Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe defſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: ——— —— — auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mf. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. 3 8 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die folgende Scene geht in Paris bei Meiſter Thibaut vor, dem Notar der Frau von Hansfeld, welchen Maurice ſeinem Vater einſt als den Mann bezeichnete, in deſſen Hände der Betrag der Erb⸗ ſchaft von Madame Dumirail niedergelegt werden ſollte; dieſer Notar iſt auch ſeit langer Zeit mit der Beſorgung der Geldangelegenheiten Herrn Richards dOtremonts beauftragt, und dieſe beiden unterhal⸗ ten ſich heute am Kamine, in dem das Feuer kniſtert; denn die Kälte des Januars macht ſich ſtark fühl⸗ bar. Das Kabinet, in welchem dieſes Geſpräch ge⸗ führt wird, iſt mit ſtrengem Lurus möblirt. Eine eiſerne Sicherheitskaſſe ſteht in einer Ecke dieſes großen Zimmers; eine Flügelthüre verbindet es mit einem Salon und eine andere kleine Nebenthüre geht auf einen Corridor, der nach der Schreibſtube führt. Meiſter Thibaut, ein Mann von ſechzig Jahren, hat einen feinen Blick, ein ironiſches Lächeln; ſeine joviale Phyſiognomie verräth ſeinen unveränderlich guten Humor. Richard d'Otremont ſteht ſeinem vierzigſten Jahre nahe; er hat das Aeußere und die Manieren eines Mannes aus der beſten Geſellſchaft bewahrt. „Mein lieber Herr Thibaut,“ ſagte Herr dOtre⸗ mont mit nachdenklicher Miene, „um noch einmal den juridiſchen Rath, den Sie ſo eben mir zu geben ſo freundlich waren, zu reſumiren: ein Mann, bei deſſen ehelicher Verbindung Gütergemeinſchaft feſtgeſetzt worden, kann, wie ihm beliebt, über das Vermögen ſeiner Frau diſponiren — dies mag noch ſo beträchtlich ſein?. „Unterſcheiden wit jedoch genau, mein lieber Client . . . Allerdings kann der Mann über die Güter ſeiner Frau nach Belieben verfügen, aber er darf ſie nicht verkaufen ohne die Zuſtimmung der Beſagten . . . muß ich als wahrheitsliebender Gerichtsnotar hinzufügen . . .“ „Das heißt ſoviel, als der Mann kann i über den Betrag der Revenüen verfügen?. „Das iſt's. „Aber er verfügt abſolut ſeinem Vergnügen, ohne daß die Frau ſich der Verwendung, die ihr Mann von den gemeinſchaftlichen Revenuen macht, wiederſetzen könnte?“ „Unterſcheiden wir hier wieder, mein lieber Client; denn, wenn zufällig der Mann ſich einfallen ließe, die Revenuen ſeiner Frau toll zu verſchwenden, ſo iſt ſie durch das Geſetz gegen dieſe Verſchleuderung inſoweit 5 geſchützt, als ſie einen Antrag auf Trennung der Güter, ja ſogar auf Trennung von Tiſch und Bett ſtellen kann, welcher Bitte ſtets willfahrt wird, wenn nachgewie⸗ ſen iſt, daß der Mann ein Verſchwender.“ „Im entgegengeſetzten Falle jedoch?“ „Wie?“ „Merken Sie, mein lieber Herr Thibaut, und ich will meinen Gedanken durch ein Beiſpiel verſinn⸗ lichen . . Ich nehme an, daß ich, ſtatt Junggeſelle zu ſein . . mich vor zwölf bis fünfzehn Jahren verheirathet hätte .. daß wir, meine Frau und ich, nach einigen Monaten, unter gemeinſchaftlicher Zuſtimmung, uns gekrennt .. .“ „Gut!.. Ach! daß man ſich ſo trennte.. ſogleich aus Vorſicht und Klugheit... wie viel glückliche Zeit würde man dadurch gewinnen! Ach! daß ich mich ſo von meinem Teufel von Weib getrennt!. .. ich hätte ein Dutzend Jahre köſtlichen Glücks unausſprech⸗ licher Ruhe. himmliſcher Seligkeit discontirt... O Athenais“. fügte Meiſter Thibaut mit einem Tone komiſchen Ausrufs hinzu, „v Athenais ich frage Dich, was hätte es Dir gethan, wenn Du gleich gegangen wäreſt . . . und auf dieſe Weiſe .. Deinen Scipio . . . in Ruhe gelaſſen, da er von Deiner Gegenwart befreit geweſen.“ „Welchen Scipio?“ „Den Scipio meiner Frau! das bin ich! Scipiv Thibaut . . . ich Scipio durch die Gnade meines Vaters, eines wahnſinnigen, tapfern Mitglieds des Clubs der Cordeliers, der in ſeinem republikaniſchen Feuereifer . . mich mit dieſem Namen des alten Rom getauft ... „ „Es iſt eine Freude, zu ſehen, mein lieber Herr Thibaut, mit welch' philoſophiſcher Heiterkeit Sie die Erinnerung an Ihr eheliches Unglück wachrufen,“ verſetzte Herr dOtremont lächelnd. „Bei meiner Ehre! in Beziehung auf den Stvicismus ſind Sie würdig, den Namen eines alten Römers zu führen! Um jedoch auf meine Annahme zurückzukom⸗ men, ſo habe ich mich vor zwölf oder fünfzehn Jah⸗ ren in Güte von meiner Frau getrennt, bei deren Verbindung mit mir Gütergemeinſchaft feſtgeſetzt worden Ich reiste viele Jahre lang; ich komme nach Frankreich . . und erfahre, daß meine Frau ſich während meiner Abweſenheit bereichert hat . . . daß ſie zum Beiſpiel .. . eine Million beſitzt...“ „Woher kommt dieſe Million?“ „Was weiß ich . . ſie hat ſie etwa bei einer der deutſchen Lotterien gewonnen, deren Anzeigen man in den Zeitungen liest.“ „Sie erinnern mich da, mein lieber Client, an eine der Manieen von Athenais . Sie hatte die Wuth, immer in die Frankfurter Lotterie zu ſetzen auf halbe Theilung mit meinem erſten Schrei⸗ ber . WMeine erſten Schreiber waren von Hauſe aus . durch Prädeſtination . . die Verbündeten die Helfershelfer meines ruchloſen Weibes „ „Nun! die meinige . . . das heißt die, welche ich mir in der Einbildung gebe, hat eine Million ge⸗ wonnen . .. Sie hat ein Hotel gekauft, ſie lebt auf großem Fuße . . . Ich komme von meiner Reiſe Ich mache von meinem Rechte als Herr des gemeinſchaftlichen Vermögens Gebrauch, ich bin, das ſetze ich immer nur voraus, ich bin ſehr geizig . .. 7 ich vermiethe das Hotel meiner Frau, ich verkaufe ihre Pferde, ihre Wagen, ich ſchicke ihre Leute fort und verpflichte ſie, wie ich zu leben, mit der größten Sparſamkeit, oder derber geſagt, mit ſchmutzigem Geize . . . Kann meine Frau mich rechtmäßig zwin⸗ gen, weniger ſparſam zu leben, und ſo den harten Entbehrungen entgehen, die ich ihr auferlege?“ „Durchaus nicht . . . Sie verfügen nicht über den Fond, ſondern die Revenuen des Vermögens Ihrer Frau, wie es Ihnen gut dünkt, und voraus⸗ geſetzt, daß Sie nie der gebührenden Rückſichten ge⸗ gen ſie ermangeln, daß Sie ſich als guter Haushäl⸗ ter des gemeinſchaftlichen Vermögens erweiſen, daß Sie die regelmäßige und vortheilhafte Anlage der Erſparniſſe nachweiſen, daß Sie die ſchmutzige Spar⸗ ſamkeit, die Sie Ihrer reinen Ehehälfte auferlegen, durch das Beiſpiel predigen . . . ſo hat ſie nicht ein Wort zu ſagen . . 4 „Ich kann unſere gemeinſchaftlichen Ausgaben auf hundert Louisd'or jährlich reduciren, wie mich dünkt wenn die Einkünfte meiner Frau auch fünfzig . . ja hundert tauſend Livres Renten be⸗ tragen?“ „Allerdings können Sie, wenn Sie Luſt haben, Ihre Frau zwingen, ſich für ſich und Sie, auf zwölf⸗ hundert Franken jährlich zu beſchränken . . . „Und ſie muß ſich nach dem Geſetze fügen? Sie kann keine Klage gegen mich, die auf Trennung des Vermögens lautete, einreichen?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Das iſt ja herrlich ich bin entzückt von dem, was Sie mir da ſagen,“ rief Herr dOtremont, indem er ſich mit dem Ausdruck feindſeliger Befrie⸗ digung die Hände rieb, als ob er aus den Mitthei⸗ lungen des Notars die Gewißheit geſchöpft, einem Rachegefühl fröhnen zu können. — „Alſo, mein lie⸗ ber Herr Thibaut, vorausgeſetzt, daß ich mich als der ehrerbietigſte Erzfilz gegen meine Ehehälfte zeige, wie Sie ſagen, muß ſie ihren Verdruß verbeißen, und während ſie das Wohlleben, den Luxus vergöt⸗ tert, beinahe im Elend leben?“ „Allerdings, da ſie keine Güter⸗, Bett⸗ und Tiſch⸗ trennung herbeiführen könnte, außer wenn ſie Ihre zu Grunde richtende Verſchwendung oder Ihre ſchlechte Behandlung nachweiſen könnte; auf dieſe Weiſe habe ich gegen Athenais primo die Trennung der Güter secundo die Scheidung von Tiſch und Bett er⸗ wirkt! Und das war nichts Kleines; denn ſie maß fünf Fuß ſechs Zoll und beſaß einen Umfang der mehr als proportionirt mit ihrem Körper war — ein wahres Monſtrum! Sie können danach beur⸗ theilen, von welcher Laſt ich durch dieſe Trennung befreit wurde . . denn, mein lieber Client . . . ich erſtickte beinahe in dieſer Haushaltung ... moraliſch wie phyſiſch. „Nun, nun! lieber Herr Thibaut, ich möchte glauben, daß Sie Athenais nicht vorwerfen können, ſie habe ſich ſchwere Mißhandlungen gegen Ihre Perſon erlaubt?“ „Gegen mich? nein, allerdings nicht! . . . Meine Frau liebte mich dazu nicht genug aber in einem Eiferſuchtsſtreite zerſchlug ſie mit der Feuerzange dem beſten Schreiber, den ich in meinem Leben hatte, den Arm . es war ein allerliebſter Junge, Na⸗ —— — — = 9 mens Armand, voll Wiſſen, Intelligenz und Ehrlich⸗ keit. Er beſaß mein ganzes Vertrauen . . . aber, verdammt! nachdem Athenais ihm den Arm zerſchla⸗ gen, wollte er den Fuß nicht mehr über meine Schwelle ſetzen, der arme Armand, aus Furcht, daß man ihm ein Glied nach dem andern zerbreche. Der Verluſt meines erſten Schreibers machte mich natür⸗ lich wüthend; ich machte eine Klage auf Scheidung gegen Athenais anhängig, nicht weil ſie mein Schreibern die Arme zerſchlug, ſondern weil ſie zur Toilette die ertravaganteſten Ausgaben machte, ohne von den Geſchenken zu ſprechen, welche ihre Galants erhielten . . . Sie begreifen . . . mit einer ſolchen Tournüre und Figur . . . wie die ihre . . . muß eine Frau. . ſich eine Buße auferlegen. und doch hatte ich ſie gerade wegen ihrer Häßlichkeit geheira⸗ thet, dieſe ungeheure Betrügerin von Athenais.“ „Betrügerin? . es ſcheint mir jedoch, lieber Herr Thibaut, wenigſtens Ihren Worten nach, daß ihre Figur und Tournüre hielten, was ſie ver⸗ ſprachen?“ „Im Gegentheil . . . Ich hatte mir gedacht: Athenais iſt dreißig Jahre alt, iſt Wittwe, und ob⸗ gleich ſie aus ihrer erſten Ehe . . . einen Sohn hatte, welcher Blanchard hieß, nebenbei geſagt, der zänkiſchſte, abſcheulichſte kleine Buckel, den die Natur gezeichnet hat, iſt das perſönliche Vermögen von Athenais ziemlich beträchtlich; ferner gleicht ſie einem als Frauenzimmer verkleideten Tambour⸗Major .. ſie hat grüne Augen, eine Stumpfnaſe; ſie iſt roth das müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ſie mit ſolcher Geſtalt jemals im Stande wäre, meinen 10 Schreibern den Kopf zu verdrehen denn . für uns verheirathete Notare . ſind die jungen Leute auf unſerer Schreibſtube . häufig ein Neſt von Schlangen, das wir an unſerem Buſen und am Feuer unſeres Ofens warm halten . Sie begreifen? . „Vollkommen.“ „Nun! Irrthum! Illuſion! Täuſchung! .. trotz der koſtbaren Garantien, die mir die grünen Augen, die Stumpfnaſe, die rothen Haare und an⸗ dere Unſchönheiten meiner Frau zu geben ſchienen, hat ſie aus übertriebener Liebe dem Phönir der Schreiber den Arm zerſchlagen . . . abgeſehen von denen, die ſie nicht einarmig gemacht . Sie be⸗ greifen deßhalb, mein lieber Client, daß ich ein Recht habe, zu rufen: Athenais, Du warſt eine große Betrügerin ich ſetzte mein volles Vertrauen in Deine kühne Häßlichkeit! . und geh! laß ſehen, ob ſie kommen! . .. Und beim Teufel! ſie kamen wirklich . .. die Ruchloſen .. was ſage ich nein. Reſpekt vor dem Unglück! die Unglücklichen! . . .“ „Das muß eine furchtbare Frau geweſen ſein, dieſe Athenais. armer Herr Thibaut!“ „Urtheilen Sie ſelbſt .. Wiſſen Sie, welchen hübſchen Beinamen man Athenais in meiner Schreib⸗ ſtube und in unſerer Geſellſchaft gab?“ „Nein, ich weiß es nicht.“ „Denken Sie ſich, man nannte ſie den Wehr⸗ wolf. Hm! mein lieber Client das iſt doch deutlich! . Der Wehrwolf!“ „In der That, dieſer erſchreckliche Beiname ge⸗ — + 1¹ nügt, um einen ſchauern zu machen!“ ſagte Herr dOtremont lächelnd, „ich gratulire Ihnen deßhalb von ganzem Herzen zu dieſer Erleichterung, dieſer Erlöſung von Ihrem Alpe .. Und was iſt aus Ihrer Frau geworden?“ „Ich hörte ſagen, daß ſie noch immer Eroberun⸗ gen macht . . . Das Alter (ſie zählt jetzt mindeſtens achtundvierzig) hat ſie noch nicht ruhiger gemacht, ſie ſcheint mehr Wehrwolf zu ſein, als je! und ſich für einen Hlibrius . . . eine Art Hercules zu in⸗ tereſſiren: ſo ſchildert mir ihn Blanchard, dieſer ab⸗ ſcheuliche kleine Buckel, der Sohn aus Athenais' erſter Ehe. Er iſt wüthend, ſeine Mutter ſein Vermögen aufzehren zu ſehen; er holte ſich bei mir Rath, wie er ſie an dieſer Verſchwendung hindern könnte.“ In dieſem Augenblicke tritt einer der Schreiber des Meiſter Thibaut durch die kleine auf die Geheimtreppe führende Thüre ein und ſagt zu ſeinem Herrn: „Herr Maurice Dumirail wünſcht Sie ſogleich zu ſprechen, mein Herr . . . er hat eine ſehr drin⸗ gende Sache . . .5 „Der Teufel ſoll ihn holen!“ verſetzte Herr Thi⸗ baut barſch, der plötzlich ernſt geworden, „ſagen Sie ihm, daß ich beſchäftigt ſei, daß ich ihn nicht empfan⸗ gen könne oder beſſer. . . daoß ich ausgegangen das iſt das einzige Mittel, ſeiner los zu wer⸗ den „Wir ſagten, mein Herr, Sie ſeien in Ihrem Cabinete .. . „Nun! ſo ſoll er warten . . . und wenn es ihn langweilt, zu warten . . . ſo ſoll er gehen . hal⸗ ten Sie ihn nicht zurück.“ — Der Schreiber verbeugte ſich und ging, indem er ſeinen Herrn mit Richard d'Otremont allein ließ. U. Der Name Maurice Dumirail ſchien auf Herrn d'Otremont einen eben ſo unangenehmen Eindruck zu machen, als auf den Notar, und dieſer ruft, als ſein Schreiber das Cabinet verlaſſen: „Verflucht ſei dieſer Steifbettler! Ich glaubte ſeiner los zu ſein, denn ich hatte ſeit ſechs Monaten nicht von ihm ſprechen hören. Er kommt ohne Zwei⸗ fel, um mir noch eine Anleihe von einigen hundert Franken abzulocken wenn ich Anleihe ſage, ſo bin ich höflich . . . ich ſollte ein Almoſen ſagen. .. Aber ich habe genug Wohlthaten gegen ihn geübt... Ich habe meine Armen. .. Der Schuft hat mir in kleinen Summen nahe an dreitauſend Franken abgelockt, unter dem Vorwande, daß ich ſein Notar geweſen, als er noch Vermögen beſaß . aber das iſt lange her . . Er hat ſich toll ruinirt, wie ſo viele andere Familienſöhne, Vögel vom ſelben Fluge ſchlimm für ihn .. und. Doch die düſtere Miene und das Schweigen des Herrn dOtremont bemerkend, fügt der Notar hinzu: „Woran denken Sie denn, mein lieber Client... Sie ſcheinen traurig? „ ch denke allerdings an etwas ſehr Trauriges..“ „Was iſt das?“ „Dieſer Steifbettler, von dem ſie heute mit ſo gerechter Verachtung ſprechen. Maurice Dumirail, — 13 der jetzt, wie ich aus ſicherer Quelle erfahre, ſo tief geſunken iſt, daß er auf Koſten von Frauen lebt..“ „Wie Sie glauben, daß dieſer Unglückliche.,“ „Ich bin deſſen gewiß, was ich ſage . ich ſah Maurice Dumirail vor fünf oder ſechs Jahren eine friſche und geſunde Natur aus ſeinen Bergen hier anlanden! Die Unſchuld, die Offenheit, die anziehende und klare Phyſiognomie dieſes jungen Mannes hatten mir eine lebhafte Sympathie einge⸗ flößt . . in Folge bizarrer Umſtände war ich auf dem Punkte, ihn im Duell zu tödten . . . „Maurice Dumirail?“ „Ja . .. Aber glücklicher Weiſe, für ihn wie für mich, ſchonte ich ihn auf die Bitte eines Man⸗ nes, dem ich es verdanke, daß ich ohne zu großen Schaden durch die ſtürmiſchen Jahre meiner Jugend gekommen und ſo wie ich bin in die reifern Jahre treten konnte .. . ohne mein Vermögen vergeudet zu haben .. während ich Zeuge vieler ähnlicher Ruine, wie der von Maurice Dumirail, war.“ „Ihr Mentor, mein lieber Client, konnte keinen beſſern Zögling wählen, als Sie, denn ich weiß, wie Sie mit Ihrem Vermögen ſchalten und walten . . . ich beſtätige, daß Sie ein Muſter von Ordnung und Regelmäßigkeit ſind . . obgleich Sie als Grand Seigneur leben.“ „Ich verdanke meinem Freunde Charles Delmare dieſe ausgezeichneten Principien, deren ich mich nie entſchlagen habe.“ „Wie? . Charles Delmare?. . . Dieſer außer⸗ ordentliche Verſchwender . . . den man den Beau Delmare nannte .. . und der Paris mit ſeinem Glanze blendete freilich vor vielen, vielen Jah⸗ ren. cijeſbe . „So ober dieſer ausgezeichnete Lehrer der häuslichen Deconomie hat ſich, wie man ſagt auf die tollſte Weife ruinirt. „Was wollen Sie, mein lieber Herr Thibaut.. ſieht man nicht die Profeſſoren der Philoſophie, dieſe Lehrer der Weisheit, häufig enorme Thorheiten be⸗ gehen? . . Wenigſtens hat Charles Delmare, wenn er ſein Vermögen verloren, doch ſeine Ehre bewahrt . Ich kenne keinen edleren, nobleren Charakter, als den ſeinen.“ „Und was iſt aus dieſem Exbeau geworden?“ „Er kehrte in die Einſamkeit zurück, aus der er für einen Augenblick wieder hervortrat, als Maurice Dumirail nach Paris kam, in der Hoffnung, dieſen jungen Mann vor den Verführungen ſeines Alters zu ſchützen. „Nun! Dieſer würdige Mentor wird ſich in ſei⸗ nen Erwartungen gewaltig getäuſcht gefunden haben? Dieſer Dumirail hat nicht nur wie ein Pinſel das Erbe, das ihm ſeine Mutter hinterließ, die er nicht einen Augenblick beweinte, vergeudet, ſondern er em⸗ pörte mich auch noch durch die Herzenskälte und den Cynismus ſeiner ſchimpflichen Schmähung des An⸗ denkens ſeines Vaters, weil er, wohlwiſſend, daß dieſer Taugenichts dies väterliche Erbe bis auf den letzten Sou verſchwenden würde, ſein Vermögen müt⸗ lich auf die Gründung einer Ackerbauſchule im Jura verwendete ..5 „Maurice Dumirail hat ſich allerdings, als ich ihn noch häufig beſuchte, oft und heftig über die Ent⸗ erbung durch ſeinen Vater beklagt . . . „Jeder vernünftige Menſch würde wie Herr Du⸗ mirail gehandelt haben . . . Ich kannte die Details dieſer Sache durch den Bevollmächtigten, der mir fünfmalhundert vierzig tauſend Franken, das Erbe der verſtorbenen Madame Dumirail, ſowie dreiund⸗ dreißig tauſend Franken, das Vermögen ihrer Nichte Fräulein Jeane Dumirail, brachte, die ſpäter unter dem Namen Madame San Privato viel genannt wurde.. Mein Gott! wie reizend, wie verführeriſch ſchön war ſie, meine liebe Clientin, denn das war und iſt ſie noch . .. Madame San Privato.“ „Ah,“ verſetzte Herr d'Otremont, deſſen Geſicht einen melancholiſchen und nachdenklichen Ausdruck annahm, „Madame San Privato war drei Winter hindurch die geſuchteſte Frau, die Frau, welche in Paris den Ton angab! Gott weiß, ob die Hälfte der Abenteuer, die man von ihr erzählte, wahr iſt Aber ſelbſt dieſe Reduction eingeräumt . . unſere diaboliſche Dona Juana, wie man ſie in der großen Welt nannte, hätte, ſagt man, wie ihr Vorbild und Namensbruder Don Juan auf ihren Liebeskalender das erſtaunliche: mil e tre ſchreiben können.“ „Was auf gut Franzöſiſch heißt . . .“ „Tauſend und drei.“ „Tauſend und drei Liebhaber! Entſchuldigen Sie was man doch für Geſchichten in der großen Welt erfindet . . . Sie ſind wahrhaft unglaublich.“ „Unglücklicherweiſe, mögen ſie noch ſo unglaub⸗ lich ſi die böſe Welt glaubt ſie oder gb ſicht we⸗ nigſtens den Schein, als ob ſie ſie glaubte. Richt als ob ich die ſcandalöſen Abenteuer von Madame San Pri⸗ vato leugnen wollte; ſie ſind nur zu wahr . . und zu bekannt! aber welche Stürme von erbitterten Feind⸗ ſeligkeiten, häßlichen oder thörichten Verleumdungen hat die junge Frau gegen ſich, bald durch ihre Keck⸗ heit, bald durch ihre Verachtung hervorgerufen; hat man nicht ſogar die Infamie gehabt, zu behaupten, ſie verkaufe ſich . . . ſie . . . die trotz ihrer ſittlichen Zerrüttung, das Zartgefühl, der Stolz ſelbſt war.“ „Ach, mein lieber Client, welches Vergnügen bereiten Sie mir, indem Sie ſo ſprechen: denn in dieſer Beziehung wenigſtens iſt Madame San Pri⸗ vato tadellos, das weiß Niemand beſſer, als ich, ihr Notar; ich habe Ihnen bereits geſagt, ihr Vermögen betrug dreißig tauſend und einige hundert Franken Nämlich vor fünf Jahren . . . Seit ihrer Ver⸗ heirathung hat ſie jedes Jahr fünf tauſend Franken auf ihr Kapital erhoben, keinen Liard weiter . . . und mit dieſer Summe reichte ſie für ihre Toilette, für alle perſönlichen Bedürfniſſe . denn ihr Zart⸗ gefühl iſt ſo groß, daß ſie vor ihrer Trennung von Herrn San Privato hundertmal zu mir ſagte: ſie halte viel darauf, ihren Mann nicht einen Centime zu koſten. Sie bezahlte ihm zweihundert Franken monatlich für Logis und Koſt; was ihr übrig blieb, verwandte ſie auf ihre andern Bedürfniſſe; endlich beſtritt ſie ſeit ihrer Trennung mit ihren fünftauſend Franken jährlich alles, was ſie brauchte; fünfzehn⸗ hundert Franken verwendete ſie auf die Möblirung ihrer kleinen Wohnung. Sie war ein Wunder von Ordnung, Hekonomie und eleganter Einfachheit. . .“ „als ich ſie in der Geſellſchaft ſah, von außerordentlicher Einfachheit, obgleich von aus⸗ gezeichnetem Geſchmack. eine Robe von Gaze oder Mouſſeline, eine Blume im Haar . . nie ei⸗ nen Juwel . und doch verdunkelte ſie die hübſche⸗ ſten und geputzteſten Frauen. Ich habe viel mit ihr verkehrt während jenes Winters, ehe ſie nach Florenz ging, wo ſie, wie ich glaube, noch jetzt iſt denn von dort iſt der letzte Brief datirt, den ſie mir geſchrieben. Wir ſind auf dem beſten Fuße geblieben.“ „Ich habe gleichfalls vor drei Monaten Ma⸗ dame San Privato nach Florenz den Vermögensreſt geſchickt, der ihr geblieben . . . Sie waren alſo in ſie verliebt, mein lieber Client?“ „Leidenſchaftlich verliebt.“ „Und glücklich . . . das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Nein . ich bezwang meine Liebe, ja ich war noch muthiger . . . ich verzichtete auf die beinahe gewiſſe Hoffnung des Glückes.“ „Nein, mein lieber Client, Sie hätten, weit eher als ich, den Namen Scipio der Enthaltſame, ver⸗ dient.“ „Was wollen Sie, ich fürchtete .. „Sie . Richard d'Otremont fürchten ſich „„und vor was? Und vor wem?“ „Vor Madame San Privato . ich fand ſie zu gefährlich!“ „Wie ſo gefährlich?“ „Ich wäre von einer furchtbaren Eiferſucht ge⸗ weſen und Gott weiß, daß die leidenſchaftliche Sue, die Familienſöhne. V. . 18 Coquetterie der Dona Juana mir G ſucht gegeben; überdies hat ſie, d ogik ihres Charakters und ihrer kühnen Offenheit auf die Spitze treibend, niemals ſich zur Beſtändigkeit verpflichtet.“ „So und ihr Mann ich konnte aus dem, was ſie mir ſagte, nie herausbringen . . wie dieſer die Sachen aufnahm?“ „Er beſaß, wie mir ſcheint, Ihre Philoſophie, lieber Herr Thibaut. Ich ſage wie mir ſcheint, weil ich oft im Stillen San Privato beobachtete, wenn ſeine Frau ſich in der großen Welt mit jener uner⸗ hörten Kühnheit compromittirte, welche gewöhnlich eine kindliche Unſchuld oder die inſolente Verachtung der einfachſten Schicklichkeit verräth.“ „Nun, was war in ſolchen Momenten in der Miene meines lieben und ehrenwerthen Collegen San Privato zu leſen?“ „Bisweilen wurde er leichenblaß; ſein Geſicht nahm einen ſo furchtbaren Ausdruck an, daß ich immer fürchtete, ich werde ihn im nächſten Augen⸗ blicke losbrechen ſehen oder andern Tages von einer tragiſchen Rache erfahren, deren Opfer ſeine Frau geworden . Aber nein, dem war nicht ſo, ich ſah ihn andern Tages in der großen Welt wieder am Arm der Dona Juana „ immer lächelnd und triumphirend.“ „Er mußte aber doch wiſſen, wie lächerlich er ſich machte er jung, liebenswürdig . und ge⸗ täuſcht. Während ich wenigſtens die unſchätzbare Annehmlichkeit hatte, die Galans von Athenais lächer⸗ lich keck zu finden, ich konnte ſie beklagen, die Unglück⸗ lichen! „ich hatte die beſte Rolle im Stück!“ 19 „San Privato, welcher nicht denſelben Vortheil wie Sie beſaß, that, als ob er allem, was ohne Zweifel ſeinen Stolz tief verletzte, trotze, oder als ob er es gar nicht merkte.“ „Uebrigens hätte er Recht, daß er ſich gütlich von ſeiner Frau trennte, als er zum Geſandten in Berlin ernannt wurde ſeit dieſer Zeit hat meine lie⸗ benswürdige Clientin ſich, wie bisher, mit ihrem eige⸗ nen Vermögen begnügt, ohne auf meinen Rath be⸗ züglich einer Penſion zu hören, die ſie von ihrem Gatten verlangen konnte.. ſie war in dieſem Punkte immer ſtörriſch.“ „Noch einmal, iſt es nicht ein ſeltſamer Contraſt, dieſe ſerupulöſe Delicateſſe und dieſe ſcandalöſen Sitten?“ * „Ich räume dieſe Delicateſſe und dieſen Stolz des Charakters, von dem Sie ſprechen, ein, mein lieber Client, aber ich frage mich mit Beſorgniß, wo⸗ von wird Madame San Privato leben, wenn ſie die Fonds erſchöpft hat, die ich ihr nach Florenz andte.“ „Mein Herr . . hier iſt ein Brief von der Frau Baronin von Hansfeld,“ ſagte ein Schreiber, welcher in dieſem Augenblicke mit einem Briefe ins Zimmer trat, zu ſeinem Patron. Dann fügte er hinzu: „Herr Dumirail iſt ſehr ungeduldig und macht Lärm im Schreibzimmer. er ſcheint etwas zu ſtark gefrühſtückt zu haben.“ „Wahrhaftig, das wird unerträglich!“ rief Mei⸗ ſeer Thibaut, „ſagen Sie Herrn Dumirail, daß, wenn er nicht ruhig ſei, man den Polizeicommiſſär rufen 20 und ihn hinauswerfen laſſen werde . . . Bildet er ſich ein, daß er uns mit ſeinen ſechs Fuß und ſei⸗ nen Herculesſchultern einſchüchtern könne!“ fügte der Notar hinzu, indem er das Billet von Frau von Hansfeld entſiegelte und mit den Augen überflog. Dann ſagte er: „Bitten Sie den erſten Schreiber, daß er ſtatt meiner der Frau von Hansfeld antworte. Die Er⸗ neuerung der hypothekariſchen Anlegung des Geldes ſei abgemacht; es bedürfe bloß noch der Unterſchrift Ich würde die Papiere morgen der Frau Ba⸗ ronin ſenden.“ „Sehr gut, mein Herr . . . Aber was ſoll man Herrn Dumirail antworten? . Er ſagt, er werde nicht gehen, bis er Sie geſehen . . er drohte un⸗ ſerem Kameraden Michel, er werde ihm Tritte auf den Bauch geben, weil Michel ihn höflich aufforderte, ruhig zu ſein.“ . „Das iſt ja eine öffentliche Plage, ein ſolcher Bandit! ..“ rief Herr Thibaut. „Drohen Sie ihm mit dem Polizeicommiſſär und werfen Sie ihn hinaus.“ „Mein Herr, er iſt im Stande, alles im Schreib⸗ zimmer zuſammen zu ſchlagen . . . wenn man ihm jetzt ſagt, daß Sie ihn nicht empfangen wollen.“ „Mein lieber Herr Thibaut,“ verſetzte Richard d'Otremont, „ich kenne dieſen Menſchen „ und ſeine Hartnäckigkeit . denn auch mich hat er ſeit ſeinem Ruine unter dem Vorwande, daß wir die Sä⸗ bel gekreuzt, um verſchiedene Summen gebracht .. Sie werden ſich ſeiner nicht anders entledigen, als wenn Sie ihn empfangen und ihm einige Louisd'ors 21 leihen; andernfalls entgehen Sie einem immerhin bedauernswerthen Streite nicht.“ „Sie haben Recht, es gibt kein anderes Mittel, dieſen Schuft los zu werden,“ verſetzte der Notar. Dann wandte er ſich an ſeinen Schreiber und ſagte: „Melden Sie Herrn Dumirail, er möge noch warten . . in einer Viertelſtunde wolle ich ihn em⸗ pfangen . . .“ Der Schreiber ging, um die Befehle ſeines Pa⸗ trons zu vollziehen. III. Bei dem Namen Frau von Hansfeld verdüſterte ſich die Phyſiognomie von Herrn d'Otremont und bekam einen beſonders feindſeligen Ausdruck; denn abgeſehen von anderem Unrecht, konnte er es An⸗ toinetten nicht verzeihen, daß ſie ihn einſt zum Mit⸗ ſchuldigen oder Werkzeug einer Art Meuchelmord hatte machen wollen, indem ſie ihn drängte, Mau⸗ rice zu einem ungleichen Duell herauszufordern. Richard ſagte deßhalb mit einem ſardoniſchen Lächeln zu dem Notar: „In dem Augenblicke, wo Ihr Schreiber eintrat, ſprachen wir von Madame San Privato, welche trotz ihrer ſchändlichen Aufführung ſo ſtolz, ſo zartfühlend ſei. Welch' ein Unterſchied zwiſchen ihr und jenen Frauen, von denen die Hansfeld .. einer der haſ⸗ ſenswürdigſten Typen iſt? ℳ „Sie ſind, wie ich wohl weiß, mein lieber Client, kein Freund von Frau von Hansfeld . . . Vielleicht weil Sie zu ſehr ihr Freund geweſen, he, he! . ..“ „Jedenfalls hätte ſich dieſe Liebe in einen ſoliden Haß verwandelt, von dem ich dieſer Kreatur bald einen rührenden Beweis geben werde Ich habe alte Rechnungen mit ihr auszugleichen.“ „Und Sie ſind in Geſchäftsſachen von ſerupulö⸗ ſer Pünktlichkeit . .. Aber welche Rache kann man an einer jungen und hübſchen Frau nehmen?“ „Welche Rache? .. Das iſt mein Geheimniß und was noch mehr . das Ihrige, lieber Herr Thibaut!“ „Wie das?“ „Sie haben die Waffe, die ich gegen Frau von Hansfeld gebrauchen will, geſchmiedet und geſchärft.“ „Ich hätte etwas geſchmiedet. . und geſchärft? Wie, mein lieber Client, Sie moquiren ſich über Ihren ergebenen Diener?“ — „Ich moquire mich nicht ... Der Zufall ließ mir eine Waffe in die Hände fallen, deren Trag⸗ weite ich nicht kannte . .. Ihnen verdanke ich nun dieſe Wiſſenſchaft, und Gott ſoll mich verdammen! dieſe ſtörrige Courtiſane wird in ihrem Leben keinen ſchmerzlicheren Schlag bekommen haben.“ „Das iſt ein Räthſel . mein lieber Client und ich will mir, wie man ſagt, nicht länger den Kopf zerbrechen. . Sie ſind wirklich blutdürſtig! Im Ganzen thut dieſe arme Baronin nichts mehr und nichts weniger als ihresgleichen.“ „Sie ſind ſehr nachſichtig . . „Ja, daran iſt Athenais Schuld.“ „Wenn Sie nachſichtig ſind?“ 23 „Allerdings denn neben ihr erſcheinen mir alle andern Frauen wie kleine Engel . . . Sie ver⸗ ſchönt in meinen Augen das ganze übrige Menſchen⸗ geſchlecht. Aber ernſthaft geſprochen, Frau von Hansfeld iſt nicht mehr, noch weniger Coquette, als ihresgleichen.“ „Hat ſie dieſen unglücklichen Maurice Dumirail nicht ruinirt?. . Sie wiſſen das mehr, als irgend Jemand, Sie, ſein Notar.“ „Allerdings wurde in weniger als vier Jahren das Erbe ſeiner Mutter im Betrag von fünfmalhun⸗ dert und ebenſo vielen tauſend Franken verpraßt. .. aber wir wollen gerecht ſein, er hatte ſeinen guten Theil daran: er beſaß ein hübſches Hotel, ſechs Pferde in ſeinem Stall, hielt offene Tafel, eine Loge in der Oper und alles, was daraus folgt, das Lands⸗ knecht nicht gerechnet, das ihn vollends lieferte .. denn, als er ſeine noch ungefähr fünfzigtauſend Fran⸗ ken beſaß, legte er ſich aufs Spielen, um ſeine Verluſte wieder einzubringen, und unter anderem verlor er zehntauſend Franken in Einer Nacht. All' das iſt wahrhaftig nicht in die Taſche der Baronin gefloſſen!“ 2 „Maurice ſagte mir und wiederholte Jedem, der es hören wollte, daß er der Hansfeld für zwei⸗ oder dreitauſend Louisd'ors Diamanten geſchenkt.“ „Zum Teufel, wenn man eine Femme entretenue, welche Millionärin iſt, als ſeine Maitreſſe ausgibt ſo müſſen auch die Ausgaben im Verhältniſſe ſteigen; ich wundere mich, daß Sie, ein Mann von Welt und ſo großer Erfahrung, dieſe Sache nicht 24 ſehr einfach finden .. Im Ganzen nur um ſo ſchlim⸗ mer für den Einfaltspinſel ... „Würden Sie auch ſagen: um ſo ſchlimmer für die Opfer eines abſcheulichen Diebſtahls einer Spitzbüberei, welche die Hansfeld nach Saint Lazare bringen ſollte. . . wie die andern Frauen ihresglei⸗ chen, welche nicht Millionen beſitzen . . .“ 5 „Von welchem Diebſtahl wollen Sie ſprechen?“ „Maurice Dumirail behauptet (und ich halte ſie dieſer Infamie für fähig), daß die Hansfeld ihm vorgeſchlagen, Halbpart mit ihm bei einer vorgebli⸗ chen Speculation zu machen, und daß ſie ihm unge⸗ fähr hunderttauſend Franken habe ſtehlen laſſen, das iſt das Wort . .. denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß die ganze Speculation darin beſtand, den Un⸗ glücklichen zu berauben.“ „Was das betrifft, ſo geſtehe ich . . . die Baro⸗ nin iſt eine zu mißtrauiſche und ſchlaue Frau, um ſich in Speculationen zu ſtürzen . . . Sie legt ihre Capitalien ſicher auf erſte Hypotheken an, oder noch beſſer, ſie kauft, wie ſie es kürzlich gethan, in Beaur einen prachtvollen Pachthof, der ihr netto ſiebenund⸗ zwanzig gute tauſend Livres Renten einbringt, mit einem Worte, ſie hat einen ſolchen Widerwillen ge⸗ gen alles, was Speculation heißt, daß ſie niemals eine Eiſenbahnactie kaufen wollte . . . Ich kenne deßhalb auch kein klareres, kein ſolideres Vermögen, als das der Baronin. Ja, wiſſen Sie, daß das Vermögen in beweglichen und unbeweglichen Gütern, ihr Beſitzthum, ſich nach dem letzten Inventar auf mehr als zwei Millionen dreimalhunderttauſend 25 Franken belauft, ihre Diamanten nicht mit einge⸗ rechnet?“ „Ach iber Herr Thibaut, Sie können ſich nicht i Vergnügen es mir macht, Sie reden zu h ie entzücken mich, indem Sie mir ſagen, daß die Hansfeld ſo reich iſt.“ „Wirklich?“ „Ich wollte, ſie wäre noch zweimal, noch zehn⸗ mal ſo reich . . .“ „Sie der ſie ſo ſehr haßt mein lie⸗ ber Client .. „Gerade weil ich ſie von ganzer Seele haſſe, wünſchte ich, daß ſie zehnmal ſo reich wäre, als ſie iſt.“ S „Wieder ein Räthſel 4 „Aber all' dieſe Güter beſitzt die Hansfeld unter ihrem Namen?“ fragte Richard dOtremont, nachdem er einen Augenblick nachgeſonnen. „Unter ihrem wirklichen Namen?“ „Gewiß, unter dem Namen Antvinette Baronin von Hansfeld . . . Unter welchem Namen ſoll ſie ſie denn beſitzen? .. Es iſt wahr,“ verſetzte Herr d'Otremont, indem er offenbar nicht ſeinen ganzen Gedanken ausſprach; und während er aufſtand und dem Notar die Hand bot, fuhr er fort: „Leben Sie wohl, lieber Herr Thi⸗ baut tauſend Dank für Ihre juridiſche Bera⸗ thung, und in dieſer Beziehung noch eine Fkage... die letzte. ich nehme an, wie Sie wiſſen, daß ich verheirathet ſei?“ „Ja, und, von einer langen Reiſe zurückkehrend, Ihre Frau als Millionärin finden, worauf Sie nach 26 Ihrem Rechte die Adminiſtration des gemeinſamen Vermögens in Anſpruch nehmen.“ „Ganz richtig; aber wie ſoll ich me dafür nachweiſen? . . . Braucht es dazt einer Urkunde . . . oder eines rich kenntniſſes? . . . „Zur Beſitzergreifung, wie wir ſagen . mit andern Worten, um die Dispoſition über den Betrag des Vermögens zu haben?“ J6 „Bedarf es keines richterlichen Erkenntniſſes, kei⸗ nes Actes . . . Sie ſagen ganz einfach: ich bin Herr d'Otremont“ . und kraft Ihrer Eigenſchaft als Chegatte machen Sie von Ihrem Rechte Ge⸗ c „Bravo . . . das iſt ja ganz vortrefflich! . . „Aber, mein lieber Client, wäre es mir, ohne unbeſcheiden zu ſein, erlaubt, Sie zu fragen, wozu dieſe Erkundigungen Ihnen dienen können . . . Sie ſind, Gott ſei Dank! Junggeſelle und . . .“ Die Thüre der Geheimtreppe öffnete ſich wieder, der Schreiber erſchien abermals mit einem Briefe in der Hand, und wandte ſich an Herrn dOtremont: „Mein Herr, Ihr Cobriolet erwartet Sie und Ihr Diener, der es gebracht, hat den Portier beauf⸗ tragt, dieſen Brief heraufzubringen, welchen man ſo eben bei Ihnen abgegeben. Es ſcheint, daß er ſehr dringend und wichtig iſt.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte Richard, indem er den Brief nahm, und ehe er ihn entſiegelte, höflich zum Notar gewandt, fragte: „Sie erlauben? .. 27 „Gewiß mein lieber Client.“ Während Herr d'Otremont mit dem Ausdruck der größten Ueberraſchung den Brief las, den man ihm ſo eben überbrachte, ſagte Herr Thibaut zu ſei⸗ nem Schreiber: „Iſt der ungeſtüme Dumirail noch in der Schreib⸗ ſtube?“ „Ja, mein Herr, er bat ſo eben den kleinen Schreibereigehülfen, ihm im nächſten Café ein Fläſch⸗ chen Cau de vie zu holen, das er bis auf die Nagel⸗ probe austrank.“ „Da wird der Burſche in einem hübſchen Zu⸗ ſtande ſein! . . .“ „Nein, mein Herr, im Gegentheile, das hat ihn beruhigt . . . er rührt ſich nicht mehr und ſpricht kein Wort.“ Während der Notar und ſein Schreiber die vor⸗ hergehenden Worte austauſchten, las Herr d'Otremont den Brief, den er in der Hand hält. Er lautet fol⸗ gendermaßen: W „Ich komme von einer langen Reiſe; dapf ich Sie, mein lieber Richard, an jene herzliche und innige Freundſchaft erinnern, von der Sie mir einen un⸗ vergeßlichen Beweis gegeben, und Sie bitten, mich heute Abend zwiſchen acht und neun Uhr bei ſich zu erwarten, wenn Sie nicht ſonſt über Ihren Abend verfügten? Ich habe Sie um einen Dienſt zu bitten. Ich kenne Sie hinlänglich, um im Vor⸗ aus gewiß zu ſein, daß dieſer Grund allein ſchon entſcheidend für Sie ſein wird, um mir das Rendez⸗ 28 vous zuzuſagen, um das ich Ihre bekannte Zuvor⸗ kommenheit bitte. „Empfangen Sie die Verſicherung meiner inni⸗ gen Verehrung. „Jeane San Privato.“ „Ich werde um acht ein halb bei Ihnen ſein; laſſen Sie ein Wort für mich an Ihrer Thüre zu⸗ rück, wenn Sie mich nicht ſollten empfangen können.“ Herr d'Otremont las dieſes Billet mit Ueber⸗ raſchung und einer gewiſſen Aufregung. Er ſteckte es in die Taſche ſeines Gilets und ſagte, dem Notar die Hand bietend: „Leben Sie wohl und noch einmal tauſend Dank. Ich werde über dieſe Geheimtreppe gehen und dort warten, bis Maurice Dumirail bei Ihnen eingetreten; es wäre mir unangenehm, ihm zu begegnen, nament⸗ lich in dem halbbetrunkenen Zuſtande, in welchem er ſich zu befinden ſcheint. 4 „Sie werden alſo einen Augenblick auf der Ge⸗ heintreppe bleiben; mein Schreiber ſoll Sie in Kennt⸗ niß ſetzen, wenn der abſcheuliche Menſch das Arbeits⸗ zimmer verlaſſen . . . um in mein Cabinet durch den Salon zu kommen . . .“ Herr d'Otremont und der Schreiber gehen durch die kleine Thüre; Meiſter Thibaut bleibt allein und ruft, indem er mit dem Fuße auf den Boden ſtampft: „Welcher Frohndienſt, dieſen Mann zu empfan⸗ gen . . . Das ſoll aber das letzte Mal ich werde der Polizei die Anzeige machen. das 29 koſtet wieder ein Fünfzigfrankenſtück ... wenn ich ſeiner los werden will.“ Herr Thibaut öffnet eine der Schiebladen ſeines Arbeitstiſches, in welcher ſich Bankbillets und ein Paar Piſtolen befinden. Bei dem Anblick dieſer Waffen ſinnt der Notar einen Augenblick nach und ſagt dann bei ſich: „Wahrhaftig . . . man weiß nicht, was geſchehen kann; dieſer Lumpenkerl, der ohne Zweifel halb be⸗ trunken iſt, wäre zu Allem fähig .. Seitdem er ruinirt iſt, kennt ſein Ungeſtüm keine Grenzen mehr, er ſpricht nur von morden und zuſammenſchlagen; er weiß endlich, daß ich Geld in meiner Kaſſe habe, ich will deßhalb dieſe Schieblade offen laſſen und die Piſtolen in meiner Nähe behalten. Auch will ich mich bei dem Glockenzug, der nach meiner Schreibſtube geht, aufhalten und „ In dieſem Augenblicke klopft es an der Thüre des Cabinets, das nach dem Salon führt. „Er iſt es . ſagte der Notar mit dem Accente der Ungeduld und Beſorgniß und ruft mit barſcher Stimme: „Herein!“ Die Thüre geht auf und Maurice erſcheint in dem Cabinet des Meiſter Thibaut. W. Maurice Dumirail zählt nunmehr ungefähr ſechs⸗ undzwanzig Jahre, ſein Geſicht hat das friſche Colorit, den leichten, jugendlichen Embonpoint verloren, welche den ganz jungen Menſchen von dem reiferen unter⸗ ſcheiden; ſein blaſſer Teint iſt da und dort durch die Gewohnheit der ſtarken Liqueure, zu denen er noch ſo eben ſeine Zuflucht genommen, um aus einer künſtlichen Aufregung die nöthige Kühnheit zu einer Handlung zu ſchöpfen, die er ſich ausgeſonnen, kupferig geworden. Seine Züge ſind ſeit lange abgemagert; ein dicker, brauner Bart, der ſie halb bedeckt, ver⸗ leiht ſeiner ehedem ſo edeln, offenen und anziehen⸗ den, aber jetzt durch das unverwiſchbare Gepräge ſchlimmer Leidenſchaften entſtellten Phyſiognomie ein unheimliches Ausſehen; die Falten ſeiner Stirne, welche durch das häufige Zuſammenziehen ſeiner Aug⸗ brauen entſtanden ſind, deuten auf die leichte Reiz⸗ barkeit ſeines Charakters hin. Der durch den Groll über ſchmerzliche Täuſchungen, Beleidigungen, höhni⸗ ſche Begegnungen, das gewöhnliche Gefolge des Ruines, und endlich durch das Bewußtſein der Nie⸗ drigkeit der Hilfsmittel geſteigert iſt, mit welchen er die Folgen dieſes Ruins zu beſchwören ſucht; Maurice Dumirail iſt wirklich, obgleich er ſeit mehr als einem Jahre keinen Sou mehr beſitzt, mit Eleganz und Ge⸗ ſchmack gekleidet; ſeine Hand trägt tadelloſe Hand⸗ ſchuhe; der glänzende Lack ſeiner Stiefel läßt ver⸗ muthen, daß er im Wagen zum Notar gekommen; ſeine athletiſche und hohe Geſtalt umſchließt ein ſchwar⸗ zer, nach der neuſten Mode gemachter Rock; ſein dunkelgrünes Sammtgilet iſt mit einer Garnitur von Korallenknöpfen geſchmückt, von denen ſich kleine feine Perlen abheben .. Wir verweilen bei dieſem De⸗ tail, weil der Anblick dieſer Garnitur Knöpfe, welche ſehr in die Augen fallen und auf die Meiſter Thi⸗ 31 baut zufüllig ſeinen Blick geworfen, ihn zu frappiren ſcheint, denn er ſagt zu ſich: „Ich täuſche mich nicht! Ich kenne dieſe Garni⸗ tur Knöpfe von Korallen und Perlen; ich machte einſt Athenais damit ein Geſchenk, um den Leib ihres Kleides damit zu ſchmücken, als ſie ſich für einen Maskenball als Marie von Medicis coſtümirte . . . Wäre zufällig dieſer Unglückliche der Buhle, der mei⸗ nen Teufel von Frau vollends ruiniren hilft! Wenn dem ſo wäre. welch' ein Handwerk . . ah! das iſt zu gemein! Da ſehen wir, wozu uns die Thorheit ſchlechter Aufführung bringen kann: mit einundzwanzig Jahren mehr als fünfundzwanzig tauſend Livres Ren⸗ ten beſitzen und nach Verfluß von wenigen Jahren darauf reducirt zu ſein ... ſich an eine abſcheuliche alte Frau zu verkaufen und auf ihre Koſten zu leben iſt das nicht der höchſte Grad von Entwürdi⸗ gung, von Abſcheulichkeit! Und wenn man be⸗ denkt, daß, wie der Mandatar der verſtorbenen Ma⸗ dame Dumirail mir ſagte, dieſer Maurice, der heute ein gemeiner Buhle iſt . . im zwanzigſten Jahre das Muſter eines Sohnes und eines ſchönen jungen Mannes war. Hl Paris! ... Paris!. wie viele ſolcher teufliſchen Umwandlungen ſind Deine Schuld! Aber wenn Maurice an dem Haken von Athenais hängt, ſo kann er doch nicht um Geld zu mir kommen? . .. falls Athenais, als vorſichtige Frau, ihrem Galant nicht etwa bloß Eſſen, Wohnung, Kleider und Theater bezahlt . und wenig oder gar kein Taſchengeld gibt . .. damit der Schuft nicht gar eine Gaſſenhure damit aushalte! .. Ach! welch' hubſche, ehrenwerthe, einladende Haushaltung! Aber — 32 Athenais hat in dieſem Herkules, ſo ſehr ſie auch Tambourmajor iſt, ihren Mann gefunden; ſie wird ihm nicht den Arm zerſchlagen, wie ſie es meinem armen erſten Schreiber gethan! Jetzt begreife ich, warum Mathurin Blanchard, dieſer abſcheuliche kleine Buckel, trotz ſeiner Wuth, ſeine Mutter ſich für ihren Buhlen von Maurice ruiniren zu ſehen, nicht an Ein⸗ ſchreiten gegen dieſen Unfug denkt?“ Während Meiſter Thibaut dieſen Gedanken freien Lauf ließ, hing auch Maurice ernſten Gedanken nach. Er hatte ſoeben in der Schreibſtube des Notars ein Fläſchchen Eau de vie auf einen Zug geleert, um daraus den Muth zu ſchöpfen, eine Handlung zu vollbringen, vor der er nüchtern zurückgeſchreckt wäre; aber ſei es nun, daß er, an die ſtarken Waſſer ge⸗ wöhnt, in denen er bisweilen das Vergeſſen ſeiner Verworfenheit ſuchte, in den Spirituoſen, die er ver⸗ ſchlungen, nur eine momentane Aufregung gefunden; ſei es, daß der Ernſt der Lage, in der er ſich be⸗ fand, beinahe plötzlich ſeinen leichten Rauſch verflie⸗ gen gemacht . . . kaum hatte er den Fuß in das Cabinet des Notars geſetzt, als er auch ſeine ganze Kaltblütigkeit, die ganze Klarheit ſeines Geiſtes wie⸗ der fand, das volle Bewußtſein ſeiner Handlungen hatte, ſeine furchtbare Angſt unter einer ruhigen Maske verbarg, mit vollkommener Ungezwungenheit einen Stuhl nahm, ihn an den Arbeitstiſch des Notar ſtellte und ſich darauf niederlaſſen wollte, als Mei⸗ ſter Thibaut ihn barſch und hart anfuhr: „Es iſt unnütz, daß Sie ſich ſetzen .. ich bin ſehr beſchäftigt; ich kann Ihnen nur einige Augen⸗ blicke ſchenken .. — 33 „Mein lieber Notar, ich „Wenn es ſich um eine Anleihe handelt, ſo ſage ich Ihnen ſogleich, daß ich Ihnen nicht einen Centime leihen werde . Sie ſehen alſo, daß, wenn dies der Zweck Ihres Beſuches iſt, dieſer nutzlos wäre. Da ich ſehr beſchäftigt bin .. ſo kann ich nicht länger das Vergnügen Ihrer liebenswürdigen Unter⸗ haltung genießen. . Erlauben Sie, daß ich mich meinen Geſchäften widme.“ „Sie ſind in vollſtändigem Irrthum begriffen, mein lieber Herr Tyibaut .. Ich komme durch⸗ aus nicht, um Geld von Ihnen zu entlehnen,“ ant⸗ wortete Maurice, indem er ſich breit neben dem Schreib⸗ tiſch nieder ließ; „ich komme, mich nach Ihrem Be⸗ finden zu erkundigen .4 „Ich bin Ihnen ſehr verbunden .. mein Be⸗ finden iſt ganz vorzüglich. . . „Ich komme ferner, mich eines Auftrags bei Ihnen zu entledigen, welchen mir eine ſchöne Dame gegeben.“ „Welche ſchöne Dame?“ „Sie werden ſehr überraſcht ſein.“ „Gut . . aber von wem iſt die Rede? „ „Von einer Ihrer hübſcheſten Clientinnen „Nun, wie heißt ſie denn?“ „Antvinette. Herr Thibaut ſah Maurice mit einem Erſtaunen an, das an Beſtürzung grenzte und rief: „Wie? Sie ſagen?“ „Ich ſage. . . Antvinette . „Frau von Hansfeld?“ „Allerdings, ich nenne ſie vertraulich Antvinette, Sue, die Familienſöhne. v. 3 wie ehedem weil wir jetzt wieder ſo intim ſind wie früher.“ „Ah bah!“ „Unſerem Bruch.. folgte eine W „Iſt es möglich! wie eine kn nung?“ „Eine vollſtändige . . abſolute Ausſöhnung. .. mein lieber Notar . . .“ „Und ſeit wann ſind Sie von der Baronin zu Gnaden aufgenommen worden?“ „Seit dem letzten Opernball. .. vor zwei Tagen. Antvinette hat mich intrikirt . . . ich erkannte ſie bald. Wir ſetzten uns in ihre Loge . . . wir hatten eine lange Erklärung; zärtliche Erinnerungen wur⸗ den wieder wachgerufen, Erinnerungen, denen noch zärtlicheres Bedauern folgte; endlich, was ſoll ich Ihnen ſagen? führte ich Antvinette nach Hauſe, wo wir noch verliebter in einander wurden, als früher.“ Maurice erzählte dem Notar lauter mögliche Dinge. Dieſer zögerte jedoch, der Ausſöhnung Glau⸗ ben zu ſchenken, und nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, verſetzte er: „Was Sie mir da ſagen, überraſcht mich, ver⸗ wirrt mich, um ſo mehr, als. Und indem er abermals ſeine Blice auf die Gar⸗ nitur von Korallenknöpfen warf, mit denen Mauri⸗ Gilet geſchmückt war, fügte Thibaut barſch inzu: „Haben Sie dieſe hübſche Garnitur von Koral⸗ lenknöpfen ſchon lange?“ „Eine ſeltſame Frage . . . lieber Notar,“ ant⸗ 35 wortete Maurice, bis an die Stirne erröthend und die Brauen zuſammenziehend, „welches Intereſſe ha⸗ ben Sie, zu wiſſen .. „Ich will Ihnen die Sache erklären,“ verſetzte Meiſter Thibaut mit einer geheuchelten Bonhomie. „Denken Sie ſich vor ungefähr ja . fünfzehn Jahren mindeſtens .. richtig, denn da⸗ mals war meine Frau zweiunddreißig Jahre, ſomit wäre ſie jetzt achtundvierzig. . . machte ich ihr ein Geſchenk mit dieſer Garnitur von Knöpfen, welche Sie an Ihrem Gilet tragen.“ „Sie ſind durchaus im Irrthum, mein lieber Herr Notar,“ verſetzte Maurice, indem er ſeine Sicher⸗ heit wieder fand; „ich kaufte dieſe Knöpfe vor eini⸗ gen Tagen bei einem Juwelier . . .“ „So kennen Sie alſo meine achtungswürdige und züchtige Chehälfte, Athenais Thibaut, verwittwete Blanchard, nicht?“ „Ich habe nicht die Ehre, Madame Thibaut zu kennen.“ „Verdammt! wenn Sie das für eine Ehre hal⸗ ten, ſo wäre das Ihrerſeits ein großartiges Mißver⸗ ſtändniß . . denn Athenais .. „Verzeihung . . . Sie ſeien zu ſehr beſchäftigt, haben Sie mir geſagt, und ich möchte Sie nicht lange in Anſpruch nehmen, ich komme zum Zweck meines Beſuches,“ verſetzt Maurice in ſeinen Taſchen ſuchend, aus denen er ein Portefeuille zieht; in dieſem Augen⸗ blick wird ſein Geſicht, das bei dem Namen Madame Thibaut ſich purpurroth gefärbt, blaſſer als es vor⸗ her geweſen, große Schweißtropfen beginnen auf der Stirne des jungen Mannes zu perlen, aber er ver⸗ 36 ſetzt ruhig, indem er mit der größten Ungezwungen⸗ heit dem Notar den Brief gibt, den er ſoeben aus ſeinem Portefeuille genommen: „Dieſen Morgen, als ich Antvinette verlies, über⸗ gab ſie mir dieſes Billet für Sie. . . indem ſie mich von dem Inhalt deſſelben unterrichtete.“ Meiſter Thibaut nahm den Brief, öffnete ihn und las. Man kann ſich die Bangigkeit nicht denken, welche der glühende und feſte Blick von Maurice verrieth, während der Notar den Brief von Frau von Hans⸗ feld las aber, ſo zu ſagen den Augenblick vor⸗ ausfühlend, wo Meiſter Thibaut die Augen zu ihm erheben würde, verbirgt der junge Mann, ſeiner ſelbſt Herr bleibend, obgleich ein kalter Schweiß an ſeinen Schläfen ſteht, ſeine Ungeduld unter der Gleichgültigkcit ſeiner Phyſiognomie und ſtreift nach⸗ läſſig über die Wellen ſeines dicken, braunen Bartes. In dieſem Augenblicke betrachtet der Notar, nach⸗ dem er den Brief geleſen, den Ueberbringer mit einem zweifelvollen Erſtaunen . . . aber der Zweifel wird durch die offenbare Theilnahmloſigkeit von Mau⸗ rice verſcheucht. Der Tag neigte ſich, das Cabinet wurde ziemlich dunkel, Herr Thibaut entfernt ſich von ſeinem Schreib⸗ tiſch, tritt an ein Fenſter, liest den Brief der Frau von Hansfeld mit verdoppelter Aufmerkſamkeit, und wieder heftet ſich der Blick von Maurice mit furcht⸗ barer Bangigkeit auf den Notar. Das Billet von Antoinette lautet folgender⸗ maßen: 5 „Wollen Sie die Güte haben, lieber Herr 37 Thibaut, Herrn Maurice Dumirail zweiund fünfzig⸗ tauſend Franken auszubezahlen, welche, nebſt achttauſend Franken, die ich zu Hauſe habe, die ſechzigtauſend Franken vollzählig machen, deren ich heute Abend bedarf. „Sage zweiundfünfzigtauſend Franken, für welche dieſes Billet Ihnen als Em⸗ pfangsbeſcheinigung dienen mag. „Tauſend Freundliches „Baronin von Hansfeld.“ „Dieſer Brief iſt doch von der Hand meiner Clientin,“ ſagte der Notar zu ſich. „Es iſt unmög⸗ lich, ſich zu täuſchen . . . ich namentlich kann nicht getäuſcht werden! Und dennoch, wie kommt es, daß in dem Billete, das ſie mir vor einer Stunde ge⸗ ſchrieben, ſie nicht ein Wort von Erhebung einer ſo beträchtlichen Summe ſagt . . . Dieſer Umſtand hatte meine erſten Zweifel hervorgerufen, um ſo mehr, als ich dieſen Schuft alles zu thun für fähig halte . . . ſelbſt ein Falſum zu begehen! eine Schändlichkeit, die in meinen Augen nicht größer iſt, als auf Koſten von Athenais zu leben, denn ich bin nicht der Dupe ſeines Leugnens . . . Er iſt purpurroth bei dem Na⸗ men meines frechen Weibes geworden er hätte ſie alſo verlaſſen . . . das begreife ich übrigens. .. um der Galan dieſer Baronin zu werden? Es muß ſo ſein, denn, noch einmal, dieſes Billet iſt offen⸗ bar von der Hand meiner Clientin .. Aber mir fällt ein, der Brief, den ſie mir ſoeben geſandt, iſt hier; vergleichen wir ſie einmal!“ Herr Thibaut tritt an ſeinen Schreibtiſch, nimmt z. X 38 den Brief, den er ſoeben von Frau von Hansfeld erhalten und nähert ſich dem Fenſter, wo er auf⸗ merkſam die beiden Handſchriften vergleicht. Maurice kann ſich über die ſo deutlich an den Tag gelegten Zweifel des Notars nicht täuſchen. Er wird leichenblaß. Ein Zornesblitz leuchtet aus ſei⸗ nen Augen; aber ſich beherrſchend ſagt er mit ruhi⸗ ger Stimme: „Nun, mein lieber Herr Thibaut, haben Sie bald dies Billet von zehn Zeilen zu Ende geleſen . Antoinette erwartet das Geld, das ſie von Ihnen verlangt.“ „Es iſt genau dieſelbe Handſchrift,“ ſagte der Notar bei ſich. „Dieſer letztere Brief iſt entſchieden von der Hand der Frau von Hansfeld . . .“ W Die Wichtigkeit der Lage verdoppelt den Scharf⸗ blick von Maurice, und er erkennt aus einigen kaum bemerkbaren Nuancen der Phyſiognomie des Notars, daß ſein letzter Zweifel verſchwunden iſt; denn der Notar kehrt an ſeinen Schreibtiſch zurück, ſetzt ſich davor und ſagt bei ſich: „Im Ganzen genommen iſt es vielleicht ein theil⸗ weiſer Erſatz, den die Baronin dieſem Menſchen ge⸗ ben will, in welchen ſie ſich ernſtlich verliebte, nach⸗ dem ſie ihn unwürdig dupirte! . . . Was iſt dabei Erſtaunliches? die Frauen haben gar wunderliche Launen.“ Und indem er ein Blatt Papier nahm, fügte 39 Meiſter Thibaut laut hinzu, ohne Maurice dabei an⸗ zuſehen: ⸗ „Ich habe keine fünfzigtauſend Franken zu Hauſe ich werde Ihnen eine Anweiſung auf meinen Banquier geben .. . Und indem er unverſehens den Blick erhob und Maurice anſah, fügte er hinzu: „Welches Datum haben wir? ...5 Der Notar unterbricht ſich plötzlich; er hat auf den Zügen des jungen Mannes einen Ausdruck von Erleichterung, Freude und Triumph ſo außerordent⸗ licher und darum ſo bezeichnender Art bemerkt, daß ſeine Zweifel von Neuem auftauchen, ja ſich vermehren, und um ſich durch eine ſichere Probe Gewißheit zu verſchaffen, legte er ſeine Feder neben die noch nicht zu Ende geſchriebene Anweiſung und ſagte: „Im Ganzen genommen . . kann ich Ihnen die Mühe erſparen, zu Frau von Hansfeld zurückzu⸗ kehren; ich werde ihr die Summe bringen, die ſie verlangt: ich habe gerade etwas bei meinem Banquier zu beſorgen; ich werde mich zu ihm begeben, die Summe erheben und . . .“ Der Notar vollendet die Phraſe nicht; er hat die plötzliche Zerſtörung in den Zügen des leichen⸗ blaß gewordenen jungen Mannes bemerkt, deſſen blaue Lippen convulſiviſch zittern. „Elender!“ ruft Herr Thibaut, „Sie wollen mich täuſchen. . . Sie ſind ein Fälſcher!“ „Wie was? . Unverſchämter, der Sie ſind!“ ſtottert Maurice mit erſtickter Stimme. „Sie aei . „Ja, zum Teufel, ich wage es, etwas zu ſpät 40 einzuſehen, daß ich ein Thor war . . . denn ich wäre beſtohlen und gezwungen geweſen, die zweiundfünfzig tauſend Franken der Baronin zu wenn ich das Unglück gehabt, ſie Ihnen zu geben. „Mein Herr. „Auch ein feinerer Kopf als ich hätte durch dieſe Spitzbüberei fangen laſſen, denn ſie iſt das Werk eines ungeheuren Fälſchertalents, namentlich bei einem Anfänger. „Sie wagen zu behaupten, mein Herr, daß die⸗ ſer Brief nachgemacht iſt?“ „Ich behaupte es!“ „Nehmen Sie ſich in Acht . . .“ „Ha! Sie läugnen die Fälſchung . . .. „Ich läugne ſie . . . „Gut, ſo wollen wir augenblicklich zur Frau Baronin gehen! Sind Sie damit einverſtanden ... hm? Nun, antworten Sie doch?“ Maurice iſt bei dieſem Vorſchlag anfangs ganz beſtürzt, verſteinert. „Welche Kühnheit!“ fuhr der Notar fort, „aber bei all' ſeiner Kühnheit muß man zugeſtehen, fehlt es dem Kunſtſtück nicht an Gewandtheit! . . . Wie ſollte man annehmen, daß man eine ſo leicht zu ent⸗ deckende Spitzbüberei wagen würde . . . Freilich, da ich den durchtriebenen Vogel kannte, ſo hegte ich an⸗ fangs Zweifel . . . indeß die Fälſchung iſt ſo gut gelungen . . . daß ſie mich einen Augenblick täuſchte. Tauſend noch einmal! mein luſtiger Junge! welches Talent! es verſpricht viel! obgleich es bis jetzt erſt in ſeiner Morgenröthe ſteht . . .“ Bei der bekannten Heftigkeit des Charakters von — „—— —,— 4¹ Maurice Dumirail hätte die Gewalt, die er ſich an⸗ that, die düſtere Niedergeſchlagenheit, mit der er die ſchweren Vorwürfe anhörte, die auf ihn gehäuft wurden, genugſam ſeine Schuld beweiſen können, wenn ſie auch nicht auf andere Weiſe evident an den Tag gekommen wäre. Er begnügte ſich deßhalb zum Notar zu ſagen: „Wenn Sie keine grauen Haare hätten, würde ich Sie theuer für Ihre Inſolenzen bezahlen laſſen, allein ich verachte Sie; Sie weigern ſich, Frau von Hansfeld das Geld zu ſchicken, das ſie verlangt! das iſt Ihre Sache. . . das mögen Sie unter ſich aus⸗ machen . . . nur geben Sie mir den Brief zurück, ich bin dafür verantwortlich . . . weil er die Em⸗ einer beträchtlichen Summe ent⸗ hält „Ich habe Ihnen den Brief der Frau von Hans⸗ feld nicht zurückzugeben und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Sie mir gar keinen Brief von ihr übergaben ..5 „Was iſt denn derjenige, welchen Sie ſoeben ge⸗ leſen, mein Herr?“ „Ein falſcher.“ „Welcher Art dieſer Brief auch in Ihren Augen ſein mag, geben Sie mir ihn zurück. .. ich ver⸗ lange es.“ „Wirklich? Sie glauben wohl, ganz treu⸗ herzig, ich werde mich des Papieres entſchlagen, das die Baſis meiner Klage bilden ſoll.“ „Welcher Klage?“ „Nun .. der, die ich in dem Parkett .. „In dem Parkett?“ 4² „Des königlichen Procurators niederlegen werde .. „pſpielen Sie doch den Unſchuldigen . . .“ „Das iſt Ernſt . .. was Sie da ſagen? . . .“ ſtotterte Maurice, vor Schrecken ſchauernd, „Sie wollten . . .“ „Herr Maurice Dumirail,“ antwortete Herr Thi⸗ baut mit furchtbarer Betonung, „ich werde die Fälſcher in das Bagno ſchicken.“ Trotz der energiſchen Härte ſeines Charakters und ſeiner herculiſchen Kraft fühlt er die Kniee unter ſich wanken; er ſieht ſich genöthigt, ſich auf die Ecke des Schreibtiſches zu ſtützen; ein Schreckensſchwin⸗ del verwirrt ſeinen Geiſt; er hatte angenommen, im ſchlimmſten Falle habe die Entdeckung ſeines Spitz⸗ bubenſtreichs keine andern unangenehmen Folgen, als daß er in den Augen des Notars entehrt ſei und daß dieſer, die in dem verſtellten Brief verlangte Summe verweigernd, ihm den Brief wenigſtens zu⸗ rückgeben werde . . aber die Drohung einer Cri⸗ minalklage erfüllte ihn mit Schauder, ſeine Kehle trocknete aus; er war am Erſticken. Er konnte nur noch mit ſchwacher Stimme ſtottern: „Ach, Herr Thibaut . . . Herr .. Thibaut...“ „Sie verdienen weder Nachſicht, noch Mitleid,“ antwortete der unerbittliche Notar. „Sie haben hier in meiner Gegenwart das Andenken Ihres Vaters unwürdig beſchimpft, . . . indem Sie die edle Stif⸗ tung, die er auf dem Morillon machte, in den Koth zogen . . Sie ſagten, Ihr Vater habe Sie beſtohlen es iſt Ihr eigenes Wort . . . er habe Ihnen eine Million geſtohlen, um zwanzig Barfüßige zu beherbergen . . . ach! wie gut kannte er Sie .. 43 Ihr Vater . . . und wie ſcharf ſah er die Zukunft voraus, indem er auf ſo nützliche Weiſe über ſein Vermögen verfügte!“ „Haß und Fluch über ihn! es iſt ſeine Schuld, wenn ich ſo weit gekommen, als es wirklich der Fall,“ verſetzte Maurice mit dumpfer Wuth, indem er aus ſeiner Beſtürzung erwachte. „Ach, wenn er mich nicht ſeiner Erbſchaft beraubt hätte! . . .“ „Sie hätten ſie verpraßt, wie Sie es mit der Ihrer Mutter gemacht. Sie hätten ſich einige Jahre ſpäter ruinirt und entehrt, das wäre alles!“ „Herr Thibaut,“ murmelte Maurice bittend und vor Schreck zitternd, „ich beſchwöre Sie . . . ſeien Sie edelmüthig . . verderben Sie mich nicht! . . . o verderben Sie mich nicht!“ „Sie geſtehen alſo Ihre Schande ein?“ „Antvinette hat mir mehr als hunderttauſend Franken abgeliſtet unter dem Vorwande einer Speculation, die gar nie ſtattfand .. . ich wollte . . .“ „ . . Sie wollten einen Theil dieſer Summe ſich wieder verſchaffen . . das iſt ſchändlich! ja noch mehr.. das iſt thöricht! . . . Sie mußten in die⸗ ſem Falle eine gerichtliche Klage gegen die Baronin einreichen.“ „Konnte ich das! Die Elende hatte, meine Leicht⸗ gläubigkeit, mein Vertrauen mißbrauchend, ſich mit mir ins Reine geſetzt . . . Ich zog einen Advocaten zu Rathe: alle Verfolgung wäre unnütz geweſen.“ „Dann erträgt man als ehrlicher Mann die Fol⸗ gen der Thorheit . . . und begibt ſich nicht auf den Weg, der direct zur Galeere führt!“ Maurice begann, ſeine Lage für eine verzweifelte 44 zu halten, denn weit entfernt, auf die Verzeihung der Frau von Hansfeld zu zählen, wenn dieſe von den Thatſachen in Kenntniß geſetzt würde, ſtellte er ſich im Gegentheil die grauſame Freude vor, die ſie und San Privato empfinden müßten, wenn ſie ihn auf der Verbrecherbank erblicken würden. In⸗ dem er deßhalb ſeine kochende Wuth, die mit jedem Augenblick ſich mehrte, noch beherrſchte, verſuchte er zum letzten Male den Notar mitleidig zu ſtimmen und ſagte mit gefalteten Händen zu ihm: „Ich bitte Sie! richten Sie mich nicht zu Grunde haben Sie Mitleid mit mir! . . .“ „Mitleid mit Ihnen! der ſchon genugſam mit Schande bedeckt, auf Koſten einer alten Frau lebt und nun zum Fälſcher geworden?“ „Ja, mein Herr, ich fühlte dieſe Schande,“ rief Maurice außer ſich, in einem Momente unwill⸗ kürlicher Offenheit, „und wollte . . .“ „Der Verworfenheit durch das Verbrechen ent⸗ fliehen? . . . Iſt das Ihre Entſchuldigung?“ „Zum letzten Male beſchwöre ich Sie . . ver⸗ verben Sie mich nicht . . .“ wiederholte Maurice in bittendem Tone, den der jeden Augenblick drohender werdende Ausdruck ſeiner Züge Lügen ſtraſte. „Ich werde heute noch Paris verlaſſen; Sie ſollen nie mehr von mir hören ... aber richten Sie mich nicht zu Grunde .. Treiben Sie mich nicht aufs äußerſte . PHüten Sie ſich! o hüten Sie ſich! . . . Die Nacht brach herein, das Cabinet wurde im⸗ mer dunkeler; der Notar, welcher die drohende Miene Mauricens, den er mit keinem Blicke verlor, bemerkt hatte, ließ den nachgemachten Brief in die Schieblade 45 fallen, wo die Piſtolen lagen: hinter ſich hat er die Klingelſchnur, welche mit ſeinem Arbeitszimmer in Verbindung ſteht, und er antwortet: „Herr Dumirail, es muß ein Exempel für die Familienſöhne ſtatuirt werden ... ſie ſollen ſehen, wohin der keichtſinnige Lebenswandel führt Ich werde morgen meine Klage bei dem Procurator ein⸗ reichen.“ Meiſter Thibaut, der im Grunde des Herzens ein gutmüthiger Mann war, wollte trotz des Ab⸗ ſcheus und der Entrüſtung, welchen ihm die Hand⸗ lung Mauricens einflößte, keineswegs, wie man ſagt, dieſem jungen Manne eine Lection geben; der Raub, deſſen Opfer er durch Frau von Hansfeld geworden, gab ihm, wenn er auch das Vergehen nicht entſchul⸗ digte, das er ſo eben hatte begehen wollen, doch einen Schein von Repreſſalie oder erzwungener Re⸗ ſtituirung. Maurice, der den geheimen Gedanken des Notars nicht kannte und ihn erklären hörte, daß er ſeine Klage beim Procurator einreichen werde, hielt ſich für verloren. Der Schrecken ſetzte ihn in Verzweif⸗ lung und der Heftigkeit ſeines Charakters, die er bis dahin beherrſcht, nicht länger Meiſter bleibend, ſtürzte er ſich auf den Schreibtiſch, um mit Gewalt die Vernichtung des nachgemachten Briefes zu er⸗ zwingen. Herr Thibaut, der mit dem Blicke alle Bewegun⸗ gen des Familienſohnes verfolgt hatte, zieht plötzlich mit der einen Hand an der Glockenſchnur, die mit dem Bureau correſpondirt, und ergreift mit der an⸗ „ 46 dern Hand eines der Piſtolen, deſſen Mündung er Mauricen entgegen hält. Dieſer entwaffnet den Notar, ergreift ihn am Halſe, wirft ihn nieder und ſchon will er die Hand in die Schieblade tauchen, um dort den nachgemach⸗ ten Brief zu ſuchen und ſich deſſelben zu bemächtigen, als die Schreiber des Bureaus, welche auf das hef⸗ tige Läuten, das ſie hörten, bereits eine Gefahr für ihren Patron vermuthend, über die Geheimtreppe in das Zimmer ſtürzen: ſie dringen gerade in dem Augen⸗ blicke herein, als Maurice aufs Gerathewohl ſich mehrerer Papiere bemächtigen wollte, unter denen er das Beweispapier zu finden hoffte, das er vernichten wollte. Getäuſcht durch dieſe Bewegung und wiſſend, daß dieſe Schieblade des Schreibtiſches Bankbillets enthalte, riefen die Schreiber und Herr Thibaut, welche alle glaubten, der Familienſohn wolle Werth⸗ papiere entwenden: „Packt den Dieb . packt ihn!“ Die herculiſche Statur Mauricens imponirt ihnen jedoch und ſie zögern ſich ihm zu nähern. Er macht ſich ihre Unentſchiedenheit zu Nutzen, hebt das der Hand des Notars entfallene Piſtol auf, droht ihnen mit dieſer Waffe und ermöglicht ſo ſeinen Rückzug nach dem Corridor, indem er ſie im Reſpect hält und zu ihnen ſagt: „Dem erſten, der einen Schritt no kommt, zerſchmettere ich das Hirn!“ Und indem er raſch hinausgeht und das Cabinet von Außen verriegelt, ſchließt Maurice die Schreiber und ihren Patron ein, gelangt mit zwei Schritten in das Bureau, ſteigt raſch die Treppe hinab, ſpringt 47 in das Cabriolet, das ihn an der Thüre erwartet, und verſchwindet. VI. Als Herr dOtremont nach Hauſe gekommen, war⸗ tete er ungeduldig auf die Stunde des Rendezvous, das ihm Jeane San Privato verſprochen. Ehedem in dieſe ſeltſame Frau leidenſchaftlich verliebt, be⸗ wahrte Richard dOtremont für ſie ebenſo viel An⸗ hänglichkeit, als Achtung, in ſoweit wenigſtens, als die zahlreichen Liebſchaften Dona Juanas von jedem ſinnlichen Hintergedanken rein geblieben. Herr d'Otre⸗ mont, obgleich bereits im vierzigſten Jahre ſtehend, durfte immer noch auf Erfolge bei den Frauen An⸗ ſpruch machen, aber jeder albernen Eitelkeit fremd, ſchrieb er das Rendezvous, das ihm Madame San Privato gab, keineswegs Urſachen zu, die für ſeine Eitelkeit hätten ſchmeichelhaft ſein können. Sie kannte ihn als einen ehrenhaften und discreten Mann, ſie hatte ſich außerdem durch die Keckheit ihrer Sitten eine ſolch' excentriſche Stellung geſchaffen, daß für den, der ſie kannte, ein derartiger Abendbeſuch bei einem Manne keine Idee von galantem Abenteuer in ſich ſchloß. Richard erwartete deßhalb Jeane ohne jeglichen verliebten Gedanken, wie er etwa einen Freund er⸗ wartet hätte, von dem er lange getrennt geweſen .. indem er ſich einzig mit lebhafter Neugierde fragte, was der Zweck des Beſuches von Dona Juana und 48 die Art des Dienſtes ſein würde, den ſie von ihm verlangen wollte. Er überließ ſich ſeinen Gedanken, indem er an dem Kamine ſeines Salons ſaß, der mit ausgeſuch⸗ ter Eleganz möblirt, mit koſtbaren Bildern und pracht⸗ vollen Vaſen aus Sevres und Sachſen geſchmückt war, in denen ſeltene Blumen prangten und durch die Lichter großer vergoldeter Candelaber beleuchtet wurde; die carmoiſinrothen Damaſtvorhänge kreuzten ſich an den Fenſtern und ihre ſchweren Falten fielen auf einen dicken Teppich von Smyrna herab. „Es iſt ſeltſam,“ ſagte Richard mit einem melan⸗ choliſchen Lächeln, „ich erwarte ohne das geringſte Herzklopfen eine Frau, die einſt eine der ſchönſten, bezauberndſten Frauen von Paris war und noch ſein muß; ich war leidenſchaftlich in ſie verliebt. Es hing von mir ab, glücklich zu ſein; ich hatte den Muth, auf dieſe berauſchende Hoffnung zu verzichten! Ich bin außerordentlich eiferſüchtig; meine Verbindung mit Dona Juana wäre für mich eine Hölle geweſen Dieſes bizarre Weſen! Ich werde nie vergeſſen, wie offen ſie vor vier Jahren gegen mich war, da⸗ mals, als ſie im vollen Glanze ihrer Schönheit, ihrer Erfolge, und eines der Idole der großen Welt, in der ſie angebetet wurde, zu mir ſagte: „Richard, Sie gefallen mir ſehr. Ich will nicht coquett, ſondern offen und ehrlich bis zur Tollkühn⸗ heit ſein . . . Sie könnten auf meine Liebe zählen aber Sie dürften nie auf meine Beſtändigkeit zählen . . . Bedenken Sie das!. „Ich vedachte das und ſchrat vor dem n von Eiferſuchtsqualen zurück, in den ich blickte . 49 Eine aufrichtige Freundſchaft hat meine tolle Leiden⸗ ſchaft für Dona Juana überlebt. Ich habe ihren Leichtſinn getadelt, beklagt: er hat ſie zuletzt auf die Proſcriptionsliſte der Geſellſchaft geſetzt. Konnte ich mir verhehlen, daß ſie namentlich durch ihren Haß gegen die Lüge und Heuchelei ſich zu Grunde richte! Ja, ſie wäre noch eine der Königinnen dieſer vor⸗ nehmen Welt, aus der ſie verbannt worden, wenn ſie ſich hätte herbei laſſen wollen, zu lügen, zu heu⸗ cheln, mit einem Worte die Maske ſcheinbarer Zu⸗ rückhaltung anzulegen, mit der ſo viele Frauen, welche einen beinahe ebenſo leichtſinnigen Lebenswandel als ſie führen, dieſer Welt zu imponiren wiſſen, ſich weit weniger um die guten Sitten, als um den ſcheinbaren Reſpect vor der Wohlanſtändigkeit küm⸗ mert So hatte die Herzogin von Hauterive, welche ſich ſeit fünfzehn Jahren damit begnügt, ihre zahlreichen Liebſchaften unter dem Schein eines Ri⸗ gorismus zu verſchleiern, von dem ſich Niemand dupiren läßt, die grauſame Unverſchämtheit, im offe⸗ nen Salon Madame San Privato zu beleidigen. Sie gab auf dieſe Weiſe das Signal zu den ſchimpf⸗ lichen Verdammungsurtheilen, mit denen Dona Juana ſeit jener Zeit verfolgt wurde; ich übernahm dreiſt die Vertheidigung gegenüber dieſer ebenſo verdorbe⸗ nen, als heuchleriſchen Herzogin; ich verlangte von dem Herzog Genugthuung wegen dieſer Impertinenz ſeiner Frau, und Jeane wußte mir um ſo mehr Dank für dieſen Beweis meiner Anhänglichkeit, als er ja durchaus uneigennützig war . ..5 Als er in dieſem Augenblicke das Ohr nach den Fenſtern, die auf die Straße gingen, hinbeugte, und Sue, die Familienſöhne v. . 4 das Rollen eines Wagens hörte, der vor der Haus⸗ thüre hielt, fügte Richard, den Blick auf die Uhr heftend, welche acht ein halb zeigte, hinzu: „Das muß Jeane ſein . . gewiß, mein Herz iſt ruhig . .. Indeß bin ich doch neugierig, welchen Eindruck Dona Juana nach einer Trennung von beinahe drei Jahren auf mich machen wird.“ Herr dOtremont täuſchte ſich nicht in ſeiner Ver⸗ muthung, denn wenige Augenblicke ſpäter öffnet ſein Kammerdiener, wie er mit eben ſo viel Tact als gutem Ton befohlen, um jeden Gedanken an ein Ge⸗ heimniß oder ein Liebes⸗Rendezvous bei ſeinen Leu⸗ ten zu verſcheuchen, ceremoniös die beiden Flügel der Salonthüre und meldet mit lauter Stimme: „Madame San Privato!“ VII. Jeane nahm, nachdem ſie in den Salon getreten, ihren Hut und einen gefütterten Pelz ab, in den ſie gehüllt war. Richard iſt im erſten Augenblick ge⸗ blendet.. Die junge Frau erſcheint ihm noch ſchöner geworden. Dona Juana hatte ſo eben ihr dreiundzwanzig⸗ ſtes Jahr angetreten; ihre Schönheit ſtand wirklich in ihrem vollen Glanze. Sie trug eine geſchloſſene ſchwarze Sammtrobe, deren Schnitt die Vollkommen⸗ heit ihres Oberleibs und die Ueppigkeit ihrer ſchönen Taille ins volle Licht ſetzte; die Scheitel ihrer pracht⸗ vollen blonden Haare, um die ſich eine dicke Flechte ſchlingt, krönten ihre Elfenbeinſtirne; ihr durch die 5¹ Kälte leicht angerötheter Teint war roſig, friſch, durchſichtig wie der eines Kindes, das Roth ihrer Lippen, der glänzende Email ihrer Zähne, der feuchte Azur ihrer großen Augen mit den weißen und rei⸗ nen Lidern, das feſte, ſammtweiche Fleiſch — alles athmet Jugend, Geſundheit, Leben, Kraft; und wie wir ſagten, Richard iſt anfangs ganz geblendet von dem göttlichen Enſemble der Schönheiten Dona Juanas, die ihm noch zugenommen zu haben ſchienen. Indeß nach einem Augenblick näherer Prüfung folgt auf die erſte Bewunderung Richards ein Gefühl unbeſchreiblicher Trauer . . . Ach! trotz der bezaubernden Anmuth ihrer Züge verrieth die Phyſiognomie Dona Juanas die düſterſte Atonie, die bitterſte Enttäuſchung. Was ſagen wir? man ahnte unter dieſer ſo jungen, ſo roſigen, ſo friſchen, ſo verführeriſchen Maske . . eine Art mo⸗ raliſchen Todes: die Erſchöpfung der geiſtigen Fähig⸗ keiten, die Zerrüttung der Gefühle. So ſieht man Körper, welche lange unter einem eiſigen Schneé gelegen, das lachende Aeußere des Lebens bewahren auch nachdem das Herz zu ſchlagen aufgehört. Herr d'Otremont fühlte eine ſo tiefe Aufregung, daß er in eine ſchweigſame Betrachtung vertieft bleibt. Jeane, welche die outzüiche Ueberraſchung Ri⸗ chards bemerkt, ſagt im Tone liebevollen Vorwurfes zu ihm, indem ſie ihm ihre reizende Hand bietet: „Wie mein Freund kein Wort .. nach einer ſo langen Lrennung?“ Richard nimmt die Hand, welche Dona Juana ihm bietet, berührt ſie höflich mit ſeinen Lippen und zittert. Es iſt ihm, als küßte er die eiſige Hand einer Leiche, aber er erröthet über ſein kindiſches Erſtaunen bei dem Gedanken, daß es ſehr kalt draußen ſei und die Kälte der Hände der jungen Frau deß⸗ halb nichts zu verwundern geben; dann führte er ſie nach einem Fauteuil neben dem Kamine, indem er, um die erſte Urſache ſeines Schweigens und ſei⸗ ner Verlegenheit zu verheimlichen, ſagt: „Sie haben ſehr kalte Hände .. bitte, kommen Sie an das Feuer . . .“ „Gerne, mein Freund,“ verſetzte Dona Juana mit einem Lächeln, deſſen Ausdruck Richard das Herz zerreißt, „aber das glühendſte Feuer iſt nicht im Stande, die Todten zu erwärmen . . . Was ich Ihnen da ſage, überraſcht Sie, nicht wahr, mein Freund? Aber ich mache Ihnen ſogleich das Ge⸗ ſtändniß: — daß ich todt bin . . . und für immer todt! um uns jedes Mißverſtändniß zu erſparen .. Doch nein! verſetzte Madame San Privato. .. „nein, das hieße Sie beleidigen, Sie, den Mann par excellence, ohne Anmaßung, ohne Eitelkeit, Sie der Meinung für fähig zu halten, in dieſem Rendez⸗ vous, um das ich Sie gebeten . . etwas anderes zu ſehen, als einen Beweis des Vertrauens ein Zeugniß aufrichtiger Freundſchaft von meiner Seite obgleich es ehedem nur von Ihnen abgehangen, dieſe Freundſchaft in ein zärtlicheres Gefühl zu ver⸗ wandeln . Nachdem ich dies geſagt, um der Wahrheit ihr Recht zu geben, mein lieber Richard, und Ihren gerechten Stolz zu befriedigen, danke ich Ihnen herzlich für die Freundlichkeit, mit der Sie meinen Wunſch ſogleich erfüllt . . . und nun laſſen Sie uns freundſchaftlich plaudern . . .“ Herr dOtremont hatte, als er Dona Juana ſo ſprechen hörte, moraliſch daſſelbe Gefühl, das er phyſiſch gehabt, als er die Hand der jungen Frau berührte . . . und wenn er, (was, wie man weiß, nicht der Fall) der geringſten Illuſion über die Be⸗ deutung des gegenwärtigen Rendezvous ſich hingege⸗ ben, ſo hätte ſich dieſe Illuſion vor dieſem düſtern, atoniſchen, eiſigen Etwas aufgelöst, das der Phyſio⸗ gnomie, dem Tone, der Haltung Dona Juanas, die dennoch ſo ſchön, ſo jung war, einen Charakter beinahe todtenhafter Gefühlloſigkeit verlieh, die Richard bis ins Mark hinein erſtarren machte. Er verglich im Stillen ſeine jetzigen Gefühle mit denen von damals, als die junge Frau unwiderſteh⸗ lich durch den Reiz ihrer Züge, durch das Feuer ihres Blickes, durch den Schmelz ihrer Stimme, durch die bezaubernde, üppige, verlockende Grazie ihres ganzen Weſens ihn mit allem berauſchenden Feuer der Leidenſchaft erfüllte . . . Inniges Mitleiden ſchnürte mit jedem Augenblicke ſein Herz mehr zu⸗ ſammen; er glaubte unter der Apathie Dona Juanas eine ungeheure Enttäuſchung oder eine unheilbare Verzweiflung ſuchen zu dürfen. Das Schweigen, das er abermals beobachtete, ſeine ſichtliche Rüh⸗ rung überraſchten Madame San Privato. „Was haben Sie, mein Freund?“ .. fragte die junge Frau, „iſt Ihnen meine Gegenwart peinlich?“ „Sehr peinlich.. Jeane! .. . „Was wollen Sie damit ſagen?“ 54 „Ach, arme Frau, arme Frau! . . . Sie müſſen einen tödtlichen Kummer haben! . . .“ „Ich?“ „Ich werde nicht indiseret ſein, ich werde keine Vertraulichkeiten von Ihnen fordern . . . nur ſchrei⸗ ben Sie meine Aufregung . . einzig der Ueberzeu⸗ gung zu, die ich habe, daß Sie grauſam leiden . . .“ „Leiden! ach! wollte Gott! . Richard .. „Wie?“ „Gewiß; denn ich könnte ſagen: ich leide . . . alſo lebe ich . . . aber ich wiederhole Ihnen . . . ich bin todt . . . auf immer! todt für den Schmerz todt für die Freude todt für die Liebe ... todt für die Hoffnung . . . todt endlich für alles, was leben macht . . . und ich bin dreiundzwanzig Jahre alt Richard dreiundzwanzig Jahre!“ „Sie erſchrecken mich, Jeane! Was iſt Ihnen denn geſchehen? Woher dieſe finſtere Zerſtörung, all Ihrer Fähigkeiten . . Sollte ein Liebeskummer eiwe Dona Juang unterbrach dieſe Vermuthung durch ein flüchtiges Lächeln, in dem eine ſo ſardoniſche, ſo bittere Verachtung lag daß Herr dOtremont fortfuhr: . „Verzeihen Sie meine Frage, ſie hat Sie viel⸗ leicht verletzt . . . „Man verletzt mich nicht mehr, mein lieber Richard! . . . Meine Haut iſt härter als Erz ge⸗ worden . . . Aber ich will offen ſein, ich bin es immer geweſen .. dieſe Offenheit hat all' meine zerſtör⸗ ten Gefühle überlebt; erwarten Sie von mir keine ver⸗ 55 traulichen Mittheilungen über die Vergangenheit . . . nicht, daß ich Sie meines Vertrauens nicht für wür⸗ dig halte, Sie ſind im Gegentheil der Mann, deſſen Charakter und Herz ich am höchſten ſchätze, Sie haben einſt edelmüthig meine Vertheidigung über⸗ nommen, ich werde dieſen Beweis von Anhänglich⸗ keit nie vergeſſen . . . Sie würden mein natürlicher Vertrauter ſein . . . wenn ich keinen andern beſäße . den einzigen auf der Welt . . . dem ich mein Herz, ohne zu erröthen, öffnen möchte und müßte weil er mich ſo gekannt . wie ich nicht mehr bin . weil er allein . . . den Punkt kennend, von dem ich ausgegangen bin . . . auch allein begreifen kann, wie ich bei dem Punkte angelangt bin, auf dem ich mich jetzt befinde . „Wer iſt dieſer Vertraute? von wem wollen Sie ſprechen?“ „Von meinem Vetter .. . Maurice Dumirail.“ VIII. Herr d'Otremont konnte bei dem Namen Maurice eine Bewegung peinlicher Ueberraſchung und edler Eiferſucht nicht verbergen; er ſträubte ſich dagegen, einen ſo tief geſunkenen Menſchen (er kannte die Geſchichte mit dem nachgemachten Brief noch nicht), er ſträubte ſich dagegen, einen ſolchen Menſchen ſich als Vertrauten vorgezogen zu ſehen; er glaubte mit Recht, daß das abſolute, freiwillige Vertrauen ſelbſt des geſunkenſten Geſchöpfes ehre, der es einflößt. Ja! heilig dreimal heilig und geheiligt iſt das freiwillige Bekenntniß. Der religiöſe Erguß einer auch noch ſo verdorbenen, noch ſo ſtraf⸗ würdigen Seele; die letzte Anrufung des Mitleids desjenigen, welcher die Beichte hört . . der erſte Schritt, den der Schuldige zur Sühne macht . .. der oft die Wiedereinſetzung in die alten Rechte folgt. Dona Juana ahnt von ungefähr den geheimen Gedanken Richards und ſagt zu ihm: „Mein Freund. . . ich beſitze zu viel Liebe, zu viel Achtung für Sie, um je zu wagen, Ihnen eine Rolle aufzubürden, welche Ihrer Würde widerſtritte „ Ich begreife dies Recht einer ſo hohen Seele, wie die Ihre, empfindlicher zu ſein, denn andere .. Ich muß Ihnen deßhalb erklären . . . Richard .. und Sie wiſſen ich habe nie die Unwahrheit geſprochen ich muß Ihnen erklären, daß ich hierher gekommen bin, um mit Ihnen über Maurice zu ſprechen aber ich füge hinzu, daß er nicht mein Geliebter war, und daß er es auch, was ge⸗ ſchehen möge, nie ſein wird indeß geſtehe ich Ihnen, er beſaß meine erſte Liebe, als ich noch ein junges Mädchen war . . die Erinnerung an dieſe edle und reine Liebe hat ſich in dem Strudel, der mich mit ſich fortriß, oben erhalten! Ja, Richard, und ſo todt ich auch für alle Gefühle bin . . ein⸗ zig und allein dieſe Erinnerung kann mich ſtolz machen . dieſes Band des Herzens, das in ferne Zeiten hinauf reicht . . . das mich noch an das Le⸗ ben bindet alſo möge ſich Ihre Eitelkeit . nein .. Ihre gerechte Empfindlichkeit beruhigen; 57 Sie können Maurice nicht als Rival betrachten, we⸗ der in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, noch in der Zukunft.“ „Ich glaube Ihnen, Jeane . . . und ich danke Ihnen, daß Sie mir einen peinlichen Zweifel er⸗ part „Kurz, ich verheimliche Ihnen nicht, der Zweck meines Beſuches iſt, mich bei Ihnen genauer Aus⸗ kunft über Maurice zu erholen . . Sie gehören .. . oder gehörten wenigſtens zu derſelben Geſellſchaft; Ihre Beziehungen waren, trotz des verſchiedenen Alters, gar mancherlei; Sie kennen die Welt und die Menſchen; ihr Urtheil iſt ſicher, Sie flößen mir ein abſolutes Vertrauen ein . . . ich konnte mich deßhalb nur an⸗Sie um Auskunft wenden und dies thue ich bei meiner Rückkehr von einer Reiſe, die mich drei Jahre fern von Frankreich und Paris hielt . . noch ein Wort, mein Freund: wenn es Ihnen im geringſten unangenehm iſt, auf meine Fragen zu antworten, ſo werde ich Sie nicht weiter darum drängen. Ich billige im Voraus alle Ihre Gründe, die Ihre Weigerung veranlaſſen können: ich verdankte wenigſtens dieſem Beſuche das Ver⸗ gnügen, noch einmal Ihre redliche Hand gedrückt zu haben „ und Sie meiner unwandelbaren Freund⸗ ſchaft zu verſichern . . „Meine Zuneigung iſt nicht geringer, als die Ihre, Jeane; ſeien Sie davon überzeugt; ich bedaure, daß der Dienſt, um den es ſich handelt, ſich auf et⸗ was ſo Geringes beſchränkt . . . Ich bin deßhalb mit Vergnügen bereit, Ihrem Wunſche zu entſprechen . indem ich Ihnen Auskunft über Maurice gebe nn 8 „Sie zögern . . . ſprechen Sie zu Ende, hitte „Nun, da ich jetzt das lebhafte Intereſſe kenne, das Sie für ihn empfinden, ſo wird mir dieſe Un⸗ terhaltung ſehr peinlich ſein, da Sie ohne Zweifel von mir abſolute Offenheit verlangen . . .“ „Abſolute . . aber ich will Ihre Befürchtungen mindern, indem ich Sie verſichere, mein Freund, daß, wenn Sie mir auch mittheilen, wie ich vermuthen darf, Maurice ſei tief geſunken, . . . dieſe Geſunken⸗ heit mich keineswegs überraſchen wird . . .“ „Und dennoch intereſſiren Sie ſich für ihn?.. .“ „Ja, noch immer . . . weil, wie ich Ihnen ſagte, ich einzig durch das Band, das mich an Maurice knüpfte, noch ein wenig am Leben hänge . . .“ „Sie ſind eine ſeltſame Frau . . . meine arme Je „Sie täuſchen ſich, glaube ich, vollſtändig, mein lieber Richard, über die Art des Intereſſes, das ich für Maurice hege. Der Richter, der einen Schul— digen verurtheilt, er mag ihn für ſo geſunken halten, als es ſein kann,“ verſetzte Jeane, mit einem bei⸗ nahe düſtern Lächeln, „hat er nicht das Intereſſe der Billigkeit bei dieſer Verurtheilung?“ „Gewiß, aber . . .“ „Wenn Malteo Falcone das Kind, das er an⸗ betete, auch niederknieen läßt . . . und ihm kalt das Hirn zerſchmettert . . . weil dieſes Kind einen Dieb⸗ ſtahl begangen. . . intereſſirt ſich Malteo Falcone doch für ſein Kind . . . 59 „Großer Gott! . . . Jeane, dieſe Worte . . .“ „Beruhigen Sie ſich, mein armer Richard . . . ich trachte Maurice nicht nach dem Leben . . . Ich wünſche Ihnen nur begreiflich zu machen, welcher Art das Intereſſe iſt, das man für eine geſunkene Perſon haben kann . . . nun ſagen Sie mir, bitte, was Sie von ihm wiſſen!“ „Er iſt ſeit einem Jahre vollſtändig ruinirt.“ „Das erwartete ich . . .“ „Die erſte und hauptſächlichſte Urſache ſeines Ruines war ..5 „. . Frau von Hansfeld? nicht wahr, Ri⸗ chard?“ „Allerdings.“ „Das mußte ſo kommen . . . und auf die blinde Leidenſchaft Mauricens für ſie folgte eine tiefe Ab⸗ neigung?“ „Ebenſo tief, in der That, als verdient, denn ſie hat ihn ſchändlich beraubt . . aber . . .“ „Weßhalb unterbrechen Sie ſich? . . .“ „Eine einzige Frage, Jeane, ehe wir dieſe Un⸗ terhaltung fortſetzen, werden Sie mir noch er⸗ lauben?“ „Ich höre Sie .„ „Ihr Vetter, haben Sie mir geſagt, war der Gegenſtand Ihrer erſten Jugendliebe? Haben Sie ihn ſeit Ihrer Verheirathung wieder geſehen?“ „Nein, meine Heirath reizte Maurice gegen mich; er bewahrte damals und bewahrt vielleicht noch jetzt ſo lebhaft als ich die Erinnerung an unſere Liebe.“ „Ich zweifle . . . denn, um auf die Auskunft zurück zu kommen, die Sie von mir verlangten, ich 60 halte Maurice Dumiräil ſelbſt nicht auch nur der Erinnerung an ein zartes und erhabenes Gefühl „So hat ihn alſo ſein Ruin vollſtändig ver⸗ dorben?“ „Leider iſt dies nur zu wahr .. . Nichts Ehren⸗ haftes vibrirt mehr in ihm . . . Als ich ihn niedri⸗ ger Weiſe die Zuflucht zu der Börſe ſeiner ehema⸗ ligen Freunde nehmen ſah, indem er Summen bei ihnen borgte, von denen er wußte, daß er ſie nicht mehr zurückgeben könne, ſuchte ich ihn auf dem Pfade der Schande, auf den er ſich begab, zurückzuhalten. Er intereſſirte mich noch eben ſo ſehr wegen ſeiner Jugend, als wegen der beinahe väterlichen Liebe, die ihm einer meiner beſten und älteſten Freunde ge⸗ weiht, der ſich ſeit lange in den Jura zurückge⸗ zogen.“ „Sie wollen von Charles Delmare ſprechen?“ „Sie kennen ihn, Jeane?“ „Sehr gut . . und ich hoffe ihn demnächſt . .. in ſeiner Einſamkeit zu beſuchen .. .“ „Wie!“ verſetzte Herr dOtremont, immer er⸗ ſtaunter über die Bezügniſſe ſeines alten Freundes zu Dona Juana. „Sie wollen Charles Delmare beſuchen, Sie kennen ihn alſo ſehr genau?“ „Sehr genau . . Ich erhielt vor einem Mo⸗ nate den letzten Brief, den er mir geſchrieben Wir korreſpondiren ſeit meiner Verheirathung ſehr häufig. Meine Beziehungen zu ihrem alten Freunde ſetzen Sie in Erſtaunen, Richard?“ „Ich geſtehe, ja denn ich frage mich ver⸗ geblich, wie es kommt . . . „——— — — 61¹ „Sie vergeſſen, oder wiſſen nicht, mein Freund, daß ich meine erſte Jugend bei den Eltern von Mau⸗ rice auf ihrem Gute im Jura verbrachte. Herr Del⸗ mare war unſer Nachbar . . . von daher datirt un⸗ ſere Freundſchaft.“ „Nun iſt mir Alles klar . . . Aber ſagen Sie mir, Jeane, ich habe ſeit mehr als einem Jahre keine Nachricht von ihm . .. Iſt er wohl?“ „Unglücklicherweiſe, nein . . . der Kummer hat ihm, wie er mir ſchrieb, ſehr zugeſetzt indeſſen, hoffe ich, dürfen wir keine ernſtlichen Beſorgniſſe hegen!“ „Ach, welches Herz, dieſer Delmare! nicht wahr, Jeane?“ „Das edelſte, bravſte Herz . . . Aber Sie ſagen mir bezüglich Mauricens .. daß, als Sie ihn zur Börſe ſeiner Freunde Zuflucht nehmen ſahen.. .“ „Ich das Gefühl der Ehre in ihm wieder wach zu rufen ſuchte . . „Es bleibt Ihnen bei Ihrem Ruin nur ein Ausweg, ſagte ich zu ihm Sie ſind tapfer, klug, ſtark, ein ausgezeichneter Reiter ... werden Sie Soldat. Zwei meiner Freunde ſind Ober⸗ ſten von Cavallerieregimentern in Algier, wo man Krieg führt; ich werde Sie ſehr dringend an dieſel⸗ ben empfehlen. Mit ihrer Unterſtützung einerſeits und Ihrem Muthe, Ihrer guten Erziehung anderer⸗ ſeits werden Sie in wenigen Jahren den Grad eines Offiziers erlangen . . . Eine ſchöne Carriöre kann ſich Ihnen auf ſolche Weiſe öffnen.“ „Dieſer Rath war Ihrer würdig, Richard. Und was antwortete Ihnen Maurice?“ „Der Militärſtand ſei zu hart und ganz uner⸗ 62 träglich. Auch,“ fügte Maurice hinzu, „wolle er nir⸗ gend anders leben, als in Paris.“ Aber, ſagte ich zu ihm, wie wollen Sie in Paris leben? Sie neh⸗ men Ihre Zuflucht zu der Börſe Ihrer Freunde; dieſe demüthigende und precäre Quelle wird bald er⸗ ſchöpft ſein . . . was thun Sie dann? Ein Menſch, der kein Pinſel iſt, zieht ſich in Paris immer aus der Affaire, antwortete mir Maurice. Und in der That, nach den Gerüchten, die ſeit einiger Zeit eir⸗ kuliren und die mir zu Ohren gekommen, leider auch nur zu begründet ſind, . hat ſich Maurice aus der Affaire gezogen, wie er ſagte . . . aber um wel⸗ chen Preis großer Gott? . . . „Vollenden Sie . „Es gibt Verläumdungen . . .“ „Richard, ich will Alles wiſſen . . . und ich wie⸗ derhole Ihnen, ich bin auf Alles gefaßt, da ich den Charakter von Maurice kenne . . der ebenſo leicht zum Guten, als zum Schlimmen neigt. . . Seine Zukunft hing von der Umgebung ab, in der er lebte, und von der Gelegenheit zu fehlen . . . Ich ſagte Ihnen deßhalb, daß ich auf Alles gefaßt ſei . . .“ „Nein, Jeane Sie können nicht ahnen, was ich Ihnen mittheilen muß .. . „Was iſt es?. er ſpielt falſch?“ „Meiner Anſicht nach iſt er noch tiefer geſun⸗ en „Noch tiefer . . . was thut er?“ „Als er ſah, daß die Quelle ſeiner Anleihen vertrocknete und die Leute ſeiner Bekanntſchaft ihn mit Kälte und Verachtung aufnahmen, ſtürzte er ſich in eine mehr als zweideutige Geſellſchaft: nämlich die, welche man die Table⸗d'hoten-Geſellſchaft nennt. Er beſucht namentlich diejenigen, wo alte oder alternde Frauen verkehren, welche in dieſen Räuberhöhlen ihre Leidenſchaft für das Spiel befrie⸗ digen. Die Einen von dieſen Frauen leben von ih⸗ ren Männern getrennt, die Andern, welche niemals verheirathet waren, bereichern ſich durch ſchändliche Gewerbe, indem ſie, jung, ſich ſelbſt verkaufen, und wenn ſie älter werden, andere verkaufen ... Nun. . .“ „Bitte . vollenden Sie . . . Richard „Was mir zu ſagen übrig bleibt, iſt ſo häßlich empörend daß ich unwillkürlich zaudere. Und doch Sie wollen es .. ich vollende . . . Nun! Maurice, jung, ſchön . . wie Sie ihn nen⸗ nen. hat ſich. an dieſe häßlichen alten Wei⸗ ber verkauft . . . Sie werden blaß Jeane „Ich geſtehe . . . ich hatte Alles vorausgeſehen nur dieſe Schmach nicht,“ ſagte Jeane ſchauernd. Und ſie murmelte leiſe mit jenem finſtern Ausdruck, der Richard bereits frappirt hatte: „Ich komme zur rechten Zeit. . . ich komme zur rechten Zeit . „Ich ſagte es Ihnen ja, Jeane . .. daß das, was ich Ihnen zu ſagen habe, furchtbar ſein werde „Ja, furchtbar . . . namentlich für mich.“ „Ja, namentlich für Sie, Jeane .. . denn ich kenne den Stolz, die Zartheit Ihrer Seele.“ „Gewiß, dieſe Schmach empört mich; aber was ſie mir furchtbar macht, das iſt der Gedanke, daß Maurice ehedem dieſelbe Zartheit, denſelben Stolz der Seele beſaß die Sie bei mir loben .. Richard 4 64 Und nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, fuhr Dona Juana fort: „Nun alſo. . auf dieſe Weiſe entging Maurice und entgeht wahrſcheinlich noch dem Elend, wel⸗ chem er durch ſeinen Ruin verfallen wäre.“ „Ja .. . und ſeit ungefähr einem Jahre lebt er auf Koſten dieſer Frauen, die ſich um ſeinen Be⸗ ſitz ſtreiten.“ Richard d'Otremont ſprach dieſe letzten Worte, als ſein Kammerdiener, nachdem er gepocht, mit einem kleinen ſilbernen Plättchen eintrat, auf welchem er ſeinem Herrn einen Brief mit den Worten übergab: „Von Herrn Dumirail . er wollte durchaus mit Ihnen ſelbſt ſprechen; als er jedoch ſah, daß er nicht vorgelaſſen werden ſollte, hinterließ er dieſen Brief, indem er bat, ihn ſo bald als möglich zu über⸗ geben.“ „Gut!“ antwortete Richard. Er nimmt den Brief und der Diener entfernt ſich. Jeane San Privato, welche mit Herrn dOtre⸗ mont allein blieb, ſchien eine ängſtliche Neugierde in Beziehung auf den Brief zu empfinden, welchen Mau⸗ rice an Richard richtete. Dieſer, den Gedanken der jungen Frau errathend, bietet ihr den Brief, ohne ihn zu entſiegeln. „Dank mein Freund, Dank!“ ſagte Jeane lebhaſt, indem ſie die Enveloppe aufbrach; ſie las, wie folgt: 65 „Mein lieber Herr dOtremont! Nachdem Sie einſt mein Leben in einem ungleichen Duell geſchont, und mir den Edelmuth Ihrer tapfern Seele an den Tag gelegt, waren Sie der Einzige . . . der Ein⸗ zige unter meinen alten Bekannten (ich werde ih⸗ nen nicht den Namen Freunde geben, das hieße das göttliche Wort proſtituiren), waren Sie, wie ich ſchon ſagte, der Einzige, der mir eine aufrichtige Theilnahme ſchenkte. „Ich ſpiele hier nicht auf die Summen an, die Sie mir geliehen, ſondern auf jene edlen Rathſchläge, die Ihrer ſchönen und großen Seele ſo würdig wa⸗ ren . . jener edlen Rathſchläge, deren bewunderns⸗ würdige Klugheit ich erkannte, was ich mit ſchwerer Reue eingeſtehe. „Ja, Sie riethen mir, Soldat zu werden . . . Ich antwortete auf dieſen Vorſchlag durch thörichte und faule Einwürfe . . . „Glücklicherweiſe iſt mir ein Licht aufgegangen, vielleicht viel zu ſpät . . . aber es iſt mir aufgegan⸗ gen . ja, und ich komme, Ihnen zu ſagen, mein edler Freund, Ihnen, mein edelmüthiger Retter, ich will Soldat werden. „Ich will Soldat werden .. weil die ſchmach⸗ volle Exiſtenz, die ich in Paris führe, mir unerträg⸗ lich geworden! Fort mit der Schande! Ich dürſte nach Ruhm! nach der Ehre, mein Blut für das Va⸗ terland zu vergießen! „O, ich ſchwöre Ihnen, ich werde tapfer auf dem Felde der Ehre gefallen ſein, wenn in vier Jahren nicht der Stern auf meiner Uniform glänzt . . . und Sue, die Familienſöhne. v. 5 66 wenn ich die Epaulette nicht mit der Spitze meines Degens verdient!. „Um jedoch Paris zu verlaſſen und die Koſten meiner Reiſe zu beſtreiten, bedarf ich einiges Geldes.“ Ich vermuthete das... dieſe plötzliche Umwand⸗ lung ſchien mir unglaublich dieſe emphatiſchen Phraſen klingen falſch in meinen Ohren, dachte Richard. Jeane las gleichgültig den Brief von Maurice zu Ende: „Ich bitte Sie deßhalb, mir unverweilt hundert Louisd'ors zu leihen . . . indem ich Ihnen mein Eh⸗ renwort, mein Soldatenwort gebe . . . denn von heute an bin ich Soldat . . . daß ich dieſe Summe zum genannten Zwecke verwenden und ſie Ihnen, wie meine andern Schulden, zurückbezahlen werde, ſobald ich mit meinem Blute eine ebenſo ehrenvolle Stel⸗ lung errungen haben werde, als diejenige, in der ich jetzt vegetire, entwürdigend und dürftig iſt! „Werden Sie meine Bitte erfüllen? „Werden Sie mich durch dieſes großmüthige und letzte Darleihen in den Stand ſetzen, dem edlen Rath zu folgen, der die Schönheit Ihrer Seele ſo gut kennzeichnete „Ja, ich hoffe . . . was ſage ich, ich habe die „ Gewißheit, daß Sie e mir nicht abſchlagen werden, † weil ich Ihr Herz kenne . . . weil Sie auf meine ewige und tiefe Dankbarkeit vertrauen werden, weil ich endlich Sie an den Namen eines Mannes erin⸗ nere, der Ihr beſter Freund war und für mich die Liebe eines Vaters beſaß . . . ich meine Charles * Delmare! Auf ſeine Bitte haben Sie mein Leben 67 geſchont! O mein edler Retter! Vervollſtändigen, vol⸗ lenden Sie heute Ihr Werk, indem Sie mir die Summe leihen, der ich bedarf! Denn Sie ſetzen mich dadurch in den Stand, wieder zu Ehren zu kom⸗ men . „Ganz der Ihrige „Maurice Dumirail.“ N S. „Für den Fall, daß Sie mich dieſen Abend nicht empfangen können, werde ich dieſen Brief für Sie hinterlaſſen. Wollen Sie mir Ihre Antwort, wel⸗ cher Art ſie auch ſei, morgen früh zwiſchen neun und zehn Uhr ſpäteſtens, nach der Rue Monthabor Nr. 4 ſenden. Derjenige Ihrer Leute, dem Sie dieſen Auf⸗ trag geben, ſoll direct zu mir kommen, ohne ſich an den Portier zu wenden, und an der linken Thüre des Entreſols pochen. Ich werde ihm ſelbſt öffnen. „Ich lege eine Empfangsbeſcheinigung der frag⸗ lichen Summe und derjenigen, welche ich früher em⸗ pfangen, bei. Gott ſei Dank, der Augenblick iſt für mich gekommen, wo ich meine Rechnungen in Ord⸗ nung bringe.“ In der That lag dem Briefe von Maurice eine Empfangsbeſcheinigung bei, deren Inhalt folgender⸗ maßen lautete: „Ich erkläre hiedurch, Herrn Richard d'Otremont, der die großmüthige Güte hatte, ſie mir zu leihen, die Summe von dreitauſend fünfhundert Franken ſchuldig zu ſein, welche Summe ich mich auf mein Ehrenwort verpflichte, (mit Einſchluß der Intereſſen) zurückzuzahlen, ſobald die Umſtände mir erlauben, eine Schuld zu tilgen, die ich als heilig 68 betrachte, da Herr d'Otremont in meinen Augen mein Wohlthäter und der edelſte der Menſchen iſt. „Paris u. ſ. w. „Gut fürdreitauſend fünfhundert Franken. „Maurice Dumirail.“ Jeane konnte trotz der erſchreckenden Kälte, die ſie beinahe während der ganzen Unterhaltung mit Herr dOtremont bewahrt hatte, doch ihren bitteren Ekel nicht verbergen, als ſie mit lauter Stimme die⸗ ſen Bettelbrief las, in welchem die lächerliche Ueber⸗ treibung gekünſtelter Gefühle auf jeder Linie mit ver⸗ worfener Gemeinheit kämpfte . .. Und doch war dieſer beinahe ebenſo entwürdi⸗ gende als dumme Brief von Maurice geſchrieben, deſſen urſprünglich ſo feinfühliger, durch die Erzie⸗ hung durchgebildeter Geiſt ehedem ſo viel Zartheit und Anmuth entwickelt hatte und bisweilen eine poe⸗ tiſche Beredtſamkeit erreichte, als er noch unter den Eindrücken der großartigen Schönheiten der Natur oder dem Einfluß erhabener Gefühle lebte. Dona Juana fuhr nach einem Augenblick ernſten Sinnens fort: „Mein Freund .. was halten Sie von dieſem Brief?“ „Wäre die Reue, von der er ſpricht, wahr .. ſowie der Entſchluß Mauricens, Soldat zu werden!“ „Liſt, Betrügerei und Lüge!“ „Sie glauben, Jeane .. .5 „Maurice lügt und will uns täuſchen .. Dieſe lächerlichen, weitſchweifigen Phraſen, die ſchamloſe De⸗ muth des Menſchen, der die Hand hinhält, haben 69 nichts gemein mit der einfachen würdigen Sprache des Mannes, der die Wohrheit ſpricht und ehrlich einen Dienſt fordert. „Es würde mir widerſtreiten, Ihnen meinen Ein⸗ druck zu ſchildern: er ſtimmt mit dem Ihrigen über⸗ ein . . nicht allein, weil die Form und der Inhalt dieſes Briefes mir kein Vertrauen einflößen, ſondern aus dem Grunde, weil, wenn Maurice wirklich ent⸗ ſchloſſen wäre, Kriegsdienſte zu nehmen, er dies in Paris thun würde und der Staat dann ſeine Reiſe⸗ koſten übernähme . . . Die Anleihe von hundert Louisd'ors hat einen ganz andern Zweck, als den in dem Briefe angegebenen.“ „Offenbar täuſcht Sie Maurice, indeſſen. .. wie kommt es, wenn er, wie Sie ſagen, aus jenen un⸗ nobeln Quellen ſchöpft, daß er zu ſolchen Auskunfts⸗ mitteln gezwungen iſt?“ „Das iſt der Einwurf, den mir vor Kurzem auch Herr Thibaut, Ihr Notar, machte.“ „Sie kennen ihn?“ „Er beſorgt ſeit ſehr lange meine Geſchäfte und was ihn betrifft. ſo . . Aber ſich unterbrechend, fügte Richard nach einer kurzen Pauſe hinzu: „Kommen wir auf Maurice zurück. Es iſt wahr⸗ ſcheinlich. . . daß die Frauen, auf deren Koſten er lebt, alle ſeine Bedürfniſſe befriedigen .. aber ihm wenig oder gar kein taares Geld geben, aus Furcht er möchte einen Gebrauch davon machen, den ihre Eiferſucht. 3ch verſtehe ach! welche Schmach!“ ver⸗ ſetzte Jeane ſinnend, „welche Schmach!“ 70 Und ſie fügte diesmal laut und beinahe unwill⸗ kürlich hinzu: „Auf denn es iſt noch Zeit . es iſt noch Seit „Jeane Sie täuſchen ſich ich fürchte, es iſt nicht mehr Zeit!. ..“ ſagte Herr d'Otremont, welcher den geheimen Gedanken Dona Juanas zu ah⸗ nen ſchien. „Es iſt zu ſpät . . . um Maurice aus dieſem Koth zu ziehen.“ „Wir verſtehen uns nicht, Richard!“ antwortete Jeane, indem ſie Herrn d'Otremont einen Blick zu⸗ wirft, der dieſen vor Schreck erſtarren macht ... „Es iſt noch immer Zeit . . .“ Aber Dona Juana vollendet ihre Phraſe nicht und fügt, über dieſen Punkt weggehend, hinzu: „Kann ich dieſen Brief von Maurice behalten?“ „Gewiß Jeane . . aber was wollten Sie mit den eben ausgeſprochenen Worten: Es iſt noch Zeit, ſagen . . . Ihr Blick . .. Ihr Ton haben mich beinahe erſchreckt . . .“ „Ich wollte ſagen, daß es noch Zeit ſei, Mau⸗ rice einen Beweis von dem Intereſſe zu geben, das ich für ihn hege . . .“ verſetzt die junge Frau mit einem ſeltſamen Lächeln und fährt dann fort: „Iſt die Adreſſe, welche Maurice Ihnen in der Nachſchrift angibt, ſeine Wohnung?“ „Ich weiß es nicht . . . „Thut nichts . . . ich bin ſicher, ihn dort zu fin⸗ den morgen früh, zwiſchen neun und zehn Uhr, weil er ja die Antwort erwarten muß, die ihm Ihr Diener bringen ſoll.“ „Wie! Sie wollten . . .“ 7¹ „Maurice ſehen? Gewiß .. denn es iſt der ein⸗ zige Zweck meiner Rückkehr nach Paris.“ „Wohl aber es wäre möglich, daß die Adreſſe, welche Maurice angibt, die der Wohnung einer der Frauen ſein könnte .. auf deren Koſten er lebt.“ „Und wenn dem ſo wäre?“ „O, denken Sie ſich den abſcheulichen Scandal, der entſtehen könnte, wenn eine dieſer Creaturen. .“ „.. In mir ihre Rivalin ſähe? .. Was kümmert mich das? Ich will vor Allem und nament⸗ lich Maurice ſehen. Ich habe die Gewißheit, ihn morgen am angegebenen Orte zu finden .. ich werde alſo . hingehen .. Jeane ichbitte Sie „Mein Freund, ich werde wirklichen Gefahren trotzen und welcher Art ſie auch ſeien, um dieſe Gelegenheit mir nicht entgehen zu laſſen, vielleicht die Einzige, mich Maurice zu nähern . . . Urtheilen Sie, ob eine kindiſche und kaum begründete Furcht mich hindern können.“ „Erlauben Sie wenigſtens. . . daß ich Sie mor⸗ gen begleite . . . und mich, ehe Sie das Haus in der Rue Monthabor betreten, nach den Leuten erkun⸗ dige, die es bewohnen .. . „Ich danke für Ihr gütiges Anerbieten, mein Freund aber es iſt unnütz . . . Ihre Anhäng⸗ lichkeit an mich ſieht Geſpenſter: noch einmal, was auch geſchehen möge, ich muß Maurice ſehen. Die Pflicht, die ich gegen ihn zu erfüllen habe, iſt, wie einzige Band, das mich noch ans Leben nüpft.“ 78 „Aber mein Gott! was hoffen Sie venn für Sie ſüt ihn X. Jeane San Privato blieb auf dieſe Frage des Herrn d'Otremont wegen Mauricens: „Aber, mein Gott, was hoffen Sie denn für Sie, für ihn? ...“ ohne Antwort; ihre Züge nahmen einen unausſprech⸗ lichen Ausdruck an .. . eine eigenthümliche Miſchung von Verzweiflung und Heiterkeit, denn ein ſiechen⸗ des, beinahe grauſames Lächeln ſpielte um die zu⸗ ſammengezogenen Lippen, während einen Augenblick lang ihr ſchöner Blick, den ſie mit begeiſtertem Aus⸗ druck emporgehoben, in ruhigem und ſanftem Glanze ſtrahlt.“ Aber Dona Juana, welche bald aus dieſer Träu⸗ merei erwacht, ſteht auf und ſagt, indem ſie Herrn d'Otremont die Hand bietet: „Leben Sie wohl, Richard . . leben Sie wohl, lieber und treuer Freund . . .“ 8 „Wie ſchon wollen Sie mich verlaſ⸗ „Ich nannte Ihnen den Zweck meines Beſuches; er iſt erreicht. . . tauſend Dank noch einmal für Ihren herzlichen Empfang.“ Richard kann die ſchmerzliche Rührung nicht verbergen, in die ihn der Weggang der jungen Frau verſetzt und ſagt mit etwas angegriffener Stimme: „Wenn Sie mir einige Dankbarkeit ſchuldig zu 73 ſein glauben, Jeane, ſo beweiſen Sie mir ſie . .. indem Sie mir noch einige Minuten gönnen . . Dieſe Bitte iſt mir nicht durch den Egoismus dictirt denn ich möchte . . . einzig und allein von Ihnen ſprechen.“ „Und was haben Sie mir zu ſagen . . . von mir? mein lieber Richard?“ Herr d'Ortremont ſammelt ſich, zögert und ſagt endlich, nachdem er eine heftige Anſtrengung gemacht, um ſeine Verlegenheit zu überwinden: „Halten Sie mich für einen Mann von Ehre?“ „Sie ſind in meinen Augen die Ehre ſelbſt.“ „Glauben Sie an meine Freundſchaft?“ „Richard, Sie ſind der einzige Menſch, den ich um einen Dienſt bitten würde . . .“ „Jeane,“ verſetzte Herr dOtremont lebhaft, wie⸗ derholen Sie dieſe Worte . . . ich bitte Sie . . .“ „Sie ſind der einzige Menſch, den ich um einen Dienſt bitten würde.“ „Welcher Art er auch ſei?“ „Ja, mein Freund, welcher Art er auch ſei.“ „So können Sie ſich auch nicht durch ein Dienſt⸗ anerbieten beleidigt fühlen, das ich Ihnen machte, Jeane, welcher Art dieſes auch wäre?“ „Wie könnte es mich beleidigen, kenne ich nicht Ihr edles Herz?“ „Nun gut . . . Jeane, ſo hören Sie mich: Herr Thibaut iſt unſer beiderſeitiger Notar; er hat mir vor Kurzem Mittheilungen über Ihre Vermögensange⸗ legenheiten gemacht, . Mittheilungen, . . . die meine Achtung für gewiſſe Seiten Ihres Charakters vermehrt hätten, wenn dies möglich wäre .. Aus den vertraulichen Mittheilungen Ihres Notars geht jedoch hervor . . .“ „Was geht hervor, Richard?“ „Ich beſchwöre Sie . . . Sehen Sie nichts In⸗ discretes, nichts Verletzendes in dem, was ich Ihnen ſagen werde.“ „Nun, mein Freund, haben Sie doch mehr Ver⸗ trauen zu mir und zu Ihnen . . . wozu dies Zö⸗ gern . .. Sprechen Sie ohne Furcht, ohne Um⸗ ſchweife.“ „Es iſt wahr, Jeane . . dies Zögern — mei⸗ nerſeits iſt eine Beleidigung für uns beide und ich vollende . . . Ich erfuhr nämlich von Herrn Thibaut, daß Ihr perſönliches Vermögen bei Ihrer Verheirathung dreißig und einige tauſend Franken betrug, und daß er Ihnen dieſes Jahr ... die letten Gelder, die Ihnen geblieben, geſandt hat.“ „Das iſt ganz richtig, mein Freund.“ „Dieſe letzten Gelder waren nicht beträchtlich?“ „Ungefähr dreitauſend Franken, von welchen mir noch dreißig Louisd'or bleiben.“ „Dreißig Louisd'dor . mein Gott . . . dreißig Louisd'or! . . . „Woher Ihre Ueberraſchung . . . und namentlich dieſer Ausdruck von Schmerz, den ich auf Ihrem Geſichte ſehe, mein Freund? ... Waos liegt denn ſo Erſtaunliches darin, daß ich in ſechs Monaten, um meine Bedürfniſſe zu befriedigen, tauſend Thaler verbraucht habe?“ „Dies iſt nicht der Grund meines Erſtaunens und meiner Unruhe . . Jeane.“ „ „ 75 „Was denn?“ „Zur Zeit Ihrer Verbindung mit San Privato waren Sie ſo zartfühlend, daß Sie es für eine Ehren⸗ ſache hielten, Ihnen ſelbſt zu genügen und von Ihrem beſcheidenen perſönlichen Vermögen zu leben . . „Dieſes Zartgefühl, deſſen Werth Sie zu ſehr übertreiben, mein Freund, iſt meiner Anſicht nach ganz einfach . . . Die Frau, die mit dem ſchweren Unrecht, daß ſie den Mann täuſcht . . . auch noch die Unwürdigkeit verbindet . . . nicht allein das von ihm anzunehmen, womit ſie den Aufwand ihrer Toi⸗ lette beſtreiten kann, ſondern auch das, womit ſie die Bedürfniſſe ihres materiellen Lebens befriedigt eine ſolche Frau unterſcheidet ſich in nichts, nach meiner Anſicht, von einer Courtiſane, die den Mann täuſcht, der ſie bezahlt; das wenige Vermögen, das ich beſaß, genügte mir. Ich hätte es deßhalb aus tauſend Gründen für eine Infamie gehalten, Herrn San Privato ſelbſt für meine Nahrung und meine Wohnung einen Sou zu koſten.“ „Dieſes Raiſonnement iſt zu conſequent für Ihren Charakter, Jeane, um mich zu überraſchen aber aus demſelben Grunde werden Sie, wenn Sie nichts von San Privato annehmen wollten, ehe Sie ſich von ihm trennten . . . noch weniger jetzt etwas von ihm annehmen.“ „Natürlich . . . Aber wo wollen Sie damit hinaus?“ „Da hinaus, Jeane,“ verſetzte Herr dOtremont entſchloſſen, „es bleiben Ihnen noch dreißig Louisd'or; wenn Sie dieſe beſcheidene Summe ausgegeben, wo⸗ 76 von wollen Sie dann leben . . . wenn Sie nicht etwa andere Quellen haben?“ „Richard ich ahne Ihre Gedanken .. .“ antwortet Jeane, und bietet Herrn dOtremont die Hand; „ich danke . .. Ihnen von Herzen, ich danke Ihnen, mein Freund . .. „Ach, Jeane!“ ruft Richard, indem er die, trotz der Kaminnähe noch immer kalte Hand der jungen Frau mit der ſeinigen unſchließt, „Ihre Antwort beweist mir, daß Sie, wie ſich's gebührt, das Ge⸗ fühl würdigen, das mich leitet . . .“ „Es konnte nicht anders ſein, mein Freund . . und ich ſagte Ihnen ja Sie ſind der einzige Menſch, den ich um einen Dienſt bitten würde, ohne zu glauben, meiner Würde etwas zu vergeben . . . aber „Bitte! . noch zwei Worte: Ich weiß nicht, ob ich mich täuſche, Jeane . . . aber was Sie Ihren moraliſchen Tod nennen, ſcheint durch eine tiefe Ent⸗ täuſchung oder einen unüberwindlichen Widerwillen gegen dieſe glänzende Welt hervorgerufen, in wel⸗ cher Sie geherrſcht! Wenn meine Vermuthungen mich nicht täuſchen, ſo müſſen Sie, wie mir ſcheint, eine tiefe Einſamkeit ſuchen .. In dieſem Falle hören Sie, was ich Ihnen anbiete . . . In meiner Beſitzung Otremont iſt ein Pavillon, vollkom⸗ men unabhängig und getrennt vom Schloſſe; ich gehe ſelten dahin . . ich würde ihn ſogar nie mehr beſuchen, wenn meine Gegenwart, ſo ſekten ſie auch wäre, Sie ſtören ſollte. . . Der Hauswart und ſeine Frau ſtehen zu Ihren Dienſten .. Ich kenne die Einfachheit und Mäßigkeit Ihres materiellen 77 Lebens . . . Ich verweile bei dieſen, ſcheinbar kindi⸗ ſchen Einzelheiten, weil ich Ihre Scrupel kenne,. die Naturalgülten, welche meine Pächter jede Woche nach dem Schloſſe bringen, werden mehr als zurei⸗ chend für Ihre Bedürfniſſe ſein . . . Ich füge noch hinzu, daß ich die Dienſtleute, die ich in Otremont laſſe, ob ich dort bin, oder nicht, bezahle . . Sie veranlaſſen deßhalb für mich durchaus keinen wei⸗ teren Aufwand .. Waos ſoll ich Ihnen ſagen, ich biete Ihnen brüderlich die Gaſtfreundſchaft an, die ich dem beſten . . . dem angeſehenſten Freunde, wäre er auch der ſtolzeſte der Menſchen, anbieten würde, wenn ich ihn durch einen Umſchlag des Glückes betroffen ſähe . . und ich bin davon über⸗ zeugt . . . er möchte noch ſo empfindlicher Natur ſein . . . dieſes Anerbieten würde er nicht ausſchla⸗ gen .. Verſtehen Sie mich, Jeane? . . .“ „Ja, Richard, ich verſtehe Sie . . ja, ich weiß die außerordentliche Zartheit Ihres Vorſchlags zu würdigen . . . Sehen Sie in meinen Augen eine Thräne . . . die erſte, die ich ſeit lange vergoſſen . denn ſeit lange weine ich nicht mehr . . . Ich würde von Ihnen . . . von Ihnen allein, eine ſolche Gaſtfreundſchaft annehmen . . . aber, ich . . .“ „Noch ein Wort .. Jeane .. . Ich weiß nicht, welcher Art Ihre Hoffnungen in Beziehung auf Maurice ſind . . aber . . ich füge ſo viel hinzu: ein Mann . ich meine darunter einen ehrenhaf⸗ ten Mann, hat in gewiſſen Dingen nicht dieſelben Serupel, wie eine Frau, und kann ſie auch nicht haben. Im Falle deßhalb eine, wenn auch beträcht⸗ liche Summe erforderlich wäre, um Maurice eine 78 ehrenhafte Eriſtenz zu ſchaffen und ihm, wie Sie ohne Zweifel hoffen, dem Schmutz zu entreißen, in den er immer tiefer ſinkt . . . ſo disponiren Sie über mich . . . Jeane .. . ich werde mit größtem Ver⸗ gnügen Maurice einen für ſeine Zukunft entſcheiden⸗ den Dienſt erweiſen.“ „Ach Richard! . welche noble Geſinnung. . . welche Großmuth! . . .“ „Dabei gehorche ich verſchiedenen⸗Gefühlen . dem Intereſſe, das Sie für Maurice hegen und dem, welches ich ſelbſt für ihn hege . . . vorzüglich aber gehorche ich meiner Dankbarkeit für Charles Del⸗ mare. Ich verdanke es ſeinem Rathe, ſeinem Ein⸗ fluſſe, daß ich mein Vermögen nicht toll vergeudete wie ſo viele andere Familienſöhne . . . Ich bezahle eine Ehrenſchuld, indem ich zur Wiederauf⸗ richtung von Maurice beitrage, welchen Charles Del⸗ mare väterlich liebte . . . Und nun . . . Jeane habe ich geſprochen . . es iſt an Ihnen, zu entſcheiden.“ „Und nun, Richard, ſage ich Ihnen, daß mein armes vereistes Herz durch die ſanfte Wärme Ihrer Worte etwas aufgethaut . . . Ich nähme Ihr Anerbieten ebenſo ungeſcheut an, als es mir würdig gemacht worden, . . wenn ich ſein bedürfte, aber dies iſt nicht der Fall . . . Ich habe an⸗ dere Pläne für Maurice. . . . Sie haben ſoeben einen für mich heiligen Namen ausgeſprochen . . . zu ihm gedenke ich mich zurückzuziehen . . .“ „Mit Maurice? ... „Mit Maurice . . . wenn mich nämlich meine Hoffnungen nicht täuſchen . .. 79 „Aber Delmare lebt ja nur von einer kleinen Leibrente, dem Reſte eines großen Reichthums.“ „Dieſe Penſion wird uns genügen . . . Man lebt mit ſo wenig in den Bergen des Jura .. .“ „Jeane . . Jeane . . . es ſcheint mir, daß Sie, zum erſten Male vielleicht in Ihrem Le⸗ ben, nicht aufrichtig ſind?“ „Worin ſoll ich nicht aufrichtig ſein?“ „Es iſt unmöglich, daß Sie keine andern Plane haben ſollten, als dieſe . . .“ „Mein Freund,“ verſetzte Jeane, indem ſie Herrn dOtremont unterbrach, „ſetzen Sie Vertrauen in mein Wort?“ „Das vollkommenſte.“ „Nun gut! ich ſchwöre Ihnen, daß, wenn meine Hoffnung nicht zu Schanden wird . . . was Maurice betrifft . er und ich, uns morgen oder übermor⸗ gen auf den Weg machen werden, um uns zu Herrn Charles Delmare zu begeben und bei ihm zu bleiben bis zum Ende unſrer Tage.“ „Es iſt mir unmöglich, Jeane, nicht an die mit ſolchem Tone der Wahrheit ausgeſprochenen Worte zu glauben wenn Maurice jedoch Ihre Erwar⸗ tungen täuſcht?“ „So werde ich ihn ſeinem Schickſale überlaſſen und allein zu Herrn Charles Delmare gehen.“ Wenn man ſo ſagen kann, glaubte Herr dOtre⸗ mont und glaubte auch nicht an die Worte von Dona Juana, indem er ſie nämlich dem Worte, aber nicht dem Geiſte nach für wahr hielt. Es ſchien ihm ſchwer, ja beinahe unmöglich, zu glau⸗ ben, daß eine ſo einfache Löſung die ſtürmiſche 80 Laufbahn von Madame San Privato ſchließen werde; die Enttäuſchung, der Widerwille gegen die Welt, von welchen Richard annahm, daß ſie Jeane unheil⸗ bar das Herz angegriffen, machten den Wunſch aller⸗ dings nicht unwahrſcheinlich, ſich aus der Welt zu⸗ rückzuziehen; eine unabweisbare Ahnung ſagte ihm indeß, daß die junge Frau nicht lüge, ſondern ihm einen Theil der Wahrheit verberge. Dieſe bangen Zweifel vermehrten den herzzer⸗ reißenden Schmerz, welchen Richhard in dem Augen⸗ blicke fühlte, als er ſich von Jeane vielleicht für im⸗ mer trennen wollte . . . er ſagte deßhalb mit be⸗ wegter Stimme: „Es iſt mir peinlich, Sie zu verlaſſen, Jeane, ohne Ihnen nützlich geweſen zu ſein . . Leben Sie wohl . . . ohne Zweifel für ewig . . . Es iſt wahrſcheinlich, daß wir uns nicht mehr ſehen wer⸗ den „Wer weiß? mein Freund . . . aber in jedem Falle ſeien ſie überzeugt, daß ich Paris nicht ver⸗ laſſen werde, ohne Ihnen das Reſultat meiner Un⸗ ternehmungen von morgen zu ſchreiben . . . Auf Richard . .. Muth . . .“ fügte die junge Frau hin⸗ zu, als ſie Herrn dOtremont anſah, der unfähig, ſei⸗ ner Rührung Herr zu werden und ſich ſeiner Schwäche ſchämend, den Kopf abwendet, um ſeine unwillkür⸗ lichen Thränen zu verbergen, „Sie, ein ſo kluger, ein ſo feſter Geiſt, woher kommt Ihre Trauer? .. Ich werde das Ende einer zweckloſen Exiſtenz in die Einſamkeit begraben. . . was iſt dabei Betrübendes?“ „Was wollen Sie, Jeane . . mein Herz bricht unwillkührlich . . . Aber Verzeihung für meine 8¹ Schwäche . . nur, was auch kommen mag, vergeſ⸗ ſen Sie nie . . . daß Sie immer und unter allen Umſtänden einen Ihnen mit Leib und Seele ergebe⸗ nen Freund irgendwo beſitzen?“ „Ich weiß es, Richard . .. und ich verſichere Sie, daß ich die Erinnerung an dieſen Abend als eine der liebſten bewahren werde.“ „Und nun, Jeane, leben Sie wohl . . . recht herzlich wohl!“ verſetzte Herr dOtremont, mit ziem⸗ lich feſter Stimme, indem er der jungen Frau ihren Hut und Pelz reichte, „erlauben Sie mir, daß ich Sie nach Ihrem Wagen begleite . .“ Einige Augenblicke ſpäter hörte Herr dOtremont, als er in ſeinen Salon zurückkehrte, mit finſterer Niedergeſchlagenheit das immer mehr verhallende Geräuſch des Wagens, der Madame San Privato entführte und ſagte zu ſich: „Es lag etwas Unheimliches, Verhängnißvolles in dem Ausdruck ihrer Phyſiognomie . . . die un⸗ glückliche Frau. . . was mag ihre Abſicht ſein? . Ich weiß es nicht und doch zittere ich!! 14 „„ X. Athenais Thibaut, die geſchiedene Frau des Herrn Thibaut hatte in der erſten Etage eines Hauſes der Rue Monthabor eine große Wohnung, deren Schlafzimmer durch eine Geheimtreppe mit dem Entreſol in Verbindung ſtand, welches deßhalb, wenn die Miethsleute der oberen Wohnung Luſt hatten, als Nebengelaße benützt werden konnten; die⸗ Sue, die Familienſöhne. V. 6 1 ſes Entreſol war von Madame Thibaut für Maurice Dumirail, den ſie beherbergte, mit mehr Lurus, als Geſchmack möblirt . . er lebte wirklich auf Koſten dieſer Creatur . . . Es war ein gemeiner Sturz von ſeiner Höhe... Unſre Leſer werden vielleicht denken, Maurice ſei ſehr tief geſunken? Wir antworten im Namen der unerbittlichen Logik der Charaktere und der unglücklichen Verkettung der Umſtände: man mußte weit eher erſtaunen, daß Maurice noch nicht weiter, als die erſten Stufen dieſer Leiter der Schande herabgeſtiegen, die in den endloſen Pfuhl der Schande, des Laſters und des Verbrechens hinabführt . . . Einige Augenblicke des Nachdenkens werden, wenn uns unſere Hoffnung nicht täuſcht, genügen, den Leſer zu überzeugen, daß Maurice Dumirail noth⸗ wendiger Weiſe früher oder ſpäter, in mehr oder weniger raſchen Uebergängen auf die unterſte Stufe herabſinken muß. Durch den verderblichen Einfluß von Frau von Hansfeld, wie durch den Vorbedacht des erlaubten Vatermords zuerſt kalt und ſtumpf gemacht, erliſcht das moraliſche Gefühl bei Maurice mit dem Tode ſeiner Mutter nach und nach ganz; die Reue, die er bei ihrem Verluſte empfindet, verſchwindet bald vor der lachenden Fata Morgana der Vergnügungen, die ihm die Erbſchaft verſchaffen muß, in deren Genuß er dadurch kommt: dieſe Erbſchaft iſt in einigen Jahren verſchwendet: nichts Ueberraſchendes; wir haben deßhalb auch in unſerer Erzählung die Details dieſes banalen Ruines übergangen; die Geſchichte 83 deſſelben iſt die aller Ruine dieſer Art, die, ebenſo thöricht als unfruchtbar, der geringſten Theilnahme unwürdig ſind: Unthätigkeit, niedrige und lächerliche Liebe zu einer ſchlauen Courtiſane — grobe Sinnlichkeit — plumpe Eitelkeit — blinde Verführung. In dieſen wenigen Worten faſſen ſich alle ver⸗ gangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Zerrüttun⸗ gen des größten Theils der Familienföhne zu⸗ ſammen. Aber für Maurice iſt die vorletzte Stunde ſeines Untergangs gekommen. Die Stunde, wo ihn eine furchtbare Beſtürzung erfaßt . denn er glaubte wirklich in ſeiner Verir⸗ rung, ſeine Erbſchaft ſei unerſchöpflich . . . Der Verſchwender zählt die Summe, die ihm bleibt .. daß ihn nichts .. das Elend . . erwartet .. Dieſe Summe würde beinahe immer genügen, um ihm für die Zukunft wenigſtens das Brod zu ſichern . . das heißt die Ehre des Verſchwenders, aber der Familienſohn könnte nicht von Brod und Ehre leben; die feinſten Speiſen, die ſeltenſten Weine genügen kaum mehr dem Bedürfniſſe ſeines ver⸗ wöhnten Gaumens Und was die Ehre betrifft? darum kümmert er ſich wenig oder gar nicht, ja die Schande, die verborgen in ſeinem Herzen brütet, harrt nur auf die entſcheidende Stunde, nämlich die Stunde ſeines Ruines, um hervorzubrechen. Der Familienſohn, der auf ſeine letzten tauſend oder zweitauſend Louisd'or reducirt iſt, handelt bei⸗ nahe immer wie Maurice, unſer Typus, und ſagt — ſich: Alles oder nichts, indem er ſeinem Sterne vertraut; er verſucht den Zufall des Spiels, um durch eine Wendung des Glücksrades ſich wieder zum Reichthum emporzuſchwingen. Beinahe immer ſtürzt dieſe Wendung des Glücksrades den Ver⸗ ſchwender ins Verderben. Er verliert Alles. Ihm bleibt nichts, als ſein Mobiliar, ſeine Pferde, ſeine Wagen, ſein Silber und einige Bilder; er hält dann eine Verſteigerung und miethet ſich in ein möblirtes Logis ein; der letzte Reſt des Reichthums des Ver⸗ ſchwenders wird gewöhnlich verſpielt oder vergeudet, aber beinahe immer in einer Umgebung, die bedeu⸗ tend unter der ſteht, in welcher er ſich bisher be⸗ wegt hat. Und man höre warum: Die thörichtſte der Eitelkeiten.. die Aufſehen zu machen, zu glänzen, um jeden Preis dem Lurus der Reicheren gleichzukommen, iſt gewöhnlich die Trieb⸗ feder der Verſchwendungen der Familienſöhne. Hat nun der Ruin die Mittel abgeſchnitten, Aufſehen zu machen, oder ſie auf beinahe nichts reducirt, ſo mei⸗ det der Familienſohn, der immer noch von der Eitel⸗ keit beherrſcht wird, diejenigen, deren Reichthum ihn demüthigt, und das Herz voll Galle und Neid ſucht er in untergeordneten Kreiſen andere Vergnügungs⸗ genoſſen; er kann mit den Trümmern ſeines Vermö⸗ gens es dieſen wenigſtens gleichthun oder vielleicht ſogar zuvorthun ... Die Geſellſchaft der Müßiggänger, welche nur mit ihrem Vergnügen beſchäftigt ſind, iſt ebenſo de⸗ * moraliſirend, als demoraliſirt; je tiefer ihr geſell⸗ ſchaftliches Riveau ſich ſenkt, deſto größer werden ihre 85 Laſter unter dem Druck der Géne, die ſie zu aben⸗ teuerlichen, oft verbrecheriſchen oder gemeinen Aus⸗ kunftsmitteln drängt, um ſich um jeden Preis die Genüſſe zu verſchaffen, deren ſie ſich nicht entſchlagen können. So flüchtet ſich Maurice, ſchmählich beraubt von Frau von Hansfeld, deren Schändlichkeit er jetzt erſt erkennt, und ſich ſchämend, in ſeinem heruntergekom⸗ menen Zuſtande in der Geſellſchaft zu erſcheinen, zu der er bisher gehörte, in die zweideutige Welt der „Tables d'hötes“ und der Spielhäuſer, welche von einigen Düpes und einer ungeheuren Maſſe von Schurken bevölkert ſind. Da ſeine letzten, perſön⸗ lichen Mittel ſich bald erſchöpfen, kommt für ihn die Nothwendigkeit, zu herabwürdigenden Auskunftsmit⸗ teln ſeine Zuflucht zu nehmen; zu Anleihen, von de⸗ nen er im Voraus weis, daß er ſie nicht mehr zu⸗ rückbezahlen kann; Aufkäufe auf Credit von Gegen⸗ ſtänden, die er wieder verkauft, um Geld zu machen (eine Spitzbüberei, die in den Reſſort der correktiv⸗ nellen Polizei gehört), aber der Kreis dieſer Scham⸗ loſigkeiten und Schurkereien iſt ſehr beſchränkt, und da Maurice ihn bald durchlaufen, ſieht er ſich zum erſten Male dem Geſpenſt des Elendes gegenüber; die Nähte ſeines einzigen Frackes werden weiß, ſeine Stiefel werden ausgetreten, ſein Hut wird fett, man ſagt ihm ſein Chambre garni auf; die Wirthin der Table d'höte, wo er ißt, eine verblühende Frau und ehemalige Kupplerin, die bei dieſem ſchändlichen Handwerke reich geworden, fordert von Maurice den Betrag ihrer Marken, ſonſt werde ihm das Haus verboten. Er geſteht ſeine Noth. Die Creatur findet — dies ſehr gelegen, bietet ihm freundlich an, mit ihr zu leben und verſpricht, großmüthig zu ſein, wofür ihr Galan jedoch treu zu ſein und, was für ſie ein unausſprechlicher Vortheil, mit ſeiner Stärke und ſeinem herkuliſchen Körper den ſäumigen Schuld⸗ nern, Krakeelern und Prahlern zu imponiren hat, welche oft alles im Hauſe zu zerſchlagen drohen und großen Skandal machen, weil ſie durch die Grie⸗ chen lebendig gerupft zu ſein vorgeben. Maurice geht den Handel ein. Es iſt allerdings empörend . . aber im Ganzen braucht er doch nicht auf ſeine Gewohnheiten zu verzichten; er ſchläft unter ſeidenen Vorhängen, geht auf Teppichen, ißt vortreff⸗ lich, geht ins Theater, die Rechnungen ſeiner Schnei⸗ der werden bezahlt, man miethet ihm ein Pferd (ſo ſehr weiß er ſich angebetet zu machen), endlich läßt man von Zeit zu Zeit ein Hundertfrankenbillet in die Taſche ſeines Gilets ſchlüpfen. Aber eine glänzendere Wohlthäterin entführt Maurice der Spielhälterin und ſpäter entreißt Ma⸗ dame Thibaut Maurice allen ihren Rivalinnen . „Nein!“ ruft vielleicht unſer Leſer, — „nein! Dies Gemälde iſt bis ins Unglaubliche übertrieben! Ein junger Mann von guter Geburt und Erziehung fällt nie ſo tief!“ Warum nicht? Was iſt denn im Ganzen eine ſolche Schande gegenüber der Ungeheuerlichkeit: „Keinen Schmerz über den Tod der zärtlichſten Mutter zu empfinden, deren Ende unſer Leichtſinn beſchleunigt hat und nur an die Erbſchaft zu denken?“ Was iſt denn ſo Erſtaunliches, Unmögliches da⸗ 87 bei, daß ein bereits bis zu dieſem Punkte verdorbe⸗ ner Menſch, aus Scheu vor dem Elend, dieſe un⸗ thätige, ſinnliche Exiſtenz wählt, dieſe Genüſſe, denen er die heiligſten Gefühle geopfert? Und dann vergißt man die Vorgänge, welche Maurice nicht ermangelte, zu Hülfe zu rufen, um den ſchwachen Schrei ſeines Gewiſſens zu erſticken, der bisweilen noch durch den Schlamm, in den er ſich vertieft, bis zu ihm dringen möchte. Sagte ſich Maurice nicht, daß man Menſchen, die Alles, Reichthum, ſociale Stellung dem Einfluß ihrer Maitreſſen verdanken, in der Welt . . . und in der vornehmſten beſten Welt empfangen . . . und vortrefflich empfangen ſieht? Gibt es nicht alle Arten von mehr oder weniger moskovitiſchen Potemkins, die durch den Ehebruch und die Zärtlichkeit irgend einer Catharine zu Reich⸗ thum und Macht gelangen? Hört man nicht jeden Tag anſtändige Leute oder ſolche, welche dafür gelten, mit einem gewiſſen ſpöt⸗ tiſchen Reſpekt und vermiſcht mit freigeiſteriſchem Neide ſagen: „Ja, ja, der Menſch wird es weit bringen .. denn er macht ſeinen Weg durch die Frauen!“ Trifft den glücklichen Menſchen, der ſeinen Weg durch die Frauen macht, auch nur die geringſte Schande? Keineswegs! Und doch worin liegt der Unterſchied? Statt ſich für Wohnung, Kleidung, Koſt, die er nicht bezahlen könnte, zu verkaufen und zu proſtitui⸗ ren, verkauft und proſtiturt ſich dieſer, häufig ſchon reiche, glückliche Menſch dem Einfluß einer bisweilen alten und häßlichen Beſchützerin, um durch ſie eine fette Stelle, ein Band, oder ein tüchtiges Stück von dem vergoldeten Kuchen des Papierſchwindels zu be⸗ kommen. Nein, nein, dieſe in unſern Augen nicht weniger ſchändlichen Vorgänge, als das Benehmen von Mau⸗ rice, würden ihn in ſeinen eigenen Augen beſchämen, wenn ſie durch Zufall oder unwillkürlich in Aus⸗ ſchweifung ausliefen, in die es ihn immer mehr hin⸗ einzog und deren letzte Tiefen er bis jetzt noch nicht ergründet, und wer weiß, ob er ſie nicht ergründen wird? Wer weiß, ob er nicht eines Tages an einer der gemeinen „Batterien“ theilnehmen wird, deren Schau⸗ platz eine übelberüchtigte Straße und deren Held ein Eſtaminetsherkules iſt, der beſoldete Vertheidiger einer jener Unglücklichen, die durch ihre Schändlichkeit außer dem Geſetze ſtehen und gegen die Mißhand⸗ lungen, die ſie befürchten, keine andere Stütze haben, als die eines robuſten Mannes, der von ihrem ab⸗ ſcheulichen Solde lebt. „Ach, das iſt zu viel! . . . ein ſolches Bild iſt empörend. . wird vielleicht der Leſer rufen. Das iſt zu viel! . . . Nein, das iſt nicht zu viel! dieſes empörende Bild iſt durchaus nicht übertrieben; es ſoll empören, es ſoll Ekel und Widerwillen erregen, damit der ſittliche Zweck, den unſer Buch hat, erreicht werde. Ja, wir werden logiſch verfahren, wenn wir zeigen, wie Maurice die letzten Stufen der Leiter der Schande in gleichem Maße herabſteigt, als die Damen Thi⸗ baut und andere ſeiner müde werden. 89 Wie ſollte ſonſt der Skrupel entſtehen, der uns vor ähnlichen Bildern zurückprallen macht, ſtatt daß wir ſie mit der energiſchen Entrüſtung der ſittlichen Menſchen brandmarken? Nein! in den Augen der ewigen Wahrheit und der ewigen Gerechtigkeit exiſtirt zwiſchen dieſen ver⸗ ſchiedenen Schändlichkeiten, wenn auch eine unge⸗ heure ſociale Kluft, doch keine moraliſche Differenz. Sie ſind Schweſtern, ſie verbinden ſich feſt mit ein⸗ ander, und bilden eine immer geringer werdende Kette, von der Montespan und Dubarry, welche üppig auf den mit goldenen Wappenlilien geſchmück⸗ ten Sammt hingeſtreckt liegen, bis zu der abſcheu⸗ lichen Creatur, die im Schatten ihrer Höhle verſteckt in ihren Lumpen zittert und die Vorübergehenden anbettelt! Ja! dieſe Schändlichkeiten hängen durch die gemein⸗ ſchaftliche Kette der Schmach aneinander. Von den Po⸗ temkins und andern mit Titeln überhäuften, mit Bän⸗ dern geputzten und in ihrem Ueberfluß ſchwelgenden Günſtlingen bis herab zu dem Manne mit der wein⸗ heiſeren Stimme, den breiten Schultern, der die kurze Pfeife im Munde aus dem Estaminet kommt, während ihn die in Thränen erſtickte Stimme der Elenden ruft, die man kreuzlahm ſchlägt und die ihn bezahlt, daß er ſie vertheidige. Und dies iſt auch der Grund, weßhalb wir ſagen, daß Maurice Dumirail, unſer Familienſohn, noch viele Stufen jener Leiter herabzuſteigen hat, welche in den Untiefen des Laſters und Verbrechens en⸗ So iſt es mit ſeiner Fälſchung, dem erſten Schritte auf den Weg des Verbrechens, einer ent⸗ ſchuldbaren Spitzbüberei . ja mehr noch einer in Mauricens Augen getechtfertigten Handlung, in ſo⸗ fern er die zu prellen hoffte, die ihn geprellt . indem er ſich an die bibliſche Maxime hielt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Frau von Hansfeld hatte ihm unter dem Vor⸗ wande einer fingirten Spekulation ungefähr hundert⸗ tauſend Franken geraubt; er hoffte beſcheiden mit Hülfe eines fingirten Briefes die Hälfte der ihm ge⸗ ſtohlenen Summe wiederzugewinnen. Nachdem wir dies geſagt, um unſere Leſer zu überzeugen, daß wir weit entfernt, die Raſchheit des Sturzes unſeres Helden zu übertreiben, ſie gemildert haben, weil er noch tiefer fallen ſollte, fahren wir in unſerer Erzählung fort. XII. Am Tage, nachdem er an Herrn dOtremont ge⸗ ſchrieben, um hundert Louisd'ors von ihm zu ent⸗ lehnen, ging Maurice Dumirail aufgeregt in dem Salon des Entreſols, das er inne hatte und das zu der Wohnung gehörte, welche Madame Athenais Thibaut bewohnte, auf und nieder. „d'Otremont wird mir dieſe verwünſchten hun⸗ dert Lonisd'or leihen!“ ſagte der Familienſohn zu ſich . . . „Ich habe gute Hoffnung .. . mein Brief iſt voll rührender Phraſen!. . . Ich will auf dem Felde der Ehre ſterben, oder mit der Spitze meines Degens meine Epauletten und den Stern der Tapfern erringen!“ 91 Und zuletzt: Sie haben mir das Leben gerettet ... Retten Sie mir die Ehre! Das muß d'Otremont rühren, der im Grunde des Herzens ein gutmüthiger Menſch iſt, und wenn er mir die hundert Louisd'ors leiht, werde ich bis Mittag Paris mit der Eiſenbahn von Orleans verlaſſen haben und vor den Verfol⸗ gungen des Notars geſchützt ſein, denn er kann, wenn er ſeine Klage einreicht . . . ſie nur dieſen Morgen⸗ von zehn bis elf einreichen . . . und iſt ein Arreſtmandat gegen mich erlaſſen, ſo bin ich ſchon aus der Schußweite . . . Doch nein . . . Herr Thi⸗ baut wird mich nicht verderben wollen .. . er hat mir gedroht, um mich zu erſchrecken . . . denn im Ganzen war ja meine Handlung ohne Folgen — nein! unglücklicherweiſe! Ach, wenn ich dieſe fünfzig⸗ tauſend Franken wieder hätte erhaſchen können . . . kaum die Hälfte von dem, was dieſe ſchändliche An⸗ toinette mir geſtohlen . . . ohne von den Juwelen zu ſprechen, die ſie mir abzulocken wußte . . . Ver⸗ flucht ſei der Scharfblick des Notars . . . Dieſe fünf⸗ zigtauſend Franken, die ich an der Bank von Hom⸗ burg oder Spa vielleicht verdoppelt oder verdreifacht, hätten mich auf lange vor dem gemeinen Leben ge⸗ ſchützt, das ich führe . . . das aber hundertmal weni⸗ ger gemein, als das Elend; ich habe meine luxuriöſen Gewohnheiten beinahe alle beibehalten, es fehlt mir nichts als Geld . .. Madame Thibaut iſt in dieſer Beziehung unbeugſam . . . hundert Franken monat⸗ lich Taſchengeld . . . keinen Liars weiter . . . das übrige nach Belieben! Abſcheuliche Creatur . ſie flößt mir Schauer ein . . . aber das Elend iſt doch noch ſchlimmer. Ach! ich habe das Elend ganz von 92 nahe geſehen . . . und ich ſchauerte davor zurück! abgeſchabte Kleider . . . zerriſſene Stiefel; die Unge⸗ wißheit, ob man zu Mittag ſpeiſen . . oder mit leerem Magen in die Höhle zurückkehren wird, wo man auf einem ſchmutzigen Schragen ſchläft! Und dann Schimpf und Schande! wie ein Bettler geklei⸗ det zu gehen, im Kothe des Boulevards zu waten und den Blick unverſchämter Verachtung meiner ehe⸗ maligen Clubgenoſſen und Logentheilhaber aushalten zu müſſen, die zu Pferd oder Wagen an mir vor⸗ überkommen, wie ich ehedem in den Zeiten meines Glanzes ritt oder fuhr! nein, nein . . . ich will lie⸗ ber leben, wie ich lebe . . . und dann, kann ich denn eine andere Exiſtenz wählen. Ich habe Luxusbe⸗ dürfniſſe . . . berechtigte oder nicht, gleichgültig! Ich weiß es; damit baſta! Ich muß ſie befriedigen . . . ich ſcheue die Arbeit . . . was alſo machen . . . zum Teufel . . . nun, das was ich thue, auf Koſten von Frauen leben oder vor Hunger und Kälte umkommen . Aber was ſage ich,“ fügt Maurice mit lautem ſardoniſchem Lachen hinzu, — „Kälte und Hunger hat mir nicht mein ausgezeichneter, mein an⸗ betungswürdiger und verehrungswürdiger Vater .. . in ſeiner Großmuth bei der Stiftung der Ackerbau⸗ ſchule auf dem Morillon ein Bett im Schlafſaale, einen Tiſch im Speiſeſaale . ein Hemd von gro⸗ ber Leinwand . . einen Rock von Tiretaine für den Winter, von Zwillich für den Sommer, gute grobe Schuhe mit Nägeln oder Holzſchuhe, je nach der Jahreszeit, geſichert . . . alles um den Preis von elf bis zwölf Mal hunderttauſend Franken, die mir dieſer angenehme Ruheſitz koſtet, welcher mir in 93 Ausſicht ſteht . . ach! Fluch über meinen Vater, der mich in ſeinem furchtbaren Haſſe enterbt!“ Dieſer ruchloſen Verwünſchung des Familien⸗ ſohnes folgt eine lange Pauſe, die durch den Eintritt von Madame Thibaut unterbrochen wird. Sie kam von ihrer Wohnung, die im erſten Stocke liegt, auf der innern Treppe herab, welche mit dem Entre⸗ ſole in Verbindung ſteht, das Maurice bewohnt. Die Frau des Notars hat ihr achtundvierzigſtes Jahr hinter ſich; ſie iſt etwas über fünf Fuß und einige Zoll groß und voch ſcheint ſie wegen ihres ungeheuren Embonpoints unterſetzter Statur. Athe⸗ nais, welche ihre Toilette noch nicht begonnen, trägt einen Morgenrock; ſie hat eine Stumpfnaſe, grüne Augen, dicke rothe Augenwimper, von eben ſo bren⸗ nender Farbe, als die Haare, welche das Alter noch nicht gebleicht hat; einige von ihren krauſen Flechten haben ſich aus der kleinen, mit Spitzen geſchmückten Haube hervorgeſtohlen, die mit einer Coquetterie herausgeputzt iſt, welche die abſtoßenden Züge von Athenais, ihr breites und ſtumpfnaſiges Geſicht, das immer durch die Vollblütigkeit ihres ſanguiniſchen beinahe apoplectiſchen Temperaments geröthet und mehr als gewöhnlich gefärbt iſt, noch abſtoßender machen. Sie tritt raſch in den Salon und ſcheint unruhig und aufgebracht. Maurice konnte bei ihrem Anblick eine Geberde des Ekels und Widerwillens nicht unterdrücken. „Mein armer Junge ...“ ſagte Athenals mit keuchender Stimme, „es ſcheint, daß uns häßliche Scenen bevorſtehen! .. Denke Dir, mein Schurke yon Sohn ... „Wie? . . Was wollen Sie?“ antwortete Maurice mit barſcher Ungeduld, indem er Madame Thibaut kaum anhörte, da ihre Anweſenheit den ſchlechten Humor, in dem er ſich befindet, noch ver⸗ mehrt. „Sie können mich nicht einen Augenblick allein laſſen; was wollen Sie bei mir?“ „Wie bei Dir . . . das klingt ſeltſam . . . Wem gehören denn dieſe Möbeln? wer bezahlt die Miethe für Dein Entreſol? nun! Du biſt ja ſehr liebens⸗ würdig, hm? Ganz abgeſehen von Deiner Dank⸗ barkeit, auf was für Stoppeln biſt Du denn dieſen Morgen gegangen?“ ſagte Madame Thibaut gereizt und fügte mit der Autorität einer Frau, welche ein Recht hat zu befehlen, hinzu: „Suche doch nicht, Dich zu emancipiren, nicht den Brummbär zu ſpielen, wenn's gefällig iſt, und ein wenig höflicher zu ſein namentlich wenn ich Dir von meinen Verdrieß⸗ lichkeiten erzählen will, die auch Dich angehen . . . denn der Schuft will eben ſo gut Dich, als mich be⸗ ſchimpfen.“ „Wer denn?“ „Das Ungeheuer von Mathurin.“ „Ihr Sohn?“ „Ja. Meine Köchin fand ihn eben beim Nach⸗ hauſekehren vom Markte in der Loge des Portiers, wo er von Dir und mir die ſchändlichſten Dinge ſagte .. Er war wüthend. Er iſt entſchloſſen, uns zu folgen, wenn wir ausgehen, uns auf offener S eine Scene zu machen . . . die Vorüber⸗ gehenden gegen uns aufzuhetzen . . indem er laut ſchreien will . . . daß ich mich für Dich ruinire ... Wir müſſen uns einmal für allemal dieſen Galgenbuben, der uns zu verſchlingen trachtet, vom Halſe ſchaffen. Du brauchſt ihm nur eine tüchtige Tracht Prügel zu geben und ich garantire, daß dieſe Mißgeburt nicht mehr zu athmen wagt! Höre denn, woran ich ge⸗ dächt Aber nach der Seite einer der Salonthüren hin lauſchend, welche halb offen ſteht und in ein kleines Vorzimmer führt, fügt Madame Thibaut hinzu:. „Hörſt Du, man pocht an die Thüre, welche auf die Treppe führt . . . Du errötheſt, Maurice, Du biſt verlegen . . Du erwarteſt Jemanden . . . ich bin überzeugt, Du verbargſt es mir. .. ja ich will ſehen, wie dieſer Beſuch ausſieht . . . denn Du könnteſt wohl gar ein Liebesabenteuer haben ... und Athenais ſpricht ihre Phraſe nicht zu Ende und ſteht beſtürzt da, denn ſie ſieht Maurice raſch zur Salonthüre hinausgehen und dieſe mit dem Schlüſſel ſchließen, während ſie ruft: „Maurice, wohin gehſt Du? . .. Warum läſſeſt Du mich allein? . . . O der Bettler! Er ſchließt mich doppelt ein . .. Dahinter ſteckt eine Frauenge⸗ ſchichte . . .“ Die Einſchließung von Madame Thibaut war da⸗ durch motivirt: Der Familienſohn hatte bisher mit ſteigender Angſt die Antwort auf ſeinen Brief an Herrn dOtre⸗ mont erwartet, deſſen Bote an die Thüre des Entre⸗ ſols pochen ſollte, ohne ſich an der Loge des Con⸗ cierge zu verweilen: eine Vorſicht, welche die Furcht Mauricens wegen der heftigen Eiferſucht von Athe⸗ nais dictirte, die ihn unaufhörlich bewachte. Er war von dem Concierge beobachtet, den ſie unter der Be⸗ dingung bezahlte, daß er ihr alle an ihren Galant adreſſirten Briefe übergebe. Dieſer hatte deßhalb, um zu vermeiden, daß es mit der Antwort und dem Gelde, das ihm Herr dOtremont vielleicht ſchicke, nicht ebenſo gehe, dieſen gebeten, ſeinem Bedienten die bekannten Verhaltungsbefehle zu ertheilen, und da er nun glaubte, daß dieſer Letztere draußen ſei, ſchloß er Madame Thibaut ein, um ihrem Drängen zu entgehen und in dem Vorzimmer, das an den Salon ſtößt, die Perſon zu empfangen, welche ſeiner Vermuthung nach Herr d'Otremont zu ihm ſchickte. Man kann ſich den niederdonnernden Schrecken denken, als Maurice die Thüre öffnet und ſich Jeane San Privato gegenüber ſieht .. Er bleibt ſtumm, verſteinert ſtehen, und ſieht an⸗ fangs in ſeiner Aufregung den Sohn aus der erſten Ehe von Madame Thibaut, jenen abſcheulichen klei⸗ nen Buckligen, nicht, der ſich Mathurin Blanchard nennt, und der hinter Jeane durch die Thüre her⸗ eingeſchlichen, welche dieſe zu ſchließen verſäumt, und in dem Augenblicke in das Vorzimmer tritt, als Ma⸗ dame Thibaut, empört, ſich eingeſchloſſen zu ſehen, 3 Füßen und Händen an die Thüre ſchlägt und ruft: „Maurice! öffne mir augenblicklich .. Ha! Bettler, der Du biſt. Du ie mir einen Streich, weil Du mich einſchließeſt!. es iſt eine Frau da. Der Buckige hatte, während er über ſeine Mut⸗ ter loszog, einige Augenblicke vorher Jeane raſchen ſchüchternen Schrittes nach der Treppe zueilen ſehen, 97 den Schleier tief über das Geſicht hereingezogen; das geheimnißvolle Weſen zog die Aufmerkſamkeit Mathurins auf ſich; er hatte die junge Frau, welche ſo verſtohlen ohne Aufenthalt an der Loge des Con⸗ cierge vorübereilte, im Verdacht, ſie gehe zu Maurice und folgte ihr leiſe die Treppe hinauf, benützte die Zerſtreuung, welche der Gedanke an die Begegnung mit Maurice veranlaßte, und ſchlich hinter ihr, ohne daß ſie es merkte, in das Vorzimmer, wo er die wü⸗ thende Stimme von Madame Thibaut vernahm, welche in dem Salon eingeſperrt war und ihrem Ga⸗ lant vorwarf, er ſpiele ihr einen Streich! .. Der Bucklige zweifelt, als er die Schönheit Jea⸗ nes ſieht, welche bei ihrem Eintritt den Schleier ab⸗ genommen, keinen Augenblick, daß ſie die Rivalin von Athenais ſei, ſtößt ein diaboliſches Lachen aus, ſchließt raſch die äußere Thür, eilt die des Salons zu öffnen, und die Beſtürzung benützend, in welche ſeine Anweſenheit Jeane und Maurice verſetzt, führt er Madame Thibaut in das Vorzimmer, indem er mit ſardoniſcher Freude zu ihr ſagt: „Treten Sie ein, hübſche, kleine Mama tre⸗ ten Sie ein, liebe und würdige Mutter . . . Sie werden lachen und ich auch! . . .“ XIII. Maurice Dumirail war anfangs wie verſteinert, als er Jeane erblickte; er ſah ſie ebenſo hübſch, ja noch hübſcher wieder, als ſie früher geweſen. Aber in ihren eiskalten Zügen lag eine ſo düſtere Trauer, Sue, die Familienſöhne. v. — 7 4 der feſte, durchdringende und unerbittlich ſtrenge Blick, den ſie auf Maurice ſtumm und unbeweglich heftete, war ſo bedeutſam, daß der Elende nicht anders glaubte, als ſeine Couſine ſei von den Handlungen, die ſeine Ehre brandmarkten, unterrichtet. Zum er⸗ ſten Male tauchte dieſe Schande klar in ſeinem Ge⸗ wiſſen auf und weckte ſeine Reue, als die Gegenwart von Madame San Privato die ſchönen Erinnerungen ſeiner erſten Jugend, ſeiner erſten Liebe in ihm wach rief, denn das Gefühl hatte in ſeinem, wie in Jeanes Herzen ihre beiderſeitigen Verirrungen über⸗ dauert. Dieſe ſüßen Erinnerungen, welche der Anblick der jungen Frau weckte, entriſſen Maurice für einen Augenblick der Wirklichkeit; aber bald wurde er wie⸗ der durch die gellende Stimme des Buckligen, der ſeiner Mutter mit diaboliſcher Freude den Beſuch einer Rivalin ankündigte, in die Wirklichkeit zurück⸗ geſchleudert. Maurice zitterte vor Scham und Schrecken, wenn er an die ebenſo gemeine als heftige Scene dachte, von der Jeane Zeugin und vielleicht das Opfer wer⸗ den ſollte; denn er kannte den Jähzorn, die Derb⸗ heit, die wilde Eiferſucht von Madame Thibaut; er dachte an nichts anderes, als wie er die junge Frau den Gefahren entreißen könnte, die er fürchtete, und während der Bucklige ſich beeilt, ſeine Mutter in den Salon zu führen, ergreift Maurice ganz außer ſich die Hand ſeiner Couſine und ruft, indem er ſie fort⸗ zuziehen ſucht: „Komm komm . wir wollen gehen .. .“ „Nein ich bleibe .. .“ antwortete Dona 99 Juana. „Ich bleibe ich bin hieher gekommen, um Alles zu ſehen, um Alles zu hören . . ich will Alles ſehen, ich will Alles hören . . . unempfindlich wie der Richter . . . unerbittlich wie der Gerichts⸗ herr „Jeane . ich bitte Dich . . laß uns fliehen Du weißt nicht, weſſen dieſe furchtbare Megäre fähig iſt!“ g Dona Juana antwortet Maurice mit einer ver⸗ neinenden Bewegung, kreuzt verächtlich die Arme über der Bruſt und mißt mit dem Blicke Madame Thibaut, welche, in das Zimmer ſtürzend, die Worte ihres Galants hören mußte: „Jeane, ich bitte Dich . laß uns fliehen, Du weißt nicht, weſſen dieſe furchtbare Megäre fä⸗ hig iſt!“ Bei dieſen Worten bleibt Athenais, welche die Wuth faſt erſtickte, einen Augenblick unbeweglich ſte⸗ hen ihr breites, gewöhnlich rothes Geſicht wird purpurroth . . dann carmoiſinfarbig, beinahe bläu⸗ lich, und ſchnaubend vor Zorn, den Schaum auf den Lippen, die dicken Fäuſte geballt zur Decke erhoben, kann ſie nur noch mit halb erſtickter Stimme mur⸗ meln: „Ha, Lumpenkerl! . . . eine Frau hier . . . bei mir . . das iſt mein Tod . . das bricht mir Arm und Beine! Ha, der Lumpenkerl!“ Maurice begegnet bei dieſen Worten dem eiskal⸗ ten Blicke von Dona Juana, die unempfindlich wie der Richter, unerbittlich wie der Gerichtsherr daſteht, um uns ihrer eigenen Worte zu bedienen . . . Und der Scham erliegend, macht der Elende eine Bewe⸗ ſtehen. gung, um von hier fortzueilen; aber aus Furcht vor der Gefahr, der er Jeane ausſetzen würde, wenn er ſie der Wuth von Madame Thibaut preisgäbe, bleibt er neben ſeiner Couſine, bereit, ſie zu ſchützen, Mathurin Blanchard lacht laut, indem er ſich die langen knöchernen Hände reibt. Dieſer Mißgeſtal⸗ tete, der keine vier Fuß mißt, vorne buckelig und hinten buckelig und von abſcheulicher Häßlichkeit iſt, hat rothe Haare und eine Stumpfnaſe wie ſeine Mutter. Dieſe, welche die Wuth noch immer nicht zu Athem kommen läßt und die noch außer Stande iſt, eine Bewegung zu machen, heftete auf Jeane ihre großen, grünen, flammenden und mit Blut unterlaufenen Augen und wiederholt mit keuchender Stimme: „Eine Frau bei mir . . . und ich hätte für ſie meinen letzten Heller ausgegeben . . . Ha, der Lum⸗ penkerl! . . . Ha, elende Canaille!“ „Ha, ha liebe kleine Mama! . . .“ verſetzt der Bucklige mit ſeiner grellen und ſchneidenden Stimme, boshaft lachend . . . „würdige und liebe Mutter . . . den Lumpenkerl. beteſt Du ja an Du loögirſt ihn Du ſpeiſeſt ihn u kleideſt ihn . . . den Lumpenkerl. . . Ja, dieſe elende Canaille hätte ohne Dein Geld weder ein Hemd auf dem Leibe, noch Stiefel an den Füßen, noch Brod unter den Zähnen! . . . Und er ſpottet Deiner, der Lumpenkerl . . . ſchöne kleine Mama . . . Du rui⸗ nirſt Dich für ihn, theure und würdige Mutter . .. Du biſt beſtohlen, ha, ha . . . Du biſt beſtohlen Du wirſt an den Bettelſtab kommen und ich — 101 mit Dir . . . hübſche kleine Mama, wenn Du Dir die Lehre nicht zu Herzen nimmſt! — Hm? Wirſt Du ihn noch länger unterhalten, dieſen Lumpenkerl, dieſe gemeine Canaille . . . die Dir vor der Naſe hier in Deinem Hauſe ihren Dirnen Rendezvvus gibt? . . . und für dieſen Undankbaren ruinirſt Du Dich? o meine verehrungswürdige Mutter?“ „Hörſt Du, Maurice . . .“ ſagte Jeane, unbe⸗ weglich und furchtbar wie eine rächende Statue. „Was kannſt Du antworten . . . was kannſt Du antworten?“ Dieſe Worte ſchmetterten Maurice vollends nie⸗ der; bereits durch die furchtbare Beſchimpfung des Buckligen, der mit Lumpenkerl, elende Canaille be⸗ gonnen, niedergeſchmettert, fühlte er moraliſch, wenn dieſe Vergleichung geſtattet iſt, eine Betäubung, der ähnlich, die er körperlich empfunden haben würde, wenn man ihn mehrmals auf den Schädel geſchlagen .. Kaum hätte er die Stirne wieder erhoben, ſo wäre er gezwungen geweſen, ſie unter einem neuen Schlage zu beugen . . . Der Elende blieb deßhalb unbeweglich, betäubt, niedergeſchmettert unter dem Gewicht der Beſchuldigungen gebeugt', mit denen man ihn überhäufte; er konnte ſich nicht aufrichten, um gegen ſie zu proteſtiren; er mußte die Stirne ſenken . . in finſterem Schweigen die verdiente Schmach ertragen, die in ihrer Form ſo gemeinen und doch wiederum ſo gerechten Vorwürfe ertragen und dies in Gegenwart von Jeane! . . . von Jeane! . . . Dieſe Gegenwart lähmte anfangs bei ihm ſogar den Ausbruch des Zornes, die furchtbare Heftigkeit ſeines Charakters. 102 Aber der ſardoniſche Ton der Worte der jungen Frau, ihre eiſige und verachtungsvolle Ruhe, endlich ihre ſeltene Schönheit brachten die Eiferſucht von Madame Thibaut bis zur Raſerei; ſie läßt der bis dahin durch die Aufregung beherzten Heftigkeit ihres Charakters freien Lauf, und mit einer Art von Ge⸗ brüll grinst ſie die Zähne, ſtürzt auf Jeane zu und ruft: „Ha! Metze! . . hal! liederliche Dirne! . Du kommſt, mich in meinem eigenen Hauſe zu be⸗ ſchimpfen und mir meinen Geliebten zu entführen... Dieſen Barfüßer, der, ohne mein Geld, kein Hemd hätte und Die Stimme von Madame Thibaut verſagt ihr den Dienſt, ein erſtickter Schrei, gefolgt von einem hohlen Röcheln entflieht ihrer Bruſt, denn Maurice, der Jeane gegen die Brutalitäten von Madame Thibaut ſchützen will, ergreift ſie an der Kehle und wirft ſie heftig in den hinter ihr offen ſtehenden Salon zurück, aber der Druck der herkuliſchen Hand des jungen Mannes, der nun ebenfalls ſeiner lange zuſammengehaltenen Wuth nachgibt, erdroſſelt bei⸗ nahe die Megäre. Ihr durch das Kochen der Wuth ſchon heftig wallendes Blut ſteigt ihr zu Kopfe; und ſchon lange durch ihren enormen Embonpoint zu einem Blutſturze geneigt, ſchwankt Madame Thibaut, von einem Schlage getroffen, bricht zuſammen und fällt rücklings in den Salon, deſſen Boden unter der ſchweren Maſſe erbebt. „Ein Schlaganfall! . .. meine Mutter iſt ver⸗ loren!“ ruft der Bucklige mit dem Tone vatermör⸗ deriſcher Freude; dann ſich beſinnend: 4— s — 103 „Aber wer weiß? ſie kann ſich erholen, ſich wie⸗ der an dieſen Schuft hängen! laſſen wir ihn ſogleich arretiren.“ Augenblicklich ſtürzt Mathurin nach der Thüre, die auf die Treppe führt und ruft mit ſeiner durch⸗ dringenden Stimme: „Herbei! . WMord! zu Hilfe! er⸗ greift den Mörder!“ Die vorhergehenden Ereigniſſe ſind das Werk weniger Augenblicke. Bei dem Anblicke von Madame Thibaut, die auf den Boden des Salons gefallen und dort bewegungs⸗ los mit blauem Geſichte, glaſigem Blicke, und Schaum auf den Lippen liegt . . . glaubt Jeane nicht an⸗ ders, als die Unglückliche ſei von Maurice getödtet worden und ſchauert zuſammen, wird blaß und iſt einer Ohnmacht nahe: ihre gewöhnliche Geiſtesge⸗ genwart verläßt ſie, ſie kann kein Wort mehr ſprechen und ſinkt, von einem convulſiviſchen Zittern erfaßt, auf einen Stuhl. Maurice, welcher den Buckligen nach der äußern Thüre mit dem Rufe ſtürzen ſieht: „Ergreift den Mörder!“ fühlt ſich verloren . . . wenn er ſich an die Drohungen des Notars erinnert; er hat ſeine Klage bereits eingereicht, ein Arreſtmandat iſt er⸗ laſſen, ſo daß, wenn Mathurin Blanchards Geſchrei gehört wird, Maurice riskirt, in der doppelten Eigen⸗ ſchaft als Mörder und Fälſcher arretirt zu werden: und die Logik des Verbrechens iſt von unwiderſteh⸗ licher Strenge; es gibt nur ein Mittel, der Arreti⸗ rung zu entgehen: das iſt, den Buckligen zu hindern, ſie durch ſein Zuhilferufen zu provociren: im Augen⸗ 104 blicke, als er nach der Thüre eilt, ſtößt ihn deßhalb Maurice mit einem Fußtritte auf die Bruſt ſo heftig zurück, daß der Bucklige in den Salon zurücktaumelt, rückwärts auf ſeine Mutter ſtürzt, indem er Ströme von Blut ausſtößt und noch mit erſtickender Stimme murmelt: „Zu Hilfe . . . packt den Mörder! .. „Beide! . . . Mutter und Sohn! . .“ ruft Maurice erſchrocken aus, nachdem er die Thüre des Salons, in welchem die Leichen liegen, geſchloſſen. Und in das Vorzimmer zurückkehrend, ſagt er, mit beſtürzter Miene ſich an Jeane wendend: „Nun! . . . Braut meiner erſten Liebe . . . Du wollteſt hören .:. Du haſt gehört! . . . Du wollteſt ſehen . . . Du haſt geſehen . . . biſt Du zufrieden?“ Jeane findet ihre Kaltblütigkeit gegenüber von der Gefahr wieder, ſteht plötzlich auf und ſagt mit feſter Stimme zu Maurice: „Wir müſſen fliehen . . . ich werde Dich nicht verlaſſen . . . wir gehören von nun an auf immer einander an . . . Du gehörſt mir, wie der Verur⸗ theilte dem Henker . . . Komm .komm . Der Ruf dieſes Unglücklichen iſt noch nicht gehört worden . komm' laß uns fliehen . . .“ „Es iſt zu ſpät . . . Sieh in die Straße hinab,“ ſtottert Maurice, deſſen Haare ſich ſträuben, indem er der jungen Frau durch das Fenſter einen Polizei⸗ commiſſär und Stadtſergenten zeigt, die, vom andern Ende der Straße kommend, auf das Haus zugehen. „Verwünſcht! . . .“ verſetzt Maurice und ſeine Zähne klappern vor Schrecken an einander, „man 105 kommt mich zu arretiren . . . Der Notar hat ſeine Klage eingereicht . . .“ „Welche Klage?“ „Ich habe eine Fälſchung begangen . . .“ „O! . . .“ verſetzt Jeane beinahe theilnahmlos dieſer Nittheilung, und fügt lebhaft hinzu: „Grund mehr . . zu fliehen . . . komm . . .“ „Unmöglich! . . . ich würde erkannt! Die — bei Leute ſind ſchon ganz nahe; ſie haben mein Signale⸗ ment . . . ſie werden ins Haus dringen . . . man weiß, daß ich hier wohne . . bei ... Maurice wird durch einen Ausruf des Erſtau⸗ nens und der Hoffnung unterbrochen, welcher Jeane entfliegt, die, durch das Fenſter blickend, um nach dem Commiſſär und den Agenten zu ſehen, an der Ecke der Straße einen Wagen, mit zwei elegant ge⸗ ſchirrten Pferden beſpannt, hat halten ſehen, aus welchem bald Richard d'Otremont ausſteigt; er gibt ſeinem Kutſcher ein Zeichen, daß er ihn erwarten ſolle, geht langſam vor und ſcheint das Haus, in welchem Madame Thibaut wohnt, ſcharf ins Auge zu faſſen. „Kein Zweifel mehr, Herr d'Otremont, unruhig wegen des möglichen Erfolgs meines Beſuches bei Maurice, wollte, trotz meiner Abmahnungen, ſich verſichern, daß ich keine Gefahr laufe. Edler Richard! er kann uns retten!“ dachte Jeane, während Mau⸗ rice, nachdem ſie mit einem Blicke voll Angſt dem Schtitt des Commiſſärs und der Agenten gefolgt war, mit verzweifelter Stimme murmelte: „Da ſind ſie! . . ſie treten in das Haus .. Ich bin verloren! . . . verloren! ich werde auf der 106 Bank der Fälſcher . . . der Mörder ſitzen! . . . Ach! wenn ich mir gleich das Hirn zerſchmettern könnte „ undzitternd hält er ſein Ohr an die Vorthüre des Zimmers. „Sie ſind da . . ſie ſteigen die Treppe herauf! . . .“ „Sie ſteigen herauf! . . . aber ſie gehen vor⸗ über . . . Höre . höre,“ verſetzte Jeane, welche ebenfalls ihr Ohr an die Thüre des Ruheplatzes hält, mit vor Hoffnung zitternder Stimme: „ſie halten... im nächſten Stock . . . ſie läuten!“ „Sie werden nach Madame Thibaut gefragt ha⸗ ben . . . bei der ſie mich vermuthen,“ antwortete Maurice leiſe, „man wird ihnen geſagt haben, daß ſie im erſten Stocke wohne . . .“ Jeane, deren Geiſtesgegenwart ſich mit der Ge⸗ fahr verdoppelt, ſieht Mauricens Hut an einem Hacken hängen, nimmt ihn raſch, gibt ihn dem jun⸗ gen Manne und ſagt mit leiſer Stimme: Nimm Deinen Hut . . . wir wollen leiſe gehen WMuth . . . Kaltblütigkeit . . . und wir kommen unangefochten aus dem Hauſe.“ Jeane öffnet vorſichtig die auf den Ruheplatz des Entreſol führende Thüre, horcht und hört die Stimme und die Schritte der Polizeiagenten, welche in die auf der höhern Etage liegende Wohnung dringen.. Sie gibt Maurice ein Zeichen ihr zu folgen, und mit raſchem und leichtem Schritt ſteigt ſie die kleine Zahl von Stufen hinab, welche unter die Einfahrt 4 führen; hier ſieht ſie den Concierge und ſeine Frau, welche aus ihrer Loge herausgekommen, ſich mit Herrn d'Otremont unterhalten. Dieſer will einen Ausruf thun, als er Jeane ſieht; ſie kömmt ihm je⸗ doch mit den Worten zuvor: „Mein Freund . .. laſſen Sie raſch den Schlag Ihres Wagens öffnen.“ Richard entfernt ſich eilends, während Jeane, die neugierigen und mißtrauiſchen Blicke des Portiers gewahrend, der von der Leichenbläſſe Mauricens be⸗ troffen, ihn aufmerkſam betrachtet, in ihrer Taſche ſucht, einige Louisd'ors herausnimmt, ſie dem Con⸗ cierge gibt und, ſich zum Lachen zwingend, ſagt: „Ich zähle auf Ihre Discretion. .. man darf nicht wiſſen, daß ich Herrn Dumirail entführe . . . „Stille! meine hübſche Frau, die Mutter Thi⸗ baut wird ſich nichts träumen laſſen,“ antwortete der Portier, der nach den Worten Jeanes glaubte, es handle ſich um eine Liebesintrigue und fügt, indem er die Louisd'ors in die Taſche ſteckt, hinzu: „Der Commiſſär iſt zu Madame Thibaut hinauf⸗ gegangen . . . Ich weiß nicht, was er dort will .. .“ Jeane und Maurice haben mit einigen Schritten die Ecke der Straße erreicht, wo Herr dOtremont ſeinen Wagen ſtehen hatte. Sie nehmen neben ihm Platz. Er läßt raſch die Vorhänge herab und ſagt zu ſeinem Kammerdiener: „Nach Hauſe . . . und ſo raſch als möglich!“ Richard d'Otremont wurde während der Fahrt von der Rue Monthabor nach ſeinem Hötel durch Jeane von den Ereigniſſen des vorhergehenden Ta⸗ ges und des Morgens unterrichtet. So ſtrafbar auch der Fälſchungsverſuch Mauricens ſein mag, ſo iſt er doch als eine Art Repreſſalie für die Prellerei erfüllen, ſagt er zu ihr: von Frau von Hansfeld erklärlich; was die ſchlim⸗ men Folgen des Streites zwiſchen Maurice und Ma⸗ % dame Thibaut, ſowie ihrem Sohne betrifft, ſo waltete er weder Ueberlegung noch mörderiſche Abſicht ob; von dieſem Geſichtspunkte aus beurtheilte Herr dOtremont die Thatſachen, und ohne Zweifel weni⸗ ger vom Mitleid geleitet, das ihm der Schuldige ein⸗ flößt, als dem Verlangen, die Wünſche Jeanes zu „Sie müſſen Paris augenblicklich verlaſſen; ſo⸗ bald wir zu Hauſe angekommen ſein werden, ſchicke ich auf die Poſt um Pferde; man wird ſie an mei⸗ nen Reiſewagen ſpannen; Sie ſteigen ein, ich werde Ihnen einen Diener mitgeben, einen ſicheren und geſcheidten Menſchen, der ſie begleitet. Die mit Ex⸗ trapoſt reiſenden Perſonen flößen wenig Mißtrauen ein und werden ſelten nach ihrem Paſſe gefragt. Auf dieſe Weiſe, hoffe ich, werden Sie unangefochten nach den Bergen des Jura kommen, da Sie darauf beharren, Jeane, ſich zu Herrn Delmare zu begeben, während es für Maurice leicht iſt, nach der Schweiz und von da nach Deutſchland zu kommen.“ Der Rath des Herrn d'Otremont wurde von den Flüchtlingen befolgt, und nach dem rührendſten Dank, welchen Jeane an Richard wegen ſeiner guten Dienſte richtete, ſagte ſie als Antwort auf ſein Anerbieten wegen der Reiſekoſten: „Dank. mein Freund . . Sie vergeſſen, daß mir ungefähr dreißig Louisd' ors bleiben, mehr 2 als die Reiſe erfordert und nöthig iſt, um Shren Wagen zurückzuſchicken, was mit dieſem und dem 109 Diener der Fall ſein wird, ſobald wir in Nantua angekommen ſind.“ Ungefähr eine Stunde nach den Ereigniſſen im Entreſol der Rue Monthabor verließen Maurice und Jeane, Dank der thätigen Hilfe des Herrn dtre⸗ mont, Paris, und ſchlugen den Weg nach dem Jura ein. XIV. Je weiter ſich Maurice Dumirail in Begleitung von Madame San Privato von Paris entfernte, und je mehr ſich ſolchergeſtalt ſeine Furcht vor Ver⸗ folgungen verminderte, deren Gegenſtand er werden mußte, deſto mehr traten ihm zum erſten Male die ſchändlichen Handlungen ſeines Lebens in ihrer gan⸗ zen und furchtbaren Wirklichkeit vor Augen; die Ge⸗ genwart Jeanes rief dieſe moraliſche Reaction in ihm hervor. Maurice hatte auch niemals, ſelbſt mitten in ſeinem wüſten Leben nicht, die Erinnerung an ſeine erſte Liebe verloren und nun, da er ſo neben ſeiner Couſine ſaß, ſchweiften ſeine Gedanken unwillkürlich nach jenen vergangenen Zeiten zurück und es ge⸗ mahnte ihn an jene friedlichen Tage des Glückes, der Unſchuld, wo er die Freuden der Familie, die Seligkeit einer edeln Liebe genoſſen . . . eine ent⸗ fernte Fata Morgana, die mit wohlthuender Helle in die Dunkelheit ſeines jetzigen Daſeins hereinzu⸗ ſtrahlen ſchien, das er im Schatten verbergen mußte, um der Gerechtigkeit, dem Gefängniß oder Bagno zu entgehen . 11¹0 Bisweilen fühlte er eine ſchmerzliche Scham, die ihm bis ins Herz brannte, als wäre es das heiße Eiſen auf der Schulter, wenn er daran dachte, daß er in den Augen Jeanes durch Madame Thibaut und ihren Sohn in ſeinem eigenen Kothe herumge⸗ zogen worden war; und doch, trotz ſo vieler Schmach, war Jeane zu ihm gekommen, hatte ihn nicht im Stiche gelaſſen und hatte ſeine Flucht mit ebenſoviel Geiſtesgegenwart als Hingebung begünſtigt, indem ſie die ſeltſamen Worte ſprach, deren geheimnißvollen Sinn er noch immer vergeblich zu ergründen ſuchte: „Wir gehören jetzt einander für immer an, wir werden uns nicht mehr trennen . . . Du gehörſt mir jetzt an, wie der Verurtheilte dem Henker!“ Da er ein weniger ſcharfer Beobachter war, als Herr d'Otremont, und außerdem Jeane, von den hef⸗ tigſten und widerſprechendſten Gefühlen aufgeregt, wiedergeſehen, bemerkte Maurice bei ihr noch nicht jene Art von eiſiger Unempfindlichkeit, welche das Symptom des moraliſchen Todes war, wie Dona Juana es nannte. Endlich war einige Jahre früher die Kunde der galanten Abenteuer der jungen und hübſchen Madame San Privato, welche damals in Paris zu den Damen gehörte, die am meiſten in der Mode waren, flüchtig an ſein Ohr gedrungen, aber er wußte durchaus nicht, was wirklich in der Tiefe ihres Herzens vorging. Beide blieben, während der erſten Reiſeſtunden, düſter und ſchweigſam; vergeblich ſuchte Maurice bisweilen mit zitternder Stimme, niedergebeugt von dem Bewußtſein ſeiner Schande, und die Augen nicht aufzuſchlagen wagend, ein Geſpräch anzuknüpfen: 111 dieſes Geſpräch zerfiel, ſo zu ſagen, immer ſogleich wieder in ſich und bei dem letzten Verſuche ihres Vetters, eine Converſation anzuknüpfen, ſagte Jeane zu ihm: 8 „Maurice, auf Deinem Geiſte laſtet noch die Wucht der Eindrücke dieſes unheilvollen Tages, es kann nicht anders ſein, denn mein Blick ſetzt Dich in Verlegenheit. Der Deine wird mich nicht weniger in Verlegenheit ſetzen, wenn ich Dir meine Geſtändniſſe mache, die Dir allein erklären können, warum ich mich Dir zu nähern ſuchte . . und was meine Plane ſind . . . Wir müſſen ſobald als mög⸗ lich nach Nantua zu kommen ſuchen, Tag und Nacht reiſen erwarten wir die Nacht, um uns zu un⸗ terhalten; dann wollen wir uns unſer Herz öffnen. Du wirſt ruhiger werden, und welcher Art auch un⸗ ſere gegenſeitigen Geſtändniſſe ſein mögen, die Dunkelheit wird unſer Erröthen verbergen . denn Du biſt der einzige Menſch, Maurice, der Einzige vor dem ich noch erröthen würde . weil Du mich gekannt . . . wie ich nicht mehr bin . . .“ Die beiden Reiſenden erwarteten in peinlichem Stillſchweigen die Nacht. Sie berührten kaum einige Mundvorräthe, mit welchen Herr dOtremont eine der Truhen des Wagens füllen zu laſſen die Vorſicht gehabt, um den Flüchtigen die Nothwendigkeit zu er⸗ ſparen, ſich in den Wirthshäuſern der Städte, durch die ſie kamen, aufzuhalten, woraus die Verlegenheit hätte entſtehen können, daß ſie ihre Päſſe vorzeigen mußten. Die Nacht kam . . . eine Januarnacht, ſchwarz, kalt, nebelig. Der Mond ging ſpät auf, und in der tie⸗ 112 fen Dunkelheit gewahrte man nichts außerhalb des Wagens, als das Licht, das der Widerſchein der an⸗ gezündeten Lampen verbreitete. Obgleich man die Fenſter des Wagens hermetiſch verſchloſſen, und ſie in ihren Pelz gehüllt war, ſchauerte Jeane doch bisweilen zuſammen, denn ſeit lange hatte ſie ein eigenthümlicher phyſiſcher Froſt erfaßt, den die langſamere Circulation des Blutes und die Ver⸗ minderung der Schläge des Herzens hervorgerufen. Maurice dagegen, deſſen kräftige Organiſation ihre ganze Kraft bewahrte, war die Beute eines hef⸗ tigen Fiebers, an dem nicht nur der Einfluß der Ereigniſſe des Tages und die Furcht vor der Arre⸗ tirung, welche bei jedem Poſthauſe ſich erneuerte, ſondern auch die ängſtliche Reugierde, mit der er die Geſtändniſſe der Dona Juana erwartete, Schuld waren. „Dieſe Geſtändniſſe, die ſie in tiefes Dunkel hüllen wollte, um nicht vor dem einzigen Menſchen erröthen zu müſſen, vor dem ſie noch erröthen könnte,“ wie ſie ſagte . . uUnd doch war dieſer Menſch . . . Maurice . er, der in dieſen Abgrund geſunken, deſſen ſchmutzige Tiefe Jeane dieſen Morgen hatte ſondiren wollen; er brach zuerſt das Schweigen und ſagte: „Jeane . die Unruhe meines Geiſtes hat ſich ſoweit es möglich . . . gelegt . . meine Ver⸗ nunft iſt hell . . . Die Nacht iſt da . es iſt mir unmöglich, obgleich ich neben Dir ſitze, Deine Züge zu unterſcheiden . . . Du haſt deßhalb nicht zu be⸗ fürchten, daß ich Dich erröthen ſehen werde Ich höre „So vernimm denn mein Bekenntniß . . und 113 was ich Dir auch ſagen mag, Maurice . . . zweifle nicht an meiner Aufrichtigkeit . . „Nichts zwingt Dich zu dieſem Geſtändniß .. . Die Schande, der ich verfallen bin, verbietet mir, Dir den leiſeſten Vorwurf zu machen . . . Du wirſt deßhalb der Aufrichtigkeit nicht ermangeln.. .“ „Ich muß Dich zuerſt mit wenigen Worten an das erinnern, was nach meinem Bruch mit Deiner Mutter und Dir vorgefallen, als ich zu meiner Tante San Privato zog; weißt Du, was dieſen Entſchluß namentlich in mir herbeiführte?“ „Deine Liebe zu Albert!“ „Nein, Maurice dieſer Entſchluß wurde mir durch meine Liebe zu Dir, durch meine Achtung vor Dir dictir „Jeane, ich verſprach Dir, Deinen Worten Glau⸗ ben zu ſchenken, was Du auch ſagen mögeſt . ich glaube Dir deßhalb ... aber mein Glaube iſt blind denn ich verſtehe Dich nicht.“ „Nichts iſt jedoch erklärlicher. Am ſelben Tage, an welchem ich mich entſchloß, die Gaſtfreundſchaft meiner Tante San Privato in Anſpruch zu nehmen, hatte ich eine Unterhaltung mit ihrem Sohne, die e min, Schickſal einen entſcheidenden Einfluß i „Wie das?“ „Du erinnerſt Dich doch, daß ich auf dem Mo⸗ rillon am Tage nach der Ankunft San Privatos, anfangs entzückt und geblendet von dem Bilde der Feſte der großen Welt, das er vor uns entwarf, Dich gebeten habe, niemals unſere Einſamkeit zu verlaſſen, Sue, die Familienſöhne. V. 8 „ 114 da eine unbeſtimmte Ahnung mich zu warnen ſcheine, daß ich verloren wäre, wenn ich mich der Verſuchung ausgeſetzt ſähe?“ „Ja, Jeane, ich entſinne mich Deiner Befürch⸗ tungen in dieſer Hinſicht . . . ſie ſchienen mir ſinn⸗ los „Sie waren nur zu begründet. Dieſe unklaren Wünſche, deren Gefährlichkeit ich bereits ahnte, und die, wie mein Vater ſo richtig bemerkte . . .“ Aber ſich unterbrechend, ſetzt Jeane hinzu: „Weißt Du, Maurice, daß Delmare mein Va⸗ ter iſt?“ „Es wurde mir einſt von meiner Familie mitge⸗ theilt, welche damals gegen Dich und Charles Del⸗ mare gereizt war.“ ⸗ „Mein Vater kannte mich beſſer, als ich mich ſelbſt kannte: er ſagte deßhalb mit tiefer Einſicht: daß meine ſchlimmen Neigungen, welche durch den verderblichen Einfluß von San Privato damals ſchon halb wachgerufen waren, bald wieder in ihren Schlum⸗ mer verſinken und erlöſchen würden, wenn es an Nahrung fehlte, mit andern Worten, in Ermangelung von Gelegenheit, was der Fall wäre, wenn wir in jener Einſamkeit lebten, die uns bereits aus ſo vie⸗ len Gründen werth und theuer ſei und dis unſere Heirath uns noch theurer machen würde. Im an⸗ dern Fall ſei Herr Delmare gewiß, daß ich den Verfüh⸗ rungen der Welt erliegen werde. Die Ahnung mei⸗ nes Vaters war nur zu gerechtfertigt, denn von jener entſcheidenden Unterhaltung mit San Privato, deren ich ſo eben erwähnt, hatte Albert, in der Hoff⸗ nung mich in ſeinem Intereſſe zu verderben, in mei⸗ 115 nen Gedanken mit hölliſcher Kunſt ein Ideal ver⸗ führeriſcher Verdorbenheit geweckt .. einen fingirten Typus, der meine ſchlimmſten Triebe ſymboliſirte .. Mit einem Wort den Typus eines weiblichen Don Juans und San Privato hatte mir geſagt: „Sei eine Dona Juana!““ „In der That, ich erinnere mich, von dieſem Beinamen, den man Dir in der großen Welt gab, gehört zu haben . . . „Dieſen Beinamen . .. habe ich gerechtfertigt, Maurice . mehr als gerechtfertigt .. . zu meinem ewigen Unglück! . . .“ „Du bereuſt alſo? . . „Schon lange habe ich den bittern Becher der Reue ausgeleert . . .“ „Jeane, ich kann Dein Geſicht nicht unterſcheiden aber der Ton Deiner Stimme macht mich ſchauern . großer Gott! . . . Du haſt die Reue erſchöpft, was bleibt Dir noch?“ „Nichts! „ „Was ſoll das heißen? .. „Du ſollſt es erfahren Ich fahre fort — werde eine Dona Juana, hatte mir San Privato geſagt . . . „Du wirſt als unerbittliche Herrin über eine Wekt herrſchen, die Du unter der Sohle Deines Schuhes gebeugt hältſt. . . Du wirſt eine zügelloſe Coquette werden . . . (San Privato ſagte damals, um mich nicht zu erſchrecken, eine Coquette . . . aber im Hintergrund ſeiner Gedanken lauerte das Wort ſchamlos! zügellos. . .) Dieſen Gedanken durch⸗ blickte ih er empörte mich nicht..“ „Iſt es möglich?“ 116 „Dieſer Gedanke hatte für mich etwas Verlocken⸗ 5e „Für Dich . . . Jeane. . . Dich, die Jeane von damals .. „Die unſchuldige Jeane, welche Du meinſt .. war damals bereits todt . . . Deine Unbeſtändigkeit, . Deine Verachtung hatten ſie getödtet ... Mau⸗ rice „Ach! . . . Unglücklicher, der ich bin! . . . Un⸗ glückliche, die wir ſind! ... „Laſſen wir die Vorwürfe, begnügen wir uns, die Thatſachen mit der Unempfindlichkeit eines Arztes zu conſtatiren, der an einem Leichnam die Urſachen des Todes, der ihn getroffen, nachweist . .. „Jeane! . . . Jeane! . . was iſt aus Dir ge⸗ worden? Deine Stimme macht mein Herz zu Eis „Ich bin dem erkalteten Körper ähnlich gewor⸗ an welchem der Arzt die Urſachen des Todes kcht „Du erſchreckſt mich! . . .“ „Schon?. Ees iſt zu ſpät!“ „Jeane „ „Höre weiter: „Sei alſo eine Dona Juana, ſchüttle Scham und Schande von Dir, alle Menſchen wer⸗ den Dein ſein, hatte San Privato zu mir geſagt, und in Deiner furchtbaren Ironie, Deiner ſtolzen Verachtung . . . wirſt Du Niemanden angehören ... als mir . . mir, Deinem Mann . . . Deinem Mit⸗ ſchuldigen ... denn wenn Du mich heiratheſt, Jeape, werde ich niemals eiferſüchtig ſein .. . nur Dein 117 volles Vertrauen will ich beſitzen und wir werden unſere Opfer verſpotten!““ „Wie!. San Privato hat Dir dieſen ſchänd⸗ lichen Vorſchlag gemacht? . „Ja, um mich zu depraviren, moraliſch zu ver⸗ nichten, leichter aus mir ſeine Maitreſſe zu machen und mich nachher zu verlaſſen . . . aber ich ahnte ſeine Abſicht. . . Ich that jedoch, als wenn ich an ſeine Aufrichtigkeit glaubte peil ich mich von dem Wunſche beſeelt fühlte, den abſcheulichen Typus der Dona Juana zu perſonificiren . . Und doch, wunderbares Geheimniß der Seele ich liebte Dich noch immer . . . Maurice! ... „Wäre es wahr?“ „Ich liebte Dich noch immer .. nicht mit jener Liebe, welche die Röthe auf die Stirne treibt und deren unreine Feuer die Verruchtheit San Privatos in mir anſchürte! . . . Nein, ich liebte Dich mit jener edeln Neigung, die in glücklicheren Zeiten mit dem doppelten Titel der Gattin und Mutter gekrönt wor⸗ den wäre .. . „Und dennoch, Jeane . „Und dennoch war ich bereits entſchloſſen, mei⸗ nem Leichtſinn keine Zügel anzulegen . . ein wun⸗ derbares Geheimniß . . nicht wahr, Maurice?“ „Allerdings. ein wunderbares Seelengeheim⸗ niß! ein unerklärlicher Widerſpruch . . . ⁸ „Scheinbar unerklärlich und doch in Wirklichkeit nicht unerklärlich . Haben die verdorbenen Ge⸗ ther nicht noch immer das Bewußtſein von gut und böſe? aber das Böſe beherrſcht ſie unum⸗ ſchränkt. . Ich liebte Dich noch edel . aufrich⸗ 118 tig . . . aber das Phantom der Dona Juana bezau⸗ berte mich, zog mich unwiderſtehlich zu ihm hin; ja gerade dadurch, daß ich das Bewußtſein meiner Liebe zu Dir hatte, fühlte ich mich von nun an unwürdig, Deinen Namen zu tragen! Ja, damals, wo ich meine ſchlimmen Leidenſchaften für immer entfeſſelt ſah, liebte ich Dich zu ſehr, wie ich Dir ſagte, um Dich die entehrende Rolle ſpielen zu laſſen, die San Privato ſpielen ſollte . . . Dies iſt der Grund, weß⸗ halb ich den Bitten, den Thränen meines Vaters widerſtand. Vergebens verſicherte er mich, daß Du mich noch liebeſt, vergebens bat er mich, wieder an Dich mich anzuſchließen; Du warſt damals verführt, verirrt, aber noch nicht verloren, und einer Umkehr zum Guten fähig, ſagte mein Vater, und er zweifelte nicht an meinem Einfluß auf Dich; dieſer müßte nach ſeiner Anſicht über den von Frau von Hansfeld triumphirt haben . . er ſah damals noch die ein⸗ zige Möglichkeit, daß wir glücklich würden, in unſe⸗ ſerer Heirath .. Mein Vater täuſchte ſich diesmal Es war zu ſpät . . . zu ſpät. Ich ſagte Dir gleichfalls ſo eben, Maurice, ich habe aus Achtung und wahrer Anhänglichkeit für Dich unſere Verbin⸗ dung für die Zukunft unmöglich gemacht, indem ich mich entſchloß, die Gaſtfreundſchaft, die mir meine Tante San Privato anbot, anzunehmen.“ Was mir ſo eben noch unbegreiflich ſchien, iſt mir jetzt erklärt, Jeane .. Du warſt alſo von die⸗ ſem Zeitpunkte an entſchloſſen, Albert zu heirathen?“ „Ja, denn ohne von der eigenthůmlichkn Anziehungskraft zu ſprechen, die er damals noch für mich hatte. öffnete mir ſeine Stellung in der 119 Welt die Pforten der Geſellſchaft, in der ich den Typus der Dona Juana zu realiſiren hoffte. Die Perfidie San Privatos, deren Dupe ich nicht einen Augenblick geweſen, erſparte mir bereits jeden Scru⸗ pel in Beziehung auf ihn . . . ich wußte indeß noch nicht, weſſen er fähig war.“ „Was willſt Du ſagen?“ „In der erſten Nacht, die ich in dem Hauſe ſei⸗ ner Mutter zubrachte, machte ſich San Privato mei⸗ nen Schlaf zu Nutzen .. . drang in mein Zimmer .. . und entehrte mich . . . nach einem Kampfe wilder Brutalität . . .“ „Hah! der Schändliche! . . . Und Du ſcheuteſt Dich nicht, ihn zu heirathen?“ „Meine Heirath ſollte eine lange Rache ſein und war es auch . . . Wunder von Verſtellung, Heu⸗ chelei und Argliſt mußte ich anwenden, um den Ab⸗ ſcheu zu verbergen, den mir San Privato ſeit ſeinem gemeinen Attentate einflößte. Wunder von Verfüh⸗ rungskünſten mußte ich anwenden, um die Leidenſchaft dieſes Menſchen bis zu blindem Delirium zu ſteigern, um ihn zu überreden, daß ich ihn liebe, um endlich dieſen mißtrauiſchen, klugen, ehrgeizigen, egviſtiſchen Menſchen dazu zu bringen, mich, das arme Mädchen, zu heirathen, das nur ein ſehr mäßiges Vermögen beſaß. Aber der Haß verdoppelte meine Kräfte... Ich erreichte mein Ziel . .. Sechs Wochen nach meiner Entehrung hieß ich Madame San Privatv. Ach, Maurice! ich rächte Dich nicht minder, denn mich, als ich am Abend meiner Verheirathung, der erſten Urſache unſeres beiderſeitigen Ruines, zu ihm ſagte, als er in Liebe aufgelöst zu meinen Füßen 120 ſank: „Sie haben ſich gegen mich eine abſcheuliche Gewaltthat zu Schulden kommen laſſen . . . meine Verachtung gegen Sie iſt ſo groß, als mein Wider⸗ wille. Dieſe Verachtung, dieſe Abneigung wollte ich Ihnen durch Handlungen an den Tag legen. Deß⸗ halb bin ich heute Ihre Frau; dieſen Abend beginnt meine Rache; . Sie ſind ein einziges Mal ver⸗ brecheriſch in mein jungfräuliches Zimmer gedrungen Sie treten jetzt zum erſten und zum letzten Male in mein Frauengemach . . . Sie ſind in Liebe zu mir aufgelöst . . . um ſo beſſer .. Sie werden um ſo mehr leiden, denn wir ſind auf ewig einander fremd! Ja, San Privato, Verſucher! Sie glaubten mich in Ihrem Intereſſe zu verderben; ja, Sie ſag⸗ ten zu mir: Werde eine Dona Juana für Alle .. nur nicht für mich, Deinen Vertrauten! — Ihre Wünſche ſollen erfüllt, übertroffen werden, San Privato. Ich werde für Alle eine Dona Juana ſein . . . ja für Alle . . . aber nicht für Sie! Der Scandal meiner Abenteuer ſoll ſo ruchbar werden, daß meine Vertraulichkeiten Sie nichts nützen ſollen Sie haben einen Widerwillen gegen das Lächer⸗ liche. . . Ihr Leben ſoll eine lange Tortur ſein...““ „Und in der erſten Aufregung ſeiner Wuth hat Dich San Privato nicht gemordet?“ „Er verſuchte es . o, daß es ihm nicht ge⸗ lungen!.. . Der Cynismus meines Benehmens gegen ihn hätte ſeine gerechte Strafe erfahren! . . „Wie . . . die Schändlichkeit .. die Ruchloſig⸗ keit dieſes Menſchen . ſollten Dich nicht rechtfer⸗ tigen?“ „Abſcheuliches und thörichtes Raiſonnement. Mau⸗ 121 rice! Rechtfertigt die Schändlichkeit meines Mannes meine eigene Schändlichkeit? .. Ich verabſcheute die Ruchloſigkeit und ... ſollte ihm doch an Ruch⸗ loſigkeit gleich kommen, ja ſie ſogar übertreffen? .. Wie ſchrecklich! Aber geblendet von abſcheulichen Sophismen glaubte ich damals an die Berechtigung von Repreſſalien, wie grauſam ſie auch ſeien . .5 „Wie entkamſt Du jedoch dem Tode, da San Privato Dich morden wollte . . . und dann . da Du doch ſeine Wildheit kannteſt .. . wie konnteſt Du einer beinahe ſichern Todesgefahr trotzen, ja ſie heraufbeſchwören?“ „Ich hatte ja mein Leben bereits geopfert . . . ich riskirte es bei dieſer Probe „Welcher Probe?“ „Wenn in einem ſolchen Augenblick nach meiner kühnen Verachtung, nach meinen Drohungen, meinem Hohn, der furchtbaren Täuſchung, deren Opfer er geworden, mein Mann in ſeiner Wuth nicht die Energie fand, mich zu tödten . . . ſo war ich gewiß, von nun an nichts mehr für mein Leben fürchten zu müſſen ich ſicherte mir dadurch die Zukunft meiner Rache, wenn er mich nicht tödtete . . . ich war zum Voraus reſignirt zum Sterben.“ „Und dieſer Mord . . . hat er ihn wirklich ver⸗ ſucht?“ „Ja; anfangs jedoch ganz beſtürzt und ſchwind⸗ lich durch die Kühnheit meiner Gelübde, konnte und wollte er nicht daran glauben . .. Als er jedoch an meiner Sprache, meinem Tone, meiner Phyſiognömie den Abſcheu erkannte, den er mir einflößte, und die Wirklichkeit meiner Pläne, die ihn mit Lächerlichkeit 122 und Schmach bedecken ſollten, ſuchte er mich milder zu ſtimmen . man kann ſich nichts Wahreres und Herzzerreißenderes denken, als ſeine Verzweiflung! Der Unglückliche warf ſich zu meinen Füßen! Bitten, Thränen, convulſiviſches Schluchzen, Schmerzens⸗ ſchreie, die der Tiefe ſeines Herzens ſich entrangen! was ſage ich . . San Privato war bisweilen im Schwunge ſeiner erſchütternden Beredtſamkeit von der großartigſten Leidenſchaft, dem erhabenſten Schmerz⸗ gefühl getragen!“ „Und Du, Jeane, was ſagſt Du?“ Der eiſige Ton, in welchem Dona Juana dies ſagte, hatte etwas ſo Erſchreckendes, daß Maurice ſchauerte und ſich beinahe Glück wünſchte, daß die Finſterniß ihn hinderte, die Züge Dona Juanas zu unterſcheiden. * Der Antwort, die ſie ſo eben gegeben, folgte eine Pauſe. XV. Nachdem Maurice den Schrecken überwunden, den ihm die kalte Antwort Dona Juanas verurſacht, brach er zuerſt das Schweigen, das einige Secunden gedauert, und ſagte: „Du lachteſt . . . Jeane, Du lachteſt. . wäh⸗ rend San Privato ſeine Verzweiflung in Klagen voll erhabener Leidenſchaft und voll Schmerzgefühl aus⸗ hauchte . .. Ach! Du rächteſt uns beide furchtbar für unſer verlorenes Glück . . wie Du ſo eben 123 ſagteſt: ohne Zweifel war es damals, daß er aufs Aeußerſte getrieben, Dich zu tödten verſuchte?“ „Ja, er verſchwand plötzlich in dem anſtoßenden Zimmer und kam einen Augenblick ſpäter mit ein Paar Piſtolen heraus.“ „Du ſollſt ſterben, ehe Du geboren wirſt, Dona Juana!“ ſagte San Privato zu mir. „Du haſt Dich zu raſch entſchleiert! . . . Du wirſt meinen Namen nicht mit Lächerlichkeit und Schande bedecken .. .“ „Ich antworte meinem Manne nichts, ich kreuze meine Arme auf die Bruſt, ich erhebe das Haupt, ich ſehe ihm ins Geſicht . . . Ach! ich geſtehe, als ich den unverſöhnlichen Ausdruck ſeiner Züge ge⸗ wahre, glaubte ich mich todt. . . Ich habe Dir und meinem Vater den letzten Gedanken geweiht .. San Privato hielt den Lauf ſeines Piſtols auf mein Herz . .. und um des Schuſſes ſicherer zu ſein, erin⸗ nere ich mich, riß er mir das Brautbouquet von mei⸗ nem Buſen .. .“ „Vollende .. Du biſt hier. . . neben mir .. Die Gefahr iſt vorüber . . . und doch zittre ich un⸗ willkürlich ... „San Privato hielt den Lauf ſeines Piſtols auf mein Herz . . . ich zucke nicht . . . „Ha, Du mußt hundertmal ſterben! ſagte er zu mir, ſo viel Kalt⸗ blütigkeit, Unerſchrockenheit machen aus Dir eine Frau der Hölle. . . Und den Blick von mir ab⸗ wendend „drückt er los . . aber wunderbarer Zufall . . der Schuß verſagte . . . weißt Du, wel⸗ cher Art die erſte Bewegung San Privatos war?“ „Er nimmt ſein zweites Piſtol?“ 124 „Er ſtürzt auf die Kniee, faltet die Hände, ver⸗ gießt Thränen ind ruft: Ich wollte, durch eine übermenſchliche Anſtren⸗ gung mein viſſen zurückdrängend, dieſe Frau tödten, um meine Ehre zu vertheidigen . .. Der Zufall ſchont ihre Tage .. ſei geſegnet Schickſal denn ich hätte mein ganzes Leben ihren Tod bewe 6. Dann erhebt er ſich und fügt weggehend hinzu: Welcher Art auch künftig Dein Betragen ſei, Du kannſt Deines Lebens ſicher ſein. Triumphire über meine Feigheit, denn nach dem, was mich die⸗ ſer Mordverſuch gekoſtet . . . werde ich, fürchte ich, nie den Muth haben .. Dich zu morden . „Das iſt es gerade, was ich ſelbſt um den Preis meines Lebens wiſſen wollte, antwortete ich ihm. „Und nun, San Privato, werden Sie ſie ihre Auf⸗ gabe beginnen ſehen, dieſe Dona Juana, deren Phan⸗ tom Sie ins Leben gerufen.“ „Er ging und ſeit dieſer Zeit ſetzte er nie mehr einen Fuß in mein Zimmer . . . „Und indem er Dich auf dieſe Weiſe ſchonte, nachdem er Dich hatte tödten wollen, welchem Ge⸗ fühle gehorchte Dein Gatte? war es Liebe .. Reue oder Mangel an Energie? . ..5 „Jedes dieſer Gefühle hatte ſeinen Theil an dem Einfluß auf San Privato. Die Reue indeß war ſchwach. . Mein Gatte hegte für mich eine zügel⸗ loſe Leidenſchaft. Nichts vermochte ſie in ihm zu er⸗ ſticken: noch heute iſt ſie ſein Quälgeiſt. Er hat jedoch trotz ſeiner ſchwarzen Shtenet nicht die S der thatkräftigen Er hätte es 125⁵ nie gewagt, mich mit dem Dolche zu e er ſchoß mit der Piſtole auf mich, wendet . . . Endlich ein Jahr na Mordverſuch dachte er an das V „Unglückliche Frau! . . . un dem Tode entgangen . . . „Ich kannte San Privato, und ſeit dem Tage meiner Heirath war ich beſtändig auf meiner Hut, wobei mich meine Kammerfrau unterſtützte, ein aus⸗ gezeichnetes, mir ſehr ergebenes Mädchen.“ „Vergiften. . ja .. das paßt für einen Mann der ebenſo wild, als feig gegenüber der Gefahr. Erinnerſt Du Dich, Jeane, des Schreckens bei unſerer Beſteigung des Treſerve . . . wo ohne Deinen Muth, Deine Geiſtesgegenwart . . . der Elende umgekommen wäre, der Dich mit ſich in den Abgrund ziehen wollte.“ „Ach, Du erinnerſt Dich noch der Beſteigung des Treſerve?“ „War nicht jener Tag durch ſeine Folgen einer der unheilvollſten Tage unſeres Lebens?“ Jeane ſchwieg einige Augenblicke und ſagte dann, aus ihrer Träumerei erwachend: Ich weiß Dir Dank, daß Du Dich der Grotte des Treſerve erinnerſt. . . ja, ich weiß Dir Dank für dieſe Erinnerung.“ „Warum das?“ „Weil dieſe Erinnerung zu einem Gedanken paßt, den ich ſeit lange hege.“ „Welchen Gedanken? . . Du ſchweigſt ... Jeane . Jeane .. woher kommt dieſes Schweigen?“ „Von meinem Zweifel . . .“ biſt dennoch 5 126 eu Zweifel . . . an wem?“ „An D Maurice. der in ihre Träumerei verſinkend, fuhr Dona Juana ach einigen Augenblicken fort: „Ach, wenn Du meine letzte Hoffnung würdeſt?“ ½ „Welche?“ „Du ſollſt ſie erfahren . . . aber ich vollende mein Bekenntniß . . . Ich hielt das San Privato gegebene Verſprechen; ich ſtürzte mich in ſcandalöſe Abenteuer, halb durch die zügelloſe Sucht nach Ver⸗ gnügungen, halb durch einen doppelten Rachedurſt fortgeriſſen . . denn in meinen Gedanken rächte ich mich an Dir, Maurice.“ „An mir?“ „Ja, an Deiner Unbeſtändigkeit . einer der urſachen meines Leichtſinnes Du hatteſt mich bittere Thränen vergießen machen. und diejeni⸗ gen, welche meine Coquetterie, meine Treuloſigkeiten den gehärtetſten Männern entlockten, waren meiner Anſicht nach gerechte Repreſſalien! Ich begann alſo in der beſten Welt von Paris meine Rolle als Dona Juana zu meine Debuts waren kühn und d glänze 4 WVirkli nach dem, was ich damals hörte, nůſſen Deine Erfolge glänzend geweſen ſein, obgleich Du eben noch in der Elite der Geſellſchaft, wo Dich Dein Gatte vorſtellte, ganz unbekannt geweſen. aber . . . da fällt mir ein . . . Jeane . .. Noch eine Frage in Bezug auf San Privato.“ „Welche? . Vie konnte Dich San Privato nach der . 127 Enthüllung Deiner Plane, wie Du ihn mit Lächer⸗ lichkeit und Schande überhäufen wollteſt, indem Du den Typus der Dona Juana realiſirteſt . wie konnte San Privato, Deiner Racheplane gewiß, Dich in der großen Welt präſentiren?“ „Leidenſchaftlich von mir eingenommen . hatte er im Voraus ſtolz unſere Verbindung in der diplo⸗ matiſchen Welt, ſeiner gewöhnlichen Geſellſchaft, an⸗ gekündigt, indem er über die Maßen meine perſön⸗ lichen Vorzüge, weniger aus Ueberzeugung als Stolz, rühmte, ſozuſagen, um ſich zu enkſchuldigen, daß er eine ſo wenig vortheilhafte Parthie in Hinſicht des Ehrgeizes oder der Habgier mache! San Privato ſah ſich deßhalb moraliſch verpflichtet, mich in der großen Welt zu präſentiren; meine Zurückſetzung hätte andernfalls zu den ſeltſamſten Vermuthungen Anlaß gegeben und ſogar ſeine Carrière vernichten können.“ „Seine Cattière vernichten . . . wie das? „Im erſten Rauſch ſeiner Liebe hatte er mich ſeinen Freunden als einen Schatz von Schönheit, Anmuth, Geiſt geſchildert und hatte von mir daſſelbe Bild dem König ſeinem Herrn wie er ſagte, ent⸗ worfen, indem er ihm in übertriebener Unterwürſig⸗ keit, oder vielmehr aus Berechnung um ſeine Zu⸗ ſtimmung zu unſrer Heirath bat: in der That ant⸗ wortete der König von Neapel ſeinem diplomatiſchen Diener, daß, da er in mir ſo ſeltene Eigenſchaften vereinigt finde, er die Vermögensfrage opfern könne, obgleich er ſelbſt ohne Vermögen ſei . . Und dieſer Fürſt ſetzte meinem Manne eine ziemlich beträchtliche Gratification aus . . . Hätte San Privato nun am 128 Tage nach unſerer Hochzeit dieſen vorher ſo pomp⸗ haft angekündigten Schatz vor allen Leuten verborgen gehalten, ſo hätte das äußerſt ſeltſam erſcheinen müſſen; der König ſelbſt, von San Privato ſich du⸗ pirt glaubend, konnte ihm ſein Mißfallen bezeugen.“ „Allerdings .. „Endlich, ſo unglaublich das ſcheinen mag, war San Privatos Ehrgeiz ſo groß, daß er, trotz ſeiner Eiferſucht und ſeines Haſſes, in die ſich Anfälle von verzweifelter Leidenſchaft miſchten, auf meine erſten allerdings außerordentlichen Erfolge in der großen Welt ſtolz war.“ „Ich hörte davon ſprechen, Jeane!“ „Erblicke in meinen Worten auch nicht einen Schatten von Eitelkeit . . nein ich übe im Gegentheil die größte Demuth, indem ich von mei⸗ nen Erfolgen ſpreche, jetzt, da ſie in meinen Au⸗ gen der Gipfel der Entwürdigung ſind!“ „Du biſt unerbittlich gegen Dich . . Jeane.“ „Ich bin gerecht . . . und wenn Du wüßteſt, was mich dieſe Erfolge gekoſtet . . . Und zitternd unterbrach ſich Dona Juana einen Augenblick und fuhr dann fort: „Ich erzähle weiter. . . Jene großartige Ver⸗ ſtellungskunſt ließ San Privato äußerſt glücklich und ſtolz auf meinen Beſitz erſcheinen, indem er mitten in ſeiner Verzweiflung ſich an dem Neide ergötzte, den er erregte, denn er war viel beneidet. Er ver⸗ barg vor allen Augen unter einer Außenſeite voll Liebe zu mir und Selbſtvertrauen — und ich hatte keinen Grund diefen Schein Lügen zu ſtrafen — die Tiefe des Haſſes, der uns trennte. Endlich hat San * ——— ——— 129 Privato lange und ſchwer im Stillen wegen meines Leichtſinns gelitten, an den er aus menſchlichem Reſpect nicht glauben zu wollen ſich den Schein gab weil er ſich nie der Hartnäckigkeit ſeiner Leidenſchaft für mich entziehen konnte; bisweilen hoffte er, mir durch eine niedrige Toleranz, durch feige Reſignation doch noch Mitleid einzuflößen mit einem Worte, als er vor bald drei Jahren einwilligte, ſich von mir gütlich zu trennen, mußte ich aus der vornehmen Welt verbannt werden; und auch darin gehorchte mein Gatte weniger ſeinen eigenen Gefühlen, als dem Zwang der öffentlichen Meinung und der Autorität ſeines königlichen Herrn, der be⸗ fohlen hatte, daß er ſich von einer Frau trenne, die ihren Mann entehre . . .“ „Jeane,“ ſagte plöhlich Maurice mit bewegter Stimme, „unſer Wagen hält, um neue Pferde anzu⸗ ſpannen . . . Ganz in Deine Erzählung vertieft, habe ich nicht mal bemerkt, daß wir die Pferde in einer Stadt wechſeln . . . die nach dem großen Platze hier ziemlich bedeutend ſein muß . . . Ueberzeugt daß . Aber ſich in den Wagen zurückwerfend, nachdem er einen furchtſamen Blick durch das Fenſter des Schlages geworfen, murmelte Maurice vor Schrecken zitternd: „Gendarmen! .. . „Gendarmen! . . . nun! das gibt es ja in je⸗ der Stadt,“ verſetzt Jeane, ohne ſich dadurch beun⸗ ruhigen zu laſſen und wiſcht mit dem Taſchentuch die Feuchtigkeit des nächtlichen Dunſtes veh welcher Sue. Familienſöhne ₰ 130 das Fenſter des Schlages trübte, worauf ſie, hinaus⸗ blickend, hinzufügt: „Ja, da ſind zwei Gendarmen. Sie kommen aus dem Poſthauſe und ſcheinen gerade auf den Wagen zuzugehen.“ „Ich bin verloren! .. ſtottert Maurice, „mein Gott! . . . mein Gott! . . .“ „Beunruhige Dich nicht ſo ſehr ſchon zum Vor⸗ aus ..“ verſetzte Dona Juana gefaßt und fügte langſam und mit einem eigenthümlichen Accente hinzu: „Der gute Richard hat an Alles gedacht .. . und im Nothfalle haſt Du nicht dies kleine Fläſch⸗ chen, welches in dem Futter Deines Frackes verbor⸗ gen ſte woh c dieſes kleine Fläſchchen . . . aber. e Der Sohn der Familie konnte nicht antworten. Er ſchauerte: ſeine Zähne klapperten vor Schrecken. „Maurice!“ ruft Dona Juana, mit heftiger, be⸗ fehlender, drohender Stimme, und ſich in dem Kiſſen aufrichtend, ſucht ſie trotz der Dunkelheit, die in dem Wagen herrſcht, die Züge des jungen Mannes bei dem unbeſtimmten Lichte einer Laterne zu unterſchei⸗ den, bei deren Helle die Poſtleute den Wagen an⸗ ſpannen. „Maurice, Du ſcheinſt mir ſehr blaß .. O keine Schwäche .. ſollteſt Du Dich bis zur Feig⸗ heit erniedrigen! . . .“ „Höre . höre . . man ſpricht mit dem Die⸗ ner,“ murmelte Maurice. Und Jeane und er hören draußen die Stimme des Brigadiers der Gendarmerie, welcher zu dem 131 die raſche Anſpannung der Pferde betreibenden Die⸗ ner ſagt: „Nun, mein Junge, das iſt ein ſchlimmes Wet⸗ ter für eine Reiſe? . . . hm?“ „O ſprechen Sie mir nicht davon, Brigadier, es iſt eine Hundekälte; aber der Herr Marquis und die Frau Marquiſin haben die höchſte Eile, denn ſie möchten noch zur rechten Zeit nach Genf kommen, um der Frau Herzogin die Augen zu ſchließen . . . das iſt die Mutter der Frau Marquiſin nämlich.“ Und ſich mit außerordentlicher Geiſtesgegenwart an die Poſtleute wendend, fügt der verſchmitzte Die⸗ ner hinzu: „Vorwärts, Poſtillon! ſputet Euch . raſch... raſch!“ „Ja, mein Lieber, die Kerle da ſind ſchrecklich langſam,“ verſetzte der Brigadier der Gendarmerie, vollſtändig durch die Lüge des Domeſtiken dupirt und durch die wohlklingenden Namen Marquis, Mar⸗ quiſin und Herzogin ganz bezaubert. Und fügt dann hinzu: „Nun, mein Lieber, wir wollen hoffen, daß Ihre reſpektable Herrſchaft nicht zu ſpät nach Genf kommt, um eine Pflicht zu erfüllen . . . die nichts weniger „als luſtig iſt.“ Und der Gendarme fügt, eine Priſe nehmend, 6 als philoſophiſchen Troſt hinzu: „Was wollen Sie, mein Lieber, wir müſſen alle ſterben . . ſeien wir nun Herzoginnen .. . oder Hirten!“ „Das iſt eine traurige Wahrheit, was Sie da ſagen, Brigadier!“ verſetzt der Diener, indem er ſich 132 auf den hintern Sitz des Wagens ſchwingt — und dem Poſtillon zuruft: „Vorwärts . . . raſch!“ Der Wagen fährt mit Blitzesſchnelle davon, während der Brigadier, zur Seite tretend, vor dem Herrn Marquis und der Frau Marquiſin, welche der Frau Herzogin die Augen zu ſchließen gehen, die militäriſche Ehrenbezeugung abgibt. KVI. Maurice Dumirail ſagte, als der Wagen die Stadt verlaſſen und wieder auf der Landſtraße fuhr, zu Jeane mit halb erſtickter Stimme: . „Ich zittere noch vor Furcht, die mir die Ge⸗ genwart der Gendarmen eingeflößt . . . welch' ein Leben o! welch' ein Leben!“ „Dieſes Leben voll Angſt und Schrecken, welche ſich gegenſeitig ablöſen, hat erſt für Dich begonnen,“ antwortete Dona Juana empfindungslos. „Und noch mehr, — das Elend, das furchtbare Elend harrt Deiner . . . da Du nicht mehr von der Zuflucht, die Dir Dein Vater in der Vorausſicht Deines Ruines geſichert, Gebrauch machen kannſt... denn Du würdeſt dort bald erkannt und arretirt.“ „Deine Worte, Jeane, haben wenig Tröſtliches.“ „Glaubſt Du denn, daß es meine Abſicht ſei, Dich zu tröſten?“ „Was iſt denn Deine Abſicht? .. Haſt Du mir nicht geſagt: Wir gehören nunmehr zu ein⸗ ander.“ 133 „Ja, ich hoffe etwas von dieſer Verbindung des Laſters und des Verbrechens . . .“ „Und was hoffſt Du denn?“ „Ich hoffe, was die Verzweifelten hoffen 4 „Jeane, Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Für dieſes Räthſel wird Dir der Schluß mei⸗ ner Bekenntniſſe die Auflöſung geben . . . So höre denn ich vollende . . . San Privato ſtellte mir alſo in der ſogenannten diplomatiſchen Welt die Elite der beſten Geſellſchaft von Paris und Europa vor. Das erſte Mal, daß ich einen dieſer Salons betrat, war, wie ich mich wohl noch erinnere, bei einem großen Balle, den die engliſche Geſandtſchaft gab. Ich fühlte anfangs eine gewiſſe Furcht, einen Mangel an Selbſtvertrauen; was war ich? . ein armes Mädchen aus der Provinz, völlig unbekannt mit der ariſtokratiſchen Welt und ihren Gebräuchen Die beiden Flügel eines langen Ganges öff neten ſich vor mir; ich war geblendet; der Glanz der Lichter, die Pracht der Kleider, dieſe laue Tem⸗ peratur, getränkt von dem ſüßen Dufte der Blumen und Wohlgerüche, welche die Haare der Damen aus⸗ ſtrömten, die Harmonie des Orcheſters, verſetzten mich in eine Art Berauſchung, ich ſchöpfte aber daraus auch den Muth, den der Rauſch bisweilen verleiht . . . die Zukunft der Dona Juana hing von dieſem Debut ab; ich mußte entweder unbemerkt in dieſer glänzenden Fluth untergehen oder ſogleich die Aufmerkſamkeit auf mich ziehen, mit einem Sprunge eine Art Renommé gewinnen . . . mit einem Worte bei dieſer erſten Soirée was die große Welt in ihrem Jargon une femme à la mode nennt wer⸗ 134 den. Ich die Unbedeutende, die Unbekannte, die ich nichts Bemerkenswerthes hatte, als die außerordent⸗ liche Einfachheit meiner Toilette . . . meine große Jugend und einige Schönheit. Es gelang mir über Erwarten; ja noch am ſelben Abend . . . nach Ver⸗ fluß einer Stunde .. . ſprachen die umſchwärmteſten Damen den Namen Madame San Privato mit einem bittern Neide aus; die Männer, welche am meiſten bei den Damen in Gunſt ſtanden, ſprachen von mir mit einer Bewunderung, in die ſich galante Lüſtern⸗ heit und kecke Hoffnung miſchte, welche deutlich be⸗ wies, daß ich mich gleich anfangs als eine jener Frauen aufgeworfen, auf die man früher oder ſpäter ohne zu große Vermeſſenheit Anſprüche machen kann. Die anſtändigen Menſchen endlich mußten ſich mit gerechter Strenge . . . wenn nicht mit Verachtung über mich ausſprechen.“ „Durch welches Wunder iſt es Dir denn gelun⸗ gen, Jeane, Dich ſogleich bemerklich zu machen?...“ „Es wäre mir in der Seele zuwider, bei meinen Eroberungen als Dona Juana länger zu verweilen. Die Erinnerung daran flößt mir jetzt einen tiefen Ekel ein. Ich will Dir indeß mein erſtes Aben⸗ teuer erzählen, Maurice . . . Es wird Dir eine Idee von meiner Kühnheit geben . . . und danach magſt Du die übrigen beurtheilen . . . Kaum in den Salon der Geſandtſchaft getreten, hörte ich rings um mich mit einer gewiſſen ſervilen Betonung von Seiten der Männer und von Seiten der Frauen mit einer lebhaften Coquetterie ſagen: Der Prinz iſt angekommen . . . Offenbar mußte dieſer Prinz während des Abends die Zielſcheibe weiblicher 135 Verführungskünſte werden. Ich fragte meinen Gat⸗ ten, wer dieſe große Perſon denn ſei? Er antwor⸗ tete mir: der Sohn des Königs ... Ich ſchwur mir, daß, ehe eine Stunde verginge, der Sohn des Königs, den ich in meinem Leben nicht geſehen, in mich verliebt ſein, ſich laut meiner Liebe rühmen ſollte, da ich überzeugt war, daß ich mein Entrée in der großen Welt nicht glänzender machen könne.“ „Und dieſe Hoffnung?“ „Wurde noch übertroffen.“ „Wie Jeane . . . noch am ſelben Abend war der Prinz? ... 2 „War der Prinz . . . nach einer viertelſtündigen Unterhaltung mein Sklave.“ „Und er hatte Dich nie geſehen?“ „Nie.“ „Wie unwiderſtehlich iſt Deine Macht, Dona Juana?“ „Allerdings, Maurice . . . zur Schande der Männer iſt die Macht der Frechheit einer jungen und ſchönen Frau beinahe immer unwiderſtehlich für ſie . . . denn wenn ſie die Tugend aufſuchen, ſo ge⸗ ſchieht es nur, um über ſie zu triumphiren, um ſie zu entehren, zu beſchmutzen.“ „Der Prinz . . nun?“ „Ich war kaum in die Galerie der Geſandtſchaft getreten, als die Menge der Anweſenden zurücktritt und dei Prinzen einen Durchgang bietet .. er gab der Herzogin von Hauterive ſeinen Arm . . dieſe war damals ſeine Geliebte, wie ich rings um mich her leiſe ſagen hörte. Sie war noch ſehr ſchön, obgleich ſie ungefähr dreißig Jahre zählte . .. Ich 136 ſtand unter denen, an welchen der Prinz, ein ele⸗ ganter und hübſcher junger Mann, vorüber mußte unſere Blicke begegneten ſich zufällig . .. Ich ſah ihm keck, mit einem ſo herausfordernden Aus⸗ druck in's Geſicht, daß er erröthete. . . Des plötz⸗ lichen Eindruckes gewiß, den ich hervorgebracht, trat ich einen Schritt auf ihn zu, und nach einer tiefen Verbeugung wandte ich mich in ernſtem, von Ueber⸗ zeugung durchdrungenem und beinahe geheimnißvol⸗ lem Tone an ihn und ſagte: „Monſeigneur, ich weiß, wie ſehr der Schritt, den ich gegenüber von Eurer königlichen Hoheit wage, außerhalb der ge⸗ wöhnlichen Etikette, vielleicht der Schicklichkeit liegt; aber es handelt ſich für mich, und ich möchte hinzu⸗ zuſetzen wagen, für Sie . . . Monſeigneur, um ein ſo wichtiges Intereſſe, daß Eure königliche Hoheit, ſo hoffe ich, die Bitte, die ich an Sie zu richten habe, mit huldvoller Gnade aufnehmen werden. Ich ſprach dieſe Worte mitten in der allgemeinen Stille mit vollkommen ruhigem Tone. Groß war das Er⸗ ſtaunen, das dieſer unerhörte Vorgang hervorrief; noch nie war die Bitte um eine Audienz mitten in einem Feſte und auf ſolche Art geſtellt worden. Es waren hundert Chancen gegen eine, daß der Prinz mir, ohne zu antworten, den Rücken kehren werde; man fragte ſich leiſe um meinen Namen. Ein Adju⸗ tant, welcher ſich augenblicklich bei dem Geſandten nach mir erkundigte, flüſterte ſeinem Herrn in's Ohr, daß ich die Frau des erſten neapolitaniſchen Ge⸗ ſandtſchafts⸗Sekretärs ſei. Der Prinz fand immer größeres Gefallen an mir, wie ich an der unwillkür⸗ lichen Verzerrung der Züge der Herzogin von Hau⸗ 137 terive bemerken konnte. Von eiferſüchtigen Ahnun⸗ gen erfaßt, betrachtete ſie ihn mit unruhigem Blicke. Ich wäre außerordentlich glücklich, Madame, Ihnen angenehm ſein zu können, antwortete mir Seine kö⸗ nigliche Hoheit mit galantem Eifer. Bitte, um was handelt es ſich? Ich werde Eure königliche Hoheit zu bitten wagen, mir im Verlaufe des Abends einige Sekunden zu ſchenken. Glauben Sie jedoch, Mon⸗ ſeigneur, daß eine ſo außerordentliche Bitte mir nur durch das Gefühl einer gebieteriſchen Pflicht dictirt iſt, fügte ich in ernſtem und gerührtem Tone hinzu, indem ich dieſe Worte mit einer neuen und reſpekt⸗ vollen Verbeugung begleitete. Ich ſtehe zu ihren Dienſten Madame, ſagte der Prinz mit dem größten Erſtaunen, das die ganze Geſellſchaft theilte.“ „Dieſes Erſtaunen, Jeane, begreife ich; welche gebieteriſche Nothwendigkeit konnte Dir dieſe ſeltſame Bitte um eine Audienz dictiren?“ „Wie, Du ahnſt nicht?“ Rein „Du biſt ſehr naiv geblieben, Maurice .. . oder vielmehr, Du kennſt, und kannſt die Fruchtbarkeit der Phantaſie einer Dona Juana nicht kennen, die von der inſolentetſten Kühnheit unterſtützt wird, welche je die Stirne einer jungen Frau von ſieben⸗ zehn Jahren gehärtet! . . . Da der Prinz alſo ge⸗ ſagt, daß er zu meinen Dienſten ſtehe, trat ich noch einen Schritt näher, indem ich meinen Arm unmerk⸗ lich vorhielt, damit er mir den ſeinen biete „Er läßt, auf dieſe Weiſe gezwungen, den der Herzogin von Hauterive los. Sie wird purpurroth vor Zorn, ſchleudert mir einen wüthenden Blick zu; ich antworte * 138 darauf mit einem triumphirenden Blicke und einem ſpöttiſchen Lächeln. Ich hänge mich an den Arm des Prinzen, wir begeben uns in einen kleinen an⸗ ſtoßenden Salon, wo wir allein bleiben, da die Menge es nicht wagt, die Schwelle der Thüre zu überſchrei⸗ ten, die übrigens offen ſteht.“ „Aber noch einmal, Jeane, welche gebieteriſche Nothwendigkeit dictirte Dir dieſen Schritt?“ „Das iſt es, was mich auch der Prinz fragte, als wir uns in dem Salon allein befanden. Der Wunſch einer Unterhaltung mit mir, welchen Sie ge⸗ gen mich auszuſprechen mir die Ehre erwieſen, Ma⸗ dame, iſt Ihnen durch das Gefühl einer gebieteri⸗ ſchen Nothwendigkeit dictirt . . . Bitte, was haben Sie mir Beſonderes zu ſagen? — Ich habe Ih⸗ nen zu ſagen . . . Monſeigneur . . . daß ich Sie liebe Dieſe letztern Worte Jeanes machen auf Maurice einen ſolch' beſtürzenden Eindruck, daß er einen Au⸗ genblick ſchweigt und dann ſtottert: „Iſt es möglich .. Jeane Du Du . Du haſt es gewagt! . . .“ „Ich wagte, keck mit den Lippen zu ſagen . . . was ſo viele Frauen dem Prinzen mit ihren Blicken ſagten . . . mit ihren herausfordernden Coquetterien ſagten!“ „Ach! die Kühnheit der Dona Juana war wahr⸗ haft hölliſch.“ „Sprich nicht von Kühnheit . . . Ich warf mit größter Sicherheit die Würfel in dem ungleichen Spiele, in welchem die Frauen Pflicht, Ruf, Ehre, Ruhe „Zukunft, bisweilen ihr Leben einſetzen .. 139 während der Mann nichts wagt, als ſeine Eitelkeit und ſeine groben Begierden . . .“ „Du ſpielteſt ſicher, ſagſt Du, Jeane! . .. Hat⸗ teſt Du nicht im Gegentheile die Verachtung des Prinzen zu fürchten, indem Du Dich ihm ſo an den Hals warfſt?“ „O unſchuldiger Maurice! wie wenig kennſt Du den Egoismus, die Niedrigkeit, die Eitelkeit Deines Geſchlechtes. Verachtet je ein Mann eine ſchöne junge Frau aus der vornehmen Welt, wenn ſie ihm geſteht, daß ſie wahnſinnig in ihn verliebt ſei? Wenn ſie ihn von dieſer Liebe durch die Kühnheit des Ge⸗ ſtändniſſes, das ſie wagt, durch das Beiſeiteſetzen aller Zurückhaltung, aller Scham überzeugt? Nein, nein, derſelbe Menſch würde ſie mit Schmach und Verach⸗ tung ſtrafen, wenn ſie all' das für einen Andern, als ihn vergäße? .. Aber ſobald er der Gegen⸗ ſtand dieſer ehrvergeſſenen Geſtändniſſe iſt, erſcheint ihm die, welche ſie wagt, des zärtlichſten Intereſſes würdig, der triumphirende Sterbliche ſchwimmt im Rauſche der Eitelkeit, in den Freuden des Cgoismus je mehr ſich die Frau herabgibt, deſto höher dünkt er ſich in ſeinen Augen; je mehr ſie ſich um ſeinetwillen erniedrigt . . . deſto mehr glaubt er ſich der Anbetung würdig . . .“ „Ach! Jeane . . . Jeane . . . mit kaum drei⸗ undzwanzig Jahren . . . welch' troſtloſe Kenntniß des menſchlichen Herzens!“ „Die Schändlichkeiten des menſchlichen Herzens ſind mir um ſo bekannter, als ich ſie ſelbſt geübt.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Ja, Dona Juana hat ſich zum Don Juan ge⸗ *— macht, um mit der Verachtung, der Grauſamkeit, der gemeinen Sinnlichkeit und der Unbeſtändigkeit der Männer zu ringen . . . und aus dieſem Kampfe ging Dona Juana triumphirend hervor . . . Kom⸗ men wir jedoch zum Prinzen zurück. . . Zuerſt be⸗ ſtürzt, dann entzückt über mein Geſtändniß, geſtand er mir nun auch ſeinerſeits, daß mein erſter Blick ihn unruhig gemacht und alle ſeine Sinne in Ver⸗ wirrung gebracht; er fand mich, wie er ſagte, anbe⸗ tungswürdig ſchön und überdies erſchien ihm das Abenteuer vriginell; obgleich noch ſehr jung, war er doch ſchon ein wenig blaſirt, weniger durch die Leich⸗ tigkeit ſeiner Erfolge, als durch ihre Monotonie; ich erklärte ihm deßhalb, daß, obgleich erſt ſeit geſtern verheirathet, ich mich als Wittwe betrachte, da mir mein Mann zuwider ſei; dieſes kühne Tete⸗àtete, bei dem wir unſere Geſtändniſſe austauſchten, und das die erſtaunte und neugierige Menge zu Zu⸗ ſchauern hatte, die uns von Ferne beobachteten, brachte uns auf tauſend tolle Einfälle; ich war ſehr heiter an jenem Abend und vortrefflich aufgelegt. Ich wollte den Prinzen durch alle Sinne verführen und es gelang mir. Ich war bald zärtlich, bald lei⸗ denſchaftlich, bald pikant, bald ſchwungvoll und be⸗ geiſtert. Er ſchwur mir, daß ich der männlichſte, der reizendſte Dämon ſei, den der Teufel je einem galanten Manne an den Hals geworfen. Was na⸗ mentlich unſerer Lage einen eigenthümlichen Reiz verlieh, war, daß, je heiterer oder leidenſchaftliche bisweilen unſere Worte wurden, um ſo ernſthafter ſcheinbar unſere Phyſiognomie war, weil wir 5ie . Vermuthungen der Menge, die uns beobachtete, irre⸗ 141 führen mußten. Ich machte dem Prinzen bemerklich, daß, ſo viel Ueberwindung es mich auch koſte, unſere Unterhaltung doch nicht känger dauern könne; wir verabredeten auf den andern Tag ein Rendezvous. Ich wollte mich zuerſt meiner Autorität verſichern. Ich verlangte, daß er, ſobald er einen Contretanz mit mir getanzt, den Einzigen, den er dieſen Abend tanzen ſollte, augenblicklich das Geſandtſchaftshotel verlaſſe, ohne ein Wort mit der Herzogin von Hauterive gewechſelt zu haben . . . auf die ich ſehr eiferfüchtig zu ſein heuchelte. Der Prinz gewährte mir Alles, was ich verlangte. Ich habe ihn, ſagte er mir, behert. Wir verließen den Salon; er ſagte mir ganz laut, damit die Neugierigen es hören und um ſie über die Art unſerer Unterhaltung zu täu⸗ ſchen, indem er eine verliebte Anſpielung, die nur wir beide verſtanden, hineinmiſchte: „Seien Sie über⸗ zeugt, Madame, ich werde mich mit dem lebhafteſten Intereſſe für Ihre Bitte verwenden: die Dringlich⸗ keit iſt mir jetzt erklärlich, es wird nicht von mir ab⸗ hängen, daß alle Ihre Wünſche erfüllt werden. — „Sie überhäufen mich mit Gnade, Monſeigneur!“ ſagte ich, die Worte fehlen meiner Dankbarkeit, ich bin auf die banalen Worte beſchränkt, Monſeigneur, hre großmüthige Handlung wird in ſich ſelbſt iet nung fiüden . . In dieſem Augenblicke pr das Orcheſter einen Contretanz. Die Herzogin Hauterive ließ uns nicht aus den Augen, ſie näh ſich dem Prinzen, und kaum ihre eiferſüchtige Ver⸗ achtung verbergend, ſagte ſie mit etwas bewegter Stimme: Werden Eure königliche Hoheit einen Con⸗ tretanz tanzen? — Ja, Frau Herzogin . ich irte 1⁴2 werde die Ehre haben, mit Madame San Privato zu tanzen, antwortete der Prinz, indem er mich bei der Hand nahm und Frau von Hauterive blaß vor Beſtürzung und Zorn ſtehen ließ. Während ich mit dem Prinzen tanzte, hörte ich die Worte, die, auch an ſeine Ohren dringend, ſeine Eitelkeit entzückten: Wer iſt doch dieſe junge Frau, welche auf ſo ſelt⸗ ſame Art Seine Hoheit um Audienz bat und mit ihm tanzt . . . Sie iſt entzückend ſchön! . . .« Und ſich unterbrechend, fügte Jeane hinzu: „Muß ich Dir wiederholen, Maurice, daß wenn ich von den natürlichen Vorzügen ſpreche, mit denen ich begabt war, nicht die Eitelkeit mich leitet . . . denn ſchon lange habe ich dieſe Gäben verflucht, die mich ins Elend ſtürzten.“ „Ich täuſche mich nicht über Deine Gedanken, Jeane es macht ſogar einen ſeltſamen Eindruck auf mich. Wenn ich Dich ſo ſprechen höre, mitten in dieſer Dunkelheit, ohne daß ich Deine Augen ſehen kann . iſt es mir, als ob Deine Stimme nicht von dieſer Welt wäre . . . Fahre fort . . . ich bitte! Deine Erzählung flößt mir das lebhafteſte Intereſſe ein, obgleich ſie mir das Herz zerreißt.“ „Die ſchmeichelnden Worte, die rings um mich uin dem Prinzen ans Ohr drangen, mehrten den Stolz auf ſeine Eroberung und die kleinen Sor⸗ Len für mich, unſere leiſe Plauderei, unſer erſticktes chen, unſere lächelnden Blicke geheimen Einver⸗ ſtändniſſes machten uns zum allgemeinen Geſpräche, . um was ſich der Prinz jedoch eben ſo wenig zu küm⸗ mern ſchien, als ich. Als der Tanz beendigt war, ſagte er ganz leiſe zu mir: Ich werde mein Verſpre⸗ 143 chen halten . . . ich werde den Ball verlaſſen, ohne ein Wort an die Herzogin von Hauterive gerichtet zu haben, aber ich bitte Sie, verlaſſen Sie ihn eben⸗ falls ich möchte der Einzige geweſen ſein, der dieſen Abend mit Ihnen getanzt hat. Ich werde ſogleich mich von der Geſandtin verabſchieden. Wir werden uns in dem Vorzimmer wiederſehen . . . wo ich mich von Ihnen verabſchieden will. Der Wunſch des Prinzen ſtimmte vortrefflich zu meinen Abſich⸗ ten. Ich ſah die glänzende Geſellſchaft unter dem Eindruck eines Gefühles der Ueberraſchung und der Neugierde in Rückſicht auf mich . . . Man flüſterte ſich in die Ohren: Welch' eigenthümliche Frau, dieſe Madame San Privato, die vor einer Viertelſtunde Niemand kannte; ſie erobert auf den erſten Blick den Prinzen und entführt ihn dieſer ſchönen Herzogin von Hauterive. Meine Berechnung hatte ſich nicht getäuſcht! Mein Name war in Aller Munde, und als mein Mann mir ſeinen Arm anbot, um wieder in unſern Wagen zu ſteigen, ſagte er mir mit einem Ausdruck bittern Neides: Der Prinz iſt ſehr glück⸗ lich . ein glänzendes Debüt das für Dona Juana.“ „Es wird noch mehr halten, als es verſpricht, antwor⸗ tete ich San Privatv. Und es ſollte unglücklicher Weiſe auch ſo ſein . . . Jetzt, Maurice . . . icht mein Bekenntniß ſein Ende .. Ich habe mich in weitläufige Details bezüglich meines erſten Aben⸗ teuers eingelaſſen, trotz des Ekels, den mir die Er⸗ innerung daran einflößte, weil von dieſem Abende mein Renommé als Frau in der Mode⸗ datirt . So ſind Dir meine Erfolge in der großen Welt er⸗ klärt; zu dieſen Erfolgen hat die Herzogin von Hau⸗ 144 terive mehr als irgend Jemand beigetragen, indem ſie in allen Salons von Paris wiederholte, daß ich der Teufel in Perſon ſein müſſe, da ich in einer Viertelſtunde den Prinzen bezaubert und daher kam es, daß Jedermann das lebhafteſte Verlangen hegte, ebenfalls bezaubert zu werden . 4 „Und liebteſt Du den Prinzen?“ „Ich gewann raſch auf ihn einen großen Ein⸗ fluß, der meinem Stolz anfangs ſchmeichelte; denn trotz der Keckheit meines Geſtändniſſes konnte der Prinz mir doch eine gewiſſe Achtung nicht verſagen; ſeinesgleichen finden ſelten eine unintereſſirte Liebe, ohne einen Hintergedanken von Favoritismus; ich habe ihn deßhalb nie um die geringſte Gnade für irgend Jemand gebeten; da er jedoch durch mich wußte, daß mein Mann kein anderes Vermögen habe, als ſeine Secretärsbeſoldung, und daß ich aus Ach⸗ tung vor mir meine perſönlichen Bedürfniſſe ſelbſt mit meinem beſcheidenen Vermögen beſtritt, ſo hatte der Prinz eines Tages den tollen und empörenden Gedanken, mir, ich weiß nicht wie viele Stücke reicher Stoffe und einen prachtvollen Perlenſchmuck zu ſen⸗ den. Ich ſchickte ihm dieſe empörenden Geſchenke zurück und legte ein folgendermaßen lautendes Billet hinzut % glaubte, Ihnen geſagt zu haben, mein Herr, daß es meiner Anſicht nach eine Unwürdigkeit ſei, das Geringſte von einem Manne anzunehmen, den man täuſcht. Dieſe Unwürdigkeit wäre in meinen Augen noch ſchlimmer, wenn eine Frau das geringſte Geſchenk von einem Geliebten annähme, dem ſie treu⸗ los war, iſt oder nothwendigerweiſe einmal ſein muß. 14⁵5 Dies der Grund, mein Herr, weßhalb ich mich beeile, Ihnen Ihre impertinenten Geſchenke zurückzuſenden. „Das war ein empfindlicher Streich mur⸗ melte Maurice, von Scham gebeugt bei dem Gedan⸗ ken, daß er in letzter Zeit von den Geſchenken von Madame Thibaut gelebt, und fügte, um dieſem Ge⸗ danken zu entgehen, hinzu: „Ehe der i jedoch Dich in Deiner . Würde verletzte liebteſt Du ihn damals? Ich habe ihn geſehen: er war jung, ſchön, elegant, und wäre er auch nicht Prinz geweſen, ſeine äußern Vorzüge hätten das Auge auf ihn gelenkt ... „Ich habe nur Dich geliebt, Maurice!“ Ac Jene ene „Ich habe nur Pich geliebt, age ich Dir, in der reinen und edlen Bedeutung dieſes göttlichen Wortes Was mich zu Grunde richtete, war, daß ich mir in den Kopf ſetzte, dieſes Gefühl durch ein un⸗ auffindbares Jdeal erſetzen zu wollen; jeder meiner Schritte zur Auffindung dieſes Ideals bedeckte mich mit einer neuen Schande ..5 „Was empfandeſt Du für den Prinzen?“ „Mein Stolz fühlte ſich anfangs geſchmeichelt, einen der Mächtigen der Erde zu meinen Füßen zu ſehen. Ich fand Vergnügen daran, ihn ſeine Scla⸗ verei grauſam fühlen zu laſſen; bisweilen gereizt durch den Druck empörte ſich ſein Stolz und er ver⸗ gaß ſich ſo weit, daß er mich daran erinnerte, er ſei doch von königlichem Blute. Ich erinnerte ihn an die Gleichheit der Menſchen, indem ich ihn auf einen niedrigen Rivalen eiferſüchtig machte, deſſen Glück er verzweiflungsvoll beneidete.“ Sue, die Familienſöhne. V. 10 — 146 „Aber ſein Leben war ja auf ſolche Weiſe eine Hölle.“ „Eine Hölle! . . . er ſagte mir oft voll Wuth und Schmerz: . . . „Sie ſind mein böſer Engel ... Verflucht ſei der Tag, an dem ich Sie kennen lernte . . Dann führte ich ihn wieder mit einem Lächeln zu meinen Füßen zurück . er war noch glückli⸗ cher, denn zuvor, um bald neuen Qualen zu ver⸗ fallen.“ „Und was führte das Ende Deiner Verbindung mit ihm herbei? ...5 „Der Prinz ſeufzte immer daſſelbe Lied . über meine grauſamen Launen; er langweilte mich .. ich glaubte deßhalb bei einem Dichter das Ideal zu finden, das ich ſuchte . . . Dieſer Poet war eines der größten Genies der Menſchheit . . . es war ein Fremder, man nannte ihn den Byron Deutſchlands.“ „Ich erinnere mich wirklich von Deiner Liebe zu dieſem berühmten Mann ſprechen gehört zu haben er war einer der glänzenden Sterne ſeines Vaterlandes.“ „Meiner Liebe . . . meiner Liebe .. „Welch bittre Ironie in Deinem Tone . wie, Jeane! . . . Dieſer große Poet fand nicht Gnade in Deinen Augen?“ „Auch diesmal entſchwand mir das Ideal, das ich geträumt . . . mein Herz blieb leer und kalt, was alſo thun? Ich unterhielt mich damit, meinen Einfluß zu verſuchen . . . die poetiſche Flamme die⸗ ſes Dichters auszulöſchen oder anzufachen, wie ich es eben wünſchte . . . und um meinen Launen zu fröhnen, vergaß er die Kunſt . . . die bisher der . 147 Cultus ſeines ganzen Lebens geweſen! Vergeblich erwarteten Deutſchland, Europa, die Welt mit Un⸗ geduld ein neues Gedicht von dem Verfaſſer ſo vie⸗ ler bewundernswerthen Werke! . . . Er blieb ſtumm .. Ich habe, ſagte er, ſeine Muſe, die auf eine nicht ihr geltende Verehrung eiferſüchtig ſei, ver⸗ ſcheucht . Dieſer berühmte Mann vergötterte mich und ſah ſich doch nicht geliebt. . . Sein großer Geiſt verdunkelte ſich in dem Kummer. Dieſe Miſchung von Haß und Anbetung, die er für mich empfand, inſpirirte ihn zu einer Dichtung, die vielleicht ſein größtes Werk iſt . . es war ein Schrei von Ver⸗ wünſchungen und Anathemen gegen michs. . er⸗ habene Worte, mit den Thränen ſeiner Augen, mit der Galle ſeiner Seele, mit dem Blute ſeines Her⸗ zens geſchrieben . . . Dieſes Gedicht, das ungeheu⸗ res Aufſehen machte, ſtellte den Dichter zu den Un⸗ ſterblichen, noch über die Höhe, von der ihn ſeine unglückliche Liebe zu mir hatte herunterſteigen machen Ich ließ ihn in ſeinem Olympe . der Er⸗ folge . . . der Qualen ſich freuen, die ich ihm be⸗ reitet! Ich konnte nicht hoffen, ihn in dieſer Art beſſer zu begeiſtern; ich jagte deßhalb mit einem Eifer dem Ideale nach, das die Leere meiner Seele ausfüllen ſollte. . . eine Leere, die immer tiefer und ſchwärzer zu werden drohte . . . Ein junger und be⸗ rühmter Oberſt kam mit afrikaniſchen Lorbeeren be⸗ deckt, von der Armee zurück . ..“ „War dieſer tapfere Krieger . . . glücklicher als der Prinz und der Dichter? . liebte ihn Dona Juana? realiſirte er ihr Ideal?“ „Nicht mehr als die andern, ja, da ich bei jeder neuen Täuſchung meine Abneigung für diejenigen ſich mehren fühlte, die Schuld daran geweſen .. „ . . So ließeſt Du dieſen Helden furchtbar „Ja VAber nie hat ein Lamm ſeine Marter kräglicher geblödt, als dieſer Löwe der Schlachten! Ich erwartete, indem ich ſeine Eiferſucht reizte, jurchtdares Gebrüll, das dem Zerfleiſchen vorangehen würde . . Ich hoffte, in Ermangelung anderer Em⸗ pfindungen, die Heldin homeriſcher Zweikämpfe zu werden . Eitle Hoffnung! . . . mein Held fürch⸗ tete ſich . . . nicht vor ſeinen Rivalen, ſondern vor mir „ er kehrte nach Afrika zurück und ließ ſich dort tödten.“ „Wie der jammervolle Schmerz dieſes Löwen der Schlachten, wie Du ihn nennſt, Jeane rührte Dich nicht?“ „Nein . dieſer Schmerz bewies mir, wie groß meine Macht ſei . . . an dieſer Macht zweifelte ich ſchon lange nicht mehr, ich begann bereits mich an meiner Allmacht zu blaſiren.“ „Aber weßhalb immer Deine Macht anweikt um o viele Qualen zu verurſachen, ſtatt auf die, welche ſie umgeben, einen glücklichen/ heilſamen Ein⸗ fluß auszuüben?“ „Ach, weil ich damals den glücklichen Menſchen außerordentlich gewöhnlich banal und thöricht fand! Das Leiden bot im Gegentheil meinen Augen immer wechſelvolle Erſcheinungen voll Größe und Pvoeſie. Die Verzweiflung ſchien mir etwas Erhabenes in ſich zu tragen „. aus ſolch' abſcheulichen Sophis⸗ 149 men entſprang die Schändlichkeit meines Geiſtes, die furchtbare Entartung meines Herzens.“ „Welch überlegte Grauſamkeit von Deiner Seite! Jeane ich kann kaum daran glauben.“ „Ich rühme mich nicht . . . wirklich nicht! . auch ließ die Strafe nicht lange auf ſich warten; ich habe Dir bereits geſagt, ich begann mich an der Ausübung meines unheilbringenden Einfluſſes und an der Verzweiflung, deren Urſache ich war, abzu⸗ ſtumpfen; auch der Schmerz verlor in meinen Augen ſeine Poeſie, ſeine blendende Anziehungskraft; der Mann erſchien mir ebenſo gewöhnlich, ebenſo dumm, ebenſo häßlich in ſeinen Thränen, als in ſeiner Freude . Ein Sturm zog ſich über meinem Haupte zuſammen. Meine trügeriſchen oder unerbittlichen Coquetterieen, meine Treuloſigkeiten oder die höh⸗ niſche Behandlung meiner zahlreichen Anbeter, meine Indolenz, meine Spöttereien gegen meine Rivalinnen und, daß ich es ſage, der Scandal meiner Abenteuer denn, obgleich die Dunkelheit meine Schamröthe verbirgt . ich würde es nicht wagen, Maurice, Dir zu ſagen .. bis wohin mich dies fieberhafte, glühende Jagen nach dem Phantome riß, das ſich bei jeder Enttäuſchung weiter von mir zu entfernen ſchien. Endlich kam der Tag, wo die Pforten der Welt ſich vor mir ſchließen ſollten, das war nur ge⸗ recht . Ich mußte eine empörende Erſcheinung für die ehrbaren Frauen oder diejenigen ſein, die den Schein davon die Herzogin von Hauterive hatte mir meine Verbindung mit dem Prinzen nicht vergeben; ſie übernahm meine Execution: eines Abends im Salon der engliſchen Geſandtſchaft, dem⸗ 150 ſelben, wo ich in die Welt eingetreten, erhebt ſich die Herzogin von Hauterive in einem Kreiſe von fünfzig Perſonen, und ſich in einer Weiſe an mich wendend, daß ſie von allen gehört werden konnte, ſagte ſie zu mir: „Es iſt endlich Zeit, Madame, Ihnen laut zu ſagen, was Jedermann leiſe denkt . und ich über⸗ nehme Ihre Execution, indem ich Ihnen erkläre, Madame, daß Ihre Gegenwart die Salons entehrt, wo man die unglaubliche Nachſicht hatte, Sie ſo lange zu dulden.“ „Ach, arme Jeane, dieſe niederſchmetternden .. Worte, welche öffentlich gegen Dich geſchleudert wur⸗ den, mußten Dich vernichten?“ „Nein, Dona Juana hob ſtolz ihr Haupt und auf die Reife des Alters der Herzogin anſpielend, antwortete ich lächelnd: „Es überraſcht mich durchaus nicht, Madame, daß man Ihnen die Hinrichtung übertragen, da dieſes zarte Handwerk gewöhnlich ehemaligen Verbrechern, die mit dem Alter . . die Reue kommen fühlen, überträgt!“ „Der Sarcasmus iſt furchtbar .. und was ſagte das Auditorium?“ „Das Auditorium übertönte meine Antwort mit beleidigendem Gemurmel; von allen den vielen Män⸗ nern, welche am Tage vorher noch zu meinen Füßen gelegen, war Richard dOtremont der Einzige, der den Muth hatte, nicht mich zu vertheidigen, das konnte er nicht . . . ſondern die Feigheit der Män⸗ ner mit Verachtung zu ſtrafen: er bot mir den Arm, um den Salon zu verlaſſen.“ „Dieſe Ausweiſung aus einer Welt, wo Du un⸗ umſchränkt geherrſcht, mußte Dich tief verletzen?“ 15¹ „Sehr tief. . . ich begann jetzt erſt zu fühlen, wie tief ich geſunken war; um jene Zeit trennte ich mich von meinem Manne, ich ging nach Florenz, der Stadt der ungebundenen Freude. Dort überließ ich mich ganz dem Leichtſinne .. . aber ich fühlte bereits die erſten Anfälle jener moraliſchen Krank⸗ heit, deren Beute ich ſeit mehr als ſechs Monaten bin; und heute hat ſie ihren höchſten Grad erreicht.“ „Was willſt Du ſagen ... Jeane . welche Krankheit?“ „Eine furchtbare . furchtbare Krankheit, Mau⸗ rice! Denke Dir eine Art von moraliſcher Auszeh⸗ rung . . . abſoluter Empfindungsloſigkeit, eine Folge des Mißbrauchs der Gemüthsaufregungen, und eine vollſtändige Erſchöpfung der Gefühle . . . Was ſoll ich ſagen? .. Denke Dir die Ohnmacht in der Löſung des Zaubers: die Ueberſättigung von Allem und Allen . . . welche bis zum höchſten Ekel an Andern und einem unüberwindlichen Abſcheu vor ſich ſelbſt gelangt!“ „Ach! Jeane . dieſe Worte der Ton Deiner Stimme . . . machen mich ſchauern! . . .“ „Du ſollſt auch ſchauern, Maurice . . . denn es iſt etwas Monſtröſes, daß eine Frau von kaum drei⸗ undzwanzig Jahren . . . auf ſolche Weiſe moraliſch zu Grunde geht . . . aber das mußte das Ende der Dona Juana ſein .. . ſie alle, die das Unglück hatten, in ihren Kreis gezogen zu werden, hat ſie gequält, gemartert . . ſie rächte ſich an Dir . . . an ihrem Gatten, an Frau von Hansfeld. Dona Juana ſog Genuß aus ihrer Grauſamkeit, ſie triumphirte in ihrem Stolze. Sie hat von den glänzendſten Höhen 152 der Geſellſchaft bis zu den dunkelſten Abgründen dem unauffindbaren Ideal nachgejagt . . unauf⸗ findbar, weil die namenloſen Träume der Phan⸗ taſie der Dona Juana ſich nicht realiſiren konnten! . ſie erſchöpfte ſich bei dieſem grauſamen, ſinn⸗ loſen Nachjagen ... ſie hat Seele und Körper dabei abgeſtumpft und verdorben; ſie verlor Ehre, Achtung und Reſpect vor ſich ſelbſt; ſie verlor ihr ſittliches Leben. Ja jetzt, da Dona Juana zu Dir ſpricht, Maurice .iſt ſie für jedes Gefühl, jeden Wunſch, jeden Troſt jede Hoffnung abgeſtorben! Deßhalb, Maurice, bin ich zu Dir gekommen. Ich hatte das Vorgefühl, beinahe die Gewißheit, daß auch Du für jeden Troſt, jede Hoffnung todt ſein müſſeſt weil im Böſen wie im Guten unſere Seelen Schweſtern ſind weil wir beide unſchuldig, rein aus unſern Bergen hervorgegangen, unſer Unſchulds⸗ gewand an den Gebüſchen des Weges zerriſſen, Fetzen um Fetzen! und wir jetzt am Ziele unſerer Wande⸗ rung beide in Schmach verſunken ſind, ich mit Schmutz, „Ach! Jeane „ dieſe Schande . dieſen Schmutz. dieſes Blut . . . wie ſie abwaſchen?“ „Das läßt ſich nicht mehr vertilgen, Maurice, nein, nicht mehr vertilgen! .. . unſer Leben würde nicht hinreichen, um dieſen Schmutz abzuwaſchen ... und dann bin ich auch müde . . . müde; ich fühle nicht mehr den Muth zur Sühne, noch den Willen, die Vergangenheit wieder gut zu machen.“ „Aber, was dann thun . . . Jeane?“ In dem Augenblick, als Maurice dieſe Worte ſprach, hielt der Wagen abermals, um friſche Pferde ———— ——— 153 vorzuſpannen. Diesmal jedoch nicht in einer Stadt, ſondern in einem unbedeutenden Flecken. Die Beſorgniſſe des Flüchtigen, welche durch die Erzählungen Jeanes in den Hintergrund getreten waren, bemächtigten ſich ſeiner wieder, aber diesmal im höchſten Grade, als er nämlich bei dem Scheine der Wagenlaternen mehrere Gendarmenpferde an dem Eingang des Poſthauſes angebunden ſah: zwei bis drei dieſer Reiter, in ihre langen Mäntel ge⸗ hüllt, gingen auf und ab, als hätten ſie auf den Augenblick gewartet, einen Befehl zur Ausführung zu bringen. Und wirklich, kaum hatten die Poſtillons angehalten, als Jeane einen der Gendarmen, nach⸗ dem er ſich mit ſeinen Kameraden berathen, ſich nähern und an das Fenſter des Schlages pochen ſah. „Diesmal . . bin ich verloren!“ ſtotterte Mau⸗ rice, indem er ſich mechaniſch in den Fond des Wagens zurückwarf, „man will mich arretiren . . . es iſt aus mit mir!“ „Hülle Dich in Deinen Mantel und thue, als ob Du ſchliefeſt . . . ich werde antworten,“ verſetzte Jeane, deren Geiſtesgegenwart ſich nicht verleugnete. Und das Fenſter des Schlages herablaſſend, an den ſie ſich ſo legte, daß das Innere des Wagens nicht zu unterſcheiden war, ſagte die junge Frau zu dem Unteroffizier, den einer ſeiner Kameraden mit einer Stocklaterne begleitete: „Was wollen Sie, mein Herr?“ „Ahl das iſt eine Dame! . . .“ ſagte der Un⸗ teroffizier. 15⁴ Und ſich an den Soldaten wendend, fügte er hinzu: „Leuchte mir mal . . .5 Der Soldat hob die Stocklaterne in die Höhe, welche ihren vollen Schein auf das reizende Geſicht Jeanes warf. Der Unteroffizier fand ſie ſo ſchön, daß er mechaniſch den militäriſchen Gruß abgab und ſagte dann mit dem höflichſten Tone: „Madame, Ihren Paß, wenn's gefällig?“ „Wie, meinen Paß?“ verſetzte Madame San Pri⸗ vato mit dem Stolz und dem Tone einer entrüſteten vornehmen Dame: „habe ich einen Paß? Für wen halten Sie mich?“ „Entſchuldigen Sie, Madame . . aber wir ha⸗ ben Befehle und . . .“ „Frau Marquiſin . . . der Poſtmeiſter verſichert, daß wir vor morgen Abend in Genf ſein können,“ meldete der Diener, der, die Verlegenheit Jeanes ahnend, ihr Unterſtützung brachte. „Soll ich dennoch den Brief auf die Poſt geben, den die Frau Mar⸗ quiſin an die Frau Herzogin gerichtet?“ „Es iſt unnöthig weil ich zur gleichen Zeit mit meinem Briefe ankommen würde . . . Treiben Sie die Poſtillons an,“ antwortete Jeane dem klu⸗ gen Diener. Dann ſich an den Unteroffizier wendend, der durch die Titel Marquiſin und Herzogin wie ſein College auf der letzten Station geblendet war, fügte Madame San Privato hinzu: . „Warten Sie noch auf meinen Paß?“ „Ja, Madame .. „Ich habe Ihnen geſagt, daß ich keinen be⸗ ſite 155 „Aber, Madame . unſere Ordres .. . „Aber, mein Herr . . . ich erfahre heute, daß meine Mutter in Genf ſo gefährlich krank iſt, daß ihr Zuſtand die größten Beſorgniſſe einflößt; ich habe nur ſo viel Zeit, um nach Poſtpferden zu ſchicken, mich in meinen Wagen zu werfen, und Sie glauben, daß ich mitten in meiner Angſt noch daran gedacht, mich mit einem Paſſe zu verſehen? . . Bin ich in meinem Leben je um einen Paß befragt worden? Sie täuſchen ſich, mein Herr . . . Entſchuldi⸗ gen Sie, die Nacht iſt ſehr kalt. Und Jeane nahm, indem ſie das Fenſter des Schlages wieder aufgezogen, ihren Platz im Fond des Wagens wieder ein. Der Unteroffizier, dem die Worte und die vor⸗ nehme Haltung Jeanes imponirt hatten, und der au⸗ ßerdem der ſehr wahrſcheinlichen Auseinanderſetzung bezüglich ihres Paßmangels Glauben ſchenkte, endlich auch wegen der Kälte es nicht wagte, ſich noch ein⸗ mal den Schlag öffnen zu laſſen, ſagte zu dem Die⸗ ner, der die Anſpannung überwachte und betrieb: „Wie heißt denn Ihre Herrſchaft, damit ich es in mein Notizbuch ſchreiben kann?“ „Die Frau Marquiſin von Bellevue . welche nach Genf geht, um die Frau Herzogin von Sircourt, ihre Mutter, zu beſuchen,“ verſetzte der Diener, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen, während der Gendarme ſchrieb. Dann fügte er hinzu: „Woher kommt es denn, Herr Offizier (er abſichtlich dem Gendarmen), . 156 kommt es denn, daß Sie Perſonen den Päſſen fragen, welche mit Extrapoſt reiſen . .. das iſt ja unerhört . . Herr Offizier!“ „Ich will Ihnen ſagen, mein Lieber,“ verſette der Unteroffizier, indem er ſein Notizbuch wieder ein⸗ ſteckte, „der Telegraph hat gegen Abend uns Briga⸗ diers einen großen Verbrecher ſignaliſirt . . . einen Mörder, einen Fälſcher obendrein, der dieſen Mor⸗ gen ſeinen Streich ausgeführt und die Berge des zu erreichen ſuchen könnte, wo er geboren iſt der Räuber.“ „ch ſage nicht nein, Herr Offizier . . . Aber was geht das die Extrapoſtreiſenden an, wie die Frau Marquiſin, die ſich zur Frau Herzogin be⸗ gibt?“ „Es wurde uns Ordre gegeben, wegen des gro⸗ ßen Verbrechers alle Reiſenden ohne Unterſchied nach ihren Papieren zu fragen, und da die Frau Marqui⸗ ſin ein Reiſender iſt. „Eine Reiſende, der Offizier . „Das iſt wahr. en chuldig- t Win erwarten den Eilwagen, der in einer halben Stunde ſpäteſtens hier durchkommen muß . . . wohl möglich, daß wir dort unſeren großen Verbrecher herausfiſchen. Ich habe um ſo mehr Recht, zu ſagen, er ſei groß dieſer Verbrecher, als ſein Signalement fünf Fuß acht Zoll Schulterbreite angibt.“ „Nun, viel Glück, Herr Offizier . unſere Pferde ſind angeſpannt . . . Vorwärts, Poſtillon,“ ſagte der Diener, indem er ſich auf ſeinen Sitz ſchwang, während der Wagen raſch davon fuhr und die Gen⸗ darmen ſtehen ließ. 157 Keines der Worte des Unteroffiziers war der ver⸗ zehrenden Angſt Mauricens entgangen. Kein Zwei⸗ fel, die Juſtiz verfolgte ihn und man hegte die Ver⸗ muthung, er werde eine Zuflucht in den Bergen des Jura ſuchen .. XVII. Maurice hatte die Worte des Gendarmen mit wachſender Angſt gehört, und als der Wagen ſich wieder in Bewegung ſetzte, ſagte er zu Jeane: „Wir müſſen eine andere Route einſchlagen.“ „Weßhalb?“ „Haſt Du die Gendarmen nicht gehört? Die Polizei vermuthet, daß ich in den Bergen des Jura eine Zuflucht ſuche. Es wäre unſinnig, uns zu Dei⸗ nem Vater zu begeben, man würde mich ſicher dort arretiren . unſer einziger Ausweg iſt, Genf zu erreichen zu ſuchen ℳ „Und wen wir in Genf ſind, was dort be⸗ ginnen?“ — *3 „Von Genf gehen wir ins Innere der Schweiz wo es uns leicht wird, den Verfolgungen zu entgehen.“ „Gut . . wir entgehen den Verfolgungen .. . was wird dann aus uns?“ „Was weiß ich? . . . Das wird ſich ſpäter fin⸗ „Jetzt, nicht ſpäter, Maurice, müſſen wir über⸗ legen, unſere Entſchlüſſe erwägen . . . Wir haben alſo, will ich annehmen, die Schweiz erreicht .. 158 Du biſt vor den Nachforſchungen der Juſtiz geſichert auf welche Unterſtützung zählſt Du . . . um zu leben . . . Du haſt, ſo viel ich weiß, kein Geld mit⸗ genommen?“ „Nein.“ „Wenn unſere Reiſekoſten bezahlt ſind, mit Ein⸗ ſchluß eines angemeſſenen Geſchenkes für den Diener des Herrn d'Otremont, ſo bleiben mir drei bis vier Louisd'ors . .. Iſt dieſe letzte Hilfsquelle erſchöpft, wovon ſollen wir dann leben? .. . Du antworteſt mir nicht?“ „Was kann ich antworten?“ „Sage mir, Maurice, als Du mich zu Dir kom⸗ men ſahſt . . . um Deine Flucht zu begünſtigen, Dich zu begleiten, was dachteſt Du? welche Abſich⸗ ten haſt Du mir beigelegt? . . . Welche Art von Intereſſe glaubteſt Du, daß ich für Dich hege?“ „Das Intereſſe . . . das Dir ohne Zweifel der Freund Deiner erſten Jugend . . . der, welcher Dein Bräutigam war, einflößte.“ „Es liegt etwas Wahres in dieſen Worten .. . ja, Du wirſt immer für mich der Freund meiner er⸗ ſten Jugend ſein, der, den ich als edel, zart und ſtolz kannte. Was Du auch ſeit jener Zeit ge⸗ than haben magſt, Maurice, nichts kann etwas daran ändern, daß Du der edle Jüngling geweſen, den ich kannte . aber . . . ich habe Dir bereits geſagt, ich komme zu Dir . . . wie der Henker zum Verur⸗ theilten.“ „Ich verſtand und verſtehe noch nicht, was Du mit dieſen ſeltſamen Worten ſagen willſt, Jeane.“ „Ich werde mich deutlicher erklären. Indeß noch 159 ein Wort . indem ich Dir ſo eben rückhaltslos mein Herz öffnete, indem ich Dir meinen Seelenzu⸗ ſtand darlegte, hatte ich nur einen Zweck: Dir das Beiſpiel eines abſoluten Vertrauens zu geben.“ „Was ſoll ich Dir noch ſagen? . .. Warſt Du nicht Zeuge einer ebenſo gemeinen, als furchtbaren Scene . . . die ſo zu ſagen die Verworfenheit mei⸗ nes gegenwärtigen Lebens in ſich zuſammenfaßt?“ „Ja aber ich kenne den Zuſtand Deiner Seele nicht, Maurice, ich weiß nicht, wie Du die Zukunft anſiehſt.“ „Sie iſt ſo furchtbar . . . daß ich, weit entfernt, ihr ins Auge zu ſehen, die Augen ſchließe.“ „Es iſt deßhalb meine Pflicht, ſie Dir zu öffnen Du biſt ein Fälſcher geweſen . . . ein Mör⸗ der „Wider meinen Willen . . . die Leidenſchaftlich⸗ keit meines Charakters riß mich fort . . .“ „Ich gebe das zu . . ebenſo wie, daß die Fäl⸗ ſchung, die Du begangen, eine Art Repreſſalie war Wie dem auch ſei, wenn man Dich arretirt und wenn Du feige genug biſt, Deine Arretirung zu überleben . . wie ich bisweilen fürchte . . .“ eäne „. . So wirſt Du auf die Bank der Fälſcher und Mörder geſchleppt.“ „Unglücklicher, der ich bin! . . .“ „ . . Die Schmach Deines Lebens wird ans Tageslicht gebracht . . . alle, welche Du zu der Zeit kannteſt, wo du noch ein Verſchwender warſt, werden erfahren, daß Du in einem gemeinen Streit mit dem Sohne der Frau, auf deren Koſten Du lebteſt . .. 160 dieſen Unglücklichen ermordet . . . Du wirſt auf dem Verbrecherbänkchen ſitzen . . . den neugierigen und verächtlichen Blicken der Menge ausgeſetzt . . . und erkennſt vielleicht unter dieſen Zeugen Deiner Schande einige Deiner ehemaligen Glückskameraden.“ „Mein Gott . . das iſt ja furchtbar!“ „Zähle auf Niemandens Mitleid .. Du wirſt nur Ekel und Widerwillen einflößen . . Dein Ver⸗ brechen wird nicht mal die Gewalt einer Leidenſchaft, wie die Eiferſucht oder Rache zur Entſchuldigung ha⸗ ben! . .. Nein, Du ſtandeſt im Solde einer häßli⸗ chen alten Frau. . . Ihr Sohn warf Dir vor, daß Du ſeine Mutter ruinirteſt und Du haſt dieſen Un⸗ glücklichen mit einem Fußtritt getödtet . .. Dein Mord iſt nicht mal furchtbar, er iſt gemein er empört nicht . . er ekelt an.“ „Ach! . . . Du biſt ohne Mitleid! . . .“ „Ich thue meine Pflicht, Maurice, indem ich Dir die Wirklichkeit zeige, von der Du den Blick mit ſtrafbarer Schwäche wendeſt . . . Höre mich: Dein Mord wird ohne Zweifel in den Augen Deiner Rich⸗ ter von mildernden Umſtänden, wie man es nennt, begleitet ſein . . . Du wirſt ſicher dem Schaffot ent⸗ gehen . . vielleicht dem Bagno, aber Du wirſt ganz gewiß zu langjährigem Zuchthauſe verurtheilt.“ „Leider weiß ich das.“ „Dann, Maurice, beginnt für Dich eine neue Phaſe Deines Daſeins .. neben welchem Deine Vergangenheit beinahe . . ein Zuſtand der Unſchuld ſein wird .. „Jeane, dieſer Spott iſt grauſam .. „Ich wiederhole, daß in dem Augenblick, wo Du —— 161 das Gefängniß betrittſt, Deine Vergangenheit im Ver⸗ gleiche mit der Zukunft, wie ſie ſich nothwendiger und unglücklicher Weiſe bei Dir geſtalten muß, ein Zuſtand der Unſchuld geweſen ſein wird. Die ver⸗ nichtende Scham vor den Zuhörern, Deine düſtere Verzweiflung, wenn Du Deinen Urtheilsſpruch hörſt, werden zwar beweiſen, daß noch nicht aller menſch⸗ liche Reſpect in Dir erloſchen; iſt jedoch Deine Ver⸗ urtheilung mal ausgeſprochen, ſo wird die Stunde kommen, wo man Dich mit dem Auswurf der Geſell⸗ ſchaft einſperrt, wo Du auf immer von ihr mit Bann belegt und durch einen Abgrund der Schande von ihr getrennt biſt; von dieſem Tage an wirſt Du die Geſellſchaft mit Deinem Haſſe verfolgen, Dich gegen ſie in offene Empörung ſetzen, Du wirſt Dich nur nach dem Augenblicke ſehnen, wo Du frei wirſt, um durch neue Verbrechen Deine verdiente Züchtigung zu rächen . . . Inzwiſchen werden Deine phyſiſche 3 5 Kraft, Deine Einſicht, die Heftigkeit Deines Charak⸗ ters . Deine K Kenntniß von der Welt, ſelbſt Deine Erziehung Dir eine furchtbare Herrſ ſchaft über Deine Gefängnißgenoſſen ſichern . . . Sie werden Dich in der Practik und den Raffinements ihres Handwerks unterrichten . . . Bis dahin, zufälliger Fälſcher und Mörder, wirſt Du Dich in der Wiſſenſchaft des Ver⸗ brechens vervollkommnen, Du wirſt einer jener furcht⸗ baren Verbrecher werden, der Schrecken der Geſell⸗ ſchaft, welche ſie verfolgt und wie gegen wilde Thiere Treibjagen gegen ie anſtellt . eane eane erſchreckſt mich.“ Und wenn Du nach Verlauf von zehn bis zwölf Jahren aus dem Gefängniß kommſt, in der Sue, die Familienſohne. V. 11 162 ganzen Kraft Deines Mannesalters und durch das Feuer der Hölle, in der Du gelebt, zum Böſen ge⸗ härtet . . . ſo wirſt Du vor keiner Schandthat mehr zurückbeben . früher oder ſpäter durch den Arm der Gerechtigkeit wieder ergriffen, von Neuem ins Gefängniß geworfen, wirſt Du es nicht mehr ver⸗ laſſen, es ſei denn, um das Schaffot zu beſteigen..“ „Was Du da ſagſt . . . Jeane . iſt furcht⸗ bar nein, nein, ich werde nie ein ſolcher Ver⸗ brecher werden!“ „Maurice, wenn man Dir vor fünf Jahren .. Deine gegenwärtige Verworfenheit prophezeit . . . was hätteſt Du da geantwortet?“ „Iſt etwa der Abſtand, welchen Du durchlaufen, um an den Punkt zu gelangen, wo Du jetzt biſt .. unermeßbar . „ gegenüber von dem, welcher Dich von Dieben und gehärteten Mördern trennt?“ „Ich geſtehe, ju „ „Frage Dich mit der unerbittlichen Strenge eines Richters blicke in die Tiefe Deiner Seele . . und Du wirſt erkennen, daß nach Verfluß einer zehn⸗ oder zwölfjährigen Gefangenſchaft Du ein zu Allem fähiger Menſch ſein wirſt.“ „Ich fürchte es,“ antwortete Maurice nach lan⸗ gem Schweigen ſinnend. „Ich fürchte es . . . denn geſtern . . als ich den Unglücklichen hindern wollte, Mörder zu rufen, weiß ich nicht, welch furchtbarer Schwindel meine Vernunft verdunkelte . . ich habe ihn getödtet, ohne es zu wollen . . einige Momente ſpäter . . . wäre ich, glaube ich, bewußter Mörder „ 163 geweſen . .. Ach! Du ſprichſt wahr . . . ich bin vielleicht beſtimmt, ein großer Verbrecher zu werden!“ „Dies iſt alſo eine Seite der Zukunft, im Falle Du arretirt wirſt . . . und das wird geſchehen, wenn Du in Frankreich bleibſt.“ „Ich will deßhalb auch in ein fremdes Land zu kommen ſuchen.“ „Gut, Du kömmſt in die Schweiz, von allen Mitteln entblößt, aber Du biſt ſtark, klug, Du haſt in Deiner erſten Jugend die Landwirthſchaft getrie⸗ ben . fühlſt Du die Energie in Dir, dieſes Ge⸗ ſchäft in der untergeordnetſten Stellung wieder auf⸗ zunehmen, um auf ehrliche Weiſe Dein Brod zu ver⸗ dienen? . . . wenn es ſein muß, die Stelle eines Pflugknechts auf einem Pachthof anzunehmen?...“ „Vielleicht . wenn mich die Noth zum Aeußer⸗ ſten treibt . . . „Antworte mit ebenſo viel Offenheit, als ich bei meinem Bekenntniſſe an den Tag gelegt . . . Mau⸗ rice ſei nicht zurückhaltender, als ich es war ... bedenke wohl . . . Du, der Du an den Müſſiggang, an den Luxus, an die Ueppigkeiten des Pariſer Lebens gewöhnt biſt . . . wirſt Du die Kraft in Dir fühlen, die Sterze eines Pfluges zu ergreifen . . . Dich an die Entbehrungen, die Arbeiten, die Einſamkeit des Landlebens zu gewöhnen?“ „Jeane, meine Offenheit ſoll der Deinen gleich kommen,“ antwortete Maurice nach einer neuen Pauſe. „Ich fühle es in dieſem Augenblicke . . . und ich geſtehe es mit Schrecken ein, alle edlen Springfedern meiner Seele ſind gebrochen . . . Die Gewohnheit der Trägheit hat mich entnervt; es ſcheint mir un⸗ 164 * möglich, auf ein gewiſſes Wohlleben zu verzichten . ich wäre unfähig, mich jetzt zu den rauhen Arbeiten des Landbauers oder jedes andern Gewerbes herab⸗ zugeben. Die Furcht vor der Noth würde mich viel⸗ leicht einen Tag lang dazu bringen . . . aber mein Muth, mein Wille würden bald wieder zuſammen⸗ brechen .. „Gut, Maurice . . . gut .. . ich vermag Dir nicht die Befriedigung auszudrücken, die mir Deine Worte gewähren!“ „Wie . ein ſo ſchmähliches Bekenntniß kann Dich befriedigen?“ „Ja, weil es ein großer Schritt zum Beſſern iſt, wenn man ſich kennt . . . höre mich an . . . Du könnteſt Dich alſo, wie Du ſagſt, nicht zu har⸗ ten Arbeiten entſchließen? Es gäbe ein anderes Mit⸗ tel, Deine Zukunft im fremden Lande zu ſichern.“ „Wie?“ „Vorgeſtern ſagte mir Richard d'Otremont: „Meine ewige Dankbarkeit gegen Charles Delmare legt mir Fflichten auf . . . Ich kenne die beinahe väterliche Liebe, welche er für Maurice beſaß .. Ich kenne das Intereſſe, das Ihr Vetter Ihnen noch einflößt. Wenn nun, um Maurice dem Schlamme zu entziehen, in den er immer tiefer ſinkt, und um die Mittel zu ſchaffen, ihm eine ehrenhafte Stel⸗ lung zu bereiten, eine ziemlich beträchtliche Summe nöthig wäre . . . ſo dürften Sie ſich, Jeane, nur an mich wenden . . .“ „d'Otremont hat Dir dieſen Vorſchlag gemacht?“ rief Maurice mit einem unwillkürlich lüſternen Tone. „Ja,“ antwortete Jeane mit ſtrengem Accente, 165 „dieſes Anerbieten hat er wirklich gemacht und es iſt ihm ernſt damit . . . wie mit allen Anerbietun⸗ gen eines ehrenhaften Mannes.“ „So ſind wir ja gerettet!“ „Erkläre Dich, Maurice.“ „Wenn es uns gelingt, Genf zu erreichen .. ſo ſchreibſt Du ſogleich an dOtremont.“ „Um ihn um die fragliche Summe zu bitten?“ „Allerdings.“ „Maurice. . . Du haſt ſo eben eine lobenswerthe Offenheit an den Tag gelegt . . . Der erſte Schritt zu beſſeren Gedanken .. Wirſt Du den Muth haben, noch weiter offen zu ſein? . . .“ „Worin?“ „Du entgehſt den Verfolgungen, wir kommen nach Genf, ich ſchreibe an Richard, ich garantire ihm, daß Du feſt entſchloſſen, Dich zum Beſſern zu kehren. . Gelegenheit dazu findeſt, daß man Dir anbietet, in ein Handelshaus in einer Schweizer Stadt zu treten. . . unter der Bedingung, daß Du eine Summe von zwanzig oder dreißig Tauſend Fran⸗ ken einlegteſt, wollen wir annehmen . . . Richard ſetzt Vertrauen in mein Wort ... und in das Deine er ſchickt mir die Summe . . . ich gebe ſie Dir welchen Gebrauch wirſt Du von der Summe machen? . . „Einen ehrenhaften Gebrauch ... und ich . . .“ „Sei ehrlich!“ . „Ich verſichere Dich . . . daß . . .“ „Sei ehrlich frage Dich diesmal mit der unerbittlichen Strenge eines Richters . . und ant⸗ 166 worte welchen Gebrauch wirſt Du von dieſer Summe machen?“ Maurice wird nachdenklich und verſetzt mit dum⸗ pfer Stimme: „Jeane .. wahrhaftig. . . ich bin ein elender Menſch . . . Vollende „Ich würde mich durch lügneriſche Verſprechun⸗ gen verbinden, einen ehrenhaften Gebrauch von dem Anerbieten d'Otremonts zu machen . . . und trotz meines Verſprechens würde ich augenblicklich in eine Stadt gehen, wo geſpielt wird, in der Hoffnung, die Summe zu verdoppeln, wenn ich ſie nicht, ohne das Schickſal zu prüfen, bis auf den letzten Sou vergeude Ich bin bis auf das Mark der Beine vom Brand angefreſſen . . . Ich habe nie mehr als jetzt das Bewußtſein meiner Verworfenheit gehabt!“ „Muth... Maurice ... Muth,“ verſetzte Jeane, deren bis dahin kalter und harter Ton milder und weicher wird, „wie weiß ich Dir Dank für Deine Offenheit . . .“ „Sie mehrt nicht Deine Verachtung gegen mich?“ „Weit entfernt! . . . ich fühle mein Vertrauen zu Dir wachſen; nein, nein, Du wirſt meine letzte Hoffnung nicht täuſchen. . . Ach! wie ich mir Glück wünſche, Dir durch mein Geſtändniß das Beiſpiel unerbittlicher Offenheit gegeben zu haben. Geſtehe wenn ich Dich nicht in alle Geheimniſſe meiner Entwürdigung eingeweiht, Du hätteſt mir Dein Herz nicht auf ſo rückhaltsloſe Weiſe geöffnet?“ „Es iſt wahr Dieſes Geſpräch hat einen — dings .. 167 immer größeren und eigenthümlichen Einfluß auf mich, von dem ich mir kaum Rechenſchaft geben kann.“ „Iſt dieſer Einfluß gut oder ſchlimm, Maurice?“ „Ich weiß noch nicht, denn er erſcheint mir un⸗ erklärlich . . . So malt mir Deine ſtarre Vernunft die Zukunft mit den furchtbarſten, wahrſten Farben und doch ...5 „Vollende . . .“ „Wie ſoll ich Dir dieſen Eindruck ſchildern? Ich fühle eine Art Erleichterung . . . obgleich mir die Zukunft immer drohender erſcheint! . . .“ „Das heißt, nicht obgleich, ſondern weil Dir die Zukunft immer drohender erſcheint . . fühlſt Du eine Art Erleichterung, mein guter Maurice.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Es iſt wieder ein großer Schritt zum Beſſern, die Unmöglichkeiten, die uns Feſſeln anlegen, zu er⸗ kennen: und ſobald man entſchloſſen iſt, ſich nicht gegen ſie zu ſtemmen, fühlt man eine gewiſſe Erleich⸗ terung „Jeane, Deiner Anſicht nach wäre alſo die Zu⸗ kunft für mich eine Unmöglichkeit?“ „Ich will Dich mit zwei Worten davon über⸗ zeugen, indem ich Dir Deine Lage auseinanderſetze: im Falle einer Verhaftung geſtehſt Du ſelbſt .. werden Dich zehn Jahre Gefängniß zu einem unver⸗ beſſerlichen Verbrecher machen? . . .“ „Nach meinem Wiſſen und Gewiſſen .. . und es iſt furchtbar, es zu ſagen ... ich glaube aller⸗ „Wenn es Dir gelingt, in ein fremdes Land zu kommen, fühlſt Du Dich unfähig, Dich zu Arbeiten 168 herabzugeben, die Dich vor dem Mangel des Elends ſchützen könnten? . . .“ „Ja . ich habe alle Willenskraft verloren .. außer der zum Böſen . . .“ „Wenn Richard d'Otremont Dir zu Hilfe käme, indem er Dir eine Summe Geldes anvertraute, die Dir im Verein mit Deiner Arbeit eine ehrenhafte Exiſtenz ſicherte . . . würdeſt Du dieſe Summe ver⸗ ſpielen oder vergeuden?“ „Ich geſtehe, ich könnte der Verſuchung nicht widerſtehen ich kenne meine Schwäche.“ „Wenn Du alſo, den Verfolgungen der Juſtiz entgehend, Dich in die Fremde flüchteteſt, würdeſt Du Dich unfähig fühlen, Dir auf ehrliche Weiſe die Mittel zu verſchaffen, um ehrlich zu leben?“ Ja.“ „In ſolchem Falle würdeſt Du nothwendig auf ſchimpflichen oder verbrecheriſchen Wegen die Rittel ſuchen . . . und früher oder ſpäter würde man Dich im Auslande, wie in Frankreich, ins Gefängniß wer⸗ fen und im Gefängniſſe würdeſt Du ein großer Ver⸗ brecher .. Du kannſt aus dieſem eiſernen Ringe, in welchen Dich das Schickſal einſchließt, nicht heraus, mein armer Maurice . . .“ „Es iſt nur zu wahr .. . nach welcher Seite ich mich wende, grinſen mich die Geſpenſter des Elends und des Verbrechens an.“ „Du biſt zu verdorben, zu entnervt, um energiſch gegen das Elend anzukämpfen . . . aber Du biſt noch nicht ſo tief geſunken, um wiſſentlich ein verſtockter Verbrecher zu werden . . . ich ſagte Dir deßhalb auch, Maurice .. Du ſelbſt würdeſt die Unmöglichkeit 169 anerkennen, Dich zu einer ſolchen Zukunft zu ent⸗ ſchließen ... weil in der Tiefe Deines Herzens noch einige gute Gefühle ruhen, die Erinnerungen an Deine urſprünglichen Tugenden, Du, den ich ſo rein, ſo edel kannte . . .“ „Ob dieſe guten Gefühle eingeſchlummert waren und durch Deine Stimme wieder geweckt wur⸗ den, Jeane? . . ich weiß es nicht . . . aber ich fühle mich immer weniger niedergeſchlagen . . . ich ſehe der verzweifelten Lage, in der ich mich befinde, mit feſterem Blicke ins Auge . . . Ich finde wieder einigen Muth, während ich mich vor zwei Stunden noch ſo ſchmählich feig gezeigt . . . und meine Feig⸗ heit, Jeane, Du haſt ſie erkannt . . .“ „Wann das?“ „Als ich mich arretirt zu ſehen erwartend, vor dem Gedanken, der Schande durch den Selbſtmord zu entgehen, zurückſchauerte, zu dem mir das Gift hätte dienen können, das ich hier habe.“ „Ja, ich bemerkte Deine Schwachheit, aber jetzt möchte ich ſchwören, Du würdeſt nicht mehr ſchwach ſein, ſprich, Maurice.“ „Nein, ich ſchwöre es bei Gott! man ſoll mich nicht lebendig bekommen . . . und ſelbſt wenn die Zukunft mir auch ferner ſo furchtbar erſchiene, wie in dieſem Augenblick . . . würde ich. „Du willſt Dich von dieſer graufamen Furcht befreien?“ „Ja . . . denn wie Du, Jeane, ſage ich . . ich bin müde. müde dieſer Bef .die⸗ ſer Schrecken, un⸗ gerechter Simmel ſie begin⸗ nen erſt.“ 170 „Ach, Maurice!“ verſetzte Jeane mit geſteigertem Ausdruck, „das iſt die Urſache der Erleichterung, über die Du ſoeben erſtaunteſt! Ja, obgleich Dir die Zukunft bis ins Unglaubliche unerträglich ſchien, fühlteſt Du Dir doch die Macht gegeben, Dich durch den Selbſtmord den Umklammerungen des unver⸗ meidlichen Schickſals zu entziehen . . . es kann Dei⸗ nen Körper feſſeln! . . aber nicht Deine Seele und wenn Du ſie von ihren irdiſchen Ketten befreiſt . . . ſo ſteigt ſie, auf ſeine unendliche Gnade vertrauend, zu Gott empor!“ „Das wäre alſo das einzige Mittel . .. aus die⸗ ſem Engpaß zu entkommen . . . der Selbſtmord, Jeane mit ſechsundzwanzig Jahren . . . der Selbſtmord! . . .“ „Was haſt Du zu bedauern?“ „Nichts.“ „Was läſſeſt Du hinter Dir? . .. die Schande das Elend das Gefängniß das Schaffot . „Du ſprichſt wahr,“ antwortete Maurice nach langer Pauſe. „Seltſame Wendung, an der ohne Zweifel Dein Einfluß Schuld iſt . . . und wenn ich an den Tod denke, fühle ich mich erleichtert, ich fühle mich beſſer geworden, ich habe gewiſſermaßen eine dunkle Erinnerung an die Zeiten, wo ich noch rechtſchaffen, gut und glücklich in meiner Unſchuld war! Kurz, ſollteſt Du es glauben .. Jeane? Ich fühle eine Art bittern Troſtes, wenn ich da⸗ ran denke, daß mein freiwilliger Mord wenigſtens eine Art Sühne des Böſen ſein wird, das ich 17¹ begangen . . eine ungenügende Sühne, aber die einzige, deren ich fähig bin.“ „Ach! Maurice, die Urſache davon iſt, daß es wenige Menſchen gibt, die ſo ſtark gehärtet wären, daß die lebendige Kraft ihrer Seele lange der corro⸗ ſiven Macht des Laſters widerſtehen könnte .. Man muß, wenn man auch Verbrecher iſt, eine große Seelenkraft, einen großen Muth bewahrt haben, um die Vergangenheit durch Leiden und Opfer zu ſühnen und ſich durch Arbeit und tugendhaften Lebens⸗ wandel wieder zu Ehren zu bringen. Bewundern wir dieſe, aber geſtehen wir auch unſre Unfähigkeit ein, ſie nachzuahmen . . . Das Geſchöpf, das weiß und bereut, daß es auf Erden ein Gegenſtand des Aergerniſſes und der Verachtung, ſeine Mitmenſchen von ſeiner Gegenwart befreit und freiwillig zu Gott zurückkehrt . . . indem es auf ſeine Gnade zählt. .. ein ſolches Geſchöpf, Maurice, thut, wenn auch nicht das, was es ſoll, doch wenigſtens was es kann ... Man muß ſeinen guten Willen anerkennen ...5 „Du billigſt alſo, Jeane, meinen Entſchluß?...“ „Ach! Maurice, mein Freund, mein Bruder...“ rief die junge Frau, zum erſten Male ſeit dem Be⸗ ginne des Geſprächs eine tiefe Rührung vertathend, „meine Ahnungen iuſcten mich nicht!“ „Was höre ich! Der Ton Deiner Stimme iſt milder . beinahe heiter,“ ſagte Maurice erſtaunt. „Ich glaube die Stimme der Jeane aus jenen Zeiten der Unſchuld und des Glückes wieder zu hören, als wir verlobt waren!“ „Weil Du für mich die theuren Hoffnungen jener Zeiten realiſirſt. .. mein vrieljhte Maurice.“ 172 „Ich begreife Dich nicht.“ „Sage mir, Freund, als Du mir einſt, wie Du Dich erinnern wirſt, anboteſt, Deinen Thron von roſenfarbiger Luzerne und Deine Krone von Klee zu theilen . . . als wir endlich verlobt waren .. was war meine theuerſte, meine ſüßeſte Hoffnung? .. . meine Tage bei Dir zuzubringen und Gott zu bitten, das Eine das Andere nicht überleben zu laſſen!...“ „Leider! Jeane . . . hing es nur von uns ... namentlich nur von mir ab, dieſen goldenen Traum zu realiſiren . . .“ „Kein Bedauern, Maurice, keine Reue mehr, mein Bräutigam! . . . wir werden unſere Tage zu⸗ ſammen endigen! . .. „Jeane, was bedeutet das? . . .“ „Wir werden uns nicht überleben, mein Viel⸗ geliebter. . . denn wenn Du morgen freiwillig dieſe Erde verläſſeſt ſo wirſt Du nicht allein ſcheiden.“ „Großer Gott, was ſagſt Du?“ „Die Wahrheit, Maurice.“ „Doch nein . . . ich täuſche mich . . .“ „Du täuſcheſt Dich nicht.“ „Wie Du wollteſt? . „Wie Du, Maurice, habe ich eine häßliche Ver⸗ gangenheit zu ſühnen . . . wie Du, habe ich mich einer furchtbaren Zukunft zu entziehen; aber wie Du habe ich weder den Muth, noch den Willen, mir durch die Tugend wieder zu Ehren zu verhelfen .. . Ich habe der Welt nur mein Leben als Sühne zu bieten. ich biete es ihr.“ „Jeane das iſt unmöglich .. . Du ... 173 Du ſo jung, ſo ſchön . . . ſterben . . . freiwil⸗ lig ſterben . . . nein, nein!“ „Um dieſen Plan zur Ausführung zu bringen, bin ich von Florenz nach Paris gekommen.“ „Wie! um zu ſterben?“ „Mit Dir zu ſterben, Maurice . . .“ „Mein Gott . bin ich denn das Spielzeug eines Traumes?“ „Ich ſah Deinen Ruin und ſeine natürliche Folge, die beinahe gewiſſe Verdorbenheit voraus . . . aber ich hoffte auch, daß nicht jedes edle Gefühl in Dir erſtickt werde . . . Wenn Du jedoch meine Hoff⸗ nung getäuſcht . . . ſo hätte ich mich allein zu mei⸗ nem Vater begeben . . . hätte ihn umarmt . . . und es wäre aus mit mir gew denn es war und iſt mein feſter Entſch em Orte zu ſter⸗ ben, der Zeuge unfrer Li und unſrer glück⸗ lichen Jugend war . . .“ „Nein, nein . . . ich kön als glauben.. .“ „Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich müde ſei.. . müde eines leider zweckloſen Daſeins . . . habe ich Dir nicht geſagt, daß ich moraliſch bereits todt ſei? für wen würde ich alſo auf dieſer verwünſchten Erde leben, furchtbar getäuſcht, wie ich bin, und mich und Andere verachtend? . . .“ „Aber Dein Vater . . . Dein Vater? . . . Du liebſt ihn ſo zärtlich . . und der Tod?“ „Beruhige Dich! Mein Tod wird ihn von den grauſamen Sorgen befreien, die ihm meine Zu⸗ kunft einflößte.“ „Welchen Sorgen?“ „Mein Vater würde, wenn ich ihn überlebte, * 2 17⁴ einen von bangen Sorgen und Gewiſſensbiſſen er⸗ ſchwerten Todeskampf haben; er weiß, daß mir nichts von meinem Heirathsgut bleibt; die beſcheidene Pen⸗ ſion, von der er lebt, erliſcht mit ihm; er würde mich, noch jung und ſchön, allen Gefahren des Elen⸗ des preisgeben ſehen, während bisher all'mein Leicht⸗ ſinn von Verkäuflichkeit wenigſtens ſich rein erhalten WMein Vater müßte in ſeiner letzten Stunde mit Recht befürchten, daß ich, dem Mangel ins Auge ſchauend, eines Tages ſchimpflichen Verſuchungen erliegen würde. Noch einmal, Maurice, beruhige Dich . . . ich kenne meinen Vater . . . er wird mich lieber todt wiſſen, als der Gefahr ausgeſetzt, noch tiefer zu fallen, als bisher; ſeine Geſundheit wird von Tag zu Tag ſchrieb er mir kürzlich .. er wird uns nich berleben!“ armer Märtyrer der „Schickſal, Vorſehung oder Zufall, ſagte er mir oft: das Verbrechen zieht immer ſeine Strafe hinter ſich drein . ich werde vielleicht meinen Mord und Chebruch noch grauſamer ſühnen müſſen!“ „Es gibt allerdings ſeltſame Schickſalsſchlüſſe .. . Jeane . .. Du und ich ſind ein Beiſpiel davon . . . auch wir . ſühnen die Vergangenheit.“ „Aber nur erſcheint mir dieſe mit Dir getheilte Sühne ſüß, Maurice . . . So höre denn meinen Plan Wir wollen Jeane und Maurice ihre abenteuer⸗ liche Reiſe nach Nantua fortſetzen laſſen und führen den Leſer nach der Einſiedelei von Charles Delmare. 175 XVII. Die folgende Scene begibt ſich am Abend nach dem Tage, an welchem Jeane Maurice ihre Selbſt⸗ mordplane mitgetheilt. Ein dichter, durch das Frieren gehärteter Schnee bedeckte ſeit zwei Monaten den Boden, denn die Wohnung Delmares, in der Nähe des Morillon, lag, im Vergleich mit der Ebene, ſehr hoch und auf jener Höhe ſchneite es, während es auf dem platten Lande regnete. Nichts hat ſich an dem einſamen Wohnplatze von Jeanes Vater verändert, als daß die Rabatten des Gärtchens vollſtändig unter dem Schnee verſchwun⸗ den ſind, der auch das Strohdach bedeckt, an wel⸗ chem lange Stalaktiten herabhängen, die durch den von der Sonne geſchmolzenen Schnee gebildet werden, der ſich in Eiszapfen verwandelt. Die Nacht iſt angebrochen. Genevieve, welche neben dem Kamine ſitzt, dreht ihr Rädchen; auf der andern Seite des Kamines ſitzt Charles Delmare. In fünf Jahren, obgleich er jetzt kaum das fünfzigſte Jahr erreicht, hat er das greiſenhafte Ausſehen eines Sechzigers bekommen. Seine Haare, ſein Bart, die er lang und ungepflegt herabhängen läßt, ſind vollſtändig weiß geworden. Er ſcheint nur noch ſein Schatten. Seine Bläſſe, ſeine furchtbare Magerkeit, die tiefen Runzeln, mit denen ſeine große, kahl gewordene Stirne durchfurcht iſt, deuten auf eine langſame Abnahme ſeiner Kräfte, 176 an der das unaufhörliche Wühlen ſeines tiefen Kummers ſchuld iſt, außerdem ſcheint er ungemein ſchwach zu ſein, denn wenn er den Platz in dem Fauteuil ändern will, in welchem er ausgeſtreckt ruht, kann er ein leichtes Seufzen nicht unterdrücken, das ihm ſein ſchwacher Verſuch abringt. Man ſieht auf einem kleinen neben ihm ſtehenden Tiſche mehrere Pakete ſorgfältig aufeinander gelegter Briefe liegen. Dieſe Briefe ſind ihm von Jeane geſchrieben worden. Er durchläuft einige derſelben und ordnet dieſe Corre⸗ ſpondenz nach dem Datum; ſeine Stirne iſt herab⸗ gebeugt und ruht auf einer ſeiner Hände, welche ſo knochig und mager ſind, daß ſie beinahe durchſichtig geworden. Genevieve hat weit weniger unter dem Druck der Jahre gelitten, als ihr Alter; ſie ſcheint noch flink: von Zeit zu Zeit unterbricht ſie die eintönige und abgemeſſene Bewegung ihres Rades, um einen Blick zärtlicher Theilnahme auf Delmare zu werfen, der ganz in die Claſſification der Briefe ſeiner Toch⸗ ter vertieft iſt; dann erſtickt die Amme einen Seufzer und fährt zu ſpinnen fort. Nachdem er vergeblich verſucht, ſeiner Tochter von der Verbindung mit San Privato abzureden und ſie dadurch vor den traurigen Folgen dieſer Heirath zu ſchützen, hatte Delmare, der nur zu gut den Charakter und das Naturell Jeanes kannte, um einen Augenblick an der künftigen Schmach zu zwei⸗ feln, am Tage vor ihrer Verbindung mit San Pri⸗ vato eine letzte Unterredung mit ihr, eine herzzer⸗ reißende Unterredung, bei der dieſer unglückliche Vater, der eine Art Intuition beſaß, die er ebenſo * 177 ſehr ſeiner langen Welterfahrung, als ſeiner Zärt⸗ lichkeit für ſeine Tochter verdankte, das Unglück vor⸗ ausſagte, von dem ſie bedroht war, und da er die vollſtändige Unmöglichkeit einſah, jenes zu beſchwören, zog er ſich in ſeine Einſamkeit zurück, verließ ſie nie wieder und lebte dort von aller Weit abgeſchieden. Ein einziges Mal kam Herr Dumirail, kurze Zeit vor ſeinem Tode, durch den heftigen Kummer gedrängt, den ihm der Verluſt ſeiner Frau und die ſchlechte Aufführung von Maurice bereitete, ein ein⸗ ziges Mal, ſagen wir, kam Herr Dumirail, um Delmare in ſeiner Einſamkeit zu beſuchen und ihn von der Beſtimmung zu unterrichten, die er ſeiner Domäne auf dem Morillon gegeben, indem er hin⸗ zufügte, daß ohne den traurigen Umſtand, der nähere Beziehungen zwiſchen ihnen unmöglich mache, er es von ihm als eine Gunſt erbeten haben würde, ihre alte Freundſchaft zu erneuern, worin er den Troſt ſeiner letzten Tage gefunden hätte; er erkenne leider zu ſpät die Klugheit und den Scharfblick des Rathes an, den ihm Delmare einſt gegeben. Dieſer blieb, mit Ausnahme des einzigen Beſuches des Herrn Dumirail, welcher ſeine blutenden Wunden wieder aufriß, vollſtändig iſolirt auf ſeiner Einſiedelei, un⸗ terhielt einige Zeit eine Correſpondenz mit Herrn d'Otremont, um von ihm einige Details über die junge Madame San Privato zu erfahren (Richard kannte die Bande nicht, die ſeinen alten Freund an Jeane knüpften) und dOtremont zögerte nicht, dieſem mitzutheilen, daß man ihr in der Welt, in der ſie durch ihre Anmuth, ihren Geiſt und ihre Schönheit herrſchte, den Namen Dona Juana gab. Sue, die Familienſöhne. v. 12 178 Delmare, welcher raſch einſah, daß ſeine Befürch⸗ tungen in Beziehung auf den Leichtſinn ſeiner Toch⸗ ter ſich realiſirten, gab ſich von da ab dumpfer Ver⸗ zweiflung hin, welche überdies durch ſeine Unmacht, die Uebel, die er vorausgeſehen, zu beſchwören, eine grauſame Unmacht, welche aus ſeiner ehebrecheriſchen Stellung hervorging, vermehrt wurde .. Er be⸗ ſaß kein legales Recht über ſeine Tochter, und die Härte des Charakters dieſer war außerdem der Art, daß die moraliſche Autorität ihres Vaters an den Entſchlüſſen, die ſie faßte und mit einer unglaub⸗ lichen Hartnäckigkeit ausführte, ſtranden mußte. Ob⸗ gleich ſie den tödtlichen Kummer kannte, mit dem ſie ſein Herz zerriß, bewahrte Jeane doch für ihn eine verhältnißmäßige Zärtlichkeit; dieſes Gefühl ver⸗ mehrte ſich ſogar in gleichem Grade, als die junge Frau die Richtigkeit der Prophezeiungen ihres Va⸗ ters erkannte. Sie correſpondirte, wie wir ſagten, häufig mit ihm, indem ſie ſich hütete, wie man vorausſetzen muß, die geringſte Anſpielung auf ihre zahlreichen Abenteuer zu machen, eine Zurückhal⸗ tung, welche Delmare nachahmte; nichts deſto we⸗ niger erkannte und verfolgte er ſozuſagen Schritt für Schritt, Dank ſeinem Scharfſinn als Mann von Erfahrung, den Beginn und Verlauf dieſer morali⸗ ſchen Krankheit, dieſer unerbittlichen Enttäuſchung, die ſeine Tochter eines Tages zum Selbſtmord füh⸗ ren mußte . . Dieſes furchtbare Ende, das die Sache nehmen würde, ſah Delmare trotz der größe⸗ ren Schwermuth, welche der Correſpondenz von Ma⸗ dame San Privato namentlich ſeit zwei oder drei Monaten ihren Stempel aufdrückte, nicht voraus und — ——— — — 179 konnte es nicht vorausſehen; die Schwermuth äber wirkte tief auf ihn zurück. Seine Kräfte ſchwanden mit jedem Tage mehr, da er ſich ganz einem Kum⸗ mer hingab, von dem er ſozuſagen lebte, ſo unüber⸗ windlich war ſein Widerwille gegen alles, was ihn zerſtreuen konnte. Er wurde düſter, ſchweigſam, ſeine ſonſt ſo robuſte Organiſation wurde in dem Grade ſchwächer, als er, ſich eine Art von klöſterlichem Le⸗ ben auferlegend, auf die geſunden Spaziergänge in den Bergen verzichtete. Anfangs verließ er einige Tage, dann Wochen, dann ganze Monate ſein Haus nicht, indem er ſeine Tage und ſchlafloſen Nächte mit qualvollen Träumen zubrachte und die Ent⸗ täuſchungen, die furchtbaren Rückfälle ahnte, deren Beute ſeine Tochter werden mußte, die noch ſo jung war, und die er vielleicht nicht mehr ſehen ſollte; denn er fühlte, daß ſeine Lebensquellen vertrockneten. Er fragte ſich mit bangem Gefühle, welcher Todes⸗ kampf ihm drohe, wenn er ſterben und ſeine kaum dreiundzwanzigjährige Tochter, die ein ausſchweifen⸗ des Leben führte und dabei ohne Exiſtenzmittel war, zurücklaſſen mußte; denn er wußte von Jeane, daß ſie jedes Jahr einen Theil ihres Heirathsgutes ver⸗ brauche. Dann erwachten heftiger als je die Gewiſſens⸗ biſſe, welche Charles Delmare wegen ſeiner früheren Verſchwendung quälten . . . Seine beſcheidene Pen⸗ ſion erloſch mit ihm . . . er konnte ſeiner Tochter keinen Obolus hinterlaſſen; und würden dann wohl, wenn ſie ihre letzten Mittel erſchöpft, ihre Zartheit, ihr Seelenſtolz, die einzigen überlebenden beſſern Eigenſchaften, die furchtbare Prüfung der Noth und 180 des Elends aushalten? . . . Würde Jeane ſich der harten Nothwendigkeit unterwerfen, ihr Brod durch Händearbeit zu verdienen, die immer ſo ungenügend oder prekär für eine Frau iſt? Gequält von dieſen Beſorgniſſen, welche ihm Gegenwart und Zukunft einflößten, war Charles Delmare, durch den Kummer unterwühlt, in einen Zuſtand von Auszehrung verfallen, der nur zu ſehr die ſchmerzlich theilnahmvollen Blicke rechtfertigte, welche Genevieve von Zeit zu Zeit auf ihren Alten warf, während ſie, am Kamine des Wohnzimmers ſitzend, an ihrem Rade ſpann. XX. Nachdem Charles Delmare nach Datum und Jahr die Briefe ſeiner Tochter geordnet, legte er ſie in ein kleines Kiſtchen von weißem Holze, das er lange betrachtete, während er auf den Tiſch herab⸗ gebeugt, ſeine Stirne in die Hände geſtützt hatte; dann ſagte er zu Genevieve: „Amme ... Du ſiehſt dieſes Käſtchen?“ „Ja, mein Charles?“ „Du könnteſt mir einen Dienſt erzeigen.“ „Welchen?“ „Du legſt dieſes Käſtchen in meine Bahre neben mich, ſo nahe als möglich meinem Herzen „Gut, es ſei,“ antwortete Genevieve, indem ſie die ſchmerzliche Rührung, in welche ſie die Worte Delmares verſetzten, zu verbergen ſuchte; „es ſei, man muß, wenn man kann, ſich kleine Freundſchafts⸗ „ 5 181 dienſte erweiſen . . Aber mache mir nun auch die Freude, Du als ausgezeichneter Rechner, mir den Unterſchied zwiſchen fünfzig und neunundſechzig zu ſagen?“ „Neunzehn!“ „Da wollt' ich Dich haben. Nun, mein Alter, da Du neunzehn Jahre jünger biſt, als ich . . . ſo biſt es ſicher und gewiß Du, der meine Bahre ſchließt und nicht ich werde Deine Bahre ſchließen . Antworte wenn Du kannſt . . ich fordere Dich auf. Hmk,. da biſt Du ertappt!“ o „Es braucht keine o! o! Die Sache iſt, wie ich Dir ſage. „Geh' doch, Amme,“ antwortete Delmare mit einer Art düſterer Befriedigung, „ich fühle es wohl!“ „Wie . . was fühlſt Du?“ „Ich fühle, daß ich jeden Tag an Kräften ab⸗ nehme und daß. „Das iſt nicht wahr! Du lügſt.“ Aiime „Ich wiederhole Dir, das iſt nicht wahr . . .“ antwortete Genevieve mit Thränen in den Augen. „Du ſagſt das im Scherze, um mich in Unruhe zu verſetzen; und dann, wenn es auch wahr wäre, daß Du immer ſchlimmer wirſt, wer iſt Schuld daran?“ „Wer?“ „Nun . Du allein! Iſt denn darin auch Vernunft?. bisweilen gehen ja drei Monate vorüber, ohne daß Du einen Fuß aus dem Sa ſetzeſt, während der Spätſommer prachtvoll war.. . 182 man hätte glauben können, es ſei Frühling . . . eine herrliche Sonne!“ „Ich habe jetzt einen Widerwillen gegen die Sonne, wie Du wohl weißt, . ſie blendet mich, ſie reizt meine Nerven. Die Sonne iſt ein zu heiterer Genoſſe für mich, Amme!“ „Du brauchſt es mir nicht zu ſagen, da Du im⸗ mer die Jalouſieen geſchloſſen haſt, was Dein Ca⸗ binet beim hellen Tage dunkel wie ein Grab macht!“ „Ach! das Grab, ſchmähe nicht das gute und friedliche Grab, Amme! . . . das ſo gaſftfreundlich, ſo hilfreich für die Leidenden iſt . . . es verlangt nur, ſie wiederzuſehen!“ „Jeder wählt ſein Lager nach ſeinem Geſchmack; aber, um vernünftig zu ſprechen, ſage ich Dir, daß wenn Du dann und wann einen Spaziergang mach⸗ teſt, Du Dich beſſer befinden würdeſt.“ „Es liegt mir nichts daran, mich beſſer zu be⸗ finden, Amme! . . . im Gegentheil . . .“ „Ach! das iſt hübſch, was Du da ſagſt.“ „Auch iſt mir jetzt nichts mehr zuwider, als der Anblick der Drte in der Umgebung und dieſe Berge, die ich ſo oft mit . . . Jeane und Maurice durch⸗ wandert.“ „Das ſind ſchlechte Gründe . . .“ „Ich verſichere Dich, daß . . .“ „Noch einmal, das ſind die Einwände der Trä⸗ gen. Du hätteſt Dich wohl ein wenig überwinden können; es hätte Dich ſicher intereſſirt, von Zeit zu Zeit nach dem Morillon zu gehen und Dir die hübſche Ackerbauſchule anzuſehen, wo dieſe armen jungen Bauern, welche man die Landwirthſchaft lehrt, — 7 ——— 183 ſo zufrieden, ſo glücklich ſind ... nicht einer wäre, der nicht den Namen und das Gedächtniß des guten Herrn Dumirail ſegnete, der, nachdem er keine Fa⸗ milie mehr hatte, inmitten ſeiner Kinder be⸗ graben ſein wollte, wie er ſagte .. . und in der That . . . ſein Körper ruht in einer kleinen Kapelle, welche in dem Garten der Farm errich⸗ tet iſt.“ „Herr Dumirail ſei geſegnet für das Gute, das er gethan . . . und verflucht für das Schlimme, das er ebenfalls gethan!“ „Er, der theure Mann! . . . Und was hat er denn Schlimmes gethan?“ „Sein väterlicher Ehrgeiz hat ſeinen Sohn... und meine Tochter ins Unglück geſtürzt.“ „Das iſt falſch!“ rief die Amme in der Auf⸗ wallung, und ihr ehrwürdiges Geſicht nimmt einen drohenden, wilden Eharakter an. „Der Geck hat alles Unglück angerichtet . . . Ohne ihn wäre we⸗ der Deine Tochter, noch er ins Unglück geſtürzt worden!“ Und nachdem ſie einen Augenblick nachgeſonnen, fährt die Amme fort: „Schreibt Dir Deine Tochter in ihrem letzten Briefe nichts Neues von ihrem Gatten?“ „Nein.“ „Du weißt nicht, wo er gegenwärtig iſt?“ „Du haſt dieſe Frage ſchon mehrmals an mich gerichtet, Amme, und ich habe Dir geantwortet, daß ich den Aufenthalt San Privatos nicht kenne.“ „Aber Du ſagteſt mir, daß ohne Zweifel jene 184 Baronin, welche Maurice ruinirte, die Adreſſe des Gecken kenne, nicht wahr, mein Charles?“ „Ich glaube wohl.“ „Wenn man alſo nach Paris zu jener ſchänd⸗ lichen Frau ginge, ſo würde man von ihr erfahren, wo der Geck zu finden wäre.“ „Welches Intereſſe kann es aber haben, dies zu iſſen „ Und dieſe Baronin wohnt Faubourg St. Honoré Nr. 92,“ fügte die Amme nachdenklich hin⸗ zu, indem ſie Delmare unterbrach .. „Das iſt doch ihre Adreſſe . . . nicht wahr, mein Charles?“ „Ja, denn Deinen Bitten nachgebend, deren Motiv ich nicht verſtehe, ſchrieb ich an d'Otremont, um ihn nach der Adreſſe der Frau von Hansfeld zu fragen . .. Aber noch einmal, Amme, von welchem Intereſſe kann dieſe Mittheilung für Dich ſein „Welchem Intereſſe?“ antwortete Genevieve, den Kopf mit trauriger Miene ſchüttelnd, „das iſt unſer Geheimniß, Gottes und meines „Was ſoll das heißen?“ „Ich weiß recht gut, was ich ſagen will . . . damit baſta ich habe meine Gedanken, Geduld . Beduld.. Wer lebt, wird ſchauen! .. „Ach! Amme,“ verſetzte Delmare, ohne auf die befremdenden Worte Genevieves ein Gewicht zu legen. „Du ſagſt, wer lebt, wird ſchauen? Aber um zu ſchauen, muß man leben . . . und das Leben iſt eine ſo ſchwere Laſt! Ich möchte nicht, daß ſich das meinige verlängerte, ſelbſt wenn ich die Gewiß⸗ heit bätte, die Strafe dieſes elenden San Privato — —— 185 6 zu erleben! Ach! das Grab! Amme! das Grabl!.. man muß immer wieder darauf zurückkommen eine gute, tiefe Grube . . ſechs Fuß Erde auf Dei⸗ ner Leiche und man ſchläft für die Ewigkeit!“ „Sieh, mein Charles ich muß es Dir am Ende doch ſagen, aber .. Du wirſt abſcheulich!“ verſetzte die Amme mit zitternden Lippen und ſchluch⸗ zend, während ihr die Thränen über die Wangen rollten. „Ja, ohne daß Du es weißt, wirſt Du ab⸗ ſcheulich . . . Du weißt, welchen Kummer Du mir bereiteſt, indem Du immer von Deinem Tode ſprichſt und Du haſt kein Mitleid mit mir!“ „Verzeihe mir, Mutter . es iſt wahr .. ich betrübe Si ich bin nicht heiter . . ich geſtehe es . „Heiter?. verlange ich denn, daß Du heiter ſein ſollſt? . . . verlange ich denn, daß Du Dir ein Unglück aus dem Kopf ſchlagen ſollſt, das Dich, wie alle Menſchen treffen kann, weil wir alle ſterben müſſen, ſagt das Lied? Es iſt ſicher und gewiß, daß wenn Du zuerſt ſtirbſt, ich und Niemand anders Dir die armen Augen ſchließen werde, die ich ſo offen, ſo heiter geſehen, als Du ein Kind ſo leuchtend und ſo ſtolz, als Du ein junger Mann warſt; meine alten Hände werden Dich einhüllen, Dich, den ich ſo oft auf meinen Armen gewiegt, mein Charles Ich werde Deine kleinen Aufträge treu⸗ lich beſorgen: ich werde neben Dein Herz das Käſt⸗ chen ſien in dem ſich die Briefe Deiner Tochter befinden . Ich werde Dich auf den Kirchhof be⸗ gleiten . ich werde Dein Grab zuſchütten ſehen ich werde zum letzten Male die Erde küſſen, die 186 Deinen armen Leichnam deckt . . . und dann .. . und dann . . .“ Genevieve unterbrach ſich, ein düſterer Blitz leuch⸗ tet in ihren Augen und ſie fügt hinzu: „Genug . ich habe meine Gedanken . . . wer lebt, wird ſchauen. Kurz, mein Charles, da zwiſchen uns beiden ausgemacht iſt, daß dasjenige, welches das Andere überlebt, ihm die Freundſchaftsdienſte erweist, die man ſich ſchuldig iſt . . . ſo wollen wir von etwas Anderem ſprechen, wenn es auch nur darum wäre, den Geſprächsgegenſtand zu ändern; denn immer von Tod und Grab .. . und Grab und Tod zu ſprechen . .. Tag des Herrn, mein Charles, das muß ich ſagen, ohne Dir einen Vorwurf zu machen, das heißt die Hölle auf die Erde bringen! und bemerke wohl, mein armer Alter, daß ich Dir nicht wegen meiner Deine ſchwarzen Gedanken vorwerfe ſondern wegen Deiner, weil ſie Dich untergraben, weil ſie Dich an langſamem Feuer tödten „Ich weiß, wie ſehr Du mich liebſt, gute Mutter, ich bin gewiß . .. daß wenn ich vor Dir ſterbe .. Du mich nicht lange überleben wirſt, Amme!“ „Um nichts als dies zu prophezeien . . biſt Du ſo boshaft.“ „Du wirſt in unſer Haus zurückkehren . . . Du wirſt es nicht mehr verlaſſen, Du wirſt mechaniſch die Haushaltungsgeſchäfte beſorgen, Du wirſt dieſes Zimmer ordnen, Du wirſt mein Bett machen, als wenn ich noch lebte . . und dann nach Verfluß von zwei bis drei Monaten wird man in der Gegend ſagen: Ihr wißt wohl, die alte Genevieve . . die 187 Amme von Herrn Delmare? nun, ſie iſt todt! Sie wünſchte neben ihrem Alten beerdigt zu werden!“ „Nein, nein, dies Glück werde ich nicht haben,“ murmelte die Amme ſchluchzend. „Und doch, der liebe Gott weiß, wie viel ich gegeben, wenn ich mir hätte ſagen können. . . unter der Erde wie auf der Erde . . . werde ich nicht von meinem Charles getrennt ſein . . . aber nein .. . es iſt unmöglich es kann nicht ſein . . .“ „Weßhalb nicht?“ „Ach weßhalb. .. weßhalb? . Du biſt ſehr neugierig; Tod meines Lebens,“ verſetzte Geneviepe mit wildem Hohnlachen, „ſchon gut . ich weiß, was ich ſagen will... Aber ſprechen wir von etwas Anderem . ſprechen wir von Deiner Tochter,“ fügte die Amme hinzu, indem ſie die in Thränen gebadeten Augen trocknete, aus denen ein düſteres Feuer leuchtete. „Und obgleich Dir dieſer Gegen⸗ ſtand keine viel heitereren Gedanken zuführen wird, als das Grab .. ſo wird er wenigſtens Deine Traurigkeit mildern.“ „Ach, Amme! . wenn ich wagte . . . „Wenn Du wagteſt?“ „Dir zu ſagen . . .“ „Was?“ „Nichts,“ antwortete Delmare raſch, indem er ſein Geſicht in ſeine Hände barg. „Ach! es iſt furchtbar . . . furchtbar . . .“ „Was iſt furchtbar?“ „Ein Gedanke, der mir ſeit einiger Zeit öfter wegen Jeanes aufſteigt . . .“ 7 188 „Wie furchtbar er auch ſein mag, vertraue ihn mir an, das wird Dich erleichtern.“ „Es iſt zu furchtbar . . . Ach! Du haſt Recht, Mutter, ich werde abſcheulich! ... ich werde roh!“ „Roh! mein armer Alter . . . Du .. roh?“ „Gerechter Gott! . .. ſo unmenſchlich zu ſein, den Tod eines Menſchen zu wünſchen . „Weſſen Tod? des Gecken?“ „Nein „Weſſen Tod wünſcheſt Du denn?“ „Ich habe nie ein Geheimniß vor Dir gehabt, aber ich wage es nicht, Dir dies fürchterliche Geſtänd⸗ niß zu machen 4 „Gut . .. wenn Du Deine Meinung änderſt, werde ich ganz Ohr ſein. Aber um auf Deine Toch⸗ ter zurückzukommen, als Du mir von dem Käſtchen ſprachſt, in welchem Du ihre Briefe eingeſchloſſen, wollte ich gerade den Mund öffnen, um Dir eine eigenthümliche Sache einen Traum mitzutheilen.“ „Der ſich auf Jeane bezieht? . . . „Ja, ich ſah ſie dieſe Nacht im Traume.“ „Wo unter welchen Umſtänden,“ fragte Delmare mit einer Art abergläubiſcher Neugierde. „Was ſagte ſie? . Was that ſie? „ „Sie heirathete Maurice . . Ich ſah ſie beide aus der Kirche kommen. Sie hatte ihren ſchönen weißen Schleier; aber ſie war weißer, als ihr Schleier und blaß. . aber blaß wie eine Todte . „Und dann? „ Wahrhaftig,“ verſetzte die Amme, nachdem ſie einen Augenblick nachgeſonnen, „ich möchte jetzt wie 189 Du antworten: ich wage nicht . . . Du biſt ja be⸗ reits nicht mehr heiter!“ „Grund mehr, um nicht zu befürchten, mich zu betrüben . . vollende . . . ich bitte Dich, Amme.“ „Nun denn . . . Deine Tochter und Maurice, der nicht weniger blaß als ſie war, ſtiegen, als ſie aus der Kirche kamen, nicht in Hochzeitswagen, ſon⸗ derm „Sondern? . .4 „Sondern beide in einen prachtvollen Leichen⸗ wagen . .. Iſt das nicht ein thörichter Traum?“ „Ach! Amme! . . . wollte Gott, daß dem ſo wäre! meine Todesſtunde wäre ohne Qual . . . ich ſtürbe ruhig,“ verſetzte Delmare beinahe unwillkür⸗ lich ſchauernd, und wiederum ſein Geſicht in ſeine Hände bergend, blieb er ſtumm und nachdenklich ſitzen. Genevieve, welche ihren Alten erſtaunt betrach⸗ tete, verſetzte: „Was ſoll das bedeuten? Du antworteſt mir auf meinen Hochzeitsleichenwagentraum: Wollte Gott! daß dem ſo wäre, ich ſtürbe ruhig . . . Ich ver⸗ ſtehe dieſe Antwort nicht. Erkläre Tich, Charles... Charles. . Du hörſt mich nicht?“ „Laſſe nich. mich nichts mehr .. Ich ſchauere vor mir felbſt. ich bin ein Elender, ein gefühlloſer Vater . . .“ Bei dieſen Worten, welche Delmare mit ein gewiſſen Geiſtesverwirrung ſagte, ſtarrte ihn Gene⸗ vieve ſtumm und beſtürzt an. 190 XX. Delmare blieb einige Zeit in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken, und ſagte dann, aus dieſer ſchmerzlichen Träu⸗ merei erwachend und mit ſich ſelbſt ſprechend: „Der Gedanke iſt abſcheulich .. . aber Gott liest in meinem Herzen; er wird ihn mir verzeihen . . Ach! übertriebene Zärtlichkeit kann uns dazu führen, daß wir den Tod der unſerem Herzen theuerſten Weſen wünſchen, ehe wir ſie . . .“ Und ſich unterbrechend, ſagte Delmare, indem er ſich an Genevieve wendete, als wenn ſie über die geheimen Gedanken unterrichtet wäre, die er in ſei⸗ nem Herzen bewegte: „Ach! Amme, erinnerſt Du Dich . . daß ich Dir vor bald ſechs Jahren ſagte:Wenn Jeane aus ihrem Himmel fällt . . . wird dieſer gefallene Engel die Teufel erſchrecken? . . . „Du bleibſt immer hartnäckig bei dem Glauben, daß Deine Tochter thörichte und leichtſinnige Siich gemacht und ſich um nichts mehr kümmert .. . Was beweist Dir das?“ „Der Zweifel war mir mehr erlaubt, als ich meine Tochter mit San Privato verheirathet ſah. Aber wie mich dem leichtſinnigen Leben meines un⸗ ücklichen Kindes widerſetzen? Da ich ſie kannte, e ich ſie kenne, war ich vollſtändig machtlos.“ „Und ſelbſt angenommen, ſie hätte ſich in einer chtung dem Böſen zugekehrt, ſo iſt ſie Dir noch ſehr anhänglich geblieben. Sie ſchreibt Dir ſo gute, ſo liebe, ſo hübſche Briefe . . . Mehrere davon haben uns heiße Thränen entlockt . . . Wo iſt ſie jetzt?“ 191 „In Florenz wenigſtèns glaube ich ſo . ihr letzter Brief war von dieſer Stadt datirt, obgleich ſie mir in verſteckten Worten von einer möglichen Reiſe in Frankreich ſprach . . . und ich glaube ſogar einen Augenblick . . . aber warum von einer ſinn⸗ loſen Hoffnung ſprechen? . . .“ „Bah! ſprich nur, es wird deine ſchwarzen Ge⸗ danken verſcheuchen.“ „Einen Augenblick glaubte ich aus einer dunkeln Phraſe des letzten Briefes von Jeane herausleſen zu dürfen, daß ſie nicht nur an eine Reiſe nach Frankreich denke . .. ſondern ſogar . . . aber nein das war eine Täuſchung meines durch den Kum⸗ mer geſchwächten Kopfes.“ Vun „Nun, ich glaubte herausleſen zu dürfen, daß ſie mich beſuchen wolle . . . hier, in meiner Ein⸗ ſamkeit.“ „Ach, mein Charles ach, mein Charles!“ rief die Amme, indem ſie die Hände faltete, während ihr die Hoffnung die Stimme erſtickte. „Wie, böſes Kind! Du bekommſt dergleichen gute Nachrichten⸗ und Du biſt ſo verſchloſſen und egviſtiſch, ſie ganz für Dich zu behalten?“ „Dieſe Hoffnung iſt ſinnlos, ſage ich Dir, ſie kam mir nur, als ich mich mit dem Worte einer dunklen Phraſe hin und her quälte . . .“ „Dabei iſt kein Quälen, Du ſprichſt irre, mein armer Alter! und wenn Du, ſtatt wie ein verſchloſ⸗ ſener Menſch, Deine gute Nachricht oder, wie Du willſt, Deine gute Hoffnung . . . mir mitgetheilt, ſo 192 hätte ich klar, wie zwei mal zwei vier macht, gefun⸗ den, daß dieſe Hoffnung ſehr begründet iſt!“ „Du hätteſt mir das bewieſen?“ „Gewiß, nun . . . antworte mal, mein Charles, hat Dir nicht Deine Tochter in einem ihrer letzten Briefe zu wiſſen gethan, daß dieſer Notar ihr den letzten Reſt ihres Heirathsgutes geſchickt . . . Jeane antwortete damit auf Deinen letzten Brief, in wel⸗ chem Du ſie fragteſt, wie es mit ihren kleinen Finan⸗ zen ſtehe?“ „Meine Sorgen in dieſer Richtung waren groß und ſind es jetzt mehr, als je . . . denn die letzten Mittel meiner Tochter ſind nunmehr . .. oder müſſen erſchöpft ſein.“ „Gewiß . nun gut! . da haſt Du's ja.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Das beweist ja, daß Deine Jeane zu Dir zu⸗ rückkommt . . das ſpringt in die Augen . . . Sie iſt entſchieden, dem Rathe zu folgen, den Du ihr einſt gegeben, als Du ihr rietheſt, nicht dieſen San Privato zu heirathen . Die Züge Genevieves zogen ſich zuſammen. Sie ſtößt einen Seufzer der Entrüſtung aus und fährt fort: „Genug . . genug . . . das Heirathsgut Dei⸗ ner iſt verbraucht, ſie beſitzt keinen Sou mehr ſie kommt, um bei uns zu wohnen.“ Jeane würde einem Intereſſe nach⸗ geben? . . . Nein, nie! Ich kenne ihre Delicateſſe zu gut.“ „Du biſt wirklich gut . . . mein Alter . mit Deiner Delicateſſe! . . . Kann man denn von der 193 Delicateſſe leben? Und dann, braucht ſich denn eine Tochter jemals zu ſchämen, das Brod ihres Vaters zu theilen?“ „Nein, gewiß nicht, aber ..“ „Es gibt hier kein Aber . . . mein Charles .. es iſt, wie ich ſage .. . ja, ja! Ich hoffe, daß, wenn Deine Jeane zurück iſt, Du nicht mehr ſo ohne alle Urſache vom Grab ſprechen wirſt! Ach, wie raſch würde Deine Geſundheit ſich wieder beſſern! geſtehe es mir, hm2 . . . Denn ohne von der Freude zu „ 5 5 ſprechen, die Du hätteſt, wenn Du Deine Tochter wieder ſäheſt, ſie würde Dich auch zwingen, Dir Be⸗ wegung zu machen und mit Dir Arm in Arm ſpa⸗ zieren gehen!“ „Noch einmal, meine arme Genevieve, Du biſt toll.“ „Nimm einmal an, daß Deine Tochter kommt: was bringt Dich denn auf dieſen Gedanken anderes als der Wunſch, Dir einen roſigen Gedanken ins Herz zu gießen . . . ſtatt Deiner Zweifeleien von ſchwarzen Gedanken . . . Sprich, mein Charles, ge⸗ ſtehe, daß Du ſie mit offenen Armen aufnehmen wür⸗ deſt, Dein verlornes Kind.“ „Ach, Amme!“ „So, das iſt recht!. . . ſchon ein: Ach, Amme! das viel verſpricht, ganz abgeſehen von dem Strahle, der ſich über Dein Geſicht ergoß; wenn Du's nur ſehen könnteſt, Du würdeſt Dich kaum mehr kennen Genevieve unterbricht ſich und hält das Ohr nach der Seite der Küche hin, indem ſie überraſcht zu Del⸗ mare ſagt: Sue, die Familienſöhne. V. 13 19⁴ „Höre es iſt mir, als ob man an die Kü⸗ chenthüre gepocht.“ „Um dieſe Stunde? .. das iſt unmöglich ... Es iſt ſo tiefer Schnee im Jura, daß man, wenn die Nacht angebrochen, ſein Haus nicht mehr ver⸗ läßt.“ „Und ich ſage Dir, daß man pocht,“ verſetzte die Amme, indem ſie aufſtand. „Puh hörſt Da „In dieſem Falle muß es ein in den Bergen verirrter Reiſender ſein . . . zünde ein großes Feuer in der Küche an . bewirthe den Fremden ſo gaſt⸗ freundlich als möglich aber ich will Niemand ſ „Sei ruhig es iſt vielleicht nur Jemand, der nach dem Wege fragt . wenn's das iſt, ſo wird's leicht ſein, ihn zurecht zu weiſen; der Mond ſcheint ſehr hell,“ antwortete Genevieve, und ging hinaus, indem ſie die Thüre des Wohnzimmers hin⸗ ter ſich ſchloß. XXlI. Als Delmare allein war, verſank er in eine tiefe Träumerei, welche durch Genevieves Annahme der möglichen Rückkehr Jeanes ins väterliche Haus her⸗ vorgerufen war; er vertiefte ſich ſo ſehr in dieſen Gedanken, der eben ſo viel Bitteres als Süßes hatte, daß er einen Schrei nicht hörte, der draußen ertönte und doch ſtark genug geweſen, um durch die dicke Küchenthüre in das Wohnzimmer zu dringen er 195 ſcheint kaum der Zurückkunft ſeiner Amme, welche blaß, zitternd, halb ohnmächtig iſt, gewahr zu wer⸗ den. Sie benützt dieſe Zerſtreuung ihres Alten, um im Stillen mit einem Zipfel ihrer Schürze die Thrä⸗ nen zu trocknen, die ihr Geſicht netzen, und ſich wie⸗ der ein ruhiges und gefaßtes Ausſehen zu geben. Die würdige Frau, welche das Heucheln ſchlecht ver⸗ ſteht, kann jedoch ein leichtes convulſiviſches Zittern ſo wenig, als die Bewegtheit der Stimme bemächti⸗ gen, der ſie durch einige mäckernde hm, hm, welche ihre ununterdrückbare Rührung verrathen, mehr Fe⸗ ſtigkeit zu verleihen ſucht. „Nun wer pochte an der Thüre?“ fragte Delmare mit zerſtreuter Miene, ohne Genevieve zu betrachten, welche, noch immer auf den Tiſch geſtützt, die Stirne in den Händen hielt. „Zwei nein, ich täuſche mich.. ein ein Reiſender ..“ antwortete die Amme mit ſo unverſtändlich leiſer Stimme, daß Delmare ver⸗ ſetzt: „Was ſagſt Du, Amme? . .. „Ich ich ich ſage „ ein en de „Er fragte wohl nach dem Wege?“ verſetzte Del⸗ mare, noch immer gebückt, ohne die Blicke zu Gene⸗ vieve zu erheben. „Er iſt ohne Zweifel verirrt?“ „Ja das heißt nein. . . er kam von hier . . hm hm das heißt . . . er kam hier⸗ her, ohne hierher zu kommen .. weil kurz Ach! mein guter Charles!. . . mein guter Charles!“ Genevieve verſagt der Athem, nachdem ſie dieſe 196 Worte geſtottert, deren Zuſammenhangsloſigkeit und Ton Delmare endlich ſtutzig machen. Er erwacht aus ſeiner Träumerei, erhebt die Augen zu ſeiner Amme und ſagte, ſie mit prüfendem Blicke betrach⸗ tend, erſtaunt: „Was haſt Du. . . Genevieve . .. Du biſt ſehr blaß!“ „Ich bin bläß? „Wie eine Liche „Dann iſt es die Kälte, die mich gepackt.. die Kälte. . . denn, ſiehſt Du, mein Charles . . es friert Stein und Bein zuſammen . . . und als ich . .. dieſen . . . nein, dieſem. . . Reiſenden die Thüre öffnete . . .“ „Welchem Reiſenden? . .. Deine Stimme zit⸗ tert. .. Du kannſt kaum ſprechen . . . „Weil weil „Sieh Du . was haſt Du, Ge⸗ nevieve? .. „antworte. antworte. . . wie, Du ſchweigſt. „Die wird mich gepackt haben. als ach! Herr Gott! der Athem geht mir aus „Es geht hier etwas Außerordentliches vor,“ ſagte Charles Delmare, immer erſtaunter und unru⸗ higer durch den Anblick von Genevieves Aufregung werdend; dann trotz ſeiner Schwäche eine Bewegung machend, um ſeinen Fauteuil zu verlaſſen, fügte er hinzu: geh „Charles, nein . . . gehe nicht hinaus!“ ruft die Amme, indem ſie ſich an den Hals ihres Alten wirft 197 und ihn zwingt, ſich wieder zu ſetzen; dann bricht Genevieve, indem ſie ihn mit einer Art mütterlicher Raſerei umarmt und die Thränen nicht zurückhalten kann, in Schluchzen aus, lacht und weint zu gleicher Zeit und ſtottert mit gebrochener Stimme: „Charles . . . Ruhe . . . Muth . . . verſprich mir . . nicht den Verſtand zu verlieren . . . Ach! der liebe Gott iſt mit den guten Menſchen, mein Charles, ich habe es immer geſagt freue Dich ſreue Dich Delmare, welcher die Aufregung ſeiner Amme theilte, ohne indeß die Urſache dieſer Aufregung we⸗ der zu kennen, noch zu ahnen, ſagte zu ihr: „Wir wollen ſehen, gute Mutter . . um was es ſich handelt! .. Du forderſt mich auf, ruhig zu ſein . . .ich bin ruhiger als Du . . . Du forderſt mich auf, mich zu freuen . . . worüber ſoll ich mich freuen?“ „Jo, ich will, daß Du Dich freueſt, aber nament⸗ lich, daß Du Dich nicht aufregſt . . . das wäre bei Deiner großen Schwäche ſehr gefährlich . ..“ „Warum willſt, daß ich mich nicht aufrege?“ „Weil die . . . Ueberraſchung, die Freude .. kurz, was ſoll ich ſagen . . . mein Charles. denke Dir Alles, was Du Dir nur wünſchen magſt, am meiſten wünſchen magſt auf der Welt . . . und dann ſtelle Dir vor .. . daß, was Du Dir wünſcheſt, er⸗ füllt iſt!“ Zum erſten Male, ſeit Genevieve in den Salon zurückgekehrt, ſteigt Delmare ein Gedanke, den er an⸗ fangs für Thorheit hält, in der Seele auf . . er denkt an ſeine Tochter. Dann die Veränderung, 198 welche in den Zügen ſeiner Amme vorgegangen, be⸗ merkend, und ſich einiger ihrer Worte entſinnend, beginnt dieſer Gedanke, der ihm anfangs thöricht er⸗ ſchienen, an Wahrſcheinlichkeit zu gewinnen; ſeine Aufregung wird dadurch jedoch ſo groß, daß er nicht die Kraft hat, ſie zu ertragen; er legt die Hand auf ſein Herz, ſchließt die Augen, wendet ſich um und murmelt mit halb 26 Stimme: Sie? nein es iſt unmöglich ich würde ſterben!“ „Charles, erkenne Deinen Irrthum . . . der Rei⸗ ſende iſt Herr Maurice!“ . . ruft die Amme, welche ahnt, was in ihrem Alten vorgeht, und eine zu ge⸗ fährliche Wirkung von der Mittheilung der Anwe⸗ ſenheit Jeanes fürchtet. Es war ſo, wie die Frau gefürchtet. Charles Delmare, welcher allerdings von der Ankunft Mau⸗ ricens überraſcht iſt, aber nicht begreift, weßhalb Genevieve ſo große Umſchweife wegen der Ankunft des jungen Mannes macht, verſetzt ruhiger, aber einen unwillkürlichen Hintergedanken wegen ſeiner Tochter bewahrend: „Wie, Genevieve. es wäre wahr?. . Mau⸗ rice Dumirail!“ „Er iſt hier in der Küche er hat ge⸗ pocht er kommt, Dich zu beſuchen.“ „Sein Beſuch ſetzt mich allerdings ſehr in Erſtau⸗ nen aber er hat Dich, wie mir ſcheint, ſi aufgeregt . . . auch haſt Du lange gezögert. dieſen Beſuch anzukündigen.“ „Ach weil das noch nicht Alles iſt,“ verſetzt Genevieve, jetzt erſt ihrer ſelbſt Herr werdend und —,— —,— 199 die gefährliche Wirkung, die ſie für Delmare befürch⸗ tete, beſeitigt ſehend; „es gibt noch etwas Anderes..“ „Was denn?“ „Herr Maurice hat einen Auftrag für Dich „Von wem?“ „Du ahnſt nicht?“ „Von Jeane?“ „Ja Herr Maurice hat ſie in jüngſter Zeit geſehen.“ „Wo das? . .. In Paris?“ „Näher noch . . er bringt Dir Nochrichten .. ganz gute Nachrichten von ihr . . und dazu die neueſten . . Deine Tochter befindet ſich außeror⸗ dentlich wohl . . .“ „Du ſagſt alſo, daß er ſie nicht in Paris ge⸗ ſehen?“ „Nein . . „Und daß er ſie näher von hier geſehen . Amme?“ „Gewiß zum Beiſpiel etwa in Lyon .. denn Du magſt jetzt erfahren, daß Deine Tochter auf dem Wege zu Dir iſt . . .“ „Freude des Himmels! . . . „Charles, mein Charles, rege Dich nicht auf..“ „Jeane iſt in Lyon? ... ſo werde ich ſie alſo morgen ſehen?“ „Du wirſt ſie noch vor morgen ſehen .. mein Charles?“ Vor morgen?“ „Gewiß . . weil ſie nicht in Lyon .. ſondern in einer näheren Stadt ſich befindet.“ „Wo denn . vielleicht in Nantua?“ 200 „Noch näher . . .5 „Was höre ich?“ „Mein Charles, um Gottes Willen .. . ſei ver⸗ nünftig .. . . „Meine Tochter iſt hier! . . .“ Nun ber „Jeane . . . Jeane ..“ ruft Delmare mit ſtarker und ſonorer Stimme, in der die ganze Macht väterlicher Liebe vibrirte, und, wenn wir ſo ſagen dürfen, durch die Gewißheit der Gegenwart ſeiner Tochter galvaniſirt, fühlt er einen Augenblick ſeine Kräfte wieder erwachen, erhebt ſich und eilt nach dem anſtoßenden Gemache . . . aber die junge Frau, welche die Stimme ihrers Vaters gehört, öffnet die Thüre und ſtürzt in ſeine Arme. XKII. Ungefähr eine halbe Stunde iſt ſeit der Wieder⸗ vereinigung Delmares, ſeiner Tochter und Mauricens verfloſſen. Die erſte Aufregung des Wiederſehens hat ſich gelegt; Jeanes Vater hat ſie tapfer überſtanden .. zu tapfer vielleicht; denn erſchöpft, wie er iſt, hat er die Kraft des Widerſtandes gegen einen ſolchen Stoß nur in einer künſtlichen und fieberhaften Energie finden können. Jeane, welche neben ihrem Vater ſitzt, und ſeine Hände in den ihren hält, betrachtet ihn mit einer Miſchung von Schmerz und Zärtlichkeit. Sie hatte ihn im kräftigſten Mannesalter verlaſſen, noch ſtark, „ . 201 und mit kaum grau werdenden Haaren . . . Sie findet ihn gebeugt wieder . . . durch ein vorzeitiges Alter gebleicht, mit mageren kränklichen Zügen, die die Spuren tödtlichen Kummers tragen; auf der an⸗ dern Seite ſeines lieben Meiſters ſitzend, betrachtete ihn Maurice ebenfalls mit dem Ausdruck der An⸗ hänglichkeit und peinlichen Staunens, Genevieve endlich beſchäftigte ſich, ganz nur Freude, als thätige Haushälterin in der Küche mit der Zubereitung eines Abendeſſens für ihre Gäſte, deren proviſoriſche Wohnung ſie eingerichtet; ſie wollte ihr Bett an Jeane abtreten und auf einem Stuhle ſchlafen . . . Maurice, in eine Decke gehüllt, könne die Nacht auf dem Canape des Salons zubringen und am andern Tage, dachte die würdige Frau, würde man ſchon Mittel finden, ſich definitiv einzurichten. Delmare, ein zu guter Vater, und zu ſehr Beob⸗ achter, um nicht die moraliſche Atonie zu bemerken, welche ſo ſichtbar auf den Zügen ſeiner Tochter zu leſen war, obgleich ſie friſch und ſchön erſchienen, befeſtigte ſich in der Anſicht: daß die zügelloſe Sit⸗ tenloſigkeit ſeiner Tochter ſie zu einer unheilbaren Enttäuſchung geführt. Haben wir nöthig zu wiederholen, daß Jeane nie⸗ mals die geringſte Anſpielung auf ihre ſcandalöſen Abenteuer in ihrer Correſpondenz mit ihrem Vater gemacht, einer Correſpondenz voll der zärtlichſten, ehrfurchtsvollſten Liebe. Die wachſende Bitterkeit gewiſſer Gedanken jedoch, die melancholiſchen Erinnerungen an den Rath, den ihr Vater ihr einſt gegeben, und deſſen Weisheit ſie zu ſpät einzuſehen zugeſtand, Alles zuſammen mußte 202 ſeit lange Delmare überzeugen, daß Jeane früher oder ſpäter, wenn auch nicht aus Tugendgefühl, ſo doch wenigſtens aus Ueberſättigung und Ekel auf ihr leichtſin⸗ niges Leben verzichten werde. Auf die erſte Beſtür⸗ zung, welche die unerwartete Rückkehr ſeiner Tochter verurſacht, war der Gedanke gefolgt: daß Jeane, ebenſo ſehr aus Enttäuſchung als aus kindlicher Liebe, ohne Zweifel bei ihm in der ſtillen Einſamkeit Troſt und Vergeſſen der Vergangenheit zu ſuchen ge⸗ kommen ſei; dieſer Gedanke war jedoch in Delmares Geiſt bis jetzt nur Vermuthung, denn bis dahin hatte ſich ſeine Unterhaltung mit Maurice und Jeane auf abgebrochene Sätze und Worte beſchränkt, da die Aufregung, in die ſie das unerwartete Wiederſehen verſetzte, ſie nicht zu einer geordneten Entwicklung ihrer Gedanken kommen ließ; nachdem ſich die Gei⸗ ſter jedoch etwas beruhigt, brach Delmare, der zwi⸗ ſchen Jeane und Maurice ſaß, wie wir bereits ge⸗ ſagt, zuerſt das Schweigen, das ſeit einigen Augen⸗ blicken eingetreten war, und ſagte zu dem jungen Manne, der die Augen vor dem durchdringenden Blicke des lieben Meiſters ſenkte: „Wiſſen Sie, Maurice, worüber ich ſehr erſtaunt bin? daß ich auf Ihrer Stirne denſelben Aus⸗ druck von Heiterkeit wiederfinde, wie in Ihrer frühe⸗ ſten Jugend? .. einen Ausdruck, den Ihre Züge ſchon kurz nach Ihrer Ankunft in Paris verloren hatten.“ „Man muß ohne Zweifel, lieber Meiſter, dieſe Metamorphoſe dem heilſamen Einfluß der Luft unſe⸗ rer Berge zuſchreiben,“ antwortet Maurice lächelnd. „Ich lebe in der Vergangenheit wieder auf .. . 203 indem ich in unſern Jura zurückkehre, wo ich ent⸗ ſchloſſen bin, meine Tage zu beſchließen.“ „Wäre es wahr? ..“ ſagte Delmare, indem er abwechſelnd den jungen Mann und ſeine Tochter mit tiefer Befriedigung anſah. „Sie kommen hier⸗ her um für immer hier zu bleiben, Maurice?“ „Ja, lieber Meiſter.“ „Mein Vater,“ verſetzte Jeane, „wir waren wie Du bisher zu aufgeregt, zu bewegt, um Dir unſere Plane mitzutheilen; wir ſind nun ruhiger . . ſpre⸗ chen wir jetzt non der Zukunft . . . Was die Ver⸗ gangenheit betrifft . . .“ „ So wollen wir ſie mit dem Schleier der Vergeſſenheit bedecken,“ verſetzt Delmare ſeufzend. „Eure Rückkehr zu zweien ſcheint mir von Eurer Seite den Wunſch der Sühne und Rehabilitation anzudeuten deßhalb muß uns die Zukunft allein beſchäftigen.“ „Ein Wort indeß über die Vergangenheit, lieber Meiſter,“ verſetzt Maurice. „Ich bin ruinirt, voll⸗ ſtändig ruinirt . . . wie Sie es mir vorausgeſagt! noch andere Ihrer Prophezeiungen haben ſich ſeit jenem Tage realiſirt . . an welchem Sie .. vor ungefähr ſechs Jahren . . hier. . in dieſem Zimmer auf Grund Ihrer Welterfahrung, in furchtbar wahren Zügen den Untergang und die Geſunkenheit ſo vieler Familienſöhne ſchilderten . . . worauf ich Ihnen offen und ehrlich antwortete: „Beruhigen Sie ſich . . als Landmann bin ich ge⸗ boren, als Landmann will ich ſterben!“ „Ja,“ fügte Jeane mit einem melancholiſchen Lächeln hinzu, „es war an jenem Tage, als Maurice, 204 mir eine kleine Krone von Feldblumen bietend, mich zur Prinzeſſin der Kornblumen . . . zur Herzogin der Schlüſſelblumen ernannte und mir anbot, ſeinen Thron von roſenfarbiger Luzerne zu theilen .. . erinnerſt Du Dich . . . mein Vater? es war im Hof der Farm, am Tag der Heuernte, in der Nähe des Col de Treſerve.“ „Ach, ja, meine Kinder, dieſe Zeit war . . . und wird immer eine meiner und Eurer ſchönſten Erin⸗ nerungen ſein. Ich habe oft mich in jenem Gedan⸗ ken gewiegt, mich durch ihn erfriſcht .. Ach! von jener Zeit können wir wenigſtens viel ſprechen!“ „Was aber die unglückliche Vergangenheit be⸗ trifft, die wir mit dem Schleier der Vergeſſenheit bedecken ſollen, lieber Meiſter, ſo muß ich noch ein Wort ſagen,“ verſetzte Maurice, „ich bin, wie ich Ihn ſagte, vollſtändig ruinirt. Mein wür⸗ diger Vater, der meine ſchlechte Aufführung mit vollem Rechte beſtrafte, hat mich, wie Sie ohne Zweifel wiſſen, enterbt, um auf dem Morillon eine Ackerbauſchule zu gründen . . . Da er jedoch voraus⸗ ſah, daß ich eines Tages durch meinen leichtſinnigen Lebenswandel auf das größte Elend reducirt ſein wüdde . „ So hat er durch eine ſpecielle Clauſel der Stiftung Ihnen wenigſtens das Nothwendigſte, Nahrung, Wohnung und Kleidung geſichert. Er hat mich bei der einzigen Zuſammenkunft, die wir ſpäter hatten, davon in Kenntniß geſetzt.“ „Nun, mein lieber Meiſter, ich komme, in meinem Elend. .. von den Mitteln Gebrauch zu machen, die mir die vorſichtige Sorgfalt meines Vaters in — 205 ſeinem Teſtamente beſtimmt hat, in welchem er dieſe Erbſchaft wenigſtens vor meiner verſchwenderiſchen Hand ſicherte.“ „Dieſer Entſchluß iſt ehrenhaft, Maurice, und muthig; er beweist, daß, trotz Ihrer Verirrungen, Ihr Herz ehrenhaft geblieben . . . So viele Ver⸗ ſchwender greifen nach ihrem Ruine häufig zu ge⸗ wagten Auskunftsmitteln, häufig zu niedrigen Hand⸗ lungen, zum Laſter . . ja, ſogar zum Verbrechen . WMittel, um die Genüſſe, auf die ſie nicht ver⸗ zichten können, um einige Tage zu verlängern .. Noch einmal, mein Sohn, dieſer Entſchluß erhebt Sie in meinen Augen,“ fügt Delmare hinzu, welcher die doppelte Anklage des Fälſchers und Mörders nicht kennt, die auf Maurice laſtet, und ihn hindert, zur letzten Zuflucht zu greifen, die ihm die väterliche Sorgfalt geſichert. „Aber ich hoffe, mein Freund, Sie werden auf dem Morillon nicht in unfruchtbarer Unthätigkeit leben?“ „Nein, lieber Meiſter, ich werde mir meine erſte Erziehung zu Nutzen machen Vielleicht kann ich in der von meinem Vater geſtifteten Ackerbauſchule etwas nützen.“ „Das wäre die beſte Art, Ihr Unrecht wieder gut zu machen .. Gut . .. gut, mein Freund ich wüßte Sie nicht genug zu loben wegen die⸗ ſes vortrefflichen Entſchluſſes . . um ſo mehr ge⸗ ſtehe ich Ihnen, daß in Ihrem Alter, mit kaum ſechs⸗ undzwanzig Jahren, und nach den frühzeitigen Stür⸗ men Ihres Lebens, eine ſolche Umkehr ..“ „ . An das Wunder ſtreift, nicht wahr, lieber Meiſter?.. Nun ja, hier iſt die Zauberin, die dieſes „ 206 Wunder gewirkt hat,“ antwortete Maurice, indem er mit dem Blicke auf Jeane deutete, „ſie iſt aus⸗ drücklich von Florenz zurückgekommen, um mich zu bekehren, mich zu Ihnen zu führen . . . in Ihre Berge, die wir nicht mehr verlaſſen wollen.“ „Ja, mein Vater, das iſt die Wahrheit,“ ſagte Jeane auf Delmares Blick antwortend. „Es iſt ausgemacht, daß Maurice den Morillon bewohnen wird. Er wird, wenn Du es erlaubſt, jeden Abend bei uns zubringen, dieſer liebe Bruder . ich ſage dieſer liebe Bruder, .. .“ fügte Jeane mit bedeut⸗ ſamem Tone hinzu. — „Und ich werde nie mehr auf dieſe Sache zurückkommen .. . weil Maurice ſtets für mich der zärtlichſte Bruder war und ſein wird . . . Du verſtehſt mich, mein Vater?“ „Ja, Jeane, ich verſtehe Dich.“ „Was mich betrifft . . . ſo höre, was ich mit zwei Worten ſagen kann. Ich wollte, wie Du weißt, nicht auf Koſten meines Mannes leben; die Mittel, die mir meine Mitgift bot, ſind erſchöpft. .. Es iſt indeß nicht allein dieſer Mangel an Mitteln, der mich hierher zurückführt . .. und ich .. „Jeane,“ verſetzte Delmare mit einem Tone liebe⸗ vollen Vorwurfs, „denkſt Du wohl, was Du ſagſt?“ „Verzeihung, guter Vater . das hieße, ich weiß es, Dir Unrecht thun, wenn ich Dich für fähig hielte, zu glauben, nur der Mangel führe mich zu Dir zurück . ich komme hieher, wie Maurice ent⸗ ſchloſſen, meine Tage an dieſem Orte zu beſchließen, wo ich die glücklichſten Stunden meines Lebens zu gebracht.“ 6 Generieve unterbricht die Unterhaltung Delma⸗ 207 res und der beiden jungen Leute, indem ſie mit triumphirender Miene meldet, daß das Nachteſſen in der Küche aufgetragen ſei. „Ich habe mein Beſtes gethan .. überdies ſind Deine Tochter und Maurice nicht ſchwer zu befrie⸗ digen, mein Charles; eine Milchſuppe, eine Omelette mit Schinken, etwas Peterſilienragout vom Jura, und Compott. Im Kamine flackert ein herrliches Feuer.. zu Tiſche . . zu Tiſche . . „Gute Mutter,“ ſagte Jeane, „ich habe keinen Appetit, aber Maurice, das weiß ich, wird Deinem Souper Ehre machen . ich werde meinem Vater Geſellſchaft leiſten.“ Maurice, welcher glaubt, daß Jeane ſich mit Delmare beſprechen wolle, geht mit Genevieve hinaus. Der Vater und die Tochter bleiben allein. XlII. Als Delmare Jeane wiederſah, war er ſo über⸗ glücklich, daß er Dona Juanas ganz vergaß; als die Reflerion jedoch wieder in ihre Rechte trat, dachte er wie Richard d'Otremont, die Löſung des ſkandalöſen Lebens der Dona Juana ſei ja von einer beinahe un⸗ glaublichen Einfachheit. . . andere unbeſtimmte Be⸗ fürchtungen bewegten ſeine Seele; nach dem Weg⸗ gange von Maurice zog er deßhalb ſeine Tochter auf ſeine Kniee und ſetzte ſie darauf, wie man ein Kind darauf ſetzt, während die junge Frau mit einer Be⸗ 208 wegung voll Anmuth einen Arm um den Hals ihres Vaters ſchlang und zu ihm ſagte: Wir ſind nun allein . . die Anweſenheit von Maurice genirte mich zwar nicht . . . aber es ſcheint mir doch, als wenn ich allein beſſer bei Dir wäre...“ Und die blaſſe Stirne und die weißen Haare Delmares küſſend, fügte Jeane hinzu: „Armer, guter Vater! . . wie Du vor der Zeit grau geworden ... Ach! das iſt meine Schuld meine Schuld . ich habe Dir ſo vielen Kum⸗ mer verurſacht . . . wirſt Du mir verzeihen?“ „Du haſt ihn geſühnt . . . Du ſühnſt ihn, un⸗ glüchliches, liebes Kind, durch dieſe bittere Enttäu⸗ ſchung, deren Beginn und Verlauf ich in Deinen Briefen verfolgt . . .“ „Wie! . . Du ahnteſt? . . „ Alles was Du gelitten . . . Enttäuſchung ueberſättigung . . . Ekel . . . es mußte ſo kommen . es war bei Dir weniger reflektirte Corruption . . . als Neugierde, das Böſe kennen zu lernen .. Nachdem dieſe Neugierde befriedigt, ge⸗ ſättigt war . . . erſchien Dir, was weiter ſie reizte, abſcheulich, empörend . . aber wir wollen dieſe traurige Vergangenheit vergeſſen .. und an die Gegenwart . . . die Zukunft denken ...5 „Sei weder über die Gegenwart ... noch über . die Zukunft unruhig, Vater . . „Sieh, Jeane,“ verſetzte Delmare nach einer Paufe, „es geht etwas Seltſames . Unbegreif⸗ liches in mir vor, was mich erſchreckt . . . „Was willſt Du ſagen?“ 209 „Du biſt hier an meiner Seite, Du komnſt, wie Du ſagſt, auf immer zu mir zurück? „Auf immer „ „Du krönſt auf dieſe Art, leider ſehr ſpät . den unausgeſetzten Traum meines Herzens an Deiner Seite meine Tage zu beſchließen nach mehreren Jahren ſchmerzlicher Prüfungen folgſt Du dem Rathe, der Dir ſie hätte erſparen können. Du kommſt, meine Einſamkeit zu theilen, ich muß es glauben ich glaube an die Aufrichtigkeit Deiner Verſprechungen alle meine Wünſche ſollen ge⸗ krönt werden Und doch, ſage mir, warum iſt meine Seele traurig, bis in den Tod betrübt?“ „Jeane, betroffen durch die Scharſſichtigkeit ihres Vaters, dem eine unbeſtimmte Ahnung den furcht⸗ baren Schlag prophezeit, der ihn treffen ſoll. Jeane, müht ſich, Delmare in Bezug auf die Urſache ſeiner Trauer irre zu führen und fährt fort: „Unwillkürlich, erinnert Dich meine Gegen⸗ wart an die Schande meines Lebens dieſer Ge⸗ danke quält Dich ... „Nein. Das iſt nicht die unerklärliche Urſache der Trauer, die mich niederbeugt. Die Vergangen⸗ heit iſt vergeſſen . . verziehen wärſt Du auch noch hundert Mal tiefer geſunken, meine Liebe zu Dir hätte ſich nicht geſchwächt . meine thörichte väterliche Leidenſchaft gleicht in ihrer Schwäche, in ihrer unerſchöpflichen Nachſicht jener Liebe, die ſo unbeſiegbar, daß die, welche ſie fühlen, alles ver⸗ geben, alles bei der Frau entſchuldigen, die ſie täuſcht, die ſie unglücklich macht und zur Verzweiflung bringt, und die ſie dennoch anbeten müſſen? Ich Sue, die Familienſöhne. v. 14 — 210 habe Dich geliebt angebetet was Du⸗ auch gethan ich werde Dich anbeten . . was Du auch thun magſt . . . Es iſt deßhalb nicht Dein früherer Leichtſinn, der mich in ſolchem Grade betrübt.“ „Was iſt es denn?“ „Was weiß ich . . . Ich habe jetzt die Gewiß⸗ heit, daß ich meine Tage bei Dir beſchließen werde, mein Herz ſollte vor Freude hüpfen . . es iſt tief eüht „Häufig, ſiehſt Du, guter Vater ... übertreiben wir ſo ſehr den Werth eines lange erſehnten Glückes daß, wenn wir es erringen, wir nicht einen Betrug . . . wohl aber den Unterſchied zwiſchen der Illuſion und der Wirklichkeit fühlen . . .“ „Nein, das iſt nicht die Urſache meiner Traurig⸗ keit und meiner düſtern Ahnungen.“ „Du haſt ſo viel gelitten . . . armer Vater!... die Gewohnheit des Schmerzes macht uns ſelbſt gegen das ſicherſte Glück mißtrauiſch?“ „Vielleicht wohl . .“ antwortet Delmare nach⸗ denklich und fährt dann nach einer Pauſe fort, „in⸗ deß, nein, nein, dieſe für mich unerklärliche Angſt muß ſich an etwas Wirkliches . . . Bevorſtehendes knüpfen .. Und Delmare fügt mit ſchmerzlichem Tone hinzu, indem er ſeine Tochter, die noch immer auf ſeinen Knieen ſitzt, noch feſter umſchlingt: „Jeane ich bitte Dich Du die Du die Urſache der Angſt, die ich fühle, kennſt! Du, die Du die Wahrheit weißt ſage ſie 211 mir . ich bitte Dich, wie ſie auch lauten möge .. ſage ſie mir! . . .“ „Welche Wahrheit, mein Vater?“ „Noch einmal, meine Angſt, meine Ahnungen haben eine Urſache . . . ich fühle die Wirkung .. aber jene bleibt mir ein Geheimniß . . . während Du dieſe Urſache kennen mußt und kennſt... Jeane meine innig geliebte Tochter .. ſage mir aus Mitleid die Wahrheit . . . Ich verlange nichts zu wiſſen, als die Wahrheit . . . Warum iſt mein Herz in dieſem Augenblick gebrochen . . zerriſſen? Warum leide ich heute mehr denn je? ſprich! jetzt, da Du doch zu mir kommſt, um mich nie wieder zu verlaſſen! . . . Warum weine ich? Ach! nicht aus Freude .. ſondern aus Schmerz?“ fügte Delmare hinzu, indem er ſeinen lang zurückgehalte⸗ nen Thränen freien Lauf läßt und ſeinen grauen Kopf an der Bruſt ſeiner Tochter birgt. XXIV. Trotz dem unerbittlichen Entſchluſſe, ihrem Da⸗ ſein ein Ende zu machen; zu lebensüberdrüſſig, wie ſie ſagte, oder vielmehr zu ſchwach, zu feige, um ſich durch die Tugend wieder zu Ehren zu bringen, und dieſer edlen Sühne die unfruchtbare vorziehend, welche ſie im Selbſtmorde ſuchte, — trotz ihrem grau⸗ ſamen Egoismus, denn ſie konnte nicht daran zwei⸗ feln, daß ihr bereits durch den Kummer aufgezehrter Vater dieſen letzten Schlag, auf den ihn ſeine Ah⸗ nungen unbeſtimmt vorbereitet, nicht überleben werde, 212 — trotz alle dem war Jeane ebenſo ſehr überraſcht, als von Mitleid bewegt, wenn ſie an dieſe ſeltſame innere Ahnung Delmares dachte. Sie machte ſich beinahe Vorwürfe darüber, daß ſie das gethan, was ſie als eine Pflicht betrachtete, indem ſie ihren Vater zu umarmen kam . ſie ſucht indeß die Ahnungen, von denen er bewegt iſt, irre zu führen, überhäuft ihn mit Liebkoſungen, trocknet ſeine Thränen mit Küſſen, und indem ſie einen Theil ihres Geheimniſſes preisgibt, wodurch ſie den andern verdeckt, fährt ſie fort: „Du willſt die Wahrheit wiſſen, mein Vater, um die Urſache der traurigen Ahnungen zu ergründen, die Dich niederbeugen? . . . ich will, was es mich auch koſten mag, aufrichtig ſein . .“ „Ol ſprich. ſprich .. „Meine Liebe zu Dir hat unter der Erkaltung der Seele, welche in mir jedes Gefühl vernichtet, ſchwer gelitten. Ich liebe Dich noch ebenſo ſehr, als es mir möglich iſt . . . als mir zu lieben gegeben iſt; . . . aber leider entſprechen die ſchwächeren Schläge meines zu Eis gewordenen Herzens nicht mehr wie früher den heißen Schlägen des Deinen... Du fühlſt meine Zärtlichkeit abnehmen und die Deine nicht mehr voll erwiedern . . . Das iſt die Urſache Deiner unklaren Traurigkeit. . . Aber wer weiß, ob ich nicht, durch den füßen Einfluß Deiner Liebe belebt, wieder für Dich die Jeane Deiner früheren Tage werde? .. Und jetzt, nach dieſem für mich ſo peinlichen Geſtändniſſe, ſuche nicht anderswo die Urſache Deiner düſtern Ahnungen.“ 213 Delmare bleibt aufs neue einen Augenblick ſin⸗ nend ſitzen und fährt dann ſeufzend fort: „Dieſe Erklärung genügt mir nicht . . Ich habe dieſe Verminderung Deiner Liebe nicht bemerkt . auch wäre ich gewiß, ſie durch die meine wieder⸗ beleben zu können . . . Nein, nein, das iſt nicht die Urſache meiner Trauer . . .“ „Du denkſt unwillkürlich an meine Zukunft .. ſei offen . . . Du haſt bange für mich . .“ „Für Dich?“ „Ja, im Falle ich Dich überlebte.“ „Ach! es iſt nur zu wahr, dieſer Gedanke wird mich in meiner Todesſtunde martern . . . Ach! ich ſage auch diesmal wieder: Fluch über mich, über meine frühere Verſchwendung! .. die Rente, von der ich lebe, erliſcht mit meinem Tode .. . Du beſitzeſt nichts mehr von Deiner Mitgift . . . Du biſt drei⸗ undzwanzig Jahre alt . . . wovon willſt Du nach meinem Tode leben, unglückliches Kind?“ „Mein Vater, erlaube mir, ehe ich Dir antworte, in dieſer Beziehung eine Frage . . . und verſprich mir, offen darauf zu antworten, wie ſeltſam Dir dieſe Frage auch erſcheinen mag.“ „Ich verſpreche es Dir . . .“ „Wenn der Gedanke ſich Dir bisweilen aufge⸗ drungen: Was wird aus meiner Tochter, wenn ſie ihre Mitgift aufgezehrt?“ Haſt Du Dir da nicht geantwortet: Ach, wenn ſie noch tiefer fallen ſollte, als ſie bereits gefallen iſt . . . oder die furchtbaren Entbehrungen der äußerſten Noth ertragen müßte... ſo wollte ich ſie doch lieber bei meinen Lebzeiten todt ſehen . meine Todesſtunde wäre ruhiger . ..“ 214 „Schweige . .. Jeane . . ſchweige . was Du da ſagſt, iſt furchtbar .. .“ antwortete Delmare zitternd und ſein Geſicht in ſeinen Händen bergend, aus Furcht, dem Blicke Jeanes zu begegnen. Er erinnerte ſich, daß noch heute, bei ſeinem Geſpräche mit Genevieve, ſich dieſer mörderiſche Gedanke ſeinem Geiſte dargeboten, der von Beſorgniſſen für das Schickſal Jeanes gequält wurde. Dieſe, ihren Vater mit einem durchdringenden Blicke beobachtend, war überzeugt, daß ſie ſich nicht getäuſcht, als ſie am vorhergehenden Tage zu Mau⸗ rice geſagt: „Mein Vater wird mich nicht überleben, aber mein Tod wird ſeine letzte Stunde ruhiger machen.“ Jeane verſetzte, während Delmare ſtumm vor ſich hinbrütet: „Ich glaubte einen Augenblick, Du würdeſt es vorzichen, mich lieber todt, als elend und im Kothe zu ſehen . . . Ich wollte Dir beweiſen, daß ich mich in Beziehung auf die Sorge, die Dir mein Schickſal macht, nicht täuſche ich wollte . . . ich will ... ich muß Dich vollſtändig beruhigen, mein Vater...“ „Wie das?“ „Du fürchteſt, nicht wahr, daß, wenn ich Dich überlebe, noch jung und im Beſitze einiger Schönhei⸗ ten aber ohne die Tugend, um mich zu verthei⸗ digen . . . und gewöhnt an den Leichtſinn, durch das Elend aufs Aeußerſte getrieben — auf jene verkäuf⸗ liche Stufe der Erniedrigung herabſinken werde, vor der ich bis jetzt nicht zu erröthen brauchte.“ „Jeane ... ich beſchwöre Dich . . es iſt genug Du machſt mich troſtlos unglücklich!“ 21⁵ „Beruhige Dich, mein Vater, ich ſchwöre Dir bei Deiner Liebe zu mir . . dem heiligſten Schwur, den ich je ſchwören kann . . ich ſchwöre Dir, daß ich nie tiefer ſinken werde, als ich ſchon geſun⸗ ken bin.“ „Dein Entſchluß iſt in dieſem Augenblick zu ehr⸗ lich, ich kenne die Zartheit Deines Charakters, ſie hat Deine Verirrungen überlebt. . . aber das Elend armes Kind . . . das Elend! . . . Du haſt es nie gekannt! . . . ach! Du weißt nicht, zu welch' furchtbaren Dingen es uns bringen kann.“ „Ich ſchwöre Dir, daß ich das Elend niemals zu fürchten haben werde . . .“ — „Wohl . . . ſo lange ich lebe, aber wenn ich todt bin . wovon wirſt Du leben? von Deiner Arbeit? . . . Du weißt nicht, wie unzureichend die Bezahlung der Frauen iſt.“ „Ich werde auch niemals zu meiner Arbeit meine Zuflucht zu nehmen haben . . .“ „Auf welche Mittel kannſt Du denn zählen?“ „Du ſollſt es morgen erfahren.“ „Morgen.“ „Ja guter Vater . . . morgen wirſt Du den unwiderleglichen Beweis haben, daß ich niemals das Elend, noch die Erniedrigung, die es zeugt, zu fürch⸗ ten haben werde, und ich wiederhole Dir . daß ich niemals tiefer ſinken werde, als ich bereits ge⸗ ſunken bin . . . „Dein Ton, der beinahe feierliche Ausdruck Dei⸗ ner Züge, Alles überzeugt mich, daß Du wahr ſprichſt ich fürchte indeſſen doch . . .“ 216 „Ich ſpreche wahr . . . ich rufe das Andenken meiner Mutter zum Zeugen auf.“ „Warum kannſt Du mir nicht heute den Beweis geben, den Du mir morgen zu geben verſprichſt, Jeane?“ „Die Nacht rückt vor, guter Vater, die Ereigniſſe des Abends haben Dich ſehr aufgeregt. Ich fühle mich ſelbſt ſehr müde, erlaube, daß wir die Fort⸗ ſetzung dieſes Geſpräches auf morgen verſchieben.“ „Aber dieſer Beweis? Dieſer Beweis, der mir eine ſo große Laſt von der Seele nehmen könnte kannſt Du mir ihn nicht in wenigen Worten geben?“ „Der Beweis ſoll kein Beweis in Worten, ſon⸗ dern ein Beweis durch die That ſein, mein Vater morgen wird ihn Dir der Bote von Nantua bringen „Der Bote von Nantua?“ „Ja, wir haben unſer Gepäck dort gelaſſen. Die Sonne ſtrahlte ſo freundlich; trotz der Kälte fanden wir einen melancholiſchen Reiz darin, den Weg von Nantua hierher zu Fuß zu machen, um uns durch die Gegend an die ſchönen und lachenden Jahre un⸗ ſerer erſten Jugend zu erinnern.“ „Dieſer Beweis alſo, von dem Du ſagſt und der mich über Deine Zukunft vollkommen beruhigen ſoll?. 0 Du wirſt ihn morgen bei Ankunft des Bo⸗ ten von Nantua erhalten, guter Vater .. „Deine geheimnißvollen Worte beunruhigen mich und doch muß ich Dir glauben . Du haſt Dich 217 das heilige Andenken Deiner Mutter beru⸗ „Und vor Dir . . . in dieſem letzten Augenblicke rufe ich es noch einmal zum Zeugen an ... Dein Fluch treffe mich, wenn ich Dich täuſche . . . Nein, mein Schickſal ſoll Dich nicht mehr beunruhi⸗ In dem Augenblick, als Jeane dieſe Worte mit einem Tone ſprach, der Delmare betroffen machte, kehrten Maurice und Genevieve in das Wohnzimmer zurück. „Nein, mein Alter,“ ſagte die Amme, „nach einem Abend, wie der heutige, bedarfſt Du der Ruhe . . Es iſt bald ein Uhr . . . und da Du ſicher mit der Morgendämmerung aufwachen wirſt, um Deine Jeane zu umarmen . ſo mußt Du Dich ſchlafen legen Kraft für Dein Glück ſammeln . . . nicht wahr, Herr Maurice? nicht wahr, Mavemviſelle Jeane? Ach, wo habe ich den Kopf. ich nenne Sie Ma⸗ demoiſelle wie ehemals. Nun, 8 iſt einer⸗ lei. vereinigen Sie mit mir Ihre Bitten . . . daß ſich mein Charles zur Ruhe begibt . .. ſonſt werden Sie ſehen, daß er morgen ganz gebrochen iſt daß er nicht die Kraft hat, aufzuſtehen . . .“ Jeane litt, trotz ihrer Herrſchaft über ſich, furcht⸗ bar, wenn ſie an den Irrthum dachte, in dem ſie ihren Vater ließ, ſie verband ſich deßhalb mit Mau⸗ rice und Genevieve, um Delmare zu bewegen, daß er einige Ruhe im Schlafe ſuche. Er gab nach, ſpielte jedoch noch einmal auf die unbeſtimmten Ahnungen an, die ihn trotz ſeines Geſpräches mit Jeane noch immer beunruhigten. Er föühlte ſich ſo ——— 218 ſchwach, daß er des Armes von Jeane und Maurice bedurfte, um ſich von ſeinem Seſſel zu erheben und ſein Zimmer zu erreichen, wo ſeine Amme ihm beim Zubettegehen half, nachdem er die noch einmal zärt⸗ lich umarmt, welche er ſeine Kinder nannte. Maurice legte ſich ganz angekleidet auf das Canapee des Wohnzimmers, Jeane, welche gleichfalls ihre Kleider nicht ablegen wollte, warf ſich auf Ge⸗ nevieves Bett und dieſe ſchob einen der Fauteuils des Wohnzimmers in die Küche, indem ſie verſicherte, daß der Sitz ſo gut ſei, wie ihr Bett; bald herrſchte die tiefſte Stille in dem Hauſe Delmares. XXV. Wir rufen dem Leſer das Bild der Landſchaft ins Gedächtniß zurück, wo die erſten Scenen dieſer Erzählung ſpielten, wo namentlich die Heuernte der Hochebene des Treſerve ſtattfand, einer der höchſten Spitzen des Jura. Aber die Landſchaft, ſtatt mit dem ſaftigen Grün des Sommers geſchmückt zu ſein, lag jetzt unter dem ungeheuren, durch den Froſt ge⸗ härteten, Leichentuch des Schnees. Die Kälte iſt ſehr groß; der Himmel, klar und blau, färbt ſich im Oſten mit der erſten Röthe der Morgendämmerung . . . am fernſten Horizonte hebt ſich im dämmernden Halbdunkel die bläuliche Maſſe des Montblanc ab, hinter welchem die Sonne bald aufgehen muß. Jeane und Maurice, den Schlaf ihrer Wirthe benützend, haben vor Tagesanbruch verſtohlen das 219 Haus von Charles Delmare verlaſſen, das auf der Mitte des Bergabhanges liegt, auf deſſen Höhe ſich die Hauptgebäude der Beſitzung des Morillon befin⸗ den, die von Herrn Dumirail in eine Ackerbauſchule umgewandelt iſt; ſein Grab befand ſich in einer ländlichen Kapelle mitten unter den Wirthſchaftsge⸗ bäuden; vor dieſem Grabe ſind Maurice und Jeane fromm auf die Knie geſunken, als ſie auf dem Mo⸗ rillon ankamen, wo alles noch in tiefem Schlafe lag. Dann ſind die beiden jungen Leute, ruhig und ge⸗ ſammelt, die Ackerbauſchule hinter und unter ſich laſſend, mit langſamem und ſicherem Schritte, Hand in Hand, den krummen Weg hinangeſtiegen, der vom Morillon nach der Sennhütte des Treſerve führte. Plötzlich erſcheint die Sonne hinter dem Montblanc, ſein Dom erglüht in lebhaftem, beinahe feurigem Roth, wie die zackigen Spitzen der höchſten Gletſcher; die weiter vorſtehenden Berge färben ſich gleich⸗ falls, endlich überſtrömen die roſigen und rothen Re⸗ flere, von großen Schatten durchſchnitten, die Berg⸗ wände und die mit Schnee bedeckte Ebene. Nach⸗ dem ſich endlich die Sonne über den Gipfel erhoben, wird dieſer Coloß einförmig weiß und bringt einen Eindruck hervor, deſſen impoſſante und traurige Größe ſich nicht beſchreiben läßt. Jeane und Maurice, überraſcht von der Maje⸗ ſtät dieſes Schauſpiels, bleiben am Fuße eines auf der Hälfte des Weges zwiſchen dem Morillon und der Sennhütte des Treſerve errichteten Kreuzes ſtehen . . . von wo aus man den weiten Horizont überſchaut, von dem wir eine Skizze zu geben ver⸗ ſucht. Sie unterſcheiden deutlich in der Ferne und 220 unter ihnen das vereinzelnte Haus Delmares, und auf der Mitte des Abhangs die Gebäude der Acker⸗ bauſchule. „Maurice,“ ſagte Jeane, ſtehen bleibend, „wir wollen noch einen letzten Abſchiedsblick zurückwerfen nach jenem väterlichen Hauſe jener reizen⸗ den Einſamkeit, wo die erſten Jahre unſrer Jugend in Frieden, Glück und Unſchuld verfloſſen.“ Aber ſich unterbrechend fügt die junge Frau mit einer deutenden Geberde hinzu: „Maurice . ſiehſt Du dort unten . . . dort unten auf dem Wege von Nantua jenen Wagen. .. . der von Reitern eskortirt wird? . . „Ich ſehe ihn. die Reiter ſind Gendarmen; ſie nehmen ihren Weg nach dem Hauſe Deines Vaters; wahrſcheinlich ſind Polizeibeamte in dem Wagen, wir haben uns zur rechten Zeit auf den Weg gemacht, man fahndet auf mich . . .“ „Sieh . ſieh . ſie lenken in die Nußbaum⸗ allee ein, welche nach dem kleinen Garten führt. .. Ach! welches Erwachen für meinen armen Vater Erſchöpft durch die Aufregungen des vorher⸗ gehenden Tages, lag er dieſen Morgen in tiefem Schlafe, als ich vor Anbruch des Tages leiſe beim zitternden Lichte der Lampe in ſein Zimmer trat ich habe ihn zweimal auf die Stirne geküßt In jenem Augenblicke träumte er von mir ... ſeine Lippen murmelten meinen Namen .. . „Jeane. . er wird uns nicht überleben .. . denke an ſeine Verzweiflung, wenn er gegen Mittag den Brief erhält, den wir bei unſerer Durchfahrt durch Nantua auf die Poſt gegeben . . .“ 221 „Mein Vater wird daraus erkennen, daß ich ihn nicht täuſchte, als ich im Augenblick meines Weggangs zu ihm ſagte: Ich ſchwöre Dir, ich werde nicht tiefer ſinken, als ich ſchon geſunken bin ich werde die Noth nie kennen lernen . . meine Zu⸗ kunft darf Dich nicht unruhig machen.“ „Armer lieber Meiſter . . . Ach wir ſind grau⸗ ſam wir werden ihn tödten!“ „Seine Todesſtunde wird ſüß ſein . es wäre ſchrecklich geweſen, wenn ich ihn überlebt hätte!. .. guter Vater . . hat er mir nicht beinahe unwill⸗ kürlich eingeſtanden, daß er mich bisweilen todt zu ſehen gewünſcht . ..5 FEr er „Ja, ſo groß waren ſeine Beſorgniſſe, ſeine Bangigkeiten bei dem Gedanken, daß er mich arm, jung und noch ſchön auf der Erde zurücklaſſen ſollte, aber mein Selbſtmord wird ihm ſeine Gemüthsruhe wiedergeben; er wird ohne Schmerz, was ſage ich? mit einer bittern Freude . dies für ihn fortan zweckloſe Leben, da ich nicht mehr da bin, aufgeben Ach! Maurice, ich nehme wenigſtens dieſen letzten Troſt mit mir: mein Tod wird für meinen Vater . nur eine Erleichterung ſein . . . ſie wird ihn von furchtbaren Bangigkeiten befreien.“ „Möchte dem ſo ſein, Jeane, aber wie groß wird ſeine Verachtung gegen mich ſein, wenn er von den Polizeibeamten erfährt, weſſen ich ange⸗ klagt bin.“ „Der Verachtung wird die Verzeihung folgen Du ſühnſt unvollkommen, aber Du fühnſt doch das Unrecht, das Du begangen. Auf, Maurice, 222 noch ein letztes Lebewohl dem väterlichen Hauſe, das die nächſte Krümmung des Weges uns verbergen wird .. dann wollen wir unſere Bergbeſteigung fortſetzen . . wir werden auf das Plateau des Treſerve kommen, ehe die Leute, die Dich ſuchen, uns auf der Spur ſind.“ „Lebewohl, väterliches Haus! lebewohl, ländliche Wiege meiner glücklichen Jugend!“ ſagte Maurice mit tiefer Rührung, indem er einen langen in Thrä⸗ nen gebadeten Blick auf den fernen Morillon warf. „Lebewohl, lachendes Aſyl meiner Jünglingsjahre . dort kannte ich die Freuden des häuslichen Her⸗ des, die ſüßen Freuden der Familie; dort betete ich den beſten der Väter, die zärtlichſte der Mütter an; dort erhob ſich meine Seele durch die edelſten Ein⸗ drücke zum Schönen, Wahren und Guten; dort be⸗ griff ich die erhabene Poeſie der großartigen Natur dort ſchlug mein Herz zum erſten Male für Dich, Jeane, für Dich, mein Herz, das bald zum letzten Male ſchlagen wird: dort, ſoweit der Horizont der Zukunft ſich vor mir ausbreitete, verſchleierte keine Wolke ihre leuchtende Heiterkeit . . . Lebewohl, für immer, ländliches Haus! Und ihr, lebt wohl, ihr väterlichen Gefilde; ich bebaute euch mit Liebe und Ehrfurcht, durch die Arbeit meines Vaters ge⸗ heiligte Länder! . . . meine junge und kräftige Hand durchfurchte euch; . . . ich hoffte euch noch mit er⸗ grauter Stirne und geſchwächter Hand zu durchfur⸗ chen .. Lebt wohl, ihr reichen Ruheländer, einſa⸗ men Wälder, wo ich ſo oft von Dir geträumt . .. Jeane!. Lebet wohl, ihr duftigen Wieſen, deren Königin Du warſt . . . o Du! die Braut meines 223 Herzens! Du biſt jetzt das Beſitzthum eines Andern Ach! ich ſchwöre es in dieſem letzten Augen⸗ blicke. ich empfinde keinen Schmerz über den Ver⸗ luſt meiner Erbſchaft! Geehrt ſeieſt Du, mein Vater geehrt ſei Dein Andenken und Deine ahnende Klugheit! In dieſem ſchützenden Aſyle, das der Ar⸗ muth geöffnet iſt, werden ehrenwerthe Generationen und fleißige Kinder des Volks, wie Du ſagteſt, das Brod der Seele und die Mittel zur Arbeit finden!“ Du haſt, indem Du mich enterbteſt, eine ſtrenge Pflicht erfüllt; meine Strafe wird für Andere fruchtbar ſein; der Erlös aus dem Verkauf des Beſitzthums, den ich ſchon lange verſchwendet, hätte nur dazu gedient, meinen ſchmählichen Untergang um einige Jahre hin⸗ auszuſchieben. Darum ſei geſegnet und verehrt, mein Vater. ich ſage es aus der Tiefe meines Her⸗ zens, indem ich einen letzten Blick auf den Ort werfe, wo ſich Dein Grab erhebt.“ „Maurice . . . Maurice. . .“ verſetzt Jeane mit thränenfeuchten Augen, indem ſie die Hände des jun⸗ gen Mannes drückt. „Wenn Gott Dich hört . . . wenn er in Deinem Herzen die Aufrichtigkeit Dei⸗ ner Worte liest . .. ſo wird Dir vergeben ſein.“ In dieſem Augenblick beginnen die Glocken der um den Morillon liegenden Dörfer ihr Sonntagsge⸗ läute. Dieſer ferne und melancholiſche Klang der Glocken, den die beiden jungen Leute ſo oft vernom⸗ men, macht einen tiefen Eindruck auf ſie; ſie geben ſich wiederum die Hand und ſetzen ihren Weg nach der Sennhütte fort, indem ſie bisweilen ihr nach⸗ denkliches Schweigen durch den Austauſch gemein⸗ ſchaftlicher Erinnerungen unterbrechen. 22⁴ „Erinnerſt Du Dich, Jeane? An dieſer Stelle des Weges war es, wo San Privato, als er mit uns nach der Sennhütte des Treſerve ging ... behauptete, daß er deutlicher in unſerer Seeke leſe, als wir ſelbſt.. Dir die beinahe unwiderſtehliche Anziehungskraft, die Du auf ihn ausübeſt, enthüllte und mir enthüllte, daß der Neid und die Eifer⸗ ſucht die Abneigung hervorriefen, welche ich plötzlich gegen ihn fühlte.“ „Ja, Maurice . . . hier war es, wo dieſer Ver⸗ ſucher in Deine Seele den erſten Wunſch jenes edlen Ehrgeizes legte . der Dich ſpäter nach Paris füh⸗ ren ſollte . . zu Deinem Ruine zu Deinem Untergang „O Jeane, was iſt ſeit jener Zeit nicht alles ge⸗ ſchehen. unſer Leben wurde verfälſcht, verkehrt, umgeſtürzt, vernichtet . und die Natur, unwan⸗ delbar in ihrer Größe, hat ſich nicht verändert. Er⸗ kennſt Du dieſe ungeheure Lärche, in deren Schutz wir uns einſt ſtellten, als der Regen uns auf dem Berge überraſchte?“ „Und dort unten . . . an den Knoten der unge⸗ heuren Buchenwurzeln . die kleine unterirdiſche Quelle, wo Du mich aus Deinen Händen trinken ließeſt . ſiehſt Du ſie, ſiehſt Du ſie? ſie fließt noch immer und ſcheint in der ungeheuren Kälte zu dampfen dieſes Waſſer, das im Sommer ſo friſch iſt!“ Dann fügte Jeane mit einem herzzerreißenden Lächeln hinzu: „Lebe wohl, gute, alte Lärche, die Du uns ſo oft mit Deinem Schatten bedeckt! Lebe wohl, 225 liebe, kleine Quelle .. wo ſich unſere Lippen ſo oft erfriſchten . . . Du wirſt wieder grünen . . . alte gute Lärche; Du wirſt immer rein und klar fließen, liebe kleine Quelle . . wenn wir, Maurice und ich, längſt nur Staub ſind! . . .“ XXVI. Die beiden jungen Leute, welche immer ſtiller und nachdenklicher geworden, ſetzten ihren Weg am Abhang hinan fort; der Schnee, der auf der Höhe des Berges hart geworden, krachte unter ihren Füßen. Bald ſahen ſie aus der Entfernung die Leute vhn der Sennhütte, welche ihnen entgegen kamen, und ſich nach der Meſſe in der Pfarrkirche begaben. Der Vater und die Mutter, jetzt alte Leute, hatten Mau⸗ rice heranwachſen ſehen, und Joſette, ihre älteſte Tochter, hatte Madame Dumirail nach Paris beglei⸗ tet. Der Bruder und die Schweſter der Dienerin begleiteten ihre Aeltern. Als ſie aus der Entfernung Mauricens, der an ſeiner hohen Geſtalt kenntlich war, gewahr wurden, blieben die Bergbewohner an⸗ fangs überraſcht ſtehen, dann ihre Schritte beſchleu⸗ nigend, näherten ſie ſich: „Jeſus Gott!“ ſagte der Alte, „iſt es möglich Sie ſind es, Herr Maurice . . . Sie?“ „Und Sie auch, Mademviſelle Jeane!“ fügte die gute Frau beſtürzt hinzu, „auf dem Lande; man ſagte, Sie würden beide für immer in Paris . der großen Stadt bleiben!“ „Wir ſind, wie Ihr ſeht, in unſere Berge zurück⸗ Sue, die Familienſöhne. v. 15 226 gekehrt, meine Freunde,“ antwortete Maurice, „und wir werden dieſe lieben Berge nicht mehr verlaſſen..“ „Ach, das iſt ſchön . . . das iſt ſchön, Herr Maurice,“ verſetzte der Alte, „Ihr verſtorbener Herr Vater . . . der unſer guter Herr ſo viele Jahre lang war, ſagte uns, daß Sie immer auf der Ackerbau⸗ ſchule des Morillon Ihren Platz haben werden . und daß Sie früher oder ſpäter .. . als ein verſchwen⸗ deriſcher Sohn dahin zurückkehren würden . . . Ja, ja, die Jugend muß einmal ein Ende nehmen . . .“ „Die unſrige hat ihr Ende genommen ... guter Vater,“ verſetzte Jeane lächelnd, „wir ſind, ohne daß es den Schein hat, ebenſo alt geworden, als Ihr, die Ihr ſo ſchöne weiße Haare habt. Und wo iſt denn Eure Tochter oſette, dies ausgezeichnete Geſchöpf? . . . „Der verſtorbene Herr Dumitii hat ſie als Weißzeugverwalterin auf der Ackerbauſchule angeſtellt zum Lohne für ihre Anhänglichkeit an Ihre brave und gute Mutter, Herr Maurice. Die arme Joſette! ſie erinnert ſich noch immer, daß die Thurm⸗ eulen und die Hofhunde auf dem Morillon krächzten und ein Todtengeheul anſchlugen . . . als unſere Herrſchaft das Haus verließ . . . Und nun ſehen Sie mal, wie gut ſie prophezeit! . . . Zwei Monate nach ihrer Abreiſe ſtarb unſere arme Madame in Paris. .. und Ihr würdiger Vater ſtarb hier acht⸗ zehn Monate nach ſeiner Fräu . . .“ „Aber Gott ſei Dank, er wird ewig leben in dem Andenken der guten Leute . . . zum Dank für das Gute, das er gethan,“ verſetzte Maurice. „Die 227 Ackerbauſchule wird den Jura mit guten Landwirthen beſchenken, die bisher ſo ſelten waren . „Das ſagen alle Leute im Lande, Herr Maurice, denn man ſieht ſchon die Verbeſſerung der Cultur in gewiſſen Cantonen, und daran ſind die Zöglinge des erſten Curſes auf dem Morillon Schuld — ſie ließen ſich auf den größten Meiereien des Landes anſtellen! O jedermann wollte Morillons haben, wie man die Zöglinge der Ackerbauſchule nennt . . . Herr Maurice, Sie erinnern ſich vielleicht noch Joſons des Sohns von Vater Martin?“ „Gewiß erinnere ich mich ſeiner . . . das iſt jener Vater Martin, der älteſte der Arbeiter im Jura, der mich zuerſt den Pflug führen lehrte.“ „Und ohne Compliment, Herr Maurice, er hatte keinen ſchlechten Schüler . . . Ach! ja, man mußte Sie beim Urbarmachen mit Ihrem Dombasle⸗Pflug ſehen, der mit drei prächtigen Ochſenpaaren beſpannt war. Allgemein hieß es dann: Der wird eines Tages der König der Arbeiter . . .“ „Ach! zu meinem Unglück habe ich auf dieſes ſchöne Königreich verzichtet,“ antwortete Maurice, einen Seufzer erſtickend. „Aber Ihr ſpracht mir von Joſon, dem Sohn von Vater Martin? „Ja, Herr Maurice. Nun, er hat es zuerſt unter den Zöglingen vom Morillon zu etwas gebracht, er wurde bei einem der größten Güterbeſitzer im Jura angeſtellt, und erhielt neben Koſt, Logis und allem Uebrigen zwölfhundert Franken . und ſo die übri⸗ gen Morillons auch. Urtheilen Sie darnach, was dieſe jungen Leute bekommen werden, wenn man ſich um ſie reißt, ſie einander abſpenſtig macht. Und das 228 . nützt der ganzen Welt und dem Ackerbau, das, und wem haben wir's zu verdanken . . . Ihrem braven und würdigen Vater, Herr Maurice!“ „Ach, Jeane!“ ſagte Maurice halblaut zu der jungen Frau, „wenn ich meinen Vater beerbt . . . wäre dieſes auf eine ſo kluge und bewundernswür⸗ dig fruchtbare Weiſe verwendete Geld in Orgien ver⸗ ſchleudert worden . . . Erinnerſt Du Dich der Worte unſeres theuren Meiſters: Es iſt ein Verbrechen, mit unfruchtbar verſchwenderiſcher Hand ein väter⸗ liches Erbgut zu verſchleudern, das ein ſo mächtiger Hebel . . . für das Gute unſerer Nebenmenſchen wer⸗ den kain „Ach, Herr Maurice,“ verſetzte der Alte, „wo gehen Sie denn bei dieſem Schnee hin? Der Schnee trägt und Sie haben Gebirgsfüße . . . ich weiß es. Aber Sie müſſen ſich wenigſtens vorſehen . . . An Orten, die vor dem Nordwind geſchützt ſind und wo der Schnee friſch gefallen, deßhalb auch noch nicht gefroren iſt, werden Sie wie in einer Torfgrube un⸗ terſinken ..5 „Jeane und ich haben oft Spaziergänge im Win⸗ ter über die Berge gemacht und begehen deßhalb keine Unklugheit . . . Wir wollten bis zur Sennhütte hinaufgehen . . . da wir vergeſſen, daß es Sonntag iſt und daß Ihr in die Meſſe gehen würdet .. . aber wir werden Feuer droben bei Euch finden, nicht wahr?“ „O ja, Herr Maurice, ein gutes Feuer, das Sie erwärmen ſoll . . . Der Schlüſſel zur Thüre der Senyhütte iſt . . . Sie wiſſen wo. . . wenn Sie es nicht vergeſſen haben?“ 229 „Er iſt hinter dem Taubenſchlag links an der Thüre,“ verſetzte Jeane lachend, „ſeht, ich habe ein gutes Gedächtniß.“ „Nun, lebt wohl, ihr guten Leute,“ ſagte Mau⸗ rice; und fügte, als er im Begriffe war, ſeinen Weg fortzuſetzen, hinzu: „Iſt viel Schnee auf den Wieſen droben auf dem Col de Treſerve?“ „O wohl zehn Fuß tief, Herr Maurice.“ „Aber der Schnee trägt doch?“ „Wie ein Fels denken Sie doch, bei der Kälte! . . . Er iſt ſechs Zoll tief gefroren.“ „Danke lebt wohl ihr guten Leute!“ „Nicht, lebt wohl, ſondern auf Wiederſehen, Herr Maurice, da Sie jetzt für immer in unſern Bergen bleiben. Haben Sie wohl Acht auf den friſch ge⸗ fallenen Schnee und hüten Sie ſich.“ Nach dieſem bei den Bewohnern der Berge des Jura üblichen Gruße ſtiegen die Meier, ihren Weg fortſetzend, nach den Thälern hinab; die beiden jun⸗ gen Leute ſtiegen weiter hinan zum Col de Treſerve und verfielen wieder in ihr ſinnendes Schweigen, das ſie zuweilen durch Anſpielungen auf ihre gegenwär⸗ tige Lage im Vergleiche mit den Ereigniſſen von früher unterbrachen . .. „Maurice...“ ſagte Jeane, aus ihrer Träumerei erwachend, „was fühlſt Du in dieſer Stunde?“ „Meine Seele iſt ruhig . . . beinahe heiter . Sie erweitert ſich, je mehr wir uns dem Gipfel des Berges nahen ... Ich weiß nicht, ob ich dieſe That⸗ ſache der Einwirkung der Luft zuſchreiben ſoll, die in dieſen hohen Gegenden immer reiner wird aber 230 bei jedem Schritte iſt es mir, als ob ich die letzten Bande, die mich noch am Leben hielten, zurückließe..“ „Du empfindeſt wirklich keinen Schmerz, Mau⸗ rice, ſo früh zu ſterben?“ „Keinen . .. die Dinge des Lebens erſcheinen mir in dieſer Stunde in einer ſo unbeſtimmten Ferne, daß ich ſie kaum mehr erkennen kann .. . gerade wie es mit dieſen Hügeln, dieſen von Dörfern und Flecken überſäeten Ebenen iſt, die wir kaum mehr da unten unterſcheiden . . . da unten in der unermeß⸗ lichen Entfernung . . .. Und Du .. . Jeane . . biſt Du ruhig?“ „O mehr als Du . . . ich bin glücklich . glücklich wie der müde Wanderer, der die Ermüdung, die Gefahren des Weges vergißt, wenn er ſich am Ziele ſeiner Wanderung ſieht . . .“ „Jeder unſerer Schritte . . . nähert uns dem Ziele dieſer Wanderung . . Aber ſage mir . .. Jeane ... haſt Du nicht auch eine Art Hallucination? ich fühle ſeit einigen Minuten eine ſolche . . . Es iſt nicht einer von den Punkten dieſes Bodens nicht einer der Felſen, der Bäume dieſes We⸗ ges, deſſen ich mich nicht lebendig erinnerte . . . und doch iſt es mir . . . als wären wir in einem für mich ganz neuen Lande . . . Bin ich das Spielzeug einer jener Fata Morgana, die, wie man ſagt, der nahe Tod oft unwillkürlich in unſerem wirren Geiſte hervorruft?“ „Vielleicht. . . denn es erfaßt mich ebenfalls in dieſem Augenblicke eine Hallucination . . . nicht, daß mir die Gegenden, die wir durchwandern, unbekannt erſchienen . . . ſondern die Natur nimmt rieſenhafte 231 Proportionen an . . . ſieh . . . die Tannen des Waldes bei der Sennhütte ſind in meinen Augen ſo hoch, als dieſe Wieſen des Treſerve, und dieſe Wieſen ſcheinen ſich mir mit den fernſten Höhen des Firmamentes zu vermiſchen. Maurice und Jeane ſind während dieſes Ge⸗ ſpräches an der Sennhütte vorübergekommen und haben den Abhang der Prairien, welche zum Col de Treſerve führen, erſtiegen; jenſeits dieſer Prairien fällt der Berg ſenkrecht und ſchroff ab . . . Ein ſchmaler, natürlicher Karnieß, der ſich an dieſer Kalk⸗ felſenmauer von zwölfhundert Fuß Höhe hinzieht, führt zu der Grotte des Treſerve . . . ein gefähr⸗ licher Weg, auf welchem San Privato mehre Jahre früher beinahe umgekommen und Jeane mit ſich in den Abgrund gezogen hätte . Gegen die Mitte, an einer der Krümmungen dieſes ſteilen Pfades, befindet ſich ein Felsvorſprung, der über den Abhang hervorragt und eine Art Plat⸗ form von ſo ſchmaler Oberfläche bildet, daß Jeane und Maurice kaum darauf ſtehen können und ſich umſchlungen halten müſſen . . . Beide ſind blaß, ruhig, entſchloſſen. „Auf, Maurice,“ ſagte Jeane mit feſter Stimme, „die Stunde des Opfers . . . der Sühne iſt gekom⸗ men . biſt Du bereit?“ „ch bit bereit „Fahre hin Leben!“ ſagte Jeane. „Fahre hin Leben, deſſen ich müde . . . müde . . . müde bin und deſſen Becher ich bis auf den letzien, bitterſten Tropfen geleert. „Fahre hin Leben!“ ſagt Maurice. „Fahre hin, Leben . . wo ich nichts mehr fände, als Schande und verdiente Strafe . . . „Laß uns ſterben in der Blüthe unſres Alters uns, die wir hätten zuſammen alt werden ſen „Einen Kuß . . . Jeane .. meine Braut . .. einen Kuß . . den erſten und letzten unſrer Liebe einer Liebe, rein wie die unſchuldigen Jahre unſrer Jugend . . . „Ja, Maurice . .. ja, mein Vielgeliebter .. meine Lippen werden die Deinen zum erſten und zum letzten Male preſſen. . . im Augenblicke, da wir uns in den unendlichen Raum ſtürzen und in dieſer Umarmung ſollen unſere Seelen aushau⸗ chen ... Maurice drückt Jeane convulſiviſch in ſeine Arme ſie ſchließt die Augen . . . bietet dem jungen — Manne ihre Lippen. . . und im Augenblick, wo ihr Mund ſich berührt, reißt er Jeane mit ſich hinab und beide ſtürzen in die ungeheure Leere, die zu ihren Füßen gähnt. XXVII. Drei Tage ſind ſeit dem Selbſtmord Jeanes und Mauricens verfloſſen. Es iſt Nacht. Man ſieht ein helles Licht durch die Scheiben des Zimmers von Delmare glänzen. Joſette und ihre Mutter, die Frau des Meiers vom Treſerve plaudern am Kamine der Küche. Sie 233 ſind blaß. Ihre Augen ſind von kaum vergoſſenen Thränen geröthet. „Du fürchteteſt alſo nichts, als Du ſie am Sonn⸗ tag in der Nähe der Sennhütte begegnet?“ fragte Joſette ihre Mutter. „Weder das Eine, noch das Andere hatte das Ausſehen von Verzweifelten?“ „Nein . . ſie ſchienen uns ganz vergnügt und guter Dinge, Sie ſagten uns, daß ſie in unſere Berge zurückkämen, um ſie nie wieder zu verlaſſen.“ „Ach! ſie haben nicht gelogen . . Jeſus, mein Gott!“ ſagte Joſette. Und ihre Thränen fließen von Neuem. „Sie haben nicht gelogen! die armen jun— gen Leute . . . und wenn ich bedenke, daß es ſechs Jahre her ſind . . . daß ſie nach Paris gingen . . . ſo ſchön . .. ſo verliebt in einander! Ach! ver⸗ wünſchte Prophezeiung. . . verwünſchte Prophezeiung . Du täuſcheſt mich nicht . . .“ „Wir ahnten das Unglück, als wir, nach der Meſſe zur Sennhütte zurückkehrend, auf dem Weg zum Morillon die Gendarmen begegneten, welche Maurice verfolgten.“ „Wie wußten ſie, daß ſie nach den Waiden des Treſerve hinaufgeſtiegen waren?“ „Leute vom Morillon, welche vor Tag in den Ställen beſchäftigt waren, ſahen Herrn Maurice und Mademviſelle Jeane in die Kapelle der Farm treten und dann den Weg nach der Sennhütte ein⸗ ſchlagen.“ „Die Gendarmen ſtiegen alſo bis hier herauf, Mutter?“ „Ja, ſie wußten von uns, daß wir zwei Stun⸗ den früher den jungen Herrn und die junge Dame 23⁴ auf dem Wege zur Sennhütte begegnet . . . Der Offizier forderte uns auf, ſie zu führen . . . Dein Vater zeigte ihnen den Weg, indem er auf dem Schnee den Spuren der Schritte der armen jungen Leute folgte . . . bis zum Ende der Wieſen des Col, an den Ort, wo der Berg ſchroff abfällt, und wo der Pfad iſt, der zur Grotte des Treſerve führt. Die Gendarmen wagten ſich nicht weiter .. ſie forder⸗ ten Deinen Vater auf, nach der Grotte zu gehen und dort zu ſehen, ob ſich Herr Maurice nicht darin verborgen . . . Dein Vater wagte es nicht, ſich zu weigern. . . aber auf halbem Wege an der Krüm⸗ mung des Pfades ſah er, daß der Schnee ſtark zu⸗ ſammengetreten war . . . ganz am Rande des Fel⸗ ſen . . . und dann nichts mehr, gar nichts mehr, keine Spur . . .5 „Ach! von jenem Felſen ſtürzten ſich Beide hinab.“ „Mein Gott, ja, denn geſtern hat man den Berg umgangen und fand unten in den Felſen die Leich⸗ name der Armen ſo zerſchmettert, daß ſie kaum mehr ein menſchliches Ausſehen hatten!“ „Unglücklicher Herr Delmare! man hätte glauben ſollen, er warte mit dem Sterben, bis man die bei⸗ den Leichen hierhergebracht! Ach, Mutter, welch' furchtbare Geſchichte . . . Ich ſchaure noch . .. „Du warſt alſo in jenem Augenblicke ſchon da?“ „Ja, denn als ich das Unglück erfuhr, das ge⸗ ſchehen war, eilte ich vom Morillon herbei, um der alten Genevieve meine Dienſte anzubieten . . um ihr für Herrn Delmare ſorgen zu helfen, da ich mir wohl dachte, welch' ſchrecklicher Schlag der Tod die⸗ ſer Unglücklichen für ihn ſein würde.“ „Gott im Himmel! . . . ich glaube es wohl er liebte ſie wie ſeine Kinder. 3 „Du biſt ein gutes Mädchen, Joſette, ſagte mir Genevieve. Bleibe hier, Du wirſt mir zwei mei⸗ ner Todten einhüllen helfen aber den Drit⸗ ten, meinen Charles, wirſt Du nicht anrühren! . . .“ Sie machte mir beinahe Angſt, als ſie ſo von ihren Todten mit mir ſprach. Sie hatte ein ſo wildes und wirres Ausſehen . . .“ „Ich fürchte, die gute Frau iſt ſeit dem Tode des Herrn Delmare nicht mehr recht bei Sinnen.“ „Ich fürchte es auch, Mutter. Weißt Du, daß ſie mir etwas Beunruhigendes hat mit dem Meſſer, das ſie beſtändig wetzt . . . „Aber was will ſie denn mit dem Meſſer ma⸗ chen?“ „Ich weiß es nicht . . . Um wieder auf Herrn Delmare zurückzukommen: als er einen Brief von Nantua erhielt . . . worin ihm Herr Maurice und ſeine Couſine ſchrieben, daß man ihre Leichen am Fuße des Treſerve finden werde, ſtürzte der gute Mann bewußtlos zuſammen . . . wir hielten ihn für todt . . . aber nein . . er erholte ſich wieder; an ſeiner Schwäche ſah man jedoch, daß er nicht mehr lange leben werde. Er hatte noch den Muth, Be⸗ fehle zu geben, daß man die Leichen ſuche und ſagte zu Genevieve: Ich werde noch nicht ſterben . nein! Ich will nicht ſterben, bis man die Reſte von Jeane und Maurice gefunden und hierhergebracht Ich werde ſie erwarten . . . damit wir alle drei in derſelben Grube begraben werden.““ * 236 „Der arme Herr . . . der arme Herr . . . ach! Joſette . . . das muß einem das Herz zerreißen!“ „Er that, was er verſprochen . . . er ließ ſich nicht ſterben bis geſtern . . . Ich wachte mit Gene⸗ vieve bei ihm . . . Von Zeit zu Zeit ſagte er: Die Leichen kommen nicht, Amme, die Leichen kommen nicht . . . Ich fühle es . . ich habe beinahe keine Kraft mehr zu leben . . . Wie ſie zögern! . . . wie ſie zögern! Endlich . . . gegen zwei Uhr ſieht er durch die Scheiben ſeines Fenſters eine mit Tannen⸗ zweigen belegte Bahre . . . welche Leute vom Berge trugen, vorüberkommen . . . Dann . . . o meine Mutter! ich werde noch lange davon träumen, was ich in dieſem furchtbaren Augenblicke geſchen „Vollende vollende . . . mich überläuft ein kalter Schauer.“ „Als Herr Delmare die Bahre vorüber kommen ſieht, ruft er: Da ſind ſie . . . da ſind ſie! Und ehe wir nur daran denken konnten, ihn zu hindern, erhebt er ſich, verläßt ſein Bett, indem er eines der Leintücher mit ſich zieht, das ihn wie ein Leichentuch umhüllte . . . eilt durch das Zimmer, den Salon, die Küche, öffnet die Thüre in dem Augenblick, wo man die Bahre vor dem Hauſe⸗ niederlegt . . . er⸗ hebt ſeine beiden Arme zum Himmel und ruft: Jeane . Jeane! Und fällt ſterbend auf die Bahre, auf der die beiden Leichen lagen.“ „Gott nehme ſeine Seele zu ſich,“ ſagte die Mut⸗ ter Joſettens, indem ſie ihre Thränen trocknete; „es war ein würdiger Mann .. .“ In dieſem Augenblicke hören die beiden Frauen im anſtoßenden Zimmer ein nervöſes, convulſiviſches, laut ſchallendes Lachen, das ſie mit Schrecken und Schauer erfüllt . . . Sie ſchweigen einen Augenblick und Joſette verſetzt mit dumpfer und zitternder Stimme: „Meine Mutter . . . haſt Du . gehört?“ „Ja es iſt die alte Genevieve . . . welch' ein Lachen . . . göttliche Güte! worüber kann man ſo lachen, wenn man bei Todten wacht? . . . Sie wird ſicherlich noch ganz toll! . . .“ „Was thun? . . ſie wollte dieſe Nacht allein wachen . bei den drei Särgen . . . und nicht zu⸗ laſſen, daß man den Deckel von Herrn Delmarens Sarg ſchließe! . . .“ „Mein Gott! . . . die arme Alte . . wenn ſie ſich übel befände . . . Joſette . . . ob wir eintre⸗ ene „Ich wage es nicht . . . Du weißt wohl, daß ſie uns in mürriſchem Tone ſagte: Geht . ich werde allein . . . bei meinen Todten wachen!““ „Höre, meine Tochter . . . höre,“ verſetzt die Bäurin, indem ſie das Ohr nach der Seite des näch⸗ ſten Zimmers hielt, „ich glaube, Genevieve ſpricht.“ Die beiden Frauen ſchweigen und hören einige unverſtändliche, von der Amme mit abgebrochenem Tone ausgeſprochene Worte . . . dann iſt Alles ſtill. „Joſette,“ ſagt die Meierin, „mir ſcheint, es iſt eine Gottloſigkeit, eine Tolle bei Todten wachen zu laſſen . . . komm' . . treten wir ein . „Ich wage es nicht . . . „Komm'. . komm' . . .“ antwortet die Mut⸗ 238 ter, indem ſie nach der Thüre des anſtoßenden Zim⸗ mers geht, „habe keine Furcht!“ „Wenn Genevieve uns mit dem Meſſer nieder⸗ ſtäche. das ſie beſtändig wetzt!“ „Noch einmal, meine Tochter „ Chriſten können nicht eine Tolle bei Todten wachen laſſen!“ ruft die Bäurin, und öffnet vorſichtig die Thüre des Zimmers, auf deſſen Schwelle ſie, wie Joſette, einen Augenblick ſtehen bleibt. XXVIII. Mehrere auf Leuchter geſteckte Kerzen beleuchten glänzend den Salon. Die Särge von Maurice und Jeane ſind zur Rechten und zur Linken von dem Delmarens aufgeſtellt, der bis an den Hals in das Leichentuch gehüllt iſt. Das Käſtchen mit den Brie⸗ fen ſeiner Tochter wurde, wie er es Genevieve an⸗ empfohlen, in ſeine Bahre geſtellt; ſein Kopf ruht auf einem Kiſſen. Seine Erſchöpfung, ſeine Mager⸗ keit im Augenblicke ſeines Todes war ſo groß, daß der Tod ſeine Züge wenig verändert hat. Seine Au⸗ genlider wurden von ſeiner Amme geſchloſſen. Sie hat ſein Haar und ſeinen weißen Bart ſorgfältig ge⸗ glättet und geſalbt. Er ſcheint eingeſchlafen. Der Ausdruck ſeines, ſo zu ſagen unter dem Einfluſſe ſeines letzten Gedankens zur Mumie gewordenen Ge⸗ ſichtes iſt, weit entfernt, den Charakter der Verzweif⸗ lung zu tragen, im Gegentheile ein klarer und hei⸗ terer. Die Ahnungen Jeanes haben ſich in der That 239 realiſirt. Selbſtmord befreite ihren Vater von den Bangigkeiten des Todeskampfes, die ihn ſicher ge⸗ quält, wenn er hätte denken müſſen, daß ſeine Toch⸗ ter, jung, ſchön und den Sorgen und Verſuchungen der Noth ausgeſetzt, ihn überleben werde . . Genevieve bemerkte nicht, daß die Thüre leiſe von Joſettens Mutter geöffnet wird und kniet auf dem Teppich unfern von dem Sarge ihres Alten; mit der Schärfung eines Küchenmeſſers an einem Sandſtein beſchäftigt. . . unterbricht die Amme zu⸗ weilen ihre Arbeit, um den Finger über die Schneide der Klinge oder an der Spitze hinlaufen zu laſſen. . dann ſchüttelt ſie den Kopf mit zufriedener Miene, indem ſie beſtändig einige Worte wiederholt . . . ihre Phyſiognomie iſt finſter, ihr düſteres, glühendes und von den Thränen geröthetes Auge, deſſen Quel⸗ len erſchöpft ſind, ſchleudert bisweilen wilde Blicke. Plötzlich läßt ſie ihr Meſſer auf dem Sandſteine liegen, erhebt ſich langſam, nähert ſich Charles Del⸗ marens Sarg . .. betrachtet ihn mit leidenſchaftli⸗ cher Zärtlichkeit und küßt ihn mit wildem Stolze mehrmals auf die Stirne: „Welch' ſchöner Tod . .. mein Charles .. Du warſt das ſchönſte Kind . . . der ſchönſte junge Mann, den ich geſehen . . . und biſt der ſchönſte Todte, den man ſehen kann!. . . Ich liebe Dich noch mehr, ſeit Du todt biſt. . . als da Du lebteſt und Dich mit Schmerzen nährteſt! . . . Du wirſt Deine alte Amme nicht lange erwarten. . . geh! mein Al⸗ ter! Sie hat einen einzigen Schmerz . ihre Ge⸗ beine werden weit von den Deinen ruhen . . . aber „ach! ich habe Dir oft geſagt, mein Charles. 240 wer lebt, wird ſchauen . . . ich weiß, was ich will genug . . ich habe meinen Gedanken . .. Hm, hm! Wenn der gute Gott ſchläft, ſo müſſen die gu⸗ ten Menſchen handeln . . . Faubourg Saint Honoré 92 . .. Ja! Zierpuppe! Zierpuppe! Das erwarteſt Du nicht, Du! ha, ha, ha! . Und Genevieve ſtößt von Neuem das convul⸗ ſiviſche, beinahe wahnſinnige Gelächter aus, das Jv⸗ ſette und ihre Mutter kaum ſo heftig erſchreckt hat. „Ihr Anfall von Tollheit wiederholt ſich,“ ſagt die Bäurin zu ihrer Tochter leiſe, indem ſie die Thüre noch weiter öffnet und eintritt. „Wir wollen ſie zu veranlaſſen ſuchen, daß ſie ſich zu Bette begibt und allein bei den Leichen wachen.“ Genevieve kehrt ſich bei dem Anblick der Frauen raſch um und ſagt barſch: „Was wollt Ihr hier? . . . was wollt Ihr hier machen?“ . Ihr ſeid müde . . . legt Euch ein wenig. wr werden für Euch wachen . . .“ „Geht . ue 3 der Kummer verſtört Euren Geiſt Ih „Ha! ha! ſie glauben, ich ſei oll, die da. ſie ſind wohl toll verſetzt die Anme mit einem neuen Ausbruch ihres unheim⸗ lichen Lachens, ich habe meinen Kopf. o Tag des Herrn! Ja, ich habe meinen Kof. bis man mir ihn nimmt.“ „Meine Mutter .. hörſt Du!“ murmelte § ſette, „ſie ſagt, man werde ihr den nehmen.. ſie wird wahnſinnig.“ 241 „Gute Genevieve,“ fährt die Bäurin fort, indem ſie ihrer Tochter ein Zeichen des Einverſtändniſſes gibt, „Ihr müßt müde ſein . . . wir kommen . . .“ „Geht in die Küche, laßt mich in Ruhe . „Genevieve . . . hört! . „Werdet Ihr endlich gehen?“ ruft die Amme mit drohender Miene, indem ſie einen Schritt auf die beiden Frauen zu macht. „Ich will hier allein mit meinen Todten bleiben! . . . ich!!“ „Aber Ihr wißt nicht mehr, was Ihr ſagt, noch was Ihr, thut, arme Frau!“ ruft die Bäurin, „und Ihr „Venn Ihr nicht hinausgeht . .. ſo nehmt Euch in Acht! . . .“ ruft die Amme. Und ſich herabbeugend, ergreift ſie das Meſſer, das auf dem Stein gelegen, ſchwingt es und verſetzt Joſette und ihre Mutter in einen ſolchen Schrecken, daß ſie aus dem Zimmer eilen. Genevieve ſchließt die Thür doppelt zu, gibt Del⸗ mare noch einen Kuß auf die Stirne und ſagt zu ihm: „Morgen früh, mein Alter, wenn ich Deine Kin⸗ der und Dich nach dem Grabe begleitet haben werde wenn ich die Grube ſich füllen geſehen ... dann auf, nach dem ſchönen Paris. Faubvurg Saint Honoré 92 . Dann werde ich wiſſen wo der Zierbengel iſt wenn er nicht in Paris iſt werde ich ihn anderwärts ſuchen. . . und wäre er in der Tiefe der Hölle, ich will ihn aus ſeinem Neſte hervorholen, dieſen Zierbengel! Ich habe gute Füße, gute Augen . . . und das Geld, um die Ko⸗ Sue, die pathüenſotne. 6 16 242 ſten meiner Reiſe zu beſtreiten . . . wer lebt .. wird ſchauen! . . Ha! ha! ha Die Amme ſtößt abermals ihr wahnſinniges Ge⸗ lächter aus und kniet vor dem Sandſtein nieder, wo ſie ihr Meſſer mit fieberhafter Thätigkeit wetzt. — Die Scene geht in dem Boudoir der Baronin von Hansfeld vor ſich. Sie ſitzt auf dem Divan neben San Privato. Dieſer hält ein Journal in der Hand, deſſen Lecture er folgendermaßen be⸗ ſchließt: „ Dies war das tragiſche Ende von Ma⸗ dame San Privato, welche, wie man ſagt, kaum dreiundzwanzig Jahre alt war und vor wenigen Jahren noch als eine Königin der eleganten Welt galt. Man ſchreibt dieſen doppelten Selbſtmord, den wir berichtet, einer Liebesverzweiflung und der crimi— nellen Verfolgung des Herrn Maurice Dumirail zu, welcher der Fälſchung und des Mords angeklagt war.“ (San Privato legt das Journal auf einen Tiſch neben ſich und bleibt einen Augenblick in Nachdenken verſunken.) „Seltſames Mißgeſchick! . . . Welch wunderbares Zuſammentreffen dieſes Todes . mit meinen Plänen . ſo ſceptiſch ich bin . . . ich muß an den wohlthätigen Einfluß meines Sternes glau⸗ ben — Frau von Hansfeld. „Ja endlich . .. biſt Du frei . . . der Selbſt⸗ mord dieſer Unglücklichen kömmt Dir trefflich zu Statten . . . Du kannſt die reiche Erbin heirathen. San Privato (ächelnd). Geſtern noch verwünſchte ich mein Loos .. . o Undankbarkeit! . . . die Vorſehung ſparte mir die ſüßeſte Ueberraſchung auf! Frau von Jansfeld. Der letzte Ring Deiner Kette iſt gebrochen . . . der ſchweren Kette, deren Reibungen Dich ſchon ſo lange ſchmerzten! San Privato. Mehr ſchmerzten, als Du Dir denken kannſt, Antvinette . . . Du weißt nicht, von welcher Qual mich der Tod Jeanes befreit. Frau von Jansfeld. Ach! Dein Name war nur zu lang mit Schande und Lächerlichkeit bedeckt. San Privato. Das iſt nicht Alles . . . Frau von Hansfeld. Wie? 24⁵5 San Privato. Ich liebte ſie noch immer! Frau von Jansfeld. Jeane . was höre ich?! San Privatv. Ich liebte ſie leidenſchaftlich .. verzweiflungs⸗ voll . . Sie war meine Frau . . Ich hatte Rechte auf ſie . und ich allein .. allein. wurde trotz ihres leichtſinnigen Lebenswandels, allein unbarmherzig von ihr zurückgeſtoßen, trotz der Gluth meiner tollen Leidenſchaft! Frau von Jansfeld. Wie Verachtung . . die Schande, mit der ſie Dich überhäufte . . und Deine Tren⸗ nung haben dieſe wahnſinnige Liebe nicht ausge⸗ löſcht. San Privato. Ihr Tod allein konnte dieſer unglückſeligen Liebe ein Ende machen! mein Gott! wie habe ich gelitten! Es verging kein Tag, ohne daß das reizende Bild Jeanes vor meine Seele trat; ich weinte oft wäh⸗ rend meiner ſchlafloſen Nächte oder ſchrie vor Wuth vor wilder Eiferſucht, ſei es nun, daß die unglückſelige Anziehungskraft des Unmöglichen meine Leidenſchaft belebt oder daß dieſe Leiden⸗ ſchaft in meinem Herzen unzerſtörbare Wurzeln zu⸗ rückgelaſſen? . ich weiß es nicht aber ich * 246 wiederhole Dir, Antvinette, der Tod Jeanes konnte mir allein die Ruhe wiedergeben! Frau von Jansfeld. Darum ſei dieſer Tod doppelt geprieſen! Du biſt frei und befreit von dieſer furchtbaren Qual. San Privato. Ja, ich bin frei .. . und doppelt gerächt an ihr und Maurice .. . Ach! ihr Selbſtmord beweist mir, daß ich mich nicht getäuſcht . . . Sie haben ſich bis zum Tode geliebt . . . Nichts vermochte in ihrem Herzen jene erſte Liebe zu zerſtören oder aus⸗ zulöſchen, welche ich vor ſechs Jahren auf dem Mo⸗ rillon ſich entfalten ſah . . . und die mir damals gegen Maurice eine unerbittliche Eiferſucht einflößte einen gebieteriſchen Rachedurſt, der ſich endlich durch den Tod meiner Frau und ihres Vetters ge⸗ ſtillt hat . . . und dieſer Delmare? . . er wird ſie ohne Zweifel nicht überleben . . . meine Rache iſt vollkommen . . . ach! ich muß an meinen Stern glauben . . trotz einiger Finſterniſſe, die ihn ver⸗ dunkelten. Frau von Hansfeld. Die jedoch ſein Licht jetzt noch heller machten . .. welche Zukunft öffnet ſich Dir, mein Albert! den ſein Souverän mit Gnadenbezeugungen überhäuft, er ruft Dich von Berlin zurück, wo Du Geſandter warſt, und vertraute Dir, der noch ſo jung, die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten ſeines Staates an „ — ————2 247 . Und Du kannſt dieſe reiche Erbin heirathen, die ſich wahnſinnig in Dich verliebt hat . . Sie iſt freilich, abgeſehen von ihren drei Millionen, ab⸗ ſchreckend häßlich . .. San Privato Gärtlich). . Aber Du biſt noch immer ſo ſchön, An⸗ toinette,. . . ach! ſchöner als je, ich muß meinen Stern ſegnen! Frau von Hansfeld (mit Begeiſterung). Ach! mein Albert! welche Freude, daß wir un⸗ ſere Pläne ausführen können! Ich werde mich in Neapel niederlaſſen, wo Du fortan Deinen Wohnſitz haſt. Ich werde meine Tage in Deiner Nähe zu⸗ bringen, indem ich den äußern Schein wahre, wie Du ihn zu wahren weißt . . . Sprich welches Schickſal wäre glücklicher, als das Deine? . „Dir in das ſchönſte Land der Welt zu folgen, Dich jeden Tag dort ſehen, mehr als je durch Dich und für Dich zu leben ... Meiner Liebe und meinem Stolze durch das Bewußtſein zu fröhnen, den erſten Staatsmann ſeines Landes zum Geliebten zu haben und reich genug zu ſein, um meine Liebe mit einer fürſtlichen Pracht zu umgeben .. Ach! jetzt erſt freue ich mich recht von ganzer Seele, ein großes Vermögen zu beſitzen . denn nach dem letzten Inventar des Herrn Thibaut, wie hoch glaubſt Du, daß ſich meine Revenuen belaufen? San Privato (ächelnd). Nun laß hören? 248 Frau von Hansfeld. Hundertundſiebentauſend Livres Rente . . die⸗ ſes Hotel und meine Juwelen ungerechnet. Ein Kammerdiener ttritt ein, nachdem er gepocht). Herr Richard dOtremont frägt, ob die Frau Baronin ihn empfangen kann? Frau von Hansfeld. Haben Sie Herrn d'Otremont geſagt, daß ich zu Hauſe ſei? Der Rammerdiener. Da die gnädige Frau mir nicht das Gegentheil befohlen ... Frau von Jansfeld (zu San Privato). Ich habe ſeit Jahrhunderten Herrn dOtremont nicht geſehen. .. wir haben uns ſehr kalt getrennt . Ich weiß nicht, was ſein Beſuch bedeuten ſoll! San Privato. Man hat geantwortet, daß Sie zu Hauſe ſeien Sie können Herrn dtremont nicht abweiſen laſſen. Frau von Hansfeld (zum Kammerdiener). Laſſen Sie ihn kommen. (Der Diener geht. Richard hat mir, glaube ich . . nie verziehen, daß er bei dem Duell das Werkzeug unſerer Plane ſein ſollte .. Du erinnerſt Dich doch? — —— 249 San Privato (erhebt ſich). Ja. aber ich verlaſſe Dich . . dOtremont iſt mir ſo in der Seele zuwider, wie ſein Freund, Charles Delmare, der wahrſcheinlich jetzt todt iſt. (Der Kammerdiener kündigt Herrn dOtremont an.) Richard tritt in das Zimmer, der Ausdruck ſei⸗ ner Züge iſt kalt und ſardoniſch; er ſcheint überraſcht und erfreut, San Privato zu finden; dieſer erhebt ſich und ſagt, indem er nach der Thüre des Bou⸗ doirs geht ... Guten Tag und Adieu, lieber Herr d'Otremont. d'Otremont. Guten Tag . aber nicht Adieu ... Herr San Privato. San Privato. Wie das? d'Otremont. Ich wußte nicht, daß Sie von Berlin zurück ſind, und war nicht auf das Vergnügen gefaßt . . . das mir der Zufall bieten .. San Prinatv. Sie ſind ſehr liebenswürdig. . . aber ich muß Madame verlaſſen .. dGtremont (ſehr ernſth. Verzeihung . . . Sie werden die Güte haben. 6 zu bleiben. 250 San Privato. Der Scherz iſt reizend. . aber .. dOtremont (mit ſtolzem Tonch. Herr San Privato . . . ich ſcherze nur mit Freunden. San Privato Groniſch). Und behalten, wie mir ſcheint, mein Herr, Ihre Unverſchämtheiten denjenigen vor, die Sie nicht mit Ihrer Freundſchaft beehren. 3 d'Otremont. Ich behalte meine Verachtung und meinen Haß Leuten vor, die man haſſen und verachten muß, mein Herr ... San Privato (gleichgültig). Und wer, mein Herr, ſind dieſe verachtungs⸗ würdigen und haſſenswerthen Leute? Fra von Jansfeld (mit zurückgehaltenem Zornc. Wahrhaftig, Herr d'Otremont, ich finde es un⸗ . erträglich, daß Sie ſich bei mir Excentricitäten vom ſchlechteſten Geſchmack erlauben. dOtremont lhart). Ich treffe bei Ihnen den Mitſchuldigen einer infamen Machination, deren Zweck mir enthüllt wor⸗ den; ich ergreife mit Begierde dieſe Gelegenheit, 251 Ihrem Mitſchuldigen zu ſagen, daß er ein Elender iſt . . . dies iſt an Sie gerichtet, Herr San Privatv. San Privato (erblaſſend). Mein Herr .. Frau von Hansfeld (mit Enträſtung). Herr d'Otremont . . . ich werde nicht dulden, daß man meine Freunde in meiner Gegenwart be⸗ leidigt . . ich befehle Ihnen, mein Haus zu ver⸗ laſſen d'Otremont. Ich werde mir erſtens die Freiheit nehmen, der Frau Godinot, genannt Baronin von Hansfeld, zu ſagen, daß ſie nicht in ihrem Hauſe iſt . . Frau von Hansfeld (verblufft und bei Seite). Was höre ich . . er weiß, daß ich verheirathet bin! Er kennt meinen Namen! d'Otremont. Sie ſind hier . . . bei Ihrem Gatten, Herrn Godinot, Sachwalter in Beauvais, Frau Baronin. Frau von Hansfeld betrachtet anfangs Richard dOtremont voll Beſtürzung, dann zittert ſie, wird leichenblaß, ſammelt ſich und ruft mit gebrochener Stimme, indem ſie auf den Divan ſinkt: „Großer Gott . . welche Idee!“ San Privato, welcher den Ernſt der Worte des 252 Herrn d'Otremont und die Folgen ſeiner plötzlichen Enthüllung ahnt, nähert ſich Antoinetten und ſagt zu ihr: „Beruhigen Sie ſich, Madame, ich werde Sie nicht verlaſſen.“ Frau von Jansfeld (leiſe und mit gebrochener Stimme). Ach! . . . wenn Du wüßteſt . . . was mich er⸗ ſchreckt . . . d'Otremont (ſardoniſch). Ich bin glücklich, Madame, zu ſehen, daß der Name Ihres ehrenwerthen Gatten in Ihnen lange vergeſſene eheliche Erinnerungen wachruft . . . ich werde deßhalb Ihre Dankbarkeit gegen mich aufs höchſte ſteigern, wenn ich Ihnen mittheile, daß Herr Go⸗ dinot in Paris iſt. Frau von Hansfeld (bei Seitch. Ich habe keinen Blutstropfen in den Adern .. ich zittre, den hölliſchen Plan dieſes d'Otremont zu ahnen ... San Privato (bei Seite). Wie?. Antoinette iſt verheirathet . . . ihr Gatte exiſtirt? . .. dOtremont (zu Frau von Hansfeld). Wollen Sie mir Ihre Aufmerkſamkeit ſchenten und Sie werden geſtehen, Madame, daß der Zufall, die Vorſehung oder das Unglück, . bisweilen zu — — 253 rachevollen Entdeckungen führen. Vor ungefähr vier⸗ zehn Tagen beſuchte ich eine Beſitzung in den Um⸗ gebungen von Beauvais . . . Frau von Hansfeld (bei Seitch. Von Beauvais . . kein Zweifel! d'Otremont. Ich wollte dieſe Beſitzung kaufen .. Nachdem ich ſie beſichtigt, frage ich nach dem mit dem Verkauf Beauftragten man nennt mir . Herrn Go⸗ dinot, Sachwalter in Beauvais ... Frau von ZJansfeld (bei Seitch. Wenn meine Ahnungen ſich beſtätigen bin ich verloren! d'Otremont. Ich begebe mich zu Herrn Godinot, ich trete in ſein Cabinet . . . und der erſte Gegenſtand, auf den meine Augen fallen, iſt ein ziemlich ſchlecht gemaltes Frauenporträt, das frappant der Frau Baronin von Hansfeld gleicht. Frau von Jansfeld (bei Seite). Das Porträt, das mein Mann von mir während der erſten Monate unſerer Verbindung machen ließ. d'Otremont. Ich frage Herrn Godinot, wer das Original die⸗ ſes Porträts ſei? Er antwortet mir mit einer Mi⸗ ſchung von Gleichgültigkeit und Verachtung: Es iſt 25⁴ das Porträt meiner Spitzbübin von Frau ſie hat mich, nachdem wir ſechs Monate verheirathet waren, hierher verſetzt, um mit einem Huſaren⸗ Schwadronchef davon zu gehen. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden und kümmere mich auch nicht da⸗ rum, da ich glücklich bin, ſie los zu ſein . . . Wie alt wäre Madame Godinot jetzt und was iſt ihr Vorname? fragte ich den Sachwalter. „Sie heißt Antoinette und muß dreißig Jahre alt ſein, antwor⸗ tete er mir. Sie begreifen, Frau Baronin, daß für mich Ihre Identität nicht zweifelhaft iſt . Sie waren die rechtmäßige Frau des Herrn Godinot. Frau von Hansfeld (leiſe zu San Privato). Dieſer Menſch iſt ein Teufel! San Privato (leiſch. Ich durchſchaue ſeinen Plan . . . Noch iſt nicht alles verloren, aber Sie haben eine unbegreifliche Unklugheit begangen, indem Sie keine Sicherheits⸗ maßregeln gegen ihren Gatten trafen. dOtremont (unempfindlich). Ich legte anfangs kein größeres Gewicht auf dieſe Mittheilung des Herrn Godinot, als daß ich dieſes intereſſante Factum wiſſe, nämlich daß die Baronin von Hansfeld, welche mehr als zwei Millionen beſitzt, die Frau eines armen Sachwalters in der Provinz ſei . . . Als ich jedoch nach Paris zurückkehrte, ging mir ein Licht auf . . . ich hege gegen Sie, Frau Baronin, einen unerbittlichen Haß, wenn ich bedenke, daß ich Maurice Dumirail hätte im Duell tödten 255 ſollen. . und zwar im Intereſſe Ihres gegenwär⸗ tigen Geliebten ... der auf ſolche Weiſe eines Tages die Aeltern meines Opfers beerbt hätte . . . des un⸗ glücklichen Maurice, den Ihr abſcheulicher Einfluß zu Grunde gerichtet und den Sie ſchmählich ins Ver⸗ derben geſtürzt .. ja mehr noch .. beraubt haben! Bald ließ mich ein aus meinem Haſſe entſtan⸗ dener Rachedurſt die Conſequenzen dieſer Entdeckung ausfindig machen. . . und ich berieth zu dieſem Ende Ihren Notar, Herrn Thibaut. Seine Mittheilungen machten mich überglücklich . er belehrte mich, daß der Mann frei mit dem Vermögen ſeiner Frau ſchal— ten und walten kann. Frau von Hansfeld (bei Seite). Kein Zweifel mehr . . . Unglückliche, die ich bin. d'Otremont. Da Sie im Beſitze von zwei Millionen ſind, ſo kann Herr Godinot frei über Ihre hunderttauſend Livres Renten verfügen. Frau von Hansfeld (eiſe zu San Privato). Ich kenne den ſchmutzigen Geiz meines Matnes ich bin vernichtet . . . was thun? was thun? San Privato (leiſch. Man muß noch heute . in einer Stunde . alle Ihre Werthpapiere auswechſeln oder ſie wenigſtens bei Seite ſchaffen . . . 256 d'Otremont. Brauche ich Ihnen zu ſagen, wie groß meine Freude war, Frau Baronin? Herr Godinot, der natürlich ſehr genau iſt, ja mehr als genau, nach p den Geſtändniſſen, die er mir ſpäter gemacht . . . und der Sie verabſcheut, wie Sie es verdienen, mußte eine große Freude darin finden, Sie auf ein ſehr beſcheidenes Maß zurückführen zu dürfen .. . Frau von Jausfeld (bei Seite). Es iſt nur zu wahr . furchtbar d'Otremont. Ich dachte mit Vergnügen daran, daß Herr Go⸗ dinot dieſes reizende Hotel vermiethen, das pracht⸗ volle Mobiliar, Ihre Pferde, Ihre Wagen, Ihr koſt⸗ bares Silberzeug verkaufen, Ihre zahlreiche Diener⸗ ſchaft entlaſſen . . . und Sie . . auf Grund des Geſetzes . . in ſeine traurige und arme Wohnung nach Beauvais mit ſich nehmen würde. Ach! Sie müſſen ſich fortan darauf beſchränken, als Frau eines Provinz⸗Sachwalters zu leben und höchſtens zwölf oder fünfzehn hundert Franken jährlich auszugeben .. die Haushaltung zu führen, nach Küche und Wäſche zu ſehen, Frau Baronin, und bei Gelegenheit die Beinkleider des Herrn Godinot zu flicken! ... Frau von Zansfeld (verzweiflungsvoll). Mein Gott. mein Gott .. d'Otremont. Das iſt allerdings traurig, um ſo trauriger, als Herr Godinot, ein ſehr vorſichtiger Mann, ſich wohl hüten wird, Ihnen Grund zur Scheidung von Tiſch, Bett und Gut zu geben; er wird Ihr Vermögen als guter Familienvater, wie man ſagt, verwalten und ſein ſchmutziger Geiz wird in den Augen des Geſetzes nur kluge und vorſichtige Sparſamkeit ſein Durchdrungen von dieſen Gedanken und begie⸗ rig, ſie in Ausführung zu bringen, nahm ich mir die Mühe — was ſage ich — machte ich mir das un⸗ ausſprechliche Vergnügen, nach Beauvais zurückzu⸗ kehren und meine Entdeckung Herrn Godinot mitzu⸗ theilen, indem ich ſie auf die unumſtößlichen Thatſachen begründete . ich wäre beinahe um meinen Triumph gekommen, denn Sie waren nahe daran, Wittwe zu werden . leider ja . Ihr Gatte, außer ſich vor Freude, Sie ſo reich zu wiſſen und ſo ſicher, Sie ſo grauſam für Ihre Ausſchweifungen ſtrafen zu kön⸗ nen, indem er Ihnen die unerträglichſte Lebensweiſe auferlegt . wäre Herr Godinot beinahe vor Freude geſtorben aber beruhigen Sie ſich, Frau Baro⸗ nin, er iſt jetzt, Gott ſei Dank, wieder ganz wohl, und wenn Sie es erlauben, werde ich die Ehre haben, Ihnen denſelben vorzuſtellen. Frau von Hansfeld (eichenblaß). Was höre ich . . . wie! Dieſer Menſch .. Sue, die Familienſöhne v. 17 258 v'Otremont. Dieſer Menſch iſt. . . in ſeinem Salon .. . und berechnet, wie viel ungefähr der Verkauf dieſes prachtvollen Mobiliars ertragen wird. . . Sie ſehen wohl, daß ich Ihnen nicht Zeit laſſen wollte, Ihr Vernögen umzuſetzen. Dieſer liebe Herr Godinot, ein vorſichtiger Mann, ließ ſich von einem Huiſſier begleiten, der beauftragt iſt, das Inventar Ihrer beweglichen und unbeweglichen Güter aufzunehmen. (Er begibt ſich nach der Thüre des Boudvirs.) Ich werde nun die Ehre haben, Ihnen Herrn Godinot vorzu⸗ ſtellen, indem ich mich ſehr glücklich ſchätze, l rührenden ehelichen Scene anzuwohnen, die Sie ſo wenig erwartet hatten. Frau von Hansfeld (liſe zu San Privato). Albert . . . ich ſterbe vor Wuth ich bin ganz außer mir . . . was thun? noch einmal, was thun? San Privato (leiſe). Nun weiß ich es . . . wie kann man einen ſol⸗ chen Blitzſtrahl ahnen? Ein Bammerdiener ttritt ein). Eine arme alte Frau will mit Herrn San Pri⸗ vato ſprechen . . . San Privato (überraſcht). Mit mir . . was will ſie? 259 Der Kammerdiener. Sie bittet den gnädigen Herrn, ihr einen Augen⸗ blick Gehör zu ſchenken, indem ſie ſagt, daß ſie ſehr weit komme, um Ihnen wichtige Papiere zu über⸗ geben .. San Privato (nachdenklich). Was bedeutet . . . (aut) Wo iſt die Frau? Per Rammerdiener. Man ließ ſie in das Vorzimmer treten. San Privato (bei Seite). Ich bin auf der Folterbank . . ich will dieſe Gelegenheit zu entkommen benützen. (Zu Antoinette) Ich komme ſogleich wieder. Verzweifle noch nicht . .. man wird die Sache ſtreitig machen . . . Er gehy. d'Otremont (zum Kammerdiener). Sie werden die beiden Perſonen, welche im Salon ſind, benachrichtigen, daß die Frau Baronin ſie em⸗ pfangen wolle. Der Kammerdiener geht. Frau von Hansfeld ſchien in ihrer Ohnmacht den Befehl nicht zu hören, welchen dOtremont dem Kammerdiener gegeben. Plötzlich erhebt ſie ſich lei⸗ chenblaß, mit funkelnden Augen und von Wuth zu⸗ ſammengezogenen Lippen. Sie ſtürzt ſich auf Richard 260 zu, und ihm mit ihren geballten Fäuſten drohend, ruft ſie: „Elender! ich würde Dich tödten . . . wenn ich könnte 4 d'Otremont (mit ironiſcher Kälte). O meine Theure . .. ſo ſind Sie häßlich . Sie werden Herrn Godinot nicht verführen, wenn Sie ſich ihm in dieſer Megärengeſtalt zeigen . Da iſt er . . . ſeien Sie hübſch freundlich. Herr Godinot tritt, gefolgt von einein Huiſſier mit einem Pack Papieren und einem Tintenfaß, in das Boudoir. Herr Godinot (zu Frau von Hansfeld, indem er ſich die Haͤnde reibt). Se e uten Tag, Frau Win wollen teufelmãßig lachen. h haſt Dein weißes Brod zuerſt gegeſſen . . mein Liebling . . . (Zu dem Huiſſier) Wir wollen das In⸗ ventar fortfeßen⸗ (Sich die Hände reibend und geblendet von dem Glanze um ſich ſehend). eine Auction wird das werden! Welch' ein Nutzen . . . welch' ein Nutzen. Plötzlich hört man in einem der anſtoßenden Zim⸗ mer rufen: „Packt den Mörder! . packt den Meuchelmör⸗ der!“ Beinahe im ſelben Augenblice ſtürzt San Privato, deſſen Züge bereits von Todesbläſſe über⸗ goſſen ſind, in das Boudoir. Seine weiße Weſte und ſein Hemd ſind mit Blut übergoſſen, wie ſeine Hand, die er an ſeine linke Seite hält. 261 San Privato (mit erſterbender Stimme). Antoinette, ich ſterbe ich bin ermordet. Verfluchte . Alte! .. San Privato ſchwankt und ſtürzt vor den Füßen von Frau von Hansfeld zuſammen. Sie ſtößt einen Schrei aus und fällt ohnmächtig auf den Divan. d'Otremont, Herr Godinot und der Huiſſier nähern ſich, anfangs beſtürzt vor Schrecken, San Privato und ſuchen ihn aufzuheben; aber beinahe im ſelben Momente, nachdem er noch einige Male zuſammen⸗ gezuckt, ſtirbt er . . . In dieſem Augenblick erſcheint Genevieve an der Thüre des Boudoirs, gefolgt von den Domeſtiken, denen ſie entſchlüpft iſt . . . Sie ſchwingt ihr blutiges Meſſer; ihr Anblick iſt furcht⸗ bar; ſie macht den Eindruck einer Irren. Genevieve (mit rauher und abgebrochener Stimme). Mein ſüßes Herrchen muß hier ſein! Ich folgte ſeiner Blutſpur . . . (Sie gewahrt den Leichnam.) Ha! da iſt er . . .iſt er todt? . . . muß todt ſein . wenn er es nicht iſt, will ich ihm den Todesſtreich verſetzen!! (Sie wirft ſich neben der Leiche San Privatos auf die Kniee und befühlt ſein ſchon kalt gewordenes Geſicht und ſeine Hände.) Ja, er iſt todt, ganz todt . er iſt kalt .. wie mein Charles. .. (Wahnſinniges Lachen.) Ha, ha, ha! ich ſagte es ja ich genug ich hatte meine Idee . wenn der gute Gott ſchläft, müſſen die guten Menſchen ſeinen Dienſt thun . . . Du biſt gerächt, mein Charles, und Deine Jeane iſi auch gerächt und Maurice auch!! ₰ Neues Gelächter.) Ha, ha, ha, ha! . . Jetzt, mein Charles . . . mache mir ein wenig Platz in Deiner Bahre . . . hm, willſt Du? Ja . . . gut . . . Nun ich ſteige in Deine Grube hinab . . . (Genevieve thut, als ob ſie in ein Loch hinabſtiege.) O. wie es feucht und ſchwarz da drunten iſt. Endlich bin ich da .. und die alte Amme neben ihrem Säug⸗ ling . . . Gute Nacht, Geſellſchaft . . . Auch ich bin todt!! Sie läßt ihr Meſſer fallen, kreuzt ihre Arme auf der Bruſt und ſchließt die Augen, erſtarrt und bleibt unbeweglich wie eine Statue, indem ſie von Zeit zu Zeit leiſe murmelt: „Sie iſt todt, die Amme . . ſie iſt todt, neben ihrem Säugling . . ſchläft . . . mein Charles, ſchlafe, Kindchen, ſchlafe! todt . . . todt das Kind ſchläft.“ —— ———— — d'Otremont (ſchauernd). O, das iſt furchtbar . . . dieſe alte Frau iſt die Amme Delmares . . . von der er mir ſo oft geſpro⸗ chen . . . Sie hat ihm einen letzten Beweis wilder Ergebenheit geliefert . . Sie ſcheute nicht mal vor einem Morde zurück. . . (Genevieve mit einer Miſchung von Abſcheu und Mitleid betrachtend. Ihr Geiſt iſt ver⸗ wirrt, der Wahnſinn wird die Unglückliche vor dem Schaffot retten. 6 Berr Godinot (den Kopf ſchuttelnd und den Hermelinteppich betrachtend, der mit Blut bedeckt iſt). Teufel ... Teufel .. einen prachtvollen Teppich ſo zu ruiniren . . Grau von Hansfeld die Hände ſchüt⸗ telnd, um ſie aufzuwecken.) He, he . . . Frau, auf .. 263 keine Zierereien . . . In Beauvais weiß man nichts von Ohnmachten . . . das paßt für Paris, dieſe Schelmenſtreiche! . . . (Sich an den Huiſſier wendend.) Setzen Sie das Inventar fort . . . (Frau von Hansfeld abermals die Hand ſchüttelnd. Erhebe Dich, Frau! gib mir die Schlüſſel . . . alle Deine Schlüſſel . . . Ich bin hier in meinem Eigenthum!“ Ende. 578 e1u ↄnencne — ſe — — 3