruhig und unſtörbar die Heuchlerin fort, die in dieſem Augenblick Wolfrang am allerliebſten erdolcht hätte, „dieſer Herr hat ſich bis zu dem unglaublichen Grade vergeſſen, daß er in der ausgezeichneten Ehre, deren Frau della Sor⸗ ga ihn durch einen Beſuch würdigte, einen Anfang von Beziehungen auf gleichem Fuß erblickte, er hat die Idee von geſellſchaftlichen Abſtänden gänzlich verloren, er iſt familiär geworden ... „Er iſt familiär geworden, wahrlich das iſt ein vortrefflicher Zug,“ ruft Wolfrang, „und von der beſten Comik.“ „Dieſen Morgen,“ fährt die Herzogin fort, deren Ruhe ſich nicht verleugnet, deren Blick aber furcht⸗ bar wird, „dieſen Morgen glaubte der Herr ſich er⸗ mächtigt der Frau Herzogin della Sorga einen Beſuch zu machen, und erlaubte ſich ihr vor die Augen zu treten. Er hat dadurch eine ſeltene Un⸗ verſchämtheit oder eine grobe Unkenntniß von Allem was der Brauch iſt an den Tag gelegt. Die Frau Herzogin hat die Gnade gehabt in dieſem Herrn Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III., 10 weiter nichts als einen Menſchen ohne alle Erziehung zu erblicken. Ohne Zneifel und auch ſehr begreif⸗ licher Maßen hat ihm auch ſein Titel als Hausbe⸗ ſitzer die Augen geblendet.“ „Ah! das gefälit mir weniger,“ antwortete Wolfrang mit einem leicht mißbilligenden Tone. „Dieſer Scherz über die Hausbeſitzer ſcheint mir nicht gonz gelungen zu ſein .. aber abgeſehen von dieſer kleinen Diſſonanz iſt alles Uebrige tadellos. Die Frau Herzogin wird dieſe Bemerkung entſchul⸗ digen, die einzig und allein von der Liebe zur Kunſt eingegeben worden iſt.“ „Frau della Sorga täuſchte ſich. Dieſer Herr war allerdings im höchſten Grad ungebildet, aber er hatte noch überdieß eine unglaubliche Unver⸗ ſchämtheit, wenn dieſer Ausdruck genügt, um die ſchmählichſte Verurung zu bezeichnen, zu welcher Eigendüntel und Tummheit je einen Menſchen ver⸗ anlaßt haben. Mit Einem Wort, dieſer Herr hat einige höchſt unbedeutende Worte der Frau Herzogin mit unerhörter Frechheit ausgelegt und ganz beſchei⸗ den den Schluß daraus gezogen, daß ſie in ihn ver⸗ liebt ſei.“ „Ach Madame, Madame, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen hier in vollem Ernſt das aufrichtige und tiefe Bedauern ausdrücke, das ich empfinde,“ ruft Wolfrang im Tone ſo inniger Ueberzeugung, daß die Herzogin, die ihn grauſam beleidigt zu haben hofft, ihn zum Sprechen aufzufordern ſcheint. „Ja, Madame,“ fährt er fort, „wenn ich Sie höre, em⸗ pfinde ich ein aufrichtiges und tiefes Bedauern bei dem Gedanken, daß Ihr Rang und Ihre Geburt 147 dem Theater ein wundervolles Talent zur dramati⸗ ſchen Kunſt entreißen. Mein Gott, Madame, ich weiß wohl, Sie werden darauf antworten, die ganze Welt ſei Ihr Theater, und das iſt wahr. Sie werden ſagen, daß Sie Ihre Rolle auf eine nicht gewöhnliche Art ſpielen, und das iſt wiederum wahr; aber bedenken Sie doch, Madame, man weiß unglück⸗ licher Weiſe nicht, daß Sie da eine Rolle ſpielen. Leider haben Sie kein anderes Publicum als ſich ſelbſt, und welche Lobſprüche Sie auch ſich ſelbſt zu ſpenden berechtigt ſein mögen, ſo verlieren Sie doch den Lohn, welcher das Genie mit Wonne erfüllt, jene Beifallsbezeugungen, jene Ovationen und Triumphe, auf welche die Schauſpielerinnen der an⸗ dern Theater ſo ſtolz und ſo eiferſüchtig ſind. Ach Madame, erhören Sie gütigſt die Bitte eines Ihrer ruhmloſeſten, aber feurigſten Bewunderer: ich habe in Folge eines glücklichen Zufalls ſoeben Ihr präch⸗ tiges Talent in ſeinen endloſen Abarten ſich ent⸗ wickeln geſehen. Ich flehe Sie an, treten Sie ge⸗ meine Vorurtheile mit Füßen, haben Sie den Muth der Selbſtverleugnung, opfern Sie ſich dieſer Kunſt, deren Zierde und Ruhm Sie ſein werden. Berau⸗ ben Sie die Bühne nicht länger Ihrer Gegenwart. Bis jetzt ſind Sie blos eine vornehme Dame, von nun an werden Sie die größte Künſtlerin unſerer Tage ſein.“ Hier trat der Haushofmeiſter Bartolomeo in den Salon und unterbrach Wolfrang. 148 MI. Es war Zeit. Die Herzogin hatte ihre Wuth nur mit der größten Mühe bemeiſtert und konnte kaum mehr on ſich halten. In ihrem grimmigen Haß, und ſeltſamer Contraſt! in ihrer Liebestollheit, denn ihre Verzweiflung und das verachtungsvolle Benehmen Wolfrangs erſtickten dieſe ſinnloſe Leidenſchaft nicht, hatte ſich die Herzogin all⸗ mählig einem Tiſche genähert, worauf einer jener niedlichen Dolche lag, die zum Aufſchneiden der Bücher beſtimmt ſind, und dieſer Dolch konnte zur mörderiſchen Waffe werden. Schon griff die Herzo⸗ gin krampfhaft darnach, als ſie beim Anblick des Haushofmeiſters einen Theil ihrer Geiſtesgegewart wieder gewann. „Mein Herr, ſagte Bartolomeo mit einer Ver⸗ beugung zu Wolfrang, „Ihr Intendant wünſcht Sie in einer ſehr dringenden Angelegenheit zu ſpre⸗ chen; er hat überdieß einen Auftrag von Madame Wolfrang für Sie.“ Die Herzogin, die dieſe letzten Worte gehört hat, iſt wieder ganz Herrin ihrer ſelbſt geworden, aber da ſie überzeugt iſt, daß Wolfrang ſeiner Frau die ganze Beſprechung erzählen werde, ſo verdoppelt ſich der Haß und die Eiferſucht, womit ſie ſchon zum Voraus auf Sylvia geblickt hatte. Wolfrang tritt jetzt der Herzogin näher, macht eine Verbeugung und ſagt ſo unbefangen, als ob ihr Geſpräch ſich im alltäglichſten Geleiſe der Unter⸗ haltung bewegt hätte: W 149 „Wollen Sie mich entſchuldigen, Madame, wenn ich mich etwas raſch von Ihnen verabſchiede . ahen „Bartolomeo,“ ſagt die Herzogin, indem ſie ſich mit einem Ton impoſanter Würde an den Haushof⸗ meiſter wendet und mit einer Geberde Wolfrang bezeichnet, den ſie unterbricht, „faß den Herrn wohl ins Auge, damit du ihn nöthigenfalls erkennſt.“ „Excellenz,“ ſtammelte der verblüffte Haushof⸗ meiſter, „ich „ „Faß den Herrn wohl ins Auge,“ wiederholt die Herzogin, „und wenn er ſich von Neuem bei mir einſtellt, ſo antworteſt Du ihm, daß ich nicht ſichtbar ſei.“ „Bravo, Madame,“ flüſtert Wolfrang in ver⸗ ſtändnißinnigem Tone der Herzogin zu, „die Comö⸗ die iſt vollſtändig, dieſer letzte Zug ſetzt ihr die Krone auf ... Braviſſimo!“ Dann fügte er laut in innigem Tone und mit einer tiefen Verbeugung hinzu: „Ach Madame, wie ganz und gar nicht war ich darauf gefaßt, daß eine unbedeutende Meinungs⸗ verſchiedenheit, die ſich in einer Erörterung über die theatraliſche Kunſt bei uns herausſtellte, mir eine ſo ſtrenge Behandlung von Ihrer Seite zuziehen ſollte! Aber glauben Sie, Madame, dieſe Strenge, die ich eine unverdiente zu nennen wage, kann der ehrerbietigen Erinnerung an Ihr früheres Wohl⸗ wollen nicht den mindeſten Eintrag thun.“ Damit entfernt ſich Wolfrang und ſagt zu dem Haushofmeiſter, der vor ihm herſchreitet: „Sehen Sie, mein guter Bartolomeo, Ihre Ge⸗ bieterin hat mir jetzt das Haus verboten, weil ich 150 das Talent einer bewundernswürdigen Schauſpielerin allzu ſehr geprieſen habe.“ „Das wundert mich gar nicht,“ antwortete Bar⸗ tolomeo lächelnd; „die Frau Herzogin hegt ſo ſtrenge Grundſätze, daß alle Schauſpielerinnen ihr ein Gräuel ſind, und Ihre Excellenz verſteht ſich blos deßhalb zu einem Opernbeſuch, weil ſie die Oper als ein Concert betrachtet. Aber ſie wird gewiß von einer erſten Aufwallung zurückkommen, und wir werden, hoffe ich, das Glück haben Sie noch mehr bei uns zu ſehen.“ „Möge der Himmel Sie erhören, mein würdiger Bartolomeo,“ antwortet Wolfrang, indem er Tran⸗ quillin aufſucht. „O misera . . odio .. Jamo!“ hatte die Her⸗ zogin geſagt, als ſie nach Wolfrangs Weggang ohn⸗ mächtig in einen Lehnſtuhl ſank. „Ich Unglückſelige, ich haſſe und ich liebe!“ So lautet die Ueberſetzung des Ausrufs der edlen Dame. Aber wie wir ſpäter ſehen werden, war dieß nicht die einzige Folterqual, welche die ewige Gerechtigkeit ihr hienieden vor⸗ behielt. 1 W. Wolfrang fand Tranquillin, der ihn unter der Säulenhalle des vom Herzog bewohnten Hotels er⸗ wartete, und Beide begeben ſich unter folgendem Geſpräch nach ihrer Wohnung: 5 151 „Sylvia wünſcht mich ſo bald als möglich zu ſprechen, ſagſt Du?“ „Ja Herr.“ „Iſt ſie leidend?“ „Meine geehrte Gebieterin war, als ſie aus dem vermietheten Hauſe herabkam, blaß und ſo ſchwach, daß ſie meinen Arm annehmen mußte, um die Frei⸗ treppe hinanzuſteigen.“ „Armes Kind! Sie wird ſchmerzlich erſchüttert worden ſein durch die Verzweiflung Antonines, als dieſe den Selbſtmord Alberts erfuhr,“ dachte Wolf⸗ rang; dann fragte er laut: „Was hatteſt Du mir ſonſt noch mitzutheilen, Tranquillin?“ „Ach Herr, etwas Unerhörtes!“ „Was denn?“ „Etwas ganz Monſtröſes, an was mein geehrter Gebieter nicht wird glauben wollen.“ „Nun denn, was iſt es?“ „Ich war friedlich auf meinem Bureau und be⸗ ſchäftigte mich mit meinen Rechnungen, als der würdige Saturn eine Dame bei mir einführte mit den Worten, ſie wünſche die leer ſtehende Wohnung im erſten Stock zu miethen. Ich verlaſſe mein Bu⸗ reau, verbeuge mich vorläufig vor dieſer Dame . .. darauf ſchau ich ihr ins Geſicht „ und nun ... ach Herr!“ „Nun wohl?“ „Ich bemerke, daß es keine Dame iſt nicht einmal eine Frau . . .“ „Was war es denn?“ „Ein Geſchöpf,“ antwortet Tranquillin, indem 152 er ſeine großen Arme zum Himmel emporhebt. „Ja Herr, ein wahres Geſchöpf.“ „Was Teufels ſchwatzeſt Du mir da vor? Sind wir nicht alleſammt Geſchöpfe?“ „Ach mein geehrter Gebieter, es gibt Gott ſei Dank Geſchöpfe und Geſchöpfe.“ „So vollende doch.“ „Ich ſagte Ihnen, Herr, daß ich in dieſer frechen Anſpruchmacherin auf die Vermiethung des erſten Stocks ein Geſchöpf in der beklagenswerthen Bedeu⸗ tung des Wortes erkenne.“ „Und wie kommſt Du zu dieſer Entdeckung, ſcharfſinniger Tranquillin?“ „Ich hatte ſie ſchon begegnet.“ „Ah, ah Herr Trangpillin, Sie haben ſolche Bekanntſchaften?“ „Himmliſche Güte! . .. Können Sie das anneh⸗ men! Der Zufall allein . „Mag ſein. Wie nennt ſich dieſe Perſon? Wer iſt ſie?“ „Was ſie iſt, das wage ich aus Anſtandsgefühl meinem geehrten Gebieter nicht mitzutheilen . Was den Namen des Geſchöpfes betrifft. . . hum, um!“ „So fahr doch fort . . . Ich muß Dir ja ein Wort ums andere auspreſſen.“ „Drum iſt ihr Name Herr, wenn es überhaupt ein Name ſein ſoll, ſo unbegreiflich, daß...“ „Gleichviel, ſage ihn.“ . „Cricri,“ antwortet Tranquillin, indem er vor Entrüſtung erröthet und ſeine großen Arme von 153 Neuem zum Himmel emporhebt; „iſts möglich? eine Cricri im Hauſe des lieben Herrgotts!“ „Ganz vortrefflich,“ verſetzt Wolfrang, der ſich der Beſprechung dieſer Perſon mit Saturn erinnerte, welche er unbemerkt von ihr belauſcht hatte, „Mam⸗ ſell Cricri verlangt alſo, daß die leere Wohnung im erſten Stock an ſie vermiethet werde?“ „Ja Herr, ſie hat die Frechheit dieß zu fordern.“ „Tranquillin, dieſer Ausdruck. . . „Iſt allerdings etwas lebhaft, Herr, das gebe ich zu, allein die Entrüſtung entreißt ihn mir.“ „Gleichwohl mußt Du die ſchuldige Ehrfurcht gegen unſere Miethleute niemals aus dem Auge laſſen.“ „Gewiß Herr, ich verehre ſie, aber eine bloße Anfragerin, beſonders wenn es eine Cricri iſt . .. „Von heute an gehört ſie zu den Miethleuten des Hauſes.“ „Wie? was?“ ſtammelt Tranquillin verblüfft, „Sie wollten ... „Du wirſt die Wohnung an dieſe junge Dame vermiethen.“ „Ach du himmliſche Güte! mein Herr, das kann Ihnen nicht einfallen.“ „Es liegt mir ſehr viel daran, daß Mamſell Cricri hier wohne.“ 5 „Habe ich recht gehört?“ „Ja, und was noch beſſer iſt, ich würde dieſe Dirne unentgeltlich in Wohnung nehmen; ich würde ſie, wenn es nöthig wäre, ſogar dafür bezahlen, daß ſie hieher käme.“ „Das iſt etwas Anderes, es iſt ſehr gut .. 154 mein geehrter Gebieter iſt König in ſeinem Hauſe,“ antwortet Tranquillin, den Schweiß abwiſchend, den ſeine zunehmende Verblüfftheit auf ſeiner Stirne perlen macht. Meine Pflicht iſt meinem geehrten Gebieter zu gehorchen. Wird er einem alten Diener wenigſtens eine demüthige Bemerkung geſtatten?“ „Sprich, mein würdiger Tranquillin.“ „Wir beſitzen im Hauſe des lieben Herrgotts — welcher Sarcasmus! — einen ehemaligen Sträfling und ſeinen Hund Bonhomme. Dieſe beiden Ver⸗ brecher ſind allerdings ehrliche Leute, obſchon aller Schein gegen ſie zeugt . . . Mein geehrter Gebieter verſichert es und ich glaube es.“ „Du mußt es glauben; auf der andern Seite, mein guter Tranquillin, beſitzen wir hier ... ſei verſchwiegen . . . „Ach Herr meine Verſchwiegenheit. .. „Ich kenne ſie; darum ſage ich Dir, daß wir hier ſolche Leute beſitzen, daß das Haus des lieben Herrgotts weit eher das Haus des Teufels genannt werden ſollte, denn die ſchlechten Leute ſind hier in der Mehrzahl vorhanden. Nun liegt wenig oder vielmehr vom Standpunkt der ewigen Moral aus viel daran, um die Beſtrafung zu vervollſtändigen, die ſchon in dieſer Welt jeden von ihnen treffen muß; es liegt, ſage ich, viel daran, daß Dein Ge⸗ ſchöpf dieſe Bande von ſchlechten Leuten noch ver⸗ größere.“ „So geſchehe es denn nach den Wünſchen meines geehrten Gebieters! Er hat ſeine Abſichten, mögen ſie in Erfüllung gehen. Es kann nur das Gute und Gerechte daraus entſtehen,“ ſagt Tranquillin 155⁵ pathetiſch. „Aber Herr, fürchten Sie nicht, daß dieſe Mehrheit von ſchlechten Leuten reclamiren werde? Sie werden ſich vermuthlich durch ihre Genoſſenſchaft mit Mamſell Cricri um ſo mehr beleidigt fühlen, je ruchloſer ihre Heuchelei iſt.“ „Diejenigen, die ſich an der Nachbarſchaft dieſer Perſon ſtoßen, können das Haus verlaſſen. Dieß ſei Deine unabänderliche Antwort auf jede Einwen⸗ dung in Bezug auf Mamſell Cricri; Du verſtehſt mich?“ „Ja Herr. Und jetzt da ſie eine berechtigte Hausbewohnerin iſt, hat ſie auch Anſpruch auf alle meine Ehrfurcht, abgeſehen davon daß ... „Warum unterbrichſt Du Dich?“ „Mein geehrter Gebieter weiß, daß ſein getreuer Tranquillin ſtumm wie das Grab iſt, wenn es ſich darum handelt Geheimniſſe zu bewahren.“ „Gewiß, ich kenne Deine probefeſte Treue, mein guter ehrwürdiger Diener.“ „Es wäre mir daher unendlich leid, Herr, wenn Sie mich im Verdacht halten würden auf indiscrete Weiſe Ihre Abſichten erforſchen zu wollen, wenn Sie eine Cricri ins Haus aufzunehmen belieben; und dennoch ſage ich mir, daß ſie ohne Zweifel dieſen Abſichten dienen muß.“ „Allerdings und ſehr bedeutend, aber ohne es ſelbſt zu wiſſen . . .“ „Ich erlaubte mir dieſe Frage, Herr, um zu er⸗ fahren, ob Sie mir nicht beſondere Befehle zu er⸗ theilen hätten in Betreff der Inſtallirung dieſes Ge⸗ ſchöpfes. o verzeihen Sie . ich vergaß, daß 156 ſie jetzt eine unſerer Hausbewohnerinnen iſt, dieſer Mamſell, wollte ich ſagen.“ „Nein,“ antwortete Wolfrang nach kurzer Ueber⸗ legung, „nein . . . Ich wünſche blos, daß ſie ſo bald als möglich hier einziehe, denn es iſt wirklich Teufel, der ſie ins Haus des lieben Heyrgotts ſchickt.“ „In dieſem Falle ſei ſie hier willkommen, Herr,“ antwortete Tranquillin mit einer Art von Zerknir⸗ ſchung. Was die möglichſt baldige Einlogirung be⸗ trifft, ſo iſt dieß der einzige Wunſch dieſer Mam⸗ ſell... Sie beſtand ſogar darauf, noch heute Nacht einzuziehen.“ „Um ſo beſſer! Richte es ſo ein, daß ſie auf dieſem Entſchluſſe beharrrt; dieß iſt ſehr wichtig.“ „Ich werde alſo mein Beſtes thun.“ „Wo iſt ſie gegenwärtig?“ „In meinem Cabinet, wo ſie Ihre Antwort er⸗ wartet.“ „So geh ſogleich zu ihr und führe ſie in die Woh⸗ nung, damit ſie Alles in Augenſchein nehmen kann.“ „Sie hat mir mehrere Male wiederholt, ſie frage nicht viel nach der Einrichtung, ſondern wolle vor allen Dingen blos hier wohnen können,“ „Dem ſei wie ihm wolle, wenn ſie einige theu⸗ rere Möbel, einige koſtbarere Zierſtücke in ihrer Woh⸗ nung wünſchen ſollte, ſo bewilligſt Du ihr Alles was ſie verlangt. Du ſagſt mir dann, ob ſie ſich entſchließt noch heute einzuziehen, und wenn irgend ein Zwiſchenfall, irgend eine Bemerkung Dir auf⸗ fällt, ſo ſetzeſt Du mich ſogleich in Kenntniß.“ * 157 „Ich will jetzt zu Sylvia gehen, Du kannſt mich bei ihr finden,“ ſagt Wolfrang, indem er die Frei⸗ treppe des Hotels hinaufgeht, vor welcher der In⸗ tendant und ſein Herr plaudernd angekommen waren. Tranquillin eilt in ſein Cabinet, um Mamſell Cricri ſogleich das Ergebniß ſeiner Beſprechung mit dem Hauseigenthümer mitzutheilen. V. Dann führte er Cricri in die leerſtehende Woh⸗ nung im erſten Stock, wo Pracht ſich mit der raffi⸗ nirteſten Eleganz vermählte, zeigte ihr Alles auf's Genaueſte und behandelte ſie den Befehlen ſeines Gebieters gemäß mit ſo ceremoniöſer Ehrerbietung, als ob er die ehrenwertheſte Dame vor ſich hätte. Sie befanden ſich jetzt im Vorzimmer. Die Thüre, deren beide Flügel Tranquillin geöffnet hatte — er wußte, daß dieß einer angeſehenen Perſon gegenüber der Brauch iſt — ging auf den Abſatz der Treppe hinaus. „Jetzt kennt Madame die Wohnung,“ ſagt Tran⸗ quillin zu Cricri. „Es gehören noch überdieß drei ſchöne Domeſtäkenzimmer im vierten Stock dazu.“ „Und ich habe die Ehre Madame zu wiederholen, daß ſie, wenn irgend ein Theil des Ameublements ihr nicht elegant genug erſcheint, nur zu ſprechen braucht.. Ich muß mich in alle Wünſche von Madame bequemen. So lauten die Befehle meines geehrten Gebieters.“ „Ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen ... Das iſt einmal ein Eigenthümer, der ſich rühmen kann der Phönix ſeiner Art zu ſein,“ ſagte Cricri ſehr überraſcht durch die Zuvorkommen⸗ heit des Intendanten. „Welch ein ſonderbares Haus! Und Sie ſagen, der Preis dieſer Wohnung ſei?“ „Dreitauſend Franken jährlich.“ „Sechs Zimmer im erſten Stock, möblirt wie ein Palaſt, das iſt ja wahrhaftig geſchenkt. Wie viel bezahlt Luxeuil?“ „Auch dreitauſend Franken. Aber Herr von Luxeuil hat noch den Genuß der beiden Stallungen, die zum erſten Stock gehören.“ „Nun glaub ichs wohl, daß dieſer Lausbalg⸗ ſchinder hieher gezogen iſt. Er wohnt wie ein Fürſt,“ verſetzt Cricri und fügt dann lachend hinzu: „Wie er ſich ärgern wird, daß er mich zur Nachbarin be⸗ kommt!“ „Aergern! Ach Madame, Madame, was ſagen Sie da? Herr von Lureuil iſt zu galant um . . .“ „Er! warum nicht gar! Ich kann ſchon jetzt die Naſe ſehen, die er machen wird, wenn er erfährt, daß ich ſeine Nachbarin bin, und juſt wegen der Naſe, die er machen wird, quartiere ich mich jetzt hier ein.“ „Ich begreife; es iſt eine liebenswürdige Ueber⸗ raſchung, die Madame Herrn von Luxeuil bereiten will, bei dem ich ſchon einmal das Glück gehabt habe Sie zu ſehen.“ „So, wann denn?“ „Geſtern früh, als Madame, um Herrn von Lureuil eine andere Art von Ueberraſchung zu be⸗ 159 reiten, in einer ſcherzhaften Laune Alles bei ihm zuſammenſchlagen wollte.“ „Ah, Sie waren da?“ „Ich hatte dieſe Ehre.“ „Nun, ich habe Sie nicht bemerkt . . . ich war ſo wüthend.“ „Aber die Wuth von Madame hat ſich gelegt, ſonſt würde Madame wohl nicht Herrn von Luxeuil dieſe, ich wiederhole es, liebenswürdige Ueberra⸗ ſchung bereiten.“ „Ja, liebenswürdig nach Art meines Freundes Barbari.“ Hier lacht Cricri laut auf und fügt hinzu: Wein braver Mann, wiſſen Sie, was eine Säge iſt 22. „ — „Allerdings, Madame, allerdings, eine Säge iſt ein Schreinerwerkzeug, mittelſt deſſen ...“ „Armer Kerl, Sie thun mir leid.“ „Ich, großer Gott, ich ſollte das Unglück haben Madame ein Leid anzuthun?“ „Ei wie, in Ihrem Alter wiſſen Sie nicht ein⸗ was in der Sprache der Rapins eine Säge iſt?“ „Da ich nicht weiß, was ein Rapin iſt, Madame, ſo kenne ich folglich auch ſeine Sprache nicht.“ „Nun wohl, mein Alter, eine Säge heißt in der Werkſtattsſprache. denn denken Sie ſich, ſowie Sie mich ſehen, habe ich die Werkſtätten beſucht: ich habe den Torſo gelegt, ich . „Ah, Madame hat den .. .“ Aber Tranquillin unterbricht ſich, da er den Sinn der Worte der neuen Mietherin nicht begreift, und fährt dann fort: 160 „Dürfte ich in aller Ehrfurcht Madame zu fra⸗ gen wagen, was es heißt den Torſo zu legen?“ „Welch ein unſchuldiger Greis! Ich habe in den Wertſtätten als Modell gedient, was denn ſonſt?“ „Himmliſche Güte!“ denkt Tranquillin, „wir haben jetzt ein Geſchöpf hier, das .. Ach, ich be⸗ darf meines ganzen Gehorſams gegen die Befehle meines geehrten Gebieters, um den Abſcheu nicht zu verrathen, den dieſes Geſchöpf mir einflößt.“ Dann ſagt er laut und mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen: „Verzeihen Sie, Madame, meine Ueberraſchung, da ich bisher noch nicht das Glück gehabt habe .. mit ſolchen Künſtlerinnen zuſammenzutreffen .. „Altes Roſenmädchen, ich ſage Dir, ich bete Dich an.“ „Sie duzt mich,“ ſagt Tranquillin beſtürzt zu ſich, „welche Manieren!“ „Aber,“ fährt Cricri fort, „um auf das zurück⸗ zukommen, was eine Säge iſt, ſo bezeichnet man damit ein menſchliches Geſchöpf oder ein Ding, das einen vom Morgen bis zum Abend zerſägt oder, mit andern Worten, den ganzen Tag hindurch ärgert und quält. Nun bemerkte ich geſtern, als ich von hier wegging, zum erſten Mal die Anſchlagtafel an Ihrem Hofthor. Welche Wonne! Eine Wohnung zu miethen im ſelben Hauſe wie Luxeuil, den ich anbete, das Ungeheuer! und auf den ich eiferſüchtig bin wie ein Tiger, obſchon er mir noch nicht einmal ein Bouquet geſchenkt hat und mir ſogar häufig ſein Haus verbieten läßt. Sehen Sie, mein lieber Alter, ich habe deßhalb die ganze Nacht kein Auge zugethan, ſondern immer daran denken müſſen, daß 101 ich, wenn ich hier wohne, dieſem Luxeuil vom Mor⸗ gen bis zum Abend auf den Ferſen ſein und ihm ſchreckliche Scenen machen könne, wofern er nicht thut was ich will. Deßhalb würde ich dieſe Woh⸗ nung mit meinen Augen aus dem Kopf bezahlt haben und, ſehen Sie, deßhalb ziehe ich ſchon heute hier ein, denn .. . Plötzlich unterbricht ſich Cricri, denn ſie ſieht durch die offen gebliebene Thüre des Vorzimmers hindurch Herrn von Franchevillers über den Abſatz des erſten Stockes gehen, um ſich nach ſeiner Woh⸗ nung im obern Stock zu begeben. „Ei ſieh da, ſieh da, was will denn mein Protector hier ſchaffen2“ ſagt Cricri, indem ſie mit raſchem Blick Herrn von Franchevillers folgt, der ſie nicht bemerkt hat: ſodann wendet ſie ſich an Tranquillin: „Kommt er oft in's Haus, dieſer Herr Duport?“ „Welcher Herr Duport, Madame?“ „Der Herr, der die Treppe hinaufgeht.“ Tranquillin erhebt ſein Haupt, ſieht hin und antwortet: „Madame täuſcht ſich.“ „Wie ſo?“ „Dieſer Herr, von welchem Madame ſpricht, heißt Herr von Franchevillers.“ „Warum nicht gar? Ich bin nicht ſchneeblind und ich kenne ihn ganz gut. Es iſt Herr Duport, ein ehemaliger Kaufmann.“ „Ich verſichere Madame, daß dieſer Herr einer unſerer Hausbewohner iſt „Heh?“ macht Cricri mit den Zeichen der äußer⸗ ſten Ueberraſchung. „Sie ſagen?“ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 7 * 162 „ dieſer Herr hier wohnt.“ r 7 „Ja, Madame, er iſt Privatſecretär eines der Miniſter Seiner Majeſtät Ludwig Philipps.“ „Er!“ „. „Allerdings, Madame, und er verwaltet dieſes Ver⸗ trauensamt zur allgemeinen Befriedigung, denn...“ „Wärs möglich!“ ruft Cricri ganz verblüfft über dieſe Entdeckung; „wärs möglich? ein ſolcher Hal⸗ lunkenſtreich!“ Sie ſinnt einen Augenblick nach und ſagt dann: „Jedenfalls, Herr Tranquillin, machen Sie mir keine Dummheiten!“ „Madame, ich . „Sie ſind Ihrer Sache vollkommen gewiß?“ „Ja, Madame; dieſer Herr wohnt ſeit ſechs Monaten im Hauſe.“ „Der alte Schweinigel! Er hält zwei Wohnungen und hat mir einen falſchen Namen angegeben,“ ſagt Ericri immer verdutzter zu ſich ſelbſt. „Was be⸗ deutet das alles? Ach, ich will augenblicklich. .—“ und an den Intendanten gewendet: „Ich komme heute Abend her, dabei bleibts.. Ich werde ſechs Monate vorausbezahlen Hier tauſend Franken Draufgeld.“ — Cricri gibt Tranguillin ein Billet, das ſie aus ihrem Portemonnaie zieht, und begibt ſich dann raſch nach der Treppe mit dem Bemerken: „Ich habe dieſem Herrn ein paar Worte zu ſagen, ich bedarf Ihrer nicht mehr; Sie können wieder hinabgehen.“ „Hh, oh!“ ſagt Tranquillin zu ſich, als er ſieht, daß Cricri auf der Treppe zu dem zweiten Stock immer vier Stufen zugleich nimmt: „Mamſell Cricri 163 kennt unſern Hausherrn unter dem Namen Duport als ehemaligen Kaufmann. Item, ſie iſt im höchſten Grade überraſcht, als ſie ſeinen wahren Namen und ſein Amt erfährt. Item, ſie nimmt ſich vor die Säge des Herrn von Luxeuil zu ſein . . die Säge! welch eine Sprache! Aber was Wunder, wenn man in den Werkſtätten als Modell gedient hat! Und trotz allem dem iſt ſie jetzt unſere Hausbe⸗ wohnerin. Ah! ich zittere für das Haus. Aber mein geehrter Gebieter beabſichtigt ihnen Allen eine tüchtige Lection zu geben, wenn ich ihn recht ver⸗ ſtanden habe. Benachrichtigen wir ihn ſogleich von dieſen verſchiedenen Zwiſchenfällen. Ich werde Sa⸗ turn herſchicken, um die Wohnung ſchließen zu laſſen.“ . Als Herr von Franchevillers Cricri erblickt, bleibt er Anfangs ganz verdutzt mit der Hand auf dem Schlüſſel, den er ſoeben ins Schloß geſteckt hat, ſtehen; dann beeilt er ſich den unerwarteten Beſuch in ſeine Wohnung einzuführen. Hier drängt ſich eine der Fragen auf, welche unlösbar ſcheinen. „ Wie kommt es, daß ein Mann wie Herr von Franchevillers, ein Mann von ehrenhaftem Charakter, von einer lange Zeit untadelhaften Rechtſchaffenheit, von ausgezeichnetem Geiſt und von Jugend auf an gute Geſellſchaft gewöhnt, wie kommt es, daß dieſer Mann ſich in eine gemüthloſe Dirne von unver⸗ ſchämter Gemeinheit vernarren konnte, in Dirne, 164 die ſo ziemlich alle Fehler beſaß und außer ihren achtzehn Jahren, ihrer reizenden Taille, ihrer Friſche und ihrem hübſchen Geſichtchen keinen Vorzug auf⸗ zuweiſen hatte? Wie kommt es hauptſächlich, daß er dreißig Jahre eines makelloſen Lebens für dieſen unwürdigen Gegenſtand opfern konnte? Die Leidenſchaft kann, ſo regellos ſie auch ſein mag, ſolche Schwachheiten nicht nur nicht im min⸗ deſten entſchuldigen, ſondern auch gar nicht anders erklären als durch die Verkehrung des ſittlichen Ge⸗ fühls bei Denjenigen, die ſich ihrer ſchuldig machen. Die angeblich unwiderſtehliche hinreißende Ge⸗ walt der ſchlechten Leidenſchaften iſt ein Argument, das dieſe Leute für die Bedürfniſſe ihrer eigenen Sache erfunden haben. Es iſt nicht wahr. Es iſt immer möglich und manchmal ſogar leicht einer unheilvollen Verſuchung zu widerſtehen. Die verdorbenſten Leute beſitzen, wir haben es bereits geſagt, ein vollſtändig klares Bewußtſein ihres Fehlers. Herr von Franchevillers war ſich der Käuflichkeit, deren er ſich ſchuldig machte, ſo wohl bewußt, daß er, um ſie zu verdecken, zu Mitteln ſchritt, die eine bedeutende Gewandtheit verriethen. Und gleichwohl war er, wird man ſagen, bis dahin ein rechtſchaffener Mann geblieben. Es iſt wahr. Aber dieſes thatſächlich lange Zeit ehrenvolle Leben beweist einzig und allein, daß er bisher noch keine Gelegenheit zu Fehltritten gefun⸗ den hatte. Ein Mann von gründlichem Pflichtbe⸗ wußtſein würde über ſeine angebliche Leidenſchaft für Mamſell Cricri leicht obgeſiegt oder er würde 165 vielmehr ganz und gar keine Leidenſchaft für ein ſolches Weſen empfunden haben. Nichts iſt falſcher und unmoraliſcher als dieſe angeblichen Neigungen, die man mit Unrecht ſo unwiderſtehlich nennt, und die kraft irgend eines abſurden Geſetzes der Anzie⸗ hung widerſtreitender Dinge eine anſtändige Frau veranlaſſen einen Elenden zu lieben, oder ei⸗ nen rechtſchaffenen Mann dahin bringen, daß er eine unwürdige Dirne heirathet. Dieß iſt unwahr. Niemals fühlt ſich die Tugend wiſſentlich zum Laſter hingezogen. Sie kann ſich von gleißneriſchem chein, von der Heuchelei täuſchen laſſen, und dann iſt ſie das bethörte Dpfer des Laſters, aber nicht ſeine Mitſchuldige. Run hatte Mamſell Cricri ſich niemals die mindeſte Mühe gegeben Herrnv. Franche⸗ villers durch falſchen Schein zu übertölpeln. Im Gegentheil ſie verhehlte ihren Character nicht im mindeſten. Er ließ ſich alſo von der Wahlverwandt⸗ ſchaft ſeiner laſterhaften Natur hinreißen, indem er ſich in einen laſterhaften Gegenſtand vernarrte. Nur würde dieſe Wahlverwandtſchaft bei ihm nicht ans Licht getreten ſein, wenn er von Grund aus recht⸗ ſchaffen geweſen wäre, d. h. wenn er auf die Stimme ſeines Gewiſſens gehört hätte. Nein, nein, der Bund zwiſchen dem Guten und dem Schlechten iſt, wenn er wiſſentlich eingegangen wird, eine monſtröſe Vereinigung, die nur durch bittere Reue geſühnt werden kann. Gehen wir nunmehr zum Beweis über. ———————— 166 VII. Als Herr von Franchevillers Cricri in ſeinen Salon geführt hatte, war er dermaßen überraſcht und wurde zugleich von ſo vielen und ſo verſchie⸗ denen Veſorgniſſen beſtürmt, daß er Anfangs ſtumm vor Beſtürzung und Furcht daſtand, als er ſich er⸗ kannt ſah. „Ei ſchönen guten Tag, Herr von Franchevillers! Schönen guten Tag, Herr Privatſecretär und ich weiß ſelbſt nicht mehr was!“ hatte das Exmodell in hämiſchem Tone begonnen. „Ah, wir nehmen einen falſchen Namen an, wie wenn es nicht ſchon ſehr artig wäre eine falſche Perücke zu tragen! (Anſpielung auf die künſtlichen Locken, unter denen er ſeine Kahlköpfigkeit verbarg.. Ah! wir geben uns für einen ehemaligen Kaufmann aus! Ei ei, ich muß ſchöne Sachen von Dir erfahren, mein Anotol!“ Herr von Franchevillers hieß nicht Anatol, aber Cricri hatte es ſpaßhaft gefunden ihm dieſen jugend⸗ lich coketten Namen zu geben. „Hören Sie mich, Marguerite,“ verſetzte er mit gedämpfter Stimme; „die Stellung, die ich ein⸗ nehme, nöthigte mich gewiſſe Rückſichten zu beobach⸗ ten. Ich habe Ihnen, ſeit ich Sie kenne, verbergen müſſen, wer ich wirklich bin. Wenn Sie es gewußt hätten, ſo hätte ich Ihre Indiscretion zu fürchten gehabt und „Das ſind lauter Flauſen .. außer Du müßteſt ein verheiratheter Mann und Familienvater ſein .. biſt Du es?“ 167 „Nein.“ „Nun wohl, warum haſt Du dann einen falſchen Namen angenommen? Es fehlte Dir nichts mehr als eine falſche Naſe, mein Anatol. Du mußt noch einen andern Grund haben, als was Du mir von deiner Stellung vorſchwatzeſt.“ „Dieß iſt der einzige,“ ſage ich Ihnen. „Geh mir weg! Müſſen die Privatſecretäre etwa Gelubde ablegen wie die Trappiſten? Willſt Du mir gar weiß machen, daß du als Hageſtolz nicht Alles thun könneſt was Dir beliebe?“ „Es gibt gewiſſe geſellſchaftliche Convenienzen, von denen Sie nicht einmal eine Idee haben können⸗ Deßhalb wäre auch jede Erörterung darüber nutzlos.“ „Ganz und gar nicht; ich habe meine Gründe und zwar vortreffliche Gründe, die Sache ans Licht zu ziehen. Du haſt mir Deinen Namen verheimlicht, Du haſt unſere Verbindung verheimlicht, folglich haſt Du Angſt, ſie möchte entdeckt werden. Warum haſt Du dieſe Angſt? das muß ich jetzt erfahren.“ „Ich wiederhole es Ihnen, Marguerite es wäre für mich beklagenswerth geweſen, wenn man erfahren hätte, daß ich in meinem Alter und in meiner Stellung die Beziehungen zu Ihnen habe, die ſeit ſechs Monaten beſtehen.“ v ſchüttelt nachdenklich den Kopf und ſagt zu ſich: „Dieſen andern Grund muß ich herausfinden, denn er hält mich in ſeinen Klauen, und wenn ich weiß, ſo werde ich ihn in meinen Klauen alten.“ Dann ſagt ſie laut: 168 „Du willſt mir die Wahrheit nicht geſtehen?“ „Sie wiſſen Alles.“ „Schon gut . . . Du ſollſt mir dieſe Geheimniß⸗ krämerei bezahlen, mein Anatol . und zwar theu⸗ rer als Du glaubſt.“ „Das ſind Kindereien. .. Laſſen Sie uns ernſt⸗ haft ſprechen, meine liebe Marguerite.“ „D, Du nimmſt vergebens Deinen fuchsſchwän⸗ zeriſchen Ton an .. Du ſollſt mich nicht fangen .. Ich werde ganz gewiß den wahren Grund erfahren, der Dich veranlaßt hat einen falſchen Namen zu führen.“ „Ich habe es Ihnen geſagt, und da Sie jetzt meine Stellung kennen, ſo erwarte ich von Ihnen die ſtrengſte Verſchwiegenheit in Betreff unſerer Be⸗ ziehungen. Vor allen Dingen verſteht es ſich von ſelbſt, daß Sie nie mehr hieherkommen. Ich werde Sie wie gewöhnlich in meiner Wohnung in der Rue, Mandar empfangen, wo ich unter dem Namen Du⸗ port bekannt bin, und ... . „Verzeih, mein Anatol, aber das geht ganz und gar nicht ſo leicht.“ „Was denn?“ „Daß ich nicht mehr hieherkomme.“ „Sie werden nie wieder hieherkommen, ſage ich Ihnen; es iſt unmögplich .. Verſtehen Sie mich, Marguerite? es iſt ſchlechterdings unmöglich. Sie dürfen ſich nie mehr in dieſem Haus blicken laſſen.“ „Und meine tauſend Franken Draufgeld?“ „Welches Draufgeld?“ „Dasjenige das ich ſo eben dem Intendanten gegeben habe.“ 169 „Welchem Intendanten?“ ſ „Nun ja doch, dem Intendanten des Hausbe⸗ itzers.“ „Was ſchwatzen Sie mir da von Draufgeld und Hausbeſitzer? Wahrhaftig ich verſtehe kein Wort von Allem was Sie mir ſagen.“ „Und doch iſt es höchſt einfach. Wenn man eine Wohnung miethet, ſo gibt man ein Draufgeld; nicht wahr, mein Anatol?“ „Nun wohl?“ „Nun wohl, ich habe das Draufgeld für die Wohnung bezahlt, die ich gemiethet habe.“ „Gemiethet? wo denn?“ „Hier im Hauſe.“ * Herr von Franchevillers ſprang Anfangs auf vor Ueberraſchung und Schrecken; da er aber dieſe Nachricht nicht glauben kann und nicht glauben will, ſo verſetzte er: „Ich habe Ihnen geſagt, meine Liebe, daß dieſe Beſprechung ernſthaft, ſehr ernſthaft ſei; Ihre Scherze ſind daher höchſt unpaſſend.“ „Et was! Du glaubſt vielleicht, ich habe Dich angelogen, indem ich Dir ſagte, daß ich eine Woh⸗ nung in dieſem Hauſe gemiethet habe?“ „Sie würden ſich doch wahrlich nicht erlaubt haben „ „Wie köſtlich er iſt, mein Anatol! Ich würde mir nicht erlaubt haben! als ob es mir nicht freiſtände zu wohnen, wo es mir beliebt! Da es mir nun beliebt hat, da es mir noch jetzt beliebt in dieſem Hauſe zu wohnen, ſo habe ich das leer ſtehende Appartement im erſten Stock für dreitauſend 170 Franken jährlich gemiethet. Ich habe tauſend Fran⸗ ken Draufgeld gegeben und werde noch heute Abend einziehen. So ſteht es, mein Anatol. Wenn Dir das nicht zuſagt, ſo lege Trauer an, ſchlinge einen Flor um Deinen Hut, denn mir ſagt es zu hier zu wohnen, und ſomit wohne ich hier.“ VM Dieſer Umſtand ließ Herrn von Franchevillers die Entdeckung ſeines Namens und ſeiner Stellung durch Cricri noch furchtbarer erſcheinen. Der Schre⸗ cken, der ihn befiel, war nur allzu gerechtfertigt. Ohne alles Vermögen hatte er ſeine Ehre verwirkt, um bedeutende Schulden zu bezahlen, welche er ge⸗ macht hatte, um den Bedürfniſſen und Launen die⸗ ſer Cricri zu willfahren und beſonders um ihr, wie man ſagt, Renten zu ſichern. Da er ſich übrigens in Betreff der Lüſternheit und Undankbarkeit des unwürdigen Gegenſtandes ſeiner unwürdigen Liebe nicht täuſchte, ſo hatte er, wie man ſpäter ſehen wird, ſeine Sicherheitsmaßregeln getroffen, weil er fürchtete, ſie möchte ihn ſitzen laſſen, ſobald ſie ihre Renten in Händen hätte. Aber im Intereſſe ſeines Rufs und der Straflo⸗ ſigkeit für ſeine Pflichtvergeſſenheit, einer Straflo⸗ ſigkeit, welche er durch die ſchon mitgetheilten Mit⸗ tel bereits geſichert glaubte, war es nothwendig, daß ſeine Verbindung mit dem Exmodell gänzlich unbekannt blieb, denn ſonſt, und auf dieſe Art wer⸗ den pflichtvergeſſene Beamte beinahe immmer ent⸗ 171 deckt, ſonſt würde man ſich mit vollem Recht darüber gewundert haben, wie er, ohne andere Einkünfte zu beſitzen als ſeinen Gehalt, einem Frauenzimmer Schmuckſachen von fünf und zwanzig tauſend Fran⸗ ken ſchenken und daſſelbe mit großem Luxus unter⸗ halten konnte. Nun würde trotz der Gewandtheit ſeiner Manö⸗ ver, die darauf ausgingen die Enthüllung der be⸗ deutenden Summen, welche er von dem Lieferanten Morin erhalten hatte, unmöglich oder unglaublich zu machen, ſeine Verſchwendung, wenn Cricri ſeine wahre ſociale Stellung erfahren hätte, früher oder ſpäter die öffentliche Meinung zu dem Geheim⸗ niß hingeleitet haben, deſſen Verſchweigung ihm ſo ſehr am Herzen lag. Um daher die Ausgaben zu erklären, die er dieſem Weib zulieb machte, ſpiegelte er ihr vor, er ſei ein Kaufmann, der ſein Geſchäft aufgegeben habe. Aber Cricri, die wie bösartige Raubthiere eine gewiſſe feine Spürnaſe beſaß, hatte, als ſie ſeine wahre Stellung entdeckte, einen vagen Geruch von der Wahrheit bekommen, indem ſie dachte, daß er zur Annahme eines falſchen Namens und einer fal⸗ ſchen Eigenſchaft durch allerlei Vefürchtungen und nicht blos durch Rückſicht auf die Convenienz getrie⸗ ben worden ſeiz ſie ſagte daher zu ſich ſelbſt: „Ich muß die wahre Urſache des Geheimniſſes entdecken, worein er ſich bis jetzt gehüllt hat, denn da dieſe Urſache ſchmachvoll ſein muß, ſo wird er künftig nicht mehr mich in ſeinen Händen halten, ſondern ich ihn.“ Dieſe Anſpielung auf die Sicherheitsmaßregeln, 172 welche er gegen die mehr als vorausſichtliche Un⸗ dankbarkeit Cricris getroffen hatte, wird ſich bald erklären. Die voranſtehende Darſtellung wird zur Genüge den Schreck rechtfertigen, welcher Herrn von Franche⸗ villers ergriffen hatte, als er von der unverſchämten Creatur vernahm, daß ſie feſt entſchloſſen ſei in demſelben Hauſe zu wohnen wie er; aber auf die⸗ ſen Schrecken folgte die beinahe ſichere Hoffnung Cricri zu einem Vergleich zu bringen, und er ſagte daher nach einer furzen Pauſe: „Es mag ſein! Ich zweifle jetzt nicht mehr da⸗ ran, daß Sie eine Wohnung in dieſem Hauſe ge⸗ miethet und tauſend Franken Draufgeld bezahlt haben. Nun wohl, meine Liebe, Sie werden Ihr Draufgeld verlieren; ich bezahle Ihnen dieſe tau⸗ ſend Franken zurück, aber Sie werden nicht hier wohnen.“ „Welche Narrenpoſſen! Ich ſoll nicht hier woh⸗ nen?“ „Nein.“ „Und warum nicht?“ „Weil ich es nicht haben will.“ Und als Cricri mit einem ſpöttiſchen Gelächter darauf antwortet, fügt er in freundlichem Tone hinzu: „Nein, Sie werden nicht hier wohnen . . . weil ich Sie bitten werde, meine liebe Marguerite, einer Laune, einem grillenhaften Einfall zu entſagen, und ich zweifle nicht daran, daß Sie mir dieſes kleine Opfer gewähren werden .. Für Sie iſt es ja 173 ohne alle Bedeutung, für mich aber von der größ⸗ ten Wichtigkeit.“ . „Ei, ei, Du zerreißeſt mir das Herz, mein Ana⸗ tol, mit deiner kläglichen Miene, und da Du mir mit dem Gefühl beizukommen ſuchſt, ſo willige ich ein.“ „Sie verzichten alſo auf die Grille hier zu wohnen? Ich nußte es wohl, denn trotz Ihres tollen Gebahrens und Ihrer ercentriſchen Sprache, worüber ich oft unwillkürlich lachen muß, ſind Sie ein ſehr gutes Mädchen, meine liebe Marguerite.“ „Nicht wahr?“ „Ein Kobold, der ſehr drollig und ſehr ergötz⸗ lich ſein kann auch ſehr artig, ſobald er nur will.“ „Nun denn, mein Anatol, ſo mache Deiner Cricri eine freundliche Grimaſſe; vorwärts, ſchnell eine freundliche Grimaſſe gegen Deine kleine Cricri.“ Es war lächerlich dieſen gravitätiſchen Mann von ſchon reifem Alter willfährig einer ſolchen Dirne zulächeln zu ſehen, weil er ſie in ihrem Plan beſtärken wollte das Haus zu verlaſſen. Wenn eine ſolche Verdorbenheit unſere Leſer in Staunen ſetzt, ſo wollen wir als ein berühmtes Beiſpiel unter ſo vielen andern die ſeltſame Herr⸗ ſchaft anführen, welche Frau Dubarry, dieſe Ahn⸗ frau aller Cricri, gerade durch die Trivialität ihrer Sprache und Manieren über den alt gewordenen Ludwig XV. ausübte, den ſie groteskerweiſe Frank⸗ reich nannte. „Es bleibt alſo dabei, mein Liebchen,“ ſagt Herr von Franchevillers, „Sie verzichten auf die 174 Grille hier zu wohnen . Ich werde die tauſend Franken Draufgeld zurückerſtatten.“ „Wo iſt der Tauſendfrankenſchein, den ihr Ana⸗ tol ſeiner Cricri verſpricht? . Wo iſt der Schein. laß ſehen, laß ſehen.“ „Ei wie, Sie garſtige Perſon, Sie zweifeln an meinem Verſprechen?“ ſagt Herr von Franchevil⸗ lers die Achſeln zuckend; dann zieht er einen Bank⸗ ſchein aus ſeinem Portefeuille und übergibt ihn ihr mit den Worten: „Glauben Sie jetzt, kleine Teufelin?“ „Nun natürlich,“ erwidert die ſchmutzige Crea⸗ tur, indem ſie die Summe einſteckt und es ſehr luſtig findet ſich auf dieſe Art das Draufgeld zu⸗ rückbezahlen zu laſſen, das ſie nicht verlieren will. „Erklären wir uns jetzt.“ „Ueber was?“ „Ich habe Dir ſo eben geſagt, daß ich, da Du mich beim Gefühl anfaſſeſt, mich dazu verſtehen wolle .. . „Ja, nicht hier zu wohnen.“ „Du unterbrichſt mich ſchon wieder, wie Du mich ſo eben unterbrochen haſt; daher unſer Miß⸗ verſtändniß ... „Ein Mißverſtändniß?“ „Die Sache iſt die, Ich wollte Dir ſagen, daß ich, da Du mich beim Gefühl anfaſſeſt, mich dazu verſtehen wolle Dir zu erklären, warum ich ent⸗ und zwar feſt entſchloſſen ſei hieher zu ziehen.“ „Wie! Sie wagen es jetzt noch!“ „Du kennſt meinen Kopf und weißt, daß, wenn „ 175 ich einmal etwas will, dieß auch geſchehen muß. Ich werde alſo hier bleiben und wenn der Teufel mit ſeiner Gabel da wäre.“ „Sehr gut,“ verſetzt Herr von Franchevillers, blaß vor Zorn und Furcht, aber an ſich haltend; „Sie wollen gegen meinen Willen hier bleiben?“ „Allerdings.“ „Iſt dieß Ihr letztes Wort? „Es iſt mein letztes Wort, ſo gewiß als Du in dieſem Augenblick eine ellenlange Naſe haſt, mein Anatol, und auf die Gefahr hin, daß Deine Naſe ſo lang werde wie ein Elephantenrüſſel, will ich Dir jetzt, damit Du ein für allemal weißt, wo⸗ ran Du Dich zu halten haſt, geſtehen, daß ich Herrn von Luxeuil zu Liebe hieherziehe.“ „Herrn von Luxeuil?“ wiederholt Herr von Franchevillers ganz betäubt. „Sie kennen alſo Herrn von Luxeuil?“ „Er iſt mein Geſchwiſterkind. Wir haben uns überworfen. Dieß kommt in den Familien zuwei⸗ len vor. Ich will alſo einzig und allein in der Abſicht hier bleiben Luxeuil recht zu ärgern.“ Herr von Franchevillers ſchweigt einen Augen⸗ blick, gewinnt ſeine Faſſung und Selbſtbeherrſchung wieder; dann ſagt er mit rauher Stimme und in hochmüthigem, drohendem Ton: „Hören Sie mich wohl und zittern Sie, wenn Sie mich aufs Aeußerſte treiben.“ „Ei, mein Anatol, ſo mußt Du fortfahren, Du biſt ſüperb in dieſer Rolle.“ „Und vor allen Dingen ſeien Sie überzeugt, daß ein Geſchöpf Ihrer Art mich niemals eiferſüchtig 176 machen kann. Ich verlange weiter nichts, als daß Sie meinen Wünſchen gehorchen.“ „Welch ein Paſcha! Ich verlange, daß Du mit einem Turban geſchmückt werdeſt, der aus Savoyer Biscuit, aus Federn von Canarienvögeln und aus Pelzwerk beſtehe, und in Deinem Gürtel ſollen eilf Dolche ſtecken.“ „Ich kümmere mich nichts um Ihre Imperti⸗ nenzen; Sie werden mir dennoch gehorchen.“ „Wie ſchön er iſt! wie ſchön er iſt! ei, ei, mein Anatol!“ „Meinen Willen werde ich Ihnen nicht im Na⸗ men der ungeheuren Opfer auferlegen, die ich für Sie gebracht habe; ich habe immer auf Ihre Un⸗ gerechnet, die ſo verworfen iſt wie Ihr erz.“ . „Und was weiter?“ ſagte Cricri, deren Blick einen ſteigenden Haß ausdrückte, denn trotz ihres Cynismus und ihrer Verſunkenheit hatte dieſe Elende Gefühl für Beleidigungen. „Mach nur ſo fort, genire Dich nicht, Du biſt in Deinem Recht.“ „Ich habe alſo, um Sie zu beherrſchen, auf ein ganz einfaches Mittel gerechnet, das ſicher wirken muß.“ „Und worin beſteht dieſes Mittel? ſag einmal.“ „Nun wohl, meine Liebe, ich laſſe Sie zu zehn⸗ jähriger Einſperrung in einem Zuchthaus verur⸗ theilen. Sie begreifen wohl, daß ich in meinem Alter nicht einfältig genug geweſen bin ungefähr viermalhunderttauſend Franken an Sie wegzuwer⸗ fen, ohne meine Sicherheitsmaßregeln für die Zu⸗ kunft zu ergreifen. Sie werden mir olſo gehorchen, oder, wo nicht, das Zuchthaus, mein holdes Kind 177 —— das Zuchthaus, wo man Ihnen den Kopf abraſiren wird, wo Sie in grobem Wollkleid und in Holz⸗ ſchuhen herumgehen werden. Sie haben jetzt zu wählen.“ Auf dieſe Art begann für unſere beiden Per⸗ ſonen zugleich die gerechte Züchtigung ihrer Fehler. Beide mußten der Reihe nach, Dank der unerbitt⸗ lichen Logik der Dinge dieſer Welt und ihren un⸗ vermeidlichen Folgen, da geſtraft werden wo ſie geſündigt hatten. Deßhalb geben wir, indem wir entſchloſſen auf das Ziel dieſer Geſchichte losſchreiten, deren hohe Moralität der Leſer zu würdigen wiſſen wird, den Charakteren des Herrn von Franchevillers und Cricris ihre ganze nothwendige Entwicklung. Die Drohung des Privatſecretärs, Cricri auf zehn Jahre in ein Zuchthaus ſperren zu laſſen, ſchien auf das ſchamloſe Geſchöpf einigen Eindruck zu machen; da ſie jedoch viel Keckheit beſaß und in der Entdeckung der wirklichen Stellung des Man⸗ nes, der ſie zu beherrſchen glaubte, die Möglichkeit erblickte der ihr angedrohten Rache zu entgehen, oder ſie wenigſtens dadurch zu neutraliſiren, ſo ſagte ſie mit einem boshaften Hohnlachen: „Gute Katzen, gute Ratten! Laß uns ein wenig abrechnen!“ „Es ſei, meine Liebe; rechnen Sie, ſo werden Sie als Totalſumme zehnjährige Einſperrung finden, wenn Sie mir nicht gehorchen.“ „Laß uns die Sache ſpeciſiziren.“ „Immerhin.“ Sue, Geheimniſſe b. Kopftlſſens. 1. 12 „ 178 „Wir müſſen etwas weit ausholen. Es ſind ungefähr ſechs Monate, daß ich Dich kenne; Du ſaheſt mich zum erſten Male in den Folies⸗Drama⸗ tiques, wo ich wie eine Beſeſſene die Cahutchucha tanzte. Du wareſt im Theater und von dieſem Tage an habe ich Dein Herz gefeſſelt, mein Anatol!“ .. „Fahren Sie fort,“ antwortet Herr von Franche⸗ villers bitter, indem er mit Entſetzen daran denkt, duß von dieſem Abend, wo er aus Müſſiggang, Zufall oder Neugierde in dieſes kleine Theater ge⸗ rathen war, die unſelige Leidenſchaft datirte, die ihn zur Unehre geführt hatte. „Tags darauf erhalte ich durch den Theater⸗ ſchneider Deine Erklärung nebſt einem prächtigen Bouquet und einer Armſpange von Email und Diamanten. Ehe ich auf Deine Erklärung antworte, ſchicke ich meine Haushälterin ins Leihhaus, um die Armſpange ſchätzen zu laſſen, denn bekanntlich gibt es Ungeheuer von Männern, welche das Ver⸗ trauen der Frauen hintergehen und ihnen Straß und Similor ſchicken. Das Bracelet wurde zu vier⸗ tauſend ſiebenhundert Franken angeſchlagen; ich zweifelte alſo nicht mehr an der Reinheit Deiner Abſichten und Du wurdeſt mein Anatol. Du haſt mir geſagt, Du heißeſt Duport, ſeieſt ein ehemali⸗ ger Kaufmann und verheirathet, weßhalb Du mich nicht in Deiner Wohnung empfangen könneſt. Du haſt die Sache nobel getrieben, dieſe Gerechtigkeit muß ich Dir widerfahren laſſen; Du haſt vierzig oder fünfzigtauſend Franken für meine Möbel aus⸗ gegeben, Du haſt mir einen Wagen auf den gan⸗ 179 zen Monat gemiethet; ich habe eine Köchin, eine Kammerfrau, einen Groom in Livree gehabt und überdieß fünftauſend Franken monatlich zu meinem Unterhalt, die Gratificationen und Geſchenke gar nicht gerechnet. Du warſt damals ſehr artig, ſo wahr ich Crieri heiße . . . aber ſpäter .. „Später?“ „Als es ſich um die Rente und den Wechſel handelte, da bemerkte ich, daß Du doch bloß ein Geizhals warſt.“ „Ja, gerade mittelſt dieſes Wechſels halte ich Sie in meinen Händen, meine Theure, und zum Henker, nehmen Sie ſich wohl in Acht.“ „Vielleicht! vielleicht! Alſo ich hatte verdammt Luſt zehntauſend Franken Rente zu bekommen, weil man mit zehntauſend Franken Rente ganz vergnüg⸗ lich in den Tag hinein leben kann. Du warſt in mich vernarrt, das merkte ich wohl, und deßhalb ſagte ich zu Dir: Mein Anatol, bring mir binnen acht Tagen eine Verſchreibung von zehntauſend Franken Rente: wo nicht, gute Nacht und Du biſt nicht mehr mein Anatol. — Darüber erhobeſt Du ein Geſchrei, dieß ſei eine große Summe, Du ha⸗ beſt ſchon ungeheuer viel für mich ausgegoben, und andere Flauſen, die den Knicker verriethen. Ich antwortete beſtändig: zehntauſend Franken Renke! wo nicht, gute Nacht! Da —“ und bei dieſen Wor⸗ ten ſchlägt Cricri ein helles Gelächter auf — „da haſt Du geflennt . .. auf Ehre und Seligkeit, Du haſt geflennt. Nun aber (das iſt nun einmal mein Charakter) erſcheint mir ein alter Anatol, welcher flennt, weit drolliger als ſelbſt Sſ e nicht 1 wenig heißen will, denn Graſſot iſt doch verdammt ollig, nicht wahr?“ „Elende!“ ruft Herr von Franchevillers ganz außer ſich beim Gedanken an dieſe ſchmählichen, heißen, verzweiflungsvollen Thränen, die er zu den Füßen dieſer ſchmutzigen Creatur vergoſſen hat, denn er ſah jetzt mit Schrecken voraus, daß er, um be⸗ reits bedeutende Schulden zu bezahlen und unauf⸗ hörliche Bedürfniſſe zu befriedigen, zu ſtrafbaren Mitteln greifen müſſe. Inzwiſchen beherrſcht er ſich, und da er im Ganzen ſicher zu ſein glaubt ſeinen Willen durchſetzen zu können, fügt er hinzu: „Fahr nur ſo fort. meine Rache wird dop⸗ pelt ſüß ſein, Du ſchändliche Creatur!“ „Deine Rache! Deine Rache! Du haſt ſie noch nicht. Kurz und gut, nachdem Du lange geflennt, nachdem Du Dir die Haare hatteſt ausraufen wol⸗ len, was ihnen verdammt gleich war, da Du gar keine beſaßeſt . . . . Bei dieſer Erinnerung bricht Cricri von Neuem in ein Gelächter aus und ruft: „O das köſtliche Bild! Mein Anatol auf ſeinen Knieen und flennend mit ſeiner Perrücke in der Hand.“ Nachdem Cricri ihrer Heiterkeit vollen Lauf ge⸗ laſſen, während Herr von Franchevillers vor ſtum⸗ mer Wuth blaß und blau wird, fährt ſie fort: „Kurz und gut, es iſt gleich! Du kannſt Dich rühmen an dieſem Tag ſehr ſchön geweſen zu ſein! Jedenfalls kamſt Du am folgenden Tage wieder, und, merk jetzt wohl auf, die Sache beginnt ernſthaft zu werden.“ 181 „Ja, ſehr ernſthaft.“ „Ich will mich dazu verſtehen, ſagteſt Du zu mir, Dir eine Verſchreibung auf zehntauſend Fran⸗ ken Rente zu geben, aber unter einer Bedingung. — Unter welcher? — Du machſt ſo gut als möglich Hondſchrift und Unterſchrift eines Wechſels von zwei⸗ tauſend Franken nach, wie dieſer hier. Sodann läſſeſt Du in meiner Gegenwart eine Modehänd⸗ lerin kommen, deren Adreſſe ich Dir geben werde, und ſagſt ihr, ſie ſolle Dir werthvolle Spitzen brin⸗ gen. Du kaufſt ihr für zweitauſend fünfhundert Franken ab und gibſt ihr an Zahlungsſtatt, fort⸗ während in meiner Gegenwart, fünfzehnhundert Fran⸗ ken baar und dieſen auf drei Monate fälligen, mit der falſchen Unterſchrift Morin verſehenen Wechſel, empfiehlſt aber der Händlerin ausdrücklich, daß ſie dieſes Billet nicht in Umlauf ſetzen dürfe.“ „Ich mache große Augen, denn ich begreife nichts von der Sache, außer daß ich durch Nachmachung zweier Zeilen auf einem geſtempelten Papierwiſch endlich einmal meine zehntauſend Franken Rente bekomme, und im Uebrigen denke ich, wenn dieſer falſche Wechſel von zweitauſend Franken mich com⸗ promittiren könnte, ſo würde es mir ein Leichtes ſein ihn von der Modehändlerin wieder einzulöſen, bevor er verfallen wäre. Da mich jedoch dieſe edingung ein wenig beunruhigt, ſo frage ich, wo⸗ zu dieſe Fälſchung dienen ſoll. Du antworteſt mir: Ich habe Dir keine Erklärungen zu geben; Du kannſt es thun oder bleiben laſſen. Uebe Dich heute und morgen darauf ein dieſen Wechſel nach⸗ zumachen, dann läſſeſt Du in drei Tagen in meiner 182 Gegenwart die Modbehändlerin kommen, deren Adreſſe ich Dir geben werde; hierauf gibſt Du ihr, wiederum in meiner Gegenwart, das Geld und den Wechſel. Sobald ſie fort iſt, werde ich Dir dann Deine Rentenverſchreibung zuſtellen. — Ich beſtehe hartnäckig darauf zu erfahren, warum Du das von mir verlangeſt. Du antworteſt mir beſtändig: Du kannſt es thun oder bleiben laſſen. Nun ſpuckte dieſe verdammte Rentenverſchreibung mir im Kopf; ich glaubte überdieß den falſchen Wechſel wieder einlöſen zu können, und in dieſer Ueberzeugung entſchloß ich mich, was allerdings ſehr einfältig war.“ „Ja gewiß, meine Liebe, ſehr einfältig.“ „Bleibt jetzt zu wiſſen, wer von uns Beiden ſogleich als der einfältige Theil ſich herausſtellen wird. Du weißt nicht, was Dich erwartet, mein Anatol.“ „Was mich erwartet?“ ruft Herr von Franche⸗ villers. „Ja,“ antwortet Cricri. „Aber, um auf un⸗ ſere Geſchichte zurückzukommen, ſo nehme ich die Bedingung an; ich übe mich zwei Tage darauf ein dieſen Wechſel nachzumachen; es gelingt mir nicht ſchlecht, und geſtern Abend ging die Sache verab⸗ redeter Maßen vor ſich. Du gibſt mir die Adreſſe einer Modehändlerin; ich laſſe ſie holen; ſie bringt mir Spitzen; ich wähle in Deiner Gegenwart für zweitauſend fünfhundert Franken aus; ich biete ihr ſünfzehnhundert Franken baar und den Wechſel mit der Unterſchrift Morin; die Frau geht ohne Umſtände darauf ein, denn ſie übernahm mich um 183 ſieben⸗ bis achthundert Franken; ſie erſucht mich — von dieſer Förmlichkeit hatteſt Du mich nicht in Kenntniß geſetzt — den Wechſel auf ihre Ordre zu endoſſiren; ich thue es und ſie geht; da übergibſt Du mir die Rentenverſchreibung (ſie iſt gut, ich habe ſie heute früh unterſuchen laſſen) und ſprichſt zu mir: „Wie folgt,“ fährt Herr von Franchevillers in hämiſchem und frohlockendem Tone ein: „Ich habe niemals auf Deine Neigung gerechnet, ich habe niemals auf Deine Erkenntlichkeit gerechnet, denn ich habe Dich mit unbarmherzigem Uebermuth über meine Thränen lachen geſehen, als ich Dir ſchwur, daß die Ausgaben, die ich bereits für Dich gemacht habe, meine Kräfte überſtiegen.“ „Jetzt verſtehe ich, jetzt begreife ich!“ ſagt Cricri zu ſich, indem ſich ihr eine plötzliche Betrachtung aufdringt, die ihren bisher mehr inſtinctartigen, als auf Vernunftſchlüſſen beruhenden Argwohn aufklärt. Herr von Franchevillers fuhr alſo fort: „Da ich alſo weder auf Deine Liebe, noch auf Deine Erkenntlichkeit, ja ſogar nicht einmal auf Dein Mitleid rechne, Du undankbares und herz⸗ loſes Mädchen, ſo habe ich den Fall vorgeſehen, daß Du, wenn Du einmal im Beſitz der Renten⸗ verſchreibung wäreſt, Dein Geſpötte mit mir trei⸗ ben könnteſt.“ „Ei wie, Du haſt das geahnt? und biſt ganz allein auf dieſen Gedanken gekommen? Seht mir einmal dieſen alten Schlaukopf!“ „Deßhalb ſagte ich Dir und ich wiederhole es jetzt: „Der von Dir gefälſchte Wechſel macht mich 184 zu Deinem unbedingten Herrn, denn in dieſem Augenblick macht ein Abgeſandter von mir der Modehändlerin den Vorſchlag ihr nicht bloß den Wechſel zu diſcontiren, ſondern auch noch eine Prämie von zweihundert Franken zu geben; nun wird dieſe Frau, trotz ihres Verſprechens ihn nicht in Umlauf zu ſetzen, der Verlockung des Gewinns nicht widerſtehen können.“ „Es iſt nur allzu wahr! Ich ſchickte dieſen Morgen zu ihr, um den Wechſel zurückzufordern: allein es war zu ſpät.“ „Ja, zu ſpät und hier iſt er.“ So ſprechend nimmt ihn Herr von Franche⸗ villers aus ſeiner Brieftaſche und fügt hinzu: „Und jetzt höre mich an. Dieſer Wechſel, der auf einen mir ſehr ergebenen Mann ausgeſtellt iſt, wird demſelben bei dem geringſten Ungehorſam von Deiner Seite präſentirt werden; das Uebrige ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, meine Liebe .. Du haſt den Wechſel endoſſirt und unterzeichnet, indem Du ihn an die Ordre der Modehändlerin abgabeſt. Herr Morin übergibt ihn dem Staatsprocurator; ein Haftbefehl wird gegen Dich ausgeſtellt; das Zeug⸗ niß der Modehändlerin, die man vorladen wird, muß Dich zermalmen. Nun weißt Du, was Dich erwartet; zuerſt vorläufige Haft und dann Einſperrung in einem Zuchthaus, wo ich Dich, ich wiederhole es Dir, weil das Bild mir gefällt, be⸗ reits in einem groben Wollrock, in Holzſchuhen und mit raſirtem Kopf erblicke. Aber Du wirſt Dich dieſer Gefahr nicht ausſetzen, ſondern unter zwei 185 Uebeln das kleinere wählen, nämlich mir zu ge⸗ horchen.“ K. Indem dieſer beinahe ſchon alte Mann zu ſol⸗ chen Mitteln griff, um ein Mädchen zu behalten, von dem er wohl wußte, daß er ihr Widerwillen einflößen mußte, war er tiefer gefallen als die Dirne ſelbſt; denn dieſes gottverlaſſene Geſchöpf lebte nun einmal in der Sünde und von der Sünde, gerade wie gewiſſe Schlammthiere im Koth und vom Koth leben, während Herr von Franchevillers von einer ehrenwerthen Stellung herabſtieg, um zu ihren Füßen zu kriechen. . Cricri war ſich inſtinctmäßig ihrer vergleichungs⸗ mäßigen Ueberlegenheit bewußt, ſobald ſie die Stel⸗ lung entdeckt hatte, die er einnahm; ſie erwiderte daher im Tone ſpöttiſcher Verachtung: „Jetzt iſt die Reihe an mir, mein Anatol, denn wir ſpielen zu zwei. Vor allen Dingen könnte ich Dir antworten, daß der Wechſel erſt in drei Mo⸗ naten verfällt und daß Du mich im ſchlimmſten Falle nur auf drei Monate feſthalten könnteſt.“ Darauf habe ich Dir meinerſeits zu erwidern: „Erſtens daß es für Fälſchung keine Verjährung gibt; zweitens daß Du am Vorabend des Ver⸗ falls den Wechſel von neuem nachmachen mußt und ſo fort, bis es mir gefällt ihn nicht mehr in meinem Beſitz haben zu wollen.“ 186 „Und Du bildeſt Dir ein, ich würde ſo dumm ſein mich noch einmal in Deiner Falle zu ver⸗ fangen?“ „Allerdings, denn wenn Du Dich weigerſt den alten Wechſel zu erneuern, ſo wird er alsbald dem Gericht übergeben. Begreifſt Du?“ „Sehr wohl.“ „Wenn Du alſo kein anderes Mittel haſt mich zu beherrſchen, meine Theure, ſo wirſt Du wohl dieſer ſüßen Hoffnung entſagen müſſen.“ „Wart noch ein wenig. Sage mir, kennſt Du ein kleines Journal, das den Titel führt: der Pranger?“ „Nein.“ „Ich kenne es: es iſt bösartig wie eine Nat⸗ ter, ich leſe es alle Morgen, damit ſeine Bosheiten mich wach erhalten; am Abend dagegen leſe ich den Meſſager, damit er mich einſchläfert.“ „Was macht mir das?“ „Du wirſt es ſogleich ſehen. Haſt Du den Meſſager von geſtern Abend geleſen?“ „Warum dieſe Frage?“ . „Weil in dieſem Journal von Dir die Rede iſt.“ „Nun und dann?“ Ich erinnere mich ſehr gut, daß man darin, ich weiß nicht, bei welcher Gelegenheit, die Uneigen⸗ nützigkeit eines Herrn von Franchevillers pries, die um ſo lobenswerther ſei, weil er gar kein Ver⸗ mögen beſitze.“ „Weiter?“ „Nun, mein Anatol,“ fährt Cricri mit lang⸗ ſamer Betonung ihrer Worte fort, „wenn Du gar 187 kein Vermögen beſitzeſt, ſo ſag mir doch einmal, wo zum Teufel Du das Geld bekommen haſt, das Du für mich hinausgeworfen, heh?“ Bei dieſen furchtbaren Worten erblaßt Herr von Franchevillers und geräth trotz ſeiner Zuver⸗ ſichtlichkeit in Unruhe. Cricri, die ihn mit aufmerk⸗ ſamem Blick belauert, bemerkt die plötzliche Ent⸗ ſtellung ſeiner Züge und ruft in triumphirendem Ton: „Ah ah, ich habe Dich, mein Anatol! Es muß irgend eine Gaunerei dahinter ſtecken.“ „Schanddirne!“ ruft Herr von Franchevillers außer ſich mit einer drohenden Bewegung, „ich werde Dich . .“ „Nur keine Geberden! ſonſt ſchlage ich ein Fen⸗ ſter ein, rufe Mörder und bringe das ganze Haus in Aufruhr.“ Und Cricri geht haſtig aufs Fenſter zu, denn der Ausdruck in den Zügen des alten Mannes wurde ſchreckenerregend. Nachdem er indeß ſeine Faſſung wieder gewon⸗ nen hatte, bedenkt er, daß er den gefürchteten Schlag nur durch Kaltblütigkeit pariren könne, und verſetzt daher mit einem erzwungenen Lächeln: „Ich habe Unrecht gehabt die angeborne Plump⸗ heit Deiner Sprache zu vergeſſen. Ueberdieß gibt es Beleidigungen, die von ſolcher Niedrigkeit aus⸗ gehen, daß ſie einen rechtſchaffenen Mann gar nicht erreichen können.“ „Narrenpoſſen! Du haſt mit Inbegriff der Rente wenigſtens dreimalhundertundfünfzig⸗ bis viermal⸗ hunderttauſend Franken für mich hinausgeworfen. 188 Wo haſt Du ſie wegſtipizt, da Du kein Vermögen beſaßeſt?“ „Ich beſaß bedeutende Erſparniſſe.“ „Erſparniſſe von viermalhunderttauſend Fran⸗ ken? das iſt luſtig! Wie viel haſt Du denn Ge⸗ halt? Sag es doch einmal nur ſo geſprächsweiſe Deiner geliebten Cricri, mein Anatol.“ „Ich habe Ihnen keine Rechenſchaft abzulegen. Sie ſind dumm, meine Liebe.“ „Nehmen wir an, Du habeſt zwanzigtauſend Franken jährlich, ja ſogar dreißigtauſend, wenn Du willſt, und davon willſt Du eine ſolche Summe erſpart haben?“ „Sie ſind dumm, ſage ich Ihnen. Ich könnte Sie mit einem einzigen Wort zum Schweigen brin⸗ gen,“ antwortet Herr von Franchevillers, indem er ſeine ganze Zuverſichtlichkeit wieder gewinnt, „ja ich könnte Ihnen die Schamröthe über Ihre gemei⸗ nen Verdächtigungen ins Geſicht jagen, wenn Sie überhaupt erröthen könnten.“ „So ſpricht man, wenn man Nichts zu ſagen hat.“ „Sehen Sie, um Sie zu Schanden zu machen, will ich. . . Doch nein, ich ſchäme mich einer ſol⸗ chen Herablaſſung.“ „Ich war es überzeugt.“ „So vernehmen Sie, und ich bin in Wahrheit kaum entſchuldbar, daß ich mich erniedrige Ihnen Rechen⸗ ſchaft abzulegen, ſo vernehmen Sie denn, daß ich an der Börſe geſpielt habe: ich habe viel Geld dort gewonnen, und da es ſich mit meiner Stellung nicht verträgt an der Börſe zu ſpielen, ſo habe ich mei⸗ 189 nen Gewinn gegen Jedermann verſchwiegen, und nur Du allein haſt davon profitirt.“ „Wohl ausgeſonnen! aber ich gehe nicht in die Falle. Ich habe dich flennen geſehen, als ich zu Dir ſagte: Ich will eine Rente von zehntauſend Franken, wo nicht, gute Nacht, mein Anatol. Da flennteſt Du und riefeſt, Deine Mittel ſeien erſchöpft. Du warſt in Verzweiflung; Du flehteſt mich um Mitleid an, Du ſagteſt zu mir, ich erinnere mich jetzt genau und fordere Dich auf es zu leugnen: Unglückſelige! Du weißt nicht was Du von mir ver⸗ langſt, indem Du dieſe Rente von mir forderſt.“ „Was beweist all das Geſchwätz, meine Liebe?“ „Das beweist, daß Du Dich damals noch gegen den Gedanken der Gaunerei ſtemmteſt, ohne welche Du mir meine Rente nicht zuſichern konnteſt, und ich wollte darauf meine Hand ins Feuer legen.“ „Dann würden Sie ſich ganz vergebens verbren⸗ nen, meine Liebe. Ich war allerdings ſehr genirt, als Sie dieſe Rente verlangten . . . Ihre Raubſucht empörte mich und entriß mir Thränen, worüber Sie zu lachen die Schändlichkeit hatten; aber ich dachte durchaus an keine Gaunerei, um Ihre anſtandsvolle Sprache zu reden: der Zufall wollte, daß ich Tags darauf an der Börſe eine bedeutende Summe ge⸗ en die mir erlaubte Ihr Verlangen zu befrie⸗ igen.“ „Die Börſe, die Börſe! Du wiederholſt immer daſſelbe. Ich dagegen ſage Dir, daß dieſes Geld von einem Schurkenſtreich herkommt.“ „Ich will dieſe Verläumdung, die noch einfäl⸗ 190 tiger iſt als beleidigend, für einen Augenblick gelten laſſen. Nun wohl, was würde daraus folgen?“ „Es würde daraus folgen, daß Du, wenn Dein Schurkenſtreich ans Tageslicht käme, entehrt wäreſt und Deine Stelle verlieren würdeſt.“ Trotz ſeiner ſcheinbaren Ruhe erſchrack Herr von Franchevillers gewaltig, als er bedachte, daß Cricri die Wahrheit ſprach. Er fühlte alſo die Nothwen⸗ digkeit ſeine Kühnheit zu verdoppeln, um Cricri Re⸗ ſpekt einzuflößen und wo möglich ihre Pläne zu durchſchauen. Er ſagte mit einer Miene kalter Ver⸗ achtung: 3 „Ei wie denn, meine Liebe, ſelbſt wenn ich Ihre unverſchämte Vorausſetzung noch gelten laſſe, würde dann wohl eine einfache Verſicherung von Mamſell Cricri genügen?“ „Du weißt wohl, daß ich nicht dumm genug bin mir einzubilden, daß die Ausſage eines Mädchens von meinem Schlag einen Mann wie Dich zu Grunde richten könnte.“ „Wozu denn dieſes immer impertinentere Ge⸗ chwätze?“ „Warte doch! Ich kenne einen der Redacteure dieſes kleinen Journals, der ſich Pranger nennt. Er iſt ſehr amüſant und boshaft wie ein Affe. Wenn ich z. B. zu ihm ſagte: Hören Sie einmal, mein Kleiner, dieſer Herr von Franchevillers, deſſen Uneigennützigkeit man als um ſo famöſer rühmt, weil der verehrungswürdige Mann nicht einen Sou Ver⸗ mögen beſitzt, nun wohl, dieſer Herr von Franche⸗ villers läßt ſich Duport nennen, gibt ſich für einen ehemaligen Kaufmann aus und hat ſeit ſechs Mo⸗ 191 naten viermalhunderttauſend Franken an mich ver⸗ ſchenkt. Das wäre ein gefundenes Freſſen für den Pranger. Wenn meine Ausſagen Ihnen nicht genügen, ſo werde ich Ihnen Details geben, die verdammt ſpaßhaft ſind, darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen, mein Kleiner; unter andern eine Verzweif⸗ lungsſcene, worin er ſich die Haare ausraufen wollte, aber nur ſein falſches Toupet herunterriß.“ „Gut! Der Schlingel veröffentlicht dann dieſe Impertinenzen,“ antwortet Herr von Franchevillers mit einer erhöhten Doſis höhniſcher Zuverſichtlich⸗ keit, obſchon er vor Entſetzen ſchaudert. „Was kann das mir machen?“ „Das kann Dir ſoviel machen, daß alle Dieje⸗ nigen, die Dir nicht grün ſind, Deiner Gaunerei nachſpüren werden.. Darauf kannſt Du Gift neh⸗ men. Sind ſie Dir einmal auf der Fährte, ſo wird man den Roſentopf bald entdecken, und dann läßt man Dich ſpringen, mein Anatol.“ „Dieß alles iſt Unſinn, meine Liebe, aber ich will es noch für einen Augenblick annehmen. Ich weiß alſo, daß Du die Verfaſſerin dieſer Mitthei⸗ lung biſt, die mich zu Grunde richtet. Was folgt daraus? Ich räche mich und verklage Dich wegen des falſchen Wechſels.“ Zugegeben, wir ſind dann Beide verloren, das iſt Alles. Da ich dann keine Rückſichten mehr zu nehmen habe, ſo erzähle ich den Richtern, warum Du mich zu dieſer Wechſelfälſchung verankaßt haſt, und das wird ein ſchönes Licht auf Dich werfen⸗ Endlich wenn man mich zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt. es iſt freilich verdammt lang „ 192 aber man kann ſo Etwas überleben . ich bin kaum achtzehn Jahre alt, und werde alſo blos acht und zwanzig Jahre alt ſein, wenn ich aus dem Gefäng⸗ niß komme; ich werde noch hübſch ſein und ganz vergnügt von meinen zehntauſend Franken Rente leben; was ſage ich? von Deinen zehntauſend Fran⸗ ken Rente, mein Anatol . .. von Deinen zehntau⸗ ſend Franken Rente, das iſt noch weit drolliger, während Du entehrt und von Deiner Stelle ver⸗ jagt vor Hunger crepiren wirſt. Ha, ha, ha,“fügt das abſcheuliche Geſchöpf mit lautem Lachen hinzu, „Du biſt verloren.“ „Ich bemitleide Sie.“ „Du bemitleideſt mich nicht, ſondern Du fürch⸗ teſt mich, Du zitterſt.“ „Warum nicht gar? Sie ſind toll!“ „Möglich, aber ich bin nicht blind. Ich ſehe den Schweiß von Deiner Stirne rinnen, er hat Deine Perücke in Unordnung gebracht, er ſtrömt über Deine Backen hinab, und überdieß ſiehſt Du apfel⸗ grün aus. Betrachte Dich doch im Spiegel, mein Anatol, betrachte Dich doch! Du ſiehſt aus, als wä⸗ reſt Du dem Grabe entſtiegen.“ Herr von Franchevillers wirft nun unwillkühr⸗ lich einen raſchen Seitenblick in den Spiegel, vor dem er ſich befindet, und bleibt wie vernichtet ſitzen. Er ſieht ein, daß trotz aller Bemühungen ſeine Angſt zu ver⸗ ſein bleiches und entſtelltes Geſicht ihn ver⸗ räth. Er ſah ſich wirklich verloren, wenn die öffent⸗ liche Meinung, welche durch den 2 vorangegange⸗ nen Proceß eines der Miniſter Ludwig Philipps . 193 bereits ſehr aufgeregt war und durch die tückiſchen Artikel des Prangers aufs Neue wach erhalten wurde, der Wahrheit auf die Spur kam. Seine äußerſt gewandten Berechnungen, wodurch er ſich Strafloſigkeit für ſeine verletzte Amtspflicht zu ſichern geglaubt hatte, mußte dann gegen ihn ausſchlagen: man mußte die Enthüllungen des Prangers mit der Klage auf Beſtechungs verſuch zuſammenhalten, welche Herr von Franchevillers gegen den Ueber⸗ nehmer der von ihm bewilligten Lieferung einge⸗ reicht hatte; man mußte ſeine ſcheinbare Tugend⸗ haftigkeit neben die Ausſchweifungen des alten Man⸗ nes halten, der bedeutende Summen an eine Buhl⸗ dirne verſchwendete, und die durch ſolche Zuſammen⸗ ſtellungen aufgeregten moraliſchen Vermuthungen mußten in Ermangelung materieller Beweiſe genü⸗ gen, ſein Privatbenehmen ſchwer zu verdächtigen bei der Regierung, die gegen ihre Beamten um ſo ſtren⸗ ger geworden war, je ſchmerzlicher ſie den Schlag empfand, der eines ihrer Mitglieder vor dem Paris⸗ hof betroffen hatte. Das Verhalten des Herrn von Franchevillers mußte alſo von der Regierung ſelbſt einer ſtrengen Unterſuchung unterſtellt werden, und trotz ſeiner gewandten Vorkehrungen in Betreff ſei⸗ ner Käuflichkeit war es beinahe gewiß, daß dieſelbe zu Tage kam, oder daß wenigſtens ein Verdacht auf ihm haften blieb, der ihn zwingen konnte ſeine Ent⸗ laſſung einzureichen. Nun war dieß für ihn Schande und Elend zugleich, da er ganz und gar kein Ver⸗ mögen beſaß. Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 13 Cricri beobachtete Herrn von Franchevillers auf⸗ merkſam; ſie ſchwieg eine Zeitlang mit triumphiren⸗ der Miene, da ſie nicht daran zweifelte, daß ſie einen Theil der Wahrheit entdeckt habe und ihn zu Grunde richten könne. Aber ſie ſah auch vollkom⸗ men ein, daß ſie bei dieſer Gelegenheit ſich ſelbſt zu Grunde richtete, und trotz ihrer ſcheinbaren Phi⸗ loſophie in Bezug auf die Einſperrung, womit ſie bedroht war, ſchauderte ſie beim bloßen Gedanken an dieſe Möglichkeit. Sie brach daher zuerſt das Schweigen und ſagte: „Ah, Du haſt mir den Krieg erklären wollen? Ah, Du haſt die arme kleine Cricri zermalmen wol⸗ len? Nun wohl, Cricri beweist Dir, daß ſie ein gutmüthiges Ding iſt: ſie ſchlägt ihrem Anatol den Frieden vor.“ „Den Frieden! Was wollen Sie damit ſagen?“ „Willſt Du ohne Betrug mit den Karten auf dem Tiſch ſpielen? Ich bin nicht viel Schatz werth und Du biſt nicht beſſer,“ ſagte die cyniſche Crea⸗ tur. „Gehen wir davon aus.“ „Dieſe Unverſchämtheit . ..“ „Ah, Du betrügſt bereits, denn Du gibſt nicht an, während ich doch angebe. Wenn das ſo an⸗ fängt, ſo ſpiele ich nicht mehr.“ „Erklären Sie ſich!“ „Wir ſind alſo ein paar Leutchen, die nicht viel Schatz werth ſind, die aber ein Intereſſe dabei ha⸗ ben einander zu ſchonen.“ 195 „Ja, Sie haben ein großes Intereſſe dabei mich nicht zum Aeußerſten zu treiben . .“ „Abermals eine Betrügerei; denn auch Du haſt ein großes Intereſſe; wir ſpielen alſo zu zwei. Ge⸗ ſtehſt Du das?“ „Nein.“ „Du willſt es nicht geſtehen?“ „Nie.“ „Im Ganzen iſt es mir höchſt gleichgiltig, ob Du es geſtehſt oder nicht, denn es iſt einmal die Wahrheit, und im Stillen geſtehſt Du es Dir ſelbſt wohl ein. Alſo wir ſpielen zu zwei mit einander. Ich kann Dich zu Grunde richten, kann Dich ins Elend ſtürzen, und Du kannſt mich ins Gefängniß ſchicken. Nun wohl, ich will aufrichtiger ſein als Du! Nachdem ich durch Deine zehntanſend Fran⸗ ken Rente reich geworden bin, von D einem Mo⸗ biliar, Deinen Juwelen und Deinem Silber⸗ zeug gar nicht zu reden, hätte ich allerdings ein Grauen vor dem Gefängniß.“ „Ein heilſames Grauen, meine Liebe! Nehmen Sie ſich alſo wohl in Acht.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Ich werde alſo das Mögliche, nicht mehr und nicht weniger thun, um ihm zu entrinnen.“ „Sie haben Recht.“ 8 „Aber gerade weil es mir vor dem Gefängniß graut, begreifſt Du wohl, daß ich, wenn Du mich hineinſchickteſt, keinen andern Troſt hätte als Dich zu entehren, mein Anatol.“ „Wenn Sie es könnten .. aber ich biete Ihnen Trotz.“ 13* 196 „Das iſt mir ganz gleich, denn ſo eben noch haſt Du, als ich Dir blos mit dem Pranger drohte, dermaßen vor Angſt geſchwitzt, daß Dein falſches Toupet ganz in Unordnung gerieth, wie wenn Du aus einem Flußbad kämeſt. Wir ha⸗ ben alſo ein Intereſſe uns zu ſchonen; deßhalb biete ich Dir den Frieden an unter gewiſſen Be⸗ dingungen.“ Herr von Franchevillers faßte wieder neue Hoff⸗ nung, da ſein Anfangs beunruhigter Geiſt ſich an dem Gedanken feſthielt, daß das Mädchen ihn nicht ins Verderben ſtürzen könne, ohne ſich ſelbſt hinein⸗ zuſtürzen. Er war gerettet, ſobald ſie annehmbare Friedensbedingungen machte, und war dieſer Friede geſchloſſen, ſo konnte und durfte er nicht mehr an der vollkommenen Verſchwiegenheit Cricris zweifeln; er antwortete daher mit immer feſterer Stimme: „Laſſen Sie dieſe Bedingungen hören. Die Sache iſt in Wahrheit ſehr intereſſant.“ „Pro primo werde ich in dieſem Haus bleiben.“ „Unmöglich!“ „Es iſt ſo möglich, daß ich mich ſchon heute Abend hier einquartieren werde, und wir wollen ſehen, wie Du es angreifen wirſt, um mich daran zu verhindern. Aber ich füge auch noch hinzu, daß ich durchaus ſo thun werde, wie wenn ich Dich nicht kennte. Ich werde dem Intendanten ſagen, ich habe mich durch eine Aehnlichkeit täuſchen laſſen, was ſehr glaublich erſcheinen wird, da ich Dich nur aus der Ferne ſah, als Du die Treppe hinanſtiegſt.“ 197 „Ei wie! Was haben Sie denn zu dem Inten⸗ danten geſagt?“ „Sehr überraſcht Dich hier zu treffen, habe ich, als ich Dich vorbeigehen ſah, zu ihm geſagt: Ei ſieh da, Herr Duport! kommt er oft in's Haus?“ „Sie ſind ſo unvorſichtig geweſen?“ „Sei nur nicht ſo einfältig. Iſt es denn meine Schuld, daß Du einen falſchen Namen angenommen haſt? Konnte ich denn wiſſen, daß Du einen wahren habeſt?“ „Nun, und was hat der Intendant geantwortet?“ „Er antwortete, ich müſſe mich täuſchen, Du heißeſt nicht Duport, Du ſeieſt einer der Hausbe⸗ wohner.“ „Verwünſcht!“ „Beruhige Dich . Ich wiederhole Dir, daß ich dem Intendanten ſagen werde, ich habe mich ge⸗ täuſcht, indem ich Dich nur aus der Ferne geſehen.“ „Nun gut, fahren Sie fort!“ „Ich werde alſo im Hauſe wohnen und mich ſtellen, als ob ich Dich ſeit Cvas und Adams Zeiten noch nie geſehen hätte. Pro ſecundo.“ Auf einmal unterbricht ſie ſich beim Geklingel der Glocke. „Man läutet, hörſt Du?“ „Mein Bedienter iſt ausgegangen; ich will ſehen was es iſt .. Treten Sie in mein Zimmer und kommen Sie nicht heraus, bevor ich Sie rufe.“ err von Franchevillers geht hinaus und kommt bald an der Seite eines jungen Mannes von diſtin⸗ guirtem Aeußern und elegantem Aufzug zurück 198 derſelbe hält ein mit rothem Safian überzogenes Käſtchen und ein verſiegeltes Schreiben in der Hand. Herr von Franchevillers erſucht den jungen Mann höflich Platz zu nehmen, dann ſagt er: 8 „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen, mein er „Sie kennen mich nicht?“ „Nein, nicht ganz . . Gleichwohl ſcheinen Ihre Züge „Ich habe mehrere Male Gelegenheit gehabt Sie im Hotel der ſpaniſchen Geſandtſchaft zu ſehen, deren Attaché ich bin. Ich heiße Marquis von Almanzares.“ „Bitte tauſendmal um Verzeihung, Herr Mar⸗ quis . . . Ich erinnere mich jetzt, daß ich das Ver⸗ gnügen hatte Sie bei dem Herrn Geſandten zu treffen, namentlich bei Unterzeichnung des Handelsvertrags, deſſen Clauſeln ich zu erörtern hatte.“ „Ich verſah in der That bei dieſer Zuſammen⸗ kunft die Functionen eines Secretärs und ich wünſche mir Glück dazu, weil ich denſelben ohne Zweifel die Sendung verdanke, die ich in dieſem Augenblick zu erfüllen die Ehre habe.“ „Welche Sendung, Herr Marquis?“ „Ihnen im Namen meines Souveräns und im Auftrag des Herrn Geſandten von Spanien das Patent und die Inſignien als Comthur des Ordens Karls III. zu überbringen,“ antwortet der Marquis von Almanzares, indem er mit einer tiefen Verbeu⸗ gung Herrn von Franchevillers das Käſtchen und das verſiegelte Schreiben überreichte. 199 Dieſer empfängt die Gegenſtände und verſetzt in gerührtem Ton: „Ich war weit entfernt, Herr Marquis, eine ſo ſchmeichelhafte und, ich darf wohl ſagen, ſo wenig verdiente Auszeichnung zu erwarten.“ „Erlauben Sie, mein Herr, daß ich in dieſer Beziehung anders denke: der Zufall hat gewollt, daß die Bürgſchaft des Wohlwollens meines Sou⸗ veräns nicht blos dem kenntnißreichen und biedern Unterhändler zukam, der die Intereſſen ſeiner Regie⸗ rung ſo wohl zu wahren wußte und zugleich ſo loyal die Intereſſen der andern contrahirenden Partei im Auge behielt, ſondern auch dem rechtſchaffenen Manne, der geſtern einen Beweis für ſeine edle Uneigen⸗ nützigkeit gegeben.“ „Herr Marquis, ich .. „Sie würden mich zu meinem lebhaften Bedau⸗ ern ſchlecht verſtehen, mein Herr, wenn Sie dächten, daß ich mich im mindeſten über dieſen Act der Recht⸗ ſchaffenheit wundere, dem ſämmtliche Journale ohne Rückſicht auf ihre politiſche Meinung Beifall zuge⸗ rufen haben. Nein mein Herr, Sie gehören zu den Männern, welche gegen die Käuflichkeit einen Wider⸗ willen empfinden, der eben ſo natürlich iſt wie ihre Rechtſchaffenheit ſelbſt.“ „Bitte, bitte, Herr Marquis.“ „Was mich betrifft, mein Herr, ſo ſchätze ich mich ſo glücklich Ihnen die Glückwünſche Seiner Ercellenz des Herrn Geſandten von Spanien zu überbringen, und ich würde meine eigenen hinzuzu⸗ fügen haben, wenn meine glanzloſe Stellung es mir nicht verböte.“ 200 „Wollen Sie gefälligſt dem Herrn Geſandten, bis ich die Ehre habe ihm zu ſchreiben, meine tiefe Erkenntlichkeit für das Wohlwollen ausdrücken, wo⸗ mit Seine Majeſtät der König von Spanien mich zu überhäufen geruht. Glauben Sie auch, Herr Marquis, daß ich auf's Innigſte von der Theil⸗ nahme gerührt bin, welche Sie ſelbſt mir gütigſt beweiſen . . . ein Ehrenmann einem Ehrenmann.“ „Sie haben es geſagt, mein Herr, ein Ehren⸗ mann einem Ehrenmann. Man kann ſich dieſes Titels rühmen,“ antwortet der Attachs, indem er aufſteht, um Abſchied zu nehmen. Herr von Franchevillers begleitet den Marquis bis zur äußern Thüre ſeiner Wohnung, geht dann in den Salon zurück und ſagt mit einem Gefühl unausſprechlicher Bitterkeit zu ſich ſelbſt: „Dieſe Huldigung gegen meine Rechtſchaffenheit, eine Huldigung, deren ich mich leider ſo wenig würdig gemacht habe, war der ſchmerzlichſte Schlag, der mich unter ſolchen Umſtänden treffen konnte. Selbſt die beleidigenden Wahrheiten von Cricri waren weniger ſchwer zu ertragen. Ach, was habe ich gethan! Verſuchen wir wenigſtens Schlimmeres zu vermeiden. Das Intereſſe bürgt mir für die Ver⸗ ſchwiegenheit Cricris, und ich nehme ihre Bedin⸗ gungen an, behalte aber dieſen falſchen Wechſel aus Klugheit als Kriegswaffe. Sie wird nicht zu brechen wagen. Meine Opfer werden nicht vergeblich ſein. Das hölliſche Teufelskind! Trotz ihrer Unverſchämt⸗ heiten, ihrer verächtlichen Ausdrücke und Drohungen bin ich ärger als je in ſie vernartt.“ Herr von Franchevillers ſchiebt den Riegel an — 201 dem Zimmer zurück, deſſen Thüre er jetzt öffnet, indem er mit erkünſtelter Heiterkeit ſagt: „Komm her, kleiner Dämon, der Friede iſt ge⸗ ſchloſſen!“ XII. Die Reihe der Beſtrafung nach ſeinen Werken war jetzt an Herrn von Luxeuil gekommen. Er war nach der Scene, in welcher Herr Lambert ihn mit ſo gerechter und ſchimpflicher Verachtung zermalmt hatte, höchſt verdrießlich zu Hauſe geblieben. Der junge Stutzer ſuchte dieſe harte Kränkung dadurch zu vergeſſen, daß er an ſeine kaum zuvor ſtattgefundene Unterhaltung mit der Herzogin della Sorga dachte, und er hielt folgendes Selbſtgeſpräch, während er in ſeinem Salon auf und ab ſchritt: „Die Herzogin hat mir heute früh geſagt, daß ſie auf den Abend in die Oper gehe. Ich werde ſeben, welchen Effect ſie bei der großen Beleuchtung macht. Dieß Vergnügen koſtet mich einen Sperrſitz von zehn Franken, da heute der Logentag Heioiſens nicht iſt, ſonſt hätte ich dießmal in der Oper ein doppeltes Spiel gehabt. Und da ſie allerliebſt iſt, ſo würde dieß die Herzogin pikirt haben, denn ſie ſcheint mich trotz Allem noch immer mit ihrem ganzen Hochmuth als große Dame behandeln zu wollen. Sie ſind ſonderbar, dieſe Italienerinnen! Als ich ſie heute früh in einer der Alleen des Parks von Monceaux traf, da maß ſie mich, obſchon ſie 202 mir ſelbſt geſagt hatte, daß ſie dahin gehe, ungefähr wie eine Königin einen Sklaven anſehen könnte, der ſich unterthänigſt zu ihren ſouveränen Befehlen eingeſtellt hätte. In dieſer Allee des Parks aber, die in der Nähe des griechiſchen Tempels ſehr dunkel iſt, iſt uns, dieſen Glauben laſſe ich mir nicht nehmen, Jemand nachgeſchlichen und ... Hier wird Herr von Luxeuil in ſeinem Selbſt⸗ geſpräch uͤnterbrochen, zuerſt durch das haſtige Ge⸗ klingel der Glocke ſeiner Wohnung und ſodann durch das heftige Geſchrei von Cricri, welche die Ableug⸗ nungen des Kammerdieners in Betreff der Anweſen⸗ heit ſeines Herrn mit entgegengeſetzten Bejahungen beantwortet. Bald ſieht der Stutzer mit ſehr lebhaftem Ver⸗ druß die freche Dirne in ſeinen Salon kommen, und er will ihr eben erklären, wie läſtig er dieſen Beſuch findet, aber Beſtürzung und Unwille laſſen ihn nicht zum Worte kommen. Die Sache verhielt ſich ſo: Cricri iſt, ohne ein Wort zu ſprechen, auf das Kamin zugegangen und hat aus einem eleganten Cigarrengeſtell von eingelegter Arbeit, rings herum mit Zündhölzchen verſehen, eine Panatellas genom⸗ men; ſodann hat ſie ſelbe ſehr kunſtgerecht ange⸗ zündet und ſich das Arom des Tabaks durch die Naſe und den Mund zugleich zu Gemüthe geführt; hierauf hat ſie ſich nachläſſig auf ein Kanapee aus⸗ geſtreckt und ganz und gar gethan wie wenn ſie zu Hauſe wäre. Herr Luxen' war außer ſich vor Ueberraſchung, als er bemerkte, daß Cricri weder Shawl noch Hut 203 trug. Sie war zu raſch eingetreten, als daß ſie ſchon Zeit gehabt hätte dieſe Toilettengegenſtände abzulegen, und Luxeuil fand es unbegreiflich, wie ſie, da ſie doch in einem ziemlich fernen Stadttheil wohnte, die Ungenirtheit haben konnte ihn auf ſolche nachbarliche Art zu beſuchen. Dieß Geheimniß klärte ſich bald auf, denn nach⸗ dem Cricri ſich boshaft an der Ueberraſchung und dem augenſcheinlichen Aerger des Stutzers geweidet hatte, brach ſie endlich das Stillſchweigen und ſagte, indem ſie eine dicke Tabakswolke gegen die Decke emporſtieß, im Tone vollkommener Befriedigung: „Man iſt doch ſehr gut bei Dir .. Ich werde deßhalb auch von nun an öfter kommen als bisher, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, Nachbar.“ Herr von Luxeuil begriff die eigentliche Bedeu⸗ tung des Wortes Nachbar nicht ſogleich. Er war überdieß zu zornig, um die Reden Cricris, deren Gleichmuth ihn zur Verzweiflung brachte, abzuwägen, und da er vor allen Dingen und unter allen Um⸗ ſtänden die Dirne fortzuſchaffen wünſchte, ſo ſagte er in gedämpftem Ton: „Meine Liebe, Du kommſt dießmal ungelegen; es iſt fünf Uhr, ich muß mich jetzt ankleiden, um im Cerele zu diniren.“ „Du brauchſt Dich nicht anzukleiden, ich finde Dich prächtig ſo wie Du biſt, und wir werden hier zuſammen diniren, Nachbar.“ „Der Spaß iſt ſehr ergötzlich, meine Kleine, aber .. „Ich weiß wohl, daß Du gew'hnlich nicht zu Hauſe ſpeiſeſt. Du ſchickſt Deinen Bedienten zu 204 Chevet, und ich will Dir die Karte vorſagen. Vor allen Dingen Krabben.“ „Ei zum Henker!“ „Eine Gansleberpaſtete, einen Salmenſchwanz in grüner Sauce, eine Rebhühnergalantine .. „Ei warum nicht gar?“ „Trüffeln mit Champagner, Erdbeeren, eine Ananas, eine Flaſche Madeira, eine Flaſche Chateau Margaux und eine Flaſche Champagner, aber ich verlange Sillery ſec, die Flaſche um fünfzehn Franken, ich trinke niemals andern.“ „Iſt das Alles, meine Liebe?“ „Nein Ich vergaß ein halb Dutzend Merin⸗ gen a la Roſe, einen glacirten Käs . „Vanille und Himbeeren . . . und zu guter Letzt, um Deiner Cricri das Schnäbelchen auszuſpülen, eine Flaſche Ma⸗ raschino.“ „Und dann?“ „Es iſt genug ſo .. Ich will oft bei Dir dini⸗ ren, Nachbar, und wenn ich Dich zu Ausgaben ver⸗ anlaßte, ſo würdeſt Du ſchreien (da Du ein großer Geizhals biſt) Du würdeſt ſchreien, daß ich Dich ruinire. Ich begnüge mich alſo 4 „Mit einem Diner von zehn bis zwölf Louis⸗ d'or? Wahrhaftig, das iſt ein großes Glück und macht der Mäßigkeit Ihres Appetits und Ihres Durſtes alle Ehre. Dieſer Spaß iſt ſehr ergötzlich, wiederhole ich Ihnen, aber ich wiederhole Ihnen auch, daß es bereits fünf Uhr vorüber iſt . Ich habe nur noch Zeit mich anzukleiden, um im Cercle zu diniren und dann in die Oper zu fahren.“ Um ſeinen Worten Kraft zu geben, klingelt Herr 205 von Luxeuil ſeinem Kammerdiener und ruft ihm, als er auf der Thürſchwelle erſcheint, zu: „Tom ſoll Capitain Brown oder Brougham an⸗ ſpannen.“ „Sehr wohl, gnädiger Herr.“ „Eine Minute!“ ſagt Cricri zu dem Kammer⸗ diener, „man ſpanne den Capitän nicht an ... ich dinire hier. Hören Sie? Ich verbiete, daß man anſpannt.“ „Madame . . .“ „Gehen Sie und laſſen Sie augenblicklich anſpan⸗ nen,“ ſagt Herr von Luxeuil zu dem abtretenden Die⸗ ner, ſodann fährt er, ſeinen wachſenden Zorn mit Mühe beherrſchend, fort: „Mamſell, ich finde es äußerſt unpaſſend, daß Sie meine Leute zu Zeugen Ihrer lächerlichen Späſſe machen.“ „Du liebſt mich alſo nicht mehr, Guſtav?“ ſagt Cricri, indem ſie auf einmal andere Saiten aufzieht und eine klagende Tonart anſchlägt; „ich bin nicht mehr Dein geliebtes Cricrichen?“ „Ei zum Henker, meine Liebe, ſieh . . .“ Aber hier hält Herr von Luxeuil inne und ſagt zu ſich: „Wenn ich ſie grob behandle, ſo iſt ſie im Stande Alles kurz und klein zu ſchlagen, und ſo kann mich das Ding fünfzig Louisd'or koſten. Das verdammte Mädchen! In welches Weſpenneſt bin ich durch eine dumme Caprice gerathen! Ich muß ſie ſogleich fortſchicken und der Teufel ſoll mich holen, wenn ſie mir noch einmal über die Schwelle kommt. Ich erkläre meinem Kammerdiener, daß ich ihn fort⸗ lae, wenn er ſie wieder hereinläßt, und müßte er Gewalt anwenden.“ 206 Dann fährt der Stutzer in ſanfterem Tone laut ort: „Ich war im Begriff Dir unangenehme Sachen zu ſagen, aber es wäre am Ende doch nicht recht von mir. . . Du hatteſt mir eine ſehr angenehme Ueberraſchung zugedacht, indem Du mit mir zu Mittag ſpeiſen wollteſt. Unglücklicher Weiſe iſt die⸗ ſes heute unmöglich, allein ein anderes Mal wird mir eine ſolche kleine Partie das größte Vergnügen machen. . . und dann . . .“ „Was macht es denn, wenn Du hier ſpeiſeſt ſtatt in Deinem Cercle?“ „Auf Ehre, ſie iſt charmant! Was es mir macht! Ein Diner von zehn bis zwölf Louisd'or!“ denkt Luxeuil. Dann antwortet er laut: „Ich habe Dir geſagt, daß ich nach dem Diner in die Oper muß.“ „Ei was? Kannſt Du mir die Oper nicht auf⸗ opfern?“ „Nein, ich muß durchaus hingehen.“ „Warum durchaus?“ „Weil es unerläßlich iſt.“ „Warum unerläßlich?“ . „Wahrhaftig, meine Liebe, Sie quälen mich mit Fragen, das iſt unerträglich.“ „Guſtav, ich bitte Dich! ich flehe Dich an! Wenn Du mich liebſt, ſo ſchenke mir dieſen Abend. Ich verknüpfe eine Idee damit . . . Es iſt barok. . aber man kann ſo Etwas nicht bemeiſtern.“ „Ein ander Mal verſpreche ich es Ihnen.“ „Ein ander Mal wird es für mich nicht mehr daſſelbe ſein. Ich ſage Dir, daß ich mit meinem 207 Wunſch, den Abend bei Dir zuzubringen, eine Idee verknüpfe.“ „Das iſt abſurd.“ „Ich leugne es nicht . . . aber was willſt Du? Wenn Du mir den heutigen Abend verweigerſt, ſo werde ich glauben, daß Du Deine kleine Cricri gar nicht, auch nicht im mindeſten mehr liebeſt.“ „Ich ſage Ihnen, daß ich ein ander Mal . „Wenn der Koſtenpunkt Dich abhält, ſo ſchick zum Wurſter und laß ein paar Stückchen Wurſt und eine friſche Schweinscottelette mit Gurken kom⸗ men; das war mein Mahl, ſo lange ich in der Werkſtätte des Papa Ingres als Wodell ſtand.“ Dann fährt Cricri in ſentimentalem Ton fort: „Ein paar Stückchen Wurſt und eine friſche Schweinscottelette mit Gurken, lieber Guſtav, das wird Dich doch nicht ruiniren, und Du machſt Deine Cricri ganz glücklich, wenn Du den heutigen Abend bei ihr zubringſt.“ Herr von Luxeuils Ungeduld und Erbitterung erſtiegen ihren Gipfel. Die Art, wie man ihm ſeinen ſchmutzigen Geiz vorwarf, deſſen er ſich häufig als einer klugen Sparſamkeit rühmte, dieſe gro⸗ tesken Vorwürfe des Mädchens demüthigten ihn tief und verwandelten die vorübergehende Laune, die ſie ihm eingeflößt hatte, in Widerwillen. Wenn er nicht gefürchtet hätte, ſie würde Alles bei ihm zuſammenſchlagen, ſo würde er ſie brutal zur Thüre hinausgeworfen haben; aber aus Angſt vor dieſer Verwüſtung machte er eine neue Anſtrengung ſich u beherrſchen; dieß gelang ihm und er ſprach: „Zum letzten Mal, meine Liebe, wiederhole ich . 208 Ihnen, daß es mir rein unmöglich iſt Ihnen mei⸗ nen heutigen Abend zu widmen; beſtehen Sie nicht länger darauf; wenn ich einmal Nein geſagt habe, ſo bleibt es dabei; aber ein ander Mal, morgen wenn Sie wollen, können Sie mit mir diniren.“ „Mein Guſtav . . . Ich habe es Dir geſagt . . wenn Du mir's heute verweigerſt, ſo beweist mir das, daß Du mich nicht mehr liebſt.“ „Ei zum Henker, glauben Sie was Sie wollen, Sie machen mich am Ende ungeduldig.“ „Ungeheuer! Einer Frau zu Liebe gehſt Du heute Abend in die Oper!“ ruft die freche Crea⸗ tur, indem ſie ſich auf dem Sopha aufrichtet und Herrn von Luxeuil die Fauſt zeigt. „Ja, um einer andern Frau willen willſt Du heute nicht bei mir bleiben.“ „Und wenn es ſo wäre! . . . Habe ich Ihnen etwa Rechenſchaft abzulegen?“ „Ah, es ſteht ſo mit uns!“ ſagt Cricri, indem ſie ſich drohend erhebt; „ſchon gut! wir wollen ſehen.“ „Sie wird jetzt Alles zuſammenſchlagen,“ ſagt der Stutzer bebend zu ſich ſelbſt, und fährt dann fort: „So viel erkläre ich Ihnen, wenn Sie irgend etwas hier zertrümmern, ſo laſſe ich den Polizei⸗ commiſſär holen, welcher darthun muß, daß Sie den Schaden angerichtet haben, im Fall Sie ihn bezahlen können.“ „Welcher Schmutzmichel! welcher Geizhals!“ ſagt Cricri. „Er denkt nur ans Zuſammenſchlagen.“ 209 Dann ſteht ſie auf und fügt mit triumphiren⸗ dem Ausdruck hinzu: „Beruhige Dich . .. ich werde Nichts bei Dir zerſchlagen, ich werde etwas Beſſeres thun .. ich werde Dich zu Tode ärgern . . . mein Nachbar.“ Im Augenblick, wo Cricri dieſe Worte ſpricht, über deren Bedeutung Herr von Luxeuil, der über Cricris Blick erſchrocken iſt, ſich vergebens beſinnt, tritt der Kammerdiener ein und bringt ein ſilbernes Tellerchen, auf welchem ein Brief liegt. Er hält ſeinem Herrn das Plättchen hin und ſagt: „Der Wagen iſt angeſpannt.“ „Schon gut, laſſen Sie Alles für meine Toi⸗ lette in Bereitſchaft ſetzen,“ antwortet Herr von Luxeuil, indem er den Brief nimmt, und der Be⸗ diente entfernt ſich. Der Stutzer erbricht den Umſchlag, beſieht die Handſchrift des vier Seiten langen Briefes und ſagt zu ſich: „Schon wieder Heloiſe!“ Nachdem er ſodann bloß die letzten Zeilen des Schreibens geleſen, faltet er es zuſammen und verſchließt es in ein Käſtchen von Roſenholz, das neben ihm auf einem Tiſche ſteht und deſſen Deckel eine ſchmale OHeffnung hat, denjenigen ähnlich, die nan auf dem obern Theil der Koffer anzubringen pflegt. Cricri hat alle Bewegungen des Herrn von Lu⸗ reuil beobachtet, und als ſie ihn das Billet in das Käſtchen legen ſieht, da funkelt ihr Auge vor Haß; ſie ſagt zu ſich: „In dieſem Käſtchen verſchließt er ſeine Liebes⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 14 210 briefe . Dieſes Käſtchen muß ich haben, ſo wahr ich Cricri heiße.“ XIII. Herr von Luxeuil wünſcht dieſer unerträglich gewordenen Scene ein Ende zu machen; Cricris Verſprechen in Betreff des Zuſammenſchlagens hat ihn zwar beruhigt, aber ihre letzte Drohung, deren Sinn er vergebens zu entziffern ſucht: „Ich werde Dich zu Tode ärgern, mein Rachbar,“ verſetzt ihn in Beſtürzung. Er ſagt: „Sie haben die Befehle gehört, die ich ſo eben meinem Kammerdiener ertheilt habe; mein Wagen wartet, ich muß mich ankleiden; adieu, meine Liebe, und wenn Sie vernünftig ſind, auf Wiederſehen...“ „Auf Wiederſehen? Ich glaube es bei Gott wohl,“ antwortet Cricri, indem ſie auf das Ca⸗ min zugeht, um eine neue Cigarre anzuzünden. Herr von Luxeuil, der daraus ſchließt, daß Cricri durchaus keine Luſt zum Fortgehen hat, ge⸗ räth außer ſich und ruft: „Glauben Sie denn, Mamſell, daß Sie gegen meinen Willen bei mir bleiben können?“ „Cs iſt ein Viertel über fünf,“ antwortet Crici zwiſchen zwei Tabakswolken. „Schlag halb ſechs werde ich gehen, mein Nachbar.“ „Nun ſo ſei es denn,“ antwortet Herr von Lu⸗ reuil, der billig wegzukommen glaubt: „da es durchaus ſein muß, ſo ſprechen Sie, ich höre Sie an.“ 211 „Fürs Erſte alſo, mein Nachbar .. . „Nachbar, Nachbar? Zum Teufel, warum nen⸗ nen Sie mich denn Nachbar?“ „Warum ich Dich Nachbar nenne?“ antwortet Cricri, indem ſie ſich von Neuem auf dem Canapee ausſtreckt, die Füße auf einem der Arme deſſelben kreuzend, den Kopf an das Kiſſen gelehnt und mit den Augen einer Tabakswolke folgend, welche ſie ſo eben gegen die Decke emporgeſtoßen hat. „Ei, ich nenne Dich Nachbar, weil wir Nachbarn ſind.“ „Was ſoll das heißen?“ „Das ſoll heißen, daß wir Nachbarn ſind, weil ich im Hauſe wohne.“ „Sie ſind heute nicht glücklich mit Ihren Scher⸗ zen, meine Liebe, dieſer hier iſt ſchwach.“ „Ah, Du glaubſt, ich ſcherze, mein Lieber?“ „Hören Sie doch auf. Sie nehmen mich für einen Einfaltspinſel, und wenn Sie eine Viertel⸗ ſtunde bloß deßhalb gefordert haben, weil Sie mir ſolche Albernheiten vorſchwatzen wollen, ſo iſt dieſe Zeit ſchön angewandt.“ „Willſt Du Etwas thun?“ „Was?“ „Schicke Deinen Bedienten ſogleich zum Portier und laß fragen, ob es wahr iſt oder nicht, daß ich die leere Wohnung im erſten Stock des Hauſes ge⸗ miethet habe. Du wirſt dann gleich ſehen, mein Kleiner, ob ich ſcherze.“ Und Cricri läßt von Neuem ihre Rauchwolke gegen die Decke wirbeln und ſagt, ihr nachblickend: „So ſteht es jetzt, Nachbar!“ „Sie hier eingemiethet! in 212 „Ei warum denn nicht?“ „Es iſt unmöglich.“ „Ei ſo ſchick doch Deinen Bedienten hin, damit er Erkundigungen einzieht.“ „Jedenfalls werden Sie nicht vierundzwanzig S dableiben, wenn man erfährt, wer Sie ind.“ „Man weiß es.“ „Warum nicht gar? würde man dann dieſe Wohnung an Sie vermiethet haben?“ „Sehr gut! Ich habe dem Intendanten geſagt, daß ich bei Papa Ingres den Torſo gezeigt und in den Folies Dramatiques getanzt habe; er wußte alſo was ich war, wie Du ſo galant ſagſt, mein Nachbar.“ „Nein, nein, ich werde niemals glauben, daß Herr Wolfrang ſich dazu verſtanden habe.“ „Dieſer Amor von einem Hausbeſitzer hat ſich nicht bloß dazu verſtanden, mich, Cricri, in die Miethe zu nehmen, obſchon ſein Intendant ihm geſagt hatte, was ich war, ſondern dieſer Amor von Hausbeſitzer hat mich auch noch fragen laſſen, ob ich einige koſtbarere Möbel wünſche, als die in der Wohnung ſtehenden ſeien. Ah, ah, das iſt einmal ein Modell von einem Hausbeſitzer. Seine Mieth⸗ leute ſollten ſubſeribiren, um ihn mit Augen von Email ausſtopfen und unter Glas und Rahmen bringen zu laſſen.“ Herr von Luxeuil konnte nicht mehr zweifeln; Crieri ſprach die Wahrheit. Dieſe Ueberzeugung erbitterte ihn, denn die Rachbarſchaft eines ſolchen Geſchöpfes, das keinen Scandal ſcheute, wurde ihm 213 verhaßt; gleichwohl konnte er ſich immer noch nicht entſchließen das Gefürchtete zu glauben, und ſagte alſo: „Sie werden mir niemals weiß machen, daß Sie in Folge einer grillenhaften Laune Ihre Wohnung in der Rue de Breda, wo Sie wie eine Prinzeſſin eingerichtet ſind, verlaſſen würden, um ſich hier in einem Hotel garni einzuquartiren.“ „Dennoch verhält es ſich wirklich ſo, und Du biſt die Urſache meines Auszuges, allzu liebens⸗ nti Ungeheuer!“ „Du allein.“ Und die freche Dirne beginnt nach der damals in Aller Mund lebenden Melodie von Larifla zu ſingen: Ja, ja, lieb Freundchen mein, Crieri zieht heut hier ein, Um eine Säg zu ſein Dem guten Guſtävlein. Larifla, fla, fla, fla. Herr von Luxeuil, der das Kauderwelſch des Exmodells nicht verſteht, verſetzt ungeduldig: „Ei wie, was ſingen Sie mir da vor mit Ihrer Säge?“ Cricri, die bisher nachläſſig auf dem Canapee gelegen, richtet ſich auf und wirft dem jungen Stutzer einen Natterblick zu. Sie ſagt mit dumpfer Stimme, worin ihr bisher verheimlichter Haß unter einem Anſchein von Spott durchblict: „Höre mich wohl an, Luxeuil. Ich habe für * 214 Dich mehr als eine Caprice gehabt: ich liebte Dich wirklich, und da ich ein dummes Thierchen bin, ſo habe ich keinen Liard von Dir verlangt. Ich würde mich Dir zu Liebe ruinirt haben. Du haſt mich verachtet wie den Koth an Deinen Schuhen . Du haſt mir durch Deinen Bedienten Dein Haus verbieten laſſen . .. Ich bin weiter nichts als eine Lorette ich weiß es wohl ... Ich ſpot⸗ tete über die Verachtung anderer Leute, aber Deine Verachtung hat mir im Herzen weh ge⸗ than; ein Beweis, daß ich für Dich Etwas empfand, was ich für Niemand empfand. Aber ſei ruhig, dieſes Etwas iſt vorüber; ich haſſe Dich jetzt eben ſo ſehr, als ich Dich liebte. Deßhalb, verſtehſt Du, habe ich mich in dieſem Hauſe eingemiethet. Und wenn Du nicht weißt was Dich erwartet, wenn Du an meinen Worten zweifelſt, ſo ſchaue mir wohl in meine Augen, und Du wirſt ſehen, daß ſie nicht zärtlich ſind, mein Nachbar.“ „Welches boshafte Geſicht! Sie iſt abſcheulich geworden; ich bekomme eine Gänſehaut,“ dachte Herr von Luxeuil. „Solche Dinge können auch nur mir begegnen. Ich kann nicht die flüchtigſte Verbindung mit einem Frauenzimmer haben, ohne daß ſie ganz wahnſinnig wird; ich weiß dieß und ich bin unklug genug, um dieſer Gefahr Trotz zu bieten. Ha, zum Henker, dießmal werde ich mir die Lection zu Nutzen machen.“ Nach dieſer neuen Huldigung, welche Herr von Luxeuil der gefährlichen und verhängnißvollen Macht ſeiner eigenen perſönlichen Reize dargebracht, ſagt er mit erkünſtelter Gleichgültigkeit: 21⁵5 „Zum Teufel, meine Liebe, die Comödie ſchlägt ja ins Tragiſche um. Und was gedenken Sie denn zu thun, wenn ich fragen darf, meine reizende Nach⸗ barin? denn ich mag wollen oder nicht, ſo ſind wir nun einmal Nachbarn.“ „Ich babſichtige Dir alles Leid zuzufügen, was in meinen Kräften ſteht.“ „Dank für dieſe Offenheit. Aber, meine liebe Nachbarin, obſchon ich an Ihren huldvollen Abſichten gegen mich nicht zweifle, ſo iſt doch mit dem guten Willen nicht Alles gethan, man muß auch können.“ „O ſei ruhig, ich werde wohl können.“ „Und wie denn? es iſt mir lieber, wenn man mich zuvor in Kenntniß ſetzt; ich verabſcheue Ueber⸗ raſchungen, ſelbſt wenn ſie noch ſo liebenswürdig ſind, und zu dieſer Categorie gehören diejenigen, Sie mir zudenken, meine engelgleiche Nach⸗ arin.“ „Nun ja denn,“ verſetzt Cricri, „warum ſoll ich Dir nicht einen Vorgeſchmack von dem geben, was Dich erwartet, das Unvorhergeſehene gar nicht ge⸗ rechnet?“ Und das Exmodell wirft einen tückiſchen Blick auf das Käſtchen, welches die verliebte Correſpon⸗ denz Luxeuils enthält; dann fährt ſie fort: „Ja, ja, wenn Du einmal weißt, was Dich er⸗ wartet, ſo will ich doch ſehen, ob Du noch mit dem Frauenzimmer, das Du heute Abend in der Oper triffſt, den Liebenswürdigen ſpielen und ob Du die ganze Nacht Dein Auge zuthun wirſt; dieß geht bereits auf Rechnung der Säge, womit ich Dir ge⸗ droht habe. Höre mich alſo an, mein Nachbar,“ 216 „O die verwünſchte Dirne!“ denkt der junge Stutzer; „in welches Weſpenneſt bin ich gerathen!“ Da er aber noch immer hofft ihr durch einen Schein von höhniſcher Gleichgültigkelt zu imponiren, ſo fagt er laut: „Nun wohl, meine Liebe, ich höre Sie, nur muß ich Ihnen bemerken, daß es in acht Minuten halb ſechs ſchlägt, und dann bin ich, trotz des Zau⸗ bers dieſer zärtlichen Unterredung, zu meinem auf⸗ ſic großen Bedauern genöthigt Sie zu ver⸗ aſſen.“ „Es gilt: um halb ſechs ſollſt Du frei ſein. Ich beginne.“ XIV. Cricri fuhr fort wie folgt: „Du biſt weiter Nichts als ein Glücksjäger, Luxeuil; Du lebſt blos für die Galanterie; nicht als ob Du verliebt wäreſt, Du haſt für keine zwei Liards Herz; aber das ſchmeichelt Deiner Eitekeit, Deinem Hochmuth; und nach jeder Froberung bläſeſt Du Dich gewaltig auf und ſchlägſt ein Pfauenrad. Nun wohl, vor allen Dingen verbiete ich Dir, Du ver⸗ ſtehſt mich, Nachbar? irgend eine Frau bei Dir zu empfangen, oder zu irgend einer Frau zu gehen.“ „Ah bah, Sie verbieten mirs?“ ſagt Luxeuil mit einem verächtlichen Achſelzucken. „Ja, aufs Entſchiedenſte, und Du wirſt mir ge⸗ horchen.“ „Auf Ehre, das iſt wunderbar.“ „Es iſt ganz und gar nicht wunderbar, ſondern höchſt einfach.“ ——— —— —— — ——— — 217 „Erklären Sie ſich doch deutlicher, Nachbarin, Sie machen mir den Kopf ſehr warm.“ „Das Vorzimmer meiner Wohnung geht vermit⸗ telſt eines Fenſters auf die Treppe. An dieſes Fenſter werde ich ſchon am frühen Morgen eine Taglöhnerin oder meine Kammerfrau oder meine Köchin ſtellen; ſie müſſen ſich ablöſen, ſo daß immer Eine von ihnen unverwandt auf die Treppe blickt. Sobald ſie ein Frauenzimmer allein die Treppe heraufkommen ſehen, um in den zweiten oder dritten Stock zu gehen, muß eine meiner Spioninnen ſogleich herauskommen, ihr nachſchleichen, und wenn ſie ſieht, daß die Perſon zu Dir hineingeht, ſo ſteht die Sache gut. Meine Spionin ſagt mir Alles und gibt mir das vollſtändige Signalement Deiner Holden: ein ſolcher Hut, ein ſolcher Shawl, ein ſolches Kleid: dann ſtelle ich mich ſelbſt am Fenſter des Vorzim⸗ mers auf die Lauer, und ſobald ich Deine Prinzeſ⸗ ſin heruntertrippeln ſehe, ſage ich mit einem ſchönen Knix zu ihr: Guten Tag, meine Kleine, oder meine Große oder meine Dicke, (dieß hängt von der Perſon ab, Du begreifſt doch wohl ²) ei, ei, wir haben alſo bei Herrn v. Luxeuil dejeunirt? er iſt ein ſehr hübſcher Junge u. ſ. w. Verlaß Dich auf mich, Nachbar. Ich werde Deiner Dame in der Sprache der Werkſtätten ſo gepfefferte Complimente machen, daß ſie eine wahrhaft eherne Stirne haben müßte, um wieder zu kommen. Aber wenn ſie wiederkommt, ſo fangt daſſelbe Spiel von Neuem an.“ Cricri ſchlägt ein ſardoniſches Lachen auf, als ſie das beſtürzte Geſicht des jungen Stutzers ſieht, dann fährt ſie fort: 218 „Was für eine Naſe Du ſchon jetzt machſt, und das iſt erſt der Anfang von meiner äge.“ „Wenn Sie auch die Schändlichkeit hätten ein ſolches Gewerbe zu treiben, meine Liebe,“ ſagt Herr von Lureuil, der ſeine Beſorgniſſe zu verhehlen ſucht, „ſo würden Sie es doch ſchon in zwei Tagen aus langer Weile wieder aufgeben.“ „Mit nichten! Du kennſt mich ſchlecht. Stelle Dir nur vor, Nachbar, daß ich um der Wonne willen Dich zu ärgern, zu quälen, mit Nadelſtichen zu durch⸗ bohren, zu jedem Opfer fähig bin. So viel in Be⸗ treff der Frauenzimmer, die etwa zu Dir kommen wollten, und ſo wahr ich Cricri heiße, in acht Tagen wird es keiner mehr einfallen Dich zu beſuchen.“ „Hölliſche Creatur!“ denkt Luxeuil; „ſie iſt im Stande ihre Drohung auszuführen.“ . „Und jetzt, Nachbar, laß uns zu den Frauenzim mern übergehen, welche Du etwa beſuchen könnteſt.“ „Das iſt noch intereſſanter“, antwortete Herr von Luxeuil, indem er um ſo mehr Zuverſichtlichkeit heuchelt, je größer ſeine Angſt iſt. „Ich würde entzückt ſein, meine Liebe, Ihr ſinnreiches Verfahren in dieſer Beziehung kennen zu lernen.“ „Es gehört weiter nicht viel Witz dazu, wie Du ſogleich ſehen wirſt.“ „Laſſen Sie hören.“ „Von drei Sachen eine: Du gehſt zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuße aus.“ „Zum Henker, meine Nachbarin, das iſt eine famöſe Entdeckung.“ „Es ſieht freilich nicht viel gleich, aber folge 219 meinem Raiſonnement wohl: wenn Du zu Pferd oder zu Wagen ausgehſt, ſo weiß ich es, da meine Küchenfenſter auf den Hof gehen, und da meine Köchin es ſehen muß, wenn man Deinen Wagen anſpannt oder Deine Pferde ſattelt, nicht wahr?“ „Das iſt ſonnenklar.“ „Nun wohl, ich werde auf einem beſtimmten Poſten und für den ganzen Tag ein mit einem vor⸗ trefflichen Pferd beſpanntes Coupé haben, das vor dem Hofthor warten muß. Sobald ich höre, daß Du ausreiteſt oder ausfährſt, ſteige ich in mein kleines Coupé und dann weiß ich, wohin Du gehſt.“ „Sehr gut. Und was weiter?“ „Wenn Du weiter nichts thuſt, als daß Du in den Champs Elyſenes oder in dem Boulogner Wald Deinen Kopf zeigſt, ſo iſt mir das ganz erwünſcht: es iſt dann eine Geſundheitsſpazierfahrt für mich; aber wenn Du zu irgend einem Frauenzimmer gehſt, ſo wird die Sache ſehr drollig.“ „Wirklich? und wie denn?“ „Du ſteigſt vom Pferd oder aus dem Wagen und trittſt in ein Haus, nicht wahr? Ich gehe hin⸗ ter Dir her und wende mich mit einer tugendſamen ſchüchternen Miene an den Concierge: Würden Sie wohl die Güte haben mir zu ſagen, mein Herr, bei wem Herr von Luxeuil in dieſem Augenblick iſt? Man hat mir geſagt er ſei hier: ich habe ihm einen ſehr dringenden Brief zu übergeben. Wenn Du nun bei einer Frau biſt, ſo antwortet mir der Concierge natürlich: Herr von Luxeuil iſt bei Ma⸗ dame So und ſo; oder wenn er mit der Sprache nicht herausrücken will, ſo ſchmiere ich ihm die 220 Pfoten mittelſt eines Zwanzigfrankenſtücks, gehe hinauf und, wohl aufgepaßt! jetzt wird die Sache immer ſpaßhafter, Nachbar!“ „Die Unglückſelige macht mir Höllenangſt,“ denkt der junge Stutzer; „Alles das womit ſie mir droht, iſt ausführbar.“ „Ich gehe alſo zu Madame So und ſo hinauf, klingle und ein Dienſtbote öffnet mir die Thüre. — Iſt Herr von Luxeuil hier? — Ja, Madame. — Bei Madame So und ſo? — Ja Madame. — Wollen Sie dieſer Dame ſagen, daß ich ihr ſehr verbunden wäre, wenn ſie die Gefälligkeit hätte mir Herrn von Luxeuil nicht wegzunehmen, da er mein Lieb⸗ ſei und ſie ſich wohl einen andern auswählen önne.“ „Unglückſelige!“ ruft der Stutzer ganz außer ſich. „Dadurch wird ja eine Frau in den Augen ihrer eigenen Leute entehrt!“ „Natürlich, das iſt ja auch meine Abſicht.“ „Und wenn Sie ſich täuſchen, hölliſches Geſchöpf; wenn ich zu dieſer Dame nur in ſolchen Beziehun⸗ gen ſtehe, wie ſie tagtäglich in der Geſellſchaft vor⸗ kommen.“ „Wie dumm er iſt, mein Nachbar! Dann wird die Sache noch viel drolliger. Madame So und ſo wirft Dich zur Thüre hinaus, denn ſie iſt wüthend darüber, daß ſie durch ſolche Poſſen compromittirt werden ſolle. Die Sache verbreitet ſich in Deinen Geſellſchaften, und alle Damen fliehen Dich, wie wenn Du die Cholera hätteſt, denn ſie fürchten, Deine Beſuche könnten ihnen ſolche kleine Wider⸗ wärtigkeiten zuziehen.“ 221 Als Cricri ſieht, daß der Stutzer vor ſtummer Wuth erblaßt, bricht ſie in ein hämiſches Gelächter aus und fährt fort: „Welche Naſe Du machſt, Nachbar, welche Naſe! Aber wir ſind noch nicht zu Ende. Trotz Deiner Schäberei haſt Du vermuthlich eine kleine Wohnung, wo Du ſchöne Damen heimlich empfängſt; Du be⸗ gibſt Dich dahin, ſei es nun im Fiaker oder zu Fuß. Wenn Du zu Fuße und am Morgen ausgehſt, ſo ſieht meine Spionin im Vorzimmer Dich herabkommen, ſie ruft mich und ich bin bereit; der Haß, ſiehſt Du, iſt ein famöſes Mittel um die Leute aus den Federn zu trei⸗ ben. Ich ſetze ſchnell einen Hut auf, laufe hinter Dir drein und ſage zu Dir: Guten Morgen, Nachbar, wohin gehen wir heute? Von zwei Dingen eines: entweder Du gehſt wüthend in Deine Wohnung zu⸗ rück und Dein Rendezvous iſt vereitelt, oder Du gehſt hin und dann folge ich Dir zu Fuß. Du magſt ſo ſchnell laufen, als Du willſt, ich werde Dich nicht aus dem Auge verlieren; ich laufe wie ein Windhund, denn ich bin beim Tanzenlernen ganz ausgebeint worden, als ich in den Folies debütiren wollte. Wenn Du im Fiaker ausfährſt, ſo ſetze ich mich in mein kleines Coupé, das beſtändig vor der Thüre ſteht, und folge Deinem Fiaker. Das Uebrige erräthſt Du, Nachbar; ich warte das Ende Deiner Zuſammenkunft ab, und wenn ich ein hübſches Frauenzimmer mit unruhiger ängſtlicher Miene und dicht in ihren Schleier verhüllt aus dem Hauſe kom⸗ men ſehe, ſo ſpringe ich von meinem Coupé heraus und mache der ſchönen Dame einen Knir ſowie einige Komplimente, die je nach den Umſtänden verſchieden 222 ſein können, aber immer verdammt gepfeffert ſein werden. Nun ſtehe ich Dir dafür, Nachbar, daß Du dieſe da nicht mehr zu ſehen bekommſt. Und kannſt Du Dir jetzt das Leben denken, das Du fortan zu führen haben wirſt, Nachbar? Siehſt Du, welche verdammte Hinderniſſe ich in Deine Glücksjäger⸗ exiſtenz hineinwerfen werde. Nehmen wir auch an, Du könneſt mir ein oder zweimal entwiſchen, ſo werde ich Dich doch immer wieder in meine Klauen bekommen, und Du mußt in beſtändiger Angſt leben. Wenn Du bei einer ſchönen Dame biſt, ſie mag nun Deine Geliebte ſein oder nicht, ſo mußt Du bei jedem Glockenton zittern, und zu Dir ſagen: Ach mein Gott, es iſt vielleicht dieſe verteufelte Cricri!“ Und mit ſchallendem Gelächter fährt das Exmo⸗ dell fort. „Dieſe ewige Angſt wird Dich nicht ſehr geiſt⸗ reich in der Unterhaltung machen; Du wirſt alſo dumm wie eine Gans dreinſchauen, Nachbar. Wenn Du in Deiner kleinen Wohnung ein Abenteuer haſt, ſo wird Dich auch da fortwährend dieſelbe Angſt quä⸗ len. Du wirſt jeden Augenblick zittern, Deine Schöne könnte beim Weggehen aus dem Hauſe mir begegnen und mit einem meiner kleinen Compli⸗ mente empfangen werden. Kurz und gut, ich ſage Dir, Du ſollſt von heute an ein wahres Hundele⸗ ben führen. Und wenn Du, um mir zu entrinnen, Dich entſchließeſt dieſe Wohnung aufzugeben, ſo wird Dich das im höchſten Grad unglücklich machen, er⸗ ſtens negen Deiner Pferde, Du haſt es mir meh⸗ rere Male geſagt, und dann wegen Deiner Schä⸗ 223 berei, denn Du bekommſt nirgends mehr ſo wohlfeil eine ſolche fürſtliche Wohnung. Aber Du wirſt mir dennoch nicht entwiſchen, denn ich werde Dir über⸗ all folgen, wohin Du gehſt, und wenn ich mich nicht in demſelben Hauſe wie Du oder in der näch⸗ ſten Nähe einmiethen kann, ſo wirſt Du damit wie⸗ derum nichts gewinnen; ich werde mich in meinem kleinen Coupé vor Deinem Hauſe aufpflanzen, und wenn ich darin eſſen, den ganzen Tag da bleiben und ſogar da ſchlafen müßte. Das Glück, die Freude, die Wonne Dich zu quälen wird mir dieſes Leben gottvoll erſcheinen laſſen, ja ich werde Alles für die Leidenſchaft opfern Dich zu Tod zu ärgern, mein Nachbar, und Dich . . .“ Da es in dieſem Augenblick halb ſechs ſchlägt, ſo unterbricht ſich Cricri, ſteht auf und ſagt: „Nur noch ein einziges Wort; ich habe Dir ver⸗ ſprochen um halb ſechs zu gehen, und ich gehe auch. Leb wohl, Nachbar, Deine Qual beginnt mit der nächſten Morgenröthe.“ Cricri ſchlägt von Neuem ein ſchallendes Ge⸗ lächter auf und verläßt den Salon, indem ſie beim Anblick der Beſtürzung des Stutzers noch ruft: „Welche Raſe, barmherziger Gott, welche Raſe!“ Cricri wollte ſich, wie wir geſehen haben, um jeden Preis des Häſtchens bemächtigen, worin Luxeuil ſeine verliebte Correſpondenz aufbewahrte. Nachdem ſie ſich alſo von dem Stutzer, den ſie durch 224 ihre unglücklicher Weiſe nur allzu leicht ausführbare Drohungen eingeängſtigt, verabſchiedet hatte, ging ſie raſch zu dem Portier Saturn hinab und erſuchte ihn um ein Blättchen Briefpapier. Saturn be⸗ eifert ſich dem Wunſch der neuen Hausbewohnerin zu willfahren; ſie krizelt ſchnell einige Zeilen hin, legt das Billet zuſammen und geht wieder zu Herrn von Luxeuil hinauf, indem ſie nicht ohne Grund vorausſetzt, daß er ſich in dieſem Augenblick anklei⸗ den müſſe, um auszugehen; ſie klingelt, der Kam⸗ merdiener öffnet und ſagt lebhaft zu ihr: „Madame, ums Himmels willen, gehen Sie nicht hinein; der gnädige Herr hat mir ſo eben erklärt, daß er mich auf der Stelle fortjage, wenn ich Sie wieder hereinlaſſe.“ „Wo iſt Herr von Luxeuil?“ „An ſeiner Toilette, Madame.“ „Hören Sie mich an, mein Junge; ich will Sie zu Nichts zwingen, was Ihrer Inſtruction zuwider läuft; allein ich erwarte einen kleinen Dienſt von und bezahle Ihnen tauſend baare Franken dafür.“ So ſprechend überreicht Cricri dem verblüfften Domeſtiken die Tauſendfrankennote, welche Herr von Franchevillers ihr gegeben hat, um ſie für ihr Draufgeld zu entſchädigen; dann fährt ſie fort: „Ich verlange von Ihnen gar Richts, als daß Sie dieſen Brief augenblicklich Ihrem Herrn brin⸗ gen; ich erwarte die Antwort im Vorzimmer.“ Der Diener, welcher durch die dargereichte Summe geblendet iſt und überdieß den Befehlen ſeines Herrn nicht ſehr zuwider zu handeln glaubt, wenn er einer 7 225 ſo ſplendiden Perſon erlaubt die Antwort im Vor⸗ zimmer zu erwarten, läßt Cricri hinein und nimmt ihr den Brief ab mit den Worten: „Mein Herr wird mich zwar tüchtig ausſchimpfen, allein Madame iſt ſo großmüthig, daß ich meine Stelle aufs Spiel ſetze.“ Kaum iſt der Kammerdiener in einem Gang ver⸗ ſchwunden, der mit dem Toilettencabinet ſeines Herrn in Verbindung ſteht, ſo eilt Cricri in den Speiſeſaal, geht in den Salon, bemächtigt ſich des Käſtchens und entwiſcht damit, indem ſie zu ſich ſelbſt ſagt: „Dieſes Käſtchen koſtet mich tauſend Franken, aber ich habe mein Geld gut angelegt. Ha, Du Hungerleider, Du ſollſt ſie ſo bald nicht wieder zu ſehen bekommen, dieſe Briefe von Deinen ſchönen Damen.“ Der Kammerdiener war zu ſeinem Herrn hin⸗ eingegangen. Dieſer war noch voll Angſt und Be⸗ ſtürzung über die Drohungen Cricris; da er aber dachte, es ſei im Ganzen doch beſſer ſich wo mög⸗ lich über ſeine ſchrecklichen Beſorgniſſe zu betäuben, als mit ſolchen Gedanken allein daheim zu bleiben, ſo hat er ſich entſchloſſen in ſeinem Cercle zu dini⸗ ren und von da in die Oper zu fahren, wo die Herzogin della Sorga ſich einfinden mußte. „Gnädiger Herr, hier iſt ein Brief, auf den man eine Antwort erwartet,“ ſagt der Diener, ohne ſich weiter zu erklären, indem er Cricris Billet ſei⸗ nem Herrn übergibt. Dieſe hat ihren Brief nicht unterzeichnet und, während ſie ſonſt paſſabel ſchrieb, ihr Billet unle⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 15 226 ſerlich zu machen geſucht, damit ſie Zeit gewinnen konnte ihren abſcheulichen Diebſtahl zu begehen, während Herr von Luxeuil das Schreiben zu ent⸗ ziffern ſuchte. Dieſer quälte ſich allerdings zwei oder drei Mi⸗ nuten lang vergebens damit, dann ſagte er: „Ich gebe die Hoffnung auf: es iſt mir unmög⸗ lich ein Wort von dieſem Gekritzel zu verſtehen, das t unterzeichnet, wohl aber ganz friſch hingeſu⸗ elt iſt.“ Der Kammerdiener, der bei den letzten Worten ſeines Herrn aufmerkſam wird, ſagt jetzt zu ſich: „Er erkennt ihre Handſchrift nicht, Alles geht gut.“ „Woher kommt dieſer Brief?“ fragt Herr von Lureuil. „Wer hat ihn gebracht?“ „Eine Perſon, die ich nicht kenne, gnädiger Herr,“ erfrecht ſich der Bediente zu ſagen. „Man erwartet die Antwort im Vorzimmer.“ „Nun wohl, ſagen Sie dieſer Perſon, wenn man eine Antwort wünſche, ſo müſſe man auch le⸗ ſerlich ſchreiben.“ Der Diener geht aus dem Toilettencabinet, und als er Cricri im Vorzimmer nicht findet, iſt er Anfangs ſehr überraſcht über dieſes Verſchwin⸗ den, deſſen Urſache er nicht ahnen kann. Da er nun von dem ganzen Abenteuer Nichts begreift, außer daß er tauſend Franken in ſeinen Sack ſteckt, ſo geht er zu ſeinem Herrn zurück. „Ich habe dieſer Perſon Ihre Antwort über⸗ bracht,“ ſagt Frontin der Zweite; „ich habe ſie ſtark im Verdacht, daß ſie um eine Unterſtützung 227 bitten will, und vermuthlich wird ſie ihre Supplik bei dem Concierge hingekrizelt haben.“ „Sie müſſen ein für allemal wiſſen, daß ich nie Etwas gebe,“ antwortet Herr von Luxeuil barſch, nachdem er ſeine Toilette vollendet hat. „Bedeuten Sie dem Concierge, er dürfe niemals Bettler zu mir herauflaſſen.“ „Gut, gnädiger Herr.“ Der junge Stutzer geht bekümmert und düſter die Treppe hinab, wirft im Vorbeigehen einen Blick des Entſetzens auf die Thüre der von Cricri beſetz⸗ ten Wohnung im erſten Stock, und da er ſich, ob⸗ ſchon er bereits überzeugt iſt, für jeden Fall noch der Wahrheit verſichern will, ſo fragt er den in ſeiner Loge ſitzenden Saturn. „Die leere Wohnung im erſten Stock iſt alſo vermiethet?“ „Ich werde die Ehre haben dem gnädigen Herrn zu antworten, daß die Wohnung kaum erſt von einer hübſchen jungen Dame gemiethet worden iſt,“ ant⸗ wortet Saturn ceremoniös. Dieſe Dame wird heute Abend einziehen und . . . 6 „Schon gut,“ antwortet Herr von Luxeuil, deſ⸗ ſen letzter Zweifel an dem Einzug Cricris geſchwun⸗ den iſt, voll Ungeduld; dann ſteigt er in den Wa⸗ gen, um in ſeinem Cercle zu diniren und von da nach der Oper zu fahren. XVI. Unſere Leſer haben vielleicht den ſchmerzlichen Auftritt nicht vergeſſen, der am W eſ 228 Tags zwiſchen dem Marquis Ottavio und dem Gra⸗ fen Felippe in Gegenwart ihrer Eltern, des Her⸗ zogs und der Herzogin della Sorga, ſtattgefunden. Felippe hatte, wie man ſich erinnert, im An⸗ fang Reue uber ſein abſcheuliches Benehmen gegen ſeinen Bruder geheuchelt, weil er ihn, wie er log, bei der Nacht in einem ſchweren Traum rufen ge⸗ hört hatte, die Abneigung, welche Felippe täglich gegen ihn an den Tag lege, mache ihm, Ottavio, das Leben unerträglich. Dieſer angebliche Traum, den Felippe der pein⸗ lichen Aufregung eines Streites zuſchrieb, der durch einen läppiſchen Grund (das Geklingel des Glaſes Limonade, das ſein Bruder jeden Abend vor Schla⸗ fengehen trank) herbeigeführt worden, dieſer angeb⸗ liche Traum hatte Felippe das tödtliche Herzeleid, das er ſeinem Bruder verurſachte, zum Bewußtſein gebracht und ihm, wie er behauptete, den Wunſch eingegeben ſich aus dem väterlichen Hauſe zu ent⸗ fernen; ein vorgeſpiegelter Entſchluß, welchen der Herzog della Sorga zuerſt mit Hülfe der zärtlich⸗ ſten und vernünftigſten Beweiſe bekämpft, und den Ottavio endlich durch ſeine rührenden Verſicherungen aus dem Feld geſchlagen hatte. Die Verſöhnung zwiſchen den beiden Brüdern hatte ſtattgefunden, dann aber hatte Felippe bei⸗ nahe ſogleich unter dem Vorwand, daß ſeine El⸗ tern Ottavio eingeladen mit in die Oper zu kommen, ihren zweiten Sohn aber wegen ſeiner Häßlichkeit ausgeſchloſſen hätten, ſich ſcheinbar aufs Neue von den Aufwalungen ſeines eiferſüchtigen und ſchwarz⸗ galligen Charakters hinreißen laſſen und ſeinen Bru⸗ 229 der Ottavio mit den gehäſſigſten Anſchuldigungen überſchüttet, ſo daß dieſer in ſeinem qualvollen Schmerz ausgerufen: „Ha, ſo entleidet mir das Leben vollends ganz!“ Man erinnert ſich auch, daß der Herzog, er⸗ ſchrocken über dieſe Worte Ottavios, Felippe die dringendſten Vorſtellungen gemacht und ihn gefragt hatte, ob er denn ſeinen Bruder durch Kummer töd⸗ ten wolle? Darauf hatte Felippe zu ſich ſelbſt geſagt: „Alles geht gut.“ Und in der That ging Alles gut für die Pläne dieſes Ungeheuers von Tücke und Bosheit; ja, für ſeine unheimlichen Entwürfe ging Alles gut oder, um es beſſer zu ſagen, ſchien Alles gut zu gehen, denn wenn die Vorſehung manchmal zuläßt, daß das Böſe wenigſtens ſcheinbar moteriell obſtegt, ſo iſt dieſer Triumph doch blos ein ephemerer, und die Reue verwandelt ihn bald in Folterqual. Man erinnert ſich ferner, daß Herr und Frau della Sorga, in der Hoffnung Ottavio in ſeinem Kummer zu zerſtreuen, ihn aufgefordert hatten den jungen Alexis Borel zu beſuchen und ihn in die Oper einzuladen, ferner daß Alexis dieſe Einladung herzlich angenommen und ſeinerſeits dem jungen Marquis eine Spazierfahrt nach der Gemäldegalle⸗ rie im Schloß Monceaux vorgeſchlagen hatte, wo⸗ hin ſodann Beide ihre Schritte gelenkt. Man erinnert ſich endlich, daß die Beſprechung, welche Frau della Sorga den Abend zuvor Herrn von Luxeuil zugeſagt, im Park deſſelben Schloſſes von Monceaux ſtattgefunden hatte, und daß der junge X 5 230 Stutzer in ſeinem durch Cricris Erſcheinen unter⸗ brochenen Selbſtgeſpräch ſich von der Vermuthung nicht losmachen konnte, er ſei während ſeines Spa⸗ ziergangs mit der Herzogin in einer der abgelegenſten Alleen des Parkes, in der Nähe eines halb zerfal⸗ lenen griechiſchen Tempels, von irgend Jemand be⸗ lauſcht worden. Man wird ſpäter erfahren, welche Zwiſchenfälle dieſen Argwohn bei Herrn von Luxeuil erregten. Nachdem wir dem Leſer die verſchiedenen Vor⸗ gänge ins Gedächtniß zurückgerufen, wollen wir in unſerer Erzählung fortfahren. XVII. Wir kommen jetzt zu Scenen von weit bedeu⸗ tenderem Gehalt als die vorhergehenden. Wir werden uns mit Entſchloſſenheit der peinlichen Auf⸗ gabe unterziehen ſie zu ſkizziren. Die Vorzeigung des Guten genügt nicht, um Liebe dazu einzuflößen, man muß auch das Böſe zeigen, um Widerwillen gegen daſſelbe hervorzurufen. Das haben alle Philoſophen, alle Moraliſten gethan; das that in ſeiner Art auch jenes ſtrenge altgriechiſche Volk, das die Selaven zwang ſich zu berauſchen, damit die freien Männer Abſcheu vor der Betrunkenheit bekamen. Wie könnte man überdieß beweiſen, daß ſchon in dieſer Welt die Heiterkeit des Gewiſſens eine erſte Belohnung für den braven Mann, die Angſt dieſes ſelben Gewiſſens aber eine erſte Be⸗ ſtrafung für den ſchlechten Kerl ſei, wenn der recht⸗ 1¹ ——— 231 ſchaffene Schriftſteller, der ſich immer dieſen dop⸗ pelten Zweck vorſetzen muß, aus einer Art von Sy⸗ baritismus ſich der Pflicht entziehen wollte das Böſe neben dem Guten zu malen? In der That kann eine vollſtändige Moral nur aus dieſem Con⸗ traſt allein hervorgehen. Es iſt Nachts eilf Uhr. Die folgende Scene ſpielt in dem von der Familie della Sorga bewohn⸗ ten Hotel und während des Abends, wo die Herzo⸗ gin in die Oper gegangen iſt, in der ſich auch Herr von Luxeuil eingefunden hat. Die beiden Söhne Felippe und Ottavio hatten, wie man geſehen hat, zwei aneinanderſtoßende Zimmer inne, die durch eine gemeinſchaftliche Thüre in Verbindung ſtanden. Ottavios Zimmer iſt folgendermaßen beſtellt. Im Hintergrund das Bett und neben dem Kopftiſſen ein leichter Stuhl, auf welchem das Glas Limonade ſteht, das er jeden Abend trinkt. Dem Bett gegen⸗ über befindet ſich ein Camin und über demſelben ein Spiegel; auf beiden Seiten dieſes Camins iſt ein Fenſter, das auf den Garten ſieht; in einer andern Seite des Zimmers ſteht ein Canapee zwiſchen einer Commode und einem Secretär; dieſes Canapee macht Front gegen die Verbindungsthüre zwiſchen beiden Zimmern. In der Ferne ſchlägt es eilf Uhr. Felippe kommt mit einem Handleuchter in das Zimmer ſeines Bruders, ſtellt ſeinen Leuchter auf die Commode und bleibt an dieſelbe angelehnt ſtehen. Er iſt ganz blaßgelb; ſeine Phyſiognomie drückt ſchrecklichen Haß aus; ſein Auge funkelt von einer hölliſchen Freude. N 232 „Eilf Uhr!“ ſagt er zu ſich, „in einer halben Stunde werden ſie aus der Oper zurückkommen. Ich habe vollkommen Zeit. Alles iſt gut vorbe⸗ reitet. Sie glauben, Ottavio habe in der vorigen Nacht im Traume gerufen, ich mache ihm das Leben unerträglich; und heute früh nach unſerer Verſöh⸗ nung habe ich ihn durch Beginnen eines neuen Haders dermaßen zur Verzweiflung gebracht, daß er vor unſern Eltern rief: „Ha, ſo muß mir das Leben entleiden!“ Nach ſolchen Aeußerungen iſt alſo Nichts natürlicher als ein Selbſtmord. „Ja,“ fährt Felippe nach kurzer Ueberlegung fort, „ein Selbſtmord iſt um ſo wahrſcheinlicher, als Ottavio vor einigen Stunden aus dem Schloß Monceaux, wohin er mit dieſem Bankiersſohn ge⸗ gangen, mit einem ſo düſtern, ſo troſtloſen Geſicht zurückkam, daß ich meinen Vater zu ihm ſagen hörte: „Großer Gott, mein Kind, was haſt Du denn? Deine Züge ſind ganz verſtört; ſollteſt Du noch an den peinlichen Streit denken, den Du heute früh mit Deinem Bruder hatteſt?“ „Ja, dieſe Erinnerung verfolgt mich wider mei⸗ nen Willen,“ hat Ottavio geantwortet; „aber ſpre⸗ chen wir nicht mehr davon, mein Vater.“ „Ich habe mich nicht getäuſcht: Ottavio wollte durch dieſe Antwort den Fragen meines Vaters ein Ziel ſetzen, aber den Tag über hat Ottavio noch andern Kummer gehabt, als den ich ihm bereite. Worin beſteht wohl dieſer neue Kummer?“ Felippe bleibt gedankenvoll ſtehen und fährt fort: „Dieſen Kümmerniſſen muß meine Mutter nicht fremd ſein, denn als ſie eine Stunde nach Ottavio 233 heimkam, hat dieſer, ſtatt ihr wie gewöhnlich ent⸗ gegenzulaufen und die Hand zu küſſen, im Gegentheil, ſobald er ſie aus der Ferne der Freitreppe nahen ſah, plötzlich den Rücken gedreht und iſt nach dem Gar⸗ ten geeilt. Dann beim Diner iſt er den Blicken meiner Mutter ausgewichen und hat nur mit augen⸗ ſcheinlichem Zwang in ſeiner Stimme mit ihr ge⸗ ſprochen: er wurde bald blaß, bald roth, und am Ende des Mahles glaubte ich, er würde in Ohn⸗ macht fallen; juſt da meldete man ihm, der Sohn dieſes Bankiers erwarte ihn, um in die Oper zu fah⸗ 1n und nun ſtand Ottavio haſtig von der Tafel auf.“ ² „Siehſt Du, unglückliches Kind, welche Betrüb⸗ niß Du Deinem Bruder verurſachſt,“ ſagte mein Voter zu mir, da er noch immer überzeugt war, ich ſei die einzige Urſache von den Bekümmerniſſen ſ „man erkennt ihn kaum mehr ſeit heute rüh.“ „In der That,“ verſetzte meine Mutter, „ich bin unruhig über die Niedergeſchlagenheit meines Soh⸗ nes; ich habe ihn mehrere Male gefragt, was ihn ſo ſchwer zu bedrücken ſcheine, aber er iſt meinen Fragen immer ausgewichen.“ „Mir dagegen hat er geantwortet,“ ſagte mein Vater; „er hat mir geſtanden, daß die Erinnerung an das was heute früh zwiſchen Felippe und ihm vorgefallen ſei, ihn unwillkührlich verfolge.“ „Darauf fielen Vater und Mutter vereinigt über mich her, weil ich Ottavio ſo unglücklich mache. Man wird alſo glauben, er habe ſich aus Verzweif⸗ lung von einem Leben befreit, das ihm durch mich 234 unerträglich geworden ſei. Alles kommt mir zu Statten. Muth, Felippe! Heute ein armer jünge⸗ rer Sohn, wirſt Du morgen Marquis Ricci und eines Tages Herzog und Beſitzer der unermeßlichen Domänen Deines Hauſes ſein. Heute biſt Du Ge⸗ genſtand allgemeiner Verſpottung, Verſchmähung und Abneigung; morgen wird man Dich mit Schmei⸗ cheleien und Ehrfurchtsbezeugungen umgeben, weil Du der einzige Erbe des Hauſes della Sorga ſein wirſt. Muth! . . . wie könnte ich noch zögern?“ Dieſes Ungeheuer ſowohl in der moraliſchen als in der phyſiſchen Bedeutung des Wortes ließ ſich alſo durch Neid hinreißen, dieſes fluchwürdige Ge⸗ fühl, welches der Bibel zufolge zuerſt die Erde mit Blut getränkt hat. So ſprechend hatte er ein Papierchen entfaltet, das er in der hohlen Hand zuſammengelegt hielt und worin ſich eine ſtarke Doſis Arſenik befand. Langſam näherte er ſich dem Leuchterſtuhl, auf wel⸗ chem das Glas Limonade ſtand. Gleichwohl bleibt Felippe trotz ſeiner hölliſchen Verruchtheit im Augen⸗ blick, wo er ſeinen Brudermord begehen will und ſchon das Papier über dem Glaſe hält, unentſchloſ⸗ ſen und nachdenklich ſtehen, und ſagt zu ſich: „Und dennoch liebte ich früher dieſen Ottavio! Ich war von Geburt kein Böſewicht, nein; ich wußte Nichts von dem Neid, der Eiferſucht und dem Haß, wovon ich jetzt beſeſſen bin; ich ergab mich in die Mittelmäßigkeit meines Looſes als jüngerer Sohn, ich dachte ſogar nicht einmal an die Verſchiedenheit der Stellung, die zwiſchen mir und meinem älteren 235 Bruder ſtattfand. Das Beiſpiel meines Vaters wird mich zum Brudermörder gemacht haben.“. In dieſem Augenblick erſcheint der Herzog della Sorga an der Thüre. Das durch die dicken Teppiche gedämpfte Getöne ſeiner Tritte war Felippe ent⸗ gangen, der lediglich von ſeinem Verbrechen in An⸗ ſpruch genommen war und, da er ſeinem Vater den Rücken zukehrte, auf dieſe Art den Leuchterſtuhl gänzlich verdeckte; aber mit Hülfe des Spiegels über dem Camin verliert der Herzog keine der Bewegun⸗ gen ſeines Sohnes. Mit ſtockendem Athem, voll Todesanaſt bleibt er wie angenagelt an der Thür⸗ ſchwelle ſtehen und glaubt ſich Anfangs unter dem Druck eines qualvollen Traumes zu befinden, aber der entſetzliche Ausdruck in Felippes Zügen, welche der Spiegel zurückwirft, geſtattet ihm keinen Zwei⸗ fel mehr über ſeine Abſichten. Er beherrſcht alſo bald die Todesangſt, die ihn bisher unbeweglich und ſtumm zurückgehalten, ſtürzt ins Zimmer, bemächtigt ſich des Papiers und ruft ſeinem Sohn mit einem niederſchmetternden Blicke zu: Du wollteſt Deinen Bruder ver⸗ giften!“ Felippe iſt über die unerwartete Erſcheinung ſei⸗ nes Vaters verblüfft, und da er ſein Verbrechen entdeckt ſieht, ſo ſteht er Anfangs wie vernichtet da. Der Herzog della Sorga ſeinerſeits beobachtet einige Augenblicke ein düſteres Schweigen. Sein Gewiſſen hält die Flüche auf ſeinen Lippen zurück. .. Si Flüche wären auf ſein eigen Haupt zurückge⸗ allen. Auf dieſen ſchrecklichen Gedanken, welcher An⸗ 236 fangs der Kundgebung des Abſcheus über Felippes Attentat entgegentritt, folgt bei dem Herzog della Sorga bald das gebieteriſche Gefühl der Vaterpflich⸗ ten. Denn die Strafe hatte für ihn damit begon⸗ nen, daß ſeine Zärtlichkeit gegen ſeine beiden Kin⸗ der ſeit ſeinem indirecten Brudermord ſich verdoppelt hatte. Er meinte ihn auf dieſe Art zu büßen. Der einzige Traum ſeines Lebens war ſie einig zu ſehen. Eine neue Folterqual für ihn, denn jedes Wort, womit er Felippe zu Boden zu ſchlagen gedachte, mußte auf ihn ſelbſt zurückfallen. Nach einem Augenblick gänzlicher Verdutztheit bekam Felippe allmählig ſeine trotzige Sicherheit wieder. Er kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt, machte ſeinen ungeſtalten Wuchs ſteif, hob die Stirne empor und heftete einen herausfordernden Blick auf den Herzog; auf ſeinen Lippen ſpielte ein bitteres hämiſches Lächeln, er brach das Schweigen zuerſt und ſagte frech die paar Worte, bei deren Ton ſein Vater zuſammenſchauderte: „Nun wohl?“ „Gerechter Gott! keine Spur von einem Gewiſ⸗ ſensbiß in dieſer ehernen Seele?“ „Warum Gewiſſensbiſſe?“ „Schändlicher Kerl! ſchändlicher Kerl!“ „Was habe ich gethan?“ „Was wollteſt Du in dieſes Glas ſchütten?“ „Sie ſehen es ja.“ „Dieſes Verbrechen . . . dieſes ſchreckliche Ver⸗ brechen . . . Wer hat Dich dazu verleitet?“ „Der Wunſch Marquis Ricci und ſpäter Be⸗ ſitzer der Güter unſeres Hauſes zu werden.“ 237 Und Felippe heftet auf den Herzog einen ſtar⸗ ren Blick, der ihn bis ins Mark der Knochen ſchau⸗ dern macht; dann ſagt er mit einem Ton, der ſich unmöglich wiedergeben läßt: „Sie tadeln mich vielleicht. Sie?“ „Unglückſeliger! hat Dich Dein Verbrechen zum Narren gemacht?“ „Alſo Sie tadeln mich, mein Vater?“ So ſprechend heftet Felippe fortwährend ſeine Augen mit ſchrecklicher Starrheit auf den Herzog. Dieſer ſcheint einer Verzauberung zu verfallen; ſeine Kehle vertrocknet, ſeine Bruſt keucht; er wird blaß, gelb und ſenkt ſein Haupt. „Ob ich Dich tadle, Mörder!“ „Mein Vater, ich bitte Sie mir ins Geſicht zu ſchauen.“ „Nein, Dein Anblick erfüllt mich mit Entſetzen.“ „Ja, Sie entſetzen ſich vor mir.. . Sie werden fallen . Sie können ſich kaum auf den Beinen halten.“ Und mit einer ſchauerlichen Kaltblütigkeit rückt Felippe dem Herzog einen Stuhl vor. Die Worte ſeines Sohnes brachten ihn auf die Vermuthung, daß ſein eigenes Verbrechen entdeckt worden ſei. Gleichwohl war dieſes unſelige Geheimniß nur Bartolomeo bekannt; Herr della Sorga glaubte mit Beſtimmtheit zu wiſſen, daß kein anderes Menſchen⸗ kind davon unterrichtet ſein könne. Felippe konnte alſo blos Vermuthungen haben. Dieſer Gedanke richtete ihn wieder auf; er hatte ſich überdieß, wie man ſehen wird, gegen die bei⸗ 238 nahe unmögliche Entdeckung ſeines Verraths ſicher geſtellt. Indem er alſo ſeine im erſten Schrecken verlorene Zuverſichtlichkeit wieder gewinnt, ſtößt er mit einer entrüſteten Bewegung den angebotenen Stuhl zurück und ruft ihm mit hochgehaltener Stirne und gebieteriſcher drohender Geberde zu: „Auf die Kniee, unwürdiger Sohn! auf die Kniee, Brudermörder!“ „Nein, das Verbrechen, das ich begehen wollte, haben Sie ſelbſt in Wirklichkeit begangen.“ „Was erfrechſt Du Dich zu ſagen, Unglückſeliger?“ „Die Wahrheit.“ „Welche Wahrheit?“ „Sie wiſſen, es wohl.“ „Sprich! O Du mußt ſprechen, Du Ungeheuer von Verruchtheit! Ha, Du fügſt zu Deinem Ver⸗ brechen noch eine fluchwürdige Verleumdung! Du mußt ſprechen, und ſollte ich Dir die Worte mit Gewalt aus Deiner verfluchten Kehle reißen.“ „O, Sie brauchen ſich dieſe Mühe nicht zu nehmen.“ „So ſprich.“ „Die Verſchwörung von Sicilien iſt verrathen worden .. „Von wem?“ „Von Ihnen .. „Schmach und Fluch! von mir! Und Du biſt es, der Der Herzog della Sorga ergreift Felippe rauh beim Arme und ruft: N „Von wem haſt Du dieſe Verleumdung, die Du mir ins Geſicht zu ſagen die fluchwürdige Frechheit ² 239 begehſt? Antworte, von wem haſt Du dieſe ſchänd⸗ liche Verleumdung?“ „Von Ihnen ſelbſt.“ „Gottes Tod! Ich zertrete Dich wie einen Wurm, wenn Du mir nicht klarer antworteſt,“ ruft der Herzog, den die Unempfindlichkeit ſeines Sohnes zur Verzweiflung bringt, indem er ihn ſchüttelt und ihm beinahe das Fauſtgelenke zerdrückt. „Nimm Dich i mm Dich in Acht!“ mich auf der Stelle tödten, ſo werde ich dennoch zu Ihnen fagen: Sie ſind es, der die Verſchwörung in Sicilien verrathen hatz Sie ha⸗ ben Ihren Bruder Pompeo ans Meſſer geliefert, um ſeinen Titel und ſeine Güter zu erben; Sie ſelbſt haben mir dieſen Brudermord mitgetheilt; Sie ha⸗ ben mich durch Ihr Beiſpiel zum Verbrechen ge⸗ trieben. Heißt das deutlich geſprochen?“ „Elender, Du erſchwerſt Deinen Frevel noch durch abſcheuliche Lügen. Wie, ich ſollte mich in Deiner Gegenwart eines ſolchen Verbrechens angeklagt ha⸗ ben! Ich ſollte Dir eine ſolche Mittheilung gemacht haben! Ha, Elender, was Du da ſagſt, das iſt noch mehr unſinnig als abſcheulich.“ „Unſinnig! das wäre ich ſelbſt, wenn ich behaup⸗ ten wollte, Sie hätten mir dieſe Mittheilung frei⸗ willig gemacht .. Nein, nein, dazu ſind Sie zu gewandt, und gleichwohl haben Sie es mir hundert⸗ mal ohne Ihr Wiſſen geſtanden, hundertmal haben ie in meiner Gegenwart Worte geſagt, die unge⸗ fähr bedeuteten: „Ich bin ein jüngerer Sohn. Wenn mein Bru⸗ 240 der ſtärbe, ſo würde ich ſeine Güter und ſeinen Ti⸗ tel erben; und er iſt geſtorben.“ „Hat der Unglückliche den Verſtand verloren? Wollte Gott, es wäre ſo! Einen Narren verabſcheut man nicht mehr, ſondern man bemitleidet ihn.“ „Ich bin kein Narr. Aber ſehen Sie, es gibt Worte, die man nicht vor den Kindern ſagen muß.“ „Welche Worte?“ „Es wäre zu lang Ihnen das ſetzen. Dieſe Worte erklären ſich du und die Thatſachen ſind ſchon vier Jahr „Gleichviel! . . . Sprich ich verlange es! Aber ich will noch immer hoffen, daß Du den Ver⸗ ſtand verloren haſt.“ XVIII. Der Herzog della Sorga überzeugte ſich, daß Felippe bei einer ſeiner Unterredungen mit Barto⸗ lomeo, ſeinem einzigen Vertrauten, einige Worte aufgefangen haben mußte, daß er aber keinen an⸗ dern Beweis beſaß. Richtsdeſtoweniger ſah er mit gewaltiger Herzensangſt den Eröffnungen ſeines Soh⸗ nes entgegen. Dieſer fuhr alſo fort: „In meiner Kindheit und zarten Jugend liebte ich meinen Bruder zärtlich.“ „O das iſt wahr, das iſt wahr,“ verſetzt der Herzog, indem er einen ſchmerzlichen Seufzer unter⸗ drückt. „Du liebteſt Ottavio früher und dadurch wird Dein Verbrechen noch abſcheulicher.“ „Ein für allemal, Vater, merken Sie ſich das. 241 Beſchimpfende Worte wären hier zweiſchneidende Waffen. Es iſt alſo paſſend, daß wir einander mit Grobheiten verſchonen.“ Der Herzog iſt zermalmt durch dieſe Bemerkung, deren furchtbare Wahrheit er nicht zu verkennen vermag. Felippe fährt fort: „Alſo ich liebte Ottavio zärtlich: beim Anblick ſeiner Stärke, Anmuth und Schönheit tröſtete ich mich über meine eigene Häßlichkeit, Schwächlichkeit und Mißgeſtalt; ich ſuchte meinen Ruhm in ihm: er war meine Freude, mein Glück, mein Stolz. Dieſe Tage, wo ich meinen Bruder anbetete, waren die glücklichſten meines Lebens, Jedermann liebte mich, denn ich that Alles, um Liebe zu erwerben; ich fühlte, daß ich ein guter Menſch war, ich war glücklich, verſtehen Sie mich, mein Vater, Sie, deſſen unſeliges Beiſpiel mich ſo giftig gemacht hat.“ „Mein Gott, das hören zu müſſen! das hören zu müſſen!“ * „Erinnern Sie ſich nun, wie Sie Ottavio und mich zum erſten Mal ins Palais della Sorga führ⸗ ten, als Ihr Bruder Pompeo von ſeinen langen Reiſen in Frankreich, England und Amerika heim⸗ gekehrt war?“ Ja, es ſind ungefähr vier Jahre.“ „Wir wohnten damals in Palermo, wo wir ein beſcheidenes, beinahe armes Leben führten; ich werde niemals den Ton Ihrer Stimme und den Ausdruck Ihres Geſichtes vergeſſen, als Sie zu Dttavio und mir ſagten: „Ihr waret beinahe noch Kinder, als mein Bru⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 16 242 der Pompeo Sicilien verließ; er iſt jetzt zurückge⸗ kehrt und hat ſeine Wohnung in dem prächtigen Palais della Sorga genommen, das er in der letzten Zeit reſtauriren ließ; Ihr werdet durch die Pracht dieſer königlichen Wohnung, durch die Anzahl der Bedienten, durch den unermeßlichen Umfang der Domänen geblendet werden, meine Kinder. Aber was wollet Ihr? Mein Bruder Pompeo hat das Glück gehabt zwei Jahre vor mir ge⸗ boren zu werden .. . deßhalb iſt er Her⸗ zog della Sorga, der reichſte und vor⸗ nehmſte Edelmann Siciliens, während ich meinerſeits nur der Marquis Ricci, ein armer jüngerer Sohn bin. Erinnern Sie ſich dieſer Worte, Vater?“ „Es ſei, weiter.“ „Nun wohl, als Sie dieß ſagten, brach der ver⸗ haltene Neid aus jedem Ihrer Worte hervor.“ „Dieß iſt nicht wahr.“ „Die Kinder — und ich war damals beinahe noch ein Kind — ſind aufmerkſame Beobachter,“ fährt Felippe, ohne ſich an die Ableugnung zu keh⸗ ren, fort; „Ihre Worte machten Eindruck auf mich, ich behielt ſie wohl. Ich dachte oft daran und ſagte zu mir ſelbſt: Unſer Oheim Pompeo hat es ledig⸗ lich dem Zufall ſeiner Geburt zu verdanken, daß er der größte Edelmann Siciliens iſt, während un Vater nur ein armer jüngerer Sohn iſt, denn es iſt in Sicilien nicht wie z. B. in Frankreich, wo das Geſetz billiger geworden iſt und die Gleichheit zwiſchen allen Kindern feſtſtellt. Dieſes Erſtgeburts⸗ recht erſchien mir alſo als eine große Unbilligkeit; 243 ich beklagte Ihre Armuth, ich begriff, ich theilte bereits den Neid, welchen Sie gegen Ihren Bruder Pompeo empfanden.“ „Das iſt erlogen,“ ruft der Herzog, eben ſo überraſcht als erſchreckt durch den Scharfblick ſeines Sohnes; „ich wußte meinem Bruder gegenüber Nichts von Eiferſucht und Neid.“ „Oh, ich habe ein gutes Gedächtniß und ic e innere mich, daß ich nach unſerer Ankunft im Schloß, als wir die Pracht deſſelben bewunderten und unſer Oheim Pompeo nebſt ſeiner damals ſchwangeren jungen Frau uns herumführte, Ihr Geſicht ſich ver⸗ düſtern ſah; ich bemerkte Ihr erzwungenes und bit⸗ teres Lächeln, als Sie zu Ihrem Bruder ſagten: Wiſſen Sie auch, Pompeo, daß der König Sie um dieſen Palaſt beneiden würde? Damals kochte in Ihnen nicht bloß Neid, ſondern auch Haß.“ „Unglücklicher! Wie kannſt Du Dich unterſtehen die unbedeutendſten Worte ſo auszulegen?“ „Ja Haß, ſage ich Ihnen; ich ſehe noch jetzt das unheimliche Runzeln Ihrer Brauen, das mit Ihrem erzwungenen Lächeln contraſtirte. Wir ver⸗ ließen den Palaſt; ich war geblendet von einer Pracht, wovon ich mir inmitten unſerer beſcheidenen Exi⸗ ſtenz keine Idee gemacht hatte, und indem ich über Ihre Worte nachſann, ſagte ich zu mir ſelbſt: Hätte der Zufall unſern Vater vor unſerem Oheim Pom⸗ peo zur Welt kommen laſſen, ſo würden dieſe un⸗ ermeßlichen Beſitzungen uns gehören; wir würden hier als große Herren leben, ſtatt daß wir in un⸗ ſerm trübſeligen und dürftigen Haus in Palermo vegetiren müſſen. Damals wurde es erſten 6 244 Mal klar, was es heißt allen Luxus entbehren zu müſſen, und wie eine Betrachtung die andere her⸗ beiführt, ſo kam ich auf den Gedanken, daß, wenn Sie für den Fall Ihrer Geburt vor Ihrem Bruder Herzog della Sorga geweſen wären, dieſer Titel, dieſer Palaſt, dieſe Reichthümer an Ottavio hätten fallen müſſen, der ebenfalls zufällig vor mir gebo⸗ ren worden . .. fortwährend nach Ihren eigenen Aeußerungen. Von dieſer Zeit an begann beim Gedanken an die Vorrechte, welche mein Bruder in dieſem Fall zu meinem Nachtheil genoſſen haben würde, meine Neigung zu ihm zu erkalten, und zum erſten Mal ſtellte ich mich mit einem bittern Gefühle ihm gegenüber. Der Zufall hatte ihn nicht bloß eben ſo ſchön und reizend geſchaffen, als ich häßlich und mißgeſtaltet war, ſondern mein Bruder würde auch, wenn Sie vor unſerem Oheim Pom⸗ peo zur Welt gekommen wären, ein vornehmer mäch⸗ tig reicher Herr geworden ſein, und ich hätte elend vegetiren müſſen. Alſo für Ottavio alle Gaben der Natur und des Glücks; für mich nichts als Häßlich⸗ keit und Armuth. Jetzt erſchien mir die Schönheit Ottavios, auf die ich ſo ſtolz war, als eine unauf⸗ hörliche Beleidigung gegen meine Mißgeſtalt; mein Charakter verbitterte ſich . . . ich wurde ſchweigſam, traurig, ſchwarzgallig . . . ich verſank immer mehr in mich ſelbſt; meine angeborene Herzensgüte wurde in Galle ertränkt, ich that wie Kain, ich beneidete meinen Bruder . Wer hat nun den erſten Keim dieſes Neides in meine Seele geworfen? Sie, ja Sie, indem Sie in meiner Gegenwart den Neid 245 verriethen, den Sie, ebenfalls wie Kain, gegen Ihren Bruder hegten.“ „Unglückſeliger, Du mußt die Bosheit Deiner Seele anklagen,“ ruft der Herzog, indem er die Stimme ſeines Gewiſſens zu erſticken ver⸗ ucht. 2 „Erinnern Sie ſich überdieß des Tages, wo Sie die unerwartete Rachricht empfingen, daß Ihre Schwägerin ſammt ihrem Kinde geſtorben ſei? Es war Abend. Bartolomeo überreichte Ihnen einen Brief, den ein Courier ſo eben aus dem Schloß della Sorga gebracht hatte. Sie laſen, ich ſchaute Sie an. Niemals habe ich eine lebhaftere Freude auf einem menſchlichen Geſicht ſich kundthun ge⸗ ſehen.“ . „Du lügſt!“ „Ich lüge nicht; die Freude nahm Ihnen den Athem. Sie ſtrahlten ganz, als Sie ſich gegen meine Mutter und uns Alle wandten mit den Wor⸗ ten: Beatrice und Ihr Kinder, wenn Ihr wüßtet! Aber auf einmal änderten Sie Ton und Geſichts⸗ ausdruck, erheuchelten plötzlich tiefe Betrübniß und fügten hinzu: Die Frau della Sorga iſt ſo eben nebſt ihrem Kind im Wochenbett geſtorben. Dabei warfen Sie meiner Mutter einen bedeutſamen Blick zu und konnten nicht umhin zu ſagen: Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß mein Bruder in ſeinem Alter an eine neue Heirath denkt. Nun errieth ich die Urſache Ihrer Freude über die Nochricht vom Tod Ihrer Schwägerin. Wenn Ihr Bruder Wittwer blieb, ſo wurden Sie nach ihm Herzog della Sorga. Somit wünſchten Sie bereits ſeinen Tod.“ . 246 „Nein, das iſt abſcheulich! Noch einmal, Sie legen die unſchuldigſten Handlungen und Worte mit einer fluchwürdigen Bosheit aus. Sie ſehen Alles durch die Brille Ihrer Ruchloſigkeit,“ ruft der Her⸗ zog della Sorga, entſetzt über den furchtbaren Scharfblick Felippes; „Sie nehmen die Träume Ihrer hölliſchen Einbildungskraft für Wirklichkeiten.“ „Wir ſind alſo nicht allein hier?“ „Wie ſo?“ verſetzt der Herzog della Sorga, verdutzt durch dieſe plötzliche Frage ſeines Sohnes; „was bedeutet das?“ „Sie fürchten alſo, es könnte uns Jemand be⸗ lauſchen?“ „Nein! zum Glück für Sie, Verfluchter, be⸗ lauſcht uns Niemand.“ „Wozu dann dieſes hartnäckige Ableugnen der Wahrheit, die Ihnen ſo wohl. bewußt iſt?“ „Welche Frechheit!“ „Im Ganzen liegt Nichts an Ihren Ableug⸗ nungen. Gehen wir weiter. Ich begriff alſo, daß, wenn mein Onkel als Wittwer ſtarb, wie Sie hoff⸗ ten, Sie dann Herzog della Sorga wurden. In dieſem Fall mußte Ottavio dereinſt dieſen Titel und Ihre großen Güter erben. Damals ſchlug der Neid, den mein Bruder mir einflößte, in Haß um. Gleichwohl ging er nicht ſo weit, daß ich ſeinen Tod gewünſcht hätte; nein, auch dieſer Wunſch ſollte nur durch Ihr eigenes Beiſpiel in mir wach geru⸗ fen werden.“ „Durch mein Beiſpiel!“ „ „Erinnern Sie ſich auch noch an Folgendes: Einen Tag, nachdem Sie die Nachricht vom Tode 247 Ihrer Schwägerin erhalten hatten, begaben wir uns ins Schloß, um unſerm Oheim Pompeo unſer Bei⸗ leid zu bezeugen. Als dießmal unſer Wagen auf das Gebiet der Domäne kam, als Sie die Thüren und Kuppeln des Palaſtes von Weitem erblickten, o da las ich nicht mehr wie gewöhnlich Neid auf Ihren erheiterten Zügen; ſondern es war der tri⸗ umphirende Hochmuth des Eigenthümers, der ſeinen eigenen Grund und Boden betritt. Sie betrachteten ſich bereits als den Erben Ihres Bruders.“ „Es iſt erlogen, ſchändlicher Verläumder.“ „Es iſt ſo wahr, daß Ihnen, als wir an den Pavillonen des Ehrenhofs vorüberfuhren, vor mei⸗ ner Mutter die Worte entſielen: Dieſe Gebäude ſtehen zu nahe bei der Fagade des Palaſtes; ich werde ſie in einiger Entfernung wieder aufführen laſſen, wenn .. Sie wagten es nicht in unſerer Gegenwart Ihren Gedanken ganz auszuſprechen und hinzuzufügen: wenn ich ich einmal hier Herr ſein werde, mit andern Worten, wenn mein Bruder einmal todt ſein wird. Aber von dieſen Worten bis zum Wunſch dieſes Todes war es nur ein Schritt. .. Nun wohl, dieſen Schritt haben Sie gethan.“ „Elender!“ „Dieſen Schritt haben Sie gethan, und ich habe ihn nach Ihnen gethan, indem ich zu ſagte: Wenn morgen Ottavio todt iſt, ſo werde ich nach meinem Vater, falls er Herzog della Sorga wird, dieſen Titel und dieſe Güter erben. Und ſeitdem habe ich den Tod meines Bruders gewünſcht. Dieſer Wunſch ging noch nicht bis zur Abſicht ihn 248 umzubringen, nein, letztere Abſicht ſollte nur durch Ihr Beiſpiel in mir hervorgerufen werden.“ „Himmel und Erde! Ich werde Dich . .“ ruft der Herzog in ſchrecklichem Tone; doch faßt er ſich bald wieder und fügt hinzu: „Vollende! vollende!“ „Man wird, ſo viel ich weiß, nicht urplötzlich ein Kain,“ fährt Felippe unempfindlich fort, „und Sie würden vielleicht den Schritt, der Ihnen noch zu thun blieb, nicht gethan haben, wenn unſer Oheim Pompeo nicht Heirathspläne entworfen hätte. Nein, denn während der erſten Monate ſeiner Witt⸗ werſchaft hörte ich Sie oft mit unverſtellter Freude zu meiner Mutter ſagen: Mein Bruder wird ſich nicht wieder verheirathen; es iſt unmöglich, daß er ſich wieder verheirathet. Aber eines Tags ſagte unſer Nachbar, der Graf Orbini, in unſerer Ge⸗ genwart zu Ihnen: Was für ein Geheimnißkrämer Sie ſind, mein lieber Marquis! man ſpricht in Pa⸗ lermo von nichts Anderem als von der neuen Hei⸗ rath Ihres Bruders; dieß iſt die große Tagesneuig⸗ keit, und Sie haben mir kein Wörtchen von dieſer Verbindung geſagt. Bei dieſen Worten, die Sie in Ihrer Erbſchaft bedrohten, kam ein ſolcher Schreck über Sie, daß Sie todesblaß wurden.“ „Iinmer dieſe Abſpiegelung Ihrer eigenen hölli⸗ ſchen Seele, die unaufhörlich dem Böſen zugekehrt iſt! Wenn ich erblaßte, Elender, ſo geſchah es aus Verwunderung darüber, daß mein Bruder mir einen ſolch wichtigen Entſchluß nicht mitgetheilt hatte.“ „Nein, Sie erblaßten bei dem Gedanken, daß Sie die Erbſchaft verlieren ſollten, auf welche Sie feſt rechneten. Der Graf Orbini ſagte auch in die⸗ 249 ſer Beziehung lachend zu Ihnen: Wenn dieſe Hei⸗ rath volzogen wird, ſo verlieren Sie ein ſchönes Herzogthum, Marquis. Sie reisten ſogleich ab, um Ihren Bruder zu beſuchen. Als Sie zurückka⸗ men, ſchienen Sie etwas beruhigt zu ſein; Sie ſag⸗ ten zu unſerer Mutter, dieſe Heirathsgerüchte ſeien übertrieben, ihr Bruder denke allerdings daran ſeinem Wittwerſtand, der ihm läſtig ſei, ein Ende zu machen, aber er würde Sie zuerſt von ſolchen Plänen in Kenntniß geſetzt haben, wenn ſie bis zu einem Entſchluß gediehen wären. Nichts deſto⸗ weniger haben Sie von dieſem Tage an unter der Herrſchaft der Furcht gelebt, daß mein Onkel Pom⸗ peo ſich wieder verheirathen möchte. Damals tha⸗ ten Sie den letzten Schritt, damals kamen Sie auf den Gedanken meinen Oheim Pompeo in eine Ver⸗ ſchwörung zu verwickeln, welche Sie verrathen würden.“ „Schandbube! Wie wagſt Du dieſe abſcheuliche Verleumdung zu begründen? haſt Du auch nur den mindeſten Beweis?“ „Ich habe keinen Beweis, aber ich verſichere die Thatſachen.“ Und Felippe ſchaut den Herzog von Neuem mit einer ſchrecklichen Starrheit an. Zermalmt durch das Gewicht der Wahrheit ſchlägt derſelbe unwill⸗ kürlich die Augen nieder. XX. Es war für den Herzog etwas Furchtbares und gemahnte ihn an eine providentielle Beſtrafung, daß 250 Felippe, der früher ſo gut, ſo liebreich, ſo voll von Zärtlichkeit gegen ſeinen Bruder geweſen, ganz kalt⸗ blütig dem Gedanken nachſpürte, welcher das Ver⸗ brechen erzeugte, das dieſer Kain zu begehen ver⸗ ſucht hatte; er folgte demſelben Schritt für Schritt von ſeinem Keim, von ſeinem Aufgehen an bis zu ſeiner vollſtändigen Entwicklung und ſuchte zu be⸗ weiſen, daß er durch tauſend Bande, durch tauſend Wurzeln mit dem väterlichen Beiſpiel zuſammen⸗ hing; ja, es war dem Herzog etwas Grauenhaftes anhören zu müſſen, wie Felippe die Thatſachen mit einer ſchrecklichen Logik erklärte, wie er aus dem Bekannten auf das Unbekannte ſchloß und die Wahrheit des väterlichen Verrathes feſt verſicherte, ohne den mindeſten materiellen Beweis zu beſitzen, aber auf eine moraliſche Gewißheit geſtützt, die er aus der Conſequenz dieſer Thatſachen geſchöpft atte. Der Herzog war alſo tief geängſtigt durch den Scharfblick Felippes, erkünſtelte jedoch bald eine impoſante Würde und ſagte: „Ich verſchmähe es Dir jetzt zu antworten, ver⸗ fluchter Sohn! Der Augenblick wird kommen, wo ich Deine Frechheit zu Schanden machen kann. Aber dieſe Beſprechung muß Dir zur Strafe zu Ende ge⸗ führt werden. Fahre fort.“ „Ich erfuhr die Verſchwörung von Sicilien erſt am Tage ihres Ausbruchs,“ beginnt Felippe mit der größten Gemüthsruhe von Neuem. „Ich bemerkte zwar ſeit einiger Zeit, daß Sie häufig bei Racht ausblieben; unbekannte Männer kamen manch⸗ mal und führten geheime Geſpräche mit Ihnen, aber Augenblick iſt ohne Zweifel nicht ſehr entfernt — 251 ich konnte um ſo weniger an eine Verſchwörung von Ihrer Seite denken, als ich Sie beſtändig Ihre Treue gegen den König rühmen hörte, während dagegen mein Oheim Pompeo häufig ganz und gar keinen Hehl aus dem Widerwillen machte, welchen die damalige Regierung ihm einflößte. Daraus habe ich ſpäter die Wahrheit geſchloſſen; die Thatſachen haben ſie beſtätigt.“ „Welche Wahrheit?“ „Daß Sie die liberalen Geſinnungen meines Obeims in Wirklichkeit nicht theilten, aber ſich all⸗ mählig dieſen Schein gaben.“ „In welcher Abſicht?“ „Ich habe es geſagt, in der Abſicht ihn zu einer Verſchwörung zu treiben, deren thätigſte Häupter Sie Beide wären, und welche dann Sie, mein Va⸗ ter, wenn der Augenblick käme, heimlich denunciren ſollten.“ „Und warum dieſe fluchwürdige Perfidie?“ „Ich habe es ebenfalls geſagt, um den Titel und die Güter der Familie zu erben. Es iſt wirk⸗ lich ſo gegangen.“ „Es ſei,“ ſagte der Herzog, ſich zuſammenneh⸗ mend; „aber Du vergiſſeſt Etwas.“ „Was?“ „Das Todesurtheil, das über mich wie über meinen Bruder verhängt worden iſt.“ „Comödie! Sie ſind begnädigt worden.“ „Und die Verbannung, worin ich lebe?“ „Comödie! die Verbannung wird früher oder ſpäter ihr Ende haben, und inzwiſchen — dieſer 252 ſind Sie einer der reichſten Herrn Siciliens; mein Bruder wird Ihren Titel und Ihre Güter erben, da ich im Augenblick der Ausführung meines Planes gezögert habe, und da es mir, nachdem ich während dieſes Zögerns von Ihnen überraſcht worden bin, unmöglich ſein wird einen neuen Verſuch zu machen. Ich werde alſo nach wie vor ein armer jüngerer Sohn bleiben. Warum das? Weil der Zufall Ottavio zwei Jahre vor mir geboren werden ließ, gerade wie Sie von unſerem Oheim Pompeo ſagten. Alſo keine Vorwürfe mehr, denn ich wiederhole es Ihnen, 6 blos Ihr eigenes Beiſpiel zu befolgen ge⸗ ucht.“ „Still, Unglücklicher, es kommt Jemand,“ ſagt der Herzog leiſe, indem er nach dem anſtoßenden Zimmer hin horcht; dann fügt er laut hinzu: „Wer iſt da?“ „Ich, gnädiger Herr, Bartolomeo,“ antwortet der Haushofmeiſter, indem er auf der Thürſchwelle erſcheint. „Der Marquis Ottavio iſt ſoeben ange⸗ kommen.“ „Wo iſt er?“ „Im Salon. Er hat die Frau Herzogin, die ſich nach der Rückkehr aus der Oper in ihre Zimmer eto fragen laſſen, ob ſie ihn empfangen önne.“ „Laß der Herzogin durch eine ihrer Frauen ſagen, daß ich ſie erſuche augenblicklich in mein Cabinet zu kommen. Ottavio ſoll mich ebenfalls Ich komme mit Felippe zu ihnen ab⸗ 253 „Ja, gnädiger Herr,“ antwortet Bartolomeo, indem er abtritt. Der Herzog wendet ſich jetzt in drohendem Tone gegen ſeinen Sohn: „Morgen ſollen Sie meinen Willen erfahren ... er wird unwiderruflich ſein, und zur Ehre meines Hauſes werde ich das, was heute Abend hier zwiſchen uns vorgefallen iſt, in das tieſſte Geheimniß be⸗ graben. Aber ich werde Ihren Bruder vor einem neuen Verbrechen zu ſchützen wiſſen .. Jetzt, mein Herr, folgen Sie mir.“ „Wozu?“ „Sie ſind boshaft und unnatürlich genug, um die fluchwürdige Verleumdung, welche Sie heute Abend mir ins Geſicht zu ſchleudern die ruchloſe Frechheit hatten, zu wiederholen. Ich will und muß ſie, ohne auf das anzuſpielen, was ſo eben zwiſchen uns vorgefallen iſt, in Gegenwart Ihrer Mutter und Ottavios zu Schanden machen, um den abſcheu⸗ lichen Betrug zu vernichten, den nur Ihre ſataniſche Einbildungskraft aushecken konnte.“ „Um die Wahrheit zu vernichten!“ „Was Sie die Wahrheit nennen, iſt die ſchwär⸗ zeſte Lüge, die je der Hölle entſtiegen! und dieſe Lüge werde ich vernichten durch einen materiellen handgreiflichen unwiderleglichen Beweis, der ſo klar iſt wie das Tageslicht, einen Beweis, vor welchem Ihre Ruchloſigkeit ſich wird beugen müſſen; kurz, einen Beweis, dem gegenüber Sie unter der Laſt Ihrer Gewiſſensbiſſe zermalmt werden ſollen.“ 4 XX. Der Herzog ging mit Felippe in ſein Cabinet hinab. Ottavio befand ſich bereits das er hielt ſein Geſicht in ſeinen beiden Händen verborgen und ſchien ſchwer darniedergedrückt. Als Felippe ſeinen Bruder erblickte, dem er kaum noch nach dem Leben zu trachten den abſcheulichen Gedanken gehabt hatte, konnte er ſich eines Schauders nicht erwehren. Die des Herzogs begann in Erfüllung zu gehen. Herr della Sorga öffnete eine der Schubladen ſeines Schreibtiſches, zog aus einem geheimen Fach einen großen Briefumſchlag hervor und nahm zwei Papiere heraus in dem Augenblick, wo die Herzogin, ſehr überraſcht durch die Einladung ihres Gemahls, im Cabinet erſchien. Sie trug einen ſammtenen Haus⸗ rock, denn ihre Frauen entkleideten ſie eben, als ſie zu dem Herzog gerufen wurde. Sie näherte ſich ihm mit den Worten: „Sie haben nach mir verlangt, mein Freund?“ Ottavio, der bisher Allem, was um ihn her vorging, fremd geblieben, erbebt bei der Stimme ſeiner Mutter, richtet ſein Geſicht empor, das vor Bläſſe und Verſtörtheit beinahe unkenntlich gewor⸗ den iſt, erhebt ſich raſch, geht dann, um ſich eine Haltung zu geben, auf Felippe zu und ſagt zu ihm: „Guten Abend, Bruder.“ „Guten Abend,“ antwortet Felippe mit unſicherer Stimme, während die Herzogin, welche der ſeltſame Blick überraſcht hat, den Ottavio ihr zugeworfen, voll Verlegenheit zu ſich ſelbſt ſagt: 255 „Woher mag doch die plötzliche Veränderung kommen, die ich ſeit einiger Zeit bei Ottavio gegen mich wahrnehme? Er ſcheint mich zu fürchten, mi zu fliehen, und dennoch hat er mich um eine B ſprechung bitten laſſen. Ich weiß nicht, warum ich eine unbeſtimmte Unruhe empfinde.“ Der Herzog hat ſich einen Augenblick beſonnen und wendet ſich in feierlichem Ton gegen ſeine Frau. „Ich habe Sie hieher gebeten, Beatrice, um Ihnen ſowie unſern Kindern ein eben ſo wichtiges als unvorhergeſehenes Ereigniß mitzutheilen . . . wollen Sie ſich ſetzen . ſetzen Sie ſich, Ottavio und Felippe.“ Die verſchiedenen Mitglieder der Familie nehmen Platz, getheilt zwiſchen ihren geheimen Bekümmer⸗ niſſen und der Ueberraſchung, worein die Wor des Herzogs ſie verſetzen. Felippe allein ha innere Zerſtreuung, ſondern verweilt mit ganz Seele bei dem was vorgeht, und fragt ſich mit einer unheimlichen Neugierde, wie der Herzog ſich weiß brennen werde. Dieſer faßt ſich noch einen Augenblick und be⸗ ginnt dann von Neuem: „Hören Sie was geſchehen iſt. Heute Abend, als ich nach Hauſe kam, habe ich einen anonymen Brief angetroffen, der eine abſcheuliche Verleumdung gegen mich enthält.“ Dabei wirft er Felippe einen bedeutungsvollen Blick zu, wodurch er ihm gebieteriſch zu verſtehen gibt, daß er ihn nicht Lügen ſtrafen ſolle, und fährt dann fol er Maßen fort: verächtlich auch anonyme Briefe im Allge⸗ 256 meinen ſein mögen, und obſchon der vorliegende eine ſo monſtröſe Anklage enthält, daß kein vernünftiger WMenſch ihr den mindeſten Glauben ſchenken wird, ſo legt mir doch meine eigenthümliche Stellung als Chef der ſicilianiſchen Flüchtlingſchaft die ſchmerz⸗ liche, ja ſchmerzlichſte Pflicht meines Lebens auf, die Pflicht dieſe Verleumdung zu vernichten, und zwar zuerſt in Gegenwart meiner Familie und her⸗ nach gegenüber meinen Verbannungsgenoſſen. Dieſer anonyme Brief, ein Werk der hölliſchſten Verruchtheit, beſchuldigt mich . . .“ Der Herzog ſcheint vor Entrüſtung den Athem zu verlieren; er unterbricht ſich einen Augenblick und fährt dann von Neuem fort: Dieſer Brief beſchuldigt mich mich ... daß ich die letzte ſicilianiſche Verſchwörung ithen habe, und zwar nicht einmal, um die Re⸗ gierung gemäß unſern Landesgeſetzen über Complotte zu warnen, ſondern einzig und allein um gleich Judas meinen Bruder zu verkaufen und ſomit ſeine Titel und ſeine Güter zu erben.“ Bei dieſen Worten vergeſſen die Herzogin und Ottavio ihre geheimen Sorgen und ſtoßen in ihrer Beſtürzung zu gleicher Zeit einen Schrei der Ueber⸗ raſchung und des Abſcheus aus, während um Felippes Lippen ein diaboliſches Lächeln ſpielt. 3 Ottavio, deſſen ſchöne Züge bis jetzt bla niedergeſchlagen geweſen, erhebt ſich mit pu rothem Geſicht, funkelnden Blicken und ruf Aufwallung ſeines edlen Zornes: „Wie heißt der Schandbube, d anzuſchuldigen wagt?“ 257 „Ottavio, mein Sohn, Du vergiſſeſt, daß dieſe Schändlichkeit nur anonym ſein konnte,“ ſagt die Herzogin, indem ſie ihn erſucht ſich wieder zu ſetzen. be8i haben Recht,“ antwortet Ottavio, „dieſe Schändlichkeit iſt anonym; ich vergaß es, Madame...“ Und hingeriſſen durch ſeine Ehrfurcht und durch ſeine Begeiſterung für den Charakter ſeines Vaters, ruft Ottavio: „O mein Vater! Die Schurken vergrößern Ihren Ruhm, indem ſie ihn zu beflecken verſuchen! Sie beherrſchen die Verworfenheit Ihrer Ankläger mit der ganzen Größe Ihrer Tugend. Gott ſei Dank, meine Bewunderung für meinen Vater konnte noch zunehmen.“ „Ottavio, mein vielgeliebter Sohn, wenn Du wüßteſt, wie theuer mir Deine Zärtlichkeit in dieſer Stunde iſt!“ ſtammelt der Herzog, deſſen Stele von dem Gedanken gefoltert wird, daß ſein zweiter Sohn, der die Wahrheit weiß, unempfindlich und furchtbar vor ihm ſitzt. ² In der That hatte Felippe in dieſem Augenblick ein ſataniſches Lächeln auf ſeinen Lippen. Die Herzogin, die eben ſo feſt als Ottavio t der Unſchuld ihres Gemahls überzeugt war, dac in dieſem Augenblick nur an ein einziges Factum, das ihre Bangigkeit vermehrte: zum erſten Mal in ihrem Leben hatte Ottavio ſie mit Madame ange⸗ redet, während er am Morgen noch ſo zärtlich ge⸗ weſen war. Woher kam dieſe plötzliche Veränderung? Die Herzogin zerbrach ſich den Kopf, um im Chaos der Sue, Geheimniſſe d. Kopfliſſens. III. 17 258 Behingſtigungen, welche den Anfang ihrer gerechten Beſtrafung bildeten, die Wahrheit zu ſuchen. Der Herzog fuhr nach einer kurzen Pauſe alſo ort: „Es gibt ein ſchreckliches Geheimniß, das ich am liebſten mit mir begraben ließe, allein ich darf nicht länger ſchweigen: eine furchtbare Anklage wird gegen mich erhoben.“ „Sie iſt aber ſo unſinnig, daß ſie blos die tiefſte Verachtung verdient,“ ſagt die Herzogin, die ihre Befürchtungen in Betreff Ottavio's zu verſcheuchen „Ach,“ verſetzt der Herzog, „dieſe Anklage, die, inſofern ſie auf mir laſtet, unſinnig iſt, wäre un⸗ glücklicher Weiſe nur zu wohl begründet, wenn ſie auf einem Andern laſtete. Ja, die letzte Verſchwö⸗ rung iſt verrathen worden.“ „Und wer iſt der Verräther?“ ruft Ottavio. „Wenn Sie ihn kennen, mein Vater, ſo müſſen Sie ſeinen Namen allen ſicilianiſchen Flüchtlingen mit⸗ theilen.“ Der Herzog, welchen die heftige Entrüſtung Ottavio's vor Schmerz erbleichen macht, zieht aus dem neben ihm liegenden Umſchlag eine Depeſche hervor und ſagt: „Den wahren Verräther zu nennen würde meine Kräfte überſteigen . . ich überlaſſe dieſe furchtbare Pflicht einem Andern . Höret.“ Und mit bebender Stimme verliest er folgende Depeſche: „Herr Marquis Ricci! 259 „Im Namen des Königs, unſeres Herrn, ſchreibe ich Ihnen wie folgt: „Sie und Ihr Bruder Pompeo, Herzog della Sorga, haben ſich des Hochverraths ſchuldig gemacht, und indem Sie einige irre geführte Unterthanen gegen Seine Majeſtät bewaffneten, haben Sie die Gräuel des Bürgerkrieges entfeſſelt. „Sie haben in einem friedlichen Lande Blutfließen gemacht; Ihre Verbrechen ſind erwieſen; die Juſtiz hat geſprochen. „Sie und Ihr Bruder Pompeo ſind zum Tode verurtheilt. Aber Kraft des königlichen Begnadigungsrechtes geruht Seine Majeſtät Ihr Todesurtheil, Herr Marquis Ricci, in lebenslängliche Verbannung zu verwandeln, in Anbetracht des untergeordneten Rangs, welchen Sie bei dieſem Complott einnahmen, und beſonders der großen und zahlreichen Dienſte, die Sie in andern Zeiten Ihrem Lande geleiſtet haben.“ Hier hält der Herzog, überwältigt von innerer ewegung, ein. Und dießmal war ſeine Bewegung nicht erheuchelt, ſondern wahrhaftig, qualvoll, rächend. Sein Ge⸗ wiſſen empörte ſich bei der Erinnerung an alle Zwiſchenfülle dieſer Geſchichte, denn um den Schein ſeiner eigenen Ehre zu retten, ſah er ſich durch die verhängnißvolle Macht der Umſtände genöthigt die Ehre ſeines Bruders zu beflecken. Man höre was vorgefallen war, und Nichts iſt weniger unwahrſcheinlich. Man öffne Lets 260 ſchichte von ihrem Anfang an, und man wird überall auf Thatſachen von dieſer Art ſtoßen. Der Herzog (damals Marquis Ricci) hatte das Complott am Vorabend ſeiner Ausführung verrathen, unter der Bedingung daß er begnadigt, für den Augenblick verbannt werde und ein officielles Schrei⸗ ben erhalte, das jede etwaige Muthmaßung in Be⸗ treff ſeiner Angeberei ein für allemal abſchneide. Vielleicht war er ſelbſt damals weit entfernt ſämmtliche Folgen ſeines Verhaltens vorherzuſehen. Nachdem dieſe Verabredung getroffen worden, wurde ein gewandter Vertrauter zu Pompeo in ſein Gefängniß geſchickt, um von ihm wo möglich eine noch vollſtändigere Erklärung über das Complott zu erlangen, mit dem Bedeuten, daß dann vielleicht auch für ihn die Todesſtrafe in Verbannung umge⸗ wandelt werde. Pompeo hing am Leben und an ſeinen Reich⸗ thümern. Er hatte in der Aufwallung ſeiner poli⸗ tiſchen Leidenſchaft, welche ſein Bruder durch Vor⸗ ſpiegelungen von dem nothwendigen Gelingen der Verſchwörung überreizt hatte, Alles aufs Spiel ſetzen können; aber als er überwunden war, im Gefängniß ſaß und dem Tod ins Auge ſchaute, da machte ſeine Eraltation einer düſtern Muthloſigkeit Platz, und bald ſiegte die Liebe zum Leben über ſeine erſte Weigerung; er ließ ſich beſtimmen, aber beſonders durch den Gedanken, daß er der Regierung Nichts mitzutheilen habe, was ſie nicht ſchon vorher wiſſe, und daß man ihm Verſchweigung des ganzen Her⸗ gangs zuſichere. Er that alſo was man verlangte; er ließ ſich 261 von dem Vertrauten einige Zeilen dictiren, die man weiter unten leſen wird und die ſein Gedächtniß beſchimpften, ohne ſeinen Kopf retten zu können, denn da die Enthüllungen ſeines Bruders vollſtän⸗ dig geweſen, ſo wurden die ſeinigen ganz nutzlos und bildeten keinen Dienſt, wofür man ſich ihm zu Dank verpflichtet glaubte. XXI. Bei dieſer Lectüre hatte ſich eine ſchmerzliche Beſtürzung auf den Zügen der Herzogin und Otta⸗ vio's abgeſpiegelt. Aber Felippe ſann nach, dann ſpielte ein unheimliches Lächeln auf ſeinen Lippen; er warf dem Herzog einen Blick zu, den dieſer be⸗ griff und der bedeutete: „Poſſenſpiel! Poſſenſpiel!“ „Mein Gott,“ rief in dieſem Augenblick Ottavio, nachdem er eine Weile in ſchmerzlicher Betrübniß geſchwiegen hatte, „wie kann ein Bruder ſeinen Bruder verrathen?“ Felippe beobachtete fortwährend den Herzog; er ſah ihn zittern beim Ausbruch der großherzigen Entrüſtung ſeines älteſten Sohnes. Ottavio wendet ſich ſofort gegen Felippe und ſagt zu ihm: „Ich frage Dich ſelbſt, Bruder, der Du leider meine Zärtlichkeit verkennſt und Dich in der Bitter⸗ keit Deines mürriſchen und grämlichen Charakters von mir entfremdeſt, ſprich, hätteſt Du das für möglich gehalten?“ „ 262 „Unſer Vater muß es beſſer wiſſen als irgend ein anderer Menſch, da er ſagte, es verhalte ſich ſo,“ antwortet Felippe mit ſeinem diaboliſchen Lächeln. „Ich eile zu Ende zu kommen,“ fährt der Her⸗ zog fort; „jedes Wort dieſer Depeſche zerreißt mir das Herz.“ Er log dießmal nicht: er fühlte, daß ſeine Kräfte zur Neige gingen; er las alſo mit bebender Stimme folgender Maßen weiter: „Der König, unſer Herr, mußte ſich alſo gegen Ihren Bruder Pompeo unerbittlich zeigen, denn der zu ſpät gekommene Angeber einer Verſchwörung, bei welcher ſicilianiſches Blut gefloſſen, konnte den Organiſator und Anführer derſelben nicht entſchul⸗ digen. Sie für Ihre Perſon werden morgen mit Ihrer Familie in die Verbannung gehen, Herr Marquis von Ricci. „Dieſe Verbannung wird lebenslänglich ſein, wofern nicht die unerſchöpfliche Nachſicht Seiner Majeſtät eines Tags durch Ihre Reue gerührt wird, wenn ſie ſich in Handlungen kundthut. „Ich lege hier auf Befehl des Königs, unſeres Herrn, ein Billet Ihres Bruders an Seine Majeſtät bei, das natürlich zu den Archiven Ihres Hauſes gehört, denn die Reue, die er ausſpricht, gibt ihm wenigſtens einen Charakter der Ehrenrettung für das Gedächtniß des Verfaſſers. „Genehmigen Sie u. ſ. w. „Cavaliere Paolo Franchi.“ „Dieſer Depeſche,“ fügt der Herzog mit immer bewegterer Stimme hinzu, „war das Billet hier 263 beigeſchloſſen. Leider war es mir unmöglich die Handſchrift daran zu verkennen.“ „Sire, „Ein Complott iſt gegen die Sicherheit des Staates geſchmiedet worden. „Ich halte ein am Rande des Abgrunds, in welchen ein ſtrafbarer Schwindel mich geſtürzt hat. „Möchten meine Reue und die Dienſte, die ich dem König bei dieſer Gelegenheit leiſten würde, mir meine Begnadigung erwirken. „Die Zeit drängt. Ich ſtehe zu den Befehlen Eurer Majeſtät, wenn Sie mich im Augenblick zu ſich zu rufen geruht, oder auch zu Seiner Excellenz dem Polizeiminiſter, damit ich ihm alle nöthigen Details geben kann. „Ich habe die Ehre zu ſein „Eurer Majeſtät unterthänigſter und „getreueſter Unterthan „Pompeo della Sorga.“ Schmerzliche Stille herrſcht einen Augenblick von Neuem unter der Familie della Sorga. Felippe allein ſagt mit dem ſchrecklichen Scharf⸗ lick, den er aus der verhängnißſchweren Logik der Thatſachen ſchöpft, zu ſich ſelbſt: „Wenn dieſes Billet nicht das Werk eines Fäl⸗ ſchers, wenn es von meinem Oheim Pompeo ge⸗ ſchrieben iſt, ſo iſt es ihm gewiß lediglich durch die Hoffnung auf Gnade eingegeben worden.“ „O mein Vater!“ ruft Ottavio, „das Aller⸗ ſchrecklichſte an der Verleumdung, deren Opfer Sie ſind, beſteht darin, daß Sie gezwungen ſind ſich zu rechtfertigen.“ 264 „Mein Freund,“ fügt die Herzogin gegen ihren Gemahl hinzu, „warum ſollten Sie dieſes furcht⸗ bare Geheimniß unter Ihren Verbannungsgenoſſen bekannt machen?“ „Warum?“ antwortet der Herzog mit concen⸗ trirter Bitterkeit, indem er Felippe einen bedeu⸗ tungsvollen Blick zuwirft. „Weil der Elende, der mich anſchuldigt und mit Verbreitung dieſer Ver⸗ leumdung bedroht, leicht ſein Wort erfüllen kann. Ich muß alſo in dieſer äußerſten Noth und um jeden Schatten eines Verdachts zu zerſtören, ihm zuvor⸗ kommen und die vollſtändige Wahrheit enthüllen, und ſollte auch dieſe Wahrheit, die ich um den Preis meines Lebens verſchweigen würde, wenn es ſich nicht um meine Ehre handelte, ſollte dieſe Wahr⸗ heit mir auch die Seele herausreißen. Deßhalb bin ich genöthigt, morgen unſere Landsleute zu ver⸗ ſammeln und ihnen dieſe Eröffnung zu machen.“ Gebrochen durch ſo viele Aufregungen und um ſich der Anweſenheit Ottavio's und Felippe's zugleich zu entziehen, da die zärtliche Verehrung des Erſteren ihm eben ſo qualvoll iſt wie das entgegengeſetzte Gefühl ſeines zweiten Sohnes, fügt der Herzog della Sorga, indem er aufſteht, hinzu: „Und jetzt laßt mich gefälligſt allein; ich bin vernichtet, ich bedarf der Ruhe.“ Auf einmal aber fällt ihm Felippe's Mordver⸗ ſuch ein, und zitternd bei dem Gedanken den arg⸗ loſen Ottavio dieſe Nacht im Bereich der unſeligen Pläne ſeines Bruders ſchlafen zu laſſen, ſagt er zu Ottavio: „Mein Sohn, es haben ſo ſchmerzliche Eindrücke 265 auf mich eingeſtürmt, daß ich heute Nacht die Ruhe, deren ich ſo ſehr bedarf, nicht finden zu können befürchte. In meiner peilichen Schlafloſigkeit wäre es mir angenehm Dich in meiner Nähe zu haben. Man wird auf dem Canapee des Cabinets neben meinem Schlafzimmer ein Bett aufſchlagen, ſo daß ich Dich rufen kann, wenn ich Deine An⸗ weſenheit wünſchen ſollte.“ „O mein Vater!“ ruft Ottavio, „ich danke Ihnen für dieſe Idee. Gott gebe, daß meine An⸗ weſenheit Ihren Kummer lindern möchte.“ Aber auf einmal verdüſtern ſich die Züge des jungen Mannes, und indem er eine furchtbare An⸗ ſtrengung macht, um die Herzogin anzureden, zu welcher er nicht aufſchaut, fährt er fort: „Wird meine Mutter mir, ſo lang man mein Bett in dieſem Cabinet zurüſtet, eine kurze Be⸗ ſprechung auf ihrem Zimmer geſtatten?“ „Natürlich, mein Sohn,“ antwortet Frau della Sorga mit einer Beeiferung, worein heimliche Furcht gemiſcht iſt. „Komm mit mir.“ „Mein Freund,“ ſagt der Herzog ziemlich über⸗ raſcht. „Kannſt Du das, was Du Deiner Mutter anzuvertrauen haſt, nicht auf morgen verſchieben?“ „Wenn meine Mutter ſich dazu verſteht mich heute Abend anzuhören, ſo möchte ich lieber dieſe Beſprechung nicht vertagen,“ antwortet Ottavio, indem er ſeiner Stimme Feſtigkeit zu geben ver⸗ ſucht. „Ich werde bald wieder bei Ihnen ſein, mein Vater.“ „So ſei es denn, mein Lieber,“ ſagt der Her⸗ 266 zog; „ich hoffe übrigens, daß ich Deinen Schlaf nicht zu ſtören brauche.“ „Schlaf!“ dachte Ottavio, „ach er wird meine Augen lange fliehen, und ich habe keinen Troſt, keine Zuflucht mehr, außer bei Ihnen, mein Vater.“ Die Herzogin nähert ſich ihrem Gemahl, um Abſchied zu nehmen, und ſagt zu ihm: „Gute Nacht, mein Freund, haben Sie guten Muth! Möge der Gedanke an Ihre Unſchuld Sie ſtärken und aufrecht erhalten!“ Sodann wendet ſie ſich zu Felippe mit den Worten: „Gute Nacht, mein Sohn! Ich hoffe, daß Sie Angeſichts des neuen Unglücks, das uns Alle be⸗ troffen hat, unſere Betrübniß nicht durch fortge⸗ ſetzte Kälte gegen Ihren Bruder erſchweren werden.“ Felippe verneigt ſich ſtatt aller Antwort, dann verläßt er hinter ſeiner Mutter und Ottavio das Cabinet und begibt ſich auf ſein Zimmer, während die Herzogin, an deren Seite Ottavio ſchweigſam und düſter einherſchreitet, nach ihren Zimmern geht, in⸗ dem ſie zu ſich ſelbſt ſagt: „Ach ich weiß nicht, warum dieſe Beſprechung mich mit Entſetzen erfüllt; aber wie ſie nun auch ausfallen mag, ſo werden meine Beängſtigungen ein Ende nehmen. Beſſer die ſchrecklichſte Gewiß⸗ heit, als die Todesängſten, die mich martern.“ 267 XXII. Der Herzogin ſteht noch der härteſte Schlag bevor. Bis dahin iſt ſie blos in ihrer Cofetterie verletzt worden und zwar nur durch Wolfrangs ſpöttiſche Verachtung. Jetzt ſoll ſie durch ihren eige⸗ nen Sohn in ihrer Mutterliebe verletzt werden. Ein betrübendes Beiſpiel der innern Leiden, die gewiſſe Familien heimſuchen. Möge es noch am Rande ihrer Entwürdigung Frauen zurückhalten, die in dem Gefühl ihrer Pflichten als Gattinnen nicht die genügende Kraft finden ſollten und in Verſuchung gerathen könnten ſich ſtrafbaren Lei⸗ denſchaften hinzugeben, ſelbſt auf die Gefahr hin in der Achtung ihrer eigenen Kinder zu ſinken! Dieß iſt ſicherlich die härteſte Strafe, die eine Mut⸗ ter treffen kann, und die Ausſicht auf dieſe Strafe erſcheint uns ols das geeignetſte Mittel eine ſchwan⸗ kende Tugend aufrecht zu erhalten. Ottavio iſt mit ſeiner Mutter allein in einem kleinen Salon, der vor dem Schlafzimmer der Her⸗ zogin kommt. Dieſe wagt es nicht ihren Sohn zu fragen. Sie hat ſich geſetzt; er iſt vor ihr ſtehen geblieben und zwar ſo bewegt, daß ſie das leichte Zittern ſei⸗ nes Körpers bemerkt. Endlich bricht er das Schwei⸗ gen und ſagt leiſe: „Madame, wollen Sie ſich verſichern, daß Frauen ſich aus Ihrem Schlafzimmer entfernt aben.“ „Wozu dieſe Vorſichtsmaßregeln, mein Sohn?“ „Weil meine Worte von Riemand gehört wer⸗ 268 dürfen, Madame, als von Ihnen und von ott.“ Dieſer in feierlich drohendem Tone gehaltene Anfang und das Wort Madame, das ihr Sohn ſchon zum zweiten Male gebraucht, vermehren die Angſt der Herzogin; aber zu gleicher Zeit und in der Hoffnung, ihrem Sohn zu imponiren, fühlt ſie die Nothwendigkeit zu ihrer gewöhnlichen Haltung die Zuflucht zu nehmen. Sie benützt alſo die paar Au⸗ genblicke, wo ſie ihr Zimmer öffnet und ſich der Abweſenheit ihrer Frauen verſichert, um ihrem Geſicht wieder die nöthige Ruhe zu geben, das bis⸗ her unwillkührlich manchmal eine Beängſtigung ver⸗ rathen hatte, wie ſie der Verbrecher vor ſeinem Richter empfindet. Dann kommt ſie mit einer Maske hoher Würde, worin Verwunderung und Traurigkeit gemiſcht iſt, zu Ottavio zurück und ſagt zu ihm: „Mein Sohn, wir find allein. Aber ehe ich Sie anhöre, muß ich — und das iſt mir peinlich — ich muß vielleicht zum erſten Mal in meinem Leben Ihnen einen Vorwurf machen ...“ „Einen Vorwurf!“ antwortet Ottavio mit dü⸗ ſterer Bitterkeit. „Ach, Madame! Madame!“ „Wenn ich mit Ihnen ſpreche, mein Sohn,“ verſetzte die Herzogin, „ſo geziemt es ſich, daß Sie mich ohne Unterbrechung anhören.“ Die Herzogin hat dieſe Worte mit einer durch eine wohlwollende Stimmbiegung gemilderten Au⸗ torität begleitet und auf Ottavio einen Blick gehef⸗ tet, der ſeine ganze Feſtigkeit wiedergefunden. Der junge Mann, deſſen kindliche Verehrung 269 bisher eine Art von Abgötterei geweſen, läßt ſich beinahe mechaniſch von ſeiner Gewohnheit liebe⸗ vollen Gehorſams hinreißen, ſchlägt die Augen nieder und ſchweigt. Die Herzogin, die jetzt ihre alte Herrſchaft über Ottavio wieder gewonnen glaubt, fährt mit verdoppelter Zuverſichtlichkeit alſo fort: „Ich wiederhole Ihnen, mein Sohn, es iſt mir ſchmerzlich, daß ich Ihnen zum erſten Mal in mei⸗ nem Leben einen Vorwurf machen muß. Ich habe Sie in Gegenwart Ihres Vaters damit verſchont; aber da wir Ihrem Wunſche zufolge jetzt allein ſind, ſo erhebe ich jetzt Klage über Ihr heutiges Beneh⸗ men gegen mich.“ Und als Ottavio eine unwillkürliche Bewegung macht, wiederholt die Herzogin: „Ja, ich habe mich über Sie zu beklagen, mein Sohn. Sie haben heute mehrere Male Ihre Pflich⸗ ten gegen mich ſchwer verletzt, wenn ich überhaupt Beziehungen, die meine Zärtlichkeit Ihnen immer ſo angenehm und leicht gemacht hat, Pflichten nen⸗ nen ſoll. Im Anfang mehr überraſcht als betrübt, dann mehr betrübt als verletzt durch die unerklär⸗ liche Veränderung, die ich bei Ihnen wahrnahm, mußte ich mit Schmerz und hernach mit Strenge die bedauernswerthe Kälte ſehen, womit Sie mein freundliches Entgegenkommen aufnahmen, als ich mich trotz der unehrerbietigen Trockenheit Ihres Empfanges herabließ Sie, mein Sohn, mit liebe⸗ voller Dringlichkeit um die Urſache des Kummers zu befragen, woran Sie zu leiden ſchienen. Ja, mein Sohn, Sie haben nicht einmal ſo viel An⸗ ſtandsgefühl mir gegenüber gezeigt, daß Sie mich 270 heute Abend im Opernhaus auch nur ein einziges Mal in meiner Loge beſucht hätten.“ ² Die Erinnerung an dieſen Abend ſcheint plötz⸗ lich die Art von Zauber zu brechen, welchem Ot⸗ tavio noch unterliegt. Er will ſprechen, als die Herzogin ihm aufs Neue mit einem gebieteriſchen Zeichen Stille auferlegt. „Mein Sohn, Sie werden Ihr Unrecht entſchul⸗ digen, hoffe ich, und ich will gerne glauben, daß Ihre Entſchuldigungen Ihnen meine Nachſicht ver⸗ dienen werden. Aber Sie müſſen alle meine ge⸗ rechten Beſchwerdegründe gegen Sie erfahren. Der letzte und ſchwerſte von allen, derjenige der mich in meiner mütterlichen Zärtlichkeit am ſchmerzlichſten verletzt hat, iſt das Wort Madame, das Sie meh⸗ rere Male gegen mich brauchten. Wiſſen Sie, mein Sohn, wenn ich Sie mit mein Herr anredete, dann müßten Sie begreifen, daß dann alle Bande der Natur und Zärtlichkeit, die mich an Sie knü⸗ pfen, für immer zerriſſen wären. Sie wären in meinen Augen nur noch ein Fremder. Sehen Sie, mein Sohn, das iſt es, was das Wort Madame ſo hart, ſo verletzend für mich macht. Ich glaube daher auch, daß Sie jetzt, da Sie die ſchmerzliche Deutung kennen, die ich dieſem Wort geben muß, tief bereuen werden es gebraucht zu haben.“ „So leid es mir thut, Madame, daß ich. „Schon wieder? Ci wie! Während ich Söi erſt im Augenblick geſagt habe. .. daß. „Daß Sie dieſes Wort ais eine Zerreißung aller Bande der Zärtlichkeit auslegen, die mich bisher an Sie geknüpft hatten, Madame? Unglück⸗ 271 licherweiſe muß ich dieſe Deutung annehmen; ſie iſt wahr . . .“ „Was höre ich? Sie wagen es. . .“ „Ich wage es und ich muß künftig ſo mit Ihnen ſprechen, Madame .. wie ich mit einer Fremden ſprechen würde . 64 „Nehmen Sie ſich in Acht! Ha, nehmen Sie ſich in Acht! Auch ich würde unſere Bande als zer⸗ riſſen betrachten, auch ich würde mein Herr zu Ihnen ſagen.“ „Dieß ſind die einzigen Ausdrücke, die ſich in Zukunft zwiſchen uns geziemen, Madame. Möge unſer verhängnißvolles Geſchick in Erfüllung gehen!“ „Vergeſſen Sie denn, Unſinniger, daß die un⸗ dankbaren Söhne der Strafe des Himmels ver⸗ fallen?“ „Ah, Madame,“ ruft Ottavio, „rufen Sie den Himmel nicht an! Ich bin niemals undankbar ge⸗ weſen: ich habe meine Pflichten gegen Sie gewiſſen⸗ haft erfüllt bis auf den heutigen Tag . . .“ „Vollenden Sie.“ „Bis auf den heutigen Tag, wo es mir zum Unglück meines Lebens nicht mehr geſtattet iſt zu glauben . „An mich vielleicht?“ „Es iſt nur allzu wahr, Madame.“ „Mir einen ſolchen Schimpf! Nein, das iſt un⸗ möglich. Dieſe Beſchimpfung kommt überdieß ſo unerwartet von Ihrer Seite, da Sie bisher ein ſo guter Sohn geweſen, daß ich glauben will, Sie be⸗ finden ſich nicht im vollen Beſitz Ihrer Vernunft, 272 während Sie ſo ſprechen. Es iſt dieß Wahnwitz, es iſt Schwindel.“ „Madame, dieſe Scene iſt mir ſehr ſchmerzlich. Sie würde nicht ſtattgefunden, und Sie würden mich nicht wiedergeſehen haben, wenn es ſich nicht um die Ehre meines Vaters handelte.“ „Um die Ehre Ihres Vaters?“ „Ja, Madame.“ „Was bedeutet dieß?“ „Sie werden es ſogleich erfahren, Madame. Und ſo wahr Gott mich ſieht, hört und richtet, ſo würde ich heute Nacht abgereist ſein und dieſes un⸗ glückſelige Geheimniß mit mir genommen haben, wenn nicht mein Vater uns dieſe furchtbare Ent⸗ hüllung gemacht hätte, in Sahe et meine An⸗ weſenheit bei ihm nothwendig wird.“ „Ottavio! mein Kind!“ ruft die Herzogin, in⸗ dem ſie plötzlich andere Saiten aufzieht, im flehend⸗ ſten Tone: „Du abreiſen? Nein, noch einmal, es iſt unmöglich, es iſt unmöglich, deine Vernunft ver⸗ irrt ſich.“ . „Meine Vernunft iſt ruhig und kalt . . ruhig und kalt wie meine Worte, Madame. Ich ſollte in Schluchzen ausbrechen, indem ich auf Ihre Zärt⸗ lichkeit verzichte, und doch ſehen Sie, mein Auge iſt trocken, meine Stimme kaum bewegt. Das über⸗ raſcht Sie, Madame? Auch ich bin überraſcht und entſetzt, wenn ich in mein Herz blicke und darin den Platz, den meine kindliche Liebe einnahm, die an dieſem verfluchten Tag auf immer zerſtört worden iſt, leer und blutend ſehe.“ 273 XXIII. Ottavio's Ruhe erſchien der Herzogin ganz be⸗ ſonders furchtbar; ſie verlor die Hoffnung irgend⸗ wie, ſei es durch Autorität oder Zärtlichkeit oder auch durch Liſt und Heuchelei, auf ihn einzuwirken, und das von ihm entdeckte Geheimniß mußte durch die zermalmendſte Gewißheit bewieſen ſein, um die⸗ ſen Sohn, der geſtern noch ſeine Mutter abgöttiſch verehrt hatte, an einem einzigen Tag in einen Frem⸗ den zu verwandeln. Die Herzogin liebte ihren Sohn, wie wir es bereits geſagt haben. Er gewährte ihr das unaus⸗ ſprechliche Glück ſich von einem ſo edeln und ſo aufrichtigen Herzen angebetet zu fühlen; ein unſäg⸗ liches Glück für geſunkene Seelen, das den Reiz befriedigt, wodurch ſich ſelbſt die entwürdigtſten Na⸗ turen noch immer zum Guten, Schönen und Rechten hingezogen fühlen. Man denke ſich daher die Verzweiflung, von der ſie unter ihrer impoſanten und ſtrengen Maske ge⸗ quält wurde. Sie verfluchte ſich, daß ſie dieſe Maske angenommen und durch Vorwürfe, die ſie für ſehr pfiffig gehalten, die Abneigung ihres Soh⸗ nes noch erhöht habe, ſtatt ſich ihm bebend und troſtlos an den Hals zu werfen und ihn bei ſeiner Zärtlichkeit zu beſchwören, er möchte ihr die Urſache einer Kälte mittheilen, die ihr das Herz zerſchnitt. Aber es war zu ſpät, und überdieß bewies Ottavio's Unempfindlichkeit nur zu deutlich die un⸗ erſchütterliche Macht ſeiner Ueberzeugung. Von ſolchen Bangigkeiten wurde die Herzogin Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 18 274 gequält, als Ottavio nach einem Augenblick ſtiller Sammlung mit einer furchtbaren Unbeugſamkeit von Neuem begann: „Hören Sie was vorgefallen iſt, Madame. Sie forderten mich heute früh auf Herrn Alexis Borel zu beſuchen und ihm den Vorſchlag zu machen, daß er mich heute Abend in die Oper begleiten möge; mein Vorſchlag wurde angenommen; Herr Alexis Borel hat mich ſeinerſeits eingeladen mit ihm ins Schloß Monceaux zu gehen.“ Bei dieſen Worten erbebt die Herzogin und wird leichenblaß; ſie begreift Alles: es handelt ſich um ihre Beſprechung mit Herrn von Luxeuil. Sie wagt es ihre Blicke gegen Ottavio zu erheben: er hat ſeine Augen niedergeſchlagen und fährt fort: „Wir beſuchten die Kunſtgalerien. Herr Alexis Borel, dem eines der Gemälde ganz beſonders ge⸗ fiel, äußerte den Wunſch in der Schnelligkeit einen Abriß davon zu nehmen. Ich ließ ihn in der Galerie. Wir verabredeten, daß er mich bei den Ruinen eines griechiſchen Tempels, welchen wir auf dem Heimweg in einer der Alleen des Parkes be⸗ merkt hatten, aufſuchen ſolle. Aus Reugierde ging ich in dieſe Ruinen und beſah mir eben ein Basrelief, als ich auf einmal in der dunkeln Allee, die ſich an dieſen Ruinen hinzieht, Ihre Stimme vernehme, Madame .. . „Das iſt möglich,“ antwortet die Herzogin mit erheuchelter Gleichgiltigkeit. „Ich fuhr heute früh nach Monceaux ſpaziren und habe dort ſogar zufäl⸗ lig Herrn von Luxeuil getroffen.“ Die Herzogin glaubte einen Act der Gewandt⸗ 3 275 heit und Kühnheit zu verrichten, wenn ſie einer Anklage, welche ſie ahnte, entgegenkäme. Aber Ottavio ruft: „Sie behaupten, Madame, Sie hätten dieſen Mann zufällig getroffen, während Sie doch Aber es iſt mir unmöglich mich in eine Erörterung über dieſen Punct mit Ihnen einzulaſſen, Madame. Ich muß beſtändig an die Ehre meines Vaters den⸗ ken, wenn ich den Muth behalten ſoll die Pflicht zu erfüllen, die mir hier auferlegt iſt. Ich fahre alſo fort. Im Augenblick wo ich Ihre Stimme hörte, waren Sie mit dieſem Mann bei den Ruinen ſtehen geblieben, wohin der Zufall mich geführt hatte. Sie Beide konnten mich nicht bemerken, und ohne meinen Willen .. . o Gott weiß es habe ich Ihre Beſprechung mit Herrn von Luxeuil angehört, Madame. Ich glaubte Anfangs, die Sache würde mich tödten; eine Art von Schwindel ergriff mich, mein Geiſt wurde wirr. Als ich wieder zu mir kam, hatten Sie und dieſer Mann ſich getrennt und waren in entgegengeſetzten Alleen verſchwunden.“ XXIV. Gegenüber dieſer zermalmenden Enthüllung be⸗ ſchloß Frau della Sorga ihre Kühnheit zu verdop⸗ peln und Ottavio wo möglich einzureden, daß er ſich durch falſchen Schein habe täuſchen laſſen. Sie verſetzte mit gebieteriſcher und kurzer Stimme: „Iſt dieß Alles, mein Herr?“ 276 „Nein, Madame.“ „So vollenden Sie doch .. auch ich werde die Kraft und den Muth haben Sie bis zu Ende an⸗ zuhören, ohne Sie auch nur zu unterbrechen. Vol⸗ lenden Sie.“ „Als ich nach Hauſe kam, konnte meine Nieder⸗ geſchlagenheit Ihnen, Madame, ſo wenig entgehen als meinem Vater. Ich ſchrieb meinen allzu ſicht⸗ baren Kummer der Erinnerung an das zu, was dieſen Morgen zwiſchen meinem Bruder und mir vorgefallen war. Der Tag verſtrich; ich wußte nicht, was ich thun ſollte. Ich brannte vor Ver⸗ langen meinen Voter zu rächen, der Schuldige war mir bekannt; aber ich fürchtete einen Eclat, der Etwas öffentlich gemacht hätte, was ich um den Preis mei⸗ nes Lebens hätte verbergen wollen. Und Niemand, Niemand, den ich um Rath fragen konnte! Sie, Madame, hatten in Ihrer Beſprechung zu dieſem Manne geſagt, Sie würden auf den Abend in die Oper gehen. Er ſollte ſich auch dort einfinden. Ich hoffte, die Umſtände und der Zufall würden mir einen Vorwand zur Rache liefern, ohne Eclat zu machen. Ich ging alſo mit Herrn Alexis Borel in die Oper. Das Verhängniß verfolgte mich; es wollte, daß dieſer Menſch vor mich zu ſitzen kam. Als ich meinen Platz einnahm, bemerkte er mich nicht, weil er mir den Rücken zukehrte; er ſchwatzte mit einem ſeiner Freunde. Ich hörte unwillkürlich ſeine Worte. Den Gegenſtand dieſes Geſprächs bildeten Sie, Madame!“ Ottavio unterbricht ſich ſchaudernd. 277 Die Herzogin verſetzt mit einem Lächeln bitteren Vorwurfs: „Und Sie glauben natürlich an die Worte die⸗ ſes Elenden, der Ihre Mutter verunglimpfte?“ „Der Menſch ſprach Ihren Namen nicht aus, kadame.“ „Und gleichwohl glaubten Sie .. „Ich hatte Ihre Beſprechung am Morgen ge⸗ hört, Madame. Der Menſch bezeichnete Sie mit den Worten: Eine gewiſſe große Dame, und er⸗ zählte, wie Sie ihm geſtern Abend eine Beſprechung bewilligt hätten. Gott verzeih mirs! Aber wenn ich mich in dieſem Augenblick allein mit dem Kerl befunden hätte, ſo würde ich ihn getödtet und dann mich ſelbſt erſchoſſen haben, nur damit dieſes Ge⸗ heimniß mit uns Beiden zu Grab getragen würde. Welche Anſtrengung und Selbſtüberwindung es mich koſtete an mich zu halten, das weiß nur der Him⸗ mel, Madame. Der Zwiſchenact kam; der Mann ſtand auf und drehte ſich um. Er erkannte mich, er ſchien überraſcht und Anfangs unruhig, weil er ohne Zweifel dachte, ich habe ſeine vertrauten Mittheilungen an ſeinen Freund hören können. Doch beruhigte er ſich wieder, weil es ihm vermuth⸗ lich einfiel, daß er Ihren Namen nicht ausgeſpro⸗ chen habe, und da er nicht wußte, daß der Zufall mich heute früh nach Monceaux geführt hatte, ſo grüßte er mich höflich. Wenn ich Lärm machte, wenn ich ihn in dieſem Augenblick provocirte und beſchimpfte, ſo geſtand ich Alles ein. Vor dieſem Eclat bebte ich zurück. Gleichwohl bin ich nicht feige, Sie wiſſen es, Madame, und ſelbſt wenn 278 ich es geweſen wäre, ſo würde der Haß, der mich gegen dieſen Menſchen erfüllte, mir alle Furcht ge⸗ raubt haben. Kurz und gut, ich ſagte zu mir, er würde ſeinen Zeugen den Grund meiner Heraus⸗ forderung anvertrauen, und ſo würde die Unehre meines Vaters zu Tage kommen⸗ Auch Herr Alexis Borel, der neben mir ſaß, hatte die Mittheilungen, die dieſer Menſch ſeinem Freund in Betreff der ge⸗ wiſſen großen Dame machte, mitangehört und voll Entrüſtung zu mir geſagt: Welch ein Geck! Welch eine gemeine Indiscretion! Meine Herausforderung würde alſo Herrn Alexis Borel den Namen dieſer großen Dame verrathen haben, und eine Sache, die man um jeden Preis verbergen mußte, hätte eine große Publicität erhalten. Deßhalb hielt ich an mich; ich erwiderte dieſem Menſchen ſeinen Gruß, lief aber außer mir vom Theater weg und ſtreifte in den Straßen herum, indem ich mich fragte: Was thun? Ich habe lange nachgeſonnen. Ich entſchloß mich Sie um dieſe Unterredung zu bitten, Mabame. Sie wiſſen jetzt die Veranlaſſung; vernehmen Sie nun auch den Zweck. Dieſe Worte dürfen, wie ich Ihnen geſagt habe, Madame, nur von Ihnen und von Gott gehört werden. Das unglückſelige Ge⸗ heimniß wird unter uns Beiden bleiben. Aber ich habe die Hoffnung, ich habe die Gewißheit, und ſie allein hat mir den Muth gegeben mit Ihnen zu ſprechen, Madame; ja ich habe die Gewißheit, daß Sie, da Sie mich, Ihren Sohn, der ich beſtändig um Sie bin und deſſen Gegenwart Ihr ewiger Ge⸗ wiſſensbiß ſein wird, von dem ſchrecklichen Geheim⸗ niß unterrichtet wiſſen, dieſen Elenden nie wieder⸗ † 279 ſehen und den Namen meines Vaters in Zukunft reſpectiren werden. Er darf und wird nichts erfahren. Die Entdeckung der Wahrheit würde ſein ſchon jetzt ſo ſchmerzlich geprüftes Leben vergiften und dem Grab entgegenführen. Und damit er nichts erfahre, da⸗ mit nicht der mindeſte Verdacht ſeine Liebe und ſeine Verehrung gegen Sie ſchwächen könne, Ma⸗ dame, werde ich, ich glaube es wenigſtens, Selbſt⸗ überwindung genug beſitzen, um (welche Qual, ge⸗ rechter Gott!) um in meinen Beziehungen zu Ihnen, Madame, die Verehrung zu erheucheln, die ich Ihnen bisher bewieſen habe! Sie, Madame, müſſen ſich, und das ſoll Ihre Buße ſein, mir gegenüber den⸗ ſelben Zwang auferlegen. Blos unſere Lippen wer⸗ den unſere Gefühle aus früheren Zeiten ausdrücken, aber unſere Herzen werden für immer eiskalt gegen einander ſein. Noch ein letztes Wort, Madame. Ein einziger Umſtand kann meinen Entſchluß ändern, nämlich eine Indiscretion von Seiten dieſes Men⸗ ſchen. Wenn es durch ſeine Schuld zum Scandal kommt, ſo muß dieſer Scandal gerächt werden. . . Ich ſchwöre es bei Gott, und dann werde ich Sie in meinem Leben nicht wiederſehen. Ich habe nichts mehr hinzuzufü⸗ gen, Madame. Ich gehe jetzt zu meinem Vater.“ „Vorher werden Sie mich anhören.“ „Madame, Nichts wird meine Ueberzeugung er⸗ ſchüttern; erſparen Sie alſo mir und ſich ſelbſt nutz⸗ loſe Erklärungen.“ „Ich fordere Sie auf, mein Sohn, mir mit ja oder nein die Frage zu beantworten: Iſt mein Ruf bisher tadellos geweſen?“ „Ja, Madame, das war er bisher.“ 280 Glauben Sie, daß er es mit Recht war?“ Ottavio thut ſich Gewalt an und ſagt dann: „Noch einmal, Madame, es iſt mir unmöglich dieſes Geſpräch fortzuſetzen.“ „Leere Entſchuldigung! Sie ſchweigen, mein Sohn, weil das Gewicht der Wahrheit Sie zermalmt.“ „Mein Gott!“ „Ei wie! weil der Zufall mich heute früh auf dem Spaziergang mit dieſem Menſchen zuſammen⸗ geführt; weil ich einige Worte fader Galanterie geduldet, weil dieſer unverſchämte Geck ſie heute Abend lügneriſch in ein Liebesabenteuer umgewan⸗ delt hat, darum kann mein Sohn, ohne einen an⸗ dern Beweis als die Behauptung eines ſolchen Elenden, mein Sohn, der Zeuge meines täglichen Lebens, kann es wagen mich anzuklagen! Auf die Kniee, unglückliches Kind, auf die Kniee! Bereuen Sie und bitten Sie um Gnade! Die Nachſicht einer Mutter iſt unerſchöpflich, und vielleicht werden Sie Verzeihung erlangen.“ „Madame, erlauben Sie, daß ich mich ent⸗ erne.“ „Alſo kann Nichts Sie rühren, unglücklicher Thor! Wie! noch immer gefühllos! unerbittlich!“ „Mein Vater erwartet mich, Madame .. erlau⸗ ben Sie mir zu ihm zu gehen.“ „Nein!“ ruft die Herzogin mit verzweiflungs⸗ voller flehender Stimme, indem ſie Ottavio mit Gewalt bei der Hand faßt, „nein, Du ſollſt nicht von dannen gehen, ohne daß Du überzeugt biſt und Deinen Irrthum bereuſt, ohne daß du wieder ge⸗ 281 worden biſt, was Du bisher für mich geweſen . der beſte der Söhne.“ „Es iſt unmöglich, Madame! Ich habe Ihre Unterredung gehört . . . Nichts vermag meine Ueber⸗ zeugung zu ändern.“ „Nichts! mein Gott! Richts! Das von Dir zu DOttavio, mein Kind, deſſen Liebe mich o glücklich und ſo ſtolz machte! Aber wenn gleich⸗ wohl der Schein Dich täuſcht, Unglücklicher, denn Du wirſt mir doch zugeben, daß der Schein trügen kann, wenn er auch noch ſo erdrückend ausſieht.“ In dieſem Augenblick klopft es an die Thüre. Ottavio erkennt die Stimme des Herzogs; er ſagt leiſe und mit zitternder Stimme: „Mein Vater . . . Madame . er wird ſogleich kommen, faſſen Sie ſich.“ „Beatrice!“ ruft der Herzog von außen, „iſt Ottavio noch bei Ihnen?“ „Ja,“ antwortet die Herzogin mit gebrochener Stimme; dann aber bemüht ſie ſich ihre Aufregung zu beherrſchen und fügt hinzu: „Treten Sie ein, mein Freund.“ „Madame,“ ſagte Ottavio ganz leiſe, „unſere Folterqual beginnt jetzt; in den Augen meines Vaters ſei nichts in unſeren Beziehungen verändert; die Enthüllung, die er uns ſo eben gemacht hat, wird unſere Traurigkeit erklären, wenn er ſie be⸗ merkt.“ Der Herzog tritt bald ein, und ſelbſt zu beküm⸗ mert, um die Aufregung ſeines Sohnes und ſeiner Gemahlin zu bemerken, der es übrigens gelungen 282 iſt Maske wieder vorzulegen, ſagt er zu ihr: „Ich möchte mit meinem Sohn gerne über die Zuſammenberufung unſerer Verbannungsgenoſſen ſprechen, die ich morgen hier zu verſammeln wünſche. Die ſchreckliche Pflicht, die ich zu erfüllen habe, laſtet ſo ſchmerzlich auf mir, daß es mich drängt der Sache ein Ende zu machen, und ich habe Ot⸗ tavio einige Briefe zu dictiren.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Vater,“ ant⸗ wortet dieſer; ſodann verneigt er ſich vor der Her⸗ zogin, ergreift ihre Hand und führt ſie an ſeine Lippen mit den Worten: „Gute Nacht, meine Mutter.“ „Gute Nacht, liebes Kind,“ antwortet die Her⸗ zogin. „Suche zu ſchlafen, wenn wir Alle über⸗ haupt Ruhe finden können, denn großes Unglück iſt über uns hereingebrochen.“ „Eine Gattin wie Sie, Beatrice,“ ſagt der Her⸗ zog, indem er ſeiner Gemahlin, welche dem Blick Ottavio's ausweicht, die Hond reicht, „ein Sohn wie der unſere und ein reines Gewiſſen, das iſt mein Troſt in dieſen Tagen der Prüfung.“ Der Herzog entfernt ſich auf den Arm ſeines Sohnes gelehnt, und geht nach ſeiner Wohnung die Herzogin mit ihren Gewiſſens biſſen allein aſſend. XXv. Einen Tag nach all dieſen Freigniſſen im Hauſe des lieben Herrgotts befanden ſich Wolfrang — 283 und Sylvia gegen zehn Uhr Abends in dem Salon, deſſen Vertäfelung zwei geheime unterirdiſche Aus⸗ gänge verdeckte. Dieſe beiden Ausgänge führten auf einer ge⸗ neigten Fläche, der eine auf das Niveau der Keller des vom Herzog della Sorga bewohnten Hotels, der andere auf das Niveau der Keller vom Hauſe des lieben Herrgotts. Letztere Wohnung hatte die Eigenthümlichkeit, daß die mit der Fagade parallel laufende Mauer im Fond hohl war oder vielmehr aus Ziegel⸗ mauern beſtand, die einen leeren Raum von ſechs Fuß Breite zwiſchen ſich ließen. Dieſer Raum, der durch die ganze Höhe des Hauſes vom Keller bis zu den Manſarden durchging, in Stockwerke abge⸗ theilt und mittelſt einer ſchmalen Wendeltreppe be⸗ dient war, bildete ſomit eine Art von geheimem Gang, der hinter der Mauer des Fond in jeder Wohnung angebracht war. Unmerkliche Oeffnungen, in der Verzierung der Plafonds und der ſculptirten Spiegelrahmen angebracht, geſtatteten mittelſt eines ſinnreichen acuſtiſchen Apparats, daß man vom ge⸗ heimen Gang aus Alles hören konnte, was, wenn auch noch ſo leiſe, in den verſchiedenen Zimmern geſprochen nurde, an welchen ſich der Gang in jedem Stockwerk hinzog. Große Ventilröhren lüf⸗ teten dieſe verſchiedenen auf ſolche Art in Stockwerke abgetheilten Wohnungen, zu denen man mittelſt einer ſchmalen Wendeltreppe hinaufgelangte. Richts am Aeußern ließ das Vorhandenſein dieſer Mauer mit doppelter Wand vermuthen, deren Giebel in Zie⸗ geln gemauert und durch das Dachwert verdeckt war, * — 284 über welchem ſich mitten unter den zahlreichen Ca⸗ minen die Ventilröhre erhob, die zur Lüftung die⸗ ſer verborgenen Gänge beſtimmt war. Sie beſtan⸗ den auf gleiche Weiſe, aber in kleinerem Maßſtab in dem Hotel, das die Familie della Sorga bewohnte, ſo daß Wolfrang mittelſt der beiden unterirdiſchen Gänge, die in das Haus des lieben Herrgotts und zu dem Hotel führten, das an ſeine eigene Woh⸗ nung ſtieß, von dem Salon aus, wo er ſich eben mit Sylvia befand, in wenigen Augenblicken nach den Gelaſſen kommen konnte, die hinter jeder Wohnung der beiden Logis angebracht waren. Da endlich der Baumeiſter die Vorſicht gebraucht hatte fremde Ar⸗ beiter zum Aufbau ſo wie zur Vollendung und Verzierung dieſer Wohnungen zu miethen und wäh⸗ rend der Arbeit das Terrain ſtreng zu verſchließen, ſo war bei den Miethleuten niemals eine Ahnung über das Vorhandenſein der Mauer mit doppelter Wand entſtanden. An dieſem Abend alſo gegen zehn Uhr unter⸗ hielten ſich Wolfrang und Sylvia miteinander. Die junge Frau, die tief betrübt und niedergeſchlagen war, ſagte mit einem Seufzer: „Welcher blutige Spott des Schickſals iſt doch dieſe Prüfung! Du meinteſt, ſie ſollte mich von den Gedanken heilen, die mich zu Tode quälen und denen ich mich dadurch entziehen will, daß ich mich in eine jener Sternenſphären begebe, wo wir uns von Welt zu Welt bis zu Gott erheben. Wolfrang, ich ſage Dir, was ich ſchon vor einem Jahr ſagte: Ich bin müde, ich bin es überdrüſſig die Schlech⸗ ten glücklich und ſtraflos, die Guten unglücklich und 285 verkannt zu ſehen. Ich habe mich Deinem Willen unterworfen, Wolfrang; ich habe für einige Zeit auf die Reiſe in jene für uns neuen Sphären ver⸗ zichtet, wo unſerem Glauben und unſern herzlichen Wünſchen gemäß die Schlechten ſich bekehren und die Guten noch beſſer werden. Dieſe letzte Prüfung ſollte, ſagteſt Du, mich meines Irrthums, wie Du es nannteſt, überführen. Und gleichwohl haben mir die Thatſachen ſo eben wieder bewieſen, daß ich mich ganz und gar nicht getäuſcht hatte, ſondern vielmehr weit hinter der ſchrecklichen Wahrheit zu⸗ rückgeblieben war.“ „Weil Du noch immer in Selbſttäuſchungen und falſchem Schein befangen biſt, Sylvia, aber wenn dieſe trügeriſche Luftſpiegelung vor dem Glanz der ewigen Wahrheit aus Deinen Augen entſchwin⸗ den wird, dann wirſt Du die Eitelkeit dieſer Wahn⸗ bilder und dieſes Scheinwerks erkennen.“ „Wahnbilder, Wolfrang? Ah, iſt zum Beiſpiel die ſtrafbare Verirrung dieſer unglücklichen Frau Lambert, die ſich von dieſem einfältigen Gecken verführen läßt, ein Wahnbild zu nennen? Iſt etwa das erhabene Erbarmen dieſes beſchimpften Ehe⸗ gatten ein Wahnbild? Ei wie! Sein erſter Gedanke iſt den Ruf ſeiner Frau durch eine Finte zu retten, die eben ſo viel Zartgefühl als erhabene Großmuth verräth, indem er ein téte -àtéte mit Fran⸗ eine vorſpiegelt, um den Argwohn ſeines ſpioniren⸗ den Commis abzulenken! Und dennoch wußte Herr Lambert, daß ſeine Frau ſich bei Herrn von Luxeuil befand. Iſt dieſe Seelengröße genug? Und das Geſpräch zwiſchen beiden Gatten, das ſich in die 286 bewundernswürdigen Worte zuſammenfaſſen läßt: Indem ich Sie heirathete, Madame, ſchwur ich Ih⸗ nen bis ans Ende meiner Tage Hilfe und Schutz zu verleihen. Ihr Fehltritt entbindet mich von mei⸗ nem Schwur nicht. Iſt das ein Wahnbild, Wolf⸗ rang? Warſt Du nicht ſelbſt bis zu Thränen ge⸗ rührt, als Du mir von dieſer Beſprechung erzähl⸗ teſt, die Du mittelſt des geheimen Ganges belauſcht hatteſt?“ „Nein, Sylvia, nein, das iſt kein Wahnbild. Herr Lambert hat ſich bis zum Heroismus der Ver⸗ zeihung, Hingebung und Selbſtaufopferung erhoben.“ „Und dieſer Held der Verzeihung, Hingebung und Selbſtaufopferung iſt in dieſem Augenblick, da er ſich auf eine ſchändliche Art verrathen weiß, der unglücklichſte aller Menſchen.“ „Dieß muß Deine Ueberzeugung ſein, Sylvia; allein Du wirſt Deinen Irrthum ſogleich einſehen. Aber laß uns weiter gehen. Welches Beiſpiel willſt Du mir noch ſonſt anführen? Herrn Borel?“ „Iſt die Strafloſigkeit dieſes Menſchen nicht himmelſchreiend genug? Was iſt die Quelle ſeines Reichthums? Iſt es nicht etwas Schauerliches um dieſen Vertrauensmißbrauch, deſſen Opfer der Bru⸗ der dieſes unglücklichen Dubousquet geworden iſt? Und welche Folgen, großer Gott! Der Untergang, die Verzweiflung einer Familie, die lange Zeit glücklich und ehrlich gelebt hatte! Das Haupt die⸗ ſer Familie, durch das Elend zum Verbrechen ge⸗ trieben und gerettet durch das bewundernswürdige Opfer ſeines Bruders, dieſes naiven und glorreichen Märtyrers brüderlicher Hingebung, welcher heute 287 für die Bewohner dieſes Hauſes eine Zielſcheibe allgemeiner Verachtung iſt, während Herr Borel als ein Muſter von Redlichkeit angeführt wird und all⸗ gemeine Verehrung genießt. Die öffentliche Mei⸗ nung preist ihn als einen Mann von ausgezeichne⸗ ter Rechtſchaffenheit; die Journale machen ſich zu Echos dieſer Lobſprüche und verſichern Frankreich, ja ganz Europa, Herr Borel ſei der edle Typus des Finanzmannes, der durch ſeine Arbeit reich ge⸗ worden ſei und das Zartgefühl bis zur argwöhniſch⸗ ſten Bedenklichkeit treibe. Liegt darin nicht ein blutiger Spott des Schickſals?“ „Wahn, Sylvia! Dieſes einzige Wörtchen iſt wieder meine ganze Antwort.“ „Und das iſt noch nicht Alles, nein. Dieſer Mann erfreut ſich auch noch der abgöttiſchen Verehrung einer Frau von edlem vortrefflichem Herzen, von freundlicher und liebenswürdiger Tugend, von aller⸗ liebſten Geiſtesanlagen, von gediegenem aufrichtigem und zartſinnigem Charakter, ſo wie der innigſten Liebe ſeines Sohnes, des jungen Alexis, der mit den ſchönſten Eigenſchaften ausgeſtattet iſt. Ein einziger Menſch in der Welt könnte Herrn Borel anklagen: dieſer Menſch iſt Herr Dubousquet, aber er würde als ein abſcheulicher Verleumder betrach⸗ tet werden. Somit bietet dieſer Borel, der von er öffentlichen Achtung ſo wie von der Zärtlichkeit und Verehrung ſeiner Familie umgeben iſt, eines der ſchrecklichſten Beiſpiele für die Strafloſigkeit der Hallunken und die Sicherkeit ihres Glückes in dieſer Welt dar. Iſt das auch wieder eine Illuſion, Wolfrang?“ 288 „Ja, und zwar eine der vollſtändigſten, wie Du ſogleich einſehen wirſt. Aber laß uns weiter ge⸗ hen . Von wem willſt Du jetzt ſprechen? Von Herrn von Franchevillers?“ „Ha, dieſer Heuchler flößt mir vielleicht noch größern Widerwillen ein, als der Bankier Borel. Gibt es etwas Empörenderes als die zügelloſe Lei⸗ denſchaft, die dieſer alte Mann einer ſolchen ſcham⸗ loſen Dirne widmet? und was kann perfider ſein als dieſe Machinationen, womit nen ſich Strafloſigkeit geſichert hat, indem er hit unglaub⸗ licher Frechheit einen angeblichen Beſtechungsverſuch, den man ſich gegen ihn erlaubt habe, anzeigte? Aber, wie dieſe freche Dirne in ihrer trivialen Sprache ſagt, wenn er ſie hält, ſo hält ſie ihn auch. Da nun Beide ein gleiches Intereſſe beim Schwei⸗ gen haben, und da Herr Morin, der einzige Mit⸗ ſchuldige an der Pflichtvergeſſenheit dieſes Beamten, ſich ſelbſt zu Grunde richten würde, wenn er ihn entlarvte, ſo folgt daraus, daß ihnen die Straflo⸗ ſigkeit ſicher iſt. Iſt das auch eine Selbſttäuſchung, Wolfrang?“ „Ja, und zwar von der trügeriſchſten Art. . aber laß uns fortfahren . . . Willſt Du von Herrn Lu⸗ reuil ſprechen, von dieſem abſcheulichen und, ich ge⸗ ſtehe es, ziemlich neuen Typus eines ſchmutzi⸗ gen Geizhalſes und gemeinen Wüſtlings zugleich, von dieſem herz⸗ und gefühlloſen Gecken, von dieſem ſchönen Thier, von dieſem Einfaltspinſel, deſſen Einbildung nur von ſeiner Schamloſigkeit überwo⸗ gen wird?“ „Ach Wolfrang, dieſer gemeine Wüſtling, dem 289 jede Frau von Herz und Verſtand oder auch nur von guter Geſellſchaft gleich nach ſeinem erſten Be⸗ ſuch die Thüre ſchließen müßte, dieſer gemeine Wüſt⸗ ling hat ſogar in der beſten Geſellſchaft Erfolgr. Hat ſich nicht, ohne von andern Abenteuern zu reden, dieſe abſcheuliche Herzogin della Sorga in ihn vernarrt? Endlich hat dieſer gemeine Wüſtling wie ſo viele Andere ſeines Gelichters, bloß um einer vorübergehenden Laune zu fröhnen, beinahe Ver⸗ wirrung, Unehre und unheilbaren Kummer in Herrn Lamberts Haus gebracht. Was wird dieſem Luxeuil geſchehen? was wird ſeine Strafe ausmachen? Die zermalmende Verachtung, womit der beſchimpfte Gemahl ihn behandelt hat? Was liegt dieſem Luxeuil daran? Niemand wird ſeine Schmach erfahren, und angebetet von einfältigen Weibern, beneidet von einfältigen Männern, wird er triumphirend ſein gemeines Wüſtlingsleben fortſetzen, ſich ſelbſt wohl⸗ gefällig belächelnd, ohne daß irgend etwas die ſchamloſe Friedfertigkeit dieſer Seele zu ſtören ver⸗ möchte, die ſo trocken iſt, wie wenn ſie aus hartem Koth gemacht wäre. Was iſt endlich ſelbſt die Strafloſigkeit dieſes lächerlichen und unheilſtiftenden Gecken gegen die Strafloſigkeit, unter welcher der fluchwürdige Frevel des Herrn von St. Proſper ſich geborgen glaubt, dieſer ſogenannten Vorſehung der kleinen Kinder, dieſes angeblichen Philanthropen, den alle Mütter ſegnen, deſſen Namen in Frank⸗ reich und im Ausland wiederholt und gepredigt wird, ſo daß er mitten unter den Namen der Wohl⸗ thäter der Menſchheit glänzt? Und gleichwohl hat dieſer Stifter des Alimentutionswerkes für die erſte Sue, Geheimniſſe d. Kopftiſſens. III. 19 8 290 Kindheit, dieſer angebliche St. Vincenz von Paula, ſeine Magd, die unglückliche Nichte Dubousquets, zuerſt verführt, ſodann die Mutter von ihrem Kinde getrennt und letzteres vor die Thüre eines Spitals gelegt, wo es geſtorben iſt. Ach Wolfrang, bei dieſen Gedanken fühle ich da im Herzen . einen neuen Schmerz,“ fügt Sylvia bleich und be⸗ bend hinzu, während ihre Züge ein unausſprechli⸗ ches Leiden ausdrücken. „Beſchwichtige Dich, Sylvia, beſchwichtige Dich und laß unſere Gedanken bei einem anbetungswür⸗ digen Contraſt ausruhen. Antonine Jourdan .. was iſt das für eine ehrliche, brave und großſinnige Natur! Sprich, Sylvia, gibt es etwas Lieblicheres und Rührenderes als das Leben dieſer Waiſe, die einen zugleich ſo feſten und ſo aufgeräumten Character, eine ſo lachende und ſo ſtarke Tugend beſitzt? die allein und tadellos in der beſtändig gegenwärtigen Erin⸗ nerung an ihre Mutter und an ihren Bräutigam dahinlebt? die heiter mit ihrer Arbeit ihr tägliches Brod verdient und aus ihren Erſparniſſen eine be⸗ ſcheidene Mitgift bildet?“ „Wolfrang, iſt das ein bitterer Spott? Muß dieſe Unglückliche nicht ihre Zukunft zertrümmert ſehen durch den Selbſtmord ihres Bräutigams, um welchen ſie heute Trauer angelegt hat? Ach, wie ging es mir durch Mark und Bein, als ich ſie heute in ihren ſchwarzen Kleidern ſah, welche ſie nie mehr ablegen wird, wie ſie zu mir ſagte und wie ich auch gerne glauben will! Ach! was iſt die Schuld an dieſem entſetzlichen Unglück, an welchem ſie ihr Le⸗ ben lang zu tragen haben wird? Ihre fromme — 291 Verehrung für das Andenken ihrer Mutter, die Treue, womit ſie an ihrem Schwur feſthielt! Ja, Antonine konnte mit einem einzigen Wort den Arg⸗ wohn ihres Bräutigams heben, indem ſie zu ihm ſagte: Ich bin die Tochter des Oberſten Germain. Aber dadurch offenbarte ſie die Unehre ihrer Mut⸗ ter und brach den Schwur, den ſie ihr auf ihrem Todtenbett geleiſtet. Eine engelgleiche Märtyrin des mütterlichen Cultus, iſt ſie gleichwohl das Opfer ſchamloſer Verleumdung geworden, und ihr Leben wird fortan in Trauer und Thränen dahinfließen, während dieſe abſcheuliche Herzogin della Sorga, von Jedermann geehrt . . .“ „Unter ihrer heuchleriſchen Maske fortfahren wird die Schmach ihres Geſchlechtes zu ſein, nicht wahr, Sylvia?“ „Welche Verſchlagenheit! welche Frechheit! wel⸗ che eherne Stirne! Und der Herzog und Felippe, dieſer buckelige Satan! Dieſe Familie iſt die Familie der Atriden mit der einzigen Ausnahme von Ot⸗ tavio. Ein edler junger Mann! wie glänzt ſeine Reinheit inmitten der lichtſcheuen Gräuel, von de⸗ nen er umgeben iſt! Heute hat, ſo ſagteſt Du mir, Wolfrang, der Herzog ſeine Verbannungsgenoſſen bei ſich verſammelt, und ſie entfernten ſich mit grim⸗ miger Entrüſtung bei dem Gedanken, daß den mu⸗ thigſten Vertheidiger der italieniſchen Unabhängigkeit der Verdacht habe treffen können, er, in ihren Au⸗ gen der heilige Märtyrer der heiligen Freiheit, habe ſeinen Bruder verrathen! Iſt es wahr, Wolfrang, iſt es wahr?“ „Vielleicht, Sylvia, vielleicht.“ 292 „Nein, nein! es iſt kein Zweifel mehr erlaubt. Die braven, die rechtſchaffenen Leute werden ver⸗ leumdet, werden verachtet und ſind unglücklich. Antonine Jourdan, Herr Lambert, Herr Dubous⸗ quet, der Marquis Ottavio ſehen einem Leben voll Bitterkeiten entgegen. Welche Zukunft aber erwar⸗ tet die Egoiſten, die Gauner, die Heuchler, die Schurken, die Ungeheuer?“ „Welche Zukunft ſie erwartet, Sylvia? Eine Zukunft, worüber Du Dich entſetzen wirſt, denn Du wirſt aus der Gegenwart auf dieſe Zukunft ſchließen. Ach, ich habe es Dir oft geſagt, aber Du glaubteſt es mir damals nicht und Du wirſt mir heute glauben. Es gibt in dieſer Welt Aus⸗ erwählte und Verdammte. Die Gottloſen haben, wer ſie auch ſein mögen, und trotz aller ſchein⸗ baren Strafloſigkeit furchtbare unausbleibliche Stra⸗ fen zu erleiden, ſie finden die Hölle in ihrer Seele, ſie ſind die Verdammten in dieſer Welt. Die Bra⸗ ven, die Rechtſchaffenen empfinden trotz ihres ſchein⸗ baren Unglücks, trotz der unbilligen Urtheile, deren Opfer ſie zuweilen ſind, ſchon hienieden unaus⸗ ſprechliche Entzückungen, Tröſtungen ſo ſüß und ſo heilig, daß ſie die Ungerechtigkeit der Menſchen ver⸗ geſſen und den Himmel in ihrer Seele finden; ſie ſind die Auserwählten in dieſer Welt.“ „Ja, ſo iſt Deine Philoſophie, Wolfrang; ach! ſie iſt nur der Traum Deines großen Herzens.“ „Dieſe Philoſophie iſt keine andere als die ewige Wahrheit.“ „Wie! Eine ſolche Behauptung Angeſichts dieſer 293 letzten Probe, die mich, wie Du ſagt nem Irrthum heilen ſollte?“ „Niemals hat eine Philoſophie, zu rechtſchaffenen Leute ſich bekennen, mit et niemals hat die ewige Wahrheit eine volk Beſtätigung empfangen.“ „Was ſagſt Du? ſie ſoll durch dieſe Prob ſtätigt worden ſein?“ „Ja, beſtätigt durch die Freigniſſe der beiden letzten Tage, ja, und wie ich, ſo wirſt auch Du ſogleich ſagen: Die Schlechten werden ſchon in dieſer Welt beſtraft und unglückkich. Die Guten und Rechtſchaffenen ſind ſchon hierglücklich und empfangen ihren Lohn.“ „Und was wird mir dieſe Ueberzeugung beibrin⸗ gen, Wolfrang?“ „Die Geheimniſſe des Kopftiſſens.“ „Abermals dieſe myſteriöſen Worte!“ „Du wirſt ihren Sinn ſogleich begreifen. Es iſt bald Mitternacht; komm, Sylvia, komm!“ Wolfrang nimmt eine Blendlaterne, läßt eine der Füllungen des Getäfels, das den Eingang zu den unterirdiſchen Gängen verdeckt, in ihre Fuge gleiten und verſchwindet nebſt ſeiner Frau. XXVI. Sie gehen die ſchmale Wendeltreppe hinab, welche zu dem geheimen Gang führt, der ſich hin⸗ ter mehreren Zimmern des von Herrn Lambert he⸗ wohnten Entreſols hinzieht. Sie halten ihre Ohren ng eines Höhrrohrs, das mit dem des Buchhändlers in Verbindung ſteht. immt ganz deutlich die Stimme des bert, der ſich ſo eben ins Bett gelegt r Lambert. — „Nun . . . ich werde heute St gut ſchlafen . . . ich hoffe es . . . ich bin ruhi⸗ er. das Opfer iſt vollbracht! Es iſt aus mit dieſem friedlichen vertrauensvollen Daſein, das mir ſeit drei Jahren beſchieden war . .. es iſt aus! (Langes Schweigen, unterbrochen durch erſticktes Schluchzen.) Mein Gott! ich war ſo glücklich in dem Glauben, daß ich mich in meiner Hoffnung nicht getäuſcht habe, die ich auf Francines Erkennt⸗ lichkeit gegründet, und ich täuſchte mich auch nicht. .. nein! Die Unglückliche war aufrichtig in ihrer Zu⸗ neigung . . . ſie liebte mich ſo innig, als ſie mich nur lieben konnte, trotz meiner vierzig Jahre, trotz meiner Häßlichkeit, trotz meines ernſthaften und kal⸗ ten Charakters. Sie hat gethan was ſie konnte, um ihre Pflichten aufs Beſte zu erfüllen. Ich war niemals blind in Bezug auf das Mißverhältniß un⸗ ſeres Alters, auf die Schwäche des moraliſchen Ge⸗ fühls meiner Frau, auf die nicht gerade ſehr ver⸗ lockende Stellung, die ich ihr anbot. Und gleich⸗ wohl habe ich mir in meinem Gewiſſen als recht⸗ ſchaffener Mann niemals Vorwürfe darüber gemacht und habe es nie bereut, daß ich ſie geheirathet. Was wäre ohne mich aus ihr geworden? Ach! daſ⸗ ſelbe, was morgen aus ihr würde, wenn ich ſie im Stich ließe. (Pauſe.) Und dennoch iſt ſie nicht ver⸗ dorben, ſie muß mit ihrer ſchwachen moraliſchen — 295 Kraft gegen ihren ſtrafbaren Hang angekämpft ha⸗ ben. Sie bereut es . ſie hat ein Bewußtſein deſſen was ich gelitten habe und was ich noch lei⸗ den werde .. Sie hat mich heute Abend von neuem beſchworen, ich möchte ſie doch bei mir be⸗ halten, ſo traurig auch ihr Leben fortan ſein möge. Und das meinige, das meinige, großer Gott! mich ſchaudert! wie wird es damit ſtehen? (Neue Pauſe.) Ach, ich wiege mich nicht mit Selbſttäuſchungen ein! Wenn die erſte Bitterkeit ihres Kummers vorüber iſt, ſo werden die Gewiſſensbiſſe über ihren Fehl⸗ tritt nachlaſſen und ſich ſogar verwiſchen. Franeine wird meine Verzeihung ſtets in Erinnerung behal⸗ ten aber bei ihrem Alter . . . und bei ihrem Charakter . . . könnte ſie ſogar einer ſchlimmen Ver⸗ ſuchung unterliegen; ich muß mich darauf gefaßt halten, und um dieſer Gefahr vorzubeugen, muß ich meine Sorgfalt, meine Aufſicht über ſie ver⸗ doppeln. Mir erſcheint dieſe Rolle eines eiferſüchti⸗ gen Ehemanns eben ſo lächerlich als gehäſſig. Welch ein Leben, mein Gott!. . . welch ein Leben! (Lange Pauſe.) Nein, dieſe Rolle iſt am Ende doch weder lächerlich noch gehäſſig. Ich überwache ja nicht mehr meine Frau .. ich habe meinen Stolz, ich betrachte mich von nun an als Wittwer. Nein, die Perſon, die ich überwache, iſt ein armes ſchwaches Geſchöpf, das ich vor dem Böſen bewahren muß... und das iſt meine Pflicht! und das habe ich ge⸗ ſchworen, als ich Francine heirathete. Dieſe Ver⸗ pflichtung habe ich mit reifer Ueberlegung auf mich genommen. . . ich habe bereits angefangen ſie zu halten, ich werde ſie bis ans Ende halten. (Neue 296 Pauſe.) Ja, das Bewußtſein dieſer erfüllten Pflicht wird mich aufrecht erhalten, wird mich ſtärken in⸗ mitten der Kümmerniſſe, die ich vorausſehe; hat es mich doch ſchon ſeit geſtern aufrecht erhalten und geſtärkt. Ach, wie oft habe ich zu mir geſagt: Wenn ich in meinem egoiſtiſchen Zorn, in meiner freilich erlaubten Entrüſtung nur auf Rache geſon⸗ nen hätte, ſtatt vor allen Dingen den Ruf dieſes unglücklichen Kindes zu retten; wenn ich ſie öffent⸗ lich verſtoßen hätte, wo wäre ſie jetzt? was würde morgen und ſpäter aus ihr werden? Da ſie nicht einmal auf die Unterſtützung des Elenden rechnen konnnte, den ſie zu lieben glaubte, ſo würde ſie früher oder ſpäter den Einflüſterungen des Elends, des Hungers Gehör geſchenkt haben, ſie würde bald der äußerſten Verworfenheit anheimgefallen ſein. Das GEute und Zarte, was in dem Herzen dieſes Kindes noch übrig iſt und ſie eines Tags wieder zu Ehren bringen kann, würde verdorben, vernich⸗ tet worden ſein, und meine unbarmherzige Strenge hätte dieſe Seele auf immer ins Verderben geſtürzt. Dieß wäre etwas Schreckliches für mich geweſen! ... Welche Gewiſſensbiſſe! (Neue Pauſe.) Statt deſ⸗ ſen ſage ich zu mir: Ich habe Francines Ruf ge⸗ rettet; ſie wird Niemandens Verachtung zu ertra⸗ gen haben, und ſtatt jetzt in dieſer nächtlichen Stunde von aller Welt verlaſſen herumirren zu müſſen, ſtatt meine unerbittliche Härte zu verfluchen und von den Bangigkeiten einer drohenden Zukunft ge⸗ quält zu werden, ruht ſie unter meinem Dach und braucht ſich wenigſtens wegen des morgenden Tags nicht zu bekümmern; ſie beweint ihren Fehltritt auf⸗ 207 richtig, ſie gelobt ſich nie wieder ſchwach zu werden, und ſegnet vielleicht meine Nachſicht. Ach! dieſer Gedanke beruhigt mich; er mildert meinen Kummer; ich fühle, daß ich mich als rechtſchaffener Mann, als gerechter Mann betragen habe. O Nachſicht, Nachſicht! Tugend der guten Herzen, welchen gött⸗ lichen Balſam gießeſt Du auf die Wunden der Seele! durch Dich werden ſie zu edlen Narben, die zwar zuweilen noch ſehr ſchmerzlich ſind, aber die⸗ ſer Schmerz ſelbſt trägt ſeinen Troſt, ſeinen Lohn in ſich und erinnert Euch an Eure großherzige Ver⸗ zeihung, welche Ihr der Perſon gewährt, die Euch beleidigt hat. (Neue Pauſe. Dann ſchläft Herr Lambert allmälig ein und fügt mit ſchwächer wer⸗ dender erlöſchender Stimme hinzu:) Ich fühle mich immer mehr getröſtet und beruhigt; mein Gewiſſen iſt ruhig, ich habe mir Nichts vorzuwerfen: ich habe meine Pflicht erfüllt. Francine... armes Kind...“ Dieſe Worte, die das Gepräge zärtlichen Er⸗ barmens tragen, ſind die letzten, die zu Sylvias Ohr gelangen; bald hört ſie nur noch Herrn Lam⸗ berts langſame und friedliche Athemzüge. Er ver⸗ ſinkt in tiefen Schlaf. Wolfrang zu Sylvia. — „Du haſt es ge⸗ hört, dieſes Geheimniß des Kopfkiſſens, dieſe bei dem Manne ganz natürliche Seelenergießung in die⸗ ſer nächtlichen Stunde, wo er in der Stille und Einſamkeit ſeine Gedanken über ſeine Handlungen am Tage ſammelt und den tröſtenden Schlaf ſucht oder die rächende Schlafloſigkeit fürchtet. Höre jetzt das Geheimniß, das Francine gleichfalls ihrem Kopfliſſen anvertraut. 298 Wolfrang zeigt ſeiner Gefährtin einen andern Gang, der zum Zimmer der Frau Lambert führt, und wo folgende Worte der jungen Frau bis zu Sylvia gelangen: „André! Er, dem ich Alles verdanke, ſogar das Brod, das ich eſſe! er hat meinen Ruf geret⸗ tet. Er hat Mitleid mit mir gehabt, er behält mich bei ſich . . . und der Andere . . . dieſer herz⸗ loſe Menſch . . . dieſer Elende, für den ich mich ins Verderben geſtürzt hätte, konnte es trockenen Auges mit anſehen, wenn mein Mann mich verſtieß . . . es lag ihm Nichts daran, ob ich verhungerte oder mich verkaufte. Kein Wort des Mitgefühls für mich! . . . Er fürchtete, ich könnte ihm auf dem Hals liegen bleiben, ſo geizig iſt er. Und ich konnte glauben, daß er mich liebe! und ihm würde ich die Ruhe, das Vertrauen, die Ehre des beſten der Männer geopfert haben. (Sie vergießt heiße Thrä⸗ nen.) Wie unglücklich bin ich, mein Gott, mein Gott! Und wenn ich daran denke, daß Nichts, nicht einmal meine Dankbarkeit für Andrés engelgleiche Güte, das Geſchehene ungeſchehen machen kann, daß Nichts mir das Vertrauen Andrés wieder ſchenken, daß Nichts mich die Urſache meines Kummers ver⸗ geſſen machen kann, dieſen Luxeuil, den ich jetzt eben ſo haſſe und verachte, als ich ihn früher be⸗ wunderte! Oh André, Du biſt gut wie Gott! Auf den Knieen, mit gefalteten Händen muß ich Deinen gebenedeiten Namen ausſprechen. Ach, wo wäre ich jetzt ohne Deine Barmherzigkeit? Dir verdanke ichs, daß ich das Elend und die entwürdigenden Verſuchungen in ſeinem Gefolge nicht zu fürchten 299 brauche; ich weiß es wohl, André hatte Recht, ich würde dieſen Verſuchungen nicht widerſtanden haben; ich bin ſo ſchwach, ſo feig! ich würde es gemacht haben wie ſo viele Andere, und er rettet mich vor dieſer Schmach. (Pauſe und Thränen.) Ach, ſo wie es mir jetzt zu Muth iſt, würde ich hundertmal lieber ſterben, als einen neuen Fehltritt begehen . . . Ich habe zu viel gelitten! . . und André hat zu viel gelitten! Es war mir ſo leicht ihn nicht un⸗ glücklich zu machen und auch mich ſelbſt nicht in ſolches Unglück zu ſtürzen! Welch ein Leben! (Wei⸗ nend.) Immer von dieſen verzehrenden Gedanken heimgeſucht zu werden! Es iſt unmöglich ein Auge zuzuthun. . Ich habe das Fieber .. Oh ich werde heute Nacht ſo wenig ſchlafen als in der letzten. Welch ein Leben! welch ein Leben! (Francines Stimme verliert ſich in ihrem Geſchluchze.)“ Lolfrang zu Sylvia. — „Und jetzt, Sylvia, laß uns in den erſten Stock hinaufgehen, wo Herr Borel und Mamſell Cricri wohnen. XXVII. Wolfrang und ſeine Genoſſin ſind die Wendel⸗ treppe hinangeſtiegen, die zu dem geheimen Gang im erſten Stock führt. Die junge Frau hält ihr Ohr an das Höhrrohr, das mit dem Schlafzimmer des Herrn Borel in Verbindung ſteht, und vernimmt folgendes Zwiegeſpräch: Madame Borel. — „Aber noch einmal, mein Lieber, daß der Verbrecher die Gegenwart des recht⸗ . 300 ſchaffenen Mannes unerträglich findet, verſteht ſich von ſelbſt; aber daß der rechtſchaffene Mann ſich durch die Gegenwart des Verbrechers beengt fühlen ſoll, das kann ich nicht begreifen, und es würde mir unmöglich erſcheinen, wenn ich nicht Dein Zart⸗ gefühl und Deine Rechtſchaffenheit kennte, die ſo zu ſagen dermaßen reizbar ſind, daß ſchon die bloße Anweſenheit eines unredlichen Menſchen ſie in Har⸗ niſch bringt, mit andern Worten, es wäre ganz natürlich, wenn dieſer elende Dubousquet aus dem Hauſe fliehen wollte, wo Dein Anblick ihn fort⸗ während an ſeine Verbrechen erinnert; aber daß Du durchaus eine Wohnung verlaſſen willſt, an der wir aus ſo vielen Gründen hängen, das erſcheint mir, halte mir den Ausdruck zu gut, unvernünftig.“ Herr Borel. — „Meine Abneigung gegen dieſen Elenden iſt unüberwindlich, der Gedanke ihm zu begegnen iſt mir verhaßt. Es mag dieß eine Schwachheit ſein, aber es iſt ſo. Und da Herr Wolfrang ſich weigert dieſen ehemaligen Galeeren⸗ ſträfling aus dem Hauſe zu jagen, was ich von einem Manne, der ſonſt ganz ehrenwerth zu ſein ſcheint, nicht begreife, ſo iſt es an mir auszuziehen.“ Madame Borel. — „Alſo ſollteſt Du, Du, der rechtſchaffenſte Mann von der ganzen Welt, vor einem ſolchen Hallunken fliehen müſſen! Nein, nein, mein Lieber, Du mußt die Sache noch einmal über⸗ legen . die Nacht bringt Rath . . . Du wirſt Dich über ſolche Empfindlichkeiten hinwegſetzen, die wahr⸗ haft unbegreiflich ſind, wenn man wie ich die Auf⸗ richtigkeit und Feſtigkeit Deines Charakters kennt. 301 Gute Nacht, lieber Mann; morgen wollen wir auf dieſes Geſpräch znrückkommen.“ Herr Borel. — „Gute Nacht, liebe Frau.“ Eine Pauſe von einigen Minuten folgt auf den Weggang der Frau Borel, während ihr Mann ſich mit den Vorbereitungen zum Schlafengehen beſchäftigt. Herr Borel, ſich auf ſein Bett werfend, in tief betrübtem Tone. — „Ach, wie viele Millionen wollte ich nicht heute geben, wenn ich nicht den Bruder dieſes Dubousquet um dieſe lumpigen fünf⸗ zigtauſend Franken betrogen hätte, welche die erſte Quelle meines ungeheuern Vermögens geworden ſind! (Lange Pauſe.) Ach! ſo rufe ich jeden Abend, wenn ich allein bin und mich noch unter dem Ein⸗ druck der Zärtlichkeit und Verehrung befinde, die meine Frau und mein Sohn mir widmen, und wenn dann die Erinnerung an meine ſchlechte That ſogar die Zeichen der Zuneigung und Hochachtung dieſer beiden meinem Herzen ſo theuren Veſen vergiftet! Ach, Gott allein weiß, was ich leide, wenn ich ſie jeden Tag meine Rechtſchaffenheit und mein Zart⸗ gefühl preiſen höre. Jeder ihrer Lobſprüche iſt ein Dolchſtoß für mich, und dennoch bin ich mit Aus⸗ nahme dieſes Vertrauensmißbrauchs, welchem ich die Mittel zu meinem Glück verdankte, immer ein ehrlicher Mann geweſen. Die gewiſſenhafteſte Recht⸗ ſchaffenheit iſt zugleich meine Buße und mein Luxus geworden .. Ich verſchwende an die Armen das Gold mit vollen Händen ich unterſtütze die Künſte ich mache den beſtmöglichen Gebrauch von meinem Vermögen .. . aber ſeine Wurzel hat es in einer Abſcheulichkeit, und für mich, für mich 302 allein ſind ſeine Früchte bitter und faul. Die Erin⸗ nerung an meine Schandthat wird die Falte des Roſenblattes, die dem Sybariten unerträglich war. Und wenn ich noch tauſendmal reicher wäre, ſo ver⸗ möchte ich die Schmach, die mein Leben befleckt, nicht mit Millionen und aber Millionen zu tilgen. „Ach, ich bin ſehr unglücklich! Was ſollte aus mir werden, wenn meine Frau und mein Sohn je erführen, daß ich eines jener Vertrauensmißbräuche ſchuldig ſei, welche Alexis erſt heute noch ſo energiſch gebrandmarkt hat! Dieſe beſtändige Beängſtigung iſt eine Todesqual für mich. Mit welcher Verachtung würden meine Frau und mein Sohn mich anſehen, oder wenn es ihnen gelänge ſie vor mir zu ver⸗ bergen, welches ſchmerzliche Mitleid, welche grau⸗ ſame Enttäuſchung würde ich nicht bei all ihrer erheuchelten Nachſicht in ihrer Seele leſen! Mein Gott, wie viele Millionen gäbe ich nicht heute, wenn ich dieſe fünfzigtauſend Franken nicht geſtohlen hätte! O ja, ja, ich bin ſehr unglücklich! (Neue Pauſe.) Nein! ich kann mich unmöglich entſchließen länger hier zu bleiben. Die Anweſenheit dieſes Dubousquet wäre eine unerträgliche Folterqual für mich. Die Unſchuld dieſes Märtyrers brüderlicher Hingebung zermalmt mich. Unwillkürlich bewundere ich dieſen Mann, und er erfüllt mich mit Schrecken. Noch geſtern machte ſein ſchüchterner Blick mich bis ins Mark der Knochen ſchaudern, und als er mit ſeiner ängſtlichen und ſanften Stimme zu mir ſagte: Sie wiſſen doch wohl, daß ich ein rechtſchaffener Mann bin, da floß mir der Schweiß über die Stirne, ich 303 fühlte mich als Böſewicht. Nein, nein, ich bleibe nicht in dieſem Hauſe. (Pauſe.) „O providentielle Zuͤchtigung! Ich, Borel, der Finanzmann, deſſen glänzende Rechtſchaffenheit kaum noch alle Journale prieſen, ich, Borel, ſehe mich genöthigt vor dieſem Galeerenſträfling zu entfliehen! Ach, ich bin ſehr unglücklich! . . . (Neue Pauſe.) Und dennoch wie kann ich den ſo wahren und ſo verſtändigen Bemerkungen meiner Frau widerſtehen? Wenn ich darauf beharre dieſes Haus zu verlaſſen, ſetze ich mich da nicht der Gefahr aus ſie auf die Fährte der Wahrheit zu bringen oder ihren Arg⸗ wohn rege zu machen? Vergebens verſchanze ich mich in den angeblichen unüberwindlichen Wider⸗ willen, welchen der Anblick dieſes Uebelthäters mir errege .. dieſer Vorwand iſt ſo unſtichhaltig, ſo unvernünftig, daß meine Frau kaum daran glauben kann, weil er mit der gewöhnlichen Richtigkeit meines Urtheils gänzlich contraſtirt. Es wäre alſo gefähr⸗ lich für mich, wenn ich noch länger dabei beharren wollte. Und gleichwohl ruft die Anweſenheit dieſes Mannes auch noch meine Gewiſſensbiſſe wach . . . Und wenn er, um ſich an mir zu rächen, Eröff⸗ nungen machte? Man würde ihm nicht glauben, da er vor Gericht gegen ſich ſelbſt gezeugt hat, aber dennoch könnten ſeine Mittheilungen, ſo un⸗ glaublich ſie meiner Familie erſcheinen würden, zu⸗ ſammengehalten mit meinem hartnäckigen Wunſch dieſes Haus zu verlaſſen. .. Mein Gott! was thun, was thun? Ich weiß es nicht. Morgen vor Tag, ſobald ich erwache, will ich mich darüber beſinnen. Ich ſchlafe ſo wenig! . . . Verſuchen wirs indeß 304 Schlaf und Ruhe zu finden . . . ich habe ihrer nie mehr bedurft. (Neue Pauſe, unterbrochen durch erſtickte Seufzer; Herr Borel ſchläft endlich halb ein, indem er noch vor ſich hermurmelt:) ach, wie viele Millionen gäbe ich nicht heute dafür, wenn ich nicht .. Er vollendet nicht, ſeine Stimme erſtirbt und Sylvia hört nur noch die Athemzüge ſeines peinlich bedrückten Schlafes. Wolfrang. — „Und jetzt, Sylvia, laß uns die Geheimniſſe des Kopfkiſſens dieſer Schanddirne anhören, deren Laſter ſich durch die Verlaſſenheit und das Elend, worin ſie von Kind⸗ heit an gelebt, erklären aber keineswegs entſchul⸗ digen laſſen.“ Mamſell Cricri hält im Augenblick ihres Schla⸗ fengehens folgendes Zwiegeſpräch mit ihrer Zofe. Cricri. — „Und vergiß nicht, daß Du mich weckſt, ſobald es Tag wird.“ Louiſe. — „Ja, Madame.“ Cricri. — „Und ſag Catharine, ſie ſolle ſich gleich bei Tagesanbruch am Fenſter des Vorzimmers, das nach der Treppe geht, auf die Lauer ſtellen.“ Louiſe. — „Ja, Madame.“ Cricri. — „Luxeuil wird ohne Zweifel morgen auszugehen verſuchen, was er heute blos gewagt hat, um mir eine Scene zu machen.“ Louiſe. — „Barmherziger Gott, welche Scene! Madame, welche Scene! Ich glaubte, er wolle Sie erwürgen wegen dieſes Käſtchens, von dem er ſprach und das Sie ihm nicht zurückgeben wollten . . . die Augen drangen ihm aus dem Kopf, es war ſchrecklich.“ ———— 305 Cricri (lachend). — „Und häßlich, nicht wahr, für einen ſo ſchönen Mann!“ Louiſe. — „Allerdings war er in dieſem Au⸗ genblick gar nicht ſchön. Aber an Ihrer Stelle würde ich ihm ſein Käſtchen zurückgeben. Dieſer Menſch iſt im Stande irgend einen ſchlimmen Streich zu ſpielen; ſeine Naſe wird weiß, wenn er in die Wuth kommt . . und das iſt ein Zeichen .. .“ Cricri. — „Ihm ſein Käſtchen zurückgeben? Ei warum nicht gar? es iſt viel zu koſtbar.“ Louiſe. — „Was iſt denn darin, Madame?“ Crieri. — „Geh jetzt nur zu Bett, und das werde ich auch thun. Ihr wißt, was ich Euch, Dir, Catharine und der Taglöhnerin verſprochen habe, wenn Ihr mir meldet, daß ein Frauenzimmer zu 5 ihm hinaufgeht, oder wenn Ihr ihn beim Hinaus⸗ gehen ſchnell genug abfaſſet, daß ich über Hals und Kopf hinter ihm herkommen kann.“ Louiſe. — „Seien Sie ruhig, Madame; wir ſind drei ſchlaue Dirnen, und er müßte es ſehr pfiffig angreifen, um uns zu entwiſchen.“ Cricri. — „Du haſt doch dem Remiſekutſcher ans Herz gelegt, daß er ſich morgen früh wieder vor der Thüre einfinden ſolle, wie heute?“ Louiſe. — „Ja, Madame.“ Cricri. — „Geh jetzt zu Bette, mein Mädchen.“ Louiſe. — „Gute Nacht, Madame.“ Cricri. — „Gute Nacht.“ Ein ziemlich langes Schweigen folgt auf dieſes Geſpräch. Cricri, während ſie zu Bette geht. — „O ja, ich werde Dich zu Tode quälen, Luxeuil, Du kannſt Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. MI. 20 306 auf mich zählen. In dieſem Käſtchen iſt Stoff vor⸗ handen, um ein Dutzend vornehme Damen zu Grunde zu richten. Die erſten Billete jeder Correſpondenz ſind unterzeichnet, weil ſie nicht compromittirend ſind. Später unterzeichnet man nur noch mit den Anfangsbuchſtaben und endlich nur noch mit dem Taufnamen. Aber die Schrift iſt dieſelbe, und das genügt als Beweis. Ich habe das Wörterbuch derfünfundzwanzigtauſend Adreſſen holen laſſen, und da mein Don Juan von Luxeuil ſeine Liebſchaften nur in der vornehmen Welt auswählt, ſo habe ich ſogleich Namen und Adreſſen der Corre⸗ ſpondentinnen meines Geizhalſes herausgebracht. Ha ich halte Dich, ja gewiß . .. Vergebens drohteſt Du mir mit dem Gericht, wenn ich Dir das Käſt⸗ chen nicht herausgäbe, ich habe Dir unter die Naſe gelacht; es würde Dir gar Nichts helfen, ohne vom Scandal des Prozeſſes zu ſprechen, denn die Briefe ſind an ſicherem Ort aufbewahrt, und ich habe Dir erklärt, daß ich, ſobald Du mich verklageſt, ein Kreis⸗ ſchreiben an die Eheherren dieſer Damen erlaſſen würde, um ihnen zu melden, daß ich Liebesbriefe von ihren Ehehälften zu ihrer Verfügung habe, woraus ſie erſehen ſollen, daß ſie die geſellſchaft⸗ liche Stellung des Helden eines MWoliereſchen Stückes theilen. Du wirſt mich alſo nicht verklagen, Du Geizhals von Luxeuil! Ich hatte ernſtlich eine Ca⸗ price für Dich, Du haſt mich verachtet wie den Koth Deiner Schuhe .. Ich werde Dir das Leben eben ſo hart machen, als das meinige iſt, dieß wird mich erquicken und tröſten, denn ich habe auch mei⸗ 307 nen Quälgeiſt . . . ach ja. .. und zwar einen ſehr abſcheulichen! . . .“ (Langes Schweigen.) „Es iſt dieſer alte Tiger von Franchevillers! Ich habe ihn . . . aber er hat mich auch . . . und das macht mich wüthend! . . . Ich beſitze jetzt einen herrlichen Schmuck. . . ſchöne Möbel . . . Domeſtiken Renten . . aber meine Freiheit beſitze ich nicht: ich hänge von meinem Anatol ab! er kann mich in ein Zuchthaus ſchicken . . . er wird dieſen Streich nicht ausführen, das weiß ich wohl, denn ich würde ihn wie er leibt und lebt im Pranger abdrucken laſſen . . . und er wäre verloren entehrt ... aber ich bleibe dennoch abhängig von meinem Anatol, und deßhalb verfluche, verabſcheue ich ihn Und ich habe ihn ruinirt, ich kann keinen lum⸗ pigen Liard mehr von ihm erwarten . . . und gleich⸗ wohl muß ich mich ſeinen Wünſchen unterwerfen.“ Neue Pauſe. 7 „Nun ja denn, es iſt ſchändlich; ja, dieſe Ab⸗ hängigkeit da und etwas Anderes noch werden mein Leben vergiften .. . und gleichwohl bin ich eine Rentiere Nichts mangelt mir . . . nun, ſo wahr ich Crieri heiße, ich glaube, ich werde dumm genug ſein, um mich nach der Zeit zurückzuſehnen, wo ich Modell ſtand oder Figurantin in den Folies Dramatiques war und als Mittageſſen für zwei Sous Galette am Gymnaſe genoß.“ (Pauſe.) „Oh an Dir will ich mich rächen, Geizhals von Luxeuil! Es wird mir eine Herzenserleichterung verſchaffen Dich leiden zu laſſen . . . Dich recht zu quälen . wie ein böſer Alp auf Dir zu liegen.“ Lange Pauſe. 20 * 308 „Es iſt doch curios! Als ich noch Schlappſchuhe trug und ſo große Angſt hatte, ich möchte im Spital ſterben und von den Studenten ſecirt werden .. . denn das war meine beſtändige Angſt, ich möchte ſecirt werden . . . es iſt einfältig und läppiſch, aber man iſt nicht Herr über ſich ſelbſt.. da ſagte ich immer zu mir: — Ach, wenn ich Renten hätte, dann wollte ich vergnügt ſein .. . dann wollte ich mich über Gott und die Welt luſtig machen! — Nun wohl . . es fällt mir immer wieder ein .. es iſt doch ſehr drollig . . jetzt habe ich Renten und mein Anatol kann jeden Tag ad patres gehen . . Wenn ich dann auch ihn und meine Furcht vor dem Zuchthaus los wäre, dann hätte ich wieder eine andere Qual . . . und von dieſer kann der Teufel ſelbſt mich nicht befreien. Wenn ich hundert, ja gar zweimalhunderttauſend Franken Rente hätte .. ja im Gegentheil, je mehr Renten ich hätte, um ſo mehr würde es mich quälen ich werde nie etwas Anderes ſein als eine Lorette. .. das iſt die Sache.“ (Lange Pauſe.) „Die Betrachtung iſt nicht ſehr luſtig und den⸗ noch . . es iſt wahr .. dennoch iſt mir dieſe ſchöne Betrachtung erſt gekommen, nachdem ich Renten er⸗ halten hatte. Als ich noch zum Lumpenpack gehörte und keinen Sou beſaß, da hatte ich nur eine einzige Idee, einen einzigen Traum .. Rentiere zu ſein, um nicht im Spital umkommen und mich von den Studenten ſeciren laſſen zu müſſen ... nun wohl, jetzt bin ich Rentiere . kein Menſch kann es leug⸗ nen auch befinde ich mich ganz wohl und den⸗ noch bin ich wüthend. Der Gedanke wird mich zu 309 Tode quälen, daß ich Lorette bin . . . das thut meiner Eigenliebe weh . . . Als ich neulich bei dem Wett⸗ rennen von Chantilly die vornehmen Damen auf ihrer reſervirten Tribüne ſah, da ſagte ich zu mir: Ich bin eben ſo hübſch und eben ſo gut gekleidet als irgend einer von dieſen ſpröden Zieraffen . . . ich würde vielleicht ihre Männer untreu machen, wenn ich mir die Mühe nehmen wollte . . . dennoch iſt es mir verboten mich neben ſie zu ſetzen, weil ſie ehrſame Damen ſind. Ja es iſt mir verboten, und wenn ich daran denke, daß ich hundert, zweihundert, dreihunderttauſend Franken Rente haben könnte, und wenn ich die Medicäiſche Venus in Fleiſch und Blut wäre, nun wohl, ſo wäre es immer das Gleiche. Ja der gar⸗ ſtigſte Balg mit einem Kleid von vier Sous kann, wenn er nur ein ſogenanntes ehrſames Frauen⸗ zimmer iſt, an Orte gehen, die mir verboten ſind, wohin ich, Cricri, nie werde gehen können . Ich könnte mich zwar betäuben, aber es iſt gleich; wenn ich allein bin wie jetzt und nicht ſchlafen kann, nagt der verfluchte Gedanke an mir: Ich könnte Millio⸗ nen reich ſein, ſo gäbe es dennoch Sachen, die mir verboten wären, weil ich Lorette bin. Oh Elend, Elend! Die einzige Sache, die man mit rechter Begierde und verzweifelt wünſcht, die man allen andern vorzieht, iſt juſt diejenige, die Dir verboten iſt. (Pauſe.) Vielleicht wäre es für mich beſſer ge⸗ weſen mit ſechzehn Jahren von den Studenten ſecirt zu werden. Eine recht joviale Idee zum Ein⸗ ſchlafen, und wahrhaftig, es wird mir gewiß davon 310 träumen, daß man mich ſecire. Schönen Dank, das iſt recht artig.“ Wolfrang. — „Und jetzt, Sylvia, laß uns in den zweiten Stock hinaufgehen, dann wirſt Du erfahren, welche Geheimniſſe Herr von Luxeuil und Herr von Franchevillers ebenfalls ihren Kopfkiſſen anvertrauen.“ XXVIII. Wolfrang und Sylvia ſind die Stufen hinan⸗ geſtiegen, welche zu dem geheimen Gelaß hinter den Wohnungen der Herren von Franchevillers und von Luxeuil führen. Sylvia hält das Ohr hin und überzeugt ſich, daß der junge Stutzer bald langſam bald haſtig in ſeinem Schlafzimmer auf und abſchreitet. Herrvon Luxeuil. — „Unmöglich zu ſchlafen! Schon die zweite ſchlummerloſe Nocht . . . und ohne Zweifel iſt es nicht die letzte! Es iſt aber auch kein Wunder . . wie bin ich nicht ſeit vorgeſtern an Einem fort geärgert, gequält, gemartert worden! (Sardoniſches Gelächter.) Ha, ha, ha! Allerliebſt wahrhaftig, allerliebſt! Ich habe bei dieſer kleinen Lambert die Rolle eines Einfaltspinſels geſpielt. .. Ihr Mann, dieſer elende Krämer, hat mich vor ihr wie einen Lumpenkerl behandelt. Zum Henker! Ich werde noch jetzt ſchamroth, wenn ich an die Unverſchämtheiten dieſes alten Schlingels denke. Ich, der ich im Ehrenpunkt ſo kitzlich bin, der ich mich zehnmal geſchlagen habe, ſoll dieſe Beſchimpfungen 311 hinunterſchlucken müſſen! . Aber was war zu machen? . Er fand ſeine Frau bei mir ich hatte nichts zu erwidern. „Und dann hat er Recht. „Iſt es mir je eingefallen mir dieſes Gänschen aufzuhalſen, mich mit ihrer Zukunft zu beſchäftigen, wie er mit unglaublicher Dreiſtigkeit verlangte?. .. Ich ſoll für ſeine Frau ſorgen! Welcher dumme Einfall von dieſem Lambert! Eine Ausgabe von drei bis viertauſend Franken jährlich! Damit kann ich beinahe zwei von meinen Pferden unterhalten. Ich ſollte meinen Pferdeſtand um die Hälfte herab⸗ ſetzen? denn um nichts in der Welt möchte ich meine Einkünfte überſchreiten oder auch nur aufhören ein Fünftel davon für allerlei Fälle, die man nicht vorherſehen kann, zu erſparen. Nun ſoll mich der Teufel holen, wenn ich unter dieſen Fällen je an die Möglichkeit gedacht habe für die Zukunft dieſer kleinen Lambert ſorgen zu müſſen. Nein, ſo dumm bin ich nicht. Es wäre das erſte Mal, daß ein Frauerzimmer mich etwas gekoſtet hätte. Gott ſei Dank, meine Börſe iſt ohne Schaden aus dieſem Abenteuer hervorgegangen, aber ſo viel bleibt den⸗ noch wahr, daß ich eine höchſt armſelige und lächer⸗ liche Rolle dabei geſpielt habe. Wenn die Sache an den Tag käme, man würde mit Fingern auf mich deuten .. Glücklicherweiſe iſt der Buchhändler eben ſo ſehr wie ich dabei intereſſirt, daß Alles verſchwiegen bleibt. (Pauſe.) Aber dieß Alles iſt noch nichts gegen die Widerwärtigkeiten, womit dieſe ſataniſche Cricri mich bedroht. Konnte ich doch heute nicht einmal ausgehen, um Heloiſe und Marie 312 zu beſuchen, weil ich fürchten mußte, daß dieſes ab⸗ ſcheuliche Geſchöpf mir folgen würde. Sie iſt zu jedem noch ſo tollen und boshaften Streich fähig. Ich mußte einen Brief ſchreiben, um ein Rendezvous hinauszuſchieben, das ich heute daheim haben ſollte . . . denn dieſe Elende wäre im Stande die Frauenzimmer zu beſchimpfen, die hieher kämen. Hol mich der Teufel, es fehlte nicht viel, ſo hätte ich dieſe Viper zertreten, als mein Kammerdiener mir endlich geſtand, daß er ſie allein im Vorzimmer ge⸗ laſſen hatte, und ich nicht mehr daran zweifeln konnte, daß ſie das Käſtchen mit meinen Briefen geſtohlen hat. Ueberdieß hat das unverſchämte Ding es nicht einmal geleugnet. Sie werde mich, ſagte ſie, die Bedingungen wiſſen laſſen, unter welchen ſie dieſe Correſpondenz en gros oder en détail zu⸗ rückzugeben geneigt ſei. Hah, die Canaille! Es iſt indeſſen möglich, daß dieß blos eine leere Drohung iſt, um mich zu erſchrecken, um ihre Rolle als Säge, wie ſie ſich ausdrückt, fortzuſpielen. „Nein, es iſt ſchrecklich! Es kann ſo nicht fort⸗ gehen! Ich kann doch nicht meine ganze Exiſtenz durch dieſes gemeine Weibsbild beunruhigen und vergiften laſſen! Ich kann und will mich nicht durch dieſe Diebin plündern und ruiniren laſſen .. . Denn ſie iſt eine Diebin . . Dieſe Briefe hat ſie mir ge⸗ ſtohlen . . . Es gibt noch Geſetze in der Welt ... Ich habe mein Jus ſtudirt . . . die Entwendung von Briefen wird als Vertrauensmißbrauch betrachtet: Ich werde meine Klage einreichen und . (Pauſe.) Ja .. . und hernach? .. . Oh die Schänd⸗ liche Sie hat mir geſagt, die Briefe ſeien in 313 ſicherer Verwahrung, und wenn ich meine Klage einreiche, ſo erläßt ſie ein Rundſchreiben an die Chemänner . . . Nein, das iſt entſetzlich! . . Ich will nichts von den fünf oder ſechs Duellen ſagen, die mir nothwendig auf den Hals kommen und die an und für ſich nichts weniger als amüſant ſind . . . Wenn ich das Glück habe in dieſen Duellen nicht getödtet zu werden, ſo bin ich moraliſch oder ma⸗ teriell mit einigen Damen gequält, die durch meine Schuld ihre Stellung verloren haben. — Einige davon, wie Heloiſe z. B., ſind zwar reich verhei⸗ rathet, aber beinahe ohne alles perſönliche Ver⸗ mögen . .. Und nach einem ſolchen Eclat würde ich für einen Elenden gelten, wenn ich ſie im Stich ließe .. Warum ſoll ich nicht ſogleich auf meine Koſten ein Zufluchtshaus für Frauen errichten, die von ihren Männern getrennt ſind? (Sardoniſches Gelächter.) Ha, ha, es iſt allerliebſt! Das wäre eine philanthropiſche Stiftung, an welche Herr von St. Pro ſper nicht gedacht hat. (Neue Pauſe.) „Das Schrecklichſte an meiner Stellung iſt, daß ſie mir, je mehr ich daran denke, je tiefer ich ſie erforſche, um ſo unentwirrbarer erſcheint, denn wenn dieſes hölliſche Geſchöpf ſichs einmal in den Kopf geſetzt hat mir aufzupaſſen, mir nachzufolgen und beſtändig auf der Lauer zu liegen oder ihre verdammten Mägde auf der Lauer liegen zu laſſen, um zu ſehen, wer zu mir kommt, ſo wird mein Leben zur Hölle und ich liege beſtändig auf der Folter. Dieſe Quälerei entgeht dem Geſetz . . . Alle Polizeicommiſſäre von der Welt können mich dagegen nicht ſchützen . . . Wenn ich ſie aus dem 314 3 Haus jagen laſſe oder ſelbſt ausziehe, ſo wird ſie ſich gleich morgen anderwärts aufpflanzen, und wenn ich ihr auch hie und da entwiſchen könnte, ſo müßte ich doch in beſtändiger Angſt leben .. Aber was iſt das noch gegen den Gebrauch, den ſie von dieſer verdammken Correſpondenz machen will? Zum Teufel mit den Frauen, welche die Schreibwuth haben, und mit den Einfaltspinſeln gleich mir, die aus Eitelkeit Briefe aufbewahren, ſtatt ſie zu verbrennen! Aber es gibt da nicht mehr viel zu bedenken: Ich muß mich entweder den Folgen der Bekanntmachung dieſer Briefe ausſetzen, und dieſe Folgen machen mich aus tauſend Gründen zittern, oder ich muß mich entſchließen die Briefe bei dieſer infamen Cricri auszulöſen. Da ſie mich reich weiß, da ſie mich ohne Zweifel für noch reicher hält als ich bin, ſo wird ſie die Ruchloſigkeit haben hundert, zweihundert, vielleicht dreimalhunderttau⸗ ſend Franken für die Rückgabe zu verlangen. Am Ende ſtellt ſie einen noch höhern Preis „ was macht ſie ſich daraus? . . Aber nein; freiwillig ein Drittel oder gar die Hälfte meines Vermögens wegzugeben, dazu könnte ich mich nicht entſchließen. Es iſt ſchon mehr als genug, daß ich mich mit den Ehemännern ſchlagen muß. (Lange Pauſe.) Es bleibt mir alſo nur ein einziger Ausweg übrig: ich muß Paris und Frankreich verlaſſen auf die Gefahr hin, daß hinter meinem Rücken der Skandal zum Aus⸗ bruch kommt, den dieſes abſcheuliche Geſchöpf aus Rachſucht anſtiften wird. . . Barmherziger Gott! (Man hört einen Tiſch, den Herr von Lureuil in der Wuth umgeſtoßen hat, auf den Boden fallen.) 315 So weit iſt es alſo mit mir gekommen! (Lange Pauſe, nach welcher man hört, wie Herr von Lu⸗ reuil ſich erſchöpft auf ſein Bett wirft.. Ich bin wie gerädert . . . Ich habe das Fieber .. Wenn das ſo fortgeht, werde ich noch ein Narr. (Reues ſardoniſches Lachen.. Ha, ha, ha, wie ſchön doch das Leben eines Mannes iſt, dem das Liebesglück zulächelt!“ Wolfrang. — „Und jetzt komm zwei Schritte weiter her, Sylvia; halte dein Ohr an dieſen Gang und vernimm die Geheimniſſe, welche der Nachbar des Herrn von Luxeuil ſeinerſeits ſeinem Kopfliſſen anvertraut.“ Herr von Franchevillers (mit gepreßter Stimme). — „Unmöglich einzuſchlafen! . . . unmög⸗ lich!. . . Aber im Ganzen iſt mir das noch lieber als Träume, wie in der letzten Nacht. Ich ſaß auf der Armenſünderbank . . . zwiſchen zwei Gendarmen . .. und ſchnitt mir mit einem Raſier⸗ meſſer die Kehle ab, als ich meine Verurtheilung zu fünfſährigem Gefängniß wegen Verletzung mei⸗ ner Amtspflichten angehört hatte. . . Das iſt luſtig. .. (Pauſe.) Und in dieſen ſchrecklichen Fall kann ich jeden Tag kommen, ſo geſchickt ich auch meine Vor⸗ ſichtsmaßregeln getroffen habe. Es genügt bloß eine einzige wenn auch unwillkürliche Indiscretion von Seiten meines Mitſchuldigen Morin, es genügt ein boshaftes Geſchwaze von dieſem Mädchen, um mich zu Grunde zu richten! Dahin iſt es alſo nach dreißig Jahren eines unbeſcholtenen Lebens mit mir ge⸗ kommen! Und warum iſt es ſo weit gelommen? Weil ich mich von der wahnſinnigen Leidenſchaft 316 hinreißen ließ, die dieſes Geſchöpf mir einflößte und noch immer einflößt ... dieſes Geſchöpf, das ich verachte, das ich verabſcheue und von dem ich mich nicht losſagen kann. (Neue Pauſe.) „Dieſe Angſt, daß meine Schande ans Licht kommen könnte, beherrſcht mein ganzes Leben, alle meine Eindrücke. Als man daher vorgeſtern Abend bei Herrn Wolfrang meine Rechtſchaffenheit pries, da ſagte ich zu mir ſelbſt: Ha, wenn man wüßte, daß ich ein Elender bin! Derſelbe Gedanke kam mir, als geſtern der Geſandtſchaftsſecretär mir die Inſignien Carls III. im Namen ſeines Souveräns überreichte . . . eine Huldigung, welche dem unbe⸗ ſtechlichen Geſchäftsmann und Beamten galt. Der⸗ ſelbe Gedanke quälte mich noch, als heute Abend beim Empfang in den Tuilerien der König vertrau⸗ lich und mit ſo entſchiedenem Wohlwollen zu mir ſagte: „Herr von Franchevillers, die Oppoſition iſt Ihnen in dieſem Augenblick wegen Ihres edlen Benehmens ſo wohlgeneigt, daß ich damit umgehe Ihnen ein Portefeuille anzuvertrauen. Gewiſſe Ge⸗ ſetzesentwürſe, deren Verwerfung durch die Linke wir fürchten müſſen, hätten große Ausſicht auf guten Empfang, wenn ſie von Ihnen eingereicht und aufrecht gehalten würden . . . Dieſe Worte haben mir bei weitem nicht die Freude gemacht, die ein ſolches unverhofftes Glück hätte machen ſollen. Mein erſter Gedanke war wieder: Ha, wenn man ent⸗ deckte, wie ich meine Amtspflicht verletzt habe! (Neue Pauſe.) „Ja wenn ich morgen Miniſter, wenn ich mor⸗ gen Cabinetspräſident wäre, wenn ich umgeben von 317 der allgemeinen Achtung mein Land regierte, ſo würde das meine Befürchtungen nur noch verdop⸗ peln, weil ich wüßte, daß man mich nur um ſo feſter ins Auge faſſen müßte, weil ich nur um ſo mehr beneidet würde, nur um ſo mehr den eifer⸗ ſüchtigen und böswilligen Rachfragen ausgeſetzt wäre. Meine politiſchen Freunde ſelbſt, denen ich verdunkelnd im Wege ſtände, wären die Erſten, die ſich an meinem Untergang freuen würden .. Ha, ich kenne die Welt . und deßhalb zittere ich . Welches Daſein. .. Mein Gott, welches Daſein ...“ In dieſem Augenblick hört Herr von Franche⸗ villers im obern Stock, wo Herr Dubousquet wohnt, das Gekläffe Bonhommes und gleich darauf ein heiteres Geträller von Seiten ſeines Herrn. Herr von Franchevillers (erbittert). — „Abermals dieſes Hundegebell! Abermals dieſer Geſang! Dieß iſt unerträglich! Sollte man nicht meinen, dieſer Menſch, der jeden Abend ſo ſingt, müſſe ein ganz ruhiges Gewiſſen haben, während ich in beſtändiger Angſt vor einer Schande lebe, die vielleicht noch ſchrecklicher wäre als der Tod ſelbſt? Dieſer Kerl hat wenigſtens ſeine Rechnung mit der Juſtiz abgemacht. . . er weiß, welche Zu⸗ kunft ihn erwartet. . er weiß, daß er der allge⸗ meinen Verachtung anheimgefallen iſt . . aber ſein Schickſal iſt doch wenigſtens entſchieden. .. während für mich die Zukunft nur Zweifel und Beängſtigun⸗ gen in ihrem Schooße birgt. Meine Schändlichkeit kann vielleicht ſchon morgen entdeckt werden . . vielleicht erſt in einem Jahr . vielleicht wird ſie auch gar nicht entdeckt. Aber ſelbſt in dieſem letz⸗ 318 ten Fall wird meine Todesqual mein ganzes Leben hindurch währen, denn ich werde bis zu meinem letzten Tag zittern müſſen. . . Ha, dieſer Kerl da iſt ſehr glücklich . . . er hat ſeine Schuld bezahlt. . er braucht nicht mehr zu zittern. . er ſingt! (Lange Pauſe, geſtört durch neues Gebelle von Bonhomme und fortgeſetztes Geträller von Dubousquet.) Herr von Franchevillers (wüthend). — „Noch immer dieſer Geſang. .. noch immer! Iſt dieß ein Hohn auf meine Beängſtigungen? Wenn dieſes unverſchämte Singen nicht aufhört, ſo klopfe ich an die Decke . . . dann wird er vielleicht aufhö⸗ ren meine Ruhe zu ſtören . .. dieſer Elende, den ich um ſeinen Seelenfrieden beneide! ... Fluch über mich!. .. Dieſen Menſchen beneiden zu müſſen!“ Wolfrang. — „Komm, Sylvia, laß uns in den andern Stock hinaufgehen.“ XXIX. Wolfrang und Sylvia haben den geheimen Gang erreicht, der ſich hinter den Wohnungen der Sän⸗ gerin Antonine Jourdan ſo wie der Herren von St. Proſper und Dubousquet hinzieht. Sylvia lauſcht. Herr Dubousquet ſingt: Ich kin ein ehrlicher Mann, Ich bin ein ehrlicher Mann! Tu tu relututu.. tu tu, relututu. Ich ein ehrlicher Mann, Nicht wahr, mein Bonhomme, Du! 319 (Gebelle des Pudels.) „Ei wahrhaftig, mein guter Hund, du wußteſt ja ſelbſt, daß Dein Herr ehrlich iſt, nicht wahr? (Neues Gebelle des Pu⸗ dels.. Ja wohl! aber nur nicht ſo laut! der Nach⸗ bar von unten beklagt ſich . . . und Herr Wolfrang und ſeine Frau ſind ſo gütig gegen uns, ſiehſt Du, daß man ſie nicht der Unannehmlichkeit ausſetzen darf Klagen über uns vernehmen zu müſſen. Ach ja, ſie ſind gut. . . ſie ſind ſo gut wie das liebe Brod. Haben ſie nicht meine unglückliche Nichte bei ſich aufgenommen . . . die arme Toinette, die ihr Schurke von einem Herrn fortſchickte! Ach mein guter Bonhomme, Du kannſt Dir, Gott ſei Dank, ſolche Abſcheulichkeiten gar nicht vorſtellen, denn Du biſt ein ehrlicher Hund. „Ich hatte meiner Nichte den Vorſchlag gemacht ſie zu uns zu nehmen, es hätte ihr an nichts ge⸗ fehlt, ſie hätte ſich mit der Haushaltung beſchäftigt. Sie hat abgelehnt. (Mit einem Seufzer.) Mein Gott, ja mein guter Bonhomme, ſie hat abgelehnt weißt Du auch warum? (Gebelle des Pudels.) Nein? Nun wohl, ich will es Dir ſagen. Ihre Mutter hätte ſie nie wieder ſehen wollen, das arme Kind, wenn ſie ſich dazu verſtanden hätte bei mir zu wohnen, der ich Schande und Unglück über un⸗ ſere Familie gebracht habe . .. Oh gewiß, mein guter Bonhomme, ich verhehle es Dir nicht, Toi⸗ nettes Weigerung und beſonders ihre Urſache dazu haben mir Kummer, viel Kummer gemacht. Und dann habe ich zu mir geſagt: Dieſes Kind hat im Ganzen nicht Unrecht .. und ſeine Mutter auch nicht. ſie halten mich für einen Verbrecher 320 ſie glauben, daß die Scham über meine Unehre meinem armen lieben Bruder das Leben verkürzt habe .. es iſt ganz natürlich, daß ſie einen Wi⸗ derwillen gegen mich hegen. Nicht wahr, mein Bonhomme? (Gebell des Pudels.) „Nun bei Gott, ich habe mich da wie immer mit dem Gedanken getröſtet, daß meine Nichte, wie ſo viele Andere, mich ganz mit Unrecht verachten und haſſen, und daß ſie und ihre Mutter, wenn ſie den ganzen Sachbeſtand wüßten, mich eben ſo lieben würden, wie ſie mich jetzt verabſcheuen. .. Ja, wahrhaftig, mein lieber Vonhomme, man würde dann nur noch gute Wörtchen für Deinen Herrn haben. Lieber Schwager! würde meine Schwägerin ſagen. Guter Onkel! würden die Kinder rufen. Ach, das würde ſehr ſüß in meinen Ohren klingen. Aber was willſt Du? Ich kann an ſolche Freuden nicht denken, ich müßte das Andenken meines Bru⸗ ders in den Augen ſeiner Frau und ſeiner Kinder entehren; dazu werde ich niemals den Muth haben. Was mich am meiſten ſchmerzte, ſiehſt Du, lieber Bonhomme, iſt der Umſtand, daß meine Schwäge⸗ rin trotz ihres Elends ſich durch ihre Vorurtheile abhalten ließ Etwas von mir anzunehmen. Aber geprieſen ſei der Gott der guten Leute! Herr Wolf⸗ rang hat mir verſprochen ſich meiner Schwägerin ſo wie meiner Familie anzunehmen und für ſie zu ſorgen. Er hat ſich nicht näher darüber erklärt, aber von einem Mann ſeiner Art muß ein ſolches Verſprechen mich über die Zukunft dieſer Unglückli⸗ chen beruhigen . . Nicht wahr, lieber Bonhomme? (Gebelle des Pudels.) 321 „Wahrhaftig, ſo bin ich denn durch Herrn Wolf⸗ rangs Güte von meiner allerſchlimmſten Sorge, meiner Unruhe über die Familie meines armen Bru⸗ ders, befreit. Dieß hat mir den allermeiſten Kum⸗ mer gemacht. Was das Uebrige betrifft, ſo war mein Leben nicht ganz mit Roſen beſtreut .. oh nein! ich fürchtete beſtändig, man möchte erfahren, daß ich im Bagno geweſen . . . Und gleichwohl war ich blos aus aufopfernder Hingebung für meinen Bruder dahin gekommen .. aber ich habe fremden Leuten gegenüber dieſe Furcht niemals zu bewälti⸗ gen vermocht. Sonſt wenn ich allein zu Hauſe bin mit dir, mein gutes Thier. . . und das iſt ja mein gewöhnliches Leben .. oh da erkenne ich ſelbſt den König nicht als meinen Herrn an ... ich laſſe mir's wohl ſein ich bin wie der Fiſch im Waſſer, ich halte den Kopf hoch empor, trete feſt vor den Spiegel, ſchaue mich an, und mein Geſicht gefällt mir ganz gut. .. Ei wahrhaftig, warum denn nicht? ſage ich zu mir... Ich bin ſo gut wie ir⸗ gend ein Anderer. .. Nicht wahr, lieber Bon⸗ homme? (Gebelle des Pudels.) Ei, ei, man liebt ihn alſo ſehr, dieſen Herrn, heh? (Neues Gebelle.) Ein guter Hund, das muß ich ſagen es gibt kein beſſeres Thier auf der Welt. nein, kein beſſeres. ach, ich hatte wohl Recht zu Herrn Wolfrang zu ſagen. Mit einem gu⸗ ten Gewiſſen und einem guten Hund als Freund kann man viel ertragen . . man hat recht ſchöne Augenblicke wahrhaftig in dieſem Augenblick bin ich überzeugt, daß Herr Borel, obſchon ſeine nie⸗ derträchtige Handlung, die einzige Urſache des Un⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 21 322 glücks unſerer Familie, unbeſtraft geblieben iſt .. ja ich bin überzeugt, daß Herr Borel nicht ſo glück⸗ lich iſt wie ich; er würde ganz gewiß nicht ſin⸗ gen: Ich i ein ehrlicher Mann, Ich bin ein ehrlicher Mann! Tu tu relututu. tu tu, relntutn. Ich bin ein ehrlicher Mann. Nicht wahr, mein Bonhomme, Dü! Der Pudel, welchen die ſteigende Lebhaftigkeit im Geſang ſeines Herrn in gute Laune verſetzt, hat ſich hinreißen laſſen dieſes im Baß gehaltene Ge⸗ träller mit ſeinem wiederholten Gekläffe zu accom⸗ pagniren. Auf einmal unterbrechen mehrere ſtarke Stöße unter dem Boden das Duett. Herr Dubousquet (leiſe zu ſeinem Hund). — „Schweigen wir, ſchweigen wir, lieber Bonhomme. Es iſt der Nachbar vom zweiten Stock, Herr von Franchevillers, der an ſeine Decke klopft, um uns zur Stille zu mahnen . . Er hat Recht. Wir müſſen uns darein fügen . .. Laß uns alſo ſchweigen und ſchlafen . . . es iſt ſpät. .. Ach wie gut es doch in einem guten Bette iſt! Leg Dich hieher . mein Bonhomme . hier, auf meine Füße . jo iſts recht .. mach Dirs bequem . . ſtrecke Dich nur recht aus; Du fürchteſt immer mich zu beläſtigen, armes Thier . . . und jetzt laß uns ſchlafen.. Oh es wird nicht lange anſtehen . iſt der Kopf ein⸗ mal auf dem Kiſſen, ſo kommt der Schlaf. ..“ 323 Herrn Dubousquets Stimme iſt allmälig ſchwä⸗ cher geworden; er murmelt noch immer ſeinen Re⸗ frain: „Ich bin ein ehrlicher . . . Mann Ich! Ich bin „ Dann überwältigt der Schlaf ihn vollſtändig, und Sylvia hört nur noch das Getöne der fried⸗ ſamen Athemzüge des weiland Galeerenſclaven. XXX. Wolfrang, der ſeine Gemahlin einige Schritte in dem geheimen Gang machen läßt: — „Jetzt Sylvia, höre den angeblichen St. Vincenz von Paula.“ Herr von St. Proſper. — „In drei Ta⸗ gen fünfzehnhundertſechzig Subſcribenten für mein Werk!. das iſt prächtig!. . das wird ein vor⸗ treffliches Geſchäft! . Wenn es ſo fortgeht, und warum denn nicht? — ſo kann ich bei vernünftiger Leitung der Sache das Nützliche mit dem Angeneh⸗ men verbinden; ich kann, ein Jahr in das andere gerechnet, zwanzig⸗ bis fünfundzwanzigtauſend Fran⸗ ken einnehmen und meine Rolle als Philanthrop, die mich ſo angenehm kitzelt, fortſpielen, denn es iſt kaum zu glauben, wie ſehr mein Name in Frankreich, in Europa und Amerika, kurz überall mit der höchſten Auszeichnung genannt wird. Ich von allen 324 Seiten her Zeichen der Hochachtung. Dieß ſchmei⸗ chelt mir und verführt mich ungemein. Es iſt wun⸗ derlich, aber es iſt ſo . . . Eine Wirkung des Contraſtes vermuthlich . und in Wahrheit. . . was war ich denn eigentlich vor der Erfindung dieſes Werkes? Ein ziemlich übelbeleumdeter Unternehmer, der ſchon oft hart am Strafgeſetz vorbeigeſtreift war, der von allerlei Hilfsmitteln lebte, der manchmal nicht wußte, wie er zu Mittag eſſen ſollte. . der hie und da einige hundert Franken zu ergaunern wußte, und herrlich und in Freuden lebte . . . Kurz und gut, ich war ein Kerl, der ſehr wenig Achtung ge⸗ noß . . mehr an ſchnödes Abweiſen als an freundliches Entgegenkommen gewöhnt war. Welche plötzliche Veränderung nun in meiner Lage! Die höchſtgeſtellten Männer und die vornehmſten Da⸗ men haben nur die höflichſten und ſchmeichelhafte⸗ ſten Worte für mich. Man mußte vorgeſtern bei Herrn Wolfrang das Concert von Lobeserhebun⸗ gen und Segnungen hören, womit ich begrüßt wor⸗ den bin! . . Herzog und Herzogin, Millionär⸗ gewordener Bankier, hoher Staatsbeamter und bis herab auf meine Nachbarin Antonine Jourdan, ohne von der Herrſchaft des Hauſes zu ſprechen; Alle überhäuften mich in die Wette mit Beweiſen hoch⸗ achtungsvoller Theilnahme, mich Thomas Blondeau, genannt von St. Proſper, mich, deſſen ehrbarſtes und letztes Gewerbe — der Teufel weiß, wie viel ich ihrer getrieben habe — darin beſtand Säug⸗ ammen unterzubringen . . . ein Gewerbe, das mir übrigens ſpäter die erſte Idee zu meinem Werke eingab. (Pauſe). — 325 „Ach warum iſt mir die Idee dieſes Werkes, das mich aus meiner Noth reißen, mir eine Stel⸗ lung verſchaffen ſollte, nicht gekommen, ehe ich Toinette als Magd annahm, und beſonders, ehe ſie dieſes unglückliche Kind zur Welt gebracht hatte? Aber damals verdiente ich mit meinem Gewerbe als Ammenanwerber kaum dasAllernothwendigſte für mich und Toinette, die ich als Magd in meinem Placi⸗ rungsbureau annehmen mußte. Die Erhaltung die⸗ ſes Kindes war in Zukunft eine ſchwere Laſt für mich, und beſonders gründete dieß eine Art von Band zwiſchen meiner Magd und mir. Ich hatte ſie niemals dazu veranlaſſen können ins Spital zu gehen. Ich habe mich durch dieſe Furcht beſtimmen laſſen, und ohne Wiſſen dieſer Unglücklichen, die nach der Geburt des Kindes beinahe halbtodt war, verſchwand es. Es iſt kein Beweis für die Thatſache vorhanden, und ſelbſt wenn Toinette aus Rache, daß ich ſie im Stich gelaſſen, ſie aufdecken würde, ſo würde ich Alles wegleugnen .. und dann fordere ich Jeder⸗ männiglich heraus, es mir zu beweiſen. „Wenige Tage nachher, als ich eine Ziegenheerde vorbeiführen ſah, kam mir die Idee zu meinem Verke; ich betrachtete es damals blos als eine Speculation auf die Menſchenliebe der Einfältigen, und bei den erſten Beſchäftigungen mit den Mit⸗ teln, um das Gelingen meines Plans zu ſichern, dachte ich nicht daran, wie viel Wunderliches, Fata⸗ les, furchtbar Providentielles in dem Zuſammentref⸗ fen lag, daß ich, der ich mein Kind vor eine Spitalkirche gelegt und ſomit dem Untergange preisgegeben hatte, was ich nicht vorherſah, was aber doch ſtattfand, ja 326 daß ich ein Werk ſtiften ſollte, das die Beſtimmung hatte das Leben der Kinder zu ſchützen. (Pauſe.) „Allerdings iſt mir der Gedanke an dieſes Zu⸗ ſammentreffen nicht ſogleich gekommen . .. Es iſt ſeltſam . .. unbegreiflich .. aber es iſt ſo .. Dieſe Idee drängte ſich mir ſpäter auf, als mein Plan zum erſten Mal zur Ausführung gelangte. Ich war damals wie betäubt durch dieſes Zuſam⸗ mentreffen ... Dann verſuchte ich mich ſelbſt zu täuſchen, und ſagte im Stillen: „Je nun, das iſt eine Art von Sühnung. Wenn ich mein eigen Kind dem Tode ausgeſetzt habe, ſo werde ich dafür Tauſende dem Tode ent⸗ reißen. — Mein Gewiſſen hat dieſer ſophiſtiſchen Lüge ihr Recht angethan. Ich hatte blos an eine Speculation gedacht, die mich aus meiner Noth ziehen ſollte. Deßhalb wurde es mir auch allmäh⸗ lig, als meine Stiftung feſten Fuß zu faſſen be⸗ gann, unmöglich mich der Erinnerung an mein Verbrechen zu entziehen, denn zehn — hundert — tauſendmal — täglich ſchrieb, ſprach oder hörte ich das Wort „Kind“, da dieſe Stiftung keinen andern Zweck hatte als den Dod der Kinder zu verhin⸗ dern. (Lange Pauſe.) „Es iſt unglaublich, wie ſehr ich durch dieſes ver⸗ hängnißvolle Zuſammentreffen gelitten habe und noch jetzt im Stillen leide. Ich hoffte, die Gewohn⸗ heit würde den ſcharfen, qualvollen Stachel, der in dieſem Gedanken liegt, abſtumpfen, aber es iſt nicht ſo. Im Gegentheil, je beſſer meine Umſtände wer⸗ den, je mehr Achtung und Bewunderung man meinem Werke zollt, um ſo unerträglicher werden 327 mir die Gewiſſensbiſſe über mein Verbrechen. Ich bereue es aufrichtig. Aber ſelbſt wenn ich es nicht bereute, wenn ich ein verhärteter Böſewicht wäre, ſo würden dieſe Worte Kinder oder Tod der Kinder, die mir beſtändig in den Ohren tönen, mir jeden Augenblick eine neue Qual bereiten, denn ſo unempfindſam man auch gegen das Böſe ſein mag, das man gethan hat, ſo liebt man doch we⸗ nigſtens die Erinnerung daran nicht. „Deßhalb war mir auch die Gegenwart die⸗ ſer Toinette, die beſtändig weinte, kränklich und durch den Verluſt ihres Kindes beinahe irrſinnig geworden war, furchtbar peinlich. Die Entdeckung ihrer Verwandtſchaft mit dieſem ehemaligen Galee⸗ renſträfling hat das Maß voll gemacht. Toinette hat Augenblicke, wo ſie wahrhaft wahnſinnig iſt, und obſchon ich ſie durch die Verſicherung erſchreckt habe, daß ſie vor die Aſſiſen käme, wenn das Ver⸗ ſchwinden ihres Kindes bekannt würde, ſo kann ſie dennoch ihrem Verwandten Dubousquet das Ge⸗ heimniß verrathen und dadurch einen Scandal ver⸗ urſachen, von welchem ich zwar gerichtlich nichts zu fürchten habe, der mir aber unter den gegenwärti⸗ gen tänden einen höchſt fatalen Schlag verſetzen wür Ich habe daher zu Toinette geſagt, daß ihre wandtſchaft mit einem Verbrecher mir nicht geſtatte ſie in meinem Dienſte zu behalten, daß ich ihr Rückreiſe nach Lyon bezahlen und noch über⸗ dieß eine Vergütung von fünfhundert Franken ge⸗ ben wolle. Ich verkaufe das Leben meines Kindes nicht! hat das unglückliche Mädchen gerufen; be⸗ zahlen Sie mir meinen ſchuldigen Lohn, und Sie 328 werden mich nicht wieder ſehen, Sie, der Sie mich in Schande und Unglück geſtürzt haben! Nichts konnte ſie beſtimmen mein Anerbieten anzunehmen. Sie iſt heute früh abgereist. Wohin iſt ſie gegangen? Was wird ſie machen? 3 Ich weiß es nicht, aber ich bin S ſehr unruhig darüber. (Langes Schweigen, auf welches ein tiefer Seußzer folgt.) Aber wie konnke ich mich anders dieſer täg⸗ lichen, ja ſtündlichen Qual entziehen, die rächenden Worte Kind, Tod von Kindern auszuſpreche oder ausſprechen zu hören? Wenn ich dieſe Worte auch nicht ſelbſt duzſpreche ſo iſt es mir, als ſähe ich ſie in blutigen Zügen mitten in das Dunkel ge⸗ ſchrieben, worin ich vergebens den Schlaf ſuche.“ XXXI. Wolfrang läßt ſeine Geführtin von Neuem einige Schritte in dem geheimen Gange machen und ſagt: „Horch! Sylvia, horch!“ Antonine Jourde n,1 Mutter knieend. — Ich habe eine große Pflicht er⸗ füllt. Dein Andenken, o Mutter, iſt mir heilig und es iſt fleckenlos gehlieben⸗ bin meinem Schwur treu geweſen . Ehre habe ich in den Augen meines Bräutigams meine eigene geopfert... Er hat mich ſchuldig geglaubt.. er hat ſich den Tod ge⸗ geben.. Dieſes Unglück wird im Hauſe hier meiner ſchlechten Aufführung zugeſchrieben. Man ſagt, Albert. habe, da er meine ſchmachvolle Verbindung mit dem Oberſten Germain entdeckt, ſeiner Verzweiflung or dem Bildniß ihrer * * 329 nicht widerſtehen können und ſich ſelbſt getödtet. Mein Ruf iſt in den Augen einer großen Anzahl von Menſchen verloren . . . meine Zukunft iſt zer⸗ trümmert . . ich habe Trauer für Albert angelegt und werde ſie immer tragen . . . Ich bin in Be⸗ gleitung meines Vaters bis an das Grab gefolgt; dort wird ſich ein Stein erheben unter Blumen und Geſträuchen, die ich ſorgfältig pflegen werde... Dieſe kleine Mitgift, die Frucht meiner Erſparniſſe, habe ich für Alberts letzte Wohnſtätte beſtimmt. Ich werde oft hingehen, um allda von meinem ver⸗ gangenen, für immer entſchwundenen Glück zu träumen. Von dieſer Art alſo wird mein Leben ſein .. Ich nehme es ergebungsvoll an . . . Du lieſeſt in meiner Seele, o meine Mutter! Sieh, ob ich Dich wegen meines Unglücks anklage, ob ich es bereue meine Pflicht bis ans Ende gethan zu haben? Nein, nein! das Gefühl dieſer Pflicht hat mir den Muth verliehen ein großes Opfer zu vollziehen, und jetzt iſt das Bewußtſein der erfüllten Pflicht meine Stütze, mein Troſt, meine Kraft! Dieſer Ge⸗ danke lindert nichts an der Herbheit meines Kum⸗ mers aber er macht ihn mir beinahe theuer... Ich bin ſtolz, ich bin glücklich für Dich zu lei⸗ den .. In meinem Schmerz iſt eine Art von Heiterkeit . . Meine Thränen werden beſtändig fließen . . . aber ohné Bitterkeit . . . und wenn ich bei dieſem Grabe, wo die Hoffnungen meiner Liebe, die Träume meiner Jugend verſcharrt liegen, viel⸗ leicht Anwandlungen von kleinmüthigem Verzagen empfinden werde, ſo wird mein Gewiſſen mir ſa⸗ 330 gen: Die Vergangenheit kann nicht wiederkehren. .. Deine Trauer wird ewig währen. .. Muth, Muth!. Du haſt gethan was Du mußteſt .. Genieße daher wenigſtens die Früchte Deiner Entſagung, bittere Früchte, aber heilſam und ſtärkend. Deine niederge⸗ ſchlagene Seele wird ſich feſt, ruhig und friedvoll wieder aufrichten .. wenn Du die Uebel zählſt, welche Deine Pflichterfüllung Dich gekoſtet hat, ſo wirſt Du mit ſtrenger Selbſtbefriedigung die Größe Deiner aufopfernden Kindesliebe ermeſſen.“ ————— . XXXII. Wolfrang und Sylvia befinden ſich eine Viertel⸗ ſtunde, nachdem ſie die geheimen Gänge des Hau⸗ ſes des lieben Herrgotts verlaſſen haben, in ähn⸗ lichen Gelaſſen hinter den Erdgeſchoßwohnungen des Hotels, welches der Herzog und die Herzogin della Sorga innehaben. Wolfrang zu ſeiner Genoſſin: — Die Prü⸗ fung iſt ihrem Ende nahe, Sylvia. Höre die Stimme dieſer hienieden ſchon verdammten Seele. Die Herzogin della Sorga. — „Weh mir! weh mir! Ich habe die Achtung und Zunei⸗ gung Ottavio's für immer verloren; er wird für mich nicht mehr der Sohn ſein, deſſen zärtliche Ver⸗ ehrung trotz meines ungeregelten Wandels meinem Herzen ſo theuer und ſo füß war. Mein Sohn wird künftig ein unerbittlicher Richter für mich ſein, und ich werde genöthigt ſein meine Augen vor ihm nie⸗ 331 derzuſchlagen. Vergebens werde ich durch Liſt und Heuchelei allen Andern Achtung und Ehrfurcht auf⸗ erlegt haben und noch auferlegen; was hilft mir das? Ottavio beſitzt jetzt das ſchmachvolle Geheim⸗ niß meines Lebens. Er wird es ganz nach dem einzigen Factum beurtheilen, das er überraſcht hat; und unaufhörlich, ja unaufhörlich wird mich der Gedanke verfolgen: Ich bin ein Gegenſtand un⸗ überwindlichen Widerwillens für meinen Sohn; der äußere Schein von Reigung, den er mir nicht aus Mitleid, ſondern um nicht die Ruhe ſeines Vaters durch Enthüllung ſeiner Unehre zu ſtören, gewähren wird, kann mir nur als blutiger Spott gelten. Er wird mich an die für immer verlorene Zeit erin⸗ nern, wo ich von meiner Heuchelei und Ruchloſig⸗ keit ausruhte, indem ich mich meiner Zärtlichkeit gegen meinen Sohn hingab, das einzige reine und wahre Gefühl, das ich vielleicht in meinem ganzen Leben empfunden habe! Es war mir eine friſche helle Quelle, woran ich meine brennenden Lippen letzte. Die Unſchuld dieſer anbetungswürdigen Seele gewährte mir Ruhe nach meinen Aufregun⸗ gen; es kam dann ein wonniger Seelenfriede über mich; dieß war die untadelhafte Seite meines Le⸗ bens, denn ich liebte meine Kinder eben ſo leiden⸗ ſchaftlich wie ſie mich, und ganz beſonders Ottavio, da Felippe bei ſeinem mürriſchen und eiferſüchtigen ſchwarzgalligen Charakter, wie er ſich nach und nach entwickelte, nur allzu häufig den Ausdruck meiner Zärtlichkeit gegen ihn ſelbſt zurückwies. „Ach, ich fürchte, mein Leben wird nur noch eine lange Folterqual ſein. Ich hatte niemals 332 Reue gekannt; die Strafloſigkeit machte mich hart wie Erz; ich ging feſten Schritts, mit ſieghafter Stirne und ſtolzem Blick, im Laſter vorwärts. Und nun muß ich, die ich noch vor Niemand erröthet, vor meinem Kinde erröthen! Und nun muß ich zum erſten Mal meine Verirrungen beklagen, weil ſie mir für immer meinen Sohn entfremdet haben. Und die Jahre kommen drohend, unſühnbar; und bald wird die Stunde des Alters ſchlagen, die für die Liebe tödtlich iſt. So ſehr ich dieſe Stunde oft gefürchtet hatte, ſo ſah ich ihr doch zuweilen ohne allzu großes Bedauern entgegen. Immer geehrt, tröſtete ich mich zum Voraus damit, daß ich mich gänzlich den unausſprechlichen Wonnen der Mutter⸗ liebe hingeben würde. Täuſchung! Täuſchung! Ohne Troſt in der Gegenwart, voll Schrecken vor der Zukunft, werden meine Haare unter den ver⸗ achtungsvollen Blicken meines Sohnes bleichen. (Pauſe.) Und dieß iſt nicht Alles: Haß und Eifer⸗ ſucht werden mein Herz zerreißen; ja, ich liebe dieſen Wolfrang trotz ſeiner Geringſchätzung und ſeiner Beſchimpfungen; ich liebe ihn eben ſo ſehr, wie ich ihn verabſcheue. Dieſe ſinnloſe Liebe wirft mich zu Boden, tödtet mich. Ich leide, o ich leide, daß ich weinen möchte. (Schluchzen, dann eine neue Pauſe.) Vergebens habe ich mich gede⸗ müthigt, habe mich bis zu einem Eeſtändniß er⸗ niedrigt. Auf mein Geſtändniß hat dieſer Menſch mit Hohn und Spott geantwortet. Er lacht über das ſchamloſe alte Weib, er wird meine Entwürdi⸗ gung dieſer Sylvia anvertraut haben, die ſelbſt ſo jung, ſo ſchön, ſo angebetet iſt. Ho, ich würde ſie 333 mit Freuden erdolchen. Aber nein! ich bin zu feig! Sie wird fortleben, umgeben von der beſtändigen Anbetung dieſes Wolfrang; und ich! ich! . . (Ein herzzerreißender Schrei.) Oh, wie ich leide! Zwan⸗ Meſſerſtiche ins Herz könnten mir nicht weher thun. (Neuer Schrei.. „Oh! aber es iſt nicht mehr Verzweiflung, es iſt nicht mehr Wuth, es iſt ein ſchneidender, ein grauenhafter Schmerz! Mein Gott Hab Erbarmen, hab Erbarmen! Oh wie ich leide!“ Wolfrang und Sylvia hören nur noch ein krampfhaftes Geächze und Geſchluchze. Die Her⸗ zogin keucht und krümmt ſich auf ihrem Bett. Ihr moraliſches Leiden hat ſeinen Paroxismus erreicht und ſich in ein phyſiſches unerträglich ſchmerzvolles Reißen verwandelt, ſo daß ſie einen Schrei um den andern ausſtößt. Sylvia, erſchrocken. — „Oh komm, Wolfrang! dieſes Ungeheuer erfüllt mich mit Entſetzen! Welche Züchtigung, gerechter Gott! Ah, du haſt die Wahr⸗ heit geſagt, ſie iſt ſchon in dieſer Welt verdammt, die Hölle iſt in ihrer Seele.“ XXXIII. Wolfrang. — „Höre noch weiter, Sylvia. (Er führt die junge Frau ans Ende des geheimen Ganges hinter dem Schlafzimmer des Herzogs della Sorga.) Höre noch das. Die Probe wird voll⸗ ſtändig ſein.“ 334 Der Herzog della Sorga. — „Nein, keine Furcht mehr! keine Furcht mehr! Ich habe die An⸗ klage, welche Felippe in ſeiner teufliſchen Bosheit gegen mich erheben konnte, zum Voraus vereitelt. ch habe meinen Verbannungsgenoſſen den Brief des königlichen Secretärs wie auch das Billet, das mein Bruder Pompeo eine Stunde vor ſeinem Tode ſchrieb, vorgeleſen. Dieſe Mittheilung hat mir neue Zuſicherungen ihrer Sympathie, Ehrerbietung und Er⸗ gebenheit eingetragen. Sie ſind voll von Mitleid gegen mich, ſie knirſchen bei dem Gedanken an das was ich habe leiden müſſen, als ich mich auf ſolche Art in meiner Bruderliebe verrathen ſah. Sie be⸗ wunderten meinen Muth, meine Ergebung, meine Achtung für das Andenken eines unwürdigen Bruders, deſſen Benehmen ich großherzig verſchwiegen habe, bis ich fürchten mußte ſtatt ſeiner angeklagt zu werden. Alſo keine Beängſtigungen, keine Beſorg⸗ niſſe mehr; ich biete jetzt der Rache Felippes Trotz. (Pauſe.) Das iſt Alles gut, ich bin der Strafloſig⸗ keit ſicher; aber woher kommt es denn, daß ich mich, beſonders ſeit drei Tagen, häufig frage, ob der Tod nicht dem Leben vorzuziehen wäre, das ich hinſchleppe? Und gleichwohl glaube ich mich auf der Höhe der Pflichten eines Familienvaters. Ich kann mit meiner Frau nur im höchſten Grad zu⸗ frieden ſein, und ebenſo meine Frau mit mir. Ich habe keine Laſter, ich bin kein Bruder Liederlich, kein Spieler, kein Verſchwender; das Familienleben geht mir über Alles. Meine zwei Kinder waren mir das Liebſte auf der Welt, und ich zog wo mög⸗ lich den von der Natur Verwahrloſten, den Mißge⸗ 335 ſtalteten vor, weil er Mitleid verdiente. Auch das war lobenswerth, und gleichwohl iſt meine Vater⸗ liebe die Quelle meiner qualvollen Kümmerniſſe geworden. Ich fragte mich mit bitterem Schmerz nach der Urſache der Mißhelligkeiten zwiſchen meinen beiden Kindern, die früher ſo zärtlich vereint waren und von ihrer Mutter und von mir gleich geliebt wurden. Felippes Widerwille gegen ſeinen Bruder ſchien mir unbegreiflich; aber vorgeſtern habe ich Alles begriffen, Alles .. . Ich, ja ich ſelbſt bin es, der unwillkürlich in Felippes Hand das Gift gab, das er für Ottavio bereitete. „Nein, es iſt dem Menſchen nicht gegeben ſo zu leiden wie ich litt, als Felippe, dieſes Ungeheuer — und welches Recht habe denn ich ihn ein Unge⸗ heuer zu nennen? — mir mit ſchrecklicher Ruhe er⸗ zählte, wird einige Aeußerungen von mir über den Zu⸗ fall der Geburt, welcher den älteren Bruder bereichere und die jüngeren Söhne gänzlich in Nachtheil bringe, in ſeiner Seele den Neid hervorgerufen haben, welchen Ottavio ihm einflöße; wie dann dieſer Neid ſich entwickelt, ſich in Haß umgewandelt und ihn zum Brudermord getrieben habe. „Mein eigenes Beiſpiel hat alſo dieſen unglück⸗ lichen Jungen, der früher ſo gut und ſo liebreich war, verderbt und zur Unnatur getrieben; mein eigenes Beiſpiel hat ihm den Gedanken an dieſes abſcheuliche Verbrechen eingegeben.“ „Mein Gott, ich hatte nur eine einzige Tugend, die Vaterliebe. Ich weiß nicht, welche rächende Ge⸗ rechtigkeit dieſe Tugend in ein Werkzeug ewiger 336 Qual für mich verwandelt hat.“ (Neue Pauſe, un⸗ terbrochen durch den Eintritt Bartolomeos.) XXXIV. Bartolomeo. — „Gnädiger Herr, es iſt bald ein Uhr. Alles ſteht bereit zur Abreiſe des Grafen Felippe.“ Der Herzog della Sorga. — „Gut, ſetze ihn in Kenntniß; und keine Schwäche, Bartolomeo; wenn er Widerſtand leiſtet, wie ich befürchte, ſo haſt Du meine Befehle.“ Bartolomeo. — „Ja, gnädiger Herr, da es ſich um die Geſundheit dieſes armen Jungen han⸗ delt, ſo werde ich wie Sie unbarmherzig ſein.“ Der Herzog della Sorga. — „Die Aerzte haben mir heute erklärt, wenn wir ihn retten wollen, ſo müſſen wir ihn nach Sicilien ſchicken, damit er die Luft ſeiner Heimath einathmen könne.“ Bartolomeo. — „Alſo, gnädiger Herr, läßt ſich dieſe Veränderung in der Gemüthsart des armen Jungen, die uns unbegreiflich ſchien, aus ſeiner Kränklichkeit erklären?“ Der Herzog della Sorga. — „Ja leiber; das Leiden hat ſeinen Charakter verbittert und ganz umgewandelt; daher dieſe Gereiztheit, dieſe Leiden⸗ ſchaftlichkeit gegen ſeinen Bruder, nach deren Urſache wir vergebens ſuchten.“ Bartolomeo. — „Und Sie wollen Felippe u viner Abreiſe nicht noch einmal ſehen, gnädiger err?“ 337 Der Herzog della Sorga. — „Nein, ich muß mir dieſes peinliche Opfer auferlegen. Dieſe Trennung iſt für uns, für Beatrice und mich, ſo ſchmerzlich, daß wir unſere Schwäche und die Thränen des armen Jungen fürchten; es bringt ihn dermaßen in Verzweiflung uns verlaſſen zu müſſen, daß wir vielleicht ſeinem Flehen nicht zu widerſtehen ver⸗ möchten, und doch käme ſeine Geſundheit, ja ſogar ſein Leben in die größte Gefahr, wenn er noch länger in Frankreich bliebe.“ Bartolomeo, im Hinausgehen. — „Ihre Be⸗ fehle ſollen vollzogen werden, gnädiger Herr, man muß dieſen armen Jungen gegen ſeinen eigenen Willen retten.“ Der Herzog della Sorga (allein). — „Ich habe ſogar gegen Bartolomeo das Verbrechen Felippes verſchweigen und ſeine Geſundheitsumſtände als Grund vorſchützen müſſen, warum ich ihn nach Palermo zurückſchicke. Die Anweſenheit dieſes Un⸗ glücklichen wäre jetzt für mich eine Qual, die ſich jeden Augenblick erneuern würde.“ XXXVI. Felippe (in großer Aufregung in ſeinem Zim⸗ mer auf und abgehend). — „Abreiſen? Unter Bar⸗ tolomeo's Geleite nach Palermo zurückkehren“ Nein, nein, hundertmal nein! Man müßte mich denn mit Gewalt wegbringen, wie mein Vater mir gedroht hat. Da ich minderjährig bin und unter väter⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. III. 22 licher Gewalt ſtehe, ſo wird er ſagen — oh, er hat es mir erklärt — er wird ſagen, die Aerzte hätten mir meine heimathliche Luft angeordnet, die allein im Stande ſei meine ſchwer angegriffene Geſundheit wieder herzuſtellen. Wenn ich als launenhaftes und verzogenes Kind mich weigere Paris zu ver⸗ laſſen, ſo müſſe man mich, da das Intereſſe meiner Geſundheit allem Andern vorgehe, wie einen armen widerſpänſtigen Narren behandeln und mit Gewalt fortſchaffen. So wird es denn auch geſchehen, und in Sicilien wird mich die Wuth umbringen. (Man klopft an ſeine Thüre.) Wer iſt da?“ XXXVII. Bartolomeo (von Außen). — „Ich bins, gnädiger Herr Graf, Bartolomeo.“ Felippe. — „Komm herein, was willſt Du?“ Bartolomeo. — „Gnädiger Herr Graf, Sie wiſſen was Seine Excellenz, Ihr Herr Vater, zu Ihnen geſagt hat.“ Felippe. — „Was?“ Bartolomeo. — „Daß die Poſtpferde auf ein Uhr beſtellt werden ſollen. Sie ſind angekommen. Ihre Koffer befinden ſich auf dem Wagen. Der Poſtillon ſitzt zu Pferd, und man erwartet Sie.“ Felippe. — „Ich habe meinem Vater geant⸗ wortet, daß ich nicht abreiſen würde; pack Dich!“ Bartolomeo. — „Seine Excellenz hat dieſe Stunde der Nacht zu Ihrer Abreiſe gewählt, um der Frau Herzogin und Ihrem Bruder den Kummer des Abſchiednehmens zu erſparen, und damit . . .“ Felippe. — „Entferne Dich!“ 339 Bartolomeo. — „Noch ein Wort, gnädiger Herr Graf, das wird Sie ſogleich auf andere Ge⸗ danken bringen. Seine Excellenz, Ihr Herr Vater, hat dieſe nächtliche Stunde auch deßhalb zu unſerer Abreiſe gewählt, weil, wenn Ihr Widerſtand un⸗ glücklicher Weiſe einen Skandal herbeiführen ſollte, derſelbe keine anderen Zeugen haben würde als die Leute vom Hotel.“ Felippe⸗ — „Was ſoll das heißen?“ Bartolomeo. — „Es wartet ein Polizei⸗ commiſſär mit Agenten unten.“ Felippe. — „Was liegt mir daran?“ Bartolomeo. — „Seine Excellenz hat der Behörde erklärt, daß nach der Ausſage der Aerzte ein längerer Aufenthalt in Frankreich Ihr Leben gefährden würde und daß . . . Felippe. — „Und daß man Gewalt anwenden würde, wenn ich mich weigern ſollte gutwillig abzu⸗ reiſen?“ Bartolomeo. — „Ja, gnädiger Herr Graf. Aber Sie werden Seine Excellenz nicht nöthigen zu einem ſolchen äußerſten Mittel zu ſchreiten. Ich beſchwöre Sie .. Felippe. — „Hinaus, Elender!“ Bartolomeo. — „Gnädiger Herr, hören Sie mich an.“ Felippe. — it mich nicht auf's Aeußerſte, ich bringe Dich. Bartolo meb. — „Gnädiger Herr, Sie können einen alten Diener, der Sie als kleines Kind in ſeinen Armen getragen hat, ſchlagen, aber ich werde mich nicht von der Stelle rühren; ich werde zu dieſem Fenſter hinaus den Commiſſär rufen, und 22* 340 dann wird man Sie mit aller möglichen Schonung in den Wagen tragen, wo übrigens, das ſage ich Ihnen zum Voraus, zwei Agenten mit uns einſtei⸗ gen werden, um mir unterwegs Beiſtand zu leiſten, falls Sie Ihre Widerſetzlichkeit erneuern. Sie wer⸗ den uns erſt in Marſeille verlaſſen, wo wir uns nach Palermo einſchiffen.“ Felippe. — „Ruf dieſe Leute.“ Bartolomeo. — „Ich beſchwöre Sie, gnä⸗ diger Herr Graf. .. Felippe. — „Ei ſo ruf ſie doch!“ Bartolomev. — „Sie wollen es?“ Felippe. — „Jo, wage es einmal.“ Bartolomeo. — „Zum letzten Mal, gnädiger Herr, hören Sie auf die Bitte des alten Bartolo⸗ meo. Ergeben Sie ſich in eine Fügung, welche Sie nicht verhindern können.“ Felippe. — „Niemals.“ Bartolomeo. — „Gnädiger Herr, beſinnen Sie ſich wohl; die ganze Verantwortlichkeit wird auf Sie fallen.“ Felippe. — „Man wird mich nur todt von hier wegreißen.“ Bartolomeo. — „Nein, nicht todt, Gott ſei Dank, ſondern lebendig. (Man hört ein Fenſter öffnen, und der Hausmeiſter ziſcht: Pſt, Pſt.) Gnä⸗ diger Herr, die Polizei kommt herauf.“ Felippe. — „Weh mir, ich kann keinen Wi⸗ derſtand leiſten.“ Bartolomed — (am Fenſter). — „Meine — kommen Sie nicht herauf, wir kommen inab.“ 341 Nach einigen Augenblicken hört man einen Wagen aus dem Hof des Hotels rollen. XXXVIII. Wolfrang und Sylvia kehren bald auf dem un⸗ terirdiſchen Pfad, der zu den geheimen Gängen führt, in ihre Wohnung zurück. Sie befinden ſich wieder in dem Salon, den ſie vor einer Stunde verlaſſen haben, um die Geheim⸗ niſſe des Kopfkiſſens zu erlauſchen. Die junge Frau ſtrahlt vor Freude und ruft mit herzlicher Ergießung: „Oh Wolfrang! mein Vielgeliebter, mein Retter, ſei geſegnet! Dieſe Prüfung, wozu Du mir verhol⸗ fen, hat den tödtlichen Schmerz geheilt, womit mich der Glaube an das zeitliche Glück der Gottloſen und Unglück der Rechtſchaffenen erfüllte. Getäuſcht durch den äußeren Schein konnte meine Vernunft ſich nicht entſchließen an deine Worte zu glauben, die Du ſo oft wiederholteſt, um die moraliſchen Leiden zu beſchwichtigen, die mein dermaliges Leben ſo unerträglich machten, daß ich hingehen wollte, um in einer andern Sphäre wieder aufzuleben.“ „Du ſiehſt es, Sylvia, die ſchlechten Leute fin⸗ den, ſo glücklich ſie auch ſcheinen mögen, die Hölle in ihrer Seele, und die Rechtſchaffenen finden darin das Paradies, ſo unglücklich ſie auch ausſehen.“ „O großſinnige, troſtreiche Philoſophie, Du biſt mir jetzt durch Thatſachen, durch Handlungen be⸗ wieſen. Gibt es, wenn man ſich blos an den äußern Schein halten will, einen unglücklicheren Menſchen als Herrn Lambert? Wo ſind die Tröſtungen für dieſes edle Herz, das ſo ſchändlich verrathen worden? Sie liegen in ſeinen eigenen Worten: O Nachſicht! Tugend der guten Herzen, welchen göttlichen Balſam gießeſt Du auf die Wunden der Seele! Mein Ge⸗ wiſſen iſt ruhig. Ich habe das Gute gethan, ich habe meine Pflicht erfüllt. Und dieſer Gerechte ſchläft einen friedſamen Schlaf. „Und zu dieſer ſelben Stunde, was ſagte da die arme Verirrte in den Qualen der Reue: „Ach! ich mag thun was ich will, ſo kann ich das Geſchehene nicht ungeſchehen machen. Nichts wird mir das Vertrauen André's wieder geben, nichts wird mich vergeſſen machen, daß die Urſache meiner Kümmer⸗ niſſe dieſer Luxeuil iſt, den ich jetzt eben ſo verachte als haſſe. — Ach welches Leben! welches Leben! Welche Züchtigung für dieſe unglückliche Frau! Und dieſer Borel, findet er nicht die Hölke in ſei⸗ ner Seele? Werden nicht die lieblichſten Gefühle eine Folterqual für dieſen ſchon hienieden verdammten Menſchen? Die liebreiche Verehrung ſeiner Frau und ſeines Sohnes, zweier ſo reinen und edlen Weſen, erinnert ihn jeden Angenblick an ſeine ſchändliche That. Ha, mich ſchaudert, wenn ich an die Worte denke: Wie viele Millionen wollte ich nicht darum geben, wenn ich dem Bruder Dubous⸗ quet's nicht dieſe fünfzigtauſend Thaler geſtohlen hätte! Ach, ich bin ein ſehr unglücklicher Menſch!“ „Und ebenſo, Sylvia, erinnere Dich an die Worte dieſer verlorenen Dirne, um deren willen Herr von Franchevillers ſich entehrt hat: Jetzt bin ich reich,“ ſagte ſie; „aber wenn ich auch zweimal⸗ hunderttauſend Franken Renten hätte, ſo würde ich doch nie etwas Anderes ſein als eine 343 Lorette. Es wird mir immer verboten ſein mich zu ehrſamen Frauen zu ſetzen: Das iſt der Wurm, der an mir nagt. Vielleicht wäre es beſſer für mich geweſen, ich wäre in meinem ſechzehnten Jahre ge⸗ ſtorben und von den Medicinern ſecirt worden.“ „Worte von tiefem Sinn und furchtbarer Bedeu⸗ tung! Ach! Du haſt Recht, Wolfrang, das Laſter und das Verbrechen haben ein Bewußtſein ihrer Schändlichkeit. Oder, ſelbſt wenn dieſes Bewußt⸗ ſein ihnen fehlt, ſo werden die ruchloſen, laſterhaf⸗ ten und egoiſtiſchen Menſchen früh oder ſpät in Folge einer Naturnothwendigkeit gerade durch die Folgen ihrer Ruchloſigkeit, ihrer Laſter oder ihres Egoismus gezüchtigt. Sieh dieſen Luxeuil an; der Elende hat in ein bisher friedſames und glückliches Hausweſen Unruhe und Schmerz gebracht; was iſt die Strafe dieſes herzloſen Gecken? Er wird in ſeinem Hochmuth verletzt durch die zermalmenden Worte des Herrn Lambert; er wird in ſeinem Geiz, in ſeinen Gewohnheiten als Menſch, der nur auf Liebesabenteuer ausgeht, verletzt durch dieſe ſchamloſe Dirne, die ſich jetzt an ſeine Schritte hängt und ihn die Correſpondenz, deren ſie ſich bemächtigt hat, durch manche Qualen, ja vielleicht durch eine Cataſtrophe büßen laſſen wird.“ „Deßhalb ſagte er auch, als er ſeine troſtloſe Lage erwogen hatte, zu ſich ſelbſt: „Ich bin zer⸗ trümmert, ich habe das Fieber. Ach, wenn das ſo fortdauert, ſo werde ich noch ein Narr.“ Dann rief er mit einem ſardoniſchen Lachen: Wie ſchön doch das Leben eines Mannes iſt, dem das Liebes⸗ glück zulächelt!“ „Du haſt es geſagt, Herr Lambert iſt gerächt.“ 344 „Und dieſer Franchevillers, deſſen ſtrenger Un⸗ eigennützigkeit die getäuſchte öffentliche Meinung Beifall zuruft? Alles lächelt ihm zu, Alles kommt ihm zu ſtatten, er frohlockt; er beſitzt dieſe Creatur, in die er vernarrt iſt, vollkommen in ſeiner Ge⸗ walt, er muß ſich der Strafloſigkeit ſeines Verbre⸗ chens ſicher glauben. Und dennoch, wie lauteten ſeine letzten Worte: Ach, für mich birgt die Zu⸗ kunft nur Zweifel und Beängſtigungen in ihrem Schooße. Meine Schändlichkeit kann vielleicht ſchon morgen entdeckt werden, vielleicht erſt in einem Jahr, vielleicht wird ſie auch gar nicht entdeckt. Aber ſelbſt in dieſem letzten Fall wird meine To⸗ desqual mein ganzes Leben hindurch währen, denn ich werde bis zu meinem letzten Tag zittern müſſen.“ „Sieh dagegen dieſen armen Dubousquet an, den erhabenen Märtyrer der Bruderliebe, den glanz⸗ loſen und naiven Helden, der von ſeiner Größe, ſeinem Heroismus Richts weiß und ſich nur ſeiner Unſchuld bewußt iſt. Und dennoch leidet er unter den Menſchen in Folge ſeiner ungerechten Brand⸗ markung, er fürchtet ihre unverdiente Verachtung und Abneigung. Ha, ſelbſt dieſe Furcht iſt bein ahe eine Wohlthat, denn dieſe falſchen Urtheile der Welt, deren Angriffe er vorübergehend empfindet, machen ihm die Einſamkeit, worin er beinahe ſein ganzes Leben ohne einen andern Begleiter als ſei⸗ nen treuen Hund zubringt, noch angenehmer; dieſe ſchützende Einſamkeit, worin er nach ſeinen Aeuße⸗ rungen von heute Nacht ſeine Zuverſichtlichkeit als rechtſchaffener Mann wieder gewinnt, worin er ſich aufrichtet und vor den Spiegel tritt mit den Wor⸗ ten: Ich bin ſo viel werth als ein anderer Mann. 1 6 1 1 1 3 — * — —— 245 Dann ſucht er die Ruhe und ſchläft ein, indem er den naiven Refraintriller ſingt, der mir noch jetzt die Thränen in die Augen treibt: Ich bin ein ehrlicher Mann, ich! Rührende Ergießung eines vorwurfs⸗ freien Gewiſſens, einzige Proteſtation dieſer engel⸗ gleichen Seele, das einzige Vergnügen, das er ſich in ſeiner Einſamkeit erlaubt gegenüber der Unge⸗ rechtigkeit, die ihn betroffen, deren er ſich aber mit⸗ ſchuldig gemacht hat. Deßhalb tadelt er auch das ſtrenge Urtheil nicht, das die Menſchen über ihn fällen: man mußte ihn ſchuldig glauben; er hat das Verbrechen, deſſen man ihn bezüchtigte, ſelbſt ein⸗ geſtanden, und darum empört er ſich nicht gegen die Verachtung, die er ertragen muß. Er hat darun⸗ ter gelitten, er leidet noch darunter, und das iſt Alles. Oh Wolfrang, in der That, wie viele Mil⸗ lionen würde Herr Borel, der das ſchreckliche Un⸗ glück der Familie Dubousquet allein verſchuldet hat, dafür geben, wenn er den Seelenfrieden ſeines Opfers genießen könnte!“ „Sylvia, geliebter Engel, wenn Du wüßteſt, welche innige Freude es mir gewährt, Dich unter dem gött⸗ lichen Einfluß der ewigen Wahrheit im ganzen Glanz Deiner moraliſchen Schönheit wieder aufleben zu ſehen, während Du kaum noch ſo verdüſtert, ſo tief verletzt warſt und Dich von unſeligen Selbſttäuſchun⸗ gen beinahe tödten ließeſt, als Du im trügeriſchen Spiel des äußeren Scheines die ſchlechten Leute in dieſer Welt glücklich und die Braven unglücklich ſaheſt. Theure Sinnpflanze, wie Du Dich ſelbſt auf Dich zurückzogeſt, wie Du vor Unmuth und Abſcheu bebteſt und ſchauderteſt beim Gedanken an den Hallunken, welcher ſein Kind im Stich ließ! 346 Und gleichwohl ſegneten ihn die Mütter mit Thrä⸗ nen der Dankbarkeit, die öffentliche Meinung zweier Welten pries ihn als einen neuen St. Vincenz von Paula. Und Du haſt dieſen Mann ſo eben gehört, Sylvia. Iſt das Verhängniß, das auf ihm laſtet, rächend genug? Er gründet ſein Werk in der Hoff⸗ nung ſich zu bereichern; aber dieſes wahrhaft men⸗ ſchenfreundliche Werk, das in der Fäulniß dieſes Geiſtes gekeimt wie eine Blume im Miſt, beſitzt in ſich ſelbſt einen ſo vortrefflichen Keim, daß es bald die Hoffnungen dieſes Gauners übertrifft! Es ver⸗ dient ihm die öffentliche Hochachtung; er bekommt Geſchmack daran, und während er bisher alle Ar⸗ ten von Verachtung hat ertragen müſſen, gefällt er ſich jetzt in den Beweiſen ſchmeichelhaften Mitge⸗ fühls, womit die ehrlichen Leute ihn überhäufen. Er nimmt dann ſein Werk ernſthaft, es wird ihm Ehre und Nutzen einbringen; aber unglücklicher Weiſe wird die Erinnerung an ſein Verbrechen im⸗ mer mächtiger, je höher ſein Glück ſteigt, ſie läßt dem Elenden keine Ruhe mehr, und wie Herr von Franchevillers denkt er mit Schaudern daran, daß je größeres Anſehen er im Augenblick genießt, um ſo furchtbarer ſein Fall ſein muß, wenn ſein Ver⸗ brechen einmal entdeckt wird.“ „Oh, laſſen wir dieſen Verdammten in ſeiner Hölle. Welchen rührenden Contraſt hat uns der Seelenfrieden Antonines mitten in ihren Kümmer⸗ niſſen dargeboten! Das edle wackere Geſchöpf! Welche feſte Ergebung, aufrecht erhalten durch das Bewußtſein der erfüllten Pflicht! Ach Wolfrang, ich fühle es, dieſes Bewußtſein dem Andenken ihrer Mutter das größte aller Opfer gebracht zu haben, 4 347 verleiht dem Kummer Antonines einen gewiſſen traurigen und ſtolzen Zauber. Statt ihre Stirne unter den Schmerz zu beugen, hält ſie dieſelbe mit gerechtem Stolz empor. Ich bin jetzt unbeſorgt um Antonines Zukunft. Auch ſie wird ihr Paradies in ihrer Seele finden, zwar kein irdiſches Paradies, beſäet mit lachenden Wonnen, durchduftet von Blumen, die ſich beim Strahl einer getheilten Liebe erſchloſſen, ſondern ein himmliſches Paradies, eine heitere Einſamkeit, wo ſie ruhig, gefaßt, für im⸗ mer befreit von den Banden dieſer Welt, über welche ſie ſich durch ihre Verzichtleiſtung erhoben hat, das Bewußtſein ihrer Tugend als Troſt und Lohn ha⸗ ben wird.“ „Ja, Sylvia, Du biſt auf immer von den Zwei⸗ feln geheilt, die aus trügeriſchem Schein hervorge⸗ gangen waren. Feſt und geklärt durch die ewige Wahrheit, ſenkt ſich jetzt Dein Blick in den Grund der Seelen und erſchaut ihr wirkliches Weſen. Aber ſieh, wie der Zufall uns bei dieſer Prüfung zu Hilfe gekommen iſt. Haben wir hier nicht drei er⸗ habene Typen für aufopfernde Pflichterfüllung ge⸗ funden: in Herrn Lambert die Aufopferung für die heiligen Pflichten des Gatten, der ſeiner Frau bis ans Ende Schutz ſchuldet; in Antonine den Typus kindlicher, und in Herrn Dubousquet den Typus brüderlicher Aufopferung!“ „Und in Folge eines ſeltſamen Contraſtes ſtellt der Zufall dieſem Typus der brüderlichen Auf⸗ opferung die Ruchloſigkeit des Herzogs della Sorga und ſeines Sohnes Felippe, des würdigen Sohnes und des wuüͤrdigen Gatten der heuchleriſchen Herzogin entgegen. Welche Strafe für dieſe drei 348 Schuldbeladenen, gerechter Gott! Ach, auch ſie haben die Hölle in ihrer Seele gefunden.“ „Und jetzt, um dieſe Belehrung zuſammenzufaſ⸗ ſen, Sylvia,“ fügt Wolfrang in ernſtem und lei⸗ denſchaftlichem Tone hinzu, „jetzt ſiehſt Du es, die Autorität der Thatſachen, deren Zeugen wir ſeit drei Tagen ſind, ohne dieſes Haus zu verlaſſen, hat meine Worte beſtätigt; ſie ſind nur das Echo der ewigen Wahrheit, ſie haben Dir die Nichtigkeit Dei⸗ ner Selbſttäuſchungen bewieſen. Ach, glaube mirs, dieſer feſte Glaube iſt heilſam. Weiter verbreitet würde er eine nützliche Lehre oder ein furchtbarer Zügel für diejenigen werden, welche die Genießen⸗ den um jeden Preis beneiden, weil ſie ſich zuweilen der Rache der Geſetze entziehen können. Dieſe Elen⸗ den kümmern ſich nichts um andere Welten und ſpotten der ewigen Strafen. Sie glauben an das Gefängniß, an das Bagno, an das Schaffot, und haben ſie ſich dieſen Strafen einmal entzogen, ſo hoffen ſie die Früchte ihrer Miſſethaten in voller Sicherheit zu genießen. Aber es iſt nicht ſo. Nein, nein! Man ſoll, man muß es wiſſen. Mit den Erfolgen des Gottloſen beginnen auch ſeine Ge⸗ wiſſensbiſſe, ſeine unaufhörlichen Beängſtigungen oder die logiſchen unfehlbaren Folgen ſeiner Laſter und Verbrechen; dann beginnt eine ewige Folter⸗ qual für ihn: er hat die Hölle in ſeiner Seele. Aber wer kennt dieſe Folterqual? Niemand. Die Maske ſolcher Verdammten dieſer Welt iſt undurch⸗ dringlich, ſie haben immer ein Lächeln auf den Lip⸗ pen, Zuverſichtlichkeit in ihren Blicken und eine ſtolze Stirne. Wenn ſie ihre Leiden geſtänden, ſo würden ſie auch die Urſache ihrer geheimen Oualen 349 geſtehen. Je peinlicher daher ihr Schmerz iſt, um ſo heiterer ſtrahlen ihre Züge. Und der Pöbel, der ihre Strafloſigkeit ſieht, ſagt dann zu ſich: Das ſind einmal glückliche Geſellen. Und die Leute, deren ſittliches Gefühl abgeſtumpft, ſchwankend oder gänz⸗ lich zu Grunde gegangen iſt, laſſen ſich zuweilen durch dieſen ſcheinbaren Triumph in Verſuchung führen.“ „Oh Wolfrang, wie weiſe und tief ſind Deine Worte! Ja, was ſo viele ſchwache oder halb ver⸗ dorbene Leute zum Böſen hinreißt, das iſt der Glaube an die Strafloſigkeit deſſelben ſo wie an die Sicherheit ſeiner unreinen Genüſſe; es iſt die Un⸗ kenntniß ſeiner geheimen Strafen; beſonders aber und noch mehr iſt es der Glaube des Pöbels an das ſcheinbare Unglück der verkannten braven Leute; ſeine gänzliche Unwiſſenheit in Betreff der Schätze von Belohnung, welche ſie in der Ausübung des Guten finden. Die Beſcheidenheit oder die anbe⸗ tungswürdige Schamhaftigkeit der Tugend hält auf den Lippen der Auserwählten dieſer Welt das Be⸗ kenntniß der unausſprechlichen geheimen Belohnung zurück, die ſie genießen. Wer kennt ſie, dieſe Be⸗ lohnung? Wiederum Niemand. Wenn ſie geſtän⸗ den, daß ſie das Paradies in ihrer Seele ſinden, ſo würden ſie damit die oft erhabene Urſache ihres himmliſchen Glücks eingeſtehen. Sie haben dieſen Stolz nicht: das Bewußtſein der erfüllten Pflicht genügt ihnen, und ſie gehen ernſt, ergebungsvoll, ſchweigſam, arm und ſchüchtern in dieſer Welt da⸗ hin. So kommt es, daß die große Menge, wenn ſie das ſcheinbare Unglück dieſer Männer von Treu und Glauben und von hingebungsvoller Aufopfe⸗ rung mit dem ſcheinbaren Glück der ſchlechten Leute 350 vergleicht, die Letzteren beneidet und der rechtſchaf⸗ fenen Leute ſpottet. Ach, wenn man indeß die Entzückungen des braven Mannes kennte, in dem Augenblick wo er ganz allein und geſammelt ſeine Seele bis in die letzten Tiefen erforſcht und zu ſich ſagt: Ich habe viel gelitten, ich muß noch viel leiden; aber ich bin dem Guten treu geblieben, ich habe mich der Pflicht geopfert und werde mich bis ans Ende ihr opfern; mein Benehmen iſt rechtſchaf⸗ fen und wacker; es würde, das fühle ich, allge⸗ meine Hochachtung, Verehrung und Bewunderung verdienen. Ha, ſolche Leute ſind in der That die Auserwählten dieſer Welt; ſie werden das Para⸗ dies in ihrer Seele finden.“ „Und auch ich, Wolfrang, empfinde jetzt durch Deine Güte ein wahrhaft himmliſches Glück; Du haſt mich auf immer von den ſo ſchmerzlichen Em⸗ pfindungen befreit, welche der Glaube an das Glück des unbeſtraften Laſters oder Verbrechens oder an das Unglück der verkannten Tugend in mir hervor⸗ rief. Der ſtarke und heilige Glaube, den ich Dir verdanke, wird unſern Gang durch dieſe Welt lieb⸗ licher und beſonders fruchtbarer im Guten ma⸗ chen. Und dieſe Zuverſicht, die mich einer unheil⸗ vollen und unergiebigen Verzagtheit entreißt, wie bin ich entzückt ſie von Dir zu bekommen, mein ed⸗ ler und ſchöner Wolfrang, ſo groß an Intelligenz, ſo groß an Herz! Oh, mein Geliebter, mein Freund, mein Galts, guter Genius — denn Du biſt das Alles für mich — dieſe ſo verſchiedenen Gefühle, die Du mir ein⸗ flößeſt, verſchmelzen in einem einzigen, genannt Liebe.“ mein Herr, mein Retter, mein 4 351 Uach muift So endet die Geſchichte. Und Wolfrang und Sylvia? wird vielleicht der Leſer ſagen; wer ſind ſie? woher kommen ſie? wo⸗ hin gehen ſie? 6 Wer ſie ſind? Ja. An einem Abend dieſes Winters blies der Nord⸗ wind mit Schnee beladen in dem Berg, der über meiner Wohnung hängt; ich ſaß an der Ecke mei⸗ nes einſamen Herdes; auf einmal ſind Wolfrang und Sylvia ſtrahlend von allen Gaben des Herzens, des Geiſtes, der Anmuth, der Schönheit, des Reich⸗ thums, des Genies und der Liebe vor meinen Geiſt getreten. Aber ach, in meiner Unmacht dieſe anbetungs⸗ würdigen Ieale darzuſtellen, habe ich bloß eine plumpe, beinahe unkenntliche Skizze von ihnen zu Stande gebracht. Und gleichwohl, welches Entzücken empfand ich in dem zauberiſchen vertrauten Verkehr mit die⸗ ſen beiden Perſonen! Sie ſind die beſtändigen Ge⸗ fährten meiner Einſamkeit und meines Exils gewe⸗ ſen. Theure Sylvia! theurer Wolfrang! wie viele holde Stunden habe ich Euch verdankt! Wie gefiel ich mir bei Euch! Wie beklage ichs, daß ich Euch jetzt verlaſſen muß! Und wohin gehen ſie? Sie ſteigen wieder in das Land der Träume, ſie entfliegen nach den Regionen des Idealen. Aber ein Buch hört doch nicht ſo auf. Vielleicht iſt dieß Buch vollendet, vielleicht auch nicht. Möglich, daß ich eines Tags Wolfrang un Sylvia von Neuem erſcheinen ſehe, begleitet von den Auserwählten dieſer Welt: dem Buchhändler Lambert, Dubousquet, Antonine Jourdan, Ma⸗ dame Borel, Alexis, dem Marquis Ottavio und Tranguillin; während die Verdammten diefer Welt: Franchevillers, St. Proſper, Borel, Herr von Lu⸗ reuil, Cricri, der Herzog und die Herzogin della Sorga, Felippe, welche das Geheimniß ihrer Laſter, ihrer Gaunereien und Verbrechen in der Gewalt Sylvia's und Wolfrang's wiſſen, ſich vielleicht wider ſie verbündet haben werden. Dann würde ein hartnäckiger und unerbittlicher Kampf zwiſchen den Auserwählten und den Verdammten ſich entſpinnen. Und der Sieg bliebe . . aber greifen wir nicht vor. In Erwartung dieſer zukünftigen Ereigniſſe, ge⸗ neigter Leſer, wenn Du mir wirklich geneigt biſt, danke ich Dir für die Aufmerkſamkeit, welche Du gütigſt dieſer ſehr unvollendeten Skizze einer Phi⸗ loſophie geliehen haſt, deren einziges Verdienſt da⸗ rin beſteht, daß ſie wahr iſt. Wahr. Ja wahr. Bedenke das wohl, denn, wer Du auch ſein magſt, geneigter Leſer, ſo haſt Du ſicherlich ſchon in Deinem Leben in gewiſſem Maße Gutes und Böſes gethan. Befrage einfach Dein Gewiſſen. Sprich: haſt Du nicht in Dir ſelbſt die Strafe für das Böſe, den Lohn für das Gute gefunden? Ende. — 0—— . W