3 L Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von „ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe iſterleget⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —.— — auf 1 Monat; 1 W. W 2 „ „. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. „ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 „ 3 * — . 3 * die Familienſöhne. Roman von GEugène Fur. 5 . Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Vierter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ₰ 1857. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. 7 B XXXV. Herr Dumirail fuhr nach einer kurzen Pauſe mit Nachdruck fort: „Sprechen wir in dieſem Augenblicke nicht von dieſem Delmare . . . ich würde meine Kaltblütigkeit verlieren . . . ich will vergeſſen, meine liebe Julie, daß Du auf beinahe thörichte Weiſe das Unrecht von Maurice übertreibend, im Begriffe ſtandeſt, die⸗ ſen Delmare aufzufordern, wieder zu uns zu kommen, um zu ſeinem Rathe Deine Zuflucht zu nehmen; wenn man die Undankbarkeit Jeanes gegen uns ent⸗ ſchuldigen könnte, ſo wäre es nur in ſo fern möglich, als es für ſie wirklich furchtbar ſein müßte, ſich dem Mörder ihres Vaters bei uns gegenüber zu ſehen; aber dieſe Befürchtung war für dieſe Undankbare, wie Du mir ſagteſt, nur der Vorwand, um uns zu verlaſſen. Ich erinnere mich Mauricens Eiferſucht wegen Alberts, als dieſer nach dem Morillon kam; und ich ſehe nun, daß ſie damals nur zu ge⸗ rechtfertigt war . . Die Heirathsprojecte ſind alſo Gott ſei Dank vernichtet. Mademoiſelle Jeane wollte ſich zu meiner Schweſter zurückiehen, es ſei; gleich und gleich geſellt ſich gern: Mademoiſelle Jeane mag da bleiben, wo ſie iſt, ich werde ihr bis zu ihrer 4 Volljährigkeit die Revenue ihrer dreißigtauſend Franken ausbezahlen und ſie ihr dann zurückgeben. Sie wer⸗ den ihr Heirathsgut bilden . . . wahrlich ein ſchönes Heirathsgut! . . . aber ich will von dieſer Undank⸗ baren nichts mehr hören. Jetzt, liebe Julie, will ich Dir beweiſen, daß Du ungeheuer übertreibſt, was ſonſt noch Tadelnswerthes meiner Anſicht nach im Benehmen meines Sohnes iſt.“ „Ich glaube nicht, mein Freund, daß ich irgend⸗ wie übertveibe.“ „Wir wollen ſehen, liebe Freundin, faſſen wir in wenig Worten Deine Vorwürfe gegen Maurice zuſammen. Weit entfernt, daß ich ſie zu ſchwächen gedächte; ich will ſie nur nach ihrem wahren Werthe würdigen. Unſer Sohn ſollte alſo, unter irgend einem Vorwande zu einer ſehr jungen und ſchönen Dame und dabei einer ſehr reichen Baronin verlockt, ſich plötzlich in ſie verliebt haben?“ „Leider! ja, er ging um drei Uhr von hier weg und kehrte gegen ſieben Uhr wieder zurück, und in der kurzen Zeit war das unglückliche Kind dem ge⸗ fährlichen Einfluſſe dieſer Frau erlegen und kehrte moraliſch ganz unerkennbar zu uns zurück.“ „Meine arme Freundin, auf die Gefahr hin, Dich Etwas aufzuregen, muß ich Dir geſtehen, daß es mir ziemlich natürlich ſcheint, daß man in Mau⸗ ricens Alter, wenn man nicht gerade ein Cato iſt, eine kleine Liebſchaft hat.“ „Wie? mein Freund, Du billigſt? . . .“ ₰ „Ich billige nichts, ich conſtatire nur eine That⸗ ſache. Was willſt Du? Die Menſchen ſind keine Engel .. Man muß ſich in das finden, was man nicht hindern kann. Und dann unter uns ge⸗ ſagt, eine Liebſchaft für die andere, iſt es im ſchlimm⸗ ſten Falle nicht beſſer, daß Maurice ſtatt in die Netze einer gemeinen Creatur zu fallen, zur Maitreſſe (das fatale Wort) zur Maitreſſe, ſage ich, eine ſchöne reiche Dame aus der großen Welt — denn ſie iſt Baronin — habe . . . die unſern Sohn um ſeiner ſelbſt willen liebt, und nichts von ſeinem Gelde will?“ „Aber, mein Freund, Du vergiſſeſt die tollen Ausgaben, zu denen dieſe Frau unſern Sohn veran⸗ laßte. Die ruinirenden Einkäufe, die er bei den Lieferanten machen wollte, welche ich zurückſchicken mußte?“ „Gewiß, ich werde eine ſinnloſe Verſchwendung ſtets tadeln, aber ich finde nichts Außerordentliches darin, daß unſer Sohn eben ſo fein gekleidet ſein will, als ſein Vetter Albert, da alle beide jetzt die⸗ ſelbe Carriere verfolgen; die Diplomatie verlangt ein gewiſſes Aeußere; das hätteſt Du begreifen ſollen, liebe Freundin.“ „Und die beiden Pferde für mehr als zehn tau⸗ ſend Franken, welche Maurice kaufen wollte?“ „Das war abſurd, wir ſind darin einer Anſicht; ich billige Deinen Tadel in dieſer Richtung lebhaft... Du ſiehſt alſo wohl, daß ich ſtrengſtens tadle, was zu tadeln iſt.“ „Es iſt aber nicht minder wahr, daß Maurice niemals an dergleichen Ausgaben gedacht, wenn er nicht von dieſer verwünſchten Frau dazu gedrängt worden wäre! . . . Glaube mir, ſie wird ſein Un⸗ glück werden! Du lächelſt, mein Freund, und ich zittere. . . Es ſteckt ein abſcheuliches Geheimniß da⸗ 6 hinter . . . Warum heuchelte dieſe Frau jene Liebe zu Maurice? iſt das möglich? iſt das glaublich?“ „Und was liegt denn darin ſo Unwahrſcheinliches, daß unſer Sohn eine plötzliche Liebe einflößt? Iſt unſer Sohn nicht ein ziemlich hübſcher Junge, nicht liebenswürdig genug, umezu gefallen?“ antwortete Herr Dumirail in dem Tone väterlicher Eitelkeit. „Warum ſollte er auch nicht ſein Glück ſo gut machen, als ſein Vetter Albert? — Nun,“ fuhr er fort, als er ſeine Frau ihn mit einer ſchmerzlichen Betroffen⸗ heit anblicken ſah: „was Du ſ o?“ „Entſchuldige mich . . . mein Freund. „Vollende „Ich habe Mühe zu glauben, was ich höre; ich frage mich, ob Du es biſt, Du, mein Freund, deſſen Moral ſtets ſo ſtreng war, und der⸗ nun von dem Leichtſinn unſeres Sohnes ſo leichtfertig urtheilt, und ſtatt ihn darob zu tadeln, ihn zu ermuthigen ſcheint. Du ſcheinſt beinahe ſtolz auf das, was Du die Liebſchaften, das Glück von Maurice nennſt; aber mein Gott, Du vergiſſeſt alſo, daß ſein Beneh⸗ men gegen Jeane von einer ſchreienden Ungerechtig⸗ keit war — ein Meineid an der verſprochenen Treue?“ „Ein Meineid?“ „Ich bin weit entfernt, parteiiſch für Jeane zu ſein, aber ich werde ſtets gerecht gegen ſie ſein. Maurice war ihr Bräutigam: ſie hatten ihre Schwüre ausgetauſcht, die Heirath war verabredet. Unſere Nichte hat in keiner Weiſe die Abneigung verdient, die er gegen ſie an den Tag legte; er war grauſam und man muß es eingeſtehen, ſein kränkendes Ver⸗ E laſſen der Braut iſt nicht zu entſchuldigen . . . es iſt eine ſchlechte Handlung!“ „Wiederum Uebertreibung, meine liebe Julie .. . Man ſieht jeden Tag Brautſchaften ausgehen; ſie binden nur bedingungsweiſe, und dann, was geſchehen, iſt geſchehen. Ich bin entzückt, daß aus dieſer Hei⸗ rath nichts wird, jetzt, da wir Mademoiſelle Jeane nach ihren Verdienſten würdigen können. Sie wird ohne Zweifel nun ihre Schmähungen, Verleumdun⸗ gen und Kränkungen bei meiner Schweſter feiltragen und dieſe wird triumphiren und jubiliren, wenn ſie erfährt, daß unſer Sohn bereits, wie Du die Naive⸗ tät hatteſt einzugeſtehen, in Paris Thorheiten begangen hat, während unſer Neffe Albert, dieſer Phönix, die⸗ ſer unvergleichliche Schatz, ein Muſter von Klugheit, Ordnung, Heconomie und guter Aufführung iſt!“ Herr Dumirail entſchleierte, indem er ſeiner Frau das Uebertriebene ihrer Vorwürfe bezüglich der Thor⸗ heiten Mauricens vorhielt, offen den Grund ſeiner Gedanken, die ganz vom Neide und der Eiferſucht beherrſcht waren, welche ihm ſein Neffe einflößte. Madame Dumirail, welche durch die Conſequen⸗ zen ſo vieler Irrthümer immer ängſtlicher beſorgs wurde, fuhr in unruhigem Tone fort: . „Mein Freund, auf die Gefahr hin, Dich böſe zu machen, muß ich offen ſein, denn die Umſtände ſind von großer Bedeutung.“ „Was willſt Du ſagen? . . .“ fragte Herr Du⸗ mirail. „Ich habe allen Grund zu glauben, daß Du, ganz geblendet durch Deine väterliche Eitelkeit, Dir über das für den Augenblick Tadelswerthe und. 8 für die Zukunft Beunruhigende in dem Leichtſinn Deines Sohnes Illuſionen machſt.“ „Ich tadle, was zu tadeln, ich entſchuldige, was zu entſchuldigen,“ antwortete Herr Dumirail mit Ungeduld, „ich beurtheile die Sachen nach einem realen, nicht nach einem eingebildeten Geſichtspunkte.“ „Du ſprichſt von der Realität, mein Freund .. . wie viel Uhr iſt es?“ „Ein Uhr Morgens.“ „Ja, . die Nacht rückt vor und unſer Sohn iſt noch nicht zurück. Er hat ſich geſtern entfernt: das ſind Realitäten, Thatſachen, ſcheint mir, und dieſe frühzeitige Unordnung erſchreckt Dich nicht ebenſo ſehr für die Gegenwart, wie für die Zukunft?“ „Ich bedarf Deiner Bemerkungen nicht, um es ſehr ſchlecht und ſehr unpaſſend zu finden, daß Mau⸗ rice zu ſo ungebührlicher Zeit ausgeht oder zurück⸗ kömmt. Ein junger Menſch von ſeinem Alter muß allerdings eine vernünftige Freiheit genießen, aber ſie nicht mißbrauchen. Ich werde unſerem Sohne ernſtlich vorſtellen, was ich darüber denke, und er wird zu ſeiner Pflicht zurückkehren.“ „Er wird nie zu ſeiner Pflicht zurückkehren, ſo lange er in Paris lebt, wo er jeden Tag tauſend Gelegenheiten hat, ihr entgegenzuhandeln.“ „Mein Sohn wird auf meine Stimme, auf mich hören, ich ſtehe dafür,“ verſetzte Herr Dumirail auf⸗ geregt, „weil ich nachſichtig ohne Schwäche und ſtreng ohne Uebertreibung ſein werde.“ „Ich übergehe, mein Freund, was in dem Vor⸗ wurf, den Du mir machſt, Verletzendes für mich liegt . . . ich begnüge mich, Dir mit der Beharrlich⸗ — ——————— ———— 3 keit, welche das Bewußtſein der Wahrheit gibt, zu wiederholen: „Wenn der Aufenthalt unſeres Sohnes in Paris länger dauert, ſo iſt er verloben. Es ſpinnen ſich ſchwarze Treuloſigkeiten um ihn her, denen unſer Neffe nicht fremd iſt; kurz, mein Freund, ich ſehe mit Schrecken Deine Verblendung ſich verdoppeln, während ſo viele Ereigniſſe Deine Augen über den falſchen und verderblichen Weg öffnen ſollten, auf dem Du Dich verirrt, ſeit Du Deinen Sohn veranlaßt, ſeine Carriere zu ändern.“ „Wie? Du willſt wieder . . .“ Aber ſich unter⸗ brechend, fuhr Herr Dumirail gemäßigt fort: „Halt, meine liebe Julie, bitte, ereifern wir uns nicht durch dieſes Geſpräch . . .“ „Das iſt mein lebhafteſter Wunſch, mein Freund auch habe ich mir ſtrengſtens jede Anſpielung auf die Motive unſerer früheren Zwiſtigkeiten unter⸗ ſagt . . . Da jedoch eine traurige Erfahrung uns lehrt, wie gefährlich der Aufenthalt in Paris für unſern Sohn iſt, ſollten wir daraus nicht die Lehre ſchöpfen, zu verſuchen, ihn wieder in unſere Arme zu führen und ſo bald als möglich nach dem Morillon zurückzukehren?“ „Du machſt mir alſo allen Ernſtes dieſen Vor⸗ ſchlag?“ „Kannſt Du daran zweifeln?“ „Müßte ich nicht in meinem Alter in den Augen des Herrn von Morninville für eine Art von Staar, einen Hirnloſen gelten, der ohne einen Schatten von Haltung und Entſchiedenheit ſeine Ideen von heute zu morgen ändert, während es ſich um eine ſo wich⸗ tige Frage wie die Zukunft eines Sohnes handelt? 10 — Wie! Ich habe aufs Dringendſte an Mornin⸗ ville bezüglich des Dienſtes geſchrieben, den ich von ihm erwartete; er hat Dich aufs Beſte aufgenommen und Dir die ganz unerwartete Gnade verſprochen, ₰ daß Maurice, ehe ein Jahr vergeht, Geſandtſchafts⸗ † Secretär ſein ſolle .. und nach ſo wielen Beweiſen von Intereſſe ſoll ich jetzt dieſem Manne, der mir ein ſo großes Wohlwollen erzeigt, ohne Weiteres ſagen: „„Ich danke Ihnen für Ihre guten Dienſte, mein Sohn wird Landmann.““ „Nichts einfacher, als das.“ „Ah! . Du findeſt das ganz einfach.“ „Gewiß, mein Freund, weßhalb ſollte ſich Herr von Morninville durch dieſe Aenderung unſeres Ent⸗ ſchluſſes verletzt fühlen, namentlich, wenn Du ihm offen ſagteſt . . .“ „Daß Maurice, kaum in Paris angekommen, Thorheiten begangen, nicht wahr?“ „Das Eingeſtändniß iſt allerdings peinlich . .. aber „Sie werden mir erlauben, meine Liebe, meine Würde mehr zu wahren, als Sie es thun; ich werde mich, wenn Sie es erlauben, hüten, die Thorheiten unſeres Sohnes an die große Glocke zu hängen.“ „Und ſelbſt angenommen . . . was nicht mal 4 der Fall .. Deine Würde oder vielmehr Deine Eitelkeit wäre leicht verletzt, . . . was würde das gegenüber dem Wohl Deines Sohnes thun?“ „Sie halten meine Würde zu niedrig im Preiſe, Madame .. .“ antwortete Herr Dumirail, immer erregter werdend, . . „Sie vergeſſen, daß es mir bedeutend in den Augen unſeres Sohnes ſelbſt ver⸗ * 6 11 geben hieße, und meiner Autorität über ihn und dem Reſpect, den er mir ſchuldet, gewaltig ſchaden würde. — Ich ſollte mit meiner ganzen Macht ſei⸗ nen neuen Beruf begünſtigt haben und ihn nun plötzlich auffordern, darauf zu verzichten! .. . welches Vertrauen ſoll dieſes Kind fortan in mein Urtheil ſetzen?“ „Heißt es nicht gerade im Gegentheil ein aus⸗ gezeichnetes Urtheil an den Tag legen, wenn man ſeinen Irrthum bekennt und das Uebel gut macht, ſo lange es noch Zeit iſt?. . . Und dann, wir wollen offen ſein . . . kann man ernſtlich von dem diploma⸗ tiſchen Berufe Mauricens überzeugt ſein?“ „Wahrhaftig, Madame, Sie werden ganz mit meiner Schweſter übereinſtimmen, wenn Sie nicht anders ſprechen!“ rief Herr Dumirail gereizt. „Es iſt mir ſchon, als ob ich ſie ſagen hörte: „Nun! was hatte ich Dir vorausgeſagt, mein Bruder? Wenn man Dich hörte, mußte Dein Sohn in Allem Glück haben, was er unternahm und eben ſo glän⸗ zend in der diplomatiſchen Carriere debütiren, als Albert? Damit noch nicht genug . . . Dein Sohn ſollte durch die Solidität ſeiner Grundſätze, durch die guten Beiſpiele, durch die ausgezeichnete Erzie⸗ hung, die Du ihm gegeben, feſt und unerſchütterlich bleiben wie ein Fels, gegenüber den Verlockungen! Aber was geſchieht? Kaum in Paris, macht Dein Maurice Thorheiten, zeigt ſich unfähig, ſeinem ein⸗ gebildeten Beruf zu folgen und kehrt mit Schmach bedeckt nach ſeinen Bergen zurück, die er nie hätte verlaſſen ſollen. . . Erkenne nun Deinen ehrgeizigen Irrthum, mein armer Bruder; Dein guter ſtarker Bauer von Maurice iſt nur dazu geboren, Ochſen und Schweine zu mäſten: das iſt ſein wahrer Be⸗ ruf: dieſem ſoll er folgen . . . und nicht prätendire, es meinem Albert gleich zu thun.“ Ja,“ fügte Herr Dumirail hinzu, „das würden die unverſchäm⸗ ten Worte meiner Schweſter ſein und Sie würden ohne Zweifel Chorus mit ihr ſingen?“ „Ich dachte immer, Sie wiſſen es, mein Freund, daß unſer Sohn, wenn es ſein Heil gelte, den Mo⸗ rillon niemals verlaſſen dürfte; wenn dem ſo gewe⸗ ſen . . würde er uns nicht ſo viel Kummer verur⸗ ſacht haben . . . Kummer, den Sie ſich ſelbſt . . . und andern einzugeſtehen fürchten!“ „Ja, Madame, weil es aus tauſend Gründen fatal iſt, gewiſſen Familienkummer ruchbar werden zu laſſen . . . und die letzte Perſon, gegen die Sie von Ihrem Unwillen gegen Maurice hätten ſprechen ſollen . . . war ſein Vetter Albert .. Wir werden ſicher morgen meine Schweſter kommen ſehen . . . um uns mit ihrer Theilnahme wegen der leichtſinnigen Streiche unſeres Sohnes zu quälen . . . die Sie bekannt gemacht, ſtatt ſie zu bemänteln, ſie zu be⸗ ſchönigen, und wenn es ſein muß, abzuleugnen .. . Ja, Madame, ſie abzuleugnen! und wenn es ſein muß, ſie zu entſchuldigen und zu vertheidigen, gegen alle und Jeden, wie es eine auf den guten Ruf ihres Sohnes eiferſüchtige Mutter thun muß.“ „Wenn er es verdiente, wäre ich eiferſüchtiger und ſtolzer, als irgend Jemand; aber Gott ſei Dank, ich hielt gerechten Sthlz nicht mit blinder Eitelkeit im Zaume.“ „Madame.“ „Nun, mein Herr, iſt es etwa nicht Sitelkeit, daß Sie ſich fürchten, Herrn von Morninville Ihren Irrthum in Bezug auf den Beruf Ihres Sohnes einzugeſtehen? Iſt es nicht Eitelkeit, daß Sie ſeine Fehler ertragen, weil ſie die Folgen dieſer von Ihnen veranlaßten Reiſe ſind? Kurz, iſt es nicht Eitelkeit, daß Sie Ihren Sohn gegen Jedermann vertheidigen und entſchuldigen? Ach! mein Herr . . . wollte der Himmel, daß Sie nicht der Mitſchuldige an dem Untergang dieſes unglücklichen Kindes werden!“ „Sie wollen alſo die aufreizenden Discuſſionen vom Morillon hier erneuern?“ „Iſt es mein Fehler, wenn Sie meine Befürch⸗ tungen erneuern und vermehren? Mein Herr, Sie gehen unverzeihlich zu Werke! Maurice hat wenig⸗ ſtens die Verführung . . . die Unerfahrenheit ſei⸗ nes Alters zur Entſchuldigung . . . während Sie durch einen kalten und unglücklichen Stolz unſer Aller Verderben herbeiführen! . . .“ „Madame! . . Madame . . . die Geduld hat ihre Grenzen . . . Nehmen Sie ſich in Acht.“ „Der Schmerz . . . das Leben . . . haben auch ihre Grenzen, mein Herr!“ antwortete mit tiefer und bitterer Entmuthigung Madame Dumirail. „Ich ſage es Ihnen ganz aufrichtig . . . Wenn Sie ſich, ſtatt mit mir gegen die leichtſinnigen Streiche unſe⸗ res Sohnes zu verbinden, mit ihm gegen mich u ſo erkläre ich Ihnen, daß ich die Kraft nicht habe, den Kampf fortzuſetzen; ich fühle mich bereits durch das, was ich ſeit meiner Ankunft in Paris ge⸗ litten, gebrochen; ich werde den Kummer, den ich vorausſehe, nicht lange überleben.“ — 14 „Nein, Madame, dies Unglück iſt nur das Phan⸗ tom Ihrer krankhaften oder verwirrten Einbildung.“ „Phantom! . . . Ach! mein Herr, vergleichen Sie unſer gegenwärtiges Leben mit dem, welches wir führten, ehe Ihre ehrgeizigen Pläne mit Ihrem Sohne Ihr Urtheil, das ehedem ſo gerade und ſicher war, verkehrte. Welche Uebereinſtimmung, welches Vertrauen zwiſchen uns, welche Sicherheit für die Zukunft von Maurice; welche Gewähr für das bei⸗ nahe gewiſſe Glück ſeiner Heirath mit ſeiner Couſine! Und jetzt, blicken Sie auf unſere gegenſeitig gereizte, zerriſſene Familie. . . Jeane auf immer von uns getrennt, Sie und ich in beſtändiger Oppoſition, nach i Jahren einer wolkenloſen Liebe peinliche orwürfe austauſchen! Endlich unſer Sohn, der uns ſo gerechte Hoffnungen gab, unſer Sohn, der uns anbetete, beinahe ſchon aller Liebe gegen mich baar, und bald vielleicht auch ein Widerſacher gegen Sie, denn Ihre blinde Toleranz wird Ihnen ebenſo gefährlich werden, als ihm! . . . Sehen Sie, mein Herr, ſehen Sie, das iſts, was Sie in Ihrem ein⸗ gebildeten Optimismus Phantome nennen!“ „Ja, Madame, Phantome, denn Sie ſind thöricht, und wenn mein Optimismus, wie Sie meinen, affec⸗ tirt iſt, ſo iſt Ihr Peſſimismus ſinnlos. O mein Gott! die Urſache iſt ſehr einfach. Maurice hat da⸗ durch, daß er gegen Ihren Willen ſeine Carriere änderte, Ihrem Geſchmack und Ihren Gewohnheiten entgegengehandelt, die Sie an den Morillon feſſelten; daher Ihre Gereiztheit, welche die Zukunft mit den düſterſten Farben malt, das Unrecht unſeres Sohnes übertreibt, Jugendſünden, die ſeine vortrefflichen angebornen Eigenſchaften in nichts geändert, vutrirt nein! und ich fordere Sie auf, mir zu beweiſen, daß unſer Sohn nicht vielmehr . . .“ „Was bedeutet dieſer Schrei? . . es iſt Joſet⸗ — tens Stimme!“ ſagte Madame Dumirail lebhaft, in⸗ dem ſie ihren Gemahl unterhrach und das Ohr nach dem Vorzimmer zu hielt, wo ihre Dienerin wachte, und beinahe ebenſo bald hörte man das ſchwere Ge⸗ räuſch eines fallenden Möbels; dann ſtürzte Joſette bleich und athemlos in den Salon und ſtotterte mit gefalteten Händen: „Ach! Madame! . . . Herr Maurice!“ „Mein Sohn! .. .“ rief Madame Dumirail, auf die Thüre zueilend. „Was iſt ihm begegnet?“ „Um Gottes Willen! Madame, nehmen Sie ſich in Acht!“ rief Joſette, welche ihrer Herrin den Durch⸗ gang verwehren wollte, „um Gottes Willen, Ma⸗ dame, gehen Sie nicht in das Vorzimmer!“ „Großer Gott! mein Sohn verwundet . . . viel⸗ leicht im Sterben!“ verſetzte Madame Dumirail außer ſich vor Schreck. Und Joſetten zurückſtoßend, trat ſie, gefolgt von ihrem Manne, in das anſtoßende Zimmer, wo ſich das Geräuſch eines fallenden Möbels hatte hören laſſen. XXXVI. Maurice, welcher ſich ſo zu ſagen von den Gar⸗ cons der Freres Provengaux in den Wagen getragen ſah, war in tiefer Schlaftrunkenheit liegen geblieben, bis der Wagen vor dem Hotel des Etrangers hielt. 4 16 Der Kutſcher läutete nach dem Auftrag, der ihm geworden, und unterrichtete den Portier von dem Zuſtande der Trunkenheit, in welchem ſich der junge Mann aus der Provinz befand. Beide ſchüttelten ihn, weckten ihn auf und halfen ihm aus dem Wagen: er war noch halb im Schlafe und berauſcht und hatte kaum ein Bewußtſein von ſeinen Handlungen. Der Portier gab ihm den Arm und da er Herrn und Madame Dumirail das Schauſpiel der Trunkenheit ihres Sohnes erſparen wollte, verſah er ſich mit einem zweiten Schlüſſel zum Vorzimmer, wo Joſette wachte, in der Hoffnung, Maurice könne auf ſolche Weiſe, ohne daß es ſeine Eltern erführen, in ſein Zimmer kommen und dort ſeinen Wein bis zum an⸗ dern Morgen ausſchlafen. Der Portier öffnete wirklich die Thüre mit wenig Geräuſch, aber ſo gering es auch war, es genügte, Joſetten, welche auf ihrem Stuhle eingeſchlafen, augenblicklich aufzuwecken. Das arme Mädchen ſtieß beim Anblick ihres blaſſen und ſchwankenden Herrn, der entblößten Kopfes und mit zerriſſenen und zer⸗ fahrenen Kleidern eintrat, einen Schrei des Schreckens aus Maurice ſuchte ſich bei einem Fehltritte an einem Buffet zu halten, das er mit ſich zu Boden zog. Er hatte ſich mit Mühe erhoben und begann ſich auf ſeinen Beinen zu halten, als er plötzlich Herrn und Madame Dumirail vor ſich erſcheinen ſah. taurice empfand bei dem Anblick ſeines Vaters, von deſſen Ankunft in Paris er nichts wußte, eine tiefe Erſchütterung, die, ohne ihn vollſtändig nüchtern 17 zu machen, ihm wenigſtens ſein Bewußtſein von ſich, dem Ort und den Perſonen wieder gab. Unglücklicher Weiſe hatte Maurice, wie man ge⸗ wöhnlich ſagt, „einen ſchlimmen Wein“ getrunken, und die Anweſenheit ſeiner Aeltern, welche in ihm das Bewußtſein ſeiner gegenwärtigen Erniedrigung, wenn auch nicht die Reue darüber wachrief, reizte ihn heftig gegen die, welche ihn in dieſem abſcheu⸗ lichen Zuſtande überraſchten, und noch ganz ſchwer von der Trunkenheit ſtützte er ſich mit ſeinen ſtarken Schultern an die Mauer, um ſein Gleichgewicht zu behaupten, kreuzte die Arme über der Bruſt und mit trotzbietender Miene ſagte er mit rauher Stimme: „Nun! .. . ich bin's . . . etwas angetrunken .. aber was weiter . . .“ Um ſich die ſchmerzliche Beſtürzung von Herrn und Madame Dumirail beim Anblick von Maurice vorzuſtellen, muß man ſich dieſen in der abſtoßenden Häßlichkeit der Trunkenheit denken: ſein Hemd und ſeine Weſte beinahe in Fetzen, ſeine Halsbinde zu einem Strick gewunden, ſein Frack und ſeine Hoſen an mehreren Orten zerriſſen, ſeine Haare zerſtört, ſeine Züge leichenblaß, ſein Blick wild, ſtarr und ſtumpf, ſeine Lippe herabhängend, oder durch eine Art von thieriſchem Rictus zuſammengezogen, während ſein athletiſcher Körper vergeblich ſein Gleichgewicht ſuchte, obſchon er an der Wand lehnte. Madame Dumirail ſchien mit einem Blicke, in dem eine ſtumme, aber herzzerreißende Beredtſamkeit. lag, zu ihrem Manne zu ſagen: „Kann Ihr Optimismus ſo viel Verworfenheit * widerſtehen?“ Sue, die Familienſöhne. 1V. 2 — — 18 Herr Dumirail, welcher zu Boden geſchmettert war, hatte endlich die traurige Verirrung, zu der ſein falſcher väterlicher Ehrgeiz geführt, vor Augen, und weit tiefer ergriffen von der phyſiſchen Ernied⸗ rigung ſeines Sohnes, als er es vielleicht durch die moraliſche geweſen, ſenkte er ſeine Augen vor dem Blick ſeiner Frau; dann aber, einem Gefühle der Entrüſtung und des Zornes ſich hingebend, der darum höchſt unzeitig, weil ſein Sohn, welcher kaum Herr ſeiner Vernunft war, gleichgültig gegen die väter⸗ lichen Vorwürfe ſein oder durch ſie gereizt werden mußte, rief er: „Elender! wagſt Du es, ſo mir unter die Augen zu treten!“ „Nun! was gibts denn?“ antwortete Maurice anmaßend, indem er ſeinen ſchweren Kopf aufzurich⸗ ten und ſeine blinzenden Augenlider aufzureißen ſuchte. „Ja, ich bin betrunken . . . nun . was weiter?“ „Mein Freund, man muß ihn in ſein Zimmer bringen, daß er zu Bette geht. Er iſt ja ſeiner ſelbſt nicht Herr; er iſt ſogar unfähig, Deine Vor⸗ würfe zu verſtehen,“ verſetzte Madame Dumirail in klugem Sinne. Und ſich in ſtrengem Tone an ihren Sohn wendend fuhr ſie fort: „Folge mir, geh in Dein Zimmer.“ „Ich werde in mein Zimmer gehen, wenn es mir beliebt und da es mir nicht beliebt, werde ich nicht hineingehen. . .“ antwortete Maurice mit dem Widerſpruchsgeiſte, der den Berauſchten eigenthümlich iſt. „Ich will mich nicht zu Bette legen ich...“ „Gehorche Deiner Mutter!“ —— 19 „Nein, ich bin kein Kind mehr, ich will nicht am Gängelbande gehen, hörſt Du?“ „Maurice,“ verſetzte ſeine Mutter mit minder ſtrengem Tone, in der Hoffnung, ihn ſo zu bewegen, ihr zu folgen: „komm, Du mußt Dich legen, es iſt ſpät.“ „Laſſe mich in Ruhe! ich werde zu Bette gehen, wenn es mir beliebt!“ „Unverſchämter! ſo mit ſeiner Mutter zu ſprechen wagen!“ „Meine Mutter!“ antwortete Maurice den Kopf ſchüttelnd und im Tone ärgerlichen Vorwurfs, „meine Mutter, ſie ſchilt mich immer, ſie verweigert mir das Rothwendige, ſie veranlaßt unwürdige Beleidigungen von Seiten der Kaufleute, das iſt wirklich recht hübſch.“ „Iſt es möglich! Ein ſo guter Sohn, er, der die Fußſtapfen ſeiner Mutter geküßt hätte! Ach! das verwünſchte Paris! das verwünſchte Paris! Die Eulen hatten Recht, als ſie uns Unglück prophezeiten!“ dachte Joſette mit Augen voll Thränen und unbe⸗ weglich in einer Ecke des Vorzimmers ſ wäh⸗ rend Herr Dumirail mit drohendem an Maurice wandte: „Noch einmal, ſchweige, Unglücklicher! geh auf Dein Zimmer!“ „Nein! . . . nun da wir mal da ſind „. ſo müſſen wir uns erklären .. . einmal für allemal...“ verſetzte Maurice hartnäckig. Ich beſchwöre Dich, Maurice,“ verſetzte Madame Dumirail, „geh auf Dein Zimmer . . .“ „Nein, nein!“ rief Maurice zornig; „ich will nicht zu Bette gehen . . ich muß erklären!“ 20 „Genug!“ rief Herr Dumirail, der in ſeiner Entrüſtung nicht mehr an ſich halten konnte, und mit drohender Miene einen Schritt auf Maurice zu machte; aber Madame Dumirail, welche bei dem Ge⸗ danken an einen Zuſammenſtoß zwiſchen ihrem Gat⸗ ten und Sohne zitterte, ergriff erſtern lebhaft am Arme, und rief in bittendem Tone: „Mein Freund, dieſes unglückliche Kind kann Deinen Zorn doch nicht reizen . . . er weiß ja nicht, was er thut, noch was er ſagt.“ „Irrthum ohne Gleichen . . . in vino veritas,“ verſetzte Maurice mit einem halb tückiſchen, halb dummen Lächeln. „Ich weiß, was ich ſage, ich! ... Ich bin angetrunken, aber ich habe noch meinen Kopf . .. Der Beweis iſt, daß ich zu Antvinetten zurückkehren will . . . denn der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, wie ich hierher kam . . . Aber thut nichts . in vino vexitas. . . Meine Aeltern .. . Sie ſind Geizhälſe . . . Sie haben fünfzehn .. ſechszehnmal hunderttauſend Franken . . . Ha, ha! . Das macht Sie ſtaunen, daß ich das weiß? .. und en nicht.. mir wie einem Hunde.. .“ Mau einte bitterlich . . . „ja, mir wie einem armen Hunde monatlich elende hundert Franken zum Nagen zu geben? . . . Das muß aufhören . . ich will mindeſtens tauſend Franken . . . zweitauſend, dreitauſend Franken monatlich . . . wenn nicht, gute Nacht . . . ſuchen Sie ſich einen andern Sohn . .. indeſſen . . . . werde ich Geld aufnehmen, um mich zu amüſiren . . . Ich kann nicht mehr ohne meine Maitreſſe, ohne Pferde, die Oper, den Club, das Lanzknecht, die Soupers, die Wettrennen von 2¹ Chantilly leben, wo man die Häuſer anſteckt, nicht mehr ohne Ratten, Tiger, Carabiner, kurz Alles, was das Leben köſtlich macht. Ja, . . ich werde Geld entlehnen . . . ich weiß wohl bei wem . Sie glauben, daß ich es Ihnen ſagen werde? Ja, weit gefehlt! . . . ſo dumm bin ich nicht!“ . .. „Mein Gott! . . . er iſt vielleicht bereits in die Hände der Wucherer gefallen,“ verſetzte Madame Dumirail halblaut, ſich an ihren Gatten wendend; „wir wollen ihn ſprechen laſſen, vielleicht erfahren wir etwas auf dieſe Weiſe.“ Wirklich fuhr Maurice kopfſchüttelnd und in ge⸗ heimnißvollem Tone fort: „Ach, ja wohl .. . ich wollte Ihnen ſagen, daß „Herr „Herr. wie nennt er ſich doch? . . . Nun, thut nichts zur Sache, ein bra⸗ ver Mann, der Söhnen aus guter Familie Dienſte erzeigt, indem er ihnen . . . viele Tauſendfrank⸗ billets leiht.“ „Höre doch!“ ſagte Madame Dumirail leiſe zu ihrem Manne. „Ach! was werden wir erfahren?“ „Da er mir zwanzigtauſend Franken geliehen, dieſer ehrenwerthe Herr . . . Herr . ſieh da. ich habe ſeinen Namen vergeſſen . . . das iſt gleich⸗ gültig, ich habe Geld. . .“ fuhr Maurice mit dem Tone innerer Befriedigung fort, als wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche. „Und da er mir zwanzigtauſend Franken geliehen, wird er mir wohl noch zwanzig leihen, ja vierzig, und hundert und zweihundert, ſo viel ich will, um auf großem Fuß leben zu können, wie die Andern im Club .„. weil ich ihn bezahle den Juden .. Ja, ich werde ihn bezahlen, 22 wenn meine Aeltern, ebenſo reich . . . als ſie geizig ſind, mir einſt . . . He, he! meiner Treu! Jeder leider . . . muß d'ran glauben, . . . mir ihre Mil⸗ lionen hinterlaſſen haben werden!“ Dieſe letztern Worte, welche von einem dummen Hohnlachen begleitet waren, zerriſſen das Herz von Madame Dumirail, und entlockten ihren Augen Thränen; die Wuth ihres Gatten entbrannte bei dieſem Hohne ſo heftig, daß er, ſich mit ner Hand auf ſeinen Sohn ſtürzend, ausrief: „Elender!“ „Berühre mich nicht!“ rief Maurice ebenſo wü⸗ thend, indem er ſich aufrichtete. Madame Dumirail, welche einen Schreckensſchrei ausſtieß und einem furchtbaren Kampfe zuvorzukommen ſuchte, ſtürzte ſich zwiſchen Gatten und Sohn, als dieſer, um die ge⸗ rechte Strafe, mit der ihn ſein Vater bedrohte, ab⸗ zuwehren, ungeſtüm ſeine athletiſchen Arme vor ſich ausſtreckte; er traf damit, ohne es zu wollen, ſeine Mutter ſo hart, daß ſie von dem Stoß auf den Bo⸗ den fiel, und in dieſem Falle erhielt ſie, da ihr Kopf an die Ecke des von Maurice umgeworfenen Buffets ſtieß, eine ſo große Wunde an der Stirne, daß das Blut augenblicklich reichlich daraus hervorſtrömte. Der Anblick dieſes Blutes machte eine erſchreckende Wirkung auf Maurice. Dieſe plötzliche heftige Er⸗ ſchütterung ernüchterte ihn: er hatte das Bewußtſein der abſcheulichen That, die er ſoeben unwillkürlich begangen, und deren Folgen die letzten Wirkungen der Trunkenheit in ſeiner Phantaſie noch übertrieben Nach einem Augenblick ſtarren Schreckens ſtößt er einen herzzerreißenden Schrei aus, wirft ſich außer 23 ſich auf den Boden neben ſeiner blutenden Mutter nieder, welche Joſette und Herr Dumirail auf den Knieen aufzuheben bemüht ſind; dann ruft er mit herzzerreißendem Tone, beinahe im Delirium: „Meuchelmörder! ich habe meine Mutter ge⸗ tödtet . . . ihr Blut fließt . . . ich bin vom Blute meiner Mutter bedeckt! Mörder . . . Mörder!“ Aber bald die Beute einer heftigen nervöſen Kriſe, verlor der Unglückliche ſein Bewußtſein, und ſein Vater beeilte ſich, ihm ſeine erſte Sorge ange⸗ deihen zu laſſen, während Joſette das Blut unter Thränen abwuſch, das aus der Wunde von Madame Dumirail floß, welche zu ſchwach war, um ihrem Sohn beizuſpringen, aber die volle Geiſtesklarheit beſaß, und die furchtbare Angſt, die ihr der Anblick ihres ohnmächtigen Sohnes einflößen mußte, in ihrer ganzen Heftigkeit fühlte. XXXVII. Ein Arzt aus der Nachbarſchaft, welcher in der Eile mitten in der Nacht von Herrn Dumirail her⸗ beigeholt wurde, legte den erſten Verband auf die Wunde von Madame Dumirail. Dieſe Wunde, an ſich wenig gefährlich, gab zu keinen ernſtlicheren Be⸗ ſorgniſſen Anlaß, als die möglichen Folgen eines Gegenſtoßes bieten konnten. Derſelbe Doctor ver⸗ ſchrieb, um die nervöſe Kriſe von Maurice, der noch immer im Delirium dalag, zu mildern, einen be⸗ ruhigenden Trank, und er verfiel bald in eine Art Schlafſucht, die in einen tiefen Schlaf überging. 24 Nachdem Herr Dumirail bis zum Morgen bei ſeiner Frau gewacht, verließ er ſie, da ſie in einen ruhigen Schlaf geſunken war, und zog ſich auf ſein Zimmer zurück, wo er einige Ruhe ſuchte. Gegen zehn Uhr Morgens kam einer der Garcons des Ho⸗ tels, um ihm zu ſagen, daß zwei Herren durchaus mit Herrn Maurice zu ſprechen verlangt, als ſie jedoch erfahren, daß er noch nicht aufgeſtanden, geant⸗ wortet hätten, ſie würden ſo lange warten, bis er ſie annehmen könne, da der Zweck ihres Beſuches von der höchſten Wichtigkeit ſei. Herr Dumirail, welcher durch die Geſtändniſſe, die ſeinem Sohne in ſeiner Trunkenheit bezüglich ſei⸗ nes Verhältniſſes zu Wucherern entſchlüpft, mißtrauiſch gemacht worden, empfand eine unruhige Neugierde wegen der Zudringlichkeit der Fremden, welche durch⸗ aus mit Maurice wegen eines Gegenſtandes — wie ſie ſagten — von höchſter Wichtigkeit ſprechen woll⸗ ten. Er ließ ſie deßhalb bitten, in den Salon ſei⸗ nes Zimmers zu treten, wohin er ſich zu ihnen be⸗ gab, und er ſah ſich nun zwei Männern von ſehr vornehmem Ausſehen, jung und von vollendeter Ar⸗ tigkeit, gegenüber. „Meine Herren,“ ſagte Herr Dumirail, „in Abweſenheit von Herrn Maurice, welcher ſehr un⸗ wohl iſt, kann ich vielleicht den Zweck Ihres Beſuches erfahren?“ „Es handelt ſich um eine ſo ernſte Sache,“ ant⸗ wortete einer der Herren in feierlichem Tone, „daß, ehe ich Ihnen antworten kann, mein Herr, Sie mir erlauben werden, zu fragen, mit wem wir zu ſpre⸗ chen die Ehre haben?“ 25 „Ich bin ein Freund von Maurice,“ verſetzte Herr Dumirail, da er dachte, ſeine Eigenſchaft als Vater würde ohne Zweifel ein Hinderniß für die ₰ Mittheilung ſein, die er in ſeiner ſteigenden Angſt zu erhaſchen hoffte; und als er die beiden Unbekann⸗ ten einen Blick der Ueberraſchung austauſchen ſah, deſſen Urſache er ahnte, fügte er hinzu: „Obgleich ein großer Unterſchied im Alter zwiſchen Maurice und mir iſt, bin ich doch, meine Herren, aufs in⸗ timſte liirt mit ihm; er hat keine Geheimniſſe für mich; Sie können mir deßhalb ſagen, was Sie ihm ſelbſt ſagen würden.“ „Mein Herr, geſtatten Sie mir gefälligſt, daß ich eine einfache Frage an Sie richte,“ verſetzte einer der Herren, als wenn er die Fortſetzung des Ge⸗ ſpräches von der erbetenen Antwort abhängig machen wollte. „Sind Sie von dem unterrichtet, was geſtern Abend . bei einem Souper . bei den Freres Provengaux vorgefallen iſt? . . .“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Herr Dumirail, welcher ungern dieſe Lüge beging, aber ſeine Angſt ſich verdoppeln fühlte, als er den beinahe feierlichen Ausdruck der Phyſiognomie der beiden Unbekannten bemerkte, und ihr Vertrauen durch ſeine Verſicherung zu gewinnen hoffte; indeſſen fügte er verbeſſernd hinzu: „Ich habe obenhin erfahren, was ſich geſtern Abend bei dem Souper zugetragen, von dem Sie ſprechen; aber ich habe keine ſehr umſtändlichen De⸗ tails in dieſer Richtung.“ „Ihre Antwort, mein Herr, gibt uns die Ver⸗ 4 muthung, daß Sie vielleicht einer der Zeugen ſind, und daß Sie Herrn Dumirail ſekundiren wollen?“ 26 Bei dieſen Worten ſchauerte der Vater Mau⸗ ricens zitternd zuſammen; er konnte nicht mehr zwei⸗ feln, daß es ſich um ein Duell handelte . . . Nichts deſto weniger ſuchte er ſeine Verwirrung zu bemän⸗ teln und antwortete mit ſcheinbarer Kälte: „Allerdings, mein Herr, ich bin einer der Zeu⸗ gen des Herrn Maurice Dumirail, aber, wie ich Ihnen zu bemerken die Ehre hatte, ich weiß die nähern Details dieſes unglückſeligen Abenteuers nicht.“ „So vernehmen Sie, was geſchehen: Herr Mau⸗ rice Dumirail hat geſtern Abend bei einem Souper bei den Freres Provengaur unſern Freund, Herrn Richard d'Otremont, aufs Schwerſte inſultirt, welcher uns bat, ſeine Zeugen zu ſein. Wir kamen aus dieſem Grunde, um uns mit den Zeugen des Herrn Maurice Dumirail ins Vernehmen zu ſetzen, und die Bedingungen eines unglücklicher Weiſe unver⸗ meidlichen Duells feſtzuſetzen, denn Herr von Otre⸗ mont, welcher der Beleidigte iſt, kann und will keine andere Genugthuung annehmen, als eine durch Waffen . . .“ „Wir zweifeln nicht, mein Herr, daß Ihr Freund ſo ritterlich iſt, ſich unſerem Freunde zur Dispoſition zu ſtellen,“ fügte der zweite Unbekannte hinzu; „wir können deßhalb, bis der andere Zeuge kommt, der nicht lange auf ſich warten laſſen wird, die Grundzüge eines Protokolls aufnehmen, um ſo viel möglich unſern Freund, uns, Ihren Partner und Sie ſelbſt, mein Herr, vor der gerichtlichen Verfolgung zu ſchützen, die uns, den Zeugen, ſicher droht, da dies Duell, bei der ſchweren Beleidigung, 27 die es veranlaßte, nothwendiger Weiſe ernſte Folgen für einen der beiden Gegner, vielleicht für Beide, haben muß . . . Herr Dumirail fühlte einen kalten Schweiß über ſeine Stirne rinnen, da es ihm jedoch gelang, ſeine Aufregung zu mäßigen, verſetzte er: „Ich bin ebenſo eiferſüchtig auf die Ehre Herrn Maurice Dumirails, als Sie, meine Herren, es auf die Ihres Freundes ſein müſſen; indeſſen möchte ich Ihnen die Bemerkung machen, daß Herr Maurice Dumirail, wenn er ſich ſo weit vergeſſen, die Per⸗ ſon, deren Zeugen Sie ſind, zu inſultiren, nicht mehr im Beſitze ſeiner Vernunft war . . . denn ich muß zu meinem großen Bedauern geſtehen, daß er dieſe Nacht völlig berauſcht nach Hauſe kam . . .“ „Verzeihung, mein Herr,“ verſetzte einer der Zeugen. „Sind Sie von Herrn Maurice Dumirail beauftragt, dieſen Umſtand geltend zu machen, der ſeiner Anſicht nach . . . bezüglich der Beleidigung, mildernd wäre?“ „Nein, mein Herr, ich bin darin nicht das Or⸗ gan des Herrn Maurice, denn ich habe ihn nicht wieder geſehen, ſeit er ſich in dem Zuſtande völliger Schlaftrunkenheit zu Bette gelegt.“ In dieſem Falle kann ich Sie verſichern, mein Herr, daß Herr Maurice Dumirail, obgleich etwas angeregt durch den Wein, geſtern Abend im vollen Beſitze ſeiner Vernunft war, wie es die Ausdrücke bewieſen, in denen die Beleidigungen gegen Herrn von Otremont ausgeſprochen wurden.“ „Ich beſtätige dieſe Thatſachen in allen Punkten, . verſetzte der zweite Zeuge, „ich wohnte dieſem Sou⸗ 28 — per bei. Mit einem Wort, mein Herr, die Krän⸗ kung war der Art, daß Herr von Otremont in ſeiner Entrüſtung, trotz ſeiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit und ſeiner vollkommenen feinen Lebensart, nicht um⸗ hin konnte, Herrn Maurice Dumirail die Serviette ins Geſicht zu ſchleudern.“ „Und, falls Herr Maurice Dumirail, vergeſſend, was er ſich ſelbſt und dem Beleidigten ſchuldig, die Genugthuung, die von ihm gefordert wird, verwei⸗ gern ſollte, würden wir, mein Herr, uns in der peinlichen Nothwendigkeit ſehen, Ihnen zu erklären, daß Herr Richard von Otremont zu ſeinem großen Bedauern gezwungen wäre, zu Mitteln zu greifen, welche einem vornehmen Manne widerſtreben, um Herrn Maurice Dumirail zu der Satisfaktion zu zwingen, die er ihm ſchuldig iſt.“ „Genug, mein Herr, es bleibt uns nur noch, Ihnen zu notifiziren, daß Herr von Otremont das ſeiner Stellung als Beleidigten zukommende Recht gebrauchend, den Degen als Waffe gewählt hat, und auf dieſer Wahl zu beharren geſonnen iſt, auf die er unter keiner Bedingung und keinem Grunde verzichten wird.“ „Und wir theilen vollkommen dieſe Anſicht,“ ſügte der zweite Zeuge hinzu. „Unſer Freund macht von einem unverjährbaren Rechte Gebrauch . . .“ „Mein Herr,“ ſagte Mauricens Vater, indem er ſich Gewalt anthat, „dieſes Duell . . .“ „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr, wenn ich Sie unterbreche,“ verſetzte einer der Zeugen, „aber ich glaube den Einwurf vorauszuſehen, den Sie vielleicht machen werden .. . Herr von Otremont, ⸗ 29 werden Sie ſagen, iſt Meiſter in der Fechtkunſt, und bei ſeinem erſten Duell hatte er das Unglück, den jungen Monbreuil zu tödten . . .“ „O!“ rief Herr Dumirail, vor Schreck erblaſſend und zitternd, „das iſt furchtbar.“ „Allerdings höchſt bedauernswerth, mein Herr, dieſer Tod des jungen Montbreuils. Herr von Otre⸗ mont hat mehr als irgend Jemand die traurigen Folgen dieſes Duells bedauert, aber ſein Gegner hatte alles Unrecht auf ſeiner Seite, und wenn man ſich ſo weit vergißt, einen Ehrenmann ohne Veran⸗ laſſung gröblich zu beleidigen, ſo muß man auch die Folgen dieſer Handlung tragen, wenn das Unglück will, daß dieſer Ehrenmann den Degen beſſer handhabe.“ „Meine Herren . . . dieſes Duell iſt unmöglich!“ rief Herr Dumirail, der Entrüſtung Worte leihend, welche ihm der Gedanke an einen ungleichen Kampf und die Furcht vor der Gefahr einflößte, der Mau⸗ rice ausgeſetzt ſein konnte. „Dieſes Duell kann nicht ſtattfinden.“ „Mein Herr, bedenken Sie doch Ihre Worte und „Dieſes Duell! . . aber Sie ſind entweder wahnſinnig, oder ſind ſehr ſtrafbar, meine Herren, wenn Sie ſich zu Mitſchuldigen eines Meuchelmordes machen; ja, dieſes Duell wäre ein ruchloſer Meuchel⸗ mord; denn mein Sohn hat in ſeinem Leben keinen Degen berührt.“ „Ihr Sohn!“ verſetzte einer der Zeugen mit dem Accente der Theilnahme und der Ueberraſchung, „wie, mein Herr, Sie wären . 2 30 „Ich bin der Vater von Maurice, und ich er⸗ kläre Ihnen, meine Herren, müßte ich ſelbſt meinen Sohn unter den Schutz des Geſetzes ſtellen, dieſes Duell wird nicht ſtattfinden . . .“ „Ah! mein Herr,“ fügte der Zeuge in gerührtem Tone hinzu, „wie ſehr bedauern wir, uns an Sie gewandt zu haben . . erlauben Sie jedoch, Ihnen zu ſagen, daß Sie ſelbſt unſern Irrthum hervorge⸗ rufen, indem Sie ſich nur als einen der Zeugen Ihres Herrn Sohnes vorſtellten.“ „Nun, meine Herren, da Sie jetzt wiſſen, wer ich bin, ſo können Sie Herrn von Otremont ſagen, daß er Maurice nicht tödten wird,“ verſetzte Herr Dumirail mit einer bittern Ironie. „Nein, mein Sohn wird die Zahl der Opfer eines Raufboldes nicht vermehren, und ich . . .“ „Mein Herr,“ ſagte einer der Zeugen, Herrn Dumirail mit einer reſpektvollen Verbeugung unter⸗ brechend, um Abſchied zu nehmen, „wir fühlen Beide, wie viel Peinliches dieſe Unterhaltung für Sie haben muß; erlauben Sie, daß wir der Sache ein Ende machen .. 4 „Noch einmal, mein Herr, entſchuldigen Sie uns wegen des Mißverſtändniſſes, das wir ſehr bedauern,“ fügte der andere Zeuge hinzu, indem er gleichfalls von Mauricens Vater Abſchied nahm. „Verzeihung, mein Hert, wir wiſſen, was uns zu thun bleibt.“ „Sie werden nicht zu meinem Sohne gehen!“ rief Herr Dumirail, indem er ſich über die Abſichten der beiden Zeugen täuſchte, und in dem Momente zu ihnen trat, in welchem ſie die Thüre des Salons öffneten. „Ich werde nicht dulden, daß . . — 31 „Beruhigen Sie ſich, mein Herr, wir wollen Ihren Herrn Sohn durchaus nicht ſehen,“ verſetzte einer der Zeugen, indem er ſich umwandte. „Wir hatten die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß wir jetzt wiſſen, was uns zu thun bleibt . . .“ „Und was bleibt Ihnen denn zu thun, meine Herren?“ fragte Herr Dumirail, deſſen Befürchtun⸗ gen wieder wach wurden. „Habe ich Ihnen denn nicht erklärt, daß dieſes Duell nicht ſtattfinden wird...“ „Geſtatten Sie, mein Herr, die Verſicherung un⸗ ſeres aufrichtigen Bedauerns,“ verſetzte einer der Zeugen und ſchritt, wie ſein Begleiter, durch die Thüre des Vorzimmers, welche auf die Treppe führte; während Herr Dumirail, von Angſt und Schrecken gepeinigt, in das Zimmer zurückging, und vor ſich hin murmelte: „Unglücklicher Vater, der ich bin . . . Ach! ich bezahle grauſam meine thörichte Verirrung . . . ſie wollen meinen Sohn morden . . .“ Und ſein Geſicht in ſeinen Händen bergend ſank Herr Dumirail erſchöpft in einen Fauteuil und wie⸗ derholte: „Sie wollen meinen Sohn morden! . . XXXVIII. Am ſelben Morgen, während Herr Dumirail nach dem Weggange der Zeugen des Gegners ſeines Sohnes ſich den ſchmerzlichſten Befürchtungen hingab, hatte Charles Delmare Herrn von Otremont auf⸗ geſucht, den er am Tage vorher nicht gefunden. 32 Das Wiederſehen der beiden Freunde war über⸗ aus herzlich. Sie plauderten ſeit einiger Zeit mit einander und Richard legte ebenſo viel Verehrung als Liebe für den an den Tag, der ihn zuerſt in die . Pariſer Fashion eingeführt und ſagte, indem er dabei beſtändig Delmares Hand in der ſeinen hielt: „Nein, ich werde nie vergeſſen, mein lieber Del⸗ j mare, daß ich im achtzehnten Jahre das Glück hatte, Sie meinen Führer, meinen Mentor nennen zu dürfen, Sie, der nur einige Jahre älter war, als ich; Ihre ausgezeichneten Rathſchläge haben mir jene Schule, jene Fehler erſpart, die ſo oft die jungen reichen Leute bei ihrem Eintritt in die große Welt ruiniren und lächerlich machen . . . Haben Sie mir nicht ſo zu ſagen algebraiſch gezeigt, daß ich das an⸗ genehmſte, eleganteſte Leben führen konnte, ohne mein väterliches Erbgut toll zu vergeuden? Ich be⸗ wahrte dieſes geiſtvolle Budget meiner Einnahmen und Ausgaben von Ihrer Hand. Es ſollte der Code der jungen Leute der vornehmen Weit ſein.“ „Meine Rathſchläge, welche mit meinen Hand⸗ lungen ſo wenig übereinſtimmen, bewieſen wieder einmal die Wahrheit des Sinnſpruchs: „Handle nach meinen Worten, nicht nach meinen Thaten,“ verſetzte Charles Delmare mit einem melancholiſchen Lächeln. „Ich rieth Ihnen ſehr klug, mit Ihrem Vermögen Haus zu halten. . . und ich habe das Meinige ver⸗ ſchwendet.“ Wohl; aber dieſer Widerſpruch zwiſchen Ihren Handlungen und Ihren Worten nahm dem ausge⸗ zeichneten practiſchen Werthe Ihres von der Erfah⸗ rung dictirten Rathes nichts an ſeinem Werthe. Ich * 33 verdanke ihm die Wiſſenſchaft, das Vergnügen zu ge⸗ nießen, ohne mich wie ſo viele andere thöricht zu ruiniren. Endlich verdanke ich Ihnen, daß ich viel⸗ leicht zwei⸗ oder dreimal dem Tode entging.“ „Iſt das ein Scherz, mein lieber Richard?“ „Keineswegs . . . Erinnern Sie ſich doch, daß einer der erſten Rathſchläge, den Sie mir gaben, als ich ganz friſch von dem Schloſſe Otremont hier landete, der war, augenblicklich Fechtunterricht zu neh⸗ men . „Nun?“ „Nun, mein lieber Delmare, ich bin einer der erſten Fechter von Paris geworden; und da ich in meiner Jugend ſehr kitzlich im Punkt der Ehre war, wäre ich wahrſcheinlich ohne meine Gewandtheit als Fechter ſchon erlegen. Ich habe außerdem immer den Grundſatz von Ihnen befolgt: Die Fechtkunſt muß uns, indem ſie uns das Bewußtſein der Ueber⸗ legenheit in den Waffen gibt, ſcrupulöſer in dem machen, was Andere beleidigen, und verſöhnlicher in Bezug auf das, was uns beleidigen kanp“..“ „Allerdings, denn ohne dieſe edle Mäßigung kann der in der Fechtkunſt Erfahrene unwürdigen .. ja ſcheußlichen Mißbrauch von ſeiner Ueberlegenheit 7 . machen . . „Ich habe mir, Dank meiner Treue gegen Ihre Vorſchriften, keinen Vorwurf in dieſer Richtung zu machen, mein lieber Delmare; denn wenn ich, zu meinem großen Bedauern, wie man ſagt in mehreren Duells . . eine unglückliche Hand hatte . . . ſo habe ich jene wenigſtens nicht hervorgerufen. Ich habe ſtets wie ein Ehrenmann Alles gethan, um ſie Sue, die Familienſöhne. IW. 8 4 für Sie an den Tag legte, kann Ihnen nur weniger mörderiſch zu machen . . . Sehen Sie, mein lieber Delmare, der Zufall iſt ſehr bizarr .. . wir ſprechen von Duells. . . und das Unglück will, daß ich heute oder morgen . . .“ „Sie ſich ſchlagen werden? . . .“ „Ja, und was noch ſchlimmer, die Sache iſt vom äußerſten Ernſte. Ich wurde ſchwer inſultirt von.. % Dann dachte Herr von Otremont einen Augen⸗ blick nach und fuhr fort: „Ich beſinne mich . . . Sie kennen vielleicht meinen Gegner?“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich, mein lieber Richard; ich bewohne, wie ich Ihnen ſagte, ſeit drei Jahren ein in den Bergen ſura verſtecktes Dorf. . .“ „Nun eben . mein Gegner iſt ein ganz jun⸗ ger Mann . . . Sohn eines der reichſten Gutsbeſitzer des Jura .. .“ „Maurice Dumirail vielleicht!“ rief Charles er⸗ bleichend und von ſeinem Sitz aufſpringend, während Herr von Otremont, über die lebhafte und plötzliche Bewegung aſeines Freundes ſehr überraſcht, hinzu⸗ fügte: „Dieſer junge Mann iſt Ihnen alſo nicht unbe⸗ kannt?“ „Maurice Dumirail? . . .“ „Ja. Sie ſcheinen, mein lieber Delmare, ſich für ihn zu intereſſiren?“ Charles Delmare ſammelte ſich einen Augenblick und fuhr dann fort: „Mein lieber Richard, dieſe Liebe des ältern Bruders .. . wie Sie früher ſagten, als ich ſie 35 eine ſchwache Idee von der Anhänglichkeit geben, die ich aus tauſend Gründen für Maurice Dumirail beſitze.“ „Ach! . . . das iſt ſchlimm! . . .. „Richard . . . dieſer junge Mann, ich liebe ihn, wie einen Sohn!“ „Verwünſcht! Sie können ſich nicht vorſtellen, wie mich das, was Sie mir mittheilen, untröſtlich macht!“ . „Gerade wegen Maurice Dumirails wollte ich mich an Ihre alte Freundſchaft wenden, mein lieber ſichard, um von Ihnen gewiſſe Auskünfte zu erhal⸗ ten „Mein Freund,“ antw err von Otremont nach einer Pauſe in gerührtei Tone „Ich muß Ihnen zuvörderſt . . . zu meinem unausſprechlichen Bedauern .. . erklären .. ., daß ich von Herrn Mau⸗ rice Dumirail ſo gröblich und öffentlich inſultirt wurde . . . daß es unmöglich . . . Sie verſtehen mich . . . abſolut unmöglich iſt. . . daß dieſes Duell nicht ſtattfinden ſollte; jede andere Genugthuung, welcher Art ſie auch ſei, würde mir nicht genügen: in dieſem Augenblicke, in welchem ich mit Ihnen ſpreche, berathen ſich meine Zeugen mit denen des jungen Mannes . . .“ Charles Delmare kannte die mißtrauiſche Empfind⸗ lichkeit ſeines alten Freundes, und überzeugt, daß dieſer das Duell als abſolut unvermeidlich betrachte, verſetzte er in ruhigem Tone: „Ich kenne die traurigen Forderungen des Ehren⸗ punctes . . . mein lieber Richard . . . ich denke deß⸗ 36 halb auch nicht daran, ein unmögliches Opfer von Ihnen zu verlangen . . .“ „Dank, mein Freund, Dank!“ ſagte Herr von Otremont lebhaft. „Sie erſparen mir vielleicht den ſchwerſten Kummer, der mir hätte werden können, nämlich auf eine Bitte von Ihnen, dem ich ſo viel verdanke, abſchlägig antworten zu müſſen. Fatal! warum muß gerade dieſer junge Mann Sie ſo ſehr intereſſiren?“ „Vielleicht ſprechen wir wieder von ihm, aber kommen wir auf den Hauptzweck meines Beſuches zurück, nämlich gewiſſe Aufſchlüſſe, die Sie mir ohne Zweifel machen kön wie Sie unter der gol⸗ verkehren.“ denen Jugend un ch, mein lieber Delmare.“ —„Befehlen Sie „Kennen Sie vielleicht direct oder indirect, eine gewiſſe Baronin von Hansfeld?“ „Frau von Hansfeld?“ verſetzte Herr von Otre⸗ mont lebhaft, ohne die Verlegenheit und die Ueber⸗ raſchung zu verbergen, welche ihm die Frage Char⸗ les Delmares verurſachte. „Ah! Sie wollen wiſſen.. .“ „Wer dieſe Frau eigentlich iſt, mein lieber Richard,“ verſetzte Charles Delmare, indem er das Erſtaunen ſeines Freundes bemerkte. „Ich lege auf dieſe Aus⸗ kunft das größte Gewicht.“ „Nun gut! Frau von Hansfeld iſt eine der hüb⸗ ſcheſten Frauen von Paris.“ „Das wußte ich wohl; aber iſt ſie nicht auch, wie man zu ſagen pflegt, eine Frau aus der vor⸗ nehmen Welt?“ „Keineswegs . . . ſie iſt ganz einfach Baronin n Hansfeld durch die Gnade eines ſouveränen * 37 deutſchen Fürſten, der ſie in den Adelſtand erhoben und außerdem ſehr reich gemacht.“ „Ich verſtehe, ſie iſt alſo eine unterhaltene Frau. Sie kennen ſie?“ 5 „Sehr gut. Sie iſt jetzt die Maitreſſe des nea⸗ politaniſchen Geſandten und . . .“ „Was ſagen Sie?“ rief Charles Delmare von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, „dieſe Frau iſt die Maitreſſe . . .“ „Des Fürſten von Caſtelnuovo, Geſandten Neapels, gegenwärtig von Paris abweſend.“ „Kein Zweifel mehr!“ verſetzte Charles Delmare noch immer ganz von dem Gedanken beherrſcht, „San Privato muß der Geliebte d ame ſein.“ „Wie . . . Sie kennen San Privato?“ „Ja . . aber bitte, antworten Sie mir: iſt er nicht der Geliebte dieſer Dame?“ „Unter uns geſagt, ich glaubte es, ich glaube es bisweilen noch; ich habe zu verſchiedenen Malen Frau von Hansfeld in dieſer Richtung befragt, ſie hat immer geleugnet, daß San Privato ihr Geliebter ſei, indem ſie dafür geltend machte, daß er nie den Fuß über ihre Schwelle ſetzte und in der That habe ich ihm auch nie begegnet, obgleich ich ſie ſehr häufig beſuchte und ...5 „Ah! Sie beſuchten ſie ſehr häufig, dieſe unter⸗ haltene Frau. Ihr Zweck iſt nicht mehr zweifel⸗ haft, wenn es ſich um die Hansfeld handelt . . . verſetzte Charles Delmare. Nach einigem Nachdenken fügte er mit einem feſten und durchdringenden Blick auf Herrn von Otremont hinzu: „Mein lieber Richard, ſchreiben Sie meine Frage nicht einer unbeſcheidenen und eiteln Neugierde zu: dieſe Frage iſt für mich und für Sie ſelbſt von der äußerſten Wichtigkeit.“ * „Bitte, um was handelt es ſich denn?“ „Frau von Hansfeld gehört zu den Frauen, die man nicht compromittiren kann . . . ich zögere deß⸗ halb keinen Augenblick, Sie zu fragen, ob ſie Ihre Maitreſſe war?“ „Nein.“ „Sie haben ihr den Hof gemacht.“ Charles Delmare bemerkte eine leichte Bewegung der Ungeduld au Herrn von Otremonts und fügte hinzu: „Ich gebe Ihnen. mein Wort als Cieicen — mein lieber Richard, daß, ſo ſeltſam und ſo frivol Ihnen meine Frage ſcheinen mag, ſie für Ihre Chre von Wichtigkeit ſein kann.“ „Meine Ehre!“ wiederholte Herr von Otremont, mit einer Art von Befürchtung, „meine Ehre!. . .“ „Ich ſchwöre Ihnen . . .“ „Ich weiß den Werth des Schwures eines Man⸗ nes wie Sie zu würdigen, mein lieber Herr Delmare; ich werde Ihnen daher aufrichtig antworten . . . Ich fand ſehr viel Geſchmack an Frau von Hans⸗ . feld und machte ihr den Hof . . .“ „Ehe ſie Maurice Dumirail kannte?“ „Ja,“ antwortete Herr von Otremont, erröthend, denn er erinnerte ſich des mörderiſchen Preiſes, den Antoinette auf ihre Gunſt geſetzt und er ſagte ſich, daß er unglücklicher Weiſe wider ſeinen — N 39 Willen das Verlangen dieſer gefährlichen Creatur zu erfüllen im Begriffe ſtand . .. Die Röthe, die Verlegenheit Herrn von Otre⸗ monts entgingen Charles Delmare nicht; ſeine wach⸗ ſenden Zweifel wurden ihm beinahe zur Gewißheit. Delmare verſetzte, indem er ſeinen Mitunterred⸗ ner unverwandt beobachtete: „Eine letzte Frage, mein lieber Richard . . . und ich ſchwöre Ihnen, dieſe iſt ſo ſehr oder noch mehr, als die andere für Ihre Ehre von Wichtigkeit . Iſt Frau von Hansfeld irgendwie bei Ihrem Duell mit Maurice Dumirail betheiligt?“ Dieſe Frage verwundete Herrn von Otremont lebhaft, indem ſie ihn aufs Neue und diesmal aufs Beſtimmteſte an die mörderiſchen Pläne der Frau von Hansfeld erinnerte, gegen welche er ſich anfangs ehrlich geſträubt, und die er dennoch, um dem Ehren⸗ punkt zu genügen, auszuführen im Begriffe ſtand. Er antwortete deßhalb mit einem erzwungenen Lächeln: „Ohne Vorwurf, mein lieber Delmare, hoffe ich, daß dies die letzte Frage ſein wird, auf die ich zu antworten habe . . . im Intereſſe meiner Ehre, ſagen Sie?“ „Ja,“ antwortete Charles Delmare ernſt, „ja im Intereſſe Ihrer Ehre . . .. Antworten Sie mir, ich bitte!“ „Es ſei. Nun denn, Frau von Hansfeld wohnte geſtern Abend dem Souper bei, während deſſen ich von Herrn Maurice Dumirail aufs gröblichſte belei⸗ digt wurde; ſie hatte ihn mir vor einigen Tagen vorgeſtellt und meine Dienſte für ihn in Anſpruch genommen, da ich ihn in unſern Club einführen 3 40 ſollte. Ich hatte den jungen Mann trotz des Unter⸗ ſchiedes im Alter und meines geringen Geſchmacks für neue Bekanntſchaften aufs beſte aufgenommen, ſeine Urſprünglichkeit, die Natürlichkeit ſeines Beneh⸗ mens flößte mir ziemlich viele Sympathie ein. Auch hatte das Souper, das ich geſtern gab, haupt⸗ ſächlich den Zweck, Herrn Maurice Dumirail dem Aufnahmecomité unſeres Club vorzuſtellen. Anfangs ging Alles gut .. . aber, durch eine Inpertinenz von Frau von Hansfeld mit vollem Rechte mich verletzt fühlend, habe ich . . .“ Herr von Otremont, welcher zu weit gegangen zu ſein fürchtete, hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „. .. Eine Inpertinenz von Herrn Maurice Dumirail, welchen der Wein etwas aufgeregt, hatte mich verletzt; wir tauſchten ſehr lebhafte Worte aus: zuletzt drohte er mir mit Ohrfeigen; ich antwortete ihm darauf, indem ich ihm die Serviette ins Geſicht warf. .. Das ſind die Urſachen dieſes unglücklichen Duells . . . das unvermeidlich, wie Sie ſehen, was mir jetzt doppelt leid thut, da Sie den jungen Mann ſo innig in Ihr Herz geſchloſſen; aber Sie werden mir zugeben, mein lieber Delmare, die grobe Belei⸗ digung fordert unerbittlich eine Genugthuung mit den Waffen in der Hand.“ XXRIX. Charles Delmare hatte die Worte, welche Herrn von Otremont entſchlüpft und beinahe ebenſo raſch 4¹ zurückgenommen, als ausgeſprochen waren: „Durch eine Impertinenz von Frau von Hansfeld verletzt“ wohl beachtet. Und aus dem unwillkürlichen Geſtändniß des Herrn von Otremont folgte in den Augen von Char⸗ les Delmare mit logiſcher Nothwendigkeit: 1) daß er, durch eine Impertinenz von Frau von Hansfeld verletzt, hatte lebhaft antworten müſſen; 2) daß die Discuſſion, da Maurice Partei für ſeine Geliebte ergriffen, immer gereizter geworden ſein mußte und zuletzt in gegenſeitigen Beleidigungen endigen mußte. Die beinahe abſolute Gewißheit dieſer Thatſachen, welche die argliſtige Verruchtheit San Privatos und die Verlegenheit von Richards abſichtlichem Verſchwei⸗ gen der wahren Urſache des Duells an die Hand gab, führten Charles Delmare auf die richtige Spur. Nach einer neuen Pauſe fuhr er fort: „Mein lieber Richard, ich war vom beſten Geiſte geleitet, als ich Sie verſicherte, daß das Intereſſe Ihrer Ehre mich bei den Fragen leite, die ich an Sie richtete.“ „Sie ſagten es und ich glaubte.“ „Ich werde es Ihnen beweiſen, mein Freund. Erſtens iſt es vor Allem dringend nöthig, daß Sie von gewiſſen Thatſachen unterrichtet ſeien. Der wich⸗ tigſte Punkt iſt der, daß San Privatos Geſchwiſter⸗ kind Maurice Dumirail iſt.“ „Ich wußte nichts von dieſer Verwandtſchaft; aber wozu brauche ich zu wiſſen . . „Warten Sie, San Privato war und iſt ohne Mädchen, das Maurice Dumirail heirathen ſollte.“ „Wohl, aber ich wiederhole Ihnen, mein lieber Delmare, ich ſehe nicht ein, was in dieſen Details für mich Wichtiges ſein ſoll?“ . „Sie werden es erfahren. Ich werde ſchließen, aber erwägen Sie dieſe Worte wohl,“ fügte Charles Delmare hinzu, indem er ſeinen Freund nicht aus den Augen ließ, „erwägen Sie dieſe Worte wohl, ſage ich: Maurice Dumirail iſt der einzige Sohn ſeiner Eltern; ſein Vater und ſeine Mutter ſind be⸗ jahrt und können keine Kinder mehr bekommen; wenn nun Maurice heute oder morgen ſtürbe, würde San Privato der rechtmäßige Erbe der großen Güter von Herrn und Madame Dumirail.“ „Natürlich,“ antwortete Herr von Otremont naiv, da er die Tragweite dieſer Worte ſeines Freundes noch nicht begreifen konnte. „Da San Privato nach dem, was Sie mir ſagen, der Neffe von Herrn und Madame Dumirail iſt, wird er ihr Erbe, falls ihr Sohn ſtürbe, das iſt ganz einfach.“ „Das würde Ihnen ohne Zweifel minder einfach erſcheinen, wenn San Privato, wie Sie vermuthen und Ihre Vermuthungen ſind begründet, wenn San Privato, ſage ich, im Stillen der Geliebte von Frau von Hansfeld iſt.“ Mun „Wie?, Sie ſind noch nicht auf der Spur?“ „Nein, ich verſichere Sie.“ „Im Ganzen ſollte mich Ihre ſchwache Einſicht in dieſem Punkte nicht überraſchen,“ verſetzte Char⸗ les Delmare, von der Aufrichtigkeit der Worte ſeines Zweifel noch außerordentlich verliebt in ein junges 2 43 Freundes überzeugt; „Sie ſind ein Ehrenmann, mein lieber Richard, und es handelt ſich hier um Abgründe von Ruchloſigkeit, in die Sie nicht zu dringen ver⸗ mögen.“ „Abgründe von Ruchloſigkeit?. . .“ „In die man Sie, ohne daß Sie es wiſſen, hin⸗ einreißt „ Mich „Richard!“ verſetzte Charles Delmare in feier⸗ lichem Tone, „Sie ſind, ohne es zu wiſſen, ohne es zu wollen, das Werkzeug San Privatos und der Frau von Hansfeld!“ „Was will das heißen?“ „Man hat mit teufliſcher Gewandtheit Ihren Geſchmack für dieſe Frau, die Eiferſucht und den Unwillen, den Ihnen Mauricens Glück bei ihr ein⸗ flößte, ausgebeutet; man hat Ihnen den Degen gegen ihn in die Hand geſpielt, in der Hoffnung, daß Sie ihn zum Nutzen San Privatos tödten würden, der dann Erbe von Herrn und Madame Dumirail wäre: iſt das klar?“ „Mein Herr,“ rief Herr von Otremont, purpur⸗ roth vor Zorn und verdutzt, auf dieſe Weiſe zum Theil das Geheimniß, das wie ein Gewiſſensbiß auf ihm laſtete, ergründet zu ſehen. „Wie! Sie behaup⸗ ten noch einige Freundſchaft für mich bewahrt zu haben, und Sie ſcheuen ſich nicht vor einer Anklage, welche . . .“ „Welche furchtbar wäre, mein lieber Richard, wenn Sie, ſtatt der Dupe von San Privato und Frau von Hansfeld zu ſein, ihr Mitſchuldiger wären, was ganz unmöglich,“ antwortete Charles Delmare, indem er ſeinen Freund unterbrach; „ich beſchwöre Sie im Namen Ihrer wohlbekannten Loyalität und ich wiederhole es, im Namen Ihrer Ehre, welche dieſe Elenden, ohne daß Sie es wußten, antaſten konnten, erhitzen Sie ſich nicht, erwägen Sie die Thatſachen, und dieſe Thatſachen ſind folgende: San Privato iſt in Mauricens Braut verliebt: er haßt ihn als bevorzugten Rival; er beneidet ihn um ſein Vermögen, das einſt ſehr beträchtlich ſein wird .. was geſchieht? Kaum iſt Maurice in Paris ange⸗ kommen (und ich würde Sie in großes Erſtaunen ſetzen, wollte ich Ihnen die Machinationen San Pri⸗ vatos zum Zwecke dieſer Reiſe erzählen), kaum, ſage ich, iſt Maurice in Paris angekommen, ſo ſchreibt ihm Frau von Hansfeld unter einem nichtigen Vor⸗ wande, ſtellt Ihnen dieſen offenherzigen Menſchen vor, Ihnen, den ſie mit ihr beſchäftigt weißt, gibt ſich ihm auf cyniſche Weiſe hin, reizt Sie dann — dies Geſtändniß iſt Ihnen entſchlüpft — unverſchämt bei dem Souper, um Ihre Eiferſucht, Ihren Zorn aufs äußerſte zu ſteigern und dadurch dieſes un⸗ gleiche Duell herbeizuführen, deſſen Ausgang gewiß iſt, denn Maurice hat nie in ſeinem Leben einen Degen geführt und beſitzt eine ungeſtüme Bravour. Es ſind daher zehn Chancen gegen eine, daß er ſich ſelbſt den Degen in den Leib ſtößt oder daß Sie ihn tödten. Auf dieſe Weiſe hatte, wenn jener un⸗ terliegt, San Privato, ich wiederhole es, die Braut ſeines Vetters heimzuführen und eines Tages die großen Güter von Herrn und Madame Dumirail zu erben. YNoch ein Wort, Richard, ich habe keinen materiellen Beweis für das, was ich hier vorbringe — 45⁵ nein, und doch behaupte ich es! Ja, ich würde ſogar auf meine Ehre ſchwören, daß ich die Wahr⸗ heit ſpreche . . . weil ich weiß, ſehen Sie, mein Freund, weiß, weſſen ein Menſch wie San Privato fähig iſt!“ XL. Herr von Otremont, welchen dieſe Enthüllung beſtürzte und niederſchmetterte, erfuhr auf dieſe Weiſe zu ſpät, warum Frau von Hansfeld den Tod von Maurice als Bedingung ihrer Liebesgunſt beſtimmt; und doch war es Antoinette gelungen, trotz des Ab⸗ ſcheus, den er, Richard, bei dem Vorſchlage an den Tag gelegt, ihn in die abſolute Nothwendigkeit zu verſetzen, ſich mit Maurice zu ſchlagen. Unglücklicher Weiſe wagte Herr von Otremont, von dem, was er als gebieteriſche Nothwendigkeit der Ehre betrachtete, geblendet, wagte er nicht und konnte er nicht laut zugeſtehen, daß er, ohne es zu wiſſen, das Werkzeug San Privatos und der Frau von Hansfeld geweſen, um die mörderiſchen Vor⸗ ſchläge der Letzteren zu enthüllen, denn, wenn er ein ſolches Zugeſtändniß machte und ſich nicht al offenbaren Mitſchuldigen an dieſer abſcheulichen chination erklären wollte, mußte Herr von Otrenist auf dieſes Duell verzichten, was er nach einer öffent⸗ lichen Beleidigung um keinen Preis wollte; nachdem er deßhalb über die Enthüllung ſeines Freundes nachgedacht zu haben ſchien, fuhr er, ſeine Verlegen⸗ heit zu verheimlichen ſuchend, fort: 46 „Ich habe Ihren Rath treulich befolgt, mein lieber Delmare, und ſtatt mich von einer Anklage veizen zu laſſen, die noch abſurder als abſcheulich iſt und der Sie, weniger als irgend Jemand, Glauben ſchenken können, erwog und prüfte ich die Thatſachen.“ „Und Sie theilen meine Ueberzeugung?“ „Ich bin weit entfernt, ſie zu theilen.“ „Was ſagen Sie?. . . wie, mein lieber Richard, dieſes abſcheuliche Complott . . .“ „Exiſtirt, befürchte ich, oder vielmehr hoffe ich, nur in Ihrer Phantaſie.“ „Vergeſſen Sie ſo viele Thatſachen, welche meine Behauptung unterſtützen . . .“ „Erlauben Sie . . . dieſes ſchwarze Gewebe, dieſes Gerüſt von Ruchloſigkeiten ruht einzig und allein auf der Vorausſetzung, daß San Privato der geheime Liebhaber von Frau von Hansfeld iſt.“ Gewiß „Sie leugnet es . . „Sie halten die Sache ſelbſt für wahr, mein lie⸗ ber Richard . . .“ „Verzeihung, das war von meiner Seite ein Ver⸗ dacht, niemals eine Gewißheit.“ „Ihr Verdacht war gegründet, ich beſtätige es .. .“ „Das iſt Ihre Ueberzeugung . . . aber nicht die meine.“ Charles Delmare, ebenſo überraſcht, als ärger⸗ lich über die Halsſtarrigkeit ſeines Freundes, ver⸗ ſetzte in drängendem Tone: „Sie werden doch zugeben, Richard, daß dieſe abſcheuliche Machination, wenn ſie auch nicht materiell . „ — 47 nachgewieſen iſt, wenigſtens möglich ſein kann .. in Anbetracht der Thatſachen, die ich Ihnen er⸗ zählte?“ „Ja, ſie iſt möglich, wenn dieſe Thatſachen wahr ſind.“ „Geſtehen Sie zu, daß es Chancen gibt . . eine einzige, wenn Sie wollen . . . daß dieſe That⸗ ſachen wahr ſein können?“ „Ich gebe das zu.“ „Und Sie würden dieſer Chance Trotz bieten . . . Sie, Richard, die Ehre ſelbſt? . Sie würden darauf beharren, ſich mit Maurice ſchlagen zu wollen?“ „Leider, aber meine Ehre verlangt es . .. „Ihre Ehre, Richard! . . . ach! ich habe es Ihnen ja geſagt . . . Sie laufen Gefahr, ſie durch den Schein einer furchtbaren Wahrſcheinlichkeit zu verlieren, indem Sie ſich der Tödtung dieſes unglück⸗ lichen Kindes ausſetzen, und zwar zur Befriedigung der Leidenſchaften und der Gier San Privatos; denn ſeine Geliebte hat Ihnen den Degen in die Hand geſpielt!“ „Ich bin zu bekannt, als daß auch nur der Ver⸗ dacht einer ſolchen Mitſchuld auf mich fallen könnte und wenn Jemand wagte . . .“ „Nicht die Stimme der Welt iſts, die ich für Sie fürchte, Richard. es iſt der Schrei Ihres eigenen Gewiſſens! Würde es Ihnen nicht ewig den Mord dieſes jungen Mannes r wenn Sie ihn, nach 2 Enthüllung, die ich Ihnen ge⸗ macht, tödteten? . . . Würden Sie dadurch nicht der Mitſchuldige San Privatos?“ . „Mein lieber Delmare,“ verſetzte Herr von Otre⸗ mont lebhaft, „ich würde mich als den niedrigſten der Menſchen anſehen, wenn ich, nach der Beleidi⸗ gung, die mir geworden, nicht eine Genugthuung mit den Waffen verlangte; ich gebe Ihnen mein Wort als Ehrenmann, daß dieſes Duell ſtattfinden wird . . . Dieſe förmliche Erklärung wird mich hof⸗ fentlich weiterem Drängen Ihrerſeits bezüglich eines unwiderruflichen Entſchluſſes entziehen.“ Der Kammerdiener von Herrn von Otremont, welcher in dieſem Augenblicke eintrat, führte die beiden Zeugen herein, welche ſoeben von Herrn Du⸗ mirail Abſchied genommen. Wir laſſen ſie ſich mit ihrem Mandatar und Herrn Charles Delmare, verhandeln und begeben uns nach dem Hotel des Etrangers zurück, wo Herr Dumirail in Folge des Weggangs der Zeugen des Herrn von Otremont eine Beute der troſtloſeſten Befürchtungen geblieben. XLI. Herr Dumirail ſaß nach dem Weggang der Zeu⸗ gen des Herrn von Otremont lange Zeit von den düſterſten Gedanken gequält in ſeinem Fauteuil; end⸗ lich jedoch aus dieſer ſchmerzlichen und unfruchtbaren Träumerei erwachend, ging er lebhaft in dem Salon auf und nieder und ſagte bei ſich: „Die Zeit verrinnt, und vergeblich erſchöpft ſich mein Geiſt im Sinnen auf Mittel, wie dieſes Duell zu verhindern wäre. Ein Duell! . . . Unglücklicher, „ 49 5 der ich bin! War es nicht genug, ſchon meinen Bruder beweinen zu müſſen, eine immer blutende und durch die Enthüllung des Ramens ſeines Mör⸗ ders, dieſes Delmare, den ich ſo lange für ſeinen Freund gehalten, wieder aufgeriſſene Wunde! . Mein Gott! Maurice, das unglückliche Kind, ſich ſchlagen, denn er wird ſich ſchlagen! . . . Oler wird ſich ſchlagen! . . . O! er wird damit nicht warten, bis man ihn aufs Aeußerſte beleidigt. Ich kenne ſeine Bravour. Dieſe Menſchen ſagten mir, als ſie weggingen, daß ſie wüßten, was ihnen zu thun bliebe. Was iſt ihre Abſicht? Ohne Zweifel wollen ſie an Maurice ſchreiben. Er wird ſie auf⸗ ſuchen; man wird das Duell verabreden, und mor⸗ gen, vielleicht ſchon heute, iſt mein Sohn ermordet, wie es mein Bruder ward! . . Ach! ich ſehe jetzt, freilich zu ſpät, ein, daß der väterliche Stolz meine Vernunft verwirrt, mich ins Unglück geſtürzt! . .. Ich erſehnte für meinen Sohn die glänzende Car⸗ riere ſeines Vetters, den Titel Excellenz . . . Alles, bis auf die abgeſchmackten Sticheleien meiner Schwe⸗ ſter, ließ mich über die obſkure und friedliche Stel⸗ lung meines Sohnes erröthen. Ach! das iſt mein Fehler!. .. Gott ſtraft mich! Maurice iſt bereits dem Leichtſinn verfallen .. . Er hat in ſeiner Trunkenheit geſtanden, daß er eine Wucheranleihe gemacht! Endlich hat er. .. der immer ſo reſpectvoll, ſo zärtlich geweſen, mir dieſen Abend mit einer ſolchen Inſolenz geant⸗ wortet, daß ich ihn in meiner Entrüſtung beinahe geſchlagen. Seine Mutter, die ſich ins Mittel wer⸗ fen wollte, ſtürzte vor ſeinen Füßen zuſammen. Ach, ich weiß, ſo beklagenswerth dieſe Suiſcuigung, Sue, die Familienſöhne. IV. 2 50 mein Sohn war berauſcht, er war ſich ſeiner Hand⸗ lungen nicht mehr bewußt, und als er ſeine Mutter blutend zu Boden ſtürzen ſah, zeigten ſich ſeine Ge⸗ wiſſensbiſſe und ſeine herzzerreißende Verzweiflung 2ch! ich kann nicht daran zweifeln, Maurice wurde verführt, irre geführt, aber ſein Herz blieb gut! Es iſt noch Zeit, das unglückliche Kind den fatalen Kreiſen zu entreißen, in die ihn meine Ver⸗ blendung geſtürzt, denn ich bin es, ich, der ihn bei⸗ nahe gezwungen, ſeine Carriere zu ändern. Ach! meine Frau mit ihrer ſeltenen Einſicht, ihrer mütter⸗ lichen Beſorgtheit ahnte das Unglück, das uns jetzt niederbeugt, aber ich habe die Klugheit ihres Rathes verkannt; noch geſtern weigerte ich mich aus Stolz die Bedeutung der ſchlechten Aufführung meines Sohnes anzuerkennen, und nun haben wir die Früchte dieſer ſchlechten Aufführung! . . . Er hat bei einer Orgie einen gefährlichen Raufbold inſultirt. Dieſer Menſch will meinen Sohn morden . . . Was thun, mein Gott! was thun, um dieſem furchtbaren Un⸗ glücke zuvorzukommen? . .. Maurice noch heute entführen, mit ihm in unſere Berge zurückkehren, um ſie nie wieder zu verlaſſen? . . . Aber wer weiß, ob er mich wird begleiten wollen? . . . was ſage ich? . . nein! nein! er wird ſich weigern; denn wenn er dieſen Morgen aufwacht, wird er ſich der Herausforderung von geſtern entſinnen . . er glückliche Kind! . . . Nein, nein! ich werde ihn nicht hinmorden laſſen! . . . ich werde ihn nicht eine Se⸗ kunde verlaſſen. Man wird vielleicht doch nicht den wird dem Tode muthig entgegengehen . . das un⸗ Muth haben, ihn in meinen Armen zu tödten? ... † 5¹ und dann, gibt es nicht Geſetze? Ich werde eine Klage gegen dieſen Raufbold aufſetzen, der meinen Sohn morden will . . ja . . eine Klage .. das iſt das einzige Mittel, und ich werde . Aber während meiner Abweſenheit. .. Maurice kann einen Brief von den Zeugen ſeines Gegners empfangen.. ſich zu dem Stelldichein begeben, das man ihm be⸗ zeichnen wird . . . und ſeine Mutter, die ſchon ſo leidend iſt . . . Großer Gott! . .— wenn ſie das neue Unglück erführe, von dem wir bedroht ſind! welcher Stoß für ſie . . . er wäre vielleicht Lödtlich! Mein Gott! noch einmal, was thun? Die Stunde verrinnt! ich quäle mich in meiner Unmacht ab! von wem Rath holen in dieſer verzweifelten Lage?. Fluch über das Duell! Tolles und rohes Vorurtheil! wirſt du mich meinen Sohn koſten, nachdem du mich meinen Bruder gekoſtet? . . . Ol ſein Mörder, die⸗ ſer Delmare; wie würde er jetzt triumphiren, wenn er mich gezwungen ſähe, die Richtigkeit ſeiner trau⸗ rigen Prophezeiungen und ſeiner anmaßenden Rath⸗ ſchläge anzuerkennen! Ach! unwillkürlich empfinde ich eine grauſame Befriedigung, dieſen Menſchen mit einem gerechten und unverſöhnlichen Haß ver⸗ folgen zu können und in ihm nur den Mörder mei⸗ nes Bruders zu ſehen!“ Herr Dumirail ſprach dieſe Worte, als Charles Delmare plötzlich in den Salon ſtürzte⸗ 52 XLII. Beim Anblick Charles Delmares, dem er ſeine Thüre hatte verbieten laſſen, fühlte ſich Herr Dumi⸗ rail, der bereits durch den Kummer und die Be⸗ fürchtungen, welche die Gefahr, in der ſein Sohn ſchwebte, hervorrief, ſehr gereizt war, von einer wahren Zorneswuth erfaßt, und mit leichenblaſſem, zuſammengezogenem Geſicht und geſchloſſenen Fäuſten ſtürzte er auf Charles Delmare los, und rief mit einer vor Empörung zitternden Stimme: „Was wollen Sie hier?“ „Ich komme . „Ihre Gegenwart hier iſt für mich eine Beleidi⸗ zung. eine Herausforderung! . . . „Vergeſſen Sie für einen Augenblick .. „Gehen Sie!“ Mein Serp „Gehen Sie! oder! . . .“ „Hören Sie mich!“ „O! nehmen Sie ſich in Acht! Herr Delmare .. nehmen Sie ſich in Acht!“ „Es handelt ſich um „Wirſt Du gehen!“ rief Herr Dumirail mit ſchäumenden Lippen; „wirſt Du gehen, Meuchel⸗ mörder!“ „Ich beſchwöre Sie! hören Sie mich, im In⸗ tereſſe Ihres — „Aber Elender! Deine Hände ſind ja von dem Blute meines Bruders geröthet! Du willſt alſo, daß ich ihn räche, daß ich Dich morde?“ rief Herr 53 Dumirail außer ſich, und ergriff einen Stuhl, mit dem er den Kopf von Charles Delmare bedrohte. Dieſer, welcher ſeine Kaltblütigkeit bewahrte, entriß den Stuhl den Händen des Herrn Dumirail, indem er ihm in kurzem und haſtigem Tone ſagte: „Maurice muß ſich heute ſchlagen. Ich kenne ſeinen Gegner: er iſt furchtbar. Ich verlaſſe ihn ſoeben. Man muß das Leben hrss Sohnes retten! Ich habe ein Mittel: werden Sie mich jetzt hören?“ Herr Dumirail antwortete ſo zu ſagen durch ein unwillkürliches Zittern des Erſtaunens und der Hoff⸗ nung auf jedes der Worte ſeines ehemaligen Freun⸗ des, und der Aerger und Haß, welchen die Gegen⸗ wart Charles Delmares in ihm erweckten, wichen einen Augenblick, wenn auch nicht ohne Kampf, dem Gedanken an die Rettung von Maurice. „Mein Herr,“ ſagte Charles Delmare, „um des ſchmerzlichen Gefühles willen, deſſen Ausdruck Sie ſind, entſchuldige ich die Heftigkeit Ihrer Worte, wie ich es muß. Wir ſehen uns heute zum letzten Male. Ich weiß, welche Enthüllung Ihnen über mich geworden,“ fügte Charles Delmare hinzu, während Herr Dumirail, die Augen auf den Boden geheftet, düſteres Schweigen beobachtete, da er eine neue Erniedrigung darin ſah, daß er einem Manne noch verbunden ſein ſollte, deſſen Freundſchaft er verkannt, deſſen kluge Rathſchläge er verworfen, in⸗ dem er barſch mit ihm gebrochen. „Glauben Sie mir, mein Herr,“ verſetzte Delmare in bewegtem Tone, „ich würde nie vor Ihnen erſchienen ſein, wenn es ſich nicht, ich mn es, darum han⸗ delte, das Leben von Maurice zu retten. Könnte 5⁴ dieſe Gewißheit den peinlichen Eindruck, den Ihnen meine Anweſenheit verurſachen muß, auf einige Au⸗ genblicke, ich ſage nicht aufheben, das darf ich nicht hoffen, aber Sie wenigſtens vergeſſen machen!“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ ſagte Herr Dumi⸗ rail mit dumpfer Stimme und noch immer die Au⸗ gen zu Boden ſenkend, um nicht den Blicken Charles Delmares zu begegnen. „Ich höre Sie, ich muß wohl, da das Leben meines Sohnes auf dem Spiele ſteht.“ „Ich würde Ihnen dieſe Unterhaltung erſpart haben, mein Herr, wenn ich mich an Madame Du⸗ mirail hätte wenden können; aber ein einziges Wort von Duell würde ſie in einen ſolchen Schreck verſetzt haben, daß ich doch hätte zu Ihnen kommen müſſen. Ich werde kurz ſein und Ihre koſtbaren Augenblicke nicht mißbrauchen. Hören Sie die Thatſachen: geſtern beim Souper . . .“ „Mein Sohn hat im Rauſche Herrn von Otre⸗ mont, einen gefährlichen Raufbold, inſultirt, ich weiß das; die Zeugen dieſes Herrn haben mich davon unterrichtet, da ſie anfangs nicht wußten, daß ich der Vater von Maurice bin.“ „Das iſt es allerdings, was mir die Freunde des Herrn von Otremont mitgetheilt .. Ich habe ſie noch ſveben bei ihm geſehen.“ „Alſo das Duell . . .“ „Verzeihung, mein Herr, ich habe ſoeben deß⸗ halb veine von Ihnen verſäumte Vorſichtsmaßregel getroffen: ich fragte bei meinem Eintreten Joſetten, ob Maurice aufgeſtanden ſei; ſie antwortete: er ſchlafe noch. Ich ſchloß ſeine Thüre zweimal und ſteckte 55 den Schlüſſel zu mir. Es iſt unerläßlich, daß Mau⸗ rice dieſen Morgen nicht ohne mich ausgeht.“ „Mein Sohn . . . Sie begleiten! .. 2 „Ich unterbreche Sie, mein Herr, weil ich Ihre Gedanken errathe,“ verſetzte Delmare traurig. „Aus demſelben Grunde, aus welchem dieſe Unterhaltung die letzte iſt, die ich mit Ihnen habe, werde ich jeden Umgang mit Ihrem Sohne meiden, ſobald ich ihm den Dienſt erwieſen, den ich ihm erweiſen zu können glaube . . . So hören Sie, was geſchehen iſt. Geſtern erfuhr ich von Madame Dumirail, daß Maurice den Verführungen einer gewiſſen Baronin Hansfeld erlegen ſei: und nach meiner Anſicht war ihr Neffe, San Privato, dem Manövriren dieſer Frau nicht fremd. Da ich Auskunft über ſie ein⸗ ziehen wollte, begab ich mich zu einem meiner ehe⸗ maligen Freunde, der viel fünger als ich, und mir einigermaßen verpflichtet iſt . . . nämlich Herrn von Otremont.“ „Dem Gegner meines Sohnes?“ „Ja, mein Herr. Ich fand ihn dieſen Morgen zu Hauſe; ſein Empfang bewies mir, daß die Zeit ſeiner Freundſchaft für mich keinen Eintrag gethan, wozu ich mir doppelt Glück wünſche, da er der Geg⸗ ner von Maurice iſt, und mir verſprochen hat . . .“ „Gott ſei Dank!“ rief Herr Dumirail. „Das unglückliche Duell wird nicht ſtattfinden!“ „Sie ſind im Irrthum, mein Herr!“ „Wie! . Das Druell?“ „Läßt ſich nicht umgehen! . . .“ „Und Sie behaupteten, das Leben meines Soh⸗ nes retten zu können, . . .“ verſetzte Herr Dumirail 56 mit dem Ausdruck eines bittern Zweifels, „Sie wollen mich täuſchen?“ „Nein, mein Herr, ich täuſche Sie icht aber ich wiederhole Ihnen, das Duell läßt ſich nicht umgehen „ meine lebhafteſten Bitten ſcheiterten an dem unbeugſamen Entſchluſſe des Herrn von Otremont . . . Fanatiker im Punkte der Ehre und öffentlich beſchimpft, würde er ſich für entehrt halten, wenn er nicht, in den Augen der Welt wenigſtens, eine Genugthnung mit der Waffe erhielte; aber .. ich hoffe, Maurice wird bei dieſem Zuſammentreffen keine Gefahr laufen.“ „Wie er ſchlägt ſich mit dieſem gewandten Raufbold.“ „Herr von Otremont hat mir ſein Ehrenwort gegeben, und ich halte es für heilig. . . Maurice beim erſten Zuſammenſtoß zu entwaffnen und ihn abermals zu entwaffnen, wenn der Kampf fortdauert. Herr von Otremont iſt in ſolchem Grade Herr der Waffe, daß er für die Erfüllung ſeines Verſprechens einſtehen kann und Mauriee nicht verwunden wird wenn dieſer ſich nicht ſelbſt den Degen in die Bruſt ſtößt, was nicht wahrſcheinlich, denn ich bin überzeugt, daß es mir dieſen Morgen in einer Stunde Unterricht gelingen wird, ihn gegen dieſe Gefahr zu waffnen; dann . . .“ Und wenn er dieſen Unterricht vernachläſſigt oder vergißt!“ rief Herr Dumirail mit Angſt; „wenn dieſer Raufbold in der Hitze des Kampfes ſein Ver⸗ ſprechen ſelbſt vergißt! . . . Ach! die vorgeblichen Dienſte, die Sie mir erzeigen wollen, machen mich ———— 57 zittern . . . mein Herr! Mein Sohn wird ſich nicht ſchlagen . . .“ „Folgen Sie meinem Rathe . . . ich . . .“ „Mein Sohn wird ſich nicht ſchlagen, ſage ich Ihnen!“ „Ich kenne ſeinen Muth . . . und was Sie auch thun mögen, das Duell wird ſtatthaben.“ „Ich werde meinen Sohn nicht zum Hauſe hinaus laſſen.“ „Morgen oder übermorgen wird er Ihre Wach⸗ ſamkeit hintergehen . . .“ „Ich werde eine gerichtliche Klage gegen dieſen Raufbold anhängig machen.“ „Dieſe Klage wird vergeblich ſein, wenn Mau⸗ rice entſchloſſen iſt, ſich zu ſchlagen . . . Sie wiſſen ja, wie entſchieden ſein Wille iſt! Glauben Sie mir, mein Herr, fügen Sie ſich in ein Scheinduell, das, wie ich Sie verſichere, keine Gefahr für Ihren Sohn hat, während, wenn er dieſe Nothwendigkeit verzögern wollte, Sie beſtändig unter dem Druck banger Beſorgniſſe leben müſſen.“ „Aber noch einmal, mein Herr, wenn dieſer Menſch . . . das Leben meines Sohnes zu ſchonen vergäße!“ „Das Wort des Herrn von Otremont leiſtet mir Gewähr für das Leben von Maurice.“ „Hm, mein Herr . . . was bedeutet in einem ſolchen Momente das Leben.“ „Nicht genug . . . aus Gründen, die Ihnen auseinander zu ſetzen zu weitläufig wäre, würde ſich Herr von Otremont, wenn er Ihren Sohn tödtete, als Mitſchuldigen und Werkzeug eines von Ihrem 58 Neffen, San Privato, erſonnenen Meuchelmordes anſehen müſſen.“ Herr Dumirail betrachtete verwundert ſeinen ehe⸗ maligen Freund und wiederholte mechaniſch: „Ein Meuchelmord? . . . mein Neffe San Pri⸗ vato?“ „Mit andern Worten, Herr von Otremont wurde von Frau von Hansfeld auf Antrieb San Privatos, ihres Geliebten, gedrängt.“ „Großer Gott! . . . welch' ein Gewebe von Schändlichkeiten! . . . aber nein, . . nein . es iſt unmöglich . . .! welches Intereſſe kann mein Neffe an dieſem Duell haben?“ „Eines Tages Ihr Vermögen zu erben, wenn Maurice, Ihr einziger Sohn, in dieſem ungleichen Duell unterläge . . . und eins gegen zehn war zu wetten, daß er unterliegt.“ Herr Dumirail, von der Wahrheit der von Charles Delmare mit dem Tone unwiderſtehlicher Ueberzeugungskraft behaupteten Thatſachen ergriffen, zitterte vor Schrecken und barg ſein Geſicht in ſei⸗ nen Händen, während ſein ehemaliger Freund ſo fortfuhr: „Herr von Otremont, unbeugſam was die Noth⸗ wendigkeit eines Duells betrifft, zu gleicher Zeit aber von mir über die abſcheuliche Rolle unterrichtet, die er ohne es zu wiſſen ſpielte, . . . ſah wohl ein, welches Verbrechen er begehen würde, wenn er das Leben von Maurice nicht ſchonte . . . Dies iſt der Grund, ich wiederhole es, mein Herr, weßhalb das Duell für ihn ohne Gefahr ſein wird . . er darf —3 59 jedoch nichts von der Mäßigung wiſſen, deren ſich ſein Gegner gegenüber von ihm bedienen wird.“ Joſette, welche lebhaft eintrat, unterbrach Charles Delmare, indem ſie ſich an ihren Herrn wandte: „Herr Maurice pocht heftig mit der Fauſt an die Thüre des Zimmers; er ruft, wenn man ihm nicht öffne, werde er durch das Fenſter in die Straße hinabſpringen, was ſehr leicht iſt,“ fügte die Dienerin weggehend hinzu; „das Entreſol iſt nicht ſo hoch!“ „Sie ſehen, mein Herr,“ ſagte Charles Delmare, „es iſt keine Zeit zu verlieren . . . Ihr Sohn er⸗ innert ſich jetzt ohne Zweifel ſeiner Herausforderung von geſtern. Ich werde mich zu ihm begeben. Vertrauen Sie meinem Verſprechen in zwei bis drei Stunden bringe ich ihn wohl und geſund wie⸗ der und er ſoll nicht wiſſen, welcher Gefahr er ent⸗ gangen.“ Joſette, welche einen Fehlgang gemacht, kam wieder und ſagte zu Herrn Dumirail: „Ich vergaß dem Herrn zu ſagen, daß Madame ihn augenblicklich zu ſprechen wünſcht.“ „Mein Gott, iſt meine Frau etwa ſchlimmer?“ „Ich weiß nicht, mein Herr; die gnädige Frau klagt nur über ſtarkes Kopfweh . . .“ „Madame Dumirail iſt alſo krank?“ fragte Charles Delmare mit dem Tone lebhaften Intereſſes. „Geſtern ſah ich ſie ſehr traurig, aber nichts ließ ein bedeutenderes Unwohlſein vorausſehen.“ „Mein Sohn kehrte dieſe Nacht betrunken nach Hauſe .. . und in Folge einer Alteration warf ſich 60 ſeine Mutter zwiſchen uns . er ſtieß ſie zurück und im Fallen verwundete ſie ſich am Kopfe. ..“ Dann auf eine Bewegung des Erſtaunens ſeines ehemaligen Freundes antwortend, fügte Herr Dumi⸗ rail in bitterem und ſpöttiſchem Tone hinzu: „Sie ſind gerächt, nicht wahr, mein Herr . . . Ihre traurigen Prophezeiungen haben ſich nur zu ſehr bewahrheitet!“ „Ich bedaure es von ganzer Seele, mein Herr, daß meine Prophezeiungen in Erfüllung gegangen,“ verſetzte Charles Delmare ſeufzend, der Gefühle niedriger Rache unfähig und voll ehrlichen Mitleids, denn er ſchätzte Herrn Dumirail noch immer trotz ſeiner vorübergehenden Verirrung; „aber Sie müſſen ſich wohl hüten, an der Zukunft zu verzweifeln .. . es iſt noch Zeit, Maurice zu retten, wenn er ſich herbeiläßt, Paris augenblicklich zu verlaſſen, und glauben Sie mir, ſeine Heirath mit Jeane könnte ihn noch . . .“ „Seine Heirath mit Jeane?“ verſetzte Herr Dumirail, als er ſah, daß Charles Delmare noch nicht wußte, daß das junge Mädchen ſich zu Madame San Privato begeben. „Ach! nicht bloß mein Sohn verurſacht mir Kummer . . .“ Herr Dumirail hielt inne, als er Joſetten hörte, welche, abermals eintretend, zu ihm ſagte: „Die gnädige Frau iſt unruhig, weil Sie nicht kommen; ſie will durchaus augenblicklich mit Ihnen ſprechen.“ „Mein Gott! ſollte ſie wegen des Duells Ver⸗ dacht ſchöpfen. Ach! ich zittere!“ Und ſich an Char⸗ les Delmare wendend, fuhr er fort: „Ich weiß noch 61 nicht, ob ich meine Einwilligung geben ſoll, daß mein Sohn ſich in die Gefahr dieſes Kampfes begebe, obgleich Sie mir verſprachen . . . erwarten Sie mich Ich werde Ihnen dann meinen Entſchluß mitthei⸗ len . .. Ach! mein Kopf iſt ein Chaos ich ver⸗ liere noch den Verſtand! . . .“ murmelte Herr Du⸗ mirail, indem er ganz außer ſich Joſetten folgte. Charles Delmare, welcher nichts von Jeanens Weggehen gewußt, wie auch Maurice nichts davon wußte, ging zu dieſem, denn da er ſich noch immer für den intereſſirte, der kurze Zeit vorher ihn „ſei⸗ nen lieben Meiſter“ genannt, mußte ſich Charles Delmare auch für Jeane intereſſiren, da er über⸗ zeugt war, daß die beiden jungen Leute, trotz des Unrechts auf der einen Seite und der Vorwürfe auf der andern, ſich noch immer liebten und beide ihr Glück in der projectirten Heirath finden könnten. XIII. Maurice war mit ſchwerem Kopfe, aber klarem Geiſte erwacht. Bald malte ihm ſein Gedächtniß die Hauptereigniſſe des vorigen Tages und der Nacht vor die Augen: ſein Souper bei den Fröres Proven⸗ Laux, ſeinen Streit mit Richard von Otremont wegen Frau von Hansfeld, die in Folge dieſes Streites ausgetauſchten Herausforderungen und endlich jene unglückſelige Scene, während welcher er ſeine Mutter hatte blutend zu ſeinen Füßen niederſtürzen ſehen Dieſe Erinnerung zerriß ſein Herz; bald jedoch trat der Gedanke in den Vordergrund, daß die Zeu⸗ 6 . gen des Herrn von Otremont jeden Augenblick kommen konnten, oder daß ſie vielleicht bereits vergeblich dage⸗ weſen. Er kleidete ſich in aller Eile an, wollte zur Thüre hinausgehen, fand ſie jedoch geſchloſſen, ſchlug daran, rief Joſette und bald ſah er mit ebenſo gro⸗ ßem rſtaunen, als Schrece Reue, Chalt⸗ Delmare bei ſich eintreten. Dieſer zitterte, als er die . Veränderung, welche in dem Ausdruck von Mauricens Phyſiognomie vorgegangen, bemerkte. Seine blaſſen, marmornen Züge, eine Folge der Orgie des vorhergehenden Tages, verriethen bereits die bittern Nachwehen und die wüſte Verwilderung, welche die ſchlimmen Leiden⸗ ſchaften verurſacht. Charles Delmare betrachtete mit ſtummem Schmerze den jungen Mann, den er kaum noch als ſoliden heitern, reinen und unbefleckten Jüngling gekannt, welcher ſich des muntern Land⸗ lebens freute, der durch die Pflege der Künſte und Wiſſenſchaften gehoben und durch die einſichts⸗ volle Veränderung der Schönheiten poetiſch angeregt wurde. „Sie hier, Herr Delmare!“ ſagte endlich Mau⸗ rice, nachdem ſein erſtes Erſtaunen vorüber war; „ich war weit entfernt, zu hoffen, Sie hier zu finden „ c glaubte Ihnen nützlich ſein zu mein lieber Maurice; ich erinnerte mich der liebe⸗ 8 vollen Beſiehungen zwiſchen uns und ſo bin ich hier.“ „Ich danke Ihnen für den freundlichen Gedan⸗ ken: aber entſchuldigen Sie, worin könnten Sie mir nützlich ſein? 2* . 53 „Sie müſſen ſich heute mit Herrn von Otremont ſchlagen.“ „Wie! Sie wiſſen „Ja, ich weiß. Sie brauchen Zeugen. Haben Sie welche?“ „Noch nicht.“ „Nun gut, wenn Sie wollen, werde ich einer derſelben ſein und für einen zweiten ſorgen.“ „Ich nehme es an . . . O! Sie erweiſen mir einen ften Dienſt und ... „Das iſt nicht Alles . . . Ihr Gegner hat die Wahl der Waffen, er wählte den Degen; Sie aber haben in Ihrem ganzen Leben keinen Degen geführt.“ „Thut Nichts!“ rief Maurice n „ich werde mich ſchlagen, wie man will!“ „Meinetwegen, abet um ſich zu müſſen Sie ſich wenigſtens votzuſehen wiſſen .. Wir wer⸗ den uns auf einen Fechtboden begeben und in zwei Unterrichtsſtunden, ſtehe ich dafür ein, wenn Sie mich hören, daß Sie wenigſtens im Stande ſind, angemeſſen auf dem Schlachtfeld erſcheinen zu kön⸗ nen . . . Ihr Muth, auf den ich alles Vertrauen ſetze, wird das Uebrige thun.“ Maurice, welcher eine große natürliche Bravour beſaß, war gleichgültig gegen die Gefahr dieſes un⸗ gleichen Duells; tief gerührt jedoch von dem Aner⸗ bieten Charles Delmares, fühlte er für ihn ſeine alte Zuneigung erwachen, und indem er ihm herz⸗ lich die Hand bot, ſagte er mit gerührter Stimme zu ihm: „Dank, Dank! Ich finde Sie noch immer ſo 64 8 liebevoll für mich geſtimmt, als in früherer Zeit . .. Sie würden indeß mir große Vorwürfe zu machen alle Urſache haben.“ Die Erinnerung an ſeine Mutter, welche plötzlich in ihm erwachte, ließ Maurice, der in einer pein⸗ lichen Verlegenheit erröthete, hinzufügen: „Und meine Mutter . . . hahen Sie ſie dieſen. Morgen geſehen?“ „Nein . . . aber ſie iſt weniger leidend . . .“ antwortete Charles Delmare, um Maurice in dieſem Augenblicke nicht zu beunruhigen; „Ihr Vater iſt bei ihr . . „Haben Sie ihn geſehen?“ 6 „ Ja . „Er hat Ihnen vielleicht geſagt. eiß, was dieſe Nacht Maurice, als Sie von einer Orgie zurückkehrten.“ „Mein Gott, welche Verachtung muß ich Ihnen einflößen!“ „Sie waren nicht ganz bei Vernunft. Das entſchuldigt Ihr Benehmen nicht, aber erktärt es.“ Delmare, welcher ſeine Uhr herauszog und große Eile hatte, mit Maurice vor der Zurückkunft ſeines Vaters wegzugehen, da das unfruchtbare Zögern des letztern eine in ſo vielen Beziehungen peinliche Situation nur verlängern müßte, Delmare fügte hinzu: „Es iſt bald Mittag; das Rendezvous iſt für zwei Uhr im Bois de Vincennes beſtimmt; wir müſſen uns eilen, damit ich Zeit habe, Ihnen die erſte Fechtſtunde zu geben, mein liebes Kind.“ „Sie nennen mich noch Ihr liebes wie * 5 65 ehedem,“ ſagte Maurice mit ſanfter Rührung, weit empfänglicher für dieſen Beweis von Zuneigung, wel⸗ chen ihm Charles Delmare gab, als für die Gefahr eines Duells, von dem er wußte, daß es ungleich war und bei dem er den Tod zu fürchten hatte; „ſo viele Güte rührt mich,“ fügte er hinzu, „laſſen Sie mich, Sie, in der Erinnerung an die Vergangenheit, meinen theuren Meiſter nennen.“ „Von Herzen gern: aber eilen wir. kommen Sie kommen Sie ein Fiaker wartet an der Thüre des Hotels, er wird uns nach dem Fecht⸗ ſaal fahren; unterwegs können wir plaudern...“ Delmare verließ, wie er hoffte, mit Maurice das Hotel des Etrangers, ehe die Verhandlung zwiſchen Herrn und Madame Dumirail zu Ende war. Der Meiſter und ſein Zögling ſtiegen in den Fiaker und nahmen eheſtens ihre Converſation wie⸗ der auf, welche ihnen den langen Weg vom Hotel des Etrangers bis zum Fechtſaal des berühmten Bertrand verkürzte. XLIV. Maurice blieb einige Augenblicke nachdenklich und begann dann mit einem melancholiſch bittern Lächeln: „Sehen Sie, mein lieber Meiſter, ich habe in dieſem Augenblick einen Anfall von Vernunft; ich ſehe klar in meiner Seele; ich habe das Bewußtſein von mir ſelbſt, von dem Wege, den ich gehe, von dem Ziele, an dem es enden muß. Dieſen Umſchwung meines Sue, die Familienſöhne. IV. 5 66 — Geiſtes, wem verdanke ich ihn? Ihrem wohlthätigen Einfluſſe? Oder dem Hintergedanken des Todes, dem ich entgegengehe; denn ich täuſche mich nicht über die wahrſcheinlichen Folgen dieſes Duells. Ich habe jedenfalls in dieſem Augenblicke, ich wiederhole es, theurer Meiſter, das klare Bewußtſein meiner elbſt.“ „Und was ſagt Ihnen dieſes Selbſtbewußtſein, liebes Kind?“ fragte Delmare. „Es ſagt mir, daß ich verloren bin.“ „Nun, nun, Maurice, dieſes Duell iſt allerdings ungleich: aber . . .“ „Ich ſpreche nicht von dieſem Duell, es exiſtiren hundert Fälle gegen einen, daß ich getödtet werde; wenn ich jedoch entkomme, bin ich moraliſch ver⸗ loren. „Wie verloren?“ „Ach, wie; lieber Meiſter? Weil ich die ver⸗ botene Frucht berührt, weil ich vom Pariſer Leben gekoſtet, weil meine erſte Geliebte eine Frau wie die Baronin von Hansfeld war; weil, was auch kommen mag, was auch mein Vater und meine Mutter thun, ſagen, wollen oder verlangen, ich jetzt nirgend anders mehr leben kann, als in Paris und unter dieſer „goldenen Jugend“, in die mich der Zufall geſchleudert; ich erinnere mich Ihres Rathes vom Morillon, der Früchte Ihrer Erfahrung; ich erinnere mich jener furchtbaren von Ihnen erwähn⸗ ten Beiſpiele; und ſo täuſche ich mich nicht . .. Das Leben von Paris wird früher oder ſpäter mein Untergang ſein.“ „Wenn man ſein Uebel kennt, mein liebes Kind, 5 67 ſo iſt es niemals unheilbar; die Heilung iſt gewiß, wenn zur rechten Zeit eingeſchritten wird.“ „Ja, wenn der Kranke einwilligt, den Trank zu nehmen, den man ihm reicht; wenn er ihn aber zum Fenſter hinauswirft!“ „Das kann nur in einem Augenblick des Deli⸗ riums geſchehen . . . Das Bewußtſein kehrt bald zurück und der Kranke läßt ſich leiten.“ „Wenn die Krankheit ihn nicht während des Deliriums hinrafft . . . das oft ſehr lange dauert, lieber Meiſter.“ „Noch einmal, Maurice, man iſt gerettet, wenn man die Klippe ſieht, an der man ſcheitern kann..“ „Vergeſſen Sie denn dabei ganz die Macht der Strömung, das Ungeſtüm der Stürme, die trotz ſeiner Kenntniß der Klippen, den Piloten ſeinem Unter⸗ gang entgegentreiben?“ „Ein guter und kühner Pilot kämpft gegen Strö⸗ mungen, trotzt dem Sturm und triumphirt über ihn, mein liebes Kind . ..“ „Wenn er ein guter und kühner Pilot iſt, ja; aber ein ſolcher bin ich nicht, meine Beſcheidenheit zwingt mich, das einzugeſtehen; und dann ſchlimmer oder beſſer . . . die Klippe ſcheint mir zu gleicher, Zgeit ſo gefährlich und ſo anziehend .. daß ich den Schiffbruch riskire, indem ich mich der Strömung überlaſſe .. „Armer Maurice . . . wie viele verderbliche Sophismen haben bereits die erſte Reinheit Ihrer Seele alterirt!“ „Nicht wahr, lieber Meiſter! .. Aber es bleibt mir wenigſtens die Ehrlichkeit. Ja, ich bin noch ſo 68 ehrlich, wie damals, als ich Ihnen in meinem länd⸗ lichen Enthuſiasmus auf dem Morillon ſagte: „Es leben die blumigen Wieſen! Landmann bin ich und als Landmann will ich ſterben!““ „Ich habe die feſte Hoffnung, daß zu Ihrem Glücke Ihre Prophezeiung ſich verwirklichen wird.“ „Sie glauben . . . daß ich nach dem Morillon zurücktehren werde?“ „Ich glaube es . „Nun, lieber Meiſter, das heißt das Unmögliche annehmen . . . und wenn ich auch das Unmögliche annehme . nämlich daß ich einwillige, in unſre Berge zurückzukehren .. . nach Verlauf von acht Tagen würde ich vor langer Weile umkommen.“ — „Das iſt ein Irrthum mein Kind ein tiefer Irrthum! „Wie, mein lieber Meiſter, ſeien Sie vernünftig velchen Geſchmack ſoll man an der Milchſpeiſe finden, wenn man eine Zunge beſitzt, die an die Aufregung der Gewürze gewöhnt iſt? Sie wiſſen das mehr, als irgend Jemand; ja Sie kennen mich ſo gut, daß Sie vorausſahen, was heute geſchieht und deßhalb Alles thaten, was meinen Vater veran⸗ laſſen konnte, mich nicht nach Paris zu ſchicken.“ „Das iſt wahr; ſo würde ich denn auch Alles thun, um Sie Paris verlaſſen zu machen; das iſt logiſch.“ „Sehr logiſch, nach Ihrer Anſicht, lieber Meiſter, aber nicht nach der meinen . Offen geſagt, glau⸗ ben Sie, daß ich in meinem Alter, eingeweiht, wie ich bin, jetzt auf dieſen Rauſch von Vergnügungen, welchen Paris bietet, verzichten werde, um mich auf 69 dem Morillon zu begraben? .. . Nein, es iſt zu ſpät . . es iſt zu ſpät . .. Man hätte mich den Verſuchungen nicht ausſetzen und Jeane heirathen laſſen ſollen.“ Und zitternd (Maurice wußte, wir wieder⸗ holen es, damals noch ſo wenig, als Charles Del⸗ mare, daß das junge Mädchen ſeit dieſen Morgen zu Madame San Privato gezogen war) fügte Mau⸗ rice hinzu: „Wenn ich verloren bin, iſt Jeane an meinem Untergange ſchuldig.“ „Jeane! . . . und wie das?“ „Den Bitten und Thränen meiner Mutter, und ich weiß nicht welchen kindlichen Befürchtungen nach⸗ gebend, hatte ich eingewilligt, Paris zu verlaſſen, in der Hoffnung, ſeine Berauſchungen in der Liebe Jeanes zu vergeſſen, und Verzeihung für meine Un⸗ beſtändigkeit zu erhalten und zu verdienen.“ „Was hat Sie gehindert, dieſen vortrefflichen Entſchluß auszuführen?“ „Die ſchmähliche Verachtung Jeanes, die, in dem Augenblick, wo ich zu ihr als meiner letzten Rettungshoffnung zurückkehrte, mich mit der über⸗ triebenſten, leidenſchaftlichſten Lobeserhebung meines Vetters San Privato empfangen hat.“ „Ach! ich möchte darauf ſchwören, die Worte Jeanes waren nicht aufrichtig gemeint, nein ſie wollte ſich nur an Ihrer Untreue rächen.“ Meeinetwegen! aufrichtig oder nicht; dieſe Worte ließen plötzlich meinen guten Entſchluß zu nichte wer⸗ den und gaben meiner Liebe einen tödtlichen Stoß . Doch nein . wenn ich ſage tödtlich ſo lüge 70 ich mein Bekenntniß muß voll und wahr ſein, lieber Meiſter!“ „Vollenden Sie!“ „Nun gut! ich geſtehe meine Schande, trotz ihrer Verachtung, trotz ihrer Neigung zu Albert, liebe ich Jeane noch immer!“ „Ich glaube Ihnen, liebes Kind, ich glaube Ihnen mit tauſend Freuden; dieſe Liebe wird Sie beide retten.“ „Noch einmal, es iſt zu ſpät, lieber Meiſter; aber, wie dem auch ſei, ich fühlte und fühle für Jeane, was ich nie für eine andre Frau gefühlt, noch jemals fühlen werde!“ „Ich weiß dies auch und ich ſage Ihnen, Sie werden zu Jeane zurückkehren.“ „Nie. Sie liebt San Privato!“ „Irrthum! Tiefer Irrthum! Die ephemere An⸗ ziehungskraft, welche dieſer Menſch vielleicht für ſie hatte, unterſcheidet ſich ebenſoſehr von der Liebe, die ſie für Sie hegt, als der plumpe Liebesrauſch, in den Sie Frau von Hansfeld hineingezogen, von Ihrer Liebe zu Jeane. Und wenn Sie wüßten . . .“ Charles Delmare vollendete nicht; er konnte Maurice das mörderiſche Complott nicht enthüllen, deſſen Opfer er geworden, ohne ihm zu ſagen, daß ſein Duell mit Herrn von Otremont kein ernſtliches ſein ſollte, und er befürchtete, die Bravour des jun⸗ gen Mannes würde ſich gegen das Mitleid des Geg⸗ ners empören und den Zuſammenſtoß dennoch zu einem blutigen machen. Charles Delmare nahm deßhalb das Wort: ni 7¹ „Wenn Sie darum nicht zweifeln, daß das, was Sie mit Unrecht Jeane's Liebe zu San Privato nen⸗ nen, ſich auf einige von dem Wunſche, ſich an Ihrer Untreue zu rächen, dictirte Coquetterien beſchränkt, ſo würden Sie ſie durch Reue und Zärtlichkeit ver⸗ geben machen.“ „Sie irren ſich in Beziehung auf Jeanes Cha⸗ rakter, lieber Meiſter; ihr Stolz iſt unbeugſam; ſie wird mir nie verzeihen, und wenn ſie mir verziehe, ſo würde ich ihr ihre Neigung zu San Privato, mag ſie nun vorübergehend ſein oder nicht, nie⸗ mals vergeben, und wenn ich, was unmöglich, in einem Momente des Vergeſſens meine Einwilligung gäbe, ſie zur Frau zu nehmen, und was noch un⸗ möglicher, in unſere Berge zurückzukehren, ſo würden Verdacht und Eiferſucht der Vergangenheit mein Leben vergiften: es würde eine Hölle. Wenn ich dieſes Duell überlebe, ſo ziehe ich die Hölle von Paris vor. Was wollen Sie! . . man iſt dort wenigſtens in guter und heiterer Geſellſchaft ver⸗ dammt.“ „Wenn Ihnen indeſſen Ihr Vater gebietet, Paris zu verlaſſen .. 4 „So wird es mich Ueberwindung koſten, ihm den Gehorſam zu verſagen, aber ich bin dazu gezwungen. Er hat nach ſeinem Sinn gelebt, nun ſoll er auch mich nach meinem Sinne leben laſſen.“ „Selbſt, Maurice, wenn Sie Ihr Leben in Zer⸗ ſtreuung und Müßigang vergeuden wollten?“ „Weßhalb ſoll ich arbeiten? Mein Vater iſt mehr als Millionär!“ „Dieſes Vermögen wird Ihnen allerdings eines 72 Tages gehören, aber ich zweifle nicht, mein Freund, daß Sie dieſen unglücklichen Tag von ganzem Herzen ſo weit als möglich entfernt wünſchen.“ „Gewiß.“ „Indeſſen man braucht Geld, viel Geld, um die Genüſſe ſich zu verſchaffen, nach denen Sie ſo gierig ſind.“ „Ich werde Schulden machen „Nach dem Tode Ihres Vaters zahlbar? . „Das iſt traurig und der Gedanke ſchnürt mir das Herz zuſammen; aber es iſt ſchlimm!“ „Es wird ſo weit kommen, daß am Tage, wo Sie Ihr väterliches Erbe einziehen, es bereits zum Voraus ganz verſchwendet ſein wird; die Ueberreſte werden nicht lange anhalten und was ſoll nach Ihrem vollkommenen Ruine werden?“ „Ich werde mir wahrſcheinlich das Hirn zer⸗ ſchmettern . . . wie Sie es ehedem machen wollten, mein lieber Meiſter, denn ich beſitze den Stolz, zu glauben, daß ich mich niemals zu niedrigen, ſchänd⸗ lichen oder verbrecheriſchen Handlungen werde herab⸗ würdigen.“ „Wie wollen Sie das wiſſen?“ „Ich bin in dieſer Beziehung meiner gewiß.“ „Sie glaubten Ihrer ebenfalls gewiß zu ſein, als Sie ſagten: „Als Landmann bin ich geboren, Landmann will ich bleiben.“ Sehen Sie indeſſen, welchen Weg Sie in ſo kurzer Zeit gegangen ſind!“ „Das iſt wahr: ich war ſchnell, ſehr ſchnell!“ „Es bleibt alſo doch noch eine Möglichkeit, daß Sie aus dem Vermögensperluſt ins Elend, aus dem — 73 Elend in das Laſter, in die Schande und vielleicht in das Verbrechen verfallen.“ „ „Allerdings iſt das eine Möglichkeit!“ „Und der Gedanke an dieſe furchtbare Möglich⸗ keit ſchreckt Sie nicht, armes Kind?“ „In dieſem Augenblicke ja, macht es mich trau⸗ rig und ſchreckt mich. .. aber warum, weil ich in einer eigenthümlichen Gemüthsverfaſſung bin. Wenn ich dies Duell überlebe, werde ich nur an das Ver⸗ gnügen denken, an meine ſchöne und glühende Geliebte, an meine Pferde, an die Oper, an die hei⸗ tern Soupers, an all die eleganten Freuden eines raffinirten Lebens.“ „Sie ſollten vielleicht auch daran denken, daß Ihre Mutter, deren Geſundheit bereits ſehr ange⸗ griffen iſt, vor Kummer ſterben wird. Sie werden mir vielleicht antworten, daß Sie ſie dann erben. Nicht wahr, das iſt ein Troſt?“ . „Bitte!“ ſagte Maurice, mit feuchtem Auge, — „ſprechen Sie nicht mehr davon, ich möchte weich werden . . .“ „Um ſo beſſer!“ „Um ſo ſchlimmer! lieber Meiſter, um ſo ſchlim⸗ mer! . . Sie würden mich für einen Heuchler hal⸗ „Wie? armes Kind! . .. Dieſe Thränen, die ich im Augenblicke in Ihren Augen ſtehen ſehe „Dieſe Thränen ſind aufrichtig, ſo aufrichtig, als die Vergnügenswuth, die mich meine vorübergehende Rührung vergeſſen laſſen wird! .. Ich weiß jetzt, wie gegenüber der Verführung meine Schwachheit groß und unheilbar iſt! . .. Deßhalb, mein lieber — 74 Meiſter, ſagte ich Ihnen am Anfang unſeres Ge⸗ ſprächs: „Ich weiß, daß ich verloren bin!“ Ich bin vollſtändig in der Lage eines Menſchen, der ſich mit einer Laterne am Halſe ertränkte und mit dem Blick die Tiefe des Abgrunds ermäße, in den er ſich zu ſtürzen im Begriffe iſt; darum, mein lieber Meiſter, iſt es, kurz geſagt, vielleicht beſſer für mich, wenn ich jetzt von Herrn von Otremont getödtet werde! Da⸗ durch würde meinem Vater und meiner Mutter viel⸗ leicht ein grauſamerer Kummer erſpart werden, als ihnen mein Tod verurſachte . . . Sie könnten mich wenigſtens beweinen, mich beklagen, weil ich bis dahin nur Jugendthorheiten begangen . . . während, wenn ich überlebe, wer weiß, was dann geſchieht...“ fügte Maurice mit düſterer und nachdenklicher Miene hinzu. Dann verſank er während eines kurzen Mo⸗ ments in Nachdenken. Charles Delmare, der die raſche Zerrüttung des ſittlichen Gefühls gewahrte, die ſo deutlich bei dem jungen Manne hervortrat, empfand mehr Kummer, mehr Schreck, als Ueberraſchung. Er wußte (man wird dieſe phyſiologiſche Vergleichung entſchuldigen), er wußte, daß wie die ſanguiniſchen und ſtarken Naturen beſonders entzündlichen Krankheiten unterworfen ſind, die ſich unglaublich raſch durch den ganzen Körper verbreiten, ebenſo auch die glühenden, leidenſchaftlichen und beweglichen Charaktere, wenn ſie der Anſteckung des Böſen ausgeſetzt ſind, es viel raſcher und zwar mit einer erſchreckenden Intenſität in ſich aufnehmen, als Andere. Charles Delmare bewahrte eine letzte Hoffnung in ſich, welche zu gleicher Zeit auf der Fortdauer 75 der Liebe Mauricens zu Jeane, und auf dem Be⸗ wußtſein, das er von ſeinem Insverderbenrennen hatte, ein Bewußtſein, das deutlich in den Worten: „Ich ertränke mich mit einer Laterne am Halſe . ausgeſprochen lag. „Wäre es nicht möglich und ſogar wahrſcheinlich,“ ſagte ſich Charles Delmare, „daß Maurice, durch ſeine eigenen Reflexionen über die Zukunft aufgeklärt, die ihm durch ſeine ſchlimmen Leidenſchaften bereitet wird, einmal zuſammenſchrickt, und einer Art Inſtinct des ſittlichen Erhaltungstriebes gehorchend, und dem dauernden Einfluß einer erſten Liebe ſich hingebend, daß Maurice, ſagen wir, noch einmal und für immer zum Guten und zu ſeiner Liebe zu Jeane zurück⸗ kehrte.“ Der Wagen hielt vor der Thüre des Fechtſaales und Charles Delmare trat mit Maurice ein. Nach Verfluß von ungefähr anderthalb Stunden begaben ſie ſich nach dem Bois de Vincennes, wo das Duell ſtattfinden ſollte. XLV. Herr Dumirail hatte ſich nach ſeiner Unterredung mit Herrn Charles Delmare über das Duell von Maurice und Herrn von Otremont beeilt, ſich zu Madame Dumirail zu begeben. Dieſe ließ ihn zu ſich rufen, um Näheres über ihren Sohn zu erfahren, da ſie wegen der nervöſen Kriſe, welche ihn dieſe Nacht befallen, ſehr in Sorge war. Den Umſtand benützend, den ihm der Wunſch ſeiner Frau bot, be⸗ gab ſich Herr Dumirail, von tauſend neuen Beſorg⸗ 76 niſſen gepeinigt und entſchloſſen, ſich dem Duelle zu widerſetzen, deſſen Ausgang er trotz der beruhigen⸗ den Verſicherungen Charles Delmares fürchtete, nach dem Zimmer ſeines Sohnes, aber dieſer hatte es bereits in Begleitung ſeines Mentors verlaſſen. Herr Dumirail, von Bangigkeiten gemartert, die er ſeiner Frau zu verheimlichen ſich bemühte, kehrte zu ihr zurück und verſicherte ſie, daß Maurice noch in tiefem Schlafe liege, obgleich Mittag bereits vor⸗ über war. Madame Dumirail, welche zu ſchwach, um ihr Bett zu verlaſſen, ſtützte ſich auf ihr Kiſſen; ihr Kopf war mit einer Binde umgeben. Ihre große Bläſſe machte den Ausdruck ihrer ehrwürdigen Züge noch rührender. Die Eine ihrer Hände ruhte zwi⸗ ſchen denen ihres Mannes, der ihren Streit wegen des Sohnes vergeſſend oder vielmehr ſich grauſame Vorwürfe machte, daß er ihn hervorgerufen und ſie mit einer Miſchung von Zärtlichkeit und Verehrung betrachtete, indem er ſagte: „Du warſt klug, ahnungsvoll, wie es die beſte der Mütter ſein muß! ich aber war ein Narr, war blind. Jetzt ſind meine Augen offen; ich ſchaure, wenn ich an das Unglück denke, das aus meiner Geiſtesverwirrung entſtehen konnte; und doch haben mir Deine ſtrengen Warnungen nicht gefehlt. Sieh, meine Freundin, jetzt, da meine Vernunft wieder in ihre Rechte eingetreten, frage ich mich offen, ob es nicht wie phyſiſche Krankheiten, ſo auch moraliſche Krankheiten gibt, gegen welche ſelbſt kluge Menſchen nicht auf ihrer Hut ſind. Ich könnte mir ſonſt den Anfall von Unvernunft nicht erklären, der glücklicher Weiſe vorüber und für immer geheilt iſt. Noch ein⸗ 77 mal Verzeihung, liebe ausgezeichnete Julie, Ver⸗ zeihung für den Kummer, den ich Dir verurſacht.“ „Ach, mein Freund,“ verſetzte Madame Dumirail mit einem engelgleichen Lächeln, „dieſer Kummer iſt vergeſſen; die Hoffnung — die beſtbegründete Hoff⸗ uung tritt an ſeine Stelle. Wie ſollte nach der furchtbaren Scene dieſer Nacht unſer Sohn unſerem doppelten Einfluſſe, unſern vereinten liebevollen Be⸗ mühungen widerſtehen und .. Aber ſich unterbrechend, als ſie die Uhr zwei nach Mittag ſchlagen hörte, fügte Madame Dumirail hinzu: „Zwei Uhr und Maurice wacht noch nicht!“ „Wenn er wachte, wäre er bereits bei Dir,“ antwortete Herr Dumirail, ohne eine leichte Verle⸗ genheit verbergen zu können. „Es iſt nichts Mert⸗ würdiges, daß er nach ſeiner Trunkenheit und der nervöſen Kriſe von dieſer Nacht noch ganz erſchöpft iſt und ſchläft; dieſer lange Schlaf kann ihm nur ſehr heilſam ſein.“ „Wollte Gott! Das unglückliche Kind! wenn ich an ſeiner Anhänglichkeit hätte zweifeln können, die herzzereißende Verzweiflung, die ihn ergriff, als er mich vor ſeinen Füßen niederfallen ſah, ſeine Thränen, ſeine Ohnmacht, würden mir bewieſen haben, daß er mich noch liebt. Auf dieſe Liebe und die, welche er für Dich hegt, müſſen wir zählen, mein Freund, um ihn wider ſeinen Willen zu retten.“ „Wir werden ihn retten; ſein Herz iſt gut ge⸗ blieben und wie Du geſagt, unſer doppelter Einfluß, unſere vereinten Bemühungen werden eine entſchei⸗ dende Wirkung haben.“ 78 „Wir müſſen ihn vor allem dazu vermögen, daß er Paris verläßt, und .. Madame Dumirail unterbrach ſich abermals und ſagte: „Mein Freund, ſchon zum zweiten Male ſiehſt Du, und wie mir ſcheint, mit einer gewiſſen Unruhe auf die Uhr.“ „Nein, ich verſichere Dich,“ antwortete Herr Du⸗ mirail unruhig, „das geſchah ganz mechaniſch, daß ich dorthin ſah.“ „Wirklich?“ „Wahrhaftig. Du ſagteſt, und ich bin ganz Dei⸗ ner Anſicht, daß man vor Allem Maurice den Ver⸗ führungen von Paris entreißen muß; wir müſſen jedoch warten — und Gott ſei Dank, dieſer Verzug wird nicht von langer Dauer ſein; wir müſſen war⸗ ten, ſage ich, bis Deine Geſundheit Dir erlaubt, unſere Reiſe nach dem Morillon zu unternehmen.“ „Meine Geſundheit? . .. Ach! mein Freund, ich glaube ſterbend würde ich die Kraft finden, den Weg zu Fuß zu machen, wenn ich mich auf den Arm meines Sohnes und auf den Deinen ſtützen könnte; noch heute könnten wir uns deßhalb auf den Weg begeben, wenn Du willſt und ich . . .“ Madame Dumirail vollendete die Phraſe nicht, denn ſie bemerkte, ohne länger darüber im Zweifel ſein zu können, die immer deutlicher werdende Un⸗ ruhe ihres Mannes, je weiter die Stunde vorrückte, in welcher Charles Delmare Maurice geſund und wohl nach Hauſe zu bringen verſprochen. „Mein Freund,“ fuhr Madame Dumirail mit ängſtlicher Beſorgniß fort, „ich leſe in Deinem Ge⸗ ſichte eine wachſende Unruhe; Du verbirgſt mir ent⸗ ſchieden etwas . „Du täuſcheſt Dich . . „Nein, ich täuſche mich nicht .. 5 „Liebe Julie „Es iſt bald halb drei: unmöglich kann Maurice noch nicht wach ſein . . . „Noch einmal, ich wiederhole es Dir, wenn er wach, wäre er dann nicht bereits zu Dir gekommen, um ſich nach Deiner Geſundheit zu erkundigen?“ „Thut nichts! Dieſer ins Unglaubliche verlän⸗ gerte Schlaf ſcheint mir nicht natürlich und beun⸗ ruhigt mich,“ verſetzte Madame Dumirail; und den Arm nach der Klingelſchnur ihres Alcovens ausſtre⸗ ckend, zog ſie lebhaft daran: „Maurice iſt ſo ſtark, daß man nicht wiſſen kann, ob er, nach ſo vielen heftigen Aufregungen, nicht von einem Schlage ge⸗ rührt worden.“ Joſette erſchien in dieſem Augenblicke, von der Glocke der Frau von Dumirail herbeigerufen, die ihr ſagte: „Klopfe an die Thüre von meines Sohnes Zim⸗ mer und wenn er ſchläft, wecke ihn auf.“ „Wie, Madame,“ verſetzte Joſette erſtaunt, „aber Herr Maurice iſt ja ſchon ſeit drei Stunden .. In dieſem Augenblicke bemerkte ſie, ohne deſſen Bedeutung zu verſtehen, einen Wink, den ihr Herr Dumirail gab und die Dienerin fragte naiv: „Was gibt es, mein Herr? wie?“ „Ich war davon überzeugt, man verbirgt mir etwas, ohne Zweifel ein neues Unglück,“ rief Madame Dumirail immer unruhiger werdend, „Joſette, ant⸗ 8⁰ worten Sie, ich befehle es Ihnen . . wo iſt mein Sohn? . . was iſt ihm geſchehen?“ „Es iſt ihm nichts geſchehen, beruhigen Sie ſich, gnädige Frau, Herr Maurice iſt vor drei Stunden ausgegangen.“ „Du fagteſt aber doch, mein Freund, daß mein Sohn in tiefem Schlafe liege .. . Du antworteſt mir nichts . . . Mein Gott! weßhalb haſt Du mir die Unwahrheit geſagt?“ „Madame,“ verſetzte Joſette, „ich ſchwöre Ihnen, als ehrliches Mädchen, daß ich Herrn Maurice in Geſellſchaft des würdigen Herrn Delmare weggehen ſah, nachdem dieſer lange allein mit Herrn Dumirail geſprochen . .. „Herr Delmare!“ verſetzte Madame Dumirail verblüfft und ihren Gatten anſehend, „Du haſt Herrn Delmare empfangen? Du haſt lange mit ihm ge⸗ ſprochen?“ „Und Gott ſei Dank, der Herr warf mich nicht auf das Pflaſter von Paris, wie er mir gedroht, wenn ich dieſen würdigen Mann einließe,“ verſetzte Joſette; „aber der arme Herr Delmare hat mich ſo ſehr gebeten, indem er mir ſagte, daß es ſich um einen großen Dienſt handle, den er der Familie lei⸗ ſten wolle . .. daß ich ihn meiner Treue, was ich auch dabei wagen mochte, in den Salon einließ, wo ſich Herr Dumirail befand, und ſie blieben eine gute halbe Stunde bei einander.“ „Mein Freund, ohne einen Umſtand von der größten Wichtigkeit würdeſt Du nimmermehr Deine Einwilligung gegeben haben, Herrn Delmare zu em⸗ pfangen und Dich nach der Mittheilung, die ich Dir 81 gemacht, lange mit ihm zu verhandeln. Hier waltet ein Geheimniß ob,“ verſetzte Madame Dumirail nach⸗ denklich und zitternd. „Deine gezwungene Annähe⸗ rung an Herrn Delmare konnte nur eine neue Uebel⸗ that von Maurice zur Urſache haben.“ beſchwöre Dich, Julie, beunruhige Dich nicht.“ „Du wußteſt, daß Maurice mit Herrn Delmare weggegangen war?“ „Nun ja! aber. „Wohin ſind ſie ſneh „Ich weiß es nicht.“ „Du ſagſt mir nicht die Wahrheit, mein Gott! mein Gott!“ verſetzte Madame Dumirail, welche die Beute einer ſchmerzlichen kftus war. „Mein Sohn iſt in Gefahr, ich ſchwöre es ich fühle es wohl, ich ich habe Furcht. „Beruhige Dich, Julie, ich tite Dich,“ fuhr Herr Dumirail fort; „es kann nichts gefährlicher in dieſem Augenblicke für Dich werden, als heftige Aufregungen.“ „Mich beruhigen!. . mein Gott! . kann ich es, wenn Alles ſich vereinigt, meine Befürchtungen zu vermehren! Dein Schweigen mehr als Alles, denn weßhalb ſonſt Deine Verhandlung mit Herrn Delmare verbergen?“ „Später, liebe Julie, ſollſt Du erfahren.“ „Warum es mir nicht ſogleich ſagen?“ „Ich bitte Dich auf den Knieen, liebe Freundin, frage mich nicht weiter. Beruhige Dich, Du wirſt eheſtens Alles aber bis dahin habe ein wenig Geduld und bald. Sue, die Familienſöhne. W. 6 82 Das raſche Anziehen der inneren Glocke unter⸗ brach Herrn Dumirail; ein unwiderlegliches Vorge⸗ fühl ſagte ihm, daß er den glücklichen oder unglück⸗ lichen Ausgang des Duells nunmehr erfahren ſollte. Bei dieſem Gedanken brach ſein Herz zuſammen; eine Todtenbläſſe überzog ſein Geſicht, ſeine Kniee zitterten; er mußte ſich auf das Kopfende des Bettes von Madame Dumirail ſtützen, die in ihrem Schre⸗ cken murmelte: „Großer Gott! mein Freund. Du erblaſſeſt! .. Du ſcheinſt zuſammenzubrechen!“ „Dank! mein Gott! Dank! .. Du haſt uns unſer Kind gerettet!“ rief plötzlich Herr Dumirail, indem er lauſchte und die Stimme von Maurice hörte, welcher zu Joſetten ſagte: „Wie geht es meiner Mutter?“ Beinahe im ſelben Augenblicke ging die Thüre auf und der junge Mann trat von Charles Delmare gefolgt ein. Herr Dumirail verſicherte ſich mit einem raſchen Blicke, daß ſein Sohn nicht verwundet war, warf ſich in ſeine Arme und preßte ihn mit einer gewiſſen Raſerei an ſeine Bruſt; dann drängte er mit lachen⸗ den Zügen und die Augen voll Thränen Maurice nach dem Bette ſeiner Mutter, indem er ſagte: „Fürchteſt Du jetzt noch etwas, arme gute Mut⸗ ter? Umarme ihn nun auch, den Jungen. Nie wer⸗ den ihm Deine Liebkoſungen ſüßer erſchienen ſein.“ „Maurice, Du biſt ſicher ſo eben einer großen Gefahr entgangen! Dank Dir, mein Gott! Du gibſt uns unſern Sohn wieder,“ rief Madame Dumirail, —2 83 indem ſie Maurice, der die mütterlichen Liebkoſungen lebhaft erwiederte, ungeſtüm an ſich zog. XLVI. Während Madame Dumirail und ihr Sohn, die ſich noch immer umarmt hielten, zärtliche Worte aus⸗ tauſchten, ſagte Charles Delmare, indem er ſich ernſt und bewegt an Herrn Dumirail wandte: „Leben Sie wohl, mein Herr . wir dürfen uns nie wieder ſehen . eine traurige Enthüllung macht leider jeden Verkehr zwiſchen uns unmöglich ich hatte wenigſtens verſucht, das unerſetzliche Unglück, das ich Ihnen ehedem zufügte, zu ſühnen. Ich führe Ihnen den Sohn geſund und wohl in die Arme zurück; ſeine Tapferkeit hielt gleichen Stand mit der Ehrenhaftigkeit ſeines Gegners, der ihn zweimal entwaffnete und ihm dann die Hand reichte, indem er ihm das Zugeſtändniß gegenſeitigen Un⸗ rechtes vorſchlug . . . Maurice entſprach dieſer ge⸗ rechten Aufforderung aufs würdigſte .. Und ſo iſt dieſe bedauernswerthe Angelegenheit zur Zufrie⸗ denheit Aller abgemacht.“ „Ach! mein Herr,“ verſetzte Herr Dumirail leb⸗ haft und mit dem Ausdruck tiefer Dankbarkeit; „ich verdanke Ihnen heute das Leben meines Sohnes; warum ſoll zwiſchen uns das Blut meines unglück⸗ lichen Bruders fließen!“ „Es iſt meine gerechte Strafe, mein Herr; es bricht auf immer die Beziehungen, die mir in ſo vieler Hinſicht theuer waren.“ 8⁴ „Glauben Sie mir, mein Herr, ich werde die theuerſte Erinnerung an dieſe Beziehungen bewahren und ehe wir uns trennen, gedenke ich, mein Unrecht gegen Sie einzugeſtehen, und Sie um Verzeihung zu bitten.“ ei Se ite „Werden Sie mir vergeben, daß ich thörichter, beleidigender Weiſe den klugen Rath zurückgeſtoßen, den Sie mir auf dem Morillon im Intereſſe meines Sohnes gaben; einen Rath, den ich zum Unglück meiner Familie verkannte!“ „Ich vergebe Ihnen um ſo lieber, mein Herr, dieſen Augenblick der Verirrung, als es in meinen Augen der Irrthum eines reichen Mannes war.“ „Sie ſind ebenſo nachſichtig, als edel. Glauben Sie mir wenigſtens, daß in Zukunft Ihr Rath be⸗ folgt werden ſoll und noch heute wird mein Sohn Paris verlaſſen.“ „Das iſt's, wozu ich ihn noch eben zu veran⸗ laſſen ſuchte. Möchte er unſern Wünſchen ſich fügen; in dieſem Falle, mein Herr, beſchwöre ich Sie, wenn Sie Maurice vor neuen Verirrungen bewahren wollen, Ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um die Heiraths⸗ projecte wieder anzuknüpfen, in denen Sie mit ſo großer Einſicht die ſichere Bürgſchaft für Mauricens und Jeanes künftiges Glück ſehen.“ „Ich theile Ihr Bedauern, mein Herr, das frei⸗ lich leider zu ſpät kömmt, da dieſe Heirath unmöglich geworden.“ „Warum das?“ „Sie fragen mich?“ verſetzte Herr Dumirail ſehr überraſcht; .. „Sie wiſſen alſo nicht?“ 85 „Was?“ „Jeane will nicht mehr bei uns bleiben.“ „Was ſagen Sie?“ ſtotterte Charles Delmare mit einer unwillkürlichen Angſt, denn er erkannte die traurige Wirklichkeit noch nicht; „was ſagen Sie, Jeane?“ „Geſtern, nach einem ſehr gereizten Geſpräch mit meiner Frau, in Gegenwart unſeres Neffen San Priväto „Vollenden Sie.“ „Erklärte Jeane, ſie wolle nicht länger bei uns bleiben.“ „Nicht bei Ihnen bleiben!“ wiederholte Charles Delmare mit alterirtem Tone: „und wo könnte ſie wohnen wollen?“ „Bei meiner Schweſter.“ „Was höre ich?“ rief Charles Delmare ſchauernd, „Sie ſagen?“ „Ich ſage, daß Jeane erklärte, bei meiner Schwe⸗ ſter wohnen zu wollen.“ „Bei Madame San Privato?“ „Natürlich, weil ich keine andere Schweſter habe aber Sie werden blaß was fehlt Ihnen?“ „Verzeihung,“ verſetzte Charles Delmare, indem er den Schweiß trocknete, der über ſeine Stirne floß, „ich fürchte, Ihre Worte ſchlecht gehört oder ſchlecht verſtanden zu haben, denn ich geſtehe, es wird mir ſchwer. es iſt mir unmöglich, zu glauben, daß . Jeane wirklich ernſtlich daran gedacht, bei Ma⸗ dame San Privato ihre Wohnung aufzuſchlagen.“ „Sie hat ſo ſehr daran gedacht, daß ſie bereits „ dahin gegangen.“ 86 „Wohin?“ „Zu meiner Schweſter.“ „Jeane!“ „Ja, San Privato hat ſie auf der Stelle mitge⸗ nommen, da unſere Nichte vorgab, nicht länger hier bleiben zu wollen, wo ſie der Gefahr ausgeſetzt ſei, Ihnen, dem Mörder ihres Vaters, zu begegnen.“ „Unglücklicher, der ich bin! . . . meine Tochter iſt verloren!“ rief Charles Delmare unwillkürlich mit einem ſo herzzerreißenden Ausdruck und einem ſo väterlichen Accente, wenn man das ſagen kann, daß Herr Dumirail, ſeine Frau und ſein Sohn, die beide ſeit einigen Augenblicken auf das vorhergehende Geſpraͤch gelauſcht, vor Erſtaunen über die unerwar⸗ tete, der Verzweiflung Charles Delmares entſchlüpfte Enthüllung ganz verblüfft waren, während Maurice, welcher auf dieſe Weiſe den Aufenthalt Jeanes bei den San Privato erfuhr, mit ſchmerzlichem Zorne bei ſich ſagte: „Und ich war ſo thöricht, ſo feige, Schmerz über den Verluſt dieſer Unwürdigen zu empfinden, welche unſer Haus verlaſſen, um ſich Albert zu nähern! ... Ach! wenn ich je an der Liebe zweifeln konnte, die ſie für ihn beſitzt, wäre es jetzt noch möglich, daran zu zweifeln? Iſt ſie zu kühn, dieſe Liebe? Ach! Jeane! Jeane! Ich werde aus meinem Herzen Dein abſcheuliches Gedächtniß reißen . Dieſe Liebe allein hätte für mich eine Wendung zum Glücke werden können . . . Eben noch hatten die Worte desjenigen, den wir „unſern theuern Meiſter“ nen⸗ nen, in mir gewiſſe Hoffnungen belebt, welche die Vergangenheit erzeugt hatte. Ich gab mich der Hoff 87 nung hin, Jeane könnte mich noch ebenſo ſehr lieben, als ich ſie Rebte, ihre Coquetterien mit San Pri⸗ vato ſeien falſch, ſie wolle ſich nur dadurch an meiner Unbeſtändigkeit rächen . . . Jetzt habe ich den Beweis, was falſch und geheuchelt war .. Die Neigung, die ſie für mich zu hegen ſchien — ſelbſt vor Alberts Ankunft auf dem Morillon Ich war reich Jeane iſt arm! ſie wollte, indem ſie mich heirakhete, eine gute Partie machen, das iſt Alles . . . Dreifacher Thor, der ich war, daß ich dieſe niedrige Geſinnung niemals ahnte! Es lebe das Pariſer Leben! es vertrocknet uns das Herz, öffnet uns aber den Geiſt! Jeane, ich ver⸗ achte, ich haſſe Dich! Du hätteſt vielleicht noch mein Schickſal ändern können . es wird ſich erfüllen . Fluch über Dich, Jeane!“ XLVII. Dem verzweifelten Ausruf Charles Delmares: „Unglücklicher, der ich bin! meine Tochter iſt ver⸗ loren!“ folgte eine Pauſe. Die Bedeutung dieſer Worte erhielt unter den gegenwärtigen Umſtänden eine ſolche Wichtigkeit, daß der Vater und die Mutter von Maurice anfangs ganz ſtumm vor Staunen waren, indeß Charles Delmare, ſich an Herrn Dumerail wendend, entrüſtet ausrief: „Nein! Ihr Verfahren iſt abſcheulich, nicht zu entſchuldigen, mein Herr! Sie haben all Ihrer Pflichten als Pflegevater, als Verwandter und ehren⸗ hafter Mann ſich entſchlagen; Sie haben ein un⸗ 88 glückliches Kind der Laune ihres momentanen Willens überlaſſen, indem ſie ihr erlaubt, Sie zu verlaſſen, wäh⸗ rend ſie Ihrer Fürſorge, Ihrer Ehre anvertraut war!“ „Halt! mein Herr, das geſchah vor meiner An⸗ kunft in Paris. Meine Frau konnte ſich in meiner Abweſenheit dem eigenſinnigen Entſchluß von ... der, welche wir unſere Nichte nennen, nicht wider⸗ ſetzen.“ „Ah, Madame, Madame,“ verſetzte Charles Delmare im Tone des heftigſten Vorwurfs: „ich hatte San Privato in Ihren Augen demaskirt, indem ich Ihnen das von ihm gegen Maurice und Jeane angezettelte Complot enthüllte . . . ich hatte Ihnen gezeigt, daß er ſie mit einer laſterhaften Liebe ver⸗ folgte, und Sie liefern ſie dieſem Menſchen aus, deſſen Machinationen Ihnen Angſt und Bangen ein⸗ flößten! . . . Das iſt abſcheulich, Madame, Sie werden eines Tages vor Gott Rechenſchaft von dem Unglück ablegen müſſen, an dem Ihre Schwäche oder Unklugheit ſchuld iſt!“ „Leider! Vergebung, Vergebung ...“ murmelte Madame Dumirail, von den Vorwürfen Charles Delmare's tief gebeugt. „Gereizt durch den Schmerz, legte ich, ich geſtehe es, zu viel Heftigkeit gegen Jeane zu Tag und ihr Stolz empörte ſich. Ich be⸗ dauerte zu ſpät mein Unrecht, ich bat meine Richte, uns nicht zu verlaſſen, aber meine Bitten waren vergeblich.““ „Mein Herr,“ verſetzte Herr Dumirail, welcher aus ſeiner Beſtürzung erwachte und ſich an Charles Delmare wandte, in alterirtem Tone: „ich weiß nicht, welches Unheil auf unſerer Familie ruht? Sie 89 haben eben Worte ausgeſprochen, ſehr bedeutungs⸗ ſchwere Worte . . .“ Herr Dumirail legte beide Hände an ſeine Stirne und murmelte: „Mein Gott! . ſtärkere Geiſter, als der meine ſelbſt, würden ſo vielen Stößen nicht Stand halten; es iſt zu viel, zu viel für einen Tag!“ Und ſich wieder faſſend, während Charles Del⸗ mare, immer blaſſer und ruhiger werdend, mit einem letzten Entſchluſſe zu ringen ſchien, fügte Herr Dumi⸗ rail hinzu: „Ja, mein Herr, Sie haben ſpeben ſehr bedeu⸗ tungsſchwere Worte ausgeſprochen! Wenn ſie un⸗ glücklicher Weiſe wahr wären, würde unſere Familie durch eine neue Schmach gebrandmarkt; und mit welchem Rechte, mein Herr, würden Sie uns ankla⸗ gen? Wären wir nicht jeder Verantwortlichkeit gegen ein junges Mädchen entbunden, das wir bislang für die Tochter meines unglücklichen Bruders gehalten, während ſie für uns in Wirklichkeit nur eine Fremde wäre!“ „Eine Fremde!“ rief Charles Delmare außer ſich vor Entrüſtung. — „Jeane für Sie eine Fremde? Sie, die Sie lieben, wie das zärtlichſte Mädchen! ſis, die durch ihre herrlichen Tugenden Ihr Alter erheiterte! ſie, die Mauricens Liebe theilend, ſein und Ihr Glück für immer begründet, wenn Ihr ver⸗ etb Stolz dieſe glückliche Zukunft nicht zerſtört hätte!“ Und Charles Delmare fuhr mit einer fluchenden Geberde fort: „Ueber ſie komme Ihre Undankbarkeit und Ihre 90 verbrecheriſche Gleichgültigkeit gegen die Ihrer Für⸗ ſorge anvertraute Waiſe! Dieſe Gleichgültigkeit hebt meine letzten Scrupel auf. Ich trete in meine Rechte ein. So wiſſen Sie denn . . . von nun an gehört ſie mir an ... ſie, die für Sie nur eine Fremde iſt! Sie gehört mir an, die Waiſe, die Sie einem Unge⸗ heuer von Schlauheit und Schlechtigkeit überlaſſen. Ja, Jeane iſt meine Tochter . Gegen San Privato werde ich ſie kraft meiner Vaterſchaft zu ſchützen wiſſen!“ Herr und Madame Dumirail, welche nun nicht mehr an dem zweifeln konnten, was ſie als eine neue Schmach für ihre Familie anſahen, beobachte⸗ ten ein düſteres Schweigen; Maurice, der zwiſchen dem Schmerz, den ihm Jeanes Weggang verurſachte und der Eiferſucht gegen San Privato ſchwankte, murmelte leiſe: Ich muß mich an ihr oder an ihm rächen!“ „Ja, Jeane iſt meine Tochter!“ fuhr Charles Delmare mit wachſender Bitterkeit und Entrüſtung fort. „Ihr ſollt verflucht, ihr ſollt geſtraft ſein! ihr alle, die ihr mein Kind ins Verderben ſtürzen ließet! Fluch über Sie, Herr Dumirail! Ihr wahnſinniger Ehrgeiz war die Quelle alles Unglückes; und Fluch über Sie, Madame! Ihre Ungerechtig⸗ keit hat Jeanes Stolz empört, Ihre Schwäche oder ſtrafbare Sorgloſigkeit haben ihrem Weggang kein Hinderniß in den Weg gelegt! Flüch über Sie, Maurice! . . . Sie, den ich ſo innig liebte, weil meine Tochter Sie liebte . . . Sie, den ich heute vom Tode errettet . . . Fluch über Sie! Jeane hatte Ihnen ihr Herz, ihre Treue, ihr Leben geweiht! . .. 91 Ihrer reinen und innigen Liebe zogen Sie die geheu⸗ chelten Zärtlichkeiten einer Proſtituirten vor, die Sie ſchimpflich behandelte, während ſie die Stunde er⸗ wartete, wo ſie Sie hinmetzeln laſſen wollte! . . .“ „Was ſagt er?“ rief Maurice, von Charles Delmare's Worten niedergeſchmettert. Dieſer aber fuhr fort: „Ja, Unglück über Sie, Maurice! Wenn Ihre abſcheuliche Unbeſtändigkeit, wie ich befürchte, alle edeln Triebfedern in der Seele meiner Tochter ge⸗ brochen hätte .. . Sie iſt fortan vielleicht dem Böſen verfallen . . . ſie, die nur für das Gute gelebt hätte .. Ach! wenn der rächende Himmel mein Vergehen in meiner Tochter ſtrafte . . .“ fügte Del⸗ mare hinzu, indem er ſich an Herrn und Madame Dumirail wandte, „Sie, die ſo unwürdig die Ihrer Fürſorge anvertraute Waiſe verlaſſen . . würden in Ihrem Sohne geſtraft werden!“ Charles Delmare ſtürzte zum Zimmer hinaus und ließ Maurice, ſeinen Vater und ſeine Mutter, unter die Laſt des prophetiſchen Fluches gebeugt, der ſie treffen ſollte, zurück. XLVIII. Herr und Madame Dumirail, welche noch immer bei dem Gedanken an die unheimlichen Prophezeiun⸗ gen zitterten . . . mit welchen ſie ihr ehemaliger Freund ſo eben bedroht, ſahen ſich mit ſtummer Beſtürzung an. Maurice erinnerte ſich wieder an die ſeltſamen 9² Worte Charles Delmares, denen zu Folge er, Mau⸗ rice, der Dupe einer Courtiſane war, die ihn ſchimpf⸗ lich behandelte, während ſie die Stunde erwartete, wo ſie ihn hinmetzeln laſſen wollte. Indem er den „ geheimnißvollen Sinn dieſer Worte zu durchdringen ſuchte, erinnerte er ſich auch, daß Charles Delmare behauptet, ihn noch heute aus einer Todesgefahr ge⸗ rettet zu haben. Dieſe Behauptung machte ihn an⸗ fangs ſtutzen, ſofern ihm wieder vor die Seele trat, daß Herr von Otremont, nachdem er ihn zweimal entwaffnet, ihm mit der größten Courtviſie geſagt, während er ihm dabei die Hand bot: „Wir haben uns gegenſeitig Unrecht vorzuwerfen. Die Angeregtheit eines Soupers mindert um Vieles die ernſte Bedeutung dieſes Unrechts. Wenn Sie Ihre Heftigkeit bedauern, ſo werde ich auch die meine bedauern.“ Dieſer loyale Vorſchlag, welcher von den Zeugen der beiden Gegner angenommen wurde, machte dem Kampf ein Ende; Maurice entſann ſich jedoch, daß Charles Delmare dann mit Herrn von Otremont einige Worte ausgetauſcht, welche von alter und inniger Intimität zeugten. Indem er dieſe verſchie⸗ denen Puncte zuſammenhielt und noch weiter erwog, daß er Herrn von Otremont ſo zu ſagen auf Antrieb Antoinettens herausgefordert, begann Maurice, von vagem Mißtrauen erfaßt, den Thatbeſtand des gegen ihn angezettelten Complots zu ahnen; in Folge eines Widerſpruchs jedoch, der minder ſeltſam, als er wohl ſcheinen mochte, wurde ſeine Leidenſchaft für Frau von Hansfeld, weit entfernt ſich durch dieſe abſcheulichen Zweifel zu dämpfen, nur noch heftiger 93 und mehrte ſich, ſo zu ſagen, durch den Unwillen, welchen ihm die Unbeſtändigkeit Jeanes einflößte, die er in San Privato verliebt glaubte; es wäre zu grau⸗ ſam für die Eitelkeit von Maurice geweſen, auf ein⸗ mal Geliebte und Braut zu verlieren. Herr und Madame Dumirail, welche nicht wußten, womit ihres Sohnes Gedanken beſchäftigt waren und ihn noch unter der Laſt der unheimlichen Prophe⸗ zeiungen von Charles Delmare glaubten, beriethen ſich mit Blicken, und nachdem ſie ſich wieder etwas gefaßt, begann Herr Dumirail mit ernſtem und zärtlichem Tone: „Mein Sohn, Du haſt ſo eben die traurigen Prophezeiungen eines Mannes vernommen, den wir lange Zeit für unſern beſten Freund halten mußten er hat uns ſelbſt noch dieſen Augenblick die Urſache ſeiner Liebe, die er für uns an den Tag legte, enthüllt . . . Er wollte, indem er ſich in un⸗ ſere vertraute Freundſchaft einſchlich, ſich ſeiner Tochter nähern, weil das Unglück zur Schande und Trauer unſerer Familie wollte, daß Herr Delmare meinen Bruder Erneſt im Duell tödtete und Jeane, ſtatt wirklich unſere Nichte zu ſein, die Frucht einer verbrecheriſchen Liebe ſei.. Dieſe letztere Enthüllung wird ohne Zweifel den Schmerz, den Dir die Unbe⸗ ſtändigkeit Deiner Braut verurſachte, vermindern...“ „Ich beſitze zu viel Würde, mein Vater, um Jeane jemals zu vermiſſen.“ „Sie verdient auch in der That, daß Du ſie ver⸗ giſſeſt; unſere Zärtlichkeit wird Dir die Liebe, auf die Du verzichten mußt, erſetzen; und ſpäter wird ohne Zweifel eine andere Verbindung Deine und 9⁴ unſere Wünſche krönen; denn ich bin deſſen gewiß, daß die abſcheulichen Prophezeiungen, auf die ich eben anſpielte, durch uns, wie durch Dich, Maurice, werden zu Schanden gemacht werden. Nein, wir werden nicht, wie Herr Delmare ſagte, in unſerem r Sohne geſtraft werden!“ „O mein Vater, glauben Sie das nimmermehr.“ „Dieſe Verſicherung von Deiner Seite gibt uns die beſte und ſicherſte Hoffnung für die Zukunft, mein Kind,“ fügte Madame Dumirail hinzu, „ich ſpreche von der Zukunft, weil wir die Vergangenheit uns gänzlich aus dem Sinn ſchlagen müſſen; wir haben alle gefehlt!“ „Du ausgenommen, gute, liebe Frau,“ verſetzte Herr Dumirail liebevoll; „Deine ſeltene Klugheit, Deine mütterliche Beſorgtheit ſah voraus, was meine Verblendung mir verbarg und .. 4 „Verzeihung, mein Freund, wir ſind übereinge⸗ kommen, die Vergangenheit zu vergeſſen .. Sie iſt traurig, peinlich für Alle, und obgleich Deine Nachſicht es leugnet, auch ich habe gefehlt. Geſtehen wir uns denn unſer Unrecht gegenſeitig ein . . be⸗ reuen wir es . . . es möge uns eine Lehre ſein . . aber noch einmal, von jetzt an laßt uns nur von der Zukunft ſprechen . „Gut! liebe Julie,“ verſetzte Herr Dumi⸗ rail, indem er Maurice, welcher ſtumm und in ſich gekehrt blieb, aufmerkſam beobachtete, „ich billige vollkommen Deine Worte . . . diejenigen von uns, welche ſich ein Unrecht vorzuwerfen haben, mögen es eingeſtehen, und darin eine Lehre für die Zukunft finden .. Dieſe Zukunft iſt für uns .. deutlich 95 vorgezeichnet . . . Sobald als möglich nach dem Morillon, in unſere theure Heimath, zurückzukehren, die wir nie hätten verlaſſen ſollen, ſie niemals wie⸗ der verlaſſen und dort leben, wie in jenen guten Zeiten wo Du ſagteſt, liebes Kind, „„als Land⸗ mann bin ich geboren . . als Landmann will ich ſterben. . . Erinnerſt Du Dich noch? „ „Ja, mein Vater . aber damals da⸗ „Vollende verſchweige nichts! wir wollen aufrichtig ſein.“ „Gut denn! mein Vater, zu jener Zeit, von der die Rede, fühlte ich mich nicht zu einer neuen Car⸗ riere hingezogen, durch eine Neigung, die Du geweckt und mit all Deiner Macht begünſtigt und die, Dank Deinen Ermuthigungen, nunmehr unüber⸗ windlich iſt . . . „Mein Sohn! . . . „Ich ſagte unüberwindlich. Ich beharre bei dem Ausdruck und einmal für allemal, ich erkläre, um neues und unnützes Drängen abzuſchneiden, ich werde nie wieder Landmann werden; ſprechen wir deßhalb, wie meine gute Mutter ſagte, nicht mehr von einer Vergangenheit, die nie wieder vor uns er⸗ ſtehen kann. Was die Gegenwart betrifft, ſo werde ich mir erlauben, Dir ſogleich offen auseinander zu ſetzen, was ich von Deiner Liebe und Billigkeit erwarte.“ Dieſe Worte ihres Sohnes, welche mit feſtem und entſchiedenem Tone ausgeſprochen und von einem ſelbſtgewiſſen Blicke begleitet wurden, über⸗ raſchten Herrn und Madame Dumirail ebenſo ſehr, 96 als ſie ihnen Kummer bereiteten. Sie hatten ge⸗ glaubt, Beweiſe einer unwiderſtehlichen Langmuth gegeben zu haben, indem Sie Maurice nicht bloß mit Vorwürfen verſchonten, ſondern ſelbſt jeden Schatten von Anſpielung auf ſeine Ausſchweifung vermieden, indem ſie darauf zählten, er werde gerührt von ſo viel edler Nachſicht und durchdrungen von Reue keinen Augenblick zögern, mit ihnen nach dem Morillon zurückkehren. Ihr Schmerz war unbe⸗ ſchreiblich. Sie begannen mit Schreck einzuſehen, daß die ſeiner Trunkenheit am Tage zuvor entſchlüpften Geſtändniſſe keine von der Aufregung des Weins hervorgerufenen Geiſtesverwirrungen waren, ſondern, abgeſehen von der Brutalität der Form, den Grund von Mauricens Geſinnung verrathen hatten. Herr Dumirail warf ſeiner Frau einen Blick zu, welcher ſagen zu wollen ſchien: „Fürchte nichts, ich bin gewöhnt, daß man mir gehorcht,“ und fuhr dann, gegen ſeinen Sohn gewandt, fort: „Deine Neigung zur diplomatiſchen Carriere, ſagſt Du, mein Freund, ſei unwiderſtehlich?“ „Ja, mein Vater.“ „Unſere Verhandlung iſt von der ernſteſten Be⸗ deutung, vergiß das nicht, mein Sohn; und das, was Du von Deinem vorgeblichen Beruf zur Diplo⸗ matie ſagſt, kann nicht Dein Ernſt ſein.“ „Verzeihung .. „Es kann nicht Dein Ernſt ſein, ich wiederhole es, weil Du ſeit Deiner Anweſenheit in Paris nicht einen Fuß über die Schwelle von Herrn von Mornin⸗ ville geſetzt und ich werde verſchweigen . .. ich will 97 die Gründe verſchweigen, die Dich bislang gehindert, Dich bei ihm einzufinden.“ „Ich danke Dir, Vater, für Deine Nachſicht; ich weiß namentlich Dir Dank dafür, meine gute Mut⸗ ter,“ fügte Maurice mit bewegtem Tone hinzu, in⸗ dem er auf die peinliche Scene der vergangenen Nacht anſpielte. „Ich werde mich dieſer Nachſicht würdig zeigen und verſpreche, mich von morgen an pünktlich auf dem Bureau des Herrn von Mornin⸗ ville einzufinden und mir Mühe zu geben, die Hoff⸗ nungen zu rechtfertigen, mein Vater; denn erlaube mir, Dich daran zu erinnern, daß ich nur Deinen Bitten nachgegeben, indem ich mich entſchied, die diplomatiſche Laufbahn zu ergreifen.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Herr Dumirail mit ernſtem und zurückhaltendem Tone; „dieſer thörichte Ehrgeiz, den ich einen Augenblick für Dich hegte, mein Sohn, war meinerſeits eine jener Verirrungen, für die Deine nachſichtige Mutter ſoeben die Ver⸗ geſſenheit forderte. Es war weniger Deine, als ir⸗ gend Jemands Sache, dieſen Vorwurf gegen mich zu erheben, aber ich werde Dir antworten, daß meine Entſchuldigung der Wunſch war, Dich eine ehrenvolle Laufbahn betreten zu ſehen, und in mei⸗ nem unbedingten Vertrauen auf die Solidität der Grundſätze, in denen Du von uns erzogen wurdeſt, glaubte ich Dich unfähig, irre zu gehen Dieſe Hoffnung betrog mich . . betrog mich ſchrecklich. .. Durch die Erfahrung gewitzigt, bin ich jetzt ent⸗ ſchloſſen .. unabänderlich entſchloſſen, meine Pflicht als Vater zu erfüllen .. . indem ich Dich einem ge⸗ Sue, die Familienſöhne. Ww. 7 9⁸ wiſſen Untergang entreiße . . jetzt, da es, Zeit iſt Du verſtehſt mich, Maurice?. „Ja, mein Vater, aber . . . „Mit andern Worten. 15 morgen werden Deine Mutier, ich und Du Paris verlaſſen, um nach dem Morillon zurückzukehren . . .“ „Erlauben Sie . .. mein Vater .. „Was Deinen vorgeblichen Beruf zur Diplomatie betrift, ſo wirſt Du mir einmal für allemal erlau⸗ ben, daß ich kein Wort weiter darüber verliere, wenn ich Deine Hartnäckigkeit in dieſer Hinſicht nicht als einen äußerſt unſchicklichen Scherz gegenüber von mir und Deiner Mutter betrachten ſoll.“ „Wenn dem ſo iſt, mein Vater . . .“ verſetzte Maurice mit dem Ausdruck eines unbeugſamen Wil⸗ lens, „wenn mir verſagt iſt, Ihnen die Gründe aus⸗ einander zu ſetzen, welche mich wünſchen laſſen, in Paris zu bleiben . . . ſo bin ich gezwungen, Ihnen offen und einfach zu erklären, daß ich nicht nach dem Morillon zurückkehren werde .. „Du wirſt jedoch dahin zurückkehren . . . und zwar morgen ſchon . . .“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Vater, ich werde in Paris bleiben . „Mein Sohn, Du wirſt Paris verlaſſen; ich bin es, der Dir verſichert . „Rein, mein Vater, nein, und hundertmal nein! Ich bin kein Kind mehr; ich bin Herr meiner Handlungen.“ „Du wagſt es, in offener Empörung gegen nih aufzutreten?“ „Mein Freund . laß Dich nicht hinreißen!“ — „ 1 99 ſagte Madame Dumirail lebhaft, indem ſie ſich an ihren Sohn wandte; „mein Kind . nach Allem, was in dieſen Tagen vorgegangen iſt .. kannſt Du noch länger darauf beharten, in Paris bleiben zu wollen?“ „Ach! meine Mutter . man hätte mich nicht aus meinen Bergen wegführen ſollen! Ich gefiel mir dort ſo ſehr, da es mir an Vergleich mangelte aber jetzt, da ich das Pariſer Leben genoſſen habe, wäre mir der Aufenthalt auf dem Lande un⸗ erträglich! Und dann, wenn Du darauf beſtehſt, Dich nicht von mir trennen zu wollen, warum willſt Du nicht in Paris bleiben, wie mein Vater? War dies nicht Ihr erſter Plan? Iſt es mein Fehler, wenn Sie heute nicht mehr wollen, was Sie geſtern wollten? Soll ich das Opfer Ihrer unglaublichen Unentſchiedenheit ſein?“ „Du, Du wagſt es, mich anzuklagen!“ rief Herr Dumirail, in einen zunehmenden Zorn verfallend ... Aber ſeine Frau unterbrach ihn mit einer Geberde und wandte ſich mit der einſchmeichelndſten und zärt⸗ lichſten Stimme an Maurice: „Nun, mein Kind, laß uns vernünftig ſprechen. Du willſt in Paris bleiben? . und ich, ich bitte Dich, ich beſchwöre Dich, nicht hier zu bleiben, um Dich nicht von uns zu trennen .. Darauf ant⸗ worteſt Du: „„Gut, ſo bleibe bei mir in Paris Ich begreife dieſe Antwort und doch, wenn ich Dir ſage, wenn ich Dir beweiſe, daß der Aufenthalt in Paris mir aus tauſend Gründen zuwider und fatal iſt, . und vielleicht an meinem Tode ſchuldig wäre? Ich will Dich zwar gewiß nicht beunruhigen, 100 mein Kind, aber ſieh, wie ſehr ich mich ſchon in ſo kurzer Zeit verändert habe! Mein Gott, ich weiß, daß Du mir vorwerfen wirſt, ich beunruhige mich ohne Grund um Deinetwillen, ich erfinde Phantome und übertreibe maßlos die Gefahren, die Du in Paris laufen könneſt. Ich geſtehe dieſe Schwäche ein, aber habe Mitleid mit mir, entſchuldige dieſe Schwäche, denn ſie iſt nur die Uebertreibung meiner Zärtlichkeit für Dich. Mit einem Wort, was willſt Du, daß ich ſagen ſoll?“ fügte Madame Dumirail hinzu, als ſie mit wachſendem Schmerz die Gefühl⸗ loſigkeit ihres Sohnes ſah; — „es wäre mir un⸗ möglich, fern von Dir zu leben. Wie könnteſt Du den traurigen Muth haben, mich zu zwingen, in Paris zu bleiben, indem Du hier bliebeſt? Aber ſtelle Dir doch vor, daß ich keinen Augenblick Ruhe hätte? Ich würde in beſtändiger Todesangſt leben; meine Geſundheit würde ihr nicht Stand halten! nein, ich fühle es wohl, ich könnte ſo viele Stöße, ſo viele Sorgen nicht aushalten; ich würde dem Schmerze erliegen; in kurzer Zeit, mein armes Kind, müßteſt Du Trauer um mich tragen!“ Die ausgezeichnete Mutter, welche ſich erinnerte, daß ſie ſchon einmal durch die Anſpielung auf ihr nahes Ende den Sohn gerührt hatte, zählte, ach! darauf, ihn abermals durch daſſelbe Mittel bewegen und erſchüttern zu können, aber ſie machte die Rech⸗ nung ohne die Orgie vom vergangenen Abend, wo Maurice wie ſeine Tiſchgenoſſen ſo luſtig den vater⸗ mörderiſchen Geſchichten applaudirt hatte, und er war bereits nicht mehr der Menſch, deſſen Augen feucht wurden, und der zu zittern begann, wenn er . 101¹ daran dachte, daß man den mütterlichen Sarg nach dem Kirchhofe bringe. Er hielt im Stillen die Worte ſeiner Mutter nur für Uebertreibung und antwortete ihr kalt und mit trockenem Auge: „Dieſen Verdruß, dieſen Kummer, den Du fürch⸗ teſt, könnte ich allein Dir verurſachen; fürchte deß⸗ halb nichts, denn ich verſpreche Dir, mich gut aufzu⸗ führen . . .“ „Aber dies Verſprechen wirſt Du nicht halten können, unglückliches Kind!“ verſetzte Madame Du⸗ mirail weinend, da ſie ſah, daß der Gedanke des Todes ihren Sohn ungerührt gelaſſen, und ſie darum an ihm zu verzweifeln begann; „Dein Verſprechen wirſt Du nicht halten: Du biſt zu ſchwach. Nicht allein, daß Du uns entgehſt, Du gehörſt Dir ſelbſt nicht mehr an. Ich habe wohl verſtanden, was Du eben ſagen wollteſt, indem Du „„von anderer Liebe, als der unſrigen,““ ſprachſt; Du meinteſt Deine Frau von Hansfeld. Dieſe abſcheuliche Creatur, die Dich beherrſcht, aus Dir macht was ſie will, und uns Alle vor Kummer ſterben laſſen wird, mich zu⸗ erſt! hörſt Du, Maurice, mich zuerſt! Vielleicht wirſt Du Dich ſehr bald über meinen Tod tröſten, aber dieſe unwürdige Frau . . .“ S „Bitte! Mutter, nicht weiter davon ... „Nein, es iſt nicht genug!“ rief Herr Dumirail mit lauter Stimme und ſeine ſchmerzliche Entrü⸗ ſtung nicht mehr zurückuhalten fähig; „nein, es iſt nicht genug, elender Narr, blinder Betrogener, thörichtes Opfer! Weißt Du, was dieſe Frau von dem Duell erwartete, das ihre abſcheulichen Hoff⸗ nungen betrog? . . . Sie erwartete Deinen Tod!“ 102 „Meinen Tod!“ „Weißt Du, wer dieſe vorgebliche Baronin iſt? eine gemeine Buhlerin!“ „Das iſt falſch, mein Vater, das iſt falſch! . . Frau von Hansfeld . . .“ „Wird von dem neapolitaniſchen Geſandten un⸗ terhalten!“ verſetzte Herr Dumirail, ſeinen Sohn mit ſeiner Stimme beherrſchend. „Und noch mehr, dieſe Frau iſt die Maitreſſe San Privatos!“ „Antvinette!“ rief Maurice, von dieſen Schlag auf Schlag folgenden Enthüllungen zu Boden ge⸗ ſchmettert, denn ſie beſtätigten jene einen Augen⸗ blick vergeſſenen vagen Vermuthungen, die ihm frü⸗ her durch den Sinn gekommen; dann wiederholte er, von einer Art Schwindel und von Wuth und Schrecken erfaßt: „Antoinette! die Maitreſſe San Privatos!“ ⸗ „Ja, unglücklicher Bethörter! Erfahre denn, daß dieſe Frau, die Dich zu dem Dyuell drängte, in dem Du getödtet werden ſollteſt . . . das Werkzeug Deines Vetters San Privato war . . . Nach Dir würde er ja der Erbe unſrer Güter . . . Begreiſſt Du jetzt?“ „Mein Gott!“ murmelte Maurice, die gefalteten Hände an die Stirne drückend; „ich glaube, ich werde ein Narr . . .“ „Mein Freund, .. . hüte Dich!“ ſagte Ma⸗ dame Dumirail leiſe zu ihrem Mann, durch die ſchmerzliche Niedergeſchlagenheit von Maurice er⸗ ſchreckt, „hüte Dich! beuge ihn nicht ſo Schlag auf Schlag .. Furcte nichts . die Lection wird furchtbar — 103 aber heilſam ſein,“ antwortete Herr Dumirail halb⸗ laut, und fügte laut hinzu: „So wiſſe denn die ganze Wahrheit, Wahnſinniger, der Du biſt! Du wirſt zittern . . . Du wirſt bereuen. Vernimm die Wahrheit: Herr Delmare, ehedem der intime Freund von Herrn von Otremont, ſuchte ihn dieſen Morgen auf, und dieſer enthüllte ihm das Complott, deſſen Opfer Du werden ſollteſt: Dein Gegner, empört über die abſcheuliche Rolle, die er ohne es zu wiſſen in dieſem blutigen Drama ſpielen ſollte, verſprach Herrn Delmare, Dein Leben zu ſchonen. Er hat Wort gehalten! Darum begnügte er ſich damit, Dich zweimal zu entwaffnen, ſtatt Dich zu tödten.“ „Ich bin vernichtet! Außer Stande, die augen⸗ ſcheinliche Thatſache zu leugnen, muß ſie mich nieder⸗ ſchmettern. Unglücklicher, der ich bin! . . . O! An⸗ toinette! Antoinette! das iſt furchtbar! das iſt ſcham⸗ los! Alles in einem Augenblick verlieren! Mein Herz bricht zuſammen! . . . O! was ich leide?“ ſtammelte Maurice, von der Aufregung und dem Schmerze gebeugt; er ſchwankte, ſank in einen Fau⸗ teuil, barg ſein Geſicht in ſeinen Händen, während Herr Dumirail, mit ſeiner Frau einen Blick letzter Hoffnung austauſchend, in einem minder ſtrengen Tone das Wort wieder aufnahm: „Das, mein unglückliches Kind, das iſt die Frau, der Du Deine Braut geopfert! . . . Der Du Deine Mutter, Deinen Vater, Deine Zukunft geopfert! Das iſt die Frau, die Dich allein noch in Paris zurückhält, und für die Du ohne Zweifel Wucher⸗ ſchulden gemacht . . . Ja, für dieſe Courtiſane, die in einer Orgiennacht Dich zu einem Duell provozirte, 104 in dem Du den Tod finden mußteſt . für ſie wollteſt Du .. .“ Herr Dumirail unterbrach ſich plötzlich bei dem erſchreckenden Anblick ſeines Sohnes. Der junge Mann, welcher von dem Sitze aufſprang, in den er ſoeben vernichtet geſunken war, ließ ſeine Hände herabſinken, welche ſein Geſicht verbargen, das von einer Leichenbläſſe überzogen, mit Thränen übergoſſen war, und in dem ſich Wuth, Haß und Rachſucht ſo lebhaft ausprägten, daß Herr Dumirail, als er ihn nach der Thüre zugehen ſah, ſich inſtinktmäßig auf ihn zuſtürzte und ihm den Weg verſperrend rief: „Wo willſt Du hin?“ „Wohin ich will?“ antwortete Maurice beinahe von Sinnen, indem er ein wildes Gelächter ausſtieß, „ha, ha, ha! wohin ich will? . . . ich werde dieſer lieben Antvinette, dieſem lieben Albert einen kleinen Beſuch machen . Sie wollten Blut es ſoll Blut fließen!“ „Mein Sohn, Du wirſt nicht fortgehen!“ ver⸗ ſetzte Herr Dumirail, erſchreckt durch die Worte und den Geſichtsausdruck von Maurice; und indem er ihm noch immer den Durchgang verſperrte, rief Ma⸗ dame Dumirail ganz außer ſich, im Bette ſich auf⸗ richtend und die Hände faltend, erſchrocken ihrem Manne zu: „Mein Freund, halte ihn zurück, er geht zu die⸗ ſer Frau . . Jeſus, mein Gott! . . . es wird ein Unglück geſchehen ..5 „Mein Vater!“ verſetzte Maurice ruhiger und deßhalb nur um ſo furchtbarer, „laſſen Sie mich fort 105 „Wohin willſt Du?“ „Was geht das Sie an?“ „Du wirſt nicht gehen . . .“ „Ich bitte Sie, ich beſchwöre Sie, mich gehen zu laſſen „Nein!“ „Sie wollen entſchieden nicht, mein Vater? ..“ „Nein! nein!“ „Nun!“ verſetzte Maurice heftig, „ſo fordere ich Sie auf, mich nicht länger am Weggehen zu hindern . treiben Sie mich nicht aufs Aeußerſte! . .. Ich beſchwöre Sie, mein Vater, mich nicht aufs Aeußerſte zu treiben!“ „Mein Sohn! mein Sohn!“ murmelte Madame Dumirail ſchluchzend, indem ſie erſchöpft in ihre Kiſſen zurückſank; „Du haſt alſo kein Mitleid? Du willſt alſo, daß ich aus Kummer ſterbe?“ . „Unglücklicher! hörſt Du Deine Mutter? . „Ich höre nichts,“ rief Maurice. „Ich habe die Hölle im Herzen! Zum letzten Male . .. ja oder nein. wollen Sie von hier weggehen? 4 „Nein!“ rief Herr Dumirail, ebenſo blaß als ſein Sohn, indem er ihm mit gekreuzten Armen ins Geſicht ſah. Maurice fuhr vor dem Blicke ſeines Vaters zu⸗ rück, und mit einer Bewegung, ſchneller als der Gedanke, ſtürzt er ſich nach dem Fenſter, öffnet es, und da das Entreſol nicht ſehr hoch war, umklam⸗ mert er das Fenſterkreuz mit den Beinen, hängt ſich dann mit beiden Händen an die Querſtange, läßt „ ſich in den Hof hinabgleiten und verſchwindet .. Dieſer ebenſo plötzlichen als unvorhergeſehenen 106 Entweichung konnte Herr Dumirail nicht zuvorkom⸗ men. Er war wie betäubt, bald jedoch wurde er durch ein ſchmerzliches Aufſeufzen von Madame Du⸗ mirail wieder zu ſich gerufen; von der heftigen Auf⸗ regung gebrochen, flüſterte ſie halb bewußtlos: „Unſer Sohn hat den Kopf verloren! Er iſt im Stande, dieſe Frau und Albert zu morden. Unglück⸗ liche, die wir ſind! Herr Delmare hat es prophe⸗ zeit: wir werden in unſrem Sohne geſtraft werden. So viel Kummer überlebe ich nicht!“ „Joſette! Joſette!“ rief Herr Dumirail, indem er der Dienerin läutete, daß die Glockenzüge beinahe riſſen, „gehen Sie eiligſt nach einem Arzte! meine Frau befindet ſich nicht wohl!“ XLIX. Frau von Hansfeld befand ſich allein in ihrem Boudoir; ihre reizenden Züge, auf denen in dieſem Augenblick ein düſtrer Schatten lag, drückten eine tiefe Angſt aus; ihre Thränen, die den Glanz ihrer ſchwarzen Augen verdoppelten, rollten langſam über ihre blaſſen Wangen, und ſie ſagte bei ſich: „Zum erſten Male hat mich die Eiferſucht bis ins Herz verwundet . . . Ja, als mir geſtern San Privato triumphirend ſeine Hoffnungen erzählte. . . was ſage ich! .. . die Hoffnungen ſeines Erfolgs! mein Gott, wie viel habe ich da gelitten . . . Ich bin überzeugt, daß er meinen Schmerz nicht ge⸗ ahnt!. . . Er würde mich verachten!. ich wäre in ſeinen Augen nicht mehr die ſtarke Frau, für die 107 er mich hält .. . die wenn er ſie bis zur Treuloſig⸗ keit befähle, ergebene Frau, . die ihm bis zur Frevelthat ergebene Frau, .. . wenn er eine Fre⸗ velthat befähle!. . . Worin liegt die hölliſche Macht dieſes Mannes? wie vermochte er ſich meiner bis zu dem Grade zu bemächtigen, daß ſein Wille an die Stelle des meinigen getreten, ſein Weſen an die Stelle des meinigen? . . . Ich denke, ich handle, ich lebe nur noch durch ihn, für ihn! was iſt die Urſache dieſer furchtbaren Herrſchaft? . . . was iſt die Urſache? Ach! ich fühle es, es iſt die Furcht, mich von San Privato verlaſſen zu ſehen! Gott ver⸗ damme mich! Es würde, glaube ich, nur der Drohung für ihn bedürfen . . . Du wirſt mich nicht mehr ſeben, um mich zur Verbrecherin zu machen. Er erröthet über ſeine Liebe zu mir, er verleugnet ſie ſogar, verlangt, daß wir einander fremd erſcheinen. So viel Demüthigung kränkt mich, aber ich gehorche. Er ſagte zu mir: „„verführe dieſen jungen Stier““; dann theilte er mir mit . . . denn er vergibt ſich nie etwas . . o! nein . . er theilte mir mit, daß, wenn dieſer Dumirail ermordet ſei, er, San Privato, die Güter der Familie erben würde; ich habe Alles gethan, daß er ermordet werde! Und doch hatte ich keinen andern Haß, als den San Pri⸗ vatos, gegen ihn. Aber Richard hat ihn dieſen Morgen geſchont. Iſt das Edelmuth oder Scharf⸗ ſichtigkeit? Ahnte er, daß er ohne es zu wiſſen das Werkzeug meiner Pläne werden ſollte? Gleichgültig! ich werde es ableugnen und den übrigen Befehlen meines Herrn gehorchen. Ich werde aufs Neue den Widerwillen, den mir dieſer Maurice einflößt, über⸗ 108 winden: nicht daß ich ihn nicht hübſch fände, aber ich fühle eine Abneigung gegen ihn, einzig und allein, weil er nicht San Privato iſt. Ach, was ich nicht überwinden könnte, ich fühle es im Innerſten des Herzens, wo ich ſo viel leide: das iſt die Eifer⸗ ſucht! Zum erſten Male empfinde ich dieſes ſtechende, herbe Gefühl, das jede Fiber des Herzens verwun⸗ det; ja bisher kannte ich keine Eiferſucht auf die, welche San Privato liebte, ich verachtete ſie, ich verſpottete ſie und ihn; ich fühlte mich in ſeinen Augen durch die Schönheit und Alles, was er an mir bewunderte, über ſie erhaben. Woher kommt es — nun, daß nur dieſe Einzige, dieſe Einzige, dieſe Jeane, mir Eiferſucht einflößt? Gewiß iſt dieſe Jeane ſchön, ſehr ſchön, von einer andern Schönheit als der mei⸗ nigen. Ich bin braun, ſie iſt blond, aber ich kann den Vergleich mit ihr aushalten und noch mehr, San Privato ſagt, daß ſie dumm ſei. Das iſt falſch, er lügt, ſie iſt nicht dumm, davon bin ich überzeugt, und doch habe ich ſie nur einmal geſehen, als ich ihr Maurice entführte; aber unſre Blicke haben ſich begegnet! Ach, welch' ein Blick, der Blick deiss reizenden Mädchens! welche blauen Augen! .. nein! tauſendmal nein! San Privato lügt Warum täuſcht mich San Privato in dieſem Punkte? Geſchieht es, um meine Eiferſucht einzuſchläfern?... Er irrt ſich! . .. Ja er glaubt nicht, er ſoll nicht glauben, daß ich eiferſüchtig bin: er will nicht, daß ich es ſei, und ich war es auch bisher nicht. Warum flößt mir Jeane allein dies Gefühl ein? Und es iſt nicht bloß Eiferſucht, was ich fühle; ein ununter⸗ drückbares Vorgefühl ſagt mir, daß dieſe Jeane das 109 Unglück San Privatos, ſein böſer Geiſt ſein werde; ja, ich glaube das, und was noch mehr, ich fühle es! Dieſes Gefühl iſt eine Wirklichkeit, ein tiefes Gefühl: ich habe kein Intereſſe, mich zu täuſchen. Wenn ich es San Privato ſagte, möchte er glauben, es ſei eine Liſt oder die Comödie einer eiferſüchtigen Frau aber ich möchte es nicht wagen, ihm je von einer ſolchen Ahnung zu ſprechen . nur mir allein ſage ich das „ meine Beſorgniſſe ſind darum auch aufrichtig . . . Ha, verwünſchtes Mäd⸗ chen mit den blonden Haaren und den blauen Au⸗ gen Fluch über dich, wenn du jemals . . 4 Frau von Hansfeld unterbrach ſich, indem ſie beide Hände auf ihr Herz preßte, und murmelte dann: „Mein Herz bricht! mein Herz bricht!“ Und wieder übergoſſen ihre Thränen die ſchönen Wangen, als plötzlich ein Geräuſch von raſchen Schritten, das durch den dicken Teppich etwas ge⸗ dämpft war, an ihr Ohr drang. Die Thüre ihres Boudoirs wurde heftig aufgeriſſen und Maurice er⸗ ſchien vor Antoinetten. L. Maurice blieb mit leichenblaſſen Zügen, die von Wuth und Haß ganz verzerrt waren, auf der Schwelle des Boudoirs von Frau von Hansfeld ſtehen und rief mit zuſammengeſchnürter Kehle: „Infames Weib! ich war Dein Spielzeug! 110 . . Dein Opfer! .. Du wollteſt mich morden laſſen!“ „Maurice!. .. Er lebt... Ich ſehe ihn wieder! . LTrocknet, meine Thränen! . . . Dank Dir, o Gott!“ rief Antvinette, indem ſie ſich den Schein gab, als hätte ſie die vernichtenden Worte des jungen Mannes gar nicht gehört; und auf dem Hermelin⸗ teppich ihres Boudoirs in betender Stellung auf die Kniee ſinkend, faltete ſie die Hände, und erhob ihr entzückendſchönes Geſicht, das blaß vor Schmerz und von Thränen übergoſſen war, zum Plafond empor Dann ſtürzte ſie mit einem Sprung an Mau⸗ ricens Hals, umſchlang ihn mit ihren Armen und rief mit einer von Freudeſchluchzen unterbrochenen Stimme: „Maurice! mein unerſchrockener Geliebter! mein Held! . . Du, der Du Dich tapfer für mich ge⸗ ſchlagen . . . da biſt Du wieder! . . . ich habe Dich in meinen Armen . . . ich habe keine Furcht mehr, daß ich ſterbe . denn ich hätte Dich nicht über⸗ lebt, geh! . . aber da biſt Du ja! Du biſt es! Verzeihe meinen Thränen . . . verzeihe meiner Bläſſe ſieh', wie blaß ich bin . . . ſehr blaß, nicht wahr? Vielleicht findeſt Du mich durch den Kummer häßlich geworden? Ach! es iſt nicht meine Schuld, mein Gott! wenn Du wüßteſt . . . ich habe ſo viel geweint ſeit geſtern . . . ſo viel geweint, ſeit ich, halb toll und vor Schrecen ganz außer mir, hierher kam und . Frau von Hansfeld unterbrach ſich, legte die Hände an ihre Stirne, als wenn die Freude ſie einen Augenblick verwirrte, und fügte dann, indem 1¹¹ ſie ſich aus den Armen von Maurice losriß und ihn mit einem verſtörten Blick betrachtete, hinzu: „Maurice! . . Du bleibſt ſtumm!. . furcht⸗ bar! Biſt Du es . . . ſprich! mein Geliebter . .. biſt Du es? . wenn Du es nicht biſt, ſo iſt es Dein Geſpenſt. Dieſe leichenblaſſe, unbewegliche Geſtalt, die hier vor meinen Augen iſt . . . es iſt Dein Geſpenſt? . . . Ja, ja . . es verkündet mir Deinen Tod . . .5 Und einen herzzerreißenden Schrei ausſtoßend, fällt Antvinette auf das Sopha ihres Boudvirs, in⸗ dem ſie mit matter Stimme murmelt: „Sie haben ihn getödtet . meinen Maurice! Sie haben meinen Geliebten umgebracht . .. Mir bleibt nichts mehr, als zu ſterben!“ Und die geſchickte Schauſpielerin, indem ſie ſich in eine Stellung voll Anmuth warf, bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, und gab ſich den Schein, als läge ſie in einer Ohnmacht. Selbſt ein erfahrenerer Menſch als Maurice wäre wie er der Dupe der von Frau von Hansfeld ge⸗ ſchickt improviſirten Tragicomödie geworden. Da ſie bei den erſten Worten des jungen Mannes und beim Anblick ſeiner drohenden Phyſiognomie ſogleich ahnte, daß er Alles wiſſe, ſo hatte ſie alsbald und mit einer ſeltenen Geiſtesgegenwart die Thränen, welche ihr die Eiferſucht auf Jeane abgezwungen, zu einer neuen Täuſchung verwendet. Maurice wurde denn auch der Dupe der ge⸗ ſchickten Liſt Antoinettens. Er erſchien ganz uner⸗ wartet bei ihr, fand ſie wahre Thränen vergießend, von wahren Sorgen blaß geworden; dieſe Thränen, 112 dieſe Bläſſe ſchrieb er der Angſt zu, in die ſie der Gedanke an die Gefahr verſetzt, welche Maurice lief, indem er ſich für ſie ſchlug . Endlich heu⸗ chelte ſie einen Augenblick lang eine Verſtörung, die durch die erſchütternde Freude, den Geliebten geſund wieder zu ſehen, hervorgerufen worden. Alles dies, wir wiederholen es, würde jedem Andern als Mau⸗ rice wahrſcheinlich und annehmbar erſchienen ſein, und wurde von ihm auch rückhaltslos auf Grund der vollkommenen Wahrſcheinlichkeit der Thatſachen und auch deßhalb als wahr angenommen, weil wir immer um ſo geneigter ſind, etwas unſern Glauben zu ſchenken, ſobald es unſrem Stolz ſchmeichelt, die Wunden unſrer Eitelkeit heilt oder uns über den Werth gewiſſer zweifelhaften Neigungen beruhigt, indem es uns überredet, daß ſie unſrer nicht un⸗ würdig ſind. Frau von Hansfeld, welche halb ausgeſtreckt in einer reizend nachläſſigen Haltung auf ihrem Divan lag, den entzückenden Kopf auf einen ihrer anmuthig gebogenen Arme geſtützt, die Augen von einer ihrer Hände beſchattet, prüfte durch die Heffnungen ihrer Finger Mauricens Züge, und ſah darin, wie nach und nach ſeine Wuth ſich milderte, wie er ſchmerzlich bedauerte, ſeine Geliebte einen Augenblick in fal⸗ ſchem Verdacht gehabt zu haben, wie er ſich unaus⸗ ſprechlich freute, ſeinen Irrthum einzuſehen, und endlich die Gewißheit empfand, mehr als je ange⸗ betet zu ſein. Dieſe verſchiedenen Gefühle, nehe in Maurice auſtauchten, drückten ſich in den Worten aus, die er mit ſchluchzender Stimme ſprach: 113 „Antoinette, komm zu Dir . verzeihe mir .. ich war ein elender Narr ... Meine Antvinette .. ich glaube an Dich, wie ich an Gott glaubte ich bin Dein für mein ganzes Leben . Maurice kniete am Fuß des Divans nieder, nahm eine der Hände der jungen Frau und drückte ſie lei⸗ denſchaftlich an ſeine Lippen. „Wer ſpricht mit mir?.. Iſt es ein Traum?..“ verſetzte Frau von Hansfeld mit ſchwacher Stimme, indem ſie nach und nach aus ihrer tiefen Ohnmacht zu erwachen, ihre Geiſter zu ſammeln und in die Wirklichkeit zurückzukehren ſchien. „Ich täuſche mich nicht.. es iſt ſeine Stimme .. er iſt es ja, er iſt es!. mein Herz zitterte ja, Du biſt es!. So iſt es alſo wahr Du biſt die⸗ ſem Duell entkommen .. . Ach! der Schrecken, bei dem Gedanken, Dich zu verlieren, hat mir bewieſen, daß ich nicht mehr ohne Dich leben könnte.“ „Antoinette. . . angebeteter Engel!“ „Ach . . ſiehſt Du, Maurice .. ich liebe zu heftig. .. Du wirſt mich tödten!“ LI. Der Tag neigte ſich; Maurice berauſcht, ſtrah⸗ lend vor Glück und mehr ſich der Herrſchaft von Frau von Hansfeld beugend, als je, ſaß neben ihr auf dem Divan des Boudoirs und ſagte: 5 „Jetzt hätte ich den Muth, Dir ein furchtbares Geſtändniß zu machen . „Welches Geſtändniß?“ Sue, die Familienſöhne 1v. 8 114 „Ein Geſtändniß, das mich niederdrückt, das auf meinem Herzen laſtet, wie die Gewiſſensbiſſe einer abſcheulichen Handlung!“ „Dieſe Worte überraſchen mich aufs höchſte, mein Mäurice. Ich höre Dich.“ „Nun gut! . ich glaubte. . ja, ich glaubte es iſt es möglich, mein Gott! ich glaubte, Du wollteſt mich durch Herrn von Otremont morden laſſen.“ . Und auf einen erſtaunten Blick Antvinettens ant⸗ wortend, fügte der junge Mann hinzu: „Das macht Dich verwirrt. . . O warte, das iſt nicht Alles .. . Du warſt in dieſer Sache das Werkzeug meines Vetters San Privato, der nach meinem Tode der Erbe meines Vaters und meiner Mutter würde, und ſo von mir, ſeinem Rivalen, be⸗ freit, konnte er leicht meine Couſine Jeane verführen. Endlich glaubte ich . . .“ „Vollende, mein Freund.“ „Nein, es iſt zu thöricht! zu ſchlecht! zu gemein!“ „Thut nichts .. vollende . ich verlange es.“ „Es ſei. . das ſoll die verdiente Strafe mei⸗ ner abſcheulichen Verblendung ſein. Ich glaubte ferner, Du lebeſt von den Freigebigkeiten des nea⸗ politaniſchen Geſandten . und endlich 4 „Und endlich? . „San Privato ſei Dein geheimer Liebhaber.“ „Iſt das Alles?“ fragte Frau von Hansfeld mit einem leichten verächtlichen Lächeln und einem unglaublichen Ausdruck von Unſchuld; „iſt das Alles, mein Freund?“ „Das iſt Alles Ach! ich muß zu Dir, meine 115 Antvinette, dies Vertrauen, vor Dir die Achtung haben, die Du mir einflößeſt. . . ich muß einen unerſchütter⸗ lichen Glauben an meine und Deine Liebe haben, daß ich es wagen kann, Dir ſolche Geſtändniſſe zu machen. Ach! ſie müßten mir eigentlich Deine Ver⸗ achtung zuziehen . . . vielleicht ſogar Deinen Haß.“ „Mein Freund,“ verſetzte Frau von Hansfeld, nachdem ſie ſich einen Augenblick geſammelt, „ich war anfangs ſo zu ſagen ganz betäubt und athem⸗ los, als ich dieſe ungeheuren Verleumdungen hören mußte, die noch ſinnloſer als abſcheulich ſind und deren Beweggrund oder Zweck einzuſehen mir un⸗ möglich iſt — wenn ich nicht wüßte, wer ſie verbrei⸗ tete und von wem Du ſie haſt.“ „Ich habe ſie von meinem Vater.“ „Deinem Vater! . . . Ich glaubte ihn noch auf dem Morillon?“ Er iſt geſtern Abend angekommen.“ „Wie konnte er, der in Paris und den Perſonen, von denen die Frage, fremd iſt, ſolche Verleumdun⸗ gen nur denken?“ „Sie wurden ihm von einem Manne hinterbracht, der einſt in der Mode war, aber nun ſeit lange ruinirt iſt. Man nannte ihn den Beau Delmare. Er ſtand ehedem in intimen Beziehungen zu Herrn von Otremont.“ — „Ah!“ verſetzte Antoinette, welche nachzuſinnen ſchien, „dieſer Herr Delmare ſtand ehedem in intimen Beziehungen zu Richard von Otremont?“ „Ja und nach ſeinem Ruin ſuchte er einen Zu⸗ fluchtsort in unſerem Jura. Auf dieſe Weiſe lernte ihn meine Familie kennen. Er wurde nach und nach, 116 ſo zu ſagen, unſer Mentor — der Mentor von mei⸗ ner Couſine und mir.“ „Iſt dieſer Herr Delmare ſchon lange in Paris?“ „Er kam kürzlich dahin und dieſen Morgen diente er mir als Zeuge in dem Duell, in dem ich zu mei⸗ ner Schande zweimal von Herrn von Otremont ent⸗ waffnet wurde, aber . . .“ „Alles erklärt ſich!“ verſetzte Frau von Hans⸗ feld lebhaft, indem ſie Maurice unterbrach. „Kein Zweifel, ich habe den Faden dieſer finſtern Ver⸗ leumdungen. Richard von Otremont, wüthend über mich, weil ich Dich ihm vorgezogen, muß der Haupt⸗ urheber dieſer Verleumdungen ſein . . .“ . „In der That, er allein kann . . . „ . Kann, wie ich vermuthe, geſagt haben, daß ich ihm verſprochen hätte, ihn zu erhören, wenn er Dich im Duell tödtete; aber nein, nein, das wäre zu dumm. Was wäre mein Zweck geweſen? Welches Intereſſe könnte ich an Deinem Tode haben? . . . „Und San Privato, meine arme Antvinette?“ verſetzte Maurice mit der tiefſten Theilnahme für das unſchuldige und makelloſe Opfer ſeiner kecken Verleumdungen. „Du vergiſſeſt meinen Vetter San Privato?“ „Wie?“ „Wäre er nicht durch meinen Tod von einem Rival bei Jeane befreit? . . . würde er nicht eines Tages meine Eltern beerben?“ „Es iſt wahr!“ verſetzte Antoinette mit einem verächtlichen Lächeln. „Ich vergaß, daß ich nach dieſer wahrhaften und wahrſcheinlichen Geſchichte, iſt's nicht ſo, das Werkzeug der Eiſerſucht und Hab⸗ 117 „ gier San Privatos war . . der überdies mein Lieb⸗ haber. . glaube ich? . . .“ „Ja, ſo ſagte die Verleumdung. Und .. in dieſer Beziehung, Antoinette, ſage mir, ob . . . „Jetzt iſt das Motiv dieſer Verleumdungen in meinen Augen ganz evident,“ verſetzte Frau von Hansfeld, nachdem ſie noch einen Augenblick nachge⸗ ſonnen. „Richard von Otremont hatte allein ein Intereſſe, dieſe Verleumdungen auszuſprechen. Er haßt mich ebenſo ſehr, als er Herrn San Privato haßt.“ „Was iſt die Urſache dieſes Haſſes? . „Eine alte Rivalität . . . Beide intereſſirten ſich für die Marquiſe von Beaucaſtel. Herr von Otre⸗ mont wurde aus dem Felde geſchlagen. Und er hat niemals Herrn San Privato den Vorzug vergeben, den ſie dieſem ſchenkte . . .“ „So haſt Du alſo, meine liebe Antoinette, San Privato nie geſehen?“ ſagte Maurice, und es ſchien ihm leichter ums Herz zu werden. „Wenn es der Fall wäre . . .“ „Ah! verſetzte Maurice, zitternd und etwas ernſter werdend, „Du kennſt meinen Vetter? . „Er wurde mir früher durch den Geſandten von Neapel vorgeſtellt . . .“ „Ha!“ machte Maurice, deſſen Züge ſich immer mehr verdüſterten, „Du kennſt alſo den Geſandten von Neapel?“ „Er iſt einer meiner beſten, meiner älteſten Freunde ich hege für ihn die Zärtlichkeit, die Verehrung einer Tochter für ihren Vater,“ antwor⸗ tete Antvinette einfach, ohne die wachſende Ueber⸗ 118 raſchung und Unruhe von Maurice zu bemerken; dann fügte ſie hinzu: „Herr San Privato, ſagte ich Dir, wurde mir früher durch den Herrn Geſandten von Neapel vorgeſtellt . . . deſſen erſter Secretär er iſt. . . Er war mir gleich im erſten Augenblick zu⸗ wider . . . ich habe, glaube ich, denſelben Eindruck auf ihn gemacht, wir ſahen uns nie wieder . . .“ „Nie Antvinette? „ „Rein „Ich kann mir das Intereſſe nicht erklären, das Herr von Otremont hatte, zu behaupten, San Pri⸗ vatv fei „Sei mein Geliebter?“ „Ja. . „Ein ſehr einfaches.“ „Welches, ich bitte Dich, Antvinette?“ „Verlieh Herr von Otremont, indem er mich be⸗ ſchuldigte, die Geliebte des Herrn San Privato zu ſein, dieſer dummen Erfindung, daß ich Dich durch Herrn von Otremont tödten laſſen wolle, armer lie⸗ ber Maurice, damit Dein Vetter nach Deinem Tode der Erbe Deiner Verwandten würde, verlieh er die⸗ ſer Erfindung dadurch nicht einige Wahrſcheinlichkeit? .. Begreifſt Du jetzt die Schwärze dieſer teufliſchen Erfindung?“ „Allerdings; man verliert ſich wirklich in dem Labyrinth dieſer abſcheulichen Verleumdung,“ ver⸗ ſetzte Maurice. Und immer noch war ſeine Stirne durch einen geheimen Zweifel umdüſtert, als er mit beſorgtem Tone hinzufügte: „So haſt Du alſo, An⸗ tvinette, San Privato nur einmal geſehen . . . und ßt Dir einen lebhaften Widerwillen ein?...“ 119 Frau von Hansfeld ſah Maurice mit traurigem Geſicht feſt ins Auge, ſeufzte, ſchwieg einen Moment und verſetzte dann mit herzzerreißendem Lächeln: „Mein Freund, ich fürchte, daß wieder einmal der furchtbare Grundſatz des Baſilius ſich bewahr⸗ heite: „Laßt uns verleumden, es bleibt immer etwas hängen.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Du biſt eiferſüchtig auf Herrn San Privato?..“ „Ich! großer Gott! welcher Gedanke?“ „Geſtehe es „Ich verſichere Dich, nein .. . Antvinette,..“ „Du biſt eiferſüchtig, ſage ich Dir!“ „Nein aber ich „Aber Du wäreſt glücklich, ſehr glücklich, nicht wahr, einen eclatanten Beweis von der Falſchheit Deiner Zweifel zu haben?“ „Ja,“ verſetzte Maurice mit Anſtrengung und erröthend; „das iſt wahr . . . aber ich beſchwöre Dich verzeihe mir .. „Dir verzeihen, mein vielgeliebter Maurice .. Dir verzeihen ... Ach! auf den Knieen ſollte ich Dir danken, daß Du mir dieſe Gelegenheit gibſt, Dir die Aechtheit meiner Liebe zu beweiſen . Gott ſei Dank dafür! . . . es gibt eine Vorſehung für ehrliche und treue Herzen!“ verſetzte Frau von Hansfeld, und indem ſie die Schieblade einer Chiffv⸗ niere von Roſenholz, die in der Nähe des Divans ſtand, herauszog, nahm ſie daraus eine entſiegelte und gab ſie dem jungen Mann, indem ſie agte: „Lies das, mein Freund ...5 6 120 Maurice nahm die Enveloppe, die ihm Antvinette bot, und die ein von San Privato geſchriebenes Billet und einen zuſammengelegten Brief enthielt. Das Billet Alberts lautete folgendermaßen; Maurice las es auf die Aufforderung Antoinettens mit lauter Stimme: „Madame! „Ich habe die Ehre, Ihnen im Sagtnenen einen Brief zu überſenden, den ich heute durch den Courier des Herrn Geſandten erhielt; es iſt mir un⸗ möglich, Ihnen denſelben ſelbſt zu überbringen, wie es ſeine Excellenz wünſchte; dringende und zahlreiche Geſchäfte halten mich auf unſerer Kanzlei feſt. Ich hätte ohne dies, ſeien Sie überzeugt, Madame, mit Begierde die Gelegenheit ergriffen, Ihnen meine Huldigungen zu Füßen zu legen, eine Gelegenheit, die mir zu meinem großen Bedauern ſo ſelten ge⸗ boten iſt. Sie werden an dieſem Bedauern ſo wenig zweifeln, Madame, als an dem Ausdruck der tiefen Verehrung, mit der ich zu ſein die Ehre habe Ihr ergebenſter und gehorſamſter Diener A. San Privatv.“ „Ich erhielt dieſen Morgen dies Billet, wie Du Dich durch das Datum verſichern kannſt, mein Freund. Iſt dies der Brief eines Liebenden an ſeine Geliebte?“ „O Dank!“ rief Maurice mit dem Ausdruck eines unausſprechlich erleichterten Herzens; er hegte auch nicht den Schatten eines — an der Aufrichtig⸗ keit ſeiner Geliebten „O Dank, Antoinette, wenn Du wüßteſt. 12¹ „Mein Freund,“ ſagte Frau von Hansſeld, „ehe Du mir dankſt oder vielmehr Dich mit mir in dem Danke gegen die Vorſehung der treuen und auf⸗ richtigen Herzen, die uns zu rechter Zeit zu Hilfe kommt, vereinigſt, lies, bitte ich Dich, dieſen andern Brief.“ „Den des Geſandten?“ „Ja, den des Fürſten von Caſtelnuovo, von deſſen Freigebigkeit ich lebe,“ verſetzte Antvinette, eine zu⸗ rückgehaltene Entrüſtung heuchelnd, „wie die Verleum⸗ dung ſagt, zu deren gefälligem Echo ſich Dein Vater machte.“ „Antoinette, ich ſchwöre Dir, ich habe dieſer Ver⸗ leumdung niemals Glauben geſchenkt.“ „Lies immerhin, Maurice „Nein, nein, ich könnte an Deinen Worten zu zweifeln ſcheinen. Haſt Du mir nicht . . . noch ſo eben verſichert, daß der Fütſt „Ich verlange, daß Du dieſen Brief lieſeſt.“ „Wozu, liebe Antvinette?“ „Und wäre es nur um Dir zu beweiſen, welches Vertrauen Du in die ehrenhaften Reden zu ſetzen haſt, welche Dein Vater zu wiederholen ſich gefällt. Ich verlange, daß Du dieſen Brief im Namen mei⸗ ner Ehre, auf die auch nicht der leiſeſte Verdacht fallen darf . . .“ Maurice las auch dieſen zweiten Brief, welcher folgendermaßen lautete, mit vernehmlicher Stimme: „Ich ſchreibe Ihnen heute, mein liebes Kind, nur einige Worte, um Sie wegen Ihrer unglaublichen Nachläſſigkeit in Beziehung auf die Antwort zu ſchmälen, 122 welche Sie mir wegen der Anlegung des Geldes in den Schwefelminen von Sicilien ſchuldig ſind. Meine Bevollmächtigten haben die Speculation ausgezeich⸗ net gefunden und ich legte nach ihrem Rathe vier⸗ malhunderttauſend Livres darin an. Sie ſollten Ihre Erſparniſſe, wenn Sie welche haben, und Sie müſſen welche haben, denn Sie verwalten Ihr Ver⸗ mögen weit beſſer, als ich das Meine, ebenda gleich⸗ falls anlegen; ich miſche mich in dieſem Falle nur deßhalb in Ihre Angelegenheiten, weil man mir ver⸗ ſichert, daß dieſe Speculation ebenſo vortheilhaft, als ſicher iſt. Ich möchte Sie dieſe günſtige Gelegenheit benützen ſehen. „Antworten Sie mir raſch, mein Kind, und glau⸗ ben Sie an die zärtliche Liebe eines guten alten Papa, der die Stirne ſeiner lieben und liebenswür⸗ digen Tochter küßt. „Ihr treuergebener „Caſtelnuovv.“ Der Fürſt, als Sechziger von gutem Geſchmack, affectirte eine Art von Vaterverhältniß in ſeiner Be⸗ ziehung zu Frau von Hansfeld, und obgleich alle Ausgaben ihres Hauſes aufs freigebigſte von ihm beſtritten wurden, war er ein zu feiner Lebemann, um Antvinette irgend ein Wort, das dieſe Frage be⸗ rührte, zu ſchreiben. Der geleſene Brief mußte deßhalb Maurice über⸗ zeugen, daß nur eine Art väterlicher Zuneigung den Geſandten an Frau von Hansfeld binde. „Nun! hatte ich Unrecht, mich zu weigern, dieſe vnfe gſen zu wollen?“ ſagte der junge Mann zu 8 Antoinette in der Gewißheit eines nunmehr uner⸗ ſchütterlichen Vertrauens, „wozu haben dieſe Briefe gedient, Antoinette? Die Wahrheit Deiner Worte zu beſtätigen. . . Hatte ich denn nicht einen blinden Glauben an Dich arme unwürdig verleumdete Frau! .. Vertheidigte Dich nicht das angeborne Gefühl des Wahren im Grunde meines Herzens gegen dieſe Verleumdungen, die noch kecker als ab⸗ ſcheulich ſind.“ „Ja, ihre Kühnheit macht mich erröthen, noch mehr, ſie erſchreckt mich!“ verſetzte Antoinette, große Niedergeſchlagenheit heuchelnd. „Ich wollte Dich alſo durch Herrn von Otremont morden laſſen, mein vielgeliebter Maurice! Du trittſt unverſehens bei mir ein, Du findeſt mich in Thränen und blaß von grauſamen Bangigkeiten, in die mich der Gedanke an die Gefahr, die Du liefſt, verſetzte Herr San Privato war, wie man ſagt, mein Liebhaber, ich lebte von der Freigebigkeit, der ſchmählichen Freigebigkeit des neapolitaniſchen Geſandten! Der Zufall läßt mich durch die Briefe Beider gerechtfertigt werden.. .“ „O! genug, Antvinette, genug; ſo viel Schande verdient nur Verachtung. Es iſt zu viel, ſich nur einen Augenblick mit dieſen Unwürdigkeiten zu be⸗ ſchäftigen.“ „Ach, mein Freund, täuſche Dich nicht, es ſteckt dahinter eine Gefahr, eine große Gefahr,“ verſetzte Frau von Hanseld ſeufzend, indem ſie immer trau⸗ riger zu werden ſchien. „Nein, nein, man darf dieſe kühnen Lügen nicht zu gering anſchlagen! ſie können für uns unheilvolle Folgen haben! „Was ſagen Sie?“ verſetzte Maurice üb 124 von dem plötzlichen Ernſte des Tones, in welchem Antvinette ſprach. „Wie! dieſe abgeſchmackten Lügen...“ „Dieſe abgeſchmackten Lügen, die mich in den Koth ziehen, die mich der ſchwärzeſten Verbrechen anklagen, hatten bei Ihnen, Maurice, Ihren Vater, Ihre Mutter zu Organen. Ach! ſie ſind unendlich glücklich, dieſe Beiden! . . . Beſtändig in Ihrer Um⸗ gebung, üben ſie, Dank der Gewohnheit und den Familiengefühlen, eine Herrſchaft über Ihren Geiſt aus, den ich niemals auszuüben im Stande bin! So werden dieſe Verleumdungen, beſtändig von Ihrer Umgebung wiederholt, dieſe Verleumdungen, die Sie heute verachten, Maurice, werden Sie am Ende doch nach und nach von meiner Liebe losreißen und eines Tages werden Sie mich nicht mehr lieben . . .“ „Dich nicht mehr lieben, Antoinette!. . . iſt das möglich?“ „Alles iſt dem Haſſe möglich, und Ihre Eltern haſſen mich: ſie werden mich aufs unbarmherzigſte verfolgen, um mich zu vernichten . . . Ach! es wird Ihnen gelingen, ich habe eine Ahnung.“ Und weinend fügte Frau von Hansfeld mit ſchmerzlichem Tone hinzu: „Mein Gott! was habe ich denn Ihrer Familie gethan?“ „Daß Du mich von ihr losgeriſſen, meine Ange⸗ betete! . . . denkſt Du daran! . . . Aber Du über⸗ treibſt auf tolle Weiſe den Einfluß meiner Eltern auf mich. Bin ich noch ein Kind? Habe ich nicht meinen Willen? Kann man mich glauben machen, was „Ach! mein Freund, haben Sie nicht geglaubt, 3 125 daß ich ich, großer Gott! . . . ich Ihren Tod wünſchte!“ „Ach! wenn ich einen Augenblick dieſer abſcheu⸗ lichen Erfindung Glauben ſchenkte, ſo habe ich ebenſo bald meine vorübergehende Verblendung verflucht.“ „Sie vergeſſen, mein Freund, daß, wenn ein Dolchſtoß genügt, um den Körper zu tödten .. häufig ein Wort genügt, um die Liebe in einer zar⸗ ten Seele zu erſticken . . . Ach! wenn meine Leiden⸗ ſchaft für Sie nicht ſo ſtark, ſo lebhaft wäre! wenn ſie nicht Alles in mir beherrſchte, Stolz, Selbſtbe⸗ wußtſein, Würde, ich würde Sie nie mehr haben wiederſehen wollen nach dem furchtbaren Zweifel, mit dem Sie ſich getragen!“ * „Haben Sie Mitleid! Antvinette . . ſagen Sie das nicht! Sie verlieren! . . Sie verlieren! der Gedanke allein . erſchreckt mich und bricht mir das Herz . . .“ „Und doch war das vermuthlich der Zweck, den Ihre Eltern verfolgten, mein Freund . . . uns zu trennen! indem ſie auf alle mögliche Weiſe Zwietracht zwiſchen uns ſäeten und ſelbſt vor den abſcheulichſten Erfindungen nicht zurückſchrecken .. wie ſie es bereits gethan.“ „Fürchte nichts für die Zukunft, angebeteter Engel! . . . Die Lehre war grauſam aber ſie wird wohlthätig ſein.“ „Wer weiß „Willſt Du die Probe von dem, was ich be⸗ haupte?“ „O! gewiß „ „Du ſprachſt ſo eben von der Herrſchaft meiner 126 Familie über mich. .. Dieſe Herrſchaft exiſtirt nur in Deiner Phantaſie . . . Hat man nicht heute zum Beiſpiel das Verlangen geſtellt, daß ich Paris ver⸗ laſſe! . . . mit meinen Eltern nach dem Jura zu⸗ rückkehre! . . .“ „Du ſiehſt wohl!“ verſetzte Frau von Hansfeld, eine wachſende Unruhe heuchelnd, „man will uns trennen . . . Du wirſt heute dieſer Tyrannei wider⸗ ſtehen, weil ich Dich von der Falſchheit der Verleum⸗ dungen, deren Opfer ich bin, überzeugt habe . . . aber morgen wird man andere minder leicht zu wi⸗ derſprechende Lügen erfinden . Du wirſt ſie glau⸗ ben . . . und wirſt mich verlaſſen . . .“ „Antoinette, ich ſchwöre Dir . . . wenn ich zwi⸗ ſchen meiner Familie und Dir wählen ſoll . . . wird meine Wahl nicht zweifelhaft ſein . . .“ „Armer Freund, das ſind Wortel .. F. „Mein Gott! . .. was ſoll ich ſagen . . . was thun . . . um Dich zu überzeugen! . „Was willſt Du, Maurice .. ich geſtehe meine Schwäche ein . . . Der hloße Gedanke, Dich zu ver⸗ lieren, würde genügen, meine Liebe zu vergiften .. . ich wäre in fortwährender Todesangſt. . . In die⸗ ſen unaufhörlichen Beſorgniſſen leben . . ſprich, welche Tortur alle Tage, jeden Augenblick! Ach! ich glaube, ich würde lieber .. . * „Vollende . . „Jo, ich glaube, ich würde lieber jetzt gleich auf Dich verzichten, als immer zittern müſſen, Dich zu verlieren.“ 6 Ach! das iſt furchtbar, was Du da ſagſt!“ rief chmerzlich bewegt. Er verbarg aus Stolz 8 127 die Thränen, welche ihm in die Augen traten, indem er die Hände an ſein Geſicht legte. „Laß mich, laß mich!“ Bald nahm jedoch Frau von Hansfeld das Wort und rief mit bittender und leidenſchaftlicher Stimme: „Verzeihung, Maurice, Verzeihung, mein ange⸗ beteter Geliebter! . . . Nein, nein, mein Schmerz, meine thörichte Unruhe hat mir eine Blasphemie entriſſen . . . Ich ſollte freiwillig auf Dich ver⸗ zichten! hieße das nicht unſre Liebe blasphemiren? Auf Dich verzichten? Iſt das möglich? Ich müßte mir ja mit eigener Hand das Herz aus der Bruſt rei⸗ ßen. Uns trennen? niemals! . . . Ich trotze dem Schickſal, ich trotze der Zukunft! . . . Sie mögen kommen, meine Feinde; ſie mögen es zu verſuchen wagen, Dich, meinen Schatz, mein Leben, meine Seele mir zu entreißen!“ „Ach! Du liebſt mich ebenſo leidenſchaftlich, als ich Dich liebe!“ rief Maurice. „Was liegt mir an den Launen meiner Familie? Der Gehorſam hatte ſeine Zeit. Ich bin jetzt Mann!“ „Sieh, Maurice, Vielgeliebter! Es mag grau⸗ ſam ſein, was ich jetzt ſage!“ verſetzte Frau von Hans⸗ feld, indem ſie einen ſchwarzen und tiefen Blick auf den jungen Mann heftete. „Ich haſſe Deine Eltern!“ „Sie haben Dich ſo unwürdig verleumdet, daß ich kein Recht habe, Dich zu tadeln,“ antwortete Maurice, indem er die Blicke ſenkte, während ſeine Stimme durch die unwillkürlichen Gewiſſensbiſſe, die ihm ſeine abſcheulichen Worte verurſachten, etwas unſicher wurde. „Du gibſt ihnen Haß für Haß.“ 128⁸ „Ach, mein Haß gegen ſie kommt nicht bloß von dem Unrecht, das ſie mir zugefügt, von dem, das ſie mir zufügen wollen, und dem, das ſie mir ohne Zweifel zufügen werden. Ich haſſe ſie wegen ihrer Härte und ihres Egoismus; ich haſſe ſie wegen der demüthigenden Unterwürfigkeit, in der Dich ihre Tyrannei in Deinem Alter hält; ich haſſe ſie wegen ihres empörenden Geizes. Sie, die mehr als eine Million beſitzen und Dir verweigern, was in Dei⸗ ner Vermögensſtellung zur ſtrickten Nothwendigkeit gehört! Iſt Dir etwa nicht in der That ihr Ver⸗ mögen einſt beſtimmt? wird es Dir nicht eines Ta⸗ ges gehören? es iſt Dein Eigenthum. Es iſt deß⸗ halb von ihrer Seite eine abſichtliche Abſcheulichkeit, Dir das nothwendige Geld zu verſagen, um die Freuden Deines Alters zu genießen. Aber nein; in ihren abſcheulichen Egoismus verrannt, gefallen ſie ſich darin, Dich der Freuden zu berauben, die ſie nicht genießen können; ihre ſchmutzige Hoffnung be⸗ ſteht darin, ihre reiche Erbſchaft Dir erſt dann zu hinterlaſſen, wenn Du zu alt biſt, um Genuß davon zu haben. Endlich haſſe ich Deine Eltern vorzüglich wegen ihrer thörichten und häßlichen Eiferfucht auf jede andre Liebe, als die ihre! .. Sie wollen Zwietracht zwiſchen uns ſäen, zwiſchen uns, die wir ſo gut für einander paſſen! für uns, deren Leben ohne ihre Verfolgungen ſo unendlich glücklich geweſen wäre!“ „Ach! das iſt nur zu wahr, Antoinette!“ „Fern von mir, großer Gott, ſei jeder Gedanke, der beinahe ein Verbrechen wäre; aber wenn ich an alles denke, was Deine Familie uns ſchon leiden 129 ließ und an den Kummer, den ſie uns noch bereiten wird, ſo iſt es mir, glaube ich, erlaubt, für Dich zu bedauern . .. daß Du nicht, wie ſo viele Andere ſchon in Deiner Kindheit Waiſe geworden und daß Du nicht jetzt, Herr Deiner ſelbſt, ganz mit Deiner Freiheit und Deinem Vermögen ſchalten und walten kannſt.“ Frau von Hansfeld beobachtete Maurice bei die⸗ ſen Worten mit aufmerkſamen Blicken. Maurice zitterte nicht vor Schauer: er ſenkte die Blicke, erröthete und ſeufzte. LII. Nein! Dies vatermörderiſche Bedauern, das Frau von Hansfeld ſo geſchickt verſchleierte, ließ Maurice nicht vor Abſcheu ſich empören. Er ſenkte die Blicke, erröthete und ſeufzte: „Verflucht ſei ich von Gott und den Menſchen, wenn mir der ruchloſe und gottesvergeſſene Wunſch in den Sinn käme, meine Eitern ſterben zu ſehen! Sie mögen trotz des Egoismus, der Härte, der Tyrannei, des Geizes, die ſie gegen mich an den Tag legen, und trotz des eiferfüchtigen Grimmes, mit dem ſie meine Geliebte verfolgen und der ab⸗ ſcheulichen Verleumdungen, mit denen ſie ſie anzu⸗ ſchwärzen ſuchen, bloß weil ſie mich liebt, — trotz alle dem mögen ſie noch lange leben! „Nein! tauſendmal nein! Wenn ich den Tod meiner Eltern wünſchte, wäre ich ja ein entarteter Sue, die Familienſöhne. 1v. — 130 * Sohn, ein Ungeheuer! was ich nicht bin und Gott ſei Dank! nie ſein werde. „Aber es iſt allerdings klar und handgreiflich, daß/ wenn das Schickſal, wenn ein von meinen Wünſchen oder meinen Hoffnungen vollſtändig un⸗ abhängiger Zufall gewollt, daß ich das Unglück ge⸗ habt, meine Eltern in meiner erſten Jugend zu ver⸗ lieren, ich nunmehr Herr meiner Handlungen und meines Vermögens wäre und mit aller Freiheit und Ruhe zu den Füßen Antvinettens Tage aus Gold und Seide ſpänne.“ Mit andern Worten, Maurice war bereits dahin gekommen, nicht den Tod ſeines Vaters und ſeiner Mutter zu wünſchen, ſondern ſich zu geſtehen, ohne der kindlichen Zärtlichkeit und Verehrung ſich zu ent⸗ ſchlagen: „Daß er glücklicher geweſen, wenn er das Unglück gehabt hätte, ſeine Eltern in früher Jugend zu verlieren.“ All' dies iſt ſchrecklich und unglücklicher Weiſe iſt all' dies von unerbittlicher Logik und folgt leider aus der Natur der Sachen. Eine der beinahe unvermeidlichen Folgen der unmäßigen Vergnügungsſucht und eines ungebunde⸗ nen Sinns für Ueppigkeit iſt, daß ſie früher oder ſpäter (mit ſeltenen Ausnahmen, welche die Regel bekräftigen), daß ſie, ſagen wir, den perseihttchsn Vatermord erzeugen. Wenn man an die nothwendig auz dieſem erſten moraliſchen Vergehen hervorgehenden Folgen denkt, muß man ſchauern; aber man ſtaunt nicht mehr über das raſche Sinken gewiſſer n Söhne, 131 welche von Stufe zu Stufe in einen Abgrund von Uebeln und Verbrechen ſinken. Erklären wir uns: Der verzeihliche Vatermord ſagt ſich in ſeiner thörichten und rohen Brutalität: „Meine Eltern ſind reich; „Ihr Reichthum gehört mir und wird eines Tages mein ſein; „Am Tag, an welchem meine Eltern ſterben, werde ich mich allen tollen Depenſen überlaſſen kön⸗ nen, die ſie mir jetzt verſagen; „Je früher deßhalb meine Eltern todt ſind, deſto früher werde ich in den Genuß kommen.“ Das, wir wiederholen es, iſt ebenſo thöricht als roh; der Beweis der Rohheit dieſes Wunſches er⸗ gibt ſich von ſebſt; was die Verſicherung der Be⸗ hauptung betrifft, nämlich daß der Sohn reicher Eltern, wie unwürdig auch ſeine Aufführung ſein mag, moraliſch ein Recht auf den Reichthum ſei⸗ ner Eltern habe, ſo werden wir dieſer abſurden An⸗ ſicht zur rechten Zeit und am rechten Orte ihr Recht widerfahren laſſen. Aber das iſt nicht Alles, und wie wir ſoeben geſagt, die Folgen eines thörichten und rohen Ge⸗ fühles ſind und müſſen abſcheulich ſein. Und das ſind die Folgen des verzeihlichén Vater⸗ mords. Der Menſch, der daran gewöhnt iſt, ſich mit dem nahen Tod ſeiner Eltern zu tragen, ſchmeichelt ſich beſtändig mit dieſem mörderiſchen Gedanken, ſieht in ihm ſeine letzte Hoffnung, ſeinen goldenen Traum, das Mittel und Ziel ſeiner glühenden Be⸗ 132 gierden; er berechnet die Tage, die Stunden, die Zufälle, die dieſen glücklichen Moment näher rücken können, wo er von einem Vater oder einer Mutter erbt. Und oft haben ihn dieſer Vater, dieſe Mutter mit Sorgfalt, mit Zärtlichkeiten überhäuft, haben ihm nichts Billiges und Vernünftiges verſagt, haben ſelbſt den Liebhabereien, den Zerſtreuungen ſeines Alters in weiter Ausdehnung Rechnung getragen. Und indem er ſich ſo dieſen vatermörderiſchen Ge⸗ danken hingibt, wird er ſich in ſeinem ganzen Weſen verändern und bald in ſich jenes moraliſche Gefühl, das allen angeboren und inſtinktiv iſt, und mit dem ſelbſt die Verdorbenſten begabt ſind, vollſtändig in ſich zerſtört haben. Und was folgt aus dieſer Zerſtörung des mora⸗ liſchen Gefühls? Ach! beinahe immer kommt es ſo: Die mörderiſchen Wünſche des verlorenen Soh⸗ nes werden erhört; ſeine Eltern ſterben, er erbt. Ihr Vermögen iſt bald vergeudet; dann kommt die rächende Stunde, die unheilvolle Stunde des Ruins, die Stunde des Kampfs gegen die Noth, die Stunde harter Prüfungen, wo der an alle Ueppigkeiten des Ueberfluſſes, an die entnervende Weichlichkeit des dolce farniente, an den Stolz des Reichthums ge⸗ wöhnte Menſch ſich auf die gebieteriſche Alternative reduzirt ſieht: „Sich zu morden; „In Hunger und Elend zu ſterben; „Ehrenhafte Nahrungsquellen in der Arbeit zu ſuchen, wie herb ſie auch ſein mag, u ſich tauſend Entbehrungen aufzulegen; 8 133 „Endlich von andern Auskunftsmitteln: Gemein⸗ heiten, Spitzbübereien, dem Diebſtahl oder noch Schlimmerem zu leben.“ Da das Bewußtſein von Gut und Böſe, Recht und Unrecht ſich ſchon lange in der Seele eines ſolchen verlorenen Sohnes durch den beſtändigen Gedanken an den verzeihlichen Vatermord verkehrt hat, ſo findet dieſer Elende, wenn der Tag ſeines Ruins gekommen, gewöhnlich den Selbſtmord einfältig, die Noth unerträglich, die Arbeit gemein, und er wählt gewöhnlich das Leben jener andern Auskunftsmittel, der Riederträchtigkeiten, Spitzbübereien und biswei⸗ len der Verbrechen. Was liegt darin Erſtaunliches? Was iſt der Mißbrauch des Vertrauens, Was iſt die Schurkerei im Spiel, Was iſt die Prellerei, Was iſt der Diebſtahl neben dem Verbrechen: ohne einen andern Grund als die Befriedigung üppiger Gelüſte von ganzer Seele den nahen Tod eines Vaters oder einer Mut⸗ ter herbeizuwünſchen? Nur der Meuchelmord kann vom moraliſchen Standpunkt mit dem verzeihlichen Vatermorde in eine Reihe geſtellt werden. LIII. Maurice hatte einen weiteren und entſcheidenden Schritt auf dem Wege gethan, auf den ihn Frau von Hansfeld verlocken wollte. Er hatte es ſo zu 134 ſagen gebilligt, indem er es anhörte, wie ſie laut ihren Haß gegen Herrn und Madame Dumirail aus⸗ drückte, und wenn er auch noch nicht ihren Tod wünſchte, ſo bedauerte er wenigſtens, „daß er nicht ſchon lange Waiſe ſei.“ Als ihn Antoinette auf dem Punkte ſah, wo ſie ihn haben wollte, um des Ge⸗ lingens ihrer Plane verſichert zu ſein, verſetzte ſie nach einer Pauſe in entſchloſſenem Tone: „Mein Freund, laß uns vernünftig ſprechen. Es exiſtirt eine Kluft zwiſchen dem was iſt und dem was ſein könnte. Denn, wie ich Dir ſo eben ſagte, unſer Glück würde die idealſten Wünſche überſteigen, wenn der Zufall gewollt, daß Du unbeſchränkter Herr Deiner ſelbſt und Deines Vermögens wäreſt.“ „Leider iſt dem nicht ſo, Antvinette.“ „Nein unglücklicher Weiſe, deßhalb müſſen wir, mein Freund, der Wirklichkeit kühn die Stirne bieten. Was iſt dieſe Wirklichkeit?“ „Mein Vater und meine Mutter wollen durch⸗ aus, daß ich Paris verlaſſe, aber ich werde deſſen⸗ ungeachtet bleiben; keine menſchliche Macht wird mich von Dir, meine Angebetete, trennen .. „Mein Freund, das ſind Thorheiten . .. Wir müſſen vernünftig reden.“ „Wie, mein Vater ſollte mich wider meinen Wil⸗ len zwingen, Paris zu verlaſſen?“ „Gewiß.“ „Ich trotze ihm.“ „Mein vielgeliebter Maurice, täuſche Dich nicht; Dein Vater hat nicht nur das Recht, ſondern, was noch ſchlimmer iſt, die Macht, Dich von Paris zu entfernen.“ 135 „Niemals.“ „Weißt Du denn nicht, Kind, daß, ſo lange Du minorenn biſt, Dein Vater im Namen des Geſetzes Gewalt gegen Dich anwenden kann . . . ja Gewalt um Dich zu zwingen, ihm zu folgen? Weißt Du endlich nicht, daß er das Recht hat, und er würde gewiß nicht vor dieſem letzen Mittel zurückſchrecken, Dich in ein Correctionshaus einzuſchließen?“ „Großer Gott! . . ſollte das wahr ſein?“ rief Maurice erſchrocken und fügte dann niedergeſchlagen hinzu: „Ja, ja, ich erinnere mich jetzt . . . Herr Delmare hat mir allerdings geſagt, daß die väter⸗ liche Autorität ſich ſo weit erſtrecken würde.“ „Ja; die väterliche Autorität würde jedoch voll⸗ ſtändig machtlos gegenüber von Dir, ſobald Du majorenn biſt, das heißt, ſobald Du das einund⸗ zwanzigſte Jahr zurückgelegt, und das wird nicht lange dauern.“ „In fünf Wochen habe ich dieſes Alter,“ ſagte Maurice lebhaft; „aber bis dahin?“ „Bis dahin, mein Freund, müßte man Dich der tyranniſchen Unterdrückung Deiner Familie entzie⸗ hen, die ſonſt bis zur Gewalt ſchreiten wird, um uns zu trennen.“ „Welche Idee! O, Antvinette, Du retteſt uns. ..“ rief Maurice und ſagte dann nachdenklich: „Aber wie den Nachforſchungen meiner Eltern entgehen? wohin fliehen? wo mich verbergen? Sie wer⸗ den die Polizei mir auf die Ferſen ſchicken.“ „Wenn Du mich ſo innigſt liebſt, wie ich Dich liebe, Maurice, ſo wirſt Du meinem Rathe folgen und wir werden unſern Feinden trotzen.“ 136 „Kannſt Du an meiner Zuſtimmung zweifeln? Was iſt Dein Plan?“ „Höre .. Eine Kammerfrau, die lange in mei⸗ nen Dienſten ſtand, bewohnt ein hübſches kleines Haus in der Banlieue von Paris. Dieſe Frau iſt ſicher. Ich ſetze in ſie alles Vertrauen, Vertrauen genug, um ihr meinen koſtbarſten Schatz, Dich, mein Maurice, anzuvertrauen.“ „O, Du biſt mein guter Engel.“ „Dieſen Abend führe ich Dich zu jener Frau, ich gebe ihr meine Verhaltungsmaßregeln. Du bleibſt bei ihr, ohne während der erſten Tage Deiner Ge⸗ fangenſchaft ausgehen zu dürfen, und ich werde mich enthalten, Dich zu beſuchen; es wird eine grauſame Entbehrung für mich ſein, aber wir müſſen die größte Klugheit an den Tag legen. Deine Eltern werden mir ganz entſchieden Dein Verſchwinden aufbürden, ſie werden mich beobachten laſſen. Meine Beſuche in der Banlieue, wohin ich niemals komme, würden den Verdacht rege machen und könnten alles ver⸗ rathen, alles verderben; während dagegen, wenn ich in den erſten Tagen Deiner Abgeſchiedenheit von der Welt ſcheinbar nichts in meinen Gewohnhei⸗ ten ändere, mein Thun und Treiben immer weni⸗ ger beobachtet werden wird, ſo daß ich bald jeden Tag zu meinem armen Gefangenen werde kommen können, um ihn zu tröſten.“ „Sage, Antoinette, wie werde ich je ſo viel Liebe lohnen können?“ „In dem Du mich Dich anbeten, mich Dich zum Glücklichſten aller Liebenden machen läßeſt, und da⸗ bei werde immer noch ich die Dankende ſein! .. 137 Aber ich vollende: Du wirſt auf dieſe Weiſe in Dei⸗ nem Gefängniß die Volljährigkeit erreichen; dann wirſt Du ſtolz der Unterdrückung Deiner Familie widerſtehen und unſer Glück gegen die vertheidigen, die es beneiden, die es haſſen; Du wirſt ein Mann und frei ſein!“ „O Freiheit!. .. Freiheit! . . .nie wirſt Du mir theurer und ſchöner erſchienen ſein.“ „Ein letztes Wort, mein Freund. Ich werde Dich immer auffordern, Deinen wahren Pflichten nachzukommen. Du mußt Deinen Eltern die tödt⸗ liche Unruhe erſparen, in die ſie Dein plötzliches Ver⸗ ſchwinden verſetzen würde . . wenn ſie keine Nach⸗ richt von Dir hätten, man muß ihnen deßhalb ſchreiben.“ „Edeles und großmüthiges Herz!“ ſagte Maurice tief gerührt, „Du denkſt daran, ihnen einen Kum⸗ mer zu erſparen ihnen . . . die Dich mit den abſcheulichſten Verleumdungen verfolgen!“ „Deine Liebe rächt mich, mein innig Geliebter laſſen wir ſie ſprechen .. Es muß alſo an Deine Eltern in entſchiedenem aber ehrerbietigem Tone geſchrieben werden: „Daß Du, entſchloſſen, Paris nicht zu verlaſſen, in einem ſtillen Zufluchtsort den Tag Deiner Voll⸗ jährigkeit erwarteſt; daß ſie keineswegs unruhig Dei⸗ nethalben zu ſein nöthig haben, und daß nur der Mißbrauch ihrer Autorität Dich zu dieſem äußerſten Entſchluß gezwungen habe . . .“ Frau von Hansfeld wurde durch das plötzliche Eintreten ihres vertrauten Kammerdieners unterbro⸗ 138 chen, welcher mit ziemlich aufgeregter Stimme zu ihr agte: „Wenn ich mir erlaube, bei der Frau Baronin einzutreten, ohne gerufen zu ſein, ſo geſchieht es nur, weil ich ſie von etwas Außerordentlichem zu unter⸗ richten habe.“ „Was gibt es denn?“ „Eben dringt ein alter Herr wie ein Sturmwind in das Veſtibul, wo ich mich zufällig befand, und an die Bedienten mit beſtürzter Miene ſich wendend, rief er: „Mein Sohn iſt hier . . . leugnet es nicht ich weiß es, ich weiß es „. Es muß hier ein Unglück geſchehen ſein!“ „Mein Vater!“ ſagte Maurice zu Antvinette leiſe und voll Unruhe. „Kein Zweifel, es iſt mein Vater.“ „Fahren Sie fort,“ verſetzte Frau von Hansfeld an ihren Diener gewandt .. „Was hat man dem Herrn geantwortet?“ „Unſere Leute waren ganz verhlüfft. Dann fragie ich den Herrn, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen. Er antwortete: „Ich bin Mauricens Va⸗ ter. Er iſt hier; ich will ihn augenblicklich ſehen und mit mir nehmen, wenn das Ungluͤck, das ich fürchte, nicht bereits geſchehen iſt.“ Da ich die Auf⸗ regung ſah,“ fügte der Kammerdiener hinzu, „glaubte ich ihn verſichern zu müſſen, daß Herr Maurice nicht hier ſei und daß er ſich ſeit vorgeſtern nicht habe blicken laſſen.“ „Ganz gut,“ verſetzte Antoinette. „Und dieſer Herr iſt jetzt fort?“ „Im Gegentheil, Madame, . er rief, ich 139 täuſche ihn, denn ſein Sohn ſei hier und er gehe nicht, ohne ihn mit ſich zu nehmen .. Endlich fügte er hinzu, er wolle durchaus mit der Frau Baronin ſprechen.“ „In dieſem Fall ſagen Sie Herrn Dumirail, er möge ſich einige Augenblicke im Salon gedulden, ich würde ſogleich die Ehre haben, ihn zu empfangen.“ „Woran denken Sie!“ rief Maurice, „meinen Vater empfangen! . . .“ „Einen Augenblick . . . warten Sie .. . ich habe Ihnen noch andere Befehle zu geben,“ verſetzte Antvinette, indem ſie ſich an ihren Diener wandte, nachdem ſie Maurice noch ein Zeichen gemacht, um ſeine Ungeduld zu beſchwichtigen. „Sie werden, wie geſagt, Herrn Dumirail bitten, mich zu er⸗ warten.“ „Ja, Frau Baronin.“ „Dann gehen Sie nach dem nächſten Fiakerplatz und laſſen augenblicklich einen dieſer Wagen vor dem kleinen Gartenthor halten . . Sie verſtehen?“ „Sehr gut, Madame.“ „Dann ſagen Sie im Weggehen zu Auguſtine, daß ſie mir ein Mäntelchen und einen Hut, beide ſehr einfach, richte, und ſie mir durch den Diener⸗ gang in mein Schlafzimmer bringe.“ „Ja, Madame,“ verſetzte der Diener und fügte dann hinzu: „die Frau Baronin wollen alſo aus⸗ fahren? . „Allerdings.“ „Aber was werde ich dann zu dem Herrn ſagen, der Sie erwartet, Madame?“ „Wenn er ungeduldig wird, ſo thun Sie, als wenn Sie ſich nach der Urſache erkundigen wollten, die mich ihn zu empfangen hindert, und theilen ihm dann mit, daß eine unvorhergeſehene Angelegenheit mich auszugehen genöthigt — nämlich durch die an⸗ dere Thüre.“ „Madame, dieſer Herr wird aber in einen furcht⸗ baren Zorn gerathen.“ „Laſſen Sie ihn ſeinen Zorn nach Belieben aus⸗ toben und zeigen Sie ihm dabei ſtets den tiefſten Reſpekt; wenn er jedoch darauf beharrte, mein Haus nicht verlaſſen zu wollen, ſo holen Sie einfach den Polizeicommiſſär, damit dieſer den Herrn gefälligſt berede, ſich ruhig zu entfernen.“ „Ich werde dem Befehle der Frau Baronin nach⸗ kommen,“ antwortete der Diener, indem er das Boudoir verließ. Frau von Hansfeld ſchloß klugerweiſe doppelt und ſagte zu Maurice, indem ſe ihm liebevoll zu⸗ lächelte: „Ahnſt Du meinen Plan?“ „Keineswegs.“ „Wir gehen durch den Garten, ſteigen in den Fiaker und begeben uns nach Belleville .. „Zu Deiner ehemaligen Kammerfrau.“ „Ja. Ich richte Dich in Deinem Gefängniſſe ein, lieber Gefangener . . . und werde Dich aus Klugheitsrückſichten, wie ich Dir geſagt, drei bis vier Tage nicht ſehen; aber ſpäter . werde ich .. Mademvoiſelle Auguſtine, welche durch die Thüre des Schlafzimmers eintrat, ſagte zu ihrer Herrin: „Die Toilette der Frau Baronin liegt bereit.“ „Kommen Sie, Maurice, kommen Sie,“ ver ſezte 1⁴1 Frau von Hansfeld, indem ſie Maurice ein Zeichen gab, ihr in das Schlafzimmer zu folgen, von wo beide eheſtens über eine geheime Treppe, welche in den Garten führte, weggingen. Ein Fiaker wartete an dem kleinen Thor. Antoi⸗ nette und Maurice ſtiegen raſch in den Wagen und fuhren nach Belleville, wo wirklich eine ehemalige Kammerfrau der Frau von Hansfeld wohnte. LIV. Charles Delmare hatte bei ſeiner Ankunft in Paris mit Geneviöve, um mit ſeinen ſehr beſchränk⸗ ten Einkünften zu ſparen, ein kleines möblirtes Zim⸗ mer mit Cabinet in einer damals ſehr ſchmutzigen Straße, welche den Namen Saint⸗Ricolas führte, ge⸗ miethet; ſie mündete auf der einen Seite in die Rue Caumartin, in der Nähe des Miniſteriums der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten. Dieſer locale Umſtand mußte für Charles Delmare entſcheidend ſein. Er hatte ſich geſagt: „Maurice wird ſich jeden Tag nach dem Mini⸗ ſterium der auswärtigen Angelegenheiten begeben; wahrſcheinlich wohnen ſeine Mutter und Jeane in der Nähe dieſes Hotels. Indem ich mein Domicil auf dieſe Weiſe in ihrer Rähe aufſchlage, bin ich immer um meine Tochter.“ Es konnte nichts Nackteres, nichts Düſtereres, nichts Traurigeres geben, als das Ausſehen der Woh⸗ nung Charles Delmare's, welche in einem kleinen ſchmutzigen Hofe lag, in den die Sonne kaum um Mit⸗ 142 tag einige Strahlen goß. Das Hauptgebäude, das in der Straße ſtand und ſehr hoch war, raubte dem Hofgebäude vollſtändig Luft und Licht; letzteres be⸗ ſtand aus einem erſten und zweiten Stock, über dem einige Manſardenzimmer lagen, deren eines nebſt anſtoßendem Cabinet Charles Delmare und Geneviève bewohnten. Wir wiederholen, es konnte nichts Düſtereres und Traurigeres als den Anblick dieſer Wohnung geben: eine ſchmutzige, an vielen Orten zerriſſene Tapete, welche gar keine beſtimmte Farbe mehr trug, bedeckte die Wände; zwei kleine Vorhänge mit rothen und weißen Carreaux verbargen zur Hälfte die Fenſter; ein ſchlechtes Bett, eine Commode ohne Schloß, ein hinkender Tiſch, zwei Stühle mit zerriſſenem Stroh bildeten das Hausgeräthe dieſer Manſarde. Sie hatte ihren beſondern Eingang, eine andere Thüre führte in das Cabinet, welches durch das Dach ge⸗ bildet wurde, und ein Tabaksdoſenfenſter hatte; ein Gurtbett und ein Stuhl möblirten dieſes von der alten Amme bewohnte Cabinet. Treu ihrer Gewohn⸗ heit, in Allem Ordnung und minutiöſe Pünktlichkeit zu haben, dachte ſie, jedoch vergeblich, auf Mittel, die vorübergehende Wohnung ihres Alten minder abſtoßend zu machen: ſie wuſch das Getäfel und die Fenſter, rieb mit einem wollenen Lumpen das Holz der wurmſtichigen Commode; aber trotz ſo vieler Be⸗ mühungen behielt die elende Wohnung dennoch ihr ſchmutziges und trauriges Ausſehen. Am Tage, nachdem Frau von Hansfeld Maurice nach Belleville geführt, um ihn den Nachforſchungen ſeiner Familie zu euzih ſchrieb Charles Delmare 143 gegen elf Uhr Morgens un dem hinkenden Tiſche, während Genevisve den Inhalt eines Milchtopfes in eine kleine irdene Schaale goß, die ſie ſo eben ſorg⸗ fältig gewaſchen und gereinigt. „Und ſie haben die Frechheit, das Milch zu nen⸗ nen!“ murmelte die gute Frau; „es iſt doch noch ſchlimmer geworden, als ehedem, da ich Paris be⸗ wohnte. Damals wenigſtens begnügten ſie ſich, die Milch zu taufen, während ich mich frage, was dieſe weißliche klebrige Miſchung ſein kann. Ach, welch' Unterſchied gegen die gute rahmige Milch des ura!“ Und mit einem Blicke auf Charles Delmare, der noch immer mit fieberhafter Eile ſchrieb, tief aufſeuf⸗ zend, fügte die Amme, welche ſeine durch den Kum⸗ mer und die Schlafloſigkeit ſehr veränderten Züge betrachtete, hinzu: „Leider gibt es noch manche andere Verſchieden⸗ heit zwiſchen unſerem Leben im Jura und dem Leben hier. Ach! wie vermiſſe ich unſer kleines, luftiges und helles Häuschen, das immer durch einen Son⸗ nenſtrahl erheitert wurde, und von unſerem kleinen blühenden Gärtchen umgeben war, in dem die Hüh⸗ ner gackten! Ach! wie ſehne ich mich nach meiner kleinen Küche mit ihrem Geſchirr, in dem man ſich hätte ſpiegeln können, ich darf das wohl ſagen, und dem Salon, mit ſeinem guten Teppich, ſeinen be⸗ auemen Möbeln, ſeinen Bildern, die das Auge mei⸗ nes Charles erfreuten. Und ſeinem Schlafzimmer, ſo ganz einfach, aber ſehr reinlich; und dann vor Allem nach dem Lande, der friſchen Luft, der Sonne des lieben Gottes! Damals hatte mein Alter eine 1⁴⁴ gute Farbe und war geſund wie eine Hagebuche während hier in dieſem Loche, wo man beim hellen Mittag nichts deutlich ſieht, wo man durch den Ge⸗ ſtank des Hofwaſſers vergiftet wird, hier wo Alles ranzig und nach Elend riecht, mein armer Alter ſichtbar hinwelkt; er wird mir am Ende gar noch krank; er hat die ganze Nacht nicht geſchlafen, er iſt beſtändig auf⸗ und abgegangen oder hat er geſchrieben. Kaum hat er dieſen Morgen etwas vor Tag ſich dazu herbeigelaſſen, ganz angezogen auf ſein Bett zu liegen; er ſchloß die Augen, um mich glauben zu machen, er ſchlafe; er hoffte mich auf dieſe Weiſe zu beruhigen und ich würde mich zu Bette begeben; aber nach Verfluß von einer Stunde ſtand er wieder auf und begann zu ſchreiben. An wen kann er nur ſo lange, lange ſchreiben? Ich will ihn jetzt zwingen, zu frühſtücken, da er geſtern nicht zu Mittag eſſen wollte. Der arme Alte! er kehrte geſtern ſo verzweifelt und wüthend nach Hauſe zurück. Ach! mein Gott, es iſt gewiß etwas vor⸗ gefallen, wenn ich mir denke, daß ſeine Tochter, ſeine liebe Jeane, bei der Mutter dieſes verwünſchten Stutzers wohnt, der an ſo vielem Unglück ſchuldig iſt. Ja, ja, kommt Zeit, kommt Rath!“ fügte die alte Amme mit finſterem Geſichte hinzu. „Ich habe meine Gedanken. Ach, wenn je mein Charles .. genug . . genug! . . .“ Und Geneviove blieb einige Augenblicke in ban⸗ ges Sinnen verſunken: als ſie aus ihrer düſtern Träumerei erwachte, beeilte ſie ſich, ein kleines Brod in vier Stücke zu ſchneiden, die ſie auf die Unter⸗ 145⁵ ſchaale der Taſſe legte und trat mit den Worten an den Tiſch, an welchem Delmare noch immer ſchrieb: „Nun, Charles . . . Du darfſt es nicht länger aufſchieben . . . Du mußt frühſtücken.“ „Sogleich, Amme . . .4 „Augenblicklich, augenblicklich! Du wollteſt geſtern zum Mittageſſen nur eine Taſſe von dem Getränke nehmen, das ſie holländiſche Bouillon heißen. Welch' ein mageres Volk, wenn man es nach ſeiner Bouillon beurtheilte! Ich will Dir ſagen, daß Du dies Brod und dieſe Milch nehmen mußt, wenn man das letztere Milch heißen kann Das Brod we⸗ nigſtens iſt gut. Charles, mein Charles, Du hörſt mich ſcheint es nicht?“ * „Sogleich! ſage ich Dir,“ verſetzte Delmare und ſchrieb fort: „nur noch einen Augenblick.“ „Du vertröſteſt mich von einem Augenblick zum andern.“ „Ich bitte Dich, Amme!“ „Die Amme hat keine Geduld mehr!“ Und Genevioève, zum äußerſten Mittel ſchreitend, nahm heimlich die kleine Flaſche, welche Charles Delmare als Tintenzeug diente, vom Tiſche, ſo daß dieſer, als er die Feder in die Tinte tauchen wollte, den Diebſtahl ſeiner Amme gewahrte und zu ihr ſagte: „Gib mir die Tinte wieder; ich verſichere Dich, daß ich nur noch eine Adreſſe auf dieſe Enveloppe zu ſchreiben habe.“ „Wirklich?“ „Ja; und ich bitte Dich, mir ein Licht zu geben, damit ich meinen Brief ſiegeln kann.“ Sue, die Familienſöhne. IV. 10 146 Während Genevisve ein Licht anzündete, zog Charles Delmare aus einem neben ihm auf dem Tiſche liegenden Portefeuille mehrere Briefe, welche aus einer längſt vergangenen Zeit datirten, wie man an der Bläſſe der Schrift und an den gelblichen Fal⸗ ten in dem Papier bemerken konnte. Delmare nahm einen derſelben, und nachdem er ihn mit tiefer Rüh⸗ rung betrachtet, legte er ihn zu einem Dutzend Blätter, die er während der Nacht gefüllt. Er ſchloß Alles in eine große Enveloppe, die er ſiegelte und auf die er eine Adreſſe ſchrieb; dann ſagte er zu Geneviéve: „Nun, weil Du es verlangſt, Amme, will ich frühſtücken; wir werden nachher plaudern.“ 1 Charles Delmare trank und aß mechaniſch das Brod und die Milch, die ihm Geneviève aufgeſetzt; während dieſer Erfriſchung waren ſeine Augen un⸗ verwandt mit ſtaunendem und unruhigem Ausdruck auf die Enveloppe geheftet, die er ſo eben geſchloſſen. Der Ausdruck ſeines Blickes frappirte die Amme und ſie brach zuerſt das Schweigen: „Charles, Du haſt das Frühſtück beendigt; ich ſage es Dir, weil Du es vielleicht nicht merken wür⸗ deſt: ſo zerſtreut ſcheinſt Du dieſen Morgen zu ſein. 4 „Zerſtreut, nein, meine gute Amme; niemals, im Gegentheil meine Gedanken waren nie ſo concenttirt, als in dieſem wichtigen Augenblick,“ antwortete Charles Delmare, der noch immer den Blick auf die Enveloppe geheftet hatte; dann fügte er hinzu: 1 3 147 „Mein Schickſal und das meiner Tochter werden von dieſem Briefe abhängen.“ „Von dieſem Briefe, ſagſt Du? Ach, ich dachte mir wohl, daß es ſich um etwas ſehr Wichtiges han⸗ deln müſſe, als ich Dich die ganze Racht ſchreiben ſah, mein Alter, und, ohne Dir einen Vorwurf machen zu wollen, Du haſt mehrere Mal die Feder niedergelegt, ohne mir ein einziges Wort zu ſagen, während Du im Zimmer auf⸗ und abgingſt .. Du ſchieneſt mich ſogar nicht mal zu ſehen ... Ich glaubte Dich einen Augenblick böſe auf mich, aber bald habe ich „ „Ich auf Dich böſe gute Mutter! .. wiederholte Delmare durch die letzten Worte lebhaft aus ſeinen Reflexionen geriſſen. „Achl auf dieſer Reiſe lernte ich Deine zärtliche Anhänglichkeit in ihrem vollen Werthe erkennen niemals noch haſt Du ſie mir auf eine rührendere Weiſe an den Tag gelegt!“ „Laß das, mein Alter .. Du machſt mich ja ganz verlegen!. was hatte ich denn gethan, um dieſe Complimente zu verdienen?“ „Iſt es denn nichts für Dich, arme Amme, auf die gute Luft in unſern Bergen, das geſchäftige Leben, die tauſenderlei Arbeiten im Garten und der Haus⸗ haltung zu verzichten, die ein Bedürfniß und eine Freude für Dich waren? . Haſt Du endlich nicht auf ein verhältnißmäßiges Wohlleben verzichtet, um hier zu vegetiren und Dich in dieſem Loche tödtlich zu langweilen?“ „Dafür dankſt Du mir? das will etwas heißen! Wie, und Du, mein Alter, biſt Du etwa beſſer ge⸗ 148 bettet, als ich? Du brauchteſt Dich nur im Spiegel, zu betrachten, wenn wir einen ſolchen hier hätten... Du würdeſt ſehen, wie Du Dich verändert!“ fügte Genevidve mit wachſender Rührung hinzu, „dein armes Geſicht iſt um die Hälfte abgemagert, Deine Haare ſind in wenigen Tagen grauer geworden, als in drei Jahren. Du biſt blaß wie eine Leiche!... Was willſt Du, daß ich ſagen ſoll? . . . Du willſt in Paris bleiben. . . weil Deine Jeane hier wohnt, das iſt ganz einfach . .. Wir wollen hier bleiben... aber wenn das noch einige Zeit ſo fortdauert .. wenn Du noch mehr ſolch ſchlafloſe Nächte zubringen willſt, wie die geſtrige ſo kannſt Du gewiß ſein, mein Alter, daß in kurzer Zeit Deine Gebeine in der großen Stadt ruhen werden .. Und die mei⸗ nigen .. Du weißt wohl, daß ſie da ruhen, wo die Deinen ſind .. F „Nun, nun, gute Mutter. laß dieſe traurigen Gedanken verzweifle nicht Ich ſagte Dir ja mein Schickſal und das meiner Tochter werde von dieſem Briefe abhängen . . und wenn die Hoffnungen, die ich mir kaum zu machen wage, ſich verwirklichen . . ach! Geneviève! ... „Nun! . in dem Fall ... was geſchähe dann?“ „Wir würden Paris verlaſſen .. . „Wann das?“ „Vielleicht . morgen ſchon!“ „Um ſo beſſer, mein Charles . . je früher, je beſſer Und wohin gehen wir dann?“ „Heim nach Hauſe, in den Jura.“ „Welche Freude! aber Deine Tochter?...“ „Wer weiß,“ verſetzte Delmare mit dem Accente 149 unausſprechlicher Hoffnung, die er kaum wagte, laut werden zu laſſen, „vielleicht würde uns meine Toch⸗ ter begleiten! . „Was ſagſt Du, — Jeane?.. Aber ſie würde dann wohl zu den Dumirails nach dem Morillon gehen?“ „Nein,“ ſtotterte Delmare, der dieſer Hoffnung keinen Ausdruck zu verleihen wagte, da er ihre Eitelkeit fürchtete; „Jeane würde bei uns woh⸗ nen „Ach! mein Gott! .. Ach! großer Gott! .. iſt es möglich!“ rief Genevisve ſtrahlend und athem⸗ los vor Freude. „Deine Tochter bei Dir . bei uns wohnen! es blendet mich. ganz! Das wäre zu ſchön!“ „Ach! ja, das wäre zu ſchön, Amme; das iſt's, weßhalb ich zittre, das iſt's, weßhalb ich zweifle: es wäre zu ſchön!“ „Deine Tochter bei uns! . .. ich ſehe es ſchon im Geiſte! . rief Geneviéve, welche bereits realiſirt glaubte, was Delmare kaum zu hoffen wagte. — „Ja, ich ſehe es im Geiſte Alles geht vortrefflich. Sei ruhig, mein Alter, es iſt dort Platz für Alle . . Du wirſt ſehen . . Du gibſt Deiner Tochter Dein Schlafzimmer Du läſſeſt ein anderes für Dich im Dachſtock einrichten, das wird ſehr wohnlich; Dein Kabinet dient Dir als Salon, und Deine Tochter, die ſich nicht koſtbarer machen wird, als ihr Vater, läßt ſich genügen, mit mir in meiner Küche zu eſſen. Armes junges Mäd⸗ chen!“ fügte Genevisve hinzu, durch den Gedanken an die Pläne, die ihr ſo viele Freude machten, ſich 150 immer mehr aufregend, „wie werde ich ſie verzärteln, Deine Jeane! ihren Geſchmack auszuforſchen, die Gerichte, die ſie liebt, zu errathen ſuchen. Welch' gute kleine Mahlzeiten werde ich ihr bereiten! wie werde ich Deine Tochter pflegen . . . Olich werde ſie wie eine gute Mutter pflegen, damit iſt Alles geſagt. Aber was haſt Du denn, mein Alter?“ fügte die Amme hinzu, indem ſie die tiefe Aufregung Delmares bemerkte, der ſeine Thränen kaum zurück⸗ halten konnte und ſein Geſicht in den Händen barg. „Mein Gott! eben noch ſagteſt Du mir ſelbſt: „„Faſſe Muth, Amme, hoffe!““ Gut, ich thue, wie Du ſagſt, ich faſſe Muth, ich hoffe, und jetzt biſt Du troſtloſer denn je!“ Und Geneviève, welche ſich vor Delmare auf die Kniee warf, rief in herzzerreißendem Tone: „Du wirſt Dich ſelbſt noch zu Tode quälen, und wenn das Dein Gedanke iſt, ſo ſage es und wir wollen ſogleich ein Ende machen? Du ſollſt nicht lange auf mich warten müſſen, denn das heißt nicht leben, Dich ſolche Todesqual ausſtehen zu ſehen!“ Delmare trocknete ſeine Thränen, bemeiſterte ſeine Aufregung, hob Geneviève auf und ſagte zu ihr: „Gute Mutter! verzeihe meiner Schwäche. Der Gedanke, meine Tage bei meiner Tochter und Dir zu beſchließen, hat mich ſo gerührt, daß ich meine Thränen nicht zurückhalten konnte, die ich in dieſer Nacht zurückgedrängt. Der Zuſtand der nervöſen Aufregung, in dem ich mich befand, hinderte mich, zu weinen . . Dieſe Thränen nun beruhigen mein Herz . . . Jetzt, gute Mutter, höre mich, *— 15¹ und Du wirſt Dich überzeugen, daß, ohne mich von Deinen unüberlegten Wünſchen hinreißen zu laſſen, mir zu hoffen erlaubt iſt, meine Tochter den Gefahren zu entreißen, die ſie bedrohen, und viel⸗ leicht meine Tage bei ihr zu beſchließen.“ LVI. Delmare fuhr nach einer kurzen Pauſe fort: „Geſtern, Geneviöve, habe ich Dir meine Beſtür⸗ zung, meine Verzweiflung geſchildert, als ich hörte, daß Jeane zu Madame San Privato ihre Zuflucht genommen.“ „Ja, und da dieſe Dumirails das arme Kind gleichſam wie eine Fremde behandelten, haſt Du Recht, ihnen ſtolz ins Geſicht zu ſchleudern, daß es Deine Tochter ſei, und daß Du ſie zu vertheidigen wiſſen werdeſt.“ „Obgleich es mich große Ueberwindung koſtete, bot mir dieſes Geſtändniß doch das einzige Mittel, vielleicht der Abneigung, die ich Jeane einflöße, weil ſie mich für den Mörder ihres Vaters hält, ein Ziel zu ſetzen. Dieſes Geſtändniß, das in dem Briefe hier enthalten iſt,“ fügte Delmare hinzu, indem er auf die Enveloppe deutete, „dieſes Geſtändniß, ich wiederhole es, hat mich große Ueberwindung gekoſtet; ich habe lange gezögert, es meiner Tochter zu machen.“ „Warum?“ Weil ich Jeane dabei von der ſtrafbaren Schwäche ihrer Mutter, für welche ſiedie zärt⸗ lichſte Hochachtung gehegt, und die ſie als einen 152 Engel an Tugenden betrachtete, unterrichten mußte.“ „Das iſt allerdings eine ſehr peinliche Noth⸗ wendigkeit, Charles, aber da Du, die Ehre und die Güte ſelbſt, Dich zu dieſer Enthüllung entſchloſſen, nun, ſo war ſie auch von den Umſtänden dringend geboten und unvermeidlich.“ „Ja, ſie war unvermeidlich,“ antwortete Del⸗ mare mit düſtrer Bitterkeit. „Ich habe die Ehre der Todten und der Lebenden gegen einander abge⸗ wogen. Ich habe lange in meinem Herzen und meinem Gewiſſen meine Handlung überlegt, und ich glaubte endlich, die Mutter entehren zu müſſen, in der Hoffnung, die Tochter zu retten.“ „Ach Charles, wie traurig das iſt! Wie viel mußteſt Du leiden, um dahin zu gelangen!“ „Das iſt die Gerechtigkeit, die die Vergangenheit ſühnt, jene traurige Vergangenheit, von der ich eine weitläufige Erzählung an Jeone richte. Ich habe einen der Briefe ihrer Mutter beigefügt. Sie ſchrieb ihn mir, nachdem ich ſie zum erſten Male, ſeit ſie Wittwe geworden, mit Jeane, die damals noch ein kleines Kind war, begegnet hatte. Emme⸗ line verzeiht mir in dieſem Briefe, daß ich ſie durch die Annahme des Namens Wagner getäuſcht, und an⸗ erkennt, daß ich bei meinem frühern Zögern, ſie ihrem Manne zu entführen, ehrenhaften Skrupeln nachge⸗ geben, welche aus meinem beinahe vollſtändigen Ruin hervorgegangen. Endlich verſichert mich Jeanes Mutter ihrer Liebe, ihrer Achtung, fügte jedoch hinzu, daß meine Gegenwart grauſame Gewiſſensbiſſe in ihr wach gerufen, und daß ihre Tochter, unſer Kind, 153 bis dahin ihr einziger Troſt, ihr zum erſten Male einen peinlichen Eindruck verurſacht, indem ſie durch ihre Gegenwart ſie an ihren Fehltritt und den tragi⸗ ſchen Tod ihres Gatten erinnert.“ „Dieſer Brief ihrer Mutter wird Deiner Jeane klar wie der Tag beweiſen, daß Du ihr Vater biſt.“ „Ja, denn wenn ſie die Züge dieſes Briefes mit denen anderer Briefe ihrer Mutter vergleicht, die meine Tochter treulich aufbewahrt hat, ſo wird ſie ſich von der Uebereinſtimmung der beiden Hand⸗ ſchriften überzeugen.“ „Und dann, mein Alter, wird ſie von der Wahr⸗ heit überzeugt ſein müſſen. Denn, als Jeane Dich jeden Tag auf dem Morillon ſah, liebte ſie Dich ſchon ſehr, ohne zu wiſſen, was Du ihr biſt. Und nun denke Dir jetzt, ſie muß Dich anbeten!“ „Ach! Geneviéve! die Zeiten haben ſich verän⸗ dert. Als ſie für mich jene Liebe fühlte, die bis⸗ weilen ſo zärtlich, ſo innig war, daß ich darin den geheimnißvollen Schrei der Natur zu finden glaubte, hatte Jeane San Privato noch nicht kennen lernen; und ſpäter, als er nach dem Morillon kam, war es mir gelungen, den Einfluß, den er auf meine Toch⸗ ter übte, zu bekämpfen, zu vernichten. Aber leider iſt heute dem nicht mehr ſo; darum zittre ich.“ „Tag Gottes! der Haſenfuß Dich zittern machen, Dich! „ Dich! da Doch genug! ...“ Und mit einem Seufzer fügte Genevisve hinzu: „Du zitterſt, das iſt ganz klar.“ „Weil ich mich nicht täuſche .. . weil vorge⸗ ſtern, als ich Jeane wieder ſah, ſie einen tiefen 15⁴ Widerwillen gegen mich an den Tag legte und den Salon beinahe im ſelben Augenblicke verließ, als ich eintrat.“ 6 „Das iſt ganz einfach: ſie glaubt, Du habeſt ihren Vater getödtet.“ „Ich täuſche mich nicht, ſage ich Dir,“ verſetzte Delmare, indem er traurig den Kopf ſchüttelte. „Die Erinnerung an das, wovon Du ſprichſt, war es nicht allein, was den Abſcheu, die Furcht hervorrief, welche ich in dieſem Augenblicke meiner Tochter ein⸗ flößte. Nein! nein! ich habe zu lang ihre Phyſiogno⸗ mie ſtudirt, um mich über die flüchtigſten Nüancen ihres Ausdrucks zu täuſchen.“ 3 „Was willſt Du damit ſagen?“ 4 „Meine Gegenwart erweckte in der Seele meiner Tochter — Gewiſſensbiſſe.“ „Achl mein Gott! armes Kind! und welche?“ „Gewiſſensbiſſe darüber, daß ſie auf's Neue ſich dem Reize hingegeben, den San Privato für ſie hat. O, ich täuſche mich nicht, darin lag der wahre Grund des Abſcheus, den Jane gegen mich an den Tag legte. Ja, in dieſem Augenblicke fürchtete ſie mich und haßte ſie mich, wie der Schuldige ſeinen Richter haßt. Hätte ſie ohne dies je eingewilligt, zu der Mutter San Privatos zu ziehen, eingewilligt, in freundſchaftlichem Verkehre mit jenem Menſchen zu leben, den ſie vor mir mit ihrer härteſten Verach⸗ tung geſtraft und deſſen freche Verdorbenheit ſie ſelbſt erkannt?“ „Indeſſen, Charles, wenn Madame Dumirail ſie durch ihre Demüthigungen auf's Aeußerſte getrieben, dieſes Kind, das nach Deiner Ausſage ſo ſtolz iſt— 15⁵ was iſt dabei noch zu verwundern, daß ſie, abge⸗ ſehen von dem Widerwillen, den Du ihr einflößteſt, Du, den ſie als den Mörder ihres Vaters betrachtet, in einem erſten Augenblick des Zornes ſich von Men⸗ ſchen trennte, die ſie demüthigten, die ihr ſozuſagen das Brod vorwarfen, das ſie aß?“ „Glaube mir, Amme, wenn die Verderbtheit San Privatos Jeane noch denſelben Abſcheu wie ehedem einflößte, würde ſie, trotz ihres Stolzes eher alles ertragen haben, als daß ſie ſich ihm genähert. In dem Geiſte meiner Tochter iſt eine vollſtändige Ver⸗ änderung zu Gunſten dieſes eingetreten, und wie ich Dir ſagte, er wird ſie auf's Neue durch Einwirkung auf ihre ſchlimmen Triebe für ſich eingenommen ha⸗ ben, die bislang ſchlummern, ohne den Einfluß die⸗ ſes Menſchen und in Ermanglung von Gelegenheit oder Nahrung, das ſchwöre ich, vom Schlaf zum Tod übergegangen wären.“ „Verwünſchter Stutzer! Man hat welche ge⸗ hängt, die weit weniger als er den Galgen verdient! Aber ſeine Rechnung wird ſicher noch eines Tages durch den großen Höllenteufel abgeſchloſſen werden! . Doch wenn Deine Tochter ſchlimme Triebe hat, ſo hat ſie ſicher auch gute, darauf mußt Du Deine Hoff⸗ nung bauen . . . Ein Vater iſt immer ein Vater, und Du ſollteſt nicht die Oberhand gewinnen über dieſen ſchwarzen Verbrecher?“ „Bisweilen hoffe ich, bisweilen beugt mich der Zweifel nieder! Ich fürchte, es möchte zu ſpät ſein, um über die Macht zu triumphiren, die dieſer Menſch über Jeanes Gemüth gewonnen! Wenn je in ihr das Böſe die Oberhand über das Gute gewinnt, ſagte ich vor einiger Zeit zu Dir, ſo wird dieſer aus ſeinem Para⸗ dies geriſſene Engel die Teufel in Schrecken ſetzen!“ „Wie, aus einem Engel ſollte ſie ſo raſch ein Teufel werden?“ „Ach, Du weißt nicht, wie raſch die Zerrüttung in gewiſſen Gemüthern vor ſich geht, wenn ſie der Berührung mit dem Böſen ausgeſetzt ſind! Die mörderiſchſte Peſt hat in der phyſiſchen Ordnung keine blitzſchnelleren Wirkungen auf bis dahin geſunde und kräftige Weſen. Ich zittre um ſo mehr für Jeane, als ich Zeuge der raſchen Corruption von Maurice war. Geſtern erſchreckte er mich durch die kalte und uner⸗ bittliche Logik ſeiner frühzeitigen Verdorbenheit. Und doch beſaß er ſo ausgezeichnete Eigenſchaften. Es exiſtiren zwiſchen ihm und Jeane ſo viele Aehnlich⸗ keiten. Aus dieſen datirt ihre erſte Liebe und mein lebhafter Wunſch, ſie auf dem Morillon verheirathet zu ſehen! Ihr Sinn und ihre Gewohnheiten ſchütz⸗ ten ſie damals beide kräftig vor dem Sturm der Leidenſchaften, während ſie getrennt, den Verführun⸗ gen ausgeſetzt, verloren ſein werden, wenn ſich meine letzte Hoffnung nicht realiſirt: nämlich durch meinen Brief an Jeane den glücklichen Einfluß wieder zu gewinnen, den ich ſonſt auf ſie beſaß, ſie von der Fort⸗ dauer der erſten Liebe Mauricens zu überzeugen, die trotz der durch San Privatos abſcheuliche Manveuvres hervorgerufenen Verirrungen dieſelbe geblieben.“ „Du enthüllteſt ihr alſo in Deinem Briefe die teufliſchen Schliche dieſes Elenden?“ „Ja, denn Jeane muß wiſſen, daß, wenn ihr Bräutigam die Schwäche gehabt, den Verführungen von Frau von Hansfeld zu unterliegen, San Privato — 157 die ſchmähliche Rolle des Herausforderers geſpielt indem er dieſe betitelte Courtiſane, ſeine Maitreſſe, veranlaßte, Maurice zu verführen, eine mörderiſche Verführung, die ihn zum Opfer eines ungleichen Duells zu San Privatos Gunſten, machte, der nach dem Tode ihres Sohnes der Erbe von Herrn und Madame Dumirail geworden wäre.“ „Und Du kannſt einen Augenblick annehmen, daß, wenn Jane weiß, weſſen der Stutzer fähig iſt, ſie nicht einen Abſcheu vor ihm faſſen werde?“ „Ja, das fürchte ich.“ „Geh! der Kummer hat meinem armen Alten das Gehirn verdreht! . .. wahrhaftig, Du wirſt unge⸗ recht gegen Deine Tochter. Ich gebe ſo viel Du willſt zu, daß ihr Sinn im Augenblick dem Böſen zugewandt iſt, aber bei Gott, das iſt doch zu ſtark, ſie auch nur zu beſchuldigen, daß ſie einen Augenblick zwiſchen Dir und dieſem Ungeheuer von Schlechtigkeit und Feigheit zaudern werde, der durch einen Andern den Vetter, den er zu beerben hoffte, hinmorden laſſen wollte! . .. Ich ſage Dir, Deine Tochter wird nicht fünf Minuten mehr unter demſelben Dache mit dieſem Räuber bleiben wollen ... Wir ſehen ſie eine Stunde, nachdem ſie Deinen Brief erhalten, hie⸗ hereilen. Um nicht Zeit zu verlieren, eile ich auf der Stelle, um auf der Diligence von Nantua drei Plätze zu beſtellen, und dann auf nach unſrem Häus⸗ chen im Jura, Du, Jeane und ich!“ „Keine Uebertreibung, gute Mutter! ſprechen wir vernünftig .. .“ „Ich ſchwatze etwa Unſinn?“ „Nein, aber Du vergißeſt zu ſehr die Wirklich⸗ 5. 15⁵⁸ keit, um Dich der Hoffnung hingeben zu können. Indeſſen geſtehe ich, die Richtigkeit einer Deiner Re⸗ flexionen hat mich frappirt.“ „So iſt alſo doch noch etwas Gutes dran.“ „Ja, ich denke wie Du; wie weit ſich auch die ſchlimmen Reigungen Jeanes ſchon entfaltet haben, wie groß auch die gefährliche Anziehungskraft ſein mag, die ihr San Privato einflößt, ſie kann noch nicht ſo tief geſunken ſein, daß ſie nicht eben ſo viel Verachtung als Abſcheu gegen dieſen Elenden em⸗ pfände, wenn ſie die unwürdigen Handlungen er⸗ fährt, die er begangen; ich gehe noch weiter: es iſt möglich, daß, wenn ſie die Herausforderungen er⸗ fährt, denen Maurice unterlegen, welchen ſie noch immer liebt, davon bin ich überzeugt, und wenn ſie die abſcheuliche Hinterliſt kennt, deren Opfer er wer⸗ den ſollte, ſo wird ſie ihm ſeine Unbeſtändigkeit ver⸗ geben; in dieſem Falle wäre noch nicht jede Hoff⸗ nung verloren, ſie einander zu nähern, denn noch geſtern geſtand mir Maurice, daß er für Jeane eine Liebe hege, die er ohne Zweifel nie für ein anderes Weib empfinden könnte.“ „Du ſiehſt alſo, daß ich nicht ſehr abſchweifte, als ich ſagte: „Auf nach Nantua!“ denn Maurice liebt noch immer Jeane, und dieſe wird, wenn ſie die Abſcheulichkeiten des Stutzers erfährt, kaum fünf Minuten im ſelben Hauſe mit ihm bleiben.“ „Das iſt eben die Frage, Amme daran zweifle ich.“ „Wie! . . . und Du ſelbſt ſagteſt mir ſoeben, daß Jeane nicht bei der Mutter San Privatos blei⸗ * „ 1 — 159 ben werde, wenn ſie dieſen ſo vieler Schwärze fähig glaube.“ „Ja, aber wer verſichert mich, daß Jeane meinen Enthüllungen Glauben ſchenken wird. Ich behaupte die Thatſachen, die ich ihr entſchleiere, ohne ihr an⸗ dere, als moraliſche Beweiſe zu geben. Sie würden einen unparteiiſchen Geiſt zu überzeugen genügen, aber ach! der Geiſt, wenn nicht das Herz Jeanes ſind in dieſem Augenblick zu Gunſten San Privatos geſtimmt.“ „Ach, mein armer Alter . Du haſt Recht ich freute mich zu früh . ich dachte nicht an das, was Du mir da ſagteſt . ... „Jeane wird aus Stolz zögern vielleicht nicht an ſo viel Schändlichkeit von Seiten eines Menſchen glauben wollen, der ſo große Anziehungs⸗ kraft für ſie beſitzt. Sie wird ſich gegen Beſchuldi⸗ gungen ſträuben, die allerdings demüthigend und evident ſind, aber der materiellen Beweiſe erman⸗ geln . ſie wird freiwillig die Augen vor der Wahrheit verſchließen, wenn die Wahrheit ihren Stolz verwundet und ihrer Neigung widerſtrebt.. .“ „Das iſt wahr das iſt wahr Nicht bloß muß das Mädchen die Thatſachen erfahren .. ſondern auch glauben ... daß der Böſewicht ein ach! mein Gott, ein Böſewicht iſt.“ „Alles hängt davon ab, welchen Glauben meine Tochter dieſen Enthüllungen ſchenkt.“ „Sie wird Dir glauben, davon ſei überzeugt. .. ſie wird dies Ungeheuer fliehen, zu Dir zurückkehren und dann ſprich .. Charles . welch ein ſchöner Moment für Dich! Aber Du antworteſt mir 160 nicht. .. Du ſeußzeſt.. Deine Augen werden feucht, ſtatt Dich mit mir bei dem bloßen Gedanken an den Augenblick zu freuen, wo...“ „Ach! dieſer Augenblick, ich rufe ihn mit allen meinen Wünſchen herbei, und doch fürchte ich ihn.“ „Wiel! fürchten Deine Tochter bei Dir zu ſehen?“ „Geneviève ... welches Leben kann ich dieſem unglücklichen Kinde bieten. Harte Entbehrungen in der Gegenwart ... und in der Zukunft furchtbares Elend.“ „Was ſagſt Du da?“ „Ach! Amme... Wie viel beträgt meine ganze Einnahme? Fünfzehnhundert Franken Renten, ſo lange ich lebe.“ „Im Ganzen zweitauſend Franken, meine kleine Rente eingerechnet... Kann man nicht bequem mit zweitauſend Franken jährlich leben, namentlich in unſern Bergen und dies, ohne mich zu rühmen, mein Alter, wenn die alte Geneviève an der Spitze der Haushaltung ſteht? Sei ruhig, es wird uns an nichts fehlen, geh! und Deine liebe Tochter ſoll Kleider tragen, die, wenn auch nicht reich, doch hübſch und friſch ſein werden, wie ſie.“ „Gutte Mutter, ich kenne Dein Herz, Deine Hin⸗ gebung, Deine Klugheit .. Nein, meine Tochter wird, ſo lange ich lebe, des ſtreng Nothwendigen nicht entbehren, . aber nach mir?“ „Nach Dir?“ „Meine Penſion erliſcht mit meinem Tode . und dann was ſoll aus Jeane werden und was ſoll ſie anfangen?“ „Wem ſagſt du das... Charles, was willſt Du, 3 161 daß ich antworten ſoll? .. Nun . nach Dir . wird Deine Tochter ſein, was ſo viele Andere. „Ja, ſie würde elend ſein ... wie ſo viele An⸗ dere! aber ſchöner als ſo viele Andere, und ſomit alle den Entwürdigungen ausgeſetzt, zu denen oft das Mißgeſchick führt. Ach! es iſt ſchrecklich Fluch über mich! ich beſaß mehr als hunderttauſend Livres Rente! ich habe ſie vergeudet, bald durch eine thörichte Raſerei, bald durch eine ſtrafbare Gleich⸗ gültigkeit! und es kann der rächende Tag erſcheinen, wo dieſer ſchreckliche Gewiſſensbiß meinen Todeskampf noch quält; ich laſſe meine Tochter im Elend .. aus dieſem Elend wird ſie vielleicht in einen Ab⸗ grund von Schmach ſinken! Und was brauchte es, um meine Tochter vor ſo viel Schande zu retten? Ach! weniger als ich leider oft in einer Orgien⸗ nacht beim Spiel verloren ... Achl Amme, ich er⸗ kenne es jetzt: ſei es Vorſehung, Zufall oder Schick⸗ ſalsſchluß, ſelten entgeht das Vöſe ſeiner Strafe!“ „Mein Gott, ſei doch vernünftig! wozu zum Vor⸗ aus das Glück vergiften, das Dir die Wiederkehr Deiner Tochter verurſachen würde, und hat nicht je⸗ der Tag ſeine eigene Plage? Und dann glaube mir, wenn Du Jeane bei Dir hätteſt, und für immer; wenn wir alle drei dort in unſrem Häuschen einge⸗ richtet wären, Du würdeſt die Sachen nicht mehr ſo ſchwarz anſehen. Warum endlich alles ſo ſchwer nehmen, und vergiſſeſt Du, daß es möglich wäre, daß Maurice, der Jeane noch immer liebt, eines Ta⸗ ges Jeane heirathete?... Er wird reich ſein; Du hätteſt dann nichts zu fürchten für die Zukunft Dei⸗ nes Kindes. Und wenn Maurice ſie auch nicht hei⸗ Sue, die Familienſöhne. 1v. 11 rathet, iſt ſie nicht ſchön genug, daß ein Anderer ſich glücklich fühlen würde, ſie als Frau heimführen zu dürfen? Er würde ihr vielleicht kein großes Vermö⸗ gen mitbringen, aber ſie könnten bequem leben und. ..“ Geneviève fuhr nach einer Unterbrechung fort: „Das ſind aber alles Worte in die Luft, damit kommt die Sache nicht vom Fleck; denken wir an das Nöthige. Du ſagſt, muß nun zuvörderſt zu Deiner Tochter ge⸗ bracht werden.“ „Ich habe dafür auf Dich gezählt, Amme.“ „Ja, ja, Du hätteſt wohl gar Jemand anders als mich beauftragt? Wann muß dieſer Brief wegge⸗ bracht werden?“ „Dieſen Morgen, ſogleich, wenn Du kannſt.“ „Gut!“ ſagte Genevisve, indem ſie den Brief aus den Händen von Charles Delmare in Empfang nahm. Dann fügte ſie, denſelben in die Taſche ſteckend, hin⸗ zu: „Ich gehe, Du haſt keinen andern Auftrag?“ „Das ſoll geſchehen.“ „San Privato wird auf der Hut ſein.“ „Sei ruhig, mein Alter: er ſoll ſeinen Mann finden.“ „Ich dachte, der Elende werde um dieſe Zeit auf ſeine Geſandtſchaft gegangen ſein.“ 5 „Ja, ja, aber man muß auf Alles bedacht ſein. Wenn ich nicht bis zu Jeane gelangen kann? wenn man mir weigert, mich mit ihr ſprechen zu laſſen?“ „In dieſem Falle bringſt Du den Brief zurück: Dieſer Brief, von dem Alles abhängen wird, wie „Nein, aber ich denke, man müßte den Brief in Jeanes Hände ſelbſt geben.“ 163 ich werde dann auf ein anderes Mittel denken, ihn ſicher zu meiner Tochter gelangen zu laſſen.“ „Wenn ich ſie ſehen kann, ſoll ich dann eine Antwort verlangen und warten?“ „Das iſt unnöthig; mein Brief iſt ſehr lang, Jeane wird ihn ohne Zweifel mit Bedacht leſen wol⸗ len. Du bitteſt ſie nur, die Antwort, welcher Art ſie auch ſei, hierher zu ſchicken.“ „Gut! Du gibſt ihr alſo die Adreſſe dieſes Hauſes?“ „Ja. Adieu, gute Amme; geh' und komme bald wieder. Gott weiß, was ich zu leiden habe, bis zu Deiner Rückkehr!“ „Ich werde nicht lange auf mich warten laſſen, denn ich bekomme ſicher wieder meine fünfzehnjähri⸗ gen Beine. Auf Wiederſehen, und Muth, mein Alter; ich werde Dir gute Rachricht bringen.“ „Gott erhöre Dich, Amme!“ antwortete Char⸗ les Delmare. Und er verſank in peinliche Gedan⸗ ken, während ſich Geneviève beeilte, ſich zu Ma⸗ dame San Privato zu begeben. Yritte Abtheilung. T. Madame San Privato hatte eine ziemlich große Wohnung im Quartier d'Antin; dem gleichgültigſten Beobachter mußten die Unordnung dieſes Logis und andere charakteriſtiſche Indizien der Miſchung von Luxus und Dürftigkeit aufgefallen ſein, in welchen die Schweſter von Herrn Dumirail zu leben gewöhnt war. Sie vollendete dieſen Morgen ihre Toilette mit großem Aufwand von verſchiedenen cosmetiſchen Mitteln, welche von ihrer Kammerfrau Catherine, einer großen und dicken, unreinlichen und ſchmutzig gekleideten Perſon, mit Schlarfen an den Füßen, mürriſch und unwillig gebracht wurden. „Das iſt erſtaunlich,“ ſagte Madame San Pri⸗ vato, welche vor ihrer Toilette ſaß und auf ihre Wangen eine Nüance von Karmin legte, „ja es iſt erſtaunlich, Catherine, daß Sie dieſe Nacht nichts gehört haben.“ 3 „Erſtaunlich oder nicht, Thatſache iſt, daß ich nichts gehört habe.“ „— 165 „Es war gegen zwei Uhr Morgens . auf der Seite, wo mein Sohn ſein Zimmer hat . „Welches Zimmer!“ „Wie, welches?“ „Nun! ja . .. Es handelt ſich darum, ob das Zimmer, das er jetzt bewohnt, oder ſein altes Zim⸗ mer, wo gegenwärtig Ihre Nichte ſchläft?“ „Ich ſpreche von dem Zimmer, das gegenwärtig meine Nichte bewohnt. Ich glaubte gegen zwei Uhr Morgens ein Geräuſch dort zu hören, wie wenn ein Möbel umgeworfen würde. Ich war ſchon im Be⸗ griffe aufzuſtehen, um meinen Sohn zu wecken . . . aber die Furcht hat mich zurückgehalten ich hüllte mich in meine Decke und habe nichts mehr ge⸗ hört.“ „Es war Morgens! .. Sie hatten Ihre Decke über den Ohren.“ „Gut! aber ich komme darauf zurück: wie war's möglich, daß das Geräuſch nicht bis zu Dir ge⸗ langte?“ „Nun, wenn man Ihnen nochmal ſagt nein!. .„ Das iſt zu langweilig.“ „Sie könnten, meine Liebe, mir etwas höflicher antworten . . . wenn es ſich um etwas ſo wichtiges handelt .. Das nächtliche Geräuſch hat mich er⸗ ſchreckt; ich fürchtete, Diebe hätten ſich in den Speiſe⸗ ſaal eingeſchlichen, um mein Silberzeug zu ſtehlen!“ „Ah ja wohl! Die Diebe hätten gewaltig ge⸗ ſtohlen, wenn ſie den Streich ausgeführt, die Un⸗ glücklichen!“ „Was ſoll das heißen, Mademoiſelle?“ 166 „Ihr Silberzeug?... Laſſen Sie mich in Ruhe! Das iſt ja algieriſches Silber!“ *) „Wie! Sie wagen es?“ „Nun, glauben Sie, man ſehe nicht recht, Ma⸗ dame? Ich wiederhole Ihnen, daß Ihr Silberzeug algieriſches Silber iſt, ſo wahr als die Diamant⸗ ohrringe, die Sie in den Ohren tragen, Straß ſind.“ „Unverſchämte! wenn ich nicht Mitleid hätte, ich „Wenn Sie Mitleid mit mir haben, Madame, ſo machen Sie mir doch das Vergnügen, mir meinen Lohn auszubezahlen, wenn's gefällig . . . Fünf Monate ſind rückſtändig . . . 's iſt ja nicht viel!“ „Ich wollte, Mademviſelle, um Sie zu bitten ſich noch etwas zu gedulden, Ihnen mittheilen, daß meine Pächter im Verzug ſind.“ „Bah! Ihre Pächter! . . . wieder algieriſches Silber „Ach! meine arme Catherine!“ verſetzte Ma⸗ dame San Privato mit ſüßlichem Tone, und den tiefen Zorn unter ihrem gewöhnlichen ſchleichenden Aeußern verbergend, „wenn Sie nicht ein ebenſo gu⸗ tes Herz hätten, als Sie einen boshaften Sinn haben, ſo wären Sie die unangenehmſte Dienerin, die man ſich denken kann, aber ich ertrage Vieles, weil ich weiß, daß Sie ſehr anhänglich an mich ſind.“ „Verſtehen wir uns recht; wenn ich anhänglich *) Eine Comvoſition, welche das ächte Silber tän⸗ ſchend ähnlich nachmacht. 167 an Sie bin, ſo iſt's nur wegen meiner rückſtändigen Gage, mit Einſchluß der Summen, die Sie mir für Vorſchüſſe ſchuldig ſind. Ohne dies wäre ich ſchon längſt nicht mehr bei Ihnen.“ „Nein, nein, Sie machen ſich ſchlechter, als Sie ſind; denn im Grunde, Catherine, haben Sie viel Gutes!“ „Na, na, na. Sie wollen mich mit Ihren Schmeicheleien einlullen, Madame, wie damals, als Sie mich vermochten, Sie nach dem Morillon zu beglei⸗ ten, wo ich endlich zu meiner Gage kommen ſollte; Ihr Bruder, ſagten Sie, würde Ihnen eine große Summe leihen; aber man hat ſie noch zu erwarten! Sie ſollen mich auch nicht mehr ſo weit kriegen, und wenn Sie mir am Ende dieſes Monats nicht meine Gage bezahlen, wo es ſechs Monate ſind, den jetzigen mit einbegriffen, und dann noch die zweihundert ſiebenundzwanzig Franken, die Sie mir für Vorſchüſſe ſchulden, ſo werde ich Sie beim Frie⸗ densrichter verklagen. Zählen Sie darauf.“ „Sie ſind ein Trotzkopf, Catherine, Sie ſind ein Trotzkopf!“ „Sie glauben vielleicht, daß das ergötzlich ſei, umſonſt zu dienen .. . und wie Hunde gefüttert zu werden (denn Gott weiß, was man hier für eine Küche führt, ausgenommen wenn Sie Diners geben, die vom Traiteur geholt werden), und dann den gan⸗ zen Tag das Anſchnautzen Ihrer Gläubiger ſich ge⸗ fallen zu laſſen, die von Morgens bis Abends Ihre Thüre belagern!“ „Dieſe Langweile ſoll Ihnen erſpart werden, elende Zänkerin; Sie weiſen die Gläubiger an meine 168 Nichte Jeane . ſie wird ſie empfangen, beruhi⸗ gen, ihnen ſchmeicheln und ſie zur Geduld bringen. Sie muß doch auch zu etwas dienen in dieſem Hauſe und ſich nützlich machen.“ „Armes Fräulein! . . . da hat ſie ein hübſches Geſchäft! . . ich kann das beurtheilen . . ich kenne es! „ 6 „Aber mir fällt ein,“ ſagte Madame San Pri⸗ vato, nachdem ſie einen Augenblick nachgeſonnen, „das Geräuſch, das ich dieſe Nacht in dem Zimmer meiner Nichte hörte . . .“ „Ach! Sie kommen noch einmal darauf zu⸗ rüch? „Schweigen Sie doch, Catherine! Sie ſind un⸗ erträglich! .. Ich ſagte, daß das Geräuſch, das, wie ich jetzt glaube, aus dem Zimmer meiner Nichte kam, vielleicht auf ein Unwohlſein deutet, das ſie dieſe Nacht beſiel und daß ſie etwas nöthig hatte. Waren Sie dieſen Morgen bei ihr?“ Ja „Hat ſie ſich nicht über ein Unwohlſein be⸗ klagt?“ Veitn „Ja! Nein! . . Sie ſind ſehr lakoniſch.“ „Ich antworte auf Ihre Fragen.“ „Meine Nichte ſchien Ihnen nicht leidend? Sie hat Ihnen nichts über ihre Geſundheit geſagt?“ „Doch, ſie hat einen Schloſſer verlangt.“ „Wie, einen Schloſſer?“ „Nun ja, ſie forderte mich auf, einen Schloſſer kommen zu laſſen.“ 2 169 „Das iſt ſehr ſeltſam... Und was wollte meine Nichte dieſem Handwerker befehlen?“ „Meiner Treu, das habe ich ſie nicht gefragt. Sie bat mich, einen Schloſſer holen zu laſſen; ich ſchickte den Portier nach einem ſolchen.“ Im Augenblick, als ſie dieſe Worte ſprach, hörte man an die Schlafzimmerthüre von Madame San Privato polhen, welche fragte: „Wer iſt da?“ „Ich, meine Tante,“ antwortete die Stimme Jeanes; „ich komme, Ihnen guten Morgen zu wünſchen.“ „Ich bin augenblicklich bei Dir, meine Liebe; ich ziehe mich gerade an; erwarte mich im Salon,“ verſetzte Madame San Privato, und ſie fügte beiſeit hinzu: „Ich kann mir nicht denken, wozu meine Nichte einen Schloſſer braucht.“ II. Während Madame San Privato ihre Toilette vollendete, erwartete Jeane ſie im Salon: ſie ſtand auf den Marmor des Kamins geſtützt und hielt ihre Stirne in der Hand, während ihr Blick auf den Voden geheftet war; ſie blieb unbeweglich wie eine Statue, nur das raſchere Wogen ihres Buſens und das beinahe unmerkliche Zittern ihrer Lippen, die ab und zu leicht ſich bewegten, deuteten auf eine heftige innere Aufregung und eine außerordentliche nervöſe Unruhe. Plötzlich den Kopf raſch erhebend und in den 170 Spiegel über dem Kamin blickend, begann ſich Jeane mit einer eigenthümlichen Aufmerkſamkeit und Be⸗ harrlichkeit zu betrachten. Das engelgleiche Geſicht des jungen Mädchens, das von den dichten Scheiteln ihrer blonden Haare umſchloſſen war, ſchien durch die Glut des Fiebers geröthet. Der Azur ihrer großen Augen, welche in dieſem Augenblick feucht und ſehr glänzend waren, ſchien ebenfalls durchſichtiger denn gewöhnlich, und verlieh ihrem Blick, der, durch das Zuſammenziehen der aſchgrauen, ſtark gebogenen Brauen etwas Dro⸗ hendes hatte, einen außerordentlichen Glanz; ihre Lippen, auf die ſie bisweilen convulſiviſch biß und die dadurch blutroth wurden, zogen ſich durch eine Art ſtechenden und finſtern Rictus' zuſammen; aber plötz⸗ lich bemerkte Jeane, welche aufmerkſam ihre vom Spiegel reflectirten Züge zu betrachten ſchien, am Anfang ihres ſo eleganten und ſchlanken Halſes eine kreisförmige Corroſion mit einigen blaulichen Nüancen vermiſcht, welche um ſo ſichtbarer hervor⸗ trat, als die Weiße dieſer Sammthaut ſonſt ſo blen⸗ dend war. Die Züge des jungen Mädchens nahmen, je länger ſie dieſes neue blaue Mahl betrachtete, nach und nach einen Ausdruck ſo furchtbaren Haſſes an, daß Jeane, von dem Spiegel zurücktretend, welcher ihr Bild wiedergab, mit dumpfer Stimme mur⸗ melte: „Ach! ich fürchte mich vor mir ſelbſt!“ Und ſie fügte mit bitter ſardoniſchem Tone hinzu: „Dona Juana! Dona Juana! Man darf nicht — 171 erſchrecken, man muß lächeln .. bezaubern, Leidenſchaften wecken .. . berauſchen. Gut, wir wollen es verſuchen.“ Mit dieſen Worten trat ſie wieder vor den Spie⸗ gel, und nach mehren vergeblichen Verſuchen gelang es ihr, eine bezaubernde Maske zu finden, in der ſich zu einem entzückenden Contraſte mit dem Feuer des Blickes alle Anmuth einer unwiderſtehlichen Co⸗ quetterie, alle geiſtigen Feinheiten einer lachenden Bosheit vermiſchten, die zu ſcharfer Jronie geſpitzt war. „Gut, Dona Juana weiß, wenn die Gelegenheit ſich bietet, dieſe Maske wiederzufinden, und Du wirſt gerächt ſein!“ ſagte Jeane zu ſich, indem ſie inner⸗ lich lächelte, als Madame San Privato nach vollen⸗ deter Toilette zu ihrer Nichte in den Salon trat. Jeane entfernte ſich alsbald vom Spiegel, der ihr die Maske zu finden gedient, die ſie beibehielt, und wieder auf den Marmormantel des Kamins ge⸗ ſtützt, ſcheinbar, ohne die Anweſenheit ihrer Tante zu bemerken, that ſie, als ob ſie in eine tiefe Träu⸗ merei verſunken wäre. „Woran denkt Jeane? Welche geheime Betrach⸗ tung vermag ihren Zügen dieſen entzückenden Aus⸗ druck zu verleihen?“ ſagte Madame San Privato vor Ueberraſchungzitternd zu ſich. „Nochnie erſchien mir meine Nichte ſo ſchön; mehr als ſchön; verführeriſch, unwiderſtehlich. Ich bin beinahe geblendet. Wel⸗ cher Blick! Ach, ich beginne den Gedanken Alberts zu begreifen, als er mir ſagte: „In dieſen Augen iſt von Allem etwas „ Ich fordere den kälteſten Menſchen auf, dieſem Blicke, dieſem Lächeln zu wider⸗ 172 ſtehen. Mein Gott! wie anbetungswürdig ſie iſt! Wenn nur mein Sohn keine Dummheit macht!“ Dann fügte ſie die Achſeln zuckend hinzu: „Was bin ich doch thöricht . Er eine Dumm⸗ heit!.. Er der Mann von Erz und Stahl.“ IMI. Jeane, welche abſichtlich die Wirkung der Maske verſucht, die ſie ſoeben angenommen, — denn trotz ihrer ſcheinbaren Zerſtreuung, beobachtete ſie doch im Ge⸗ heimen ihre Tante und ahnte, welchen Eindruck ſie auf ſie machte, — Jeane ſchien jetzt aus ihrer tie⸗ fen Träumerei zu erwachen und machte einige Schritte auf Madame San Privato zu. „Wie, das iſt ſeltſam! Die Phyſiognomie mei⸗ ner Nichte hat ſich ja vollſtändig verändert,“ dachte Ma⸗ dame Privato. Dann küßte ſie ihre Nichte auf die Stirne und fügte hinzu: „Guten Morgen, Jeane. Sage mir doch, an was Du ſveben dachteſt. . . als ich eintrat?...“ „Woran ich dachte?“ „Ja, in dieſem Augenblicke, Dein Geſicht war ein ganz anderes, als jetzt.“ „Mein Gott! ich wüßte Ihnen durchaus nicht zu ſagen, woran ich dachte, als daß ich mich ſehr glück⸗ lich ſchätzte, von nun an bei Ihnen zu wohnen, liebe Tante.“ „Bei mir.. und Albert?“ „Ohne Zweifel, weil er bei Ihnen wohnt,“ ant⸗ 3 173 wortete Jeane lächelnd, obgleich ſie bei dem Namen ihres Vetters ſchauerte. Aber dieſes Zittern bemerkte Madame San Pri⸗ vato nicht, und ſie verſetzte in ſardoniſchem Tone: „Du ſehnſt Dich alſo weder nach meinem lieben Bruder, noch nach meiner liebenswürdigen Schwä⸗ gerin, noch nach Deinem derben Landmann Maurice zurück, der, wie es ſcheint, hübſche Thorheiten be⸗ geht? Ich freue mich um ſo mehr darüber, als mein liebenswürdiger Bruder über ſeinen Sohn, dieſen rieſigen Pinſel, der meinen Albert verdunkeln ſollte, wüthend ſein muß.“ „Meine Tante Dumirail hat mich zu hart füh⸗ len laſſen, daß ſie und mein Onkel mich als Waiſe aufgenommen, als daß ich mich nach ihrem Hauſe zurückſehnen ſollte, wo ich überdies der Unannehm⸗ lichkeit ausgeſetzt war, Herrn Delmare zu begegnen.“ „Den Erbeau, der Deinen armen Vater im Duell getödtet?“ w „Ja, meine Tante. Auch hatte mich Maurice ſo ſchmählich einer Abenteurerin geopfert, daß ich mit Begierde das gaſtfreundliche Nnerbieten anneh⸗ men mußte, das mir mein Vetter in Ihrem Namen machte und für das ich Ihnen meine Dankbarkeit be⸗ weiſen zu können wünſchte.“ „Meine Liebe, es hängt von Dir ab, mir Deine Dankbarkeit zu beweiſen.“ „Ach! bitte, ſagen Sie mir, wie ...“ „Mein ausgezeichneter Bruder und meine nicht minder ausgezeichnete Schwägerin, welche grob ge⸗ nug war, mir bei ihrer Ankunft in Paris nicht mal einen Beſuch zu machen, werden wahrſcheinlich nicht 17⁴ ermangelt haben, Dir mitzutheilen, daß ich Schulden habe, indem ſie ſonder Zweifel über das, was ſie meine Unordnung nennen, tüchtig ſchmälten.“ „Ich wußte nicht.. .“ „Daß ich Schulden habe?“ „Ja, meine Tante.“ „Nun! ich habe Schulden . . . ich habe viele Schulden, und einige haben das Unangenehme, daß ſie abſcheulich ſchreiend ſind, was ſie unerträglich macht. Nun habe ich auf Dich gezählt, meine Liebe, daß Du...“ „Ach! meine Tante, ich wünſchte ich wäre reich, um Dir zu Hülfe zu kommen, aber . . .“ „Du begreifſt nicht .. Es handelt ſich einzig darum, meine Gläubiger zu beruhigen und zu be⸗ ſänftigen, um Zeit zu gewinnen, und ſie zu Friſten zu bewegen.“ „Und wie das machen?“ „Nichts iſt einfacher: man wird ſich an Dich wenden, Du biſt reizend, und wenn Du ſie nun freundlich empfangen und ihnen die entzückende Maske zeigen willſt, die Du eben bei meinem Eintritte hatteſt, ſo werden ſie nicht den Muth haben, Deine Bitten abzuſchlagen; ſie werden Dir für meine Schulden jede erdenkliche Friſt gönnen.“ „Sie täuſchen ſich, glaube ich, Tante, über den Einfluß, den Sie mir zuſchreiben; aber ſo ſchwach er auch ſein mag, er ſteht ganz zu Ihren Dienſten und „Halt!“ ſagte plötzlich Madame San Privato, ihre Nichte unterbrechend, „was haſt Du am Halſe?“ 175 „Laſſen Sie ſich das nicht kümmern, meine Tante,“ antwortete Jeane gleichgültig, „es iſt nichts.“ „Nichts! ein ſolches blaues Mahl ... Du biſt, ſcheint es, nicht weichlich?. Aber wie iſt Dir das begegnet?.. Ja, ja, es fällt mir ein. ich glaubte dieſe Nacht Geräuſch in Deinem Zimmer zu hören man hätte glauben können, es werde ein Möbel in Deinem Zimmer umgeworfen...“ „Meine Tante ich... „Endlich dieſen Morgen, als Du aufſtandſt, ließeſt Du einen Schloſſer holen . „Ja, meine Tante.“ „Wozu dieſen Schloſſer?“ „Ich wollte einen Riegel an meine Thüre be⸗ feſtigen laſſen.“ „Einen Riegel!. .. wozu?“ „Liebe Tante,“ ſagte Jeane lächelnd; „unter an⸗ dern Fehlern habe ich auch den, ſehr ängſtlich zu ſein; ich kann nicht ruhig ſchlafen, wenn ich nicht die Thüre feſt verſchloſſen weiß.“ „Ich wette, daß Du eben wie ich Furcht vor Dieben haſt.“ „Ich habe die größte Furcht und dieſe Nacht „ „Dieſe Nacht?“ „Sie werden ſich über mich luſtig machen . „Vollende .. vollende „Ich ſchlafe nicht ruhig, habe ich Ihnen geſagt, wenn ich nicht die Thüre feſt verriegelt weiß .. meine verwünſchte Feigheit macht mir ſchweres Alp⸗ drücken Dieſe Nacht alſo glaubte ich Diebe in mein Zimmer treten zu ſehen, und einer wolle mich 176 erdroſſeln. Der Schmerz weckte mich auf. Wiſſen Si, nun, meine Tante, wer mich etwriß ſelte?. „Was willſt Du ſagen?“ „Ich war es ſelbſt.“ „Wie?“ „Ja, während meines Alpdrückens preßte ich mir den Hals mit ſolcher Heftigkeit. Daß in der That ein turſthen Merk⸗ mal davon zurückblieb Du mußt Dir aller⸗ dings mit einer juchtparen den Hals zuge⸗ drückt haben . „So ſehr, daß der Schnerz, wie geſagt, meine Tante, mich plötzlich aufweckte; aber in meinem Schre⸗ cken und noch halb eingeſchlafen, denke ich nur an die Diebe, die ich in meinem Traume ſah „ich will meine Thüre ſchließen . . . ich ſpringe aus dem Bette und im Finſtern herumtappend, ſtürze ich einen Gueridon um.“ „Daher das Geräuſch, das ich hörte . . . ich täuſchte mich nicht. „Nein, meine Tante. Nachdem nun mein Traum ganz verſchwunden, erinnerte ich mich, daß meine Thüre nur durch den Riegel verſchloſſen werden kann . ich legte mich wieder zu Bette . . . und meine Nacht verging ohne einen neuen Traum; um ſie jedoch für die Zukunft beſchwören zu können, bitte ich Sie, liebe Tante, um einen guten Riegel an meine Thüre, dann werde ich nicht nöthig haben, Sie aufzuwecken, indem ich in meinen Anfällen von lächerlicher Furcht die Möbel umſtürze.“ 177 „Du wirſt ſo viele Riegel an Deine Thüre bekommen als Du willſt, meine Liebe; ich bin ſehr furchtſam, und entſchuldige deßhalb vollkommen Deine Aengſtlichkeit.“ Und Madame San Privato fügte hinzu, als ſie Catherine eintreten ſah: „Was wollen Sie?“ „Eine alte Frau iſt da, welche mit Mademviſelle ſprechen will.“ „Was will ſie von mir?“ „Sie allein ſprechen, Mademoiſelle.“ „Wohl eine Bettlerin,“ verſetzte Madame San Privato hart und zuckte die Achſeln. „Schicken Sie ſie fort „Dieſe Frau hat nicht das Ausſehen einer Bett⸗ lerin,“ verſetzte Catherine: „ſie gleicht vielmehr einer guten Bäuerin . . . Sie hatte Thränen in den Augen, als ſie mit Mademviſelle zu ſprechen ver⸗ cte „Nun gut, was beweist das? Hat meine Nichte Beziehungen zu Bäuerinnen?“ „Thut nichts, meine Tante, man darf dieſe gute Frau nicht abweiſen, ich will ſie ſehen; wenn ſie arm iſt, werde ich ihr das Wenige geben, worüber ich verfügen kann, und durch einige gute Worte die Beſcheidenheit meiner Habe entſchuldigen,“ ver⸗ ſetzte Jeane und verließ den Salon. Sue, die Familienſöhne. Iv. 12 Charles Delmare, welcher in der größten Auf⸗ regung war und deſſen Züge bald Hoffnung, bald Zweifel verriethen, machte bisweilen einige Schritte durch ſeine traurige Manſarde in der Rue Nicolas, bald ſetzte er ſich wieder niedergeſchlagen auf den Rand ſeines Bettes und murmelte: „Sie kommt nicht, ſie wird nicht kommen!“ „Warte nur, mein Charles,“ antwortete Gene⸗ vieve, „warum die Sachen gleich über den Haufen werfen? . . . Es ſind ja erſt zwei kleine Stunden, ſeit Deine Tochter den Brief erhalten hat . . . warum zum Voraus daran verzweifeln? Statt zu . „Amme,“ verſetzte Delmare, indem er ſeinem geheimen Gedanken nachhing und Genevièdve unter⸗ brach, „ſage mir noch einmal, was bei Deiner Be⸗ gegnung mit Jeane geſchehen.. und ſuche nament⸗ lich die kleinſten Einzelnheiten in Dein Gedächtniß zurückzurufen.“ „Von ganzem Herzen gerne, wenn Du villſt, mein Alter; es iſt zum vierten Male, daß ich Dir daſſelbe erzähle. Aber da Du mal ſo willſt, ſo ſeis. Ich läutete, die Bonne öffnete mir das Haus: ich machte ihr meine hübſche Reverenz, nur um ſie Mademoiſelle Jeane Dumirail zu führen, die ich allein ſprechen müſſe. Warten Sie hier, ant⸗ — wortete mir die Dienerin, und nachdem ich kurze 6 Zeit im Vorzimmer gewartet, erſchien Deine Tochter. 3 * 6 — gleich gut zu ſtimmen, dann bat ich ſie, mich zu 1¹9 Ach! wie ſie ſchön war, mein Gott! wie ſchön ſie war!“ „Daran zweifle ich nicht. Aber ich frage noch einmal, was ſagten ihre Züge?“ „Anfangs erſchien ſie mir etwas blaß, wie ich bereits geſagt; und dann kam ſie mir auch ziemlich traurig vor.“ „Es iſt ſchmerzlich, ſich's geſtehen zu müſſen, Amme, dieſe Trauer Jeanes iſt für mich von guter Vorbedeutung.“ „Das iſt ganz einfach. Sie iſt traurig, ſie ge⸗ fällt ſich da nicht, wo ſie iſt; das iſt für uns ein gutes Zeichen. Endlich trat ſie näher und ſagte mit ſanfter guter Stimme ... „Nicht wahr, wie reizend der Klang ihrer Stimme iſt?“ „Eine wahre Engelsſtimme, mein Charles! Ja, alles an ihr iſt engeliſch, ihre Stimme, ihr Ge⸗ ſicht, ihr Blick. Und als ich ſie ſah, ſie hörte, dachte ich: Wo konnte mein Alter etwas Dämoniſches an vieſem ſchönen Engel mit blonden Haaren entdecken? In Folge deſſen habe ich . . . aber darauf werden wir zurückkommen, Du willſt ja Details. Deine Tochter ſagte jedoch mit ihrer ſanften Stimme zu mir: Was kann ich für Sie thun, gute Mutter?⸗ Ja, bei dieſen Worten Deiner Jeane, die mich gute Mutter nannte, kamen mir unwillkürlich die Thrä⸗ nen in die Augen; ſie bemerkte es und ſagte mit noch weicherer Stimme: „Sie weinen, bitte, was haben Sie? Ach, Madeuwiſelle Jeane, das ſind gute Thränen, aber ſie würden ſehr ſchmerzlich ſein, wenn Sie den Brief abweiſen würden, den ich 180 Ihnen hier überbringe .. . fügte ich hinzu, indem ich mich beeilte, mit meinem Auftrage zu Ende zu kommen, da ich fürchtete, der Stutzer oder ſeine Mut⸗ ter möchten uns überraſchen.“ „Jeane, ſagteſt Du mir, weigerte ſich anfangs den Brief anzunehmen?“ „Ja, und mit einem Blick von Ueberraſchung und Mißtrauen ſagte ſie zu mir — ach leider war es ſchon nicht mehr der Engelsblick — von wem iſt der Brief? „Sie werden es erfahren, wenn Sie ihn leſen, liebes Fräulein, und Sie werden die Zeit nicht bereuen. Noch einmal, von wem iſt dieſer Brief? Antworten Sie mir, oder ich gehe, verſetzte Deine Tochter in kurzem, entſchiedenem, ja beinahe hartem Tone. Da glaubte ich ihr ſagen zu müſſen: Herr Charles Delmare hat ihn geſchrieben.“ „Mein Name machte anfangs einen peinlichen Eindruck auf ſie?“ „So peinlich, daß, als ſie Deinen Namen hörte, ſie weit nicht mehr einem Engel glich! Ihr Geſicht verzog ſich, ſie warf mir einen häßlichen Blick zu und verſetzte: „Sie werden Herrn Delmare ſagen, daß ich ſehr erſtaunt ſei, daß er mir zu ſchreiben wage, und werden ihn bitten, ſich künftig nicht mehr bemühen zu wollen .. Damit dreht ſie mir den Rücken und geht nach der Thüre, durch die ſie eingetreten war. Ach! mein armer Alter! in dieſem Augenblick nahm mein Blut eine Richtung, alles war aus ... Ich dachte an Deine Verzweiflung, wenn ich Dir den Brief zurück brächte, als ſich plötz⸗ lich Deine Tochter eines Beſſern zu beſinnen ſchien, ſtehen blieb, nachſinnt, ſich umdreht und zu mir zurück kömmt. Aber dann war ihr Geſicht ſo traurig, ſo traurig, daß man hätte die Jungfrau mit den ſieben Schmerzen zu ſehen glauben können. „Geben Sie mir den Brief, ſagte Deine Jeane mit der Stimme zu mir, die wieder engelhaft gewor⸗ den. Dann fragte ſie mich, für den Fall, daß ſie eine Antwort geben wollte, wohin ſie ſie ſchicken ſolle. Unſere Adreſſe ſteht im Brief, ſagte ich. Bei dieſen Worten unſere Adreſſe ſagte Deine Tochter gütig zu mir: „Sind Sie nicht die Amme des Herrn Delmare, wohnen Sie nicht mit ihm im Jura? Ja, Mademoiſelle. Wenn ich glaube, an Herrn Delmare ſchreiben zu müſſen, fügte ſie hinzu, ,ſo wird er meinen Brief noch im Verlaufe des Tages erhalten. Adieu, meine gute Mutter. Deine Tochter kehrte in das Zimmer zurück und.. .“ „Höre!“ ſagte plötzlich Charles Delmare zitternd und die Ohren nach der Thüre hinhaltend. „Es iſt mir, als wenn man geklopft!“ „Das muß ſehr leiſe geſchehen ſein, denn ich habe nichts gehört!“ Geneviève ſprach die letzteren Worte, als man von Neuem ſchüchtern zweimal an die Thüre pochte. „Sie iſts!“ rief Charles Delmare, indem er nach der Thüre ſtürzte und öffnete: „es iſt meine Tochter!“ Er täuſchte ſich nicht. Jeane trat in die Man⸗ ſarde, und Geneviève, welche vor Freude ſtrahlte und der der Athem faſt verſagte, ging hinaus, in⸗ dem ſie, um den Erguß väterlicher Zärtlichkeit icht ½ noch gequält worden war, als er ſich fragte: ob die 182 Zeichen, daß wir gehen; ich eile auf die Poſt von Nantua, drei Plätze für morgen zu beſtellen. Gott ſei gelobt; wir werden nicht in Paris ſterben!“ V. Vater und Tochter ſtürzten ſich alsbald nach dem Weggehen von Geneviöve in die Arme, ohne ein Wort zu ſprechen, und hielten ſich lange Zeit um⸗ ſchlungen; das dumpfe Schweigen der Manſarde wurde durch Schluchzen, Seufzen, Ausrufungen, und den unausſprechlichen Jubel der Freude unter⸗ brochen, in den ſich abgeriſſene Worte miſchten. Es iſt unmöglich, eine ſolche Scene treu zu ſchildern, aber man kann ſie ſich vorſtellen, wenn man an die zärtliche Zuneigung denkt, welche Jeane bereits da⸗ mals für ihren theuren Meiſter empfand, als ſie auf dem Morillon täglich im vertrauten Umgang mit ihm verkehrte. Die Freude des jungen Mädchens war indeß auch mit Bitterkeit vermiſcht: ſie findet ihren Vater wieder, aber ſie erfährt dabei zu gleicher Zeit die Schande ihrer Mutter, für die ſie bis dahin eine tiefe Verehrung gehegt; nichts trübte in dieſem Au⸗ gelblice das Gluc Charles Delmares. Man kann ſich ſeine Trunkenheit denken, wenn man ſich der Angſt entſinnt, von der er einige Augenblicke zuvor — 183 Tochter ſitzen, und vor ihr knieend, nahm er ihre Hände in die ſeinen, und mit noch von den letzten Thränen feuchten Augen ſagte er: „Endlich mieine Jeane, mein Kind! biſt Du bei mir .. Du haſſeſt mich nicht mehr . . . Du liebſt mich . . . da Du zu mir gekommen .. . ja, Du liebſt mich ſprich! . nicht wahr, Du liebſt mich? „Guter Vater! . . . „Wiederhole dieſe Worte . . ich bitte Dich .. wiederhole ſie ſie ſind meinem Ohre ſo ſüß! Zum erſten Male, ſiehſt Du ... höre ich ſie aus Deinem Munde! . . .5 „Lieber und guter Vater . ja, ich liebe Sie!“ 6 „Sie? ol ſage nicht Sie das iſt ſo alt!“ „Ich liebe Dich . ich liebe Dich zärt⸗ licher Vater! . . . ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele... Dich, der jetzt mein einziger Freund iſt . meine einzige Stütze in dieſer Welt Dich, der während dreier Jahre ſo viel litt unter dem Zwang, den die Pflicht ihm aufer⸗ legtel . . . Du liebteſt mich wie Dein Kind . und Du mußteſt mich vor den Augen Aller wie eine Fremde behandeln. .. Du, der, ſeitdem ich auf der Welt bin, nur dafür lebte, mich zu vergöttern . .. Armer Vater! . . . wie viel habe ich noch eben ge⸗ weint, als ich Deinen Brief, die Schilderung Deiner Qualen las, wie Du Dich vergeblich bemüht, die Spuren meiner Mutter und mich zu finden! .. Ach, wie weinte ich, als ich den rührenden Ausdruck Deiner Freude, Dich mir auf dem Morillon nähern zu können, las Aber Jeane, welche jetzt erſt daran dachte, daß ihr Vater vor ihr auf dem Boden kniee, machte eine Bewegung um ihn aufzuheben und ſagte: „An mir iſt's, hier vor Dir auf den Knieen zu liegen.“ „Bewege Dich nicht! bewege Dich nicht! Kind! ich bin ganz gut hier!. . . Und muß ich nicht auf den Knieen zu Dir ſagen: Verzeihung?“ „Verzeihung, Vater! und wofür?“ „Für ſo viel Unglück!“ antwortete Delmare, ein Schluchzen erſtickend und einen traurigen Blick in der düſtern Manſarde umherwerfend. — „Sieh! doch, welches Elend! ſieh doch!“ „Ich ſah es nicht,“ antwortete Jeane mit einem unausſprechlichen Lächeln; „und dann, was iſt mir dieſe Noth, leideſt Du darunter?“ „Ich nicht, aber wenn ich, ſtatt mein Vermögen toll zu vergeuden, es zuſammengehalten, ſo .. „Würdeſt Du mich mehr lieben, Vater?“ „Mehr, — das iſt unmöglich.“ „Weßhalb dann dieſe Reichthümer bedauern?“ „Ach! weil die Reue, die Gewiſſensbiſſe über mei⸗ nen Ruin das göttliche Glück vergiften, das ich heute genieße. Ja, verwünſcht ſei meine frühere Verſchwen⸗ dung! Ich bin jetzt arm, wo ich die theuerſte, die heiligſte der Pflichten zu erfüllen habe, die Bedürf⸗ ten, als meine Blöße zu theilen! Unglücklicher, der ich bin! Fluch über mich!“ 3 niſſe meines Kindes befriedigen ſoll, deren einzige Stütze ich jetzt bin, und ich kann ihm nichts bie⸗ S. — Je deutlicher Charles Delmare ſeine Gedanken, ſeine Hoffnungen und ſeine Plane ausſprach, von nun an nur ihr zu leben, deſto verlegener ſchien Jeane zu werden. Ihre Züge, die bis dahin durch die kindliche Zärtlichkeit hell geſtrahlt und durch eine „ ſüße und lebhafte Rührung ſich belebt und gefärbt, wurden nach und nach ernſt und blaß. Delmare, welchem die plötzliche Veränderung in der Phyſiognomie ſeiner Tochter auffiel, und der ſich über die Urſache derſelben täuſchte, murmelte mit einer von Thränen, die er zurückzuhalten ſuchte, un⸗ terbrochenen Stimme: „Mein angebetetes Kind, Du denkſt an die Zu⸗ kunft, die Dich erwartet! Ach! unſre gemeinſame Noth macht ſie furchtbar in Deinen Augen, nicht wahr?“ 8 „Du Du der Du mich doch kennſt, wie kannſt Du mir eine ſolche Furcht unterſchieben!“ ruft Jeane mit dem Accente ſchneidenden Vorwurfs. „Ich mich fürchten, Dein Unglück zu theilen, wäh⸗ rend ich im Gegentheil im Begriffe war .. Und indem ſie ſich unterbrach, fuhr Jeane fort: „Ach! die Zukunft, die mag ſo ſchlecht ſein als ſie will, iſt nicht die Urſache zu dem Schauer, die Du in meinen Zügen lieſeſt . . . „Was iſt die Urſache dieſes Schauers?“ „Die Vergangenheit.“ „Die Vergangenheit iſt ſchmerzlich, ich weiß es, armes Kind aber . . .“ „Nein, nein, Du kennſt dieſe Vergängenheit nicht, von der ich ſpreche, Du kannſt ſie ſogar nicht mal ahnen.“ 186 „Was willſt Du ſagen?“ „Vater . . ich will ſagen, daß wir beide des Muthes bedürfen!“ Das junge Mädchen ſtand auf, indem ſie die bei⸗ den letzten Worte mit einem ſolchen Nachdruck betonte, daß Delmare zitterte und vom Boden, auf dem er kniete, aufſprang und ausrief: „Jeane, Du haſt mir alſo eine furchtbare Ent⸗ hüllung zu machen? . . . Du ſchauerſt, Deine Bläſſe mehrt ſich . .“ „Ich werde alſo blaß . . . da ich an ihn denke.“ „An wen?“ „An San Privatv.“ „Was höre ich? ach! wie viel Haß!“ — rief Delmare. Und doch hatte ſeine Tochter bis jetzt nur den Namen San Privatos genannt; aber die Züge, der Blick, die Stimme Jeanes deuteten auf ſo unerbitt⸗ liche Gefühle, daß ihr Vater wiederholte: „Du haſſeſt ihn alſo tödtlich, dieſen Menſchen?“ „Ich haſſe ihn!“ „Gott ſei Dank! Du kennſt es jetzt, dieſes Un⸗ thier! .. Daher Deine Verwünſchung, nicht wahr?“ „Vater!“ antwortete Jeane nach einer Pauſe mit einem unausſprechlichen Ausdruck: „Vater, Du haſt mich vorgeſtern geſehen . . Sieh mir wohl ins Geſicht was ſcheint Dir heute Deine Toch⸗ „Jeane! . Jeane! . . ich verſtehe den Sinn Deiner Worte nicht . . . und doch . . . o Unglück! — 187 ihre Betonung . . . Dein Blick . . . machen mich bis ins Mark erkalten .. „Vater. antworte . . . Du haſt mich vorge⸗ ſtern geſehen. . . wie erſcheint Dir heute Deine Tochter? ...5 „Großer Gott! . . . Jeane . . . Dein Geiſt ver⸗ wirrt ſich! . .. „Nein, ich beſitze meine ganze Beſinnung, meine ganze Vernunft . . . armer unglücklicher Vater, der Du bit „Warum nennſt Du mich jetzt armer, unglück⸗ licher Vater? während Du mich im Gegentheile ſo glücklich ſiehſt, daß ich bei Dir ſein kann? . . . Sprich . . . mein Kind . . . ich beſchwöre Dich. .. erkläre mir den Sinn Deiner ſeltſamen Worte . .. unwillkürlich erſchrecken ſie mich. . . Und dann, ſieh. . . ich bitte Dich, blicke mich nicht ſo an ... Du machſt, daß ich weinen möchte . . . mein Herz bricht, ohne daß ich weiß, weßhalb.“ „Was würde erſt geſchehen, o mein Vater, wenn Du die Urſache Deiner ſchmerzlichen Befürchtungen kennteſt! wenn auf Deine Ahnungen die Ge⸗ wißheit folgte? . .. dieſer Augenblick iſt gekommen vernimm ..5 Jeane geht jedoch, ſich unterbrechend, nach der Thüre, dreht den Schlüſſel zweimal um und ſteckt ihn in ihre Taſche, zum großen Erſtaunen Delmares, der ſich an ſeine Tochter wendend fragt: „Wozu die Thüre ſchließen?... und den Schlüſſel einſtecken?“ „Damit Du nicht fortgehen kannſt.“ „Und warum, mein Kind, fürchteſt Du, daß ich weggehen werde?“ „Ach, warum?“ verſetzte das junge Mädchen mit einem unheimlichen Lächeln, „weil ein Menſch ba ge Aber Jeane hielt plötzlich inne und ſprach das Wort getödtet nicht aus. „Vollende!“ verſetzte Delmare, der den Gedan⸗ ken ſeiner Tochter nicht ergründete, „vollende! .. was wollteſt Du ſagen?“ „Ich wollte ſagen, daß ein Menſch bald von ſchlimmen Gefühlen hingeriſſen iſt! . . .“ „Du verheimlichſt mir Deine Gedanken . . das iſt's nicht, was Du ſoeben zu ſagen im Begriffe ſtandeſt.“ „Das iſt wahr, aber es thut nichts; höre mich, und Du wirſt erfahren, Vater, warum ich Dich fragte, wie Dir heute Deine Tochter erſcheine.“ VI. Delmare, von den grauſamſten Ahnungen er⸗ füllt und durch die Aufregung niedergedrück, ſetzte ſich auf den Rand ſeines ſchlechten Bettes, ſtützte ſeine Elbogen auf die Kniee und barg ſein Geſicht in ſeine Hände. Die ſardoniſche Bitterkeit des Lä⸗ chelns ſeiner Tochter zerriß ihm das Herz. „Mein Vater,“ fuhr Jeane fort, „ich las in Deinem Brief, daß Du von den Urſachen meiner Zuflucht zu Madame San Privato unterrichtet biſt?“ „Ja, Du folgteſt dem Drange Deines durch die 189 Vorwürfe Deiner Tante verwundeten Stolzes und dem Abſcheu, den ich Dir einflößte, da Du damals den Mörder Deines Vaters in mir ſahſt.“ „Dieſer vorgebliche Schrecken, den ich übertrieb, war, ich geſtehe es ein, nur ein Vorwand. Ich erlag der Anziehungskraft, die San Privato für mich hatte,“ verſetzte Jeane, auf's Neue bei der Nennung dieſes Namens erblaſſend. „Ich hatte an jenem Tage eine lange Unterredung mit ihm, deren Inhalt we⸗ nige Worte bezeichnen: Jeane, ſagte er zu mir, ich liebe Sie .. Wenn Sie mich genug liebten, um mich zu heirathen ... ich träumte für uns beide ein ideales Leben. Ich wäre Don Juan . Sie Dona Juana . . . Begreiſſt Du, mein Vater? Ich wäre Dona Juana, der weibliche Don Juan.“ „O meine Ahnungen, meine Ahnungen! . . . Ich war deſſen gewiß, daß dieſer Elende, indem er, was Schlimmes am Grunde der Seele meiner Toch⸗ ter lag, aufwühlte, ſeinen verwünſchten Einfluß ſich ſichern werde!“ murmelte Delmare; und dann fügte er laut, an Jeane gewandt, hinzu: „Ach! ich begreife nicht nur, ich ahne leider Dei⸗ nen Gedanken. Ja, dieſer eingebildete Typus der Dona Juana, ihre Kühnheit, ihre ſpottende Verach⸗ tung der zahlreichen Opfer, haben, ſtatt Dich zu em⸗ vören, Dir zugelächelt, unglückliches Kind! Die Stei⸗ gerung des Verbrechens, die ſtolze Verachtung, die er auf Alle und Alles warf, verliehen ihm in Dei⸗ nen Augen eine Art unheimlicher Größe. Mein Scharfblick verwirrt Dich!“ fügte Delmare bitter hin⸗ zu, indem er das wachſende Staunen bemerkte, das ſich in Jeanens Zügen ſpiegelte. „Ja, ſeit lange kenne 190 ich Dich im Guten und im Böſen „ beſſer als Du Dich ſelbſt kennſt. . . denn ſchon damals auf dem Morillon, wo ich Dich während dreier Jahre mit der umſichtigen Beſorgtheit eines Vaters ſtudirte, ahnte ich, als Du ſie ſelbſt noch nicht kannteſt, die ſchlimmen Gährungskräfte, welche im Grunde Dei⸗ ner Seele ſchlummerten, und die ohne dieſen Elenden, welcher Dich vielleicht bereits verdorben, in Ermang⸗ lung von Nahrungsſtoff und Gelegenheit, ich ſchwöre es, vom Schlaf in Tod übergegangen wären!“ „Du ſprichſt wahr, mein Vater, Du ſprichſt wahr; Du liſeſt im tiefſten Geheimniß meines Her⸗ zens! Ja, der verwegene Charakter der Dona Juana hat mich verführt, meine Leidenſchaften aufgeregt: ja, ich träumte dieſes Ideal zu verwirklichen; aber weißt Du, welcher Beweggrund mich antrieb? Ich wollte Qual mit Qual vergelten und an den Mär⸗ tyrern meiner Coquetterien grauſame Repreſſalien für das nehmen, was mich Maurice durch ſeine Unbe⸗ ſtändigkeit hatte leiden laſſen!. .. Ach! dieſes Rache⸗ bedürfniß war noch immer Liebe,“ fügte Jeane mit herzzerreißender Stimme hinzu; — „ich liebte Mau⸗ rice ſtets. . ich liebe ihn noch immer!“ „Was höre ich!“ rief Delmare, und ſeine Ver⸗ zweiflung verwandelte ſich plötzlich in ſtrahlende Hoff⸗ nung. „Du liebſt Maurice noch?“ „Ob ich ihn liebe? .. Ach, Unglückliche, die ich bin! .. Meine Liebe zu ihm iſt lebhafter, denn je, ſeit ich Deinen Brief geleſen, mein Vater. Es iſt nicht mehr Zorn, was mir der einflößte, de mein Bräutigam war, ſondern inniges Mitleid.“ „Jeane mein geliebtes Kind!“ verſetz 191 Delmare tief gerührt und ſeine Hoffnung beinahe ſchon erfüllt glaubend, „Du biſt offen, und es iſt mir unmöglich daran zu zweifeln; Deine Liebe über⸗ lebt die Untreue von Maurice. Du haſt ihm ſeine vorübergehende Verirrung verziehen?“ „Ach! wie ſollte ich ſie ihm nicht verzeihen, mein Vater? Haſt Du mich nicht von der Todesgefahr unterrichtet, der er entgegengegangen? Haſt Du mir nicht mitgetheilt, in welche treuloſe und ſchänd⸗ liche Intriken man ihn verwickelte? Er, der ſo treu⸗ herzig, ſo zutrauensvoll, ſo loyal, wie hätte er nicht ſo vielen Verführungen erliegen ſollen? Was nützen die ſpäten Gewiſſensbiſſe und die Pein, die mich nun erfaßt? Ich vergoß bittere Thränen bei dem Gedanken, daß ich, vom Stolze hingeriſſen, vom Zorne geblendet, Maurice unerbittlich zurückgeſtoßen, als er, über ſeine Unbeſtändigkeit erröthend, erſchrocken über die Hinreißungen, die er voraus ſah, zu mir zurück⸗ kam und um Vergebung flehte. Acht verwünſcht ſei meine Härte! es war vielleicht noch Zeit, für ihn, wie für mich, dem Unheil zu entgehen, das uns in einen Abgrund von Unglück hinab zieht.“ „Es iſt noch Zeit, dieſem Unheil zu entgehen wir ſind gerettet!“ rief Delmare von Freude berauſcht. „Vergißt Du, was mir noch vorgeſtern Maurice ſagte? . 3ch fühle für Jeane, was ich nie für eine andre Frau gefühlt und wohl auch nie fühlen werde .. Ach, wenn ſie San Privato nicht geliebt, wenn ſie mir treu geblieben, würde ich ſie vielleicht um Vergebung für die Vergangenheit anflehen, um einen Schutz gegen eine Zukunft bitten, deren Gefahren ich voraus ſehe, weil ich meine et Privato einflößt.“ 192 Schwäche kenne; und durch meine Reue, durch meine fortan unveränderliche Liebe würde ich das Herz meiner Braut wieder zu gewinnen wiſſen . . „Der liebe und gute Maurice! wirklich, er ſagte das, mein Vater? Ich habe alſo nicht allein unſere gebrochene Liebe, unſere zerriſſenen Bande beweint?“ verſetzte Jeane mit Thränen in den Augen, die Gegenwart vergeſſend und die tiefe Rührung Del⸗ marens theilend. „O ſüße und edle Liebe meiner erſten Jugend, unerſchöpfliche Quelle reiner und fri⸗ ſcher Erinnerungen. Du wirſt wenigſtens mein ewiger Troſt ſein, mein koſtbarſter Schatz! . . . Wie oft ſchon habe ich von meinem Kummer ausgeruht, indem ich mir jene glücklichen Tage zurück rief, wo Maurice mir vorſchlug, ſeinen Thron von roſiger Luzerne zu theilen und mich als Königin der wilden Roſen und Kornblumen krönen zu laſſen. lachende Symbole des glücklichen Looſes, das mir beſtimmt war! „Und das noch Dein Loos ſein wird, wenn Du es willſt; und Du wirſt es wollen, meine vielgeliebte Jeane!“ rief Delmare, immer aufgeregter werdend durch eine Hoffnung, die in ſeinen Gedanken ſchon an Gewißheit ſtreifte. Dann fügte er hinzu, indem er nach der Thüre ging: „Warte Jeane, ich komme bald wieder zurück.“ „Wo gehſt Du hin, mein Vater?“ „Ich hole Maurice . . . Freude des Himmels! er ſoll erfahren, daß Du ihn mehr als jemals liebſt, denn Deine Liebe zu ihm hat ſich um den ganzen Abſcheu, den ganzen Haß gemehrt, den Dir San „ Dieſer verabſcheute Name, welcher Jeane den melancholiſchen Träumereien über die Vergangenheit entriß, warf ſie wieder mit Gewalt in die furchtbare Wirklichkeit zurück. Sie zitterte, legte die Hände an ihre Stirne und ſich auf Delmare zuſtürzend, ſagte ſie in herzzerreißendem Tone und mit gebrochener Stimme: „Mein Vater, höre mich! Du Maurice ſagſt Du?“ „O! ich werde ihn finden, und wenn ich ihn ſelbſt den Armen dieſer unwürdigen Frau entreißen müßte, unter deren Joch er ſich unwillkürlich ge⸗ beugt. „en Vater, höre mich, ich beſchwöre Dich.“ „O ich weiß, was Du mir ſagen willſt. Maurice werde nicht mit mir gehen wollen ... werde einer Empfindlichkeit gegen Dich ſich nicht entſchla⸗ gen können . . . Irrthum, armes Kind, Irrthum! Du weißt nicht, welche Actente ich in meinem Her⸗ zen werde finden können, um Maurice zu ſagen: Glaube mir, Jeane hat Dich immer geliebt, ſie iiebt Dich noch, hat Dir verziehen, ſie verwünſcht San Privato . . . Sie erwartet Dich bei mir. Komm, komm! * Und ich ſage Dir, meine Tochter, er wird kommen; und ich ſage Dir, ehe eine Stunde vergeht, wirſt Tu ihn hier zu Deinen Füßen ſehen. Ach! ich fürchte nur eines, das iſt, daß ich vor Freude noch ein Narr werde wenn ich Euch beide, Dich und ihn, hier auf ewig vereinigt ſehe!“ pi Und nach der Thüre eilend, fügte Delmare inzu: „Genug der Worte, nun gilt es zu Sue, die Familienſöhne. 1v. „ v 194 erwarte mich, geliebte Tochter, ich bin bald wieder zurück.“ „Mein Vater,“ rief Jeane, indem ſie Delmare mit Gewalt am Arme ergriff und einen Blick auf ihn heftete, der ihn kalt wie Eis machte. „Du fürchteſt, ſagſt Du, vor Freude ein Narr zu werden! Ach, glaube weit eher ein Narr vor Schmerz und Wuth zu werden, wenn Du erfahren wirſt, weßhalb meine Ehe mit Maurice für immer unmöglich iſt. Wir haben einen Augenblick lang die Wirklichkeit vergeſ⸗ ſen, aber ſie exiſtirt leider in ihrer ganzen Unerbitt⸗ lichkeit.“ „Wie, was iſt dieſe Wirklichkeit? . . . Mache meiner Qual ein Ende.“ „Mein Vater, wäre Maurice hier vor mir zu meinen Füßen und ſagte: Jeane, meine Hand iſt Dein, ſo würde ich ihm, mit dem Tod in der Seele, antworten: Ich liebe Dich ebenſo ſehr und mehr denn je, Maurice, und doch wäre ich, wenn ich Deine Hand annähme, eine Ehrloſe .. .“ „Was iſt das für ein furchtbares Geheimniß!“ rief Delmare „deſſen letzte Hoffnungen erloſchen, denn er konnte an der Aufrichtigkeit der Worte ſei⸗ ner Tochter nicht zweifeln. „Du wäreſt eine Ehrloſe, ſägſt Du, wenn Du Maurice heiratheteſt?“ „Ja, das ſage ich, mein Vater, und dem iſt o. „Aber die Urſache dieſer Ehrloſigkeit?. . .“ ver⸗ ſetzte Delmare mit zitternder Stimme. Und er fügte, indem er von Neuem die plötzliche Bläſſe ſeiner Tochter bemerkte, hinzu: „Mein Gott, wie Du plötzlich wieder blaß wirſt!“ 195 „Mein Vater, nur weil ich an ihn denke ...“ „An wen?“ „An den Mann, den ich heirathen muß. . „An den Mann . . . den . . . Du heirathen mußt wiederholte Delmare mechaniſch, da er kaum glauben konnte, was er hörte. „Was be⸗ deutet? . . .“ „Das bedeutet, voß ich Maurice nicht heirathen tann“ weil ich eine andere Perſon heirathe.“ „Wen?“ „Den, an welchen ich nicht denken kann, ohne blaß zu werden und zu zittern!“ „Es ſcheint mir, daß ich das Spielzeug eines furchtbaren Traumes bin,“ ſtammelte Delmare. fuhr dann fort: Wer iſt dieſer Menſch?“ „Ach! ich habe es bereits wug „Du biſt ein armer unglücklicher Vater . .. und. ich bin noch mehr zu als Du 3. „Antworte . wie heißt der, den Du heirathen mußit?“ „Du wirſt zittern ... ₰oh zittre bereits, ich ze keinen Tropfen Blut in meinen Adern.“ „Unglückliche, die wir ſind, mein Vater! . . „Der Name? wirſt Du envlich antworten!. Der“ Name, wie heißt er?“ „San Privato!“ „Wie! . . . Du ſag ſt?“ ch ſage, daß ich i Privato heirathe.“ „Gottes Tod!“ rief Charles Delmare, indem er 196 ſich furchtbar vor ſeiner Tochter aufrichtete. „Du ſcherzeſt oder lügſt.“ „Ich lüge nie und würde es nicht wagen, mit Dir zu ſcherzen, mein Vater.“ „Jeane, ich liebe Dich leidenſchaftlich, ich habe nur Dich auf der Welt . . . ich lebe nur durch Dich nur für Dich . . . Aber ſiehſt Du, wenn Du unglücklicher Weiſe oder was unmöglich iſt . . . denn das iſt es . . . nur daran dächteſt, dieſen Menſchen zu heirathen . . . ſo ſchwöre ich bei Gott . . . Du würdeſt mich nie wieder ſehen, hörſt Du, Jeane! . .. nein, nie mehr und Niemand überhaupt ſollte mich wieder ſehen,“ fügte Delmare in Lüferen und be⸗ deutungsvollem Tone hinzu. „Mein Vater . . . mein guter Vater, Sie keinen ſolchen Fluch aus. Sie wiſſen nicht . „Wie? was weiß ich nicht?“ Jeane ſchwieg einen Augenblick, die Beute einer heftigen Bewegung; ſie ahnt, welch' furchtbarer Schlag dieſe Antwort für ihren Vater iſt; da ſie jedoch dieſe Enthüllung, die ſie beide martert, zu Ende führen will, fährt ſie fort: „Ich ſagte Ihnen noch ſo eben, mein Vater: „Sie haben mich Ihrer würdig verlaſſen; ſehen Sie mir recht ins Geſicht: was dünkt Ihnen heute von Ihrer Tochter?“ „Wiederum dieſe ſeltſamen Worte!“ verſetzte Delmare mit düſterer Ungeduld; „nun, und dann?“ „Wohlan, mein Vater . . . Ihre Tochter iſt entehrt! .. „ E — 197 N Delmare ſcheint anfangs durch dieſe Enthüllung wie vom Blitze getroffen, dann ſtößt er einen herz⸗ zerreißenden Schrei aus, ſchwankt und ſinkt einen Augenblick auf dem Rande des Bettes nieder. Bald aber erhebt er ſich wieder leichenblaß und ſtürzt mit drohender Geberde nach der Thüre. Er will ſie öffnen: ſie widerſteht ſeinen Anſtrengungen. Er er⸗ innert ſich nun, daß Jeane die Thüre geſchloſſen und auf ſie zueilend, ruft er: „Den Schlüſſel?“ „Mein Vate „Den Schlüſſel?“ „Habe Mitleid, höre mich.“ „Du weigerſt Dich? Ja. „Ich werde mich ſeiner zu bemächtigen wiſ⸗ ſen!“ rief Charles Delmare außer ſich vor Zorn mit dumpfer Stimme; und es begann ein Kampf nmit ſeiner Tochter, um ihr den Schlüſſel zu entreißen, den ſie in einer der Taſchen ihres Kleides hatte. Aber gewandt und nervig, wie Jeane iſt, leiſtet ſie ihrem Vater energiſchen Widerſtand; dieſer ſchont ſie ſo viel als möglich. Indeſſen drückt er ihr doch un⸗ willkürlich das Handgelenk ſo ſtark, daß ſie einen Schmerzſchrei nicht zurückhalten kann: „Ach, mein Vater mein Vater Du thuſt mir weh! . . .“ Dieſe Worte geben Delmare das Bewußtſein wie⸗ der. Er erröthet über ſeine Gewalt, unterbricht die⸗ 198 ſen bedauerlichen Kampf, und ſich von ſeiner Tochter entfernend, ſagt er mit ſchneidendem und entrüſte⸗ tem Tone: „Ah! Sie zeigen Muth, um das Leben Ihres Geliebten gegen Ihren Vater zu vertheidigen!“ „San Privato . . . mein Geliebter! . .. großer Gott!“ „Ja, aller Ehre und Pflicht uneingedenk, find Sie der abſcheulichen Anziehungskraft, die dieſer Elende für Sie hatte, erlegen!“ „Mein Vater ..“ „Gnade für ihn zu erflehen, kamen Sie mit heuchleriſchen Thränen hierher. Ich war Ihr Spiel⸗ zeug! . „Gnade für ihn! . . . Gnade für ihn erbitten! während im Gegentheil . . ₰ „Sie hintergingen mich, unwürdige Tochter!. .. Ihr Haß gegen ihn war geheuchelt, ich ſehe es jetzt!“ „Aber das iſt nicht Recht, es iſt abſcheulich, was Sie von mir denken, mein Vater! . . . Erlauben Sie mir . . . aus Mitleid . . .“ „Aus Mitleid für Sie! . . . Nein, nein, gehen Sie, Sie flößen mir Abſcheu ein! . . . Sie ſind nicht das Opfer dieſes Menſchen! . . ..“ „Was bin ich denn?“ „Seine Mitſchuldige!“ „Seine Mitſchuldige!“ wiederholte Jeane mit herzzerreißendem Ausdruck, „ich! . . . ich! ... ſeine Mitſchuldige! . ..“ Plötzlich zerreißt das junge Mädchen, durch eine Bewegung, raſcher als der Gedanke, die erſten Haften — 199 des-Leibchens an ihrem Kleide, zieht die Falten ihrer Chemiſette auseinander, legt den Anfang ihres Holſes blos und ſagt zu Charles Delmare mit bebender Stimme: „Sehen Sie, mein Vater, die Spuren der Ge⸗ waltthat, welche ich trage .. . Dieſe Nacht . . . ich lag im Schlafe .. . auf die Gaſtfreundſchaft vertrauend, welche mir die Mutter dieſes Menſchen angeboten . Ich hatte vergeſſen, mich einzuſchließen . . . Das junge Mädchen unterbricht ſich, von Scham beinahe verzehrt und birgt ihr purpurrothes Geſicht in den Händen. Delmare verſtand den Sinn der erſten Worte Jeanes anfangs nicht. Er wirft mechaniſch einen Blick auf den Hals ſeiner Tochter, den ſie entblöst hatte, und bemerkt einen bläulichen Ring daran. Dann plötzlich ſchauert der unglückliche Vater vor Schreck zuſammen, denn er ahnt eine ehrloſe Ge⸗ waltthat, als er die Spuren des Zuſammenſchnü⸗ rens bemerkt. . Delmare, deſſen Stirne in kaltem Schweiß gebadet und der durch ſo viele Aufregungen gebrochen iſt, fühlt ſeine Kräfte ſchwinden: er ſinkt vor den Füßen ſeiner Tochter nieder, er ſchluchzt und iſt unfähig, ein Wort hervorzubringen. Jeane, welche ebenfalls in Thränen überſtrömt, kniet neben ihrem Vater nieder, hebt und ſtützt ſein Haupt, trocknet ſeine Thränen mit ihren Küſſen, um⸗ ſchlingt ihn mit ihren Armen, drückt ihn an ihre Bruſt; der rührende Ausbruch kindlicher Zärtlichkeit beruhigt, belebt und ſtärkt Delmare; unterſtützt von Jeane verſucht er aufzuſtehen, was ihm auch gelingt, 200 obgleich er noch immer ſchwankt, betäubt, wie ein Menſch, den der Schwindel ergriffen. Seine Tochter hilft ihm, ſich am Fuße ſeines Bettes zu ſetzen, ſtützt ihn an die Mauer, nimmt feine eiſig kalten Hände, küßt ſie ehrfurchtsvoll und erwärmt ſie mit ihrem Hauche; dann den Kopf an Delmares Schulter legend, ſagt ſie mit ihrer ſüßen Stimme zu ihm: „Beruhige Dich . . . ſuche wieder Deine Kräfte und Deinen Muth zu ſammeln, guter Vater wir werden gerächt werden, ja . . . wir werden furchtbar gerächt werden! Das iſt der Grund, weßhalb ich nicht wollte . . . warum ich nicht will, daß Du mir ihn tödteſt . . . dieſen Menſchen.“ VIII. Delmare bleibt einige Minuten noch in einem Zuſtande zwiſchen Bewußtſein und Unbewußtſein; nach und nach gelangt er wieder zur Ruhe und Klarheit des Geiſtes; er erinnert ſich der Enthüllun⸗ gen Jeanes, welche das Gepräge entſchiedener Auf⸗ richtigkeit tragen; er denkt lange nach und prüft mit einem düſtern und verzweifelten Blicke den Abgrund des Elends, der ſeine Tochter zu verſchlingen droht. Dieſe, welche in den Zügen ihres Vaters zu leſen glaubte, daß ſeine bittern Gefühle, wenn auch noch ebenſo tief, wie zuvor, wenigſtens auf der Ober⸗ „läche ihre Herbe verloren, verſetzte mit feſter Stimme: „Muth und Geduld, Vater! ich habe es Dir geſagt, wir werden gerächt werden! ... 3 201 „Ja, ja, ich beſchwöre Gott darum,“ verſetzte Delmare, ſeine gekrümmte Hand zur Decke der Manſarde erhebend; „ich werde Dich rächen, meine Tochter! Was thun einige Stunden Verzug bei der Hinrichtung des Verbrechers! er iſt verurtheilt!“ „Wir verſtehen uns nicht mehr . . . guter Vot „Ich weiß, was ich ſagen will . . .“ „Du denkſt noch immer daran, ihn zu morden?“ „Bei Gott! . . . daran denke ich!“ „Gut! . . . er ſei todt! . . . was dann? . . .“ „Dann? „ „Traurige und fruchtloſe Rache das! . . ein Krampf, ein Todesröcheln . . . und was dann? .. Nein, mein Vater, nein, das kann nicht genügen ... das genügt mir nicht!“ „Was hoffſt Du denn?“ „Es handelt ſich nicht um Hoffnungen . . . ſon⸗ dern um Gewißheit . . .“ „Weſſen biſt Du gewiß?“ „Daß ich San Privato heirathe.“ Charles Delmare betrachtet erſtaunt ſeine Tochter, ſchweigt einen Augenblick und verſetzt dann mit einem Accente bitterer Jronie: „Ah, das iſt Deine Rache?“ „Das iſt meine Rache.“ „Dieſes Ungeheuer heirathen?“ „Ja, Vater, und ſo wahr Du hier zugegen biſt und vor mir ſtehſt, erinnere ich Dich der Worte: Ehe ſechs Wochen vergehen, bin ich Madame San Privato.“ Delmare gelang es, ſeines Erſtaunens und re⸗ 202 ckens Herr zu werden; er ſammelt ſich und verſetzt mit einer Stimme, der er eine gewiſſe Feſtigkeit zu verleihen ſucht: 2 „Ueber einen ſolchen Plan ſollte man kein Wort verlieren; aber . . .“ Nun, Vater „Vor Allem wird Dich dieſer Menſch jetzt gar nicht mehr heirathen.“ „Irrthum.“ „Wenn Du ſcherzeſt, ſo iſt das ein grauſamer Scherz, meine Tochter! Wenn Du ernſtlich ſprichſt, ſo iſt Deine Illuſion grauſam . . . Dieſen Mann für fähig halten, ſein Verbrechen wieder gut zu machen, glauben, er werde einen Gewiſſensbiß fühlen „Er einen Gewiſſensbiß? Niemals!“ „Welchem Gefühle ſollte er dann Gehör geben, um Dir ſeine Hand zu reichen?“ „Der wildeſten Leidenſchaft, der tollſten, die je⸗ mals einen Menſchen im Wahnſinn einer Frau über⸗ liefert, welche im Beſitze ihrer kalten Vernunft war,“ verſetzte Jeane mit einem ſolchen Accente der Ueber⸗ zeugung und Autorität, daß Charles Delmare zitterte und nach einer Pauſe ſagte: „Wenn ich Dich je . . . aber ich werde es nie⸗ mals im Stande ſein . . . für ſo abſcheulich falſch und treulos halten könnte, daß es Dir gelingen ſollte, dieſem Elenden eine wahnſinnige Leidenſchaft einzuflößen, ſo würde ich mich mit dem Gedanken beruhigen, daß er nicht an dem unverſöhnlichen Haſſe zweifeln kann, den Du im Augenblick gegen ihn in Herzen trägſt.“ 203 „Er glaubt ſich im Gegentheil von mir ange⸗ betet.“ „Er konnte dieſen Glauben haben . .. Aber jetzt, Jeane, jetzt?. es iſt unmöglich!“ „Jetzt, mehr als je.“ Wie noch heute?“ „Heute!“ „Heute, meine Tochter, zu dieſer Stunde, glaubt ſich dieſer Menſch der Liebe ſicher, die Du für ihn hegeſt?“ „Noch einmal, das iſt unmöglich!“ ruft Delmare. Und fügt mit abgebrochenen Worten hinzu, als wenn ihm die folgenden Worte die Lippen ver⸗ brennen: „Aber, Jeane, er kennt jetzt, in dieſem Augen⸗ blick, den Abſcheu, den er Dir einflößt?“ „Nein, er kennt ihn nicht.“ „Er kennt ihn nicht! Wie! . . . Du haſt ihn ihm verborgen . . . „Er glaubt, ich habe nach dem erſten Augenblick des Zornes und der Entrüſtung der unwiderſtehlichen und dem Wahnſinn ſeiner Liebe ver⸗ geben.“ „Unglückliche! Du konnteſt in ſolchem Grade Deinen Haß verbergen . . und . .. Delmare unterbrach ſich, barg ſein Geſicht in ſeine Hände und murmelte ſchauerndz „Mit kaum achtzehn Jahren eine ſo furchtbare Herrſchaft über ſich?. . WMein Gott, mein Gott!“ Meine Heuchelei überraſcht, erſchreckt und ent⸗ rüſtet Dich,“ verſetzte Jeane mit ſardoniſchem und 204 feſtem Accente; „was willſt Du! ich habe die Schande nicht geſucht! Man hat mich geſchändet, ich räche mich, ſo gut ich kann. Der Haß iſt viel⸗ leicht wähleriſch in ſeinen Mitteln; was er will, iſt, zu ſeinem Ziele zu kommen . . . Ich werde dahin gelangen, San Privato muß mich heirathen, von jetzt bis zum Tage meiner Hochzeit werde ich mich durch einen Riegel an meiner Thüre und dieſes Meſſer unter dem Kiſſen ſchützen;“ fügte Jeane hinzu, indem ſie ein dolchartiges Meſſer hervorzog. „Ich habe es dieſen Morgen auf dem Wege hierher gekauft. Es wird mich gegen neue Gewaltthaten ſchützen. So werde ich, ehe ſechs Wochen vergehen, Madame San Privato.“ X. Delmare, den die Pläne ſeiner Tochter immer unruhiger machten und der die Gedanken, die ſie aus ihrem Haſſe ſchöpfte, zu bekämpfen ſuchen wollte, verſetzte, nachdem er einige Augenblicke nachgeſonnen: „So eben, Jeane, ſagteſt Du mir bezüglich des Todes dieſes Elenden: Ein Krampf .. . ein Todes⸗ röcheln . . . Das iſt eine unfruchtbare Rache.“ „Das war meine Anſicht . ſie iſt es noch.“ „Angenommen .. . daß dieſer Menſch Dich hei⸗ rathet . . dann ſage ich wie Du ſoeben . . was weiter?“ „Nun! dann hat die Stunde der Rache geſchla⸗ gen; Rache, nicht eitel und raſch wie das Todes⸗ zucken . ſondern dauernd und furchtbar durch täg⸗ liche, ſtündliche Qualen! . . — — 205 „Was iſt denn dieſe furchtbare Rache?“ „O! ja, furchtbar . . . weil San Privato zu leidenſchaftlich von mir eingenommen ſein wird, um nicht eine wilde Eiferſucht zu fühlen, und weil er das Lächerliche und meine Sarkasmen zu ſehr fürchtet, um mir ſeine Eiferſucht zu zeigen.“ „So willſt Du alſo dieſen Menſchen hei⸗ rathen? . . .“ ſtotterte Delmare. „Um den Phantaſietypus der Dona Junna zu realiſiren! . . . Werde ich mich dadurch nicht genug an San Privato rächen, deſſen Namen ich trage?“ Jeane hob bei dieſen Worten ſtolz ihre Stirne und ſchien, indem ſie ihre reizende Figur mit Schlangenbewegungen aufrichtete, wirklich größer zu werden. Ihr grauſames Lächeln, ihr von Kühnheit leuchtender Blick, ihre Phyſiognomie, deren Schönheit in dieſem Moment einen unverſöhnlichen Charakter annimmt, frappirten Delmare der Art, daß er ſchauernd murmelt: „Ach! meine Befürchtungen realiſiren ſich; ich hatte es vorausgeſagt: iſt dieſer Engel mal vom rechten Wege abgekommen, ſo wird er die Teufel erſchrecken!“ Und indem er ſich mit dem zärtlichſten Tone an ſeine Tochter wandte, ſagte er: „Jeane, liebſt Du mich?“ § „So ſehr, als je. eine Tochter ihren Vater geliebt.“ „Willſt Du mir den größtmöglichen Beweis dieſer Liebe geben?“ „Sprich, guter Vater.“ ſchlagen müßte, ich „Ich bin arm und wie ich Dir bereits ſagte, heute, da Du mir zurückgegeben wurdeſt, bereue ich mehr als je meinen Ruin mit blutigen Thränen. Ich bin arm; ich beſitze kaum das Nöthige und nach meinem Tode wird die beſcheidene perſönliche Penſion, von der ich lebe, fünfzehnhundert Franken, aufhören! Ich verberge Dir nichts. Das iſt meine Lage. Sie iſt, wie Du ſiehſt, mehr als prekär, ſie ſtreift an Noth, und doch, trotz meiner zärtlichen Liebe für Dich und an dieſer zärtlichen Liebe . . . zwei⸗ felſt Du nicht . . . mein Kind . . . wenn Dir we⸗ nigſtens mein Brief treulich meine Gefühle ausge⸗ drückt?“ „Dein Brief . . . zwanzig Male habe ich ihn mit meinen Thränen, meinen Küſſen bedeckt . .. Dein Brief, o mein Vater! Es iſt mir, als ob ich aus jeder Zeile Dein Herz ſchlagen hörte.“ „Nun! Jeane trotz .. oder vielmehr wegen Deiner zärtlichen Liebe für mich . . beſchwöre ich Dich auf den Knieen, daß Du meine Armuth mit mir theileſt!“ „Was höre ich? „Wenn es nöthig iſt . . . und es wird nöthig ſein werde ich arbeiten, um Dir ſo viel Ent⸗ behrungen als möglich zu erſparen; ich bin noch ſtark, und wenn ich ſelbſt Steine auf der Straße A „Ach, guter Vater, es wäre an mir, die ich jung bin, zu arbeiten, um Dir Entbehrungen zu erſparen ich bin muthig, ich fürchte die Noth nicht, aber Du vergiſſeſt . . .“ „Ich vergeſſe nichts.“ 207 „Mein Vater, Du vergiſſeſt meine Entehrung.“ „Um Dich zu hindern, Dich zu entehren, be⸗ ſchwöre ich Dich, mir zu folgen.“ „Bedenkſt Du auch wohl, mein Vater, was Du ſprichſt?“ „Dieſe Worte ſind mir durch meine Pflicht und meine zärtliche Liebe zu Dir dictirt.“ „Was iſt denn die Schande, mein Vater?“ „Die Schande? Das wäre die Durchführung des Racheplans, den Du kaltblütig erſonnen, unglück⸗ liches Kind! Die Schande ſteht in dem Namen Dona Juana .. geſchrieben, dem Phantaſie⸗ ſymbol eines zügelloſen Lebens; die unentſchuldbare, unerbittliche Schande wird dieſenige ſein, mit der Du Dich bedeckeſt, wenn Du auf dieſem Heiraths⸗ plan beharrſt, um den Mann, deſſen Namen Du trägſt, mit Lächerlichkeit und Schmach zu überhäufen. Dieſer Menſch verdient ſchon jetzt den Haß und die Verachtung aller anſtändigen Menſchen; Du wirſt, wie er, einſt den Abſcheu und Widerwillen derſelben verdienen.“ „Die Don Juans ſind nicht ſo verſchrieen, mein Vater, und die Welt ſcheint nur zu den Füßen der Dona Juanas zu liegen.“ „Ja, die Männer werden ſich anfangs vor ihrem Idole niederwerfen „ und morgen ſchon werden ſie, was ſie geſtern angebetet, verleugnen und in⸗ ſultiren.“ . „Ha! was gilt dem von dem Weihrauch neuer Anbeter berauſchten Idole die Beleidigung derer, die ſie verſpottet, die ſie verachtet, deren Stirne ſie unter der Sohle ihres Schuhes in den Staub ge drückt und die ſie ſo fern, ſo weit hinter ſich in dem Nichts ihrer Vergeſſenheit hält!“ „Aber die Vergeſſenen vergeſſen nicht, Jeane, und rächen ſich ihrerſeits!“ „Um ſich zu rächen, muß man handeln. Welche Rache können ſie an der unnahbaren Dona Juana nehmen? Sie entſchlüpft Allen, weil ſie ihnen voran⸗ eilt . . . Sie kommt der Verachtung durch die Ver⸗ achtung, der Inſolenz durch die Inſolenz zuvor. Ach! Don Juan, wenn ſie nur irgend will, wirſt Du durch die Dona Juana wie ein Spielzeug be⸗ handelt, gedemüthigt, ſchimpflich behandelt und be⸗ ſiegt!“ „Warum?“ „Weil ſie Don Juan mit ſeinen eigenen Waffen ſchlagen wird, weil ſie ihm das Böſe anthun wird, womit er ſie bedrohte, weil endlich der Mann immer verblüfft und dumm daſteht, wenn er die Frau die ſchwarzen Anſchläge ausführen ſieht, die er gegen ſie erſann!“ „Ach!“ dachte Charles Delmare, als er ſeine Tochter ſo ſprechen hörte, „das unglückliche Kind er⸗ ſchreckt mich durch die Logik ſeiner wachſenden Ver⸗ dorbenheit! Welch' raſche Verwüſtungen haben die ab⸗ ſcheulichen Sophismen dieſes Ungeheuers in dieſer jungen Seele angerichtet! O ich werde ihm ans Leben gehen, dieſem Mann . . ich werde ihm ans Leben gehen!“ 209 X. Jeane, welche das augenblickliche Schweigen be⸗ merkte, das Delmare beobachtete, ſagte traurig zu ihm: „Solche Worte in dem Munde Deiner Tochter, Deiner Schülerin vom Morillon, überraſchen Dich und thun Dir wehe, armer Vater!“ „Sie thun mir wehe, ſie ſetzen mich in Unruhe, aber ſie überraſchen mich nicht. Du gehörſt zu den Naturen, die ebenſo raſch zum Böſen, als zum Guten ſind: das Böſe herrſcht in dieſem Augenblicke vor. Der Weg iſt abſchüſſig, er zieht Dich gewaltig hinun⸗ ter; ich will Dich zur rechten Zeit an dieſem Abſturz aufhalten und es wird mir gelingen; die Sophis⸗ men, mit denen Du Deine Phantaſie einſchläferſt, welche mehr getäuſcht, als depravirt iſt, werden wie ein Traum verſchwinden, wenn die Stimme der Ver⸗ nunft und namentlich der Erfahrung ſpricht .. Dieſe Weltkenntniß habe ich theuer erworben und be⸗ zahlt! Ich werde nunmehr nicht als Vater, ſondern als Einer mit Dir ſprechen, der aus ſeinen Verir⸗ rungen einigen Nutzen gezogen.“ „Ich höre Dich .. „Es iſt eine anerkannte, bedauerliche Thatſache, ja, der Mann ſcheint für ſich das Monopol der Un⸗ beſtändigkeit in Anſpruch zu nehmen. Die Fräuen müſſen ihm ihre Treue gewiſſenhaft bewahren. Er, das ſieht man nur zu häufig, verheirathet ſich, er hat eine Geliebte, ſeine Frau weiß es. Nun, was thut das in den Augen ſo vieler Leute? Die Un⸗ Sue, die Familienſöhne. IV. 14 * 210 treue eines Mannes hat, nach ihrer Anſicht, nichts zu bedeuten.“ „Allerdings,“ verſetzte Jeane ironiſch, „was thut das? . Fühlt die Frau, dieſes untergeordnete Weſen, die Qualen der Eiferſucht? Kann die Frau, welche gezwungen iſt, in einem Salon, an ihrer Ta⸗ fel bisweilen vor ihren Kindern ihre Rivalin höflich zu empfangen, deren Gegenwart ſchon eine Ver⸗ letzung der Heiligkeit des häuslichen Herdes iſt, . .. kann die Gattin, die Mutter, welche ſo offen in ihrer Liebe, in ihrer Würde, in ihrem Rechte gekränkt iſt, dieſem abſcheulichen Scandal ein Ende machen? nein. .. der Mann hat edler Weiſe ſeiner Frau das Recht des Kummers, das Recht der Reſignation oktroyirt.. das iſt edel, das iſt rührend . . . aber wenn etwa die Frau den Kummer langweilig, die Reſignation ſo empörend, als die Strafloſigkeit findet, wenn die Frau ſich ſagt, daß nach jedem Bruch eines Bandes es in zwei Theile ſich ſcheidet, und ſie, von ihrem Treueſchwur durch die Unbeſtändigkeit ihres Gatten entbunden, ihn nachahmt?“ „Dann erhebt ſich die einſtimmige Verdammung gegen die untreue Frau!“ „Das iſt die Gerechtigkeit der Welt!“ . „Mag es gerecht oder ungerecht ſein, dem iſt ſo.“ „Ja, aber ein Blick der Verdammten, wenn ſie ſchön iſt, macht die Verdammenden zu knieenden An⸗ betern.“ „Joa, aber dann?“ „Wie?“ „Sieh, mein armes Kind, die Thatſachen, die Beiſpiele ſind viel beweiſender, als alle möglichen ₰ 211 Raiſonnements. Höre mich, ich will Dir eine That⸗ ſache citiren.“ „Eine Ausnahme vielleicht?“ „Nein, abgeſehen von ein oder zwei Um⸗ ſtänden, ein auf alle vornehmen Frauen, welche in dem Rufe der „Galanterie“ ſtanden, anwendbares Beiſpiel. Ich kannte in meiner Jugend eine gewiſſe Frau von Sauval, jung, blendend ſchön, ſehr reich, von vornehmer Geburt, ziemlich geiſtreich und mit einigen edeln Eigenſchaften begabt; im ſiebenzehen⸗ ten Jahre mit einem Manne verheirathet, den ſie anbetete, verläßt dieſer ſie nach ſechsmonatlicher Ehe und führt eine leichtſinnige Frau mit ſich aus Frank⸗ reich weg. Frau von Sauval beweint lange ihren Gatten, glaubt ſich aber zuletzt durch ſein Weggehen ebenfalls ihrer Treue entbunden; jung, hübſch, reich, Herrin ihrer ſelbſt, ſucht ſie in einer erſten Liaiſon ihren Kummer zu vergeſſen; dieſer Liaiſon folgt eine zweite, dann eine dritte. Was ſoll man ſagen? Auch ſie, ohne daran zu denken, realiſirte den Phantaſie⸗ typus der Dona Juana, wenigſtens durch ihre zahl⸗ reichen Liebſchaften, indem ſie überdieß in dieſem leichtſinnigen Leben weder die Rache, noch den ab⸗ ſcheulichen Genuß einer wilden Coquetterie ſucht; nein, ſie ließ ſich einzig von der Sucht nach Ver⸗ gnügen leiten, indem ſie mitten in ihren Verirrun⸗ gen gewiſſe ſchöne Eigenſchaften ihres Herzens geltend macht; indeſſen ſieht ſie nach und nach eine eiſige Leere um ſich her in den Salons entſtehen, wo man ſie noch duldet. Die Frauen überhäuften ſie mit berechneten Impertinenzen, beantworteten ihren Gruß nicht oder ſtanden mit offenbarer Ab⸗ 212 ſichtlichkeit auf, wenn ſie ſich neben ihnen niederließ, nur um ſie zu beleidigen.“ „Braucht man darüber zu ſtaunen; ſie beneide⸗ ten ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Erfolge; aber die Männer rächten ſie ſicher durch ihre eifrigen Huldigungen.“ „Die Männer?. .. ach! armes Kind! wie wenig kennſt Du ihren Egoismus, ihre Undankbarkeit, ihre Feigheit!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Nicht 4 benützen ſie den Leichtſinn einer Frau, ſondern ſie rufen ſogar dieſen Leichtſinn durch laſter⸗ hafte Rathſchläge, durch ebenſo leidenſchaftliche, als lügenhafte Betheurungen hervor; verliert die Frau, immer ſchwächer werdend, die Achtung der Menſchen, was geſchieht? Die, welche ſie verdorben haben, die Mitſchuldigen, die Anſtifter ihrer Fehler ſind die Erſten, welche ſich gegen ſie kehren, ſie ſchmähen, ſie fliehen, ſie verleugnen, ſie mit Spott und Inſolen⸗ zen überhäufen, und dies in Verbindung mit andern Frauen, welche zurückgezogener, geſchickter oder heuch⸗ leriſcher, ihren Ruf beinahe ganz unangetaſtet erhal⸗ ten haben. Nein, nicht Einer von dieſen Männern wagt es, dieſe Unglückliche zu vertheidigen, deren einziges Unrecht war, daß ſie ihren Wünſchen nach⸗ gab; ach, es iſt furchtbar, es auszuſprechen! aber es iſt nicht eine leichtſinnige Frau, ſelbſt von den leicht⸗ ſinnigſten, im Abgrund des Laſters verlorenen, welche nicht das Recht, das furchtbare und volle Recht hätte, ihren Untergang einem Manne vorzuwerfen.“ „Und Du willſt nicht, daß Dona Juana ihre Schweſtern räche!“ rief Jeane ſtolz und furcht⸗ * 213 bar in ihrem Haſſe; „Du widerſetzeſt Dich meinen Planen?“ „Deine Vernunft verwirrt ſich, unglückliches Kind!“ verſetzte Charles Delmare in herzzerſchnei⸗ dendem Tone. „Mir, der für Dich die Gefahren, die tödtliche Schande fürchtet, der Du blind trotzen willſt, mir wirſſt Du vor, daß ich mich Deiner Rach⸗ ſucht widerſetzen wolle? Und welcher Rachſucht? Vernimm das Ende der Geſchichte von Frau v. Sauval. Von ihrer Familie zurückgeſtoßen, aus der guten Geſell⸗ ſchaft ausgeſchloſſen, konnte ſie nicht einmal auf die wahre Liebe ihrer zahlreichen Anbeter zählen, da die Neigung eines Mannes für ſeine Geliebte ſich bei⸗ nahe immer nach der Achtung bemißt, die ſie genießt; er glaubt ſich niemals ernſtlich an eine leichtfertige Frau gebunden. Frau von Sauval, ſage ich, ſah die Thüren der Salons, wo ſie ihr Leben zugebracht, ſich vor ihr ſchließen. Da ſie nicht auf das rau⸗ ſchende Treiben der großen Welt und der Feſte ver⸗ zichten konnte, ſuchte ſie dieſes auf den öffentlichen Bällen; in Ermanglung anderer Verbindungen ſchloß ſie mit den verworfenen Frauen Bekanntſchaften, welche dieſe verdächtigen Orte beſuchen, und nahm nach und nach ihre groben Sitten an; ihre Lieb⸗ ſchaften ſanken in gleichem Grade. Immer noch ſchön, jung und reich, wurde ſie von Elenden aus⸗ gebeutet; ſie mißbrauchten die Güte ihres Charak⸗ ters und ruinirten ſie. Die letzten Monate ihres Lebens waren furchtbar. . . die unglückliche Frau berauſchte ſich, um ſich über die traurige Wirklichkeit ju betäuben. Endlich des Lebens überdrüſſig, trank ſie eines Tages mehr Wein denn ſonſt, um ſich Muth 21 zum Selbſtmorde zu machen, und erſtickte ſich dann durch Kohlendampf. Sie war noch nicht achtund⸗ zwanzig Jahre, dieſe Dona Juana, hörſt Du, meine Tochter!“ „Ach, das iſt furchtbar,“ verſetzte Jeane, welche von dieſer Erzählung ſo tief gerührt ſchien, daß Charles Delmare, in der Ueberzeugung, einen großen Eindruck auf ſeine Tochter gemacht zu haben, welche ein düſteres und nachdenkliches Schweigen beobach⸗ tete, mit zärtlicher und eindringlicher Stimme fort⸗ fährt: „Du ſiehſt, mein armes Kind, die Frau, mag ſie noch ſo hoch geſtellt ſein in der Welt, wenn ſie ſich ihren ſittenloſen Leidenſchaften hingibt, ſinkt in Schande und Unglück herab. Die, welche es an Kühnheit und Verdorbenheit mit den Männern auf⸗ nehmen wollte, würde ebenfalls in einen Abgrund von Schande ſinken. Glaube mir, meine vielgeliebte Tochter, laß Dich nicht von der Rachſucht verleiten. Ach! die Waffe der Wiedervergeltung iſt eine furcht⸗ bare Waffe; ſie iſt zweiſchneidig und verwundet ebenſo ſchwer den, der ſchlägt, als den, der geſchlagen wird. Verbirg Deinen Schmerz in ſtiller Einſamkeit; meine zäytliche Liebe wird Dich tröſten, Dich beruhigen. Wer weiß, ob nicht Maurice in kurzer Zeit, ſeinen Irr⸗ thum einſehend und von Täuſchungen zerriſſen, ebenfalls Vergeſſen einer abſcheulichen Vergangen⸗ heit und Heilung einer bittern Löſung des Zaubers in der Einſamkeit ſuchen wird? Wer weiß endlich, ob er nicht, in einem Anflug von erhabenem Ede muth, Dir ſeine Hand anbietend, Dich an einei ſchauerlichen Attentate rächen wird, deſſen Opfer, nicht * 2¹⁵ aber Mitſchuldige Du biſt, armes Kind, Du, die einzige Frau, die er wahrhaft geliebt. Jeane, meine Tochter, Du biſt bewegt, Du ſchweigſt; aber Deine Thränen fließen; Du haſt meine Stimme vernom⸗ men, ſie hat Dein Herz bewegt. Ich hoffe auf Dich, Duwirſt die Abſcheulichen fliehen, ſtatt ſie mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen und vielleicht das Un⸗ glück zu haben, ſie in dieſem furchtbaren Kampfe zu beſiegen. Geh, geliebte Tochter,“ fügte Charles Del⸗ mare hinzu, indem er ſein Kind an ſein Herz drückte, „verbunden mit einander werden wir ſtark ſein gegen dies Mißgeſchick.“ XI. Jeane warf ſich zu ſpät vor, ihren Wunſch, den Phantaſietypus der Dona Juana zu verwirklichen, um ſich an San Privato zu rächen, ihrem Vater enthüllt zu haben. Der Seelenzuſtand des jungen Mädchens war übrigens in Wirklichkeit dieſer: Treu dem erſten Gefühle ihres Herzens, ein Ge⸗ fühl, das oft ſo viele Verirrungen überlebt, liebte ſie noch immer Maurice zärtlich, obgleich ſie ſich durch die einzige Thatſache einer furchtbaren Gewaltthat auf immer von ihm geſchieden fühlte. Was San Privato betrifft, ſo hatte Jeane, wie man weiß, anfangs, bei ſeinen Beſuchen auf dem Morillon eine eigenthümliche Miſchung von phyſi⸗ ſcher Anziehung und moraliſchem Widerwillen em⸗ unden; ſie Begegnung in Paris hatte 216 ſich dieſer Widerwille in eine unheilvolle Sympathie verwandelt, als er die Phantaſie des jungen Mäd⸗ chens ſo lebhaft entzündet, indem er in ihren Ge⸗ danken das ſchwindelnde Phantaſiebild der Dona Juana wach gerufen, indem er den ſchlimmen Nei⸗ ⸗ gungen ſeines Opfers, die er längſt mit ſeiner Schlauheit ergründet, einen Körper, ein Symbol gab. Indeß, trotz ihrer Verbindung im Böſen mit ih⸗ rem böſen Geiſte, war Jeane nicht ſeine Dupe ge⸗ weſen, indem ſie die Gaſtfreundſchaft annahm, die er ihr im Namen ſeiner Mutter anbot, ſo wenig als in jenem Augenblicke, da ſie ſeinen Heirathsver⸗ ſprechungen Glauben ſchenkte; ſie ahnte unter dieſem Doppelvorſchlag einen Verführungsplan, dem ein Ver⸗ laſſen folgen würde, aber ſie glaubte ſich ſtark und ihrer ſelbſt gewiß genug, um der Verführung zu wi⸗ derſtehen, und nichts von ihrem Aufenthalt bei ihrer Tante fürchten zu dürfen, ſie zögerte deßhalb nicht, unter einem Dache mit San Privato zu wohnen, indem ſie die Möglichkeit eines nächtlichen Ueberfalls, bei dem ſie unterliegen ſollte, nicht entfernt voraus⸗ ſetzte. In Folge dieſes Verbrechens und dieſer Ent⸗ hüllungen jedoch, welche in dem Briefe ihres Vaters enthalten waren, ſchwor Jeane San Privato unver⸗ ſöhnlichen Haß, feſt entſchloſſen, unter keiner Bedin⸗ gung auf die Rache, die ſie träumte, zu verzichten; ſie kannte den Widerwillen San Privato's gegen das Lächerliche und war überzeugt, ihn furchtbar zu tref⸗ fen; auch entſprach die Vollziehung dieſer Rache der Natur der in ihr erweckten ſchlimmen Neigungen. Ihrem Vater jedoch zu erklären, daß ſie trotz ein Rathes und ſeiner zärtlichen Bitten a f ihre e E1 plänen beharre, das hieß ihn tödtlich verwunden, ihn vielleicht auf immer von ſich entfernen; ein unbe⸗ ſtimmtes Vorgefühl ſagte Jeane, daß ohne Zweifel ein Tag kommen würde, wo ſie keine andere Zu⸗ flucht mehr hätte, als das väterliche Herz, aber wie ſollte ſie, ohne ihren geheigen Entſchluß zu verra⸗ then, dem dringenden Wunſche von Charles Del⸗ mare, nach der Einſamkeit des Jura zurückzukehren, ſich widerſetzen? Jeane dachte auf Mittel, dieſen Schwierigkeiten auszuweichen, als ſie ihr Vater, welcher ſie von ih⸗ ren Plänen abgebracht zu haben glaubte, in ſeine Arme ſchloß und zu ihr ſagte: „Komm, geliebtes Kind, vereinigt werden wir beide ſtark gegen das Mißgeſchick ſein!“ Delmare ſprach dieſe Worte, als er die Stimme von Genevieve hörte, die, nachdem ſie vergeblich die Thüre zu öffnen verſucht, daran pochte und ſagte: „Charles! ich bin es, kann ich eintreten?“ „Gewiß, gute Mutter, und Du konnteſt nicht geſchickter kommen,“ antwortete Delmare; und indem er ſich beeilte, die Thüre zu öffnen, führte er ſeine Amme in die Manſarde. XII. Genevieve, kaum in das Zimmer getreten, fragt mit einem feuchten Blicke ihren Alten, der auf Jeane und ſie ſanft nach dieſer drängend, zu ihr ſagt: „Geh, umarme die Tochter und liebe ſie, wie 218 Du den Vater geliebt, wir werden uns von nun an nicht mehr trennen!“ „Mademoiſelle, Sie erlauben,“ ſagte Genevieve mit bewegter und entzückter Stimme, indem ſie Jeane mit offenen Armen entgegenging; dieſe erwiederte die Umarmung der alti Amme mit rührender An⸗ muth, indem ſie ſagte: „Gute Mutter, Sie haben von heute an eine Tochter mehr.“ „In dieſem Falle übermorgen auf den Weg nach dem Morillon! Ich habe ſo eben drei Plätze auf der Diligence von Nantua erhalten. Hier iſt die Karte. Ach, ich verliere keine Zeit. Als ich Sie, Mademviſelle Jeane, hierher kommen ſah, ſagte ich mir: Das genügt, ſie gehört zu uns, die theure Tochter, wir führen ſie ſicher mit uns fort. Auf denn nach der Poſt. Habe ich's gut gemacht, Charles?“ Und ſich wieder nach Jeane umwendend, welche nachdenklich geworden, als ſie von dieſen Vorberei⸗ tungen zur Abreiſe ſprechen hörte, fügte Genevieve hinzu: „Muß um Entſchuldigung bitten, Mademoiſelle, wenn ich Ihren würdigen Vater, „mein Charles“ nenne . aber ich habe ungefähr fünfundvierzig bis ſechsundvierzig Jahre dieſe Gewohnheit; ich bin zu alt, um ſie wieder abzulegen. Bitte um Ent⸗ ſchuldigung.“ „Wohl! aber unter der Bedingung, daß Sie mich Ihre Jeane nennen, wie Sie meinen Vater . . . Ihren Charles heißen, ſonſt werde ich eiferſüchtig.“ „Es ſei, meine Jeane, denn von heute an ſind — — 219 Sie mein, ſehen Sie, wie das Kind ſeiner Mutter gehört.“ „Und jetzt,“ ſagte Charles Delmare mit Wärme, indem er die Hand ſeiner alten Amme und die Jeanes in die ſeine nahm, „ſprechen wir jetzt von unſerer Reiſe .. . Um welche Etunde gehen wir über⸗ morgen?“ „Um eilf ein halb, ſteht auf der Karte, ſiehſt Du,“ antwortete Genepieve, indem ſie die Karte aus der Taſche zog und Delmare zeigte, während Jeane mit Mühe die Worte hervorbrachte: „Mein Vater, der Zeitpunkt unſerer Abreiſe muß um jeden Preis verſchoben werden.“ „Was höre ich!“ rief Delmare. „Wie! da ich eben Dein Schweigen als eine ſtumme Einwilligung in meine Reiſepläne betrachtete, täuſchte ich mich?“ „Nein, mein Vater, Du täuſchteſt Dich nicht, Deine Vorſtellungen haben mich gerührt, ergriffen, haben mir endlich die Augen über die Gefahren, die Schande geöffnet, die an der Rache klebte, welche ich erſonnen.“ „In dieſem Falle, mein Kind, wenn Du auf Deine Pläne verzichteſt, warum unſere Abreiſe ver⸗ ſcieben?“ . „Mein Vater,“ verſetzte Jeane in bezeichnen⸗ dem Tone, „es iſt unnütz, dieſer würdigen Frau, die mich ſo innig zu lieben verſpricht, wie ſie Dich liebt, das mitzutheilen, was Du weißt. Es würde ihr einen großen Kummer verurſachen, und mich ſo verlegen gegenüber von ihr machen, daß ich ſie kaum anzuſehen wagte.“ „Es ſei, wie Du wünſcheſt; aber noch einmal, 220 warum unſere Abreiſe verſchieben, da Du, wie ich glaubte, auf die finſtere Rache verzichteſt, von welcher Du geträumt?“ „Ich wünſche, meine Abreiſe zu verſchieben, weil die Rache, die ich in dieſem Augenblicke erſonnen, ebenſo nobel iſt, als jene entwürdigend . . . und ge⸗ fährlich war „Bitte, erkläre Dich!“ „Ich werde Böſes mit Gutem vergelten . Falſchheit mit Geradheit, Verbrechen mit Tugend; die Entehrte ſoll die Geehrte werden . . ich will das Muſter der Gattinnen ſein .. .7“ Charles Delmare betrachtete ſeine Tochter mit einem Anſchein von Ueberraſchung und unüberwind⸗ lichem Mißtrauen: dann ſetzte er hinzu: „Du beſtehſt alſo auf dem Gedanken, dieſen Mann zu heirathen?“ „Iſt es nicht das einzige Mittel, den Erſatz zu erhalten, auf welchen ich ein Recht habe?“ „Jeane,“ verſetzte Delmare immer unruhiger, aber er wagte es doch nicht, ſeine Zweifel an der Aufrichtigkeit ſeiner Tochter laut werden zu laſſen, „ich fürchte, Du ſagſt mir nicht Deinen ganzen Ge⸗ danken und Deinen Plan „Würdeſt Du ihn tadeln, z Vater? iſt 5 nicht meine Pflicht . . . mein Recht, den Erſatz zu verfolgen, auf den ich Anſpruch mache? Wer könnte mich tadeln, wenn ich ihn nicht wenigſtens zu er⸗ halten ſtrebte?“ „Du wirſt ihn nicht erhalten!“ „Ich werde ihn erhalten.“ „Du täuſcheſt Dich.“ 224 „Nein, mein Vater, ich garantire dafür, daß ich ihn erhalte, ſage ich Ihnen, aber ſelbſt angenom⸗ men, meine Hoffnung hätte ſich getäuſcht ... „Was würdeſt Du dann thun?“ „Ich würde Sie in Ihre Einſamkeit begleiten, wie ich Sie auch dann begleitete, wenn, wie ich die Ueberzeugung habe, mein Wunſch erhört werden wird wenn, mit einem Wort, dieſe Heirath ſtattfindet.“ „So wirſt Du mir alſo,“ verſetzt Delmare, in⸗ dem er ſeiner Tochter einen durchbohrenden Blick zuwirft, den ſie mit ſcheinbarer Gewiſſensruhe er⸗ trägt, „Du wirſt mir alſo in meine Einſamkeit folgen?“ „Mein Vater,“ verſetzte Jeane in dem Tone ſanften Vorwurfs und mit dem Accente beinahe un⸗ widerſtehlicher Aufrichtigkeit, „können Sie einen Augenblick annehmen, daß es mir möglich ſein werde, bei dieſem Menſchen zu leben? .. Wäre es nicht für mich eine ſchändliche Strafe, den Abſcheu, den er mir einflößte, bis zu dem Tage verheimlichen zu müſſen, wo ich den Erſatz erhalten werde, den er mir ſchuldig iſt . . . Ach, glauben Sie mir, ich werde mit all meiner Macht den Zeitpunkt dieſer Tortur beſchleunigen, die ich mir freiwillig auferlege, und wenn ich das Recht habe, mich Madame San Privato zu nennen, ein Name, den ich nicht mal tragen werde . .. ſo . . „Ach! mein Gott! was höre ich?“ ſtotterte Ge⸗ nevieve, welche bisher keinen Theil an dem Geſpräche genommen, das ihr beinahe unverſtändlich war. „Wie, mein Charles, Deine Jeane wird freiwillig und wie 222 man ſagen möchte abſichtlich, abſichtich ein ſolches Ungeheuer heirathen? 2* „Nein, nein, beruhige Dich, Amme,“ verſetzte Charles Delmare, „dieſe äſceuche Verbindung wird nicht ſtattfinden.“ „Mein Vater,“ ſagte Jeane nit ſanfter, aber ſehr feſter Stimme, „in jedem andern Falle würde es mir ſchwer fallen, oder vielmehr es wäre mir unmöglich, Ihnen nicht zu gehorchen, aber heute drängt die Sorge für meine Ehre jede andere Rück⸗ ſicht in den Hintergrund; ich bin unabänderlich ent⸗ ſchloſſen, meinen Plan zu verfolgen, Madame San Privato zu werden . . . mag es mir gelingen oder mißlingen, und ich ſetze auf Sie, mein Vater und auf Ihre zärtliche Liebe die Hoffnung, den einzigen Troſt meines Lebens, der ſchon ſo grauſam geprſt iſt, obgleich ich noch ſo jung bin.“ „Ach! liebes Fräulein! wie, Sie, ſo ſtolz, empö⸗ ren ſich nicht ſchon gegen den Gedanken, das Recht zu haben, den Namen eines zu allem fähigen Ver⸗ brechers zu führen? Ach! Sie vergeſſen die Galgen⸗ ſtreiche, die er, abgeſehen von allem Andern, dem armen Herrn Maurice geſpielt und. „Eines Tages, gute Mutter . . eines xages ſollen Sie die Gründe erfahren, die mich zwingen, den Namen eines Mannes zu führen, den ich ver⸗ achte und verabſcheue.“ „Sie verachten, Sie verabſcheuen ihn, liebe Ma⸗ demoiſelle Delmare, und dennoch wollen Sie ihn heirathen? . . . Es läßt ſich nicht glauben.“ „Jeane, meine Tochter, ich bitte Dich, ich be⸗ ſchwöre Dich, auf dieſen Plan zu verzichten!“ 223 „Und ich, meinerſeits, bitte und beſchwöre Dich, lieber und guter Vater, mir den Kummer zu erſpa⸗ ren, den ſchmerzlichen Kummer, Deine Bitten ab⸗ ſchlägig beantworten zu müſſen. Ich allein bin der Arzt meiner Ehre; keine menſchliche Macht, ſelbſt die Deine nicht . . . was kann ich mehr ſagen, mein Vater! wird mich hindern, die mir gebührende Ge⸗ nugthuung zu erhalten zu ſuchen und mich an dem Verbrechen durch die Tugend zu rächen!“ Dieſer gerechte Wunſch, der überdies einen ſo ehrenhaften Ausdruck fand, imponirte Charles Delmare trotz ſeiner geheimen Befürchtungen. Er war etwas verlegen, die Entſchließungen ſeiner Toch⸗ ter zu bekämpfen; er ſchwieg einen Augenblick, wäh⸗ rend Genevieve rief: „Ach! liebe Mademoiſelle, Sie ſprechen von einer Heirath der Tugend und des Verbrechens! hat man je ſolche Chen geſehen? Hat dieſer abſcheuliche Menſch . . .“ „Laſſen wir dieſe traurige Sache auf ſich be⸗ ruhen, gute Mutter, und verabreden wir die Stunde, in welcher ich Dich jeden Tag beſuchen werde, lieber Vater,“ fügte Jeane mit zärtlichem und ſchmeichelndem Tone hinzu; „das wird mein einziger Troſt bei der Strafe ſein, die ich mir auferlege, indem ich noch einige Zeit bei meiner Tante San Privato bleibe.“ „Da wir uns jeden Tag ſehen ſollen, mein lie⸗ bes Kind,“ antwortete Charles Delmare, „ſo werde ich nicht länger, wenigſtens für heute nicht, auf dem Gegenſtande unſerer Verhandlung beſtehen, wenn ich auch ſchmerzlich bedaure, daß wir nicht ſchon über⸗ morgen nach unſerer Einſamkeit zurückkehren.“ „224 „Aber,“ ſagte Genevieve, „werden Sie dieſe ver⸗ wünſchten San Privato's auch hierherkommen laſſen, armes, liebes Fräulein.“ „Erſtens, gute Mutter, haben Sie mir verſpro⸗ chen, mich Ihre Jeane zu nennen . . . „Ach! mein Charles,“ verſetzte Genevieve ge⸗ rührt, „welch ein Engel, unſere Jeane.“ „Seien Sie überzeugt, gute Amme,“ fuhr das junge Mädchen fort, „kein Wille, keine Rückſicht wird mich hindern, meinen Vater jeden Tag zu be⸗ ſuchen.“ „Iſt Deine Tante von dem Beſuche in Kennt⸗ niß geſetzt, liebes Kind, den Du mir heute machſt, und von dem Zwecke dieſes Beſuchs?“ „Nein, aber bei meiner Nachhauſekunft werde ich Madame San Privato die Wahrheit ſagen. Warum ihr verbergen, daß Du mein Vater biſt? Aus dieſer Mittheilung wird ſie ſchließen, daß ich für ſie eine Fremde bin . . was thut das? Hat die Liebe ſie etwa geleitet, als ſie mir ihre Gaſtfreundſchaft anbot? ..“ antwortete Jeane mit einem bittern Lächeln, indem ſie Delmare einen bezeichnenden Blick zuwarf. „Mein Vetter wird nicht über meinen Ent⸗ ſchluß erſtaunen, Dich jeden Tag zu ſehen, mein Vater.“ „Aber dieſer Menſch!“ rief plötzlich Delmare, als wenn er aus einem Traume aufwachte, „ich muß ihn dennoch umbringen.“ „Mein Vater,“ verſetzte Jeane entſchloſſen; „es gibt nur zwei Mittel, einen Menſchen aus der Welt zu ſchaffen: das Duell. . oder den Meuchelmpl. 225 Du wirſt keinen Meuchelmord an Herrn San Pri⸗ vato vollbringen!“ „Gottes Tod!“ rief Delmare, „wer würde mich nach ſeinem Verbrechen deßhalb tadeln?“ „Niemand, allerdings, wenn nicht Du ſelbſt, mein Vater, weil Du kein Meuchelmörder biſt.“ „Nein, aber Rechtspfleger.“ „Ich ſage Dir, Vater, daß Du keinen Menſchen wehrlos morden wirſt. Es bleibt alſo nur das Duell; nein! ich will nicht, daß Du Dich ſchlägſt) ich will nicht, daß Du Dein Leben riskirſt; es iſt mir zu koſtbar, iſt meine einzige Zukunft, mein einziges Gut auf dieſer Welt., Und wenn ich Dich verlöre, ſiehſt Du, Vater .. ſa agte ſie und fuhr dann ſchauernd ſart „aber nein, ich werde Dich wider Deinen Willen behalten und bewahren,“ fügte Jeane hinzu, die Augen voll Thränen und ſich begeiſtert an den Hals des tiefgerührten Delmare werfend, der auf i Schmeicheleien ſeiner Tochter antwortend, wieder⸗ olte: „Und dennoch muß er ſterben, dieſer Menſch!“ „Gut, gut, ſchon recht, mein Alter! Er wird ſterben, wie Du auch, wie alle Welt, das iſt ſicher,“ verſetzte Genevieve mit einem ſarcaſtiſchen und fin⸗ ſtern Lächeln, welches bisweilen ihr gutmüthiges Ge⸗ ſicht überflog, „er wird ſterben, der Schuft, das iſt gewiß, aber es hat keine Eile, denn man heirathet nicht die Gemordeten; Deine Tochter behauptet ja, daß ſie dieſes Ungeheuer heirathen müſſe, nur um das Verbrechen durch die Tugend zu rächen. Ich begreife von alle dem nichts, als daß das Verbrechen dieſer Elende ſein muß und die Tugend 3e Sue, die Familienſöhne. 1v. 15 226 Engel Jeane iſt. Was das Uebrige betrifft, ſchon gut .. wir ſind alle ſterblich, nicht wahr, mein Alter? Geduld deßhalb . . .“ Jeane hörte nur zerſtreut auf Genevieve, und nachdem ſie Charles Delmare einen letzten Kuß ge⸗ geben, ſagte ſie: „Bis morgen, Vater. O, das ſüße Wort, bis morgen!“ „O ja, morgen, immer, mein liebes Kind! ich habe Dir ſo Vieles zu ſagen! Es iſt mir, als hätte ich mich kaum mit Dir unterhalten; und dann hoffe ich, daß wenn wir wieder von Deinen Planen ſprechen und ſie von neuem prüfen, Du auf das verzichten wirſt, was mir das Herz zerreißt.“ „Ich glaube nicht, daß ich anderen Sinnes in dieſer Richtung werde. Indeß wer kann die Zukunft vorausſehen? Was auch kommen mag, bis morgen, mein Vater.“ „Ja, ich zähle allerdings auf Dich, daß Du kommen wirſt!“ „Wer könnte mich hindern, zu thun, was für mich die heiligſte Pflicht und das größte Glück iſt?.. Morgen, mein guter Vater, morgen“. . Charles Delmare, welcher nach dem Weggang ſeiner Tochter lange nachdenklich und niedergeſchlagen dageſeſſen, ſagte endlich: „Ach, ich fürchte, Jeane hat zum erſten Male in ihrem Leben geheuchelt, indem ſie ſich den Schein gab, als würde ſie auf meinen Rath eingehen und auf die Rache, die ſie erſonnen, verzichten.“ 227 XIII. Sechs Wochen ungefähr ſind ſeit der erſten Un⸗ terredung Jeanes mit ihrem Vater in der Manſarde der Rue Saint⸗Nicolas verfloſſen. San Privato und Frau von Hansfeld plaudern zuſammen im Fond eines eleganten Zimmers, dem gewöhnlichen Orte ihrer Zuſammenkünfte; Albert er⸗ ſchien, um ſeine Verbindung mit Antvinetten geheim zu halten, nie in dem Hotel des Faubourg Saint⸗ Honoré. Der junge Diplomat, welcher auf einem Kanape ſitzt und den Kopf auf die Hand geſtützt hat, ſcheint ganz in Gedanken verſunken. Frau von Hansfeld, welche aufrecht und unbeweglich neben ihm ſteht, be⸗ obachtet ihn mit unruhiger Beſorgniß; endlich das Schweigen brechend, ſagt ſie: „Albert, ſeit einer Viertelſtunde biſt Du hier und haſt kaum einige Worte an mich gerichtet. Im letzten Monate ſahen wir uns überhaupt ſeltener; ich beklage mich nicht darüber, ich klage überhaupt nie; Du befiehlſt, ich gehorche, Du haſt Tag und Stunde der Zuſammenkunft für heute beſtimmt und ich eile herbei! Dein Schweigen, ich geſtehe es, ſetzt mich in Erſtaunen; die große Veränderung in Dei⸗ nen Zügen beunruhigt mich, ſie ſind beinahe unkennt⸗ lich geworden, ſeit ich Dich das letzte Mal ſah, .. es war vor drei Wochen.“ „Ach, ich habe während dieſer drei Wochen viel gelitten,“ antwortete San Privato, aus ſeiner Träu⸗ merei erwachend, „und Du ſollſt die Urſache und das 228 Reſultat dieſes Leidens und Kummers wiſſen; ich habe ſoeben in ſtillem Nachdenken noch einmal den— Entſchluß erwogen, den ich zu faſſen habe; dieſer Entſchluß iſt nun gefaßt; unwiderruflich gefaßt. Höre mich denn, Antoinette. Du warſt die einzige Per⸗ ſon auf der Welt, der ich beinahe rückhaltslos mein Herz geöffnet, weil ich von Deiner Hingebung und Deiner abſoluten Treue überzeugt bin; Du täuſcheſt Dich nicht über die Bedeutung, welche ich dem Worte . . . Treue gebe?“ „Keineswegs. „Ich habe ſeit etwa einem Monate der gewöhn⸗ lichen Vertraulichkeit gegen Dich ermangelt . „Ich habe es bemerkt, Albert; mein Kummer war groß, ich ahnte, daß eine große Revolution in Deinem Leben ſich vorbereite . . .“ „Du haſt Dich nicht getäuſ ſcht: eine Thatſache unter Tauſenden, die darum nicht minder bezeichnend iſt, wird Dir meine gegenwärtige Lage ſchildern. Vor wenigen Tagen ſchickte ich meinem Geſandten ein ſehr wichtiges Memoire, das für den Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten beſtimmt war. Der Fürſt, der, ſeiner Gewohnheit gemäß, ſich ganz auf meine Einſicht, meinen Scharfſinn, auf die Gewiſſen⸗ haftigkeit und die Sorgfalt verließ, mit der ich an meine Arbeiten zu gehen pflege, und überdies meiner tiefen Kenntniß des Stoffes, den ich behandelte, ver⸗ traute, unterzeichnet das Memorandum, ſo zu ſagen ohne es zu leſen und übergibt es dem Miniſter. Aber geſtern läßt mich der Geſandte kommen, und theilt mir mit, daß er ebenſo beſtürzt, als untröſt⸗ lich durch die Bemerkungen ſei, welche ihm der Mi⸗ 229 niſter über mein Memoire gemacht, das vollſtändig all der Eigenſchaften ermangle, die man ſonſt bei mir bemerkt habe; der Klarheit, des logiſchen Ge⸗ dankengangs, der Kenntniß der Thatſachen; kurz ich hatte Irrthum auf Irrthum gehäuft, die Daten ver⸗ miſcht, und ſo ziemlich das Gegentheil von dem be⸗ wieſen, was ich beweiſen wollte.“ „Ich verberge Dir nicht, Albert, der Fürſt hat mit mir ebenfalls von ſeiner großen Unzufriedenheit in dieſer Sache geſprochen. Er hat ſogar hinzuge⸗ füct „Vollende „Ich fürchte Dich zu verletzen.“ „Sprich, ſprich, die Sache iſt ernſthaft.“ „Nun! der Fürſt fügte hinzu: Seit einiger Zeit iſt San Privato nicht mehr zu erkennen; man möchte glauben, ſein ſeltener Verſtand werde ſchwächer, die einfachſten Sachen erſcheinen ihm jetzt voll Schwie⸗ rigkeiten; ſeine Zerſtreuung, ſeine Gedankenverwir⸗ rung iſt unbegreiflich; kurz . . .“ „Keine Zurückhaltung, Antoinette.“ „Kurz,“ fügte der Fürſt hinzu, „ſein letztes Me⸗ moire hat ihm viel geſchadet, ich war genöthigt, auf ihn die ganze ſchwere Verantwortlichkeit ſeiner Arbeit zu werfen, indem ich verſicherte, was auch moraliſch wahr iſt, daß mein Vertrauen durch meinen erſten Geſandtſchaftsſekretär getäuſcht worden und ich ihn in dieſer Sache gänzlich desavouiren müſſe; mit einem Worte,“ ſchloß der Fürſt, „wenn San Privato dieſe Schlappe nicht wieder gut macht, ſo iſt ſeine Carriere, die einen ſo glänzenden Anfang für ihn nahm, ſchwer bedroht; alle Welt bemerkt und be⸗ 230 dauert ſeine Zerſtreutheit, ſeine Unpünktlichkeit; es dauert oft zwei, drei Tage, bis er auf der Kanzlei erſcheint; mit einem Worte, wenn ich nicht wüßte, wie ihn die energiſche Art ſeines Charakters über die Schwächen und Verführungen ſeines Alters hinaus⸗ hebt . .. ſo würde ich glauben, wie man gewöhn⸗ lich ſagte, San Privato werde lüderlich.“ „Der Fürſt hat Dir nicht weiter geſagt?“ „Nein.“ „Nun! er täuſcht ſich, wenn er der Feſtigkeit meines Charakters Glauben ſchenkt, ich bin, wie der Fürſt ſagte, vollſtändig lüderlich geworden⸗ Ich werde ſtumpf und bin zu jeder andauernden Beſchäf⸗ tigung unfähig; ja ſchlimmer noch, die Verwirrung meines Geiſtes hindert mich, die Irrthümer, die Un⸗ ſinnigkeiten, die ich in meinen Arbeiten begehe, zu bemerken. Ich werde ganz dumm, ich gehe zu Grunde, und wenn es fortdauert, ſo iſt meine Carriere ver⸗ nichtet. „Da ich keinen Sou Vermögen beſitze, San e unterbricht ſich und fügt mit dem Tone des Sichleichterfühlens hinzu: „Aber Gott ſei Dank! ich habe die Gefahr zur rechten Zeit beſchworen; ich werde wieder Herr mei⸗ ner ſelbſt werden.“ „In Folge des ernſten Entſchluſſes, von dem Du ſweben ſprachſt?“ „Dieſer Entſchluß wird Dir alſo wieder Deine Ruhe geben?“ „Ich kann nicht daran zweifeln; ich werde end⸗ lich dem Drucke einer fixen Idee entgehen, die mich . 2351 beſtändig in Feſſeln legt, und mich bald mit wilder Wuth erfüllt, bald mich niederbeugt, entnervt und mir ſchmähliche Thränen abringt . . . .“ „Und welcher Art iſt dieſer Entſchluß, Albert?“ „Ich verheirathe mich.“ „Ah!“ machte Frau von Hansfeld mit ſchein⸗ barer Ruhe, aber leichenblaß werdend, „ah, Du ver⸗ heiratheſt Dich! . . . und wen heiratheſt Du?“ „Jeane Dumirail.“ „ XIV. Eine Pauſe von einigen Minnten folgte auf die letzten Worte San Privato's, der Frau von Hans⸗ feld ſeine Heirath mitgetheilt. Bald jedoch rief dieſe, blaß, unruhig, und die Beute einer heftigen Aufre⸗ gung, die ſie zu beherrſchen ſich mühte, mit einer von Angſt zitternden Stimme: „Albert, wenn Du dieſes Mädchen heiratheſt, ſo biſt Du verloren!“ „Ich glaubte Dich über ſolche Schwäche erhaben. Wie, Antoinette, Du wäreſt eiferſüchtig?“ „Ich! Ach Der Blitz treffe mich, wenn ich bei meinen Worten der Eiferſucht Gehör gab. Ha⸗ ben wir nicht hundert Mal von den Vortheilen ge⸗ ſprochen, welche eine reiche Heirath Dir wahrſchein⸗ lich eines Tages böte? Nein, nein, ich wäre auf Deine Liebſchaften eiferſüchtig geweſen, ich es auf Deine Frau wäre. Aber ich wiederhole Dir, nimm Dich in Acht! wenn dieſe Ehe vollzogen wird, ſo biſt Du verloren!“ 232 „Warum verloren?“ „Jeane Dumirail hat eine höchſt bedenkliche Herr⸗ ſchaft über Dich gewonnen . . .“ „Ich gebe das zu, und nur die Ehe kann dieſer „ Herrſchaft ein Ende machen. Jeane, ſei es eine natür⸗ liche, oder hölliſche Macht, hat die Liebe, die ſie mir einflößt, noch drückender gemacht; nie hat ſie den Reiz ihres Geiſtes, ihrer Perſon geſchickter angewandt, um mir den Kopf zu verdrehen; was ſoll ich ſagen, wenn ich bei ihr bin vergeſſe ich Alles, und bin ich ferne von ihr, abſorbirt und beherrſchi die Erinnerung an ſie, die meinem Geiſte fortwäh⸗ rend gegenwärtig iſt, dieſen in ſolchem Grade, daß er ſeine Freiheit, ſeine Macht verliert, meine Ver⸗ nunft verdunkelt ſich und moraliſch bin ich nichts mehr, als mein Schatten!“ „Ach! wie viel Liebe!“ murmelte Antoinette ſchauernd; „wie viel Liebe! . . .“ „So groß iſt die unheilvolle Herrſchaft dieſer Leidenſchaft, daß ſie mich an gewiſſe Conceſſionen gewöhnt, gegen die ich mich empört hätte, ſo lange ich noch meinen freien Willen hatte. So flößt mir dieſer Delmare einen unüberwindlichen Abſcheu ein und ich habe mich daran gewöhnt, Jeane von ihm mit der lebhafteſten Zärtlichkeit ſprechen zu hören, wenn ſie von ihren täglichen Beſuchen bei ihm zu⸗ rückkehrt.“ „Sie . . beſucht ihn alſo?“ „Alle Tage.“ „Sie weiß alſo, daß er ihr Vater iſt?“ „Sie hat es von ihm erfahren.“ „Albert, dieſer Menſch haßt Dich und er gibt —— 233 zu, daß ſeine Tochter Dich heirathet; und das er⸗ ſchreckt Dich nicht? Das öffnet Dir die Augen nicht?“ „In der Lage, in der ſich ſeine Tochter befindet, konnte Delmare, ohne ein Narr zu ſein, ſich unſerer Heirath nicht widerſetzen. Jeane iſt arm, aber ihre Geburt iſt ehrlich, ihre Schönheit ſelten und ihr Geiſt höchſt bedeutend.“ „Du ſagteſt doch, ſie ſeie dumm!“ „Ich habe ſie falſch beurtheilt. Sie kann, wenn ſie meinem Rathe folgt, mir zu meinem Glücke eben ſo nützlich werden, als ſie mir jetzt im Augenblick ſchädlich iſt, da ich in ſie vernarrt bin! Eine junge, ſchöne, geiſtreiche Frau kann den glücklichſten Einfluß auf die Carriere ihres Mannes haben; ich meine einen ehrenhaften, zu billigenden Einfluß.“ „Und wenn durch Zufall die Aufführung Deiner Frau nicht ſo ehrenhaft, ſo zu billigen wäre? wenn Deine Frau Dich täuſchte?“ „Sie liebt mich aufrichtig und wird mir treu ſein.“ „Aber man muß doch Alles vorher überlegen.“ „Ich habe Alles überlegt, ſelbſt das Unmögliche bedacht.“ „Das Unmögliche . . . das heißt die Untreue Deiner Frau?“ O A „Bd. „Wenn ſie untreu wäre, was würdeſt Du thun?“ „Ich würde ſie ermorden.“ „Mein Gott! wie er ſie liebt!“ rief Antovinette, von dem Geſichtsausdruck San Privato's überraſcht, 234 als er ſeine mörderiſche Drohung vorbrachte. „Achl wie viel Liebe in dieſer wilden Eiferſucht.“ „Ich würde meine Frau nicht aus Eiferſucht morden.“ „Welches Gefühl könnte Dich dann zu dieſem Morde treiben?“ „Der Abſcheu vor dem Lächerlichen. Das Blut der Frau wäſcht, wenn auch nicht die Schande, ſo doch das Lächerliche des Mannes ab . . . . Kurz, ich ſage nur ſo viel: entweder wird mich Jeane glück⸗ lich machen, wird mir treu ſein, und ich erlange auf dieſe Weiſe meine vollſtändige Geiſtesruhe wieder .. oder Jeane täuſcht mich . . . in dieſem Fall tödte ich ſe und ihr Tod macht meinen Beſorgniſſen ein Ende.“ „Gegenüber der Logik dieſes Raiſonnements ſchweige ich. . . ich kenne überdies, Albert, die Feſtig⸗ keit Deines Charakters .. Dein Entſchluß iſt ge⸗ faßt! Nichts wird Dich davon abbringen.“ „Nichts!“ „O, ich weiß es; aber ich werde Dich wenigſtens bisweilen ſehen, wenn Du verheirathet biſt?“ „Ganz gewiß.“ „O Dank, Dank, Du biſt gut,“ murmelte Frau von Hansfeld tief und innig bewegt; „Dein Ver⸗ ſprechen übertrifft meine Erwartungen.“ „Wir müſſen uns weiter mit Maurice beſchäf⸗ tigen.“ „Ah! ſo?“ „Mein Haß gegen ihn iſt im gleichen Grade mit meiner Liebe zu Jeane gewachſen.“ „Warum das?“ 235 „Weil Jeane ihn zärtlich liebte. Maurice war ihre erſte Liebe; dieſe Liebe bleibt einzig und gött⸗ lich unter aller Liebe; von ihr datirt das erſte Er⸗ wachen des Herzens, tauſend neue und köſtliche Ein⸗ drücke. Dieſe Liebe iſt edel, rein, erhaben; die Erinnerung daran bleibt ewig ſüß und theuer! Sie beruhigt uns, ſie entzückt uns! Ach, ich bin über⸗ zeugt, Jeanes Gedanken ſchweifen zuweilen nach jenen glücklichen Zeiten, wo ſie Maurice liebte, jenen friedlichen Tagen, deren Heiterkeit mit den Aufre⸗ gungen und Stürmen contraſtirt, von denen ihr Le⸗ ben durchwühlt wurde. Ja, trotz ihrer Liebe zu mir muß ſie noch oft an Maurice denken. Dieſe Ueberzeu⸗ gung macht meinen Haß gegen ihn unerbittlich.“ San Privato unterbrach ſich und fügte nach einigem Nachdenken hinzu: „Iſt Maurice noch immer bei Deiner Kammer⸗ frau verborgen?“ „Ja; er erwartet, um aus ſeinem Verſteck her⸗ vorzutreten, den Zeitpunkt ſeiner Volljährigkeit. Dieſer Tag iſt übermorgen.“ „Einen Tag vor meiner Hochzeit.“ „Ah!“ machte Frau von Hansfeld unwillkürlich ſchauernd, „in vier Tagen verheiratheſt Du Dich?“ „Habe ich es Dir nicht geſagt?“ „Du haſt es mir nicht geſagt.“ „Kommen wir auf Maurice zurück. Der Ruin und ſeine häßliche Tochter, das Elend, ſind die beiden ſicherſten Stützen, die ich meinem Haſſe geben kann. Wir müſſen deßhalb, ſo bald als möglich, dieſen großen Jungen ruiniren und Dich mit ſeiner Hinter⸗ laſſenſchaft bereichern. Er iſt majorenn; die Juden, 236 die ich ihm an die Ferſen gebunden, und die die Größe des Vermögens der Dumirail kennen, werden an⸗ fangs ihrem Sohne bis zu zwei⸗ oder dreimal hun⸗ derttauſend Franken auf die Erbſchaft borgen; aber es iſt auch möglich, daß er bald einen Theil des Vermögens erbt, das er ſpäter erhalten ſoll.“ „Wie das?“ „Seine Mutter iſt ernſtlich krank; ihre Geſund⸗ heit, die durch die Beſorgniſſe aller Art, welche ihr die tollen Streiche ihres Sohnes verurſachten, ſeit eini⸗ ger Zeit angegriffen iſt, konnte ſeit dem Verſchwin⸗ den deſſelben dem letzten Schlage nicht lange Stand halten. Meine ausgezeichnete Mutter hat ſie, von der mitleidigen Hoffnung geleitet, ſich etwas an der Verzweiflung der Dumirail zu ergötzen, geſtern be⸗ ſucht: ſie fand meine Tante in einem, wenn auch nicht hoffnungsloſen, ſo doch wenigſtens ſehr bedenk⸗ lichen Zuſtande, woraus folgt, daß, wenn ſie ſtürbe, ihr Vermögen, welches ungefähr ein Drittheil des ehelichen Vermögens bildet, auf Maurice überginge; ungefähr fünf⸗ bis ſechsmal hunderttauſend Franken; Du biſt ja geſchickt, Du kannſt zwei⸗ bis dreimal hunderttauſend Franken auf dieſe Erbſchaft erheben; dieſe Summe iſt nicht zu verachten.“ Und die große Zerſtreuung Antvinettens bemer⸗ kend, San Privato hinzu: „Du hörſt mich nicht. Woran denkſt Du?“ „Albert, ich liebe das Geld leidenſchaftlich, eben ſo ſehr um des Geldes ſelbſt willen, als wegen des Luxus, den es uns geſtattet, aber was ich dem Gelde vorziehe, was ich dem Luxus vorziehe, was ich allem vorziehe. . das biſt Du.“ 237 „Ich habe nie an Deiner Liebe gezweifelt.“ „Mein Freund, Du beſitzeſt nur die Beſoldung Deines Amtes, auf welche Du bald eine Penſion Deiner Mutter wirſt verſichern müſſen.“ „Wo willſt Du damit hinaus?“ „Du wirſt Dich verheirathen; das Heirathsgut Deiner Frau, haſt Du mir geſagt, beträgt höchſtens dreißigtauſend Franken; Du wirſt Madame San Privato in der ariſtokratiſchen Welt von Paris prä⸗ ſentiren müſſen; Dein Stolz wird grauſam leiden, wenn Du ſie, die ſo ſchön iſt, minder glänzend als die übrigen Frauen ſiehſt, denn Du wirſt zu arm ſein, um ihr elegante Toiletten zu geben und Du haſt einen Widerwillen gegen Schulden . . . Haſt Du an dieſe ganz materielle Seite Deiner Ehe gedacht?“ „Ja . . und ich dachte in dieſer Richtung Vor⸗ kehrungen zu treffen.“ „Wie?“ „Der König von Neapel hat mir immer ſeine beſondere Gnade bewieſen; ich werde ihm meine Ver⸗ heirathung mittheilen, indem ich ihm offen meine Lage ſchildere: daß ich eine Frau ohne Vermögen heirathe und meine Mutter zu verſorgen habe. Der König iſt edel, er wird mir ſicher eine beträchtliche Gratification zuerkennen, er wird den Augenblick er⸗ warten wollen, wo ich bei einem europäiſchen Hofe zum Miniſter⸗Reſidenten ernannt werde; dann wird meine Beſoldung reichlich für meine und meiner Frau Bedürfniſſe ausreichen.“ „Und wenn Dir der König zufällig nicht be⸗ willigte, was Du verlangſt?“ „Dieſe abſchlägige Antwort iſt ſehr unwahr⸗ ₰ℳ 238 ſcheinlich; in dieſem Falle wäre meine Lage aller⸗ dings ſchwierig, ohne gerade ſo zu ſein, daß man ſich nicht herauswinden könnte.“ „Albert,“ verſetzte Frau von Hansfeld, nachdem ſie ſich einen Augenblick geſammelt, „Du ſagteſt eines Tages zu mir: der Zufall kann wunderliche Verän⸗ derungen in unſrem Leben herbeiführen . . . So iſt mein Vetter Maurice der einzige Sohn; er kommt nach Paris; ich nehme an, er werde das Opfer eines Zufalls, eines Sturzes vom Pferde, eines Degen⸗ ſtiches, den er im Duelle erhielte, was weiß ich! dieſem Zufalle verdankte ich, daß ich durch den Tod von Maurice der Erbe der Güter meines Onkels Dumirail würde. Das waren Deine Worte, Albert; ich errieth alsbald Deinen geheimen Gedanken.“ „Meine Liebe, das iſt zu beſtimmt,“ verſetzte San Privato kalt; „Du kannſt geglaubt haben .. meine Gedanken zu errathen.“ „Meinetwegen: Du ſtellſt Dich nicht bloß, ſelbſt nicht gegenüber von mir. Und doch habe ich Deine geheimen Gedanken errathen, oder zu errathen glau⸗ bend, dem zufolge gehandelt, und ohne die Dazwi⸗ ſchenkunft dieſes verdammten Charles Delmare hät⸗ teſt Du beinahe gewiß das Vermögen Deines Onkels geerbt.“ „Der würde Alles ins natürliche Geleiſe ge⸗ bracht haben. Abgemacht.“ „Ich bin ſehr reich; Albert, ich wäre arm, wenn ich noch die nämliche Sprache gegen Dich führte.“ „Welche Sprache?“ „Dieſe beträchtlichen Summen, welche ich auf die Erbſchaft von Maurice erhöbe, ſind ein Ueber⸗ 3 . 285 fluß für mich und noch einmal, wären mir nicht nöthig . . .“ „Nun?“ „Ich wäre ſo glücklich, ſie Dir zurückzugeben. Ich ſage zurückzugeben, weil Du doch im Ganzen der rechtmäßige Erbe Deines Vaters wäreſt und...“ „Meine Liebe,“ antwortete San Privato ſtolz, „zum erſten Male ſeit ich Dich kenne, verſtößeſt Du gegen den Tact, Du verletzeſt mich ſchmerzlich.“ „Mein Gott! was ſagſt Du? .. . dieſer Vor⸗ ſchlag . . .“ „Iſt eine Beleidigung! . . .“ „Albert, ich beſchwöre Dich, entſchuldige mich; konnte ich eine ſolche Empfindlichkeit bei Dir voraus⸗ ſetzen, da du in Folge dieſes Duells erbteſt . . .“ „Was ſoll das heißen?“ verſetzte San Privato hart, indem er Frau von Hansfeld unterbrach. „Muß ich Ihnen wiederholen, daß nach der natür⸗ lichen Ordnung der Dinge die Erfolge meines On⸗ kels nur durch die einfache Thatſache des Todes mei⸗ nes Vaters geſichert war, der in einem Duell umkam, welchem ich durchaus fremd war.“ „Durchaus fremd . . . Albert?“ „Gewiß, Madame.“ „Weil Sie wollen, daß dem ſo ſei.“ „Es iſt dem ſo. Und dies iſt auch der Grund, weßhalb ich die Erbſchaft meines Onkels ohne einen Schatten von Scrupel eingethan; aber meinen Vetter durch Ihre Vermittlung zu berauben, wäre ein in⸗ fam ſchlechter Streich, und ich fürchte ſehr, daß ich Ihnen nie vergeben würde, mich jemals im Ver⸗ dacht gehabt zu haben, denſelben begehen zu können.“ 240 Frau von Hansfeld beobachtete San Privato ganz verdutzt, da ſie nicht länger an der Aufrichtig⸗ keit ſeiner Entrüſtung zweifelte; und in der That, dieſe Entrüſtung war aufrichtig; denn das Gemüth des Böſewichts birgt oft wunderliche Geheimniſſe. Dieſer Menſch hätte nicht gezögert, in die Erbfolge Mauricens zu treten, deſſen Mörder er moraliſch geweſen wäre, und er empörte ſich wirklich bei dem Gedanken, ſeinen Vetter durch die Vermittlung einer Courtiſane zu berauben. Die Pauſe, welche in dem Geſpräche zwiſchen Albert und Frau von Hansfeld eingetreten, wurde durch das Klingen der Glocke vor dem Zimmer un⸗ terbrochen. . „Ah,“ ſagte San Privato lebhaft, „wer kann hier läuten?“ „Das iſt ſicher Auguſtine, meine vertraute Kam⸗ merfrau. Sie allein weiß, daß ich dieſes Zimmer gemiethet, das ſie beſorgt, und wohin ſie dieſen Mor⸗ gen Feuer anzumachen gekommen. Sie würde ſich nicht erlauben, uns zu unterbrechen, wenn es ſich nicht um etwas Außerordentliches handelte.“ „In dieſem Falle öffnen Sie, damit wir erfah⸗ ren, welch' unerwarteter Vorfall Ihre Kammerfrau hierher führt.“ Frau von Hansfeld ging hinaus und nach kurzer Abweſenheit trat ſie mit einem Briefe in der Hand wieder in das Zimmer. „Nun,“ ſagte San Privato, „was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Ihr Onkel, Herr Dumirail, war vor einer 241 Stunde bei mir, nicht mehr drohend und wüthend, ſondern in Thränen und bittend.“ „In Thränen . . bittend . und warum das?“ „Er hat ſich an meinen Kammerdiener Joſeph gewandt und ihn beſchworen, ihn bei mir einzufüh⸗ ren; die Aufregung Ihres Onkels war ſo rührend, daß Joſeph mit Thränen in den Augen ſchwor, ich ſei nicht zu Hauſe, wovon ſich Herr Dumirail über⸗ zeugen konnte, indem er alle Zimmer beſuchte. Von der Wahrheit überzeugt, bat Ihr Onkel um das Nöthige, mir einen Brief zu ſchreiben; er gab Joſeph zwei Louisdor, indem er ihn beſchwor, mir den Brief ſo bald als möglich zu ſchicken, wenn man wüßte, wo ich wäre und im andern Falle ihn mir ſogleich bei meiner Rückkehr zu übergeben. Auguſtine, welche mein Kammerdiener alsbald von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzte, und die die Sache für dringend hielt, eilte herbei, um mir den Brief Ihres Onkels zu überbringen.“ San Privato nahm die Botſchaft des Herrn Dumirail, welche an Frau von Hansfeld adreſſirt war und folgendermaßen lautete: „Madame! „Trotz meiner Bemühungen konnte ich bis jetzt den Aufenthalt meines Sohnes nicht entdecken; Sie allein müſſen ihn wiſſen. Haben Sie Mitleid mit einer verzweifelten Familie! Meine Frau ſtirbt. Madame, ſie ſtirbt! Sie möchte ihren Sohn noch einmal vor ihrem Hinſcheiden umarmen: berauben Sie ſie nicht dieſes letzten Troſtes! Rein, nein Sue, die Familienſöhne. W. 16 242 welchen Glauben ich auch von Ihnen bekommen müßte, Madame, Sie werden mir dieſe Bitte nicht abſchlagen; ſie iſt an ein jedem menſchlichen Weſen heiliges Gefühl gerichtet. Sie werden Maurice ſagen, daß ſeine Mutter mit dem Tode ringt; er wird her⸗ beieilen, und ach! ſie zum letzten Male umarmen. Es iſt kein Augenblick zu verlieren. Madame, ich beſchwöre Sie, haben Sie Mitleid mit uns! .. Dumirail.“ Das Gemüth des Böſewichts, ſagten wir ſpeben, birgt oft wunderliche Geheimniſſe. Frau von Hansfeld hatte nun ihrerſeits, wie zu⸗ vor San Privato, ihre Schwäche. Die Courtiſane fand es abſcheulich und nament⸗ lich unnütz, die ſterbende Mutter des letzten Troſtes, ihr Kind zu umarmen, zu berauben, und dann machte ch dieſer Tod Maurice zum Erben eines ziem⸗ h beträchtlichen Vermögens, und die ſchmutzige Habgier Antoinette's, welche zum Voraus ihrer Beute gewiß war, flößten ihr die Art von Wohlwollen ein, zu welchem uns immer ein glückliches Ereigniß ge⸗ neigt macht. Deßhalb ſagte Frau von Hansfeld zu San Privato: „Mein Freund, ich werde Dir ohne Zweifel ſehr thöricht erſcheinen, aber dieſer Brief rührt mich un⸗ willkürlich.“ „Wirklich?“ „Ja, und ich glaube, es iſt kein Hinderniß vor⸗ handen . „Maurice von dem Todeskampf ſeiner Mutter zu unterrichten?“ ſagte San Privato mit einem eiſig 243 ironiſchen Lächeln. „Entſchieden verwirrt die Rüh⸗ rung die ſonſtige Klarheit Deines Geiſtes.“ „Wie ſo, bitte?“ „Erſtens kann dieſer Brief meines Oheims er⸗ logen ſein und eine Schlinge ethalten „Sagteſt Du mir nicht, daß Deine Mutter geſtern Madame Dumirail in einem äußerſt beunruhigenden, ja beinahe hoffnungsloſen Zuſtande gefunden?“ „Wohl, aber ſie lag noch nicht im Todeskampfe, und angenommen, es ſei dies der Fall und ſie ver⸗ lange Maurice zum letzten Male zu umarmen, ſo iſt es von einer außerordentlichen Wichtigkeit, dieſem Wunſche nicht zu entſprechen.“ „Noch einmal, welches Hinderniß ſiehſt Du darin?“ „Denke doch an den tiefen und furchtbaren Ein⸗ druck, den der Anblick der ſterbenden Mutter auf Maurice machen müßte! . . . Denke doch an die Wirkung, die ſie durch ihre letzten Worte auf ihn hervorbringen kann; an die Verſprechungen, die ſie von ihm erhalten würde! . . . Ich ſage Dir, daß es mehr denn wahrſcheinlich iſt, daß eine heilſame Revolution in dem Geiſte dieſes jungen Menſchen vor ſich geht und das darf nicht ſein.“ „Albert, ich anerkenne die Richtigkeit Deiner Be⸗ merkungen; ich hatte mich unvorſichtig von meinem erſten Gefühle leiten laſſen.“ „Die Unvorſichtigkeit iſt in wichtigen Dingen ge⸗ fährlich. Du wirſt deßhalb Maurice nichts wiſſen laſſen, Du wirſt ſogar Deinen Einfluß auf ihn gel⸗ tend machen, um ihn länger als bis zum Tage ſeiner Volljährigkeit feſtzuhalten.. . . Ich werde Dich über 244 den Geſundheitszuſtand ſeiner Mutter auf dem Lau⸗ fenden erhalten.“ „Es ſei, mein Freund, wie Du verlangſt.“ „Was meinen Onkel Dumirail betrifft, ſo wirſt Du Dich vor weiteren Zudringlichkeiten von ſeiner Seite ſchützen, indem Du ihm einen ſehr würdigen, ſehr rührenden und namentlich den Schein unwider⸗ ſtehlicher Wahrheit an ſich tragenden Brief ſchreibſt, um ihn zu überzeugen, daß Dir der Aufenthalt von Maurice durchaus unbekannt ſei. Dank dieſen Vor⸗ ſichtsmaßregeln werden wir zu dem Ziel gelangen, das wir uns geſteckt.“ „So ſei es, Albert; Du biſt mein Gott und mein Prophet.“ 6 S Drei Tage nach dem Geſpräche San Privato's mit Frau von Hansfeld verließ Maurice, welcher am Tage zuvor ſeine Volljährigkeit erreicht hatte, ſein Gefängniß in Belleville und ging nach dem Hotel des Etrangers, entſchloſſen, eine entſcheidende Verhandlung mit ſeinem Vater und ſeiner Mutter herbeizuführen und ihnen, wie er dachte, rund her⸗ aus ſein Ultimatum zu ſtellen. Antvinette, welche die Abgeſchiedenheit, in der ſie den Unglücklichen hielt, und den verderblichen Ein⸗ fluß auf ihn benützte, drängte ihn immer mehr auf den Weg ſeines Ruines und ſeiner moraliſchen Ent⸗ artung. Es iſt eine intereſſante Bemerkung, die durch tauſend Thatſachen beſtätigt wird: daß beinahe 245 immer an dem Untergang von Söhnen aus vorneh⸗ men Familien eine in der Hierarchie dieſer Frauen mehr oder weniger hochgeſtellte und je nach der In⸗ telligenz des Dupe mehr oder weniger gewandte Courtiſane die erſte Schuld trägt. Bisweilen wer⸗ den vornehme, geiſtreiche junge Leute durch irgend eine leichtſinnige Perſon getäuſcht, hintergangen, ge⸗ prellt, verſpottet, lächerlich gemacht und überdies ausgeplündert, wie die Graubärte der alten Comödie. Was iſt deßhalb zu erſtaunen, daß man kein Mit⸗ leid hat für das Unglück, das in ſeinem Urſprung ſo einfältig iſt und häufig mit Schande und Ver⸗ brechen endet? Maurice reſumirte auf dem Wege zum väter⸗ lichen Hauſe, aus dem er vor ſechs Wochen ver⸗ ſchwunden war, ſeine Lage folgendermaßen: „Ich werde meinen Vater und meine Mutter aufgebracht gegen mich finden; ich muß ihnen durch meine Kaltblütigkeit imponiren, und wie mir An⸗ toinette gerathen, den Stier feſt an den Hörnern packen; mit einem Wort dem Angriff durch einen Angriff zuvorkommen. Keine Schwäche. Ich habe das Recht auf meiner Seite. Dieſes Recht beſteht darin: ich bin kein Kind mehr, ich bin majorenn: mit andern Worten, ich bin Mann, ich bin frei und Herr meines Willens und meiner Handlungen; ich will in Paris bleiben und habe das Recht dazu. Ich habe weder für die diplomatiſche Carriere noch für eine andere Geſchmack, und zwar aus dem vor⸗ trefflichen Grunde, weil es für mich, als einzigen Sohn und einſtigen Erbe von fünfzehn⸗ bis ſechzehn⸗ mal hunderttaufend Franken Vermögen zum wenig⸗ 246 ſten abſurd wäre, mich irgend einer Beſchäftigung zu widmen. „Um jedoch in Paris zu leben, ohne etwas zu thun und dort behaglich zu leben, braucht man Geld. „Gewiß, und das Geld wird mir nicht fehlen; ich habe zwei Mittel, welches zu bekommen, entweder von Wucherern oder von meiner Familie und ich werde nun heute einen letzten Verſuch bei ihr machen, um das Recht ganz auf meine Seite zu bekommen.“ Um ſo ſchlimmer für meine Eltern, wenn ſie es mir verweigern! .„ ſie werden für die Zukunft verant⸗ wortlich ſein. „Ich werde überdies auch nicht mehr von ihnen verlangen, als was vernünftig, nämlich dreißigtau⸗ ſend Franken jährlich, keinen Liard weniger, keinen Liard mehr. Entweder, oder. „Ich baſire dieſes, wenn man es nur vorurtheils⸗ los prüft, ebenſo billige, als geſetzmäßige Verlangen, darauf: * „Meine Eltern haben ein Vermögen, das unge⸗ fähr ſechzigtauſend Livres Renten abwirft; ſie brau⸗ chen nur fünfzehn, wenn ſie auf dem Morillon leben, ich werde ihnen gewiß nicht rathen, in Paris zu bleiben, wo ſie ſich überdies zu Tode langweilen; ſie erſparen alſo jährlich ungefähr fünfundvierzigtauſend Franken von ihren Revenuen; ungeheure Erſparniſſe! Iſt es deßhalb übertrieben von mir, wenn ich dreißig⸗ tauſend Franken von den fünfundvierzig Tauſend verlange, welche ſie erſparen, die ſie nicht brauchen, und ihnen vollſtändig unnütz ſind? Aber ich höre meinen Vater mir antworten: . 247 „Von den Erſparniſſen, die wir jetzt zu machen belieben, werden Sie einſt den Nutzen haben!“ „Gut, ſo geſtehen Sie alſo zu, daß dieſe Er⸗ ſparniſſe mir beſtimmt ſind; daß ſie einſt mir gehö⸗ ren werden?“ „Ja, mein Sohn.“ „Was thut es Ihnen denn, mein Vater, mich ſchon jetzt in den Genuß dieſes Geldes zu ſetzen, nun, da ich im Alter der Vergnügungen ſtehe?“ „Mein Sohn, ich habe Ihnen nichts zu antwor⸗ ten, als daß es mir nicht beliebt, Ihnen dreißigtau⸗ ſend Franken zu geben, um Ihr Faullenzen in Paris zu unterſtützen. Ihre Mutter und ich werden über unſer Vermögen disponiren, wie es uns gefällt, wir werden Ihnen nicht einen Centime geben, wenn Sie darauf beharren, gegen unſern Befehl hier zu bleiben.“ „Mein Vater, iſt das Ihr letztes Wort?“ „Ja, mein Sohn!“ „So vernehmen Sie auch das meine; ich bin majorenn . das Geſetz hat mich emancipirt; Sie haben deßhalb durchaus nicht das Recht, mich zu zwingen, mit Ihnen nach dem Jura zurückzukehren. Sie begehen ein Unrecht, wenn Sie mich zwingen wollen, indem Sie mich, wie man ſagt, beim Hunger packen .. . das heißt, indem Sie mich in Paris ohne einen Sou laſſen. Sie können Ihre Drohung ausführen. Aber Sie ſind für die Folgen mir und Ihnen ſelbſt gegenüber verantwortlich.“ „Wenn Sie etwa von Schulden ſprechen, die Sie zu contrahiren beabſichtigen, mein Sohn, ſo erkläre ich Ihnen, daß ich ſie nicht bezahlen werde.“ 248 „Entſchuldigen Sie, mein Vater, ſie müſſen früher oder ſpäter bezahlt werden.“ „Nach meinem Tode .. . wollen Sie ſagen? Sie wünſchen denſelben alſo, unwürdiger Sohn?“ „Unterſchieben Sie mir nicht einen ſo ſchwarzen Gedanken; Sie haben mir ſpeben ſelbſt geſagt, daß mir nach Ihrem Tode Ihre Güter zufallen würden. Es iſt mir deßhalb wohl erlaubt, Ihnen zu bemerken, daß ich eines Tages meine Schulden als ehrlicher Mann bezahlen werde; es hängt ganz allein von Ihnen ab, mir die Nothwendigkeit zu erſparen, ruinirende Wucherſchulden zu contrahiren, indem Sie mir ſoviel geben, als ich brauche, um meine Bedürfniſſe an⸗ ſtändig zu befriedigen.“ „Noch einmal, Sie werden Paris verlaſſen, mein Sohn; wenn nicht, ſo bleiben Sie auf Ihre Gefahr und Ihr Riſico hier.“ „Ich habe gewählt, mein Vater; mein Recht, meine Unabhängigkeit, meine Würde dictiren es mir Ich werde in Paris bleiben und wenn dadurch in Zukunft eine gewiſſe Erkaltung zwiſchen uns eintreten ſollte, ſo habe ich wenigſtens nicht die Schuld mir vorzuwerfen; werde ich meinem Vater antworten und damit iſt Alles abgemacht.“ „Und ich muß mir geſtehen,“ fügte Maurice bei ſich hinzu, „ich würde dieſe Loſung der andern vor⸗ ziehen, ſo wenig wahrſcheinlich ſie überdies iſt; denn wenn meine Familie einwilligte, mir dreißigtauſend Franken Einkünfte zuzugeſtehen, unter der Bedin⸗ gung, daß ich mich meinerſeits verpflichte, keine Schulden mehr zu machen, ſo wäre ich moraliſch ge⸗ bunden und. deßhalb ſehr genirt. Dreißigtauſend 249 Franken iſt wenig, wenn ich danach urtheile, wie raſch mein Anlehen von zwanzigtauſend Franken unter meinen Händen verſchwunden iſt, und ich habe meinen Lieferanten überdies nur Abſchlagszahlungen gegeben. Ich bin nicht mal, was man ſagt, ein⸗ gerichtet. Ich brauche eine reizende Wohnung, mit einer Coquetterie und einem Luxus meublirt, die Antovinettens würdig wären, damit ſie ſich nichts vergäbe, wenn ſie ihr glänzendes Hotel verläßt, um zu mir zu kommen . . . Ich werde ihr häufig Soupers geben; ich brauche ein Reitpferd, ein Pferd für meinen Groom und ein Wagenpferd mit einem kleinen Coupé, um Abends auszufahren, ohne von andern ebenſo unumgänglichen Ausgaben zu ſprechen, zu welchen die dreißigtauſend Franken Renten, die ich von meinem Vater verlange, entfernt nicht hin⸗ reichen; ich würde es deßhalb vorziehen, meine For⸗ derung rundweg abgeſchlagen zu ſehen; ich hätte dann freie Hand und würde mich weniger über die Trennung von meiner Familie grämen, weil ſie es ja ſelbſt gewollt hätte. „Und ich will aufrichtig gegen mich ſein: würde mich dieſe Trennung viele Ueberwindung koſten? „Nein, ich muß mir offen geſtehen; ich wäre, glaube ich, ziemlich indifferent gegen dieſe Trennung. Welch' ſeltſame Umwandlung in meiner Liebe! „Ich erinnere mich, daß auf dem Morillon, wenn mein Vater jedes Jahr nach Genf reiste, um ſein Holz zu verkaufen, ſeine Abweſenheit kaum vierzehn Tage dauerte und daß dieſe vierzehn Tage mir wie ein Jahrhundert erſchienen. Jeden Augenblick fühlte ich, ſo zu ſagen, phyſiſch dieſe Trennung, ſo ſehr fehlte 250 mir mein Vater; mein einziger Troſt war, gegen meine Mutter doppelt zärtlich zu ſein, und Abends ſchlief ich auf ihren Knieen ein, und dabei ſprach ich immer von ihm und ſagte: „Mutter, wieder ein Tag vorbei, ſo rücken wir immer näher dem Augenblick, wo wir ihn wieder⸗ ſehen, den guten Vater!“ „Und bei ſeiner Rückkehr, welche Freude! welches Leben! Es war ein Feſt im ganzen Hauſe und in aller Herzen, namentlich in dem meinigen! Ja,“ fügte Maurice immer nachdenklicher werdend und ziemlich bewegt durch dieſe Erinnerungen an ſeine erſte Jugend hinzu: „wie konnte dieſe gradweiſe Erkaltung eintreten, welche mich gegenüber von mei⸗ nen Eltern erfaßte? Was iſt die erſte Urſache da⸗ von? Ohne Zweifel ihre ungerechten Forderungen gegenüber von mir, ihr Egoismus, ihre abſcheulichen Verläumdungen, mit denen ſie Antvinette in meinen Augen zu ſchwärzen ſuchten. Und dann auf dem Morillon war ich — kann man wohl ſagen — auch noch ein Kind, ich wußte nichts vom Leben, ich theilte die Gewohnheiten, die Beſchäftigungen meiner Eltern; aus dieſer Gleichförmigkeit des Lebens folgten tau⸗ ſend Berührungspunkte, die unſerer Liebe Nahrung gaben . . . aber hier in Paris, wo wir durch unſern Geſchmack, durch die Richtung unſeres Alters und namentlich durch die gegenſeitigen Beſchwerden über einander vollſtändig geſchieden ſind, iſt es nicht über⸗ raſchend, daß ſich eine Art Eis zwiſchen ihnen und mir gebildet hat. Endlich, was mir unerklärlich ſcheint, und was ich mir als eine Schande, als eine unwürdige Feigheit vorwerfe, das iſt die Dauerbar⸗ S—— 251 keit meiner Erinnerungen, die unwillkürlich zwanzig⸗ mal des Tages auf Jeane zurückkommen, unverwüſt⸗ liche Erinnerungen, die, weit entfernt, in mir zu er⸗ löſchen, immer ſich lebendig erhalten. Ach! als ich jüngſt die nahe Verbindung Jeanes mit San Privato durch Antoinette erfuhr, die davon, wie ſie ſagte, durch ihren alten Freund, den Fürſten von Caſtelnuovo, wußte, bekam ich nicht einen Anfall toller, wahnſin⸗ niger Verzweiflung? ſehnte ich mich nicht nach der Vergangenenheit, dem Landleben, unſern Wäldern, unſern Bergen zurück? und habe ich nicht vor Schmerz und Wuth geweint?“ Maurice war, während er ſo mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, in die Nähe des Hotels des Etrangers gekommen. Er ſtieg am Ende der Rue de LUniver⸗ ſits aus, da er es vorzog, zu Fuße zu gehen, um mehr mit Muße die Argumente, welche er bei der entſcheidenden Verhandlung anwenden wollte, die er mit ſeiner Familie zu haben hoffte, zu ordnen und zu reſumiren. KVI. Maurice hielt ſich nicht bei der Loge des Por⸗ tiers des Hotels auf; er ſtieg die Treppe zum Entre⸗ ſol hinan und nicht ohne ein lautes Herzpochen läutete er ein erſtes, dann ein zweites Mal an der Thüre der Wohnung, welche die Familie inne hatte; er wollte eben zum dritten Male läuten, erſtaunt über die Langſamkeit, mit der Joſette auf das Läuten 2 252 kam, als die Thüre ſich langſam vor ihm öffnete. Er ſtand ſeinem Vater gegenüber, den er anfangs nicht anzuſehen wagte. Das Vorzimmer war übri⸗ gens ſehr dunkel, Maurice gewahrte deßhalb auch die Leichenbläſſe und die düſtere Niedergeſchlagenheit der Züge des Herrn Dumirail nicht, der in ſechs Wochen um zehn Jahre älter geworden zu ſein ſchien. Er zitterte, hob bei dem Anblick ſeines Sohnes die Augen zum Himmel empor, und erwartete dann mit einem Blicke voll Zärklichkeit, Schmerz und Kummer, den er auf ihn heftete, mit unausſprechlicher Unruhe die erſten Worte, welche dieſer an ihn richten würde. „Guten Morgen, mein Vater . . . wie befindet ſich meine Mutter?“ „Das arme, unglückliche Kind, es weiß noch nichts! Dieſe furchtbare Frau hat ihm, unempfind⸗ lich gegen meine Bitten, den Todeskampf ſeiner Mut⸗ ter verborgen,“ dachte Herr Dumirail mit Schrecken und ohne auf die Frage ſeines Sohnes zu antwor⸗ ten, ging er ihm in den anſtoßenden Salon voran. Die geſchloſſenen Läden ließen nur ein düſteres und zweifelhaftes Licht in dieſes Zimmer fallen, wo eine große Unordnung herrſchte. Da und dort, auf dem Kaminmantel oder einem Tiſche, ſah man halb gefüllte Arzneikolben, Stücke Leinwand, leinene Bin⸗ den und in einem Gefäße eines jener letzten Mittel, mit denen man das erlöſchende Leben der Sterben⸗ den aufzufriſchen ſucht. Der Anblick dieſer Dinge, das traurige Halbdunkel und die Stille, die in dem Zimmer herrſchte, die niedergeſchlagene Miene des Herrn Dumirail machten einen tiefen Eindruck auf 253 Maurice; es ſchnürte ihm das Herz zuſammen; er zweifelte nicht, daß die Krankheit ſeiner Mutter wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ſich verſchlimmert habe und ſagte lebhaft: „Mein Vater, ich bat Sie bei meinem Eintreten um Auskunft über meine Mutter . . . Wie geht es ihr heute?“ „Sie ruht . . .“ antwortete Herr Dumirail mit zitternder und erſtickter Stimme, während er Mau⸗ rice nicht anzuſehen wagte. Dieſer, durch die Worte ſeines Vaters nicht vollſtändig beruhigt, ſagte zu ihm: „Die Krankheit hat ſich nicht verſchlimmert?. .. Die Ruhe, welche meine Mutter genießt, wird ihr ohne Zweifel ſehr wohlthätig ſein?“ „So biſt Du endlich zurückgekommen, nachdem Du uns ſo viele Unruhe verurſacht!“ verſetzte Herr Dumirail, der die Antwort auf die Frage ſeines Sohnes vermied und ſich beſann, durch welchen Uebergang er nach und nach ihn auf die Kunde der furchtbaren Wirklichkeit vorbereiten könnte. Maurice, welcher keine Antwort auf die neuen Fra⸗ gen erhielt, die er wegen der Geſundheit ſeiner Mutter an den Vater richtete, vermuthete nicht ohne Urſache, daß ſich ihr Zuſtand nicht gefährlich verſchlimmert haben müſſe, daß ſie ohne Zweifel eines wohlthäti⸗ gen Schlafes ſich erfreue und gedachte deßhalb die wichtige Verhandlung ſogleich zu beginnen, in welche er ſich mit ſeiner Familie einlaſſen wollte; er be⸗ merkte außerdem, daß man ihm nach ſeiner langen Abweſenheit, die in ſo vieler Hinſicht Tadel ver⸗ diente, wohlwollend entgegenkam, und indem er ſich auf dieſe Weiſe die Niedergeſchlagenheit und ſchmerz⸗ 25⁴ liche Verlegenheit, in der er ſeinen Vater fand, er⸗ klärte, ſagte ſich Maurice: „Seit ich majorenn geworden bin und meine Charakterfeſtigkeit bewieſen, indem ich ſechs Wochen abweſend blieb, zittert mein Vater vor dem Gedan⸗ ken, daß ich mich ſeiner Autorität und zärtlichen Liebe entziehen werde. Statt deßhalb mich mit Vorwürfen und Drohungen zu empfangen, begnügt er ſich, mir freundlich die Unruhe vorzuhalten, deren Urſache ich war; er ſcheint ſogar verlegener als ich; kaum wagt er es, mich anzuſehen; ich bin Herr der Situation, er fühlt es wohl, weil es von mir abhängt, mich von ihm zu trennen . . . Er muß deßhalb offenbar allen meinen Forderungen entſprechen, ehe er riskirt, daß ich aufs Reue das väterliche Haus verlaſſe. Ich habe nie eine günſtigere Gelegenheit geſehen, mein Ultimatum zu ſtellen . . . ich bin mir nur zu gewiß, es angenommen zu ſehen. Nun ich will verſuchen, meinen Bedürfniſſen zu genügen, indem ich mit dieſer jährlichen Penſion von dreißigtauſend Franken haushalte.“ Und indem er ſich entſchloſſen an Herrn Dumi⸗ rail wandte, ſagte er: „Sie halten mir die Unruhe vor, mein Vater, die Ihnen meine Abweſenheit verurſachte; ich hatte Ihnen indeß geſchrieben, um Sie einerſeits zu be⸗ ruhigen, andererſeits um Sie wiſſen zu laſſen, aus welch wichtigen Gründen ich an einem Ihnen unbe⸗ kannten Zufluchtsort die Zeit meiner Volljährigkeit erwarten mußte . . . Nun bin ich majorenn, mit andern Worten frei und Herr meines Willens. Ich werde mich ſicher des Reſpectes nicht entſchlagen, den 2⁵5 ich Ihnen ſchuldig bin; aber zu gleicher Zeit erkläre ich Ihnen auch, mein Vater . . . daß ich entſchloſſen bin, unabänderlich entſchloſſen, . . . in Paris zu bleiben, und auf eine Carriere zu verzichten, für die ich keinen Beruf in mir fühle; endlich hoffe ich von Ihrer Güte, von Ihrer Billigkeit die Mittel zu er⸗ halten ehrenvoll zu leben, wie hier alle jungen Leute leben, deren Eltern in einer ähnlichen Vermö⸗ genslage wie die Ihrige ſind; ich glaube deßhalb von Ihnen eine jährliche Penſion von . . .“ Maurice hielt einen Augenblick mit dem Schluſſe der Phraſe zurück, da er noch nicht wußte, ob das Schweigen des Herrn Dumirail als eine Ermuthi⸗ gung, mit der Auseinanderſetzung ſeiner Anſprüche fortzufahren, betrachtet werden konnte; und indem er zu dieſer Annahme ſich neigte, fuhr Maurice fort: „Ich glaube, ſagte ich, mein Vater, von Ihnen eine jährliche Penſion von . .. dreißigtauſend Fran⸗ ken erwarten zu können.“ Herr Dumirail ſchien weder durch das Verlangen noch durch die Summe der Penſion überraſcht und erzürnt; er beobachtete fortwährend ſein Stillſchwei⸗ gen, indem er ſeinen Sohn mit dem Ausdruck zärt⸗ lichen und ſchmerzlichen Mitleids betrachtete. „Ich war davon überzeugt, mein Vater würde aus Furcht, mich zu verlieren, alle meine Bedingun⸗ gen unterſchreiben. Hätte ich vierzigtauſend Franken verlangt, er würde ſie mir ſicher zugeſtanden haben,“ dachte Maurice, und gerührt von dieſem vermeint⸗ lichen ſtillen Zugeſtändniß ſeiner Forderungen, ver⸗ ſetzte er laut im Tone liebevoller Dankharkeit: „Da es mir nunmehr erlaubt iſt „zü glauben, — 256 daß Sie mein Verlangen erfüllen, mein Vater, ſo können Sie ſicher ſein, daß Sie mich künftig nur zu loben haben werden. Ich mache mich anheiſchig, mich mit dieſen dreißigtauſend Franken zu begnügen und keine weitern Schulden machen zu wollen.“ „Armes Kind!“ murmelte Herr Dumirail, einen Seufzer erſtickend. „Ach armes, unglückliches Kind!“ Maurice über dieſen Ausruf erſtaunt, deutete ihn bald als einen Beweis der Zufriedenheit und der Ermuthigung von Seiten Herrn Dumirails, den das Verſprechen, daß er keine Schulden mehr eon⸗ trahiren wolle, glücklich mache. „Mein Vater,“ verſetzte Maurice entzückt über den guten Erfolg ſeines Vorſchreitens und in der Abſicht, die Fragen abzuſchneiden, die eine Uneinig⸗ keit zwiſchen ihm und ſeinen Eltern hervorzurufen im Stande wären, „erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß in dem freilich wenig wahrſcheinlichen Falle, Sie und meine Mutter wollten in Paris wohnen bleiben, ich ein geſondertes Logis zu bewohnen verlange, da die vollſtändige Verſchiedenheit unſeres Geſchmacks, unſerer Gewohnheiten, unſeres Alters es, wie Sie begreifen, für Sie wie mich ſchwierig und läſtig machen müßten, wenn wir zuſammen wohnen woll⸗ ten. Brauche ich Ihnen begreiflich zu machen, daß, obgleich wir nicht mehr unter einem Dache wohn⸗ ten, unſere Bezügniſſe darum keineswegs abgeſchnit⸗ ten ſein würden; ich würde jeden Tag kommen, um Sie und die Mutter zu beſuchen; aber es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß Sie es vorziehen, beide nach dem Morillon zu gehen. In dieſem Falle werde ich Ihnen 3 257 häufig ſchreiben und jedes Jahr ſicher einen Theil der Jagdſaiſon im Jura bei Ihnen zubringen.“ „Armer Maurice!“ verſetzte Herr Dumirail mit einer immer gerührteren und gebrocheneren Stimme. Zuletzt aber konnte er ſeinem Schluchzen nicht mehr gebieten; er barg ſein Geſicht in ſeinen Händen und ſchluchzte: „Ach! unglückliches Kind! Ach! unglückliches Kind!“ XVII. Madame Dumirail war ſeit geſtern begraben; ihr Gatte, ſtatt ſich durch die ſeltſamen Anmaßungen ihres Sohnes empören zu laſſen, fühlte für ihn ein tiefes Mitleid, wenn er daran dachte, daß der Un⸗ glückliche, den Tod ſeiner Mutter noch nicht kennend, welchem frühen Ende er durch ſeine Ausſchweifungen nicht fremd war, an dieſes kaum erkaltete Todten⸗ bette trete, um ſeinem Vater die unverſchämten For⸗ derungen eines luxuriöſen und vergnügungsſüchtigen Lebens zu ſtellen. Ach!“ ſagte Herr Dumirail, „wenn mein Sohn den inerſetlichen Verluſt kennte, der uns für immer beugt . . mit welchem Schrecken würde er dieſe Wünſche toller Verſchwendung erſticken! Welcher Gewiſſensbiß ruht in dem Gedanken, daß ſeine Mutter ohne Abſicht von ihm zurückgeſtoßen, als er berauſcht nach Hauſe kam, einen gefährlichen Fall that, die erſte Urſache ihrer Krankheit, die durch den Kummer und die Unruhe verſchlimmert wurde, wel er uns e 4 ienſohne Iv. 17 258 verurſachte, und tödtlich geworden durch ſein Ver⸗ ſchwinden, den letzten Stoß, dem meine Frau nicht Stand halten konnte. Wozu gegen die tollen For⸗ derungen meines Sohnes auftreten? Ach! er wird ſie in wenigen Augenblicken nur zu ſehr bereuen! Die Stimme ſeines Gewiſſens wird eine weit größere Rächerin ſein, als es die meinige wäre. Sie wird eheſtens ſeinen traurigen Träumereien von Zer⸗ ſtreuung und Nichtsthun Gerechtigkeit widerfahren laſſen; die Lehre wird furchtbar ſein; vielleicht zu grauſam, denn trotz ſeiner Verirrungen liebt uns Maurice; er vergötterte ſeine Mutter, er hatte nicht mal den traurigen Troſt ihrer letzten Umarmungen und durfte ſie nicht zu ihrer letzten Wohnſtätte be⸗ gleiten. Möge der Schmerz, der ihn trifft, nicht ebenſo gefährlich für ihn ſein, als er unerwartet iſt. Ich mache mir jetzt den Vorwurf, daß ich Maurice zu ſehr beruhigt, indem ich ihm ſagte, ſeine Mut⸗ ter ruhe. Vie ſoll ich ihn jetzt ohne zu ſchroffen Uebergang von der Wirklichkeit unterrichten?“ Das waren die geheimen Gedanken des Herrn Dumirail, als ſein Sohn, nachdem er ſein Ultimatum ausgeſprochen, das Schweigen, das ſein Vater be⸗ obachtete, zu Gunſten ſeiner Plane deutete. Plötzlich öffnet ſich die Thüre des Salons und Joſette, blaß, mit von Thränen gerötheten Augen, tritt in einem ſchwarzen Kleide und einer Trauer⸗ haube, eine Rechnung in der Hand, ein und ſagt ſchluchzend: „Mein Herr . . . hier iſt . . . die Rechnung ... des Schreiners . . . für den Sarg . . .“ Als ſie aber plötzlich Maurice in dem Halbd ————— 259 kel des Salons gewahrte, ſtieß ſie einen Schrei des Erſtaunens und Schreckens aus; dann fügte ſie mit herzzerreißender Stimme hinzu: „Ach, Herr Maurice, Herr Maurice! Die Eulen und die Hunde ſtimmten ein Geheul an, als wir vom Morillon weggingen. Dieſe Prophezeiungen täuſchen nie, und unfre arme Frau . . .“ „Großer Gott! mein Vater . . . die Trauer⸗ kleider Joſettens . .. ihre Worte . . ihre Thränen .. .“ ſtotterte Maurice blaß, zitternd, beſtürzt;. . . „wäre es möglich! . . . ein ſolches Unglück! . . . Wie?... meine Mutter! . . .“ „Mein Kind, ich habe Niemanden mehr, als Dich! . . .“ antwortete Herr Dumirail. Und durch ſein Schluchzen erſtickt, öffnet er ſei⸗ nem Sohne die Arme, der ſich unter Thränen in dieſelben ſtürzt. Und Vater und Sohn hielten ſich lange um⸗ ſchlungen. XVIII. Maurice, welcher ſo plötzlich den Tod ſeiner Mutter erfuhr, fühlte anfangs eine Art Schwindel, welchen das Erſtaunen, der Schmerz und man muß es zugeſtehen, die Heftigkeit ſeiner Gewiſſensbiſſe ver⸗ urſachte, die ihn erfaßten, wenn er ſich an die düſtere Prophezeiung ſeiner Mutter erinnerte. „Mein Kind, wenn ich in Paris, eine Beute ähnlicher Sorgen, wie ich ſie bereits erduldet, blei⸗ ben müßte, . ich verſichere Dich, Du würdeſt in Kurzem meinen Sarg nach dem Kirchhofe bringen.“ 260 „Es bleibt mir nichts auf der Welt, als Du!...“ murmelte Herr Dumirail, indem er Maurice ſchmerz⸗ lich an ſeine Bruſt drückte; und als ihre Aufregung ſich etwas beruhigt hatte, fügte er, ſeine Thränen trocknend, hinzu: „wenn der Himmel mir meine Le⸗ bensgefährtin genommen, ſo hat er mir wenigſtens meinen Sohn wiedergegeben!“ Und er fuhr mit ſeinem eindringlichſten, zärtlichſten Tone fort: „Nicht wahr, mein Kind, Du biſt mir wiedergeſchenkt, . auf immer wiedergeſchenkt?“ „Ach, mein Vater, . . . ich habe nie daran ge⸗ dacht, mich von Dir zu trennen.“ „Wir wollen nicht von der Vergangenheit ſprechen, es ſei denn, um die engelgleichen Tugenden Deiner Mutter zu loben. Ach! wenn Du wüßteſt, wie ſie geſtorben! . . .“ „Mein Gott! . . . die arme, gute Mutter! Und ich war nicht zugegen! . . . ich war nicht zu⸗ gegen! . . . „Du wirſt wenigſtens die Größe ihres Todes er⸗ fahren; ihr Andenken ſoll Dir noch theurer, noch heiliger ſein! Welches Herz! welch' ein Schatz un⸗ erſchöpflicher Zärtlichkeit! . . .“ Und die Thränen des Herrn Dumirail floſſen von neuem. „Nie habe ich mehr als in dieſen letzten Augen⸗ blicken die Schönheit und Zartheit ihrer Seele be⸗ wundert. Sie war bis zum letzten Augenblicke beim vollen Bewußtſein und . . .“ Herr Dumirail konnte nicht zu Ende ſprechen; ſeine Stimme war von Schluchzen erſtickt. Maurice beginnt gerührt ebenfalls wieder zu weinen, nimmt ———,— 261 die Hände ſeines Vaters in die ſeinen und ſagt zu ihm: „Suche, ich beſchwöre Dich, für den Augenblick dieſe troſtloſen Erinnerungen zu verſcheuchen. Sie erneuern unſern Schmerz, ſie brechen unſer Herz, ſie tödten uns . . .“ „Ja, hier, wo Alles uns ſo ſchrecklich an den Tod von der erinnert, die wir beweinen, brechen uns dieſe Erinnerungen das Herz, aber weißt Du, liebes Kind, wo wir uns ganz dieſen Erinnerungen mit der Gewißheit eines unheilbaren Schmerzes hingeben können? An den Orten, wo wir ſo lange glücklich mit ihr und durch ſie gelebt! Dort, in unſerer friedlichen Einſamkeit, in der Stille, in der Natur, werden unſere lieben und theuren Frinnerungen nach und nach ihre Herbigkeit verlieren. Ja boald werden wir in tiefer Melancholie aber ohne Bitter⸗ keit uns jeden Tag und jede Stunde das Gedächtniß Deiner Mutter zurückrufen können. O, Julie! Julie! Dein Sohn und Dein Gatte werden Dir bis zum Ende ihres Lebens einen religiöſen Cult, einen Deiner würdigen Cult weihen! Unſer Tempel wird jene Einſamkeit ſein, die Du ſo ſehr liebteſt; wir werden ſie fortan nicht mehr verlaſſen. Auf, mein Sohn, Muth! Wer weiß, ob es nicht von der Vorſehung beſtimmt war, Dich bis an den Rand des Abgrunds zu führen, um Dich die ganze Tiefe ermeſſen zu laſſen und Dir für immer den unüberwindlichſten Abſcheu vor dem Böſen einzuflößen! Das war der letzte Gedanke Deiner Mutter.“ „Mein Gott! Deine Thränen fließen noch,“ ſagte Maurice, als er ſeinen Vater ſich abermals von der 262 Aufregung überwältigt, unterbrechen ſah, während ſeine eigenen Augen ſich trockneten, wenn er mit wachſender Angſt an den Plan ſeines Vaters dachte, der, wie er ſagte, entſchloſſen war, für immer ſich mit ſeinem Sohne auf dem Morillon einzuſchließen, um dort bis zum Ende ihrer Tage dem Andenken der ewig Beweinten einen religiöſen Cult zu weihen! Dieſe Befürchtungen begannen Mauricens tiefen Schmerz nach und nach zu zerſtreuen, und als er Herrn Dumirail noch immer ſchweigend weinen ſah, rief er: „Ach, mein Vater, Deine Thränen zerreißen mir das Herz . .. „Laſſe ſie fließen . . ſie erleichtern mich . . . und obgleich ich entſchloſſen war, Dir den erhabenen Tod Deiner Mutter erſt auf dem Morillon zu er⸗ zählen, in unſerer theuren Einſamkeit, will ich Dir doch die letzten Worte meiner armen Julie wieder⸗ holen und Dich ihren letzten Wunſch kennen lehren, deſſen Gegenſtand Du warſt.“ „Ach! er wird ihrer Zärtlichkeit für mich würdig geweſen ſein . .. Ich fühle den glühenden und frommen Wunſch, den letzten Willen meiner Mutter kennen zu lernen . . . Aber ich beſchwöre Dich, ver⸗ ſchieben wir dieſe ſchmerzliche Unterhaltung, bis Du Dich etwas beruhigt haſt. Mein Geiſt iſt von Kummer ſo verwirrt, daß . . . „Nein, nein, ich will augenblicklich dieſe heilige Pflicht erfüllen, mein Kind! . . . ich will die Ver⸗ ehrung für die, die wir beweinen, verdoppeln, indem ich Dir zeige, daß ſie bis zuletzt die aufgeklärteſte, die zärtlichſte, die mitleidigſte der Mütter war. Ver⸗ — — —.— —— 263 nimm ihre letzten Worte . . . vernimm und ſegne ſie . . . Unſer armes Kind, ſagte ſie, wird es ſchmerzlich empfinden, meiner letzten Umarmungen nicht mehr theilhaftig geworden zu ſein! . . . er würde hier ſein, an meinem Bette . . . auf den Knieen . . . wenn er wüßte, daß ich ſterbe! . . .“ „O! ja, ja,“ murmelte Maurice, der von neuem der Rührung erlag und wenn man ſo ſagen kann, durch die Macht der Lage fortgeriſſen wurde. „Ach! wenn ich das Unglück, von welchem wir bedroht waren, gekannt, oder auch nur hätte vorausſehen können, nichts in der Welt, ich ſchwöre es, wäre im Stande geweſen, mich daran zu hindern, hier⸗ her zu eilen; aber leider! erfuhr ich eben erſt durch Joſette .. Schluchzen erſtickte die Stimme von Maurice und Herr Dumirail fuhr fort: „Mein armes Kind, wir beide, Deine Mutter und ich, haben keinen Augenblick gezweifelt, daß Du nichts von der Gefährlichkeit ihrer Krankheit wiſſeſt. Und, ich wiederhole es, ihre letzten Worte trugen das Gepräge eines Gefühles himmliſchen Mitleids. Die Vorſehung, und ich ſegne ihre Wege, ſagte ſie, „die Vorſehung wollte ohne Zweifel, daß mein Tod zum Glücke meines Sohnes diene; der Kummer, den er ihm verurſachen wird, die neuen Pflichten, die er ihm gegen Dich auferlegen wird, mein Freund, gegen Dich, deſſen einzige Stütze, deſſen einziger Troſt er jetzt iſt, ſind im meinen Augen die ſicheren Garan⸗ tieen für ſeine Rücktehr zum Guten, ſein entſchie⸗ denes Verzichten auf ſeine Irrthümmer. Unſer Maurice wird den Abgrund von Nahem geſehen 264 haben; die Lection wird ebenſo nützlich ſein, als ſie furchtbar war; er wird nur noch einen Wunſch haben: ſo bald als möglich aus Paris zu fliehen und mit Dir nach dem Morillon zurückzukehren, um ihn nie mehr zu verlaſſen und wie früher, mit Dir die ländlichen Arbeiten zu theilen, die er ſo ſehr liebte. Dieſes ehrbare Leben wird ihm den Frieden der Seele und die Zufriedenheit mit ſich ſelbſt wieder⸗ geben.“ . Herr Dumirail, welcher ſich an Maurice ge⸗ wandt, deſſen Schmerz, der einen Augenblick vorher noch ſo lebhaft geweſen, ſich in gleichem Grade ver⸗ minderte, als er den Ernſt der Hinderniſſe würdigte, die der letzte Wunſch ſeiner Mutter ſeinen geheimen ſar in den Weg legte, Herr Dumirail fügte inzu: „Sprich, mein Kind, wurden je ſanftere, klügere und zärtlichere Worte von einer ſterbenden Mutter ausgeſprochen?“ „O, nein . . . nein. . . nie!“ antwortete Mau⸗ rice, indem er ſein Geſicht in ſeinen Händen barg. Und ſchon ſuchte er nach einem doppelzüngigen Mittel, um aus der ſchwierigen Lage herauszukommen, in der er ſich gegenüber von ſeinem Vater befand. „Deine Mutter kannte Dein Herz, mein Kind; Du täuſcheſt ihre letzten Hoffnungen, Gott ſei Dank, nicht!“ verſetzte Herr Dumirail, überzeugt von dem unwiderſtehlichen Einfluß des letzten Wunſches ſeiner Frau auf ſeinen Sohn. „Aber, höre noch einmal und ſieh, bis zu welchem Grade dieſer Engel an Güte ſich mit dem Kummer beſchäftigte, den ſie uns verurſachen würde, mit welch' rührender Beſorgtheit — 5 3 265 ſie ſich mühte, die Bitterkeit deſſelben zu mildern, indem ſie hoffte, uns über ihr Scheiden, ihr Scheiden auf ewig, beinahe Illuſionen zu machen . Höre. Ich wünſche, ſagte Deine Mutter, ich wünſche, daß mein Schlafzimmer und mein kleiner Salon ganz ſo bleiben, wie ſie waren, als wir den Morillon verließen, und ich verlange von Euch, von Dir und Maurice, daß Ihr Euch jeden Tag eine Stunde in mein Zimmer begebt; ſo werdet ihr ſicher mich immer um Euch glauben.“ „Die liebe, ausgezeichnete Mutter! wie rührend iſt in der That dieſer Gedanke!“ ſagte Maurice mit verdoppelter Beſorgniß; „ſie wollte ſozuſagen ſich ſelbſt überleben und ihr Gedächtniß, das täglich auf ſolche Weiſe erneuert würde, müßte ihre ſo tief ver⸗ mißte Gegenwart beinahe auffriſchen.“ „Liebes Kind! die Worte beweiſen mir, woran ich nicht zweifelte, wie würdig Du biſt, den Wünſchen Deiner Mutter zu entſprechen!“ verſetzte Herr Du⸗ mirail. „Ach! wir werden wenigſtens die Hoffnun⸗ gen meiner armen Julie rechtfertigen; wir werden uns nie verlaſſen; Deine Tugend, Deine zärtliche, hingebende Liebe werden die Stütze meines Alters ſein, das der Schlag, unter dem wir beide ſeufzen, furchtbar getroffen. Ja, glaube mir, ich bin bis in's Herz getroffen! Ich fühle es, es iſt eine un⸗ heilbare Wunde . . . ſie wird ewig bluten! Und ſiehſt Du, mein Kind, wenn ich Dich nicht hätte, wenn ich mich nicht mit all meiner Kraft, die noch mein trauriges Leben erhält, an Dich hinge, ſo ſchwöre ich Dir, würde ich meine arme Julie nicht überleben und ich .. 266 Herr Dumirail kann nicht ausreden, die Rüh⸗ rung, die Seufzer erſticken ſeine Stimme. Maurice wirft ſich in ſeine Arme, überhäuft ihn mit Zärtlich⸗ keiten und ſagt zu ihm: „Ich beſchwöre Dich, mein Vater, laſſe Dich nicht ſo niederſchlagen . . . Faſſe Muth . . . „Du haſt Recht . . mir mangelt der Muth, ich geſtehe meine Schwäche ein,“ antwortete Herr Du⸗ mirail, indem er ſeine Thränen trocknete. „Aber was willſt Du? . . . Während mehr als zwanzig Jahren . . . war, Deine Mutter das Glück meines Lebens und jetzt .. ich ſehe. . ich fühle um mich eine furchtbare, ungeheure Leere, die nur Deine Liebe, Deine Gegenwart ausfüllen können .. . und dann endlich hier . . . in dieſem verwünſchten Paris in dieſem Hauſe, wo meine vielgeliebte Frau geſtorben iſt. . vergiftet alles meinen Schmerz und bringt ihn zur Verzweiflung . . . Ach, trotz der niederſchlagenden Enthüllung, die Dich erwartete, unglückliches Kind! .. . wünſchte ich Deine Heim⸗ kehr mit grauſamer Ungeduld herbei.. um ſo bald als möglich von hier ſcheiden zu können; nun biſt Du endlich da . und Gott ſei Dank, wir werden, ehe eine Stunde vergeht, auf dem Wege ſein.“ „Ehe eine Stunde vergeht,“ ſtotterte Maurice mit einer Betroffenheit, die ſein Vater nicht be⸗ merkte. „Wie? auf dem Wege . . ehe eine Stunde vergeht?“ „Ja, mein liebes Kind, es braucht nicht mehr Zeit, als bis wir unſere Vorbereitungen in aller Eile getroffen und uns auf die Fahrpoſt begeben 267 haben, wo wir eines der Cabriolets nehmen, die man bei jedem Relais wechſelt . . .“ „Heute noch gehen, mein guter Vater!“ rief Maurice, indem er ſich die Miene gab, als wenn er für ſeinen Vater beſorgt wäre; „wie, Du wollteſt Dich auf den Weg machen, ſo vom Schmerze gebeugt, — das wollteſt Du?“ „Beruhige Dich, liebes Kind! Jeder Schritt, den wir unfern Bergen näher kommen, wird, wie mich dünkt, das Gewicht meiner Leiden erleichtern.“ „Ich bitte Dich, verzichte auf dieſen Plan.“ „Darauf verzichten, großer Gott! während ich ſeit geſtern in meiner verzehrenden Angſt die Stun⸗ den, die Minuten gezählt, die mich von dem Augen⸗ blick ſchieden, wo ich dieſe verhaßten Orte verlaſſen könnte! Ach! die Füße brennen mich hier .. E „Mein Vater,“ verſetzte Maurice, der nach eini⸗ gem Nachdenken auf einem unerſchütterlichen Ent⸗ ſchluß ſtehen zu bleiben ſcheint, und in der verzweif⸗ lungsvollen Lage, in der er ſich befindet, nicht mal vor einem heuchleriſchen Vorwande zurückſchreckt, „der Verluſt, den wir erlitten,“ ſagte eine verehrte Stimme, „legt mir neue Fflichten gegen Dich auf.“ „Du wirſt ſie treulich erfüllen, ich weiß es.“ „Ich bin dazu entſchloſſen, mein Vater. Von heute an, von dieſer Stunde muß ich ſie zu erfüllen beginnen, dieſe heiligen Pflichten.“ „Was willſt Du ſagen?“ Ich widerſetze mich ausdrücklich Deinem Weg⸗ gange; es hieße wirklich Deine Geſundheit auf die unverzeihlichſte Weiſe der Gefahr ausſetzen. Noch einmal, iſt das Deine Abſicht? Den Anſtrengungen 268 der Reiſe in dem Zuſtande trotzen, in dem Du Dich befindeſt. Nie, nein, nie, ich will mich nicht zum Mitſchuldigen einer ſolchen Unklugheit machen!“ „Deine zärtliche Liebe beunruhigt ſich unnöthig, mein armer Freund, um . . .“ „Wenn dem ſo wäre, würde ich es hundertmal vorziehen, aus Uebermaß von Vorſicht zu ſündigen, als Gefahr zu laufen, Dich unterwegs krank werden zu ſehen.“ „Fürchte das nicht; ich verſichere Dich im Gegen⸗ theil, daß . . .“ „Verzeihung, wenn ich Dich unterbreche, aber ich habe eine Pflicht gegen Dich zu erfüllen, und ich werde ſie erfüllen, was Du auch ſagen, was Du auch thun magſt.“ „Bitte, höre mich!“ „Nein, nein, guter Vater, Du wirſt auf die Stimme der Vernunft hören. Verlaſſen wir, ſo ſchnell als möglich, dieſes Hotel, wo alles ſo ſchmerz⸗ liche Erinnerungen in uns hervorruft; begraben wir unſren Kummer, unſre Thränen in einem einſamen Quartiere. Dort werden wir Einer für den Andern leben. Das iſts, mein Vater, was die Vernunft befiehlt. Aber Dich eine lange Reiſe in dem Zuſtande der Riedergeſchlagenheit, in dem Du Dich befindeſt, unternehmen zu laſſen, nie, nein, nie werde ich meine Zuſtimmung dazu geben!“ „Mich rührt Deine zärtliche und unruhige Beſorgtheit ſelbſt in ihrer Uebertreibung,“ ant⸗ wortete Herr Dumirail tief bewegt, und die wahre Urſache der Einſprache, die ſein Sohn gegen das Weggehen von Paris erhob, noch nicht einſehend. 269 „Beruhige Dich, ſage ich Dir; ſobald wir von Ferne die Gipfel unſeres Jura erblicken, wird mein Herz, auf dem jetzt eine bleiſchwere Laſt ruht, ſich erleich⸗ tert fühlen; ſo oft ich meine Seele zu unſern Bergen erhebe, wo wir ſo glücklich gelebt. Aber hier blei⸗ ben, in dieſer Stadt, in welchem Quartier es auch ſei, und wär es auch nur einen Tag, das iſt unmöglich: ich würde augenblicklich krank werden und mich vielleicht nicht wieder von dieſer Krankheit er⸗ heben. Es iſt Zeit, mehr als Zeit, daß ich gehe, mein Kind; es brauchte der ganzen fieberhaften Energie, die mir die Erwartung Deiner Rückkehr hierher gab, um mich bis jetzt aufrecht zu erhalten. Dieſe muß Dich, ſtatt zu beunruhigen, im Gegen⸗ theile beruhigen; beeilen wir uns deßhalb, rufe Jo⸗ ſette, damit ſie ſich mit unſeren Vorbereitungen zur Reiſe beſchäftige.“ „Ich bitte Dich, mein Vater . . .“ „Ich antworte Dir meinerſeits, was Du auch ſagen, was Du auch thun magſt, und hätteſt Du auch hundertmal Grund, Dich zu beunruhigen: ich bin entſchloſſen, heute, augenblicklich zu gehen, und wir werden gehen.“ „Dann, erkläre ich Dir, ehe ich die Mitſchuld an einer Handlung auf mich nehme, die in meinen Augen die Spitze der Unklugheit iſt, werde ich Dich nicht begleiten,“ ſagte Maurice, indem er aus ſeiner kindlichen Zärtlichkeit den Muth zu ſchöpfen ſuchte, ſich ein ſchmerzliches Opfer aufzuerlegen. „Nein, und was es mich auch koſten mag, ich werde Dich allein gehen laſſen.“ Dieſe Art von Drohung betonte Maurice, dem das Heucheln noch neu war, unwillkürlich mit einer gewiſſen Härte und Ungeduld, welche Herrn Du⸗ mirail anfänglich betroffen machte; aber bald ſah er im Gegentheile in dieſer Drohung einen neuen Beweis der Anhänglichkeit ſeines Sohnes, und konnte er ihn deßhalb tadeln, daß er die Anſtrengungen, denen ſein Vater ſich unterziehen zu wollen ſo eigen⸗ ſinnig war, unmäßig übertrieb? Er ſagte deßhalb: „Du willſt mich allein gehen laſſen, ſigſt Du; aber, ſelbſt von Deinem Geſichtspunkte aus und angenom⸗ men, daß ich eine Unklugheit begehe . . . glaubſt Du, liebes Kind, wenn ich unterwegs krank würde, Deine Gegenwart wäre mir dann nicht doppelt nöthig?“ „Gewiß,“ antwortete Maurice ziemlich verlegen über den Einwurf, „aber gerade, damit Du Dich nicht der Gefahr ausſetzeſt, unterwegs krank zu wer⸗ den, widerſeßte ich mich mit allen Kräften Deiner Abreiſe.“ „Das, mein Freund, iſt nicht vernünftig, ich. „Mit einem Wort, mein Vater, wenn Du zeugt ſein daß ich Deine Unklugheit nicht un⸗ terſtützen werde, indem ich Dich begleite, wirſt Du wohl auf einen Plan verzichten müſſen, der mich erſchreckt und troſtlos macht.“ „Wie, Du wrillſt mich allein gehen laſſen!“ verſetzte Herr Dumirial mit ſchmerzlichem Zögern, indem er, wenn auch unklar, die Urſache der Hals⸗ ſtarrigkeit ahnte, mit der ſich ſein Sohn der raſchen Abreiſe widerſetzte. „Kannſt Du auch nur auf einen derartigen Gedanken kommen nach all' den Gründen, die ich Dir in Beziehung auf meinen Wunſch, ja — * 271 mehr noch, auf die Nothwendigkeit, gegeben, in der ich mich befinde, in mein Vaterland zurück zu kehren, weil meine Geſundheit, vielleicht mein Leben, dem Kummer, der mich beugt, nicht widerſtehen würde? Nein, nein, Du denkſt nicht an das, was Du ſagſt.“ „Was ich ſage, mein Vater, werde . . . ich thun „Maurice . . . ach! Maurice . . .“ ſtotterte Hert Dumirail, dem immer mehr Zweifel aufſtiegen, und der die Phyſiognomie ſeines Sohnes aufmerkſam betrachtend, darin eine lebhafte Ungeduld und eine ängſtliche Unruhe beobachtete. „Mein Freund,“ fügte Herr Dumirail in dem Tone ſanften und ernſten Vorwurfes hinzu, „ich will nicht glauben, ich werde niemals glauben, daß Du in einem Augenblicke, wo Du mich Deiner Ergebenheit und zärtlichen Liebe verſicherſt, deren ich, wie Du weißt, bedarf, ich wie⸗ derhole es, auch nur auf den Gedanken kommen kannſt, Dich von mir zu trennen.“ „Gott behüte, dies anzunehmen, mein Vater; mein einziger Wunſch im Gegentheile iſt, ein ein⸗ ſames Quartier von Paris mit Dir zu bewohnen, Dich nicht zu verlaſſen . . . Aber noch einmal, mich mit Dir in der Ueberzeugung auf den Weg machen, daß Du Deine Geſundheit auf das Spiel ſetzeſt, dazu werde ich nie meine Zuſtimmung geben. Nein; keine menſchliche Macht, ſelbſt die Deine nicht, und das will alles ſagen, wird meinen Entſchluß in dieſer Beziehung erſchüttern.“ Der Ton, in welchem Maurice dieſe letzten Worte ſprach, wurde ſo feſt und entſchieden, daß ſein Ent⸗ ſchluß, trotz der letzten Wünſche ſeiner Mutter in Paris zu bleiben, von Herrn Dumirail nicht mehr in Zweifel gezogen werden konnte. Auf einen Augen⸗ blick wirkte dieſe Entdeckung ſchmerzlich niederſchla⸗ gend auf ihn. XX. Maurice, welchen der Tod ſeiner Mutter ſchmerzte und die letzten mitleidsvollen Worte tief gerührt, war nicht allein entſchloſſen, Trauer um ſie zu tra⸗ gen und ihr Andenken, wie ſichs gebührt, zu ehren, ſondern er ſah auch voraus, daß für einige Zeit das ſüße Glück ſeiner Verbindung mit Frau von Hansfeld eine Art von melancholiſchem Gepräge tra⸗ gen werde; er nahm ſich endlich ſogar als eine heilige Pflicht vor, von Zeit zu Zeit in Begleitung Antoinettens Immortellenkränze und Blumen auf das mütterliche Grab zu bringen. Gewiß, der Sohn aus vornehmer Familie war, wie man ſieht, entſchloſſen, Alles mögliche zu thun, aber ſich ſogleich mit ſeinem Vater auf dem Morillon begraben, um beſtändig die Verſtorbene in trauriger Einſamkeit zu beweinen und dort die mühſamen länd⸗ lichen Arbeiten von ehedem wieder aufzunehmen; da⸗ mit auf Frau von Hansfeld und die Vergnügungen von Paris zu verzichten, jetzt, da er fünf⸗ bis ſechsmal⸗ hunderttauſend ſchöne, klingende und hüpfende Fran⸗ ken erbte, das ging über Mauricens Kräfte. Er hatte ſeinem Vater den ehrlichen Vorſchlag gemacht, die erſte Trauerzeit in einem einſamen Quartiere zu⸗ zubringen, und er hatte Wort gehalten, und die Augenblicke, welche Frau von Hansfeld ihm übrig gelaſſen, dazu verwandt, ſeinen Vater zu tröſten. Darauf beſchränkte ſich die mögliche Aufopferung dieſes ausgezeichneten Sohnes .. Laſſen wir ihm Gerechtigkeit widerfahren: er hatte ſogar einen Augen⸗ blick, von dem herzzerreißenden Schmerz ſeines Vaters gerührt, den Gedanken, ihn nach dem Morillon zu begleiten, und dort einige Tage zu bleiben; aber auf dieſes erſte Gefühl folgte der peremptoriſche Gedanke: „Mein Vater iſt überzeugt, daß der Tod und der letzte Wille meiner Mutter meine Umkehrung be⸗ wirtt, und daß es mein einziger Wunſch iſt, mich mit ihm auf ſeinem Gute zu begraben, um dort mein ländliches Leben aufs Neue zu beginnen. Dem iſt aber nicht ſo. Ich will mich nicht von Paris ent⸗ fernen, wo meine Erbſchaft mir erlaubt, auf großem Fuße zu leben. Ich muß alſo, wenn ich meinem Vater auf einige Tage nach ſeiner Einſamkeit folge, früher oder ſpäter meinen Entſchluß erklären; es iſt deßhalb beſſer, ihm denſelben rund heraus und ehe⸗ ſtens zu erklären, wenn er darauf beharren ſollte, noch heute nach dem Jura zurückzukehren.“ Herr Dumirail begriff endlich, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht, daß Maurice, unter einem Schein von kindlicher Beſorgniß ſeinen unbeug⸗ ſamen Entſchluß, in Paris zu bleiben, verberge, trotz der Erfahrung aus der Vergangenheit, trotz des Bewußtſeins, das Ende der Tage ſeiner Mutter be⸗ ſchleunigt zu haben, trotz der Verzeihung und der letzten Wünſche dieſer Unglücklichen beharrte Maurice auf ſeinen traurigen Verirrungen. Sue, die Familienſöhne W. 18 274 Herr Dumirail wollte, ehe ihn dieſe furchtbare Gewißheit der Täuſchung zum Bewußtſein brachte, ehe er ſich überzeugte, daß die Seele ſeines Sohnes unheilbar befleckt ſei, einen letzten Verſuch machen, indem er ſich ſelbſt täuſchte und ſich ſagte, daß trotz allem, und ſo unwahrſcheinlich es auch ſei, Maurice doch wirklich ſo beſorgt für die Geſundheit ſeines Vaters ſein könnte, daß er in ſeiner bis zur Verir⸗ rung übertriebenen Beſorgtheit ihm damit drohe, ihn allein gehen zu laſſen, um ihn durch dieſe Befürch⸗ tung zurück zu halten und zu hindern, eine bei⸗ nahe todbringende Unklugheit zu begehen. Aber auch die Ehrlichkeit dieſer übertriebenen Beſorgniß zuge⸗ geben, war es außer Zweifel, daß, wenn Herr Dumirail auf ſeinem Entſchluß beſtünde, ſich auf den Weg zu machen und ſein Sohn ſich weigerte ihn zu begleiten, ſeine Beſorgniß nur ein Vorwand war, um in Paris zu bleiben. Herr Dumirail läutete, nachdem er lange ge⸗ ſchwiegen, Joſetten und ſagte zu ihr: „Legen Sie alsbald Weißzeug in meinen Nacht⸗ ſack nebſt den nöthigen Toilettengegenſtänden für die Reiſe; Sie nehmen morgen die Diligence nach Nantua und bringen die Effecten, die ich hier zurücklaſſe, mit ſich. Sagen Sie dem Garcon des Hotels, daß er augenblicklich einen Fiaker hole.“ Joſette ging, um die verſchiedenen Befehle auszu⸗ führen. Herr Dumirail gab ſich Mühe, ſeine ge⸗ heimen Gefühle zu verbergen und ſagte liebevoll zu Maurice: „Mein Freund, ich nehme hinlänglich Wäſche für Dich und mich mit; wir werden uns unterwegs 275 nicht aufhalten, außer, um unſer Mahl einzunehmen. Der Fiaker, den ich holen ließ, wird uns auf die Fahrpoſt bringen, und wir werden uns augenblicklich auf den Weg machen.“ „Wie, mein Vater, Du beharrſt alſo . . .“ „Ich reiſe augenblicklich ab . . . Verſchone mich mit Deinen Bemerkungen.“ „Aber das iſt ja die Spitze aller Unklugheit nd „Und,“ verſetzte Herr Dumirail, indem er einen durchdringenden Blick auf Maurice warf, der die Augen ſenkte, „und lieber, als Dich zum Mitſchuldi⸗ gen meiner Thorheit zu machen, wirſt Du mich nich begleiten? . . . „Mein Vater .. „Höre mich. Ich erkläre Dir zum Voraus: im Namen der einfachſten Vernunft, ich kann Deine Ent⸗ ſchuldigung, weßhalb Du mich allein gehen laſſen willſt . . . weil Du zu fürchten vorgibſt, ich werde unterwegs krank werden, nicht für ehrlich halten.“ „Und doch iſt es die reine Wahrheit . .. Dieſe Furcht allein hält mich zurück; auch bin ich ent⸗ ſchloſſen . . .“ „Nimm Dich in Acht!“ ſagte Herr Dumirail, dem es gelang, ſich noch zuſammen zu nehmen, und ſeinen Sohn unterbrechend: „O nimm Dich in Acht, ehe Du mir antworteſt, ob Du mit mir gehen willſt oder nicht; ich ſage Dir zum Voraus, Deine Antwort wird für mich von der äußerſten Wichtigkeit ſein!“ Maurice, welcher, wie man im gemeinen Leben ſagt, aufs Trockene geſetzt war, fühlte den entſcheiden⸗ den Augenblick herannahen. 276 Er beobachtete einige Augenblicke das Schweigen, das die Folgen ſeiner Antwort vorausſieht; ſein Herz ſchnürte ſich zuſammen; er hatte das Bewußtſein der furchtbaren Reſultate des Entſchluſſes, den er faſſen wollte; ſeine Zukunft hing davon ab. Er war ent⸗ ſchieden im Begriffe, zwiſchen dem guten und dem böſen Wrge zu wählen. Dieſe Verlegenheit befing ihn noch, als Joſette mit dem Reiſeſacke ihres Herrn eintrat und ſagte: „Mein Herr, der Fiaker ſteht vor dem Hotel.“ „Auf, Maurice,“ ſagte Herr Dumirail mit einer Stimme, welche ſeine Angſt verrieth; und er fügte, indem er ſich nach der Thüre wandte, hinzu: „Komm', komm', mein Kind, wir wollen gehen.“ „Mein Vater bitte „Kommſt Du, ja oder nein?“ „Warten Sie wenigſtens einige Tage.“ „Ich gehe auf der Stelle. Folge mir.“ „Nur bis morgen . . .“ „Nicht eine Minute länger! Kommſt Du?“ „Mein Vater!“ „Kommſt Du? ja oder nein.“ „Nun gut! . . . nein! mein Vater . . .“ brachte Maurice mit Mühe hervor, „nein! es iſt mir un⸗ möglich.“ „Genug, ich begreife. Verlaſſen Sie uns, Joſette,“ ſagte Herr Dumirail mit dumpfer Stimme. Und er blieb mit ſeinem Sohne'allein. B — — 277 XX. Herr Dumirail, welcher an der Verſtocktheit ſeines Sohnes nicht mehr zweifeln konnte, war noch nicht am Ziele all' der ſchmerzlichen Entdeckungen, die er in dieſem verdorbenen Herzen machen ſollte, denn das Böſe hat ſeine Logik, wie das Gute; auf die Ueberzeugung, daß ſein Sohn Paris nicht ver⸗ laſſen wolle, folgte natürlich der Gedanke: „Auf welche Hilfsmittel zählt Maurice, um die tollen Ausgaben zu beſtreiten, von denen er träumt.“ Eine neue und furchtbare Beſorgniß zerriß das Herz des Herrn Dumirail, und ehe er ihm ins Geſicht zu ſehen wagte, ſo erſchreckte ſie ihn, wollte er we⸗ nigſtens ſeinen Sohn heftige Vorwürfe hören laſſen und ihm ſo beweiſen, daß er nicht der Dupe ſeiner Heuchelei ſei. Mit drohendem Blicke, zornglühen⸗ dem Geſichte und Lippen, die ein Lächeln von beißen⸗ der Bitterkeit zuſammenzog, rief Herr Dumirail: „Sie ſind entlarvt! . . . Ihre Weigerung, mich zu begleiten, klärt mich auf! So war alſo der Tod Ihrer Mutter, ihr letztes Bitten, die Verzeihung, welche die Sterbende Ihnen gewährte; endlich meine Nachſicht, meine Zärtlichkeit, meine Thränen, alles war umſonſt, alles prallte an Ihrem Herzen aus Erz ab! . . . Sie wollen in Paris bleiben, und ich weiß unglückſeliger Weiſe, weßhalb . . .“ „Ich könnte meine Mutter ſo gut hier als auf dem Morillon beklagen, beweinen . . .“ „Ihre Mutter beklagen, beweinen .. . O Sie machen mich ſchauern! Ihre Thränen, Ihre Klagen, Ihr Schmerz, alles war geheuchelte Lüge! . . .“ 278 „Ach! mein Vater, dieſe Anklage „ „Iſt nur zu ſehr verdient. Ich hielt, trotz Ihrer Verirrungen, Ihr Herz noch für gut. Ich täuſchte mich. Ein furchtbarer Schlag trifft mich, der furcht⸗ barſte, der mich jemals treffen kann, wenn mir nicht etwa für die Zukunft noch ſchrecklichere aufbewahrt ſind. Ich verliere Ihre Mutter; Sie ſind Zeuge meiner Verzweiflung; mein erſter Schrei, als ich Sie wiederſehe, iſt: Mein Kind, es bleibt mir nichts als Du auf der Welt! Wir werden uns nicht mehr trennen! . . . Und auf dieſen Schrei meiner zer⸗ riſſenen Seele, was antworten Sie? Beweinen Sie meine Mutter, wo Sie wollen . . . ich bleibe hier.“ Mit andern Worten: Ich bin unverbeſſerlich, ich will mich auch künftig dieſen Ausſchweifungen hin⸗ geben, die meiner Mutter ſo großen Kummer verur⸗ ſachten, daß ſie vor der Zeit ſtarb . . . Es ſei, mein Herr; Sie ſind, wie Sie ſagen, majorenn und Herr Ihres Thuns! . . . Indeß, eine Frage .. .“ Und die Stimme des Herrn Dumirail verän⸗ derte ſich, denn der Gedanke, den er fliehen wollte, trat ihm unglücklicher Weiſe vor die Seele. „Um in Paris zu leben . . . müſſen Sie Geld haben.“ „Ich weiß es, mein Vater.“ „Da Sie nun nicht einen Sou von mir zu er⸗ warten haben, ſo lange Sie hier bleiben . . wie wollen Sie Ihre Bedürfniſſe beſtreiten?“ „Mein Vater . . .“ ſtotterte Maurice mit wachſen⸗ der Verlegenheit, denn er wagte es nicht zu ant⸗ worten, er zählte auf die mütterliche Erbſchaft; „ich werde ſehr mäßig in meinen Ausgaben ſein.“ — ——————————————— 279 „Thut nichts . ſo mäßig Sie auch ſein mögen, wie wollen Sie ſie beſtreiten, wo werden Sie Geld finden?“ i „Das braucht Sie nicht zu beunruhigen, mein Vater.“ „Sie werden ohne Zweifel neue Wucherſchulden contrahiren?“ „Nein, gewiß . o nein .. antwortete Mau⸗ rice unwillkürlich. „Beruhigen Sie ſich, mein Vater, ich werde künftig nicht mehr zu Wucherſchulden meine Zuflucht nehmen.“ „Ach!“ machte Herr Dumirail zitternd, denn der geheime Gedanke ſeines Sohnes, an dem er bisher zu zweifeln ſich gemüht, trat ihm in ſeiner ganzen Abſcheulichkeit vor die Seele. Er verſetzte mit einer von Entrüſtung zurückgehaltenen Stimme: „Wenn Sie keine Schulden contrahiren wollen, wie werden Sie ſich denn Geld verſchaffen?“ „Es iſt unnütz, in einem ſo traurigen Augen⸗ blicke in derartige Details einzugehen, mein Vater und ich „Aber mir fällt ein,“ verſetzte Herr Dumirail, der ſich den Anſchein gab, als überraſchte ihn ein plötzlicher Gedanke, „Sie glauben vielleicht, Ihre Mutter zu beerben?“ „Allerdings,“ rief Maurice mit einem abſcheu⸗ lich naiven Accente, welcher offenbar bedeutete: „Ge⸗ wiß zähle ich auf die Erbſchaft meiner Mutter.“ Dann verſetzte Maurice, nachdem er einen Augen⸗ blick nachgeſonnen und zu bemerken begann, was in der Frage ſeines Vaters Beunruhigendes lag: 250 „Warum, ich bitte Sie, richten Sie dieſe Frage an mich?“ „Weil Sie in einem Irrthum begriffen ſind.“ „Einem Irrthum? Welchem Irrthum?“ „Die Aſche Ihrer Mutter iſt kaum erkaltet, und ſchon gelüſtet Sie nach Ihrer Erbſchaft. Aber dieſe Erbſchaft entgeht Ihnen.“ „Großer Gott, was ſagen Sie?“ „Ihre Mutter hat mir ihr Vermögen teſtamen⸗ tariſch vermacht.“ „Enterbt!“ rief Maurice, und ſein Geſicht ent⸗ färbte ſich und der Zorn, die Beſtürzung verzogen ſeine Züge, als er die grauſame Täuſchung ſeiner Habgier entdeckte. XXI. Dieſe Habgier zerriß das Herz des Herrn Dumi⸗ rail; er fühlte, daß die letzten Bande, die ihn noch mit Maurice verknüpften, brachen; denn leider! ſagte ſich der unglückliche Vater und mußte ſich im Namen der unbeugſamen Logik und der unerbittlichen Erfah⸗ rung ſagen: „Mein Sohn wird ebenſo gleichgültig gegen mei⸗ nen Tod ſein, als er es wirklich bei dem Tode ſeiner Mutter iſt. Die Geldfrage iſt . . . und wird für ihn Alles ſein: er iſt befriedigt, wenn meine Erb⸗ ſchaft reichlich iſt und nicht auf ſich warten läßt, traurig, wenn ich lange lebe; ergrimmt, wenn meine Hinterlaſſenſchaft ſeinen Hoffnungen nicht entſpricht: und von heute an wird mir ſtets der furchtbare Ge⸗ 281 danke vor der Seele ſtehen: „Es exiſtirt ein Menſch, der wünſcht, daß ich baldigſt ſterbe, und dieſer Menſch iſt mein Sohn . . . ich habe ihn mit Beweiſen meiner Sorgfalt, meiner zärtlichen Liebe überhäuft . ehe⸗ dem liebte er mich . . . ich war ihm das Theuerſte... Ach die Hand Gottes ruht ſchwer auf mir; ſie ſtraft auf furchtbare Weiſe meinen väterlichen Stolz, den blinden Ehrgeiz, der mich in einer Stunde der Ver⸗ irrung für meinen Sohn erfaßt hatte! Meine Frau, die beſte der Gattinnen und Mütter, iſt vor meinen Augen aus Kummer geſtorben und mein Sohn iſt verkoren! . . . Keine Illuſionen, ſie würden mich jetzt nicht mehr zu täuſchen vermögen; jedes kindliche Gefühl iſt fortan in ihm erloſchen; keine edle Saite fibrirt mehr in ſeiner Seele, da er trotz meines Schmerzes, meiner Thränen, meiner Bitten, meiner Zärtlichkeit ſich ſo zeigt, wie er ſich ſo eben zeigte. Ach! es iſt furchtbar . . . furchtbar! . . Es iſt nicht mehr mein Kind, was ich in ihm ſehe, es iſt ein Gleichgültiger .. noch ſchlimmer . . viel⸗ leicht ein Feind! Es iſt Zeit, ihm mitzutheilen, daß meine Frau unglücklicher Weiſe nicht daran dachte, mir den disponibeln Theil ihres Vermögens zu ver⸗ machen, der auf ſolche Weiſe vor der Vergeudung bewahrt geblieben . . . Die letzte Probe, auf die ich meinen Sohn ſtellte, hat mir nur zu ſehr meinen Verdacht beſtätigt.“ Je mehr dieſe herzzerreißenden Ueberzeugungen in die Seele des Herrn Dumirail dringen, deſto mehr verändert ſich der Charakter ſeiner Phyſignomie; ſie verſteinert ſich ſo zu ſagen und nimmt eine eiſige Strenge, eine unbeugſame Härte an. 282 „Mein Herr,“ verſetzte er in einem kurzen und ſchneidenden Tone, „ich wollte Sie auf die Probe ſtellen .. Ich habe Sie getäuſcht . . . Die Erb⸗ ſchaft Ihrer Mutter gehört Ihnen.“ „Großer Gott!“ ruft Maurice, aus deſſen Zügen ſich unwillkürlich Staunen uud Befriedigung aus⸗ drücken. „Ihre Erbſchaft beträgt ungefähr fünfmalhundert zwanzigtauſend Franken,“ fuhr Herr Dumirail theil⸗ nahmlos fort. „Man wird Ihnen, davon dürfen Sie überzeugt ſein, pünktliche Rechnung ſtellen.“ „Ach! mein guter Vater, kann je unter uns von Rechnung die Frage ſein,“ ruft der junge Mann ungeſtüm, da die Rührung und das lebhaftere Gefühl des Vertrauens durch den glücklichen und unerwarte⸗ ten Umſchwung, der ihn zum mütterlichen Erben machte, ſich ſeiner bemeiſterte; in ſeiner Freude wollte Maurice deßhalb ſeinem Vater ſeine Dankbar⸗ keit beweiſen, indem er ſich an ſeinen Hals warf; Herr Dumirail jedoch ſtieß ſeinen Sohn mit einer Geberde des Abſcheues und Widerwillens zurück und antwortete kalt: „Ich ſagte es Ihnen, mein Herr, um Sie zu prüfen; ich wollte Sie einen Augenblick glauben laſſen, Ihre Mutter habe mir Ihr Vermögen ver⸗ macht. Die Probe hat meine Befürchtungen weit übertroffen. Sie ſahen in dem Tode Ihrer Mutter eine einfache Geldfrage . . .“ „Ich? mein Gott!“ „Sie, mein Herr; denn da Sie ſich enterbt glaubten, drückten Ihre Züge eine viel tiefere und 283 offenere Beſtürzung aus, als die, welche Sie vorhin heuchleriſch affectirten, da Sie erfuhren, daß Sie keine Mutter mehr haben.“ „Ach, Ihre Vorwürfe zerreißen mir das Herz, und ich . . .“ „Aber,“ fuhr Herr Dumirail fort, ohne ſich an die ünterbrechung ſeines Sohnes zu kehren, „da Sie erfuhren, daß Ihnen der Genuß des mütterlichen Vermögens geſichert ſei, daß es ſich auf mehr als fünfmalhunderttauſend Franken belaufe, klärte ſich alsbald Ihre Stirne auf. Die Freude reißt Sie hin, Sie anerkennen zum Voraus die Glaubwürdigkeit meiner Rechnung und wollen mir um den Hals fallen . . .“ „Ich bitte Sie, mein Vater, deuten Sie eine Bewegung der zärtlichen Liebe nicht auf ſolche Weiſe.“ „Zärtliche Liebe zu den fünfmalhunderttauſend Franken, die ich Ihnen auszubezahlen habe, mein Herr! . . . Nein, ich zweifle nicht an der Aufrichtig⸗ keit dieſer Ihrerſeits ſo natürlichen Bewegung. Und jetzt, da wir uns auf ewig trennen werden, hören Sie mich, mein Herr . . .“ „Was ſagen Sie, mein Vater? ... „Ich ſage, mein Herr, daß Sie mich zum letzten Male heute ſehen.“ „Aber was iſt der Grund zu dieſer Trennung auf ewig?“ verſetzte Maurice, immer erſtaunter über den Ton und die unveränderte Phyſiognomie des Herrn Dumirail, „wodurch habe ich Ihren Grimm und vielleicht ſogar Ihren Haß verdient?“ „Dieſe Frage, wenn ſie aufrichtig iſt und ſie muß es ſein, beweist mir, daß Ihr Herz noch ver⸗ 284 dorbener iſt, als ich glaubte. Aber dieſe Unterhal⸗ tung iſt mir widerwärtig, ich will ihr raſch ein Ende machen. Zwei Worte indeß: Sie ſind majorenn und Herr Ihrer Handlungen, ſagten Sie mir dieſen Mor⸗ gen; ſo ſeien Sie denn frei, genießen Sie das Recht, welches des Geſetz Ihnen zugeſteht; was die ſelt⸗ ſamen Anſprüche betrifft, die Sie an mein Vermögen erhoben, ſo antworte ich Ihnen ſoviel: Ein Vater, ſelbſt in der Vermögenslage, in der ich bin, iſt ſei⸗ nem Sohne nur das Nothwen dige und nicht das Ueberflüſſige ſchuldig: ich war Ihnen das Nothwendige ſchuldig, und habe es Ihnen ge⸗ geben, nämlich das materielle und das geiſtige Brod; die moraliſche Erziehung, welche den Geiſt des Men⸗ ſchen bildet, erzieht, entfaltete nur die phyſiſche Er⸗ ziehung, die ſeine Conſtitution ſtark macht; der Vater iſt ferner dem Sohn das Werkzeug zur Arbeit ſchuldig, nämlich die Kenntniſſe, den nöthigen Unterricht, um eine ehrenhafte Laufbahn einſchlagen zu können. Endlich iſt der Vater für den Fall früher Krankheiten oder eintretender Ereigniſſe, welche die Carriere des Sohnes vernichten können, ſeinem Sohne eine Rente ſchuldig, die hinreicht, um ſeine Zukunft zu ſichern. Das ſind die Pflichten des Vaters; ſind dieſe Pflichten erfüllt, ſo bleibt er abſoluter Herr ſeines Vermögens und nach den Ge⸗ ſetzen der Vernunft, der Moral und der Billigkeit, iſt er ſeinem Sohn nicht das Geringſte weiter ſchul⸗ dig, mag ſein Vermögen auch noch ſo beträchtlich ſein. Dieſe väterlichen Pflichten habe ich reichlich gegen Sie erfüllt, mein Herr; ich habe Ihnen eine ausgezeichnete Erziehung gegeben; Sie ſind ſtark, 285 und beſitzen die nöthigen Kenntniſſe eines guten Land⸗ wirths.“ „Ich danke Ihnen für die Sorgfalt, die Sie in ſo reichem Maße auf mich verwendet, mein Vater, und ich . . .“ „Mein Herr, das ſind Worte, es handelt ſich um Thatſachen . . . Ich habe alſo aufs Pünktlichſte meine Pflichten gegen Sie erfüllt, was die Vergan⸗ genheit betrifft; was die Zukunft betrifft, ſo bin ich entbunden, für Sie zu ſorgen. Sie beſitzen jetzt die Erbſchaft Ihrer Mutter, . . . mehr als fünfmalhun⸗ derttauſend Franken .. . zwanzigtauſend Livres Ren⸗ ten . . . nicht bloß Wohlhabenheit . . ſondern Reichthum.“ „Seien Sie überzeugt, mein Vater, daß ich dieſe Güter nicht verſchwenden werde.“ „Sie werden darin um ſo kluger handeln, mein Herr, als ich Ihnen ausdrücklich erkläre . hören Sie wohl,“ fügte Herr Dumirail in feierlichem Tone hinzu, „und dieſe Erklärung mag Ihnen den Kummer erſparen, wenn Sie mich länger oder kürzer leben ſehen müſſen . . . da Sie von heute an, mein Herr, ganz unintereſſirt bei der Frage meines Todes ſind! — ich erkläre Ihnen ausdrücklich, ich verſichere Ihnen bei meiner Ehre, daß ich Ihnen keinen Obolus hinterlaſſe.“ Herr Dumirail ſprach dieſe Worte mit einem Nachdruck, der Maurice keinen Augenblick länger an dem unerſchütterlichen Entſchluß ſeines Vaters zwei⸗ feln läßt; und gewiß, ſich enterbt zu ſehen, zittert er und bleibt ſtumm vor Beſtürzung und läßt die Stirne in tiefer Niedergeſchlagenheit ſinken. Maurice, welcher jetzt im Beſitze einer Erbſchaft von fünfmalhunderttauſend Franken war, eines in ſeinen Augen beinahe unerſchöpflichen Schatzes, ärgerte ſich vielleicht mehr über die Urſache der Enterbung, die ihm gerade verkündet worden, als über dieſe ſelbſt. Er mußte wirklich ſeinen Vater, an deſſen zärtlicher Liebe er niemals gezweifelt, unheilbar verletzt haben, daß dieſer ihn ſo gänzlich enterbte; und obgleich es ſich wahrſcheinlich um den Verluſt von ungefähr einer Million handelte, ſchmerzte Maurice in dieſem Augen⸗ blick doch weniger dieſer Verluſt, als die unerbittliche Abneigung und das abſolute Loslöſen, das ſich darin ausſprach, daß ſein Vater zu einer ſo ertremen Maß⸗ regel griff. Nachdem er einen Moment geſchwiegen, verſetzte er deßhalb im alterirtem Tone: „Es wird mir ſchmerzlicher ſein, auf Ihre Liebe zu verzichten, als auf Ihr Vermögen, mein Vater.“ „Eitle Worte, denen eine Thatſache widerſpricht, von der ich ſoeben Zeuge war, mein Herr: der Ver⸗ luſt der Erbſchaft Ihrer Mutter hat Sie ſchmerzlicher berührt, als ihr Tod. Was mich betrifft, ſo werden Sie ohne Zweifel das Ende meiner Laufbahn nicht herbeiwünſchen, da Sie wiſſen, daß Sie nichts von mir zu erwarten haben!“ „Ach, mein Vater, Sie ſind mitleidslos!“ „Sie täuſchen ſich. Die Zukunft, die Sie ſich durch. Ihre Ausſchweifungen bereiten, flößt mir für Sie ein tiefes Mitleid ein; ich will, daß der Sohn, dem ich das Leben geſchenkt, trotz ſeiner Verſchwen⸗ dung, vor Kälte und Hunger für immer geſchützt ſei.“ „Ich werde nie in dieſen Fall kommen, mein Vater.“ 287 „Ich denke das Gegentheil; Sie werden Ihre Erbſchaft bis auf den letzten Sou aufzehren, und jetzt, mein Herr, ſollen Sie erfahren, wie ich über mein Vermögen disponire.“ „Mein Vermögen,“ fuhr Herr Dumirail fort, „beträgt, das Gut Morillon einbegriffen, ungefähr elfmalhunderttauſend Franken.“ „Mehr als eine Million,“ ſagte Mäurice, aufs Neue die Beute gieriger Lüſternheit, „mehr als eine Million.“ „Sie wiſſen, mein Herr, doß ich oft und lange bedauert, daß die gebildeten Landwirthe, welche mit der modernen Wiſſenſchaft auf dem Laufenden ſind, in unſeren Gütern noch eine Seltenheit genannt wer⸗ den müſſen, da es an ſpecieller Heranbildung und Erziehung mangelt,“ verſetzte Herr Dumirail kalt. „Ich bin deßhalb entſchloſſen, mein Vermögen der Gründung einer Ackerbauſchule auf meinem Gute, auf dem Morillon, zu widmen. Dort werde ich, unter meiner Aufſicht, ungefähr zwanzig arme Waiſen erziehen; ſie werden meine neue Familie bilden .. mir der keinen .. „Sie ſind, wie Sie ſagten, mein Vater, der un⸗ umſchränkte Herr Ihres Beſitzes,“ verſetzte Maurice, indem er ſich den Schein gab, als wäre er gleich⸗ gültig gegen die Pläne ſeines Vaters, und betrachtete ihre Realiſirung als um ſo wahrſcheinlicher, als Herr Dumirail häufig den Mangel an gebildeten Land⸗ wirthen bedauert hatte; „Sie können über Ihr Eigen⸗ thum nach Belieben verfügen.“ „Das werde ich auch thun, mein Herr. Das Vermögen, das Sie in Orgien verſchwendet hätten, — 288 wird nun ehrbaren Kindern aus dem Volke das kör⸗ perliche und geiſtige Brod und die Mittel zur Arbeit bieten. Dieſe, das bin ich überzeugt, erwarten nichts von mir nach meinem Tode, werden nicht mit unge⸗ duldiger Begierde die Tage zählen, die mir zu leben bleiben; ſie werden meinem Gedächtniß einige auf⸗ richtige Thränen weinen und es wird, hoffe ich, von den Generationen von Waiſen geehrt werden, die in der Ackerbauſchule, welche ich für alle Zeiten ge⸗ gründet, folgen werden.“ „Sie haben zweifelsohne das Recht, mich zu ent⸗ erben, mein Vater,“ verſetzte Maurice mit verdoppel⸗ ter Bitterkeit, „aber Sie haben nicht das Recht, mich einen gefühlloſen Sohn zu nennen.“ „Ich kenne vollkommen mein Recht. Ich habe moraliſch das, Sie zu enterben. Noch ein Wort, mein Herr. Ich ſagte Ihnen, daß mein Mitleid für Sie nur zu ſehr Ihren Ruin, und vielleicht Ihren nahe bevorſtehenden, vorausſehe; wenn dem ſo iſt, wenn Sie eines Tages auf die äußerſte Noth reducirt ſind, mag ich nun leben oder todt ſein, ſo werden Sie immer, kraft einer ausdrücklichen Clauſel meiner Stiftung, auf dem Morillon Koſt, Logis und Klei⸗ dung finden, nichts weiter; aber, ich wiederhole Ihnen, mein Herr, das Geſchöpf, dem ich das Leben gegeben, ſoll niemals Hunger oder Kälte zu leiden haben.“ „Ich hoffe,“ ſagte Maurice, indem er ſeinen Zorn zu bewältigen ſuchte, „das iſt das Geringſte, was ich anſprechen könnte.“ „Dieſer Anſpruch, mein Herr, ſollte einem Men⸗ ſchen nicht geſtattet ſein, der ſeinen Ruin der Träg⸗ — 289 heit und dem Laſter dankt; denn er iſt auf dieſe Weiſe viel glücklicher, als viele ehrbare Leute, welche nach einem mühevollen Leben in Entbehrun⸗ gen ſchmachten; aber mein väterliches Mitleid will Ihnen dieſe letzte Strafe für Ihre Ausſchweifungen erſparen.“ „Mein Vater . . . Sie enterben mich . . . meinet⸗ wegen!“ antwortete Maurice in alterirtem Tone. „Iſt es mir indeß erlaubt, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß, abgeſehen von dem Unrecht, deſſen Schwere ich nicht leugne, Sie auch noch die Fehler ſtrafen, deren Sie mich in Zukunft für fähig zu hal⸗ ten belieben?“ „Mein Herr, entweder oder: entweder Sie legen Ihr Vermögen auf eine kluge Weiſe an, und ge⸗ nießen Ihre fünfundzwanzigtauſend Livres Renten in vollſtändiger Muße, oder Sie haben in wenigen Jah⸗ ren dieſe Erbſchaft vergeudet. Im erſten Falle wer⸗ den Ihre Revenüen mehr als genügen, ſich alle Freu⸗ den zu verſchaffen, die der Menſch vernünftiger Weiſe wünſchen kann, und meine Erbſchaft würde Ihren Ueberfluß nur um einen ſehr unnützen Ueberfluß ver⸗ mehren; im andern Falle jedoch, und dieſer iſt un⸗ vermeidlich, erfülle ich eine heilige Pflicht, indem ich zur Verbeſſerung des Schickſals meiner Mitmenſchen ein Vermögen verwende, das in dem Schlunde Ihrer ebenſo tadelnswerthen als „unfruchtbaren Verſchwen⸗ dung untergegangen wäre.“ „Aber, mein Vater. „ch habe meinen Wien ausgeſprochen, mein Herr . . . und damit genug,“ verſetzte Herr Dumi⸗ rail mit dem Tone unbeugſamer Autorität. Sue, die Familienſöhne. Iv. 19 Dann fuhr er fort: „Haben Sie einen Notar?“ „Warum dieſe Frage, mein Vater!“ „Weil Sie einen Notar wählen müſſen, in deſſen Hände mein Mandatar in wenigen Tagen Ihre Rech⸗ nungen und die Summen niederlegen wird, die Ih⸗ nen zukommen.“ Dann zog er die Klingelſchnur und fügte hinzu: „Vergeſſen Sie nicht, mein Herr, mir die Adreſſe Ihres Notars nach dem Morillon zu ſchicken, wo ich übermorgen ſein werde.“ „Wie, mein Vater, Sie wollen entſchieden noch heute gehen?“ „Joſette,“ ſagte Herr Dumirail zu der eintreten⸗ ten Dienerin, „bringen Sie den Nachtſack in den Fiaker, der mich erwartet.“ „Mein Vater,“ rief Maurice, nachdem die Die⸗ nerin weggegangen, „ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich nicht mit dem Fluche Ihres Zornes belaſtet zurück.“ „Des Zornes? Nein, nein!“ antwortete Herr Dumirail mit ſchmerzlichem und feierlichem Tone, „der Familienvater, der gegen ſeinen Sohn ſtrenge verfahren muß, läßt ſich nicht von dem tadelnswer⸗ then Gefühle des Zornes leiten; er ſammelt ſich in ſeinem Geiſte und ſeinem Herzen, wägt Gut und Böſe ab, mit der Unparteilichkeit des ſtrengen Rich⸗ ters, dann handelt er, wie ihm die Pflicht zu han⸗ deln gebietet.“ „So werde ich Sie alſo nie wieder ſehen, mein Vater?“ „Nie, wenn Sie nicht unterwürfig, reuig zu mir 291 kommen und das ſteht nicht zu hoffen, nach dem was heute vorgefallen. Aber ich erkläre Ihnen, Sie mögen ſich beſſern oder nicht, zählen Sie nicht auf meine Erbſchaft; Sie müſſen Ihre ruchloſe Habgier büßen; Sie haben mir heute eine Probe davon ge⸗ geben, die mich ſchauern macht; ſie wird der Schrecken meiner letzten Tage ſein. Leben Sie wohl, mein Herr. Gott ſei Ihnen gnädig.“ „Es iſt aus!“ murmelte Maurice niedergeſchla⸗ gen, denn es erwachte in dieſem Augenblick die ſchwache Erinnerung an ſeine kindliche Liebe in ihm, und unwillkürlich trat die Bangigkeit vor der Zukunft vor ſeine Seele; „es iſt aus! ich bin auf ewig von meinem Vater geſchieden . . .“ Herr Dumirail verlor trotz ſeines unerbittlichen Entſchluſſes, die abſcheuliche Habgier ſeines Sohnes zu ſtrafen, doch nicht alle Hoffnung, da er die Nie⸗ dergeſchlagenheit Mauricens ſah. Dieſer konnte durch eine Art feſten Willens ſei⸗ nem Untergange noch entgehen, wenn er die Ver⸗ führungen von Paris flieht, dem Einfluß von Frau von Hansfeld ſich entzieht, ſeinen Vater begleitet, der trotz ſo vieler Urſachen zur Abneigung furchtbar in dieſem Augenblicke litt, wo die letztern Fibern, die ihn noch an ſeinen Sohn banden, in ſeinem Herzen zerreißen ſollten. Joſette trat in dieſem Augenblicke ein und ſagte zu ihrem Herrn: „Mein Herr, Ihr Gepäck iſt in den Wagen gebracht.“ Herr Dumirail beeilt ſich nicht, ſich zu entfernen; er betrachtet mit einem plötzlich feucht werdenden Blick 292 ſeinen Sohn, der, das Geſicht in die Hände bergend, auf ſeinem Stuhl in der Haltung tiefer Niederge⸗ ſchlagenheit ſitz. Der Familienvater zaudert in einem übertriebe⸗ nen Gefühl von Würde vor einem letzten Verſuche, deſſen Nutzloſigkeit er zu fürchten allen Grund hat. Er greift zu einem ausweichenden Mittel, indem er zu der Dienerin mit ſchmerzlich bewegter Stimme ſagt: „Leben Sie wohl, gute Joſette ... Sie kommen ſo bald als möglich mir nach dem Morillon nach, denn ich gehe allein.“ Dieſes Wort allein, welches Herr Dumirail mit einem Accent ſchneidenden Schmerzes ausſprach, ließ Maurice darin eine letzte Mahnung an ſein kind⸗ liches Gefühl ſehen. „Iſt es möglich, mein Herr!“ verſetzte Joſette; „Sie ſollten ohne Herrn Maurice gehen?“ „Ach! ich fürchte es .. antwortete Herr Du⸗ mirgil in dem Tone herzzerreißenden Zweifels, der Maurice noch immer hinderte, einen heilſamen Ent⸗ ſchluß zu faſſen. Er denkt einen Augenblick daran, aber ein Gefühl falſchen Stolzes dient ihm als Vorwand, ſeiner glück⸗ lichen Eingebung zu widerſtehen. Seine Reue, ſagt er ſich, würde berechnet erſcheinen, um ſeinen Vater von ſeinem Entſchluſſe, ihn zu enterben, abzubringen. Aber, wenn wir die Wahrheit ſagen wollen, ſchauert Maurice vor der Ausſicht auf das ſtille und mühſame Leben auf dem Morillon zurück; er ver⸗ gleicht es mit den Reizen von Paris, mit den Vergnügungen, denen er fröhnen kann, wie es 293 ihm beliebt, da ihm die Erbſchaft die Mittel dazu bietet. Joſette, welche, trotz ihrer Einfalt, den geheimen Gedanken des Herrn Dumirail errieth, ſagte zu dem jungen Manne, indem ſie zu ihm hintrat: „Herr Maurice, Sie hören den Herrn nicht?. er geht! . . . Könnten Sie ihn wirklich allein gehen laſſen?“ Maurice bleibt unerſchütterlich, er wagt es aber nicht, die Hände ſinken zu laſſen, die ſeine Augen bedecken, aus Furcht, dem Blicke ſeines Vaters zu begegnen. . Herr Dumirail erkennt die Eitelkeit ſeiner letzten Hoffnung, ſchauert zuſammen, erhebt ſeine feuchten und troſtloſen Blicke zum Himmel und ſagt, indem er weggeht: „Adieu, liebloſer Sohn! . . Sie werden mich niemals wieder ſehen . hören Sie, niemals! denn Sie ſind auf ewig verloren!“ „Göttliche Güte! mein Herr, was ſagen Sie?... gehen Sie nicht ſo im Grolle von hinnen!“ rief Joſette, Thränen vergießend und ihrem Herrn ins anſtoßende Zimmer folgend, indem ſie ihn zurückzu⸗ bringen hoffte; dann fügte ſie hinzu, indem ſie ſich umwandte: „Herr Maurice, kommen Sie, vereinigen Sie Ihre Bitte mit der meinen.“ Maurice blieb taub für dieſe Mahnung Joſettens. Bald jedoch erhebt er ſich, tritt an das Fenſter, hält ängſtlich das Ohr nach der Seite der Straße, wo der Fiaker wartet, und als er nach Verfluß von einigen Augenblicken das Rollen des Wagens hört, 294 das ſich in der Ferne verliert, ſcheint er eine große Erleichterung zu Jühlen, denkt einen Augenblick nach und ſagt: „Mag kommen, was da will, ich bleibe mit fünf⸗ malhunderttauſend Franken; aber mein Vater wird ſich nicht ſo raſch, wie er behauptet, entſchließen, mich zu enterben. Eilen wir zu Antoinette, um ſie nach der Wohnung von Herrn Thibaut, ihrem Notar, zu fragen; ich werde ſeine Adreſſe meinem Vater ſchicken, und ehe vierzehn Tage vergehen, bin ich im Beſitze einer halben Million.“ Als Maurice vor der Loge des Portiers vorüber⸗ kam, übergab ihm dieſer ein Rundſchreiben, welches folgendermaßen lautete: „Madame San Privato, Wittwe, hat die Ehre, „Ihnen die Verbindung ihres Sohnes, des Herrn „Albert San Privato, erſten Secretärs der neapoli⸗ „taniſchen Geſandtſchaft, Ritter hoher Orden ꝛc., mit „Fräulein Jeane Dumirail, anzuzeigen.“ In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Friederike Bremer, ,— Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Töchter des Lriee 2 Bändchen. Ni 5 4 Die Nachbarn 5 Streit und Friede . Das Haus, oder Fumilienſorgen und Funilienfrenden Die Familie H. . 2 Ein Tagebuch. In Dalekarlien . 4 „ Die Johannisreiſe . 3 Geſchwiſterleben . 8 4 Die Heimath in der neuen Welt 24 5 Der Name der Verfaſſerin iſt zu bekannt, als daß wir zur Empfehlung derſelben noch etwas beifügen könnten. Die Lektüre dieſer Erzählungen eignet ſich beſonders für junge Damen. 65 79 8 13 SENde