Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Heſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. * 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement.2 Daſſelbe muß voraus fbezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. 3 . 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. gir beſchmutzte zerriſſene, rlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auchtdafür zu ſtehen haben. — Die Geheimniſſe des Ropfkiſſens. Nachgelaſſener Roman von Eugen Sue. Aus dem Franzöſiſchen von pr. Gottlob Fink. 3 Zweiter Band. —— 000 00b— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. S Zweiter Theil. P 8 Am Tage nach den vorerzählten Ereigniſſen ge⸗ gen neun Uhr Morgens befindet ſich der Herzog della Sorga in ſeinem Kabinet, wo er ſich mit ſei⸗ nem Haushofmeiſter Bartolomeo ſorgfältig einge⸗ ſchloſſen hat. Er dictirt dieſem innigen Vertrauten einen Brief zu Ende, deſſen Schluß alſo lautet: „Dieß die Thatſachen, die ſich geſtern zugetra⸗ gen haben. „Die Art von Ovation, welcher ſich der Chef der ſicilianiſchen Emigration in ſeiner eigenthüm⸗ lichen Stellung nicht zu entziehen vermochte, und der ihm angebotene Degen, den er nothwendig an⸗ nehmen mußte, können nicht gegen ihn angeführt und als Beweis ſeiner Unloyalität gegen den Kö⸗ nig, ſeinen Herrn, gedeutet werden, deſſen getreue⸗ ſter, ergebenſter, ehrerbietigſter Unterthan zu ſein er ſich ſtets zur Ehre rechnen wird.“ „Haſt Du geſchrieben?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „So leg den Brief zuſammen, couvertire ihn, verſiegle ihn dreifach und ſchreib die n 4 darauf; dann kannſt Du ihn dieſen Morgen ſelbſt forttragen.“ „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortet Bartolomeo, indem er beſchäftigt iſt dieſe Befehle auszuführen. Der Herzog della Sorga ſchreitet nachdenklich, ſchweigſam in ſeinem Kabinet auf und ab; dann als er Bartolomeo mit der verſiegelten Depeſche in der Hand auf die Thüre zuſchreiten ſieht, ge⸗ bietet er ihm mit einer Geberde anzuhalten. Der Vertraute kehrt wieder um und erwartet die Be⸗ fehle ſeines Herrn, der ſich einen Augenblick ſam⸗ melt und hierauf alſo beginnt: „Was iſt denn geſtern Abend, als wir von Herrn Wolfrang zurückkamen, zwiſchen meinen beiden Söh⸗ nen vorgefallen? Ich meine in ihren Zimmern einigen Lärm gehört zu haben; Du wohnſt zunächſt bei ihnen; Du weißt vielleicht . .“ „Bah! eine Lumperei, gnädigſter Herr.“ „Ei ſo ſprich doch.“ „Ein Glas Limonade, ein einfaches Glas Li⸗ monade.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Sie wiſſen, gnädigſter Herr, daß der Marquis Ottavio jeden Abend vor Schlafengehen ein Glas Limonade trinkt. Ich wollte es ihm bringen und ging zu dieſem Behuf durch das Zimmer des Grafen Felippe, als dieſer rief, es ſei ihm unerträglich, daß man immer durch ſein Zimmer gehe, um zu ſeinem Bruder zu kommen; ich bemerkte ihm, es ſei nicht anders möglich, und darüber gerieth er ſchrecklich in Hitze. Der Lärm zog den Marquis herbei; ſeine Gegenwart brachte Felippe noch mehr in Harniſch; 4 5 er riß mir die Platte, auf welcher ich das Glas Limonade trug, aus den Händen und warf Alles wüthend auf den Boden; zugleich bedeutete er ſei⸗ nem Bruder, der ihn zu beſchwichtigen verſuchte, er ſolle auf ſein eigenes Zimmer zurückgehen, und mir, ich ſolle mich entfernen, was wir auch Beide thaten.“ „Bartolomeo,“ ſagte der Herzog in ſchmerzlichem Ton, „Du haſt mich ſeit dreißig Jahren nicht ver⸗ laſſen; Du haſt ſo zu ſagen meine Söhne erzogen; Du weißt, ob ich ſie liebe!“ „Sie üeben Ihre Söhne eben ſo ſehr, wo nicht noch mehr, als die Frau Herzogin, ihre verehrungs⸗ würdige Mutter, ſie liebt,“ antwortet der Haushof⸗ meiſter in aller Aufrichtigkeit, worauf ſein Herr nicht minder aufrichtig verſetzt: „Ja, ich liebe ſie eben ſo ſehr als ich ihre Mutter hochſchätz und verehre. Und warum muß ihr kaltes Temperament, ihre vielleicht übertriebene Frömmigkeit eine Eismauer zwiſchen Beatrice und mir aufgeführt haben! Ich würde in meiner Ju⸗ gend meine Frau als die theuerſte Geliebte ange⸗ betet haben; aber während mir Beweiſe einer ernſten Zuneigung gab, hat Beatrice mir immer durch die herbe Strenge ihres Charakters imponirt und die Zärtlichkeit ihrer Seele für ihre Kinder vorbehalten. 4 „Die Frau Herzogin iſt eine Heilige, gnädigſter Herr, eine Heilige!“ „Ich hatte alſo auf meine Söhne, die ich wenig⸗ ſtens ohne Zwang lieben konnte, einen Theil dieſes allzu leidenſchaftlichen Gefühls übertragen; denk Dir daher meinen Kummer, deſſen Vertrauter Du ſo 6 manchmal geweſen biſt, als ich die Entfremdung, ach ich möchte nicht ſagen den Haß Felippe's gegen Ottavio zum Vorſchein kommen und mit jedem Tag zunehmen ſah. Du weißt es, ich liebe ſie Beide gleich innig, und wenn ich unwillkürlich gegen den Einen von ihnen einige Vorliebe zeige, ſo iſt es Felippe: ſeine Kränklichkeit, ſein Charakter, der ſchweigſam und mürriſch geworden iſt, was ſoll ich ſagen? ſelbſt die Mißgeſtalt, womit er heimgeſucht iſt, erklären und rechtfertigen dieſe Vorliebe, die mehr ſcheinbar als wirklich iſt. Und gleichwohl wird Felippe's Erbitterung gegen ſeinen Bruder immer heftiger; auch läßt ſie ſich um ſo weniger erklären, als Felippe ihn früher zärtlich liebte.“ „Es war mehr als Anhänglichkeit, gnädigſter Herr, es war eine Art von Anbetung. Wie oft hat nicht, wenn ich mit den beiden Kindern aus⸗ ging, Felippe zu mir geſagt: „Bartolomeo, haſt Du dieſen Vorübergehenden bemerkt? Er iſt voll Bewunderung für die Schönheit meines Bruders ſtehen geblieben, und das macht mich ganz ſtolz, denn Ottavio iſt meine Eigenliebe und mein Stolz, da ich armer kleiner Buckeliger keinen andern haben kann; ich erfreue mich alſo an der Schönheit mei⸗ nes Bruders und ſchätze ſie mir zu meiner eigenen Ehre.“ „Solche rührende Aeußerungen,“ antwortet der Herzog della Sorga, „ſo wie eine Menge von That⸗ ſachen, die mir noch gegenwärtig ſind und Felippe's Zärtlichkeit gegen ſeinen Bruder bewieſen, machen mir die Aenderung, die ich an ihm bemerke, ganz unerklärlich. Ebenſo verhält es ſich leider auch mit 3 45 der Verwandlung ſeines Charakters; iſt ſie Dir nicht auch ſehr aufgefallen?“ „Ja, die Sache iſt kaum glaublich, gnädigſter Herr, wenn man den Felippe von heute mit dem Felippe von ehemals vergleicht; früher war er ein Muſter von Sanftmuth und Freundlichkeit; der arme Junge gab ſich wahrhaft Mühe Jedermann u gefallen. Wie oft hat er nicht zu mir geſagt: iehſt Du, Bartolomeo, ich bin häßlich, mißgeſtal⸗ tet; das erſte Gefühl, das ich einflöße, iſt eine Art von Widerwillen; ich muß daher beſſer und freund⸗ licher ſein als jeder Andere, um die Vorurtheile zu überwinden, welche der Anblick meiner traurigen Perſon ſogleich zur Folge hat. — Und in der That, gnädigſter Herr, erinnern Sie ſich gewiß an die liebenswürdige und verbindliche Art, wie das arme Kind Jedermann entgegenkam; man liebte es zuletzt eben ſo ſehr als ſeinen Bruder, deſſen Perſönlich⸗ keit ſogleich beſtach.“ „Ach Bartolomeo, dieſe Erinnerungen ſind zu⸗ gleich meine Freude und meine Qual! meine Freude, wenn ich an die Vergangenheit denke; meine Qual, wenn ich die Gegenwart ins Auge faſſe. Ich ſehe, wie dieſer unglückliche Junge von Tag zu Tag bit⸗ terer, grämlicher, feindſeliger und leidenſchaftlicher wird, während er doch früher ſo liebevoll und un⸗ terwürfig geweſen, ſo daß er uns Allen unſere Wünſche an den Augen abzuſehen ſuchte und mit einem ſchwermüthigen rührenden Lächeln zu uns ſagte: Ich muß wohl darauf bedacht ſein, daß man mir meine Häßlichkeit und Mißgeſtaltheit verzeiht. Seinem Bruder widmete er eine Art von Anbetun während er jetzt . . .“ Der Herzog fügt ſchaudernd hinzu: „Ach es iſt ſchrecklich! Aber noch einmal, was iſt die Urſache dieſer unerklärlichen Veränderung? kannſt Du ſie errathen, Bartolomeo?“ „Nein, gnädigſter Herr, und um ſo weniger, als der Graf Felippe mir erſt geſtern auf meine Vorſtellungen, wie ſehr die beſagte Veränderung ſeine Familie betrübe, in ſardoniſchem Ton und mit düſterer Miene das ſicilianiſche Sprüchwort entgegen⸗ gehalten hat: Wer Dornen auf einen guten Boden ſäet, wird Stacheln erndten.“ „Wer Dornen auf einen guten Boden ſäet, wird Stacheln erndten?“ wiederholt der Herzog della Sorga mit nachdenklicher Miene; dann fährt er nach einer kurzen Pauſe fort: „Was mag die geheime Bedeutung dieſer Worte ſein? ich beſinne mich vergebens darüber.“ „Auch ich, gnädigſter Herr, habe ſie nicht zu enträthſeln gewußt.“ „Sie ſcheinen mir unbegreiflich zu ſein.“ „Ich habe Felippe um eine Erklärung gefragt, aber er hat mir den Rücken zugekehrt.“ „Oft habe ich meine Erinnerungen zurückgerufen, um den Zeitpunkt genau zu ermitteln, wo ich dieſe Umwandlung in Felippe's Charakter zum Vorſchein kommen ſah,“ verſetzt der Herzog della Sorga nach einer neuen Pauſe; „ich würde vielleicht irgend ei⸗ nen Vorfall, einen Umſtand entdeckt haben, der mir den Schlüſſel zu dieſem Geheimniß gegeben hätte; allein dieſe Umwandlung iſt langſam, ſtufen⸗ ———— ———— 4 — S 9 weiſe vor ſich gegangen, und ich konnte ihren Aus⸗ gangspunkt unmöglich feſtſtellen. Haſt Du in dieſer Beziehung nichts bemerkt?“ „Nein, gnädigſter Herr.“ „Befrage Dein Gedächtniß.“ „Ich erinnere mich an Nichts,“ antwortet der Haushofmeiſter, indem er nachdenkt; dann fügt er hinzu „Gleichwohl. aber nein „Vollende; ſprich Deinen ganzen Gedanken aus. Das wird mich vielleicht auf die Spur bringen.“ „Dieſe Veränderung im Charakter des Grafen Felippe ſcheint mir, wenn ich mich nicht irre, auf den Zeitpunkt zurückzugehen, wo Ihr unwürdiger Bruder Pompeo, damals Herzog della Sorga, nach ſeiner Rückkehr von ſeinen Reiſen in Europa und beſonders in Amerika, wo ſein abſcheulicher Geiſt der Empörung gegen die königliche Gewalt ſich noch verſchlimmert hatte . . .“ „Bartolomeo!“ „Gnädigſter Herr,“ antwortet der Haushofmeiſter lebhaft, „bei allem Reſpect, den ich Ihnen ſchulde, behaupte ich doch, daß ein treubrüchiger, verräthe⸗ riſcher und gegen ſeinen König rebelliſcher Unter⸗ than, ſelbſt wenn er Ihr Bruder iſt, ein unwürdiger Menſch genannt zu werden verdient.“ „Noch einmal, ich .. „Um ſo unwürdiger,“ ruft Bartolomeo, „als Ihre Loyalität, Ihre Treue und Hingebung gegen unſern Souverän, meinen edlen Herrn, die Treu⸗ brüchigkeit Ihres Bruders Pompeo noch abſcheulicher machen.“ Der Haushofmeiſter ſchneidet dem Herzog von 10 Neuem das Wort ab und fährt mit ſteigender Auf⸗ regung fort: „Ja, gnädigſter Herr, Sie haben dem König einen Beweis von erhabener Hingebung geliefert, die der antiken Zeiten würdig iſt und .. „Genug, Bartolomeo,“ ſagt der Herzog della Sorga bitter, „ich wiederhole Dir's, genug über dieſen Punkt. Schweig jetzt.“ „Nein, gnädigſter Herr, ich werde nicht ſchwei⸗ gen, wenn Sie es gefälligſt erlauben; ich bin in dieſer Angelegenheit Ihr einziger Vertrauter; ich habe alſo das Recht zu behaupten, daß man nie ein Opfer geſehen hat, das demjenigen gleich käme, welches Sie ſich im Dienſt unſeres vielgeliebten Souvgräns auferlegt haben.“ „Bartolomeo ich. .. „Ei wie, gnädigſter Herr! Sie ſtellen ſich, als nähmen Sie Antheil an der Verſchwörung, deren Seele, mit Ehren zu vermelden, Ihr unwürdiger Bruder war; Sie dringen auf dieſe Art in die Ge⸗ heimniſſe der Verſchworenen ein, enthüllen ſie Sei⸗ ner Majeſtät, machen die Verſchwörung im Augen⸗ blick, wo ſie ausbrechen ſoll, ſcheitern, ſorgen dafür, daß ihre Hauptanführer und unter ihnen Ihr Bru⸗ der zuallererſt feſtgenommen werden — heißt das nicht heldenmüthig die Bande des Blutes der Treue opfern, welche jeder loyale Unterthan ſeinem König ſchuldet?“ „Noch einmal, Bartolomeo, ich beſchwöre Dich...“ „Noch einmal, gnädigſter Herr, ich behaupte, daß das Alterthum nichts Bewundernswürdigeres —— 11 darbietet. Sie haben wie Brutus gehandelt, der ſeine Söhne in den Tod ſandte.“ „Willſt Du ſchweigen!“ „Nein, gnädigſter Herr, ich habe zu ſelten Ge⸗ legenheit auf dieſen Gegenſtand, der Ihre Beſchei⸗ denheit verletzt, zurückzukommen, als daß ich dieſen günſtigen Umſtand nicht benützen ſollte. Sie wer⸗ den mich alſo anhören, gnädigſter Herr, ob Sie wollen oder nicht. Ja, Ihre Handlung iſt eine heroiſche. Sie, der ergebenſte aller Diener des Königs, Sie haben ſich herbeigelaſſen bis ans Ende als Mitſchuldiger dieſer verruchten Rebellen zu er⸗ ſcheinen! Sie, der Sprößling eines alten Hauſes, das ſich zu allen Zeiten durch ſeine Anhänglichkeit an ſeine Könige berühmt gemacht, Sie ſind zum Tod verurtheilt worden wie Ihr unwürdiger Bru⸗ der Pompeo, Sie, oh mein edler und rechtſchaffener Herr!“ fügt der Haushofmeiſter mit Thränen in den Augen hinzu. „Und Sie haben den Muth ge⸗ habt, den Abſcheu, welchen Pompeo's Eidbrüchigkeit Ihnen einflößte, zu überwinden und ſeine Umar⸗ mungen am Fuße des Schaffots anzunehmen. Der König hat ſcheinbar Ihr Todesurtheil aus Mitleid in Verbannung umgewandelt, weil er wohl wußte, daß Sie ihm auch in der Verbannung noch nützlich ſein konnten. Nein, niemals hat ein Souverän von einem ſeiner Diener Beweiſe von ſo erhabener Hingebung erhalten, wie die Ihrige iſt. Und jetzt, gnädigſter Herr, ſchelten Sie mich, grollen Sie mir, jagen Sie mich fort, wenn Sie wollen! Ich werde Ihnen wieder einmal geſagt haben, was ich Ihnen den ganzen Tag über wiederholen möchte: Ich bin 12 Ihnen als dem beſten aller Herren zugethan und ich verehre, ich bewundere Sie als den treueſten und heldenmüthigſten Unterthan unſeres erhabenen Souveräns.“ Der Herzog della Sorga hatte gegen ſeinen Willen Bartolomeo, dem einzigen und naiven Werk⸗ zeug ſeiner Schurkereien, geſtatten müſſen, ſeiner be⸗ wunderungsvollen Beredtſamkeit den Zügel ſchießen zu laſſen. Der Haushofmeiſter, den ſeine Anhänglichkeit an ſeinen Herrn und ſein royaliſtiſcher Fetiſchismus blendete, meinte es vollkommen aufrichtig, indem er den hölliſchen Verrath dieſes Menſchen, der aus Neid, Eiferſucht und Geldgier ſeinen Bruder ver⸗ kauft hatte, um die unermeßlichen Beſitzungen und den Titel dieſes unglücklichen Chefs des Hauſes della Sorga zu erben, als ein erhabenes Opfer pries, obſchon dieſe That vielleicht darum noch ſchauerlicher war, weil ſie feiger war, als wenn er Pompeo mit eigener Hand erdolcht hätte. Und gleichwohl hegte — ein unbegreifliches My⸗ ſterium der Seele! — der Herzog della Sorga ge⸗ gen ſeine Frau, die er engelrein glaubte, die innigſte Anhänglichkeit und Verehrung und liebte ſeine Kin⸗ der aufs zärtlichſte: eine ſeltſame Anomalie, die zuweilen bei den verruchteſten Verbrechern bemerkt wird. Nach einer kurzen Pauſe ſprach der Herzog della Sorga, indem er ſeine Hand dem Haushofmeiſter reichte, der ſie an ſeine Lippen führte und mit in⸗ brünſtiger Verehrung küßte: „Du biſt ein guter alter Diener, Bartolomeo; 0 13 ich kann Dir im Ganzen keinen Vorwurf daraus machen, daß Du mich lieb gewonnen haſt, wohl aber daraus, daß Du mir eine Bewunderung wid⸗ meſt, die durch Nichts gerechtfertigt iſt. Ich habe gegen meinen König meine Pflicht als treuer und ehrlicher Unterthan erfüllt, Das iſt Alles. Aber um auf Felippe und auf die Urſache der Verände⸗ rung zurückzukommen, der wir nachſpüren, ſo glaub⸗ teſt Du, wie Du ſagſt, Dich zu erinnern, daß ſie ſich in die Zeit zurückdatire, wo mein Bruder Pom⸗ peo von ſeinen Reiſen zurückkam und ſich in Sici⸗ lien niederließ.“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Und was veranlaßt Dich zu dieſer Anſicht?“ „Sie erinnern ſich, gnädigſter Herr, daß Sie damals ziemlich armſelig von Ihrem Antheil als jüngerer Sohn lebten. Wir bewohnten in Palermo ein trauriges Haus. Ihr Bruder Pompeo hatte das antike Schloß della Sorga, die Wiege Ihrer Familie, wiederherſtellen und prächtig möbliren laſ⸗ ſen. Sie gingen mit Ihrer Frau Gemahlin und Ihren Kindern zum Einweihungsfeſt, das Ihr Bru⸗ der veranſtaltete, und blieben einen Monat in die⸗ ſer beinahe königlichen Reſidenz. Nun erinnere ich mich jetzt, daß Felippe bei ſeiner Rückkehr ... Der Haushofmeiſter unterbricht ſich, als er an die Thüre des Kabinets klopfen hört. Der Herzog della Sorga ruft: „Wer iſt da?“ „Ich, mein Vater,“ antwortet Felippe, worauf der Herzog zu Bartolomeo ſagt: „Mein Sohn kommt ganz gelegen; ich hoffe, 14 daß er ſeine Unart von geſtern Abend bereuen wird. Wir werden dieſes Geſpräch wieder aufnehmen. Mach auf und beſorge dann die Depeſche.“ Der Haushofmeiſter öffnet; Graf Felippe tritt herein und bleibt allein bei ſeinem Vater. II. Der Herzog della Sorga erſchrack Anfangs über die Phyſiognomie ſeines Sohnes, die ihm nie unheimli⸗ cher geſchienen hatte, und da er ſich jetzt an Bartolo⸗ meo's Erzählung in Betreff des peinlichen Streites erinnerte, der am vorhergehenden Abend zwiſchen beiden Brüdern vorgefallen war, ſagte er traurig zu Felippe: „Geſtern früh habe ich Ihnen mein tiefes Be⸗ dauern über Ihre Zwiſtigkeit mit Ihrem Bruder ausgeſprochen; ſo eben höre ich, daß Sie ſich geſtern Abend wieder aus dem allernichtigſten Grund, um eines Glaſes Limonade willen, das Bartolomeo durch Ihr Zimmer trug, um es Ottavio zu bringen, beklagenswerthen Aufwallungen hingegeben haben. Ach Felippe! Felippe! Sie machen mich ſehr un⸗ glücklich.“ „Ich wünſche Ihren Kümmerniſſen ein Ende zu machen, mein Vater.“ „Sollte es wahr ſein?“ ruft der Herzog mit freudiger Hoffnung. „Ja, mein Vater, und in dieſer Abſicht komme ich, um von Ihnen Abſchied zu nehmen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Felippe?“ 0 15 „Daß ich die Abſicht habe ſo bald als möglich abzureiſen.“ „Abzureiſen?“ „Das iſt ein unwiderruflicher Beſchluß.“ „Und ohne meine Erlaubniß?“ „Ich komme Sie darum zu bitten, mein Vater.“ „Und wenn ich ſie Ihnen verweigere?“ „So werde ich den Schmerz haben mich ihrer zu überheben.“ „Vergeſſen Sie, daß die väterliche Gewalt ihre Rechte hat? Ich werde es Ihnen beweiſen, wenn Sie mich dazu zwingen.“ „Sie machen, daß ich meinen ehrerbietigen Schritt bereue; ich hätte mich entfernen ſollen, ohne es Ihnen zu ſagen.“ „Mein Gott!“ murmelt der Herzog, indem er mit beiden Händen an ſeine Stirne fährt, „mein Gott, welche Verſtocktheit, welche Undantbarkeit! Ein Kind, das ich ſo innig liebe!“ „Ueberdieß, mein Vater, wenn Sie mich mit Gewalt hier zurückhalten wollen „ „Unglückſeliger! Sie mit Gewalt zurückhalten!“ unterbricht ihn der Herzog im Tone der Entrüſtung. „Nein, nein, und da Sie entartet genug ſind, i Aber auf einmal ändert er ſeinen Ton und fährt mit liebevollem Mitleid fort: „Nein, ich werde Dich nicht mit Gewalt bei uns zurückhalten, armer theurer Thor! Ich werde Dich dadurch zurückhalten, daß ich meine Nachſicht und Zärtlichkeit verdopple; Du haſt meinen Befehlen widerſtanden, Du wirſt meinen Bitten Gehör ſchen⸗ 16 ken. Felippe, ich beſchwöre Dich, ich flehe Dich an, werde wieder vernünftig.“ Damit ſchließt er ihn in ſeine Arme und fährt dann voll Zärtlichkeit fort: „Mein Kind, laß Dich nicht durch die Viſionen Deines geſtörten Hirnes täuſchen; öffne Deine Au⸗ gen, ſieh wie innig Jedermann hier Dich liebt, und Dein Bruder am allermeiſten; Dein Bruder, wel⸗ chem Du, wie ich und Bartolomeo ſo eben noch zu einander ſagten, früher mit einer Art von Anbetung anhingeſt. Mein Gott, woher kommt denn dieſe unerklärliche Veränderung, die uns Alle unglücklich macht?“ „Er fragt es mich, er! er, deſſen Beiſpiel meine Bruderliebe in Eiferſucht, Neid und Haß umgewan⸗ delt hat! Er fragt es mich!“ denkt Felippe, wäh⸗ ſin ſein Vater mit verdoppelter Zärtlichkeit fort⸗ ährt: „Wir waren früher alle ſo glücklich! wir lebten ſo einig! Selbſt auf Deine Geſundheit, obſchon ſie immer ſchwach war, wirkte die Ruhe Deines Gei⸗ ſtes wohlthätig ein; Du empfandeſt dieſe phyſiſchen Schmerzen nicht, welche Dich jetzt verdrießlich, mür⸗ riſch, zornſüchtig machen. Und ohne von der Be⸗ trübniß zu ſprechen, worein dieſer unſinnige Plan mich verſetzt, wie konnteſt Du daran denken uns zu veriaſſen, während Du doch ſo ſchwächlich, ſo kränk⸗ lich biſt? Großer Gott, wie kannſt Du Dich von uns entfernen, während Du mehr als je unſerer Pflege bedarfſt! Sieh, ſchon dieſer Gedanke allein macht mich beben.“ Der Herzog, der jetzt einen Strahl von Rüh⸗ —————— 17 rung, mochte er nun erheuchelt oder wirklich ſein, das finſtere Geſicht ſeines Sohnes erhellen ſah, fuhr alſo fort: * „Felippe, Du biſt bewegt. Du fühlſt endlich wie theuer Du mir biſt, armes unglückliches Kind!“ „Laſſen Sie mich!“ ſagt Felippe, der immer gerührter erſcheint und eine leichte Anſtrengung macht, um ſich aus der väterlichen Umarmung los⸗ zuringen; „laſſen Sie mich! Ich bin hier der Ruhe⸗ ſtörer; es iſt meine Pflicht mich zu entfernen.“ „Dich zu entfernen! Oh ich frage Dich, wie Du dieß jetzt noch wagen kannſt. Du ſiehſt endlich den ſchrecklichen Kummer ein, worein Deine Abreiſe uns verſetzen würde; Du wirſt bei uns bleiben und. „Nein, nein! keine Schwäche!“ ſagt Felippe, wie wenn er gegen ſeinen eigenen Wunſch ankämpfte. „Ich kenne meine Fehler: mein Charakter iſt ge⸗ häſſig, unverbeſſerlich geworden; ich ſchäme mich ſeiner. Es iſt meine Pflicht abzureiſen,“ fügt er im Tone bittern Selbſtvorwurfs hinzu. „Ich habe zu ſpät, allzu ſpät erfahren, welches Unglück ich angerichtet habe! .. Armer Ottavio! ... Leben Sie wohl, Vater; tadeln Sie mich, aber beklagen Sie mich auch; ich verdiene Ihr Mitleid.“ „Liebes Kind!“ ruft der Herzog ſtrahlend vor Freude, indem er ſeinen Sohn bei der Hand zu⸗ rückhhält; „Du haſt geſagt: armer Ottavio! und Du haſt Das in einem Tone geſagt, der mir zu Herzen gegangen iſt: er hat mich an jene glück⸗ liche Zeit erinnert, wo Du Deinen Bruder liebteſt. Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 2 Gott ſei geprieſen! Dieſe zwei Worte, die Du da ausgeſprochen haſt, dieſe Worte armerOttavio, ſind allein ſchon eine Enthüllung, die mein Vater⸗ herz mit Freude erfüllt. Ach, ich zweifle nicht mehr daran, Du liebſt Deinen Bruder wie Du ihn früher liebteſt.“ „Ja, und eben darum muß ich mich entfernen,“ antwortet Felippe, der zu ſeinem erſten Entſchluß zurückzukehren ſcheint; dann fügt er feſt und ent⸗ ſchieden hinzu: „Ich muß abreiſen; ich habe mir allzu viele Vorwürfe zu machen. Wie würde es gehen, wenn ein unerſetzliches Unglück. . .“ Aber Felippe ſcheint dieſe letzten Worte zu be⸗ reuen, wie wenn ſie ihm unwillkürlich entfahren wären; er unterbricht ſich raſch und ſagt zu dem Herzog: „Ich wiederhole Ihnen, mein Vater, ich muß mich entfernen, es muß ſein.“ „Nein, Du wirſt nicht gehen. Aber was ſagteſt Du ſo eben von einem unerſetzlichen Unglück, das Deine Anweſenheit hier verurſachen könnte?“ „Ich glaube Das nicht geſagt zu haben, mein Vater.“ „Du haſt es geſagt.“ „Dieſe Worte werden mir entfahren ſein; ſie haben keinen Sinn . ..“ „Das iſt unmöglich.“ „Ich verſichere Sie, mein Vater.“ „Ich gebe zu, mein Lieber, daß dieſe Worte Dir entfahren ſind; aber daß ſie keinen Sinn ha⸗ ben, iſt unmöglich, das wiederhole ich Dir.“ 19 „Ich bitte Sie um Alles, vergeſſen Sie dieſe Aeußerung; fragen Sie mich nicht aus; wenn ich Ihnen antworten müßte, ich würde vor Schaam ſterben. Nein! nein! überlaſſen Sie mich meinem unglückſeligen Schickſal; ich bin verflucht, mein Cha⸗ rakter iſt eben ſo abſtoßend geworden wie meine Perſon. Ich verdiene den Abſcheu, den ich einflöße; ich bin ein Gegenſtand allgemeinen Widerwillens; um ſo beſſer, ſo wird man mich allein laſſen.“ „Sieh, jetzt ſind Deine Züge wieder düſter und unheimlich geworden, grauſames Kind!“ „Wenn ich grauſam bin, ſo kommt es daher, daß ich leide.“ „Was iſt die Urſache Deiner Leiden?“ „Der Gedanke an das Unglück, das ich bereits verurſache und das meine Gegenwart hier noch fer⸗ ner verurſachen kann.“ „Mein Gott! Du quälſt mich abſichtlich, indem Du mir in lauter Räthſeln antworteſt.“ „Ich würde Ihnen Abſcheu einflößen, wenn ich mich deutlich erklärte, mein Vater; und gleichwohl aber nein nein ich werde es nie wa⸗ gen! nie!“ „Dieſes Geheimniß, das Du mir ſo hartnäckig vorenthältſt, laſtet ſchwer auf Dir, wie ich ſehe.“ „Oh ja, es quält mich, es tödtet mich.“ „So ergieße Dich doch. Wer könnte Dein Ver⸗ trauter ſein, wenn ich es nicht wäre, mein Kind?“ Felippe bleibt einen Augenblick ſtill und ſcheint einen ſchweren innern Kampf zu kämpfen; der Her⸗ zog beſpäht mit tiefer Angſt die Phyſiognomie ſei⸗ nes Sohnes. 2 * ———— 20 Endlich nach einem Augenblick ſtillen Bedenkens beginnt Felippe mit ernſter, beinahe feierlicher Stimme wie folgt: „Mein Vater, ſchwören Sie mir, daß Sie nie⸗ mals und unter keinen Umſtänden weder Ottavio, noch meiner Mutter, noch irgend einem andern Menſchen mittheilen werden, was ich Ihnen jetzt ſagen will?“ „Ich ſchwöre es.“ „Auf Ehre?“ „Auf Ehre!“ Felippe ſammelt ſich einen Augenblick und fährt dann fort: „Ohne Zweifel hat Bartolomeo Ihnen geſagt, daß geſtern Abend .. . „Als Du ihn durch Dein Zimmer gehen ſaheſt, um Deinem Bruder das Glas Limonade zu brin⸗ gen, das er jeden Abend trinkt, da riefeſt Du, es ſei Dir unerträglich auf dieſe Art geſtört zu wer⸗ den. Dieſer nichtsſagende Grund hat Deine Er⸗ bitterung verurſacht.“ „Es iſt wahr und Ottavio hat ſich, ich geſtöhe es, eben ſo geduldig und liebreich gegen mich ge⸗ zeigt, als ich ungerecht und aufbrauſend war.“ „Weil er weiß, liebes Kind, daß man weniger Deinem Herzen, als Deinem Charakter Schuld ge⸗ ben muß, der häufig durch Leiden verbittert iſt. Aber bitte, fahr fort.“ „Ich ging zu Bette; ich hatte in meinem Zorn vergeſſen die Verbindungsthüre zwiſchen Ottavio's und meinem Zimmer zu ſchließen; ich war ſehr auf⸗ geregt und konnte nicht einſchlafen; es ſchlug drei 21 Uhr, als ich Ottavio zu hören glaubte, der in er⸗ ſticktem, ſchmerzlichem Ton nach mir rieß „Vollende! vollende! warum unterbrichſt Du Dich?“ „Weil Sie mir vielleicht nicht glauben werden.“ Und Felippe fügt mit Bitterkeit hinzu: „Ich habe jetzt ein ſo ſchlechtes Herz!“ „Warum dieſen Vorwurf, während ich Dir doch ſo eben noch geſagt habe, daß man Deinem Herzen nicht Schuld geben dürfe?“ „Dieſen Vorwurf mache ich mir ſelbſt und er iſt wohlverdient. Ich bin boshaft geworden, aber ich bin mir wenigſtens meiner Bosheit bewußt, ſeit ich in der letzten Nacht gehört habe, wie Ottavio mit beklommener Stimme nach mir rief. Ich glaubte Anfangs mich getäuſcht zu haben; aber bald ſprach mein Bruder meinen Namen mit einem ſchmerzlichen Tone aus, wie wenn er mich um Hilfe anriefe; ich ſtand ſogleich auf und ging in Ottavio's Zimmer, das von ſeiner Nachtlampe beleuchtet war: er ſchlief.“ „Aber dieſer wiederholte Ruf? von wem war er ausgegangen?“ „Mein Bruder träumte: ſein Schlaf wurde ver⸗ muthlich durch einen peinlichen Traum geſtört. Ich wollte mich beruhigt über meine erſte Befürchtung entfernen, als Ottavio von Neuem meinen Namen ausſprach und . . .“ „Warum unterbrichſt Du Dich ſchon wieder?“ „Sie werden mich verfluchen.“ „Du marterſt mich. Vollende doch.“ „Wird dieſes Geheimniß zwiſchen Ihnen und mir bleiben, mein Vater?“ 22 „Ich habe es Dir verſprochen, ſogar geſchworen; ich ſchwöre es Dir von neuem.“ „Felippe, ſagte Ottavio in ſeinem Schlaf mit einer herzzerreißenden, von Schluchzen unterbroche⸗ nen Stimme: was habe ich Dir gethan, daß Du mich haſſeſt? Ich liebe Dich ſo zärtlich und Du liebteſt mich früher ſo ſehr; ach ich kann nicht län⸗ ger an Deiner Abneigung zweifeln; ſie iſt mein Unglück, das Unglück meines Vaters, das Unglück meiner Mutter. Das kann nicht fortdauern; meine Gegenwart iſt Dir verhaßt geworden, mein Herz blutet jeden Augenblick ob Deiner Härte; es iſt zu viel, ich leide allzu ſehr.“ Felippe unterbricht ſeine Erzählung von Neuem, und da die Aufregung ihn zu überwältigen ſcheint, wirft er ſich dem Herzog an den Hals, neigt ſein Geſicht an die Schulter ſeines Vaters und murmelt: „Verzeihen Sie, mein Vater! oh verzeihen Sie die grauſamen Bekümmerniſſe, die ich dieſem armen Ottavio bereitet habe!“ Der Herzog della Sorga, der von Felippe's Er⸗ zählung ſelbſt ſehr bewegt und von ſeiner Reue innig gerührt iſt, antwortet, indem er ihn an ſeine Bruſt drückt: „Ach, jetzt zweifle ich nicht mehr an der Rück⸗ kehr Deiner Zärtlichkeit gegen Deinen Bruder.“ „Weh mir! es iſt zu ſpät!“ murmelt Felippe in herzzerreißendem Ton. „Es iſt zu ſpät! Sie wiſſen nicht wie Ottavio's letzte Worte gelautet haben.“ Und fortwährend über die Schulter ſeines Va⸗ ters geneigt, fügt er mit leiſer bebender Stimme hinzu: 23 „Ottavio's letzte Worte, mein Gott, ich wage es kaum ſie nachzuſprechen; er hat geſagt: Ha, die⸗ ſes Leiden iſt zu ſtark! das Leben iſt mir zur Laſt! ich will lieber ſterben.“ Jetzt richtet ſich Felippe wieder auf, heftet einen verzweiflungsvollen Blick auf den Herzog und ruft, indem er ſich mit beiden Fäuſten vor die Stirne ſchlägt: „Er wird ſich tödten! Ich werde den Tod mei⸗ nes Bruders verſchuldet haben! Ich bin ein Ver⸗ fluchter! ein Kain!“ Und offenbdt von einem unſeligen Wahnbild gequält, fährt er fort: „Laſſen Sie mich! ich will fliehen, will mich vor allen Blicken verbergen! Ich bin nicht werth das Tageslicht zu ſchauen! Ottavio wird ſich vielleicht tödten und ich werde den Tod meines Bruders ver⸗ urſacht haben.“ Und bei dieſen letzten Worten ſinkt Felippe nie⸗ dergedrückt auf ein Kanapee. Der Herzog della Sorga ſetzt ſich neben ihn, nimmt die Hände des Jünglings in die ſeinigen und ſagt: „Liebes Kind, Du mußt die Bedeutung von Ottavio's Worten nicht übertreiben; er wird noch unter dem Eindruck Deiner geſtrigen Aufwallungen eingeſchlafen ſein, und die Worte, die Dich ſo ſchmerz⸗ lich bewegen, ſind ihm nur im Traume entfahren.“ „Ach, ſie ſchildern die bangen Qualen ſeiner Seele nur allzu deutlich,“ verſetzt Felippe und fügt ſeufzend hinzu: „Ich habe ihn ſo unglücklich ge⸗ macht, daß er im Stande iſt ſich tödten zu wollen. Ach mein Vater, ich bin verflucht.“ „Lieber Sohn, Du bringſt mich zur Verzweif⸗ lung! Ich beſchwöre Dich, bedenke doch, daß es in der Natur der Träume liegt, immer über die Wahrheit hinauszugehen. Unſer Geiſt gehört uns da nicht mehr an; er läßt ſich zu den ſeltſam⸗ ſten, fantaſtiſchſten Seitenſprüngen hinreißen. Die Wahrheit über dieſen Traum, mein Sohn, iſt kurz die: Ottavio iſt von Eurem Streit geſtern Abend peinlich berührt worden; aber Gott ſei Dank, es liegt ein wahrer Abgrund zwiſchen einem ſolchen Unmuth und dem Entſchluß oder auch nur dem Ge⸗ danken ſich ſelbſt nach dem Leben zü trachten. Noch einmal, er träumte; ſein Geiſt gehörte ihm nicht mehr an, und vielleicht wird er ſich beim Erwachen nicht einmal mehr an dieſen unglückſeligen Traum erinnern.“ „Möge der Himmel Sie erhören, mein Vater! aber ich, ich zittere.“ „Damit iſt indeſſen nicht geſagt, daß dieſe Worte, die Deinem Bruder im Schlaf entfuhren, durchaus keine Bedeutung haben. Rein, nein; ſie beweiſen, wie ſehr der Verluſt Deiner Liebe ihn ſchmerzt; aber glücklicher Weiſe ſind ſie auch Dir tief zu Her⸗ zen gegangen, dafür zeugt mir die rührende Ueber⸗ treibung Deiner Befürchtungen.“ „Ach, dieſe Worte ſind für mich eine furchtbare Enthüllung geweſen: ſie haben mir die Tiefe des Herzeleids gezeigt, das ich Ottavio angethan habe, da ich ihm das Leben ganz entleidete.“ Und mit neuem Beben fügt Felippe hinzu: „Weh mir! Dieſer ſchauerliche Gedanke verfolgt mich und wird mich ſtets verfolgen. Ach, wenn „ 25 4 dieſe Kataſtrophe eintreten ſollte, mein Gott! oh ich ſchwöre es! Ich würde meinen armen Ottavio um keine Stunde überleben; Sie würden an Einem Tag Ihre beiden Kinder verloren haben, mein Vater!“ „Nun, dieſe Befürchtungen ſind ja ganz un⸗ ſinnig.“ „Ich kann ſie nicht überwinden; ſie beſtürmen mich, ſie werden die Gewiſſensqual, der Schreck meines Lebens ſein.“ „Aber, unglückliches Kind, ſelbſt angenommen, was jedoch nicht der Fall iſt und nicht der Fall ſein kann, daß Dein bisheriges Benehmen gegen Deinen Bruder ihm das Leben entleidet habe, hängt es denn nicht von Dir, lediglich von Dir ſelbſt ab, ihm das Leben künftig eben ſo angenehm zu machen, als es ihm ſeit dem Verluſt Deiner Neigung pein⸗ lich geweſen iſt? Liebe ihn wie Du ihn früher liebteſt, und Du wirſt ihn wieder eben ſo glücklich werden ſehen, wie er ehedem war. Oh ich zweifle jetzt nicht mehr daran, daß Du ihm Deine Zärt⸗ lichkeit wieder ſchenken wirſt. Gott ſei Lob und Dank geſagt! Abgeſehen von dem peinlichen Schmerz, den es Dir verurſacht hat, freue ich mich jetzt über den Vorfall dieſer Racht, denn von heute wird ſich Deine Verſöhnung mit Ottavio datiren. Ach mein Kind,“ fügt der Herzog' mit dumpfer und gepreßter Stimme hinzu, „ach wenn Du wüßteſt, wenn Du wiſſen könnteſt, wie ſehr Cure Zwiſtigkeiten mich betrübten, wie viel Schreckliches ſie für mich hatten! wenn Du wüßteſt, wie glücklich es mich machen würde Euch wieder wie früher als gute, zärtlich ——— = 26 verbundene Brüder leben zu ſehen! Ich fühle ein ſo ſchmerzliches Bedürfniß darnach, um vergeſſen zu können .. . Der Herzog vollendete ſeinen Gedanken nicht und fügte nach dieſer Unterbrechung hinzu: „Ja, ich fühle ein ſo ſchmerzliches Bedürfniß die Bitterkeiten des Exils zu vergeſſen. Liebes Kind, ich werde Dir einen der beſten Tage meines Lebens verdanken, wenn ich Dich fogleich in den Armen Deines Bruders ſehen werde.“ „Und wenn er mich zurückſtoßt?“ „Ottavio ſollte Dich zurückſtoßen 2 . . . Er . . . dieſes Engelsherz?“ „Ich habe ihn ſo oft beleidigt.“ „Er wird bei Deinem erſten Kuß Alles vergeſſen.“ „Armer Ottavio!“ „Ich will ihn augenblicklich hierher rufen laſſen, willſt Du?“ „Sie haben mir geſchworen, daß weder er, noch meine Mutter, noch ſonſt Jemand das ſchreckliche Geheimniß dieſes Traumes erfahren ſoll.“ „Mein Verſprechen iſt heilig.“ „Ach, ich würde ſterben vor Schaam und Schmerz, wenn man jemals erführe . . .“ „Ich will klingeln,“ ſagt der Herzog della Sorga, indem er ſich voll Freudigkeit erhebt; „ich will Ottavio holen laſſen. Du wirſt ihn doch zärtlich empfangen?“ „Oh von ganzem Herzen,“ antwortet der fluch⸗ würdige Schurke; „ich ſterbe vor Verlangen ihm um den Hals zu fallen.“ Der Herzog, deſſen Züge eine unſägliche Be⸗ 27 friedigung verrathen, geht raſch auf das Kamin zu, um zu klingeln, während Felippe, der ihm mit un⸗ heimlichem Blicke folgt, zu ſich ſagt: „Er fällt in die Schlinge; er glaubt an die Wirklichkeit dieſes Traumes.“ Und ein wildes Lächeln ſpielt um die Lippen des jungen Mannes, während er hinzufügt: „Oh dieſen Traum habe ich mit famoſer Schlau⸗ heit erfunden. Er muß das Ereigniß vorbereiten und wahrſcheinlich machen! . . . Alles geht gut! . . . Und dennoch betete ich dieſen älteren Bruder früher in Wahrheit an . . . ja, aber das Beiſpiel! das Beiſpiel! (Wirft dem Herzog einen ſchrecklichen Blick zu.) Ha, Du fragſt mich, warum meine Bru⸗ derliebe ſich in brudermörderiſchen Haß verwandelt hat? Vielleicht werde ich Dir die Urſache dieſer Verwandlung eines Tags ſagen! und Du wirſt beben ob dieſer Enthüllung.“ Auf das Geklingel iſt ein Bedienter hereinge⸗ kommen; der Herzog ſagt zu ihm: „Iſt Ottavio zu Hauſe?“ „Der Herr Marquis geht im Garten ſpazieren und wartet, bis die Frau Herzogin aufgeſtanden iſt.“ „Sag ihm, er möchte augenblicklich hierher kommen.“ Der Bediente geht und der Herzog kehrt ganz freudig zu Felippe zurück: „Ach mein Kind! welch ein ſchöner Tag! Aber was haſt Du denn? Dein Geſicht, das ſo eben heiter ge⸗ weſen, iſt wieder traurig, niedergeſchlagen geworden.“ „Ach! jetzt zittere ich bei dem Gedanken an dieſe Verſöhnung.“ 28 „Warum zittern?“ „Wenn Ottavio ahnte, daß ich ihn heute Nacht ſprechen gehört habe!“ „Das iſt nicht zu befürchten; übrigens was könnte Dir auch daran liegen?“ „Dann würde er glauben, was leider nur allzu wahr iſt, daß ich mich deßhalb ihm wieder zuwende, weil ich zufällig ſein unglückſeliges Geheimniß über⸗ raſcht habe.“ „Beruhige Dich, ich kann Ottavio Deinen Wunſch näch Verſöhnung ſehr wahrſcheinlich darſtellen; ich werde mich in Nichts von der Wahrheit entfernen, wenn ich ihm ſage, daß ich, nachdem ich von Bar⸗ tolomeo erfahren was geſtern zwiſchen Euch beiden vorgefallen, Dir heute früh Vorwürfe gemacht habe, deren Bedeutung und Richtigkeit Du einſeheſt, ſo daß Du Dein Aufbrauſen bereueſt und den Wunſch geäußert habeſt. . . Doch,“ unterbricht ſich der Herzog beim Anblick Ottavio's, der ins Kabinet tritt, „da iſt Dein Bruder.“ . III. Ottavio ſtellte ſich wirlich ſeinem Vater zu Be⸗ fehl. Da Felippe's Anweſenheit ihn an die ſchmerz⸗ lichen Ereigniſſe von geſtern Nacht erinnerte, ſo übérzog tiefe Traurigkeit ſein ehrliches, reizendes Geſicht. Um jedoch den feindlichen Blicken ſeines Bruders nicht zu begegnen, ſchaute er ihn nicht an, ſondern wandte ſich an den Herzog della Sorga: „Sie haben mich rufen laſſen, mein Vater?“ 29 „Ja, mein Lieber, und ich will Dir auch ſagen warum. Ich habe von Bartolomeo erfahren, daß geſtern Abend Dein Bruder . .. „Bitte! laſſen Sie das Alles vergeſſen ſein!“ antwortet Ottavio ſchnell. „Felippe hatte im Gan⸗ zen nicht Unrecht; er lag in ſeinem erſten Schlaf. Bartolomeo hat ihn aufgeweckt, als er durch ſein Zimmer ging, um mir meine Limonade zu bringen; mein Bruder hat ſich geärgert, das iſt ſehr begreif⸗ lich; ich wiederhole Ihnen alſo, mein Vater, laſſen Sie uns von dieſer Kinderei nicht mehr ſprechen.“ „Der liebe gute Ottavio! mit welcher rührenden Großmuth er den neuen Kummer verſchweigt, den ich ihm verurſacht habe, während leider der Kum⸗ mer das Maß ſeiner Leiden voll gemacht hatte,“ ſagt Felippe ganz leiſe zum Herzog, um auf dieſe übrigens ſehr wahrſcheinliche Art den Widerſpruch zu erklären, der zwiſchen Ottavio's Nachſicht in einer Sache, die er als Kinderei bezeichnete, und den verzweifelten Aeußerungen ſtattfand, die ſein Bruder während der Nacht belauſcht zu haben behauptete. Der Herzog della Sorga ließ ſich durch dieſe neue Schurkerei Felippe's täuſchen, und da er ſich vor Rührung und Freude nicht mehr zu faſſen wußte, rief er voll Feuer: „Ottavio! umarme Deinen Bruder.“ „Oh von Herzen gern,“ ſagt Ottavio lebhaft; da er jedoch fürchtet von Felippe zurückgeſtoßen zu werden, wie ihm ſchon ſo oft geſchehen war, ſo fügt er hinzu: „„Ja, von Herzen gern, wenn mein Bruder ein⸗ wilit. 30 Statt aller Antwort fällt Felippe ihm um den Hals und murmelt mit erſtickter Stimme: „Verzeih, Bruder, oh verzeih mir all den Kum⸗ mer, den ich Dir ſchon ſeit ſo langer Zeit bereitet habe. Ich liebe Dich eben ſo ſehr, ja vielleicht noch mehr, als früher, denn zu meiner Zärtlichkeit geſellt ſich noch der Wunſch Dich die Vergangenheit vergeſſen zu machen.“ „Was höre ich?“ ruft Ottavio, indem er Felippe entzückt in ſeine Arme ſchließt. „Oh mein Bruder! Ich finde Dich wieder, ich Thränen erſticken Ottavio's Stimme. „Ich habe ein Geſtändniß auf dem Herzen, das mich ſchwer bedrückt, und ich will mich von dieſer Laſt erleichtern,“ ſagt Felippe als Antwort auf Ot⸗ tavio's Zärtlichkeiten; „höret dieſes Geſtändniß an, Vater und Bruder, ſo werdet Ihr das traurige Ge⸗ heimniß der Veränderung erfahren, die mit mir vorgegangen iſt und die Euch, ſo wie mich ſelbſt, ſo unglücklich machte, denn es iſt ſo ſchrecklich glau⸗ ben zu müſſen, daß Diejenigen, die wir lieben, ſich an uns ſchämen.“ „Uns an Dir ſchämen!“ verſetzt der Herzog della Sorga. „Großer Gott! von wem konnteſt Du denn annehmen, daß er ſich an Dir ſchäme?“ „Du wirſt es doch hoffentlich weder von der Mutter, noch von dem Vater, noch von mir glau⸗ ben, mein lieber Felippe,“ fügt Ottavio hinzu, der nicht minder überraſcht iſt, als ſein Vater. „Ich berufe mich auf Dein eigenes Gedächtniß, daß wir Dir noch niemals die mindeſte Veranlaſſung gege⸗ 31 ben haben uns einen ſolchen Vorwurf zu machen, großer Gott!“ „Er muß Euch, dem Vater und Dir, allerdings ungerecht erſcheinen; gleichwohl werde ich auf die Gefahr hin, Euch zu beleidigen, aufrichtig ſein. Ja, ſeit langer Zeit ſah oder vielmehr glaubte ich zu ſehen, daß unſere Eltern in demſelben Maß, wie ſie auf Deine Schönheit ſtolz waren, Ottavio, an meiner Häßlichkeit und Mißgeſtaltheit ſich ſchämten.“ „Wir!“ ruft der Herzog della Sorga, „wir, die wir Dich im Gegentheil eher bevorzugten, weil Du uns eine verdoppelte Theilnahme zu verdienen ſchieneſt.“ „Ach Felippe,“ verſetzt Ottavio im Ton des zärtlichſten Mitleids, „hätte ich den leiſeſten Groll gegen Dich bewahren können, wie ſehr würde ich Dieß jetzt mir zum Vorwurf machen! Ach, wie mußteſt Du in Folge dieſes unſeligen Glaubens leiden! Er war falſch; Nichts in der Welt berech⸗ tigte ihn, aber er exiſtirte nun einmal in Deinem Kopf; er betrübte Dich ſehr, er mußte Dich in der That ſchwer verletzen. Lieber Bruder, empfang alſo im Namen des Kummers, den Du ſelbſt überſtan⸗ den haſt, tauſendmal meine Verzeihung für den Kummer, den ich überſtanden habe.“ „Jetzt begreife ich Alles,“ ruft der Herzog, der ſich eben ſo gründlich überliſten ließ und eben ſo gerührt war, als Ottavio. „Iſt's möglich, daß Dein Geiſt ſich ſo weit verirren konnte uns bis auf dieſen Grad zu verkennen? denn wahrlich, Nichts auf dieſer Welt rechtfertigte eine ſolche Befürch⸗ tung von Deiner Seite. Kannſt Du auch nur eine einzige Thatſache anführen, die ſie wahrſcheinlich macht?“ „Gleichwohl, mein Vater .. . doch nein, ver⸗ zeihen Sie, laſſen Sie uns dieſe unglückſelige Ver⸗ gangenheit vergeſſen!“ „Sprich, Felippe, ich beſchwöre Dich, verſchweige Deinem Bruder und mir Nichts.“ „Nun wohl, ſeit langer Zeit ginget Ihr allein aus, ohne mich mitzunehmen, und geſtern noch ſeid Ihr zu dieſer Soiree des Hausherrn gegangen und ich bin hier geblieben.“ Felippe kommt der Einwendung, welche der Her⸗ zog della Sorga machen will, ſchnell entgegen und fügt hinzu: „Bitte, Vater, glauben Sie nicht, daß ich Ihnen hier einen Vorwurf machen wolle. Nein, nein, denn ich habe ja dießmal, wie ſchon ſo oft, mich gewei⸗ gert Sie zu begleiten; aber dieſe Weigerung wurde mir durch die ſchmerzliche Ueberzeugung dictirt, daß Sie mich nur ſehr ungern eingeladen haben mit Ihnen zu kommen, weil es Ihnen davor bange ſei meine lächerliche und traurige Perſon vor Fremden auszuſtellen.“ „Ach mein Sohn! mein Sohn!“ „Dieſe Befürchtungen waren von meiner Seite abgeſchmackt, ſinnlos, das gebe ich jetzt zu, mein Vater; aber Sie begreifen, daß unter ihrer beſtän⸗ digen Einwirkung mein Charakter ſich verbittern, daß ich ſchweigſam, mürriſch, ſchwarzgallig, reizbar werden mußte; ich zog mich auf mich ſelbſt zurück, ich ſuchte die Einſamkeit, weil ich überzeugt war, daß ich für Euch ein Gegenſtand des Widerwillens 33 geworden ſei; meine Anhänglichkeit an Ottavio war nicht vernichtet, denn ſie erwacht jetzt wieder eben ſo lebhaft wie in früherer Zeit, aber ſie wurde er⸗ drückt durch die Eiferſucht, die er mir einflößte, indem er den Stolz meiner Eltern bildete, während ich doch genug davon, es iſt ſchon zu viel darüber geſprochen worden. Dieß die Urſache der Verände⸗ rung, über welche Sie mir vor Ottavio's Ankunft mit eben ſo großer Nachſicht als Sorglichkeit eine Erklärung abforderten, indem Sie an meine frühere Zärtlichkeit gegen ihn appellirten. Ihre Appellation hat gewirkt; ich geſtehe meinen unſeligen Irrthum ein. Meine Neigung zu Dir, lieber Ottavio, iſt wieder geworden was ſie früher war,“ fügt Felippe ae indem er ſich von Neuem in Ottavio's Arme wirft. Dieſer erwidert überglücklich die Liebkoſungen des Ungeheuers im Augenblick, als die Herzogin della Sorga bei ihrem Gemahl eintritt. IV. Als die Herzogin della Sorga ihre beiden Söhne einander in den Armen liegen ſieht, hält ſie über⸗ raſcht einen Augenblick inne; ihr Geſicht, das häufig ſo unempfindſam war wie eine Marmormaske, trägt den Ausdruck unausſprechlichen Glückes; bei ihr hatte die ſittliche Verdorbenheit das mütterliche Gefühl nicht zur Entartung bringen können, dieſes göttliche efühl, das zuweilen mitten im Unflath unbefleckt bleibt wie der Diamant im Kothe. Sue, Geheimniſſe b. Kopfliſſens. . 3 34 Als der Herzog die Verwunderung und Freude ſeiner Frau bemerkt, ſagt er zu ihr: „Beatrice, Sie werden meine Wonne theilen; unſere beiden Söhne ſind auf immer verſöhnt.“ „Ach liebe Mutter, wir waren nicht entzweit,“ verſetzt Ottavio; „ein verdrießlicher Irrthum, von dem ich nicht mehr zu ſprechen brauche, weil er für immer verſchwunden iſt, hatte eine ſcheinbare Er⸗ laltung zwiſchen uns hervorgerufen; aber im Grunde ſeines Herzens liebte Felippe mich eben ſo zärtlich wie früher.“ „Liebe Kinder,“ ſagte die Herzogin, „Ihr laſſet mich in einem einzigen Augenblick viele Tage des Kummers vergeſſen.“ ⸗ Jetzt trat ein Bedienter ein und brachte auf einem ſilbernen Plättchen einen Brief, den er ſeiner Gebieterin überreichte; dann ſagte er: „Frau Herzogin, die Frau Fürſtin Torſidi er⸗ wartet eine Antwort auf dieſen Brief.“ „Schon gut; man warte,“ antwortet die Her⸗ zogin della Sorga dem Diener. Dieſer entfernt ſich und ſie entſiegelt den Umſchlag des Billets. Nach⸗ dem ſie es geleſen, ſagt ſie zu ihrem Gemahl: „Mein Lieber, die Fürſtin Torſidi erinnert mich an unſer Verſprechen in dieſer Woche einmal Plätze in ihrer Loge annehmen zu wollen, und ſie macht uns den Vorſchlag uns heute Abend in die Oper abzuholen. Sie fügt hinzu, ſie hoffe, daß wir ſie dießmal nicht um das Vergnügen bringen werden, das ſie vom heutigen Abend erwarte.“ „Dieſe Einladung kommt ungeſchickt; ich hätte den Abend in der Familie zuzuhringen gewunſcht,“ 35 ſagt der Herzog; „inzwiſchen haben wir der Fürſtin ſchon zweimal nicht Wort gehalten, und wir können e ohne grobe Beleidigung nicht zum dritten Mal thun.“ „ „Um ſo weniger, liebe Mutter, weil die Frau Fürſtin zu denjenigen Perſonen gehört, welche Sie am meiſten ehren und am beſten zu ſchätzen wiſſen, wie das edle Portrait von Ihnen beweist, das ſie in das Buch der Schönheit geſchrieben hat, welches Lady Bleſſington in London herausgibt.“ „Ich habe Dich ſtark im Verdacht, Ottavio, daß Du der Mitſchuldige der lieben Fürſtin biſt und ihr ein wenig die Farben zu dieſem Portrait reiben hulfeſt, das viel zu geſchmeichelt iſt, um ähnlich zu ſein. Inzwiſchen haben wir, wie Dein Vater be⸗ merkte, der Fürſtin ſchon einige Mal bei ähnlichen Einladungen nicht Wort gehalten, und ich bin daher auch ſeiner Anſicht, daß es mehr als unhöflich wäre, abermals nicht anzunehmen; aber gleich ihm be⸗ daure ich ſehr, daß wir den Abend dieſes Tages, der für uns Alle ſo glücklich iſt, nicht in der Fa⸗ milie zubringen können.“ „Da es ſein muß,“ ſagt der Herzog, „ſo wollen wir alſo in die Oper gehen.“ „Ottavio,“ verſetzt die Herzogin, „willſt Du der Fürſtin antworten, daß wir ſie heute Abend um acht Uhr erwarten, da ſe ſich gütigſt die Mühe nehmen wolle uns abzuholen?“ „Mein Vater,“ ſagt Ottavio, „werden Sie mir erlauben dieſen Brief an Ihrem Tiſch zu ſchreiben?“ „Ja wohl, mein Sohn,“ 36 „ „ Während ſein Bruder ſich an den Schreibtiſch ſetzt, ſagt Felippe träumeriſch zu ſich: „Die Verſöhnung, erſter Act meines Luſt⸗ ſpiels, iſt ſehr wohl gelungen; denken wir an den zweiten Act, an den Bruch; dieſer muß mein Ver⸗ hältniß zwiſchen meinem Bruder und mir noch ſchlim⸗ mer machen, als es geſtern Abend bei der heftigen Scene war, die, wie ich meinem Vater weiß machte, den angeblichen Traum Ottavio's herbeigeführt hat; aber welcher Vorwand ließe ſich nach einer ſo zärt⸗ lichen Verſöhnung für dieſen plötzlichen Bruch auf⸗ finden? Das iſt ſchwer . .. ich muß ſuchen . oh ich werde ſchon Etwas finden! Habe ich doch dieſen ganzen Traum erfunden, auf welchem fortan alle meine Hoffnungen beruhen .. ich muß mich beſinnen . . .. „Beatrice,“ ſagt der Herzog zu ſeiner Frau, „wir können heute Abend, wenn wir in die Oper fahren, unſere Karten bei Herrn und Madame Wolfrang abgeben.“ „Ja, mein Lieber.“ „Madame Wolfrang! ſie iſt auch eine meiner Mitſchuldigen in der Bewunderung für Sie, liebe Mutter,“ ſagt Ottavio, indem er ſich in ſeinem Ant⸗ wortſchreiben an die Fürſtin unterbricht. „Mit wel⸗ cher graziöſen Ehrerbietung dieſe Dame Sie em⸗ pfangen hat! Oh ſie hat dadurch ſogleich meine Eroberung gemacht.“ — Und ſich an Felippe wen⸗ dend, der in Gedanken verſunken da ſitzt, fährt er fort: „Auch Du, lieber Felippe, haſt trotz Deiner Abweſenheit Theil an dem charmanten Empfang — 37 gehabt, den dieſe liebenswürdige Madame Wolfrang uns bereitete.“ „Ich! wirklich?“ verſetzt Felippe, indem er bei der Anrede ſeines Bruders aus ſeiner Träumerei erwacht, „und wie ſo, lieber Ottavio?“ „Als der Vater Dein Wegbleiben mit einer Migraine entſchuldigte, antwortete Madame Wolf⸗ rang, in dieſem Fall bedaure ſie Deine Abweſenheit um ſo mehr, denn der Zauber der Stimme von Fräu⸗ lein Antonine Jourdan würde Dich curirt haben.“ „Mein Kind, laß uns nicht einmal den Namen dieſer Sängerin ausſprechen,“ bemerkt die Herzogin mit einem Ton der Verachtung und des Eckels gegen ihren weiterſchreibenden Sohn. „Ich ſchäme mich, wenn ich daran denke, daß ich mich neben dieſe unwürdige Creatur geſetzt, welche dieſer junge Soldat durch eine ſchmähliche Anklage zermalmt hat. Ach warum müſſen ſo viele abſcheuliche Laſter der ſtra⸗ fenden Gerechtigkeit der Menſchen entgehen? Warum ſollte das Geſetz verworfenen Dirnen dieſer Art nicht ein öffentliches Brandmal aufdrücken? warum nicht den Pranger für ſie?“ „Liebe Mutter, Sie haben mehr als alle andern Menſchen das Recht ſich unbarmherzig gegen das Laſter zu zeigen; aber ach, wer hätte dieſes Fräu⸗ lein für ſo verdorben gehalten? ſie ſah ſo recht⸗ ſchaffen, ſo treuherzig aus.“ „Dieſe Heuchelei erſchwert die Schande der erbärmlichen Creatur noch,“ antwortet die Herzo⸗ gin ihrem Sohn. Dieſer ſchreibt weiter, während der Herzog zu ſeiner Frau ſagt: 38 „Da wir gerade von dieſer Soiree ſprechen, finden Sie nicht auch, Beatrice, als vortreffliche Muſikkennerin, daß das Talent des Herrn Wolfrang vielleicht noch außerordentlicher iſt, als das ſeiner Frau? Ich habe die berühmteſten Tenore des Fenice und der Scala gehört, aber trotz aller Vollendung ihres Geſanges ſcheinen ſie mir Herrn Wolfrang nicht einmal nahe zu kommen.“ Auf dieſe Worte, welche den tiefen Eindruck, den Wolfrang auf ſie gemacht hatte, neu belebte, was um ſo unöthiger war, als ſie ſeit dem geſtri⸗ gen Abend mit einem Gemiſch von Ueberraſchung und Bangigkeit fühlte, daß dieſer Einfluß immer ſtärker wurde, verſetzt die Herzogin in einem Ton vollſtändiger Gleichgültigkeit, der ſogar an Verach⸗ tung gränzte: 8 „Ich bin in Betreff deſſen, was Sie Herrn Wolfrang's Talent zu nennen die Güte haben, einer ganz entgegengeſetzten Anſicht... Dieſer Herr.. hat allerdings Stimme, aber es fehlt ihm gänzlich an Methode und Geſchmack; ſein Gemecker, wenn er in die hohen Noten kommt, iſt von der lächer⸗ lichſten Wirkung, um ſo lächerlicher, als dieſer Herr auf ſolche Art den erhabenen Ausdruck zu erreichen glaubt. Er iſt ein hübſcher Gaſſenſänger, ſehr ge⸗ mein und beſonders ſehr dünkelhaft, weiter nichts.“ „Dieſes Urtheil ſcheint wir ſehr grauſam, liebe Mutter,“ ſagt Ottavio lächelnd, während er im Be⸗ griff ſteht ſeinen Brief zu ſiegeln und eben das Petſchierwachs an eine Kerze hält, die er angezündet hat. „Herr Wolfrang ein gemeiner und dünkel⸗ hafter Sänger! was ſagen Sie dazu, Vater?“ 4 39 „Ich neige mich vor dem Urtheil Deiner Mutter, die ſich beſſer als wir auf Muſik verſteht, mein Lieber, aber gegen den Ausdruck gemeine Perſön⸗ lichkeit muß ich proteſtiren,“ ſagt der Herzog della Sorga. „Ich habe ſelten Leute getroffen, die ſich beſſer in der Geſellſchaft zu bewegen wiſſen. Ich kenne ſeine Geburt nicht, aber gewiß dürften die höchſten Ariſtokratien auf ihn ſtolz ſein.“ „Und ebenſo die Sportsmen und nicht minder die großen Künſtler. Verzeihen Sie, liebe Mutter, wenn ich mich auf dieſs Art im Widerſpruch mit Ihnen befinde,“ fügte Ottavio heiter hinzu; „ich übergehe dabei noch Herrn Wolfrang's finanzielle Kenntniſſe, denn mein neuer Freund, Herr Borel, ſagte mir, dieſer univerſelle Menſch behandle die Creditfrage wie ein vollendeter Bankier. Apropos, dieſen jungen Borel muß ich Dir doch vorſtellen, Felippe,“ ſagt Ottavio. Aber als er die träumeriſche Haltung und das verlängerte Schweigen ſeines Bruders bemerkt, fügt er ziemlich überraſcht hinzu: „Was haſt Du denn? Du ſcheinſt nachdenklich zu ſein, Felippe?“ „Es iſt wahr, ich denke an die Gegenwart und an die Zukunft; ich bin ſo 8 lüclich, ſo glücklich! Beſchäftige Dich nicht mit mir, Ottavio; der Zu⸗ ſtand, worin ich mich befinde, iſt wonnevoll. Es iſt mir, als höre ich mein Herz ſchlagen vor Selig⸗ keit,“ antwortet der Schurke. Und in ſeine ſchwarzen Gedanken zurückverſin⸗ kend ſagt er zu ſich: „Aber dieſer Vorwand, dieſer Vorwand! und 5 ℳ immer noch Richts .. oh ich werde ihn ſchon fin⸗ den, wenn es ſein muß.“ Die Herzogin hatte bei jedem Lobſpruch, welchen ihr Sohn und ihr Gemahl Herrn Wolfrang ſpen⸗ deten, gleichſam einen tiefen Stich empfunden, wel⸗ cher ihre neue Leidenſchaft, wenn man ſo ſagen darf, noch tiefer und ſchmerzlicher in ihre Seele hineintrieb. Und doch fühlte ſie ſelbſt die Unſinnig⸗ keit derſelben, denn ſie konnte an Wolfrang's Liebe zu Sylvia nicht zweifeln und durfte bei ihrem Alter und trotz der Reſte von Schönheit, die ihr geblieben waren, nicht hoffen, daß er ſie dieſer anbetungs⸗ würdigen jungen Frau, die ihr ein Gräuel war, vorziehen werde. Da ſie indeſſen nicht ohne Grund ihren übertriebenen Tadel gegen Wolfrang als eine Ungeſchicklichkeit betrachtete, verſetzte ſie mit einem halben Lächeln gegen ihren Gemahl: „Ich neige mich meinerſeits vor Ihrem und meines Sohnes Urtheil, in ſo weit es die vortreff⸗ lichen Manieren und den, wie Sie ſagen, ſo aus⸗ gezeichneten Geiſt des Herrn Wolfrang betrifft; in dieſer Beziehung ſeid Ihr beſſere Richter, als ich; überdieß habe ich der Perſönlichkeit dieſes Herrn und ſeinen Worten wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt, obſchon ich gerne zugeſtehen will, daß er uns die Honneurs im Salon ſeiner charmanten Frau auf eine ſehr gebildete Weiſe gemacht hat. In Bezug auf ſeine Frau ſind wir einverſtanden. Sie iſt nicht blos eine Muſikerin erſten Rangs, und ich behaupte, daß ſie tauſendmal mehr Talent hat, als Herr Wolf⸗ rang, ſondern es iſt auch unmöglich hübſcher zu ſein, mehr Tact und Maß, mehr Grazie und Ge⸗ 41 ſchmack zu zeigen. Ich werde daher von bieſer jungen Frau Daſſelbe ſagen was Sie, mein Lieber, von ihrem Manne ſagten: ich weiß nicht, welcher Klaſſe der Geſellſchaft ſie angehört, aber, nach ihrem äußern Auftreten zu ſchließen, iſt ſie gewiß eine geborene große Dame, eine ſehr große Dame.“ Dieſe Lobpreiſungen auf Sylvia, die als bevor⸗ zugte Nebenbuhlerin Gegenſtand ihrer Verwünſchun⸗ gen war, brannten wie Feuer auf den Lippen der Herzogin; aber ſo groß war die Verſchlagenheit und Verſtellungskunſt dieſer Megäre, daß ſie ihrem Ton und ihrer Phyſiognomie einen Ausdruck der wahr⸗ ſten Aufrichtigkeit zu geben wußte. Als daher Ottavio von dem Schreibtiſch aufſtand, wo er ſo eben den Brief an die Fürſtin Torſidi überſchrieben und hierauf einem Bedienten geklingelt hatte, küßte er ſeiner Mutter die Hand und ſagte zu ihr: „Ach liebe Mutter, Sie ſind das wahrhaftige Abbild der Gerechtigkeit: unerbittlich gegen das Böſe, ſchenken Sie dem Guten die Lobſprüche, die es ver⸗ dient. So eben haben Sie das Benehmen dieſer unglückſeligen Sängerin gebrandmarkt, und jetzt brin⸗ gen Sie dieſer charmanten Mabame Wolfrang die verdienten Huldigungen dar. Wie ſtolz würde ſie ſein, wenn Sie Ihre Worte hören könnte!“ In Folge des Geklingels tritt ein Bedienter ein; Ottavio übergibt ihm das Billet, das er geſchrieben hat, mit den Worten: „Hier iſt die Antwort auf den Brief der Frau Fürſtin.“ „ Der Bediente geht und die Herzogin ſagt zu ihrem Gemahl: 42 „Aber da fällt mit gerade ein, die Fürſtin kann uns nur zwei Plätze in ihrer Loge anbieten.“ „Allerdings, da der Fürſt und ſie die zwei an⸗ dern Plätze einnehmen.“ „Und Ottavio? denn von Felippe ſpreche ich nicht, unſer lieber Menſchenfeind haßt die Geſell⸗ ſchaft und das Theater: wir können alſo nicht hoffen, daß er uns heute Abend in die Oper begleiten werde. Nun wohl,“ fügt die Herzogin nach kurzer Ueberlegung hinzu, „Ottavio kann einen Sperrſitz im Orcheſter nehmen.“ „Dank, liebe Mutter,“ ſagt Felippe zu ſich, in⸗ dem er bei den Worten der Herzogin vor einer unheimlichen Freude bebt; — „durch Ihre Ver⸗ mittlung wird der zweite Act der Comödie dem er⸗ ſten gleichkommen .. . das Motiv zum Bruch iſt gefunden.“ 6. „Sie werden mich entſchuldigen, Mutter,“ ſagt Ottavio; „ich werde nicht das Vergnügen haben, Sie in die Oper zu begleiten.“ „Warum das, liebes Kind?“ „Ich habe über meinen Abend verfügt.“ „Und wie?“ „„Oh, auf eine höchſt angenehme Weiſe; es wird eiſer meiner wonnevollſten, glücklichſten Abende werden.“ „Ich begreife Dich nicht.“ „Ich bleibe hier.“ Dann geht Ottavio einen Schritt auf ſeinen Bruder zu, ergreift ſeine Hand und ſagt: „Was ſoll denn aus unſerm theuren Menſchen⸗ feind werden? kann ich ihn künftig noch allein laſſen? 43 habe ich nicht ſeine Einſamkeit mit ihm zu theilen, wenn ſie ihm gefällt?“ „Gut, gut, lieber Sohn,“ ſagt der Herzog in der Hoffnung, dieſes herzliche Anerbieten werde den unangenehmen Eindruck mildern, welchen Felippe empfinden könnte, und er fügt lächelnd hinzu: „Ihr werdet glücklicher ſein als wir, denn Ihr werdet dieſen ſchönen Abend der Verſöhnung allein mit einander zubringen.“ „Aber wir werden die Oper vor dem Ende der Vorſtellung verlaſſen, um deſto bälder wieder zu Euch zu kommen,“ ſagt die Herzogin, „und wir werden dieſen Tag in der Familie beſchließen.“ Seit einem Augenblick hatten Felippe's Züge ſich plötzlich verwandelt; ſeine gewöhnlich hämiſche und boshafte Phyſiognomie, die ſeiner Häßlichkeit einen abſtoßenden Character gab, hatte Anfangs einem Ausdruck von rührender Sanftheit Platz gemacht, verdüſterte ſich aber jetzt wieder und ent⸗ hüllte eine Art von peinlichem Zwang, welchen der Herzog allein mit ſteigender Angſt bemerkte, wäh⸗ rend Ottavio mit einer Anſpielung auf die letztenN Worte der Herzogin verſetzt: „Inzwiſchen werde ich meinem Bruder Geſell⸗ ſchaft leiſten.“ 3 „Du biſt allzu gütig, lieber Bruder,“ ſagt end⸗ lich Felippe mit einer gewiſſen Trockenheit; „ich will Dich des Vergnügens nicht berauben in die Oper zu gehen.“ „Ein Vergnügen, das Du nicht theilſt, iſt dieß . auch ein Vergnügen? Inzwiſchen will ich Dich nicht allein daheim laſſen.“ 44 „Ei was liegt daran?“ verſetzt Felippe mit Bit⸗ terkeit; „ich bin an das Alleinſein gewöhnt.“ „Und juſt von dieſer garſtigen Gewohnheit will ich Dich jetzt curiren; und ich werde Dich auch curi⸗ ren,“ fährt Ottavio fort, während der Herzog zu ſich ſelbſt ſagt: „Ach, meine Befürchtungen rechtfertigen ſich nur zu ſehr: Beatrice hat ſo eben, ohne es zu wiſſen, eine kaum vernarbte Wunde wieder aufgeriſſen; dieſes unglückliche Kind wird von neuem meinen, wir ſchämen uns ſeiner.“ „Mein Lieber,“ ſagt die Herzogin halblaut zu ihrem Manne, indem ſie die Verdüſterung der Züge ihres zweiten Sohnes zu bemerken anfängt, „finden Sie nicht, daß Felippe auf einmal wieder verdrieß⸗ lich und grämlich geworden iſt?“ „Ich machte ſo eben dieſelbe Beobachtung,“ ant⸗ wortet der Herzog in demſelben Tone. „Es iſt ſehr zu bedauern, daß Sie nicht auch Felippe vorgeſchla⸗ gen haben uns in die Oper zu begleiten.“ „Ei, er hätte es ſicher ausgeſchlagen; Sie kennen ja ſeinen Charakter.“ „Ja, aber unter den gegenwärtigen Umſtänden war dieſe Einladung von höchſter Wichtigkeit.“ „Warum das, mein Lieber?“ „Ich werde es Ihnen ſogleich ſagen. Hören wir unſern Kindern zu,“ antwortet der Herzog, dern während er mit ſeiner Frau dieſe wenigen Worte gewechſelt, hatte Felippe alſo fortgefahren: „Ich bin Dir dankbar, Ottavio, daß Du mich von meinen einſiedleriſchen Neigungen zu curiren wünſcheſt; aber ich gehöre entſchieden, und ich er⸗ 45 kenne es an, zu denjenigen Menſchen, die für die Einſamkeit geboren ſind; ich kann mich darüber nicht mehr täuſchen, wie ich gehofft hatte.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ verſetzt Ottavio, der jetzt ſeinen Bruder aufmerkſamer betrachtet und endlich die Entſtellung ſeiner Züge ebenfalls be⸗ merkt; dann fügt er ſehr überraſcht hinzu: „Du ſiehſt bekümmert, traurig aus, lieber Bru⸗ der, und vor einem Augenblick noch war Dein Ge⸗ ſicht heiter und vergnügt; woher kommt dieſe plötz⸗ liche Veränderung?“ „Du täuſcheſt Dich, es hat ſich an mir Nichts verändert.“ Felippe, ſage mir Das nicht, ich bemerke wohl, daß 7 „Noch einmal, Du täuſcheſt Dich, und überdieß verſchone mich mit Deinen Bemerkungen über mein Geſicht: es iſt nicht ſehr angenehm zu betrachten; dieſe Entbehrung wird Pir nicht ſchwer fallen,“ ant⸗ wortet Felippe barſch und höhniſch. Ottavio, deſſen Ueberraſchung einer Art von ſchmerzlicher Verblüfftheit Platz macht, verſetzt in angſtvollem Ton: „Lieber Bruder, ſollte ich Dich ohne meinen Wil⸗ len beleidigt, verletzt haben?“ „Ganz und gar nicht.“ „Warum nimmſt Du dann dieſen beinahe ärger⸗ lichen Ton gegen mich an?“ „Ich ſpreche, wie es mir zuſteht zu ſprechen.“ Ein Augenblick des Stillſchweigens folgt auf dieſe Antwort Felippe's. Der Herzog hat während des Geſprächs der 46 beiden Brüder ſeine Frau mit wenigen Worten über die Urſachen der ihn quälenden Befürchtung belehrt. Die Herzogin begreift jetzt und bedauert ihre un⸗ willkürliche Unklugheit. Ottavio hat ſich einen Augenblick geſammelt, dann wendet er ſich mit bewegter Stimme zu Fe⸗ lippe und ſagt: „Höre mich an, lieber Bruder; Du haſt es ſo eben ſelbſt zugegeben: ein unſeliger Irrthum hatte leider trotz unſerer aufrichtigen Zuneigung die Er⸗ kaltung herbeigeführt, die uns Beide ſeit langer Zeit ſchmerzte; ein ſolches Unglück darf bei uns nicht von neuem vorkommen; wir haben jetzt zu viel Vertrauen zu einander, als daß in Zukunft ein Mißverſtändniß zwiſchen uns obwalten könnte. Erkläre mir daher offen, mit was ich Dich vielleicht beleidigt habe, was mir ganz unmöglich ſcheint, denn ich habe niemals größere Zärtlichkeit gegen Dich empfunden, als in dieſem Augenblick. Erkläre Dich; ich werde Dir mit derſelben Aufrichtigkeit antworten. Ich bitte, ich beſchwöre Dich mit ge⸗ falteten Händen, laß kein Mißverſtändniß mehr zwi⸗ ſchen uns aufkommen.“ „Oh es iſt kein Mißverſtändniß möglich,“ ant⸗ wortet Felippe bitter; „ich habe nur zu gut gehört.“ „Was willſt Du ſagen?“ fragte der Herzog mit ſteigender Angſt, da er nicht mehr an der Richtig⸗ keit ſeiner Vorherſehungen zweifelt, aber ſeinen Sohn zwingen will ſeinen geheimſten Gedanken aus⸗ zuſprechen, weil er ihn zu bekämpfen und zu beſiegen hofft, „was haſt Du gehört, mein Sohn 2 „Nichts, nichts,“ verſetzte Felippe hämiſch; „ich 47 werde vermuthlich taub geworden ſein. Warum nicht? dieſes Gebrechen fehlt mir noch.“ „Mein Lieber, das iſt keine Antwort,“ ſagt ihrerſeits die Herzogin, die nicht minder betrübt war als ihr Gemahl, und gleich ihm und aus den⸗ ſelben Gründen Felippe zu einem aufrichtigen Ge⸗ ſtändniß zu bringen wünſchte. „Sei doch offen. Du antworteſt Deinem Bruder, Du habeſt nur zu gut gehört: es iſt alſo Etwas geſprochen worden was Dich beleidigte?“ „Ich habe kein Recht den Beleidigten zu ſpielen; ich verdiene was mir widerfährt; ich war ein Narr; die Vernunft kommt mir wieder, das iſt Alles.“ „Du haſt kein Recht den Beleidigten zu ſpielen, ſagſt Du,“ erwidert die Herzogin mit ungemein freundlichem Drängen; „auf was ſpielen dieſe Worte an?“ „Auf Ihre eigenen.“ „Auf die meinigen? Was bedeutet . . .“ „Sie haben ein ſchlechtes Gedächtniß, liebe Mutter.“ „Mein Kind, ich beſchwöre Dich, antworte mir ungezwungen und klar. Behaupteſt Du, daß einige Worte von mir Deinen Verdruß verurſachen?“ „Sie machen mir ganz und gar keinen Verdruß, liebe Mutter, ſondern ſie rufen mich nur in die Wirklichkeit zurück; dieſe iſt, ſo ſchmerzlich ſie auch ſein mag, immerhin beſſer als die Illuſion.“ „Die Wirklichkeit! die Illuſion!“ wiederholt die Herzogin, „das ſind ja lauter Räthſel.“ „Ei wie!“ ruft Felippe, indem er thut, als ob er ſich nicht länger zu bemeiſtern vermöchte. „Ei 4⁸ wie, liebe Mutter, Sie wollen Ihre eigenen Worte läugnen?“ „Und was habe ich denn geſagt?“ „Sie haben geſagt . . . doch nein!“ ſagt der fluchwürdige Schurke, als ob er ſeinen Groll be⸗ herrſchen wollte, und machte einen Schritt gegen die Thüre zu; „die Lection wird mir wohl bekom⸗ men. Ich habe ſo eben gelernt die Wahrheit nie mehr für einen Irrthum zu nehmen, und einen Au⸗ genblick ließ ich armer Einfaltspinſel mich durch dieſen Mißgriff täuſchen.“ „Felippe! erkläre Dich; ich verlange es!“ ruft die Herzogin gebieteriſch. „Es ſei! Und da es Ihnen ohne Zweifel be⸗ liebt ſich an der grauſamen Demüthigung zu wai⸗ den, die Sie mir auferlegen, meine Mutter, ſo mögen Sie befriedigt werden.“ „Das iſt es was ich vorherſah,“ ruft der Her⸗ zog della Sorga. „Ei wie, unglückliches Kind, Du kannſt annehmen .. .“ „Bitte, unterbrechen Sie ihn nicht,“ ſagt die Herzogin zu ihrem Manne; dann wendet ſie ſich zu ihrem Sohn mit der Frage: „Welche Demüthigung habe ich Dir auferlegt?“ „Als es ſich ſo eben darum handelte in die Oper zu fahren, was war da Ihr erſter Gedanke, meine Mutter? mich von dieſem Vergnügen auszuſchließen!“ „Ich bitte Dich, mein Kind, wie habe ich Dich ausſchließen wollen?“ „Indem Sie ſchnell ſagten, da meine menſchen⸗ ſcheuen Gewohnheiten mich verhindern Sie in die 49 Oper zu begleiten, ſo werde Ottavio allein mit Ihnen kommen. Da habe ich begriffen.“ „Und was haſt Du begriffen, mein Kind?“ „Daß Sie ſich ſchämen mich in Ihrer Nähe zu haben, was ich übrigens ſchon lange wußte; Sie ſchämen ſich an mir.“ „Warum ſoll ich mich an Dir ſchämen?“ „Weil ich häßlich und buckelig bin, weil Sie ſich lächerlich zu machen fürchten, wenn Sie mich mit ſich nehmen,“ antwortet Felippe mit ſteigender Auf⸗ regung und wie wenn er einer lange bewältigten Erbitterung den Zügel ſchießen ließe: „weil Sie, ich wiederhole es, meine Mutter, ſich eben ſo ſehr meiner ſchämen als Sie auf Ihren Ottavio ſtolz ſind; er iſt ſo ſchön, er! Auch er ſchämt ſich an mir.“ „Mein Gott!“ murmelt Ottavio, „welche Unge⸗ rechtigkeit! Habe ich nicht ſogleich erklärt, daß ich nicht in die Oper gehe, nur um hei Dir zu bleiben?“ „Ja, weil Du lieber auf das Vergnügen ver⸗ zichten wollteſt in das Theater zu gehen, als daß Du mit mir gegangen wäreſt.“ „Ach, womit habe ich dieſen abſcheulichen Vor⸗ wurf verdient, während ich doch .. . Ottavio vollendet nicht; ſeine Stimme wird durch ſeine Thränen erſtickt und der Herzog ruft: „Wie kannſt Du das herzliche Anerbieten Dei⸗ nes Bruders ſo auslegen? Wahrhaftig das iſt ſchändlich!“ „Hätte er nicht, wenn er ſich nicht an mir ge⸗ ſchämt hätte, zur Mutter ſagen müſſen: warum denn ſoll mein Bruder nicht mit uns kommen?“ antwortet Felippe im Tone bittern Vorwurfs, in⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 11. 4 — 1 50 dem er einen ſteigenden Zorn heuchelt. „Aber nein, er hat lieber hier bleiben, als mit mir ausgehen wollen.“ „Mein Gott, eine ſolche Beſchuldigung iſt ja ganz ſinnlos!“ ruft Ottavio in ſchmerzlichem Ton. „Mußte ich nicht glauben, daß Du nach Deiner Ge⸗ wohnheit Dich geweigert haben würdeſt uns heute Abend zu begleiten? Ich bitte Dich um Alles, Fe⸗ lippe, denke doch an Das, und wenn der Zorn Dich nicht mehr blendet, ſo wirſt Du Deine grauſame Ungerechtigkeit einſehen.“ „Schweig, Hallunke! Deine Falſchheit widert mich an und empört mich,“ ruft Felippe, indem er die höchſte Erbitterung heuchelt und den Schmerz ſeines Bruders bis zur Verzweiflung treiben will. „Du lügſt unverſchämt! Du wußteſt ſehr wohl, daß ich mich an dieſem Tag, an dieſem ſchönen Tag, wo ich meinen angeblichen Irrthum eingeſtand, wo ich mich wie ein Dummkopf beſchwatzen ließ, daß man ſich hier meiner nicht ſchäme, Du wußteſt, ſage ich, ſehr wohl, daß ich mich heute glücklich geſchätzt haben würde einen Beweis für dieſe Behauptung darin zu finden, daß meine Eltern mich eingeladen hätten ſie ins Theater zu begleiten. Aber nein, Du ſteckſt mit ihnen unter einer Decke; Du wollteſt zu gleicher Zeit Deine Rolle als guter Bruder, als zärtlicher Bruder, als vortrefflicher Bruder ſpielen und Dir die Lächerlichkeit erſparen mich im Theater neben Dir zu haben. Durch die Begleitung eines Buckeligen hätteſt Du Deinen Nachbarn gar zu viel zum Lachen gegeben, und deßhalb haſt Du dieſes rührende, dieſes erhabene Opfer ausgeheckt meine 51 Einſamkeit theilen zu wollen. Geh mir weg! glaubſt Du denn, ich laſſe mich von Deinen brüderlichen Jeremiaden, von Deinen falſchen Thränen über⸗ tölpeln? Ich ſehe jetzt klar. Du wirſt mich nicht mehr täuſchen! Ich verabſcheue Dich und ich ver⸗ biete Dir mich je wieder anzureden.“ Dieſe Fluth von Beleidigungen, dieſe boshaften, perfid berechneten Spöttereien haben Ottavio in eine Art von Betäubung verſetzt. Erſtickt von Thränen und in einer ſchmerzlichen Entrüſtung hat er nicht ein einziges Wort vorzubringen vermocht; er leidet um ſo peinlicher, je ſtärker er an die Aufrichtigkeit der Wiederkehr von Felippe's Zärtlichkeit geglaubt hat. Er fühlt ſich einer Ohnmacht nahe, er ſinkt wie vernichtet auf einen Stuhl, ſtoßt ein langes Schluchzen aus, und während er ſein Geſicht in ſeinen Händen verbirgt, murmelt er mit erſtickter Stimme: „Ah das iſt zu viel! das iſt zu viel! auf dieſe Art entleidet mir das Leben.“ „Endlich! das iſt es was ich wollte. Ah wenn ich ihm dieſe Worte eingeblaſen hätte, ſie hätten nicht günſtiger für meinen Zweck ausfallen können,“ denkt Felippe im Augenblick wo der Herzog, der ſich an den angeblichen Traum erinnert und in Ot⸗ tavio's Ausruf eine Beſtätigung deſſelben findet, auf ihn zuläuft und leiſe zu ihm ſagt: „Unglücklicher! machen Dich dieſe Worte Deines Bruders nicht beben? Vergiſſeſt Du ſeinen Traum von heute Nacht?“ „Laſſen Sie mich! laſſen Sie mich!“ ruft Fe⸗ lippe, indem er ſeinen Vater zurückſtößt und ſich 4 52 wie wahnſinnig geberdet, denn es lag in den Be⸗ rechnungen ſeiner gründlichen Verruchtheit, daß ſeine Familie unter dem unheimlichen Eindruck dieſer letz⸗ ten Worte Ottavio's: „Das Leben entleidet mir,“ bleiben ſollte. Dann ſtürzt Felippe nach der Thüre und fügt hinzu: „Nein! nein! ich täuſchte mich nicht! Ich bin hier für Alle ein Gegenſtand des Widerwillens; ich werde meinen Plan ausführen, ich werde dieſes Haus fliehen, Ihr ſollt von meiner Gegenwart befreit werden!“ und das Ungeheuer ſagt, indem es wüthend die Thüre aufſtößt und heftig hinter ſich zuſchlägt, beim Hinausgehen zu ſich ſelbſt: „Ha, auch ich, ein jüngerer Sohn wie es mein Vater war, auch ich werde mit der Zeit wie er Herzog della Sorga werden!“ VII. Ein düſteres Stillſchweigen folgt auf den unge⸗ ſtümen Weggang Felippe's; ſeine ſchwarzen Vorher⸗ ſagungen verwirklichen ſich theilweiſe. 3 Der Herzog della Sorga iſt über Ottavio's kum⸗ mervollen Ausruf, daß ihm das Leben entleidet ſei, über die Maßen erſchrocken. Ohne gerade zu glau⸗ ben, daß die grauſame Täuſchung, deren Opfer ſein älteſter Sohn iſt, ihn zum Selbſtmord treiben könne, fühlt er dennoch, wie unumgänglich nöthig es iſt ihn zu beſchwichtigen und zur Hoffnung zurückzu⸗ führen; er bricht daher zuerſt das Stillſchweigen und wendet ſich an den jungen Mann mit den Worten: 53 „Liebes Kind, ich begreife vollkommen, wie troſt⸗ los für Dich der Gedanke iſt, daß Dein unglücklicher Bruder die edelmüthigen Motive, welche Dich ver⸗ anlaßten heute Abend bei ihm bleiben zu wollen, ſo gänzlich mißdeutet.“ „Ach, es iſt ſchrecklich,“ verſetzt Ottavio, noch immer niedergeſchlagen und ſeine Thränen trocknend. „Ich war ſo glücklich, ſo ungemein glücklich meinen zärtlichen Bruder von früher wieder in ihm zu fin⸗ den; und nie hat er mich mit ſolcher Ungerechtigkeit und Grauſamkeit behandelt wie ſo eben. Ach, es iſt vorbei, ich muß auf ſeine Liebe verzichten; er empfindet jetzt nur noch Haß gegen mich. Mein Gott! und welches Leid habe ich ihm denn zugefügt?“ „Beruhige Dich, liebes Kind, und übertreib doch dieſe neue Verirrung eines armen kranken Geiſtes nicht allzu ſehr,“ ermahnt der Herzog. „Glaube mir, Felippe meinte es ganz aufrichtig, als er An⸗ fangs ſeine Reue über die Vergangenheit ausſprach.“ „Ach, lieber Vater, ich hoffte es, aber jetzt.. „Er meinte es aufrichtig, ſage ich Dir, ich ver⸗ ſichere es Dich, ich ſchwöre es Dir, denn, ehe Du zu uns kameſt, hat er mich durch die Ergießungen ſeines bittern Kummers tief gerührt. Aber was willſt Du, mein Lieber? Man gelangt häufig erſt nach mehreren Rückfällen zu einer vollſtändigen Hei⸗ lung. Dieſes unglückliche Kind hatte ſich eingebildet und bildet ſich noch ein, daß wir uns an ihm ſchä⸗ men. Dieſer alberne, aber gefährliche Irrthum hat ſich ſeit langer Zeit in ſeinem Geiſt feſtgewurzelt und kann nicht an einem einzigen Tag und auf den erſten Schlag zerſtört werden.“ 54 „Dein Vater hat Recht, Ottavio,“ fügt die Her⸗ zogin hinzu; „wir können bei Deinem Bruder auf keine augenblickliche vollſtändige Heilung hoffen; danken wir daher dem Himmel für das glückliche Symptom, das ſich Anfangs bei dem armen Nar⸗ ren kundgegeben hatte. Dieſe Rückkehr zu Dir iſt, ſo vorübergehend ſie auch war, ein gutes Zeichen; ſie weiſſagt uns mit Sicherheit eine beſſere Zukunft; ſie iſt ein erſter Schritt zum Guten; Dein Bruder hat allerdings dieſen erſten Schritt wieder zurück⸗ genommen, aber er wird ihn von neuem machen und dann mit feſterem geſtärkterem Herzen. Deß⸗ halb, Ottavio, mußt Du Dich über dieſe vorüber⸗ gehende Täuſchung ja nicht übermäßig betrüben; es ſtehen uns ſicher noch andere bevor, aber es wird uns zuletzt gelingen den Unglücklichen zu überzeugen, daß er uns lieb und theuer iſt. Bis dahin, mein Ottavio, Geduld und Hoffnung; überlaſſen wir ihn ſich ſelbſt und er wird allmählich zu uns zurück⸗ kommen, Du wirſt ſchon ſehen.“ „Ach, liebe Mutter, möge Gott Sie erhören! Und ich rufe ihn zum Zeugen an, daß Felippe's Ungerechtigkeit mich aufs Tiefſte betrübt und zur Verzweiflung gebracht, aber nicht beleidigt hat. Er mag mich haſſen ſo lang er will, ich werde ihn ge⸗ gen ſeinen Willen lieben, weil er mir ein tiefes Mitleid einflößt: er iſt ſo unglücklich!“ „Liebes Kind!“ ſagt die Herzogin, ihren Sohn auf die Stirne küſſend, „Du biſt ein Engel an Her⸗ zensgüte. Wir ſehen uns bald wieder.“ Und ihrem Gemahl die Hand reichend: „Adieu, mein Lieber.“ „Adieu, Beatrice, Sie werden ohne Zweifel dieſen 55 Morgen irgend eine arme Familie von unſern Un⸗ glücksgenoſſen beſuchen; ſagen Sie dieſen Leuten in meinem Namen, wie ſehr ich die Ehre zu ſchätzen weiß, die ſie mir geſtern Abend erwieſen haben.“ „Dieſe Ehre, mein Lieber, war man Ihnen ſchul⸗ dig für Ihren Patriotismus und für die Leiden des Exils, die Sie ſo muthvoll für Ihre Sache ertragen.“ „Die gute, verehrungswürdige Mutter, die immer an der Arbeit iſt, ſo lange es Thränen zu trocknen, ein Unglück zu erleichtern gibt!“ verſetzt Ottavio, indem er ſeine Mutter mit abgöttiſcher Liebe be⸗ trachtet. „Schweig, gefährlicher Schmeichler, Du könnteſt mich zur Sünde des Hochmuths verleiten,“ ſagt die Herzogin; dann fügt ſie hinzu: „Liebes Kind, Du mußt Dich nach den ſchmerzlichen Gefühlen, die Du ſo eben hatteſt, zerſtreuen; ich rathe Dir daher, mache Du zuerſt dieſem Alexis Borel, zu welchem Du Dich, wie Du mir ſagteſt, mit vollem Recht ſo ſehr hingezogen fühlſt, einen Beſuch. Dieſes Ent⸗ gegenkommen von Deiner Seite wäre ſehr paſſend.“ „Allerdings,“ fügt der Herzog hinzu, „er iſt ein charmanter junger Mann, und ich war geſtern Abend in Wahrheit ſehr gerührt durch die Sympathie, die er mir bewieſen hat.“ „Nun ja, vielleicht iſt es beſſer, wenn ich mich in meinem Kummer zerſtreue, als wenn ich mich ihm gar zu ſehr hingebe,“ antwortet Ottavio lächelnd. „Ich will ſogleich zu Herrn Alexis Borel gehen; wir waren geſtern Abend im Augenblick mit einander vertraut.“ 56 „Warnm ſollteſt Du ihm nicht den Vorſchlag machen mit Dir in die Oper zu gehen?“ „Was fällt Ihnen ein, lieber Vater? Wie kann ich dem Vergnügen nachziehen, während dieſer unglückliche Felippe allein hier bliebe?“ „Mein Lieber, Deine Mutter hat ſehr verſtändig zu uns geſagt, wir müſſen Deinen Bruder jetzt ſich ſelbſt überlaſſen. Du kennſt ſeine Reizbarkeit am allerbeſten, und wenn Du nach dieſer peinlichen Scene, die er ganz gewiß bald bereut, heute Abend ſo zu ſagen gegen ſeinen Willen bei ihm bleiben wollteſt, ſo würdeſt Du Dich neuen leidenſchaftlichen Auftritten von ſeiner Seite ausſetzen.“ Ein Bedienter tritt ein und ſagt: . „Der Wagen, den die Frau Herzogin auf 82 uhr beſtellt hat, ſteht zu Ihren Befehlen.“ „Ich werde Sie bis an die Hausthüre begleiten, liebe Mutter,“ ſagt Ottavio, indem er der Herzogin ſeinen Arm bietet. „Hernach will ich zu Herrn Aleris Borel hinaufgehen.“ Die Herzogin kommt, nachdem ſie durch den Garten des Hotels und den Hof des Hauſes ge⸗ gangen iſt, an das Gewölbe des Hofthors, wo ein Fiaker ſteht. „Wohin ſoll ich Madame führen?“ fragt der Kutſcher. „An die Madeleine,“ antwortet die Herzogin ſehr laut, um von Ottavio gehört zu werden, dem ſie mit der Hand ein letztes Lebewohl zuwinkt; denn er ſtand entblößten Hauptes an der Thür⸗ ſchwelle und wartete ihre Wegfahrt ab, ehe er in Alexis Borel hinaufging. 57 Der Fiaker entfernt ſich und Frau della Sorga ſagt gedankenvoll zu ſich ſelbſt: „Soll ich oder ſoll ich nicht zu dieſem Rendez⸗ vous gehen, das übrigens nicht ſehr compromittirend für mich iſt, da es im Park von Monceaux ſtatt⸗ finden ſoll? Wenn ich hingehe, ſo wird es mir vielleicht gelingen, dieſe unerklärliche, wahnſinnige Leidenſchaft zu übertäuben, welche Wolfrang mir eingeflößt hat. Ich will dieſer ſinnloſen Liebe nicht nachgeben. Was riskire ich übrigens? Der Zufall läßt mich dieſen Morgen im Park von Monceaux, wo ich oft ſpazieren gehe, mil Herrn von Luxeuil zuſammentreffen; was gibt es Natürlicheres, im Fall man uns begegnete? Dieſer Geck. man muß immer die Indiscretion der Männer mit in Rech⸗ nung ziehen .. ſollte dieſer Geck wohl ausſchwatzen, daß ich ihm eine Unterredung bewilligt habe? Wer würde an eine ſolche Großſprecherei glauben? Ich bin ihm vor aller Welt mit einer ſo hochmüthigen Impertinenz entgegen getreten, daß ſeine Indis⸗ cretion blos als eine niederträchtige, verläumderiſche Rache betrachtet würde und augenblicklich in ihr Nichts zerfallen müßte, ſobald eine Dame in meiner Stellung Nein ſagte. Und dann, warum ſollte dieſer Luxeuil indiscret ſein? Die ewige Ur⸗ ſache der Indiscretion der Männer iſt ihre Eitel⸗ leit; nun bin ich bald vierzig Jahre alt; meine Eroberung iſt nicht ſchmeichelhaft genug, daß dieſer Luxeuil, der augenſcheinlich ſehr in der Mode iſt, nichts Beſſeres zu thun wiſſen ſollte, als ſie aus⸗ zuſchwatzen. Ich bin allerbings eine vornehme Dame, aber er iſt zu ſehr Weltmann, als daß er 58 ſich auf meinen Rang viel einbilden ſollte. Ich kann alſo mit aller möglichen Beſtimmtheit darauf rechnen, daß die Sache verſchwiegen bleibt. Eine Indiscretion würde, im Fall ſie ſtattfände, für eine Verläumdung und eine Rache gelten.“ Nach neuen Betrachtungen ſagt die Herzogin zu ſich ſelbſt: „Und gleichwohl bin ich noch unſchlüſſig, denn wenn die Erinnerung an Wolfrang mich auch noch während dieſer Beſprechung quält, ſo unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß ich verloren bin; ſo wie ich mich kenne, zittere ich vor den Folgen der Lei⸗ denſchaft, die ich fürchte.“ Während die Herzogin ſo hin und herſchwankt, hat der Fiaker die Madeleinekirche erreicht. Zu flug, um ihn länger zu behalten, im Fall ſie ſich zu ihrem Rendezvous begäbe, entläßt ihn die Herzogin hier, macht dann einen Umweg und geht auf einen benachbarten Fiakerplatz, wo ſie in einen Wagen ſteigt und zu dem Kutſcher ſagt: „In den Park von Monceaux.“ * VIII. Madame Borel, welche all die Tugenden wirk⸗ lich beſaß, von denen die Herzogin della Sorga auf eine abſcheuliche Weiſe nur die Maske trug, Ma⸗ dame Borel unterhielt ſich mit ihrem Sohn Alexis und ſagte lächelnd zu ihm: „Jo, ja, ſie iſt allerliebſt, dieſe Madame Wolf⸗ rang, und ich weiß nicht was man mehr an ihr ₰ 59 bewundern muß, ihre Schönheit, ihren Geiſt oder ihr Talent, ſo viel ſteht feſt.“ „Und gleichwohl, liebe Mutter, welche Einfach⸗ heit! welche Beſcheidenheit!“ „Auch das gebe ich zu; aber . . .“ „Wäre ſie einfältig und ohne Talente, ſo würde man ſie wegen ihrer Schönheit bewundern; wäre ſie häßlich und ohne Talente, ſo würde man ſie wegen ihres Geiſtes anbeten; kurz was ſage ich? wäre ſie häßlich, ohne Geiſt und ohne Talente, ſo würde man ſie noch wegen ihrer Herzensgüte an⸗ beten; iſt das nicht wahr, liebe Mutter?“ „Das iſt allerdings ſehr poetiſch, aber ich muß auf dieſe Poeſie die allerproſaiſchſte Antwort von der Welt geben und Dir wiederholen: öffne doch Deine Briefe von Lyon und mach Dein Poſtpaket, garſtiger Faullenzer, Du biſt heute um mehr als eine Stunde im Rückſtand.“ „Daran iſt ſie Schuld.“ „Wer?“ „Madame Wolfrang.“ „Wirklich?“ „Allerdings! Es macht mir ſo viel Vergnügen mit Dir, liebe Mutter, von ihr zu ſprechen, daß ich Alles vergeſſe; Du mußt daher ihr darüber grollen.“ „Meiner Treu, eine ſchöne Entſchuldigung!“ ver⸗ ſetzt⸗ Madame Borel lachend, „und Du würdeſt ver⸗ dienen, daß ich dieſer liebenswürdigen Dame Deine Antwort mittheilte, ſobald ich das Vergnügen habe ſie wieder zu ſehen.“ „Sag es ihr, wenn Du willſt, das iſt mir ganz gleich.“ 60 „Ei, ſeht mir doch dieſen Starrkopf.“ „Ich würde es ihr ſogar ſelbſt ſagen,“ fügt Alexis großſprecheriſch hinzu, „ja ich würde zu ihr ſelbſt ſagen: „Denken Sie ſich nur, Madame, meine Mutter findet ein ſolches Vergnügen daran mit mir von Ihnen zu ſprechen, daß wir Alles darüber ver⸗ geſſen und . . .“ „Wie, Du abſcheulicher Junge! Du willſt jetzt die Schuld auf mich ſchieben?“ „Allerdings. Haſt Du nicht heute früh, ſobald ich hereinkam, zu mir geſagt: würdeſt Du es glau⸗ ben, daß der Geſang dieſer charmanten Madame Wolfrang geſtern Abend einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht hat, daß ich im Traum das ganze Concert von neuem hörte und unendlich viel Ver⸗ gnügen davon hatte. Haſt Du dieß geſagt, ja oder nein?“ „Es iſt wahr.“ „Warte noch, dieß iſt nicht Alles. Und als ich Dir zur Antwort gab, daß auch ich von dieſer aller⸗ liebſten Madame Wolfrang geträumt habe und zwar einen ganz eigenthümlichen Traum, worin ich ſie mit einem Stern an der Stirne im Azur des Him⸗ mels hinſchweben ſah, mit großen weißen Flügeln, ähnlich den langen herabwallenden Draperien an...“ „Nun wahrhaftig, da ſchweben wir mit den Engeln im Azur! Ich will Dich aber hübſch auf die Erde zurückführen, mein Herr Sohn: lies jetzt Deine Handelsbriefe und mach Dein Poſtpaket!“ „Laß mich doch vollenden. Haſt Du mir nicht geantwortet, mein Traum ſei nicht weit von der Virklichkeit entfernt, denn Du täuſcheſt Dich nicht 61 in den Phyſiognomien und Madame Wolfrang müſſe ein Engel ſein? Haſt Du das zu mir geſagt, ja oder nein?“ „Zugegeben.“ „Du ſiehſt alſo, liebe Mutter, daß es Dir eben ſo viel Vergnügen macht als mir, von Madame Wolfrang zu ſprechen, die nach Deinem Dafürhal⸗ ten ein Engel iſt.“ „Eingeſtanden; aber wenn ich ſagte, dieſe char⸗ mante junge Frau müſſe ein Engel ſein, ſo habe ich daraus keineswegs den Schluß gezogen, daß Du, garſtiger Maulaffe, deßhalb Deine Poſt nicht zu rechter Zeit leſen ſollſt; geh alſo jetzt hin und lies Deine Briefe.“ „Ach mein Gott,“ verſetzt Alexis plötzlich, wie wenn ihm eine Frinnerung käme, „da fällt mir eben etwas ein; habe ich Dir nicht erzählt .. .“ „Was denn?“ „Dieſe ſo edle, ſo rührende Handlung gegen eine arme Frau und ihre Kinder?“ „Nein, Du haſt mir nichts davon geſagt,“ ant⸗ wortet Madame Borel naiv, indem ſie ſich durch die unſchuldige Argliſt ihres Sohnes täuſchen läßt, und fügt dann voll Eifer hinzu: „Erzähl es mir.“ „Denk Dir nur, an einem Winterabend, es war ſchon ſtockfinſtere Nacht, da hat Madame Wolf⸗ rang Aber Alexis unterbricht ſich und macht einen Schritt gegen die Thüre zu mit den Worten: „Verzeih, liebe Mutter, wir wollen das Ge⸗ ſpräch ſpäter wieder aufnehmen.“ „Ganz und gar nicht; die Sache intereſſirt mich N 62 8 im Gegentheil ſehr. .. vollende,“ ſagt Madame Borel und wiederholt naiv die Worte ihres Sohnes: „Du ſagteſt alſo, an einem Winterabend, in ſtock⸗ finſterer Nacht habe Madame Wolfrang .. „Die Fortſetzung in der nächſten Nummer,“ ſagt Aleris lachend. „Ich muß jetzt meine Handelsbriefe leſen. Ich bin bereits ſo ſehr im Rückſtand.“ „Ach mein Gott, ſei doch ruhig! Sie werden nicht davonfliegen, Deine Briefe; ich verlange mit Ungeduld nach dem Ende dieſer Erzählung, denn Alles was ſich auf dieſe liebenswürdige Frau be⸗ zieht, intereſſirt mich ungemein. Du ſagteſt alſo...“ „Ah jetzt erwiſche ich Dich! Du biſt in eine ſchreckliche Falle gerathen.“ 3 „Wie ſo?“ „Dieſes ganze Hiſtörchen iſt in meinem eigenen Kopf gewachſen.“ „Ha Verräther!“ verſetzt Madame Borel heiter, „und ich, die ich ganz ehrlich .. Das iſt ſchänd⸗ lich! Pfui! abſcheulicher Lügner!“ „Nun wohl, da Du einmal gefangen biſt, ſo mußt Du Dich auch ranzioniren. Nehmen wir an, die Erzählung, die Du ſo fehnlich zu hören ver⸗ langteſt, habe wie viele Minuten gedauert. etwa zehn, iſt das zu viel? ich will meine Stellung nicht mißbrauchen.“ „Wir wollen zehn Minuten gelten laſſen; aber dann?“ „Nehmen wir ferner an, während dieſer zehn WMinuten werden die Briefe, die ich zu leſen habe, davongeflogen ſein? dieß ſind Deine eigenen orte.“ 63 „Es iſt leider nur zu wahr, doppelter Schurke!“ „Nun ſo wollen wir uns dieſe zehn Minuten, die Du der Anhörung meines Geſchichtchens widmen wollteſt, von dieſer charmanten Frau unterhalten. Das iſt Deine Strafe.“ „Es iſt das Geſetz des Siegers, ich muß mich ihm unterwerfen; ich ergebe mich alſo in mein Schickſal.“ „Und im Grund Deines Herzens biſt Du gold⸗ froh.“ „Schweig, unbarmherziger Sohn.“ „Oh, liebe Mutter,“ verſetzt Alexis, dießmal nicht heiter, ſondern in einem Ton voll Zärtlichkeit und Rührung, „oh liebe Mutter, wie angenehm und freundlich iſt Deine Tugend! Warum muß man die Tugend immer ſo ernſthaft und grämlich vor⸗ ſtellen? Ein heiteres offenes Lachen wie das Dei⸗ nige ſteht ihr ſo wohl an! es verdoppelt ihren Werth! Wenn man Dich ſo einfach, ſo vergnügt, ſo nachſichtig gegen die Narrheiten Deines Sohnes ſieht, ſollte man da glauben, daß Du dieſe heilige Frau, dieſe gütige barmherzige Dame ſeieſt, die von den armen Arbeitern in Lyon ſo innig geſegnet und verehrt wird? Wer Dich nicht kennt, liebe Mutter, der würde Dir eine jener ſtrengen Phyſiognomien geben, die nur Ehrfurcht gebieten, während Du einen zugleich ernſten und milden Zauber ausübſt, welcher macht, daß man Dich eben ſo ſehr verehrt, als man durch die Freundlichkeit und Heiterkeit Dei⸗ nes Charakters entzückt iſt.“ „Du biſt ein braver Junge, und wenn das wenige Gute, was ich um uns her verbreite, nicht 64 tauſendfach ſeinen Lohn in ſich ſelbſt trüge, ſo wür⸗ den Deine freundlichen Worte mir hundertfältig be⸗ zahlen was meine Mildthätigkeit verdient, die ſo leicht auszuüben iſt; denn was gebe ich denn im Ganzen? einen ſehr geringen Theil von unſerm Ueberfluß.“ „Ei was liegt daran? Du gibſt nicht blos Dein Geld, Du gibſt auch Dein Herz; ja es gehört Allen ganz, es gehört allen Leidenden. Du wirfſt ihnen nicht ein kaltes Almoſen zu, Du bringſt ihnen die holden Tröſtungen der Seele. Wie oft habe ich nicht mit angeſehen, wie Deine heitere Freundlich⸗ keit das Lächeln, das Vertrauen, die Hoffnung auf Geſichter zurückführte, die vom Kummer verdüſtert waren! Wie oft hat Deine Großmuth . ..“ „Oh was meine Großmuth betrifft, ſo läßt ſie ſich in Nichts mit der Deinigen vergleichen, beſon⸗ ders in dieſem Augenblick, lieber Verſchwender!“ „Was willſt Du damit ſagen, Mutter?“ „Sieh auf die Uhr.“ „Nun?“ „Nun!“ antwortet Madame Borel lächelnd, „es ſind bereits drei oder vier Minuten von den zehn verfloſſen, die Du und zwar nicht mehr und nicht weniger zu Deiner Verfügung haſt, um von Ma⸗ 1 dame Wolfrang zu ſprechen.“ „Es ſei,“ antwortet Aleris ebenfalls lächelnd, „aber wenn ich nicht von ihr ſpreche, ſo ſpreche ich wenigſtens wie ſie, indem ich Dir ſage welche Gefühle Deine Herzensgüte und Deine Tugend mir einflößen. Erinnere Dich, mit welcher Grazie, mit welchem fei⸗ nen Tact Madame Wolfrang geſtern Dein Lob ſang.“ 65 Ich würde lügen, wenn ich ſagen wollte, daß die Sympathie, welche ſie mir bewies, mich nicht ſehr gerührt habe, denn um auf Deinen ätheriſchen Traum zurückzukommen, ſo neige ich mich entſchieden zu dem Glauben hin, daß ſie ein auf unſern Pla⸗ neten verirrter Engel ſei, und daß wir ſie eines Tags, wie Du ſie im Traume ſaheſt, mit einem ſtrahlenden Stern auf der Stirne davonfliegen ſehen werden.“ „Und eben deßhalb, ich geſtehe Dirs, liebe Mut⸗ ter, bin ich „ „Was?“ „Ich wage es nicht.“ „Ei ſo ſprich Dich doch aus .. Du biſt?“ „Verliebt in Madame Wolfrang.“ „Oh, oh! Herr Alexis, das iſt eine ſehr ſtarke vertrauliche Mittheilung.“ 1„ „Nicht wahr, liebe Mutter! und Du grollſt mir nicht?“ „Wahrhaftig nein. Fürs Erſte iſt Bewunderung nicht Liebe und dann hat die Bewunderung für einen Engel, der da oben, in unerreichten Höhen, im Azur, mit einem Stern auf der Stirn umher⸗ ſchwebt, nichts Böſes an ſich, da Dir ja doch nicht Flügel wachſen werden, um dieſen Engel in ſeinem Alether zu erreichen, mein armer Junge!“ „Ei, ei Du verſpotteſt mich!“ „Nein wahrhaftig, ich würde mir dieſe Freiheit nnicht zu nehmen wagen.“ „Boshafte Mutter!“ „Ich bin ſo wenig boshaft und habe ein ſo in⸗ niges Mitgefühl mit Deinem Märtyrerthum, un⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 5 66 glücklicher Junge, daß ich, wenn ich Madame Wol⸗ frang meinen Beſuch abſtatte, zu ihr ſagen werde Sie wiſſen's nicht, liebe Madame? mein Sohn iſt verliebt in Sie, er wartet blos, bis ihm ſeine Flü⸗ gel gewachſen ſind um Ihnen ſeine Erklärung zu machen.“ „Du wäreſt wirklich im Stand mir einen ſolchen Streich zu ſpielen!“ „Und ich werde gewiß nicht ermangeln.“ Jetzt gibt Madame Borel dieſen luſtigen Ton auf und fährt fort: „Komm her, mein Lieber, laß uns ernſthaft ſprechen. Eine Mutter hat ſcharfe Augen; ich habe geſtern den lebhaften Eindruck, welchen dieſe Zau⸗ berin auf Dich hervorbrachte, wohl bemerkt. Nun wohl, es iſt für einen jungen Mann Deines Alters, der wie Du ein ſo außerordentlich zartfühlendes Herz beſitzt, das Dich immer vor den traurigen Verirrungen bewahrt hat, worin ſo viele jungen Leute ihr Verderben finden, es iſt, ſage ich, für einen ſolchen jungen Mann nicht gefährlich, wenn er eine lebhafte Bewunderung für eine ſchöne, tu⸗ gendhafte und liebenswürdige Perſon empfindet, die eben ſo unfähig iſt das ehrenwerthe Gefühl, das ſie einflößt, durch ihre Coketterie aufzumuntern, als ſich darüber Spöttereien zu erlauben. Nein, ſie würde ihren Einfluß auf Dich, im Fall ſie ihn kannte, dazu benützen, Deine Seele noch höher zu heben, Dich beſſer, pflichtgetreuer zu machen.“ Oh Mutter, wenn Du wüßteſt wie wahr Du ſprichſt!“ „Ich hoffe es.“ 67 „Denke Dir, daß ich ſeit geſtern meine, ich liebe Dich und meinen Vater noch mehr, als ſonſtz daß ich mich beſſer fühle, daß ſich ein noch ſtärkerer Ehrgeiz in mir regt den Ruf eines rechtſchaffenen Mannes, den einfachſten und doch glorreichſten aller Titel zu verdienen. Es iſt mir, als höre ich fort⸗ während Madame Wolfrang, die zu mir ſage: Herr Alexis, Sie werden würdig ſein, den Namen Ihres Vaters zu ehren. Kurz, ſeit geſtern meine ich, eine weit ſtärkere Liebe zum Guten und einen weit ſtärkeren Abſcheu vor dem Böſen zu empfinden, als je.“ „Das muß ſo ſein, mein Junge, weil das Ge⸗ fühl, das dieſe edle junge Dame Dir einflößt, die Schranke der Ehrerbietung nicht überſchreitet und daher Deine edle Seele wo möglich noch mehr läu⸗ tert. Dein Traum, ein großſinniger und rührender Traum wird darauf gerichtet ſein, duß Madame Wolfrang Dir eines Tags herzlich die Hand reiche und zu Dir ſage: Sie ſind ein rechtſchaffenes bra⸗ ves Herz; wenn ich eine Schweſter oder Freundin zu verheirathen hätte, ſo würde ich zu ihr ſagen: Heirathe ihn, Du kannſt keine beſſere Wahl treffen.“ „Sieh Mutter, wenn ich Dich anhöre, ſo kom⸗ men mir die Thränen in die Augen. Ja! wenn ich ein Mädchen heirathete, das Madame Wolfrang Stebü hätte, ſo könnte ich immer noch ſie ſelbſt ieben.“ In dieſem Augenblick tritt Herr BVorel bei ſeiner Frau ein. Er iſt blaß, bekümmert und ſagt, wie wenn er eine Zerſtreuung ſuchte, die ihn von ſei⸗ nem geheimen Gedanken ablenkte, zu ſeinem Sohn; 0 68 „Gibt es etwas Neues in unſerer Correſpondenz von heute früh?“ „Ich habe ſie noch nicht geöffnet, lieber Vater. Ich will ſogleich daran gehen; ich bitte Dich um Entſchuldigung wegen meiner Nachläſſigkeit.“ „Sie hat gar nichts zu ſagen,“ antwortet der Bankier, der von neuem in ſeine Gedanken verſinkt, während ſeine Frau zu Alexis, der nach der Thüre geht, ſagt: „Vergiß nicht mir ſo bald als möglich Auf⸗ ſchluß über dieſes Anlehen von zehntauſend Franken zu verſchaffen, wofür Herr Duport unſerem Caſ⸗ n Empfangsſchein gegeben hat, denn ich ürchte „Ach liebe Muttter, wieder dieſer Verdacht?“ „Ich bin beinahe gewiß, daß ich mich nicht täuſche.“ „Herr Duport! ein ſo rechtſchaffener Mann!“ „Und gegen Herrn Borel, der ſich immer mehr in Gedanken vertieft, fügt Alexis hinzu: „Du hörſt's, Vater?“ „Was?“ fragt der Bankier, welcher dem Ge⸗ ſpräch um ihn her gänzlich fremd geblieben iſt; „was ſagſt Du, Alexis?“ „Ich werde Deinem Vater antworten; bring ſchnell Deine Correſpondenz in's Reine,“ verſetzt Madame Borel gegen ihren Sohn. Dieſer geht und ſie bleibt allein mit ihrem Manne. 69 IX. Madame Borel, welcher der Kummer ihres Man⸗ nes um ſo mehr auffällt, je ſtärker er mit der ge⸗ wöhnlichen und augenſcheinlichen Friedſamkeit ſeines Charakters contraſtirt, ſagt zu ihm: „Was haſt Du denn, mein Lieber? Du ſcheinſt ganz vertieft zu ſein?“ „Es iſt wahr.“ „Was kann Dich ſo betrüben?“ „Die Erinnerung an die peinliche Scene von geſtern Abend.“ „Dieſer unglückliche Dubousquet?“ „Dieſes unerwartete Zuſammentreffen hat mir wehe gethan . . .“ „Armer Mann, ich begreife es; Deine ehrliche und aufrichtige Seele leidet ſchrecklich bei dem Ge⸗ danken .. „Siehſt Du,“ ſagt Herr Borel ſie unterbrechend, „es iſt mir ein unerträglicher Gedanke, daß ich tag⸗ täglich Gefahr laufe mit dieſem Elenden hier zu⸗ ſammenzutreffen.“ „Es läßt ſich nicht annehmen, daß Herr Wol⸗ frang nach dem geſtrigen Scandal dieſen Menſchen in ſeiner Wohnung behalten werde.“ „Ich hoffe es; wo nicht, ſo würde ich zu mei⸗ nem großen Leidweſen, denn wir ſind hier vortreff⸗ lich eingerichtet, das Haus verlaſſen; ich bin hiezu feſt entſchloſſen.“ „Du haſt dieſe Widerwärtigkeit nicht zu fürchten: err Wolfrang beſitzt zu viel Tact, zu viel Billig⸗ keitsgefühl, als daß er ſich einen Augenblick beden⸗ 70 ken könnte einem ehemaligen, verurtheilten Ver⸗ brecher den Abſchied zu geben, beſonders wenn er erfährt, daß das längere Verweilen des Unglück⸗ ſeligen in dieſer Wohnung Dich nöthigen würde ſie zu verlaſſen.“ „Dieſer Herr Wolfrang iſt allerdings ein Mann von der feinſten Lebensart; er hat uns vortrefflich empfangen; er kennt ſich in den Finanz⸗ und Eredit⸗ fragen aus wie ein Bankier, aber ich halte ihn für ein großes Original.“ „Allerdings, aber er wird jedenfalls ſeine Ori⸗ ginalität nicht ſo weit treiben, daß er einen Ver⸗ brecher in der Miethe behält.“ „Wer weiß?“ „Wie ſo?“ „Geſtern Abend iſt es mir aufgefallen, daß er, ſtatt ſeine Leute zuſammenzurufen und dieſen Elen⸗ den hinauszuwerfen, ihn ſelbſt unter dem Arm ge⸗ nommen, aufrecht erhalten und mit ſichtlichem Mit⸗ gefühl aus dem Salon geführt hat.“ „Dieſes Mitgefühl, mein Lieber, beweist für Herrn Wolfrang's Herz und ich geſtehe Dir's, die⸗ ſer ehemalige Verbrecher, der ſich auf dieſe Art von neuem vor Aller Augen gebrandmarkt ſah, ſchien ſo ſchrecklich niedergeſchlagen zu ſein und ſchleppte ſich ſo mühſam wankend fort, während ſein armer Hund hintendrein kam und ihm die Hände leckte, daß er mir ſelbſt Mitleid eingeflößt hat.“ „itleid, das will ich mir gefallen laſſen; ich bin weit entfernt den Tod des Sünders zu werlan⸗ gen; aber in Herrn Wolfrang's Benehmen gegen dieſen Schurken lag mehr, als Mitleid. Es wäre — ,— — — 71 möglich, daß er aus einer Sonderlingslaune ſich nicht darauf einlaſſen wollte ihn aus dem Hauſe zu jagen.“ 5 „Dieß iſt nicht wahrſcheinlich; aber ſelbſt ange⸗ nommen, Herr Wolfrang wäre ſo wunderlich, ſollte dieß wohl für uns ein genügender Grund ſein, um ein Haus zu verlaſſen, wo wir wie Du ſelbſt ſagſt ſo vortrefflich eingerichtet ſind?“ „Ei wie! meine Liebe, ich ſollte mich freiwillig in die Gefahr begeben tagtäglich dieſen Elenden vor meine Augen zu bekommen! wo denkſt Du hin?“ „Was kann Dir daran liegen? denn wenn Je⸗ mand ein ſolches Zuſammentreffen zu fürchten hat, ſo iſt es dieſer Elende und nicht Du,“ ſagt Madame Borel ihren Mann anſchauend. Dieſer ſchlägt die Augen nieder, erröthet un⸗ willkürlich und ſagt mit einem erzwungenen Lächeln: „Ich theile Deine Philoſophie nicht. Der An⸗ blick eines Schurken iſt mir immer verhaßt, uner⸗ träglich.“ begreife es; aber man kann ſich doch, dachte ich, einem bedauernswerthen Uebelſtand aus⸗ ſetzen, wenn er durch einen ſehr großen Vortheil aufgewogen wird.“ „Durch welchen Vortheil? eine comfortable Woh⸗ nung zu finden? Wir ſind Gott ſei Dank reich ge⸗ nug, um einen ſolchen Vortheil überall anderswo zu finden.“ „Du begreifſt wohl, daß ich, wenn es ſich blos um dieſen Vortheil handelte, nicht darauf dringen würde . . „Was willſt Du ſagen?“ 72 „Lieber Mann, unſer Sohn hat uns bis jetzt nur Urſachen zur Zufriedenheit gegeben, nicht wahr?“ „Allerdings! er könnte jungen Leuten ſeines Al⸗ ters als Muſter vorgeführt werden: aber warum dieſe Frage in Bezug auf Alexis?“ „Das ſollſt Du ſogleich erfahren. Oft, wenn wir uns zu dem vortrefflichen Benehmen unſeres Sohnes Glück wünſchen, das uns ſo viele Bürg⸗ ſchaften der Sicherheit für die Zukunft geben muß, fragt ſich unſere ſtets unruhige Sorglichkeit dennoch, ob Alexis, der erſt einundzwanzig Jahre alt iſt, ohne Hinderniß, ohne Verzagtheit und ohne Stürme dieſe paar Jahre durchmachen werde, die gewöhnlich für die meiſten jungen Leute ſo kritiſch ſind und dem Zeitpunkt vorangehen, wo wir ihn zu verhei⸗ rathen gedenken.“ „Alles läßt uns bis jetzt hoffen, daß unſer Sohn bei ſeiner guten Aufführung beharren wird.“ „Allerdings, mein Lieber, dieſe Hoffnung iſt wohl begründet, aber ſie iſt keine Gewißheit.“ „Warum ſollte ſie keine Gewißheit für uns ſein?“ „Weil Alexis noch ſehr jung iſt und dann iſt er. ſo vertrauensvoll, ſo naiv, ſo mittheilſam. Nun weißt Du ſelbſt beſſer, als ich, daß bei einem Jun⸗ gen dieſes Alters häufig eine einzige ſchlechte Be⸗ kanntſchaft genügt, um die ſchönſten Hoffnungen einer Familie zu Grunde zu richten.“ „Das iſt nur allzu wahr; aber Gott ſei Dank unſer Sohn iſt bis jetzt . . „Vor den unſeligen Klippen bewahrt worden, an denen ſo viele jungen Leute ſcheiterten, ich weiß es. Wird es aber in Zukunft immer ſo gehen? „ 73 Wie vielen gefährlichen Verſuchungen wird er nicht ausgeſetzt ſein?“ „Thatſache iſt, daß man nicht weiß, welches Ver⸗ mögen wir beſitzen.“ „Allerdings, mein Lieber, und es gibt unwür⸗ dige, ſchlaue Geſchöpfe, die mit einer ſchmählichen Berechnung dieſes naive Herz überraſchen, es be⸗ herrſchen, auf falſche Wege leiten und verderben könnten.“ „Dieß iſt zwar möglich, aber nicht ſehr wahr⸗ ſcheinlich.“ „Aber doch immerhin möglich. Denk nur an den älteſten Sohn des Bankiers Berard von Lyon.“ „Dieſer junge Menſch war ein abſcheulicher Taugenichts und ſein Ende „Sein Ende iſt ſchrecklich geweſen aber er hatte früher ſeiner Familie eben ſo viele Freude gemacht, eben ſo vieke Hoffnungen eingeflößt, wie Aleris uns. Dieſe Hoffnungen ſind auf eine ſchreck⸗ liche Art getäuſcht worden, ſobald es einer abſcheu⸗ lichen Creatur gelungen war ſich des jungen Men⸗ ſchen zu bemächtigen, und die Folgen dieſer unſeli⸗ gen Verbindung ſind Dir ja bekannt.“ „Ja, er hat die Unterſchrift ſeines Vaters bei einer bedeutenden Summe nachgemacht und als der Betrug zu Tage kam, hat er ſich erſchoſſen.“ „Nun wohl, mein Lieber, macht Pich dieß nicht auch für unſern Sohn zittern?“ „Ei wie! Du könnteſt annehmen, daß Alexis jemals . . „Du haſt dieſen jungen Berard oft geſehen; hatte er nicht all die guten Eigenſchaften unſeres Alexis?“ 74 „Es iſt wahr.“ „Du ſiehſt alſo!“ „Ich bin weit entfernt zu läugnen, daß der Ein⸗ fluß eines ſchlechten Frauenzimmers den beſten Cha⸗ rakter verderben und einen jungen Menſchen in ſein Verderben treiben könne; aber welches Mittel gibt es da in Bezug auf Alexis?“ „Daß wir dieſes Haus nicht verlaſſen, ſelbſt für den allerſchlimmſten Fall, daß dieſer unglückſelige Dubousquet in der Miethe bliebe.“ Dann fügt Madame Borel hinzu: „Du ſiehſt mich erſtaunt an, lieber Mann.“ „Allerdings, ich begreife Deine Worte nicht.“ „Deine Verwunderung wird bald aufhören. Sage mir, was hältſt Du von Madame Wolfrang?“ Und lächelnd fährt Madame Borel fort: „Meine Weiſſagung iſt nicht in Erfüllung ge⸗ gangen: Deine Verwunderung hat nicht nur nicht aufgehört, ſondern wird immer größer.“ „Ich glaub es wohl. Welche Beziehung kann denn zwiſchen Madame Wolfrang und unſerem Sohne ſtattfinden?“ „Ich rechne auf ihren Einfluß, und mein Inſtinct ſo wie mein mütterlicher Scharfblick werden mich nicht täuſchen, darauf wollte ich ſchwören. Jo, ich rechne auf den moraliſchen Einfluß dieſer jungen rau, die eben ſo tugendhaft, als geiſtreich und bezaubernd iſt.“ „Wie ſo?“ „Sie wird der Schutzengel unſeres Alexis ſein, bis er ſich einmal verheirathet.“ „Der Schutzengel unſeres Aleris?“ ſpricht 75 Bankier mit neuer Verblüfftheit nach. „Madame Wolfrang?“ „Ah, glaube mir, Nichts wäre für die Zukunft unſeres Alexis heilſamer, als der Einfluß, den eine ſchöne und tugendhafte Frau wie Madame Wolfrang auf ihn gewinnen würde.“ Madame Borel wird durch einen Bedienten un⸗ terbrochen, welcher meldet: „Herr Dubousquet!“ Als Herr Borel in der That Herrn Dubousquet eintreten und ſchüchtern, mit Bonhomme an ſei⸗ nen Ferſen, auf der Salonſchwelle ſtehen bleiben ſieht, fährt er zuſammen, wird bleich und macht ein äußerſt betroffenes Geſicht. Madame Borel, welche die plötzliche Entſtellung der Züge ihres Gatten dem unüberwindlichen Wi⸗ derwillen zuſchreibt, welchen der Anblick des Ver⸗ brechers ihm einflöße, geht raſch auf dieſen zu und ſagt ſtreng zu ihm: „Sie können ſich denken, mein Herr, daß Ihre Gegenwart aus vielen Gründen Herrn Borel ver⸗ haßt iſt; ich erſuche Sie alſo ſich zu entfernen.“ „Nein,“ ruft der Bankier, „er mag kommen.“ Herr Borel gewinnt ſeine Zuverſichtlichkeit wie⸗ der, nähert ſich ſeiner Frau und fügt gegen Du⸗ bousquet hinzu: „Da Sie die Frechheit gehabt haben ſich bei mir zu zeigen, ſo will ich wiſſen, was Sie die Frech⸗ heit haben werden zu mir zu ſagen.“ Der Bankier wendet ſich jetzt von Neuem gegen ſeine Frau und ſagt zu ihr: „Verlaß uns, meine Liebe.“ 76 „Was fällt Dir ein? dieſe Beſprechung .. „Ich bitte Dich, laß mich allein mit dieſem Manne.“ „Aber wozu Dich ſo peinlichen Gemüthserregun⸗ gen ausſetzen?“ „Er hat es gewollt, er ſoll die Strafe ſeiner Unklugheit tragen.“ „Ich bitte Dich um Alles, lieber Mann ...“ „Laß mich, ich bin entſchloſſen ihn anzuhören.“ Madame Borel beſteht nicht länger auf ihrem und ſchickt ſich an den Salon zu ver⸗ aſſen. Der Bankier, der die augenſcheinliche Verände⸗ rung auf den Zügen ſeiner Frau bemerkt hat, be⸗ denkt jetzt, ſie könne und müſſe es ſeltſam finden, daß er darauf beſtanden habe mit einer Art von Geheimniß dieſen Verbrecher zu ſprechen, deſſen Ge⸗ genwart ihm doch, wie er ſagte, unerträglich war; er beſinnt ſich daher anders, um keinen Argwohn zu erwecken. „Im Grunde, meine Liebe,“ ſagte er, „iſt es mir angenehmer, wenn Du bei dieſer Beſprechung zugegen bleibſt.“ Herr Dubousquet iſt in der Nähe der Thüre geblieben wie auch Bonhomme, welcher den ſchlech⸗ ten Empfang, der ſeinem Herrn zu Theil wird, zu begreifen ſcheint und ſich beſcheiden hinter ihm hält. Der Bankier wendet ſich jetzt mit drohender Ge⸗ berde gegen den ehemaligen Galeerenſträfling. „Ich wiederhole es, ich bin äußerſt erſtaunt über Ihre Frechheit; aber was wollen Sie?“ „Ihre Güte, Ihr Mitleid anflehen, mein Herr,“ 77 antwortet Herr Dubousquet mit zitternder Stimme. „Ach, ich komme nicht um Ihnen Trotz zu bieten 3 ich habe in meiner Stellung nicht mehr das Recht einen ehrlichen Mann anzureden; ich weiß es wohl, mein Gott! ich weiß es wohl.“ „In dieſem Fall,“ verſetzt der Bankier mit Härte, „warum erlauben Sie ſich hier zu erſcheinen?“ „Der Unglückliche flößt mir wider meinen Willen Mitleid ein,“ ſagt Madame Borel zu ſich; „obſchon er ein Verbrecher iſt, ſieht er doch gar nicht ſo aus.“ „Der Schritt, den ich wage, hat mich große Ueberwindung gekoſtet, mein Herr,“ antwortet Du⸗ bousquet, „aber ich bin ſo unglücklich.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ verſetzt der Bankier; „Sie verlangen alſo ein Almoſen.“ „Nein, mein Herr, nein, ich bedarf, Gott ſei Dank, nichts.“ „Was wollen Sie dann?“ Der ehemalige Galeerenſträfling wendet ſich ge⸗ gen Madame Borel und ſagt in ängſtlichem flehen⸗ dem Ton zu ihr: „Madame, ich beſchwöre Sie, ſtoßen Sie ſich nicht daran, wenn ich. mein Gott.. es nicht wage . „Sprechen Sie, mein Herr,“ verſetzt Mabame Vorel, deren Mitleid immer mehr überhand nimmt; „was wünſchen Sie?“ „Wenn Sie gütigſt erlauben würden, ſo möchte „Vollenden Sie.“ „Ich möchte wünſchen einen Augenblick allein mit Herrn Borel zu ſein, wenn er ſich gütigſt dazu verſtände.“ ich 78 „Nun ſo ſei es denn,“ ſast Herr Borel unge⸗ duldig; „machen wir die Sache kurz.“ Dann fügt er gegen ſeine Frau hinzu: „Laß uns allein, meine Liebe; ich will mich herablaſſen den Wunſch dieſes Mannes zu erfüllen.“ „Er zittert dermaßen und iſt ſo niedergeſchlagen, daß ich wohl gehen kann, ohne etwas Anderes zu fürchten, a! den Kummer und Widerwillen, welchen dieſe Beſprechung Dir einflößen wird,“ antwortet Madame Borel keiſe, indem ſie den Salon verläßt, wo der ehemalige Galeerenſträfling und der Ban⸗ kier allein zurückbleiben. —— X Herr Borel vermag trotz ſeiner hochmüthigen Zuverſichtlichkeit nicht zu verbergen, daß es ihm weit leichter ums Herz geworden iſt, nachdem ſeine Frau, die er gleichwohl aus Berechnung zum Blei⸗ ben aufgefordert, ſich entfernt hat. Herr Dubousquet trat nach dem Weggang von Madame Borel eben ſo ſchüchtern auf wie zuvor. Sein Hund, der jetzt mit dem Schweif wedelte, näherte ſich jetzt Herrn Borel, um ihn zu liebkoſen, eine Art von Huldigung, welche das verſtändige Thier gewöhnlich den wenigen Leuten darbrachte, die es in einem tötetéte mit ſeinem Herrn er⸗ blickte; Herr Borel aber war in dieſem Augenblick bei ſehr ſchlechter Laune und als er auf einmal von den Liebkoſungen des Pudels überraſcht wurde, den er bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, rief er: * 79 Was ſoll denn dieſer garſtige Hund da?“ Und mit einem heftigen Fußtritt auf den Kiefer wies er Bonhommes freundliche Zuvorkommen⸗ heit zurück. Der Hund ſtieß einen kläglichen Schrei aus und flüchtete ſich ganz zitternd zu Herrn Du⸗ bousquet, hielt jedoch ſein Schmerzensgeheul zurück: „Es iſt unbegreiflich, wie Sie ſich erkauben kön⸗ nen Ihren Hund mitzubringen,“ ſagt Herr Borel mit verdoppelter Härte zu Herrn Dubousquet. „Sie ſind von einer Impertinenz, die ihres Gleichen ſucht.“ Herr Dubousquet, deſſen Auge ſich bei Bon⸗ hommes Aufſchrei gefeuchtet hatte, winkte ihm ſich zu ſeinen Füßen niederzulegen, denn der Hund hatte ſich, nachdem ſein erſter Schmerz vorüber war, wieder aufgerichtet, um ſeinem Herrn die Hand zu lecken und ſich dadurch für die überſtandene Miß⸗ handlung ſchadlos zu halten. „Entſchuldigen Sie mich,“ antwortet Herr Du⸗ bousquet demüthig, „ich habe nicht bemerkt, daß mein Hund mir folgte und „ „Genug!“ fährt Herr Borel barſch dazwiſchen. „Noch einmal, was iſt die Abſicht Ihres unver⸗ ſchämten Beſuches? Ich hätte geglaubt, daß Sie nach der Beſchimpfung, die Ihnen geſtern Abend widerfahren iſt, ſo viel Schamgefühl hätten ſich nicht mehr zu zeigen bis Sie das Haus verlaſſen, das Sie durch Ihre Gegenwart beſchmutzen.“ „Dieſes Haus zu verlaſſen, wäre für mich ein ſehr großer Kummer,“ antwortet Herr Dubvusquet nicht ohne qualvolle Angſt; „deßhalb wage ich es zu Ihnen zu kommen und Sie mit gefalteten Hän⸗ 30⁰ den anzuflehen, daß Sie mir die Mittel erleichtern möchten dazubleiben.“ Herr Borel ſieht den ehemaligen Galeerenſträf⸗ ling mit ſtummen Erſtaunen an und ſcheint ſeinen Ohren kaum zu trauen. Herr Dubousquet, der dieſes Schweigen zu ſei⸗ ni Gunſten deutet, faßt neuen Muth und fährt ort: „Wenn Sie wüßten, mit welchen Beängſtigun⸗ gen ich eine neue Wohnung beträte und welche Un⸗ ruhe mir trotz der beinahe einſiedleriſchen Zurück⸗ gezogenheit, worin ich lebe, die neuen Geſichter meiner Nachbarn verurſachen! Ich glaube in den erſten Zeiten immer, Jedermann wiſſe oder ahne das Geheimniß meiner traurigen Vergangenheit; man werfe mir Blicke der Verachtung oder des Wi⸗ derwillens zu; dann lindert nach und nach die Ge⸗ wohnheit meine Befürchtungen und es ſcheint mir, man ſehe mich eben ſo an wie alle andern Leute. Aber um bis dahin zu gelangen, wiederhole ich Ihnen, wenn Sie wüßten, mein Gott, wie viele Tage angſtvoller Qualen ich durchzumachen habe! Ich zittere ſchon bei dem bloßen Gedanken an Das was ich von Neuem auszuſtehen hätte, wenn ich dieſes Haus hier verlaſſen müßte, wo ich bereits ſo gut angewöhnt war.“ Herr Doubousquet drückte ſich mit einer ſo rüh⸗ renden Treuherzigkeit aus, daß Herr Borel ſich be⸗ wegt fühlte. Dieſer Mann war, obſchon er in ſeinem Leben eine ſchmachvolle Handlung begangen hatte, im Grund ſeines Herzens nicht ſchlecht, und wenn man — 81 erfährt, in welcher Stellung er ſich Herrn Dubous⸗ quet gegenüber befand, ſo wird man um ſo beſſer die Gemüthsbewegung begreifen, die ihn ankam; er antwortete alſo mit einer Art von Erbarmen: „Sie ſind ein Narr, Unglücklicher!“ „Sie fürchten, ſagen Sie, man koͤnnte Ihre Schmach entdecken, wenn Sie eine neue Wohnung beziehen?“ „Ach ja; und in den erſten Zeiten lebe ich gar nicht; dieſe Beſorgniſſe ſind für mich eine Qual, die ſich mit jedem Augenblick wiederholt.“ „Aber Unglücklicher, weiß denn nicht ſeit geſtern Abend die ganze Einwohnerſchaft dieſes Hauſes, daß Sie ein verurtheilter Verbrecher ſind?“ „Das iſt nur allzu wahr. Ich hahe auf der Treppe Herrn Lambert, den Buchhändler begegnet, der auf ſeinen Speicher hinaufging; er hatte ſich geſtern ſo gütig, ſo gütig gegen mich gezeigt, daß ich ganz beſchämt war, wie es mir immer begegnet, wenn ein Menſch, der meine Vergangenheit nicht kennt, ſich herabläßt mir einige Theilnahme zu be⸗ zeugen. Nun wohl, Herr Lambert hat, als er mich erblickte, mit Widerwillen und Verachtung hin⸗ weggeſchaut.“ „So wird es Ihnen mit allen andern Hausbe⸗ wohnern ergehen; Sie werden für Jedermann ein Abſchen ſein; und dennoch wünſchen Sie in dieſem Hauſe zu bleiben, aus dem Sie vielmehr ſo ſchneil als möglich entfliehen ſollten? Noch einmal, Sie ſind ein Narr.“ Sue, Geheimniſſe d. Kopftiſſens. I1. 6 1 das anerkennen „ 82 „Ich bin allerdings jetzt hier Jedermann ein Abſcheu, weil man mich für einen Schurken hält,“ antwortet der ehemalige Galeerenſträfling mit kläg⸗ licher Stimme, dann fügt er zögernd hinzu: „Aber. ohne Vorwurf, Herr Borel, Sie wiſſen beſſer, als. irgend Jemand ob es wahr iſt daß ich ich ein Schurke bin.“ „Was ſoll das heißen?“ ruft Herr Borel, der wieder hochmüthig wird und eine drohende Haltung annimmt. „Sollten Sie ſich unterſtehen. „Ich beſchwöre Sie, werden Sie nicht böſe, wer⸗ den Sie ja nicht böſe. Ach ich will und kann keine Beſchuldigungen gegen Sie erheben, ich habe mir ſelbſt und freiwillig die rothe Kaſacke über den Rücken gezogen. Wenn ich auch die Wahrheit ſagen wollte, ſo würde man mir nicht glauben. Ich habe vor Gericht gegen mich ſelbſt ausgeſagt, man hält mich an meinen eigenen Angaben feſt. Welchen Glauben würde man den Worten eines ehemaligen Galeeren⸗ ſträflings ſchenken, wenn er einen Mann anſchul⸗ digte, deſſen Loyalität und Rechtſchaffenheit Jeder⸗ mann bekannt iſt und erſt geſtern noch aus Ver⸗ anlaſſung dieſes Anlehens von den Journalen ge⸗ prieſen wurde?“ „Ei wie, Elender! wollten Sie es wagen meine Rechtſchaffenheit in Zweifel zu ziehen?“ „Gott behüte mich! Bei meiner Seele und mei⸗ nem Gewiſſen ſage und glaube ich, Niemand kann Sie an Rechtſchaffenheit und Zartgefühl übertreffen ſeit Sie Vermögen erworben haben.“ „Es iſt in Wahrheit ein großes Glück, daß Sie 83³ „Ich erkenne es an, aber dennoch ehe Sie. Vermögen erwarben . haben Sie „Vollenden Sie doch! Haben Sie die Stirne eine abſcheuliche Verleumdung nachzuſprechen?“ „Ach! Sie haben das Recht ſo zu ſprechen, weil es von Sie wiſſen ſchon von wem geſchrie⸗ ben und unterzeichnet iſt, daß die Wahrheit eine Verläumdung ſei, aber im Grund Ihrer Seele kön⸗ nen Sie nicht umhin meiner Ehrlichkeit Recht wider⸗ fahren zu laſſen; gleichwohl habe ich durch Ihre Schuld viel gelitten. Nun wohl, ich verlange nur eine einzige Sache von Ihnen: ſeien Sie barmherzig gegen mich, ſo werde ich Ihnen, trotz Allem, was ich Ihnen vorwerfen könnte, zu ewigem Dank ver⸗ pflichtet ſein.“ „Oh, welche Geduld ich brauche! Sprechen Sie doch auch Einmal, was kann ich für Sie thun?“ „Sie ſind ſo hochgeſtellt und genießen ein ſo all⸗ gemeines Anſehen, daß ein Wort von Ihnen, nicht wahr? von Jedermann wie ein Evangelium aufge⸗ nommen würde.“ „Nun weiter?“ „Man würde Ihnen in Beziehung auf mich um ſo mehr glauben, als dieſer Diebſtahl, dieſer Mord⸗ verſuch, weßhalb ich verurtheilt worden bin ...“ „Und mit Recht verurtheilt.“ „Immerhin!“ antwortet Herr Dubousquet, ei⸗ nen Seufzer erſtickend. „Dieſes Verbrechen iſt in Ihrem Hauſe begangen worden, Sie haben beim Proceß gezeugt; man wird alſo Alles glauben was Sie in Bezug auf dieſe Angelegenheit verſichern werden.“ 5. 84 „Wo wollen Sie hinaus? Vollenden Sie doch! Das iſt unerträglich!“ „Verzeihen Sie mir; ich bin ſo verwiprt. Ich wollte auf Folgendes hinauskommen: Was würde es Ihnen ausmachen, wenn Sie z. B. zu Herrn Wolfrang ſagten, und durch ihn würde es bald im ganzen Hauſe bekannt werden „ „Was? was ſollte ich zu Heyrn Wolfrang ſagen?“ „Daß ich mehr ungliiß „als ſchuldhaft und trotz meiner Verurtheilung weniger verbrecheriſch geweſen ſei, als man annehmen dürfe, denn obſchon ich auf Lebenszeit zu den Galeeren perurtheilt wax, ſo bin ich doch nach Verfluß einiger Strafjahre zur Belohnung meiner guten Aufführung begnadigt wor⸗ den. Sagen Sie dieß Herrn Wolfrang, ſagen Sie nur dieß und fügen Sie hinzu, Sie können ſich nicht weiter ausſprechen. Sie genießen einen ſolchen Ruf für Ehre und Rechtſchaffenheit, daß Herr Wolf⸗ rang Ihre Worte nicht in Zweifel ziehen wird; er wird Ihnen das Ding nachſagen und ſtatt für ſämmt⸗ liche Hausleute ein Gegenſtand der Verachtung und Abneigung zu ſein, werde ich einiges Mitleid ein⸗ flößen. Mein Gott, ich weiß es wohl, trotz dieſes Mitleids wird Niemand mit dem ehemaligen Galee⸗ renſträfling zu thun haben wollen. Ich werde mich darein ergeben; ich bin ſchon lange an gänzliche Abgeſchiedenheit gewöhnt; ich habe, ſeit ich aus dem Bagno kam, mit meinem armen Bonhomme ganz allein gelebt.“ Als der Pudel ſeinen Namen liebreich ausſpre⸗ chen hört, ſieht er zu ſeinem Herrn auf und ant⸗ wortet mit einem kurzen Gekläffe. 5 „Schweig! armes Thier, ſchweig!“ fügt Herr Dubousquet hinzu, indem er ſeine Hand auf die Schnauze des Thieres legt, weil er fürchtet, daß es von Neuem geſchlagen werden möchte. Dann wendet er ſich in flehendem Tone zu Herrn Borel, der ihn unempfindlich anhört: „Seien Sie ſo gütig, ſeien Sie großmüthig, Heyr Borel; bewilligen Sie mir die Gunſt, um die ich bitte, dann werde ich nicht genöthigt ſein dieſes Haus zu verlaſſen, um anderwärts von Neuem an⸗ zufangen und wieder all dieſe Beängſtigungen aus⸗ zuſtehen, die mich immer quälen, bis ich an neue Geſichter gewöhnt bin. Kurz, was ſoll ich Ihnen ſagen? Hier iſt doch wenigſtens meine Sache jetzt ins Reine gebracht, man weiß, wer ich bin; das Peinlichſte für mich iſt vorüber⸗ Wenn man, Dank Ihrer gütigen Fürſprache, Herr Borel, ſtatt des Widerwillens ein wenig Mitleid mit mir haben wird, nun wohl, ſo werde ich mich noch immer ſehr glück⸗ lich befinden. Das Einzige, was ich verlange, iſt, daß man mich hier dulde. Das hängt von Ihnen ab, Herr Borel, einzig und allein von Ihnen. Werden Sie den Muth haben mir es abzuſchlagen? Mein Gott! Ich habe ſo viel gelitten! Und im Grund Ihres Gewiſſens wiſſen Sie wohl, daß ich ein ehrlicher Mann bin.“ Kl. Wir wiederholen es: Herr Vorel hatte ſich zwar in früherer Zeit eines ſchändlichen Vertrauensmiß⸗ brauchs ſchuldig gemacht, dieß war aber auch die 36 einzige ſtrafbare Handlung, die er ſich wirklich vor⸗ zuwerfen hatte, und er war ſonſt kein ſchlechter Menſch. Er genoß jetzt einen verdienten Ruf der Biederkeit und Rechtſchaffenheit; er beſaß alle Tu⸗ genden des Familienvaters; nie wandte ſich das Unglück vergebens an ihnz; mit einem Wort, er zeigte ſich als ein großer Biedermann. Aber in dem Verbrechen, ſo vollſtändig es auch geſühnt ſein mag, liegt eine ſolch fatale und beſon⸗ ders ſolch rächeriſche Logik, daß der Schuldbelaſtete nicht mehr ſich ſelbſt angehört; Er gehört ſeinem Verbrechen an. Er wird durch dieſe unſühnbare Logik des Böſen zuweilen genöthigt neue Miſſethaten zu begehen, gegen welche gleichwohl ſein Gewiſſen ſich empört. So verhielt es ſich in dieſem Augenblick mit Herrn Borel. Er hatte in früheren Zeiten durch ſeinen ſchänd⸗ lichen Vertrauensmißbrauch Herrn Dubousquet ins Unglück geſtürzt; er wußte (und der Leſer wird es bald erfahren), mit welcher erhabenen Aufopferung dieſer ſo einfache, ſo naive Mann freiwillig die Livree der Schande angezogen hatte, indem er vor Gericht gegen ſich ſelbſt zeugte und dadurch ſeine eigene Rehabilitation wie auch jede Anſchuldigung, jede Ausſage gegen Herrn Borel unmöglich machte. Nun kannte der Bankier nicht blos dieſes helden⸗ müthige Opfer, ſondern er vermochte auch ſeine Be⸗ wunderung ihm nicht zu verſagen. Gleichwohl mußte er — und dieß war eine ſeiner Strafen — er mußte in dieſem Augenblick die ſo demüthige, ſo rührende Bitte dieſes Unglücklichen zurückweiſen, der ſich ge⸗ 87 nöthigt ſah beinahe kniefällig das Mitleid des Man⸗ nes anzuflehen, den er von der ganzen Höhe einer vorwurfsfreien Tugend herab und mit der ganzen Größe eines heroiſchen Opfers beherrſchte. Ja, Herr Borel war — welch blutiger Spott des Schickſals! — verurtheilt dieſen Unſchuldigen anzuhören, wie er zu ihm, dem Verbrecher, der ein⸗ zigen Urſache der Verachtung und Abneigung, die ier bewundernswürdige Märtyrer einflößte, alſo ehte: „Man hält Sie für einen ſo rechtſchaffenen Mann, daß einige Worte von Ihnen genügen wür⸗ den, um mich des allgemeinen Mitleids würdig zu machen; ſprechen Sie alſo dieſe Worte, ich beſchwöre i bei Allem was ich durch Ihre Schuld gelitten abe.“ Dieſe Worte konnte und wollte Herr Borel nicht ſprechen, weil er auf eine fatale Art durch die Logik des Böſen beherrſcht wurde. Und gleichwohl war er ſich der unbarmherzigen Grauſamkeit dieſer Weigerung bewußt, ſchmerzlich bewußt. Und gleichwohl war er beinahe bis zu Thränen gerührt durch die ergebungsvolle Sanftmuth ſeines Opfers, das keinen Vorwurf, keine Anklage gegen ihn erhob, ihn nicht zu Boden ſchlug, ſich nicht die — wohl erlaubte Befriedigung gönnte ihm zu agen: „Schauen Sie mir doch ins Geſicht, wenn Sie den Muth haben! Sie wiſſen wohl, wer von uns Beiden ein Elender iſt; denn im Ganzen iſt es Ihnen leicht rechtſchaffen, edelmüthig und mildthätig 88 zu ſein, ſeit dem Sie Millionen um Millionen an⸗ gehäuft haben; aber als Sie arm waren und gierig auf Erwerb ausgingen, da war Ihnen die Recht⸗ ſchaffenheit ſchwer; Sie ſind auf eine niederträchtige, ſchändliche Weiſe der Verſuchung des Böſen erlegen und haben durch Ihr Verbrechen ſchreckliches Un⸗ glück verurſacht.“ Was der verurtheilte Verbrecher nicht zu Herrn Borel ſagte, das ſagte Herr Borel ſich ſelbſt, und das war eine noch weit furchtbarere Züchtigung. Herr Borel mußte alſo die demüthige, rührende Vitte ſeines Opfers abweiſen. Schon ſeine bloße Gegenwart in dieſem Hauſe würde den Bankier unaufhörlich an das Verbrechen erinnert haben, das er vor allem zu vergeſſen wünſchte, aber ver⸗ gebens. So peinlich iſt das argwöhniſche Mißtrauen, ſo qualvoll ſind die Beängſtigungen einer durch die Frinnerungen an einen Frevel gefolterten Seele, daß es Herrn Borel ſehr gefährlich erſchien, dem ehemaligen Galeerenſträfling ein wenn auch noch ſo unbeſtimmtes Unſchuldszeugniß zu ertheilen. Da die Schuldbarkeit dieſes Letzteren und ſeine Verurtheilung, wie man ſpäter ſehen wird, die feſte⸗ ſten Grundlagen des vortrefflichen Rufes von Herrn Borel waren, ſo fürchtete er, die geringſte Erſchüt⸗ terung der Grundlage ſeines Vermögens und ſeines Rufes könnte das ſo mühſam aufgetüh Gebüude über den Haufen werfen. Obſchon er alſo den neuen Schlag, den er ſei⸗ nem Opfer verſetzen mußte, ſelbſt grauſam empfand, ſo verbarg er doch ſeine Bewegung und antwortete, 89 weil er doch ſeine abſcheuliche Heuchlersrolle zu Ende ſpielen mußte, mit hämiſchem Lächeln: „Sehr gut. Es gibt in der That nichts Ein⸗ facheres, als Ihr beſcheidenes Verlangen; ich werde ohne Weiteres zu Herrn Wolfrang gehen und ihm mein Ehrenwort geben, daß Sie an dem Verbrechen, welches Sie ins Bagno geführt hat, unſchuldig und überhaupt die Perle aller Ehrenmänner ſeien. Iſt he? Sagen Sie . . . genügt Ihnen as?“ „Ob es mir genügt, himmliſche Güte! Ach, ich hätte nicht ſo viel verlangt!“ ruft Herr Dubous⸗ quet beinahe jubelnd, da er Herrn Borel's grau⸗ ſamen Spott für Ernſt nimmt; „ach, ich hätte nicht ſo viel verlangt.“ . Und in der maßloſen Freude ſeiner Ueberraſchung und ſeines Blickes fährt der ehemalige Galeeren⸗ ſträfling, ehe der Bankier Zeit hat ihn zu unter⸗ brechen, alſo fort: „Sehen Sie, Sie ſind ein braver, würdiger Mann, Herr Vorel; Sie ſuchen das Böſe, daß Sie verurſacht haben, wieder gut zu machen; Sie thun das freiwillig und es hat um ſo mehr Werth, als ich Sie mit NRichts zwingen konnte mir dieſe Gunſt zu bewilligen. Sie beruht lediglich auf Ihrem eige⸗ nen guten Willen.“ „Ei wie, Unglücklicher, ſehen Sie denn nicht, daß ich mich ... „Ich wiederhole, daß dieſe Gunſt von Ihrer Seite vollkommen freiwillig iſt,“ fällt Herr Dubousquet ihm ins Wort; „deßhalb danke ich Ihnen auch, ſehen Sie, oh ich danke Ihnen mehr . .. mehr. . als ich .. 90 Herr Dubousquet kann nicht vollenden; Thrä⸗ nen erſticken ſeine Stimme und im Drang ſeiner Freude ſagt er zu ſeinem Hund: „Wir bleiben hier, mein armer Bonhomme! wir bleiben.“ Ein Gekläffe des Pudels antwortet auf die Freu⸗ denrufe ſeines Herrn, welcher fortfährt: „Mein Gott! ja wir bleiben. Komm, komm! kläffe jetzt ſo lang Du willſt, mein armes Thier; Herr Borel wird ſich dießmal nicht daran ſtoßen, da er ſieht, wie maßlos glücklich er uns durch ſeine Güte gemacht hat.“ Herr Borel beeilte ſich dieſem Mißverſtändniß, deſſen Aufklärung für ſein Opfer zermalmend ſein mußte, ein Ende zu machen; er erhob alſo ſeine Stimme und rief in drohendem Ton: „Haben Sie den Verſtand verloren?“ „Was wollen Sie damit ſagen, Herr Borel?“ „Ei wie, Sie haben meine Antwort ernſthaft genommen?“ „Ach mein Gott!“ „Sie haben nicht begriffen, daß mein Spott nur die Verachtung ausſprach, die Ihr lächerliches Ver⸗ „ langen verdiente.“ „Himmliſche Güte! und ich glaubte .. „Meinen Sie denn, ich ſei auch ein Elender von Ihrer Sorte?“ „Ich weiß nicht mehr, wo ich bin; was ſoll ich Ihnen ſagen?“ „Sie halten mich alſo für fähig eine Schändlich⸗ keit zu begehen?“ „Eine Schändlichkeit?“ 4 — 91 „Was wäre es denn anders, wenn ich auch nur in den allerunbeſtimmteſten Ausdrücken für Ihre Unſchuld zeugen wollte? Ei wie, ich ſollte mich ei⸗ ner Lüge ſchuldig machen! Ich ſollte einen recht⸗ ſchaffenen Mann übertölpeln, indem ich ihm zu ver⸗ ſtehen gebe, daß Sie unſchuldig ſeien! während ich doch am allerbeſten weiß, wie gerecht die Strafe iſt, welche Sie als Dieb und Mörder getroffen hat?“ Herr Borel kam durch die ſchreckliche Frechheit dieſer Behauptung dem allbekannten Axiom Mac⸗ chiavelli's nach: „Ein ausgelernter Schurke muß, damit er keine Entlarvung zu fürchten braucht, ſich gewöhnen die Lüge, die er einem Andern aufſchwatzen will, als Wahrheit zu betrachten und ſich das zuletzt ſelbſt einzureden.“ Herrn Borel's Frechheit und dieſe ſchreckliche Enttäuſchung verurſachten dem ehemaligen Galeeren⸗ ſträfling eine Art von Schwindel, ſtumm, ſchwan⸗ kend war er genöthigt ſich an einem Möbel zu hal⸗ ten, um nicht zu fallen. Dann als die erſte Be⸗ täubung ſeines Schmerzes vorüber war, als er ſeine Lebensgeiſter, ſeine Erinnerungen zurückrief, da zit⸗ terte erz bittere Thränen furchten ſein Geſicht; er ſenkte ſeine Stirne, bengte ſich ſeufzend zu ſeinem Hund hinab, welcher die Traurigkeit ſeines Herrn zu errathen ſchien und leiſe knurrte, und ſagte, ihn ſtreichelnd: „Ach mein armes Thier! mein armes Thier! es gibt doch wahrlich ſehr böſe Leute.“ Dieſes war die einzige Klage, welche dieſes Ge⸗ ſchöpf von engelsgleicher Sanftmuth ſich entreißen 92 ließ. Sodann ſchritt Herr Dubousquet, ohne noch einmal ſeine Augen zu Herrn Borel aufzuſchlagen, ohne daß er noch einmal einen Verſuch machte ihn von ſeinem Entſchluß abzubringen, den er unerſchüt⸗ terlich glauben mußte, nach der Thüre zu, wiſchte ſich mit der Rückſeite ſeiner zitternden Hand die Thränen ab und wandte ſich von Neuem an ſeinen einzigen Vertrauten: „Komm, laß uns gehen; laß uns anderwärts ein Lager ſuchen, mein armer Bonhomme!“ Herr Borel hätte alle ſeine Millionen dafür ge⸗ geben, um ſich das, was er in dieſem Augenblick litt, zu erſparen und ſein Opfer mit einigen Wor⸗ ten des Mitleids tröſten zu können. Aber die verhängnißvolle Macht des Böſen und ſeine Heuchelei verurtheilten den Millionär unbarm⸗ herzig dieſen Unglücklichen ziehen zu laſſen, der unter der Laſt ſeines Kummers zuſammenſank; ja noch mehr, Herr Borel war verurtheilt ſein Opfer mit einer letzten Beſchimpfung zu verfolgen, denn, da er in dem Augenblick, wo Herr Doubousquet den Salon verlaſſen wollte, ſeine Frau hereintreten ſah, wurde er durch ſeine Rolle genöthigt in bei⸗ nahe drohendem Ton hinzuzufügen: „Und vergeſſen Sie niemals, Elender, daß Sie die gerechte wenn auch harte Strafe Ihres Frevels erleiden!“ Dieſe letzte Beleidigung erſchütterte die Lang⸗ muth des Märtyrers; er wandte ſich barſch um, richtete ſeine bisher gebeugte Stirne empor und warf Herrn Borel einen Blick zu, welcher ihn trotz —— 93 ſeiner Frechheit und der Gewißheit ſeiner Strafloſig⸗ keit zuſammenbeben machte. Aber als er ſein Auge von ſeinem Henker ab⸗ wandte und das verehrungswürdige Geſicht von Ma⸗ dame Borel betrachtete, deren Tugenden er kannte, ſagte er zu ſich: „Die edle und würdige Frau! Wenn ich auch ſpräche, ſo würde ſie mir nicht glauben. Alles iſt gegen mich und überdieß wäre ſie, wenn ich ſie von der Unredlichkeit und Schlechtigkeit ihres Mannes überführen könnte, allzu ſehr zu beklagen, da ich weiß wie edelmüthig und menſchenfreundlich ſie iſt.“ Und als Antwort auf das Gebelle ſeines Hun⸗ des, der von der Thürſchwelle nach der Mitte des Salons, wo ſein Herr ſo eben ſtehen geblieben war, zurückſpringt, als ob er ihn auffordern wollte zu ſagt Herr Dubousquet, indem er ihm olgt: „Du haſt Recht, mein armer Freund, wir ha⸗ ben hier nichts mehr zu ſchaffen; laß uns gehen, wir können nicht länger in dieſem Hauſe bleiben!“ . XI. Madame Vorel bemerkte trotz der Selbſtbeherr⸗ ſchung, die ihr Mann beſaß, die Entſtellung ſeiner Züge, glaubte ſich aber dieſelbe erklären zu können. „Mein Lieber,“ ſagte ſie, „ich fürchtete indiscret zu ſein, wenn ich zurückäme; aber dieſer Unglück⸗ liche hat ſich Gott ſei Dank entfernt. Die Beſpre⸗ chung iſt Dir peinlich geweſen, ich ſehe es, Du ſiehſt angegriffen aus.“ 94 „Ja, zuerſt von Entrüſtung und dann wider meinen Willen auch von Mitleid.“ „Darüber wundere ich mich nicht, denn ich kenne Dein Herz.“ „Weißt Du auch, meine Liebe, was dieſer Elende von miv verlangte?“ „Wie kann ich es wiſſen?“ „Nichts geringeres, als daß ich ihn bei unſerm Hausherrn für unſchuldig erklären ſolle.“ „Ha, dieſe Unverſchämtheit geht zu weit! wie, dieſer Miſſethäter . . . „Flehte mich an, ich ſolle, ohne weiter zu er⸗ klären, verſichern, daß er mehr unglücklich, als ver⸗ brecheriſch geweſen ſei; in Folge dieſer Behauptung von meiner Seite hofft er, Herr Wolfrang würde ihn nicht fortjagen und man würde ihm hier einiges Mitleid ſchenken.“ „Wahrhaftig, eine ſolche Frechheit ſetzt mich in Erſtaunen von dieſem Manne, der ſo demüthig und ſo bußfertig ausſieht. Ei wie! bei Dir hat er ſein Verbrechen begangen und nun wagt er von Dir zu verlangen, daß Du für unſchuldig erklären ſol⸗ leſt! Er glaubt Dich einer ſolchen Lüge fähig.“ „Juſt das habe ich ihm auch geantwortet.“ „Du ſolleſt mit Deinem Wort, als Ehrenmann, einen ſolchen Verbrecher in Schutz nehmen! Ich bereue jetzt beinahe das Mitleid, das er mir An⸗ fangs einflößte, und wenn ich nicht wüßte, wie an⸗ betungswürdig gut und nachſichtig Du biſt, ſo würde ich mich wundern, daß ich Dich noch von Deinem Mitleid mit dieſem Elenden ſprechen höre, nachdem 95 er ein ſo unbegreifliches Verlangen gewagt hat, das eine wahre Beſchimpfung iſt.“ „Eine ſolche Beſchimpfung kann mich nicht er⸗ reichen und ich betrübte mich unwillkürlich über den Kummer, welcher dieſen Unglücklichen bei dem Ge⸗ danken befiel, daß er das Haus verlaſſen müſſe.“ „Ei wie! während er doch jetzt als ein freige⸗ laſſener Galeerenſclave bekannt iſt! er ſollte ja im Gegentheil von ſelbſt forteilen.“ Herr Borel wollte eben darauf antworten, als Aleris in den Salon trat und ſchon auf der Schwelle mit traurigem Kopfſchütteln zu ſeiner Mutter ſagte: „Nun liebe Mutter, Deine Ahnungen in Be⸗ treff des Herrn Duport waren nur zu wohl be⸗ gründet.“ „Siehſt Du, mein Junge? Ich war gewiß, daß ich mich nicht täuſchte.“ „Ha, das iſt ſchändlich!“ verſetzt Alexis mit Entrüſtung. „Ein Diebſtahl wäre weniger gehäſſig, als dieſer abſcheuliche Vertrauensmißbrauch.“ Bei dem Wort Vertrauensmißbrauch fährt Herr Borel zuſammen und ſagt zu ſeinem Sohn: „Was gibt es denn, mein Lieber?“ „Du kennſt Herrn Duport?“ „Herr Duport,“ verſetzt der Bankier, indem er ſeine Erinnerung befragt; „llerdings, dieſer Name iſt mir nicht unbekannt.“ „Unſer Haus discontirte ihm ſeit mehreren Jah⸗ ren Wechſel auf Grenoble,“ antwortet Alexis. „Ich begegne ihm am Tag vor unſerer Abreiſe nach Paris, als ich eben von der Bank komme. Er geht auf mich zu und ſagt: Ha, welches Glück, daß ich 96 Sie treffe, Herr Alexis! Haben Sie Geld bei ſich! — Allerdings; ich habe ſo eben eine bedeutende Summe eingenommen. — Würden Sie in dieſem Fall die Gefälligkeit haben mir zehntauſend Fran⸗ ken zu geben? es handelt ſich um ein vortreffliches Geſchäft, das ſogleich abgemacht werden muß, und ohne dieſe Summe müßte ich darauf verzichten. Ich bringe Ihnen das Geld im Verlauf des Tages zu⸗ rück. Ich öffne meine Brieftaſche und gebe ihm zehn Tauſendfrankenſcheine, denke aber nicht daran eine Quitiung von ihm zu verlangen, erſtens weil wir mitten auf der Straße waren, und dann weil ich das beſte Vertrauen auf einen Mann ſetzte, mit welchem unſer Haus ſeit mehreren Jahren in Ge⸗ ſchäftsverbindung ſtand. Er dankt mir, wir trennen uns und als ich heimkomme, erſuche ich den Caſſier dieſen Vorſchuß von zehntauſend Franken zu notiren mit dem Bemerken, daß Herr Duport ihn im Laufe des Nachmittags zurückbezahlen werde. Gleichwohl erſcheint er an dieſem Tag nicht an der Caſſe. Die⸗ ſer Aufſchub beunruhigt mich ganz und gar nicht, ich zweifle nicht daran, daß er am folgenden Tag kommen und bezahlen werde. Wir reiſen nach Pa⸗ ris; nach Verfluß etlicher Tage ſchreibt mir unſer Caſſier, Herr Duport habe nichts von ſich hören laſſen. Ziemlich überraſcht, das geſtehe ich, erſuche ich ihn unſerm Schuldner zu ſchreiben. Weißt Du auch, Vater, was er die Frechheit hat zu antworten?“ „Nein. Was antwortet er?“ „Es müſſe ein Mißverſtändiß obwalten, er habe keine zehntauſend Franken von mir erhalten. Unſer Caſſier, der an einem von mir behaupteten Factum 97 nicht zweifeln kann, begibt ſich am folgenden Tag ins Haus des Schurken und erfährt, wie ich ſo eben aus unſerer Correſpondenz erſehe, daß Herr Duport ſich in der Nacht heimlich von Lyon weggemacht hat, mit Hinterlaſſung einer Schuldenmaſſe von mehr als hunderttauſend Franken. Sage mir, Vater, iſt die⸗ ſer Vertrauensmißbrauch nicht ganz abſcheulich?“ „Dieſer Herr Duport war mir immer verdäch⸗ tig, ſeit ich zufällig erfahren habe, daß er ſeine Frau und ſein Kind in der Noth ließ und mit einer liederlichen Dirne lebte,“ bemerkt Madame Borel, „ein ſchlechter Gatte und Vater iſt ſelten ein ehr⸗ licher Mann.“ „Nun wohl, mein Lieber,“ ſagt der Bankier gänzlich ungerührt zu ſeinem Sohn, „wir müſſen nun dieſe zehntauſend Franken auf den Gewinn⸗ und Verluſt⸗Conto ſetzen laſſen, dann iſt die Sache abgemacht.“ „Wie ſo, abgemacht?“ ruft Alexis. „Empört Dich dieſer Vertrauensmißbrauch nicht auch, Vater?“ „Unſer Haus kann Gott ſei Dank eine ſo un⸗ bedeutende Summe wohl verſchmerzen.“ „Ach, nicht der Verluſt iſt es was mich erbittert, ſondern die Schändlichkeit einer ſolchen Handlungs⸗ weiſe. Vertrauensmißbrauch! Ich wiederhole es, dieſer iſt hundertmal abſcheulicher, als ein Diebſtahl, ja ich möchte beinahe ſagen, als ein Raub mit be⸗ waffneter Hanb.“ „Nun, nun, Du mußt die Sache nicht ſo über⸗ treiben,“ ſagt Herr Borel, der ſich ſeiner Zeit eines weit fluchwürdigeren Vertrauensmißbrauches ſchuldig gemacht hat, als dieſer Herr Duport, mit einem er⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 7 98 zwungenen Lächeln. „Man hat mit allem Recht einen bedeutenden Ugterſchied zwiſchen Vertrauens⸗ mißbrauch und bewaffnetem Raub gemacht.“ „Was beweist das? Weiter nichts, als daß die öffentliche Meinung ſich verirrt hat.“ „Mein lieber Junge, Du raiſonnirſt mit der großherzigen Exaltation, aber auch mit der Uner⸗ fahrenheit Deines Alters,“ verſetzt Herr Vorel, deſ⸗ ſen innere Qual unausſprechlich iſt. „Man hat wohlweislich einen gewaltigen Unterſchied zwiſchen dem Verbrechen eines Menſchen feſtgeſetzt, dem man freiwillig Geld leiht oder eine Summe zur Verwah⸗ rung gibt, und der hernach dieſe Schuld oder dieſes Depoſitum läugnet, und zwiſchen dem Räuber, der mit bewaffneter Hand in der Nacht eine Caſſe er⸗ bricht und bereit iſt Mord zu dem Diebſtahl zu fügen, um ſich die Strafloſigkeit ſeines Verbrechens zu ſichern.“ „Nun wohl, ich, lieber Vater, ich behaupte, daß der Vertrauensmißbrauch eben ſo ſtreng beſtraft werden müßte, als gewaltſamer Raub.“ „Mein lieber Junge, Du ſtellſt da einen äußerſt paradoxen Satz auf.“ „Erlaube, daß ich Dir das Gegentheil beweiſe. Ich bin überzeugt, meine Mutter wird derſelben Anſicht ſein wie ich.“ „Laß hören, Herr Advokat,“ antwortet Madame Borel heiter; „laß hören, wie Du unſere Sache durchfechten wirſt. Ich ſage unſere Sache, denn ich geſtehe Dir meine ſchreckliche Verirrung, lieber Mann,“ fügt Madame Borel gegen ihren Gemahl hinzu, „ich theile die Anſicht von Alexis.“ 99 „Ihr ſeid zu zweien, ich bin allein, ich gebe mich beſiegt,“ antwortet Herr Borel, indem er trotz ſeiner ſchrecklichen Folterqual zu lächeln verſucht. „Laſſen wir jetzt dieſen Streit.“ „Alexis, unſer Gegner weicht vor der Discuſſion zurück; er iſt verloren,“ ſagt Madame Borel la⸗ chend. „Wir müſſen unſern Vortheil ſchmählich miß⸗ brauchen.“ „Immerhin, ſo triumphiret, Ihr unbarmherzigen Sieger,“ ſpricht Herr Borel, der ſich um ſo mehr gezwungen ſieht der Unterhaltung dieſelbe heitere Seite abzugewinnen wie ſeine Frau, als er fürchtet, er möchte ſeine geheimen Gefühle durchſchimmern laſſen. „Ja, ich ergebe mich auf Gnade und Barm⸗ herzigkeit. Jetzt werdet Ihr doch befriedigt ſein, denke ich.“ „Ganz und gar nicht.“ „Zum Teufel, was verlanget Ihr denn noch mehr?“ „Wir wollen Dich zwingen Dich als Beſiegter zu bekennen.“ „Ei nun, ich bin es ja, ich geſtehe es, ich rufe es laut, ich proclamire es.“ „Oh, es handelt ſich nicht darum, daß Du Dich mit einer höhniſchen Herablaſſung, die uns, meinen Sohn und mich, abſcheulich demüthigt, als Beſiegter bekennen ſollſt, ſondern Du ſollſt bekennen, daß Du überwunden ſeieſt durch die unwiderſtehliche Logik und bewundernswürdige Beredtſamkeit des erlauch⸗ ten, hier anweſenden Advokaten, Alexis Borel, dem ich das Wort gebe. Aleris, Bu haſt das Wort.“ „Noch einmal 100 „Noch einmal, lieber Freund, Du entkommſt uns nicht ſo leicht. Sprich Alexis: nur kühn, mein Junge, und beſonders ſei erhaben, hörſt Du? In meiner Eigenſchaft als ſtolze Mutter halte ich haupt⸗ ſächlich darauf, daß Du erhaben ſein mußt.“ Herr Borel konnte, nachdem man einmal dieſen Ton angeſtimmt hatte, die Unterhaltung nicht plötz⸗ lich abbrechen, ohne ſeiner Frau und ſeinem Sohn einen plauſibeln Grund anzugeben, und einen ſol⸗ chen fand er nicht; er ergab ſich alſo in ſein Schick⸗ ſal, indem er ſich bittere Vorwürfe darüber machte, daß er ſich unwillkürlich von dem Wunſch hatte hin⸗ reißen laſſen, in den Augen der Seinigen die Ab⸗ ſcheulichkeit eines Vertrauensmißbrauchs zu mildern, weil er ſich früher ſelbſt dieſes Verbrechens ſchuldig gemacht, das er im Gegentheil mit heſtiger Ent⸗ rüſtung hätte brandmarken müſſen nach der Gewohn⸗ heit der Spitzbuben, die immer zuerſt rufen, ein Dieb ſei da. Herr Borel mußte ſich alſo darein ergeben den bittern Kelch ſeiner eigenen Schmach bis auf die Hefe zu leeren, und er war nur noch darauf bedacht ſeine unbedeutendſten Worte und den Ausdruck ſeiner Phyſiognomie aufs ängſtlichſte zu bewachen. „Ei mein Gott, lieber Vater,“ hatte Alexis wie⸗ der begonnen, „ich finde für das Bedürfniß meiner Sache, wie die Advokaten ſagen, ein Beiſpiel, das nur allzu wirklich iſt und den Diebſtahl mit bewaff⸗ neter Hand perſonifizirt, gerade wie dieſer elende Duport den Vertrauensmißbrauch perſonifizirt.“ Vie ſo? von welchem Beiſpiel willſt Du ſpre⸗ hen?“ 101 „Von dieſem unglückſeligen ehemaligen Galeeren⸗ ſträfling, von Dubousquet.“ „In der That,“ fügt Madame Borel hinzu, „dieſe beiden Beiſpiele könnten nicht beſſer gewählt ſein.“ „Alſo,“ fährt Alexis fort, „alſo dieſer Verbre⸗ cher iſt bei Nacht mit bewaffneter Hand in Dein Haus eingedrungen, um Dich zu beſtehlen. Einer unſerer Diener, den das Geräuſch erweckt, eilt hin⸗ zu und will den Dieb feſtnehmen; dieſer ſchlägt ihn nieder und ergreift die Flucht. Allerdings ein gro⸗ ßes Verbrechen, nicht wahr? Nun wohl, lieber Vater, ich finde, daß das Verbrechen dieſes Duport vielleicht noch ſcheußlicher iſt.“ „Eben das haſt Du zu beweiſen, mein Lieber, wenn Du nicht, ich wiederhole es, ein Paradoxon aufgeſtellt haben willſt.“ „Ich verlange, daß der Redner nicht unterbro⸗ chen werde,“ ſagt Madame Borel lächelnd; „er de⸗ bütirt in ſeiner Laufbahn, und zahlreiche Unterbre⸗ chungen könnten zur Folge haben, daß er auf eine bedauerliche Weiſe mit der Stange im Nebel her⸗ umführe.“ „Sei ruhig,“ ſagt Alexis, „unſere Sache iſt ge⸗ recht, wir werden ſie gewinnen und ich antworte dieſem theuren Vater wie folgt: Du haſt eine be⸗ deutende Geldſumme daheim; Du fürchteſt beſtohlen zu werden; was thuſt Du? Du verwahrſt dieſe Summe ſo gut als möglich, Du verſchließeſt ſie in eine eiſerne Caſſe und läſſeſt dieſelbe von einem Deiner Bedienten bewachen; Du haſt alle möglichen Sicherheitsmaßregeln ergriffen, Du haſt Dich ſomit 102 in die Defenſive geſtellt. Dieſer Dubousquet ſchleicht bei Nacht ins Haus; er iſt weder durch Vertrauen, noch durch Freundſchaft, noch durch einen geleiſteten Dienſt an Dich gefeſſelt; er wagt ſein Leben, um das Verbrechen zu begehen; dieß mildert in den Augen des Geſetzes und der Moral ſeine Schuld um Nichts; im Gegentheil, es erſchwert ſie und muß ſie erſchweren, aber noch einmal, kein Band des Vertrauens, der Zuneigung oder Dankbarkeit feſſelt dieſen Banditen an Dich. Iſt das wahr, Vater?“ „Es iſt wahr,“ antwortet Herr Borel unem⸗ pfindlich. Und es drang ihm eiskalt bis ins Mark der Knochen, als er hören mußte, wie ſein Sohn, ohne es zu wiſſen, ihn anklagte, daß er vielleicht noch ein abſcheulicherer Schurke ſei, als ein Dieb mit bewaffneter Hand. „Und jetzt,“ fährt Alexis fort, „wende ich mich an Deine eigene Aufrichtigkeit. Halte das Verbre⸗ chen Dubousquet's mit der ſchändlichen Gemeinheit dieſes Duport zuſammen. Was iſt ſein Zweck? derſelbe, zu ſtehlen! Aber er kommt am hellen Tag mit ehrlicher Miene zu mir, wendet ſich an mein Vertrauen, bittet mich um einen Dienſt; ich erweiſe ihm dieſen Dienſt, und da ich von ſeiner Redlichkeit überzeugt bin, da ich an ſein Wort glaube, ver⸗ lange ich keine Quittung für die zehntauſend Fran⸗ ken, die ich ihm übergebe. Einige Tage nachher läugnet er die Schuld unverſchämt ab, und auf dieſe Art beſtiehlt er mich nicht blos unbeſtraft und ohne Gefahr, ſondern ſetzt auch ſeiner Schändlichkeit noch dadurch die Krone auf, daß er mich ſelbſt als Dieb 103 verdächtigt, indem ich den Anſchein gewinne, als wolle ich ihm zehntauſend Franken abpreſſen, die er mir nicht ſchulde.“ „Das iſt ganz klar,“ ſagt Madame Borel leb⸗ haft; „gut, gut!“ „Wie, mein Vater!“ fährt der junge Mann im Drange inniger Ueberzeugung fort, „wie! in den Augen des geſunden Menſchenverſtandes ſollte dieſer Elende, der mich auf eine feige Weiſe be⸗ ſtiehlt und mich um meinen guten Namen bringen will, während ich ihm großmüthig einen Dienſt ge⸗ leiſtet habe, nicht eben ſo erbärmlich ſein, als der Bandit, der einen Unbekannten ausplündert?“ „Wie, mein Lieber!“ ruft ihrerſeits Madame Borel, indem ſie ſich an ihren Mann wendet, „ich ſetze den Fall, Dein beſter Freund habe Vertrauen auf Deine Rechtſchaffenheit und leihe Dir Geld ohne Quittung oder vertraue Dir ein Depoſitum anz Du aber läugneſt dieſes Depoſitum mit frecher Stirne ab. Iſt das nicht ſchändlich? iſt es nicht der ſchmäh⸗ lichſte aller Diebſtähle? Aber, wie Dein Sohn ſagt, es iſt nicht blos ein Diebſtahl, ſondern Du beſchul⸗ digſt auch Deinen Freund ſelbſt ein Dieb zu ſein! Du legſt die abſcheulichſte Undankbarkeit an den Tag, Du höhnſt ein göttliches Gefühl, Du vereinigſt in einer einzigen Handlung die ſcheußlichſten Laſter, Heuchelei, Verleumdung, Undank, Diebſtahl, tord.“ Und als Herr Borel eine Bewegung macht, fährt ſeine Frau mit verdoppelter Entrüſtung fort: „Ja, Mord! Hat man nicht geſehen, daß Leute durch Vertrauensmißbrauch ins ſchrecklichſte Elend 104 verſetzt und zum Selbſtmord getrieben wurden? Hat man nicht geſehen, daß Familien, die auf ſolche Art in ſchauerliche Roth kamen, verhungerten, oder, was noch ſchlimmer iſt, daß Weiber aus Elend ſich ver⸗ kauften, Männer zuweilen Handlungen begingen, die zum Schaffot führen? Ach niemals, niemals wird man ſich gegen dieſen Diebſtahl, den nieder⸗ trächtigſten, ſchauerlichſten von allen, allzu unerbitt⸗ lich zeigen.“ Es wäre unmöglich zu ſchildern, was Herr Borel jetzt empfand. Ein rächender Zufall wollte, daß Madame Borel, indem ſie ein Beiſpiel von Vertrauensmißbrauch auf⸗ ſtellte, ihm beinahe buchſtäblich denjenigen, den er ſelbſt früher gegen einen Jugendfreund begangen hatte, ſo wie die Folgen dieſer Handlung vor⸗ zeichnete. Herr Borel, dem es durch eine übermenſchliche Anſtrengung gelang, ſein Entſetzen zu verbergen, dachte daher ſchon an die Verachtung und den Wi⸗ derwillen, womit ſeine Frau und ſein Sohn, die er ſo zärtlich liebte, ihm begegnen würden, wenn ſie ſein Verbrechen jemals entdecken ſollten. Er ant⸗ wortete: „Eure Beweiſe ſind ſehr augenfällig, das geſtehe ich, meine Lieben, weil ſie ihre Quelle in edeln Ge⸗ fühlen haben; aber man wird Euch antworten: Ihr habt unkluger Weiſe einem Freund, deſſen Recht⸗ ſchaffenheit Euch unverdächtig ſchien, Euer Geld ge⸗ liehen oder ein Depoſitum anvertraut; Ihr traget die Strafe Eurer Unklugheit. Mit einem Wort, der geſunde Menſchenverſtand wird zu euch ſagen: 105⁵ Ihr mußtet Euer Vertrauen beſſer anlegen, Euch beſſer über die Moralität des Mannes erkundigen, dem Ihr Euer Geld liehet oder ein Depoſitum an⸗ vertrautet. Ihr habt frei gehandelt; Nichts ver⸗ bie Euch ihm dieſen Beweis von Vertrauen zu geben.“ „Nichts verpflichtete mich dazu?“ ruft Aleris; „nein, im Gegentheil, Alles verpflichtete mich dazu: meine Freundſchaft, mein Glaube an die Rechtſchaf⸗ fenheit des Elenden, der ſich ihrer unwürdig zeigt. Indem ich ſeiner Ehre dieſes Depoſitum anvertraute, mußte ich es da nicht ſicherer glauben, als unter dem dreifachen Schloß eines Koffers? Dieß iſt ſo wahr, daß es nach meiner feſten Ueberzeugung Leute gibt, die im Stande wären Eure Börſe zu ſtehlen, die ſie Euch aber getreulich zurückgeben würden, wenn Ihr zu ihnen ſagtet: Bewahret ſie mir; ich vertraue auf Eure Ehre.“ „Komm in meine Arme, Alexis,“ ruft auf ein⸗ mal der Bankier, indem er eine tiefe Rührung heu⸗ chelt; „komm, lieber, würdiger Sohn, Du haſt mich nicht überzeugt, denn ſchon vor dieſer Erörterung theilte ich Deine und Deiner Mutter Anſicht, aber ich wollte mir die angenehme Befriedigung verſchaf⸗ fen Dich ſo edle Grundſätze feſthalten und verthei⸗ digen zu hören.“ „Und ich ahnte Deinen abſcheulichen Verrath, denn da ich Dein Herz kenne, ſo konnte ich nicht begreifen, wie Du über einen ſolchen Gegenſtand anders denken ſollteſt, als wir,“ ſagte Madame Borel heiter zu ihrem Manne; dann wandte ſie ſich zu Alexis: „Ach erlauchter Redner, ſo haſt Du 106 denn Deine Beredtſamkeit umſonſt verſchwendet und ich die meinige gleichfalls. Welch ein ſchöner Triumph! Es iſt uns gelungen Deinen Vater zu überzeugen, der vielleicht noch feſter an unſerer An⸗ ſicht hing, als wir ſelbſt.“ „Ich fühle mich deßhalb auch ſtark verſucht mit Euch beiden Streit anzufangen,“ ſagte Herr Borel. „Wie! Ihr konntet einen Augenblick glauben, daß ich eine andere Meinung hege? Aber weißt Du auch, lieber Junge, daß Du zuweilen an Beredtſamkeit ge⸗ ſtreift haſt? Ich kannte dieſes Talent nicht an Dir.“ „Wahrhaſtig, ich wußte auch nichts davon, wenn ich überhaupt das kleinſte Fünkchen von dieſem Ta⸗ lent beſitze,“ antwortet Alexis; dann wendet er ſich mit verſtändnißinniger Miene an Madame Borel und fügt mit einer Anſpielung auf den Eindruck, den Sylvia auf ihn gemacht hat, hinzu: „Nur bin ich überzeugt, daß ich vor kurzem noch ſolche Töne, die mein Vater als beredt zu bezeichnen die Güte hat, nicht gefunden haben würde.“ . „Warum das?“ fragt Herr Borel. . „Alles was ich Dir ſagen kann, iſt, daß ich heute Euch beide wo möglich noch mehr liebe, als bisher; es iſt mir als ob das Gute, Rechte und Wahre noch einen größern Zauber für mich hätte, und als ob das Böſe mir größern Widerwillen ein⸗ flößte, als je.“ „Was auch die Urſache ſein mag, welche die Liebe zum Guten und den Haß gegen das Böſe in Dir verdoppelt, ſo kann ich Dir dazu nur für Dich und für uns Glück wünſchen, und jetzt laß uns auf die erſte Urſache unſeres Scheinſtreites zurückkommen. 107 Du mußt, wie ich Dir geſagt habe, unſerem Caſſier antworten, daß er die zehntauſend Franken, welche dieſer elende Duport uns geſtohlen hat — geſtohlen iſt das rechte Wort — auf den Gewinn⸗ und Ver⸗ luſt⸗Conto ſetzen ſolle. Enthielt unſere Correſpon⸗ denz ſonſt etwas Wichtiges?“ „Nein, lieber Vater, Alles geht gut im Hauſe; man wünſchte in Lyon lebhaft, daß das Anlehen Dir zugeſchlagen werden möchte; man ſah darin eine Ehre für die hohe Bank von Lyon, deren ver⸗ ehrter Vertreter Du biſt. Wie ſtolz wird man da⸗ her auch in unſerer Stadt ſein, wenn man Deinen Erfolg vernimmt!“ „Alexis,“ ſagt Herr Borel, „ich bitte Dich, laß...“ „Deine Beſcheidenheit braucht ſich nicht zu be⸗ unruhigen, mein guter Vater; die Lobſprüche, deren Gegenſtand Du biſt, ſind nicht mehr als billig; aber ſie ſind ſchmeichelhaft für meine Mutter und für mich, die wir die Ehre haben Deinen Namen zu führen.“ Und als Herr Borel eine neue Geberde der Ver⸗ legenheit macht, fährt Alexis fort: „Ja die Ehre, die ausgezeichnete Ehre Deinen Namen zu führen!“ „Liebes Kind, Du mußt noch hinzufügen: und das Glück dieſen Namen zu führen,“ ſagt Madame Borel, indem ſie ihren Mann mit einem Ausdruck von Stolz betrachtet; dann ihm die Hand reichend: — „Ja Ehre und Glück, wir verdanken Dir Alles, lieber Mann.“ „Oh wenn Ihr wüßtet! wenn Ihr wüßtet!“ ſtammelt Herr Borel, indem er die Hände ſeiner — . 108 Frau und ſeines Sohnes zwiſchen ſeinen eigenen zitternden Händen drückt. Dann wird ſeine innere Bewegung ſo ſchmerzlich, daß ſeine Stimme auf ſeinen Lippen erſtirbt, und er ſagt zu ſich ſelbſt: „Ach, weh mir! Wenn dieſe zwei edeln, mei⸗ nem Herzen ſo theuern Weſen jemals erführen ... ihr Abſcheu, ihre Verachtung würde mich tödten.“ „Wenn wir wüßten, ſagſt Du?“ hatte Madame Borel wiederholt, als ſie ihren Mann überwältigt von ſeiner geheimen Aufregung ſich unterbrechen ſah. „Oh wir wiſſen und zwar ſchon lange, daß Deine Beſcheidenheit Deiner Rechtſchaffenheit gleichkommt; wir wiſſen, daß das Rechte, Schöne und Gute für Dich ſo natürliche Dinge ſind, daß Du Dir dieſer um Dich her verbreiteten Schätze Deiner Seele eben ſo wenig bewußt biſt, als der Baum ſich der ſüßen Früchte bewußt iſt, die er an den nächſten Beſten verſchwendet.“ Ein eintretender Bedienter machte der Folter⸗ qual des Herrn Borel ein Ende; er übergab ihm ein großes verſiegeltes Schreiben und ſagte: „Dieſer Brief iſt ſo eben vom Intendanten der Civilliſte für Sie angekommen; man fragt, ob man auf eine Antwort warten ſolle.“ „Warten Sie!“ ſagt der Bankier, indem er den Umſchlag aufreißt. XIII. Während Herr Borel Einſicht von dem erhalte⸗ nen Briefe nahm, trat Alexis zu ſeiner Mutter und ſagte ganz leiſe zu ihr: . 109 „Du haſt mich ſo eben doch begriffen, nicht wahr?“ „Ob ich Dich begriffen habe, verliebter Menſch? eine ſchöne Frage!“ antwortet Madame Vorel, die Achſeln zuckend. „Ich ſchreibe deßhalb auch die Ehre Deiner Beredtſamkeit dieſem Engel zu und nicht Dir, deſſen unwiderſtehliches Rednergenie die wunderbare Macht beſitzt Leute zu überzeugen, die ſchon vorher Deiner Anſicht ſind.“ Herr Borel ſagt zu dem Domeſtiken: „Es iſt keine Antwort nöthig; ich laſſe ſchön⸗ ſtens danken.“ Der Diener tritt ab und Herr Borel ſagt bei Seite zu ſich: „Gott ſei Dank, jetzt habe ich endlich Gelegen⸗ heit dieſe Unterhaltung abzubrechen, in welcher jedes Wort ein Dolchſtich für mich war.“ Dann tritt er auf die Seinigen zu und ſagt: „Endlich, meine Lieben, ſchickt man mir die ſchon ſeit einigen Tagen erwartete Erlaubniß das Schloß von Monceaux zu beſuchen.“ „Sehr gut,“ ſagt Madame Borel. „Man ver⸗ ſichert, das Schloß enthalte Wunder von Kunſt und Merkwürdigkeiten aller Art.“ „Ja, liebe Mutter, Du wirſt in der Gallerie von Monceaux viel Bewundernswürdiges finden. Man ſpricht unter Anderem von einem prächtigen Gemälde von Ary Scheffer, dem großen Poeten unter den Malern. Ich ſehne mich es zu ſehen.“ „Nun wohl, ſo ſchiebet Euer Vergnügen nicht auf, ſondern fahret noch dieſen Morgen dahin. Ich kann Euch unglücklicher Weiſe nicht begleiten, denn 110 ich muß noch vor zwölf auf dem Finanzminiſterium ſein, und es iſt jetzt bald eilf Uhr.“ „In dieſem Fall,“ antwortet Madame Borel, „wollen wir die Partie auf morgen vertagen, damit wir alle Drei zuſammen hingehen können.“ „Es wäre möglich, daß ich morgen wieder aufs Finanzminiſterium müßte; gehet deßhalb immerhin heute; wir können ja ein andermal zuſammen wie⸗ der hingehen,“ ſagt Herr Borel; „ſchöne Dinge kann man auch zweimal ſehen.“ „Allerdings,“ verſetzt Alexis, „und beſonders die Gemälde von Ary Scheffer. Sie ſind ſo tief ge⸗ fühlt und gedacht, daß man ſie bei jeder neuen Be⸗ trachtung noch mehr ſchätzt und bewundert. In ihrer Poeſie liegt etwas Vages und Geheimnißvolles, was wonnige Träume herbeiführt.“ Dann fügt Alexis mit einem Blick des Einver⸗ ſtändniſſes auf ſeine Mutter hinzu: „Ich bin überzeugt, daß ich mich an dem an⸗ betungswürdigen Talent Ary Scheffers nie beſſer erfreuen werde, als heute.“ Madame Borel lächelte verſtändnißinnig, als der Bediente zurückkam und meldete: „Der Herr Marquis Ottavio Ricci läßt fragen, ob Herr Alexis ihn empfangen könne.“ „Allerdings, er möge ſogleich eintreten,“ ant⸗ wortet Herr Borel ſehr laut und ſehr geſchmeichelt durch die Zuvorkommenheit des jungen Patriziers. Madame Borel fügt hinzu: „Dieſes freundliche Entgegenkommen von Seiten des Herrn Ottavio iſt ſehr dankenswerth.“ Dann ſagt ſie lächelnd: „Sehen Sie, Herr Aleris, der —— 111 Sohn eines vornehmen Herrn kommt zuerſt zu Ihnen; werden Sie nur nicht gar zu ſtolz!“ „Gott behüte mich davor, gute Mutter, denn welchem Umſtand verdanke ich die Zuvorkommenheit des Marquis Ottavio? lediglich dem ehrenvollen Namen, den ich zu führen das Glück habe,“ ant⸗ wortet Alexis, indem er ſeinen Voter in dem Augen⸗ blick anſieht, wo der Bediente Ottavio einführt. XIV. Ottavio präſentirt ſich mit vollendeter Grazie und wendet ſich, nachdem er Herrn Borel begrüßt hat, an Madame mit den Worten: „Sie werden mich gütigſt entſchuldigen, Madame, wenn ich kraft des Rechts der Nachbarſchaft und beſonders in Folge der Herzlichkeit, die Herr Alexis mir geſtern Abend bewieſen hat, mir die Freiheit nehme bei Ihnen zu erſcheinen; ich wünſche lebhaft mit Ihrem Herrn Sohn Beziehungen fortzuſetzen, die bereits ſo glücklich begonnen haben.“ „Sie hätten meinem Manne, mir und meinem Sohn gar kein größeres Vergnügen machen können, Herr Marquis. Ich bedauere nur, daß Alexis Ihrem liebenswürdigem Beſuch nicht zuvorgekommen iſt,“ antwortet Madame Borel; „aber das kann ich Sie verſichern, daß er eben ſo lebhaft wie Sie eine Verbindung fortzuſetzen wünſcht, die uns ungemein ſchmeichelt.“ „Noch dem was meine Mutter Ihnen geſagt hat, Herr Ottavio, habe ich Ihnen nur noch die 112 Hand zu reichen,“ verſetzt Alexis mit der freimüthi⸗ gen Offenheit ſeines Charakters. „Eine Freundeshand drückt die Ihrige, Herr Alexis, denn ich behaupte dieſen Titel „Freund“ zu verdienen. Es beſtehen zwiſchen uns bereits ſo viele Gründe zur Sympathie und Annäherung.“ „Sie werden mich entſchuldigen, Herr Marquis,“ ſagt Herr Borel, „wenn ich mich von Ihnen be⸗ urlaube; ich muß aufs Finanzminiſterium gehen.“ „Bitte, nur ein einziges Wort, Herr Borel,“ verſetzt Ottavio. „Mein Beſuch iſt in doppelter Be⸗ ziehung intereſſirt; ich wollte Herrn Aleris einen Vorſchlag machen und wage zu hoffen, daß er Ihnen und ihm anſtehen werde.“ „Können Sie daran zweifeln?“ „Meine Eltern ſind auf heute Abend in die Loge einer befreundeten Perſon in die Oper geladen; für mich iſt kein Platz in dieſer Loge und ich muß daher einen Sperrſitz im Orcheſter nehmen; wenn nun Herr Alexis zufällig noch nicht über ſeinen Abend verfügt hätte und wenn es Ihnen und Ma⸗ dame nicht unangenehm wäre, daß wir zuſammen in die Oper gingen .. „Mit dem größten Vergnügen, Herr Ottavio,“ antwortet Alexis hoch erfreut über dieſes Anerbie⸗ ten; „ich nehme es ſehr gerne an, vorausgeſetzt daß meine Eltern ihre Einwilligung geben.“ „Wir ſind Herrn Ottavio ſehr verbunden, daß er an Dich gedacht hat, mein Junge, und ich will ihm meinerſeits einen Vorſchlag machen, der ihm vielleicht zuſagt,“ antwortet Madame Borel nach kurzer Ueberlegung. „Wir haben ſo eben Erlaubniß 113 erhalten das Schloß von Monceaux zu beſuchen; dieſe Erlaubniß wird, wie es ſcheint, nur ſchwer er⸗ theilt; man erzählt ſich Wunder von der Gemälde⸗ und Kunſtſammlung, welche dieſe Gallerie enthalte; wenn Herr Ottavio ſie mit Dir beſuchen wollte, mein Junge, ſo könntet Ihr auf dieſe Art den Morgen und den Abend zuſammen zubringen.“ „Dieß wäre mir höchſt erwünſcht,“ antwortet Ottavio; „ich habe oft von der Gallerie von Mon⸗ ceaux gehört und ich könnte keine beſſere Gelegen⸗ heit finden ſie zu beſuchen.“ „Bravo! Du haſt es geſagt, liebe Mutter, der Tag wird vollſtändig ſein. Du kommſt doch mit uns?“ „Nein, mein Junge, Herr Ottavio wird mich gefälligſt entſchuldigen; ich habe einige Briefe zu ſchreiben und ich wünſchte Vormittag noch dieſe char⸗ mante Madame Wolfrang zu beſuchen, die mir ge⸗ ſtern geſagt hat, daß ich ſie jeden Morgen zu Hauſe treffen würde.“ Und indem Madame Borel die überraſchten Blicke ihres Sohnes mit einem eigenthümlichen Lächeln be⸗ antwortet, ſagt ſie zu Ottavio: „Welche liebenswürdige und graziöſe Frau dieſe Madame Wolfrang iſt! nicht wahr?“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Madame? So eben erſt hat meine Mutter ſie als ein Muſter aller Voll⸗ kommenheiten angeführt. Ein würdigeres Lob auf Madame Wolfrang kann es, für mich wenigſtens, nicht geben, denn ich kenne die unfehlbare Sicher⸗ heit des Urtheils meiner Mutter.“ „Aber ich will Sie nicht länger aufhalten, Herr Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. M. 8 14 Ottavio,“ verſetzt Madame Borel. „Brauche ich wohl hinzuzufügen, daß wir uns ſtets ungemein glücklich ſchätzen werden Sie zu empfangen, und daß wir hoffen, aus Ihrer Verbindung mit Alexis werde eine wahre und dauernde Freundſchaft entſtehen?“ „Dieß iſt für mich bereits mehr, als eine Hoff⸗ nung, Madame, es iſt jetzt eine Gewißheit,“ ant⸗ wortet Ottavio, indem er ſeinem neuen Freund aber⸗ mals die Hand reicht; „Sie werden mich ſicherlich nicht Lügen ſtrafen?“ „Nein! oh nein! ich werde Ihnen ſogleich auf dem Wege nach Monceaux Alles ſagen was ich auf dem Herzen habe,“ verſetzt Alexis, indem er ſeinen Hut holt, während Herr Borel ihm das Papier überreicht mit den Worten: „Da iſt die Erlaubniß, die Du vergeſſen hätteſt, gedankenloſer Menſch!“ 2 Sodann wendet ſich der Bankier an Ottavio, der ſich mit einer Verbeugung von Madame Borel verabſchiedet, und fügt hinzu: „Herr Marquis, ich kann mich nur an meine Frau anſchließen, um Ihnen die Verſicherung zu wiederholen, daß wir uns ſtets ſehr geſchmeichelt fühlen werden, ſo oft wir die Ehre haben Sie zu. empfangen.“ Die beiden jungen Leute entfernen ſich Arm in Arm und gehen nach dem Schloß von Monceaux; der Bankier begibt ſich nach dem Finanzminiſterium; Madame Borel verlangt Shawl und Hut und trifft Anſtalten, um Sylvia einen ſehr intereſſirten Be⸗ ſuch abzuſtatten. 115 XV. Auf ihrem Weg zu Sylvia erinnert ſich Madame Borel, daß dieſe ihr am vorhergehenden Abend Fran⸗ cine Lambert vorgeſtellt hat, und hält es für an⸗ gemeſſen einen Augenblick in die Buchhandlung zu treten, um dieſe junge Frau zu beſuchen, deren ſanf⸗ tes, beſcheidenes Weſen ſie intereſſirt hat. Als ſie unter das Hofthor kommt, bemerkt ſie Herrn Saturn, den Portier, wie immer in ſchwarzem Aufzug mit weißer Halsbinde und ſeiner großen grünen Sarſch⸗ ſchürze; er fegt die Thürſchwelle und ſagt eben mit ſeiner ceremoniöſen Höflichkeit zu dem Commis des Buchhändlers: „Ich habe die Ehre Ihnen zu wiederholen, Herr Bachelard, daß der junge Unteroffizier ſich nicht mehr eingeſtellt hat, ſeit er von den Leuten meines ge⸗ ehrten Herrn bis an die Thüre .. . zurückbegleitet worden iſt.“ „Das iſt auffallend,“ antwortet Bachelard, „das iſt ſehr auffallend!“ „Es iſt durchaus, wie ich das Vergnügen gehabt habe Ihnen zu ſagen.“ „Und Fräulein Antonine Jourdan iſt dieſen Mor⸗ gen nicht ausgegangen?“ fährt der Commis immer neugierig und fragend fort. „Und dieſer alte De⸗ corirte mit dem grauen Schnurrbart, der die Sän⸗ gerin ſo oft beſucht, hat ſich dieſen Morgen auch nicht gezeigt? Es ſcheint, daß er die Urſache des Scandals von geſtern Abend war, und daß dieſer verrückte Unteroffizier der Sängerin vorgeworfen hat, ſie opfere ihn dieſem alten Kerl. S abſcheu⸗ 116 lich! he! Herr Saturn? Wer hätte je geglaubt daß die Sängerin ſolcher Schändlichkeiten fähig wäre? Und die Unglückſelige thut das unter den Augen und mit Vorwiſſen des ganzen Hauſes, ja ſogar des ganzen Quartiers, denn ich bin heute früh in die Weinkneipe daneben, zur Obſthändlerin und zum Cpicier gegangen und habe ihnen die ſaubere Ge⸗ ſchichte von geſtern Abend erzählt. Jedermann weiß jetzt, daß die Sängerin nicht weit her iſt, im Ge⸗ gentheil.“ „Es iſt mir unmöglich mit Geduld anzuhören, daß Sie eine unſerer ehrenwerthen Hausbewohnerin⸗ nen beſchuldigen, ſie ſei . . .“ „Vater Saturn, ſoll ich Ihnen ein großes Ge⸗ heimniß anvertrauen unter der Bedingung, daß Sie mir ein anderes anvertrauen?“ „Sehr verbunden.“ „Es iſt gleich, ich bin nicht intereſſirt. Sie wer⸗ den mirs heimbezahlen, wann Sie wollen; ich will Ihnen immerhin mein Geheimniß ſagen.“ „Behalten Sie es für ſich.“ „Unmöglich! es zwickt und drückt mich! Je öfter ich es ſage, um ſo größern Drang habe ich es noch mehr zu ſagen.“ „Ah! Sie nennen das ein Geheimniß?“ „Natürlich! es iſt immerhin ein Geheimniß für Diejenigen, die es nicht wiſſen.“ „Aber noch einmal . . .“ „Denken Sie ſich. Geſtern ſchickt mich Herr Lambert im Verlauf des Tages mit einem Auftrag nach dem Speicher, wo er Bücherkiſten ſtehen hat; gut: ich beſorge meinen Auftrag; ſehr gut. Ich . 117 komme vom Speicher herab und ſtehe mitten auf der Treppe des vierten Stocks, als ich auf einmal die Thüre der Sängerin aufgehen höre; da mache ich natürlich Halt, um zu ſehen, wer von ihr her⸗ auskommt.“ „Ah, Sie finden das natürlich, alle Leute be⸗ ſtändig auszuſpähen?“ „Es iſt natürlich, weil es in meiner Natur liegt, Vater Saturn; alſo ich bleibe auf der halben Treppe ſtehen; ich ſtrecke den Kopf vorſichtig über das Geländer hinaus, und was ſehe ich? rathen Sie einmal.“ „Ich kann es nicht errathen und erſuche Sie .. .“ „Nun wohl! wenn Sie die Sache nicht errathen wollen, ſo will ich ſie Ihnen erklären: ich ſehe alſo, wie die Sängerin, welche den alten Decorirten bis an die Thürſchwelle zurückbegleitet hat, auf einmal den Graubart küßt und zu ihm ſagt (hier nimmt Bachelard eine Fiſtelſtimme an): Adieu, auf mor⸗ gen; Du verſprichſt mirs doch? Und der Graubart antwortet (mit grober Stimme), morgen, ſei ruhig. Aber dieß iſt noch nicht Alles und Sie werden ſchaudern, Vater Saturn, denken Sie ſich, daß...“ „Herr Bachelard!“ „Nun wohl, was denn, Vater Saturn?“ „Ich begreife jetzt Alles.“ „Wie ſo?“ „An dem ganzen Scandal von geſtern Nacht iſt Niemand anders ſchuldig, als Sie.“ „Ich?“ „Allerdings, wie ich den lebhaften Verdruß un zugleich die Ehre habe Ihnen zu ſagen.“ 118 „Sie träumen, Herr Saturn.“ „Ich bemerke Ihnen, daß ich mich der ganzen Klarheit meines Verſtandes und meines Gedächt⸗ niſſes erfreue. Geſtern Abend ſtanden Sie unter dem Gewölbe des Hofthors, als dieſer Unteroffizier kam. Da er Sie barhäuptig daſtehen ſah, ſo mußte er glauben, Sie gehören zu dem Hauſe, und fragte Sie daher, ob nicht hier Fräulein Antonine Jour⸗ dan wohne.“ „Allerdings.“ * „Sie antworteten ihm: Ja mein Herr; ich kann Ihnen alle möglichen Aufſchlüſſe über dieſes Fräu⸗ lein geben; ich gehöre zum Hauſe.“ „Auch das iſt wahr; aber... „Ich hörte dieſes Geſpräch von der Schwelle meiner Loge aus; ich wollte Ihnen ſogar mit An⸗ ſtand, aber Feſtigkeit bemerklich machen, daß Sie in die Functionen eingreifen, mit denen ich in mei⸗ ner Eigenſchaft als Concierge bekleidet zu ſein die Ehre habe, und die ich zur Befriedigung der Herren Hausbewohner zu erfüllen glaube; ich wollte, ſage ich, gegen dieſen Eingriff proteſtiren, als Sie den Unteroffizier auf die Straße hinausführten.“ „Und dann?“ „Herr Bachelard!“ „Herr Saturn!“ „Zehn Minuten, nachdem Sie den Unteroffizier auf die Straße geführt hatten, ſtürmte er wie eine Windsbraut an meiner Loge vorüber, ſo daß ich —nicht Zeit hatte zu fragen, wohin er gehe. Er ſtürzte nach dem Hotel unſeres geehrten Herrn; das Mebrige iſt nur allzu bekannt. Ihre unziemlichen 119 Einflüſterungen alſo (der Ausdruck iſt hart, aber die Wahrheit nöthigt mich ihn zu gebrauchen), Ihre unziemlichen Einflüſterungen alſo in Betreff der Be⸗ ſuche dieſes ehrwürdigen Greiſes bei dieſem hoch⸗ achtungswürdigen Fräulein ſind es, deren indiscrete Mittheilung durch Sie den jungen Militär in Wuth gebracht hat.“ Der Concierge, der jetzt Madame Borel bemerkt, unterbricht ſich hier und verneigt ſich bis auf den Boden vor der Bankiersfrau. Als dieſe den Com⸗ mis erkennt, den ſie häufig auf der Schwelle des Ladens geſehen, ſagt ſie zu ihm: „Iſt Madame Lambert zu Hauſe?“ „Ei ſieh da! Madame kommt alſo zu uns?“ fragt Bachelard überraſcht. „Es iſt das erſte Mal, daß Madame ... „Ich erſuche Sie mir zu ſagen, ob Madame Lambert zu Hauſe iſt,“ verſetzt Madame Borel. „Kann ſie mich einen Augenblick empfangen?“ „Einen Augenblick? In dieſem Fall gedenkt alſo Madame meiner Prinzipalin keinen langen Be⸗ ſuch zu machen?“ fragt der Commis, während Herr Saturn, empört über die Neugierde des zudringlichen ſchmerzvoll die Augen zum Himmel auf⸗ ägt. Madame Borel, die an Bachelard's Fragen eher einen Spaß findet, als ſich daran ſtoßt, tritt unter dem Gewölbe des Hofthores hervor und wiederholt lächelnd: „Ich frage Sie, db Madame Lambert zu Hauſe ſei und ob ſie mich empfangen könne?“ „Warum ſollte denn meine Prinzipalin Madame 120 * nicht empfangen? Sollten etwa Gründe vorhanden ſein, daß ... „Offenbar handelt es ſich um eine Wette. Der Burſche iſt ſehr amüſant,“ fagt Madame Borel zu ſich, während Bachelard an ihrer Seite nach der Ladenthüre geht und mit großer Zungenfertigkeit fortfährt: „Madame hatte meine Prinzipalin ohne Zweifel von ihrem Beſuch in Kenntniß geſetzt, denn ſie hat ſchon in der Frühe Toilette gemacht, ſie hat ihr ſchönes apfelgrünes Seidenkleid angezogen, ein hüb⸗ ſches Häubchen aufgeſetzt, das ich zum erſten Mal an ihr ſehe, und neue Stiefelchen angelegt; über⸗ dieß ſieht ſie ganz curios und unruhig aus. Die Magd hat mir geſagt, die Prinzipalin habe beim Frühſtück nichts gegeſſen und frage beſtändig, wie viel Uhr es ſei.“ Madame Borel hatte mit einigen Schritten den Buchladen erreicht, ohne dieſem Wortſchwall, der übrigens bewies, welchen ſchrecklichen Grad von Spionage die Neugierde erreichen kann, die mindeſte Beachtung zu ſchenken. Als Madame Borel in den Laden trat, ſtand der Buchhändler neben dem Schreibtiſch, wo ſeine Frau ſaß. Sie war, wie der Commis bemerkt hatte, mit ausgeſuchter ungewohnter Eleganz geklei⸗ det. Francine's reizendes Geſicht, etwas blaß durch die Schlafloſigkeit, verrieth die Beklommenheiten, welche der Gedanke an das Rendezvous, das ſie am vorhergehenden Abend Herrn von Luxeuil bewilligt hatte, ihr verurſachte. Wie jede Frau, welche für die wenn auch noch ſo ſchwach gewordene Stimme 121 der Pflicht noch nicht taub geworden iſt, mußte Ma⸗ dame Lambert, die mit geheimer Angſt die Stunde des Rendezvous herankommen ſah, bis zum letzten Augenblick Bedenken tragen vor einem Schritte, deſſen unſelige Folgen ſie ſich nicht verhehlte. Herr Lambert war trotz ſeines blinden Ver⸗ trauens in ſeine Frau ziemlich überraſcht geweſen, als er ſie ſchon ſo früh am Morgen elegant gekleidet ſah. Er bemerkte an ihr eine Art von fieberiſcher Aufregung und Unruhe, die ſich durch ihre häufigen und beinahe ängſtlichen Erkundigungen nach der Uhr verrieth. Jeder Verſtellung unfähig, hatte er ſeiner Frau ſeine Verwunderung über dieſe verſchiedenen Umſtände nicht verſchwiegen, und dann ehrlich an folgende, übrigens ſehr plauſible, Erklärungen ge⸗ glaubt, die Francine ihm gab: Sie habe ſich ſchon am frühen Morgen mit grö⸗ ßerer Sorgfalt als gewöhnlich angekleidet, weil Madame Wolfrang und Madame Borel ihr geſtern Abend einen Beſuch verſprochen haben und denſelben vielleicht am heutigen Tag machen könnten. Sie habe daher eine anſtändige Toilette machen müſſen, um dieſe Damen zu empfangen. Der Gedanke an dieſe Beſuche mache ſie als eine beſcheidene und an die große Welt nicht gewöhnte Buchhändlersfrau verlegen und flöße ihr eine Art von Unruhe ein; wenn ſie ſo oft nach der Uhr frage, ſo geſchehe dieß in banger Vorausſicht dieſes Frohndienſtes, wo⸗ mit ſie jeden Augenblick bedroht ſei. Dieſe Gründe, die, wir wiederholen es, ſelbſt einem mißtrauiſchen Mann plauſibel erſcheinen konn⸗ ten, wurden natürlich von der ehrlichen Gläubigkeit 122 des Buchhändlers als baare Münze genommen, nur machte er Francine einen väterlichen Vorwurf dar⸗ über, daß ſie den Beſuch dieſer Damen, die ihr eine ſo wohlwollende Theilnahme bewieſen, als einen Frohndienſt betrachte. Die Erſcheinung der Bankiersfrau in dem Laden mußte den Erklärungen Francine's noch mehr Glaub⸗ würdigkeit verleihen. So hatte der unreine Hauch einer ſtrafbaren Liebe in der Seele Francine's, die lange Zeit rein geblieben und übrigens von ziemlich beſchränktem Geiſt war, in einem einzigen Tag eine Schlauheit hervorkeimen gemacht, die perfid und gewandt genug war, um ſelbſt einen Mann von weniger großmüthi⸗ gem Vertrauen, als Herr Lambert, zu hintergehen. Eine ſchändliche Verkehrtheit des Herzens und Ver⸗ ſtandes, die ſo oft und ſo heiter beſungen wird nach dem unendlich wechſelreichen Thema: Wie den lieben Gänschen der Verſtand kommt! XVI. Herr Lambert hatte, als er Madame Borel in den Laden treten ſah, zu ſeiner Frau mit einer An⸗ ſpielung auf dieſe Beſuche, die ſie wie einen Frohn⸗ dienſt zu fürchten behauptete, ganz leiſe geſagt: „Deine Ahnungen haben Dich nicht getäuſcht, liebes Kind: da iſt ein Beſuch; Du wirſt Deine hübſche Toilette wenigſtens nicht ganz vergeblich ge⸗ macht haben. Nur guten Muth!“ 123 Dann trat er der Bankiersfrau einige Schritte entgegen und ſagte mit einer Verbeugung zu ihr: „Wir fühlen uns ſehr geſchmeichelt, Madame, daß Sie ſich die Mühe nehmen uns zu beſuchen, aber wenn Sie gütigſt erlauben, ſo wollen wir in unſer Entreſol hinaufgehen.“ „Ganz und gar nicht, ich werde mich hieher neben Madame Lambert ſetzen, wenn Sie erlauben,“ ant⸗ wortet Madame Borel, indem ſie am Schreibtiſch neben Francine Platz nimmt, die ſich erhoben hat. „Ich bitte Sie dringend, laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ fügt ſie hinzu, indem ſie mit herzlicher Vertraulich⸗ keit Francine nöthigt ſich wieder zu ſetzen. „Ich ziehe es vor hier zu bleiben bei Ihnen, liebe Ma⸗ dame.“ „Sie Madame, in einem Comptoir?“ ſagt der Buchhändler lächelnd, „Sie, die Frau des millionen⸗ reichen Bankiers Borel?“ „Iſt das Bureau meines Mannes nicht auch ein Comptoir?“ antwortet Madame Borel heiter. „Er verkauft Geld, Sie verkaufen Bücher, Herr Lambert. Wo iſt denn der große Unterſchied zwiſchen dieſen beiden Geſchäften? Und wenn es einen Unterſchied gibt, iſt er nicht ganz zu Ihrem Vortheil?“ „Wie ſo, Madame?“ „Mein Mann verkauft Geld und nichts iſt an ſich ſo dumm, wie das Geld, während Sie Bücher verkaufen, welche Erzeugniſſe des Genies ſind. Was haben Sie mir darauf zu antworten, Herr Lam⸗ bert?“ Dann wendet ſie ſich an Francine: „Sehen Sie, liebe Madame, deßhalb dürfen unter Kauf⸗ mannsfrauen, wie wir beide ſind, keine Ceremonien 124 ſtattfinden; verſprechen Sie mir alſo, daß es it Zukunft immer ſo unter bleiben ſoll, nicht wahr?“ „Sie fordern dieß mit ſolcher Güte, Madame, daß ich es Ihnen wohl verſprechen muß, obſchon ich in Wahrheit beſchämt bin Sie hier zu empfan⸗ gen, antwortet Madame Lambert im Augenblick, wo Bachelard zu dem Buchhändler ſagt: „Verlangen Sie noch immer ein Cabriolet, Herr Lambert?“ „Wie! Sie haben es noch nicht geholt? Ich habe es Ihnen voch ſchon vor einer Viertelſtunde befohlen.“ „Ja, Herr Lambert, und ich befand mich bereits auf dem Weg, als ich Madame begegnete, die mich fragte, ob die Frau Prinzipalin ſichtbar ſei; da hielt ich es für meine Pflicht. . „Holen Sie ſogleich dieſen Wagen her und ſagen Sie dem Kutſcher, daß ich ihn ſtundenweiſe nehme, um über St. Denis hinauszufahren.“ „Ei ſieh da! Sie gehen alſo nach St. Denis und ſogar noch weiter, als St: Denis? In dieſem Fall, wohin gehen Sie? denn ich muß doch ..“ „Thun Sie was ich Ihnen befehle,“ ſagt der Buchhändler mit ſeiner gewöhnlichen Sanftmüthig⸗ keit. „Verſchonen Sie mich mit Ihrem Geſchwatze, ewiger Frager.“ „Aber Herr Lambert, um dem Kutſcher ſagen zu können, wohin Sie fahren, muß ich es doch wiſſen.“ „Holen Sie das Cabriolet und machen Sie keine Bemerkungen,“ antwortet der Buchhändler dem Com⸗ mis, der endlich den Laden verläßt. 125 Madame Borel und Francine hatten ſich wäh⸗ rend der Beſprechungz zwiſchen dem Commis und ſeinem Herrn leiſe unkerhalten. Herr Lambert ſagt jetzt zur Bankiersfrau: „Verzeihen Sie, Madame, ich habe das Unglück den unerträglichſten Schwätzer und unverbeſſerlichſten Naſeweis, der jemals die Geduld eines menſchlichen Geſchöpfes auf die Probe geſtellt, zum Commis zu haben. Er beſitzt allerdings einen in meinen Augen höchſt weſentlichen Vorzug, nämlich eine erprobte Rechtſchaffenheit. Da der Unglückliche indeß,“ fügt der Buchhändler in einem Ton unausſprechlicher Güte hinzu, „wegen ſeiner beiden Fehler ſehr wahr⸗ ſcheinlich nirgends behalten würde und ſicherlich in die größte Noth geriethe, ſo kann ich mich nicht entſchließen ihn fortzuſchicken. Er weiß das und ſehen Sie, ob er meine Duldſamkeit mißbraucht.“ „Hören Sie Ihren Mann, liebe Madame Lam⸗ bert? Er ſagt uns als die einfachſte Sache von der Welt, daß er ſich darein ergibt die Fehler die⸗ ſes Burſchen zu dulden, und zwar lediglich, weil Andere nicht ſo große Geduld haben würden, wie er.“ „Nun, Madame, was iſt denn ſo Außerordent⸗ liches an meinen Worten?“ „Er fragt es und zwar in aller Aufrichtigkeit, bemerken Sie das wohl, liebe Madame Lambert,“ ſagt Madame Borel. Dann wendet ſie ſich an den Buchhändler: „St ſind ja von einer anbetungs⸗ würdigen Güte, Herr Lambert; es gibt ja nichts Rührenderes, als die Nachſicht gegen Fehler, unter denen Sie leiden mit der Ueberzeugung, daß jeder Andere als Sie dieſen Commis fortſchicken würde, 126 der dann ohne Platz wäre... Ich wiederhole Ihnen, Ihre Milde iſt wuhrhaſthrlelgich Um ſo ſchlimmer für Sie, wenn Sie es ſelbſt nicht wiſſen!“ Und ſich gegen Francine wendend, fügt Madame Bo⸗ rel hinzu: „Aber wir, wir wiſſen es, nicht wahr, liebe Madame?“ „Oh ja, Madame; es gibt kein beſſeres Herz auf der Welt, als das meines André,“ antwortet Francine die Augen niederſchlagend, während die Reue darüber, daß ſie dieſen vortrefflichen Mann täuſchen gewollt, jetzt ſo qualvoll und ſchmerzlich über ſie kommt, daß ſie denkt: „Nein, nein, ich werde nicht zu dieſem Rendezvous gehen.“ „Wohlan denn, Madame! Ich verdiene alſo die Bewunderung der Welt, weil ich dieſen armen Jungen behalte,“ antwortet der Buchhändler lächelnd der Bankiersfrau. „Aber ſehen Sie, wie ſchlecht die bewunderungswürdigen Handlungen belohnt wer⸗ den: ich kann von dem liebenswürdigen Beſuch, wo⸗ mit Sie uns beehren, nicht profitiren: ich muß mich von Ihnen verabſchieden; ich habe kaum noch Zeit ins Schloß von Stains zu kommen, wo um ein Uhr die Verſteigerung einer ſehr koſtbaren Biblio⸗ thek beginnt.“ „Dieß mindert ein wenig meinen Kummer, daß ich ſelbſt Ihnen nur ſehr kurze Zeit widmen kann, mein lieber Herr Lambert; ich wollte nur ganz ein⸗ fach im Vorbeigehen Ihrer liebenswürdigen Frau guten Tag ſagen. Dieß gilt für keinen Beſuch, ich bitte es zu glauben.“ In dieſem Augenblick hält das Cabriolet, wel⸗ ches Bachelard geholt hat und von dem er heraus⸗ 127 ſteigt, vor dem Laden. Madame Borel hat ſich vom Comptoir erhoben, Franeine gleichfalls. Letztere ſagt erröthend und mit einer Stimme, der ſie Feſtig⸗ keit zu geben bemüht iſt, zu ihrem Manne: „Wann wirſt Du zurückkommen, mein Lieber?“ „Oh, vor ſechs oder ſieben Uhr nicht, denn es iſt eine bedeutende Auction und man wird ſich tüchtig um die Bücher herumſtreiten.“ „Sie werden ſicherlich irgend einen Schatz mit⸗ bringen, Herr Lambert,“ ſagt Madame Borel, „und obſchon ich in der Bibliographie eine gänzliche Ig⸗ norantin bin, ſo werde ich doch kommen, um Ihre Eroberung zu bewundern.“ „Ach, Madame, möchten Sie die Wahrheit über meine Eroberung ſagen! Der Katalog enthält meh⸗ rere breitrandige Elzevire von unſchätzbarem Werth; entſchloſſen ſie aufs höchſte hinaufzutreiben un 7 Aber auf einmal unterbricht ſich der Buchhänd⸗ ler und ſagt lächelnd: „Verzeihen Sie, Madame, ich vergaß in meinem Bibliophilseifer, daß ich von Elzeviren ſprach, was Ihnen ein wenig hebräiſch vorkommen muß.“ Dann küßt er ſeine Frau und ſagt: „Adieu, liebes Kind!“ „Adieu! mein Lieber, komm ſo bald als möglich wieder heim.“ „Ich werde gleich nach der Verſteigerung weg⸗ fahren,“ ſagt Herr Lambert. Dann verabſchiedet er ſich von der Bankiersfrau mit einer Verbeugung und den Worten: „Madame, ich empfehle mich Ihnen beſtens.“ 128 „Ach, lieber Mann, das hätte ich beinahe ver⸗ geſſen,“ ſagt Francine plötzlich, indem ſie eine Erinnerung zurückzurufen ſcheint. „Haſt Du den Schlüſſel zu dem Speicher eingeſchloſſen, den Du als Magazin benützeſt?“ „Ja, er iſt in der Schublade der Caſſe. Aber wozu brauchſt Du dieſen Schlüſſel, mein Kind?“ „Ich möchte gerne in Deiner Abweſenheit und ſo lange unſer Commis den Laden hütet, ſelbſt nach Deinen Bücherkiſten ſehen, denn die Magd verſichert mich, daß die Ratten droben große Verheerungen anrichten,“ ſagt Francine, ohne zu erröthen, ohne die Augen niederzuſchlagen und mit einer Dreiſtig⸗ keit, worüber ſie ſich ſelbſt wundern muß; „ich möchte mich verſichern, ob Nichts verdorben iſt.“ „Ich danke Dir für Deinen guten Willen, liebe Francine, aber Bachelard, der erſt geſtern im Speicher war, hat mir erklärt, daß Alles in guter Ordnung ſei.“ „Mag ſein, mein Lieber, aber unſer Commis iſt, wie Du weißt, ſo nochläſſig, daß durch ſeine Schuld ganze Bücherkiſten verderben könnten; ich ziehe es daher vor ſelbſt nachzuſehen, wenn Du es erlaubſt.“ „Ich nachläſſig, Madame!“ ruft Bachelard; „nun wahrhaftig, ich .. „Schweigen Sie,“ ſagt Herr Lambert, Anfangs ziemlich überraſcht durch den Wunſch ſeiner Frau, der übrigens ſehr begreiflich geweſen wäre, wenn Francine ſonſt die Gewohnheit gehabt hätte ſich mit den Dingen zu beſchäftigen, nach denen ſie heute ſehen zu wollen behauptete; aber es war nicht ſo, 129 und daher das Erſtaunen des Buchhändlers. — Gleichwohl lächelt er nach einer kurzen Ueberlegung und ſagt zu ſich ſelbſt: „Ich errathe; die arme Kleine will ſich vor Madame Borel den Anſchein geben, als ob ſie ſich unendlich für die Erhaltung meiner Bücher intereſſire; ſie will ſich als gute Haushäl⸗ terin zeigen. Gönnen wir ihr dieſes unſchuldige Vergnügen!“ Er öffnet alſo eine der Schubladen des Comp⸗ toirs, nimmt einen Schlüſſel heraus und übergibt ihn ſeiner Frau mit den Worten: „Ich danke Dir, liebe Francine, daß Du daran gedacht haſt, nach den Büchern zu ſehen, und ich bin Dir erkenntlich für die Mühe, die Du damit haben wirſt.“ Dann wendete er ſich lächelnd an Madame Borel: „Sie ſehen, Madame, daß ich eine vortreffliche kleine Haushälterin beſitze.“ „Davon war ich zum Voraus überzeugt, Herr Lambert, und ich freue mich, einen weitern Be⸗ weis dafür zu haben, wie ſehr ſich Ihre liebens⸗ würdige Frau Ihre Intereſſen angelegen ſein läßt. Auf Wiederſehen alſo, liebe Madame, und Ihnen, Herr Lambert, wünſche ich alles mögliche Glück,“ ſagt Madame Borel, indem ſie den Laden verläßt. Der Buchhändler ſteigt in das Cabriolet und winkt ſeiner Frau ein letztes liebevolles Lebewohl zu. Madame Lambert ſetzt ſich träumeriſch und mit beklommener Bruſt wieder an den Ladentiſch, wo ſie, die Stirne auf ihre Hand geneigt, ihren Ellen⸗ bogen aufſtemmt. Sue, Geheimniſſe b. Kopfkiſſens. II. 9 130 Bachelard gibt ſich die Miene, als ob er die Bücher abſtäubte, betrachtet aber Madame Lambert mit einer heimtückiſchen und zähen Aufmerkſamkeit, indem er zu ſich ſagt: „Ha, Frau Prinzipalin, Du haſt mir Nachläſ⸗ ſigkeit vorgeworfen! Das ſollſt Du mir büßen! Ich werde mich vielleicht bälder rächen, als Du glaubſt. Ueberlegen wir die Sache. Für's Erſte gibt es auf dem Speicher ſo wenig Ratten, als auf meiner Hand. Dieß iſt alſo ein Kniff von dem lieben Weibchen, damit ſie allein hinaufgehen kann, während ihr Mann lang abweſend iſt und ich den Laden zu hüten habe. Ganz gut! Zweitens hat die Frau Prinzipalin offenbar nicht darum dieſes hübſche Häubchen, dieſes apfelgrüne Seidenkleid und dieſe neuen Stiefelchen angelegt, weil ſie nach den Büchern auf dem Speicher ſehen will. Alſo wohl aufgepaßt! Sollte etwa der Zierbengel vom zweiten Stock, der der Frau Prinzipalin, wenn er am Laden vorbeigeht, auf eine ſo abſichtliche Art ganz und gar keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſcheint, daß mir das Ding wirklich verdächtig wird, ein Einverſtändniß mit ihr unterhalten? So viel iſt ſicher und gewiß, meine gute Prinzipalin, daß ich Dich während der Abweſenheit des Herrn keine Sekunde aus dem Auge verlieren werde. Ha! Du haſt mich der Nachläſſigkeit beſchuldigt, Du? Schon gut, Du ſollſt ſehen, ob ich nachläſſig bin!“ „Bachelard,“ ſagt Francine, aus ihrer Träumerei erwachend und mit bedrückter Stimme, „wie viel Uhr iſt's?“ . „Da fragt ſie ſchon wieder nach der Uhr. Of⸗ 131 ſenbar erwartet ſie Jemand oder Etwas,“ denkt Bachelard. Dann antwortet er ganz laut, indem er auf ſeine Uhr ſieht: „Madame, es iſt dreivier⸗ tel auf Ein Uhr.“ „Noch eine Stunde,“ ſagt Francine zu ſich. „Soll ich zu dieſem Rendezvous gehen? .. Soll ich gehen? . O nein: es iſt unmöglich.“ XVII. Madame Borel begab ſich aus der Buchhand⸗ lung nach dem Hotel im Garten „um Sylvia ihren Beſuch abzuſtatten. Als ſie die Freitreppe hinanſtieg, befand ſich Tranquillin unter der Vorhalle des Hotels. Der Intendant beeilte ſich, ihr die Treppe hinab ent⸗ gegen zu kommen, und als er erfuhr, daß ſie Syl⸗ via zu beſuchen wünſchte, antwortete er: „Wenn Madame ſich die Mühe geben will, in den Salon zu treten, ſo werde ich meine geehrte Gebieterin, die in ihrem Atelier iſt, fragen laſſen, ob ſie Madame empfangen könne.“ Mit dieſen Worten geht er vor Madame Borel her unter die Säulenhalle, ſagt einem Bedienten, den er in der Hausflur trifft, einige Worte, führt die Bankiersfrau in den Salon und ſpricht mit einer ceremoniöſen Verbeugung zu ihr: „Wenn Madame ſich die Mühe nehmen will, einige Augenblicke hier zu warten; ſo wird ſie bals erfahren, ob meine geehrte Gebieterin, die man in 9 * 132 ihrem Atelier benachrichtigt hat, das Glück haben kann, Sie zu empfangen.“ „Bitte, ein Wort,“ ſagt Madame Borel zu dem Vertrauensmann, der nach einer neuen Verbeu⸗ gung ſich anſchickte, den Salon zu verlaſſen; „ich habe eine Frage an Sie zu richten, wenn Sie nicht unbeſcheiden iſt.“ „Ich bin zu den Befehlen von Madame.“ „Sie haben ſoeben vom Atelier von Madame Wolfrang geſprochen. Bitte, was iſt denn das, dieſes Atelier?“ „Das iſt der Ort, wo meine geehrte Gebieterin und mein geehrter Gebieter ihre Gemälde malen und ihre Bildſäulen modelliren.“ „Wie?“ fragt Madame Borel höchlich überraſcht. „Welche Bildſäulen? welche Gemälde?“ „Ei nun,“ antwortet Tranquillin naiv, „Bild⸗ ſäulen und Gemälde im Geſchmack derjenigen, welche Madame hier ſieht.“ i Und der Vertrauensmann bezeichnet mit einer kreisförmigen Geberde mehrere Gemälde, die an den Wänden hängen, ſowie zwei marmorne Bild⸗ ſäulen in halber Lebensgröße, die auf Sockeln von Ebenholz in den Ecken ſtehen. Pieſe Gegenſtände würden vermöge ihrer Voll⸗ kommenheit genügt haben, um den Ruf eines großen Künſtlers zu ſichern. Mabame Borel, die in ihrem Hotel zu Lyon wahre Reichthümer an Gemälden und Bildhauer⸗ Arbeit beſaß, verdankte vieljähriger Gewohnheit dieſe Meiſterwerke zu betrachten eine unſtreitbare Sicherheit des Geſchmacks und Urtheils; ſie war 133 alſo vollkommen im Stand, das ſeltene Verdienſt und die ſeltenen Vorzüge der Werke Wolfrang's und Sylvia's zu ſchätzen, welche ſie am vorher⸗ gehenden Abend nicht mit der gebührenden Auf⸗ merkſamkeit hatte muſtern können, jetzt aber mit ſteigender Bewunderung betrachtete, indem ſie von den Bildſäulen zu den Gemälden, von den Gemäl⸗ den wieder zu den Bildſäulen ging. Dabei ſagte ſie halblaut: „Es iſt unglaublich! Ich kenne in der moder⸗ nen franzöſiſchen Schule Richts, was ſich über dieſe Schöpfungen ſtellen dürfte.“ In dieſem Augenblick tritt ein Bedienter ein und ſagt zu Tranquillin: „Madame wird ſogleich herabkommen; ſie läßt Madame Borel erſuchen, gefälligſt einige Minuten warten zu wollen.“ 6 Damit tritt der Bediente ab. „Madame,“ verſetzt Tranquillin, da die Ban⸗ kiersfrau, in Betrachtung der Kunſtgegenſtände ver⸗ ſunken, den Worten des Dieners keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, „meine geehrte Gebieterin läßt Sie erſuchen, gefälligſt einige Augenblicke auf ſie war⸗ ten zu wollen.“ „Aber ſind denn Ihre geehrte Gebieterin und Ihr geehrter Gebieter auch große Maler und große Bildhauer, Herr Tranquillin?“ fragt Madame Borel in der größten Verwunderung. „Es iſt unglaublich!“ „In Wahrheit, Madame, mein geehrter Ge⸗ bieter und meine geehrte Gebieterin beſitzen eine Menge kleiner Talente.“ „Kleiner Talente! Ei wie, ſie ſingen nicht 134 blos, die Eine wie Madame Malibran, der Andere wie Rubini, ſie ſculptiren auch wie Pradier, ſie malen wie Ary Scheffer! Davon gar nichts zu ſagen, daß ich Herrn Wolfrang geſtern Abend über Finanzangelegenheiten ſprechen hörte, wie meinen Mann, über Medizin wie einen Doctor, und daß er Herrn von Saint⸗Proſper in Bezug auf die Ali⸗ mentation der Kinder die treffendſten Antworten ertheilte; mit Herrn von Luxeuil ſprach er wie der erfahrenſte Pferdekenner, und Herrn Lambert hat 3 ſeine bibliographiſchen Kenntniſſe ganz ver⸗ üf * „ „Das will Alles noch nichts heißen, Madame, das will Alles noch nichts heißen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Bah! mein geehrter Gebieter und meine ge⸗ ehrte Gebieterin verſtehen noch ganz andere Dinge.“ „Wie! noch ganz andere Dinge?“ „Ah, wenn Sie ſie Komödie ſpielen ſähen!“ „Sie ſpielen Komödie?“ „Und Tragödie, Madame, auch Tragödie.“ „Auch Tragödie?“ „Sie müſſen ſie in Romeo und Julie ſehen, einem Drama, das ſie nach Shakſpeare in Verſen überſetzt haben.“ „Sie ſind auch Dichter?“ Sie verſtehen von Allem ein wenig. Aber um auf die Komödie zurückzukommen, ſo thut es meine geehrte Gebieterin, ohne Schmeichelei zu ſprechen, als Elmire im Miſanthropen dem Fräulein Mars gleich, wo nicht zuvor. Mein geehrter Ge⸗ 135 bieter aber iſt in der Rolle des Alceſt wahrhaft unnachahmlich, Madame.“ „Träume ich?“ ſagt Madame Borel, die der Auſeie Tranquillins vollkommenes Vertrauen ſchenkt. Die Beweiſe, die ſie geſtern Abend von der vielfachen Begabung Sylvia's und Wolfrang's ge⸗ habt hatte, machten ihr die Verſicherungen des In⸗ tendanten ganz glaublich. „Was mich am meiſten in Staunen ſetzt, das iſt nicht die Mannigfaltigkeit der glücklichen Talente von Herrn und Madame Wolfrang,“ verſetzt Ma⸗ dame Borel. „Es iſt wahr, daß es einige wenige Perſonen gibt, die ſo reich begabt ſind, daß ſie zu gleicher Zeit in den Künſten und in der Literatur gewiſſe Erfolge erringen und überdies beinahe uni⸗ verſelle Kenntniſſe beſitzen; aber wahrhaft wunder⸗ bar finde ich, daß es ſich hier um kein Dilettanten⸗ thum handelt: dieſe Gemäle, dieſe Bildſäulen ſind der großen Meiſter würdig, und geſtern habe ich Herrn Wolfrang und ſeine Frau gleich den größten Künſtlern ſingen gehört.“ „Nun wohl Madame, dies iſt Alles noch nichts.“ „Ei, ei, mein lieber Herr Tranquillin, Sie wollen mich, ſcheint es, zum Beſten halten.“ „Ach, Madame, Madame!“ „Nein, ich bitte um Verzeihung. Nach allem Dem habe ich kein Recht mehr, mich über irgend Etwas, was es auch ſein mag, zu verwundern. Worin beſtehen alſo die andern Verdienſte Ihrer Herrſchaft?“ „O Madame, wenn Sie wüßten, wie ſie reiten! 136 es iſt wahrlich zauberhaft. Wer meine geehrte Gebieterin nicht im Amazonenkleid auf der Jagd geſehen hat, der hat nichts geſehen; ferner könnten ſie es im Schwimmen mit den Tritonen und Na⸗ jaden aufnehmen; und was das Tanzen betrifft, ach Madame, da gibt es einen gewiſſen griechiſchen Tanz, den pyrrhiſchen Tanz, ach Madame!“ „Nun?“ „In dieſem pyrrhiſchen Tanz iſt es, als ob meine geehrte Gebieterin und mein geehrter Gebieter von irgend einem antiken Basrelief herabgeſtiegen wären. Velhe eſceGraie bei ihr! welcher Adel bei ihm! Ueßrigens iſt es auch kein Wunder. Mein geehrter Herr zeichnet ſich in allen körperlichen Ue⸗ bungen aus; im Fechten, Schießen und Ringen gibt es Niemand, der ihm die Spitze zu bieten ver⸗ möchte. O im Ringkampf würden Sie ihn für einen Gladiator des alten Roms halten. Er hat im vori⸗ gen Jahr Hermann und Stockhauſen, die zwei be⸗ rühmteſten Ringer der deutſchen Schweiz geworfen, was gewiß viel heißen will; und gleichwohl, Ma⸗ dame, iſt alles das noch nichts.“ „Nein, jetzt wollen Sie mir einen Bären auf⸗ binden, Herr Intendant,“ ruft Madame Borel. „Fahren Sie übrigens nur fort, mein lieber Herr FTranquillin,“ fügt ſie ſogleich hinzu, „ich höre Ihnen mit der größten Begierde zu, beſonders wenn Sie mich überzeugen können, daß alles das, was ich an Ihrer Herrſchaft bewundere, Richts iſt gegen das, was mir noch zu bewundern bleibt.“ „Ich habe dies nach meinem geringen Utheil geſagt, Madame,“ 137 „Immerhin, nur weiter.“ „Vielleicht täuſche ich mich, wenn ich eine Sache als außerordentlich betrachte, die .. „Nun was denn?“ „Wie viel glauben Sie, Madame, daß mein ge⸗ ehrter Herr und meine geehrte Gebieterin täglich verdienen können?“ „Was ſagen Sie da?“ fragte Madame Borel verblüfft. „Täglich verdienen?. . was verdienen?“ „Nun ja, Geld.“ „Geld verdienen? auf was Art?“ „Auf ihrem Handwerk.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, was Sie ſagen wol⸗ len, Herr Tranquillin. Was für Handwerke?“ „Diejenigen, die mein geehrter Herr und meine geehrte Gebieterin treiben.“ „Es kommt immer ſtärker,“ ruft Madame Borel ganz kopfſcheu. „Sie haben ein Handwerk?“ „Ein vortreffliches.“ „Herr und Madame Wolfrang treiben ein Hand⸗ werk! Nein, das iſt unerhört, das iſt nicht zu glauben.“ „He, he, Madame, Sie ſehen, mein geringes Urtheil hat mich nicht getäuſcht, als ich Sie ver⸗ ſicherte, daß das, was Sie von meiner geehrten Herrſchaft wiſſen, Nichts ſei gegen das was Sie nicht wiſſen.“ „Ich geſtehe es. Schon der Gedanke allein, daß ein ſo großer Herr und eine ſo große Dame ein Handwerk getrieben haben, bietet ja einen ganz außerordentlichen Contraſt dar.“ 138 „Und es gibt etwas noch Außerordentlicheres, Madame.“ „Was denn?“ „Meine geehrte Herrſchaft hat, indem ſie zehn Stunden täglich wie ihre Kameraden arbeitete, die größten Summen verdient, die ſeit Handwerkerge⸗ denken bezahlt worden ſind; ihre Arbeiten waren von unvergleichlicher Vollendung. Es waren ächte Meiſterſtücke, wie man früher zu ſagen pflegte.“ „Sie haben mit ihren Kameraden auf dem Hand⸗ werk gearbeitet!“ wiederholt Madame Borel immer verblüffter, und in der That ſtaunte ſie, wie Tran⸗ quillin vorhergeſagt hatte, vielleicht noch mehr über dieſen letztern Zug, als über alle andern, obſchon er weit weniger außerordentlich war; aber der Ge⸗ ſichtspunkt des Contraſtes verurſachte dieſe optiſche Täuſchung in Madame Borel. Sie fuhr fort: „Aber wenn man Sie hört, ſo ſollte man ja glauben, Ihre Herrſchaft habe mit Handwerkern auf einem Handwerk gearbeitet.“ „Das muß man allerdings glauben, denn es iſt reine Wahrheit.“ „Wirklich? Herr und Madame Wolfrang haben mit andern Handwerkern auf ihrem Handwerk ge⸗ arbeitet?“ „Allerdings, mehrere Monate hinter einander: mein Gebieter als Uhrmachergehülfe; meine Ge⸗ bieterin als Weberin von geblümten Seidenſtoffen. Nun wohl, Madame, wie ich die Ehre hatte Ihnen zu ſagen, ſie arbeiteten zehn Stunden täglich, nicht mehr und nicht weniger als ihre Kameraden, und 139 ſo verdiente meine geehrte Gebieterin während dieſer Monate im Durchſchnitt fünf Franken zwanzig Centimes täglich und mein geehrter Gebieter ſechzehn Franken fünfundvierzig Centi⸗ mes, was ſeit Handwerkergedenken nie erlebt wor⸗ den war!“ ruft Tranquillin triumphirend. „Herr Tranquillin, ich . „Nein, Madame, noch gar nie!“ fährt der Ver⸗ trauensmann in ſeinem Enthuſiasmus fort. „Selbſt die geſchickteſten Arbeiter und Arbeiterinnen, die Atelierkameraden meines geehrten Gebieters und meiner geehrten Gebieterin, haben anerkannt, daß es ihnen noch Niemand an Vollendung der Arbeit gleichgethan habe. Nein, Madame, Niemand.“ „Ich glaube Ihnen, aber ...“ „Und ſie haben als Zeichen ihrer Bewunderung und guten Kameradſchaft meiner Gebieterin ein Ehrenſchiffchen und meinem Gebieter einen Ehren⸗ drehſtuhl verehrt. Ja, Madame, einen Drehſtuhl und ein Schiffchen!“ „Ei, ei, mein lieber Herr Tranguillin, beruhi⸗ gen Sie ſich doch, ich beſtreite ja das Factum nicht.“ „Einen Ehrendrehſtuhl und ein Ehrenſchiffchen, Madame, und Sie können dieſelben im großen Salon unter einer Cryſtallkugel ausgeſtellt ſehen, denn dieſer Drehſtuhl und dieſes Schifſchen ſind der Stolz meiner Herrſchaft.“ „Noch einmal, ich läugne dieſes außerordentliche Factum nicht: nur geſtehe ich, daß es mich unaus⸗ ſprechlich überraſcht.“ Und Madame Borel fügt mit dem Ausdruck der eifrigſten Reugierde hinzu; 140 „Nun ſo ſagen Sie mir doch, wer ſind denn dieſe Leute eigentlich?“ „Sehr gute Leute, Madame,“ antwortet Tran⸗ quillin, indem er ſeine gewöhnliche Ruhe wieder an⸗ nimmt; „es gibt gar keine beſſere Herrſchaft.“ „Daran zweifle ich nicht; aber vermöge ihres Benehmens gehören ſie den höchſten Schichten der Geſellſchaft an.“ „He, he,“ ſagt Tranguillin ſich in die Bruſt werfend, „ſie kommen allerdings aus einer recht guten Geſellſchaft her; ja, ja, aus einer recht guten Geſellſchaft.“ „Vermöge ihres Reichthums gehören ſie den be⸗ güterten Claſſen an?“ „He, he, Madame, an Geld fehlt es ihnen nicht.“ „Vermöge ihrer außerordentlichen Talente halten ſie mit den ausgezeichnetſten Künſtlern in allen Fächern gleichen Schritt.“ „He, he, ſie haben allerdings einiges Verdienſt.“ „Und gleichwohl haben ſie mitten unter einfachen Handwerkern in dieſen Metiers gearbeitet, worin ſie ſich auszeichneten.“ * „Mein Gott, ja.“ „Das iſt undenkbar! unbegreiflich!“ „Bah! allerdings auf den erſten Blick ſcheint es ſo, und dann, ſehen Sie, gewöhnt man ſich daran und wahrhaftig, meine geehrte Herrſchaft kommt mir ganz vor wie gewöhnliche Leute.“ „Sie müſſen Franzoſen ſein, denn ſie ſprechen unſre Sprache ohne den geringſten Accent.“ „Sie ſprechen eben ſo gut auch engliſch und ita⸗ lieniſch, Madame, und nicht minder deutſch.“ 141 „Ich wundere mich über nichts mehr; aber dieſer Name Wolfrang iſt deutſch, Sylvia italieniſch; ſollte man daraus auf ihre Herkunft ſchließen können?“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Madame.“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ „Mein geehrter Gebieter nennt ſich auch Wil⸗ liam, auch Edmund, auch Paoli; ebenſo nennt ſich meine geehrte Gebieterin Sylvia, Katly, Harriet und Adolphine.“ „Ei, das ſind ja lauter Taufnamen,“ ſagt Ma⸗ dame Borel ungeduldig, indem ihre Neugierde durch Tranquillin's ausweichende Antworten beinahe bis zur Indiscretion geſteigert worden iſt. „Kurz und gut, ich möchte den Familiennamen und die Herkunft Ihrer Herrſchaft wiſſen. Nach ihren vornehmen Manie⸗ ren zu ſchließen, müſſen ſie aus hohem Hauſe ſein.“ „Eben ſo gut könnte man daraus, daß er ein ſehr geſchickter Uhrmacher und ſie eine ſehr geſchickte Seidenweberin iſt, auf eine ſehr dunkle Herkunft ſchließen,“ antwortet Tranquilli t dem Gemiſch von Treuherzigkeit und Schlauheit, das ihn charak⸗ teriſirt. Und da er in dieſem Augenblick Sylvia in den Salon treten ſieht, verneigt er ſich vor Madame Borel mit den Worten: „Hier kommt meine geehrte Gebieterin.“ Sofort tritt er mit einer tiefen Verbeugung ab und läßt Sylvia mit der Bankiersfrau allein. 142 4. XVIII. Madame Borel konnte ſich eines leichten Errö⸗ thens nicht erwehren, als ſie ſich ſo zu ſagen auf offener That der Neugierde ertappt ſah, und ſie beſaß zu viel Seelenadel, um nicht einige Reue über eine Indiscretion zu empfinden, die, wenn auch nicht entſchuldbar, doch wenigſtens erklärlich war, wenn man bedenkt, wie viel Seltſames die Enthüllungen des Intendanten in ſich ſchloßen. Sylvia ihrerſeits näherte ſich der Bankiersfrau mit verdoppelter Sympathie und einer Beimiſchung von Mitleid, da ſie ſich der traurigen Enthüllungen erinnerte, welche Wolfrang ihr in Betreff ihres Mannes gemacht hatte. Mit liebreicher Theilnahme ſagte ſie zu ihr: „Wie glücklich bin ich, Sie zu ſehen, liebe Ma⸗ dame, und gu Sie mir, daß dies keine banale Höflichkeitsformsl iſt; nein, ich verſichere Sie, ich bin glücklich, ſehr glücklich Sie zu ſehen,“ fügt Syl⸗ via in ſo innigem Tone hinzu, daß Madame Borel, die an der Aufrichtigkeit ihrer Worte nicht zweifeln kann, tief bewegt wird. Sie antwortet alſo der jungen Frau mit einem halben Lächeln: „Und wenn ich bedenke, Madame, daß ich dieſen liebenswürdigen Empfang gar nicht verdiene!“ „Warum das?“ „Weil ich mir, während ich hier auf Sie war⸗ tete, alle möglichen garſtigen Indiscretionen erlaubt habe, ſo daß ich kein anders Mittel weiß dieſe beſonders in meinem Alter unentſchuldbare Ungebührlichkeit 143 wieder gut zu machen, als eine offene Beichte mei⸗ ner Sünden.“ „Sie ſprechen nicht im Ernſt, meine liebe Ma⸗ dame Borel?“ „Doch, allerdings.“ „Welche Indiscretion haben Sie denn begangen, wenn ich fragen darf?“ „Ich habe dieſen armen Herrn Tranquillin, Ihren würdigen Intendanten, mit Fragen bedrängt, beſtürmt, ja gemartert. Gleichwohl muß ich zu meiner Entſchuldigung ſagen, daß meine erſte Frage, die unfreiwillige Quelle aller andern, nichts ſehr Tadelnswerthes hatte. Da Herr Tranquillin mir zweimal geſagt hatte, daß Sie in Ihrem Atelier ſeien, ſo habe ich ihn gefragt: was für ein Atelier. Auf dieſe Art habe ich erfahren, daß Sie und Herr Wolfrang dieſe Gemälde und Bildſäulen gemacht haben, deren ſeltene Vollendung . . .“ — und bei einer verlegenen Bewegung der jungen Frau fügt Madame Borel hinzu: „Doch nein, ich werde Ihre Beſcheidenheit nicht verletzen, indem ich Ihnen meine Anſicht über dieſe Werke ſage. Ich muß zu meiner Entſchuldigung ferner bemerken, daß dieſer hölliſche Herr Tranquillin meine Neugierde immer mehr reizte, denn nach jeder Enthüllung der ſo mannig⸗ faltigen Talente, welche Sie und Herrn Wolfrang auszeichnen, ſagte Ihr Intendant immer wieder: oh Madame, das iſt noch Nichts. Kurz, ich will es Ihnen nur ſagen, ich ließ mich durch eine unüber⸗ windliche und ſteigende Neugierde gegen meinen Willen von einer Frage zur andern fortreißen, ſo daß ich beinahe gegen mein Wiſſen eine bedauerns⸗ 144 werthe Indiscretion beging, die, ich verſichere Sie, Madame, keineswegs in meinen Gewohnheiten liegt. Dieß meine aufrichtige Beichte; abſolviren Sie mich?“ „Ja, aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher, wenn ich fragen darf?“ „Daß Sie, im Fall Tranquillin Ihre Neugierde nicht vollſtändig befriedigt haben ſollte, ſich zu die⸗ ſem Behuf an mich ſelbſt wenden, liebe Madame.“ „Es iſt unmöglich, mich mit mehr Grazie und Nachſicht zu entſchuldigen; aber ich will Ihre Güte weder mißbrauchen, noch auch nur gebrauchen, denn ich würde ſonſt, wovor Gott mich bewahre, in dieſe verfluchte Sünde der Neugierde zurückfallen, deren ich mich bereits ſo herzlich ſchäme. Uebrigens weiß ich in Beziehung auf Sie weit mehr, als ich wiſſen möchte; ich bin, wie Sie ſehen, da geſtraft, wo ich geſündigt habe, denn ich geſtehe Ihnen, jetzt . . .“ „Vollenden Sie gütigſt.“ „Nun ja, jetzt machen Sie mir ein wenig Angſt.“ „Ach mein Gott!“ ſagt Sylvia lächelnd, „welche ſchwarze Verläumdungen mag dieſer unglückſelige Tranquillin über mich ausgeſchwazt haben?“ „Wahrhaftig, liebe Madame,“ antwortet Ma⸗ dame Borel heiter, „obſchon Ihr Intendant be⸗ hauptet, daß er in Folge langer Gewohnheit ſeine geehrte Herrſchaft als ganz natürliche Menſchen betrachte, ſo muß ich Ihnen doch geſtehen, daß ich mich im Gegentheil ſehr verſucht fühle Sie als einiger Maßen übermenſchliche Weſen zu betrachten.“ „Wirklich?“ verſetzt Sylvia lachend; „das geht in's Wunderbare.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ſehr wenig dazu 145 fehlt, liebe Madame, denn Sie ſind, erlauben Sie mir es Ihnen zu ſagen, eine ſehr außerordentliche Perſon, wohlverſtanden in der beſten Bedeutung des Worts, was, nebenbei geſagt, ganz erſtaunlich mit dem Traume meines Sohnes zuſammentrifft.“ „Mit welchem Traum?“ „Der arme Junge — entſchuldigen Sie dieſe höchſt unwillkührliche Impertinenz von ſeiner Seite, Madame — dieſer arme Junge hat Sie heute Nacht im Traume geſehen; Sie ſchwebten im Azur mit einem Stern an der Stirne und hatten Ihre ſchönen weißen Flügel ausgebreitet.“ „Ei wie, Ihr Herr Sohn iſt ſelbſt in ſeinen Träumen ein ſolcher Schmeichler?“ antwortet Syl⸗ via heiter; „da ſehen Sie, wie trügeriſch die Phy⸗ ſiognomien ſind, ich hielt ihn für ganz aufrichtig und naiv.“ 2 „Oh, Sie täuſchen ſich hierin nicht, Madame, das ſchwöre ich Ihnen; mein Sohn iſt das offenſte und ehrlichſte Herz von der Welt,“ antwortet Ma⸗ dame Borel mit gerührter Stimme, deren inniger Ton ſo lebhaft mit der Heiterkeit ihrer früheren Worte contraſtirt, daß Sylvia, überraſcht und in der Befürchtung ſie unwillkührlich in ihrer Mutterliebe verletzt zu haben, fortfährt: „Ich würde ſehr bedauern, wenn Sie ſich in meiner Anſicht geirrt hätten, liebe Madame Borel; es war ein Scherz, wenn ich an der Aufrichtigkeit Ihres Sohnes zu zweifeln ſchien. Meine erſten Eindrücke täuſchen mich ſelten. Ich glaube daher auch, daß er, wie Sie ſagen, mit einem ehrlichen und offenen Herzen begabt iſt. Geſtern haben tau⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. M. 10 146 ſenderlei Kleinigkeiten, die jedoch in meinen Augen bedeutſam ſind, die gute Meinung beſtärkt, die ich ſchon vorher von ihm hatte.“ „Ach Madame, wie glücklich machen Sie mich, wenn Sie ſo über meinen Sohn urtheilen!“ In dieſem Augenblick tritt Wolfrang in den Salon, aber kaum hatte er an dem Geſpräch zwiſchen Sylvia und Madame Borel einigen Antheil genom⸗ men, als Tranquillin auf der Schwelle erſcheint, die Geſellſchaft ehrerbietig begrüßt und ſodann auf Wolfrang zugeht: „Mein geehrter Herr wird mir verzeihen, daß ich ihn ſtöre, denn es iſt von dringender Wichtig⸗ keit, daß er mir einige Augenblicke ſchenkt.“ „Entſchuldigen Sie mich gütigſt, Madame,“ ſagt olieans⸗ indem er ſich von Madame Borel beur⸗ laubt. Dann wendet er ſich an Sylvia: „Du darfſt Deinen Beſuch bei Fräulein Antonin Jourdan nicht vergeſſen.“ „Ich werde ſogleich zu ihr gehen,“ antwortet Sylvia. Wolfrang entfernt ſich mit Tranquillin, wäh⸗ rend Madame Borel ſich ungemein darüber ver⸗ wundert, daß Sylvia dieſes junge Mädchen, auf welchem ſeit geſtern eine ſchmähliche Anklage laſtet, mit ihrem Beſuch zu beehren gedenkt. Als Wolfrang die Salonthüre geſchloſſen hat, ſagt er zu Tranquillin: „Was willſt Du von mir?“ „Herr, dieſer arme Unglückliche iſt vor einem Augenblick zu mir gekommen; beide befinden ſich 147 in einer beklagenswerthen Verzweiflung; ſie zweifeln nicht daran, daß man ſie nach dem geſtrigen Scan⸗ dal fortjagen werde; ſie haben mir den Zins vom laufenden Monat gebracht mit dem Bemerken, ſie wagen es nicht um die Gunſt zu bitten, daß man ſie noch einige Tage in einem Haus laſſe, aus welchem man ſie wegen ihrer Unwürdigkeit weiſen werde.“ „Ich hatte Dir doch geſagt, daß .. .“ „Erlauben Sie gütigſt, Herr, erlauben Sie. Ich habe ihnen geantwortet, daß ich ihr Geld nicht annehmen könne, indem mein geehrter Herr mir noch keinen Befehl zu ihrer Wegweiſung ertheilt habe; bei dieſen Worten haben ſie einander mit ungemeiner Verwunderung und einem unbeſtimmten Schimmer von Hoffnung angeſchaut; weil ſie aber doch vermuthlich dachten, dieſe unfehlbare Auswei⸗ ſung ſei nur aufgeſchoben, ſo ſind ſie ſeufzend und eben ſo troſtlos, wie ſie gekommen waren, in ihre Wohnung zurückgegangen.“ „Hat ſich Niemand gezeigt, um die Bude im Erdgeſchoße oder die vacante Wohnung im erſten Stock zu miethen?“ „Nein, Herr.“ „Wenn zufällig Jemand in dieſer Abſicht kom⸗ men ſollte, ſo ſchließe nichts ab, ohne es mir vorher zu ſagen. Du findeſt mich bei Herrn Dubousquet, zu dem ich jetzt gehe.“ „Ihre Befehle ſollen vollzogen werden, Herr.“ Wolfrang begibt ſich zu dem ehemaligen Galee⸗ renſtklaven und läutet an ſeiner Thüre; ein Gebelle von Bonhomme antwortet auf das und 148 bald öffnet ſich die Thüre, welche Herr Dubousquet Anfangs nur angelehnt hat, wagenweit, als er Wolfrang erkennt. Er verbeugt ſich angſtvoll und beſtürzt vor ihm, denn er zweifelt nicht mehr daran, daß der Haus⸗ beſitzer in eigener Perſon komme, um ihm ſeine . Ausweiſung anzukündigen. „Wollen Sie mir gefälligſt die Ehre einer kur⸗ zen Unterhaltung mit Ihnen ſchenken?“ fragt Wolf⸗ rang in innigem Tone, indem er das Wort Ehre abſichtlich betont und ſich mit dem Hut in der Hand vor dem ehemaligen Galeerenſträfling verbeugt.“ Dieſer iſt ganz verblüfft über die Worte, den Ton und die Phyſiognomie Wolfrang's, worin eine lebhafte, mit Ehrerbietung vermiſchte Theilnahme zu leſen iſt. Er bleibt Anfangs ſtumm und wie verſteinert ſtehen, dann aber ſtammelt er in ſeiner Verwirrung einige unverſtändliche Worte und beeilt ſich, vor Wolfrang her in ſeine Wohnung zu gehen. Er vergißt dabei ſeine äußere Thüre zu ſchließen, ein Verſehen, das Bonhomme dadurch gut macht, daß er ſich auf ſeine Hinterbeine ſtellt und mit den vordern den offen ſtehenden Thürflügel zudrückt. Aber nachdem er dieſe That hoher Einſicht voll⸗ bracht hat, findet er das Zimmer, in welches Herr Dubousquet ſo eben mit Wolfrang getreten iſt, ver⸗ ſchloſſen. Da er nun annimmt, daß ſeine Gegen⸗ wart in dieſem Augenblick läſtig ſei, weil ſein Herr ihn draußen läßt, ſo ergibt er ſich als wohlgezo⸗ gener Hund in dieſen Oſtracismus und legt ſich auf die Thürſchwelle nieder. 149 Herr Dubousquet hatte zwar ſeine Verblüfftheit über Wolfrang's Beſuch und höfliches Benehmen theilweiſe überwunden, aber gleichwohl ſeine Geiſtes⸗ gegenwart nicht vollſtändig wieder gewonnen. Er blieb ſtehen, während Wolfrang, der auf ſeine Ein⸗ ladung auf einem Lehnſtuhl Platz genommen hatte, zu ihm ſagte: „Bitte, ſetzen Sie ſich.“ „Ach, mein Herr, ich wage es nicht.“ „In dieſem Fall werden Sie mich nöthigen, ebenfalls ſtehen zu bleiben.“ „Ich thue es alſo, um Ihnen zu gehorchen,“ antwortet Herr Dubousquet, indem er ſich auf den Rand eines Stuhles ſetzt und einen kalten, durch tiefe Angſt ausgepreßten, Schweiß von ſeiner Stirne wiſcht. Wolfrang hat ſich einen Augenblick geſammelt, dann ſagt er: „Mein Herr, Sie haben ſich ſo eben zu meinem Intendanten hinabbemüht und ihm Ihre Abſicht mitgetheilt, dieſes Haus zu verlaſſen.“ „Ach, mein Herr, ich muß wohl.“ „Warum das, wenn ich fragen darf?“ Herr Dubousquet ſieht Wolfrang verblüfft an, und dieſe Frage ſcheint ihm ſo unbegreiflich, daß er ſtammelt: „Entſchuldigen Sie, aber ich ich habe nicht recht .. begriffen was „ „Ich frage Sie, mein Herr, welcher Grund Sie nöthigt, dieſes Haus zu verlaſſen, denn ich würde Ihren Auszug mit lebhaftem Bedauern ſehen.“ 15⁰ „Ach, mein Gott!“ ruft Herr Dubousquet, der ſeinen Ohren kaum trauen kann, obſchon Wolfrang ganz deutlich und kategoriſch geſprochen hat. „Der Beſuch, den ich Ihnen abzuſtatten das Vergnügen habe, mein Herr, hat keinen andern Zweck, als daß ich Sie bitten möchte, hier zu bleiben, da ich mich ſehr geehrt fühle, Sie zum Miethmann zu haben. Männer von Ihrem Werth ſind ſelten, ſehr ſelten.“ „Männer von meinem Werth!“ „Ja gewiß, mein Herr, und um der übrigens ſehr begreiflichen Ueberraſchung, worein meine Worte Sie verſetzen, ein Ende zu machen, will ich hinzu⸗ fügen, daß ich weiß — bemerken Sie wohl, mein Herr, ich ſage weiß, daß Sie in der That ein vollkommener Ehrenmann ſind. Das heroiſche Opfer, das Sie aus Hingebung für Ihren Bruder gebracht haben, ſtellt Sie unendlich hoch in der Achtung aller Leute von Herz.“ Herrn Dubousquet's Verwunderung bekam jetzt ein anderes Ziel, wurde aber immer größer und tiefer. Wie kam Wolfrang zu dieſem Geheimniß, das nur zwei Perſonen bekannt war: dem verſtorbenen Bruder des ehemaligen Galeerenſklaven und dem Bantier Vorel, welche Beide die wichtigſten Gründe gehabt hatten, es verſchwiegen zu halten? Wolfrang errieth den Gedanken des Herrn Du⸗ bousquet, der jetzt in eine ſchweigſame Beſtürzung verſunken war, und fuhr fort: „Es muß Ihnen unbegreiflich erſcheinen, daß ich von Ihrer brüderlichen Aufopferung unterrichtet bin. Ich kann Sie jetzt darüber nicht aufklären; 151 aber ich will in aller Aufrichtigkeit hinzufügen, daß ich auf's unzweifelhafteſte weiß, wie heroiſch Sie ſich für die Ehre Ihres Bruders geopfert haben, den ein Vertrauensmißbrauch von Seiten des Bankiers Borel ins Verderben ſtürzte. Ich weiß blos dieſe zwei Hauptfacta; die näheren Umſtände kenne ich nicht, aber daran liegt auch nichts: die Kenntniß dieſer That, welche Sie in meinen Augen ſo hoch ſtellt, genügt mir, um Ihren Charakter zu ſchätzen und zu bewundern, und Ihnen auf's herzlichſte meine Freundſchaft und meine Dienſte anzubieten, wenn Sie dieſelben annehmen wollen.“ „Ich nehme dankbar Ihre Freundſchaft an, weil ich mich ihrer würdig fühle“, antwortet Herr Du⸗ bousquet, indem er voll Rührung die Hand, welche Wolfrang ihm angeboten, in die ſeinige drückt. „Dank, mein Herr! Seit vielen Jahren iſt es das erſte Mal, daß es mir vergönnt iſt die Augen zu einem rechtſchaffenen Manne aufzuſchlagen, ohne fürchten zu müſſen, daß er ſeinen Blick mit Ekel von mir abwende. Was ich hier in meinem Herzen empfinde, läßt ſich nicht ausdrücken.“ Und in der That war Herrn Dubousquet's feuchter Blick jetzt eben ſo frei und zuverſichtlich, als er zuvor ſchüchtern, gezwungen und ſcheu geweſen war. Seine bisher ängſtliche und verlegene Phy⸗ ſiognomie warf ihre Maske ſchmerzlicher Demuth ab und athmete Loyalität, vermiſcht mit naiver Treuherzigkeit; ganz beſonders aber ſpiegelte ſie die unausſprechliche Sanftmuth dieſer ſchönen, engel⸗ gleichen Seele ab, die als reines Gold durch Leiden, Ungerechtigkeit des Schickſals, Bosheit der Menſchen 15²2 und den Koth des Bagno nicht beſchmutzt worden war. Wolfrang war trotz ſeiner Kenntniß des menſch⸗ lichen Herzens und ſeines durchdringenden Scharf⸗ ſinns im Anfang durch dieſe plötzliche Erklärung überraſcht, begriff aber bei näherer Ueberlegung bald, daß Herr Dubousquet, da er ſich in Gegen⸗ wart einer Perſon wußte, die von ſeiner Unſchuld überzeugt war, und die ihm eine rührende Theil⸗ nahme bewies, ſeinen natürlichen Charakter wieder gewonnen hatte, ſobald er ſich der drückenden Befürchtung entſchlagen, welche ihm gewöhnlich der Gedanke einjagte: „wenn man erführe, daß ich ein verurtheilter Verbrecher bin, ſo würde ich Jeder⸗ mann nur Verachtung und Abſcheu einflößen.“ Als dieſes nachdenkliche Schweigen einen Augen⸗ blick gewährt hat, beginnt er naiv wieder: „Wie gütig Ihr Blick iſt, Herr Wolfrang! Dies war mir ſchon geſtern aufgefallen, als ich es wagte meine Augen zu Ihnen aufzuſchlagen, wiewohl nur ganz verſtohlen, da der Empfang, den Sie und Ihre Dame mir bereiteten, mich ganz verwirrte und wie ein Gewiſſensbiß auf mir laſtete.“ „Ein Gewiſſensbiß! ſagte Ihnen Ihr Gewiſſen nicht, daß Sie dieſen Empfang verdienten?“ „Ja, aber mein Gewiſſen ſagte mir auch: dieſer Herr und dieſe Dame wiſſen nicht, wer Du biſt. Wenn ſie es wüßten, ſo würden ſie Dich aus dem Hauſe jagen. Indem Du ſie alſo in Unwiſſenheit über Deine Perſon läſſeſt, begehſt Du ein Unrecht, denn Du täuſcheſt ſie. Sehen Sie, Herr Wolfrang, dies macht mich immer ſo unbehaglich, wenn man 153 . mir einige Güte bezeugt. Es iſt mir, als ob ich Etwas annähme, was mir nicht gehöre. Und in der That, Herr Wolfrang, iſt der Widerwille, den ich einflöße, ein wohl verdienter. Mein Fall gehört nicht zu den möglichen Irrthümern der menſchlichen Juſtiz; ich bin mit Recht verurtheilt worden, da alle Beweiſe gegen mich waren, da verſchiedene Umſtände unglückſeliger Weiſe zuſammenwirkten und ich mich ſelbſt freiwillig angeklagt habe. Um ſo ſchlimmer für mich!“ „Aber noch einmal und Ihr Gewiſſen?“ „Oh, mit dieſem ſtehe ich gut, ſehr gut, und wenn nur wir Drei beiſammen ſind, mein Gewiſſen, ich und mein armer Bonhomme . .. Herr Dubousquet, der jetzt erſt die Abweſenheit ſeines Hundes bemerkt, ſieht ſich verwundert um. Der Pudel, der durch die Thüre hindurch, hinter welcher er ſich verborgen hält, ſeinen Namen aus⸗ ſprechen gehört hat, glaubt durch ein leiſes Gebell antworten zu müſſen. Wolfrang hört es und ſagt lächelnd, indem er ſich halb aufrichtet: „Ihr armer Hund iſt draußen geblieben, ich wil „Nein, nein, Herr Wolfrang, ich bitte Sie“, ſagt Herr Dubousquet beſcheiden. „Bonhomme muß draußen bleiben, er iſt in der Strafe.“ „Das iſt etwas Anderes. Aber Sie ſagten mir ſoeben, wenn Sie alle Drei beiſammen ſeien, Sie, Ihr Gewiſſen und Ihr Hund „ „Oh, dann geht es gut. Wir Drei verſtehen uns ganz vortrefflich Ich bin dann ganz ruhig, wie ich es in dieſem Augenblick vor Ihnen 14 bin, weil Sie eben ſo viel über mich wiſſen, als ich ſelbſt. Aber ſobald ich mich vor irgend einer andern Perſon befinde, werde ich wieder verwirrt und ängſtlich; ich zittere, man möchte entdecken, wer ich bin; oder vielmehr, ich wiederhole es Ihnen, wenn man mir irgend eine Güte erweist, mache ich ſie mir wie einen Diebſtahl zum Vorwurf.“ „Der Mann, welcher einer Aufopferung fähig iſt, wie Sie bewieſen haben, muß allerdings die Rechtſchaffenheit bis zu einer großherzigen Ueber⸗ treibung ſteigern.“ „Uebertreibung!“ antwortet der ehemalige Ga⸗ leerenſklave mit einem peinlichen Lächeln, das von neuem ſeine Züge mit Trauer übergießt. „Nein! nein! Erinnern Sie ſich, wie es geſtern Abend bei Ihnen zuging, Herr Wolfrang, als Ihre Geſellſchaft erfuhr, wer ich war! Ach! daſſelbe Schickſal erwartet mich überall. Und gleichwohl darf ich Niemand anklagen: in den Augen der Welt verdiene ich, daß ich dieſen Widerwillen einflöße, der mir ſo ſchmerzlich iſt. Sehen Sie, geſtern Abend war es mir, als müßte ich vor Scham vergehen, als Sie in die Bibliothek traten. Ich ſage Ihnen, ich litt dermaßen, daß ich glaube, ein einziges hartes und beſchimpfendes Wort von Ihrer Seite würde mich auf der Stelle getödtet haben. Aber Sie waren voll Mitleid gegen mich; Sie haben mich mit Ihrem Arme geſtützt, denn ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe; Sie haben mich an die Thüre geführt, ohne ein einziges Wort des Vorwurfs fallen zu laſſen; ja Sie ſagten ſogar im Gegentheil voll Mitleid; faſſen Sie Muth, erholen Sie ſich, mein armer Herr Dubousquet. 155⁵ Sie wußten alſo ſchon damals, daß ich unſchuldig war? Und ſehen Sie, das iſt mir ganz unbegreiflich; Sie müſſen ein Zauberer ſein, Herr Wolfrang, denn die Enthüllung dieſes Geheimniſſes . . „Ich habe ſie von Ihnen.“ „Von mir?“ „Von Ihnen ſelbſt.“ „Ei, ei, Sie ſcherzen, Herr Wolfrang.“ „Ich ſollte mit einer herviſchen Aufopferung Scherz treiben!“ antwortet Wolfrang in innigem Tone. „Glauben Sie mich einer ſolchen Schänd⸗ lichkeit fähig?“ „Nein, nein, verzeihen Sie! Der Klang Ihrer Stimme, Ihr Blick, Alles beweist mir, daß Sie im Ernſt ſprechen, Herr Wolfrang; und gleichwohl, wie ſoll ich glauben, daß Sie die Enthüllung dieſes Geheimniſſes von mir haben?“ „Ich verſichere Sie, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin.“ „Nun, ſo muß ich Ihnen wohl glauben, denn ich habe Vertrauen auf Sie als einen Mann, der mir eine Freundeshand reicht, der mich allen Ver⸗ urtheilungen zum Trotz gefälligſt in dieſem Hauſe behalten und mich ſomit von den Beängſtigungen erlöſen will, die mich immer ſo lange quälen, wenn ich mich an neue Geſichter gewöhnen muß. Ach wie kann ich Ihnen jemals meine Dankbarkeit beweiſen?“ „Ich verdiene ſie nicht, ich habe Richts gethan was irgend der Mühe werth wäre; aber ich verdiene Ihre Freundſchaft, und wenn Sie mir gefälligſt einen Beweis davon geben wollten „ 156 „Sprechen Sie, Herr Wolfrang, ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten.“ „Sie haben ſich für Ihren Bruder geopfert, aber ich kenne die näheren Umſtände dieſer That nicht. Wollen Sie mir dieſelben mittheilen?“ Und als Wolfrang das unſchlüſſige Zögern des Herrn Dubousquet bemerkt, fügt er hinzu: „Ach, glauben Sie nicht, daß ich mich von einer unbeſcheidenen Neugierde leiten laſſe. Nein! nein! ich wünſche ſehnlich von dieſen Details unterrichtet zu werden, weil ich überzeugt bin, daß ſie meine Achtung und Zuneigung zu Ihnen verdoppeln werden.“ Herr Dubousquet ſchweigt einen Augenblick, dann ſagt er: „Es wird mir ſchwer, Herr Wolfrang . . .“ „Eine Antwort auf meine Frage zu verweigern?“ „Nein; ſondern eine oder vielmehr zwei Bedin⸗ gungen daran zu knüpfen.“ „Welche, wenn ich bitten darf?“ „Sie haben mir geſagt, Sie wiſſen, was auch wahr iſt, daß Herr Borel bei dieſer traurigen An⸗ gelegenheit betheiligt ſei und ſich ſchlecht dabei benommen habe?“ „Allerdings.“ „Nun wohl, die erſte Bedingung, die ich an meine Mittheilung zu machen wünſche, beſteht darin, daß Madame Borel, die beſte und edelmüthigſte Frau von der Welt, niemals erfahre, was ich Ihnen anvertraue, und daß auch ſein Sohn, ein äußerſt braver und würdiger junger Mann, nie in das 157 Geheimniß eingeweiht werde. Verſprechen Sie mir das, Herr Wolfrang?“ „Herr Borel hat gleichwohl all Ihren Kummer verurſacht; er hat Ihnen großes Leid zugefügt.“ „Ach ja, großes Leid, und erſt dieſen Morgen hat er eine grauſame Härte gegen mich gezeigt, als Doch gleichviel! . . aber welches Leid haben ſeine Frau und ſein Sohn mir je zugefügt? Sie ſind Herrn Borel mit eben ſo großer Verehrung als Zärtlichkeit zugethan, aber ſie beſitzen ein ſolches Zartgefühl und eine ſolche Seelengröße, daß ſie, wenn ſie jemals erführen, daß Herr Borel. ² Herr Dubousquet unterbricht ſich; dann fügt er bebend hinzu: „Sehen Sie, Herr Wolfrang, ich zittere ſchon beim Gedanken an die Verzweiflung dieſer zwei unglücklichen Leute, wenn ſie erführen, daß der Mann, den ſie verehren und lieben, in ſeinem Leben einmal eine garſtige Handlung begangen hat; ſagen Sie daher ſelbſt, wäre es nicht ſchnöde von mir, wenn Madame Borel und ihr Sohn durch meine Schuld dieſen ſchrecklichen Schlag erleiden müßten? Deßhalb verlange ich Ihr Ehrenwort darauf, daß dieſe Leute nie Etwas von dem erfahren, was ich Ihnen mittheilen kann.“ „Oh, edler und barmherziger Mann!“ ruft Volfrang, indem er ſeinen Blick gerührt auf Herrn Dubousquet heftet. „Nichts hat ſeine Seelengüte zu ſchwächen vermocht.“ „Ei wie!“ verſetzt Dubousquet naiv, „das ſagen Sie von mir, Herr Wolfrang? was iſt denn daran zu verwundern, daß ich Leuten, die mir nie etwas ———— — 158 Böſes gethan haben, auch nichts Böſes thun will? Sollen dieſe vortreffliche Dame und ihr braver Sohn verantwortlich ſein für den Schurkenſtreich des Herrn Borel, der übrigens', wie ich feſt über⸗ zeugt bin, denn man muß auch gerecht ſein, der einzige iſt, den er in ſeinem Leben begangen hat? Kurz und gut, wie man zu ſagen pflegt: für jede Sünde Barmherzigkeit. Davon gar nicht zu ſprechen, daß es, wenn ich mit meinem armen Bonhomme allein bin, Gelegenheiten gibt, wo ich trotz meiner Vergangenheit als Galeerenſklave mit Herrn Borel bei all ſeinen Millionen nicht tauſchen möchte. Nein, wahrhaftig nicht! Und wenn ich daran denke, verzeihe ich ihm vom Grund meines Herzens. Sie verſprechen mir alſo, daß Madame Borel und ihr Sohn niemals erfahren ſollen, was ich Ihnen jetzt mittheilen will?“ „Ich verſpreche es Ihnen auf Ehre.“ „Nun, und die zweite Bedingung, die ich Ihnen zu meinem Bedauern auferlegen muß, Herr Wol⸗ frang, beſteht darin, daß Sie mir verſprechen auch keiner andern Perſon mitzutheilen, was Herrn Borel betrifft. Ach! ſonſt würde das Gedächtniß meines unglücklichen Bruders durch meine Schuld befleckt werden, denn er iſt niemals des Verbrechens ver⸗ dächtigt worden, deſſen ich mich freiwillig angeklagt . „In dieſer Beziehung muß ich einen Vorbehalt machen. Ich habe keine Geheimniſſe vor Sylvia; ſie iſt von mir bereits, aber ohne alle Details, von Ihrem Opfer für Ihren Bruder unterrichtet; 159 ⸗ erlauben Sie mir, daß ich ihr unſer Geſpräch mit⸗ theile? Ich hafte für ihre Verſchwiegenheit.“ „Madame Wolfrang hat ſich geſtern Abend ſo gütig, ſo charmant gegen uns Beide gezeigt; ich bin ſo betrübt über den Skandal, den ich in Ihrer Wohnung veranlaßt habe, daß ich, ſobald Sie glauben, meine Erzählung könnte Ihre Frau im mindeſten intereſſiren, mit dem größten Vergnügen in Ihren Wunſch willige. Ich will Ihnen alſo jetzt erzählen, was ſich zugetragen hat. „Mein Bruder Auguſt und ich, wir ſind Söhne eines kleinen Fabrikanten von Lyon. Er beſaß einige Webſtühle und hinterließ Jedem von uns etwa ſechzigtauſend Franken. Ich trat als über⸗ zähliger Beamter in die Zollverwaltung ein; und mein Vruder ſetzte die Induſtrie unſeres Vaters fort. „Auguſt heirathete eine junge Arbeiterin Namens Suzanne, die an einem ſeiner Webſtühle beſchäftigt war. Sie war die Herzensgüte und Tugend ſelbſt, und wenn Sie ſie gekannt hätten, Herr Wolfrang, ſo würden Sie mit Recht von ihr all das Gute ſagen, was Sie von mir zu denken die Gewogen⸗ heit haben.“ 8 „Und warum ziehen Sie in Ihrer peinlichen Lage nicht zu Ihrer Schwägerin?“ „Ich! großer Gott! ſtellen Sie ſich vor, Herr Wolfrang, daß meine Schwägerin, obſchon ſie ſeit langer Zeit, wie auch ihre älteſte Tochter Toinette, beinahe Tag und Nacht an ihrem Webſtuhl arbeiten muß, doch ſtets die Unterſtützung zurückgewieſen hat, die ich ihr anbot.“ „Und woher kommt dieſe Zurückweiſung?“ 160 „Dieſe Zurückweiſung,“ antwortet Herr Dubous⸗ quet mit bebender Stimme, „dieſe Zurückweiſung kommt däher, daß Suzanne, meine Nichte und mein Neffe — denn ich habe auch einen Neffen — lieber verhungern wollten (Gott gebe, daß dies nicht geſchehe, denn ſie ſind leider ſehr arm), als daß ſie einen Liard von einem wegen Diebſtahls und Mords verurtheilten Menſchen annähmen, welcher den Namen ſeines Bruders entehrt hat . . ſtammelte Herr Dubousquet in tief betrübtem Tone: „ſie Alle ſchämen ſich meiner und verabſcheuen mich.“ „Was höre ich! auch ſie glauben alſo an Ihre Schuld?“ „Natürlich müſſen ſie daran glauben, da ich, um Auguſt's Ehre zu retten, mich an ſeiner Stelle angeklagt habe.“ Herr Dubousquet wiſcht mit der Rückſeite ſeiner Hand die Thränen ab“ die ſein Geſicht benetzen, und ſagt, indem er ſeine Bewegung beherrſcht: „Verzeihen Sie, Herr Wolfrang, verzeihen Sie, denn ſehen Sie, das iſt mein größter Kummer.“ „Großer Gott! ein Gegenſtand des Abſcheus für die Familie des Mannes zu ſein, für welchen Sie ſich ſo großmüthig aufgeopfert haben.“ „Oh, ich wollte noch darüber weggehen . . . Aber was mich ganz zur Verzweiflung bringt, das iſt der Gedanke, daß Suzanne und ihre Kinder ſich durch ihre Verachtung und Abneigung gegen mich abhalten laſſen Unterſtützungen von mir anzunehmen, deren ſie ſo ſehr bedürfen, Herr Wolfrang, denn mein Reffe verdient als Lehrling nichts, und wenn ſeine Mutter und ſeine Schweſter Beide zuſammen 161 durchſchnittlich vierzig oder fünfzig Sous täglich ver⸗ dienen, ſo iſt das ſchon viel; und davon ſollen ſie alle Drei leben, Herr Wolfrang. Und was kann ich thun, da ſie mich zurückſtoßen? Ich war vor zwei Jahren auf den Gedanken gekommen, ihnen eine Anweiſung von zehntauſend Franken nach Lyon zu ſchicken; ich hatte meine Handſchrift verſtellt und meinen Begleitbrief, worin ich ſagte, der Unter⸗ zeichnete ſei dieß Geld meinem verſtorbenen Vater ſchuldig, mit einem falſchen Namen unterzeichnet. Nun wohl, Herr Wolfrang, ſei es nun daß Su⸗ zanne die Wahrheit errieth, ſei es daß ich meine Handſchrift ſchlecht verſtellt hatte, ſo daß ſie ſelbſt ſie erkannte, ich erhielt mit umgehender Poſt meine Anweiſung zurück nebſt ein paar Worten von Suzanne, welche mir ſchrieb: Ich nehme Nichts von einem Dieb und einem Mörder, der den Namen meines Mannes entehrt und ihn durch Kummer getödtet hat. Denn ich vergaß Ihnen zu ſagen, Herr Wolfrang, dieſe armen, lieben Geſchöpfe ſind, zwar nicht ohne allen Grund, überzeugt, daß der Kummer, welchen meine Schande über Auguſt ge⸗ bracht, ſein Leben abgekürzt habe.“ „Ei wie! Konnte Ihr Bruder nicht wenigſtens auf dem Todtenbett ſeiner Frau und ſeinen Kindern dieſes traurige Geheimniß anvertrauen?“ „Ach, Herr Wolfrang, wie konnte er das? Bedenken Sie doch, daß er ſeiner Familie keine andere Erbſchaft zu hinterlaſſen hatte, als ſeinen Namen! Bedenken Sie doch, daß er, wenn er die Wahrheit ſagte, das Elend ſeiner Hinterbliebenen auch noch vergiftet hätte. Und was hätte es mir Sue, Geheimniſſe d. Kopftiſſens. I. 11 162 genützt? Als er ſtarb, befand ich mich noch auf den Galeeren „ Ach, ich klage Auguſt nicht an: was ſein Leben in Wahrheit abgekürzt hat, das iſt der Schmerz, mich an ſeiner Stelle verurtheilt zu ſehen. Und als ich ihm von Breſt ſchrieb: Mein Lieber, ich bin jetzt für Lebenszeit auf den Galeeren; die Regierung ſorgt für meinen Unterhalt und meine Verköſtigung (ich wollte durch dieſen Ton meinen armen Bruder aufzuheitern ſuchen); ich bedarf alſo Nichts mehr; verfüge über mein kleines Vermögen für Dich und Deine Kinder . wiſſen Sie, was er mir da zur Antwort gab? Du haſt mir Deine Ehre geopfert. Ich kann mich mit Deinem Raub nicht bereichern; und überdieß bedarf ich kein Geld meine Geſchäfte gehen jetzt gut . . . Und er täuſchte mich, Herr Wolfrang . er täuſchte mich: ſeine Geſchäfte gingen im Gegentheil immer ſchlechter trotz ſeiner Anſtrengungen verfolgte ihn das Unglück hartnäckig ... „Aber wie hat er denn Ihr Opfer annehmen können?“ „Er erfuhr es erſt, als er es nicht mehr ver⸗ hindern konnte.“ . „Welcher Art ſind denn dieſe fatalen Umſtände?“ „Ach, das will ich Ihnen jetzt erzählen, Herr Wolfrang. „Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, Herr Wolf⸗ rang, mein Bruder und ich hatten von unſerem Vater Jeder ungefähr ſechzigtauſend Franken geerbt; ich hatte Renten dafür gekauft, Auguſt hatte zehn⸗ tauſend Franken als Betriebskapital für ſeine Web⸗ ſtühle in der Hand behalten und die übrigen fünf⸗ . —— ——— 8 — — —— zigtauſend Franken Herrn Borel anvertraut, der damals kein anderes Vermögen beſaß, als ſeinen Gehalt als Caſſier in dem Bankhaus Mereville und Compagnie. Auguſt war mit Herrn Borel ſehr befreundet; ſie kannten ſich von Kindheit auf, und kurz nach dem Tod unſeres Vaters ſagte er zu ihm: „Ich beſitze fünfzigtauſend Franken, für die ich im Augenblick keine Verwendung habe; ich ſchwanke zwiſchen zweierlei Arten ſie anzubringen, die man mir vorſchlägt; ich will Erkundigungen darüber ein⸗ ziehen und bis ich mich entſchließe, was jedenfalls in einigen Tagen geſchieht, bewahre Du mir das Geld in Deiner Caſſe auf. Herr Borel wollte Auguſt eine Quittung für die Summe geben, aber mein Bruder nahm dieſe durchaus nicht an. Dieß war unklug, denn in Geſchäften ſoll man immer ord⸗ nungsgemäß verfahren, und dann ſetzte der unglück⸗ liche Auguſt auf dieſe Art Herrn Borel einer ſchlimmen Verſuchung aus. Aber mein Bruder, der das Zartgefühl anderer Leute nach ſeinem eigenen beurtheilte, würde ſich beleidigt gefühlt haben, wenn ein vertrauter Freund von ihm für ein anvertrautes Depoſitum einen Empfangſchein angenommen hätte.“ „Dieß iſt alſo die abſcheuliche Handlung, die Herr Borel „ „Verzeihen Sie, Herr Wolfrang, laſſen Sie mich dem Faden meiner Ideen folgen; ſehen Sie, ich habe die Gewohnheit lange mit einem Menſchen zu ſprechen ſchon ſo lange verloren, daß ich fürchte, ich möchte mich in meiner Erzählung verwickeln Wo war ich doch?“ 1 — 164 „Bei dem Depoſitum, das Ihr Bruder Herrn Borel übergab.“ „Ach ja ſo iſt's Bemerken Sie wohl, daß Herr Borel nicht blos das Vertrauen meines Bruders genoß, ſondern daß guch die Herren Mere⸗ ville und Compagnie ſo feſt an die Ehrlichkeit ihres Caſſiers glaubten, daß ſie ihm die Unterſchrift des Hauſes überließen. Nicht wahr, Herr Wolfrang, ein größeres Zeichen von Achtung kann man einem Angeſtellten nicht geben?“ „Ganz gewiß nicht.“ „Ich ſage Ihnen dieß blos, um Auguſts blin⸗ des Vertrauen zu ſeinem Freund zu entſchuldigen. Einige Tage nachher (ich erinnere mich noch, wie wenn es erſt geſtern geſchehen wäre) dinirte ich bei Auguſt und Suzanne; ſie waren ſeit einigen Mo⸗ naten verheirathet. Herr Borel kam, als wir uns eben zu Tiſch ſetzen wollten. Ei ſieh da, ruft ihMHm Auguſt heiter zu, Du kommſt gerade recht Du mußt mit uns vorlieb nehmen. — Gerne, denn ich habe noch nicht dinirt, antwortet Herr Borel und man ſetzt ſich zu Tiſch. Da . Auf einmal unterbricht ſich Herr Dubousquet und wirft dazwiſchen: Herr Wolfrang, ich erſcheine Ihnen ſehr ſchüch⸗ tern, ſehr ſanft, nicht wahr?“ „Oh ja, allerdings.“ „Nun wohl, mein armer Bruder war noch ſchüchterner und ſanfter als ich. Er konnte über jede Kleinigkeit erröthen und in Verlegenheit kom⸗ men; überdieß ſtotterte er, und wenn er ein klein wenig den Kopf verlor, ſo wurde es ihm beinahe 165 unmöglich ein Wort deutlich hervorzubringen. Ich erinnere mich ſogar, daß man eines Tags in der Penſion einem unſerer Kameraden ſein Tintenfaß entwendet hatte (Sie werden ſogleich ſehen, Herr Wolfrang, warum ich Ihnen dieſes Detail mit⸗ theile). Der Lehrer ruft die ganze Claſſe zuſam⸗ men und beginnt mit barſcher Stimme: Es iſt ein Dieb unter Euch; wenn er ſeinen Diebſtahl geſteht, ſo wird er blos geſtraft; wenn er ihn aber nicht geſteht und ſpäter dennoch entdeckt wird, ſo wird er aus der Penſion gejagt. Der Zufall will, daß der Lehrer in dem Augenblick, wo er ſo ſpricht, Auguſt anſieht. Der Unglückliche glaubt, daß ein Verdacht auf ihm ruhe; er wird roth, dann blaß, der Schweiß fließt ihm von der Stirne, kurz ſein Geſicht beurkundet eine ſo heftige Aufregung, daß die ganze Claſſe zuſammenruft: Auguſt hat das Tintenfaß geſtohlen!“ „War er es denn wirklich?“ „Himmliſche Güte, nein! Der arme Junge wäre nicht im Stande geweſen, auch nur einen Federſtumpf zu entwenden.“ „Aber ſeine Verwirrung ſeine entſtellten Züge?“ „Blos die Schaam und der Schreck, als er ſich beargwöhnt glaubte, brachten ihn gänzlich in Ver⸗ wirrung. Voll Angſt und Entſetzen will er ſich gegen die Anklage vertheidigen, aber ſein Stottern und ſeine Unruhe hindern ihn daran; da faltet er flehend ſeine Hände: dieſe Geberde richtete ihn vol⸗ lends zu Grunde. Unſere Kameraden riefen ſämmt⸗ lich dem Lehrer zu: Sehen Sie, Herr Profeſſor, er 166 iſt's. — Auguſt Dubousquet, ſagt jetzt der Lehrer mit furchtbarer Stimme, da Du Deinen Diebſtahl eingeſtehſt, ſo ſollſt Du nicht fortgejagt werden; aber Du ſollſt acht Tage lang während der erſten Viertelſtunde der Lection mitten in der Claſſe knieen und auf dem Rücken eine Tafel tragen, worauf das Wort Dieb geſchrieben ſteht.“ Herr Dubousquet unterbricht ſich von Neuem, denn dieſe Erinnerung bewegt ihn ſo ſchmerzlich, daß ſeine Augen ſich feuchten. Dann fährt er fort: „Bei dieſer Drohung wurde der arme Junge ohnmächtig; ich führte ihn nach Hauſe, wo er in Folge ſeiner Gemüthsbewegung eine vierzehntägige Krankheit durchmachte. Was ſoll ich Ihnen ſagen, Herr Wolfrang? ich werde es mir ſtets zum Vor⸗ wurf machen, ich ſelbſt hielt meinen Bruder einen Augenblick im Verdacht, ſo ſehr war aller Schein gegen ihn. Am folgenden Tage jedoch wurde der wahre Verbrecher entdeckt und Auguſts Unſchuld an⸗ erkannt. Verzeihen Sie dieſes Detail, Herr Wolf⸗ rang, es iſt allereings höchſt unbedeutend; aber ich mußte Ihnen doch eine Idee vom Charakter meines Bruders geben, damit Sie Etwas begreifen, was Ihnen vielleicht unbegreiflich geſchienen hätte.“ Wolfrang entdeckte jeden Augenblick neue Schätze von Zartgefühl und Großmuth in der unſchuldigen Seele, die ſich ihm eröffnete und die durch ſo un⸗ gewohnte Beweiſe von Theilnahme immer vertrauens⸗ voller wurde. Es lag ſogar etwas eigenthümlich Rührendes in dem Umſtand, daß dieſer Märtyrer der brüderlichen Aufopferung eine gewiſſe Schwierig⸗ keit hatte, ſeine Erzählung logiſch zu ordnen, was 167 er mit den kummervollen Worten entſchuldigte: „Es iſt ſchon ſo lange her, daß ich die Gewohnheit ver⸗ loren habe, mit Jemand zu reden.“ Wolfrang mußte ihn von Neuem auf die Frage zurückbringen. „Gut! ſehr gut!. jetzt habe ich den Trum wieder,“ fuhr er fort. „Herr Borel kommt an, man ſetzt ſich zu Tiſch. Wir ſind zu vier: Herr Borel, Suzanne, ich und Auguſt. Letzterer ſagt im Verlauf des Geſprächs zu Herrn Borel: Apropos, ich habe mich jetzt für eine der beiden Arten mein Geld anzulegen, wovon ich Dir geſagt habe, ent⸗ ſchieden. — Haſt Du mir denn von Geldanlegen geſagt? antwortet Herr Borel ruhig (ich ſehe ihn noch: er ſchnitt eben ſein Brod). Ach ja, wahr⸗ haftig, mein wackerer Auguſt, ich hatte es vergeſſen „ Du begreifſt, ich habe ſo viele Dinge im Kopf! — Ich glaube es wohl, Du biſt ſo beſchäf⸗ tigt, verſetzt mein Bruder, nun, ich muß die fünfzig⸗ tauſend Franken einzahlen und werde ſie alſo an Deiner Caſſe holen. — Bei dieſen Worten unter⸗ bricht ſich Herr Borel, der eben die Flaſche in der Hand hält und meinem Bruder einſchenkt, in dieſem Geſchäft, ſieht Auguſt lachend an, füllt dann das Glas und ſagt: Auf Deine Geſundheit, Spaß⸗ macher!“ „Heffnete dieſe Antwort Ihrem Bruder die ugen?“ „Nein, noch nicht; er erwiedert heiter: Warum nennſt Du mich einen Spaßmacher? — Weil Du mir Späſſe vorſchwatzeſt. — Was für Späſſe? fragt Auguſt, der immer noch nicht begreift, wo 168 ſein Freund hinaus will. Dieſer neigt ſich jetzt gegen Suzanne und ſagt lachend zu ihr: Hören Sie dieſen Auguſt? er macht den vortrefflichen Spaß, mir ganz einfach zu erklären, daß er morgen an meiner Caſſe die Kleinigkeit von fünfzigtauſend Fran⸗ ken abholen werde. Wahrhaftig, er iſt ſehr be⸗ ſcheiden. Und er hat die Stirne mich zu fragen, warum ich ihn einen Spaßmacher nenne.“ „Aber, Herr Borel, mein Mann hat mir geſagt, daß er Ihnen wirklich fünfzigtauſend Franken zuge⸗ ſtellt habe, wendet Suzanne ein, die ſich zu wundern beginnt. — Ah bah! . . alſo hat er auch Ihnen dieſes Märchen aufgebunden, meine gute Madame Dubousquet, um einen ſchlechten Witz zu machen? erwiedert Herr Borel mit einem ſo unbefangenen, ſo natürlichen und ruhigen Lachen, daß mein Bru⸗ der ſeinerſeits glaubt, Herr Borel wolle einen Spaß machen, und heiter ſagt: Gut, alſo habe ich Dir die Summe nicht gegeben. Darauf ſpricht man von andern Dingen. Das Diner geht zu Ende, man trinkt den Kaffee, und dann ſagt Herr Borel zu uns: Ihr lieben Leute, ich habe zu arbeiten und muß Euch jetzt verlaſſen. Man wünſcht ſich gute Nacht, und im Augenblick, wo Herr Borel ſeinen Hut nimmt, ſagt mein Bruder zu ihm; alſo ich komme morgen früh an deine Caſſe, um mein Geld zu holen? — Schon wieder! ruft Herr Borel mit lautem Lachen, ſchon wieder dieſen ſchlechten Witz mit fünfzigtauſend Franken, nein, jetzt gehe ich durch! und er verläßt uns mit ſchallendem Gelächter.“ „Welche Frechheit! Ihr Bruder mußte aber doch jetzt einigen Verdacht ſchöpfen?“ 169 „Nein, Herr Wolfrang, nicht im geringſten.“ „Das iſt unglaublich!“ „Konnte er ſeinen beſten Freund einer ſolchen Schandthat fähig glauben? Gleichwohl ſagte Su⸗ zanne, die ein ſehr geſcheidtes und beſonnenes Weib iſt, als Herr Borel gegangen war, zu ihrem Mann: Dein Freund iſt allerdings ein ſehr liebenswürdiger und heiterer Geſellſchafter; aber in ſeiner Stellung als Caſſier hat er, ſcheint es mir, Unrecht, mit Geldſachen Scherz zu treiben. — Bah! unter uns hat das nichts zu ſagen; er war nun einmal heute zum Scherzen aufgelegt, antwortet mein Bruder; ich brauche mein Geld erſt morgen früh vor Zwölf und werde es an Borels Caſſe holen.“ „Und am folgenden Tag?“ „Ach, Herr Wolfrang! welche ſchreckliche Scene! mein armer Auguſt hat ſie mir ſo oft in allen ihren Einzelheiten erzählt, daß ſie mir nicht mehr aus dem Gedächtniß kommt. Morgens um eilf Uhr be⸗ gibt er ſich alſo an die Caſſe. Zu dieſem Behuf mußte er durch zwei Zimmer gehen, wo etwa zwanzig Commis arbeiteten, und Auguſt war ſo ſchüchtern, daß er immer in eine gewiſſe Verlegenheit kam, wenn er an dieſen jungen Leuten vorbeiging. Er trifft Herrn Borel ſchreibend an ſeinem Tiſch und dieſer ſagt, als er meinen Bruder hereinkommen ſieht: Mein lieber Freund, ich bin mitten in mei⸗ ner wichtigſten Correſpondenz, ich kann Dir nur einige Minuten widmen. Was führt Dich zu mir? — Oh, ich will Dich nicht lange ſtören, antwortet mein Bruder; ich will blos meine fünfzigtauſend Franken holen und gehe dann ſogleich wieder.“ 170 Herr Dubousquet ſeufzt, ſchweigt einen Augen⸗ blick und fährt dann fort: „Jetzt regte ſich zum erſten Mal ein Verdacht bei Auguſt.“ „Herr Borel hat alſo das Depoſitum geläugnet?“ „Sie werden ſogleich ſehen, Herr Wolfrang. Der Caſſier nimmt eine ernſte wiewohl noch immer freundliche Miene an und ſagt zu meinem Bruder: Mein lieber Auguſt, wir können ſcherzen ſo lang Du willſt, wenn ich Zeit dazu habe; ich muß meine Correſpondenz vollenden; mein Principal wird ſo⸗ gleich kommen, um ſie zu unterzeichnen . . Schieb Dich alſo ſo ſchnell als möglich, ewiger Spaßmacher, fügt Herr Borel lqghend hinzu, dann beginnt er auf's Neue zu ſchreiben und nickt Auguſt einen Abſchiedsgruß zu mit den Worten: Grüß mir Deine Frau; ich werde dieſer Tage einmal zum Diner zu Euch kommen.“ „Dieſe kalte Verſtellung iſt noch abſcheulicher, als eine freche Lüge,“ ſagt Wolfrang ſchaudernd. „Und Ihr Bruder?“ „Er war wie niedergedonnert; er konnte noch nicht glauben, daß ein Freund die Stirne hätte, das Depoſitum zu läugnen; gleichwohl ſchöpfte er einigen Verdacht und ſagte zu Herrn Borel: Ich verſichere Dich, daß ich ſchlechterdings noch heute früh dieſe Summe einzahlen muß. — Wie, Du biſt noch da? verſetzt der Caſſier, der wieder zu ſchrei⸗ ben angefangen hat, jetzt aber ſich gegen meinen Bruder umkehrt und ungeduldig hinzufügt: Ich widerhole Dir, ich habe keine Zeit, um Deine Poſſen anzuhören. Laß mich alſo um Gotteswillen in 171 Ruhe. Auguſt, der die Wahrheit noch nicht ahnte, obſchon er immer beſorgter wurde, ſuchte ſich ſelbſt mit dem Gedanken zu beruhigen, ſein Freund wünſche ohne Zweifel aus irgend einem Grunde die Zurück⸗ erſtattung der Summe hinauszuſchieben und ſagte: Nun meinetwegen, ich werde wieder kommen, wann Du willſt, obſchon es mich genirt und ich eine gute Gelegenheit hinauslaſſen muß; aber ſag mir wenigſtens, wann ſoll ich zurückkommen und mein Geld holen? — Ha! das iſt zu ſtark! ruft Herr Borel dießmal zornig; und als er Herrn Mereville senior in ſein Cabinet treten ſieht, ſteht er auf und ſagt zu Auguſt: Ei, ſo geh' doch einmal! Du biſt unerträglich. Da kommt mein Principal! Beim An⸗ blick des Bankiers wagte mein ariner Bruder, ſchüch⸗ tern wie er vg nicht auf ſeinem Verlangen zu beſtehen, ſondern verließ das Cabinet ſeines Freun⸗ des, aber ſo verwirrt, ſo beſtürzt, denn er ahnte jetzt etwas von der traurigen Wahrheit, daß er beim Hinausgehen an den Tiſch eines Commis ſtieß; er fuhr heftig zurück und warf einen andern Tiſch um. Die jungen Leute begannen über ſeine erſchrockene Miene zu lachen, und nur mit großer Mühe fand er in ſeiner Verwirrung endlich die Thüre und ent⸗ fernte ſich unter allgemeinem Hohngelächter.“ „Und was that der Unglückliche darauf?“ „Er eilt auf die Zollverwaltung, wo ich ange⸗ ſtellt war, und erzählt mir die ganze Geſchichte. Ohne Auguſt meine Befürchtungen mitzutheilen, be⸗ gebe ich mich ſogleich in das Bankhaus.“ Herr Dubousquet hebt bei dieſer Erinnerung die ände zum Himmel empor und murmelt: 172 „Ha! welche Kaltblütigkeit! welche eherne Stirne!“ „Bitte, vollenden Sie doch.“ „Ich war eben ſo ſchüchtern wie mein Bruder, aber mein Wunſch, die Sache aufzuklären, verleiht mir Entſchloſſenheit. Ich trete in Herrn Borels Cabinet mit dem feſten Entſchluß, mich nicht ein⸗ ſchüchtern zu laſſen, ſondern ihm eine beſtimmte Er⸗ klärung abzuverlangen, ob er meinem Bruder ſein Geld zurückgeben wolle oder nicht. Aber ach, trotz meiner Entſchloſſenheit wurde ich über Herrn Borels Empfang ſo beſtürzt, daß ich ganz ruhig und ſtill daſtehe.“ 6 „Was gab er denn zur Antwort?“ „Vermuthlich errieth er den Zweck meines Be⸗ ſuches, denn ſobald er mich bemerkt, ſchneidet er mir, als ich kaum den Mund aufgethan habe, das Wort ab und ſagt mit verhaltenem Zorn: Sie kom⸗ men ohne Zweifel im Auftrag Ihres Bruders, um den beklagenswerthen Skandal zu entſchuldigen, den er heute früh verurſacht hat, indem er die Tiſche umwarf, ſo daß er von allen Commis ausgelacht und verhöhnt wurde.“ „Da ſchneidet er mir von Neuem das Wort ab und fährt fort: alle Entſchuldigungen von Seiten Ihres Bruders können nicht verhindern, daß ich um ſeinetwillen einen ſehr derben Verweis von meinem Prinzipal erhalten habe. Er war über dieſen Lärm ſo erzürnt, daß er mir zu verſtehen gab, wenn ich noch ferner in meinem Cabinet Leute empfange, die ſolche anſtößigen Scenen verurſachen und in ſeinen Bureaur Störungen machen, ſo werde er mich nicht behalten. 173 Da ſehen Sie, welchen Unannehmlichkeiten die dum⸗ men Scherze dieſes Einfaltspinſels von Auguſt mich ausſetzen.“ „Welch ein abſcheulicher Schurke!“ „Das iſt noch Nichts, Herr Wolfrang, hören Sie nur weiter. Dieſer Empfang ſchüchtert mich, wie ich Ihnen geſagt habe, ein. Da es mich jedoch empört, meinen Bruder einen Einfaltspinſel nennen zu hören, ſo nehme ich meinen Muth in beide Hände und antworte mit einem ſtarken Herzklopfen: Von allem Dem iſt nicht die Rede, Herr Borel; ich habe Sie in Auguſt's Namen zu fragen, zu welcher Stunde er die fünfzigtauſend Franken hier abholen kann, die er ihnen vor acht Tagen hier anver⸗ traut hat?“ Nach einer neuen Pauſe fügt Herr Dubous⸗ quet hinzu: „Ach, Herr Wolfrang, welch ein gewandter und ſchrecklicher Komödiant iſt doch dieſer Menſch!“ Er hat alſo die Frechheit gehabt, das Depo⸗ ſitum abzuläugnen?“ „Oh, noch weit ſchlimmer!“ „Wie ſo?“ „Als ich ihn gefragt hatte, wann mein Bruder ſein Geld holen könne, da ſchaute mich Herr Borel (ich kann ihn noch ſehen) mit weit aufgeriſſenen Augen und offenem Munde an und blieb eine Se⸗ kunde lang ſtumm ſitzen; dann ſagte er, wie wenn er dem Erſticken nahe wäre, mit gedämpfter Stimme: Sie behaupten . Ihr Bruder . habe mir vor acht Tagen fünfzigtauſend Franken a wertraut? — Ja, mein Herr. — Jetzt ſieht mich der Caſ 174 Neuem an, ſchweigt eine Zeitlang und ſagt dann, indem er immer aufgeregter erſcheint: Sie kommen im Auftrag Ihres Bruders, um dieſe Summe von mir zurückzufordern? — Ja, mein Herr. — Im Ernſt? — Im vollſten Ernſt. — Ha, das geht über die Gränzen des Scherzes hinaus und wird zur in⸗ famen Verleumdung! ruft Herr Borel, indem er ſcheinbar vor Entrüſtung auſſpringt; dann läuft er an die Thüre ſeines Cabinets, die ich offen gelaſſen hatte, ſchließt ſie, kommt zu mir zurück und ſagt jetzt, indem er ſich mehr betrübt als zornig ſtellt: Herr Dubousquet, Auguſt war mein Jugendfreund; unſre gegenſeitige Neigung datirt von fünfzehn Jah⸗ ren; ich hatte ihn immer für einen ehrlichen Mann gehalten. Ich will noch jetzt glauben, daß er ſich auch im gegenwärtigen Fall blos von abſcheulichen Einflüſterungen irre leiten läßt, indem er mich zu entehren ſucht, während ich ihm doch ſo viele Be⸗ weiſe meiner Freundſchaft gegeben habe .. . Aber dieſe alte und lange Freundſchaft legt mir ei letzte Pflicht auf . ich werde ſie erfüllen .. nste Mitleid mit dem Unglücklichen haben .. Ich will nachſichtig ſein . . Sagen Sie ihm alſo, wofern er mir nicht morgen einen Brief ſchreibe, worin er anerkennt . hören Sie mich wohl worin er anerkennt und bedauert, daß er ſich einen ſchänd⸗ lichen Scherz erlaubt habe, indem er Sie und viel⸗ leicht noch andere Leute verſicherte, er habe fünfzig⸗ tauſend Franken bei mir deponirt. . . Sie verſtehen mich doch, Herr Dubousquet? wenn Ihr Bruber mir nicht morgen dieſen Brief ſchreibt, ſo reiche —,.— —.— 175 ich übermorgen eine Verleumdungsklage gegen dieſen Elenden ein.“ „Welche Verruchtheit!“ 83 „Gehen Sie und ſagen Sie Ihrem Bruder das, fügt Herr Borel hinzu, zugleich erklären Sie ihm, daß zwiſchen uns Alles abgebrochen ſei, und daß ich nach ſeinem abſcheulichen Benehmen ihn nie wieder ſehen werde! So ſprechend weist mir Herr Borel die Thüre ſeines Cabinets. Ich gehe und ſuche Auguſt wieder auf. Nun wohl, wiſſen Sie, Herr olfrang, was meine erſten Worte waren, als ich ihn traf? Biſt Du auch Deiner Sache ganz gewiß, mein guter Bruder, ſagte ich zu ihm, daß Du Herrn Borel die fünfzigtauſend Franken anvertraut haſt?“ Herr Dubousquet ſchweigt einen Augenblick bei dieſen Erinnerungen, die ihn noch mit Schrecken erfüllen. „Alſo,“ verſetzt Wolfrang, „ging die hölliſche Verſchlagenheit dieſes Menſchen ſo weit, daß ſie bei Ihnen ſelbſt Zweifel an der Verſicherung Ihres Bruders hervorrief.“ „Leider ja. Im erſten Augenblick hat, ich ge⸗ ſtehe es, Herrn Borels Ton, ſeine Phyſiognomie, ſein Blick, feine Haltung und beſonders ſeine Dro⸗ hung, Auguſt als Verleumder zu verklagen, einen ſtarken Eindruck auf mich gemacht, ich möchte bei⸗ nahe ſagen, mich überzeugt. Aber bald verflog der Zweifel, den Herr Borel bei mir erregt hatte, wie ein böſer Traum, und ich war mehr als je von der Aufrichtigkeit meines armen Bruders überzeugt.“ „Und was thaten Sie da?“ „Meine erſte Idee war, Suzanne um Rath zu 176 fragen. Sie hatte zwar keine Erziehung genoſſen, beſaß aber einen ſehr klaren Verſtand und viel Feſtigkeit; allein Auguſt beſchwor mich, ich möchte ſeiner Frau noch nichts von dieſem Unglück ſagen.“ „Warum?“ „Weil er fürchtete, es könnte ihr großen Kum⸗ mer verurſachen, und Suzanne möchte ihm Vorwürfe machen, denn mein armer Bruder war gleich mir ſchwach und ängſtlich wie ein Kind. Suzanne war eine vortreffliche Hausfrau, aber auch die unbedingte Gebieterin im Hauſe, und mein Bruder fürchtete ſie wie das Feuer. Aber würden Sie es glauben, Herr Wolfrang? er war ſo gefühlvoll, daß er den Ver⸗ luſt ſeines Geldes weit weniger ſchmerzlich empfand, als die ſchändliche Unehrlichkeit ſeines beſten Freundes. Er, den ich ſo innig liebte! er kann ſich ſo beneh⸗ men! er kann mit mir brechen, während doch alles Unrecht auf ſeiner Seite iſt! rief er ſchluchzend. Vielleicht, ſagte er, it Borel mit meinem Geld auf der Börſe geſpielt und es verloren haben; das iſt ſchlimm aber wenn er mir's nur viiſleſan⸗ den hätte, ſo hätte ich ihm von ganzem Herzen verziehen. Ein Geldverluſt läßt ſich durch Arbeit wieder erſetzen, aber die ſchwarze Bosheit eines Jugendfreundes kann man nie vergeſſen!“ „Gleichwohl konnten Sie dieſe abſcheuliche Be⸗ raubung nicht ſo gutwillig hinnehmen und an dieſe Drohung mit einer Verleumdungsklage nicht glau⸗ ben?“ „Nein, allerdings nicht, aber Sie werden jetzt ſogleich einen neuen Beweis von Auguſt's Schwäche hören. Nachdem ſein erſter Schmerz ein wenig be⸗ 177 ſchwichtigt war, beſtimme ich ihn, einen Advokaten zu befragen. Wir begaben uns zu dem Mann des Geſetzes. Mein Bruder erklärt ihm, ohne ſeinen Freund zu nennen, den Thatbeſtand ſo gut er kann, denn die Aufregung verdoppelte ſein Stottern. Es wurde ſehr ſchwer ihn zu verſtehen. Ich kam ihm zu Hülfe. Der Advokat fragte, ob er Zeugen für die Uebergabe der Summe habe. — Nein, ich war allein mit ihm in ſeinem Cabinet, ſagt Auguſt. — Und Sie haben keinen Empfangsſchein für eine ſo bedeutende Summe verlangt? Das iſt unbegreif⸗ lich. — Kurz und gut, Herr Wolfrang, nach einiger Ueberlegung ſagt der Advokat, die Sache präſentire ſich ſehr ſchlecht. Der Mangel an Zeugen bei Ueber⸗ gabe der Summe, die beinahe unglaubliche Weige⸗ rung einen Empfangsſchein anzunehmen, und der bis jetzt makelloſe Ruf des Depoſitars, alles Das mache den Erfolg eines Prozeſſes zweifelhaft.“ „Die Bemerkung des Advokaten war nur zu be⸗ gründet; Ihr unglücklicher Bruder bätte, dieſem Borel gegenübergeſtellt, der ſicherlich voll Zuverſicht und Keckheit aufgetreten wäre, ganz gewiß den kür⸗ zeren gezogen, denn in Ermanglung von Beweiſen mußte der Vortheil nothwendig auf Seite desjenigen von Beiden bleiben, der von ſeiner Aufrichtigkeit überzeugen konnte.“ „Juſt das ſagte uns der Advokat am Ende der Conſultation, Herr Wolfrang. Da ich mich nun erinnerte, wie mein armer Auguſt in dem oben er⸗ zählten Fall mit dem Tintenfaß trotz ſeiner Unſchuld Jedermann gegen ſich bekommen hatte, ſo ſah ich wohl ein, daß wir auf einen Proceß verzichten Sue⸗ Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. M. 178 mußten, beſonders als Auguſt beim Nachhauſegehen, und obſchon der Advokat uns gerathen hatte zu klagen, ſchon bei dieſem Gedanken an allen Gliedern zitterte und zu mir ſagte: Ich ſoll im Angeſicht Gottes und der Menſchen einen Eid ſchwören! . . und zwar vor den Richtern! . . . vor dem Publikum! . . . und beſonders vor dieſem Borel, den ich ſo innig ge⸗ liebt habe! Wie iſt das möglich! Der Anblick dieſes unwürdigen Freundes würde mich aus aller Faſſung bringen; ich würde ohnmächtig werden, ich würde auf der Stelle ſterben, alſo iſt Alles aus . . . Ich kann nicht mehr hoffen, mein Geld wieder zu be⸗ kommen. Er mag es behalten, dieſer Borel! Ach! ich hätte es ihm hundertmal lieber geſchenkt und ihn als Freund behalten!“ „Alſo wurde keine Klage eingereicht?“ „Nein, Herr Wolfrang, und überdieß .. „Vollenden Sie.“ „Sie werden meinen armen Auguſt ſtreng tadeln; aber ich wiederhole Ihnen, Sie können ſich gar kei⸗ nen Begriff von ſeiner Schwachheit machen.“ „Ei wie, ſollte Ihr Bruder etwa dieſen Brief geſchrieben haben, welchen Herr Borel unter An⸗ drohung einer Verleumdungsklage von ihm ver⸗ langte?“ „Das nicht gerade, aber er hat folgender Maßen raiſonnirt. Mein Geld kann ich nicht wieder zu be⸗ kommen hoffen, ſagte er zu mir, denn wenn ich Borel verklage, ſo werde ich, ich kenne mich ja, durch ſeine zuverſichtliche Haltung erdrückt werden und vor den Augen aller Welt als ein Ehrloſer da⸗ ſtehen, der eine Summe verlangt, die er gar nicht 179 deponirt hat. Auf der andern Seite bin ich, wenn Borel mich als Verleumder belangt, und mein Gott, er iſt wohl im Stande das zu thun, ohne Rettung verloren, denn ich werde mich nicht vertheidigen können. Nun wohl, da ich einmal auf mein Geld verzichten muß, ſo bin ich entſchloſſen, meinem ehe⸗ maligen langjährigen Freund (und Auguſt ſchluchzte von neuem) zu ſchreiben, nicht daß ich gelogen habe, indem ich fünfzigtauſend Franken von ihm zurück⸗ verlangte: man könnte mich eher tödten, als daß ich das unterzeichnete, denn es iſt unwahr; aber ich werde ihm ſchreiben, er könne ruhig ſein, ich würde nie Etwas von ihm verlangen, er werde nie von mir reden hören, denn er hat mir großes Leid zugefügt, während ich doch ſo zärtlich an ihm gehangen hatte.“ „Dieſen Brief hat er geſchrieben?“ „Ach ja, obſchon ich mir alle mögliche Mühe gab es ihm auszureden.“ „Dann hat er nicht blos eine ſtrafwürdige Schwachheit bewieſen, ſondern ſich auch zu dem Mitſchuldigen des Schurken gemacht, der ihn aus⸗ plünderte.“ „Ich kunn Ihnen darin nicht widerſprechen, Herr Wolfrang; aber was wollen Sie? Dies war nun einmal der Charakter meines armen Auguſt.“ „Aber der Verluſt dieſer Summe hat Ihren Bruder ruinirt?“ „So ziemlich es blieben ihm nur noch unge⸗ fähr zehntauſend Franken, die er zum Betriebskapit al für ſeine Weberei beſtimmt hatte.“ „Er hat aiſo ſeiner Frau den Vertrauensmiß⸗ brauch geheim gehalten, deſſen Opfer er 2 180 „Mein Gott, ja. Er hat Suzanne vorgeſchwatzt, er habe von Herrn Borel die Summe zurückerhalten und dieſelbe nach ſeiner erſten Abſicht in ein Unter⸗ nehmen geſteckt; ſpäter ſagte er ſodann zu ſeiner Frau, das Unternehmen ſei mißlungen und ſein Capital verloren gegangen.“ „Bei all' dem wundere ich mich nur darüber, daß dieſer Borel, wenn er einer ſolchen Handlung fähig war, bis dahin einen unangetaſteten Ruf genoſſen hatte.“ 8 „Er verdient ihn auch wirklich, Herr Wolfrang. Sehen Sie, was ihn zum Böſen getrieben hat, das iſt das blinde Vertrauen meines Bruders und beſonders die Gelegenheit. Denn kurz nach dieſem Ereigniß, Auguſt und ich haben uns daran erinnert, aber zu ſpät „. Herr Borel hatte mehrere Male zu uns geſagt: Wenn ich nur etwa vierzigtauſend Franken hätte . . ich würde ſie an eine Speculation riskiren, die mir ſehr einleuchtet. Sie iſt allerdings gewagt, aber wenn ſie gelänge, ſo könnte ſie mir mehr als zweimalhunderttauſend Franken eintragen. Mit dieſen zweimalhunderttauſend Franken würde ich mich bei dem Haus, wo ich als Caſſier bin, betheiligen; die Herren Mereville werden nachgerade alt und ich würde ſie bald erſetzen; da ich nun, ohne Eitelkeit geſprochen, ſehr thätig bin und mich auf die Geſchäfte beſſer verſtehe, als meine Prin⸗ cipale, ſo würde ich in zehn Jahren ein mehrfacher Millionär werden, denn bekanntlich wird Einem nur die erſte Million ſauer gemacht. Dieſe erſte Million wird Herr Borel vermuthlich mit den zweimalhun⸗ derttauſend Franken aus der Spekulation verdient 181 haben, die er mit dem Geld meines armen Auguſt unternahm.“ „Aber wie kommt es, daß Ihr Bruder, ein ſo ſchüchterner, ſo empfindſamer und ſo charakter⸗ ſchwacher Mann bei dieſem Borel einen Diebſtahls⸗ und ſogar Mordsverſuch gemacht hat, wofür Sie büßen mußten?“ 5 „Ach, Herr Wolfrang, die Verzweiflung führt zuweilen ſehr ſchlimme Eingebungen mit ſich, und ſelbſt die ſchüchternſten Leute laſſen ſich oft noch leichter hinreißen, als die Andern. Sie werden ſich davon ſogleich überzeugen.“ XX. „Ihr Bruder, fragte Wolfrang, gerieth alſo in Noth, nachdem er von Herrn Borel ausgeplündert worden?“ „Leider ja. Seit dieſem Augenblick war das Leben meines armen Auguſt nur noch eine lange Folterqual. NRichts glückte ihm. Sehen Sie .. ich habe viel gelitten, nicht wahr, Herr Wolfrang? Nun wohl, meine Leiden waren Nichts gegen das, was mein Bruder ausgeſtanden hat . . . Denn auf ihm laſtete noch der Kummer um ſeine Familie. Er verließ jetzt das Land. Er war Eigenthümer einiger Webſtuͤhle in Lyon wie unſer verſtorbener Vater; aber da er nicht ſelbſt Handwerker war und kein Capital mehr hatte, um ſie im Gang zu erhalten, denn der geringe Ueberreſt ſeines Vermögens hatte nicht lange ausgehalten, ſo konnte er ſeine Induſtrie 182 nicht mehr fortſetzen. Suzanne forderte ihn daher auf einen großen Entſchluß zu faſſen. Auguſt hatte noch kein Kind; ſeine Frau war voll Muth und Hingebung; ſie beſchloſſen nach Amerika zu gehen und einen kleinen Waarenvorrath nebſt ungefähr niertauſend Franken mitzunehmen. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, Herr Wolfrang, daß ich, da ich von meiner Anſtellung leben konnte, mein Vermögen Auguſt zur Verfügung geſtellt hatte; er hatte es aber abgelehnt mit den Worten: wenn ich ſpäter in Noth komme, ſo werde ich Dir ſchrei⸗ ben, aber die Summe, die ich mitnehme, und der Erlös aus meinen Waaren werden für meine Frau und mich auf einige Zeit genügen. Kurz, ſie reisten ab. Was ſoll ich Ihnen lange erzählen, Herr Wolfrang, welche Enttäuſchungen, welche Müh⸗ ſeligkeiten und Gefahren ihrer harrten? Dann wurden ihnen während ihres Aufenthalts in Amerika drei Kinder geboren. Nein, ſehen Sie, was dieſe unglückliche Familie in dieſer Zeit ausgeſtanden hat, iſt nicht an den Himmel zu malen. Das allein begreife ich nicht, daß ſie nicht Alle zuſammen vor Jammer geſtorben ſind.“ „Und Ihr Bruder wandte ſich in ſeinem Unglück niemals an ſie?“ „Ein einziges Mal, drei Jahre nach ſeiner Ab⸗ reiſe, ſchrieb er mir, es gelinge ihm nicht Alles wie er gehofft habe, allein ſie verlieren den Muth nicht (Cſie wollten mich nicht beunruhigen); er bat mich um zweitauſend Franken und ich ſchickte ihm ſechs⸗ tauſend. Da ich ſeinen Charakter kannte, ſo zwei⸗ felte ich nicht daran, daß er ſeine Bitte weit unter 183 ſeinen Bedürfniſſen geſtellt hatte. Später erfuhr ich, daß er mit dieſer Summe noch einen kleinen Handel in Amerika verſucht habe .. aber eben⸗ falls ohne Erfolg. Endlich kommt der unglückſelige Tas 5 Herr Dubousquet wird bei dieſer Erinnerung ſo ergriffen, daß er einen Augenblick innehält; dann fährt er fort: „Ich muß Ihnen ſagen, Herr Wolfrang, daß ich lange, ehe Herr Borel meinen Bruder ausge⸗ plündert hatte, ein Haus in der Nähe des Ge⸗ ſchäftslokals der Herren Mereville und Compagnie bewohnte; ich hatte ein kleines Erdgeſchoß, deſſen Fenſter auf eine Sackgaſſe gingen, die auf der einen Seite durch die Gartenmauer der Herren Mereville geſchloſſen war. Dieſe nicht hohe Mauer war auf der Seite eines der Gärten von innen mit einem Gitterwerk verſehen. Ich gehe auf dieſe Einzelheiten ein, Sie werden ſogleich ſehen warum. Herr Borel hatte damals ſchon ſein Glück gemacht; er war der Nachfolger ſeiner ehemaligen Principale und hatte ihr Haus inne. Ich hatte ſeit ungefähr ſechs Monaten keine Nachrichten von meinem Bruder erhalten, als ich eines Abends gegen zehn Uhr an mein Fenſter klopfen hörte. Ich wohnte wie geſagt im Erdgeſchoß. Es war kein Portier da wie beinahe in allen Häuſern von Lyon. Ich öffne mein Fenſter, die Nacht war ganz dunkel. Ich frage, wer klopfe; ich erkenne die Stimme Auguſt's und mache ihm ſogleich das Haus auf. Ach, Herr Wolfrang, welche Veränderung! Ich hätte ihn nicht erkannt. Er war noch jung und hatte ſchon 184 ganz weiße Haare; dabei war er ſo abgemagert, ſo gebräunt, und ſein ſonſt ſo fanftes Geſicht hatte einen ſo unheimlichen Ausdruck angenommen, daß er mir Angſt machte. Lumpen bedeckten ihn. Sie begreifen meine Ueberraſchung und meinen Schmerz ihn ſo wieder zu finden, aber auch meine Freude ihn überhaupt wieder zu haben. Wir ſinken einander in die Arme; ich brach in Thränen aus. Auguſt dagegen weinte nicht, obſchon er noch ebenſo zärtlich gegen mich war wie früher. Er hatte keine Thränen mehr, er hatte ihrer ſeit langen Jahren zu viele vergoſſen! Wir beruhigen uns; er erzählt mir, daß er aus Amerika komme und ſeine Familie mit dem Bischen Geld, das von der Reiſe übrig geblieben ſei, ungefähr fünfzig Franken, in Paris gelaſſen habe. Er ſei zu Fuß von Paris nach Lyon ge⸗ kommen, habe in den Ställen der Wirthshäuſer aus Gnade übernachtet und von vier Sous täglich gelebt. Seine Reiſe koſte ihn weniger als zehn Franken. Erſt heute Abend ſei ihm, fuhr er fort, nicht weit vor den Thoren der Stadt ein Un⸗ glück zugeſtoßen. Er hatte ſeinen Paß verloren. Ein Gendarm, dem ſein ſchlechtes Ausſehen und ſein bettlermäßiger Aufzug in die Augen fällt, fragt ihn nach ſeinen Papieren; er antwortet, er habe ſie geſtern verloren; der Gendarm begnügt ſich nicht mit dieſer Antwort und will Auguſt verhaften; er widerſetzt ſich, flieht in den Wald von St. Severs, verbirgt ſich dort bis in die Nacht und begibt ſich dann zu mir. Auguſt belog mich. Dieſe Verhaftung war ein Märchen, und Sie werden den Grund ſpäter erfahren, Herr Wolfrang. Damals aber 4 † 185 zweifelte ich nicht an der Wahrhaftigkeit ſeiner Er⸗ zählung und ich ſagte ſogar zu ihm wie? Du, ein ſo ſchüchterner und ängſtlicher Menſch haſt es gewagt einem Gendarm Widerſtand zu leiſten? — Ach, das Unglück, das Elend meiner Frau und meiner Kinder hat mich ganz verwandelt und ich fürchte jetzt Nie⸗ mand mehr, antwortete er mir. Ich frage ihn jetzt, was ſeine Pläne ſeien. Ich will einige Tage bei Dir verborgen bleiben, bis man mich nicht mehr ſucht, im Fall überhaupt wegen meines Streites mit dem Gendarmen auf mich gefahndet wird, gibt er mir zur Antwort; dann wirſt Du mir einige hundert Franken leihen und damit gehe ich nach Paris zurück, um meine Frau und meine Kinder abzuholen. Suzanne fängt ihre Weberei wieder an, und ich werde nöthigenfalls bei Maurern den Hand⸗ langer machen, um mein Brod zu verdienen. Sie ſehen wohl, Herr Wolfrang, daß, ſo lange ich einen Liard gehabt hätte, mein Bruder und ſeine Familie niemals Mangel hätten leiden müſſen; aber ich ließ ihn ſo ſprechen . „Und ſprach er niemals von dieſem Borel?“ „Doch; in den drei Tagen, die er bei mir zu⸗ brachte, ballte er manchmal, während er ſeine und ſeiner Familie Leiden erzählte, beide Fäuſte und rief mit einem unheimlichen Blick, der mich ſchau⸗ dern machte: Dieſer Hallunke da iſt an all unſerem Unglück Schuld! — Ach, Du empfindeſt das Böſe, das Dir Herr Borel zugefügt hat, jetzt weit ſchmerz⸗ licher als früher, armer Bruder, ſagte ich einmal zu ihm. — Oh ja, antwortete er, vor Verzweiflung iſt mir die Galle übergelaufen; ich bin nicht mehr 186 der frühere gute Kerl; mein Herz iſt voll von Haß. Ach! wie dumm ich doch damals war, daß ich es nicht wagte, ihn gerichtlich zu belangen! Unglück⸗ licher Weiſe iſt es jetzt zu ſpät, um dieſen Schuft zu verklagen, und überdieß würde der Brief, den ich ihm zu ſchreiben die Feigheit hatte, gegen mich zeugen. Und Alles was Auguſt in dieſer Beziehung ſagte, war nur allzu richtig, nicht wahr, Herr Wolfrang?“ „Allerdings.“ „Ich verſtecke alſo Auguſt bei mir, ich gebe ihm Weißzeug und Kleider; wir waren von gleicher Größe und ich habe vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß wir einander glichen; wir hatten beſonders eine große Familienähnlichkeit. Morgens ging ich wie gewöhnlich auf mein Bureau und kam um vier Uhr zurück, um mit Auguſt zu diniren; ein Traiteur aus der Nachbarſchaft brachte mir meine Mahlzeiten, denn ich hatte keinen Bedienten; ich beſtellte meine kleine Haushaltung ſelbſt. Niemand konnte alſo ahnen, daß mein Bruder bei mir war. Am Tag nach ſeiner Ankunft ſagte er Abends gegen neun Uhr zu mir: Ich habe heftiges Kopfweh und will eine Stunde lang in die friſche Luft gehen; die Nacht iſt finſter; ich will über mein Geſicht ein Cachencz ziehen, ſo wird man mich nicht erkennen. Dieſes Ausgehen ſchien mir äußerſt unvorſichtig zu ſein, aber vergebens ſuchte ich meinem Bruder ſeinen Plan auszureden; er verließ mich mit den Worten: Man muß ſich auf Alles gefaßt halten; der Zufall kann mich mit meinem Gendarmen zuſammenführen, und wenn er mich erkennt, ſo werde ich entfliehen 187 müſſen; in dieſem Fall wird es mir vielleicht un⸗ möglich heute Nacht zu Dir zurückzukommen; ich habe keinen Sou, leihe mir ungefähr zwanzig Franken, damit ich nöthigen Falls im Wirthshaus ſchlafen kann. Dieſe Betrachtungen meines Bruders ver⸗ doppeln meine Unruhe; ich bitte ihn noch einmal auf's dringendſte nicht auszugehen; er beharrt auf ſeinem Vorſatz. Jetzt biete ich ihm zweihundert Franken in Gold an: er ſchlägt ſie aus mit der Erklärung, daß er eine ſo große Summe nicht be⸗ dürfe. Ich antwortete ihm, wenn ein Unglück geſchehe, ſo könne er genöthigt werden, aus Lyon zu entfliehen, ohne mich wieder zu ſehen, und dann ſei es beſſer mehr in der Taſche zu haben, als weniger. Endlich nimmt er an und geht . Ich erwarte ihn mit einer Herzensangſt, die Sie be⸗ greifen werden, Herr Wolfrang. Eine, zwei, drei Stunden vergehen, er kommt nicht zurück. Ich war in Verzweiflung. Endlich um ein Uhr Nachts kommt er. Er bringt einen ziemlich großen Sack, der ſchwer ausſieht. Er ſagt mir, er bedaure die Unruhe, worein ſein langes Ausbleiben mich verſetzt haben müſſe, aber er habe dem Wunſch nicht wi⸗ derſtehen können, ſeine Vaterſtadt, aus der er ſo viele Jahre lang fern geweſen, wiederzuſehen, und die Zeit ſei vergangen, ohne daß er es bemerkt habe. Es ſei ihm übrigens Etwas zugeſtoßen, was gar nicht übel ſei. Dann zeigt er mir ſeinen Sack mit den Worten: Ich habe einige Gegenſtände für meine Reiſe gekauft, denn ich bin entſchloſſen über⸗ morgen abzureiſen. Man wird wohl nicht mehr auf mich fahnden, und ich ſehne mich nach meiner * 188 Frau und meinen Kindern zurück. Aber wo kann ich inzwiſchen dieſen Sack einſchließen? — Warum ihn einſchließen? Es kommt Niemand hierher, lieber Bruder. — Gleichviel, antwortet Auguſt, ich will dieſe Gegenſtände doch lieber in Sicherheit bringen. Ich bezeichne ihm jetzt einen Wandſchrank, worein er ſeinen Sack legt, und er ſteckt den Schlüſſel zu ſich. Später erinnerte ich mich bemerkt zu haben, daß die Kniee an den Hofen und die Seiten des Rocks, den ich meinem Bruder gegeben, ganz weiß waren, wie wenn er ſich an einer Mauer gerieben hätte; allein ich achtete nicht ſonderlich darauf.“ „Hatte er ſeinen ſtrafbaren Diebſtahlsverſuch ſchon ausgeführt?“ „Nein, Herr Wolfrang, aber er hatte das Terrain recognoſcirt. Der Sack, den er mitbrachte, enthielt, wie ich ſpäter erfuhr, eine Blendlaterne, einen wahren Luxusgegenſtand, der wenigſtens zwanzig Franken loſtete (Sie werden ſogleich erfahren, Herr Wolfrang, warum ich den Preis betone), ein Brecheiſen, einen dicken Knotenſtrick, an deſſen Ende ein großer Haken angebracht war. Auguſt kannte Lyon als ein Stadtkind ganz genau, er hatte dieſe Gegenſtände bei einem der Eiſenkrämer in der Nähe von Perrache gekauft.“ „Dieſen Strick wollte Ihr Bruder alſo dazu benützen, die Gartenmauer des Borelſchen Hauſes zu erklettern?“ „Ach ja, Herr Wolfrang, und mit dem Brech⸗ eiſen wollte er die Caſſe öffnen. Auguſt kannte ſich ganz genau aus in dieſem Hauſe, denn er hatte ——— 189 Herrn Borel zur Zeit ihrer Freundſchaft hundert⸗ mal dort beſucht.“ „Aber in welcher Abſicht hat er Ihnen dieſen angeblichen Streit mit einem Gendarmen erzählt?“ „Um unter dieſem Vorwand drei Tage lang bei mir bleiben und auf dieſe Art die Summe ſtehlen zu können, um welche er durch einen Vertrauens⸗ mißbrauch gekommen war.“ 6 „Und Nichts konnte Ihnen eine Ahnung von den Plänen Ihres Bruders beibringen?2“ „Ganz und gar Nichts. Wie hätte ich ihn einer ſo ſchlechten Handlung fähig glauben können, zumal da Alles, was ich beſaß, zu ſeiner Verfügung ſtand?“ „Und er hat vorgezogen zu ſtehlen?“ „Was wollen Sie? In Folge einer beklagens⸗ werthen Geiſtesverirrung hatte er ſich eingebildet, es ſei kein Diebſtahl, wenn er mit Gewalt zurück⸗ nehme, was man ihm mit Liſt entwendet habe.“ „Aber wie kam es dann, daß Sie wegen des Verbrechens angeklagt wurden, das Ihr Bruder begangen hatte?“ Das ſollen Sie ſogleich erfahren, Herr Wolf⸗ rang.“ X Herr Dubousquet ſammelte einen Augenblick beim Gedanken an dieſe unheilſchwangere Nacht, die ihm ſo peinliche Erinnerungen zurückrief, und dann begann er auf's Neue: „Es war ein Donnerſtag im Monat October. 190 Auguſt ſollte, wie er mir geſagt hatte, in der fol⸗ genden Nacht mit der Diligence nach Paris zurück⸗ reiſen. Ich komme zur genohnten Stunde von meinem Bureau zurück und wir verbringen den Abend zuſammen. Mein Bruder ſah bald ſehr be⸗ fümmert aus, bald war er beinahe gerührt. Sein Geſicht wurde wieder ſanft, er ſah mich mit ſeinen gutmüthigen Augen von früher an und hielt, wäh⸗ rend wir mit einander ſprachen, beinahe immer eine meiner Hände in den ſeinigen. Ich weiß nicht, welche Ahnung mir ſagte, daß Auguſt nicht in ſei⸗ ner gewöhnlichen Verfaſſung ſei. — Du haſt Etwas, lieber Bruder, ſagte ich zu ihm; ich habe Dich zwei oder drei Mal beinahe weinen geſehen. — Es iſt wahr, es betrübt mich, wenn ich daran denke, daß ich Dich morgen verlaſſen muß, antwortet er. So annehmbar dieſe und ähnliche Antworten waren, ſo vermochten ſie doch meine unbeſtimmten Beſorgniſſe nicht zu beſchwichtigen; offenbar mußte die Befan⸗ genheit meines Bruders eine andere Urſache als unſere Trennung haben, denn er ſollte ja unmittel⸗ bar mit ſeiner Familie nach Lyon zurückkehren, und dann waren wir ja wieder beiſammen. Von Zeit zu Zeit ſtand er auf und ſah durch die Scheiben, ob die Nacht finſter ſei; einmal entfuhr es ihm ſo⸗ gar, daß er mit augenſcheinlicher Befriedigung ſagte: Es wird ſehr dunkel, es regnet, es geht ein ſtarker Wind. Ueberraſcht durch den Ton, womit er dies äußerte, ſagte ich zu ihm Man ſollte glauben, das ſchlechte Wetter mache Dir Freude. — Ja, aller⸗ dings, antwortete er nach einem Augenblick der Ver⸗ legenheit, denn wenn es heute Nacht ſchlechtes — ———— ————————— 191 Wetter iſt, ſo iſt's vielleicht auch morgen noch ſo und dann werden die Gendarmen weniger Luſt haben, ihre Patrouillen zu machen; ich riskire daher, wenn ich auf die Poſt gehe, kein Zuſammentreffen mit Demjenigen, mit dem ich dieſen kleinen Zank gehabt habe. Dieſe Erklärung ließ ſich hören und ſie ge⸗ nügte mir. Endlich gegen eilf Uhr gehen wir ſchla⸗ fen. Mein Bruder theilte mein Bett. Unglücklicher Weiſe habe ich einen ſehr ſchweren Schlaf. Wenn ich einmal im erſten Schlaf liege, bin ich ſehr ſchwer wieder aufzuwecken; aber an dieſem Abend hielt mich meine unerklärliche Unruhe, von der ich Ihnen ſagte, ungewöhnlich lange wach. Gleichwohl war ich im Begriff einzuſchlummern, als ich bemerkte, daß Auguſt behutſam das Bett verließ. — Wohin gehſt Du? fragte ich ihn. — Ich will ſehen, ob das Wetter noch immer ſchlecht iſt, denn ich muß immer an meinen Gendarmen denken, antwortet er mir, indem er auf das Fenſter zuging. Das Wetter war allerdings noch immer ſchlecht; es ging ein ſo heftiger Wind, daß die Regenſchauer wie Hagel an die Scheiben ſchlugen. In dieſem Augen⸗ blick ſchlug es zwölf Uhr. Mein Bruder legte ſich wieder zu mir ins Bett. Endlich verſank ich in einen bleiſchweren Schlaf.“ „Ich weiß nicht, wie lange ich geſchlafen hatte, als ich auf einmal von Auguſt aufgerüttelt wurde. Er umarmte mich und ſagte mit erſtickter Stimme zu mir: Adieu Amedee, Adieu! Dann hörte ich wie er auf's Fenſter zuſtürzte, in die Straße hin⸗ abſprang und eilig entfloh. Ich hatte kein Licht, und noch halb ſchlafend fragte ich mich, ob ich 192 träume oder nicht. Inzwiſchen bin ich doch nach einem Augenblick vollkommen wach. Ich erinnere mich, daß mein Bruder mich umarmt und mir Lebe⸗ wohl geſagt hatte. Mein erſter Gedanke iſt, er ſei entdeckt worden, er habe die Gendarmen an die Hausthüre klopfen gehört und ſich aus dem Staub gemacht. Dies beruhigte mich ein wenig. Ich ſtehe auf, um ein Licht anzuzünden; das Fenſter iſt weit offen geblieben, ich eile hin . . . ich ſehe hinaus und horche . . . Ich höre Nichts, als das Getöſe des Regens, der auf das Pflaſter platſcht. Er fiel in Strömen und der Wind jagte ihn dermaßen gegen mich her, daß ich in den zwei oder drei Minuten, die ich am Fenſter ſtehen blieb und lauſchte, gänzlich durchnäßt wurde. Ich ſchließe das Fenſter wieder, indem ich mich frage, wie mein Bruder vor der gegen ihn beabſichtigten Verhaftung gewarnt werden konnte, da ich auf der Straße Nichts ſah und Nichts hörte. Ich zünde ein Licht an, um ein friſches Hemd anzuziehen, denn das⸗ jenige, das ich am Leib hatte, trof von Waſſer. Und jetzt, Herr Wolfrang, fährt der ehemalige Ga⸗ leerenſclave bebend fort, jetzt bemerke ich mit Ent⸗ ſetzen, daß mein ganz naſſes Hemd Blutflecken hat; ich ſehe auch auf meinem Kopfkiſſen Blut und be⸗ merke darauf den Abdruck blutiger Hände.“ „Dies waren ohne Zweifel die Hände Ihres Bruders, der, als er Sie umarmte und ſich auf Sie herabbeugte, um Ihnen Lebewohl zu ſagen, Ihr Hemd und Ihr Bett blutig gemacht hatte?“ „Ja, Herr See „Ihr Bruder war alſo verwundet?“ 193 „Nein.“ „Und dieſes Blut?“ „War nicht das ſeinige, aber ich hatte es im Anfang geglaubt. Denken Sie ſich alſo meinen Schrecken, Herr Wolfrang, denn beim Schein mei⸗ nes Lichts bemerke ich, daß der Rock, den ich Auguſt geliehen, vom Regen durchnäßt war und Blut an den Aermeln hatte; ich konnte dies leicht unterſchei⸗ den, denn er war von heller Farbe. Zitternd hebe ich dieſes Kleidungsſtück auf, um es zu betrachten da bemerke ich, daß ihm ein Schooß fehlt, der ohne Zweifel in einem Kampf abgeriſſen worden war. Auch mein Kleiderſchrank war offen, und ich zweifelte nicht daran, daß Auguſt ſeine Kleider ge⸗ wechſelt haben werde, bevor er entflohen ſei.“ „Und Sie kommen nicht auf den Gedanken, daß er einen Verſuch gemacht habe, ſich bei Herrn Borel einzuſchleichen?“ „Mein Gott, nein, Herr Wolfrang; ich war dermaßen beſtürzt über alle dieſe Vorgänge, daß ich kaum zwei Gedanken zuſammenbringen konnte. Auf einmal höre ich Stimmen auf der Straße; dieſe bringen mich wieder zur Beſinnung . . . Ich ſehe durch die Scheiben hindurch das Licht von mehreren Laternen, die unter meinem Fenſter auf und abge⸗ tragen wurden, und bald ruft eine Stimme: Es iſt Licht im Erdgeſchoß, er iſt da! Beinahe zur ſelben Zeit, während man heftig an die Hausthüre klopft, wird eine meiner Fenſterſcheiben zerſplittert, ein Arm dringt herein, läßt den Drehriegel ſpielen und nun ſteigen zwei Männer herauf, ſpringen in mein Zimmer, fallen über mich her, und ehe ich Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 13 194 Zeit gehabt habe zur Beſinnung zu kommen, packen ſie mich an der Kehle und werfen mich unter dem Ruf: Mörder! zu Boden. Ich verliere die Beſin⸗ nung, meine Kräfte verlaſſen mich und ich falle in Ohnmacht.“ XXII. Wolfrang, der ſich immer mehr intereſſirte, be⸗ gann das Zuſammenwirken und die Verkettung der unglückſeligen Umſtände, welche das Opfer des Herrn Dubousquet möglich gemacht hatten, zu begreifen und fragte: „Die Leute, die auf dieſe gewaltſame Weiſe bei. eindrangen, gehörten ohne Zweifel zur Po⸗ izei?“ „Ja, Herr Wolfrang, und als ich nach einer etwa halbſtündigen Ohnmacht die Augen wieder aufſchlug, lag ich in meinem Bett mit Handſchellen an den Fat elenken und Ketten an den Füßen. Mein noch verwirrter Geiſt klärte ſich indeſſen all⸗ mählig auf. Ich ſah an meinem Bureau den Poli⸗ zeicommiſſär mit der Protocollaufnahme beſchäftigt, ich ſah einige Gendarmen und zwei Polizeiagenten im Zimmer ſtehen. Meine Erinnerungen kehrten mit meinem Bewußtſein zurück. Als ich an den heftigen Abſchied Auguſt's, das Blut, womit er mich befleckt, und an die gleichfalls blutbefleckten Kleider dachte, die er im Augenblick der Flucht hinterlaſſen hatte, ahnte ich zum erſten Mal, wie⸗ wohl noch verworren, einen Theil der Wahrheitz 195 aber der Gedanke, der alle andern beherrſchte, war, daß Auguſt gerettet ſei und daß man mich für den Verbrecher halten müſſe, da man mich gefeſſelt habe. Dieß beruhigte mich, gab mir Muth und es wurde mir weit leichter um's Herz.“ Herr Dubousquet ſprach dieſe Worte mit einer naiven Einfachheit, ſo daß er ihren Werth gar nicht zu ahnen ſchien, und fuhr folgender Maßen in ſei⸗ ner Erzählung fort: „Als der Polizeicommiſſär an einer Bewegung, die ich machte um mich zu ſetzen, bemerkte, daß ich wieder zum Bewußtſein gekommen war, ſagte er zu mir: Sind Sie im Stand meine Fragen zu be⸗ antworten? — Ja, mein Herr. — Jetzt verließ er den Tiſch, wo ſein Schreiber ſeine Stelle einnahm, und ſagte zu dieſem? Schreiben Sie das Verhör⸗ Dann näherte er ſich dem Bett, auf dem ich ſaß, und begann mich zu verhören.“ Herr Dubousquet unterbricht ſich von Neuem und ſagt zu Wolfrang: g „Ich habe das Gerichtsjournal, prin ſämmt⸗ liche Urkunden meines Proceſſes und unter andern auch das Protokoll über mein Verhör ſowie über die andern Ereigniſſe dieſer ſchrecklichen Nacht ver⸗ zeichnet ſind. Wenn Sie es wünſchen, Herr Wolf⸗ rang, ſo will ich ſie Ihnen vorleſen.“ Der ehemalige Galeerenſträfling öffnet einen Secretär, zieht einen Papierbund hervor, nimmt einige Bogen heraus und beginnt folgender Maßen das Protokoll über ſein Verhör vorzuleſen: „Sie heißen Amedée Dubousquet?“ „Ja, mein Herr.“ 13* 196 Sie ſind bei der Zollverwaltung angeſtellt?“ „Ja, mein Herr.“ „Wie haben Sie heute Nacht von ungefähr ein Uhr Morgens bis zu dem Augenblick, wo wir zu Ihnen hereinkamen, Ihre Zeit zugebracht?“ „Ich bin um eilf Uhr zu Bette gegangen und habe geſchlafen; als man mein Fenſter einſchlug, bin ich an dem Lärm plötzlich aufgewacht.“ „Dieß iſt nicht wahr. Die Agenten haben Sie, bevor Sie bei Ihnen einſtiegen, durch das Fenſter hindurch geſehen, wie Sie beim Schein eines Lichtes mitten in Ihrem Zimmer ſtanden und dieſen vom Regen durchnäßten, an den Aermeln mit Blut be⸗ fleckten Rock in der Hand hielten. Was haben Sie darauf zu antworten?“ „Nichts.“ „Gehört der Rock Ihnen?“ „In dieſem Fall, wenn Sie, wie Sie verſichern, Ihre Wohnung heute Nacht nicht verlaſſen haben, wie erklären Sie, daß dieſes Kleidungsſtück durch⸗ näßt und mit Blut befleckt iſt?“ „Wie erklären Sie dieſe Blutflecken in Ihrem Bett und Ihr ebenfalls durchnäßtes Hemd?“ „Ich weiß nicht.“ „Erkennen Sie dieſe Briefe?“ (Der Commiſſär zeigte mir zwei unbedeutende Briefe, die ich in einer Taſche des meinem Bruder geliehenen Kleidungs⸗ ſtücks gelaſſen hatte, ſagt Herr Dubousquet als Parentheſe und liest dann alſo weitert) 197 „Dieſe Briefe ſind an Sie gerichtet; erkennen Sie dieſelben?“ „Ja, mein Herr.“ „Dieſe Briefe ſind in der Taſche gefunden wor⸗ den, die an dieſem Rockfetzen hing. Erkennen Sie denſelben als einen Theil dieſes Rockes da, von dem Sie eingeſtanden haben, daß er Ihnen gehöre?“ „Ja, mein Herr.“ „Erkennen Sie dieſen Knotenſtrick, an deſſen Ende ein ſtarker Haken hängt, und dieſes blutige Brecheiſen?“ „Nein, mein Herr.“ „Dieſer Strick wurde ſoeben an der Mauerkappe Ihrem Fenſter gegenüber hängend und an ſeinen Haken befeſtigt gefunden.“ „Das iſt möglich.“ „Sie erkennen dieſen Strick nicht?“ „Nein, mein Herr.“ „Vernehmen Sie jetzt das Protokoll, die Erklä⸗ rungen und die Thatſachen, die ſich auf den heute Nacht in Herrn Borels Haus ausgeführten Dieb⸗ ſtahls⸗ und Mordverſuch beziehen.“ Wolfrang unterbricht hier Herrn Dubousquet und ſagt voll Rührung: „Ich ſehe es jetzt wohl, aller Anſchein war gegen Sie. Dieſe Kleider, die Sie Ihrem Bruder geliehen hatten, wurden ein zermalmender Beweis gegen Sie, und gleichwohl konnten Sie den er⸗ drückenden Argwohn, deſſen Gegenſtand Sie waren, mit einem einzigen Wort abwenden.“ „Oh allerdings, Herr Wolfrang, denn im Ver⸗ lauf meines Verhörs, und beſonders als der Com⸗ 198 miſſär von einem Diebſtahls⸗ und Mordverſuch bei Herrn Borel geſprochen hatte, begann mir die Wahrheit, die mir bisher nur dunkel vorgeſchwebt, ganz hell vor die Augen zu treten. Ich erinnerte mich an tauſenderlei Umſtände von Auguſt's Auf⸗ enthalt bei mir. Ich zweifelte, wie ich Ihnen ſo eben ſagte, nicht mehr daran, daß der Unglückliche, der ſich in ſeinem Irrwahn berechtigt glaubte, die fünfzigtauſend Franken, um welche er durch einen ſchändlichen Vertrauensmißbrauch gekommen war, mit Gewalt wieder zu erlangen, ſich zu einem Ver⸗ brechen entſchloſſen habe, weil der Kummer und beſonders das Elend ſeiner Familie ihn zur Ver⸗ zweiflung getrieben.“ „Und als Ihnen nach dem Verhör bei dem Com⸗ miſſär die Wahrheit vor die Augen trat, da faßten Sie ſogleich den Entſchluß, ſich für Ihren Bruder zu opfern?“ „Sogleich? oh nein. Sehen Sie, Herr Wolf⸗ rang, Sie dürfen mich nicht für beſſer halten, als ich bin,“ antwortet Herr Dubousquet mit rühren⸗ der Treuherzigkeit. „Nein . nein .. Als ich einſah, daß man das von meinem Bruder Be⸗ gangene mir zur Laſt legte und daß aller Schein mich zermalmte, da erſchrack ich Anfangs ſchon vor dem bloßen Gedanfen, für einen Dieb und Mörder zu gelten. Bei dieſer Idee empörte ſich Alles in mir: ich hatte bereits gleichſam eine Ahnung von den Leiden und der Schmach, die über mich kom⸗ men ſollten. Die Blicke der Verachtung und des Abſcheus, welche der Commiſſär und die anderen Perſonen auf mich warfen, durchbohrten mir das 199 Herz, und dies war erſt der Anfang. Und dann, es iſt eine Schwachheit wenn Sie wollen, Herr Wolfrang, aber als ich mein ſauberes Stübchen und meine weißen Vorhänge, meine blanken Möbel, kurz dieſe ganze kleine Haushaltung betrachtete, welche ich liebgewonnen hatte und in deren Mitte ich ſchon ſo lange Zeit zufrieden lebte, da bebte ich bei der ſchauerlichen Ausſicht auf das Gefängniß⸗ leben unter Verbrechern, denn ich war ſo ängſtlich ſogar in meinen Verbindungen mit den ehr⸗ lichen Leuten. Und dies war nur der Anfang, denn wenn man mich verurtheilte, und daran konnte ich nicht wohl zweifeln, ſo mußte das Bagno kom⸗ men. Meine Tage an der Kette verbracht, zuſam⸗ mengeſchloſſen mit Dieben und Mördern!“ Herr Dubousquet, der bei dieſer Erinnerung noch ſchaudert, ſchweigt einen Augenblick und fügt dann lächelnd hinzu: „Oh nein, Herr Wolfrang, nein ich geſtehe Ihnen ganz aufrichtig, daß der Gedanke, mich für meinen Bruder zu opfern, mir nicht ſogleich gekom⸗ men iſt. Ja ich fand ſogar, während ich mein Ver⸗ hör ſo beſtand, daß ich Auguſt nicht compromittirte, zu meiner großen Verwunderung, daß ich auf ein⸗ mal ſehr ſchlau geworden war; ja Herr Wolfrang, zu meiner großen Verwunderung, denn noch in dieſer Stunde frage ich mich, woher mich auf ein⸗ mal eine ſo große Schurkerei angeflogen hatte; ja, ich war ſchlau genug, um bei mir ſelbſt zu denken: Während ich glauben laſſe, daß ich der Verbrecher ſei, hat Auguſt Zeit ſich zu retten . ſpäter dann, wenn ich ihn mit Beſtimmtheit in Sicherheit weiß, — 200 werde ich erklären, daß ich das Verbrechen nicht begangen habe. Sie ſehen alſo wohl, daß Sie mich nicht für beſſer halten dürfen, als ich bin; erſt ſpäter, nach langer Ueberlegung und ſchmerz⸗ licher Selbſtüberwindung (denn ich kannte mich und wußte, was ich bei meinem Charakter zu erleiden haben würde), erſt ſpäter faßte ich endlich meinen Entſchluß und opferte mich vollſtändig für Auguſt auf.“ „Ach dieſe Kämpfe ſelbſt, dieſe Unſchlüſſigkeiten gegenüber dem furchtbaren Schickſal, das Sie er⸗ wartete und deſſen Sie ſich bewußt waren, machen Ihr Opfer noch bewundernswürdiger.“ „Sie übertreiben, erlauben Sie mir Ihnen das zu bemerken, Herr Wolfrang, Sie übertreiben, was etwa Leidliches an meinem Benehmen iſt. Oh, ich hätte vielleicht das Verdienſt gehabt, von dem Sie ſprochen, wenn ich mich ſogleich und ganz kuhn ent⸗ ſchloſſen hätte, mich für meinen Bruder zu opfern. Aber es war nicht ſo. Erſt ſpäter, als ich die Zukunft meines armen Auguſi und ſeiner Familie bedachte, im Fall ich mich nicht für ihn opfern würde, ſah ich mich ſo zu ſagen durch dieſe Betrachtungen gezwungen, ſo zu handeln, wie ich gethan habe. Es war alſo bloß eine aufgewärmte Sache. Was wollen Sie? man muß die Menſchen nehmen, wie ſie ſind. Und dann, ſehen Sie, Herr Wolfrang, laſſen Sie uns ein wenig nachdenken, ſo werden Sie ſogleich einſehen, daß ich nicht anders handeln konnte.“ „Wie wollen Sie mir das darthun?“ „Ganz einfach; aller Schein war gegen mich, nicht wahr? . 26 „Ja und zwar auf furchtbare Art.“ „Allerdings. Ich hatte alſo nur noch ein ein⸗ ziges Mittel in der Welt, um meine Unſchuld zu beweiſen: ich mußte den wahren Verbrecher nennen; denn wenn ich den Richtern blos geantwortet hätte: „wißt, daß ich nicht der Schuldige bin,“ ſo hätte ich keinen Glauben finden können; allzu viele Umſtände zeugten gegen mich . . . Iſt das wahr?“ „Allerdings.“ „Sie ſehen alſo wohl, Herr Wolfrang, es gab einen unüberwindlichen Grund, der mich ſpäter zwingen mußte mich an Auguſt's Statt ſchuldig zu bekennen.“ „Welcher Art war dieſer unüberwindliche Grund?“ „Mein Gott, Herr Wolfrang, ein ganz natür⸗ licher Grund, nämlich daß es einem Bruder unmög⸗ lich iſt, einen Bruder zu denunziren . . . Selbſt wenn ich dieſe Schändlichkeit hätte begehen wollen, ſa Hätte ich ſie, ſo wahr der Himmel iſt, materiell nicht ausführen können . . . meine Zunge hätte mir den Dienſt verſagt, um die wahrhaft bruder⸗ mörderiſchen Worte auszuſprechen: Ich bin nicht der Verbrecher, mein Bruder iſt's!“ XXIII. Wolfrang mußte vollſtändig darauf verzichten, Herrn Dubousquet den hohen Werth ſeiner Auf⸗ opferung zum Bewußtſein zu bringen. Er ſagte alſo mit freundlicher Ironie zu ihm: 202 „Nun ja denn, Nichts iſt natürlicher als Ihr Opfer; es verdient durchaus kein Lob, das iſt ganz klar; Sie konnten nicht anders handeln; dies iſt eine durchaus neue Pſychologie und Phyſiologie, de⸗ ren Erfindung wenigſtens Ihrem Herzen Ehre macht.“ „Ei, ei, Sie ſpotten über mich, Herr Wolfrang.“ „Natürlich, denn Spott iſt diejenige Empfindung, die mich in dieſem Augenblick beherrſcht. Aber leſen Sie gefälligſt weiter; wir waren am Protokoll des Polizeicommiſſärs über die Vorfälle in Herrn Borels Wohnung.“ „Ich fahre alſo fort. Das Protokoll, wovon mir der Polizeicommiſſär nach beendetem Verhör Einſicht gab, lautete wie folgt: „Heute um dreiviertel auf zwei Uhr Morgens ſind wir von einem der Bedienten des Herrn Borel, Bankiers, erſucht worden, in Begleitung unſerer Agenten eiligſt in ſeine Wohnung zu kommen, um über einen Diebſtahlsverſuch zu erkennen, der nächt⸗ licherweile mit Einſteigung und Einbruch begangen und von einem Mord begleitet wurde, welcher in Folge von Urſachen, die vom Willen des Mörders unabhängig waren, nicht zur gänzlichen Ausführung gekommen iſt. „Wir wurden zuerſt in einen untern Saal ge⸗ führt, der als Gewächshaus dient und deſſen Fenſter auf den Garten der Wohnung gingen; der Laden eines dieſer Fenſter muß mit Hülfe eines Brech⸗ eiſens erbrochen worden ſein, und die auf dem Boden liegenden Trümmer einer Scheibe geſtatteten dem Dieb das Fenſter von innen zu öffnen. „Wir bemerkten auf dem Boden eine mit Koth 203 und Gartenſand vermiſchte Spur von Tritten; dieſe verfolgten wir beſtändig und kamen durch einen Cor⸗ ridor, welcher uns zu einer Treppe führte, wo noch die Spur derſelben Tritte bemerkt wurde. Wir ſtiegen ſie hinan und kamen auf den Abſatz des erſten Stockes. „Auf beſagtem Abſatz geht die Hauptthüre der Bureaux des Herrn Borel heraus, die aus zwei ineinandergehenden Zimmern beſtehen, an deren Ende ſich das Cabinet des Caſſiers befindet. In beſagtem Cabinet befinden ſich eine eiſerne Caſſe und ein Schreibtiſch, an welchem eine mit geheimem Schloß verſehene Schublade, wie man uns geſagt hat, gewöhnlich eine ziemlich bedeutende Summe enthält, zu ſolchen Zahlungen beſtimmt, deren Betrag nicht nöthig macht, daß man ſich an die Hauptecaſſe wendet. „Wir erkannten ohne Mühe friſche Spuren eines Erbrechungsverſuchs an der als Hilfscaſſe dienenden Schublade des Schreibtiſches, der in dem beſagten Cabinet ſteht. Auf dem Boden ſahen wir eine große Blutlache, ein Brecheiſen und ein Stück von einem Kleid; die Spuren der Tritte, und eine Art von Geſtampf in der Blutlache bewieſen, daß an dieſem Ort ein Kampf ſtattgefunden hatte. „Nach dieſer Prüfung der Lokalitäten wurden wir von Herrn Borel in eine Art von Gang geführt, welcher mit dem Cabinet, wo der Kampf ſtattge⸗ funden, in Verbindung ſteht, und da ſahen wir auf einem Gurtbett einen gewiſſen Jean Dupont liegen, den Ausläufer des Hauſes, der jede Nacht 204 in beſagtem Gang ſchläft, um die Caſſe bewachen zu können.“ „Beſagter Jean Dupont gab, als wir ihn aus⸗ fragten, was er wiſſe, zur Antwort; „Gegen ein Uhr Morgens ſei er aufgeweckt worden durch ein dumpfes Geräuſche, verurſacht durch den Erbrechungsverſuch an dem Schreibtiſch in dem anſtoßenden Zimmer, deſſen Thüre offen geblieben war. „Da beſagter Jean Dupont nicht zweifelte, daß ein Dieb ſich ins Haus geſchlichen habe, ſo ſtand er auf und eilte ins anſtoßende Zimmer, das von einer kleinen, auf einem Tiſch ſtehenden, Laterne erhellt war. „Beſagter Jean Dupont ſah ſich nun einen Mann von mittlerem Wuchs gegenüber, der einen weißlichen Ueberrock trug und beſchäftigt war die Schublade des Schreibtiſches zu erbrechen. Als dieſer Menſch beim Anblick des beſagten Jean Dupont die Flucht ergreifen wollte, packte ihn dieſer und hielt ihn ſo heftig am Rockſchooß feſt, daß dieſer Schooß ihm in den Händen blieb; und in dieſem Augenblick erklärt beſagter Jean Dupont, von dem Verbrecher einen erſten Schlag mit dem Brecheiſen auf den Kopf bekommen zu haben; als er dann trotz dieſes Schlags und trotz ſeines Blutverluſtes den Dieb verfolgte, bekam er einen zweiten und zwar ſo heftigen Schlag auf den Schädel, daß das Blut aus dieſer neuen Wunde hervorſtrömte, und daß beſagter Jean Dupont, nachdem er noch einen Augenblick mit ſeinem Mörder gerungen, betäubt — 205 und bewußtlos zuſammenſank, worauf der Verbrecher die Flucht ergreifen konnte. „Als beſagter Jean Dupont nach einigen Augen⸗ blicken wieder zum Bewuftſein kam, erklärte er, er ſei aufgeſtanden, um im Hauſe Lärm zu machen⸗ „In Folge dieſer Vorfälle begaben wir uns in die Wohnung des Herrn Borel. „Nachdem wir die Erklärungen von Jean Dupont zu Protokoll genommen, ſetzten wir unſere Unter⸗ ſuchung fort, folgten von neuem den Spuren, die der Verbrecher auf ſeiner Flucht hinterlaſſen, und unterſchieden ſie von den erſten Spuren dadurch, daß die zweiten in Folge ſeines Stampfens im Blute des Opfers blutig waren. „Wir begaben uns ſodann in den Garten und erkannten mit Hilfe einer Laterne dieſelben Spuren tief eingedrückt in dem weichen Boden einer Allee. Sie führten an eine Mauer, die mit einem Gitter⸗ werk verſehen war, mit deſſen Hilfe der Verbrecher hinaufgelangen konnte. „Während wir dieſe Forſchungen im Innern des Gartens anſtellten, nahmen unſere Agenten zu gleicher Zeit andere Unterſuchungen in einer Sack⸗ gaſſe vor, an welcher ſich die äußere Mauer des vorerwähnten Gartens hinzieht; hier fanden ſie einen Knotenſtrick, an deſſen Ende ſich ein weit geöffneter eiſerner Haken befand, der an die Mauerkappe befeſtigt war; der Strick hatte augenſcheinlich dem Mörder dazu geholfen auf der andern Seite der Mauer hinabzuſteigen. . „Im ſelben Augenblick bemerkten unſere beſagten Agenten Licht in einem Erdgeſchoß, deſſen Fenſter 206 auf die Sackgaſſe gingen, wo ſie den Strick entdeckt hatten; ſie bemerkten im Innern dieſer Wohnung einen Mann, der im blutigen Hemd daſtand und ohne Zweifel ſoeben ſeine Kleider ausgezogen hatte. Unſere beſagten Agenten, die ſich nur von ihrem Eifer leiten ließen, betrachteten dieſes Individuum als ſozuſagen auf offener That ertappt, ſtiegen daher zum Fenſter bei ihm ein und feſſelten es. „Dieſer vorläufige Akt ſollte bald gerechtfertigt werden, denn wir fanden auf dem Schauplatze des mörderiſchenKampfes in dem zurückgelaſſenen Rockfetzen zwei im Ganzen nichtsſagende Briefe, die an einen gewiſſen Zollbeamten Dubousquet gerichtet waren. Nun iſt beſagter Dubousquet daſſelbe Individuum, in deſſen Wohnung unſere Agenten eingeſtiegen ſind. Nachdem wir gleichfalls in das Haus gegangen waren, deſſen Thüre unſere Agenten uns öffneten, fanden wir im Zimmer des beſagten Dubousquet, der gerade in gänzlicher Ohnmacht lag, einen grau⸗ weißen Rock, vom Regen durchnäßt, mit großen Blutflecken an den Aermeln und Umſchlägen, und zu dieſem Rock paßte vollkommen der auf dem Schau⸗ platz des Verbrechens liegen gebliebene Schooß, woran noch die Taſche hing, welche die beiden Vriefe an beſagten Dubousquet enthielt. „Als dieſer wieder zu dem Bewußtſein gelangte, nahmen wir unſer Verhör mit ihm vor.“ Nachdem Herr Dubousquet dieſes Protokoll vorgeleſen hatte, legte er es auf einen Tiſch und Wolfrang ſagte zu ihm: S „In der That wirkte Alles zuſammen, daß der Schein für Sie zermalmend wurde. Aber warum 207 hat Ihr Bruder nicht überlegt, daß er, wenn er zu Ihnen zurückkam, Sie auf eine ſo ſchwere Art compromittiren mußte?“ „Ueberlegen! Herr Wolfrang? Ach der Unglück⸗ liche war ganz verwirrt vor Schrecken und Reue, denn zum erſten Mal in ſeinem Leben vergoß er Blut, und er hätte dies gewiß nicht gethan, wenn er nicht von dem Ausläufer feſtgehalten worden wäre. Da verlor er den Kopf vor Schrecken und dachte nur noch daran, wie er ſeinem Angreifer entrinnen ſollte. Er hatte, wie er mir ſpäter ſagte, Anfangs im Sinn ſich im Hauſe zu verbergen; da er mich aber bloszuſtellen fürchtete, ſo wollte er mich blos zum letzten Mal umarmen, dann kam ihm der Gedanke, ſeine naſſen und blutigen Kleider mit trockenen zu vertauſchen, um die Spur ſeines Verbrechens verſchwinden zu machen. Er konnte das Zuſammentreffen von Umſtänden, das mich zer⸗ malmen mußte, nicht vorausſehen, und er wußte auch nicht, daß die Taſchen an dem Rock, den ich ihm geliehen hatte, zwei Briefe an mich enthielten.“ „Es iſt wahr. Sie wurden ohne Zweifel noch an demſelben Tag eingekerkert?“ „Leider jau. Nachdem der Commiſſär mir das Protokoll vorgeleſen hatte, fragte er, ob ich mich als ſchuldig bekenne. Ich habe nichts zu antworten, ſagte ich; denn nach Verleſung dieſes Protokolls blieb mir nicht der geringſte Zweifel an der Schuld⸗ haftigkeit Auguſt's übrig. Ich war jetzt, ich wider⸗ hole es, entſchloſſen ihm Zeit zur Flucht zu gönnen, und in dieſer Beziehung wunderte ich mich, daß ich auf einmal ſo ſchlau geworden war; ich wider⸗ 208 legte die gegen mich erhobenen Anklagen nicht und antworte weder Ja noch Nein. Aber ich wollte ſpäter meine Unſchuld beweiſen, ohne damals zu bedenken, daß dieſes unmöglich war, weil ich hiezu nur ein einziges Mittel hatte, nämlich wenn ich meinen Bruder denunzirte. Endlich verhaftet mich der Commiſſär im Namen des Geſetzes und gibt mir zu verſtehen, daß ich ihm ins Gefängniß zu folgen habe. Bei dieſem furchtbaren Wort Gefäng⸗ niß erſtarrte mir das Blut in den Adern, und ich glaubte, ich würde von neuem in Ohnmacht fallen. Aber was thun? Fin Zurücktreten war nicht mög⸗ lich; ich bat den Beamten um Erlaubniß, etwas Wäſche und einige Kleidungsſtücke zuſammenzupacken. Während ich mich damit beſchäftigte, hörte ich einen Polizeiagenten zu einem Gendarmen ſagen: Sollte man, wenn man ſein dummes Geſicht anſieht, auch glauben, daß dieſer Hallunke ſo eben eine Caſſe erbrochen und einen Menſchen umgebracht hat? Wie verſtockt er ausſieht, der Spitzbube! — Ich verſtehe mich auf Verbrecher, antwortet der Gen⸗ darme; die ſchlimmſten von Allen ſind Diejenigen, die ausſehen, als ob ſie kein Wäſſerchen trüben könnten. Und nun, Herr Wolfrang, hörte ich Nichts mehr als die Worte Hallunke! Räuber! Mörder u. dgl. Ich wünſchte mich hundert Fuß unter die Erde. Endlich vollende ich mein Päckchen, man legt mir die Handſchellen, die man mir einen Augenblick abgenommen hatte, wieder an, und der Commiſſär ſagt zu mir: Gehen wir!“ Herr Dubousquet macht eine Pauſe, ſein Blick wird feucht und er fährt fort: 209 „Sehen Sie, Herr Wolfrang, ich habe ſeit dieſem Tag viel ausgeſtanden, aber nie war ich betrübter, als in dem Augenblick, wo ich dieſe beſcheidene Wohnung verlaſſen mußte, in der ich ſo friedliche, ſo glückliche Jahre verlebt hatte, ohne andere Sorgen, als diejenigen, welche das Unglück meines Bruders mir bereitete. Kurz, Herr Wolf⸗ rang, ich geſtehe es Ihnen, ich konnte mich heißer Thränen nicht erwehren, als ich meiner armen Höhle Lebewohl ſagte. Die Thränen ſcheinen dem Kerl leicht zu Gebot zu ſtehen, ſagte ein Agent ſpöttiſch zu einem Kameraden. Ich wollte mich nicht auslachen laſſen, ich drängte meine Thränen zurück und wir gingen. Ach, Herr Wolfrang, meine ſchwere Prüfungszeit war noch nicht vorüber! Der Tag war angebrochen; der Regen hatte aufgehört; die Bewohner des Hauſes und die Nachbarn, die von den Ereigniſſen der Nacht gehört hatten, ſtanden dicht gedrängt im Sträßchen, um mich vorübergehen zu ſehen. Als ich aus unſerm Gang herborkam, hörte ich ein Getöſe unter der Menge und die vor⸗ herrſchenden Worte waren: Da kommt er, der Böſewicht! der Mörder! Wer hätte das hinter ſeiner ſcheinheiligen Larve geſucht? Welch ein Heuchler! welche Canaille! Als ich dieſe Worte hörte, als ich die drohenden Blicke all' der Leute, durch die ich ſchreiten mußte, auf mich geheftet ſah, da über⸗ wältigte es mich, Herr Wolfrang, ich wollte nicht aus dem Gang hervortreten, ſondern wandte mich raſch gegen den Commiſſär, der mir folgte und rief ganz außer mir: Ich gehe nicht hinaus, bringen Sie mich lieber um! Dieſer Widerſtand war albern, Sue, Geheimniſſe d. Kopfliſſens. 14 2¹0 ich weiß es wohl, da man mich zum Gehen zwingen konnte; aber ich hatte den Kopf verloren bei dem Gebanken, mitten durch dieſe Leute hinſchreiten zu müſſen, unter denen ich Hausbewohner erkannte, die bisher ſehr gut gegen mich geweſen waren, denn, ohne Gitelkeit, man liebte mich ſehr im Hauſe. Vorwärts Gendarmen, macht, daß dieſer Mann geht! hatte der Commiſſär geſagt: Vorwärts! vor⸗ wärts! rief einer der Agenten, zog mich mit Hilfe ſeines Kameraden aus dem Gang hervor und trieb mich vor ſich her. Da ich noch immer Widerſtand leiſtete, ſtolperte ich, verlor das Gleichgewicht und fiel in die Gaſſe. Die Umſtehenden lachten laut auf. Die Hände waren mir gebunden, ich machte Krümmungen, die ohne Zweifel lächerlich waren, um mich wieder aufzurichten, und das Hohngeſchrei wurde noch ärger. Es war im Ganzen zu entſchul⸗ digen, Herr Wolfrang; die Leute mußten mich für einen Verbrecher halten; ich habe es ihnen ſpäter verziehen . . . aber damals hielt ich dieſe Leute für ſehr bösartig. Endlich bringen mich die Agenten wieder auf meine Beine, und da ſie einen neuen Widerſtand fürchten, nehmen ſie mich in ihre Mitte, während ein Agent mich von hinten vorantreibt. Wiſſen Sie, was ich jetzt gethan habe, Herr Wolf⸗ rang, um der Sache ein Ende zu machen? Ich ſchloß meine Augen, um die beſchimpfenden oder empörten Geſichter nicht zu ſehen, die ich auf dem langen Weg in's Gefängniß begegnen mußte. Aber ach, wenn ich auf Richts ſah, ſo hörte ich doch die drohenden Reden einer Bande Kinder aus meinem Quartier, die neben mir einhergingen und * — 211 mich einmal um's andere Dieb und Mörder nannten. Vergebens ſagte ich, um mich ein wenig aufzurich⸗ ten, zu mir ſelbſt: Es iſt nicht wahr, ich bin weder ein Mörder, noch ein Dieb. Wenn man mich ge⸗ fragt hätte, ob ich im Augenblick ſterben wolle, ſo würde ich mit Dank Ja geſagt haben. Endlich kommen wir in's Gefängniß, und dort erwartete mich, Gott ſei Dank, eine angenehme Ueberraſchung, mich die ausgeſtandenen Leiden vergeſſen „Worin beſtand dieſe Ueberraſchung?“ „Während der Förmlichkeiten meiner Einſper⸗ rung fragte mich der Gefängnißwärter, ob ich ein beſonderes Zimmer wünſche, das ich für fünfzehn Sous täglich haben könne. Denken Sie ſich meine Freude, Herr Wolfrang, denn was mich am mei⸗ ſten erſchreckt hatte, war die Ausſicht, mit den Ver⸗ brechern zuſammenſein zu müſſen. Als ich daher in meiner Zelle eingerichtet war, warf ich mich auf die Kniee, um dem lieben Gott zu danken. Mein Herz, das ſo beklommen und ſchmerzerfüllt war, fand Troſt in dieſer Einſamkeit. Ruhiger, aber er⸗ ſchöpft durch alle dieſe Erſchütterungen, warf ich mich auf mein Bett und ſchlief zehn Stunden hinter einander. Dieſer wohlthätige Schlummer ſchenkte meinem Geiſt wieder Ruhe, ſo daß ich bei meinem Erwachen der Lage, der ich entgegenging, feſt in's Auge ſehen konnte. Jetzt, Herr Wolfrang, begann der Kampf mit mir ſelbſt, wovon ich Ihnengeſagt habe; er läßt ſich in einige wenige Worte zuſammenfaſſen: Auguſt iſt entwiſcht; man glaubt mich ſchuldig; ich werde dieſen Irrthum ſo lang als möglich beſtehen 14 212 laſſen, ohne jedoch Etwas zu bekennen; ſo wird mein Bruder Zeit gewinnen zu entfliehen, viel⸗ leicht in ein fremdes Land zu gelangen. Gut! aber hernach? Wenn ich vor dem Gericht zu erſcheinen habe? Nun wohl, ſo werde ich den Richtern ant⸗ worten: ich bin unſchuldig. Ganz recht, aber wie ſoll ich meine Unſchuld beweiſen, da ſo viele Gründe gegen mich vorliegen? Darin beſtand die Schwierig⸗ keit, Herr Wolfrang; vergebens wollte ich ſie auf alle Arten drehen und wenden, ſie richtete ſich immer un⸗ überſteiglich vor mir auf. Nach langer Ueberle⸗ gung mußte ich mir geſtehen, daß das einzige Mit⸗ tel, meine Unſchuld darzuthun, darin beſtehe, daß ich den wahren Schuldigen angebe und erzähle, wie er ſich bei mir verborgen und ich ihm ſtatt ſeiner Lum⸗ pen gute Kleider gegeben habe, kurz daß ich die ganze Wahrheit ſage. Gut! aber wer war der wahre Schuldige? mein armer Auguſt! Ich mußte alſo meinen Bruder denunziren? das war unmög⸗ lich. Was mußte daraus erfolgen? Daß ich ver⸗ gebens meine Unſchuld verſichern, daß man mir nicht glauben würde, nicht glauben könnte.“ „Immerhin, aber Sie betheuerten wenigſtens Ihre Unſchuld vor Gott und den Menſchen.“ „Damit war Nichts gewonnen, Herr Wolfrang. Ich gelte dennoch in den Augen Aller als Verbre⸗ cher, und hatte eben ſo viele Demüthigungen zu überſtehen, wie wenn ich mich ſchuldig bekannte. Nun ſicherte dieſes Bekenntniß die Ruhe Auguſt's; man beargwöhnte ihn nicht, er wurde nicht ver⸗ folgt. Allerdings lieferte dieſes Bekenntniß mich auf 213 die Galeeren, und das erfüllte mich mit Entſetzen. Daher meine Bedenklichkeiten, meine Kämpfe gegen meine Aufopferung für Auguſt und mein Egoismus.“ „Sein Egoismus!“ ruft Wolfrang. „Und er iſt aufrichtig! er hat ſich für einen Egoiſten gehal⸗ ten, weil er Bedenken hatte, ehe er ſich für ſeinen Bruder aufopferte.“ „Nun ja, Herr Wolfrang, aber hören Sie doch!“ „Schon gut, die Sache iſt ganz klar; Ihre Handlung iſt im beſten Fall leidlich, wie Sie ſelbſt ſagten. Aber Ihr Bruder konnte alſo die Gränze nicht erreichen, konnte ſich nicht vor Ver⸗ folgungen ſicher ſtellen und Ihnen ſchreiben, ſo daß Sie, ſo ſchwer es Ihnen allerdings hätte fallen müſſen, Ihren Bruder zu denunziren, ſich dennoch zu dieſem äußerſten Mittel hätten entſchließen kön⸗ nen, da Sie ihn in Sicherheit wußten?“ „Nein, Herr Wolfrang, denn ich habe erſt nach meiner Verurtheilung Nachrichten von Auguſt erhal⸗ ten. Von Lyon aus hatte er nach Paris gehen wollen, aber ſchon auf dem erſten Viertel des Weges hatte ein heftiges, durch all' dieſe Gemüthsbewegungen verurſachtes Fieber ihn befallen. Er mußte in einem Wirthshaus anhalten und verfiel in eine ſo ſchwere Krankheit, daß man ihn in den Spital des Hauptorts bringen mußte, wo er über drei Monate zwiſchen Tod und Leben ſchwebte und außer Stands war, mir Nachrichten zu geben. Den erſten Brief, den er mir ſchrieb, erhielt ich im Bagno von Breſt.“ „Dies iſt noch nicht Alles. Da ich keine Nach⸗ 214 richt von Auguſt hatte, ſo mußte ich, wenn ich über⸗ haupt dies thun wollte, mich ſchnell entſchließen, alle Schuld auf mich zu nehmen.“ „Warum ſuchten Sie nicht im Gegentheil den Proceß in die Länge zu ziehen?“ „Und wenn Auguſt verhaftet wurde? wenn er von Gewiſſensqualen getrieben Enthüllungen machte? Dieſe Beſorgniß beunruhigte mich auf's Peinlichſte; ich mußte mich alſo ſchnell entſchließen. Der Unter⸗ ſuchungsrichter verhörte mich am folgenden Tage; es blieben mir weniger, als vierundzwanzig Stun⸗ den, um einen Entſchluß zu faſſen. Ach Herr Wolf⸗ rang, dies ſind die ſchlimmſten Stunden, die ich in meinem Leben verbracht habe, ſchwankend zwi⸗ ſchen meinem Egoismus, der mir die Schauerlich⸗ keiten des Bagno vor die Augen führte, und meiner Bruderliebe, die mir zurief; rette Auguſt! Endlich, nachdem ich die ganze Racht überlegt, nachdem ich alle Gründe für und wider wohl erwogen, entſchloß ich mich hauptſächlich aus folgendem Grund: Ich bin Junggeſelle, ſagte ich zu mir, Niemand intereſſirt ſich für mich; Auguſt iſt Familienvater, er hat ſeinen Kin⸗ dern kein anderes Erbe zu hinterlaſſen, als ſeinen ehr⸗ lichen Namen; ſeine Liebe zu ſeiner Frau iſt der einzige Troſt, der ihm in ſeinen Kümmerniſſen bleibt; ich kenne Suzanne; die Schande ihres Mannes würde ſie tödten, oder ſie würde ihn vielleicht nie wieder ſehen. Ich darf nicht ſchwanken „.. ich muß mich aufopfern. Das Bagno erſchreckt mich allerdings, aber man gewöhnt ſich an Alles; überdies werde ich mein Gewiſſen für mich haben . und dann kann ich, ſo lang ich auf den Galeeren bin, mit * 215 meinem kleinen Vermögen nichts anfangen, es wird meinem Bruder und ſeiner Familie zu gute kom⸗ men. Es bleibt alſo dabei: ich werde mich ſchuldig bekennen. Meine Bekenntniſſe werden den Proceß abkürzen, und um ſo ſchneller wird Alles im Reinen ſein. Bleibt der Fall übrig, daß mein armer Auguſt verhaftet würde und ſeinerſeits Enthüllungen machte . Dies wäre ein großes Unglück, aber ich werde mir nichts vorzuwerfen haben.“ „Nun wohl, würden Sie es glauben, Herr Wolfrang?“ fuhr Herr Dubousquet fort, „und dies iſt ein neuer Beweis für das Sprichwort, daß eine gute That ihren Lohn in ſich trage; ſobald ich mei⸗ nen Entſchluß gefaßt hatte, fühlte ich eine unſäg⸗ liche Erleichterung und Befriedigung. Ja, ich war ruhig, beinahe vergnügt. Juſt in dieſem Augen⸗ blick holte man mich in's Gerichtszimmer ab, wo der Unterſuchungsrichter mich erwartete; ich ſprang leicht und munter die Treppe, vier Stufen auf einmal hinab, und es war mir, als ob ich den Boden nicht berührte. Ich trete in das Cabinet, wo der Richter mit ſeinem Actuar ſitzt; aber bevor er Zeit hat mich anzureden, ſage ich in munterem Ton und mit ſehr ſelbſtzufriedener Miene, denn ich war wirklich mit mir zufrieden, zu ihm: Mein Herr, mein Verhör wird unnöthig. Ich, Amedée Dubousquet, bin es wirklich, der Herrn Borel beſtehlen wollte, und als ich mich von dem Ausläufer überraſcht ſah, entledigte ich mich ſeiner dadurch, daß ich ihn mit einer eiſer⸗ nen Stange über den Kopf ſchlug. Jetzt, mein Herr, führen Sie meinen Proceß ſchnell zu Ende, das iſt Alles, was ich von Ihnen begehre. Ach, 2¹6 Herr Wolfrang, der Richter ſchaute mich ſtumm vor Ueberraſchung und Abſcheu an, und er konnte nicht umhin, die Hände emporzuheben und zum Actuar zu ſagen, welches Ungeheuer! während ich zu mir ſelbſt ſagte: Ja, ja, Du wirſt wohl Unge⸗ heuer meines Schlags oft in Deinem Gefängniß ſehen; ich wünſche Dir ſolche.“ „Alſo,“ ſagte Wolfrang, „verzichtete der Richter ſogleich auf ein Verhör mit Ihnen?“ „Er mußte wohl: ich verweigerte jede Antwort und wiederholte fortwährend in ſehr ſelbſtzufriedenem Ton;: wozu Ihre Fragen, da ich das Verbrechen geſtehe? — Aber Unglückſeliger, rief der Richter, haben Sie denn gar kein Bewußtſein von der Größe Ihres Lee Sie empfinden alſo keine Reue über Ihre That? — Ich meine That bereuen? warum nicht gar? im Gegentheil! erwiderte ich beinahe unwillkürlich, denn ich beantwortete mehr meinen geheimen Gedanken, als die Fragen des Richters. Der brave Mann mußte mich für einen hartgeſottenen Böſewicht halten.“ „Aber warum hat dieſer Gewiſſensfriede, der Sie beinahe mit Heiterkeit den Verhören Trotz bie⸗ ten ließ, Sie nicht auch in Ihrem langen Leben voll Prüfungen immer aufrecht erhalten?“ „Das iſt ſehr einfach, Herr Wolfrang. Bei meinem erſten Verhör empfand ich jene exaltirte Zufriedenheit, die ſich, glaube ich, immer nach der Erfüllung einer großherzigen Pflicht einſtellt, die einen bedeutenden Kampf gekoſtet hat; ich war alſo ganz aufgeräumt. Unglücklicher Weiſe aber verlor ſich dieſe Munterkeit, ſobald die erſte Gährung vorüber 217 war. Oh, ſo lange ich ganz allein in meiner Zelle war, ging Alles gut, aber ſobald ich mich einem An⸗ dern gegenüber befand, erlitt ich Märtyrerqualen. Doch was wollen Sie, Herr Wolfrang, ein Opfer hat auch ſeine unangenehmen Seiten.“ „Ach,“ verſetzte Wolfrang tief bewegt, „warum kann ich Ihnen nicht begreiflich machen, wie rüh⸗ rend dieſe Miſchung von Seelengröße und Naivetät iſt, welche Sie charakteriſirt! Wie ſtolz müßten Sie ſein! Aber nein, nein, Sie gehören zu Den⸗ jenigen, welche dunkel, ungekannt von der Welt, deren Bewunderung Sie ſein ſollten, und was noch mehr iſt, ohne Bewußtſein Ihres eigenen Werthes dahin gehen.“ „Ach Herr Wolfrang!“ „Verzeihen Sie ich hatte mir vorgenommen keinen Verſuch mehr zu machen, um Sie über ſich ſelbſt aufzuklären. Kommen wir auf Ihren Proceß zurück. Wie benahm ſich Herr Borel bei dieſer Gelegenheit?“ „Ganz unbarmherzig, und er konnte auch nicht anders. Sein Intereſſe zwang ihn ſo zu handeln. Ich hatte ihn überdies einmal in meinem Gefäng⸗ niß geſehen . . . Er allein errieth, das ich nicht ſchuldig war.“ „Herr Borel? Und wie konnte er Ihr Geheim⸗ niß durchſchauen?“ Herr Dubousquet antwortet mit bittrem Lächeln: „Herr Borel kannte meinen Bruder und mich von Kindheit an, und obſchon ich ihn ſeit ſeinem ſchändlichen Vertrauensmißbrauch an Auguſt nicht mehr geſehen, wußte er, daß ich immer ein anſtän⸗ diges Leben geführt hatte, und daß mein Vermögen 218 ſo wie mein Gehalt mich vor jeder böſen Eingebung ſchützen mußten; er legte mir daher eine Schlinge, in welche ich fiel.“ „Eine Schlinge, und in welcher Abſicht?“ „Sie werden es ſogleich ſehen . Herr Porel war Mitglied einer Geſellſchaft, die ſich den Zweck geſetzt hatte, die Zellengefangenen zu beſſern und mit guten Buͤchern zu verſehen Er hatte alſo einen ganz natürlichen Vorwand, eines Tags in meine Zelle zu kommen. Er ſtellte ſich Anfangs gerührt und betrübt, ſagte, wie leid es ihm thue, daß ich eines ſchweren Verbrechens angeklagt ſei, und hatte zuletzt die Unverſchämtheit, nach Auguſt zu fragen; er habe ihm, bemerkte er, ſeine Indelicateſſe in Betreff der fünfzigtauſend Franken, die er ihm, Borel, anver⸗ traut zu haben behaupte, längſt verziehen. Ich bin von ſehr geduldigem Charakter, aber dieſe Frechheit brachte mich ganz aus der Faſſung. Ohne Zweifel wünſchte er das. Nachdem ich ihm von den Leiden Auguſt's und ſeiner Familie erzählt hatte, rief ich: Und was iſt an all' dieſem Unglück Schuld? Ihr Vertrauens⸗ mißbrauch, mein Herr! Ja; und wenn jemals Un⸗ glück und Verzweiflung meinen Bruder zu einer ſchlechten Handlung treiben würden, ſo wären Sie vor Gott dofür verantwortlich.“ „Dieſe Vorwürfe und dieſe Behauptung mußten allerdings Herrn Borel auf den Weg der Wahr⸗ heit bringen.“ „Es iſt wahr, Herr Wolfrang, ich ſagte zu viel; aber die Entrüſtung riß mich wider meinen Willen fort; ich begann in die Schlinge zu fallen.“ „Was hat er Ihnen geantwortet?“ 219 „Er verachte dieſe Anſchuldigung wegen Ver⸗ trauensmißbrauchs, eine alte Verkeumdung, mittelſt welcher Auguſt ihm einmal eine bedeutende Summe abzugaunern verſucht habe. Uebrigens habe Auguſt die Sache ſelbſt zurückgenommen, wie ſein Brief beweiſe (jener Brief, von dem ich Ihnen geſagt habe, Herr Wolfrang, und den mein Bruder in ſeiner ſchrecklichen Schwachheit damals geſchrieben hatte); ein weiterer Beweis ſei ferner die demüthige Bitte um Unterſtützung, die Auguſt vor drei Mo⸗ naten perſönlich an ihn gerichtet, und welcher er, Borel, nach neuen Verſicherungen der Reue, groß⸗ müthig entſprochen habe.“ „Er hatte ſich alſo an Herrn Borel um Unter⸗ ſtützung gewendet?“ „Niemals, Herr Wolfrang! niemals! es war eine Lüge.“ „Aber was wollte er damit?“ „Sie werden es ſogleich ſehen . . . Ich antwortete Herrn Vorel, dies Alles ſei nicht wahr; es ſei materiell unmöglich, daß mein Bruder ihn vor drei Monaten perſönlich um Unterſtützung angegangen habe, denn er ſei vor zwei Monaten noch in Ame⸗ rika geweſen; endlich fügte ich in meiner Unvor⸗ ſichtigkeit hinzu: wenn er ſich an Sie gewendet hätte, ſo würde er es mir geſagt haben. — Sie haben alſo Ihren Bruder in der letzten Zeit in Lyon geſehen? fragte Herr Borel.“ „In der That,“ fiel Wolfrang ein, „gaben Sie auf dieſe Art Ihr Geheimniß preis, denn indem Sie dieſe neuliche Anweſenheit Ihres Bruders ein⸗ geſtanden, bezeichneten Sie ihn beinahe als den 220 Urheber des Diebſtahlsverſuchs, während Ihr Wohl⸗ ſtand und Ihre ehrenwerthen Antecedenzien von Ihnen ſelbſt jeden Verdacht ablenken mußten.“ „Jo, ich hatte eine Kopfloſigkeit begangen; aber ich war nicht mehr bei mir ſelbſt. Herr Borel, der jetzt nach meiner unüberlegten Antwort überzeugt war, daß mein Bruder während dieſer unſeligen Nacht in Lyon geweſen ſei, ſagte zu mir: Hören Sie mich an, Herr Dubous uet. Ihre Antwort beweist mir Etwas, was ich ſchon vorher ahnte; Ihr Bruder iſt der Urheber des Diebſtahlsverſuchs, der bei mir begangen worden iſt; aber Sie ſind ſein Mitſchuldiger.“ „Ha!“ ruft Wolfrang, „welche Hinterliſt!“ „Sie ſind der Mitſchuldige Ihres Bruders, ſagte alſo Herr Borel zu mir, Sie haben ihn wahrſchein⸗ lich bei ſich verſteckt, um ihm ſein Verbrechen mög⸗ lich zu machen; Sie haben ihn offenbar mit dem nöthigen Geld verſehen, um die Strickeiter, 27 Brecheiſen und die Blendlaterne zu kaufen. Dieſe Laterne allein iſt wenigſtens zwanzig Franken werth; ich habe ſie auf der Canzlei genau unterſucht; es iſt eine Luxuslaterne und Ihr Bruder kann ſie un⸗ möglich ohne Ihre Beihülſe gekauft haben. Er war, wie Sie mir ſagen, im Elend, und zwar ſo, daß Sie ihm bei ſeiner Ankunft in Lyon Kleider leihen mußten, damit er ſeine Lumpen ablegen konnte. Noch mehr. Aus den Nachforſchungen der Juſtiz geht hervor, daß das Individuum, das am Abend des Verbrechens dieſe Laterne kaufte, mehrere Gold⸗ ſtücke aus ſeiner e gezogen hat. Woher kam dieſes Gold? Ganz gewiß von Ihnen.“ 221 „In der That,“ ſagte Wolfrang, „Sie hatten Ihrem Bruder zweihundert Franken in Golb zuge⸗ ſtellt. In Folge des unglücklichen Zuſammentreffens all' dieſer Umſtände konnten Sie als Mitſchuldiger betrachtet werden.“ „Herr Borel ſah dies wohl,“ ſagt Herr Dubous⸗ quet, „und er zählte darauf, obſchon er im Grunde von meiner Unſchuld überzeugt war. Er fuhr da⸗ her fort: Bedenken Sie wohl, was ich Ihnen jetzt ſage. Ihr Bruder hat entfliehen können; Sie über⸗ nehmen aus Großmuth die ganze Verantwortlich⸗ keit eines Verbrechens, bei welchem Sie nur Mit⸗ ſchuldiger ſind. Das iſt Ihre Sache. Was mich betrifft, ſo will ich aus einem Reſt von Mitleid gegen dieſen Menſchen, der mein Jugendfreund ge⸗ weſen, ihn nicht der Juſtiz bezeichnen; aber nehmen Sie ſich wohl in Acht, Sie haben bisher auf die Fragen der Fichter nicht geantwortet; dies iſt viel⸗ leicht von Ihrer Seite eine Tactik, die bei den An⸗ geklagten häufig vorkommt, ſie reſerviren ſich da⸗ durch ihre Vertheidigungsmittel für die öffentliche Verhandlung, ſie entgehen den Widerwärtigkeiten eines langen Unterſuchungsverhörs und ſie hoffen, das Mitleid der Richter zu übertölpeln; aber ich wiederhole Ihnen, nehmen Sie ſich wohl in Acht! Wenn eines Ihrer Vertheidigungsmittel in dem Ver⸗ ſuch beſtehen ſollte, Ihr Verbrechen dadurch zu mildern, daf Sie dieſe abſcheuliche und abgedroſchene Verleumdung wegen Vertrauensmißbrauchs gegen mich vorbrächten, ſo würde ich gegen Ihren Bruder und gegen Sie ſelbſt unbarmherzig verfähren, nicht als ob ich von dieſer infamen Lüge das Ribeſ⸗ fürchtete, 222 3 mein Leben iſt, Gott ſei Dank, makellos in den Augen aller Welt, aber ich hätte kein Mitleid mehr gegen zwei Elende, die zur Entſchuldigung ihrer Schandthat ſelbſt die ſchwärzeſte Verleumdung wa⸗ gen könnten, die man je gegen einen rechtſchaffenen Mann vorgebracht hat.“ „Welch eine ſchauerliche Heuchelei!“ „Dies war juſt auch mein Eindruck, Herr Wol⸗ frang, als ich Herrn Borel ſo reden hörte, denn wir waren allein; Niemand konnte uns hören, und er führte gegen mich die Sprache, die er vor Zeu⸗ gen geführt haben würde. Ich war ſtumm vor Verblüfftheit. Er ſchloß mit den Worten: Alſo bedenken Sie es wohl .. . wenn Sie die Frechheit hätten, den leiſeſten Verdacht auf die Rechtſchaffen⸗ heit meines ganzen Lebens werfen zu wollen, ſo zeige ich Ihren Bruder augenblicklich der Juſtiz an; ich bringe den für ihn zermalmenden Brief vor, den er mir einſt geſchrieben hat, und decke auf, daß er der Urheber des Verbrechens iſt, deſſen Mitſchul⸗ diger Sie ſind. Ihr Bruder hat bis jetzt ſtraflos bleiben können, weil man von ſeiner Schuldbarkeit nichts weiß; es iſt nicht auf ihn gefahndet worden; aber ſobald er angezeigt iſt, wird man ihn ganz ſicher bekommen, ſogar im Ausland, denn es beſteht, Gott ſei Dank, ein Auslieferungsgeſetz. Was Sie ſelbſt betrifft, ſo hält die Juſtiz Sie feſt und wird Sie nicht loslaſſen. Ihr Bruder könnte, wenn er einmal verhaftet iſt, die ganze Verantwortlichkeit des Verbrechens auf ſich nehmen, ſo würde er Sie doch nicht retten. Sie würden alle Beide die wohl⸗ verdiente Strafe für Ihre Verbrechen empfangen. 223 Das bedenken Sie wohl, Herr Dubousquet. Mit dieſen Schlußworten verließ Herr Borel meine Zelle.“ „Jetzt iſt mir Alles klar; trotz ſeiner Frechheit, trotz ſeiner Heuchelei, trotz ſeines guten Rufes und trotz des Schreibens von Ihrem Bruder fürchtete dieſer Borel noch immer, daß ſein Vertrauensmiß⸗ brauch an den Tag kommen könnte?“ „Allerdings, Herr Wolfrang, und er ſagte mir, der ich allein zwiſchen all dieſen Lügen hindurch leſen konnte, ganz klar ſeine geheimen Gedanken: „Auguſt hat das Verbrechen begangen; Sie opfern ſich für ihn, aber nehmen Sie ſich in Acht!“ Sie ſehen. . . ich war von allen Seiten verſtrickt wie eine arme Mücke, die ſich in einem Spinngewebe 3 verfangen hat. Hätte ich ſogar von meinem Ent⸗ ſchluß, mich für meinen Bruder zu opfern, abgehen wollen, ſo hätte ich's nicht mehr gekonnt und ich wäre immerhin ſein Mitſchuldiger geblieben .. Ach Herr Wolfrang, wenn Sie wüßten, wie ich mir jetzt Glück dazu wünſchte, daß ich mich ſchon vor meiner Beſprechung mit Herrn Borel für Auguſt geopfert hatte!“ „Warum dieß?“ „Warum? Ei, ſo bedenken Sie doch, daß ich ſonſt den Kummer gehabt hätte zu mir zu ſagen: Deine Hingebung war nicht ſowohl freiwillig als vielmehr erzwungen, denn Du mußteſt unter allen Umſtänden als Mitſchuldiger betrachtet werden. Glücklicher Weiſe bin ich in dieſer Beziehung ruhig“, fügt Herr Dubousquet mit einem Seufzer der Er⸗ leichterung hinzu; „ich habe ſtets den Troſt gehabt 224 zu mir ſelbſt ſagen zu können, daß mein Opfer aus dem Herzen gekommen ſei.“ XXIV. Die Beſprechung zwiſchen Herrn Wolfrang und Herrn Dubousquet zog ſich in die Länge. Das Ende der Geſchichte dieſes Märtyrers brüderlicher Aufopferung war logiſch und ungemein rührend. Herr Dubousquet beharrte auf ſeiner Weigerung im Verhör zu antworten und erſchien vor den Geſchworenen. Herr von Francheville, der bei Wolfrang's Soiree als Ankläger gegen ihn auftrat, befand ſich unter denſelben. Die Verhandlungen währten kaum eine halbe Stunde: der Angeklagte ſchnitt alle Fragen durch ſeine Geſtändniſſe ab, die er mit ungeduldiger Barſchheit hinwarf und die einen ge⸗ wiſſen Charakter der Bitterkeit trugen. Der Un⸗ glückliche ſehnte ſich nach dem Ende der Verhand⸗ lung; es war für ihn eine ſchauerliche Qual, den Blicken der Richter und des Publikums als Ver⸗ brecher ausgeſetzt zu ſein. Noch jetzt fühlte ſich Herr Dubdusquet auf's tiefſte beſchämt und gedemüthigt, ſobald er mit Menſchen in Berührung kam; er fand nur dann Ruhe, wenn er, wie er ſagte, mit ſeinem Gewiſſen allein war. Die barſchen Antworten des Angeklagten und die Rohheit, womit er ſeine Geſtändniſſe hinwarf, ohne den mindeſten Schimmer von Reue durchblicken 32 zu laſſen, galten natürlich für den Gipfel der Ver⸗ ſtocktheit. Dieß iſt noch nicht Alles: ſeit ſeiner Beſprechung mit Herrn Borel, welcher der Verhandlung als Zeuge beiwohnte, war Herr Dubousquet beſtändig von der Furcht gequält, man möchte Verdacht gegen ſeinen Bruder ſchöpfen, denn man konnte ſichs nicht erklären, daß der Mann, der wegen Diebſtahls und Mordverſuchs vor den Schranken ſtand, einiges Vermögen beſaß und bisher einen rechtſchaffenen Wandel geführt hatte, wie ſeine Vorgeſetzten be⸗ zeugten, die ſich vollkommen günſtig über ſeine Sittlichkeit ausſprachen. Aber ſo tief es ihn be⸗ ſchämte und ſchmerzte, auf dem Armenſünderſtuhl ſitzen zu müſſen, ſo lag es nun einmal in der Logik ſeines Opfers, daß Alles, was er für ſeine eigene Unſchuld vorgebracht hätte, für ſeinen Bruder furcht⸗ bar werden konnte. Da der Angeklagte ſich geweigert hatte, einen Advokaten zu wählen, ſo beſtellte man ihm von Amtswegen einen Vertheidiger. Dieſer begann Angeſichts der wiederholten Bekenntniſſe ſeines Clien⸗ ten, welche die Vertheidigung unmöglich machten, ſeinen Vortrag folgender Maßen: „Meine Herren Geſchworenen, der Angeklägte würde mich, indem er mit ſo überraſchender und ſo unglaublicher Hartnäckigkeit die Thatſachen einge⸗ ſteht, deren er beſchuldigt iſt, gerade durch die Beharrlichkeit dieſer unerhörten Bekenntniſſe beinahe an ſeiner Schuld zweifeln machen, beſonders wenn ich bedenke, daß ſein Leben ſo lange Zeit untadel⸗ haft geweſen, aber unglücklicher Weiſe ſind die Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 15 226 Thatſachen vorhanden: ein Einbruchsverſuch iſt ge⸗ macht worden, Blut iſt gefloſſen, und dennoch fragt es ſich, iſt der Angeklagte trotz ſeiner Geſtändniſſe auch wirklich der Urheber dieſer Thatſachen? Prüfen wir den Beſtand der Dinge!“ Bei dieſen Worten, die einen Zweifel an ſeiner Schuld ausdrückten, wurde Herr Dubousquet von Entſetzen ergriffen; ſein Vertheidiger befand ſich auf der wahren Fährte. „Ich glaubte meinen armen Bruder verloren,“ ſagt Herr Dubousquet zu Herrn Wolfrang. „Glück⸗ licher Weiſe gab der Himmel mir einen Gedanken ein. Ich unterbrach den Advokaten mit rohem Spott, deſſen ich mich ganz unfähig geglaubt hätte und ſagte kaltblütig zu dem als Zeugen berufenen Ausläufer, der kaum in der Reconvalescenz war und noch mit verbundenem Kopf unweit meiner Bank ſaß: Antworte doch dem Advokaten, welcher fragt, ob ich der Mörder ſei. Du haſt mir ins Auge geſehen, Hallunke, Du haſt mich um einen ſchönen Fang gebracht.“ Der ſchreckliche Cynismus dieſer Worte und dieſe Beſchimpfung, die ſich der Angeklagte gegen ſein Opfer erlaubte, erregten Schauder bei der Zu⸗ hörerſchaft und dem Gerichtshof; drohende Ver⸗ wünſchungen erhoben ſich gegen Herrn Dubousquet unter der verſammelten Menge. „Unglücklicher!“ rief der Präſident, „Sie wagen es noch den Mann zu beſchimpfen, den Sie beinahe ermordet haben!“ „Ohne ihn hätte ich hunderttauſend Franken er⸗ wiſcht und wäre jetzt nicht hier,“ antwortete Herr 227 Dubvusquet mit ſchrecklicher Kaltblütigkeit: „dieſer Schlingel da hat mich um die Frucht meiner Be⸗ rechnungen gebracht . . . Ich hatte mich ganz nahe bei dem Hauſe des Bankiers einquartirt, um zu ihm hineinſchleichen und ſeine Caſſe erbrechen zu können. Ich hatte blos drei lumpige Tauſend Franken Rente und ich hätte eine runde Zahl von zehntauſend haben mögen; etliche Päckchen Bankſcheine erfüllten meine Wünſche, und wäre der Diebſtahl gelungen, ſo ſchöpfte kein Menſch Verdacht auf mich; meine ehrenvollen Antecedenzien ſchützten mich. Dieſe Canaille von einem Ausläufer iſt alſo Schuld, daß ich nicht durch einen einzigen tüchtigen Griff reich geworden bin und daß ich hier ſitze. Jetzt ſoll ich auch noch be⸗ dauern, daß ich ihn beinahe todt geſchlagen habe? Ich habe jede Antwort verweigert, um zu ſehen, welche Wendung die Sache nehmen würde. Ich hoffte Alles läugnen zu können, aber als verſtän⸗ diger Mann habe ich eingeſehen, daß dieß im An⸗ geſicht der Thatſachen unmöglich iſt, und deßhalb habe ich Alles geſtanden. Ich bin mir in meiner Sache ganz klar . Das Bagno erwartet mich: ich werde ins Bagno gehen, hoffe jedoch ſicher zu ent⸗ wiſchen. Aber da ich jetzt Alles geſtanden habe, ei zum Teufel, ſo laſſen Sie uns der Sache einmal ein Ende machen; denn von den Richtern bis zu meinem Advokaten iſt Niemand hier amüſant; das ſage ich Ihnen, wenn Sie es nicht wiſſen.“ Dieſe abſcheuliche Antwort war ſehr fein berech⸗ net, denn da ſie den Angeklagten als einen geld⸗ gierigen, heuchleriſchen Menſchen darſtellte, der unter dem Schutz des guten Rufes, den er genoß, 228 ſeinen verbrecheriſchen Verſuch ſchon lange vorbe⸗ reitet habe, ſo kehrten ſich ſeine ehrenvollen Ante⸗ cedenzien gegen ihn; der auf ſolche Art motivirte Cynismus ſeiner Geſtändniſſe erlöſchte jedes Gefühl des Mitleids und verdoppelte den Abſcheu, den er einflößte. Dieſe Antwort hatte alſo die Folgen, die Herr Dubousquet wünſchte: ſein Advokat verließ den Saal voll Entrüſtung und war jetzt vollkommen von einer Ruchloſigkeit überzeugt, an der er einen Augenblick hatte zweifeln können. Und es bleibt wirklich unbegreiflich, wie ein Menſch, deſſen naive Schüchternheit nur von ſeiner engelgleichen Herzensgüte aufgewogen wurde, und der die Verachtung und den Abſcheu Derjenigen, welche ihn für einen Verbrecher hielten, ſo ſchmerzlich em⸗ pfand, eine ſolche des verhärtetſten Böſewichts wür⸗ dige Antwort hatte geben können. Dieſer Widerſpruch würde unglaublich ſcheinen, wenn man nicht wüßte, welche Wunder aufopfernde Hingebung hervorbringen kann. „Als ich,“ erzählte Herr Dubousquet mit ſeiner rührenden Treuherzigkeit weiter, „am folgenden Tag im Journal die Worte las, mit denen ich meinen Advokaten unterbrochen hatte, konnte ich meinen Augen kaum trauen; ich mußte lange mein Gedächt⸗ niß befragen, um mich zu überzeugen, daß ich mich wirklich ſolcher ruchloſer Ausdrücke bedient habe. Aber ich hatte dieß unter dem Eindruck der entſetz⸗ lichen Angſt gethan, daß mein Bruder verdächtigt und in Anklageſtand verſetzt werden könnte. Die Anweſenheit des Herrn BVorel, der mich beſtändig firirte und mein Geheimniß kannte, verdoppelte 229 meine Angſt. Dieſer überreizte Zuſtand hat mir ohne Zweifel die nöthige Kaltblütigkeit und Phan⸗ taſie gegeben, um mich als einen großen und unver⸗ beſſerlichen Verbrecher hinzuſtellen. Bei kaltem Blut wäre mir eine ſolche Antwort ſicherlich nie eingefallen; nach dem Bericht des Journals muß ich wahrhaft ſchrecklich geweſen ſein. Dieß iſt wohl möglich, denn als ich mich nicht mehr ſprechen hörte, wurde ich von Abſcheu, von wahrem Abſcheu vor mir ſelbſt ergriffen.“ Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Angeklagte in Betracht ſeines fluchwürdigen Cynismus zum Marimum der Strafe d. h. zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt wurde. 3 Herr Dubousquet wurde nach den Galeeren von Breſt geſchidt, kam aber todeskrank an, denn er hatte dem phyſiſchen Rückſchlag ſo vieler moraliſcher Erſchütterungen nicht zu widerſtehen vermocht und war überdieß von ſchwächlicher Natur. Als er wieder hergeſtellt war, ſteckte man ihn in die rothe Kaſake und ſetzte ihm die grüne Mütze auf, was die zwei Hauptkennzeichen der lebensläng⸗ lich Verurtheilten ſind. Er wurde mit einem gewiſſen Landry, der wegen Diebſtahls und Mords verur⸗ theilt war, einem kräftigen, unbändigen und wilden Menſchen, dem Schrecken ſämmtlicher Gefangenen, an dieſelbe Ketté geſchmiedet. . Herrn Dubousquet's engelgleiche Sanftmuth zähmte dieſes Ungeheuer. Ein Wort über dieſen Gegenſtand. Wir haben es, geſtützt auf unſern religiöſen Glauben an die angeborene Güte des Menſchen, anderwärts oft 230 ausgeſprochen, ſelbſt die größten Schurken werden immer durch Unwiſſenheit, Elend, Verlaſſenheit, ſchlechtes Beiſpiel, durch die verkehrte Richtung, worein ihre Leidenſchaften und Kräfte gerathen, oder endlich durch Geldgier oder Haß zum Verbrechen getrie⸗ ben, ſind jedoch keine Böſewichte aus einem Guß, ſondern beinahe immer noch für gute Empfindungen zugänglich. Das Fieber des Verbrechens iſt nur eine Er⸗ ſcheinung im normalen Zuſtand der Seele, wie das eigentliche Fieber ein Phänomen im normalen Zu⸗ ſtand des Körpers iſt. Die Anfälle vom einen wie vom andern können nicht blos geheilt, ſondern auch zum voraus abgewehrt werden, wie Leute, die von Kindheit auf eine ſtrenge, geſunde und vorſichtige Körperpflege genießen, kräftig werden und von Krankheiten ziemlich verſchont bleiben. Der Anfall des moraliſchen Uebels iſt wie das phyſiſche Uebel vorübergehend; es iſt eine augenblickliche Störung der Begriſſe von Recht und Unrecht; aber bald ge⸗ winnen dieſe ewigen, göttlichen Prinzipien ſelbſt in den verhärtetſten Seelen wieder die Oberhand, ſo daß dieſelben ſich ihrer Miſſethaten erinnern und ſie bereuen, weil ſie trotz Allem das Bewußtſein von Recht und Unrecht haben. Es iſt ein Irrthum zu glauben, daß der Dieb und Mörder beſtändig unter der Herrſchaft des Gedankens lebe: ich habe anz Recht, daß ich ſtehle und morde. Dieß iſt nicht wahr. Sie ſind ſich vollkommen bewußt, daß der Diebſtahl und der Mord verdammenswerthe Verbre⸗ chen ſind. Wir haben alſo geſagt, daß Dubousquet's engel⸗ gleiche Sanftmuth ſeinen Kettengenoſſen Landry, 231 einen Menſchen von herkuliſcher Stärke und den Schrecken des Bagno, gezähmt habe. Stockſchläge, doppelte Eiſen, Kerker waren nicht im Stande, dieſe gegen die Gewalt rebelliſche Natur zu bändigen; aber einige wohlwollende Worte, eine rührende Berufung an edle Gefühle, himmliſche Schätze, die ſtets im Grunde der verdorbenen Gemüther, häufig ohne ihr Wiſſen, vergraben liegen, machten Du⸗ bousquet zum Wunderthäter. Seine Güte, ſeine Ergebung, ſein Muth, womit er trotz ſeiner Schwäche die rauheſten Arbeiten ertrug, intereſſirten ſeinen Kettengenoſſen für ihn; nur konnte dieſer nicht be⸗ greifen, wie Dubousquet, ein ſo ſchüchternes, ſo gemüthliches Männchen, jemals die Entſchloſſenheit zum Verbrechen gehabt habe, und er wiederholte ihm unaufhörlich: „Wie! Du Du Du haſt geſtohlen? Du haſt gemordet?“ „Es muß wohl ſo ſein,“ antwortete Dubousquet, „da ich hier bin.“ „Du haſt gemordet, Du, ein ſo gutmüthiges, ſo leibarmes Bürſchchen?“ verſetzte der Herkules mit der grünen Mütze; „das iſt erſtaunlich. Jeder⸗ mann gibt ſich alſo damit ab?“ „Was iſt daran Erſtaunliches?“ antwortete Du⸗ bousquet; „Ihr gebt Euch ja auch damit ab, gut⸗ müthig gegen mich zu ſein, indem Ihr mir bei unſern Zwangsarbeiten möglichſt viel Mühe erſparet.“ „Das iſt ganz einfach: Du biſt ſchwach, ich bin ſtark, es koſtet mich Nichts, Dir eine Erleichterung zu verſchaffen.“ „Und dann ſeid Ihr gut.“ 232 „Ich bin gut ich bin gut . . . wenn ich nichts Anderes zu thun habe; ich bin gut, wenn ich kein Intereſſe dabei habe, böſe zu ſein, zum Henker!“ „Erzürnt Euch nicht, Landry; juſt das wollte ich ſagen. Ja, die Gelegenheit macht den Dieb, nicht wahr?“ „Nicht übel . .. nur weiter.“ „Alſo ohne Gelegenheit gäbe es keinen Dieb?“ „Es kommt immer beſſer. Zum Henker, wenn ich keine Pfeife gehabt hätte, ſo hätte man mir die meinige geſtern nicht geſtohlen . . . ich ſage Dir, ein Pfeifchen, das ich ſchon ſeit ſechs Monaten ganz ſchwarz geraucht hatte! Ha, wenn ich den Hallunken wüßte!“ „Thatſache iſt, daß ein ſolcher Diebſtahl höchſt unrecht iſt; denn was einmal uns gehört, gehört nicht Anderen, nicht wahr, Landry?“ „Ich glaube es wohl! Meine Pfeife gehört mir, Kreuzdonnerwetter! und wenn ich den Hallun⸗ ken wüßte!“ 3 „Alſo einen Andern beſtehlen, iſt etwas Garſti⸗ ges. Das ſage ich manchmal zu mir ſelbſt, wenn ich an den Diebſtahl denke, den ich begangen habe. Und Ihr, Landry?“ „Ach was! Ich ſpreche nur von meiner Pfeife.“ „Meinetwegen, laßt uns von Eurer Pfeife ſpre⸗ chen wahrſcheinlich hat man ſie Euch in der Nacht geſtohlen?“ „Ganz ſicher . . . der hölliſche Schurke!“ „Nehmen wir an, Ihr wäret in dem Augenblick, wo man Euch Eure Pfeife ſtahl, plötzlich aus dem Schlaf aufgefahren, Ihr hättet ſie wieder nehmen 233 wollen und der Dieb hätte Euch mit einem Meſſer todtgeſtochen . . . was würdet Ihr davon denken, Landry?“ „Ich würde denken, daß das ein verdammter Hallunke ſei; mich umzubringen, weil ich meine Pfeife vertheidige! eine ganz ſchwarz gerauchte Pfeife!“ „Glaubet Ihr, daß dieſer Mörder, ſelbſt ange⸗ nommen, daß Niemand ſeine That erführe, immer ohne Gewiſſensbiſſe aus einer Pfeife rauchen würde, zu deren Beſitz er nur durch Eure Ermordung ge⸗ langen konnte?“ „Wenn er keine Gewiſſensbiſſe hätte, ſo wünſchte ich, daß meine Pfeife ihm das Maul verbrennte.“ „Nun wohl, hört mich an. Glaubet Ihr, daß Diejenigen, die wir umgebracht haben oder um⸗ bringen wollten, um ihnen ihr Geld zu ſtehlen . .. und dieſes Geld gehörte ihnen eben ſo gut, wie Eure Pfeife Euch gehörte, nicht wahr, Landry?“ „Zum Henker, ja.“ „Glaubet Ihr, daß dieſe Leute, wenn ſie von uns reden, nicht auch das Recht haben, gleich uns zu rufen: Oh die Hallunken! wenn ſie keine Reue fühlen, ſo wollte ich, daß das Geld, welches ſie mir geſtohlen haben, ihnen die Hände verbrennte. He, Landry?“ „Was ſoll ich Dir ſagen?“ „Sagt, ob es wahr iſt oder nicht.“ „Ach, was weiß ich?“ „Allerdings, Ihr wißt recht gut, daß es wahr iſt.“ „Ei, ich frage den Henker darnach! Du lang⸗ weilſt mich zuletzt mit Deinen Gründen! Du machſt 234 mich mürbe,“ antwortete Landry nach einem Augen⸗ blick düſtern Schweigens. „Ich war,“ erzählt Herr Dubousquet ſeinem Hausherrn weiter, „ganz ver⸗ gnügt. Der Unglückliche unterſchied noch das Gute vom Böſen .. . er hatte Gewiſſensbiſſe empfunden oder vielmehr, ich weckte ſie in ihm, aber aus falſcher Schaam, aus Großſprecherei geſtand er ſie nicht. Ich ſage Ihnen das, Herr Wolfrang, weil ich glaube, daß in den verdorbenſten Gemüthern noch ein guter Funke iſt. Landry's Güte und Freund⸗ lichkeit gegen mich haben ſich in den fünfzehn Mo⸗ naten, wo wir an dieſelbe Kette geſchmiedet waren, niemals verleugnet, und als man uns trennte, um mich auf der Canzlei als Schreiber zu verwenden, da weinte dieſer eiſerne Menſch wie ein Kind. Er liebte mich ungefähr wie der Tiger im Jardin des Plantes das weiße Hündchen liebte, das man ihm in den Käfig gegeben hatte. Im Uebrigen ent⸗ wiſchte Landry ſechs Wochen nach unſerer Tren⸗ nung. Ich habe ihn nie wieder geſehen.“ Auf der Canzlei des Marinecommiſſärs ver⸗ wendet, welcher die Verwaltung des Bagno von Breſt unter ſich hatte, war Dubousquet weit glück⸗ licher, als an der Kette, da er nur Schreiberei⸗ geſchäfte zu verrichten hatte, und weil ſeine Sanft⸗ muth, ſein arbeitſamer Eifer und die vollkommene Regelmäßigkeit ſeines Venehmens ihm bald die Theilnahme ſeiner Vorgeſetzten erwarben. Aber eben weil er wieder mit ehrlichen Leuten in Berüh⸗ rung kam, empfand er die qualvolle Bitterkeit der Schmach von Neuem; das ſchrecklichſte aller Leiden war ihm wenigſtens erſpart worden, ſo lange er 235 mitten unter Galeerenſclaven an der Kette lebte: die Galeerenſclaven ließen ihn weder Verachtung, noch Abſcheu blicken. Jedes Jahr ſchickt der Com⸗ miſſär des Bagno dem Miniſterium einen Bericht über das Benehmen der Sträflinge; Herrn Dubous⸗ quet's Aufführung war ſo tadellos, daß man ihn nach fünf Jahren auf die Liſte Derjenigen ſetzte, die zuerſt eine Abkürzung der Strafzeit, und ſpäter, wenn ihre Aufführung fortwährend befriedigend iſt, eine vollſtändige Begnadigung verdienen. So wurde ſeine lebenslängliche Gefangenſchaft zuerſt in eine fünfzehnjährige umgewandelt, und nach eilfjährigem Aufenthalt in Breſt erhielt er die Freiheit wieder. Sechs Monate vorher machte Herr Dubousquet, wie er Wolfrang naiv erzählte, Bekanntſchaft mit Bonhomme. Dieſe erſten Beziehungen waren tragiſch. Bonhomme war eben zur Welt gekom⸗ men, und ein Bedienter des Marinecommiſſärs, welchem die Mutter gehörte, wollte ihn ganz ein⸗ fach ins Waſſer werfen; Dubousquet erbat ſich die Erlaubniß, den Hund aufzuziehen; er ätzte ihn mit großer Geduld, und Bonhomme wuchs, wo nicht an Schönheit, doch wenigſtens an Verſtand und Liebe zu ſeinem Herrn. „Seit unſerem Abſchied vom Bagno haben wir, das arme Thier und ich, uns nie verlaſſen,“ ſchloß Herr Dubousquet ſeine Erzählung. „Der Hund war der einzige Vertraute meiner Leiden und auch meiner kleinen Freuden, denn ich wiederhole Ihnen, Herr Wolfrang, und Sie werden mir jetzt, da Sie mein ganzes Leben kennen, wohl glauben, meine guten Augenblicke ſind diejenigen, die ich allein mit 236 *meinem Gewiſſen und meinem Hund zubringe. Ich werde ihn jetzt unendlich glücklich machen, wenn ich ihm mittheile, daß Sie uns im Hauſe behalten, obſchon wir beide auf den Galeeren geweſen ſind.“ Während Herr Dubousquet dieſe letzten Worte ſprach, wurde die äußere Glocke ſeiner Wohnung heftig geläutet, und auf das Geklingel folgte ein wiederholtes Gebell des Hundes, der bis jetzt vor der Thüre des Salons gelegen hatte. „Wer mag ſo ſtark läuten?“ ſagt Dubousquet, indem er überraſcht aufſteht und ſich an Wolfrang wendet. „Sie erlauben, mein Herr, daß ich nach⸗ ſehe, wer es iſt?“ „Bitte, geniren Sie ſich nicht; ich will Sie er⸗ Ich habe Ihnen noch ein paar Worte zu agen.“ Herr Dubousquet ging und ſagte, indem er die Liebkoſungen ſeines Hundes erwiederte, in ſeligem Tone zu ihm: „Wir bleiben hier, mein guter Bonhomme; mein Gott, ja wir bleiben! Ach, es iſt eine ganze Geſchichte. Ich werde Dir heute Abend Alles er⸗ zählen.“ So ſprechend öffnete er die Thüre, die auf den Abſatz ging, und vor ihm ſtand Toinette Dubous⸗ quet, die Magd des Herrn von Saint⸗Proſper, Stifters der Alimentation für die erſte Kindheit. 237 XXV. Herr Dubousquet war ſehr überraſcht beim An⸗ blick dieſes jungen Mädchens, das er noch nie im Hauſe begegnet hatte, denn er ging ſelten aus und wählte den Abend zu ſeinen Spaziergängen. Ueber⸗ dieß wohnte Toinette nebſt ihrem Herrn erſt ſeit Kurzem da und hatte beinahe immer das Bett hüten müſſen. Sie war ſehr bewegt, ſehr blaß, und als Herr Dubousquet ihr die Thüre öffnete, betrachtete ſie ihn einen Augenblick mit einer Miſchung von Un⸗ ruhe und Neugierde; dann murmelte ſie mit ge⸗ dämpfter Stimme: „Kein Zweifel mehr! er iſt's! Mein Gott, wie er meinem ſeligen armen Vater gleicht!“ Sie ſpricht dieſe Worte beinahe unverſtändlich, ſo daß Dubousquet ſie nicht hört; aber überraſcht durch die rührende Phyſiognomie des jungen Mäd⸗ chens und beſonders durch ihre ſteigende Unruhe, denn ſie ſenkt den Kopf und bleibt zitternd auf der Thürſchwelle ſtehen, ſagt er voll Güte zu ihr: „Mit was kann ich Ihnen dienen, mein Kind? Bemühen Sie ſich gefälligſt herein.“ „Nein, nein,“ antwortet Toinette, indem ſie mit einem gewiſſen Entſetzen zurückweicht. Dann fügt ſie nach einer kurzen Ueberlegung hinzu: „Und dennoch was thun? mein Gott, mein Gott, was thun? an wen ſoll ich mich wenden in meinem Ungluͤck?“ „Bitte, Kind, was haben Sie denn? Sie ſehen leidend, ängſtlich aus,“ ſagt Dubousquet, der ſich immer mehr über die Unruhe wundert, worein 238 ſeine Gegenwart das Mädchen zu verſetzen ſcheint; dann fährt er fort: „Ich bitte Sie um Alles, wenn Sie mir Etwas mitzutheilen haben, ſo kommen Sie herein.“ „Es muß ſein, es muß ſein!“ murmelt Toinette, indein ſie mehr auf ihre eigenen Gedanken, als auf Dubousquet's Aufforderung antwortet. „Ach, was wird meine Mutter ſagen?“ Als Dubousquet das junge Mädchen auf ſich zukommen ſieht, geht er voran und führt ſie in ein Zimmer neben demjenigen, wo Wolfrang geblieben iſt. Kaum iſt Toinette eingetreten, ſo ſinkt ſie von Kummer niedergedrückt auf einen Stuhl und bricht, ihr Geſicht in den Falten der Schürze verbergend, in Thränen aus, ohne ein Wort hervorzubringen. Dubousquet, deſſen Verwunderung einem angſt⸗ vollen Mitleid Platz macht, tritt auf ſie zu und ruft in tiefgerührtem Tone: „Um Gotteswillen, mein armes, liebes Kind, was haben Sie?“ „Mein Herr,“ antwortet Toinette mit zittern⸗ der Stimme, indem ſie ihre thränenfeuchte Schürze fallen läßt, und ohne die Augen aufzuſchlagen: „Sind Sie wirklich Herr Dubousquet?“ „Allerdings.“ „Sind Sie von Lyon?“ „Ja mein Kind.“ „Ich auch, mein Herr, ich bin auch von Lyon.“ „Nun wohl, da wir Landsleute ſind, ſo muß das eine Aufforderung für Sie ſein, mir Vertrauen zu ſchenken.“ „Ach,“ murmelt die Magd mit qualvoller Un⸗ 239 ſchlüſſigkeit, „ich wage es nicht ich wage es nich „Beruhigen Sie ſich doch, armes Kind; flöße ich denn Ihnen Angſt ein?“ „Nein, mein Herr.“ — Und Toinette denkt bei ſich: „Und doch ſieht er nicht bösartig aus.“ „Wenn ich Ihnen keine Angſt einflöße, ſo ſagen Sie mir offen, was Sie von mir wünſchen: iſt es ein Dienſt, ſo bin ich mit der größten Freude dazu bereit Ihre Jugend, Ihr Geſicht, der Kummer, den Sie empfinden, Alles intereſſirt mich.“ „Mein Herr. . Sie kennen meine Fa⸗ milie „Das iſt möglich, da Sie von Lyon ſind. Aber ich habe ſchon ſo lang, ſo lang dieſe Stadt ver⸗ laſſen, daß ich keinen Bekannten mehr dort habe. Wie heißen Sie denn?“ Bei dieſer Frage beginnt die Unſchlüſſigkeit des Mädchens von Neuem. Sie kann ihre Skrupel nicht überwinden, und indem ſie gleich Leuten, die ſo lang als möglich vor einer fatalen Nothwendigkeit zurückweichen, die Frage eingeht, antwortet ſie: „Ich diene in dieſem Haus.“ „Ich bin Ihnen noch nie begegnet . . . aber das iſt kein Wunder . ich gehe ſo wenig aus.“ „Wir wohnen noch nicht lange hier, und ich bin kaum von einer Krankheit aufgeſtanden.“ „Sie ſind wirklich ſehr blaß und Sie ſcheinen leidend zu ſein. Bei wem dienen Sie denn?“ „Bei Herrn von Saint⸗Proſper.“ Das junge Mädchen hatte dieſe Worte ausge⸗ 240 ſprochen, wie wenn ſie ihr die Lippen verbrannt hätten. Herr Dubousquet verſetzt: „Da könnten Sie gar keinen beſſern Platz fin⸗ den, Herr von Saint⸗Proſper iſt ein ſehr braver Mann, und ſein menſchenfreundliches Werk für die Kindheit gewinnt ihm die Segenswünſche aller Mütter.“ „Ihm! . . . großer Gott!“ . ruft Toinette, indem ſie von Neuem ihr Geſicht in ihren Händen verbirgt — „Ihm!“ Dieſen Ausruf betont das Mädchen mit ſolchem Abſcheu und Entſetzen, daß Dubousquet ſie mit leb⸗ hafter Ueberraſchung betrachtet; dann ſagt er: „Man ſollte glauben, Sie hätten ſich ſchwer über Ihren Herrn zu beklagen. Das würde mich ſehr überraſchen. Er iſt ein ſo verehrungswürdiger Mann. Doch es wäre möglich, daß Ihnen trotz ſeiner Tugenden ſein Charakter nicht zuſagte. Woll⸗ ten Sie mich vielleicht in dieſem Fall bitten, Ihnen einen andern Dienſt zu ſuchen? Dieß würde mich ſehr in Verlegenheit bringen, denn .. „Ich weiß nichts .. .fragen Sie mich nichts.. der Kopf ſchwindelt mir .. . ſeit ſechs Wochen lebe ich nicht mehr. . . ich werde wahnſinnig werden“ ruft Toinette mit ſtarren, verſtörten Augen, wie wenn es mit ihrem Verſtand nicht richtig ausſähe. Herr Dubousquet, deſſen Erſtaunen immer grö⸗ ßer wird, betrachtet ſie ſchweigend, bis ſie ſich wie⸗ der gefaßt hat und traurig zu ihm ſagt: „Verzeihen Sie, mein Hert, verzeihen Sie! Ach, wenn Sie wüßten! ich bin ſo unglücklich, daß ich manchmal nicht mehr weiß, was ich ſage.“ 241 „Armes, liebes Kind, Ihre Worte gehen mir tief zu Herzen, aber um Goiteswillen, was kann ich für Sie thun? Sie ſind ohne Zweifel gekom⸗ men, mich um Etwas zu bitten?“ Toinette ſammelte ſich einen Augenblick und ſagt dann nach einer qualvollen Selbſtüberwindung: „Geſtern Abend habe ich von meinem Herrn er⸗ fahren, daß Sie hier wohnen ich wußte es nicht ich ſprach mit Niemand.“ „Und aus welcher Veranlaſſung hat Ihr Herr von mir geſprochen?“ „Um mir zu bedeuten, daß er mich fortſchicke, und daß ich einen andern Platz zu ſuchen habe.“ Herr Dubousquet ſieht das Mädchen an, wie wenn er dieſe Worte nicht verſtände, und ſagt dann: „Verzeihen Sie, mein Kind, Sie ſagen, daß Herr von Saint⸗Proſper, als er Sie aus dem Dienſt geſchickt, Ihnen mitgetheilt habe, daß ich dieſes Haus bewohne?“ „Ja, mein Herr.“ „Aber, mein liebes Kind, das iſt ja ganz un⸗ erklärlich. In welcher Beziehung kann denn meine Perſon zu Ihrer Entlaſſung ſtehen?“ 6 „Sie Sie Sie ſind die Veranlaſſung azu.“ „Was höre ich?“ ruft Dubousquet ganz betäubt, „um meinetwillen ſchickt Ihr Herr Sie fort?“ „Leider ja mein Herr hat mir geſagt .. .“ „Vollenden Sie.“ „Er könne mich nicht behalten, denn ich ſei...“ „Was denn?“ „Ich ſei die Nichte eines „ Sue, Geheimniſſe d. Kopftiſſens. II. 16 242 „Ei ſo ſprechen Sie doch.“ „Eines ehemaligen Galeerenſclaven.“ „Großer Gott, Sie ſind . . . „Die Tochter Ihres ältern Bruders, Auguſt Dubousquet.“ XXVI. Herr Dubousquet war bei dieſer Mittheilung wie vernichtet. Er glaubte nicht ohne Grund, ſeine Schwägerin werde ſich als Seideweberin, was ſie wie auch Toinette war, nicht mehr mit ihrer Fa⸗ milie (Suzanne hatte drei Kinder) fortgebracht und daher entſchloſſen haben, ihre Tochter in einen Dienſt nach Paris zu ſchicken. Als dann ſeine erſte Ueberraſchung vorüber war, dachte er nur noch an das Glück, ſeine Familie, die bis jetzt in Folge einer ſtolzen und ehrenhaften Empfindlichkeit ſeine Dienſte zurückgeſtoßen hatte, endlich unterſtützen zu können. Mit Thränen in den Augen ſtreckt er die Arme gegen Toinette aus und ruft: „Komm, komm, meine vielgeliebte Nichte. Der Himmel ſei geprieſen, daß er mir nach ſo vielen Jahren geſtattet, einem der Kinder meines armen Bruders zu beweiſen, wie ſehr ich ihn liebte .. . wie ſehr ich ihn noch immer liebe!“ Aber achi mit Verwunderung und herbem Schmerz muß der ehemalige Galeerenſträfling be⸗ merken, daß das junge Mädchen ſeine liebreiche Aufforderung nicht nur nicht erwidert, ſondern 243 ſogar mit einem unwillkürlichen Ausdruck von Furcht und Widerwillen zurückgetreten iſt, als er eine Be⸗ wegung gemacht hat, um ſie in ſeine Arme zu ſchlie⸗ ßen. Der Unglückliche tritt jetzt ebenfalls zurück und bebt; ſein Kopf ſinkt auf ſeine Bruſt, ſeine Arme fallen ſchlaff an ſeinen Seiten hinab; er murmelt tief bewegt: „Ah richtig. ah richtig dieſes arme Kind iſt von ſeiner Mutter in der Verachtung und Verabſcheuung ſeines Onkels, des Diebes, des Mör⸗ ders, des Galeerenſclaven auferzogen worden.“ Ein peinliches Stillſchweigen folgt auf dieſe ſchmerzlichen Worte des Herrn Dubousquet. Toi⸗ nette, die ſein Leiden ahnt, iſt im Begriff, ſich von ihrem Mitleid hinreißen zu laſſen, denn ſie fühlt ſich hingezogen zu ihrem Onkel, der ſich ſo wohl⸗ wollend gegen ſie gezeigt hatte, noch ehe ſie ſich zu erkennen gegeben, und der ſo unglücklich, durch den Abſcheu, den er einflößt, ſo niedergedrückt erſcheint. Aber von Kindheit an gewöhnt, in dem verurtheil⸗ ten Verbrecher die Unehre ihrer Familie zu er⸗ blicken, kann Toinette ihren Widerwillen nicht über⸗ winden. Herr Dubousquet beherrſcht ſeinen Schmerz und beginnt, indem er das Mädchen nicht mehr zu du⸗ zen wagt, von Neuem: „Die Entfremdung, um nicht mehr zu ſagen, die ich Ihnen einflöße, betrübt mich ſehr, aber ich hätte mich nicht darüber wundern ſollen. Ich ver⸗ diene dieſe Entfremdung. Wollen Sie mir wenig⸗ ſtens, bevor Sie von Ihren eigenen Angelegen⸗ heiten ſprechen, Nachrichten geben von 244 Aber er berichtigt ſich, da er ſich von dieſer Familie ausgeſtoßen weiß, und fügt hinzu: „Von Ihrer Familie wie befindet ſich Ihre Mutter?“ „Als ich vor ſechs Monaten Lyon verließ, be⸗ fand ſie ſich ziemlich gut, obſchon ſie ſehr ermattet war.“ „Durch übermäßige Arbeit?“ „Ja, mein Onk. Jett berichtigt ſich Toinette und ſagt: „Ja, mein Herr.“ Dieſ⸗ Reticenz beweist Dubousquet, wie hart⸗ näckig der Widerwille iſt, den er der Familie ſei⸗ nes Bruders einflößt. „Ihre Mutter verdient alſo noch immer einen ſehr geringen Lohn?“ fragt er. „Leider ja, mein Herr. Um die Zeit anzuwen⸗ den, die ihr während der Einſtellung der Fabrik⸗ arbeiten übrig bleibt, hat ſis ein Waſchgeſchäft an⸗ gefangen. Wann nicht gewoben 4 waſcht ſie auf den Schiffen der Rhone; aber ſie iſt ſo ſchwäch⸗ lich; es iſt ihr ſehr ſchädlich, daß ſie, namentlich die Füße ſo oft im Waſſer haben muß . „Arme Frau! welche Thätigkeit! welcher Muth! ſie iſt alſo noch immer dieſelbe. Ach, es iſt nicht meine Schuld, daß ſie nicht eine weniger harte Exi⸗ ſtenz bekam ... Aber ſo iſts nun einmal.“ Und er fragt ſeufzend wieder: „Und Ihre Schweſter Louiſe?“ „Sie geht mit der Mutter auf das Schiff und in die Fabrik.“ 245 „Sie muß balb dreizehn Jahre alt ſein?“ „Ja, mein Herr, und ſie iſt ſehr fleißig; ſie thut Alles was ſie kann, um die Mutter zu unter⸗ ſtützen.“ „Das iſt wenigſtens ein Troſt für Ihre Mutter Und Ihr Bruder Amedée?“ „Sie wollen ſagen, mein Bruder Juſtin?“ „Ich glaubte doch, man habe ihm meinen Na⸗ men gegeben: Amedée.“ „Ja, mein Herr; Anfangs nannte man ihn Amedée, aber ſpäter . . .“ „Schon gut . . verſetzt Herr Dubousquet. Die Thränen ſteigen ihm in die Augen, und er ſagt mit Bitterkeit zu ſich ſelbſt: „Mein Gott! ſogar an meinem Taufnamen ſchämen ſie ſich! Sie haben nicht geduldet, daß dieſes Kind ihn nach meiner Verurtheilung trug.“ Dann fragt er weiter: „Nun, was macht Ihr Bruder Juſtin?“ „Er iſt bei einem Bijoutier in der Lehre, aber er verdient noch nicht einmal ſeine Koſt und iſt be⸗ ſtändig Mama zur Laſt.“ „Er iſt aber doch ſchon über ſechszehn Jahre alt. Wie kommt es, daß er nicht einmal ſeine Koſt bei ſeinem Meiſter verdient?“ „Er iſt ein leichtſinniger Burſche . . er bleibt nicht bei der Arbeit er hat keine Freude an ſeinem Handwerk. Wenn er einen Gang machen ſoll, ſo bleibt er immer ſehr lange aus. Mama fürchtet, er möchte ſchlechte Bekanntſchaften gemacht haben.“ „Wie ſo?“ 246 „Eines Abends, als Mama mit meiner Schweſter von ihrem Schiff zurückkam, ſah ſie Juſtin mit Leu⸗ ten von verdächtigem Ausſehen in einer Kneipe am Ufer ſitzen. Sie ſtellte ihren Waſchkorb ab, lief in die Kneipe und befahl meinem Bruder, augen⸗ blicklich zu ſeinem Herrn zurückzugehen. Juſtin liebt Mama ſehr, aber er beſitzt viel Selbſtliebe. Er ärgerte ſich, daß er vor ſeinen Freunden wie ein Kind behandelt wurde, denn die Andern lachten ihn aus. Er gab der Mutter eine grobe Antwort .. . ſie iſt ſehr raſch und gab ihm eine Ohrfeige; da ſchwur er, daß er uns das Haus nicht mehr betre⸗ ten werde. Und allen Befehlen und Bitten der Mutter zum Trotz ging er mit dieſen verdächtigen Geſellen weiter.“ „Das betrübt und beunruhigt mich ſehr, Toi⸗ nette. Aber Juſtin hat hoffentlich ſeine Drohung nicht ausgeführt . . . er iſt wieder heimgekommen?“ „Erſt nach drei Tagen.“ Und wo hat er dieſe zugebracht?“ „Er hat es Mama nie ſagen wollen.“, „Iſt er hernach zu ſeinem Herrn zurückgekehrt?“ „Dieſer wollte ihn Anfangs nicht wieder neh⸗ men, aber Mama hat ihn ſo dringend gebeten, daß er ſich doch zuletzt dazu entſchloß, jedoch mit der Erklärung, er werde ihn beim nächſten Fehler fort⸗ ſchicken.“ „Hat ſich Juſtin ſpäter beſſer aufgeführt?“ „Ja, mein Herr, vierzehn Tage lang; dann aber hat ſein Naturell wieder die Oberhand gewon⸗ nen . er iſt ein ſehr guter Junge, aber unglück⸗ licher Weiſe von ſehr ſchwachem Charakter .. er hat —————————— —— ſich von Neuem die Unzufriedenheit ſeines Herrn zugezogen.“ „Iſt er dann ohne Gnade fortgeſchickt worden?“ „Ach ja . . . und Mama, die ſich ein wenig ärgerte. ſie hat ſo viel Kummer . iſt ſehr hitzig gegen Juſtin geworden . ſie hat ihm eine furchtbare Scene gemacht, ſie hieß ihn einen lieder⸗ lichen Schlingel, einen Faullenzer, einen Tauge⸗ nichts, der gewiß einmal auf die SEſr⸗ kommen werde wie ſein „ ½ Toinette vollendete ncht, und als ſie , ſchmerz⸗ erfüllte Phyſiognomie ihres Onkels ſah, bereute ſie ſehr, daß ſie ſich von ihrem Eifer ſo weit hatte hinreißen laſſen. Eine Thräne rollte über ſeine Wange, aber er lächelte mit einem Ausdruck engelgleicher Ergebung und ſagte traurig zu ſeiner Nichte: „Ich hoffe, daß Ihr Bruder niemals ſo .. ſo unglücklich ſein wird wie ich. . . Ich will gerne glauben, daß die Befürchtungen Ihrer armen Mutter übertrieben ſind, obſchon Juſtins Benehmen ſie ſehr beunruhigen muß. Und wie ging es weiter, nach⸗ dem Ihr Bruder von ſeinem Herrn entlaſſen war?“ „Pie Vorwürfe der Mutter haben Juſtin ſehr betrübt. Er weinte lange, denn im Grund hat er ein ſehr gutes Herz; ſeine größten Fehler ſind ſein Leichtſinn und ſeine Charakterſchwäche. Er antwor⸗ tete der Mutter, er werde des Namens ſeines Va⸗ ters, der uns kein anderes Erbe als die Ehre hin⸗ terlaſſen habe, würdig werden; er werde eher ſterben, als daß er unſerer Familie Schande mache, es ſei ſchon genug ... 248 Toinette unterbrach ſich von Neuem. Dieſe neue Reticenz überraſchte Herrn Dubous⸗ quet nicht, ſo demüthigend ſie für ihn war; ſeine Schande war ſo zu ſagen eine häusliche Tradition bei dieſen Unglücklichen geworden. Sie ſchienen ſie häufig im Munde zu führen, theils als ein Unglück, theils als ein abſchreckendes Beiſpiel. Herr Dubousquet ſagte daher mehr als je zu ſich: „Ach ich zittere, wenn ich bedenke, daß das ſchon jetzt ſo qualvolle Unglück dieſer Familie ſich zur Verzweiflung ſteigern würde, wenn ſie erführe, gro⸗ ßer Gott, daß ohne mein Opfer der Name meines Bruders der Gegenſtand dieſes unüberwindlichen Abſcheus, dieſer Verwünſchungen wäre, womit ſie mich verfolgen . daß die Schande unſerer Fa⸗ milie dieſer Vater, dieſer Gatte wäre, deſſen An⸗ denken ſie ſo heilig halten. Ach wie wünſche ich ni Glück dazu, daß ich mich für Auguſt geopfert a e!“ * Dann fährt er in einem Ton unſäglicher Milde ort: ſchon genug . . es iſt mehr als zu viel an dem welchen ich über Ihre Familie gebracht habe.“ „Verzeihen Sie . mein Herr wenn ich Sie verletzt habe es iſt wider meinen Willen geſchehen . . und ... „Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, mein Kind...“ Aber da er ſeine Richte durch dieſe Vertraulich⸗ . „Ihr Bruder hatte Recht, Toinette es iſt ——————— 24 3 keit zu beleidigen fürchtet, ſo fügt er ſchüchtern und mit gedehnter Stimme hinzu: „Erlauben Sie nur, daß ich Sie mein Kind nenne. Wollen Sie?“ „Mein Herr „ „Gut. gut . .. wenn es Ihnen zuwider iſt, ſo beſtehe ich nicht mehr darauf.“ „Nein, mein Herr. es iſt mir nicht zuwider.“ Gegenüber ſolcher Milde und Ergebung fühlte ſich das Mädchen trotz ihres Abſcheus vor dem ver⸗ urtheilten Verbrecher gerührt und entwaffnet. Sie lonnte ſich von ihrer Ueberraſchung nicht erholen, als ſie ihren Onkel ſo gänzlich verſchieden von dem abſtoßenden Portrait fand, das ſie ſich ſeit ihrer Kindheit vorgeſtellt hatte. Inzwiſchen ſind die erſten Eindrücke, die wir im zarten Alter empfangen, ſo zäh und eingefleiſcht in uns, daß Toinette ihre Ent⸗ fremdung nicht gänzlich überwinden konnte. „Nein, ich mache Ihnen keinen Vorwurf, mein Kind,“ hatte Herr Dubousquet geſagt. „Es iſt be⸗ greiflich, daß Juſtin von mir in den Ausdrücken geſprochen hat, die Sie mir erzählen .. . ich zweifle nicht daran, daß er ſeinen guten Entſchließungen getreu bleiben wird, denn ſein Vater ſchrieb mir ein⸗ mal, ſein Sohn habe ein vortreffliches Herz. Das gute Herz habe er behalten, ſagen Sie, man braucht daher nicht an ihm zu verzweifeln. Hat er ſeine Lehre bei einem andern Meiſter fortgeſetzt?“ „Nein mein Herr. Er ſagte zur Mutter, er habe keine Freude an der Bijouterie, denn da müſſe er immer in einer Werkſtatt eingeſchloſſen bleiben und dürfe ſich nicht rühren; er müſſe Luft und Be⸗ 250 wegung haben und deßhalb möchte er am allerlieb⸗ ſten Schiffzertrümmerer auf der Rhone werden.“ „Welche ſeltſame Idee! Dieſes Handwerk gehört zu den allermühſamſten.“ „Allerdings, mein Herr, aber Juſtin ſagte, er brauche hier keine Lehrzeit und werde bald ſein Leben verdienen, denn er ſei kräftig und arbeite gerne. Mama antwortete ihm, ſie wolle Niemand verachten und gebe gerne zu, daß es überall rechtſchaffene Leute gebe, aber unter den Schiffzertrümmerern finde man zuweilen hergelaufenes Geſindel, Land⸗ ſtreicher, Wilddiebe und dergleichen.“ „Juſt dieſer Gedanke iſt mir auch gekommen, mein Kind, und obſchon ich mit Ihrer Mutter da⸗ rin übereinſtimme, daß es überall rechtſchaffene Leute gibt, ſo ſteht doch bei Juſtins ſchwachem Charakter ſehr zu befürchten, daß er bei dieſem Handwerk gefährliche Bekanntſchaften machen könnte.“ „Das antwortete die Mutter auch; dann fügte ſie noch hinzu, daß er ſchon ſeit länger als vier Jahren in der Bijouterie arbeite und daß es daher ein Unſinn wäre, ein vortheilhaftes Gewerbe aufzu⸗ geben, bei welchem er bald ſein Auskommen ver⸗ dienen könne, wenn er nur fleißig und ſolid ſein wolle; ſie werde daher einen Verſuch machen ihn bei einem andern Herrn unterzubringen.“ „Ihre Mutter hatte vollkommen Recht. Und Juſtin hat auf ihren Rath gehört?“ „Nein, mein Herr. . er hat ſie ſo flehentlich gebeten, daß ſie endlich nachgab und ihm ſeinen Willen ließ.“ „Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm.“ „Allerdings; inzwiſchen atbeitete mein Bruder, als ich Lyon verließ, bereits als Schiffzertrümmerer und verdiente fünfundzwanzig Sous täglich.“ „Nun denn, obſchon ich für meinen Neff. .. für Juſtin eine andere Profeſſion gewünſcht hätte, ſo muß man ſich doch tröſten, wenn er ſein Brod auf eine ehrliche Weiſe verdient.“ 3 „In ihren letzten Briefen ſchrieb mir Mama, ſie habe ſich über meinen Bruder nicht zu betlagen, aber er beſuche ſie oft vierzehn Tage lang nicht, weil er, wie er ſage, an den Ufern der untern Saone arbeiten müſſe mit einem Herrn, der ihn gedungen habe. Dieſer Herr heiße Landry und ... „Ach mein Gott!“ ruft Herr Dubousquet, der bei der Erinnerung an ſeinen ehemaligen Ketten⸗ kameraden in Breſt, welcher vom Bagno entwiſcht war, angſtvoll zuſammenfährt. Ach mein Gott! Landry! Wenn er es wäre!“ „Kennen Sie ihn? fragt Toinette überraſcht durch die Angſt, die ſich auf den Zügen ihres Onkels kundgibt, „Sie ſcheinen beſorgt zu ſein?“ „Wiſſen Sie, wie alt dieſer Landry iſt?“ „Nach dem was Mama mir geſchrieben hat, iſt er ſchon ein alter Mann.“ „Schon alt. . dann trifft es ſich er war ungefähr dreißig Jahre alt, als wir im Bagno waren,“ ſagt Herr Dubousquet zu ſich. Dang fährt er laut fort: „Ihre Mutter hat alſo dieſen Mann geſehen, mein Kind?“ „Ja; ſie hat mir geſchrieben, mein Bruder habe, als er das erſte Mal ſo lange ausgeblieben ſei, dieſen Landry mit nach Hauſe gebracht, um Mama 252 zu beruhigen und ſie zu verſichern, daß Juſtin ſeit vierzehn Tagen bei ihm arbeite. Sie fügte in ihrem Brief hinzu, der Mann habe ein höchſt verdächtiges Geſicht.“ „Es unterliegt keinem Zweifel mehr, er muß es ſein,“ ruft Dubousquet. „Ach, der unglückliche Junge! er iſt verloren!“ „Verloren! mein Bruder!“ ruft ihrerſeits Toi⸗ nette erſchrocken über den Ausdruck in den Zügen ihres Onkels; „warum ſollte er denn verloren ſein?“ Aber ohne auf dieſe Frage zu antworten, fährt Dubousquet fort: „Hat Ihre Mutter Ihnen andere Details über dieſen Landry mitgetheilt?“ „Nein; ſie ſchrieb mir, wie ich Ihnen eben erzählt habe, daß er ſehr verdächtig ausſehe, aber, nach ſeinen Aeußerungen zu ſchließen, ein rechtſchaf⸗ fener Mann zu ſein ſcheine; er verſprach ihr, über Lene Bruder zu wachen wie über ſeinen eigenen So R. 4 „Welcher Mentor! himmliſche Güte!“ ruft Herr Dubousquet zitternd; „mein Kind ſchreiben Sie heute noch an Ihre Mutter, Sie müſſe Juſtin um jeden Preis aus der Geſellſchaft dieſes Landry weg⸗ nehmen, denn ſonſt, ich wiederhole es Ihnen, iſt der unglückliche Junge verloren . . . wenn er es nicht bereits iſt.“ „Mein Gott, Sie machen mich zittern . . . dieſer Landry iſt alſo .. „Ein höchſt gefährlicher Menſch.“ „Ah, vielleicht iſt es nicht derſelbe, dem Sie ſo mißtrauen.“ 253 „Das iſt ſtreng genommen möglich . .. gleichwohl glaube ich mich nicht zu täuſchen. Ueberdieß iſt es in allen Fällen und im Zweifel beſſer, wenn Ihr Bruder ſein neues Handwerk aufgibt. Schreiben Sie alſo Ihrer Mutter, ich habe alle Urſache zu glauben, daß dieſer Landry ein Elender ſei, und man müſſe Juſtin augenblicklich von ihm wegnehmen ... für den Augenblick liegt nichts daran, ob er ſeinen Lebensunterhalt verdient oder nicht; ich werde für ſeine Bedürfniſſe ſorgen. Es iſt hundertmal beſſer, wenn er ein paar Monate ohne Arbeit bei Ihrer Mutter bleibt, als wenn er noch länger mit dieſem Landry umgeht. .. Ach, mein armes Kind, ich zittere bei dem Gedanken an die Charakterſchwäche Ihres Bruders. Mein Gott, wenn es nur nicht ſchon zu ſpät iſt!“ Und auf ſeinen Pult zeigend, wo ſich alle nöthi⸗ gen Schreibmaterialien befinden, fährt er fort: „Es iſt kein Augenblick zu verlieren . ſetzen Sie ſich hierher und ſchreiben Sie ſogleich an Ihre Mutter. Ein einziger Tag Aufſchub kann die un⸗ ſeligſten Folgen haben.“ Aber als er ſieht, daß das junge Mädchen un⸗ beweglich ſitzen bleibt, erröthet und verlegen die Augen niederſchlägt, fügt er dringlich hinzu: „Ich beſchwöre Sie .. die Sache iſt wichtiger als Sie glauben . .. ſchreiben Sie unverzüglich an Ihre Mutter, dieſer Landry ſei ein Elender und Juſtin ſolle, bis er Arbeit gefunden habe, an Nichts Mangel leiden; ich will Ihnen ein Billet von zwei⸗ Franken geben; legen Sie es in den Brief inein.“ 254 „Mein Herr,“ verſetzt das Mädchen mit beben⸗ der Stimme, „ich bedaure Sie betrüben zu müſſen .. . beſonders in dieſem Augenblick. . . wo Sie mir einen Dienſt erweiſen wollen . . . Aber wenn meine Mutter nur erführe, daß ich mit Ihnen geſprochen habe, ſo dürfte ich ihr nie mehr unter die Augen treten. Was das Geld betrifft, das Sie ihr ſchicken wollen, ſo hat ſie uns hundert Mal geſagt, ſie wolle ſich lieber zu Tod arbeiten, als einen Liard von Ihnen annehmen.“ „Ach, das iſt zum Verzweifeln!“ ruft Herr Du⸗ bousquet. „Aber Angeſichts der gegenwärtigen Um⸗ ſtände ſind dieſe Vorurtheile unſinnig, unrecht und.. .“ „Meine Mutter hat keine Vorurtheile, mein Herr,“ verſetzt Toinette raſch; „alle rechtſchaffenen Leute würden eben ſo handeln.“ „Aber Ihr Bruder . . Ihr Bruder . . .“ „Ich will Mama, ohne mich weiter zu erklären, ſchreiben, ſie ſolle ſo bald als möglich jeden wei⸗ tern Verkehr zwiſchen meinem Bruder und dieſem Landry verhindern, weil er ein ſchlechter Kerl ſei, wie ſie ihn nach ſeinem Geſicht beurtheilt habe; aber dieß iſt Alles, was ich Mama ſagen kann.“ „Es ſei ſo, mein Kind,“ verſetzt Herr Dubousquet beſtürzt, „ſchreiben Sie wenigſtens dieſes ſogleich.“ Toinette tritt an den Tiſch, und während ſie ſchreibt, ſagt Herr Dubousquet mit ſchmerzlicher Niedergeſchlagenheit zu ſich ſelbſt: „Es iſt nun einmal ſo . . . das Verhängniß will es. wie könnte meine Schwägerin meinen Ver⸗ ſicherungen in Betreff dieſes Landry Glauben ſchen⸗ len? Bin ich nicht ſelbſt ein ehemaliger Sträfling? 255 Und überdieß habe ich nach dem befangenen Urtheil Suzannes kein Recht mich mit den Intereſſen einer Familie zu befaſſen, die mich ſeit ſo langer Zeit von ſich ausſtößt. Das Geld, das ich anbot, um die Bedürfniſſe dieſes vielleicht jetzt ſchon verlorenen Kindes zu beſtreiten, muß Suzanne nothwendig zu⸗ rückweiſen. Hat ſie nicht bisher unbarmherzig jede Unterſtützung von mir abgelehnt? Ach, Herr Borel, Herr Borel ſie ſind noch nicht zu Eude, die furchtbaren Folgen Ihres Vertrauensmißbrauchs! Ohne Ihr Verbrechen würde dieſe Frau glücklich und im Wohlſtand leben, und jetzt darbt ſie ſchon ſeit zwanzig Jahren in der ſchrecklichſten Noth!. .. Und vielleicht befindet ſich der Sohn meines Bruders in dieſem Augenblick auf dem Weg, der ihn eines Tags ins Bagno führen wird!“ „Ich habe geſchrieben,“ ſagt Toinette, indem ſie aufſteht; „ich melde meiner Mutter, ich habe zufällig erfahren, daß dieſer Landry ein ſehr gefährlicher Menſch ſei, und ſie ſolle daher meinen Bruder auf's ſchleunigſte von ihm wegnehmen. Ich hoffe, daß Mama mir glauben wird. Meine Mittheilung trifft nur allzugut mit dem erſten Eindruckzuſammen, den ſie ſelbſt von ihm bekommen hatte.“ „Es iſt ſchon viel, wenn Ihr Bruder einem ſo gefährlichen Einfluß entzogen wird; aber leider wird er vielleicht noch lange Ihrer Mutter zur Laſt blei⸗ ben. Gott iſt mein Zeuge, daß es nicht meine Schuld iſt, wenn die Familie meines Bruders nicht vor Noth geſchützt war.“ „Juſtin iſt bereits meiner Mutter und meiner kleinen Schweſter zur Laſt geweſen, und nur durch 256 beharrliche Arbeit haben ſie ſich leidlich durchbringen können.“ „Mein Kind,“ verſetzt Herr Dubousquet nach einem Augenblick der Ueberlegung, „es gäbe gleich⸗ wohl, wenn Sie nur wollten, ein Mittel, Ihrer Mutter und Ihrer Schweſter, denen das Leben ohnehin ſo ſauer gemacht iſt, dieſe ſchwere Laſt zu erſparen.“ „Welches Mittel, mein Herr?“ „Dieſes Geld . . . das ich Ihnen anbot . . .“ „Mein Herr . . ich habe Ihnen bereits ge⸗ ſagt, daß „Könnten Sie nicht Ihre Mutter glauben ma⸗ chen daß Sie dieſe kleine Summe . .. die Sie ihr ſchicken . erſpart haben?“ „„Wüßte nicht jedenfalls ich ſelbſt, woher dieſes Geld kommt, mein Herr? Das wäre ein Betrug gegen Mama ich habe ihr, ſeit ich im Dienſt bin, Dreiviertel meines Lohnes geſchickt . . ich würde für ſie, für mein Schweſterchen und meinen Bruder Alles hingeben . . . aber ich bedaure, es Ihnen wiederholen zu müſſen, mein Herr . . . ich darf von Ihnen Nichts annehmen, weder für meine Mutter, noch für mich.“ „So mag es denn damit ſein Bewenden haben, mein Kind! Gleichwohl .. . ich geſtehe es Ihnen als ich Sie ſo eben hierherkommen und ſich an mich wenden ſah . . . da haite ich gehofft, daß...“ „Ich wollte Sie nur um einen Rath angehen, mein Herr,“ fiel die Nichte ein, die hiemit auf ihre perſönlichen Umſtände zurückgeführt wurde, von wel⸗ chen das Geſpräch über ihre Familie ſie einen Au⸗ — — 257 genblick abgezogen hatte. Ueber ihr Geſicht ver⸗ breitet ſich von Neuem Betrübniß, ſie ſenkt den Kopf und iſt ſichtlich von einer ſteigenden Angſt heimgeſucht. Herr Dubousquet verſetzt: „Es ſei, mein Kind; da Sie von mir nur Rath annehmen wollen, ſo werde ich Sie nach beſten Kräften berathen. Ohne Zweifel ſind Sie in Dienſte getreten, weil Ihr Gewerbe als Seideweberin in Folge des häufigen Feierns unzulänglich wurde?“ „Ja, mein Herr . . . Vor ungefähr achtzehn Monaten brachte meine Mutter mich in Lyon bei einer verwittweten Dame unter, deren Wäſche ſie beſorgte; ich verdiente Anfangs wenig, weil ich den Dienſt noch nicht recht verſtand, aber nach ſechs Monaten hatte meine Gebieterin, die mit mir zu⸗ frieden war, eben meinen Lohn erhöht, als ſie zu meinem Unglück, ach! zu meinem großen Unglück wegſtarb.“ „Kamen Sie dann nach Paris?“ „Leider ja. Man verſicherte meine Mutter, daß der Lohn in Paris beinahe um das Doppelte höher ſei, als in Lyon .. Dies beſtimmte mich ich hoffte auf dieſe Art meine Mutter und mein Schwe⸗ ſterchen unterſtützen zu können eine unſerer Nachbarinnen hatte mir ein Commiſſionsbureau in Paris bezeichnet, ich ließ mich einſchreiben und acht Tage nachher . . Toinette unterbricht ſich; ſie ſchaudert, ſie wird von einem Nervenzucken befallen, dann murmelt ſie mit kaum verſtändlicher Stimme: „Acht Tage ſpäter . trat ich bei Herrn von Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. II. 62 258 Saint⸗Proſper ein . . . mein Unglück . . . datirt ſich von dieſem Tage an.“ Das junge Mädchen vollendet nicht, ſondern bricht in lautes Schluchzen aus. Sie verbirgt ihr Geſicht zwiſchen ihren Händen. Herr Dubousquet verwundert ſich immer mehr über das Entſetzen, welches der bloße Gedanke an Herrn von Saint⸗Proſper, den angeblichen Vincenz von Paula, ſeiner Nichte verurſacht; er ſucht ſie zu beſchwichtigen und zu ausführlicheren Mittheilun⸗ gen zu veranlaſſen, als er an ſeiner Thüre klingeln hört. Er läßt Toinette einen Augenblick allein, öffnet und iſt ganz verdutzt, als er Sylvia vor ſich erblickt. Dieſe ſagt in freundlich höflichem Tone zu ihm: „Guten Morgen, mein lieber Herr Dubousquet; ich habe ſo eben, als ich zu Fräulein Antonine hinaufging, erfahren, daß Wolfrang bei Ihnen ſei.“ „Ja, Madame,“ antwortet Herr Dubousquet. Und er ſagt bei Seite zu ſich: „Ach mein Gott, ich hatte ihn während meines Geſprächs mit meiner Nichte ganz vergeſſen.“ „Ich habe ihm ein paar Worte zu ſagen,“ fährt Sylvia fort, „und ich habe mit Vergnügen dieſe Gelegenheit ergriffen, Ihnen Etwas zu wiederholen, was Sie bereits wiſſen, nämlich daß wir Ihnen mit der größten Hochachtung zugethan ſind und uns ſehr glücklich ſchätzen werden, wenn Sie unſer Haus als das Ihrige betrachten wollen . . . ohne Bon⸗ homme zu vergeſſen, der mich, wie Sie ſehen, be⸗ reits wie ein alter Bekannter behandelt.“ Und die junge Dame ſtreichelt lächelnd den Pu⸗ 259 del, welcher eingedenk des guten Empfangs von geſtern Abend eine ungeheure Freude an den Tag legt; dann fügt ſie hinzu: „Würden Sie die Gefälligkeit haben, Herr Du⸗ bousquet, Wolfrang zu ſagen, daß ich ihn zu ſpre⸗ chen wünſche? oder noch beſſer, wollen Sie mir erlauben, einen Augenblick bei Ihnen einzutreten und Ihnen auf dieſe Art Ihren liebenswürdigen Beſuch von geſtern Abend heimzugeben?“ Alſo in demſelben Augenblick, wo Herrn Du⸗ bousquets Nichte mit grauſamer Naivetät ihm ſo viele qualvollen Beweiſe von der traditionellen Ver⸗ achtung und Abneigung gab, die er ſeiner Familie einflößte und einflößen mußte, bezeugte ihm eine junge Dame, die mit den edelſten Eigenſchaften des Herzens und allen Vortheilen der Schönheit, des Geiſtes und des Reichthums ausgeſtattet war, ihre hohe Achtung. Der Eindruck, den dieſer Contraſt hervorrief, war für ihn ſo überraſchend und ſo lieblich, daß er ſich ihm mit Wonne hingab und vergaß, daß Sylvia noch immer auf der Thürſchwelle ſtand; Thränen traten ihm in die Augen, er betrachtete die junge Dame mit dem Ausdruck unſäglicher Dankbarkeit und ſagte zu ihr: „Ach Madame, wenn Sie wüßten, welches Glück ich Ihnen in dieſem Augenblick verdanke!“ Sie antwortete mit heiterem Lächeln: „Sie wollen mir dlſo durchaus nicht erlauben, einen Augenblick bei Ihnen einzutreten, damit ich das Vergnügen haben kann, Ihnen Ihren Beſuch heimzugeben, während ich Wolfrang abhole?“ 260 „Ach mein Gott, Madame, ich bitte tauſendmal um Verzeihung! welche Güte von Ihnen! Ei wie! Sie hätten die Gnade mich . . mich „Ja gewiß, mein lieber Nachbar, und ich muß Ihnen mit Bedauern geſtehen, daß Bonhomme mich weit beſſer empfängt, als Sie ſelbſt . er hat mich ſchon zu wiederholten Malen durch ſeine Blicke ſowie ſein Hin⸗ und Hergehen zum Eintritt eingeladen; ich werde ihm alſo folgen, wenn Sie erlauben.“ . So ſprechend ging ſie hinter dem Pudel, wel⸗ cher Freudeſprünge machte und bellte, als wäre er ſtolz darauf, den glorreichen Beſuch verkündigen zu dürfen, den ſein Herr erhielt, in das Zimmer, wo Toinette geblieben war. Dieſe war nicht mehr allein. Wolfrang, der vom Salon aus das Geſpräch zwiſchen Herrn Dubousquet und ſeiner Nichte mit angehört hatte, war zu ihr herausgekommen. Sie kannte den Namen des Mannes nicht, der plötzlich vor ihre Augen trat; ſie gerieth daher bei ſeinem Anblick in große Beſtürzung und blieb unbeweglich, den Kopf auf ihre Bruſt geneigt, ſitzen, während Wolfrang ſie mit dem innigſten Mitleid betrachtete, denn er wußte ſchon ſeit der vorigen Nacht das furchtbare Geheimniß, das die Unglückliche ihrem Onkel anvertrauen wollte. Sylvia konnte eine Bewegung der Ueberraſchung und Theilnahme nicht zurückhalten, als ſie die gramvolle Haltung des Mädchens erblickte, das von Kummer gänzlich erdrückt ſchien. Wolfrang gibt ihr mit einem ausdrucksvollen ——— — ——— — 261 Zeichen zu verſtehen, daß ſie ſchweigen und Duhous⸗ quet mit Toinette allein laſſen möge. „Muth, mein Freund, Muth! Ihrem Herzen, das ſchon ſo viel ausgeſtanden, ſteht ein furchtbarer Schlag bevor,“ ſagt Wolfrang zu Herrn Dubous⸗ quet, welcher ihn in das Vorzimmer vor dem Ca⸗ binet begleitete, wo Toinette blieb; „beſchließen Sie Nichts, bevor Sie mich wieder ſehen. Da Ihre Nichte und deren Familie Ihre Dienſte ausſchlägt, ſo werden wir ſie ſchon zu beſtimmen wiſſen, die unſerigen anzunehmen. Wir werden Ihre Nichte nicht im Stich laſſen; ſie verdient das tiefſte Er⸗ barmen. Ja, ich wiederhole Ihnen trotz des furcht⸗ baren Geſtändniſſes, das Toinette Ihnen jetzt ab⸗ legen wird, iſt ſie des zärtlichſten Mitleids würdig, das dürfen Sie mir auf mein Wort glauben.“ „Sie hat mir ein furchtbares Geſtändniß abzu⸗ legen?“ fragte Herr Dubousquet ebenſo überraſcht, als beunruhigt. „Großer Gott, Sie wiſſen alſo, welcher Grund das Mädchen zu mir geführt hat?“ „Ja, aber ich wiederhole Ihnen, tadeln Sie das unglückliche Kind nicht . beklagen und tröſten Sie die Arme . . geben Sie ihr die Verſicherung, daß ſie auf uns zählen kann.“ Dann wendet ſich Wolfrang an ſeine Frau, und indem er ihr mit einem von Rührung noch feuchten Blick Herrn Dubousquet bezeichnet, der ſtumm vor Beſtürzung und Angſt daſteht, fügt er hinzu: „Du kennſt ihn bis jetzt nur aus einer einzigen Handlung, dieſen großherzigen Märtyrer der Bru⸗ derliebe; aber wenn Du einmal weißt, Sylvia, wel⸗ chen Schatz von Zärtlichkeit, Selbſtverleugnung, Muth, Delicateſſe, von namenloſer Güte ſeine Seele verſchließt . . . wenn Du einmal weißt, zu welcher Höhe ſie ſich, ohne ein Bewußtſein ihrer Größe zu haben, durch das Opfer zu erheben vermochte, dann wirſt Du Dich bereits für manche Täuſchungen entſchädigt finden.“ Herr Dubousquet ging, nachdem Wolfrang und Sylvia ſich verabſchiedet hatten, zu ſeiner Nichte zurück. Sylvia begab ſich bald darauf zu Antonine Jourdan, die in demſelben Stock wohnte, wie Herr Dubousquet. Ende des zweiten Theils. ,, , 3 578 e1. Senqne 2 — 2 — 8