auununhhnhnhhranunhhnuanananr a Leihbibliothet 3 von G Eduard Ottmann in Gießen. 5 Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 1 „ franz. od. engl.„ 2 Kr. E 3 Das Abonnement beträgt: E für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— 5 auf 5 Monat fl. — Kr. 1fl. 1 Kr. Die Geheimniſſe des Ropfkiſſens. Nächgelaſſener Roman von Eugen Sue. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Gottlob Fink. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. Erſter Theil. Anna Maria 1843 — 1857. Prolog. „Ich bitte Dich um Alles, laß uns gehen, Wolf⸗ rang! Laß uns dieſe ſchöne Reiſe einmal antreten! Wie viel neue, wie viel intereſſante Dinge werden wir nicht ſehen!“ „Ei wie! dieſe Entſchloſſenheit in Deinem Al⸗ ter, liebe Sylvia? In der Blüthe der Jahre und der Schönheit!“ „Ich bin es müde, den Triumph des Böſen und das Unglück der Gerechten auf dieſer Erde mit anzuſehen.“ „Immer dieſer unſelige Irrthum.“ „Irrthum oder Wahrheit, dieſe Idee läßt mir keine Ruhe, ſie bringt mich zur Verzweiflung, ſie tödtet mich; ſie verderbt ſelbſt den Zauber unſerer Liebe, Wolfrang. Ach! dieſe himmliſche Liebe macht die Wirklichkeit, die uns umgibt, noch abſcheulicher. Weh mir! warum muß der Anblick der Ungerech⸗ tigkeit mich verletzen, mir wehe thun, mir eben ſ ſchreckliche Schmerzen bereiten, wie ihre ee2 „ 4 phyſiſchen Leiden? Laß uns gehen, Wolfrang! Warum länger hier bleiben? Was haſt Du mit dieſer unſaubern und verwünſchten Welt gemein, Du deſſen Herz ein Schatz von Zartgefühl und Güte iſt, Du der Du als ein unter die Menſchen verirr⸗ ter Erzengel erſcheinſt? Ach das iſt Deine S das iſt Deine Schuld! Wenn ich, nachdem ich Dich mit der innigen Verehrung betrachtet, die Du mir einflößeſt, meine Augen ſenke und um mich ſchaue, dann werde ich traurig, ſo daß ich ſterben möchte. Komm, laß uns gehen, Wolfrang! Haben wir nicht Alles genoſſen, was Liebe, Jugend, Reichthum, Genie zu geben vermögen? Später würde vielleicht Ueber⸗ druß, Langeweile und noch Schlimmeres für uns kommen. Ich verlöre vielleicht das Gefühl für dieſe Schändlichkeiten, die mir jetzt ſo wehe thun. Aber Du antworteſt nicht. An was denkſt Du?“ „Daran, wie ich Dich heilen kann.“ „Das iſt unmöglich.“ 8 „Ich werde Dich heilen, ſage ich Dir . . . Denn es iſt nur allzu wahr, Sylvia, die ungemeine, bei⸗ nahe krankhafte Empfindlichkeit Deiner Natur macht Dich für moraliſche Erſcheinungen eben ſo eindrucks⸗ fähig, als gewöhnliche Menſchen für phyſiſche Lei⸗ den ſind. Aber ich habe es Dir geſagt, ich beſitze das Geheimniß Deiner Heilung.“ Mein Leiden iſt unheilbar.“ „Es wird einem ſeltſamen Mittel, an das ich ſchon mehrere Male unklar gedacht habe, nicht wi⸗ derſtehen.“ „Dieſes Mittel?“ „Du ſollſt es erfahren. Aber verſprich mir, . 5 Sylvia, daß Du Deiner Verzweiflung nicht nach⸗ geben willſt vor der Prüfung, die ich im Schilde führe.“ „Wolfrang . .. „Wenn dieſe Prüfung nicht im Stande iſt, Dich zu überzeugen, ſo werde ich Dich überallhin beglei⸗ ten, wohin Du gehen willſt. Biſt Du's zufrieden, Sylvia?“ 4 „Und wann ſoll dieſe Prüfung ſtattfinden?“ „Späteſtens in einem Jahr.“ „In einem Jahr, großer Gott!“ „Dieſer Zeitaufwand iſt unumgänglich nöthig für meinen Plan.“ „Ein Jahr, Wolfrang! . . Und bis da⸗ hin „Bis dahin werden wir uns in unſere geſegnete Einſamkeit flüchten und daſelbſt von Neuem unſer Leben zwiſchen literariſchen Studien, Künſten und ernſten Betrachtungen theilen; ſo werden wir den Prüfungstag erwarten und Du wirſt vor jedem neuen Schmerz geſichert ſein.“ „Ach, unſer Leben voller Wonne, warum haben wir es aufgegeben, Wolfrang?“ „Weil es auf dieſer Welt Pflichten zu erfüllen gibt, Sylvia; und wie oft habe ich nicht geſehen, daß Du Dich voll Muth dieſen Pflichten weihteſt!“ „Und der ſchwärzeſte Undank hat meine Hinge⸗ bung belohnt.“ „Die Undankbarkeit iſt der Schmelztiegel, worin die Wohlthat geläutert wird, weißt Du das nicht?“ „Nur allzu gut.“ „Gehören wir denn zu denjenigen, welche das 6 Gute, das ſie thun, auf Zinſen anlegen und auf die Dankbarkeit desjenigen rechnen, den ſie ver⸗ pflichtet haben? Rein, nein, das wäre Wucher. Wir müſſen unſere Schuld der menſchlichen Soli⸗ darität bezahlen. Entrichten wir dieſe heilige Schuld, ohne mehr zu verlangen. Und nun, nimmſt Du die ₰ Prüfung an, Sylvia?“ „Wir werden Paris verlaſſen?“ „In einer Stunde.“ „Und wir werden hieher zurückkehren?“ „In einem Jahr; und ich ſchwöre bei Gott, Du wirſt vollſtändig curirt ſein.“ „Ach, ich zweifle daran.“ „In dieſem Fall, wenn meine Hoffnungen mich täuſchen, werde ich mich Deinem Plan nicht länger widerſetzen. Biſt Du's zufrieden, Sylvia?“ „Ja, Wolfrang.“ ſ „Und jetzt ans Werk!“ Wolfrang ſetzt ſich, nachdem er an Viner Klin⸗ gel gezogen, und ſchreibt raſch zwei Billete; dann klingelt er ungeduldig abermals. Eine neue Perſon tritt auf. „Was ſoll das bedeuten, Tranquillin?“ ſagte Wolfrang, „Du haſt mich a läuten laſſen.“ „Herr, ich eile herbei. „Du eilſt herbei mit der unzerſtörbaren Ruhe, ⸗ die Du ohne Zweifel der Einwirkung Deines ſeli⸗ gen Schutzpatrons, des heiligen Tranquillin, ver⸗ 3 dankſt.“ „Herr, ich beeilte mich .. .“ * „Poſtpferde!“ „Ja, Herr, ich werde ſogleich „. — 7 „Dieſen Brief meinem Bankier, dieſen andern meinem Architekten.“ „Ja, Herr, ich werde mich alsbald mit dieſen Aufträgen beſchäftigen.“ Tranquillin geht mit gemeſſenen Schritten ab. Eine Stunde ſpäter verließen Wolfrang und Sylvia Paris. I. Nachfolgende Erzählung ſpielt in Paris unter der Regierung Ludwig Philipps und in einem das gegenwärtig theilweiſe eingeriſ⸗ en iſt. Damals ſah man in dieſem Stadtviertel ein vierſtockiges Haus, von Ziegeln gebaut und noch neu. Das Erdgeſchoß beſtand aus zwei Läden; das Entreſol, das über denſelben lag, gehörte dazu; der Hof dieſes Hauſes war durch die Zäune zweier Gärten begränzt, die eine Mauer trennte und in deren Hintergrund zwei neben einander ſtehende gleichfalls neue Hotels ſich erhoben. In der Nachbarſchaft nannte man dieſes Haus gewöhnlich: das Haus des lieben Herrgotts. Dieſen ſchmeichelhaften Namen verdankte es aller⸗ lei Vortheilen, die ſeine glücklichen Bewohner ge⸗ noſſen, und der ausgeſuchten Höflichkeit ſeines Con⸗ cierge. Eine der beiden Wohnungen im erſten Stock und eine der Buden des Erdgeſchoſſes waren 8 noch zu vermiethen, wie ein am Hauptthor hän⸗ gender Zettel und ein Anſchlag an den geſchloſſe⸗ nen Läden des einen Magazins anzeigten; die an⸗ dere Bude trug den Schild: André Lambert, Buchhändler. An dieſem Morgen war der Commis des Buch⸗ händlers, nachdem er die Läden der Bude geöffnet hatte, mit Hülfe einer Magd beſchäftigt, die mit ge⸗ bundenen Büchern gefüllten Fachkäſten an beiden Seiten der Thüre aufzuſtellen. Der Commis, ein lediger Mann von fünfund⸗ zwanzig Jahren, Namens Bachelard, ſagte eben zu der Magd: „Dank Juliette; die Fachkäſten ſind jetzt an ihrem Platz: Sie können in Ihre Küche zurück⸗ geben und dem Prinzipal und ſeiner Frau ihr Frühſtück bereiten; was bekommt unſere Herrſchaft heute zu eſſen?“ „Mein Gott, wie neugierig Sie ſind, Herr Ba⸗ chelard! Sie quälen die Leute immer mit Ihren Fragen. Es wird Ihnen wohl viel helfen, wenn Sie wiſſen, was meine Herrſchaft zum Früh⸗ ſtück ißt.“ „Ei, die Sache iſt mir ganz gleichgültig; es iſt nur, damit ich es weiß.“ „Eine ſchöne Entſchuldigung!“ „Iſt unſere Patronin heute eben ſo traurig wie geſtern?“ „Sie machen alſo immer fort! Was geht denn das Sie an, verdammter Naſeweiß!“ „Es iſt mir höchſt gleichgültig; nur frage ich —— 9 beſtändig mich ſelbſt und auch Sie, Juliette, warum unſere Patronin ſeit einiger Zeit ſo melancho⸗ liſch iſt.“ „Offenbar iſt dieß ihr Charakter.“ „Juſt das iſt die Frage, die ich mir ſtelle. Herr Lambert hat allerdings wenigſtens ſeine vierzig auf dem Rücken. Er iſt nicht ſchön, ſondern ſogar häßlich; überdieß iſt er kahlköpfig und blatternar⸗ big, während ſeine Frau höchſtens zwanzig Jahre zählt und wahrhaft herzig iſt. Nun frage ich mich auch noch, warum Herr Lambert ein ſo hübſches junges Mädchen geheirathet hat, und auf der andern Seite, warum dieſe .. „Ach mein Gott, er wird noch überfahren wer⸗ den!. Nehmen Sie ſich in Acht,“ ruft Ju⸗ liette entſetzt, indem ſie den Commis haſtig gegen ſich zieht. Dieſer erwidert: „Auch das möcht' ich wiſſen, warum dieſer Zier⸗ bengel im zweiten Stock ſeine Pferde ſo früh am WMorgen herausführen läßt, und zwar blos, damit ſie ſpazieren gehen, wie recht eigentliche Tauge⸗ nichtſe.“ Dieſe Betrachtung Bachelards, welche der ſoeben überſtandenen Gefahr galt, wurde durch das haſtige Anſprengen von vier engliſchen Pferden verurſacht, die mit Mäntelchen und Teppichen aus blauem, roth gallonirtem Tuch bedeckt waren. Die raſchen, präch⸗ tigen Thiere kamen ungeſtüm, von zwei Grooms an der Hand geführt, unter dem Gewölbe des Hof⸗ thores vor und entfernten ſich ſtolzen Tritts, ſich beſchläge hervorſtoben. 10 bäumend, ſo daß die Funken unter ihrem Eiſenbe⸗ Sie können ſich rühmen, Bachelard, mir eine tüchtige Angſt eingejagt zu haben,“ ſagte die Magd, „ich zittere noch am ganzen Leibe; ich ſah Sie be⸗ reits unter den Hufen der Pferde.“ „Apropos, Juliette, kommt Ihnen das nicht ſehr ſonderbar vor?“ „Was 2 * „Dieſer Herr von Luxeuil, der im zweiten Stock wohnt und ſo ſchöne Thiere beſitzt, iſt ſelbſt einer der ſchönſten Männer, die man ſehen kann.“ „Nun ja!“ „Unſere Prinzipalin ihrerſeits iſt hübſch wie ein Liebesgott.“ „Und dann?“ „Wie kommt es, daß der ſöne Mann, der ſeit zwei Monaten hier wohnt unk, wenn er ausgeht, täglich zu Pferd, zu Wagen oder zu Fuß an unſerer Bude vorbeikommt, wie kommt es, ſage ich, daß dieſer Zierbengel nie, ja gar nie auch nur einen einzigen Blick auf unſere Prinzipalin wirft, die mir doch verdammt würdig ſcheint, Hie Augen der Vorübergehenden auf ſich zu ziehen? Das ſcheint mir verdächtig. . . und ich „ „Ei Sie garſtiger Menſch, Sie ſind alſo nicht blos bis zum Wahnwitz naſeweiß, ſondern auch ein Spion?“ ch“ 2 „Wie können Sie wiſſen, daß dieſer Herr nie⸗ mals Madame anſieht, wenn er an der Bude vor⸗ 11 überkommt? Sie ſtehen alſo immer auf der Lauer, um alle Welt auszuſpioniren?“ „Bei Gott, ja; wie ſoll ich denn meine Zeit zubringen, meine Liebe?“ „Und Sie ſchämen ſich nicht?“ „Ganz und gar nicht; im Gegentheil erfreue ich mich an dem Gedanken, daß ich ein kleiner Spürhund bin, dem gar nichts entgeht, was im Hauſe vorkommt.“ „Ein hübſcher Zeitvertreib!“ „Das bringt mich auf den Gedanken, Juliette, Sie zu fragen, was unſere Prinzipalin .. „Laſſen Sie mich in Ruhe mit Ihren Fragen! Sie langweilen mich. Sehen Sie, da kommt Herr Saturn, um vor ſeiner Thüre zu kehren; ſcherzen Sie doch mit dieſem.“ So ſprechend kehrt die Magd in die Bude zu⸗ rück, nachdem ſie dem Commis mit einem Blick den Portier des Hauſes bezeichnet hat. Dieſer Portier oder Concierge, der ſich mit dem mythologiſchen Namen Saturn ſchmückte, war ein Kahlkopf unh trug eine Brille. In untadelhaft ſchwarzem Anzug, mit weißer Halsbinde und für den Augenblick mit einer grünen Sarſcheſchürze um⸗ gürtet, verband dieſer unvergleichliche Portier mit einer ſtets lächelnden und äußerſt leutſeligen Phy⸗ ſiognomie eine ausgeſuchte Höflichkeit, wovon ein Zug unter tauſend einen Begriff geben kann. Eines Tags ging Herr von Luxeuil, der ele⸗ gante Bewohner des zweiten Stockes, zu Fuß aus; er bleibt einen Augenblick vor der Loge des Con⸗ cierge ſtehen, um ihm einen Befehl zu ertheilen, und 12 wirft ſeine erloſchene Cigarre weg. Herr Saturn macht ſogleich eine halbe Wendung gegen dieſe Ci⸗ garre, die eine Parabel beſchreibt, und neigt ſich leicht vor dieſem Gegenſtand, wie wenn derſelbe der Reſpectabilität ſeines Beſitzers theilhaftig ge⸗ worden wäre; dann fährt Herr Saturn fort, den Worten ſeines Miethsherrn eine hochachtungsvolle Aufmerkſamkeit zu widmen. Bachelard beantwortet die Aufforderung der Magd, ſeine Neugierde bei dem Concierge zu be⸗ friedigen, nur mit einem Achſelzucken und ſagt zu ſich ſelbſt: „Das iſt ein Hriginal, welches das Sprichwort Schwatzhaft wie ein Portier“ Lügen ſtraft, aber wenn man einmal keine Krammetsvögel hat, ſo muß man Anmſeln eſſen.“ So ſprechend geht der Commis zwei Schritte über die Schwelle ſeiner Bude hinaus und beginnt: „Guten Tag, Herr Saturn, guten Tag! Wie geht es dieſen Morgen?“ „Und bei Ihnen, Herr Bachelard?“ „Sie ſind gar zu gütig. Ein recht ſchönes Wet⸗ „He „Bei dieſem ſchönen Wetter fällt, mir Etwas ein, Herr Saturn . Sagen Sie mir zoch, warum denn das zieht mir ſeit einer Ewigkeit im Kopfe herum . ſagen Sie mir doch, warum der Eigen⸗ thümer dieſes Hauſes und der beiden Hotels im Hof, wie man im ganzen Quartier ſagt, ſeine Ge⸗ bäude von elſäßiſchen Maurern aufführen ließ, die „ 13 ausdrücklich deßhalb nach Paris kamen und keine vier Worte franzöſiſch verſtanden? warum ſind dieſe Maurer während der ganzen Bauzeit nicht aus einer Art von großer Barake herausgekommen, wo ſie übrigens ſehr gut eingerichtet und beherbergt waren, wo aber der Architekt ſie wie in einem Pri⸗ vatgefängniß hielt? warum war ferner über die ganze Bauzeit der Bauplatz von einer bretternen Einfaſſung umgeben, in welche Niemand hereinkom⸗ men durfte? warum beſteht der Eigenthümer dar⸗ auf, ſeine Zimmer nur möblirk zu vermiethen, wäh⸗ rend er ſie doch um denſelben Preis gibt, wie wenn ſie unmöblirt wären? und gleichwohl muß ihn das Mobiliar ſchwer Geld gekoſtet haben, wenn ich nach dem im Entreſol meines Prinzipals ſchließen will. Es gibt ja gar nichts Cleganteres und Ausgeſuch⸗ teres. Auch wird, beiläufig geſagt, dieſes Haus das Haus des lieben Herrgotts genannt, weil man nach den Abſichten des Eigenthümers die Miethsleute ganz beſonders gut hält und wahrhaft verhätſchelt. Da wir vom Eigenthümer ſprechen, ſo ſagen Sie mir doch bei derſelben Gelegenheit, was für ein Menſch iſt denn dieſer Herr Wolfrang? Iſt er jung oder alt, verheirathet oder hage⸗ ſtolz?“ Nach dieſer Lawine von Fragen ſagte der Com⸗ mis bei Seite zu ſich: „Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn der alte Saturn nicht wenigſtens eine von meinen Fragen beantwortete.“ „Sieh da,“ ſagte der Concierge, „da kommt — 14 Bonhomme, der ins Tabaksbureau geht, um die Doſe ſeines Herrn füllen zu laſſen.“. Saturn, der auf dieſe Art die Hoffnung des Commis täuſchte, bezeichnete ihm mit einer Geberde einen Pudel mittlerer Größe mit buſchigem und ins Graue ſtechendem Fell; ſeine Augen, die wie ſeine Schnauze ſchwarz waren, funkelten von Ver⸗ ſtand zwiſchen den zerzausten Locken hervor, welche ſie halb bedeckten. Er kam aus dem Haus und trottete geſchäftig ſeines Wegs; im Maul trug er eine Buchsbaumdoſe. „Wiſſen Sie, Herr Bachelard,“ fügte der Con⸗ cierge hinzu, „wiſſen Sie, daß dieſer Hund da in Bezug auf Artigkeit und Verſtand in der ganzen Welt nicht ſeines Gleichen hat.“ „Ich will es nicht läugnen; aber ich fragte Sie, warum das Haus. „Nachdem Bonhomme ſeinem Herrn den Tabak gebracht hat,“ fährt der Concierge fort, „wird man ihn mit einem Körbchen im Maul wieder heraus⸗ kommen ſehen, um das Frühſtück zu holen: ein Franzbrod von zwei Sous beim Bäcker und einiges Obſt beim Obſthändler.“ „Zugegeben, Aber ſagen Sie mir, ob der Ei⸗ genthümer . „Dann Bonhomme ſeine drei Treppen hinauf, ſetzt ſeinen Korb vor dem Zimmer nieder, ſtellt ſich auf ſeine Hinterbeine, nimmt die Klingel⸗ ſchnur, die ich ſelbſt ihm zu Liebe zu dieſem Be⸗ hufe verlängert habe, zwiſchen ſeine Zähne, und kling kling kling verkündet er auf dieſe Art ſeinem Herrn, daß er zurückgekommen iſt.“ 15 „Aber Herr Saturn, hören Sie mich doch ap „Ich ſage Ihnen, Herr Bachelard, daß dieſem Hund Nichts fehlt, als die Sprache, ſchlechterdings Nichts, als die Sprache.“ „Nun wahrhaftig, dieſe fehlt auch ſeinem Herrn,“ ſagte Bachelard, der die Hoffnung aufgab von dem Concierge eine Antwort auf ſeine früheren Fragen zu erlangen. „Dieſer Herr Dubousquet, der Herr des Pudels, ſpricht mit keinem Menſchen ein Wort, lebt allein wie ein Bär, geht nur ſelten Abends aus, ſtreift dicht an den Häuſern hin und iſt be⸗ ſtändig in ein Cachenez eingemummt, gerade wie ein Verbrecher, der ſich verbergen will. Seit er im Hauſe wohnt, habe ich noch nicht einmal ſein Geſicht ſehen können. Sagen Sie mir doch, wer iſt dieſer Herr Dubousquet und was iſt er früher geweſen? Lebt er von ſeinen Renten? Hat er.. „Herr Bachelard,“ antwortet der Concierge mit ernſter und vertraulicher Miene, „ich muß Ihnen Etwas erklären.“ „Ah endlich,“ denkt der Commis und fügt laut voll Eifer hinzu: „Sprechen Sie ſchnell, ſprechen Sie, mein guter, mein würdiger, mein vortrefflicher Herr Saturn, was haben Sie mir zu erklären?“ „Daß ich Ihr ergebenſter und gehorſamſter Diener bin und ſtets ſein werde,“ antwortete der Concierge mit der höflichſten Verbeugung. Und er fährt fort, gravitätiſch ſeinen Beſen zu handhaben zum großen Mißvergnügen des Commis. Dieſer bekommt indeß in ſeinem Aerger bald eine Zer⸗ 16 ſtreuung, denn auf der Thürſchwelle erſcheint ſein Prinzipal und ruft: „Bachelard! Bachelard!“ * II. Herr Andrés Lambert, der Buchhändler, einer der gelehrteſten Bücherfreunde von Paris, verkefte nur ſeltene und merkwürdige alte Bücher oder vor⸗ treffliche Ausgaben franzöſiſcher, griechiſcher oder lateiniſcher Claſſiker. Er fagte leiſe, aber mit einem leichten Anflug von Ungeduld zu ſeinem Commis: „Wo haben Sie denn Ihren Kopf? Sie hät⸗ ten dieſe Kiſte mit Elzevirn, die mir mein Corre⸗ ſpondent aus Amſterdam ſchickte, bereits auspacken ſollen.“ „Ich bin unſchuldig, dieſer Schwäzer von Por⸗ * tier hat mich aufgehalten.“ Bachelard beſchäftigt ſich jetzt nach dem Befehl ſeines Prinzipals mit Auspackung von Büchern; ſeine Augen liegen jedoch gewohnter Maßen beſtän⸗ dig auf der Lauer, und als er den Buchhändler amerkſam einige der Bücherfächer muſtern ſieht, ruft er auf eiſel: „Was ſuchs Sie denn, Herr Lambert?“ „Beſchäfti Sie ſich mit Ihrer Auspackung,“ antwortet der ipal, der mit großer Sanftmuth ausgeſtattet ſcheint. „Wenn ich Ihrer bedürfte, um das zu finden, was ich ſuche, ſo würde ich Sie wahrſcheinlich dapon in Kenntniß ſetzen.. „Nun, es war ja blos eine einfache F di ich mir erlaubte.“ 17 „Ich weiß es nur zu gut, ewiger Frager.“ In dieſem Augenblick tritt Tranquillin mit ge⸗ meſſenen Schritten in den Laden, grüßt den Buch⸗ händler ehrerbietig, ſtellt langſam ſeinen Hut auf den Ladentiſch, ſchneuzt ſich mit Methode, huſtet zwei⸗ oder dreimal, um das Metall ſeiner Stimme zu klären, und ſagt endlich: „Ich habe die Ehre, Ihnen meinen Reſpect zu bezeugen.“ „Guten Morgen, Herr Tranquillin.“ „Ei ſieh da,“ ſagt Bachelard lauſchend zu ſich, „der Intendant des Eigenthümers!“ „Herr Lambert,“ fährt Tranquillin fort, indem er langſam ein Wort um das andere hervorbringt, „ich habe Ihnen im Auftrag . meines geehrten Herrn. eine Mittheilung zu machen.“ „Bachelard, verlaſſen Sie uns,“ ſagte der Buch⸗ händler zu ſeinem enttäuſchten Commis, „Sie kön⸗ nen dieſe Bücher ſpäter vollends auspacken.“ „Ich bin in einem Augenblick fertig; in zehn Minuten iſt Alles geſchehen.“ „Sie werden,“ ſage ich Ihnen, „dieſe Bücher ſpäter vollends auspacken; ſtäuben Sie jetzt die hin⸗ tern Magazine ab.“ 8 „Inzwiſchen, Herr Lambert thun Sie gefälligſt, was ich Ihnen be⸗ ehle.“ „Nun ja doch, Herr Lambert, nun ja doch,“ antwortet Bachelard, indem er brummend den La⸗ den verläßt. „Im Uebrigen habe ich meine Be⸗ merkung nur im Intereſſe der Auspackung gemacht.“ „Herr Lambert,“ beginnt Tranquillin wieder, Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. I. 2 18 „ich habe Ihnen von Seiten meines geehrten Herrn, des Herrn Wolfrang, eine Mittheilung zu machen.“ „Ich glaubte ihn verreist.“ „Er iſt geſtern Abend zurückgekommen und in dem Hotel abgeſtiegen, das er ſich im Garten vorbe⸗ halten hat,“ „Um welche Mittheilung handelt es ſich?“ Der Buchhändler, der in dieſem Augenblick den Commis aus dem Magazin zurückkommen ſieht, fragt, ohne in ſeiner nachſichtsvollen Gutmüthigkeit irre zu werden: „Was wollen Sie ſchon wieder, Bachelard?“ „Sie haben mir doch befohlen, die Bücher ab⸗ zuſtäuben?“ „Allerdings; nun?“. „Ich finde meinen Federbeſen nicht; ich muß ihn irgendwo hier gelaſſen haben und ich „. „Gehen Sie ins hintere Magazin zurückz kom⸗ men. Sie nicht wieder, bevor ich es Sie heiße.“ „Aber Herr Lambert, dieſer Federbeſen ...“ „Gehen Sie, gehen Sie!“ „Mein ehrenwerther Gebieter, Herr Wolfrang, hat mich heauftragt, Sie, Herr Lambert, zu er⸗ ſuchen, daß Sie ihm die Ehre erweiſen möchten, den heutigen Abend nebſt Madame Lambert bei ihm zuzubringen.“ „Ich bin ſehr dankbar für dieſe Einladung,“ antwortete der Buchhändler überraſcht; „aber meine Frau und ich führen ein höchſt zurückgezogenes Bachelard entfernt ſich und Tranquillin fährt fort: 19 8 Leben, finden wenig Freude an Geſellſchaften und „O, beruhigen Sie ſich, Herr Lambert, Sie ſind bei meinem geehrten Herrn ganz in Familie unter Hausbewohnern.“ „Wie ſo?“ „Herr Wolfrang hegtden ſehr natürlichen Wunſch, die Ehre zu haben, mit ſeinen Herren Hausbewoh⸗ nern Bekanntſchaft zu machen, und er ladet ſie auf heute Abend zu einer kleinen intimen Geſellſchaft ein; ich ſage intim, weil ſie aus wenigen Perſonen beſtehen wird. Es ſind dieß nämlich nur die Be⸗ wohner des Gartenhotels, der Herr Herzog und die Frau Herzogin della Sorga nebſt ihren beiden Söhnen; Sie und Madame Lambert; Herr und Madame Borel nebſt ihrem Sohn, die im erſten Stock wohnen; Herr von Luxeuil und der Graf von Fran⸗ cheville, die im zweiten wohnen; endlich Herr von Suint⸗Prosper, Herr Dubousquet und Fräulein Antonine Jourdan, die im dritten wohnenz im Ganzen vierzehn Perſonen. Sie ſehen alſo, daß es eine wahre Familienſoiree ſein wird. Ueber⸗ dieß wird ſich mein geehrter Gebieter ein Vergnü⸗ gen, was ſage ich? eine Pflicht daraus machen, ſeine Hausbewohner zu befragen, ob ſie ſich wohl bei ihm befinden; ob ſie nicht einige Reclamationen an ihn zu machen, einige Verſchönerungen oder einige Möbel für ihre Zimmer zu wünſchen haben, denn Herr Wolfrang würde ſehr bedauern, ſolchen Wünſchen nicht zuvorgekommen zu ſein. Aber Sie ſcheinen überraſcht?“ 20 „Ich geſtehe es,“ antwortet der Buchhändler, ein ſolches Benehmen . . .“ „Iſt ziemlich ſelten, nicht wahr?“ „Sehr ſelten in der That.“ „Was wollen Sie? Herr Wolfrang iſt nicht wie andere Menſchen: als er erfuhr, daß man in der Nachbarſchaft ſein Haus das Haus des lieben Herr⸗ gotts getauft hatte, gereichte ihm dieß zu einer ſüßen Befriedigung, wovon Sie ſich keinen Begriff machen können.“ „Dieſe Befriedigung muß ihn ſchwer Geld koſten, denn wahrhaftig, die Wohnungen im Hauſe ſind mehr als das Doppelte werth.“ „Gewiß, mein geehrter Herr wünſcht es ſo.“ „So bezahle ich z. B. zweitauſend Franken Miethe für dieſen Laden, für die dazu gehörigen Gelaſſe und eine vollſtändige Wohnung im Entre⸗ ſol, die mit einer Eleganz und einer ausgeſuchten Feinheit möblirt iſt, woran meine Frau und ich nicht gewöhnt waren, obwohl wir uns wohlhabend nennen dürfen.“ „Herrn Wolfrangs einziger Ehrgeiz beſteht darin, daß ſeine Herren Hausbewohner ſich bei ihm gefal⸗ len ſollen. Dieß iſt ſeine fixe Idee.“ So ſcheint es; ich bedaure blos die Klauſel im Miethvertrag, kraft welcher jedes Vierteljahr .. .“ „Gegenſeitige Aufkündigung ſtattfindet? Ja und dieſe Klauſel . . Hat keine andere Beſtimmung, als Herrn Wolfrangs unaufhörlichen Wunſch ſeinen Herren Hausbewohnern vollſtändige Freiheit zu laſſen.“ „Wirklich?“ 21 „Allerdings .. er würde es im höchſten Grad bedauern, ihnen den mindeſten Zwang aufzulegen; wenn alſo ein Miethherr ſich nicht mehr im Hauſe gefällt, ſo kann er gehen, ſobald es ihm gut däucht, und zwar um ſo leichter, als er, wie man zu ſagen pflegt, Nichts als ſeine Nachtmütze ins Haus Prachte, da die Zimmer alle möblirt ſind. Deßhalb hat mein geehrter Gebieter ſo feſt darauf beſtanden, die Wohnungen möblirt zu vermiethen.“ „Auf der andern Seite kann man aber auch den Abſchied erhalten. Nun iſt man, wenigſtens wir, ſo gut hier eingerichtet, daß es für meine Frau und für mich ein wahrer Kummer wäre, dieſe Wohnung verlaſſen zu müſſen.“ „Ich will Ihnen ſagen, warum Herr Wolfrang die gegenſeitige Aufkündigung gewünſcht hat. Es gibt, wie Sie wiſſen, unfreundliche, widerhaarige, ſtets mißvergnügte Charaktere, denen man nichts nach Wunſch machen kann und die nichts deſto we⸗ niger hartnäckig darauf beſtehen, da zu bleiben, wo ſie ſind; nur mit Rückſicht auf ſolche garſtige Cha⸗ raktere hat mein geehrter Gebieter die fragliche Klauſel in den Miethvertrag aufgenommen, denn ſehen Sie, mein lieber Herr Lambert, beim bloßen Gedanken an unzufriedene Hausbewohner hat er gar keine Freude mehr, ſondern es iſt ihm als wäre er im Fegfeuer.“ „Im Ganzen iſt Herr Wolfrang ein Hriginal in der beſten Bedeutung des Worts, nicht wahr?“ „He, he vielleicht .. 3 „Wie alt iſt er? iſt er verheirathet? Aber Gott verzeih' mir's! fügte der Buchhändler lächelnd 22 hinzu, „die anſteckende Neugierde meines Commis hat, glaube ich, unwillkürlich auch mich ergriffen.““ „Wenn Sie Herrn Wolfrang's Einladung an⸗ nehmen, ſo werden Sie durch eigene Anſchauung erfahren, was Sie zu wiſſen wünſchen.“ „Ich habe es Ihnen bereits geſagt, meine Frau und ich leben ſehr zurückgezogen; wir gehen nie⸗ mals in Geſellſchaften.“ „Ich wiederhole Ihnen, das heißt nicht in Ge⸗ ſellſchaften gehen, wenn man mit zwölf andern Hausbewohnern bei ſeinem Hausbeſitzer einen Abend zubringt. Hören Sie, Herr Lambert, Sie dürfen mir's nicht abſchlagen, das wäre ein ſchlimmes Vor⸗ zeichen für die andern Einladungen, die ich jetzt ſogleich in jedem Stock des Hauſes vorbringen werde. Alſo es bleibt dabei: mein geehrter Herr kann heute Abend auf Sie und auf Madame Lam⸗ bert rechnen?“ „Ich müßte doch wenigſtens meine Frau darüber ören.“ „Thun Sie das, ich erwarte Sie.“ „Ich kann Ihnen keineswegs für ihre Einwil⸗ ligung gutſtehen.“ „Bitten Sie ſie immerhin darum.“ . Im Augenblick, wo der Buchhändler ſein Comp⸗ toir verläßt, tritt Bachelard haſtig ein. „Sie haben mich gerufen?“ „Ganz und gar nicht, aber Sie können den La⸗ den hüten, bis ich zurückkomme.“ 23 n. Madame Lambert iſt eine Blondine von höch⸗ ſtens zwanzig Jahren, und um ſie phyſiſch mit einem einzigen Zug zu charakteriſiren, wollen wir ſie mit der Pſyche von Prudhon vergleichen, deren reine, zarte und unſchuldsvolle Schönheit ſie beſaß; aber bei aller Vollendung fehlte es ihren ausnehmend holden Zügen gänzlich an Belebung, und die In⸗ telligenz ſtrahlte nicht in ihren prächtigen blauen Augen, die etwas Träumeriſches hatten. Sie vol⸗ lendete beinahe mechaniſch ihre Toilette, indem ſie ihre langen aſchblonden Haare, deren dicken Zopf ihre kleine Hand kaum unfaſſen konnte, rückwärts flocht. „Ja Madame,“ ſagte Juliette zu ihrer Gebie⸗ terin, „es war ein Korb parmeſaner Veilchen; aber großi groß! Man hätte ihn nicht auf den runden Tiſch im Salon ſtellen können. Eine ziemlich alte Dame, die eine Kammerfrau aus vornehmem Hauſe ſein muß, denn ſie trägt einen Hut und iſt ſehr gut gekleidet, fuhr in einem Fiaker mit dieſem Korb her und erſuchte Herrn Saturn, ihn ihr herausnehmen zu helfen, da ſie dieſe Blumen Herrn von Luxeuil zu bringen habe.“ „Wer hat Dich ſo gut unterrichtet, Juliette?“ „Der Zufall, Madame, denn ich kam gerade vor der Loge des Concierge vorbei und da ſagte ich zu mir ſelbſt: Das iſt doch drollig: gewöhnlich ſind es die Herren, die den Damen Blumen ſchicken; dieß ſcheint die verkehrte Welt zu ſein. — Denn gänz 24 gewiß iſt es eine Dame, die unſerm Nachbar vom zweiten Stock dieſen ſchönen Korb ſchickt. Nicht wahr, Madame?“ — „Welche Frage! Wie ſoll ich das wiſſen?“ ant⸗ wortet Madame Lambert, ohne ihre mit Aerger ver⸗ miſchte Ungeduld verbergen zu können. Ueberdieß was geht es mich an?“ „Allerdings, Madame; ich ſage es Ihnen auch i wie wenn ich irgend etwas Anderes zu Ihnen agte.“ . „Nun wohl, ſo ſprich lieber etwas Anderes.“ „Es ſollte mir ſehr leid thun, wenn ich Sie ge⸗ ärgert hätte.“ „Warum ſollteſt Du mich geärgert haben? Was geht es mich an, wenn man dem Herrn von Luxeuil Blumen ſchickt? Kenne ich ihn denn?“ „Ei, ei,“ ſagte die nicht ſehr ſcharfſichtige Juli⸗ ette zu ſich ſelbſt, „Madame iſt bei übler Laune; ihr Charakter hat ſich ſeit einiger Zeit ſehr verän⸗ dert; ſie war ſanft wie ein Lamm, jetzt wird ſie barſch und zänkiſch; was mag ſie denn haben.“ Dann fuͤgt ſie ganz laut hinzu: „Sie bedürfen meiner nicht mehr, Madame?“ „Für den Augenblick nicht.“ Kaum hat die Dienerin das Schlafzimmer ver⸗ ſo ſagt Madame Lambert bitter zu ſich elbſt: 1 „Sie quälte mich zu Tod, dieſe Juliette! Was brauchte ſie mir von dieſen Blumen vorzuſchwatzen?“ Nach einer kurzen Pauſe: „Welche Falſchheit! Er hat ſich untepſtanden, mir zu ſchreiben, daß er mich ſeit drei Monaten 8 25 liebe; wenn er beim Vorübergehen am Laden mich nicht anblicke, ſo geſchehe dieß blos, weil er mich nicht compromittiren wolle. Unglücklicher Weiſe habe ich ihn nur zu genau angeſehen! „. Und mein Mann, der ſo gut, ſo edelmüthig iſt, dem ich ſo viel, dem ich Alles verdanke! . Denn wenn ich an ſein Benehmen gegen mich denke Bebend und erröthend vor Reue fährt ſie dann „Ach! ich bin bereits nur allzu ſchuldig! Die⸗ ſen Brief empfangen und beſonders ihn geleſen zu zu haben! Denn annehmen mußte ich ihn wohl: Herr von Luxeuil hat den Augenblick ergriffen, wo ich allein im Laden war. Wie hat er dieß erra⸗ then können? Er kommt ſchnell herein, legt den Brief auf den Ladentiſch und ſagt zu mir: Leſen Sie und erfahren Sie, wie ſehr ich Sie liebe! .. Der verwünſchte Brief! Ich habe ihn geleſen und wieder geleſen, ich weiß ihn jetzt auswendig, deß⸗ halb habe ich ihn auch verbrennen können . Aber dieſe Blumen, wer ſchickt ſie ihm? Irgend eine vornehme Dame. O gewiß, er muß nur zu wäh⸗ len haben; er iſt ſo ſchön, ſo elegant! Er hat ſo hübſche Pferde, Jedermann bleibt ſtehen und ſieht ihm nach, wenn er vorüberkommt . .. Aber dieſe Blumen, wer ſchickt ſie ihm? Vielleicht dieſe Dame, die vorgeſtern in einer prächtigen wappenverſehenen Karoſſe angekommen iſt; der Wagen wartete vor dem Hauſe, während der ganz mit Gold gallonirte Bediente dem Concierge einen Brief überreichte. Wie ſchön ſie war, dieſe junge Dame! Mein Gott, wie ſchön und diſtinguirt im Vergleich mit mir, 26 einer armen Ladenſteherin! Je mehr ich ſie an⸗ ſah, denn ich konnte meine Augen nicht mehr von ihr abwenden, um ſo haſſenswürdiger erſchien ſie mir .. Haſſen! Ich, die ich bisher nie einem Menſchen etwas Böſes gewünſcht habe! Ach! Ich werde böſe! Nun wohl ja, und wäre es“ auch blos, um dieſe vornehme Dame zu ärgern und ihr zu beweiſen, daß ich ſo gut bin wie ſie, da er mich liebt, ſo. Hier unterbricht ſich Madame Bntert von Neuem und fügt bebend hinzu: „Es iſt ſchrecklich, was ich da denke! Nein, nein! Ich werde Herrn von Luxeuil nicht lieben, und wenn er mir noch einmal ſchreibt, ſo werde ich ſei⸗ nen Brief ungeleſen verbrennen. Nein, nie, nie werde ich mich der Gefahr ausſetzen, vor meinem Manne erröthen zu müſſen, der ſo gütig, ſo edel⸗ müthig gegen mich iſt.“ Im Augenblick, wo ſie dieſe Betrachtungen an⸗ ſtellt, tritt Herr Lambert herein. Sie bleibt beim Anblick des Buchhändlers verwirrt ſtehen, und um ihre Verlegenheit zu verbergen, beſchäftigt ſie ſich damit, ihre Friſur vor dem Toilettenſpiegel zu vol⸗ lenden. „Meine liebe Francine,“ ſagt Herr Lambert, „wir ſind eingeladen, den heutigen Abend nebſt den andern Hausbewohnern bei Herrn Wolfrang, unſe⸗ rem Hausbeſitzer, zuzubringen.“ „Ah! mein Gott!“ ſagte Madame Lambert ſo erſtaunt, daß ihre Hece ihrer Hand entglitten, über ihre Schultern hinabwallten und ſie halb ein⸗ hüllten in ihr ſeidenweiches, goldenes Geflechte, das 27 beinahe bis auf den Teppich reichte; bald jedoch bepurpurte eine andere Aufregung als Ueberra⸗ ſchung die Züge der jungen Frau und ſie benützte die Unordnung ihrer Haare, um ihre Röthe unter den wellenförmigen Locken zu verbergen, die ihr fri⸗ ſches Geſicht halb verdeckten. Dann fügte ſie, wie wenn ſie ſich hätte die Zeit laſſen wollen, über ihre Antwort nachzudenken, hinzu: „Ach mein Gott, André, ich kann mich kaum faſſen: wir zum Hausbeſitzer eingeladen?“ „Ich erwartete Dein großes Erſtaunen, liebes Kind,“ ſagte der Buchhändler lächelnd. „Ich weiß, wie ſchüchtern und wie wenig Du an Geſellſchaft gewöhnt biſt; deßhalb habe ich auch die Einladung Anfangs unter dem Vorwande, daß wir ein höchſt zurückgezogenes Leben führen, abgelehnt; aber der Intendant hat darauf beſtanden mit der Bemer⸗ kung, es handle ſich um einen Abend in kleiner Geſellſchaft, die einzig und allein aus den Haus⸗ bewohnern beſtehen ſolle.“ „Aus allen Hausbewohnern?“ „Ohne Zweifel, denn die vom Hotel im Gar⸗ ten ſind ebenfalls geladen; es werden alſo höch⸗ ſtens fünfzehn Perſonen im Ganzen ſein.“ „Du haſt wohl gethan, nicht anzunehmen, lieber Mann,“ ſagte Madame Lambert nach einer müh⸗ ſamen Selbſtüberwindung, denn Herr von Luxeuil ſollte einer der Eingeladenen ſein; „wir können nicht zu dieſer Soiree gehen.“ „Wie Du willſt; nur möchte ich Dir zu bemer⸗ ken geben, daß „ 28 „Ich wiederhole Dir, mein Lieber, wir können dieſe Soiree nicht beſuchen,“ ſagte die junge Frau haſtig, indem ſie ſich, wiewohl ungern genug, durch dieſe Weigerung unwiderruflich feſſeln zu wollen ſchien; „wir gehen nicht.“ „Ganz nach Deinen Wünſchen, mein liebes Kind; ich habe Herrn Tranquillin bereits geſagt, daß meine Annahme der Deinigen untergeordnet ſei.“ „Es bleibt dabei, wir lehnen ab; ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Du biſt feſt entſchloſſen?“ „Ja, ja, hundertmal ja!“ antwortet Francine ungeduldig; denn ſie fürchtete der Verſuchung zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu unterliegen. „Warum nöthigſt Du mich, Dir dieſelbe Sache zweimal zu ſagen?“ Aber ſchon bereute die junge Frau die beinahe harte Betonung ihrer Antwort und fügte hinzu: „Verzeih, André, aber ich . . .“ „Verzeih vielmehr Du, liebes Kind, daß ich durch mein Drängen nach Deiner erſten Weigerung eine flüchtige Erregung von Ungeduld bei Dir her⸗ vorgerufen habe. Höre indeß, warum ich auf der Sache beſtand: mein erſter Gedanke, ehe ich Dich noch um Rath gefragt hatte, war eine Ablehnung dieſer, übrigens ſehr höflichen, Einladung geweſen; indeſſen bedachte ich, daß dieſer Herr Wolfrang ein offenkundiges Original zu ſein ſcheine und daß unſere Ablehnung ihn verletzen könnte.“ „Was liegt Dir daran?“ „Es liegt mir allerdings wenig daran, aber nichts deſto weniger beſitzt dieſer Herr von Wol⸗ 29 rang vermöge einer der Klauſeln unſeres Mieths⸗ * vertrags das Recht, uns vierteljährlich den Abſchied zu geben; wir haben dieſem ſehr wichtigen Uebel⸗ ſtand Trotz geboten, weniger weil der beſcheidene Miethzins uns verführte, als weil wir tauſenderlei Annehmlichkeiten in dieſer Wohnung fanden.“ „Wie gut Du biſt, André! Du ſagſt wir und doch habe ich allein, verführt durch die Eleganz und den feinen Geſchmack des Mobiliars, darauf beſtan⸗ den, daß wir die Wohnung nahmen.“ „Du oder ich, liebe Francine, das iſt ganz eins; ich fand überdieß für meine Bücher außer dem für meinen Hondel trefflich geeigneten Laden ein ganz trockenes Hintermagazin, wo ich meine koſtbarſten Ausgaben untergebracht habe, und einen ſehr lufti⸗ gen Speicher, wo ich ebenfalls Bücher aufbewah⸗ ren konnte. Aus allem Dem geht hervor, daß wir auf's Beſte eingerichtet ſind, weit beſſer, als wir es überall ſonſt für das Doppelte unſeres Mieth⸗ preiſes haben könnten. Wenn ich Dir nun ſo eben meinen Wunſch mittheilte, Herrn Wolfrang durch unſere Weigerung nicht vor den Kopf zu ſtoßen, fürchtete ich, daß dieſer Sonderling ſich möglicher Weiſe beleidigt fühlen und uns aufkündigen könnte, was ſehr verdrießlich wäre.“ „Allerdings, mein Lieber; aber kann man denn annehmen, daß der Hausherr uns wegen eines ſo nichtigen Grundes aufkündigen könnte?“ „Es wird, hoffe ich, nicht geſchehen, denn viel⸗ leicht würden wir ſpäter bereuen, dieſem wunder⸗ lichen Manne nicht eine Stunde, ja nicht einmal eine halbe Stunde unſeres Abends geopfert zu ha⸗ 30 ben; wir hätten uns bei der Geſellſchaft eigentlich nur gezeigt. Aber da Du das Wegbleiben vor⸗ ziehſt, meine liebe Francine, ſo will ich Dich bei Herrn Tranquillin mit dem Bemerken entſchuldigen, daß Du ein wenig unwohl ſeieſt, eine abgedroſchene, aber jedenfalls genügende Ausflucht.“ „André,“ verſetzt die junge Frau, die in ihrem Kampf gegen die ſchlimmen Verſuchungen zu wan⸗ ken beginnt und unter dem Schleier ihrer Haare, mit deren Wiederaufbindung ſie ſich nicht beeilt, von Neuem erröthet, „als ich dieſe Einladung Anfangs ablehnte, dachte ich nicht an die Folgen, welche Du zu fürchten ſcheinſt. Da es ſich ſo verhält. ..“ „So entſchließeſt Du Dich, zur Soiree zu kom⸗ men, liebes Kind?“ „Ich glaube jetzt wie Du, daß es vielleicht an⸗ gemeſſener wäre.“ * Dann fügt Francine überlegend hinzu: „Doch nein, André, wir können nicht anneh⸗ men. Du vergiſſeſt die Bücherauction im Schloß Stains bei St. Denis, zu welcher Du um zwei Uhr fahren mußt, und die Dich, wie Du geſagt haſt, einen Theil des Abends aufhalten kann.“ „Sie iſt auf morgen verſchobenz folglich kein nderniß⸗ Wir nehmen alſo an; es bleibt da⸗ bei?“ „Ja, lieber Mann; und dennoch „Was für eine andere Einwendung?“ „Um zu dieſer Soiree zu gehen .. . „Nun?“ „Ich weiß nicht „ich .. „Bitte, Francine, ſprich Dich doch aus.“ 31 i lieber Mann, ich ich wage es nicht.“ „Du wogſt es nicht,“ verſetzte der überraſchte Buchhändler, indem er die geheimen Gedanken ſei⸗ ner Frau zu dulchſchauen ſucht; dann nach einem Augenblick der Ueberlegung chet er, zieht ſein Porte⸗ feuille aus der Taſche, nimmt einen Fünfhundert⸗ frankenſchein heraus und übergibt ihn 5 Francine mit den Worten: „Hier, mein Kind, kauf Dir Spitzen, Bänder, was weiß ich? Alles was Du brauchſt, um heute Abend ſchön zu ſein.“ „André, wie, Du haſt es errathen?“ „O, ohne ein großer Hexenmeiſter zu ſein, habe ich errathen, daß Du in Folge eines in Deinem Alter entſchuldbaren Gefühls der Eigenliebe die Furcht hegteſt, die Beſcheidenheit Deiner Toilette möchte gar zu ſehr mit dem Aufzug der Frau des Lyoner Bankiers, der ein zehnfacher Millionät iſt und im erſten Stock wohnt, contraſtiren; von der vornehmen Dame, die mit ihrer Familie das Gar⸗ tenhotel bewohnt, will ich gar nicht ſprechen. Wenn ich nun galant wäre, Francine, ſo würde ich zu Dir ſagen, daß Du mit Deinen zwanzig Jahren, Deinem hübſchen Geſichtchen, einem ganz einfachen Kleid und einer Blume in den Haaren vom Ver⸗ gleich mit den glänzendſten Toileten nichts zu fürch⸗ ten hätteſt; aber ich bin nicht Zalant; meine Nei⸗ gung zu Dir iſt zu ernſthaft, zu väterlich, mein Kind, als daß ich die Sprache der Gälanterie füh⸗ ren ſollte, und. Der Buchhändler unterbricht ſich, als er den 32 Augen der jungen Frau eine Thräne entgleiten und auf den Bankſchein fallen ſieht, den ſie mechaniſch in der Hand hält. „Ei wie, Francine, Du weinſt?“ fragt Herr Lambert unruhig. „Woher kommt dieſer Kummer 2“ „Ich habe keinen Kummer, aber Deine innige Güte und Dein Zartgefühl rühren mich tief, André. Man muß ein Herz wie das Deinige haben, um zu errathen, was mir ſo eben im Kopfe herumging. Mein Gott, und wenn ich daran denke, daß in un⸗ ſerer dreijährigen Ehe und nach Allem, was ich Dir bereits verdanke, Deine Güte gegen mich ſich niemals verläugnet hat!“ „Weil ſich in Dir, mein theures vielgeliebtes Kind, die in meinen Augen ſo koſtbare Eigenſchaft Aufrichtigkeit niemals verläugnete. 2h. genſchaft, verbunden mit der Sanftheit Deines ⸗ rakters und Deiner Pflichttreue als gute Hausfrau, war die Grundlage meiner zärtlichen Anhänglich⸗ i und wird es) vergiß das nie, Franeine, ſtets leiben; deßhalb bezahlt mich auch das Glück, das ich Dir verdanke, hundertfach für Alles, was ich früher für Dich thun konnte.“ Dieſe Huldigung, die ihr Mann ihrer Aufrich⸗ tigkeit und ſeinem Glück darbrachte, bepurpurte von Neuem die Wangen der jungen Frau, deren Kopf fortwährend g und von ihren vaghen verſchleiert war. Pinen Augenblick zog ein ſchierz⸗ licher Ausdruck iht Geſicht ſuſammen. Herr Lambert, der Fratteinens Aufregung nicht bemerken konnte, ſagte zu ihr, indem er auf die Thüre zuging. 33 „Ich verlaſſe Dich, denn ich vergaß Herrn Tran⸗ quillin; ich habe ihn der naſeweißen Schwazhaftig⸗ keit dieſes unerträglichen Bachelard preisgegeben. Ich werde alſo antworten, daß wir Herrn Wolf⸗ rangs Einladung annehmen?“ „André,“ ſagte die junge Frau lebhaft; „nimm dieſe fünfhundert Franken zurück.“ „Warum das? welche Idee!“ . „Ich werde ſo, wie Du mir räthſt, zu dieſer Soiree gehen, in einem ganz einfachen Kleid und mit einer Blume in meinen Haaren.“ „Ei mein Kind, ich . . „Ich bitte Dich, André, nimm dieß Geld zurück, ich bin entſchloſſen, Nichts zu kaufen.“ Seltſame Laune!“ erzeih' mir, lieber Mann, und zweifle nicht, daß ich Dir eben ſo erkenntlich bin, wie wenn ich von Deiner Großmuth Gebrauch gemacht hätte.“ „Es ſei, liebe Francine; aber in Geſchenk läßt ſich nicht zurücknehmen,“ ſagteder Buchhändler lächelnd; „Du wirſt dieß Geld ganz nach Deinem Gutdünken verwenden. Ich will Herrn Tranquillin um die Stunde der Zuſammenkunf en und dann wiederkommen, um Dich in Kenntſiß zu ſetzen,“ fügte der Buchhändler beim Weggehen hinzu. „Ach,“ ſagte Francine zu ſich, als ihr Mann gegangen war, „es wäre eine ndlichkeit gewe⸗ ſen, ſein Anerbieten anzunehmen. Nicht um ſeinet⸗ willen wollte ich mich ſchön machen. Ach! warum habe ich nicht den Muth gehabt, auf meinem erſten Entſchluß zu beharren? Ich habe Unrecht, großes Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 3 — 34 Unrecht, auf dieſe Soiree zu gehen, wo ich Herrn pon Luxeuil ſehen werde. Glücklicher Weiſe wird dieß das erſte und letzte Mal ſein, daß wir uns begegnen, und dann werde ich vielleicht Gelegenheit haben, ihm zu ſagen, daß ich ihn nicht lieben will, daß ich ihn nie lieben werde! Nein! o nie! es wäre gar zu ſchlecht von mir! André iſt ſo gut gegen mich! und ſoeben noch . . . oh er iſt ein En⸗ gel, ein Engel von Güte.“ W Herr Borel, Bankier aus Lyon, ei ehr⸗ facher Millionär, bewohnte mit ſeiner ſeinem Sohn eines der beiden Appartemen erſten Stock vom Hauſe des lieben Herrgotts. Die Familigſaß im Speiſeſaal beim Frühſtück zuſammen. Herr Borel iſt ſechzig Jahre alt, ſeine Frau zählt einige Jahre weniger, ihr Sohn Alexis hat das Alter d Volljährigt keit überſchritten. „Wahrhaäftig, meine Lieben,“ ſagt der Bankier, „dieſe Wohnung iſt ſo dieſes Haus iſt ſo vortrefflich ge in, daß ich große Luſt habe, einen dummen Steich zu machen. ₰ „Laß hören, lieber Vater.“ „Ich habe das Logis nür auf drei Monate ge⸗ miethet, weil meine Geſchäfte mich für den Augen⸗ blick nach Paris riefen, und beſonders, um auf das neue Anlehen der Regierung ein Gebot zu thun; aber da ich jedes Jahr genöthigt bin ein paar Mo⸗ nate in Paris zu wohnen, andere Reiſen von etlichen Tagen gar nicht gerechnet, ſo bin ich beinahe entſchloſſen, dieſe Wohnung auf das ganze Jahr zu behalten, ſtatt aus einem Hotel garni in das andere zu laufen. Was haltet Ihr davon?“ „Ich, mein lieber Mann, bin der Anſicht, daß man, wenn man wie Du ein bedeutendes Vermö⸗ gen durch ſeine Arbeit und beſonders durch eine in unſern Tagen immer ſeltenere Rechtſchaffenheit er⸗ worben hat, wohl ein Recht beſitzt, ſich einige Be⸗ friedigungen zu verſchaffen.“ „Und dieſer gute Vater, der einen ſo einfachen Wunſch einen dummen Streich nannte!“ „Ihr ſeid alſo Beide der Meinung ... „Daß wir dieſe Wohnung für das ganze Jahr behalten müſſen, mein Lieber, da ſie Dir gefällt,“ antwortet Madame Borel. „Ich möchte doch wiſ⸗ ſen, was uns an einer Ausgabe von etlichen tau⸗ ſend Franken mehr oder weniger liegen kann. Da indeß dieſer Miethzins wenigſtens zum großen Theil als eine reine Lurusausgabe betrachtet wer⸗ den muß . .“ „Ah, ah, liebe Frau,“ ſagte der Finanzmann lachend, „ich ſehe Dich bereits mit Deinen Armen hintendrein liſtig heranſchleichen.“ „Lautet nicht unſer Vertrag ſo, mein Lieber? in gut angelegten Unterſtützungen die gleiche Summe auszutheilen, die wir für unſere Vergnügungen oder für unſern Ueberfluß ausgeben?“ „Liebe Mutter, Du biſt in Deinem ver⸗ 36 ſetzte Alexis heiter; „der Miethzins für dieſe Woh⸗ nung beträgt dreitauſend Franken, nicht wahr?“ 1 a „Nehmen wir alſo an, der Vater und ich geben während unſeres nothwendigen Aufenthalts in Pa⸗ ris jährlich ungefähr tauſend Franken für unſere Wohnung en garni, ſo bleibt eine Differenz von zweitauſend Franken gegenüber von unſerem gegen⸗ wärtigen Miethzins. Iſt dieß auch wahr, liebe Mutter?“ „Allerdings . und Du folgerſt daraus?“ „Ich folgere daraus, daß ich Dir dieſe Summe, die eine weſentlich überflüſſige Ausgabe ausmacht, auf Deinem Armenconto mit zweitauſend weieren Franken jährlich gutſchreiben werde.“ „Ganz und gar nicht!“ ruft nicht minder hei⸗ ter Herr Borel; „ich proteſtire gegen dieſe Unter⸗ ſcheidungen, gegen dieſe Spitzſindigkeiten.“ „Und wie rechtfertigſt Du Deine Proteſtation?“ „Höre! ich und mein Sohn bringen durch⸗ ſchnittlich und zu verſchiedenen Malen ſechs Wochen oder höchſtens zwei Monate in Paris zu. Nehmen wir als Durchſchnittsberechnung ſechs Wochen oder vielmehr fünfundvierzig Tage an; das iſt billig, nicht wahr?“ „Ja, lieber Vater.“ „Nun wohl, für drei Franken täglich kann man in Paris ein vortreffliches möblirtes Zimmer fin⸗ den, das iſt das Nothwendige; nun machen, wenn ich rechnen kann, fünfundvierzig mal drei Franken hundertfünfundreißig Franken aus; iſt das wahr, meine Frau Gemahlin?“ 5 37 „Sehr wahr.“ „Daraus folgt, daß wir von den dreitauſend Franken Miethzins für unſere Pariſer Wohnung hundertfünfunddreißig für die nothwendige abziehen müſſen .. „Und in dieſem Fall, lieber Mann, würden auf den Ueberfluß zweitauſend achthundert fünfundſech⸗ zig Franken kommen.“ „Du hätteſt Madame Bareme heißen ſollen und nicht Madame Borel, ſo ſchnell kannſt Du rechnen,“ verſetzt der Bankier. „Alexis wird Dir alſo eine Summe von zweitauſend achthundert fünfundſechzig Franken auf Deinem Armenconto gutſchreiben; da ich jedoch Bruchtheile verabſcheue, ſo kann er auf beſagtem Conto dreitauſend Franken gutſchreiben.“ Ach mein lieber Mann,“ ſagt Madame Borel gerührt, „Deine Großmuth iſt unerſchöpflich.“ „Du beſchämſt mich, gute Frau, Du machſt mich vor unſerem Sohn erröthen. Wahrlich, ein ſchönes Verdienſt, was ich mir da erwerbe! Ich öffne meine Caſſe und ſage: nimm!“ „Ei lieber Mann. .. „Ei zum Henker, liebe Frau, ich weiß, was ich weiß. Bin etwa ich es, der in die elendeſten Dach⸗ kämmerchen von Croix⸗Rouſſe hinaufſteigt, um den Bedürftigen Hilfe zu bringen? Bringe ich ganze Stunden am Kopfkiſſen armer, kranker Frauen zu? Beſitze ich, wie Du, mein theures vielgeliebtes Weib, dieſen rührenden Zartſinn, der einer mild⸗ thätigen Handlung doppelten Werth verleiht? Die⸗ ſer Zartſinn erſpart dem Unglück ſelbſt die Bitter⸗ keit des Almoſens, das man ihm ſpendet, und hin⸗ terläßt bei ihm nur das füße Gefühl der Erkennt⸗ lichkeit. Noch einmal, meine Rolle iſt gar zu leicht: ich öffne meine Caſſe, das iſt Alles.“ „Aber wer füllt dieſe Caſſe, guter Vater? Iſt es nicht Deine Arbeit? Biſt Du nicht ſchon bei Tagesanbruch und vor dem geringſten unſerer An⸗ geſtellten auf Deinem Bureau? Biſt Du nicht die Seele, die Intelligenz, das Leben des Hauſes? Und ich, der ich mich ſchon ſeit vier Jahren in's Geheimniß Deiner Geſchäfte eingeweiht habe, weiß ich nicht, daß Du dieſes unermeßliche Vermögen, wovon Du einen ſo edlen Gebrauch machſt, nicht blos einer beharrlichen Arbeit und Deinem Finanzgenie ver⸗ dankſt, ſondern daß Du es auf eine eben ſo müh⸗ ſame als ehrenvolle Art erwerben mußteſt, und daß es rein iſt von jeder, ich will nicht ſagen zweifel⸗ haften Speculation, ſondern von jeder Speculation, welche das Auge der allerſtrengſten und argwöh⸗ nigſten Rechtſchaffenheit im Mindeſten zu fürchten hätte?“ „Alexis!“ ſagt Herr Borel erröthend, „mein n „Dein Sohn hat Recht, lieber Mann,“ verſetzt Madame Borel; „muß ich Dich an die Affaire Du⸗ molard und Compagnie erinnern? Du konnteſt, wenn Du die Anerbietungen dieſes Hauſes an⸗ nahmſt, einen ſichern Gewinn von mehr als einer Million machen, und Du haſt es ausgeſchlagen, warum?“ 1 „Warum?“ antwortet Alexis; „weil es dem Zartgefühl meines Vaters widerſtritt, ſich mit einem Hauſe zu betheiligen, deſſen Chef Fallit, wiewohl 39 in Folge eines ſehr ehrenwerthen Accords rehabi⸗ litirt war.“ „Und die Affaire Morand, die ſo bedeutende Gewinne darbot, daß die größten Bankhäuſer von Lyon ſich darum ſtritten?“ fährt Madame Borel fort; „man bietet ſie Dir an, lieber Mann, und nachdem Du ſie mehr als zwei Monate ſtudirt und auf's Reiflichſte überlegt haſt, willſt Du eben Deine Unterſchrift geben, verweigerſt ſie aber wie⸗ der, weil Du erfährſt, daß einer der Ceſſionäre in ſeinen Intereſſen verletzt zu ſein behauptet, und es Dir auch ſo vorkommt.“ „Ja, und erinnere Dich, liebe Mutter, daß bei dieſer Gelegenheit die Mehrheit des Verwaltungs⸗ raths meinem Vater bewies, daß der fragliche An⸗ ſpruch vom rechtlichen Standpunkt aus gänzlich un⸗ zuläſſig war und ſich auf eine rein moraliſche An⸗ ſchauungsweiſe beſchränkte; gleichviel: mein Vater machte es zur ausdrücklichen Bedingung ſeiner Be⸗ theiligung, daß dieſer Reclamation ihr Recht wider⸗ fahren müſſe; der Rath verweigert dieß und mein Voter verzichtet auf das Geſchäft.“ 3 „Eine um ſo verdienſtlichere Uneigennützigkeit,“ fügt Madame Borel hinzu, „als dieſes Geſchäft vom Hauſe Barclay, gewiß einem der ehrenwertheſten, in die Hand genommen wurde und daſſelbe Millio⸗ nen dabei gewonnen hat, ohne daß man ihm den geringſten Vorwurf machen kann.“ „Und die Propoſition des Hauſes Hengelmann in Frankfurt?“ Im Augenblick, wo die Frau und der Sohn des Bankiers auf dieſe Art um die Wette und 40 mit innigſter Freude ſeine vorwurfsfreie Rechtſchaf⸗ fenheit, ſein argwöhniſches Zartgefühl prieſen, tritt ein Bedienter herein und wendet ſich an Herrn Bo⸗ rel mit den Worten: „Der Geſchäftsmann des Hausbeſitzers wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Ei meine Liebe, das trifft ſich ja vortrefflich,“ ſagt Herr Borel, augenſcheinlich erfreut über dieſe Gelegenheit, ſich den Lobſprüchen der Seinigen zu entziehen, „ich will den Intendanten erſuchen, uns einen Pacht auf drei Jahre zu bewilligen.“ „Der gute Vater,“ ſagte Alexis, nachdem Herr Borel und der Bediente hinausgegangen waren, „ſeine Beſcheidenheit litt dermaßen unter unſerem ſo wohl verdienten Lob, daß er ſicherlich entzückt war uns entwiſchen zu können, aber wir werden ihn ſchon wieder dazwiſchen bekommen.“ „Ach mein Junge, wenn Du wüßteſt, wie glück⸗ lich⸗es mich macht, daß Du gleich mir hauptſächlich den Ehrenmann in der glorreichſten Bedeutung des Wortes an Deinem Vater verehrſt und be⸗ wunderſt!“ „Wie könnte dieß anders ſein, liebe Mutter? War nicht meine ganze Erziehung darauf angelegt, den Cultus, die Religion der Rechtſchaffenheit tief in mein Innerſtes zu verpflanzen? Wie oft hat mir nicht mein Vater wiederholt: Mein Sohn, ver⸗ giß es nie, im Geſchäftsleben, wo dem Zartgefühl durch eine Menge Verlockungen, die ſich der Hab⸗ gier darbieten, ſo ſchwere Gefahren drohen, genügt eine einzige durch Unrechtlichkeit befleckte Operation, um ein bisher ehrenvoll erworbenes Vermögen zu ———— 41 verderben, gerade wie ein Atom von Schlamm ge⸗ nügt, um die Reinheit einer Quelle zu trüben.“ „Und dieſe ſtrenge Moral hat Dir Dein Vater ſtets durch ſein Beiſpiel gepredigt,“ antwortet Ma⸗ dame Borel mit dem Ausdruck freudigen Stolzes. „Ich war ſeit unſerer Verheirathung in ſeine Ge⸗ ſchäfte eingeweiht und ich habe Deinen Vater nicht ein einziges Mal dieſes Zartgefühl verläugnen ge⸗ ſehen; ja ich würde ſagen, er habe es übertrieben, wenn dieſes Wort ſich auf ein Gefühl ſo erhabener Natur anwenden ließe.“ In dieſem Augenblick kommt Herr Borel in den Speiſeſaal zurück und ſagt vergnügt zu ſeiner Frau: „Rathe einmal, warum der Geſchäftsmann unſeres Hausbeſitzers mich beſucht hat.“ „Was kann ich wiſſen?“ „Er hat uns auf heute Abend zu einer Soiree bei Herrn Wolfrang eingeladen.“ „Aber wir kennen ja Herrn Wolfrang gar nicht,“ ſagte Madame Borel, „und dieſe Einladung .. „Iſt ſonderbar, nicht wahr, meine Lieben?“ „Sehr ſonderbar, Vater, und was haſt Du ge⸗ antwortet?“ „Ich habe angenommen, nachdem ich indeß An⸗ fangs, obſchon ſehr höflich, abgelehnt hatte.“ „Was hat Dich von Deinem erſten Beſchluß abgebracht?“ „Ein ſchrecklich machiavelliſtiſcher Gedanke,“ ant⸗ wortet der Bankier lachend; „ein Machiavellismus, welchen mir der Wunſch eingab, dieſe Wohnung für das ganze Jahr zu behalten.“ „Erkläre Dich, lieber Mann.“ „Ihr wißt, daß eine Klauſel unſeres Mieth⸗ vertrags vierteljährige gegenſeitige Aufkündigung feſtſetzt; dieſe Klauſel ſagte uns Anfangs um ſo beſſer zu, als wir nur zwei Monate in Paris blei⸗ ben wollten.“ „Allerdings,“ verſetzte Madame Borel, „aber ſie wird uns jetzt läſtig, weil wir die Abſicht ha⸗ ben, die Wohnung auf das ganze Jahr zu miethen.“ „Oſſenbar. Ich habe daher auch dem Geſchäfts⸗ mann unſere Abſicht kundgethan, nachdem ich zuvor die Einladung ſeines Herrn unter einem ſehr plau⸗ ſiblen Vorwand abgelehnt hatte.“ „Und was hat Dir der Intendant geant⸗ wortet?“ „Ich glaube nicht, daß Herr Wolfrang jemals das Recht aus der Hand gibt, ſeinen Miethsleuten vierteljährig aufzukündigen; das iſt bei ihm ein unveränderlicher Grundfatz,“ hat Herr Trangquillin mir eingewendet. „Wenn Sie ihm indeß die Ehre erwieſen hätten, ſeine Einladung anzunehmen, ſo hätten Sie heute Abend Ihren Wunſch perſönlich äußern können und er hätte vielleicht eingewilligt.“ „Sehr gut, lieber Vater, und in Folge dieſes ſchrecklichen Machiavellismus, den Du ſoeben ge⸗ beichtet, haſt Du die Einladung dieſes Herrn an⸗ genommen in der Hoffnung, unſern Miethsvertrag auf das Jahr zu erhalten?“ „Ach ja, ich geſtehe meine Ruchloſigkeit.“ „Nun wohl, lieber Mann, da es nun alſo ſein muß, ſo werden wir uns zu Mitſchuldigen Deiner Ruchloſigkeit machen, und ich für meinen Theil werde 43 meine ganze Liebenswürdigkeit aufbieten, um den trotzköpfigen Hausbeſitzer kirre zu machen,“ fügt Madame Borel lächelnd hinzu; „auch werde ich meine Coketterie keineswegs bereuen, denn der Zweck rechtfertigt die Mittel, ſagt man, und wenn wir eine Jahresmiethe erhalten, ſo gewinne ich dabei tauſend Thaler für meine Armen.“ „Dieſer Herr Wolfrang ſcheint mir ein ſehr origineller Menſch zu ſein,“ verſetzte Aleris Borel. „Und ſein Intendant hat Dir keine näheren Auf⸗ ſchlüſſe über den wunderlichen Kauz gegeben, Va⸗ ter?“ „Nein; auf alle meine Fragen antwortete er mit unzerſtörbarem Phlegma beharrlich: Wenn Sie Herrn Wolfrang die Ehre erweiſen, ſeine Einladung anzunehmen, ſo können Sie durch eigene Anſchauung erfahren, was Sie zu wiſſen wünſchen. — Ich ver⸗ gaß Euch noch zu ſagen, daß die Gäſte bei dieſer Soiree ausſchließlich die Miethbewohner dieſes Hau⸗ ſes und des Gartenhotels ſind, das der Herzog und die Frau Herzogin della Sorga mit ihren beiden Söhnen inne haben. Mit einem Wort, Herr Wolf⸗ rang hat auf heute Abend alle ſeine Hausleute zu⸗ ſammengeladen, damit er die Ehre hat, Bekannt⸗ ſchaft mit ihnen zu machen. Man kann im Ganzen unmöglich höflicher ſein.“ „Und ich, lieber Vater, bin jetzt hoch erfreut über dieſe Einladung.“ „Warum dieß, mein Junge?“ „Weil ich Gelegenheit haben werde, einen der größten und muthvollſten Patrioten Italiens in der Nähe zu ſehen und mit der verdienten Bewunde⸗ rung und Hochachtung zu betrachten.“ „Wen meinſt Du?“ „Den Herzog della Sorga, der von der neapo⸗ litaniſchen Regierung Anfangs zum Tod verurtheilt worden war, aber doch blos geächtet wurde, denn der Herzog und ſein Bruder, welcher auf dem Schaf⸗ fot geſtorben iſt, ſtanden an der Spitze dieſer Ver⸗ ſchwörung, die vor einem Jahr ſo großen Nachhall gefunden hat.“ „In der That,“ ſagte Herr Borel, „ich erinnere mich jetzt dieſes Namens della Sorga; wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, wurden damals mehr als hundert Verſchwörer hingerichtet,“ „Ach ja, es iſt nur allzu wahr.“ „Jetzt, mein Junge, theile ich das Intereſſe, das dieſer edle Verbannte Dir einflößt,“ verſetzte Herr Borel; „ich freue mich daher doppelt, daß ich die Einladung angenommen habe.“ „Laßt mich ein Detail hinzufügen, das unſere Verehrung für dieſe Familie noch erhöhen muß,“ ſagte Madame Borel. „Meine Zofe erzählté mir geſtern, nach Allem, was ſie von den Bedienten des Hotels vernommen, ſei die Frau Herzogin della Sorga, die trotz ihrer vierzig Jahre noch ſehr ſchön ſei, zugleich ein Engel von Tugend und eine muſter⸗ hafte Familienmutter; ſie lebt blos für ihre beiden Söhne; ihre Mildthätigkeit iſt unerſchöpflich; jeden Morgen geht dieſe Dame in beſcheidenem Anzug zu Fuße aus, um zuerſt die Meſſe zu hören und ſich ſodann mit wohlthätigen Werken zu beſchäftigen, welche hauptſächlich den neapolitaniſchen Flüchtlin⸗ — 45 gen zu gut kommen, die ſich neben dem Unglück der Verbannung auch noch im Elend befinden.“ „In dieſem Fall hat die vornehme Dame ſchla⸗ gende Aehnlichkeit mit einer gewiſſen Perſon aus meiner Bekanntſchaft, mit Ausnahme des täglichen Meſſehörens“ ſagt Herr Borel, indem er ſeine Frau lächelnd anblickt; „ich hätte nicht gedacht, daß mein ſchrecklicher Macchiavellismus uns in eine ſo hohe und gute Geſellſchaft einführen würde.“ Da es eben zwölf ſchlägt, fügt Herr Borel hinzu: „Komm jetzt, Alexis, laß uns auf's Finanzmi⸗ niſterium gehen, wo man zu dieſer Stunde Ein⸗ ſicht von den Offerten nimmt, die auf das Anlehen gemacht worden ſind: unſer Schickſal entſcheidet ſich in dieſem Augenblick. Wird es uns wohl zuge⸗ ſchlagen werden? Das iſt die Frage.“ „Wir haben nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen geboten, lieber Vater, gehe es jetzt, wie es will.“ „Adieu, liebe Frau. Wir werden bald zurück⸗ kommen, und wenn Du vom Intendanten der Civil⸗ liſte die von mir erbetene Erlaubniß erhalten haſt, das Schloß Monceaux zu beſuchen, das ſo ausge⸗ zeichnete Gemälde und andere Kunſtgegenſtände ent⸗ halten ſoll, ſo wollen wir alle Drei nach Monceaur fahren.“ „Es bleibt dabei.“ „Noch einmal adieu,“ ſagte der Bankier, ſei⸗ nen Hut nehmend. „Und nun, meine Frau Ge⸗ mahlin, erhebe Deine Wünſche, daß das Anlehen dem Hauſe Jacques Borel und Sohn in Lyon zu⸗ geſchlagen werden möge.“ 46 „An meinen Wünſchen wirſt Du wohl nicht zweifeln, lieber Mann?“ „Nein, aber Du haſt keine Ahnung von dem, was Dich erwartet, wenn unſer Offert angenommen wird.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Alexis, öffne die Thüre und laß ſie weit offen, mein Junge,“ ſagte der Bankier zu ſeinem Sohn, und als der junge Mann überraſcht zögert, fügt er mit komiſchem Ernſt hinzu: „Gehorchen Sie, mein Se Sohn, gehorchen Sie augenblicklich, wo nicht, d ſoll „Schonen Sie mich in Ihrem furchtbaren Zorn,“ antwortet der junge Mann nicht minder heiter, in⸗ dem er den Speiſeſaal öffnet. „Ihr drohender Befehl iſt ausgeführt, mein Herr Vater,“ fügte er dann hinzu. „Sehr gut, denn man muß ſich immer einen Rückzug ſichern, um der Gefahr zu entgehen, die man fürchtet.“ Dann wendet ſich der Finanzmann zu ſeiner Frau und ſagt mit lauter Stimme: „Und nun, Madame Borel, merken Sie ſich Folgendes wohl, ſage ich Ihnen; ja, merken Sie ſich Folgendes wohl, Madame: Im Fall das An⸗ lehen uns zugeſchlagen werden ſollte . Aber hier unterbricht ſich der Bankier, um nach ſeinem Sohn umzuſchauen, und ruft ihm zu: „Iſt die Thüre offen, wagenweit offen, Aleris? Iſt der Durchgang frei?“ „Ja, mein Vater.“ „Alſo, Madame Borel, im Fall das Anlehen * — 47 uns zugeſchlagen werden ſollte, werde ich, da unſer Gewinn wenigſtens vier Millionen betragen muß, zweimalhunderttauſend Franken zu Ihrer Verfügung ſtellen, damit Sie in der Nähe unſeres Landhau⸗ ſes ein Spital für arme Familien ſtiften können.“ Und nun läuft der Finanzmann auf ſeinen Sohn zu, ergreift ihn beim Arm, zieht ihn mit ſich aus dem Speiſeſaal und ruft beim Entfliehen heiter: „Fliehe wer kann, mein Junge! Deine Mut⸗ ter würde uns mit einer Lawine von Dankſagungen überſchütten; laß uns fliehen, laß uns fliehen!“ „Dank, mein Gott, Dank!“ murmelte Madame Borel mit inbrünſtiger Stimme und thränenvollen Augen, indem ſie ihre Hände feſt zuſammendrückte. „Du haſt mich für das wenige Gute, das ich thue, hundertfach belohnt, indem Du mich einem ſolchen Mann an die Seite gabſt!“ V. „Ich wünſche die Ehre zu haben, Herrn Alfred von Luxeuil zu ſprechen, wenn er ſichtbar iſt,“ ſagte Herr Tranquillin zum Kammerdiener des jungen Modeherrn (allgemein angenommener Ausdruck), welcher eine der beiden Wohnungen im zweiten Stock inne hatte. „Ich will fragen, ob der gnädige Herr Sie em⸗ pfangen kann,“ antwortete der Diener, „Ihr Name, wenn ich bitten darf?“ „Tranquillin, der Geſchäftsmann des Hauſes.“ „Ah, verzeihen Sie, Herr, ich erkannte Sie nicht, warten Sie gefälligſt einen Augenblick,“ verſetzte der Bediente. Er kommt bald zurück, erſucht den Intendan⸗ ten ihm zu folgen und führt ihn in einen pracht⸗ vollen Salon, wo Herr Lureuil friſche Eier und eine Taſſe Thee frühſtückt. Der junge Mann zählt ungefähr fünfundzwan⸗ zig Jahre; ſein hoher, ſchlanker und geſchmeidiger Wuchs hebt ſich mit Eleganz unter den wogenden Falten ſeines Schlafrockes ab. Er iſt merkwürdig ſchön, aber ſeine Phyſiognomie verräth eine ſolche Zuverſichtlichteit, eine ſo freche Geckenhaftigkeit, einen ſo unzerſtörbaren Glauben an die unwider⸗ ſtehliche Macht der verführeriſchen Reize ſeiner Per⸗ ſon, daß man ihn in dieſer Beziehung eigentlich für einen Monomanen halten könnte, wenn nicht allzu zahlreiche und allzu leichte Erfolge ihm be⸗ wieſen, daß die Meinung, die er von ſeinem unüber⸗ windlichen Verdienſt hat, ſo ausſchweifend und ſinn⸗ los ſie auch erſcheinen muß, doch keineswegs über⸗ trieben iſt. „Guten Tag, mein Lieber,“ ſagt Herr von Lu⸗ veuil zu Tranquillin. Zugleich zeigt er auf einen niedern Seſſel von vergoldetem Holz, der mit purpurrothem und weißem Brocatell wie die Tapeten des kleinen Sa⸗ lons überzogen iſt, und ſagt: „Setzen Sie ſich.“ „Gar zu viel Ehre, mein Herr.“ 49 „Setzen Sie ſich, fage ich Ihnen, ich bin ein guter Prinz.“ „Ich thue es blos, um Ihnen zu gehorchen.“ „Sie kommen mir gerade recht, mein Lieber, ich wollte Sie ſoeben zu mir bitten laſſen.“ „Es freut mich unendlich, daß ich Ihrem Wunſche zuvorgekommen bin.“ Mein Lieber, meine Pferde waren noch nie ſo logirt, wie ſie es hier ſind. Mein Hak*) befin⸗ det ſich im Beſitz einer großen, ſehr luftigen Box, wo er ſich in aller Freiheit bewegen kann, von der marmornen Krippe und von der verzierten Bronce⸗ raufe, die dieſe Bor zu einem Muſter von Eleganz machen, gar nicht zu ſprechen.“ „Herr Wolfrang wünſcht, daß die Pferde der Herren Miethleute eben ſo zufrieden mit dem Hauſe eien, wie ihre Herren.“ „Das ſieht man. Der Stall neben dieſer Bor kommt an Eleganz dem Beſten gleich, was ich in England geſehen habe. Jeder Stand iſt von Eichen⸗ holz und ein wahres Wunder von Skulptur; die Wand iſt mit blaßgrünem Gipsmörtel übertüncht, mit hochrothen Arabesken eingerahmt und würde keinem Speiſeſaal Unehre machen. Die Geſchirr⸗ kammer iſt mit Citronenholz vertäfelt und mit Ein⸗ faſſungen von Mahagoni geſchmückt. Auch die Re⸗ miſen ſind auf eine Art verglast, getäfelt und ver⸗ dielt, daß man ſie wahre Modelle nennen kann.“ „„Mein geehrter Herr wird über Ihren Beifall äußerſt erfreut ſein.“ ² Reitpferd. Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens⸗ 18 „Kurz, meine Pf in dieſem 50 erde und ich, wir befinden uns Haus ſo vortrefflich eingerichtet, daß wir hier zu bleiben wünſchen.“ 6 „Dieſer ſchmeichelhafte Wunſch, mein Herr . Trangquillin wird merdieners u ungeheuren worauf ein verſiegelte Der Kammerdiene Leuchterſtuhl von florentiniſcher Moſai von Lureuil ſorglos zu ſeinem „Schon gut, die jou, he?“ „Nein, gnädiger „Alſo vom Platz Nein, gnädiger Herr, ſonder Grenelles St. Germain, und der Brief begleitet.. „Ei ſieh da! von durch die Ruͤcktehr des Kam⸗ nterbrochen, der in ſeinen Armen einen Korb von Parmeſanerveilchen bringt, r Umſchlag liegt. v ſtellt den Korb auf einen ik, während Herr Bedienten ſagt: ß kommt aus der Rue d'An⸗ Herr.“ Beauveau?“ nvon der Rue des Korb iſt von einem der Rue des Grenelles?“ ſagt der Stutzer ziemlich überraſcht zu ſich und fügt dann hinzu: „Gib den Brief her.“ „Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß Herr Berard da iſt; er kommt von Viroflay,“ fügt der Kammer⸗ diener hinzu, indem er ſeinem Herrn das auf dem Veilchenkorb liegende Billet überreicht; „man erwar⸗ tet die Antwort ſog Wie! Berard ſogleich herein?“ ſagt Herr von Luxeuil, indem er den Brief auf den Dann erhebt er thüre und ruft: leich und . iſt da und Du führſt ihn nicht Frühſtücktiſch wirft. . ſich raſch, lauft an die Salon⸗ 5¹ „Berard, Berard, kommen Sie doch!“ Herr Berard beeifert ſich, der Einladung Folge zu leiſten. Kaum iſt er im Salon, ſo ſagt Herr von Luxeuil in einem Ton angſtvoller Sorglichkeit zu ihm: „Nun, was macht ſie dieſen Morgen?“ „Mademoiſelle iſt gerade noch eben ſo krank, wie geſtern.“ „Alſo keine Veränderung?“ „Nein. „Das iſt höchſt betrübt.“ „Sie befindet ſich fortwährend in einem Zuſtand äußerſter Aufregung.“ „Ich glaube es wohl, ſie iſt ſo nervös.“ „Das Fieber iſt ſehr heftig. Ich habe hundert⸗ undzehn Pulsſchläge in der Minute gezählt.“ „Hundertzehn Pulsſchläge! Das iſt ungeheuer, nicht wahr, Berard?“ „Ja, und überdieß iſt der Schlaf ſelten, unter⸗ brochen, dabei ein glühender Durſt, und die Ein⸗ gießung, die ich verſchrieben, hat kaum genügt, ſie ein wenig zu erfriſchen; die Einathmungen der Lunge ſind häufig und ſie ſtöhnt oft.“ „Arme Madeleine,“ wiederholte Herr von Lu⸗ reuil in gerührtem, mitleidsvollem Ton; „ſie ſtöhnt oft!“ Herr Tranquillin, dem der Kummer des Stutzers zu Herzen ging, ſtellte folgende philoſophiſche Be⸗ trechtung an: „So geht es in der Welt; dieſer junge Mann, dem eine ohne Zweifel vornehme Dame dieſen Morgen Blumen ſchickt, öffnet dieſen Lri nicht einmal und denkt nur an das Befinden von Ma⸗ demoiſelle Madeleine .. Vermuthlich irgend eine. Griſette, wenn ich nach ihrem Taufnamen ſchließen ſoll. . Gleichviel, die Rührung des jungen Mannes beweist, daß er ein gutes Herz hat.“ „Berard, was denken Sie aufrichtig von Ma⸗ deleines Krankheit?“ fragt Herr von Luxeuil. „Sie glaubten, die Landluft, die Ruhe, die Diät und eine mäßige Bewegung würden genügen, um ſie wiederherzuſtellen?“ „Ich glaubte es Anfangs und deßhalb habe ich Ihnen gerathen, Mademoiſelle Madeleine nach Viro⸗ flay zu ſchicken; aber die Krankheit, die damals noch verſteckt war, hat Fortſchritte gemacht, und wenn ich meiner Diagnoſe glauben darf, die mich ſelten ge⸗ täuſcht hat, ſo hat ſie jetzt eine Lungenentzündung in der erſten Periode.“ „Und dieſe Krankheit iſt gefährlich?“ „Aeußerſt gefährlich in ihrer zweiten Periode; aber in ihrer erſten Periode bietet ſie Ausſichten auf Heilung dar, und wenn ich bei meinem Befuch heute Abend Mademdoiſelle Maodeleine nicht merklich gebeſſert finde, ſo werde ich die Krankheit energiſch mit ableitenden Mitteln in ihrem Sitz angreifen: ich werde zwei große Blaſenpflaſter verordnen.“ „Blaſenpflaſter!“ wiederholt Herr von Luxeuil wit einem ſchmerzlichen Widerwillen, worein ſich Angſt miſchte; „ſie wird aber ihre Blaſenpflaſter nicht ertragen wollen ... Und dann dieſe abſcheu⸗ lichen Spuren ..“ S „Dieſe Spuren werden verſchwinden und in einem Monat wird man nichts mehr davon ſehen, antwortet der Mann der Kunſt. „Wos Mademoi⸗ ſelle Madeleines *) Widerſtand gegen die. Anwen⸗ dung der Blaſenpflaſter betrifft, ſo ließe er ſich leicht mit Hilfe der Bremſe überwinden, wenn man durch⸗ aus zu dieſem Mittel greifen müßte. Inzwiſchen verlaſſe ich Sie jetzt, denn man hat mich dieſen Morgen zu Lord Seymour berufen wegen eines ſehr bedenklichen Bruchfalles.“ „Was will doch der Herr Doctor mit ſeiner Bremſe ſagen?“ fragte ſich Tranquillin naiv. „Im Ganzen iſt es ohne Zweifel ein Kunſtausdruck.“ Herr von Luxeuil begleitete Herrn Berard bis an die äußere Thüre zurück und wiederholte ihm die dringendſten Empfehlungen in Betreff der in⸗ tereſſanten Patientin. Dann kam der junge Stutzer ganz traurig in den Salon zurück, ſetzte ſich tief⸗ gebeugt wieder und ſagte zu dem Eeſchäftsmann: „Entſchuldigen Sie, mein Lieber, aber ich war und bin noch jetzt in einer tödtlichen Unruhe.“ „Wegen dieſer armen Mademoiſelle Madeleine?“ „Ach ja, ich bin ſo unruhig! Aber noch einmal, verzeihen Sie, mein Lieber.“ „Gnädiger Herr, entſchuldigen Sie ſich nicht; bitte, entſchuldigen Sie ſich nicht. Ein ſolches Ge⸗ macht Ihrem Herzen die größte Ehre und „Dieſer Verluſt wäre für mich unerſetzlich.“ „Ach, gnädiger Herr, denken Sie nicht an ein —————— — 6) Mehrere Stuten haben ſolche bizarre Namen erbalten, unter Andern Mademoiſelle Digorch, eine Steepie⸗Chaſe⸗ Stute, die, wie wir gluben, Herrn Aumont gehört. 34 ſh Unglück; die Jugend beſitzt ſo viele Mittel und „Kurz, mein Lieber, was ſoll ich Ihnen ſagen? Mademoiſelle Madeleine ſprang ganz munter über einen Graben von fünfzehn Fuß, der auf ſeiner Kehrſeite eine Hecke von fünf Fuß hatte.“ „Zum Henker, das iſt ſtark, welche Kniekehlen!“ rief Tranquillin, indem er voll Erſtaunen die Hände zuſammenſchlug. „Iſt's möglich, gnädiger Herr? Dieſe arme Mademoiſelle Madeleine ſprang über Gräben von fünfzehn Fuß! Ach du himmliſche Güte! Fünfzehn Fuß! Ihr Wort in allen Ehren, gnädiger Herr, aber ich wage es kaum zu ſagen, dieß ſcheint mir unglaublich; gleichwohl . . . „Ei wie! Sie werden doch in meine Verſiche⸗ rung keinen Zweifel ſetzen, mein Lieber? Denn ich ſelbſt habe ſie dieſe Sprünge machen gelehrt.“ „Was? dieſes junge Fräulein... verſetzte Tran⸗ quillin. „Wahrhaftig, gnädiger Herr, ich weiß nicht mehr, was ich denken ſoll.“ „Dazu kommt noch, daß ſie mich ſiebenhundert Guineen in London bei Tatterſall gekoſtet hat, wo ich ſie bei der Auction der Ställe des Lords Cla⸗ morgan gekauft habe. Sie hieß damals Miß Alicia und war erſt drei Jahre alt.“ „Gekauft . . im Alter von drei Jahren . ſtammelt Tranquillin, der gänzlich kopfſcheu gewor⸗ den war, „bei der Auction eines Stalles?“ „Allerdings. Madeleine war damals noch ein Füllen.“ „Ein Füllen! .. Ach mein Gott!“ — . 55 „Ei, was haben Sie denn, mein Lieber? Sie ſehen ja ganz beſtürzt aus.“ „Ein Füllen! Und ich glaubte .. „Und zwar ein Vollblutfüllen, wenn Sie erlauben, Tochterdes Ralphjunior und der Lady Burlesc.“ „Sehr gut, gnädiger Herr; verzeihen Sie meine Einfalt.“ „Enkelin Joſeph's II und Fulvia's.“ „Ich beſtreite nicht . . .“ „Urenkelin des Commodore Brown und der Herzogin. Leſen Sie das Stud-Book.“ „Gnädiger Herr, ich glaube Ihnen auf's Wort.“ „Und das Aergerlichſte bei der Sache iſt, daß ich Mademoiſelle Madeleine vor ihrer Krank⸗ heit beim nächſten Steeple Chaſe von Croir de Berny engagirt habe; wenn alſo meine Stute nicht rennen kann, ſo muß ich eine gewiſſe Summe be⸗ zahlen. Nun habe ich in den Augen der Dumm⸗ köpfe den Fehler, nach meinem eigenen Dafürhalten aber den Vorzug, daß ich ſehr ſparſam bin, mein Lieber, und trotz meines Vergnügens viel auf das Geld halte. Sehen Sie, es gibt gar keine kloine Erſparniſſe; aus den Zehnſousſtücken werden Fran⸗ ken und aus dieſen werden Louisd'or,“ „Gnädiger Herr, die Verſchwender ſind Narren, die geſcheidten Leute ſind ökonomiſch.“ „Das iſt gar nicht ſo dumm, was Sie da ſagen, mein Lieber. Aber kehren wir zu unſerem Geſpräch zurück.“ „Ich ſtehe ganz zu Ihren Befehlen; nur möchte ich mir eine kleine Bemerkung erlauben. Verzeihen Sie die große Freiheit . 56 „Sprechen Sie, ſprechen Sie.“ „Man erwartet die Antwort auf den Brief, den Sie ſoeben empfangen haben, gnädiger Herr, und wenn es Ihnen beliebte dieſe Antwort zu eben, ſo könnten wir nachher unſer Geſpräch ununter⸗ brochen fortſetzen.“ „Es iſt wahr, ich vergaß dieſen Brief,“ ſagt Herr von Luxeuil, indem er den Umſchlag nimmt; dann fügt er, ehe er ihn entſiegelt, hinzu: „Alſo .. Sie erlauben, mein Lieber?“ „Ach, gnädiger Herr, ich bitte Sie darum,“ ant⸗ wortet Tranquillin. Und er ſagt bei Seite zu ſich: „Wie einfältig ich doch war mir einzubilden, daß dieſer junge Mann eine vornehme Dame um einer Griſette willen vergeſſen könne! Dieſe wnehm Dame hat er vergeſſen, aber wem zu Liebe? .. Einem Füllen! Welches Pferd doch dieſer ſchöne junge Mann iſt! Er hat kein Herz in ſeiner Bruſt, ſondern einen Sattel.“ Herr von Luxeuil hat den Unſchlag, deſſen Siegel mit einem breiten Wappen verſehen war, geöffnet und zieht einen ſehr fein geſchriebenen Brief von mehreren Blättern hervor; beim Anblick dieſes end⸗ loſen Sendſchreibens macht er eine Geberde des Schreckens und wirft blos auf die letzten Zeilen der Epiſtel, in welchen er eine kurze Zuſammenfaſſung des Ganzen zu finden hofft, einen nachläſſigen Blick. Seine Vermuthung hat ihn nicht getäuſcht, denn er murmelt mit Achſelzucken: „Welche unerträgliche Phraſenmacherin!. Acht Seiten von ihrer Hand!. . Und welch eine Hand! Microſcopiſche Mückenfüße, das Ganze um mir 57 zu ſagen, ſie beſchwöre mich wieder mit ihr anzu⸗ knüpfen. Nein wahrhaftig, Heloiſe iſt eine abſcheu⸗ liche Phraſendrechslerin, aber ich leſe ihre Briefe nicht; dann iſt ſie ſehr ſchön und gar nicht genant; ihr Gemahl iſt ein Philoſoph; ſie hat eine ſehr ſchöne Loge im Opernhaus, wo ich auch meinen Platz habe; überdieß beſitzt ſie einen vortrefflichen Koch; ich erſpare immer ſechs Franken, wenn ich bei ihr dinire ſtatt im Cercle. Nun gibt eine Er⸗ ſparniß von wöchentlichen drei Diners ſechs Fran⸗ ken zweiundſiebenzig Franken monatlich, und da fällt mir eben ein, in zwei Monaten gibt dieß ungefähr den Preis von ledernen Hoſen für meinen Poſtillon * a Daumont, und er braucht juſt in dieſem Augen⸗ blic ein Paar. Nun wohl, Heloiſe hat wahrhaf⸗ tig eine herrliche Idee gehabt, daß ſie mir zu ſo gelegener Zeit ſchrieb. Und doch, was iſt die Liebe?“ Nach dieſer einſichtsvollen Betrachtung klingelt Herr von Luxeuil, dem beſonders ſeine letzte und triumphirende Idee in Betreff der Lederhoſen ſeines Poſtillons einleuchtet, ſeinem Kammerdiener. Dieſer tritt ein und ſein Herr ſagt zu ihm: „Antworte es ſei ſchon gut, ich werde kommen.“ „Enädiger Herr, drum .. „Nun was denn?“ „Mamſell Juſtine, welche den Brief und die Blumen gebracht, hat Befehl nicht ohne ſchriftliche Antwort zurückzukommen.“ „Ei was? Mamſell Juſtine wird ohne eine ſchriftliche Antwort zurückfommen, das iſt das Ganze. Noch einmal, ſag, es ſei gut und ich werde kommen.“ 58 „Dieß genügt, gnädiger Herr,“ ſagt der Be⸗ diente, indem er ſich zuvückzieht und ſeinen Herrn mit Tranquillin allein läßt. VI. Nach Weggang ſeines Kammerdieners ſagt Herr von Luxeuil zu Tranquillin: „Um auf unſer Geſpräch zurückzukommen, mein Lieber, ſo ſind die Ställe dieſes Hauſes und ihre Nebengebäude dermaßen comfortabel, ein beinahe unfindbarer Vortheil in Paris, wo die Häuſerbe⸗ ſitzer immer um das Terrain knickern, während da⸗ gegen Herr Wol .. Wolfan . . . wie nennen Sie ihn doch eigentlich?“ „Wolfrang.“ „Während Herr Wolfrang Alles wie ein großer Herr und als Liebhaber behandelt, denn gewiß hat oder hatte er doch wenigſtens eine Leidenſchaft für die Pferde, ſonſt würde er keine ſolche Ställe er⸗ baut haben. Man bemerkt darin ein genaues Ver⸗ ſtändniß der geringſten Einzelheiten des Dienſtes, was auf eine vollendete Erfahrung ſchließen läßt.“ „Mein geehrter Herr hat die ſchönſten Pferde von der Welt beſeſſen.“ „In dieſem Fall iſt er augenſcheinlich ein Mann comme il faut. Wir werden uns vortrefflich ver⸗ ſtändigen, und er wird mir gewähren was ich durch⸗ aus wünſche, nämlich einen Miethvertrag von wenig⸗ ſtens neun Jahren.“ „Gnädiger Herr . .. 59 „Ich werde ihm, wenn er will, immer ein Jahr vorausbezahlen.“ „Gnädiger Herr, erlauben Sie, ich .. „Ah ſehen Sie, das geſchieht deßwegen, mein Lieber, weil ich ein Freund der Ordnung bin und ein ganz regelmäßiges Leben führe. Ich führe meine Bücher über Einnahmen und Ausgaben mit Soll und Haben. O'ich habe Nichts mit den Einfalts⸗ pinſeln gemein, die ihre Einkünfte zum Voraus verzehren und ſich für Dirnen, die ſich über ſie luſtig machen, oder für Schmarozer, die ſich ihnen anhängen, ruiniren.“ „Ich bezweifle keineswegs, gnädiger Herr, daß Sie der ordnungsliebende Mann ſind, von dem Sie ſagen, aber .. „Meine Einkünfte belaufen ſich auf fünfzigtau⸗ ſend ſiebenhundert Franken, wovon ich fünf⸗ oder ſechshundert Louisd'or auf die Seite lege.“ „Das Sparen, gnädiger Herr, iſt eine ſehr ver⸗ nünſtige Gewohnheit, aber ich .. „Es gibt keinen ökonomiſcheren Menſchen als mich: meine Toilette und mein Stall ſind mein ein⸗ ziger Luxus. Ich betheilige mich mit meinen Pfer⸗ den bei Wettrennen, wo ich den Preis gewinnen kann; aber ich laſſe mich niemals auf Wetten ein. Ich habe nie in meinem Leben eine Karte berührt, nie einem Menſchen einen Louisd'or geliehen. Ich genieße unter Anderem den wohlverdienten Ruf ganz unbeugſam und felſenhart gegenüber jenen Zwanzigfrankenlotterien zu ſein, von denen man heutzutage beſtändig verfolgt wird und die den Dummköpfen fünfzig oder ſechzig Louisd'or jährlich 60 aus der Taſche locken. Wiſſen Sie, daß das eine Summe iſt, mein Lieber, ſechzig Louisd'or?“ „Allerdings, gnädiger Herr, das ſind zwölfhun⸗ dert Franken aber .. „Juſt der Lohn für meinen Kammerdiener. Die Frauen koſten mich Nichts, das verſteht ſich von ſelbſt. Ich bin ſehr nüchtern: ich frühſtücke wie Sie ſehen: zwei friſche Eier und eine Taſſe Thee; ich dinire in meinem Clubb für ſechs Franken; ich bin alſo was man einen außerordentlich geſetzten jungen Mann nennt. Ich ſage Ihnen dieß Alles, mein Lieber, um Sie zu überzeugen, daß Ihr Herr keinen Miethsmann finden könnte, der ihm mehr Bürg⸗ ſchaften, mehr Zahlungsfähigkeit böte als ich, und der auch den Ställen des Hauſes vermöge der Schön⸗ heit ſeiner Pferde und der Eleganz ſeiner Geſpanne mehr Ehre erwieſe. Verdient dieß Alles nicht ſehr in Erwägung gezogen zu werden?“ „Allerdings, mein geehrter Herr wünſcht ſich Glück dazu und ſchätzt ſich's zur Ehre, daß ſeine Ställe auf eine ſo noble Weiſe von einem Mieths⸗ mann gebraucht werden, der .. „In dieſem Fall bleibt es dabei, mein Lieber: ein Miethvertrag auf neun Jahre mit jährlicher Vorausbezahlung, wovon ich fünf Procent Disconto abziehen werde, wie dieß bei jeder Baarzahlung Gebrauch iſt.“ „Gnädiger Herr, erlauben Sie . . .“ „O ich verſtehe mich auf die Geſchäfte; Sie wer⸗ den mir morgen früh den Vertragsentwurf bringen.“ „Aber gnädiger Herr, noch einmal . „Ich werde ihn aufmerkſam prüfen, denn ſehen 61 Sie, mein Lieber, ich habe mein Jus abſolvirt: das verſchafft mir den Vortheil, daß ich niemals geprellt werde. Wenn ich alſo den Vertrag richtig und gehörig abgefaßt ſinde, ſo werde ich ihn mit meiner eigenen Hand vollſtändig abſchreiben.“ O Sie dürfen ſich dieſe Mühe nicht machen, denn „Es iſt keine Mühe, ſondern eine vortreffliche Beſchäftigung, die man gar nicht verachten darf; denn beim bloſen Leſen entgeht dem Auge Mancher⸗ lei, aber wenn man Alles mit eigener Hand und mit ruhigem Kopf wieder abſchreibt, ſo iſt man vor jeder Ueberrumpelung ſicher. Alſo morgen früh um zehn Uhr, mein Lieber.“ „Entſchuldigen Sie, gnädiger Herr, aber .. .“ „Um neun Uhr, wenn Sie es vorziehén.“ „Es handelt ſich nicht um die Stunde, gnädiger Herr, ſondern um den Vertrag; ich habe keine Voll⸗ macht ihn abzuſchließen, und kann ihn ſogar nicht einmal verſprechen; es iſt unungänglich nöthig, daß Sie ſich die Mühe nehmen ſich mit Herrn Wolfrang darüber zu verſtändigen.“ „Ei, warum ſagten Sie das nicht ſogleich? ich will Ihren Herrn heute noch beſuchen.“ „Mit dieſer Hoffnung wagte er ſich zu ſchmeicheln, gnädiger Herr, und deßhalb hat er mich beauftragt Sie einzuladen.“ „Eine Einladung von Ihrem Herrn?“ wieder⸗ holte Herr von Luxeuil erſtaunt; „eine Einladung zu was?“ „Zu einer Soirte bei ihm,“ antwortet Tran⸗ quillin.“ „Bei Herrn Wol .. Wol „Wolfrang.“ 5 „Und warum zum Teufel will er, daß ich den Abend bei ihm zubringen ſoll?“ „Gnädiger Herr, einzig und allein, damit er die Ehre hat Sie zu empfangen, weßhalb er auch alle andere Herren und Damen, die im Hauſe wohnen, eingeladen hat.“ „Ah!“ machte Herr von Lureuil, indem er an die Frau des Buchhändlers dachte, „ah! die Damen vom Hauſe kommen auch zu der Fete 2 „Sie werden die ſchönſte Zierde derſelben ſein,“ antwortet Tranquillin in einem Ton ritterlicher Höflichkeit; „Frau und Herr Lambert, der Buch⸗ händler, wie auch Frau und Herr Borel, der Ban⸗ kier, haben mir bereits zugeſagt; ich ſchmeichle nir auch die Zuſage von Fräulein Antonine Jour⸗ dan, die im dritten Stock wohnt, und ebenſo von der Frau Herzogin della Sorga zu erhalten, die nit ihrer Familie das Hotel im Garten inne hat.“ „Sagen Sie einmal, mein Lieber, wiſſen Sie auch, daß dieſe kleine Buchhändlerin ſchön iſt wie ein Engel?“ „Madame Lambert iſt in der That ſehr hübſch, gnädiger Herr. wirklich ſehr hübſch.“ „Wo zum Teufel mag dieſer alte Kauz von Buchhändler dieſes allerliebſte Geſchöpf aufgetrieben haben?“ „Ihr Wort in Ehren, gnädiger Herr, aber der Ausdruck alter Kauz ſcheint mir . „Was iſt das für eine Haushaltung? Was geht da vor? Sie müſſen es wiſſen, mein Lieber. 63 Ei wie, heraus mit der Sprache, erzählen Sie— mir das.“ „Ich kann Ihnen in Wahrheit Nichts davon erzählen, gnädiger Herr, denn ich weiß ſelbſt ſchlech⸗ terdings Nichts.“ „Bah! bah! ſie muß einen Geliebten haben, dieſes niedliche Weibchen.“ „Ei gnädiger Herr, pfui, pfui!“ „Warum pfui? Sie iſt entzückend, dieſe kleine Lambert. Sie ſpielen verdammt den Koſtverächter, mein Lieber.“ „Da ich mir nicht die ſtrafbare Freiheit nehme mich von der Schönheit unſerer ſchätzenswerthen Frau Hausbewohnerin angelockt zu fühlen, ſo kann alſo auch a fortiori von einem Koſtverächter nicht die Rede ſein.“ „Ei der Tauſend, Sie ſind ein feiner Logiker, mein Lieber.“ „Ich erlaube mir einen ſolchen Schluß nach meinem geringen Raiſonnement.“ „Und wie iſt's mit dieſer Mamſell Antonine Jourdan, die im dritten Stock wohnt? Ich habe ſie zwei⸗ oder dreimal auf der Treppe begegnet; ſie iſt mir recht hübſch vorgekommen.“ „Das Fräulein im dritten Stock iſt eine Schü⸗ lerin des Conſervatoire; ſie ſingt in den Salon⸗ concerten; Herr Wolfrang hofft daher auch, daß ſie die Güte haben werde ſich heute Abend bei ihm hören zu laſſen.“ „Iſt dieſe Sängerin da ſolid?“ „Ich glaube für die Würde des Hauſes meines geehrten Herrn annehmen zu dürfen, daß jede der 64 hier wohnenden Damen im Allgemeinen und Fräu⸗ lein Antonine ins Beſondere Muſter aller Tugenden ihres Geſchlechtes ſind.“ „Ah bah, was ſchwatzen Sie da, mein Lieber?“ „Wie beliebt, gnädiger Herr?“ „Sie müſſen um den Montyonpreis concurrirt haben.“ „Auf Ehr und Seligkeit nie, gnädiger Herr.“ „Wirklich?“ „Ganz gewiß nie.“ „Das iſt überraſchend.“ „Es iſt aber doch ſo, gnädiger Herr, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre hatte und ... Tranquillin wird durch das zunehmende Geräuſch eines Wortwechſels unterbrochen, der ſich im Neben⸗ kabinet zwiſchen dem Kammerdiener des Herrn von Luxeuil und einem Frauenzimmer erhoben hat, das mit Gewalt hereindringen zu wollen ſcheint, wie aus dem Dialog erſichtlich, den man in dem Salon hört, wo der junge Stutzer und Tranquillin ſich aufhalten. „Ich verſichere Sie, Madame, daß der gnädige Herr abweſend iſt.“ „Das iſt nicht wahr! Der Portier hat mir ge⸗ ſagt, Luxeuil ſei daheim.“ „Aber ich verſichere Sie, Madame, daß „Was frage ich nach Ihren Verſicherungen? Ich will hinein, und ſo wahr ich Cricri heiße, ich werde hineinkommen.“ 3 Bei dieſen Worten hebt ſich der Thürvorhang des Salons, und ein ſehr hübſches, ganz junges Mädchen mit einer merkwurdig frechen Phyſiognomie 65 ſtürzt ſich ins Zimmer, geht ungeſtüm auf Herrn von Luxeuil zu und ſagt: „Ah! Du läſſeſt mir die Thüre verſchließen, mir der Cricri! Es iſt ſchon bas dritte Mal, daß ich hieher komme.“ „Ei, meine Liebe . . . „Und Du glaubſt, es werde in aller Freunb⸗ ſchaft abgehen?“ „In der That, Mademoiſelle, dieſer Lärm iſt unanſtändig,“ ſagt Herr von Luxeuil, der mit Mühe ſeinen Aerger verſchluckt; „es iſt unbegreiflich, wie Sie ſich herausnehmen können .. „Ei was denn? was denn? Glaubſt Du denn, wenn man einen Knicker von Deiner Sorte liebt...“ „Mademviſelle!“ „Ja, einen Knicker! .. Haſt Du mir auch nur ein einziges Mal ein Bouquet von zwanzig Fran⸗ ken, ein Souper oder eine Theaterloge angeboten?“ „Das iſt unerträglich . und „Das wäre doch wahrhaftig das Wenigſte, daß ich Dich nach Belieben beſuchen könnte, wenn es mir gerade in den Kopf kommt.“ „Wahrhaftig Sie ſind eine Närrin, mein liebes Kind,“ ſagt Herr von Luxeuil, indem er ſich be⸗ müht zu lächeln, aber immer zorniger wird; dann winkt er Tranquillin ihm in das Nebenkabinet zu folgen, und ſagt zu Mamſell Cricri: „Erwarten Sie mich hier.“ „Dich erwarten? Ei, warum nicht gar? Bin ich etwa Deine Magd? Hör einmak, treib mich nicht auf's Aeußerſte, ſonſt ſchlage ich Alles zu⸗ ſammen.“ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 5 WMamſell Cricri, die von den Worten zur That übergehen will, eilt nach dem Kamin, um eine Feuerzange zu ergreifen, mit deren Hülfe ſie ihr Werk auszuführen gedenkt. Herr von Luxeuil äng⸗ ſtigt ſich in ſeinem Geiz um eine prachtvolle Gar⸗ nitur von altem Sevresporcellan, womit das Kamin geſchmückt iſt und die er im Beſchädigungsfall für gut bezahlen müßte; er läuft alſo auf Cricri zu, um ihren Zerſtörungsplänen entgegenzutreten, dann wendet er ſich mit einer von Zorn und Verdruß erſtickten Stimme an Herrn Tranquillin und ſagt, er einen ſcherzhaften Ton anzunehmen ver⸗ ſucht: „Haben Sie je einen ſolchen Dämon geſehen, mein Lieber? Sagen Sie Herrn Wolfrang, ich werde ihn heute Abend beſuchen und wir wollen dann vom Vertrag ſprechen.“ „Gnädiger Herr und Madame, ich habe die Ehre Ihr gehorſamſter Diener zu ſein,“ antwortet Tran⸗ guillin, indem er die Geſellſchaft ehrerbietig grüßt, und verläßt den Salon, wo er die kreiſchende Stimme von Mamſell Cricri vernimmt, welche Herr von Luxeuil zu beſchwichtigen bemüht iſt, indem er im liebkoſendſten Tone zu ihr ſagt: „Ei ſo komm doch, mein liebes Cricrichen, und beruhige Dich ich werde Dich empfangen ſo oft Du es hoben willſt; aber keine Tollheiten: ich wohne hier en garni, und ich müßte bezahlen was Du zerſchlägſt, zum Teufel auch!“ 67 VII. Eine zweite Wohnung im zweiten Stock hatte Herr von Frencheville, der Privatſecretär eines Miniſters, inne. Dieſer Vertrauensbeamte, der ungefähr ſechzig Jahre haben mochte, unterhielt ſich mit einem rüh⸗ rigen, dürren alten Männchen mit pfiffiger Phy⸗ ſiognomie, einer Brille auf der Naſe und einer nach allen Geſetzen der Kunſt friſirten ſchwarzen Perücke. Das Männchen hieß Morin und ſagte in dieſem Augenblick zu Herrn von Francheville: „Kurz und gut, mein lieber Herr, um gerade auf die Sache loszugehen, hat Ihnen Ihr Miniſter, der ſeit einigen Tagen im Bette liegt, in Betreff der beſagten Lieferung Carte blanche gegeben? Ja oder nein.“ „Ja.“ „Dieſe Lieferung hängt alſo von Ihnen ab?“ „Vollſtändig; der Miniſter wird den Act unter⸗ zeichnen, den ich ihm in dieſer Beziehung vorlegen werde: das iſt ausgemacht.“ „Warum nehmen Sie dann meine Offerte nicht ganz einfach und ohne Weiteres an?“ „Weil ſie mir nicht angemeſſen erſcheint.“ „Gleichwohl, mein lieber Herr, ſind hundertzwei⸗ undzwanzigtauſend Franken in ſchönen Bankſcheinen nobſt einer Generalquittung über hundertachtundſieb⸗ zigtauſend Franken, die Sie mir ſchulden, im Gan⸗ zen dreimalhunderttauſend Franken, eine recht artige Summe.“ ²) *) Wir wollen unſere Leſer daran erinnern, daß unſer Roman unter der Regierung Ludwig Philipps ſpielt, und im Intereſſe 68 „Je nach dem.“ „Ich will Ihnen meine Karten offen zeigen: wenn Sie die Lieferung zu den von mir vorgeſchla⸗ genen Bedingungen annehmen, ſo wirft ſie mir in runder Summe einen Nettogewinn von achtmalhun⸗ derttauſend Franken ab.“ „Ihr Gewinn kann ſich vielleicht auf eine Mil⸗ lion belaufen.“ „Warum nicht gar?“ „Ich habe auch meine Berechnungen gemacht.“ „Ah! Sie haben auch Ihre Verechnungen ge⸗ macht?“ Herr von Francheville zuckt die Achſeln und wirft Herrn Morin einen Blick zu, der ihm zu ſagen ſcheint: „Sie halten mich alſo für einen Dummkopf?“ Der Lieferant fügt ſchnell hinzu: „Im Ganzen iſt es nicht mehr als billig: man muß ſich genaue Rechenſchaft vom Stand der Dinge ablegen. Nun wohl, laſſen Sie uns den Profit theilen! Viermalhunderttauſend Franken für Sie, viermalhunderttaufend Franken für mich, ſind Sie damit zufrieden?“ „Wir wollen ſehen.“ „Oh, da iſt Nichts mehr zu ſehen. Und wenn Sie ſich weigern, ſo habe ich eine ſichere Verwen⸗ dung für meine Capitalien in einer Operation, die noch vortheilhafter iſt als dieſe da. Aber das ſage ver Wahrſcheinlichkeit bemerken wir noch, baß die Sfandale eines großen Pro zeſi waren. es bdie ſich auf ähnliche thatſächliche Beweiſe von abminiſtratiper Verdorbenheit bezogen, damals noch ganz neu 69 ich Ihnen, ich werde genöthigt ſein die hundert⸗ undachtundſiebzigtauſend Franken in Obligationen, welche Sie mir als Garantie für die ſeit etwa ſechs Monaten nach und nach geliehenen Gelder unter⸗ zeichnet haben, in Umlauf zu ſetzen.“ „Sie drohen?“ „Nein, nein, mein lieber Herr von Francheville, wir wollen keine Händel anfangen, wir würden Beide dabei verlieren; übrigens wäre dieß, unter uns geſagt, eine Undankbarkeit von Ihnen, denn das Steiſs⸗ wovon ich Ihnen oft Beweiſe gegeben „Ja, ein Intereſſe von acht Procent und vier Procent Proviſion.“ „Ach was? Seien Sie doch billig. Sie beſitzen keinen Sou Vermögen. Würde irgend ein Anderer als ich ſich herbeigelaſſen haben, Ihnen ſo bedeu⸗ tende Vorſchüſſe zu machen?“ „Sie wußten recht gut, daß meine geheime, officiöſe Stellung mir früher oder ſpäter erlauben würde Sie zu bezahlen.“ „Nun naturlich! Sonſt würde ich Ihnen keinen Liard geliehen haben. Hundertſiebzig und ſo viel tauſend Franken, für die ich noch keine Deckung habe! Sie müſſen ſelbſt geſtehen, daß dieß anſtän⸗ dig iſt, und wenn Sie in dieſer Lebensweiſe fort⸗ fahren. Aber das iſt Ihre Sache; Sie treiben's wie ein großer Herr, und, unter uns geſagt, dieſes artige Mägdlein ſchätzt ſich verdammt glücklich, daß ſie es Ihnen angethan hat.“ „Perr Morin, Lgenug über dieſen Punkt; wir ſprechen von Geſchäften; Alles zu ſeiner Zeit.“ 70 „Nun gut! Wollen Sie alſo jetzt zweimalhun⸗ dertundzweiundzwanzigtauſend Franken baar Geld nebſt der Quittung für Ihre Obligationen annehmen, im Ganzen viermalhunderttauſend Franken?“ 3 „Ich nehme an, aber unter einer Bedingung. Sie müſſen einen Brief ſchreiben, den ich Ihnen dictiren werde.“ „In welcher Abſicht?“ „Hören Sie mich wohl. Das Miniſterium kann Ihnen dieſe Lieferung nicht auf Ihren Namen be⸗ willigen, weil Sie Fallit und in Folge mehrerer ziemlich unlautern Bankrotte nicht rehabilitirt ſind.“ „Das iſt klar und Gobert wird im vorliegenden Fall mein Strohmann ſein.“ „Sehr gut. Hören Sie alſo was Gobert und Compagnie mir zu ſchreiben haben; nehmen Sie eine Feder, ich will Ihnen das Modell dieſes Briefes dictiren; zerreißen Sie den Entwurf, ſo wird Nichts aus der Sache, denn dieſer Brief iſt von meiner Seite eine unumgängliche Bedingung.“ „Wie! dieſer Brief?“ „Iſt mir abſolut nothwendig, und ohne ihn, das wiederhole ich Ihnen, wird Nichts aus der Sache; von dieſem Beſchluß laſſe ich mich durch Nichts abbringen.“ „Nun, ſo laſſen Sie dieſen Brief einmal hören; dietiren Sie,“ antwortet Herr Morin, indem er eine Feder und ein Blatt Papier nimmt: „ich ſchreibe.“ „Mein Herr,“ dictirt Herr von Francheville, „wollen Sie gefälligſt bei dem Herrn Miniſter der Dollmetſcher meiner Dankbarkeit für das Vertrauen ſein, womit er mich zu beehren die Gnade hat, in⸗ 71 5 dem er mir die Lieferung überträgt, um welche ich die Regierung erſuchte; ſeien Sie überzeugt, mein Herr, daß ich mich durch loyale Einhaltung der Be⸗ dingungen dieſes Vertrauens würdig zeigen werde.“ Herr von Francheville unterbricht ſich. „Haben Sie geſchrielen?“ „Ja; aber ich begreife wahrhaftig nicht was dieſer Brief Ihnen nützen ſoll.“ „Warten Sie das Ende ab und ſchreiben Sie antwortet Herr von Francheville und dictirt weiter wie folgt: „Ich weiß recht gut, mein Herr, daß Sie von dem Herrn Miniſter beauftragt worden ſind die Ver⸗ tragsbedingungen aufzuſetzen und die moraliſche und materielle Gewißheit zu erlangen, daß unſer Haus die ihm auferlegten Verpflichtungen aufs Gewiſſen⸗ hafteſte erfüllen würde; ich weiß auch, daß ich haupt⸗ ſächlich Ihrer gütigen Vernendung bei dem Herrn Miniſter die Ehre verdanke mit der beſagten Lieferung betraut zu werden; ich bitte Sie daher zu glauben, daß Sie keinen Undankbaren verpflichtet haben.“ Herr von Francheville wendet ſich von Neuem an Herrn Morin: „Haben Sie geſchrieben?“ „Daß Sie keinen Undankbaren verpflichtet ha⸗ ben,“ wiederholt Herr Morin, indem er die Worte vollends ausſchreibt; dann blickt er zu dem hohen Beamten auf und ſagt: „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich ſehe wo Sie hinauswollen.“ „Sie werden es ſogleich erfahren.“ Herr von Francheville dictirt weiter: 5 72 „Nachdem ich lange vergebens nach Mitteln und Wegen geſucht habe Ihnen meine Dankbarkeit an⸗ ders als durch Worte zu beweiſen, bin ich auf den Gedanken gekommen, daß ich, ohne Ihr bekanntes Zartgefühl im Mindeſten zu beleidigen, Sie zum Permittler eines wohlthätigen Werkes zu Gunſten armer Handwerker machen könnte, deren geringer Lohn zuweilen ungenügend iſt.“ „Wie? was? was bedeutet das?“ ſagt Herr Morin ganz verdutzt, „was für Handwerker?“ „Unterbrechen Sie mich nicht und ſchreiben Sie.“ „Jedermann weiß, daß eine ſo bedeutende Liefe⸗ rung wie dieienige, womit unſer Haus beauftragt iſt, bei einer guten und einſichtsvollen Verwaltung einen anſtändigen Gewinn abwerfen kann und muß, aus dem man keinen Hehl zu machen braucht. „Ich ſchätze dieſen Gewinn auf ungefähr zrei⸗ malhunderttauſend Franken mein und meines Hau⸗ ſes Wunſch ginge alſo dahin, daß die Hälfte dieſer Summe, unter dem Siegel der größten Verſchwie⸗ genheit in Betreff ihrer Herkunft, von Ihnen an Handwerker vertheilt würde, die eine zahlreiche Fa⸗ milie haben und dieſe Gunſt zu verdienen ſcheinen. „Mein Haus würde auf dieſe Art eine Schuld gegen die Menſchheit und zugleich ſeine Schuld der Dankbarkeit gegen Sie bezahlen, indem es Sie in den Stand ſetzt die edlen Neigungen Ihres Herzens. zu befriedigen. ⸗ „Eine zuverläſſige Perſon wird Ihnen dieſen Brief zuſtellen, welcher die hunderttauſend Franken in Bonkſcheinen enthält.“ „Sie verlangen alfſo noch hunderttauſend Fran⸗ ken mehr?“ ruft Herr Morin, indem er ſich im Schreiben unterbricht. Und er wirft die Feder weg mit den Worten: „In dieſem Fall fage ich Ihnen, es geſchieht Nichts.“ „Ich verlange keinen Centime weiter von Ihnen.“ „Wie ſo? Und dieſe hunderttauſend Franken für wohlthätige Werke, die auf unſere Koſten aus⸗ geführt werden ſollen? Meiner Treu, Sie haben da eine ſehr bequeme und namentlich ſehr wohl⸗ Manier, Ihre chriſtliche Liebe an den Tag zu egen.“ „Sie täuſchen ſich: die hunderttauſend Franken, wovon in dieſem Brief die Rede iſt, brauchen Sie mir nicht zu geben.“ „Warum alſo dieſe Summe im Brief auffüh⸗ ren? Und dann bringt der Brief ſelbſt eine Gefahr, „Schreiben Sie ihn zuvörderſt ganz und machen Sie nachher Ihre Bemerkungen; ich werde Ihnen dann antworten und Alles wird ſich aufklären.“ „Gott gebe es, denn bis jetzt iſt die Sache ganz dunkel. Dictiren Sie alſo, ich ſchreibe.“ „Solite Ihnen allen Erwartungenzuwider das An⸗ erbieten unſeres Hauſes nicht annehmbar erſcheinen, ſo wage ich zu hoffen, daß Sie es als nicht ge⸗ ſchehen betrachten, und wenigſtens die guten Ab⸗ ſichten Desjenigen nicht in Zweifel ziehen werden, welcher die Ehre hat, mit der größten Hochachtung zu zeichnen „Ihr ergebenſter und gehorſamſter Diener 74 „Sind Sie fertig?“ „Ja. Und kann ich jetzt endlich erfahren ...“ „Dieſen Brief haben Sie mir ohne den fingirten Inhalt von hunderttauſend Franken noch heute Vor⸗ mittag nebſt der fraglichen Summe zu überbringen. Um drei Uhr kann dann Herr Gobert in mein Pri⸗ vatkabinet im Miniſterium kommen, und ich werde ihm die Conceſſion für die Lieferung zuſtellen.“ „Vor allen Dingen, mein lieber Herr von Francheville, bedenken Sie nicht, daß dieſer Brief einen ſehr bedeutenden Uebelſtand mit ſich führt.“ „Welchen?“ „Daß er eine Art von Beſtechungsverſuch auf einen mehr oder weniger öffentlichen Beamten ent⸗ hält; dieſer Verſuch iſt zwar allerdings ſehr geſchickt verdeckt, aber gleichviel (ich kenne meinen Code), er führt vor die Zuchtpolizei. Sie haben ohne Zweifel nicht daran gedacht, mein lieber Herr.“ „Ich habe im Gegentheil ſo wohl daran gedacht, daß ich dieſen Brief eine Stunde nach ſeinem Empfang dem Herrn Staatsprocurator überbringen werde.“ „He!“ machte Herr Morin, indem er von ſeinem Stuhl aufſprang und Herrn von Francheville ganz beſtürzt anſah, „was ſagen Sie da?“ „Ich ſage Ihnen, daß ich Herrn Gobert's Brief eine Stunde nach ſeinem Empfang in die Staats⸗ procuratur tragen werde; das iſt doch ziemlich deut⸗ lich, ſollte ich meinen.“ „Sehr deutlich,“ antwortet der Lieferant, der ſich von ſeiner Ueberraſchung noch nicht erholt hat, „wahrhaftig ſehr deutlich. Deſſen ungeachtet bin ich gänzlich betäubt und niedergeſchmettert durch die 75 vollendete Freundlichkeit, womit Sie von uns ver⸗ langen, wir ſollen gefälligſt den Strick liefern, an den man uns hängen will; denn Sie ſagen uns ja nicht minder freundlich, welchen Gebrauch man von beſagtem Strick machen will. Zum Henker! Die Sache klingt ganz unglaublich und es flimmert mir vor den Augen.“ „Weil Sie, ſtatt kaltblütig auf den Grund der Dinge zu ſchauen, nur ihre Oberfläche ins Auge faſſen.“ „Oberfläche her, Oberfläche hin; es bleibt nicht minder wahr, daß . .. „Noch einmal, laſſen Sie ſich durch den Schein nicht irre machen,“ antwortet Herr von Franche⸗ ville, die Achſeln zuckend. „Prüfen Sie doch die Wahrheit der Sache, und dieſe lautet ſo: primo im Hauptpunkt, dieſer Beſtechungsverſuch wird nicht vor, ſondern nach Erlangung der Lieferung ge⸗ macht.“ „Zugegeben . aber . „Nun ändert dieſer einzige Umſtand, auf wel⸗ chen ich Ihre Aufmerkſamkeit lenke, die Natur des Vergehens, wenn überhaupt ein ſolches vorhanden iſt, vollſtändig. Merken Sie ſich das wohl: es iſt keine Abſicht zu beſtechen mehr vorhanden, da man das Gewünſchte bereits erlangt hat; man will blos auf eine in den Augen des Geſetzes allerdings ta⸗ delhafte, im Grund aber ſehr entſchuldbare Art ſeine Dankbarkeit beweiſen. Fangen Sie an zu be⸗ greifen?“ „Ich fange an .. Ah, mein lieber Herr von Francheville . 76 „Nun?“ . „Sie ſind ein ſehr feiner Kopf.“ „Ich bin vorſichtig; ich denke an die Zukunft und an meinen guten Ruf, weiter Nichts. Es iſt für Sie eben ſo wichtig wie für mich, daß dieſer Handel geheim bleibt; ich habe zu dieſem Behuf alle erdenklichen Vorſichtsmaßregeln getroffen; aber ſie können durch einen unvorhergeſehenen Umſtand vereitelt werden: die regierungsfeindlichen Journale werden ſeit dem bewußten beklagenswerthen Prozeß immer heftiger; ſie können auf irgend eine Art dieſer Geſchichte auf die Spur kommen, Lärm davon ſchlagen .. „Das iſt unmöglich. Alles wird zwiſchen uns Beiden abgemacht, und ſelbſt Gobert, mein Stroh⸗ mann, weiß Nichts davon; er weiß nicht, durch welche Opfer ich dieſe Lieferung erlangt habe. Mein Intereſſe, das müſſen Sie ſelbſt. geſtehen, bürgt Ihnen für meine Verſchwiegenheit. Wer könnte alſo unſere Verabredung verrathen?“ „Sie zum Beiſpiel.“ „Wie Glauben Sie mich einer ſolchen Schänd⸗ lichteit fähig? Und noch einmal, bürgt Ihnen nicht mein eigenes Intereſſe für meine Verſchwie⸗ genheit?“ „Mein lieber Herr Morin, in ſolchen Fällen muß man immer ſo calculiren: Unſer Mitſchuldiger iſt unſer Todfeind und wohl im Stande ſich ſelbſt zu Grunde zu richten, nur damit er die Be⸗ friedigung hat uns zugleich ins Verderben zu ſtürzen.“ „Alles das iſt ſehr ſchlau und ſehr tief berechnet, 77 ich gebe es zu; aber wollen Sie meinen ganzen Ge⸗ danken wiſſen?“ „Allerdings.“ „Sehen Sie, mein lieber Herr von Francheville, und merken Sie ſich das wohl, es iſt dieß das erſte Mal in Ihrem Leben, daß Sie ein Dienſtverbrechen begehen.“ „Ja,“ antwortet Herr von Francheville, indem er einen Seufzer erſtickt, „es iſt das erſte Mal.“ „Und ohne dieſe verdammte Cricri .. .“ „Sprechen wir von Geſchäften, Herr Morin, ſprechen wir von Geſchäften.“ „Es ſei. Nun wohl! als Neuling in Dienſt⸗ verbrechen übertreiben Sie die Gefahr der Sache und entwickeln einen wahren Luxus von Vorſichts⸗ maßregeln und Berechnungen, die mehr ſchaden als nützen; das dürfen Sie einem alten, ausgelernten Fuchs glauben.“ „Zu viel Vorſicht ſchadet nie, im Gegentheil. Ich beſtehe alſo durchaus auf dem fraglichen Brief.“ „Aber ich beſchwöre Sie, bemerken Sie doch, daß, wenn Sie den Brief auf die Staatsprocura⸗ tur bringen, beinahe ganz ſicher eine Unterſuchung gegen Gobert eingeleitet wird.“ „Ich hoffe es, und werde meinen ganzen per⸗ ſönlichen Einfluß zu dieſem Behuf aufwenden.“ „Und wenn Gobert verurtheilt wird?“ „Dann iſt's nur um ſo beſſer.“ „Wahrhaftig, Sie beſitzen eine unglaubliche Kalt⸗ blütigkeit.“ „Zu was könnte Gobert verurtheilt werden? Zu einer ganz leichten Strafe, denn ich wieber⸗ 78 hole es Ihnen, ſein Beſtechungsverſuch wird nicht vor, ſondern nach der Conceſſion der Lieferung ſtattgefunden haben, und dieſer Umſtand führt das Verbrechen beinahe auf Nichts zurück. Das Ganze wird auf zwei oder drei Monate Gefängniß hinaus⸗ laufen; was kann aber Ihnen daran liegen, wenn er ins Gefängniß kommt, da Sie doch faktiſch die ganze Lieferung zu beſorgen haben?“ „Allerdings, ich könnte Gobert ſehr leicht ent⸗ behren; aber es iſt zweifelhaft, ob er ſich dazu verſtehen wird, einen Brief zu ſchreiben, der ihn auf die Bänke der Zuchtpolizei bringen kann. Er iſt, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, von Grund aus ein ehrlicher Mann, aber nicht gerade ein Adler.“ „Juſt Das. Aber Sie haben alſo meinen Brief nicht geleſen, obſchon Sie ihn geſchrieben haben.“ „Was ſoll das heißen?“ „Er iſt juſt vom Standpunkt eines rechtſchaffenen aber etwas beſchränkten Mannes, ſo wie mir Herr Gobert bei unſeren Beſprechungen vorkam, geſchrie⸗ ben; Sie brauchen ihn alſo nur zu überzeugen (und Nichts wird leichter ſein), daß es nach Erlan⸗ gung der Lieferung ſchicklich ſein würde, mir Ihre Dankbarkeit durch eine Offerte von hunderttauſend Franken, die ich zu wohlthätigen Werken verwenden würde, zu bezeugen, und daß, wenn ich dieſe Hf⸗ ferte ablehne, die Sache ihr Bewenden habe.“ „Alles das iſt ſchön und gut; aber wenn Gobert eine feinere Naſe hat, als wir glauben, und wenn er ſich weigert, den Brief zu ſchreiben2“ „In dieſem Fall, mein lieber Herr Morin, wird, 79 wie ich Ihnen bereits geſagt habe, Nichts aus der „Und dann werden mir meine Obligationen be⸗ zahlt werden.“ „Sobald ſich Gelegenheit zu einer andern Lie⸗ ferung vorfindet, aber dieſe Gelegenheit dürfte ſo bald nicht kommen, das ſage ich Ihnen zum Vor⸗ aus.“ „Und bis dahin?“ „Müſſen Sie warten. Sie ſind ein zu verſtän⸗ diger Mann, um mich zum Zahlen drängen zu wollen; Sie wiſſen, daß es mir radical unmöglich iſt. — Wollen Sie einen Theil meines Gehalts mit Beſchlag belegen laſſen, ſo wird Ihnen das auch nicht viel nützen.“ „Verdammte Geſchichte.“ „Wer iſt Schuld daran? Es liegt in Ihrer Hand, ſie zu unſerem beiderſeitigen Vortheil zu Ende zu führen mittelſt dieſes Briefes.“ „Nun man wird ſehen, man wird⸗s verſuchen; aber ich wiederhole Ihnen, dieſe Maſſe Vorſichts⸗ maßregeln „ „Das iſt meine Sache.“ „Und für wen wird dann das Geld verſchwen⸗ det? Für eine kleine Närrin, die Ihnen ins Geſicht lachen wird, ſobald ſie Ihren letzten Sou aufgebraucht hat.“ 8 „O nein. Ich werde ihr den Daumen feſt auf dem Auge halten.“ „Ach, wie wenig Sie dieſe Geſchöpfe kennen! Mein guter Herr von Francheville, Sie ſind trotz 80 Ihrer ſechzig Jahre in ehPu ein Neuling. d Wie können Sie glauben, daß Sie ein Mädchen wie Cricri beherrſchen können?“ „Ich habe meinen Plan, und wenn er gelingt, ſo erkläre ich Ihnen, daß ſie ſo lange ich will meinem Willen gänzlich unterthan ſein wird.“ „Und dieſer ſchöne Plan, worin beſteht er?“ „Ich habe dabei auf Sie gerechnet.“ „Wie ſo?“ „D, Nichts iſt einfacher als das. Wenn unſer Geſchäft zu Stande kommt, ſo geben Sie mir auf Rechnung einen Wechſel von tauſend Franken mit drei Monaten Sicht.“ „An Ihre Ordre?“ „O nein. Dieſes Mädchen kennt meinen wahren Namen, meine Wohnung und das Amt, das ich bekleide, nicht.“ „Es iſt wahr: Sie ſind für Cricri ein Herr Du⸗ port, ein verheiratheter Handelsmann, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen hat. Ich werde Ihnen alſo auf Rechnung einen Wechſel von tauſend Fran⸗ ken geben, den ich auf meinen Correſpondenten in Nantes ausſtelle.“ „Und den Sie vollſtändig mit Ihrer eigenen Hand ſchreiben müſſen.“ „Es ſei. Und Sie ſagen, mit Hülfe dieſes Wechſels werde dieſe verdammte Cricri . . .“ „Das unterwürfigſte Frauenzimmer werden und in meiner gänzlichen Abhängigkeit bleiben, ſelbſt wenn ſie, wie Sie ſagen, mich bis auf meinen letz⸗ ten Sou aufgezehrt hätte.“ „Und das iſt Ihr Ernſt?“ 81 „Mein vollkommener Ernſt. Ich werde Ihnen das Uebrige zur geeigneten Zeit ſagen.“ . In dieſem Augenblick klopft der Bediente des . Herrn von Francheville an die Thüre, tritt herein und ſagt zu ſeinem Herrn: „Der Geſchäftsmann des Hausherrn wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Er mag eintreten.“ Damit erhebt ſich Herr von Francheville und fügt gegen Herrn Morin hinzu: „Auf Wiederſehen, mein lieber Herr.“ „Alſo Sie erwarten mich um zwölf Uhr?“ „Um zwölf Uhr, aber nicht ſpäter.“ Herr Morin geht und kreuzt ſich mit Herrn Tranquillin, welcher allein bei Herrn von Franche⸗ ville zurückbleibt. VMI. Tranquillin grüßt Herrn von Francheville ſehr ehrerbietig. Dieſer deutet auf einen Stuhl und ſagt trocken zu ihm: Setzen Sie ſich, mein Herr, ich wollte Sie ſo eben zu mir bitten laſſen.“ „Ich bin ſehr erfreut, daß .. „Und ich, mein Herr, bin ganz und gar nicht erfreut über den Höllenlärm, melchen die Bewohner vom dritten Stock tagtäglich über meinem Kopfe machen; das iſt unerträglich.“ „Gleichwohl geht der einzige Wunſch des Eigen⸗ thümers, meines geehrten Herrn, dahin, daß „ Sue, Geheimniſſe d. Kopfliſſens. I. 6 82 „Ich weiß nicht was Ihr geehrter Herr wünſcht, aber ich erkläre Ihnen, daß ich ruhig zu ſchlafen wünſche; ich bin daher auch feſt entſchloſſen das Haus zu verlaſſen, wenn man dem Lärm, über den ich mich zu beklagen habe, nicht ein Ende macht.“ „Darf ich mir die große Freiheit nehmen Sie zu fragen, was dieß für ein Lärm iſt? Herr Wolf⸗ rang wird ſich beeifern, Ihren Reclamationen Ge⸗ nüge zu leiſten.“ Dann ſagte Tranquillin zu ſich: „Hum! Dieſer Herr dürfte ſich wohl, nach ſei⸗ nem Empfang zu urtheilen, in Betreff der Ein⸗ ladung, die ich ihm zu überbringen habe, etwas widerſpenſtig zeigen.“ „Fürs Erſte, mein Herr,“ beginnt Herr von Francheville wieder, „entſpinnt ſich alle Abend zwi⸗ ſchen eilf und zwölf Uhr, wo ich gewöhnlich zu Bette gehe, eine Art von Geſpräch zwiſchen einem der Bewohner des dritten Stockes und ſeinem Hund; in das Geſpräch miſcht ſich noch ein unerträgliches Geträller nach der Melodie: Ah welche Luſt, ein Geträller, das mir ganz deutlich durch die Kamin⸗ röhre zukommt. Dann beginnt das Geſpräch mit dem Hund von Neuem.“ „Sehr gut ein grauer Pudel mit Namen Bonhomme. Ich kenne ihn, es fehlt ihm wirk⸗ lich nichts als die Sprache und. „Zum Henker, mein Herr, Sie wollen ſcherzen? Juſt darüber beklage ich mich, daß dieſes verwünſchte Thier von eilf bis zwölf an einem fort kläfft.“ „Ich bitte Sie inſtändig, zu glauben, daß ich von dem indiscreten Gekläffe des beſagten Bon⸗ 83³ homme Nichts wußte, und es- werden unverzüg⸗ lich die förmlichſten Vorſtellungen an ihn gerichtet werden.“ „Das iſt alſo ein Narr, der dieſes Appartement im dritten Stock bewohnt?“ „Meines Wiſſens nicht; es iſt ein ſehr fried⸗ liebender Hausbewohner, der ſelten ausgeht und dann immer wie eine Maus einhertrippelt mit ſei⸗ nem Hund auf den Ferſen und . . „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, daß dieſer kann ein Narr ſein muß, denn ohne feine Worte zu verſtehen, höre ich ihn täglich mit ſeinem Hund ſprechen, der mit einem ſchrillen, unerträglichen Ge⸗ bell antwortet. Dieß ſitzt mir zuletzt dermaßen auf die Nerven, daß ich häufig vor drei oder vier Uhr Morgens gar nicht einſchlafen kann.“ „Ich beeifre mich, Ihnen vor allen Dingen die Verſicherung zu ertheilen, daß das Gebelle Bon⸗ hommes die gebührende Zurechtweiſung erhalten wird. Sie ſollen ſich in Zukunft über Nichts mehr zu beklagen haben, und Herr Wolfrang wird fort⸗ während die Ehre haben, Sie unter ſeine Herren Hausbewohner zu zählen,“ ſagt Tranquillin. So⸗ dann bei Seite: „Jetzt iſt er beſänftigt; dieß iſt der Augenblick, meine Einladung an den Mann zu bringen.“ — Laut: „Nachdem in Betreff der Recla⸗ mationen Alles geſagt iſt, werde ich die Ehre haben, Ihnen mitzutheilen, daß ich beauftragt bin, Sie .. „D nein, es iſt nicht Alles geſagt,“ rief Herr von Francheville immer ungeduldiger und unfreund⸗ licher, „denn auf das Getöſe am Abend folgt das Getöſe am Morgen.“ 6 84 „Ach mein Gott, was gibt es denn ſonſt noch, wenn ich fragen darf?“ „Wenn ich endlich um drei oder vier Uhr glück⸗ lich eingeſchlafen bin, ſo werde ich, ſobald der Tag graut, plötzlich aufgeweckt . „Durch dieſen verdammten Kläffer von Bon⸗ homme? Dieſer Hund iſt alſo eine wahre Land⸗ plage?“ „Dieſe zweite Landplage iſt nicht der Hund, ſondern eine enragirte Sängerin, die ſich ſchon am frühen Morgen an ihr Piano ſetzt und eine Reihen⸗ folge von Solfeggien und Trillern losgibt, die mir eben ſo ſehr oder noch ärger weh thun, als das Gekläffe des Hundes; wenn ich alſo einen Theil der Nacht hindurch wach erhalten worden bin und endlich den Schlaf finde, ſo werde ich auf einmal durch die ewigen Tonleitern dieſer Dame aufgeweckt, und es iſt mir unmöglich wieder einzuſchlafen, ſo ärgerlich, aufgebracht und erbittert bin ich.“ „Erlauben Sie . „Ja mein Herr, aufgebracht und erbittert; ich erkläre Ihnen alſo, daß ich das Haus verlaſſe, wenn man dieſem Lärm nicht ein Ende macht.“ „Offenbar iſt dieß noch nicht ganz der Augen⸗ blick, meine Einladung anzubringen,“ denkt Tran⸗ quillin und ſagt laut: „Wollen Sie mir gütigſt eine ehrerbietige Bemerkung erlauben?“ „Ich habe keine Bemerkung anzuhören,“ ant⸗ wortet Herr von Francheville barſch, indem er ſich erhebt, um dem Intendanten zu verſtehen zu geben, daß die Unterhaltung lang genug gedauert hat. „Wenn der Lärm, über den ich mich beklage, nicht aufhört, ſo ziehe ich am nächſten Termin aus.“ — Und auf die Thüre zuſchreitend: „Entſchuldigen Sie, mein Herr, aber ich muß aufs Miniſterium gehen; Sie werden Ihrem Herrn meine Abſichten kund⸗ thun.“ „Nein, Das werde ich nicht thun,“ antwortet Trangquillin plötzlich, zuerſt weil er außer ſich iſt, daß er den Platz räumen ſoll, ohne ſeine Einladung anzubringen, und dann weil ihm eine lichtvolle Idee in den Kopf geſtiegen iſt: „unmöglich, mein Herr, unmöglich.“ . „ „Was ſoll Das heißen? Sie weigern ſich Ihrem Herrn meine Reclamationen mitzutheilen?“ „Ja, denn es würde mir gar zu ſchwer werden, Ihnen zu gehorchen . . . „Sie wagen es .. „Bei allem Reſpect vor Ihren Ehren werde ich doch, wenn Sie erlauben, dieſe Commiſſion nicht übernehmen.“ „Wirklich?“ 2 „Ich würde zu ſehr fürchten meinem geehrten Herrn Verdruß zu machen.“ „Sehr gut. Entfernen Sie ſich; ich werde auf der Stelle zu Ihrem Herrn gehen und verlangen, daß er Ihnen tüchtig den Kopf waſcht.“ „Ach mein Herr, ich bitte gehorſamſt, ſeien Sie nachſichtig gegen mich,“ ſagt Tranquillin in kläg⸗ lichem Tone, „erſparen Sie mir Vorwürfe von meinem Herrn, und überdieß würden Sie ihn auch nicht zu Hauſe treffen. Er iſt erſt heute früh in Paris angekommen und für den ganzen Tag ab⸗ 86 weſend, wie Sie ſich ſelbſt verſichern können; er wird erſt heute Abend um neun Uhr zurückkommen.“ „Was liegt mir daran! Ich werde ihn heute Abend um neun Uhr beſuchen, und er ſoll erfahren, daß Sie in Ihrer Impertinenz ſich geweigert haben, ihm meine Reclamationen mitzutheilen.“ „Sie laſſen ſich alſo von meinen Bitten nicht rühren,“ jammert Tranquillin; „Sie wollen durch⸗ aus heute Abend meinen geehrten Herrn aufſuchen n „Allerdings,“ antwortet Herr von Francheville, der immer grimmiger wird und dem Intendanten die Thüre weist, „heute Abend um neun Uhr werde ich bei Ihrem Herrn ſein, Sie können darauf rech⸗ nen; ich werde nicht ermangeln.“ Bei Gott, das iſt ja Alles was ich verlange,“ denkt Tranquillin, indem er ſich bis auf die Erde verneigt. Dann geht der ſchlaue Burſche und ſagt zu ſich ſelbſt: „Wenn dieſer widerſpenſtige Geſell zur Stunde, wo die andern Hausbewohner zuſam⸗ menkommen, bei meinem geehrten Herrn eintrifft, ſo iſt dieß gerade wie wenn er in Folge der Ein⸗ ladung zur Soiree käme . es iſt ganz daſſelbe... he! he!“ IX. Tranguillin begab ſich nach dem dritten Stoc und kam auf den Abſatz, wo ſich die Thüren der Gemächer öffneten, welche Herr von St. Proſper, Mlle. Antonine Jourdan und Hert Dubousquet, 87 der Eigenthümer von Bonhomme, bewohnten. Eine lange Schnur, die an bem Kettchen von ver⸗ goldetem Bronce an der Klingel hing, war ſo ein⸗ gerichtet, daß der Pudel, wenn er von ſeinen ver⸗ ſchiedenen Commiſſionen zurückkam, ſie zwiſchen die Zähne nehmen und ſomit ſeinem Herrn ſeine An⸗ weſenheit kundthun konnte. Tranquillin klingelte, um Herrn Dubvusquet die Einladung mitzutheilen, die er ihm zu überbringen hatte. Auf ſein erſtes Klingeln antwortete ein drei⸗ faches Gekläffe von Bonhomme dann hörte der Intendant, welcher Herrn Dubousquet's Stimme durch die Thüre hindurch erkannte, dieſen zu dem Pudel, der dreimal in fragendem Ton bellte, ſagen: „Wahrhaftig, ich weiß eben ſo wenig wie Du, wer bei uns klingeln mag, mein guter Bon⸗ homme, da wir nie Jemand empfangen.“ Und die Thüre halb öffnend fügte er hinzu: „Wer iſt da?“ „Ich, der Geſchäftsführer des Hausherrn. Ich habe Ihnen nur ein paar Worte in ſeinem Auftrag zu melden,“ antwortete Tranquillin. Alsbald öffnet ſich die Thüre vor ihm, und wäh⸗ rend der Pudel mit gedankenvoller Miene ſeine Beine beſchnüffelt, ſagt Herr Dubousquet mit einer Beeiferung, worin Unruhe gemiſcht war: „Wollen Sie ſich nur hereinbemühen, Herr Ge⸗ ſchäftsführer, wollen Sie ſich nur hereinbemühen.“ onhomme ſeinerſeits ſchien, nachdem er den Forſchungen ſeines Geruchsſinns Genüge geleiſtet, zu ſagen: „Ich kenne dieſen Herrn, ich habe ihn oft im 88⁸ Hofe des Hauſes begegnet: er ſtreichelt mich zu⸗ weilen; folglich ſei er bei uns willkommen.“ Und mit dem Schwanz wedelnd ſchreitet der Pudel heiter vor ſeinem Herrn und dem Inten⸗ danten her, die in einen ſehr comfortablen möblir⸗ ten Salon treten. Herr Dubousquet ſieht ungefähr aus wie ein Funfziger. Er hat graue, dichte, kurz abgeſchnittene Haare und eine hervorragende Stirne, welche über grauen, äußerſt beweglichen Aeuglein hängt, die ſich dem Blicke Anderer gewöhnlich entziehen. Sein ſonnverbrannter lohfarbiger Teint hat jene Ziegel⸗ farbe, welche man gewöhnlich bei Leuten trifft, die lange Zeit auf dem Meer oder in ſeiner Nähe ge⸗ lebt haben. Das Enſemble der Züge des Mannes beſticht Anfangs nicht zu ſeinen Gunſten, und es iſt ſchwer den wahren Ausdruck ſeiner Phyſiognomie zu erfaſſen, denn er ſieht Demjenigen, mit dem er ſpricht, ſelten ins Geſicht und trägt immer ſeinen Kopf geſenkt; ſeine verlegene, beinahe ängſtliche Haltung iſt äußerſt beſcheiden. Er beeilt ſich Tran⸗ quillin einen Lehnſtuhl vorzuſchieben und ſetzt ſich beſcheiden auf den Rand eines Seſſels, während Bonhomme ſich hinter ihm zwiſchen ſeinen Beinen niederkauert. Die intelligenten ſchwarzen Augen des Hundes folgen bald den Bewegungen des In⸗ tendanten, bald richten ſie ſich wieder auf ſeiner Herrn. „Mein Herr, ich kam fürs Erſte, um die Ehre zu haben mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen,“ ſagt Tranquillin, „denn da ich zufällig von unſerm Concierge gehört habe, daß Sie ſchon ziemlich lang 89 nicht mehr ausgegangen ſeien, ſo fürchtete ich, Sie möchten unwohl ſein.“ „Ei wie, Herr Geſchäftsführer, Sie bemühen ſich gütigſt ſelbſt hieher, um nach meinem Befinden zu fragen,“ ſagt Herr Dubousquet mit geſenkten Augen, indem er durch die Theilnahme, die man ihm beweist, ebenſo überraſcht als beſchämt ſcheint. In ſeiner Verwunderung weicht er unwillkürlich der Macht der Gewohnheit und bemerkt dann gegen ſeinen Hund, indem er ihm mit einem ſchiefen Blick Tranquillin bezeichnet: „Du hörſt, mein guter Bonhomme, der Herr Geſchäftsſührer bemüht ſich ſelbſt zu uns, um nach unſerem Befinden zu fragen.“ Auf einmal aber hält er inne und dann fügt er, als ſchämte er ſich ſeines Zwiegeſprächs, raſch hinzu: „Entſchuldigen Sie, mein Herr, bitte tauſendmal um Verzeihung. Aber ich lebe allein mit dieſem Thier und habe mir unwillkürlich angewöhnt mit ihm zu ſprechen, wie wenn es mich verſtehen könnte.“ Bonhomme, dem ſein Herr mit einem ſchiefen Blick den Intendanten bezeichnet hatte, mit welchem der Pudel bisher ſtets auf vortrefflichem Fuße geſtan⸗ den, geht gerade auf ihn zu und leckt ihm die Hände, wie wenn er ihm ſeine Crkenntlichkeit für die Theil⸗ nahme beweiſen wollte, die ſeinem Herrn zu Theil wird, während dieſer ſagt: „Da lomm her, Bonhomm e, komm her, Du beläſtigſt den Herrn.“ „ „Ganz und gar nicht. Wir ſind vielmehr alte Freunde,“ verſetzt Tranquillin, indem er den Pu⸗ 90 vel zum letzten Mal ſtreichelt, welcher der Auffor⸗ derung ſeines Herrn Folge leiſtet und ſich wieder zwiſchen ſeine Beine ſetzt. „Ich habe ſchon lang geſagt, daß dieſem Hund Nichts als die Sprache fehle,“ fügt Tranquillin hinzu. „Ich habe nie ein verſtändigeres Thier geſehen.“ „Ach Herr Geſchäftsführer, das iſt zu viel, Sie überhäufen mich mit Güte,“ ſagt Herr Dubousquet, der das Lob auf ſeinen Hund vielleicht noch dank⸗ barer anerkannte, als den Beweis von Theilnahme, der ihn ſo verblüffte; „ich verdiene ſo viele Güte nicht; mein Befinden, wornach Sie zu fragen mir die Ehre erweiſen, iſt ſehr gut. Ich bin allerdings, wie der Herr Concierge bemerken konnte, ſeit eini⸗ gen Tagen nicht ausgegangen, weil ich mich hier ſo vortrefflich eingerichtet finde, daß ich am liebſten daheim bleibe, mit Ausnahme eines langen Spa⸗ ziergangs, den ich von Zeit zu Zeit mache, aber, um es Ihnen zu geſtehen, weit mehr, um meinen Hund ins Freie zu führen, als zu meinem eigenen Vergnügen. Entſchuldigen Sie dieſe ſehr lächer⸗ lichen Details, aber . . .“ „Sie gehören vollkommen hieher, mein Herr, denn nachdem ich mich nach Ihrem Befinden be⸗ fragt hatte, wollte ich juſt und ausdrücklich von ihm ſprechen.“ „Von wem, wenns beliebt?“ „Von Bonhomme.“ Der Pudel, der ſeinen Namen ausſprechen hört, ſpitzt ſeine Ohren, und da er ſogleich begreift, daß er ſelbſt im Geſpräch eine gewiſſe Rolle ſpielt, ſieht er abwechſelnd ſeinen Herrn und Tranquillin an. 91 „ Letzterer, welcher das tiefe Erſtaunen des Herrn Dubousquet bemerkt, der kaum begreift, daß man ausdrücklich komme, um mit ihm über ſeinen Hund zu ſprechen, fügt hinzu: „Vor allen Dingen bitte ich Sie, zu glauben, daß ich mich in Betreff der kleinen Reclamationen, um die es ſich handelt, ganz und gar von keinem Gefühl der Ungerechtigkeit oder Feindſeligkeit gegen Bonhomme keiten laſſe. Ja, ich habe es Ihnen bereits geſagt, wir ſind im Gegentheil ganz gute Freunde; aber meine Pflicht nöthigt mich, Sie, wie⸗ wohl ſehr ungern, von beſagter Reclamation in Kenntniß zu ſetzen.“ „Gütiger Himmel! eine Reclamation in Betreff meines Hundes!“ ſtammelt Herr Dubousquet be⸗ ſtürzt und zitternd. Und in ſeinem Entſetzen unter⸗ liegt er von Neuem der Macht der Gewohnheit, denn er wendet ſich mit einem Tone des Vorwurfs an Bonhomme und ſagt: „Du hörſt's: man wird uns vielleicht fortſchicken, man beklagt ſich über Dich. Was haſt Du denn gethan, unglückſeliges Vieh? Ja, was habt Ihr gethan, he?“ Dieſes ſtreng betonte Ihr ſcheint Bonhomme zu überraſchen und zu betrüben. Er läßt ſeinen Schweif hängen, zieht ſeine Ohren zuſammen, legt ſich glatt zu den Füßen ſeines Herrn nieder, und indem er demſelben ſeinen zerzauſten Kopf zuwen⸗ det, worin ſeine großen ſchwarzen, auf einmal thränenfeucht gewordenen Augen glänzen, ſixirt er Herrn Dubousquet mit dem Ausdruck eines ſo ruhi⸗ gen Gewiſſens, daß dieſer ruft: * 92 „Herr Geſchäftsführer, ich ſchwöre Ihnen auf Ehre, mein Hund iſt unſchuldig. Ich kenne ihn wie mich ſelbſt; wenn er ſich irgend ein Verbrechen vorzuwerfen hätte, ſo würde er es nicht wagen, mir ins Geſicht zu ſchauen, und als ich in ärger⸗ lichem Ton Ihr zu ihm ſagte, wollte er ſich au⸗ genblicklich unter ein Möbel verkriechen.“ Der auf dem Boden liegende Pudel, der ohne Zweifel ſchon an dem veränderten Ton ſeines Herrn ſeine Rechtfertigung erräth, richtet ſich auf, ſtellt ſich auf ſeine Hinterpfoten, legt eine der Vorder⸗ pfoten, wiewohl nur zögernd, auf Herrn Dubous⸗ guet's Knie und hält die andere ſchwebend, indem er ihn mit ſeinen Blicken zu befragen ſcheint und noch mit einiger Angſt anſchaut, gleich als erwarte er eine vollſtändige Rehabilitation, bevor er ſich erlaubte, ſeine zweite Pfote auf das Knie ſeines Herrn zu legen. Da aber dieſer mit einem beinahe unmerklichen Geblinzel den Pudel ermuthigt, ſo zweifelt dieſer nicht daran, daß er wieder gänzlich zu Gnaden angenommen ſei, und in ſeinem freu⸗ digen Entzücken darüber bedeckt er Herrn Dubous⸗ u mit Liebkoſungen. Dieſer ſagt ganz leiſe zu ihm: „Ja, ja, armes Thier, ich habe Dir verziehen; Du haſt nichts Böſes gethan, ich glaube Dir; aber halte Dich jetzt ruhig; Du kannſt mir Deine Freude mittheilen, wenn wir wieder allein ſein werden.“ Der Intendant, der Zeuge dieſer Scene iſt, fühlt ſich ſehr bewegt. Er thut als ob er ſich mit dem Ende ſeines Zeigefingers im Augenwinkel kratzte, und verbirgt auf dieſe Art eine Thräne, die ſeine Wimper benetzt; es überkommt ihn ein wahres Mit⸗ leid mit dem Pudel, ſowie mit ſeinem Herrn, und er ſagt raſch zu dem Letzteren: „Beruhigen Sie ſich, mein würdiger Herr, be⸗ ruhigen Sie ſich; es iſt ganz und gar keine Rede davon, guter Gott, Ihnen Ihren Abſchied zu geben. Mein geehrter Herr hält im Gegentheil ſehr darauf, Sie unter ſeinen Hausbewohnern zu behalten, und ich werde Ihnen ſogleich einen handgreiflichen Be⸗ weis dafür geben. Alſo noch einmal, fürchten Sie Nichts. Sie werden ſammt Bo nhomme hier blei⸗ ben, ſo lange es Ihnen gefällt.“ „Ach Heérr Geſchäftsführer, wenn es wahr wäre!“ ſagt Herr Dubousquet mit unausſprechlicher Her⸗ zenserleichterung, indem er mit dem Ausdruck der lebhafteſten Dankbarkeit die Hände zuſammenſchlägt. „Es gibt ſo wenig Häuſer, wo man den Miethleu⸗ ten erlaubt, einen Hund zu halten, und dann kennt der meinige ſchon das ganze Quartier, ſowie die Kaufleute, zu denen ich ihn mit Commiſſionen ſchicke, ſo gut. Kurz, ich befinde mich hier ſo glück⸗ lich, daß es mir einen tödtlichen Kummer bereiten würde, wenn ich dieſes Haus verlaſſen müßte, das von einem ſo wohlwollenden Manne verwaltet wird wie Sie, Herr Geſchäftsführer, gegen mich zu ſein die Gewogenheit haben.“ „Ich wiederhole Ihnen, mein würdiger Herr, daß es ſich ganz und gar nicht darum handelt, Ihnen aufzukündigen. Ich will Ihren Beſorgniſſen mit zwei Worten ein Ende machen, indem ich Sie über die Veranlaſſung meiner kleinen Reclamation in Betreff Bonhommes in Kenntniß ſetze; ja mein 94 Junge, in Betreff Deiner,“ fügt der Intendant als Antwort auf den fragenden Blick des Pudels zu, der ſich aufs Neue zwiſchen die Beine ſeines Herrn geſetzt hat und, als er ſich nennen hört, Kopf gegen Tranquillin richtet. Dieſer fährt ort; „Die Sache iſt die: Herr von Francheville, der unter Ihnen im zweiten Stock wohnt, beklagt ſich, mein würdiger Herr, daß jeden Abend zwiſchen eilf und zwölf Uhr ein Zwiegeſpräch zwiſchen Ihnen und Bonhomme ſtattfinde, welcher, da er natür⸗ lich keine andern Mittel ſich auszuſprechen beſitze, Ihnen mit einem wiederholten Gekläffe antworte.“ „Herr Geſchäftsführer, ich muß Ihnen in aller Demuth geſtehen, daß . . .“ „Warten Sie, es iſt noch nicht Alles.“ „Ach!“ ſagt Dubousquet ganz zitternd, „was gibt es denn ſonſt noch?“ „Beruhigen Sie ſich, lieber Herr, um Gottes Willen beruhigen Sie ſich! Der ſtärkere Theil der Reclamation iſt bereits ausgeſprochen; Bon⸗ homme wird alſo nicht mehr hereingezogen; jetzt handelt es ſich um Sie ſelbſt.“ „Um mich? Mein Gott!“ . „Ja, aber es iſt nur eine Lumperei, eine Kin⸗ derei. Derſelbe Herr von Francheville beklagt ſich auch noch, daß Sie in Ihre Abendunterredung mit Bonhomme einen immerwährenden Refrain nach der Melodie: o welche Luſt, miſchen, ein Ge⸗ träller, das ſich jeden Abend zur ſelben Stunde, fortwährend vom Gebelle Ihres Hundes accompag⸗ nirt, erneuere und die Eigenſchaft zu haben ſcheint, 95 Ihren Nachbar unten, der außerordentlich nervös ſein muß, dermaßen aufzuregen, daß ihm die Haut ſchaudert, und er vor drei oder vier Uhr Morgens nicht einſchlafen kann. Dieß, mein würdiger Herr, ſind die beiden kleinen Reclamationen, die ich Ihnen vorzulegen die Ehre habe.“ „Es ſoll abgeholfen werden, Herr Geſchäfts⸗ führer, das ſchwöre ich Ihnen,“ antwortet Herr Dubousquet mit großer Beeiferung. „Ich geſtehe, daß ich die kindiſche Gewohnheit oder vielmehr die“ lächerliche Manier hatte — natürlich meinte ich Niemand zu beläſtigen — vor dem Einſchlafen mit meinem Hund zu ſchwatzen und eine alte Melodié zu trällern, mit der ich in meiner Kindheit einge⸗ wiegt worden bin; aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich künftig Abends nicht mehr trällern werde, und wir Beide werden kein Wort mehr von uns geben. Der Herr Bewohner des zweiten Stocks wird ſich daher in Zukunft nicht mehr über uns zu beklagen haben. Pollen Sie gefälligſt den Herrn Hausbeſitzer verſichern, daß man uns, Bonhomme und mich, in Zukunft ſo wenig hören ſoll, wie wenn wir gar nicht mehr am Leben wären.“ „Ei ganz und gar nicht, mein würdiger Herr, das wäre eine abſcheuliche Tyrannei, die der zweite Stock gegen den dritten ausübte, und Herr WVolf⸗ rang wird eine ſolche Unbilligkeit nicht dulden. Sap⸗ perlot! Sie haben das Recht, in Ihrer Wohnung nach Herzensluſt zu ſprechen und zu trällern, nur müſſen Sie freilich dafür ſorgen, daß Sie die Ruhe Ihrer Nachbarn nicht ſtören.“ „Ich bin vollkommen mit Ihnen einverſtanden, 96 Herr Geſchäftsführer; aber ſehen Sie, ich will hun⸗ dertmal lieber auf Etwas verzichten, was vielleicht mein Recht iſt, als mich der Gefahr ausſetzen, neue Reclamationen hervorzurufen und dadurch vielleicht den Unwillen des Herrn Hausbeſitzers auf mich zu ziehen, der dann keine Rückſicht mehr nehmen und uns unſern Abſchied geben würde. Großer Gott, wenn ich daran denke, ſo weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht.“ „Noch einmal, mein würdiger Herr, entſchla⸗ gen Sie ſich dieſer Befürchtung,“ antwortet Tran⸗ quillin. Und in der Meinung, einen geſchickten Ueber⸗ gang zu finden, fügt er lächelnd hinzu; „Herr Wolfrang wünſcht ſo ſehr Sie hier zu behalten, daß er mich beauftragt hat Sie zu bit⸗ ten, Sie möchten ihm die Ehre erweiſen den heu⸗ tigen Abend bei ihm zuzubringen.“ Herr Dubousquet iſt Anfangs ſtumm vor Stau⸗ nen und ſchaut Herrn Tranguillin zum erſten Mal ins Geſicht; dann deutet er auf ſeine eigene Perſon, indem er dreimal ſeinen Mittelfinger an die Ma⸗ genhöhle führt, und bringt enblich mit angſtvoller Stimme die Worte hervor: 3 „Ich eingeladen! ich!“ Und mit einem Blick auf Bonhomme, der tein Auge mehr von ihm verwendet, ſcheint ſein Herr auch zu ihm zu ſagen: „Du hörſt's? Ich bin eingeladen!“ Der Pudel, weniger beſcheiden als Herr Du⸗ bousquet, ſcheint zu antworten: „Nun ja, warum denn nicht?“ 97 „Dieſe Einladung darf Sie um ſo weniger über⸗ raſchen, mein würdiger Herr,“ verſetzt Tranquillin, „als ſie an ſämmtliche Herren und Damen im Hauſe ergangen iſt, da mein ehrenwerther Herr ſich glücklich ſchätzt, ſie auf einen Abend bei ſich zu verſammeln; ich hoffe alſo, Sie werden ihm die Ehre erweiſen, ſeine Einladung anzunehmen.“ „Ich!“ antwortet Herr Dubousquet aus gepreß⸗ ter Bruſt, „ich! ihm die Ehre erweiſen ... „Allerdings, Herr Wolfrang wird ſich durch Ihr Erſcheinen bei dieſer kleinen Geſellſchaft ſehr geehrt fühlen,“ wiederholt Tranquillin. Dann erhebt er ſich und fügt hinzu: „Ich rechne alſo auf Ihre Annahme und bezeuge Ihnen inzwiſchen meinen gehorſamſten Reſpect.“ „Ich bitte Sie um Alles, mein Herr! Ich flehe Sie an.“ „Wie? Was haben Sie denn, mein würdiger Herr? Sie ſind ja noch ganz verſtört.“ „Herr Geſchäftsführer, ſeit mehreren Jahren lebe ich vollſtändig allein und außerhalb der Welt; wollen Sie alſo den Herrn Hausbeſitzer gefälligſt erſuchen, mich gütigſt zu entſchuldigen.“ „Ei was! Mein lieber Herr Dubousquet, Sie dürfen meinen Bitten nicht widerſtehen Sie müſſen kommen!“ „Das iſt mir unmöglich, ich verſichere Sie.“ „Nun wohl, ſo erſuche ich Sie darum als eine Gefälligkeit, die Sie meinem geehrten Herrn erweiſen.“ „Es thut mir unendlich leid auf meiner Weige⸗ rung beſtehen zu müſſen“, verſetzt Herr Dubous⸗ quet, „aber ich kann dieſe Einladung ſchlechterdings Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 7 98 nicht annehmen, obſchon ich die hohe Ehre vollkom⸗ men zu ſchätzen weiß.“ „Sehr gut! verſetzt Tranquillin, wie wenn er ſich durch die Hartnäckigkeit des Miethherrn belei⸗ digt fühlte, „dieſe Einladung ſagt Ihnen nicht zu; ſprechen wir nicht mehr davon, mein Herr, ſprechen wir nicht mehr davon.. Ich bin Ihr Diener...“ „Ums Himmels Willen. . erzürnen Sie ſich i c „Es mißfällt Ihnen zu Herrn Wolfrang zu kommen; ganz nach Belieben, mein Herr, kommen Sie nicht zu ihm, Sie ſind vollkommen frei in Ihrem Thun und Laſſen.“ „Um Alles in der Welt, hören Sie mich an, ich .. „Mein geehrter Herr glaubte Ihnen eine Höf⸗ lichkeit zu erweiſen; es zeigt ſich im Gegentheil, daß er Sie beleidigt hat; er wird ſich darüber be⸗ trüben. . ſehr betrüben . . .“ „Ich beſchwöre Sie! Sagen Sie ihm nicht, daß ich mich beleidigt fühle; es iſt nicht ſo; im Gegen⸗ ſhei ic „Sie werden der einzige unter den Herrn Haus⸗ bewohnern ſein, der die Einladung des Herrn Wolf⸗ rang zurückweist; immerhin, Jeder benimmt ſich nach ſeiner Art.“ „Wehe mir! Ich werde alſo aus dem Haus gewieſen werden“, ruft Dubousquet, während Tran⸗ gufllin, der ihn verſtohlen anſchielt und den Erfolg ſeiner Liſt vorausſieht, hinzufügt: „Es ſei alſo wie Sie wollen, mein Herr; Sie werden bei dieſer Familienzuſammenkunft durch Ihre Abweſenheit glänzen.“ — „Wir ſind verloren, mein armer Bonhomme! Der Hausherr wird uns aus Zorn über meine Weigerung den Abſchied geben!“ ſtammelt Herr Dubousquet, der ſich in ſeiner Angſt von Neuem an den Hund wendet. Dieſer bemerkt den ſchmerzlichen Klang der Stimme ſeines Herrn; er leckt ſeine Hände und antwortet ihm mit einem leiſen, kläglichen Geknurre. Bleich, aufgeregt, ſichtlich einen qualvollen innern Kampf kämpfend, überlegt Herr Dubousquet end⸗ lich, faßt einen verzweifelten Entſchluß und ruft: „Nun wohl denn, ich werde kommen, mein Herr, ich werde in dieſe Geſellſchaft kommen, aber ich bitte Sie um Alles, erzählen Sie Herrn Wolfrang nicht, wie ſchwer ich mich entſchloffen habe ſeine allzu ſchmeichelhafte Einladung anzunehmen; Dieß könnte ihn gegen mich aufbringen.“ „Seien Sie verſichert, mein würdiger Herr, daß mein geehrter Gebieter nichts Anderes erfahren wird, als daß Sie ihm das Vergnügen machen, ſeine Einladung anzunehmen. Er kann alſo auf Sie rechnen? „Ja, Febp Geſchäftsführer,“ antwortet Herr Dubousquet ſchwer bedrückt, „ja, ich werde kommen.“ „Man verſammelt ſich um neun Uhr.“ „Es ſei, um neun Uhr.“ „Inzwiſchen, mein Herr, bezeuge ich Ihnen meinen Reſpekt,“ ſagt Tranquillin ſich erhebend. Und er geht an die äußere Thüre der Wohnung zurück, welche Herr Dubousquet, dem der Pudel Schritt um Schritt gefolgt iſt, düſter, beſtürzt, nie⸗ dergeſchlagen ihm öffnet. 3 7* „Ach mein armer Bonhomme!“ murmelt Du⸗ bousquet mit erſtickter Stimme, als der Intendant gegangen iſt, „welch ein Abend! himmliſche Güte! welch ein Abend!“ Als der Hund dieſe Stoßſeufzer ſeines Herrn mit einem Gebelle beantwortet, fügt dieſer haſtig hinzu: . „Schweig, ſchweig! Wir beläſtigen die Nachbarn, man würde uns fortſchicken! Schweig, wir wollen ganz leiſe ſprechen!“ — N. Herr von Saint⸗Proſper bewohnte eines der beiden andern kleinen Appartements im dritten Stock vom Hauſe des lieben Herrgotts. Er war un⸗ gefähr vierzig Jahre alt und hatte eine merkwürdig ſanfte und friedliche Phyſiognomie. Er ſaß an ſei⸗ nem Schreibtiſch und las die Correctut eines Pro⸗ ſpects, an deſſen Spitze die Worte ſtanden: Sorge für die Ernährung der erſten Jugend. Mildthätige Subſcription, eröffnet unter der Direction des Herrn von Saint⸗ roſper und unter dem Patronat der Franen Marquiſe von Verteuil, Gräfin von Montrichard, Fürſtin von Luxen, Lady Harriet Wilſon, Baronin van Heck u. ſ. w. Subſcriptionspreis (offen) Monatlich. 101 Der monatliche Beitrag dieſer Subſeription war der Gegenſtand der dermaligen Betrachtungen des errn von Saint⸗Proſper; er hatte ihn Anfangs zu zehn Franken angenommen, dann auf fünf herab⸗ geſetzt, dann plötzlich auf zwanzig erhöht. Er war im Begriff, ſich für die letzte Chiffre zu entſcheiden und ſie auf die Correctur zu ſchreiben, als ihm auf einmal ein Scrupel kam. Er warf ſeine Feder weg und ſagte zu ſich ſelbſt: „Rein, das iſt zu viel; das war gut, ſo lange ich in dieſer Stiftung weiter nichts als ein Aus⸗ kunftsmittel, einen Fiſchzug erblickte; aber der Er⸗ folg überſteigt alle meine Erwartungen. Dieſes Werk, deſſen Tragweite ich nicht ahnte, hat eine ſo löbhafte und allgemeine Theilnahme gefunden, daß die Sache, vom peeuniären Standpunkt aus geſpro⸗ chen, ernſt, ſehr ernſt wird. Es iſt wahrhaftig die Henne mit den goldenen Eiern .. ohne von der unglaublichen Ehre zu ſprechen, die auf mich zurück⸗ fällt und die ich um ſo dankbarer anerkennen muß, als ſie bis jetzt wenigſtens nicht mein leitendes Motiv war. — Der Beitrag muß alſo ein norma⸗ ler werden.. Er muß genügen, um die Koſten des Werles zu decken und mir eine reichliche Exi⸗ ſtenz zu ſichern. Vielleicht ſollte ich zehn Fran⸗ ken annehmen.“ Und Herr von Saint⸗Proſper ſtützt nachdenklich ſeine Stirne zwiſchen ſeine beiden Hände. Eine recht hübſche aber ſehr blaſſe junge Die⸗ nerin, die von einer langen Krankheit wiedererſtan⸗ den ſchien, räumte ſchweigend ein Tiſchchen ab, auf welchem Herr von Saint⸗Proſper ſo eben gefrüh⸗ ſtückt hatte. Das junge Mädchen war ſehr traurig und tief in Gedanken verſunken; es ſchien ſeine erſchiedenen Obliegenheiten nur mechaniſch zu er⸗ „ füllen; aber auf einmal wird ihr Auge ſtarr, bei⸗ nahe graß, und bald feuchtet es ſich mit Thränen. Sie verbirgt ihr Geſicht in ihrer Schürze und ſinkt unter herzzerreißendem Geſchluchze auf einen Stuhl nieder. Bei dieſem Geräuſche wendet ſich Herr von Saint⸗Proſper raſch um; er unterdrückt eine unwill⸗ kürliche Regung der Ungeduld, ſteht auf, nähert ſich ſeiner Dienerin und ſagt mit ſalbungsvoller, ein⸗ dringlicher Stimme zu ihr: Run⸗ nun, Toinette, was haſt Du denn wie⸗ der?“ „Laſſen Sie mich!“ antwortet die Dienerin, in⸗ dem ſie plötzlich ihren Kopf aufrichtet und aus den Falten ihrer Schürze losſchält; dann wiederholt ſie mit beinahe wirrer Miene: „Laſſen Sie mich!“ „Toinette!“ beginnt Herr von Saint⸗Proſper mit noch ſalbungsvollerem Tone wieder, „faß Dich doch, mein Kind, beruhige Dich.“ „Ach, Sie ſind ſehr glücklich, Sie, daß Sie ſo ruhig ſein können.“ „Drum bin ich vernünftig und Du biſt es nicht, Toinette!“ „Vernünftig! kann ich es denn ſein! . Nein, nein.. Wenn ich daran denke, ſehen Sie, das iſt ſtärker als ich“, ſtammelt das Mädchen mit thrä⸗ nenerſtickter Stimme und fügt dann mit neuem Ge⸗ ſchluchze hinzu; 108 „Es wird mich tödten! Ich ſage Ihnen, daß es mich tödten wird! Ach ich hätte früher ſterben ſol⸗ len. Warum habe ich Lyon verlaſſen! Ich hatte wohl Recht, daß ich bei meiner Mutter bleiben wollte. Mein Gott! es iſt alſo ein Unglücksloos über unſere Familie geworfen!“ „Meine gute Toinette, Du mußt Dich in das Unveränderliche zu ergeben wiſſen,“ ſagt Herr von Saint⸗Proſper im Ton der zärtlichſten Theilnahme; „hab doch Muth; ſag Dir doch, daß ſelbſi die größten Kümmerniſſe nothwendig ein Ende nehmen und ſo wird es auch mit Deinem Kummer gehen.“ „Nein, dieſer wird nie aufhören. nie, nie“, murmelt die Dienerin unter fortwährendem Schluch⸗ zen; „ich werde noch unter der Erde weinen müſſen.“ „Ach armes liebes Geſchöpf, bedenk doch „ „Sehen Sie, Sie machen mich ſchaudern mit Ihrer ſanften Stimme; laſſen Sie mich in Ruhe, ich habe Angſt vor Ihnen.“ Herr von Saint⸗Proſper hört an der äußern Thüre läuten und ſagt lebhaft zu dem Mädchen: „Man läutet, mach ſchnell auf.“ Dann aber beſinnt er ſich anders und fügt hinzu: „Nein, ich will ſelbſt öffnen. Du ſiehſt ganz verſtört aus und haſt noch Thränen auf den Wan⸗ gen; geh durch mein Schlafzimmer und durch den Gang in die Küche zurück.“ So ſprechend verläßt Herr von Saint⸗Proſper ſein Kabinet und öffnet die Thüre, an welcher Tranquillin geläutet hat; dann führt er ihn in „ — 104 das Zimmer, welches die troſtloſe Dienerin ſo eben verlaſſen. „Guten Tag, Herr Tranquillin,“ ſagte Herr von Saint⸗Proſper, wollen Sie ſich gefälligſt ſetzen.“ „Ich bedaure unendlich, daß Sie ſich ſelbſt die Mühe gegeben haben, mir Ihre Thüre zu öffnen. Iſt Ihre Dienerin noch immer krank? Es wäre Schade ſie ſcheint ein vortreffliches Mädchen zu ſein.“ „Allerdings ein vortreffliches Mädchen; aber ſie tritt erſt in die Reconvalescenz und iſt noch ſehr ſchwach; ich habe ſie ſo eben aufgefordert, ſich zur Ruhe zu begeben.“ „Ich ſtöre Sie doch nicht?“ „Ganz und gar nicht, mein lieber Herr Tran⸗ quillin. Sagen Sie mir jetzt, welchem Umſtand ich das Vergnügen Ihres Beſuchs zuzuſchreiben habe.“ „Mein geehrter Herr hat mich beauftragt .. „Iſt er zurückgekommen?“ „Ja, heute Nacht.“ „In dieſem Fall könnte ich vielleicht die Ehre haben, ihn morgen zu beſuchen?“ „Noch heute wenn Sie wollen.“ „Gewiß, mit dem größten Vergnügen.“ „Herr Wolfrang hat mich beauftragt, Sie auf heute Abend um acht Uhr zur Soiree zu bitten.“ Wirklich? nun das trifft ſich ja ganz vortreff⸗ „Allerliebſt, ſagte der Intendant zu ſich ſelbſt; „bei dieſem hier geht meine Einladung wie auf Rädchen.“ „Ich hatte juſt den Wunſch Herrn Wolfrang 105 um einige Minuten zu bitten,“ fährt Herr von Saint⸗ Proſper fort, „ich möchte ihn um einen kleinen Dienſt erſuchen, wenn die Sache ihm nicht unangenehm iſt.“ „Ich bin überzeugt, Herr Wolfrang wird voll⸗ kommen zu Ihren Dienſten ſtehen.“ „Aber entſchuldigen Sie, ich muß eine Vorfrage an Sie richten: iſt er verheirathet?“ „Dorüber vermag ich Ihnen keine beſtimmten Aufſchlüſſe zu ertheilen.“ „Wie! Sie wiſſen nicht . . .“ „Seit langer Zeit von Herrn Wolfrang getrennt, weiß ich nicht ob er ſich vielleicht auf ſeinen Reiſen verheirathet hat.“ „Gleichwohl haben Sie ihn geſtern oder heute früh geſehen?“ „Natürlich, da er mich mit einer Einladung an Sie beauftragt hat.“ „In dieſem Fall müſſen Sie wiſſen, ob . „Mein geehrter Herr hat mir bis jetzt nur die nöthige Zeit gewidmet, um von ſeinen Geſchäften zu ſprechen, und hat es nicht geeignet gefunden mir vertrauliche Mittheilungen zu machen im Fall er mir überhaupt welche zu machen hätte.“ „Ich frage deßhalb, weil ich, wenn Herr Wol⸗ frang verheirathet wäre, ihn fragen wollte, ob Madame Wolfrang ſich dazu verſtehen würde eine der Patroninnen meines philanthropiſchen Werkes zu werden, deſſen Zweck. . .“ „Die Ernährung der erſten Jugend iſt. Ach, Herr von Saint⸗Proſper, welche edle und menſchen⸗ freundliche Idee Sie da gehabt haben!“ „Ah Sie wiſſen ſchon von dieſem Plan?“ 106 „Die Journale haben ſchon davon geſprochen und das ganze Quartier wünſcht Ihnen des Himmels beſten Segen.“ „Mein lieber Herr Tranquillin, Sie übertreiben.“ „Ganz und gar nicht, Sie ſind ein Sanct Vin⸗ cenz von Paula, Herr von Saint⸗Proſper.“ „Warum nicht gar?“ „Alle Mütter werden Sie ſegnen.“ „Dieß wäre mein ſüßeſter Lohn,“ antwortet Herr von Saint⸗Proſper beſcheiden. . Und er ſpricht in recitativem Ton, der zu be⸗ weiſen ſcheint, daß er dieſe Worte ſchon oft abge⸗ leiert hat, wie folgt: „Sehen Sie, es iſt Etwas ſo innig Rührendes, einer zärtlichen Theilnahme vollkommen Würdiges um ſo ein armes Geſchöpfchen, das bei ſeinem Ein⸗ tritt in die Welt ſo vielen Gefahren ausgeſetzt und ſo ſchwächlich, ſo zart iſt, daß ein einziger Wind⸗ hauch es zermalmen könnte; es hat keine andere Zuflucht als die Mutterbruſt, an welcher es die Wärme und Quelle des Lebens findet. Aber oft, ach leider nur allzu oft hat das Elend den Mutter⸗ buſen zu Eis gemacht und ausgetrocknet.“ „Ach mein Herr, Sie rühren mich in der tief⸗ ſten Seele.“ „Oder auch wird die ſchlechte Milch, welche die Mutter ihrem Kind gibt, mörderiſch für daſſelbe, oder können noch viele andere nicht minder unheil⸗ volle Urſachen den Tod von Tauſenden dieſer armen Geſchöpfchen herbeiführen. Dieſen troſtloſen Leiden wird mein Werk hoffentlich abhelfen, und zwar durch ein ganz einfaches nicht koſtſpieliges 107 Mittel, das ein mildthätiger Sinn ſelbſt den Aerm⸗ ſten zugänglich machen kann und deſſen Erfolg un⸗ fehlbar iſt.“ „Und worin beſteht dieſes Mittel? denn Alles das intereſſirt mich im höchſten Grad.“ „Erlauben Sie mir, mein lieber Herr Tran⸗ quillin, den erſten Einblick in dieſe Entdeckung der Madame Wolfrang vorzubehalten, wenn ſie mir gütigſt die Ehre erweiſen will eine der Patroninnen meines Werkes zu werden.“ „Ein erhabenes Werk, mein Herr, Ihr Name wird dereinſt unter den Wohlthätern der Menſchheit prangen. Ja, und ich wiederhole es auf die Gefahr hin Ihre Beſcheidenheit zu verletzen, man wird vielleicht Saint Proſper ſagen wie man Sanct Vincenz von Paula ſagt.“ „Herr Tranquillin, ſchonen Sie mich, ich bitte Sie.“ „Wenn ich Sie bewundere, mein Herr, ſo iſt es Ihre Schuld und nicht die meinige; aber Sie müſſen ſelbſt Kinder gehabt und über Alles geliebt haben, daß Ihnen der Gedanke an eine ſolche Stiftung kommen konnte.“ „Ich bin wie Sie wiſſen unverheirathet.“ „Allerdings, allerdings; aber doch,“ fährt Tran⸗ quillin mit aufrichtiger Verlegenheit fort, „aber doch, ich ſage es ohne Ihre guten Sitten anzu⸗ ſchuldigen, denn ich weiß, daß dieſelben exemplariſch ſind Sie ſind doch auch einmal jung gewe⸗ „und bei jungen Leuten geſchieht es zuwei⸗ en „Die Vorſehung hat mir niemals das Glück ge⸗ währt Vater zu ſein, und für dieſe Enthehrung 108 entſchädige ich mich dadurch, daß ich Tauſende von armen Kindern ſdes Volks einem beinahe gewiſſen Tod zu entreißen ſuche.“ „Ach Herr von Sanct Vincenz von nein, Herr von Saint⸗Proſper, welcher Ruhm für die⸗ ſes Haus die Wiege ihres menſchenfreundlichen Planes geweſen zu ſein! Jetzt erſt, durch Ihre Thätigkeit, verdient es das Haus des lieben Herrgotts genannt zu werden wie man es im Quartier getauft hat.“ „Der Himmel hat es mir eingegeben, das iſt Alles.“ „Er läßt ſeine Eingebungen nur großſinnigen Herzen, wie das Ihrige iſt, zukommen.“ „Um Lobſprüche, die mich in Verlegenheit brin⸗ gen, kurz abzuſchneiden, mein lieber Herr Tran⸗ quillin, will ich eine neue Indiscretion begehen. Ich hätte Herrn Wolfrang um noch eine Gunſt zu bitten.“ „Um welche, wenn ich fragen darf?“ „Daß er mich der Frau Herzogin della Sorga vorſtelle, die mit ihrer Familie das Hotel im Gar⸗ ten bewohnt.“ „Nichts leichter als das. Die Frau Herzogin wird wie die andern Hausbewohner heute Abend hoffentlich zur Soiree kommen, und mein geehrter Herr kann Sie dann dieſer Dame vorſtellen.“ „Ich würde lebhaft wünſchen ſie unter die Patroninnen meiner Stiftung zählen zu können, bei welcher mehrere edle Ausländerinnen ſich zu in⸗ 2 tereſſiren die Gewogenheit hatten.“ „Wenn ich nach der notoriſchen Frömmigkeit 109 der Frau Herzogin urtheilen will, die jeden Morgen zu Fuß ausgeht, um der Meſſe anzuwohnen und dann ihre Kranken zu beſuchen, ſo wird ſie es für eine Pflicht halten Ihr Werk zu patroniſiren.“ „Alſo, mein lieber Herr Tranquillin, werden Sie die Güte haben bei Herrn Wolfrang der Dol⸗ metſcher meiner beiden Bitten zu ſein?“ „Ganz gewiß,“ antwortet Tranquillin ſich erhe⸗ bend; „mein geehrter Herr wird Ihnen heute Abend ſelbſt eine Antwort geben, die Ihren Wünſchen ſicherlich entſpricht, und in dieſer Hoffnung habe ich die Ehre Ihnen meinen gehorſamſten Reſpect zu bezeugen.“ 2 „Auf Wiederſehen, mein lieber Herr Tranquillin,“ ſagt Herr von Saint⸗Proſper, indem er den Ge⸗ ſchäftsführer bis an die Thüre begleitet.“ Neben dieſer Thüre ſtand ein gläſerner Verſchlag mit glanzloſen Fenſtern; er bildete eine der Wände der Küche, worein die Dienerin auf Befehl ihres Herrn ſich begeben hatte. Tranquillin ſagte beim Abſchied zu dieſem: „Leben Sie wohl, lieber Sanct Vincenz von ich täuſche mich ſchon wieder . doch nein, ich täuſche mich nicht und ſage es vielmehr laut und deutlich, leben Sie wohl, Herr Sanct Vincenz von Paula, denn Sie haben mir das Recht gegeben Sie ſo zu betiteln, da ſo viele armen Kindlein Ihnen das Leben verdanken werden.“ Ein herzzerreißender, durch ein Schluchzen er⸗ ſtickter Schrei ließ ſich plötzlich hinter dem zur Küche gehörigen Glasſchrank vernehmen, neben welchem 110 Tranguillin gerade ſtand; er fuhr zuſammen und ſagte zu Herrn von Saint⸗Proſper: „Ach mein Gott, welcher Schmerzensſchrei! . .. Er iſt mir durch Mark und Bein gegangen.“ „Es iſt meine Dienerin,“ antwortete Herr von Saint⸗Proſper im Tone tiefen Mitleids; das arme Mädchen, das kaum von ihrer langen Krankheit aufgeſtanden iſt, hat ſeit zwei Tagen ein ſo ſchreck⸗ liches Zahnweh, daß es vor Schmerz raſend werden möchte.“ „Sie beruhigen mich, mein lieber Herr, denn wahrhaftig, bei dieſem Schrei war ich ganz zuſam⸗ mengeſchaudert. Auf Wiederſehen, mein würdiger und verehrenswerther Herr.“ 6 X. Von Herrn von Saint⸗Proſper geht Tranquillin quer über den Abſatz zu Mademoiſelle Antonine Jourdan, welche die zweite Wohnung im dritten Stock inne hat. Der Intendant will eben nach der Klingel greifen, als die Thüre von innen plötzlich aufgeht; er ſtellt ſich daher mechaniſch an die Wand, ſo daß er von der Flügelthüre verdeckt wird, und hört bei dieſer Gelegenheit einen Abſchiedskuß, be⸗ gleitet von folgenden Worten einer Männerſtimme: „Morgen, liebes Antoninchen, zähle auf mein Verſprechen.“ „Komm gewiß vor zwölf Uhr,“ antwortet das junge Mädchen; „um ein Uhr muß ich in meine Stunde gehen.“ . 111 „Sei ruhig, ich werde zur rechten Stunde bei Dir ſein,“ verfetzt die andere Stimme. Tranquillin; der hinter der Flügelthüre, welche ſich bald wieder ſchließt, von den ſo redenden Per⸗ ſonen nicht bemerkt worden iſt, ſieht jetzt einen Mann von ungefähr fünfzig Jahren, aber noch ju⸗ gendlicher Haltung, flinken Tritts die Treppe hinab⸗ ſteigen. Sein martialiſches Geſicht, ſein dicker grauer Schnurrbart und ein rothes Band in ſeinem Knopf⸗ loch laſſen auf einen Militär ſchließen. Der Intendant war nicht der einzige Zeuge die⸗ ſer Abſchiedsſcene geweſen: der Commis Bochelard, welchen der Buchhändler beauftragt hatte Bücher in einen Speicher zu tragen, kam eben vom vierten Stock herab und blieb zufällig ſtehen, als er weiter unten Antonine Jourdan den Mann mit dem grauen Schnurrbart küſſen ſah, den ſie zum Abſchied bis an ihre Thüre zurückbegleitet hatte. „O famos!., Welche Entdeckung!... Famos! Welch ein glücklicher Fund! Ich hatte ihn nicht geſucht! .. Er fällt mir aus dem Himmel zu! Welche Wonne, welche Schwätzereien kann man jetzt im Hauſe des lieben Herrgotts machen!“ hatte Bachelard zu ſich geſagt. „Die Sängerin vom dritten Stock küßt mir Nichts Dir Nichts einen alten Schnurrbart das Dirnchen duzt ihn!.. Sie träl⸗ lert ihm ganz verliebt zu, er ſolle doch morgen wieder kommen; und der alte Seladon antwortet: Sei ruhig, ich werde kommen. Sie duzen ſich, ſie küſſen ſich; Kein Zweifel mehr, der alte Kriegs⸗ knecht macht der hübſchen Sängerin Renten! Ei, ei, das iſt ſchön! . Wer hätte je eine ſolche 112 Abſcheulichkeit geglaubt? Das Dämchen ſieht ſo un⸗ gemein ehrſam aus, wenn es mit ſeiner Muſikmappe, ſeinem Regenſchirm und ſeinen Ueberſchuhen aus⸗ geht! Und wenn ich bedenke, daß ſie in ihrem Alter und dieſer Graubart. . . Es iſt ſchändlich! Ich will aber auch in meiner Geſellſchaft Lärm ſchlagen, ich will meine Zunge ſpazierenlaufen laſſen, es juckt mich gewaltig darnach. Wem ſoll ich meine Ent⸗ deckung zuerſt mittheilen?. Wem? .. Wem? Ei was? Ich erzähle ſie Jedermann; dann wird Keiner eiferfüchtig auf den Andern.“ Während der Commis mit ſolchen nicht ſehr menſchenfreundlichen Betrachtungen in ſein Magazin zurückging, hatte Tranquillin beinahe unmittelbar, nachdem Antonine wieder in ihre Wohnung gegan⸗ gen, an ihrer Thüre geklingelt und wurde bald von einer Haushälterin in den allerliebſten kleinen Sa⸗ lon geführt, wo die junge Künſtlerin, die ſeit einem Augenblick vor ihrem Piano ſaß, ihre Studien mit einigen Scalen und Solfeggien präludirte, die ſo leicht und melodiſch waren, als kämen ſie aus der Kehle einer Nachtigall. Ueber dem Piano befand ſich das Daguerreotyp eines jungen Mannes von energiſchem Geſicht und in der Uniform eines Chaſſeur d'Afrique zu Pferde. Ein anderes Portrait im Hintergrund des Salons ſtellte eine Frau in grauen Haaren mit merkwür⸗ dig ſchönem und ehrwürdigem Geſicht in Lebens⸗ größe dar. 2 Antonine ging ſtark in ihr zweiundzwanzigſtes Jahr. Kaſtanienbraune Haare, blaue Augen mit ſchwarzen Wimpern, ein feſter und ehrlicher Blick, 113 ein lachender purpurrother Mund mit glänzenden Zähnen; ein offenes fröhliches Geſicht, das mehr ausdrucksvoll und niedlich als regelmäßig hübſch iſt; Wangen wie Milch und Blut, ein reizender Wuchs und zierliche Füßchen, dieß iſt mit wenigen Worten das Signalement der jungen Künſtlerin, zu welcher der Intendant in dieſem Augenblick ſagte: „Mein Fräulein, ich habe die Ehre Ihnen mei⸗ nen gehorſamſten Reſpect zu bezeugen und Sie um Verzeihung zu bitten, daß ich mir die Freiheit ge⸗ nommen habe .... „Ich verzeihe Ihnen dieſe Freiheit, mein lieber Herr Tranquillin,“ antwortet Antonine heiter; „aber bitte, machen wir keine Umſtände; ſeien Sie will⸗ kommen und laſſen Sie uns plaudern.“ „Ich ſtöre Sie doch nicht?“ „Im Gegentheil, ich bin hoch erfreut über Ihren Beſuch.“ „Und was verſchafft mir einen ſo ſchmeichelhaften Empfang, mein Fräulein?“ * „Ihr Geſccht.“ 22 „Wahrhaftig mein Fräulein.. ich weiß nicht „Kommen Sie nicht in Verlegenheit, werden Sie nicht roth, mein guter Herr Tranquillin; ich will Ihnen keine Erklärung machen. Glauben Sie wenig⸗ ſtens Das nicht.“ „Gerechter Himmel! Ach mein Fräulein, um nur den Schatten einer ſo monſtröſen Vermuthung in mir aufkommen zu laſſen, müßte ich j6 „Ein Monſtrum ſein! was Sie ganz und gar nicht ſind. Sie müſſen der beſte Menſch ſein und ich bin überzeugt, daß Sie es wirklich ſind; deßhalb Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 8 114 gießt auch der Anblick Ihres guten und ehrlichen, immer ſo friedlichen und wohlwollenden Geſichtes Balſam in mein Blut, wie man zu ſagen pflegt. Darum bin ich über Ihren Beſuch ſo erfreut. Alſo was haben Sie mir heute zu ſagen?“ „Mein geehrter Herr, der von ſeiner Reiſe zu⸗ rückgekehrt iſt, gibt heute eine Soiree. Er hegt den ſehnlichſten Wunſch, daß Sie die Güte haben möch⸗ ten dieſe Soiree mit den melodiſchen herrlichen Klän⸗ gen zu entzücken, welche . „Gut, gut! Er wünſcht, daß ich bei ihm ſingen ſoll, nicht wahr?“ „Dieß wäre ſeine liebſte Hoffnung.“ „Es bleibt dabei, ich werde kommen.. ſorgen Sie nur dafür, daß das Piano geſtimmt iſt.“ „Ach mein Fräulein, welche Güte! So viele Andere würden ſich bitten laſſen.“ „Mich bitten laſſen! Da müßte ich die Undank⸗ barkeit ſelbſt ſein. Das iſt doch das Allerwenigſte, daß ich einem unfindbaren Muſter von Hausherrn gefällig zu ſein ſuche, bei dem ich für einen ſehr mäßigen Preis wie eine Prinzeſſin wohne.“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein, ich glaube, daß wir uns nicht verſtehen. Für's Erſte würde ich es im höchſten Grad bedauern, wenn ich irgendwie Ihr Zartgefühl verletzen ſollte, davon können Sie über⸗ zeugt ſein.“ „Ich glaube es wohl, mein guter Herr Tran⸗ quillin, aber beruhigen Sie ſich, ich bin ganz und gar nicht empfindlich und zwar aus dem Grund, weil ich einen vortrefflichen Charakter habe und einen vortrefflichen Charakter habe ich aus dem an⸗ 115⁵ dern Grund, weil ich ſehr glücklich bin und weil ich überdieß das Bewußtſein habe dieſes Glück zu ver⸗ dienen. Sie ſehen, ich bin nicht karg mit den Com⸗ plimenten, die ich mir ſelbſt mache.“ „Dieſe Complimente, mein Fräulein, ſind Wahr⸗ heiten, ganz augenfällige Wahrheiten.“ Ich will es nicht läugnen; ich will lieber prah⸗ leriſch erſcheinen, als aus falſcher Beſcheidenheit lügen. Aber aus welchem Grund konnten Sie mein Zartgefühl zu verletzen fürchten, mein guter Herr Tranquillin?“ „Wenn Herr Wolfrang hofft, daß Sie die Güte haben werden ſich in dieſer Soiree vernehmen zu laſſen, ſo würde er es für einen wahren Raub halten Ihnen die wohlverdiente Belohnung zu ent⸗ ziehen.“ . „Mit einem Wort, er will mich bezahlen, wenn ich bei ihm ſinge?“ „Ach, mein Fräulein, dieſes unanſtändige . . . plumpe Wort.“ „Warum unanſtändig? warum plump? Ich finde es ganz und gar nicht ſo; im Gegentheil, da ich von den Singſtunden und Concerten lebe, die ich gebe „Und dieß macht Ihnen um ſo mehr Ehre, mein liebes Fräulein.“ „Alſo wenn Herr Wolfrang mich durchaus be⸗ zahlen will, mein lieber Herr Tranquillin, ſo werde ich ſein Geld annehmen und damit baſta. Ich hatte Anfangs daran gedacht, mich aus reiner Höflichkeit bei ihm hören zu laſſen, aber ich finde es ganz ein⸗ 8* 116 fach, daß er meinen Geſang zu belohnen wünſcht, wie das gewöhnlich geſchieht.“ „In dieſem Fall, mein Fräulein,“ ſagte der Geſchäftsmann, indem er einen Fünfhundertfranken⸗ ſchein aus der Taſche zog und der jungen Künſtlerin überreichte, „in dieſem Fall hat mein geehrter Herr mich beauftragt Ihnen dieß zu überreichen mit dem Bemerken, daß er ſich noch ſtets als Ihren Schuld⸗ ner betrachten werde . . .“ „Ganz und gar nicht, im Gegentheil bin ich Ihre Schuldnerin mit vierhundert Franken, die ich Ihnen ſogleich herausgeben werde,“ antwortet An⸗ tonine, indem ſie aufſteht und aus einem Secretär zwanzig Louis holt, die ſie mit der heitern Bemer⸗ kung zurückbringt: „Ah, ah! Siel ſehen, man hat einige Er⸗ ſparniſſe, mein guter Herr Tranquillin, und die Künſtlerinnen ſind zuweilen gute Haushälterinnen. Ich habe mir ſo allmählig eine kleine Mitgift zu⸗ ſammengeſchafft, die ich täglich noch vergrößere; aber bei dem Wort Mitgift fällt mir ein, daß ich Ihnen meinen Bräutigam noch nicht vorgeſtelt habe.“ „Nein mein Fräulein, Sie haben mir bis jetzt dieſe Ehre nicht erwieſen.“ 3 „Nun wohl, Sie ſollen ihn ſogleich ſehen,“ ſagte die Künſtlerin, indem ſie einige Schritte machte; „ich bin überzeugt, daß er Ihnen gefallen wird, er iſt ſo hübſch.“ „Ei wie, mein Fräulein, er iſt hier?“ „Gewiß.“ „Hier bei Ihnen?“ „Ich glaube es wohl; er verläßt mich niemals,“ —— 117 fügt Antonine hinzu, indem ſie auf das Klavier zugeht, während der Intendant ganz verblüfft wie⸗ derholt: „Er verläßt Sie niemals? Er wäre alſo hier, in dieſem Hauſe!“ 2 „Mein Gott, ja .. nicht wahr, ich bin ein leichtſinniges Mädchen und compromittire mich nicht übel?“ So ſprechend nimmt die Künſtlerin das Daguerreotyp vom Getäfel herab, kommt dann zu Tranquillin zurück, zeigt ihm das Portrait und fügt heiter mit einem artigen Knix hinzu: „Ich ſtelle Ihnen Herrn Albert Gerard, meinen Bräutigam, Unteroffizier bei den Chaſſeurs d'Afrique vor. Nicht wahr, er iſt ſchön?“ „Sehr ſchön, mein Fräulein. Welch ein mann⸗ haftes Geſicht!“ „Ah wenn man die Seele, das Herz daguerreo⸗ typiren könnte, das wäre noch etwas ganz Anderes, das dürfen Sie mir glauben, mein lieber Herr Tranquillin, und dieſes Portrait würde Ihnen noch weit beſſer gefallen, als das hier.“ „Ich bin es überzeugt, mein Fräulein.“ „Es hat oder vielmehr hätte nur einen einzigen Fehler. aber wer iſt ganz fehlerlos?“ „Und welchen Fehler, mein Fräulein?“ „Er iſt eiferſüchtig und unter dem Eindruck die⸗ ſes Gefühls könnte ſein ſonſt äußerſt ſanfter Cha⸗ rakter furchtbar heftig werden.“ „Was wollen Sie, mein liebes Fräulein? Ich habe mir ſagen laſſen, daß man, wenn man recht leidenſchaftlich liebe, entweder ein frommes Lämm⸗ 3 118 chen oder ein wahrer Tiger werde. Ich z. B. würde, wenn ich leidenſchaftlich geliebt hätte. .. „Sie würden ein Tiger geworden ſein, mein guter Herr Tranquillin.“ „Ja wahrhaftig, es ſcheint ſo. . . und das iſt ſchrecklich.“ „Glücklicherweiſe hat Albert niemals Grund zur Eiferſucht gehabt und wird auch niemals welchen haben .. Ich hätte ſagen ſollen, er würde eifer⸗ ſüchtig ſein . . . nicht, er ſei es.“ „Und wo befindet ſich Ihr Bräutigam gegen⸗ wärtig, liebes Fräulein?“ „In Afrifa, wo er ſeine Capitulation ausdient; dann heirathen wir und deßhalb ſammle ich mir eine kleine Mitgift, welche Herr Wolfrang ſo eben um hundert Franken vermehrt hat; hier iſt das Geld, das Sie auf das Billet herausbekommen.“ „Ei, mein Fräulein,“ antwortet der Intendant, indem er ſich weigert die zwanzig Louisd'or anzu⸗ nehmen, welche die Künſtlerin ihm reichen will, „Herr Wolfrang hat mich beauftragt Ihnen dieſes Billet von fünfhundert Franken zuzuſtellen.“ „Das iſt ein Scherz; es wäre doch zu curios, wenn ich, nachdem ich eine Bezahlung von Ihrem Herrn angenommen habe, obſchon ich umſonſt zu ſingen gedacht hatte, ihn dieſe Soiree viermal theurer bezahlen ließe als jeden Andern.“ „Inzwiſchen, mein Fräulein . . „O fürchten Sie Nichts; wenn ich es je durch Studium und Arbeit zu der Berühmtheit einer Griſi, einer Pauline Viardot und anderer geprieſener Sän⸗ gerinnen bringe, denen man fünfhundert Franken 119 für die Soirce bezahlt, ſo werde ich dieſes Gelb ſicherlich annehmen, dafür ſtehe ich Ihnen, weil ich es dann verdient haben werde; aber gegenwärtig bin ich noch eine Schülerin und finde mich mit hundert Franken ſehr anſtändig belohnt. Alſo neh⸗ men Sie dieſe zwanzig Louisd'or zurück.“ „Mein Fräulein, es geſchieht abſolut nur, um Ihnen zu gehorchen; aber Herr Wolfrang wird mich furchtbar auszanken, und überdieß würde es ihm, das dürfen Sie glauben, ſchrecklich leid thun, wenn mein Anerbieten Sie beleidigt haben ſollte.“ „Mich beleidigt? nicht im Geringſten. Sein Irrthum war im Gegentheil ſehr ſchmeichelhaft für mich, indem er mein Talent viel zu hoch ſchätzte; ich ſtelle die Proportion wieder her, das iſt Alles; aber da fällt mir eben ein, wiſſen Sie was er vor⸗ zieht, die italieniſche Muſik oder die deutſche?“ „Ich glaube, daß er alle beide vorzieht.“ „In dieſem Fall werde ich von Roſſini und Mozart ſingen. Wann beginnt das Concert?“ „Um neun Uhr.“ „Um neun Uhr alſo. Ich bin immer ſehr pünkt⸗ lich. Alſo auf Wiederſehen, mein guter Herr Tran⸗ quillin.“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein, ich kam aus zwei Gründen hieher; ich habe Ihnen noch einige Worte zu ſagen.“ „Um was handelt es ſich, mein lieber Herr Tranquillin?“ fragte Antonine. „Um eine Reclamation,“ antwortete der Ge⸗ ſchäftsträger des Hausbeſitzers. „Von wem?“ 120 „Von einem unſerer Hausbewohner; aber bei aller Hochachtung, die ich beſagtem Miethsmann ſchulde, beeile ich mich hinzuzufügen, daß ſeine Re⸗ clamation mir unpaſſend und etwas übertrieben erſcheint.“ „Worin beſteht ſie denn?“ „Herr von Francheville, der unter Ihnen wohnt, beklagt ſich über Etwas, was ſo manche Andere an ſeiner Stelle mit Wonne und Entzücken erfüllen würde; mit andern Worten, er „Mit andern Worten,“ verſetzt Antonine lachend, „mein Geſang und Klavierſpiel genirt und beläſtigt ihn ſchrecklich, den guten Herrn.“ „Ach mein Fräulein, welche Blasphemie! kön⸗ nen Sie annehmen, daß . ..“ „Ich begreife ſehr wohl, daß ein u muſikaliſcher Menſch dieſes Klaviergeklimper und dieſes Geträller tödtlich finden kann, zumal da ich ſchon am frühen Morgen damit beginne, denn es iſt eigenthümlich, ich ſinge am liebſten bei Tagesanbruch, beſonders wenn der Himmel recht rein iſt und die Sonne ihn mit ihren erſten Strahlen vergoldet. . .. Oh, ich habe immer begriffen, daß die Vögel nie beſſer bei Stimme waren als zur Zeit der Morgenröthe .. Daraus folgt jedoch nicht, daß ich meinen Nachbarn unerträglich ſein muß, und ich bedaure blos, daß dieſer Herr ſich nicht früher beklagt hat; Sie kön⸗ nen ihn alſo verſichern, daß ich eine ſpätere Stunde für meine Studien wählen werde.“ „Wenn Sie aber ſo gerne bei Sonnenaufgang ſingen, liebes Fräulein?“ „Ich werde und muß meine Liebhaberei der — — 121 Ruhe meiner Nachbarn zum Opfer bringen; erſtens weil ſie es mit Recht verlangen können, und zwei⸗ tens weil man, ſelbſt wenn ſie dieſes Recht nicht hätten, gegen Niemand ungefällig ſein muß.“ „Ach Fräulein Antonine! Fräulein Antonine!“ „Gütiger Gott, was bedeutet dieſer Ausruf, mein lieber Herr Tranquillin?“ „Was für ein Frauenzimmer Sie ſind!“ „Was meinen Sie damit?“ „So viele Andere an Ihrem Platze würden über die Reizbarkeit dieſes widerwärtigen Nachbars los⸗ ziehen und ſich nur mit Groll und Ungeduld dazu entſchließen, Andern ihre Bequemlichkeit zu opfern, während Sie dagegen ſich mit ſolcher Freundlichleit und ſolcher guten Laune ſich dieſen Forderungen unterziehen, daß es eine wahre Luſt iſt Sie zu ſehen und zu hören.“ „Das beweist, daß ich wirklich den guten Cha⸗ rakter beſitze, von dem ich Ihnen geſprochen habe.“ „Ah liebes Fräulein. Aber ein ſolcher Charalter iſt ſo ſelten.“ „Sehen Sie, Herr Tranquillin, wenn Sie mei⸗ nem Charakter einiges Lob ſpenden zu müſſen glau⸗ ben, ſo wenden Sie es Derjenigen zu, der ich meine wenigen guten Eigenſchaften verdanke,“ ſagte An⸗ tonine Jourdan, indem ihre Heiterkeit einer ſanften Gemüthsbewegung Platz machte. Und mit gerühr⸗ tem Blick bezeichnete ſie dem Intendanten das Por⸗ trait, das eine Frau mit grauen Haaren darſtellte: dann fügte ſie hinzu: „Das iſt meine Mutter.“ „Das edle, verehrungswürdige Geſicht!“ ſagt der Intendant, dann fährt er zögernd fort: „und iſt es ſchon lange her, daß Sie Ihre würdige Frau Mutter verloren haben, mein armes, liebes Fräulein?“ „Drei Jahre,“ antwortet Antonine mit einer gewiſſen Gelaſſenheit; „aber nein, ich habe ſie nicht verloren, nein, ſie iſt körperlich und geiſtig meinen Gedanken eben ſo gegenwärtig, wie ihr Bild, mei⸗ nen Augen iſt.“ „Ach liebes Fräulein, jetzt habe ich das Ge⸗ heimniß Ihrer rührenden Vorzüge.“ „Nun wohl, mein guter Herr Tranguillin,“ ant⸗ wortet Antonine halb bewegt halb lächelnd, „da Sie mein Geheimniß haben, ſo ſind wir ſo zu ſagen alte Freunde . . Erlauben Sie mir alſo in dieſer Eigenſchaft nicht zu viele Umſtände mit Ihnen zu machen.“ . „Sprechen Sie, befehlen Sie, liebes Fräulein.“ „Die Stunde meiner Lectionen iſt unabänderlich und wird bald ſchlagen; es bleibt mir höchſtens noch die Zeit die Stücke einzuſtudiren, die ich heute Abend ſingen ſoll und . . .“ „Vortrefflich, mein liebes Fräulein,“ ſagt der Intendant, indem er ſich erhebtz „entſchuldigen Sie, daß ich Sie auf ſolche Art um Ihre Zeit ge⸗ bracht habe.“ „Ich muß mich vielmehr entſchuldigen, daß ich Sie ſo fortſchicke; aber ich wiederhole Ihnen, die Stunde meiner Lectionen iſt unabänderlich.“ „Ach mein Fräulein, Sie konnten mir keinen beſſern Beweis Ihrer herzlichen Achtung geben, als indem Sie mir auf eine ſo verbindliche Art die Thüre weiſen.“ 123 „Nun ſo ſeien Sie alſo zufrieden, mein lieber Herr Tranquillin,“ bemerkt Antonine Jourdan, bei der ſich ihre gewöhnliche Heiterkeit wieder einſtellt. „Leben Sie wohl und auf Wiederſehen, wie ich hoffe.“ XII. Eines der beiden anſtoßenden Hotels, die in dem Garten ſtanden, zu welchem der Hof vom Hauſe des lieben Herrgotts führte, wurde von dem Herzog Cäſar della Sorga bewohnt. Dieſer gehörte einer der älteſten Familien Siciliens an und war in Folge einer Verſchwörung, zu deren Häup⸗ tern er nebſt ſeinem ältern Bruder Pomper gehörte, von der neapolitaniſchen Regierung zum Tode ver⸗ urtheilt, aber zu lebenslänglicher Verbannung be⸗ gnadigt worden. Sein Bruder war auf dem Schaffot geſtorben. Cäſar, der jetzt Chef ſeines Hauſes wurde, nahm den Titel ud Namen Herzog della Sorga an; bisher hatte er der Familientradition gemäß Titel und Namen eines Marquis Rieci ge⸗ führt, die jetzt auf ſeinen älteſten Sohn übergingen. Sein zweiter Sohn führte den Namen Graf Felippe. Der Herzog Cäſar della Sorga war ungefähr fünfzig Jahre alt, mager, nervös, noch kräftig, ein ſüdlicher Typus in ſeiner ganzen Energie, äber nicht in ſeiner Schönheit. Seine niedrige und hervor⸗ ſtehende Stirne war mit einem Wald von ſchwarzen Haaren bekränzt, die kaum gegen die Schläfe zu ins Graue ſpielten; ſeine dichten Brauen, ſeine 124 tief in ihren Höhlen liegenden Augen, kräftig von einem ſchwarzen Kreis umſchloſſen, der gegen ſeine olivenfarbige Geſichtszüge abſtach, verliehen ſeiner Phyſiognomie auf den erſten Blick einen merk⸗ würdigen Charakter von Entſchloſſenheit und Härte. Der Herzog befand ſich allein in ſeinem Kabinet und hatte ſoeben geläutet. Bald erſchien ſein Haus⸗ hofmeiſter Bartolomeo, der ungefähr im gleichen Alter ſtand wie er. Er diente ihm ſeit dreißig Jahren und hatte die verſchiedenen Lebensſchickſale ſeines Herrn ſchon zu einer Zeit getheilt, wo dieſer, ein armer jüngerer Sohn, noch nicht in Folge des Todes ſeines ältern Bruders die Titel und uner⸗ meßlichen Beſitzungen ſeines Hauſes geerbt hatte. „Bartolomeo,“ ſägt der Herzog, „geh zu mei⸗ nem Sohn Felippe und ſage ihm, ich wünſche ihn zu ſprechen.“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Iſt die Herzogin zurückgekehrt?“ „Nein, gnädigſter Herr.“ „Um welche Stunde iſt ſie ausgegangen?“ „Die Frau Herzogin hat ſich wie gewöhnlich um neun Uhr in die Morgenmeſſe begeben.“ „Schick mir Felippe her.“ Der Haushofmeiſter geht. Der Herzog, der allein geblieben iſt, ſchreitet langſam in ſeinem Ka⸗ binet auf und ab, und ſagt mit einer Art unwill⸗ kürlicher Niedergedrücktheit zu ſich ſelbſt: „Ich bin nicht abergläubiſch, aber dieſer Jahres⸗ tag von Dann fährt er zuſammen und fügt hinzu: „Dieſer Tag beginnt ſchlecht. Abermalszein Streit 125 zwiſchen meinen beiden Söhnen, die ich ſtets ſo zärtlich verbunden ſehen möchte, wie ſie es früher waren. Vergebens bemühe ich mich die geheimnißvolle Ur⸗ ſache, ich wage nicht zu ſagen, des Widerwillens zu errathen, den mein zweiter Sohn jetzt gegen ſeinen ältern Bruder an den Tag legt, während er ihn früher ſo innig liebte.“ Und von Neuem zuſammenſchaudernd, wie wenn er auf einen geheimen Gedanken geantwortet hätte, fährt der Herzog fort: „Sollte es denn in unſern Tagen wie einſt im Alterthum Familien geben, die von einer Art von Jatalität betroffen werden?“ S Herr della Sorga verſinkt in eine tiefe Träu⸗ merei, aus welcher er durch die Ankunft ſeines jün⸗ geren Sohnes, des Grafen Felippe, geweckt wird. Dieſer junge Mann iſt kaum achtzehn Jahre alt; er iſt klein, unanſehnlich, kränklich und noch oben⸗ drein buckelig; die Abneichung ſeiner Taille hat eine ſeiner Schultern beinahe bis zur Höhe ſeines linken Ohrs emporgetrieben; er neigt auf dieſe Seite ſeinen Kopf, der für eine ſo verkrüppelte Statur übermäßig groß iſt; ſeine Zuge ſind von abſtoßen⸗ der, beinahe unheimlicher Häßlichkeit; ſeine Mager⸗ keit, ſein blaßgrüner, ungeſunder, galliger Teint verkündet eine ſchwächliche, krankhafte Conſtitution. Seine Phyſiognomie iſt zugleich ſardoniſch, heim⸗ tückiſch und ſauertöpfiſch. Gleichwohl gad es eine Zeit, wo der von der Natur ſo grauſam mißhandelte Felippe durch Her⸗ zensgüte, Freundlichkeit des Charakters und eine 126 Art von Anbetung gegen ſeinen ältern Bruder dieſe Gebrechen vergeſſen machte. Die bisher verdüſterten Züge des Herzogs er⸗ heitern ſich beim Anblick ſeines Sohnes, den er aufs innigſte liebt, denn er erinnert ſich nur der vortrefflichen Eigenſchaften, mit denen Felippe frü⸗ her begabt geweſen und die durch ſeine Häßlichkeit und Ungeſtaltheit noch rührender zu werden ſchienen; aber bei dem Gedanken, daß er ſich ſtreng zeigen muß, zähmt Herr della Sorga ſeine Zärtlichkeit, tun⸗ zelt ſeine düſtern Brauen und ſagt in rauhem Ton: „Graf Felippe, ſetzen Sie ſich; ich habe ernſt⸗ haft, ſehr ernſthaft mit Ihnen zu reden.“ ch höre.“ „Der Gegenſtand dieſer Beſprechung, Graf, iſt unglücklicher Weiſe nicht neu, und ich habe Ihnen ſchon oft die Vorwürfe machen müſſen, die ich Ihnen heute von Neuem machen muß.“ „Vorwürfe!“ antwortet der Graf Felippe im Tone der Ungeduld und des Aergers. „Warum?“ „Wegen Ottavios.“ Beim Namen dieſes Bruders, den er ſo innig geliebt hatte, bebt Felippe zuſammen, und ſeine ſchon zum Voraus abſtoßende Häßlichkeit wird ſcheußlich. Er antwortet Nichts, ſondern ſenkt die Augen, ſtemmt ſeinen rechten Ellbogen auf ſeine Kniee und nagt mit einer zugleich langſamen und krampfhaften Bewegung an ſeinen Nägeln bis aufs Fleiſch. „Graf, Ihr Schweigen beweist mir, daß Sie mich verſtanden haben,“ fährt der Herzog fort; dann fügt er in beſänftigendem Ton hinzu: „Ich hoffe, daß Sie Scham, Bedauern und Reue — S 127 über Das empfinden, was geſtern Abend zwiſchen Ihnen und Ihrem Bruder vorgefallen iſt.“ „Nein,“ antwortet Felippe kurz mit herber und rauher Stimme, während er mechaniſch an ſeinen Nägeln fortnagt, die zu bluten anfangen. „Ich empfinde weder Scham noch Bedauern noch Reue.“ „Unglückliches Kind! Vergeſſen Sie denn, daß Sie die Hand gegen Ottavio erhoben haben?“ „Ich würde von Neuem anfangen.“ „Felippe!“ „Ich würde von Neuem anfangen.“ „Unterſtehen Sie ſich.“ „Sie werden es ſehen.“ „Nein, das iſt ſchrecklich! Man ſollte glauben, Sie hegten Haß gegen Ihren Bruder.“ „Sie zweifeln daran?“ „Wie? Sie geſtehen es? Sie haſſen Ottavio?“ „Ja, ich haſſe ihn jetzt!. Ja!“ So ſprechend richtet Graf Felippe keck ſein Haupt in die Höhe und heftet auf ſeinen Vater einen ſtarren Blick, deſſen ſonderbarer Ausdruck ihn ſchaudern macht; aber als er auf einmal die bluten⸗ den Lippen ſeines Sohnes ſieht, der ſo lange in ſtummer Wuth an ſeinen Nägeln genagt hat, bis das Blut darunter hervorgeſprudelt iſt, da denkt der Herzog, dieſes Blut komme aus Felippes Bruſt hervor; er ändert daher plötzlich Phyſiognomie und Ton, und ruft mit einer vor Zärtlichkeit bebenden Stimme und einer Bangigkeit, die ſich in all ſeinen Zügen kund thut: vpi!“ „Großer Gott! Mein armer Junge, Du ſpeiſt 128 Dann fügt er mit angſtvoller Stimme hinzu: „Während er ſeinen Zorn zu bemeiſtern ſuchte, wird ihm ein Gefäß in der Bruſt geſprungen ſein; dieß kann für ihn tödtlich werden.“ „So ſchwächlich, ſo mißgeſtaltet ich auch ſein mag, ſo ſpeie ich doch noch kein Blut,“ antwortet Felippe bitter, indem er die Extremitäten ſeiner am Fleiſch gerötheten Finger zeigt; „ich nagte an meinen Nägeln, das iſt das Ganze.“ Der Herzog ergreift, um ſich vom Thatbeſtand zu verſichern, die Hand ſeines Sohnes und betrach⸗ tet ſie aufmerkſam; als er dann die Gewißheit der Bahrheit erhält, erheitert ſich ſein Geſicht wieder und er murmelt: „In welch entſetzliche Angſt haſt Du mich ver⸗ ſetzt, liebes Kind! Mein Gott! ich bin wieder ruhig.“ So ſprechend drückt der Herzog della Sorga mit“ thränenfeuchten Augen ſeinen Sohn feſt an ſeine Bruſt und küßt ihn voll Innigkeit. In dieſem Au⸗ genblick öffnet ſich das Kabinet, und herein tritt der Marquis Ottavio Ricci, Felippes um zwei Jahre älterer Bruder. Wenn der Herzog della Sorga den ſüdlichen Typus in ſeiner gewaltigen Thatkraft darſtellte, ſo verwirklichte ihn Ottavio in ſeiner göttlichen Schön⸗ heit; ſein vollendeter hoher Wuchs, ſchlank, elegant und ſtark zugleich, verkündete Kraft und Geſchmei⸗ digkeit; ſein männlich braunes, und dabei allerlieb⸗ ſtes Geſicht, von einem jungen Bart eingerahmt, der wie ſein lockiges Haupthaar gagathſchwarz war, vermählte die jugendliche Grazie ſeines Alters mit einem Ausdruck voll Offenheit und Wohlwollen; die „ —————,— — —— —— — — 129 Lieblichkeit ſeines Lächelns und der ſtrahlende Glanz ſeines Auges, das rein war wie ſeine Seele, vol⸗ lendete das Geſammtbild von Ottavio's Geſicht. Tiefe Rührung war darauf zu leſen, als er beim Eintritt in das Zimmer des Herzogs ſah, wie der⸗ ſelbe Felippe auf's Zärtlichſte umarmte, und er rief: . „Ach Vater, Sie kommen meinen Wünſchen ent⸗ gegen; ich eilte herbei, um für Felippe um Ver⸗ zeihung zu bitten. Als ich hörte, daß Sie ihn zu ſich beſchieden hatten, fürchtete ich, Sie möchten ihm wegen der Kinderei, die geſtern Abend zwiſchen uns vorkam, Vorwürfe machen.“ Die Worte, worin das ſanfte Gemüth und die Großherzigkeit Ottavio's ſich kundthaten, rührten den Herzog della Sorga innig, denn er liebte ſeine beiden Söhne auf's Zärtlichſte, empfand jedoch viel⸗ leicht für den zweiten, welchen die Unbilden der Natur ſeinem Mitleid empfahlen, eine gewiſſe Vorliebe.“ „Komm in meine Arme, Ottavio,“ ſagte der Herzog. „Es gibt kein beſſeres, kein nachſichtigeres Herz äls das Deinige.“ „Nachſicht iſt leicht gegen einen Bruder, der mich ſo zärtlich liebte. . der mich noch jetzt liebt . wenigſtens zweifle ich nicht daran ich will nicht daran zweifeln..“ verſetzte der junge Mann, in⸗ dem er dem Herzog in den Armen lag, wührend Felippe ſtumm, unempfindlich von Neuem an ſeinen Nägeln zu kauen anſing; aber ſein Vater nahm ihn beim Arm und ſagte in liebevollem Ton zu ihm? Sue, Geheimniſſe d Kopfkiſſens. — 130 „Komm her, liebes Kind, umarme Deinen Bru⸗ der; Alles ſei vergeſſen.“ „Nein,“ antwortet Felippe zurücktretend und widerſtrebend, „niemals!“ „Bruder, höre mich an,“ ſagt Ottavio mit liebreicher Stimme, indem er den Schmerz, welchen die eigenſinnige Verhärtung Felippe's dem Herzog verurſacht, durch einen Blick zu beſchwichtigen ſucht, „obſchon unſer Streit von geſtern Abend, ich wie⸗ derhole es, nur eine Kinderei war, ſo iſt doch das ganze Unrecht auf meiner Seite, und ich geſtehe das ein; verzeih mir alſo, Felippe.“ „Das iſt gar zu viel Großmuth,“ ruft der Her⸗ zog della Sorga; „hat nicht Dein Bruder..“ „Mein Bruder hat ſich von einer Aufwallung hinreißen laſſen, die ich, allerdings ohne meinen Willen, verſchuldete; aber ich hätte bemerken müſ⸗ ſen, daß Felippe ſich damals unter dem Eindruck einer jener Anwandlungen von ſchwarzer Laune be⸗ fand, die ſich leider ſeit einiger Zeit bei ihm häu⸗ ſig einſtellen, und deren Urſache wir nicht kennen In ſolchen Augenblicken . . . ärgert und erzürnt er ſich über Alles.“ „Konnteſt Du annehmen, daß er ſich darüber ärgern würde, daß Du mit unruhiger Beſorgtheit zu ihm ſagteſt: Was haſt Du denn, lieber Bruder, Du ſcheinſt heute Abend ſehr bekümmert zu ſein? Dieß war ja doch der Ausgangspunkt dieſes Strei⸗ tes, der mich tief betrübt.“ „Mein Vater, es war allerdings anzunehmen, daß Felippe in ſeiner damaligen Stimmung über meine Fragen ungeduldig werden konnte. In eine 131 Ecke des Salons zurückgezogen, wünſchte er ohne Zweifel allein zu bleiben, und ſtatt dieß zu reſpec⸗ tiren, habe ich ihn im Gegentheil durch einen Be⸗ weis von Theilnahme, der zwar aufrichtig gemeint, aber ungeſchickt angebracht war, ſo zu ſagen her⸗ ausgefordert; ſonſt würde es zu keinen Mißhellig⸗ keiten zwiſchen uns gekommen ſein. Ich wiederhole Dir alſo, Felippe,“ fährt Ottavio gegen ſeinen Bruder fort, indem er ihm die Hand bietet, „ich habe Unrecht gehabt und geſtehe es; ich bitte Dich um Alles, verzeih mir.“ „Mein Kind, Du hörſt Deinen Bruder,“ ſagt der Herzog della Sorga zu Felippe, welchen das herzliche Entgegenkommen Ottavio's ganz ungerührt läßt, „er bedauert die Sache, was kann er mehr thun? Er bedauert, die Einſamkeit nicht reſpectirt zu haben, welche Du in den Anwandlungen von Hypochondrie, die Dich ſeit einiger Zeit heimzuſu⸗ chen ſcheinen, zuweilen aufſuchſt. .. Laßt alſo Alles vergeſſen ſein, liebe Kinder; wenn Ihr wüßtet, wie ſchmerzlich mich Eure Streitigkeiten berühren!“ So ſprechend nimmt der Herzog Beide bei ber Hand und fügt hinzu: „Liebe Kinder, verdoppelt die Leiden unſerer Verbannung nicht durch Cure Uneinigkeit! Ich wende mich beſonders an Dich, Felippe. Ich be⸗ ſchwöre Dich, umarme Deinen Bruder; werde ihm wieder, was Du früher warſt.“ „Niemals!“ antwortet Felippe rauh und unbeug⸗ ſam im Augenblick, wo die Herzogin della Sorga, gefolgt von Tranquillin, ins Kabinet tritt. 9* 132 XIII. Die Herzogin della Sorga ging in ihr vierzig⸗ ſtes Jahr, hatte aber noch die Reſte einer glänzen⸗ den Schönheit. Ihr Sohn Ottavio war, abgeſehen von der Männlichkeit ſeiner Züge, das lebendige Abbild ſeiner Mutter. Sie war ſehr groß und von einer Taille, welcher ein leichter Embonpoint eine Art von Majeſtät verlieh, ohne der ſeltenen Vollendung ihrer Formen zu ſchaden. Ihr Aufzug war äußerſt einfach und entſprach der Abſicht ihrer gewöhnlichen Morgenausgänge, welche, wie man ſagte, die Beſtimmung hatten, daß ſie in die Meſſe ging, die Armen beſuchte und den ſicilianiſchen Flüchtlingen Tröſtungen brachte. Dichte Flechten von bläulich ſchwarzen Haaren umrahmten ein Ge⸗ ſicht von antiker Regelmäßigkeit und matter Bläſſe, welche durch die hochgeſchweiften, rabenſchwarzen, langen Augenbrauen, ſo wie durch den braunen Flaum, der ihre hochrothen und ſehr vollen Lippen beſchattete, ſtark hervorgehoben wurde. Letztere Eigenthümlichkeit, wie auch ihre weiten Naſenflügel, die ſich bei der geringſten Aufregung ausſpannten, und die zuweilen kaum bezwungene Gluth ihres Blickes würden ihrer Phyſiognomie einen Charakter merk⸗ würdiger Leidenſchaftlichkeit gegeben haben, wenn ſie nicht durch einen gewöhnlichen Ausdruck hochmüthiger Strenge etwas Kaltes bekommen hätte. Dieß iſt der eigenthümliche Ausdruck bei Perſonen, die mit gewandter Heuchelei ihre verkehrten Neigungen ver⸗ decken, oder die aufrichtig und nicht ohne peinliche Kämpfe ihre Leidenſchaften durch den Einfluß zügeln, welchen der Geiſt mit Hülfe eines unbeugſamen Willens auf ſie ausüben kann. Der Herzog della Sorga und Ottavio überwan⸗ den beim Anblick Tranquillins, der hinter der Her⸗ zogin eintrat, den ſchmerzlichen Eindruck, welchen die rachſuchtite Verhärtung des Grafen Felippe auf ſie hervorbrachte. Dieſer machte ſich die Erſcheinung ſeiner Mutter zu Nutzen, um das Kabinet zu ver⸗ laſſen, und verſchwand mit einem Blick des Haſſes auf ſeinen Bruder, und des Trotzes auf ſeinen Vater. Ottavio trat voll Beeiferung auf die Herzogin zu, küßte ihr die Hand und ſagte in einem Ton voll zärtlicher Ehrerbietung zu ihr: „Ich habe Ihnen noch nicht guten Tag ſagen können, liebe Mutter; Sie waren bereits ausge⸗ gangen. Gott, Ihre Armen und unſere Unglücks⸗ gefährten werden Sie dafür um ſo mehr ſegnen, denn, um ihnen einige Augenblicke mehr widmen zu können, haben Sie das Hotel früher als gewöhn⸗ lich verlaſſen.“ Bei dieſen Worten, welche Ottavio's kindliche Anhänglichkeit und Verehrung kennzeichnen, küßt die Herzogin ihn auf die Stirne und antwortet: „Guten Morgen, liebes Kind ich bin dieſen Morgen zu Gottes Tiſch gegangen und mußte aller⸗ dings früher ausgehen als gewöhnlich.“ Während Ottavio und ſeine Mutter halblaut dieſe Worte austauſchten, ſagte Tranquillin mit einer tiefen Verbeugung zu Herrn della Sorga „Herr Herzog, ich habe die Ehre gehabt, die Frau Herzogin von dem Auftrag zu unterrichten, 134 den ich von meinem Herrn erhalten habe. Die Frau Herzogin hat mir bemerkt, daß ſie ohne vor⸗ läufige Beſprechung mit Ihnen keine Antwort geben könne, und ſie hat mir gnädigſt geſtattt, ſie hie⸗ her zu begleiten, um Ihren Entſcheid, Herr Herzog, entgegenzunehmen.“ „Meine liebe Beatrice,“ fragte der Herzog ſeine Frau, „um was handelt es ſich?“ „Der Eigenthümer dieſes Hotels erſucht uns, den heutigen Abend bei ihm zuzubringen,“ erwidert die Herzogin. „Ich habe die Antwort gegeben, daß das zurückgezogene Leben, an das wir uns ſeit unſerer Verbannung gewöhnt haben, uns nicht wohl geſtatte, eine Einladung anzunehmen; im Uebrigen werde ich mich in dieſer Beziehung ganz nach Ihren Wünſchen richten.“ „Madame hat Ihnen den wahren und einzigen Grund angegeben, der uns verhindert, dieſe Ein⸗ ladung anzunehmen, für die wir indeß ſehr verbun⸗ den ſind, Herr Tranquillin,“ ſagte der Herzog mit kalter Höflichkeit. „Wollen Sie Herrn Wolfrang unſer Bedauern mittheilen.“ Herr della Sorga begleitet dieſe Worte mit einer Kopfbewegung, einer Art von protectoriſchem und bedeutungsvollem Gruß, der dem Intendanten zu verſtehen gibt, daß neue Vorſtellungen in Betreff der Einladung unnütz ſein würden, und daß die Beſprechung zu Ende iſt. Tranquillin ſcheint die Abſichten des Herzogs mit der leiſeſten Andeutung zu begreifen, und ver⸗ neigt ſich tief vor ihm. „Ich werde Ihre ablehnende Antwort, Herr Her⸗ 135 zog, meinem geehrten Herrn mittheilen; er hatte übrigens nur ſchüchtern dieſe vielleicht unziemliche Einladung gewagt, da er den Abſtand wohl fühlt, welcher ihn von ſo hohen Perſonen trennt, wie der Herr Herzog ...“ Und Tranquillin verbeugt ſich vor dem Herzog. „Wie die Frau Herzogin ... Und Tranquillin verbeugt ſich vor der Herzogin. „Wie der Herr Marquis Und Tranquillin verbeugt ſich vor Ottavio. „Wie der Herr Graf ...“ Und Tranquillin, der mit den Augen Felippe ſucht, deſſen Abweſenheit er jetzt erſt bemerkt, ver⸗ beugt ſich in der Verzweiflung vor der Thüre, zu welcher der Graf hinausgegangen iſt; ſodann fügt er zu all dieſen Reverenzen eine Art von kreisförmiger Verbeugung, welche ſämmtlichen Anweſenden gilt, und fährt mit verdoppelter Demuth, indem er ſich rücklings nach der Thüre zurückbewegt, alſo fort: „Ich habe die Ehre, der edlen und erlauchten Geſellſchaft meinen unterthänigſten Reſpect zu be⸗ zeugen, und bitte in Herrn Wolfrangs Namen um Verzeihung für die allzu große Freiheit, die er ſich genommen hat, indem er es wagte, den hochver⸗ ehrten Herrſchaften eine unangemeſſene Einladung zugehen zu laſſen.“ „Mein Vater,“ hatte Ottavio während der Re⸗ verenz⸗Cvolutionen Tranquillin's ganz leiſe und mit bedauerndem Tone zu dem Herzog geſagt, „dieſer brave Mann und ſein Herr werden ſich einbilden, Sie lehnen die Einladung aus Stolz ab.“ „Fern ſei von mir ein ſo ſchlecht angebrachter 136 Bochmuth, mein Sohn, aber wahrhaftig dieſe Ein⸗ ladung iſt zum Mindeſten ſonderbar wir kennen Herrn Wolfrang ganz und gar nicht, und können alſo nicht zu ihm gehen,“ antwortet der Herzog. Um indeß ſeine ablehnende Antwort in den Au⸗ gen des Geſchäftsmannes beſſer zu motiviren, ruft Herr della Sorga ihn in dem Augenblick zurück, wo er unter verdoppelten Reverenzen ſo langſam als nur möglich rücklings nach der Thüre zurückweicht. „Herr Tranquillin, bitte, noch ein Wort.“ „Was beliebt, Herr Herzog?“ „Madame, ich und meine Söhne würden ſehr bedauern, wenn Herr Wolfrang auch nur einen Augenblick annehmen könnte, daß ein Gefühl des Stolzes, das gänzlich unberechtigt wäre, uns ab⸗ halte, ſeine freundliche Einladung anzunehmen, für die wir ihm, ich wiederhole es, ſehr verbunden ſind, aber ich habe Ihnen die Urſache unſerer Weigerung geſagt: wir leben ſeit unſerer Verbannung ſehr zu1⸗ wückgezogen und . . .“ „Ach wie nachſichtig der Herr Herzog ſind!“ ruft der Intendant; „welche Güte! wahrhaftig, das iſt allzu viel Güte!“ „Von welcher Güte wollen Sie ſprechen, Herr Tranquillin?“ „Von der Ihrigen, Herr Herzog. Sind Sie nicht gut genug, daß Sie ſich die Mühe nahmen, einen Vorwand für die Ablehnung anzugeben, welche die unbeſcheidene Einladung zu verdienen ſcheint, die mein geehrter Herr, freilich allerdings ohne an etwos Böſes zu denken, an den Herrn Herzog und 1 137 ſeine edle Familie zu erlaſſen ſich unterſtanden hatte?“ „Ich wiederhole Ihnen, Herr Tranquillin, däß nein, gnädigſter Herr, ich fühle die ganze Größe der Nachſicht, welche in der ſo höf⸗ lichen Art und Weiſe liegt, wie Sie Ihre Ableh⸗ nung zu erklären die Gnade haben. Mein geehrter Herr wird von Ihrem Benehmen tief gerührt ſein, Herr Herzog; noch einmal, entſchuldigen Sie dieſe allzu große Freiheit, entſchuldigen Sie.“ Und Tranquillin beginnt von Neuem unter beſtändigen Bücklingen nach der Thüre zuruckzu⸗ weichen. „Himmliſche Güte! Herr Wolfrang wird ſich ſeine unglückſelige Vermeſſenheit niemals verzeihen. Wie er es aber auch wagen konnte, vornehme Herrn zu einer Soiree bei ſich einzuladen!“ „Sie ſehen, mein Vater, dieſer brave Mann, der übrigens ziemlich beſchränkt zu ſein ſcheint, wirt trotz Ihrer Verſicherungen die Ueberzeugung mit ſich nehmen, daß Hochmuth Ihre Weigerung dictirt habe,“ ſagt Ottavio ganz leiſe. Und an die Herzogin ſich wendend: „Liebe Mutter, warum ſollten wir nicht, wenig⸗ ſtens auf einen Augenblick, zu dieſer Soiree gehen?“ „Es ſei, wenn Dein Vater einwilligt, mein Sohn.“ „Es gibt allerdings Leute von ſehr lächerlicher Empfindlichkeit,“ ſagte der Herzog leiſe zu ſeiner Frau und zu ſeinem Sohn. „Der heutige Jahres⸗ 138 tag iſt, wie Ihr wißt, ein Trauertag für mich, aber da Ihr ſo wollt . . .“ Der Herzog ruft den Verwalter und fügt hinzu „Herr Tranquillin, hören Sie mich an.“ „Gnädigſter Herr! . .. „Da Sie bei dem Glauben beharren, daß nur S „Ich beſchwöre Sie, gnädigſter Herr, wollen Sie nicht mehr davon ſprechen; Sie beſchämen mich aufs Tiefſte. Wie! Sie nehmen ſich die Mühe, ſich noch zu entſchuldigen? Das iſt zu viel, allzu viel Güte. Mein geehrter Herr hatte ganz einfach zu ſich geſagt: Ich lade ſämmtliche Hausbewohner zu einer Art von Familienreunion ein: ſoll ich den Herrn Herzog und ſeine Familie auch einladen oder nicht? Wenn ich ihn nicht einlade, ſo kann er ſich an meinem Mangel an Ehrerbietung ſtoßen; wenn ich ihn einlade, ſo kann er ſich an meiner unverſchäm⸗ ten Vertraulichkeit ſtoßen. Letzteres iſt unglücklicher Weiſe eingetreten; deßhalb . . .“ „He, mein lieber Herr,“ ſagte Ottavio unge⸗ duldig, indem er auf Tranquillin zuging, „wenn Sie meinen Vater nicht zweimal unterbrochen hät⸗ ten, ſo würden Sie jetzt wiſſen, daß er, meine Mut⸗ ter, ich und wahrſcheinlich auch mein Bruder die Einladung des Herrn Wolfrang annehmen.“ „Sollte es wahr ſein, gnädigſter Herr?“ ruft der Geſchäftsführer, „Sie und die Frau Herzogin und der Herr Marquis und der Herr Graf, Sie hätten die Gnade anzunehmen?“ „Ja, ja! hundertmal ja!“ antwortet der Herzog; „iſt das klar, Herr Intendant?“ — 5 139 „Ach gnädigſter Herr, wie glücklich und geſchmei⸗ chelt wird ſich Herr Wolfrang fühlen, Sie und Ihre erlauchte Familie empfangen zu dürfen,“ ſagt Tranquillin unter neuen, tiefen Bücklingen. Ich erlaube mir noch hinzuzufügen, daß man um neun Uhr zuſammenkommt, wenn dieſe Stunde der er⸗ lauchten Geſellſchaft zuſagt .. .“ „Um neun Uhr, es ſei!“ antwortet der Herzog. „Auf Wiederſehen, Herr Tranquillin.“ „Ich bezeuge der erlauchten Geſellſchaft meinen unterthänigſten Reſpect,“ ſagt Tranquillin, indem er ſeinen letzten und ſchönſten Bückling macht. Damit verläßt er den Salon und ſagt dann ganz vergnügt zu ſich ſelbſt: „Nun wahrhaftig, mein geehrter Herr wird mit ſeinem alten Diener zufrieden ſein. Alle unſere Hausleute haben wohl oder übel, mit Ach und Krach zugeſagt, und ſie werden auch kommen, das iſt die Hauptſache.“ XIV. Es iſt acht Uhr Abends. Wolfrang und Sylvia erwarten in einem der Salons des Erdgeſchoſſes ihres Hotels die zur Soiree eingeladenen Haus⸗ bewohner. Der junge Mann ſagt zu ſeiner Ge⸗ fährtin: . „Der Zufall iſt unſerer Probe günſtig, meine vielgeliebte Sylvia: was ich von einigen Bewohnern dieſes Hauſes bereits weiß, verſpricht das Beſte für Deine Heilung; ſie wird vollſtändig ſein. Ich 140 habe Dir's vor einem Jahr verſprochen und ich werde mein Verſprechen halten; aber Du mußt Dich auf allerlei verwunderliche Dinge gefaßt machen. Du wirſt äußere Hüllen finden, die eben ſo ver⸗ führeriſch, als die darunter verborgenen Wirklich⸗ keiten ſchauerlich ſind, und auf der andern Seite wieder Wirklichkeiten, die eben ſo anbetungswürdig und erhaben ſind, als ihre äußere Hülle farblos oder abſtoßend iſt. Du wirſt Muth bedürfen, Syl⸗ via, viel Muth.“ „Daran ſoll es nicht fehlen, Wolfrang. Dieſes Jahr, das wir in unſerer herrlichen Einſamkeit ver⸗ bracht haben, Deine Worte und Dein Beiſpiel ha⸗ ben mich neu geſtärkt; Du ſollſſt mich nicht wanken ſehen, ich werde die Prüfung bis ans Ende durch⸗ machen, und wenn Deine Hoffnungen Dich täuſchen, wenn der Sieg des Böſen und der Ungerechtigkeit auf dieſer Welt mir auf's Neue dargethan iſt .. Einer der dienſtthuenden Kammerdiener in einem Wartſaal meldet in dieſem Augenblick mit lauter Stimme: „Herr Dubousquet.“ Wolfrang beeifert ſich Herrn Dubousquet ent⸗ gegenzugehen, der in ſchwarzem Frack und weißer Halsbinde einherkommt. Er ſcheint ſchüchterner, demüthiger, ängſtlicher zu ſein als je. Man ſieht ihm leicht an, daß er zur Soiree des Hausbeſitzers geht, wie er etwa zum Schaffot gehen würde. Der Schweiß rieſelt von ſeiner Stirne und ſchon auf, der Schwelle macht er einen linkiſchen Knir vor der Herrſchaft des Hauſes; dann bleibt er ſtehen und wagt es in ſeiner zunehmenden Verlegenheit nicht 141 einen Schritt weiter zu thun. Wolfrang geht ihm entgegen und reicht ihm die Hand mit den Worten: „Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie der Einladung, die wir an Sie zu richten die Ehre hatten, ſo verbindlich Folge leiſten.“ „Mein Herr, die ganze Ehre iſt gewiß auf mei⸗ ner Seite,“ ſtammelt Dubousquet, der vor Ver⸗ legenheit feuerroth wird und ſich kaum erlaubt, Wolfrangs Hand zu ſtreifen; dieſer aber führt ſei⸗ nen Hausbewohner zur Cauſeuſe wo Sylvia ſitzt und ſagt: „Meine liebe Freundin, ich ſtelle Dir Herrn Dubousquet vor.“ „Madame,“ ſagt Herr Dubousquet, indem er ſich bis auf die Erde verneigt und gänzlich verduzt iſt, „ich habe die Ehre . . .“ „Setzen Sie ſich gefälligſt neben mich, Herr Dubousquet,“ ſagt Sylvia verbindlich, „und erzählen Sie mir von dem intelligenten Thierchen, das der treue Genoſſe Ihrer Einſamkeit iſt.“ „Ei wie, Madame,“ ſtammelt Herr Dubousquet eben ſo überraſcht als gerührt durch das Wohlwollen, vas eine ſo ſchöne Dame ihm ſelbſt und ſeinem Hunde bezeugt, „Sie wiſſen, daß . „Wir wiſſen ſogar, daß dieſer ſo verſtändige Pudel Bonhomme heißt,“ bemerkt Wolfrang lächelnd; „aber bitte, neymen Sie doch Platz neben Madame.“ „Nur um Ihnen zu gehorchen, mein Herr,“ ant⸗ wortet der arme Mann, indem er ſich ſchüchtern und zitternd auf den äußerſten Rand der Cauſeuſe ſetzt, auf welcher Sylvia ſich befindet; „Madame Sie, mein Herr, Sie ſind allzu gütig gegen mich.“ „Ich will es Ihnen nur geſtehen,“ verſetzt Syl⸗ via, „daß unſere Güte ein wenig eigennützig iſt.“ „Madame, ich . . .“ „Ich hege den größten Wunſch Bonhomme kennen zu lernen, und Sie müſſen mir ihn einmal bringen.“ „Madame, ach Madame,“ antwortet Herr Dubous⸗ quet ſo bewegt, daß unwillkürlich ſeine Augen ſich ein wenig feuchten, „wäre es möglich ?.. Wie! . Sie hätten die Gnade . . .“ „Warum denn nicht, Herr Dubousquet?“ ſagt Wolfrang, der hinter der Cauſeuſe ſteht und ſeinen Ellbogen aufgeſtemmt hat, „Madame und ich, wir ſind Beide der Anſicht, daß es ſchwer wäre, nicht eine ge⸗ wiſſe Sympathie für einen Menſchen zu empfinden, welcher ſeinen Hund liebt, dieſen ſtummen Vertrauten unſerer Freuden oder Bekümmerniſſe, der ein Lä⸗ cheln auf unſern Lippen oder eine Thräne in unſern Augen zu erlauſchen ſcheint, um ſie zu theilen.“ „Oh was Sie da ſagen iſt ſehr wahr, mein Herr. Oft iſt es für den Unglücklichen ein großer Troſt, einen Hund zu haben,“ antwortet Herr Du⸗ bousquet, der ſich unwillkürlich immer behaglicher fühlt bei dem guten Empfang und der Leutſeligkeit ſeiner Hausbeſitzer, und beſonders bei der Art und Weiſe, wie ſie die Sziehungen des Menſchen u dem Hundegeſchlecht zu würdigen wiſſen. Dann ſigt er mit rührender Treuherzigkeit hinzu: „Ach mein Gott, ein Hund iſt ein Freund, den man immer traurig zurückläßt wenn man von ihm 72 143 geht, und immer fröhlich wiederfindet wenn man zu ihm zurückkommt.“ „Es freut mich ungemein Sie ſo reden zu hö⸗ ren,“ verſetzt Sylvia, „denn ich habe mich immer über die Ungläubigen geärgert, welche dem Hund nur Inſtinkte zugeſtanden haben, aber den Verſtand abſprachen, während er doch eine Einſicht und Vor⸗ ausſicht beweist, die unter uns oft ſo ſelten ſind. Hat er nicht,“ fügt die junge Dame lächelnd hinzu, „. B. die Theorie der Sparkaſſen erfunden und ſie ſchon lange in Anwendung gebracht, ehe die Men⸗ ſchen darauf kamen, dieſe eingebildeten und undank⸗ baren Geſchöpfe, welche die Ehre und das Verdienſt ſolcher Stiftungen ſich ſelbſt zuſchreiben wollen?“ „Wie Madame, Sie ſollten ſich wirklich zu dem Glauben hinneigen, daß die Hunde in die Spar⸗ kaſſen legen?“ „Madame iſt vollkommen im Stande Ihnen zu beweiſen, was ſie da behauptet, mein lieber Herr Dubousquet.“ „„Allerdings,“ verſetzt die junge Dame. „Es gibt ſcheinbar gar nichts Einfacheres, als daß man einem Hund einen Knochen zum Einſcharren gibt.“ „Bonhomme hat mich, ſo lange ich ein kleines Appartement im Erdgeſchoß bewohnte, hundertmal zum Zeugen dieſer Thatſache gemacht,“ ruft Herr Dubousquet, deſſen Verlegenheit beinahe ohne ſein eigenes Wiſſen allmählig ſchwindet. „Wenn ich mei⸗ nem Hund zwei Knochen gab, hat er immer ſogleich einen davon eingeſcharrt.“ „Nun wohl denn, Bonhomme raiſonnirt alſo folgender Maßen; bemerken, bewundern Sie dieſe 3 2 8 ———————————— — —————— — 144 Ideenverkettung und ſagen Sie ſelbſt, ob ſie nicht ſowohl eine treffliche Logik als auch zwei bei den Menſchen höchſt ſeltene Eigenſchaften, nämlich Vor⸗ ſicht und Sparſamkeit verräth,“ ſagt Sylvia. Wenn ich ein Vielfraß oder ein Verſchwender wäre, der nicht an die Zukunft dächte, ſo calculirt Herr Bon⸗ homme, ſo könnte ich dieſe beiden Knochen ab⸗ nagen; aber wer weiß, ob mir morgen wieder ein ſolches Glück zufällt? Das iſt zweifelhaft: das Klügſte iſt, daß man an die Zukunft denkt. Folglich will ich einen dieſer beiden Knochen in Reſerve neh⸗ men. Aber wo ihn aufbewahren? Wenn ich ihn den Blicken ausgeſetzt laſſe, ſo riskire ich, daß Diebe mir ihn wegſchnappen. Ich muß alſo meine Er⸗ ſparniß an einem ſichern Ort niederlegen, damit Niemand ſie entdecken kann. Und von ſolchen Ge⸗ danken beſeelt nimmt Herr Bonhomme ſeine Knochen zwiſchen die Zähne, ſchleicht ſich mit lauern⸗ dem Auge und geſpitzten Ohren davon, ſucht, prüft und überlegt, ſtudirt die Localitäten und forſcht nach irgend einem Winkel, wo er ſeine Ration für morgen mit Sicherheit vergraben kann. Mit an⸗ dern Worten, ich wiederhole es, er legt in die Sparkaſſe.“ „Das iſt ganz klar, Madame,“ ruft Herr Du⸗ bousquet, dem es behaglich zu Muthe wird. „Neh⸗ men Sie noch dazu, daß Bonhomme, was ich ſelbſt zwanzigmal geſehen habe, das Loch wieder zudeckte und mit ſeiner Schnauze die Erde feſtdrückte, ſo daß man unmöglich entdecken konnte, an welchem Ort der Boden friſch aufgewühlt worden war.“ „Und das ſoll dann blos ein Inſtinkt ſein?“ 145 fährt Sylvia fort. „Nein, nein, es iſt eine ber vollſtändigſten Gedankenarbeiten, zu welchen der menſchliche Verſtand ſich erheben kann.“ „Deßhalb zeigten ſich auch die Alten gegenüber dem Hund weit ſcharfſinniger oder billiger als wir,“ fügt Wolfrang hinzu, dem es ein Vergnügen macht, der unſchuldigen Leidenſchaft ſeines Miethmannes für ſeinen Pudel zu ſchmeicheln und ſomit die pein⸗ liche Verlegenheit zu beſeitigen, welche den armen Mann bei dem bloßen Gedanken an dieſe Soiree gequält hatte. „In welcher hohen Achtung hielten nicht die Völker des Alterthums den Hund!“ „Wirklich mein Herr?“ ſagt Herr Dubousquet, der ſich immer mehr intereſſirt, „entſchuldigen Sie meine Unwiſſenheit, aber ich höre Ihnen mit unend⸗ lichem Vergnügen zu. Ach welch eine ſchöne Sache iſt doch die Gelehrſamkeit!“ „Die Cgypter ſchrieben dem Hund ein höheres und göttliches Weſen zu.“ „Was Sie da ſagen!“ verſetzt Herr Dubousquet ganz verdutzt. „Uebrigens wundert mich die Sache weiter nicht.“ „Ferxes zählte ſeine zahlreichen Schlachthunde zu ſeinen Kerntruppen.“ „Und dieſe gingen niemals zum Feinde über,“ fügt Sylvid hinzu, „nie war ein Verräther unter ihnen. Iſt es unter den Menſchen auch immer ſo?“ „Hlaus Magnus hat im ſechzehnten Jahrhundert die Geſchichte der berühmteſten Hunde Finnlands geſchrieben,“ fährt Wolfrang fort, „und es eriſtiren wahre Heldenſagen von ihnen.“ „„Und dieſe Helden, die nicht wußten, daß ihr Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 10 146 Nams dereinſt in die Geſchichte übergehen ſollte, ſchlugen ſich ſpäter weder um Grade noch um LTitel, auch nicht einmal um das Dunſtwerk eiteln Ruhmes,“ fügt Sylvia hinzu; „ſie kämpften, um ihren Herrn zu vertheidigen.“ „Ach Madame, entſchuldigen Sie mich, ich weiß nicht mehr wo ich bin,“ ſagt Herr Dubousquet ganz erſtaunt; „ich fürchte gar zu ſtolz zu werden.“ „Und auf was?“ „Nicht auf mich,“ antwortet Herr Dubousquet entzückt, „ſondern auf Bonhomme, wenn ich be⸗ denke, daß er ſo viele glorreiche Erinnerungen für ſeine Race in Anſpruch nehmen könnte.“ „Und gleichwohl bin ich überzeugt, daß er ſich ganz und gar nichts darauf einbildet,“ antwortet Wolfrang mit einem Lächeln. „Ach mein Gott, nein, das gute arme Thier,“ verſetzt Herr Dubousquet naiv; dann fährt er über⸗ legend fort: „Aber um in der Geſchichte des Hun⸗ des ſo genau bewandert zu ſein, müſſen Sie wohl eine Leidenſchaft für dieſe Thiere gehabt haben.“ „Ja, weil ich für Alles, was gut und hingebend iſt, eine Leidenſchaft habe.“ „Ach, was Sie da ſagen, iſt wahrer als Sie vielleicht ſelbſt glauben,“ ſagt der Miethmann mit einer gewiſſen ſchwermüthigen Rührung, „denn mit einem guten Hund und einem guten Gewiſſen kann man — Auf einmal aber unterbricht ſich Herr Dubous⸗ quet und ſcheint zu bedauern, daß er einem Drang nach Mittheilung nachgegeben, den er ſich ſo wenig erklären kann als das Vertrauen, womit er ſich ſo ſchnell zu zwei Perſonen hingezogen fühlt, die er zum erſten Mal ſieht; er wird roth, ſenkt ſeine Augen uns ſtammelt: „Wenigſtens behaupten gewiſſe Perſonen, daß.. .“ „Daß man mit einem guten Hund und einem guten Gewiſſen den falſchen Urtheilen der Menſchen Trotz bieten könne?“ ergänzt Wolfrang. „Dieſe Perſonen, Herr Dubousquet, behaupten eine große Wahrheit, iſt das nicht auch Ihre Anſicht?“ „Allerdings.. allerdings .. ſtreng genommen Das iſt möglich.“ „Oh, ſcheuen Sie ſich nicht Wolfrang zu wider⸗ ſprechen; wir ſind, wie Sie hoffentlich nicht mehr bezweifeln, gute Leute, die keine Umſtände machen,“ fügt Sylvia lächelnd hinzu, „und geſtehen Sie es nur, Sie hatten Anfangs nicht dieſe Meinung von uns?“ „Ach Madame!“ „Bitte, ſeien Sie aufrichtig; Wolfrang und ich ſchätzen vor allen Dingen die Freimüthigkeit; unſere Lieblingsdeviſe iſt heilige Aufrichtigkeit.“ „Nun wohl Madame, ich glaube, Gott verzeih mirs, daß Sie und Herr Wolfrang mich durch Ihre Güte mit Reſpect zu melden hehert haben, mein Gott! ja. Ich war ſo verlegen, ſo beſchämt herein⸗ gekommen, daß mein Auge trübe war und die Ohren mir ſauſten; jetzt iſt meine Verlegenheit ver⸗ ſchwunden: ich ſehe ganz deutlich dieſe junge Dame, die eben ſo ſchön als gütig iſt; ich höre nicht min⸗ der deutlich ihre wohlwollenden Worte und auch die Ihrigen, Herr Wolfrang. Ach, wenn ich tau⸗ ſend Jahre alt würde, ſo könnte ich bei der Erinne⸗ 10 148 rung an Ihren Empfang,“ fügt Herr Dubousquet mit beinahe thränenerſtickter Stimme und die Hände an ſeine Augen führend hinzu, „ich könnte nicht umhin vor Dankbarkeit zu weinen.“ Wolfrang und Sylvia ſahen einander mit einem ausdrucksvollen Schweigen an, als ein dreimaliges, ſehr deutliches aber ziemlich fernes Gebelle in einem der Nebenzimmer ertönte. „Was höre ich?“ ruft Herr Dubousquet, indem er von ſeinem Sitz auffährt. „Er iſts! und doch habe ich ihn eingeſperrt. Wie mag er herausge⸗ kommen ſein? Der unkluge Geſell wird jetzt Alles hier compromittiren. Man empfing mich ſo gut. Herr Wolfrang hat mir kein Wörtchen über die Klagen geſagt, welche der Herr im zweiten Stock über uns geführt. Ach mein Gott! er richtet uns zu Grunde.“ So wehklagte Herr Dubousquet in ſeinem Ent⸗ ſetzen und Schmerz, als Bonhomme, welchem die Domeſtiken die Thüre des anſtoßenden Zimmers ge⸗ öffnet hatten, auf der Schwelle des Salons erſchien; da er ſich jedoch ſeiner Aufdringlichkeit bewußt war, ſo kam er nur kriechend gegen ſeinen Herrn vor, wie wenn er ihn um Gnade anflehen wollte, wäh⸗ rend dieſer in drohendem Ton zu ihm ſagte: „Unſeliger, was haſt Du gethan?“ Dann wendet ſich Herr Dubousquet an Wol⸗ frang und Sylvia mit den Worten: „Ach Madame! Ach mein Herr! wie ſoll ich mich entſchuldigen? Ich bin in Verzweiflung.“ „Und ich bin entzückt,“ verſetzt Sylvia; „ich wünſchte, daß Bonhomme mir vorgeſtellt würde; — — 149 gibt er nicht einen neuen Beweis ſeiner Artigkeit, indem er auf ſo gelegene Weiſe meinen Wünſchen zuvorkommt?“ Dann ruft die junge Dame den Hund, der bei dem drohenden Zuruf ſeines Herrn ſtehen geblieben war und unbeweglich mitten im Salon lag. „Komm,“ ſagt ſie, „Du darfſt keine Angſt ha⸗ ben, komm armes Thierchen.“ Ehe der Pudel dieſer Einladung Folge leiſtet, befragt er mit dem Blicke ſeinen Herrn, der gänz⸗ lich beſchämt durch die nachſichtige Güte Sylvia's zu ihm ſagt: „So komm nur, da Madame die Güte hat uns Deinen tollen Streich zu verzeihen.“ Der Hund kommt immer kriechend bis zu den Füßen der jungen Dame, wo er ſich ſchüchtern nie⸗ derlegt, indem er ſeine großen ſchwarzen und fun⸗ kelnden Augen auf ſie heftet. „Welcher Verſtand!“ ſagt Sylvia, indem ſie den Hund ſtreichelt; „welcher Gedanke in dem Blick!“ „Ach mein Herr, ich bin ganz beſchämt,“ ver⸗ ſetzt Herr Dubousquet gegen Wolfrang. „Ich ahne jetzt wie der Unglückliche herausgekommen ſein wird. Man ſollte es kaum glauben. Ich hatte das Fenſter in meinem Zimmer, wo ich ihn eingeſchloſſen, offen geläſſen; er wird zu dieſem Fenſter, unter welchem ein ſehr ſchmaler Karnieß hervorſteht, hinausgegan⸗ gen ſein und auf dieſe Art das Fenſter des Abſatzes erreicht haben, das ohne Zweifel ebenfalls offen ſtand; dann wird er meine Spur verfolgt haben und hieher gekommen ſein. Ich bitte tauſendmal um Verzeihung für ihn und für mich; ſeine einzige 150 Entſchuldigung beſteht darin, daß er mir ſeit ich ihn heute zum erſten Mal einen ſolchen Streich ſpielt.“ „Das arme Thier! Und Sie haben den Muth gehabt es auszuzanken!“ verſetzt Wolfrang lächelnd; „ich könnte beinahe in Verſuchung gerathen wegen Ihrer Undankbarkeit gegen den Pudel Händel an⸗ zufangen.“ In dieſem Augenblick meldet der Kammerdiener: „Herr und Madame Lambert.“ Sylvia erhebt ſich, nachdem ſie zum letzten Mal den Pudel geſtreichelt, der ſich wieder hinter den Ferſen ſeines Herrn niederkauert, und geht nebſt Volfrang den Ankommenden einige Schritte ent⸗ gegen. „Es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, Madame, und auch von Ihnen, Herr Lambert, daß Sie die Güte haben uns einige Augenblicke Ihres Abends zu opfern, und daß Sie unſere Einladung eben ſo herzlich annahmen wie wir ſie erließen,“ ſagt Sylvia und deutet dann auf die Cauſeuſe mit der Bitte: „Wollen Sie ſich gefälligſt hieher neben mich ſetzen.“ Madame Lambert, die ſehr ſchüchtern und ſo⸗ wohl von Sylvia's blendender Schönheit überraſcht, als von ihrem graziöſen Empfang gerührt iſt, ant⸗ wortet ſo gut als möglich mit einer Verbeugung und ſetzt ſich neben die junge Dame, während Wol⸗ frang ſeinerſeits zu dem Buchhändler ſagt: „Ich weiß die Ehre, die Sie mir gütigſt erwei⸗ ſen, um ſo höher zu ſchätzen, als ich Ihre Ge⸗ wohnheit einſamen Studiums wohl kenne und.. Aber Wolfrang unterbricht ſich plötzlich, als er —— 151 ſieht wie Herr Dubousquet ganz verſtohlen nach der Thüre ſchleicht, begleitet von Bonhomme, zu dem er leiſe ſagt: „Laß uns gehen! Wir können uns hier eines Empfanges rühmen, der uns noch nirgends zu Theil geworden iſt und wohl auch nirgends zu Theil werden wird. Wir wollen das nie vergeſſen, mein guter Bonhomme.“ „Mein lieber Herr Dubousquet, wohin gehen Sie denn?“ ſagt Wolfrang, der ihn an der Schwelle einholt; „Sie werden uns doch nicht ſchon verlaſſen wollen?“ „Erlauben Sie .. „Wir werden nicht dulden, daß Sie ſo früh gehen: Fräulein Antonine Jourdan wird die Güte haben heute Abend zu ſingen, und es ſteht Ihnen alſo ein großer Genuß bevor.“ „Ich bitte Sie gleichwohl dringend .. „Auch wünſche ich Sie Herrn Lambert vorzu⸗ ſtellen,“ fügt Wolfrang hinzu, indem er Herrn Du⸗ bousquet vertraulich beim Arm bis in die Mitte des Salons zurückführt; ſodann wendet er ſich an den Buchhändler mit den Worten: „Herr Dubousquet, den Sie vielleicht nicht das Vergnügen haben perſönlich zu kennen, obſchon er einer unſerer Hausbewohner iſt, will uns ſchon verlaſſen; nicht wahr, Sie werden ſich meiner Bitte anſchließen, daß er noch länger bleibe.“ „Herr Dubousquet führt wie ich ein zurückge⸗ zogenes Leben, und große Geſellſchaft ſchüchtert ihn ein; ich bin ſelbſt nicht weniger eingeſchüchtert,“ antwortet lächelnd der Buchhändler, der für den 2 152 Einſiedler vom dritten Stock wegen ſeiner ängſtlichen Phyſiognomie und ſeines Hanges zur Einſamkeit eine unbeſtimmte Sympathie empfindet. „Wenn die Ge⸗ ſellſchaft Herrn Dubousquet Angſt macht, ſo werden wir uns heute Abend gegenſeitig ſtärken und auf dieſe Art tapferer werden.“ „Wenn man ſich auf einen ſolchen Bundesge⸗ noſſen ſtützen kann, ſo wäre es qualifizirte Feigheit vor der Gefahr zu entfliehen, mein lieber Herr Dubousquet,“ verſetzt Wolfrang heiter. „Sie müſſen alſo bei uns bleiben.“ „Mein Herr, ich bin von Ihrer und Herrn Lambert's Güte aufs Innigſte gerührt, kann aber unmöglich bleiben; ich muß überdieß meinen Hund heimbringen und ...“ „Ganz und gar nicht! Bonhomme iſt viel zu gebildet, als daß er ſich in guter Geſellſchaft nicht aufs Beſte aufführen ſollte, und ich ſtehe da⸗ für, daß er Fräulein Antonine Jourdan in ihrem Geſang nicht ſtören wird.“ „Ich bitte Sie um Alles, erlauben Sie . ..“ „Ich bin unbarmherzig. Alles was ich Ihnen zugeſtehen kann, iſt, daß Sie ſich für den Augen⸗ blick mit Bonhomme in dieſe Bibliothek flüchten dürfen, deren Thüre offen ſteht: Sie finden da die Abendjournale, und, beiläufig geſagt, Sie können ſehr intereſſante Facta leſen, die ſich auf mehrere Bewohner des Hauſes beziehen.“ „Ich bleibe alſo, da Sie es durchaus verlangen.“ „Durchaus!“ „Bonhomme wird ſich unter meinen Stuhl kauern; Niemand wird ſeine Anweſenheit ahnen; 153 wir werden in der Bibliothek warten bis das Con⸗ cert anfängt.“ „Wenn Sie einmal an meinem Laden vorbei⸗ kommen, mein lieber Nachbar, was ſelten genug geſchieht, da Sie ſo wenig ausgehen als ich, und wenn Sie dann, natürlich mit Bonhomme, einen Augenblick bei uns eintreten wollen, ſo werden Sie meiner Frau und mir ein großes Vergnügen machen,“ ſagt der Buchhändler. „Gewiß, mein Herr, eine ſolche Einladung ehrt mich unendlich,“ antwortet Herr Dubousquet, der bei Seite denkt: „Warum ſcheint doch alle Welt heute Abend übereingekommen zu ſein mich ſo freundlich zu em⸗ pfangen? Das iſt außerordentlich.“ Und mit einer Verbeugung gegen Wolfrang und Herrn Lambert fügt er hinzu: „Da Sie es erlauben, ſo will ich mich in die Bibliothek zurückiehen.“ „Leſen Sie hauptſächlich die Journale vom Abend; Sie werden darin, ich wiederhole es, in⸗ tereſſante Facta finden, die ſich auf mehrere Ihrer Nachbarn beziehen,“ ſagt Herr Wolfrang zu Herrn Dubousquet. Dieſer gibt Bonhomme ein Zeichen und tritt durch eine der Seitenthüren des Salons mit ihm in die Bibliothek⸗ Während ſich Wolfrang, Dubousquet und der Buchhändler ſo mit einander beſprechen, hat Fran⸗ 154 cine leiſe mit Sylvia geplaudert und, nach ihrem zuverſichtigen Lächeln ſo wie ihrem Intereſſe an der Converſation zu ſchließen, deren Koſten Sylvia bei⸗ nahe allein zu tragen hatte, ihre erſte Verlegenheit glüͤcklich überwunden. Wolfrang ſagt daher, indem er mit dem Blick auf die beiden jungen Frauen deutet, zu Herrn Lambert: „Sehen Sie nur, ſollte man nicht glauben, dieſe Damen kennen ſich ſchon lange?“ „Dieſelbe Bemerkung hat ſich mir aufgedrängt und ich geſtehe, daß ich ſehr überraſcht bin, weil meine Frau äußerſt ſchüchtern iſt; ihre Stellung und ihre Gewohnheiten haben ſie immer nicht blos von der großen Welt, das verſteht ſich von ſelbſt, ſondern auch von den beſcheidenen geſellſchaftlichen Beziehungen, die ſich mit unſerer Stellung vertra⸗ gen, entfernt gehalten.“ „Die ſchnelle Freundſchaft zwiſchen dieſen beiden Damen beweist, daß ſie einander in Bezug auf Charakter und Geiſt zuſagen; ich möchte ſehr wün⸗ ſchen, daß zwiſchen Ihnen und mir ein ähnliches Verhältniß ſtattfände.“ „Aufrichtig geſprochen, mein Herr, ich wünſche es auch; der äußerſt wohlwollende Empfang, den Sie dieſen Abend Herrn Dubousquet und ſogär ſeinem Hund angedeihen ließen, hat mich ſehr gerührt. Die meiſten im Hauſe betrachten unſern Nachbar als einen Bären, als einen alten Egoiſten. Ich beur⸗ theile ihn anders, obſchon ich ihn nicht kenne. Er hat mich immer intereſſirt.“ „Und dieſes Intereſſe für ihn, das ich übrigens theile, wodurch iſt es erweckt worden?“ „Durch ſeinen Hang zur Einſamkeit.“ 4 „Sie glauben alſo 6 „Daß man, um Mlein zu leben, entweder groſe Kümmerniſſe überſtehen oder überſtanden haben, oder aber kein alltäglicher Geiſt ſein muß. Das iſt es, was meine Sympathie für Herrn Dubousquet hervorruft. Der Vorwurf des Egoismus, den man ihm macht, ſcheint mir abſurd. Der Egoismus ſucht niemals die Einſamkeit . . . im Gegentheil.“ „Warum das, wenn ich bitten darf?“ „Weil der Egoiſt das Bedürfniß empfindet ſich den Menſchen zu nähern, und wäre es auch nur um ſie zu ſeinen Opfern zu machen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Wolfrang, dem die Be⸗ merkung des Buchhändlers ſo wie der ſanfte und ernſte Ausdruck ſeiner Phyſiognomie einleuchten. Dann fügt er hinzu: „Ich bin überzeugt, daß der ſchlimmſte Fehler, den man in Ihren Augen haben kann, Egoismus iſt.“ „Ja, denn die Tugend, die ich vor allen andern ſchätze, iſt Hingebung, die ſich nöthigen Falls bis zum Opfer treiben läßt.“ „Und gleichwohl. „Vollenden Sie.“ „Ich will Ihnen ein ſehr impertinentes Geſtänd⸗ niß abl egen, Herr Luſthert “ verſetzt Wolfrang lächelnd. „Trotz Ihres Wiberwillens gegen den Egvismus habe ich Sie im Verdacht von dieſem Fehler ein wenig aneſtect zu ſein. Sehen Sie Kühnheit meiner Offenheit. Sie entſchuldigen och? . „Ganz gewiß,“ antwortet der Buchhändler, in⸗ 156 dem er ſeiner Seits lächelt. „Und warum haben Sie mich im Verdacht, daß ich einiger Maßen egoi⸗ ſtiſch ſei?“ „Ich beeile mich hinzuzufügen, daß ich bei Ihnen nicht den Menſchen dieſes Fehlers zeihe, ſondern den Bibliomanen. Nein, verzeihen Sie, dieſer Aus⸗ druck ſetzt eine Art von Manie voraus; ich wollte Bibliophil ſagen, denn das ſind Sie.“ „Ja, mit Leidenſchaft, mit Hartnäckigkeit, ich möchte faſt ſagen mit einem gewiſſen Ingrimm.“ „Da geſtehen Sie es alſo ſelbſt. Nun wohl, wenn Sie zufällig im ſtaubigen Geſtell eines Buch⸗ trödlers auf den Quais die erſte Ausgabe von Boc⸗ caccio finden ſollten, die, wenn ich mich nicht täuſche, im Jahr 1471 von Valdorf gedruckt worden iſt. . .“ „Das Datum iſt richtig,“ antwortet der Buch⸗ händler, höchlich überraſcht von Wolfrangs biblio⸗ graphiſcher Gelehrſamkeit. „Eines der ſeltenen Eremplare dieſer unſchätzbaren Ausgabe iſt ſogar im Jahr 1812 in London nach dem Tode des Her⸗ zogs von Worburg verkauft worden für. .. „Zweiundfünfzigtauſend und zweiundſiebzig Fran⸗ ken, wenn mein Gedächtniß treu iſt.“ „Vollkommen getreu,“ antwortet der Buchhänd⸗ ler, indem er Wolfrang mit neuem Erſtaunen an⸗ ſchaut; „und dieſes unvergleichliche Buch iſt nicht zu theuer bezahlt worden.“ „Wenn Sie alſo zufüllig die Exiſtenz eines ſol⸗ chen Schatzes entdecken ſollten, oder auch ein Exemplar der Zoucineſchen Bibel, die glaube ich im Jahr 1488 erſchien, oder noch beſſer die berühmte Bibel⸗ ausgabe, worin ſich der hebräiſche Tert der Po⸗ 157 lyglotte von Alcala befindet, die im Jahr 1514 in Amſterdam veröffentlicht wurde, nicht wahr?...“ „1514 von Dom Marcel,“ antwortet der Buch⸗ händler mit zunehmender Ueberraſchung. „Wie kommt es, mein Herr, daß Sie dieſe Ausgaben kennen?“ „Ei wahrhaftig, ich kenne noch ganz andere. Und die prächtige Bibel von Ben⸗Chajim, die er im Jahr 1525 in Venedig mit ſo großer Sorg⸗ falt herausgab? Und die Bibel von ...“ „Wahrhaftig mein Herr, um in Ihrer Jugend ſchon eine ſolche Gelehrſamkeit zu beſitzen, müſſen Sie von Kindheit an in den Bibliotheken aufgewach⸗ ſen ſein!“ ruft der Buchhändler naiv, während ihm Wolfrang dadurch, daß er einen Bibliophilen in ihm entdeckt hat, doppelt intereſſant erſcheint. „Es gibt keine hundert Leute in Paris, die auch nur um die Erxiſtenz dieſer Ausgaben wüßten, welche Ihnen ſo wohl bekannt ſind.“ „Sie überſchätzen mein geringes Verdienſt,“ ant⸗ wortet Wolfrang mit beſcheidenem Lächeln; „aber offen geſprochen, wenn Sie zufällig eine der Rari⸗ täten entdeckt hätten, welche die Bibliophilen noch ſchärfer bewachen, als der Geizhals ſeine Thaler, würden Sie dann nicht, wohlverſtanden einzig und allein in Beziehung darauf, einen etwas grimmigen Egoismus an den Tag legen, wie Sie ihn ſoeben ſelbſt zugegeben haben?“ „Ich werde Ihnen ſehr ſtolz vorkommen, mein Herr,“ ſagt Herr Lambert, „aber Sie appelliren an meine Aufrichtigkeit und ich antworte auf dieſen Appell. „Allerdings.“ „Nun wohl, ich habe in meiner Bibliophilen⸗Lauf⸗ 4 158 bahn einen herrlichen Zug aufzuzählen, herrlich aber blos in der Anſchauungsweiſe von Unſer einem . . . denn Sie gehören zu den Unſern, Herr Wolfrang, ich kann jetzt nicht mehr daran zweifeln, und ich wünſche mir Glück dazu.“ „Das iſt allzugroße Ehre für mich. Aber der Zug, von dem Sie ſprechen 2* „Hören Sie.“ „Die Sache iſt die,“ ſagt der Buchhändler. „Vor zehn Jahren ſtöberte ich einmal in der Bude eines armen Trödlers im Quartier du Marais herum, der unter andern Dingen Pergamente dem Gewicht nach verkaufte, und entdeckte da unter einem Haufen alter Ladenhüter ein Exemplar der Zouci⸗ neſchen Bibel, von der Sie ſo eben ſprachen. Denken Sie ſich meine Gemüthsbewegung. Nicht blos konnte ſich mein Fund auf ſieben bis acht Tauſend be⸗ laufen, für mich ein untergeordnetes Detail, ſondern das Exemplar war auch, und dieß iſt die Haupt⸗ ſache, nach meiner Anſicht das einzige in Frankreich! Herr Wolfrang, das einzige in Frankreich!“ „Bei dieſer Erinnerung ſtrahlt Ihr Auge noch jetzt, Herr Lambert; ah Sie haben das heilige Feuer!“ „Dieſe Erinnerung ruft mir allerdings meine Jugend zurück; ich befand mich damals in der Gluth unſerer gemeinſamen Leidenſchaft. Ich frage den Trödler, was er für die Bibel verlange, und er antwortet mir: vier Franken und fünfzig Centimes.“ „Dieß ſind die Tage, die roth angeſtrichen wer⸗ den im Leben, nicht wahr, Herr Lambert?“ „Dieß ſind die Tage der Herrlichkeit für einen Bibliophilen. Ich bezahle alſo die vier Franken 159 fünfzig Centimes und erſuche den Trödler, das Buch bis zu meiner Rückkehr zu behalten. Ich war da⸗ mals ein armer kleiner Buchhändler. Ich eile zu meinem Discontirer und bitte ihn, mir ſe Franken auf meine Unterſchrift vorzuſchießen, ich dieſe Bibel kaufen kann.“ Si entſchuldigen; Sie hatten ſie, ſollte ich glauben, bereits gekauft.“ „Ich hatte ſie bezahlt, damit der Trödler ſie an keinen andern mehr verkaufen konnte; aber ich würde mich wie ein Schurke benommen haben, wenn ich den armen Mann nicht ſpäter über den wirklichen Werth eines Buches aufgeklärt hätte, das er mir für weniger als fünf Franken überließ, und von dem ich wußte, daß es zum Mindeſten ſieben bis acht⸗ tauſend Franken werth war. Wenn ich dieſen Han⸗ del angenommen hätte, ſo hätte ich beinahe einen Diebſtahl begangen.“ „Ah mein Herr, Sie können ſich dieſes Be⸗ weiſes von einem höchſt ſeltenen Zartgefühl mit vollem Recht rühmen und .. „Ei wie, Sie glauben, ich wolle mich deſſen rühmen, Herr Wolfrang? Wie kann ich mir's zur Ehre anrechnen, die Unwiſſenheit dieſes Tröd⸗ lers nicht zu einem Diebſtahl nutttaicht zu haben? Sie ſpotten.“ „Aber dieſer vom Standpunkt eines Bibliophilen aus bewundernswürdige Zug, den Sie meinen?“ „Ich will ihn Ihnen, alle Beſcheidenheit bei Seite, erzählen: ich war zu meinem Bankier ge⸗ gangen in der Hoffnung, daß er mir die nothwen⸗ dige Summe zur Erwerbung dieſer Zouecineſchen 1 160 Bibel vorſchießen würde. Er weigert ſich. Auf ihm beruhte meine einzige Hoffnung, denn ich genoß ſonſt keinen Credit. Jetzt kam mir, ich geſtehe es, eine abſcheuliche Verſuchung, nämlich nicht zu dem Trödler zurückzukehren und ihm mein Geld ſammt der Bibel zu laſſen, denn ich kannte ihn als einen ehrlichen Mann, der unfähig war, ein mir gehö⸗ rendes Buch an einen Andern zu verkaufen. Alſo wird dieſer Schatz vergraben bleiben; er entgeht mir, aber es wird ihn auch kein Anderer beſitzen, ſagte ich zu mir mit jenem wilden Egoismus, auf welchen Sie ſo eben anſpielten. Aber bald ließ ſich die Stimme des Gewiſſens vernehmen; ich machte mir Vorwürfe, daß ich auf dieſe Art den braven Mann um ein kleines Vermögen betrüden und eines der koſtbarſten Erzeugniſſe der Buchdruckerkunſt imn fünfzehnten Jahrhundert der Bewunderung der Bib⸗ liophilen entziehen wollte. Ich ging in die könig⸗ liche Bibliothek; ich kannte einen der Bibliothekare, der mit der Aufkaufung koſtbarer Werke beauſtragt war, erzählte ihm meinen Fund und ſagte, daß der Eigenthümer dieſer Bibel ihren Werth nicht kenne. Ich klärte indeß den Trödler darüber auf. Er gab mir meine vier Franken fünfzig Centimes zurück. Die königliche Bibliothek bezahlte die Zoucineſche Bibel mit ſiebentauſend fünfhundert Franken, und ich hatte die ſtolze Befriedigung denken zu kön⸗ nen, daß Frankreich die Erhaltung dieſes bibliogra⸗ phiſchen Schatzes mir verdanke.“ „Und ſpäter ſollte ein Schatz von Schönheit, Anmuth und Aufrichtigkeit Sie für dieſes Zartgefühl und das große Opfer, das Sie der Wiſſenſchaft 161 brachten, belohnen, Herr Lambert,“ ſagt auf einmal Sylvia, die ſeit einigen Augenblicken ſtille geworden war, und nebſt Francine Lambert dem Geſpräch zwiſchen Wolfrang und dem Buchhändler aufmerſam zugehört hatte, „und jetzt,“ fügt ſie hinzu, „wundere ich mich nicht mehr über die Rührung, womit Ihre liebenswürdige Gemahlin zu mir ſagte: Das Herz meines Mannes iſt gediegen Gold.“ „Sie hörten uns zu, und das freut mich,“ ant⸗ wortet Wolfrang, indem er ſich der Cauſeuſe nähert, wo die beiden jungen Damen ſitzen. „Geſtehen Sie, daß das ausnehmende Zartgefühl, das ſich in dieſer Handlung beurkundet, vielleicht noch übertroffen wird durch die rührende Beſcheidenheit, womit Herr Lam⸗ bert die Sache erzählt.“ „Und würden Sie es glauben, Madame, daß ſogar ich ſelbſt von dieſer Handlung nichts wußte, die meinem Mann ſo viel Ehre macht?“ fügt Fran⸗ eine in ihrer Freude über das dem Buchhändler ge⸗ ſpendete Lob naiv hinzu; „dagegen weiß ich andere Handlungen von ihm, die noch ſchöner ſind, ja Madame, noch ſchöner als dieſe, und wenn ich Ihnen erzählen wollte, wie ich .. „Mein liebes Kind, ich bitte Dich um Alles,“ ſagt Herr Lambert, indem er ſeine Frau in einem Ton ſanfter väterlicher Autorität unterbrach, laß uns das Wohlwollen nicht mißbrauchen, das Herr und Madame Wolfrang uns zu bezeugen die Güte hatten .. „Ich ſchweige, lieber Mann,“ ſagt Francine er⸗ röthend und die Augen niederſchlagend; „verzeihen Sie, Madame.“ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. 11 — 1 1 2 162 „Pfui mein Herr, Sie bringen dieſe liebe Ma⸗ vame Lambert in Verlegenheit,“ verſetzt Sylvia. Dann wendet ſie ſich heiter an Francine: „Sie müſſen ſich dieſer unerträglichen Tyrannei entziehen. Kommen Sie eines Morgens zu mir und ſagen Sie mir dann ohne Zwang alles Gute, was Sie von dieſem böſen Manne denken, oder vielmehr, da Ihre Geſchäfte Sie in Ihrem Laden aufhalten können, ich dagegen frei über meine Zeit verfüge, ſo will ich Sie aufſuchen; ſeien Sie ruhig, wir wollen nach Herzensluſt über dieſen garſtigen Herrn Lambert losziehen. Ei wie! er begeht zu⸗ weilen duckmäuſeriſch die edelſten rührendſten Hand⸗ lungen, und dieſer Heuchler will nicht dulden, daß man ihm die Maske abreißt! Nun wohl, wir em⸗ phren uns und wollen ihn entlarven, nicht wahr?“ „O ja, Madame; in dieſer Beziehung bin ich feſt entſchloſſen mich zu empören“, antwortet Fran⸗ cine, die immer mehr dem Zauber Sylvia's unter⸗ liegt und ſich ihr mit vollem Vertrauen hingibt. Dann wendet ſie ſich an den Buchhändler mit den Worten: „Du hörſts, lieber Mann, Du ſollſt wenigſtens mit dem Complott nicht unbekannt ſein.“ „In der That, liebes Kind, iſt hier ein Com⸗ plott vorhanden,“ antwortet Herr Lambert lächelnd und bewegt zugleich; „Herr und Modame Wolf⸗ rang haben complottirt, einen armen Buchhändler und ſeine Frau in wenigen Augenblicken durch ihre bezaubernde Leutſeligkeit aufs Vollſtändigſte zu ge⸗ winnen, mit einem Wort ihnen dieſen Abend, den wir in unſerer Unerfahrenheit mit der großen Welt ſehr fürchteten, ſo angenehm als möglich zu machen, 163 und wahrhaftig, das Complott iſt über alle Erwar⸗ tung geglückt.“ Dann fügt er ernſthaft hinzu: „Liebe Francine, laß uns dem Zufall danken, der uns zur Bekanntſchaft mit Herrn und Madame Lolfrang verholfen hat.“ „Der Gott Zufall wird auch unſere Dankſagung empfangen, mein lieber Herr Lambert,“ verſetzt Wolfrang, „denn ich ſage Ihnen ganz aufrichtig, Sylvia und ich ſind entzückt über den Umſtand, der uns zuſammenführte, und laſſen Sie mich glauben, daß unſere Verbindung von Dauer ſein werde. Dann bin ich auch einiger Maßen Ihr unwürdiger Collega in der Bibliomanie.“ „Unwürdig! Ach mein Herr, wenn ich nach den Proben Ihrer Gelehrſamkeit ſchließen will, ſo kön⸗ nen Sie es mit allen Buchhändlern vom alten Schlag aufnehmen,“ antwortet Herr Lambert treu⸗ herzig, „und wenn Sie mich mit einem Beſuch be⸗ ehren, ſo werde ich Ihnen einige Exemplare vor⸗ ſSen die, ohne Eitelkeit geſprochen, merkwürdig ſin 4 Einer der Kammerdiener meldet in dieſem Au⸗ genblick hinter einander: „Herr und Madame Borel!“ „Herr Alexis Borel!“ „Herr von Saint⸗Proſper!“ Da Sylvia ſich von der Cauſeuſe erhoben hat, um Madame Borel zu empfangen, ſo macht der Buchhändler ſeiner Frau ein Zeichen und ſchict ſich 11 164 an, den Salon zu verlaſſen, aber Wolfrang, der Herrn Lamberts Abſicht erräth, ſagt zu ihm: „Ich bitte Sie um Alles, verlaſſen Sie uns noch nicht; ich bin überzeugt, Madame Lambert wird mit größtem Vergnügen Mademoiſelle Anto⸗ nine Jourdan hören.“ „Dh gewiß, mein Herr,“ antwortet Francine. Aber plötzlich wird die junge Frau purpurroth, unterbricht ſich, und beim Gedanken an Herrn von Luxeuil antwortet ſie, indem ſie kaum zu ihrem Mann aufzublicken wagt: „Gleichwohl . . . iſt es . . ſchon ſpät . . .“ „Ach Madame, es iſt kaum halb zehn Uhr,“ verſetzt Wolfrang, „und um Sie vielleicht eher zum Bleiben zu beſtimmen, will ich hinzufügen, daß Sylvia heute Abend ſingen wird, und daß Sie es vielleicht nicht bereuen werden, uns einige Augen⸗ blicke mehr geſchenkt zu haben.“ „Einem ſo liebenswürdigen Drängen können wir unmöglich widerſtehen,“ antwortet der Buchhändler; „wir werden alſo bleiben, Herr Wolfrang, und wir wollen noch überdieß eine Handlung der Menſchen⸗ liebe ausführen,“ fügt Herr Lambert lächelnd hin⸗ zu: „wir wollen dem armen Herrn Dubousquet ein wenig Geſellſchaft leiſten, der aus Menſchenſcheu in der Bibliothek bleibt, auf welche ich jetzt auch gern einen Blick werfen möchte; dieſer Umſtand ſchmälert die Verdienſtlichkeit meines Benehmens gegen unſern Nachbar.“ Der Kammerdiener meldet in dieſem Augenblick: „Herr von Luxenil!“ . Bei dieſem Namen fährt Frau Lambert zuſam⸗ 165 men und wird Anfangs roth; dann erblaßt ſie ein wenig und ſagt mit bebender Stimme zu dem Buch⸗ händler, indem ſie nach der Bibliothek zugeht: „Komm lieber Mann, laß uns dieſem armen Herrn Dubousquet Geſellſchaft leiſten.“ Herr Lambert hat die plötzliche Aufregung Fran⸗ eines nicht bemerkt. Er begibt ſich mit ihr in die Bibliothek, während Wolfrang zu Sylvia zurück⸗ geht, um ihr beim Empfang der neuen Gäſte bei⸗ zuſtehen. XVI. Herr und Madame Borel, ihr Sohn Alexis, Herr von Saint⸗Proſper und Herr von Luxeuil ſind bei ihrem Eintritt in den Salon von Wolfrang und Sylvia aufs Höflichſte empfangen worden. Die Frau des Bankiers hat neben Sylvia Platz genom⸗ men. Er ſelbſt und ſein Sohn haben ſich neben einander auf Stühle geſetzt, nicht weit von Herrn von Saint⸗Proſper, dem Gründer der Alimentar⸗ ſtiftung für die erſte Kindheit. Herr von Luxeuil wirft, nachdem er der Gebie⸗ terin des Hauſes ſein Compliment gemacht, einen neugierigen Blick gegen die Bibliothek hin, in welche er Madame Lambert eilig gehen ſah, ſobald er ſelbſt im Salon gemeldet worden. Die Aufgabe Wolfrangs und Sylvias iſt ſchwer und mühſam; ſie müſſen zwiſchen Perſonen, die einander gänzlich fremd und denen ſie Beide ſelbſt 166 unbekannt ſind, ein allgemeines Geſpräch einleiten und im Gang halten. Wolfrang, der am Kamin ſteht, nimmt vom Marmor deſſelben eines der Abendjournale und ſagt zum Bankier: „Haben Sie den Meſſager von heute Abend geleſen, Herr Borel?“ Herr Borel. — „Nein.“ Wolfrang. — „Und Sie, Herr von Saint⸗ Proſper, haben Sie dieſes Journal geleſen?“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Nein.“ Wolfrang. — „Und Sie, Herr von Luxeuil?“ Herr von Luxeuil. — „Auch nicht.“ Madame Borel. — „Was gibt es denn ſo Intereſſantes in dieſem Journal?“ Wolfrang. — „Eine gerechte Huldigung gegen die drei Herren, die ich ſo eben zu nennen die Ehre hatte, und dieſe Huldigung erſtreckt ſich auch auf Sie, Madame.“ Madame Borel (überraſcht). — „Auf mich? Bitte, erklären Sie ſich.“ Wolfrang. — „VWollen Sie mir erlauben, Ihnen die Stelle vorzuleſen, auf die ich anſpiele?“ Madame Borel. — „Gewiß.“ Volfrang (liest). — „Heute hat das Finanz⸗ miniſterium Einſicht von den Offerten genommen, welche die Bankhäuſer, die ſich um das von der Regierung ausgeſchriebene Anlehen bewarben, ver⸗ ſiegelt niedergelegt hatten. Das Haus Borel und Sohn von Lyon hatte die für den Staat vortheil⸗ hafteſten Bedingungen gemacht, und ſomit iſt das Anlehen ihm zugeſchlagen worden.“ — „—— Herr Borel. — „Allerdings mein Hert, h Wolfrang. — „Bitte tauſendmal um Ver⸗ zeihung, daß ich Sie unterbreche. Dieſe wenigen Zeilen beziehen ſich nur auf die Thatſache, und ich wünſchte hauptſächlich die Commentare zu leſen. (Liest weiter:) Wir freuen uns, daß dieſes bedeu⸗ tende Anlehen dem Haus Porel und Sohn zuge⸗ ſchlagen worden iſt. Der Chef deſſelben verdankt ſein unermeßliches Vermögen ſeiner gründlichen Geſchäftskenntniß und, was in unſerer Zeit weit ſeltener iſt, der bedenklichen ja ſogar argwöhniſchen Gewiſſenhaftigkeit, welche er ſtets an den Tag ge⸗ legt hat. ..“ Herr Borel (verlegen). — „Bitte mein Herr, die Uebertreibung dieſer Lobſprüche . . .“ . Sylvia (zu Madame Borel). — „Warum muß doch dem ausgezeichnetſten Verdienſt ſtets die Zu⸗ verſicht mangeln, welche der Nichtigkeit oder Lächer⸗ lichkeit niemals abgeht? Warum müſſen Lente, die in gewöhnlichen Sachen gerecht und billig ſind, wie Herr Borel, ſich auf einmal einer handgreiflichen Ungerechtigkeit ſchuldig-machen, wenn es ſich darum handelt, ihnen ſelbſt Recht widerfahren zu laſſen?“ Madame Borel (lächelnd zu ihrem Mann), — „Hörſt Du, lieber Mann, was Madame ſagt? und ich füge auf die Gefahr Dir zu mißfallen hinzu, daß ich ihre Anſicht vollkommen theile.“ Aleris Borel. — „Und ich verbinde mich mit Madame und meiner Mutter, um Herrn Wol⸗ frang zu bitten, daß er den Artikel zu Ende leſe.“ Herr von Luxeuil. — „Auch ich dringe auf die Weiterleſung, (bei Seite) damit man doch ein⸗ mal an den Artikel kommt, der mich betrifft. Was Teufels mag man in dieſem Journal von mir ſagen? Jedenfalls kann es nur ſehr ſchmeichelhaft ſein; darum wünſchte ich auch, daß die kleine Lam⸗ bert da wäre und das Ding hörte. Das wird das Köpfchen noch mehr verdrehen. (Mit einem Blick auf Sylvia) Wahrhaftig, Madame Wolfrang iſt das bezauberndſte Geſchöpf, das ich noch je getroffen habe; (überlegend und ſich in ſeiner Cravatte blä⸗ hend) man wird ſehen, man wird ſehen.“ Herr von Saint⸗Proſper (zu Herrn Bo⸗ rel). — „Ach mein Herr, wie freue ich mich mit einem ſolchen Mann, wie Sie ſind, unter demſelben Dache zu wohnen!“ 6 Herr Borel (verlegen). — „Wahrhaftig mein err „Herr von Saint⸗Proſper (bei Seite). — „Welch einen Subſcribenten für meine Stiftung werde ich in dieſem Millionär gewinnen!“ Wolfrang. — „Da dieſe Damen es wünſchen, ſo fahre ich fort. (Liest:) Und was in unſerer Zeit ſelten iſt, die bedenkliche ja ſogar argwöhniſche Ge⸗ wiſſenhaſtigkeit, welche Herr Borel in ſeinen Finanz⸗ operationen ſtets bewieſen hat, iſt in Lyon ſprich⸗ wörtlich geworden. Fügen wir endlich hinzu, daß Herr Borel den großherzigſten Gebrauch von ſeinem Bermögen macht, und um ſeine würdige Lebensge⸗ fährtin mit einem einzigen Wort und einem einzi⸗ gen Zug zu zeichnen, wollen wir ſagen, daß die armen Claſſen in Lyon ſie nur die barmherzige Dame nennen. Dieſer Zuname ... 169 Madame Borel (erröthend). — „Ich bitte Sie um Alles, mein Herr .. . Sylvia (heiter zu Herrn Borel). — „Der Augenblick der Rache iſt gekommen.“ Herr Borel (ächelnd). — „Und nun beſtehe ich auch darauf, daß Herr Wolfrang gefälligſt den Artikel zu Ende leſe.“ Aleris Borel. — „Mein Vater bramarbaſirt, weil er nichts mehr zu fürchten hat.“ Herr von Saint⸗Proſper (mit Enthuſias⸗ mus). — „Die barmherzige Dame! Dieſer Zu⸗ name enthüllt ein ganzes Leben, das dem Dienſte des Unglücks geweiht iſt. (Zu Madame Borel:) Ach, Madame, dieſe armen Leute, deren Engel des Txo⸗ ſtes Sie ſind, bezahlen ihre Schuld dadurch, daß ſie Ihnen Alles geben, was ſie beſitzen, nämlich ihr Herz.“ Madame Borel. — „Ihre Dankbarkeit be⸗ lohnt mich auch hundertfach für das Wenige, das ich für ſie thue.“ Herr von Saint⸗Proſper (bei Seite). — „Welche ſaftige Patronin für meine Stiftung!“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Wahr⸗ haftig, Madame Wolfrang cokettirt mit mir; ſie ſchaute mich ſchon zweimal auf eine Art an . . . Wie Schade, daß die kleine Lambert nicht da iſt! Ein bischen Eiferſucht wäre für ſie ein mächtiger Sporn und würde meine Angelegenheiten bedeutend fördern. Ich muß ſie doch ſogleich aufſuchen.“ Wolfrang (zu Madame Borel). — „Ei Ma⸗ dame, Sie müſſen ſich in Ihr Schickſal ergeben; (er liest) und um ſeine würdige Lebensgefährtin mit 170 einem einzigen Wort und einem einzigen Zug zu zeichnen .. Madame Borel. — „Bitte um Entſchuldigung, mein Herr, Sie haben das ſchon geleſen.“ Sylvia. — „Was wollen Sie, Madame? Wolfrang handelt ein wenig wie diejenigen, deren Vorſehung Sie ſind; er gefällt ſich darin, das Gute zu wiederholen, das Sie thun.“ Madame Borel (halb lächelnd und bewegt). — „Hören Sie, Madame, Sie ſind ſehr gefährlich. . . Sie werden mich zuletzt noch lobſüchtig machen; ich bedaure jetzt, daß ich Herrn Wolfrang unterbrochen habe; dieß wird mir nicht mehr widerfahren und ich erſuche ihn den Artikel zu Ende zu leſen.“ Aleris Borel (leiſe zu ſeinem Vater). „Welche Feinheit, welche ſchöne Grazie in jedem Wort, das Madame Wolfrang ſpricht, welch ein herrliches junges Weib!“ Herr Borel (leiſe zu ſeinem Sohn). — „Ein Engel! ein Engel! Sie hat zu Deiner Mutter einige Worte geſagt, die mich tief gerührt haben.“ Wolfrang. — „In der Vorausſicht, daß ich nicht mehr unterbrochen werde, vollende ich. (Liest) Wir wollen ſagen, daß die armen Klaſſen in Lyon ſie nur die barmherzige Dame nennen. Dieſer Zuname iſt vollkommen gerechtfertigt und zwar nicht blos durch die bedeutenden Almoſen, welche Madame Borel ſpendet, ſondern auch durch den rein morali⸗ ſchen Beiſtand, durch die Tröſtungen, Rathſchläge und Aufmunterungen, wodurch ſie mit unermüdlicher Thätigkeit die Gegenſtände ihrer großherzigen Unter⸗ ſtützung wiederaufrichtet.“ ———— — In dieſem Augenblick blickt Sylvia, die zu viel Takt beſitzt, um Lobſprüche zu wiederholen, welche Madame Borel in Verlegenheit bringen könnten, ſie mit inniger Rührung an, ergreift mit allerliebſter Zuthulichkeit ihre Hand und drückt ſie voll Zärt⸗ lichkeit. Dieſer neue und beſcheidene Beweis von Sympathie rührt die Bankiersfrau und ſie erwidert Sylvia's herzlichen Händedruck. Dieſe ſtille Cpiſode, die nur von Alexis Borel bemerkt worden iſt, hat die Lectüre nicht unter⸗ welche Wolfrang folgendermaßen beendigt hat: „Endlich wiſſen alle diejenigen, die einige Be⸗ ziehungen zu dieſem Haus haben, daß Herr Aleris Borel in jeder Beziehung würdig iſt, den mit Recht ſo allgemein verehrten Namen ſeines Voters zu führen.“ Sylvia (ſehr verbindlich zu Alexis Borel, der vor Beſcheidenheit roth geworden iſt). — „Beruhigen Sie ſich, mein Herr, wir werden das Ende dieſes Artikels in Bezug auf Sie nicht commentiren. Liegt nicht Alles in der Erklärung, daß Sie würdig ſeien den Namen Ihres Herrn Vaters zu führen?“ Herr von Luxeulil (bei Seite). — „Sie iſt verdammt cokett, dieſe Madame Wolfrang! Sie wirft mir mörderiſche Blicke zu und ſucht es auch dieſem jungen Bürſchchen da anzuthun. Aber wahr⸗ haftig, ich habe noch nie etwas Vollſtändigeres, noch nie etwas Betäubenderes geſehen, als die Schönheit dieſer Madame Wolfrang! Sie hat Race bis an die Nagelſpitzen, und ſie macht die Honneurs ihres Salons, wie eine ſehr große Dame. Dieſe 172 Eroberung iſt meiner würdig, und mittelſt der klei⸗ nen Madame Lambert werde ich heute Abend ein doppeltes Spiel hier ſpielen.“ Während dieſes Monologs des jungen Stutzers hat Wolfrang zu Madame Borel und Sylvia geſagt: „Ach, meine Damen, wenn dieſe eigenſinnigen Athener doch auf Tenophon's Rath gehört hätten!“ Madame Borel (erſtaunt, dann lächelnd). — „Die Athener? Tenophon? Und bei welcher Ge⸗ legenheit?“ Wolfrang. — „Bei Gelegenheit von Herrn Borel's Bankhaus.“ Herr Borel (heiter). — „Und welche Be⸗ ziehung, ich bitte Sie, kann zwiſchen meinem Hauſe, den Athenern und Kenophon ſtattfinden?“ Herr von Luxeuil (entzückt über den Witz, den er machen will, und ſeine prächtigen Zähne zeigend). — „Famöſes Rennpferd, dieſer Fenophon! er hat 1829 den Derbypreis gewonnen; er war Sohn des . . . Wolfrang. — „Sohn des Sir Ralph von In⸗ cantator und der Ophelia von Ellen⸗Mare, und er gehörte dem Lord Yarborough; aber dieß iſt nicht gerade derſelbe Tenophon, von dem ich mit Herrn Borel zu ſprechen die Ehre habe.“ Herr von Lureuil. — „Ich weiß wohl; es war nur ein Scherz, mein lieber Herr. (Bei Seite) Verdammt! Herr Wolfrang kann ſein stud book an den Fingern herſagen, offenbar iſt er ein wahrer Sportsman.“ Aleris Borel (bei Seite, mit einem Blick auf Herrn von Lureuil). — „Dieſer große Geck iſt mir 173 unausſtehlich. Welche Dünkelhaftigkeit! welche Zu⸗ verſichtlichkeit!“ Herr Borel (zu Wolfrang). — „Sie haben unſere Neugierde in Bezug auf Kenophon und mein Bankhaus lebhaft angeregt. (Heiter) wir fordern Sie auf unſere Neugierde zu befriedigen. Madame Borel. — „Allerdings; es wäre ſonſt ſehr grauſam von Ihnen.“ Wolfrang (lachend). — „Es wäre im Gegen⸗ theil Großmuth von meiner Seite, Madame, wenn ich ſchwiege und Sie mit einer Sache verſchonte, welche für den Empfänger das langweiligſte und pedantiſchſte, für den Geber aber das lächerlichſte Ding von der Welt iſt, nämlich mit einer Art von Beſchichtsvorleſung.“ Sylvia. — „Gleichviel, Wolfrang, dieß ſoll Deine Strafe ſein für Dein Gefaſel über Tenophon, die Athener und was weiß ich.“ Wolfrang. — „Es ſei, zu meiner Strafe, und ſie iſt grauſam, werde ich Sie langweilen, meine Damen. Sie wiſſen, daß weder bei den Römern noch bei den Griechen Bankhäuſer exiſtirten; ſie deponirten ihr Geld theils im delphiſchen, theils im olympiſchen Tempel und gaben es den dortigen Prie⸗ ſtern in Verwahrung.“ . Madame Borel. — „Dieſe geſchichtlichen Thatſachen waren mir gänzlich unbekannt und ich bin hoch erfreut ſie zu erfahren.“ Herr Borel (ſehr aufmerkſam). — „Und ich noch weit mehr. Die Sache iſt für mich in meiner Eigenſchaft als Finanzmann vom höchſten Intereſſe.“ Herr von Saint⸗Proſper (bei Seite). — 174 „Herr Wolfrang ſcheint ein famöſer Gelehrter zu ſein.“ Wolfrang. — „Da nun Fenophon's Genius den unermeßlichen Vortheil geahnt hatte, welchen die Einrichtung ſolcher Bankhäuſer, zu deren ehren⸗ wertheſten Vertretern Herr Borel in dieſem Augen⸗ blick gehört, bringen mußte, ſo begriff er auch ſchon damals vollkommen, was heut zu Tage zu den Elementarbegriffen in den Finanzen gehört: daß die Depoſitenbank Scheine gibt und Geld annimmt, während die Disconto⸗ oder Circulationsbank Geld gibt und Scheine annimmt.“ err Borel. — „Die Sache ließe ſich un⸗ möglich klarer darſtellen. (Leiſe zu ſeinem Sohn.) Es iſt erſtaunlich, wie dieſer junge Mann, der, nach ſeinem Benehmen zu ſchließen, offenbar den vor⸗ nehmſten Klaſſen der Geſellſchaft angehört, die Finanz⸗ frage ſeit dem Alterthum bis auf unſere Tage ſo gründlich durchſtudirt hat.“ Wolfrang. — „enophon machte alſo den Athenern den Vorſchlag eine Bank zu gründen, deren Capital durch Subſcription zuſammengebracht würde. Die Idee wurde mit Begeiſterung aufge⸗ nommen, aber die Prieſter des delphiſchen Tempels, bisher die alleinigen Bewahrer von niedergelegten Geldern, welche ſie jetzt andern Händen hätten über⸗ liefern müſſen, fanden den Finanzplan äußerſt im⸗ pertinent, erklärten ihn für frech, aufwiegleriſch und im höchſten Grad ruchlos; ja ſie bedrohten die Athener mit dem Zorn der Götter, wenn ſie ſich's einfallen ließen, auf Tenophon's Rathſchläge zu hören. Die Betrüger behielten Recht gegen den 175 genialen Mann. Seine großen Pläne ſcheiterten, aber ohne die eiferſüchtige Habgier dieſer Prieſter hätte die Welt ſchon ſeit Tauſenden von Jahren eine andere Geſtalt gewonnen, denn Bankhäuſer wie das von Herrn Borel würden, wenn ſie ſchon in jener fernen Zeit exiſtirt hätten, die Production, die Induſtrie, den Handel, den Reichthum der Staa⸗ ten verhundertfacht haben vermöge der Allmacht des Credits. Der Credit ſichert meines Erachtens den modernen Nationen dieſelbe Ueberlegenheit gegenüber dem Alterthum, welche der Gebrauch der Feuer⸗ waffen einſt den Europäern gegenüber den Wilden verſchaffte.“ Herr Borel (enthuſiasmirt). — „Mein Herr, dieſes bewundernswürdige Axiom ſollte mit goldenen Lettern in den Giebel der Börſe eingeſchrieben wer⸗ den, denn es faßt die ganze Finanzwiſſenſchaft in ſich.“ Wolfrang. — „Unglücklicher Weiſe iſt es gar zu lang unbekannt geblieben. Erſt im Mittelalter, im Jahr 1171 glaube ich, wurde in Venedig die erſte Depoſitenbank gegründet; dann kam die von Barcelona im Jahr 1349. Aber ich bitte tauſend⸗ mal um Verzeihung, meine Damen, es iſt ſchon genug, ſchon zu viel Gelehrſamkeit preisgegeben worden; meine einzige Entſchuldigung liegt in mei⸗ nem Wunſch, Herrn Borel zu überzeugen, daß ich ſo glücklich bin, die unermeßlichen Verdienſte, die eine Profeſſion, worin er einen ſo hohen Rang ein⸗ nimmt, den Staaten geleiſtet hat, in ihrem vollen Werthe ſchätzen zu können.“ Mabame Borel. — „Glauben Sie mir, mein Herr, ich bin Ihnen ſehr erkenntlich dafür, daß 176 Sie mir ſo zu ſagen mit einigen Worten die hohe Wichtigkeit der Profeſſion meines Mannes und mei⸗ nes Sohnes begreiflich gemacht haben.“ Herr Borel (zu Wolfrang). — „Aber, mein Herr, Sie haben alſo die Finanzwiſſenſchaft ſpeciell ſtudirt?“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Herr Wol⸗ frang iſt offenbar ein gründlicher Nationalöconom und ſeine Gelehrſamkeit. .. Wolfrang. — „Meine Gelehrſamkeit würde ich, wenn ich das Glück hätte irgend welche zu be⸗ ſitzen, herzlich gern gegen den ſo großherzig prakti⸗ ſchen Sinn austauſchen, welchen Sie, Herr von Saint⸗Proſper, in Ihrer rührenden Stiftung bekun⸗ det haben. Dieſes Journal bringt Ihrem Werth eine gerechte Huldigung dar. Ich zweifle nicht, daß die Damen meine Geſinnung theilen werden, wenn ſie hören, was hier ſteht. (Er ſchickt ſich an zu leſen.) Hören Sie gefälligſt, meine Damen.“ Herr von Luxeuil. — „Erlauben Sie, daß ich Sie unterbreche, mein Herr; ich erkläre, daß wir uns als abſcheuliche Egoiſten benehmen. (Er lacht und zeigt ſeine ſchönen Zähne.) Wir ſprechen von guten Werken und wir haben nicht die mindeſte chriſtliche Liebe .. Sylvia. — „Wirklich? und wie ſo, mein Herr?“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Welch ein Blick! Sie hat Feuer gefangen! (Laut.) Wir verſprechen uns ein großes Vergnügen von der An⸗ hörung des Artikels, welchen dieſes Journal über Herrn von Saint⸗Proſper zum Beſten gibt, und Herr und Madame Lambert, die ich ſo eben in den 177 anſtoßenden Salon treten ſah, werden dieſer Lectüre nicht beiwohnen; ich will ſie alſo holen. (Zu Sylvia mit ſieghafter Miene.) Sie werden geſtehen, daß auch ich ein famöſer Philanthrop in meiner Art bin.“ Sylvia (lächelnd). — „Ich gefalle mir in Glauben, daß Sie in allen Arten vollkommen ſind.“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Sie will mich anlocken; offenbar hat ſie es auf mich abge⸗ ſehen. (Laut.) Ich gehe alſo, Madame, um meine philanthropiſche Rolle auszuführen und Herrn und Madame Lambert hieher zu bringen.“ (Er tritt in die Bibliothek.) Aleris Borel (bei Seite). — „Welch ein dummer und impertinenter Kerl! Er ſchaut jeden Augenblick Madame Wolfrang mit einer grenzen⸗ v Frechheit an, die mich um ſeinetwillen erröthen macht.“ XVII. Herr von Luxeuil kommt aus der Bibliothek, indem er galant Francine Lambert am Arm führt. Sie zittert vor Verlegenheit und iſt ſehr roth. Herr Lambert bemerkt nichts von der Aufregung, welche ſie zu verbergen bemüht iſt, ſondern ärgert ſich, daß man ihn im Studium einiger intereſſanter Werke, die er in der Bibliothek gefunden, geſtört hat. Herr von Luxeuil beeifert ſich, Madame Lam⸗ bert einen Lehnſtuhl zu bieten; ſie ſetzt ſich beinahe Sue, Geheimniſſe d. Kopfliſſens. 12 17⁸ mechaniſch, denn ſie hat ganz ihre Faſſung verloren. Dieſer Stuhl iſt von der Cauſeuſe, wo Madame Borel und Sylvia ſitzen, entfernt genug, daß Fran⸗ eine nach der Berechnung des jungen Stutzers das Treiben mitanſehen kann, das er im Sinne hat. Der Buchhändler ſetzt ſich neben Aleris Borel. Sylvia (zu Madame Lambert). — „Wir ſind Herrn von Luxeuil zu Dank verpflichtet, liebe Ma⸗ dame, daß er den guten Einfall gehabt hat, Sie und Herrn Lambert Ihrer Einſamkeit zu entreißen.“ Madame Lambert (verlegen). — „Ma⸗ dame .. Herrvon Luxeuil (ſtellt einen niedern Stuhl an die Lehne der Cauſeuſe und ſetzt ſich ſo, daß er ganz nahe bei Sylvia iſt, welche ihm halb den Rücken zukehrt und die er mit einer entſchiedenen Froberersmiene anredet). — „Ich bin ſo eben im Begriff geweſen, Sie um Hilfe anzurufen, Ma⸗ dame.“ „Und aus welcher Veranlaſſung, mein Herr?“ Herr von Luxeuil. — „Ich habe Herrn und Madame Lambert ohne allzugroße Mühe beſtimmt, hieher zurückzukommen; dagegen ſind meine rein philanthropiſchen Verſuche ſchmählich geſcheitert bei dem würdigen Herrn, der ſeinen Hund unter ſeinem Stuhl hat. Um den Widerſtand dieſes Starrkopfes zu brechen, wäre Ihre Gegenwart, Madame, (lachend und ſeine ſchönen Zähne zeigend) nöthig geweſen, denn Sie müſſen Alles können, was Sie nur wollen.“ Sylvia (boshaft). — „Ach, mein Herr, wenn ich dieſe Macht hätte, wie viele Metamorphoſen würde es dann geben!“ Herr von Luxeuil (lachend und ſeine Zähne zeigend). — „Sie ſagen dieß gewiß in Beziehung auf mich, nicht wahr?“ Sylvia (zu Madame Borel). — „Ich frage Sie, Madame, wäre es nicht ſehr Schade, wenn man Herrn von Luxeuil metamorphoſirte?“ Madame Borel (lächelnd). — „In der That, wir könnten bei dieſer Veränderung nur verlieren.“ Herr von Luxeuil (ſehr vergnügt, die Aus⸗ ſtellung ſeiner Zähne fortſetzend und einen Blick auf Sylvia werfend). — „Ich werde mich alſo begnü⸗ gen, Madame, ſo zu bleiben wie ich bin, da ich die Ehre habe, Ihnen auf dieſe Art anzuſtehen.“ Aleris Borel (bei Seite). — „Dieſer unver⸗ ſchämte Eſel hat die Antwort von Madame Wolf⸗ rang für ein Compliment genommen.“ Madame Lambert (bei Seite mit peinlicher Ueberraſchung). — „Wie vertraulich Herr von Lu⸗ reuil mit Madame Wolfrang ſpricht, wie er ſie an⸗ ſieht! Warum hat er denn uns geholt, wenn er ſich nür mit ihr beſchäftigen will?“ Wolfrang. — „Jetzt, meine Damen, will ich, wenn Sie erlauben, den Artikel über Herrn von Saint⸗Proſper vorleſen.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Wenn es ſich nur um meine beſcheidene Perſönlichkeit han⸗ delte, ſo würde ich Herrn Wolfrang bitten dieſen Artikel zu überſchlagen, aber ich muß mich in ſeine Anhörung ergeben, weil er eine Frage behandelt, welche ich der Theilnahme dieſer Damen würdig glaube; gleichwohl proteſtire ich zum gegen 1 180 die allzu ſchmeichelhaften Ausdrücke, welche dieſer Artikel in Bezug auf mich enthalten mag.“ Wolfrang. — „Nun meine Damen, ich be⸗ ginne.“ Herr von Soint⸗Proſper nimmt eine Haltung voll Beſcheidenheit an. Sein Ellbogen iſt auf den Arm ſeines Lehnſtuhls geſtemmt, ſeine Stirne auf ſeine Hand geneigt und ſein Blick auf den Boden geheftet. Herr Wolfrang liest: „Wir lenken die Aufmerkſamkeit unſerer Leſer und beſonders unſerer Leſerinnen von Neuem auf ein Unternehmen, wovon wir ihnen bereits erzählt haben, und das nach unſerem Dafürhalten einer der ärmſten und intereſſanteſten Claſſen der Geſellſchaft ausgezeichnete Dienſte leiſten muß. 2 „Schon der Name des Unternehmens zeigt ſeine hohe Bedeutung an und wir ſetzen ihn hieher: „Alimentation für die erſte Kindheit. Mild⸗ thätige Subſcription, eröffnet unter der Leitung des Herrn von Saint⸗Proſper und unter dem Patronat der Frauen Marquiſe von Verteuil, Gräfin von Montrichard, Fürſtin von Luren, Lady Harriett Wilſon, Baronin von Heck u. ſ. w. (Die Größe des monatlichen Beitrags wird ſpäter feſtgeſetzt werden.) „Die Namen der Frauen Patroninnen ſo wie der perſönliche Charakter des Stifters beweiſen auf den erſten Blick, daß das Unternehmen die höchſte Achtung verdient. Sein Zweck, wovon wir bereits im Verlauf des vorigen Monats geſprochen haben, iſt ſo hervorragend philanthropiſch und praktiſch aus⸗ 181 führbar, daß mehrere fremde Journale, unter an⸗ dern die Times und der Standard in England, die offizielle Berlinerzeitung in Preußen, das Wienerjournal in Oeſtreich, die Epoca in Spanien, der Cattolico in Italien und end⸗ lich das New⸗Yorkerjournal in den vereinigten Staaten Amerika's aus freien Stücken dem Werk des Herrn von⸗Saint⸗Proſper die glänzendſte Huldi⸗ gung dargebracht haben, einem Werk, das nach der einſtimmigen Anſicht der Preſſe beider Welten ſeinen Stifter unter die Wohlthäter der Menſchheit ſtellen muß, denn dieſer ausgezeichnete Biedermann, wie man im vorigen Jahrhundert zu ſagen pflegte, be⸗ ſchränkt ſich nicht darauf. ..“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Ich bitte, mein Herr, es iſt mir trotz meines früheren Ent⸗ ſchluſſes durchaus unmöglich, weiter zu hören. Ich erſuche Sie alſo dringend, dieſe Lectüre abzubrechen.“ Wolfrang. — „Ich bin es nicht, der Ihnen all dieſe Lobſprüche ſpendet, ſondern die Preſſe beider Velten.“ Sylvia (bewegt). — „Ich weiß nicht, worin die pra'tiſchen Mittel Ihres Unternehmens beſtehen, Herr von Saint⸗Proſper, aber ſein Zweck rechtfer⸗ tigt das Lobconcert, das ſich zu Ihren Gunſten er⸗ hebt. Ach mein Herr, genießen Sie mit freudigem Stolz den reinſten Ruhm, den es geben kann, einen Ruhm, der nur Thränen der Rührung und der Dankbarkeit entlockt. Seien Sie ſtols, oh ſehr ſtolz, mein Herr: Ihr Name wird von allen Müttern geſegnet werden!“ Alexis Borel (bei Seite und Sylvia mit 182 Anbetung betrachtend). — „Wie ſchön ſie iſt, mein Gott! wie ſchön und rührend!“ Herr von Luxeuil (zu Sylvia, hinter wel⸗ cher er ſitzen geblieben iſt). — „Sie ſprachen ſo eben von Metamorphoſen; nun wohl, Modame, ich ſehe Sie bereits in eine Patronin des Saint⸗Proſper'⸗ ſchen Werkes metamorphoſirt, und mehr bedarf es nicht, um daſſelbe in die Mode zu bringen.“ Madame Lambert (bei Seite und beleidigt). — „Herr von Luxeuil verwendet kein Auge von Ma⸗ dame Wolfrang; er macht ihr Complimente; er hat nicht einen einzigen Blick für mich; ach warum bin ich hiehergekommen!“ Herr Borel (zu Wolfrang). — „Bitte, leſen Sie gefälligſt weiter, und ſollte ſich auch Herrn n Saint⸗Proſpers Beſcheidenheit dadurch verletzt ühlen.“ Madame Borel. — „Wir haben den leb⸗ hafteſten Wunſch, die praktiſchen Mittel zur Ernäh⸗ rung dieſer armen Kinder zu erfahren.“ Herr Lambert (bei Seite und den ſchmerz⸗ lichen Ausdruck auf den Zügen ſeiner Frau bemerkend). — „Was hat doch Franeine? ſie ſcheint zu leiden?“ Herr von Saint⸗Proſper (zu Wolfrang). — „Nehmen Sie ſich nicht die Mühe, den Schluß dieſes Artikels zu leſen, der mich wahrhaft beſchämt; und wenn die Damen erlauben, ſo werde ich ſie mit wenigen Worten über das belehren, was ſie zu wiſſen wünſchen.“ Sylvia. — „Unter dieſer Bedingung, wiewohl nur ungern, wollen wir auf das Vergnügen ver⸗ 183 zichten, die Lobſprüche anzuhören, die Sie ſo wohl verdient haben.“ 5 Herr von Saint⸗Proſper (in ſüßlichem, eindringendem Ton und beinahe Alles wiederholend, was er am Morgen zu Trangquillin über dieſen Ge⸗ genſtand geſagt hat). — „Es hat mir immer ge⸗ ſchienen, meine Damen, daß es nichts Rührenderes und einer zärtlichen Theilnahme Würdigeres gebe, als ſo ein armes Geſchöpfchen, das bei ſeinem Ein⸗ tritt in die Welt ſo vielen Gefahren ausgeſetzt und ſo ſchwächlich, ſo zart iſt, daß ein einziger Wind⸗ hauch es zermalmen könnte. Es hat keine andere Zuflucht als die Mutterbruſt, an welcher es Wärme und Leben findet. Aber oft, ach leider nur allzu oft hat das Elend unter den enterbten Claſſen den Mutterbuſen, die Quelle des Lebens, für das Kind vertrocknet, und vergebens ſuchen ſeine kleinen Lip⸗ pen die ernährende Milch einzuſaugen.“ Madame Borel. — „Ach mein Herr, Ihre ſchmerzliche Bemerkung iſt nur allzu wahr. Sehr oft war ich ſelbſt Zeugin der troſtloſen Thatſache, daß eine durch Entbehrungen erſchöpfte Mutter ihr Kind nicht zu ſtillen vermochte. Ich glaube, daß es auf der ganzen Welt keinen ſchrecklicheren Schmerz für eine Frau geben kann.“ Sylvia (bitter). — „Und gleichwohl glaubt man ſich ſehr unglücklich und iſt es auch in der That, wenn man mit Atlas und Pelzwerk umhüllt vom Ball heimkommt und ſich mit Knirſchen ge⸗ ſtehen muß, daß die Toilette dieſer oder jener Dame die eigene in Schatten geſtellt hat.“ Herr von Saint⸗Proſper Gu Sylvia). — 184 „Was Sie empört, Madame, iſt nicht Verhärtung, ſondern Unkenntniß von Uebeln, deren Daſein man gar nicht ahnt. So weiß man noch nicht, daß eine arme Mutter, die durch das Elend zu unabläſſiger Arbeit genöthigt iſt, häufig von einem hitzigen Fieber heimgeſucht wird. Dadurch erhitzt ſich ihr Blut und ſie kann ihrem Neugeborenen keine geſunde und be⸗ lebende Milch mehr geben, ſondern ihre Milch iſt ungeſund, beinahe mörderiſch.“ Madame Borel. — „Mein Gott! Wie ſchreck⸗ lich ſind doch die Folgen des Elends, wenn man dieſen bodenloſen Abgrund näher unterſucht.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Was kann dieſe unglückſelige Mutter thun? Wie qualvoll iſt ihr Jammer! Sie weiß, daß ſie ihrem Kind eine ungeſunde Milch gibt, und dennoch iſt ſie zu arm, um ihm eine Amme zu halten. Wird ſie es ver⸗ ſuchen Milch zu kaufen?“ Wolfrang. — „Abermals eine vergiftete Quelle, beſonders in Paris.“ Madame Borel. — „Wie ſo, mein Herr?“ Wolfrang. — „Ohne von den ungeſunden Fälſchungen zu ſprechen, welche die Milch verderben und der obrigkeitlichen Aufſicht entgehen, werden die meiſten Milchkühe, welche den mit der Verpro⸗ viantirung von Paris beauftragten Viehhaltern ge⸗ hören, in Folge eines ganz unrichtigen Fütterungs⸗ ſyſtems ſchwindſüchtig. *) Da nun die Schwindſucht 3 Dieſe Erzählung ſpielt um die Mitte der Regierung Lud⸗ wig Philipps. Die Ausbehnung des Eiſenbahnnetzes hat die Alimentationsverhältniſſe von Paris verändert. Aber damals war dieſer mitgetheilte Umſtand unglücklicher Weiſe nur zu wahr. (Siehe das treffliche Buch von Parent⸗Duchatelet.) 5 185 durch dieſe Milch auf die Kinder übergeht, die keine andere Nahrung haben, ſo unterliegen ſie früher oder ſpäter einer Krankheit, welche ſie ſo zu ſage von ihrer Geburt an eingeſogen haben.“ Madame Borel. — „Oh das iſt ſchre Herr von Saint⸗Proſper (ſieht Wo mit großer Verwunderung an). — „Ei mein 3 haben Sie ſich denn auch mit Phyſiologie und mit Medicin abgegeben? Sie haben alſo die Frage der Ernährung der Kinder ebenfalls tiet Wolfrang. — „Dieſe Frage kann nicht beſſer gelöst werden, als durch Sie, mein Herr, ich habe mich nur noch zu entſchuldigen, daß ich Sie unter⸗ brochen habe; mein einziger Zweck war, einen wei⸗ tern Beweis für die außerordentliche Wichtigkeit Ihres Unternehmens zu liefern.“ Sylvia. — „Ach! Jeder Schritt auf dieſem Schmerzensweg enthüllt uns eine weitere Gefahr für dieſe unglücklichen Kinder. Aber wie hoffen Sie dieſen Gefahren entgegenzutreten, mein Herr?“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Durch ein höchſt einfaches und nicht koſtſpieliges Mittel, deſſen Erfolg ich für unfehlbar halte.“ Madame Borel. — „Und dieſes Mittel?“ Herr — „Es iſt von der Wiſſenſchaft einſtimmig anerkannt, und ich werde jetzt Wutoritit des Herrn Wolfrang an⸗ rufen, deſſen gelehrte Kenntniſſe . . .“ Wolfrang. — „Bitte mein Herr, fahren Sie fort; wir ſehen Ihren weiteren Erklärungen mit Ungeduld entgegen.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Ich habe 186 alſo die Ehre, dieſen Damen zu ſagen, es ſei jetzt von der Wiſſenſchaft anerkannt, daß die Ziegenmilch on allen die geſundeſte, belebendſte und nahrhafteſte und daß überdieß die Ziege zu denjenigen Thie⸗ ehört, die am wenigſten Pflege erfordern und m allerleichteſten beinahe ohne alle Koſten er⸗ n.“ Madame Borel (lebhaft). — „Ich begreife; die Idee iſt vortrefflich; Sie richten in jedem Be⸗ zirk einige Depots von Ziegen ein.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Ja Ma⸗ dame, und wollen Sie dieſes Detail nicht belächeln, denn es hat ſeine große Bedeutſamkeit. Die Ziege, ein vorzugsweiſe kletterndes Thier, wird ſehr leicht die vier oder fünf Stockwerke der Höuſer hinauf⸗ ſteigen, um ihren kleinen Pfleglingen ihre von Mil ſtrotzenden Zitzen darzureichen. In den Alpendepar⸗ tements ſieht man täglich, wie Kinder von Ziegen geſtillt werden; die Thiere beſorgen dieſes Geſchäft mit einer Sanftmuth und einem Verſtand, worüber man ſich nicht genug wundern kann. Die Aerzte, die ich befragt habe, waren der Anſicht, ein Kind könne vollſtändig erhalten werden, wenn es viermal täglich je jechs bis ſieben Minuten lang an einer Ziege trinke, und eine einzige Ziege würde wenig⸗ ſtens zur Ernährung von zwei Kindern genügen. Sie ſehen, meine Damen, daß es nichts Einfacheres und nichts Praktiſcheres gibt als das Mittel, das ich anzeige, und die lebhafte Theilnahme, womit Ste dieſe Stiftung beehren, läßt mich hoffen, daß Sie mir vielleicht gefälligſt erlauben werden, Ihre 187 Namen unter die Patroninnen meines Werkes einzu⸗ ſchreiben.“ Sylv ia. — „Können Sie daran zweifeln, mein Herr? Zu einem ſolchen Werk beizutragen, iſt zu gleicher Zeit eine Pflicht, eine Ehre und ein Ver⸗ gnügen. (Mit Innigkeit.) Dank Herr von Saint⸗ Proſper, herzlichen Dank, daß Sie dabei an mich gedacht haben.“ Madame Borel. — „Ich kann blos die Worte von Madame wiederholen, und ich vermöchte meine eigenen Gedanken nicht beſſer auszudrücken.“ Herr von Saint⸗Proſper (in gerührtem Ton). — „Meine Damen, von Ihrer Güte empfange ich meinen ſüßeſten und ſchmeichelhafteſten Lohn. (Er wendet ſich an Madame Lambert, die tief in Ge⸗ danken verſunken iſt und mit geſenktem Kopf und ſtarren Blicken daſitzt, als ob ſie Allem fremd bliebe, was um ſie her vorging.) Kann ich auch hoffen, daß Madame Lambert mir geſtatten wird, ſie unter die Patroninnen einzutragen?“ Herr Lambert (zu Herrn von Saint⸗Pro⸗ ſper). — „Das iſt gar zu viel Ehre für uns; unſer Name iſt ſo dunkel . . 4. Herr von Saint⸗Proſper. — „Ei mein Herr, ſind Sie nicht einer der angeſehenſten Kauf⸗ leute in unſerem Viertel? Und dann möchte ich Ihnen zu bemerken geben, daß der Charakter dieſes Unternehmens juſt darauf ausgeht, alle Claſſen der Geſellſchaft in einer menſchenfreundlichen Stiftung zu verſchmelzen.“ Herr Lambert. — „Dieſer Grund muß meine Bedenken heben und da Sie es wünſchen (ſich 188 an Francine wendend, die noch immer vertieft iſt) meine Liebe, Du hörſt doch, was Herr von Saint⸗ Proſper von Dir wünſcht?“ Madame Lambert (fährt bei der Stimme ihres Mannes zuſammen und erwacht aus ihrer Träumerei). — „Ja lieber Mann.“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Dieſe kleine Lambert iſt noch ſo unerfahren und linkiſch, daß ſie zuletzt den Argwohn ihres Mannes erwecken könnte, denn ſie vermag ihre Eiferſucht wegen mei⸗ ner beſtändigen Huldigungen gegen Sylvia nicht zu verbergen. Die Prüfung hat lange genug gewährt. Gehen wir jetzt zur Gegenpartie in Betreff der ſchönen Sylvia über, die ich offenbar ſchon ſo gut wie in der Hand habe; ein Körnchen Eiferſucht wird ſie pikiren und Wunder thun.“ Herr von Saint⸗Proſper (zu Franecine, die ſich von ihrer Verlegenheit erholt hat). — „Ich möchte Sie um Erlaubniß bitten, Madame, Sie unter die Patroninnen meines Unternehmens einzu⸗ ſchreiben.“ Madame Lambert (verblüfft und ihren Mann anſehend). — „Mein Herr, ich weiß nicht, ob . . .“ Herr Lambert. — „Meine Liebe, ich glaube wir müſſen das Anerbieten des Herrn von Saint⸗ Proſper annehmen.“ Madame Lambert (die Augen niederſchla⸗ gend). — „In dieſem Fall nehme ich an, lieber Mann.“ Madame Borel (leiſe zu Sylvia und mit dem Blick auf Francine deutend). Eine gar zu hübſche junge Frau. Und welche Beſcheidenheit 189 Sylvia (leiſe). — „Nicht wahr, ſie iſt aller⸗ liebſt und offenbar eben ſo unſchuldig als ſchön.“ Madame Borel (leiſe). — „Sie ſcheint be⸗ trübt zu ſein.“ Sylvia (leiſe). — „Sie iſt in großer Verlegen⸗ heit; ſie iſt gar nicht an Geſellſchaften gewöhnt und lebt äußerſt zurückgezogen mit ihrem Manne. Ach Madame, welch ein vortreffliches Herz, dieſer Herr Lambert!“ Madame Borel. — „Das glaube ich gern, man darf ihn nur anhören.“ Herr Lambert (hat ſo eben zu Herrn von Saint⸗Proſper geſagt). — „Ich bitte Sie, mein Herr, meine Frau und mich gefälligſt mit einem jährlichen Beitrag von dreihundert Franken zur Gründung Ihres Unternehmens einzuzeichnen. Ich bedaure unſere innige Theilnahme für daſſelbe nur ſo ſchwach bezeugen zu können.“ Herr Borel (ganz leiſe zu Herrn von Saint⸗ Proſper). — „Wollen Sie gefälligſt uns, meine Frau, meinen Sohn und mich, mit einem Jahres⸗ beitrag von ſechstauſend Franken einzeichnen.“ Wolfrang (lächelnd). — „Ich wette, daß Herr Borel vermöge eines ausnehmenden Zartgefühls, das Jedermann ſo gut ſchätzen wird wie ich, ſeinen Beitrag ganz leiſe angibt, weil er bedeutend iſt.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „In der That, mein Herr, er beläuft ſich auf ..“ Herr Borel (lebhaft zu Herrn von Soint⸗ Proſper). — „Ich bitte ſehr, Verſchwiegenheit iſt 3 Bedingung, die ich an dieſes Geſchenk nüpfe.“ 190 Herrvon Saint⸗Proſper. — „Ich ſchweige.“ Aleris Borel (auf Herrn von Saint⸗Proſper und leiſe). — „Wollen Sie gefälligſt mich Herr Borel (zu ſeinem Sohn). — „Es iſt unnöthig, mein Lieber; ich habe für Dich, für Deine Mutter und mich unterſchrieben.“ Alexis Borel (lächelnd). — „Du haſt für das Haus Borel und Sohn unterſchrieben, — das laſſe ich gelten, lieber Vater; aber ich wünſche per⸗ ſönlich zu unterſchreiben; (leiſe zu Saint⸗Proſper) zeichnen Sie mich mit zwölfhundert Franken jährlich ein. (Bei Seite und mit gerührtem Blick auf Syl⸗ via.) Durch Wohlthun kann man ſicherlich dieſer anbetungswürdigen Frau gefallen. Ich wage es nicht, mich ihr zu nähern oder ſie anzureden. Ach wie glücklich iſt dieſer Luxeuil mit ſeiner einfältigen und unverſchämten Geckenhaftigkeit! Er wagt Alles!“ Wolfrang (zu Herrn von Saint⸗Proſper). — „Mein Geſchäftsführer Tranquillin wird morgen zu Ihnen kommen und Ihnen meine Subſcription überbringen.“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Ver⸗ dammt, da kann man nicht ausweichen; ich muß auch anbeißen, wenigſtens ſcheinbar, denn der Teu⸗ ſel ſoll mich holen, wenn ich für all ſeine Bankert⸗ chen und ſeine Ziegen einen rothen Liard gebe. (Laut.) Herr von Saint⸗Proſper, ich werde morgen das Vergnügen haben mich bei Ihnen einſchreiben zu laſſen.“ 2 Herr Lambert. — „Wir vergeſſen meinen Collegen in der Menſchenſcheu, unſern Verbannten 191 in der Bibliothek; ich bin überzeugt, er wird eben⸗ falls mit größtem Vergnügen zu dieſem Unterneh⸗ men beitragen, wovon ich ihm Mittheilung machen werde.“ Der Buchhändler verſäßt den Salon und tritt in die Bibliothek, während Herr Wolfrang, Herr Borel und Herr von Saint⸗Proſper einige Worte austauſchen. Herr von Luxeuil ſchaut Herrn Lam⸗ bert nach und ſagt zu ſich: „Vortrefflich! der Ge⸗ mahl geht, ſeine Anweſenheit beläſtigte mich; die Kleine iſt ſo unerfahren.“ Er verläßt ſeinen Platz hinter der Cauſeuſe, auf welcher Sylvia und Ma⸗ dame Borel ſitzen, und ſetzt ſich neben Francine; ſie erſchrickt und wird roth. Als Alexis Borel den Platz leer ſieht, den Herr von Luxeuil bisher eingenommen hatte, thut er ſich Gewalt an und tritt ſchüchtern an die Cauſeuſe, indem er ſich einigermaßen mit dem Gedanken be⸗ ruhigt, daß er den Vorwand hat, mit ſeiner Mutter zu ſprechen, die neben Sylvia ſitzt. Und ohne daß er es wagt, die Augen gegen dieſe aufzuſchlagen, ſagt er zu Madame Borel: „Welch eine rührende Idee Herr von Saint⸗ Proſper gehabt hat, nicht wahr, liebe Mutter?“ Madame Borel. — „Allerdings ſehr rührend, und überdieß iſt ſie glücklicher Weiſe auch äusführbar.“ Sylvia (verbindlich zu Alexis). — „Sie konn⸗ ten Ihr Intereſſe für dieſes Werk auf keine groß⸗ müthigere Art an den Tag legen, als Sie gethan haben, Herr Alexis.“ Aleris (entzückt und erröthend). — „Madame, es iſt ſo wenig. . . — 192 Madame Borel (lächelnd zu Sylvia). — „Madame, ſelbſt auf die Gefahr hin, für die hoch⸗ müthigſte der Mütter zu gelten, will ich Ihnen ge⸗ ſtehen, daß Alexis der beſte Junge von der Welt iſt, und wenn ich Ihnen gewiſſe Züge von ihm er⸗ zählte, Madame . Alexis (verlegen). — „Ach Mutter, liebe Mutter!“ Sylvia (heiter zu Madame Borel). — „Er iſt im Stand uns zu entfliehen, um ſich Ihrem Lob zu entziehen; (mit dem Blick auf den Stuhl deu⸗ tend, der hinter der Cauſeuſe ſteht) wollen Sie ſich hieherſetzen, Herr Alexis, auf dieſe Art werden Sie uns nicht entwiſchen.“ Alexis Borel (ſetzt ſich hochvergnügt). — „Ach Madame, welche Güte!“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Ich dachte mirs doch, mein Spiel bringt ſeine Wirkung hervor; die ſchöne Sylvia iſt eiferſüchtig, weil ich ſie verlaſſen habe, um mich mit der kleinen Lam⸗ bert abzugeben, und nun läßt ſie dieſes Bürſchchen neben ſich ſitzen, um mich zu ärgern. Dieß iſt der traditionelle chassé-croisé; es ſteht gut.“ Wolfrang (lehnt ſich ans Kamin und nimmt das Journal wieder). — „Meine Damen, ich will Sie daran erinnern, daß dieſes Abendblatt ſich durch einen glücklichen Zufall mit mehreren Perſonen be⸗ ſchäftigt, die ich in meinem Haus zu beſitzen die Ehre habe; außer dem Anlehen, das Herr Borel erhalten hat, und der philanthropiſchen Stiftung des Herrn von Saint⸗Proſper bringt es noch zwei Ar⸗ tikel über Herrn von Luxeuil und Herrn von Franche⸗ 193 ville, welchen wir, wie ich hoffe, heute Abend zu ſehen das Vergnügen haben werden, und dem ich für meinen Theil eben ſo herzlich als hochachtungs⸗ voll die Hand zu drücken gedenke, denn dieſes Jour⸗ nal führt von Herrn von Francheville einen Zug auf, der ihm in den Augen aller rechtſchaffenen Leute die größte Ehre macht. Aber verfahren wir ord⸗ nungsgemäß und erlauben Sie mir, meine Damen, Ihnen den Artikel über Herrn von Luxeuil vorzu⸗ leſen.“ Inzwiſchen benützte Herr von Luxeuil die Auf⸗ merkſamkeit, welche die andern Perſonen den Wor⸗. ten des Hausherrn ſchenkten, auf den ihre Blicke gerichtet waren, um ganz leiſe zu Madame Lambert zu ſagen: „Sie haben meinen Brief geleſen?“ „Zu meinem Unglück ja,“ antwortete Francine ebenfalls ganz leiſe mit zitternder Stimme und Thränen in den Augen, „laſſen Sie mich in Ruhe, mein Herr.“ „Schließen wir Frieden, eiferſüchtiges ing,“ antwortet der Geck in ſeiner Frechheit. „Sehen Sie denn nicht, daß ich mich mit dieſer langweiligen Sylvia blos abgegeben habe, um Ihren Mann zu täuſchen? Sie iſt blos ſchön, Sie ſind bezaubernd.“ Bei dieſem faden Compliment erhebt Francine ihre großen blauen, noch feuchten Augen, worin ein Schimmer von Hoffnung blinkt, und ſieht Herrn von Lureuil verſtohlen an, während hinzufügt „Sylvia iſt wüthend mich bei Ihn zu ſehenz; ich bete Sie an.“ 3 Sue, Geheimniſſe b. Kopfkiſſens 1. 13 5 194 „Wenn es wahr wäre!“ murmelt Madame Lambert mit flammendem Geſicht und wogender Bruſt, im Augenblick wo Wolfrang ſeine Lectüre beginnen will. XVII. Wolfrang nahm das Journal wieder zur Hand und las wie folgt: „Man kündigt in der eleganten Welt eine hip⸗ piſche Feier an, die nächſten Donnerſtag in Croix⸗ de⸗Berny ſtattfinden wird und unſere Sportsmen ſchon jetzt lebhaft beſchäftigt. Es handelt ſich um ein steeple-chase (Kirchthurmrennen) zwiſchen zwei der glänzendſten Gentlemen riders (Gentlemen, die ihre eigenen Pferde reiten), Herrn von Noirmont und Herrn von Luxeuil. Der erſte der genannten Herrn wird den berühmten Sultan Viſapour reit und die nicht minder berühmte Mademoi⸗ ſe Radeleine wird von Herrn von Luxeuil ge erden. Bedeutende Wetten ſind für die⸗ ſes nen eingegangen worden, das wahrhaft ſehibenr Hinderniſſe darbieten wird, unter andern den zwanzig Fuß breiten Bidvrefluß, über welchen die beiden Concurrenten dreimal ſetzen müſſen.“*) 45 Man würde uns mißdeuten, wenn man uns die Abſicht unterſchöbe, die ſenen lächerlich zu machen, die ſich ernſilich mit Pferderenne ſchäftigen. Sie uben einen mächtigen Ein⸗ fluß auf die Sen der Racen, indem die ſiegreichen Pferde alle weſentliche igenſchaften der Zuchtpferde in ſich vereinigen⸗ Wir wünſchen uns Glück, daß wir in unſerer Jugend einer ber Gründer der Wettrenngeſellſchaft geweſen, aus welcher ſpäter der 195 Madame Lambert (bei Seite). — „Großer Gott! Das iſt ſchrecklich! Wie viel Muth er beſitzen muß.“ Wolfrang (liest). — „Ferner drei Hecken, jede von fünf Fuß; endlich, und dieß iſt das furcht⸗ barſte der Hinderniſſe, eine mehr als fünf Fuß hohe Mauer von harten Steinen.“ Madame Lambert (bei Seite). — „Mein Gott, dabei kann man hundert Mal umkommen! Ach, wenn Herr von Luxeuil mich liebte, ſo würde er mir verſprechen, ſein Leben nicht auf ſolche Art zu riskiren.“ Wolfrang (liest). — „Bis jetzt ſtehen die eingegangenen Wetten im Verhältniß von eins zu drei zu Gunſten von Mademoiſelle Madeleine, nicht blos wegen des wohlbekannten Rufes dieſer ſiegrei⸗ chen Stute, ſondern auch weil ſie von ihrem Eigen⸗ thümer, Herrn von Luxeuil, geritten wird, einem der Fürſten unſerer goldenen Jugend in der Pariſer Faſhion und auf dem turf (Rennplatz), ſo wohl⸗ bekannt durch die Kraft, Kaltblütigkeit und Uner⸗ ſchrockenheit, die er bei verſchiedenen ſehr gefähr⸗ lichen Rennen an den Tag gelegt hat. In der That iſt Herr von Luxeuil nach dem Ausſpruch der competenteſten Richter in der Reitkunſt ein raffinir⸗ ter Reiter, der eine ſeltene Gediegenheit mit aus⸗ geſuchter Elegunz vereinigt.“ Jockey⸗Club hervorging, dem wir ebenfalls anzugehören die Ehre hatten, und wo wir Freunde kennen gelernt häben, deren Erinne⸗ rung uns ſtets theuer und angenehm ſein wird. 196 H9errvon Luxeuil. — „Nun, nun dieſer Herr übertreibt; ich reite allerdings famos, aber mehr iſt es nicht.“ . Wolfrang. — „Sie ſind in Wahrheit allzu beſcheiden.“ Herr von Luxeuil. — „Nein, auf Ehre nicht! Wenn ich weniger gut ritte, ſo würde ich es mit derſelben Aufrichtigkeit ſagen.“ Wolfrang (liest). — „Wir haben im vergan⸗ genen Jahr bei dem Wettrennen in den Gehegen von Chantilly, wo einige der betheiligten Gentlemen riders ſich ſo ſchwer verletzten, perſönlich die Ova⸗ tion mit angeſehen, welche die enthuſiaſtiſche Menge dem Sieger, Herrn von Luxeuil, bereitete; wir ſehen ihn noch in ſeiner orangefarbigen ſeidenen Kaſake, mit ſeiner ſchwarzſammtenen Faltenmütze, wie er allein und weit vor allen ſeinen Nebenbuhlern, von denen Mehrere aus dem Sattel gefallen oder ſchwer verletzt waren, einherkam; wir ſehen, ſagen wir, Herrn von Luxeuil noch, wie er über die letzte Hecke mit eben ſo großer Kühnheit als Leichtigkeit und Grazie wegſetzte und im Geiſt ächt ritterlicher Höf⸗ lichkeit mit der Hand die feine Blüthe unſerer ele⸗ ganten Modedamen, die auf den Tribünen ſaßen, begrüßte; ſie klatſchten ihm voll Entzücken zu, ſchwenk⸗ ten ihre Tüchlein und empfingen mit Jubelrufen den glücklichen Sieger, dem ſo manches ſchöne Auge mit bezaubertem Blick nachſchaute.“ Herr von Luxeuil (mit unzerſtörbarer Gleich⸗ müthigkeit). — „Hier wird der Journaliſt wieder wahr, er übertreibt nicht mehr, ich laſſe ihm Ge⸗ rechtigkeit widerfahren; es war dieß, wie er ſagt, 197 eine wahre Ovation. Was wollen Sie? Es iſt nicht meine Schuld, ſondern die Schuld dieſer Damen.“ Wolfrang. — „Ei mein Herr, ſo müſſen Sie ihnen wenigſtens Nachſicht ſchenken. (Liest.) Nach den Verhältniſſen der eingegungenen Wetten kann man alſo ſchließen, daß das nächſte Steeple⸗Chaſe von Croix⸗de⸗Berny Herrn von Luxeuil Gelegenheit zu einem neuen Triumph bieten werde.“ Madame Lambert (bei Seite, nachdem ſie ihren entzückten Blick beſtändig auf Herrn von Lu⸗ reuil geheftet). — „Und er liebt mich, er, deſſen Grazie und Muth öffentlich geprieſen werden; er, einer der Fürſten der eleganten Jugend; er, das Idol ſo vieler ſchönen Damen aus der großen Welt, die ihm begeiſtert zujauchzten! Er liebt mich, mich, eine arme kleine Ladenhüterin! Ach wenn ich es glauben könnte, wie ſtolz würde ich ſein! (Zu⸗ ſammenbebend und traurig werdend.) Und dennoch, meinen Mann täuſchen! Ach! es wäre ſehr unrecht von mir ... RNein, ich will, ich darf Herrn von Luxeuil nicht lieben, ich würde allzu unglücklich werden. Mein Gott! wie er dieſe Frau von Wol⸗ frang anſieht. Oh welch ein Schmerz!“ Alexis Borel (bei Seite). — „Dieſer unver⸗ ſchämte Geck hat über den kobhudelnden Artikel keine Miene verzuckt; er hat die Vorleſung nur un⸗ terbrochen, um die Lobpreiſungen zu beſtätigen, die ſeinem unvergleichlichen Verdienſt geſpendet werden. Ich habe Madame Wolfrang nicht anzuſchauen ge⸗ wagt, weil ich fürchtete in ihren Zügen Bewunde⸗ rung für dieſen Centaur zu leſen. Ach! vielleicht theilt ſie die Begeiſterung dieſer ſchönen Damen von 4 198 den Tribünen, die in Chantilly dem glücklichen Sie⸗ ger entzückt zujauchzten.“ Wolfrang (nachdem er das Journal auf das Kamin gelegt, zu Herrn von Lureuil). — „Ich theile die Hoffnung, die der Verfaſſer dieſes Artikels ausſpricht: das nächſte Steeple⸗Chaſe von Croix⸗de⸗ Berny wird Ihnen Gelegenheit zu einem neuen Triumph bieten.“ Herr von Luxeuil. — „Wenn es nur von mir allein abhinge, ſo würde ich ohne Weiteres Ja ſe weil ich ein vortrefflicher Reiter bin und mich i Sylvia. — „Das iſt ein wahres Glück für Sie, mein Herr, denn die Unkenntniß ſeines eigenen Verdienſtes hat ſo manche nachtheilige Folgen: ſie führt eine mißtrauiſche Kleinmüthigkeit nach ſich. Herr von Luxeuil. — „Die ſehr ſchädlich wirken kann. Man zögert, man weicht vor den Hinderniſſen zurück, während ich, der ich mich ſo kenne, wie ich mich kenne, vor einem Hinderniß mit der feſten Ueberzeugung eintreffe, daß ich es über⸗ ſteigen werde, und es dann wirklich überſteige; aber unglücklicher Weiſe iſt Mademoiſelle Made⸗ leine ernſtlich unwohl.“ Sylvia. — „Wirklich? Dieſe arme Demviſelle! (Zu Madame Borel.) Finden Sie nicht etwas Zar⸗ tes und Rührendes in dieſem neuen Brauch der Herren Männer von Pferd, wie ſie ſich nennen, ihre Thiere mit Madame oder Mademoiſelle zu be⸗ titeln? Die Uebertragung ſolcher Sprachformeln aus den Salons in den Stall, wo dieſe Herren in ſo enger Gemeinſamkeit der Neigungen und Gedan⸗ 199 ten mit dieſen vierfüßigen Damen und Demoi⸗ ſellen leben, ſcheint mir ein Act der Billigkeit zu ſein, der mich wahrhaft rührt.“ Alexis Borel (bei Seite). — „Bravo! Welche feine und beißende Jronie auf Mannpferd! denn die Partikel von iſt überflüſſig.“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Sie iſt wüthend vor Eiferſucht, ſie will mich in Harniſch bringen, Alles geht gut; ſie beißt an, ſie beißt an! (Laut und ſeine ſchönen Zähne zeigend.) Nun Ma⸗ dame, was finden Sie denn ſo Rührendes in un⸗ ſerem Gebrauch unſere Stuten mit Madame und Mademoiſelle zu betiteln?“ Sylvia. — „Ei wie, mein, Herr, iſt es nicht ein höchſt rührender Beweis von Gewiſſenhaftigkeit und Billigkeit, daß Sie Ihren gewöhnlichen Gefähr⸗ tinnen, die den größten Antheil an Ihrem Leben haben, Ihre Freude, Ihr Stolz ſind, mit Einem Wort, die Ihnen Ihre lebhafteſten und häufig Ihre einzigen Gemüthsbewegungen verurſachen, den Titel Madame und Mademoiſelle gewähren? Sie müßten ja abſcheulich undankbare Geſchöpfe ſein, meine Herren Männer von Pferd, wenn Sie Ihre Gefährtinnen nicht bis zu ſich ſelbſt erheben und auf gleichem Fuße behandeln wollten!“ Herr von Lureuil (bei Seite, indem ihm plötzlich eine Idee kommt). — „Ich wette, daß ſie auf Mademoiſelle Madeleine eiferſüchtig iſt. Auf Ehre, ſolche Dinge widerfahren nur mir.“ Madame Borel (lachend zu Sylvia). — „Liebe Madame, ich theile Ihre gerechte Bewunderung für das Billigkeitsgefühl dieſer Herren in allen Punkten.“ 200 Sylvia. — „Ich möchte deßhalb Herrn von Luxeuil mit verdoppeltem Intereſſe nach dem Be⸗ finden von Mademoiſelle Madeleine befragen, denn ich habe ihn unglücklicher Weiſe in dem Augen⸗ blicke unterbrochen, wo er uns über die Geſund⸗ heitsumſtände dieſes theuren Geſchöpfes belehren wollte Madame Lambert (bei Seite). — „Wie bos⸗ . haft dieſe Madame Wolfrang iſt! Vielleicht grollt ſie Herrn von Lureuil, weil er ſie verlaſſen und ſich neben mich geſetzt hat.. Oh wenn es ſo wäre, wie ſtolz könnte ich ſein ſie eiferſüchtig zu machen!“ Herr von Luxeuil (zu Sylvia). — „Da Sie die Güte hatten, Madame, ſich für das Befinden von Mademoiſelle Madeleine zu intereſſiren, ſo will ich Ihnen ſagen (in doctoralem Ton), daß ſie von einer Peripneumonie im erſten Grad be⸗ 2 fallen worden iſt.“ Sylvia. — „Gütiger Gott! Nach dem furcht⸗ baren Namen zu ſchließen, muß dieß eine ſehr ſchreck⸗ liche Krankheit ſein.“ Herr von Luxeuil. — „Allerdings, Madame, wenn man ihr nicht bei Zeiten entgegenwirkt; aber ich habe gute Hoffnung, ich habe Mademoiſelle Madeleine nach Viroflay geſchickt. Mein Thier⸗ arzt beſucht ſie zwei⸗ oder dreimal täglich, denn das Fieber und die Schlafloſigkeit erſchöpfen ſie: ſie iſ8 ſo nervös!“ Madame Lambert (bei Seite). — „Was für ein gutes Herz er hat! Wie viel Theilnahme er dieſem armen Thier erweist!“ Sylvia (zu Madame Borel). — „Madame, — 201 „ Sie hören, Mademoiſelle Madeleine iſt ner⸗ vös.“ Madame Borel (lächelnd). — „Sie hat viel⸗ leicht Vapeurs.“ Sylvia. — „Seien Sie aufrichtig, Herr von Luxeuil, Sie werden vielleicht bei all Ihrem Geiſt, bei all Ihrer Lebensart und ohne Zweifel ganz un⸗ willkürlich durch irgend einen unbedeutenden Tact⸗ fehler, durch eine kleine Rückſichtsloſigkeit, durch ein barſches Wort, was weiß ich? die Empfindſamkeit dieſer armen Demoiſelle verletzt haben; nervöſe Perſonen ſind immer ſo eindrucksfähig.“ Herr von Luxeuil (ſehr ärgerlich und mit erzwungenem Lachen). — „Charmant, charmant, charmant!“ Wolfrang (bei Seite). — „Sylvias Spötte⸗ reien werden dieſen einfältigen Gecken trotz ſeines furchtbaren Aplomb zuletzt einſchüchtern, und uns um den Genuß bringen ſeinen Eigendünkel im voll⸗ ſten Glanze zu ſehen; ich muß ihm doch zu Hilfe kommen. (Laut.) Täuſchen Sie ſich nicht, meine Da⸗ nnen, Herr von Luxeuil hat vollkommen das rechte Wort gebraucht, wenn er Mademoiſelle Ma⸗ deleine nervös nannte. Die famöſe Cornelia, Mutter des berühmten Eclips, der, ohne jemals mit der Reitpeitſche oder dem Sporn berührt wor⸗ den zu ſein, in dreiundzwanzig Wettrennen geſiegt und mehr als eine Million gewonnen hat...“ Herr Borel (lachend). — „Welch ein gewand⸗ ter Finanzmann, dieſer Eclips!“ Herr von Saint⸗Proſper (deſſen Auge von Lüſternheit funkelt). — „Mehr als eine Mil⸗ lion, mehr als eine Million!“ Sylvia (zu Wolfrang). — „Run wohl, dieſe erlauchte Cornelia?“ Wolfrang. — „Sie war mit einer ſolchen Intelligenz begabt, ſie war, wie dieß Herr von Luxeuil von Mademoiſelle Madeleine ſagte, ſo nervös, daß ſie, nachdem ſie blos einige Male auf dem Turf aufgetreten war, im folgenden Jahr aus der beſondern Behandlung, mit einem Wort aus der Trainirung, der man ſie als Vorbereitung auf das Wettrennen unterwarf, von ſelbſt errieth, daß ſie bald wieder rennen mußte, und da machten der Feuereifer und die Ungeduld, womit ſie dieſem be⸗ vorſtehenden Kampf entgegenſah, einen ſo lebhaften Eindruck auf Cornelia, daß ſie in Folge ihrer beſtändigen Aufregung Appetit und Schlaf verlor, und dermaßen abmagerte, daß man auf ihre weitere Trainirung verzichten mußte. Sobald nun die Ein⸗ ſtellung dieſes Syſtems ihren Beängſtigungen ein Ende gemacht hatte, wurde ſie wieder geſund, und nun ereignete ſich das Unerhörte, daß Cornelia trotz des Mangels an Trainirung, die bei jedem Rennpferd eine unerläßliche Bedingung iſt, alle ihre Nebenbuhler aus dem Felde ſchlug.“ Herr Borel. — „Man ſollte kaum glauben, daß ein Thier ſo viel Verſtand, ja man darf wohl ſagen, ſo viel Vernunft hätte.“ Wolfrang. — „Daraus folgt, meine Damen, daß Herr von Luxeuil vollkommen Recht hat, wenn er von der Aufregung der Mademoiſelle Made⸗ 203 leine ſpricht; aber hoffen wir, daß ſie bald im Stande ſein werde, weitere Erfolge zu erringen.“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Dieſer Herr Wolfrang muß offenbar ein ganz ausgezeich⸗ neter Sportsman ſein. (Laut zu Sylvia.) Nun wohl, Madame, hatte ich Unrecht, wenn ich Ma⸗ demoiſelle Madeleine nervös nannte? Sie werden es hoffentlich bereuen, daß Sie mich darüber verſpottet haben, und um Buße zu thun, werden Sie nach Croix⸗de⸗Berny kommen, nicht wahr?“ Wolfrang. — „Das iſt eine vortreffliche Idee. Was ſagſt Du dazu, Sylvia?“ Sylvia (zu Madame Borel.) — „Würden Sie vielleicht die Partie mitmachen, Madame?“ Madame Borel. — Mit dem größten Ver⸗ gnügen; aber hauptſächlich nur um Ihre angenehme Geſellſchaft genießen zu können; denn ich geſtehe Ihnen, die Wettrennen intereſſiren mich ſehr wenig.“ Herr Borel. — „Und ich wäre hoch erfreut, zum erſten Mal ein Kirchthurmrennen mit anſehen zu können.“ Herr von Luxeuil. — „Ich verpflichte mich dafür zu ſorgen, daß für dieſe Damen im erſten Rang der Tribüne Plätze vorbehalten werden. (Zu Sylvia beinahe vertraulich.. Alſo Sie kommen, es bleibt dabei?“ Madame Lambert (bei Seite mit Herzens⸗ angſt.) — „Mein Gott! Wie er ſie wieder anſchaut! wie golant er gegen ſie iſt.“ Aleris Borel (bei Seite.) — „Wenn Madame Wolfrang zu dieſem Wettrennen geht, ſo werde 204 jedenfalls ich w en, um den Triumph dieſes Gecken nicht mit anzeſehen.“ Sylvia (zu Madame Lambert mit graziöſer Verbindlichkeit). — „Liebe Madame, ich biete Ihnen einen Platz in meinem Wagen an, um zu dieſem Wettrennen zu fahren.“ i5. Madame Lambert (erröthend). — —„Madame, i Sy lvia. — „O ich zweifle nicht daran, daß ich di Einwilligung des Herrn Lambert erhalten werde. Da kommt er juſt. (Sich an den Buch⸗ händler wendend, der aus der Bibliothek kommt, wo Herr Dubcusquct und Bonhomme zurückgeblieben ſind.. Mein lieber Herr Lambert, kommen Sie hierher zu mir, ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.“ Alexis Borel verläßt ſeinen Platz hinter der Cauſcuſe, wo Madame Borel und Sylvia ſitzen, und begibt ſich zu der am Kamin verſammelten Gruppe, die aus Herrn Borel, Wolfrang und Herrn von Saint⸗Proſper beſteht. Herr von Luxeuil benützt die allgemeine Unacht⸗ ſamkeit, um ganz leiſe zu Franeine zu ſagen: „Sie kommen doch nach Croix de Berny?“ „Damit ich Gefahr laufe, Sie ſterben zu ſehen, nein, nein!“ murmelt Madame Lambert, mit beben⸗ der Stimme. „Und dann kann ich. „Bah, welche Kinderei!“ antwortet der Stutzer, indem er ihr in die Rede fällt, „ich verlange, daß Sie hinkommen, wenn Sie mich lieben.“ „Im Gegentheil, Sie würden auf dieſes Rennen verzichten, wenn Sie mich liebten,“ „Ich willige ein,“ ſagte Hir non Luxeuil, „aber nur unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ fragt Franeine ſchüchtern; „ſpre⸗ chen Sie.“ „Ich werde ſie Ihnen ſagen, ſobald ich Gelegen⸗ heit finden werde, Engel meines Lebens,“ antwor⸗ tet Herr von Luxeuil. Und ſein Blick bepurpurt das Geſicht der jungen Frau, an welche ſich Sylvia in dieſem Augenblick mit den Worten wendet: „Ich war zum Voraus überzeugt, meine liebe Madame, daß Herr Lambert mir's nicht abſchlagen würde. Es bleibt alſo dabei, daß wir zuſammen nach Croix⸗de⸗Berny fahren.“ Herr Lambert (zu ſeiner Frau, deren Ver⸗ legenheit er bemerkt). — „Ich weiß wohl, mein liebes Kind, daß ſolche Vergnügungen für Leute von unſerer beſcheidenen Lebensſtellung nicht paſſen; aber Madame hat mit ſolchem Wohlwollen (freund⸗ lich lächelnd) darauf beſtanden, und dann iſt ein einziges Mal noch keine Gewohnheit, überdieß haſt Du ſo wenig Zerſtreuungen, daß es mir ein wirk⸗ liches Vergnügen ſein wird, wenn Du die Ehre an⸗ nimmſt, die Madame Dir erweist „indem ſie Dich mitnehmen will.“ „Madame Lambert (bei Seite). — „Ach, ſo viel Güte von meinem Manne quält mich zu Tod. (Laut mit Verlegenheit.) Ich bin Madame ſehr verbunden für ihre gütige Einladung, und da Du ſelbſt es wünſcheſt, mein Lieber...“ Wolfrang (zu Sylvia). — „Herr Lambert hatte von der Großmuth unſeres menſchenſcheuen Et— Einſiedlers nicht zu viel vorausgeſetzt! (mit dem Blick auf die Thüre der Bibliothek zeigend, wo Herr Du⸗ bousquet geblieben iſt). Bis das Concert anfängt, blättert er beſtändig in den Albums herum, und er hat, wie mir Herr Lambert ſagte, für das Werk des Herrn von Saint⸗Proſper eine jährliche Summe von dreihundert Franken gezeichnet.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Ich will hingehen und ihm danken . .“ Herr Lambert. — „Bitte, gehen Sie nicht; er iſt ſo ſchüchtern, daß Sie ihn in Verlegenheit brin⸗ gen würden. Ich nehme Ihre Dankſagung auf mich, denn ich habe ihn bereits ein wenig zahm gemacht.“ Wolfrang (auf die Uhr ſchauend). — „Es iſt neun Uhr vorüber; vielleicht werden wir das Ver⸗ gnügen nicht haben, Herrn von Francheville heute Abend zu ſehen; gleichwohl, meine Damen, ſollen Sie ihn, im Fall er nicht perſönlich erſcheint, we⸗ nigſtens moraliſch kennen lernen. Wollen Sie mir zu dieſem Behuf einige Minuten Aufmerkſamkeit ſchenken und dieſen Journalartikel anhören, der ſich auf Herrn von Francheville bezieht. Ich be⸗ merke Ihnen noch, daß ein Oppoſitions⸗Journal ſpricht, und daß Herr von Francheville beinahe ein Beamter iſt.“ (Er liest.) „Man hat uns, ſowie den andern Organen der unabhängigen Preſſe oft eine ſyſte⸗ matiſche Oppoſition gegen das Miniſterium vorge⸗ worfen; wir freuen uns, daß wir wieder einmal Gelegenheit haben, dieſe Behauptung vuri Thatſache Lügen zu ſtrafen. Wir haben uns allér⸗ dings ſtets mit Heftigkeit gegen dieſe Corruption ———— 2 207 erhoben, die in Folge des Prozeſſes, welchen neuer⸗ dings ein hoher Staatsbeamter vor dem Pairshof überſtehen mußte, zu einem beklagenswerthen Aerger⸗ niß geworden iſt. Aber eben darum, weil die Käuf⸗ lichkeit nach unſerer Anſicht ſtets die öffentliche Brand⸗ markung verdient hat, beſitzt die Rechtſchaffenheit um ſo mehr Rechte auf unſere Hochachtung und unſere Huldigungen. Dieſe Huldigungen, dieſe Hoch⸗ achtung widmen wir unverholen und im vollſten Maß einem unſerer erklärteſten politiſchen Gegner, Herrn von Francheville, geheimem Sekretär eines der Mi⸗ niſter des Königs Ludwig Philipp.“ Herr von Francheville erſcheint im Augenblick, wo ſein Name genannt wird, auf der Thürſchwelle des Salons und winkt dem Bedienten, der ihm vor⸗ angeht, daß er ihn nicht anmelden ſolle, indem er ſich, wie es ſcheint, aus Höflichkeit erſt dann vor dem Herrn des Hauſes präſentiren will, wenn derſelbe eine Lectüre vollendet hätte, welche die Aufmerkſam⸗ keit ſämmtlicher Anweſenden in Anſpruch nimmt. Inzwiſchen iſt er überraſcht, und ärgert ſich darüber, daß er den Eigenthümer, bei dem er ſich über Tran⸗ quillin's Impertinenz beklagen will, in ſo zahlreicher Geſellſchaft findet. Dieſe dreht ihm den Rücken und nur Wolfrang hat ihn bemerkt. Er ſtellt ſich jedoch, als ob er den neuen Ankömmling nicht ge⸗ ſehen hätte, und fährt folgendermaßen in ſeiner Lectüre fort: „Heute Abend um vier Uhr hat Herr von Fran⸗ cheville in der Kanzlei des Herrn Staatsprokurators eine Klage wegen Beſtechungsverſuchs gegen das Haus Gobert und Compagnie niedergelegt, welchem *„ „ 208 durch miniſteriellen Beſchluß vom heutigen Tag eine bedeutende Lieferung zugeſchlagen worden iſt. „Der Thatbeſtand, den wir aus ſicherer Quelle haben, iſt folgender: Herr von Francheville, der von dem damals kranken Miniſter beauftragt wor⸗ den war, die fragliche Lieferung ſo vortheilhaft als möglich für den Staat zu vergeben, hat ſie nach reiflicher Ueberlegung dem Haus Gobert zugewieſen, das ihm alle wünſchenswerthen Garantien darzu⸗ bieten ſchien. Der Vertreter dieſes Hauſes, der Herrn von Francheville unglücklicher Weiſe nach traurigen Beiſpielen beurtheilte, hat den verbrecheriſchen Ein⸗ fall gehabt, dieſem Beamten ſeine Dankbarkeit da⸗ durch beweiſen zu wollen, daß er ihm in einem ſie hunderttauſend Franken in Bankſcheinen zu⸗ ickte.“ Herrvon Saint⸗Proſper (mit funkelndem Blick). — „Hunderttauſend Franken! hunderttauſend Franken!“ Herr von Luxeuil (ſeine ſchönen Zähne zei⸗ gend und entzückt über den guten Witz, den er zu machen glaubt). — „Die kleinen Geſchenke unter⸗ halten die Lieferungen, he, he!“ Madame Lambert (bei Seite). — „Wie geiſt⸗ reich er iſt!“ Aleris Borel (entrüſtet). — „Haus Gobert verdiente dafür zum Fenſter hinausgeworfen zu werden.“ Herr Borel. — „Schon dieſes Anerbieten war eine blutige Beſchimpfung gegen Herrn von Francheville.“ Wolfrang (zu Herrn Boreh. — „Sie, der . 209 rechtſchaffene Mann von der argwöhniſchſten Bedenk⸗ lichkeit, müſſen freilich die Sache ſo anſehen; aber dieſer Herr Gobert, deſſen Gewiſſen augenſcheinlich ſehr elaſtiſch iſt, wird ſein ſchimpfliches Anerbieten für eine große Höflichkeit gehalten haben.“ Sylvia (halblaut zu Madame Borel). — „Sehen Sie doch, liebe Madame, wie peinlich Herr Borel ſchon durch die bloße Erzählung einer Indelicateſſe berührt zu ſein ſcheint. Ich wundere mich nicht darüber. Dieſer bittere Unmuth über alles Schänd⸗ liche iſt der Prüfſtein der edlen Seelen.“ Madame Borel. — „Sie können ſich daher wohl vorſtellen, Madame, wie häufig mein Mann ſich verletzt fühlen muß in der Geſchäftswelt, wo man zuweilen Leute antrifft, die ſo wenig Scrupel haben.“ Herr von Francheville (fortwährend unbe⸗ merkt im vorderſten Theil des Salons und bei Seite). — „Ich bedaure die Vorleſung dieſes Artikels ganz und gar nicht; ich werde alſo meine Beſchwerden über meine Nachbarn und dieſen unverſchämten Intendanten vertagen, aber ich weiß nicht, ob ich dieſe Lectüre, deren Gegenſtand ich bin, unterbrechen ſoll oder nicht. (Sieht zwei Schritte vor ſich die offene Bibliothekthüre.] Treten wir da hinein, denn meine Stellung würde doch zuletzt lächerlich werden.“ Herr von Francheville tritt unbemerkt in die Bibliothek. Aleris Borel. — „Ich begreife nur das allein nicht, wie Herr von Francheville, der vermuthlich einen wohlverbienten Ruf der Rechtſchaffenheit ge⸗ Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. I.. 14 210 nießt, mit einem ſo ſchmählichen Beſtechungsverſuch behelligt werden konnte.“ Wolfrang. — „Ihre Bemerkung iſt vollkommen richtig; Haus Gobert hat ſich aber auch aus Rück⸗ ſicht auf die wohlbekannte Rechtſchaffenheit des Herrn von Francheville ſehr gehütet, ihm dieſes Trinkgeld ſchon vor Unterzeichnung des Zuſchlags anzubieten, was vom gerichtlichen Standpunkt aus das Ver⸗ brechen dieſes Beſtechungsverſuches um ein Gutes mildert.“ Herr Borel. — „Offenbar.“ Wolfrang. — „Und überdieß hat das Haus Gobert, das ohne Zweifel von der Rechtſchaffenheit des Herrn von Francheville überzeugt war, nicht gewagt, ihm dieſe Belohnung von hunderttauſend Franken auf eine plumpe Art anzubieten.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Hundert⸗ tauſend Franken! das iſt bedeutend. Und wie hat ſich denn das Haus Gobert angeſtellt, um die Be⸗ leidigung zu bemänteln, die für Herrn von Franche⸗ ville in ſeinem Anerbieten lag?“ Wolfrang. — „Die letzten Zeilen dieſes Ar⸗ tikels ſprechen ſch darüber ſehr beſtimmt aus. Ich fahre fort. (Liest.) Haus Gobert ſcheint ein unbe⸗ ſtimmtes Gefühl für die Schändlichkeit, die es be⸗ ging, gehabt zu haben, und da es ſih die Möglich⸗ keit der Weigerung von Seiten eines unbeſcholtenen Beamten Hochte, ſo ſchickte es ihm dieſe bedeutende Summe mit der Bitte zu, ſie zu guten Werken zu ver⸗ wenden unter dem Siegel tiefer Verſchwiegenheit, da es ſeine Mildthätigkeit kenne und wohl wiſſe, daß er außer ſeinem Gehalt kein Vermögen beſitze.“ 211 Herr von Saint⸗Proſper (bei Seite). — „Wieder ein Subſcribent für mein Unternehmen.“ Wolfrang (liest). — „Herr von Francheville hätte ſomit, wir müſſen es zu ſeinem Lob anerkennen, wenn er ein Mann von zweifelhafter Rechtſchaffen⸗ heit geweſen wäre, dieſes Geſchenk unter dem ehren⸗ werthen Vorwand, den man ihm lieferte, annehmen und ganz nach eigenem Gutdünken über die Summe verfügen können; aber es verhielt ſich nicht ſo, ſa⸗ gen wir das mit inniger Befriedigung. „Herr von Francheville hat in dieſem Falle ge⸗ than, was ein rechtſchaffener Mann auf einen ſol⸗ chen Schimpf thun mußte; er hat den ſchändlichen Beſtechungsverſuch, den man ſich gegen ihn erlaubte, bei den Gerichten anhängig gemacht. Möge dieſes großherzige und heilſame Beiſpiel . . .“ Wolfrang wird von Herrn von Francheville unter⸗ brochen, der raſch aus der Bibliothek kommt, gerade auf ihn zugeht und mit bebender Stimme ruft: „Mein Herr, Ihre Gutmüthigkeit iſt auf eine ſchändliche Art überraſcht worden: Sie empfangen einen ehemaligen Galeerenſclaven bei ſich.“ Bei dieſen Worten haben ſich alle Anweſenden voll Schreck erhoben, ſehen einander verblüfft an und tiefe Stille herrſcht einen Augenblick im Salon. Wolfrang (zu Herrn von Francheville). — „Wollen Sie ſich gefälligſt erklären, mein Herr. Ihre Mittheilung macht mich ganz beſtürzt.“ err von Francheville (ruhiger und ſich vor Sylvia verneigend, die blaß und zitternd da⸗ ſteht). — „Ich bedaure ſehr, Madame, und bitte dringend um Entſchuldigung, daß ich mein⸗ erſte 14 212 Aufregung nicht bemeiſtern konnte; ich hätte Herrn Wolfrang meine peinliche Entdeckung im Vertrauen mittheilen ſollen, um Ihnen, Madame, ſowie der ehrenwerthen Geſellſchaft, die bei Ihnen verſammelt iſt, einen ie Skandal zu erſparen; aber un⸗ glücklicher Weiſe vermochte ich mich nicht zu beherr⸗ ſchen und bitte deßhalb wiederholt um Entſchul⸗ digung.“ Sylvia. — „Ich begreife, daß Sie eine Ent⸗ rüſtung nicht bemeiſtern konnten, die einer erhabenen Seele ſo natürlich iſt, denn wir laſen ſo eben . . ſſich bei einer Beſcheidenheitsgeberde des Herrn von Francheville unterbrechend) aber ſagen Sie uns doch gefälligſt, was vorgefallen iſt.“ „So eben, Madame, bin ich, da ich es für paſſend hielt, mich für einige Augenblicke bei Seite zu hal⸗ ten, in dieſe Bibliothek getreten. Dort war ein einziger Mann, der ſein Geſicht über Albums ge⸗ beugt hielt und darin blätterte. Sylvia (ihre Erinnerungen zurückrufend, welche anfangs durch ihré Aufregung verwirrt waren). — „Nun ja, Herr Dubousquet, einer unſerer Mieths⸗ herren. (Voll Staunen) Mein Gott! Er iſt's? Herr von Francheville. — „Ja, Madame, ſo heißt dieſer Elende: Amedée Dubousquet.“ Herr Borel Lerblaſſend und bei Seite). — „Was höre ich? Dieſer Menſch iſt in Paris!. Er wohnt hier?“ Herr von Saint⸗Proſper (bei Seite). — „Dubousquet! Meine Dienerin Antoinette heißt ja Dubousquet. Sollten ſie verwandt ſein? (Zuſammen⸗ 213 fahrend.) Ah, aus tauſend Gründen würde ich dieſe Verwandtſchaft fürchten.“ Wolfrang (zu Herrn von Francheville). — „Wie, mein Herr, dieſer ehemalige Galeeren⸗ ſclave .. Herr von Francheville. — „Iſt Amedse Dubousquet, wegen Mordverſuchs und Diebſtahls lebenslänglich verurtheilt und zwar ohne mildernde Umſtände, in Folge der abſcheulichen Frechheit und Schamloſigkeit, welche der Elende während der De⸗ batten bewies, denen ich ſelbſt angewohnt habe. Er muß entweder aus dem Bagno entwiſcht oder be⸗ gnadigt worden ſein.“ Herr von Luxeuil. — „Nun wahrhaftig, da haben wir einen hübſchen Nachbar, auf Ehre!“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Und ich, der ich in demſelben Stock wohne, wie dieſer Bandit!“ Herr Lambert. — „Ah, der Unglückſelige! Jetzt erklärt ſich ſeine Abgeſchloſſenheit, ſeine Men⸗ ſchenſcheu und Schüchternheit; er hatte keinen Freund. als ſeinen Hund.“ Madame Borel (zu ihrem Mann). — „Ei, mein Lieber, ich meine, diefer Name Dubousquet ſei uns nicht ganz unbekannt.“ Alexis Borel. — „Meine Mutter hat Recht. Erinnerſt Du Dich nicht, Vater, an jenen Diebſtahls⸗ verſuch, der bei Dir begangen wurde, als ich noch ein Kind war?“ Herr Borel (ſeine Unruhe beherrſchend). — „Ja, ja, dieſer Elende muß es ſein. Ah, ich ge⸗ ſtehe es, ein ſolches Zuſammentreffen iſt peinlich; es bringt mich ganz aus der Faſſung.“ 2¹4 Madame Borel. — „Deine Aufregung iſt ſehr begreiflich, mein Lieber . .. Hier dieſen Ver⸗ brecher wieder zu finden!“ Herr von Francheville (zu Herrn Borel, nachdem er ihn aufmerkſam angeſehen). — „Habe ich nicht die Ehre, mit Herrn Borel zu ſprechen?“ Herr Borel. — „Ja mein Herr.“ Herr von Francheville. — „Ich meinte in der That Sie unklar zu erkennen; ich befand mich zu Lyon, wo Sie zur Zeit des Criminalpro⸗ zeſſes dieſes Dubousquet wohnten; ich war damals Generalſecretär der Präfectur und gehörte zu der Jury, vor welcher dieſer Menſch erſcheinen mußte. Ihre Ausſage, mein Herr, hat ihn zu Grunde ge⸗ richtet, denn er hatte nächtlicher Weile Ihre Caſſe erbrochen und einen Ihrer Bedienten, der vom Ge⸗ räuſch aufgeweckt ihn feſtnehmen wollte, ſchwer ver⸗ wundet.“ Herr Bovel. — „Ja, mein Herr, dieſe De⸗ tails ſind leider nur zu wahr; dieſe Thatſachen haben ſich damals in Lyon zugetragen.“ Herr von Saint⸗Proſper (bei Seite). — „Dieſer Dubousquet muß ein Verwandter meiner Magd ſein, denn er iſt von Lyon und ſie ſtammt ebenfalls daher.“ Herr von Luxeuil (in großſprecheriſchem Ton). — „Ei was! Man muß den alten Hallunken zur Thüre hinauswerfen, und das will ich auf mich nehmen.“ Madame Lambert (bei Seite). — „Wie muthig er iſt! Mein Gott, wenn dieſer Verbre⸗ cher bewaffnet wäre! (Schüchtern zu ihrem Mann.) —— — — 21⁵ S Dir, wenn dieſer Galeerenſträfling Widerſtand eiſtete.“ Herr Lambert. — „Ach der Unglückſelige wird nicht entfernt daran denken, er muß ſchon jetzt mehr todt als lebendig ſein.“ Herr von Luxeuil (auf die Bibliothekthüre zuſchreitend). — „Wir wollen ſogleich ſehen, und wenn dieſer Hallunke es wagt einen Ton von ſich zu geben, ſo werde ich ihn . . .“ Wolfrang (zu Herrn von Luxeuil). — „Ver⸗ zeihen Sie, mein Herr, dieſes traurige Geſchäft kommt mir zu.“ Er ſprechend tritt Wolfrang inmitten des tiefſten Schweigens der Anweſenden in die Bibliothek; alle Blicke ſind aufmerkſam auf die Thüre geheftet, zu welcher er hineingegangen iſt.“ Man hort Anfangs nichts, dann unterſcheidet man ein erſticktes Schluchzen, auf welches ein leiſes Geächze vom Hunde des Verbrechers folgt. Nach einigen Augenblicken kommt Wolfrang aus der Bibliothek, indem er Herrn Dubousquet am Arme feſthält. Das bleiche, entſtellte, in Thränen gebadete Geſicht des Letzteren neigt ſich auf ſeine Bruſt herab; er iſt ſo ſchwach, daß er trotz der mit⸗ leidigen Unterſtützung, die Wolfrang ihm leiſtet, ſeine wankenden Schritte kaum fortzuſchleppen ver⸗ mag; ſein Hund folgt ihm, indem er ſich von Zeit zu Zeit auf ſeine Hinterpfoten ſtellt, um die kraft⸗ ſoſe und eiſige Hand ſeines Herrn zu lecken. Der Verbrecher hat bereits die Hälfte des Sa⸗ lons inmitten tiefen Schweigens tlicher Zuſchauer zurückgelegt, als der Kammerdiener hereintritt und 216 hinter einander meldet: „Herr Herzog und Frau Her⸗ zogin della Sorga.“ „Herr Marquis Ottavio Ricci.“ „Fräulein Antonine Jourdan.“ Dieſe verſchiedenen Perſonen bleiben, nachdem ſie kaum in den Salon getreten ſind, ſtehen und gruppiren ſich raſch beim Anblick Wolfrang's, der dieſen Mann mit den verſtörten Zügen, dem ſein Hund mit geſenkten Ohren und Schweif in augenſcheinlichem Mitgefühl für die Schande ſeines Herrn nachfolgt, aufrecht hält und bis an die Thüre führt. Wolfrang verſchwindet mit dem Galeerenſelaven einen Augenblick im Wartſaal; dann kehrt er allein zurück, verneigt ſich vor der Herzogin della Sorga und ſagt zu ihr: „Ich bitte tauſend Mal um Verzeihung, Frau Herzogin, daß ich Ihnen meinen Reſpect noch nicht bezeugt habe; aber der Mann, den ich ſo eben hin⸗ ausgeführt habe, wurde plötzlich von einer großen Unpäßlichkeit befallen, ſo daß ich ihn nicht im Stich laſſen konnte; dieſes Motiv wird meine verſpätete Huldigung hoffentlich entſchuldigen, Frau Herzogin.“ Die Herzogin (bei Seite nach einem flüchtigen Blick auf Wolfrang). — „Welches bewundernswür⸗ dige Geſicht! (Laut und ſehr würdevoll.) Der Grund, den Sie anführen, mein Herr, iſt allzu lobenswerth, als daß ich ihn nicht zu ſchätzen wüßte.“ Sylvia tritt ihrerſeits vor, um die Honneurs des Salons zu machen. 217 XIX. Sylvia beweist in der Art, wie ſie die Frau Herzogin della Sorga und Fräulein Antonine Jour⸗ dan, die berühmte Künſtlerin, empfängt, daß ſie vollendeten Tact beſitzt und in der beſten Geſellſchaft vollkommen zu Hauſe iſt. Sie ladet Erſtere ein, ſich neben ſie zu ſetzen, eine Höflichkeit, die weit weni⸗ ger durch den Titel, als durch das Alter der Her⸗ zogin geboten iſt; dann wendet ſie ſich mit ſehr graziöſer Leutſeligkeit gegen die junge Künſtlerin, deren offenes und einnehmendes Geſicht ihr ſogleich gefallen hat, und erſucht ſie, auf einem bei der Cauſeuſe ſtehenden Lehnſtuhl ebenfalls neben ähr Platz zu nehmen. Sylvia befindet ſich alſo zwiſchen den beiden neuangekommenen Damen. Madame Borel hat ſich Madame Lambert ge⸗ nähert, deren Treuherzigkeit ſie intereſſirt, und tauſcht einige Worte mit ihr. Der Buchhändler iſt tief betrubt über die Aufdeckung der Schande des Herrn Dubousquet, für welchen er bis jetzt eine unbeſtimmte Sympathie empfunden hatte; er . ſich ſchweigend und nachdenklich ein wenig bei eite. Herr von Saint⸗Proſper plaudert mit Herrn Borel und deſſen Sohn; letzterer im großherzigen Enthuſiasmus ſeines Alters wirft von Zeit zu Zeit einen bewunderungsvollen Blick auf den Herzog della Sorga, den edlen Geächteten, den großen ſiciliani⸗ ſchen Patrioten, der ſeine Hingebung für die Unab⸗ hängigkeit ſeines Vaterlandes beinahe mit ſeinem Kopf bezahlt hätte. 218 Wolfrang unterhält ſich mit dem Herzog und ſeinem Sohn, dem Marquis Ottavio. Herr von Luxeuil endlich ſtützt ſich mit dem Ell⸗ bogen auf die Ecke des Kamins, gegenüber der Cau⸗ ſeuſe, wo Sylvia neben Fräulein Antonine Jourdan und der Herzogin ſitzt. Er hat gleich Anfangs eine um die andere ziemlich unverſchämt als Kenner (man verzeihe uns dieſe Impertinenz, welche dem Wörterbuch des betreffenden Menſchen entlehnt iſt) gemuſtert; dann hat ſich ſeine ganze Aufmetkſam⸗ keit auf die Herzogin concentrirt, deren bewunderns⸗ würdige Taille und ſtolze Schönheit, die trotz ihrer vierzig Jahre noch ſo viel Leidenſchaft zeigt und noch ſo bewundernswürdig iſt, ſeine Blicke gefeſſelt halten. Iſt es Zufall, iſt es Abſicht, die Augen der Herzogin, die ſich mit Sylvia unterhält, ſind zwei⸗ mal dem Blick des Herrn von Luxeuil begegnet, ohne ihn zu fliehen; dieſer eitle, ſchöne Burſche, deſſen verwegene Anmaßung blos von ſeiner Dumm⸗ heit aufgewogen wird, glaubt ſich bereits einer n Eroberung ſicher und ſagt bei Seite zu ſich elbſt: „Nun habe ich ſchon wieder drei: Franeine Lambert, Sylvia und die Herzogin della Sorga.“ So dumm, ſo empörend ein ſolcher Eigendünkel erſcheinen mag, ſo werden ſich gleichwohl Diejenigen nicht darüber wundern, die einige Lebenserfahrung beſitzen und leider nur zu oft mitangeſehen haben, welche erſtaunliche, unbegreifliche und tief betrü⸗ bende Erfolge bei gewiſſen Frauen ein ſchöner jun⸗ ger Mann erringen kann, der mit einem eleganten 219 Firniß Unternehmungsgeiſt und Welterfahrung verbin⸗ det und in der Schule gemeiner Galanterie abgerichtet iſt; er braucht dabei weder moraliſchen noch intel⸗ lectuellen Werth zu beſitzen, ſondern nur mit einer überſchwänglichen Einbildung begabt zu ſein, woraus er die feſte Ueberzeugung ſchöpft, daß gegen ihn Keine grauſam ſein könne . Es iſt ſeltſam und beinahe unerklärlich, daß ein ſolcher Menſch häufig blos von dieſer feſten Ueber⸗ zeugung ſelbſt durchdrungen ſein muß, um ſie den Frauen aufzuerlegen. Wenn endlich dieſer Menſch, der gänzlich herz⸗ los iſt und in der Liebe nur einen Zeitvertreib ſucht, mittelſt einer kalten und grauſamen Berech⸗ nung die Eiferſucht der Frau (handle es ſich nun um eine aufrichtige Neigung oder blos um eine Laune oder um einen Seitenſprung der Phantaſie) offen ins Spiel zu bringen weiß, ſo hat er grof⸗ Ausſicht auf Erfolg, weil er auf das lebhafteſte und unerbittlichſte Gefühl des weiblichen Charakters ein⸗ wirkt, auf die Eigenliebe, welche mehr Frauen zu Grunde gerichtet hat, als die Liebe ſelbſt. Auf dieſe Art hat Madame Lambert, welcher die Eiferſucht an Scharfſinn erſetzt was ihr an In⸗ telligenz abgeht, bald an ihrer ſchmerzlichen Herz⸗ beklemmung errathen und gefühlt, daß der trium⸗ phirende Ausdruck in den Blicken des Herrn von Lureuil nichts Anderes beſagen will, als daß er die Eroberung der Herzogin della Sorga für ſehr mög⸗ lich halte.. Nun verbindet ſich mit dieſem ſchmerzlichen Ge⸗ fühl bei Francine unvermeidlich eine unwillkürliche ing für die Kühnheit dieſes Eroberers, der nicht daran zu zweifeln ſcheint, daß er eine ſo vornehme Dame auf den erſten Anlauf erobern werde, und an dieſer Verführungsgabe zweifelt Francine unglücklicher Weiſe nicht. Hat ſie ſich ja ſelbſt verführen laſſen; warum ſollte alſo die Her⸗ zogin nicht ebenfalls von Herrn von Luxeuil ver⸗ führt werden? Francinens Ahnungen brachten ſie auf den Weg der Wahrheit. Frau della Sorga, die Anfangs durch die ausgezeichnet ſchönen Züge Wolfrangs geblendet worden, bemerkte bald, daß dieſe phyſiſche Schönheit noch weniger bemerkenswerth war, als die moraliſche Schönheit, die ſich in ſeinen vollen⸗ deten Zügen abzuſpiegeln ſchien. Die Tiefe und der Glanz in Wolfrangs Blick, ſo wie die Feinheit ſeines Lächelns enthüllten eine Intelligenz außer⸗ gewöhnlicher Art; ſeine Haltung, ſo wie ſeine Ma⸗ nieren, worin ſich Höflichkeit und Würde paarten, waren eben ſo anziehend als imponirend; kurz und gut, bei ſeinem Anblick fühlte ſich die Herzogin della Sorga vielleicht zum erſten Mal in ihrem Leben eingeſchüchtert und ſah ein, daß ſie auf ihrer Hut ſein müßte. Ganz anders verhielt es ſich mit Herrn von Luxeuil. Seine ſo zu ſagen animaliſche Schön⸗ heit machte auf Frau della Sorga einen eigenthüm⸗ lichen Eindruck; aber als ſie ihn näher betrachtete, geſchah dieß mit einer Unbefangenheit und Unge⸗ zwungenheit, als ob ſie ein recht ſchönes Thier an⸗ geſehen hätte. Der Herzog delln Sorga trat, nachdem er einige 221 Augenblicke mit Wolfrang geplaudert, auf Sylvia zu und ſagte zu ihr: „Verzeihen Sie, Madame, daß ich es bis jetzt verſäumt habe Ihnen im Namen meines zweiten Sohnes, des Grafen Felippe, ſein Bedauern dar⸗ über auszudrücken, daß er Ihrer liebenswürdigen Einladung nicht Folge leiſten konnte; er iſt etwas leidend.“ Sylvia. — „Ich bedaure unendlich, Herr Her⸗ zog, daß eine ſolche Urſache uns des Vergnügens beraubt Ihren Herrn Sohn zu empfangen. (Zur Herzogin.) Dieſe Unpäßlichkeit iſt doch hoffentlich nicht von Bedeutung, Madame?“ Die Herzogin. — Nein, Madame, eine ner⸗ vöſe Migraine.“ Sylvia. — Dann iſt es recht Schade, Madame, daß Ihr Herr Sohn nicht trotz ſeiner leichten Un⸗ päßlichkeit hierhergekommen iſt. (Lächelnd.) Wir würden ihn curirt haben.“ Die Herzogin. — „Wie ſo, Madame?“ Sylvia (ſich gegen Antonine Jourdan wen⸗ dend), — „Fräulein Antonine Jourdan, deren Ruf äls Sängerin Ihnen ohne Zweifel nicht unbe⸗ kannt iſt, würde Ihren Herrn Sohn ſicherlich durch den Zauber ihrer Stimme und ihres Talents curiri haben. Erzählt man ſich nicht Wunderdinge von der Wirkſamkeit der Muſik bei nervöſen Krankheiten?“ Aleris Borel (bei Seite, indem er Sylvia betrachtet. — „Welch ein liebenswürdiges Geſchöpf! Sie hat ſtets für Jeden ein verbindliches Wort, nur nicht für dieſen Gecken von Luxeuil. Gott ſei Dank, ſie hat ſich über ihn luſtig Lemadt 222 Die Herzogin (zu Sylvia). — „Jetzt, Ma⸗ dame, theile ich Ihr Bedauern, denn ich zweifle ganz und gar nicht an der herrlichen Stimme des Fräuleins, deren Ruf in der That bis zu mir gedrungen iſt.“ Antonine Jourdan. — „Dieß iſt eine Ehre, die ich keineswegs erwartet hätte, Frau Herzogin. (Dann ſich heiter an Sylvia wendend.. Was den Einfluß betrifft, den Sie meiner Stimme zuzuſchrei⸗ ben die Güte haben, Madame, ſo möchte ich Ihnen gern glauben können; aber ach, bis jetzt hat ſich dieſer Einfluß darauf beſchränkt, die Leute manch⸗ mal im Concert einzuſchläfern oder, was noch ſchlim⸗ mer iſt, meine Nachbarn im Schlafe zu ſtören, wie mir das vielleicht mit Herrn von Francheville wider⸗ fahren iſt, der unglücklicher Weiſe juſt unter mir wohnt, und in dieſem Fall werde ich mich aufrichtig bei ihm entſchuldigen.“ Herr von Francheville (mit verlegenem Lächeln). — „Ach mein Fräulein, ich würde mir im Gegentheil ſehr gratuliren, wenn mir das Glück zu Theil würde Sie zu hören.“ em ſie Madame Lambert (bei Seite, ind abermals Herrn von Luxeuil's frech auf die Herzogin geheftete Augen überraſcht). — „Mein Gott, wie er jetzt dieſe da wieder anſieht! Und es ſcheint mir, daß ſie ihn in dieſem Augenblick auch anſieht.“ Die Herzogin (nach einem neuen Blick auf Herrn von Luxeuil und bei Seite). — „Er iſt in der That ſehr ſchön, aber es iſt eine nichtsſagende Schönheit. Welcher Unterſchied gegen dieſen Wol⸗ frang! Ich weiß nicht, warum ich bei ſeinem An⸗ 223 blick in Unruhe gerathe . . Er flößt mir beinahe Lurcht ein.“ 1 Wolfrang (zur Herzohin). — „Madame, haben Sie heute das Abendjournal geleſen?“ Die Herzogin (verwundert). — „Ja, mein Herr, wir halten den Meſſager.“ mcuile Wolfrang. — „6ben den meine ich. Nun wohl, Frau Herzogin, obſchon mehrere dieſer Her⸗ ren zum erſten Mal die Ehre haben Sie zu ſehen, ſo kennen doch Sie dieſe Herren vollkommen, ja ich will noch mehr ſagen, Sie widmen denſelben gewiß alle Sympathie, die ſie verdienen.“ * Die Herzogin (immer überraſchter). — „Wahr⸗ haftig mein Herr, ich verſtehe Sie nicht.“ Wolfrang (lächelnd). — „Da werde ich Ihnen blos gewiſſe Namen zu nennen brauchen, damit Sie ſich ſogleich einverſtanden erklären, Madame. (Auf Herrn Borel und Alexis deutend.) Die Herren Borel, Vater und Sohn, Bankiers in Lyon. (Dann Madame Borel bezeichnend.. Madame Borel.“ Die Herzogin (zu Madame Borel). — „Ma⸗ dame, ich habe in der That heute Abend Lobſprüche geleſen, die dieſen beiden Herren mit ſo vollem Recht geſpendet werden; Sie müſſen eine ſehr glückliche Gattin und eine ſehr glückliche Mutter ſein.“ Madame Borel. — „Das iſt wahr, Madame, und Sie hätten mir nichts Schmeichelhafteres für meinen Gatten und meinen Sohn ſagen können.“ olfrang. — „Herr von Saint⸗Proſper.“ Saint⸗Proſper verbeugt ſich tief.) 4 ie Herzogin. — „Ah mein Herr, wie freue ich mich über dieſe Gelegenheit Ihnen ſagen zu kön⸗ 224 ſen, wie ſehr ich den Gedanken bewundere, der Sie auf ein ſo ausgezeichnet menſchenfreunbliches Unter⸗ nehmen geleitet hat.“ „ Sylvia. — „Und Sie, Frau Herzogin, können Das beſſer beurtheilen als irgend Jemand, Sie und Madame Borel. Madame Borel wird in Lyon gefegnet wie Sie es in Paris werden. (Lächelnd.) Sie iſt eine Collegin von Ihnen.“ Herr von Saint⸗Proſper (ſich aufs Neue verbeugend). — „Die ſo ſchmeichelhafte Beiſtimmung, womit die Frau Herzogin mein Werk beehrt, iſt zugleich eine Belohnung und eine Aufmunterung. Darf ich hoffen, daß die Frau Herzogin mir gnä⸗ digſt erlauben werde Sie unter die Patroninnen dieſer Stiftung einzuſchreiben?“ Die Herzogin. — „Gewiß mein Berr, mit dem größten Vergnügen.“ Herr von Saint⸗Proſper. — „Ich danke für Ihre unendliche Güte, Frau Herzogin.“ Antonine Jourdan. — „Herr von Saint⸗ Proſper, ich, die ich keinen Anſpruch darauf machen kann Patronin Ihrer Unternehmung zu werden, von welcher ich im Hauſe reden gehört habe ..„ Sylvia. — „Und warum denn, mein Fräulein, ſollten Sie nicht auch Patronin ſein können, ſo gut wie ich, ſo gut wie Madame Borel und Madame Lambert, die ich Ihnen vorzuſtellen die Ehre habe? (QAuf Francine deutend, die ganz verlegen dreinſieht.) Madame Lambert und ich, wir kennen uns erſt ſeit heute Abend und doch haben wir ſo viel Sympathie für einander, wie wenn wir ſchon alte Freundinnen wären.“ 225⁵ Madame Lambert (erröthet, ſchlägt die Augen nieder und ſtammelt). — „Madame Sie ſind allzu gütig. .. und . (bei Seite) welche Marter! Alles ſchaut mich an, ich weiß nicht was ich antworten ſoll; Herr von Luxeuil wird mich für ein Gänschen halten.“ Herr von Luxeuil (bei Seite). — „Die Herzogin gibt es ſehr vornehm; ſie iſt noch füperb. Da hat alſo ſchon wieder Eine angebiſſen! Ich will ſie nicht aus dem Auge verlieren.“ Der Marquis Ottavio (bei Seite, Herrn von Luxeuil beobachtend). — Es ſcheint mir aks ob dieſer junge Menſch, deſſen Augen beſtändig auf meiner Mutter haften, ſie nicht mit dem Reſpect anſchaue, den man ihr ſchuldet und den ihr noch Jedermann gezollt hat.“ Antonine Jourdan (zu Sylvia). — „Ich hatte große Luſt Madame Lambert kennen zu lernen, die ich täglich im Vorbeigehen an ihrem Magazin ſehe, und ich danke Ihnen, Madame, daß Sie auf dieſe Art meinem Wunſch zuvorgekommen ſind; aber Sie fragten mich ſo eben, warum ich nicht auch Patronin der Stiftung des Herrn von Saint⸗Pro⸗ ſper ſein wolle.“ Sylvia. — „Allerdings; warum nicht?“ Antonine Jourdan. — „Oh aus tauſend Gründen, Madame.“ Sylvia. — „Zum Beiſpiel?“ Antonine Jourdan (heiter). — „Erſtens bin ich unverheirathet und kann alſo ſchon deßwegen nicht unter den Dames patronesses figuriren; aber ich werde Herrn von Saint⸗Proſper etwas Beſſeres Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſens. I. 15 226 geben, als mein Patronat, und wenn er es erlaubt, ſo werde ich ein Concert zum Vortheil ſeiner Stif⸗ tung veranſtalten.“ „ Herr von Saint⸗Proſper. — „Ach mein Fräulein, zu welchem Dank werden Sie mich ver⸗ pflichten!“ Antonine Jourdan. — „Im Gegentheil, mein Herr, werde ich Ihnen Dank ſchulden; ich bin überzeugt, daß ich beim Gedanken an den Zweck dieſes Concertes vortrefflich bei Stimme ſein werde.“ Wolfrang (zur Herzogin). — „Frlauben Sie mir, Madame, Ihnen dieſe Herren vollends vorzu⸗ ſtellen. (Herrn von Luxeuil bezeichnend, der ganz ungenirt und ungezwungen gegen die Herzogin vor⸗ tritt.) Herr von Luxeuil, einer unſerer berühmteſten Sportsmen, oftmaliger Sieger auf dem Terrain der Wettrennen.“ Der Herzog della Sorga. — „Ich habe in der That heute Abend geleſen, daß bedeutende Wetten zu Gunſten einer Stute eingegangen worden ſeien, die Herrn von Luxeuil gehöre.“ Die Herzogin (bei Seite). — Die Hartnäckig⸗ keit, womit dieſer übrigens ſchöne Einfaltspinſel mich anſchaut, könnte zuletzt die Aufmerkſamkeit meines Sohnes auf ſich ziehen, der ihn beobachtet; machen wir dem Ding ſchnell ein Ende.“ Herr von Luxeuil (ſich vor der Herzogin verbeugend). „Madame .. Die Herzogin (mit eiſiger Steifheit Herrn von Luxeuil's Gruß erwidernd). — „Ich werde nie im Stande ſein Ihr Verdienſt genügend zu würdigen; ich habe nie begriffen, wie man ſich für ein Pferde⸗ 227 rennen intereſſiren konnte. (Zu Sylvia.) Und Sie, Madame?“ Sylvia (lächelnd). — „Ich, Madame, ich habe ein großes Mitleid mit den armen Thieren, die unter dem Sporn bluten, während ſie doch ganz allein den Ruf ihrer Herren begründen.“ Aleris Borel (bei Seite). — „Bravo! dieſer Geck empfängt auch von der Herzogin die Lection, die er für ſeine Impertinenz verdient.“ Herr von Luxeuil (Anfangs verblüfft über den Empfang der Herzogin und bei Seite). — „Sie hat mir freundlich zugeblinzelt und nun empfängt ſie mich auf eine beinahe unverſchämte Art, dieß geht nicht mit rechten Dingen zu; es muß Etwas dahinter ſtecken. (Laut und mit unzerſtörbarem Aplomb, indem er dem Blick der Herzogin zu be⸗ gegnen ſucht.) Sehen Sie wozu ich fähig bin, Frau Herzogin! Ich war ein leidenſchaftlicher Freund der Wettrennen; nun wohl, da dieſe keinen Reiz für Sie haben, ſo fange ich an meine ganze Leidenſchaft für einen wahren Unſinn zu halten.“ Er lacht und zeigt ſeine Zähne. Der Marquis Ottavio Ei Seite). — „Der vertrauliche Ton, den ſich dieſer Burſche gegen meine Mutter herausnimmt, iſt wahrhaft frech.“ Madame Lambert (bei Seite). — „Ich täuſchte mich; dieſe vornehme Dame hat Herrn von Luxeuil keine Aufmerkſamkeit geſchenkt. Und doch wundert mich das.“ Die Herzogin della Sorga (zu Herrn von Luxeuil mit zermalmendem Hochmuth). — „Es iſt mir im höchſten Grad gleichgiltig, ob Herr . 6zu Sylvia). Verzeihen Sie, Madame, der 1 228 Sylvia. — „Von Luxeuil.“ Die Herzogin della Sorga. — „Ob Herr von Luxeuil ſeiner Liebhaberei für die Pferderennen entſagt oder nicht entſagt. Er hätte dieß ſogleich begreifen müſſen und er wird es, denke ich, jetzt begreifen.“ Der Marquis Ottavio (bei Seite). — „Meine würdige Mutter hat dieſem unverſchämten Bengel ſein Recht angethan.“ In Folge der harten und hochmüthigen Worte der Herzogin iſt einen Augenblick allgemeines Schweigen eingetreten. Herr von Luzeuil, der ſich bemüht die Urſache der rauhen Abfertigung von Seiten der Herzogin zu errathen, iſt zwei Mal hinter einander den Bli⸗ cken Ottavio's begegnet, die mit ſo ausdrucksvoller Feſtigkeit auf ihn geheftet ſind, daß dem Stutzer plötzlich eine Idee kommt, in Folge deren er froh⸗ lockend zu ſich ſelbſt ſagt: „Zum Teufel mit dem Sohn! Ich vergaß ihn. Jetzt errathe ich Alles; er wird meine oder ſeiner Mutter Blicke bemerkt haben, und um ihn von der Fährte abzuleiten, behandelt ſie mich wie einen Lumpenkerl. Ich muß meine Batterien verändern; ich will ein beſtürztes, zerknirſchtes Geſicht ſchneiden und beobachten. . .“ So denkend verbeugt ſich Herr von Luxeuil vor der Herzogin und ſtammelt, indem er eine beſchämte, verlegene Phyſiognomie annimmt: „Ich würde es unendlich bedauern, wenn die Frau Herzogin mich für fähig hielte ..“ 229 Die Herzogin (in hochfahrendem Ton). — „Schon gut, mein Herr, ſchon gut. (Sich an Wol⸗ frang wendend.) Sie hatten vollkommen Recht, mein Herr. In S dieſes Abendjournals war ich ſchon zum Voraus mit Herrn Borel und Herrn von Saint⸗Proſper bekannt, obſchon ich jetzt zum erſten Mal das Vergnügen habe ſie zu ſehen.“ Wolfrang. — „Es bleibt mir jetzt nur noch übrig, daß ich die Ehre habe, Ihnen einen andern vortrefflichen Bekannten vorzuſtellen (auf Herrn von Francheville zeigend), den ich Ihnen blos zu nennen brauchen werde: Herrn von Francheville.“ Die Herzogin (zu dieſem Letzteren, der ſich verbeugt). — „Ah mein Herr, welches großſinnige und edle Beiſpiel haben Sie in dieſen unſeligen Zeiten der Corruption und Käuflichkeit gegeben!“ Herr von Francheville. — „Erlauben Sie mir Ihnen die Verſicherung zu geben, Frau Her⸗ zogin, daß die beklagenswerthen Acte, die in der letzten Zeit einen ſo ſcandalöſen Wiederhall gefun⸗ den, in der Regierung des Königs, dem ich zu die⸗ nen die Ehre habe, als vereinzelte Ausnahmen da⸗ ſtehen. Die unendliche Mehrheit der Staatsbeam⸗ ten würde ſo gehandelt haben wie ich.“ Der Herzog della Sorga (zu Herrn von Francheville). — „Wir glauben Ihnen, mein Herr; aber dieß iſt kein Grund, warum wir das von Ih⸗ nen gegebene Beiſpiel nicht in ſeinem vollen Werth ſchätzen ſollten.“ Der Marquis Ottavio (zu Fraeyi — „Wiſſen Sie, mein Herr, was die erſten Worte 230 meiner Mutter waren, als ſie den Artikel über Sie geleſen hatte?“ Herr von Francheville. — „Nein, mein Herr, aber ich weiß jetzt ſchon wie viel ich von dem Wohlwollen der Frau Herzogin erwarten darf.“ Der Marquis Ottavio. — „Endlich, hat meine Mutter gerufen, begegnen wir einem vollen⸗ deten Ehrenmann! (Ernſt und mit dem Ausdruck inniger Sohnesverehrung.. Wenn Sie das Glück hätten meine Mutter zu kennen, mein Herr, ſo würden Sie dieſe Worte als das würdigſte Lob betrachten, das Sie emvofangen können.“ Herr von Francheville. — „Glauben Sie mir, daß ich recht wohl fühle, wie ſchmeichelhaft ſie für mich ſind.“ Herr Lambert (in innigem Ton zu Herrn von Francheville). — „Mein Herr, ich habe nicht das Glück Ihnen bekannt zu ſein, obſchon wir ein und daſſelbe Haus bewohnen. Ich bin ein Menſch, der im Dunkel lebt (Herrn von Francheville die Hand reichend), erlauben Sie mir gleichwohl, daß ich die Ehre habe Ihnen im Namen der Brüder⸗ ſchaft, die zwiſchen den rechtſchaffenen Leuten jeden Rangs beſteht, die Hand zu drücken.“ Herr von Francheville (den herzlichen Händedruck des Buchhändlers erwiedernd). — „Ich verſichere Sie, daß dieſer Beweis von Sympathie mich unausſprechlich rührt.“ Antonine Jourdan (heiter und voll Grazie gleichfalls Herrn von Francheville die Hand rei⸗ chend). — „Mein lieber Nachbar, auch ich will das Vergnügen haben dem Manne die Hand zu drücken, 231 welchen die Frau Herzogin mit ſo vollem Recht als vollendeten Ehrenmann bezeichnet hat. (Lächelnd.) Nicht wahr, Sie werden mir meine allzufrühen Rouladen verzeihen? Ich werde in Zukunft den Schlaf des Gerechten reſpektiren . . Jetzt oder nie muß ich es ausſprechen.“ Herr von Francheville. — „Ach mein Fräulein, ich bedaure unendlich, wenn Herr Tran⸗ quillin ſo indiscret war . . .“ Antonine Jourdan (lachend). — „Still, mein lieber Nachbar, das iſt unſer Geheimniß.“ Madame Borel (zur Herzogin). — „Ma⸗ dame, da Sie Neapel bewohnt haben, ſo könnten Sie mir vielleicht Nachrichten von einer Ihrer Landsmänninnen geben, die ich vor einigen Jahren in Lyon geſehen habe. Sie war ſchön wie das Tageslicht und hieß Gräfin Moroſini.“ Die Herzogin della Sorga. — „Ich bitte Sie um Alles, Madame, ſprechen Sie den Namen dieſer elenden Creatur nicht aus.“ Madame Borel. — „Mein Gott, Madame, was iſt ihr denn widerfahren?“ Die Herzogin della Sorga. — „Sie hat ihre Gattinpflichten auf ſchändliche Weiſe verletzt. Ihr Mann hat ſie umgebracht.“ Madame Borel. — „Ach die unglückliche Frau!“ Die Herzogin della Sorga. — „Sie be⸗ klagen ſie alſo, Madame?“ Madame Borel. — „Allerdings, denn ſie konnte ſich ja beſſern. ſie konnte ihren Fehltritt ſühnen während der Tod . 232 Die Herzogin della Sorga. — „Der Lod? Dieſe Creatur verdiente ihn, Madame! und zwar keinen ſchnellen und heimlichen Tod, ſondern ſie hätte ihn am hellen Tag und auf öffentlichem Platz empfangen müſſen.“ Sylvia. — „So viel Strenge von Ihrer Seite überraſcht mich, Madame. Sie haben ſo volles Recht ſich nachſichtig zu zeigen.“ Die Herzogin della Sorga. — „Die Nach⸗ ſicht iſt in einem ſolchen Falle ſtrafbare Schwäche, Madame ... Ich für meine Perſon habe ſtets die antike Geſetzgebung zurückgewünſcht, welche die ehe⸗ brecheriſche Frau zur Steinigung verurtheilte .. Keine Todesqual iſt grauſam genug für dieſes un⸗ entſchuldbare Verbrechen.“ Madame Lambert (bei Seite). — „Ach, dieſe Dame macht mich zittern.“ Der Marquis Ottavio (bei Seite). — „Die Strenge und unerbittliche Tugend meiner Mutter ſetzt dieſe Leute in Erſtaunen Sie hat freilich auch das Recht ſich unbeugſam zu zeigen.“ Madame Borel (zur Herzogin). — „Ei wie, Madame! Sie würden ohne Mitleid ein un⸗ glückliches Weib ſteinigen ſehen, das ..“ Sylvia (lebhaft). — „Nein, nein, ich appellire en das Herz der Frau Herzogin . Sie würde wie Jeſus von Nazareth ſprechen: Wer von Euch ohne Sünde iſt, der werfe den erſten Stein auf ſie“ Die Herzogin della Sorga (mit Heftigkeit). — „Dieſen erſten Stein ich würde ihn werfen, Madame.“ 3ht Herr von Luxeuil (bei Seite) — „BZum 233 Henker! Welch eine ungeberdige Tugend! Sollte ſie aufrichtig ſein? Aber wie iſt es dann mit ihren verliebten Blicken? . . . Ich begreife Nichts mehr.“ Plötzlich zieht das harmoniſche Vorſpiel eines Ständchens, das aus dem Garten neben den beiden Hotels kommt, die allgemeine Aufmerkſamkeit an und macht dem Geſpräch ein Ende; die Gäſte ſehen einander an und ſchreiben dieſe unerwartete Sere⸗ nade einer Ueberraſchung zu, welche der Hausherr ihnen bereitet habe. In dieſem Augenblick erſcheint Tranquillin auf der Salonsſchwelle und geht mit ſeinen gewohnten Bücklingen auf Wolfrang zu. Dieſer begibt ſich in eine Ecke des Salons und lauſcht auf das was ihm ſein Intendant ganz leiſe mit eben ſo geſchäftiger als überraſchter Miene mittheilt. XX. Während Tranquillin ſich leiſe mit ſeinem Herrn beſpricht, bleibt die allgemeine Unterhaltung einge⸗ ſtellt. Verſchiedene Gruppen bilden ſich im Salon. Sylvia, die Herzogin, Madame Borel und An⸗ tonine ſprechen unter ſich. Francine Lambert nimmt, obſchon ſie bei ihnen ſitzt, keinen Theil an ihrem Geſpräch. Sie iſt in Gedanken verſunken und quält ſich mit dem Räthſel ab, wie es komme, daß die Herzogin, deren Blicke ſie ſelbſt zu wiederholten Malen mit einem Aus⸗ druck, der ſie tief betrübt, auf Herrn von Luxeuil geheftet geſehen, ihn gleichwohl mit ſo hochmüthiger Verachtung behandelt und in ihrem unmenſchlichen Rigorismus ein Bedauern ausgeſprochen habe, daß die ehebrecheriſchen Weiber nicht mehr geſteinigt werden. Nun würde Francine in Folge eines mehr ſcheinbaren als wirklichen Widerſpruches und trotz der Eiferſuchtsqualen, welche Herr von Luxeuil ihr dadurch bereitete, daß er ſich mit dieſen zwei ſchönen Damen zu beſchäftigen ſchien, in ihrer Eigenliebe vielleicht nicht weniger gelitten haben, wenn dieſe ſich gänzlich gleichgültig gegen ihn erwieſen hätten, denn ſie hätten dadurch zu ſagen geſchienen: „Pfui über dieſen ſchönen Bengel, er kann höchſtens einer Ladenhüterin das Köpfchen verdrehen.“ Mit andern Worten, Francine's höchſter Wunſch wäre erfüllt worden, wenn ſie geſehen hätte, daß dieſe beiden vornehmen Damen ſich eben ſo wie ſie in Herrn von Lureuil verliebt hätten, ſo qualvoll auch ſeine Galanterien gegen ihre Nebenbuhlerinnen für ſie geweſen wären, natürlich dieß Alles unter der Vorausſetzung, daß dieſelben ſpäter ihr, der beſcheidenen Ladenhüterin, hätten geopfert werden müſſen. Die junge Frau wurde ſolchen Betrachtungen durch ihren Mann entriſſen, der ganz leiſe zu ihr ſagte: „Ich bemerke, daß Du ſeit ungefähr einer Stunde leidender erſcheinſt, mein liebes Kind.“ „Allerdings, lieber Mann, ich weiß nicht, iſt es die Verlegenheit oder das Unbehagen varüber, daß ich mich das erſte Mal in meinem Leben unter ſo vornehmen Leuten befinde, aber ich habe eine hef⸗ tige Migraine.“ 235 „Wollen wir gehen?“ „Ich thue Alles was Du willſt, lieber Mann.“ „Herr und Madame Wolfrang haben uns mit ſo viel Wohlwollen empfangen, daß ſie gewiß un⸗ ſere Entſchuldigungen annehmen werden.“ „Allerdings .. aber es könnte ſie doch viel⸗ leicht beleidigen, wenn wir uns vor dem Ende der Soiree entfernten.“ „Nun denn, liebes Kind, ſo mußt Du Muth faſſen und Dich gedulden. Es iſt jetzt zehn Uhr. Die Soiree kann nicht mehr lange währen.“ können wir auch gehen, wenn Du willſt.“ „Ich für meine Perſon möchte das wünſchen, liebes Kind; ich befinde mich noch unter dem Ein⸗ druck der ſchmerzlichen Entdeckung in Betreff des Unglückſeligen, der mich lebhaft intereſſirte. Gerech⸗ ter Himmel! ein verurtheilter Verbrecher! . . . Es hat mich ganz zu Boden geſchlagen.“ „In dieſem Fall laß uns gehen, André, wenn Du nicht mehr gerne bleibſt.“ „Nein, mein Kind, ſuche Dich ein wenig zuſam⸗ menzunehmen; wir vergeſſen, daß Fräulein Anto⸗ nine Jourdan und Madame Wolfrang ſingen wer⸗ den: es wäre unhöflich, wenn wir uns jetzt entfer⸗ nen wollten. Einſtweilen bis das Concert beginnt, kehre ich in die Bibliothek zurück, um noch einige intereſſante Bücher anzuſchauen; dieß wird mich in meiner Traurigkeit über dieſen verdrießlichen Vor⸗ fall zerſtreuen.“ Während dieſes ehelichen Geſprächs geht Herr von Luxeuil, der bemerkt, daß die Herzogin 236 della Sorga, zu welcher er kein Auge mehr erhoben hat, von ihrem Platz aus ihn beobachten kann, auf den Marquis Ottavio, der in dieſem Augenblick ganz allein iſt, zu und redet ihn mit erheuchelter Verlegenheit alſo an: „Mein Herr, erlauben Sie mir eine Frage an Sie zu richten, die vielleicht indiscret erſcheinen könnte.“ „Nur zu,“ antwortet trocken Ottavio, der ſich bis jetzt hauptſächlich über die unziemlich frechen Blicke geärgert hat, welche Herr von Luxeuil im An⸗ fang auf die Herzogin geworfen; — „ich höre Sie.“ „Hat nicht die Frau Herzogin vor etwa achtzehn Monaten den Schiffrennen in Havre angewohnt?“ „Nein, mein Herr.“ „Entſchuldigen Sie, ſind Sie ganz gewiß, daß ...“ „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, daß meine Mutter vor achtzehn Monaten bei keinem Feſt in Havre ſein konnte, da wir damals noch in Sicilien wohnten. 4 „In dieſem Fall iſt die Aehnlichkeit ganz außer⸗ ordentlich.“ „Welche Aehnlichteit?“ „Zwiſchen der Frau Herzogin und einer Dame, deren Namen ich nicht kannte.“ „Was wollen Sie denn eigentlich, mein Herr.“ „Ich will es Ihnen mit wenigen Worten ſagen. Ich hatte die Ehre gehabt mich während dieſer Schiffrennen in Havre ziemlich lang mit der betref⸗ fenden Dame zu unterhalten, neben die ich zufällig zu ſitzen gekommen war; da ich nun ſo eben dieſe Dame in Ihrer Frau Mutter wieder zu erkennen 237 meinte, ſo glaubte ich mich auf dieſen Vorgang ſtützen zu können und habe mir, wie ich befürchte, eine allzu vertrauliche Sprache gegen die Frau Her⸗ zzogin della Sorga erlaubt. Sollte es ſich ſo ver⸗ halten, ſo würde ich Sie innigſt bitten Ihrer Frau Mutter meine dringenden Entſchuldigungen vorzu⸗ tragen und ihr gefälligſt die Urſache meines be⸗ dauerlichen Mißgriffs mitzutheilen.“ „Von Herzen gern,“ antwortet Ottavio, der ſich von der ſchamloſen Lüge des Herrn von Luxeuil täuſchen läßt, mit der Aufrichtigkeit ſeines Alters und ſeiner Loyalität. Er erfreut ſich des Glaubens, daß man es nicht gewagt habe ſeiner Mutter, die er beinahe abgöttiſch verehrt, unehrerbietig zu begegnen. Im vollen Vertrauen auf dieſe Erklärungen, die im Ganzen nichts Unwahrſcheinliches hatten, kehrte daher Ottavio, der Anfangs kalt und ſtreng gewe⸗ ſen, zu ſeiner gewöhnlichen Freundlichkeit zurück, denn er mußte jetzt die beharrlichen Blicke, womit der junge Stutzer die Herzogin verfolgt hatte, der Ueberraſchung eines unerwarteten Zuſammentreffens zuſchreiben. Seine Mutter ihrerſeits, die ſich mit Madame Vorel und Sylvia unterhielt, ſuchte den Gegenſtand der Beſprechung zwiſchen Herrn von Luxeuil und Ottavio zu errathen; ſie belauſchte von ihrem Platz aus verſtohlen den Ausdruck in den Zügen ihres Sohnes, und als ſie ſolche ſich erheitern und ihre gewohnte Leutſeligkeit wieder annehmen ſah, ahnte ſie bald, was zwiſchen den beiden jungen Leuten vorging; ſie zweifelte nicht mehr an der Wirklich⸗ keit, als Herr von Luxeuil die Unachtſamkeit Otta⸗ 238 vio's, welchen Alexis Borel ſo eben angeredet hatte, dazu benützte, ihr einen raſchen und ausdrucksvollen Blick zuzuwerfen. „Ich habe begriffen,“ ſagte die Herzogin zu ſich. „Herr von Luxeuil iſt bei all ſeiner Albernheit doch nicht ohne gewiſſe Gewandtheit.“ Und mit dieſem Gedanken beſchäftigt ſetzte ſie ihre Unterhaltung mit ihren Nachbarinnen fort, ohne daß ihr marmornes Geſicht eine Spur von ihren geheimen Eindrücken verrieth, denn die Heuchelei die⸗ ſer Frau wurde nur von ihrer Frechheit und ihrer gründlichen Verdorbenheit aufgewogen. „Herr Marquis,“ hatte Alexis Borel ſchüchtern zu Ottavio geſagt, indem er ſich ihm näherte, „ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ antwortet Ottavio höflich, „ich ſtehe zu Ihren Befehlen.“ Herr von Luxeuil, der ſich jetzt aus Discretion zu entfernen ſcheint, ſagt zum Abſchied zu Ottavio: „Sie werden alſo die Güte haben, ſich Ihres liebenswürdigen Verſprechens in Betreff Ihrer Frau Mutter zu erinnern.“ — Mit dem größten Vergnügen,“ antwortet Ot⸗ tavio. Herr von Luxeuil verneigt ſich, und da er die Abweſenheit des Buchhändlers bemerkt, ſetzt er ſich neben Madame Lambert, indem er zu ſich ſelbſt ſagt: „Alles geht gut; ich bin doch ein famoſer Kerl! Frau della Sorga hat mich verſtanden. O dieſe Italienerinnen ſind abgefeimte Spitzbübinnen, ſie gehen raſch in's Zeug und ſie haben Recht: die lange Hofmacherei vorher iſt es immer, was die . 239 Frauen am meiſten compromittirt. Ich begreife jetzt den heftigen Ausfall der Herzogin über die unge⸗ treuen Frauen, die ſie, wie ſie ſagt, ſteinigen ſehen möchte . Auf dieſe Art leitet ſie alle Vermuthun⸗ gen von ſich ab.“ Herr von Luxeuil wendet ſich jetzt halblaut an Francine Lambert und ſagt ſo, daß nur ſie allein es hören kann: „Welchen Hagel von Beſchimpfungen haben Sie mir von Seiten dieſer unverſchämten Herzogin zu⸗ gezogen!“ „Ich „Ja, allerdings. Dieſe vornehmen Damen da bilden ſich immer ein, ſobald ſie in einen Salon treten, müſſe ſich Alles nur mit ihnen allein be⸗ ſchäftigen; als ſie daher ſah, daß ich mich nur mit Ihnen beſchäftigte . „Wie können Sie das ſagen? Sie haben dieſe Herzogin beſtändig angeſchaut, ich habe es wohl geſehen.“ „Das that ich nur, um ſie mit Ihnen zu ver⸗ gleichen, mein ſchöner blauäugiger Engel. Aber welcher Unterſchied! Wie hat Ihre junge Schön⸗ heit den alten Adel dieſer Herzogin verdunkelt! Uebrigens iſt es gar kein Verdienſt von mir, wenn ich Sie ihr vorziehe! ich liebe Sie ſo innig!“. „Ach! Wenn ich Ihnen glauben könnte!“ „Ich lönnte Sie gewiß von meiner Liebe über⸗ zeugen, theure Angebetete, wenn Sie morgen dieſe Beſprechung bewilligen wollten, die . ..“ „Schweigen Sie! Entfernen Sie ſich! Sie ſieht uns an.“ 240 In der That beobachtete die Herzogin della Sorga, während ſie in aller Gemüthsruhe mit ihren Nachbarinnen weiter plauderte, Herrn von Luxeuil verſtohlen; ſie ſagte in dieſem Augenblick zu ſich ſelbſt: „Ganz vortrefflich! Um Ottavio's Argwohn gänzlich abzulenken, gibt ſich Herr von Luxeuil jetzt mit dieſer kleinen Bürgersfrau ab; er hat Routine, er weiß, wie man ſich in der Welt benehmen muß. Ob er wohl auch verſchwiegen iſt?“ Während Herr von Luxeuil mit Francine Lambert einige Worte austauſchte, fuhr Alexis Borel, nachdem er zu Ottavio geſagt, daß er ihn um eine Gunſt erſuche, und nachdem der junge Marquis ihm die höflichſte Antwort ertheilt hatte, alſo fort: „Ich habe die Freigniſſe der ſiiliãniſchen Revo⸗, lution, worin Ihr erlauchter Vater vermöge ſeines Patriotismus und ſeines Muthes eine bewunderns⸗ würdige Rolle geſpielt hat, in den Journalen ge⸗ leſen und mit dem lebhafteſten Intereſſe verfolgt. Der Herr Herzog iſt für mich der vollendete Typus des großen Bürgers geblieben, der für die Freiheit und Unabhängigkeit ſeines Landes ſtreitet.“ „Ach mein Herr,“ antwortet Ottavio mit Wärme, „wie danke ich Ihnen für Ihre Worte! Mein Va⸗ ter verdient wirklich all dieſe Lobſprüche; das ſage ich Ihnen mit gerechtem Sohnesſtolz.“ „Nun wohl, Herr Marquis, die Gunſt, um die ich Sie erſuche, beſteht darin, daß Sie mich Ihrem Herrn Vater vorſtellen möchten. Dieß würde die beſte, ehrenvollſte Erinnerung meines Lebens bilden.“ 241 „Was mich betrifft,“ antwortet Ottavio, „ſo wird eine meiner beſten Erinnerungen in dem dant⸗ baren Gedanken beſtehen, daß mein Vater als Ge⸗ ächteter in Frankreich ſo rührende Beweiſe von Theilnahme, wie jetzt von Ihnen, empfangen hat.“ Der junge Mann ſucht jetzt den Herzog mit ſeinen Blicken, und als er ihn mit Sylvia ſprechen ſieht, fügt er hinzu: „Sobald mein Vater ſeine Unterhaltung mit Madame Wolfrang vollendet hat, werde ich mich beeifern, Sie ihm vorzuſtellen.“ „Tauſend Dank, Herr Marquis; ich werde war⸗ ten,“ antwortet Alexis Borel, und fügt lächelnd hinzu: „wäre es nicht überdieß eine Grauſamkeit, den Herrn Herzog della Sorga in ſeinem Geſpräch mit Madame Wolfrang zu ſtören?“ „Es iſt wahr. Welche liebenswürdige Per⸗ ſon! Von ihrer blendenden Schönheit gar nicht zu ſprechen!“ „Nicht wahr, Herr Marquis?“ ſagte Alexis Borel lebhaft; „nicht wahr, dieſe Dame iſt bezau⸗ bernd? Welcher gute Geſchmack! Wie viel Geiſt!“ „O ganz gewiß; und dann will ich Ihnen nur geſtehen, was mich gleich Anfangs an ihr verführt hat, das iſt der verbindliche und ehrerbietige inffens⸗ den ſie meiner Mutter zu Theil werden ieß.“ Und Ottavio, der gegen Aleris, einen Jüng⸗ ling ſeines Alters, immer vertrauensvoller wird, fügt mit einem anbetenswürdigen Ausdruck kindlicher Zärtlichkeit hinzu: Sue, Geheimniſſe d. Kopfkiſſene. 1. 242 „Denn ſehen Sie, ich liebe meine Mutter ſo innig.“ „Dieſes Gefühl begreift Niemand beſſer als ich, denn ich liebe die Meinige nicht minder.“ „Sie gleichen einander vollkommen vermöge ihrer Güte und Menſchenliebe,“ hat Madame Wolf⸗ rang geſagt. „Wenn ich alſo meiner Mutter Lob ſpende, ſo bin ich überzeugt eben damit auch die Ihrige zu loben, Herr Alexis, und ich thue es deß⸗ halb ohne allen Rückhalt,“ fügt Ottavio lächelnd hinzu. „Ach wenn Sie wüßten, wie vollkommen ſie meine Liebe, meine Ehrfurcht verdient! Ich bin ihr mit einer Art von abgöttiſcher Verehrung zu⸗ gethan; ſie iſt für mich die beſte der Mütter, und gleichwohl imponiren mir die Hoheit ihres Charak⸗ ters und ihrer Tugenden dermaßen, daß meine Verehrung vielleicht noch ſtärker iſt, als meine Zärtlichkeit.“ Während dieſer Zeit plauderte Luxeuil ganz leiſe mit Madame Lambert. „Nun denn ja,“ antwortete die junge Frau mit erloſchener, beinahe unverſtändlicher Stimme, „wenn ich kann ſo werde ich hingehen ... Plötzlich aber nimmt ſie ihr Verſprechen zurück, und ſagt, fortwährend ganz leiſe: „Nein nein. . nie rechnen Sie nicht darauf.“ Dieſe verſchiedenen, abgeſonderten, beinahe gleich⸗ zeitigen Geſpräche fanden ſeit kaum fünf Minuten Stott, während Tranguillin abſeits ſich mit Wol⸗ frang unterhielt. 243 Die Serenade währte fort im Garten des Ho⸗ tels nicht weit von den Fenſtern des Salons. „Es iſt gut,“ ſagt Wolfrang zu dem Intendon⸗ ten. „Geh und führe die Herren ein.“ Tranquillin tritt ab, und ſein Gebieter wendet ſich jetzt laut, mit einem Ton, der die allgemeine Aufmerkſamkeit erregt, an den Herzog della Sorga: „Herr Herzog, eine Deputation ſicilianiſcher Flüchtlinge hat ſich ſoeben nach Ihrem Hotel ben, um Ihnen am heutigen Jahrestag der ſicilia⸗ niſchen Revolution im Namen der Flüchtlingsſchaft ihre Huldigungen zu widmen und ein Ständchen zu bringen; ich habe es auf mich genommen und ich wage zu hoffen, daß Sie mich darum nicht ta⸗ deln werden, Ihre würdigen Verbannungsgenoſſen hhier einführen zu laſſen. Da kommen ſie.“ XXI. Die Deputation ſicilianiſcher Flüchtlinge wird von Tranquillin in den Salon geführt, während die Muſikanten draußen eine patriotiſche Hymne ſpielen. Der Wortführer der Emigration hält in ſeiner Hand ein langes, ſchwarzes Saffianfutteral, das einen Degen zu enthalten ſcheint. . Das tiefſte Schweigen herrſcht Anfangs im Sa⸗ lon; ſämmtliche Anweſenden haben ſich erhoben und bilden mehrere Gruppen. Herr von Luxeuil hat ſich hinter der Herzogin della Sorga aufgeſtellt. 16* 244 Der Herzog ſcheint tief bewegt; er geht der Deputation einige Schritte entgegen. Einer der Geächteten, der das geöffnete Futteral hält, läßt einen äußerſt einfachen Degen mit ſchwarzer Scheide und eiſernem Griff bemerken, tritt auf den Herzog della Sorga zu, und ſagt in innigem Tone zu ihm: „Herr Herzog, es iſt heute ein Jahr, daß in Sicilien auf Ihren und Ihres Bruders Aufruf die Revolution losbrechen ſollte. Sie Beide waren die Seele dieſer Revolution, welche die Befreiung unſeres Vaterlandes zum Zweck hatte. Zärtlich vereinigt waren Sie Ein Herz und Eine Seele. „Die Wunder von Patriotismus, die raſtloſe Thätigkeit, die heldenſinnige Hingebung, die Opfer aller Art, womit Ihr Bruder und Sie, Herr Her⸗ zog, den Widerſtand organiſirten und die Schild⸗ erhebung vorbereiteten — was würde es nützen das Alles hier aufzuführen? Dieſe Erinnerung lebt unvergänglich in den Herzen der ſicilianiſchen Pa⸗ trioten. „Aber ach in dem Augenblick, wo Sie und Ihr Bruder die Fahne der nationalen Unabhängigkeit erheben wollten, wurde die Revolution verrathen; die Verſchwörung wurde am Tag vor ihrem beab⸗ ſichtigten Ausbruch denuncirt. Die Verräther ſind unbekannt geblieben. „Sie und Ihr Bruder ſind bei Nacht in dem Hauſe, von welchem das Signal zum Aufſtand aus⸗ gehen ſollte, überraſcht und nebſt ſo vielen andern von unſern Freunden zum Tod verurtheilt worden. Die Schaffotte wurden aufgeſchlagen; viele Patrio⸗ ten haben ſie beſtiegen! Sie ſelbſt und Ihr Bruder 245 mußten zuletzt hinanſteigen: er allein hat ſeinen Kopf daſelbſt gelaſſen. „Der Sieger, der Ihre Anbetung für Ihren innigſt geliebten Bruder kannte, verurtheilte Sie dieſen Ihrer brüderlichen Zärtlichkeit ſo theuren Märtyrer zu überleben! „Verwieſen aus unſerem Geburtsland haben Sie, wie auch Diejenigen unter uns, die dem Tod ent⸗ wiſchen konnten, ſeitdem in der Verbannung gelebt; eine rauhe, herbe Schule, worin Ihre beiden Söhne die Größe Ihrer Bürgertugenden wo möglich noch mehr bewundern und verehren lernen, um ſie eines Tages ſelbſt zu erreichen. „Ha! über dieſe edle und würdevolle Verban⸗ nung tröſten Sie ſich, Herr Herzog, wenn es mög⸗ lich iſt, durch die Anhänglichkeit und Erkenntlichkeit Ihrer Landsleute, Ihrer Waffenbrüder während des Kampfes, Ihrer Unglücksgenoſſen nach der Nie⸗ derlage. „Diejenigen, die in ihrer Verzweiflung den Glau⸗ ben an unſere heilige Sache verloren, ſind von Ihnen neu belebt und wieder aufgerichtet worden durch Ihre mannhaften, patriotiſchen Worte. Nur Ihnen haben es dieſe Unglücklichen zu verdanken, daß ſie über dem Gedanken an die Zukunft die Lei⸗ den der Gegenwart vergeſſen oder überwinden. „Diejenigen, denen das Elend die Verbannung doppelt ſchmerzlich machen konnte, ſind durch Ihre ſtets wachſame und väterliche Fürſorge über alle Noth erhoben worden. „Dieß war noch nicht genug: die Hand, die dieſe Wohlthaten ſpendete, ſollte ihren Werth noch 246 verdoppeln. (An die Herzogin della Sorga gewendet.) Dieſe edle Dame, das Vorbild aller Mütter und Gattinnen, hat in den Geächteten eine neue Familie erblickt und iſt für ihre Frauen eine Schweſter, für ihre Kinder eine Mutter geworden. Gottes Segen über Sie, Frau Herzogin! (Ottavio's Eeſicht badet ſich in Thränen der Wonne.) Gottes Segen über Sie! „Und jetzt, Herr Herzog, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen im Namen der ſicilianiſchen Emigranten als Pfand ihrer Anhänglichkeit, ihrer Dankbarkeit und ihrer Hoffnungen dieſen Degen überreiche. (Er überreicht ihn dem Herzog della Sorga; dieſer nimmt ihn, verbeugt ſich tief bewegt und übergibt ihn Ot⸗ tavio.) Dieſer Degen, einfach wie Ihr Leben, geſtählt wie Ihre Seele, wird uns am Wiedererwachungstag Siciliens tapfer zum Kampf und zur Eroberung der Unabhängigfeit führen.“ Der Herzog della Sorga (mit ernſter und gehobener Stimme zu den Geächteten). — „Liebe Mitbürger, Ihr habt es geſagt, die Verbannung hät ihre Tröſtungen, und zu den ſüßeſten unter ihnen gehört es, Männer, die bisher nur durch einen ge⸗ meinſamen Glauben verbunden waren, zu einer einzigen Familie vereinigen und verſchmelzen zu können. Ach glaubt es, ich ſchätze mirs zur Ehre, das Haupt unſerer Familie von Geächteten zu ſein; meine Söhne ſchätzen ſichs zur Ehre, zu ihren Mit⸗ gliedern zu gehören, und dieſe Handlungen, wofür Ihr meiner edlen, vielgeliebten Gattin ſo großen Dank auszuſprechen die Güte hattet, ſind eine hei⸗ lige Pflicht für dieſelbe. Ihr habt es ferner geſagt, 247. ich mußte meinen Bruder Pompeo, dieſe Seele mei⸗ ner Seele, überleben. (Die Stimme des Herzogs bebt, die Flüchtlinge theilen ſeine Rührung.) Das Daſein war mir Anfangs eine Qual, eine Marter; ich verwünſchte das Leben; dann dachte ich an die Meinigen, an meine Frau, die meiner Neigung und Hochachtung ſo würdig iſt; an meine Kinder, die ich dem Dienſt unſerer Sache weihen wollte; ich dachte endlich an das Vaterland, welches von Neuem unter das Joch gefallen, deſſen Zertrümmerung es verſucht hatte; und nun verwünſchte ich das Daſein nicht mehr, ich fühlte die Nothwendigkeit fortzuleben für das Vaterland, für unſere Sache, für die Mei⸗ nigen, und um Dein Gedächtniß zu rächen, oh mein Bruder! oh Pompeo, unſterblicher Märtyrer! Ha, ich ſchwöre es bei Gott, dieſer in der Verbannung geſchmiedete Degen ſoll blutend in meinen Händen zertrümmert werden, oder Sicilien wird eines Tags ſeine Unabhängigkeit wieder zu erobern wiſſen.“ Dieſe Worte, welche der Herzog della Sorga mit warmer Energie ausſpricht, machen einen leb⸗ haften Eindruck auf die Geächteten und die andern Anweſenden, während draußen die patriotiſche Hymne ertönt. Der Herzog tritt zu ſeinen Unglücksgefährten vor, drückt Einem um den Andern voll Innigkeit die Hand und ſagt zu ihnen: „Lebt wohl und auf Wiederſehen, theure Lands⸗ leute! Der heutige Abend wird als die ſüßeſte und glorreichſte Erinnerung aus dem Exil in mein Herz eingeſchrieben bleiben.“ Der Herzog nimmt den Redner der Deputation 248 beim Arm und verläßt den Salon, gefolgt von ſei⸗ nen Gefährten, die er bis zur Freitreppe des Ho⸗ tels zurückzubegleiten wünſcht. Während dieſer Scene hat ſich Herr von Luxeuil einige Schritte hinter der Herzogin gehalten, und als er Ottavio mit thränenfeuchten Augen und ſtrah⸗ lend von kindlichem Stolz auf ſeine Mutter zukom⸗ men ſieht, ſagt er zu ihm: „Ach Herr Marquis, vergeſſen Sie Ihr Ver⸗ ſprechen nicht; die Frau Herzogin muß, zumal in dieſem Augenblick, zur Nachſicht geneigt ſein; ich wage zu hoffen, daß ſie mir die Folgen eines un⸗ willkürlichen Irrthums verzeihen wird, der mich tief beſchämt und unglücklich macht.“ „Sie haben Recht, mein Herr; ſelbſt wenn meine Mutter ſich über eine wirlliche Beleidigung von Ihrer Seite zu beklagen hätte, ſo würde ſie bei die⸗ ſer für meinen Vater und ſie ſo glorreichen Gele⸗ genheit Alles vergeſſen. Das Clück macht ſo nach⸗ ſichtig!“ antwortet Ottavio. „Ich will Ihre Ent⸗ ſchuldigungen bei meiner Mutter auf eine Art an⸗ bringen, daß ſie gewiß angenommen werden.“ Ottavio nähert ſich der Herzogin und ſpricht leiſe mit ihr, während er mit ſeinem Blick Herrn von Luxeuil bezeichnet. Frau della Sorga ſcheint die Erklärungen ihres Sohnes mit dem Ausdruck kalter Herablaſſung in Betreff des Schuldhaften anzunehmen, während ſie mechaniſch ihren Fächer ſchüttelt; dann antwortet ſie ebenfalls leiſe: „Es ſei, mein Kind, ich will Dir nichts abſchla⸗ gen; ich will glauben, daß dieſer Herr weniger im⸗ ———— 249 pertinent iſt, als er ausſieht; ſein Irrthum iſt am Ende begreiflich und entſchuldbar; aber er mißfällt mir im höchſten Grad. Da Du indeſſen Mitleid mit ihm haſt . . . . Die Herzogin wendet ſich jetzt an Herrn von Luxeuil, der ſich ehrerbietig abſeits gehalten hat, und ſagt: „Auf ein Wort, mein Herr, wenn ich bitten darf!“ Ottavio entfernt ſich, um zu dem Herzog zu gehen, der in dieſem Augenblick in den Salon zu⸗ rückkommt, während die Herzogin zu Herrn von Luxeuil, der zu ihr vorgetreten iſt und ſich tief ver⸗ beugt, trocken und ſo, daß Madame Borel und Syl⸗ via es hören können, ſagt: „Mein Sohn ſagt mir ſo eben, daß Sie mich in Folge einer ganz außerordentlichen Aehnlichkeit mit einer andern Perſon verwechſelt haben, und ich will das gerne glauben. Ich denke, daß Sie ſich gegen mich ein ſo vertrauliches Benehmen nicht erlaubt haben würden, und ich will daher Ihre Erklärun⸗ gen annehmen, mein Herr.“ Aber während Herr von Luxeuil unter einer neuen Verbeugung ſeine Entſchuldigung gegen die Herzogin wiederholt, bringt dieſe ſpielend ihren Fä⸗ cher bis an die Höhe ihrer Lippen und verdeckt auf dieſe Art einige raſch und leiſe hingeworfene Worte, die nur zu Herrn von Luxeuil's Ohr gelangen kön⸗ nen; dann unterbricht ſie mit einer Fächerbewegung den jungen Stutzer, der fortwährend geſprochen, aber ihre gemurmelten Worte vollkommen gut gehört hat, und ſagt ganz laut zu ihm: 250 „Schon gut, mein Herr; ich erſuche Sie blos ſich künftig vor falſchen Aehnlichkeiten in Acht zu nehmen.“ Der Herzog della Sorga iſt bei ſeiner Rückkehr in den Salon Gegenſtand der Aufmerkſamkeit und ehrerbietigen Theilnahme der ganzen Geſellſchaft ge⸗ weſen; bald kommt Ottavio zu ihm und ſtellt ihm Alexis Borel vor mit den Worten? „Mein Vater, hier iſt einer Ihrer feurigſten Bewunderer; dieſe Vewunderung iſt eine der Ur⸗ ſachen der lebhaften Sympathie, welche mir Alexis bereits einflößt.“ Der Herzog della Sorga (freundlich zu Alexis) — „Mein Herr, ich freue mich ſtets junge Leute Ihres Alters zu treffen, die ſich die patrioti⸗ ſchen und erhabenen Gefühle lebhaft zu Herzen nehmen; dieſe Gefühle und nicht ich ſind es, die Sie bewundern müſſen und auch wirklich bewundern, erlauben Sie mir Ihnen das zu ſagen. (Alexis die Hand reichend.) Dieſes großherzige Streben macht Ihnen alle Ehre.“ Alexis Borel (ſehr bewegt und mit Ver⸗ ehrung die Hand ergreifend, welche der Herzog ihm darbietet). — „Ach Herr Herzog, ich werde mich mein ganzes Leben lang daran erinnern, daß ich heute die Ehre gehabt habe die Hand des hochbe⸗ rühmten Geächteten, des tapfern Vertheidigers der ſicilianiſchen Unabhängigkeit zu ergreifen. Eine ſolche Ehre verpflichtet, das dürfen Sie glauben, Herr er og.“ Herzog della Sorga. — „Ich weiß wenigſtens, daß Sie bereits auf würdige Art die 251 Verpflichtungen eingehalten haben, welche der ſo verehrte Name Ihres Vaters Ihnen auferlegte. (Zu Herrn Borel, der ſich genähert hat.) Es freut mich ſehr, daß Sie mich gehört haben, mein Herr, denn hier trifft wieder einmal das Sprüchwort zu: Wie der Vater, ſo der Sohn .. Herr Borel (lächelnd und mit dem Blick Ot⸗ tavio bezeichnend). — „Ja Herr Herzog, wie der Vater, ſo der Sohn . Wolfrang (innig zu dem Herzog), — „Ich bin überzeugt der Dolmetſcher der hier anweſenden Perſonen zu ſein, wenn ich Ihnen, Herr Herzog, in ihrem und meinem Namen ſage, daß wir Ihnen ſo wie einem ganz unvorhergeſehenen Umſtand eine der edelſten und rührendſten Gemüthsbewegungen verdanken, die wir jemals empfunden haben.“ (Ge⸗ murmel und Zeichen allgemeiner Beiſtimmung.) Wolfrang. — „Ich werde Nichts mehr hin⸗ zufügen, Herr Herzog; nach der ſo wohl verdienten Huldigung, welche Ihre ehrenwerthen Verbannungs⸗ genoſſen Ihnen und der Frau Herzogin dargebracht haben, wäre jedes Wort vergeblich.“ Sylvia. — „Ein Wort, ein. einziges Wort. (Lächelnd.) Oh beruhigen Sie ſich, Herr Herzog, dieſes Wort ſoll nur uns ſelbſt, uns ſtummen Zeu⸗ gen der edlen Scene, der wir ſo eben angewohnt haben, ein Lob ſpenden; denn daß wir ſie ſo leb⸗ haft mitempfunden haben, beweist, daß wir würdig ſind den Helden dieſer ſo wohl verdienten Ovation gebührend zu ſchätzen. (Zur Herzogin.) Jetzt, Ma⸗ dame, wollen wir, um Ihren theuern Verbannten einem noch nicht befriedigten Lobpreiſungsdrang, 252 dem ich, wie ich gerne geſtehe, vielleicht zuerſt nach⸗ geben würde, zu entziehen, ein wenig Muſik machen, wenn Sie es wünſchen.“ Die Herzogin della Sorga. — „Gewiß, Madame, denn ich hege den lebhaften Wunſch Fräulein Antonine Jourdan zu hören.“ Wolfrang. — „Dieſen Wunſch theilen wir Alle und beſonders ich. Gleichwohl möchte ich den Vorſchlag machen dieſes Vergnügen noch um einige Augenblicke zu verſchieben.“ Die Herzogin della Sorga. — „Warum denn das, mein Herr?“ Wolfrang. — „Aus Schonung für Sylvia's Eigenliebe.“ Sylvia. — „Was willſt Du damit ſagen, Wolfrang?“ Wolfrang. — „Ich habe Herrn Lambert ver⸗ ſprochen, daß Du heute Abend ſingen würdeſt. Lächelnd.. Du wirſt mich nicht in die grauſame Lage verſetzen, die Hoffnung von Herrn und Ma⸗ dame Lambert auf ſolche Art getäuſcht zu haben.“ Sylvia. — „Ich ſollte es vielleicht thun, um Dich dafür zu ſtrafen, daß Du unſern liebenswür⸗ digen Nachbarn eine ſo verrätheriſche Schlinge ge⸗ legt haſt; gleichwohl will ich, wenn dieſe Damen es wünſchen, ſingen, nachdem ich zuvor um ihre moßloſe Nachſicht gebeten habe.“ Die Herzogin della Sorga. — „Ach Ma⸗ dame, ſollten Sie einer ſolchen bedürfen?“ Madame Borel (zu Sylvia). — „Ich weiß nicht was mir ſagt, daß Sie zum Entzücken ſingen müſſen, liebe Madame.“ 253 Antonine Jourdan (zu Sylvia). — „Ich bin derſelben Anſicht wie Madame Borel: Ihre Stimme hat ein ſo reines, ſo harmoniſches Metall. Nun weiß ich aber in meiner doctoralen Eigenſchaft als Geſanglehrerin, daß das Metall der Stimme bereits die Hälfte des Talentes iſt.“ Sylvin (lächelnd). — „Ich fürchte ſehr auf dieſe Hälfte beſchränkt zu ſein, wenn ſie mir über⸗ haupt, woran ich noch zweifle, zugefallen iſt liebes Fräulein Antonine; inzwiſchen werde ich, da Sie und dieſe Damen es wünſchen, ſingen; aber Du, Wolfrang, mußt mir zu Hülfe kommen und mich accompagniren; ein Duett wird mir weniger furcht⸗ bar erſcheinen.“ Die Herzogin della Sorga. — „Herr Wolfrang iſt alſo auch Muſiker?“ Sylvia. — „Er iſt ein vollendeter Maeſtro, WMadame, und wenn er Ihnen einige Stücke von ſeiner letzten Oper zum Beſten geben wollte . .“ Wolfrang (lächelnd). — „So würde ſein Ruf als vollendeter Maeſtro wie ein Traum verſchwin⸗ den; um ihn daher in ſeiner ganzen unbekannten Größe unangetaſtet zu erhalten, werde ich mich wohl hüten Deinen boshaften Rath zu befolgen, liebe Sylvia; ich werde mich darauf beſchränken Dich zu begleiten, wenn Du es wünſcheſt; aber, wie ich dieſen Damen geſagt habe, nur aus Schonung für Deine Eigenliebe oder vielmehr ... nein, denn dieſe Eigenliebe iſt Dir eben ſo fremd wie jede an⸗ dere, aus wohl berechneter Rückſicht auf das Ver⸗ gnügen dieſer Damen werde ich Fräulein Antonine bitten, daß ſie uns erlaube vor ihr zu ſingen.“ daß ich mir fürchte ſeinen Blicken zu begegnen ? 254 Antonine Jourdan. — „Und warum wün⸗ ſchen Sie vor mir zu ſingen, mein Herr?“ Wolfrang. — „Weil es unter den Fein⸗ ſchmeckern eine ausgemachte Sache iſt, daß die aus⸗ geſuchten Weine ſtets für das Ende der Mahlzeit aufbewahrt werden müſſen.“ Antonine Jourdan (zu Wolfrang). — „Ah mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht! Dieſer Wein, den man für ausgeſucht hält, iſt häufig nur ein alltägliches Getränke, und eben ſo verhält es ſich mit meinem Geſang, das verſichere ich Sie.“ Die Herzogin della Sorga (bei Seite). — „Welch ein origineller Geiſt dieſer Wolfrang iſt! Er macht die Honneurs ſeines Salons als ein vollendeter vornehmer Herr; er ſoll ein vortreff⸗ licher Muſiker ſein. Welch ein merkwürdig begabter Mann! Warum doch imponirt er mir dermaßen, Neben ihm iſt dieſer Luxeuil weiter nichts als ein einfältiges Milchgeſicht; aber er imponirt wenig⸗ ſtens nicht.“ Antonine Jourdan (zu Sylvia). — „Wenn ich nach Ihnen ſingen ſoll, Madame, ſo wird meine Aufgabe ſehr ſchwierig gemacht; aber ich werde jedenfalls mein Beſtes thun.“ 3 Wolfrang. — „Was wünſcheſt Du zu ſingen, Sylvia? deutſche oder italieniſche Muſik?“ Sylvia. — „Der Geſchmack dieſer Damen mag entſcheiden.“ Die Herzogin della Sorga. — „Da Sie die Güte haben mich zu befragen, Madame, ſo will ich Ihnen ſagen, daß ich in meiner Eigenſchaft als 255 Italienerin die deutſche Muſik vorziehen muß; ſie hat für uns den Reiz der Neuheit. (Zu Madame Borel.) Und Sie, Madame, welche Schule ziehen Sie vor?“ Madame Borel. — „Ich geſtehe Ihnen de⸗ müthig, Madame, daß ich in meiner Unwiſſenheit an jeder Muſik Gefallen finde, wenn ſie nur gut iſt.“ Sylvia. — „So wollen wir ein Duett aus der deutſchen Schule ſingen.“ Antonine Jourdan. — „Und ich werde her⸗ nach einige italieniſche Stücke vortragen. (Zu Syl⸗ via.) Die Vergleichung wird wenigſtens etwas un⸗ gefährlicher für mich ausfallen.“ Sylvia (heiter). — „Sie würden zum Dank für dieſe verbindliche Schmeichelei ein recht derbes, ſaftiges, vollkommen wahres und wohlverdientes Lob ins Geſicht hinein verdienen, meine liebe Fräu⸗ E Antonine; aber ich will nachſichtig gegen Sie ein.“ Wolfrang. — „Willſt Du das Duett aus der Euryanthe oder aus dem Freiſchütz ſingen, wenn nicht anders dieſe Damen lieber Mozart als Weber hören wollen?“ Die Herzogin della Sorga. — „Ich kenne die Oper Euryanthe ganz und gar nicht, und das einzige Stück, das ich vom Freiſchütz kenne, iſt der Jägerchor, der ſo populär geworden iſt, aber von einigen Maeſtri eine ſehr ſtrenge Kritik erfahren hat, nicht wahr, Herr Wolfrang?“ Wolfrang. — „In der That, Madame, ha⸗ ben die hochweiſen Dockoren des Contrebaſſes, die ausgedienten Notenklauber in ihrer profeſſoriſchen 256 Hochgelahrtheit an dieſem famöſen Chor eine wahre Abſcheulichkeit entdeckt. Mit andern Worten, wäh⸗ rend der Zweiviertelstact (verzeihen Sie das bar⸗ bariſche Kauderwelſch) nach der unabänderlichen Regel fuͤr den Contretanz, der Sechsachteltact aber für die Jagdmelodien beſtimmt iſt, ſo hat dieſer Weber — ſollte man es glauben? — wiſſentlich einen Hochverrath gegen den Schlendrian begangen und in ſeinem Freiſchütz den Zweiviertelstact angewendet.“ Madame Borel (lachend). — „Das iſt in der That monſtrös.“ Wolfrang. — „Und was dieſe Monſeroſität doppelt ruchlos macht, das iſt die Vortrefflichkeit des Stückes . .. Die Strafe hat aber auch nicht auf ſich warten laſſen! Ein geheimes Tribunal hat ſich im Schatten der akademiſchen Regionen ver⸗ ſammelt . . .“ Antonine Jourdan (heiter). — „Das wird wahrhaft ſchrecklich.“ Wolfrang. — „Und hier iſt dieſer Weber, dieſer Erzböſewicht, dieſer Mörder der Regel ver⸗ urtheilt worden mit einer Geigenſaite erdroſſelt und ſodann in einem Contrebaßetui ſchmählich im Koth herumgezogen zu werden; die Reſte des großen Ver⸗ brechers ſollten dann den Geiern der gelehrten Kri⸗ tik preisgegeben werden.“ Die Herzogin della Sorga (lächelnd). — „Und iſt der furchtbare Spruch vollzogen worden?“ Wolfrang. — „Nein Madame, die Nachwelt, welche für Weber beginnt, hat das Urtheil der Doctoren caſſirt; im Ernſt geſprochen, der Jäger⸗ 257 chor wird ſtets als ein Meiſterſtück betrachtet wer⸗ den, obſchon er ſich in offener Religion gegen die Regel befindet. Die Empörung in der Kunſt iſt häufig die Proteſtation des Genies gegen den hun⸗ dertjährigen Deſpotismus des Schlendrians.“ Sylvia (lächelnd und ſich erhebend). — „An den Flügel, Wolfrang, an den Flügel! Wir wer⸗ den, da dieſe Damen es wünſchen, das Duett aus Euryanthe ſingen.“ XXII. Wolfrang ſetzt ſich ans Piano, um das Duett zu accompagniren, das er mit Sylvia ſingen ſoll. Die verſchiedenen Perſonen ſetzen ſich in beliebigen Gruppen. Frau della Sorga bleibt auf der Cauſeuſe, welche ſie mit Madame Borel theilt. Herr Lam⸗ bert, der durch die Präludien auf dem Klavier aus der Bibliothek gelockt wird, nimmt neben ſeiner Frau Platz. Dieſe ſieht ſtolz und vergnügt aus: Herr von Luxeuil hat ihr verſprochen, ihr die Her⸗ zogin und Sylvia zu opfern, und er ſcheint wirk⸗ lich ſein Verſprechen halten zu wollen, denn er ſchenkt keiner von Beiden Aufmerkſamkeit. Antonine Jourdan, die in ihrer Eigenſchaft als Künſtlerin — eine ſeltene Tugend unter ihres Glei⸗ chen — niemals die bittere Eiferſucht empfindet, welche die Rivalitäten an Talent hervorzurufen pflegen, hat ſich ganz nahe an das Piano geſetzt. Sie iſt ſehr begierig Sylvia ſingen zu hören und Sue, Geheimniſſe d. Kypfkiſſens. 1. 410 258 zum Voraus bereit ihr von ganzem Herzen zu applaudiren. Der Marquis Ottavio, der ſich durch die Gleich⸗ heit des Alters und der großherzigen Geſinnungen zu Alexis Borel hingezogen fühlt, hat ſich neben ſeinen neuen Freund geſetzt. Dieſer iſt hoch erfreut gegen ſeinen Nachbar die Bewunderung ausſprechen zu können, welche Sylvia ihm einflößt. Der Herzog della Sorga ſo wie die Herren von Francheville, von Saint⸗Proſper und Borel bilden eine andere Gruppe dem Klavier gegenüber. Herr von Luxeuil glänzt durch ſeine Abweſen⸗ heit von dieſen verſchiedenen Gruppen und ſteht, den Ellbogen auf eine Cauſeuſe geſtemmt, in einer triumphirenden Haltung da. Er entwickelt auf dieſe Art ſeine unwiderſtehliche Perſönlichkeit vor den Blicken ſeiner drei Eroberungen, denn er zweifelt nicht daran, daß der, wenn auch bis jetzt gedämpfte oder verborgen gehaltene Eindruck, den er auf Syl⸗ via hervorgebracht hat, eben ſo lebhaft ſei als der⸗ jenige, wovon Francine Lambert und die Herzogin della Sorga ihm ſichere Bürgſchaften gegeben haben. Gleichwohl empfindet dieſer prahleriſche Dumm⸗ kopf trotz ſeines überſchwenglichen Eigendünkels einen niedrigen Neid gegen Wolfrang. Dieſer eigenthüm⸗ liche Mann fordert durch die correcte Eleganz ſeines Anzugs, eine Hauptſache in den Augen des Herrn von Luxeuil, die ſtrengſte Kritik heraus; er ſcheint ein vollendeter Sportsman zu ſein, er zeigt ſeltene Kenntniſſe über alle Dinge, er hat die Manieren eines Mannes von der beſten Geſellſchaft, und der junge Stutzer muß ſich bei all ſeiner Einfalt geſte⸗ 259 hen, daß Wolfrang mit einem ſehr vriginellen Geiſte begabt iſt. Ueberdieß iſt er ein Muſiker erſten Rangs und beweist es in dieſem Augenblick, wo er auf Sylvia's Wunſch als Einleitung zum Duett die Duverture der Oper Euryanthe auf eine Art ſpielt, die ſämmtliche Zuhörer überraſcht und zur Bewunderung hinreißt. Antonine Jourdan iſt ganz beſonders gefeſſelt; ihr liebenswürdiges Eeſicht verräth einen ſteigenden Enthuſiasmus, und während ſie mit gierigem Ohr und verhaltenem Athem lauſcht, ſagt ſie in einer Art von Betäubung halblaut über Wolfrang's wun⸗ derbares Spieltalent: „Wahrhaftig das iſt die Kraft von Liſtz, die Zartheit der Methoden von Thalberg, die Grazie von Chopie; oder vielmehr nein, das iſt ein ori⸗ ginelles Talent, das ſeines Gleichen nicht hat; es vereinigt alle Vorzüge der großen Meiſter und hat keinen von ihren Mängeln.“ Dann klatſcht die junge Künſtlerin mit einer Geberde naiver Bewunderung in die Hände und kann nicht umhin laut vor ſich hin zu ſagen: „Nein, das iſt bewundernswürdig!“ Dieſer unwillkürliche Ausruf gibt, obſchon die Ouverture noch nicht zu Ende geſpielt iſt, das Signal zu einem lauten Beifallsgeſchrei, das bisher nur mit Mühe verhalten worden war. Die Herzogin della Sorga, eine geborene Muſikerin, wie beinahe alle Italienerinnen, klatſcht mit den Andern voll Entzücken und, wenn man uns dieſen Ausdruck geſtatten will, mit einer Art von 17 260 Sinnlichkeit, die gewiſſen ſüdlichen Naturen eigen⸗ thümlich iſt; ihre Raſenflügel erweitern ſich, und ihr großes ſchwarzes Auge, das brennend auf Wol⸗ frang geheftet iſt, funkelt und ſchmachtet abwechſelnd. „Die Herzogin hat mir ſo eben die Worte ins Ohr geſagt: Ich gehe alle Morgen im Park von Monceaux ſpazieren,“ dachte Herr von Luxeuil. „Das iſt ein Stelldichein! Die arme Frau! ich habe ſie verzaubert, und jetzt bricht der Vulkan aus, wo und wie er kann.“ So ſchrieb der junge Stutzer die muſikaliſche Exaltation, welche Wolfrangs Talent bei Frau della Sorga hervorrief, auf Rechnung ſeiner mordbrenne⸗ riſchen Blicke; da er es nun für ſeine Pflicht hielt dem Erfolg des Hausherrn durch ſeine Beiſtimmung die rechte Weihe zu geben, ſo klopfte er im Augen⸗ blick, wo das Beifallsgeſchrei aufhörte, langſam mit den Fingerſpitzen ſeiner rechten Hand in die Fläche ſeiner linken und ſagte hoch von ſeiner Halsbinde herab mit einem Blick, der zugleich den Kenner und den Protector verrathen ſollte: „Braaavo! ſehr gut, ſehr gut! Wahrhaftig ſeeehr gut! Braaavo.“ Dieſe ſchleppende und lächerlich lobhudelnde Klang⸗ nachahmung, die ſich inmitten des tiefen Schweigens, das ſo eben wieder eingetreten iſt, breit macht, bringt Antonine Jourdan dermaßen in Harniſch, daß ſie in der Aufrichtigkeit ihrer Natur ſich haſtig gegen den Unterbrecher umwendet und ihm ungeduldig zuruft: „Bitte, mein Herr, laſſen Sie uns doch hören!“ Herr von Luxeuil beantwortet dieſe Interpella⸗ 261 tion mit einem ſieghaften Lächeln, und Wolfrang, der guten Ton genug gehabt hat, um die Beifalls⸗ rufe des Gecken ſcheinbar nicht zu hören, ſpielt die Ouverture der Euryanthe mit einer wahrhaft erſtaunlichen Ueberlegenheit des Talents zu Ende und kommt neuen lärmenden Beifallszeichen dadurch zuvor, daß er gleich nach den letzten Noten ſagt: „Jetzt, liebe Sylvia, laß uns das Duett be⸗ ginnen.“ 2 Dieſes famöſe Duett in der Euryanthe ge⸗ hört zu jenen Liebesduetten, die in jeder Oper un⸗ umgänglich ſind; nie hat es in muſikaliſcher, mora⸗ liſcher und phyſiſcher Beziehung ſo vollkommene Dol⸗ metſcher gehabt wie Wolfrang und Sylvia., Beide ſtanden in der Blüthe der Jugend und Schönheit, ſie waren aufs Glühendſte in einander verliebt, und ſo hätten ſie ſelbſt mit einem mittel⸗ mäßigen Talent, während ſie ein wahrhaft außer⸗ ordentliches beſaßen, einen tiefen Eindruck hervor⸗ bringen müſſen. Und zwar, weil ſie wahr ſangen, weil ihre Phyſiognomie, ihre Haltung, ihre Blicke, der Klang ihrer Stimmen, worin die feinſten Saiten ihrer Seelen in Accorden von unausſprechlicher Zartheit ertönten, der hinreißende Ausdruck einer idealen Liebe waren . . . weil die Schläge ihrer Herzen, die Aufſchwünge ihrer Leidenſchaft, das Strahlen ihres innern Glückes unter dieſen Fluthen zauberiſcher Harmonie durchſchimmerten. Man denke ſich daher den Eindruck, welcher dieſe durch Wolfrangs und Sylvias muſikaliſches Genie ſo wie durch den anbetungswürdigen Liebreiz ihrer 262 Perſönlichkeiten zur Wahrheit gewordenen Ideale hervorrufen mußten. Dieſer Eindruck wurde unaus⸗ ſprechlich, als am Ende des Duetts ihre Stimmen in einer letzten, langen, zuckenden und beinahe magnetiſch wirkenden Vibration verſchmolzen und ſich in einer Hymne des Triumphes, der Dankbar⸗ keit und der ewigen Liebe zum Himmel emporzu⸗ heben ſchienen. Wolfrang und Sylvia, die jetzt von übermenſch⸗ licher Schönheit ſtrahlten, vergaßen was um ſie her exiſtirte und empfanden, in die Unendlichkeit ihrer Liebesglut hingeriſſen, den Schwindel des Luft⸗ ſchiffers, der ſich in die blendenden Regionen von Azur und Licht fortgetragen ſieht, ſo daß die Erde ſich in einen Schatten hüllt und ſeinen Blicken ent⸗ ſchwindet. Dieſes Gefühl, das ſich der Zuhörer Wolfrang's und Sylvias bemächtigt hatte, wollen wir zu ſchil⸗ dern verſuchen, weil der Einfluß der Kunſt auf die erhabenſten oder auch die mittelmäßigſten Naturen, wofern ſie nicht aus gänzlichem Mangel an Bega⸗ bung vollſtändig widerſpenſtig ſind, ſich ſtets in directem Verhältniß zu ihrem vorherrſchenden und gegenwärtigen Gedanken kundgibt. Da alſo das Duett, das Wolfrang und Sylvia ſangen, die zu ihrer höchſten Macht geſteigerte Liebe ausdrückte und folglich mehr oder weniger die Ge⸗ fühle derjenigen von unſern Perſonen überſetzte, die ſich dermalen unter dem Einfluß dieſer Leidenſchaft befanden, mochte nun die Natur derſelben zart oder plump ſein, ſo mußten dieſe Perſonen ihre Leiden⸗ 263 ſchaft bis zu der Eraltation geſteigert fühlen, die ſich mit ihrem Charakter vertrug. So hatte Madame Lambert trotz ihres beinahe gänzlichen Mangels an morcliſchem Gefühl gleich⸗ wohl nicht ohne Kampf, Furcht und Gewiſſensbiſſe den Beſtürmungen des Herrn von Luxeuil nachge⸗ geben, der ſie um eine Beſprechung anflehte. Der Gedanke an dieſe ſtrafbare Handlung, die ihr Verderben ſein konnte, hatte die junge Frau während dieſer Soiree häufig gequält; aber der hinreißende Zauber des Duetts, das ſie entzückte, hatte Francine allmählig ihre Beängſtigungen und Gewiſſensbiſſe vergeſſen laſſen, ſo daß ſie ſich rück⸗ haltslos ihrem Wonnegefühl hingab und ihre Au⸗ gen nicht mehr von Herrn von Luxeuil verwenden konnte, der ihr noch nie verführeriſcher geſchienen hatte, denn in ihrer Extaſe meinte ſie, Luxeuil und nicht Wolfrang ſei es, der ſo köſtlich ihre beider⸗ ſeitige Liebe beſinge. Aleris Borel, der bis jetzt Sylvia gegenüber, wenn auch nicht Liebe, doch wenigſtens jene unwider⸗ ſtehliche und ehrerbietige Anziehung empfunden hatte, welche Schönheit, Grazie, Geiſt und Herzensadel einer jungen, aufrichtigen und großſinnigen Seele ſtets kinflößen, Aleris Borel las jetzt deutlicher in ſeiner Seele und fah neben einem unbeſtimmten Gemiſch von Traurigkeit, Glück und Angſt, daß Bewunderung für Sylvia ſehr nahe an Liebe treifte. Herr von Francheville, der trotz ſeines Alters oder vielmehr juſt wegen ſeines Alters von einer ſchmählichen, wahnſinnigen Leidenſchaft für Mamſell 264 Cricri verzehrt wurde, einer Leidenſchaft, die ihn, nachdem er bis jetzt ein ehrlicher Mann geweſen, zu einem ſtrafbaren Handel getrieben hatte, vergaß ſeine Schmach, vergaß ſeine grauen Haare und lächelte ſelbſtgefällig unter dem Zauber der Geſänge Wolfrangs und Sylvias. Herr von Saint⸗Proſper, dieſer wichtigthuende, ſalbungsvolle, ſüßliche Menſch, der ganz in Chriſten⸗ liebe aufzugehen ſchien, dieſer Stifter des Alimen⸗ tationsunternehmens für die erſte Kindheit, wurde ganz munter bei der Erinnerung an ſeine hübſche Magd, welche man in eine ſo ſchmerzliche Verzweif⸗ lung verſunken geſehen hat, deren unſelige Urſache ſich ſpäter aufklären wird. Die Herzogin della Sorga, dieſe Frau, die mit den Sitten der Patrizierinnen aus der Verfallzeit des römiſchen Reichs moderne Schlauheit und Ver⸗ ſtellung verband, die Herzogin della Sorga, der Gegenſtand allgemeinſter Verehrung, fühlte ſich bei den Geſängen Wolfrangs, deſſen Perſönlichkeit be⸗ reits einen unüberwindlichen Eindruck auf ſie ge⸗ macht hatte, von tiefen und verſchiedenen Gemüths⸗ bewegungen ergriffen, welche ſie trotz ihrer vollen⸗ deten Selbſtbeherrſchung kaum zu bemeiſtern ver⸗ mochte. Sie hielt ihre Augen geſenkt, um nicht von ihnen verrathen zu werden, und bedeckte ihre bald blaſſen bald flammenden Züge unter ihrem langen Fächer; Eiferſucht und Haß verzehrten ſies ſie entdeckte mit Schrecken, daß niemals ein Mann dieſe Zaubermacht auf ſie ausgeübt hatte wie Wol⸗ frang, und ſie konnte ſich beſonders ſeit Anhörung dieſes Duetts nicht darüber täuſchen. Wolfrang 265 betete Sylvia an und er imponirte der Herzogin dermaßen, daß ſie kaum ihren Blick zu ihm aufzu⸗ ſchlagen wagte, weil ihr Inſtinct ihr ſagte, daß die feinſten Verführungskünſte an ſeiner Verachtung ſcheitern würden. Ueberdieß erreichte ſie bald ihr vierzigſtes Jahr und ſie knirſchte vor Wuth, wenn ſie die ideale Jugendſchönheit Sylvia's betrachtete. Ha wahrhaftig, wäre in dieſem Augenblick die Vergangenheit die Gegenwart geweſen, wäre Bea⸗ trice della Sorga eine jener Patrizierinnen des alten Roms geweſen, welche Petronius mit einem glühen⸗ den Vers wie mit einem glühenden Eiſen brand⸗ markt, ſie hätte ihren Sclaven befohlen Sylvia und Wolfrang zu greifen, und wenn letzterer die Liebe dieſer abſcheulichen Creatur verſchmäht hätte, ſo hätte ſie ihn nebſt Sylvia unter ihren Augen in den raffinirteſten, grauſamſten Martern ſterben laſſen. Hlücklicher Weiſe iſt Paris im neunzehnten Jahr⸗ hundert nicht das alte Rom, und Beatrice della Sorga überſtand Qualen, wie noch nie in ihrem Leben; ſie ſondirte angſtvoll den bodenloſen Abgrund der Zukunft und verſenkte ſich ſo tief hinein, daß ſie in dieſem Augenblick ſogar die freché Zuſammenkunft vergaß, welche ſie für den folgenden Tag Herrn von Luxeuil im Park von Monceaux zugeſagt hatte. Was die Andern betraf, ſo war der Herzog della Sorga ſeit langer Zeit für die Liebe abgeſtorben; Ottavio liebte bis jetzt nur ſeine Mutter, und die Zuneigung und Hochachtung, welche Herr und Ma⸗ dame Borel einander ſeit ihrer mehr als dreißig⸗ jährigen Ehe widmeten, hatten nichts Leidenſchaft⸗ liches, 266 Herr von Lureuil allein zeigte ſich widerſpenſtig gegen den Einfluß der Geſänge Wolfrang's und Sylvia's, weil er, ſeit langer Zeit blaſirt, in ſeinen Erfolgen einzig und allein eine plumpe Befriedi⸗ gung ſah, die ſeiner unglaublichen Eeckenhaftigkeit gewährt wurde. Er wünſchte nicht die Liebe, ſon⸗ dern die Schande der Frau als eine unläugbare Huldigung, welche der Verführungsmacht darge⸗ bracht würde, die er auszuüben behauptete. Antonine Jourdan endlich befand ſich ſtärker, als alle Anderen, unter dem Zauber der Töne Syl⸗ vias und Wolfrangs, nicht blos, weil ſie als ge⸗ übte Sängerin ſämmtliche Schattirungen ihres be⸗ wundernswürdigen Talents am beſten zu würdigen wußte, ſondern weil ſie ehrlich und muthvoll den jungen Krieger liebte, deſſen Bild ſie über ihrem Piano aufgehängt hatte; ein zartſinniger und rüh⸗ render Gedanke; dieſes geliebte Bild, der Gefährte der Einſamkeit der jungen Künſtlerin, ſchien ihren Studien und Arbeiten zuzulächeln, mittelſt deren ſie die beſcheidene Mitgift ſammelte, welche ſie bei ihrer bevorſtehenden Vermählung ihrem Bräutigam zuzubringen hoffte. Antonine Jourdan war durch Wolfrangs und Sylvias Geſänge wo möglich noch mehr bewegt als enthuſiasmirt, und vermochte ihre Thränen nicht zurückzuhalten. Als am Schluß des Euxyanthe⸗ Duetts das Bravogeſchrei im Salon wiederhallte, da trat ſie raſch auf Sylvia zu, und im Drang ei⸗ ner eben ſo graziöſen als aufrichtigen Herzenser⸗ gießung konnte ſie es ſich nicht verſagen ſich der jungen Dame an den Hals zu werfen und ſie zu 267 umarmen, während ſie mit einer durch Thränen der Rührung und Bewunderung halberſtickten Stimme murmelte: „Oh Madame, Dank! Dank aus tiefſtem Her⸗ zen! Das iſt erhaben! Ich verdanke Ihnen einen der glücklichſten Augenblicke meines Künſtlerlebens.“ Sylvia, die ſich an der Sympathie der jungen Künſtlerin noch mehr erfreut als an ihrer Bewun⸗ derung, antwortet ihr mit einer bezaubernden Herz⸗ lichkeit. Wolfrang, welcher ſeiner Gefährtin und ſich ſelbſt die unvermeidlichen Complimente zu er⸗ ſparen wünſcht, die er fürchtet, ſagt heiter zu der Sängerin, indem er ihr ſeinen Platz am Piano abtritt: „Schnell, ſchnell, ſetzen Sie ſich hieher, Fräu⸗ lein Antonine; Sie haben Zuhörer, die vollkommen vorbereitet ſind Sie zu hören und zu applaudiren, laſſen Sie ihre gute Stimmung nicht kalt werden, wie man im gemeinen Leben ſagt.“ „Ach, ich fürchte nicht, daß die Aufregung der Zuhörer, ſondern daß meine eigene erkalte,“ ant⸗ wortet Antonine mit noch thränenfeuchten Augen, und indem ſie ſich ans Piano ſetzt, fügt ſie mit graziöſer Unbefangenheit hinzu: „Ja, unter dem wonnevollen Eindruck, worunter ich mich befinde, glaube ich, daß ich noch nie beſſer geſungen haben werde, als heute Abend.“ Von einer gewiſſen fieberhaften Begeiſterung er⸗ griffen, welche die Künſtler begreifen werden, prä⸗ ludirte Antonine zu ihrem Geſang inmitten eines tiefen Schweigens, als auf einmal im anſtoßenden Salon ein gewiſſer Tumult ſich erhebt und man bald Tranquillin flehend rufen hört: 265 „Herr Militär, ich beſchwöre Sie, ſtören Sie die Soiree meines geehrten Herrn nicht. Dieſes junge Fräulein iſt allerdings hier aber... Auf einmal und mit gewaltſamer Zurückſtoßung des Intendanten erſcheint ein junger Unteroffizier der Chaſſeurs d'Afrique in Uniform auf der Schwelle. Er iſt bleich und ſieht ſchrecklich aus. Antonine erhebt ſich bei dem Tumult, wendet ihre Augen nach der Thüre, und als ſie den Sol⸗ daten erblickt, deſſen drohendes Gebahren ſie An⸗ fangs nicht bemerkte, eilt ſie mit ſtrahlendem Geſicht, bebend vor Freude und Ueberraſchung, auf ihn zu und ruft: „Iſt's möglich? Schon zurück, Albert? Du haſt alſo Deinen Abſchied erhalten?“ Bald aber fallen ihr die verſtörten Züge des Unteroffiziers auf, der ihr einen zermalmenden Blick zuwirft; ſie erblaßt, tritt einen Schritt zurück, ringt die Hände und murmelt voll Schreck: „Großer Gott! Was haſt Du denn, Albert? Warum biſt Du ſo blaß? warum ſo zornig?“ Die ſchweigſame Verwunderung der verſchiedenen Zeugen dieſer Scene wird immer geſpannter. Sylvia ergreift zitternd Wolfrangs Hand und hält ihn zurück, als er eben raſch auf den Soldaten“ zuſchreiten will. Dieſer ſcheint von ſeiner ganzen Umgebung nichts zu ſehen; ſein Geſicht iſt in eiſi⸗ gen Schweiß gebadet. Er thut ſich übermenſchliche Gewalt an, um ſich zu faſſen, er kreuzt krampfhaft die Arme über ſeiner Bruſt, wie wenn er ſich ſelbſt vor einem brutalen Wuthausbruch ſchützen wollte; dann wendet er ſich mit keuchender, gebrochener Stimme zu der jungen Künſtlerin und ſagt: „Antonine, Du haſt einen Mann mit grauen Haaren bei Dir empfangen. Iſt das wahr?“ „Ja,“ antwortet das junge Mädchen, bebend und verblüfft bei dieſer Frage, „es iſt wahr.“ „Dieſer Mann hat Dich geküßt, als er Abſchied von Dir nahm?“ „Das iſt ebenfalls wahr.“ „Dieſer Mann beſucht Dich ſeit einiger Zeit täglich?“ „Ich geſtehe es und . „Antonine, wer iſt dieſer Mann?“ „Albert,“ ſagt das junge Mädchen voll Würde und mit rührendem Schmerz, „Du vergiſſeſt, daß wir hier nicht allein ſind. . .“ „Um ſo beſſer, dann wird Deine Schande nur um ſo mehr zu Tage kommen.“ „Meine Schande?“ „Ich frage Dich, Antonine, wer iſt dieſer Mann?“ „Albert,“ antwortet das junge Mädchen mit hochgehaltener Stirne und zuverſichtlichem Blick, „dieſer Mann iſt mein beſter Freund.“ „Ich frage Dich, Antonine, welche Rechte hat dieſer Mann auf Dich?“ „Ich begreife Dich nicht, Albert.“ „Ich frage Dich, was dieſer Mann für Dich iſt und mit welchem Rechte er Dich geküßt hat?“ „Ich wiederhole es Dir, Albert, er iſt mein beſter Freund.“ haſt mir keine andere Antwort zu geben?“ „Nein,“ 270 „Alſo, Antonine, keine andere Antwort? keine andere?“ „Ich ſage Dir die Wahrheit.“ „Die Wahrheit iſt, daß Du Dich an dieſen alten Kerl verkauft haſt, hörſt Du, ehrloſe Metze?“ ruft der Unteroffizier, indem er ein Dolchmeſſer aus ſei⸗ ner Taſche zieht; dann ſpringt er wie ein Tiger auf Antonine zu und ruft: „Du mußt ſterben!“ Wolfrang hat ſich ſchneller als der Blitz aus Sylvias Armen losgemacht, wirft ſich zwiſchen An⸗ tonine und den Soldaten, ergreift mit eiſerner Fauſt den Arm, in deſſen Hand der Wahnſinnige das Meſſer hält, und entreißt ihm mit der andern Hand die Waffe, die er weit von ſich ſchleudert. Die junge Künſtlerin hat einen herzzerreißenden Schrei ausgeſtoßen und iſt ohnmächtig in Sylvias und Madame Borels Arme geſunken, während Ot⸗ tavio und Alexis Borel, hingeriſſen vom Ungeſtüm ihres Alters, über den Unteroffizier hergefallen ſind. Sie helfen Wolfrang den Unglückſeligen zurückzu⸗ halten, der toll vor Zorn und Verzweiflung unter wildem Geſchrei in ihren Armen zappelt. Auf Tran⸗ quillins Ruf eilen die Bedienten herbei, die Anto⸗ ninens Bräutigam, der gänzlich den Verſtand ver⸗ loren hat, trotz ſeines wüthenden Widerſtandes in den Wartſaal ſchleppen, wo ſie mit ihm verſchwinden. Die junge Künſtlerin wird von Herrn Borel und Herrn Lambert in die Bibliothek getragen, wo Madame Borel und Sylvia ihr die erſte Pflege widmen. Herr von Luxeuil, den dieſe tragiſche Scene ſehr wenig rührt, benützt die allgemeine Beſtürzung, um 271 auf die angſtvoll zitternde Francine Lambert zuzu⸗ gehen und ganz leiſe in flehendem Ton zu ihr zu ſagen: „ „Sie, die ich mehr als mein Leben liebe, Sie, für die ich die ganze Welt opfern würde, Sie wer⸗ den doch Ihr Verſprechen gewiß halten?“ „Vielleicht. ich weiß es nicht . antwortet beinahe mechaniſch die junge Frau, die in Folge des ſchrecklichen Auftritts, den ſie ſo eben mitangeſehen, noch ſchaudert. Während Herr von Lureuil im Weggehen ſich dieſe Worte wiederholt, fügt er hinzu: „Aber ich weiß beſtimmt, daß ſie kommen wird. Jann noch das Stelldichein, das mir die Herzogin auf morgen früh im Park von Monceaur gegeben hat. Nun wahrhaftig, heute Abend bin ich gut auf meine Koſten gekommen.“ Gegen Frau della Sorga, die in dieſem Augen⸗ blick mit ihrem Sohn plaudert, ſchlägt Herr von Luxeuil abſichtlich die Augen nicht auf, ſondern geht mit einer tiefen Verbeugung an ihr porüber. So⸗ dann verabſchiedet er ſich von Wolfrang, gegen welchen mehrere der Gäſte ihr tiefes Bedauern über den in ſeinem Salon vorgefallenen Scandal aus⸗ ſprechen. „ Um Mitternacht haben die verſchiedenen Mieth⸗ leute im Hauſe des lieben Herrgotts ihre eigenen Wohnungen wieder erreicht. 272 XXIII. Es iſt ein Uhr Morgens. Sylvia ſitzt allein in einem kleinen Sälon neben ihrem Schlafzimmer. Sie iſt tief in Gedanken ver⸗ ſunken und ſchwer darniedergebeugt. Ihre bleichen, entſtellten Züge verrathen ein ſchmerzliches Leiden, denn wir haben es bereits geſagt, dieſe junge Frau iſt von einer ſolchen nervöſen Empfindſamkeit, daß ſie beim Anblick des moraliſchen Böſen in ihrem Herzen einen tiefen, heftigen Schmerz empfindet. Eine Füllung des Getäfels im Salon des Erd⸗ geſchoſſes, wo Sylvia ſich aufhält, gleitet geräuſch⸗ los in ihrer Fuge hin; ein kalter Luftzug, wie er etwa aus einem unterirdiſchen Gelaß kommen könnte, dringt aus der im Getäfel angebrachten Oeffnung, die zu einem geheimen Gange führt, aus welchem Wolfrang mit einer Blendlaterne in der Hand her⸗ vorkommt. Er löſcht die Laterne aus und ſtellt ſie auf einen Leuchterſtuhl, nachdem er die Oeffnung von Neuem verdeckt und die Füllung des Getäfels wieder in ihren alten Platz gebracht hat. Sylvia iſt dermaßen in ihre Träumerei verſun⸗ ken, daß ſie Wolfrangs Gegenwart nicht bemertt. Er bleibt ſtehen und betrachtet ſie mit einem Aus⸗ druck unſäglicher Liebe, Beſorgniß und Theilnahme; eine Thräne glänzt in ſeinen Augen, während ein Lächeln auf ſeinen Lippen ſchwebt. Das Lächeln 6 gilt der Hoffnung und die Thräne iſt dem gegen⸗ wärtigen Schmerz ſeiner Genoſſin geweiht; aber Wolfrang iſt überzeugt, daß er ſie von dieſen Lei⸗ den heilen wird, deren Urſache er kennt; er nähert 273 ſich ſachte der jungen Frau, ergreift zärklich ihr Hand und ſagt zu ihr: 3 „Muth, meine Sylvia, Muth!“ Die junge Frau fährt zuſammen, erwacht aus ihrer Träumerei, wendet ihr ſchmerzerfülltes Geſicht gegen Wolfrang und ſagt: „Schon zurück?“ . „Ja, und ich komme mit der zuverſichtlichen Hoffnung zurück, daß ich Deine arme, verwundete Seele heilen werde; ich habe es Dir vor einem Jahre verſprochen; die Umſtände ſind mir günſtig, ich werde mein Verſprechen halten.“ „Eitle Hoffnung!“ antwortet Sylvia, indem ſie mit einem Ausdruck des Zweifels und bitterer Trau⸗ rigkeit den Kopf ſchüttelt. „Du täuſcheſt mich oder Dich ſelbſt, mein Wolfrang; dieſe ſo lange Zeit er⸗ wartete Prüfung vergrößert und reizt meine Leiden, ſtatt ſie zu beſchwichtigen. Sieh, noch einmal und ſ letzten Mal, denn ich bin müde, müde, will ich agen „Das Böſe, die Heuchelei, die Ungerechtigkeit bleiben ſtets ungeſtraft, triumphiren und jubeln in dieſer erbärmlichen Welt, wo ich nicht länger weilen will. Zauberiſche Hüllen verdecken abſcheuliche Wirk⸗ lichkeiten; Alles iſt Täuſchung, Gaunerei und Lüge. Auf wen kann man ſich verlaſſen? Was kann man glauben? Gerechter Gott! Heute Abend hat dieſe Antonine, die mir ſo aufrichtig, ſo rein, ſo ehrlich erſchien, ſich gegen die Schmach nicht zi c können, deren ihr Bräutigam ſie beſchuldigte. Wolfrang, es gibt Etwas, das noch ſcheuflicher iſt als das Laſter, nämlich die Heuchelei, die es ver⸗ beckt. Herr Dubousquet mit ſeinem ſo kee 5 Sue, Geheimniſſe d. Kopfliſſens. I. 274 ſo ehrlichen Auftreten, was iſt er? ein ehemaliger Galeerenſträfling.“ Die junge Frau fährt nach einer kurzen Pauſe, während welcher Wolfrang ſie mit verdoppelter Zärtlichkeit betrachtet, alſo fort: — „Heute Abend ſegnete ich den Zufall, der ab⸗ geſehen von einem lächerlichen Gecken ſo viele groß⸗ herzige, zartſinnige oder erhabene Charactere in dieſem Hauſe vereinigte; ich empfand ein wonniges Gefühl. und jetzt fühle ich mich zermalmt; ich leide da, im Herzen, ja ich leide und zwar eben ſo ſehr, ja noch mehr, als an dem Tag wo ich vor einem Jahr nach nicht minder ſchmerzlichen Enthüllungen, als die vom heutigen Abend waren .. .“ „Wo Du dieſe Erde verlaſſen wollteſt, um in jenen Sternenſphären wiederaufzuleben, wo wir für die Unendlichkeit wiedergeboren werden.“ 6 „Ach Wolfrang, warum haſt Du Dich unſerem Abſcheiden entgegengeſtellt?“ „Weil ich Dich auf immer von Deinem unſeli gen Irrthum heilen will, meine Sylvia; weil ic Deine Augen der ewigen Wahrheit erſchließen will, um Dir unſern Gang durch dieſe Welt leicht, an⸗ genehm, und beſanders um ihn für das Gute frucht⸗ bringend zu machen.“ „Du ſiehſt das Ergebniß Deiner Wünſche.“ „Sie ſind übertroffen oder werden es bald ſein; ich wage keine raſchere oder vollſtändigere Heilung für Dich zu erträumen.“ „Sei barmherzig, Wolfrang, verſpotte mich nicht. Hat nicht heute Abend unter unſern Augen dieſes junge Mädchen „ 6 275 „Antonine Jourdan iſt die würdigſte, edelſte, wackerſte Perſon, die je Achtung, Ehrerbietung, Bewunderung verdient hat; ja, die Bewunderung aller braven Menſchen, meine Sylvia.“ „Antonine?“ „ Ja „Wie! Sie konnte ſich mit einem einzigen Wort gegen eine ſchmähliche Anklage rechtfertigen, und ſie ſollte in einer ſo furchtbaren Lage dieſes Wort nicht ausgeſprochen haben? Nein, nein, ſie iſt ſchuldig, Wolfrang. Ihre Schmach iſt wohl verdient, ihre Heuchelei iſt entlarvt. Einmal wenigſtens iſt durch einen Zufall das Laſter gebrandmarkt worden, ein Ausnahme, die leider ſeine gewöhnliche Strafloſig⸗ keit beſtätigt.“ „Wieder einmal, arme Sylvia, läſſeſt Du Dick vom äußern Schein täuſchen: Antonine iſt un⸗ ſchuldig.“ „Unmöglich!“ . „Sie iſt ehrlich, ſie iſt rein.“ „Und ſie hat geſchwiegen!“ „Sie mußte ſchweigen.“ „So iſt alſo ihr Ruf in den Augen Aller be⸗ fleckt; ſo iſt alſo ihre Liebe zu Grunde gerichtet, denn ihr Bräutigam wird ſie ohne Zweifel nie wiederſehen; und dieſe ſchmerzlichen Opfer . .. „Sie wurden ihr auferlegt.“ „Durch welche Nothwendigkeit?“ „Du wirſt es ſpäter erfahren, meine Sylvia aber ich verſichere Dich, und ich verſichere nie etwas ohne Grund, daß Antonine Jourdan, ich wieberhole 18 7 „6 ₰ allgemeine Hochachtung und Bewunderung ver⸗ ient.“ „Ich glaube an Deine Worte,“ verſetzt Sylvia im höchſten Grade erſtaunt; „ich muß daran glau⸗ ben.“ Aber auf einmal drücken die Züge der jun⸗ gen Frau ein peinliches Gefühl, ein ſchmerzvolles Erbarmen aus, und ſie ruft: „Arme Antonine! Ich habe an ihr zweifeln können trotz der Anziehungskraft, die ſie auf mich ausübte, und jetzt iſt ſie der allgemeinen Verachtung preisgegeben.. Ach wie beklage ich ſie!“ „Laß uns nicht Solche beklagen, Sylvia, die ver⸗ möge ihres Charakters und ihrer Handlungen wür⸗ dig ſind edlen Seelen, wie die Deinige iſt, einen hochſinnigen Neid einzuflößen. So verhält es ſich auch mit dem Manne, welcher heute Abend wie der gemeinſte Verbrecher von hier verſtoßen worden iſt.“ „Mit dieſem ehemaligen Galeerenſträfling?“ „Du wirſt ihm bald mit Achtung die Hand drücken.“ „Mit Achtung?“ „Mit Achtung und mit Stolz, Sylvia, denn man darf ſtolz darauf ſein, der Tugend die gebührende Huldigung zu erweiſen, beſonders wenn ſie den Menſchen zu der Höhe erhebt, auf welcher dieſer Märtyrer eines göttlichen Gefühles ſteht.“ „Deine Stimme iſt voll Ernſt, Wolfrang,“ ver⸗ ſetzt die junge Frau, deren Verwunderung immer größer wird, „Dein Blick iſt gerührt, eine Thräne ſteht in Deinem Auge.“ „Oh beſter und wackerſter der Menſchen!“ fügt Wolfrang voll Rührung hinzu, „welche Einfachheit 277 * 5 in der Größe Deiner Hingebung! Welche Naivetät in Deiner erhabenen Selbſtverleugnung! Du haſt keinen andern Freund, keinen andern Vertrauten in der Welt, als Deinen Hund, den Gefährten Deiner Einſamkeit; Du haſt keinen andern Troſt, als die rührende Stimme Deines Gewiſſens; ſei geprieſen unter den Menſchen, armes Opfer eines unvermeidlichen Irrthums!“ „Sollte es wahr ſein? Er verdient alſo wie Antonine die Achtung und Bewunderung der recht⸗ ſchaffenen Leute? Aber dann, Du ſiehſt, es ſelbſt, ach Du ſiehſt es ſelbſt, Wolfrang, und Du haſt es auch geſagt, dann haben ja alle Beide ſich heroiſch aufopfern müſſen, und zum Lohn dafür ſind ſie in den Augen der Welt mit Schmach bedeckt. Sprich, iſt ihr Schickſal nicht ſehr grauſam? Du ſiehſt wie ſehr in dieſer traurigen Welt die Guten, die Ge⸗ rechten verkannt und unterdrückt werden; wie un⸗ gerecht die Meinung der Menſchen iſt.“ „Ja, wenn Dein getäuſchter Blick beim äußern Schein verweilt; nein, wenn Dein Blick in die ewige Wahrheit eindringen kann, und dieſe Wahrheit wirſt Du bald kennen lernen . . . Muth, meine vielge⸗ liebte Sylvia! Noch ein paar Tage Prüfungszeit und Deine Heilung iſt geſichert. Aber damit dieſe Prüfungen vollſtändig werden, muß ich Dich ſchmerz⸗ liche Enthüllungen hören laſſen, ja ſchmerzlich für Dich, Du arme, theure Senſitive, die beim Anhauch des Böſen zuſammenſchaudert, leidet und ſich in ſich ſelbſt zurückzieht.“ „Welche Enthüllungen?“ „Du darfſt keine Illuſion über die Perſonen 278 behalten, die heute Abend bei uns verſammelt wa⸗ ren. Vor allen Dingen, Sylvia, mußt Du die Wirklichkeiten kennen lernen, die unter falſchen Hül⸗ len verdeckt bleiben. Auf dieſe Art werden die Ver⸗ achtung und Abneigung, welche Dubousquet und Antonine Jourdan in Folge der gegen ſie erhobe⸗ ne Anklagen Dir einflößten, der Bewunderung Platz me hen, während Deine Sympathie, Theilnahme ode Bewunderung für andere Perſonen, die heute Aber hier waren, ſich in Eckel, Verachtung, Wi⸗ derwillen, Abſcheu verwandeln werden, meine arme Sylvia.“ „Was willſt Du mir mittheilen? Ich zittere.“ „Was denkſt Du von Madame Lambert?“ „Sie iſt eine rechtſchaffene junge Frau; Güte und Treuherzigkeit ſind ihr ins Geſicht geſchrieben; ſie hat mir mit einer rührenden Dankbarkeit von ihrem Manne erzählt.“ „Madame Lambert, die übrigens mehr irrege⸗ führt als verdorben iſt, hat heute Abend dem Drän⸗ gen des Herrn von Luxeuil nachgegeben und ihm ein Rendezvous zugeſagt.“ „Sie! Sie ſollte dieſen ſo zart fühlenden und edelmüthigen Mann verrathen? Sie ſollte ihn die⸗ ſem unverſchämten und einfältigen Gecken aufopfern! Dieſe Frau, deren naive Schüchternheit und Sanft⸗ muth mich bezaubert hatten! Mein Gott!“ fügt ſie mit einem ſchmerzlichen Beben hinzu, „wem kann man nach einer ſolchen Täuſchung noch trauen? Was kann man noch glauben?“ „Du darfſt an den hochſinnigen Charakter des Herrn Lambert' und an den Adel ſeines Herzens glauben, Sylvia; Du darfſt an die Tugenden und an die unerſchöpfliche Menſchenliebe von Madame Borel glauben; Du darfſt an die hochherzigen Ge⸗ ſinnungen ihres Sohnes glauben, der heute Abend mehr als alle Andere in Dir das Schöne und Gute in ſeinem ſtrahlenden Glanz bewunderte; aber Du mußt nicht an die Ehrlichkeit des Herrn Borel glauben.“ „Ei wie! Die Journale, dieſe Echos der öffent⸗ lichen Meinung, führen ihn doch heute Abend als ein Muſter der ſtrengſten Rechtſchaffenheit auf.“ „Die Quelle des unermeßlichen Vermögens die⸗ ſes Bankiers iſt ein ſchändlicher Vertrauensmißbrauch, ausgeführt mit der ſchwärzeſten Treuloſigkeit und der ſchrecklichſten Frechheit.“ „Gerechter Gott! Und dieſer Mann genießt die allgemeinf Hochachtung?“ „Jü. „Und ſeine Schändlichkeit bleibt ungeſtraft! Ach immer muß doch das Böſe triumphiren.“ „Geduld!. . Aber ſage mir, Sylvia, was hältſt Du von Herrn von Francheville?“ „Nun, dieſer Mann wenigſtens hat heute einen glänzenden Beweis von ſeiner Uneigennützigkeit und. Rechtſchaffenheit gegeben; ſeine politiſchen Gegner ſelbſt laſſen ihm ja Gerechtigkeit widerfahren und ſind voll von ſeinem Lob.“ „Herr von Francheville hat heute ein lange Zeit vorwurfsloſes Leben durch einen Act der Käuflich⸗ keit entehrt, der durch die raffinirteſte Schlauheit und fluchwürdigſte Heuchelei noch ſchändlicher ge⸗ worden iſt.“ „Herr von Francheville!“ wiederholt die junge Frau, dermaßen betäubt durch all dieſe Enthüllun⸗ gen, daß ſie vor Ueberraſchung und peinlicher Neu⸗ gierde den ſchmerzlichen Unmuth über dieſe vielen Täuſchungen vergißt; „Herr von Francheville,“ fügt ſie mit dem größten Staunen hinzu, „ſoll ein feiler Heuchler ſein!?“ „Ja und gleichwohl iſt er noch unendlich beſſer, als ein anderer Heuchler, ein abſcheulicher Böſe⸗ wicht, der das Schaffot verdient.“ „Das Schaffot! Großer Gott, von wem ſprichſt Du, Wolfrang?“ „Von Herrn von Saint⸗Proſper.“ Sylvia betrachtet Wolfrang einen Augenblick, ohne ein Wort zu finden, denn ſie weiß nicht, ob ſie träumt oder wacht. Sie erinnert ſich an die ſcheinheilige, ſanfte Phyſiognomie und die ſalbungs⸗ vollen Worte des Stifters der Alimentation für die erſte Jugend; die Anklage, welche Wolfrang gegen dieſen angeblichen St. Vincenz von Paula erhebt, erfüllt die junge Frau mit Schrecken und Entſetzen. Sie ſitzt wie vernichtet da, und der phyſiſche Schmerz, welchen ihr der Unmuth über das morgliſche Böſe bereitet, ſtellt ſich mit neuer Heftigkeit ein. Wolfrang beeilt ſich dieſe, für das feine gefühl ſeiner Genoſſin ſo peinlichen, Fröffnungen zu voll⸗ enden und antwortet mit verdoppelter Zärtlichkeit „Muth, Sylvia, Du näherſt Dich dem Ende die⸗ ſer Enthüllungen, aber die letzten ſind vielleicht noch die allerabſcheulichſten . Madame Lambert, die ſich einen Augenblick verirrt hat, beſitzt wenigſtens das Bewußtſein ihres Fehltritts; ſie hat nicht ohne 6 1 Kampf, ohne Gewiſſensbiſſe nachgegeben, und viel⸗ leicht wird ſie inne halten auf dem Weg, der ſie ins Verderben führt; aber die Herzogin della Sorga verbindet mit der gründlichen Schlechtigkeit ihrer Sitten Heuchelei, Liſt und Verwegenheit.“ „„Dieſe geſtrenge Frau, für welche die Flücht⸗ linge heute Abend die Segnungen des Himmels er⸗ flehten,“ ruft Sylvia die Hände ringend; „ſie, die ſich in ihrer unerbittlichen Strenge darüber empörte, daß in unſern Lager eine verbrecheriſche Gattin nicht mit dem Tod beſtraft werde! .. Nein, nie werde ich glauben . . .“ „Die Herzogin della Sorga iſt ein Ungeheuer von Schlechtigkeit, ſage ich Dir, meine arme Syl⸗ via. Sie iſt übrigens die würdige Gefährtin des Herzogs della Sorga.“ Und als Antwort auf den angſtvollen Blick Syl⸗ via's, die bei dieſer Anſpielung auf den Herzog ihren Ohren nicht zu glauben ſcheint, fährt Wol⸗ frang fort: „Verräther an ſeiner Sache, Denunciant einer Verſchwörung, die er ſelbſt angezettelt, hat der Herzog della Sorga keinen Anſtand genommen ſeinen ältern Bruder ins Verderben zu ſtürzen, um den Titel und die Güter deſſelben zu erben.“ Bei dieſer letzten Mittheilung kann Sylvia einen Schrei herzzerreißenden Schmerzes nicht zurückhal⸗ ten; in einem mechaniſchen Drang umſchlingt ſie beinahe ſinnlos Wolfrang mit ihren Armen und verbirgt ihren Kopf am Buſen des jungen Mannes, wie wenn ſie da ſo zu ſagen eine Zuflucht gegen dieſe ſchauerlichen Entdeckungen ſuchte. Sie erblaßt mir. Ich wußte, welchen ſ 282 und wird von einer leichten, krampfhaften Bewe⸗ gung befallen. Wolfrang preßt ſeine Genoſſin mit leidenſchaft⸗ licher Sorglichkeit an ſich, bedeckt ihre Stirne mit Küſſen und ſagt mit einer von Zärtlichkeit zittern⸗ den Stimme zu ihr: „Theurer, theurer, vielgeliebter Engel, verzeih ſchmerzlichen Schlag ich Dir durch Enthüllung dieſer furchtbaren Wirklich⸗ keiten verſetzte, aber ich mußte es thun, um die trü⸗ geriſchen Hüllen zu beſeitigen, welche die Wahrheit verdeckten, und Deine erſten Schritte zu dem Glau⸗ ben zu leiten, der Dich heilen wird .. Und jetzt, nachdem Du dieſen bittern Kelch der Täuſchungen bis auf die Hefe geleert haſt, faſſe wieder Muth, Sylvia. Was Dich in dieſer Stunde tief betrübt, wird Dir bald eine unausſprechliche Herzenserleich⸗ terung bereiten.“ Die junge Frau ſchweigt einige Augenblicke, ſammelt ſich und ſtärkt ihre Lebensgeiſter; dann antwortet ſie: 3 „Ich habe vielmehr Dich wegen meiner Schwäche um Verzeihung zu bitten, Wolfrang, und eben ſo wegen des Dunkels, in das mein Verſtand gehüllt war, der mir in dieſem Augenblick ganz abhanden zu kommen ſcheint .. Haſt Du nicht zu mir ge⸗ ſagt „Der Kummer, dieſe Verzweiflung, die Dich häufig bis auf den Tod quält, arme Sylvia, iſt eine Folge Deines unſeligen Glaubens an den Triumph und die Strafloſigkeit der Schlechten in dieſer Welt und an das Unglück der Guten und Gerechten, die 283 verkannt werden oder als Opfer der Ungerechtigkeit der Menſchen unterliegen.“ „Ich habe Das zu Dir geſagt.“ „Haſt Du nicht kurz vor dieſer unglückſeligen Soiree hinzugefügt, die Umſtände, der Zufall haben Deine Wünſche übertroffen und als Miethleute eine Auswahl von Perſonen in dieſem Hauſe verſam⸗ melt, die als lebendige Beweiſe für eine Ueberzeu⸗ gung dienen können, die Du mir beizubringen wün⸗ ſcheſt, weil ſie mich, wie Du hoffeſt, vor einem für mich ſo ſchmerzlichen Irrthum bewahren werde?“ „Ja, vielgeliebte Sylvia, Dein Feſthalten an dieſem Glauben wird Dich curiren“ „Ich bitte Dich noch einmal, Wolfrang, verzeih mir die Umnachtung meines Verſtandes. Ach, be⸗ weiſen nicht die Thatſachen, die ich heute geſehen, und Deine Enthüllungen ſelbſt nur allzu deutlich. „Die Strafloſigkeit der Schlechten und das Un⸗ glück der Gerechten?“ „Iſt Dieß nicht allzu wirklich? Wer waren heute Abend hier die rechtſchaffenen Leute, die Leute von Herz, die Leute von hochſinniger Hingebung? Herr Lambert? Er wird ſchändlich getäuſcht von ſeiner Frau... Antonine Jourdan? Sie wird vor Aller Augen entehrt von ihrem Bräutigam, der ſie im Stich läßt . .. Herr Dubousquet? Er iſt ein verurtheilter Verbrecher, man hat ihn ſchmählich fortgejagt. . . Iſt dieß wahr, Wolfrang?“ „Es iſt wahr.“ „Wer waren heute Abend hier die verächtlichen Leute, die verdorbenen, die ſchlechten, die Böſewichte? Der Bankier Borel? Er verdankt ſein Vermögen 284 einem ſchändlichen Vertrauensmißbrauch und die öffentliche Meinung preist ſeine Rechtſchaffenheit. Die Frau und der Sohn dieſes abſcheulichen Schuf⸗ tes, edle Herzen, wie man ſie ſelten findet, laſſen ſich von ihm täuſchen und begegnen ihm mit eben ſo viel Zärtlichkeit als Hochachtung, ſo daß dieſer Elende .. „Die allgemeine Hochachtung genießt und in ſeiner Familie innig geliebt und verehrt wird, nicht wahr, Sylvia?“ Ja oder nein, Wolfrang, iſt dieß nicht ein neuer Beweis für das Glück und die Strafloſigkeit der Schlechten in dieſer Welt? Herr von Francheville hat ſich eines Actes ſträflicher Käuflichkeit ſchuldig gemacht: die Journale preiſen ſeine Rechtſchaffen⸗ heit!“ fährt die junge Frau mit bitterer, glühender, ſchmerzlicher Entrüſtung fort, die auf ihre Nieder⸗ geſchlagenheit folgt. „Dieſer Herr von Saint⸗ Proſper hat eine Gräuelthat begangen, und die Mütter, gerechter Gott! die Mütter ſegnen dieſen Menſchen mit Thränen des Dankes! Furopa, Ame⸗ rika erklären dieſes Ungeheuer für einen modernen St. Vincenz von Paula! Die Herzogin della Sorga iſt, ſagſt Du, Wolfrang, eine moderne Meſſalina, und ſie zwingt beinahe Allen eine tiefe Verehrung ab. Der Herzog endlich iſt ein meineidiger Ver⸗ räther ein brudermörderiſcher Denunciant, und den⸗ noch ſind heute Abend ſeine edlen Verbannungs⸗ genoſſen hierher gekommen, um ſeinem Patriotis⸗ mus eine Huldigung zu bereiten, um ihm einen Ehrendegen zu überreichen und. . Ach ich vollende nicht, Wolfrang. Im Angeſicht dieſer fluchwürdigen, 285 monſtröſen Thatſache überkommt mich ein gewiſſer Schwindel von Entſetzen und Abſcheu.“ Sylvia bebt und ſchweigt einen Augenblick; dann ährt ſie mit einer rührenden und leidenſchaftlich tühenden Stimme alſo fort: „Und jetzt, Wolfrang, mein Vielgeliebter, mein Führer, meine Stütze; Du der beſte, großſinnigſte, aufgeklärteſte der Menſchen, Du meine Anbetung, mein Glaube, meine Liebe in dieſer Welt und in der andern, wohin wir zuſammengehen werden, um für die Unendlichkeit wieder zu leben, ich kenne Dein Herz, Deine Aufrichtigkeit, Deine Feſtigkeit, Du biſt unfähig mich durch eine trügeriſche Hoffnung zu hintergehen, um meine Beängſtigungen zu be⸗ ſchwichtigen, das weiß ich; deßhalb wiederhole ich Dir, Wolfrang, habe Mitleid mit der Unzulänglich⸗ keit meines Verſtandes: ſie und nicht der Zweifel iſt es, was mich gegen Deine Verſicherungen un⸗ gläubig macht. Ei wie! Du behaupteſt, in dieſer Velt finde das Böſe unfehlbar ſeine Züchtigung und das Gute ſeinen Lohn?“ „Ja, es gibt ſchon in dieſer Welt hienieden Auserwählte und Verdammte, die ſchon in dieſem Leben himmliſcher Freuden theilhaftig werden oder hölliſche Strafen zu erleiden haben.“ „Und zur Unterſtützung dieſes troſtreichen Glau⸗ bens, dieſes erhabenen Vertrauens, das meinen Schmerzen ein Ziel ſetzen würde, berufſt Du Dich auf die auffallenden Thatſachen, deren Zeugen wir heute Abend waren auf dieſe Thatſachen, die leider ein neues Zeugniß für den Triumph oder die Strafloſigkeit der Schlechten bieten, einen neuen 286 Beweis für das Unglück der Gerechten oder für die Ungerechtigkeit, deren Opfer ſie hienieden ſind.“ „Sylvia, Du glaubſt an mein Wort?“ „Ich glaube daran wie an das Tageslicht.“ „Nun wohl, übermorgen in dieſer ſelben Stunde der Nacht, das ſchwöre ich Dir bei unſerer Liebe, Sylvia, werden dieſe, nach Deiner Anſicht hand⸗ greiflichen und unwiderlegbaren Beweiſe für die Strafloſigkeit der Schlechten und das Unglück der Gerechten, für Deine bis dahin dem bicht der ewigen Wahrheit erſchloſſenen Augen handgreifliche und unpiderlegbare Beweiſe van der unfehlba⸗ ren Beſtrafung der Schlechten und der un⸗ fehlbaren Belohnung des Gerechten ſchon in dieſer Welt ſein.“ „Aber welches Wunder wird mir dieſen Glauben beibringen?“ „Die Geheimniſſe des Kopfkiſſens.“ Ende des erſten Theils.