Veihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oltmunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Sleih und Aeſehebingunger. 4. Otensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis A en. — 9 Morgens bends 8 Uhr off 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 Laution. Unbekannte Perſonen mi — ckerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: 6 tſſen, bei Ent egennahme 3 eine dem Werthe deſtehoſſ en 3 eines Buches, n Werthe de tſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurü wird. auf 1 Monat: 1 Wr. — pf 1 Mk. 50 Pf. 2 — Pf. 38 Auswürtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurbckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene e verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt d 4 eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſu Erſatz des Hanzen verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darß den“ Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vaſur zu ſtehen haben⸗ as zerriſſene, bef mutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil ei 2 Die Familie Jouffroy von Eugen Sur. — Aus dem Franzöſiſchen von DPr. Auguſt Boller. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchbruckerei. XLV. Der Vetter Rouſſel hatte eine Junggeſellenwohnung in der Rue du Faubourg Saint⸗Honoré inne, unfern von der Cour⸗des⸗Coches, wo ſich die Werkſtätte von Fortuns Sauval befand. Dieſe Wohnung beſtand aus einem Eingange, einem Speiſezimmer und einem Salvn. der einerſeits mit einem Schlafzimmer und andererſeits mit einem Arbeitscabinet, das zugleich die Bibliothek bil⸗ dete, in Verbindung ſtand. Der ehemalige Specerei⸗ händler theilte den Geſchmack der Tante Prudence für alte und gute Bücher. Gegen ſieben Uhr Abends, an dem Tage nach dem, an welchem Henri von Villetaneuſe von Aurelie als Bräu⸗ tigam angenommen worden war, — ein trauriger Tag, denn er endigte mit dem Krankheitsanfalle von Herrn Jouffroy, ſtand der Vetter Rouſſel in ſeinem durch eine Lampe erleuchteten Salon und gab dem Portier des Hauſes folgende Inſtructionen: „Gegen halb acht Uhr oder acht Uhr wird eine Dame kommen und nach mir fragen.“ „Gut, Herr Rouſſel.“ „Sie laſſen dieſe Dame heraufgehen, begleiten ſie ins Speiſezimmer, bitten ſie, hier einen Augenblick zu warten, und melden mir ihre Ankunft.“ „Ja, Herr, und wenn andere Perſonen kämen, ſo würde ich ſie nicht heraufgehen laſſen. Das verſteht ſich.“ Die Familie Jouffroy. I. 1 2 „Das verſteht ſich durchaus nicht, Herr Jerome. Glauben Sie zufällig, es handle ſich um ein Liebesaben⸗ teuer?“ Mein Srn „Sie werden im Gegentheil die Perſonen, die mich ſprechen wollen, einlaſſen.“ „Dann iſt es etwas Anderes .. Ah! hören Sie, man hat ſo eben geläntet.“ „Oeffnen Sie!“ Der Portier ging hinaus, und beinahe in derſelben Minute erſchien der Vater Laurencin im Salon. „Wo iſt Michel?“ fragte der Vetter Rouſſel den Greis, „begleitet er Euch nicht?“ „Doch, Herr, er iſt aber im Speiſezimmer geblieben und wir können einen Augenblick mit einander reden.“ „Dank ſei Euch geſagt, Vater Laurenein! Dieſe Courtiſane hat, nach Eurem Befehle, ihre nuunſchränkte Herrſchaft über Herrn von Villetaneuſe benützt und ſich ſeiner Heirath mit Aurelie wiederſetzt. Dieſe entgeht ſo dem Unglück, das ich vorherſah, und Fortuné darf nun Alles hoffen.“ „Ah! Herr Rouſſel, er iſt wie ein Verrückter, er läuft hin und her und kann nicht einen Moment an dem⸗ ſelben Platze bleiben; die Werkſtätte hat er ſchon vor eini ger Zeit verlaſſen, und wir haben ihn nicht wieder⸗ geſehen.“ „Armer Junge! es iſt das Fieber der Freude, was ihn ſo umhertreibt!“ „Und der gute Herr Jouffroy, fühlt er ſich immer noch unwohl ?“ — „Nein, nach dem, was mir geſtern die Tante Pru⸗ dence geſchrieben hat, durch die ich von dieſem Anfalle unterrichtet worden bin, geht es beſſer; ſie ſollte das Haus ihrer Bruders geſtern verlaſſen, doch ſeine Unpäß⸗ lichkeit und die Aufhebung der beſchloſſenen Heirath ha⸗ ben den Abgang meiner alten Freundin verſchoben.“ 3 „Und Mademoiſelle Aurelie?“ „Ihre Tante ſagt mir in ihrem Briefe, als Aurelie erfahren, ſie müſſe auf Herrn von Villetaneuſe verzichten, habe ſie ſich muthig ergeben gezeigt. Das ſetzt mich nicht in Erſtannen: ſie hat vortreffliche Eigenſchaften; doch ſie ließ ſich irre leiten durch die beklagenswerthe Eitelkeit ihrer Mutter, welche im Stande iſt, Alles dem albernen Stolze, ihre Tochter als Gräfin zu ſehen, zu opfern; ich hoffe auch, daß Aurelie in Folge vernünftigerer Eingebung nun wieder zu Fortuné zurückkommen wird. Edles, gutes Herz! er bietet ſeiner Couſine ſo viele Bürgſchaften des Glücks! Dieſe Frau von Morlac wird, ihren Eiufluß in einem ehrenhaften Zwecke benützend, wenigſtens einmal in ihrem Leben zu einer lobenswerthen Handlung beigetragen haben. Sie muß bald kommenz Ihr habt Ihr meine Adreſſe genau gegeben?“ „Ja, Herr Ronſſel, da Sie die Güte hatten, zu erlauben, daß dieſe Zuſammenkunft in Ihrem Hanſe ſtattfinde.“ .. „Es war nicht ſchicklich, daß Michel zu dieſer Crea⸗ tur ging. Aber, großer Gott, welch ein Abgrund iſt das menſchliche Herz! Dieſe ſelbſtſüchtige, habgierige, ver⸗ ſchmitzte, bis in das Mark ihrer Gebeine verdorbene Courtiſane läßt ihr Kind fünfzehn Jahre lang hülflos und gibt ſo den Beweis von einer entſetzlichen Unem⸗ pfindlichkeit; ſie findet es wieder, und zu dieſer Stunde fühlt ſie alle Bangigkeiten der mütterlichen Liebe!“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Herr Ronſſel? Als ich vorgeſtern, auf ihre Einladung, zu ihr ging, um den Brief zu holen, in welchem der Graf von Villetaneuſe Herrn und Madame Jouffroy eröffnete, aus Gründen, die am Tage vorher eingetreten, werde ſeine Heirath mit Mademviſelle Aurelie unmöglich . . . „Ein anderer ſeltſamer Widerſpruch!“ unterbrach Joſeph den alten Handwerker. „Dieſer Herr von Villeta⸗ nenſe, der auf dem Punkte iſt, ein anſtändiges, wunder⸗ 4 bar ſchönes Mädchen zu heirathen, das ihm ein bedeu⸗ tendes Vermögen gebracht hätte, dieſer Herr von Villeta⸗ neuſe, beinahe zu Grunde gerichtet, was auch ſein Oheim ſagen mag, opfert Aurelie und ihre Mitgift der Herr⸗ ſchaft von Frau von Morlac, einer Buhlerin, welche älter iſt als er!“ „Und er hat das Opfer faſt ohne Zögern gebracht, wie mir dieſe Frau geſagt hat, die mich aufforderte, den von ihr dictirten Abſagebrief zu leſen, — ein übri⸗ gens anſtändiger und ſehr artiger Brief! Ah! Herr Rouſſel, als ich den Brief Herrn Fortuné zeigte, ehe ich ihn verſiegelte und ſelbſt zum Concierge von Herrn Jouffroy trug, da glaubte ich Anfangs, mein junger Meiſter werde vor Frende ein Narr werden .. . „„Anrelie iſt mein!““ rief er, „ſie wird nun das Wort halten, das ſie mir freiwillig gegeben.““ Zeuge der Freunde von Herrn Fortuné, hatte ich auch nicht den Muth, dieſer Creatur das Glück zu verweigern, heute mit ihrem Sohne zuſammenzukommen, da ſie ihrem Verſprechen treu geweſen iſt. Ich ging wieder zu ihr und benachrich⸗ tigte ſie, Michel werde heute Abend hier ſein. Ah! wenn Sie ſie geſehen und gehört hätten! Sie küßte mir die Hände, ſie zerſloß in Thränen, ſie überließ ſich unglaub⸗ lichen Ausbrüchen des Entzückens, und dann fing ſie wieder an zu weinen.“ „Oh! die menſchliche Seele! die menſchliche Seele! wer vermöchte ihre Tiefen zu ergründen?“ ſagte Joſeph mit nachdenkender Miene. Als er ſodann die Pendeluhr ſchlagen hörte, rief er: „Halb acht Uhr! Dieſe Frau kann jeden Angenblick kommen. Ich habe dem Portier befohlen, ſie im Speiſe⸗ zimmer warten zu laſſen, wo ſich nun Euer Enkel be⸗ findet. Wäre es nicht Zeit, ihn auf die Zuſammenkunft vorzubereiten?“ „Gewiß,“ antwortete der Greis. Joſeph öffnete die Thüre, die mit dem anſtoßenden Zimmer in Ver⸗ 5 bindung ſtand, rief Michel, und dieſer trat in den Sa⸗ lon ein. „Mein Kind,“ ſagte ſein Großvater zu ihm, „oft ſprachſt Du mitmir von Deinem lebhaften Wunſche, über Deine Mutter Einzelheiten zu erfahren, die ich Dir nicht geben konnte, weil Dein Vater, wie geſagt, in fremdem Lande geheirathet hat, wo ſeine Frau früh geſtorben iſt; doch geſtern hat man mir mitgetheilt, die Perſon, zu der wir am Sonntag eine Armſpange brachten, habe Deine Mutter gekannt. .“ „Die arme Dame, der es unwohl geworden iſt?“ „Jät⸗ „Sie hat meine Mutter gekannt! ſie könnte mir von ihr erzählen? Mein Gott! welch ein Unglück, daß ich dies nicht gewußt habe, als wir bei ihr waren!“ „Beruhige Dich, ſie beſucht manchmal Herrn Rouſſel.“ „Sie wird heute Abend hierher kommen,“ fügte Jo⸗ ſeph bei, „und Du kannſt mit ihr plaudern.“ Die Angen feucht von ſüßen Thränen, fiel der Lehr⸗ ling dem Vater Laurencin um den Hals. Der Vetter Ronſſel betrachtete Veide mit tiefer Rührung, als der Por⸗ tier eintrat und meldete: „Mein Herr, die Dame iſt angekommen.“ „Bitten Sie ſie, einzutreten.“ 8 ah erſchien Frau von Morlac an der Thüre des alon. Einem außerordentlichen Zartgefühle, das ſie aus ihrer mütterlichen Liebe ſchöpfte, Folge leiſtend, hatte Cathe⸗ rine auf ihre gewöhnliche Eleganz verzichtet; ſie trug ein wollenes Kleid von dunkler Farbe, einen wohlfeilen Shawl und einen höchſt einfachen Hut. Dieſe beſcheidenen Kleidungsſtücke waren neu; ſie erinnerte ſich der erſchreck⸗ lichen Worte des Vaters Laurenein in Betreff der unreinen Reichthümer, die ſie Anfangs ihren Sohn wollte benützen laſſen, und ſie hätte ihre erſte Zuſammenkunft mit ihm 6 zu entweihen geglaubt, würde ſie ſich zu derſelben bebeckt mit koſtbaren Gewändern, welche gleichſam Zeugen ihrer Ausſchweifungen, begeben haben. Dieſer geheime Gedanke der Courtiſane wurde von Vater Laurenein begriffen und geſchätzt; er ſagte leiſe zu ihr, indem er auf eine der Thüren des Salon deutete“ „Ich will mit Herrn Rouſſel in dieſes Zimmer gehen, deſſen Thüre offen bleiben wird; ich werde Ihre Unter⸗ redung mit meinem Enkel hören, kein Wort alſo, das ihn könnte vermuthen laſſen, Sie ſeien ſeine Mutter, ſonſt iſt dieſe Unterredung die letzte, die Sie mit ihm gehabt haben.“ „Seien Sie ohne Furcht,“ erwiederte Catherine leiſe, „ich werde mich nicht der Gefahr ausſetzen, die einzige Hoffnung, die mir bleibt, zu zerſtören.“ Der Vetter Ronſſel hatte Frau von Morlac nie ge⸗ ſehen; er beobachtete ſie mit einer doppelt peinlichen Neugierde, während ſich der Vater Laurencin Michel näherte und zu ihm ſagte: „Mein Kind, indeß der Vetter Rouſſel und ich in dieſem Cabinet mit einer Angelegenheit, die uns intereſ⸗ firt, beſchäftigt ſind, kannſt Du nit dieſer Dame von Deiner Mutter reden.“ 25! Dank, Dank, Großvater, welch ein Glück für mich!“ Joſeph und der Greis, nachdem dieſer noch einmal durch eine bezeichnende Geberde Catherine ſich nicht zu verrathen ermahnt hatte, ließ ſie im Salon mit Michel. XLVI. Frau von Morlat befand ſich zum erſten Male bei Michel und konnte ihn mit Muße betrachten; endlich war ſie mit ihm allein. Wie vermöchte man auszudrücken, was ſie empfand, was 5 ſie litt, dieſe Unglückliche, die ſich genöthigt ſah, ihre Geberde, ihre Stimme, ihren Ton, ihre Blicke zu be⸗ herrſchen, in dieſem Momente, wo ihr Herz ihrem Kinde entgegenſprang, in dieſem Momente, wo ſie ſtarb vor Luſt, ihm um den Hals zu fallen, es mit Thränen, mit Küſſen zu bedecken, und ihm aus der tiefſten Tiefe ihres Muttergefühles zu ſagen: „Mein Sohn! mein Sohn!“ Doch beherrſcht durch eine furchtbare Nothwendigkeit, bezwang ſich die Courtiſane; ſie trat auf Michel zu, der erröthend und die Augen niederſchlagend ſie anzureden zögerte, und ſprach, indem ſie ſich anſtrengte, um das Be⸗ ben ihrer Stimme zu verbergen: „Mein Kind, Ihr Großvater hat Ihnen geſagt, ich habe Ihre Mutter genau gekannt?“ „Ja, Madame, und das macht mich ſehr glücklich!“ wahr, Sie hätten Ihre Mutter zärtlich ge⸗ iebt?“ „Oh! Madame, ich liebe ſie ſo ſehr, ohne ſie je ge⸗ ſehen zu haben.“ „Und ſie fehlt Ihnen wohl?“ „Mein Großvater iſt gegen mich gut! ſo gut, wie Sie es ſich gar nicht vorſtellen können, Madame; Meiſter Fortuné behandelt mich wie ſeinen Sohn, und dennoch vergeht kein Tag, ohne daß mein Herz beim Gedanken an ſie beklommen iſt.“ Sodann, allmälig ſich ermuthigend, ſchlug er ſeine großen thränenfeuchten Augen zu der Courtiſane auf und ſagte mit einem treuherzigen Ent⸗ zücken, das ſeinen Zügen einen unausſprechlichen Reiz verlieh: „Sie haben alſo meine Mutter gekannt, Ma⸗ dame? Sie haben ſie geſehen! Sie haben mit ihr ge⸗ ſprochen.“ „Ja,“ erwiederte Catherine, deren Herz brach; dieſe Frau, welche immer ſo falſch, ſo argliſtig, ſo ganz Herrin ihrer ſelbſt, ſo gefährlich, das zu ſcheinen, was ſie nicht war, wenn die Verſtellung ihrer Habgier diente, vermochte die Gleichgültigkeit bei ihrem Kinde nur durch nnerhörte Anſtrengung zu heucheln. „Ja,“ fügte ſie bei, „ich habe Ihre Mutter oft geſehen, und . . .“ Catherine vollendete nicht, ein Schluchzen erſtickte ihre Stimme. „Mein Gott! Madame, Sie weinen!“ rief Michel. „Was haben Sie denn?“ Faſt in demſelben Momente hörte die Courtiſane den Vater Laurenein ziemlich laut im anſtoßenden Ca⸗ binet huſten; ſie verſtand die Warnung, die ihr ſo der alte Handwerker gab, überwand ihre Gemüthsbewegung, trocknete ihre Angen und ſagte zu Michel mit einer noch zitternden Stimme: „Verzeihen Sie. Ich konnte mich der Thränen nicht erwehren, als ich mit Ihnen von derjenigen ſprach .. . welche meine beſte Freundin war.“ „Madame, ich bedaure . . .“ „Oh! bedauern Sie nichts, mein liebes Kind, für mich ſind dieſe Thränen ſüß, ſehr ſüß.“ „Ich glaube Ihnen, Madame, denn wenn ich an meine Mutter denke, iſt mir dieſer Gedanke, obgleich er mich traurig macht, doch auch ſüß. Die arme thenre Mama, ſie mußte mich ebenſo ſehr lieben, als ſie meinen Vater liebte, denn nicht wahr, ſie liebte ihn innig?“ „Ja,“ murmelte Catherine die Augen vor dem un⸗ ſchuldigen Blicke ihres Kindes niederſchlagend. „Ja, ſie liebte ihn . ſehr.“ „Wie glücklich mußten ſie mit einander ſein! Mein Vater, ich bin es feſt überzeugt, kam durch das Ge⸗ müth an Werth meinem Großvater gleich. Doch mir fällt ein, Madame, Sie mußten auch meinen Vater kennen ?“ . „Ich ich . .. ſah ihn ſelten . . . er war den ganzen Tag von ſeinen Arbeiten in Anſpruch genommen.“ „Oh! von ihm kann ich mit meinem Großvater ſprechen. NRicht ſo iſt es bei meiner Mutter, die er nie 9 geſehen hat. Mir ſcheint, man mußte die Seelengüte in ihrem Geſichte leſen. Waren ihre Augen blau oder ſchwarz?“ „Sie waren blau.“ „Und ihre Haare?“ „Blond.“ „Iſt es . . .“ Doch ſchüchtern ſich unterbrechend, „Madame, ich befürchte, meine Fragen . . .“ „Rein, nein, fahren Sie fort, liebes Kind.“ „Ach! Madame, ich ſagte es noch am vergangenen Sonntag zu meinem Großvater, es wäre für mich ein Troſt, mir das Geſicht meiner Mutter vorſtellen zu kön⸗ nen; mir ſcheint, ich würde ſie ſo im Geiſte ſehen.“ „Dieſer Wunſch iſt ſo rührend, daß Sie ſich nicht fürchten dürfen, Fragen hierüber an mich zu machen.“ „Oh! ich danke Ihnen, Madame . ich weiß ſchon, daß Mama blond war und blaue Augen hatte. Und Ihr Wuchs, war ſie groß?“ „Nein, ſie war von mittlerer Geſtalt.“ „Und wie trug ſie gewöhnlich ihre Haare?“ Catherine befürchtete, bei Michel, wenn ſie fort⸗ fahre, ein mit dem ihrigen ſo ſehr übereinſtimmendes Signalement zu geben, Vermuthungen zu erwecken. Um ihn völlig irre zu leiten (ſie trug engliſche Locken), ant⸗ wortete ſie ihm auch in Betreff der Friſur ſeiner Mutter: „Ihre Mutter trug gewöhnlich einen hohen Scheitel, und ſie hatte ſeltſamer Weiſe ſchwarze Augenbrauen, ob⸗ ſchon ihre Haare blond waren,“ fügte die Courtiſane bei, um jede Idee einer Aehnlichkeit mit ihr zu entfernen. „Schwarze Augenbrauen, blonde Haare und blaue Augen! In der That, Madame, das iſt ſehr ſelten. Oh! noch einmal meinen Dank für dieſe Einzelnheiten; ſie vervollſtändigen beinahe das Portrait meiner Mutter . .. Nun ſcheint es mir, ich ſehe ſie mit ihren blonden Haa⸗ ren, die ſie in einem hohen Scheitel trug. Was könnte ich 10 Sie 406 fragen, Madame ? . . . Oh! war ihre Stirne hoch? „Nein, ſie war ziemlich niedrig.“ „Wie die der ſchönen griechiſchen Statuen, die mich Meiſter Fortuné im Muſeum bewundern läßt,“ ſagte Michel mit einem naiven kindlichen Stolze. Und aber⸗ mals nachdenkend: „Hatte Mama eine gerade Naſe, oder eine Adler⸗ naſe?“ „Eine Adlernaſe,“ antwortete Catherine, deren Naſe gerade und leicht aufgeſtülpt war. „Mein Gott! wie ſchön mußte Mama ſein! Ohl ich will, mit Hülfe deſſen, was Sie mir ſo eben mitge⸗ theilt haben, Madame, eine Skizze von ihrem Portrait machen. Ich werde es Ihnen zeigen, und Sie ſagen mit ſodann, ob es ein wenig ähnlich iſt, denn nicht wahr, ich werde Sie wiederſehen, Madame?“ „Ich glaube, ich hoffe es wenigſtens,“ erwiederte Catherine mit zitternder Stimme. Und dieſer Wunſch, dieſe Hoffnung richteten ſich an den Vater Laurenein, der ſich im Nebenzimmer aufhielt, und das Geſpräch anhörte. „Ach!“ dachte die Courtiſane, „dieſes Bild einer ſo ſehr beklagten Mutter, das mein Sohn in ſeinem Geiſte heraufbeſchwören will, wird nicht einmal mein Bild ſein!“ Und lant ſprach ſie: „Mein Kind, ich habe auf Ihre Fragen geantwortet, ich werde auf alle die antworten, die Sie noch an mich richten mögen. Erlauben Sie mir nun ebenfalls mit Ihnen, im Namen einer Perſon, die meine beſte Freun⸗ din war, von Ihrer Kindheit, von Ihren Arbeiten, kurz von Allem dem zu reden, was Ihre Mutter ſo ſehr in⸗ tereſſirt hätte.“ „Oh! mit Vergnügen, Madame,“ erwiederte Michel. i „Ich werde ſo Gelegenheit haben, Sie von dem zu unter⸗ richten, was ich meinem Großvater verdanke.“ XLVII. Die Courtiſane wußte von den erſten Jahren von Michel nur das, was ſie durch ein paar Worte des Vater Laurenein erfahren hatte; das genügte nicht, um ihre mütterliche Neugierde zu befriedigen; überdies wußte ſie auch nicht, ob man ihr demnächſt eine zweite Zuſam⸗ menkunft mit ihrem Sohn grſtatten würde. „Sagen Sie mir,“ ſprach ſie, „bis zu welcher Zeit gehen die Erinnerungen zurück, die Sie von Ihrer erſten Kindheit bewahrt haben?“ „Madame, ich kann mich nur der Schule der Brüder erinnern, in die mich mein Großvater, wenn er Morgens in ſeine Werkſtätte ging, führte, und von wo er mich am Abend, nach ſeinem Tagewerk, wieder abholte. Ich entſinne mich noch der Goldſchmiedsbude des Vaters von Meiſter Fortunés; nichts gefiel mir mehr als der Anblick der Juwelen und des Silberzengs. Ich ſagte immer zu mei⸗ nem Großvater, ich wünſche Bijoutier⸗Lehrling zu wer⸗ den; im Alter von zehn oder elf Jahren ging ich auch nicht mehr in die Schule; Meiſter Fortuné nahm mich als Lehrling an, und ſeit dieſer Zeit arbeite ich bei ihm mit meinem Großvater.“ finden ſich glücklich in Ihrer Lage, mein liebes ind?“ „O! ja, Madame, Meiſter Fortuné gibt mir Unter⸗ richt im Zeichnen; er iſt voll Güte gegen mich; mein Großvater endlich, ſehen Sie, das iſt was es Beſtes auf der Welt gibt „ „Ihr Handwerk gefällt Ihnen alſo ?“. „Sehr; Meiſter Fortuné ſagt mir oft, ich werde — 12 ein Künſtler werden, und ich arbeite nach meinen beſten Kräften, daß er mit mir zufrieden iſt.“ „Haben Sie von Zeit zu Zeit einige Vergnügungen, einige Zerſtreuungen?“ „Gewiß, Madame, alle Sonntage gehe ich mit mei⸗ nem Großvater ſpazieren, und wir ſpeiſen auswärts ganz fein, wie er ſagt. Zuweilen begleitet uns Meiſter For⸗ tuné, und an ſolchen Tagen beſuchen wir das Muſeum, um die Gemälde, die Statuen, die ſchönen Goldſchmieds⸗ arbeiten der Renaiſſance zu ſehen.“ „Und wenn Sie jungen Leuten von Ihrem Alter begegnen, welche, elegant gekleidet, inm Wagen ſpazieren fahren, ſo macht ſie das nicht traurig, ſo erweckt das keinen Neid bei Ihnen?“ „Oh! mein Gott! nein! Ich gebe auf ihre ſchönen Kleider und ihre Wagen nicht einmal Acht. Mein Groß⸗ vater läßt es mir an nichts fehlen; er iſt ſogar ſehr eitel für mich, mein alter Großvater,“ fügte Michel lächelnd bei, „denn am Sonntag macht er mir meinen Scheitel und bindet er mir meine Cravate nach der guten Art. Ich habe alſo nichts zu beneiden, und dann über⸗ „Vollenden Sie, mein Kind.“ „Am Abend, wenn ſich mein Großvater zu Bette gelegt hat, leſe ich ihm aus den Büchern vor, die er wählt; dieſe Lecturen, ſowie die Lehren, die Beiſpiele, die er mir gibt, laſſen mich denken, daß derjenige, welcher ehrlich ſeinen Lebensunterhalt verdient, Niemand zu be⸗ neiden braucht, und, wie mein Großvater ſagt: „„Es gibt ſo viele Leute, die man verachten würde wie Koth, ſtatt ſie zu beneiden, wüßte man, wie ſie das Geld er⸗ worben haben, das ſie ſo ſtolz macht.““ Er hat unge⸗ heuer Recht, mein Großvater, nicht wahr, Madame? ſ kann ſchändlicher ſein, als ſchlecht erworbenes eld. „Allerdings,“ antwortete die Courtiſane mit zittern⸗ der Stimme, denn ſie dachte an die Kluft, die dieſer frühzeitige Abſchen vor dem Schlimmen zwiſchen ihr und ihrem Sohne befeſtigen mußte „Ihr Großvater zeigt ſich äußerſt ſtreng. Dieſe Gefühle machen indeſſen Ihrer Erziehung Ehre . . . Ihr Gewerbe gefällt Ihnen alſo und Sie haben keinen Ehrgeiz für die Zukunft?“ „Oh! doch, Madame.“ „Sprechen Sie, ſagen Sie mir Alles.“ „Nun wohl! Madame,“ antwortete Michel mit einem vertraulichen Ausdrucke voll reizender Naivetät, „mein Ehrgeiz wäre .. doch nein, das heißt zu viel hoffen.“ „Sprechen Sie . . .„ „Vor Allem möchte ich gern, denn ich habe nur einen Ehrgeiz, ich möchte gern vor Allem ſo geſchickt in der Kunſt des Ciſelirens, des Emaillirens, des Niellirens, des Gravirens werden, daß mich Meiſter Fortuné immer bei ſich behielte, wie ſein Vater meinen Großvater behalten hat; und ſodann oh! das iſt zu ehrgeizig . . „Vollenden Sie „ „Ich möchte gern,“ ſprach Michel, der ſeine Stimme ein wenig dämpfte, während ſein reizendes Geſicht eine rührende Freude ſchon beim Gedanken dieſes Wunſches ausdrückte, „ich möchte, indem ich ein vortrefflicher Ar⸗ beiter würde, und dann ein Künſtler, wie Meiſter Fortuné verſichert, Geld genug verdienen, um eines Tages zu meinem Großvater ſagen zu können: „Ihr habt ſeit meiner Kindheit für uns Beide gearbeitet; nun iſt die Reihe an mir. Euer Geſicht wird ſchwach; Eure Hand zittert; ruht aus, Großvater, ruht aus. Es iſt nun an mir, für zwei zu arbeiten, und unſere feinen Mahlzeiten am Sonntag werde ich bezahlen.“ Michel betonte dieſe letzten Worte mit einem ſo treuherzigen Ausdrucke des Triumphes, der höchſte Ehr⸗ geiz dieſes liebenswürdigen Knaben zeugte ſo ſehr von 14 der Vortrefflichkeit ſeines Charakters, daß Catherine, immer mehr bewegt bei der Erzählung von dieſem ein⸗ fachen, würdigen, arbeitſamen, redlichen Leben, nicht län⸗ ger dem unausſprechlichen Glücke, ihren Sohn zum erſten Male zu umarmen, widerſtehen konnte. „Im Namen Ihrer Mutter,“ ſtammelte die Cour⸗ tiſane in Thränen zerfließend, „erlanben Sie mir, Sie zu umarmen, theures, liebes Kind!“ Und ohne die Erlaubniß von Michel abzuwarten, nahm ſie ſeinen Kopf zwiſchen ihre beiden Hände und bedeckte ſeine Stirne und ſeine Haare mit leidenſchaft⸗ lichen Küſſen. Ein heftiger und bezeichnender Huſtenanfall des Vater Laurencin, deſſen Abſicht Frau von Morlac be⸗ griff, rief ſie zu ſich ſelbſt zurück, und beinahe im dem⸗ ſelben Augenblick kam er, wie der Vetter Rouſſel, wieder in den Salon. Beide hatten, die Unterredung des Sohnes und der Mutter hörend, geweint. Dieſe nahm, als ſie den Greis eintreten ſah, ihre Kaltblütigkeit wieder an und entfernte ſich von Michel, den die Liebkoſungen der Fremden ebenſo ſehr in Erſtaunen ſetzten, als rührten. Die Rückkehr des alten Handwerkers verkündigte Catherine das Ende ihrer Zuſammenkunft mit ihrem Sohne. Ihr Herz zerriß, doch ſie mußte ſich fügen. Plötzlich öffnete man die Zimmerthüre, und Fortuné trat bleich, mit verſtörten Zügen haſtig ein. Sobald er den Vetter Rouſſel und Laurenein er⸗ blickte, rief er: „Oh! meine Freunde. .. Aurelie wenn Ihr wüßtet das iſt gräßlich gräßlich!“ Und er ſank auf einen Stuhl und verbarg ſein Ge⸗ ſicht in ſeinen Händen. XLVIII. Bei dieſen Worten ohne Zuſammenhang, die der Goldſchmied mit ſtockender Stimme ſprach: „Meine Freunde ... Aurelie . . . Oh! das iſt gräßlich! gräß⸗ lich!“ ahneten der Vetter Rouſſel und der Vater Lau⸗ rencin ein unheilvolles Ereigniß. Das durch die Worte und die plötzliche Erſcheinung des Goldſchmieds verur⸗ ſachte Erſtaunen benützend, ſagte der Greis leiſe zu Michel, um ſeinem Zuſammenſein mit Catherine ein Ende zu machen: „Erwarte mich zu Hauſe; ich werde bald kommen.“ „Ja, Großvater,“ erwiederte Michel; doch ſich be⸗ ſinnend, fügte er bei: „Soll ich nicht von dieſer guten Dame Abſchied nehmen und ihr danken?“ „Ich werde ihr in Deinem Namen danken. Gehe, mein Kind, bald folge ich Dir.“ „Gut, Großvater, auf Wiederſehen.“ Und er ging ab. Trotz des Erſtaunens, das bei ihr die plötzliche Ankunft von Fortuns verurſachte, hatte die Courtiſane Michel nicht mit dem Blicke verlaſſen. Als ſie ihn aus dem Zimmer weggehen ſah, konnte ſie ſich eines Seuf⸗ zers nicht erwehren, ſie machte ſogar unwillkürlich einen Schritt, um ihm zu folgen, doch ein drohender Blick des Greiſes hielt ſie auf ihrem Platze feſtgenagelt. „Ach!“ dachte Catherine, „es wird mir vielleicht nicht mehr geſtattet ſein, meinen Sohn wiederzuſehen. Oh! bei dieſem Gedanken verzweifelt, empört ſich Alles in mir! Ich weiß nicht, was mich abhält, ihm nachzu⸗ laufen zu ihm zu ſagen: „Ich bin Deine Mutter komm, laß uns fliehen!“ Doch was antworten, wenn er mich fragt, warum ich ihn der Zuneigung ſei⸗ nes Großvaters entführe, den er liebt, ſo zärtlich lieben 16 muß? Was antworten, wenn er mich fragt, warum ich ihn ſeit ſeiner Kindheit verlaſſen habes Lügen? immer lügen? vor meinem Sohne! Unmöglich! ſeine Unſchuld und die Scham würden die Lüge auf meinen Lippen ſter⸗ ben machen! Und dann bin ich Mutter, wahrhaft Mut⸗ ter. Ich liebe ihn mehr noch um ſeinetwillen, als um meinetwillen, und ich fühle, es wäre ein Verbrechen, ihn von ſeinem Großvater zu trennen, der ihn in der Liebe für das Gerechte, für das Gute und für die Ar⸗ beit erzogen hat. Ich ſollte ihm meinen Sohn ſtreitig machen! Was bin ich denn? Ach! ich bin eine unglück⸗ liche, reumüthige Buhlerin, deren Bekehrung kaum drei Tage alt iſt! Und wenn Michel je meine Schmach erführe! Oh! ich ſchandere, indem ich mich ſeiner Worte der Verachtung gegen das, was ſtrafbar und unwürdig iſt, erinnere! Nein, nein, ich werde die Sühnung der Vergangenheit bis zum Ende erdulden!“ In dieſe ſchmerzlichen Betrachtungen verſunken, n Frau von Morlac dem, was um ſie her vorging, remd. Als der Vetter Rouſſel Fortuné bleich, entſtellt, gelähmt auf einen Stuhl ſinken ſah, näherte er ſich ihm mit Beſorgniß, wie der Vater Laurenein, ſogleich nach dem Abgange von Michel. „Fortuné, mein Freund, was iſt geſchehen?“ fragte Joſeph den jungen Künſtler, der einer Art von Geiſtes⸗ derwirrung preisgegeben zu ſein ſchien. „Ich bitte, antworte mir . .. Du ſprichſt von Aurelie . . Deine Bläſſe . . Deine Aufregung erſchrecken mich!“ Fortuné aber, als er Frau von Morlac erblickte, die er in ſeiner Unruhe noch nicht bemerkt hatte, rief, während er mit einer faſt drohenden Miene auf ſie zu⸗ ging: „Madame, Ihre Herrſchaft über Herrn von Ville⸗ taneuſe hat deſſen Heirathspläne mit Mademoiſelle 17 Jouffroy vernichtet. Dieſe Heirath muß wieder ange⸗ fnüpft werden, es muß dies geſchehen.“ „Was ſagen Sie?“ rief die Courtiſane im höchſten Maße erſtaunt über dieſen Unſchleg und erſchrocken über den drohenden Ausdruck in den Zügen und im Tone von Fortuné. „Mein Herr . ich weiß nicht . „Der Graf muß Mademoiſelle Jouffroy heirathen!“ verſetzte Fortuné mit dem Fuße ſtampfend; „wenn nicht, ſo theile ich Ihrem Sohne mit, was für eine verächt⸗ liche Creatur Sie find!“ „Oh! mein Herr, Gnade!“ murmelte die Courti⸗ ſane beſtürzt, indem ſie ihre gefalteten Hände flehend zu Fortuns erhob, „Gnade!“ „Nein! keine Gnade!“ erwiederte Fortuné, „keine Gnade, wenn Herr von Villetaneuſe Aurelie nicht hei⸗ rathet!“ „Mein Gott! mein Gott!“ verſetzte Catherine weinend, indem ſie ſich auf die Ecke eines Tiſches ſtützte, denn nur bei dem Gedanken der Offenbarung, mit der man ſie bedrohte, fühlte ſie ſich einer Ohnmacht nahe. Der Vetter Rouſſel und der alte Handwerker be⸗ trachteten Fortuné mit einer doppelten Beſtürzung, denn ſie dachten, ſein Geiſt habe eine völlige Verrückung erlitten. „Mein Freund,“ ſprach Joſeph, indem er beide Hände von Fortuns in die ſeinigen nahm, „komm zu Dir . . hore mich an ich. . . Der Goldſchmied unterbrach den Vetter Rouſſel, i ihn ſtarr an und ſagte mit erſticktem Schluchzen zu ihm: „Wiſſen Sie, was vorgefallen iſt?“ „Du erſchreckſt mich!“ „Aurelie hat ſich vergiftet.“ „Oh! das iſt entſetzlich!“ rief Joſeph, nicht minder erſchrocken, als der Vater Laurencin. „Unglückliches Die Familie Jouffroy. M. 2 18 Kind! Aber wann denn? aber warum hat ſie ſich ver⸗ giftet? Mein Gott! hat man ihr Hülfe gebracht? Iſt ſie gerettet? Sie iſt alſo gerettet, da Du von dieſer Heirath ſprichſt?“ „Laßt mich! ich weiß nichts . . . mein Kopf ver⸗ wirrt ſich . ich werde ein Narr! . .. Oh! das heißt zu viel leiden, zu viel!“ Vor der Heftigkeit einer ſolchen Verzweiflung ſchwie⸗ gen der Vetter Rouſſel und der alte Handwerker; die Courtiſane fühlte ſich auch, trotz ihrer mütterlichen Ban⸗ gigkeiten, vom Mitleid bewegt durch das Loos von For⸗ tuns Sauval, und einige Augenblicke herrſchte ein tiefes Stillſchweigen unter dieſen verſchiedenen Perſonen. Dieſes Stillſchweigen und die Beſänftigung der erſten Heftigkeit ſeines Schmerzes riefen allmälig den jungen Künſtler zu ſich ſelbſt zurück. Er fuhr mit ſeinen beiden Händen über ſeine glühende Stirne und ſagte bald mit einer geſchwächten Stimme, indem er ſich an den Greis und an den Vetter Rouſſel, die ihn mitleidig anſchauten, wandte: „Entſchuldigt mich, meine Freunde; ich war vorhin nicht recht bei Sinnen, ich konnte nicht auf Eure Fra⸗ gen antworten. Vernehmet, was geſchehen iſt. Man hat, Gott ſei Dank! wenigſtens Hoffnung, Aurelie zu retten, ſie hat zur rechten Zeit Hülfe erhaiten.“ „Ah! ich athme,“ rief Joſeph. „Das arme Kind! Doch was ſoll man dieſen unſeligen Entſchluß zuſchreiben ?“ „Was?“ verſetzte Fortuné voll Bitterkeit, „der Liebe von Aurelie für Herrn von Villetaneuſe, den La⸗ mentationen meiner Tante, welche unabläſſig wiederholte, der Bruch dieſer allen Bekannten der Familie verkündig⸗ ten Heirath werde ſie mit Lächerlichkeit bedecken.“ „Ah!“ ſprach traurig der Vetter Rouſſel, „ich be⸗ greife nun Alles.“ „Der Bruch dieſer Heirath hatte mich Anfangs mit Freude erfüllt,“ ſagte Fortuné; „ich liebte, ich liebe 19 Aurelie ſo ſehr; ich hoffte ſie zu mir zurückkommen zu ſehen; doch beurtheilt meinen Schmerz, als heute Abend . . Erſtickt durch die Gemüthserſchütterung, unterbrach ſich hier Fortuné einen Augenblick, ſodann fuhr er fort: „Als ich heute Abend erfuhr, ſie liebe dieſen Men⸗ ſchen ſo leidenſchaftlich, daß ſie ſich habe das Leben nehmen wollen, weil dieſe Heirath nicht ſtattſinden werde „Mein Gott! wie biſt Du denn von dieſen traurigen Ereigniſſen unterrichtet worden?“ „Trotz des Glückes, das bei mir der Gedanke: „Aurelie iſt frei!“ verurſachte, quälten mich unbeſtimmte Ahnungen; ich dachte an den Kummer, den ihr der Bruch dieſer Heirath bereiten müßtet meine Unruhe nahm ſo ſehr zu, daß ich zu meinem Oheim ging, um mich bei Marianne nach ihrer Schweſter zu erkundigen. Auf der Treppe begegnete ich dem Bedienten, der ganz beſtürzt herablief: „„Ah! Herr Fortuné!““ ſagte er zu mir, „welch ein Unglück, Mademviſelle Aurelie hat ſich mit Grünſpan vergiftet; ſie hat ſich das Gift dadurch verſchafft, daß ſie ſeit geſtern große Kupfermünzen in Eſſig legte. Ich laufe zu einem Arzte.“ „Das atme Mädchen!“ verſetzte der Vater Lauren⸗ cin, indeß Catherine aufmerkſam auf dieſe Erzählung horchte. „Raſch ging ich vollends hinauf,“ fuhr Fortuné fort. „Ich klingelte. Eine Magd in Thränen öffnet mir. Ich heiße ſie Marianne ſagen, ich ſei da, und ich bitte ſie inſtändig, einen Augenblick zu kommen. Bald eilt ſie herbei, und ſie theilt mir mit, Aurelie ſei zwei Tage vorher, von dem Bruche ihrer Heirath unterrichtet, von einer Schwäche befallen worden. Man hatte fie zu Bette gebracht: ſie hatte durchaus allein in ihrem Zim⸗ mer bleiben wollen, bei geſchloſſenen Läden, obgleich es Tag war. Marianne ſollte die Nacht bei ihrer Tante Prudence zubringen, da Aurelie ſchlechterdings nicht dul⸗ dete, daß Jemand bei ihr wache. Doch in dem Mo⸗ mente, wo ihre Schweſter ſie verließ, verlangte ſie von Marianne ein Fläſchchen Eſſig, um, wie ſie ſagte, einige Tropfen davon einzuathmen, ſollte es ihr wieder ſchwach werden. Das Kölniſche Waſſer ſcheine ihr zu fad.“ „Die Unglückliche! ihr Entſchluß war ſchon gefaßt!“ rief der Vetter Ronuſſel. „Marianne, dieſes vortreffliche Weſen!“ fuhr For⸗ tuné fort, „Marianne blieb die ganze Nacht auf einem Stuhle in der Hausflur, auf die die Thüre vom Zim⸗ mer ihrer Schweſter geht, und horchte auf das geringſte Geräuſch. Sie hörte nichts. Als es Morgen geworden war, bat ſie Aurelie inſtändig, ſie möge ihr erlauben, bei ihr einzutreten, und ſie fand ſie ſcheinbar ruhig, je⸗ doch ſehr bleich. Sie habe eine ziemlich gute Nacht ge⸗ habt, ſagte ſie, doch ſie fühle ſich noch ſchwach und wünſche weder ihr Bett zu verlaſſen, noch den Tag zu ſehen, wobei ſie eine große Luſt zu ſchlafen vorſchützte. Sie ſchien in der That den ganzen Tag zu ſchlummern; ihre Eltern öffneten mehrere Male ihre Thüre, und ſie glaubten, ſie ruhe. Gegen Abend beſtand indeſſen die Tante Prudence darauf, daß man den Arzt holen laſſe. Als Madame Jouffroy dieſen Beſuch Aurelie ankündigte, weigerte ſie ſich, ihn zu empfangen, und ſie bat, man möge ſie in Ruhe laſſen: ſie befinde ſich wohl, und um dies zu beweiſen und den Verdacht abzulenken; ließ ſie ſich eine Suppe bringen, von der ſie ein paar Löffel voll zu ſich nahm. Dieſe Nacht verlief wie die andere, — ſcheinbar ruhig. Heute Morgen trat Marianne bei Aurelie ein; dieſe umarmte ſie zärtlich und ſagte beinahe heiter zu ihr: „Schweſterchen, ich habe eine ſehr gute Nacht gehabt. Ich will noch ſchlafen, doch wecke mich gegen vier Uhr auf. Unterlaß es nicht!“ „Um vier Uhr alſo,“ fügte Fortuné mit einem herzzereißenden Ausdrucke bei, „um vier Uhr ging Marianne zu Aurelie. Dieſe hieß ſie nahe an 21 hr Bett treten, zog ſie alsdann an ſich und umarmte ſie mit einer krampfhaften Stärke. „Schweſterchen,““ ſagte ſie, „öffne meine Läden und rufe geſchwinde meinen Vater, meine Mutter, meine Tante. Ich wünſche Euch Alle zu ſehen, ehe ich ſterbe. . ich wollte den Bruch meiner Heirath mit Herrn von Villetaneuſe nicht überleben.““ „Welche Liebe!“ rief der Vetter Ronſſel. „Erſchrocken, läuft Marianne zu den Läden und öffnei ſie; ſie ſieht Aurelie leichenbleich und bald von entſetzlichen Convulſionen befallen,“ fuhr Fortuné mit bebender Stimme fort. „Marianne ruft die Familie laut ſchreiend herbei. Der Arzt kommt an, und, trotz der Heftigkeit des Uebels, hofft er, gerade weil die Giftdoſen ungehener waren, er hofft, ſage ich, er iſt beinahe ſicher, Aurelie zu retten. Nun, meine Freunde, hört mich an,“ ſprach Fortuns mit feſterem Tone. Durch den Vater Laurencin davon unterrichtet, die Mutter von Michel werde heute Abend hier ſein, lief ich in aller Haſt hierher, um ſie zu nöthigen, von ihrer Herrſchaft über Herrn von Villetaneuſe auf eine Art Gebrauch zu ma⸗ chen, daß er Anrelie heirathe; geſchähe dies nicht, mein Gott! Kaum dem Tode entriſſen, würde ſie ſich aber⸗ mals das Leben zu nehmen ſuchen! Ah! wehe mir! wehe mir! meine ſelbſtſüchtige Liebe hat ihre Verzweif⸗ lung verurſacht, hat ſie beinahe getödtet! Oh! wenn ſie geſtorben wäre, wenn ſie ſtürbe, das wäre die Gewiſſensfolter meines ganzen Lebens!“ Und mit dro⸗ hendem Tone zu Madame Morlac: „Sie hören mich! Heute Nacht, heute Abend noch muß Herr von Villetaneuſe, auf den Sie einen unbegrenzten Einfluß üben, an die Familie Jouffroy ſchreiben: unterrichtet von dem Unglück, das vorgefallen ſei, bitte er ſie inſtän⸗ dig, die Heirath wieder anzuküüpfen. Dieſe Sicher⸗ heit kann Aurelie völlig ins Leben zurückrufen. Bewerk, ſtelligen Sie dies nicht, ſo offenbare ich, ich wiederhole 22 Ihnen, Ihrem Sohne, was für eine Frau Sie ind.“ „Mein Herr,“ erwiederte die Courtiſane mit Er⸗ gebenheit, „Sie beſitzen mein Geheimniß, mein Leben iſt in Ihren Händen. Ich werde gehorchen. Ja, meine Herrſchaft über Herrn von Villetaneuſe iſt unbegrenzt. Ja, ich bin beinahe ſicher, er wird dieſe Heirathspro⸗ jecte, die ihn von einem nahe bevorſtehenden und unver⸗ meidlichen Ruin retteten, wieder anknüpfen. Ja, wenn ich mich zu dieſer Stunde zu ihm begebe, kann ich ihn, wie ich glaube, beſtimmen, daß er an die Familie Jouff⸗ roy ſchreibt: unterrichtet von dem gräßlichen Unglück, von dem ſie betroffen worden, und deſſen unwillkürliche Urſache er ſei, bitte er ſie flehentlich, ihm die Hand von Mademoiſelle Jouffroy zu bewilligen. Ja, ich glaube, daß mir dies gelingen wird. Ihre Drohung, mein Herr, würde mich das Unmögliche verſuchen laſſen. Ich werde alſo gehorchen. Doch bedenken Sie . Ich kenne Herrn von Villetaneuſe. Dieſe Heirath wird das Unglück Ihrer Couſine ſein.“ „Sie hat Recht,“ ſagte der Vetter Rouſſel. „Be⸗ denke, daß der Graf ohne Zögern auf die Heirath verzichtet hat, und geht er ſie nun ein, welche Bürg⸗ ſchaft des Glückes bringt er Aurelie? Nimm Dich in Acht! Du entſcheideſt in dieſem Augenblick über ihr Le⸗ ben! Nimm Dich in Acht!“ Der junge Goldſchmied war vom Ernſte, von der Richtigkeit dieſer Worte ergriffen. Einem bangen Zö⸗ gern preisgegeben, ſchwieg er einen Angenblick, alsdann agte er: 6 „Aber, mein Gott! Aurelie liebt dieſen Menſchen leidenſchaftlich! Sie wollte ſich tödten, ſie iſt im Stande, einen neuen Selbſtmord zu verſuchen, und dieſes ent⸗ ſetzliche Ereigniß wäre meine ewige Verzweiflung! Nein, nein! ſie lebe! ſie heirathe dieſen Menſchen! ihr Geſchick gehe in Eyfüllung!“ 23 „Und ſollte dieſes Geſchick ein unheilvolles ſein,“ rief Joſeph mit Bangigkeit; „welche erſchreckliche Verant⸗ wortſchkeit wird auf Dir laſten!“ „Und wenn ſich Aurelie tödtet, wird ſie nicht noch erſchrecklcher ſein, die Verantwortlichkeit, die auf mir laſtet!“ Und, um dieſem Streite, der ihm das Herz zer⸗ ſ ein Ende zu machen, ſagte er zu der Courti⸗ ane: „Gehen Sie auf der Stelle: dieſe Heirath muß ſtatt⸗ finden.“ „Ich gehorche,“ antwortete Catherine, „doch wird es mir, wenn Ihr Wunſch befriedigt iſt, nicht erlaubt ſein, meinen Sohn noch einmal zu ſehen? „Der Großvater von Michel wird hierauf antworten. Doch gehen Sie! gehen Sie! verlieren Sie keinen An⸗ genblick!“ Die Courtiſane wandte ſich mit einer flehenden Miene gegen den Greis. „Thun Sie, was Herr Fortuné wünſcht,“ erwiederte der Vater Laurencin, „und Sie werden Ihren Sohn wie⸗ derſehen.“ Frau von Morlac verließ ſchleunigſt das Zimmer und begab ſich zu Herrn von Villetaneuſe. XLIX. Ungefähr ſechs Wochen nach dem Selbſtmordverſuche von Aurelie Jouffroy fuhr Seine Hoheit der Prinz Karl Maximilian in einem Hofwagen nach dem Palais des Elyſée⸗Bourbon zurück, das gewöhnlich vom König der Franzoſen zur Verfügung der Mitglieder der ſonve⸗ rainen deutſchen Hänſer, weiche vorübergehend in Paris wohnten, geſtellt wurde. Der Prinz ließ in ihrem Dienſtzimmer die Adjutan⸗ 24 ten, die ihn begleiteten, und trat allein in ſein Schlafge⸗ mach ein, wo ihn ſein Kammerdiener, Herr Müller, er⸗ wartete, ein erprobter Mann, in jeder Hinſicht würdig des unbegränzten Vextrauens ſeines Herrn. Es war ungefähr Abends zehn Uhr. Schwarz ge⸗ kleidet, trug Karl Maximilian am Halſe das Collier von Gold und Email des goldenen Vließes und auf ſeiner Weſte das große rothe Band der Ehrenlegion, deſſen Stern, mit Diamanten beſetzt, an der linken Seite ſeines Fracks funkelte. Die Hoheit findet es dem guten Ge⸗ ſchmacke angemeſſen, ſich mit den Inſignien eines franzö⸗ ſiſchen Ordens (unter allen denen, die ſie beſaß), zu wenn ſie einer franzöſiſchen Feierlichkeit bei⸗ wohnte. Ungefähr ſechsunddreißig Jahre alt, mit einem regel⸗ mäßigen, anmuthigen und zugleich martialiſchen Geſichte, von hohem Wuchſe und äußerſt eleganter Tournure, war Karl Maximilian, wie geſagt, ein ſehr verführeriſcher Mann. Als die Thüre ſeines Schlafzimmers geſchloſſen war, ging der Prinz in großer Aufregung auf und ab. Nach⸗ dem er Hnt und Handſchuhe Herrn Müller übergeben hatte, der mit einem ehrerbietigen, aber aufmerkfamen Blicke den Evolutionen ſeines Herrn folgte, rief dieſer nach einem Stillſchweigen von fünf Minuten: „Es iſt entſchieden, wir reiſen morgen nach Deutſch⸗ land ab.“ „Eure Hoheit wird mir wohl in dieſem Falle ihre Befehle geben?“ „Ja, denn je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr ſcheint mir dieſe Abreiſe vernünftig, klng und geſchickt. Ueberdies vermöchte ich mir keinen Zwang anzuthun, und das hieße die Zukunft gefährden. Ich werde alſo ab⸗ reiſen. Was willſt Duſich nehme meinen Rückzug vor dem Feinde, mein armer Müller, doch in der Hoffnung, ſpäter die Offenſive zu ergreifen. Hierin ahme ich der 25 gewöhnlichen und weiſen Tactik meines ſeligen Vetters des Herzogs Karl nach!“ Nachdem er wieder einen Augenblick geſchwiegen hatte, fügte der Prinz bei: „Welch ein aubetungswürdiges Geſchöpf iſt dieſe junge Gräfin! Ah! Müller, dies Mal bin ich wahrhaft verliebt.“ „Eure Hoheit wird mir erlauben, ihr zu ſagen; dieſes dies Mal hat ſich ſchon mehrere Male ge⸗ funden.“ „Nein, nein nie, ich wiederhole es Dir, haben meine Augen eine ſo ideale Schönheit bewundert. Achtzehn Jahre, eine Perle, ein Schatz an Jugend, Anmuth und Unſchuld! Oh! Müller, wie ſchön war ſie in ihrem jungfräulichen Brautſchmucke. Ja, heute Abend habe ich ſie noch liebenswürdiger gefunden, als vorgerſtern, am Tage der Unterzeichnung ihres Heirathsvertrages! Welch eine glückliche Eingebung hat der Graf von Villetanenſe gehabt, daß er mich zu ſeinem Vermählungszeugen ge⸗ wählt! Müller, glaube mir, das iſt ernſt, ſehr ernſt, ich fühle, was ich nie gefühlt hatte! Dieſe Liebe iſt eben ſo plötzlich entſtanden, als tief; ich bin darüber er⸗ ſchrocken!“ und nach einem neuen Stillſchweigen ſagte Seine Hoheit zu ihrem redlichen Diener: „Du haſt mir oft bei ſolchen Verhältniſſen große Dienſte geleiſtet. Ich zähle auf Deine Ergebenheit, auf Deine Discretion, auf Deinen erprobten Verſtand. Faſ⸗ ſen wir die Sache kurz zuſammen: haſt Du über mei⸗ nen Plan wohl nachgedacht? haſt Du ihn zur Reife ge⸗ bracht? haſt Du alle ſeine guten Seiten ſtudirt? ſin⸗ deſt Du ihn durchführbar? Geſtern Racht geboren, improviſirt, nach einem erſten Zuſammentreffen mit dieſer bezaubernden jungen Frau, kann er Einwürfe, große Schwierigkeiten bieten; iſt dies ſo, ſo ſprich aufrichtig, wir werden ihn modificiren.“ 26 „Die einzige Einwendung, gnädigſter Herr, eine Haupteinwendung iſt: Trotz meiner bereitwilligen Erge⸗ benheit gegen die Befehle Eurer Hoheit, trotz mei⸗ nes Entſchluſſes, die Sache zu einem guten Ziele zu führen, wäre es möglich, daß der Herr Graf von Ville⸗ taneuſe mich nicht als einen ſeiner Diener annehmen würde.“ „Das iſt wahr . . . und wenn ſich Deine Furcht rechtfertigt, ſo werden wir auf ein Auskunftsmittel ſin⸗ nen! Doch ich habe allen Grund, zu glauben, daß Du durch die mächtige Empfehlung meines Freundes, des Herzogs von Manzanares (denn der Graf darf vor Allem nichts wiſſen, daß Du von mir kommſt, und glück⸗ licher Weiſe warſt Du abweſend, während ſeiner Reiſe in Deutſchland), ich habe allen Grund, zu glauben, ſage ich, daß Du, durch die mächtige Empfehlung des Herzogs von Manzanares zum Hauſe des Grafen gehören wirſt, das er, wie er ſich gegen mich geäußert hat, auf einem großartigen Fuße einrichten will. Biſt Du aber einmal im Hauſe ...5 „So geht das Uebrige von ſelbſt, Hoheit.“ „Mein Plan ſcheint Dir alſo ausführbar?“ „Ja, gnädigſter Herr. Der Auftrag iſt ſchwieriger, zarter, kitzeliger Natur, doch mit Beharrlichkeit, Geſchick⸗ lichkeit und Zeit . . .“ „Was das betrifft, Du wirſt allein Richter hinſicht⸗ lich der geeigneten Zeit ſein . . . Doch woran denkſt Du?“ — „Eure Hoheit hat ſich nicht mehr mit der Hy⸗ potheſe zu beſchäftigen, ich könnte nicht in den Dienſt des Grafen aufgenommen werden; in dieſem Falle habe ich ein ſicheres Mittel, immerhin zu meinem Ziele zu ge⸗ langen.“ „Ich glaube Dir und frage Dich nicht einmal über das Mittel, von dem Du ſprichſt. Ich kenne Deinen an Hülfsquellen ſo wunderbar ergiebigen Geiſt.“ 27 „Es verſteht ſich, daß ich im gegebenen Augenblicke Carte blanche habe? „Ja, doch ohne daß Du gewiſſe Gränzen überſchreiten darfſt. Erinnere Dich, daß wir in Frankreich und nicht in den Staaten meines Bruders ſind.“ „Euere Hoheit mag unbeſorgt ſein.“ „Du gehſt zuweilen ein wenig weit.“ „Euere Hoheit ſpielt auf das Abenteuer mit der Tochter des Bürgermeiſters an?“ „Ganz richtig . . . „Wir find aber hier, wie Eure Hoheit ſo weiſe bemerkt hat, in Frankreich, und das iſt etwas Anderes.“ „Ganz etwas Anderes, vergiß das nicht.“ „Nein, Hoheit, ich werde vorſichtig ſein; Alles wird gelingen; haben Sie Vertrauen einmal zu ihrem Glücksſterne, und dann zu meinem lebhaften Verlangen, Euere Hoheit gut zu bedienen.“ „Ah! Muͤller . . . möchte Dich dieſes Vertrauen nicht täuſchen! Wenn Du wüßteſt, wie ſchön die Gräfin iſt! welch ein Glanz! welche Friſche! welche Blüthe der Jugend und Unſchuld! Und dann ein ſo ſanfter Stimm⸗ ton! ein ſo treuherziger, ſo ſchüchterner Blick! Die Schüchternheit, ein göttlicher Reiz, an den mich die Frauen vom Hofe nicht ſehr gewöhnt haben! Ich habe nur zwei⸗ mal das Wort an das herrliche Kind gerichtet, denn es iſt wahrhaftig ein Kind . . oh! man mußte ihre be⸗ zaubernde Unruhe ſehen, während ihre Mutter, ein großes, dickes Teufelsweib von der Geſtalt eines meiner Grena⸗ diere, vom Stolze faſt erſtickt, zu einem guten Kerl — ohne Zweifel ihr Mann — ſagte: „Seine Hoheit ſpricht mit unſerer Tochter!““ Es lag in dieſen paar Worten, in ihrer Betonung⸗ eine ſo triumphirende, ſo burleske Freude, daß, jhätte ich dieſes ſchöne Kind um⸗ armt, die Mutter noch triumphirender ausgerufen haben würde: „Seine Hoheit umarmt meine Tochter.““ „Gnädigſter Herr, ich werde dieſe Mutter in meiner Brieftaſche notiren! Sie wird eine Hülfsmacht ſein, ohne es zu wiſſen: das ſind die beſten.“ „Was den Grafen betrifft, — wenn ich nicht wüßte, was für ein Menſch dies iſt, ſo hätte ich keine Hoffnung gefaßt; ich habe Dich übrigens hinreichend über ihn un⸗ terrichtet!“ „Nach den Mittheilungen Eurer Hoheit kenne ich ihn, als ob er Geld von mir entlehnt hätte . . .⸗ „Ich habe Dir auch geſagt, wie ſein Oheim iſt.“ „Er würde ſeine Seele an Beelzebub verkaufen, wenn Beelzebub wüßte, was er mit einer ſolchen Seele machen ſollte. Ich werde auf meiner Hut ſein.“ „Du wirſt wohl daran thun; dieſer alte Burſche iſt ſehr fein, ſehr ſcharfſichtig, ſehr verſchmitzt. Ah! Müller! er, ſein Neffe! welch eine abſcheuliche Umgebung für dieſe junge Frau!“ „Im Gegentheil, Hoheit, ſie werden die Hälfte meiner Arbeit thun.“ „Deine Bemerkung iſt richtig; ſie gibt mir Muth. Ah! ich fühle es an den Schlägen meines Herzens, an meiner ungeduldigen Hitze, an der Betrübniß, mit der mich dieſe Abreiſe erfüllt, eine Betrübniß nicht ohne Reiz, weil fie die Hoffnung verſüßt; ja, ich fühle es, ich bin erſt zwanzig Jahre alt, oder vielmehr, ich bin verliebt wie ein Zwarzigjähriger; die Liebe verjüngt mich! Wie lang werden mir die Tage, die Monate währen, fern von dieſer anbetungswürdigen Gräfin! welche Qual! und dennoch muß ich abreiſen! Ich wäre nicht Herr über mich; mein Geheimniß würde von meinem Herzen auf meine Lippen treten, wenn ich jetzt die Gräfin wiederſähe! Ich erkenne mich nicht mehr, ſage ich Dir, ich bin wahn⸗ ſinnig!“ „Am Tage ihres Sieges wird Eure Hoheit ihre Vernunft wieder finden.“ „Der Gott der Liebe höre Dich, mein armer Müller.“ „Dieſer Gott iſt nie tanb gegen die Bitten Eurer 29 Hoheit geweſen. Auch dies Mal wird er ihr günſtig ſein. Doch wird Euere Hoheit nicht, ehe ſie Paris verläßt, einen Beweis des Andenkens der Frau Gräfin zuſenden? Das würde mir unerläßlich ſcheinen. Ich habe meine Gründe, hierauf bei Eurer Hoheit zu beſtehen.“ „Nichts kann einfacher ſein. Es iſt mir in meiner Eigenſchaft als Hochzeitzeuge der Gräfin erlaubt, ihr ein Zeichen des Andenkens zu bieten. Doch was von jetzt bis morgen wählen? Das Zartgefühl, der gute Geſchmack heiſchen, daß dieſes Geſchenk mehr werthvoll durch die Arbeit, als durch den Stoff ſei, und ich weiß nicht .. .“ „Hoheit, warum bieten Sie der Frau Gräfin nicht dieſe herrliche emaillirte goldene Schaale an, eines von den Meiſternwerken des Goldſchmieds Fortuné Sau⸗ val? Der innere Werth dieſes Kunſtgegenſtandes iſt, wie mir Euere Hoheit ſagt, höchſtens zwei bis drei⸗ hundert Franken, und er hat zwölfhundert Franken wegen ſeiner bewunderungswürdigen Arbeit gekoſtet.“ „Meine goldene Schaale! mein Lieblingsjuwel! dieſes Wunder, das den Neid von Benvenuto Cellini er⸗ regt hätte!“ Und nachdem er einen Augenblick überlegt hatte: „Gerade der Werth, den ich auf dieſes Meiſterwerk lege, macht es mir zur Pflicht, daſſelbe der Gräfin an⸗ zubieten: „Ah! Hoheit, wenn die Gräfin Sie hören könnte was ſage ich, ſie wird Sie hören!“ „Wie ſo?“ „Ich werde ſäen, Eure Hoheit wird ernten.“ „Müller, Du biſt unbezahlbar! Morgen ſchicke ich durch meinen erſten Adjutanten der Gräfin die Schaale mit einem Abſchiedsbillet.“ „ „Ah!“ ſagte Karl Marimilian zu ſeinem ehrlichen 30 WMercur, als dieſer ihn ausgekeidet und ihm beim Schla⸗ fengehen geholfen hatte, „wenn ich von ihr träumen könnte!“ L. Henri von Villetaneuſe hatte ein im Faubourg Saint⸗ Germain, in der Rue Vanneau, liegendes Hotel gemiethet und koſtbar ausſchmücken laſſen. Das Erdgeſchoß beſtand aus Empfangsſalons und dem Speiſezimmer; der erſte Stock war für die Neuvermählten beſtimmt. Herr und Madame Juuffroy ſollten ein ſehr niedriges Entreſol be⸗ wohnen, das, nach der für viele alte Hotels angenom⸗ menen Bauart, das Erdgeſchoß vom erſten Stocke trennte, über welchem ſich die Geſindezimmer fanden. Nach der Trauung, welche in der ariſtokratiſchen Kapelle des Luxembourg ſtattfand, hatte ſich die ganze Familie nach dem Hotel der Rue Vanneau begeben, um zum erſten Male hier zu wohnen. Am andern Morgen unterhielten ſich Herr und Ma⸗ dame Jouffroy, ſchon aufgeſtanden und angekleidet, alſo in ihrem Schlafzimmer, wohin ſie die Meubles ihrer früheren Wohnung hatten bringen laſſen: „Und Du,“ ſagte Madame Joufftoh zu ihrem Manne, „haſt Du gut geſchlafen?“ „So ſo, Mimi. . . . Du begreifſt, die Aufregung eines ſo großen Tages . . . und dann . . . dieſes En⸗ treſol iſt ſehr niedrig, und Du weißt, ich liebe ungemein die Luft ich glaube, daß ich hier ein wenig erſticken werde . doch, bah! wir ſind mit Kindchen, das iſt die Hauptſache.“ „Wirſt Du Dich nicht etwa nach Deiner Rue du Montblanc zurückſehnen, nun, da wir hier im Fanbourg Saint⸗Germain ſind . . . im adeligen Quartier! wie dieſer liebe Herr Marquis ſagt.“ 31 „Ich ſehne mich nicht nach unſerem alten Hauſe zu⸗ rück; ich bin ſogar zufrieden, daß wir nicht mehr dort wohnen, denn nach dem Abgange meiner Schweſter konnte ich nicht ohne eine Herzbeklemmung an der Thüre ihres Zimmers vorübergehen, und das war noch ſchlimmer, hundertmal ſchlimmer, wenn ich, am Zimmer unſerer Töchter vorübergehend, mich des entſetzlichen Tages er⸗ innerte, wo Aurelie gleichſam ſterbend .. (Und er ſchauerte bei dieſer unheilvollen Erinnerung): Ah! es iſt gräßlich, wenn man hieran denkt!“ „Wem ſagſt Du das?“ verſetzte Madame Jouffroy, deren Augen nicht minder feucht wurden, als die ihres Mannes. „Ah! das war ein beklagenswerthes Ereigniß, ohne von den Folgen zu ſprechen,“ ſagte ſeufzend der ehema⸗ lige Handelsmann, „denn, da Du ſahſt, in welchem Grade Aurelie Herrn von Villetaneuſe liebte und weil Du fortan die Heirath als gewiß betrachteteſt, ſo woll⸗ teſt Du mir nicht erlauben, Erkundigungen über das Vermögen unſeres Schwiegerſohnes einzuziehen, und . „Oh! abermals dieſe Idee! hat Dir Richardet nicht erklärt, der Marquis und ſein Neffe könnten ihr Vermö⸗ gen, wenn ſie wollten, auf mehr als eine Million ſchätzen?“ „Das iſt wahr, Richardet kennt ihre Verhältniſſe, ich mußte ihm glauben, doch . . . „Doch . was? Nicht wahr, man mußte auf allen Seiten Erkundigungen einziehen, ſich der Gefahr ausſetzen, daß das dem Marquis oder unſerem Schwie⸗ gerſohne zu Ohren gekommen wäre, ſo ihr Zartgefühl verletzen, machen, daß ſie die Heirath abermals gebro⸗ chen hätten, Aurelie zur Verzweiflung bringen und zu einem zweiten . . .“ „Oh! ſchweige, Frau! ſchweige! Du machſt mich ſchauern.“ „Ich glaube es wohl! denn nehmen wir an, was 32 nicht iſt, was nicht ſein kann . . . ja, nehmen wir an, Herr von Villetaneuſe, wie Herr Rouſſel mit ſeiner böſen Zunge ſagte, ſei zu Grunde gerichtet geweſen, und wir hätten den Beweis hievon gehabt, würden wir ihm nicht deſſen ungeachtet, ſtatt ſie vor Gram ſterben zu ſehen, unſere Tochter gegeben haben?“ „Großer Gott! ich glaube es wohl!“ „Es war alſo beſſer, daß wir uns auf die Ver⸗ ſicherung von Richardet verließen, die alles Vertrauen verdiente, als daß wir uns der Gefahr ausſetzten, einen neuen Bruch durch Schritte herbeizuführen, welche für die Ehrliebe von Herrn von Villetaneuſe hätten ärgerlich ſein können.“ „Du magſt Recht haben, indeſſen . . .“ „Wie unerträglich biſt Du doch mit Deinen wenn und Deinen aber! Hat nicht der Herr Marquis am Tage der Unterzeichnung des Heirathsvertrages ſeinem Neffen viermalhunderttauſend Franken in ſchönen und guten Bangquebillets in einem mit ſeinem Wappen ge⸗ ſchmückten Portefeuille übergeben, wobei er ſagie: „„Auf den Reſt meines Vermögens werde ich Dich ſo lang als möglich warten laſſen?““ Du haſt es gehört? Du haſt es geſehen?“ „Unterſcheiden wir, Mimi, unterſcheiden wir! Ich habe den Herrn Marquis dies ſagen hören, das iſt wahr; ich habe das dicke Portefeuille geſehen, das er ſeinem Neffen übergeben hat, das iſt abermals wahr; doch ich habe durchaus nicht geſehen, was in dieſem Portefeuille enthalten war.“ „Wie .. Du ſchämſt Dich nicht eines ſolchen Mißtrauens?“ Ohnein „Schweige, das iſt unwürdig!“ „Aber, Mim „Es iſt gerade wie mit dem zu viermalhunderttauſend Franken geſchätzten Gute Montfalcon im Dauphiné . 33 Du hatteſt keine Ruhe, bis Du an den Verwalter ge⸗ ſchrieben. Was hat er Dir geantwortet,?“ „Das Gut werde zu ungefähr viermalhunderttauſend Franken geſchätzt und gehöre dem Herrn Grafen von Villetanenſe.“ „Nun! ich denke, das iſt klar?“ 4 „Ja, doch es konnten Hypotheken darauf laſten, und Du haſt mir verboten . . .“ „Laß mich in Ruhe . . . Du wiederkäuſt immer dieſelbe Sache. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen; unſere Tochter iſt verheirathet; ſie ſchwebt im Himmel. Was willſt Du mebr!“ „Gut alſo, Mimi, gut! Ich beklage mich nicht! Es iſt nicht das Intereſſe, was mich leitet. Guter Gott! als ich Aurelie ſterbend ſah, hätte ich meinen letzten Son gegeben, um ſie zu retten ... Es bleiben uns indeſſen am Ende im Ganzen noch hundertundachzig tauſend Franken!“ „Wir ſind wohl ſehr zu beklagen! Unſere Penſion und unſere Wohnung bei unſerem Schwiegerſohne werden uns ſechstauſend Franken jährlich koſten.“ „Ich ſage das nicht um meinetwillen; doch es wäre mir peinlich, wenn ich ſehen müßte, daß Du Dir eine Entbehrung auferlegen würdeſt, meine arme Mimi; denn obgleich Prudence Alles, was ſie beſitzt, Marianne zu⸗ geſichert hat, können wir dieſer am Ende doch ohne eine ſchreiende Ungerechtigkeit nicht weniger als hunderttauſend Franken geben, wenn ſie ſich verheirathet.“ „Bekümmere Dich nicht um dieſe Sache. Es ſind oft gute Coups an der Börſe zu machen.“ „An der Börſe ſpielen! Ah! mein Gott! was ſagſt Du da! es überläuft mich ein Schauer! An der Börſe ſpielen! Sollteſt Du den Gedanken haben, „Du biſt ja ganz beſtürzt!“ Die Familie Jouffroh. n. 3 —— 34 „Güte Gottes! es iſt wohl Grund dazu vorhanden! An der Börſe ſpielen! Das iſt ein Spiel wie ein ande⸗ res man kann ſich in einem Nu zu Grunde richten. Wie, Du, die Du immer ſo porſichtig in den Geſchäf⸗ ten warſt, Du, die Du bei unſeren Geldanlagen immer ſo ſtrenge unterſuchteſt und ſtets einem mäßigen, aber ſichern Intereſſe den Vorzug gabſt. „Du ſollſt Dir wegen eines flüchtigen Wortes nicht im Kopfe wurmen laſſen. Hältſt Du mich für eine Hirn⸗ loſe, welche im Stande wäre, die Kapitalien, die uns noch bleiben, zu gefährden?“ „Gott behüte mich! Mimi, ich habe hiefür zu viel Vertrauen zu Dir; Deine Worte beruhigen mich.“ „Das iſt ein Glück.“ „Nur bei dem Gedanken allein, an der Börſe zu ſpielen, war mir der Schweiß zur Stirne geſtiegen.“ „In der That, Du weißt nicht, was Du erfinden ſollſt, um Dich zu quälen; Du biſt mit nichts zu⸗ frieden.“ „Ich! ah! was höre ich!“ „Gewiß! Wir ſind am Morgen nach der Hochzeit von Aurelie, ihr Glück iſt geſichert, doch Du weißt nicht, was Du erſinnen ſollſt, um dieſen ſchönen Tag zu trü⸗ ben . . . Du ſuchſt den Mond am hellen Tage; Du wirſt erſticken in dem Eutreſol .. . Du wirſt Dich nach Dieſem und nach Jenem zurückſehnen .. „Ei! ich kann wohl ſagen, daß es, da wir nicht mehr bei uus, ſondern bei unſerem Schwiegerſohne leben, gewiſſe Dinge gibt, die ich vermiſſe.“ „Was denn? ich möchte das wohl wiſſen! das iſt ein wenig ſtark!“ 6 „Nein, nein, wenn ich ſage, ich vermiſſe gewiſſe Dinge, ſo iſt dies eine Redensart.,“ „Sprich, was vermiſſeſt Du? habe doch den Muth, es zu ſagen.“ 3 Mimi, ärgere Dich nicht, wir plaudern nur 35 Nun denn! ich war an die Küche von Jeannette gewöhnt; es gab gewiſſe Gerichte, deren Bereitung ich überwachte, das beluſtigte mich; Du denkſt Dir aber wohl, daß ich mir nicht erlauben werde, meine Naſe in die Küche unſeres Schwiegerſohnes zu ſtecken.“ „Bei Gott! ich auch nicht, während ich Jeannette immer auf den Ferſen ſein mußte. Sie hatte gute Ei⸗ genſchaften, doch ſie war eine Henkerin für die Butter!“ „Ich widerſpreche dieſem nicht, ſie kochte aber ganz nach meinem Geſchmacke, und was die Hammelsfüße à la poulette betrifft, da hatte ſie nicht ihres Gleichen! und das iſt meine Lieblingsſpeiſe.“ „Wirſt Du Dich nicht über die Tafel unſeres Schwiegerſohnes beklagen, der einen Küchenmeiſter und zwei Köche hat!“ „Was ihn, beiläufig geſagt, bedeutend viel koſten muß, und das Uebrige iſt im Verhältniß.“ „Das ſind ſeine Sachen und nicht die unſern.“ „Ja wohl, Mimi! doch Du kannſt es mir nicht zum Verbrechen machen, wenn ich die bürgerliche Küche der Küche von der großen Welt vorziehe. Und dann iſt noch etwas „Was noch?“ „Ich liebte es, meinen Wein ſelbſt auf Flaſchen zu ziehen; das gab einen Zeitvertreib, und auf dieſe Art war mein Wein nie getauft. Ich weiß wohl, daß ich im Ganzen meinem Schwiegerſohne vorſchlagen kann, wenn ihm das gleich iſt, ich wolle „Seinen Wein auf Flaſchen ziehen vielleicht?“ „Warum nicht?“ „Bei meinem Ehrenworte, ich weiß nicht, was Dir träumt! einen ſolchen Vorſchlag unſerem Schwiegerſohne machen „Du biſt wohl ein Narr!“ „Du glaubſt, daß . . .“ „Ich glaube, daß dies ganz einfach albern ſ „Sehr gut, Mimi, ſehr gut .. einverſtanden .. 36 ich werde hierüber kein Sterbenswörtchen zu unſerem Schwiegerſohne ſagen.“ Und gutmüthig lächelnd fügte er bei: „Laß mich mein Leidweſen ausſchütten, damit das ein Ende nimmt und ich Dich nicht mehr ungeduldig mache.“ „Vollende, vollende!“ „Da war auch noch der arme Coco . . . „Welcher Coco?“ „Coco, unſer Pferd. Es ſcheint, er war nicht ſchön, obgleich er uns ſiebenhundert Franken gekoſtet hat, denn als ich ihn dem Herrn Grafen in unſerem Hauſe in der Rue du Mont⸗Blane zeigte, fing er an zu lachen.“ „Ich glaube wohl! das Geſpann vom Hochzeitwagen von Aurelie hat achttauſend Franken gekoſtet, wie mir unſer Schwiegerſohn ſagt, und er hat für ſich zwei Reit⸗ pferde um denſelben Preis gekauft.“ „Sechzehntauſend Franken! nur für die Pferde, ohne die Wagen und die Geſchirre zu rechnen! das iſt tüchtig geſalzen! Doch um auf Coco zurückzukommen: er kannte mich, ich ging alle Morgen in den Stall hinab, um ihm Brodkruſten zu bringen; ſobald ich eintrat, ſpitzte er die Ohren, wieherte er, ſtampfte er mit dem Fuße, und der arme Geſelle leckte mir die Hände. Wenn er nur in dem Hauſe, wo er ſich befindet, ſo glücklich iſt, als bei uns! Kurz, ich brachte auch ein halbes Stündchen bei Coco im Stalle zu, und das beluſtigte mich. Du kannſt Dir aber denken, daß ich es mir um nichts in der Welt würde einfallen laſſen, in den Stall unſeres Schwiegerſohnes zu gehen und mich ſeinen ſchlimmen großen engliſchen Pferden zu nähern, welche ſo hitzig ſind, daß ich geſtern Todesangſt hatte, als ich Dich mit Töchterchen in ſeinen neuen Wagen ſteigen ſah.“ „Ei! welch eine glänzende Equipage mit dem Wap⸗ pen und einer Krone am Schlage! Gott! das ſchöne Wappen! Es iſt etwas wie drei goldene Kröten auf einem rothen Grunde.“ A 37 „Ich habe nicht bemerkt, Mimi, was für Thiere es waren; gewiß aber iſt, daß ich, wenn dieſer arme Coch an unſere Caleche geſpannt war, ohne Furcht Dich und unſere zwei Töchter einſteigen ſah.“ Hier trübte ſich das Geſicht des vortrefflichen Man⸗ nes abermals ſo ſichtbar, daß ſeine Frau es wahrnahm und ihn ungeduldig fragte: „Woran denkſt Du? „An Marianne, das thenre Kind „ „Nun?“ „Sie iſt nicht bei der Hochzeit ihrer Schweſter ge⸗ weſen. Ich weiß, daß ſie hinkend, wie ſie iſt, mitten unter all dieſer ſchönen Welt eine ſchlechte Figur mit ihrem Stocke geſpielt hätte. Es ſchnürte mir indeſſen das Herz zuſammen, daß ich ſie nicht dabei ſah, und meine Schweſter auch nicht, und meinen alten Rouſſel auch nicht.“ „Wie! Herr Rouſſel, der ſich ſo unverſchämt gegen den Herrn Marquis gezeigt hat, Du hätteſt ihn gern bei dieſer Hochzeit ſehen mögen!“ „Bei Ronſſel mag es noch hingehen; doch meine Schweſter, doch Marianne?“ „Hat Deine Schweſter nicht förmlich mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Freundlichkeit erklärt, ſie werde der Hochzeit nicht beiwohnen? Und was Marianne betrifft, habe ich ihr nicht geſagt: „„Mein Kind, willſt Du zur Hochzeit Deiner Schweſter kommen, ſo werde ich Dir einen hüb⸗ ſchen Putz machen laſſen; doch ich, an Deiner Stelle, würde wegen Deines Gebrechens nicht bei dieſer Feierlich⸗ S erſcheinen. Du wirſt übrigens thun, was Dir an⸗ „Sie wird uns durch ihr Gebrechen zu demüthigen befürchtet haben.“ „Sie hätte deſſen ungeachtet bei der Hochzeit anweſend ſein können, wenn ihr das genehm geweſen wäre. Ich werde gewiß nie über Marianne erröthen. Doch im Ganzen hat ſie um ihretwillen wohl daran gethan, nicht zu kom⸗ men, ſie würde zu ſehr beſchämt geweſen ſein, ſich in ſo guter Geſellſchaft zu befinden. Hm! wenn man bedenkt, daß einer von den Zeugen unſeres Schwiegerſohnes ein Herzog war, und der andere ein Prinz, eine Ho⸗ heit! „Was dies betrifft . . . der Prinz hatte Fortuné den Antrag gemacht, ſein Zeuge zu ſein. Armer Junge!“ „Mein Gott! wie unausſtehlich biſt Du hente Mor⸗ gen mit Deinen Jeremiaden!“ „Was für Jeremiaden?“ „Dieſer arme Coco, dieſe arme Jeannete, dieſer arme Rouſſel, dieſe arme Prudence, dieſe arme Marianne, dieſer arme Fortuné! Oh! welch ein armer Menſch biſt Du ſelbſt!“ „Um der Liebe Gottes willen! Mimi, ärgere Dich nicht! wir plaudern nur. Gewiß, es ſchmeichelt mir auch wie Dir, daß einer von den Hochzeitzengen unſerer Toch⸗ ter eine Hoheit geweſen iſt.“ „Abgeſehen davon, daß der Prinz zweimal mit Au⸗ relie geſprochen hat.“ „Ich habe nicht darauf gemerkt“ „Dann weiß ich nicht, wo Du Deine Augen hatteſt und woran Du dachteſt! Ein Prinz ſpricht zweimal mit Deiner Tochter, und Du bemerkſt es nicht einmal! Seine Hoheit iſt doch bemerkenswerth genng, um bemerkt zu werden.“ „Bemerkenswerth? . in welcher Hinſicht denn?“ „Wie? in welcher Hinſicht? . . Einmal iſt es ein ſehr ſchöner Mann! höchſtens ſechsunddreißig Jahre alt und ſodann eine Miene .. . kurz eine durchlauchtige Miene, da ſein Bruder regierender Fürſt in Deutſchland iſt. Ich werde immer ſagen können, der Bruder eines Souverain in Deutſchland habe zweimal mit meiner Gräfin Tochter geſprochen.“ 39 „Das iſt ſchon etwas ſehr Schönes, Töchterchen Gräfin!“ „Nicht wahr? Es gibt, bei meiner Treue! Herzo⸗ ginnen und Prinzeſſinnen, welche nicht ſo viel werth ſind, als ſie.“ „Ah! unſere Tochter iſt Gräfin, und das befriedigt Deine Eitelkeit noch nicht? Was Tenfels ſoll ſie denn nun werden?“ „Ei! ich weiß nicht, warum Du heute Morgen ſo verdrießlich biſt . . . Du ſprichſt nichts als Albern⸗ heiten.“ „Gut, gut!“ erwiederte mit ſeiner gewöhnlichen Sanftmuth und Reſignation Herr Jouffroy in dem Augen⸗ blicke, wo der Hanshofmeiſter von Herrn von Villetaneuſe, nachdem er an die Thüre geklopft hatte, eintrat und ſich verbeugend ſagte: Ich habe dem Herrn und Madame zu melden, daß das Frühſtück der Frau Gräfin aufgetragen iſt.“ „Wie fein iſt das!“ ſagte Madame Jouffroy zu ih⸗ rem Manne nach dem Abgange des Haushofmeiſters. „„Das Frühſtück der Frau Gräfin iſt aufgetragen!““ während dieſer Dummkopf Pierre mit ſeiner groben Stimme uns zurief: „Es iſt aufgetragen!““ oder auch: „„Die Suppe iſt auf dem Tiſche!““ Raſch, raſch,“ fügte Madame Jouffroy bei, „gehen wir zum Frühſtück hinab und laſſen wir unſern Schwiegerſohn nicht warten.“ „Es iſt erſtaunlich,“ ſagte Herr Joufftoy zu ſich ſelbſt, indeß er ſeiner Frau folgte, „ich hatte immer Morgens ſo guten Appetit, und heute habe ich keinen Hunger ... gar keinen! Bah! der Appetit kommt mit dem Eſſen. .. Doch gleichviel, ich wagte es nicht, dies Mimi zu geſtehen, aufderen Geheiß ich mich vom Kopfe bis zu den Füßen anklei⸗ den mußte. Ich bedaure es, daß ich nicht mehr im Schlafrocke frühſtücken kann, wie ſonſt, bei uns, in der Familie, ohne Unſtände, wobei ich mit meinem armen Vetter Rouſſel eine Flaſche Santerne ausſtach.“ Und 40 einen Seufzer unterdrückend, fügte Herr Jouffroy bei: „Doch . Töchterchen iſt glücklich!“ LI. Herr und Madame Joufftoy, als ſie ihr Entreſol verließen, begegneten Henri von Villetanenſe, der vom erſten Stocke herabkam. Er küßte Madame Joufftoy artig die Hand und ſagte zu ihr: „Mein liebe Schwiegermutter, Aurelie wünſcht Sie zu ſehen; ſie iſt in ihrem Zimmer; wir werden auf Sie warten, um uns zu Tiſche zu ſetzen.“ Madame Jyufftoy begab ſich eiligſt zu ihrer Toch⸗ ter ins Hochzeitgemach, und nach einigen Angenblicken erſchienen Beide im Speiſezimmer. Die glänzende Schönheit von Anrelie hatte durch⸗ aus nicht durch ihren Selbſtmordverſuch gelitten. Die Frenden der getheilten Liebe gaben einen neuen und rei⸗ zenden Ausdruck den Zügen der jungen Frau. Eine hübſche Spitzenhaube verbarg halb ihre herrlichen bran⸗ nen Haare mit den goldenen Reflexen; ſie trug ein friſches, elegantes Morgengewand von der beſten Klei⸗ dermacherin verfertigt. Sie küßte zärtlich ihren Vater und nahm dann Platz am Tiſche zwiſchen ihm und Henri von Villetaneuſe. Man fing an zu frühſtücken. Herr Jouff⸗ roy fühlte ſich verlegen; dieſer Morgenimbiß, auf eng⸗ liſche Weiſe ſervirt, nach dem Gebrauche einer gewiſſen Welt, beſtand aus kaltem Fleiſchwerk, Eiern, Gemüſen, doch man ſah, (immer nach engliſcher Weiſe), keinen Wein auf dem Tiſche. Er wurde erſetzt durch vortreff⸗ lichen Thee, enthalten in einer ſilbernen Theekanne, an deren Seite eine Milchkanne und eine Zuckerbüchſe ſo im Bereiche der Tiſchgenoſſen ſtanden, daß Jeder ſeine Taſſe nach Belieben füllen konnte. Herr Juuffroy, der den Thee als eine Art von pharmaceutiſchem Tranke zur 41 Erleichterung der Indigeſtionen betrachtete, ſchauerte ſchon bei dem Gedanken, mit einer Taſſe Thee ein Stück kaltes Fleiſch zu befeuchten; da er es aber nicht wagte, auch nur ein Wörtchen zu ſagen, ſo ergab er ſich und frühſtückte, ohne zu trinken, obgleich ihn der Durſt bei⸗ nahe erwürgte. ein übrigens ſehr leichtes Frühſtück, be⸗ ſtehend aus einem weich geſottenen Ei, einer Schnitte Ochſenfleiſch und Schinken, ſo dünn wie Papier (immer nach engliſchem Gebrauche) und einigem Artiſchocken⸗ mark. „Zum Glück hatte ich keinen großen Hunger,“ ſagte Herr Jouffroy zu ſich ſelbſt, „ich würde aber Mühe ha⸗ ben, mich an dieſe Diät zu gewöhnen. Das Frühſtück war mein beſtes Mahl, und ich that ihm alle Ehre an. Doch wir frühſtücken wenigſtens mit Töchterchen.“ Dieſer Gedanke war der äußerſte und allgemeine Troſt des würdigen Mannes, wenn er an ſeine Wi⸗ derwärtigkeiten dachte. Mit einem Appetit nicht minder kräftig, als der ihres Mannes, begabt, fand Madame Jouffroy dieſen Imbiß auch wenig ſubſtantiell; doch ſie dachte, es ſei ohne Zweifel vornehm, Morgens beinahe nichts zu eſſen. Die Schwiegermutter einer Gräfin muß aber nothwen⸗ dig als eine Frau von vornehmen Manieren leben. So⸗ dann machten die ausgeſuchte Eleganz des Service, der Glanz des Silbergeſchirrs, die zierlichen Porzellane, der Lurus des Speiſezimmers mit carmeſinrothen Tapeten und eichenem Täfelwerk, durch vergoldete Leiſten her⸗ vorgehoben, und die Zuvorkommenheiten des Hanushof⸗ meiſters, daß Madame Jouffrov ihren Appetit vergaß. Was Aurelie betrifft: ſie aß wie eine glückliche Ver⸗ liebte, das heißt ungefähr wie ein Vogel; der Graf, der an dieſe Lebensweiſe gewöhnt war, fand das Frühſtück ganz genügend. Als der Haushofmeiſter und der Kammerdiener zu⸗ fällig mit einander in dienſtlichen Verrichtungen hinaus⸗ 42 gegangen waren, ſtand Henri artig auf, um die Teller und das Gedecke ſeiner Frau zu wechſeln, alsdann ſetzte er ſich wieder und ſagte heiter zu ihr: „Ich benütze es, daß ich im Rückſtande bin, denn wenn wir einen zweiten Kammerdiener haben, der ſpe⸗ ciell Ihrer Perſon beigegeben iſt, ſo wird er immer hin⸗ ter Ihrem Stuhle bleiben, und ich werde nicht mehr das Vergnügen haben, Ihnen einen Teller anzubieten, wie in dieſem Augenblicke.“ „Mein Freund,“ erwiederte die junge Gräfin, „in dieſem Fall bin ich nicht ſehr ungeduldig, den neuen Diener ankommen zu ſehen.“ „Sie ſind ein Engel; doch unſer Haushofmeiſter und mein Kammerdiener würden uns nicht genügen. Ich ſuche einen zweiten, der, wie geſagt, ſpeciell zu Ihren Befehlen ſein wird.“ Und ſich an Madame Jouffroy wendend: „Sie entſchuldigen, daß ich ſo von Haushal⸗ tungsdingen rede, meine liebe Schwiegermutter?“ Ich glaube wohl; die Haushaltung, das iſt meine Stärke.“ „Mein lieber Schwiegerſohn,“ wagte Herr Jouff⸗ roy zu bemerken, „da wir von der Haushaltung reden; finden Sie nicht, daß zwei Bedienten, um Sie bei Tiſche zu bedienen, zu . . .“ Ein ſonores hum! hum! und ein furchtbarer Blick ſeiner Frau unterbrachen Herrn Jouffroy, und er blieb ſtumm. „Sie wollten mir bemerken, mein Schwiegervater,“ verſetzte der Graf, „zwei Diener . . . „Nichts, nichts, mein Schwiegerſohn,“ erwiederte haſtig Herr Joufftoy; „das war nur ſo ein flüchtiger Gedanke; nehmen wir an, ich habe nichts geſagt.“ „Ah! meine liebe Aurelie,“ ſprach der Graf, „was werden Sie mit Ihrem Tage machen?“ „Ei! mein Freund, verfügen Sie darüber . . „Nehmen wir ſogleich gute Gewohnheiten an. Ich — 43³ fühle mich glücklich, Ihnen dies in Gegenwart Ihrer vortrefflichen Eltern zu fagen: Ihre geringſten Wünſche werden immer mein oberſtes Geſetz ſein. Sie ſind Gebieterin, befehlen Sie, handeln Sie in vollkommener Freiheit . . .“ „Henri, wie gut ſind Sie!“ „Ah! Töchterchen, wie der Herr Graf Dich ver⸗ dirbt!“ ſagte Herr Joufftoy. „Bei meiner Treue, er hat hübſch Recht.“ „Mein Freund,“ antwortete Aurelie ihrem Gatten⸗ vich wünſchte meine Schweſter zu beſuchen, die bei un⸗ ſerer Hochzeit nicht anweſend ſein konnte.“ „Vortrefflich! Uum welche Stunde wünſchen Sie Ihren Wagen zu haben, damit ich die Befehle gebe, ehe ich ausgehe?“ Sie werden mich alſo nicht begleiten, Henri?“ fragte Aurelie, von einer leichten Regung des Erſtau⸗ nens und des Bedauerns erfaßt. „Marianne wäre gewiß ſehr glücklich, Sie zu ſehen. Anch verſprach ich mir das Vergnügen, Sie meiner Tante Prudence vorzu⸗ ſtellen.“ „Ich würde indiscret zu ſein befürchten,“ erwiederte lächelnd der Graf. „Sie haben Ihrer Fräulein Schwe⸗ ſter die geſtrige Ceremonie, die hübſchen Toiletten, die Sie wahrgenommen, was weiß ich! zu erzählen, und ich wäre troſtlos, ſollte ich Sie in Ihren vertraulichen Mit⸗ theilungen beengen . . . Alſo, meine liebe Anrelie, ſagen Sie mir, zu welcher Stunde Sie Ihren Wagen zu haben wünſchen?“ „Gegen ein Uhr, wenn Sie wollen,“ erwiederte Aurelie, einen Seufzer unterdrückend, indeß Herr Jouff⸗ roy beiſeit ſagte: „Meinen Schwiegerſohn ſcheint es nicht ſehr zu ver⸗ langen, mit Töchterchen am Tage nach der Hochzeit bei⸗ ſammen zu ſein! Wenn ich bedenke, daß ich mehr als ein Jahr Mimi gar nicht verließ! Ich war wie ihr 44 Schatten. Ah! es ſcheint, das iſt nicht der Brauch in der vornehmen Welt.“ In dieſem Augenblicke trat der Kammerdiener wie⸗ der ein, und meldete Henri: „Der erſte Adjutant S. H. des Prinzen Maximi⸗ lian wünſcht den Herrn Grafen zu ſprechen.“ „Bitten Sie ihn, im Salon zu warten, ich komme ſogleich,“ antwortete Herr von Villetaneuſe. Und er fügte bei: „Liebe Schwiegermutter, und Sie, Aurelie, Sie erlauben?“ „Wie, mein Schwiegerſohn!“ rief Madame Jouff⸗ roy. „Gehen Sie doch geſchwinde, eilen Sie, laufen Und ſich gegen ihre Tochter umwendend, während der Graf, gefolgt vom Kammerdiener, das Speiſezimmer verließ: „Haſt Du gehört, Aurelie? Der erſte Adju⸗ tant Seiner Hoheit wünſcht Deinen Gemahl zu ſpre⸗ chen!“ „Töchterchen,“ ſagte raſch und leiſe Herr Jouffroy, „nun, da Dein Gatte und die Dienſthoten nicht hier ſind, muß ich Dir geſtehen, daß ich vor Durſt erſticke, und daß ich, ſo zu ſagen, nichts gegeſſen habe. Es war kein Wein auf dem Tiſche, und ich genire mich nicht, Morgens eine Flaſche auszublafen, und ſodann dieſe dün⸗ nen Schuittchen Ochſenfleiſch und Schinken, nebſt einem weich geſottenen Ei, machen einem nur noch mehr Hunger. Du nicht meinem Schwiegerſohne einflüſtern, daß „Wahrhaftig, Sie denken nur an Ihren Bauch!“ verſetzte Madame Jouffroy die Achſeln zuckend. „Sind ſind von einer Indiscretion!“ „Gutes, armes Väterchen, ich bitte tanſendmal um Verzeihung. Ich dachte nicht an Deine Gewohnheiten; doch Du ſollſt fortan bedient werden, wie Du es bei uns warſts ich werde hiefür beſorgt ſein.“ 4⁵ So iſt es! Sie werden Alles bei Ihrem Schwie⸗ gerſohne unter einander bringen,“ verſetzte Madame Jouff⸗ roy die Achſeln zuckend und ſich an ihren Mann wendend, „Sie werden machen, daß man Sie für einen dicken Freß⸗ gierigen hält.“ „Mama vergiſſeſt Du, daß mein Vater hier zu Hauſe iſt?“ „Ah! ah! Mimi,“ rief Herr Jouffroy ſich die Hände reibend, „Du hörſt Töchterchen, ſie ſchmäht mich nicht, ſie macht mir nicht zum Vorwurf, ich ſei ein dicker Freß⸗ ieriger!“ 4 Por Allem bitte ich Sie, mich nicht mehr Mimi zu nennen, und ſodann, mich nicht mehr zu duzen!“ „Das iſt etwas Neues! Wir ſollen alſo mit einander reden, als ob wir erzürnt wären?“ „Es handelt ſich nicht um einen Verdruß, ſondern ich habe bemerkt, daß unſer Schwiegerſohn immer zu Aurelie Sie ſagt das muß alſo guter Ton ſein.“ „Was willſt Du, Mama?“ ſprach Aurelie, „als ich ſah, daß mich Henri nicht vor Ihnen duzte, da machte ich es wie er.“ „Und Du haſt Recht, mein Kind. Das iſt ohne Zweifel ſehr feine Lebensart. Herr Jouffroy, Sie wer⸗ den mir auch das Vergnügen machen, mich nicht mehr zu duzen in Gegenwart der Leute und beſonders mich nicht mehr Mimi zu nennen.“ „Aber, Teufel! ich kann nicht ſo in einem Augen⸗ blick auf eine fünfundzwanzigjährige Gewohnheit verzichten. Ja, es ſind fünfundzwanzig Jahre, daß ich Dich duze, daß ich Dich Mimi nenne! und Der Kammerdiener trat wieder ein und ſagte zu Aurelie: „Der Herr Graf bittet die Frau Gräfin, gefälligſt in den Salon kommen zu wollen.“ „Aurelie,“ ſprach leiſe Madame Jouffroy zu ihrer Tochter, „dürfen wir nicht mit Dir gehen?“ 46 „Gewiß! Kannſt Du eine ſolche Frage an mich ma⸗ chen, liebe Mama?“ erwiederte die junge Frau. Und ſie wandte ſich in Begleitung ihres Vaters und ihrer Mutter nach dem Salon. LII. Ein Mann von reiferem Alter, in einer fremden Uni⸗ form, und mit der Auszeichnung eines Oberſten, befand ſich im Salon bei Henri von Villetaneuſe. Dieſer ſagte zu ſeiner Frau, indem er ihr den Oberſten vorſtellte: „Meine liebe Freundin, der Herr Oberſt Walter iſt von Seiner Hoheit dem Prinzen Maximilian mit einer Sendung an Sie beauftragt.“ Aurelie erröthete und ſchaute Henri mit dem höchſten Erſtaunen an; der Oberſt verbeugte ſich tief, überreichte ihr einen Brief und ſprach: „Frau Gräfin, Seine Hoheit der Prinz hat mir geboten, Ihnen den Ausdruck ſeiner Ehrerbietung zu Füßen zu ſegen und Ihnen einen Brief nebſt dieſem Etui zu übergeben,“ fügte er bei, indem er auf ein kreisför⸗ miges Etui von rothem Saffian deutete, das auf einem Tiſchchen in der Nähe von Aurelie lag. „Seine Hoheit der Prinz hat mich auch beauftragt, Ihnen ſein Bedauern darüber auszuſprechen doß er ſich vor ſeiner Abreiſe nach Deutſchland nicht perſönlich bei Ihnen habe verabſchieden können.“ Ganz verwirrt, nahm Aurelie maſchinenmäßig den Brief, den ihr der Adjutant überreichte, doch in ihrer Verlegenheit fand ſie kein Wort der Erwiederung. Der Graf kam ihr zur Hülfe und ſagte: „Mein lieber Oberſt, Frau von Villetaneuſe iſt ſehr erkenntlich für das gute Andenken Seiner Hoheit; wir ſchmeicheln uns der Hoffnung, der Prinz werde uns 47 bei ſeiner nächſten Reiſe nach Frankreich nicht ver⸗ geſſen.“ Der Oberſt verbeugte ſich abermals, und Herr von Villetaneuſe hatte die Höflichkeit, ihn bis auf die Frei⸗ treppe des Hauſes zurückzubegleiten. Kaum hatte der Graf den Salon verlaſſen, als Ma⸗ dame Juufftoy ausrief:“ „Seine Hoheit ſchreibt an meine Tochter!“ Und ſich an Aurelte wendend, die noch den Brief des Prinzen in der Hand hielt: „Lies doch geſchwinde, was Seine Hoheit Dir ſchreibt! Du biſt aber auch gar nicht neugierig!“ „Wäre es ein Brief von Henri, ſo würde ich ihn ſchon längſt geleſen haben,“ erwiederte die junge Frau, indeß ſie lächelnd das Siegel erbrach. „Gut, gut!“ verſetzte Madame Jouffroy, „doch es iſt ganz einfach, einen Brief von ſeinem Gatten zu em⸗ pfangen, während ein Brief von einer Hoheit ſo ſel⸗ ten iſt, als eine weiße Anſel.“ „Ich,“ ſprach Herr Jouffroy, das Etui von rothem Saffian mit neugierigem Blicke betrachtend „ich möchte wohl wiſſen, was hier innen iſt. Ohne Zweifel iſt es ein Geſchenk, das der Prinz als Zenge meines Schwieger⸗ ſohnes Töchterchen ſchickt. Glaubſt Du nicht, Mimi?“ „Nun duzen Sie mich abermals „Sie nennen mich Mimi und Aurelie Töchterchen!“ „Aber, mein Gott! wir ſind allein, und dann kann ich mich nicht daran gewöhnen, zu .. „Sie werden mir im Gegentheil das Vergnügen machen, ſich daran zu gewöhnen. Wie! unſere Tochter empfängt Briefe von einer Hoheit, und Sie ſchämen ſich nicht, zu ſprechen wie ein ich weiß nicht wer?“ Und zu welche, nachdem ſie geleſen, wohlgefällig lä⸗ chelte: „Nun, was ſagt Seine Hoheit?“ „Hhre, Mama.“ Und ſie las: 48 „„Frau Gräfin . . . „Frau Gräfin!“ rief Madame Jouffroy. „Welch ein ſchöner Titel. Ich kann mir noch gar nicht vorſtellen, daß man Dich Frau Gräfin nennt! Fahre fort.“ Aurelie las weiter: „„Frau Gräſin, meine plötzliche Abreiſe nach Deutſch⸗ land beraubt mich zu meinem großen Bedauern der Ehre, von Ihnen Abſchied zu nehmen.““ „Seine Hoheit bedauert, der Ehre beraubt zu ſein, von meiner . . Gräfin Tochter Abſchied zu neh⸗ men,“ wiederholte Madame Jouffroy dem Erſticken nahe. „Hören Sie das, mein Herr a Mi Doch auf einen Blick ſeiner Frau ſich eines Andern beſinnend, ſagte der würdige Mann: „Ich verſtehe. Das iſt ſehr ſchmeichelhaft für unſere Toch⸗ ter und für unſeren Schwiegerſohn.“ Aurelie fuhr fort: „Brauche ich Ihnen aufs Neue die Wünſche aus⸗ zudrücken, die ich für Sie, Frau Gräfin, hege, ſowie für dieſen lieben Grafen . . .“ „Dieſer liebe Graf!“ rief Madame Joufftoy. „Seine Hoheit hat die Gnade, unſeren Schwiegerſohn ſeinen lieben Grafen zu nennen. Welch ein reizender Brief! Aurelie, Du wirſt ihn mich abſchreiben laſſen!“ fügte dieſe ſeltſame Frau mit Thränen in den Augen bei, „i werde ihn oft wiederleſen.“ Und ihre Tochter voll Leidenſchaft umarmend: „Ah! Du machſt mich zur Glücklichſten, zur Seligſten der Mütter! Ich ſagte es wohl, Du könneſt auf Alles Anſpruch machen! Lies uns raſch das Ende des Briefes Seiner Hoheit, denn Dein Gemahl kann jeden Augenblick zurückkommen.“ 49 „Wo war ich denn, Mama?“ „Du warſt bei der Stelle, wo Seine Hoheit Deinen Gemahl: Seinen lieben Grafen! nennt. Wie⸗ derhole dieſe Worte, wir werden ſie gern zweimal hören.“ „„Brauche ich Ihnen aufs Neue die Wünſche auszu⸗ drücken, die ich für Sie, Fran Gräfin, hege, ſowie für dieſen lieben Grafen? Er hat die Güte gehabt, mich zu bitten, Zeuge ſeines Glückes zu ſein; werden Sie mir gnädigſt geſtatten, Frau Gräfin, daß ich Ihnen zum Gedächtniſſe eines für Sie und dieſen lieben Grafen ſo beſeligenden Tages ein Andenken biete, welches Sie zuwei⸗ len an meine Freundſchaft für Herrn von Villetaneuſe und an die achtungsvolle Ergebenheit erinnern wird, de⸗ ren Verſicherung Ihnen, Frau Gräfin, zu wiederholen ich die Ehre habe. „Karl Maximilian.““ „Man vermöchte in der That nicht auf eine liebens⸗ würdigere und artigere Weiſe zu ſchreiben,“ ſagte Herr Jouffroy, während ſeine Frau ſtillſchweigend in der Wonne dieſes fürſtlichen Briefes ſchwelgte, und ſich Au⸗ relie auch leicht durch die berauſchenden Dünſte der Ei⸗ telkeit betäubt fühlte. „Ah! ja, ich werde den Brief Seiner Hoheit abſchreiben,“ ſagte endlich Madame Jouffroy. „Das wird die Ehre unſerer Familie ſein. .. Doch wie geiſtreich iſt er, dieſer Prinz, wie geiſtreich! . Ebenſo geiſtreich, als ſchön! und das iſt ſelten!“ Wie, Mama, Du findeſt ihn ſchön?“ „Ob er ſchön iſt! Ah! Du haſt ihn alſo nicht an⸗ geſchaut?“ „Nein, nicht viel; ich ſchaute nur Henri au, und Die Familie Jouffroh. n. 4 als der Prinz mit mir ſprach, war ich ſo in Verlegen⸗ heit, daß ich es nicht wagte, die Augen zu ihm aufzu⸗ ſchlagen.“ „Nun wohl! würdeſt Du ſie aufgeſchlagen haben, ſo hätteſt Du den ſchönſten Cavalier geſehen, den man ſich denken kann!“ „Ho! ho! Mama, mit Ausnahme von Henri,“ er⸗ wiederte die junge Frau mit einem reizenden Lächeln; und zu Herrn Jouffroy: „Ich errathe Deine Neugierde, guter Vater, öffne dieſes Etui, daß wir das Geſchenk des Prinzen ſehen.“ Herr Jyuffroy öffnete das Etui von Saffian und nahm daraus eine große goldene Schaale von wunder⸗ barer Arbeit. Eine Gruppe von Figurinen hielt das Gefäß, das außen und innen mit emaillirten Medaillons, Kinder vorſtellend, welche mit Vögeln und Blumen ſpiel⸗ ten, verziert war; die lebhaften Farben des Email waren ſo vortrefflich geſchmolzen und auf das Gold dieſer Me⸗ daillons angefügt, daß man ſie durch den zarteſten Pin⸗ ſel ausgeführt hätte glauben können. Dieſe Schaale von getriebener Arbeit war ſo leicht trotz ihrer Höhe und ihres Durchmeſſers von beinahe einem Fuß, daß ſie kaum ein Pfund wogz ihr ganzer Werth lag verglei⸗ chungsweiſe in der Arbeit; der Prinz hatte auch, ohne die Gränzen des Wohlanſtandes und des guten Ge⸗ ſchmackes zu überſchreiten, der jungen Gräfin einen Ge⸗ genſtand von einem beinahe unbedentenden inneren Werthe, verglich man ihn mit ſeinem ungeheuren Kunſtwerthe, anbieten können. „Ah! meine Tochter, wie ſchön iſt das!“ rief Ma⸗ dame Jyufftoy; zmein Gott! wie ſchön! wie prächtig! wie gut weiß Seine Hoheit die Dinge zu machen! Das iſt ein wahrhaft königliches Geſchenk!“ „Das iſt herrlich!“ ſagte Aurelie die Bewunderung ihrer Mutter theilend und in einer Art von naiven Ex⸗ taſe die Hände faltend. „Sieh doch, Mama, dieſe rei⸗ 51 zenden Medaillons und dieſe großen goldeen Figuren, wie zierlich ſie ſind! Der Reichthum dieſes Geſchenkes macht mich ganz verwirrt; das iſt zu ſchön für mich, nicht wahr, mein Vater?“ Nun erſt das tief betrübte Ge⸗ ſicht von Herrn Jouffroy wahrnehmend, der in Gedanken verſunken mit feuchtem Blicke die Schaale betrachtete, rief Aurelie: „Mein Gott! Papa, was haſt Du denn? Du biſt ganz traurig!“ „Es iſt wahr,“ ſprach Madame Jouffroy ungeduldig zu ihrem Gattenz „wie! das iſt Alles, was Du über das herrliche Geſchenk, das Seine Hoheit unſerer Toch⸗ ter ſendet, zu ſagen weißt?“ „Ach!“ erwiederte der vortreffliche Mann ſchwer⸗ müthig den Kopf ſchüttelnd, „dieſe ſchöne Schaale „Nun, guter Vater, dieſe ſchöne Schaale?“ „Iſt das Werk von Fortuns,“ antwortete Herr Jouffroy ſeufzend; „er arbeitete noch im vorigen Jahre daran, als ich ihn in ſeiner Werkſtätte beſuchte. Armer Junge!“ Und ſich umwendend, aus Furcht, von ſeiner Frau und ſeiner Tochter geſehen zu werden, wiſchte er ſich eine Thräne ab und wiederholte: „Armer Junge!“ Der Anblick dieſer Schaale, welche Aurckie For⸗ tuné ins Gedächtniß zurückrief, erweckte in ihrer bis da⸗ hin vor Glück ſtrahlenden Seele einen unbeſtimmten und geheimen Gewiſſensbiß. Obgleich ihre Mutter ihr hun⸗ dertmal wiederholt hatte, der Goldſchmied habe ſich ſehr leicht darein ergeben, auf die beſchloſſene Heirath zu verzichten, ſagte doch Aurelie ihr Inſtinct, dieſe Reſig⸗ nation müſſe nur eine ſcheinbare geweſen ſein; tief ge⸗ rührt beim Anblicke der Schaale und von lebhaftem Mit⸗ leid für ihren in ſeinen Hoffnungen ſo grauſam ge⸗ Freund ergriffen, ſprach auch die junge Gräfin eufzend: „Der liebe Fortuné! vermöge ſeines Genies werden ſeine Werke ſo wundervoll, daß man in Verlegenheit ge⸗ räth, wenn man ſie enpfängt. Ah! dieſe Schaale iſt mir nun doppelt koſtbar!“ „Armer Fortuns!“ dachte Herr Jouffroy. „Ach! das war der Schwiegerſohn, wie ich ihn brauchte, ein Mann von unſerem Schlag und wie wir einfach und ohne Umſtände. Ich wäre bei ihm ſo behaglich geweſen, als bei mir. Wie Schade, daß dieſe Heirath Aurelie nicht zugeſagt hat! Ich hätte Marianne und meine Schwe⸗ ſter noch bei mir; ich würde meinen alten Freund Rouſ⸗ ſel faſt alle Tage ſehen . . . Ah! ah! ich bin ein Egoiſt!.. Im Ganzen iſt Töchterchen glücklich!“ Unter der Herrſchaft ihrer durch den Brief und das Geſchenk überreizten Eitelkeit, blieb Madame Jouffroy unempfindlich für die Frinnerungen, welche der Anblick der Schaale im Geiſte ihrer Tochter und ihres Man⸗ nes erweckte; ſie ſagte auch zu dieſem: „Du hatteſt wohl nöthig, Aurelie mitzutheilen, dieſe Schaale ſei von Fortuns verfertigt worden! Statt ſie ruhig über das Geſchenk Seiner Hoheit ſich freuen zu laſſen, haſt Du nun das liebe Kind traurig gemacht.“ „Oh! nein, Mama, glaube nicht, ich ſei traurig; ich bin im Gegentheil ſtolz, wenn ich bedenke, daß mein Vetter, mein Freund aus meiner Kinderzeit der Schöpfer dieſes Meiſterwerkes iſt. Fortuns wird mich vielleicht noch beklagen, doch bald wird er mich vergeſſen, er wird eine ſeiner würdige Frau heirathen und ſo glücklich ſein, als er es verdient.“ „Gott höre Dich!“ ſprach Herr Jouffroy, „Gott höre Dich, Töchterchen!“ „Nnn nennen Sie Aurelie abermals Töchterchen!“ „Wie! ſelbſt unter uns darf ich ihr nicht den Namen geben, den ich ihr ſeit ihrer Kindheit gebe! Das iſt doch zu ſtark!“ „Stille! Unſet Schwiegerſohn kommt mit dem Herrn Marquis!“ Herr von Villetaneuſe trat in der That mit ſeinem 53 Oheim in den Salon ein; dieſer beeiferte ſich, der jun⸗ gen Gräfin artig die Hand zu küſſen. Als der Graf die auf einem Guéridon ſtehende Schaale bemerkte, ſagte er: „Bei meiner Treue, liebe Aurelie, der Prinz hat Ihnen eines von den Dingen geſchenkt, auf die er den höchſten Werth legte. Oft habe ich ihn dieſe Schaale als eines der Wunder unſerer Zeit rühmen hören.“ „Henri, Sie machen mich noch verlegener, als ich es ſchon war. Ich ſoll von Seiner Hoheit ein ſo herr⸗ liches Geſchenk empfangen!“ „Gibt es etwas zu Herrliches für Sie, meine Nichte?“ ſagte der Marquis. „Der Prinz handelt nur als Prinz.“ „Von einem Prinzen auf einen Lackei iſt der Ueber⸗ gang ſehr ſchroff!“ verſetzte der Graf lachend. „Ich muß Ihnen indeſſen ſagen, daß ſich ein Kammerdiener für Sie bietet ich habe ſo eben mit ihm geſprochen, nachdem ich den Oberſten Walter zurückbegleitet. Dieſer Menſch ſcheint mir ſehr mit dem Dienſte vertraut; er hat eine vortreffliche Empfehlung vom Herzog von Manzanares, doch er iſt nie in einem Hauſe in Paris geweſen; zehn Jahre lang blieb er bei ſeinem früheren Herrn entweder in Italien oder in England; abgeſehen von dieſem Miß⸗ ſtande, und unbeſchadet Ihrer Meinung, glaube ich, daß wir eine gute Wahl treffen werden, wenn wir dieſen Diener nehmen. Wünſchen Sie ihn zu ſehen?“ „Das iſt unnöthig, mein Freund; ſteht er Ihnen an, ſo ſteht er mir auch an.“ „Rührende Harmonie!“ ſprach der Marquis zu Ma⸗ dame Jvuffroy. Wie glücklich macht mich der Gedanke, unſere Kinder werden ſich immer ſo verſtehen!“ „Ich hoffe es wohl, Herr Marquis; ſie lieben ſich ſo ſehr!“ Und ſich an ihre Tochter wendend: „Ah! Aurelie, wenn Du auf eine Stunde ausfahren wilſſt, um Deine Schweſter zu beſuchen, ſo bleibt Dir nur noch Zeit, Dich anzukleiden,“ 54 „Du haſt Recht, Mama.“ „Kommen Sie, meine liebe Freundin, Sie werden im Vorbeigehen Ihren neuen Kammerdiener ſehen,“ ſagte der Graf zu ſeiner Frau. Und es verließen Beide den Salon. LIII. Der Marquis von Villetaneuſe, der allein bei Herrn und Madame Jouffroy geblieben war, folgte mit den Augen den Neuvermählten; ſodann, als ſie verſchwan⸗ den, ſagte er mit einer lächelnden und geheimnißvollen Miene: „Nun ſind ſie weggegangen, das iſt vortrefflich. Hören Siemich au, ſchöne Dame; aber Sie müſſen mir, wie Herr Jouffroy, verſprechen, ein vollkommenes Still⸗ ſchweigen über das, was ich Ihnen ſagen werde, zu be⸗ obachten.“ „Sie können darauf zählen, Herr Marquis.“ „Oh! ich und Mimi . . .“ Doch auf einen Blick ſei⸗ ner Fran ſich beſinnend. „Oh! wir ſind keine Schwätzer!“ „Sie dürfen nicht ein Sterbenswörtchen von Allem dem gegen Aurelie oder gegen meinen Neffen erwähnen,“ ſagte der Marquis; und er fügte leiſe bei: „Es handelt ſich um eine Verſchwörung.“ „Wahrhaftig, Herr Marquis?“ verſetzte Madame Jouffroy auch lächelnd, „um eine Verſchwörung?“ „Um eine erſchreckliche! . . . welche in einiger Zeit zum großen Erſtaunen unſerer lieben Kinder zum Aus⸗ bruche kommen ſoll. Ich bin dieſen Morgen hierher ge⸗ gangen in der Abſicht, Sie Beide unter die Zahl der Mitverſchworenen aufzunehmen. Da aber das Geld der Nerv des Krieges und der Verſchwörungen iſt, ſo werden Sie, Herr Jouffroy, mir vor Allem als Ihre Beiſteuer zwei⸗ hundert Louis d'or bezahlen; ich, in meiner Eigenſchaft als Oheim, treibe es, bei meiner Treue, bis auf drei⸗ hundert Louis d'or.“ „Hm! hm!“ machte der gute Mann ganz verdutzt⸗ „hm! Herr Marquis . . .“ „Nein, nein, etwas Beſſeres!“ rief der Greis, in⸗ dem er ſich herzlich lachend an Madame Jouffroy wandte, ves wird ſo viel ſpoßhafter ſein: Sie leihen mir, mein lieber Herr, wohl verſtanden? Sie leihen mir zweihun⸗ dert Louis d'or, gerade als ob ich ſie von Ihnen entlehnt hätte und Ihnen zurückgeben müßte, mit einem Worte, als ob ich ganz einfach zu Ihnen ſagte: „„Mein lieber Herr, erweiſen Sie mir die Freundſchaft, mir zweihun⸗ dert Lonis d'or zu leihen;““ und ſich an Madame Jouff⸗ roy wendend, welche ſehr verlegen zu ſein ſchien: „Sie ſollen ſehen, das wird reizend ſein! Die lieben armen Kinder!“ „Wahrhaftig!“ rief ſie auch lachend, indem ſie, je⸗ doch vergebens, die Sache zu begreifen ſuchte, während ihr Mann, der nur begriff, daß es ſich um das Heraus⸗ geben von zweihundert Louis d'or handelte, verdutzt mur⸗ melte: „Hm! hm! Herr Marquis . . . es iſt . . .“ „Stellen Sie ſich, ich wiederhole es, vor, ich habe Ihnen nichts von unſerer herrlichen Verſchwörung geſagt, und ich bitte Sie ohne alle Umſtände um ein Anlehen von zweihundert Louis d'or; iſt das klar?“ „Das iſt klar wie der Tag,“ ſagte Madame Juuff⸗ roh zu ihrem Manne; „wie! Sie begreifen das nicht?“ „Doch, Frau, ich begreife wohl; zweihundert Louis or.“ „Und Sie ſollen das Anſehen haben, als borgten Sie dieſe Summe dem Herrn Marquis, indem Sie ihm dieſelbe übergeben!“ „Oh! welch ein Gedanke!“ fügte der Marquis bei, während er an den Kamin ging und die Klingelſchnur zog. „Ich will Ihnen einen Empfangſchein geben, A khe 56 mein lieber Herr Joufftoy, „einen ſchönen, guten Em⸗ pfangſchein, gültig und in gehöriger Form ausgeſtellt, ſo daß, wenn unſere Verſchwörung zum Ausbruche kommt, unſere guten Kinder . Ha! ha! ha! Ma⸗ dame, wenn Sie wüßten, wie groß ihr Erſtannen ſein wird? Ha! ha! ha! Sie ſehen, ich lache bis zu Thränen dieſer Schein für zweihundert Louis d'or ha! ha! ha!⸗ „Ha! ha! ha!“ machte auch Madame Juuffroy, der anſteckenden Heiterkeit des Marquis nachgebend; „ha! ha! ha! das wird ſehr luſtig ſein!“ Als ſie aber ſah, daß ihr Gatte, weit entfernt, zu lachen, bekümmert und veriegen blieb, ſagte ſie leiſe zu ihm: „So lachen Sie doch auch! Sie haben eine wahre Begräbnißmiene! lachen Sie doch!“ Süt a ha erwiederte er, indem er zu lachen ſich anſtrengte „ha ha zweihundert Louis d'or .. h ean plötzlich wieder ernſt werdend: „Zweihundert Lonis d'or. das iſt eine Summe!“ „Es iſt ja nur ein Scherz, eine Verſchwörung, ohne Zweifel eine Ueberraſchung für unſere Kinder,“ entgegnete Madame Jouffroy, während der Marquis zu dem Kammerdiener, der auf den Ruf der Klingel her⸗ beigeeilt war, ſagte: „Geben Sie mir auf der Stelle Schreibzeug!“ Der Diener kam bald mit dem Schreibzeug zurück, und der Marquis ſetzte ſich nieder, um zu ſchreiben. „Frau,“ ſprach leiſe Herr Jouffroy, „zweihundert Louis d'or, vas ſind viertauſend Franken . . . und Du weißt, daß wir nun ſehr ſparen müſſen.“ „Man hat Ihnen wiederholt geſagt, daß es ein Scherz, eine Verſchwörung iſt . . . „Verſchwörung, ſo lange Du willſt: ich muß nichts⸗ deſtoweniger das Geld geben!“ 57 „Wollen Sie ſich Schande machen vor dem Herrn Marquis! Sie haben gerade ſechstauſend Franken bei ſich, die Sie auf die Banque bringen ſollten . . .!“ „Aber, Frau „ „Mein lieber Herr,“ ſagte der Marquis, der aus dem Hintergrunde des Salon, den von ihm geſchriebenen Schein in der Hand haltend, zurückkam, „hören Sie wohl.“ Und er las: „Von Herrn Jyuffroy . . . die Summe . . . von viertauſend Franken mit dem Verſprechen, dieſelbe auf ſeine erſte Aufforderung zurückzugeben, empfangen zu haben, beſcheint u. ſ. w.“ Und ſich gegen Madame Jouffroy umwendend: „Das iſt reizend .. das iſt ein Anlehen. in ge⸗ höriger Form . . . nichts fehlt!“ Und er überreichte den Schein ſeinem improviſirten Gläubiger und fügte bei: „Die Sache iſt, wie ich glaube, ſo ganz nach den Regeln abgethan . . . mein lieber Leiher . . . Und nun, um die Geſchichte vollſtändig zu machen . . „Wird Ihnen mein Mann die viertauſend Franken übergeben. Er hat das Geld gerade bei ſich.“ Herr Jouffroy nahm ſeufzend aus ſeinem Porte⸗ feuille vier Tauſend⸗Franken Billets, und ſeine Frau ſagte lächelnd zum Marquis: „Und wann wird nun dieſe herrliche Verſchwörung losbrechen?“ „Oh! binnen Kurzem,“ erwiederte der Marquis, die Banque⸗Billets einſteckend; „doch ſtille! da kommen unſere lieben Kinder.“ Aurelie trat wirklich in einer reizenden Morgentvi⸗ lette mit Henri von Villetaneuſe in den Salon ein. „Guten Tag, mein Vater, Gott beſohlen, Mama!“ ſagte die junge Gräfin. „Ich werde Marianne ermahnen, ſie möge nicht vergeſſen, es ſei unter uns verabredet, daß ſie alle Sonntage bei uns zubringen ſoll.“ 58 „Ja, gewiß, erwiederte Herr Jouffroy, „und das liebe Kind ſoll jeden Sonntag frühzeitig kommen.“ „Noch einmal, Adieu, Mama!“ „Wir werden Dich bis zum Wagen begleiten, Frau Gräfin!“ ſagte Madame Jouffroy, nachdem ſie ihre Tochter wiederholt geküßt hatte. ſ Marquis bot Aurelie artig ſeinen Arm und prach: „Meine liebe Nichte, Sie werden mir erlauben, Ihr Cavalier zu ſein?“ „Guten Tag, Henri,“ rief die junge Frau ihrem Gemahl in dem Augenblick, wo ſie den Salon verlaſſen wollte, zu, „Sie kommen entſchieden nicht mit mir?“ „Sie wiſſen, warum ich auf dieſes Vergnügen ver⸗ zichten muß, meine liebe Aurelie,“ antwortete der Graf, indem er ſeiner Frau die Hand küßte. „Vergeſſen Sie nicht, daß wir um ſieben Uhr zu Nittag ſpeiſen.“ „Oh! ich werde lange vor dieſer Stunde zurück ſein, mein Freund.“ „Ich auch, wie ich hoffe; doch ich will Sie bis zu Ihrem Wagen begleiten.“ Aurelie verließ den Salon am Arme des Marquis; Henri und Madame Jouffroy folgten ihnen. Der Kammerdiener und ſein neuer Kamerad Mül⸗ ler, der redliche Diener des Prinzen Karl Maximilian, befanden ſich in einem Wartezimmer: ſie verbengten ſich, als ihre Gebieter vorüberkamen, nachdem ſie beide Flü⸗ gel der ins Veſtibule führenden Thüre geöffnet hatten. Ein elegantes Coupé ſtand, mit ſehr ſchönen Pfer⸗ den beſpannt, vor der Freitreppe des Hotels; ein Lackei in großer Livree, wie der Kutſcher, hielt den mit Wappen geſchmückten Wagenſchlag offen. „Ah! gut, das iſt eine Deiner, meine ſchöne Gräfin, würdige Equipage!“ rief ſtrahlend Madame Jyuffroy, indem ſie zum letzten Male ihre Tochter umarmte. „Welch ein hübſcher Wagen, nicht wahr, Mama? 59 Heuri hat einen vortrefflichen Geſchmack!“ fügte die junge Frau nicht minder ſtolz und entzückt, als ihre Mutter, bei. Und ſich gegen Herrn Jouffroy umwendend: „Adieu, guter Vater!“ „Adieu, mein Kind! küſſe in meinem Namen Ma⸗ rianne und meine Schweſter, ſage ihnen, ich werde ſie morgen beſuchen.“ „Gut, Papa!“ Hienach ſtieg Aurelie leicht, in Begleitung von Henri und dem Marquis, die Stuſen der Freitreppe hin⸗ ab, ſprang ganz freudig in den Wagen und der Lackei fragte, nachdem er den Schlag geſchloſſen hatte, indem er den Hut halb abnahm: „Was ſind die Befehle der Frau Gräfin?“ „Ich fahre zu meiner Tante, Hotel Beauvais, in der Rue du Faubourg Saint⸗Honoré.“ „Hotel Beauvais! Faubvurg Saint⸗Honoré!“ wie⸗ derholte der Lackei dem Kutſcher, indeß Aurelie ihrem Gatten, der, wie der Marquis, auf der letzten Stufe der Freitreppe ſtehen geblieben war, zum Abſchied zu⸗ winkte. Das muntere Geſpann ging im ſtärkſten Trabe ab; der Marquis nahm ſeinen Reffen beim Arm, und Beide verließen den Hof des Hotels, nachdem ſie Herrn und Madame Joufftoy durch eine Geberde gegrüßt hatten. „Wie ſchön iſt dieſe Equipage! wie hat meine Toch⸗ ter darin ganz das Ausſehen einer wahren Gräfin!“ ſagte Madame Jouffroy zu ihrem Manne⸗ „Haben Sie den Bedienten Aurelie fragen hören: „Was ſind die Befehle der Frau Gräfin?““ Wie anſtändig das iſt! Welch ein Unterſchied gegen unſeren dummen Pierre, der uns vom Bocke herab mit ſeiner rauhen Stimme zurief: „„Wohin fahren wir?““ „Ja, ja, der Wagen unſerer Tochter iſt ſehr anſtän⸗ dig,“ erwiederte einen Seufzer unterdrückend Herr Jouff⸗ 60 roy, der ſich insgeheim nach ſeiner mit dem friedlichen Coco beſpannten beſcheidenen Caleche zurückſehnte, in welcher die ganze Familie Platz fand, wenn man ein wenig zuſammenrückte. „Wenn Töchterchen nur glücklich iſt, mehr verlange ich nicht,“ fügte er bei. Und er kehrte in das Innere des Hanſes ſeiner Frau auf den Ferſen folgend zurück. LIV. Henri von Villetaneuſe wandte ſich, nachdem er ſeinen Oheim auf dem Pont de la Concorde verlaſſen hatte, nach der Wohnung von Catherine, indem er ſich agte: 1 „Mein Loos iſt, bei Gott! ein glückliches! Ich bin wieder flott geworden . . . Ich habe ein vortreffliches Haus, eine reizende Frau, die mich wahnſinnig liebt, und die piquanteſte, unterhaltendſte Geliebte der Welt! Meine Frau hat allerdings nicht mehr Converſation als eine Koſtſchülerin . . . Sie iſt ſanft, ſchüchtern, unſchuldig, und wird folglich immer äußerſt unbedeutend ſein. Doch was iſt hieran gelegen! ohne je einen andern Willen zu haben, als den meinigen, wird ſie auf das Allerglück⸗ lichſte leben; ſie iſt Gräfin, ſie wird Alles haben, was Ihrer Eitelkeit ſchmeicheln kann, fünfzig bis ſechzig Louis d'or monatlich für ihre Toilette; ſie wird bei ſich die beſte Geſellſchaft von Paris empfangen, ſie wird frei ſein wie die Luft, denn ich habe nicht den Stoff eines eiferſüchtigen Ehemanns: was kann ſie Beſſeres wünſchen? Ich wollte ſie von heute an daran gewöhnen, allein aus⸗ zufahren, um meinerſeits eine volle Freiheit zu behaltenz alle Tage werde ich von zwei bis ſechs Uhr zu Cathe⸗ rine gehen . Herzlich gern habe ich eingewilligt, die Mutter Jouffroy mit ihrem gutmüthigen Manne zu mir zu nehmen, ſie werden ihrer Tochter Geſellſchaft leiſten, „ 61 und da ich ſie daran gewöhnen will, allein die Geſellſchaft zu beſuchen, ſo werde ich, abgeſehen von unſern Opern⸗ und Empfangstagen, Catherine alle meine Abende widmen kön⸗ nen. Seltſame Frau! wieliebt ſie mich! Nie werde ich ihre Thränen, ihre Verzweiflung vergeſſen, als ſie, nachdem ſie durch dieſen Bayenl, wie ſie mir erzählte, meine Hei⸗ rathspläne erfahren, (eine Entdeckung, welche ihre Ohn⸗ macht und die Wuth, mit der ſie mich ohne Erklärung zurückſtieß, verurſacht hatte), als ſie mich vor der Thüre von Herrn Jonffroy am Abend des Tages erwartete, wo ich Aurelie vorgeſtellt worden war. „„Ich werde das Wenige, was ich beſitze, verkaufen, ich werde nähen, wenn es ſein muß, um meinen Lebensunterhalt zu ver⸗ dienen, ich werde in einer Manſarde wohnen, ich werde Ihnen nicht zur Laſt ſein,““ ſagte zu mir Catherine in Thränen zerfließend. „Doch Sie werden nicht heirathen, Sie werden mich nicht verlaſſen!““ Vergebens erwiederte ich ihr, dieſe Heirath werde nichts an unſerem Verhält⸗ niß ändern. „ Eine Theilung iſt mir unmöglich,““ ſprach ſie, „heirathen Sie, ſo werden Sie mich nie wieder⸗ ſehen““ Mit Catherine brechen, das überſtieg meine Kräfte; ich zog es vor, auf meine Heirath zu verzichten, und die arme Aurelie wollte ſich vergiften. Bei dieſer Veranlaſſung beſonders konnte ich das Herz von Cathe⸗ rine und ihre Liebe für mich ſchätzen. „„Henri,““ ſagte ſie, als ſie unverſehens zu mir kam, „„ſeit zwei Ta⸗ gen habe ich tief erwogen, der Egoismus meiner Liebe leitete mich irre; ich forderte den Bruch einer Verbin⸗ dung, in der Sie große Vortheile fanden; dieſes unglück⸗ liche Mädchen wollte ſich vergiften. Leider wird der Augenblick kommen, wo Sie mich nicht mehr lieben werden, und es wäre für mich ein ewiger Gewiſſensbiß, zu ſehen, ich habe Ihnen ein Opfer auferlegt, das Sie eines Tags bereuen würden, ich ſei auch die Urſache der vielleicht tödtlichen Verzweiflung dieſer jungen Perſon geweſen! Heirathen Sie ſie alſo, ich werde mich in dieſe 62 Nothwendigkeit zu fügen wiſſen, unter der Bedingung, daß Sie mir alle Angenblicke bewilligen, über die Sie verfügen können; nur. . . ſchreien Sie nicht auf über das, was Sie vielleicht als eine Laune betrachten .. . nur will ich, daß wir uns von jetzt an bis zum Tage Ihrer Verheirathung als Freunde und nicht mehr als Liebende ſehen; es würde mir einen unüberwindlichen Widerwillen bereiten, müßte ich mir ſagen, wenn Sie mich verlaſſen, gehen Sie zu einer kenſchen jungen Per⸗ ſon, um mit ihr von der Liebe zu reden, die ſie Ihnen einflöße. Es läge hierin etwas Feiges, Trenloſes, was mich ſchon im Gedanken empört. Dieſe Empfindlichkeit von Seiten einer Frau meiner Art muß Sie mit Recht in Erſtannen ſetzen, doch Sie wiſſen, man hat oft geſagt: „„Unſer Herz iſt ein Abgrund von Widerſprüchen.““ Und es iſt mir in der That unmöglich geweſen, die Skrupel von Catherine zu beſiegen. Dieſes ſo ſeltene Zartgefühl ärgerte und entzückte mich zugleich, es regte meine Zu⸗ neigung für dieſe außerordentliche Fran im höchſten Maße auf. In Folge dieſer ſechs Wochen, während welcher wir in der That nur als Freunde gelebt haben, bin ich, obgleich unſere Verbindung über zwei Jahre danert, ſo ſehr als in der Vergangenheit in Catherine verliebt! Sind dieſe Bedenklichkeiten von ihrer Seite aufrichtig geweſen? . . Sind ſie nicht ein geſchicktes Manveuvre der Coquetterie, um ſich wünſchenswerther zu machen und ſo gegen den Einfluß von Aurelie zu kämpfen? Ich weiß es nicht . doch, bei Gott! ich kann nicht ohne Herz⸗ klopfen daran denken, daß ich ſogleich Catherine wieder⸗ ſehen werde. Es ſind nun auch zwei lange Tage, daß ich, abgehalten durch die tauſend Verbindlichkeiten meiner Heirath, nicht mehr bei ihr geweſen bin.“ So denkend, kommt Henri von Villetaneuſe in die Rue Tronchet, und ohne ſich weiter hierum zu bekümmern, bemerkt er vor Allem vor der Thüre der Wohnung von Frau von Morlac einen ungeheuren Auszugwagen, den 63 Commiſſionäre eben vollends bepackten; ſo wie er ſich aber dem Wagen nähert, erkennt er unter den Menbles, die man auflud, eine gewiſſe Cauſeuſe von weißem Damaſt mit Roſenſträußchen beſäet,, auf welche er ſich oft an die Seite von Catherine geſetzt hatte. Von einer unbeſtimmten Ahnung ergriffen, ſteigt er haſtig in das Entreſol hinauf; er findet alle Thüren offen, die Teppiche, die Vorhänge von ihrem Platze genommen, mit einem Worte, die ganze Wohnung völlig leer und ausgeräumt. Herr von Pilletanenſe läuft beſtürzt in das Schlaf⸗ zimmer von Catherine; er erblickteinen Tapezirergeſellen, der die Vorhänge von einem Fenſter, die einzigen Amen⸗ blement-Gegenſtände, welche in dieſem Zimmer übrig waren, abzunehmen beſchäftigt iſt. „Was bedeutet das?“ ruft der Graf bleich und halb erſtickt durch eine wachſende Angſt; „iſt denn Frau von Morlac ausgezogen?“ Sehr erſtaunt über die Frage und beſonders über die Aufregung von Herrn von Villetaneuſe, antwortet ihm der Tapezirergeſelle von ſeiner Leiter herab: „Mein Herr, ich weiß nicht, ob dieſe Wohnung die genannte Dame inne hatte.“ „Wie! und Sie nehmen ihre Meubles weg?“ „Gewiß, da mein Meiſter ſie gekauft hat.“ „Von wem von wem hat er ſie gekauft?“ „Von einem Herrn.“ „Von einem Herrn!“ „Ja, er hat geſtern Abend meinem Meiſter dieſes Mobiliar zum Kaufe im Ganzen angetragen, Teppiche, Vorhänge u. ſ. w. u. ſ. w.; mein Meiſter hat die Gegen⸗ ſtände geſchätzt, den Kauf abgeſchloſſen, baar bezahlt, und uns heute Morgen hieher geſchickt, um den Auszug zu be⸗ ſorgen . So iſt es. Hienach beſchäftigte ſich der Tapezirergeſelle wieder mit dem Abnehmen der Vorhänge von den Fenſtern. Henri von Villetaneuſe blieb einen Augenblick unbe⸗ —— 64 weglich vor Beſtürzung; alsdann ging er haſtig zun Portier des Hauſes hinab, und dieſer ſagte zu ihm, als er ihn erblickte. „Herr Graf, Madame hat dieſen Brief für Sie bei mir zurückgelaſſen.“ Henri nahm den Brief und las folgende Worte: „Suchen Sie nicht meine Spur aufzufin⸗ den, es wäre vergeblich. Sie werden mich nie wiederſehen. „Catherine.“ „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Henri nieder⸗ geſchmettert, beinahe vom Schwindel erfaßt; „träume ich? bin ich verrückt?“ „Herr Graf, Sie erbleichen, haben Sie die Güte, ſich zu ſetzen,“ ſagte der Portier. Endlich ſeine Gemüthserſchütterung beherrſchend. fragte Herr von Villetaneuſe: „Wann hat Frau von Morlac dieſes Haus ver⸗ laſſen?“ „Geſtern um drei Uhr, Herr Graf; ſie iſt mit ihrer Kammerjungfer in einen Fiacre geſtiegen und hat meh⸗ rere Päcke mitgenommen. Ohne Zweifel hat ſie ſich mit dem Hauseigenthümer wegen der Aufhebung des Mieth⸗ vertrags verſtändigt, denn geſtern Abend kam der Haus⸗ eigenthümer und ſagte mir, ich könne alle Meubles von Madame wegnehmen laſſen, ſie habe dieſelben an einen Tapezirer verkauft.“ „Und im Verlaufe des Tages iſt kein Unbekannter zu Frau von Morlac gekommen?“ „Madame hat geſtern durchaus Niemand empfangen.“ „Auch keine Briefe?“ „Nein, Herr Graf, es iſt geſtern kein Brief für Ma⸗ dame angelangt.“ „Und ihre Kammerjungfer Juſtine, welche oft mit 3 65 Ihnen und Ihrer Frau plauderte, hat ſie Ihnen nichts geſagt, was dieſen plötzlichen Abgang vermuthen laſſen konnte?“ „Nein, Herr Graf; ſie glaubte, Madame werde nur einige Tage abweſend ſein; denn geſtern kam Madmoi⸗ ſelle Juſtine in die Loge, um mich zu bitten, ein paar Koffer vom Speicher herabzuholen, und ſie ſagte zu mir: „Sie ſehen mich ganz erſtaunt! Es ſcheint, Madame will ſich auf einige Tage entfernen!““ Ich habe es auch geglaubt. Der Hauseigenthümer enttäuſchte mich, als er mir geſtern erklärte, die Meubles ſeien verkauft, und ich könne ein Täfelchen aushängen, um die Wohnung zum Vermiethen auzuzeigen.“ Der Graf von Villetaneuſe verließ das Haus in Ver⸗ zweiflung, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Ach! unn fühle ich mehr als je, wie ſehr Catherine für mein Leben nnentbehrlich war. Was kann die Ur⸗ ſache dieſes ungeſtümen Bruches ſein? Meine Heirath? Nein, nein. Ich hatte Anfangs darauf verzichtet; ſie ſelbſt hat hernach von mir verlangt, daß ich heirathe Ha! verflucht ſei dieſe Heirath, wenn ſie den Verluſt von Ca⸗ therine für mich zur Folge hat! Oh! ich werde ſie wie⸗ derfinden. Weder Zeit, noch Schritte, noch Geld, nichts wird mich zu viel koſten, um ſie wiederzufinden. Ich kann nicht, ich will nicht ohne Catherine leben! Mord und Tod! Was ſoll aus mir werden ohne ſie? Was würde mir bleiben? „Das Spiel! nichts als das Spiel!“ * Die Familie Jouffroy. II. 5 Zweite Abtheilung. P Die Cour des Coches, eine abgelegene Oertlich⸗ keit, wo ſich die Werkſtätte von Fortuns Sauval fand, war umgeben von mehreren Hauptgebäuden, durch die ſich ein Irrſal von Gäßchen und Durchgängen öffnete. Die Mehrzahl der Miethsleute dieſer Wohnungen und be⸗ ſonders der letzten Stockwerke beſtand aus armen Hand⸗ werkern; viel unbekanntes Elend verbarg ſich in den Manſarden und in den Speichern dieſer finſteren alten Häuſer; viele von der Arbeit ihres Hauptes lebende Familien ſahen ſich oft in die äußerſte Noth verſetzt durch die Krankheit oder das Feiern der Induſtrie ihrer einzigen Stütze. Wenn der letzte Tag des Ziels abgelaufen war, verließ auch zuweilen die Familie, außer Stande, den Miethzias für ihre traurige Wohnung zu bezahlen, ihr ärmliches Bett und ein paar Habſeligkeiten mitnehmend, ge⸗ zwungener Weiſe das Haus, und ging auf das Gerathe⸗ wohl! ein unglücklicher Auswanderer von einem Qnartier dieſer ungeheuren Stadt zum andern. Die Tante Prudence war nach ihrem Abgange aus dem Hauſe von Herrn Jouffroy vorlänfig in Geſellſchaft von Marianne in eine menblirte Wohnung des Faubourg Saint⸗Ponors gezogen; dann hatten Beide entſchieden ihren Wohnſitz in einem, an das von Fortuné Sauval anſtoßenden, Hauſe der Cour des Coches genommen. Die Wohnung der alten Jungfer und ihrer Nichte beſtand aus einem ziemlich dunklen Eingange, einer Küche, einem kleinen Speiſezimmer und zwei Schlafzimmern, welche mit einander in Verbindung ſtanden. Ihren Gewohnheiten und ihren Familienerinnetungen getreu, behielt die Tante Prudence ihr altes Mobiliar, das theilweiſe ihrer Mutter gehört hatte; eine ängſtliche Reinlichkeit war der einzige Lurns dieſes beſcheidenen Aufenthaltsortes, wo ſich folgende Scene ungefähr ein Jahr nach der Verheirathung von Aurelie ereignete. Auf einem Canapé ausgeſtreckt, halb verborgen un⸗ ter einer leichten Bettdecke, wie eine wiedergeneſende Per⸗ ſon, beſchäftigte ſich Marianne mit einer Nähterei. Stalt wie früher auf ihren Schläfen glatt anzuliegen und nicht die geringſte Sorgfalt in ihrer Anordnung zu offenbaren, umrahmten ihre ſchönen aſchblonden Haare ihr Geſicht mit ihren langen ſeidenen Locken und verkleideten den zu ſtarken Vorſprung ihrer Backenknochen; eine hübſche Cra⸗ vate von azurblauem Atlaß umſchlang ihren breiten ge⸗ ſtickten Kragen, der, zurückgeſchlagen, ihren elfenbeinarti⸗ gen Hals ſehen ließ; der Leib ihres, nicht mehr geſchmack⸗ los blonſenförmig geſchnittenen, ſondern an ihre Taille angepaßten Kleides hob dieſe hervor und machte ihre Feinheit geltend; kurz, ſo friſirt, ſo gekleidet, war Ma⸗ rianne vermöge der Hülfsmittel dieſer von ihrer Tante verlangten unſchuldigen Coquetterie beinahe unkennbar; es fehlte dem Geſammtweſen ihrer Perſon nicht an einem gewiſſen Reize. Bei dem Canapé ſigend, auf welchem ihre Nichte lag, beſchäftigte ſich die alte Jungfer, ihre ſil⸗ berne Brille auf der Naſe, (bedarf dies der Erwäh⸗ nung ²) mit ihrem ewigen Geſtricke. „Geſtehen Sie, meine Tante,“ ſagte Marianne, „es iſt etwas Außerordentliches.“ „Ganz außerordentlich, mein Kind.“ „Unbegreiflich!“ 68 „Wahrlich, ja .. unbegreiflich . . . inſofern es un⸗ erklärlich iſt.“ „Denn wer mag der geheimnißvolle Wohlthäter ſo vieler armen Leute ſein?“ „Das frage ich mich wie Du.“ „Vorgeſtern erſt ſollte dieſe arme ehrliche Familie, be⸗ 1 ſtehend aus dem kranken Vater, der Mutter und zwei Kindern, in Ermangelung der Mittel, um ein Ziel zu 3 bezahlen, aus dieſem Hauſe geſetzt werden . da kommt plötzlich ein Commiſſionär, bringt nicht nur den Mieth⸗ zins, ſondern auch gute Kleider für die Kinder und eine kleine Summe, welche zu Beſtreitung der Bedürfniſſe der Familie hinreicht, bis ihr Haupt im Stande iſt, ſeine Arbeiten wieder aufzunehmen. Die wackern Leute fragen, weinend vor Freude, nach dem Namen ihres Wohlthäters: es iſt unmöglich, ihn zu erfahren; fremd in unſerem Quartier, iſt der Commiſſionär von einer unbekannten Per⸗ ſon in dieſes Haus geſchickt worden.“ „Als ganz beſonders ſeltſam bei Allem dem erſcheint, mein Kind, daß der gute Genius der Cour des Coches, wie man ihn nennt, in einem von dieſen Häuſern wohnen muß, denn er iſt auf eine unglaubliche Weiſe täglich über alles Elend, das leider rings um uns her herrſcht, un⸗ terrichtet.“ „Er hat offenbar von Allem, was vorgeht, Kenntniß. So erzählte mir geſtern unſere Dienerin, einer unſerer Rachbarn, ein ehrlicher Arbeiter, habe ſich, weil er ohne Beſchäftigung geweſen, genöthigt geſehen⸗ ſeinen Hand⸗ werkszeng, den Broderwerb des armen Mannes, zu ver⸗ pfänden .. Das Glück will, daß er Arbeit findet, doch wie arbeiten ohne Handwerkszeug? . Denken Sie ſich ſeinen Kummer! . .. Aber an demſelben Tage erhält er, in einem Briefe, eine Anweiſung von vierzig Franken 16 auf die Poſt.“ „Um ſo die verborgene Noth der armen Bewohn der Cour des Coches zu kennen, muß man allerdings 69 mitten unter ihnen leben, denn die Wohlthaten dieſes ge⸗ heimnißvollen guten Genius wiederholen ſich faſt jeden Tag.“ 3 „Anfangs,“ ſagte Marianne lächelnd und erröthend, „Anfangs glaubte ich zu errathen, wer dieſe hülfreiche Perſon ſei.“ „Von wem ſprichſt Du?“ „Von Fortuné.“ „Urtheilt man nach ſeinem guten Herzen, ſo wäre er wohl fähig, dieſer gute Genius zu ſein, doch ... „Doch der gute Genius der Cour des Coches hat ſich durch ſeine Wohlthaten kurze Zeit nach der Abreiſe von Fortuné nach England geoffenbart.“ „Das wollte ich Dir gerade bemerklich machen. Und dann, obgleich Dein Vetter wohlhabend iſt, könnte er doch nicht dieſe Gaben beſtreiten, die ſich ſo ſehr vervielfältigt haben, ſeitdem er vor drei Monaten abgereiſt iſt.“ „Ach! ja, liebe Tante! . . . Drei Monate, drei lange Monate! Und ſeine Abweſenheit ſollte, wie er ſagte, höchſtens einen Monat dauern, nur die Zeit, die er brauchen würde, um in London die für die Königin von England beſtellte große Goldſchmiedsarbeit zu vollenden. Ich glaubte um ſo mehr an die ſchleunige Rückkehr von Fortuné, als er, um ſich bei ſeinen Arbeiten unterſtützen zu laſſen, den Vater Laurenein und ſeinen Enkel mitgenommen hatte.“ „So daß Niemand zurückgeblieben iſt, um das Haus zu bewachen: in der Hoffnung, einen guten Zug zu thun, ſind auch Diebe, die Gitterſtangen am Fenſter durch⸗ ſägend, in die Werkſtätte eingedrungen.“ „Gott ſei Dank! meine Tante, Fortuné war ſo vor⸗ ſichtig geweſen, alle ſeine koſtbaren Gegenſtände der Ban⸗ que zur Aufbewahrung zu übergeben, und ſo mußten ſich die Diebe mit ihrem Verſuche begnügen.“ „Nichtsdeſtoweniger iſt dies ein ärgerlicher Vor⸗ gang. Dieſe Elenden können bei der Rückkehr Deines 70 Veiters in der Vermuthung, die Werkſtätte werde nun große Werthe enthalten, einen neuen Coup verſuchen.“ „Das iſt erſchrecklich! Verdammte Reiſe ! . . . For⸗ tuné iſt in der That nicht vernünftig, daß er ſeine Ab⸗ weſenheit ſo verlängert.“ „An wem liegt die Schuld? An dieſem abſcheulichen Vetter Ronſſel; er wollte die Reiſe mitmachen,“ ſogte die Tante Prudence mit Wuth ſtrickend in zornigem Tone. „Herr Rouſſel hat es ſich in den Kopf geſetzt, den Tou⸗ riſten zu ſpielen. Dieſer ſchöne junge Anacharſis wird in der Hoffnung, ſeine Jugend durch inſtructive Wande⸗ rungen zu bilden, Deinen Vetter verführt und zur Ver⸗ längerung ſeines Aufenthaltes in jenem Lande bewogen haben. Herr Rouſſel kennt weder England, noch Schott⸗ land, Herr Rouſſel wollte Beides kennen lernen! Iſt das u eine ſchöne Bekanntſchaft für England und für Schott⸗ and!“ „Ah! Tante Prudence! Tante Prudence!“ rief Ma⸗ rianne lachend über den wüthenden Ausfall der alten Jungfer. „Die Abweſenheit von Vetter Ronſſel iſt ſo drückend für Sie, als für mich die Abweſenheit von Fortuné.“ „Laß mich doch in Ruhe! Ein artiges Geſicht, daß man ſich danach ſehnen ſollte, dieſer abſcheuliche Rouſſel!“ „Meine gute Tante, ich muß Ihnen ſagen, wie Sie mir einſt ſagten: Seien Sie aufrichtig . . . ſeien Sie offenherzig!“ „Ah! Du biſt toll!“ „Oh! nein.“ „Gut. Ich denke nur an den Vetter Rouſſel, ich träume vom Vetter Rouſſel, ich ſehe ihn überall, das Haupt geſchmückt mit der unwiderſtehlichen Fiſchotter⸗ kappe, mit der er ſich ſo zierlich bis über die Ohren herab am Tage ſeiner Abreiſe bedeckt hatte! Ah! wie ſchön war er, mein Gott! wie ſchön war er, der Vetter Rouſſel! Ich magere darüber ab, ich verdorre, ich ſterbe! Das 71 ſind hoffentlich Geſtändniſſe? Du entreißſt ſie meiner ſeufzenden, erröthenden, verſcheidenden Schamhaftigkeit! .. Biſt Du nun zufrieden, böſes Kind?“ „Meine gute Tante, trotz Ihrer Scherze, habe ich wohl Ihre Betrübniß am Tage der Abreife unſeres alten Freundes bemerkt.“ „Ich, betrübt?“ „Gewiß, und obgleich Sie ſich Zwang anthaten, wurde Ihnen doch das Herz ſehr ſchwer.“ „Seht doch die kleinen Mädchen, wie ſcharfſinnig ſie ſind!“ „ „Ich bedurfte keines großen Scharffinnes, um Ihre Traurigkeit wahrzunehmen, meine gute Tante.“ „Im Ganzen ... warnm ſoll ich mich vor Dir ver⸗ ſtellen?“ verſetzte die alte Jungfer plötzlich einen andern Ton annehmend. „Nun wohl, ja, dieſer abſchenliche Rouſſel fehlt mir; es iſt das erſte Mal ſeit dreißig Jah⸗ ren, daß ich ihn ſo lange nicht ſehe, und in meinem Alter, mein Kind, iſt es etwas ſo Süßes um die Ge⸗ wohnheit. Seit ſeinem Bruche mit meinem Bruder be⸗ ſuchte uns der Vetter Rouſſel auch noch öfter. Was ſoll ich Dir ſagen! .. ſpotte aber nicht über die Tante Pru⸗ dence, ſprach die alte Jungfer einer von jenen wieder⸗ kehrenden Erweichungen nachgebend, wobei ſich ihre Her⸗ zensgüte ohne Zwang ergoß; „was ſoll ich Dir ſagen! Joſeph iſt nicht mehr jung, ich fürchte für ihn die Stra⸗ pazen einer Reiſe in den Gebirgen Schottlands. Er iſt ein ächter Pariſer, der nie ſeine große Stadt verlaſſen hat Mein Gott! . ein Unfall iſt ſo ſchnell ge⸗ ſchehen, oder man wird von einer Krankheit befallen .. Ach! wenn man bedenkt, daß, fern von den Seinigen, fern von ſeiner Heimath und vielleicht hülflos und ver⸗ laſſen in einer Wirthsſtube .. . unſer armer Vetter kann . . Höre, ich zittere, wenn ich nur hieran denke . .„ „Mein Gott, meine Tante, Sie weinen . . bern⸗ higen Sie ſich doch!“ 72 „Was willſt Du! Ueber einen Monat haben wir keine Nachrichten mehr erhalten. Dieſe Befürchtungen ſind von meiner Seite eine lächerliche Schwäche, ich weiß es, doch ich bin granſam beängſtigt. Ach! mein Kind, es gibt kein beſſeres, kein redlicheres Herz, als das unſeres alten Freundes, und Du vermöchteſt Dir meinen Gram nicht vorzuſtellen, wenn unglücklicher Weiſe .. Die alte Jungfer vollendete nicht. Sie nahm ihre Brille ab und drückte ihr Taſchentuch an ihre in Thräuen gebadeten Angen. „Ich bitte, gute Tante, beruhigen Sie ſich: Fortuné wird über unſerem Vetter Rouſſel wie über einem Vater wachen; ſie machen die Reiſe zu Drei und werden ſich gegenſeitig beiſtehen . .. Und dennoch, wie Sie ſagen ein Unfall iſt ſo ſchnell geſchehen . . .“ ſprach mit zitternder Stimme Marianne, deren Blick feucht wurde, denn ſie fing auch an ſich zu berunruhigen. „Ach! wenn wirklich das Stillſchweigen unſerer Freunde einen ver⸗ drießlichen Grund hätte?“ „Auf, mein Kind, beruhige Dich,“ ſagte die alte Jungfer, während ſie ihre Angen abwiſchte und ihre Brille wieder aufſetzte, „Du machſt, daß ich meine Schwäche doppelt beklage . . . Ich bin eine Wahnſinnige! . . . Im Ganzen ſind die Gebirge Schottlands kein wildes Land; unſer Freund reiſt nicht allein, ſeine Gefährten verlaſſen ihn nicht; doch wir Pariſer Maulaffen, deren Hercules⸗ ſäulen der Markt in Saint⸗Clond ſind, wir ängſtigen uns über ein Nichts; ich ſage Dir noch einmal, beruhige Dich, mein Kind; haben uns unſere Freunde ſeit einem Monat nicht geſchrieben, ſo iſt ohne Zweifel ihre Rück⸗ kehr nahe, und ſie wollen uns überraſchen. Wer weiß? Vielleicht ſehen wir ſie ſchon morgen oder ſogar heute noch ankommen.“ Hienach nahm die alte Jungfer ihren eauſtiſchen, ſpöttiſchen Ton wieder an, um die Beſorgniſſe ihrer Richte zu beſchwichtigen, und ſagte: 73 „Ah! bei meiner Treue! Sie ſollen ſie mir theuer bezahlen, die albernen Bangigkeiten, die Sie mir ver⸗ urſacht haben, Herr Rouſſel! Sie können ſich auf einen hübſchen Empfang gefaßt machen, ſchöner ſchottiſcher Hoch⸗ länder . . . Sie ſollen auf das Härteſte behandelt wer⸗ den, ſelbſt wenn Sie mir hundert Dudelſacklieder vor⸗ ſpielen, um mich zu erweichen. Ja, kommen Sie nur an, Sie ſollen tüchtig empfangen werden, Sie mit Ihrem Dudelſack! Denn Du wirſt ſehen, meine Liebe, er hat die Sackpfeife blaſen gelernt, dieſer junge Anacharſis, und er wird mit einem kurzen Röckchen zu uns kommen, gerade wie ein Gebirgsmann von Walter Scott!“ Bei dieſem Scherze der alten Jungfer konnte ſich Marianne des Lächelns nicht enthalten, und ſie erwie⸗ derte ſeufzend: „Der Himmel gebe, Tante, daß unſere Freunde bald kommen, und daß wir in unſeren Hoffuungen nicht ge⸗ tänſcht werden!“ „Nein, nein, wir werden in dieſen Hoffnungen ebenſo wenig getänſcht werden, als bei denen, welche ich Dir einſt in Betreff Deines Vetters gab. Du erinnerſt Dich?“ „Ach! gute Tante .. . „Wie, ach! Ei! laß uns ein wenig vernünftig reden! Was hatte ich Dir geſagt? . .. „„Ich glaube nicht, daß Deine Schweſter einwilligt, Fortuné zu heira⸗ then?““ Iſt dies in Erfüllung gegangen?“ „Ja, meine Tante.“ „Sagte ich Dir nicht auch: „„Da er Deine Schwe ſter liebt, wie er ſie liebt, ſo wird ſeine Verzweiflung Anfangs grauſam ſein, ſodann wird er ſich mit Hülfe der Zeit beruhigen.““ „Und dennoch ſprach Fortuns mit uns von Aurelie immer mit Thränen in den Augen.“ „Ja, doch er ergoß ſich gegen uns, er vertraute 74 uns ſeinen Kummer; kurz, wo brachte er denn alle ſeine Abende zu?“ „Bei uns.“ *. „Mit wem ſprach er von ſeinen Arbeiten, von ſeinen Plänen?“ „Mit uns, meine Tante, das iſt wahr, immer mit „Als ich ihn allmälig bewog, einige Zerſtreuungen von ſeinem Kummer zu ſuchen, mit wem machte er vo⸗ rigen Sommer einige Landpartien in die Umgegend von Paris?“ „Mit uns und dem Vetter Ronſſel.“ „Wem gab bei dieſen Spaziergängen Fortuné den Arm?“ „Mir, meine Tante.“ „Und auf dieſen Spaziergängen, während ich den Vetter Rouſſel verteufelt böſe machte, was ſagte Dir da Fortuné?“ „Er finde nur Troſt für ſeinen Gram in ſeinen Ar⸗ beiten und im Familienvereine.“ „Und als Du den vortrefflichen Gedanken hatteſt, ihn zu bitten, er möge uns häufig bei unſeren Land⸗ partien den Vater Laurenein und ſeinen Enkel beigeſellen, was ſagte Dir da Fortuns?“ „Meine Tante . . . „Keine falſche Scham, wir ſind allein!“ Er ſagte zu mir: „„Meine liebe Marianne, Du biſt ſo artig, ſo gut, ſo freundlich; Du biſt auf eine ſo zarte Weiſe darauf bedacht, dem, was mir angenehm ſein kann, entgegenzukommen, daß ich durch Dich oft meinen Kummer vergeſſe.““ „Iſt das nichts, mein Kind?“ „Oh! allerdings, meine Tante; ich durfte nicht hof⸗ fen, Fortuns werde ſo liebevolle Worte an mich richten .. Nun, ja, wenn er hier iſt, ſehe ich ihn alle Tage, er ge⸗ 75 fällt ſich bei uns. Ich wäre wahnſinnig, wenn ich mehr zu hoffen wagte.“ „Oh! ich bin waglicher als Du! ja, ich habe die Gewißheit. . . Dir zugethan durch Bande der Gewohn⸗ heit, die Dein liebenswürdiges Naturell, Deine vortreff⸗ lichen Eigenſchaften immer koſtbarer machen werden, wird Dich Fortuné eines Tags heirathen . . . Das iſt mein Prognoſticou.“ „Oh! meine Tante! meine Taute!“ „Oh! meine Tante, meine Tante!“ verſetzte die alte Jungfer mit einem Ausdrucke freundlichen Spottes, ihre Nichte nachahmend. „Habe ich ihm vor ſeiner Abreiſe nicht einſt geſagt: „„Marianne iſt allerdings nicht ſchön, aber Du, der Du ein Künſtler biſt und beſſer als irgend Jemand weißt, daß der Reiz des Geſichtes nicht einzig und allein in der Regelmäßigkeit der Züge beſteht, geſtehe, daß man, wenn man Marianne aufmerkſam betrachtet, ihre Phyſiognomie am Ende ſehr intereſſant findet?““ „„Das iſt wahr,““ antwortete er mir, „„geſtern ſah ſie mich nicht, ſie ſchaute den Himmel durch das Fenſter anz; ich war betroffen von dem treuherzigen, rührenden Aus⸗ drucke ihres Geſichtes.““ „Fortuné weiß, wie ſehr Sie mich lieben, gute Tante, Ihnen zu Gefallen ſprach er ſp ..5 „Gewiß, gewiß! Er will mir gefallen, mich ver⸗ führer, mich heirathen. Nicht wahr, ich bin keine ſo ſchlechte Partie? Immer mit dieſem verführeriſchen Hin⸗ tergedanken ſagte er mir ein ander Mal, der ſchlaue Burſche: „„Wiſſen Sie, Tante Prudence, auf engliſche Weiſe friſirt, mit ihren ſchönen blonden Haaren, welche ſo gut mit ihrem weißen Teint harmoniren, und nun beinahe coquett gekleidet, ſtatt immer, wie früher, ein dunkelfarbiges Kleid mit blouſenartigem Schnitt zu tra⸗ gen, wiſſen Sie, daß Marianne nicht mehr erkennbar iſt? ihre Taille iſt zierlich und fein; wie Schade, daß die arme kleine Marianne hinkt!““ Ah! hiebei erwarte 76 ich ihn bei ſeiner Rückkehr, dieſen ſchönen Vetter mit ſeinem wie Schade! Er hat Dich hinkend verlaſſen, er wird Dich flink auf den Beinen wiederfinden!“ „Immer dieſe Hoffnung?“ verſetzte Marianne ſchwer⸗ müthig den Kopf ſchüttelnd, „nie habe ich ſie getheilt.“ „Höre, hat Dir der Doctor nicht hundertmal wie⸗ derholt, Dein Gebrechen habe zur Urſache einen ſchlecht eingerichteten Bruch, was wir übrigens wußten?“ „Ja, meine Tante, aber . . . „Ich höre Dich nicht an .. . durch ein Wunder der Vorſehung, fügte der Doctor bei, habe der Unfall, deſſen Opfer Du vor zwei Monaten warſt, liebes Kind ach! er wäre vielleicht tödtlich geweſen, ohne die Geiſtesgegenwart und den Muth der vortrefflichen Perſon, welche, Anfangs Deine Krankenwärterin, her⸗ nach unſere Dienerin geworden iſt . . .“ „Oh! ich werde nie ihre Sorgfalt, ihre aufopfernde Hingebung vergeſſen,“ unterbrach Marianne die alte Jungfer; „die arme Fran! ſie iſt noch jung und ſchön, und man ſollte glauben, ſie gehöre einem höheren Stande, als ihrem gegenwärtigen an, nicht wahr, meine Tante? un „Es handelt ſich ganz und gar nicht um dieſes . . . Du willſt das Geſpräch verändern.“ „Wenn Sie wüßten, wie ſehr ich befürchte, ich könnte mich unwillkürlich zu den Hoffunngen hinreißen Kaſſen, die Sie für meine Heilung hegen!“ „Es ſteht Dir frei, nicht zu hoffen; ich aber gehe nicht von dem ab, worauf ich zurückkam. Der Doctor verſichert: da Du bei dem letzten Unfall das Bein ge⸗ rade an derſelben Stelle gebrochen habeſt, wo es früher ſchon gebrochen geweſen, und da dies Mal der Bruch vollkommen eingerichtet worden ſei, wie dieſer Aesculap ſagt, den Gott ſegne, ſo habe er die feſte Ueberzeugung, daß Du nicht mehr hinken werdeſt, und hierüber werden wir in wenigen Tagen Sicherheit erlangen, denn der ⸗ 77 Doctor erlaubt Dir nur aus übermäßiger Vorſicht noch nicht, daß Du zu gehen verſuchſt.“ Das Geräuſch der Glocke an einer äußeren Thüre unterbrach das Geſpräch der Taute Prudence mit ihrer Nichte; als ſich ſodann das Geklingel verdoppelte, ſtand die alte Jungfer auf und ſagte: „Ohne Zweifel iſt unſere Dienerin noch nicht zurück⸗ gekommen.“ „Das iſt mir unbegteiflich . . . ſie iſt ſonſt immer ſo pünktlich!“ „Gleichviel! ich will öffnen.“ „Verzeihen Sie, meine Tante . . .“ „Oh! ſei ruhig; wenn Du einmal auf Deinen Bei⸗ nen biſt, werde ich Dich durchaus nicht abhalten, daß Du die Thüre öffnen gehſt, ſogar läufſt, mein liebes Kind, wenn es Dir gefällt, und an dieſem Tage werde ich aus Deinem Stock ein hertliches Freudenfeuer machen.“ Hienach ging die Tante Prudence hinaus, und bald kam ſie in Begleitung ihres Bruders zurück. II. Herr Jouffroy hatte nicht mehr, wie früher, ein heiteres, lächelndes, offenes Antlitz, in welchem man die Seelenruhe und das häusliche Glück, das er damals genoß, leſen konnte; ſein abgemagertes Geſicht, ſeine ſorgenvolle Stirne, eine Art von Zwang, der bei jedem ſeiner Worte vordrang, deuteten ernſte Veränderungen an, die ſich in ſeinem Daſein ergeben hatten. Beim An⸗ blicke ſeiner Schweſter und ſeiner Tochter klärte ſich in⸗ deſſen ſeine Stirn auf, er küßte Beide und legte ſodann neben ſich auf einen Tiſch ein in Papier gewickeltes Päckchen, das er unter dem Arme hatte. „Nun, mein Kind,“ ſagte er zu Marianne, „haſt Du eine gute Nacht gehabt?“ 73 „Eine vortreffliche Nacht, mein Vater.“ „Und Dein Bein?“ „So eben, als Du kamſt, mein Bruder, ſagte ich zu Marianne, ich habe die feſte Ueberzengung, ſie werde nicht mehr hinken.“ „Das läßt uns der Arzt hoffen . . . Gott höre ihn! Doch eine ſolche Kur wäre ein wahres Wunder werk, meine liebe Prudence.“ „Ich will das Wunder gelten laſſen . . . wenn nur unſere Marianne nicht mehr gebrechlich iſt.“ „Und Mama . . und Aurelie?“ fragte das Mäd⸗ chen Herrn Jouffroy; „wie geht es ihnen?“ „Es geht Allen gut zu Hanſe, mein Kind; man trifft dort Anſtalten zu einem großen Balle für heute Abend .. Abermals eine tüchtige Frohne! Die ganze Geſellſchaft meines Schwiegerſohnes wird da ſein! Seit⸗ dem dieſe ſchönen Herren und dieſe ſchönen Damen das Haus beſuchen, bin ich nicht weiter vorgerückt, als von Anfang; ich kenne keine Katze von dieſer ganzen ſchönen Welt; auch bin ich ſehr ſchüchtern gegen die Fremden; ich wage es nicht, den Mund aufzuthun. Mimi . . .“ Doch raſch ſich verbeſſernd: „Meine Frau findet ſich im Gegentheil nun bei un⸗ ſerem Schwiegerſohne ſo behaglich, als einſt in ihrem eigenen Hauſe; darüber darf man ſich nicht wundern; ſie iſt ſo keck! . ſie ſpricht mit dieſen vornehmen Damen ganz unbefangen . . Frau Baronin hier, Fran Herzogin dort. Sodann wird ſie wüthend für die Toilette . .. Es iſt etwas Theures um den Putz . . zum Beweiſe mag dienen: der vorige Monat hat gekoſtet . .. Herr Jouffroy unterbrach ſich, erſtickte einen Seuf⸗ zer, und ſagte: „Nun Töchterchen iſt zufrieden ſie iſt ge⸗ worden, was man eine Frau in der Mode nennt; die andern Damen ihrer Geſellſchaft beneiden ſie, um darüber zu berſten; die hübſchen Herren haben nur Augen für 79 ſie; mit einem Worte, ſie und ihre Mutter ſchwimmen in der vollen Ariſtokratie, wie ſie ſagen. Ich, was mich betrifft, werde hente Abend, ſobald ich mich in den Salons gezeigt habe, wieder' in unſer Entreſol hinauf⸗ klettern und dort einzuſchlafen ſuchen.“ „Alſo, mein Freund,“ ſprach die Tante Prudence einen durchdringenden Blick auf ihren Bruder heftend, „es iſt Jedermann fortwährend glücklich bei Dir?“ „Gewiß, gewiß,“ erwiederte raſch der würdige Mann, die Augen niederſchlagend. „Ich würde mich nicht beklagen.“ „Du biſt immer zufrieden mit Deinem Schwieger⸗ ſohne?“ „Ja, ja, das iſt ein trefſlicher Junge; nur hat „Vollende, mein Bruder . . . „Nichts, nichts. Ich wollte ſagen, er ſei ein vor⸗ trefflicher Junge.“ „Aurelie wünſcht ſich immer noch Glück, ihn zu beſitzen?“ „Gewiß; ſagt ſie es nicht, wenn Sie Euch beſucht?“ „Doch!“ „Es ſteht alſo Alles auf das Beſte zu Hauſe,“ ſprach Herr Joufftoy, immer die Blicke ſeiner Schweſter ver⸗ meidend. Sodann, da er ohne Zweifel von einem Geſpräche abgehen wollte, das ihm peinlich zu ſein ſchien, fragte er: „Habt Ihr Nachrichten von Fortuns?“ „Seit einem Monat haben wir keine mehr erhalten.“ „Und vom wackern Rouſſel auch nicht?“ „Nein.“ „Ah! Prudence! wenn Du wüßteſt, wie mir unſer alter Freund fehlt! Ich frühſtückte zweimal in der Woche bei ihm, wie in der guten Zeit.“ Hier unterdrückte Hert Jouffroy aufs Neue einen Seufzer. Das waren meine beſten Augenblicke nebſt denen, welche ich hier bei Euch Beiden zubringe. Es iſt ſo gut, ſo ſüß in der Familie mit alten Freunden zuſammen zu ſein! NRicht als wäre ich nicht in Familie bei meinem Schwiegerſohne . . ich befinde mich dort ſehr wohl, äußerſt wohl,“ fügte Herr Jouffroy haſtig bei; „doch Ihr begreift, das iſt etwas ganz Anderes! ich bin hier ohne Zwang.“ „Guter Vater,“ ſprach zärtlich Marianne, „Du machſt uns auch ſehr glücklich, wenn Du uns beſuchſt. . .“ „Ich glaube Euch, wenn ich nach dem urtheile, was ich ſelbſt empfinde. Seht Ihr, es gibt nun ſo viele Augenblicke im Leben wo ich wo ich „Vollende doch, mein Bruder.“ Herr Jouffroy hielt abermals ein Geſtändniß zurück, das nahe daran, ihm zu entſchlüpfen. Der alten Jungfer, welche ihn aufmerkſam beobachtete, entging nicht ſein häufiges Abbrechen, um wieder zu verſchweigen, was er zu bekennen im Begriffe war Sie wollte ſeine Verlegen⸗ heit nicht vermehren und ſagte, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben: „Was für ein Päckchen haſt Du da gebracht?“ „Es iſt ein Kleid im Stücke, das ich für die wackere Fran, welche Dich ſo gut gepflegt, meine Marianne, ge⸗ kauft habe. Ich dachte, ſie ſei empfänglicher für dieſes kleine Geſchenk, als für Geld „Lieber Vater, wie gut biſt Du, daß Du hieran gedacht haſt. Wie danke ich Dir für dieſe Erinnerung! Sie wird um ſo mehr gerührt ſein, als ſie, wie ich glaube, einem höheren Stande angehört.“ „Das hat mir ſo geſchienen. Sie muß ſehr hübſch geweſen ſein und hat gar nicht das Ausſehen eines Dienſt⸗ boten. Ohne Zweifel hat ſie großes Unglück erlitten.“ „Das denken wir auch, Marianne und ich,“ ſprach die Tante Prudence; „doch dieſe würdige Frau iſt ſo zu⸗ ückhaltend, ſo verſchwiegen, daß wir es aus Furcht, ſie 81 zu betrüben oder zu verletzen, nie gewagt haben, ſie über ihre Vergangenheit zu befragen.“ „Und Ihr ſeid zufrieden mit ihr, ſeitdem Ihr ſie in Eure Dienſte genommen habt?“ „Vollkommen zufrieden, mein Bruder, ſie iſt ſo zu⸗ vorkommend, ſo ſauft, ſo arbeitſam! . . . Sie bedient außer uns noch zwei andere Familien im Hauſe, wartet Kranke, wenn ſie zu warten findet, und das genügt für ihren Lebensunterhalt. Sie bewohnt eine kleine Man⸗ ſarde im fünften Stocke, zu der dieſelbe Treppe führt wie zu mir, und rührt ſich nie aus ihren vier Wänden, wo ſie ihre Zeit mit Nähen zubringt, wenn ſie nicht anderswo beſchäftigt iſt.“ „Armes Geſchöpf!“ ſagte Marianne; „ohne Zweifel war ſie nicht für die Lebenslage geboren, die ſie mit ſo viel Reſignation annimmt. Sie hat reizende Hände. Sie kleidet ſich immer als alte Frau und trägt eine abſcheu⸗ liche Haube, welche völlig ihre Haare bedeckt, doch ich bin ſicher, daß ſie höchſtens vierunddreißig bis fünfund⸗ dreißig Jahre alt iſt.“ „In dieſem Alter und noch ſchön darauf angewieſen ſein; Gänge und andere Dienſte für Haushaltungen zu verrichten oder Kranke zu pflegen!“ ſprach traurig Herr Jouffroy. „Ach! es iſt wahr, man hat ſo viele Anfangs reiche, glückliche Leute in Verlegenheit gerathen, vom Ruin betroffen werden, ins Clend ſinken ſehen! . daß ſie nur ihre Augen zum Weinen hatten! Ah! ja, das hat man geſehen .. Es braucht oft nicht mehr als einen böſen Schlag an der Börſe beim Steigen oder Fallen der Papiere, um uns das Wenige, was uns bleibt, zu nehmen. Ohl es iſt nicht Alles Goid, was glänzt . .. Der Schein .. . fügte er mit ſtarrem, düſterem Blicke den Kopf ſchüttelnd bei, „der Schein Doch er unterbrach ſich ſchauernd, ſuchte zu lächeln und ſagte, plötzlich das Geſpräch wechſelnd: Die Familie Jouffroy. M. 6 82 „Ah! die gute Fee der Cour des Coches macht ſie immer noch ihre närriſchen Streiche?“ „Wir ſprachen ſo eben von einer neuen Wohlthat dieſes geheimnißvollen Genius,“ erwiederte die Tante Prudence, die ſich fortwährend abſichtlich den Anſchein gab, als bemerkte ſie die zahlreichen Zerſtrenungen, die häufigen Abbrechungen ihres Bruders nicht; „vergebens ſuchen wir zu errathen, wer der unbekannte Beſchützer ſo vieler armen Leute ſein mag.“ „In der That, Prudence, das iſt ganz außerordent⸗ lich; doch da fällt mir ein . wäre es .. „Wer denn, mein Bruder?“ „Du weißt, daß unſer Schwiegerſohn zum Zeugen bei ſeiner Hochzeit einen deutſchen Fürſten hatte?“ „Ja, Aurelie hat es uns geſagt.“ „Nun denn! ſtelle Dir vor, daß es auf der Welt keinen freigebigeren vornehmen Herrn gibt, als es dieſer iſt. Clara, die Kammerfrau von Töchterchen, iſt ver⸗ wandt mit einem Diener des Prinzen; ſie weiß von ihm bewunderungswürdige Züge von Herzensgüte und Wohl⸗ thätigkeit. Kurz, ſie ſagt, immer nach dem, was ſie von ihrem Vetter gehört hat, der Prinz ſei ein wahrer St. Vincenz de Paula.“ „Ja,“ verſetzte Marianne, „Aurelie hat mir wie⸗ derholt rührende Handlungen erzählt, welche dem Prin⸗ zen Karl! Maximilian zur größten Ehre gereichen; ſie hat dieſe Dinge von ihrer Kammerfrau erfahren.“ „Das mag ſein,“ ſprach die Tante Prudence; „doch mein Bruder, welchen Zuſammenhang ſiehſt Du zwiſchen dieſem deutſchen Fürſten und dem guten Geiſte der Cour des Coches?“ „Wer weiß, ob der Prinz nicht der geheimnißvolle Wohlthäter iſt, den Ihr nicht entdecken könnt?“ „Du denkſt nicht daran, mein Bruder! der Prinz iſt, wie ich glaube, in Deutſchland.“ „Allerdings.“ 83 „Wie ſoll er alſo von ſeinem entfernten Lande aus alles Elend dieſes Quartiers hier kennen und den Be⸗ drängten zu Hülfe kommen?“ 6 „Das iſt richtig, meine Schweſter; der Prinz kann nicht der gute Genins ſein. Nun . wenn das Gute nur geſchieht, gleichviel, wer es thut. Immerhin muß ich aber ſagen: das iſt ganz außerordentſich! Fortuns wird bei ſeiner Rückkehr ſehr erſtaunt ſein, wenn er erfährt, daß eine Fee in der Cour des Coches iſt. Ah! Marianne, nicht wahr, Du übernimmſt es dieſes Kleid Eurer Diene⸗ rin zu geben?“ „Es würde ſie viel mehr gefreut haben, hätte ſie dieſes Geſchenk aus Deiner Hand empfangen, mein guter Vaterz doch gegen ihre Gewohnheit iſt ſie heute Morgen noch nicht gekommen . . Wie danke ich Dir für ſiti* „Ei! mein Kind, das iſt nur eine Erbärmlichkeit, ich hätte gern dieſe wackere Frau für ihre Sorge und Pflege beſſer belohnen mögen; aber es iſt, wie man ſagt die Tage folgen ſich und gleichen ſich nicht. Hätte ich die viertauſend Franken, die ich für die Verſchwö⸗ rung dieſes verfluchten Marquis ausgegeben habe, wie⸗ der erwiſchen können . . . “ „Welche Verſchwörung, mein Bruder?. .. Wie! .. Du biſt ein Verſchwörer?“ „Nein, nein! das iſt eine Redensart, ein Scherz; ich wollte Dir nur ſagen, meine kleine Marianne, wenn dieſes Geſchenk winzig ſei, ſo liege die Schuld daran, daß . daran, daß .. Ah! verdammt! ſiehſt Du, ſonſt .. Herr Jouffroy vollendete nicht, er blieb ſtill und in Gedanken verſunken. Dies Mal machte es ſich die Tante Prudence zum Vorwurf, daß ſie bis dahin gleichgültig gegen das öftere plötzliche Abbrechen und Schweigen ihres Bruders ge⸗ blieben war. Vielleicht, dachte ſie, vielleicht wollte er nur, daß man in ihn dringen, um gewiſſe Sorgen und 84 nnerniſ⸗ zu geſtehen, die ihn bedrücken; ſie ſagte auch: „Mein Freund, Du haſt mir nichts Beſonderes mit⸗ zutheilen?“ „Ich?“ „Durchaus nicht, Prudence; ich ſpreche offenherzig mit Dir, wie immer; ich habe nichts vor Dir und Marianne zu verbergen.“ „Du könnteſt mir etwas anvertrauen wollen . . . mir allein?“ „Ich verſichere Dich, nein.“ „Willſt Du, daß wir in den Salon gehen?“ „Wahrhaftig, meine Schweſter, ich habe Dir nichts et zu ſagen; was bringt Dich auf den Gedan⸗ em ich „Gut, ſprechen wir nicht mehr hievon. Du haſt keine beſſere Freundin als mich, das weißt Du; unter allen Umſtänden wirſt Du meine Zuneigung ſo aufrichtig finden wie früher.“ „Oh! ich zähle darauf, Prudence, und wenn ich je einen Kummer hätte . . aber einen ernſten Kummer .. ſo würde ich mich nur Dir allein eröffnen.“ Hienach nahm er ſeinen Hut, um wegzugehen, doch er wandte ſich noch an Marianne und ſprach zu ihr mit einer Art von Bangigkeit: „ „Ich beſchwöre Dich, mein Kind, wenn Aurelie Euch beſucht, ſage ihr nicht, ich ſei von Deiner Tante gefragt worden, ob ich ihr nicht einen Kummer anzuver⸗ trauen habe, das könnte Deiner Mutter zu Ohren kom⸗ men, und .. guter Gott des Himmels! ich wäre .. hm hm ich wäre troſtlos, weil Deine Mutter glauben könnte „ ich . . ich Kurz Du verſprichſt mir, verſchwiegen zu ſein, und Du auch, Pru⸗ dence?“ „Gewiß, mein Bruder; wir werden das Geheimniß 85 um ſo leichter bewahren können, als Du uns gar nichts geſagt haſt.“ „Ich weiß es wohl, doch dieſe arme Mimi könnte glauben, ich habe Euch etwas ſagen wollen; das würde ihr im Kopfe wurmen und ſie quälen . . . Guten Tag, Prudence, guten Tag, meine Marianne.“ „Wie! Vater, Du verläſſeſt uns ſchon?“ „Ja, mein Kind, es muß ſein; Deine Mutter hat mich mit einigen Commiſſionen für die Föéte heute Abend beauſtragt . .. Auf, umarme mich . . Gott befohlen, und auf baldiges Wiederſehen!“ „Guten Tag, lieber Vater, und beſonders: auf baldi⸗ ges Wiederſehen.“ „Ja, ſpäteſtens übermorgen.“ „Adieu, mein Bruder „ Doch ich will Dich zu⸗ rückbegleiten.“ „Ich bitte Dich inſtändig, Prudence, bemühe Dich nicht, ich kenne des Hauſes Gelegenheit; bleibe bei Marianne.“ „Laß mich Dich doch wenigſtens bis zur Thüre des Salon begleiten. Denn wenn ſie nicht offen iſt, ſo iſt das Vorzimmer ſo finſter, daß man durchaus nichts ſieht das iſt eine wahre Halsbreche.“ „Sei ruhig, ich komme heute nicht das erſte Mal hierher; ich wiederhole Dir, ich kenne des Hanſes Ge⸗ legenheit, und es wäre mir unangenehm, wenn Du Dich bemühen würdeſt.“ Herr Jouffroh hatte offenbar bange, auch nur einen Augenblick mit ſeiner Schweſter allein zu ſein und von ihr aufs Neue um Geſtändniſſe bedrängt zu werden. Den geheimen Gedanken ihres Bruders errathend, ſagte die alte Jungfer traurig: 6 „Gut, ich werde Dich nicht begleiten, mein Bruder; Gott beſohlen und auf baldiges Wiederſehen.“ Ja, ja, antwortete Herr Jyufftoy, während er ſchleunigſt aus dem Zimmer weggig. 86 III. Die Tante Prudence, als ſie mit ihrer Nichte nach dem Abgange von Herrn Jouffroy allein war, blieb einen Angenblick nachdenkend. „Meine Tante,“ ſagte das Mädchen beſorgt, „ſcheint Ihnen nicht, daß mein Vater heute ſehr zerſtreut, ſehr don peinlichen Gedanken erfüllt war?“ „Richt heute erſt habe ich ſeine Zerſtreutheit, ſeine Zurückhaltung, ſein plötzliches Abbrechen und Schweigen demerkt; er hat ſeit einiger Zeit, wenigſtens befürchte ich es, geheimen Kummer; doch aus einer falſchen Scham wagt er es nicht, mir ein Geſtänduiß hierüber zu machen; er befürchtet meine Vorwürfe und beſonders das unerträg⸗ liche: Ah! ahlich ſagte es wohl! ewig von den⸗ jenigen wiederholt, deren weiſe Rathſchläge man nicht befolgt hat. Dein Vater täuſcht ſich, ich werde ihm nie das vorwerfen, was er gegen meinen Willen gethan hat. Ich weiß, er iſt ebenſo ſchwach als gut . . Deine Mutter iſt zuweilen eine erſchreckliche Frau. . . Ich be⸗ fürchte ſehr, ſeitdem ſie durch die Heirath von Aurelie völlig närriſch iſt, macht ſie meinem Bruder das Leben „Nein, glauben Sie das nicht; Mama iſt lebhaft, aufbrauſend, doch ſie beſänftigt ſich ebenſo ſchnell, als ſie ſich ärgert; und dann liebt ſie meinen Vater und meine Schweſter ſo ſehr! Ach! in meinem Leben werde ich den entſetzlichen Tag nicht vergeſſen, wo ſich Aurelie vergiftet hatte .. Welche Thränen vergoß Mama! . ſie war wie wahnſinnig, und während der Wiedergeneſung meiner Schweſter, welche Fürſorge, welche Pflege, welche Zärtlichkeit! .. . Sie hat, wie ich, mehrere Nächte bei ihr gewacht. Oh! meine Taute, wohl ſind alle Bevor⸗ zugungen meiner Mutter für Aurelie, doch dieſe Bevor⸗ . — 87 zugungen haben ihre Quelle in einer ſo tiefen, ſo leiden⸗ ſchaftlichen Liebe, daß man ſie entſchuldigt.“ „Du biſt, Du wirſt immer das beſte Geſchöpf ſein, das ich kenne, meine Marianne . . . So Viele würden an Deiner Stelle nicht dieſe Reſignation zeigen.“ „Eine ſehr leichte, ſehr ſüße Reſignation, meine Tante: bin ich nicht bei Ihnen? Behandeln Sie mich nicht wie Ihr Kind? Und dann geſtehen Sie: wenn Andere als ſich durch die Bevorzugungen, von denen wir reden, ſich verletzt gefühlt hätten, wie Viele gibt es, die an der Stelle von Aurelie nicht durch ſie verdorben worden wären? „Hm! hm!“ machte die alte Jungfer, indem ſie mit dem Ende ihrer Stricknadel an ihrem rechten Schlafe kratzte. „Nun ja, es iſt Deine Schweſter, und Du biſt edelmüthig.“ „Seien Sie gerecht, verfehlt Aurelie je, uns wenig⸗ ſtens einmal oder zweimal in der Woche zu beſuchen? Hat ſie uns je trotz des Wirbels von Feſten, in welchem ſie lebt, vergeſſen?“ „Vergeſſen? das ſage ich nicht.“ „Wenn ich vor dieſem Unfalle, der mich ſeit zwei Monaten im Bette hält, jeden Sonntag meinen Morgen bei Anrelie zubrachte . wüßten Sie, wie zuvorkom⸗ mend ſie war, wie artig, wie eifrig, um zu errathen, was mir angenehm ſein könnte .. Ich kam faſt nie von ihr zurück, ohne ein kleines Geſchenk mitzubringen .. Nichtſe allerdings, doch ſie bewieſen, daß ſie immer an mich dachte.“ „Sie iſt reich genug zu Deinem Nachtheil ausge⸗ ſteuert werden, um Dir Geſchenke zu machen.“ „Tante, ich ſage Ihnen meinen ganzen Gedanken: Aurelie wollte ſich tödten, als ſie an den Bruch ihrer Heirath mit Herrn von Villetanenſe glaubte: nun wohl! ich würde ſchwören, wenn ſie gewußt hätte, unſere Eltern enterben mich gleichſam, um ihr eine glänzende Mitgift zu geben, ſie hätte auf dieſe Heirath verzichtet.“ „Glaube dies, mein Kind; im Ganzen iſt es immer beſſer, unter Verwandten das Gute zu glauben, als das Böſe.“ „Meine Tante, ich bin deſſen, was ich behaupte, ſicher, und heute noch, wenn ſie die Geſchichte ihrer Mit⸗ gift wüßte . . . (ſie weiß ſie nicht, da Mama Herrn von Villetaneuſe gebeten hat, die Sache geheim zu hal⸗ ten), wäre Aurelie troſtlos über dieſe Ungerechtigkeit.“ „Vielleicht wohl, deun es iſt in ihr noch ein Fond von guten Gefühlen.“ „Und das wird immer ſo ſein, meine Tante.“ „Hoffen wir es, mein Kind.“ „Wollen Sie einen Beweis von dem, was ich be⸗ haupte?“ „Laß dieſen Beweis hören.“ „Habe ich Ihnen erzählt, was mir meine Schweſter in Betreff ihrer ſchönen Schaale geſagt hat?“ „Welche ſchöne Schaale meinſt Du?“ „Die, welche ihr der Prinz Maximilian geſchenkt dieſer Prinz, von dem man ſo viel Lobeserhebun⸗ gen macht.“ „Nein, Du haſt nie mit mir von dieſer Schaale geſprochen.“ „Sie iſt herrlich . . . wiſſen Sie aber, wer der Urheber dieſes Meiſterwerkes iſt? Fortnné! Aurelie ſagte mir auch eines Morgens, als ſie mir dieſe Schaale zeigte, die ſie ängſtlich in ihrem Schlafzimmer aufbewahrt: „„Schweſterchen, unter den Luxusgegenſtänden, die ich beſitze, iſt dies mein koſtbarſter Schatz; dieſes Geſchenk erhielt ich von einem Prinzen, deſſen Achtung mein Mann ſich erworben hat, und auf dieſe Achtung darf man ſtolz ſein, denn jeden Tag höre ich die anbetungs⸗ würdige Herzensgüte, das ausgezeichnete Zartgefühl und den ritterlichen Charakter dieſes Prinzen rühmen; ſodann iſt dieſe Schaale das Meiſterwerk unſeres Vetters For⸗ tuné .ℳ Aurelie zögerte, fortzufahren, ihr reizen⸗ * — — D 89 des Geſicht ſchien ſich zu verdüſtern. „Vollende doch, liebe Schweſter,““ ſagte ich zu ihr. „Nun,““ fügte ſie bei, „ſollte ich eines Tags unglücklich ſein, ſo fände ich in den Erinnerungen, die mit dieſer Schaale ver⸗ knüpft ſind; wenn nicht Troſt für meinen Kummer, doch wenigſtens den Muth, mich darein zu ergeben, indem ich mir ſagen würde: Es hat nur von mir abgehängt, den berühmten Künſtler zu heirathen, deſſen Meiſterwerk dieſer Kunſtgegenſtand iſt. Ich habe die Hand des Be⸗ ſten der Menſchen ausgeſchlagen, ich bin nicht berechtigt, mich über mein Loos zu beklagen!““ Als ſie ſo ſprach, hatte Aurelie Thränen in den Augen. Geſtehen Sie, meine Tante, ſolche Worte beweiſen, daß ſie keine von ihren guten Eigenſchaften verloren hat, daß ihr Herz immer daſſelbe iſt.“ „Mein Kind,“ erwiederte die Tante Prudence, nachdem ſie ſehr aufmerkſam ihre Nichte angehört hatte, „wann hat Dir Aurelie das geſagt?“ „Ich erinnere mich deſſen; es war an dem Tage wo mir dieſer ärgerliche Unfall begegnet iſt, und wo ich ohne den aufopfernden Muth unſerer Dienerin vielleicht getödtet worden wäre. Ja, ich erinnere mich, es war an einem Sonntag, ich kam im Fiacre von Aurelie zu⸗ rück; ich erkläre mir nun, wie ich in der von meinem Unfalle herrührenden Aufregung Ihnen unſere Unterre⸗ dung zu erzählen vergaß.“ „Deine Schweſter ſagte Dir alſo: „Sollte ich eines Tags unglücklich ſein,““ und ſie hatte Thrä⸗ nen in den Angen, als ſie ſo ſprach?“ „Ja, meine Tante . ..5 „Oh! meine Ahnungen, ich müßte ſagen, meine Gewißheiten!“ „Sie ängſtigen mich; ich bitte, erklären Sie ſich.“ „Deine Schweſter hat Dir nichts anvertraut, was Dich auf die Vermuthung bringen könnte, ſie habe ſich über ihren Mann zu beklagen?“ 90 „Im Gegentheil, meine Tante, ſie wünſchte ſich immer Gläck zu ihm.“ „Oh! allerdings. . der Stolz, die ſchlechte und falſche Scham, ihre Täuſchung zu bekennen, halten jedes vertrauliche Geſtändniß zurück. Man verzehrt iusge⸗ heim ſeinen Kummer, man hat den Tod in der Seele und ein Lächeln auf den Lippen.“ „Wie, meine Tante, Sie befürchten, daß „Wenn Du zu Deiner Schweſter gingſt, ſahſt Du häufig ihren Mann bei ihr?“ „Nein, meine Tante; er wußte, daß Aurelie und ich allein zu ſein wünſchten. Ich habe ihn ſehr ſelten geſehen.“ „Wie behandelte er Dich?“ „Mit aller Achtung. Er war auch äußerſt artig, zuvorkommend gegen mich. Er entſchuldigte ſich, daß er uns nie beſucht habez er wiſſe aber, daß Sie mit mei⸗ ner Mutter entzweit ſeien, und daß . . .“ „Ja, dieſer ſchöne Herr befürchtete, die Tante Pru⸗ dence ſehe zu klar durch ihre Brille.“ „Mein Gott, Sie glanben, Aurelie ſei nicht glück⸗ lich ?“ „Sie hat Dir vor zwei Monaten mit Thränen in den Augen geſagt: „Sollte ich eines Tagsunglück⸗ lich ſiinl „Ja, meine Tante, ſollte ich . . . . das war eine einfache Annahme.“ „Oh! mein Kind, die glücklichen Leute machen keine ſolche Annahmen.“ „Iſt aber Aurelie nicht jedes Mal, ſo oft ſie uns beſucht, die Erſte, die uns ſagt, ihr Mann ſei vortreff⸗ lich gegen ſie ?“ „Gewiß, ſie iſt die Erſte, die es ſagt und vielleicht die Letzte, die es denkt, um ſo mehr, als ſeit den zwei Monaten, da ſie mit Dir von dem traurigen Looſe geſprochen hat, welches eines Tags das ihrige ſein — 91 könnte, Aurelie über ihr Glück unerſchöpflich iſt. Sie genießt, wie man hört, eine vollkommene, unbegränzte, himmliſche Glückſeligkeit. Zu Unterſtützung ihrer Sache kommen Erzählungen, endloſe Ausführungen über die Feſte, wo ſie glänzt, über die vornehme Velt, die ſie beſucht! Denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Hu⸗ guet, die Chamouſſel und andere Richardet Lumpenkerle unwürdig der Geſelſchaft der Frau Gräfin ſind, die ſich, wie mir ſcheint, über die Dummheit, die ſie zu machen ſo eigenſinnig geweſen iſt, zu betäuben ſucht!“ „Ach! meine Tante, wenn das Unglück wollte, daß es ſich ſo verhielte, wie ſehr wäre Aurelie zu be⸗ klagen!“ „Zu beklagen . . . bei meiner Treue, nein! .. Es hat ihr nicht an gutem Rathe und an Warnungen gefehlt, doch ſie hat keine Rückſicht darauf genommen ſchlimm für ſie! Weißt Du, wen ich wahrhaft be⸗ klage? Deinen armen Vater mit ſeiner übermäßigen Güte; Deine Mutter und Deine Schweſter ſind Tolle.“ „Liebe Tante, Sie ſpielen die Böſe, und iſt der Augenblick, um nachſichtig und gefällig zu ſein, gekom⸗ men, ſo ſind Sie dies mehr, als irgend Jemand!““ „Ah! ja wohl, zähle hierauf.“ „Meine Tante, man hat geklingelt, man hat geöff⸗ net, hören Sie die Tritte mehrerer Perſonen im Sa⸗ lon? Oh! mein Gott! wenn es . . . Marianne vollendete nicht, die Thüre that ſich auf, und der Vetter Rouſſel trat in Begleitung von Fortuné ins Zimmer der alten Jungfer ein. W. Nach dem Gebrauche der Pariſer Reiſenden und auch den Forderungen der Jahreszeit gemäß, war Jo⸗ ſeph Ronuſſel in dichte Kleider gehüllt; mit Pelz gefüt⸗ 92 terte Stiefel gingen bis zur Hälfte ſeiner Lenden. Er trug um den Kopf gebunden ein Foulard, das mit ſei⸗ ner Fiſchottermütze bedeckt war; um ſeinen Hals ſchlang ſich endlich ein Naſenwärmer, den die Tante Prndence, aus Scham für ſeine Naſe, wie ſie ſagte, mit ſo großer Sorgfalt geſtrickt hatte. Da er ſich nach der Geſundheit der alten Jungfer und ihrer Nichte erkundigen wellte, ſo war Joſeph, ſtatt unmittelbar nach Hauſe zurückzukeh⸗ ren, aus der Diligence ausſteigend ſeinem Reiſegefähr⸗ ten bis nach der Cour des Coches gefolgt. Fortuné, der einen Augenblick in ſeine Wohnnng gegangen war, hatte ſeinen Reiſeüberrock ausgezogen. Die alte Jungfer und das junge Mädchen bebten vor Erſtaunen und Freude, als ſie ihre Freunde erblick⸗ ten. Eine Thräne der Rührung rollte in den Angen von Prudence, doch durch das Spiegeln des Glafes ihrer Brille und vermöge ihrer Selbſtbeherrſchung ver⸗ barg ſie dieſe Thräne, indem ſie ſich vornahm, in Form eines Erſatzes den ehemaligen Spezereihändler tüchtig auzuſchnarren und ſich für die Bangigkeiten, die ſie em⸗ pfunden, zu rächen. Weit entfernt, ihre Frende, ihre Rührung beim An⸗ blick des jungen Goldſchmieds zu verbergen, drängte Marianne nicht nur ihre Thränen nicht zurück, ſondern einem unwiderſtehlichen Ausbruche ihrer Gefühle nach⸗ gebend, erhob ſie ſich ungeſtüm von dem Canapé, auf dem ſie ansgeſtreckt lag, und lief, die Vorſchriften des Arztes vergeſſend, auf Fortuné, dem ſie die Hände ent⸗ gegenſtreckte, zu. „Marianne, nimm Dich in Acht!“ ſagte die Tante Prudence Anfangs mit Angſt, denn ſie befürchtete einen Rückfall für ihre Nichte; alsbald aber rief die alte Jung⸗ fer ſtrahlend: „Ich war meiner Sache ſicher, das Wun⸗ der iſt geſchehen, ſie hinkt nicht mehr.“ Marianne ging in der That auf ihren Vetter ohne das geringſte Hinken zu. Tief erſtaunt, obgleich von 93 dieſem Umſtand durch den Ausruf der Tante Prudence unterrichtet, wich Fortuné maſchinenmäßig zurück, ſo wie Marianne auf ihn zukam, als hätte er ſich, ſeine Con⸗ ſine nöthigend, einige Schritte mehr zu machen, des Wunders verſichern wollen. „Was ſehe ich! Du hinkſt nicht mehr? iſt das ein Traum, Marianne?“ ſagte Fortuns voll Verwunderung, während er in ſeinen Händen die des Mädchens drückte, das ihn am andern Ende des Zimmers erreicht hatte. „Das iſt, um ſeinen Augen nicht zu trauen,“ rief der Vetter Rouſſel, der ſich von ſeinem Erſtaunen nicht erholen konnte. „Liebe Marianne, umarme mich doch daß ich „ . „Bah! Sie werden ſie umarmen, wenn ſie wieder auf ihrem Canapé liegt, Vetter Ronſſel! Kraft Gottes! Sie ſcheinen mir ſehr geſchäftig, die jungen Mädchen zu um⸗ armen! Wahrſcheinlich iſt es die Luft Albions, was Sie ſo galant gemacht hat,“ unterbrach die Tante Prudence Joſeph. „Helfen Sie mir zuerſt Marianne auf ihr Ruhebett zurückbringen. Sie hat eine große Unvorſich⸗ tigkeit begangen, daß ſie ſo bald aufgeſtanden iſt, doch ſie konnte dem Wunſche, Fortuné entgegenzugehen, nicht widerſtehen.“ So ſprechend, hatte die alte Jungfer Marianne mit Hülfe von Joſeph wieder auf ihr Canapé gelegt. Ganz glücklich über ihre Geneſung und die Rückkehr ihres Vetters, ſah die Arme, wie durch ein Wunder von ihrem Gebrechen befreit, ein Hinderniß weniger gegen dieſe Heirath, welche ſie kaum zu hoffen wagte. „Und nun, liebe Tante,“ ſprach Fortuné, „ſagen Sie uns doch, was Marianne begegnet iſt.“ „Vor ungefähr zwei Monaten kam ſie von ihrer Schweſter in einem Fiacre zurück; er hält vor der Thüre an. Marianne ſteigt aus, verliert das Gleichgewicht mitten auf dem Fußtritt und fällt unter die Räder; er⸗ ſchrocken, ſetzen ſich die Pferde in Bewegung „ 94 „Großer Gott!“ riefen gleichzeitig der Vetter Rouſ⸗ ſel und Fortunés, indem ſie das Mädchen mit doppelter Theilnahme anſchauten. „Eine würdige Frau, welche ſeit einiger Zeit im Hauſe wohnte und glücklicher Weiſe auf der Schwelle der Thüre ſtand,“ fuhr die Tante Prudence fort, „ſieht die Gefahr, der Marianne preisgegeben iſt, und wirft ſich den Pferden an den Kopf, während dieſer Dummkopf von einem Kutſcher, der vom Bocke geſtiegen iſt, um den Schlag zu öffnen, unbeweglich bleibt wie eine Au⸗ ſter, und in dem Augenblicke, wo der Wagen über den Leib von Marianne gehen ſollte, hält die brave Frau die Pferde an.“ 3 „Muthiges Geſchöpf!“ rief Fortuns; „ſie wohnt im Hauſe?“ „Ja, wir haben ſie als Dienerin angenommen. Sie mußte Euch ſo eben die Thüre öffnen.“ „Meine Tante, der Eingang iſt, wie Sie wiſſen, ſo finſter, daß ich die Züge der Perſon, die uns die Thüre geöffnet hat, nicht unterſcheiden konnte; doch wenn ich von hier weggehe, werde ich dieſer würdigen Frau meine ganze Dankbarkeit ausdrücken.“ „Liebe, gute Marianne,“ fügte der Vetter Ronſſel bei, „welche Gefahr biſt Du gelaufen!“ „Immerhin aber iſt das Unglück zu etwas gut,“ verſetzte die alte Jungfer, „denn dieſer grauſame Unfall hat ſie von ihrem Gebrechen geheilt. Die Arme hat ſich beim Fallen das Bein an derſelben Stelle gebrochen, wo ſie es in ihrer Kindheit gebrochen hatte, und „Ich begreife,“ ſagte lebhaft Joſeph, „ein mir be⸗ freundeter Arzt hat mir erzählt, nach ſchlecht eingerich⸗ teten Brüchen ſei man oft genöthig geweſen (wenn das Subject den Muth gehabt habe, ſich in dieſe Opera⸗ tion zu ergeben), den Knochen aufs Neue zu brechen, und dann erfolge häufig eine vollſtändige Heilung.“ „Sie ſprechen wie Aesculap, Vetter Rouſſel!“ rief 95 die Tante Prudence mit Ironie; „es fehlen Ihnen nur ein großer Stab von Schlangen umwunden und eine antike Toga, um die Aehnlichkeit vollkommen zu machen.“ „Ah! ah! Tante Prudence, ich bemerke, daß ſich Ihr wohlwollendes Naturell während unſerer Abweſen⸗ heit nicht geändert hat,“ erwiederte der Vetter Rouſſel, ein wenig ärgerlich über den ſpöttiſchen Empfang der alten Jungfer; Fortuné ab er ſagte: „Meine Tante, warum haben Sie uns nichts von dem traurigen Unfall, der Marianne begegnet iſt, wiſſen laſſen?“ „Lieber Junge, wir waren Aufangs der völligen Geneſung Deiner Couſine nicht ſicher, und dann befürch⸗ tete ich, Dich zu beunruhigen: man erfährt die ſchlim⸗ men Nachrichten immer noch frühe genug; darum habe ich Dich auch nicht von dieſem Diebſtahisverſuche unter⸗ richtet.“ „Ein Diebſtahl, meine Tante 7 „Hat Dir der Portier vom Hofe das nicht bei Deiner Ankunft mitgetheilt?“ „Ich habe ihn nicht geſehen.“ „Nun denn! mein Junge, vor einigen Tagen hat man die Gitterſtangen am Fenſter Deiner Werkſtätte durchfeilt!“ „Gott ſei Dank, es war kein koſtbarer Gegenſtand bei mir vorhanden; doch die Frechheit iſt groß. Hat man einen Verdacht in Betreff der Leute, die dieſen Verſuch gemacht haben mögen?“ „Es ſcheint, man hat im Verdachte wenigſtens der Beihülfe den alten Herrn, der im vierten Stocke, Thüre links, unter den Manſarden wohnt, wo ſich unſere Diene⸗ rin eingemiethet hat.“ „Das iſtunmöglich, Herr Corbin iſt ein alter Rentier.“ „Er heißt Herr Corbin?“ „Ja, meine Tante. Er iſt ſehr wohlhabend und kann nicht der Ritſchuldige bei einem Diebſtahle ſeii. 96 „Man ſagt, er empfange bei ſich Leute von ſchlim⸗ mem Ausſehen. Mehr weiß ich nicht.“ „Nun, die Diebe haben nichts von ihrem Einbruche gehabt; das iſt nur ein halbes Uebel, und ich wäre min⸗ der beunruhigt durch dieſen Diebſtahlsverſuch, als durch den Unfall der armen Marianne geweſen.“ „Das dachten wir,“ verſetzte das Mädchen, und ich ſagte zu meiner Tante: „„Schreiben Sie nicht an For⸗ tuns, was mich betroſſen hat; dieſe ſchlimme Nachricht würde ihm vielleicht einige Unruhe verurſachen, und. . „Vielleicht, Marianne, Du ſagſt vielleicht! Ah! ich glaubte, Du ſchätzeſt beſſer meine Zuneigung für Dich!“ erwiederte Fortuns mit einem Ausdrucke zarten Vorwurfs. „Glaubſt Du denn, ich ſei undankbar? ich vergeſſe je die ſüßen Tröſtungen, die ich bei Dir und bei Ihnen, meine Tante, beim grauſämſten Kummer meines Lebens gefunden habe?“ Und mit einem Tone tiefer, aber verhaltener, jedoch von Marianne, welche einen Seufzer unterdrückte, er⸗ rathener Theilnahme fragte er: „Und Aurelie, ſeht Ihr ſie oft? Wie geht es ihr? Iſt ſie immer glücklich?“ „Und mein alter Jouffroy,“ ſagte der Vetter Rouſ⸗ ſel, „wie befindet er ſich?“ „Anrelie iſt immer reizend, elegant, ſchön geputzt und mehr als je Gräſin, mein armer Junge,“ antwor⸗ tete die Tante Prudence. „Sie tanzt, walzt, belnſtigt ſich und ſchwatzt, ruckſt und ſpielt die Schöne.“ „Alſo, meine Tante,“ ſprach Fortuné, „ſie fühlt ſich immer noch glücklich?“ „Sie! mein Gott! wie kannſt Du eine ſolche Frage machen? Sie empfängt in ihrem Hotel Barone und Ba⸗ roneſſen, Marquis und Marquiſen! Herzoge und Herzo⸗ innen!“ 6 „Doch ihr Gatte, meine Tante, ihr Gatte? iſt er 97 gegen ſie das, was er ſein ſoll, weiß er ſeinen Schatz zu würdigen?“ „Ei, beim Henker! ich glaube wohl, daß er ſeinen Schatz zu würdigen weiß, und er macht gehörig Gebrauch davon. Man hat ſeine Logen im Theater, und im Hauſe gibt es, wie mir mein Bruder ſagt, unabläſſig große Feten, Bälle, prachtvolle Diners, ſchweres Spiel! Alles vermöge des theuren, lieben Schatzes von ſchönen baaren Thalern, die der Herr Graf als Heirathgut bekommen hat. Und Du fragſt mich, mein Junge, ob er ſeinen Schatz würdige?“ „Mein Gott! meine Tante, ich ſprach figürlich . . . ich ſprach von Aurelie .. ich fragte Sie, ob ſie von ihrem Gatten nach ihrem Werthe geſchätzt werde?“ „Hierüber kann ich Dir keine genaue Auskunft geben.“ „Und ich ſage Dir, Fortuns, daß ſich Aurelie zu ihrem Gatten nur Glück wünſchen kann,“ ſprach Marianne. „Du weißt, welches Vertrauen ſie zu mir hegt, und mag ſch nun ſie beſuchen oder kommt ſie zu mir, immer hat ſie mich verſichert, Herr von Villetaneuſe ſei vortrefflich gegen ſie.“ „Deſto beſſer! oh! deſto beſſer!“ fagte mit einer traurigen Befriedigung der Goldſchmied, „ſie iſt wenigſtens glücklich!“ „Tante Prudence,“ ſprach der Vetter Rouſſel, „ich habe Sie um Nachricht über Ihren Bruder, meinen alten Freund, gebeten.“ „Wir haben ihn dieſen Morgen geſehen,“ antwortete die alte Jungfer, „er befindet ſich ziemlich wohl; nur ſcheint er mir nicht beſonders erfreut über die Gaſtereien. ſeines Herrn Schwiegerſohns; dagegen hat mein Bruder die Anſehmlichkeit, zu ſehen, wie feine Frau ganz beſon⸗ deres Wohlgefallen an wüthendem Putze findet; hat er ſich aber nicht, trotz ſo großen häuslichen Glückes einge⸗ Die Familie Jouffroh. M. 7 vildet, Ihre Abweſenheit, Vetter Rouſſel, ſei ihm äußerſt peinlich? Iſt das denkbar, iſt das glaublich? Er ſehnte ſich nach Ihnen, wenn Sie erlauben!“ „Nun kommt wieder etwas Anderes! Ah! Tante Prudence, ſo empfangen Sie mich nach einer Trennung von drei langen Monaten!“, „Laſſen Sie mich in Ruhe . . . ich bin wüthend ge⸗ gen Sie.“ „Gegen mich?“ „Bei Gott!“ „Ich bitte Sie, aus welchem Grunde?“ „Sie haben die Dreiſtigkeit, mich das zu fragen? „„ Hier iſt ein Spiegel ſchauen Sie ſich doch an um der Liebe Gottes willen, ſchauen Sie ſich an!“ „Wie!“ erwiederte Joſeph verdutzt; „warum ſoll ich mich denn anſchauen?“ „Um über Sie ſelbſt zu erröthen; denn dieſen Mor⸗ gen noch ſagte ich zu Marianne: „„Der Vetter Rouſſel wird uns überraſchen . . wir werden ihn wiederſehen, bei ſeiner Rückkehr aus den Gebirgen Schottlands, dieſen unerſchrockenen Reiſenden, hübſch aufgeſchürzt wie ein Clanshäuptling aus den Romanen von Walter Scott, die Mütze auf dem Ohr, den Glaymore an der Seite, ein Plind auf der Schulter, die Beine nackt und uns artig mit einer kleinen Dudelſackmelodie begrüßend! ... Ah! ja wohl, Sie kommen bei uns an mit Pelzſtiefeln, mit einem abſcheulichen Reiſeüberrock, ein Foulard um den Kopf gebunden, und darüber dieſe häßliche Fiſchotterkappe. Sie werden mir vielleicht antworten, Sie tragen ſie in Folge von einem Liebesgelübde. Ich widerſpreche Ihnen nicht, doch ich muß bemerken, ſie hat durchaus kein ver⸗ liebtes Ausſehen . dieſe Kappe.“ „Wie Tante Prudence, Sie wollen „Ah! Vetter Rouſſel, ſchifft man ſich von den Ge⸗ birgen Schottlands in dieſer Equipage aus? Ich ſage Ihnen noch einmal, ſchauen Sie ſich doch an! ſehen Sie 99 ein wenig dieſes tölpiſche Weſen! Oh! theurer Hochländer meiner Träume, wo biſt Du? . wo biſt Du?“ „Das nenne ich denn doch zu ſtark!“ rief der Vetter Rouſſel, Fortuns anſchauend. „Das iſt das Liebenswür⸗ digſte, was ſie mir bei meiner Rückkehr von der Reiſe zu ſagen findet, mir einem Freunde ſeit dreißig Jahren! Ah! welch ein Weib! welch ein Weib!“ „Vetter Ronſſel,“ ſagte Marianne lächelnd, „ſehen Sie nicht, daß meine Tante ſcherzt!“ „Ei der Tauſend! es iſt klar, daß ſie ſcherzt, und das iſt es gerade, was mich ſo wüthend macht. Ich war ſo gutmüthig, zu Fortuné zu ſagen: „„Wir hätten die Tante Prudence von unſerer Ankunft in Kenntniß ſetzen müſſen, ſtatt ſie ungeſtüm zu überraſchen, denn Du be⸗ greifſt, die Ueberraſchung, die Erſchütterung . . . Ah! wie dumm war ich! Du ſiehſt ſie, Du hörſt ſie, dieſe Tante Prudence!“ „Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen, Vetter Rouſſel; ich hatte gerade, unſere Dienerin gebeten, zum Voraus einen großen Eimer Waſſer vom Brunnen zu holen, einzig und allein, um ihn mir auf den Kopf zu ſchütten und mich dadurch zum Bewußtſein zurückzurufen, ſollte mir ihr triumphirender Hochländeranblick eine Ohnmacht bereiten! . . . Doch ich ſehe Sie in einem lächerlichen Aufzuge erſcheinen und kann nicht in Ohnmacht fallen. Seien Sie doch vernünftig!“ „Ah! Sie werden immer dieſelbe ſein . Sie haben ein wahres Kieſelherz!“ „Beruhigen Sie ſich, junger Anacharſis . Auf, erzählen Sie uns Ihre Abenteuer, Ihre Gefahren. Es gibt keine Reiſe ohne Gefahrenz das iſt das Salz, das iſt das Reizende der Sache.“ „Meine Tante, Sie glauben zu ſpotten,“ ſagte Fortuné, es iſt uns aber unfern von Edinburgh ein Vorfall begegnet, d 100 „Schweige doch, Fortuns,“ unterbrach der Vetter Rouſſel den Goldſchmied, „man wird über uns lachen.“ „Mein Gott! Fortuné,“ fragte Marianne theilneh⸗ mend, „was iſt Euch denn begegnet?“ „Du wirſt es nur zu bald erfahren, wenn Du dieſe unerſchrockenen und beſonders wahrhaften Reiſenden an⸗ hörſt,“ ſprach die alte Jungfer. „Ich, was mich betrifft, ich bebe, ich ſchandere über ihre Erzählung zum Voraus, weil es hernach vielleicht ſehr ſchwierig ſein wird, zu ſchaudern . . .“ . „Was ſagte ich Dir?“ rief der Vetter Rouſſel mit einem komiſchen Aerger. „Sprich kein Wort mehr.“ „Laſſen Sie doch dieſen Jungen reden . .. Die Beſcheidenheit erſtickt ihn. Heraus alſo mit Euern Hel⸗ denthaten; wie viel waren es Räuber, die Euch angriffen; wie viel habt Ihr ganz allein erſchlagen?“ „Gehen Sie zum Henker, Tante Prudence . . . . Wozu ſoll unſere Erzählung nützen? Sie haben nicht mehr Gefühl, als dieſes Scheit Holz.“ „Es handelt ſich nicht um ein Ränberabenteuer, meine Tante,“ erwiederte Fortuné, „ſondern um eine für unſeren lieben Vetter ſo ehrenvolle Handlung des Muthes, daß .. . „Ah! mein Gott! ich wette, es iſt eine verfolgte Prinzeſſin, die dieſer Vetter Ronſſel furchtbaren Räu⸗ bern oder erſchrecklichen Zauberern entriſſen haben wird. Nun wohl! dies ſetzt mich von ihm ganz und gar nicht in Erſtannen; er iſt ein Amadis, ein Roland! Doch um des Himmels willen, warum kommt er nach ſolchen Rit⸗ terthaten mit einem Foulard um den Kopf und eine Fiſchotterkappe darauf zu uns zurück? Ja, wo iſt denn ſein Helm mit dem Federbuſch, ſein Schild und ſeine Lanze? Er hat wohl Alles dies im Bureau der Diligencen mit ſeiner Hutſchachtel, ſeinem Stock und ſeinem Regen⸗ ſchirm gelaſſen?“ „Alle Teufel! Tante Prudence, da Sie von Zauberern ſprechen. wahrlich! bei Ihrer Geburt muß die herbſte, 101 die ſauerſte, die widerwärtigſte, die höhniſchſte, die trau⸗ rigſte Fee präſidirt haben,“ rief Joſeph. „Komm, Fortuné, laß uns gehen.“ „Ich will Sie rächen, mein Vetter, meine Tante wird ihre Scherze berenen, wenn ſie erfährt, was vor⸗ gefallen iſt.“ „Geh doch, Du biſt ein Narr ... ſo weich wer⸗ den! Kennen wir ſie nicht?“ Armer Vetter Ronſſel,“ ſagte lächelnd Marianne zu ſich ſelbſt, „wenn er wüßte . wenn er wüßte ! . . .“ „Meine Tante, hören Sie unſere Geſchichte mit zwei Worten,“ ſprach Fortuné; wir nähern uns Edinburgh der Diligence folgend und eine ſehr jähe Anhöhe erſtei⸗ gend; der kleine Michel lief ganz freudig dahin und dorthin am Rande des an dieſer Stelle faſt ſenkrecht ab⸗ geſchnittenen Weges, an deſſen Fuß ſich ein kleiner See fand. Der Knabe glitſcht aus, fällt und rollt den gegen den See zulaufenden Abhang, auf welchem man nur eini⸗ ges Geſträuch ſah, hinab.“ „Ah! mein Gott,“ rief Marianne mit Bangigkeit, „das arme Kind!“ „Ich führte den Vater Laurencin am Arme, um ihm den Berg hinaufſteigen zu helfen, und glaubte, Michel und unſer Vetter ſeien hinter uns; plötzlich höre ich einen heftigen Schrei; ich drehe mich um und erblicke Nie⸗ mand mehr auf der Straße; ich laufe an ihren Rand, und fünfundzwanzig bis dreißig Fuß unter mir erſchaue ich unſern Vetter, der ſich von Strauch zu Strauch an⸗ hängt und ſich gegen den See, in den Michel gefallen war, gleiten läßt. Ich eile nach Doch ehe ich ihn er⸗ reicht hatte, wirft ſich unſer Vetter unerſchrocken ins Waſſer, ergreift den armen zappelnden Knaben und bringt ihn zum Uifer zurück, das an dieſer Stelle ſo abſchüſſig iſt, daß ohne meine Hülfe unſer Vetter und Michel nur ſchwer aus dem See hätten herauskommen können . Sie ſehen, meine liebe Tante, es handelt ſich nicht um ein 102 Räuber⸗ oder Zaubererabenteuer, ſondern um einen Act des Herzens und des Muthes, von dem Sie gerührt ſein werden.“ Es folgte ein Augenblick der Stille auf die Erzäh⸗ lung von Fortuné. Vertraut mit der zarten geheimen Zuneigung, welche Joſeph der alten Jungfer einflößte, war Marianne be⸗ gierig, zu erfahren, ob ſie bis zum Ende ihre Rolle ſchein⸗ barer Unempfindlichkeit ſpielen werde. Vermöge der Gläſer ihrer Brille und ihrer großen Haube, deren Garnitur halb ihr Geſicht bedeckte, das ſie gegen ihr Geſtricke, welches ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen ſchien, geſenkt hielt, hatte die Tante Prudence ihre Gemüthsbewegung und die bei ihr durch die Erzählung von Fortuns hervorgerufenen Thrä⸗ nen der Rührung verbergen können; da ſie ſich aber für die Beſorgniſſe rächen wollte, unter denen ſie während der Abweſenheit von Joſeph gelitten, ſo brach die Tante Prudence zuerſt das Stillſchweigen, und den Kopf immer auf ihr Geſtricke geneigt, ſagte ſie, indem ſie mit ſ Ende von einer ihrer Stricknadeln am rechten Schlafe ratzte: „Somit, mein lieber Vetter Rouſſel, haben Sie die Widerwärtigkeit gebabt, unwillkürlich ein kaltes Bad in einer ſchottiſchen Pfütze zu nehmen? Wahrſcheinlich in Folge des Kopfſchnupfens, der Sie hernach beläſtigt hat, tragen Sie ein Foulard um Ihr Hanpt gebunden? Sa⸗ gen Sie mir doch, findet man in dieſen fernen überſeei⸗ ſchen Gegenden Lakritzenſaft?“ „Ah! meine Tante,“ erwiederte Fortuns mit einem Ausdrucke des Vorwurfs, dieſer Scherz iſt grauſam.“ „Hören Sie, Prudence,“ ſprach Joſeph mit ſchmerz⸗ lich bewegtem Tone, ich kenne Sie ſeit dreißig Jahren⸗ ich habe mich nie geärgert über Ihre Spöttereien, ſo beißend Sie auch geweſen ſein mögen, ich lachte varüber und forderte ſie ſogar heraus; obgleich ziemlich verdrieß⸗ 1 103 lich über Ihren höhniſchen Empfang nach einer langen Abweſenheit, ich geſtehe es Ihnen, klagte ich Sie vorhin noch, nicht einer Trockenheit des Herzens, ſondern einer unüberwindlichen Bitterkeit des Geiſtes an; nun geht es nicht mehr ſo, und ich ſage es Ihnen aufrichtig, betrübt Ihr letzter Scherz verwundet mich im Herzen . . . ja . „ fügte er mit bebender Stimme bei, „ja, dieſer Scherz thut mir in meinem Herzen wehe, weil er mich an dem Ihrigen zweifeln macht. Es handelt ſich weder um mich, noch um die größere oder kleinere Gefahr, die ich gelaufen bin . . . es handelt ſich um ein armes Kind, das beinahe eines gräßlichen Todes geſtorben wäre . Und vor dieſem Todesgedanken haben Sie den Muth, zu ſpotten? . . Hören Sie, Prudence, zum erſten Male ſeit den dreißig Jahren, die ich Sie kenne, bin ich im Ernſte verſucht, zu glauben . . .“ Doch zu ſchmerzlich ergriffen, um fortzufahren, wandte ſich Ronſſel ungeſtüm um und ſagte: „Gott befohlen!“ „Vetter Rouſſel!“ rief Marianne, im Begriffe, das Geheimniß der alten Jungfer preiszugeben, als ſie den tiefen Kummer dieſes vortrefflichen Mannes wahrnahm, „Sie wiſſen alſo nicht, daß meine Tante Sie .. „Ah! mein Kind!“ unterbrach lebhaft die alte Jung⸗ fer ihre Nichte mit einem Blicke und einer Geberde, welche zu ſagen ſchienen: „Ich habe ein Geheimniß Deinem Worte anvertraut, und Du willſt es verrathen!“ Marianne blieb ſtumm und ſchlug die Augen nieder. In dem Momente, wo Joſeph einen Schritt gegen die Thüre machte, widerſetzte ſich Fortuné ſeinem Abgange und ſagte leiſe zu ihm: „Mein Gott! kennen Sie denn nicht die ungezähmte Zunge der Tante Prudence?“ Die alte Jungfer, die ſich ihre Sarkasmen vorwarf und beſonders durch den gerechten Groll von Joſeph ihrem Herzen ſo theure Beziehungen gefährdet zu ſehen befürchtete, 104 ſagte bald, nicht mehr mit ihrer herben, ſarkaſtiſchen Stimme, ſondern in einem freundlichen Tone, der je— doch nichtsdeſtoweniger mit einem gewiſſen berechneten Trotze gemiſcht war: „Ah! ah! Joſeph, erzürnen Sie ſich nicht, laufen Sie nicht davon. Ich habe Unrecht gehabt; verzeihen Sie mir! Nun! bin ich demüthig genug? Ja, ich be⸗ daure, Sie verletzt zu haben; mein Gott! halten Sie mich nicht ganz und gar für ein böſes Weib! es iſt dem nicht ſo, Sie wiſſen es wohl. Sie haben uns lange ohne Nachrichten gelaſſen; das ärgerte mich, und ich hatte mir vorgenommen, Sie bei Ihrer Rückkehr ein wenig zu plagen; hievon meine ruchloſen Scherze über Ihre unſchuldige Mütze; bis dahin blieb ich in meinem alten Rechte, über Sie zu ſpotten; hernach aber bin ich zu weit gegangen; ich habe über Ihre edelmüthige Handlung geſpottet. Das war ſchlimm, das hieß lügen, weil ich im Grunde und trotz meines Kieſelherzens ge⸗ rührt war; ja, ſehr gerührt von dieſer edlen Handlung; doch meine verteufelte Zunge ſpielte mir abermals einen von ihren ſchlimmen Streichen; halten Sie ſich an ſie, und nicht an mich. Auf, Joſeph,“ fügte die Tante Pru⸗ dence mit einer Nuance von Rührung bei, „auf, mein alter Freund, ſeien Sie ebenſo nachſichtig, als Sie gut ſind; geben Sie mir Ihre Hand.“ „Ah! Prudence, wie wohl thun Sie mir, wenn Sie ſo ſprechen,“ rief Joſeph mit Erguß, indem er die kno⸗ chige Hand der alten Jungfer nahm und zum erſten Male in ſeinem Leben küßte. Bei dieſem Kuſſe konnte die Tante Prudence ihre Unruhe und eine leichte Röthe nicht verbergen, welche nur von Marianne bemerkt wurde; dieſe ſagte beiſeit: „Arme Tante!“ „Nein,“ ſprach Joſeph bis zu Thränen bewegt, wäh⸗ rend er in der ſeinigen die zitternden Hände der alten Jungfer behielt, „nein, Sie können ſich nicht vorſtellen, 105 wie ſchmerzlich es mir war, Sie in dieſem Grade ge⸗ fühllos zu glauben. Ich wäre vielleicht nicht dazu ge⸗ langt, daß ich mich ganz hievon überzeugt hätte, doch ſchon der Zweifel allein war mir verhaßt.“ Die Ankunft des Vater Laurencin und von Michel erlaubte der Tante Prudence, ihre gewöhnliche Ruhe wiederzugewinnen, welche ſo tief durch den herzlichen Kuß, den der Vetter Ronſſel auf die abgemagerte Hand der alten Jungfer gedrückt hatte, geſtört worden war . Wie grauſam lächerlich hätte ſie ſich geſchienen, wäre ihre Gemüthsbewegung von irgend einer andern Perſon, als von Marianne ergründet worden. V. Der Vater Laurencin, als er mit Michel in das Sht eintrat, blieb auf der Thürſchwelle ſtehen und agte: 6 „Mademviſelle Prudence, wir ſind vielleicht unbe⸗ ſcheiden, mein Enkel und ich, doch wir fanden die Thüre der Treppe offen, und da Ihre Dienerin ohne Zweifel für einen Augenblick ausgegangen iſt, ſo glaubten wir, ohne gemeldet zu ſein, erſcheinen zu dürfen, um Ihnen unſeren Reſpect bei unſerer Rückkehr von der Reiſe zu bezengen.“ „Und Sie haben wohl gethan, Vater Laurencin,“ erwiederte die alte Jungfer. „Guten Morgen, kleiner Michel; Du biſt alſo eine große Gefahr gelaufen, mein armes Kind?“ „Wie, Mademviſelle,“ verſetzte der Greis, „Sie wiſſen ſchon, daß .. „Daß mein Vetter Nonſſel mit Lebensgefahr Ihren Enkel gerettet hat? Ja, Fortuné hat mir dieſen ſchönen Zug erzählt.“ 106 „Ah! Mademoiſelle, das iſt eine Schuld, die wir nie an Herrn Rouſſel werden abtragen können.“ In dem Augenblick, wo der alte Handwerker dieſe Worte ſprach, wurde die Thüre aufs Neue geöffnet, u die Dienerin der Tante Prudence erſchien und agte: „Mademoiſelle, aus Unachtſamkeit hatte ich, den Schlüſſel mitnehmend, die Thüre auf einen Augenblick nur angelehnt gelaſſen; bei meiner Rückkehr fand ich ſie offen. Iſt Jemand gekommen?“ „Ja, Fran Catherine,“ antwortete die Tante Pru⸗ dence. „Doch man klingelt . . . ſehen Sie, wer es iſt.“ Catherine gehorchte den Befehlen der alten Jungfer und ging, nachdem ſie einen triumphirenden Blick auf Michel geworfen, hinaus. Dieſer Blick ſchien zu ſagen: „Fortan werde ich in demſelben Hauſe mit meinem Kinde wohnen.“ Die Dienerin der Tante Prudence war niemand Anderes, als Catherine von Morlac, Catherine die Cour⸗ tiſane, ſo unkennbar unter ihren groben Kleidern und ihrer weißen Haube, welche ihre Haare völlig verbarg, daß der Vater Laurencin, der Vetter Ronſſel, Fortuné und Michel ſie Anfangs nicht erkannten. Ihre Identität wurde für ſie erſt erwieſen, als ſie dieſelbe von der Tante Prudence Frau Catherine nennen hörten. „Dieſe Frau!“ rief der Vater Laurencin, indem er ſich, aus ſeiner Verwunderung erwachend, an die alte Jungfer wandte, „dieſe Frau! wer iſt ſie?“ „Es iſt unſere Dienerin,“ erwiederte die Tante Prudence, ſehr erſtaunt über den Ausdruck des Greiſes. „Sie iſt die Krankenwärterin von Marianne geworden⸗ nachdem ſie dieſe vor dem Tode bewahrt hatte. Frau Catherine iſt das beſte Geſchöpf, das ich kenne.“ „Wie! meine Tante,“ ſagte Fortuns, „dieſe Frau, von der Sie vorhin mit ſo großem Lobe ſprachen?“ 107 „Ja,“ antwortete Marianne, „ja, und in meinem Leben werde ich den Dienſt, den ſie mir geleiſtet, die Pflege, die ſie mir gegeben, nicht vergeſſen.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſagte der Vetter Rouſſel, indem er dem Goldſchmied einen bezeichnenden Blick zuwarf⸗ während ſich Michel leiſe an den alten Handwerker wandte: Wie, Großvater, die hübſche Dame, welche Mama gekannt hat, und die ich von Zeit zu Zeit bei Herrn Rouſſel ſah, wohnt hier? Welch ein Glück! ich werde ſie oft ſehen, und ſie wird mit mir von meiner Mutter reden.“ „Ah!“ ſprach der Greis zornig zu ſich ſelbſt, „ich begreife, ſie hat unſere Abweſenheit benützt, um ſich in dieſes Haus einzuſchleichen und das Wohlwollen von Mademoiſelle Prudence zu gewinnen, damit ſie ſich Mi⸗ chel nähern kann! Welche Liſt! Oh! ich werde ihre Pläne vereiteln, denn ich ſehe, worauf ſie abzielen!“ Plötzlich öffnete ſich die Thüre, und Aurelie von Villetaneuſe trat bei ihrer Tante ein. X Frau von Villetaneuſe ſah zum erſten Male ſeit ihrer Verheirathung Fortuné Sauval und den Vetter Rouſſel. Dieſe brachten gewöhnlich ihren Abend bei der Tante Prudence zu, während Aurelie im Gegentheil immer zu ihr am Morgen kam. Aus leicht zu errathen⸗ den Urſachen wäre es ihnen übrigens auch peinlich ge⸗ weſen, mit der jungen Gräfin zuſammenzutreffen, und ſie hatten das Zuſammentreffen bis dahin beſtändig ver⸗ mieden. Schmerzlich bewegt beim Anblick von Aurelie, fühlte Fortuné ſeinen ganzen Kummer ſich wiederbeleben; er hatte ſie als ein treuherziges, ſchüchternes, wenig in der 108 Welt verfeinertes junges Mädchen verlaſſen; er fand ſie wieder, wenn nicht ſchöner, doch wenigſtens noch verfüh⸗ reriſcher als in der Vergangenheit; die Leichtigkeit ihrer Haltung, die anmuthige Freiheit ihrer Manieren, etwas coquett Herausforderndes in ihrem Blicke, in ihrem Gange, in ihren geringſten Stellungen verliehen ihr jenen Reiz, der immer von einem zahlreichen Hofe, unabläßig von Huldigungen umgebenen jungen Frauen eigenthüm⸗ lich iſt, welche, ſo ehrbar ſie auch geblieben ſind, und gerade, weil ſie ehrbar geblieben ſind, unaufhörlich das unwiderſtehliche Bedürfniß, zu gefallen, Artigkeiten auszu⸗ tauſchen, fühlen, um ſich in ihrer Nähe einen Schwarm von Anbetern zu erhalten, — gewöhnlich durchaus nicht uneigennützige Leute, welche jedoch, in Ermangelung der Beute, ſich ziemlich lang durch ihren Schatten be⸗ luſtigen laſſen. Dieſe anziehende Coquetterie hatte ſich in Aurelie dergeſtalt gleichſam eingefleiſcht, daß For⸗ tuné, ihre Herrſchaft erleidend, ehe ſie ein Wort ge⸗ ſprochen, ſie mit einer mit Bitterkeit gemiſchten Be⸗ wunderung anſchaute. Frau von Villetaneuſe bebte, erröthete, ſchlug die Angen nieder, ihr Buſen wogte heftig, und ſie ſchwieg einen Moment wie Fortuné. Der Vater Laurenein und Michel entfernten ſich beſcheiden; die Tante Prudence, der Vetter Rouſſel, Marianne und der junge Goldſchmied blieben allein mit Aurelie. „Fortuné,“ ſprach ſie zu ihrem Vetter, „ich muß geſtehen, ich erwartete nicht, Dich zu ſehen. Meine Gemüthsbewegung beweiſt Dir wenigſtens, daß, wenn ich großes Unrecht gegen Dich gehabt habe, dieſes mir immer gegenwärtig iſt . .. ſowie die guten Erinnerun⸗ gen aus unſerer Kindheit.“ „Ich bitte Dich, ſprechen wir nicht mehr von der Vergangenheit,“ antwortete traurig Fortuns; „Du haſt kein Unrecht gegen mich, Du haſt nur Dein Wort durch 109 meine Tante von mir zurückfordern laſſen . Du biſt Deiner Neigung gefolgt . . . Du biſt glücklich ich habe nichts zu beklagen.“ „Gut, reden wir nicht mehr von der Vergangenheit,“ verſetzte die junge Frau. Und ſich an Joſeph wendend: „Guten Morgen, Vetter Ronſſel, wir haben uns lange nicht geſehen; Sie ſind ſtreng gegen mich verfah⸗ ren WVie oft habe ich meine Tante, meine Schwe⸗ ſter oder meinen Vater gebeten, Ihnen zu ſagen, ich wäre glücklich, Sie bei mir zu empfangen! Sie hätten mir eine Stunde nach Ihrem Belieben bezeichnet, meine Thüre wäre für Jedermann verſchloſſen geweſen . . . und wir würden lange, ohne Ueberläſtige zu fürchten, geplaudert haben.“ „Mein Kind,“ erwiederte Joſeph mit ernſtem, in⸗ nigem Tone, „ich habe Dich bei Deiner Geburt geſehen, und ich hege für Dich eine aufrichtige Zuneigung; ſoll⸗ teſt Du je, was Gott verhüte! meiner ernſtlich bedür⸗ fen, ſo könnteſt Du ſicher auf meine alte Freundſchaft zählen; doch ich geſtehe Dir mit meiner gewöhnlichen Offenherzigkeit, aus verſchiedenen leicht zu errathenden Gründen wäre es mir veinlich, zu Dir zu gehen, ohne dahin durch gewichtige Intereſſen berufen zu ſein.“ „Da das Eis gebrochen iſt . .. und wir uns wie⸗ dergeſehen haben, ſo rechne ich nun auf meinen Glücks⸗ ſtern, um Sie und Fortuns zuweilen bei meiner Tante zu treffen,“ ſagte liebreich die Gräfin. Sodann zu der alten Jungfer und zu Marianne: „Liebe Tante, und Du Schweſterchen, Ihr werdet entſchuldigen, daß ich Euch noch nicht umarmt habe.“ Die junge Frau küßte zärtlich ihre Tante und Ma⸗ rianne. Zu ſehr von Liebe erfüllt, um nicht hellſehend zu ſein, erwiederte dieſe die Liebkoſungen ihrer Schwe⸗ ſter nicht mit ihrem gewöhnlichen Erguſſe, denn ſie be⸗ 11⁰ merkte nicht ohne Bangigkeit und Betrübniß die Unruhe, welche bei Fortuné dos unvorhergeſehene Zuſammentref⸗ fen mit Aurelie verurſachte, eine ſo augenſcheinliche Un⸗ ruhe, daß der Goldſchmied, der ſich zu verrathen be⸗ fürchtete, zur alten Jungfer ſagte: „Tante Prudence, guten Tag.“ „Ach! er ſetzt nicht hinzu: Heute Abend!“ dachte traurig Marianne; „nun iſt er mehr als je in meine Schweſter verliebt. In einem Angenblicke verliere ich Alles, was ich in der Zuneigung von Fortunés ge⸗ wonnen hatte.“ „Wie! Du gehſt ſchon?“ antwortete die alte Jung⸗ fer dem Goldſchmied; „warum eilſt Du ſo ſehr?“ „Ich bin nun drei Monate abweſend, und ich wünſche die Briefe zu leſen, welche während meiner Reiſe für mich angekommen ſind.“ „Und mit dieſer Reiſe biſt Du ohne Zweifel zufrie⸗ den?“ ſagte Aurelie zu Fortuné; „bei Deiner Berühmt⸗ Eitßt Du in England ſo bekannt ſein als in Frank⸗ reich.“ „Die Königin hat ihn mit ganz beſonderer Aus⸗ zeichnung aufgenommen,“ erwiederte der Vetter Ronſſel⸗ „ſie wolite ſeibſt anweſend bei der Aufſtellung des ſchö⸗ nen Goldſchmiedswerkes ſein, mit deſſen Ausführung Fortuné beauftragt geweſen war; mit einem Worte, die Königin hat ihn als großen Künſtler empfangen; ſie hat ihm eigenhändig einen reizenden Brief geſchrieben und ihm dabei eine von ihr gezeichnete Anſicht von Windſor zu⸗ geſchickt; in ihrem Briefe ſagt ſie huldvoll, dieſes Kunſt⸗ andenken ſei das Einzige, was ſie dem trefflichen Künſt⸗ ler zur Erinnerung an ſeinen Aufenthalt in England anbieten könne.“ Fortuns,“ ſprach Aurelie, „wie mußt Du mit Recht ſtolz ſein auf dieſe Huldigungen, die man Deinem Genie darbringt!“ „Oh! allerdings,“ verſetzte der Goldſchmied mit 11¹ einer geheimen Bitterkeit, denn er bedachte, daß ihm, trotz ſeines Genies, Aurelie Herrn von Villetaneuſe vorgezogen hatte. „Es geht nichts über die Genüſſe der Eitelkeit: das Glück liegt hierin für diejenigen, welche es hierin ſuchen.“ „Ich befürchte nur,“ fügte Joſeph bei, „andere ge⸗ krönte Häupter könnten, ſich auf den Vorgang der Köni⸗ gin ſtützend, große Beſtellungen von Goldſchmiedsarbei⸗ ten zum Vorwande nehien, um Fortuné auch auf einige Zeit an ihren Hof zu ziehen.“ „Ich theile Ihre Befürchtungen in dieſer Hinſicht nicht, Vetter Rouſſel,“ verſetzte der junge Künſtler. . Und in der Abſicht, raſch wegzugehen, um ſeine peinlichen Empfindungen zu verbergen, rief er: „Guten Tag, meine Tante . Gott befohlen, Marianne!“ Er wandte ſich nach der Thüre; doch Aurelie ſprach zu ihm im Tone ſanften Vorwurfs: „Und zu mir ſagſt Du kein Wort des Abſchieds?“ „Gott befohlen meine Couſine,“ fügte er bei, ohne die Augen aufzuſchlagen. Und er ging hinaus; Joſeph folgte ihm, ſprach aber noch zu Aurelie, ehe er das Zimmer verließ: „Mein Kind, Du wirſt Deinen Vater von meiner Rückkehr benachrichten; will er morgen früh mit mir frühſtücken, ſo wird er mir ein großes Vergnügen ma⸗ chen. Guten Tag! Ich will mich dieſes Reiſeanzugs entledigen, der mir Golt weiß was für Stichelreden von Deiner Teufelstante eingetragen hat.“ Und ſich an die alte Jungfer wendend: „Die Teufelstante ſind Sie, Prudence.“ „Das verſleht ſich von ſelbſt, Vetter Rouſſel, in Betracht, daß Sie wahrſcheinlich ein Heiliger ſindz und hienach, heiliger Rouſſel, guter heiliger Ronſſel, beten Sie für uns, wenn es Ihnen beliebt.“ „Du ſiehſt es,“ ſprach Joſeph zu Aurelie, „Deine 112 Tante hat ſich nicht verändert, ſie muß immer das letzte Wort haben. Noch einmal: guten Tag; vergiß nicht, Deinem Vater zu ſagen, wie ſehr es mich dränge, ihn wiederzuſehen.“ Nach dieſen Worten ließ der Vetter Ronſſel die Tante Prudence in Geſellſchaſt ihrer beiden Richten. VII. Die Eindrücke von Fortuné beim Anblick von Au⸗ relie waren der alten Jungfer nicht entgangen; als ſie die Traurigkeit von Marianne nach dem Abgange ihres Vetters wahrnahm, wurde auch das Geſicht der Tante Prudence ſeltſam herb und höhniſch gegen die Gräfin, die zu ihr ſagte; „Meine Tante, ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Wohl, laß uns ſprechen, meine Liebe. Du haſt uns ohne Zweifel zu erzählen, wie Du den Einladungen zu Bällen, Feſten, Schauſpielen, mit denen man Dich erdrückt, nicht mehr Genüge leiſten kannſt? Zum Glück haſt Du in dieſer Hinſicht ein zähes Leben und Du wirſt noch nicht an einem Uebermaß von Beluſtigung ſterben!“ „Meine Tante,“ erwiederte Aurelie mit einem ge⸗ zwungenen Lächeln, „die Unterredung, die ich mit Ihnen zu haben wünſche, hat eine ernſte Urſache.“ Und ſich an Marianne wendend: „Schweſterchen, Du erlaubſt, daß ich mit unſerer Tante in den Salon gehe?“ „Ho! ho!“ rief dieſe, „es handelt ſich alſo um eine höchſt gewichtige geheime Mittheilung, Frau Gräfin?“ „Ja, meine Tante,“ antwortete Aurelie, ohne daß ſie den ironiſchen Ausdruck der alten Jungfer zu bemerken ſchien. 113 Und als ſie ſah, daß Marianne ſich anſchickte, ihr Ruhebett zu verlaſſen: „Ich beſchwöre Dich, Schweſterchen, bleibe ruhigz wir gehen ins anſtoßende Zimmer oder laß mich wenigſtens Dir gehen helfen, ſtütze Dich auf mich . nimm Dich wohl in Acht, daß Du keinen falſchen Tritt machſt.“ „Ich danke Dir, Aurelie . . ich gehe nun allein.“ Marianne ſprach dieſe Worte mit einer Art von bitteren Ironie, wenn man ſo ſagen darf; ſie fühlte ſich beinahe ſtolz, ſich von ihrem Gebrechen befreit vor den Augen ihrer Schweſter, der ſie die Kälte des Abſchieds von Fortuné vorwarf, zeigen zu können. Als die Gräfin Marianne aufſtehen, leicht von ihrem Ruhebette herabſteigen und ſich mit einem glei⸗ chen, feſten Schritte nach der Thüre wenden ſah, gab ſie einen Schrei ſo tiefer, ſo aufrichtiger Freude von ſich, während ſie auf ihre Schweſter zulief und ſie zärt⸗ lich küßte, daß Marianne, trotz ihrer eiferſüchtigen Em⸗ pfindungen, gerührt war von dieſem neuen Beweiſe der Zuneigung ihrer Schweſter, welche ſie in ihre Arme ſchloß und zu ihr ſagte: „Es iſt alſo wahr, Schweſterchen, der Arzt hat ſich in ſeinen Hoffnungen nicht getäuſcht? Du biſt nicht mehr hinkend?“ Dann wich ſie ein paar Schritte zurück und fügte iit einem Ausdrucke liebevoller, rührender Reugierde bei: „Ich bitte Dich, Marianne, wenn es Dich nicht ermüdet, gehe noch ein wenig.. Wenn Du wüßteſt, wel⸗ ches Glück es mir bereitet, Dich auf immer von dieſer häßlichen Verunſtaltung befreit zu ſehen!“ Zugleich lächelnd und gerührt, entſprach Marianne dem Wunſche ihrer Schweſter und ging noch einige Schritte. Die Familie Juuffroy. U. 8 114 „Meine Tante, ſehen Sie!“ rief Aurelie, „ſehen Sie doch! Die Taille von Marianne, welche früher auf der Seite, wo ſie hinkte, abzuweichen ſchien, iſt nun geſchmeidig, gerade, elegant . . man vermöchte keine hübſchere zu ſehen.“ „Ah! meine Schweſter, meine Schweſter!“ ver⸗ ſetzte Marianne ſanft bewegt durch die herzliche Freude von Aurelie, „Du verdirbſt mich, Du ſchmeichelſt mir!“ „Ich ſchmeichle Dir! Tante, ſchmeichle ich meiner Schweſter?“ „Nein, nein; Du ſprichſt die Wahrheit.“ Und leiſe fügte die alte Jungfer bei: „Ah! es iſt immer Gutes im Herzen von Aurelie. „ Ich war indeſſen ſehr in der Lauue, der Frau Gräfin den Kummer der Eiferſucht entgelten zu laſſen, unter dem meine arme Marianne gelitten hat; iſt aber im Ganzen Aurelie daran Schuld, wenn Fortuns ſie ſtets ſchön und verführerifch findet? Während dieſer Reflexionen der alten Jungfer tauſchten die zwei Schweſtern noch einige Zärtlichkeiten aus; Marianne entfernte ſich ſodann und ließ Aurelie mit ihrer Tante allein. Dieſe war betroffen von dem ſchmerz⸗ lichen Ausdrucke, den plötzlich die Züge von Aurelie an⸗ nahmen. Ach! ſchon abgeſchliffen in der Welt und ſich ſchmiegend und biegend unter ihren Anforderungen, hatte dieſe achtzehnjährige junge Frau raſch die Gewohn⸗ heit, ihre Gemüthsbewegungen zu verbergen und im Nothfalle die von den Umſtänden gebotene Maske vorzu⸗ nehmen, erlangt. „Meine Tante, Sie haben es errathen, ich muß Ihnen eine geheime Mittheilung machen,“ ſagte Aurelie mit bebender Stimme, „eine ernſte Mittheilung.“ „Sprich, ich höre Dich, wir haben Zeit, mit ein⸗ ander zu reden.“ 115 „Zeit!“ verſetzte bitter die Gräfin, indem ſie ihre Uhr zog und einen Blick darauf warf. Sodann ſagte ſie: „Meine Tante, es iſt halb ein Uhr; ehe es zwei Uhr ſchlägt, muß ich einen Entſchluß gefaßt haben, von dem vielleicht meine Zukunft abhängt.“ VIII Als die alte Jungfer Aurelie mit einem herzzer⸗ reißenden Tone ſagen hörte, ehe zwei Stunden verlau⸗ fen, müſſe ſie einen Entſchluß gefaßt haben, von dem ihre Zukunft abhängen könne, daunterbrach ſie, hiedurch ein tiefes Staunen kundgebend, plötzlich ihr Geſtricke, ſchaute ihre Nichte ſtarr über ihre Brillengläſer an und ſprach zu ihr: „Dieſe Mittheilung iſt alſo ernſter, als ich dachte? Um was handelt es ſich?“ „Meine Tante, Sie und der Vetter Rouſſel ſind die einzigen Perſonen unſerer Familie, welche ein feſtes Ur⸗ theil und einen geſunden Verſtand haben.“ „Deine Eutdeckung kommt ein wenig ſpät, Aurelie.“ „Ich verſtehe Sie; laſſen Sie mich vollenden. Sie wiſſen, ob ich meinen Vater und meine Mutter liebe; doch verblendet durch ihre Zärtlichkeit für mich, wären ſie unfähig, mir einen vernünftigen Rath in der Lage zu geben, in der ich mich befinde; ich will ſie überdies nicht betrüben; ich mußte mich alſo an Sie, meine Tante, oder an Vetter Ronſſel wenden. Ich habe Sie gewählt, weil es Bekenntniſſe gibt, welche weniger peinlich einer Frau, als einem Manne zu machen ſind.“ „Ich weiß Dir Dank für Dein Vertrauen und werde es durch eine volle Aufrichtigkeit erwiedern. Es iſt nicht mein Fehler, daß ich mit Wahrheiten ſparſam bin.“ „Vor Allem, meine Tante, wollen Sie dieſen Brief 116* leſen ich habe ihn beute Morgen durch die Poſt erhalten,“ ſagte die Gräfin. Und ſie nahm aus ihrem, durch das heftige Wogen ihres Buſens bewegten, Leibe einen Umſchlag und übergab ihn der Tante Prudence. Dieſe las, wie folgt: „Madame, „Ihr Gatte hintergeht Sie auf eine unwürdige Art; es hängt von Ihnen ab, ſich durch ein einfaches Mittel hievon zu überzeugen: Nehmen Sie einen Fiacre, laſſen Sie die Vorhänge herunter, fahren Sie heute gegen zwei Uhr nach der Paſſage Cendrier, heißen Sie den Kutſcher in einer Vertiefung halten, die ſich unfern von dem mit der Nr. 7 bezeichneten Hauſe findet. Warten Sie dort einige Augenblicke, und Sie werden nach und nach Herrn von Villetaneuſe und die Frau, der er Sie opfert, ankommen und in das genannte Haus, wo ſie ſich gewöhnlich Rendez⸗vous geben, eintreten ſehen; ſodann, nach Verlauf einer ſtarken Stunde, können Sie Beide getrennt wieder herauskommen ſehen. „Ein unbekannter Freund.“ „N. S. Die fragliche Perſon kommt nie zu Ihnen, obgleich ſie Ihnen nicht unbekannt iſt. Herr von Ville⸗ taneuſe und ſie haben vorgeſtern unter vier Angen in der Blauen Uhr geſpeiſt und ſind hernach in das Ambigu⸗ Comigue, in eine ſorgfältig vergitterte Proſceniumsloge, gegangen.“ Ein ziemlich langes Stillſchweigen folgte auf dieſe Leſung, bei der wiederholt Thränen der Demüthigung die ſchönen Augen von Aurelie befenchteten, während ſie mit dem Ende ihres kleinen Fußes fieberhaft von Zeit zu Zeit auf den Boden ſtieß. „Meine liebe NRichte,“ ſprach endlich die alte Jungfer, indem ſie den Brief Aurelie zurückgab, die krampfhaft in ihrer Hand das anonyme Schreiben zerknitterte, „ich 117 werde Dich nicht durch das unfruchtbare und verzweifelte: Ich ſagte es Dir wohl! niederbengen; aber . .. „Und ich wollte mir um ſeinetwillen das Leben nehmen!“ rief die junge Frau heftig, und mit einer beinahe irrſinnigen Miene ſich auf ihrem Sitze geber⸗ dend. „Seinem Verlaſſen habe ich den Tod vorgezogen. Mein Gott! mein Gott!“ 3 Und ſie ſank wieder auf ihren Stuhl zurück und verbarg ihr leicht erbleichtes und durch ein ſchmerzlich bitteres Lächeln zuſammengezogenes Geſicht in ihren Händen. „Meine arme Aurelie,“ ſprach die Tante Prudence, traurig den Kopf ſchüttelnd, „die Vergangeaheit iſt leider die Vergangenheit; erhebe keine Anſchuldigungen gegen Dich ſelbſt, das Uebel iſt unwiederbringlich, denken wir an die Gegenwart.“ „Die Vergangenheit iſt beklagenswerth, die Gegen⸗ wart verhaßt; urtheilen Sie über die Zukunft, meine Tante. Ach! welch ein Leben.“ „Beruhige Dich . . . ich begreife Deinen Kummer Deine Entrüſtung . . . Doch die Entrüſtung er⸗ wägt nicht vernünftig, und wirmüſſenvernünftiger erwägen.“ „Verzeihung, meine Tante ... Verzeihung!“ mur⸗ melte die junge Frau, der alten Jungfer um den Hals fallend, „ich bin ſehr unglücklich!“ Und ihre lange verhaltenen Thränen floſſen reichlich. Die alte Jungfer, während ſie die Umarmung ihrer Nichte erwiederte, ſagte zu ſich ſelbſt: „Ach! ſie iſt erſt beim Anfange ihrer Leiden. Ach! wie viel Unglück ſehe ich vorher!“ Und zu der in Thränen zerfließenden Gräfin ſprach ſie, dieſe aufrichtend: „Auf! Muth gefaßt . . Bin ich nicht da? ein wenig verdrießlich und knurrig, im Grunde aber der Familie in Liebe zugethan!“ „Ach! meine Tante, was würde ohne Sie aus mir 118 werden? wem ſollte ich mich anvertrauen? Sie kennen Mama das Leſen dieſes Briefes würde ſie in Wuth gebracht haben, und mein armer Vater hätte nur weinen können.“ „Ich billige vollkommen Deine Zurückhaltung gegen Deinen Vater und Deine Mutter bei dieſem peinlichen Umſtande; damit ich aber ein wenig klar in Allem dem ſehen kann, mußt Du mir offenherzig einige Fragen beantworten.“ „Sie wiſſen, ich habe nie gelogen 4 „Nein, Du biſt die Aufrichtigkeit ſelbſt. Ueberlegen wir vor Allem . Dieſer Brief iſt anonym: ſolche gemeine Denunciationen können wenig Vertrauen ein⸗ flößen.“ „Doch die Einzelheiten, die er angibt . . . dieſe ſo beſtimmten Einzelheiten?“ „Nehmen wir im ſchlimmſten Falle vieſen Brief als wahr an . . gut. Dein Gatte iſt Dir untreu „. das iſt ein Unglück, ein großes Unglück. doch ſage mir . . und es iſt kein Vorwurf über Verſtellung, den ich an Dich richte . . . wenn Du zu uns kamſt, wenn Deine Schweſter Dich beſuchte, ſprachſt Du immer nur von Deinem Glücke!“ „Meine Tante . „Mein Gott . . ich begreife Deine Verlegenheit: die Leiden der Seele haben ihre Schaam. Oft zieht es eine Frau vor, in der Stille zu leiden wegen ihrer eige⸗ nen Würde und wegen der des Mannes, der ihren Kummer verurſacht . . . Ach! mein armes Kind .. ich weiß nicht, wer geſagt hat: Die enthüllten Ver⸗ brechen ſind nichts gegen die in der Dunkel⸗ heit gebliebenen . . . Glaube mir, man kann auch ſagen: Der geoffenbarte Kummer iſt nichts gegen den, welcher in der tiefſten Tiefe vieler Herzen begraben bleibt.“ Die alte Jungfer betonte dieſe Worte auf eine ſo rührend ſchwermüthige Weiſe, ihre Züge drückten ein ſo 119 zartes Wohlwollen aus, daß die Gräfin, nicht minder erſtaunt, als es einſt ihre Schweſter beim Geſtändniſſe ihrer Liebe für Fortuns geweſen war, der Tante Pru⸗ deuce wie verblüfft zuhörte; ſodann aber ſprach ſie von einem für ſie ganz neuen Reize ergriffen: „Wie beklage ich es, daß ich gezögert habe, mich Ihnen zu eröffnen, meine Tante!“ „Du befürchteteſt meine Spöttereien, mein Gekeife Biſt Dn ein wenig beruhigt?“ „Ah! ich bin es ganz und gar.“ „Wohl denn, mein Kind, ſprich in vollem Ver⸗ trauen . Sage, haſt Du Dich ſeit heute erſt über Deinen Gatten zu beklagen?“ „Ich weiß es nicht, meine Tante.“ „Wie, Du weißt es nicht?“ „Meine Antwort muß Ihnen ſeltſam . . . albern . unſinnig ſcheinen .. doch ſie iſt aufrichtig.“ „Du weiß nicht, ob Du bis heute Deinem Gatten eine Kränkung vorzuwerfen gehabt haſt?“ „Nein . da er es ſeit unſerer Verheirathung nie an Rückſichten und Zuvorkommenheiten gegen mich hat ermangeln laſſen. Ich liebe den Putz, er gibt mir für dieſen Aufwand zwölfhundert Franken monatlich und ſagt oft zu mir: „Genügt Ihnen dieſe Summe nicht, meine liebe Freundin, ſo ſollen Sie mehr haben.“ Er ſorgt dafür, daß mein Wagen immer ſehr elegant beſpannt iſt; er hat mir eine Loge in der großen Oper und bei den Italienern gemiethet. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Er zeigt ſich eifrig, aufmerkſam, wenn er bei mir iſt . allerdings ſind dieſe Augenblicke ſpärlich zugemeſſen.“ „Sehr ſpärlich?“ „Ja, meine Tante.“ „Dein Gatte geht alſo oft aus?“ „Er geht Morgens nach dem Frühſtück aus . er kommt erſt zur Stunde des Mittageſſens wieder nach Hauſe . ſodann bringt er, mit Ausnahme der Tage, 120 an denen ich zu den Italienern oder in die große Oper fahre, wohin er bisweilen kommt, alle ſeine Abende aus⸗ wärts zu . . und von meinem Zimmer aus, das zu⸗ nächſt dem ſeinigen liegt, höre ich ihn oft ſehr ſpät heimkehren.“ „Und . . . ſeit wie lange hat er dieſe Lebensart angenommen?“ „Vom andern Tage nach unſerer Vermählung. Er ſtellte mich den Frauen ſeiner Bekanntſchaft bei unſeren Hochzeitsbeſuchen vor und begleitete mich einige Male zu den Perſonen, welche uns Abends empfingen, hernach ſagte er zu mir: „„Nun, meine liebe Freundin, können Sie allein in die Geſellſchaft gehen.“ Und in der That, ich gehe ſeitdem allein.“ „Warſt Du Anfangs nicht erſtaunt, betrübt über die Vereinzelung, in der Dich Dein Gatte ließ?“ „Oh! doch, meine Tante ... Ich hatte geglaubt, ich werde meine Tage ganz mit ihm zubringen . kurz, mit ihm ſo leben, wie ich immer meinen Vater mit meiner Mutter leben ſah.“ „Du vergaßeſt, daß Dein Vater und Deine Mutter bürgerlich . . . als gute Leute lebten . . . Jede Claſſe hat ihre Gebräuche.“ „Das dachte ich; aus Furcht, in den Augen meines Gatten lächerlich zu erſcheinen, nahm ich auch, ohne daß ich mich zu beklagen wagte, dieſes Leben an, das ſo ver⸗ ſchieden von dem, welches ich geträumt hatte.“ „Ah! ja, die Träume .. das iſt reizend, das iſt entzückend . leider bieten ſie die Unannehmlichkeit, daß das Erwachen darauf folgt .. Ah! . und Deine Mutter, Dein Vater, wunderten ſie ſich nicht über die häufigen Abweſenheiten Deines Gatten?“ „Meine Mutter . . . ſagte mir: „Mir ſcheint, es iſt die große Art, ſo zu leben.““ „Das iſt richtig, und mein armer Bruder wieder⸗ holte ohne Zweifel ſeufsend: „Nun! Mimi, da dies die 121 große Art iſt, ſo mag die große Art gelten! Wenn nur mein Töchterchen glücklich iſt“““ Du benützteſt wohl die unumſchränkte Freiheit, die Dir Herr von Villetaneuſe ließ?“ „Anfangs betrübt über meine erſte Täuſchung, brachte ich viele Abende allein, traurig, entmuthigt zu. Hernach ging ich, dem dringenden Zureden von Mama und dem meines Gatten nachgebend, der mir vorwarf, daß ich meine hübſchen Toiletten verwelken laſſe, bald mit meiner Mutter, bald allein in Geſellſchaft; nachdem ich meine erſte Schüchternheit überwunden hatte, und dieſe war groß, gefiel mir die Welt jeden Tag mehr; es war dies, ich geſtehe es, eine Betäubung, doch . . . „Es war beſſer, als Deine Abende, die in tran⸗ rigen Betrachtungenverlaufen waren. . . Und dann .. . Du mußt ſehr von Huldigungen umgeben ſein .. . Deine Schönheit zieht einen glänzenden Schwarm von Bewunderern in Deine Nähe?“ „Meine Tante . . . „Mein armes Kind, Du kennſt mich, Gott ſoll mich behüten, daß ich, um Deiner Eitelkeit zu ſchmeicheln, ſo ſpreche. Ich bin ungefähr wie ein Arzt, bei dem man ſich Raths erholt . ich bezeichne genau die Umſtände, und was Deine Schönheit betrifft . . . wenn es mir möglich wäre, Dich im Augenblick ſo häßlich zu machen, als ich es bin . . ich würde nicht verfehlen, dies zu thun, und nie hätte ich Dir einen beſſeren Beweis von meiner Liebe gegeben .. Laß uns fortfahren . . . Die Velt gefiel Dir jeden Tag mehr, Du ſahſt Dich darin natür⸗ lich von Huldigungen umgeben, wie es bei einer von ihrem Manne ſich überlaſſenen, reizenden jungen Frau ſein muß; die Eleganteſten ſtritten ſich um Deine Blicke, um Dein Lächeln; kurz, geſtehe mir, dieſe Anbetungen gefielen Dir . . . „Ja, meine Tante.“ „Und Du wurdeſt allmälig coquette, doch coquette 122 als eine ehrliche Frau, die ſich daran ergötzt, daß ſie gefüllt. Das iſt meine Ueberzengung, und ich bin ſicher, daß ſie mich nicht trügt.“ So ſprechend heftete die Tante Prudence ihre durch⸗ dringenden Angen auf Aurelie. Dieſe hielt ihren Blick mit der Ruhe eines reinen Gewiſſens aus und erwie⸗ derte bitter: „Ach! meine Tante, hätte ich mir das Geringſte vorzuwerfen .. wäre ich dann wohl ſo entrüſtet, ſo verletzt durch das Betragen meines Gatten? Rein, nein, dieſe Huldigungen, dieſe Coquetterien beluſtigen mich, betäu⸗ ben mich, und beſonders . . „Vollende, mein Kind! . . . Warum dieſes plötz⸗ liche Schweigen? Verbirg mir nichts.“ „Ach! meine Tante, Sie ſagten mir einſt: „„Du wirſt immer nur eine Fremde, ein Eindringling in der Geſellſchaft Deines Gatten ſein „Das mußte ſein . . . eiferſüchtig auf Deine Schön⸗ heit laſſen Dich dieſe vornehmen Damen Deinen Mangel an Geburt fühlen.“ „Und ich räche mich dadurch, daß ich coquette gegen die Männer bin, die ſich um ſie bemühen: eine traurige Rache, meine Tante, denn wenn ich nach dieſen glänzen⸗ den Feſten heimkehre, hört die Beranſchung auf und es erfaßt mich oft wieder eine tödtliche Traurigkeit . Wie wird es nun erſt ſein, nun, da dieſer verwünſchte Brief mir die Augen geöffnet hat mir beweiſt, daß mein Gatte mich nie geliebt! Nein, nein, die Verein⸗ zelung, in der er mich läßt . die Freiheit, die er mir gewährt. . . ſind für mich eben ſo viele Beweiſe von ſeiner Gleichgültigkeit! Er verachtet mich.“ Bei dieſen Worten richtete die Gräfin den Kopf ſtolz, entrüſtet auf, und ſie fügte bei: „Verachtet ſein . . Ach! zum erſten Male erdulde ich dieſen Schimpf!!“ „Aurelie, nimm Dich in Acht! Dieſer hoffärtige 123 Zorn iſt ſchlimm; er kann Dir Rachegedanken eingeben, und eine betrogene Frau, die ſich an ihrem Manne durch das Geſetz der Wiedervergeltung rächt, entehrt ſich.“ „Beruhigen Sie ſich, meine Tante; ich bin nicht, ich werde nie eine ſolche Frau ſein.“ „Ich glaube Dir, und Alles ſagt mir, daß Du aufrichtig biſt Ich habe Dich aufmerkſam angehört, Du haſt meinen Rath verlangt, vernimm ihn: Du wirfſt die⸗ ſen anonymen Brief ins Feuer, betrachteſt die Beſchul⸗ digung, die er enthält, als eine Verleumdung und hüteſt Dich beſonders wohl, Dich zur genannten Stunde von der Wirklichkeit des fraglichen Rendez⸗vous zu überzengen. Ergib Dich, ſchließe die Augen, genieße fortwährend als ehrliche Frau das frivole, glänzende Leben, in welchem Du bald wenigſtens das Vergeſſen Deines Kummers finden wirſt.“ „Ich ſoll mich in einen ſo demüthigenden Schimpf fügen?“ verſetzte die Gräfin mit Erſtaunen, nachdem ſie die alte Jungfer angehört hatte. „Wie! meine Tante, ie Sie rathen mir dieſe feige Ergebung ?“ „Es iſt kein anderer Entſchluß zu faſſen. Was willſt Dn machen? Was kannſt Du machen? .. „Weiß ich es?“ „Ei! allerdings weißt Du es nicht; das iſt ganz einfach: Deine Würde Dein redlicher Charakter wider⸗ ſetzen ſich, daß Du Deinem Gatten Schimpf durch Schimpf vergiltſt. Ich ſage Dir noch einmal, ergib Dich würdig, edelmüthig in Dein Loos.“ „Ich ſoll mich darein ergeben, jeden Tag den Mann zu ſehen, der mich betrügt, verachtet, ohne Zweifel mit ſeiner Geliebten über mich ſpottet!. . Sie iſt alſo ſehr ſchön, ſeine Geliebte!“ Mein armes Kind, laß uns vernünftig reden, Du willſt Dich nicht rächen, Du kannſt Dich nicht ergeben; was wirſt Du thun?“ „Ich werde mich von meinem Manne trennen.“ 124 „Wenn er hiezu einwilligt.“ „Er muß dies!“ „Er wird nicht einwilligen.“ „Meine Tante!“ „Er wird nicht einwilligen, ſo lange .. Doch die Tante Prudence unterbrach ſich und fügte in ihrem Geiſte bei: „Aurelie enthüllen, daß dieſer Menſch ſie ihrer Mit⸗ gift wegen, die er ohne Zweifel vergendet, geheirathet hat, heißt dieſer unglücklichen jungen Frau einen letzten Schlag beibringen, ſie zu Extremitäten antreiben, deren Folgen mich erſchrecken. .. Sie iſt ſo ſchön!“ „Sprechen Sie ſich ganz aus,“ ſagte Aurelie, als die alte Jungfer ſich unterbrach. „Ich wiederhole Dir, Dein Gatte würde nie zu einer Trennung einwilligen, ſo lange es ihm zuſagt, mit Dir aus einem oder dem andern Grunde, zu leben . Du liebſt Deinen Vater, Deine Mutter?“ „Es iſt die Furcht, ſie in Verzweiflung zu bringen, was mich veranlaßt hat, Ihnen mein peinliches Geheim⸗ niß anzuvertrauen.“ „Bedenke alſo den Schmerz Deiner Mutter, Deines Vaters bei der Idee einer Trennung nach Verlauf einer einjährigen Ehe . . . Und ſelbſt im Falle, daß dieſe Trennung möglich wäre, denke an die blutigen Spötte⸗ reien, an den verletzenden Triumph dieſer Frauen, die auf Dich eiferſüchtig ſind! „„Seht doch die kleine Bür⸗ gerin, ihr Gemahl hat ſie, trotz ihrer Schönheit, ſo ein⸗ fältig, ſo linkiſch gefunden, daß ſie ihm nach einer ein⸗ jährigen Ehe unerträglich geworden iſt; er iſt ihr un⸗ treu geweſen und ſchickt ſie nun zu ihren Eltern zurück; ſie bleibe dort! wir werden ſie gewiß nicht mehr in unſern Salons empfangen . . . dieſe Zufallsgräfin!““ „Oh! ja,“ verſeßte Aurelie mit bitterem Aerger, „ſie ſind neidiſch, boshaft genug, um dies zu ſagen.“ „Beurtheile auch ihre Frende bei der Kunde von 125 dieſer Trennung! Entzückt, von einer Nebenbuhlerin, die ſie vernichtete, befreit zu ſein, werden ſie Dir ihre Thü⸗ ren vor der Raſe ſchließen .. Noch ein ganz anderes Lied wird es in der Geſellſchaft Deiner Eltern, bei den Hugnet, den Richardet, den Chamonſſet ſein! „Ha! ha! Fräulein Jouffroy hat die Stolze, die Hoffärtige geſpielt! Sie wollte Frau Gräfin werden . . . da iſt ſie ſchön angekommen, ihr Mann hat ihr den Abſchied ge⸗ geben; die vornehme Welt, in die ſie ſich vermöge des Namens, den ſie führt, eingeſchlichen, kehrt dieſer ſtolzen Gräfin den Rücken zu. Ha, ha, ha! wie iſt das ſo wohl gethan! wie freut das uns! Sie ſoll es ſich nur einfallen laſſen, in unſere Geſellſchaft zu kommen; wir werden die Frau Gräfin auf eine poſſirliche Art empfangen!““ „Oh! das iſt ſchändlich! das iſt gräßlich!“ rief Aurelie mit Thränen des Zornes in den Augen. „Von den Einen verachtet, von den Andern verhöhnt! . . Mein Gott! mein Gott! . . .“ „Ja, verachtet von den Einen, verhöhnt von den Andern, das iſt es, mein Kind, was Deiner harrt, gibſt Du einen unwiederbringlichen, ärgerlichen Eclat einer traurigen Entdeckung, welche verborgen bleiben ſollz glaube mir, lebe fortwährend wie in der Vergangenheit, geachtet von den redlichen Leuten, wenn Du Dich immer als rechtſchaffene Frau aufführſt.. „Auf, mein Kind, Muth gefaßt! Allerdings hätte ich eine andere Heirath für Dich vorgezogen, doch am Ende „ was geſchehen iſt, iſt geſchehen: ſuche Dir Deine Lage ſo viel als möglich zu Nutze zu machen, drücke die Augen über der Untreue Deines Gatten zu, das wird zugleich Weisheit und Würde ſein; Euer Leben iſt ſo eingerichtet, daß Du ihn wenig ſiehſt, es wird alſo leicht für Dich ſein, die erſte Bitterkeit Deiner Empfindungen zu bewältigen; ſodann werden früher oder ſpäter die Zeit, die Zerſtreuun⸗ gen des weltlichen Lebens nothwendig das Vergeſſen eines heute ſo lebhaften Kummers herbeiführen. Ich beſchwöre Dich, mein Kind, befolge meinen Rath; er iſt vernünftig; er iſt der einzige, den ich Dir geben kann.“ „Ja . Sie haben Recht,“ erwiederte Aurelie mit ſtarrem, nachdenklichem Blicke und in dieſem Mo⸗ mente erfaßt, überzengt von der Richtigkeit der Rath⸗ ſchläge der alten Jungfer und entſchloſſen, ſie zu befol⸗ gen. „Dank .. Dank, meine gute Tante . . Ach! hätte ich immer auf Sie gehört! . . . „Gut, gut, alle Ach! der Welt über die Vergangen⸗ heit ſind nicht ſo viel werth als ein feſter Entſchluß in Betreff der Zukunft . . . Iſt er gefaßt wohl ge⸗ faßt dieſer Entſchluß?“ „Ja, meine Tante.“ „Umarme mich, theures Kind! und da ſchon ein Geheimniß zwiſchen uns beſteht, ſo bitte ich Dich drin⸗ gend . . . ſobald Dir fortan ein neuer Kummer wider⸗ fährt, komm auf der Stelle zu mir . und beſonders keinen unbeſonnenen Streich! Ich mißtraue Deinem Kopfe und habe Vertrauen zu Deinem Herzen.“ „Meine Tante, ich verſpreche Ihnen, Ihre Rath⸗ ſchläge zu befolgen, und ich werde zu Ihnen kommen, wenn mich ein neuer Schlag trifft!“ erwiederte die Gräfin, ihre Tante umarmend. Und da ſie durch ihr verſtörtes Geſicht ihre Schwe⸗ ſter zu beunruhigen befürchtete, ſo entfernte ſie ſich, ohne Marianne wiederzuſehen. IX. Frau von Villetaneuſe hatte ihrer Tante verſpro⸗ chen, die Augen über der Untreue ihres Gatten zuzu⸗ drücken und ſich mit einer vernünftigen Würde in dieſe Verletzung zu ergeben. Sie konnte indeſſen der bren⸗ nenden Begierde, ſich von der Wirklichkeit der in dem 127 auonymen Briefe bezeichneten Umſtände zu verſichern, nicht widerſtehen. „Dieſe Angeberei könnte erlogen ſein dachte die junge Frau; „wenn es ſich ſo verhielte, wie groß wäre meine Freude! erlange ich dagegen die grauſame Ge⸗ wißheit, ſo wird ſie nichts an meinem Entſchluſſe, den Rath meiner Tante zu befolgen, ändern“ In ihrem heftigen Drange, ſich zu der alten Jung⸗ fer zu begeben, hatte Aurelie nicht warten wollen, bis ihre Pferde angeſpannt wären; ſie war im Fiacre aus⸗ gefahren; nun befahl ſie dem Kutſcher, der auf ſie wartete, ſie nach der Paſſage Cendrier zu fahren und ſeinen Wagen an einem Orte halten zu laſſen, den ſie ihm be⸗ zeichnete, nachdem ſie das Billet zum zweiten Male ge⸗ leſen hatte; ſie ließ ſodann die Vorhänge herunter, und der Fiacre ging ab. Die Entferuung von der Cour des Coches bis zur Paſſage Cendrier iſt unbedeutend, und der Wagen ge⸗ langte bald dahin. Es iſt dies eine ziemlich öde Oert⸗ lichkeit, begränzt von hohen Mauern, welche als Um⸗ friedung für anliegende Gärten dienen. Der Fiacre hielt nach der Angabe von Aurelie in einer durch zwei Mauerflügel gebildeten Vertiefung. Von dieſer Stelle erblickte man auf ein paar Schritte ein Haus von ärm⸗ lichem Ausſehen, über deſſen Thüre, wie es der anonyme Prief bezeichnete, die Nummer 7 angebracht war. Die Läden am zweiten Stocke dieſes Hauſes waren geſchloſſen. Nachdem ſie ungefähr eine Viertelſtunde gewartet hatte, ſah Aurelie durch die enge Oeffnung zwiſchen der Einfaſſung des Vorhangs und der Füllung des Wagen⸗ ſchlags von fern Henri von Villetaneuſe herbeikommen; er rauchte ſorglos ſeine Cigarre und ging auf das Haus Nr. 7 zu; einen Augenblick, bevor er an die Thüre klopfte, blieb er, einen Fiacre mit heruntergelaſſenen Vorhängen wahrnehmend, ſtehen; doch ohne Zweifel in der Vermuthung, dieſer Wagen ſei der der Perſon, welche 128 ihm wahrſcheinlich beim verabredeten Rendez⸗vous zuvor⸗ gekommen, beſchleunigte Henri von Villetaneuſe bald ſeinen Gang und klopfte an die Thüre, die ſich vor ihm öffnete und ſogleich hinter ihm ſchloß. Aurelie behielt keinen Zweifel mehr über die Un⸗ treue ihres Gatten . . . und obſchon ſie auf dieſe Ent⸗ deckung gefaßt ſein mußte, zog doch eine Wolke vor ihren Augen hin, ein ſcharfer Stich drang durch ihr Herz; was ſie in dieſem Augenblicke litt, war gräßlich hundertmal gräßlicher, als das, was ſie, eine Stunde vorher die Möglichkeit der Thatſache, die ſich verwirklicht, annehmend, gelitten hatte. Sie erholte ſich kaum von ihrer Gemüthserſchütterung, als ſie in der Ferne, in der Paſſage, das Rollen eines Wagens hörte. Er ging langſamer, ſowie er ſich dem Hauſe Nr. 7 näherte. Die Gräfin, die ſich abermals auf die Lauer legte, ſah einen Fiacre mit heruntergelaſſenen Vorhängen vor der Thüre des erwähnten Hauſes anhalten. Der Kutſcher verließ ſeinen Sitz, öffnete den Schlag, und eine Franu von kleinem Wuchſe, in einen orangefarbigen Kaſchemirſhawl gehüllt, ſprang aus dem Fiacre; während ſie ſodann an die Thüre klopfte, wandte ſie ſich um und ſagte ein paar Worte zum Kutſcher . . . Wie groß war das Erſtaunen von Frau von Villetaneuſe, als ſie Madame Bayeul erkannte .. . dieſe ſchamloſe kleine Frau mit den glühend blonden Haaren, welche beim erſten Zuſam⸗ mentreffen von Aurelie Jouffroy mit dem Grafen die Eiferſucht und den Aerger des Mädchens ſo lebhaſt er⸗ regt hatte. 1 Dieſer neue Schlag war vielleicht noch ſchmerzlicher als der erſte. Ein paar Augenblicke nach dieſer grau⸗ ſamen Entdeckung ließ ſie ſich nach dem Hotel Villeta⸗ neuſe fahren. 129 X. Der Vater Laurencin, als er auf eine ſo unvor⸗ hergeſehene Weiſe Catherine von Morlac bei der Tante Prudence getroffen hatte, erkundigte ſich nach dem Zim⸗ mer, das ſie im Hauſe bewohnte, und nach mehreren vergeblichen Verſuchen, die er noch an demſelben Tage machte, fand er Catherine kurz vor Einbruch der Nacht in ihrer Stube. Dieſe Frau, welche fünfzehn Jahre lang in den Genüſſen des verfeinertſten Luxus gelebt hatte, dieſe glänzende, unerſättliche Courtiſane, gewohnt, ihre ver⸗ ſchwenderiſchen Liebhaber voll Eifer ihren geringſten Lannen zuvorkommen zu ſehen, bewohnte im fünften Stocke eine kleine Stube, erleuchtet durch ein niedriges Fenſter, eine kalte, düſtere Manſarde mit kahlen, zerriſſenen Wänden. Eine eichene Bettlade mit einer magern Matratze, ein Tiſch, ein Stuhl, einiges plumpes Hausgeräth auf einem an die Wand genagelten Brette, dies war das ganze Mobiliar. Unter dem ſchmalen Glasrahmen ſitzend, der ein ſpärliches Licht in die Manſarde eindringen ließ, flickte Catherine Strümpfe in dem Angenblick, wo der alte Handwerker bei ihr eintrat. Als er in dieſem Dachwin⸗ kel, angethan mit einem groben Rocke, die Frau wieder⸗ fand, die er einſt in einer glänzenden Wohnung mit ſeltener Eleganz gekleidet geſehen hatte, da fühlte ſich der Vater Laurenein bewegt von dieſem Contraſte zwiſchen der Gegenwart und der Vergangenheit; doch ſein Mit⸗ leid mäßigend durch den Gedanken an die ärgerlichen Folgen, welche für Michel die Gegenwart ſeiner Mutter in dieſem Hauſe haben konnte, ſagte der Greis zu Catherine, welche, als er erſchien, aufgeſtanden war: Die Familie Jonffroy. . 9 130 „Gott ſei gelobt! Sie ſind zu Grunde gerichtet . . . Es gibt eine Gerechtigkeit im Himmel! Ihre Reichthü⸗ mer, die Frucht Ihrer Schande, haben Sie verloren!“ Auf dieſe Worte erwiederte die Courtiſane Anfangs nichts; ſie blieb nachdenkend und ſprach erſt nach einigen Augenblicken: „Ich müßte Sie an meinen Ruin glauben laſſen .. . das wäre von meiner Seite verdienſtlicher; doch Sie werden vielleicht nachſichtig gegen mich ſein, wenn Sie die Wahrheit erfahren. Rein, ich bin nicht zu Grunde gerichtet * „Warum wohnen Sie dann in dieſer Manſarde? Warum verrichten Sie Lohndienſte? Warum warten Sie Kranke?“ „Ich verrichte Lohndienſte, ich warte Kranke, ich flicke Strümpfe, ich nehme die geringfügigſten Arbeiten an und bewerbe mich darum, weil ich meinen Lebens⸗ unterhalt auf eine thätige, redliche Weiſe verdienen will, und ich verdiene ihn ... Ich wohne in dieſer Manſarde, weil mein Sohn im Hauſe wohnt.“ „Sie hoffen alſo . . . Sie wagen es alſo . . .“ „Seien Sie ohne Furcht . Sie beſitzen mein Geheimniß . .. Nie werde ich Mißbrauch von dem Umſtande machen, daß es mir nun ſo leicht wäre, mei⸗ nen Sohn zu ſehen . . Ach! wenn Sie fühlten, welches Glück es für mich iſt, in demſelben Hauſe wie er zu wohnen ihn in meiner Nähe zu wiſſen . . . Hören Sie, Herr Laurenein, ich würde dieſe dürftige Manſarde jetzt nicht gegen einen Palaſt vertauſchen.“ „Iſt das wahr? .. Iſt das, was Sie da ſagen, wirklich wahr?“ „Warum ſollte ich lügen?“ „Wenn ich Ihnen glauben könnte! . . . Wie! es würde von Ihnen abhängen, wie früher im Luxus und in den Luſtbarkeiten zu leben? Doch verwandelt, wiederge⸗ boren durch die mütterliche Liebe ziehen Sie es vor, in 131 einer von Mühſeligkeiten begleiteten Armuth zu leben, um Nein, nein, das iſt unmöglich! Ein ſolches Oyfer! eine ſo edle, ſo muthige Reſignation von Ihnen! . „Nein, das iſt nicht wahr! Sie ſind zu Grunde ge⸗ richtet; es wird Ihnen durch Ihren Ruin eine elende Eriſtenz auferlegt; Sie wollen mich aber überreden, Ihre Entbehrungen ſeien freiwillig. Ich werde mich nicht durch Ihre Liſt bethören laſſen.“ Die Courtiſane lächelte traurig. ging auf ihre Com⸗ mode zu, nahm aus einer der Schubladen ein Porte⸗ feuille, übergab es dem Greiſe und ſprach zu ihm: „Oeffnen Sie dieſes Portefeuille, Herr Laurencin, und verſichern Sie ſich deſſen, was es enthält.“ „Was ſehe ich!“ rief der Greis mit wachſendem Erſtanneu. „Banknoten, Staatskaſſenſcheine . . . Ren⸗ teneinſchreibungen auf den Inhaber . . .5 „Dieſe Werthe geben einen Betrag von mehr als dreimalhunderttauſend Franken,“erwiederte einfach Cathe⸗ rine: „Sie können ſich von dem, was ich ſage, ver⸗ ſichern.“ „Iſt das ein Traum? Nein, nein, dieſe Frau lügt nicht . ſie iſt immer noch reich!“ Und noch betänbt von dieſen augenſcheinlichen Be⸗ weiſen, wandte er ſich an Catherine und ſprach: „Aber welchen Gebrauch gedenken Sie denn von dieſen bedentenden Summen zu machen?“ „Den Gebrauch, den ich davon ſeit drei Monaten mache, Herr Laurencin.“ „Was wollen Sie hiemit ſagen?“ 6 „Obgleich heute Morgen erſt hierher zurückgekehrt, hörten Sie doch vielleicht von einem geheimnißvollen Wohlthäter reden, der.. oft „ „Bei einer Menge von den unter den Bewohnern der Cour des Coches fo zahlreichen Nothſtänden zu Hülfe kommt? Ja, das war eines von den erſten Dingen, von denen uns, Michel und mich, die Portisre bei unſerer 132 Ankunft unterrichtet hat. Es konnte jedoch Niemand hier herausbringen, wer dieſer verborgene gute Geiſt war.“ „Ich kann es Ihnen anvertrauen, wenn Sie mir das Geheimniß treu zu bewahren verſprechen wollen.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Nun denn, dieſer geheimnißvolle Wohlthäter . . .“ „Reden Sie . . .“ „Bin ich „Sie!!“ „Ja, Herr Laurencin.“ „Iſt es möglich! . . . Sie Sie!“ „Durch das Vermögen, das ich in Werthpapieren beſitze, kann nichts leichter für mich ſein, als bei einer großen Anzahl der Theilnahme würdiger Leiden zu Hülfe zu kommen. Meine Gegenwart in dieſem Hauſe ſeit drei Monaten wird Ihnen erklären, wie der geheim⸗ nißvolle Wohlthäter ſo genau von der Noth der Bewoh⸗ ner der Cour des Coches unterrichtet iſt . . . Werden Sie mich nun abermals der Lüge bezüchtigen, Herr Lau⸗ rencin?“ „Großer Gott! . . . Sie bezüchtigen!“ rief der Greis tief bewegt. „Es iſt an mir, Sie wegen meines Verdachtes um Verzeihung zu bitten.“ „Meine frühere Aufführung berechtigte Sie hiezu . . . Ich gedachte Anfangs, das wenige Gute, was ich that vor Ihnen zuverbergen; die Sühnung meiner Ausſchweifun⸗ gen dünkte mir ſo vollſtändiger . . . doch ich befürchtete, was geſchehen iſt . . . ich befürchtete, Sie ſehen in mei⸗ nem Entſchluſſe, fortan auf eine redliche, mühſame Weiſe mein Brod zu erwerben, nur ein Gebot der Nothwendig⸗ keit.. Ich hätte ſo vielleicht Ihr Mitleid verdient, doch nicht Ihre Achtung, und Sie müſſen mich achten, um mir zu erlauben, oft meinen Sohn zu ſehen!“ „Mein Gott! welche Verwandlung!“ rief der Greis 3 die Hände zum Himmel erhebend, „welche Verwandlung bei dieſer Frau!“ „Sie ſetzt Sie in Erſtaunen?“ „Ich glaube kaum an das, was ich ſehe, was ich höre.“ „Ah! ich ſagte Ihnen wohl, ich ſei „Mutter ge⸗ worden .. nachdem ich ſo lange ohne Herz für mein Kind geweſen Hören Sie, an demſelben Tage, an welchem Sie mir dieſe Armſpange brachten. DOh! dieſes Juwel, ich habe es allein behalten, und ich trage es beſtändig.“ 9 Und den Aermel ihres groben Kleides zurückſchla⸗ gend, zeigte ſie das an ihrem Arme befeſtigte koſtbare Juwel. „Dieſe Armſpange wird mich nur bei meinem Tode verlaſſen, ſie bezeichnet für mich den Tag, wo ich mei⸗ nen Sohn wiedergeſehen habe; an jenem Tage ſprach ich mit meinem Geſchäftsführer, wir ſtellten die Summe meines Vermögens feſt, er wunderte ſich über meine un⸗ erſättliche Habgier. „ Herr Bayeul,“ ſagte ich zu ihm, „„ich denke an die Zukunft: ich habe ſo viele Frauen meiner Art, nachdem ſie ſich auf dem Golde gewälzt, zu einem gemeinen, ſchimpflichen Looſe herabſiuken ge⸗ ſehen: ich habe ſie gezwungen geſehen, Krankenwärterin⸗ nen oder Löhnerinnen zu werden und in einer Dach⸗ kammer zu leben, und ich will einem ſo grauenhaften Schickſale entgehen . „ Ich ſprach die Wahrheit: dieſes Loos ſchien mir damals abſcheulich, entſetzlich . .. Es iſt heute das meinige, freiwillig das meinige, und ich bin hierüber glücklich, ſtolz, denn nun,“ fügte Ca⸗ therine mit Thränen in den Augen bei, „denn nun wer⸗ den Sie meine Gegenwart in dem Hauſe, wo mein Sohn wohnt, nicht mehr fürchten.“ „Es iſt alſo wahr ... Alles läßt ſich ſühnen, Al⸗ les läßt ſich verzeihen,“ ſprach der alte Handwerker, der ſich ſeiner Thränen nicht mehr erwehren konnte. „Ca⸗ therine . . . Sie ſind die Muthigſte, die Beſte der Mütter!“ Der Vater Laurenein ſtreckte ſeine Arme gegen die Conrtiſane aus. Doch dieſe fiel vor ihm auf die Kniee, ergriff ſeine Hände und bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen. Nein, nein, kommen Sie in meine Arme, an mein Herz “ rief der Greis. Und er hob Catherine auf und ſchloß ſie väterlich an ſeine Bruſt. Vl. Ein ziemlich langes Stillſchweigen folgte auf die Verſöhnung von Catherine mit dem Vater Laurencin; Beide fühlten ſich durch ihre Gemüthsbewegung zu ſehr beklommen um zu ſprechen. Die Couruſane ſagte endlich; „Guter Vater . . . oh! nicht wahr, Sie erlauben, daß ich Sie ſo nenne?“ „Ja, ja, denn mir ſcheint, mein Sohn, wäre er geuge Ihrer Reue, Ihrer Büßung, Ihrer mütterlichen Zärtlichkeit geweſen, würde Ihnen verziehen haben, wie ich Ibnen verzeihe.“ „Oh! Dank! . . . Dank!“ erwiederte Catherine abermals dem Greiſe die Hände küſſend, „laſſen Sie mich Ihnen mit wenigen Worten ſagen, guter Vater, wie ich mich in dieſem Hanſe niedergelaſſen habe .. und was ich noch von der Güte, die Sie mir bezeigen, erwarten würde . . . wenn mein Wunſch zu verwirklichen jt „Reden Sie . . reden Sie.“ Am Tage nach der Hochzeit von Herrn von Vil⸗ letaneuſe verſieß ich meine Wohnung; trotz ſeinen Nach⸗ forſchungen verlor er meine Spur; ich nahm, wie Sie wiſſen, meinen Aufenthalt im Marais; Sie erlaubten mir von Zeit zu Zeit, meinen Sohn bei Herrn Rouſſel 135 zu ſehen . . . Ich muß Ihnen geſtehen, die Seltenheit dieſer Zuſammenkünfte machte mich troſtlos . . erfuhr Ihre Abreiſe und die von Michel nach England. Ich hatte in einer beträchtlichen Summe Alles, was ich beſaß, realiſirt. Seitdem ich meine Mutter⸗ würde fühlte, ſchien es mir entehrend, perſönlich von dieſem ſchändlich erworbenen Vermögen Gebrauch zu machen; ich glaubte es edler verwenden zu können. Entſchloſſen, auf eine redliche, mühſame Art meinen Lebensunterhalt zu verdienen und mich meinem Sohne zu nähern, benützte ich Ihre Abweſenheit von Hauſe und miethete dieſe Manſarde. Die Cour des Coches iſt beinahe ganz von armen Arbeitern bevölkert; es würde mir alſo möglich ſein, ſagte ich zu mir ſelbſt, unbe⸗ kannt bleibend der Theilnahme wuͤrdige Unglückliche zu unterſtützen; ich köunte bei der großen Anzahl der Miethsleute dieſes Hauſes und der benachbarten Häuſer einige Geſchäfte finden, die mir einen mäßigen Lohn ein⸗ tragen ſollten; ich ſetzte eine Ehre darein, für meine perſönlichen Bedürfniſſe auch nicht das Geringſte von der durch mich realiſirten Summe zu nehmen“ „Das war ſchön, das war gut! Sie ſind ein mu⸗ thiges Weib!“ „Meine Wünſche wurden erfüllt. Bald nach meiner Ankunft in dieſem Hanſe verdiente ich mein Brod; der Zufall erlaubte mir, Fräulein Marianne einen Dienſt zu leiſten; ſeit dieſer Zeit bin ich im Dienſte ihrer Tante verwendet worden. Ich kannte beſſer als irgend Jemand das ehrenhafte Elend einer großen Anzahl von unſern armen Nachbarn, ich kam ihnen zu Hülfe mittelſt einer Anweiſung auf die Poſt, die ſie in einem Briefe erhiel⸗ ten, oder ich wandte mich an einen Commiſſionär der entfernten Quartiere und beauftragte ihn, verſchiedene Gegenſtände zu den Perſonen zu tragen, die ich zu un⸗ terſtützen wünſchte; dieſer Bote, der mich nie wieder ſehen ſollte, konnte mein Geheimniß nicht verrathen. 136 Mit Bangigkeit erwartete ich die Rückkehr von Michel und die Ihre, mein guter Vater, in der Hoffnung, ge⸗ rührt von meiner Reue, von meinen Anſtrengungen, um wieder auf den guten Weg zu kommen, werden Sie mir das Mittel, das ich gebraucht habe, um mich meiuem Sohne zu nähern, verzeihen, und vielleicht . . . Doch ich wage es nicht . . „Pollenden Sie, Catherine.“ „Es wird mir, in dieſem Hauſe lebend, leicht ſein, mich oft mit Michel zuſammenzufinden . äberz. 4 „Da fällt mir ein . ſchon mehrere Male hat er mich gefragt, wie es komme, daß Sie Löhnerin gewor⸗ den, Sie, die er in jener ſchoönen Wohnung der Rue Tronchet geſehen? „Wir werden Michel ſagen, und dies ohne zu lügen, ein ernſtes Ereigniß habe mich von reich arm gemacht; doch laſſen Sie mich Ihnen einen Plan anvertrauen, der ſeit einiger Zeit der ſüßeſte, der theuerſte meiner Träume iſt.“ „Sprechen Sie.“ „Sie werden mich ehrgeizig finden; oft Michel im Hauſe begegnen, zuweilen mit ihm ſprechen wird für mich allerdings ein großes Glück ſein; doch was wollen Sie, ich werde unerſättlich.“ „Was wäre alſo Ihr Plan?“ „Verwendet man bei Ihrem Goldſchmiedsgewerbe nie Frauen zur Arbeit?“ Doch .. ſie werden meiſtens zum Poliren ver⸗ wendet.“ Catherine fuhr fort mit einem leichten Zittern in der Stimme, das die Bangigkeit ihrer Hoffnung ver⸗ rieth: „Iſt ihre Lehre ſehr ſchwierig „Ich errathe Ihren Gedanken.“ „Er iſt Ihnen nicht ärgerlich?“ 137 „Durchaus nicht, er rührt mich.“ „Oh! guter Vater!“ rief Catherine, indem ſie dem Greiſe die Hände drückte und einen von Freudenthränen glänzenden Blick auf ihn heftete. „Können Sie ſich ein Glück vorſtellen, das dem meinigen gleich wäre! Im Geſchäfte von Herrn Fortuné angenommen werden? mit Ihnen und Michel arbeiten! ſo den ganzen Tag bei ihm ſein! „ mein Gott! den ganzen Tag! Oh! das wäre ſo ſchön für mich, daß ich es nicht zu hoffen wage „Hoffen Sie, muthige Mutter, hoffen Sie.“ „Freude des Himmels!“ „Heute noch werde ich von Ihrem Wunſche mit Herrn Fortuns reden.“ „Oh! Sie ſind gut! wie danke ich Ihnen! Sie ſollen ſehen, meine Lehre wird ſchnell gemacht ſein! es fehlt mir nicht an Verſtand. Ich werde, wenn es ſein muß, die Tage, die Nächte darauf verwenden, um zum Eintritte in Ihre Werkſätte fähig zu werden, um dort an der Seite meines Sohnes arbeiten zu können! Ur⸗ theilen Sie ſelbſt: mit einem ſolchen Ziele im Ange würde man Wunder thun . . . Und 'iſt dieſes Ziel etreicht, ſo werde ich nichts mehr zu wünſchen haben, da fügte die Courtiſane mit einem tiefen Seufzer bei, „da Michel nie erfahren darf, daß ich ſeine Mutter bin „Leider.“ „Wie ſollte ich ihm das Geheimniß erklären, in das ich mich bis zum Tage dieſer Offenbarung gehüllt? Ich müßte alſo lügen? immer gegen meinen Sohn lü⸗ gen, und ſehen Sie, guter Vater, das wäre mir eben ſo unmöglich, als ihm zu ſagen: „„Ich habe Dich in S frühſten Kindheit verlaſſen, um in der Schande zu leben.““ „Es iſt nur zu wahr, Sie müßten zwiſchen dieſen beiden Alternativen wählen.“ 138 „Nein, nein, ich nehme entſchloſſen mein Schickſal an; es wird ſogar meine Hoffnung übertreffen, kann ich das Glück haben, bei Herrn Joufftoy verwendet zu werden.“ „Das wird leicht ſein, unſer Meiſter beſchäftigt au⸗ ßerhalb der Werkſtätte mehrere Arbeiterinnen, welche ge⸗ wiſſe Theile ſeiner Goldſchmiedswerke zu poliren haben. Ich werde ihm Alles ſagen, was Schönes, was Gutes, was Muthiges in Ihrem Benehmen iſt; er wird die ge⸗ heimen Unterſtützungen erfahren, die Sie ſo vielen armen Leuten geben.“ „Guter Vater, ich bitte Sie inſtändig: dieſes Ge⸗ heimniß bleibe zwiſchen Ihnen und mir . . iſt es nicht nothwendig, Herrn Fortuns davon zu unterichten, damit er mich bei ſich aufnimmt.“ „Das iſt allerdings nicht unerläßlich: der Dienſt, den Sie ſeiner Couſine geleiſtet haben, Ihre Reue, Ihr lobenswerthes Benehmen in dieſem Hauſe wären hinrei⸗ chend, um ihn für Sie zu intereſſiren, ſelbſt wenn er nur glanbte, Sie haben Ihr Vermögen verloren.“ „In dieſem Falle bitte ich Sie, das Geheimniß zu bewahren; der Gedanke, Sie allein ſeien im Beſitze deſ⸗ ſelben, wäre mir ſüß. Ich habe es Ihnen anvertraut, in der Hoffnung, Ihre Achtung zu verdienen und mich ſo Michel nähern zu können. Doch dieſes Geſtändniß einem Andern machen, ohne eine unbedingte Nothwendig⸗ keit, wäre, wie mir ſcheint, eine Art von Prahlerei.“ „Das Gefühl, das Sie leitet, iſt ſo zart, daß ich nicht zu widerſprechen vermöchte. Es wird alſo ſo ſein, wie Sie es wünſchen. Ihr Geheimniß wird zwiſchen uns Beiden bleiben; nichtsdeſtoweniger bin ich ſicher, es dahin zu bringen, daß Sie als Arbeiterin bei Herrn Fortuné angenommen werden.“ „Mein Gott! welch ein Glück, ich kann kaum daran glauben, und . . 139 Plötzlich aber verdüſterte ſich das Geſicht des Grei⸗ ſes, er unterbrach Cathérine und ſagte: „Ah! unglückſelige Vergangenheit!“ „Mein Gott! Sie ängſtigen mich!“ „Ich dachte, Sie hätten Ihre Lehre in unſerer Werk⸗ ſtätte machen können; verſtändig und arbeitſam, geleitet durch meine Räthſchläge, würden Sie bald Kenntniſſe in Ihrem neuen Gewerbe erlangt haben .. .“ „Ah! ich bitte, erklären Sie ſich! dieſe Ungewißheit tödtet mich! Welches Hinderniß widerſetzt ſich meinem Plane? Wie kann er durch meine traurige Vergangenheit zu nichte gemacht werden?“ „Die Kundſchaft von Herrn Fortuné iſt ſehr be⸗ ſchränkt, ſie beſteht aus Leuten der vornehmen Welt; dieſe konnten Ihnen früher auf der Promenade, im Theater begegnen; ſie kommen oft in die Werkſtätte, um ſich nach ihren Beſtellungen zu erkundigen; wenn der Eine oder der Andere von ihnen Sie erkennete . . . und vor Michel ... „Ah! vollenden Sie nicht, Sie erſchrecken mich,“ murmelte die Courtiſane, und ſie wiederholte mit herz⸗ zerreißendem Tone: „Ja, Sie ſprechen wahr: unglück⸗ ſelige Vergangenheit!!! Mein Traum war zu ſchön! .. Auf, Muth . . . Ergebung!“ „Arme Frau!“ ſagte nachdenkend der Greis, der ſich, als er die Thränen langſam den Angen von Cathe⸗ rine entfließen ſah, ſchmerzlich gerührt fühlte. Plötzlich aber rief er: „Doch ich bedenke, vielleicht gäbe es ein Mittel ...“ „Ah! reden Sie!“ ſprach mit zitternder Stimme die Courtiſane von neuer Hoffaung belebt; „oh! ich flehe Sie an, reden Sie.“ „In der That,“ verſetzte der Greis, ſeinen Plan überlegend, ſtatt mit uns in der Werkſtätte zu arbeiten, konnten Sie ſich den Tag hindurch in der Stube auf⸗ halten, welche Michel und ich bewohnen. Nie kommen 140 die Kunden in dieſe Stube . . . Sie würden alſo nicht Gefahr laufen, erkannt zu werden.“ „Sie retten mich, guter Vater!“ rief wieder ſtrah⸗ lend Catherine mit einem Erguſſe unſäglicher Frende. „Sie retten mich! Ich werde allerdings nicht an der Seite von Michel ſein „. . doch gleichviel, ich werde ihn im nächſten Zimmer wiſſen; ſodann, obſchon bei⸗ nahe unkennbar unter den Kleidern, die ich trage, will ich alle mögliche Mittel anwenden, um nicht erkannt zu werden; Sie ſollen ſehen, ich nehme eine große Brille wie Mademoiſelle Prudence. Ich ſchneide meine Haare ab, ich erſetze ſie durch einen Aufſatz von grauen Haaren, und Gott ſei Dank! die Runzeln werden bald kommen und meine Züge völlig verändern, entſtellen: alsdann habe ich nicht mehr zu befürchten, von denjenigen, welche mich einſt glänzend und geputzt geſehen, erkannt zu werden.“ „Catherine,“ erwiederte der Vater Laurencin tief be⸗ wegt, hätte ich an Ihrer Bekehrung zweifeln können, ich würde zu dieſer Stunde nicht mehr zweifeln. Ah! Sie ſind aufrichtig, Alles beweiſt dies: die völlige Trennung von einer Schönheit, welche verhängnißvoll für Sie geweſen iſt, Ihre Ungeduld, die Runzeln, das Alter den Schrecken aller Frauen . . . herbeikommen zu ſehen.“ „Ei! was liegt mir nun an meiner Schönheit! Iſt Michel nicht ſchön wie ein Engel?“ rief Catherine in einer mütterlichen Begeiſterung. Sodann den Greis mit entzückten Augen anſchauend:, „Alſo, guter Vater, das iſt mehr als eine Hoffnung, es iſt eine Gewißheit? Herr Fortuné wird mich bei ſich aufnehmen? Sie werden mich bei meiner Lehre an⸗ leiten?“ „Ja, ich verbürge mich zum Voraus für die Ein⸗ willigung von Herrn Fortuné. Alles wird mittelſt der Vorſichtsmaßregeln, über welche wir übereingekommen 141 ſind, in Ordnung gebracht werden. Haben Sie guten Muth Catherine. Was Sie mir mitgetheilt, verdoppelt meine Achtung, meine Zuneigung für Sie. Ich will Ihnen auch einen Vorſchlag machen: Es iſt lange her, daß Sie nicht mehr ein paar Augenblicke mit Michel zu⸗ gebracht haben?“ „Ah! ja, lange! ſehr lange!“ „Gedulden Sie ſich bis übermorgen, bis zum Sonn⸗ tag; bis dahin werde ich mit Herrn Fortuné über Ihre Pläne, die fragliche Lehre betreffend, reden; nimmt er ſie an, wie ich nicht bezweifle, ſo bringen wir unſern Sonn⸗ tag mit Michel auf dem Lande zu. Auf dieſem Spa⸗ ziergange theilen wir ihm mit, daß Sie fortan unſere Arbeitsgefährtin ſein ſollen.“ „Ohr! Dank . . . Dauk! Ein Tag bei dieſem theuren Kinde zugebracht, und hernach ſo viele andere Tage! Nie von ihm getrennt ſein . . . das iſt um vor Freude toll zu werden!“ „Sobald Sie Ihr Polirgeſchäft gehörig verſtehen (ich übernehme es, Sie daſſelbe raſch zu lehren), können Sie leicht vierzig bis fünſzig Sous täglich ver⸗ dienen; bis dahin aber, da Sie auf die Arbeiten ver⸗ zichten müſſen, die Ihnen in der letzten Zeit Brod ge⸗ geben haben, würde ich für Ihre Bedürfniſſe ſorgen; Gott ſei Dank! ich habe einige Erſparniſſe . . . „Guter Vater . . . Sie müßten ſich berauben.“ „Ich beraube mich nicht, und wenn es ſein müßte, würde ich mich eher berauben, als Sie für Ihre perſön⸗ lichen Bedürfniſſe einen Sou von der Summe anrühren zu ſehen, von der Sie einen ſo edelmüthigen Gebrauch machen.“ „Ich verſtehe Sie und bin Ihnen doppelt dank⸗ ar „Mit Hülfe Ihrer geiſtigen Mittel werden Sie bald im Stande ſein, Ihre Bedürfniſſe ſelbſt zu beſtrei⸗ ten; Sie erhalten freilich nur einen geringen Lohn .. üeim „Was ſagen Sie? er wird mir genügen. und ich hoffe .. oh! welch ein ſchöner Tag! ich hoffe bald durch Erſparniſſe Michel ein kleines Geſchenk machen zu können . eine Halsbinde, eine Weſte, das Allergeringſte, doch er ſoll es von mir haben!“ „Würdige Frau! die reinſten, die zarteſten Gefühle ſind nun in Ihnen einheimiſch, während ſonſt . . . Mein Gott! welch ein Contraſt!“ „Ich ſagte es Ihnen, ich war nicht Mntter . und ich bin es geworden,“ erwiederte Catherine dem Greiſe die Hand küſſend. „Am Sonntag alſo, Catherine,“ ſprach der alte Handwerker. „Der Tag neigt ſich, Mademoiſelle Pru⸗ dence kann etwas nöthig haben.“ Sodann nachdenkend: „Ah! die Ereigniſſe find oft ſeltſam! Wenn ich be⸗ denke, daß der Bruder von Mademviſelle Prudence Ihr Vater war . doß Sie ebenſo gut ihre Nichte ſind, als Mademoiſelle Marianne und Frau von Villetaneuſe! Ueber dieſe der Familie Jonffroy unbekannte Verwandt⸗ ſchaft erröthe ich wenigſtens nicht mehr für die Familie, da Sie wieder ehrlich geworden ſind . .. Gott befoblen! Catherine, ich verlaſſe Sie mit zufriedenem Herzen!“ „Guter Vater!“ ſprach Catherine, „erlauben Sie, daß ich Ihnen den Arm bis zum Ruheplatze des vierten Stockes gebe; die Treppe, welche dahin führt, iſt ſehr ſteil und finſter.“ „Thun Sie das, denn mein Geſicht iſt nicht mehr ſehr gut,“ antwortete der Greis. Und er ſtützte ſich auf den Arm von Catherine und ſtieg eine Art von Leiter hinab, welche ohne ein anderes Geländer, als ein Brunnenſeil, zu den Manſarden führte. 5 Catherine wollte aus übermäßiger Vorſicht den Bei⸗ 143 ſtand ihres Armes dem Vater Laurencin auch noch weiter bieten und ihn bis zum dritten Stocke begleiten, obgleich die Treppe an dieſer Stelle minder jäh und heller wurde; der alte Arbeiter nahm dieſen neuen Beweis von Zu⸗ vorkommenheit an, wonach Catherine wieder in ihr Zim⸗ mer hinaufging. In dem Augenblick, wo ſie auf den Ruheplatz des vierten Stockes gelangte, traf ſie mit einem Manne von reiferem Alter zuſammen; er kam aus der Wohnung des alten Rentier, der den Namen Corbin führte und, der Sage nach, zuweilen Leute von verdächtigem Ausſehen empfing. Dieſes Signalement ließ ſich auf den Mann anwenden, dem Catherine begegnete: ſein finſteres, verwelktes Geſicht, ſeine abgetragenen Kleider, ſeine niedergetretenen Stiefel, ſein röthlicher, fettiger Hut verliehen ſeiner Dürftigkeit ein mehr zurückſtoßendes, als Theilnahme erregendes Ausſehen. Als dieſer Menſch an Catherine vorüberging, ſchaute er ſie ſtarr an, und in dem Angenblick, wo er den Ruheplatz verlaſſen wollte, wandte er ſich um, um ſie noch einmal anzuſchauen; doch er zuckte die Achſeln, indem er ſich einen albernen Gedanken vorzuwerfen ſchien, und ging die Treppe hinab, wäbrend die Conrtiſane ganz niedergeſchmettert zu ſich ſelbſt ſagte: „Großer Gott! das iſt Mauleon! ich habe ihn einſt unbarmherzig verlaſſen, nachdem ich ihn zu Grunde ge⸗ richtet! . Er kommt von dieſem Menſchen, dem ein⸗ zigen Miethsmanne des Hauſes, deſſen Leben verdächtig iſt. Ah! ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe! Mau⸗ leon konnte mich wiedererkennen!“ 8 Und bleich, wankend, war ſie genöthigt, ſich auf das Geländer zu ſtützen, denn ſie fühlte ſich in dieſem Au⸗ genblicke unfähig, einen Schritt zu machen. „Mauleon haßt mich auf den Tod . . . fügte Ca⸗ therine bei; „an dem gräßlichen Elend, in das er ohne Zweifel verſunken iſt, bin ich Schuld! . .. Welch eine 144 Erinnerung! Oh! der Vater Laurenein hat Recht: ver⸗ hängnißvolle, unſelige Vergangenheit!“ Die Courtiſane wurde plötzlich ihren Betrachtungen durch das Geräuſch eines gewaltigen Tumultes entzogen; ſie hörte die haſtigen Schritte mehrerer Perſonen, welche 3. Treype heraufeilend: „Haltet ihn! haltet ihn an!“ riefen. XII. Erſchrocken über dieſes Geſchrei, neigte ſich Cathe⸗ rine raſch über das Geländer hinaus und ſah zwei Stock⸗ werke unter ſich Mauleon; leichenbleich vor Angſt ſuchte dieſer mehreren Polizeiagenten zu entkommen; doch ſie erreichten ihn bald, und er ſtrengte ſich an, ihnen Widerſtand zu leiſten. Catherine, welche von der Stelle aus, wo ſie ſich befand, nichts mehr wahrnehmen konnte, hörte nur den Lärmen eines heſtigen Kampfes vermengt mit Flüchen und tödtlichen Drohnngen; ſodann trat eine Art von Stille ein, und Mauleon ſagte mit erſtickter Stimme: „Wohlan, ich ergebe mich; keine Brutalität! Mit welchem Rechte wollt Ihr mich feſtnehmen?“ „Ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie,“ ant⸗ wortete ein Friedensbeamter, der ſeine Agenten auf dem Ruheplatze des dritten Stockes, wo dieſe Seene vorfiel, einholte. „Sie heißen Mauleon?“ „Nein.“ „Sie leugnen es? gut; Ihre Identität wird erwie⸗ ſen werden!“ „Weß beſchuldigt man mich?“ „Eines Diebſtahlsverſuches, begangen bei Nacht und mit Einbruch, bei Herrn Sauval Goldſchmied, wohnhaft in dieſem Hauſe.“ „Das iſt falſch.“ 145⁵ „Wohl verſtanden — Sie leugnen Ihren Namen, ie leugnen natürlich auch die Handlung, der man Sie bezüchtigt: Alles wird ſich aufklären.“ „Ich ſage Ihneu noch einmal, ich heiße nicht Mau⸗ leon; ich habe keinen Diebſtahlsverſuch begangen; Sie nehmen mich für einen Andern.“ „Wir wiſſen, wer Sie ſind; Sie werden uns vor Allem da hinauf folgen.“ „Wo hinauf?“ „Zu einem gewiſſen Herrn Corbin, der Ihr Genoß zu ſein verdächtig iſt.“ „Ich kenne den Mann nicht, von dem Sie ſprechen.“ „Sie kennen ihn nicht?“ „Nein.“ „Sie kommen von ihm herab.“ „Sie irren ſich.“ „Der Portier, den Sie fragten, ob Herr Corbin nach Hauſe gekommen ſei, hat Ihnen bejahend geantwortet, und Sie ſind hinaufgegangen.“ „Der Portier träumt.“ „Er iſt im Gegentheil ſehr wach! Sie müſſen uns alſo zu dem ſogenannten Corbin folgen, um mit ihm con⸗ frontirt zu werden.“ „Das iſt ganz und gar unnütz; ich wiederhole Ih⸗ nen, daß ich ihn nicht kenne.“ „Deſſen werden wir uns verſichern; vorwärts!“ „Es iſt unnöthig!“ „Werden Sie wohl gehen?“ „Tauſend Donner rühren Sie mich nicht an!“ „So gehen Sie mit uns. und ziehen gelindere Seiten auf . wir ſind in der Mehr⸗ zahl.“ Anfangs an ihren Platz durch den Schrecken wie angenagelt, hatte Catherine dieſes Geſpräch gehört .. ſie hörte auch, daß man gegen das Stockwerk heraufkam, Die Familie Jouffroy. n. 10 146 wo ſie ſich befand . . die Angſt verlieh ihr Kräfte . ſie enteilte underreichte ihre Manſarde mit einer Schwin⸗ del erregenden Schnelligkeit; ſie verriegelte ſodann ihre Thüre, fiel beinahe ohnmächtig auf ihr Bett und rief mit Entſetzen: „Oh! ich ſchaudere noch . . dieſe Verhaftung konnte im Hofe ſtatifinden. . mein Sohn konnte dabei ſein ich auch, und Mauleon mich erkennen . denn er hat mich vorhin zweimal angeſchaut. .. Mauleon konnte zu mir ſagen: „„Catherine von Morlac, Du haſt mich zu Grunde gerichtet: das Elend hat mich zum Diebſtahle gebracht! Das iſt Dein Werk, ſchändliche Buhlerin!““ Ja, dieſer Menſch konnte ſolche gräßliche Worte vor mei⸗ nem Sohne zu mir ſprechen . . . Mein Gott! erbarme Dich meiner! Oh! unſelige Vergangenheit!“ XIII. Bald nachdem die Gräfin von Villetaneuſe ſich zur Tante Prudence begeben hatte, um ſich bei ihr Raths zu erholen, bemächtigten ſich die Tapezirer, die Blumen⸗ gärtuer des Erdgeſchoſſes vom Hotel Willetaneuſe, um ſich mit den Vorbereitungen zu dem Feſte zu beſchäftigen, das au demſelben Abend ſtattfand. Die Wände des Veſtibule verſchwanden unter ungeheuren Spiegeln, in deuen ſich ins Unendliche die Stundengewächſe und die Lichter dieſes Eingangsſaales reflectiren ſollten; die Gärt⸗ ner verwandelten in blühende Gebüſche die Ecken der Salons und die Fenſtervertiefungen, während andere Ar⸗ beiter die Decorirung einer im Garten des Hotels im⸗ provinrten Gallerie von Zimmerwerk vollendeten; dieſe Gallerie ſollte als Ballſaal dienen und zugleich die ver⸗ ſchiedenen Zimmer des Erdgeſchoſſes mit einander ver⸗ binden. Müller, der Kammerdiener⸗Mercur Seiner 147 Hoheit des Prinzen Karl Maximilian, warſeit der plötz⸗ lichen Abreiſe dieſer Hoheit im Dienſte des Grafen von Villetaneuſe genlieben und mittelſt ſeiner einſchmeichelnden Schlauheit bald des Grafen Vertrauter geworden: mehr noch: er hatte im Intereſſe der ehrlichen Projecte des Prinzen die Gunſt von Mademoiſelle Clara, der Kam⸗ merjungfer der Gräfin, erringen zu müſſen geglaubt. Müller und Clara ordneten in dieſem Augenblicke Spieltiſche in einem Salon des erſten Stockes, der aus⸗ ſchließlich dem Bactarat- und Lanzknechtſpielern vorbehal⸗ ten war. Mademoiſelle Clara, eine ſehr piquante Brünette, äußerſt freundlich und gefällig, obgleich ſie ihre beſten Jahre zurückgelegt hatte, zierlich gekleidet als Kammer⸗ jungfer vom gutem Hauſe, ſagte zu Müller, ſo ein an⸗ gefangenes Geſpräch fortſetzend: „Demnach verließ Seine Poheit plötzlich Paris, ohne die Frau Gräfin zu ſehen? „Ja, und Seine Hoheit ertheilte mir den ganz ver⸗ traulichen Auftrag, falls ich unter den Leuten dieſes Hauſes Aufnahme finden könnte, ſie, ſo zu ſagen, von Tag zu Tag auf dem Laufenden über die Veränderungen des Barometers zu erhalten.“ „Was ſingſt Du mir denn da mit Deinem Baro⸗ meter?“ „Meine Theuerſte, es handelt ſich hier um den Barometer der Liebe des Herrn Grafen für die Frau Gräfin und der Liebe der Fran Gräfin für den Herrn Grafen. Als ein geſcheites Mädchen wirſt Du nun wiſſen, daß gewöhnlich dieſer Barometer . nach⸗ dem er während des Honigmonates „beſtändig ſchön,“ bezeichnet hat, häufig fällt auf . . „Veränderlich .„ „Sodann auf Ungewitter . . . auf Sturm, und, unter uns geſagt, ich glaube, ich bin ſogar ſicher, 148 a in dieſem Augenblicke, der Barometer auf Sturm eht.“ „Auf Sturm? ... Auf Seiten der Frau Gräfin oder des Herrn Grafen?“ „Oh! der Herr Graf iſt immer auf beſtändig ſchön; er erfreut ſich ſtets einer trefflichen Heiterkeit, nichts bringt ihn in Bewegung . . Vorgeſtern Abend hat er viertauſend fünfhundert und ſechzig Louis d'or im Lanzknecht verlo⸗ ren, nichtsdeſtoweniger trällerte er beim Auskleiden eine Arie, und als ich am andern Morgen um zehn Uhr die Läden ſeines Zimmers öffnete, da ſchnarchte der Herr Graf wie ein Glückſeliger. Sein erſtes Wort, als er erwachte, war, daß er zu mir ſagte: „„Müller, Sie wer⸗ den dieſen Morgen hunderttanſend Franken bei meinem Banquier holen . . ſodann werden Sie in meinem Auftrage viertauſend fünfhundert und ſechzig Lonis d'or dem lieben Lord Mulgrave bringen.““ Das war Alles. Der Herr Graf iſt der ſchönſte Spieler, den ich in mei⸗ nem Leben geſehen habe.“ „Bei dieſer ſchönen Eigenſchaft, ohne die andern zu rechnen, muß die Mitgift von Madame gehörig zuſam⸗ mengeſchmolzen ſein.“ „Teufel! ich mußte Seine Hoheit auf dem Laufen⸗ den über die Veränderungen dieſes andern Barometers erhalten, der augenſcheinlich fällt.“ „Das mag ſein . . . Doch in welcher Abſicht legt der Prinz einen Werth darauf, getren durch Dich von Allem unterrichtet zu werden, da er nach Deutſchland zurückgekehrt iſt?“ „Sage mir, Clara, biſt Du ehrgeizig?“ „Wie ſo?“ „Haſt Du einen Traum, einen Lieblingswunſch?“ „Einen ſehr großen.“ „Welchen?“ „Das Alter kommt heran, ich bin es überdrüſſig, zu dienen, immer auf die Klingel einer Gebieterin laufen 149 zu müſſen; mein Traum wäre, eine Table d'hote der großen Art zu halten; ich würde Männer des Ver⸗ gnügens und Frauen . kurz liebenswürdige Frauen empfangen.“ „Ich verſtehe.“ „Ich würde nach Tiſche Spiel geben .. Es iſt hiebei ein Glück in wenigen Jahren zu machen. Ich habe wohl einige Erſparniſſe .. doch die erſten Fonds für ein ſolches Uinternehmen ſind bedeutend.“ „Nun! Du kannſt die zur Einrichtung Deiner Table dhote nothwendigen Fonds haben, denn Seine Hoheit iſt dankbar und freigebig.“ „Erkläre Dich deutlicher.“ „Mit zwei Worten alſo; es iſt Zeit, offenherzig mit Dir zu reden, die Ereigniſſe beſchleunigen ſich ſelt⸗ ſam. Ich habe Dich ſeit Deinem Eintritte hier gebeten (eine Bitte, welche, ohne Vorwurf ſei es geſagt, von ziemlich hübſchen Geſchenken begleitet war), oft, ſehr oft mit Deiner Gebieterin von den vortrefflichen, heroiſchen, bewunderungswürdigen Eigenſchaften Seiner Hoheit zu ſprechen.“ „Und ich habe nicht verſäumt, dies zu thun, indem ich immer nach Deinen Inſtructionen beifügte, ich ſei ſo über den Pripzen durch einen meiner Vettern, ſe gegenwärtig im Dienſte Seiner Hoheit, unter⸗ richtet.“ „Das iſt vortrefflich . .. Ich ſprach hievon nur der Erinnerung wegen.“ „Unter uns: ich begreife nichts von dem, was Du mich thun heißeſt, denn würde der Prinz in Paris ſein, ſo könnte ich mir am Ende ſagen: „„Er iſt verliebt in Madame, und indem ich bei ihr immer Gutes von ihm ſpreche, bereite ich ſie auf eine Liebeserklärung vor.““ Seine Hoheit iſt ja fern von hier, in Deutſch⸗ and. 150 „Man verſichert ſogar, er ſei im Begriffe, nach Conſtantinopel abzureiſen.“ „Der Prinz?“ Jä⸗ „Dann verzichte ich völlig darauf, zu begreifen. Doch mir fällt ein . . . in Betreff der unbegreif⸗ lichen Dinge . . . Und die kleine Wohnung?“ „Welche Wohnung?“ „Das Erdgeſchoß, deſſen Tbüre ſich gegenüber von der des Gartens vom Hotel öffnet?“ „Nun wohl, Du haſt dieſes Erdgeſchoß für Deine Schwägerin miethen und bequem meubliren laſſen?“ „Ja, weil weder ich, noch Du bei dieſer Ange⸗ legenheit in den Blick kommen durften, wie Du mir ge⸗ ſagt haſt.“ Allerdings.“ „Doch wozu ſoll dieſe kleine Wohnung dienen?“ „Du wirſt es ſpäter erfabren. Sei damit zufrie⸗ den, daß Du meine Inſtructionen immer verſtändig und pünktlich ausführſt . . und die Errichtung Deiner Table d'hote iſt geſichert.“ „Dann belehre mich, was Du noch von meinem Eifer erwarteſt.“ „Heute Morgen hat die Frau Gräſin durch die Poſt einen Brief erhalten, geſchrieben auf grones Papier und mit einem grünen Stegel auf dem Unſchlage.“ „Wober weißt Du? . „Gleichviel . . . ſage mir, wie die Wirkung dieſes Briefes auf Madame geweſen iſt?“ „Oh gräßlich! Sie hat gezittert wie Eſpenlanb, iſt bleich geworden wie eine Todte, und ſodann, nachdem ſie geweint hatte . . .“ „Sie hat geweint? . . viel geweint?“ „Wie eine Magdalena.“ „Sebr gut! rief Müller, ſich die Hände reibend; „fahre fort.“ 5 „Madame wollte ſogleich wegeilen, ohne zu warten, bis man ihre Pferde angeſpannt, und ohne mir nur Zeit zu laſſen, ſie einzuſchnüren, nohm ſie in aller Hoſt eine Mantille und einen Hut, gab durch mich dem Con⸗ cierge den Befehl, einen Flocre vorfahren zu laſſen, und ſtieg ſodann ganz verwirrt ein“ „Immer beſſer! .. Uebrigens ſah ich dies vor⸗ her . Du ſollſt nun erfahren, meine liebe Clara, was ich von Dir erwarte . . . und denke an die Table d'hote... Du mußt ſogleich . . .“ Das Geſpräch der zwei würdigen Diener wurde unterbrochen durch einen Lackei, der zum Kammerdiener ſagte: Herr Müller, ich gehe zum Glacier; ſoll ich mich zugleich in die Kaſerne der Pompiers begeben, um dort die fünf Mann zu verlaugen, die der Herr Graf im Hotel haben will, wegen der im Garten erbanten höl⸗ zernen Gallerie? . . . Ich würde den Auftrag be⸗ ſorgen.“ „Ob! nein!“ erwiederte Müller, „das iſt meine Sache. Ich werde ſogleich ſelbſt in die Kaſerne der Pompiers gehen.“ „Teufel! vergeſſen Sie es wenigſtens nicht, dieſe Gallerie iſt von tannenen Brettern gebaut, mit getbeerter Leinwand bedeckt und mit leicht entzündbaren Stoffen tapez rt. Alles dies würde brennen wie Schwefel⸗ hölzchen ſollte ein Ungläck geſcheben.“ „Machen Sie mir das Verguügen, ſich in das zu miſchen was Sie angeht, und beſorgen Sie Ihre Com⸗ niſſionen; ich übernehme die Pompiers.“ „Gut, gut, Herr Müller, ich ſagte Ihnen das nur, wei „Laſſen Sie uns Rube.“ Nachdem der Lackei weggegangen war, ſprach Müller, ſich an Clara wendend: 152 „Höre mich aufmerkſam an. Die Frau Gräfin muß bald nach Hauſe kommen.“ „Ich glaube ſogar, daß ſie eben kommt,“ ſagte die Kammerjungfer, welche in dieſem Angenblicke bei einem der Fenſter des Salon ſtand. Clara horchte ſodann auf das Rollen eines in den Hof des Hotels ein⸗ fahrenden Fiacre, ſchaute durch die Scheiben und rief: „Ich tänſchte mich nicht, es iſt Madame! Ich will ihr entgegengehen.“ „Komm im Gegentheil geſchwinde in mein Zim⸗ mer; ich werde Dir mit weuigen Worten eröffnen, was Du thun mußt.“ „Doch Madame wird mir klingeln, ſobald ſie in ihr Zimmer eingetreten iſt?“ „Laß ſie klingeln . . komm, komm.“ Müller und Clara verließen haſtig den Salon. XIV. Seit einigen Augenblicken in ihr Zimmer zurückge⸗ kehrt, hatte Aurelie ihre Mantille und ihren Hut von ſich geworfen, und ſie ging in einem aufgeregten Zuſtand in ihrem Schlafzimmer auf und ab, das mit Meubles von Roſenholz, verziert mit Medaillons von Sovres⸗ Porzellan, ausgeſtattet und mit hellblauem Damaſt aus⸗ geſchlagen war; die herrliche emaillirte goldene Schaale, eines der Meiſterwerke von Fortuné Sauval und ein Geſchenk des Prinzen Karl Maximilian, zog, auf einer Etagöre ſtehend, die Augen durch ihre unnachahmliche Vollendung an. Die junge Gräfin ſagte zu ſich ſelbſt, während ſie in ihrem Zimmer auf und abging: „Madame Bayeul, dieſe Schamloſe! ohne Liebreiz, ohne Schönheit, ohne Geburt!!! Madame Bayeul! Mein Gott! dieſer Creatur hat mich mein Mann ge⸗ 153 opfert! Das iſt um wahnſinnig zu werden! . .. Und ich ſollte die Angen ſchließen! . . . Lch! ich wäre doch zu einfältig! . . . Nein! ich will auf der Stele Aurelie zog heftig an einer Klingelſchnur und rief mit Ungeduld: „Wo iſt denn dieſe Clara? . . . Ich klingle ſchon zum dritten Male. Sie iſt unerträglich!“ Und ſie ging wieder in derſelben Aufregung im Zimmer umher und ſagte: „Mir Madame Bayeul vorziehen! dieſe kleine Roth⸗ haarige, welche ausſieht wie ein unterhaltenes Weib! Ich bin doch ſchöner als dieſe Frau!“ fügte Aurelie bei, indem ſie vor einem Ankleideſpiegel ſtehen blieb. Und in einer Bewegung des Zornes und der Eifer⸗ ſucht zerriß ſie den Gürtel ihres Kleides, das, ſo unge⸗ ſtüm geöffnet, ihre Schultern und den Anfang ihres Buſens von der Umhüllung frei machte und ihren ſo reinen, ſo edlen Hals entblößte, an den ſich ihr reizen⸗ der Kopf anſchmiegte; ſodann mit entrüſtetem Stolze ſich in ihrer wunderbaren Schönheit ſpiegelnd, rief die junge Frau: „Ich bin alſo die Geopferte, die Verachtete! . ich! Iſt das genug der Demüthigung, genug der Schmach!“ Es folgten bald die Thränen auf den Zorn, und ſie ſprach: „Und ich hatte meinen Mann ſo ſehr geliebt! Mein Gott! ich hatte den Tod dem Bruche unſerer Heirazh vorgezogen! Ich kanute die wahren Qualen der Eifer⸗ ſucht noch nicht! Dieſer Brief hatte mich niedergeſchmet⸗ tert, doch ich konnte noch an der verhaßten Wirklich⸗ keit zweifeln. Ich wußte nicht, wer meine Rebenbuhlerin war; zu dieſer Stunde aber weiß ich es . oh! . . . ich weiß es! Eine Madame Baheul! Ich ſollte das dulden? Ich ſollte mich nicht rächen? Oh doch! ich 154 werde mich rächen! nicht, indem ich mich entehre, aber die Coquetterie hat furchtbare Waffen! Es genügt der Anſchein, um einen Mann grauſam in ſeinem Stolze zu treffen. Ah! Herr von Villetaneuſe, ſchon heute Abend ſollen Sie auch die Hölle der Eiferſucht kennen lernen! Vorbin noch, als ich unter die Anſtalten zu dieſem Feſte zurückkam, verfluchte ich es; geſegnet ſei es im Gegen⸗ theil! Es wird meiner Rache dienen! Ja, ich werde wenigſtens ..5 Und ſich mit einem erſtickten Schluchzen unter⸗ brechend: Doch nein, nein! ich werde nicht können . . . Mein Kopf iſt ganz verwirrt, ich bin gelähmt . . . Ich werde häßlich ſein . . . ich werde bleich ſein . . . meine Augen ſind geröthet . . . ich habe ſo viel geweint! Ah! zum Glücke kommt dieſe ſchändliche Madame Bayeul nicht zu mir . . . Sie wäre ſchön durch ihren Triumph .. ſie würde mich erdrücken . . . nein, nein, heute Abend würden mich alle Frauen in den Schatten ſtellen, ihr Neid würde meine Leiden errathen! Ich werde nicht bei dieſer Féte erſcheinen . . . ich werde ſagen, ich ſei krank. Ich bringe meinen Abend bei meinem guten armen Vater zu, und meine Mutter ſoll die Honneurs machen!“ Nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, rief Aurelie mit einer troſtloſen Bitterkeit: Ah! meine Mutter! meine Mutter! Deine blinde Zärtlichkeit hat mein Verderben herbeigeführt! Ich war nicht eitel; ich bin es geworden . . . Du wiederholteſt mir unabläſſig, ſchön, wie ich ſei, ſollle ich Herzogin oder Prinzeſſin ſein! Der Kopf ward mir verrückt! Ich bin Gräfin, ich bin reich, ich zähle achtzehn Jahre, ich pi Und ſie unterbrach ſich abermals, richtete ſich ſtolz, entſchloſſen, hoch auf und ſprach: „Wie! ich bin Gräfin, achtzehn Jahre alt, ſchön, ——, 15⁵ und ich weine! . .. Ah! ich ſchäme mich meiner Feig⸗ heit! Ich werde ſie überwinden. . . Ja, heute Abend will ich ſchön ſein . . . ich werde es ſein .. ja zum Blenden ſchön . . . Zittern Sie, Herr von Ville⸗ taneuſe!“ Aurelie klingelte abermals ihrer Kammerfrau, um derſelven ihre Befehle für ihre Balltvilette zu geben; beinahe in demſelben Angenblick trat Clara vei ihrer Gebieterin ein. XV. Die junge Gräfin, als ſie ihre Kammerfrau er⸗ blickte, beherrſchte ihre Aufregung und ſagte zn Clara: „Wo waren Sie denn, Mademoiſelle? ich habe ſchon mehrere Male geklingelt.“ „Ich bitte die Frau Gräfin tanſendmal um Ver⸗ zeihung, ich wußte nicht, daß ſie zurückgekommen . .. ich war in der Weißzengkammer.“ „Sie werden mich kämmen und friſiren; halten Sie Alles in meinem Ankleidezimmer bereit.“ Einige Augenblicke nachher ſaß Aurelie in einem Lehnſtuhle vor einer mit Spitzen und Maſſen von roſen⸗ farbigen Bändern verzierten Toilette à la duchesse und überließ ibr herrliches kaſtanienbraunes Haar mit den goldenen Refl xen der Sorge von Mademviſelle Clara; dieſe ſagte in ihrem Junern: „Vergeſſen wir keinen von den Aufträgen von üller . . es ſteht die Errichtung meiner Table d'ote auf dem Spiele . . das Schwierige iſt, auf eine ge⸗ ſchickte Art das Geſpräch herbeizuführen . . . Verſuchen wir es . . . Und ſie ſprach laut, indem ſie mit dem ſchildkröte⸗ nen Richtkamm durch die ſeidenen Strähne ſtrich, die 156 ſie in ihrer Hand hielt, und die ohne dieſe Stütze bis auf die Erde herabgefallen wären: „Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein ſo langes, ſo ſchönes Haar gibt, wie das der Frau Gräſin.“ Aurelie antwortete nichts auf die Schmeichelei ihrer Kammerfrau, doch mit einer ſchmerzlichen Schwer⸗ muth die Vergangenheit heraufbeſchwörend, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Oh! meine kleine Marianne, geliebte Schweſter! wo iſt die glückliche Zeit, als Du Dir darin gefielſt, mich für den Ball zu friſiren! . . . Damals war ich immer glücklich und heiter . . . voll Vertrauen auf die Zukunft, die ich ſo ſchön träumte . . . Ach! wie wenig ſah ich den Kummer vorher, den ich heute erdulde.“ Mademoiſelle Clara fuhr fort: „Es gibt indeſſen eine Perſon, deren Haare, ob⸗ gleich von einer andern Farbe, als die der Frau Gräfin, faſt eben ſo ſchön ſein ſollen als die ihrigen . . es ſind die der Frau Großherzogin von Holzern, der Schweſter Seiner Hoheit des Prinzen Maximilian.“ „Ah!“ verſetzte Aurelie, die dieſe Gelegenheit er⸗ griff, um ſich von ihren ſchwarzen Gedanken loszu⸗ reißen, „der Prinz hat eine Schweſter?“ „Ja, gnädige Fran; und man führt in Beziehung auf ſie einen Zug von Seiner Hoheit an, der zum Be⸗ weiſe für ihre brüderliche Ergebenheit dient.“ „Das wundert mich nicht, wenn ich nach allem dem Guten urtheile, was ich täglich vom Prinzen ſagen höre ... Was für ein Zug iſt dies?“ „Die Großherzogin befand ſich damals in ihren Staaten, ungefähr dreißig Meilen vom Palaſte des —,— Prinzen; er erfährt, daß ſie krank iſt, das war im Winter. Bei einem abſcheulichen Wetter läßt der Prinz befürchtend, er könnte im Wagen nicht raſch genug ſein Ziel erreichen, zwei Poſtpferde kommen und macht ſo⸗ —— 157 gefolgt von einem einzigen Adjutanten, dreißig Meilen zu Pferde in fünfzehn Stunden, trotz des Schnees; er kommt au, und mehr als einen Monat verläßt Seine Hoheit das Bett ihrer Schweſter weder bei Tag, noch bei Nacht.“ „Dieſer Zug iſt rührend, er macht dem Herzen des Prinzen alle Ehre,“ ſagte Aurelie ſeufzend. „Die einer ſolchen aufopfernden Ergebenheit fähigen Männer ſind ſelten der Prinz bildet eine edle Ausnahme. Glicklich iſt das Volk, das er eines Tags regieren wird!“ „Wenn die Frau Gräfin wüßte, wie ſehr der Prinz geliebt iſt! was ſage ich! angebetet, vergöttert, geprie⸗ ſen von Allen, die ihn umgeben! Sie rühmen nicht nur ſeine Großmuth, ſondern anch ſeine Seelengüte. Sollte die Frau Gräfin glanben, daß, als mein Vetter .. er iſt, wie ich erwähnt habe, im Dienſte Seiner Ho⸗ heit . . einſt ſchwer krank war, der Prinz in ſein Zimmer kam, um ſich ſelbſt nach ſeinem Befinden zu erkundigen? Und mein Vetter iſt doch nur ein armer Bedienter!“ „Ich finde dieſen Zug nicht minder rührend, als den, welchen Sie mir vorhin angeführt haben.“ „Was ſoll ich der Fran Gräfin ſagen! mein Vetter ſchreibt mir nicht ein einziges Mal, ohne mir etwas zum Vortheile Seiner Hoheit mitzutheilen. Bald ſind es arme Familien, die er mit einem Zartgefühle, das den Werth ſeiner Wohlthaten verdoppelt, unterſtützt hat, bald ſind es bewunderungswürdige Acte des Muthes. Habe ich der Frau Gräfin die Geſchichte von dem tollen Hunde erzählt?“ „Nein.“ „Ah! das iſt ſchrecklich .. . der Prinz kam zu Pferde von der Jagd zurück; er hatte ſein Gefolge ver⸗ loren; in der Nähe eines Dörfchens hört er Angſtge⸗ ſchrei, und er ſieht eine Frau und zwei Kinder vor einem 158 ungeheuren wüthenden Hunde fliehen. Seine Hoheit ſpringt von ihrem Pferde, greift den Hund mit dem Hirſchfänger an und tödtet ihn.“ „Das zeugt von einem edlen Muthe!“ „Die Bewohner der Beſitzungen des Prinzen be⸗ trachten auch ſeinen Abgang als eine Trübſal, wenn er auf die Reiſe geht; ſo ſind ſie in dieſem Augenblicke ganz troſtlos.“ „Warum dies, Mademviſelle?“ „Dieſen Morgen bekam ich von meinem Vetter einen Brief; ich muß der Frau Gräfin geſtehen, daß mich das Leſen dieſes Briefes vorhin in der Weßzeng⸗ kammer zurückhielt und mich die Klingel zu hören ver⸗ hindert haben wird,“ erwiederte Clara, die ſich fort⸗ während mit dem Friſiren ihrer Gebieterin beſchäftigte, und ſie fügte bei: „Befiehlt die Frau Gräfin, daß ich aus ihen Haaren zwei Flechten mache oder eine ein⸗ ige?“ „Eine einzige.“ „Ich ſagte alſo der Frau Gräfin, ich habe von meinem Vetter einen Brief erhalten, in welchem er mir mit⸗ theilt, der Prinz ſei im Begriffe, nach Conſtantinopel abzureiſen. Es ſind alle Bewohner der Beſitzungen Seiner Hoheit hierüber ſehr betrübt.“ „Ich begreife dies . . . der Prinz unternimmt eine lange Reiſe.“ Es ſcheint, Seine Hoheit ſucht ſich ſo zu zerſtreuen und zu betäuben.“ „Zu betäuben .. worüber?“ „Der Prinz wird ſeit ungefähr einem Jahre von . einem geheimen, tiefen Kummer verzehrt. Mein Vetter ſchreibt mir, Seine Hoheit habe, ehe ſie ſich zu dieſer Reiſe entſchloſſen, ganze Tage allein in einem mitten im Walde, ein Stunde vom Palaſte, liegenden Pavillon zugebracht. Seine Hoheit wollte durchaus Niemand von ihrem Hofe ſehen.“ 5 . 159 „Und man weiß, was die Urſache dieſes tiefen Kummers iſt?“ „Man weiß es nicht,“ erwiederte Clara. Und ſie fragte: „Die Flechte der Frau Gräfin iſt gemacht . .. ſoll ich mich nun mit ihrem Scheitel beſchäftigen?“ „Ja, thun Sie das?“ „Ich ſagte alſo, man wiſſe die Urſache des tiefen Kummers Seiner Hoheit nicht. Die Dienſtboten, die immer bei ihrer Herrſchaft leben, wiſſen natürlich viele Dinge, welche die Welt nicht erfahren kann; trotz ſeiner Ergebenheit für ſeinen Gebieter iſt indeſſen mein Vetter nicht im Stande geweſen, die Urſache dieſes geheimen Grams zu errathen; er ſchreibt mir, der Prinz ſei bei⸗ nahe unkennbar, dergeſtait ſei er bleich und mager ge⸗ worden . . Vor ſeiner letzten Reiſe nach Paris hatte er eine Verbindung die Frau Gräfin be⸗ geift „Vollkommen.“ „Der Prinz hatte eine Verbindung mit der ſchön⸗ ſten Frau ſeines Hofes; dieſe Verbendung wurde abge⸗ brochen, als Seine Hoheit von Par's zurückkam, und ſeitdem hat der Prinz, wie ich der Frau Gräfin ſagte, in tiefer Zurückgezogenheit bis zu dem Tage gelebt, wo er ſich nach Conſtantinopel zu reiſen entſchloß ohne Zweifel in der Hoffnung, ſich zu zerſtreuen, zu be⸗ täuben.“ „Armer Prinz!“ dachte Aurelie, „ein ſo edles Herz! Ah! dieſe ſind gerade mehr als die andern dem Leiden ausgeſetzt!“ „Mein Gott! mir fällt ein,“ rief Clara, die ſich den Anſchein gab, als würde ſie plötzlich von einer Idee erfaßt, „wäre die Frau Gräfin vielleicht neugierig, die Handſchrift Seiner Hoheit zu ſehen?“ „Wie ſo?“ „Ich geſtehe, ich bin ſo dankbar für die Güte des Prinzen gegen meinen Vetter, daß ich Seine Hoheit vergöttere und .. doch ich wage es nicht, mich auszuſprechen. Die Frau Gräfin wird über mich ſpot⸗ ten „Fahren Sie fort, Mademoiſelle, fahren Sie fort.“, „Ich hatte meinem Vetter geſagt, wenner mir etwas⸗ und wäre es nur ein Wort, eine Briefadreſſe, geſchrieben von Seiner Hoheit ſchicken könnte, ſo würde ich es wie eine Reliquie aufbewahren. Das Glück wollte nun, daß mein Verwandter im Kamine vom Cabinet Seiner Ho⸗ heit ein von der Hand des Prinzen beſchriebenes, halb verbranntes Papier fand . ein Stück von einem ohne Zweifel zeriſſenen und ſodann ins Feuer geworfe⸗ nen Briefe. Mein Vetter glaubte, ohne eine Unzart⸗ heit zu begehen, dieſen Papierfetzen aus dem Kamine nehmen, und ihn mir in dem Briefe, den ich heute er⸗ halten, ſchicken zu können; die Frau Gräfin mag ſich meine Freude vorſtellen .. Ich beſitze endlich meine koſtbare Reliquie! einige Worte von der Hand des Prin⸗ zen. Ich weiß nicht, was ſie enthalten, denn da mir die Frau Gräfin klingelte, ſo hatte ich kaum Zeit, den Brief meines Verwandten zu leſen, der mird ieſe Sendung ankündigte; iſt aber die Frau Gräfin begierig, die Hand⸗ ſchrift Seiner Hoheit zu ſehen,“ fügte Mademoiſelle Clara bei, indem ſie in ihrer Taſche ſtörte und aus einem Unſchlage ein ſorgfältig zuſammengelegtes Papier zog, das ſie auf ein Tiſchchen legte, „ſo kann Madame ihre Neugierde befriedigen“ Wonach die verſchmitzte Perſon, ohne mehr von dem Papiere zu reden, das Aurelie weder angenommen⸗ noch zurückgewieſen hatte, einfach ſagte; „Die Frau Gräfin iſt friſirt; will ſie nun die Gnade haben, mir anzugeben, welches Kleid ſie heute Abend anziehen wird, damit ich die Toilette in Bereit⸗ ſchaft halten kann?“ 161 „Ich weiß noch nicht . . ich will es mir überlegen und Ihnen ſpäter klingeln.“ Mademoiſelle Clara verließ das Zimmer und ſprach zu ſich ſelbſt: „Bei meiner Treue, ich glaube, ich bin nicht zu dumm geweſen. Herr Müller wird mit mir zufrieden ſein, und die Errichtung meiner Table d'hote iſt, wie mir ſcheint, in gutem Zuge.“ XVI. Frau von Villetaneuſe war, indem ſie das Geſchwätz ihrer Kammerjungfer anhörte und gewiſſe von ihr mit⸗ getheilte Umſtände vernahm, mehr und mehr träumeriſch geworden. Sie ergriff maſchinenmäßig das von Clara zurückgelaſſene Papier und entfaltete es, einem unbe⸗ ſtimmten Gefühle der Reugierde nachgebend. Dieſes zerriſſene, zerknitterte, unregelmäßig an ſeinen Rändern verbrannte Stück Papier hatte einen Theil eines Brie⸗ fes bilden müſſen; es enthielt ein paar Zeilen von einer feinen, gedrängten Handſchrift, welche Aurelie leicht als die des Prinzen Karl Maximiliau erkannte, denn ſie brauchte ſie in ihrem Gedächtniſſe nur mit der des Briefes, welchen ſie mit der emaillirten Schaale erhalten, zu vergleichen. Dieſe Zeilen waren verſtümmelt durch das Zerreißen und das Verbrennen des Papiers, Aurelie konnte indeſſen folgende Säte leſen und in ihrem Geiſte vervollſtändi⸗ gen; der Anfang des Briefes befand ſich ohne Zweifel auf einem von den durch das Feuer verzehrten Bruchſtücken. Ich wollte auch Paris am Tage nach ihrer Hochzeit verlaſſen, deren glücklicher und un⸗ glücklicher Zeuge ich geweſen war die Ab⸗ weſenheit, weit entfernt, meine Liebe zu be⸗ ſänftigen . . Die Familie Joufftoy. I. 11 ich reiſe, daich nicht mehr daraufrechne. von dieſer langen Fahrt im Hrient „ Hh! meine Schweſter, wenn Du ſie. dieſe tolle Leidenſchaft, welche. mit meinem Leben . Die Schaale . .. zuweilen mein Andenken . Aurelie konnte kaum ihren Angen trauen, ſie las wieder und wieder dieſes Bruchſtück von einem Briefe. der, wie es ſchien, vom Prinzen an ſeine Schweſter ge⸗ richtet geweſen war, lief ſodann an ein Meuble, wo ſie das mit der Schaale überſandte Billet aufbewahrte, nahm es und verglich die beiden Handſchriften . ſie waren durchaus gleich. Die Gräfin konnte keine Ahnung von dem hölliſchen Complott haben, das gegen ſie angeſponnen wurdes Mademoiſelle Clara hatte ihr (nach den Inſtructionen von Müller) auf eine vollkommen wahrſcheinliche Art er⸗ klärt, wie ſie ſich in dem Beſitze der paar Zeilen von der Hand des Prinzen befand, ohne daß ſie, wie ſie ſagte, Zeit gehabt hatte, einen Blick darauf zu werfen. Er liebt mich!“ ſprach Frau von Villetaneuſe zu ſich ſelbſt, indem ſie abermals das Brieffragment las und leicht die abgeriſſenen Worte ergänste. „Der Prinz wollte Paris am Tage nach meiner Hochzeit verlaſſen⸗ deren glücklicher und unglücklicher Zeuge er geweſen war! Er wollte dieſer Liebe entgehen . und die Ab⸗ weſenheit, weit entfernt, ſie zu beſänftigen . . hat ſie noch vermehrt! Er rechnet auf die Zerſtrenungen dieſer Reiſe im Orient, um ſich zu betäuben; er ſagt ſeiner Schweſter, wenn ſie mich kennete, würde ſie dieſe tolle Leidenſchaft begreifen, welche nur mit ſeinem Leben endigen werde! Er hofft, die Schaale, die er mir zum Geſchenke gemacht, werde ihn zuweilen in mein Gedächiniß zurückrufen Um mich ja um mich handelt 163 es ſich der Prinz liebt mich immer!!! Er reiſt nach dem Orient, um ſich von dieſer hoffnungsloſen Liebe zu zerſtreuen . . . Mein Gott! ich weiß nicht, träume ich oder wache ich . . . Er liebt mich! War es denn eine unbeſtimmte Ahnung von dieſer Liebe „das ſüße Vergnügen, das ich empfand, wenn ich Clara jeden Tag vom Prinzen reden hörte? Ich gefiel mir darin, mich ſeiner Züge, ſeines Tones, der wenigen Worte, die er mir einſt geſagt, zu erinnern; ich fühlte in mei⸗ nem Herzen eine Sympathie, eine tiefe Bewunderung für dieſen zugleich ſo zarten und ſo ritterlichen, ſo rei⸗ zenden und ſo guten Mann keimen, den ich als ein ideales Weſen, als den Helden eines Romans betrachtete. Oh! oft während der langen Stunden der Einſamkeit, die mir die beſtändige Abweſenheit meines Mannes machte, ſagte ich zu mir ſelbſt, mein Gott! ohne je zu denken, Karl Maximilian habe mich nur bemerkt: „„Wie ſtolz und glücklich muß die Frau ſein, die er liet! und c ich bin es, die er liebt! Er reiſt ab! oh! geſegnet ſei die Reiſe! Nie werde ich den Prinzen wiederſehen . ich werde ihn ohne zu er⸗ röthen, ohne Gewiſſensbiſſe lieben können! dies wird meine geheime und theure Rache für die Verachtung meines Mannes ſein! Oh! dieſe Liebe ohne Zukunft, ich weiß es, wird wenigſtens mein Troſt, meine Stütze werden! ſie wird mir Selbſtbewußtſein geben! ſie wird mich in meinen Angen erheben, ſie wird mir beweiſen, daß ich wohl ſo viel werth bin, als eine Madame Bayeul Er iſt Prinz! er iſt Bruder eines Souve⸗ rain! er iſt noch jung! er iſt ſchön! er hat mit einer reizenden Geliebten gebrochen, er hat ſeinen Hof ge⸗ flohen, um von der Erinnerung an mich in einer tießen Einſamkeit zu leben und er wagt es kaum, auf die Zerſtrenungen einer großen Reiſe zu rechnen, um ihn über eine Leidenſchaft zu betäuben, die nur mit dem Leben endigen wird. Ja, ſo werde ich von einem Prin⸗ zen geliebt, der eines Tages regieren ſoll, während ich von Herrn von Villetaneuſe verlaſſen, verachtet bin! Ich werde geopfert, wem? einer ſchamloſen Crea⸗ jur ohne Schönheit, ohne Geiſt. Und der Mann, der mich verläßt, hat mich vielleicht nur meiner Mitgift wegen geheirathet . Oh! dieſe Liebe rächt mich! Ich werde nicht undankbar ſein! nein, nein, und um mich Ihrer zu erinnern, Hoheit, branche ich wohl nicht die Schaale anzuſchauen!“ Dieſen Kunſtgegenſtand mit einem ſchwermüthigen Lächeln betrachtend, fügte die junge Frau bei: „Theurer Schatz! nun doppelt koſtbar für mich! Göttliches Meiſterwerk meines Freundes aus den Kin⸗ derjahren! Oft in der Vereinzelung, in welcher mich der Mann ließ, der mich heute beſchimpft, verachtet, em⸗ pfand ich eine unbeſtimmte Furcht vor den Qualen, un⸗ ter denen ich zu dieſer Stunde leide, und ich ſagte zu Dir „„Sollte ich eines Tags unglücklich ſein, ſo wird mir dein Anblick den Muth der Reſignation geben. Ich werde mich erinnern, daß es nur von mir abgehängt hat, den trefflichen Künſtler zu heirathen, deſſen Meiſter⸗ werk du biſt; ich wäre die Glücklichſte der Frauen ge⸗ weſen, ich habe ſeine Hand ausgeſchlagen, ich bin nicht berechtigt, mich zu beklagen. Ja, ſo ſprach ich zu dir, theurer Schatz, und nun ſage ich dir: „„Du wirſt immer in mir die Erinnernng an meinen Freund aus der Kinderzeit wiedererwecken „. Du wirſt aber auch in meinen Augen das Pfand einer Liebe ſein, au die ich ſtolz ſein, über die ich nicht zu erröthen habe Iſt es nicht die edle Frucht der Bewunderung, die ſeit kanger Zeit in meinem Hersen keimte? Oh! ich werde mich ohne Rückhalt, ohne Furcht, mit Wonne dieſer Liebe hingeben; denn nie ſoll ich den, der ſie mir ein⸗ flößt, wiederſehen H Prinz Wunderhold⸗ das iſt der verdiente Name, denen ich Ihnen von heute an gebe, Sie haben wie der gute Geiſt des Feenmähr⸗ 165 chens meine Thräuen in Freude, meine Verzweiflung in Hoffuung, meine dürren Blätter in Perlen und Diaman⸗ ten, die Dornen meines Weges in Blumenſträuße ver⸗ wandelt! Prinz Wunderhold, Sie werden mein guter Geiſt ſein!“ Dieſe Liebesanrufung von Aurelie an den Prinzen Wunderhold wurde durch Mademoiſelle Clara unter⸗ brochen; dieſe trat ein und meldete: „Der Herr Graf läßt die Frau Gräfin fragen, ob ſie ihn empfangen könne.“ . „Sogleich, erwiederte ſeufzend die junge Frau, plötzlich zur Wirklichkeit zurückgerufen. Nachdem ſie ſodann einen Augenblick geſchwiegen, ſprach ſie zu ihrer Kammerfrau nicht ohne eine gewiſſe Verlegenheit: „Mademviſelle, Sie haben, wie Sie mir geſagt, die⸗ ſes Brieffragment vom Prinzen nicht geleſen?“ „Nein, Frau Gräfin.“ „Iſt Ihnen viel an dieſem Papierfetzen gelegen?“ „Oh! viel; das iſt für mich eine wahre Reliquie .. Ich habe es der Frau Gräfin geſagt.“ „Wenn dem ſo iſt, darf ich kaum hoffen, daß Sie mir dieſe Reliquie abtreten werden.“ „Frau Gräfin „Eine von meinen Freundinnen hat eine Sammlung von Autographen der bedeutendſten Perſonen unſerer Zeit, die paar Zeilen von der Hand des Prinzen hätten ſehr gut in dieſe Sammlung gepaßt.“ „Die Frau Gräfin kann ſich denken, daß ich ihr nichts zu verweigern habe, und ſobald ſie dieſe Schrift zu behalten wünſcht . . .⸗ „Ich danke Clara, ich werde Ihre Bereitwillig⸗ keit, mir angenehm zu ſein, zu belohnen wiſſen. Bitten Sie Herrn von Villetaneuſe, mich in meinem Bondoir zu erwarten!“ 166 „Gut, Frau Gräfin,“ erwiederte Clara abgehend; und ſie ſagte zu ſich ſelbſt: „Meine Gebieterin will dieſe verliebten Zeilen be⸗ halten, Ganz entſchieden werde ich meine Table d'hote haben.“ XVII. Frau von Villetanenſe kam bald zum Grafen, der ſie in einem Boudoir in der Nähe des Schlafzimmers erwartete. Anfangs ruhig und würdig, ſagte Aurelie kalt zu ihrem Gatten: „Sie wünſchen mich zu ſprechen?“ „Ja, meine Freundin, ich komme, um Sie zu bitten, Sie mögen gefälligſt dieſe paar Geſchäftspapiere unter⸗ zeichnen.“ Und er zeigte ſie ihr. „Auch komme ich, um Ihnen einen Vorwurf zu machen, einen ernſten Vorwurf!“ „Mir!“ verſetzte Aurelie mit Erſtaunen, „mir einen ernſten Vorwurf?“ „Ei! allerdings Ihnen!“ Und eine ſtrenge Miene annehmend: „Wie kommt es, daß ich genöthigt bin, Ihnen zu ſagen, Madame . . . denn ein ſolches Vergehen von Ihrer Seite iſt unverzeihlich. . eja, wie kommt es, daß ich Ihnen ſagen muß, Ihre Diamantohrringe ſeien in keinem Verhältniß zu Ihrem übrigen Schmuck? Ma⸗ dame,“ fügte der Graf lächelnd bei, indem er ein Etui aus ſeiner Taſche zog, „beleidigt, empört über dieſes gänzliche Vergeſſen Ihrer Pflichten als elegante Frau, muß ich Sie auch an dieſelben erinnern, und ich bringe Ihnen deshalb dieſes Paar Ohrringe.“ „Sie ſind wahrlich zu großmüthig . . .“ erwie⸗ derte Aurelie mit einer verhaltenen Bitterkeit, denn ſie 167 dachte an das Abenteuer der Paſſage Cendrier, „Sie überſchütten mich mit Artigkeiten . . .“ „Sprechen wir nicht mehr hievon . . . ich bitte, wollen Sie dieſe Papiere unterzeichnen . . der Schrei⸗ ber meines Notars wartet darauf Es handelt ſich um eine ſehr vortheilhafte Anlage . . . wenn Sie wol⸗ len, ſo werde ich Ihnen die Sache erklären.“ „Das iſt unnöthig, mein Herr, geben Sie mir die Papiere,“ erwiederte Aurelie zerſtreut, wie ſie war, und von tauſend verſchiedenen Gedanken in Anſpruch ge⸗ nommen. Sie trat ſodann an ihren Schreibtiſch und fragte: „Wie ſoll ich unterzeichnen?“ „Meine liebe Freundin, Sie müſſen zuerſt hierher ſchreiben: Obiges wird von mir gebilligt . . . Gut, das iſt geſchehen, nun Ihre Unterſchrift unter dieſe Worte .. Unterzeichnen Sie auch hier . . . und noch bier . Vortrefflich,“ ſagte der Graf, indem er die Papiere wieder einſteckte; „tauſend Dank!“ „Iſt das Alles, mein Herr?“ „Ja, meine Liebe Ah! ich vergaß, ich werde heute Abend eine Perſon vorzuſtellen haben, welche Doch die Bläſſe von Aurelie wahrnehmend, unter⸗ brach er ſich und ſagte: „Aber was haben Sie denn? . Sie ſcheinen beunruhigt, ſorgenvoll zu ſein.“ „Beunruhigt vielleicht, doch ſorgenvoll, Gott ſei Dank! nein.“ ſc „Ich verſichere Sie, daß Sie ſehr ſorgenvoll aus⸗ ehen.“ Einer lgbhaften, Anfangs verhaltenen, Aufregung vreisgegeben, konnte die Gräfin ihre Gefühle nicht länger beherrſchen, und nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen. rief ſie ungeſtüm mit bebender Stimme:; 163 8 n Herr, wiſſen Sie, wo die Paſſage Cendrier ie 2 % „Die Paſſage Cendrier!“ „Ja.“ „Meine Liebe, das iſt eine ſeltſam unerwartete topographiſche Frage.“ „Unerwartet . . . ich glaube es; doch haben Sie die Güte, mir zu antworten.“ „Die Laune iſt wunderlich, es ſei indeſſen . . . Mir ſcheint, die Paſſage Cendrier muß irgendwo . . . beim Boulevard des Capueines ſein, und wenn ich mich nicht irre, ſo iſt es eine abſcheuliche Paſſage.“ „Abſcheulich . . . vielleicht, doch ſie iſt ohne Zwei⸗ fel in Ihren Augen nicht ſo, mein Herr . . . Sie müſſen ſie reizend finden bei den Erinnerungen, die ſie in Ihnen zurückruft.“ „Dieſe Paſſage erwecke in mir Erinnerungen, ſagen Sie?“ „Und zwar ganz friſche; Sie ſind heute Morgen erſt in dieſer abſcheulichen Paſſage geweſen.“ „Ah! Ah!“ „Sie ſind in das Haus eingetreten, das mit der Nummer 7 bezeichnet iſt.“ „Wahrhaftig!“ „Und Madame Bayeul iſt Ihnen bald in dieſes Haus nachgefolgt. Wagen Sie es, zu leugnen?“ „Was leugnen, meine Liebe.“ „Ihr Rendez⸗vous mit dieſer Frau! Sagen Sie nicht nein! ich habe es geſehen; ſie hatte einen weißen Hut und einen orangefarbigen Shawl.“ „Einen weißen Hut? einen orangefarbigen Shawl? das ſcheint mir ſehr gewichtig.“ „Alſo Sie geſtehen, mein Herr, Sie geſtehen?“ „Sie ſcheinen mir ſo überzeugt, meine Liebe, daß es abgeſchmackt wäre, Ihrer Gewißheit entgegenzutreten; 169 und da Ihnen beſonders viel daran liegt, zu glan⸗ ben „Mein Herr!“ „Ich bitte Sie, beruhigen Sie ſich!“ „Ich bin ſehr ruhig, wie Sie ſehen.“ „Nicht ganz ruhig .. doch viel ruhiger, als ich erwarten durfte. Sie haben mit dem Spotte debutirt, nicht mit dem Zorne oder den Thränen; das beweiſt Kaltblütigkeit, Verachtung, eine Art von Gleichgültigkeit gegen die Sache . . Dieſe Gleichgültigkeit iſt aber das beſte Vorzeichen für unſere Ruhe und unſerer Beider Glück; meine liebe Aurelie, Sie ſind entſchieden eine Frau von Geiſt, von Takt, von geſundem Verſtande. Bei Gott! wir ſind gemacht, um einander zu verſtehen. Es wird nun keine Exiſtenz geben, welche mit der unſern zu vergleichen wäre . . . wir werden einander auf ein halbes Wort begreifen . . gegenſeitig nachſichtig ſein. Oh! Sie ſind ein Engel!“ „Mein Herr . Sie verachten mich alſo?“ Ich! Sie verachten! Sie ſagen mir das gerade in dem Augenblick, wo ich Sie bewundere.“ „Seien Sie aufrichtig . . . Sie haben mich nie geliebt?“ „Vor Allem, meine Theure, was iſt die Liebe?“ „Ei! das iſt „Nun! das iſt?“ „Es iſt das Gefühl, das ich leider für Sie hegte, mein Herr!“ „Und Sie hegen es nicht mehr?“ „Sie wagen es, nich das zu fragen?“ „Oh! wenn ich das glauben könnte!“ „Mein Herr!“ „Eil allerdings, wenn Sie mich nicht mehr lieben würden, ſo hätten wir die Glücklichſten der Welt um nichts zu beneiden; heiter, zufrieden, freundlich, einander vertrauend, weder eiferſüchtig, noch verdrießlich, weder 170 argwöhniſch, noch beargwohnt, als gute Freunde lebend ſo würden unſere ſchönen Jahre in zwangloſem Vergnügen verlaufen, ohne daß wir unſere Zuflucht zur Liſt, zur Verſtellung, zur Lüge zu nehmen nöthig hätten! Käme das Alter, ſo würde die Erinnerung an unſere ſchöne Zeit uns in den ſpäteren Jahrenerfreuen und erhei⸗ tern . .. Welche luſtige Geſchichten hätten wir uns das Feuer ſchürend zu erzählen! Ah! meine theure Aurelie, wenn Sie wollten! was für reizende Vergnügenskame⸗ raden wären wir!“ „Vergnügenskameraden und Schandgenoſſen . . . nicht wahr, mein Herr?“ „Sie find ein Kind. Sie werden überlegen . . . Ihre Ruhe vorhin, als Sie von der Paſſage Cendrier ſprachen, iſt für mich, ich wiederhole es, ein treffliches Vorzeichen .. Ach! werden Sie heute Abend ſchön ſein? was ſage ich, ſchön! ſchön, das iſt ganz ein⸗ fach . aber blendend, nicht wahr?“ „Nein nie hat ein Menſch, ſo verdorben, ſo entſittlicht er ſein mag, eine ſolche Sprache gegen eine achtzehnjährige Frau geführt, gegen eine Frau, die ihm nicht das Recht gegeben, an ihr zu zweifeln . . . Mein Gott! mein Gott!“ „Was haben Sie denn?“ „Sie wagen es, mir einen ſchändlichern Handel vor⸗ zuſchlagen? Sie wagen es, mir zu ſagen: „„Haben Sie Ihre Liebſchaften, ich werde die meinigen haben, und ſind die Jahre verlaufen, ſind wir Beide im Laſter alt geworden, ſo werden wir von der guten Zeit reden „Hören Sie mich an ich „ „Ein Mann betrügt ſeine Frau, das iſt ſchändlich!“ rief mit ſchmerzlichem Tone Aurelie; „doch ſeine Frau beleidigend, achtet dieſer Mann ſie gewöhnlich noch ge⸗ nug, um ihr zu ſagen: „„Madame, nehmen Sie ſich in Acht meine Untreue würde die Ihre nicht recht⸗ 171 fertigen! die Ehre gebietet Ihnen, meine Verletzung durch ein tadelloſes Betragen zu erwiedern!““ „Wie! der alberne, der grauſame Egoismus dieſer einfältigen, eiferſüchtigen Tölpel empört Sie nicht, meine arme Aurelie? Wie! als ein abſcheuliches Verbrechen die ſüßen Miſſethaten behandelnd, die ſie am hellen Tage begehen, ſagen ſie zu ihrer Frau . . .“ „ . Sie ſagen zu ihrer Frau: „Ich bin ein Elender doch Ihre Ehre verbietet Ihnen, mir nach⸗ zuahmen! .. Sie, mein Herr, ſagen mir: „„Ich bin ein Elender: auf, meine Theure, ahmen Sie mir nach; zeigen Sie ſich noch elender, als ich bin . . . Sie werden den Kelch der Schande bis auf die Hefe leeren, denn die Welt iſt ohne Erbarmen gegen die Fehler der Gattin!““ Mein Gott!“ fügte die Gräfin bei, und ihr Schluchzen kam zum Ausbruch, „man er⸗ gibt ſich darein, nicht mehr geliebt, hintangeſetzt, geopfert zu ſein, doch man ergibt ſich nicht in eine ſolche Be⸗ ſchimpfung!“ Madame Jouffroy trat in das Bondoir in dem Augenblick ein, wo die Gräfin in Thränen zerfloß. XVIII. Madame Jouffroy ſah ihre Tochter ſeit ihrer Ver⸗ heirathung zum erſten Male weinen, ſie war beſonders betroffen von der Bläſſe und der ſchmerzlichen Verſtörung des Geſichtes von Aurelie; eine nichts weniger als hell⸗ ſehende Mutter hätte errathen, es handle ſich nicht um einen leichten ehelichen Streit, ſondern um eine ernſte, peiuliche Uneinigkeit; Madame Joufftoy lief auch auf ihre Tochter zu und rief, indem ſie dem Grafen einen drohenden Blick zuſchleuderte. „Warum weint Aurelie?“ 172 Hierauf umarmte ſie dieſe mit innigem Erguſſe und ſprach mit bangem Tone: „Mein Kind! ich beſchwöre Dich, ſage mir, was Du haſt. . „Dein armes Geſicht iſt ganz verſtört, Du biſt nicht mehr zu erkennen . . . „Ich habe nichts, Mama . . .“ „Du haſt nichts? Und Deine Wangen rieſeln von Thränen; Du biſt bleich wie eine Todte, Du biſt be⸗ klommen, um zu erſticken, Deiue Hände zittern, Du ſchauerſt. .. und Du ſagſt, Du habeſt nichts? . . Sodann ſich ungeſtüm gegen den Grafen um⸗ wendend: „Mein Schwiegerſohn, was bedeutet dies?“ „Das bedeutet, meine liebe Schwiegermutter, daß Aurelie ein Kind iſt.“ „Es handelt ſich nicht um dieſes. Warum verur⸗ ſachen Sie, daß ſie weint? Warum bringen Sie ſie in einen ſolchen Zuſtand? Glauben Sie, ich habe Ihnen Tochter gegeben, damit Sie ſie unglücklich ma⸗ chen?“ „Mama, ich bitte, beruhige Dich; Herr von Ville⸗ taneuſe hat Recht,“ verſetzte Aurelie mit einer ſchmerz⸗ lichen Bitterkeit, „ich habe Unrecht gehabt, wegen einer Kleinigkeit zu weinen, ich bin ein Kind.“ „Du nennſt Deinen Mann Herr! Dein armes Lächeln macht, daß mir die Thränen in die Augen tre⸗ ten Ich ſage Dir, daß etwas Erſchreckliches zwi⸗ ſchen Ench vorgefallen iſt. Tag Gottes! wenn ich püißte „Ich bitte Sie inſtändig, liebe Schwiegermutter, be⸗ ruhigen Sie ſich; es iſt nicht nöthig, daß Sie ſagen: Wenn ich wüßte! . . Sie leben mit uns, Sie wiſſen durch ſich ſelbſt, ob meine Frau unglücklich iſt.“ „Es gibt für Alles einen Anfang!“ „Haben Sie mir etwas vorzuwerfen?“ 173 „Sie ſind beſtändig außer dem Hauſe . Sie gehen gleichſam nie mit meiner Tochter aus.“ „Hat ſie ſich bis jetzt hierüber beklagt? Beklagt ſie ſich hierüber?“ Sie beklagt ſich nie, weil ſie das Lamm des guten Gottes iſt. Da ſich aber die Gelegenheit bietet, da ich Aurelie in Thränen und in einem bejammernswerthen Zuſtande finde, ſo werde ich Ihnen ſagen, was ich längſt auf dem Herzen habe. Hören Sie, Herr Schwieger⸗ ſohn? Man heirathet nicht, um ſeinerſeits nach ſeinem Wohlgefallen zu leben und jede Nacht ich weiß nicht um welche Stunde nach Hauſe zu kommen! Ohne ihren Vater und mich wäre meine Tochter immer allein im Hauſe. Ich bin ſicher, daß dieſe Vereinzelung eine der Urſachen ihres Kummers iſt . . Sie wird ſich am Ende empört haben und Sie haben ihr wohl harte Dinge geſagt; iſt das nicht ſo, mein liebes, armes Kind?“ „Mama, ich bitte Dich „ „Das iſt ſchändlich von Ihnen, mein Schwieger⸗ ſohn . . Sie ſind ein Ungehener.“ „Meine liebe Schwiegermutter, Sie werden ein wenig lebhaft; ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie mich als Ungehener behandeln, ohne recht zu wiſſen, warum.“ „Sie machen mir mit Ihrer ſpöttiſchen Kaltblütig⸗ keit das Blut in den Adern ſieden.“ „Meine Mutter, ich flehe Sie an .„ „Laß mich machen, mein armes Kind, Du haſt nicht mehr Wehrmittel als ein Lamm; ich aber habe, Gott ſei Dank! Schnabel und Klauen, ich werde nicht vor Deinem Manne zurückweichen, und will er anfangen Dich zu quälen, ſo nehme er ſich in Acht.“ „Ich frage Sie noch einmal, was iſt die Urſache dieſes großen Zornes? Warnm dieſer plötzliche Lärm?“ „Wie, warum? Wollen Sie ſich über die Leute luſtig machen? Ich finde meine Tochter in Thränen und ganz verſtört! Das iſt vielleicht nicht genug? . .. Glauben Sie nicht, daß Sie mir mit dieſem frechen Phlegma Achtung gebieten.“ „Madame, dieſe Ausdrücke . . . „Nun! was denn, mein Herr? ich ſoll vielleicht Sammethandſchuhe nehmen, um mit Ihnen zu ſpre⸗ Gene „Sammethandſchuhe das verlange ich nicht, doch ich habe das Recht, von Ihnen zu erwarten, Ma⸗ dame, daß Sie höflich ſprechen . „Man wird ſehen, daß ich in meinem Alter und vor meiner Tochter noch Lectionen von einem Gelbſchna⸗ bel Ihrer Art bekomme!“ „Meine Mutter! meine Mutter!“ „Laß mich doch in Ruhe! miſche Dich nicht in dieſe Sache!“ rief Madame Jouffroy völlig außer ſich durch den kalten Hohn des Grafen. „Ich werde ihn im Schritte gehen lehren, dieſen Frechen!“ „Meine liebe Schwiegermutter, es koſtet mich Ueber⸗ windung, Sie zu bitten, Sie mögen einſehen, daß Ihre Prätenſion, die Leute im Schritte gehen zu lehren, die Aehnlichkeit rechtfertigen könnte, welche die Boshaften, mit Unrecht, mit großem Unrecht durchaus zwiſchen Ihnen und einem Tambonr⸗Major finden wollen.“ „Sie ſind ein Grobian!“ „Mein Herr! ah! mein Herr! Sie beleidigen meine Mutter!“ „Nun! nun! was gibt es da? man zankt ſich?“ ſagte die näſelnde Stimme des Marquis, der in dieſem Augenblicke mit Herrn Joufftoy in das Bondovir eintrat. 175 XIX. Madame Jouffroy, als ſie ihren Mann in Beglei⸗ tung des Herrn Marquis von Villetaneuſe erblickte, rief: „Komm hierher, Joufftoy! komm und ſieh Deine Tochter in Thränen, komm und höre, wie man Deine Frau behandelt!“ „Was gibt es denn?“ verſetzte der vortreffliche Mann voll Angſt, indem er zu ſeiner Frau und Aurelie eilte. „Ach! mein Gott! Töchterchen, wie bleich biſt Dun Und Du, Mimi, wie roth biſt Du!“ „Hat man etwa keine Urſache, außer ſich zu ge⸗ rathen? Dieſer Graf macht unſere Tochter unglücklich wie die Steine und nennt mich Tambour⸗Major!“ „Tambour⸗Major!“ wiederholte der Marquis hohn⸗ lächelnd; „aber, liebe Madame, Sie haben durchaus keinen Grund, ſich wegen dieſer Aehnlichkeit beleidigt zu fühlen! Ein Tambour⸗Major! das iſt eine ſehr majeſtä⸗ tiſche Perſon!“ „Ja!“ erwiderte bitter Madame Jouffroy, „ich glich einer Herzogin, als Sie mich umgarnten, daß ich meine Tochter Ihrem Neffen gebe.“ „Schöne Dame „ich wilt ſterben, wenn ich je den unſchicklichen Gedanken gehabt habe, Sie zu um⸗ garnen,“ ſagte der Marquis, langſam ſeine Priſe ſchlür⸗ fend. „Teufel! Sie umgarnen!“ „Hören Sie, Sie ſind nicht mehr werth, als Ihr Neffe! Beide machen ein Paar aus!“ rief Madame Juufftoy, außer ſich durch die höhniſche Impertinenz des Marquis. „Der Vetter Rouſſel hatte Sie richtig beur⸗ theilt! Sie ſind ein alter Schelm!“ „Madame, meine weißen Haare! „ „Sprechen Sie doch von Ihren weißen Haaren! . Sie machen ihnen Ehre! .. und unſere viertauſend Franken!“ „Welche viertauſend Franken?“ „Das Geld, das Ihnen mein Mann am Tage nach der Hochzeit meiner Tochter gegeben hat unter dem Vorwande einer Verſchwörung, einer Ueberraſchung, die Sie, wie Sie ſagten, Aurelie und Ihrem Neffen berei⸗ ten wollten.“ „Stille! ſtille! liebe Madame, die Verſchwörung geht ihren Gang; ein wenig Geduld! hat nicht überdies Ihr Gemahl von mir einen in gehöriger Form ausge⸗ ſtellten Schein erhalten?“ „Er iſt weit gekommen mit ſeinem Scheine! .. Da ſind viertauſend Franken zum Henker! Wenn ich be⸗ denke, daß ich ſo dumm war, an Ihre Verſchwörung zu glauben! .. Ach! es gibt noch ganz andere Dinge, an die ich zum Unglück für meine Tochter geglaubt habe! Aber, Tag Gottes! ich bin da, und er wird gerade ge⸗ hen müſſen, mein Herr Schwiegerſohn!“ „Ja, wir ſind da!“ ſagte ſchüchtern Herr Jouffroy, „wir wollen nicht, daß unſere Tochter unglücklich ſein ſoll . . ah! wahrlich, nein.“ „Mein guter Vater,“ verſetzte Aurelie, welche die⸗ ſes Geſpräch aus vielen Gründen auf die Folter ſpannte, „ich habe mit Herrn von Villetaneuſe einen Streit ge⸗ habt, ich habe geweint, Mama iſt eingetreten; bewegt durch meine Thränen hat ſie Herrn von Villetaneuſe Vorwürfe gemacht, er hat meiner Mutter in Ausdrücken geantwortet, die mich tief betrübten; er bereut ſie, wie ich hoffe . . . Ich beſchwore Dich, guter Vater, und Dich auch, Mama, vergeſſen wir, was vorgefallen iſt. Wir haben heute Abend hier Ball, und es iſt ſchon ſpät; wäre ich bei dieſem Feſte nicht anweſend, ſo hätte es tauſend Commentare zur Folge: ich muß an meine Toilette „wir werden bald zu Mittag ſpeiſen 177 „Mein armes Kind,“ unterbrach Madame Jouffroy ihre Tochter, „Du willſt Deinen Gatten entſchuldigen, daran erkenne ich Dich. Doch morgen werden wir dieſe Sache ins Reine bringen, wir werden eine ernſte Er⸗ klärung haben.“ „Und ich, Frau, werde, ohne bis morgen zu war⸗ ten, mit Deiner Erlaubniß die Gelegenheit benützen, um ſogleich eine einzige Frage an unſern Schwiegerſohn zu richten,“ ſagte Herr Jouffroy, der die ſehr ſeltene Ge⸗ legenheit zu benützen wünſchte, da er ſeine Frau geneigt ſah, ihn zu unterſtützen und endlich ſeine Befürchtungen für die Zukunft ſeiner Tochter zu theilen. — Befürchtun⸗ gen, welche bei ihm immer lebhafter wurden, von denen er aber bis dahin nicht zu ſprechen gewagt hatte, ſo ſehr bangte ihm, mit ſeiner Frau uneins zu ſein. „Mein lieber Schwiegervater,“ erwiederte der Graf, „Sie haben, wie Sie ſagen, eine Frage an mich zu richten?“ „Ja, mein Schwiegerſohn, ich möchte gern wiſſen, h! hi! ich möchte gern ein wenig wiſſen, wie es mit Ihren Angelegenheiten und dem Vermögen meiner Toch⸗ hm! Sie geben ungehener viel Geld aus . hm! hm! und mir ſcheint, mein Schwie⸗ gerſohn, hm! hm! Sie gehen ein wenig raſch! „ „Mein lieber Schwiegervater, Alles, was ich Ihnen hierauf antworten kann, iſt, daß Sie keine Art von Be⸗ ſorgniß zu haben brauchen.“ „Ich hoffe, das iſt eine peremtoriſche Antwort,“ fügte der Marquis, ſeine Priſe Tabak nehmend, bei, peremtvriſch und äußerſt beruhigend.“ „Ah! ja wohl!“ rief Madame Jouffroy, „Sie und Ihr Reffe, Sie verſtehen ſich wie Diebe auf dem Markte! „ „Schöne Dame, dieſe Vergleichung mit Dieben auf dem Markte iſt ein wenig „ Die Familie Jouffroy. 1UI. 12 178 „Mir gilt es gleichgültig, wenn ſie Sie verletzt. Mein Mann und ich, wir wollen Beweiſe haben und nicht Worte, verſtehen Sie, mein Herr Schwiegerſohn? Ja, wir wollen Ihr Paſſiv und Ihr Activ wiſſen. Oh! man kann uns nicht hintergehen, ich kenne die Geſchäfte! Sie werden alſo Ihre Ausgaben ſeit Ihrer Verheira⸗ thung bei Heller und Pfennig zu rechtfertigen haben.“ „Madame, ich bin in einem Alter, daß ich keine Vormundſchaft mehr brauche.“ „Alle Teufel! ich denke, mein Reffe iſt hinreichend emancipirt!“ „Ich verwalte mein Vermögen und das meiner Frau, wie es mir zuſagt,“ fuhr der Graf fort. „Nie⸗ mand hat das Recht, ſich in dieſe Verwaltung zu miſchen.“ „Das iſt ein wenig ſtark!“ rief Modame Jouffroy; „wie! wir werden achtmalhunderttauſend Frauken Mit⸗ gift unſerer Tochter gegeben haben, und wir ſollen nicht ein⸗ mal befugt ſein, von Ihnen zu verlangen, daß Sie Re⸗ chenſchaft darüber geben!“ „Moraliſch, ja, materiell, nein, Madame; ich gebe Ihnen darüber moraliſch Rechenſchaft, indem ich Ihnen ſage, und ich habe darauf Anſpruch zu macheu, daß man mir glaubt, Sie brauchen keine Beſorgniß in Betreff unſerer Vermögenslage zu hegen.“ „Das iſt klar! was des Teufels können Sie mehr von meinem Reffen verlangen?“ „Verzeihen Sie, Herr Marquis, Ihr Schwiegerſohn braucht, wenn er uns dieſe Verſicherung gibt durchaus nicht zu befürchten, hn! hi! er habe uns ſeine Ausgaben⸗ bücher, ſeine in Kaſſe befindlichen Werthe zu zeigen, kurz, mit uns zu rechnen, wie der Schreiber mit ſeinem Herrn, und . . . „Aurelie,“ ſagte raſch Madame Joyuffroy, plötzlich von einem Gedanken ergriffen, „hat Dich Dein Gatte nie etwas unterſchreiben laſſen?“ 179 „Doch, Mama, und heute erſt . .. „Was unterſchriebſt Du ſo?“ „Ich weiß es nicht . . . Herr von Villetanenſe bat mich, zu unterſchreiben . . . ich unterſchrieb.“ „Ohne zu leſen, unglückliches Kind?“ „Ja, mein Vater.“ „Großer Gott!“ rief Madame Jouffroy, „ich habe meine Tochter nicht aufmerkſam gemacht! . . . Ach! ich hatte kein Mißtrauen.“ Und voll Bangigkeit ſich an den Grafen wendend: „Was für Papiere haben Sie heute erſt Aurelie unterzeichnen laſſen?“ „Es überläuft mich ein kalter Schauer!“ ſagte Herr Jouffroy, „wenn es ſich um Rentenübertragungen handelte! Die ganze Mitgift von Töchterchen beſtand in Renten!“ „So antworten Sie doch!“ rief Madame Jouffroy außer ſich, indem ſie den Grafen am Arme ergriff, „was für Papiere haben Sie meine Tochter unterzeichnen laſſen?“ „Hat man je die Indiseretion ſo weit getrieben!“ rief der Marquis. „Das iſt doch nnerträglich! es iſt eine wahre Inquiſition!“ „Madame, ich habe Ihnen nichts zu antworten,“ ſprach Herr von Villetaneuſe; „mir vertranend, wie ſie dies ſein muß, hat meine Frau unterſchrieben, was ſie in unſerem gemeinſchaftlichen Intereſſe unterſchrei⸗ ben zu laſſen mir gut dünkte; mehr ſollen Sie nicht erfahren.“ „Ich ſage Ihnen, daß Sie uns auf der Stelle das Papier zeigen müſſen, das heute meine Tochter unter⸗ ſchrieben hat . . . Wo iſt es?“ „Dieſes Papier hat Herr von Villetaneuſe bei ſich,“ erwiederte Aurelie mit Angſt, eine neue Nichtswür⸗ digkeit ihres Gatten ahnend. „Ich habe ſo eben ein geſtempeltes Papier unterzeichnet.“ 180 „Dieſes Papier!“ rief Madame Jouffroy, „das Päpier oder „ „Madame, halten Sie mich für ein Kind?“ er⸗ wiederte der Graf die Achſeln zuckend; „ich habe nein geſagt das iſt nein.“ „Sie wollen alſo meine Tochter ganz ausziehen . . . ſie zu Grunde richten . . . ihr nichts laſſen, als die Au⸗ gen, um zu weinen . . . Sie Unglücklicher!“ „Mein Gott!“ ſagte Aurelie zu ſich ſelbſt, „was werde ich noch erfahren?“ „Madame, ich will Herr in meinem Hauſe ſein,“ rief Herr von Villetaneuſe bleich vor Zorn, „zwingen Sie mich nicht, Sie daran zu erinnern, daß Sie hier nicht bei ſich, ſondern bei mir ſind . . . und daß ich Niemand erlaube, mich bei mir zu beleidigen.“ „Meine Tochter, Du hörſt ihn?“ rief Madame Joufftoy, die Hände zum Plafond erhebend, „er jagt uns fort . . . er jagt uns fort!“ „Frau Gräfin, es iſt aufgetragen,“ meldete mit lauter Stimme Müller, der mit einer Serviette unter dem Arme in der Thüre, ihre beiden Flügel öffnend, erſchien und einen durchdringenden Blick auf die ver⸗ ſchiedenen Perſonen dieſer Scene warf, welche, genö⸗ thigt, ſich vor dieſem Bedienten zurückzuhalten, alsbald ſchwiegen. Unempfindlich, bot der Marquis ſeinen Arm Au⸗ relie, die ſich zitternd darauf ſtützte; der Graf bot den ſeinigen ſeiner Schwiegermutter, welche ihn anzunehmen genöthigt war; Herr Jouffroy folgte traurig ſeiner rau. 5 „Herr Graf,“ ſagte Müller zu ſeinem Gebieter, als dieſer an ihm vorbeiging, „ich bin beim Comman⸗ danten der Pompiers geweſen, er wird die Leute ſchicken, die der Herr Graf verlangt hat.“ „Gut, gut,“ erwiederte zerſtrent Henri von Ville⸗ 181 taneuſe; und die Familie ging in das im Erdgeſchoſſe liegende Speiſezimmer hinab. XX. Die vom Grafen und der Gräfin von Villetaneuſe gegebene Föte war glänzend; die Geladenen folgten ſich jeden Angenblick; eine innerlich mit Tapeten ausgeſchla⸗ gene, im Garten errichtete Gallerie verbaud mit einander die von Lichtern, Vergoldungen und Blumen glänzenden Salons des Erdgeſchoſſes. Anrelie hatte die Honneurs dieſes Balles machen müſſen, trotz der ſchmerzlichen Unruhe, in die ſie die ver⸗ ſchiedenen Ereigniſſe des Tages verſetzten; nicht nur be⸗ trog ſie der Graf, und hielt er ſie für ſittenlos genug, um, wie ſie ſagte, einen Handel ſchändlicher Duldſamkeit anzunehmen, ſondern die vertrauensvolle Leichtigkeit miß⸗ brauchend, mit der ſie die Papiere, die er ihr vorlegte, ohne dieſelben zu leſen, unterzeichnete, ruinirte er ſie und hatte ſie offenbar nur ihrer Mitgift wegen gehei⸗ rathet. Wenn mit dieſer verächtlichen Brhandlung, mit die⸗ ſen Schändlichkeiten die junge Frau in ihrem Geiſte die ſo diserete, ſo tiefe Liebe des Prinzen Karl Maximilian verglich, die Liebe dieſes Mannes mit dem zarten, rit⸗ terlichen Sinne, da fühlte ſie ihre Neigung für dieſen ſich verdoppeln, und ſie überließ ſich derſelben und ge⸗ dachte ſich ihr mit um ſo mehr Unſchuld und Sicherheit hinzugeben, als ſie den Prinzen nie wiederſehen ſollte. Dieſe unbekannte Liebe ſollte der traurige Troſt für ihren Kummer ſein; ſie wartete überdies auf den Tag nach dem Feſte, um ſich entweder mit ihrem Vater und ihrer Mutter, oder mit ihrer Tante Prudence und dem Vetter Rouſſel über den Entſchluß, den ſie in den un⸗ 182 glücklichen Umſtänden, in welchen ſie ſich befand, nehmen ſollte, zu berathen. Tauſend verſchiedenen Gemüthsbewegungen preisge⸗ geben, machte alſo die Gräfin die Honneurs des Balles. Da ſie die aufbranſende Hitze ihrer Mutter kannte, da ſie wußte, wie wenig ſich dieſe bezwingen konnte und deshalb einen Eclat von ihr dem Grafen gegenüber be⸗ fürchtete, ſo hatte ſie Madame Joufftoy gebeten, in ihrer Wohnung zu bleiben. Herr Joufftoy fühlte ſich immer ſo verlegen, ſo fremd in der Welt des Hotel Vil⸗ letaneuſe, daß er voll Eifer ſeiner Frau ihr Geſell⸗ ſchaft zu leiſten angeboten hatte, um in Gemeinſchaft mit ihr die Mittel zu ſuchen, ſich Klarheit über die pecuniäre Lage ihres Schwiegerſohns zu verſchaffen und, wenn es noch Zeit wäre, ihre Tochter vor einem drohenden Ruine zu bewahren. Leicht, lächelnd, anmuthig, machte Henri von Ville⸗ taneuſe ſeinerſeits die Honneurs ſeines Hauſes; er ver⸗ ließ zuweilen die Salons des Erdgeſchoſſes, um in das Spielzimmer des erſten Stockes hinaufzugehen, wo er in ſeiner Eigenſchaft als gleich unglücklicher und glänzender Spieler im Lanzknecht beträchtliche Summen mit ſeiner vollkommenen Sorgkloſigkeit eines vornehmen Mannes wagte und verlor. Dieſer Mann, die Gegenwart und die Vergangen⸗ heit beweiſen es, war einer von denjenigen, welche in der Liebe (venn man dies Liebe nennen darf), einen weſentlich verdorbenen Geſchmack beſigend, ſich darin gefallen, das oſt ſchmähliche, zuweilen lächerliche Joch von entſittlichten oder mittelmäßigen Creaturen zu er⸗ ſtreben und zu tragen, während ſie unſtreitbar hoch über denjenigen, welche ſie vorziehen, ſtehende Frauen verach⸗ ten und erniedrigen. So ſchmiegte ſich Herr von Villetanenſe, nachdem er lange der unnmſchränkten Herrſchaft von Frau von Morlac, einer Courtiſane, welche älter als er, unterwor⸗ * 183 fen geweſen war, unter das Joch von Madame Bayeul, welche ganz unwürdig, in irgend einer Hinſicht mit An⸗ relie verglichen zu werden. Madame Bayeul, dieſe kleine, halbrothe Blondine, mit dem unzüchtigen Ange und der widerſpänſtigen Naſe, mit den ſinnlichen Lippen, mit dem lasciven Gange, mit der herausfordernden, frechen Phy⸗ ſiognomie bot dem Grafen einen Geſchmack von Ver⸗ dorbenheit, einen Geruch von Cynismus und Zügelloſig⸗ keit, wodurch allein die entartete Neigung dieſes über⸗ ſättigten Menſchen wiedererweckt werden konnte. Unſere ein wenig mit Lebenserfahrung begabten Leſer mögen ihr Gedächtniß befragen, und ſie werden ſich gewiſſer ſehr überzengender Thatſachen in Betreff des abſcheulichen Einfluſſes erinnern, den laſterhafte Creaturen von der Art von Madame Bayeul unglück⸗ licher Weiſe zu oft zum Nachtheile junger Frauen üben, deren Schönheit eben ſo rein und klar iſt, als ihre Tugend⸗ Die Gräfin von Villetaneuſe machte alſo mit einer bewältigten Traurigkeit die Honneurs ihres Balles; ſie war angethan mit einem weißen Mohrkleide; da ſie unter den ärgerlichen Vorfällen dieſes Abends kaum Zeit gehabt hatte, an ihre Friſur zu denken, ſo trug ſie nur eine Reihe Perlen durch die Flechten ihrer braunen Haare mit den goldenen Reflexen geſchlungen; die außer⸗ ordentliche Einfachheit dieſes Putzes ſchien mit der Bläſſe des Geſichtes von Aurelie und mit dem ſchwermüthigen Lächeln, das ihre Lippen umſchwebte, zu harmoniren. Sie ſaß in einem Zimmer in der Nähe des Warteſaals und empfing hier die einzelnen Perſonen, welche ſie bei ihrem Eintritte auf den Ball nach und nach begrüßten; ſie planderte einen Augenblick mit denſelben und war bemüht, ſich nicht vom Geſpräche durch die tauſend Ge⸗ danken, die ihr Inneres erfüllten und bewegten, abziehen zu laſſen. Die Gräfin planderte in dieſem Augenblick mit der 184 Marguiſe von Beaupréau, einer ziemlich hübſchen und ſehr frechen jungen Frau; ſie umfaßte, ſo zu ſagen, in ſich die boshaften Gefühle der Allgemeinheit der Frauen dieſer hoffärtigen Welt, welche als einen Eindring⸗ ling die, durch Zufall Gräfin von Villetaneuſe gewor⸗ dene, Tochter des ehemaligen Seidenhändlers betrachtete. Häßlich und widerwärtig, wäre Aurelie als ein Pack (Ausdruck des Salonrothwälſch) beſchützt durch die Gleichgültigkeit, die ſie einflößte, bald vergeſſen worden; aber weit hievon entfernt, zeigten ſich die Männer der Ariſto⸗ kratie, gewöhnlich Gleichheitsanhänger in Betreff der Frau⸗ en, ſehr eifrig um den Eindringling. Angezogen durch den Reiz ihrer bezaubernden Schönheit und durch den Köder ihrer unſchuldigen Coquetterie, hatte mehr als ein Mer⸗ veilleur lebhaft die Eiferſucht einer ächten Herzogin oder einer ächten Margniſe dadurch erregt, daß er der jungen Zufallsgräfin den Hof gemacht; dieſe Nivali⸗ täten, dieſe Aergerniſſe der Eiferſucht verdoppelten die weibliche Bosheit gegen Aurelie; eine Bosheit, die ſelbſt von denjenigen getheilt wurde, welche nicht ihre An⸗ beter ſich enfführen zu ſehen befürchteten, in Betracht, vaß ſie keine hatten. Doch der Kaſtengeiſt, der Coterie⸗ geiſt iſt ein mächtiger Corpsgeiſt, nud die weibliche Linie gegen den Eindringling war ungefähr allgemein. Iſt es nöthig, beizufügen, daß der Ausdruck dieſer Feindſelig⸗ keit nie aus den dieſen ſchönen Damen durch die Lebens⸗ art, das Reſultat der Gewohnheit einer außererdentlich guten Geſellſchaft, auferlegten Gränzen heraustrat? Doch obgleich feiner, höflicher, waren die Sarkasmen nichts⸗ deſtoweniger grauſam geſchärft. Bis dahin ohne Mo⸗ tive zu ernſtem Kummer und ihrer Schönheit vertrauend, verachtete Aurelie die Angriffe und beluſtigte ſich ſogar damit; doch an dieſem Abend mußte ihr gepreßtes, von Schmerzen zernagtes Herz empfindlich ſein für Berührun⸗ gen und Verletzungen, die früher von ihr beinahe unbe⸗ merkt geblieben. 185 Die Marquiſe von Beaupréan hatte gerade ihrem Anbeter Herrn von Maillebois Beſtrebungen und Ga⸗ lanterien gerichtet an die Zufalls gräfin vorzuwerfen, zu der die ächte Marquiſe mit dem liebenswürdigſten Lächeln ſagte: „Mein Gott, Madame, welch eine köſtliche Föte geben Sie uns heute Abend!“ „Madame,“ erwiederte Aurelie nach dieſem Anfange unbeſtimmt eine Falſchheit ahnend, „Sie ſind zu nach⸗ ſichtig“ „Nachſicht? oh! Madame, Sie gehören im Gegentheil zu den Perſonen, welche ſo wunderbar be⸗ gabt ſind, daß ſie der entſchiedeuſten Bosheit trotzen köunen. Doch Sie flößen uns, Madame, ein ganz anderes Gefühl als dieſes ein, wir finden Sie reizend, * wir bringen eine gerechte Huldigung Ihrem guten Ge⸗ ſchmacke, Ihrer Anmuth dar, und wir ſchätzen uns ſehr glücklich, Sie unter uns zu ſehen, Madame.“ Man konute unmöglich mittelſt dieſer wiederholten wir und uns mit einer höflicheren Impertinenz der jungen Gräfin ſagen: „Sie ſind nur geduldet in unſe⸗ rer Geſellſchaft, aus der Sie Ihr Mangel an Geburt entfernen müßte.“ Aurelie fühlte den Hieb, ſie fühlte ihn doppelt, denn ſie ſagte ſich: „Mein Gott! um welchen Preis habe ich das Recht des Eintritts in dieſe Geſellſchaft, die mich ver⸗ achtet, erkauft! Ach! um den Preis des Glückes meines Lebens!“ Doch ihre ſchmerzliche Gemüthsbewegung beherr⸗ ſchend, erwiederte die junge Frau der Marquiſe von Beaupréan: „Sie ehren mich ungemein, Madame; ich bin ebenſo gerührt von den Lobeserhebungen, mit denen Sie mich überſchütten, als Sie dieſelben an mich ver⸗ ſchwendend aufrichtig 186 Herr von Maillebois, der Anbeter der Margquiſe, unterbrach dieſes Geſpräch, das ſich ſchon leicht zur Bitterkeit hinneigte. Dieſer junge Mann coquettirte ſeit einiger Zeit viel bei Aureiie; ſie beluſtigte ſich an ſeinen Huldigungen, ohne ſie im Ernſte zu nehmen. Frau von Beaupréau, als ſie Herrn von Maillebois erblickte, von dem ſie glaubte, er werde durch die Coquetterie von Aurelie angezogen, fühlte ſich von einem grauſamen Aer⸗ ger erfaßt; doch ſie verbarg ihren Verdruß und ſagte ſehr freundlich: „Geſtehen Sie, Herr von Maillebvis, daß Sie kommen, um Fran von Villetaneuſe Ihr Compliment über ihre reizende Toilette zu machen.“ „Nein, Madame, Gott behüte mich!“ erwiederte lächelnd Herr von Maillebois, „ich bin troſtlos, Ihnen ſagen zu müſſen, daß Sie ſich irren. Würde ich mir erlauben, Frau von Villetaneuſe mein Compliment zu machen, ſo wäre es nicht über ihre Toilette, mit andern Worten über das Verdienſt ihrer Nähterin; Frau von Villetaneuſe haßt aber die Complimente: ich ſchaue. ich bewundere alſo und ich ſchweige.“ ² „Sie täuſchen ſich nicht, mein Herr, ich fürchte ſehr die Complimente, ſelbſt wenn ſie ſo geiſtreich ſind, als Complimente ſein können,“ erwiederte Aurelie, indem ſie zu lächeln ſuchte. „Nun wohl! mein Herr,“ ſagte die Marguiſe, deren Aerger immer mehr zunahm, „auf die Gefahr, das Un⸗ glück zu haben, Madame nicht ſo geiſtreich wie Sie zu ſcheinen, auf die Gefahr, ihr vielleicht vor den Kopf zu ſtoßen, indem ich auf eine platte Weiſe das Lob ihrer Näh⸗ terin ausſpreche, erlaube ich mir Madame zu ſagen, daß ſie heute Abend zum Entzücken geputzt iſt . und daß ihr Kleid . . . verzeihen Sie, Madame . . wie nennt man dieſen Stoff?“ „Madame,“ antwortete naiv Aurelie, „es iſt ge⸗ mohrter Seidenzeug.“ 187 „Ich muß geſtehen, man arbeitet gegenwärtig vor⸗ trefflich,“ verſetzte die Marquiſe. Und Aurelie einen giftigen Blick zuſchleudernd, fügte ſie bei: Welch ein Unterſchied gegen die Stoffe, die man vor fünfzehn bis zwanzig Jahren fabricirte! Meine Mut⸗ ter kaufte, wenn ich mich recht erinnere, ihre Seiden⸗ zeuge im Laden Ihres Herrn Vaters, Madame, und dort hätte man ſicherlich damals keinen Stoff ſo ſchön wie dieſer gefunden . .. Und dennoch ſoll der Laden Ihres Herrn Vaters . man muß ihm dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen von allen Läden in Paris der am beſten aſſortirte Laden geweſen ſein.“ Und triumphirend über die Verlegenheit und Röthe der Gräfin: „Ah! ich ſage wie Sie, Hert von Maillebois, wir ſind entſchieden im Foriſchritte begriffen, und man ſieht beſonders in unſeren Tagen erſtaunliche Dinge.“ Die Verwirrung von Aurelie verdoppelte ſich; doch ſo peinlich ſie war, ſie vergaß ſie bald, als ſie an der Thüre des Salon Herrn von Villetaneuſe mit Madame Bayeul am Arme und gefolgt von Herrn Bayeul er⸗ blickte, der bis dahin eben ſo wenig als ſeine Fran in das Hotel Villetaneuſe gekommen war. XXI. „Ich will zu Ihnen auf den Ball gehen, um die ſchöne Welt zu ſehen und Ihre Frau wüthend zu ma⸗ hen, die ſich das Anſehen einer vornehmen Dame gibt ud unſere bürgerliche Geſellſchaft, welche ſie ohne Zweifel rachtet, nicht mehr beſucht,“ hatte ein paar Tage She Madame Bayeul zu Herrn von Villetaneuſe geſagt. 188 Der Graf, der nun unter dem ſchmählichen Joche von Madame Bayeul lebte, wie er früher der Herrſchaft von Catherine von Morlac unterthan geweſen war, konnte dem, was man von ihm verlangte, nicht wider⸗ ſtehen, allerdings ohne noch etwas von der zukünftigen Entdeckung ſeiner Rendez⸗vous in der Paſſage Cendrier zu wiſſen. Fügen wir noch bei, daß ſogleich nach ſeiner ſtürmiſchen Unterredung mit Aurelie und ihrer Familie der Graf in Eile ein paar Worte an Madame Bayeul geſchrieben hatte, um ſie zu benachrichten, die Féte werde nicht ſtattfinden. Trotz ſeiner Verachtung der einfachſten Convenienzen, wenn er unter der Gewalt ſeiner entwür⸗ digenden Leidenſchaften ſtand, fühlte er, daß die Ein⸗ ladung von Madame Bayeul, eine ſchon aus dem Ge⸗ ſichtspunkte ſeiner Geſellſcha ft ſehr excentriſche Ein⸗ ladung, eine änßerſt verletzende Ungebührlichkeit gegen Aurelie wurde, da dieſe nun von der Verbindung ihres Gatten mit Madame Bayeul unterrichtet war; doch dieſe ſchamloſe Creatur witterte, daß der Widerruf der Einladung des Grafen eine Riederlage oder eine Lüge verbarg, und ſchickte ſogleich ihren Portier ab, um ſich im Hotel Villetaneuſe über die Wahrheit der Sache er⸗ kundigen zu laſſen; ſie erfuhr durch ihren Boten, daß der Ball durchaus nicht abbeſtellt war, und fühlte natür⸗ lich ihr Verlangen, dieſer Föle beizuwohnen und ſo Aurelie doppelt unangenehm zu ſein, zunehmen. Madame Bayeul war alſo im höchſten Putze und triumphirend zum großen Erſtaunen und zum lebhaften Aerger von Herrn von Villetanenſe zum Balle gekom⸗ men. Der Graf mußte bei dieſer Extremität die Scham⸗ loſe, welche ſehr fähig, eintretenden Falles ein lautes Geſchrei zu erheben und einen Eclat zu machen, vor die Thüre ſetzen, oder ſich darein fügen, ſie der Gräfin vor⸗ zuſtellen. Fluchend entſchloß er ſich zu Letzterem, was ſcheinbar minder anſtößig, als Erſteres, bot ſeinen Arm Madame Bayeul und führte ſie in den Salon, wo Au⸗ 189 relie an der Seite der Marquiſe Beaupréau ſaß, in dem Augenblicke, da dieſe auf eine ſo tückiſche Art das Geſpräch auf den Laden von Herrn Jouffroy gebracht atte. Frau von Villetaneuſe, welche nicht wußte, daß ihr Gatte es verſucht hatte, Madame Bayeul abzuhalten, auf den Ball zu kommen, ſah in dieſer Vorſtellung ei⸗ nen neuen und blutigen Schimpf und war auf dem Punkte, unter dieſem letzten Schlage in Ohnmacht zu fallen. . Madame Bayeul trug auf dem Kopfe einen Kranz von Weinranken wie eine Erigone, ihre glühend blonden langen Haare fielen in zahlreichen Locken bis auf ihren vorne unanſtändig ausgeſchnittenen Leib, und bis un⸗ ten an ihre Schultern, welche nicht minder gerundet als ihre Arme und ihre Bruſt, entblößt, ſtellte ſie zwei Schönheitskörner, ſchwarze Mahle, zur Schau, welche noch mehr die blendende Weiße einer atlaßartigen Haut hervorhoben; viel zu durchſichtig, um von gutem Ge⸗ ſchmacke zu ſein, war ihr Kleid kurz genng, um einen übrigens ſehr hübſchen Fuß und den Anfang eines fei⸗ nen und wohlgedrehten Beines augenſcheiulich zu machen. So gekleidet, anmaßlich, herausfordernd, hing ſich Ma⸗ dame Bayeul an den Arm von Herrn von Villetaneuſe an, und der Graf, der auf der Folter zu ſein ſchien, ſagte zu ſeiner Frau: „Meine liebe Freundin, ich ſtelle Ihnen Madame und Herrn Bahenl vor.“ Dieſer ging hinter ſeiner Frau, um zwei Fuß klei⸗ ner als ſie; er verbengte ſich, während Madame Bayeul, Aurelie frech anſchauend, mit einer ſpöttiſchen Miene zur Gräfin ſagte: „Madame, wir kennen uns ſchon, wir haben uns früher ſehr oft bei den Richardet, bei den Duflot, bei den Chamonſſet und Anderen getroffen; Sie waren damals nicht Gräfin.“ 4 190 „Madame,“ erwiederte Aurelie, die ihre Ent⸗ rüſtung, ihre Scham und ihren Schmerz zu überwinden ſuchte, „Madame, es iſt möglich, daß wir uns früher haben, doch ich bin erſtaunt, Sie bei mir zu ehen . „Wie? wie?“ verſetzte Madame Bayeul mit einer kreiſchenden Stimme, Sie ſind erſtaunt, mich bei Ihnen zu ſehen, Madame? . . Was ſoll dies beſagen, wenn's beliebt?“ „Madame, erlauben Sie mir, Sie in den Ballſaal zu führen,“ ſagte Herr von Villetaneuſe mit einer ge⸗ wiſſen Heftigkeit, um die Unverſchämte zu veranlaſſen, ihm zu folgen; Madame Bayeul gab auch wirklich der Bewegung des Grafen, der ſie faſt mit Gewalt weg⸗ führte, nach, wandte ſich jedoch noch zweimal um und ſchleuderte auf die junge Gräfin Blicke des Haſſes und der Herausforderung. Herr Bayeul ging unempfindlich mit einer automatiſchen Steifheit auf den Ferſen ſeiner Frau. Frau von Beaupréau weidete ſich an der grauſamen Verlegenheit, in welche die Vorſtellung von Madame Bayeul Aurelie verſetzte, als ſie aber bemerkte, daß Herr von Maillebvis aufrichtig Mitleid mit der peinlichen Lage von Frau von Villetaneuſe zu bekommen ſchien, da ſprach die Marguiſe zu dieſer im Tone der Be⸗ trübniß: „Wahrhaftig, Madame, ich theile Ihre Entrüſtung. Hert von Villetaneuſe muß, erlauben Sie mir, Ihnen dies zu ſagen, den Kopf verloren haben, daß er es wagt, Ihnen eine ſolche Perſonnage vorzuſtellen. Sie werden mir ohne Zweifel antworten, er ſei in dieſe Un⸗ verſchämte vernarrt, dies iſt nach dem, was vorgefallen, ſehr wahrſcheinlich. Ich nehme mir indeſſen die Freiheit, Madame, Ihnen zu bemerken, daß es für eine Frau, welche ſich achtet, höchſt anſtößig iſt, in Ihrem Salon mit einer als wahre Seiltänzerin gekleideten Perſon 191 zuſammenzutreffen, welche von den Duflot und den Chamouſſet herkommt, wo Sie, wie ſie ſagt, das Ver⸗ gnügen gehabt haben, ſie zu kennen. Dieſe alten Ver⸗ bindungen ſind allerdings äußerſt ehrwürdig; nichtsdeſto⸗ weniger iſt es exorbitant, ſich Verlegenheiten mit einer ſolchen Unverſchämten, welche ohne Zweifel in einer Hin⸗ terbude geboren iſt, ausgeſetzt zu ſehen.“ „Verzeiben Sie, Madame,“ erwiederte Aurelie mit einer traurigen Würde, „Sie vergeſſen ohne Zweifel, daß mein Vater eine Bude hatte, und daß Ihre Frau Mutter bei ihm ihren Bedarf kaufte.“ „Das iſt wahr, Madame . doch Sie haben nun die Ehre, den Namen des Herrn Grafen von Villetaneuſe zu führen, und Sie ſind unter uns zuge⸗ laſſen.“ Bei dieſer grauſamen Antwort verlor Aurelie, trotz ihrer übermenſchlichen Anſtrengungen, um ſich zu bewälti⸗ gen, die Haltung, die Thränen traten ihr in rie Augen, ſie war im Begriffe, aus dem Salon wegzugehen und es ihrem Gemahl zu überlaſſen, die Honneurs des Fe⸗ ſtes zu machen, da hörte ſie ihren Kammerdiener Müller mit einer ſonoren Stimme aus einem der anſtoßenden Salons melden: „Seine Hoheit der Prinz Karl Maximilian.“ XXII. Die Gräfin von Villetanenſe, als ſie bei ſich den Prinzen Karl Maximilian melden hörte, von dem ſie glaubte, er habe eine Reiſe nach dem Orient angetreten, (eine lange Wanderung, unternommen in der Hoffnung, ſich, nach dem von Clara erhaltenen Brieffragmente, von ſeiner Liebe zu zerſtrenen), die Gräfin von Ville⸗ taneuſe ſchauerte, erröthete, weniger ergriffen von der ſo nnerwarteten Ankunſt Seiner Hoheit, als von dem * 192 unſeligen, aber inſtinctartigen und faſt unwillkürlichen Gedauken, der alle andere Gedanken beherrſchte: „Ich habe heute Demüthigungen, Schmach, grau⸗ ſame Verachtung erduldet, dieſe adeligen Damen werfen mir meine niedrige Geburt vor, mein Gatte beſchimpft mich im Angeſichte Aller; der Prinz wird mich rächen, er liebt mich .. Fortan beruhigt, nun ihrerſeits triumphirend, erhob die junge Fran ſtolz die Stirne; kurz zuvor noch von verhaltenen Thränen verſchleiert, glänzten ihre Angen von einem fieberhaften Feuer, fieberhaft wie die leichte Röthe, welche die Roſen ihres Teint belebte. Aurelie verwandelte ſich, und als ſie den Prinzen erblickend, der durch den nächſten Salon herbeikam, ungeſtüm von dem Platze aufſtand, wo ſie an der Seite der Marquiſe von Beaupréau geſeſſen hatte, ſagte dieſe zu ſich ſelbſt: „Was hat ſie denn? ſie iſt nicht mehr zu erkennen.“ Und ſie ſprach laut, ſehr erſtaunt, ſehr ärgerlich darüber, daß der Brnder eines regierenden Fürſten ſich herabließ, einem von dieſer Zufallsgräfin, der Tochter eines Kleinhändlers, gegebenen Balle beizuwohnen: „Aber, Madame, mau wußte durchaus nichts von der Rückkehr Seiner Hoheit nach Paris. Der Prinz iſt alſo erſt kürzlich angekommen?“ „Wahrſcheinlich, da Seine Hoheit heute Abend zu mir kommt,“ erwiederte Aurelie mit ſtolzem, unge⸗ zwungenem Tone, indem ſie auf die Worte; zu mir einen Nachdruck legte, der zu ſagen ſchien: zu mir⸗ einer Krämerstochter, Frau Marquiſe.“ Der Prinz Karl Maximilian, in einem Stadtkleide, immer elegant und ſchön, obgleich ſein Geſicht abgema⸗ gert und ein wenig bleich geworden war Cieſe Bemer⸗ kung entging Aurelie nicht, als er ſich ihr näherte), kam, um die Gräfin zu begrüßen, in Begleitung von Herrn von Villetaneuſe herbei, während man im Ausſchnitte der 193 Thüre dieſes Salon, wo ſich in dieſem Augenblicke nur die Marquiſe, Herr von Maillebois und die junge Gräfin befanden, Madame Bayeul erblickte, mit der ihr wür⸗ diger Gatte ganz leiſe ſprach, als hätte er ſie von einem extravaganten Vorhaben abbringen wollen. „Frau Gräfin,“ ſagte der Prinz; indem er ſich abermals tief vor Aurelie verbeugte, „vorgeſtern in Paris angekommen, habe ich erfahren, Sie geben einen Ball, und obſchon ich nicht die Ehre hatte, eingeladen zu ſein, werden Sie mich doch gütigſt entſchuldigen, Madame, daß ich voll Eifer dieſe Gelegenheit ergriff, um Ihnen meine ehrfurchtsvollen Huldigungen darzu⸗ bringen.“ Die erſte Sicherheit von Aurelie verwandelte ſich in eine wachſende Unruhe; ſie verneigte ſich vor dem Prinzen, konnte aber kein Wort der Erwiederung finden. In dieſem Angenblicke erſchien Müller an der Thüre des Salon, ein Brett von Vermeil mit Gefrorenem be⸗ laden in ſeinen Händen tragend; er warf einen beobach⸗ tenden Blick auf das, was im Salon vorging, und ver⸗ ſchwand, als gerade Herr vonVilletanenſe, der Verlegenheit ſeiner Frau zu Hülfe kommend, dem Prinzen autwortete: „Eure Hoheit überhäuft uns mit Güte; Frau von Villetaneuſe und ich, wir fühlen den ganzen Werth der Gnade, die Eure Hoheit uns heute Abend bewilligt.“ „Wir ſind um ſo glücklicher, Eure Hoheit zu em⸗ pfangen, als wir nicht auf dieſe Ehre rechneten,“ wagte Aurelie ſchüchtern zu ſagen. Als ſie ſodann Karl Maximilian Frau von Beau⸗ préau grüßen ſah, die dieſen Gruß mit einem von jenen majeſtätiſchen Hofreverenzen erwiederte, deren Tradition ſich noch bei den Frauen der Ariſtokratie erhalten hat, gab Aurelie einem Bedürfniß, ſich zu rächen, nach, und ſicher, den Hochmutb der Marquiſe zu verletzen, wenn ſie, Aurelie, die Tochter eines Kleinhändlers, dem Prin⸗ Die Familie Fouffroy. n. 13, 194 zen dieſe edle Dame vorſtelle, ſagte ſie zu Karl Maxi⸗ milian: „Hoheit, erlauben Sie mir, Ihnen die Frau Mar⸗ quiſe von Beaupréau vorzuſtellen.“ Die Marquiſe fühlte die Abſicht und machte der Hoheit eine zweite äußerſt vornehme Reverenz. „Frau Margquiſe,“ ſprach Karl Maximilian, „ich werde mich immer glücklich ſchätzen, mit den Perſonen zuſammenzutreffen, welche die Ehre haben, bei der Frau Gräfin von Villetaneuſe aufgenommen zu ſein.“ „In dieſem Falle, Hoheit, benütze ich die Gele⸗ genheit, mich ſelbſt vorzuſtellen,“ ſagte plötzlich eine Stimme mit ſehr beherztem Tone. Dieſe Stimme war die von Madame Bayeul, welche, trotz den Ermahnungen ihres Mannes, hartnäckig mit dem Prinzen, ganz wie eine Andere, ſagte ſie, hatte ſprechen wollen. Die unerwartete Anweſenheit die⸗ ſer Frau, welche ſie aus vielen Urſachen verabſcheute, entriß Aurelie eine Bewegung der Entrüſtung. Dieſes Gefühl entging dem Scharfſinne von Karl Maximilian nicht; ſein bis dahin äußerſt freundliches Geſicht ver⸗ düſterte ſich; der Stolz, der ſouveraine Hochmuth ſeines fürſtlichen Geſchlechtes vrägten ſich in ſeinen ſchönen Zügen aus; er wandte ſich gegen Madame Bauyenl um, maß ſie mit einem erſtannten, eiſigen Blicke und ließ ſodann, nachdem er einen Moment geſchwiegen, ſich an HerrnvonVilletaneuſe wendend, verächtlich die Worte fallen: „Mein lieber Graf, wer iſt Madame?“ „Hoheit,“ erwiederte Herr von Villetaneuſe ſehr verlegen, „Madame iſt Madame Bayenl.“ „Ah!“ machte die Hohheit. Und ohne mehr ein Wort oder einen Blick an die unverſchämte kleine Creatur zu richten, kehrte er ihr den Rücken breit zu und ſetzte ſein Geſpräch mit Aurelie fort. Trotz ihrer Frechheit, aus der Faſſung gebracht, wurde Madame Baheul purpurroth vor Wuth, nahm 195 den Arm ihres Mannes und verließ den Salon in dem Augenblick, wo Müller, ſcheinbar ſeinem Dienſte oblie⸗ gend, ein wenig ſtehen blieb, um den Prinzen und Au⸗ relie zu beobachten. „Wie! nicht einen Moment unter vier Augen! Das wird nicht endigen!“ ſagte Müller zu ſich ſelbſt; „be⸗ ſchleunigen wir die Entwicklung!“ Und er verſchwand eiligſt. „Frau Gräfin,“ ſprach Karl Maximilian, welcher bei dem Canapé ſaß, wo die junge Frau wieder an der Seite von Frau von Beaupréau Platz genommen hatte, während Herr von Maillebois und der Graf ſtanden, „Frau Gräfin, unter all dem Glücke, von dem Sie ſo mit Recht umgeben ſind, haben Sie nothwendig vergeſſen, daß ſchon mehr als ein Jahr vorüber iſt, ſeitdem ich die Ehre gehabt habe, Sie zum erſten Male zu ſehen! Mir, was mich betrifft . . . und ich weiß nicht, ob die⸗ ſes Phänomen der ſprüchwörtlichen Schwere unſeres ar⸗ min Dentſchlands zugeſchrieben werden muß . . . mir hat dieſes Jahr übermäßig lang geſchienen.“ Sodann ſich unterbrechend, als würde er plötzlich von einer Idee ergriffen: „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich mich noch nicht nach der Geſundheit Ihres Herrn Vaters und Shier Frau Mutter erkundigt habe .. Wo find ſie denn?“ „Ich danke in ihrem Namen Eurer Hoheit für ihr gutes Andenken; mein Vater und meine Mutter find heute Abend leidend .ſie konnten dieſem Valle nicht beiwohnen.“ „Dieſe Unpäßlichkeit iſt doch hoffentlich von keiner Bedeutung?“ verſetzte der Prinz mit dem Ausdrucke der lebhafteſten Theilnahme, welche ſeinem männlichen, ſchö⸗ nen Geſichte einen rührenden Zauber verlieh. „Doch was ſage ich! Ihre Gegenwart hier beruhigt mich hin⸗ ſichtlich der Geſundheit Ihrer theuren Eitern.“ 196 „In der That, Hoheit, ihre Geſundheit läuft keine Gefahr. Darum bin ich nicht minder tief dankbar für die Theilnahme, welche Eure Hoheit ihnen zu bezeigen die Gnade gehabt hat,“ erwiederte Aurelie mit einer kaum bewältigten Gemüthsbewegung. Der Inſtinct hatte die junge Frau nicht getäuſcht; ſchon rächte ſie der Prinz. Er rächte ſie für die Verachtung ihres Gatten; er rächte ſie an Madame Bayeul; er rächte ſie an der Marquiſe von Beaupréau; der Prinz rächte ſie endlich für die an ihren Vater und ihre Mutter verſchwendeten ariſtokratiſchen Unverſchämt⸗ heiten, indem er laut ſeine Achtung für ſie dadurch an den Tag legte, daß er ſich nach ihrem Befinden er⸗ kundigte. Wären alle Worte von Karl Maximilian nach der gegenwärtigen Lage von Aurelie berechnet geweſen, ſie hätten keine größere Wirkung auf ihren Geiſt und auf ihr Herz hervorbringen können; ihre Unruhe, ihre Röthe vermehrten ſich; die haſtigen Schläge ihres Buſens ſoll⸗ ten ſie vielleicht verrathen, da vernahm man einen ge⸗ waltigen Tumult in dem in der Nähe der Gallerie lie⸗ genden Salon, und plötzlich hörte man ſchreien: „Feuer! Feuer!“ XXIII. Als Karl Maximilian, Frau von Beaupréau, Frau von Villetaneuſe, ihr Gatte und Herr von Maillebois in dem kleinen Salon, wo Riemand eingetreten war, ver⸗ ſammelt, Feuer! rufen hörten, da trat unter dieſen ver⸗ ſchiedenen Perſonen ein Angenblick der Beſtürzung, des Stillſchweigens und der Unentſchloſſenheit ein. Beinahe in demſelben Augenblick ſtürzte eine Woge erſchrockene⸗ ner Gäſte in den vom Herde des Brandes ziemlich ent⸗ 197 fernten kleinen Salon, und Madame Beyeul lief unter den Erſten herbei. So ungeſtüm dieſer Einfall geſchah, auf den ein unbeſchreiblicher Tumult folgte, ſo konnte Aurelie doch bemerken, daß es die erſte Bewegung ihres Gatten war, Madame Bayeul entgegenzulaufen, um ſie zu beſchirmen und durch die erſchrockene Menge fortzuführen. Müller trat in derſelben Minute, da man den er⸗ ſten Feuerlärmen vernahm, haſtig ein, näherte ſich vom Tumulte begünſtigt dem Prinzen und ſagte ihm ein paar Worte ins Ohr. „Elender!“ murmelte Karl Maximilian, indem er einen Blick der Entrüſtung ſeinem Diener zuſchlenderte; dieſer erwiederte aber leiſe: „Hoheit, Ihre Rolle iſt herrlich! Nehmen Sie die Frau Gräfin und folgen Sie nir!“ Dieſe paar Worte wurden zwiſchen dem Prinzen und Müller unter einem wachſenden Schrecken gewechſelt. Indeß Aurelie, die allgemeine Beſtürzung theilend, den Grafen Madame Bayeul fortziehen ſah, hätte beinahe eine Woge von Gäſten, die vor dem Brand flohen, deſ⸗ ſen ſchwarzer, dichter Rauch ſchon den kleinen Salon zu füllen anfing, die junge Gräfin von Karl Maximi⸗ lian getrennt, doch dieſer eilte bei den letzten Wor⸗ ten von Müller auf ſie zu, umſchlang ſie mit den „um ſie gegen das Gedränge zu ſchützen, und rief: * „Kommen Sie, Madame, kommen Sie!“ „Ach! ich fühle mich ſterben!“ murmelte die Gräſin ſchon faſt erſtickt durch den Rauch und die Hitze. Und ſie überließ ſich, zu heftigen Gemüthserſchütterungen un⸗ terliegend, beinahe träge der Führung des Prinzen; die⸗ ſer verlor Müller nicht aus dem Geſichte und ſtrengte ſich wie er gewaltig an, um die Menge zu durchſchnei⸗ den und die Gräſin, die ihm kaum foigen konnte, auf⸗ recht zu halten. Plötzlich hörte er Müller rufen: 198 „Rette ſich, wer kann, der Brand hat das Vor⸗ zimmer ergriffen.“ Bei dieſen Worten ſtrömten die Fliehenden mit Ge⸗ walt zurück; der Prinz gab, wie ſie eine neue Gefahr be⸗ fürchtend, dieſer Bewegung nach. . da fühlte er ſich beim Arme faſſen, und Müller ſagte zu ihm, indem er ihn in einer der der Menge entgegengeſetzten Richtung fort⸗ zog: „Das iſt eine Liſt . . . folgen Sie mir, Hoheit; „ noch eine Anſtrengung!“ Dieſe Anſtrengung wurde erleichtert durch die rück⸗ gängige Bewegung der Flüchtlinge, und nach einigen Schritten durch einen ſchwarzen Qualm, der ihm nichts zu unterſcheiden erlaubte, fühlte der Prinz im Geſichte einen Strom friſcher Luft; er ſtolperte, fiel beinahe mit ſeiner koſtbaren Bürde, ein paar Stufen hinabſteigend, und befand ſich in einem völlig finſtern Corridor. „Hoheit, gehen Sie gerade aus und halten Sie ſich an die Wände, ich ſchreite Ihnen voran: dieſer Gang führt in den Garten, ſogleich öffne ich die Thüre.“ Hienach entfernte ſich Müller haſtig. „Madame,“ ſagte Karl Maximilian zur Gräfin, die er mit ſeinen beiden Armen unterſtützte, „faſſen Sie Muth, Sie ſind gerettet.“ Aurelie Antwortete nichts; ſie hatte ihre letzten Kräfte erſchöpft, indem ſie maſchinenmäßig dem Prinzen durch die Menge folgte und ſich krampfhaft an ihn an⸗ klommerte, um nicht von ihm getrennt und ſodann unter den Füßen getreten zu werden. Als ihr Karl Maximi⸗ lian wiederholte: „Muth gefaßt, Madame, Sie ſind gerettet!“ fühlte er auch den geſchmeidigen, reizenden Leib von Aurelie durch ſeine Arme gleiten: ſie war völ⸗ lig ohnmächtig geworden. Müller hatte die Thüre des Ganges geöffnet, an deſſen Ende man den Schein des Brandes in röthlichen 199 Reflexen die Bäume und die Raſen des Gartens belench⸗ ten ſah. „Müller!“ rief der Prinz mit ängſtlichem Tone, „es iſt ihr unwohl! . komm und hilf mir ſie fort⸗ ſchaffen. Doch wohin ſie führen 2 . . . Mein Gott! das Hotel ſteht in Flammen.“ Müller lief herbei. „Ha! wehe Dir, Elender!“ murmelte Karl Maxi⸗ milian, während er Aurelie aufhob. Müller aber, der die Füße der Gräfin unterſtützte, antwortete ſeinem Herrn, ohne daß er ſeine Vorwürfe gehört zu haben ſchien: „Wir werden in einem benachbarten Hauſe ein Obdach für die Frau Gräfin finden; eilen wir, Ho⸗ Der Prinz und Müller verließen den Corridor und trugen ſo Anrelie durch den Garten; die durch die ent⸗ zündete Gallerie maskirten Fenſter des Erdgeſchoßes hat⸗ ten den Perſonen, welche vor dem Brande flohen, keinen Ausgang bieten können; Müller aber, der die Oertlich⸗ keiten genan kannte, hatte den Prinzen durch einen für das Geſinde beſtimmten Corridor geführt, der vom Vor⸗ zimmer nach dem Garten zulief, und durchſchritt nun dieſen und entferute ſich darans, indem er beſtändig ſeinem Herrn die des Bewußtſeins beraubte Gräfin tra⸗ gen half. Jenſeits der Straße, dem Garten des Hotels ge⸗ genüber, fand ſich ein Haus von beſcheidenem Ausſehen, wo kurze Zeit vorher Clara, wie wir erwähnt, eine Wohnung auf Befehl von Müller gemiethet hatte; dieſer Menſch dachte an Alles! Er öffnete die Thüre von dieſem Gebände mit einem Hauptſchlüſſel, während der Prinz allein in ſeinen Armen die ohnmächtige Frau von Villetaneuſe hieit; nachdem er ſodann auch die Thüre des Erdgeſchoßes, in der Nähe des Eingangs, mit dem⸗ ſelben Hauptſchlüſſel geöffnet hatte, half der würdige 200 Diener ſeinem Herrn Aurelie in einen Salon tragen und hier auf ein Canapé niederlegen. Ein gutes Feuer erwärmte dieſes durch Kerzen, die man zum Voraus an⸗ gezündet, erleuchtete und bequem meublirte Gemach, das auf ein Vorzimmer folgte. „Eure Hoheit,“ ſagte leiſe Müller mit einer trium⸗ phirenden Miene, „ich will nun die Thüren doppelt ſchließen; ich verlaſſe Sie . . . die Schäferſtunde ſoll endlich ſchlagen . . . Die Dankbarkeit einer Frau, die man einer Gefahr entriſſen, iſt ungeheuer, und . . . „Schurke!“ verſetzte leiſe der Prinz, indem er dem erſtaunten Kammerdiener einen niederſchmetternden Blick zuſchlenderte. Du hältſt mich für ſchändlich genng, um Mißbrauch von . Doch die Entrüſtung ſchnitt ihm das Wort ab. „Lauf auf der Stelle nach dem Hotel, beruhige Herrn und Madame Jouffroy über das Schickſal ihrer Tochter und führe ſie ſogleich hierher! . . . Ah! Du wirſt mir ſpäter eine furchtbare Rechenſchaft zu geben haben.“ Müller verbengte ſich unempfindlich, ging hinaus und ſagte zu ſich ſelbſt: „Der Prinz iſt offenbar ſchüchtern geworden wie ein Schüler! Er iſt wahnſinnig verliebt, er wird den zärtlichen Liebhaber, den blöden Schäfer Wochen und Monate lang machen wollen . . . Das wäre läſtig für meinen vortrefflichen Herrn! dienen wir ihm alſo noch einmal wider ſeinen Willen . . . Er wird überle⸗ gen und erkennen, wie nützlich ich ihm bei Allem dem geweſen bin! . . . Vorwärts mit den großen Mitteln!“ 201 XXIV. Als die Graͤfin von Villetaneuſe, aus ihrer langen Ohnmacht erwachend, wieder zum Bewußtſein kam, ſah ſie ſich halb liegend auf einem Canapé, und Karl Ma⸗ rimilian kniete neben ihr und hielt das Kiſſen, auf das ſie ihren brennenden, ſchwerfälligen Kopf ſtützte. „Wo bin ich?“ murmelte die junge Frau, während ſie ſich auſſetzte und ihre Erinnerungen zu ſammeln ſuchte. Was iſt vorgefallen?“ Da ſie ſodann den Prinzen erblickte: „Ah! ich entſinne mich nun . . . der Brand . .. dieſe Menge . . . der Schrecken . . aber mein Vater meine Mutter?“ fragte ſie den Prinzen voll Ban⸗ gigkeit. „Eure Hoheit „.. * „Beruhigen Sie ſich, Madame,“ erwiederte raſch Karl Maximilian. „Ihre lieben Eltern ſind keine Ge⸗ fahr gelaufen.“ Und als Aurelie durch eine Bewegung ihren Zwei⸗ fel ausdrückte, fügte der Prinz bei: Ein ſicherer Mann, den ich nach Ihrem Hotel ab⸗ geſchickt, hat ſo eben Ihren Herrn Vater und Ihre Fran Mutter geſehen; er hat mit ihnen geſprochen: ſie find, ich wiederhole und ſchwöre es Ihnen, keine Gefahr ge⸗ laufen; man hat ſie auch über Sie beruhigt, und bald werden ſie hierher kommen.“ „Aber wo bin ich denn, Hoheit, wo bin ich?“ „Zwei Schrtite von Ihrem Hotel, Madame. Ich war ſo glücklich, mit Ihnen durch den Ballſaal zu drin⸗ gen und hierauf, Sie ohnmächtig forttragend, den Garten und die Straße zu erreichen. Durch die Gefälligkeit einer Perſon . . . die in dieſem Hauſe wohnt, konnte ich endlich für den Angenblick ein Obdach für Sie finden; ich ließ mich ſchleunigſt nach Ihren lieben Eltern erkun⸗ 202 digen und that ihnen zu wiſſen, Sie ſeien der Gefahr entkommen. Sie werden ſie bald ſehen, und Sie kön⸗ nen mit ihnen nach Hauſe zurückkehren, wenn Sie völlig wieder zu Kräften gekommen ſind.“ „Dank! oh! Dank! Hoheit, Sie haben an Alles gedacht, und Ihnen verdanke ich das Leben.“ Als ſie nun ſich der ſchmerzlichen Ereigniſſe dieſes Tages erinnerte und an die Zukunft dachte, die ſie ihr zu verſprechen ſchienen, konnte ſich Anrelie der Thränen nicht erwehren, und ſie rief: „Ach! Hoheit, Ste hätten mich ſollen ſterben laſſen!“ „Madame . was ſagen Sie!“ „Ah! wenn Sie wüßten . . „ch weiß Alles. Ich bin auch nach Paris ge⸗ eilt!“ „Wie! Hoheit . . . „Ich weiß Alles, was Sie leiden . . . Alles, was Sie gelitten haben, Madame; und von dieſen Leiden hatte ich eine Ahnung, als mir die Ehre zu Theil wurde, einer der Zeugen bei Ihrer Hochzeit zu ſein.“ „Wie, Hoheit, Sie ſahen ſchon vorber . „Ich kannte ſeit langer Zeit Herrn von Villetaneuſe als einen liebenswürdigen Vergnügensgefährten doch er beſaß meiner Anſicht nach keine von den Eigen⸗ ſchaften, welche im Stande ſind, das Glück einer Fran wie Sie, Madame, zu ſichern; von da an befürchtete ich für Ihre Zukunft . . . Leider haben mich meine Vor⸗ herſehungen nicht getäuſcht.“ „Hoheit,“ erwiederte Aurelie mit tief ſchmerzlichem Tone, „hat heute Abend in dem Augenblick, wo das Geſchrei: Feuer! hörbar wurde, in dem Augenblick, wo ich, wie ſo viele Andere, in Todesgefahr war, Herr von Villetaneuſe zuerſt an mich gedacht? Rein! nein! 4 „ Er hat zuerſt an die ſchamloſe Frau ge⸗ . 203 dacht, die er Ihnen vorgezogen, Madame,“ ſprach Karl Maximilian, den Gedanken von Aurelie vollendend, „ich habe es geſehen.“ „Ach! Hoheit, ich ſagte es Ihnen, Sie hätten mich ſollen ſterben laſſen!“ rief die Gräfin. Und ſie konnte abermals ihre Thränen nicht zurück⸗ halten. „Mein Gott! was wird fortan mein Leben ſein!“ „Madame,“ ſprach der Prinz mit innigem, beweg⸗ tem Tone, „unterrichtet von Ihrem Unglück, bin ich nach Paris geeilt, ehe ich eine Reiſe nach dem Orient an⸗ getreten, die ich unternehmen will.“ Dieſe Worte erinnerten Aurelie an die geheime Liebe des Prinzen, an dieſe zugleich ſo zarte, ſo tiefe und ſo zurückhaltende Liebe, welche für ſie der unſchul⸗ dige Troſt bei ihrem Kummer ſein ſollte, als ſie Karl Maximilian nie wiederzuſehen glaubte. Doch er war da, bei ihr; ſchon hatte er ſie an dieſem Abend für grau⸗ ſamt Verachtung gerächt, er hatte ſie von einer großen Gefahr errettet, und er eilte, wie er ſagte, nach Paris, weil er ſie unglücklich wußte! So viele Beweiſe von Ergebenheit und Zuneigung von Seiten eines Mannes, der nie ein Wort von Liebe an ſie gerichtet hatte, vermehrten noch die Unruhe von Aurelie; tauſend verworrene, zugleich ſüße und bittere Gedanken bewegten ihr Herz: ſie ſah unbeſtimmt neue Kämpfe, neue Gefahren vorher; obwohl entſchloſſen, auf eine redliche Art fortzuleben, fühlte ſie ſich doch gerührt von einer Liebe, deren Geheimniß ſie ohne Wiſſen des Prinzen zu beſitzen glaubte; mit Bangigkeit fragte ſie ſich, welche Pläne er haben könnte; ſie antwortete auch faſt maſchinenmäßig, nur um zu ſprechen und hiedurch ihre Gemüthsbewegung zu verbergen: „Meine Kümmerniſſe betrüben Sie, Hoheit; wie ſind Sie davon unterrichtet worden?“ „Madame ich darf Ihnen nichts verbergen 204 Sie haben in Ihrem Dienſte einen Mann Namens Müller?“ „Ja, Hoheit „Er iſt ſehr lang bei mir geweſen.“ „Müller?“ „Ja, Madame . Ich konnte auf ſeine Discre⸗ tion zählen; als ich am Tage nach Ihrer Hochzeit ge⸗ nöthigt war, Frankreich zu verlaſſen, ſagte ich, ſehr be⸗ ſorgt um Ihr Schickſal, da ich wußte, was für ein Mann Herr von Villetaneuſe iſt, — ich ſagte zu Mül⸗ ler: „„Sie werden in den Dienſt des Grafen einzu⸗ treten ſuchen; Sie find hellſehend; die Dienſtboten müſſen beinahe nothwendig in das innere Leben ihrer Herrſchaft eingeweiht werden . . . Sie werden mich auf dem Laufenden über das Benehmen von Herrn von Vil⸗ letaneuſe gegen die Frau Gräfin erhalten . . .““ Doch verzeihen Sie, Madame .. dieſe Art von Ueberwa⸗ chung von mir ohne Ihr Wiſſen im Schooße Ihres Hanſes angeordnet. muß Sie empören! ... „Hoheit . „Ich muß geſtehen, ich habe vor dieſer Maßregel gezögert; doch die lebhaften Befürchtungen, die ich für Ihre Zukunft hegte, Madame, erſtickten meine Bedenk⸗ lichkeiten . Sie werden mich vielleicht fragen, mit welchem Rechte ich mir erlaubt habe, mich auf eine ſo unbeſcheidene Weiſe für das, was Sie betrifft, zu in⸗ tereſſiren? ich, der ich nur zweimal in meinem Leben die Ehre gehabt habe, Sie zu ſehen ..5 e ic weiß nicht . „Ich bitte Sie inſtändig, laſſen Sie mich emig Geheimniß der tiefen und ehrerbietigen Theilnahme be⸗ wahren, die Sie mir einflößen,“ ſprach traurig der Prinz; „dieſes Geheimniß ſoll mit mir ſterben . . . uur flehe ich Sie mit gefalteten Händen an: halten Sie mich für den Beſten, für den Ergebenſten Ihrer Freunde.“ 205 Dieſe Worte wurden von Karl Maximilian mit einem ſo zarten und dennoch ſo innigen Ausdrucke ge⸗ ſprochen, daß Aurelie, die ein Liebesgeſtändniß befürch⸗ tete, ſich um eine große Laſt erleichtert fühlte; ſie em⸗ pfand eine unausſprechliche Dankbarkeit gegen den Prin⸗ zen, der ihr die Verwirrung, die Verlegenheit erſparte, welche redlichen Frauen immer das Geſtändniß verur⸗ ſacht, das ſie zurückweiſen müſſen; ſie erwiederte auch mit einem traurigen Lächeln: „Die Güte Eurer Hoheit, der große Dienſt, den ſie mir heute geleiſtet, beweiſen mir beſſer noch als ihre Worte die Theilnahme, die ſie für mich zu he⸗ gen ſo wohlwollend iſt.“ „Ich danke Ihnen ebenfalls, Madame! ich mußte ie von meiner Ergebenheit überzengt wiſſen, um ohne Zwang mit Ihnen zu ſprechen . Ich kenne alſo die traurige Lage, in der Sie ſich befinden, Madame .. . mein Wunſch, mein innigſter Wunſch wäre, Ihnen aus dieſem ſchwierigen Verhältniß herauskommen zu helfen; und fortan ohne Beſorgniß über das, was Sie betrifft würde ich nach dem Orient abreiſen . . . und . . vielleicht . . .“ Der Prinz wurde unterbrochen durch Müller, der, die Thüre des Salon öffnend, mit ernſtem Tone meldete: „Der Herr Graf von Villetanenſe!“ XXV. Erſtaunt, unvermuthet Herrn von Villetaneuſe ein⸗ treten zu ſehen, und beſonders ihn von Müller melden zu hören, erbleichte Karl Maximilian trotz ſeiner Selbſt⸗ beherrſchung, und er ſtand ungeſtüm von dem Stuhle auf, auf dem er neben dem Canapé ſaß, wo Aurelie 206 lag; nicht minder erſtaunt als der Prinz, richtete ſich die Gräfin auch auf, zitternd, erſchrocken beim Anblicke ihres Gatten, obſchon ſie ſich nichts vorzuwerfen hatte. Ruhig, lächelnd, verbengte ſich der Graf tief vor dem Prinzen, und er ſagte zu ihm mit einem Ausdrucke höhniſcher Impertinenz: „Ich bitte Seine Hoheit tauſendmal um Verzeihung, daß ich ihr Liebes⸗Téte-atéte unterbreche, doch . . „Mein Herr,“ rief Karl Maximilian entrüſtet, „Sie verleumden, Sie beleidigen Madame ... „Großer Gott! ich bin verloren!“ murmelte die Gräfin, fühlend, daß der Anſchein gegen ſie war. Und ſie verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „Beruhigen Sie ſich, Frau Gräfin,“ ſprach Karl Maximilian mit Würde, „Alles wird ſich aufklären, und wenn der Herr die Urſache Ihrer Gegenwart hier erfährt, wird er ſeinen abſchenlichen Verdacht tief be⸗ klagen Ich „Erlauben Sie mir, Hoheit,“ unterbrach der Graf den Prinzen . . „Wir Pariſer Ehemänner ſind die beſten Leute der Welt; unſer Ruf in Betreff unſerer vollkommenen Gutmüthigkeit iſt ſprüchwörtlich; wenn wir aber am Ende mit unſeren Augen geſehen haben . was man geſehen nennt. . . „Wie, mein Herr,“ rief der Prinz zornig, „trotz meines Leugnens, trotz meines Wortes wagen Sie es noch, zu behaupten „Nein, nein, Teufel! ich behaupte gar nichts mehr, Hoheit; es iſt genug ſo, es iſt ſogar viel zu viel. .. „Mein Herr Graf, Sie ſind Edelmann,“ ſagte der Prinz leiſe und mit drohendem Tone, „die Beharrlich⸗ keit Ihres Verdachtes iſt für Madame eine gehäſſige Verleumdung und für mich eine Beleidigung . Dieſe Beleidigung füllt die Entfernung aus, die uns trenm.“ „Sehr gut „ich bin äußerſt empfänglich für die 207 Ehre, die mir Eure Hoheit dadurch erweiſt, daß ſie ſich mit mir ſchlagen will . . . „Ein Duell!“ rief Aurelie erſchrocken, indem ſie auf den Grafen zuſtürzte. „Ich ſchwöre Ihnen bei Gott, daß ich unſchuldig bin . Ich 0511 „Meine liebe Freundin,“ erwiederte der Graf, in⸗ dem er ſeine Frau bei der Hand nahm und zum Canaps zurückführte, auf das ſie in Thränen zerfließend und ihr Geſicht in den Kiſſen verbergend niederſank, „beruhigen Sie ſich, ich werde mich nicht mit Seiner Hoheit ſchla⸗ gen: Sie haben weder für ſein Leben, noch ſür das meinige etwas zu befürchten; ich gehöre nicht zu den grauſamen Ehemännern, die den Tod des Sünders for⸗ dern oder gar den der Sünderin, wenn Sie ſo an⸗ betungswürdig iſt wie Sie „Herr Graf,“ ſprach Karl Maximilian ruhiger, „Ihr Verdacht, ſo beleidigend er auch iſt, wird, ich muß es geſtehen, gerechtfertigt durch eine Art von Anſchein; ich will mit zwei Worten, und Sie werden wohl meiner, eines ehrlichen Mannes, Verſicherung glanben .. ich will Ihnen erklären „ wie „Ich bitte tauſendmal, Hoheit, nehmen Sie ſich nicht dieſe Mühe, meine Erfahrung in dieſen Dingen wird mehr als genügend die Erklärungen Eurer Hoheit erſetzen auch iſt es, unter uns geſagt, ziemlich un⸗ angenehm für einen armen Chemann, ſich erklären zu hören, wie und warum er „Mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht!“ „Ich bitte Eure Hoheit inſtändig, weniger laut zu ſprechen, der Herr Polizeicommiſſär iſt im anſtoßenden Zimmer.“ „Was ſagen Sie!“ rief der Prinz verblüfft, „der Commiſſär . . . „ . Iſt in dieſem Augenblicke im anſtoßendeu Zimmer, in Geſellſchaft meines theuren Schwiegervaters und meiner nicht minder theuren Schwiegermutter; Alles wird aber auf das Beſte gehen, Hoheit, wenn Sie nicht aufbranſen und ſich bei dieſer Gelegenheit als ein galanter Mann benehmen.“ „Oh! welche Schmach!“ murmelte Aurelie unter krampfhaftem Schluchzen; „verloren, entehrt in den Au⸗ gen Aller!“ Karl Maximilian blieb niedergeſchmettert . nicht als ob dieſer Eclat ſeinen Plänen geſchadet hätte, dieſer Eclat diente denſelben im Gegentheil über alle Hoffnung, aber trotz ſeiner Verderbtheit litt der Prinz unter dem Scandal dieſes Abenteuers, er litt beſonders darunter für die Gräfin, welche, trotz ihrer Unſchuld, den Ankla⸗ gen Aller preisgegeben ſein und ſo den Grafen beinahe zu ſeinem unwürdigen Benehmen ermächtigen ſollte. Dieſer brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte zum Prinzen: „Hoheit, da ich die ſubſequenten. verzeihen Sie das barbariſche Wort „ da ich die ſubſequenten Abſichten Eurer Hoheit nicht kannte, ſo mußte ich einen Beamten benachrichtigen, um im Nothfalle die friſche That Ihres verbrecheriſchen Umgangs mit meiner Frau conſtatiren zu laſſen.“ „Mein Herr, ich gebe Ihnen noch einmal mein Wort als ehrlicher Mann, daß „ Aurelie ſtand, den Prinzen unterbrechend, auf, er⸗ griff, ſtark durch ihr entrüſtetes Gewiſſen, ihren Gatten beim Arme, zog ihn zu den Kerzen, die ihr volles Licht auf die Züge der jungen Frau warfen, und ſprach zum Grafen, ihre von Unſchuld und innerer Sicherheit glän⸗ zenden Augen auf ihn heftend: „Mein Herr, ſchauen Sie mich wohl an und ſagen Sie, ob Sie in meinem Geſichte die Schande, die De⸗ müthigung, die Furcht oder die Gewiſſensbiſſe leſen, die eine ſtrafbare Fran fühlen muß!“ Aurelie war bewunderungswürdig ſo: ſtolz, empört, bebend, die Stirne frei und hoch⸗ 209 „Wie ſchön iſt ſie! mein Gott! wie ſchön und rüh⸗ rend!!!“ murmelte Karl Maximilian bewegt. „Oh! ihr mein Leben, mein ganzes Leben!“ Und der Prinz glaubte in dieſem Augenblicke auf⸗ richtig zu ſein. Unempfindlich, ſagte Henri von Villetaneuſe zu ſei⸗ ner Frau, indem er ſie zum zweiten Male zum Canapé zurückführte: „Meine Liebe, Sie find ſchön wie ein Engel; ſie ſpielen vortrefflich die Entrüſtung der beleidigten Tugend. Nachdem dieſe Huldigung Ihren phyſiſchen und moraliſchen Eigenſchaften dargebracht iſt, kehren wir zu unſerer Angelegenheit zurück.“ „Oh! das iſt abſcheulich!“ rief die junge Frau, voll Verzweiflung die Hände ringend. „Wer wird mir glau⸗ ben? was ſoll ich thun, was ſagen, damit man mir glaubt?“ „Ah! das iſt die große Schwierigkeit Ihrer Lage,“ verſetzte der Grafz „denn ich, der ich am meiſten bei der Sache intereſſirt bin, glaube Ihnen gar nicht.“ „Ei! was liegt mir, die ich Sie verachte, an Ihrer Werthſchätzung!“ murmelte Aurelie ſchluchzend, „es iſt die Achtung der ehrlichen Leute, die ich für immer ver⸗ liere.“ „Teufel! meine Liebe, an wem iſt die Schuld?“ ſagte der Graf; „ich finde Sie hier in verbrecheriſchem Umgang mit Seiner Hoheit, ich laſſe im Nothfalle die friſche That conſtatiren, und Sie bleiben entehrt . Halten Sie ſich an die zärtliche Leichtigkeit Ihres Herzens.“ „Elender! . .. Ich begreife nun Alles!“ rief der Prinz plötzlich von einem Gedanken erfaßt. „Sie ſind der Unſchuld der Gräfin ſicher, doch ſie beuten den fal⸗ ſchen Anſchein aus, um auf den Scandal zu ſpechliren!“ „Ah! mein Prinz, dieſe Worte find lebhaft, doch Die Familie Jouffroy. U. 14 ſie werden mich nicht aus meiner Kaltblütigkeit herans⸗ bringen . . . Eure Hoheit verführt meine Frau, und Eure Hoheit ärgert ſich? .. Das wäre ſelbſt in Deutſch⸗ land, dieſem vorzugsweiſen ernſten Lande, luſtig; aber bei meiner Ehre! hier in Fronkreich iſt es wahrhaſt, um ſich darüber zu Tode zu lachen!“ „Verdammt . ich „Mein Gott! Hoheit, ſo geht es in der Welt! man verführt eine Frau, der Ehemann kommt unverſehen dazu, man leugnet die Sache, um ſich die Unannehmlich⸗ keit zu erſparen, für die Fran, die man verführt hat, ſorgen zu müſſen.“ „Welche Frechheit! . Sie wagen es „Ich bitte unterthänigſt Seine Hoheit, mir zu ſagen, was ſie mit meiner Fran zu machen gedenkt, nun, da ſie verloren iſt und die Ehre mir auferlegt, mich auf immer von ihr zu trennen.“ „Mein Herr!“ „Noch ein Wort, mein Prinz. Habe ich zu viel auf Ihr Zartgefühl gebaut, wenn ich dachte, nachdem Sie eine deunzehnjährige junge Frau verführt, werden Sie dieſelbe nicht ohne Stütze der gerechten Verachtung der Welt preisgeben! ſollten Sie wirklich Frau von Ville⸗ taneuſe mit einer feigen Grauſamkeit verlaſſen, ſo ſage ich Ihnen gerade heraus, Hoheit, daß ich die Dinge bis zum Aeußerſten treiben und vor keinem Scandal zurückwei⸗ chen werde; die Schande eines Ehebruchsprozeſſes wird auf Sie zurückſpringen; ja, auf der Stelle laſſe ich den Com⸗ miſſär eintreten, und er ſoll das Protocoll abfaſſen Benehmen Sie ſich dagegen als galanter Mann⸗ Hoheit, geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie über der Zukunft der Unglücklichen, die Sie entehrt haben, wachen wollen, verſprechen Sie mir, Paris mit ihr ſo raſch als möglich, heute noch zu verlaſſen . . . ſo ziehe ich die Klage zurück, die ich in die Hände des Beamten nieder⸗ gelegt habe; ich erſticke dieſen Scandal bei ſeiner Ge⸗ 211 burt und werde Frau von Villetaneuſe nur eine Tren⸗ nung in der Güte auferlegen; möchte ſie nach dieſer er⸗ ſchrecklichen Lection“ zu einem beſſeren Leben zurückkehren!“ „Mein Herr,“ erwiederte der Prinz, „ich habe lei⸗ der nicht das Recht, die Frau Gräfin von Villetaneuſe unter meinen Schutz zu nehmen . .. das hieße eine ſchändliche Verleumdung rechtfertigen.“ „Dieſe Art, einer Frage auszuweichen, iſt allerdings geſchickt Hoheit, aber ſehr wenig ehrenhaft; ich erkläre Ihnen alſo, daß . „Genug, mein Herr! Ich verbiete Ihnen, meine Ehre zu verdächtigen; der Frau von Villetanenſe aber ſage ich,“ ſprach Karl Maximilian mit innigem Tone, indem er ſich an die junge Frau wandte: „Madame, wenn Sie in der ſchmerzlichen Extremität, in welche Sie eine, mit ſeltener Treuloſigkeit ausgebentete, ſchändliche Verleumdung verſetzt hat, Frankreich in Geſellſchaft von Herrn und Madame Jouffroy verlaſſen wollen, ſo werde ich mich glücklich ſchätzen, mit Ihrem Vertrauen beehrt zu ſein, und genehmigen Sie meinen Vorſchlag, ſo laſſe ich Sie durch meinen erſten Adjutanten, den Herrn Oberſten Walter zu meiner Schweſter der Großherzogin Sophie führen; ſie wird Sie und Ihre Familie mit aller Theilnahme, mit allen Rückſichten, die man Ihnen ſchul⸗ dig iſt, empfangen; ich werde Sie der liebevollen Für⸗ ſorge meiner Schweſter empfehlen und ſodann eine Reiſe nach dem Orient, die ich zu machen beabſichtigte, an⸗ treten. Brauche ich beizufügen, Frau Gräfin, ich wäre, wenn Sie die Güte haben wollten, dieſes Erbieten an⸗ zunehmen, ein wenig darüber getröſtet, daß ich unwill⸗ kürlich, zu meinem ewigen Kummer, eine der Urſachen des unverdienten Unglücks, das Sie niederbengt, gewe⸗ ſen bin?“ „Ah! Hoheit, ich bin mit Ihnen zufrieden,“ ver⸗ ſetzte unverſchämter Weiſe Henri von Villetaneuſe; „ich geſtehe, ich habe Unrecht gehabt, zu vermuthen, Sie 212 ſeien im Stande, ſich gegen die Pflichten, die Ihnen die Ehre auferlegt, zu verfehlen; es iſt bei dieſer ſchmerz⸗ lichen Conjunctur mein einziger Wunſch, Fran von Ville⸗ taneuſe möge nach dieſer Verirrung, die mich auf ewig von ihr trennt, eine Stütze in dem Manne finden, der Sie verführt hat! . . . Unter dieſen Bedingungen nehme ich meine Klage wegen Ehebruchs zurück und willige zu einer Scheidung auf gütlichem Wege ein.“ Und ſich an Aurelie wendend, deren Kräfte nach ſo vielen Stürmen erſchöpft waren: „Alſo, Madame, Sie willigen ein, Paris heute noch zu verlaſſen und ſich nach Deutſchland zur Schweſter des Prinzen zurückzuziehen?“ „Ei! was weiß ich? . Laſſen Sie mich, ich leide zu ſehr,“ erwiederte die junge Frau, einer heftigen Rervenerregung preisgegeben; „laſſen Sie mich . Sie machen mich toll! Ha! verflucht ſei der Tag, an wel⸗ chem ich Sie geheirathet habe!“ „Madame, das ſind; die Worte Vergangenheit an⸗ ſchuldigen heißt nicht antworten; nehmen Sie, ja oder nein, eine Trennung auf gütlichem Wege unter der Be⸗ dingung, heute noch Paris zu verlaſſen, an?“ „Haben Sie doch Mitleid mit ihr, mein Herr! Sie rief Karl Maximilian, als er Aurelie ſchluch⸗ zen ſah. „Madame,“ wiederholte der Graf hartnäckig, „neh⸗ men Sie, ja oder nein, die Vorſchläge des Prinzen an?“ „Ach! ich muß wohl . . Sie haben mich ins Ver⸗ derben geſtürzt! . „ erwiederte die Gräfin mit erſticktem Stöhnen, indem ſie ihr Geſicht in ihren Händen verbarg. Immer unempfindlich, wandte ſich Henri von Ville⸗ taneuſe nach der Thüre des Salon, blieb auf der Schwelle ſtehen und ſprach mit lauter Stimme: „Herr Commiſſär, ich nehme meine Klage zurück. Sie können ſich entfernen . Herr und Madame Juuff⸗ roy, haben Sie die Güte, einzutreten.“ — 213 Aurelie, als ſie ihren Vater und ihre Mutter bleich, beſtürzt auf ſich zueilen ſah, lief ihnen entgegen und rief: Ich bin unſchuldig!“ Doch unfähig, dieſer neuen Gemüthserſchütterung zu widerſtehen, verlor die junge Frau das Bewußtſein und fiel in die Arme von Herrn und Madame Jouffroy, welche in Thränen zerfloſſen. XXVI. Gegen das Ende des Tages, der auf die von der Gräfin von Villetaneuſe gegebene Féte folgte, hatte der Prinz Karl Maximilian, welcher nach ſeiner Gewohnheit bei ſeinen Reiſen nach Paris im Elyſée⸗Bourbon wohnte, folgende Unterredung mit dem Oberſten von Walter, ſei⸗ nem erſten Adjutanten. „Oberſt, ich wünſchte Ihnen einen Auftrag des höchſten Vertrauens zu geben.“ „Ich bin zu den Befehlen Eurer Hoheit.“ „Heute Abend um ſechs Uhr ſteigen Sie in einen von meinen Reiſewagen und holen in ihrem Hotel die Frau Gräfin von Villetaneuſe, ihren Vater und ihre Mutter ab.“ „Gut, Hoheit.“ „Sie laſſen eine Viertelſtunde vorher einen Courrier abgehen, der dafür zu ſorgen hat, daß die Relais auf dem Wege nach Deutſchland bereit gehalten werden.“ „Ja, mein Prinz.“ „Nach dem Geſundheitszuſtande oder dem Wunſche der Frau Gräfin werden Sie mehr oder minder ſchnell reiſen, und Sie begeben ſich nach Rieſtadt zu meiner Schweſter. Sie wird zum Voraus von der Ankunft ihrer Gäſte durch den Major Hartmann benachrichtigt ſein, den ich heute morgen mit einem Briefe von mir an die Großherzogin abgefandt habe“ 214 „Die Befehle Eurer Hoheit ſollen pänktlich vollzogen werden.“ „Oberſt Walter, ich kann Ihnen meine Gewogen⸗ heit nicht beſſer beweiſen, als dadurch, daß ich Sie mit dieſer Sendung beauftrage; ich bitte Sie, für die Frau Gräfin von Villetaneuſe und für ihre Eltern die Aufmerkſam⸗ keiten und Rückſichten zu haben, die Sie gegen mich ſelbſt haben würden . . . Sie verſtehen, mein lieber Oberſt, gegen mich ſelbſt . . . Ich weiß längſt, was ich Alles von Ihrer Ergebenheit für meine Perſon er⸗ warten kann.“ „Ich werde glücklich ſein, Eurer Hoheit einen neuen Beweis von meinem eifrigen Beſtreben, ihr zu gehorchen, geben zu können,“ erwiederte der Oberſt mit dem naiven Servilismus, den die lange Gewohnheit des Hoflebens verleiht. „Habe ich in Rieſtadt auf neue Befehle Eurer Hoheit zu warten?“ „Ja, und Sie werden den Major Hartmann hier⸗ her zu mir zurückſchicken; ich bleibe ungefähr noch ſechs Wochen in Paris: Frau von Villetaneuſe wird unter dem Namen Gräfin d'Arcueil reiſen, ihr Vater und ihre Mutter unter dem Namen Baron und Baronin von Fremont. Ich habe meine Gründe, dieſes In⸗ cognito zu wählen . . . Sie werden die Güte haben, mein lieber Oberſt, während Ihres Aufenthaltes in Rie⸗ ſtadt bei der Frau Gräfin die Functionen eines erſten Cavaliers zu verſehen und ſie überallhin zu begleiten, wohin ſie zu gehen wünſcht, wenn ſie es nicht etwa vor⸗ zieht, allein mit ihrer Familie auszugehen. Ich bitte Sie, ſorgen Sie dafür, daß immer Wagen und Pferde zu ihren Befehlen bereit ſind; die Frau Gräfin und ihre Familie werden das kleine Sommerpalais bewohnen, das meine Schweſter zu ihrer Verfügung ſtellen wird Das Hans der Frau Gräfin ſoll auf dem Fuße des meinigen gehalten ſein; Sie werden alſo von Meningen die er⸗ forderlichen Dienſtleute kommen laſſen; ich zähle auf Sie, 215 daß Sie Alles überwachen und den geringſten Wünſchen der Fran Gräfin und der Perſonen, die ſie begleiten, zuvorzukommen ſuchen. Treffen Sie Ihre Anſtalten zur Abreiſe, mein lieber Oberſt; glanben Sie mir, nie werde ich dieſen neuen Beweis Ihrer Ergebenheit vergeſſen.“ Der Oberſt Walter verbengte ſich, ging ab, und Karl Maximilian kehrte in das Schlafzimmer zurück, wo ihn Muller erwartete. „Nun!“ ſagte raſch der Prinz zu ſeinem redlichen Diener „was für Nachrichten?“ Der Erinnerung wegen, und, wie man zu ſagen pflegt, „zu Befreiung ſeines Gewiſſens,“ fügte ſodann dieſer gute Prinz mit feierlichem Tone bei: „Wir werden ſogleich eine ſchwere Rechnung in Ord⸗ nung zu bringen haben“ „Ich hoffe Eurer Hoheit zu beweiſen, daß mich der Eifer allein irre führen konnte.“ „Wie, Schurke! Du wagſt es! . . . Doch Geduld! wir kommen in einem Augenblick hierauf zurück. . . . Für jetzt: welche Rachrichten vom Hotel Villetaneuſe?“ „Die Frau Gräfin iſt, als ſie kurz nach dem Ab⸗ gange Eurer Hoheit wieder zum Bewußtſein gekommen war, von Herrn und Madame Jouffroy nach Hauſe ge⸗ führt worden.“ „Hat ſie keine ernſte Nachwehen von dieſen furcht⸗ baren Erſchütterungen?“ fragte der Prinz mit Bangigkeit. „Mein Gott! ſie muß ſo viel leiden!“ „Die Frau Gräfin iſt ſehr bleich, ſehr niedergeſchlagen, doch ihre Geſundheit ſcheint nicht angegriffen . . „Was iſt bei ihrer Rückkehr nach dem Hotel vorge⸗ fallen?“ „Vor Allem hat Madame Jouffroy verlangt, daß ſich die Fran Gräfin zu Bette begebe, was ſie auch that; hernach fand zwiſchen Madame Jouffroy, ihrem Manne und dem Herrn Grafen eine heftige Erklärung ſtatt. Madame Jvuffroy überſchüttete den Herrn Grafen mit 216 blutigen Vorwürfen, bezüchtigte ihn, er habe ihre Tochter betrogen, zu Grunde gerichtet und zuletzt verleumdet; als der Herr Graf erwiederte, die Schuldige ſei auf friſcher That ertappt worden, da ſchrie Madame Jouffroy, „„wäre ihre Tochter ſchuldig geweſen, wie man dies aus falſchem Anſchein zu beweiſen trachte, ſo hätte ſie Recht gehabt, eine Hoheit voll Zartgefühl und Edelmuth einem Elenden vorzuziehen, der ſie, nachdem er ſie ihres Geldes wegen geheirathet, betrogen und niederträchtig beſchimpft habe.““ Das find textmäßig die Worte von Madame Jouffroy.“ „Fahre fort.“ „Der Herr Graf erwiederte, er habe aus Mitleid mit der Frau Gräfin ſeine Klage wegen Ehebruchs zu⸗ rückgenommen, wenn aber ſeine Frau, ſowie Herr und Madame Jouffroy Paris nicht noch an demſelben Tage verlaſſen, ſo werde ein Prozeß ſtattfinden, aus dem ein ſchmählicher Scandal erfolgen müſſe . . . Madame Jouff⸗ roy gerieth immer mehr in Hitze, während Herr Jouff⸗ roy weinte und ſeufzte, und ſie ſchrie, ſie werde nicht aus dem Hotel weggehen, bevor ſie wiſſe, wie es mit dem Vermögen der Gräfin ſtehe, und ehe der Herr Graf ihr, Madame Jouffroy, ausgehändigt habe, was von der Mitgift ihrer Tochter noch übrig ſei . . . Der Herr Graf lachte und erwiederte, ſeine theure Schwiegermutter verſtehe nichts von den Fragen des Intereſſes . . dies ſind die eigenen Worte des Herrn Grafen . . .“ „Vollende! . . vollende!“ „Die Fragen des Intereſſes gehen die Geſchäftsführer an,“ fügte der Herr Graf bei, „und die ſeinigen werden ſich ſpäter mit denen der Fran Gräfin verſtändigen; einſtweilen aber übergebe er Madame Jouffroy fünfzig tauſend Franken, wodurch er zwei Jahre von der Penſion vorausbezahle, die er der Frau Gräfin zukommen zu laſſen ſich anheiſchig mache. Ich eröffne in dieſer Hinſicht eine Parentheſe, wenn Eure Hoheit es erlaubt, und füge bei, 217 daß Madame Jouffroy, welche ohne Wiſſen ihres Mannes an der Börſe ſpielte, ſo beinahe gänzlich die Capitalien verloren hat, die ihnen, nachdem ſie ihre Tochter ſo reich ausgeſtattet, geblieben ſind.“ „Weiter. weiter! „fahre fort!“ „Mittlerweile verlangte der Herr Oberſt Walter ein⸗ geführt zu werden . . . Er kam im Namen Eurer Ho⸗ heit, um Madame Jouffroy, ihrem Manne und der Frau Gräfin den Vorſchlag zu machen, ſie nach Deutſchland zu Ihrer Hoheit der Frau Großherzogin Sophie zu führen, noch an demſelben Abend um ſechs Uhr abzureiſen, und „Madame Jouffroy hat dieſen Vorſchlag im Namen. ihrer Tochter angenommen . . . ich weiß das, weiter!“ „Madame Joufftoy überfluthete ihren Schwiegerſohn mit neuen Vorwürfen und ſagte zu ihm: „„Ihre von Ihnen verachtete, beſchimpfte, verleumdete Frau findet ein Aſyl am Hofe einer durchlauchtigen Großherzogin.““ Der Herr Graf, um dieſer Scene ein Ende zu machen, übergab Madame Jouffroy die fünfzigtauſend Franken als Vorausbezahlung von zwei Jahren der Penſion, die er ſeiner Frau zuzuſichern verſprach (ein illuſoriſches Verſprechen, denn wenn dem Herrn Grafen noch fünfzig⸗ tauſend Thaler vom Beibringen ſeiner Frau bleiben, ſo iſt das viel). Endlich notificirte er ſeinem Schwieger⸗ vater und ſeiner Schwiegermutter, er wolle ausgehen, bei ſeiner Rückkehr werde er aber ſtrenge Maßregeln er⸗ greifen, wenn ſeine Frau ſowie ihre Familie das Hotel nicht verlaſſen haben. Als ich es ſelbſt verließ, beſchäf⸗ tigte ſich Madame Juufftoy in aller Eile mit den Anſtal⸗ ten zur Abreiſe. Herr Jouffroy ſchien mir ganz blödſinnig verzeihen Sie, Hoheit, ich wollte ſagen niedergeſchla⸗ gen zu ſein.“ „Doch die Gräfin die Gräfin?“ „Clara ſagte mir, die Frau Gräfin weine viel; ich muß indeſſen beifügen, daß eine von den erſten Sachen⸗ 218 welche die Fran Gräfin ihrer Kammerfrau einzupacken befohlen hat, die Schaale geweſen iſt, mit der einſt Eure Hoheit Frau von Villetaneuſe ein Geſchenk gemacht.“ „Ah! mein Leben, mein ganzes Leben wird nur dem Bemühen, ſie ihren Kummer vergeſſen zu laſſen, geweiht ſein!“ ſagte Karl Maximilian zu ſich ſelbſt. Einer Art von Achtung ver dem Urtheile der Meu⸗ ſchen nachgebend, heuchelte er ſodann einen rückwärts⸗ ſchauenden Zorn und ſagte zu Müller: Sie haben ein Verbrechen dadurch begangen, daß Sie dieſe Gallerie angezündet . . . frevelhafter Burſche!“ „Der Prinz findet den Streich vortrefflich, doch er will ein wenig Entrüſtung ſpielen, laſſen wir ihm dieſes unſchuldige Vergnügen,“ dachte Müller, und er erwiederte laut mit einer kläglichen Miene: „Wird mir Enre Hoheit erlauben, ſie daran zu erinnern, daß ſie mir unumſchränkte Vollmacht gegeben hatte?“ „Unumſchränkte Vollmacht? . . . Konnte mir nur der Gedanke an ein ſolches Mittel kommen! Wie! . der Braänd „Hoheit, es iſt kein bedeutender Schaden verurſacht worden .. nur die Gallerie iſt verbrannt nebſt einigen Vorhängen in den Salons und . . .5 „Doppelter Schurke! es konnten bei dieſem Brande Perſonen verwundet, getödtet werden.“ „Es iſt Niemand getödtet oder verwundet worden. Eure Hoheit wird nichts auf dem Gewiſſen haben. Ich geſtehe in Demnth, daß ich fortgeriſſen durch meinen Eifer, und da ich meinem durchlauchtigen Prinzen Gele⸗ genheit geben wollte, der Frau Gräfin einen ausgezeich⸗ neten Dienſt dadurch zu leiſten, daß er ſie mehr erſchrecken⸗ den, als gefährlichen Flammen entriß, es abſichtlich unter⸗ ließ, die Pompiers zu verlangen, welche, nach den Be⸗ fehlen des Herrn Grafen, während der Féte für den Fall 219 eines Brandes im Hotel bleiben ſollten; ſodann glaubte ich mittelſt einiger Strohbünde, die ich unter den Boden legte und zwar ganz unſchuldig, ich geſtehe es . . . ich glaubte Feuer an. . . „Schweigen Sie, heilloſer Burſche . . das iſt ent⸗ ſetzlich, doch es iſt noch nicht Alles.“ „Was noch, gnädigſter Prinz?“ „Statt herbeizulaufen und mich von der unvorherge⸗ ſehenen Ankunft des Grafen zu benachrichten . . . oder wenigſtens ſich anzuſtrengen, um ihn abzuhalten, in dieſe Wohnung einzudringen . . . da Sie wohl wußten, wie der Anſchein auf eine ärgerliche Weiſe ausgelegt werden konnte meldeten Sie mir ganz ruhig dieſen Men⸗ ſchen.“ „Die Ankunft des Herrn Grafen hatte für mich nichts Unvorhergeſehenes, Hoheit, da ich ihn davon in Kenntniß geſetzt, er werde die Frau Gräfin unter vier Augen mit Eurer Hoheit finden.“ „Wie! . . das thatſt Du?“ „Gewiß, mein Prinz.“ „Verräther.“ „Ich, Verräther! Im Gegentheil, ich diente Eurer Hoheit bewunderungswürdig.“ „Welche Frechheit!“ „Wird mein gnädigſter Prinz mir erlauben, daß ich mich erkläre?“ „Sprich, ich will wiſſen, wie weit Du die Unver⸗ ſchämtheit treiben wirſt.“ „Ich hatte (und ich bitte Eure Hoheit um Verzeihung, daß ich mir einen Angenblick erlaubte, an ihrer Ehrfurcht gegen die Frau Gräfin . . . zu zweifeln), ich hatte Anfangs geglaubt, unwillkürlich . . . oh! ganz unwill⸗ kürlich . . dem Antriebe ſeiner Leidenſchaft nachgebend, werde mein Prinz die Gelegenheit, benützen, um ... „Schändlicher! ich dieſe Ohnmacht benüßzen! .. 220 Du haſt mich einer ſolchen Niederträchtigkeit fähig ge⸗ halten?“ „Ich habe meinen Irrthum erkannt, Hoheit; ich beeilte mich auch, den Herrn Grafen von Ihrem Téte-àtéte mit der Frau Gräfin zu unterrichten, wobei ich noch, ich denke, ziemlich geſchickt Herrnvon Villetaneuſe die Idee eingab, wel⸗ che Vortheile er bei einem eclatanten Bruche finden müßte, und ihm einen Polizeicommiſſär mitzunehmen empfahl.“ „Dieſer Schurke Müller iſt entſchieden ein Genie in ſeiner Art,“ dachte der Prinz; und er ſagte laut: „Wiſſen Sie, Schuft, daß Alles dies ein hölliſcher Macchiavellismus iſt?“ „Ei! gnädigſter Prinz, nach meinem kleinen Urtheile mußte man die Dinge brusquiren Frau von Villetaneuſe, die einen vorwurfsfreien und wohl verdienten Ruf genoß, hätte lange gezögert, ſich von Ihrem Gatten zu trennen, ſei es nun aus Furcht vor einem Scandal, ſei es aus einer in einem Augenblick, wo man ſich über ſo ernſte Dinge entſcheiden ſoll, natürlichen Unſchlüſſigkeit; ſodann, wer weiß, vielleicht mußte man eine Rückkehr von Zu⸗ neigung der Frau Gräfin für den Herrn Grafen befürchten, welchem ihr Leben zu opfern ſie einſt auf dem Punkte geweſen war. Alle dieſe Gründe konnten die Dinge in die Länge ziehen, während ſie raſch und, ich wage es zu ſagen, Hoheit, nach Ihren Wünſchen gegangen ſind. Ueberdies iſt alle Welt befriedigt oder wird es bald ſein. Der Herr Graf iſt entzückt über die Gelegenheit, ſich von ſeiner Frau zu trennen, wobei er die ſchöne Rolle nebſt dem behält, was ihm noch von der Mitgift der Frau Gräfin bleibt; er verlangt, daß ſie heute noch nach Deutſchland abreiſe . . . Er ſtellt ſie unter die Obhut Eurer Hoheit . und ... Es mag ſein! . . Ich gebe zu, daß Du bei dieſer Gelegenheit entſchuldbar biſt. Doch der Brand . .. Schurke dieſer Brand?“ 221 „Ich bitte unterthänig, Hoheit, ſprechen wir nicht mehr hievon; viel Rauch, wenig Feuer; kein Uebel viel Schreckens einige verbrannte Bretter, einige verſengte Tapeten, das iſt mein Verbrechen! . . . Wird ſich Eure Hoheit, deren Wünſche heute erfüllt ſind, un⸗ barmberzig gegen ihren armen Müller zeigen? Mein gnädigſter Prinz entfinnt ſich, daß er mir vor ungefähr einem Jahre ſagte: „„Ah! Müller, ich fühle es, ich bin verliebt wie mit zwanzig Jahren. Ich habe nie empfun⸗ den, was ich empfinde .. Ah! wenn ich ſo glücklich wäre Ich vollende nicht, Hoheit. Heute Abend um ſechs Uhr reiſt die Frau Gräfin nach Deutſchland ab, wohin Sie ihr bald nachfolgen werden, wenn Sie nicht etwa nach Conſtantinopel gehen . . . Eure Hoheit hat die Gnade zu lächeln, ſie verzeiht mir das Uebermaß meines Eifers. Ich werde ihr noch ferner dienen können.“ „Nein, nicht mehr wie in der Vergangenheit, Müller! Es iſt vorbei mit den tollen Liebſchaften, mein Herz iſt auf immer gefeſſelt.“ „Bei Eurer Hoheit leben und ſterben, in welcher Beſchäftigung es auch ſein mag, das iſt mein Ehrgeiz. Doch um mit der Vergangenheit ein Ende zu machen: werden Sie mir erlauben, mein gnädigſter Prinz, Sie an die gu⸗ ten Dienſte meiner Gefährtin Clara zu erinnern? Sie bleibt in Paris und folgt der Frau Gräfin nicht nach Deutſchland. Vym Verlangen, eine Table d'hote zu halten, beſeſſen, hofft Clara auf die Freigebigkeit Eurer Hoheit, „Deine Gefährtin ſoll befriedigt werden „Kehre nun in das Hotel Pilletaneuſe bis zur Abreiſe der Gräfin zurück, und komm wieder, ſo bald Du ſie haſt in den Wagen ſteigen ſehen.“ 222 Am Abend um ſechs Uhr verließen Frau von Vil⸗ letaneuſe, unter dem Namen der Gräfin d'Areneil, ihr Vater und ihre Mutter, unter dem Namen des Ba⸗ rons und der Baronin von Fremont, Paris, um ſich in Begleitung des Oberſten Walter nach Deutſchland zu begeben. Dritte Abtheilung. . Die folgende Scene ereignet ſich in Deutſchland im Fürſtenthum Meningen, ungefähr zwei und ein halbes Jahr nach der Trennung des Grafen von Villetaneuſe von ſeiner Frau. Es iſt Mittag, die Juniſonne vergoldet mit ihrem warmen Lichte die oft von Reiſenden oder Künſtlern be⸗ ſuchten Ruinen des alten Schloſſes von Meningenz dieſe dienen als ein Ausſichtspunkt für den modernen Palaſt des Fürſtenthums. Man erblickt ihn in der Ferne, er iſt von den Ruinen durch die Grasplätze und Kreuzge⸗ hölze des großen Parkes dieſer herrlichen Reſidenz ge⸗ trennt. Unter den Trümmern des alterthümlichen Herrenhauſes mit ſeinen geborſtenen, ausgehöhlten, mit Epheu bedeck⸗ ten Thürmen bemerkt man im Erdgeſchoſſe die Spuren eines großen Saales mit bogenförmigen Fenſtern, einſt ausgefüllt durch gemalte Scheiben, deren Stelle nun aber grüne Vorhänge von Jungfernreben, wildem Immer⸗ grün und Winden mit blaßroſenfarbigen Blüthen ein⸗ nehmen, durch welche einige Sonnenſtrahlen ſpielen. Rechts vom Haupteingange des großen Saales findet ſich die Oeffnung einer Thüre, welche ebenen Fußes zu einem Thürmchen führt, deſſen Schneckentreppe einſt als Verbindung zwiſchen den Kellern und den obern Stock⸗ 224 werken diente, da aber die Treppe zerſtört worden iſt, ſo gleicht der unterirdiſche Theil dieſes Thürmchens einem Schachte, deſſen ſchwarze Tiefe das Auge nicht zu er⸗ gründen vermöchte. Jenſeits eines halb eingeſtürzten Bogens endlich, dem Haupteingange des großen Saales gegenüber, er⸗ blickt man eine Maſſe von Schutt, von Brombeerſtauden, von Buſchwerk, und darüber erheben ſich noch einige Mauerflügel und ſchwärzliche ſteinerne Pfeiler von un⸗ gleicher Größe, die einen noch bekränzt mit ihren gothi⸗ ſchen Capitälern, die andern auf bizarre Weiſe verſtüm⸗ melt. Drei Männer treten mitten unter dieſe Ruinen. Der Erſte, alt, feiſt, und von freundlichem Geſichte, ſcheint ſich mit dem Sammeln von Schmetterlingen zu beſchäftigen, wie dies das grüne Gazenetz, das er am Ende eines als Stock dienenden Stieles trägt, und eine an ſeiner Schulter hängende blecherne Kapſel bezeichnen; der Zweite, ein Mann von reiferem Alter und ſchon er⸗ grauend, ſcheint ſich der Botanik zu widmenz; ein trag⸗ bares Kräuterbuch, in Form eines dicken Regiſters, be⸗ ſtimmt, die friſchen Pflanzen zwiſchen ſeinen Blättern von grauem Papier aufzunebmen, iſt mit Riemen auf ſeinen Rücken gebunden; der Dritte endlich, der höchſtens fünf und zwanzig Jahre alt ſein mag, bietet den vollendeten Typns der ſüdlichen Schönheit, in dem, was es zugleich Männlichſtes und Reizendſtes gibt; man denke ſich eines von jenen bewunderungswürdigen italieniſchen Geſichtern voll Jugend, Eleganz und Charakter, ſo meiſterhaft wie⸗ dergegeben von Leopold Robert in ſeinen unſterblichen Werken, und man wird das getreue Bild von Angelo Grimaldi haben. Seine Gefährten hatten die gewöhn⸗ liche Ausrüſtung der Entomologen und der Botaniker, er hatte die eines Künſtlers auf der Reiſe: das Album in ſeinem Etui, den Feldſtuhl, den großen Schirm, den 225 man an einen Stock ſchraubt, und unter dem ſich der Zeichner vor der Sonne oder dem Regen ſchützen kann. Angelo Grimaldi iſt mit einer Einfachheit von gutem Geſchmacke gekleidet; ſeine zwei Gefährten ſind dem Leſer nicht unbekannt; der Eine heißt Mauleon, der Andere, der ſchon alt iſt, Corbin. Man erinnert ſich ohne Zweifel, daß Mauleon, einſt zu Grunde gerichtet durch Catherine von Morlac, beinahe unter deren Augen, in einem der Häuſer der Cour des Coches in dem Momente verhaftet wurde, wo er aus der Wohnung von Herrn Corbin, einem Rentier, kam, der im Verdachte ſtand, er unterhalte zweideutige Ver⸗ bindungen mit Leuten von ſchlimmem Ausſehen; die Ver⸗ haftung von Mauleon hatte zur Urſache den in der Nacht und mit Einbruch in der Werkſtätte von Fortuné Sauval begangenen Diebſtahlsverſuch gehabt. Das Ausſehen der beiden Gefährten von Angelo verräth indeſſen in keiner Beziehung ihre ſtrafbaren Lebensvorgänge; ſie haben, wie er, das Ausſehen von ehrlichen Touriſten, die ihre Reiſe zum Studium der Naturwiſſenſchaften und der ſchönen Künſte benützen; alle Drei treten in den großen verfallenen Saal ein, wie Leute, welche die Gelegenheiten kennen, legen ihr wiſſenſchaftliches oder künſtleriſches Geräthe ab, und nachdem ſie den Durſt aus einer Weidenflaſche, die jeder an einer Schnur hängend trägt, geſtillt haben, ſetzen ſie ſich auf den Schutt, und es entſpinnt ſich folgendes Ge⸗ ſpräch zwiſchen ihnen: „Vor Allem,“ ſagte Angelo Grimaldi mit einem vollkommenen Pariſer Accent, der ſehr wenig mit dem italieniſchen Namen und dem Charakter ſüdlicher Schön⸗ heit dieſes jungen Mannes im Einklange ſteht, „vor Allem,“ fuhr er fort, in dem Album blätternd, das er auf ſeinem Schvoße hielt, „geben wir uns genaue Rechen⸗ ſchaft von der Dispoſition der Hertlichkeit! . Ah! Die Familie Jouffroy. U. 15 was für ſchöne Erfindungen ſind doch das Zeichnen und die Muſik! .. Man trällert ein Liedchen am Fuße eines Balcon oder einer Terraſſe, und mit Hülfe dieſes melo⸗ diöſen Zeitvertreibs kann man die Scheiben eines Fenſters zählen oder mit Muße die Beſchaffenheit eines Schloſſes an einer widerwärtigen Thüre unterſuchen, während eine hübſche Frau, hinter ihrem Sommerladen verborgen, mit entzücktem Ohr auf unſere Geſänge lauſcht; oder man macht die Skizze vom Palaſte von Meningen, und mittelſt dieſer unſchuldigen Skizze beſitzt man die genaue Bezeichnung der Oertlichkeiten, welche zu kennen man ein Intereſſe hat. Ich wiederhole alſo, es leben die ſchönen Künſte! . . . aus dem ſpeculativen Geſichts⸗ punkte das iſt das richtige Wort; denn was ſind wir? .. einfache Speculanten.“ „Du zeichneſt vortrefflich, Du haſt die reizendſte Stimme der Welt, Angelo,“ erwiederte Maulevn; „Deine Talente werden uns nicht minder erſprießliche Dienſte leiſten, als ſchon Corbin und mir unſer ſcheinbarer Ge⸗ ſchmack für die Entomologie und die Botanik geleiſtet hat. Dieſes Schmetterlingsnetz und dieſes Kräuterbuch find vortreffliche Hauptſchlüſſel. . . Kann man uns Bewunderern der Natur mißtrauen?“ „Alles dies iſt ſchön und gut,“ verſetzte der alte Corbin, indem er ſeine kahle, in Schweiß gebadete Stirne abwiſchte, „doch iſt es unnütz, daß wir uns gegen⸗ ſeitig Complimente machen, die Zeit drängt, wir ſind in der Lage einer Verſammlung von Actionärenz laſſen wir die Poſſen und reden wir von den Geſchäften.“ „Wohl!“ fügte Mauleon bei. „Wir ernennen Dich als Capitaliſten zum Präſidenten der Verſammlung.“ „Es ſei,“ ſagte Angelo. „Man wird das Wort der Reihe nach haben; mittlerweile, bis ich es verlangen darf, will ich von meiner ſchönen Unbekannten träumen.“ „Zum Teufel mit dem wüthenden Troubadour! Iſt man ein ſo ſchöner Junge wie Du, Angelo, ſo bleibt 5 — 227 man der Ritter der Liebesabenteuer, und man miſcht ſich nicht in Finanzoperationen,“ ſprach Corbin die Achſeln zuckend; „faſſen wir alſo unſere Sache kurz zuſammen, ſtellen wir die Frage ſcharf hervor. Es handelt ſich um einen Werth von mehr als zwei Millionen; wir folgen ihm auf der Spur von Paris (eine Reiſe, deren Koſten ich vorgeſtreckt habe); wir hofften unter Weges eine glückliche Gelegenheit zu finden, um den genannten Werth einzu⸗ ſtecken, wir wurden in unſerer Erwartung getänſcht; der Schatz war auf einer Diligence der königlichen Meſſagerien mit ſeinen Wächtern verpackt; um jeden Verdacht zu vermeiden, nehmen wir Plätze in den allge⸗ meinen Meſſagerien, welche auf denſelben Stationen an⸗ halten wie der andere Wagen, doch dieſer verteufelte Fortuns Sauval und ſeine Arbeiter entwickeln eine ſolche Wachſamkeit, daß wir die Gränze paſſiren und bis hieher kommen, ohne daß wir unſere Operation zu einem guten Ziele führen konnten.“ „Mauleon,“ ſagte Angelo zu ſeinem Gefährten, in⸗ dem er ihm auf einem der Blätter ſeines Albums eine Skizze, die er gemacht hatte, zeigte, was denkſt Du von dieſem Profil? Ich habe es aus dem Gedächtniß ge⸗ zeichnet.“ „Es iſt anbetungswürdig.“ „Nun! mein Lieber, es iſt das meiner ſchönen Unbe⸗ kannten, von der man ſagt, ſie ſei die Geliebte des Prinzen hier. Ich habe ſie ein einziges Mal in einem Kiosk der Villa Farneſe geſehen, wie man dieſen köſtlichen Aufenthaltsort in der Rähe des Palaſtes nennt; der Kiosk ging auf eine Allee, ich girrte meine beſte Romanze und . . .5 „Das iſt doch zu ſtark!“ rief Herr Corbin zornig. „Nie habe ich ſo ernſte Angelegenheiten mit einem ſolchen Leichtſinn bebandeln ſehen! Wiſſen Sie, meine Herren, daß ich es müde bin, Vorſchüſſe zu leiſten, und daß ich ſchon ohne Stcherheit neunhundertundachtzig Franken 228 und ſo viel Centimes ſeit den acht Tagen, daß wir Paris verlaſſen, ausgegeben habe?“ „Oh! Herr Capitaliſt,“ verſetzte Mauleon, „ärgern Sie ſich nicht; Ihre Vorſchüſſe werden Ihnen nach unſe⸗ rer Uebereinkunft mit hundert Procent zurückbezahlt werden; mir ſcheint, das iſt eine hübſche Anlage, abge⸗ ſehen von der doppelten Dividende bei der Theilung des Nutzens der Operation . . . Sie wiſſen, wir ſind Ehren⸗ männer . auf unſere Art?“ „Ehrenmänner in jeder Weiſe!“ ſagte Angelo. „Sprechen Sie, Papa Corbin, ehrwürdiger College, als Sie mir fünfzig Louis d'or vorſtreckten, daß ich mich in ein Spiel gegen jenen Ruſſen, einen der Koryphäen der Table d'hote von Clara, einlaſſen könnte, habe ich Ihnen da nicht bezahlt: 1) die' zweitauſend Franken, die Sie mir vorgeſchoſſen; 2) die dreitauſend Franken Dividende als Ihren Antheil an meinem Gewinn von jener be⸗ rüchtigten Partie Lanzknecht, wo ich mit Hülfe meiner gezeichneten Karten dieſen Vogel des Nordens bei leben⸗ digem Leibe zu rupfen ſicher war. Leider verlor ich am andern Tage wieder das, was ich gewonnen hatte; ich wurde meinerſeits ausgezogen von einem Griechen, der noch mehr Grieche war als ich, und dann . . .“ „Was iſt an Allem dem gelegen!“ rief Corbin mit dem Fuße ſtampfend; „wie könnt Ihr Beide mir die Vor⸗ ſchüſſe zurückbezahlen, die ich in Betreff der Angelegen⸗ heit, mit der wir uns beſchäftigen, gemacht habe, wenn dieſelbe nicht glückt? Iſt es aber nicht, damit ſie ge⸗ linge, dringend nothwendig, daß wir ſo raſch als mög⸗ lich einen Entſchluß faſſen? Sagt man nicht in der Stadt, der Prinz Maximilian könne jeden Angenblick in den Palaſt zurückkommen? Seine Abweſenheit bedient uns nach Wunſche, und Ihr verliert eine koſtbare Zeit!“ „Papa Corbin, dieſer Vorwurf iſt um ſo unpaſſen⸗ der, als ich ſo eben eine genaue Zeichnung von den vier Seiten des Palaſtes anfgenommen habe .. 229 „Und ich, hatte ich nicht den vortrefflichen Gedan⸗ ken, an den Gouverneur zu ſchreiben und ihn zu bitten, er möge uns als fremden Reiſenden die Erlaubniß geben, den Palaſt beſichtigen zu dürfen?“ fügte Mauleon bei. „Die Erlaubniß wurde uns artiger Weiſe ertheilt, und geſtern „Ein ſchönes Reſultat!“ unterbrach Corbin ſeinen Gefährten; „die Aufſeher ließen uns geſtern die großen Gemächer der Waffengallerien und die Gemälde beſichti⸗ gen; doch wir konnten nicht entdecken, wo die proviſoriſche Werkſtätte iſt, in der ſich Fortuné Sauval in Geſellſchaft ſeiner Arbeiter mit der Vollendung der herrlichen, ſechs Fuß hohen Toilette von maſſivem Silber beſchäftigt. . .“ „Leider müſſen wir ſie verſchmähen!“ „Bei Gott! zwei Männer wären nicht im Stande, ſie unr aufzuheben!“ ſagte Corbin; „dagegen gibt es nichts Anziehenderes, nichts Tragbareres, als jenen Dia⸗ mantenſchmuck, von dem man ſo viel in Paris geſprochen hat; die ausgezeichnetſten Steinſchneider von London und Hamburg haben bei der Auswahl der Edelſteine für die⸗ ſen Schmuck mitgewirkt, und die Edelſteine ſelbſt ſind auf mehr als zwei Millionen in den Pariſer Journalen ge⸗ ſchätzt worden.“ „Oh! es iſt doch eine ſchöne Erfindung um die Preſſe! Ganz vortrefflicher, höchſt indiscreter Empfeh⸗ lungsartikel zu Ehren des modernen Benvenuto Cellini! Mir iſt, als läſe ich ihn noch, dieſen anlockenden Artikel: „Der berühmte Goldſchmied Herr Fortuns Sauval, der vor zwei Jahren von J. M. der Königin von Eugland nach London berufen wurde, wird demnächſt nach Me⸗ ningen, einer herzoglichen Stadt in Deutſchland, abreiſen, wo er ſelbſt die Stücke einer glänzenden, maſſiv ſilbernen, bei ihm von S. H. dem Prinzen Karl Maximilian be⸗ ſtellten Toilette zuſammenſetzen ſoll, welchem Fürſten er überdies einen Schmuck von Diamanten, Diadem, Hals⸗ band n. ſ. w. zu bringen hat, deſſen Faſſung unſer Benvenuto Cellini in Deutſchland vollenden wird, um ihn in Har⸗ monie mit anderen koſtbaren Juwelen zu bringen, welche dem herzoglichen Hauſe Meningen gehören u. ſ. w.““ Plötzlich erleuchtet ein Gedanke meinen Geiſt; ich laufe, um ihm die Sache vorzuſchlagen, zu Mauleon, der von Poiſſy kam, wo ich ſeine Bekanntſchaft zu machen die Ehre gehabt hatte.“ „Ich nehme den Vorſchlag an, da ich meine Nie⸗ derlage bei dem fruchtloſen Verſuche der Cour des Coches rächen will, und ſchlage meinerſeits unſerem berühmten Capitaliſten Timothée Corbin vor, er möge die erſte Zahlung der für das Unternehmen unerläßlichen Fonds dperiren, die Reiſekoſten und dergleichen vorſchießen, aus dem vortrefflichen Grunde, weil wir, Angelo und ich⸗ aus dem Gefängniſſe von Poiſſy kommend, poſitiv keine Millionäre waren . .. „So wahr ich Timothée Corbin heiße . ich verliere meine Auslagen; denn zu meinem Unglück ſind meine Aſſociés, von denen wenigſtens der Eine durch das Alter und die Erfahrung gereift ſein müßte, wahre Gimpel, die in dieſem Augenblick eine koſtbare Zeit mit Schwatzen verlieren, ſtatt zu handeln!“ „Es iſt wahr! ich bin ſchlimmer als ein Gimpel! Ich bin ein dreifacher Dummkopf!“ rief plötzlich Mauleon don einer Idee erfaßt, „ich habe vielleicht das Mittel efunden, zu „Erkläre Dich .. „Das Mittel könnte indeſſen ſeine Gefahren haben,“ verſetzte Mauleon überlegend. „Darum werde ich ohne Zweifel im erſten Augenblicke, wo mir dieſe Idee kam, nur an die Möglichkeit der Gefahr denkend, den Rutzen, den man aus dieſem Umſtande ziehen könnte, nicht er⸗ gründet haben . „ „Welchen Umſtand meinſt Du?“ „Wahrhaftig, Mauleon, Du ſprichſt in Räthſeln⸗ 231 es iſt nicht möglich, Dich zu verſtehen .. und unſer ehren⸗ werther Dechant macht mir meine Liebeszerſtreuungen zum Vorwurf!“ „Meine Freunde,“ ſprach Mauleon, „nicht wahr, wir werden aufgehalten durch die Schwierigkeit, zu wiſſen, wo ſich im Palaſte die Werkſtätte des Gold⸗ ſ findet, und wo folglich die fraglichen Juwelen ind?“ „Offenbar, denn durch meine ängſtlich getrene Skizze aben wir eine vollkommene Kenntniß der Thüren und der Fenſter des Palaſtes, deſſen vier Fagaden ich gezeichnet habe. Wüßten wir nur, in welchem Zimmer ſich der ſo zärtlich erſehnte Schatz findet, ſo wäre es uns leicht, da wir (immer nach meiner Skizze) die Höhe, die Breite, die Entfernung vom Boden jedes der Fenſter kennen, es wäre uns leicht, ſage ich, unſern Angriffsplan in Be⸗ treff der Schatzkammer, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, feſtzuſtellen.“ „Das iſt klar,“ verſetzte Corbin, „Alles beruht hierauf. . . Wie ſoll man erfahren ..„ „Höretmich an,“ ſprach Maulevn lebhaft; „wenn es uns möglich wäre, einen von den Gehülfen des Goldſchmieds mit uns zu verbinden?“ „Beim Henker!“ rief Corbin, „man wäre dann des Gelingens unſerer Sache faſt ſicher;“ doch die Achſeln zuckend fügte er bei: „erinnert man ſich aber der uner⸗ träglichen Wachſamkeit, die dieſe Schufte unter Weges entwickelten, ſo iſt es einfältig, nur zu denken, es werde ſich einer derſelben herbeilaſſen . . .4 „Vielleicht! doch höret,“ ſagte Mauleon. „Es iſt Euch nicht unbekannt, daß ich einſt ein ſehr ſchönes Ver⸗ mögen beſaß. . „Zum Teufel! nun fangen die Abſchweifungen wie⸗ der an!“ „Ich ſchweife nicht ab, ich bin in den Eingeweiden unſeres Gegenſtandes, und ich bewei ſe es, wenn Ihr mich nicht unterbrecht.“ „Fahre fort . . . „Ehe ich alſo genöthigt war. . . zu ſein, was ich bin und was Ihr ſeid . „Ich will nur eine einzige Bemerkung machen,“ verſetzte Angelo zur großen Verzweiflung von Corbin. „Ich für meinen Theil vermöchte die Verachtung nicht hinzunehmen, mit der unſer theurer Freund von unſerer geſellſchaftlichen Stellung in dem Augenblicke ſpricht, wo wir unſeres ganzen Selbſtvertrauens bedürfen, um zü reuſſiren; vergeſſen wir nie, ſagen wir immer mit einem gerechten und rührenden Stolze: unſere Induſtrie gibt den Lebensunterhalt einer Menge von redlichen Familien⸗ vätern . . Präſidenten von Aſſiſenhöfen, Richtern, Ad⸗ vocaten, Staatsanwälten, Gerichtsdienern, Kerkermeiſtern, Aufſehern der Bagnos, Polizeiagenten, Gendarmen, was weiß ich! Denn, bei meiner Ehre! ich frage Euch, was würde ohne uns aus dieſen armen Leuten? Ihr Gewerbe, ihre Zukunft wären verloren, ihre intereſſanten Familien in Verzweiflung! .. Wir beſitzen den Muth, uns zu op⸗ fern, um ihre Exiſtenz zu ſichern . . . haben wir wenig⸗ ſtens das Bewußtſein des wenigen Guten, was wir thun; ſchöpfen wir aus dieſer ſüßen Ueberzeugung den Wunſch, immer die Segnungen derjenigen zu verdienen⸗ die uns ihr tägliches Brod verdanken, und um es ihnen zu ſichern, widmen wir uns nenen Acten von der Art desjenigen, auf welchen wir ſinnen; ſo ermuthigt durch den Adel des Zweckes, den wir verfolgen, ſtark durch unſere philanthropiſchen Jutentionen, werden wir die Hin⸗ derniſſe beſiegen! . .. Amen!“ Dieſer abſcheuliche Scherz machte bis zu Thränen ſelbſt den alten Corbin lachen, ſo ſehr er die Abſchwei⸗ fungen haßte, und Mauleon ſprach: „Ich nehme den Ausdruck zurück, der das Zartge⸗ fühl von Angelo verletzt hat; ich ſage alſo, ehe ich zur Exiſtenz der zahlreichen und intereſſanten Functionäre 233 beigetragen, welche unſer Collega ſo eben aufgezählt, habe ich ein ſehr ſchönes Vermögen beſeſſen; dieſes Ver⸗ mögen ... „ Hier verdüſterten ſich die Züge von Maulevn. „Mein Vermögen wurde mir von einer gewiſſen Catherine von Morlac verzehrt. Dieſe Frau, nachdem ſie mich zu Grunde gerichtet, hat mich ſchändlich verlaſ⸗ ſen; ich bin aber ſicher, daß die Arbeiterin, welche den Goldſchmied begleitet . keine Andere iſt, als Ca⸗ therine von Morlac.“ „Was des Teufels erzählſt Du uns da?“ „Catherine ſoll Arbeiterin geworden ſein . . das iſt unmöglich!“ „Laßt mich doch vollenden; Ihr erinnert Euch, daß wir zwei Tage vor unſerer Ankunft hier, als die Dili⸗ gence, der wir folgten, in einem kleinen Dorfe anhielt, um dort zu übernachten, Mittel fanden, im Gaſthauſe zum goldenen Adler zwei Zimmer in der Nähe der Wohnung des Goldſchmieds zu bekommen?“ „Ja, jaz Angelo und ich, wir bewohnten das eine, Du hatteſt das andere; doch dieſe Burſche löſten ſich ab, um die ganze Nacht über ihrem Schatze zu wachen.“ „Mein Zimmer war von dem des Goldſchmieds nur durch einen Verſchlag getrennt; ich durchlöcherte ihn mittelſt eines Bohrers, um zu beobachten, was bei unſren Nachbarn vorging.“ „Wir auch; wir ſahen zuerſt den Goldſchmied, her⸗ nach einen jungen Arbeiter, ſodann einen Greis mit weißem Barte bei dem koſtbaren Käſichen wachen, das in einem wohl erleuchteten Zimmer ſtand; dabei hatten ſie in ihrem Bereiche ein Paar Piſtolen, und Jeder von dieſen Burſchen wurde, nachdem er, ſo zu ſagen, ſeinen Wachdienſt gethan hatte, von einem ſeiner Gefährten abgelöſt und ging, um zu ruhen, in ein anderes Zimmer. „Ich hatte gerade die Scheidewand dieſes an das 234 meinige anſtoßenden Zimmers durchbohrt; horchend und durch die Oeffnungen ſchauend, die ich gemacht, ſah ich auch den Alten mit dem weißen Barte und die Arbei⸗ terin; ſie waren allein; die Arbeiterin, ich vermöchte es nicht zu bezweifeln, iſt Catherine von Morlac. Sie ant⸗ wortete dem Greiſe, ohne Zweifel ein angefangenes Ge⸗ ſpräch fortſetzend: „Nein, nein, ſelbſt mit Ihrer Ein⸗ willigung würde ich es nie wagen, ihm zu ſagen, daß ich ſeine Mutter bin; Sie wiſſen, es iſt meine einzige Furcht, ein unſeliger Zufall könnte ihm dieſes Geheim⸗ niß verrathen, denn ich würde vor Scham darüber ſter⸗ ben.““ „„Stille, Catherine, hier kommt er,““ er⸗ wiederte der Mann mit dem weißen Barte . . In dieſem Angenblicke trat der junge Arbeiter einz der Name Catherine erinnerte mich plötzlich an Frau von Morlac; ich betrachtete aufmerkſam dieſe Frau, und trotz der Veränderung, die in ihrem Aeußeren durch das Al⸗ ter und ihre groben Kleider vorgegangen iſt, erkannte ich Catherine von Morlac, dieſe Elende, die mich zu Grunde gerichtet hat . die ich auf den Tod haſſe. .. und die ich einſt erwürgt hätte, hätte ſie nicht Paris, nachdem ſie meinen letzten Son verzehrt, verlaſſen.“ „Warte doch!“ ſagte Angelo, indem er ſeine Stirne auf ſeine Hände ſtützte, „mir ſcheint in der That, es iſt ein Vortheil aus dieſem Zuſammentreffen zu ziehen.“ „Warum des Teufels haſt Du bis jetzt noch nicht von dieſem Umſtande geſprochen? Er iſt wichtig . nid „Stille!“ verſetzte leiſe Mauleon, während er mit beſorgter Miene horchte und auf die halb zerfallene Arcade dem Haupteingange gegenüber deutete, durch welche man in der Ferne einigen Schutt erblickte, „habt Ihr nicht auf jener Seite gehen hören?“ „Nein und Du, Angelo?“ „Es iſt ohne Zweifel das Ranſchen des Windes in den Gebüſchen.“ „Gleichviel,“ ſagte Mauleon aufſtehend, „ich will 235 mir ſelbſt Gewißheit verſchaffen, „denn hätte man uns behorcht, ſo wäre das gefährlich.“ „Bah!“ verſetzte Angelo die Achſeln zuckend, als er ſeinen Gefährten ſich mit vorſichtigen Schritten nach dem Hintergrunde wenden ſah, „die deutſche Polizei kann keinen Verdacht gegen uns haben; überdies iſt ſie noch in ihrer Kindheit, mein Lieber, und würdig der Zeiten der Patriarchen! .. Ich habe ſie einmal verſucht; ſie iſt jämmerlich; ſie reicht der engliſchen Polizei nicht bis an die Knöcheln. Ho! ho! was dieſe betriſſt .. ich erkläre es ohne ein nationales Vorurtheil . . . ſie iſt wahrhaft merkwürdig.“ „Ah! ja . England . . es werden die Söhne Albions ſein, deren Tritte wir hörten; ſie haben wohl die Ruinen durchlaufen, ehe ſie zum Haupteingange ge⸗ kommen ſind.“ Bei dieſen Worten zeigt Corbin Angelo eine Geſellſchaft von Engländern, Männer und Franen, welche als Touriſten die Trümmer des alten Schloſſes von Meningen beſuchten. Mauleon kehrt nach einer vergeblichen Forſchung zu ſeinen zwei Gefährten zurück; ſie nehmen ihr Geräth als Liehaber der Naturgeſchichte und der ſchönen Künſte wieder auf und ſchicken ſich an, den großen Saal zu verlaſſen. Angelo Grimaldi, der unter den Tyuriſten eine hübſche Lady bemerkt, lorgnirt ſie, wirft ſich in die Bruſt, richtet ſeine Haare zurecht, kurz, er nimmt die Haltung eines Mannes an, der Glück bei den Frauen hat und Aufmerkſamkeit zu erregen wünſcht; durch ſeine ſeltene Schönheit, durch ſeine ele⸗ gante Tournure wird der Elende wirklich von den Rei⸗ ſenden bemerkt; er grüßt ſie, während er an ihnen vor⸗ beigeht, mit vollkommener Höflichkeit, und kaum hat er die Ruinen mit ſeinen beiden Gefährten verlaſſen, ſo fängt er an eine Cavatine von Roſſini mit einer ſo reinen, ſo friſchen, ſo klangreichen Stimme zu ſingen, daß die engliſchen Touriſten erſtaunt und entzückt ſchwei⸗ gen und auf dieſen melodiſchen Geſang horchen, der, je 236 weiter er ſich entfernt, immer lieblicher zu werden ſcheint; nachdem er ganz aufgehört hat, ruft die junge Lady: „Welch eine bezanbernde Stimme! Rubini wäre eiferſüchtig darauf!“ „Dieſer junge Mann hat uns hochſt anmuthig und äußerſt höflich gegrüßt.“ „Meiner Anſicht nach hat er den Fehler, daß er zu ſchön iſt; man muß ſich umwenden, um ihn anzu⸗ ſchauen.“ „Es muß ein Spanier oder ein Italiener ſein .. .“ „Er hatte ein Album unter dem Arme; zeichnet er ſo gut, als er ſingt, ſo vereinigt er alle Talente.“ „In jedem Falle,“ ſprach ein alter Engländer, ſo die von den Perſonen der Geſellſchaft Angelo Grimaldi bewilligten Lobeserhebungen zuſammenfaſſend, „in jedem Falle muß dieſer junge Mann ein vollendeter Gentle⸗ man ſein!“ I. Die improviſirte Werkſtätte, welche Fortuné Sauval im Palaſte von Meningen inne hatte, lag im erſten Stocke der nördlichen Fagade. An einem der Enden dieſes geräumigen Zimmers ſah man eine über ſechs Fuß hohe, bewunderungswürdige Toilette von maſſivem Silber, deren verſchiedene, ge⸗ trennt in Kiſten mitgebrachte Stücke, vom Goldſchmied und ſeinen Arbeitsgefährten zuſammengefügt worden waren; in einiger Entfernung davon, mitten auf einem mit verſchiedenen Werkzeugen beladenen Tiſche, glänzten, ſchimmerten, funkelten hier in ihrem ſammetenen Etni, anderswo zerſtrent umherliegend mit Diamanten vom ſchönſten Waſſer verzierte Kleinodien; man bemerkte un⸗ ter Anderem eine kleine herzogliche Krone, jedoch ge⸗ ſchloſſen wie die königlichen Kronen, ohne Zweifel 237 beſtimmt, den Kopſputz einer Frau zu vervollſtändigen; man kann ſich nichts Blendenderes denken, als dieſes reich mit Diamanten ſo groß wie Haſelnüſſe beſetzte Juwel. Fortuné Sauval las einen Brief und ließ in dieſem Augenblick den Vater Laurenein ſich allein mit den letz⸗ ten Arbeiten an der Toilette beſchäftigen, welche von einem mit Wappen verzierten Emailſchilde gekrönt war, der, oben auf dem eirunden Spiegel angebracht, von zwei Kinderfiguren getragen wurde; die Einfaſſung be⸗ ſtand aus blühenden Lilienſtängeln, deren Blumenkronen hier halb geöffnet, anderswo völlig erſchloſſen waren, und ſo den wunderbaren Rahmen des Spiegels bildeten; eine breite Tafel von Lapislazuli von einem glänzenden Azur, geſtützt durch vier Caryatiden vom ſchönſten Sthle, ſollte die Waſſerkanne und das Waſchbecken tragen; ſilberne Käſtchen für die Eſſenzen und andere ſilberne Utenſilien, koſtbar emaillirt und ciſelirt, waren auf dem Tiſche unter den Juwelen und Edelſteinen zerſtreut. Catherine, welche unfern von ihrem Sohne ſaß, war bemüht, mit Hülfe eines Blutſteins dem Innern eines zur Toilette gehörenden Waſchbeckens eine funkelnde Politur zu geben, und ſie zeigte bei dieſem Glättge⸗ ſchäfte die Geſchicklichkeit einer vollendeten Arbeiterin; ſie fing auch ſchon an die anziehende Kunſt des Email⸗ lirens zu treiben. Seit zwei Jahren immer in der Werkſtätte des Goldſchmieds beſchäftigt, verdiente Cathe⸗ rine damals drei bis vier Franken täglich; der Gehalt des Vater Laurencin und ſeines Enkels belief ſich täglich für Beide auf acht bis zehn Franken; ſie hatten in Paris bei ihrem Meiſter die Koſt, ebenſo auch Catherine, welche mit der Beaufſichtigung ſeines Hausweſens beauftragt war; ſie bewohnte jedoch fortwährend ihre Manſarde in einem der Hänſer der Cour des Coches, deren unſichtbarer guter Genins ſie blieb. Man denke ſich das Glück dieſer muthigen, durch 238 die mütterliche Liebe, durch die Arbeit und die Wohl⸗ thätigkeit völlig wiedergeborene Frau! Durch ihre Be⸗ harrlichkeit im Guten war es ihr gelungen, ſich die Verzeihung, die Achtung, die Zuneigung des Vater Lau⸗ rencin zu erobern, zu verdienen, nachdem ſie ſo lange für ihn ein Gegenſtand der Verachtung, des Abſcheus geweſen war, ein Abſchen damals gerechtfertigt durch die vergangene Aufführung von Catherine, dieſer ſo un⸗ würdigen Mutter, unwürdigen Gattin, ſchändlichen Buhlerin. Michel, der damals achtzehn und ein halbes Jahr zählte, bewahrte von ſeinem Jünglingsalter nichts als ſeine Unſchuld; ſein Wuchs hatte ſich gekräftigt, entwickelt, ſein blonder ſeidener Bart (er wollte ihn wachſen laſſen, wie ès ſein Großvater that), umflaumte ſein Kinn; ſein reizendes, in ſeinen Zügen mehr entſchiedenes, Geſicht nahm jeden Tag einen männlicheren Charakter an, der ſeit einiger Zeit mit einer Tinte von Schwermuth nuan⸗ cirt war. In moraliſcher Hinſicht bewahrte Michel ſeine angeborenen Eigenſchaften; ein ſehr geſchickter Hand⸗ werker in allen Zweigen der Goldſchmiedsarbeit, unter Anderem im Graviren der Metalle, verſprach er ein aus⸗ gezeichneter Künſtler, nach den Vorherſehungen von For⸗ tuné, zu werden. Dieſer ſchickte, während ihres Aufent⸗ haltes in Paris, jeden Abend den Lehrling in eine von einem vortrefflichen Profeſſor geleitete Zeichnungsacademie, wo man bei der Lampe nach der Natur zeichnete; ver⸗ möge ſeiner ernſten Studien, ſeiner Ausdauer, ſeiner ſeltenen Anlagen für die Künſte und der Lectionen, die ihm ſein Meiſter im Ornamentiren gab, zeichnete und componirte Michel ſchon mit ebenſo viel Geſchmack als Reinheit; er hatte mehrere Male in Wachs gewiſſe Fi⸗ gurinen zur vollkommenen Zufriedenheit von Fortuns modellirt, der ſich derſelben nach einigen leichten Ver⸗ beſſerungen zu ſeinen Arbeiten bediente. Michel war an dieſem Tage beſchäftigt, zur Ver⸗ 239 vollſtändigung des von Fortuns Sauval mitgebrachten königlichen Schmuckes beſtimmte alte Steine auf eine modernere Art zu faſſen. Gewöhnlich aufmerkſam bei ſeiner Arbeit, ſchien Michel nun abwechſelnd zerſtreut und träumeriſch zu ſein; ſeine Mutter allein bemerkte, — ſcharfſichtig, wachſam wie eine Mutter, — ſeit ihrem gemeinſchaftlichen Abgange von Paris die zunehmenden geiſtigen Abweſenheiten ihres Sohnes, für den ſie fort⸗ während Frau Catherine war, welche, einſt reich, durch verſchiedene Unſchläge des Glückes genöthigt worden, ihren Lebensunterhalt als Glättarbeiterin zu verdienen, nachdem ſie Krankenwärterin und Ausläuferin geweſen. Eine von den Urſachen der Sorgen von Michel, allerdings eine ſecundäre, aber ſeltſame, war folgende: aus dem Knabenalter herausgetreten und ein junger Mann geworden, bemerkte er zuweilen nicht ohne ein unbeſtimmtes Erſtaunen eine gewiſſe Lebhaftigkeit in den zahlreichen Beweiſen von Intereſſe, die ihm Catherine täglich gab; allmälig der ſüßen Gewohnheit, ihrem Sohne ihre Zärtlichkeit zu bezeugen, nachgebend, be⸗ wältigte Catherine nicht genug, beſonders, wenn ſie mit ihm allein war, den Erguß ihrer Gefühle; ſie glaubte dieſelben hinreichend gerechtfertigt in den Augen von Michel durch die freundſchaftliche Verbindung, welche vorgeblich zwiſchen ſeiner Mutter und ihr beſtanden haben ſollte; die zu lebhaften Merkmale einer Zunei⸗ gung, die er von einer Frau empfing, welche zweimal ſo alt, als er, beunruhigten Michei vorübergehend; die⸗ ſer Eindruck verſchwand alsdann bald wieder durch die ſeinem Alter natürliche Beweglichkeit des Geiſtes; nichts⸗ deſtoweniger vergaß er nicht ganz folgenden Umſtand: kurz vor ſeiner Abreiſe nach Deutſchland war er, allein mit Catherine in der Werkſtätte arbeitend und der drückenden Hitze des Tages nachgebend, auf ſeinem Stuhle eingeſchlafen; er erwachte plötzlich mit dem Glauben, er 240 habe gefühlt, wie ſich Lippen auf ſeine Stirne gedrückt. „Irrthum oder Traum“, dachte er, als er ſeine Schlaf⸗ trunkenheit völlig abgeſchüttelt hatte, denn er ſah Ca⸗ therine zwei Schritte von ihm ſitzend beſtändig mit ihren Arbeiten beſchäftigt. Michel glaubte indeſſen einen Angenblick eine leichte Röthe und einige Verlegenheit auf ihrem Geſichte zu bemerken; doch er legte nicht lange ein Gewicht auf dieſe Wahrnehmung, deren Conſequen⸗ zen ſeine unſchuldige Seele nicht ergründen konnte, zeigte ſich, wie früher, vertrauensvoll, freundſchaftlich gegen Catherine, und erwiederte nur zuweilen mit Zurück⸗ haitung, mit einem unwillkürlichen Zwange ihre Be⸗ weiſe von Zuneigung, überſchritten ſie das Maß, das dieſe unvorſichtige Mutter nicht immer zu beobachten wußte, wenn ſie mit ihrem Sohne unter vier Angen war. Doch der Leſer mag ſich beruhigen, er hat nicht zu befürchten, er werde auch mur den Schatten eines inceſtuoſen Gedankens (der doch entſchuldbar bei Michel da er nichts von den heiligen Banden wußte, die ihn und Catherine vereinigten) das Leben der Mutter und des Sohnes beflecken ſehen. Weit entfernt hievon! und auf die Gefahr, den Ereigniſſen ein wenig vorzugreifen, fügen wir bei: Michel hatte angefangen ſich köſtlich gequält von ſeinen achtzehn Jahren zu fühlen, bald nachdem eine kleine Arbeiterin, Namens Camille und fünfzehn Jahre alt, in die Werkſtätte von Fortuns Sau⸗ val eingetreten, um hier ihre Lehre im Brnniren unter der Aufſicht von Catherine zu vollenden, welche, nicht im Stande war, allein den zahlreichen Arbeiten dieſer Art zu genügen. Hiernach kehren wir zu unſeren verſchiedenartig in der improvifirten Werkſtätte im Palaſte von Meningen beſchäftigten Perſonen zurück. Der Vater Laurencin, als er ſeinen Meiſter den Vrief, von dem er Kenntniß genommen, wieder in 241 die Taſche ſtecken ſah, ſagte zu ihm, während er fort arbeitete: „Nun! Herr Fortuné, was für Nachrichten von Paris? Ihre Tante Prudence und Mademoiſelle Ma⸗ rianne befinden ſich wohl?“ „Ja, guter Vater . . . meine Tante beauftragt mich, Euch ſowie Frau Catherine und Michel freund⸗ ſchaftlich zu grüßen.“ „Mademoiſelle Prudence iſt zu gut, daß ſie an mich denkt, Herr Fortuns,“ erwiederte Catherine; „wollen Sie ihr, wenn Sie ihr antworten, ſagen, ich ſei ſehr gerührt, daß ſie ſich meiner erinnere.“ „Sie werden ihr auch für mich danken, Herr For⸗ tuns,“ fügte der Vater Laurenein bei. Und ſich gegen ſeinen Enkel umwendend, der, den Blick ſtarr, träumeriſch, ſeine Arbeit unterbrochen hatte: „Nun, Michel? Du hörſt alſo nicht, was uns Herr Fortuns geſagt hat?“ „Wie, Großvater?“ verſetzte der junge Mann erröthend und aus ſeiner Träumerei erwachend: P „ ich bitte um Verzeihung . . ich weiß nicht „Ah! mein Junge, Du träumſt alſo ganz wach? Herr Fortuns theilt uns mit, ſeine Tante grüße uns freundſchaftlich, und Dich auch, und Du antworteſt nichts?“ „Ich bitte noch einmal um Verzeihung, Großvater. Verzeihen Sie, Meiſter Fortunés .. ich war nicht aufmerkſam meine Arbeit nahm mich ſo ſehr in Anſpruch. Ich bitte Sie, Mademoiſelle Prudence in meinem Namen zu danken.“ „Das iſt ſeitſam! ſeit unſerer Abreiſe von Paris wird mein Sohn immer mehr zerſtreut und befangen,“ ſagte Catherine zu ſich ſelbſt, indeß Fortuns dem jungen Arbeiter lächelnd erwiederte: S Die Familie Jouffroy. I. 16 242 „Oh! ich mache Dir keinen Vorwurf, wenn Dich Deine Arbeit dergeſtalt in Anſpruch nimmt, daß Du mich nicht hörſt, Michel . . . Doch Ihr werdet über Eines erſtaunt ſein, meine Freunde. Die Begebenheit, von der ich mit Euch ſprechen will, datirt von unſerer Reiſe nach England, die mir, beiläufig geſagt, dieſe eingetra⸗ gen hat, denn ich konnte es dem Prinzen Maximilian kaum abſchlagen, nach Deutſchland zu kommen, da ich auf das Verlangen der Königin nach England gegan⸗ gen war.“ „Uns, bei meiner Treue! mißfällt die Reiſe nicht,“ verſetzte der Greis; „ſelbſt in meinem Alter iſt es intereſſant, neue Länder zu beſuchen, und Michel iſt entzückt, Deutſchland zu ſehen; nicht wahr, mein Junge?“ „Michel,“ ſagte Catherine leiſe zu dem jungen Mann, der wieder in ſeine Zerſtreuung verfallen war. Und ſie ſtieß ihn leicht mit dem Ellenbogen und fügte bei: „Ihr Großvater fragt Sie, ob Sie nicht entzückt ſeien, Deutſchland zu ſehen?“ „Oh! ja, Großvater, das iſt ein ſo ſchönes, ſo freundliches Land!“ antwortete Michel haſtig, indem er zugleich Catherine mit dem Blicke dankte. „Ich beklage mich auch nicht über die Reiſe, meine Freunde,“ ſagte der Goldſchmied, „dieſe Stö⸗ rungen ſind immer ein wenig unbequem, doch Sie bieten ihren Erſatz.“ „Hören Sie, Herr Fortuné, wir ſind Egoiſten,“ ſprach lächelnd der Vater Laurenein. „Wir ſehen wenig⸗ ſtens neue Länder, während die arme Mademoiſelle Marianne, welche Ihre Rückkehr erwartet, um ſich mit Ihnen zu verheirathen, Herr Fortuné, keinen Erſatz hat⸗ die Zeit muß ihr auch bedentend lang währen.“ „Nicht mehr, als mir, guter Vater, denn es drängt mich, das Glück meines Lebens zu ſichern! .. Doch 243 um wieder auf die Sache zurückzukommen, von der ich ſprechen wollte, und über die Ihr eben ſo ſehr als ich erſtaunt ſein werdet, erinnere ich Euch daran, daß ſeit ungefähr drei Jahren ein geheimnißvoller guter Genins die Cour des Coches zu beſuchen pflegte; noch am Vor⸗ abend unſerer Abreiſe wurde eine zahlreiche arme Fa⸗ milie edelmüthig von dieſem unbekannten Wohlthäter unterſtützt.“ „Ja, Meiſter Fortuns,“ ſagte Michel, der ſich an⸗ ſtrengte, um an dem Geſpräche Theil zu nehmen. „Das Haupt dieſer Familie war Metalldreher . . Doch wie ſeltſam! nie bis jetzt hat man entdecken können, welche hülfreiche Hand auf dieſe Art ſo viele arme Leute un⸗ terſtützt!“ Catherine und der Vater Laurencin wechſelten einen Blick und ein Lächeln des Verſtändniſſes; der Goldſchmied fuhr fort: „Nun denn! bald nach unſerer Abreiſe iſt die gute Fee verſchwunden . . .“ „Ah bah!“ verſetzte der Greis, der den Erſtaunten ſpielte; „und woran hat man bemerkt, daß dieſe gute Fee verſchwunden war?“ „Es iſt ein grauſamer Unfall einem der Bewohner der Cour des Coches zugeſtoßen; er war die einzige Stütze ſeiner alten kränklichen Mutter, ein ſehr redlicher, ſehr der Theilnahme würdiger Mann; die Fee iſt ihm jedoch nicht zu Hülfe gekommen.“ „Vielleicht verdiente er nicht unterſtützt zu werden, nicht wahr, Frau Catherine?“ „Wahrſcheinlich, Vater Laurencin,“ antwor⸗ tete ſie. Sodann ſich an den Goldſchmied wendend: „Und Mademviſelle Prudence nennt Ihnen den Na⸗ men dieſes wackeren Mannes nicht?“ „Nein, Frau Catherine; doch um den Ruf des guten enins zu wahren, ſind zum Glick diesmal meine Cou⸗ ſine Marianne und meine Tante Prudence an ſeine Stelle getreten; nach dem, was mir meine Tante ſchreibt, iſt der brave Mann unterſtützt worden.“ „Hieran erkenne ich das Herz von Mademviſelle Marianne,“ ſprach der Vater Laurencin. „Ah! welch eine gute, reizende Frau werden Sie an ihr haben, Herr Fortuné! Doch was die Familie betrifft . . wie geht es Herrn Ronſſel? Gibt Ihnen Ihre Tante Nach⸗ richt von ihm?“ „Gewiß,“ erwiederte lachend Fortuné; „meine Tante fängt ihren Brief alſo an: „„Der Vetter Rouſſel geht ſo eben wüthend von hier weg, indem er mich zu allen Teufeln ſchickt, was mir das Vergnügen und die Leich⸗ tigkeit verſchafſt, Dir zu ſchreiben, denn endlich habe ich dieſen abſcheulichen Menſchen, der ſeit drei langen Stunden plappernd wie eine einängige Elſter bei uns war, genöthigt, ſich aus dem Staube zu machen.““ Heiter fügte Fortuné bei: „Ihr erkennt meine Tante an den Mitteln, die ſie gebraucht, um ſich ihrer Freunde zu entledigen?“ „Schreibt Ihnen Mademoiſelle Prudence auch von Herrn Jouffroy und . . den anderen Perſonen ſei⸗ ner Familie?“ erkühnte ſich der Vater Laurencin zu fragen, obgleich er ſeinen Patron zu betrüben be⸗ fürchtete. Dieſer, deſſen Züge ſich plötzlich verdüſterten, ant⸗ wortete ſeufzend: „Meine Tante Prudence empfängt, wie früher, alle vierzehn Tage einen Brief von ihrem Bruder, dem meine Couſine Aurelie ein paar Zeilen beifügt, um zu verſichern, ihr Vater, ihre Mutter und ſie befinden ſich wohl, die Familie ſei fortwährend glücklich. Der Brief enthält keine andere Erklärung .. „Und man kann nicht entdecken, woher dieſe Briefe kommen, Herr Fortuné?“ „Sie ſind mit dem Stempel von Paris gezeichnet, 245 wo ſie auf die Poſt gegeben werden; offenbar aber woh⸗ nen meine Couſine und ihre Eltern, ſeitdem ſie ſich von ihrem Manne getrennt hat, nicht mehr in Paris.“ „Wo können ſie ſein, Herr Fortuné? Das iſt es, was ich mich immer frage; wo können ſie denn ſein?“ „Es iſt unmöglich, dies zu wiſſen,“ erwiederte For⸗ tuné, einen Seufzer erſtickend. „Wir haben nur vor dritthalb Jahren erfahren, am Tage nach einem im Ho⸗ tel Villetanenſe gegebenen Balle, welcher Baoll durch einen Anfang von einem Brande unterbrochen wurde, habe ſich meine Couſine in der Güte von ihrem Manne getreunt und noch an demſelben Tage Paris mit ihrem Vater und ihrer Mutter verlaſſen . . . Was Herrn von Villetaneuſe betrifft, ſo habe ich nichts mehr von ihm gehört; er wird ohne Zweifel bis auf den letzten Sou die Mitgift ſeiner Frau vergeudet haben . . . Doch, gu⸗ ter Vater Laurencin, ſprechen wir nicht mehr hievon. . das hat mich ganz traurig gemacht. Um dieſe betrüblichen Erinnerungen zu verjagen, wollen wir auch von einer feinen Partie reden, die ich Euch zugedacht habe, meine Freunde.“ „Ho! ho! eine feine Partie! . . . das ſteht Dir wohl an, mein kleiner Michel?. . . Wenn ich ſage klein, ſo geſchieht es in der Erinnerung, denn Du biſt nun größer als ich . . .“ Catherine kam auch diesmal ihrem Sohne zu Hülfe und entriß ihn ſeiner Träumerei; ohne zu wiſſen, wo⸗ von es ſich handelte, antwortete er: „Oh! ja, gewiß, Großvater.“ Deſſen war ich ſicher, mein luſtiger Burſche! die feinen Partien . . . das iſt Deine Stärke . . das erinnert mich an die, welche wir jeden Sonntag Arm in Arin machten, als Du noch ein Knabe warſt . . . und was für eine Partie iſt dies, Herr Fortuns?“ „Es liegt unfern von dieſem Palaſte, zu dem es ge⸗ hört, ein Haus gebaut nach der Mode der italieniſchen 246 Villas; man nennt es auch die Villa Farneſe; ſeine Gärten ſollenmit bewunderungswürdigen Statuen, mit mar⸗ mornen Fontainen von ausgezeichneter Arbeit geſchmückt ſein; kurz, es läßt ſich nichts mit dieſer Villa, was die Schönheit der Waſſer und der Schatten betrifft, ver⸗ gleichen.“ „Und wer bewohnt denn dieſes irdiſche Paradies, Herr Fortuns?“ „Eine junge Dame. . und nach dem öffentlichen Ge⸗ rüchte (gewöhnlich täuſcht es ſich nicht in dergleichen Dingen) iſt dieſe junge Dame .. . Doch der Goldſchmied hielt auf ſeinen Lippen das Wort Maitreſſe zurück aus Rückſicht für das Alter von Michel, der faſt noch ein Jüngling, und fügte ſich verbeſſernd bei: „Dieſe Dame iſt die vertraute Bekannte des Prin⸗ zen Karl Maximilian; ſein Intendant hat mir die Er⸗ laubniß gegeben, die Villa Farneſe zu beſuchen, jedoch nur von vier bis ſechs Uhr, weil in dieſer Stunde des Tages die Perſonen, welche den Luſtort bewohnen, aus⸗ gefahren ſind, um ihre gewöhnliche Promenade im Walde zu machen; in einer halben Stunde haltet Euch alſo bereit, ich werde Euch abholen . Ah! ich ver⸗ gaß der Gouverneur des Palaſtes hat mich gebeten, in der Waffengallerie eine mit Silber damascirte herr⸗ liche Mailänder Rüſtung zu unterſuchen, welche an ge⸗ wiſſen Stellen einige Ausbeſſerung nöthig haben ſoll; kommt mit mir, Vater Laurenein; ohne von den Flo⸗ rentinern der Renaiſſance zu ſein, können wir, glaube ich, dieſe Damascirung repariren. Schanen wir zuerſt die Rüſtung an.“ Sodann zu Catherine und ihrem Sohne: „Auf den Schlag vier Uhr holen wir Euch ab.“ „Wir werden bereit ſein, Herr Fortuns,“ erwie⸗ derte Catherine; und ſie blieb allein mit Michel. 247 III. Nach dem Abgange von Fortuns Sauval und dem alten Handwerker fagte Catherine zu ihrem Sohne mit einem freundlichen Lächeln: „Mein lieber Michel, ich muß Sie zanken .. Sie erlauben?“ „Von Herzen gern, Frau Catherine, ein Zank von Ihnen wird für mich, wie man ſagt, eine neue Frucht ſein . . . Zanken Sie mich alſo .. ich höre . Und in ſeinem Innern fügte er bei: „Ich weiß nicht, warum ich mich ſeit einiger Zeit verlegen fühle, wenn ich mit ihr allein bin!“ Catherine empfand immer eine Art von Zwang, wenn ſie ſich bei ihrem Sohne unter den Angen des Vater Laurencin und von Fortuné befand. Trotz des zunehmenden Wohlwollens, das ſie dieſer wiederge⸗ borenen Mutter bezeigten, beſaßen Beide nichtsdeſto⸗ weniger ihr unſeliges Geheimniß; ſo lange ſie da waren, laſtete auch auf ihr beinahe immer die Erinnerung an ihre ſchmähliche Vergangenheit; war ſie aber allein mit ihrem Sohne, vergaß ſie dieſe Vergangenheit, beobach⸗ tete ſie nicht mehr die Zurückhaltung, die ihr die Gegen⸗ wart von Fortuns oder des alten Handwerkers auferlegte, überließ ſie ſich der Süßigkeit dieſer ſeltenen Angenblicke des Glückes, welche keine betrüblichen Erinnerungen ſtör⸗ ten, da veränderten die Phyſiognomie, der Ton, der Blick von Catherine ihren Ausdruck und offenbarten in ihrer ganzen Sicherheit, in ihrer ganzen Ausdehnung ihre mütterliche Liebe; ſo war es nach dem Abgange der zwei Goldſchmiede, und dabei glanbte Catherine, be⸗ ſorgt über die Träumereien, über die zunehmenden Zer⸗ ſtreuungen von Michel, beſeelt von dem Wunſche, ihre Urſache zu ergründen und von ihrem Sohne ein Geſtänd⸗ 248 niß in dieſer Hinſicht zu erlangen, Catherine, ſagen wir, glaubte ihr liebevolles Weſen verdoppeln zu müſ⸗ ſen; ſie ſtand auch von dem Stuhle auf, den ſie ein⸗ nahm, ſetzte ſich ganz nahe zu Michel, ſchaute ihn mit einem von Zärtlichkeit feuchten Blicke an und ſagte mit weicher Stimme: „Ja, mein liebes Kind, ich will Sie zanken . oh! ſehr zanken! . . . Vor Allem habe ich bemerkt, daß Sie ſeit unſerem Abgange von Paris, und beſonders ſeit unſerem Aufenthalt hier, zerſtrent, träumeriſch ſind „Ich, Frau Catherine?“ erwiederte Michel, in ſei⸗ nem Innern ärgerlich über dieſe Bemerkung, da er nicht geglaubt hatte, ſeine Zerſtreuungen ſeien ſo augenſchein⸗ lich geweſen, „Sie täuſchen ſich . . .“ „Nein, nein; vorhin erſt haben Ihr Großvater und Herr Fortuné zu Ihnen geſprochen, und Sie haben es nicht gehört.“ „Dieſe Faſſung von Diamanten nahm mich ſo ſehr in Anſpruch . . „Hoffen Sie nicht, mich irre zu führen.“ „Ich verſichere Sie, daß . . . „Sie ſind nicht mehr heiter, geſprächig, thätig, wie Sie es vor einiger Zeit waren; Sie verlieren den Appe⸗ tit, Ihre Nächte ſind ohne Schlaf.“ „Woher wiſſen Sie . .70 „Ich weiß, daß Sie nicht ſchlafen, weil Sie trübe, verſchleierte Augen haben, weil Ihr Geſicht von Tag zu Tag bleicher wird . . . Das iſt noch nicht Alles, geſtern, hier auf dem Platze, wo Sie ſind, hatten Sie den Kopf auf dieſe kleine Krone von Edelſteinen geſenkt, eine Thräne, ſo groß wie eine Perle, rollte von Ihren Augen auf ihre Hand . Ah! leugnen Sie es nicht! ich habe es geſehen . . .“ „Um ſo viele Dinge zu bemerken, beobachtet ſie mich alſo beſtändig? Sie iſt alſo unabläßig mit mir beſchäf⸗ . 249 tigt? das wären Beweiſe von einer wahrhaft unbegreif⸗ lichen Theilnahme!“ dachte Michel mit wachſendem Er⸗ ſtaunen. Doch die Augen niederſchlagend vor dem feſten, durchdringenden Blicke von Catherine, der ihn immer mehr in Verlegenheit brachte, ſagte er mit einer Art von Ungeduld: „Ich wiederhole Ihnen, ich weiß nicht, was Sie meinen . . . Sie irren ſich.“ „Ich irre mich? Ah! Michel, das Herz täuſcht ſich nie in ſeinen Beſorgniſſen! ... Nein, nein, Sie ſind be⸗ trübt . . Sie haben einen Kummer, Sie leiden . . . und Sie wollen es mir verbergen, mir, Ihrer Freun⸗ di . Catherine, während ſie dieſe Worte mit bewegter Stimme ſprach, nahm in ihre Hände die Hand ihres Sohnes. Er ſchauerte, er erröthete, ſeine Züge drück⸗ ten Zwang, Verwirrung aus: ſeine Mutter, die ſich über die Urſache dieſer Unruhe täuſchte und immer mehr begierig war, von ihm ein Bekenntniß zu erlangen, in der Hoffnung, den Kummer, den er empfand, zu beſäuf⸗ tigen, fügte mit doppelter Zärtlichkeit bei, indem ſie noch ſtärker in den ihrigen die Hand von Michel drückte, der eine leichte Bewegung machte, um ſie zurückzuziehen: „Meine Scharfſichtigkeit ſetzt Sie in Erſtaunen? bringt Sie in Verlegenheit? Bedenken Sie doch, daß, weun Ihr Lächeln mich freudig macht, Ihre Traurigkeit mich tief ſchmerzt? Bedenken Sie doch, daß es nicht einen von Ihren Eindrücken gibt den ich nicht ohne Ihr Wiſſen mitempfinde! Bedenken Sie doch, daß ich auf der Welt nur eine Sorge, nur einen Gedanken habe! .. Sie Sie immer Sie! Und Sie glauben, Ihr geheimer Kummer könne der Scharſſichtigkeit . . . der ängſtlichen Theilnahme meiner Zuneigung entgehen? Kind!“ fuhr mit bebender Stimme Catherine fort, die ſich völlig vergaß und eine Bewegung machte, um 250 ihren Sohn an ſich zu ziehen: „Du weißt alſo nicht, wie ſehr ich Dich liebe! . . . Dieſe letzten Worte, dieſes Duzen der mütterlichen Liebe eutſchlüpft und leidenſchaftlich betont, die unwillkür⸗ liche Bewegung, der ſie nachgab, indem ſie ihren Sohn an ſich zu ziehen ſuchte, wurden von ihm falſch gedeutet. Er ſah in dieſen Worten, in dieſer Geberde ein ſcham⸗ loſes Liebesgeſtändniß; ſo beſtätigte ſich für ihn der un⸗ beſtimmte, widrige Verdacht, auf welchen dieſe naive, reine Seele ein Gewicht zu legen ſich gefürchtet hatte. „Sie liebt mich!“ dachte er mit einem ſchmerzlichen Erſtannen. „Sie liebt mich . . . trotz der Verſchieden⸗ heit unſerer Alter! „. . Sie wagt es, mir dieſes ſchmähliche Geſtändniß zu machen! . . . Ah! nun er⸗ kläre ich mir ihre Schmeicheleien, ihre Zuvorkommenhei⸗ ten, ihre Beſtrebungen, ihre zahlloſen Beweiſe von Zu⸗ neigung, über die ich mich zuweilen ſo ſehr wunderte. Ich erkläre mir ihre unabläßig auf mich gehefteten Blicke, deren Ansdruck mich in Verlegenheit ſetzte . . Das war alſo kein Traum ? . . ſie hat mich eines Tags, während ich ſchlief, geküßt. Nun begreife ich Alles. Als ich noch ein Jüngling war, hat ſie ſich für mich intereſſirt, als ich ein junger Mann wurde, hat ſie mich geliebt! Ah! dieſe Entdeckung peinigt mich, vereiſt mich! Der Zwang, die Kälte, der Widerwillen werden an die Stelle des ſüßen Vertrauens treten, das ich zu dieſer Frau hatte! Verflucht ſei ſie! Ihre Eiferſucht wird bei unſerer Rückkehr meine entſtehende Liebe für Camille errathen, beſpähen! . . . Ach! es iſt nur zu wahr! die Erinnerung an ſie verurſacht, immer meinem Geiſte gegenwärtig, meine Zerſtreuungen, meine Trau⸗ rigkeiten. Dieſe Frau hat es wahrgenommen! Sie wird unſer Argus, unſere Feindin werden; ſie wird Ca⸗ mille haſſen; ſie wird vielleicht machen, daß man ſie aus der Werkſtätte wegſchickt, indem ſie unſer Geheim⸗ niß meinem Großvatet oder Meiſter Fortuné entdeckt! — — ——— 251 Oh! ſollte dies geſchehen . . . triebe mau mich auf das Aeußerſte, ſo würde ich, eher als mich von Camille zu trennen, auch die Werkſtätte verlaſſen. Ich bin nun im Stande, mir durch meine Arbeit ſelbſt zu genügen. Verflucht, verflucht ſei dieſe Frau! Der Inſtinct ihrer Eiferſucht ſuchte mir mein Geheimniß zu entreißen, oder ſie will vielleicht, da ſie mich in ſie verliebt glaubt, meiner Schüchternheit ein Geſtändniß erſparen, indem ſie demſelben durch das ihrige zuvorkommt. Ah! was mich verletzt, was mich hauptſächlich empört, iſt, daß dieſe Frau täglich das heilige Andenken meiner Mutter anrief, im verborgenen Intereſſe ihrer lächerlichen und ſchmählichen Liebe, denn ſie iſt zweimal ſo alt als ich.“ Dieſe Reflexionen, ſo raſch wie der Gedanke, ver⸗ düſterten, vereiſten plötzlich die Phyſiognomie von Michel; er ſtand ungeſtüm von dem Stuhle auf, den er bei ſei⸗ ner Mutter einnahm, während dieſe, die Veränderung in den Zügen ihres Sohnes nicht bemerkend, wieder⸗ holte: „Mein Kind, Du weißt nicht, wie ſehr ich Dich liebe; und ich . . .“ Sie vollendete nicht, da ſie ſah, wie ſich Michel plötzlich von ihr mit einem Ausdrucke von Kälte und Widerwillen entfernte. „Michel, was haben Sie?“ fragte Catherine ganz erſtaunt. „Warum verlaſſen Sie Ihren Stuhl?“ „Ich muß dieſe Edelſteine wieder in das Käſtchen legen,“ erwiederte trocken der junge Mann. „Es iſt bald vier Uhr, Madame.“ Dieſes Wort Madame und beſonders der Ton, mit dem es Michel ausſprach, ſchmetterten Catherine nie⸗ der; zu hellſehend, zu ſehr empfänglich für jeden Ein⸗ druck, um nicht wahrzunehmen, daß in einem Augenblick eine völlige Revolution in den Gefühlen ihres Sohnes in Beziehung auf ſie vorgegangen war, konnte ſie ſich doch nicht einbilden, nicht einmal ahnen, er habe als ein Liebesgeſtändniß ihrer mütterlichen Zärtlichkeit ent⸗ ſchlüpfte Worte ausgelegt; ſie rief auch mit Bangigkeit: „Mein Gott! ſollte ich Sie geärgert, verletzt haben, daß ich beharrlich von den Zerſtreuungen ſprach, die ich ſeit einiger Zeit bei Ihnen wahrnahm? . . . Ich bitte Michel, antworten Sie mir!“ „Nein, Madame, Sie haben mich nicht verletzt,“ antwortete kalt der junge Mann, während er die umher liegenden Juwelen ſammelte, um ſie in die in der Nähe ſtehende große Kiſte zu legen.“ Und er fügte bei, da er das Geſpräch zu verändern wünſchte: „Meiſter Fortuné wird uns bald abholen, um mit uns die Villa Farneſe zu beſuchen“ „Es handelt ſich nicht um dieſes! . . . Ich ſehe wohl, daß Sie etwas gegen mich haben; ich bitte Sie inſtändig, antworten Sie . . . „Ich habe nichts, Madame.“ „Sie haben nichts! Und Sie ſagen trocken zu mir Madame! Ihr Geſicht iſt eiskalt, während es ſo eben noch freundſchaftlich war . . .“ „Ich ſage Ihnen noch einmal, Madame, Sie täu⸗ ſchen ſich,“ erwiederte Michel mit einer verdrießlichen Ungeduld die Achſeln zuckend. „Ich weiß nicht einmal, was Sie wollen.“ Catherine konnte dieſe barſche Bewegung nicht er⸗ tragen; ſie zerfloß in Thränen, hob ihre zitternden Hände flehend zu Michel auf und rief: „Michel, ich beſchwöre Sie, ſeien Sie aufrichtig! geſtehen Sie, daß die Dringlichkeit, mit der ich die Ur⸗ ſache Ihrer Zerſtreuungen, Ihres geheimen Kummers zu ergründen ſuchte, Sie gegen mich aufgebracht hat?“ „Ei! Madame, wie oft muß ich es Ihnen wieder⸗ holen? Ich habe kein Geheimniß, ich kann es Ihnen alſo nicht zum Vorwurfe machen, daß Sie eines ergrün⸗ den wollen „„ 253 „Ach! mein Kind, Sie ahnen nicht, wie gräßlich wehe Sie mir thun, daß Sie mir ſo antworten . . .5 „Oh! leider ahne ich es,“ dachte der junge Mann, immer mehr beſtärkt in ſeinem Glauben an die Liebe von Catherine, als er ihre Thränen tund die tiefe Ver⸗ ſtörung in ihren Zügen ſah. „Seitdem ich Sie kenne, iſt dies das erſte Mal, daß Sie kalt, hart mit mir ſprechen! Warum dies?“ ſagte die unglückliche Frau, ihre Thräuen verſchluckend. „Mein Geiſt geräth den Beweggrund dieſer Veränderung ſuchend in Verwirrung! . . Die Dringlichkeit, mit der ich Ihr Geheimniß zu ergründen getrachtet, habe Sie nicht verletzt, ſagen Sie? . . . Woher kommt es nun, daß ich Ihnen plötzlich läſtig zu ſein ſcheine? . .. Was habe ich Ihnen gethan? .. Ihr Herz iſt gut, edel und zart; Sie wären unfähig, mich mit dieſer Härte zu behandeln, hätten Sie nicht einen Grund hiezu? Was iſt dieſer Grund? Mit gefalteten Händen flehe ich Sie an, nennen Sie ihn mir! . . . Ich beſchwöre Sie im Namen Ihrer Mutter . . .“ „Ah! Madame,“ rief Michel mit Entrüſtung, „ſpre⸗ chen Sie wenigſtens nicht den Namen meiner Mutter aus; ehren Sie ihr Andenken!“ Niedergeſchmettert durch dieſe für ſie unbegreiflichen Worte, ſchaute Catherine ihren Sohn mit einer Art von Geiſtesverrückung an; da trat einer von den Leuten des Palaſtes, einen Brief in der Hand haltend, ein und ſagte: „Ein Fremder hat ſo eben dieſen Brief beim Haus⸗ meiſter abgegeben und ihn gebeten, denſelben ſogleich Fran Catherine, der franzöſiſchen Arbeiterin bei Herrn Sauval, zukommen zu laſſen.“ „Geben Sie, das iſt für mich,“ antwortete Cathe⸗ rine, immer die Augen auf Nichel geheftet. Und ſie empfing beinahe maſchinenmäßig den Brief aus den Händen des Bedienten, welcher beifügte: 254 „Der Fremde wartet beim Hausmeiſter auf die Ant⸗ wort. Ich werde ſie ihm bringen, wenn Sie dieſes Schreiben geleſen haben, Madame.“ Trotz ihrer grauſamen Bangigkeiten, öffnete Cathe⸗ rine den Brief, indem ſie ſich fragte, wer ihr in dieſem Lande, wo ſie ſich unbekannt glaubte, ſchreiben könne; und um vor dem Boten die Spur der Thränen, die ſie vergoſſen, zu verbergen, wandte ſie ihm den Rücken zu, trat an ein Fenſter und ſchaute das Schreiben an, das ſie in ihren Händen hielt. Plötzlich aber wurde ſie todesbleich; der Schrecken prägte ſich in ihrem Geſichte aus, ſie war einer Ohnmacht nahe; allmälig aber ſich wieder erholend, blieb ſie einige Augenblicke in der Fenſtervertiefung, und als ſie ſich ihrer ſelbſt ſicher genug glaubte, um ihre Unruhe verbergen zu können, drehte ſie ſich wieder um und ſagte zu dem Bedienten: „Ich bitte Sie, dieſem Herrn zu antworten ... ich werde thun, was er wünſcht.“ Der Bediente ging ab. „Oh! Alles drückt mich zu gleicher Zeit zu Boden!“ dachte Catherine. „Ruhe, Muth, ſonſt bin ich verloren!“ Fortuné kam in Begleitung des Vater Laurencin zurück, und dieſer ſagte heiter zu ſeinem Eukel: „Nun, mein Junge, biſt Du bereit?“ „Ja, Großvater; ich ſchloß die Juwelen vollends in die Kiſte ein.“ Catherine half ihrem Sohne bei ſeinem Geſchäfte, um ſich eine Haltung zu geben; nach einem Augenblick überließ aber Michel ſeiner Mutter die Sorge, die Ju⸗ welen einzuſchließen, und nahm ſeinen Hut. „Das Wetter iſt herrlich,“ ſagte Fortuné. „Unſer Spaziergang wird reizend ſein, man könnte keinen ſchö⸗ neren Tag wählen, um dieſe köſtliche Villa Farneſe, dieſes wahre Eden zu beſuchen . . Nun, mine Frennde, ſind wir bereit?“ „Herr Fortuné,“ ſprach Catherine, nachdem ſie ſorg⸗ 255 fältig die die Edelſteine enthaltende eiſerne Kiſte geſchloſ⸗ ſen hatte, „hier iſt der Schlüſſel.“ „Behalten Sie denſelben wie gewöhnlich, Frau Catherine,“ erwiederte der Goldſchmied, während er ſich nach der Thüre wandte: „Nichel wird den Schlüſſel der Werkſtätte zu ſich nehmen“ „Auf, mein Junge, ſei höflich,“ ſagte lächelnd der Vater Laurencin, indem er Catherine einen Blick des Verſtändniſſes zuwarf, der zu bedeuten ſchien: „„Nehmen Sie den Arm Ihres Sohnes, Sie glückliche Mutter!““ Michel, gib Deinen Arm Frau Catherine und laß uns gehen.“ „Ich will vorher noch die Thüre der Werſſtätte ſchließen,“ antwortete der junge Mann mit einer ge⸗ zwungenen Miene. Und er wartete, bis ſeine Gefährten weggegangen wareu: ſtatt ſodann ſeinen Arm Catherine zu bieten, um mit ihr dem Goldſchmied und dem Vater Laurencin zu folgen, die ihnen durch einen langen Corri⸗ dor voranſchritten, ging Michel ſtillſchweigend an der Seite ſeiner Mutter. „Die Urſache der Erkaltung, der Abneigung, die mir mein Sohn ſo plötzlich bezeigt, nicht ergründen können! ah! das iſt, um darüber wahnſinnig zu werden!“ dachte die unglückliche Frau. . „Und dieſe Zuſammen⸗ kunft . dieſe Zuſammenkunft . . . wehe mir! .. Alles drückt mich zu Boden!“ Nach einigen Augenblicken verließen unſere vier Per⸗ ſonen den Palaſt von Meningen, um ſich zu Fuße nach der Villa Farneſe zu begeben. IV. Die Villa Farneſe, ihre Statuen, ihre Spring⸗ brunnen, ihre Sänlenhallen, ihre kühlen Schatten ſchienen durch eine Zaubermacht von Italien nach Deutſchland verſetzt worden zu ſein. Nie verweilte das entzückte Auge auf einem ſo lachenden, ſo poetiſchen Aufenthaltsorte. Eine Colonnade von weißem Marmor diente als Porticus für die Gemächer des Erdgeſchoßes; durch die Bogengänge dieſer Gallerie erblickte man die zarten Ra⸗ ſen beſäet mit Blumenmaſſen von tauſenderlei Nuancen, und jenſeits die bläulichen Tiefen langer, ſchattiger Alleen, an deren Enden marmorne Fontainen in Cascaden ihre ſilbernen Wellen ergoßen; große Medicis⸗Vaſen oder an⸗ tike Statuen zeichneten da und dort im Profil ihre weiße, reine Form auf dem Grunde des grünen Blätter⸗ werks oder auf dem Azur des Himmels. Die Gemächer öffneten ſich unter dem Porticus, und vor jedem dieſer koſtbar meublirten Zimmer umfaßte man mit einem Blicke die Wunder dieſer Zaubergärten. Man konute ſich unter Anderem nichts Eleganteres vor⸗ ſtellen, als einen Sommerſalon von eirunder Form mit Stuck bekleidet und verziert mit Vergoldungen und äußerſt geſchmackvollen Frescomalereien; ungehenre Spie⸗ gel vervielfältigten ins Unendliche die freundlichen und tiefen Perſpectiven der Gärten; verſchiedene Schaalen von Porphyr, Vaſen von Jaſpis, antike Statuen von un⸗ ſchätzbarem Werthe ſchmückten dieſen Salon, mit Ge⸗ ſchmack und Symmetrie aufgeſtellt in mehreren Niſchen einer Bogenwölbung; auf Tiſchen bedeckt mit Teppi⸗ chen von rothem Sammet mit goldenen Crepinen ſah man Bücher, glänzend eingebundene Albums, Samm⸗ lungen von bewunderungswürdigen Juwelen der Renaiſ⸗ ſance, Bonbonnidren, emaillirte goldene Kapſelnmit Edel⸗ ſteinen beſetzt, Meiſterwerke des vorigen Jahrhunderts; mit einem Worte, man ſah eine Verſchwendung von Gegenſtänden, welche eben ſo koſtbar durch den Stoff. als durch die Arbeit; doch unter ihnen ſchimmerte mit einem Glanze ohne Gleichen die emaillirte goldene 257 Schaale, ein Werk des Genies von Fortuné Sauval; an einem in die Augen fallenden Orte allein auf einem Sockel von antiker Breccie ſtehend, ſchien ſie die Haupt⸗ zierde des Salon zu ſein, wo ſich in dieſem Augenblicke Herr und Madame Jouffroh unter dem Namen Baron und Baron von Fremont befanden, — Namen und Titel, die ſie auf das Erſuchen des Prinzen Karl Maximilian angenommen, als ſie Paris mit Aurelie von Villetaneuſe unter der Begleitung des Oberſten Walter verließen. Der traurige Ausgang der Ehe von Aurelie hatte einen ſchmerzlichen, unheilbaren Schlag Herrn Juuffroy beigebracht und, ſein Herz verletzend, zugleich auch ein wenig ſeinen Geiſt erſchüttert, der zuvor ſchon ſchwach, wie dies eine Art von augenblicklicher Verrückung be⸗ wieſen hat, von der er nach einem erſten Schlaganfalle ergriffen wurde. Dieſe Schwächung ſeines Geiſtes ver⸗ rieth ſich damals nur durch eine doppelt furchtſame Nachgiebigkeit gegen ſeine Frau und durch eine traurige Verblendung in Betreff der Lage ſeiner Tochter; in dieſer Hinſicht wurde aber nun der unglückliche Mann zeitenweiſe von Unſchlüſſigkeiten, von Zweifeln erfaßt; gewann zuweilen ſein natürlicher geſunder Verſtand die Oberhand, ſo er⸗ ſchaute er unbeſtimmt die Wahrheit, ſie dünkte ihm jedoch ſo entſetzlich, daß er die Angen ſchloß und ſich dem Laufe der Begebenheiten überließ. Die beiden Gatten ſprachen mit einander im Som⸗ merſalon der Villa Farneſe. „Ja, Königin!“ rief Madame Jouffroy im Paroxys⸗ mus ihres mütterlichen Stolzes, „ſa, Königin mit anderen Worten: die Gemahlin des regierenden Fürſten! . Ah! ich ſagte wohl, meine Tochter dürfe auf Alles Anſpruch machen!“ „Königin?“ erwiederte Herr Jouffroy mit Ver⸗ wunderung. „Töchterchen Königin? . Das verſtehe ich durchaus nicht.“ Die Familie Jouffroy. M. 17 258 „Du machſt, daß mir das Blut in den Adern ſiedet. Sprich, dieſe Canaille von einem Herrn von Ville⸗ taneuſe, iſt er ſterblich, ja oder nein?“ „Ja, er iſt ſterblich wie alle Welt.“ „Der Bruder Seiner Hoheit, der gegenwärtig regie⸗ rende Fürſt, iſt er ſterblich, ja oder nein?“ „Gewiß iſt er ſterblich; zum Beweiſe dient, daß er vor einigen Tagen krank geworden, und daß Seine Ho⸗ heit in aller Eile abgereiſt iſt, um ihn zu beſuchen.“ „Nun wohl! iſt es nicht augenſcheinlich, daß, wenn Aurelie Witwe iſt, und Seine Hoheit an der Stelle ihres Bruders, der keine Kinder hat, regieren wird .. der Prinz unſere Tochter heirathet?. . . Sie wird alſo die Gemahlin eines regierenden Fürſten . . kurz, Königin!“ „Ah! ſo . gut, gut . . doch mittlerweile .. .“ Und immer ſorgenvoller, fügte der gute Mann bei: „Mittlerweile . . „Vollende doch ..5 „Unſere Tochter . . „Unſere Tochter?“ „Freilich „ich weiß wohl, daß Du heute be⸗ haupteſt, es ſei nicht wahr „Was? was ſei nicht wahr?“ „Daß Seine Hoheit . hm hm . Herr Jyuffroy preßte ſeine krampfhaft zuſammen⸗ gezogenen Hände an ſeine Stirne und ſprach mit dem ſchmerzlichſten Tone: . „Barmherzigkeit! wenn das wäre! wenn das wäre! Dafür haben wir unſere Töchter doch nicht erzogen!“ Und er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen. Bis dahin gebieteriſch und aufbrauſend, veränderte Madame Jouffroy plötzlich den Ton, und ſie ſagte liebe⸗ voll zu ihrem Manne: „Mein Theuerſter, da ich Dich verſichere, daß Seine Hoheit immer nur. . ein Freund, ein Bruder für 259 Aurelie geweſen iſt . Zum hundertſten Male wieder⸗ hole ich Dir das.“ „Du wiederholſt das unabläſiſg . . . ich weiß es wohl doch ich habe zuweilen Zweifel das iſt ſtärker als ich . .. Und in ſolchen Augenblicken . . ſiehſt Du würde ich mich beohrfeigen und Dich auch . . Tod meines Lebens! . . . wenn ich bedenke, daß unſer Kind „ und daß wir, ihr Vater und ihre Mutter hier find! . Ich ſage Dir, das wäre, um hundert Fuß unter die Erde zu fahren! Gottes Güte! . welche Schande!“ „Baptiſte, höre ... „Laß mich Du biſt an Allem Schuld . . . „Ich bitte Dich inſtändig, beruhige Dich wenn Aurelie hereinkäme!“ „Oh! hätte ich den Muth, ſie zu befragen! .. doch ich wage es nicht . Erfaßt mich das Verlangen, mit ihr hievon zu ſprechen, ſo geräth mein Kopf in Ver⸗ wirrung mein Herz ſchnürt ſich zuſammen . . die Scham ſteigt mir zur Stirne . ich kann kein Wort artikuliren. .. Ach! ich bin zu ſchwach .. Meine Schwäche hat uns zu Grunde gerichtet! . . . und ſie nimmt immer mehr zu, je älter ich werde .. Es gibt Angenblicke, wo ich mich nicht mehr erkenne . . . der Gedanke entſchlüpft mir völlig. Mir ſcheint, ich werde ein Narr! Oh! hätte ich die Feſtigkeit gehabt, mich dieſer verfluchten Heirath zu widerſetzen! auf den Rath von Rouſſel, auf den meiner Schweſter zu hören, wir wären nicht, wo wir ſind! . . „Und Aurelie wo wäre ſie zu dieſer Stunde. bi wenn ſich dieſe Heirath damals aufgelöſt hätte? .. ſie wäre auf dem Kirchhofe .. „Ich wollte meine Tochter lieber auf dem Kirchhofe wiſſen, als ſie hier ſehen . . . hörſt Du, Frau? ja, ich wollte ſie lieber todt wiſſen . . . als . „Schweig ſchweig . .. Wenn ſie herein käme mein guter Baptiſte .. Schweig doch .. „Oh! Du fährſt mich nicht mehr an . .. Du gehſt mir nicht mehr zu Leibe, wenn ich hievon rede „Du wirſt ſanft wie ein Lamm ... Ich bin alsdann Dein guter. Dein lieber Baptiſte . Weißt Du, was mir das beweiſt? . . . daß Du Dich Deiner ſelbſt ſchämſt.. daß Du Gewiſſensbiſſe haſt . .. daß Ihr, Du und Deine Tochter, mich hintergeht! . daß ſie die Geliebte des Prinzen iſt .. Mein Gott! mein Gott! von dieſem Brod eſſen . . . nachdem man ſein ganzes Leben in der Redlichkeit gewandelt, ohne daß man vor irgend Jemand zu erröthen brauchte!“ „Stille . ich flehe Dich an .. es kommt Je⸗ mand.“ Ein ſchwarz gekleideter, gepuderter Huiſſier mit einer filbernen Kette um den Hals trat ein und ſagte zu Frau Jouffroy: „Soll man wie gewöhnlich den Wagen der Frau Baronin für ihre Spazierfahrt im Walde anſpannen?“ „Ja,“ antwortete Madame Joufftoy, „wir werden um vier Uhr mit meiner Tochter ausfahren.“ Der Huiſſier verbengte ſich und ging ab. V. Als Madame Jouffroy wieder allein mit ihrem Manne war, der in einei Lehnſtuhle ſaß, und das Ge⸗ ſt in ſeinen Händen verbarg, näherte ſie ſich ihm und agte: „Mein Freund, willſt Du mich anhören? und wir werden uns einmal für allemal gründlich über den Gegen⸗ ſtand erklären, der Dir peinlich iſt und Dir im Kopfe wurmt! . . Alsdann wirſt Du, wie ich hoffe, einſehen⸗ wie wenig Dein Verdacht begründet iſt.“ 261 „Hinſichtlich des Prinzen?“ „Du willſt behaupten, daß .. . „Ich werde Dir beweiſen, daß Du Dich täuſchſt. „Ah! wenn Du mir das beweiſen könnteſt! wenn ich Dir glauben könnte!! Doch nein . . . nein, Du hintergehſt mich.“ „Ich bitte Dich nur, mich ohne Zorn anzuhören und mir auf einige Fragen zu antworten. Gehen wir zur Vergangenheit zurück: ſo, zum Beiſpiel, als unſer ſchurkiſcher Schwiegerſohn zu uns ſagte: „„Ihre Toch⸗ ter hat den Tumult des Brandes benützt, um mit dem Prinzen in ein Nachbarhaus zu fliehen, wo ſie in ſtraf⸗ barer Weiſe mit einander allein ſind; kommen Sie, Sie ſollen Zeugen der Schande Ihrer Tochter ſein . . . wenn nicht, ſo mache ich Scandal;““ antworte Bap⸗ tiſte, haſt Du an die Anſchuldigung dieſes Schuftes ge⸗ gen Aurelie geglaubt?“ „Nein, ſie ſah den Prinzen zum erſten Male wie⸗ der unſere Tochter hätte die allerelendeſte Creatur ſein müſſen, um ſo an demſelben Abend dem Prinzen ein Rendez⸗vous zu geben . . . Leider iſt es aber nicht ebenſo hier. und „Laß mich vollenden: Unſer Schwiegerſohn hat alſo den Prinzen unter vier Angen mit Aurelie gefunden...“ „Ja, doch ſie hat uns ſpäter, ihre Unſchuld be⸗ theuernd, erklärt, wie ſich die Dinge zugetragen . .. Ich glaubte, ich glaube noch, daß ſie die Wahrheit ſprach.“ „Gut, aller Anſchein war aber gegen ſie.“ Anſchein . „Gewiß . doch laß uns fortfahren. Seine Ho⸗ heit, die unwillkürliche Urſache dieſes Aergerniſſes, von unſerem niederträchtigen Schwiegerſohn unterrichtet, er verlange die Abreiſe ſeiner Frau noch an demſelben Tage, Seine Hoheit trägt uns einen Zufluchtsort in Deutſch⸗ 262 land bei ihrer Schweſter an. Haſt Du gezögert, ihn an⸗ zunehmen?“ „Nein. . . übrigens war mein Kopf ganz verwirrt. . . ich war wie verrückt . . . Schlag auf Schlag von ſo vielen Unglücksfällen betroffen, hätte ich eingewilligt, zu Lucifer zu gehen! Seit jenem Tage, ſiehſt Du, ſcheint es mir zuweilen, ich fühle, wie meine Vernunft mich verlaſſe . . .“ „Geh' doch . . das ſind Chimären!“ „Oh! ich weiß wohl, was ich ſage . . .“ „Du ſagſt nur etwas Albernes.“ „Der Himmel höre Dich.“ „Kurz. gewiß iſt, daß wir mit dem Oberſten Walter abreiſten; wir kommen in Deutſchland, in der Reſidenz der Großherzogin an; ſie läßt uns in einem ſchönen Pavillon einquartiren und beſucht uns mehrere Male obſchon ſie Großherzogin iſt . . ſie ver⸗ ſichert uns der Theilnahme, die ſie für uns hege, fordert uns jedoch auf, ſehr zurückgezogen zu leben. Wir blie⸗ ben zwei Monate in der Nähe der Großherzogin; unſere Tochter empfing oft Briefe vom Prinzen, Briefe ſo ehr⸗ erbietig, daß ſie uns dieſelben vorlas. Iſt das wahr?“ „Ich leugne es nicht . . . „Nach einem zweimonatlichen Aufenthalte in Paris kehrt der Prinz nach Deutſchland zurück; er beſucht uns und erbietet ſich, falls es uns anſtände, zu unſerer Ver⸗ fügung eine Villa in der Nähe ſeines Palaſtes zu ſtellen; er verſichert, wir können dort in völliger Zurückgezogen⸗ heit leben, und erbittet ſich nur die Erlaubniß, uns von Zeit zu Zeit einen Beſuch machen zu dürfen. Wir neh⸗ men ſein Anerbieten an, weil wir durch einen längeren Aufenthalt die Gaſtfreundſchaft der Großherzogin zu mißbrauchen befürchteten . . . Wir reiſen aus ihren Staaten ab, um uns hier niederzulaſſen . . . Haſt. Du eine Einwendung gegen dieſe Anordnung gemacht?“ „Nein, vor Allem, weil ſich Aurelie in dieſem Lande 263 hier geſiel und ihren Kummer zu vergeſſen anfing; und ſodann, was in Paris machen? uns den Sticheleien von Dieſen, dem Mitleid von Jenen ausſetzen?“ „Einverſtanden . . wir haben alſo unſern Wohn⸗ ſitz in dieſem herrlichen Hauſe . . „Oh! ja herrlich viel zu herrlich für uns „Der Prinz hatte uns nur dieſe Wohnung anzu⸗ bieten er konnte ſie auch nicht verunſtalten, um Dir Vergnügen zu machen.“ „Ich weiß wohl, was ich damit ſagen will.“ „Wir ſind hier durchaus wie zu Hauſe, wir em⸗ pfangen nur die Adjutanten und die Freunde Seiner Hoheit, darunter den liebenswürdigen Herrn, den Her⸗ zog von Manzanares, den Buſenfreund des Prinzen; wir leben glücklich und im Frieden bei Aurelie. Du bringſt Deine Zeit damit hin, daß Du Dich mit der Volidre beſchäftigſt, was Dich ungemein beluſtigt.“ „Das beluſtigt mich ja, wenn mein Geiſt ruhig iſt. . . wenn ich vergeſſe, daß unſere Tochter Mein Gott! mein Gott!“ „Du kommſt immer hierauf zurück. . . Stellen wir die Dinge in ihr wahres Licht! Was iſt hier unſer Leben und das von Aurelie?“ „Ei! Du und ich, wir ſtehen nach unſerer Gewohn⸗ heit frühzeitig auf . . . Töchterchen ſteht ſpäter auf. .. Wir gehen im Sommer im Parke ſpazieren, im Winter in den Treibhäuſern; ſodann frühſtücken wir mit Aurelie; hernach kommt der Vater Stenbach, ihr Muſikmeiſter; was dieſen Punkt betrifft, — man muß gerecht ſein, — ſie iſt eine gute Tonkünſtlerin geworden Sie ſpielt Klavier wie eine Fee .. .“ „Und wie endigt der Tag?“ „Hm hm der Prinz kommt gewöhnlich um drei Uhr . . . hm hm .. zuweilen mit dem 264 Oberſten Walter oder dem Herzog von Manzanares, meiſtens aber allein hm hm ... „Du machſt mich ungeduldig mit Deinen: hm, hm, und Deiner Miene aus der andern Welt! . . Antworte: in welchem Salon empfängt man gewöhnlich den Prinzen?“ „In dieſem im Sommer im rothen Salon im Winter.“ „Bleiben im Sommer nicht immer die Fenſter die⸗ ſes Salon während der Beſuche Seiner Hoheit offen? Iſt es uns im Winter nicht zwanzigmal vorgekommen, daß wir durch den rothen Salon gingen, während Au⸗ relie mit Seiner Hoheit dort war?“ „Allerdings. . allerdings „ „Es kann alſo nichts Unſchuldigeres geben, als dieſe Beſuche . . Erinnere Dich weiter der Verwendung un⸗ ſerer Tage.“ „Um vier Uhr, wenn das Wetter ſchön iſt, fahren wir mit Töchterchen im Walde ſpazieren, und wir kehren alsdann zurück. Manchmal ſpeiſt der Prinz mit uns zu Mittag, manchmal bringt er auch nur den Abend bei uns zu er und ſeine Freunde.“ „Und hernach?“ „Hernach . .. „Ja.“ hm ech „Seine Hoheit ſteigt wieder in den Wagen und kehrt in den Palaſt zurück.“ „Es iſt wahr, daß wir ihn bis an das Veſtibule begleiten und ihn in ſeinen Wagen ſteigen ſehen, dem ein Piqueur mit einer Fackel in der Fauſt voranreitet.“ „Willſt Du mir nun das Vergnügen machen, mir zu ſagen, was Du Tadelnswerthes in einer ſo regel⸗ mäßigen Exiſtenz findeſt?“ „Und Du, willſt Du mir das Vergnügen machen, mir zu ſagen, ob uns der Prinz unſeren ſchönen Augen zu Liebe beherbergt, ſpeiſt, ſpazieren fährt. Denn wir 265 zehren hier auf eine gemeine, ſchmähliche Weiſe aus ſei⸗ nem Beutel.“ „Aus ſeinem Beutel? Sage, wenn wir bei Richar⸗ det die Ferienzeit unſerer Töchter in ſeinem Landhauſe in Neuilly zubrachten, wo er uns beherbergte und ſpeiſte, zehrten wir da aus ſeinem Beutel?“ „Das iſt nicht ganz daſſelbe.“ „Worin liegt denn der Unterſchied? Zehren wir aus dem Beutel des Prinzen, ſo zehrten wir auch aus dem Beutel von Richardet . .. Bedenke doch, daß wir Seiner Hoheit gegenüber ganz einfach wie Perſonen ſind, welche einige Zeit auf dem Lande bei einem Freunde zubringen.“ „Einige Zeit . . ah! ja wohl! nun ſind wir über zwei Jahre hier.“ „Die Zeit thut nichts zur Sache .. Du ſagſt mir ſodann: „„Behält uns Seine Hoheit unſeren ſchönen Augen zu Liebe bei ſich?““ Gewiß nicht unſeren ſchö⸗ nen Augen, ſondern denen von Aurelie zu Liebe . . . „Dn ſiehſt wohl! Tod meines Lebens! . . Du geſtehſt es ſelbſt! . Du geſtehſt es! „Was geſtehe ich? ... Daß der Prinz in Aurelie verliebt iſt? Ich widerrufe das nicht, ich rühme mich deſſen im Gegentheil; und ſie iſt auch in dieſen edlen, theuren Herrn verliebt, aber in allen Ehren . . . Sprich, verdient er vielleicht dieſe Liebe nicht? . .. Vergleiche doch ein wenig Seine Hoheit mit unſerem Schurken von einem Schwiegerſohne, der Aurelie auf eine ſchändliche Weiſe um dieſer ſpitzbübiſchen Madame Bayeul willen betrog!“ „Abgeſehen davon, daß er die Mitgift unſerer Toch⸗ ter bis auf den letzten Son verſchwendet hat. Es war meinem Anwalte unmöglich, auch nur ein Centime von dieſem Unglücklichen ſeit ſeiner Trennung von Aurelie zu bekommen; Alles war aufgezehrt . . . Der Heilloſe zeigte höhnend Vollmachten in aller Ordnung ausgeſtellt, 266 welche einſt unſere arme Tochter, ohne zu wiſſen, was ſie that, unterzeichnet hatte! Güte Gottes! . wenn ich bedenke, daß von einer Mitgift von achtmalhunderttauſend Franken nicht mehr als die fünfzigtanſend Franken übrig geblieben ſind, die Dir der Graf bei unſerer Abreiſe übergeben hat, und die ſich beinahe auf eine Nulle ver⸗ mindert haben durch Deine Ausgaben und die von Au⸗ relie für Eueren Putz, die ungeheuren Trinkgelder nicht zu rechnen, die Ihr der Dienerſchaft des Prinzen ſpendet!“ „Da wir hier beherbergt werden, wie Du ſagſt, ſo iſt es doch das Wenigſte, daß wir freigebig gegen die Dienerſchaft ſind; wir gelten hier für einen Baron und eine Baronin und müſſen folglich die Dinge ein wenig großartig behandeln! Was den Putz betrifft: haben wir uns nicht durch unſere Toilette der Gaſtfreundſchaft des Prinzen würdig zu zeigen?“ „Alles das iſt ſchön und gut, darum iſt es aber nichtsdeſtoweniger wahr, daß die achtmalhunderttauſend Franken wie der Schuee in der Sonne zerſchmolzen ſind! „ ein von uns ſo mühſam erworbenes Geld ſo ver⸗ ſchlendert! Verfluchte Heirath! verfluchte Heirath! Ah! hätte ich auf Rouſſel und meine Schweſter gehört!“ „Ei! was geſchehen iſt, iſt geſchehen.“ „Das iſt bald geſagt . . . Und was bleibt uns nun, um zu leben? Du wollteſt nach Deinem Kopfe han⸗ deln und, ohne mich davon zu unterrichten, an der Börſe ſpielen . . . kurze Zeit vor unſerer Abreiſe aus Frankreich; wir mußten ſparen, um wenigſtens die arme Marianne ausſteuern zu können oder ihr ein hübſches Vermögen zu hinterlaſſen. Das war möglich . wir beſaßen noch ungefähr zweimalhunderttauſend Franken! Ah! ja wohl, mit einigen Börſenſchlägen ſind über hun⸗ dert und vierzigtauſend Franken weggerafft! . . . Und dann kommſt Du und ſagſt mir ganz ruhig: Was ge⸗ ſchehen iſt, iſt geſchehen.“ „Was hat man davon, wenn man verzweifelt? Das 267 nützt zu nichts. Im Ganzen . . wenn wir Aurelie auf Koſten von Marianne ausgeſtenert haben, ſo wird dieſe dagegen ihre Tante Prudeuce erben. Wir unſerer⸗ ſeits brauchen, Gott ſei Dank, nicht über unſer Loos beſorgt zu ſein; denn wenn Aurelie den Prinzen gehei⸗ rathet hat und ſie gleichſam Königin ſein wird . . . „Muß aber denn nicht unſer Schwiegerſohn todt ſein, daß unſere Tochter den Prinzen heirathen kann?. .. wahrhaftig, Du machſt, daß ich raſend werde!“ „Nun wohl! mittlerweile, bis unſer ſchuftiger Schwie⸗ gerſohn geſtorben iſt (. . . käme es nur auf das Wollen an, ſo hätte ich ihn längſt ad patres geſchickt), mittler⸗ weile, bis er ſtirbt, bleiben wir mit Aurelie in der Stellung, in der wir hier ſind . . . Kann man ſich hierüber beklagen?“ „Ja, ſie iſt ſchön, ſie iſt beſonders ehrenvoll, unſere Stellung! .. Wenn Aurelie .. „Mein Gott! immer dieſe Idee! Haſt Du je ge⸗ ſehen, daß es der Prinz an Ehrfurcht gegen ſie erman⸗ geln ließ? nennt er ſie nicht ſtets Frau Gräfin?“ „Ah! vor uns . gewiß!“ „Sind wir nicht faſt immer als Dritte mit ihnen? Iſt nicht „ „Sophie,“ unterbrach Herr Jouffroy ſeine Frau mit ernſtem Tone, ohne eine tiefe Bangigkeit zu verbergen, „hundertmal hatte ich ſeit langer Zeit eine kategoriſche Frage auf den Lippen .. ich habe ſie nicht an Dich gemacht.“ „Warum nicht?“ „Weil ich mich lieber im Zweifel betäuben, als eine gräßliche Gewißheit erlangen will .. Oh! wenn ich ſie hätte, dieſe Gewißheit, ich glaube, Gott verzeihe mir! mein Kopf würde nicht widerſtehen.“ „Welche Gewißheit?“ „Höre mich an. Ich bin ein armer Mann, leicht zu täuſchenz ich bin weder fein, noch liſtig; ich habe 268 jetzt ſogar zuweilen Augenblicke der Abweſenheit, in denen mir nichts erinnerlich iſt . . .“ „Ich wiederhole Dir, was Du da ſagſt, iſt ein⸗ ältig.“ gGut, gut, ich bin aber noch nicht ganz blödſinnig geworden. Ich finde nichts zu tadeln an dem ſcheinba⸗ ren Benehmen von Aurelie gegen den Prinzen; ich ſuche die Angen über dem zu ſchließen, was unſere Stellung Zweideutiges hat. Doch unſere Tochter iſt ſo glücklich . ſo glücklich, nachdem ſie ſo viel gelitten, daß, könnte ich überzeugt, vollkommen überzeugt ſein, der Prinz liebe ſie in allen Ehren . . . dies für mich ſchon ein großer Troſt wäre.“ . „Ich verſichere Dich, daß .. . „Sophie,“ ſprach Herr Jouffroy mit bebender Stimme, „die Wohnung von Aurelie iſt völlig von der unſeren getrennt.“ „Allerdings, ſie wohnt im Erdgeſchoße, wir wohnen im erſten Stock . . . „Der Prinz,“ ſagte Herr Jouffroy mit einer An⸗ ſtrengung, und als ob ihm dieſe Worte die Lippen ver⸗ brennen würden, „der Prinz geht aus dieſem Hauſe am Abend weg, doch er kann . in der Nacht hierher zurückkehren.“ „Wie? Du denkſt .„ „Es iſt eine Frage, die ich hundertmal an Dich machen wollte, immer verſchob ich ſie, weil, ich wieder⸗ hole es Dir, wenn Deine Antwort eine Lüge wäre . .. dies ſich früher oder ſpäter offenbaren würde, und es bliebe mir nichts übrig, als mich ins Waſſer zu ſtürzen, weil Du die Mitſchuldige der Verworfenheit unſerer Lochter wäreſt! Hörſt Du das . . . Madame Jouff⸗ Baptiſe, ich bitte, erkläre Dich, Du erſchretſt mich!“ „Gibſt Du mir Dein Wort als ehrliche Frau, Dein 269 Wort als Familienmutter, daß Aurelie . „ nicht . . die Maitreſſe des Prinzen iſt?“ ſite i „Nimm Dich wohl in Acht! ich habe ſo ſehr das Bedürfniß, von einem für mich gräßlichen Zweifel befreit zu ſein, ich liebe ſo ſehr meine Tochter, ich vertraue ſo gern ihrer Redlichkeit, der Deinen, daß ich blindlings Deiner Antwort glauben werde; . . . ſollteſt Du mich aber unglücklicher Weiſe hintergehen . . ich . . . Der Eintritt von Aurelie unterbrach Herrn Jouffroy. VI. Die Gräfin von Villetaneuſe war, wenn man ſo ſagen darf, noch ſchöner geworden. Man las in ihrem bezaubernden Geſichte das Erblühen des faſt idealen Glückes, das ſie ſeit zwei Jahren genoß. Sie hielt einen Brief in der Hand. „Hier, mein guter Vater!“ ſagte ſie zu Herrn Jouff⸗ roy, deſſen Züge ſich bei ihrem Anblicke aufklärten, „lies dieſen Brief und geſtehe, daß ſich nie die Dankbarkeit in ſo rührenden Worten ausgeſprochen hat.“ „Was betrifft dies?“ verſetzte Madame Jouffroy, während ihr Mann von dem Briefe Kenntniß nahm. „Abermals eine gute Handlung?“ „Gut? . ſage doch gerecht! . . Arme Leute! Der Vater dieſer Familie hatte irgend einen Waldfrevel begangen, die Aufſeher des Prinzen bringen ihn ins Ge⸗ füngniß; ihres Hauptes, ihrer einzigen Stütze beraubt, ſieht ſich die Familie in einer gräßlichen Noth ... Dieſe wackern Leute haben zunm Glück den Gedanken, eine Bittſchrift an mich zu richten . . ich ſchreibe ſogleich an den Intendanten der Domänen Seiner Hoheit, ich wolle durchaus, daß der Vater dieſer der Theilnahme würdigen 270 Familie aus dem Gefängniß entlaſſen werde, und daß man ihm überdies eine ſichere kleine Anſtellung gebe.“ „Und man hat ſich nothwendig beeilt, Deinem Ver⸗ langen zu entſprechen? Ein Wort von Dir iſt ein Be⸗ fehl „für die ganze Umgebung Seiner Hoheit . .. Nicht wahr, die Anſtellung iſt bewilligt?“ „Ja, Mama, und ſie überſteigt alle Hoffnungen die⸗ ſer armen Familie, die ſich am Vorabend eines entſetz⸗ lichen Elends ſah.“ „Nach dieſem Briefe, Töchterchen, haſt Du Dir nicht Undankbare verpflichtet .. Du biſt ſo wohl⸗ thätig!“ „Das iſt kein Verdienſt von mir, mein guter Va⸗ ter. . Ich brauche nur dem Prinzen das Unglück zu bezeichnen, und es findet ſogleich Beiſtand.“ „Welch eine reizende Fürſtin wirſt Du auch wer⸗ den!“ rief Madame Jouffroy. „Du wirſt die Vorſeh⸗ ung Deiner Unterthanen ſein, wenn Du Seine Hoheit geheirathet haſt. Dieſe Heirath iſt der Gegenſtand aller ſeiner Wünſche und der unſeren, das darf man wohl ſagen. In einem ſolchen Wunſche liegt für Jedermann nur Ehrenvolles.“ „Oh!l ich bitte, Mama, denken wir nicht an meine Souverainetät!“ verſetzte die junge Frau mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln. „Vor Allem: muß der Prinz nicht, um an der Stelle ſeines Bruders zu regieren, das Un⸗ glück haben, ihn zu verlieren? Mein Vater und Du⸗, ſeid Ibr nicht Zeugen ſeines Schmerzes bei der unvor⸗ hergeſehenen Nachricht von der Krankheit des regierenden Fürſten geweſen? Aber, Gott ſei Dank, deſſen Krankheit ſoll ohne Bedeutung ſein, obſchon Seine Hoheit in aller Eile mit ihrem Freunde, dem Herzog von Manzanares, abgereiſt iſt, um ſich zu ihrem zärtlich geliebten Bruder zu begeben.“ „Es iſt nicht zu leugnen, der Prinz offenbart eine große Anhänglichkeit an ſeinen Bruder,“ ſagte Hert 271 Jouffroy, „ein ſolcher Verluſt würde ihm einen ſchweren Kummer bereiten.“ „Gewiß; doch Seine Hoheit würde ſo viel Troſt bei unſerer Tochter finden!“ „Ich hoffe es, Mama.“ „Was willſt Du? Wir ſind Alle ſterblich; man muß vernünftig ſein. Regiert einmal Seine Hoheit an der Stelle ihres Bruders, ſo werden ſich alle ihre Untertha⸗ nen an Dich wenden, um Gnade zu erlangen. Ich komme auch auf das, was ich geſagt habe, zurück: welch eine gute, reizende Fürſtin wäreſt Du!“ „Dieſer Titel würde mir noch nicht gehören, Mama; doch ich würde den ganzen Einfluß, den mir der Prinz zu bewilligen die Güte hat, anwenden, um alles Gute zu thun, was ich zu thun vermöchte“ „Dieſer ſouveräne Titel würde Dir allerdings noch nicht gehören, doch er kann Dir jeden Augenblick gehö⸗ ren. Hiezu wird genügen, daß Dein Ungeheuer von einem Manne . . .“ „Ah!h meine Mutter!“ verſetzte Aurelie ſchmerzlich bewegt, „Du wirſt dieſen Tag trüben!“ Sodann, indem ſie zu lächeln ſich anſtrengte: „Liebe Mutter, guter Vater, Ihr wißt nicht? Der Prinz kommt heute zurück.“ „Er hat Dir geſchrieben, Töchterchen?“ „Nein, mein Vater!“ „Sein Freund, der Herzog von Manzanares, theilt Dir alſo die Rückkehr Seiner Hoheit mit?“ „Ich ſtehe nicht im Briefwechſel mit dem Herzog.“ „Ich ſagte Dir das, weil der Herzog der beſte Freund des Prinzen iſt, und da er ihn begleitet hat, ſo konnte er „ „Nein, meine Nachrichten find beſtimmter ſicherer, als alle Briefe der Welt.“ . „Von wem haſt Du alſo dieſe Rachrichten?“ „Von einem Traume.“ 272 „Armes Töchterchen, ein Traum!“ „Aurelie hat im Gegentheil Recht, an Tränme zu glauben. Man hat geſehen, daß erſtaunliche Dinge durch die Träume vorhergeſagt worden ſind.“ „Nicht wahr, Mama? Stelle Dir alſo vor: ge⸗ lähmt durch die Hitze des Tages, entſchlief ich vor zwei Stunden, da ſah ich in meinem Traume den Prinzen eintreten;“ ſodann betrübt: „aber ach! in Trauer ge⸗ kleidet.“ „Ich war deſſen ſicher,“ rief Madame Jouffroy, die den Ausbruch ihrer ehrgeizigen Hoffnungen nicht zurück⸗ halten konnte. „Du wirſt Königin ſein . . Der König iſt todt, es lebe der König!“ „Ah! Mama!“ erwiederte Aurelie mit einem Aus⸗ drucke ſanften Vorwurfs. „Mama!“ Ein Diener trat ein und meldete: „Der Wagen der Frau Baronin.“ „Nun, Aurelie, nimm Deine Mantille, Deinen Hut, wir werden im Wagen plandern.“ „Mama, ich bitte Dich, Dich und meinen Vater, fahrt ohne mich aus; ich habe einen unbegränzten Glau⸗ ben an meinen Traum oder, wenn Ihr lieber wollt, an meine Ahnung. Ich wäre troſtlos, befände ich mich nicht hier, wenn der Prinz, wie ich es hoffe, heute ankäme⸗ Er wäre ſo betrübt, ſollte ſich mein Traum in allen Punkten verwirklichen, daß ich gern zuerſt Seiner Hoheit Tröſtungen bieten möchte.“ „Wohl, Töchterchen, da Du nicht mit uns ſpazieren fahren willſt, ſo werden wir auch nicht fahren.“ „Und wenn der Prinz mittlerweile kommt?“ ſagte leiſe Madame Jouffroy zu ihrem Manne; „Seine Hoheit wird lieber mit Aurelie allein ſein wollen, um ſich über den Tod ihres Bruders ergießen zu können, denn er muß todt ſein .. ja, ich wollte meine Hand ins Feuer legen, daß er todt iſt... Die Träume trügen nie Ah! könnte ich heute Nacht träumen, unſere abſcheuliche 273 Canaille von einem Schwiegerſohne ſei geſtorben! Komm, komm, Jouffroy!“ „Hm! hm!“ machte der gute Mann, indem er ſei⸗ nen Hut nahm, „fahren wir alſo ſpazieren und laſſen wir Töchterchen . .„ „Guten Tag, Vater, guten Tag, Mama,“ ſagte Aurelie, während ſie Herrn und Madame Jouffroy bis unter den Porticus begleitete, vor dem der Wagen war⸗ tete, in welchen Beide einſtiegen; die Gräfin blieb allein. VII. Nach dem Abgange ihres Vaters und ihrer Mutter ſetzte ſich Frau von Villetaneuſe langſam auf einen Divan, in deſſen Nähe auf einem vergoldeten Meuble die emaillirte Ste eines der Meiſterwerke von Fortuné Sauval, and. „Nein, nein,“ ſagte Aurelie zu ſich ſelbſt, „ich will die ehrgeizigen Hoffnungen meiner Mutter nicht theilen. eine Liebe für Maximilian verbirgt keinen ehrgeizigen Hintergedanken .. ich habe ihn geliebt. ich liebe ihn, obgleich er Bruder eines Souverain iſt, dem er eines Tags auf dem Throne folgen ſoll. Ja, in welcher Lage Du auch geboren ſein möchteſt, Maximilian, ich hätte Dich geliebt wegen der Zartheit Deines trefflichen Herzens, wegen des Adels Beines Charakters, wegen Deines einnehmenden Geiſtes, wegen Deiner bezaubern⸗ den Schönheit! Ich hätte Dich beſonders geliebt, weil Du, nachdem Du mich dem Brande entriſſen, wo ich den Tod finden konnte, für mich ein Engel des Troſtes und der Güte geweſen biſt! Du liebteſt mich ich wußte es . doch von dieſer ſo tiefen, ſo ergebenen Liebe haſt Du mir nicht ein Wort zu ſagen gewagt . Du haſt mir eine ehrenvolle Gaſtfreundſchaft bei Deiner Die Familie Jvuffroy. n. 18 — 275 Aurelie unterbrach ſich jedoch und fügte alsdann lächelnd bei: „Ich will aufrichtig gegen mich ſelbſt ſein und nicht eine Uneigennützigkeit heucheln, welche die menſchlichen Kräfte überſteigt; nun wohl! ja, warum ſoll ich es nicht geſtehen? ja, ich wäre ſtolz, ich, ein Bürgermädchen, dem Herrn von Villetaneuſe ſeinen Grafentitel als ein Almoſen geſchenkt hat, ich eine Zufallsgräfin ſo unver⸗ ſchämt verachtet von dieſen adeligen Damen, die mir vorwarfen, ich ſei die Tochter eines Krämers, ja, ich wäre ſtolz, gewaltig ſtolz darauf, wenn ich eine Krone der Liebe von Maximilian zu verdanken hätte! ſtolzer villeicht noch auf ſeine Liebe, als“ auf dieſe Krone! Doch ich würde am Ende über einen Hof, über Unterthanen regieren, ich, Anrelie Jouffroy ich, die Rebenbuhlerin einer ſchamloſen Madame Bayeul, der ich niederträchtig ge⸗ opfert worden bin! ich, die ich, getrennt von meinem Gatten, überall nur Demüthigungen oder Verachtung ge⸗ funden hätte! . . . Wie ſeltſam iſt doch mein Geſchick! Liebe arme Mutter, man behandelte Dich als eine När⸗ rin, weil Du in Deinem mütterlichen Stolze ſagteſt: „„Meine Tochter wäre Herzogin, Prinzeſſin, Königin, würden ſich die Titel nach der Schönheit ermeſſen .. Die Betrachtungen von Aurelie wurden unter⸗ brochen durch einen entfernten, unausſprechlich anmuthigen Gefang; die Worte dieſer melancholiſchen Romanze ge⸗ langten kaum deutlich zu den Ohren der Gräfin; man htie glauben ſollen, es ſei das klagende Gemurmel einer lu ihrer Liebe verwundeten Seele, welche ihr zugleich grauſames und ſüßes Leiden ſeufze. VIII. Von ihren Gedanken zerſtreut durch dieſen ent⸗ ſeruten Geſang, lauſchte Frau von Villetaneuſe auf ſein 276 Töne, und als er allmälig aufgehört hatte, wie der Hauch des Windes im Blätterwerk verſcheidet, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Welch eine bezaubernde Stimme! Wo kann dieſe Nachtigall niſten? Das iſt das dritte Mal ſeit geſtern, daß ich ſo ſingen höre! Kein Fremder kann in den Park eintreten . . . dieſer melodiſche Sänger verweilt ohne Zweifel unter den Bäumen der äußeren Allee. Man kann unmöglich eine reinere, friſchere, köſtlichere, klangreichere Stimme haben. Sie geht zum Herzen und erweckt darin ich weiß nicht welch ein glühendes Schmachten „ Oh! im gegenwärtigen Augenblick ſcheint dieſer zugleich trau⸗ rige und zärtliche Geſang die Begleitung meiner Liebes⸗ gedanken zu ſein . . Verdammte Stimme! Trotz ihrer Süßigkeit, macht mir die Uuruhe, in die ſie mich ver⸗ ſetzt, die Abweſenheit von demjenigen, welchem meine Seele gehört, noch drückender! . . Fliehen wir dieſe Gedanken, ſie treiben das Feuer in meine Adern!“ Aurelie ſteht, während ſie dieſe letzten Worte ſpricht, von ihrem Sitze auf; ihre Augen heften ſich zufällig auf die emaillirte goldene Schaale, ſie betrachtet ſie einen Moment mit bewegtem Gemüthe. „Oh! göttlicher Schatz, meinem Herzen aus ſo vie⸗ len Gründen theuer! wie viel Erinnerungen ruft dein Anblick in mir zurück! Das Geuie, das dich geſchaffen hat, wunderbares Meiſterwerk der Kunſt, war der Freund meiner Kindheit, und der Prinz, dem ich dich verdanke⸗ iſt das Glück meiner Jugend! Ich ſehe in dir die Gegenwart und die Vergangenheit, ſüße Vergangenheit! mein Mädchenleben, unſchuldige, friedliche Tage! „. Marianne, die theure kleine Schweſter! mit welchen Mühewaltungen umgab ſie mich! wie verdarb ſie mi bis zur Vergötterung! . .. Fortuns ſo gut, ſo ergeben! Armer Fortuné! Ich habe ihn tief im Herzen verwur⸗ det! Er hat mir ohne Zweifel vergeben. Was muß er jedoch, wie Marianne und meine Tante, von der Un⸗ wiſſenheit denken, in der wir ſie in Betreff unſeres Aufenthaltsortes laſſen. Sie können nicht über unſer Schickſal beſorgt ſein, denn ſie empfangen jede Woche einen Brief von uns; doch das Geheimniß, das wir gegen ſie über unſere Lebensweiſe beobachten, muß ſie in Erſtaunen ſetzen. Theure Marianne, welche Freude würde es mir bereiten, ſie umarmen zu dürfen! Hundert⸗ mal war ich auf dem Punkte, gegen Maximilian das Verlangen zu äußern, meine Schweſter und meine Tante hier bei mir zu ſehen; er wäre dieſem Wunſche ent⸗ gegengekommen, hätte er ihn geahnet, doch ich wagte es nicht Nein, ich habe es nicht gewagt, ihn mit dieſem Wunſche bekannt zu machen: meine Tante Prn⸗ dence iſt hellſehender, als mein armer Vater . .. und ſodann meine Schweſter, ein junges Mädchen, hier leben bei mir, die ich .. Nach einem peinlichen Stillſchweigen fügte die Gräfin bei: „Bin ich denn nicht frei? Die Grauſamkeit meines Gatten, von dem ich getrennt bin, die Aufrichtigkeit meiner Liebe für Maximilian, ſeine ſo edle Zuneigung rechtfertigen ſie nicht mein Benehmen, ermächtigen ſie mich nicht zu meiner Handlungsweiſe? Ja, aber den⸗ och Und nach einem neuen Stillſchweigen: „Oh! es komme der Tag, wo Maximilian mich vor Gott und den Menſchen als ſeine Fran verkündigen wird! Mit welchem Glück, mit welchem gerechten Stolze werde ich ſodann meine kleine Marianne und meine Tante zu uns rufen an unſern Hof. .. ja, liebe Taute Pru⸗ ence, an unſern ſouveränen Hof!“ fügte Aurelie, lächelnd bei dieſen eitlen Gedanken, bei. „So philoſophiſch, ſo ſtoiſch Sie auch ſind, liebe Tante Prudence, geſtehen Sie, daß Sie, ſich ein wenig aufblähend, ſagen werden: „Ei! ei! meine Nichte Anrelie iſt die Frau eines regierenden Fürſten .. Das iſt im Ganzen keine 278 ſchlimmere Lage, als . .. Kleinhändlerin zu ſein.““ Die liebe Tante Prudence! mir iſt. als ſähe und hörte ich ſie.“ In dieſem Augenblicke trat einer der Diener der mit beſtürzter Miene ein und ſagte zu der jungen rau: „Ah! mein Gott, Frau Gräfin!“ „Was gibt es?“ „Der Hausmeiſter, der den Wagen um vier Uhr nach der Gewohnheit abgehen ſah, glaubte, die Frau Gräfin ſei mit dem Herrn Baron und der Frau Baronin ausgefahren.“ „Nun?“ „Die Frau Gräfin weiß, daß der Gouverneur des Palaſtes zuweilen Fremden die Erlaubniß gibt, die Villa in der Stunde zu beſuchen, wo die Fran Gräfin ihre gewöhnliche Promenade im Walde mit dem Herrn Baron und der Frau Baronin macht?“ „Ich weiß das; doch was iſt vorgefallen?“ „Der Hausmeiſter hat im Glauben, die Fran Gräfin ſei nicht zu Hauſe, Fremden, welche mit einer Erlaub⸗ nißkarte vom Herrn Gonverneur verſehen waren, geſtattet, die Gärten zu beſichtigen.“ „Der Hausmeiſter hat Unrecht gehabt,“ erwiederte Aurelie ärgerlich. „Er mußte wiſſen, daß ich hier ge⸗ blieben bin . . . der Prinz kann jeden Angenblick kom⸗ men, und „ „Frau Gräfin, ſehen Sie, hier unter dem Portieus ſind die Fremden.“ Aurelie wandte ſich maſchinenmäßig um, ehe ſie ſich in ein anderes Zimmer zurückzog; plötzlich aber bebte, erbleichte ſie und rief: „Fortuné!“ IX. Frau von Villetaneuſe hatte wirklich Fortuns Sau⸗ val in Geſellſchaft des Vater Laurenein, von Michel, Catherine und einer andern Perſon erkannt. In dieſer Hinſicht zwei Worte: Verſehen mit einer Erlaubniß vom Gouverneur, war der Goldſchmied nach der Villa gegangen. In dem Augen⸗ blick, wo er an dem äußeren Gitter, zu dem man durch eine lange Allee kam, klingeln wollte, wurde er von einem ſchönen jungen Manne angeredet, der mit der äußerſten Artigkeit zu ihm ſagte: „Mein Herr, unter Landslenten, die ſich in der Fremde begegnen, wagt man oft eine Unbeſcheidenheit, und ich werde wohl indiscret ſein: Sie haben, wie ich ſehe, das Glück gehabt, die Erlaubniß zum Beſuche der Villa Farneſe zu erhalten, in der ſich Kunſtgegenſtände erſten Ranges finden ſollen; ich bin Künſtler und wäre Ihnen unendlich dankbar, wollten Sie mir erlauben, mich Ihrer Geſellſchaft anzuſchließen, um die Schätze der Villa zu bewundern.“ Dieſe, übrigens natürliche, Bitte in ſehr guten Aus⸗ drücken von einem Landsmanne von einnehmendem Aeußerem vorgetragen, wurde von Fortuné Sauval höf⸗ lich aufgenommen. Er lnd den ſchönen jungen Mann ein, ihn zu begleiten; der ſchöne junge Mann war aber kein Anderer, als Angelo Grimaldi, die unſichtbare Nach⸗ tigall, deren melodiſche Geſänge einige Augenblicke vor⸗ her zu den Ohren von Aurelie gelangt waren. Der Goldſchmied und ſeine Gefährten näherten ſich dem Porticus, von dem man ebenen Fußes in die Ge⸗ mächer des Erdgeſchoſſes kam. Vaſen, antike Statuen ſchmückten, in Riſchen ſtehend, das Innere dieſes Peri⸗ ſtyls. Fortuné Sanval und Angelo begaben ſich, um 280 dieſe ſchönen Dinge mehr in der Nähe zu bewundern, unter die Colonnade, welche numittelbar dem Salon, wo ſich Aurelie befand, vorherging, ein Salon, deſſen Thüren und Fenſter offen ſtanden: als Frau von Villeta⸗ neuſe, maſchinenmäßig ſich umwendend, ein paar Schritte von ſich Fortuné Sauval erblickte, konnte ſie auch einen Ausruf des Erſtannens nicht zurückhalten, und Anfangs wie beſtürzt über das unverhoffte Zuſammentreffen, eilte der Goldſchmied bald in das Zimmer und lief auf Au⸗ relie zu. Catherine, der Vater Laurencin und ſein Enkel blie⸗ ben beſcheiden unter dem Periſiyl. Angelo Grimaldi folgte frecher Weiſe Fortuné, indem er zu ſich ſelbſt ſagte: „Ich will endlich meine ſchöne Unbekannte von nahe ſehen.“ Als vieſer Elende ſodann auf einem Tiſche in ſeinem Bereiche mehrere Doſen, Büchſen und Kapſeln von Gold mit Edelſteinen verziert erblickte, benüßzte er die Acht⸗ loſigkeit der Gräfin und von Fortuné, um in der Stille eine wundervolle goldene Tabatiere mit Diamanten be⸗ ſetzt zu ſtehlen. „Ich werde wenigſtens ein Andenken an meine Un⸗ bekannte mitnehmen,“ ſagte Angelo. „Fortuns!“ hatte Frau von Villetaneuſe, auf ihren Vetter zueilend, gernfen. „Was ſehe ich, Aurelie! . . . Du hier!“ „Welches Zuſammentreffen! Ich zittere ganz!“ „Aurelie,“ ſprach plötzlich der Goldſchmied mit einem Ausdrucke unbeſchreiblicher Bangigkeit, indem er umher ſchaute, „Du biſt es, die dieſe Villa bewohnt?“ „Ja. Und dem Goldſchmied die Hand reichend: „Wenn Du wüßteſt, wie glücklich ich bin, Dich wiederzuſehen! .. Aber was haſt Dn? warum gibſt Du mir keine Hand?“ 281 „Du biſt es, die man die Gräfin d Arcueil nennt?“ verſetzte der Goldſchmied mit einer immer ſchmerzlicheren Bangigkeit; „Du führſt dieſen Namen?“ „Ich habe ihn ſeit meinem Aufenthalte in Deutſch⸗ land angenommen, und i „Aber dieſer Name,“ rief Fortuns, „es iſt der der Geliebten des Prinzen!“ „Mein Gott!“ erwiederte Aurelie erbleichend und. weinend; „laß mich Dir erklären „„ „Ah!“ ſprach der Goldſchmied mit tiefer Niederge⸗ ſchlagenheit, „Du biſt die Geliebte des Prinzen? Schmach Dir! wehe über Dich!“ „Mein Herr!“ rief Angelo Grimaldi, den Aurelie bis dahin nicht bemerkt hatte, „Sie beleidigen dieſe Dame!“ Und er ging mit herausfordernder Miene auf Fortuns zu. Bei der unerwarteten Erſcheinung von Angelo wich Aurelie einen Schritt zurück, einerſeits ſo beklommen, daß ſie kein Wort hervorzubringen vermochte, anderer⸗ ſeits aber ſo unwillkürlich ergriffen von der wunderbaren Schönheit des ehemaligen Strafgefangenen, deſſen große, ſchwarze, funkelnde Angen Blitze zu ſchlendern ſchienen, während er das Gepräge einer edlen Entrüſtung in den Zügen, ſich an den Goldſchmied wendend, wiederholte: „Sie beleidigen dieſe Dame, Sie werden mir hie⸗ für Genngthuung geben.“ „Mein Herr,“ rief ungeſtüm Fortuné, „dieſe Heraus⸗ forderung 4 „Wer ſind Sie?“ verſetzte lebhaft die Gräfin, ſich an Angelv wendend. „Mit welchem Rechte treten Sie ei mir ein, mein Herr? Mit welchem Rechte über⸗ nehmen Sie meine Vertheidigung? Mit welchem Rechte erdreiſten Sie ſich, Herrn Fortuné Sauval, meinen Ver⸗ wandten, meinen Freund, herauszufordern?“ „Madame,“ antwortete Grimaldi, indem er ſich 282 tief vor Aurelie verbengte, „ich bitte Sie inſtändig, die Indiscretion, die ich begangen habe, zu verzeihen; wollen Sie die unwillkürliche Aufwallung, der ich nachgegeben, entſchuldigen. .. Ach! ich habe kein Recht, Ihre Vertheidigung zu übernehmen, Madame . Glücklich oh! ſehr glücklich müßte man diejenigen preiſen, welche berechtigt wären, ſich für Sie tödten zu laſſen!“ Nach einer neuen ehrerbietigen Verbeugung verließ ſodann Angelo Grimaldi langſam den Salon. Catherine, welche, mit Michel und dem Vater Lau⸗ rencin unter dem Porticus geblieben war, hatte wie ſie die vom Goldſchmied an Frau von Villetaneuſe gerich⸗ teten Worte: „Du biſt die Geliebte des Prinzen .. Schande Dir! wehe über Dich!“ gehört. „Unglückliche junge Frau!“ dachte Catherine. „Sie hat ihren erſten Schritt auf dem Wege der Schmach ge⸗ macht, auf dem ich mich fünfzehn Jahre fortgeſchleppt!“ „Fortuns,“ ſagte Aurelie nach dem Abgange des frechen Eindringlings zu ihrem Vetter, „ich bitte Dich, ſchließe dieſe Thüre und dieſe Fenſter .. Ich will mit Dir reden. Es liegt mir Alles daran, Dir zu be⸗ weiſen, daß ich Deine Verachtung nicht verdiene.“ Der Goldſchmied ging an die Thüre des Salon und ſagte zu ſeinen Gefährten: „Schaut vollends die Villa an, meine Freunde; ich werde im Palaſt wieder zu Euch kommen.“ Hienach kehrte er langſam zu Frau von Villetanenſe zurück. S Das Erſtaunen, die Entrüſtung von Fortuné, der in einer entwürdigenden Lage die junge Frau wieder⸗ fand, die er einſt ſo heiß geliebt hatte, wichen bald einem 283 tiefen Schmerze; er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Hän⸗ den und weinte. Dieſe ſtillen Thränen waren drückender für Frau von Villetaneuſe, als es blutige Vorwürfe geweſen wärenz ſie ſchlug die Augen nieder und ſagte mit einer bebenden Stimme zu ihrem Vetter: „Fortuné, ich ſcheine Dir ſtrafbar; ich bitte Dich i höre mich, ehe Du mich anklagſt, ehe Du mich richteſt.“ „Ich bin weder Dein Ankläger, noch Dein Richter,“ erwiederte der Goldſchmied traurig den Kopf ſchüttelnd. „Ich war Dein Freund aus der Kinderzeit; ich habe Dich als keuſches Mädchen, als geachtete Gattin gekannt; ich finde Dich hier wieder .. Mein Herz bricht . . .“ „Mein Freund, Du, den ich liebte, den ich noch wie einen Bruder liebe . ich beſchwöre Dich, halte Dich nicht an den Anſchein . . . „Ah!“ verſetzte Fortuné bitter, „ich hoffte bei Dir wenigſtens die gewöhnliche Offenherzigkeit zu finden.“ „Worin habe ich es an Offenherzigkeit ermangeln laſſen?“ „Biſt Du, ja oder nein, die Geliebte des Prinzen Karl Maximilian Du antworteſt nicht, Du wagſt es nicht, dieſe niederſchlagende Thatſache zu leugnen, und Du ſprichſt vom Anſchein?“ „Bin ich nicht, getrennt von meinem Gatten, frei?“ „Wie frei hier zu leben, beim Prinzen? Frei, dieſes Verhältniß offen zur Schau zu ſtellen?“ „Mein Leben iſt auf immer an das von Maximilian gekettet. Ich erröthe nicht über meine Liebe für ihn.“ „Du errötheſt nicht darüber?. .. Sage mir, Aurelie, haſt Du ſo eben, dort unter dem Portiens, eine noch lunge und als Arbeiterin gekleidete Fran geſehen?“ „Nein, ich habe ſie nicht bemerkt.“ „Erinnerſt Du Dich, daß zur Zeit Deiner Verhei⸗ rathung unſer Vetter Rouſſel, der Dich dem Unglück, von 284 dem er eine Ahnung hatte, zu entreißen wünſchte und Dich davon unterrichten wollte, wer der Mann Deiner Wahl war, Dir erzählt hat, wie Herr von Villetanenſe, um eine Armſpange zu kaufen, in Geſellſchaft einer ge⸗ wiſſen Frau zu mir kam?“ „Ich erinnere mich deſſen; dieſe Creatur war eine Buhlerin.“ „Ja, es war eine Buhlerin,“ erwiederte Fortuné, der die Augen nicht zu Aurelie aufzuſchlagen wagte. „Dieſe Frau lebte in Pracht und Herrlichkeit auf Koſten der Leute, die ſie liebten.“ „Das iſt der Gebrauch von ihres Gleichen!“ ſagte die Gräfin mit einer naiven Verachtung. „Doch wozu rufſt Du in mir dieſe traurigen Erinnerungen zurück? Welche Beziehung beſteht zwiſchen dieſer Courtiſane und der als Arbeiterin gekleideten Frau?“ „Ich will nicht fortfahren,“ dachte Fortuné; „ſo groß iſt die Verblendung, die Beranſchung von Aurelie, daß ſie mich nicht begreift . . . Mich begreiflich machen hieße ſie eine entſetzliche Wahrheit hören laſſen; hiezu habe ich nicht den Muth . . . Es wäre überdies unnütz. Aurelie iſt ohne Zweifel auf immer verloren . . .“ Und er antwortete laut: „Ich werde mich ſogleich erklären.“ „Doch ich bedenke: Du kommſt von Paris,“ ſprach lebhaft die Gräfin, „und Marianne? meine Tante Pru⸗ dence? der Vetter Ronſſel? „Unſere Familie erfreut ſich einer guten Geſundheit.“ „Marianne hat pünktlich jede Woche unſern Brief erhalten?“ „Ja! „ „Dein Vater und Deine Mutter wohnen alſo in dieſem Palaſte?“ „Sie haben mich nie verlaſſen . „Mein Gott! .. ſie auch!“ „Was haſt Du?“ „Nichts . Fahre fort . . .“ 285 „Mein Vater und meine Mutter ſind hier unter dem Namen der Baron und die Baronin von Fremont be⸗ kaunt; der Prinz hat dies für ſchicklich erachtet; aber ich bitte Dich, ſprich von Marianne! Theures Schweſter⸗ chen! ſo eben noch dachte ich an ſie . .. Ich denke ſo oft hieran! Sie iſt immer gut, freundlich, reizend, nicht wahr? Ihre Heilung iſt vollſtändig? Sie hinkt gar nicht mehr? Sie iſt immer bei unſerer Tante Pru⸗ dence?“ „Immer, und durch die Mitwirkung unſerer Tante, die mich allmälig einen Schatz, von deſſen Daſein ich keine Ahnung hatte, kennen und würdigen lehrte, iſt die Liebe auf meine Freundſchaft für Marianne ge⸗ folgt... Ich werde ſie bei meiner Rückkehr nach Frank⸗ reich heirathen.“ „Sollte es wahr ſein! Du heiratheſt Marianne! . Freude des Himmels wie glücklich wird ſie werden!“ rief Frau von Villetaneuſe, deren Augen Thrä⸗ nen des Glückes befeuchteten, mit einem ſo rührenden, ſo bewegten Tone, daß Fortuné zu ſich ſagte: „Ihr Herz iſt gut, empfänglich für Familienerinne⸗ rungen geblieben .. Es iſt alſo nicht jede Hoffnung verloren! Dieſer Gedanke wird mir den Muth zu einem letzten Verſuche geben.“ Im Erguſſe ihrer Frende, als ſie die Heirath von Fortuné und ihrer Schweſter erfuhr, nahm die Gräfin die Hand des Goldſchmieds, ließ ihn ein paar Schritte zu dem Meuble machen, auf dem die emaillirte Schaale glänzte, zeigte ſie ihm und ſagte: „Fortuns, erkennſt Du dieſe Schaale?“ „Ja, ich habe von Deiner Schweſter erfahren, daß ſie Dir der Prinz zum Geſchenke gemacht hat.“ „Dieſe Schaale iſt mein koſtbarſter Schatz „DOſt ſagte ich zu Marianne: „Bin ich je unglücklich in der Ehe, ſo wird mich dieſe Schaale, ein Meiſterwerk unſeres Freundes aus der Kinderzeit, daran erinnern, daß ich mich 286 ohne Murren in mein Schickſal ergeben muß, denn es hat von mir abgehängt, den Schöpfer dieſes göttlichen Kunſtgegenſtandes heirathend die Glücklichſte der Frauen zu werden.““ Wie groß iſt meine Frende heute, mein Freund, mein Bruder! Ich erfahre, daß Marianne eben ſo glück⸗ lich iſt, als ich es hätte werden können . . Du und ſie. . . Ihr, die ich immer zärtlich geliebt habe, werdet ein ſicheres Glück in der Ehe finden, die Euch vereinigen ſoll. „Nein,“ ſagte Fortuns zu ſich ſelbſt, „ihr Herz iſt noch zart und empfänglich . .. Auf, Muth! Der Schlag wird grauſam ſein; wendet man aber nicht in äußerſten Fällen das Feuer und das Eiſen an, um einen Kranken zu retten?“ „Aurelie,“ ſprach der Goldſchmied mit ernſtem inni⸗ gem Tone, „ich habe Dich leidenſchaftlich geliebt; indem ich Dich von meiner Heirath mit Marianne unterrichte, ſage ich Dir, daß auf meine Liebe für Dich eine aufrichtige Freundſchaft gefolgt iſt.“ „Oh! ich glaube Dir, ich glaube Dir! In dieſem Augenblicke beſonders iſt die Verſicherung von Deiner Seite doppelt koſtbar für mein Herz.“ „Ja, meine Freundſchaft iſt aufrichtig, aber ſie ſchreibt mir ſtrenge, vielleicht grauſame Pflichten vor und gegen dieſe Pflichten werde ich mich nicht verfehlen.“ „Erkläre Dich.“ „Meine Worte werden Dich verletzen . . .“ „Sei ohne Furcht, mein Freund.“ „Meine Worte, ſage ich Dir, werden Dich verletzen⸗ grauſam verletzen . . ſie werden Dich beleidigen, em⸗ pören . . Ich werde ſie nicht bereuen, wenn ſie Dir das Bewußtſein Deiner Stellung geben können.“ „Du mich beleidigen guter For⸗ tunés!“ „Die Wahrheit iſt zuweilen eine blutige Beleidi⸗ gung.“ . 287 „Welche Wahrheit?“ „Vorhin ſprach ich mit Dir von der Frau, die einſt mit Herrn von Villetaneuſe zu mir kam, um eine Arm⸗ ſpange zu kaufen . Du antworteteſt mir in Deiner naiven Verachtung: „Ah! ja, dieſe Buhlerin.““ „Nun?“ „Weißt Du, was Du zu dieſer Stunde biſt, Au⸗ relie 7“ „Ich?“ „Du.“ „Ich bin ich bin „ „Du biſt. die Maitreſſe des Prinzen.“ „Er liebt mich ebenſo ſehr, als ich ihn liebe.“ „Gleichviel . Du biſt eine Buhlerin.“ „Ah! das iſt zu viel! Verlaſſen Sie mich, gehen Sie!“ rief die Gräfin, indem ſie ſich ſtolz, empört, ge⸗ bieteriſch, hoch aufrichtete; „Sie wagen es, hierher zu kommen, um nich zu beleidigen!“ „Die Wahrheit iſt zuweilen eine blutige Beleidigung, Aurelie.“ „Ich ſoll einen ſolchen Schimpf von Ihnen ertragen! von Ihnen! Ah! dieſer Schlag vernichtet mich,“ murmelte Frau von Villetaneuſe; und ihr Zorn ertränkte ſich in ihren Thränen. XI. Fortuns Sauval, als er Frau von Villetaneuſe in Thränen zerfließen ſah, ſchwieg einen Angenblick, ſelbſt ſchmerzlich bewegt, und ſagte ſodann: „Deine Entrüſtung iſt aufrichtig, Aurelie, ſie beweiſt mir wenigſtens, daß Du bis jetzt noch nicht das Bewußt⸗ ſein Deiner Entwürdigung gehabt haſt; das iſt Deine Entſchuldigung, das iſt meine Hoffnung!“ 288 „Mein Gott! mein Gott,“ wiederholte die Gräſin unter ihrem Schluchzen, ich, die ich mit ſo viel Ehrfurcht umgeben bin, werde als eine Buhlerin behandelt!“ „Ah! dieſer Ausdruck empört Dich, arme Verblendete! Und was iſt denn eine Buhlerin? Iſt es nicht eine Frau, die den Reichthum eines Andern genießt, ohne ſeine Gat⸗ tin zu ſein ? . . Iſt es nicht eine Frau, welche nicht erröthet, ſich vor der Umgebung dieſes Mannes als ſeine Geliebte zu bekennen? . . Kurz iſt es nicht . dieſe Worte brennen mich auf den Lippen . . . iſt nicht eine Frau, die ſich dergeſtalt vergißt, entwürdigt, daß ſie . . ihren Vater, ihre Mutter an den Herrlichkeiten ihrer Schande Theil nehmen läßt?“ „Gerechter Himmel! . ich ſoll mir vorwerfen laſ⸗ ſen Die junge Frau vollendete nicht, das Schluchzen er⸗ ſtickte ihre Worte. „Dies iſt eine Buhlerin,“ ſprach Fortuné mit ſeiner unerbittlichen und heilſamen Offenherzigkeit. „Dies, Du arme Frau, biſt Du ohne Dein Wiſſen geworden . . ja, ohne Dein Wiſſen .. . ich glaube es; Deine Eutrüſtung, Dein Zorn, Dein Schmerz, Deine Thränen beweiſen es mir, Du haſt kein Bewußtſein von Deiner Schmach. Berauſcht durch die Liebe, geblendet durch die faſt ſouveräne Stel⸗ lung des Prinzen, dem Schwindel einer königlichen Exi⸗ ſtenz nachgebend, Dich durch die Schändlichkeit Deines Gatten ermächtigend, überdies vermeinend, Du werdeſt in Deiner Sittenloſigkeit beſchirmt durch die Gegenwart Deines Vaters, Deiner Mutter, verblendeſt Du Dich, be⸗ täubſt Du Dich . . und aufrichtig, ſehr aufrichtig ſagſt Du Dir: „„Ich bin frei, ich liebe den Prinzen, er liebt mich, ſeine Vertrauten reſpectiren mich, mein Benehmen hat nichts Entehrendes.““ „Nein, nichts Entehrendes,“ verſetzte Aurelie, plötz⸗ lich ihr ſchönes, in Thränen gebadetes Geſicht erhebend⸗ „ich ſage es laut: Ich liebe Maximilian, gleichviel, mag Suni 289, er Prinz ſein, einen Hof, Officiere, Paläſte, königliche Reichthümer haben. Er iſt es . . . er allein, den ich liebe!“ „Und dennoch bewohnſt Du dieſen Palaſt? ein königlicher Luxus umgibt Dich! Du genießeſt den⸗ ſelben mit Wonne . . . Die Huldigungen der Höflinge des Prinzen ſchmeicheln Deinem Stolze!“ Ze eine Liebe fühlt ſich geſchmeichelt, aber nicht mein tolz.“ 339) kenne Dich ſeit der Kindheit, Aurelie; mit vortrefflichen Eigenſchaften geboren, hat Dich die tolle Eitelkeit Deiner Mutter verdorben! Du haſt bei Deiner Heirath Deinen Gatten wenigſtens eben ſo ſehr wegen ſeines Titels, als um ſeiner ſelbſt willen geliebt . und zu dieſer Stunde liebſt Du den Prinzen vielleicht mehr, als den Menſchen . . . „Du hältſt mich alſo für ſehr verächtlich?“ ſagte Frau von Villetaneuſe mit Bitterkeit. „Meine Liebe für Maximilian iſt alſo eigennützig?“ „Aurelie, eine uneigennützige, von jenen Eitelkeiten, welche der Hoffart theuer, dem Herzen betrublich ſind, freie Liebe ſucht das Dunkel, das Geheimniß. Ah! hätteſt Du nach Deiner Abreiſe von Paris, entſchloſſen, in dieſem Lande zu wohnen, um in der Nähe des Prin⸗ zen zu ſein, unfern von ſeinem Palaſte einen beſcheidenen Winkel wählend, in der Stille bei Deinen Eltern von den Trümmern ihres Vermögens und Deiner Mitgift ge⸗ lebt, hätteſt Du ihnen Deine Verbindung mit Kari Maxi⸗ milian verborgen, von ſeiner Ehre die tiefſte Geheimhal⸗ tung Eurer Zuſammenkünfte gefordert, ihn nie im väter⸗ lichen Hauſe, an dem heiligen Herde, der immer reſpectirt werden ſoll, empfangen; hätteſt Du wenigſtens bei dieſer ſtrafbaren Liebe das Zartgefühl, die Selbſtverleugnung, die Würde gezeigt, welche ſtets eine wahre Leidenſchaft einflößt, ſo würdeſt Du einiges Recht auf Nachſicht ge⸗ Die Familie Fouffroy. U. 19 habt haben ... weil jede wahre Leidenſchaft intereſſirt! Aber frech in dieſem Palaſte thronen! mitten unter dieſen königlichen Herrlichkeiten! aber Dich vor den Au⸗ gen Aller als die Geliebte des Prinzen zur Schau ſtellen! aber Deinen Vater, Deine Mutter durch ihre Gegenwart hier zu Deinen Mitſchuldigen machen! aber mit dreiſter Stirne der Augenſcheinlichkeit, dem Aergerniß trotzen, während Du die Vergeſſenheit zu verdienen ſuchen müß⸗ teſt. Nein, nein, Aurelie, das heißt nicht mit Unei⸗ gennützigkeit, mit Würde lieben!“ „Ich geſtehe,“ erwiederte die Gräfin nachdenkend und niedergeſchlagen, „ich hätte vielleicht zurückgezogen leben den Glanz, die Herrlichkeit fliechen müſſen .. Ah! warum iſt mir dieſer Gedanke nicht gekommen!“ „Dieſer Gedanke, arme Frau! . . Du konnteſt ihn nicht haben; geblendet durch die Eitelkeit, vom Prinzen geliebt zu ſein, gewöhnt an den Lurus durch die tollen Verſchwendungen Deines Gatten, ſind dieſes Bedürfniß, dieſer Durſt nach Luxus . . . und das iſt meine Angſt für Dich unwiderſtehlich geworden; die Pracht iſt in Deinen Augen die Vervollſtändigung Deiner Schön⸗ heit. . ich bebe auch, wenn ich an Dein Loos denke .. Wenn je der Prinz Dich verlaſſen würde?“ „Er . . . Maximilian mich verlaſſen! . .. Ah! ich fürchte nichts . . . unſere Liebe wird ſo lange währen, als unſer Leben . . 8 „Ich will nicht den Zweifel in Dein Herz bringen; doch höre mich an, Aurelie: Du haſt nur die Wahl zwi⸗ ſchen zwei Eutſchlüſſen, der erſte wäre, dieſe Verbindung abzubrechen . . . „Sage mir doch, ich ſoll zu leben aufhören.“ „Ah! glaube mir, Du kannſt noch auf den Weg des Guten zurückkehren; Dein Herz iſt gut geblieben; wun⸗ derbar von der Natur begabt, haſt Du trotz Deiner Ver⸗ irrungen, wo andere Frauen von jeder Scham, von jeder Ehre gelaſſen hätten, einige von Deinen urſprüng⸗ 1 291 lichen Eigenſchaften bewahrt; Du biſt verirrt, nicht ver⸗ dorben; berauſcht, nicht entſittlicht. Aurelie, ich beſchwöre Dich, brich dieſe Verbindung ab, komm zu uns zurück, wir werden in der Familie leben, Marianne, Deine Tante, Dein Vater, Deine Mutter und Du . . . Die Trümmer Eures Vermögens werden genügen; wir werden eine einfache, heitere Wohnung wählen, in einem vom Mittel⸗ punkte von Paris entfernten Quartier; unſere Exiſtenz wird eine friedliche, zurückgezogene ſein. Marianne betet Dich an, Deine Tante hegt eine unveränderliche Zuneigung für Dich; ſei ohne Furcht, ſie werden Dich nicht fragen, woher Du kommeſt, was Deine Vergangenheit ſeit zwei Jahren ſei. Nein, nein, ganz dem Glücke, Dich wieder⸗ zuſehen, Dich für immer zu beſitzen, ſich hingebend, wer⸗ den ſie Dich mit offenem Herzen empfangen; komm mit uns, ſage ich Dir . .. Allmälig wirſt Du, unter unſerem heilſamen Einfluſſe, leichter, als Du denkſt, die Gewohn⸗ heit des einfachen Lebens, in dem Du erzogen worden biſt, wieder annehmen; Du wirſt mit Erſtannen erkennen, wie leicht es iſt, ſich von dieſen Eitelkeiten, die Dich be⸗ rauſchen, loszumachen. Theure Aurelie, liebe Schwe⸗ ſter! Du biſt'kaum zweiundzwanzig Jahre alt, nichts ſteht zum Verzweifeln, Du wirſt, ohne Dich zu beflecken, durch die ſchlimmen Tage gegangen ſein; doch komm mit uns, komm und athme eine reine, geſunde Luft! Du wirſt wiedergeboren werden, Du wirſt für das Gute, für das Glück derer, die Dich lieben, wiederaufleben. Ich be⸗ ſchwöre Dich im Namen unſerer Jugenderinnerungen ... im Namen .. .. „Fortunsé, gutes, redliches Herz, dringe nicht hierauf! Maximilian verlaſſen wäre von meiner Seite ein ſchändlicher Undank!“ „Undank . was hat er Dir denn gegeben .. im Austanſche gegen Deine Ehre?“ „Die Liebe zählt nicht die Opfer, mein Freund 292 „Aurelie, ich flehe Dich an . „Dieſes Geſpräch wird mir peinlich mein Ent⸗ ſchluß iſt unerſchütterlich.“ „Unglückliche Frau . . ſie ſieht nicht den Abgrund, in den ſie rennt!“ „Ich werde wenigſtens mit meiner Liebe darein fal⸗ „Wahnſinnige, dieſe Liebe . . „Ich liebe! ich liebe! Du mußt begreifen, was Alles dieſes Wort in ſich ſchließt . . . Fortunés, Du, der Du mich ſo ſehr geliebt haſt!“ „Ich hatte aber über meine Liebe nicht zu erröthen! Sie war edel, rein, vorwurfsfrei!“ ſ „Wohl! meine Liebe iſt ſtrafbar, das ſind die zähe⸗ en 1 „Dein Geſchick gehe alſo in Erfüllung . . . Du wirſt es gewollt haben!“ ſprach Fortuné nach einem Augen⸗ blicke ſchmerzlichen Stillſchweigens. „Wirſt Du wenigſtens eine letzte Bitte anhören? . . ich richte ſie an Dich ge⸗ rade im Intereſſe dieſer unſeligen Liebe!!“ „Oh! ſprich . . ſprich!“ „Du liebeſt, ſagſt Du, den Menſchen und nicht den Prinzen, nicht den Glanz, der ihn umgibt? . . Be⸗ weiſe doch dieſe Uneigennützigkeit! . . .“ „Erkläre Dich.“ „Verlaſſe dieſen Palaſt, nimm Deine Unabhängig⸗ keit, Deine Würde wieder an; ſage zu Maximilian: „Ich will fortan von Ihnen nur Ihre Liebe.““ „Fortuns, dieſer Gedanke iſt edel, er gefällt 7 len . ir „Entwöhne Dich ſo des Reichthums, kehre zur ur⸗ ſprünglichen Einfachheit Deines Lebens zurück und wenn eines Tages dieſe Liebe, Deine letzte Hoffnung, Dir entginge, ſo würdeſt Du eine verlorene Hoffnung beweinen, doch Du würdeſt den Verluſt dieſer fürſtlichen Exiſtenz, dieſes Gepränges, mit dem Du umgeben ge⸗ 293 weſen, nicht beklagen . ein unſeliges Beklagen, weil faſt immer diejenigen, welche ſich demſelben überlaſſen, früher oder ſpäter alle Stufen des Laſters hinabſteigen, in der Hoffnung, dieſe Genüſſe, dieſen ihrer Eitelkeit ſo theuren Luxus wiederzufinden!“ Mein Gott! glaubſt Du mich einer ſolchen Schande ähi 2 dieſer Stunde nein . doch es iſt Zeit, mehr als Zeit, daß Du Dich gegen die Zukunft ſchützſt, indem Du auf meinen Rath hörſt; ändere alſo Deine Lebensart. Weiß Karl Maximilian dieſe Veränderung zu ſchätzen, ſo wird er darin einen Beweis von Deinem Zartgefühle, von Deiner Würde ſehen, und Dich nur noch mehr lieben ..4 „Oh! ich ſchwöre Dir . . . ſein Herz wird mich ver⸗ ſtehen . .. Ich werde Deine Rathſchläge befolgen, ſie öffnen mir einen neuen Pfad . . ſie wecken mein Ge⸗ wiſſen auf ich muß aufrichtig ſein . . . und gegen Dich, Fortuné, werde ich es ſein . . . Ja, ich geſtehe, auf dieſe faſt königliche Exiſtenz verzichten koſtet mich Ueberwindung ... Ja, nicht ohne ein lebhaftes Bedauern werde ich zu den beſcheidenen Gewohnheiten meiner erſten Jahre zurückkehren; ja, ich fühle es, dieſes Verzichten wird für mich ein großes Opfer ſein. Gott ſei gelobt! dieſes Opfer werde ich meiner Liebe für Maximilian bringen.“ „Entgeht Dir je dieſe Liebe . . . bedarſſt Du des Beiſtandes, des Troſtes . . ſo erinnere Dich unſerer; unſere Arme werden immer für Dich offen ſein,“ ſprach Fortuné mit einer ſchmerzlichen Rührung. „Ohne auf die Vergangenheit anzuſpielen, werden wir Dir ſagen: „Schweſter, ſei willkommen .. . Dein Platz am Herde des Hauſes war leer geblieben . . nimm ihn wieder ein wir werden uns nicht mehr ver⸗ laſſen.““ „Oh! Beſter, Edelſter der Menſchen,“ erwiederte Fran von Billeta neuſe, deren Angen ſich mit füßen Thränen füllten, während ſie beide Hände von Fortuns ergriff, der ſein Geſicht abwandte, um ſeine Zähren zu verbergen. „Oh! zärtlicher Freund meiner jungen Jahre! Deine himmliſche Güte vergißt das Leid, das ich Dir einſt an⸗ gethan .. . Du haſt für mich nur Worte der Vergebung, der Hoffnung!“ Ein Diener trat in dieſem Augenblicke ein und ſagte zu der jungen Frau: „Frau Gräfin, ein Courier iſt ſo eben im Ehrenhofe vom Pferde geſtiegen; er eilt dem Wagen ſeiner Hoheit voran!“ „Er kommt!“ ſprach Aurelie zu ſich ſelbſt mit einem verhaltenen Entzücken. „Oh! meine Ahnungen!“ Und ſich an den Lackei wendend: „Bitten Sie einen Kammerdiener, meinen Frauen zu ſagen, ſie ſollen mich in meinem Ankleidezimmer er⸗ warten und meine Abendtoilette bereit halten.“ „Gott befohlen, Aurelie,“ ſprach Fortuné bewegt nach dem Abgange des Dieners, „ich nehme ohne Zweifel auf lange Zeit von Dir Abſchied, Gott be⸗ fohlen!“ „Ah! mir fällt ein . . . was iſt der Grund Dei⸗ ner Reiſe in Deutſchland?“ „Der Prinz hat mich gebeten, hierher zu kommen⸗ Doch der Goldſchmied unterbrach ſich und fügte ſo⸗ dann bei: „Karl Maximilian weiß alſo nichts von unſeren Verwandtſchaftsbanden, Aurelie? Mir ſcheint, er hätte mich ſonſt nicht eingeladen, in dieſes Land zu kommer, da er wußte, daß ich Dir oder Deiner Familie begegnen konnte. Ich denke, er achtet mich genug, um von dem tiefen Kummer überzeugt zu ſein, den mir ein ſolches Zuſammentreffen verurſachen mußte.“ . „Maximilian weiß in der That nicht, daß Du mein Vetter biſt; durch eine Zurückhaltung, die Du begreifen 295 wirſt, habe ich ihn ſtets in Unwiſſenheit hierüber gelaſſen, obgleich er ſehr oft mit mir von Deinem Genie mit Bewunderung ſprach. Ja, mein Freund, unſerer Ver⸗ gangenheit mich erinnernd, würde ich, hätte ich den Prinzen davon, daß Du mein Freund aus der Kinder⸗ zeit warſt, unterrichtet, eine Art von Gewiſſensbiß em⸗ pfunden haben . . . Er ſagte mir übrigens nichts von Deiner Ankunft im Palaſte.“ „Ohne Zweifel wollte er Dir eine Ueberraſchung bereiten . „Eine Ueberraſchung?“ „Ich bin hierher gekommen, um eine Toilette von maſſivem Silber, die ich von Paris bringe, ſowie eine prächtige herzogliche geſchloſſene, das heißt ſonveraine, Krone zu vollenden.“ „Eine Krone!“ rief die Gräfin bebend, „eine ſou⸗ veraine Krone!“ Der Goldſchmied aber ſchauerte bei einem Gedanken, der plötzlich in ihm auftauchte, und ſagte raſch: „Großer Gott! . . . dieſe Toilette . . . dieſer Schmuck „Sind für mich beſtimmt,“ erwiederte lächelnd die Gräfin. „Beruhige Dich, mein Freund; getren Deinen Rathſchlägen und meinem Verſprechen, werde ich dem Prinzen ſagen: „„Ich will nichts von Ihnen, als Ihre Liebe Jo, dies werden meine Worte ſein, gibt mir nicht etwa ein unorhergeſehenes Ereigniß das Recht, z „Aurelie,“ fragte der Goldſchmied mit zunehmender Bangigkeit, „was iſt der Namenszug der Schweſter des Prinzen?“ „Ein S und ein F, ſie heißt Sophie und der Großherzog, ihr Gemahl, Franz . . . Doch warnm dieſe Frage? . Du ſcheinſt beunruhigt . . .“ „Für wen können denn der Schmuck und die 296 Loilette beſtimmt ſein?“ fragte ſich laut der Goldſchmied. „Der Namenszug . .. „Welcher Namenszug?“ „Der, welchen der Prinz an den Giebel der Toi⸗ lette und an das Schloß der Krone zu ſetzen mich be⸗ auftragt hat . dieſer Namenszug „iſt weder der der Schweſter des Prinzen, noch der Deinige er beſteht aus einem W und einem M.“ „Ein M iſt Maximilian .. doch das W... Und ebenfalls bebend, fügte Frau von Villetanenſe nicht ohne eine unbeſtimmte Beklommenheit bei: „Ich ſage wie Du, Fortuné: für wen kann dieſe ſouveraine Krone beſtimmt ſein?“ In dem Augenblick, wo die Gräfin dieſe Worte ſprach, öffnete ein Kammerdiener geräuſchvoll die beiden Flügel von einer der Thüren des Salon und meldete mit lauter Stimme: „Seine Durchlaucht der Herzog von Manzanares.“ „Und der Prinz?“ fragte Aurelie, raſch auf den Herzog zugehend, der ſich tief vor ihr verbeugte. „Und der Prinz?“ „Seine Hoheit iſt in Ramberg geblieben, Frau Gräfin.“ 5 „Es iſt dem Prinzen kein ärgerlicher Unfall wider⸗ fahren?“ verſetzte Aurelie mit einem Erſtaunen gemiſcht mit Bangigkeit, die Gegenwart des Goldſchmieds ver⸗ geſſend. „Die Geſundheit Seiner Hoheit iſt fortwährend gut?“ „Ja, Fran Gräfin.“ „Warum kommen Sie allein zurück, mein lieber Herzog? Warum iſt der Prinz in Ramberg geblieben?“ Ohne der jungen Frau zu antworten, machte Herr von Manzanares gegen Fortuné eine Art von grüßender Geberde, welche beſagen wollte: „Madame, wir ſind nicht allein.“ 297 Die Gräfin reichte dem Goldſchmied die Hand und ſprach herzlich zu ihm: „Auf baldiges Wiederſehen, mein Vetter; Sie wer⸗ den den Palaſt nicht verlaſſen ohne mich zuvor zu be⸗ ſuchen, darum bitte ich Sie.“ . „Madame, ich werde Ihre Befehle erwarten,“ er⸗ wiederte Fortuns ſich verbeugend; und er ging hinaus und ließ den Herzog mit Fran von Villetaneuſe allein. XII. Der Herr Herzog von Manzanares, Grand von Spanien erſter Claſſe, Ritter vom goldenen Vließ u. ſ. w., vertrauter Freund von Karl Maximilian, hatte mehrere Geſandtſchaftspoſten bekleidet; gewaltig reich, ſehr vor⸗ nehmer Herr in allen Dingen, von diplomatiſcher Artigkeit und vortrefflichen Manieren, war er ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren von einer noch jugeudlichen Tournnre, trotz ſeiner völlig weißen Haare, welche mit ſeiner braunen Geſichtshaut und ſeinen ſchwarzen Augen⸗ braunen contraſtirten; ſehr ſchöne Zähne endlich, eine ſtrenge Sorgfalt, die er auf ſein Aeußeres ver⸗ wandte, eine elegante, ſchlanke Geſtalt machten beim Herzog weniger als bei Andern das Fortſchreiten der Jahre empſindlich. Bald den Vorfall mit dem Namenszuge an der Toilette und an der Krone, einen für ſie ſecundären Vorfall vergeſſend, fühlte ſich Frau von Villetaneuſe von einer unbeſtimmten Beſorgniß ergriffen; ihre Ahnungen hatten ſie hinſichtlich der Rückkehr des Prinzen getäuſcht; ſie wußte nicht, welchem Umſtande ſie die unerwartete Auhfn von Herrn von Manzanares zuſchreiben ollte. „Mein lieber Herzog,“ ſagte ſie lebhaft, „wir ſind nun allein, ich bitte Sie, belehren Sie mich, warum der 298 Prinz ſeinen Anfenthalt in Ramberg verlängert hat. Sollte die Krankheit des regierenden Fürſten bedenklicher geworden ſein?“ „Madame, ich bin der Ueberbringer einer traurigen Nachricht.“ z „Großer Gott! Sie haben mir doch geſagt, der rinz „Seine Hoheit erträgt muthig den gräßlichen Schlag, der ſie getroffen hat. . .“ „Wi ſein Brup „Hat ſeine Seele Gott zurückgegeben, Frau Gräfin.“ „Maximilian iſt heute regierender Fürſt!“ Dies war der erſte Gedanke von Aurelie, und ſie rief: „Wie groß muß der Schmerz des Prinzen ſein! Und ich war nicht da, um ihn zu theilen! . . . Oh! es muß gräßlich ſein . . . Er liebte ſeinen Bruder bis zur Anbetung.“ Nachdem ſie ſodann einen Angenblick nachgedacht hatte, ſprach die Gräfin: „Herr Herzog, ich will mich zum Prinzen nach Ram⸗ berg begeben . . . Sie werden die Güte haben, mich zu begleiten.“ „Madame . „Ich ertheile auf der Stelle den Befehl zu unſerer Abreiſe.“ „Madame, erlauben Sie . . .“ „Ah! ich werde Maximilian nicht allein laſſen⸗ ihn einem ſo heftigen Kummer preisgegeben weiß.“ „Beruhigen Sie ſich, Madame, Seine Hoheit iſt nicht allein. Die Frau Großherzogin, die Schweſter des Prinzen, hatte ſich ebenfalls auf die erſte Kunde e Krankheit des regierenden Fürſten nach Ramberg egeben.“ „Allerdings ſind die Tröſtungen einer Schweſter 299 koſtbar, doch die, welche ich dem Prinzen bringen will⸗ werden für ihn, wie ich glanbe, nicht ohne Süßigkeit ſein; wir wollen alſo auf der Stelle abreiſen. Um welche Stunde können wir morgen in Ramberg ange⸗ kommen ſein?“ „Madame, es iſt meine Pflicht, Ihnen zu erklären, daß dieſe Reiſe unmöglich iſt.“ „Unmöglich?“ „Ja, Madame.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Herzog.“ „Sie werden mich verſtehen, deſſen bin ich ſicher, Madame, wenn ich an das gewöhnliche Zartgefühl Ihres Herzens appellirt habe. Der Hof von Ramberg iſt in Trauer verſunken; der Prinz theilt mehr als irgend Jemand den allgemeinen Kummer . . . Ich wage es nun, Sie zu fragen, Madame, wäre Ihre Gegenwart unter dieſer Trauer ſchicklich?“ „Mopximilian leidet, mir gebietet die Schicklichkeit, hinzugehen und ihn zu tröſten,“ erwiederte Aurelie; 3 bin entſchloſſen, zu reiſen, und müßte ich allein ge en.“ „In dieſem Falle, Madame, darf ich Ihnen nicht verbergen, daß der Prinz vorherſehend, wie weit Ihre Ergebenheit für ihn bei dieſem ſchmerzlichen Umſtande gehen konnte, mir unter anderen Auſträgen den gegeben hat, Sie inſtändig zu bitten, dieſe Reiſe nicht zu unter⸗ nehmen.“ „Dem Beweggrunde zu Liebe, der mich leitet, wird mir Maximilian verzeihen, daß ich ſeine Wünſche nicht geachtet habe.“ „Ich bitte, wollen Sie mir glauben, Madame trotz oder vielmehr gerade wegen Ihrer tiefen Zuneigung für Sie, wäre Seine Hoheit troſtlos über Ihre Ankunft in Ramberg.“ 3 „Ich kenne das Herz des Prinzen beſſer, als Sie 300 es kennen, mein lieber Herzog; nie wird ihn meine Ge⸗ genwart troſtlos machen.“ „Madame, ich beſchwöre Sie . . .“ „Doch mir fällt ein . . . der Prinz muß Sie mit einem Briefe für mich beauftragt haben?“ „Ja, Madame.“ „Wollen Sie mir denſelben geben?“ „Leider kann ich es in dieſem Augenblicke nicht.“ „Was ſoll dies bedeuten?“ „Ich richte mich nach den Intentionen Seiner Hoheit.“ „Erklären Sie ſich doch, Herr Herzog . . .“ „Madame, vernehmen Sie die eigenen Worte des Prinzen: „„Mein lieber Manzanares, ich appellire an Ihre Freundſchaft, begeben Sie ſich auf der Stelle nach Meningen; unterrichten Sie vor Allem die Gräfin von den ernſten Ereigniſſen dieſer Nacht . . und nachdem Sie ihr die bewußten Erklärungen gegeben, händigen Sie ihr meinen Brief ein.““ Dies, Madame, ſind die Worte Seiner Hoheit geweſen; Sie werden mir gütigſt erlauben, daß ich gewiſſenhaft die Sendung erfülle, mit der ich beaufwagt bin.“ Ohne ſich Rechenſchaft von der Urſache dieſes Ein⸗ drucks zu geben, fühlte Frau von Villetaneuſe ihr Herz tief beklommen. Die ernſten Erklärungen, welche der Uebergabe des Briefes vom Prinzen vorhergehen ſollten, beunruhigten ſie unwillkührlich; ſodann ſchien es ihr, als bemerkte ſie etwas Gezwungenes in der Sprache und in der Phy⸗ ſiognomie von Herrn von Manzanares; ſie ſagte auch mit einer ängſtlichen Ungeduld: „Es drängt mich, Ihre Erklärungen, Herr Herzog⸗ hören, und beſonders, den Brief des Prinzen zu leſen.“ * — 301 XIII. Der Herzog von Manzanares ſammelte ſich einige Augenblicke und ſprach ſodann zu Aurelie mit feierlichem Tone: „Madame, ich war beim Tode des regierenden Her⸗ zogs zugegen, ich muß Ihnen dieſe eindrucksvolle Scene ſchildern.“ „Dieſer Eingang iſt ſehr kläglich, Herr Herzog; warum wollen Sie ſo traurige Erinnerungen heraufbe⸗ ſchwören?“ „Sie ſtehen in enger Verbindung mit den Erklärun⸗ gen, die ich Ihnen zu geben beauftragt bin.“ „Ich höre Sie „ „Vorgeſtern Abend, gegen Mitternacht, kam der Oberſt Walter zu mir, um mich in aller Eile im Auf⸗ trage des Prinzen zu holen; ſeit dem vorhergehenden Tage verließ er nicht mehr das Bett ſeines Bruders, deſſen Krankheit die raſcheſten, beklagenswertheſten Fort⸗ ſchritte gemacht hatte; ich trat in das, nach der deut⸗ ſchen Gewohnheit; für alle Perſonen des Palaſtes geöff⸗ nete Sterbezimmer ein; dieſes Zimmer, ſowie eine Gallerie, durch die ich ging, waren gefüllt von einer ſchweigſamen, knieenden Mengez ich kniete auch nieder; oben am Sterbebette ſtand der hochwürdigſte Herr Erzbi⸗ ſchof von Ramberg in ſeinen prieſterlichen Gewändern, ein Crucifix in der Hand haltend; rechts und links vom Vette knieten die Großherzogin und der Prinz, die ſchon eiskalten Hände des Sterbenden drückend und ſie mit ihren Thränen bedeckend „ „Oh! ich kann die meinigen nicht zurückhalten,“ ſagte Aurelie. „Mein Gott! weich ein gräßlicher Angen⸗ blick für Maximilian! . . . beim Tode ſeines Bruders, den er ſo innig liebte, zugegen ſein!“ 302 „Oh! ja, Madame, er liebte ihn zärtlich, und von ſeiner Zuneigung hat er ihm in dieſem äußerſten Augen⸗ blick einen glänzenden, jedoch für ſein Herz höchſt ſchmerz⸗ lichen Beweis gegeben.“ „Welchen Beweis, Herr Herzog?“ „Erlauben Sie mir, Madame, in meiner Erzäh⸗ lung fortzufahren: Es trat ein tiefes Stillſchweigen im Sterbezimmer ein; der regierende Herzog behielt, ob⸗ gleich verſcheidend, das volle Bewußtſein. „„Maximi⸗ üian,““ ſprach er mit geſchwächter Stimme zu ſeinem Bruder, „ſtehen Sie auf, und Sie auch, meine Schwe⸗ ſter.““ Beide ſtanden ſchluchzend auf. Der regierende Herzog ſagte ſodann zu ſeinem Bruder: „„Mein Bru⸗ der, ich habe Sie vor ſechs Monaten bei Ihrer letzten Reiſe hierher mit dem bekannt gemacht, was ich von Ihnen für das Glück und die Ruhe dieſer Staaten, welche die Ihrigen ſein werden, Maximilian, erwarte. Sie haben mir verſprochen, ſich nach meinen Wün⸗ ſchen zu richten; es iſt der Angenblick gekommen, Ihr Verſprechen vor Gott und den Menſchen zu wieder⸗ holen dieſe heilige Verbindlichkeit unter den Schutz des Himmels zu ſtellen . Der hochwürdigſte Herr Erzbiſchof wird Ihren Schwur empfangen.““ Die Kräfte des Herzogs fingen an zu entſchwinden . . er ſagte leiſe ein paar Worte zum Erzbiſchof . . . „Und was war dieſe mit einer ſo großen Feier⸗ lichkeit ungebene Verpflichtung, Herr Herzog?“ „Ah! Madame . . „Was haben Sie?“ „Welches Muthes bedurfte der Prinz! er opferte ſich der Wohlfahrt, dem Glücke ſeiner Staaten; er gab ſeinem Bruder, wie ich Ihnen vorhin zu ſagen die Ehre hatte, Madame, den größten Beweis von An⸗ tin von Bereitwilligkeit, den er ihm geben onnte.“ 303 „Ich frage Sie noch einmal, was für eine Verbind⸗ lichkeit war es denn?“ „Ah! Madame, Sie werden es nur zu frühe erfahren.“ „Mein Gott! dieſe Verbindlichkeit kann alſo un⸗ heilvoll für Maximilian ſein?“ „Unheilvoll für die theuerſten Gefühle ſeines gebroche⸗ nen, zerriſſenen Herzens .. ja, Madame . aber unerläß⸗ lich für den Fortbeſtand der Staaten, über welche der Prinz heute regiert.“ „Hören Sie, mein lieber Herzog, Sie werden über meine Schwäche lächeln . . . Nun ... ich geſtehe Ihnen, ich weiß nicht, warum Ihre Worte mich beunruhigen . ängſtigen . . . indeſſen. . es handelt ſich um Staatsangelegenheiten, denen ich zum Glück fremd bin.“ „Gefiele es Gott, Frau Gräfin!“ „Wie! dieſe Staatsangelegenheiten intereſſiren mich?“ „Leider!“ „Mein Herr, Sie erſchrecken mich!“ „Muth, Madame Sie werden nicht allein zu leiden haben ... „Allein . zu leiden . . .“ „Nein, Madame, denn Sie vermöchten ſich die Ver⸗ zweiflung Seiner Hoheit, als ich ſie verließ, nicht vor⸗ zuſtellen!“ „Dieſe Verzweiflung . . . der Tod ſeines Bruders hat ſie verurſacht.“ „Sie hatte noch einen andern Grund.“ „Vollenden Sie . . oh! vollenden Sie.“ „Bei dem Gedanken an den unvorhergeſehenen Schlag, der Sie, Madame, treffen ſollte . ..“ „Mich treffen, mich! Mein Herr, Sie antworten 1. . Sie wenden die Augen ab . . . mein Gott! es handelt fich um etwas .. Unvorhergeſehenes . Gräßliches! Oh! mein Kopf verwirrt ſich . . . Ich zittere, und ich weiß nicht, warum ich zittere .. Was gehen mich die Staatsangelegenheiten an! .. WMein Herr . . ein Wort .. ein einziges Wort . Ma⸗ rimilian liebt mich immer noch?“ zärtlich, als in der Vergangenheit, Madame doch „Dank Dir, mein Gott, Dank Dir! . . . Ich kann nun Allem trotzen . . ich fordere das Schickſal heraus, mich zu treffen . . „Madame, es iſt grauſam für mich, Ihre letzte Illuſion zu zerſtören.“ „Was ſagen Sie?“ „Madame, was ich in dieſem Augenblicke leide, iſt entſetzlich. . . Ich vermöchte Ihren Todeskampf nicht noch mehr zu verlängern .. „Meinen Todeskampf?“ „Dieſe heilige Verbindlichkeit, beſchworen vom Prinzen Karl Maximilian in Gegenwart ſeines ver⸗ ſcheidenden Bruders . . . beſchworen auf das Crucifix in Gegenwart eines Kirchenfürſten .. 3e Verbindlichkeit war die ... ſich zu verheira⸗ hen „Sich zu verheirathen . . . mit der Erzherzogin Wilhelmine, einer Prinzeſſin aus dem kaiſerlichen Hauſe Oeſterreich.“ 7 XIV. Als der Herzog von Manzanares Frau von Ville⸗ taneuſe die niederſchmetternde Mittheilung gemacht hatte: Karl Maximilian habe vor ſeinem ſterbenden Bruder auf das Crucifix geſchworen, eine kaiſerliche Prinzeſſin zu heirathen, wurde die Unglückliche todesbleich und X 305 drückte plötzlich ihre beiden Hände an ihr Herz, als hätte ſie einen ſcharfen Stich bekommen, doch ihre Augen blie⸗ ben trocken, ſtarr, glühend. Sie ſchien ſich zu ſammeln und fiel mehr, als daß ſich ſetzte, auf einen in ihrer Nähe ſtehenden Stuhl. „Ah!“ ſagte der Herzog zu ſich ſelbſt, „ſie iſt ver⸗ nünftiger, als ich mir dachte „Das ermuthigt mich; und vielleicht . . Doch übereilen wir nichts es dünkt mir nun nicht unpaſſend, ihr den Brief des Prinzen zu übergeben.“ Die Gräfin mit einer verhaltenen, aber leidenſchaft⸗ lichen Bewunderung betrachtend, fügte ſodann Herr von Manzanares bei: „Mein Gott, wie ſchön iſt ſie trotz ihrer Bläſſe!“ Hienach zog der Herzog einen Brief aus der Taſche, näherte ſich Aurelie und ſprach: „Madame ... „Sie hört mich nicht,“ unterbrach er ſich leiſe, „der Schmerz verzehrt ſie. . Madame .. Madame “ adame . . .5 „Was gibt es?“ verſetzte Frau von Villetaneuſe, ungeſtüm den Kopf aufrichtend und auf den Herzog einen Blick heftend, als hätte ſich der Irrſinn ihrer bemächtigt, „was will man von mir?“ „Madame . „Ah! Sie ſind es?“ ſprach ſie mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln; „verzeihen Sie meine Zerſtrenung . .. nicht wahr, Sie werden ſie entſchuldigen? Sie ſagten alſo? „ „Hier iſt der Brief des Prinzen.“ „Welcher Brief?“ „Der, Madame, worin er Ihnen die Staatsgründe erklärt, die ihn leider verpflichtet haben, ſeinem ſterben⸗ den Bruder zu ſchwören .. „In der That, ich erinnere mich es han⸗ Die Familie Jonffroy. . 20 306 8 5 um Staatsgründe . . . geben Sie mir dieſen rief.“ Frau von Villetanenſe nimmt den Brief, entſiegelt ihn langſam, läßt ihn, nachdem ſie ihn mit einer er⸗ ſchrecklichen Unempfindlichkeit geleſen hat, auf die Erde fallen, ſtützt ihre beiden Ellenbogen auf ihren Schooß, legt ihre Stirne in ihre Hände und bleibt ſtill. „Arme junge Frau!“ ſagt der Herzog zu ſich ſelbſt, „es wäre mir lieber, ſähe ich ſie in ein Schluch⸗ zen, in Vorwürfe ausbrechen; dieſe ſtumme Verzweiflung hat etwas Beunruhigendes, Unheilvolles . . . Nicht eine Thräne . . . nicht eine Thräne . . . und ſie muß ſo ſehr leiden.“ Herr von Manzanares nähert ſich Aurelie, neigt ſich auf die Lehne des Stuhles, wo ſie unbeweglich, ihre Stirne in ihren Händen verbergend ſitzt, und ſpricht mit innigem Tone: „Madame, faſſen Sie Muth .. Die Gräfin ſteht plötzlich auf. ihr Geſicht iſt bleich, zuſammengezogen, ein nervöſes Lächeln macht ihre Lippen zittern, welche farblos geworden ſind, als wäre all ihr Blut zu ihrem Herzen zurückgefloſſen; der Aus⸗ druck ihrer Stimme iſt kurz, fieberhaft; ihre Augen fun⸗ keln. Sie erwiedert: „Nun wohl, Herr Herzog, trotz der Staatsgründe, die er anruft, iſt ihr Freund ein Lügner .. „Madame ich bitte .. „Und er verbindet die Lüge mit der Feigheit .„ 2 „Dieſe Vorwürfe „Die Prirzeſſin, die er heirathet, heißt Wilhel⸗ mine.“ „Ja, Madame!“ „Der erſte Buchſtube dieſes Namens iſt ein W?“ „Natürlich, Madame .. Aber Meine Bemerkung in Betreff dieſes Buchſtaben ſcheint Ihnen kindiſch, Herr Herzog? Doch dieſes W iſt 307 für mich eine Offenbarung geweſen. Ich kann es nicht mehr bezweifeln, der Prinz war ſchon vor dem Tode ſei⸗ nes Bruders entſchloſſen, zu heirathen „ „Madame . dieſer Verdacht „„ „Das iſt kein Verdacht für mich, es iſt eine Ge⸗ wißheit „Ich verſichere Sie, Madame, daß, „ ſtam⸗ melte der Herzog, zu ſich ſelbſt aber ſagte er: „Woher kennt ſie dieſe Heirathsprojecte?“ „Der Prinz hat bei einem Goldſchmied in Paris eine ſilberne Toilette, einen Schmuck, eine Krone be⸗ ſtellt, Alles bezeichnet mit einem W und einem M, dem Namenszuge von Wilhelmine und Maximilian.“ „Ich vermöchte Ihnen in dieſer Beziehung nicht zu antworten, Madame .. „Die Antwort gibt ſich von ſelbſt; der Prinz mußte ſeit einiger Zeit zu dieſer Heirath entſchloſſen ſein . der Tod ſeines Bruders iſt nur ein Vorwand die letzten Liebesworte, die er mir bei ſeiner Abreiſe geſagt at, waren alſo eine Lüge! er trieb ſein Spiel mit mir! wie er ſeinen auf Chriſtus geſchworenen Eid anrufend abermals mit mir ſpielt!“ „Ich flehe Sie an, Madame, beruhigen Sie ſich.“ „Ich bin ſehr ruhig . . . Das iſt ſeltſam . . . doch was wollen Sie? man gebietet den Eindrücken der Seele nicht . . man erduldet ſie . Ich erweiſe Ihrem Freunde nicht einmal die Ehre, ihn zu haſſen! Ich verachte ihn weil die Lüge und die Falſchheit das ſind, was es Verächtlichſtes auf der Welt gibt. Die Heirath, welche vollzogen werden ſoll, war ſeit mehreren Monaten projectirt. . und die Ver⸗ ſtellung des Prinzen war ſo groß daß „Verſtellung! . oh! Madame „hüten Sie ſich, dies zu glauben . Der Prinz befürchtete vor Allem, Sie zu betrüben . . Oh! warum waren Sie nicht Zeuge bei dem herzzerreißenden Abſchied, als ich ihn verließ, 308 um Ihnen dieſe unſelige Nachricht zu überbringen .. Wenn Sie gehört hätten, wie er mir die ſchonendſte, zarteſte Behandlung bei der Mittheilung empfahl! . . .4 „Oh! ich bezweifle es nicht, der Prinz weiß als Edelmann zu leben . . er hat die Gewohnheit der Brüche, er geht mit Formen zu Werke und in dieſer Art iſt ſein Brief ein Meiſterwerk . . er mußte ihm, abgeſehen von einigen Veränderungen hinſichtlich der Staatsgründe, oft dienen.“ „Madame 4 „Mein Gott, mein Herr, das iſt ganz einfach: ich habe Ihrem Freunde gefallen, er hat keine Neigung mehr für mich, was iſt hiebei zu thun? Ich glaubte an die Dauer ſeiner Schwüre, ich war eine Einfältige, ſchlimm für mich! er wollte, in der Vorherſehung des Thrones, den er heute einnimmt, ſeine Dynaſtie fort⸗ pflanzen können, er heirathet eine Prinzeſſin von Oeſter⸗ reich und jagt mich fort . . . das iſt die natürliche Ord⸗ nung der Dinge.“ „Er jagt Sie fort: ah! Madame, können Sie glanben 2. „Verzeihen Sie, der Ausdruck iſt ein wenig ſtark,“ ſagte Aurelie, während ſie den Brief wieder aufhob. ſ Und ihn mit den Augen durchlaufend, fuhr ſie ort: „Der Prinz ſchreibt mir: „„er werde ſich nach Meningen begeben, um hier mit ſeiner Schweſter die erſte Zeit ſeiner Trauer zuzubringen, und er würde ſei⸗ nen Eid zu verletzen glauben, wenn er ſich nicht von dieſem Tage an der Prinzeſſin von Oeſterreich verbunden hielte. Er fleht mich daher an, ſeinen Kummer nicht durch meine Gegenwart zu verdoppeln, und fordert mich auf, zu reiſen!““ Die Gräſin wirft den Brief auf einen Tiſch und fügt mit einer höhniſchen Miene bei: „Herr Herzog, Sie haben Recht, man jagt mich 309 nicht fort nein! man fordert mich nur auf, zu rei⸗ ſen; man vermöchte nicht artiger zu verfahren!“ „In Betreff dieſer Reiſe, Madame, muß ich eine ſehr delicate Frage zur Sprache bringen.“ „Welche?“ „Ich bitte Sie aber vor Allem, Frau Gräfin, mißverſtehen Sie nicht die Abſichten des Prinzen .. Seine Hoheit hat mir einen unumſchränkten Credit auf ihren Schatzmeiſter eröffnet, und Sie werden ſelbſt die Summe beſtimmen . . . „Oh! genug, mein Herr, genug . .. 2 „Ich wiederhole, Madame, ich beſchwöre Sie, miß⸗ verſtehen Sie nicht die Abſichten Seiner Hoheit, denn ſie wäre in Verzweiflung, ſollte ſie in irgend Etwas Ihre Empfindlichkeit verletzen; doch der Prinz wünſcht . 4 5 Mich zu bezahlen, nachdem er mich fortgejagt at?“ „Ah! Madame „Ich bitte noch einmal um Verzeihung, Herr Her⸗ zog, die Rohheit meiner Sprache erſchreckt ein wenig, wie ich ſehe, Ihre Diplomatie? Nein, nein, Ihr Freund denkt nicht daran, mich zu bezahlen das wäre empörend; er wünſcht mir ein Pfand ſeiner liebevollen Hochachtung zu hinterlaſſen baar Geld!“ „Großer Gott! Madame, können Sie denken, Seine Hoheit . . . „Brechen wir hievon ab. Ich wundere mich nur darüber, daß ein Mann wie Sie, Herr Herzog, ſich ut einem ſo gemeinen Anerbieten hat beauſtragen äſſen „Madame, meine Freundſchaft für den Prinzen.. .“ „ Hat Sie bei dieſem Umſtande die Achtung vergeſſen laſſen, die Sie ſich ſelbſt ſchuldig ſind und mir ſchuldig waren, mein Herr! Es ſei hievon unter uns nicht mehr die Rede.“ „Ich werde nicht auf dieſem Gegenſtande beſtehen, 310 Madame; doch ich bitte Sie inſtändig, glauben zu wol⸗ len, daß ich, wenn ich das Unglück gehabt habe, Ihnen bei dieſer Veranlaſſung zu mißfallen, hierüber tief be⸗ trübt bin. Zur Vervollſtändigung meines Auftrags habe ich Ihnen nur noch einige Worte hinſichtlich der Reiſe zu ſagen, welche zu unternehmen Seine Hoheit Sie auffordert, vielleicht in der Hoffnung, die Zerſtreu⸗ „Es wäre in der That nicht möglich, ſich zuvor⸗ kommender zu zeigen. Nun! Herr Herzog, dieſe Reiſe?“ Herr von Manzanares ſammelte ſich einen Augen⸗ blick und ſprach ſodann: § „Seine Hoheit dachte, eine Reiſe nach Italien wäre vielleicht, in Betracht der Schönheiten des Landes, des, miloen Klimas für Sie, Madame, die heilſamſte Zerſtreuung. Der Zufall will . . . denn wir ſind eine Familie von Diplomaten . . . der Zufall will, ſage ich, daß einer meiner Neffen Geſandter in Rom und einer meiner beſten Freunde Geſandter in Neapel iſt. Dieſer Umſtand, Frau Gräfin, würde Ihnen vielleicht, indem er Ihnen die Gewißheit böte, Sie werden, wie Sie es zu ſein verdienen, in den zwei Hauptſtädten Italiens empfangen werden, dieſe Reiſe angenehm machen . un „Warum unterbrechen Sie ſich, Herr Herzog?“ „Madame, ich bin es nicht, der hier ſprechen wird, es iſt Seine Hoheit „Ich bitte Sie, fahren Sie fort: „„Mein lieber Herzog,““ ſagte der Prinz zu mir, „ſollte die Gräfin den Gedanken einer Reiſe nach Ita⸗ lien billigen, und wollte ſie die Güte haben, Sie als Ehrenhüter anzunehmen, ſo thun Sie mir den Gefallen, Sie zu begleiten; Sie ſind mehr als alt genug, um ihr Vater zu ſein; ſie würde mit ihrer Fa⸗ milie in einem Wagen reiſen, Sie in einem anderen; der Wohlanſtald wäre ſo vollkommen beachtet und ge⸗ . 311 wahrt. Sie könnten der Gräfin nützlich ſein, indem Sie dieſelbe bei den Geſandtſchaften in den großen Städten Italiens vorſtellen und in der ausepleſenen Ge⸗ ſellſchaft, deren Königin ſie in jedem Lande ſein muß, vorſtellen würden; die Huldigungen, mit denen ſie um⸗ geben wäre, die tauſend Zerſtreuungen der Reiſe würden vielleicht ihren Gram mildern!““ Dies waren die Worte Seiner Hoheit . . . Brauche ich beizufügen, Ma⸗ dame, daß ich, ſo koſtbar, ſo wünſchenswerth für mich der Beweis von Vertrauen war, mit dem mich der Prinz beehrt hat, es doch nie gewagt hätte, eine ſolche Auszeichnung zu erſtreben? Wollten Sie mir aber die unſchätzbare Gnade erweiſen, Frau Gräfin, mich als Cicerone bei dieſer Reiſe anzunehmen, ſo würde ich mich doppelt glücklich darüber ſchätzen, daß der Prinz die Gewogenheit gehabt hat, an mich zu denken, um Ihnen als Begleiter und als Einführer bei der hohen italieni⸗ ſchen Geſellſchaft zu dienen.“ „Herr Herzog, ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihr Anerbieten. Bleiben Sie in Meningen?“ „Ich werde hier bleiben, um Ihre Befehle in Be⸗ treff der fraglichen Reiſe zu erwarten; . . ſonſt kehre ich nach Spanien zurück. In jedem Falle, Frau Gräfin, werden Sie mich von Ihren Abſichten gütigſt unterrich⸗ ten, indem Sie mir eine Zeile nach dem Palaſte von Meningen ſchreiben, wo Seine Hoheit mir meine Woh⸗ nung zu fernerer Verfügung zu überlaſſen die Gnade ge⸗ habt hat.“ Hienach verbeugte ſich der Herzog tief vor Aurelie, und während er abging, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Sie hat es nicht ausgeſchlagen . . . Hoffen wir.“ XV. Sogleich uach dem Abgange des Herzogs von Man⸗ zanares rief Frau von Villetaneuſe: „Allein, allein . . . endlich allein mit meiner Verzweiflung . . . meiner Schanbe! . .. Ich kann nun weinen, ohne Furcht, ſchwach und feig zu ſcheinen.“ Und ihre, bis dahin verhaltenen, Thränen rieſelten auf ihre Wangen. „Ich liebte ihn ſo ſehr . . ich hatte ſo viel Ver⸗ trauen zu ſeiner Liebe! ſo viel Vertrauen zu ſeinen Ver⸗ ſprechungen! O meine Träume . . . meine Illuſionen! Keine Hoffnung mehr! Alles verloren! Wie oft hat mir doch Maximilian, und zwar kürzlich erſt geſagt: „„Mein Leben gehört Dir . . . Regiere ich eines Tages, ſo werde ich bei Dir von der Laſt der öffentlichen Geſchäfte aus⸗ ruhen .. . Du wirſt die unbekannte. Vorſehung, der ge⸗ heime gute Engel meiner Unterthanen ſein . . . die ſtrenge Gewalt, welche den Regenten achten, vft fürchten macht, wird mein Theil werden .. doch Dir, Ge⸗ liebte, die Nachſicht, die Verzeihung, die Milde .. Dir die Gnadenacte, welche dem Fürſten die Segnungen ſei⸗ ner Unterthanen erwerben. Und biſt Du einſt frei durch den Tod Deines Gatten, ſo werde ich Deine Liebe krö⸗ nen können. Du wirſt meine Frau ſein . . . Du wirſt doppelt Herrſcherin ſein: durch den Rang und durch die Schönbeit.““ Ja, dies wiederholte mir Maximilian jeden Tag . . . noch am Vorabend ſeiner Abreiſe nach Ramberg, indem er mit Betrübniß daran dachte, er werde bald zu regieren berufen ſein, wenn die Krank⸗ heit ſeines Bruders einen tödtlichen Verlauf nehme . .. Und er hinterging, er betrog mich auf eine ſchändliche Weiſe!. Die zärtlichen Worte verbargen einen be⸗ ſchimpfenden Hohn! Er hatte ſchon die Krone für ſeine 313 kaiſerliche Braut beſtellt! Mein Gott! was habe ich denn dieſem Menſchen zu Leide gethan? welches hölliſche Vergnügen fand er daran, mich ſo zu hintergehen! Oh! das ſind ohne Zweifel Prinzenſpiele! Er verſpottete in ſeinem Innern den unverſchämten Ehrgeiz der kleinen Bürgerin, welche dumm, hoffärtig genug, um an ſolche Verſprechungen zu glauben. Und ſodann ſteigerten ſeine Verſprechungen meine Liebe bis zur Anbetung . Es war kein Menſch mehr in meinen Augen . es war ein Gott und er beluſtigte ſich damit, ſich vergöt⸗ tert zu ſehen . Himmel und Erde! . das iſt zu viel! oh! zuviel! Ich werde mich rächen, Maximilian! ich werde mich rächen! Ich werde nach Ramberg reiſen und Dich dort im Angeſichte Deiner Schweſter, Deines Hofes unter dem Scandal niederſchmettern! ich werde einen entſetzlichen Lärmen machen .. Habe ich noch irgend eine Schonung zu beobachten? Was bin ich denn im Ganzen ? . Fortuné hat es geſagt .. . Er hat wahr geſprochen . .. Ich bin eine Buhlerin von 2 hohem Range . . eine verheirathete Frau, die zum Liebhaber einen Prinzen hat, bei dem ſie lebt . .. Nun denn, ich werde als ſchamloſe Buhlerin handeln! ich werde bis zum Ende gehen . ich Oh! ich Un⸗ glückliche! die Verzweiflung macht mich wahnſinnig! Wage ich es, meine Stimme zu erheben, ſo läßt er mich von ſeinen Wachen aus dem Palaſte jagen! Niemand wird Mitleid mit mir haben! Ich bin eine von den Frauen geworden, die man nimint und verläßt je nach den Launen des Geſchicks! Was macht es dieſen Leuten, daß ich weine, daß ich leide . daß mein Herz bricht? Mein Liebhaber hat mich behalten, ſo lange es ihm gefiel; ſeine Neigung iſt vorüber, er ſchickt mir eine nweiſung auf ſeinen Schatzmeiſter . . . und fordert mich auf, zu reiſen. Wehe! wehe! ich habe einen Prin⸗ zen geliebt! Iſt es aber meine Schuld, daß er mir das Leben gerettet. .. daß er ſich Anfangs voll Ge⸗ 314 müth und Zartgefühl gezeigt! Iſt es meine Schuld, wenn ich, verlaſſen, beſchimpft, zu Grunde gerichtet durch meinen Gatten, durch den Kummer und die Dankbarkeit in die Arme des Prinzen geworfen worden bin? iſt es meine Schuld . . . 2“ Und nach langem Stillſchweigen fügte die Gräfin eit „Ach! ja, es iſt meine Schuld; ich habe nicht ein⸗ mal den Troſt, mein Geſchick verfluchen zu können .. dieſes Geſchick, ich habe es gewollt . . . ich habe es ge⸗ macht . . indem ich Fortuné zurückgeſtoßen, um Herrn von Villetaneuſe zu heirathen . . . Es hat nur von mir abgehängt, zu ſein, was meine Schweſter ſein wird .. die Glücklichſte der Frauen; doch ich habe dem unabläßi⸗ gen Drängen meiner Mutter nachgegeben. . . Die Eitel⸗ keit hat mich irre geführt . . . Oh! meine Mutter . . . meine Mutter . . . Deine blinde Zärtlichkeit, Dein mütterlicher Hochmuth haben mich zu Grunde gerichtet.“ Aurelie bleibt einen Augenblick in eine ſtumme NRiedergeſchlagenheit verſunken, und ſpricht ſodann mit fe⸗ ſtem Tone: „Dieſe Klagen ſind unfruchtbar, denken wir an die Zukunft. .. Ich habe die Wahl zwiſchen zwei Entſchlüſ⸗ ſen: nach Frankreich mit Fortuns zurückkehren, mich bei ihm und meiner Schweſter mit meinem Vater und mei⸗ ner Mutter niederlaſſen oder das Anerbieten des Herzogs annehmen . . in den Zerſtreuungen dieſer Reiſe die Be⸗ tänbung, wenn nicht das Vergeſſen meines Kummers ſuchen . . Dieſe Reiſe . . . und ihre Folgen . . . das iſt das Unbekannte . das Unbekannte vielleicht glänzend und reich an Tröſtungen . . . wer weiß ? . . . Bei mei⸗ ner Schweſter und Fortuns leben, das heißt mich mit zwei und zwanzig Jahren, im ganzen Glanze meiner Jugend begraben; das heißt mich einer farbloſen, zurück⸗ gezogenen Exiſtenz hingeben, auf der immer die Erinne⸗ rung an die Vergangenheit laſten wird! So nachſichtig 315 auch Marianne und Fortuns ſein mögen, ſo duldſam auch ſich meine Tante Prudence zeigen mag, ich werde immer eine in den Schafſtall zurückgekehrte reumüthige Sünderin ſein; mein Stolz wird, trotz ihrer Milde, lange zu leiden haben; ihr redliches, arbeitſames, heiteres und friedliches Leben wird meine ewige Verdammung ſein, wird mich täglich zu grauſamen Betrachtungen über mich ſelbſt zurückführen; ich werde in der Mittelmäßigkeit ve⸗ getiren, mich in eine völlige Zurückgezogenheit fügen müſſen . Welche Geſellſchaft würde ich beſuchen koͤn⸗ nen? Die, welche die meinige vor meiner Verhei⸗ rathung war? Ich würde darin, wenn man mich em⸗ pfinge, nur boshafte Freude oder verächtliches Mitleid finden, und ich vermöchte ſolche bürgerliche Gemeinheiten nicht mehr zu ertragen .. Was die Geſellſchaften meines Gatten betrifft, ſo kann ich nun nicht mehr den Gedan⸗ ken haben, mich darin zu zeigen. Eine völlige Zurück⸗ gezogenheit, die Monotonie eines Familienlebens, das wäre alſo meine Zukunſt? Und ich bin zwei und zwan⸗ zig Jahre alt! und ſeit mehreren Jahren ſind, trotz großer Trübſale, meine Tage in der Berauſchung des Prunkes, der Liebe und der Luſtbarkeiten verlaufen. Ich habe als Königin gelebt ich werde in eine bürger⸗ liche Lage zurückfallen müſſen. Ja, doch hier würde ich wenigſtens den Frieden, die Ruhe für die Gegenwart, die Sicherheit für die Zukunft finden; die Freundſchaft von Fortuns, die Zärtlichkeit von Marianne würden mich während der erſten Zeiten dieſer Glücksveränderung un⸗ terſtützen; ſodann würde mein armer Vater umgeben von der Pflege und Fürſorge ſeiner Schweſter und von Marianne unſern Ruin vergeſſen, deſſen Urſache ich lei⸗ der bin! Er hätte noch glückliche Tage! Ja, Alles ſagt mir, hier iſt das Heil! . . . Doch wer weiß, was für mich der Ausgang der Reiſe nach Italien ſein kann! Wird es nicht immer noch Zeit ſein, auf die Welt zu verzichten? „ Was beſchließen ?. „Der Herzog und 316 Fortuné warten im Palaſte Beide auf meine Entſchei⸗ dung Ach! ich fühle es . . . der Augenblick iſt feier⸗ lich! Zwei Wege öffnen ſich vor mir . . . welchen ſoll ich wählen?“ Frau von Villetanenſe bleibt in einen Abgrund von Reflexionen verſunken: ihre Phyſiognomie offenbart die Bangigkeiten, die Schwankungen ihres Geiſtes; bald geht ſie mit haſtigen Schritten auf und ab, bald ſetzt ie ſich, und ein paar Thränen fließen über ihre Wange. Es iſt völlig Nacht geworden, doch der Voll⸗ mund wirft in den Salon ſeine ſilbernen Strahlen durch die Fenſter und die Glasſcheiben der Thüre, die ſich gegen den äußeren Portieus öffnet, auf deſſen Schwelle vlötzlich Angelo Grimaldi, vorſichtig gehend, erſcheint. Die Gräfin, welche Grimaldi noch nicht hat bemer⸗ ken können, ſteht in dieſem Augenblicke ungeſtüm auf und ſpricht: „Das Loos iſt geworfen . . ein Wort an den Herzog, ein Wort an Fortunés . . an ihn, der mich ſo ſehr geliebt hat an ihn, der für mich die Anhäng⸗ lichkeit des zärtlichſten Bruders hegt.“ Frau von Villetaneuſe verläßt haſtig den Salon, um die beiden Billets zu ſchreiben, welche ſie an den Herzog von Manzanares und an Fortuné Sauval zu richten beabſichtigt. Angelo Grimaldi hat ſich vorſichtig den Glasſcheiben der Thüre genähert, durch welche er das Innere des Salon betrachtet. Da er hier Riemand ſieht, ſo dreht er geräuſchlos den Knopf des Schloſſes und dringt auf den Fußſpitzen, nach allen Seiten hin ſchauend und hor⸗ chend bei jedem Schritte, den er vorwärts macht, in das Zimmer ein. „Niemand, ich höre nichts. . .“ ſagt er leiſe: „Keine Unvorſichtigkeit! horchen wir noch .. Würde man mich indeſſen hier überraſchen, ſo hätte ich eine vor⸗ treffliche Entſchuldigung . . . Beeilen wir uns Ich 31¹7 ließ die zwei Gefährten des Goldſchmieds weggehen, in⸗ dem ich mich in einem Gebüſche des Parkes verbarg... Ich war ganz belagert von den Erinnerungen an jenen Guéridon, bedeckt mit koſtbaren Gegenſtänden, von denen ich ein Muſter zum Andenken an meine ſchöne Unbe⸗ kannte mitnahm. Da iſt ein herrlicher Schlag zu machen! Es ſind beträchtliche Werthe darunter.“ Angelo horcht aufs Neue dahin und dorthin, ehe er ſich dem Guéridon nähert, das am andern Ende des bei der Thüre, durch welche Aurelie abgegangen, teht. „Ich höre nichts . Der Schatz iſt mein .. Meine lieben Freunde, die mich heute Abend in den Ruinen des alten Schloſſes erwarten, ſollen nichts von dieſer Sache erfahren. Mir die Gefahr, mir der Nutzen!“ So ſprechend, iſt Angelo auf den Tiſch zugegangen, wo mit Diamanten und Edelſteinen verzierte Bijonx glänzen. Plötzlich kommt Aurelie aus dem anſtoßenden Zim⸗ mer, in einer Hand zwei Briefe in der andern einen Leuchter haltend, heraus; beim Anblick von Angelo läßt ſie den Leuchter fallen und ſtößt einen Schreckensſchrei aus. Das Licht erliſcht auf dem Teppich und der Salon iſt nur durch die Mondſtrahlen beleuchtet. XVI. Beinahe auf friſcher That des Diebſtahls ertappt, fällt Angelo Grimaldi auf die Kniee vor Frau von Villetaneuſe; dieſe hat ſich, raſch zurückweichend, eines Ausrufs des Erſtaunens nicht erwehren können; die Mondhelle beleuchtet das edie, reizende Geſicht des Diebes; ſo rein wie die von Antinous, ſcheinen ſeine Züge eine tiefe Leidenſchaft auszudrücken; ſeine großen, 318 feuchten, ſtrahlenden ſchwarzen Augen heften ſich auf Aurelie, welche unbeweglich da ſteht; er ſtellt ſich, als wäre er ſelbſt ſo erſchüttert, daß ſeinen friſchrothen, leicht geöffneten, den ſchimmernden Schmelz ſeiner Zähne ent⸗ hüllenden, Lippen ein heftiger Athem entſtrömt, wie wenn ihm die Sprache gefehlt hätte. Indem er eine von ſeinen Händen auf ſein Herz drückt, und die andere mit einer ſlehenden Miene erhebt ſpricht er endlich mit der koſt⸗ baren klangreichen Stimme, deren Ton ſchon an dieſem Tage das Ohr der Gräfin berührt hat: „Verzeihen Sie, Madame. verzeihen Sie meine Kühnheit doch ich liebe Sie wie ein Wahnſinni⸗ „Mein Herr!“ ruft Aurelie entrüſtet, verwirrt, ob⸗ gleich ergriffen von der reizenden Schönheit des Unbe⸗ kannten und dem unwiderſtehlichen Zauber ſeiner Stimme, S Herr, dieſe Keckheit! Gehen Sie, oh! gehen ie!“ „Madame, in den zwei Stunden, nachdem ich den Mann, der Sie beleidigt, herausgefordert, habe ich den Park nicht verlaſſen können . . eine unwiderſteh⸗ liche Macht führt mich zu dieſem Hauſe zurück. .. Ich hoffte Sie zu ſehen „ich wollte Sie ein letztes Mal ſehen . . Sie ſehen, um den Preis meines Lebens, wenn es ſein müßte!“ „Mein Herr,“ erwiederte Frau von Villetaneuſe, welche, gelähmt durch ſo verſchiedene Gemüthsbewegun⸗ gen, kaum die Kraft beſaß, ſich auf den Beinen zu halten, „ſtehen Sie auf, entfernen Sie ſich von hier, ich befehle es Ihnen.“ „Nein, ich werde bleiben . hier zu Ihren Füßen ſo lange Sie mir nicht meine Kühnheit, meine Liebe verziehen haben.“ „Oh! das iſt zu viel.“ „Geſtern vorhin erſt ſang ich in einer Allee in der Nähe dieſer Villa „ die Qual meiner ——— 3¹9 Seele. Ach! ſagte ich zu mir ſelbſt, dieſe angebetete Frau, die ich nur ein einziges Mal zu meinem Unglück erſchaut habe, muß ich immer lieben! Sie wird mich nie kennen, mich den armen Verbannten; doch es wird wenigſtens meine Stimme, glücklicher als ich, zu dieſer berauſchenden Schönheit gelangen, die mich in der Er⸗ innerung verzehrt, tödtet. . . Ach!“ fuhr Grimaldi mit einer bezaubernden Stimme fort, „ich liebe Sie, ſehen Sie, wie ich nie geliebt habe. Nein, Venedig, meine Heimath, meine Freunde, meine arme alte Mutter, meine Verbannung, das Todesurtheil, das meinen Kopf be⸗ droht, weil ich die Freiheit meines Vaterlandes verthei⸗ digt habe, Alles iſt mir gleichgültig! dieſe unſelige Liebe läßt mich Alles vergeſſen! . . Mein Leben mein Glaube .. meine Zukunft ſind nur Sie! mein Ge⸗ danke ſind Sie! ... der letzte Seufzer von Angelo wird für Sie ſein!“ Aurelie hatte, in ihrer Bangigkeit, vergebens dieſen Elenden zu unterbrechen geſucht; doch ihre entſchwinden⸗ den Kräfte zuſammenraffend ſprach ſie endlich mit wür⸗ digem, feſtem Tone: „Mein Herr, ein ſolches Geſtändniß beleidigt mich; ich vermöchte nicht länger Ihre Gegenwart hier zu er⸗ tragen. . . Nöthigen Sie mich nicht, zu klingeln, und Leute zu rufen . Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, ſtehen Sie auf und gehen Sie!“ „Madame ein Wort .. . ich bitte, nur ein ein⸗ ziges Wort . . .“ „Was höre ich?“ rief die Gräfin, auf das raſche Rollen eines Wagens horchend, der in der Richtung des Porticus immer näher kam, „das iſt mein Vater und meine Mutter, ſie kehren von ihrer Spazierfahrt zurück. Mein Gott! wenn ſie mich hier, in der Dunkelheit, mit einem Fremden fänden!“ Der Wagen, der Herr und Madame Joufftoy von 320 4 Spazierfahrt zurückbrachte, hielt vor dem Peri⸗ yl an. „Ah! Madame,“ ſagte Grimaldi, „ich beklage meine Unvorſichtigkeit, eher ſterben als Sie einer Verlegenheit ausſetzen!“ Nachdem er ſodann einen Blick auf die Thüre des anſtoßenden Zimmers geworfen, fügte er bei: „Ich will mich dort einen Augenblick verbergen, Ma⸗ ame.“ ſch Und er eilte hinein und ſchloß die Thüre hinter ich. „Aber, mein Herr,“ rief die Gräfin, „dieſes Zimmer ſ Sie konnte nicht vollenden. Herr und Madame Jouffroy, welche aus dem Wagen geſtiegen waren, traten in den Salon in dem Augenblick ein, wo zwei Diener in großer Livree vergoldete Cande⸗ laber mit brennenden Kerzen brachten. XVII. Bie Racht iſt lan und heiter, der Mond beleuchtet die Ruinen des alten Schloſſes von Meningen. Maulevn und Corbin reden alſo mit einander unter den Trümmern des großen Saales: „Was Teufels kann Angelo machen?“ „Warum kommt er ſo kange nicht an den von uns verabredeten Ort?“ „Ich wette, er fingt ſeine Romanze unter dem Balcon ſeiner ſchönen Unbekannten.“ „Die Peſt über den Aſſocis, den wir da haben! im⸗ mer opfert er die Geſchäfte dem Vergnügen! Ich will gehenkt werden, findet man mich je wieder dabei, daß ich gemeinſchaftlich mit ihm arbeite.“ „Sie ſagen das, Vater Corbin, weil Sie wiſſen⸗ . 321 daß man nicht mehr henkt; doch ich beklage, wie Sie, die Abweſenheit von Angelo. Dieſe Frau wird kommen ... und je nach dem Reſultate unſerer Zuſammenkunft mit ihr werden wir vielleicht noch heute Nacht handeln müſſen.“ „In dieſem Falle wäre die Abweſenheit von Angelo ſehr beklagenswerth! Er iſt behende, gewandt und kühn. Ich bin nur gut, um Wache zu halten, und . . . „Stille! ich höre Tritte; es iſt Catherine . . .“ „Man kann nicht wiſſen, ob ſie es iſt, und wenn man uns zu dieſer Stunde, mitten unter den Ruinen überraſchen würde . „Sind ſie nicht beim Mondſcheine bewunderungswürdig anzuſchauen?. Das iſt ſo romantiſch! unſere Eigen⸗ ſchaſt als Künſtler und Touriſten würde unſere Gegen⸗ wart hier vortrefflich erklären.“ Mauleon unterbricht ſich, da er Catherine unter dem Vogen, der als Eingang in den großen Saal dient, er⸗ ſcheinen ſieht. „Ich war ſicher, dieſe Frau werde kommen,“ ſagte er zu Corbin, „hier iſt ſie.“ „Verdammter Angelo! verdammter Tronbadour!“ ſprach zu ſich ſelbſt der Greis, während er Maykeon folgte und ſich wie dieſer Catherine näherte, welche zö⸗ gernd durch die Trümmer herbeikam. XVIII. Zu Grunde gerichtet und ſodann verlaſſen von Chatherine von Morlac ſollte Mauleon dieſe zum erſten Male ſeit ihrem Bruche wieder ſprechen; ſein Haß gegen die Courtiſane, die erſte Urſache der Erniedrigung, in der er lebte, war ſo heftig, daß er von Anfang das ver⸗ gaß, was der alte Corbin chniſch die Geſchäfte der Ge⸗ ſellſchaft naunte, auf Catherine zulief, ſie ungeſtüm beim Die Familie Jouffroy. U. 21 322 Arme packte und mit einem Ausdrucke dumpfer Wuth zu ihr ſagte: „Biſt Du da Schändliche! Du, die Du mir Alles bis auf den letzten Son verzehrt haſt!“ „Das hat keine Beziehung zu unſeren gemeinſchaftli⸗ chen Jutereſſen!“ rief Corbin; „wir verlieren eine koſt⸗ bare Zeit!“ „Hölliſche Creatur!“ fuhr Mauleon, beſtändig Ca⸗ therine beim Arme haltend, fort; „ehe ich Dich gekannt habe, war ich reich, glücklich, geehrt! Du haſt mich zu Grunde gerichtet! . . Nachdem mein letzter Thaler vergendet war, haſt Du mich mit dem Fuße zurückgeſtoßen uud mir als einzige Habe die Wuth und das Elend hin⸗ terlaſſen.“ . „Ohl unſelige Vergangenheit!“ murmelte Catherine. „Ich ſage Ihnen noch einmal, Mauleon, Sie ſind nicht bei der Frage, dieſe Vorwürfe ſind müßiges Zeug!“ rief ungeduldig der alte Corbin; „zur Sache! zur Sachel“ „Ich hätte Dich getödtet, Elende!“ fuhr Mauleon fort, deſſen Zorn ſich immer mehr ſteigerte, „ja, ich hätte Dich getödtet, wäre es mir möglich geweſen, Dich aufzu⸗ finden, nachdem Du mir den unverſchämten, grauſamen Brief geſchrieben, in welchem Du mir ſagteſt: „„Sie ſind zu Grunde gerichtet . . vergeſſen Sie mich . ich habe Sie ſchon vergeſſen . . .“ Du haſt mir das geſchrieben ſage, erinnerſt Du Dich deſſen, ſage, er⸗ innerſt Du Dich?“ „Ich bin in Ihrer Gewalt, dieſer Ort iſt öde . machen Sie mit mir, was Sie wollen .. . „Oh!“ ſprach Mauleon mit einer finſteren Miene, indem er plötzlich ſeine krampfhaft zuſammengezogenen Hände gegen Catherine bis zur Höhe ihres Halſes erhob, „ich weiß nicht, was mich abhält, Dich zu erwürgen.“ „Ein Mord!“ rief Corbin, erſchrocken über den Aus⸗ druck der Geſichtszüge ſeines Genoſſen. Und er warf ſich zwiſchen dieſen und Catherine und ſagte: „Unglück⸗ N 323 licher! biſt Du denn toll? Du willſt mich bei einem Halsverbrechen compromittiren 2 . . . Bin ich denn ein Mörder? habe ich mich mit Dir verbunden, um ſolche Gräuel mit Dir zu begehen?“ Und ſich an Catherine wendend, die er mit ſeinem Leibe bedeckte: „Seien Sie ohne Furcht, das iſt nur ein närriſcher Einfall . er hat oft ſolche, doch das geht vorüber.“ Nach einigen Augenblicken grimmigen Stillſchweigens ſagte Mauleon zu Catherine: „Höre, was Du aus meinem Leben gemacht haſt: Du haſt mich zu Grunde gerichtet, es kam die Noth; gewöhnt an den Müßiggang des Reichthums, unfähig zur geringſten Arbeit, wurde ich vom Tenfel verſucht, und ich ſchloß mich einer Bande von Betrügern im Spiele an. Ich hatte, wie man zu ſagen pflegt, gute Um⸗ gangsformen; ich mußte unſern Tölpeln mehr als ein Anderer Vertrauen einflößen. Ich lebte ſo eine Zeit lang vom Betruge im Spiel; man entdeckte die Sache und bezeichnete mich als Griechen; ich ſtieg die Stufen der Schande tiefer hinab und wurde Gauner; ſodann immer tiefer hinabſteigend Dieb in der Nacht; ich ward ver⸗ haftet und mit Leuten, welche wie ich in den Koth des Verbrechens verſunken, eingeſperrt. Ich ſchwärzte mich am Feuer dieſer Hölle, die man das Gefängniß nennt. Ich bin jetzt und für immer Dieb . . vielleicht werde ich eines Tags Mörder werden . . . wer weiß? Mittlerweile aber bin ich Dieb, und Du wirſt Diebin ſein, Catherine von Morlac!“ „Ich großer Gott!“ „Nun ſind wir beim Kern der Frage, nun ſind wir beim Wahren,“ ſagte Corbin. „Du wirſt Diebin ſein, Catherine von Morlac. Indem Du mich zu Grunde gerichtet, haſt Du mich zum Siehte gebracht . . Du wirſt meine Geuoſſin erden.“ 324 Eher werden Sie mich tödten!“ „Ich tödte Dich nicht . . . Dein Leben iſt mir noth⸗ wendig . . . Du wirſt mir gehorchen!“ „Nie!“ „Du täuſcheſt Dich . . . Du biſt Arbeiterin des Gold⸗ ſchmieds Fortuné Sauval?“ „Es ſind in ſeiner Werkſtätte im Palaſte von Me⸗ ningen Juwelen von großem Werthe.“ „Ich weiß nicht.“ „Wir wiſſen es,“ ſprach Corbin; „wir ſind auf das Genaneſte unterrichtet, meine liebe Dame.“ „Catherine, Du wirſt uns noch heute Nacht das Steh⸗ len dieſer Juwelen erleichtern.“ „Ich habe es Ihnen geſagt, Sie würden mich ehet ödten.“ „Ich habe Dir geantwortet und wiederhole Dir: Ich werde Dich nicht tödten, und Du wirſt mir ge⸗ horchen.“ „Angelo kommt nicht,“ murmelte Corbin zwiſchen ſeinen Zähnen, „wo bleibt er denn? wo kann er denn ſein? Verfluchter Troubadour!“ „Catherine, ich habe Dir heute Morgen geſchrieben: „„Begib Dich dieſen Abend in die Ruinen des Schloſſes Meningenz ich beſitze Dein Ge⸗ heimuiß und offenbare es, wenn Du Dich nicht einfindeſt.““ Du biſt gekommen.“ * „Ich bin gekommen, weil ich weiß, daß Sie zu Allem fähig ſind.“ „Ja, zu Allem fähig . . . Ich beſitze Dein Geheim⸗ niß, zittere alſo . . .“ „Herr Fortuné Sauval iſt von der Vergangenheit unterrichtet . . es liegt mir nichts daran, daß Sie das Geheimniß offenbaren.“ „Nicht ihm werde ich es offenbaren.“ „Wem denn?“ ——.— 325 „Deinem Sohne.“ Ein kalter Schweiß floß über die Stirne von Ca⸗ therine; die Schläge ihres Herzens ſtockten; doch durch eine von jenen übermenſchlichen Anſtrengungen, deren nur die Seele einer Mutter fähig iſt, antwortete ſie mit einer ſcheinbaren Ruhe: „Ich weiß nicht, was Sie hiemit ſagen wollen . . . ich habe keinen Sohn.“ „Du haſt einen Sohn: er heißt Michel; er iſt, wie ſein Großvater, Arbeiter bei Fortuns Sauval.“ „Alles dies iſt falſch.“ „Alles dies iſt wahr.“ „Nein!“ „Meine liebe Dame, wiederholten Sie nein bis morgen, Mauleon würde ja wiederholen, und das würde unſere Angelegenheit in keiner Hinſicht fördern z die Iden⸗ tität des jungen Mannes iſt erwieſen. Fügen Sie ſich alſo gutmüthig darein, uns zu dienen. Was Teufels! das iſt doch leicht!“ „Mein Herr, Sie ſcheinen mir vernünftiger zu ſein, als Mauleon; wollen Sie mich anhören? Dadurch, daß Sie mir drohen, mein Geheimniß zu verrathen, hoffen Sie mich zur Genoſſin bei dem Diebſtahle zu machen, den Sie beabſichtigen 2“ „Das iſt es, meine liebe Dame.“ „Mauleon glaubt alſo, ich ſei zu ehrenhafteren Ge⸗ fühlen zurückgekehrt, da er bei mir die Furcht, meinen Sohn von meiner Schande unterrichtet zu ſehen, auszu⸗ beuten gedenkt, und Sie glauben, ich werde die Schänd⸗ lichkeit begehen, mich zu Ihrer Genoſſin zu machen, zu dieſer Stunde, da ich eine ehrliche Frau geworden bin!“ „Ja, weil Du, ohne Dich in den Angen Deines Patrons zu gefährden, insgeheim unſere Pläne begünſti⸗ gen und ſo der Offenbarung, mit der ich Dich bedrohe, entgehen kannſt.“ 326 „Ich aber werde wiſſen, daß ich die Mitſchuldige eines Diebſtahls geweſen bin, und mein Gewiſſen . . .“ „Ha! ha! ha!“ verſetzte Manleon, mit einem höhniſchen Gelächter, „das Gewiſſen von Catherine von Morlac!“ „Ich habe Sie hier nicht von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, Mauleon; das wäre unnütz . . . Ich ſage Ihnen nur: Mein Benehmen gegen Sie iſt abſchen⸗ lich geweſen, ich geſtehe es; ich habe Sie zu Ihrem Ruin angetrieben; die Folgen dieſes Unglücks waren gräßlich, ich bin die Urſache Ihrer Entwürdigung, und ich beklage Sie. Ich kann theilweiſe das Schlimme, das ich gethan, wieder gut machen . . .“ „Verzichten Sie auf dieſen Diebſtahl, mißbrauchen Sie mein Geheimniß nicht, kehren Sie nach Paris zurück; ich folge Ihnen bald nach und werde Ihnen eine Summe zuſtellen oder vielmehr wiedererſtatten, welche hinreichend, daß Sie vor der Noth geſchützt als redlicher Mann leben können!“ „Verzeihen Sie, meine liebe Dame, Sie halten uns für Dummköpfe; wie können Sie, ohne ſich über uns luſtig zu machen, Mauleon eine bedeutende Summe anbieten? Sie, eine Arbeiterin von Herrn Fortuné Sauval, nach Mißgeſchicken, die Sie nöthigen, ſich einer ſo elenden Stellung zu unterziehen?“ fün Wis liegt hieran, wenn ich mein Verſprechen er⸗ ülle 2“ „Aber dieſe Summe, liebe Dame, wo iſt ſie?“ „In Paris, an ſicherem Orte verwahrt.“ „Die Zahlung wird alſo nur in Paris ſtattfinden?“ „Catherine von Morlac, ich habe Dich als verſchmitzt gekannt, doch Du biſt einfältig geworden ſeit Deiner Rück⸗ kehr zu redlichen Gefühlen! Du nimmſt Deine Zuflucht zu einer kläglichen Lüge, um der Alternative zu entgehen, 327 die ich Dir zum letzten Male ſtelle: Entweder wirſt Du unſere Mitſchuldige, oder Dein Sohn erfährt, daß Du eine ſchändliche Buhlerin geweſen biſt! Dieſe Offenba⸗ rung ſoll von ſo umſtändlichen Details begleitet werden, daß Dein Sohn nothwendig glauben muß; ich habe Dein Portrait und einige Briefe behalten, aus denen Deine Verdorbenheit in ihrem vollen Lichte erſichtlich iſt.“ „Ich ſchwöre Ihnen, Mauleon, mein Anerbieten iſt aufrichtig.“ „Du wagſt es noch . . . „Haben Sie Erbarmen, hören Sie mich an,“ rief Catherine erſchrocken. „Nicht die Armuth iſt es, was mich nothgedrungen in die Lage der Arbeiterin verſetzt hat, es iſt die Reue über die Vergangenheit. Ich bin noch reich, ich habe Gold, Bangnebillets für eine bedeu⸗ tende Summe, in Paris bei mir verborgen . . .“ „Unmöglich, liebe Dame, Sie mißbrauchen unſere Unſchuld! Ich erkenne Sie nun. Sie bewohnen jene elende Manſarde, zu der man auf derſelben Treppe ge⸗ langt wie zu mir, und Sie wollen uns überreden, Sie haben einen Schatz dort zurückgelaſſen?“ „Beim lebendigen Gott! das iſt die Wahrheit .. Ich will es Ihnen beweiſen ich . . „Machen wir ein Ende, Elende!“ rief Mauleon mit zorniger Ungeduld. „Ich habe Dich kennen lernen und werde nicht Dein Thor ſein . . . Willſt Du, ja oder nein, in Gemeinſchaft mit uns treten?“ „Nein! nein! nein!“ rief Catherine in einer ver⸗ zweiflungsvollen Angſt. „Soll mein Sohn vernehmen, daß ich Buhlerin geweſen ſo wird er wenigſtens erfahren, daß ich keine Diebin ſein wollte.“ Dieſe entſchloſſene Antwort brachte Mauleon der⸗ geſtalt in Harniſch, und er näherte ſich Catherine mit einer ſo drohenden Miene, daß ſie inſtinctartig die Arme vor ſich ausſtreckte, um ſich vor Gewaltthätigkeiten, die 32⁸ ſie befürchtete, zu ſchützen, doch er ergriff eines von den Handgelenken der Unglücklichen und ſchrie: „Treibe mich nicht auf das Aeußerſte . . . dieſe Trümmer liegen einſam und öde; ich habe mich an Dir zu rächen, ich haſſe Dich auf den Tod!“ Und er ſchüttelte das Handgelenk von Catherine, um es zu zerbrechen, und zog ihr den Arm heſtig am Leibe hinab; bei dieſer Bewegung fühlte er einen großen Schlüſſel in der Taſche der Gehülfin der Goldſchmiede. Sie mit einer Hand bewältigen und ſich mit der andern des Schlüſſels bemächtigen war etwas Leichtes für Manleon; er warf den Gegenſtand Corbin zu und ſagte zu ihm, während er die Anſtrengungen von Catherine lähmte: Unterſuche dieſen Schlüſſel.“ „Er iſt ſehr dick und mit einer vergoldeten Krone verziert!“ rief der Greis, der den Schlüſſel, begün⸗ ſtigt durch einen Mondſtrahl, aufmerkſam betrachtete. „Es muß der Schlüſſel von einer Kiſte des Palaſtes ſein.“ „Von der, welche die Juwelen enthält! Es unter⸗ liegt keinem Zweifel! Catherine hat das Vertranuen des Goldſchmieds!“ rief Manleon, die unglückliche Frau feſt haltend, welche, indeß ſie ſich vergebens zerarbeitete, um den Schlüſſel wieder zu bekommen, in tiefem Schmerze murmelte: „Wehe mir! oh! wehe mir!“ 5 „Und der Schurke Angelo kommt nicht!“ ſagte Corbin; „wir könnten die Sache ſogleich mittelſt dieſes beſeligenden Schlüſſels und der Bezeichnung des Ortes, wo die Werkſtätte liegt, verſuchen; wir würden dieſe Frau wohl zum Sprechen zwingen.“ Nie! und überdies kann dieſer Schlüſſel von kei⸗ nem Nutzen für Sie ſein,“ erwiederte Catherine mit einer von ihrem Kampfe mit Manleon noch keuchenden 329 Stimme. „Es iſt der Schluſſel der Wobnung, die ich in einer Manſarde des Palaſtes inne habe.“ „Du lügſt! Deine Anſtrengungen, um ihn wieder⸗ zuerlangen, haben Dich verrathen.“ „Ah! meine Liebe,“ entgegnete Corbin, „man ver⸗ ziert nicht mit einer vergoldeten Krone den Schlüſſel eines Manſardenzimmers . . . Der Fund iſt koſtbar! . Cs iſt offenbar der der Juwelenkiſte . . . Es han⸗ delt ſich nur noch darum, in die Werkſtätte einzudringen! Verflucht ſei Angelo!“ „Catherine, Du wirſt uns nun ſagen, in welchem Theile des Palaſtes ſich die Werkſtätte findet; das Uebrige iſt unſere Sache . . . Ich habe meinen Plan.“ „Sie werden von mir kein Wort in dieſer Hinſicht erfahren.“ „Nimm Dich in Acht, treibe mich nicht auf das Aeußerſte, überlege wohl; beſonders keine falſche An⸗ gabe . . . Du würdeſt Deine Lüge theuer bezahlen!“ „Sie werden nichts erfahren!“ „Du weigerſt Dich?“ „Ja!“ „Du weigerſt Dich?“ „Ja.“ „Du mußt ſterben.“ „Mauleon! einen Angenblick!“ rief Corbin. „Teufel! nie werde ich meine Hände bei einem Morde im Spiele haben, nein!“ „Willſt Du, daß Sie im Palaſte Lärm macht?“ „Ich verzichte eher auf das Geſchäft, als daß ich i irsße Teufel! Teufel! ich kenne mein Geſetz⸗ u „Es handelt ſich nicht allein darum, auf das Ge⸗ ſchäft zu verzichten; dieſe Elende wird uns anzeigen, man wird uns verhaſten.“ „Ich ſchwöre Ihnen beim Leben meines Sohnes, 330 ich werde Sie nicht anzeigen!“ ſagte Catherine ganz verwirrt vor Angſt; „geben Sie Ihr ſchlimmes Vor⸗ haben auf, und . . .“ „Du mußt ſterben!“ rief Mauleon, „ich werde für meinen Ruin, für meine Verworfenheit gerächt ſein. Ich ſagte Dir vorhin: „„Du haſt mich zum Diebe ge⸗ macht, ich werde vielleicht Mörder werden;““ wohl denn! ich werde Mörder; Du biſt meine erſte Liebe geweſen, Du wirſt mein erſter Mord ſein!“ Und ſein Opfer mit einer Hand feſthaltend, zog Manleon mit der andern einen Dolch ans ſeiner Taſche. „Gnade!“ murmelte Catherine mit ohnmächtiger Stimme. „Gnade!“ „Mauleon, eine Idee!“ rief der alte Corbin, der in ſeiner Angſt, bei einem Morde compromittirt zu wer⸗ den, mit erſchrockenen Blicken überall umhergeſchaut hatte, „wozu dieſe Frau tödten, wenn wir ſie in die Unmöglichkeit, uns zu ſchaden, verſetzen können?“ „Bei der Hölle! ich . . .“ „Laß mich doch vollenden . .. Sieh, hier iſt eine Art von Schacht, den wir heute Morgen bemerkt haben.“ Er deutete auf das Gehänſe der Wendeltreppe von einem der Thürmchen, deren Stufen von der Zeit zer⸗ ſtört worden waren, ſo daß unter dem Niveau des Bodens dieſes kreisförmige Mauerwerk dem Auge nur noch eine Art von Schlund bot. „Bringen wir dieſe Frau da hinunter! Wir werden den ganzen Abend, die ganze Nacht vor uns haben. entweder um das Geſchäft zu verſuchen, oder um die Stadt zu verlaſſen,“ ſagte Corbin. Und zu Catharine: „Morgen mögen Sie Hilfe von den Fremden ver⸗ langen, welche täglich hieher kommen, um die Ruinen zu betrachten.“ Mauleon, geſchah es aus Mitleid oder wich er vor —2 — 331 einem Morde zurück, der fortan keine Nothwendigkeit war, Mauleon überlegte einen Augenblick, während er immer mit der Gewalt eines Schraubſtockes die Hände von Catherine in die ſeinigen geſchloſſen hielt. Sodann ſprach er zu Corbin: „Wirf einen Stein in dieſes Loch, um ſeine Tiefe zu ſondiren.“ „Dieſer Tod iſt ja gräßlich!“ rief Catherine mit Entſetzen, indem ſie vergebens ihrem Henker zu ent⸗ kommen ſtrebte; „wenn Niemand dieſe Ruinen beſucht, ſo werde ich ſterben . . . da unten . . . in den Qualen des Hungers . . Mein Gett! erwürgt mich, das wird raſcher geſchehen ſein!“ Und ſie raffte ihre erſchöpften Kräfte zuſammen und rief, mehr ihrem Erhaltungsinſtincte, als der Hoff⸗ nung, gehört zu werden, nachgebend: „Zu Hülfe! Mörder! zu Hülfe!“ „Wirſt Du wohl ſchweigen!“ ſagte Mauleon unter ſeiner Hand die Schreie ſeines Opfers erſtickend, indeß der Greis, nachdem er einen ſchweren Stein aufgehoben, ſich dem Eingange des Thürmchens näherte; er hielt den Stein einen Angenblick über dem Schlunde, ließ ihn ſodann fallen und ſprach leiſe: „Horch, horch!“ Es trat ein Augenblick erſchrecklicher Stille ein, wonach das unterirdiſche Geräuſch des von Fels zu Fels aufſpringenden Steines immer ſchwächer zu den ren der drei Perſonen dieſer unheimlichen Scene ge⸗ angte. X Der alte Corbin, der ſeine beiden Hände auf ſeine Kniee ſtützte und ſich über die Mündung des Schlundes neigte, aus deſſen Tiefe man das entfernte Geränſch des 332 Steines vernommen hatte, richtete ſich wieder auf und ſagte, den Kopf ſchüttelnd: „Teufel! dieſes Loch iſt tiefer, ols ich glaubte; vielleicht iſt es eine Wirkung des Echos oder der Aknſtik.“ „Auf!“ rief Manleon, indem er Catherine gegen den Schlund fortzog, „ſteige raſch hier hinab.“ „Gnade! .. Maulevn . . . Gnade!“ flehte Catherine, die ſich an den in den Zwiſchenräumen der Platten wachſenden Gräſern anzuklammern ſuchte. „Gnade! Sie haben mich einſt geliebt . . . Sie wer⸗ den nun nicht ſo barbariſch ſein, mich zu tödten!“ „Erinnere mich nicht an meine Liebe für Dich, Schlange! . . . Ich würde Dir den Kopf mit den Abſätzen zertreten,“ rief Manleon, ſeine Anſtrengung, um Catherine fortzuſchleppen, verdoppelnd. „Wirſt Du wohl gehen?“ „Oh! mein Sohn!“ rief ſie mit einer herzzerrei⸗ ßenden Stimme; „Michel, mein armes Kind? es iſt vorbei, ich werde Dich nicht widerſehen, ich muß ſterben.“ „Nein, nein!“ verſetzte Corbin, „nie werde ich der Mitſchuldige eines Mordes ſein. Wir werden Sie in dieſes Loch mit Hülfe Ihres Shawls hinunterlaſſen, den wir Ihnen unter die Arme binden . . . und als⸗ dann . . bei meiner Treue! . . . gut Glück! .. Zum letzten Male frage ich Sie alſo: wollen Sie uns bei unſerem Vorhaben unterſtützen?“ „Zu Hülfe!“ ſchrie Catherine mit verzweiflungs⸗ vollem Tone, denn ſie konnte zu dieſer Stunde nicht hoffen, von irgend Jemand gehört zu werden. „Mör⸗ der! zu Hülfe!“ „Wir ſind verloren!“ rief plötzlich Mauleon, der ſeit einigen Augenblicken auf ein Geränſch von haſtigen, immer näher kommenden Schritten horchte; „Soldaien! —— — 333 Das Geſchrei dieſer Elenden hat ſie wohl herbei⸗ gezogen . . . wir ſind eingeſchloſſen.“ „Dieſer Schurke Angelo war im Stande, uns zu verkaufen,“ ſagte der alte Corbin in Verzweif⸗ lung, als er Militär in weißer Uniform herbeieilen und die zwei Ausgänge der Ruinen des großen Saales beſetzen ſah, während drei Männer in bürgerlicher Klei⸗ dung den zwei Schuldgenoſſen entgegenliefen und ihnen den Weg verſperrten. „Nur kaltblütig, ich ſtehe für Alles!“ ſprach Mau⸗ leon zum alten Corbin. Und ſich zu Catherine bückend, welche auf den Knieen, mit gefalteten Händen, Gott für die unerwartete Hülfe dankte: „Wenn man uns anklagt, und Du verräthſt uns, ſo bezeichne ich Dich als unſere Mitſchuldige.“ „Ich verhafte Sie im Namen des Geſetzes,“ ſagte zu den zwei Banditen franzöſiſch, jedoch mit ſtark deutſchem Accente, einer von den Männern in Civil⸗ kleidern, der Bürgermeiſter von Meningen: „Keinen Widerſtand!“ „Wir denken gar nicht daran, Ihnen Wider⸗ ſtand zu leiſten,“ verſetzte Mauleon kalt; „Sie werden Ihren Irrthum tief beklagen. Mein Freund und ich, wir reiſen als Touriſten für unſer Vergnügen; wir ſind aus Nengierde hierher gegangen, um dieſe Rninen zu betrachten, welche beim Mondſchein einen pittoresken Anblick bieten: iſt denn das ein Verbrechen in Ihrem Lande? Ah! nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr,“ fprach Mauleon mit ſtolzem Tone, „ſchon morgen werde ich in die Hände des diplomatiſchen Agenten von Frank⸗ reich eine energiſche Klage in Betreff dieſes gerichtlichen Mißgriffs niederlegen.“ „Und dieſe Klage werde ich mit beiden Händen unterzeichnen,“ fügte Corbin bei: „denn es iſt wahr⸗ haftig ſehr beklagenswerth, einer ſo willkürlichen Plackerei ausgeſetzt zu ſein!“ 334 „Ich weiß vollkommen, was ich thue, und was Sie find,“ entgegnete der Bürgermeiſter. „Sie werden mir nicht imponiren. Wir haben geſtern eine von der fran⸗ zöſiſchen Polizei ausgehende Nachricht erhalten, die uns davon unterrichtet, es müſſen drei Menſchen, Mauleon, Corbin und Angelo Grimaldi, ſehr gefährliche Verbre⸗ cher, welche unter falſchen Namen reiſen, ſich in dieſem Lande befinden, ohne Zweifel, um irgend einen ſchlimmen Streich zu verſuchen.“ „Mein Herr! Sie beleidigen uns.“ „Mein Herr,“ fügte Corbin bei, „ich werde eine äſtimatoriſche Klage wegen dieſer Ehrenkränkung gegen Sie anſtellen! . . . Ich fordere wenigſtens hundert⸗ tauſend Franken! Meine Ehre vermöchte nicht hoch genug bezahlt zu werden! . Das iſt eine Sache ohne Preis!“ „Ihre Frechheit und die Ihres Genoſſen imponiren mir nicht, ſage ich Ihnen,“ erwiederte der Bürger⸗ meiſter. „Sie ſind die Menſchen, die wir ſuchen; einer von meinen Agenten, der das Franzöſiſche verſteht, iſt Ihnen von dieſen Morgen an gefolgt, und mit Ihrem Signalement verſehen, hat er Sie ganz wohl erfannt; ſobald Sie in die Ruinen eintraten, iſt er nach Ihnen eingetreten und hat ſich hinter einem Pſeiler verborgen. Als Sie weggingen, hörte er ein paar Worte von Ihrem Geſpräche und unter Anderem, daß Sie vielleicht heute Abend hier zuſammenkommen werden; ich traf meine Maßregeln, um Sie zu erwiſchen; der Ruf um Hülfe gelangte vorhin bis zu uns, wir eilten herbei, Und Doch nun erſt Catherine erblickend, welche halb im Schatten verborgen war, fragte er: „Wer iſt dieſe Frau? ſie hat ohne Zweifel um Hülfe gerufen?“ Und er näherte ſich ihr und rief: „Was ſehe ich! die Franzöſin, welche im Palaſte — 335 mit den Goldſchmieden arbeitet! . . . Es unterliegt kei⸗ nem Zweifel! es handelte ſich um den Diebſtahk, den wir muthmaßten.“ „Mein Herr!“ rief Catherine, „ich bin unſchuldig, und das Geſchrei, das ich erhoben habe . . .“ „Das wird ſich ſpäter erklären,“ unterbrach der Bürgermeiſter Catherine. „Sie werden uns vor Allem in den Palaſt mit den zwei Uebelthätern folgen, in deren Geſellſchaft wir Sie hier in dieſen Ruinen zu einer ungebührlichen Stunde überraſchten eine ſchwere Präſumtion gegen Sie. Ihr anderer Genoß iſt ohne Zweifel entwiſcht; wir werden ihn auffinden! „. Vorwärts!“ „Alle Teufel! mein Herr!“ rief Mauleon, „wir werden uns nicht ſo behandeln laſſen.“ „Mein Herr,“ ſagte Corbin, „nach einem ſo ab⸗ ſcheulichen Mißbrauche der Gewalt werde ich nicht mehr hunderttauſend, ſondern zweimalhunderttauſend als Genugthuung für meine beleidigte Ehre ordern,“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſprach der Bürger⸗ meiſter; „weigern Sie ſich, mir zu folgen, ſo laſſe ich Sie knebeln und durch die Soldaten foriſchleppen.“ „Wir weichen der Gewalt,“ ſagte Mauleon mit Würde; „werden wir wenigſtens erfahren, was Sie mit uns zu machen gedenken?“ „Ah! mein guter Freund,“ ſeufzte Corbin, „fliehen wir ſo raſch als möglich dieſes ungaſtfreundliche Deutſch⸗ land, dieſe undankbare Erde! Wie! ich ein ehrlicher, friedlicher Schmetterlingsjäger ſehe mich als Böſewicht behandelt! Liebt doch die Natur und die Naturge⸗ ſchichte! Wohin führen Sie uns, mein Herr?“ „Wir führen Sie zuerſt in den Palaſt von Menin⸗ gen, damit dieſe Frau, wie Sie, in Gegenwart von Herrn Sauval und ſeinen Arbeitern verhört werde; nach dieſem Verhöre wird man weiter über Ihre Be⸗ ſtimmung beſchließen,“ erwiederte der Bürgermeiſter. „Vorwärts! keinen Widerſtand!“ Manleon, der alte Corbin und Catherine ſetzten ſich unter der Escorte der vom Bürgermeiſter begleiteten Soldaten in Marſch, um ſich nach dem Palaſte in Me⸗ ningen zu begeben. XX. Fortuné Sauval war nach ſeinem Zuſammentreffen mit Frau von Villetaneuſe in den Palaſt zurückgekehrt, wo er ſeine Gefährten mit Ausnahme von Catherine wiederfand; er ſagte zu ihnen nach einem gemeinſchaft⸗ lich eingenommenen Mahle: „Meine Freunde, es drängt mich, Deutſchland zu verlaſſen, und um unſere Arbeiten raſcher zu beendigen, bitte ich Euch, denſelben unſere Abende zu widmen.“ Die Goldſchmiede ſchritten, wie ihr Meiſter, zum Werke und arbeiteten beim Scheine mehrerer Lampen; als der Abend immer mehr vorrückte, fingen ſie an im Ernſte über die ſo ſehr verlängerte Abweſenheit von Catherine unruhig zu werden; alle Drei waren nach⸗ denkend, traurig. Fortuns bedachte mit einem tiefen Kummer, Au⸗ relie habe ihren erſten Schritt im Laſter dadurch ge⸗ macht, daß ſie die Geliebte des Prinzen geworden, we⸗ niger vielleicht aus Liebe für Karl Maximilian, als um eitier Weiſe die Herrlichkeiten einer fürſtlichen Exiſtenz zu genießen; er fragte ſich mit Bangigkeit, ob ſeine Couſine den Muth haben werde, dieſe Verbindung zu brechen, mit ihrem Vater und ihrer Mutter nach Paris zurückzukehren und ſich fortan in ein beſcheidenes, zu⸗ rückgezogenes Leben zu fügen. Der Vater Lanrenein betrübte ſich bei dem Gedau⸗ ken, die Conſine ſeines Meiſters, für den er eine ſo 337 tiefe Zuneigung hegte, habe den unſeligen Pfad betreten, den nach ſo vielen ſchmachvollen Verirrungen Catherine ſiegreich, wiedergeboren durch die mütterliche Liebe, ver⸗ laſſen hatte. „Mein Gott!“ ſagte er ſeufzend zu ſich ſelbſt, „war es denn nicht genug an einer Buhlerin für die Schande der Familie Jouffroy?“ NWichel endlich, ſchon mißſtimmt durch die peinliche Entdeckung, die er hinſichtlich der lächerlichen und ſchmäh⸗ lichen Liebe von Catherine für ihn gemacht zu haben glaubte, eine Liebe, die ihm bedrohlich für die entſtehende Leidenſchaft, welche ihm Camille einflößte, zu ſein ſchien, Michel fühlte eine Miſchung von Ekel und Kummer bei dem Gedanken, die Couſine ſeines Meiſters ſei die Ge⸗ liebte des Prinzen, ſei mit einem Worte eine Buhlerin. Bei ſeinem natürlichen Zartgefühle, das noch durch ſeine ſtrenge Erziehung und ſeine wachſende Neigung für Ca⸗ mille verſtärkt wurde, hegte der junge Handwerker einen unüberwindlichen Widerwillen gegen dieſe elenden Erea⸗ turen, welche mit ihrer Schönheit Handel treiben; oft, wenn er Abends von der Zeichnungsacademie zurück⸗ kehrte, beſchleunigte Michel, ſchauernd vor Ekel, ſeine Schritte beim Anblicke dieſer im Dunkel der Gänge ge⸗ wiſſer verdächtiger Häuſer im Hinterhalte liegenden Frauen; er verabſcheute überdies in gleichem Maße wie dieſe Unglücklichen diejenigen, deren Laſter in glänzenden Equipagen thronte, und die er zuweilen vom Publikum bei ſeinen Sonntagsſpaziergängen mit ſeinem Großvater nennen hörte. „ Und oft,“ ſagte Michel zu ſich ſelbſt, „oft treiben die Noth, die Verlaſſenheit, der Hunger die Erſteren dazu an, ſich für ein Stück Brod und einige Putzſachen zu verkaufen, und ſie wagen es wenigſtens nur bei Nacht, ihre Höhlen zu verlaſſen, während ihre Schweſtern in der Ehrloſigkeit frecher Weiſe am hellen Tage, im An⸗ Die Familie Jouffroy. n. 22 geſichte Aller, die Schande ihres Prunkes zur Schau ſtellen.“ Frau von Villetaneuſe gehörte zu dieſen . denn in den Augen von Michel war ſich an einen Prinzen oder an den Erſten den Beſten verkaufen ganz Daſſelbe, da ſich die Verdorbenheit nicht nach dem Luxus maß, mit dem ſie umgeben ſein konnte. Dies waren die verſchiedenen Gedanken unſerer drei Perſonen, die ſich an dieſem Abend nur ſpärliche Worte austanſchend mit ihren Arbeiten beſchäftigten. „Herr Fortuné,“ ſagte der Vater Laurenein, „es iſt bald zehn Uhr, und Catherine kommt noch nicht .. ich fange an ſehr beſorgt zu werden.“ „Ich ebenſo, guter Vater; da ſie den Schlüſſel der Kiſte hat, in welcher die Juwelen verwahrt ſind, ſo können wir auch nicht die Faſſung unſeres Schmuckes vollenden, und wir verlieren einen Theil von dieſem Abend. Ich kann mir gar nicht vorſtellen, warum Ca⸗ therine ſo lange ausbleibt.“ „Als ſie uns nach dem Mittageſſen verließ, ſagte ſie mir, ſie habe ein heftiges Kopfweh, und ſie rechne auf einen Spaziergang, um es zu zerſtreuen. Es iſt längſt Nacht, und Catherine kommt nicht zurück; es wäre vielleicht ſchicklich, wenn man den Gouverneur des Pa⸗ laſtes davon unterrichten würde.“ „Ich dachte auch hieran, Vater Laurencinz die arme Frau kann ſich in den Gehölzen bei der Villa Farneſe verirrt haben, und man würde Jemand ab⸗ ſchicken, um ſie aufzuſuchen.“ In dem Augenblick, wo der Goldſchmied dieſe Worte ſprach, hörte man im großen Corridor, durch den man zu dem Zimmer gelangte, das als Werkſtätte diente, das Geränſch von verſchiedenen, Anfangs ent⸗ fernten, ſodann immer näher kommenden Tritten. Bald wurde die Thüre geöffnet, und die drei Goldſchmiede ſahen Catherine, Mauleeon und Corbin, die Hände mit 339 * Stricken gebunden, geführt vom Bürgermeiſter, eintre⸗ ten; dieſer befahl den Polizeileuten und den Soldaten, im Corridor zu bleiben. XXl. Als ſie Catherine erblickten, welche bleich, entſtellt, die Wangen von Thränen durchfurcht und gebunden, wie die zwei Unbekannten, eintrat, ſtanden die drei Gold⸗ ſchmiede auf und ſchauten einander ſtillſchweigend und beſtürzt an. Der Bürgermeiſter wandte ſich an Fortunés, zeigte ihm einen Schlüſſel verziert mit einer vergoldeten Krone und ſagte: „Herr Sauval, erkennen Sie dieſen Schlüſſel?“ „Ja, mein Herr, es iſt der Schlüſſel von der eiſer⸗ nen Kiſte, in der die dem Prinzen gehörenden Juwelen enthalten ſind.“ „Der Schlüſſel iſt im Beſitze dieſes Menſchen ge⸗ funden worden . . .“ Hiebei bezeichnete der Bürger⸗ meiſter Mauleon. „Wir haben ihn, wie ſeinen Genoſ⸗ ſen, durchſucht. Gegenwärtige Frau iſt mit ihnen bei ihrer Verhaftung unter den Ruinen des alten Schloſſes von Meningen betroffen worden.“ „Mein Herr, ich erkläre mir nicht, wie ſich der Schlüſſel im Beſitze dieſes Menſchen finden kann; ich atte ihn meiner Arbeiterin hier anvertraut,“ ſagte For⸗ tuns auß Catherine deutend, „und ich bürge für ſie wie für mich ſelbſt. Ich geſtehe Ihnen auch, mein Herr, ich bin tief betrübt über den Irrthum, den Sie, dieſe würdige Frau als eine Schuldige behandelnd, begangen haben; ich beſchwöre Sie, dieſelbe auf der Stelle in Freiheit zu ſetzen.“ k „Dieſe Frau hat Ihr Vertrauen ſchändlich mißbraucht, Herr Sauval.“ 340 „Das iſt unmöglich, Herr⸗Bürgermeiſter!“ „Sie iſt ſo eben von uns verhaftet worden, wie die zwei Männer, mit denen ſie ohne Zweifel ein ver⸗ brecheriſches Project auszuführen gedachte, denn dieſe Lente ſind uns von der Pariſer Polizei als ſehr gefähr⸗ liche Uebelthäter bezeichnet.“ „Mein Herr,“ rief der Vater Laurencin, „Frau Catherine iſt zu einer ſchlechten Handlung unfähig; ſie ar⸗ beitet ſeit zwei Jahren mit uns in der Werkſtätte; unſer Meiſter hat es Ihnen geſagt: er verbürgt ſich für ſie, wie er ſich für mich und meinen Enkel hier verbürgen würde.“ Schon geneigt zum Unwillen gegen Catherine, der er hauptſächlich vorwarf, ſie habe den Namen ſeiner Mutkter profanirt, indem ſie denſelben bei jeder Gelegen⸗ heit angerufen, um ſeine Zuneigung, ſein Vertrauen zu gewinnen, einzig und allein im Intereſſe einer ſchmäh⸗ lichen Liebe, heftete Michel einen eiſigen Blick auf Ca⸗ therine und ſprach kein Wort zu ihrer Vertheidigung. „Ah!“ ſagte die unglückliche Mutter zu ſich ſelbſt, „er hält mich für ſchuldig. Die plötzliche, unerklärliche Abneigung, von der er mir ſo viele Beweiſe ſeit Kur⸗ zem gegeben hat, wird ſich in Widerwillen verwandeln.“ „Catherine,“ ſprach Fortuns mit liebreichem Tone, „ich habe es dem Herrn Bürgermeiſter geſagt und ich wiederhole es vor Ihnen: ich bin von Ihrer ängſtlichen Redlichkeit feſt überzeugt; Sie können allein erklären . nichts wird ohne Zweifel leichter ſein . wie es kommt, daß man Sie mit dieſen zwei Menſchen ange⸗ troffen hat, und wodurch Einer derſelben Beſitzer dieſes Schlüſſels geworden iſt . „Geben Sie wohl Acht auf das, was Sie antwor⸗ ten werden,“ ſagte raſch Mauleon zu Catherine, indem er ihr Michel mit einem, von den Zeugen dieſer Scene unbemerkten, verſtohlenen Blicke bezeichnete, „geben Sie Acht! denn ich werde auch reden.“ * ———— 341 „Catherine,“ ſprach der Goldſchmied, der den ver⸗ borgenen Sinn der Drohung von Mauleon nicht erra⸗ then konnte, „die Worte dieſes Menſchen vermöchten Sie nicht einzuſchüchtern . ſagen Sie die volle Wahrheit ... Sie müſſen kein Intereſſe haben, ſie zu verbergen.“ „Ich bin verloren,“ dachte die Unglückliche. „Sage ich die Wahrheit, ſo offenbart Mauleon auf der Steile meinem Sohne, daß ich ſeine Mutter bin . . und wie ſchändlich iſt mein Leben geweſen! . . Schweige ich, ſo gelte ich für die Mitſchuldige dieſer Diebe.“ „Wie!“ ſagte der Goldſchmied peinlich erſtaunt und den Vater Laurenein anſchauend, „wie! Catherine, Sie ſchweigen? Sie ſcheinen verlegen, während Sie mit einem Worte Ihre Unſchuld beweiſen können . . . wenn Sie, wie ich noch glauben will, unſchuldig an der Nichts⸗ würdigkeit ſind, der man Sie bezüchtigt.“ „Verzeihen Sie, Herr Fortuns, meine Angſt . . . „Ja, ich begreife, die auf Ihnen laſtende Anklage muß Sie empören, Ihren Geiſt beunruhigen; ich wieder⸗ bole Ihnen, trotz des gewichtigen Anſcheins habe ich kein Vorurtheil gegen Sie.“ „Ah! meine liebe Freundin,“ fügte der Vater Lau⸗ rencin bei, „ein wenig Ruhe, Kaltblütigkeit. Sie wiſſen, daß ich aus vielen Gründen Ihrer vollkommenen Ehr⸗ lichkeit ſicher ſein darf. Erholen Sie ſich, erzählen Sie, was vorgefallen iſt. Nach dem Mittageſſen ſagten Sie, Sie leiden an einem heftigen Kopfweh, und in der Hoffnung, ein Spaziergang werde es zerſtreuen, haben Sie ſich allein entfernt, um ſich nach dem Walde zu wenden . .. „Ja, Herr Laurencin, ich . . .“ „Der Spaziergang war offenbar ein Vorwand, den dieſe Frau erſonnen hatte, um ſich an den verab⸗ redeten Ort zu ihren Mitſchuldigen zu begeben,“ ſagte 342 den Waldungen in der Nähe des Palaſtes; dieſe Frau täuſcht Sie und . „Verzeihen Sie, Herr Bürgermeiſter,“ ſprach der Vater Laurencin, „Sie erſchrecken die arme Frau Ca⸗ verliert; ſehen Sie, ſie iſt bleich wie eine Todte und kann vor Zittern kaum reden; erlauben Sie, daß ich ſie befrage.“ „Es ſei!“ „Sie verließen uns alſo gegen ſieben Uhr, liebe Catherine; was haben Sie ſodann ge⸗ than?“ „Ach! Herr Laurencin . . . „Zittern Sie nicht ſo, haben Sie nicht bange; wir werden Ihnen glauben, was Sie ſagen: Sie können uns nur die Wahrheit ſagen.“ „Mein Gott!“ wiederholte Catherine mit ſtarrem Blicke und bebender Stimme, „die Wahrheit . ich weiß nicht ich kann nicht . .. „Ich werde auch die Wahrbeit ſagen!“ rief Mau⸗ leon. „Ueberlegen Sie Ihre Worte klagen Sie nicht Unſchuldige an!“ „Harmloſe Reiſende,“ fügte der alte Corbin bei, „friedliche Touriſten, ehrliche Entomologen, nach dieſem Lande hingezogen durch die Schönheit der Gegenden und die Liebe für die Raturgeſchichte.“ . „Geſtehen Sie die Wahrheit!“ ſagte Mauleon, in⸗ dem er Catherine einen bezeichnenden Blick zuwarf. „Die Sache iſt ganz einfach, obgleich es der Herr Bürger⸗ meiſter, dem ich es hundertmal wiederhole, nicht zugeben will; mit einem Worte, Sie kennen uns nicht, Sie haben uns zufällig in den Ruinen getroffen, der Bürgermeiſter. „Die Ruinen finden ſich mitten unter therine und machen, daß ſie den Faden ihrer Gedanken die wir aus Neugierde beim Mondſcheine beſuchten Und „Doch der Schlüſſel?“ fragte der Bürgermeiſter⸗ 343 „wie hat er ſich in Ihren Händen gefunden, wenn Ihnen denſelben nicht dieſe Frau in einer ſtrafbaren Abſicht übergeben hat?“ „Hierin liegt in der That das Ganze,“ ſagte For⸗ tuné, der die wachſende Verlegenheit von Catherine ſeltſam und verdächtig zu finden anfing. „Erklären S wie ſich der Schlüſſel im Beſitze dieſes Menſchen ndet.“ „Herr Fortuné, ich . . ich. . . kann Ihnen nicht ſagen . „Ah! ich wollte Sie nicht beargwohnen, doch daß Sie ſo ſehr mit Ihren Antworten zögern, könnte am Ende machen, daß man an Ihnen zweifeln würde.“ „Herr Fortuné . . ich bitte Sie inſtändig . . .“ „Ich hatte ein blindes Vertrauen zu Ihrer Ehr⸗ lichkeit . .. Wem ſoll man fortan vertrauen?“ „Ich bin unſchuldig, ich ſchwöre es Ihnen; ich bin unſchuldig!“ „Aber, Catherine, warum erklären Sie ſich nicht in Betreff dieſes Schlüſſels?“ ſprach mit ſtrengem Tone der Vater Laurenein, der die Befürchtungen ſeines Meiſters theilte, wie Michel, welcher ſtillſchweigend den Kopf mit Ekel abwandte. „Ich hätte meine Hand ins Feuer gehalten und auf Ihre Redlichkeit geſchworen, doch ich würde unn nicht mehr ſchwören.“ „Sie auch! Sie klagen mich auch an!“ rief Ca⸗ therine ſchluchzend. „Sie kennen mich doch beſſer, als irgend Jemand.“ „Aber der Schlüſſel! der Schlüſſel!“ „Ach! ich bin ſehr unglücklich!“ „Das heißt nicht antworten!“ „Mein Gott! ich kann nicht, ich kann nicht!“ „Herr Fortuné, Sie hören; trotz unſerer dringen⸗ den Ermahnungen, trotz der Theilnahme, die man ihr bezeigt, weigert ſie ſich, eine Erklärung zu geben!“ ſagte der alte Handwerker mit Entrüſtung. „Ich ſpreche wie Sie: wem ſoll man fortan vertrauen?“ Sodann Catherine einen Blick der Verachtung und des Widerwillens zuſchleudernd: „Sie ſind eine Elende!“ „Herr Laurencin, Erbarmen! ich widerhole Ihnen, ich bin unſchuldig „ Laſſen Sie mich Ihnen .. Doch ſich unterbrechend, ſagte Catherine in Ver⸗ zweiflung zu ſich ſelbſt: „Verlange ich insgeheim mit ihm zu reden, ſo wird Mauleon meine Abſicht errathen und dadurch zu⸗ vorkommen, daß er ſogleich Michel offenbart, ich ſei ſeine Mutter.“ „Herr Bürgermeiſter,“ ſprach Fortuns in einer peinli⸗ chen Gemüthsbewegung, „das Unzuſammenhängende der Worte der Angeſchuldigten, ihre Unruhe, ihre hartnäckige Weigerung, ſich in Betreff des Schlüſſels zu erklären, ſind, ich muß es anerkennen, ernſte Indicien; es iſt mir nun unmöglich, nach meinem Gewiſſen die Schuldloſig⸗ keit dieſer Fran zu bezengen. Führen Sie ſie alſo fort, und die Gerechtigkeit nehme ihren Gang!“ „Mein Herr, es iſt nun nicht mehr zu zweifeln; dieſe Frau und die beiden Männer complottirten den Diebſtahl der hier eingeſchloſſenen Juwelen,“ ſagte der Bürgermeiſter; „man kann ſich das Benehmen, das hart⸗ näckige Stillſchweigen der Elenden hinſichtlich ihrer Be⸗ ziehungen zu den Mitſchuldigen nicht anders erklären.“ „Mein Herr, dieſer Gedanke iſt entſetzlich, und den⸗ noch wahrſcheinlich!“ erwiederte niedergeſchlagen der Goldſchmied. „Ein ſolcher Vertrauensmißbrauch . . . es iſt abſcheulich!“ „In den Augen von Michel für eine Diebin gelten und nicht ſprechen können!“ ſagte zu ſich ſelbſt Ca⸗ therine, heftig ſchluchzend . „Mein Gott! mein Kopf geräth in Verwirrung, ich werde toll! Was thun? was thun? . . Wehe mir! unſelige Vergangenheit!“ 345 „Ah! ich ſchäme mich für das Andenken meiner Mutter, wenn ich bedenke, daß ſie zur Freundin eine ſolche Frau hatte!“ dachte Michel, während ſein Groß⸗ vater, der noch zögerte, an die Schändlichkeit von Ca⸗ therine zu glauben, zu ſich ſelbſt ſagte: „Wie ſoll man annehmen, ſie habe einen Diebſtahl begehen wollen? ſie, welche in Paris, in ihrer Manſarde verborgen, eine bedeutende Summe beſißt?“ „Folgen Sie uns!“ ſagte mit hartem Tone der Bürgermeiſter zu Catherine; „im Gefängniß werden Sie wohl ſprechen müſſen! Vorwärts!“ In dieſem äußerſten, entſetzlichen Momente ſchauerte Catherine plötzlich, ein Blitz der Hoffnung glänzte in ihren Augen; doch ſich bezwingend, aus Furcht, Mauleon könnte ihre Gemüthsbewegung ergründen, näherte ſie ſich raſch dem Vater Laurencin und ſagte ihm ein paar Worte ins Ohr; der Greis antwortete ihr durch einen ausdrucksvollen Blick, und Catherine ſprach mit feſter Stimme zu Fortuns: „Herr Sauval, ich möchte es nicht verſuchen, mich zu rechtfertigen, indem ich Unſchuldige anklagen würde...“ „Was ſagen Sie? „ dieſe Menſchen ſind un⸗ ſchuldig?“ „Endlich!“ rief der alte Corbin! „Die Tugend geht früher oder ſpäter aus den härteſten Prüfungen hervor. Herr Bürgermeiſter, Sie hören dieſe Frau? Das beweiſt Ihnen mehr als hinlänglich, daß wir keine Miſſethäter ſind, wie Sie glauben . . Es findet ein tan⸗ ein beklagenswerther gerichtlicher Irrthum a „Laſſen Sie zuerſt dieſe Frau ihre Angabe vollen⸗ den,“ verſetzte Mauleon, Catherine mit einem mißtraui⸗ ſchen Ange beobachtend; „nachdem er ſie angehört, wird der Herr Bürgermeiſter überzeugt ſein, daß . .. Plötzlich aber unterbrach ſich Mauleon, ſtampfte vor Wuth mit dem Fuße und rief, indem er eine Bewegung 346 machte, um, trotz ſeiner Bande, nach der Thüre zu ſtürzen: „Hölle! ich bin betrogen!“ Der Vater Laurencin hatte ſich in der That, nach⸗ dem er die von ihm allein gehörten Worte von Ca⸗ therine durch einen bezeichnenden Blick erwiedert, unmerk⸗ lich Michel genähert, der in dieſem Momente an der offenen Thüre ſtand; der Greis hatte ſeinen Enkel plötz⸗ lich bei den Schultern gefaßt, in den Corridor mitten unter die Soldaten hinausgeſchoben und ſo ſchnell aus der Werkſtätte entfernt, deren Thüre er wieder hinter ihm ſchloß. Dies war ſo raſch vor ſich gegangen, daß Mauleon, die Abſicht des Greiſes jedoch zu ſpät, errathend, nur ausrufen konnte: „Hölle! ich bin betrogen!“ Doch in dem Augenblicke, wo die Thüre ſich wieder ſchloß, ſcheie er ſchäumend vor Wuth, und mit einer ſo mächtigen Stimme, daß ſie bis in den Corridor und zu den Ohren des jungen Mannes dringen konnte: „Michel, dieſe Frau iſt Deine .. „Flender, nicht ein Wort mehr!“ rief Fortuns, der nun den Grund des Stillſchweigens, das ſich Catherine in Gegenwart von Mauleon auferlegt hatte, begriff. Und er eilte auf den Banditen zu und erſtickte ſeine Worte unter ſeiner Hand. In derſelben Minute führte der Vater Laurencin ſeinen Enkel in ihre gemeinſchaftliche Stube, und da er nicht recht wußte, wie er ſeine ſeltſame Manier, ihn aus der Werkſtätte zu entfernen, erklären ſollte, ſo rief der Greis, indem er ſich den Anſchein gab, als wäre er von einer tiefen Entrüſtung ergriffen: „Komm, komm, es war mir unmöglich, bei dieſen Schurken zu bleiben; ich wollte Dich auch nicht länger Zeuge von einer ſolchen Niederträchtigkeit ſein laſſen! Fin ſolches Schanſpiel iſt ſchlimm für die Jugend ———— ——————— 347 Uebrigens ſagt mir Alles, Cakherine ſei, trotz des An⸗ ſcheins, unſchuldig.“ Dieſe ziemlich wahrſcheinliche Erklärung von Vater Laurencin ſchien genügend für Michel, der ganz von ſeinen traurigen Gedanken erfüllt war; er folgte alſo dem alten Handwerker, während Fortuné, der Bürger⸗ meiſter, Catherine, Mauleon und ſein Genoſſe in der Werkſtätte blieben. XXII. Sogleich nach dem Abgange ihres Sohnes erhob Catherine ſtolz das Haupt und ſagte zu Fortuné: „Ich kann nun die Wahrheit bekannt machen!“ „Herr Bürgermeiſter,“ ſprach der Goldſchmied, „ich wünſchte, daß wir mit dieſer Frau allein wären.“ „Gut, mein Herr,“ erwiederte der Beamte. Die Thüre öffnend, hieß er ſodann Mauleon und ſeinen Genoſſen durch einen Wink abgehen, und er ſagte zu den Soldaten: „Laßt mir dieſe Menſchen nicht aus den Augen.“ „Catherine, früher oder ſpäter werde ich mich rä⸗ chen!“ rief Mauleon mit einem Ausdrucke der Wuth. Nachdem die Thüre hinter dieſen Elenden geſchloſſen war, ſagte Fortuns: „Catherine, ich habe Alles verſtanden .. man hatte Ihnen gedroht, die Vergangenheit . in Gegenwart vor Michel zu enthüllen?“ „Ja, Herr Fortuné. Ich hatte vor Kurzem einen Brief von Mauleon erhalten; ich kannte ihn einſt. Er verlangte von mir eine Zuſammenkunft in den Ruinen Meningen; ich gehorchte, er beſaß mein Geheimniß, und „ „Herr Bürgermeiſter,“ unterbrach der Goldſchmied Catherine mit einem bezeichnenden Blicke, da er ſie nicht 348 der Pein, vor dieſem Beamten zu erröthen, ausſetzen wollte; „es handelt ſich um wichtige Familienintereſſen, erlauben Sie alſo, daß meine Arbeiterin in dieſer Hin⸗ ſicht nicht in lange Einzelheiten eingeht; mir iſt es be⸗ wieſen . . und ich hoffe, Sie werden meinem Worte glauben, daß dieſer Mauleon Catherine gedroht hat, er werde ein Familiengeheimniß, das er beſitze, mißbrauchen, wenn ſie ſich nicht bei der von ihm beſtimmten Zuſam⸗ menkunft einfinde.“ Der Bürgermeiſter verbengte ſich, und Catherine fuhr fort: „Als ich mich mitten unter den Ruinen befand, ſagte Mauleon zu mir: „„Nimm Theil an unſerem Un⸗ ternehmen, thuſt Du es nicht, ſo entdecke ich Deinem Sohne, wer Du biſt.““ Ich weigerte mich, ſeinem Willen zu entſprechen. Wüthend legte er Hand an mich. Bei dieſer Bewegung fühlte er durch meine Kleider den Schlüſſel der Kiſte, er entriß mir denſelben und be⸗ drohte mich mit dem Tode, weil ich mich fortwährend weigerte, Beihülfe bei dem Diebſtahle zu leiſten, den er hier verſuchen wollte, und den ihm der Beſitz dieſes Schlüſſels erleichterte. Ich ſchrie um Hülfe! da wurden wir alle Drei verhaftet . . . Dies iſt die Wahr⸗ heit. Sie begreifen, Herr Fortuné, warnm ich es nicht wagte, ſie in Gegenwart von Mauleon zu ſagen.“ „Ich glaube Ihnen, Catherine, denn ich weiß, wel⸗ ches Vertrauen man zu Ihren Worten haben muß; ich bitte Sie, mir meinen Verdacht zu verzeihen, zu dem ich leider durch Ihr Stillſchweigen, deſſen Urſache ich An⸗ fangs nicht errathen konnte, berechtigt war.“ Und zum Bürgermeiſter: „Wenn es nothwendig iſt, mein Herr, ſo leiſte ich Bürgſchaft für dieſe Frau; ich ſtehe für ihre Unſchuld. Fu Sie die Güte, ſie auf der Stelle in Freiheit zu etzen.“ . 349 „Ihre Bürgſchaft iſt unnöthig, mein Herr,“ erwie⸗ derte der Beamte, während er ſelbſt Catherine von dem Stricke, mit dem ihre Hände gebunden waren, befreite. „Die Facta ſind mir nun erklärt; die Sprache Ihrer Arbeiterin trägt ein Gepräge von Wahrheit an ſich, das alle meine Zweifel vernichtet. Was die zwei Elenden be⸗ trifft, welche ſie ihre Mitſchuldige zu ſein nöthigen wollten, die aber glücklicher Weiſe ihren ſtrafbaren Plan nicht ausführen konnten, ſo liegt keine andere Inzicht gegen ſie vor, als ihre verbrecheriſche Intention; ſie werden als Gefangene bis an die franzöſiſche Gränze zurückgebracht und mögen ſich anderswo aufhängen laſſen.“ Der Bürgermeiſter, nachdem er Fortuné gegrüßt, ging weg, um Mauleon und Corbin in das Gefängniß der Stadt zu führen: „Ach! arme Frau! wie mußten Sie vorhin leiden!“ ſagte der Goldſchmied zu Catherine, als er mit ihr allein war. „Sie fanden ſich in die entſetzliche Alterna⸗ tive geſtellt, entweder für eine Diebin zu gelten, oder durch dieſen Elenden Ihr Geheimniß Michel geoffenbart zu ſehen!“ ich habe viel gelitten, doch es iſt mir, Gott ſei Dank! die Idee gekommen, leiſe zu Herrn Lau⸗ rencin zu ſagen: „„Suchen Sie raſch Michel wegzufüh⸗ ren, ohne daß Mauleon Zeit hat, mit ihm zu ſprechen.““ „Die Wuth dieſes Menſchen, die Worte, die er ausrufen wollte, und die ich in dem Augenblick, wo Michel verſchwand, erſtickte, ſind für mich ein Lichtſtrahl geweſen Nun, dieſe Gefahr iſt beſeitigt . denken wir nicht mehr daran.“ „Ach! Herr Fortunés, ein großer Kummer beugt mich noch nieder.“ „Sie weinen, Catherine . . . mein Gott! was haben Sie?“ „Michel hegt unn einen Widerwillen gegen mich.“ „Er? Das iſt unmöglich, Sie täuſchen ſich.“ 350 „Ich bin leider deſſen, was ich ſage, gewiß. Ja, heute hat Michel ſeine Art, gegen mich zu ſein, auf eine ungeſtüme Weiſe geändert. Er, der ſonſt ſo freundlich, ſo zuvorkommend, ſo herzlich, iſt plötzlich zurückhaltend, kalt, beinahe hart gegen mich geworden.“ „Ah! dieſe Veränderung iſt eine ſo augenblickliche geweſen, wie Sie ſagen? Das iſt unbegreiflich!“ „Als Sie heute die Werkſtätte verließen, For⸗ tuné, um ſich nach der Waffengallerie zu begeben, und ſagten, wir mögen uns für den Spaziergang bereit alten „ „Ja, ich erinnere mich . „Nun, bis zu dieſem Augenblicke hatte ſich Michel liebevoll, offen, nach ſeiner Gewohnheit, gegen mich ge⸗ zeigt; ich bemerkte jedoch an ihm ſeit unſerem Abgange von Paris häufige Zerſtreuungen . .. „In der That, das iſt mir auch aufgefallen . . .“ „Beſorgt über dieſe Zerſtreuungen und die Schlaf⸗ loſigkeit, die ſie bei Michel verurſachen, deſſen Geſundheit ein wenig angegriffen zu ſein ſcheint, drang ich in ihn, in der Hoffnung, ein Geſtändniß über den Grund ſeines ſorgenvollen Weſens zu erlangen. Ich glaubte Anfangs, meine Zudringlichkeit in dieſer Hinſicht habe ihn verletzt.“ „Ein Beweis von Theilnahme ihn verletzen? das iſt nicht wahrſcheinlich.“ „Herr Fortuné, ich muß Ihnen Alles geſtehen. Als ich vorhin mit Schmerz über das, was zwiſchen Michel und mir vorgefallen, ſo wie über die Kümmerniſſe, von denen er ſichtbar belagert iſt, nachdachte, errieth ich ihr MWotiv ich glaube wenigſtens deſſen ſicher zu ſein. Ja, indem ich mit aller Anſtrengung in meinem Geiſte ſuchte, erinnerte ich mich verſchiedener Umſtände, welche unſerer Abreiſe von Paris vorhergingen; der Kummer, den Michel in Betreff dieſer Reiſe offenbarte, über die er bei jeder andern Gelegenheit entzückt geweſen wäre 351 Doch dieſer Kummer . mein Sohn empfand ihn nicht allein „ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ein junges Mädchen theilte ihn.“ „Ein Mädchen!“ „Michel iſt verliebt, Herr Fortuné.“ „Er! . mit achtzehn Jahren! .. erzogen in ſtrengen Grundſätzen, er, der uns nie verlaſſen hat!“ „Er hat darum nicht nöthig gehabt, uns zu ver⸗ laſſen!“ „Wie ſo?“ „Er iſt verliebt in Camille, das Lehrmädchen, das vor Kurzem in die Werkſtätte eingetreten iſt.“ „Ein Kind von kaum fünfzehn Jahren Was denken Sie denn?“ „Camille iſt am Tage unſeres Abgangs in Thränen zerfloſſen; ich erinnerte mich dieſes Umſtandes und ver⸗ ſchiedener anderer erſt, als mein Sohn mir ſeine Abnei⸗ gung bezeigt hatte; glauben Sie dem Inſtincte, dem Scharfſinne einer Mutter: mein Sohn liebt dieſe junge Perſon ihre Trennung verurſacht ſeine Traurigkeit; er liebt ſie, er liebt ſie, ſage ich Ihnen, und es erklärt ſich ſo vielleicht, dies bedenke ich nun, die Abneigung, die mir Michel bezeigt.“ „Wie das?“ „Erſchrocken über die Folgen der Zuſammenkunft, zu der mich Mauleon zwang, war ich ganz verwirrt; mein Geiſt iſt nun frei; ja, und je mehr ich darüber nachdenke . . „Vollenden Sie „ „Michel war nicht nur aufgebracht über die Hart⸗ näckigkeit, mit der ich ſein Geheimniß zu ergründen ſuchte, ſondern er vermuthete ohne Zweifel, ich ſei in dieſer Hinſicht mehr unterrichtet, als ich es zu ſein chien; er wird meinen Tavel, den Ihren oder den ſeines Großvaters über dieſe entſtehende Lebe gefürchtet haben.“ 352 „Ich habe allerdings die beſten Zeugniſſe über Ca⸗ mille erhalten; ſie zeigt ſich fleißig, verſtändig und als eine junge Perſon von einem vortrefflichen Charakter; ſie verſpricht ſehr hübſch zu werden, doch ſie iſt ein fünfzehnjähriges Kind; es wäre zu bedauern, wenn ſich Michel einer Neigung überließe, deren Zukunft un⸗ ſicher iſt. Es kann wohl ſein, daß er ſich, unſere Vor⸗ ſtellungen befürchtend und in der Vermuthung, Sie ſeien von ſeinem Geheimniß unterrichtet, gegen Sie erzürut hat. Doch beruhigen Sie ſich, ich werde Camille, wenn es ſein muß, zu einem meiner Geſchäftsgenoſſen bringen, und ſo werden wir dieſe Liebe kurz abſchneiden.“ „Nein, Herr Fortuné, ich täuſche mich,“ verſetzte Catherine, dergeſtalt in ihre Reflexionen verſunken, daß ſie die letzten Worte des Goldſchmieds nicht hörte. „Nein,“ ſprach ſie, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd, „die Ur⸗ ſache des Grolles von Michel muß ernſter ſein. Ach! hat er mir nicht die niederſchmetternden Worte geſagt: „„Madame, ſprechen Sie den Ramen meiner Mutter nicht aus, Sie profaniren ihr Andenken.““ „Dieſe Worte ſind grauſam, arme Frau . . . Aber, mein Gott! aus welchem Anlaß konnte ſie Michel ſagen?“ „Als ich in der Hoffnung, ſein gewöhnliches Ver⸗ trauen zu mir zurückzuführen, die Erinnerung an ſeine Mutter anrief.“ „„Sie profaniren das Andenken meiner Mutter!““ hat er Ihnen geſagt. Ich frage Sie noch einmal, 6 Umſtand konnte dieſen blutigen Vorwurf moti⸗ viren?“ „Ach! ich weiß es nicht; nie hatte ich mich zärtli⸗ cher gegen ihn gezeigt, denn ſeine Traurigkeit zerreißt mir das Herz. Ich fragte ihn nach der Urſache ſeines Kummers im Namen meiner Zuneigung für ihn; ich näherte mich ihm, um ſeine Hand zu ergreifen. Da wich er zurück, warf mir einen eiſigen Blick zu . . . und. 2 ————— — ——— 353 Doch plötzlich von einer Idee ergriffen, unterbrach ſich Catherine, ihr Geſicht drückte Zweifel und Hoffnung aus, und ſie rief: 1 „O Himmel! wäre es möglich! er könnte ſich in dieſem Grade täuſchen über . . . Nein, nein, ich kann es nicht glauben . . . und dennoch . . . „Catherine, Sie erbleichen, was haben Sie?“ fragte lebhaft der Goldſchmied in dem Angenblick, wo Michel mit ſeinem Großvater in die Werkſtätte eintrat. XXIII. Im Geſichte von Vater Laurencin, als er zu Ca⸗ therine und Fortuné Sauval zurückkam, war eine ſchmerz⸗ liche Gemüthsbewegung zu leſen. „Du biſt ein böſer Junge, ein Undankbarer!“ ſagte zu Michel. „Ich werde mich bei Herrn Fortuné be⸗ agen.“ „Was gibt es?“ fragte ſehr erſtaunt der Gold⸗ ſchmied den Greis. „Das iſt das erſte Mal, guter Va⸗ ter, daß ich Euch Michel im Ernſte zanken höre.“ „Er betrübt mich auch zum erſten Male,“ erwie⸗ derte der Greis mit Thränen in den Augen. „Er iſt ein Undankbarer!“ „Großvater!“ „Ja, ein Undankbarer . . . Du willſt mich ver⸗ laſſen .. Du willſt von Herrn Fortunsé, wo Du Dein Gewerbe gelernt haſt, weggehen!“ „Mein Gott!“ ſagte Catherine mit Bangigkeit zu ſich ſelbſt, „was höre ich?“ „Wie, Michel,“ ſprach der Goldſchmied bewegt, „ſollte es wahr ſein . . . Du wollteſt . . .“ „Herr Fortuné, in meinem Leben werde ich nicht vergeſſen, daß ich Ihnen Alles, was ich kann und weiß, Die Familie Jvuffroy. n. 23 3⁵4 verdanke, ebenſo wenig werde ich die Zärtlichkeit meines Großvaters vergeſſen.“ „Und Du willſt uns verlaſſen, unglückliches Kind! DOh! Du haſt uns nie geliebt!“ rief weinend der Greis. „Es iſt kein Zweifel!“ dachte Catherine, die ſich kaum zu bewältigen vermochte: „er will mich fliehen .. Ich errathe nun Alles . . . Unglückliches Kind! . . . Hören wir!“ Und ſie horchte bebend. „Michel,“ ſprach Fortuné mit ernſtem, innigem Tone, „ich kann noch nicht glauben, daß Du wirklich daran denkſt, Dich von uns zu trennen; ich rede nicht von dem Kummer, den dies mir bereiten würde, — ich war gewohnt, Dich als meinen Sohn zu betrachten, — doch ich rede von der tiefen Betrübniß, in die Du Dei⸗ nen Großvater verſetzen würdeſt. In ſeinem Alter, mein Kind, laſſen die gebrochenen Zuneigungen eine unheilbare Wunde zurück.“ „Ach! ich werde darüber ſterben!“ murmelte der Greis, ſein Geſicht in ſeinen Händen verbergend. „Ich, der ich ſeit neunzehn Jahren nur für ihn lebte!“ „Michel,“ ſagte Catherine, „ſollten Sie den Muth Ihrem Großvater ſo viel Kummer zu verur⸗ ſachen?“ „Madame,“ erwiederte der junge Mann, „ich habe nur von meinem Meiſter und von meinem Großvater einen Rath zu empfangen!“ Peinlich berührt durch die herbe Antwort von Mi⸗ chel, ſagte Fortuné zu dieſem: „Che ich von Deiner Redlichkeit, von Deiner An⸗ hänglichkeit Erklärungen in Betreff einer ſehr unvor⸗ hergeſehenen Trennung fordere, beeile ich mich, mein Freund, Dir mitzutheilen, daß der vorhin auf Frau Ca⸗ therine laſtende Verdacht, welchen einen Angenblick ge⸗ theilt zu haben ich tief bedaure, und worüber ich ſie um 355 Verzeihung bitte, völlig beſeitigt iſt. Sie hatte einſt einen von dieſen Elenden, die man hierher gebracht, ge⸗ kannt; dieſer Menſch war damals ehrlich. Da ſie ihm durchaus nicht mißtraute, ſo begab ſie ſich zu einer Zu⸗ ſammenkunft, die er von ihr unter dem Vorwande wich⸗ tiger Intereſſen verlangte; in einen Hinterhalt gefallen, ſah ſie ſich den Schlüſſel zur Kiſte der Edelſteine ent⸗ reißen. Als ſie ſodann mit dieſen Elenden hierher geführt wurde, zögerte ſie Anfangs aus Mitleid für einen der⸗ ſelben, die Wahrheit zu ſagen; doch genöthigt, ſie bekannt zu machen oder für die Mitſchuldige bei einem ſtrafba⸗ ren Unternehmen zu gelten, entdeckte ſie Alles. Die zwei Banditen haben ihre verbrecheriſchen Pläne geſtan⸗ den, und Frau Catherine bleibt das, als was wir ſie immer gekannt haben: die würdige und ehrenwerthe Ge⸗ fährtin unſerer Arbeiten.“ Dieſe Erklärung der vorhergehenden Begebenheiten mußte für Michel jede Wahrſcheinlichkeit haben: auch ließ er ſich, von anderen Gedanken, als von dem der Schuld⸗ haftigkeit von Catherine in Anſpruch genommen, durch die Verſicherung von Fortuné, den er liebte, den er ver⸗ ehrte, zu dem er ein blindes Vertrauen hatte, von der Unſchuld der Gefährtin aller ihrer Arbeiten überzeugen. „Was Sie mir nittheilen, macht mich glücklich, Herr Fortuné,“ erwiederte Michel; „ich hatte Ihren Verdacht getheilt, und ich bitte auch Madame um Ver⸗ zeihung, daß ich ſie einer ſchlechten Handlung fähig ge⸗ glanbt habe.“ „Ich verzeihe Ihnen von ganzem Herzen,“ ſagte Catherine, die ihren Sohn nicht mit dem Blicke verließ und voll Bangigkeit anf den Moment, ihren neuen Zwei⸗ fel hinſichtlich der zurückſtoßenden Kälte, die er ihr be⸗ zeigt hatte, aufzuklären wartete. „Michel,“ fuhr der Goldſchmied fort, „ſage uns nun offenherzig, warum Du uns verlaſſen willſt 356 Woher kommt dieſer ebenſo unvorhergeſehene, als für uns ſchmerzliche Entſchluß?“ „Meiſter Fortuné . . . ich ich kann nicht „Sie ſehen.“ rief der Greis, „er zaudert, er ſtam⸗ melt; er hat ſo ſehr das Bewußtſein ſeines Undankes, daß er ſich ſchämt, mit der Sprache herauszugehen . . Hören Sie, was geſchehen iſt, Herr Fortuné: Vorhin ſprach ich mit dieſem böſen Knaben über unſere nahe bevorſtehende Rückkehr nach Paris; wie groß war mein Erſtaunen, meine Entrüſtung, als ich ihn zu mir ſagen hörte: „„Großvater, ich bitte Euch, Meiſter Fortuné in Kenntniß zu ſetzen, damit er ſich einen andern Werkfüh⸗ rer ſuchen kann, weil ich bei unſerer Ankunft in Paris im Zimmer ſtückweiſe arbeiten, unabhängig leben will.““ „Du wvillſt alſo unſere Werkſtätte verlaſſen, Michel?“ fragte Fortuné; „Du haſt Dich alſo über mich zu be⸗ klagen?“ * „Nein, Meiſter Fortuns, ich habe Ihnen geſagt⸗ ich werde nie vergeſſen, daß ich Ihnen . . . mein Ge⸗ werbe verdanke.“ „Und Du beweiſeſt Deine Dankbarkeit gegen unſern Patron dadurch, daß Du ihn abſcheulicher Weiſe ver⸗ läſſeſt“ rief der Greis; „höre, Du biſt nur ein ſchlech⸗ tes Herz!“ „Guter Vater,“ ſprach der Goldſchmied, „ſeid nach⸗ ſichtig. Michel, ich bin es feſt überzeugt, hat einer Laune, einem wunderlichen, jugendlichen Einfalle nachge⸗ geben; bei ruhigeren Sinnen wird er morgen nicht mehr an dieſen Entſchluß denken, über den er uns Alle be⸗ trübt ſieht.“ „Ich bitte um Verzeihung, Meiſter Fortune⸗ entgegnete Michel mit feſter Stimme, „mein Entſchluß iſt gefaßt und wohl gefaßt . Ich wünſche auf den 357 Zimmer zu arbeiten und hoffe, Sie werden mir einige Arbeiten anvertrauen.“ „Glaubſt Du Deinen Lohn zu vermehren, wenn Du auf dem Zimmer arbeiteſt? ſage es mir, und 3 „Ah! Meiſter Fortuné, denken Sie nicht, ich ſei im Stande, mich vom Intereſſe leiten zu laſſen.“ „Warum willſt Du Dich denn von uns trennen?“ „Ich möchte gern bei mir leben.“ „Iſt Dir die Freiheit, die Du in meinem Hauſe genießeſt, nicht genügend? Habe ich je von Dir Rechen⸗ ſchaft über die Verwendung der Zeit verlangt, die Dir gehört?“ 8 „Rein, doch ich ich wünſche ganz unabhängig zu ſein.“ „Herr Fortuné,“ ſprach Catherine nach langem Zö⸗ gern, indem ſie eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt machte, „ich weiß, warum Michel die Werkſtätte ver⸗ laſſen will.“ „Sie, Madame?“ verſetzte der junge Mann mit einer gewiſſen Bitterkeit. „Sie täuſchen ſich.“ „Geſtehen Sie, daß Sie theilweiſe meinetwegen das Haus von Herrn Fortuné verlaſſen wollen.“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ „Ich meine, Michel, daß ich für Sie nur ein Ge⸗ genſtand des Widerwillens, des Ekels bin.“ „Madame!“ 6 glauben, ich ſei in Sie verliebt, theures, armes ind.“ Bei dieſen mit einer Miſchung von Vorwurf, Schmerz und unbeſchreiblichem Mitleid ausgeſprochenen Worten bebte der junge Mann, während ſein Großvater und Fortuné ſich mit Erſtaunen anſchauten. Catherine fuhr, ſich an ihren Sohn wendend, fort: Sie haben ſich getänſcht in der Ratur der Ge⸗ fühle, die Sie mir einflößen; ja, vergeſſend, daß Ihre 35⁵8 Mutter, meine beſte Freundin, mir bei ihrem Tode ihre Zärtlichkeit für Sie, mein Kind, gleichſam vermacht hatte, haben Sie die unſchuldigen Beweiſe dieſer, faſt mütterlichen Zärtlichkeit, einem Gefühle zugeſchrieben, das mein Alter in Ihren Augen ſchmählich und empörend erſcheinen ließ. Sie ſchweigen, Michel! Sie erröthen, Sie ſchlagen die Augen nieder! . . . Ah! ich nehme Ihren Großvater und Herrn Fortuné zu Zeugen! ſie können nun nicht mehr zweifeln! Dies war Ihr Gedanke! Dies war die Urſache des plötzlichen Widerwillens, den Sie heute Morgen gegen mich geoffenbart haben, und deſſen Gründe ich lange vergebens geſucht . . . Dies war endlich die Bedeutung Ihrer niederſchmetternden Worte: „„Madame, ſprechen Sie mir nicht von meiner Mutter, Sie profaniren ihr Andenken.““ Verwirrt, niedergebeugt und dennoch um eine ſchmerz⸗ liche Laſt erleichtert, denn es hatte ihn viel gekoſtet, Catherine zu mißachten, nicht mehr an die Uneigennützig⸗ keit einer Zuneigung zu glauben, welche Anfangs auf⸗ richtig von ihm getheilt wurde, fand Michel kein Wort der Erwiederung. ⸗ . „Wie!“ rief der Großvater, „Du konnteſt einen für Frau Catherine ſo verletzenden Zweiſel haben?“ „Klagen Sie ihn nicht an, Herr Laurencin; ich hatte auch mein Unrecht; ich hätte bedenken müſſen, daß ich noch nicht ganz eine alte Frau war . . . und daß Michel kein Kind mehr iſt . . ., daß er ſich vielleicht nicht genug Rechenſchaft über die Lebhaftigkeit der Zuneigung geben werde, die er mir einflößte, weil ſeine Mutter eines Tags zu mir geſagt hat: „„Ich habe einen Sohn, triffſt Du ihn je irgendwo und er bedarf Deiner Ergebenheit, ſo erſetze meine Stelle bei ihm!““ Ja, das iſt mein Unrecht, ich geſtehe es . . . Ich habe mich zu ſehr als Mutter gegen Sie gezeigt, liebes armes Kind!“ fügte Catherine bei, die ſich der Thränen nicht 359 mehr erwehren konnte; „ich wollte zu ſehr Ihre von Ihnen ſo beklagte Mutter erſetzen.“ „Oh! Frau Catherine, verzeihen Sie .. . verzeihen Sie mir meinen beleidigenden Verdacht!“ rief Michel mit feuchten Angen. „Wie ſchäme ich mich meines Irr⸗ thums! . . . Oh! wenn Sie wüßten . . .“ „Ich weiß . . ja, ich weiß, daß Ihnen dieſe ge⸗ häſſigen Zweifel vielleicht nicht gekommen wären ohne Ihre Liebe für Camille . eine Liebe, die Ihre Seele neuen Gefühlen, neuem Mißtrauen geöffnet hat.“ Bei dieſer unvorhergeſehenen Offenbarung ſeines Geheimniſſes in Gegenwart ſeines Großvaters und von Fortuné wurde Michel purpurroth; ſeine Rührung machte der Verwirrung, dem Zorne Platz, und er rief: „Madame, wer gibt Ihnen das Recht, zu „Erlauben Sie mir, mein liebes Kind, Sie zu unterbrechen und meinen Gedanken zu vollenden . .. Sie werden es nicht berenen, wenn Sie mich angehört haben . „ Sie glaubten mich vorhin von Ihrem Ge⸗ heimniß unterrichtet, Sie hielten mich für die Nebenbuh⸗ lerin von Camille; meine Eiferſucht . . . dies war Ihre Furcht . .. müſſe Ihre entſtehende Liebe beſpähen, ihr hinderlich in den Weg treten, ſie vielleicht Ihrem Groß⸗ vater oder Herrn Fortuné hinterbringen: nicht wahr? Geſtehen Sie auch . denn nun verkettet ſich für mich Alles . .. geſtehen Sie, daß Ihr plötzlicher Entſchluß, die Werkſtätte zu verlaſſen, zur Urſache nicht nur den Wunſch hatte, ſich von mir zu entfernen, ſondern auch die Hoffnung, daß Sie, in Ihren Handlungen frei geworden, Camille ohne Zwang ſehen und lieben und ſie vielleicht bewegen können, das Haus Ihres Meiſters zu verlaſſen?“ Der tiefe Scharfblick dieſer zärtlichen Mutter brachte Michel in Verwirrung; er erſchrak und war troſtlos beim Gedanken an die neuen Hinderniſſe, welche dieſe Offen⸗ barungen ſeiner Liebe für Camille entgegenſetzen müßten. 360 Dieſe verſchiedenen Gefühle entgingen Catherine nicht; ſie bat den Vater Laurencin und den Goldſchmied durch eine Geberde, ſie nicht zu unterbrechen, und fuhr ſo⸗ dann fort: „Michel, ich beſchwöre Sie nun, ſehen Sie in mir nicht eine Feindin von Camille. Ich kann beſſer als irgend Jemand ſeit ihrem Eintritte in die Werkſtätte, da ſie unter meinen Befehlen arbeitet, ihre Sanftmuth, ihren Verſtand, ihren Fleiß würdigen, und oft, Herr Fortuné wird es Ihnen ſagen, habe ich lobend von ihr geſprochen.“ „Sollte dies wahr ſein?“ rief naiver Weiſe Michel, deſſen Zorn gegen Catherine ſich wie durch einen Zauber beſänftigte. „Sie denken, daß Camille . . . „Ich denke für jetzt viel Gutes von Camille,“ er⸗ wiederte lächelnd Catherine; „doch ſie zählt kaum fünf⸗ zehn Jahre, Sie ſind noch keine neunzehn Jahre alt, es iſt alſo weder das Eine noch das Andere im Alter, zu heirathen. Ich werde Ihnen nicht ſagen: „„Hören Sie auf, dieſes Mädchen zu lieben!“““ ich ſage Ihnen: „„Halten Sie dieſe Liebe vor ihr geheim bis zu dem Angenblick, wo Sie mit ihr davon ſprechen können, ohne zu erröthen und ohne ſie erröthen zu machen; bis dahin ſtudiren Sie ihren Charakter; wir, Ihr Großvater und ich, wir werden ihn auch mit einer wachſamen Sorgfalt ſtudiren; zeigt ſie ſich in ein paar Jahren Ihrer würdig, harrt Ihre Liebe aus, ſo werden, hievon bin ich über⸗ zeugt, Ihr Großvater und Herr Fortuné die Erſten ſein, die eine Heirath billigen, in der Sie ſodann alle wün⸗ ſchenswerthen Garantien des Glückes finden müſſen. Ca⸗ mille iſt, ich weiß es, eine arme Waiſe. Sie, liebes Kind, ſind auch Waiſe: Ihr einziges Vermögen iſt Ihre Arbeit; doch es iſt beſſer, ſich in ſeinem Stande zu ver⸗ heirathen, als anderswo eine glänzendere, aber oft trü⸗ geriſche Verbindung zu ſuchen .. Alſo Geduld, Muth⸗ — — 361 Hoffnung. . . Sie haben mich für die Rebenbuhlerin von Camille gehalten . . . ich werde ihr vielleicht, am Tage Ihrer Verheirathung, als Mutter dienen.“ „Oh! Frau Catherine,“ rief Michel, indem er die Hände der Arbeiterin nahm und im Erguſſe ſeiner Dank⸗ barkeit küßte, „wie ſtrafbar war ich, daß ich ſo Ihre Gefühle für mich mißkannte! Sie behandeln mich wie einen Sohn!“ „Ja, ja, ich betrachte Sie als einen geliebten Sohn!“ „Und für mich werden Sie fortan eine Mutter ſein; Sie werden die erſetzen, welche ich verloren habe. Oh! ich ſchwöre Ihnen, durch Zärtlichkeit, durch Ehrfurcht werde ich machen, daß Sie vergeſſen, ich habe eines Tages das Unglück gehabt, zu .. .“ „Michel, kein Wort mehr von der Vergangenheit,“ rief Catherine, ergriffen von der ſüßeſten, lebhafteſten Gemüthsbewegung, der ſie ſich diesmal ohne Zwang hingab; „Gott ſei Dank! fortan kein Mißtrauen mehr zwiſchen uns!“ „Im Namen meiner Mutter, erlauben Sie mir, Sie zu umarmen; Sie werden mir ſo beweiſen, daß Sie mir völlig verziehen haben,“ ſagte Michel mit rühren⸗ dem Tone. Statt jeder Antwort ſtreckte Catherine die Arme gegen ihn aus, küßte ihn zweimal auf die Stirne und murmelte voll Trunkenheit: „Liebes, liebes Kind!“ wäh⸗ rend der Vater Laurencin und Fortuns tief gerührt ihre Thränen abwiſchten. „Nun! Herr Unabhängiger,“ ſagte der Greis zu ſeinem Enkel, „willſt Du immer noch ſtückweiſe arbeiten? die Werkſtätte verlaſſen?“ „Ah! Großvater, ſeid . . . und darum bitte ich auch Herrn Fortuns . . ſeid nicht minder nachſichtig gegen mich, als es Frau Catherine iſt.“ 362 „Für meine Nachſicht ſtelle ich eine Bedingung: daß u zur Sühne Deiner Thorheiten unſere würdige Ge⸗ fährtin fortan Mutter Catherine nennſt,“ er⸗ wiederte Fortuné lächelnd, „und daß Du nach den wei⸗ ſen Rathſchlägen, die ſie Dir gegeben, nicht eher von Liebe mit Camille ſprichſt, als bis Du ihr zugleich ſagen kannſt: „„Sei mein Weib!““ „Unter dieſen Bedingungen, mein Junge, werde ich ſo wahr ich Dein alter Großvater bin, Deinen Hochzeit⸗ ball mit Mutter Catherine eröffnen“ „Oh! Großvater! oh! Meiſter Fortuné!“ rief Michel, „wie nachſichtig ſind Sie gegen mich! Ich habe den Himmel im Herzen!“ Ein Diener des Palaſtes, der in dieſem Augen⸗ blicke eintrat, übergab Fortuné einen Brief und ſagte: „Mein Herr, von der Frau Gräfin d'Arcueil.“ „Eudlich,“ ſprach der Goldſchmied mit Bangigkeit zu ſich ſelbſt, „endlich werde ich den Entſchluß von Au⸗ relie erfahren.“ Und er verließ haſtig die Werkſtätte und ſagte nur noch: „Morgen, meine Freunde; ich verlaſſe Euch glück⸗ lich! Mir wird vielleicht Euer Glück ein Troſt für den Brief ſein, den ich ſo eben empfangen habe.“ XXIV. Am andern Morgen nach dem Tage, wo Catherine beinahe auf immer von ihrem Sohne getrennt worden wäre, erhielt Fortuné Sauval in der Wohnung, die er im Palaſte einnahm, den Beſuch des Oberſten Walter, des erſten Adjutanten von Karl Maximilian. „Mein Herr,“ ſprach der Oberſt, nachdem er im 363 Auftrage des Prinzen einen Brief dem Goldſchmied über⸗ geben hatte, den dieſer ſo eben zu Ende geleſen, „Seine Hoheit hat mir befohlen, Ihnen zu wiederholen, ſie be⸗ daure es auf das Lebhafteſte, Ihnen nicht mündlich ihre Dankbarkeit dafür, daß ſie ſich die Mühe genom⸗ men, nach Deutſchland zu reiſen, ausdrücken zu können; doch der ſchmerzliche Schlag, von dem der Prinz be⸗ troffen worden, die Sorge der Staatsgeſchäfte halten ihn noch in Ramberg zurück.“ Fortuns, deſſen verſtörte Züge von einer in der Schlafloſigkeit und in Bangigkeiten zugebrachten Nacht zeugten, verbengte ſich leicht, ſchwieg einen Augenblick und erwiederte ſodann: „Mein Herr, erlauben Sie mir eine Frage, ſie wird Ihnen Anfangs indiscret ſcheinen, doch Sie wer⸗ den ſie entſchuldigen, wenn Sie erfahren, daß die Perſon, um die es ſich handelt, meine Verwandte, meine Cou⸗ ſine iſt.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Frau von Villetanenſe wohnt in der Vil la Far⸗ neſe unter dem Namen Gräfin d'Arcueil. . . . „Mein Herr. . . „Herr Oberſt, Frau von Villetaneuſe iſt meine Couſine. Ich habe ſie geſtern geſehen, ſie hat mir Alles geſtanden.“ „Was kann ich Ihnen in dieſem Falle mittheilen, mein Herr?“ „Sie ſind ein Ehrenmann, Herr Oberſt, Sie be⸗ greifen, wie groß mein Schmerz war, da ich hier meine Verwandte, meine Freundin aus der Kinderzeit als Mai⸗ treſſe des Prinzen wiederfand.“ „Mein Herr, dieſer Ausdruck ..“ Ich vermöchte Frau von Villetaneuſe nicht anders zu benennen; überdies, ich wiederhole es Ihnen, hat ſie mir nichts verborgen; ich ſage es auch laut, ich habe es 364 verſucht, ſie zu bewegen, den Prinzen zu verlaſſen, nach Frankreich zurückzukehren und dort bei ihrer Familie zu leben; unſere Unterredung wurde unterbrochen, Frau von Villetaneuſe verſprach mir jedoch, mir zu ſchreiben, und ſie hat Wort gehalten. Ich habe geſtern Abend ein Billet von ihr erhalten: ſie theilt mir mit, obgleich das Vernünftige meiner Rathſchläge anerkennend, habe ſie doch nicht den Muth, ſie zu befolgen, und ſie trete eine Reiſe an; Frau von Villetaneuſe begibt ſich alſo zum Prinzen nach Ramberg?“ „Wie! mein Herr, die Frau Gräfin hat Sie nicht davon unterrichtet. . .“ „Wovon?“ „Von der Heirath Seiner Hoheit!“ „Der Prinz heirathet?“ „Er mußte auf das heilige Evangelium ſeinem ſter⸗ benden Bruder geloben, er werde die Prinzeſſin Wilhel⸗ mine aus dem Kaiſerhauſe Oeſterreich heirathen. Die Staatsraiſon forderte dieſe Heirath.“ „Die Prinzeſſin Wilhelmine! . . . Es iſt kein Zweifel mehr, der Namenszug der Toilette und des kö⸗ niglichen Schmuckes, ſeit ſechs Monaten vom Prinzen beſtellt! Ich begreife nun Alles! Längſt beabſichtigte er, Frau von Villetanenſe zu verlaſſen, und geſtern noch wiegte ſie ſich in den ſüßeſten Illuſionen! Ach! die Un⸗ glückliche! Aber, mein Herr, das iſt entſetzlich! Der Schlag, der ſie trifft, iſt gräßlich. Wenigſtens bin ich hier. es iſt noch Zeit, ſie dem Schickſal zu entreißen, das ſie bedroht, und ich will . . .“ „Sie wiſſen alſo nicht, mein Herr, daß die Frau Gräfin abgereiſt iſt?“ „Was ſagen Sie?“ „Bei Tagesanbruch abgereiſt.“ „Großer Gott! aber wohin iſt ſie denn gegangen?“ „Nach Italien, unter dem Schutze des Herrn Her⸗ ———, 365 zogs von Manzanares, eines vertrauten Freundes Sei⸗ ner Hoheit, der geſtern Abend von Ramberg angekom⸗ men iſt.“ „In der That, dieſen Namen hörte ich geſtern mel⸗ den, als meine Unterredung mit Frau von Villetaneuſe unterbrochen wurde. Abgereiſt! mein Gott! keine Hoff⸗ nung mehr!“ rief Fortuné. Und er ſchwieg tief betrübt, während der Oberſt fortfuhr: „Der Herr Herzog von Manzanares hatte von Sei⸗ ner Hoheit den traurigen und vertraulichen Auftrag er⸗ halten, der Frau Gräfin die Staatsgründe auseinander⸗ zuſetzen, welche den Prinzen nöthigten, auf eine für ihn ſo koſtbare Reigung zu verzichten, und für den Fall, daß dieſes Anerbieten der Frau Gräfin genehm wäre, ſollte ſich der Herzog zu ihren Befehlen ſtellen, um ſie nach Italien zu führen, in der Hoffnung, ſie werde ei⸗ nigen Troſt für ihren Kummer in der Zerſtreuung dieſer Reiſe finden. Die Frau Gräfin nahm dieſen Vorſchlag an, und es ward mir die Ehre zu Theil, ſie bis auf die erſte Station nach den Befehlen Seiner Hoheit zu begleiten. Ich hatte Ramberg bald nach dem Herzog verlaſſen, uud war für den Fall, daß ſich die Frau Gräfin zur Abreiſe entſchließen ſollte, beauftragt, ſie ei⸗ nige Meilen zu begleiten, um dem Prinzen Rechenſchaft über ihren Zuſtand geben zu können. Gott ſei Dank! trotz ihrer tiefen Niedergeſchlagenheit, gibt ihre Geſund⸗ heit keinen Anlaß zu irgend einer Beſorgniß.“ „So iſt ſie alſo nun auf immer verloren!“ ſprach Fortuns mit ſchmerzlichem Tone, „ihr unſeliges Geſchick ſoll bis zum Ende in Erfüllung gehen!“ Der Oberſt Walter, der den Sinn der Worte des Goldſchmieds nicht verſtand, erwiederte: „Erlauben Sie mir, mein Herr, über Ihre Be⸗ ſorgniß in Betreff der Fran Gräfin mich zu wundern; 366 der Herr Herzog von Manzanares iſt ein vollkommener einem fürſtlichen Aufwand; die Frau Gräfin iſt mit ihrer Familie in einem Wagen, der Herzog in einem andern, und . . .“ „Wahrhaftig! welche zarte Rückſicht! wie wohlan⸗ ſtändig!“ verſetzte Fortuné mit einer bittern Jronie, die der Oberſt nicht wahrnahm. „Dieſer vornehme Herr beſitzt alſo ein ungehenres Vermögen, er macht einen fürſilichen Aufwand und zeigt ſich als vollkommener Edel⸗ mann?“ „Ja, mein Herr, es gibt wenig Charaktere, welche edler als der ſeine. Ich will Ihnen einen Beweis hievon geben, denn . . . „Und dieſer reiche Herr iſt wahrſcheinlich Witwer oder unverheirathet?“ „Er iſt ſeit langen Jahren Witwer,“ antwortete der Oberſt, der fortwährend den ſchmerzlichen und zu⸗ gleich höhniſchen Ausdruck des Goldſchmieds nicht be⸗ merkte. Und er fügte bei: „Ich hatte die Ehre, Ihnen zu ſagen, der Herzog ſei einer der edelſten Männer, einer der hochherzigſten Chäraktere; vernehmen Sie einen Beweis unter Tanſendenz ich bin heute Morgen, als ich die Frau Gräfin begleitete, Zeuge der Thatſache gewe⸗ ſen: Die Wagen fuhren im Galopp der Geſpanne; wir waren ungefähr eine Meile von der letzten Station ent⸗ fernt, da geht ein junger Mann unvorſichtiger Weiſe über die Straße und fällt unter die Füße der Pferde vom Wagen des Herzogs. Die Poſtillons ſind ſo glück⸗ lich, zeitig genug anzuhalten; der unvorſichtige junge Mann entkommt, obgleich ziemlich ſchwer verwundet, einer großen Gefahr und wird durch die Fürſorge des Her⸗ zogs in die Caleche des Secretaire Seiner Excellenz ge⸗ bracht. Aufangs ohnmächtig, erwacht der Verwundete wieder zum Bewußtſein. Ich habe in meinem Leben Edelmann; ſein Vermögen iſt ungeheuer, er reiſt mit 367 kein ſo ſchönes, reizendes Geſicht wie das ſeine geſehen; der Herzog bezeigt ihm eine lebhafte Theilnahme, erkun⸗ digt ſich nach ſeinem Namen, nach ſeiner Lage, und er⸗ fährt von dieſem jungen Manne, der Angelo Grimaldi heißt, daß er, ein Venetianer und wegen der letzten po⸗ litiſchen Ereigniſſe zum Tode verurtheilt, vor der öſter⸗ reichiſchen Polizei flieht. „Mein Herr,““ ſpricht der Herzog edelmüthig zu dem jungen Geächteten, „ich bin ein erklärter Gegner Ihrer Meinungen, doch ich nehme Sie unter meinen Schutz, und wenn Ihnen dies an⸗ ſteht, ſo ſollen Sie für meinen zweiten Secretaire gel⸗ ten. So können Sie mit uns bis in die Schweiz rei⸗ ſen, wo Sie nichts mehr zu befürchten haben.“ Der junge Mann nahm dieſes Auerbieten dankbar an, und zu dieſer Stunde reiſt er in einem der Wagen vom Ge⸗ folge Seiner Excellenz. Ich führe Ihnen dieſe rührende Thatſache, von der ich heute Morgen Zeuge geweſen, an, um Ihnen, mein Herr, das Maß vom edlen Cha⸗ racter des Herzogs von Manzanares zu geben, und um Ihnen darzuthun, daß die Gräfin unter keines wacke⸗ Mannes Geleite reiſen könnte; übrigens . . bin 1 Als der Oberſt Walter jedoch wahrnahm, daß For⸗ tuns ihn nicht anhörte, ſeitdem er von dem edelmüthigen Benehmen von Herrn von Manzanares gegen den an⸗ geblichen Geächteten erzählte, da berührte er den in dü⸗ ſtere Reflexionen verſunkenen Goldſchmied leicht beim Arme und fügte bei: „Verzeihen Sie, mein Herr, ich hatte die Ehre Ihnen zu ſagen, die Frau Gräfin . ..“ „Die Frau Gräfin von Villetaneuſe, nachdem ſie die Maitreſſe des Prinzen geweſen, mein Herr, ſoll ohne Zweifel die Maitreſſe des Herzogs von Manzanäres wer⸗ den, dem ſie Karl Maximilian. . durch einen ſtillſchwei⸗ genden, abſcheulichen Vertrag vermacht haben wird!“ 368 rief Fortuns Sauval in Verzweiflung; „von Entwür⸗ digung zu Entwürdigung wird dieſe junge Frau in einen Abgrund der Schande fallen! Wehe Karl Maximilian! er hat zuerſt Aurelie ins Verderben geführt. Ach! von dieſer Seele, die er zu Grunde gerichtet, wird er einſt Gott eine furchtbare Rechenſchaft zu geben haben!“ Vierte Abtheilung. J. Seit ungefähr zwei Jahren mit ſeiner Couſine Marianne verheirathet, hatte Fortuné Sauval ſeine Wohnung in der Cour des Coches verlaſſen, um ein freundliches, hübſches Haus im Quartier Tivoli zu be⸗ ziehen; noch nicht gebaute, aber mitten durch die unge⸗ heuren Gärten dieſes Vergnügungsortes angelegte Straßen theilten das Quartier in eine zahlreiche Menge von Looſen, faſt durchgängig beſchattet durch hundertjährige, von den Gründern dieſer neuen Stadt, von der man nur einige kurz zuvor erbaute Häuſer ſah, reſpectirte Bäume. Obgleich von einer eleganten Einfachheit, offenbarte doch die Wohnung von Fortuns Sauval in ihrem Ge⸗ ſammtweſen und in ihren Einzelheiten innerlich und äußerlich den vortrefflichen Geſchmack des modernen Benvenuto Cellini; das Erdgeſchoß glich, theilweiſe der Ausſtellung der verfertigten Gegenſtände gewidmet, einem Muſeum der Goldarbeiterkunſt; große Schränke von Ebenholz, innen mit rothem Sammet ausgeſchlagen, ge⸗ trennt durch gedrehte Säulen und überragt von Frieſen von ſo zarter Vertiefung, als die ſchönſten Meubles der Renaiſſance, enthielten Schätze des Genies von Fortuné Sauval; das Email, die Niellen, das Silber, das Ver⸗ Die Familie Jonffroy. n. 24 370 meil, das Gold, die Edelſteine, die Diamanten ſunVen vor den Augen, welche noch mehr durch die herrliche Kunſt dieſer Wunderwerke entzückt, als durch ihren koſt⸗ baren Stoff geblendet waren; ein großer mit einem Sammetteppich bedeckter Tiſch, ein prächtiges Tintenge⸗ fäß, verziert mit Figurinen, welche Fortuné mit Liebe ciſelirt hatte; einige in Saffian gebundene Bücher zum Einſchreiben von Beſtellungen und Adreſſen der Kunden, das war das Comptoir der Kleinhändlerin Marianne Sauval, wie einſt verächtlich ihre Mutter in ihrer albernen traurigen Eitelkeit ſagte. Jardinièren mit Blumen gefüllt, ein bewunderungswürdiger marmorner Kamin, eine Sculptur von Antonin Moyne; ſchöne Ge⸗ mälde aus verſchiedenen alten und neuen Schulen, Statuen und antike Basreliefs vervollſtändigten die Ausſchmückung dieſer großen Gallerie, welche den Neid mancher Paläſte erregt hätte. Hier empfing Marianne, köſtlich umgeben von den Meiſterwerken ihres Gatten⸗ eine ausgewählte Kundſchaft, die der Frau des berühm⸗ ten Künſtlers ebenſo viel Sympathie, als Ehrfurcht be⸗ zeigte. Ein Theil der Zimmer des erſten Stockes war von der Tante Prudence und den jungen Eheleuten be⸗ wohnt; die andern, damals noch leeten, Zimmer beſtimm⸗ ten ſie für einen Gebrauch, von dem wir bald ſprechen werden. 3 Ein in Mauern eingeſchloſſener, mit herrlichen Bäu⸗ men bepflanzter Garten umgab das Haus; ein Gitter gewährte Zutritt in den Garten; links von dieſem Ein⸗ gange ſtand der Pavillon des Hausmeiſters und links war ein geräumiges Gebände in Form einer Sennhütte die Werkſtätte von Fortuné Sauval enthaltend, deſſen Kundſchaft, beinahe gegen ſeinen Willen, eine große Ausdehnung gewonnen hatte; wir ſagen: beinahe gegen ſeinen Willen, weil er, der, nach ſeinem Ausdrucke, Kunſt, und nicht Goldſchmiedsarbeit, Bijouterie ohne Zeichnung⸗ 371 ohne Styl, ohne Charakter, zu treiben fortfuhr, alle ſeine Modelle ſelbſt zeichnete, ciſelirte, niellirte und im Nothfalle emaillirte; er konnte auch kaum den Beſtellungen Genüge leiſten, und er hatte außerordentliche Schwierig⸗ keiten, um Arbeiter zu finden, welche ihn zu unterſtützen im Stande. Begen zehn Uhr Morgens an einem ſchönen Früh⸗ lingsſonntage befand ſich Catherine, welche damals acht⸗ unddreißig Jahre alt, in dem Zimmer, das ſie mit einer jungen Arbeiterin, Namens Camille, inne hatte. Dieſe über der Werkſtätte von Fortuné Sauval liegende Woh⸗ nung ging auf den Garten, war heiter, bequem einge⸗ richtet und äußerſt reinlich. Camille erreichte ihr achtzehntes Jahr. Eine hübſche Brunette mit blauen Augen, mit friſchem, weißem Teint, mit ſanfter, treuherziger Phyſiognomie, ſchlank gewachſen, einfach, aber zierlich angethan mit einem ſich wohl an⸗ ſchmiegenden Kattunkleide, bot Camille den reizenden Typus der Pariſer Arbeiterin, — ein der Haupiſtadt Frankreichs ganz eigenthümlicher Typus. „Camille,“ ſagte Catherine zu dem Mädchen, „wir haben ſehr ernſt mit einander zu reden.“ „Worüber, Frau Catherine?“ „Du ſollſt es erfahren, mein Kind, höre mich wohl an. Vor ungefähr zwei und einem halben Jahre biſt Du bei Herrn Fortuns eingetreten, um Deine Lehre zu beendigen; Dein erſter Patron, der ſeine Geſchäfte auf⸗ gab, konnte Dich nicht behalten; man erhielt über Dich die beſten Zeugniſſe, Du haſt ſie gerechtfertigt; fleißig, gewandt, von einem liebenswürdigen Charakter, gefielſt Du mir ſogleich; ich intereſſirte mich für Dein Schick⸗ ſal, Du warſt nach dem Tode Deiner Pathe eine arme Waiſe ohne irgend Jemand, der über Dir wachen könnte. Herr Fortuné wollte eben dieſes Haus beziehen, ich bat ihn, er möge Dich das Zimmer, das er für mich be⸗ ſtimmt, theilen laſſen. Sehr zufrieden mit Deiner Ar⸗ beit, mit Deiner guten Aufführung willigte unſer Mei⸗ ſter in meinen Wunſch ein. Seit damals (das war kurze Zeit nach unſerer Rückkehr aus Deutſchland), haben wir uns nicht mehr verlaſſen. Ich konnte alſo Deinen Werth ſchätzen und liebte Dich von Tag zu Tag mehr!“ „Ich auch, Frau Catherine, ich fühlte auch jeden Tag meine Zuneigung für Sie wachſen; nur ſind Sie zu nachſichtig, wenn Sie ſo viel Gutes von mir denken.“ „Ich bin gerecht, mein Kind; Du biſt eine ſehr ge⸗ ſchickte Arbeiterin geworden, Du verdienſt Dir fünfzig Sous täglich; was Du glätteſt, iſt ſauber, gleich, glän⸗ zend, um ſich darin zu ſpiegeln; dabei fängſt Du an ſehr geſchickt zu emailliren.“ „Oh! ich komme Ihnen entfernt nicht nahe, was die Glättarbeit betrifft, Frau Catherine, Sie ſind die Meiſte⸗ rin von uns Allen, abgeſehen davon, daß Sie nun auf malen, um ſelbſt unſern Herrn in Erſtaunen zu etzen.“ „Dieſe Arbeit iſt höchſt anziehend, und ich verdiene dabei fünf Franken täglich . . . doch laß uns von Dir fprechen. Nachdem ich Dich ſo an Deine vortrefflichen Eigenſchaften erinnert habe, wirſt Du Dich nicht ſehr wun⸗ dern, wenn ich Dir ſage, daß ſie von einem Andern als von mir bemerkt, gewürdigt worden ſind.“ „Von wem denn? Dieſe Perſon muß hübſch Zeit zu verlieren haben, daß ſie mir ſo viel Aufmerkſamkeit ſchenkt.“ Catherine heftete anf die junge Arbeiterin einen durchdringenden Blick und erwiederte: „Die Perſon, die Dich bemerkt, gewürdigt hat, iſt ein ſehr reicher Herr.“ „Ha! ha! ha! eine gute Geſchichte!“ verſetzte Ca⸗ mille mit einem treuherzigen Gelächter, dus ihre hübſchen weißen Zähne entblößte: „wie ſollte mich denn dieſer wackere Herr bemerkt haben? Ich verlaſſe die Werk⸗ ſtätte nicht.“ 373 „Gleichviel, mein Kind; ich füge nur bei, daß die⸗ ſer Herr jung, von angenehmem Aeußern iſt und an der Spitze eines ſchönen Bijonteriegeſchäftes in einer Pro⸗ vinzſtadt ſteht. . . Worüber Du aber noch mehr erſtaunen wi „Vollenden Sie, Frau Catherine.“ „Dieſer Herr wünſcht Dich zu heirathen.“ „Mich!“ „Ha! ha! ha!“ lachte Camille auf das Herzlichſte. Nach einem kurzen Nachdenken aber ſagte ſie: „Ich verſtehe, wir ſind im Monat April, Frau Catherine . . . Sie ſchicken mich ganz herrlich in den April.“ „Ich ſpreche im Ernſte, ſehr im Ernſte.“ „Dann glaube ich Ihnen, Frau Catherine, obgleich mir das ganz außerordentlich ſcheint; dieſer reiche Herr, der mich heirathen will, abgeſehen vom April . . .“ „Du biſt toll . . . Doch ſprich, was denkſt Du von dieſem Antrag? Ein junger Mann von angenehmem Aeußerem, reich. . . von einem höchſt ehrenwertben Cha⸗ rakter, bietet Dir, der Waiſe und Arbeiterin, an, Dich zu heirathen und Dich an die Spitze ſeines Bijouterie⸗ magazins zu ſtellen.“ „Ei! ich denke vor Allem, daß dieſer Herr (immer abgeſehen vom April), daß dieſer Herr ein gutes Herz hat und beſonders nicht ſtolz iſt, daß er eine arme Glättarbeiterin heirathen will . . . und ſodann .. . „Und ſodann?“ „Nein, nein, Sie treiben Ihren Scherz mit mir, Frau Catherine.“ „Mein Kind, wenn ich von dem rede, was Du werth biſt, was Du verdienſt, ſo ſcherze ich nie.“ Nun wohl, Frau Catherine, ich kann Ihnen nicht verbergen, daß . „Daß Dir dieſer Antrag ſchmeichelt.“ 374 „Das iſt wahr.“ „Alſo,“ verſetzte Catherine, ohne eine leichte Bangig⸗ keit verbergen zu können, „Du nimmſt alſo an?“ „Oh! das wollte ich nicht ſagen.“ „Was denn?“ „Dieſer Antrag macht mir Vergnügen, großes Ver⸗ gnügen,“ fügte Camille erröthend und zögernd bei, „weil well Sie vollendete nicht, erröthete abermals und ſchlug die Augen nieder. „Mein Kind, dieſer Antrag macht Dir Vergnügen, großes Vergnügen . . . folgt hieraus, daß Du ihn an⸗ nimmſt?“ „Oh! nein, Frau Catherine, das folgt durchaus nicht hieraus . . . im Gegentheil.“ „Wie, Du würdeſt ihn vielleicht ausſchlagen?“ „Es gibt kein vielleicht, Frau Catherine . . .“ „Wie! eine ſolche Heirath! . . . „Ich ſchlage ſie aus,“ erwiederte lächelnd das Mäd⸗ chen, und dieſes Lächeln antwortete auf einen geheimen Gedanken, oh! ich ſchlage dieſe Heirath von ganzem Herzen aus! . . . das iſt das rechte Wort.“ „Iſt es möglich? Arbeiterin bleiben, ſtatt Herrin eines großen Magazins zu werden?“ „Jeder nach ſeinem Geſchmacke, Frau Catherine.“ „Du haſt mir doch ſo eben geſtanden, dieſer An⸗ trag mache Dir Vergnügen?“ „Ja, aber . . aber . . ſtammelte Camille. Und ſie erröthete aufs Nene. „Das macht mir Vergnügen wegen . . .5 „Warum?“ „Wegen eines andern Grundes, Fran Catherine.“ „Was für ein Grund iſt das? Du antworteſt nicht, Du ſchlägſt die Augen nieder, mein Kind . . . gut! ich werde Dein Geheimniß reſpectiren . . . Nie aber wirſt Du wieder eine ſolche Heirath finden.“ 375 „Ich bezweifle es nicht . . . ſolche Gelegenheiten finden ſich nicht zweimal.“ „Bedenke doch, mein Kind, Herrin eines Magazins!“ „Oh! das iſt herrlich!“ „Arbeiterinnen unter Deinen Befehlen haben, ſtatt ſelbſt Arbeiterin zu ſein.“ „Das iſt prächtig, Frau Catherine, doch . . . „Doch?“ „Ich wiederhole, daß ich den Antrag ausſchlage.“ „Das iſt ſeltſam.“ „Nicht ſo ſehr, als Sie glauben, Frau Catherine. Und ich werde Sie meinerſeits ſehr in Erſtaunen ſetzen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich, obgleich eine ſolche Hei⸗ rath ſehr über Allem dem iſt, was eine arme Glätt⸗ arbeiterin träumen könnte, unendlich bedaure, daß ſie nicht noch vortheilhafter iſt, weil es mir noch mehr Vergnügen gewährt hätte, ſie auszuſchlagen.“ „Du biſt ein ſeltſames Mädchen . . . Weißt Du, daß Deine Antworten mich auf einen Gedanken brin⸗ gen?“ „Auf welchen?“ „Daß Du eine andere Heirath im Ange haſt.“ Ich „Du biſt ganz ſtolz, ganz glücklich wegen dieſer glänzenden Anuerbietungen, um damit ein Opfer .. der Perſon, die Du liebſt, bringen zu können.“ „Frau Catherine,“ erwiederte Camille mit einem ſchwermüthigen Lächeln, „es iſt nicht genug, daß man liebt, man muß auch geliebt werden.“ Michel trat in dieſem Momente bei Catherine ein und warf ihr einen bezeichnenden, beſorgten Blick zu; Camille erröthete, als ſie den jungen Mann ſah, und ſchien ſo verlegen durch ſeine Gegenwart, daß ſie haſtig hinausging, ohne daß ſie ihn anzuſchauen wagte; ſie fühlte indeſſen ihren Geiſt munter und ihr Herz frendig II. Michel ſagte ſogleich nach dem Abgange von Ca⸗ mille mit Bangigkeit zu Catherine: „Ah! gute Mutter,“ — er nannte ſie ſo ſeit ihrer Rückkehr aus Deutſchland zur Sühne dafür daß er Catherine in ihn verliebt geglaubt hatte, — „ah! gute Mutter, ich befürchte zu ſpät gekommen zu ſein.“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein Kind?“ „Bei reiflicher Erwägnung ſchien es mir, dieſe Prü⸗ fung könnte unheilbringend ſein . . . Ach! wenn Ca⸗ mille, geblendet durch die Ansſicht auf eine ſolche Hei⸗ rath, die Sache im Ernſte nehmen würde? Und ſodann, obgleich die Abſicht gut iſt, bleibt es doch immer eine Lüge, und .. „Beruhigen Sie ſich, Michel, die Prüfung iſt über alle unſere Hoffnungen geglückt.“ „Camille ſchlägt aus?“ „Von ganzem Herzen, antwortete ſie mir mit einer rührenden Anmuth, ohne zu ahnen, ich durchdringe ihren Gedanken. Ja, dieſe glänzenden Anerbietungen hat ſie treuherzig, aufrichtig ausgeſchlagen. Ich verließ ſie nicht mit den Angen, ich beobachtete aufmerkſam ihre Phyſiognomie, den Ausdruck ihrer Stimme; ſie iſt völlig gleichgültig bei dieſem Antrage geblieben, der die Hab⸗ gier ſo vieler anderer Mädchen erweckt, in Verſuchung geführt hätte; ſie bedauerte nur, daß der Antrag nicht noch glänzender war, um Ihnen denſelben mit einem doppelten Vergnügen opfern zu können; dies war der Grund ihres Gedankens.“ „Ich athme! . . . Doch ich ſage noch einmal, be⸗ denken Sie, was Gefährliches, Verführeriſches bei die⸗ ſem Antrage ſein konnte. Im Ganzen, wenn ſich Ca⸗ mille hätte blenden, in Verſuchung führen laſſen, welcher ————— 377 Kummer für mich! „ Nicht allein die traurige Gewiß⸗ heit erlangen, von ihr nicht ſo geliebt zu werden, wie ich das glaubte, ſondern auch nicht zu verwirklichende Hoffnungen in ihr erwecken!! Welche neue Täuſchung ſodann für ſie! . . . Und wer weiß, wohin die Bitter⸗ keit dieſer Täuſchung Camille führen konnte? . . . Ah! gute Mutter, denken Sie an die Mißgeſchicke, von denen die Familie von Meiſter Fortuné betroffen wurde, weil ſeine Couſine aus Eitelkeit außer Ihrem Stande heirathen wollte. Man weiß nicht, was aus dieſer un⸗ glücklichen jungen Frau ſeit der Zeit geworden iſt, wo wir ſie in Deutſchland als Geliebte eines Prinzen, mit einem Worte, als Courtiſane wiedergefunden haben ... Ohne Zweifel iſt ſie zu dieſer Stunde für immer dem Leben der Schande preisgegeben . . . Dieſe letzten Worte machten Catherine unmerklich erröthen; doch ſie erwiederte: „Die Prüfung, von der wir reden, hatte ihre Ge⸗ fahren; doch Sie wiſſen, Michel, dieſer Plan rührt nicht von mir her. Unſere Rathſchläge befolgend, ließen Sie die gute Camille unbekannt mit der Liebe, die ſie Ihnen einflößte, und Sie beſchränkten ſich darauf, daß Sie ihr nur eine ganz brüderliche Zuneigung bezeigten. Camille bat Ihrer Erwartung edel entſprochen; ſie hat ohne Zögern Ihrem Gefühle für Sie eine reiche Heirath ge⸗ opfert. Der Gedanke dieſer Prüfung iſt Ihrem Groß⸗ vater gekommen; er hat die Ausführung verlangt. Ich hätte es nicht gewagt, die Verantwortlichkeit für eine ſolche Handlung zu übernehmen.“ Lächelnd fügte Catherine bei: „Sie hätten glauben können, ich ſei eiferſüchtig auf Camille und wieder in Sie verliebt, mein armer Michel.“ „Ah! gute Mutter, das iſt nicht edelmüthig von Ihnen; Sie erinnern mich an meine alberne Einbildung vor drei Jahren; eine mehr als alberne Einbildung, . 378 denn ſie hat Sie zu jener Zeit ſchmerzlich betrübt . .. Sie, die Sie ſtets gegen mich die Zärtlichkeit einer Mutter hatten.“ „Dieſe, immer eink wenig beſorgte, mißtrauiſche, Zärtlichkeit hat mich bewogen, die von Ihrem Groß⸗ vater in Beziehung auf Camille vorgeſchlagene Prüfung zu unternehmen; ſie flößte mir ſo viel Vertrauen ein; ihre Liebe für Sie, die ſie vor Aller Augen, ſelbſt vor den Ihrigen verborgen zu haben glanbte, verrieth ſich jeden Moment auf eine ſo reizende Art bei dieſem theu⸗ ren Weſen, das, obgleich es mit allen ſeinen Kräften danach trachtet, der geringſten Verſtellung unfähig iſt, daß ich trotz verſchiedener den Ihrigen ähnlicher Erwä⸗ gungen über die Folgen, welche dieſe Prüfung haben konnte, wenn unglücklicher Weiſe das Reſultat unſere Hoffnungen täuſchte, doch nicht zögerte. Der Erfolg hat meine Vorherſehung gerechtfertigt.“ „Gott ſei Dank, die Uneigennützigkeit von Camille iſt, ich geſtehe es, das ſicherſte, das rührendſte Pfand ihrer Liebe . Nach dem Wunſche meines Großvaters ſollte ſie das achtzehnte Jahr erreicht haben; das iſt in zwei Tagen eine Thatſache, wir können alſo heute Meiſter Fortuné unſere Heirath verkündigen.“ „Ihr Großvater mußte heute Morgen hievon mit ihm reden, als er ihm die Prüfung, deren Reſultat er vorherſah, mittheilte.“ . „Ah! welche ein ſchöner Tag für mich!“ rief Michel im Erguſſe ſeiner Freude. Nachdem er ſodann einen Augenblick geſchwiegen, fügte er bei: 6 „Dieſer ſchöne Tag wird jedoch nicht vollſtändig ein.“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein Freund?“ „Ach! wenn meine Mutter Zeuge meines Glückes geweſen wäre, mir ſcheint, ich hätte eine noch viel leb⸗ haftere Frende empfunden.“ 379 „Armer Michel!“ verſetzte Catherine gerührt. „Im⸗ mer dieſe Erinnerung!“ „Immer . . . die Jahre, die Ueberlegung machen, daß ich dieſen unwiederbringlichen Verluſt noch viel tiefer fühle. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Alles, bis auf die Fortſchritte, die ich in meiner Kunſt mache, vermehrt mein Leid. Thenre, angebetete Mutter! ſie wäre ſo glücklich geweſen, mich geſchickt in meinem Gewerbe zu ſehen! zu ſehen, wie ich meines Vaters und meines Großvaters würdig bin! Sagen Sie, Sie die Sie meine Mutter kannten, glauben Sie nicht, daß Sie ſehr frendig geweſen wäre?“ „„Oh! mein Sohn, mein würdiges, braves Kind! .. Du biſt die Freude, der Stolz meines Herzens,““ hätte ſie zu Ihnen geſagt,“ rief Catherine, welche durch dieſe rührende Annahme ihren Gefühlen Aufſchwung geben und ſich einen Moment wahrhaft als Mutter in den Augen von Michel zeigen konnte „„Dein arbeitſames, redliches Leben, der Verſtand, das Studium, Dein Zartgefühl, Deine Rechtſchaffenheit haben aus Dir einen biedern Menſchen, einen geſchickten Künſtler gemacht. Sei geſegnet, mein geliebtes Kind, ſei geſegnet im Na⸗ men des ſüßeſten, des heiligſten der Gefühle! . Du biſt ein guter Sohn geweſen, Du wirſt ein glück⸗ licher Gatte ſein! . . . Die Gefährtin Deines Lebens iſt Deiner würdig!““ „Oh! genug! genug! Ihre Gemüthsbewegung, der Ausdruck Ihrer Stimme . die Thränen, die in Ihre Angen treten .. WMein Gott! mir iſt, als hörte ich meine Mutter! Oh! genng! das thut mir wehe! dieſe Täuſchung iſt grauſam!“ verſetzte Michel, der ſich der Thränen ebenfalls nicht erwehren konnte, mit bebender Stimme. In dieſem Angenblick trat der Vater Laurencin ins Zimmer ein und rief heiter: 380 „Meine liebe Catherine! es iſt unglanblich! wenn Sie wüßten, welche gute Nachricht ich . . .“ Der Greis unterbrach ſich, als er wahrnahm, daß Michel und Catherine naſſe Augen hatten, und er fragte ganz erſtaunt: „Wie! Thränen? . . Was gibt es denn?“ „Oh! dieſe Thränen ſind ſüß,“ erwiederte Catherine, ihre Augen abwiſchend. „Ich ſagte Michel, was ihm ſeine Mutter an dieſem Tage des Glückes geſagt haben würde . . . die Gemüthsbewegung überwältigte uns Beide „Ah! ich athme,“ ſprach der Greis. Und ſich an ſeinen Enkel wendend: „Mein Junge, mache mir das Vergnügen . . . und das wird auch eines für Dich ſein . . . zu Camille zu gehen. Sie hat ein großes Geheimniß auf dem Her⸗ zen, das ſie erſtickt. . . Es handelt ſich ohne Zweifel um den glänzenden Heirathsantrag, den ſie von ſich gewieſen. Ich war deſſen zum Voraus ſicher.“ „Sie tänſchen ſich nicht,“ antwortete Michel, deſſen Gemüthsbewegnug ſich beſänftigte. „Die Prüfung iſt geglückt.“ „Ich konnte nicht daran zweifeln. Belohne alſo die gute, theure Camille, eröffne ihr, daß Du ſie an⸗ beteſt, daß Ihr Ench eheſtens heirathen werdet, weil ſie das beſte, das artigſte Geſchöpf der Welt ſei, und daß wir wiſſen, wie ſie Dich ſeit drei Jahren liebe. Ah! es liegt wahrſcheinlich in meiner Beſtimmung, Urgroß⸗ vater zu werden, worein ich mich, bei meiner Treue! ſehr leicht fügen werde, wenn der gute Gott mir das Leben ſchenkt. Hienach ſuche raſch Deine Camille auf. Armes Kind! wie wird ſie erſtaunen, wie groß wird ihre Freude ſein! Laß uns allein! ich brenne vor Be⸗ gierde, Catherine von einer guten Kunde zu unterrich⸗ ten; Du darfſt ſie für jetzt noch nicht wiſſen, obgleich ſie Dich ganz beſonders intereſſirt; ich kann Dir nur ſo 381 viel ſagen, mein Junge,“ fügte der Greis, ſich die Hände reibend, mit geheimnißvoller Miene bei: „zufällig war die Prüfung keine Prüfung.“ „Wie ſoll ich das verſtehen, Großvater?“ „Camille wird, ſtatt Arbeiterin zu bleiben, Inha⸗ berin eines Magazins ſein; ſie wird einen jungen Goldſchmied heirathen, der an der Spitze von einem der bedentendſten Handelshäuſer von Paris ſteht.“ „Ich begreife nicht, was „Bei Gott! ich hoffe wohl, mein Junge! . Wenn Du mich begreifen würdeſt, ſo hätſe ich da einen ſchönen Streich gemacht .. ich, der ich das Geheimniß zu bewahren verſprochen habe.“ „Aber, Großvater, was Ihr gefagt habt .„ „Willſt Du auf der Stelle zu Deiner Camille gehen, böſer Junge! Ich wiederhole Dir, daß ihr Ge⸗ heimniß ſie erſtickt beeile Dich alſo, ſie zu erleich⸗ ern,“ fügte heiter der Greis bei, während er vertran⸗ ich Michel gegen die Thüre ſchob. „Laß uns allein, laß uns allein.“ Der junge Mann ging ab und der Vater Lau⸗ renein blieb allein mit Catherine. I. Der Greis ſagte ſogleich nach dem Abgange ſeines Enkels zu Catherine: „Ah! welch ein Herz iſt das Herz von Herrn For⸗ tuns! Wenn Sie wüßten, was er für Michel, für Sie, für mich thut . „Ich bitte, erklären Sie ſich! „ „Dieſen Morgen ging ich, wie wir dies verabredet, zu unſerem Meiſter, um ihm die Heirath von Michel mitzutheilen, ſollte die Prüfung glücken, woran ich mei⸗ Die Familie Jouffroy. I. 25⁵ 382 nes Theils nicht zweifelte . . . YNebenbei bemerke ich, daß Madame Fortuné bei unſerer Unterredung anwe⸗ ſend war; ſie billigte nicht nur ſehr die Prüfung, ſon⸗ dern ſie ſagte ſogar, in dieſer Hinſicht, wie es ſchien, plötzlich von einer Idee ergriffen, zu ihrem Manne: „„Mir fällt ein, mein Freund, wenn wir heute Morgen dieſe Prüfung auch anwenden würden . . bei .. Du verſtehſt mich?““ „„Du haſt vielleicht Recht, Ma⸗ rianne,““ erwiederte Herr Fortuné, „„wir werden ſo⸗ gleich hieran denken!““ „Was wollte Herr Fortuné damit ſagen?“ „Ich weiß es durchaus nicht; ich ſprach hievon auch nur beiläufig mit Ihnen, liebe Catherine. Doch um wieder auf uns zurückzukommen, vernehmen Sie die eigenen Worte von Herrn Fortuné, als ich ihn um ſeine Anſicht über die Heirathsprojecte von Michel bat: „„Va⸗ ter Laurencin, Euer Enkel trifft eine vortreffliche Wahl, wenn er Camille heirathet; ſeit bald drei Jahren arbei⸗ tet ſie hier, und ſie hat nur Lob verdient. Was Michel betrifft, ſo iſt Euch bekannt, was ich von ihm denke: er iſt ein ausgezeichneter Künſtler geworden, er hat kürzlich mit dem Grabſtichel die Verzierungen einer Waſſerkanne mit einer ſolchen Vollendung gravirt, daß er ſich einen Namen in der Gravure machen könnte; gleich vortrefflich iſt er in allen Zweigen unſerer Kunſt. Ich wäre alſo undankbar und ungerecht gegen ihn, wenn ich ſein Ta⸗ lent, ſeine Kenntniſſe nur durch ſeinen monatlichen Ge⸗ halt belohnen würde. Er hat nach ſeinen Zeichnungen und ſeinen Modellen Goldſchmiedsarbeiten ausgeführt⸗ welche ganz den Werth der meinigen haben; ich wünſche ihn fortan mit meinem Hauſe zu aſſociren . . . „Wäre es möglich, Aſſocié von Herrn Fortuné!“ „Warten Sie doch, Catherine. Sie ſind noch nicht beim Ende: „„Meine Kundſchaft vermehrt ſich jeden Tag,“ fügte Herr Fortuné bei. „„Das abgelegene Quartier, wo wir wohnen, iſt nicht central genug für 383 den laufenden Verkauf; ich werde hier mein Hauptetab⸗ liſſement behalten und dabei als Filial ein Magazin in der Gegend der Rue Vivienne eröffnen; dieſes beſtimme ich für Michel. Frau Catherine und Camille mögen das Comptoir beſorgen; Ihr, guter Vater, werdet die Arbeiter, welche Michel verwendet, beaufſichtigen: das ſoll Euer Ruhepoſten ſein „Mein Gott! welche Güte!“ „„Ich will mir die Direction der großen Werkſtätte hier vorbehalten,““ ſprach Herr Fortuné; „„meine Frau wird ſich fortwährend mit dem Verkaufe und mit unſe⸗ rem Verkehr mit unſern bedeutendſten Kunden beſchäfti⸗ gen . Das ſind meine Pläne, Vater Laurenein; ich glaube, ſie werden Euch, ſowie Michel zuſagen?““ „Ah! ich bin ſtolz für meinen Sohn, wenn ich be⸗ denke, daß er einer ſolchen Theilnahme würdig iſt. Sie, guter Vater, Sie allein haben ihm, indem Sie ihn er⸗ zogen, wie dies der Fall geweſen, eine ſo ehrenvolle Laufbahn, eine ſo ſchöne Zukunft geöffnet . . .“ „Ja, ja, es iſt allerdings eine herrliche Stellung: Aſſocié von Herrn Fortuné Sauval! Ich geſtehe Ihnen auch, obſchon ich längſt die Herzensgüte unferes Meiſters kannte, blieb ich doch ganz betäubt von ſo vielen Be⸗ weiſen der Zuneigung und der Großmuth gegen uns. Er bat mich nur, die Sache gegen Michel geheim zu halten; denn er wolle ſich ſelbſt das Vergnügen machen, meinem Enkel mitzutheilen, auf welche Art er ſein gutes Betragen und ſein Talent zu belohnen gedenke; doch ich konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, dem guten Michel zu ſagen. (allerdings begriff er es ganz und gar nicht) die Prüfung ſei keine, inſofern Camille, ſtatt Ar⸗ beiterin zu bleiben, Magazindame werden und einen der erſten Goldſchmiede von Paris heirathen werde“ „Hören Sie, guter Vater, das iſt zu viel Glück für mich; ich bin beinahe darüber erſchrocken; ja, es iſt 384 wahrlich zu viel Glück! Ich zittere, es könnte mich ein trauriger Unſchlag niederſchmettern.“ „Wie! arme Frau! Sie, die Sie ſo muthig im Mißgeſchick; Sie, die Sie ſo beherzt gekämpft, gelitten, gearbeitet; Sie, die Sie durch Beharrlichkeit die Ver⸗ gangenheit geſühnt, meine Zuneigung, die Werthſchätzung von Herrn Fortuns verdient haben, Sie erſchreckt das Glück, das wir nun Alle genießen ſollen? . .. Das iſt unvernünftig.“ „Es iſt Schwäche, Wahnſinn, was weiß ich? „. Doch ich habe bange . Ah! würden Sie gehört haben, wie vorhin erſt Michel den Verluſt ſeiner Mutter beklagte, welche, wie er ſagte, dieſen ſchönen Tag voll⸗ ſtändig gemacht hätte! „ „Catherine, ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, aber was wollen Sie denn mehr? Die kindliche Liebe von Michel für ſeine Mutter, die er nicht zu kennen glaubt, ſcheint mit den Jahren zuzunehmen . Ge⸗ nießen Sie dieſes köſtliche Gefühl nicht faſt ebenſo voll⸗ kommen, als wäre Michel von dem Bande, das Sie mit ihm vereinigt, unterrichtet?“ „Großer Gott! das iſt meine beſtändige Angſt! . er könnte eines Tags erfahren ..„ Catherine unterbrach ſich und fügte ſodann, ſchau⸗ ernd bei dieſer Erinnerung, bei: „Ah! ich gedenke deſſen, was ich gelitten, als in Deutſchland dieſe entſetzliche Offenbarung beinahe den Lippen von Mauleon entſchlüpft wäre.“ „Zum Glücke iſt er verſchwunden „. Sie haben nichts mehr von ihm gehört; ich bin überdies wie Sie faſt ſicher, daß dieſer Elende, der unſerer Rückkehr nach Frankreich zuvorkam, Ihnen die bedeutende Summe ge⸗ ſtohlen hat, von der Sie, wie früher, einen edelmüthigen Gebrauch zu machen gedachten, und die Sie unvorſich⸗ tiger Weiſe, obgleich dieſelbe ſorgfältig verbergend, in Ihren Manſarden zurückgelaſſen haben.“ —— 385 „Ich glaubte dieſes Geld dort mehr in Sicherheit, als irgend anderswo; Niemand konnte vermuthen, eine ſo dürftige Wohnung verberge einen ſolchen Schatz; ich beklage grauſam den Verluſt, nicht um meinetwillen, ſondern wenn ich an das ehrenhafte Elend denke, dem wir noch hätten Unterſtützung gewähren können. Ah! warum mußte ich es, als mich Mauleon unter den Trüm⸗ mern des alten Schloſſes in ſeiner Gewalt hielt, für möglich erachten, ſein Stillſchweigen und die Freiheit durch das Anerbieten einer bedeutenden Summe zu er⸗ kaufen, von der ich ihm verſicherte, ich beſitze ſie in mei⸗ ner Wohnung. Anfangs glaubte er nicht an die Auf⸗ richtigkeit dieſes Anerbietens.“ „Ja, doch ſpäter ſich eines Andern befinnend, wollte er ſich wohl von der Wirklichkeit Ihres Vorſchlags über⸗ zeugen; da er vor uns in Paris ankam, ſo wird die erſte Sorge des Banditen geweſen ſein, ſich in dieſes für Jeden geöffnete Haus einzuſchleichen, die Thüre Ihrer Manſarde zu erbrechen, ſie ſorgfältig zu durchſuchen, und ſo wird er unter den Platten Ihrer Stube das koſtbare Verſteck entdeckt haben. Zu dieſer Stunde hat er ohne Zweifel in Orgien die Summen vergendet, welche, wie in der Vergangenheit, ſo vielen armen Leuten zur Hülfe gereicht hätten. Das iſt ein großes Unglück, doch gerade dieſes Unglück muß Sie beruhigen, Catherine: nach dieſem neuen Verbrechen wird es Mauleon ohne Zweifel nicht mehr wagen, in Paris zu erſcheinen, und ſelbſt wenn er wiederkäme, welches Intereſſe hätte er, Sie in den Augen Ihres Sohnes zu verderben?“ „Den Haß! .. Er heßt mich, dieſer Menſch, und ich verdiene es. Ach! als er mich, zu ſeinem Ver⸗ derben, kennen lernte, war er glücklich, reich, geehrt . Ich habe ihn zu Grunde gerichtet; hernach kam das Elend . . die Erniedrigung, das Verbrechen. Ah! Sie ſagten mir einſt, guter Vater, und jeden Tag wie⸗ derhole ich mir ſchauernd dieſe beſtändig wie die rächende 386 Vorſehung drohenden Worte: „Unſelige Vergangenheit! unſelige Vergangenheit!!““ Der ungeſtüme Eintritt von Camille, welche vor Erſtaunen und Freude ganz verwirrt war, unterbrach die finſtern Betrachlungen von Catherine; ſie vergaß ihre Bangigkeiten vor dem ſtrahlenden Glücke des Mädchens und von Michel, der es begleitete. „Wäre es wahr, Frau Catherine?“ rief die Arbei⸗ terin, „Michel liebt mich!.. Er liebte mich ſeit langer Zeit .. . Herr Laurencin gibt ſeine Einwilligung zu unſerer Heirath! Ah! begreifen Sie nun, warum ich dieſe glänzenden Anerbietungen ausſchlug? .. Ich wußte indeſſen nicht, daß Michel an mich dachte. Doch gleich⸗ viel, ich war entſchloſſen, eher mein ganzes Leben Mäd⸗ chen zu bleiben, als einen Andern zu heirathen.“ „Auf, liebes Kind, umarmen Sie Ihren Großva⸗ ter,“ ſprach der Greis ſanft bewegt zu dem jungen Mädchen, dem er die Hand reichte; „hernach werden wir mit einander zu Herrn Fortuné gehen, der mit Ihnen und mit Michel zu ſprechen wünſcht.“ Camille umarmte mit innigem Erguſſe den Vater Laurencin, ſowie Catherine; er führte ſodann ſeinen Enkel und deſſen Braut zu ihrem Meiſter, der ihnen ſelbſt die Pläne, die er für ihre Zukunft entworfen, mit⸗ zutheilen wünſchte. IV. Fortuns Sauval, nachdem er von ſeinen Plänen für ſie Michel und ſeine Braut unterrichtet hatte und von ihnen unter den Ausdrücken der lebhafteſten Dank⸗ barkeit verlaſſen worden war, beſchäftigte ſich in ſeinem Cabinet mit einigen Schreibereien, als er Marianne ein⸗ treten ſah, gefolgt von ihrem zwei Jahre alten Töchter⸗ chen, das in ſeinen zierlichen, roſigen Armen ein großes „—— ———.— 387 Büſchel weißen Flieder hielt, deſſen wohlriechende Trau⸗ ben halb ſeinen hübſchen blonden Kopf verbargen; die Mutter hatte in einen Korb einen Ueberfluß von Blu⸗ men, welche noch vom Thau feucht, geſammelt. Es war bei Mariaune, wie man weiß, keine Spur mehr von ihrem früheren Gebrechen vorhanden; man las in ihrem ſanften Geſichte die Zufriedenheit, die Hei⸗ terkeit; ſie war nach den Vorherſehungen der Tante Pru⸗ dence ſeit ihrer Verheirathung beinahe hübſch geworden. Das friedliche Strahlen des Glückes verlieh den Zügen der jungen Frau einen unbeſchreiblichen Reiz; ihre einſt ſchwächliche und, in Folge der ſitzenden Lebensart der armen Hinkenden, wenig entwickelte Geſtalt hatte elegante Verhältniſſe angenommen; mit einem Worte, die Perſon von Marianne, welche mit einem zierlichen Morgenge⸗ wande bekleidet und mit ihren herrlichen blonden Haaren i war, bot dem Auge ein anmuthiges Geſammt⸗ weſen. Der Goldſchmied, als er Lilie (trauliche Abkürz⸗ ung des dem Kinde von ſeiner Mutter zum Andenken an ihre Schweſter gegebenen Namens Aurelie), erblickte, ſagte lächelnd: „Ei! guter Gott, meine arme Lilie, Du trägſt da eine Laſt von Blüthen ſo friſch und ſo groß als Du.“ Sodann zu ſeiner Frau: „Liebe Marianne, was willſt Du mit dieſem Hau⸗ fen von Blumen machen?“ „Die drei Zimmer ſchmücken, mein Freund.“ pii Und mit einem ſchwermüthigen Lächeln fügte ſie ei: „Es iſt heute der Geburtstag von Aurelie; es be⸗ reitet mir .. verzeih dieſe Kinderei . . . es bereitet mir eine Art von Vergnügen, dieſen Tag zu feiern, in⸗ dem ich mit Blumen die Wohnung ſchmücke, welche ſchon ſo lange für meinen Vater, für meine Mutter und für 388 meine Schweſter beſtimmt iſt, ſollten ſie eines Tags, wie ich zu hoffen nicht aufhöre, zu uns zurückkehren.“ Hienach trat die junge Frau, gefolgt von ihrem Kinde, in die anliegende Wohnung ein, während ſie zu ſich ſelbſt ſagte: „Arme Schweſter, ſie liebte den weißen Flieder ſo ſehr!“ „Vortreffliches Herz! zarte Seele!“ dachte Fortuné, als er allein war, indem er ſeiner Frau mit dem Blicke folgte; „ein rührender Gedanke, daß ſie, ſeitdem wir in dieſem Hauſe wohnen, einige Zimmer beſtimmt für Au⸗ relie, ihren Vater und ihre Mutter aufbewahren wollte, ſollten ſie eines Tags zurückkehren, wie dies meine liebe Marianne immer noch hofft! . Ach! dieſe Rückkehr .. ich hoffe nicht mehr darauf! Mein armer Oheim iſt die Schwäche ſelbſt! ſeine Frau und ſeine Tochter haben das Bewußtſein ihrer Entwürdigung, zu der ſie durch den erſten Fehler der Einen und die ſtrafbare Duldſamkeit der Andern Beide herabgeſunken ſind. Nie werden ſie ſich der Unannehmlichkeit ausſetzen wollen, vor Marianne, vor mir und beſonders vor der Tante Prudence, deren Vorherſehungen ſo grauſam eingetroffen ſind, zu errd⸗ then. Ach! ich werde in meinem Leben nicht vergeſſen, mit welcher mißtrauiſchen Bitterkeit Aurelie und ihre Mutter mich vor einem Jahre empfangen haben! Durch einen Zufall von ihrer Ankunft in Paris unterrichtet, ſah ich ſie zum erſten Male ſeit jener verhängnißvollen Reiſe nach Deutſchland wieder. Meine Befürchtungen hatten ſich verwirklicht; von Karl Maximilian verlaſſen, hatte Aurelie „ mein Gott! um welchen Preis! .. eingewilligt, die reiche Exiſtenz des Herzogs von Man⸗ zanares zu theilen; als dieſe zweite Verbindung aus Gründen, die mir unbekannt ſind, aufgelöſt war und eine andere, die vielleicht darauf folgte, ebenfalls, kamen meine Couſine und ihre Mutter nach Paris zurück. Ich fand ſie in einem beſcheidenen Hotel garni ohne Zweifel von 389 den Trümmern ihres Vermögens oder von einer letzten Freigebigkeit von Herrn von Manzanares lebend. Ich dachte, wenn ſie ihre Mittel vielleicht erſchöpft ſehen, ſo werde ſie wenigſtens die Nothwendigkeit zu uns zurück⸗ führen, und ich verſuchte Alles, um dieſes Reſultat zu erlangen: Vernunftgründe, dringende Bitten, Thränen, Alles war vergebens! ſie wieſen meine Anerbietungen zurück, verſchmähten meine Rathſchläge. Sie ſagten, es ſtehe ihnen frei, ſich zu benehmen, wie es ihnen beliebe. Sie wollten uns nicht zur Laſt fallen und beſonders nicht der Unannehmlichkeit ausgeſetzt ſein, unſere geheime Ver⸗ achtung oder die Sarkasmen der Tante Prudence zu erdulden. Ihr Loos erſchreckte mich. Wo würden die Ausſchweifungen von Aurelie aufhören, welche von Fall zu Fall das geworden, was man in der Rohheit des Wortes ein unterhaltenes Weib nennt? Sie .. ſie mein Gott! ſie, die ich als ein keuſches, reines, geachtetes Mädchen gekannt habe! Ach! das iſt entſetzlich! entſetzlich! Ich verbarg dieſe traurige Zuſammenkunft Marianne, um ſie nicht in Verzweiflung zu bringen, und berieth mich mit der Tante Prudence und dem Vetter Rouſſel; wir, er und ich, kamen mit ein⸗ ander überein, noch einen neuen Verſuch bei Aurelie und ihrer Mutter zu machen. Wir waren beſorgt über Herrn Jouffroy; da ich ihn nicht bei ihnen geſehen, ſo erkundigte ich mich nach ihm; ihre Antworten ſchienen mir eine peinliche Verlegenheit zu verbergen; leider wechſelten ſie, ohne Zweifel neue Verſuche ahnend, an demſelben Tage das Hotel, ohne ihre Adreſſe zurückzu⸗ laſſen, und es war uns unmöglich, ihre Spur aufzufin⸗ den! Wo ſind ſie zu dieſer Stunde? was iſt ihr Le⸗ ben? Ich weiß es nicht: Paris iſt eine Welt! . Ich lebe in meiner Familie oder in meiner Werkſtätte; das Geränſch der großen Stadt gelangt kaum bis in meine Einſamkeit. Aus Achtung vor dem Urtheile der Men⸗ ſchen wage ich es nicht, den Namen von Frau von Villetaneuſe vor der kleinen Anzahl von Perſonen aus⸗ 390 zuſprechen, welche mich über ſie unterrichten könnten. Ich mußte fortwährend vor Marianne meine traurige Zuſammenkunft im vorigen Jahre mit Aurelie und ihrer Mutter geheim halten. Meine Frau glaubt, der einzige Fehler, den ihre Schweſter ſich vorzuwerfen habe, ſei ihre Verbindung mit dem Prinzen, und ſeit ihrem Bruche reiſe ſie mit ihrer Familie, um ſich von ihrem Kummer zu zerſtreuen. Ich erhalte Marianne in ihren Illuſio⸗ nen, da ich dieſelben für ſie noch der Kenntniß der Wirklichkeit vorziehe; von Zeit zu Zeit gebe ich mir den Anſchein, als hätte ich mittelbare Nachrichten über un⸗ ſere Verwandten durch meine auswärtigen Correſpon⸗ denten bekommen: obgleich betrübt, daß ſie keinen Brief von denjenigen empfängt, die ſie beſtändig ſo zärtlich liebt, wie in der Vergangenheit, hofft auch meine Frau immer noch auf ihre Rückkehr.“ Der Goldſchmied gab ſich dieſen traurigen Betrach⸗ tungen hin, als Marianne, nachdem ſie Lilie ihrer Wärterin anvertraut, wieder zu ihrem Manne kam; da ſie ihn ſorgenvoll ſah und die Urſache ſeiner Sorgen zu errathen glaubte, (ſie errieth ſie theilweiſe) ſo ſagte ſie zu Fortuné: „Mein Freund, ich wiederhole Dir, ſie werden zu⸗ rückkehren; ſie müſſen des Reiſens müde werden; eines Tags werden wir ſie ankommen ſehen, meinen Vater, Mama und dieſe böſe Schweſter, die mir nie ſchreibt, die Träge! weit ſie wohl weiß, daß ich ihre Briefe nicht brauche, um an ſie zu denken. Sie werden zu uns zu⸗ rückkommen, ſage ich Dir; dann werden wir in der Fa⸗ milie leben, um uns nie mehr zu verlaſſen. Du wirſt ſehen, mein Fortuné, wie ſie ſich bei uns gefallen: wir werden ſie mit ſo viel aufmerkſamer Fürſorge umgeben! .. Und mein armer, guter Vater . wie wollen wir ihn verderben!“ „Der Himmel höre Dich, meine Marianne.“ B „Und die liebe Aurelie! oh! ich würde es ihr ſo⸗ 391 gleich behaglich machen, indem ich zu ihr ſpräche: „„Schweſter, Du haſt den Prinzen geliebt, das ſchänd⸗ liche Benehmen Deines Mannes iſt, ſtreng genommen, eine Entſchuldigung; doch ich ſpreche mit Dir von der Vergangenheit heute zum erſten und zum letzten Male; küſſe meine Tochter, der ich Deinen Namen gegeben habe. Du wirſt in mir Deine kleine Marianne von einſt, glücklich, Dich zu lieben, glücklich, von Dir geliebt zu werden, wiederfinden.““ „Theures, theures, angebetetes Weib!“ rief For⸗ tuné, indem er voll Innigkeit Marianne die Hände drückte. „Ob! ſeien Sie geſegnet, Tante Prudence! Sie haben ihn mich entdecken laſſen dieſen Schatz des Zartgefühls, des Liebreizes, der engeliſchen Güte, der Marianne heißt, und deſſen Daſein ich Blinder kaum ahnete! Geſegnet ſeien Sie, Tante Prudence! Sie haben mich diejenige, der ich das Glück meines Lebeus verdanken werde, ſchätzen gelehrt!“ „Obſchon zu ſchmeichelhaft für mich, mein Freund, werde ich Dir doch dieſe Anrufung unſerer Tante nicht zum Vorwurfe machen, denn Du haſt mich an das er⸗ innert, was wir völlig vergeſſen.“ „Was willſt Du hiemit ſagen?“ „Iſt es nicht bald die Stunde des Rendez⸗ vvus, das ich unſerem lieben Wiedergeneſenden gegeben habe?“ „Dem Vetter Rouſſel?“ „Allerdings.“ „Ich dachte nicht mehr daran.“ „Ich denke aber ſehr daran, und ich habe einen Theil der Nacht über unſer großes Unternehmen nach⸗ geſonnen.“ „Wahrhaftig, ich bewundere Deinen Muth! Gegen das Unmögliche kämpfen!“ „Ich habe ein unbeſiegbares Vertrauen zu meinem Projecte „ 392 „Oh! die Anmaßende!“ „Du wirſt ſehen!“ „Arme Mariannel Den Gang der Jahreszeiten verändern wollen, einen Fluß zu ſeiner Quelle zurück⸗ laufen machen, die Sonne um Mitternacht glänzen machen, wären Dinge, welche eben ſo leicht ausführbar, als das, was Du verſuchen willſt.“ „Nun! darauf ſoll es mir nicht ankommen! Der Gang der Jahreszeiten wird ſich verändern, der Fluß wird gegen ſeine Quelle zurücklaufen, die Sonne wird um Mitternacht glänzen; denn ich habe die Ahnung, daß ich mit meinem Unternehmen zum Ziele kommen werde.“ „Welch ein unſtörbares Vertrauen iſt in dieſem lieben Köpfchen!“ „Oh! ja, ich habe Vertrauen, nicht zu meinem Kopfe, ſondern zu meinem Herzen.“ „Wohl! doch dieſes Herz iſt, wie alle gute Herzen, edlen Illuſionen unterworfen.“ „Fortuns,“ erwiederte die junge Frau mit einem ernſten und zugleich zärtlichen Ausdrucke, „als ich einſt, ein armes Mädchen, gebrechlich und faſt häßlich, Dich liebte, leidenſchaftlich liebte, und trotz Deiner Gleichgültig⸗ keit zu hoffen wagte, Du werdeſt mich vielleicht auch eines Tages lieben, hieß das nicht von meiner Seite damals mich einer großen Illuſion hingeben? Die Illuſion hat ſich aber eines Tags in eine anbetungswürdige Wirklich⸗ keit verwandelt.“ „Vermöge der anbetungswürdigen Wirklichkeit Dei⸗ ner reizenden Eigenſchaften, indeß Dein Project . . „Höre,“ ſprach die junge Frau gegen den Garten hinſchauend, „die Glocke des Hausmeiſters hat zweimal geſchlagen, ſie kündigt einen Beſuch an. Es iſt Mittag⸗ es muß der Vetter Rouſſel ſein.“ 8 „In dieſem Falle laſſe ich Dich mit unſerem 393 Geneſenden allein; ich werde ſpäter wieder zu Euch kommen.“ „Oh! der abſcheuliche Feigling . . . er flieht im Augenblicke des Kampfes.“ „Ich wäre eine klägliche Hülfstruppe für Dich. Ein Feiger genügt oft, um den kräſtigſten Muth zu lähmen. Um Dir dieſe Unannehmlichkeit zu er⸗ ſparen, mache ich mich ſo raſch als möglich aus dem Staube.“ „Wohin fliehſt Du?“ „Zur Tante Prudence. Ich habe ſie heute noch nicht geſehen.“ „So erwarte mich bei ihr, ich werde Dir mit dem Vetter Rouſſel nachfolgen. Deine Gegenwart wird mir nothwendig ſein.“ „Ich erwarte Dich alſo doch ich wieder⸗ hole Dir, meine Freundin .. Du verſuchſt das Un⸗ mögliche.“ Nach dieſen Worten küßte Fortunés die junge Frau auf die Stirne. „Das iſt ein Kuß, der meinen Muth, mein Ver⸗ trauen verdoppelt,“ ſagte lächelnd Marianne. „Ich fühle mich nun zu einem Wunder fähig.“ „Du ſagſt das richtige Wort, Marianne. Es braucht nicht weniger als den Beiſtand eines Wun⸗ ders, wenn Dein Unternehmen gelingen ſoll,“ erwiederte der Goldſchmied, und er ging hinaus. „Auf zum Werke!“ ſprach entſchloſſen die junge Frau zu ſich ſelbſt. „Vergeſſen wir nicht die Prüfung, der der Vater Laurenein und Catherine die hübſche Camille un⸗ terworfen haben. Ich kann aus dieſem Mittel auch Nutzen ziehen Verſäumen wir nichts, die Sache iſt ſchwierig. So eben bei Fortuné hatte ich vor nichts bange, ich war ruhig, kühn; nun aber, da der große Augenblick gekommen iſt, bin ich meiner nicht mehr ſo ſicher. Ich fange auch an zu glauben, wie Fortuné ge⸗ 394 ſagt hat, ich werde ein Wunder ſehr nöthig haben, um mich da herauszuziehen . Die liebe arme Tante, wenn ſie wüßte . . . Und ſodann habe ich vielleicht Uurecht gehabt, daß ich ohne ihr Wiſſen . . . Mein Gott! wenn ſie beleidigt, verletzt dadurch wäre, daß ich ohne ſie zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen . Die Ankunft von Vetter Rouſſel, der von einem Diener gemeldet wurde, ſchnitt die Reflexionen von Marianne kurz ab. Der Vetter Ronſſel ſtand kaum erſt von einer lan⸗ gen, ſchmerzlichen Krankheit auf. Dieſer Mann, der ſich einſt einer kräftigen, blühenden Geſundheit erfreute, ſchien nur noch der Schatten von früher zu ſein: bleich, abgemagert, ſchwach, niedergebeugt unter der körper⸗ lichen Entkräftung, trat er auf einen Stock geſtützt in das Zimmer ein; doch, trotz der tiefen Verſtörung ſeiner Züge, hatte ſich ſeine Phyſiognomie nicht verändert; ſein lebhafter Blick, ſein wohlwollendes, feines Lächeln zeug⸗ ten immer von ſeiner Gemüthlichkeit, von ſeinem Geiſte, von ſeinem mitfühlenden, offenen Charakter. Marianne lief Joſeph mit einer freundlichen Für⸗ ſorge entgegen, nahm ihm ſeinen Stock und ſeinen Hut ab, bot ihm den Beiſtand ihres Armes an, bis er ſich in einem vortrefflichen Lehnſtuhl niedergelaſſen hatte, ſtellte ein Tabouret unter ſeine Füße und ſagte zu ihm: „Hätte ich nicht gewußt, daß es Ihnen vom Arzte verordnet worden, jeden Tag auszufahren, um Ihre Kräfte durch eine heilſame Leibesübung wiederherzu⸗ ſtellen, ſo würde ich Sie nicht gebeten haben, zu dem Rendez vous zu kommen, das ich Ihnen gegeben, Vetter Ronuſſel.“ 395 „Wahrhaftig! ein Rendez⸗vous in der beſten Ord⸗ nung! ein zierliches Liebesbriefchen mit Vignetten, die Worte enthaltend: „Um Mittag erwarte ich Sie; ich habe Ihnen eine Menge Dinge zu ſagen, guter Vetter. Ich umarme Sie von ganzem Herzen!““ Und unter⸗ zeichnet, junge Unvorſichtige! . . Marianne Sau⸗ val, mit allen Buchſtaben. Sogleich laſſe ich meinen Barbier kommen, ich putze mich heraus, und in meinem ungeduldigen Eifer ſtürze ich mich . . . in die Tiefe eines Mylord .. und hier bin ich Entſchuldige, daß ich mich Dir nicht zu Füßen werfe, kleine Ma⸗ rianne; ich könnte nicht wieder aufſtehen . was ſchmählich für einen Galant von meinem Alter wäre. Und hienach umarme mich, mein Kind.“ Marianne drückte zwei gute Küſſe auf die Wangen von Vetter Rouſſel und ſetzte ſich auf ein Seſſelchen an ſeiner Seite. „Nun laſſen Sie uns plaudern,“ ſagte er zu ihr, „denn ſeitdem ich durch meine Geneſung in mein Haus gebannt bin, wo ich allein lebe wie ein Wehrwolf, habe ich kaum Gelegenheit, zu ſchwatzen wie eine aus dem Neſte gejagte Elſter, um mich eines Ausdruckes der böſen Tante Prudence zu bedienen; ich finde Niemand, mit dem ich ſprechen kann, außer meinem alten Freunde Badineau, der einſt mein Collega im Specereihandel war; er bringt zuweilen eine Stunde bei mir zu . . und dabei glaube ich noch, daß dieſer Teufel von einem Badineau ſich Zwang anthut! Ich habe ihn im Ver⸗ dachte, daß er ernſtlich verliebt iſt; gewiſſe Halbgeſtänd⸗ niſſe, die Seltenheit ſeiner Beſuche ſeit einiger Zeit laſſen mich glauben, er Genug! . Trotz ſei⸗ nes Alters iſt Badineau noch friſch und munter .. doch er wird nicht mehr, wie man zu ſagen pflegt, ſei⸗ ner ſchönen Augen wegen geliebt, das Gefühl koſtet ihn viel, und ich befürchte, daß . . . Ei! was ſinge ich Dir denn da vor? Ich ſchwatze und ſchwatze ohne * 396 Sinn und Verſtand! Ah! ſiehſt Du, kleine Marianne, ich entſchädige mich, denn es iſt durchaus nicht heiter, allein zwiſchen den vier Wänden eines Zimmers zu ſein, ohne eine lebende Seele, mit der man plaudern könnte, wenn man durch die Verordnung des Arztes in ſeine Wohnung genagelt iſt.“ Ah! wie bin ich erfreut über das, was Sie mir da ſagen, Vetter Rouſſel!“ „Erfreut, worüber? Nicht darüber hoffentlich, daß ich mich langweile, um meine Zunge zu verſchlingen, wenn ich genöthigt bin, allein zu Hauſe zu bleiben.“ „Sie konnten mir im Gegentheil nichts Angenehme⸗ res, nichts ſo köſtlich Angenehmes ſagen . „Man höre doch dieſe kleine Boshafte! Ich glaube, Gott verzeihe mir, der Umgang mit Deiner ſataniſchen Tante Prudence iſt im Stande, Dir ihre teufliſche Bos⸗ heit einzumpfen. Ah! ich hoffe, Du haſt mir nicht in der freundlichen Abſicht, mich zu verſichern, Du ſeiſt entzückt, zu wiſſen, ich habe unerträgliche Augenblicke der Langweile, dieſen Morgen Rendez⸗vous gegeben?“ „Ich hatte das Bekenntniß Ihrer Langweile vor⸗ hergeſehen; dieſes Bekenntniß entzückt mich nun . „Man ſollte glauben, man höre die Tante Pru⸗ dence es waltet in der That eine erſchreckende Aehn⸗ lichkeit ob.“ „Vetter Rouſſel, geſtehen Sie mir Eines . „Ich geſtehe Dir Alles, was Du willſt, denn ich verlange nur zu ſprechen „ „Als Sie in der Kraft der Jahre, voll Leben und Geſundheit waren, kommen und gehen, Ihre Freunde beſuchen konnten, fanden Sie da nie die Stunden läſtig⸗ die Sie allein zu Hauſe zubrachten?“ „Ganz und gar nicht ich fand ſie köſtlich: kam ich ſehr müde nach Hauſe, ſo nahm ich eines von meinen guten alten Lieblingsbüchern: Rabelais, Molisre, la Fontaine, Voltaire . Die Zeit verging auf eine rei⸗ 397 zende Art; hatte ich genug geleſen, ſo entfernte ich mich wieder von Hauſe, ich ging ins Theater oder machte eine Partie Domino; kurz, ich fühlte mich munter und auf⸗ geräumt; nie verdüſterte ein trauriger Gedanke meinen Geiſt. Ich glaubte nicht an die Schwächen und die Ge⸗ brechen des Körpers, der Gedanke an den Tod beun⸗ ruhigte mich nie, das war reizend; doch ſeitdem mir dieſe verdammte Krankheit Arme und Beine gelähmt hat, ſeit⸗ dem ich das Bewußtſein des Alters habe: ſechzig Jahre geſchlagen, wohl geſchlagen, mein Kind! ſehe ich nicht mehr Alles wie früher roſenfarbig, Dein lachendes, ſanftes Geſicht ausgenommen, kleine Marianne. An mein Bett oder an meinen Krankenſtuhl gefeſſelt, habe ich häufig die ſchwarzen Gedanken zu Gefährten meiner Einſamkeit; ich ſage mir oft: Gut, ich werde völlig von dieſer Krankheit geneſen, doch ich kann eine andere bekommen. Das Alter ſchwächt mich, die Maſchine iſt verdorben . . ich muß mich fortan mit Vorſichtsmaß⸗ regeln umgeben, mich früher ſchlafen legen, weniger oft ausgehen, vielleicht den größern Theil meiner Zeit zu Hauſe bleiben, hier allein bleiben, und das iſt, bei mei⸗ ner Treue! nicht luſtig . . . Ich ſage mehr, es iſt ab⸗ ſcheulich langweilig! Du wollteſt meine Beichte haben, nun haſt Du ſie.“ „Vetter Ronſſel,“ ſprach Marianne, indem ſie die Hände von Joſeph in den ihrigen drückte und einen ge⸗ rührten, obgleich lächelnden Blick auf ihn heftete, „ſoll⸗ ten Sie mir auch vorwerfen, ich ſei eine wahre Tante Prudence, ich danke doch Gott, daß ich Sie ſo aufrichtig die Trübſale bekennen höre, welche Ihnen Ihr verein⸗ zeltes Leben verurſacht, immer mehr verurſachen wird, je mehr die Jahre kommen.“ „Du ſagſt mir das in einem ſo liebevollen, ſo inni⸗ gen Tone, mein Kind, daß ich Dir nicht mit einem Scherze zu antworten vermöchte; ich bitte, erkläre Dich.“ Die Familie Jouffroy. I. 26 398 „Warum wollen Sie ſich länger der zarten, hingeben⸗ den Pflege berauben, die Ihr Alter verlangt. Warum verzichten Sie auf die Süßigkeiten einer zugleich ange⸗ nehmen, ernſten und zärtlichen Vertranlichkeit, in der Ihr Geiſt die unerſchöpfliche Quelle einer anziehenden Converſation und Ihr Herz die beruhigende Sicherheit, welche eine unbegränzte Anhänglichkeit einflößt, finden würde?“ Warum ich mich dieſes Glückes beraube, mein Kind? . .. Das iſt wahrlich eine ſeltſame Frage! Wo des Teufels ſoll ich denn eine ſolche Vertraulichkeit fiſchen? Mit andern Worten, wenn ich Dich recht verſtehe: eine Frau? Hältſt Du mich für alt genug, für gebrechlich genug, für unheilbar genug, für genug von Gott, den Menſchen oder dem Teufel verlaſſen, daß ich daran denken ſollte, mich wieder zu verheirathen? In meinem Alter . . . ein Knaſterbart wie ich?“ „Es iſt möglich, Vetter Rouſſel, daß Sie nicht daran denken, zu heirathen . .. „Ich glaube wohl, daß es möglich iſt, da es iſt..“ „Gut, doch ich denke daran.“ „Woran?“ „Sie zu verheirathen.“ „Wie! Du denkſt daran, mich zu verheirathen?“ a.“ „Mich? mich? „Ich unternehme dies, Vetter Rouſſel, und ſehen Sie meine Anmaßung, meine Kühnheit, ich bin beinahe ſicher, daß ich dieſes Unternehmen zu einem guten Ziele führen werde.“ „Ja, ſo iſt es! es lebe die Freude, gute Marianne! machen wir Späſſe, Tollheiten! das ſtimmt mich fröh⸗ lich! Du willſt den alten Podagriſten aufheitern, das iſt artig von Dir! Herzlich gern entſpreche ich Deiner guten Einladung. Laß ſehen; das iſt die verkehrte Welt! die Jungen verheirathen die Alten; das fängt ſehr gut 399 an; ich bin nun im Ernſte geneigt zum conjungo, zu einer neuen Heirath zu ſchreiten, die Wonne des matri- monium wieder zu koſten! Morgen ſchon laſſe ich meine Haare ebenholzſchwarz färben . . . oder nein. . . blond! Nicht wahr, blond? Das ſieht jünger aus, mehr Lindoro, mehr Cherubin? Die Krankheit hat mir ein Atom von Bauch gelaſſen; ich werde einen elaſtiſchen Gürtel tragen und hiedurch eine Taille haben, daß man ſie mit zwei Fingern umſpannen kannz ich kleide mich nach dem letzten Geſchmacke; eine Roſe im Knopfloch, eine Hals⸗ binde à la Colin, lackirte Stiefel, gelbe Handſchuhe, ein Stöckchen in der Hand, ein Glas ins Auge gedrückt, ſo bin ich bereit, zum Altar zu gehen . . . Doch, alle Hagel! meine kleine Marianne, für einen Seladon von meiner Sorte genügt es nicht, die Süßigkeiten des Ehe⸗ ſtandes koſten zu wollen; wer das Ziel will, will auch die Mittel; die bürgerliche Köchin ſtellte in ihrem be⸗ wunderungswürdig geſunden Verſtande das Axiom auf: Um einen Haſenpfeffer zu machen, muß man einen Haſen haben. Hinſichtlich des ehelichen Ragout nun muß man, um einen Ehemann zu machen, eine Frau haben . . . Höre, kleine Marianne, es handelt ſich nicht nur darum, in die Luft zu ſagen, man wolle die Leute verheirathen! Ich nehme Dich beim Worte, und ich fordere Dich auf . . . Ah! ja, ich laſſe die großen Worte los!! Ich fordere Dich alſo auf, mir auf der Stelle zu ſagen, welches reizende, anbetungs⸗ würdige, engeliſche, ätheriſche und ideale Geſchöpf Du mir zur jungfräulichen Braut beſtimmt haſt ... Ant⸗ worte, alle Hagel! antworte, oder . . . ich küſſe Dich!“ „Ei! Vetter Rouſſel, die Frau, die ich Ihnen be⸗ ſtimme, iſt ganz einfach . . .“ „Wer?“ „Die Tante Prudence.“ VI. Der Vetter Rouſſel, als er Marianne mit der über⸗ zeugteſten, natürlichſten Mieue der Welt antworten hörte, ſie beſtimme ihm ganz einfach zur Ehe die Tante Prudence! !! der Vetter Rouſſel überließ ſich einem Anfalle von ſo treuherziger, ſo ſchallender, ſo anhal⸗ tender Heiterkeit, daß ſie mit einem heftigen Stick⸗ huſten endigte, der Marianne beinahe bange machte, als ſie Joſeph alle Nuancen vom lebhaften Roth bis zum bläulichen Purpur durchmachen ſah, und als ſie ihn, halb erſtickt durch ſeine übermäßige Heiterkeit, je nachdem es die Unterbrechungen ſeines Huſtens erlaubte, ausrufen hörte: „Ha! ha! ha! . . köſtlich! . . . die Tante Pru⸗ dence heirathen . ſie! . . . meine Frau! . . . Süßes kleines Weſen! angebeteter armer Engel! Sie hat ſo viel . . . Geſchmack für das Heirathen!! . . . Ich .. ich . . ich ſehe Sie vor mir, weiß gekleidet . . . einen Schleier über ihre Schultern herabwallend und . . . und mit Orangenblüthen bekränzt!. .. Ha! ha! ha! .. . nein, ich werde darüber ſterben . . . das iſt zu ſtark . . . Ah! kleine Marianne, Du haſt kein Mitleid mit einem ar⸗ men Geneſenden! Es gibt Scherze . . . wie Speiſen es gibt, welche zu kräftig für einen armen Kranken ſind, und dieſe gehört zu ihrer Zahl! Die Tante Pru⸗ dence meine Frau! Ich ſage Dir, ich werde ſterben vor Lachen!“ Marianne hatte in Eile ein Glas Zuckerwaſſer be⸗ reitet, in das ſie eine ſtarke Doſis Orangenblüthenwaſſer goß, um den krampfhaften Huſten von Joſeph zu beſäuf⸗ tigen, der im engſten Sinne des Wortes vor Lachen z erſticken ſchien. Er nahm den Trank mit lebhafter Dank⸗ 401 barkeit an, ſchlürfte ihn in kleinen Zügen und ſagte zu der jungen Fran: „Ah! ich danke, Marianne, ohne Deine Hülfe erſtickte ich! Es iſt eine mildherzige Vorſicht, Orangenblüthen⸗ waſſer bei ſich zu haben, wenn man die Leute der Gefahr ausſetzt, an den Folgen eines ſolchen Scherzes zu ſterben. Ich, die Tante Prudence heirathen!“ Trotz ihrer ſcheinbaren Sicherheit, zweifelte Mariaune ein wenig, ob ſie ihr Unternehmen zu einem guten Ziele führen werde; ein Unternehmen, das, bedarf dies der Erwähnung? der alten Jungfer durchaus unbekannt war; da ſie jedoch nicht jede Hoffnung verlor, ſo wartete ſie, bis dieſer Anfall von Huſten und Heiterkeit ſich beim Vetter Rouſſel beſänftigt hatte, nahm ſodann wieder ihren Platz bei ihm ein und ſagte lächelnd: „Gut, wir ſind beinahe beruhigt, Vetter Rouſſel der ſtärkſte Anfall Ihrer Heiterkeit iſt vorüber: können wir nun unſer Geſpräch wieder aufneh⸗ men?“ „Unſer Geſpräch, worüber?“ „Ueber Ihre Heirath mit meiner Tante Prudence.“ „Wie, abermals?“ verſetzte Joſeph, der wieder zu lachen anfing, „Du willſt alſo meinen Tod, unglückliches Kind? .. Ha! ha! ha! Oder vielmehr nein, ich danke, Marianne! Du haſtmir ein Gegengift gegen meine ſchwar⸗ zen Gedanken gegeben; und wenn ſie mich wieder über⸗ fallen, ſo werde ich mir einbilden, ich ſebe mich auf den Knieen vor der Tante Prudence .. und ſage verliebt zu ihr: „Haben Sie Mitleid, Granſame . . . mit dem Feuer, das mich verzehrt! . . .4 ha! ha! ha! . „„und nehmen Sie mich zum Manne.““ Mein Gott! wel⸗ ches Geſicht würde ſie mir machen! .. Doch das iſt nicht mehr luſtig . . das wird erſchrecklich!“ „Und warum ſollten Sie ſie nicht heirathen, wenn das Intereſſe Ihrer Zukunft .. und beſonders die Dank⸗ barkeit Ihnen dieſe Heirath rathen würde?“ fügte Ma⸗ 402 rianne raſch bei, in der Hoffnung, durch dieſe Worte das Erſtaunen aufdie wieder zunehmende Heiterkeit von Joſeph folgen zu machen; „ja, warum ſollten Sie die Tante Prudence, der Sie das Leben verdanken, nicht heirathen?“ „Ich?“ „Allerdings.“ „Träume ich? wache ich? ... Du ſagſt ...“ „Ich ſage, mein guter Vetter, wenn Sie zu dieſer Stunde leben, wenn Sie ſich den freudigen Ausbrüchen Ihrer Heiterkeit überlaſſen, in Folge der Geſundheit, die bei Ihnen wiedergekehrt iſt, ſo verdanken Sie die Ge⸗ ſundheit, das Leben meiner Tante, Ihrer alten Freundin.“ „Diesmal, meine kleine Marianne,“ ſprach der Vet⸗ ter erſtaunt, aber nicht mehr lachend, „diesmal ſcherzeſt Du nicht; ich begreife Deinen Gedanken; Du haſt Mit⸗ leid mit meinem Zuſtande und befürchteſt, wenn Du Deine tollen Späſſe fortſetzeſt, mich vor Lachen berſten zu ma⸗ chen und von mir zu erben. Du wendeſt ein anderes Mittel an, um mich ohne Gefahr zu zerſtreuen und zu beluſtigen; Du gibſt mir Charaden, Logogryphe zum Errathen auf; das iſt weniger luſtig, aber klüger; die Räthſel mögen alſo gelten. Ich will es verſuchen, dieſes zu errathen; gelingt es mir nicht raſch, ſo werde ich mir den Kopf nicht zerbrechen, das muß ich Dir bemerken. Ich verdanke alſo das Leben, die Geſundheit Deiner Tante meiner alten Freundin! Das iſt der Logo⸗ gryph, nicht wahr, Marianne?“ „Das iſt die Wirklichkeit, Vetter Ronſſel, ich ſage es Ihnen im Ernſte.“ „Wie, Du wagſt es, mir im Ernſte zu ſagen . .. „Daß Sie die Geſundheit, das Leben meiner Tante verdanken.“ „Das iſt ſtark! hielte ich Dich nicht für unfähig, meiner zu ſpotten, ſo . . .“ „Wollen Sie mich anhören, mein Vetter, ich wie⸗ derhole Ihnen . .. ſo wahr ich meinen Mann und mein 403 Töchterchen liebe, ſo wahr ich für Sie die zärtlichſte, die achtungsvollſte Zuneigung hege „ das, was ich Ihnen mittheilen will, iſt die reine Wahrheit und muß von Ih⸗ nen geglaubt werden.“ „Gut, mein Kind; doch ich werde ganz verwirrt,“ erwiederte Joſeph, betroffen vom Tone und von den Wor⸗ ten der jungen Frau; „ich weiß, Du würdeſt nicht leicht⸗ ſinnig Beine Zärtlichkeit für Deinen Mann und für Dein Töchterchen und ebenſo wenig Deine Zuneigung für mich anrufen; doch es iſt mir unmöglich, zu begreifen, wie ich die Geſundheit, das Leben Deiner Tante verdanken ſoll.“ „Sie wiſſen, wie plötzlich und ungeſtüm Ihre Krank⸗ heit Sie überfallen hat. Als wir erfuhren, Sie liegen im Bette, begab ſich Fortuné ſogleichzu Ihnen; doch die Krank⸗ heit hatte ſchon ſo raſche Fortſchritte gemacht, daß Sie im Delirium eines hitzigen Fiebers meinen Mann kaum erkannten; er kam zurück und theilte uns dieſe traurige Kunde mit; da waren die erſten Worte meiner Tante: „„Es iſt ein troſtloſer Gedanke, daß unſer Vetter bei dieſer ſchweren Krankheit den Händen von Miethlingen, irgend einer gleichgültigen oder unverſtändigen Kranken⸗ wärterin überlaſſen ſein ſoll. Mein Gott! er kann da ſterben . . allein, in der Abgeſchiedenheit, ohne eine Pflege aller Angenblicke, ohne die wachſame Fürſorge, die man nurineiner hingebenden, unwandelbaren Zuneigung findet. Ach! oft hängt das Heil eines Kranken hievon ab; ar⸗ mer Vetter! . ſo leiden .. vielleicht in der Verlaſſen⸗ heit ſterben . . das iſt gräßlich!““ rief meine Tante. Und ſie zerfloß in Thränen. ⁰ „Die Tante Prudence hat geweint?“ „Heiße Thränen.“ „Die Tante Prudence!!“ „Ach! glauben Sie mir, ich habe nie einen ſo herzzerreißenden Schmerz geſehen.“ „Marianne, ich weiß, daß Du unfähig biſt, über einen ſolchen Gegenſtand zu ſcherzen; doch ich ſage Dir⸗ 404 ein ſolcher Anfall von Empfindſamkeit bei der Tante, die mich ſeit dreißig Jahren immer mit Spott und bitteren Witzen auf den Lippen empfängt, und bei der ich nie die geringſte Spur von Gemüthsbewegung entdeckt habe .. .“ „Ein ſolcher Anfall von Empfindſamkeit dünkt Ih⸗ nen ſeltſam?“ „Mehr als ſeltſam, unglaublich! .. Nein, nein, das iſt unmöglich!“ „In welcher Abſicht ſollte ich Sie täuſchen?“ „Mein Kind, fern von mir ſei der Gedanke, Dich einer Lüge zu beſchuldigen, nur übertreibſt Du ohne Zwei⸗ fel einen Beweis von Zuneigung Deiner Tante. Im Ganzen ſehen wir uns ſeit langen Jahren faſt jeden Tag, und ſie wird, obgleich ſie kein ganz empfindſames Naturell beſitzt, geſagt haben: „Der arme Teufel, der Vetter Rouſſel iſt krank, das iſt Schade!““ Oder ſie hat etwas dieſem Zeichen von Theilnahme Gleichbedeutendes geäußert; doch in Thränen zerfließen, doch über meine Abgeſchiedenheit, über den Mangel an Pflege, unter dem ich zu leiden haben werde, aufſchreien, das werde ich nicht zugeben.“ Dennoch iſt dies die Wahrheit, das kann ich Sie verſichern; ich vermöchte Ihnen nicht den Kummer, die Bangigkeiten meiner Tanke zu ſchildern.“ „Ah! Marianne, ich wiederhole, das iſt unmöglich! Erinnere ich mich nicht, wie ſie mich vor acht Tagen bei meinem Wiedergeneſungsbeſuche empfangen hat? Was waren ihre erſten Worte? Du haſt ſie gehört wie ich. „„Ah! ſind Sie endlich auf den Beinen, Vetter Rouſſel! Sie haben uns viel Sorge gemacht!““ Bis dahin iſt Alles vortrefflich, nun ſpielte aber die Teufelszunge der Tante Prudence einen von ihren Streichen, und ſie fügte bei. „Oh! ja, Sie haben uns viel Sorge gemacht, abſcheulicher Menſch; denn waren Sie einmal in die an⸗ dere Welt abgegangen, ſo konnte ich Sie in dieſer nicht mehr toll machen und ſo verlor ich einen herrlichen 405 Zeitvertreib.““ Dies ſind die Beweiſe von Empfind⸗ ſamkeit, die ſie mir beim Wiederſehen gegeben hat; und ich ſoll glauben, daß . . . Laß mich in Ruhe.“ „Ah! Sie ſind noch nicht am Ziele Ihrer Verwun⸗ derungen, es gibt noch viel außerordentlichere Dinge, die Sie aber dennoch glauben müſſen, Vetter Ronſſel . . .“ „Was denn?“ „Wiſſen Sie, wer einen Monat lang ihre Kranken⸗ wärterin geweſen iſt, zur Zeit, da Sie bald dem Deli⸗ rinm preisgegeben, bald in eine ſtarre Fühlloſigkeit ver⸗ ſunken waren, dergeſtalt, daß Alles, was um Sie her geſchah, Ihrer Wahrnehmung völlig entging?“ „Wie! wer meine Krankenwärterin geweſen ſei? . . Ei! die Mutter Bidaut, unterſtützt von meiner Portière.“ „Keineswegs, Vetter Ronſſel.“ „Ah! bildeſt Du Dir ein, die Krankheit habe ge⸗ macht, daß ich das Gedächtniß verloren? Habe ich nicht hundertmal bei meinem Bette die Mutter Bidaut ge⸗ ſehen, welche, nebenbei geſagt, taub war wie ein Koch⸗ hafen, ſo daß ich mich heiſer ſchreien mußte, wenn ich das Geringſte nöthig hatte.“ „Ja, Sie ſahen die Mutter Bidaut, als Sie ſehen konnten, als Sie das Bewußtſein von dem hatten, was um Sie her vorging, und da waren Sie gerettet. So lange Sie aber zwiſchen Leben und Tod ſchwebten, alles Geſichtes, alles Bewußtſeins beraubt, wiſſen Sie, wer beinahe einen Monat lang Ihr Bett nicht verlaſſen, Sie mit der zuvorkommendſten, aufmerkſamſten, zarteſten Für⸗ ſorge umgeben, Tag und Nacht bei Ihnen gewacht hat? Wiſſen Sie endlich . . . und der Arzt wird es beſtäti⸗ gen wer, mit einer ſtrengen Pünktlichkeit, mit einer außerordentlichen Umſicht jede Vorſchrift, jede Verord⸗ nung ausführend, ebenſo viel als er zu Ihrer Heilung, zu Ihrer Rettung beigetragen hat? . das iſt . . . „Mein Gott! was höre ich? . vollende . dos iſt 406 „Es iſt die Tante Prudence,“ verſetzte Marianne mit tief bewegter Stimme und die Augen von Thränen der Rührung gefüllt. VII. Es war dem Vetter Rouſſel, der die Aufrichtigkeit von Marianne kannte, nicht möglich, an der Wahrheit ihrer Offenbarung zu zweifeln, ſo außerordentlich ſie ihm auch dünkte, und bald, da überdies eine unbeſtimmte Er⸗ innerung ſeinen Geiſt erhellte, rief er bis zu Thränen erſchüttert: „Sollte es wahr ſein! . die Tante Prudence!! Mein Gott! es iſt alſo keine von den Träumereien, wie ſie ſich im Delirium des Fiebers erzeugen?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Das kommt mir nun wieder ins Gedächtniß .. Mehr als einmal, als ich zwiſchen Leben und Tod ſchwe⸗ bend kein Bewußtſein mehr von mir ſelbſt hatte, ſchien es mir, als erkennete ich, jedoch verworren, meine alte Freun⸗ din bei meinem Bette knieend oder über daſſelbe geneigt; wenn ich mich aber ſeit meiner Wiedergeneſung deſſen zuweilen entſann, ſo betrachtete ich es immer als einen Traum meines kaum, zuvor noch durch die Krankheit geſtörten Gehirnes.“ „Es war kein Traum, mein guter Vetter. Sollten Sie an mir zweifeln, ſo würden Ihr Arzt, Ihre Kranken⸗ wärterin, ihre Portidre, denen wir ein völliges Still⸗ ſchweigen in dieſer Hinſicht auferlegt hatten, meine Worte beſtätigen.“ „An Deinen Worten zweifeln, mein Kind! ah! das hieße Dir eine Beleidigung anthun. Nein, nein, ich fühle mich glücklich, Dir zu glauben! Eine ſolche Anhänglich⸗ keit, eine ſolche Ergebenheit! Arme alte Freundin! ich beſchuldigte ſie des Egoismus, der Trockenheit des Her⸗ 407 zens. Ah! Marianne, Du ſiehſt, bei dieſem Gedanken ſieen meine Thränen unwillkürlich, und . ich . .. Joſeph vollendete nicht, Thränen der Rührung und der Dankbarkeit erſtickten ſeine Stimme. Die junge Frau weidete ſich voll Wonne an der ſeitsei des Vetters Ronſſel, indem ſie zu ſich agte: „Die liebe Tante, ich verdanke ihr mein Glück, meine Heirath; wenn ich mich meiner Schuld gegen ſie entledigen könnte!“ „Meine gute Marianne,“ ſprach Joſeph, während er ſeine Thränen trocknete, „Deiner Tante gehört die Dankbarkeit meines ganzen Lebens .. . was ich mir aber nicht erkläre, was mich aber ganz verwirrt macht, iſt, daß mich ſeit mehr als dreißig Jahren nichts in ihrem Benehmen, in ihren Worten dieſen Schatz von Güte, von Empfindſamkeit, den ſie in der tiefſten Tiefe ihres Herzens verbarg, hat ahnen laſſen.“ „Seit dreißig Jahren, Vetter Rouſſel, liebt Sie meine Tante . „Allerdings, ihre Freundſchaft. . .“ „Nein, nein, ſie hat Sie zärtlich, leidenſchaftlich in ihrer Jugend geliebt.“ „Marianne! Marianne! wie kannſt Du in einem ſolchen Augenblick ſcherzen!“ „Ah! glauben Sie, ich ſei ſo undankbar, eine Frau, die ich liebe und verehre gleich einer Mutter lächerlich machen zu wollen? Mein Gott! verdanke ich nicht ihr, ihr allein mein Glück? Ich war häßlich, gebrechlich, ohne alle äußere Annehmlichkeiten. Wahnſinnig in meine Schweſter verliebt, dachte Fortuné nicht an mich; heute aber liebt er mich, ich bin ſeine ſtolze und glückliche Gattin. Ich frage Sie noch einmal: wem verdanke ich dieſes Glück? Meiner Tante; und ich ſollte mir einen ab⸗ ſcheulichen Scherz über ſie erlauben!“ 408 „Verzeih, mein Kind, ein ſolcher Verdacht wäre unwürdig von mir; aber Alles, was Du mir mittheilſt, macht mich ganz verwirrt. Wie! in ihrer Ingend hat die Tante Prudence . . .“ „Sie leidenſchaftlich geliebt! Leider war ſie häß⸗ lich, nichts an ihr konnte Zuneigung einflößen; befürch⸗ tend, ſich der Lächerlichkeit auszuſetzen, wenn ſie ſich lie⸗ bend zeigen würde, hat ſie auch Alles, was Empfind⸗ ſames, Zärtliches in ihrem Herzen war, zurückgedrängt, verborgen; ſie hat eine Maske angenommen und, einen kalten, ſelbſtſüchtigen Charakter affektirend, ſich dem Spotte, dem beißenden Witze zugewandt; da ſagte Jeder: „„Ah! dieſe alte Jungfer, ſie hat nie geliebt: welch ein trockenes Herz! welch ein verdrießlicher Charakter! welch ein höhniſcher Geiſt!“ „Mein Gott! ich kann kaum glauben, was ich „Endlich kum der Tag, wo meine Tante ſich des falſchen Anſcheins eutkleiden, mir den Grund ihrer Seele öffnen, mir ihre verborgenſten Gedanken anvertrauen ſollte: mit einem Worte das Geheimniß ihres Lebens, ihre unwandelbare Liebe für Sie. Ich liebte meinen Vetter hoffnungslos, wie meine arme Tante Sie ohne Hoffnung geliebt hatte! Dieſes Geheimniß enthüllte ſie mir, um mein Mißtrauen zu beſiegen, um das Ge⸗ ſtändniß der Liebe, die mir Fortuné einflößte, zu erlan⸗ gen. Sie gab hierin nicht einem Gefühle leerer Neu⸗ gierde nach, nein, nein, ſie wollte mich ermuthigen, mich leiten, meinen Kummer beſänftigen, mich vor der Ver⸗ zweiflung bewahren, mich eine beſſere Zukunft, vielleicht ſogar die Möglichkeit, Fortuné zu heirathen, erſchauen laſſen. Seit jener Zeit hat ſie ſich mir allein in ihrem wahren Lichte gezeigt; mit mir allein ſprach ſie von der tiefen Zuneigung, die ſie für Sie hegte, eine Zuneigung, welche bei ihr auf die Liebe folgte; mir allein, zum Bei⸗ ſpiel, geſtand ſie zur Zeit Ihrer Reiſe nach England ihre 409 Bangigkeiten hinſichtlich der Wechſelfälle dieſer Reiſeß ſie weinte bei dem Gedanken, ein Unfall, eine Krankheit könnte Sie in fremdem Lande treffen; doch bei Ihrer Rückkehr überſchüttete ſie Sie mit Sarkasmen, ja . .. Und ihre Angen waren noch feucht von den Thränen, die ſie an Sie denkend vergoſſen hatte.“ „Ah! ich begreife nun Alles! Um dieſe unwan⸗ delbare Zuneigung, welche ſie verachtet oder verſpottet zu ſehen befürchtete, vor mir zu verbergen, affectirte, über⸗ trieb ſie den Anſchein von Unempfindlichkeit des Herzens und Bitterkeit des Geiſtes!“ „Dies war ſo, denn ſie hat Sie immer zärtlich geliebt. Eine letzte Hoffnung, eine letzte Illuſion, ein letzter Kum⸗ mer war ihr vorbehalten, als Sie Witwer wurden; ſie ſagte ſich, zu den Jahren gelangt, welche dem Alter nahe, wo man die Vereinzelung zu fürchten anfängt, werden Sie vielleicht noch an Ihre Freundin von zwanzig Jahren denken; Sie werden ihr den Vorſchlag machen, ſie möge fortan Ihre Lebensgefährtin ſein. „„Ich hoffte,““ ſagte ſie mit einem rührenden und traurigen Lächeln zu mir, „„ich hoffte, in dem Alter, in welchem wir, Joſeph und ich, waren, werde meine Häßlichkeit nicht zählen . er werde die herbe Rinde zu durchdringen wiſſen und in mir ernſte Eigenſchaften, die Beſtändigkeit meiner Zuneigung errathen .. doch ich täuſchte mich, und ich muß meine Rolle fortſetzen.““ „Arme alte Freundin! wie groß war meine Ver⸗ blendung!“ „Endlich kam der Tag, wo meine Tante erfuhr, Sie ſeien ſterbenskrank. Zitternd, ſie könnte Sie verlie⸗ ren, wollte ſie bei Ihnen wachen, Sie ſelbſt pflegen, und ſie nahm Fortuné und mir das Verſprechen ab, die Sache durchaus vor Ihnen geheim zu halten. Sie ſehen, Vet⸗ ter Rouſſel, ich werde meinem Wort untreuz ich breche einen beinahe heiligen Schwur, indem ich Ihnen das Ge⸗ heimniß meiner Tante anvertraue; hiedurch begehe ich 41¹⁰ ein ſchweres Unrecht, ich fühle es; es würde noch mehr erſchwert, ſollte dieſes, ohne Wiſſen Ihrer alten Freundin gemachte, Geſtändniß unfruchtbar bleiben. O! ich ſchwöre Ihnen, ich hatte nur den Muth, mein Wort zu brechen, unterſtützt durch die Hoffnung, Sie werden endlich eine ſo lange, eine ſo edelmüthige Zuneigung dadurch aner⸗ kennen, daß Sie meine Tante heirathen, ſtatt fortwäh⸗ rend in einer Vereinzelung zu leben, unter der Sie leiden, und über die Sie mit Recht für die Zukunft erſchrecken.“ „Ei! mein Gott! gewiß, wenn ſie zu heirathen ein⸗ willigen würde, könnte ich keine beſſere Wahl treffen . . Ich kenne nun ihre Zuneigung, ihre ſo zarte, ſo edel⸗ müthige Hingebung; ihr lebhafter, ſpöttiſcher Geiſt, ihr ausgezeichnet klarer Verſtand, ihr vortreffliches urtheil gefallen mir unendlich; ihre Bildung iſt ſolid und manch⸗ faltig; wenn wir mit einander plaudern, vergehen auch die Stunden, obgleich ſie mich raſend macht, mit einer wunderbaren Geſchwindigkeit. Mit einer ſolchen Gefähr⸗ tin hätte ich nicht mehr bange, durch Gebrechen an meine Wände gefeſſelt zu ſein.“ „Und ſodann, Vetter Rouſſel . . . Sie würden bei uns wohnen, denn meine Tante würde ſich nicht von uns trennen wollen; wir könnten eine Familie bilden.“ „Schweig, verführeriſche Schlange, Du läſſeſt mich das Glück erſchauen, um mein Leid zu verdoppeln.“ „Ihr Leid?“ „Wir ſprechen wie Kinder, wir ſind Narren.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Würde die Tante Prudence, welche einen unüberwind⸗ lichen Abſcheu vor der Ehe hegt, je heirathen wollen?“ „Habe ich Ihnen nicht die Urſache dieſer ſcheinbaren Unempfindlichkeit geſagt?“ „Meine gute Marianne, Du bedenkſt nicht; Deiner Tante den Vorſchlag machen, mich zu heirathen, iſt was Ungeheures, Entſetzliches. Es fehlt mir gewiß nicht an Muth. Ich habe mit meiner alten Freundin entſetz⸗ 411 liche Gefechte gehabt, aus denen ich mit Ehren hervorge⸗ gangen bin, trotz der Sarkasmen und der Spottreden, die ſie mit ihrer gewöhnlichen Behendigkeit und Ueberlegen⸗ heit auf mich abſchoß . . . Aber ſiehſt Du, mit allem Muthe ſchaudere ich ſchon bei dem Gedanken an den Ha⸗ gel von beißenden Witzen und der Lawine von Jronie, unter denen mein kläglicher Antrag zermalmt werden würde! Ich wüßte nicht, wo ich mich verſtecken ſollte . . . Ich, vom Heirathen mit der Tante Prudence reden! Oh! bei dieſer Idee erbleiche, zittere ich!“ „Ich weiß, die Sache iſt furchtbar, doch . . .“ „Meine gute Marianne, Du kannſt mir einen großen, einen ungeheuren Dienſt leiſten.“ „Welchen?“ „Uebernimm Du meinen Antrag.“ „Ich werde mich wohl hüten.“ „Marianne, habe Mitleid mit einem armen Recon⸗ valescenten.“ „Unmöglich!“ „Mein Gott! wäre ich hunz geſund, ſo wollte ich das Abenteuer wohl wagen, aber . . . „Ich wiederhole Ihnen, mein guter Vetter, ich bin genöthigt, es Ihnen abzuſchlagen; meine Tante darf nie erfahren, daß ich, Ihnen ihr Geheimniß preisgebend, zur Verrätherin an ihrem Vertrauen geworden bin; ſie wäre mit Recht verletzt, betrübt über meine Indiscretion. Dieſer Antrag muß durchaus von Ihnen kommen, durch Sie geſchehen.“ „Das iſt es gerade, was mich erſchreckt.“ „Hören Sie, Vetter Rouſſel, es gibt ein Mittel. Es wird mir durch eine Prüfung eingegeben, der Frau Catherine, nach dem Rathe von Vater Laurencin, die hübſche kleine Camille, welche Michel heirathen ſoll, un⸗ terworfen hat.“ „Michel, ein würdiger, junger Mann, möchte er glücklich ſein!“ 412 „Er wird es ſein, er verdient ſein Glück in jeder Hinſicht . Fortuns beabſichtigt Michel und ſeine Frau an die Spitze des Hanſes zu ſtellen, das er im Mittel⸗ punkte von Paris gründen will.“ „Nie werden die Jutelligenz, die gute Aufführung, die Arbeit beſſer belohnt worden ſein. Doch was iſt die Prüfung, von der Du ſprichſt, gute Marianne? Wie wird ſie mir dieſe furchtbare Heirathsfrage bei der Tante Pru⸗ dence in Angriff nehmen helfen?“ „Begeben wir uns zu ihr, ich werde Ihnen, ſo⸗ gleich meinen Plan ſagen. Auf, Muth!. . . Vetter Ronſſel, geben Sie mir Ihren Arm, oder vielmehr nehmen Sie den meinen, ſtützen Sie ſich auf mich.“ „Wie, zur Tante Prudence gehen . . . auf der Stelle?“ „Wozu die Zuſammenkunft verzögern?“ „Was Teufels! laß mich ein wenig überlegen!“ „Nein, nein, Vetter Rouſſel, das ſind Dinge, die man, die Augen über der Gefahr ſchließend, im Sturme angreifen muß.“ „Meine kleine Marianne, ich bitte, einen Augenblick Geduld!“ „Kommen Sie, kommen Sie!“ „Es ſei! doch ich habe keinen Blutstropfen in den Adern,“ ſprach Joſeph mit einer zugleich komiſchen und aufrichtigen Angſt. Er ſtand ſodann, auf ſeinen Stock und auf den Arm der jungen Frau geſtützt, auf und fügte bei: „Mir iſt, als ob ich ein Duell auf Leben und Tod haben oder eine Redonte im Sturme nehmen ſollte.“ „Sie zittern in der That.“ „Bei Gott! ich glanbe wohl, vom Heirathen mit der Sie Prudence reden mit der Tante Pru⸗ dene —— 413 VIII. Die Tante Prudence hatte im Hauſe von Fortuné Sauval ein auf den Garten gehendes hübſches Zimmer inne, und ihren frommen Erinnerungen getreu, behielt ſie immer das mütterliche Geräth, das nach und nach an die verſchiedenen Orte, die ſie bei Herrn Jouffroy oder im Hauſe der Cour des Coches bewohnt, gebracht worden war; man hätte glauben ſollen, es beſtehe eine Art von geheimnißvoller Verwandtſchaft, von fympathe⸗ tiſchem Bande zwiſchen der alten Jungfer und den Gegen⸗ ſtänden, von denen ſie ſich nie getrennt; dieſe Tapeten von einer ſtrengen Farbe, dieſes düſtere Bett mit ſeinem Himmel, dieſe Meubles aus dem vorigen Jahrhundert, dieſe guten alten Bücher, die beſtändigen Freunde ihrer Einſamkeit, dieſe alterthümliche Pendeluhr, welche ſeit ſo vielen Jahren die eintönigen Stunden des melancholiſchen Lebens der Tante Prudence ſchlug, Alles ſchien mit ihrer Perſon zu harmoniren; ſowie ſie gleichſam keine Jugend gehabt hatte, ſo ließen auch die Fortſchritte des Alters wenig Spuren in ihren charakteriſtiſchen Zügen zurück; man bemerkte kaum ſtellenweiſe einige graue Haare an ihrem Scheitel von braunen Haaren, der faſt gänzlich unter der Garnitur ihrer großen Haube verborgen war; ihre durchdringenden Augen beſchirmten ſich unter den Gläſern ihrer Brille, und ſie beſchäftigte ſich, nach ihrer Gewohnheit, mit ihrem ewigen Geſtricke, als ſie bei ſich Marianne und den Vetter Rouſſel eintreten ſah; kaum die Verlegenheit, die Angſt verbergend, in die ihn der furchtbare Gedanke: „der Tante Marianne einen Hei⸗ rathsantrag machen,“ verſetzte, ſchaute der Vetter die junge Frau mit einem letzten Blicke des Verſtändniſſes an. „Nun iſt das Loos geworfen,“ beſagte dieſer Blick Die Familie Jouffroy. n. 27 414 von Joſeph, „es komme, was da will, ich werde mich blindlings der Gefahr entgegenſtürzen.“ Brauchen wir zu wiederholen, daß die alte Jungfer, welche durchaus nichts von dem gegen ihr Cölibat an⸗ gezettelten Complotte wußte, nicht ahnen konnte, ihr Liebesaeheimniß ſei Joſeph preisgegeben worden? Mit einem durch ihre Brille geſchleuderten raſchen Blicke durchforſchte die Tante den Vetter Rouſſel, und ſie bemerkte in ſeinem Geſichte die glücklichen Symp⸗ tome der Befeſtigung ſeiner Reconvalescenz; ſie fühlte ſich völlig beruhigt in Betreff der Geſundheit ihres alten Freundes, den ſie ſeit mehreren Tagen nicht geſehen, und überließ ſich mit aller Sicherheit des Gewiſſens ihrer gewöhnlichen Spottſucht. „Ei! guten Morgen, Vetter Rouſſel,“ ſagte die alte Jungfer, ohne ihre Geſtrick zu unterbrechen. „Sie kommen gerade zu rechter Zeit .. Ich habe eine Hundelaune und brauche ein Opfer . Sie müſſen doch wenigſtens zu etwas gut ſein „Ein herrliches Zuſammentreffen,“ dachte Joſeph. Es fehlte mir nur dieſer glückliche Umſtand! Die Tante Prudente hat eine Hundelaune das iſt ermuthigend!“ Und die alte Jungfer mit Rührung anſchauend⸗ ſagte er zu ſich ſelbſt: „Seltſam! nun da mir die Zuneigung der armen Prudence durch ſo viele Beweiſe von edelmüthiger Hin⸗ gebung dargethan iſt, glaube ich ihre Herzensgüte durch ihre entlehnte Phyſiognomie, welche doch in dieſem Au⸗ genblicke teufelmäßia herb und verdrießlich, zu leſen.“ Durch ſeine Beobachtungen und ſeine Gedanken in Anſpruch genommen, blieb Joſeph ſtumm, und er be⸗ merkte nicht die bezeichnenden Blicke von Marianne und das Erſtaunen der Tante Prudence, welche ihm, als ſie ihn ſtill und nachdenkend bleiben ſah, zurief: „Nun, Vetter Rouſſel, warum bleiben Sie wie ein Apoco? Schau ihn an, Marianne . Sollte zu⸗ 415 fällig ſeine Krankheit den Nachtheil gehabt haben, daß ſie dem lieben armen Manne die Zunge verkürzt und die Naſe verlängert hätte? Findeſt Du nicht auch, daß ſeine Naſe noch länger geworden iſt?“ „Oh! Sie böſe Tante!“ verſetzte lächelnd Marianne, „ſehen Sie nicht, daß die Wangen unſeres armen Vet⸗ ters ſehr abgemagert find?“ „Ja, ja,“ erwiederte die Tante Prudence, „durch die Abmagerung ſeiner Wangen emaucipirt ſich ſeine Naſe, entwickelt ſie ſich in ihrer ganzen Majeſtät; das iſt ein optiſcher Effect: die Senkung der Ebenen macht die Er⸗ hebung der Berge ... Deine Bemerkung iſt richtig; was mich aber ganz in Verwirrung bringt und zu Boden ſchlägt, iſt, daß ich den Vetter ſtumm wie einen Fiſch bleiben ſehe, ihn, der nicht mehr, nicht weniger ſchwatzte, als eine Elſter, die man aus ihrem Reſte gejagt. Es iſt wahr, er ſagte nicht oft viel Gutes, doch in gewiſſen Angenblicken hörte ich doch viel lieber ſein Geſchwätz, als das Ticktack meiner Uhr.“ „Tante Prudence,“ ſagte endlich Joſeph, „wenn ich in dieſem Augenblicke nicht ſpreche, ſo denke ich darum nicht weniger.“ „Oder nicht mehr . . . Gleichviel . . . und woran denken Sie?“ „An eine Mittheilung, die ich Ihnen zu machen abe „Nun, ſo theilen Sie mit, Vetter Rouſſel, theilen Sie mit.“ „Die Sache iſt ernſt „Ei! ich hoffe wohl, Sie werden mir nicht die Schmach anthun, mir Poſſen mitzutheilen.“ „Tante Prudence, ich bin wohlgezählt ſechzig Jahre alt. „Ach! mein Gott, wie rührend iſt das!! Brechen Sie mir doch nicht das Herz, abſcheulicher Menſch! Wenn Sie dieſem beifügen: Sie haben weder mehr 416 Papa, noch Mama, Sie ſeien Waiſe, unſchuldiges, armes, verlaſſenes Geſchöpf . . . ſo zerfließe ich in Thränen, in Waſſer! ich verwandle mich in eine Quelle, wie die Nymphe Arethuſa!!“ . Der gute Vetter,“ dachte Marianne, „er braucht wahrlich Mnth, um bis zum Ziele zu gehen . . . Meine Tante iſt im Fluſſe des Spottens.“ „Sie glauben zu ſpotten,“ erwiederte Joſeph der alten Jungfer, „und Sie ſind bei der Wahrheit. Ich bin alt, die Schwächen ſind mit dem Alter gekommen. Ich werde oft ein zurückgezogenes Leben führen müſſen.“ „Als der Teufel alt werde, Vetter Rouſſel, da wurde er Einſiedler.“ „Es mag ſein, doch er mußte ſich in ſeiner Einſie⸗ delei teufelmäßig langweilen; ſo wird es mir in meiner Abgeſchiedenheit ergehen.“ „Ah bah! Sie machen ſich angenehme Beſchäf⸗ tigungen . . . Sie lernen Trommelflöte blaſen . .. Ich empfehle Ihnen beſonders die Trommelflöte, das iſt ſchäferlich, das iſt ergötzlich, abgeſehen davon, daß dieſe bukoliſche Zerſtreuung Ihre Rachbarn entſetzlich ärgern wird. Sie werden Alle hinter einander herbeilaufen, um Sie mit Schmähungen zu überfluthen, was Ihnen täg⸗ lich die Beluſtigung einer wechſelreichen und beſonders ſehr belebten Geſellſchaft verſchaffen muß; hiedurch wer⸗ den Sie die Einſamkeit nicht mehr zu befürchten haben. Befolgen Sie alſo meinen Rath, Vetter Ronſſel, lernen Sie die Trommelflöte blaſen.“ „Der Rath iſt freundlich, doch ich will mit Ihrer Erlaubniß keinen Gebrauch davon machen; ich werde überdies wenig für die Muſik geſtimmt ſein; meine Ge⸗ ſundheit wird Pflege verlangen, und es würde mir wider⸗ ſtreben, ſie aus bezahlten Händen zu erhalten. Mit einem Worte, ich wünſche ein Ende zu machen. Man hat mir von einer armen jungen Perſon geſprochen, welche in⸗ deſſen voll ſolider Eigenſchaften ſein ſoll; ich bin ent⸗ 417 ſchloſſen, zu heirathen. Sie will mich zum Manne neh⸗ men, und ich kam hieher, um Ihnen, meine alte Freundin, ſowie Ihrer Nichte und Fortuné dieſe Hei⸗ rath mitzutheilen.“ IX. Während der Vetter Rouſſel die Tante Prudence von ſeiner vorgeblichen Heirath unterrichtete, beobachtete er ſie aufmerkſam. Sie war heldenmüthig; ihre Haltung bewies ſiegreicher als je die unſchätzbare Hülfsquelle ihres Geſtrickes und ihrer Brille, wenn es ſich für ſie darum handelte, eine plötzliche Gemüthsbewegung zu verheim⸗ lichen. Die Stirne durch ihre Haube verborgen und auf ihre Stricknadeln geneigt, deren faſt krampfhafte Bewegung der Thätigkeit der Arbeit zugeſchrieben wer⸗ den fonnte, die Angen völlig beſchirmt unter den breiten Gläſern ihrer Brille, veränderte die alte Jungfer keine Miene, trotz des gräßlichen Schlages, unter dem ihr Herz brach, da ſie ſo plötzlich die Heirath von Joſeph erfuhr, nicht als hätte ſie eine lächerliche Eiferſucht er⸗ faßt, doch ſie begriff, ſie ſah vorher, den Einfluß einer jungen Frau erduldend, immer mehr zurückgezogen lebend, die Reize des häuslichen Herdes koſtend, müſſe ihr Freund die Gewohnheiten eines vertraulichen Verkehrs verän⸗ dern, der der Tante Prudence ſeit vielen Jahren ſo koſt⸗ bar geworden; er werde ſie nur ſelten beſuchen; dieſe lange Zuneigung werde, wenn nicht gebrochen, doch we⸗ nigſtens geſchwächt, beinahe vergeſſen werden. Doch weit entfernt, ihren Schmerz zu verrathen, blieb die Tante Prudence ſcheinbar unempfindlich; ſie war, wir wiederho⸗ len es, heldenmüthig, und ohne einen bezeichnenden Blick von Marianne, welche allein wußte, bis zu welchem Maße der Selbſtüberwindung ſich ihre Tante erheben konnte, hätte der Vetter Roufſel am Erfolge der Prüfung ge⸗ zweifelt, beſonders, als er die alte Jungfer, immer ſtrickend, immer den Kopf auf ihre Nadeln geneigt, ihm antworten hörte, ohne daß fie einen Augenblick Zwi⸗ ſchenraum zwiſchen dieſer Erwiederung und den Worten, die ſie motivirten, ließ: Ich danke für die Mittheilung, Vetter Ronſſel . . . Das iſt eine zarte Aufmerkſamkeit von Ihnen . . . Es erinnert mich daran, daß Sie einſt bei mir eine Art von Dolmetſcher, von Cupido geweſen ſind in Betreff der Liebe von Fortuné für meine Nichte Aurelie (welche, nebenbei geſagt, umgeſchlagen hat); das lebhafte Intereſſe, das Sie für das Gelingen dieſer Heirath hegten, ſprach ſeltſam zu Gunſten Ihres richtigen Urtheiles, mein lieber armer Mann. Es bleibt mir die ſüße Hoffnung, Sie werden ebenſo ver⸗ nünftig für ſich, als für Andere gewählt haben.“ „Ich glaube Sie verſichern zu können, Tante Pru⸗ dencte, daß Sie ſich in Ihren wohlwollenden Hoffnungen täu⸗ ſchen werden.“ „Gewiß! Sie ſind ein Wunder von Weisheit, Um⸗ ſicht, Vorſicht, und ich bin nur eine Einfältige; doch wie alt iſt es denn, Ihr Roſenmädchen?“ „Zwanzig Jahre.“ „Zwanzig Jahre! . Ein ſchönes Alter bei mei⸗ ner Treue, ein ſchönes Alter! . . Das geht Ihnen wie Wachs . . Sie könnten der Urgroßvater Ihrer Infantin ſein, das iſt ehrwürdig!“ „Sie begreifen, daß ich nichts Anderes als ein Va⸗ ter für ſie ſein will.“ „Allerdings, allerdings! das wird auch ohne Zwei⸗ fel der unſchuldige Wille irgend eines Stutzers in Betreff Ihrer Kinder ſein, wenn Sie haben! . . . Was ſage ich? nein . .. Oh! Sie werden Kinder bekommen . ja einen halben Vierling kleine Rouſſels und kleine Rouſſelles, Alle herumkrabbelnd . . . Guter Mann, er⸗ innern Sie ſich meiner Prophezeiung: Sie werden viele Kinder haben! . . . Sie heirathen alt genug, um eine zahlreiche Nachkommenſchaft zu verdienen.“ 1 419 „Tante Prudence, ich habe Vertrauen zu der Tu⸗ gend des Mädchens, das ich heirathe . . .“ „Ah! ein ſchönes Wort! es iſt Platos würdig! Ich habe Vertrauen zu der Tugend von derjenigen . . . et caetera, et caetera (man muß viele et caetera beifügen). Mein Gott! wie rührend das iſt, das treuherzige Ver⸗ trauen eines podagriſchen Knaſterbartes zu einem zarten Kinde! Das ergötzt, das erquickt, das ermuntert den Geiſt! man hat etwas wie eine Luftſpiegelung von ge⸗ hörnten und doppelt gehörnten Viſionen, erneuert von Boccaccio und la Fontaine. Ah! ich muß Ihnen die Erzählungen von la Fontaine leihen, mein lieber armer Mann! Nicht wahr, Sie werden ſie wiederleſen? Ich werde mir erlauben, Ihren ehelichen Meditationen das Abenteuer des Waſchzuberszu empfehlen, die Erinnerung an dieſe guten Streiche wird Ihnen wenigſtens die Un⸗ annehmlichkeit der Ueberraſchungen erſparen . . . Tritt ſodann die bewußte Inconvenienz ein, ſo können Sie ſagen, indem Sie ſich das Kinn mit einer klugen Miene reiben: „„Bekannt . . . bekannt!““ „Tante Prudence, dieſe Spöttereien über die Ehe⸗ männer von meinem Alter, das iſt etwas ſehr Abgenutztes.“ „Freilich iſt es abgenutzt . . . wie der Gegenſtand, Vetter Rouſſel (es ſei dies ohne Vergleichung geſagt, wohl verſtanden¹) nur möchte ich gern wiſſen, welche geſcheite Perſon Ihnen dieſe ſchöne Heirath in den Kopf geſetzt hat? Ich wette, es iſt Ihr Badineau, dieſer Li⸗ bertin mit grauem Barte?“ „Ich habe in dieſer Hinſicht Niemand um Rath gefragt.“ „Himmel! welch eine fruchtbare Einbildungskraft! Da Sie die Intention der Sache gehabt haben, ſo dürfen wir hoffen, daß Sie auch den Nutzen davon ziehen werden.“ „Arme alte Freundin, welch eine unverſiegbare Laune! Ich würde ihr Stunden lang zuhören!“ ſagte Joſeph zu ſich ſelbſt. „Und dieſem ätzenden Geiſte fügt 420⁰ einen ſeltenen Verſtand, ein vortreffliches Herz bei! Ah! Marianne ſpricht die Wahrheit! ich vermöchte keine Le⸗ beusgefährtin zu finden, die mir beſſer anſtehen würde! Mit welchem Glücke würde ich meine Tage bei ihr be⸗ ſchließen! Marianne täuſcht ſich jedoch über das Reſultat dieſer Prüfung: meine vorgebliche Heirath erregt den unbarmherzigen Spott der Tante Prudence, ohne iht Herz zu afficiren, und trotz ihrer wahren Zuneigung zu mir würde ſie mich mit Sarkasmen erdrücken, wollte ich ihr den Antrag machen, ſie zu heirathen.“ Und während die alte Jungfer, den Kopf auf ihr Geſtricke geneigt dieſes übermäßig beſchleunigte, ſchien Joſeph mit einem bezeichnenden Blicke zu Marianne zu ſagen: „Du ſiehſt, die Tante Prudence iſt durchaus nicht betrübt über meine Heirathspläne.“ Warten Sie doch, Geduld!“ erwiederte der Blick der jungen Frau. Bald verwirklichten ſich ihre Vorherſehungen. Die Tante Prudence, indeß ſie mit einer wachſen⸗ den Wuth zu ſtricken fortfuhr, ſchwieg einen Angenblick nach ihrem letzten Ausfall gegen den Vetter Rouſſel. All⸗ mälig hörte die krampfhafte Bewegung ihrer Finger auf, ihre Hände fielen träge auf ihren Schooß; ſie rich⸗ tete halb den Kopf auf, ohne daß man den Ausdruck ihres, durch das Spiegeln ihrer Brille völlig verborgenen, Blickes zu erkennen vermochte, und ſprach, nicht mehr mit einſchneidendem, ſpöttiſchem, ſondern mit ernſtem, innigem Tone: „Offenherzig geſagt, Vet'er Rouſſel, es ſteht mir im Ganzen übel an, über einen Gegenſtand zu ſcherzen, der mich im Grunde beunruhigt, betrübt, abgeſehen da⸗ von, daß dieſe Spöttereien über das Loos der alten Chemänner in Gegenwart meiner Nichte nicht ſchicklich ſind . . Zum Glück können redliche Frauen Alles hören.“ 421 „Beruhigen Sie ſich, meine gute Tante,“ erwiederte lächelnd Marianne, „ich werde mich dieſer Scherze nicht erinnern.“ Doch den Ton verändernd: „Sagten Sie nicht ſo eben zu unſerem Vetter, ſeine Heirathspläne beunruhigen, betrüben Sie?“ „In der That; und woher kommt Ihre Beſorgniß für mich, Tante Prudence?“ „Ei! mein Gott! ich bin beſorgt, daß ich ſehe, wie Sie auf dem Punkte ſind, eine Thorheit und, was noch ſchlimmer iſt, eine böſe Handlung zu begehen. Darum mußte ich, ſtatt zu ſpotten, im Ernſte reden . . . es iſt wohl der Mühe werth.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Tante Prudence; in wie fern begehe ich eine Thorheit und eine böſe Handlung?“ „Die Thorheit beſteht darin, daß Sie in Ihrem Alter wieder heirathen; eine böſe Handlung iſt es, die Noth eines zwanzigjährigen Mädchens zu mißbrauchen, einzig und allein in der Abſicht, Ihre Frau aus der Armen zu machen. Wahrhaftig, für einen Mann von gutem Herzen, von geſundem Verſtand, und das ſind Sie im Gauzen, iſt das weder edel, noch vernünftig.“ „Wenn ſie ſich aber freiwillig entſchließt, mich zu heirathen?“ „Laſſen Sie mich in Ruhe mit Ihrem freiwillig! Das iſt Unabhängigkeit auf die Weiſe der Lente, welche Hungers ſterbend ſich für ein Stück Brod verkaufen. Sagen Sie, mein alter Freund, ſollte bei Ihnen die Eitelkeit mit dem Alter kommen? Bilden Sie ſich ein, ein zwanzigjähriges Mädchen könne Sie Ihrer ſchönen Augen wegen lieben? Opfert ſie ſich nicht, wenn ſie Sie heirathet? Ich nehme an, ſie ſei, ſie bleibe eine redliche Frau! Doch, mein Freund, geſtehen Sie . .. welch ein trauriges Loos erwartet ſie! Verbunden mit einem Manne, der ſie in ſeinem naiven Egoismus als Krankenwärterin nimmt, in der Eventnalität der Gebre⸗ 422 chen, die er befürchtet! der ſie zum Voraus mit ſeinen zukünftigen Krankheiten verlobt! Ich ſage noch einmal, Joſeph, Sie ſind ein Mann von Verſtand, Sie ſind ein Mann von Gemüth . . Sprechen Sie offenherzig, iſt das, was Sie thun wollen, recht und gut?“ „Arme Tante!“ ſagte Marianne zu ſich ſelbſt, „trotz ihrer Selbſtbeherrſchung iſt ihr Ton bewegt; ſie litt zu ſehr, um lange zu ſpotten.“ „Nun, wenn ich es geſtehen ſoll, Prudence,“ ver⸗ ſetzte der Vetter Rouſſel, „ich habe mich auch des Un⸗ rechts anzuklagen, daß ich von einem ſo ernſten Gegen⸗ ſtande ſprechend ſcherzte.“ „In welcher Hinſicht ſcherzten Sie?“ „Daß ich ſagte, ich werde ein zwanzigjähriges Mäd⸗ chen heirathen. Ich erwartete Ihre Sarkaomen, und da Sie immer unendlich witzig ſind, ſo wollte ich mir, die⸗ ſelben herausfordernd, das Vergnügen machen, ſie zu hören.“ „Abſcheulicher Menſch! Sie ſollen mir das bezah⸗ len! Dieſe Heirath wäre eine Fabel?“ ſagte die Tante Prudence, kaum ihre tiefe Freude verbergend; „und ich ging in die Falle und war ſo unſchuldig, wiederholt au den Verſtand dieſes alten Hirnloſen zu appelliren, der mich nur aufzieht mit ſeiner Infantin und ſeinen zwan⸗ zigjährigen Phautaſien.“ „Verzeihen Sie, Prudence, Sie täuſchen ſich! „Ah! nun kommt etwas Anderes! Diesmal werden Sie mich nicht ſo leicht fangen!“ „Ich verſichere Sie, daß .. „Man ſehe doch dieſen ſchönen Myſtificator! Er kann ſich kaum auf den Beinen halten und fängt wieder an Späſſe zu machen.“ „Prudence, ich wiederhole, Sie tänſchen ſich Mein böſer Scherz betraf nur das Alter der Perſon⸗ die ich zu heirathen wünſche; „meine Heirathspläne 423 ſind wahr. Ich erkläre es Ihnen bei meinem Ehren⸗ worte.“ „Dann glaube ich Ihnen!“ erwiederte die alte Jung⸗ fer mit leicht bebender Stimme. „Ja, meine Heirathspläne find reell, meine liebe Prudence; nur bin ich weder wahnſinnig, noch ſelbſtſüch⸗ tig genug, um ein armes zwanzigjähriges Mädchen nö⸗ thigen zu wollen, meine Krankenwärterin zu werden! Meine Wahl iſt, glaube ich, ehrenhaft und vernünftig, Sie werden ſie billigen, ich bezweifle es nicht, wenn Sie erfahren, daß die Perſon, um die es ſich handelt, nur einige Jahre weniger zählt als ich, mit einem merk⸗ würdigen Geiſte, einem vortrefflichen Urtheil, ſoliden Eigenſchaften und einem vortrefflichen Herzen begabt iſt.“ „Dann . dann iſt es etwas Anderes,“ verſetzte die aite Jungfer, die, trotz ihrer Selbſtbeherrſchung, dies⸗ mal kaum ihren doppelt grauſamen Schmerz verbergen konnte; dieſe Heirath eingegangen mit einer Perſon von reiferem Alter und begabt mit ſoliden Eigenſchaften, wie Joſeph ſagte, brachte der Tante Prudence einen letten Schlag bei; es handelte ſich für ſie nicht mehr darum, ſich ein zwanzigjähriges Mädchen, dem ſie die Annehmlichkeiten der Jugend nicht ſtreitig machen konnte, vorziehen zu ſehen, ſondern ſie ſah ſich eine Frau vor⸗ ziehen, welche wahrſcheinlich ſo alt als ſie, und ohne dieſe unerwartete Nebenbuhlerin zu kennen, glaubte ſie, wenn nicht ihr überlegen zu ſein, doch wenigſtens ihr durch die Solidität des Charakters, durch den Geiſt und be⸗ ſonders durch die Vortrefflichkeit des ſeit vielen Jahren Joſeph ergebenen Herzens gleichzukommen. Uim das Zittern zu verbergen, das die Aufregung ihren Händen verurſachte, und ihre Thränen zu verheim⸗ lichen, die ihren Blick verdunkelten, ſetzte die alte Jung⸗ fer emſig ihr Geſtricke fort, neigte abermals ihr Haupt und wiederholte mit einer Stimme, deren Ausdruck ſie vergebens zu befeſtigen ſuchte: 4²4 „Dann iſt es etwas Anderes, Vetter Rouſſel! Ich habe nichts gegen eine ſolche Heirath einzuwenden; in dem Alter, zu dem Sie gelangt ſind, muß die Verein⸗ zelung für Sie läſtig ſein . . . Sie bedürfen der Pflege, und iſt die Perſon von der Sie reden, wirklich würdig, u „Meine Tante, Sie weinen!“ rief plötzlich Marianne. Und ſie fiel der alten Jungfer um den Hals und machte abſichtlich bei dieſer ungeſtümen Bewegung ihre Brille niederſinken. Die Augen der Tante Prudence waren voll von Thränen, die ſie nicht mehr länger verhalten konnte; bald überflutheten ſie ihr bleiches Geſicht. X. Als der Vetter Ronſſel die Thränen der alten Jungfer wahrnahm, zweifelte er nicht mehr an der Be⸗ ſtändigkeit, an der Lebhaftigkeit ihrer Zuneigung für ihn und an dem Kummer, den ſie bei dem Gedanken an dieſe vorgebliche Heirath empfand; die Gemüthsbewegung, die Thränen ergriffen auch ihn und er rief zärtlich, in ſeinen Händen die ſeiner alten Freundin drückend: „Prudence! ich habe Ihnen die Perſon nicht ge⸗ nannt, bei der meine Tage zu beſchließen mich ſo glück⸗ lich machen würde . . . Dieſe Perſon ſind Sie!“ „Ich! rief die Tante Prudence. Und ihre Züge offenbarten zuerſt das Erſtaunen und dann das unausſprechliche Glück, das ihr das Ge⸗ ſtändniß von Joſeph bereitete. „Ich?“ wiederholte ſie mit einer zitternden Stimme, „mein Gott! was höre ich?“ „Meine Freundin, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie uns mit einander bei Marianne und Fortuns die Tage zubringen, die ich noch zu leben habe „ heiligen wir 425 durch die Ehe eine dreißigjährige Freundſchaft .Ich weiß, mit welcher Hingebung Sie mich während meiner letzten Krankheit gepflegt haben.“ „Ah! Marianne!“ ſagte die alte Jungfer zu ihrer Nichte im Tone ſanften Vorwurfs, „Marianne!“ „Meine gute Tante, ich war nicht allein in Ihr Geheimniß eingeweiht.“ „Klagen Sie nicht Marianne wegen dieſer Offen⸗ barung an . . . der Arzt hat mir Alles geſagt . . .“ er⸗ wiederte Joſeph. „Dieſe rührende Offenbarung war für mich ein Lichtſtrahl. Sie hat mir Ihre Zuneigung dargethan, an der ich nie zweifelte, Prudence, die Sie aber unter einem kalten, ſpöttiſchen Aeußern verbargen.“ „Mein armer Freund, es fällt Ihnen nicht ein! .. . mich heirathen! alt und häßlich, wie ich bin, hieße das vielleicht Sie eines Tags der Reue ausſetzen. Sie geben einer erſten Bewegung der Dankbarkeit nach; ich bin hievon gerührt, tief gerührt, und vermöchte es Ihnen nicht zu verbergen. Aber,“ fügte ſie bei, indem ſie zu lächeln ſuchte, „aber daraus, daß man eine gute Kran⸗ kenwärterin gefunden hat, folgt durchaus nicht, daß man ſie heirathen muß . . . Seien Sie alſo vernünftig, mein alter Freund . . . „Prudence, wenn Sie mich zurückweiſen, machen Sie mich zum unglücklichſten Menſchen der Welt. Mein Gott! ehe ich die Tiefe Ihrer Zuneigung ergründet hatte, entzückten mich Ihr Geiſt, Ihr ſeltener Verſtand; jeden Tag brachte ich bei Ihnen die beſten Augenblicke meines Lebens zu. Beurtheilen Sie alſo, wie ſüß und koſtbar für mich dieſe innige Vertraulichkeit des Zuſammenſeins wäre! . . Oh! ich bitte Sie inſtändig, weiſen Sie mich nicht zurück!“ „Meine gute Tante, laſſen Sie ſich erweichen!“ fügte Marianne bei. Als ſie ſodann ihren Mann bei der alten Jungfer eintreten ſah, ſagte ſie: 426 „Fortuns, komm und vereinige Dich mit uns. Un⸗ ſere böſe Tante weiſt den Antrag unſeres armen Vetters zurück und will nicht „Wohlan, meine Kinder,“ unterbrach die Tante Prudence ihre Richte mit einem Lächeln voll Sanftmuth und Würde, „ich werde Euch nicht das lächerliche Schau⸗ ſpiel einer alten Jungfer geben, die ſich bitten, anflehen läßt, ſie möge zu einer Heirath einwilligen (wenn man dies eine Heirath nennen kann), welche nicht minder ehrenvoll für den Bräutigam, als für die Braut, weil dieſe Einweihung einer dreißigjährigen Freundſchaft auf gegenſeitige Achtung gegründet iſt. Da Sie es alſo verlangen, Joſeph, ſo werde ich Madame Rouſſel ſein. Wir werden mit einander bei dieſen Kindern altern...“ „Nun! Fortuné, Du hörſt?“ ſagte die junge Frau zu ihrem Manne mit einem Ausdrucke treuherzigen Tri⸗ umphes, „unſere gute Tante willigt ein, Madame Rouſ⸗ ſel zu werden.“ „Iſt es möglich! meine Marianne gelangt zu ihrem Ziele: die Tante Prudence verheirathen! Bei meiner Treue, von hente an glaube ich an die Wunder!“ dachte Fortuné, während Joſeph im Erguſſe ſeiner Freude ausrief: „Hören Sie, Prudence! Sie machen mich ſo zu⸗ frieden und durch Sie ſehe ich eine ſo glückliche, ſo fried⸗ liche, ſo lachende Zukunft vorher, daß ich überzeugt bin, ich werde hundert Jahre leben!“ „Mein Freund, ich nehme die Prophezeiung dieſes hohen Alters unter der Bedingung an, daß ich nur ein paar Secunden weniger lebe als Sie.“ „Meine Kinder, höret Ihr die Egviſtin?“ ſagte ſoſept heiter; „wie raſch ſie zu ihrem Naturell zurück⸗ ehrt!“ „Ah! was den Egoismus betrifft,“ verſetzte lächelnd die Tante Prudence, „wißt Ihr, daß ich mich ein wenig in der Lage jenes Galant befinde, der, als er ſeine Ge⸗ 427 liebte geheirathet hatte, zu der er jeden Abend kam, zu ſich ſelbſt ſagte: „„Wo werde ich denn nun meine Abende zubringen?““ Ich ſage mir: „„Wen habe ich denn nun zu plagen, anzuſchnurren, wüthend zu machen, da ich den Vetter Rouſſel heirathe?““ „Wen Sie wüthend machen werden, Tante Pru⸗ dence? Mich, bei Gott! Mich, Joſeph Rouſſel. Ich hoffe, Sie werden mich wie früher in Verzweiflung bringen!“ „Wahrhaftig? Glauben Sie, in einer Ehe könne ſich eine Frau erlauben, zu . .5 „Noch viel mehr, Prudence, in der Ehe noch viel mehr.“ „Dann iſt es etwas Anderes, und ich antworte Ihnen, wie Colinette bei Hofe: „„Entſchuldigt, Ho⸗ heit, daß wirnichts wiſſen über dieſe Dinge!““ „Ich frage Euch, meine Kinder, iſt es möglich, einen Geiſt zu finden, der beluſtigender wäre? Die Vögel würden vom Himmel herabkommen, um zuzuhören!“ rief Joſeph, ſich an Fortuné und Marianne wendend, welche herzlich über die ſcharfen Erwiederungen der alten Jungfer lachten. „Und wann ſoll nun unſere Hochzeit ſtattfinden, Prudence?“ „Um Gottes willen, miſchen Sie ſich ganz allein hierein und ſprechen Sie darüber nicht mit mir, denn das verdammte Wort Heirath erſcheint mir immer niedlich auf⸗ geputzt mit Orangenblüthenkränzen und verziert mit einem weißen Gazeſchleier. . . Ich frage Sie ein wenig, wie dieſer Putz meinem Geſichte, meiner Tournure, meinem Alter entſprechen würde .. Ah! es verſteht ſich, Jo⸗ ſeph, daß wir uns zu einer Stunde trauen laſſen, wo keine Katze auf der Mairie iſt, und daß ich gekleidet ſein werde, wie ich es bin: als Mutter Bobie .. . „Das verſteht ſich. . „Sodann wird die bürgerliche Trauung für uns 428 genügen . . biedurch wird unſere Heirath ſchon ſattſam öffentlich zur Schau geſtellt.“ „Sie kommen hierin meinem Wunſche zuvor, liebe Prudence. Sie wiſſen, meine Philoſophie gleicht der Ihrigen. Ich übernehme alſo Alles, ſpreche von Nichts mit Ibnen, und die Trauung wird ſo bald als möglich ſtattſinden .. In unſerem Alter, meine Freundin, muß man ſich beeilen . . . Wenn ich von hier weggehe, be⸗ ſorge ich das Aufgebot, benachrichtige ich meine Zeugen ...“ Und er fügte ſeufzend bei: „Ach! Prudence, warum muß mein alter Jouffroy bei dieſer Familienfreude fehlen?“ „Armer Bruder,“ erwiederte ebenfalls ſeufzend die Tante Prudence, „armer Bruder!“ „Liebe Tante, ſagte Marianne, „trüben wir dieſen guten Tag nicht; ich habe die Ahnung, daß wir bald meinen Vater, meine Mutter und Aurelie wiederſehen werden .. . Dann verlaſſen wir uns fortan nicht mehr . . . nein, wir leben Alle hier vereinigt.“ „Hoffen wir das, meine Freundin,“ erwiederte For⸗ tuns, der längſt, wie Joſeph und die alte Jungfer, die Illuſionen von Marianne nicht mehr theilte; „hoffen wir das; dieſer Tag wird für uns Alle ein ſchöner Tag ſein.“ „Auf baldiges Wiederſehen,“ ſprach der Vetter Rouſſel, indem er aufſtand und der alten Jungfer die Hand reichte; „ich werde mich demnächſt zum Mittageſſen bei dieſen Kindern einladen.“ „Ich wollte Sie bitten, uns dieſes Vergnügen zu machen,“ verſetzte Marianne. „Ich kenne die Diät, die Ihnen Ihr Arzt empfohlen hat .. ſie ſoll pünktlich beobachtet werden.“ „Und beſonders keine Unvorſichtigkeit, Joſeph; er⸗ müden Sie ſich nicht, fahren Sie nur aus,“ ſagte die Tante Prudence. „Ich kann Ihnen nun, ohne mich zu compromittiren, dieſe Ermahnungen geben in meiner 4²9 anerkannten Eigenſchaft als Ex ... und zukünſtige .. Krankenwärterin. „Seien Sie ruhig, von heute an wird meine Gene⸗ ſung mit Rieſenſchritten gehen. Ah! mir fällt ein, meine liebe Prudence, Sie haben nichts dagegen einzuwenden, daß Badineau einer meiner Zeugen ſein ſoll? Er iſt, nach dem armen Jouffroy, mein älteſter Freund.“ „Mein lieber Joſeph, Sie können Ihren Freund Badineau um ſo eher zum Zeugen wählen, als Sie ihn durchaus nicht zum Beiſpiel nehmen, dieſen alten Sela⸗ don, der beſtändig, wie Sie verſichern, in irgend eine Schöne mit ſüßen Angen verliebt iſt, die das Geld des guten Mannes verzehrt und ſich dabei über ihn luſtig macht.“ „Was wollen Sie! trotz ſeines Alters, hat er noch ein verliebtes Herz; das iſt ſein einziger Fehler, ſein einziger Troſt; ſeine Frau iſt eine wahre Harpye, ein eingefleiſchter Teufel . . . Er iſt übrigens ein wackerer Mann, und ich möchte ihn unter Anderem zum Zeugen, weil er als Verwandter des Maire Ihres Arrondiſſe⸗ ment es bei dieſem dahin bringen wird, daß er uns zu einer ſehr frühen Stunde traut, wie Sie dies wünſchen, meine liebe Prudence.“ „Gelingt Ihrem Freunde Badineau dieſe Vermitte⸗ lung, ſo ſollen ihm viele galante Sünden vergeben wer⸗ den. Auf baldiges Wiederſehen alſo, Joſeph, und ermü⸗ den Sie ſich beſonders nicht.“ „Mein lieber Vetter,“ ſagte der Goldſchmied zu Jo⸗ ſeph in dem Augenblick, wo dieſer das Zimmer zu ver⸗ laſſen ſich anſchickte, „ſtützen Sie ſich auf mich, ich werde Sie bis unten an die Treppe führen.“ „Ich danke für Dein Anerbieten, mein Junge, es iſt unnöthig. Ich habe heute meine fünfzehnjährigen Beine wiedergefunden!“ „Was Dich nichtabhalten wird, Deinen Armdieſem jun⸗ gen Springinsfeld zu geben, meinlieber Fortuns einzig, und Die Familie Jouffroy. I. 28 allein, damiter nicht aufder Treppe auf die Naſefällt,“ ſprach die Tante Prudence. „Ah! Vetter Rouſſel, ich habe nun Rechte bei Ihnen, und ich mache davon Gebrauch ... ich werde tüchtig davon Gebrauch machen, das ſage ich Ihnen zum Voraus!“ „Madame Rouſſel,“ erwiederte Joſeph mit komiſchem Ernſt, „ich gehöre Ihnen mit Leib und Seele, verfügen Sie über mich; und um Ihnen meine Unterwürfigkeit gegen Ihre Befehle zu beweiſen, nehme ich den Arm von Fortuns an. Hienach leben Sie wohl, meine alte Freundin.“ „Vergiß beſonders nicht, ihn ſeinen Paletot bis ans Kinn zuknöpfen zu laſſen, denn es iſt im Ganzen noch kühl,“ ſagte die Tante Prudence zum Goldſchmied in dem Augenblick, wo er mit dem Vetter Rouſſel aus dem Zim⸗ mer ging. Narianne, welche allein bei der alten Jungfer blieb, kniete vor dieſer nieder, ſchlang einen ihrer Arme um ihren Hals und ſprach zärtlich zu ihr: „Meine gute Tante, ich habe Sie um Verzeihung und Nachſicht zu bitten.“ „Du ſollteſt meiner Verzeihung, meiner Nachſicht bedürfen? Das iſt ein Scherz, mein Kind!“ „Nein ich habe mir einen ſchweren Vorwurf zn machen.“ „In Beziehung auf mich?“ „Ja, meine Tante.“ „Erkläre Dich.“ „Vor ſechs Jahren haben Sie meine geheime Liebe für Fortuns ergründet. Um mein Vertrauen heranzu⸗ ziehen, haben Sie mir geſtanden, daß Sie auch geliebt daß Sie noch ohne Hoffnung liebten .. Ihnen, Ihnen allein verdanke ich es, daß Fortuné mich liebte.“ Peir K 2 6 „Oh! vertheidigen Sie ſich nicht; Ihnen allein verdanke ich es, daß er mich denn ohne Sie 4³1 hätte er meinen geringen Werth nicht entdeckt, geſchätzt! Und ſo war es mein einziger Wunſch, für Sie zu thun, was Sie für mich gethan hatten. Doch um zu dieſem Reſultate zu gelangen, mußte ich mein Wort brechen. das Geheimniß preisgeben, das Sie mir anvertraut.“ „Ah! es iſt nun kein Zweifel mehr . . . Du haſt dem Vetter Ronſſel mitgetheilt . . .“ „Wie ſehr Sie ihn geliebt haben, wie ſehr Sie ihn lieben . .. Ihre Bangigkeiten, . . Ihre ſo hingeben⸗ den, ſo rührenden Mühewaltungen während ſeiner letzten Krankheit.“ „Ah! Marianne, Marianne! 4 „Ich konnte Sie in Unwiſſenheit über meinen Wortbruch laſſen, doch dies dünkte mir ſchlimm . . Ich zog es vor, aufrichtig zu ſein und Sie um Ver⸗ zeihung zu bitten; werden Sie mir dieſe gewähren, meine gute Tante?“ „Wie ſollte ich es Dir abſchlagen, mein Kind? ich bin ſo glücklich!“ erwiederte die alte Jungfer mit inni⸗ indem ſie die junge Frau in ihre Arme In dieſem Augenblick kam Fortuné, nachdem er Joſeph begleitet, mit ſeiner kleinen Tochter Lilie an der Hand zurück; dieſe brachte einen großen Blumen⸗ ſtrauß, lief auf die Tante Prudence zu und bot ihr den⸗ ſelben an, als hätte ſie ihr zu ihrer Heirath Glück wün⸗ ſchen wollen. Die alte Jungfer fühlte das Zarte dieſer von Fortuné eingegebenen Aufmerkſamkeit, küßte innig das Kind und ſetzte es auf ihren Schoß, während die zwei Chegatten einen Blick unausſprechlichen Glückes wechſelten. 432 XI. Der Vetter Rouſſel hatte ſich zu ſeinem Freunde Badineau, dem ehemaligen Specereihändler, der nun von ſeinen Renten lebte, führen laſſen. Dieſer große, dicke Mann mit der breiten Bruſt war ungefähr fünfundfünf⸗ zig Jahre alt, hatte krauſe, ins Rothe ſpielende Haare im üeberfluſſe und einen finnlichen Mund; ſeine ſehr charakteriſtiſche Maske erinnerte an die des Gottes der Gärten. Man konnte Herrn Badineau kaum etwas Anderes vorwerfen, als ſeinen zu inbrünſtigen Cultus für Venus Aphrodite. Der Vetter Rouſſel, der eine Stunde zuvor zu ſeinem Freunde gekommen war, ſetzte mit ihm alſo ein angefangenes Geſpräch fort: „Was für einen Teufelsauftrag willſt Du mir ge⸗ ben? Du biſt verrückt!“ ſagte Joſeph die Achſeln zuckend. „Bedenkſt Du denn? ich ſoll eine ſolche Rolle ſpielen! ich, ein verheiratheter Mann, oder beinahe verhei⸗ rathet Vergiſſeſt Du das?“ „Ich weiß, daß Du heirathen willſt, da Du nich erſuchſt, Dein Zeuge zu ſein und den Maire, meinen Verwandten, zu bitten, er möge die Stunde der bürger⸗ lichen Trauung ſo feſtſetzen, daß wenig Zuſchauer dabei ſeien; es ſoll geſchehen, was Du verlangſt; doch Du biſt am Ende noch Junggeſelle und es iſt keine ernſte Ein⸗ wendung dagegen zu machen, daß Du mir einen von den Freundſchaftsdienſten leiſteſt, wie man ſie ſich unter Junggeſellen erzeigt.“ „Wie, unter Junggeſellen? . Und Deine Frau?“ „Meine Frau zählt nur der Erinnerung wegen „ Ich bitte Dich alſo, mein lieber Rouſſel, verſage mir dieſen Beweis von Freundſchaft nicht. Man wird Dei⸗ nen Vorſtellungen Gehör ſchenken, deſſen bin ich ſicher. 433 Sie wird einſehen, daß tauſend Franken monatlich, ohne von den Geſchenken zu reden, im Ganzen genügen, um anſtändig zu leben.“ „Wohin gehſt Du? warum ſtehſt Du auf?“ „Ich befürchte immer, Coriſandre könnte an der Thüre lauſchen. Sie hat, unter andern Annehmlichkei⸗ ten, den abſcheulichen Fehler, daß ſie neugierig iſt wie eine Elſter.“ So ſprechend, ging Herr Badineau auf den Fuß⸗ ſpitzen an die Thüre, um ſich zu verſichern, daß ihn ſeine Frau nicht belauſche; er kam ſodann zu ſeinem Freunde zurück und fuhr fort: „Du würdeſt alſo dieſer Wunderholden begreiflich machen, ſie müſſe vernünftig ſein, keine Schulden, keine Verbindlichkeiten mehr eingehen; in dieſem Falle willige ich ein, noch die fraglichen zweitauſend Franken zu be⸗ zahlen, die Du ihr in meinem Namen übergeben wirſt, jedoch mit der Erklärung, fortan erhalte ſie keinen rothen Pfennig mehr über ihre tauſend Franken monatlich! Iſt das nicht hinreichend? Ich habe ihr überdies eine ſehr hübſche Wohnung meubliren laſſen, ich habe ihren Schrank mit Silberzeug verſehen, ich bezahle ihren Miethzins (das vergaß ich). Du wirſt mir daher zugeſtehen, daß man ſich, wenn man nicht Millionär iſt, nicht freigebi⸗ ger zeigen kann.“ „Wohl, doch ich wiederhole Dir, es widerſtrebt mir ganz ſonderbar, daß ich Deiner Dirne ſolche Ermah⸗ nungen zur Sparſamkeit geben ſoll. Das iſt lächerlich.“ „Sie und mich ausgenommen, wird Niemand er⸗ fahren, daß Du ſie geſehen haſt.“ „Und würde ich mich auch in dieſen Schritt fügen biſt Du ſo gutmüthig, zu glauben, wenn Deine Schöne mir verſprochen habe, ſie wolle keine Schulden mehr machen, ſo werde ſie ihr Wort halten?“ „Ja „ 434 „Du biſt doch zu leichtgläubig! abgeſehen davon, daß mich Deine Demviſelle zum Henker ſchicken wird!“ „Du täuſcheſt Dich! ich bin überzengt, daß ſie Dich anhören wird, wenn Du, wie Du ſie zu ſprechen weißt, die Sprache der Vernunft ſprichſt.“ „Ei! alle Teufel! ſprich Du ſelbſt mit ihr dieſe Sprache!“ „Bin ich nicht hundertmal zu verliebt hiefür? Und ſodann iſt es in meiner Lage ein Gegenſtand, der eine ſo zarte Behandlung verlangen würde, während bei Dir Doch ſich unterbrechend: 373* befürchte immer, daß Coriſandre an der Thüre horcht . . .“ Herr Badineau verſicherte ſich aufs Neue, daß ihn ſeine Frau nicht belauſchte, öffnete ein wenig die Thüre, ſchloß ſie wieder, kam zu ſeinem Freunde zurück und ſagte: „Ah! mein armer Rouſſel, was für ein Weib habe ich! Vor drei Jahren entdeckte ſie die Wohnung einer reizenden Reiterin vom Cirque, für die ich mich inter⸗ eſſirte; willſt Du wohl glanben, daß Coriſandre mit einem dicken Stocke bewaffnet bei meiner Reiterin ein⸗ drang und ſie grün und blau ſchlug, nachdem ſie zuvor Alles in der Wohnung zerſchmettert hatte?“ „Alles dies iſt ſchmählich und müßte Dir wenigſtens einen Widerwillen gegen ſolche traurige Bekanntſchaften beibringen.“ „Womit ſoll ich denn meine Zeit vertreiben? Mein Haus iſt eine Hölle, und ich fliehe es; ich finde immer, wenn ich heimkehre, meine Fran mit den Fäuſten auf den Hüften und den Schaum auf den Lippen. Ich ſuche auch Zerſtreuungen, die mir gefallen. Ich habe kein Kind, bei meiner Treue, mir gilt es gleich! Ich ver⸗ zehre im Ganzen nur mein Vermögen, da ich Coriſandre ohne einen Son Mitgift geheirathet habe.“ — 435 „Ich gebe zu, daß Dir das häusliche Leben keine große Reize bietet, doch in Deinem Alter iſt man ver⸗ nünftiger.“ „Was willſt Du? . ich bete das ſchöne Geſchlecht an, und man macht ſich nicht anders . . . Und wüßteſt Du, wie hübſch ſie iſt!“ „Wer?“ „E ſi „Ah! ja richtig, ich vergaß.“ „Kurz, wenn Du ſie beſuchen wollteſt, um in ihrem Intereſſe vernünftig mit ihr zu reden, ſo könnteſt Du die Dankbarkeit, die ſie mir ſchuldig iſt, geltend machen, denn im Ganzen habe ich ſie aus dem Elend geriſſen, und ſie war nicht bei ihrem erſten Abenteuer!“ „Jung, hübſch und im Elend, das wundert mich⸗ denn gewöhnlich ſind dieſe Weiber . . „Dieſe Weiber dieſe Weiber . ſie iſt kein Weib wie eine Andere, ihr Ton iſt vortrefflich, ihre Ma⸗ nieren ſind ganz die einer gebildeten Dame; ich will mir gerade heute das Vergnügen machen, ſie an eine Table d'hote zu führen, und ich weiß gewiß, daß ſie alle andere Frauen verdunkeln wird.“ „Wie! Du beſuchſt dieſe Spielhänſer?“ „Dieſe Table d'hote iſt, was ſich nur Beſtes nnd vom vornehmſten Genre jinden läßt; ſie zeichnet ſich gleich ſehr aus durch die Männer, die dort erſcheinen, wie durch die reizenden Frauen, welche man trifft.“ „Solche Häuſer ſind immer mehr oder weniger Räuberhöhlen; warum führſt Du dahin die Perſon, von der Du ſagſt, Du ſeiſt in ſie verliebt?“ „Was willſt Du? ſie kann keine andere Geſelſſchaft beſuchen, und eine hübſche Frau liebt es immer, eine elegante Toilette zu zeigen, ihre vortrefflichen Manieren bewundern zu laſſen; ich hatte auch, bei meiner Treue! nicht den Muth, ihr abzuſchlagen . ..“ 4 436 Herr Badineau vollendete nicht, die Thüre ſeines Cabinets wurde ungeſtüm geöffnet, und ſeine Frau trot bei ihm ein. Ungefähr vierzig Jahre alt, eine Frau von mitt⸗ lerem Wuchſe, von nervigen, hageren Formen, hatte Ma⸗ dame Badineau eine zänkiſche, entſchloſſene Phyſiognomie; die beſtändig bei ihr gährenden Leidenſchaften des Zor⸗ nes und der Eiferſucht machten die Galle in ihr Blut eindringen, und ihr Geſicht war hiedurch quittengelb ge⸗ worden. Als Herr Badineau ſeine Frau erblickte, gehorchte er einer inſtinctartigen, beinahe maſchinenmäßigen Bewe⸗ gung und nahm Hut und Stock, um ſo raſch als mög⸗ lich aus ſeinem Hauſe zu fliehen, indeß Herr Rouſſel höflich zu der furchtbaren Coriſandre ſagte: „Guten Morgen, Madame Badineau, wie ſteht es mit Ihrer Geſundheit?“ „Mit meiner Geſundheit?“ erwiederte ſie, und im Tone bitterer Anſchuldigung fügte ſie, auf ihren Unge⸗ treuen deutend, bei: „Es iſt nicht der Fehler dieſes Herrn, wenn ich nicht ſchon in meinem Grabe liege!“ „Ah! Madame, können Sie denken, Ihr Gatte .. „Kommſt Du, Ronſſel?“ ſagte Badineau, der einen Sturm vorherſah und ſich kluger Weiſe nach der Thüre wandte. „Kommſt Du? Wir gehen mit einander . . .“ „Wie!“ rief Coriſandre; „Sie ſind erſt vor einer Sii nach Hauſe gekommen und gehen ſchon wieder aus?“ „Ja, theure Freundin.“ „Werden Sie zum Mittageſſen zurückkommen?“ „Nein, theure Freundin.“ „Sehr gut! Wie geſtern, wie vorgeſtern, wie immer! NRie eine Stunde zu Hauſe; es ſcheint, die Füße brennen Sie hier . . .“ „Adieu, theure Freundin. Gehen wir, Rouſſel.“ „Sie ſind ein Ungehener!“ 437 „Wohl! wohl! auf Wiederſehen!“ „Sie bringen Ihre Abende bei Ihren Weibsbildern zu, Sie alter Wüſtling!“ „Madame Badineau, ich bitte, beruhigen Sie ſich.“ „Schweigen Sie, Herr Rouſſel, Sie ſind nicht mehr werth als mein Mann, Sie verführen ihn.“ „Ich! gerechter Himmel!“ . „Rouſſel, nimm meinen Arm und laß ſie ſprechen, die theure Freundin; das iſt ihre Geſundheit, das er⸗ leichtert ſie; komm,“ ſagte Badineau. Und er reichte Joſeph den Arm und flüſterte ihm zu: „Ich befürchte ſehr, Coriſandre hat an der Thüre gehorcht. . . Uebrigens ſiehſt Du, wie angenehm meine Haushaltung iſt!“ „Haſt Du Dir denn nichts vorzuwerfen?“ erwiederte Joſeph leiſe und die Achſel zuckend. „Es iſt ſchmählich, in Deinem Alter ſich ſolchen Vorwürfen auszuſetzen und ſie zu verdienen.“ „Herr Badineau, Sie ſind ein alter Straßenläufer! ein Praſſer! ein Ruchloſer!“ rief außer ſich Coriſandre, indem ſie die Fauſt ihrem Manne wies, der ſich kluger Weiſe gegen die Thüre mit einem unſtörbaren Phlegma zurückzog. „Sie verlaſſen, Sie ruiniren Ihre Frau liederlichen Dirnen zu Liebe! Doch Ihre gegenwärtige Weibsperſon ſoll mir nicht in die Hände fallen! denn ich werde ſie behandeln, wie ich vor drei Jahren Ihre Reiterin behandelt habe! Ich reiße ihr die Augen aus, ſo wahr Sie mich unglücklich machen wie die Steine .. .“ „Adien, liebe Freundin!“ erwiederte Herr Badineau. Und er wich vor ſeiner Frau zurück, bis er in der Nähe der Thüre war, ſchob Joſeph vor ſich hinaus, drehte ſodann den Schlüſſel im Schloſſe und ließ Cori⸗ fandre eingeſperrt. XII. Wir müſſen den Leſer darauf aufmerkſam machen, daß ſich nunmehr betrübliche, häßliche und ſpäter ent⸗ ſetzliche Scenen vor ihm entrollen werden. Die unbeugſame Moral unſeres Buches nöthigt zu dieſen peinlichen Gemälden; die unerbittliche Logik des Laſters, ſeine Fatalität, wenn das Princip des Böſen unwiderruflich den Sieg über das Princip des Guten davonträgt, wenn nicht die Rene, die Buße Nachſicht und Vergebung gebieten, die unerbittliche Logik, die Fatalität des Laſters, ſagen wir, bringen eine furchtbare und oft heilſame Lehre mit ſich. Iſt das Herz des Leſers beklommen, betrübt es ſich, wenn er lieſt, was nun folgen ſoll, ſo iſt unſer Herz nicht minder betrübt und beklommen, während wir dieſe ſchmerzlichen Erzählungen ſchreiben. Hienach wollen wir weiter gehen. Mademoiſelle Clara, Exkammerfrau der Gräfin von Villetaneuſe, hatte ihren Ehrgeiz durch die Freigebigkeit von Karl Maximilian befriedigt geſehen: ſie hielt eine Table d'hote im großen Genrez mit andern Worten⸗ eine Art von ehrlichem und gemäßigtem Räuber⸗ neſte, halb Spielhaus, halb Bordell. Hier trafen die verdächtigſten Frauen zuſammen; die Einen blühten noch im Glanze ihrer jugendlichen Schönheit, mit der ſie Handel trieben, die Anderen, weſche ſchon auf der Um⸗ kehr waren, aber durch Zufall einige Trümmer von ihrem ſchmählichen Reichthum erhalten hatten, verließen, wü⸗ thende Spielerinnen geworden, die Buillotte⸗ oder Lanz⸗ knechttiſche nicht. Das männliche Perſonal war mannichfaltiger und beſtand aus Gimpeln und Betrügern. 439 Die Gimpel, welche die Mehrzahl bildeten, gehör⸗ ten verſchiedenen Kategorien an. Unverbeſſerliche Spieler, welche ſeit der ſehr geſetzlichen Aufhebung der Spielhäuſer das Glück in dieſen Höhlen verſuchten, wo die Polizei oft eine Einſchreitung vornahm. Aeltere Männer, welche hieher, wie Herr Badineau, unterhaltene Frauen brachten. Einige Stammgäſte, welche, wenig ausſchweifend, wenig Spieler, an dieſem zweifelhaften Orte ein leid⸗ liches Mittagsmahl und die Zwangloſigkeit der mehr als leichten Sitten einer, unter einer gewiſſen Rinde von Wohlanſtand und Lebensart verkleideten, ſchlechten Geſell⸗ ſchaft fanden. Ganz junge Leute, Hausſöhne aus der Provinz oder Erben eines beſcheidenen, mühſam in Paris erwor⸗ benen induſtriellen Vermögens, die ihre erſte Liebe von den hier einheimiſchen Courtiſanen von hohem Range forderten. Wenig oder ſchlecht empfohlene Fremde endlich, welche ſich einbildeten, ſie beſuchen die ſchöne Welt von Paris in dieſen Verſammlungen, wo ſie gewöhnlich von einem Griechen von ſehr guten Manieren einge⸗ führt wurden, mit welchem ſie durch einen Zufall zuſam⸗ mengetroffen zu ſein glanbten: naiver Irrthum, denn die Griechen, eine Art von Brüderſchaft der Induſtrierit⸗ ter, ſind in der Regel ſehr gut unterrichtet über die Ankunft der Fremden in den verſchiedenen Hotels, in deren Umge⸗ gend dieſe Erzgauner ihre Netze ausſpannen. Die Griechen oder Betrüger im Spiele, zuweilen Verbrecher, welche wiederholt von der Juſtiz beſtraft worden ſind, Leute um ſo gefährlicher, als ihre Artigkeit, ihre Eleganz, oft ſogar ihre vortreffliche Erziehung und ihre ausgezeichneten Manieren jeden Verdacht von ihnen entfernen; die Griechen wählen gewöhnlich die Tables d'hote zum Schauplatze ihrer Betrügereien; die Auf⸗ regung durch den Wein und das gute Eſſen, die lasciven Blicke der jungen, ſchönen, blendend geputzten Frauen, von denen Einige Mitſchuldige der Griechen ſind, exal⸗ tiren den Gimpel; das Spiel beginnt, das Gold bedeckt den Tiſch, und der Gimpel verläßt das Spielhaus bei lebendigem Leibe gerupft; unſchuldig und gutmüthig, fügt ſich der gerupfte Vogel beinahe immer in dieſen Schlag des Schickſals und zieht mit Schimpf und Schande ab; zuweilen findet ſich aber auch ein böſer, argwöhniſcher, ſtreitſüchtiger Spieler: dieſer Mann macht eine Klage beim Commiſſär anhängig; es erfolgt ein Beſuch der Polizei in dem Schlupfwinkel, deſſen Reſultat häufig die Einſperrung der Inhaberin der Table d'hote iſt. Wahrhaft redliche Organiſationen, die ſich aus Zu⸗ fall oder aus Neugierde an dieſe ungeſunden Orte ver⸗ irren, bemerken bald, daß ſie hier eine verdorbene, übel⸗ riechende Luft einathmen, trotz des elegauten Firniſſes der Perſonen und der Dinge, wie eine giftige Ausdünſtung nie ganz durch die ſchärfſten Wohlgerüche neutralifirt werden kann. Dies war alſo der moraliſche Anblick der Table d'hote von Clara. Ihr materieller Anblick war üp⸗ pig; der innere Reichthum der Wohnung contraſtirte mit dem Alter des düſtern, faſt verfallenen Hauſes, das in einem der dunkelſten Theile der Rue de la Michodidre lag. Die mit dergleichen Höhlen vereinbaren Localitäten find ſehr beſchränkt, da die Eigenthümer der großen und neuen, luftigen, wohl erleuchteten Gebände durchaus nicht zu Miethsleuten dieſe Spielhalter haben wollen, — eine immer widrige Nachbarſchaft für die anderen Bewohner des Hauſes, die mit ihrer Familie der Gefahr aus⸗ geſetzt ſind, auf den Stufen betrunkenen Spielern in Geſellſchaft von unterhaltenen Mädchen zu begegnen. Die Treppe, welche zur Wohnung von Clara führte, war finſter ſelbſt am hellen Tage und bei Nacht kaum durch eine rauchige Laterne beleuchtet. Guckfenſterchen dienten als Beobachtungspoſten für eine Dienerin, welche 441¹ die Herbeikommenden, ehe ſie dieſelben in das Allerhei⸗ ligſte einführte, prüfend zu beſchauen beauftragt war. Erblickte ſie einen Polizeibeamten und ſein Gefolge, ſo rief ſie: „Der Commiſſär kommt!“ Und ſie ſchloß das Fenſterchen wieder. Bei dieſen vom Vorzimmer bis in den Salon wiederholten Worten verſchwanden die Karten und die Einſätze von den grünen Teppichen, und trat der Com⸗ miſſär, nachdem er, um Alles zu zerreißen, geklingelt und über den berechneten Verzug geflucht hat, endlich ein, ſo fand er die Stammgäſte des Spielhauſes, Männer und Frauen, ganz von den Wechſelfällen des Lottos oder einer andern unſchuldigen Belnſtigung in Anſpruch ge⸗ nommen. War die ſchützende Thüre geöffnet, ſo veränderte ſich der Anblick. Auf die finſtere, ſchmutzige Treppe folgte ein friſch gemaltes Vorzimmer mit einer umfaſſenden Einrichtung zur Aufnahme der Mäntel, Paletots, Hüte und der Man⸗ tillen der Hausfreunde der Table d'hote; es führte in einen geräumigen, behaglich meublirten und glänzend erleuchteten Speiſeſaal; eine von den Thüren dieſes Saales gewährte Zugang zu einem ſchönen Salon, der einerſeits mit dem Boudoir und andererſeits mit dem Schlafzimmer von Clara, das auch als Empfangszimmer diente, in Verbindung ſtand. Das prunkvolle Ameublement dieſer Zimmer verbarg kaum ihren urſprünglichen Verfall; die Ungleichheit des Bodens war unter den Teppichen, die ihn bedeckten, bemerkbar; die eingeſunkenen Karnieße, der vielfältig zerſprungene Plafond, an dem ein Kron⸗ leuchter hing, contraſtirten mit dem Glanze der granat⸗ rothen, ſammetartigen Tapete, welche mit vergoldeten Stäbchen eingefaßt war; ebenſo contraſtirten die ſeidenen Vorhänge mit den wurmſtichigen, aus den Fugen ge⸗ gangenen Rahmen der Fenſter mit ibren kleinen Schei⸗ 442 ben, welche nur nothdürftig durch ihre ſchwarz ange⸗ malten, plumpen Drehriegel geſchloſſen werden konnten. An dieſem Tage hatten die Stammgäſte der Table d'hote ſeit Kurzem ihr Mittagsmahl beendigt, doch man erwartete noch die zur Abendunterhaltung eingeladenen Perſonen, um die Spielpartien zu beginnen. Ein Dutzend Frauen, eine ungefähr gleiche Anzahl Männer waren in dem durch zwei große, in Porzellan⸗ vaſen enthaltene, Lampen erleuchteten Salon zerſtreut und plauderten zu zwei oder in Gruppen. Unter den Männern hatten zwei oder drei kaum die Jünglingsjahre hinter ſich; die Mehrzahl gehörte dem reiferen Alter an, einen betagten Herrn mit weißen Haaren und weißem aufgeſtutztem Schnurrbart ausge⸗ nommen. Dieſen Herrn nannte man emphatiſch den General. (Faſt alle Tables d'hote ſetzen ihren Stolz darein, unter ihren täglichen Gäſten einen General, einen Oberſt, einen Commandanten, oder wenig⸗ ſtens einen Major zu zählen; über die Aechtheit dieſer Grade kann der Armee⸗Kalender allein Auskunft geben.) Einige alte Spielerinnen, geſchminkt bis an die Augen, entblößt bis unter die Schultern, mehrere mit der größten Eleganz gekleidete, hübſche junge Frauen bildeten das weibliche Perſonal. Faſt alle dieſe Damen führten einen entlehnten harmoniſchen, unabänderlich mit der ariſtokratiſchen Par⸗ tikel verzierten Namen, wie Frau von Bourgueil⸗ Frau von Saint⸗Alphonſe, Frau von Belconr u. ſ. w. Sie hatten meiſtens etwas Zurückhaltendes in ihrem Aeußeren, denn, — es iſt dies eine ſeltſame, auf das angeborene Zartgefühl des Weibes baſirte Bemerkung, — verſinkt die Frau in eine ſo tiefe Entſittlichung wie der Mann, ſo wird ſie doch einen offenbaren Vorzug vor ihm, hinſichtlich des Anſcheins, bewahren: von den Creaturen, welche die verdächtigen Orte, wo wir den Leſer einführten, zu beſuchen pflegten, beobachteten auch die Meiſten eine anſtändige, beinahe beſcheidene Haltung⸗ 44⁸ Unter der kleinen Zahl von Stammgäſten der Table d'hote von Clara, welche muthiger oder vielmehr ſcham⸗ loſer Weiſe ihren eigenen Namen führten, war Madame Bayeul. Ihre Gegenwart in dieſem Spielhanſe, obgleich ſie dem redlichen Bürgerſtande angehörte, erklärte ſich durch ihre ehelichen Mißgeſchicke. Herr Bayenl hatte ſeine Frau aus ihrer gemein⸗ ſchaftlichen Wohnung weggejagt, nicht als ob er ein Ehe⸗ mann von finſterer, argwöhniſcher Laune geweſen wäre! Er blieb ſtets gleichgültig gegen die Ausſchweifungen ſeiner Gattin, bis zu dem Tage, wo dieſe ſich die Frei⸗ heit nahm, ihm eine ziemlich beträchtliche Summe zu entwenden, — in der mildherzigen Abſicht, damit die Spielſchulden von einem ihrer Galants zu bezahlen. So wenig ſich aber Herr Bayeul um die Untreue ſeiner Frau bekümmerte, ſo eiferſüchtig zeigte er ſich doch auf ſeine Banquebillets; als er ſie, wie man zu ſagen pflegt, mit der Hand im Sack ertappte, bedeutete er ihr auch unumwunden, ſie habe in vierundzwanzig Stunden ſein Haus zu räumen; um ſich indeſſen auf immer ſeiner keuſchen Ehehälfte zu entledigen, bewilligte er ihr eine Rente von uiehhreit Franken, wobei er ihr drohte, wenn ſie dieſe Anordnung nicht befriedige, ſo werde er ſogleich eine Klage bei Gericht gegen ſie anhängig ma⸗ chen, eine Klage motivirt durch ihre zahlreichen Ehe⸗ brüche, deren in ſeinen Händen befindliche ſchriftliche Beweiſe genügen, daß man ſie auf ein Jahr oder noch länger in Saint⸗Lazare einſperre. Die Wahl von Madame Bayeul war nicht zweifel⸗ haft; überdies gloubte ſie, in ihren Reizen, in ihrer Frechheit, in ihrer vollkommenen Freiheit die Mittel zu finden, um ihre pecuniäre Lage zu verbeſſern, und von da an gehörte ſie zu der entarteten Menſchenclaſſe, die mit der vom ehelichen Herde zu Beſtrafung ihrer ſcan⸗ dalöſen Ausſchweifungen weggejagten Frau beginnt und bis zu den elenden Creaturen hinabſteigt, welche das 6 444 Laſter und öſter noch die Verlaſſenheit, die Noth, der Hunger am Abend an den finſteren Straßenecken in den Hinterhalt ſtellen. Von jeder Feſſel, von jedem Zügel befreit, nur die ſchlechte Geſellſchaft beſuchend, überließ ſich Madame Bayeul ohne Rückhalt einem excentriſchen Aufwande in unzüchtig coquettem Putz; ſie hütete ſich entfernt nicht mehr, ihre runden Schultern und ihre ſchneeweiße Bruſt, welche die langen Locken ihrer glühend blonden Haare liebkoſten, zur Schau zu ſtellen; obſchon ſie ihr dreißig⸗ ſtes Jahr zurückgelegt und eine gewiſſe Beleibtheit er⸗ langt hatte, war ihre Taille doch immer noch geſchmeidig und reizend; ihr ſchamloſer, lasciver Blick nahm eine faſt eyniſche Frechheit an, wenn er ſich auf einen Mann hef⸗ tete, der ihr gefiel; doch in dieſem Momente ſprach Madame Bayeul unter vier Augen mit Clara in ihrem Boudvir. Die Exkammerfrau der Gräfin von Villetaneuſe war ſehr dick geworden und mochte damals fünfundvier⸗ zig Jahre zählen; die Zufriedenheit mit ſich ſelbſt und mit ihrer Lage war in ihren heiteren Zügen zu leſen; ihre Table d'hote oder vielmehr die Profite des Leuch⸗ ters *) bereicherten ſie; bis dahin hatte ſie nur einen Handel mit der Polizei in Betreff eines jungen Ruſſen, gehabt, der bei ihr übermäßig durch Angelo Grimaldi gerupft worden war. Doch durch die mächtige Vermitte⸗ lung des Gatten von einer ihrer ehemaligen Gebieterin⸗ nen war ſie dem Zuchtpolizeigerichte und dem Schließen ihres Spielhauſes entgangen. Alles lächelte ihr zu; ſie nahm den wohlklingenden Namen Frau von Sablonville *) Der Gewinn der Inhaberinneu ſolcher Spielhäuſer beſteht hauptſächlich in einer gewiſſen Summe, welche 3 Spieler bei jeder Partie für die Karten ah⸗ geben. an; der General nannte ſie artig ſeine ſchöne Freun⸗ din; die Frauen, die ſie empfing, und deren Geheim⸗ niſſe ſie kannte, behandelten ſie mit Achtung; die Männer bezeugten ihr jene Höflichkeit, welche bei einer gewiſſen Welt aus der Gewohnheit entſpringt; einſt Kammerfrau, hatte ſie zu ihren Befehlen nun ſelbſt eine Kammer⸗ jungfer, eine Köchin, ein Küchenmädchen und einen Be⸗ dienten, der, unterſtützt vom Portier, bei Tiſche ſervirte. Mit einem Worte, Clara, nachdem ſie ſo lange der Klingel gehorcht, war nun Gebieterin in ihrem Hauſe und hielt ihr Loos für das glücklichſte der Welt. Folgendes war die vertrauliche Unterredung von Frau von Sablonville und Madame Bayeul, die ſich Beide in das an den Salon anſtoßenden Boudoir zurückgezoge hatten. XIII. „Alſo, meine Liebe, es war geſtern nicht das erſte Mal, daß er zu Ihnen kam?“ ſagte Madame Bayeul zu Clara. „Sie kannten ihn ſchon früher?“ „Angelo Grimaldi? . . Stellen Sie ſich vor, daß er einer von meinen älteſten Bekaunten iſt. Er datirt von der Gründung meiner Table d'hote.“ „Mein Gott! wie ſchön iſt er! Welch ein reizendes Geſicht! Welche köſtliche Tournure! . . . Als ich ihn geſtern ſah, war ich wie geblendet, beinahe verblüfft! Ich ſtarb vor Verlangen, mit ihm zu ſprechen, ich wagte es aber nicht, ihn anzureden, ſo einfältig, ſo verlegen fühlte ich mich . . . Urtheilen Sie ein wenig! ich bin doch gewiß nicht ſchüchtern.“ „Ei!. ei! das iſt eine beginnende Leidenſchaft!“ „Ich befürchte es .. . „Und Sie haben Recht, meine Kleine.“ „Daß ich befürchte?“ „ „Ja!“ Die Familie Jouffroy. H. 29 446 „Daß ich dieſen anbetungswürdigen jungen Mann zu lieben befürchte?“ „Gewiß.“ „Bin ich nicht frei, meine Theure? In dieſem Augenblicke habe ich Niemand, und ſelbſt wenn ich Jemand hätte, ich würde Alles Angelo opfern.“ „Sie verſtehen mich nicht. Ich meine, es ſei gefähr⸗ lich, ſehr gefährlich, dieſen ſchönen jungen Mann zu lieben.“ „Warum iſt das gefährlich?“ „Ah! meine Kleine, man ſagt: Spiele nicht mit dem Feuer. Ich ſage Ihnen: Spielen Sie nicht mit der Liebe von Angelo.“ „Aber „Hält man einmal daran feſt, ſo iſt es für das Leben . Er iſt wie mit einem Zauber ausgerüſtet.“ „Nun! deſto beſſer, wenn es für das Leben iſt.“ „Aber er hält nicht für das Leben feſt. Iſt ſeine Laune vorüber, dann gute Nacht! Es erfolgt, daß man unglücklich wird, wie die Steine. Ich habe hier einen Engel von einer Frau in Angelo verliebt geſehen: zwan⸗ zig Jahre alt, ſchön wie Venus, zweimalhunderttauſend Franken reich, abgeſehen von einem prächtigen Mobi⸗ liar. ein Engländer hatte ſich für ſie halb ruinirt.“ „Nun?“ „Wiſſen Sie, wie ihre Liebe für Angelo geendigt hat? . . Nach Verlauf eines Jahres fiſchte man die arme Frau in den Netzen von Saint⸗Clond ſie hatte ſich ertränkt aus Verzweiflung, daß ſie von ihm verlaſſen worden war, abgeſehen davon, daß er ihr ganzes Vermögen bis auf den letzten Son vergeudet hatte, denn man fand bei ihr nicht einmal genug, um ſie begraben zu laſſen. Ich habe die Beerdigung be⸗ zahlt . . Das war übrigens ganz anſtändig . drei Trauerwagen, die galonnirten Meßgewänder, und auf dem Kirchhofe ein einfacher, aber geſchmackvoller Stein.. Sie begreifen, ich konnte nicht eine von den ehemaligen Freun⸗ 447 dinnen meines Hauſes im Todtenwagen der Armen nach Montmartre fahren laſſen, um in die gemeinſchaftliche Grube geworfen zu werden . . . So, meine Kleine, iſt es, wenn man Angelo liebt.“ „Hören Sie, was Sie mir da ſagen, macht mich, weit entfernt, mich zu erſchrecken, noch viel mehr in Angelo verliebt! .. Angelo! welch ein bezanbernder Name! Er iſt alſo Italiener?“ „Ganz und gar Italiener, er iſt in ſeinem Vater⸗ lande wegen politiſcher Dinge zum Tode verurtheilt wor⸗ den .. . Damals war er achtzehn oder neunzehn Jahre alt, und es gelang ihm, aus ſeinem Kerker zu entfliehen.“ „Geächtet! zum Tode verurtheilt! das fehlte nur das noch, um mir den Reſt zu geben.“ „Seitdem er Italien verlaſſen hat, lebt er in Frank⸗ reich, wenn er nicht etwa reiſt; er kennt auch viele reiche Fremde, und er iſt es beinahe immer, der mir die größten Spieler bringt.“ „Oh! meine Theure,“ verſetzte Madame Bayeul, träumeriſch, das Auge entflammt, den Buſen wogend, „mir ſcheint, ich würde ſagen: Von Angelo geliebt wer⸗ den . und ſterben.“ „Wie exaltirt iſt dieſe Kleine! wie exaltirt!“ „Wird er heute Abend kommen?“ „Wahrſcheinlich . . . Ah! wir werden neue Frucht haben, eine Vorſtellung, eine ſehr hübſche Dame, welche.. „Sie wiſſen gewiß, daß Angelo kommt?“ „Ja, ja . . . Ich ſagte Ihuen alſo, wir werden heute Abend neue Frucht haben . . . Einer von meinen Stammgäſten, Herr Badineau, ſtellt mir eine Dame vor,“ ſagte Clara ſich aufblähend. Und mit einem Protectors⸗ tone fügte ſie bei: „Wohl verſtanden, ehe ich ihm verſprach, ich werde ſie empfangen, fragte ich ihn, ob ſie gute Manieren, eine anſtändige Haltung habe, weil ich nur ſehr decente Frauen bei mir empfangen will. Herr Badineau ant⸗ 446 wortete mir, ſeine Dame ſei vom beſten Genre; ſie heiße Frau von Arcueil. Es ſcheint, ſie iſt zum Blenden ſchön und hat die Miene einer Herzogin. Sagen Sie, meine Kleine, halten Sie ſich feſt . .. Das iſt vielleicht eine Nebenbuhlerin; wenn Angelo ſie bemerken würde!“ „Wie boshaft ſind Sie! . . Sie haben kein Mitleid mit mir!.. Die ganze Nacht habe ich von ihm geträumt; ich verliere ſogar dergeſtalt den Appetit, daß ich nicht ſpeiſen konnte . . . Sie ſagten ſelbſt, ich eſſe nichts .. „Ah! was das Eſſen betrifft, meine Kleine (ich ſage dies beiläufig), Sie werden nicht vergeſſen, daß Sie mir fünf und dreißig Marken und neun Extras Cham⸗ pagner, den Sie anbeten, (ohne Vorwurf) ſchuldig ſind. Das Ganze beläuft ſich auf hundert und zwei und fünf⸗ zig Franken; ſuchen Sie heute Abend meine kleine Rechnung zu berichtigen, wenn Sie im Lanzknecht glück⸗ lich ſind, wo nicht, ſo werde ich warten, bis Sie Einen haben, und . . Clara unterbrach ſich und rief, als ſie einen neuen Gaſt in ihr Boudoir eintreten ſah: „Ah! Herr von Mauleon! .. Das iſt ein wahrer Geiſt. . Seit Jahrhunderten hat man ihn nicht geſehen!“ Maulevn, deſſen Haare ſeit ſeiner Reiſe nach Deutſchland grau geworden waren, erſchien elegant ge⸗ kleidet; er grüßte höflich Clara und Madame Bayeul, die ſich immer mehr in die Erinnerung an Angelo vertieft hatte, und ſagte zur Herrin der Table dhote: „Guten Abend, liebe Fran von Sablonville.“ „Guten Abend, Herr von Mauleon. Sie kommen alſo von der Reiſe?“ „So eben . . . Ich habe Sie um einen Gefallen zu bitten.“ „Zum Voraus bewilligt.“ üm nicht von Madame Bayenl gehört zu werden, 449 neigte ſich Mauleon an das Ohr von Clara und ſagte leiſe zu ihr: „Ich gab Angelo Rendez⸗vous bei Ihnen heute Abend um neun Uhr, es wird ſogleich ſchlagen; ich habe lange mit ihm zu reden: ſeien Sie ſo gut, es ſo einzu⸗ richten, daß wir nicht geſtört werden.“ „Nichts kann leichter ſein; kommen Sie in mein Schlafzimmer; ich werde die Thür ſchließen und Befehl geben, Angelo durch den Gang meines Ankleidecabinets, das auf die Geſindetreppe geht, einzuführen. Sie können ſo nach Ihrem Belieben ſprechen, ſo lange Sie wollen.“ „Tauſend Dank, liebe Madame. Sie ſind nach Ihrer Gewohnheit ſo zuvorkommend, als möglich.“ XIV. Angelo Grimaldi ward ſogleich bei ſeiner Ankunft im Spielhauſe in das Schlafzimmer von Clara geführt, wo er allein mit Mauleon eingeſchloſſen blieb. Angelo Grimaldi, deſſen wirklich merkwürdige Schön⸗ heit durch eine äußerſt geſchmackvolle Toilette erhöht wurde, reichte herzlich ſeinem alten Genoſſen die Hand und ſagte: „Ich habe Deinen Brief erhalten; ich hatte meine Adreſſe bei den Beſitzern des Hotel garni, wo ich früber wohnte, einer ſicheren Frau, zurückgelaſſen; ſie ſchickte mir Dein Billet in meine neue Wohnung, und ich bin pünktlich beim Rendez⸗vons. Aber was Teufels iſt denn aus Dir geworden ſeit unſerer letzten Reiſe nach Deutſch⸗ land mit dem alten Corbin?“ „Eine Reiſe, bei der Du uns, beiläufig geſagt, haſt ſtecken laſſen . . . Der alte Corbin hatte Dich ſogar im Verdacht, Du habeſt uns verkauft.“ „Das iſt einfältig.“ „Du warſt nicht an den verabredeten Ort gekom⸗ men, wo wir verhaftet wurden. Dies erregte bei ihm den Verdacht; übrigens hat ſich die deutſche Polizei da⸗ mit begnügt, daß ſie uns bis an die Gränze führen ließ; höre mich nun an: Ich habe Dir ein vortreffliches Ge⸗ ſchäft vorzuſchlagen. Damit wir uns aber verſtändigen, muß ich Dich mit ein paar Worten von Allem unter⸗ richten, was mir ſeit unſerer Trennung in Deutſchland begegnet iſt.“ „Mit zwei Worten werde ich Dir auch ſogleich meine Abenteuer erzählen.“ 2 „An die Gränze zurückgeführt, begab ich mich wie⸗ der nach Paris . . . Gewiſſe Umſtände brachten mich auf den Gedanken, dieſe Catherine von Morlac . .. Du weißt, wen ich meine?“ „Ja, ſie hatte Dich früher ruinirt.“ „So iſt es; ich hatte alſo allen Grund, zu glauben, ſie beſitze in ihrer Wohnung eine beträchtliche Summe. Corbin belehrte mich über die Manſarde, die ſie in dem Hauſe, in welchem auch er wohnte, inne hatte, und nach langen Nachforſchungen entdeckte ich endlich an mehre⸗ ren Orten, unter dem Stubenboden verborgen, eine ſtarke Summe in verſchiedenen Werthen.“ „Es iſt unbegreiflich, daß dieſe Catherine, noch reich, eine Arbeiterin geworden iſt.“ „Das ſchien mir auch wunderlich; doch offenbar von der Gnade von oben berührt, und erröthend über ihr ehemaliges Handwerk, als ſie ihren Sohn wieder gefun⸗ den hatte, wird ſie ſich als eine Buße auferlegt haben, fortan rein zu leben und als Almoſen das Geld der Gimpel meiner Art zu ſpenden, die ſie früher ausgeben⸗ tet hatte; denn nach meiner glücklichen Entdeckung be⸗ zweifelte der alte Corbin nicht mehr, Catherine ſei ein gewiſſer geheimnißvoller Wohlthäter, den man den gu⸗ ten Genius der Cour des Coches nannte. Sie ver⸗ dient, wie Du ſiehſt, wenigſtens den Monthyon Preis.“ „Nur die Schelminnen ſind zu ſolchen Ideen fähig.“ 451 „Doch durch dieſen gezwungenen Erſatz erhieltſt Du einen Theil des Geldes wieder, das Du einſt dieſem Weibe gegeben hatteſt. Der Streich iſt herrlich!“ „Ich hatte mit der Gerechtigkeit liquidirt; nichts⸗ deſtoweniger glaubte ich der Ueberwachung wegen mich aus Paris entfernen zu müſſen. Ich nahm ein reizen⸗ des Weibchen mit und machte eine köſtliche Reiſe in die Schweiz. In Bern ließ ich aber meine Gefährtin ſitzen und nahm eine Andere. Das war eine ſehr hübſche engliſche Kammerfrau, die ich ihrer Herrſchaft entführte. Dieſer Umſtand gab mir natürlich das Verlangen ein, England zu ſehen, von wo ich gerade zurückkomme, nachdem ich dort ſehr großartig, wie in der Schweiz, gelebt habe.“ „Ich bezweifle es nicht. . . Und wie viel bleibt Dir von dieſer bei Catherine bewerkſtelligten Wieder⸗ erſtattung?“ „Fuͤnfhundert Konis d'or, welche mein Zubringen bei der Operation, die ich Dir vorſchlagen will, ſein ollen.“ „Wir werden ſogleich hievon reden . .. Doch ich muß Dir auch mit zwei Worten meine Abentener ſeit unſerer Trennung erzählen . . . Meine ſchöne Unbe⸗ kannte von der Villa Farneſe war die Geliebte des Prinzen Karl Maximilian, eine Gräfin, eine ächte Gräfin von Villetanenſe.“ Ich habe in den Zeitungen den Tod eines Pair von Frankreich dieſes Namens, eines Marquis von Ville⸗ taneuſe geleſen.“ „Das war der Oheim des Gemahls meiner Schö⸗ nen . Henri von Villetaneuſe.“ „Heuri von Villetaneuſe?“ verſetzte Mauleon⸗ ſeine Erinnerungen befragend. „Warte doch . .. „Du kennſt ihn?“ „Ei! gewiß . . er gehört nun zu den Unſeren.“ „Wahrhaftig? . . der Graf?“ „Bei meiner Reiſe in England wurde er mir in 452 einer Hölle*) in London als griechiſcher Lands⸗ mann vorgeſtellt. Er kam von Californien, wo er ſein Glück geſucht hatte, ohne es zu finden. Man ſprach ſo⸗ gar in dieſer Hölle von einem kühnen Handſtreich, den Henri von Villetaneuſe in Rio Janeiro an einem reichen braſilianiſchen Pflanzer, welchen er betrunken gemacht, verübt haben ſoll.“ Nun wohl, mein Lieber, dieſer Henri von Ville⸗ taneuſe hatte von ſeiner Fran als Heirathsgut acht⸗ malhunderttauſend Franken bekommen, und in zwei Jah⸗ ren war Alles verzehrt.“ „Ich begreife nun, warum ſeine Frau die Geliebte des Prinzen geworden iſt.“ „Ah! das iſt ein ganzer Roman. Es wäre unnütz, Dir dies zu erzählen. Es wäre auch unnütz, Dir mit⸗ zutheilen, wie der Prinz die Gräfin verließ, um eine Prinzeſſin aus dem Hauſe Oeſterreich zu heirathen, und ſeine troſtloſe Ariane einem gewiſſen Herzog von Man⸗ zanares anvertraute, um ſie reiſen zu laſſen und zu zer⸗ ſtrenen. Ich werde nicht bei dem ſehr ſinnreichen, aber ſehr risquirten Mittel verweilen, durch welches ich, nachdem ich eine Nacht allein in einem der Zimmer der Villa Farneſe eingeſchloſſen zugebracht hatte, Gelegenheit fand, der Reiſegefährte des Herzogs von Manzanares und der Gräfin als geheimer Secretaire zu werden. Dar⸗ um habt Ihr mich nicht wiedergeſehen, denn die Ereig⸗ niſſe, welche auf Eure Zuſammenkunft in den Ruinen des Schloſſes folgten, begaben ſich am Vorabend meiner Abreiſe.“ „Dieſer Herzog iſt ſodann der Nachfolger des Prin⸗ zen geworden?“ *) Man nennt in London Hölle hölliſche Spielhäuſer, wahre Höhlen von Betrügern und Buhlerinnen einer gewiſſen Geſellſchaft. . 453 „Nicht ohne Mühe, denn die Gräfin ich werde ſie Aurelie nennen, das iſt ihr Name . . . trieb das Zartgefühl ſehr weit.“ . „Wie und ſie war von Karl Maximilian un⸗ terhalten worden?“ „Ja und nein.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Sie lebte in der Villa des Prinzen; er beſtritt die Koſten ihres Hauſes; doch er hätte es nie gewagt, ihr Geld anzubieten. Sie bezahlte ſelbſt ihre Toiletten von den Trümmern ihrer Mitgift und zeigte ſich freigebig gegen die Dienerſchaft. Als ihr endlich der Prinz, da er ſich von ihr trennte, einen unbeſchränkten Credit bei ſeinem Schatzmeiſter anbot, da betrachtete die Gräfin die⸗ ſes Benehmen als eine blutige Beleidigung.“ „Das iſt ſeltſam.“ „Es iſt nicht Alles. Als Frau von Villetaneuſe ihre Reiſe mit dem Herzog antrat, blieb ihr noch eine ziemlich runde Summe; ſie verlangte durchaus einen Theil an den Koſten zu bezahlen und wollte den Herzog nur als ehrwürdigen Cicerone aunehmen. Die Gräfin zeigte ſich um ſo unbeugſamer in dieſer Hinſicht (ſie hat es mir ſeitdem geſtanden), als ſie Liebe für mich unglück⸗ lichen Geächteten, der ich durch Zufall Secretaire des Herzogs geworden war, zu fühlen anfing; der Herzog, welcher im Zartgefühle von Aurelie ein faſt unüberſteigliches Hinderniß für ſeine Pläne ſah, machte als gewandter Diplomat folgende Berechnung: „„Wenn die Gräfin und ihre Familie . . .““ Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß der Vater und die Mutter von Aurelie mit auf der Reiſe waren.“ „Redliche Eltern! .. Fahre fort.“ „Der Herzog ſagte ſich alſo: „„Wenn die Gräfin und ihre Familie ihre Rittel erſchövft haben, ſo muß ſie wohl, gewohnt, als vornehme Dame zu leben, wie ſie dies iſt, auf meine Anträge hören.,.““ In Folge die⸗ 454 ſes tiefen Raiſonnement verdoppelt und verdreifacht Herr von Manzanares die Ausgaben für die Reiſe mit einer tollen Verſchwendung. Wir fuhren Extrapoſt mit vier Wagen und ſechs Bedienten. Denke Dir die ungehenren Koſten, an denen die Gräfin ihren Theil bezahlte! Man machte ausſchweifende Diners, man verlangte die ſelten⸗ ſten Weine, das ausgeſuchteſte Eſſen in den Gaſthöfen der Städte, wo wir uns aufhielten. Das genügte der Ungeduld des Herzogs nicht, und um den vollſtändigen Ruin der Gräfin zu beſchleunigen, kam er auf den Ge⸗ danken, ſich mit ihr zu aſſociren, um Roulette in den Bädern von Lucca zu ſpielen. Das Glück begünſtigt ihn . .. denn er ſpielt mit großem Verluſt . . . und an einem Abend ſieht die Gräfin Alles, was ihr blieb, verſchwinden.“ „Da iſt die Schöne, minder widerſpänſtig, gezwun⸗ gen, die Dienſte des Herzogs anzunehmen? und aus Dankbarkeit . . .“ „Es konnte nicht anders ſein. Der Herzog benahm ſich übrigens als vollkommener Edelmann, als wahrhaft vornehmer Herr. Die Mutter faßte die Sache als Frau von Geiſt auf, aber der Vater, ein guter Mann, jedoch bei gewiſſen Ideen ſehr eigenſinnig, trotz der albernſten Leichtgläubigkeit, iſt wohl genöthigt, an einem ſchönen Tage die Augen dem Lichte zu öffnen. Es trifft ihn ein Blutſchlag: ſchon ein wenig verdunkelt, geräth ſeine Vernunft vollends in Verwirrung, und er wird völlig kindiſch. Was nun die Gräfin betrifft, — nachdem dieſer erſte Schritt gethan war, fügte ſie ſich, gewöhnt an den Luxus, an ein fürſtliches Leben, ganz ſachte darein, die glänzende Freigebigkeit des, Herzogs anzunehmen.“ „Ah! und Du?“ „Lange war ich auf 5 Rolle des Märtyrers, des unbeachtet Schmachtenden beſchränkt: ich verzehrte meine Thränen in der Stille oder ſeufzte von Zeit zu Zeit eine klagende Romanze (der Herzog gefiel ſich ſehr darin⸗ mich 6 — 45⁵ ſingen zu laſſen). Endlich, in Reapel, erhielt ich den Preis meiner Beſtändigkeit. . . Doch Du wirſt lachen. .. Der Beſitz, weit eutfernt, mich abzukühlen, machte mich verliebt, leidenſchaftlich verliebt.“ „Dich, Angelo?“ „Ja.“ „Du ſcherzſt.“ „Ich ſage Dir, Manleon, daß ich zum erſten Male in meinem Leben geliebt habe . . . mit Anbetung ge⸗ liebt geliebt wie ein Schüler, dergeſtalt geliebt, daß dieſe Liebe mich erſchreckte. Als ſie wider meinen Willen gebrochen wurde, wünſchte ich mir auch am Ende hiezu Glück. Dieſe Liebe beherrſchte mich auf eine tolle Weiſe: ich fühlte meinen gehärteten, energiſchen Charak⸗ ter ſchwach werden.“ „Biſt Du es wirklich, den ich höre?“ „Ei! mein Gott!. zuweilen kannte ich mich ſelbſt nicht mehr. Sollteſt Du glauben, daß ich oft, die Stirne auf die Hände von Aurelie ſtützend, weinte bei dem Gedanken, dieſe junge Frau liebe ohne ihr Wiſſen einen Griechen, einen Dieb, einen Sträfling, von dem ſie glaubte, er ſei wegen einer edlen Sache geächtet?“ „Du weinen zu den Füßen einer Frau?“ „Ja, ich weinte; und in anderen Augenblicken em⸗ pörte ich mich wieder gegen meine feige Schwäche, ich wollte die Liebe von Aurelie auf die Probe ſtellen, ihr entſchloſſen geſtehen, wer ich war, ihr mein Leben er⸗ zählen. . „Ich wäre auf dieſes Geſtändniß eiferſüchtig gewe⸗ ſen, Angelo, denn im Grunde weiß ich nicht, wer Du biſt, ich weiß nicht, was Deine Lebensvorgänge vor un⸗ ſerem Zuſammentreffen im Gefängniß ſind. . .“ „Vielleicht werde ich Dir eines Tags meine Beichte ablegen, wenn ich ein wenig betrunken bin. . . Doch ich wagte es nicht, Frau von Villetaneuſe Geſtändniſſe zu machen, aus Furcht, ſie zu erſchrecken; ſie liebte mich 456 indeſſen mit einer ſolchen Wuth, ich hatte ſo viel Einfluß auf ſie, daß ſie mich, ich bin es feſt überzengt, obſchon ich ein Grieche, ein Sträfling, geliebt haben würde.“ „Welch ein Gedanke!“ verſetzte Mauleon ſich vor die Stirne ſchlagend; „das wäre vortrefflich!“ „Was meinſt Du?“ „Deine Gräfin war ſchön, Angelo?“ „Bewunderungswürdig ſchön.“ „Gute Manieren?“ „Die beſten der Welt, eine natürliche Diſtinction.“ „Sie wäre Dir überallhin gefolgt?“ „Ich bezweifle es nicht.“ „Sie hätte Dir blindlings in allen Dingen ge⸗ horcht?“ „„Ich fühle, daß ich nicht mehr ich bin, ſondern Du, mein Angelo!““ ſagte ſie oft zu mir. „Das iſt, bei Gott! die Frau, die wir haben müſ⸗ en.“ „Wozu?“ „Für unſer Geſchäft . . . und wo iſt die Gräfin gegenwärtig?“ . „Ich weiß es nicht. . . Aber was für Pläne haſt Du denn?“ „Vollende zuerſt Deine Geſchichte.“ „Die Entwickelung iſt ſehr einfach: eines Tags überraſchte uns der Herzog, als ich mit Aurelie allein „Das lag in der natürlichen Ordnung der Dinge.“ „Der Herzog hatte bis dahin nicht die geringſte Ahnung von unſerer Liebe gehabt; er war mir jehr ge⸗ wogen; ein tiefer, obſchon bewältigter Zorn ergriff ihn. „„Sie waren geächtet, zum Tode verurtheilt,““ ſagte er zu mir; „ich mißbillige ihre politiſchen Anſichten; dennoch habe ich Ihnen das Leben gerettet und Sie vor den Verfolgungen der öſterreichiſchen Polizei geſchützt; ich habe Ihnen bei mir einen Vertrauenspoſten gegeben 457 und Sie als Freund behandelt. Sie lohnen mir mit dem ſchwärzeſten Undank. Hören Sie mich wohl an: wir ſind hier in Neapel; die neapolitaniſche Regierung haßt nicht weniger als Oeſterreich die Revolutionäre: haben Sie in zwei Stunden dieſe Stadt nicht verlaſſen, ohne die Gräfin wiederzuſehen, ſo laſſe ich Sie ver⸗ haften, und Sie werden in einem Kerker verfaulen. . .“ „Teufel! der Herr Herzog war kategoriſch.“ „Er übernahm es ſogar, mir einen Plaß auf einem abgehenden Packeibvot beſtellen zu laſſen; ich fügte mich, denn ich kannte dem Rufe nach das carcere duro. Ich konnte demſelben nur dadurch entgehen, daß ich meine Identität nachwies, in welchem Falle meine Lage nicht beſſer geweſen wäre. Doch ich wollte Italien nicht mit leeren Häuden verlaſſen; ich benützte die Zeit, die man mir für die Anſtalten meiner Reiſe gab, und vollkommen vertraut mit den Gelegenheiten der Wohnung des Her⸗ zogs und mit den Mitteln, in ſein Cabinet zu gelangen, eignete ich mir ungefähr zehntauſend Franken an.“ „Du biſt ein Mann der Vorſicht.“ „Zur beſtimmten Stunde verließ ich Neapel, ohne Frau von Pilletaneuſe wiederzuſehen; was aus ihr ſeitdem geworden iſt, weiß ich nicht.. Die erſten Au⸗ geublicke dieſer gewaltſamen Trennung waren für mich gräßlich; am Ende fühlte ich mich aber, wie geſagt, roh, einer Liebe zu entkommen, die mich ſchwächte und verdummte. Das Packetbvot, mit dem ich abging, war für Cadix verfrachtet; während der Fahrt machte ich Bekanntſchaft mit einem ſpaniſchen Banquier, der mich in den beſten Häuſern von Cadixr einführte; man ſpielte dort ein großes Spiel; ich war bei Mitteln; die Spanier verſtehen nichts von der Kunſt, die Karten zu liren, und ich machte vortreffliche Geſchäfte; nach eini⸗ Len Monaten aber, da ich befürchtete, man könnte meine Induſtrie wittern, hielt ich es für klug, nicht länger in Cadir zu verweilen; ich ging nach Sevilla, nach Madrid 45⁸ und zuletzt nach Liſſabon, wo ich mich mit einem ſehr beträchtlichen Gewinn nach Oſtende einſchiffte; ich wollte zu den Spielen von Spaa und Baden gehen und, ein Mann des Zufalls, entſchloſſen den Zufall verſuchen“ „Welch ein Fehler, wenn man den Zufall nach ſei⸗ nem Belieben lenken kann!“ „Es war allerdings ein ſchwerer Fehler; ich verlor bei der Roulette, bei Trente et Quarante ungefähr Alles was ich beſaß; nach dieſer Wäſche reiſte ich wieder nach Paris ab. Zum Glück iſt die Table d'hote von Clara eine koſtbare Quelle für einen gewandten Spieler.“ „Das iſt ein für den Fall . ſollte Dir das vortreffliche Geſchäft, welches ich dir vorſchlagen will⸗ nicht zuſagen.“ „Was für ein Geſchäft iſt es?“ „Wir ſind in Bordeaux nicht bekannt,“ „Ich habe nie einen Fuß dahin geſetzt.“ „Ich auch nicht; es ſcheint aber, daß gegenwär⸗ tig das Lanzknecht in dieſer glückſeligen Stadt Furore macht. Vernimm alſo, was ich Dir vorſchlage: Wir reiſen nach Bordeaux mit einer hübſchen Fran, de⸗ ren Gatte Einer von uns Beiden ſein wird. . . Das gibt eine ehrenhafte Stellung, das erlaubt, ein Haus zu öffnen, ohne Verdacht zu erregen; wir kommen mit Ex⸗ trapoſt in Bordeaux an; wir ſind reiche Touriſten, wel⸗ che einige Monate im Süden zubringen wollen; wir miethen eine ſchöne Wohnung. Man tritt in der Pro⸗ vinz ſchnell in Verbindung mit den Fremden; meine Frau (oder die Deinige) iſt reizend, macht vortrefflich die Honneurs in ihrem Hauſe; wir geben ausgezeichnete Diners, doch wir haben keinen Geſchmack für das Spiel; was jedoch nach Tiſche thun? Es ſchlägt Einer, als ein⸗ fachen Zeitvertreib, eine Partie Lanzknecht vor. . Wir nehmen es an und ſind ſo unglücklich im Spiele, daß wir vierzehn Tage lang fortwährend verlieren. Da dieſer Verluſt ziemlich bedeutend wird, ſo wollen wir uns er⸗ 4⁵9 holen; das Mißgeſchick verfolgt uns. Entzückt, unſer Geld einzuſacken, unſere Diners zu verzehren, deren Honneurs eine bezanbernde Frau macht, bieten uns unſere Borde⸗ leſen Revanche auf Revanche an. Das Spiel wird ſtär⸗ ker, entzündet ſich, die Chance wendet ſich auf unſere Seite . und dann ... „Das Uebrige geht von ſelbſt . . . Deine Idee iſt gut es läßt ſich viel Geld in Bordeaux gewinnen. . Wir würden kein Mißtrauen durch unſere großen Ausgaben und durch die gute Führung eines Hauſes von verheiratheten Leuten einflößen.“ „Ich ſagte Dir auch, die Gräfin hätte uns ganz wohl für dieſe Repräſentation angeſtanden. Du wäreſt in dieſem Falle der verheirathete Mann geweſen und ich der Hausfreund.“ „Unter ſolchen Umſtänden wäre allerdings Aurelie durch ihre Gewandtheit im Verkehre mit der großen Welt und durch ihre vortrefflichen Manieren koſtbar für uns geweſen. Die Bordeleſen hätten ſich wahnſinnig in ſie verliebt: nie würde ein ſo verführeriſcher Köder die Angel verborgen haben; doch, wie geſagt, ich weiß nicht, was aus der Gräfin geworden iſt .. Hiezu wünſche ich mir Glück, denn ſähe ich ſie wieder, ſo wäre ich im Stande, mich abermals leidenſchaftlich in ſie zu verlieben und ſo alle meine Mittel zu verlieren.“ „Sprechen wir nicht mehr von ihr; es wird uns leicht ſein, hier bei Clara eine Frau zu finden, wie wir ſie brauchen. Was denkſt Du dävon, Du, der Du beſſer als ich das weibliche Perſonal dieſes Ortes kennſt? denn ich komme ſo eben von der Reiſe an.“ Angelo dachte eine Weile nach und erwiederte ſodann: „Ich habehier eine gewiſſe Madame Bayenl bemerft, glühend blond, weiß wie ein Schwan, keck wie ein Page und ſehr unternehmendz ihr freches Geſichtchen, ihr las⸗ eiver Blick, ihre unabläßige Beweglichkeit ſind von gu⸗ ter Wirkungz ſie iſt eine der Verteufelten, deren Anblick die kalten Leute erwärmt und die Ueberſättigten wieder aufheitert; die Bordeleſen müſſen entzündbar ſein, die kleine Bayheul würde alle dieſe ſüdlichen Köpfe in Brand ſtecken; ihrer herausfordernden Artigkeit zu Liebe würde man ihr leicht verzeihen, daß ſie nicht die Manieren einer Herzogin hat; ihre mörderiſchen Liebesblicke müßten die Leute beim Spiele zerſtreuen und . „ Und, wie Du vorhin ſagteſt, das nebrige geht von ſelbſt; ich gebe Dir alſo Vollmacht für die Wahl und das Engagement unſerer erſten Schauſpielerin; ich vertraue Deinem Geſchmack, denn Du biſt ein Junge von Tact und Geiſt.“ „Wann werden wir abreiſen?“ „So bald als möglich. Ich habe meinen Reiſewagen behalten, ein ſehr ſchönes Codpé; wir werden leicht darin zu Drei Platz haben, wenn wir ein wenig zuſammen⸗ rücken.“ „Die kleine Bayeul hat eine zarte, geſchmeidige Taille und wird folglich durchaus nicht beſchwerlich ſein“ „Du glaubſt alſo, Du könneſt ſie beſtimmen, uns zu begleiten?“ „Ich geſtehe Dir ohne Eitelkeit (es iſt damit nicht zu prahlen), daß mich geſtern und vorgeſtern dieſe Wüthende mit ſehr ausdrucksvollen Blicken verfolgt hat; ſie ſprach fein Wort, doch ihre Augen ſagten Alles; ſie würde mit deſſen bin ich ſicher, zum großen Teufel der Hölle gehen.“ „Wenn es ſich ſo verhält: beſtimme ſie heute Abend noch, uns zu begleiten; wir werden ſo bald als mögli abreiſen. Nichts hält mich in Paris zurück außer einer Rache. . doch ich brauche höchſtens eine Stunde, um ſie zum Ziele zu führen.“ „Welche Rache?“ „Bei Catherine von Morlac.“ „Was Teufels willſt Du noch mehrs Du haſt ſie geplündert in Form eines erzwungenen Wiedererſatzes.“ 461 „Das genügt mir nicht . . . Es iſt erſtaunlich, wie ich dieſe Frau haſſe. Ich will ſie grauſam und ſicher treffen. Ah! diesmal wird meine Rache ihr Ziel finden! Catherine arbeitet ohne Zweifel noch bei ihrem Goldſchmied. Es wird mir leicht werden, ihre Woh⸗ nung zu erfahren, und ... morgen ſchon bin ich gerächt.“ „Mauleon, nimm Dich in Acht! Du ſpielſt da ein gefährliches Spiel . . . ſie wird Dich erkennen.“ „Beruhige Dich . . ich habe meinen Plan.“ Clara unterbrach das Geſpräch der zwei Griechen und ſagte zu ihnen: „Ah! Ihre Unterredung hat lange genug gedauert, die Spielpartien beginnen; der Holtänder iſt ſo eben angekommen, verſtehen Sie, mein lieber Angelo?“ fügte die Herrin des Spielhauſes, dem gewandten Griechen einen bezeichnenden Blick zuwerfend, bei, „der Holländer iſt angekommen, er will dieſen Damen Punſch anbieten und ein Höllenſpiel ſpielen.“ „Oh! wenn der Holländer Punſch trinkt und ein Höllenſpiel ſpielen will .. . Mauleon und ich, wir wer⸗ den ihn nach Wünſchen bedienen. Kehren wir in den Salon zurück,“ erwiederte Angelv. „Ah!“ fragte er Clara, „iſt die kleine Bayeul da?“ „Ha! Böſewicht!“ „Eil ſie iſt ziemlich hübſch.“ „Stellen Sie ſich vor, daß ſie toll in Sie ver⸗ liebt iſt.“ „Ah! bah!“ „Toll! erztoll!“ „Sie erweiſt mir viel Ehre. Wenn es ſich ſo ver⸗ hält, meine liebe Clara: haben Sie doch die Gefälligkeit, ihr zu ſagen, ich möchte gern ein paar Worte mit ihr reden, und ſchicken Sie ſie ſodann hierher.“ „Aber der Holländer iſt beim Spiele . .. „Beruhigen Sie ſich, ich komme bald zu ihm, denn Die Familie Jouffroy. M. 30 ich habe, wie geſagt, nur ein paar Worte mit der klei⸗ nen Bayeul zu reden.“ „Ah! ich bin zu gut, Sie Ungeheuer! Warten Sie einen Augenblick hier, ich werde Ihnen Ihre Schöne ſchicken, die dieſe Unterredung kaum erwartet ... Welche Ueberraſchung für ſie! .. Oh! das kann ſie ſo gewal⸗ tig ergreifen, daß ſie im Stande iſt, darüber in Ohn⸗ macht zu fallen! Arme Frau . abermals ein Opfer.“ Clara und Mauleon verließen das Schlafzimmer, deſſen Thüre offen blieb. Nach einigen Augenblicken eilte Madame Bayeul⸗ von Clara benachrichtigt, bebend, in der lebhafteſten Auf⸗ regung zu Angelo. In demſelben Momente trat Aurelie Gräfin von Villetaneuſe in den Salon des Spielhauſes in Geſell⸗ ſchaft von Herrn Badinean ein. XV. Die Gräfin von Villetaneuſe in dieſem Spielhauſe! Aurelie, geſunken bis zum ſchmählichen Verhältniß eines unterhaltenen Weibes! Der Fall iſt erſchrecklich, wenn man ſich in Gedan⸗ ken um ſechs bis ſieben Jahre von da zurückverſetzt. Ehrliche, glückliche Zeit! friedliche, heitere Tage! Der ehemalige Kaufmann und ſeine Frau, reich durch die legitimen Früchte ihres Gewerbfleißes, hoch geſtellt, geachtet beim Bürgerſtande, die ſüßen Freuden der Familie genießend, befeſtigt in der Ausübung des Gerechten und des Guten, in der Liebe für die Einfach⸗ heit durch die vortrefflichen Rathſchläge der Tante Pru⸗ dence und des Vetters Rouſſel, ergebener Herzen, ver⸗ ſtändiger Geiſter, offener, rechtſchaffener Seelen, ſolider, ſicherer Charaktere! . Das glückliche Ehepaar hat zwei Töchter; die Eine macht durch rührende Eigen⸗ 463 ſchaften, daß man ihre körperliche Mißſtaltung vergißt; die Andere iſt ein Mädchen von blendender Schönheit und von einem vortrefflichen Naturell; ſie lieben einan⸗ der zärtlich, ſie ſind rein, treuherzig und mit den rei⸗ zendſten Tugenden begabt. Aurelie träumt bisweilen (damals eine unſchuldige Träumerei) eine Zukunft ſo glänzend wie ihre Schönheit. Marianne träumt eine beſcheidene Zukunft. Madame Jouffroy, deren mütterliche Eitelkeit gleich⸗ ſam nur ſtellenweiſe bervorkeimt, zeigt ſich als eine wach⸗ ſame Hausfrau von Kopf und Willen; ſie hat durch ihre gute häusliche Ordnung, durch ihre Thätigkeit im Han⸗ del bedeutend zum Vermögen ihres Mannes beigetragen, und Beide genießen ihren Wohlſtand, wenn die Stunde der Ruhe gekommen iſt, mit der Befriedigung, welche die erfüllte Pflicht gewährt. Heiter, offen, läßt Herr Jouffroy ſeine Schwäche durch eine unerſchöpfliche Herzensgüte vergeſſen; ſeine Tage vergehen froh, friedlich, geehrt. Und welch ein Abgrund von Mißgeſchicken, von Thränen, von Ruin, von Schande, von Erniedrigung trennt nun die Gegenwart von der Vergangenheit! ... Ah! die Eitelkeit iſt eines von den langſamen, durchdringenden, unheilbaren, gräßlichen Giften, welche die Seele auf immer verderben und zerfreſſen! Die mütterliche Eitelkeit von Madame Jyuffroh hatte ihr Gift in die Seele von Aurelie eindringen laſ⸗ ſen, und aus Eitelkeit zog ſie dem Goldſchmied For⸗ tuné Sauval den Grafen von Villetaneuſe vor. Aus Eitelkeit nahm ſie Tröſtungen von Karl Maximilian an. Aus Eitelkeit, mehr noch als aus Furcht vor der Noth (die Arme von Marianne und ihrem Manne wären der Gräfin geöffnet geweſen, das wußte ſie), aus Eitelkeit ging ſie aus den Händen des Prinzen in die des Herzogs von Manzanares über⸗ 464 Aus Eitelkeit endlich (eine relative Eitelkeit) verkaufte ſie ſich an Herrn Badineau, um mittelſt des Lurus dieſer ſchmählichen Verbindung einen Refler von dem Ueberfluſſe wiederzufinden, deſſen ſie ſich, ſei es nun zur Zeit ihrer Verheirathung, ſei es als ſie die Geliebte von Karl Maximilian oder vom Herzog von Manzanares war, erfreut hatte, — eine um ſo ſtrafbarere Nieder⸗ trächtigkeit von Seiten von Aurelie, als ſie und ihre Mutter, welche einer doppelt ſchändlichen Duldſamkeit ſchuldig, bei Marianne und Fortuné Sicherheit für die Gegenwart, Nachſicht und Vergeſſenheit für das Ver⸗ gangene gefunden hätten. Doch die Eitelkeit von Madame Jouffroy em⸗ pörte ſich bei dem Gedanken, daß ſie ſich der Tante Prudence, ihrer Schwägerin, deren Vorherſehungen ſo furchtbar eingetroffen waren, nähern ſollte. Doch die Eitelkeit von Aurelie empörte ſich bei dem Gedanken einer demüthigen und zurückgezogenen Exiſtenz, die ihrer bei Marianne harrte. Um zu begreifen, durch welche ſucceſſive und raſche Entartung des Herzens und des Geiſtes Aurelie, ein keuſches Mädchen, ſodann eine Anfangs vorwurfsfreie Gattin, ſo ſchnell von Fall zu Fall bis zur Lage eines unterhaltenen Weibes geſunken war, muß man durch⸗ drungen fein von der Wahrheit: „Wenn in der phyſi⸗ ſchen Ordnung die Geſchwindigkeit des Falles der Kör⸗ per im Verhältniß zu ihrem Gewichte ſteht, ſo iſt es ebenſo in der moraliſchen Ordnung;z die Geſchwindigkeit des Falles der Seelen ſteht im Verhältniß zum Gewichte der Schande, welche, ſich durch ſich ſelbſt vervielfältigend, dieſelben mit einer entſetzlichen Geſchwindigkeit in den Abgrund ſtürzt.“ Wir müſſen indeſſen bemerken, das unwiderſtehliche Bedürfniß der eitlen Genüſſe des Luxus hatte Aurelie nicht allein zu ihrem Untergange geführt: ihr Vater und ihre Mutter hatten ſich beraubt, um ſie reich auszu⸗ . 465 ſteuern. Als die letzten Trümmer ihrer Mitgift und des Vermögens ihrer Eltern auf der Reiſe mit Herrn von Manzanares vergendet waren und ſie ſich mit den Ihri⸗ gen ohne alle Mittel ſah, da nahm Frau von Villeta⸗ neuſe die Anträge des Herzogs an, ebenſo wohl, um im Ueberfluſſe fortzuleben, als um ihren Eltern die Noth, die Entbehrungen, zu denen ſie ihr Ruin verurtheilte, zu erſparen. Daſſelbe Gefühl dictirte das Benehmen von Aurelie zur Zeit, wo ſie, nach ihrem Bruche mit dem Herzog von Manzanares nach Frankreich zurückgekehrt. ſich veranlaßt ſah, in die Vorſchläge von Herrn Badineau einzuwilligen. Der Bruch von Herrn von Manzanares und An⸗ relie hatte zur Urſache ihre Liebe für Angelo. Seltſame, unſelige Liebe! Beim erſten Zuſammentreffen der Gräfin von Ville⸗ taneuſe mit dem ihr völlig unbekannten Uebeithäter über⸗ nimmt dieſer muthig ihre Vertheidigung und fordert Fortuné heraus, weil er ſeiner Couſine vorwarf, ſie ſei die Maitreſſe des Prinzen. An denſelben Tage ſieht Au⸗ relie Angelo wieder, er wirft ſich ihr zu Füßen, erklärt ihr ſeine Liebe und gibt ſich für einen politiſchen Flüchtling aus, der dem Schaffot entflohen; die Mißgeſchicke, die Schönheit, der leidenſchaftliche Ausdruck, die klangreiche Stimme des Geächteten, deren Zauber ſchon Aurelie ergriffen hatte, verſetzen ſie unwillkürlich in Unruhe, machen einen tiefen Eindruck auf ſie; entrüſtet, in Ver⸗ zweiflung, daß ſie von Karl Maximilian verlaſſen wurde, verwundet in ihrer Zärtlichkeit, verletzt in ihrer Eitelkeit, weinend über ihre verlorenen Illuſionen, ſelbſt grauſam unglücklich, fühlt ſie ſich gerührt vom Schickſale dieſes Unglücklichen, der ſo ſchön, ſo jung, ſo raſend in ſie verliebt iſt. Sie kämpft indeſſen gegen dieſes zunehmende Intereſſe: ſobald es Nacht geworden iſt, ſucht ſie den Böſewicht in dem Zimmer auf, wo er verborgen geblie⸗ ben war, fordert von ihm, trotz ſeiner Thränen, ſeiner 466 Bitten, daß er ſich aus der Villa entferne, und um ihm jede Hoffnung zu benehmen, eröffnet ſie ihm, ſie reiſe bei Tagesanbruch mit dem Herzog nach Italien ab. Dieſe Kunde benützend, faßt Angelo, der ſich um jeden Preis der Gräfin nähern will, einen kühnen Entſchluß, eilt auf der Landſtraße den zahlreichen Equipagen des Herzogs von Manzanares voran, und wirft ſich unter die Füße der Pferde auf die Gefahr, getödtet zu werden; er wird nur verwundet; man nimmt ihn, wie er dies insgeheim gehofft, in einem der Wagen des Herzogs auf, und er gehört fortan zum Gefolge in der Eigenſchaft eines Secretaire. Der Grieche ſieht ſo Aurelie jeden Tag, er verbirgt ihr nicht, daß es ihm mit Gefahr ſeines Lebens gelungen iſt, ſich ihr zu nähern, er fleht ſie an, das Geheimniß ihres erſten Zuſammentreffens zu bewahren, und ſchwört ihr, es werde nie ein Wort von Liebe ſeinem Herzen entſchlüpfen; er werde in der Stille ſein Märtyrthum ertragen, zu glücklich, wenn er ſich zuweilen der Gegen⸗ wart der Gräfin erfreue. Die geheuchelte Reſignation von Angelo, ſeine ſanfte, bewältigte Traurigkeit, die Anmuth ſeines Geiſtes, die Grazie, die Würde ſeiner Manieren, ſein ſeltenes Sän⸗ gertalent, das der Herzog mit Wohlgefallen hervorhob, denn, verführt durch die hinterliſtige Gewandtheit ſeines Schützlings, dem er eine herzliche Theilnahme bezeigte, lobte er ihn jeden Tag vor der Gräfin, — Alles trägt dazu bei, in ihrem Innern ihre Neigung für Angelo zu entwickeln; endlich liebt ſie ihn: ihre erkaufte Verbindung mit dem Herzog, welche ſchon an und für ſich ſo ſchänd⸗ lich, wird noch ſchändlicher . . . Aurelie betrügt den Greis. Eine der furchtbarſten Conſequenzen des Laſters iſt, daß ihr Ausſatz, ſich auf alle Gefühle des verdorbenen Weſens erſtreckend, ihnen eine verzehrende Gluth mittheilt. So war die Leidenſchaft von Aurelie für den Grie⸗ 467 chen, für den Betrüger, für den Sträfling, deſſen ſchänd⸗ liche Lebensvorgänge ſie übrigens nicht kannte. Dieſe ganz neue Leidenſchaft hatte nichts Aehnliches in der Vergangenheit von Frau von Villetaneuſe; eine vorwurfsfreie Gattin bis zum Tage ihrer Verbindung mit Karl Maximilian, den ſie mehr noch als Prinzen, denn als Liebhaber liebte, aber wenigſtens treu, redlich, ohne Verſtellung oder Rückhalt liebte, lernte ſie zum erſten Male bei ihrem Verhältniß mit Angelo den Zwang, die Gewiſſensbiſſe, die Scham in der Liebe kennen; ſie mußte Liſt gebrauchen, lügen, immer gegen ſich ſelbſt auf der Hut ſein, den Widerwillen überwinden, den ihr der Herzog einflößte, da ſie, würde ſie ihn verlaſſen haben, um ihrem Geliebten, einem armen Geächteten, zu folgen, ſich, ihren Vater und ihre Mutter tiefem Elend ausgeſetzt hätte. Dieſes unruhige, bewegte, üppige Leben, zuweilen gemiſcht mit den Entzückungen einer wahnſinnigen Liebe, hatte für Aurelie den unſeligen, verdorbenen Reiz, den die beſiegten Schwierigkeiten⸗ die triumphirenden Schel⸗ menſtreiche auf ſchon entſittlichte Frauen üben; ihre Liebe nährt ſich mit allen Opfern, die die Nothwendigkeit ihnen auferlegt, und es gibt abſcheuliche .. für eine verliebte Frau, ſo ſehr ſie auch geſunken ſein mag. Endlich kam der Tag, wo Herr von Manzanares Aurelie und Angelo bei einem ſtrafbaren Zuſammenſein ertappte; ſchwach wie ein ſehr verliebter Greis und ſicher der Entfernung ſeines Nebenbuhlers, bot der Herzog der Gräfin ſeine Verzeihung an, wenn ſie ihm ſich in Zu⸗ kunft beſſer aufzuführen verſprechen wolle; in Verzweif⸗ lung über die Abreiſe von Angelo, den ſie wahnſinnig liebte, empört über das vom Herzog ausgeſprochene Wort Verzeihung, erwiederte ſie ihm, es werde ihr fortan vor ihm grauen, und wies mit Verachtung ſeine Aner⸗ bietungen zurück, wobei ſie im Uebermaße ihrer Ver⸗ 468 zweiflung vergaß, daß ſie und ihre Familie von allen Mitteln entblößt waren. Im Innerſten verwundet, benahm ſich der Herzog nichtsdeſtoweniger als galanter Mannz er brach mit der Gräfin, ließ aber Madame Jouffroy eine für ihre Toch⸗ ter beſtimmte Summe zuſtellen, welche mehr als genü⸗ gend, um die Koſten ihrer Rückkehr nach Paris und auf einige Zeit ihre Bedürfniſſe zu beſtreiten⸗ Unterrichtet von den Urſachen des Bruches mit Herrn von Manzana⸗ res, überhäufte Madame Jonffroy ihre Tochter mit Vor⸗ würfen und brach in Verwünſchungen gegen Angelo aus; es entſtanden zwiſchen den zwei Frauen heftige Streitig⸗ keiten, die ſich ſeitdem voft wiederholten; doch fortan mit einander durch die Solidarität ihrer Schande verbunden, überdies unfähig, auf die lange Gewohnheit gegenſeitiger Zuneigung zu verzichten, reiſten ſie zuſammen mit Herrn Jouffroy ab. Trotz ſeiner naiven Gutmithigkeit, und obgleich es ihn ſchauerte, an die Schande ſeiner Tochter und an die ſtrafbare Mitſchuld ſeiner Frau zu glauben, mußte doch Hert Jonffroy endlich die Angen der Gewißheit öffnen. Als er nicht mehr zweifeln konnte, Aurelie, nachdem ſie die Geliebte von Karl Maximilian geweſen, verdanke der Freigebigkeit von Herrn von Manzanares den Keberfluß, den ſie genoß, da wurde der Unglückliche zum zweiten Male von einem Blutſchlage getroffen, worauf eine theilweiſe Lähmung des Gehirns erfolgte. Von die⸗ ſem Augenblick erloſch ſeine ſchon verdunkelte Vernunft gänzlich; er verlor das Gedächtniß, ſein geiſtiger Zu⸗ ſtund wurde fortan der eines kindiſchen, harmloſen, lenk⸗ ſamen Greiſes; er reiſte mit ſeiner Frau und ſeiner Toch⸗ ter nach Paris ab, ohne, ſo zu ſagen, das Bewußtſein von dieſer Ortsveränderung zu haben. Die Zeit der fürſtlichen Reiſen war vorüber. Frau von Villetaneuſe kam beſcheiden in der Dili⸗ gence mit ihrem Vater und ihrer Mutter zurück; dieſes 469 Verzichten auf ihre prunkhaften Gewohnheiten verurſachte bei ihr eine bittere Gereiztheit, eine ſchmerzliche Demü⸗ thigung; ihre Leidenſchaft für Angelo, weit entfernt, durch die Trennung zu erkalten, entbrannte noch mehr bei den glühenden Erinnerungen an die Vergangenheit und exaltirte ſich durch die Qualen der Abweſenheit. Dieſer Elende, der eine Art von magnetiſchem Zauber auf Aurelie übte, hatte für immer Beſitz von ihr ergriffen. Wenige Tage nach ihrer Rückkehr nach Paris empſing ſie den Beſuch von Fortuns Sauval. Bei ſeinem An⸗ blick erwachten nicht mehr, wie früher, im Herzen der Gräfin die ſüßen Erinnerungen aus ihren jungen Jahren, die Gewiſſensbiſſe über die Gegeuwart, unbeſtimmte Velleitäten einer Rückkehr zum Guten; nein, nein, dies Mal erregte bei ihr die Gegeuwart von Foreuné Aerger, Widerwillen, Reid. Ach! ſie bedachte, daß ihre Schwe⸗ ſter Marianne, geliebt, greh. reich, glücklich, dieſe Liebe, dieſe Achtung, dieſen Reich hum, dieſes Glück dem Manne verdankte, den ſie, Aurelie, verſchmäht hatte. Sie empfand endlich beim Anblick von Fortuné eine mit bitte⸗ rer Reue gemiſchte Bangigkeit, von der eine gefallene, verdorbene Seele ergriffen wird, wenn die Gegenwart ehrlicher Leute ſie an die Unſchuld ihrer früheren Tage, an die Schande ihrer jüngſten Tage erinnert; ein neues Beſtürmen von Fortuné befürchtend, waren auch Frau von Villetaneuſe und ihre Mutter bemüht, ihre Spur verloren gehen zu laſſen, was ihnen in der Unermeßlich⸗ keit von Paris, indem ſie Hotel garni, Namen und Quartier wechſelten, leicht gelang. Der Kummer, die verzehrende Gluth ihrer Liebe für Angelo, die Furcht vor einem ihr nahe bevorſtehen⸗ den Elend verſenkten Aurelie bald in eine tiefe Melan⸗ cholie, welche alle Symptome einer abzehrenden Krank⸗ heit hatte. Die letzten Mittel der Familie erſchöpften ſich, als Aurelie mit Herrn Badineau durch eine Putz⸗ händlerin, eine Art von Kupplerin, an welche ſie ihre 47⁰ letzten Schmuckſachen verkauft hatte, in Berührung ge⸗ bracht wurde. Da ſie ſich, ſowie ihren Vater und ihre Mutter, bald den härteſten Entbehrungen preisgegeben ſah, ſo nahm Frau von Villetaneuſe die Anträge des ehemaligen Specereihändlers an, wie ſie die des Herzogs von Manzanares angenommen hatte; nur behielt ſie aus Achtung vor dem Urtheile der Menſchen den Namen Frau von Arcueil bei; unter dieſem Namen ſollte der Vetter Rouſſel dieſe junge Frau kennen lernen, in welche Herr Badineau wahnſinnig verliebt war, und zu der er ſeinen Freund in der Weiſe eines Mentors abſenden wollte. In der tiefſten Tiefe ihres Herzens ihre glühende Liebe für Angelo bewahrend, verdankte Frau von Ville⸗ taneuſe der Freigebigkeit von Herrn Badineau eine be⸗ hagliche Exiſtenz, die indeſſen ungenügend für ihren Hang zu einer Verſchwendung, welche leicht begreiflich, als ſie die Geliebte des Herzogs von Manzanares war, Herrn Badineau aber, obgleich verhältnißmäßig ſehr ein⸗ geſchränkt, ungeheuer dünkte, da er ſie trotz ſeiner Opfer beſtändig mit Schulden belaſtet, auf Auskunftsmittel bedacht und in einer von der der Unordnung der Sit⸗ ten faſt unzertrennlichen materiellen Unordnung lebend ſehen mußte. Der Eitelkeit nachgebend, ſeine ſchöne Ge⸗ liebte vor den Angen der Stammgäſte des Salon von Clara leine verdächtige Geſellſchaft, jedoch die einzige, in der eine unterhaltene Frau Aufnahme fand), zur Schau zu ſtellen, hatte indeſſen Herr Badineau Frau von PVille⸗ taneuſe in dieſes Spielhaus geführt, und Beide waren, wie geſagt, hier in dem Augenblick eingetreten, als in das Schiafzimmer von Clara mit Madame Bayeul zu⸗ rückgezogen, Angelo dieſer den Vorſchlag machte, ſie möge ihm nach Bordeaur folgen, wo ſie als Lock⸗ ſpeiſe für ihre Betrügereien im Spiele den Griechen die⸗ nen ſollte. 471 XVI. Als die Gräfin von Villetaneuſe im Salon von Clara, ihrer ehemaligen Kammerfrau, erſchien, hatte ſich die kleine Zahl der Gäſte der Mittagstafel durch ver⸗ ſchiedene zur Spielſoirée eingeladene Herren und Frauen vermehrt. Ungefähr dreißig Perſonen waren verſammelt, die Einen ſaßen im Kreiſe, die Andern waren in Gruppen zerſtreut oder ſtanden am Lanzknechttiſche, an welchem ſich ſchon, wie es Clara dem Griechen geſagt, der Hollän⸗ der, der dieſen Damen die Honneurs des von ihm be⸗ ſtellten Punſches machte und viel Gold und Banque⸗ billets vor ſich anhäufte, aufgepflanzt hatte. Die Ankunft von Frau von Villetaneuſe, welche allen Stammgäſten des Spielhauſes unbekannt war, brachte unter dieſen eine Art von Senſation hervor; die wunderbare Schönheit dieſer jungen Fran ſetzte ſie in Erſtaunen, blendete ſie. Sie trug ein Kleid von hell⸗ blauem Gros de Naples mit breiten Volants von eng⸗ liſchen Spitzen und roſa Bandſchleifen garnirt. Dieſes Kleid mit ſeinem langen, nach der Mode jener Zeit faſt eine Halbſchleppe bildenden Rocke verlieh einen Charak⸗ ter voll Adel dem anmuthigen Gange von Aurelie, deren ſchlanker und zugleich vollendeter Wuchs ſich über die mittlere Höhe erhob. Die Gräfin trat in dieſen Salon, ihren Strauß und ihren Fächer in der Hand, als wahrhaft vornehme Dame, mit erhabener Stirne, mit hoffärtigem, verächt⸗ lichem Blicke und einem bittern Lächeln ein . . . Sie bedachte in dieſem Augenblick, daß ſie, nachdem ſie bei ſich zur Zeit ihrer Ehe die beſte Geſellſchaft von Paris empfangen, nachdem ſie das Idol des Prinzen Karl Maximilian und ſeines Hofes im Palaſte von Meningen 472 geweſen, nachdem ſie endlich unter dem Patronat des Herzogs von Manzanares mit Ehrerbietung in den ariſtokratiſchſten Salons Italiens aufgenommen worden war, nun unter den Auſpicien von Herrn Badineau, einem ehemaligen Specereihändler, in einem von unterhaltenen Weibern beſuchten Spielhauſe erſchien . . . Sie! ſie! Frau von Villetaneuſe! Dieſer demüthigende Gedanke, die entnervenden Flammen ihrer Liebe für Angelo, das unerbittliche Be⸗ wußtſein ihrer gegenwärtigen Erniedrigung verliehen ihrem leicht angegriffenen, jedoch immer noch zauberhaft ſchönen Geſichte das ſchwermüthige, unſelige Siegel, mit dem der Dichter die Stirne des gefallenen Engels be⸗ zeichnet, ein unvertilgbares Gepräge ſchlimmer, glühender Leidenſchaften. Der Azur der mit langen Wimpern, ſo ſchwarz wie ihre Brauen, befranſten großen Augen von Aurelie war nicht mehr durchſichtig und heiter, wie in den glücklichen Tagen ihrer unſchuldigen Jugend; er ſchien verdüſtert wie ihre Stirne, welche halb verborgen war durch den Wellenſcheitel ihrer herrlichen kaſtanien⸗ braunen Haare mit den goldenen Reflexen. Ihr Teint, der jene erſte Frühblüthe verloren, die ihn einſt ſo durchſichtig, ſo roſig wie die Carnation eines Kindes machte, war beinahe mattweiß, wie der Marmor ihrer Bruſt, ihrer Schultern und ihrer Arme, die ſich durch eine wahrhaft ideale Vollkommenheit auszeichneten. Der der Schönheit der Gräfin verliehene neue Charakter machte ihren Anblick weniger anziehend, aber mehr er⸗ greifend; man errieth die Verwüſtungen einer frühzeiti⸗ gen Verdorbenheit unter der bleichen und hoffärtigen Maske. Kaum war auch die junge Frau, gefolgt von Herrn Badineau, welcher über den von ſeiner Geliebten her⸗ vorgebrachten Eindruck triumphirte, mitten in den Saal getreten, als die Ankunft der Unbekannten eine Art von Ereigniß wurde; die Geſpräche hörten auf, ſelbſt die Spieler wandten ihre Angen vom grünen Teppich ab, 473 alle Männer und mehrere Frauen erhoben ſich, wobei ſich Jene mit einer bewundernden Neugierde und dieſe mit einem geheimen Aerger fragten, wer die ſchöne Fremde ſein möge. Clara, die aus ihrem Schlafzimmer in dem Augen⸗ blick herauskam, wo Aurelie mitten im Salon erſchien, erkannte ihre ehemalige Gebieterin und rief erſtaunt: „Was ſehe ich? . Sie hier . . . bei mir!! Frau Gräſin „Wie! Sie, Mademviſelle halten dieſes Haus?“ verſetzte Aurelie, ebenſo beſtürzt, als tief gedemüthigt, daß ſie ſich im Salon ihrer früheren Kammerfrau ſah. Ein verächtliches Lächeln ſchwebte ſodann um ihre Lippen, und ſie fügte bei: „Ich würde dieſen Ort mit keinem Fuß betreten haben, hätte ich ahnen können, ich werde Sie hier unter dem falſchen Namen einer Frau von Sablonville finden.“ „Ei! Sie laſſen ſich wohl Frau von Arcueil nen⸗ nen, meine liebe Gräfin von Villetaneuſe,“ erwiederte Clara, erzürnt über den geringſchätzenden Hochmuth ihrer ehemaligen Gebieterin, „warum ſollte ich meinen Namen nicht ebenſo wohl ändern, als Sie? Uebrigens .. . wenn ich Sie eingeladen habe, in meinen Salon zu kommen, den Sie zu verachten ſcheinen, ſo iſt das einzig und allein auf Empfehlung Ihres Herrn Badineau ge⸗ ſchehen!“ Dieſer letzte Hieb, eine blutige Beleidigung Aure⸗ lie unter dem Stillſchweigen und der allgemeinen Aufmerkſamkeit der Stammgäſte des Spielhauſes zuge⸗ ſchlendert, trieb Fran von Villetaneuſe den Purpur der Scham und Verwirrung zur Stirnez ſie richtete ſtolz das Haupt empor, maß Clara mit einer ſonveränen Verach⸗ tung und ſprach: „Mademoiſelle, Sie haben große Fortſchritte in der Frechheit gemacht, ſeitdem Sie unſern Dienſt ver⸗ 474 laſſen . . . damals waren Sie beſcheiden und ehrer⸗ bietig.“ Und zu Herrn Badineau: „Laſſen Sie uns gehen, mein Herr.“ Die Gräfin machte eine Bewegung, um ſich gegen die Thüre zu wenden; plötzlich aber erbleichte ſie und blieb verſteinert, das Auge ſtarr, der Buſen wogend, ſtehen; man hätte glauben ſollen, ſie ſei durch eine un⸗ erwartete Erſcheinung geblendet worden . .. Der Ausdruck der Phyſiognomie von Frau von Villetaneuſe war ſo bezeichnend, daß alle Blicke, ma⸗ ſchinenmäßig der Richtung des ihrigen folgend, ſich auf Angelo hefteten, der nicht minder bleich, nicht minder bebend als Anrelie, die er unter ſeinem feuchten, glühen⸗ den Blicke magnetiſirt hielt. Madame Bayeul, die am Arme des Griechen hing, glaubte fortan Rechte auf dieſen zu haben: ſie hatte mit einer wahnſinnigen Freude ſeinen Antrag, ihm nach Bordeaux zu folgen, angenommen. Man denke ſich anch ihr Erſtaunen, als ſie Frau von Villetaneuſe erkannte. Trotz ihrer Brutalität, iſt die unzüchtige Liebe mit demſelben Inſtinete der Eiferſucht, mit demſelben Scharf⸗ ſinn, wie die zarte, reine Liebe, begabt; als ſie den auf die Gräfin gehefteten funkelnden Blick des Griechen be⸗ merkte, empfand auch Madame Bayeul den Biß einer grimmigen Eiferſucht; die Unruhe, die tiefe Erſchütterung von Aurelie und Angelo waren für ſie eine plötzliche Offenbarung. „Sie haben ſich leidenſchaftlich geliebt,“ dachte Madame Bayeu voll Wuth, „ſie lieben ſich noch leiden⸗ ſchaftlich! . . . lDer Zufall führt ſie zuſammen, und die Gräfin iſt immer noch blendend ſchön.“ Die natürliche Frechheit von Madame Bayeul, welche nicht mehr wie einſt im Zügel gehalten wurde durch eine Art von gezwungener Ehrfurcht gegen die Geſellſchaft von redlichen, anſtändigen Leuten, die ſie damals be⸗ 475 ſuchte, mußte zum Cynismus der ſchlechteſten Art über⸗ gehen, ſobald ſie, mitten unter verlorenen Weibern und verdächtigen Männern lebend, von jeder Feſſel befreit ſein ſollte; dieſer Cynismus in den Worten, in den Geber⸗ den, in der Haltung war bei ihr zur andern Natur ge⸗ worden, doch ſie überließ ſich demſelben nicht von An⸗ fang an, obſchon beim Anblick der Gräfin, einer furcht⸗ baren Nebenbuhlerin, vor Eiferſucht und Wuth ent⸗ brannt. Das Erſtaunen, der Schmerz, der Haß erſtick⸗ ten Madame Baheul; ſie blieb einen Moment ſtumm, bebend, leichenbleich, preßte krampfhaft mit ihren zuſam⸗ mengezogenen Fingern den Arm des Griechen, als hätte ſie ihn mit Gewalt zurückhalten wollen, und warf ab⸗ wechſelnd auf ihn und Aurelie einen finſtern, flammen⸗ den Blick. Nicht minder ſcharfſichtig, eiferſüchtig und leiden⸗ ſchaftlich als ihre Nebenbuhlerin, aber durch die Ge⸗ wohnheit des Umgangs mit der guten Geſellſchaft zu einer außerordentlichen Zurückhaltung fähig, war die Gräfin von ebenſo entſetzlichen Gefühlen ergriffen, als Madame Bayeul, jedoch unter einem ruhigeren An⸗ ſcheine; ſie fragte ſich mit einer Miſchung von Schrecken, Haß und Zorn, durch welche Fatalität dieſe Frau, der ſie Herr von Villetaneuſe ſchändlich geopfert hatte, — ſomit die erſte Urſache ihrer ſtufenweiſen Entſittlichung und Er⸗ niedrigung, — durch welche Fatalität ſich dieſe Frau abermals auf ihrem Wege finde und ihr Angelo ent⸗ führen wolle; denn zu ſehr verliebt, um nicht hellſehend zu ſein, las ſie im verzerrten Geſichte von Madame Bayeul die Qualen der Eiferſucht. Die am wenigſten ſcharffinnigen Stammgäſte des Spielhauſes erwarteten unter der Stille einer lebhaften Neugierde einen heftigen Streit zwiſchen den zwei Frauen, die ſich mit den Blicken niederſchmetterten; ſehr erfreut über dieſes Zuſammentreffen, bildeten ſie eine Art von Kreis und iſoürten argliſtiger Weiſe in ſeinem Mit⸗ 476 telpunkte den Griechen und die zwei Heldinnen des Aben⸗ teuers, um ſie einander alle drei gegenüber zu ſtellen. Herr Badineau ahnete unbeſtimmt einen ernſten Vor⸗ fall; ohne daß er je Angelo geſehen oder Aurelie von ihm hatte reden hören, war er betroffen von der merk⸗ würdigen Schönheit des jungen Mannes, von ſeiner Aufregung und dem unruhigen, glühenden Blicke, mit dem er die Gräſin unabläſſig anſchaute; er berente es immer mehr, ſeine Geliebte in dieſes Haus geführt zu haben, und ſagte leiſe zu ihr: „Mein Herzchen, es ſcheint Dir ſehr unbehaglich zu ſein; ich glaube, wir würden wohl daran thun, wenn wir gingen, wie Du mir ſo eben vorgeſchlagen haſt.“ Dieſe verſchiedenen Vorfälle beim Zuſammentreffen von Aurelie und Madame Bayeul hatten ſich in einigen Secunden ereignet, und in dem Augenblick, wo Herr Badineau der Gräfin das Spielhans zu verlaſſen vor⸗ ſchlug, machte Madame Bayeul, die, Anfangs erſtickt, verſteinert, plötzlich die Bewegung und das Wort wie⸗ derfand, immer am Arme des Griechen hängend, die Lippen bleich, das Geſicht verzerrt, einen Schritt gegen ihre Nebenbuhlerin und ſagte zu ihr, beinahe unfähig, ihre Wuth zu bewältigen: „Hören Sie! glauben Sie nicht, Sie erſchrecken mich mit Ihren großen Augen, Sie! Ich liebe Angelo! ich bete ihn an! ja, ich liebe ihn, ich bete ihn an, ich bin wahnfinnig in ihn verliebt! Iſt das klar? Er und ich, wir treten morgen eine Reiſe mit einander an, und ich fordere Sie heraus, mir meinen Liebhaber zu ent⸗ führen!“ „Wie, wie!“ verſetzte Herr Badineau immer mehr verdutzt, „erfahren Sie, Madame, daß . . . daß ich hier der . . . der Cavalier von Frau von Arcueil bin, und daß ſie Niemand zu entführen ſucht.“ „Ah! Sie ſind ihr Unterhalter?“ rief Madame Va⸗ yeul mit einem ſchallenden, höhniſchen Gelächter. „Sie 477 müſſen ſie hübſch theuer bezahlen, denn Sie ſind ab⸗ ſcheulich häßlich.“ Und ſich an Angelo wendend: „Wie? iſt das nicht gemein? ſich von einem ſolchen Vogel füttern laſſen!“ Bleich, zornig, tief verletzt, nahm die Gräfin ihre ſtolze Haltung der vornehmen Dame an, maß von der Höhe ihrer edlen, anmuthigen Geſtalt die kleine Frau mit den beinahe rothen Haaren und ſagte zu ihr mit einer niederſchmetternden Verachtung: „Sie hatten einſt die Frechheit, die Schamloſigkeit, ſich bei mir im Hotel Villetaneuſe einzufinden, wo ich Sie behandelte, wie Sie es verdienten . . . Madame! Doch heute . . .“ „Ha! ha! ha! ſprechen Sie doch ein wenig von dieſer Zeit,“ unterbrach Madame Bayeul ihre Neben⸗ buhlerin mit einem beleidigenden Gelächter. „Ich habe Ihnen den Grafen, Ihren Gemahl, weggeſchnappt, und er hat ſie meinetwegen vor die Thüre geſetzt. Hat man dergleichen je geſehen! das ſpricht von ſeinem Hotel, das macht ſeinen Kopf! das ſpielt die Herzogin! und das wird monatweiſe unterhalten von einem garſtigen alten Mann.“ Die Stammgäſte des Spielhauſes nahmen mit einer geräuſchvollen Heiterkeit die groben Ausfälle von Ma⸗ dame Bayeul auf. Der Grieche blieb, trotz ſeiner ge⸗ wöhnlichen Frechheit, ſtill und einfältig wie ein Menſch, der der Gegenſtand eines weiblichen Streites geworden iſt; verwirrt, gereizt, erröthete Herr Badinean bis unter die Augen, wagte es aber nicht, eine Sylbe zu reden; Frau von Villetaneuſe erkannte zu ihrer Verzweiflung, daß ſie bei dieſem Streite nicht gegen eine Creatur kämpfen könnte, welche vor keinem Cynismus der Sprache zurückzuweichen im Stande war; die Gegenwart von Angelo, die Ungewißheit, in der ſie über die Projerte Die Familie Jonffroy. U. 31 des Griechen hinſichtlich der förmlich angekündigten Reiſe war, verſetzte Aurelie in eine wachſende Unruhe; ſie konnte nur, ihren Stolz verdoppelnd, zu ihrer Neben⸗ buhlerin ſagen: „Um Ihnen zu antworten, Madame, müßte ich die Sprache der Hallen ſprechen, und dieſe ſpreche ich nicht.“ „Gehen Sie doch, Sie Zierpuppe! Sie haben nicht für zehn Liards Witz!“ rief Madame Bayeul mit einer kreiſchenden Stimme; „gehen Sie doch! Glücksgräfin! Sie glauben, Alles ſei erobert, Alles ſei verführt, wenn Sie Ihr Wachsgeſicht haben paradiren laſſen. Es gibt ſchonere als das Ihre in den Schaufenſtern der Friſeurs; Sie ſind nur eines von den Lärvchen, welche immer von den Männern übertölpet werden, erfahren Sie das, Gräfin! die Männer werden eine Häßliche meiner Art beſſer lieben, weil ich Laſter habe. . . Nicht wahr, mein Angelo?“ Hienach nahm die abſcheuliche Creatur den Griechen beim Arm und ſagte: „Laſſen Sie uns gehen, mein Angelo.“ Und mit einem höhniſchen Gelächter fügte ſie bei: „Meine Complimente zu Hauſe, Gräfin!“ Der Grieche machte ſich ungeſtüm vom Drucke von Madame Bayeul los, näherte ſich Aurelie, bot ihr ſeinen Arm und ſprach: „Kommen Sie, Madame, kommen Sie! . Sie fönnen nach dieſen Beleidigungen nicht einen Augenblick länger hier bleiben.“ Die Gräfin bemächtigte ſich bebend des Armes von Angelo und ſchleuderte einen Blick wilden Triumphes ihrer Rebenbuhlerin zu. Im Herzen getroffen, wurde dieſe leichenbleich, blieb; einen Augenblick unbeweglich vor Schmerz und Wuth und ſtützte ſich auf einen Tiſch; ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. . „Ah! meine Liebe, treiben Sie Ihren Scherz mit — 479 den Leuten?“ rief Herr Badineau wüthend, indem er auf Aurelie zuſchritt. „Sie werden den Arm dieſes Herrn nicht annehmen . . . Ich allein habe hier das Recht, „Das Recht?“ verſetzte Frau von Villetanenſe ihren Protector mit Verachtung über die Achſel anſchauend. „Mein Herr, Sie ſind in der That ſehr lächerlich!“ Und ſie machte eine Bewegung, um mit dem Grie⸗ chen wegzugehen, und ſagte: „Kommen Sie, Angelo.“ „Nein! und wenn der Teufel dabei wäre, Sie wer⸗ den nicht mit dieſem Herrn gehen!“ rief Herr Badineau außer ſich, indem er die Gräfin ebenfalls am Arme er⸗ griff. „Ich habe das Kleid bezahlt, das Sie auf dem Leibe tragen, meine Liebe!“ „Alter Burſche!“ verſetzte der Grieche, indem er den ehemaligen Specereihändler heftig zurückſtieß, „Sie wa⸗ gen es, Hand an Madame zu legen! . . . Nehmen Sie ſich in Acht! ich werde Ihre Unverſchämtheit beſtrafen.“ „Du! Lumpenkerl?“ „Sie ſollen mir dieſe Beleidigung bezahlen!“ rief der Grieche, während er Aurelie hinter ſich ſchob und auf Herrn Badineau zuſtürzte: „Wie! Schlägereien hier! .. Ich will keine Schlägerei in meinem Hauſe!“ „Es wird dennoch Schlägereien geben! denn ich, ich zerkratze ihr das Geſicht, dieſer Mähre, die mir Angelo entführen will!“ rief Madame Bayeul, weſche, häßlich vor Wuth, nach einem Angenblick der Niedergeſchlagenheit, gegen die Gräfin als wahre Furie mit ausgeſtreckten Krallen losbrach. Zum Glück packte der General (nan zählte, wie geſagt, unter den Stammgäſten des Spielhanſes einen, apogrypben oder nicht apogryphen, General), der General packte Madame Bayeul um den Leib, hekam einen Krallenhieb, der ihm das Kinn zer⸗ 480 ſchund, hielt aber die entſetzliche Creatur immer feſt und rief heldenmüthig: „Die alte Garde ſtirbt, ſie ergibt ſich nicht.“ Clara und einige Männer trennten mit großer Mühe Angelv und Herrn Badineau; immer mehr gereizt bedrohten ſich dieſe aus der Entfernung und wechſelten grobe Beleidigungen. Zitternd, verwirrt, Allen fremd, warf die Gräfin dahin und dorthin flehende Blicke, be⸗ gegnete aber nur gleichgültigen oder ſpöttiſchen Geſich⸗ tern; einige ehrliche Leute, die ſich in dieſes ſchlechte Haus verirrt hatten, wandten mit Ekel die Augen von dieſer gemeinen Scene ab. Plötzlich lief eine erſchrockene Dienerin in den Sa⸗ lon und rief: „Verbergt die Einſätze! der Commiſſär kommtl“ Bei dieſen Worten entſteht eine außerordentliche Bewegung im Salon; vom Lanzknecht abgezogen durch die vorhergehenden Streitigkeiten, eilen die Spieler zu den Tiſchen, um ihre Einſätze zurückzunehmen und die Karten verſchwinden zu machen, während Clara und ihre Dienerin eiligſt mit einander die drei Lampen⸗ welche den Salon erhellen, auslöſchen; hienach ſprach Frau von Sablonville mit lauter Stimme zu den Stammgäſten: „Wir werden gegen den Commiſſär behaupten, wir ſpielen: Bei Nacht ſind alle Katzen grau, ein unſchuldiges Geſellſchaftsſpiel!“ Unter dieſer plötzlichen Finſterniß nahm Angelo, den der Tumult in die Nähe von Aurelie gebracht hatte, dieſe bei der Hand und ſagte leiſe zu ibr; „Komm geſchwinde „ folge mir!“ Der Grieche kannte vollkommen des Hauſes Gele⸗ genheiten; er befand ſich im Augenblick des Auslöſchens der Lampen ganz nahe bei der Thüre des Schlafzim⸗ mers von Clara; er führte die Gräfin in dieſes Zimmer⸗ ſchloß die Thüre doppelt hinter ſich, gelangte mit Au⸗ relie in einen Gang und auf die in den Hof mündende — 481 Geſindetreppe, und Beide verließen das Haus in dem Moment, wo der Commiſſär, auf der großen Treppe in das Spielhaus eindringend, die übrigen Perſonen bei dem unſchuldigen Spiele: Bei Nacht ſind alle Katzen grau, überraſchte. XVII. Die folgenden Scenen ereignen ſich bei Frau von Villetaneuſe, am andern Morgen nach ihrem Zuſammen⸗ treffen mit Angelv im Salon von Clara. Herr Badineau hatte für Aurelie eine hübſche Woh⸗ nung im zweiten Stocke eines neuen Hauſes der Rue Notre⸗Dame de Lorette gemiethet und behaglich einge⸗ richtet. Dieſe Wohnung beſtand ans einem Vorzimmer, einem Speiſezimmer, einem Salon, einem Bondoir und zwei Schlafzimmern, von denen das eine Herr und Ma⸗ dame Jouffroy inne hatten. Da der Charakter dieſer durch einen falſchen mütter⸗ lichen Stolz und durch eine verabſchenenswerthe Eitelkeit ins Verderben gerathene Frau dem Leſer bekannt iſt, ſo wird er ſich nicht wundern, wenn er ſie die ſchmähliche Exiſtenz der Gräfin dulden und theilen ſieht; die Ent⸗ würdigung der Mutter hatte ſich allmälig bewerkſtelligt, gerade wie die der Tochter. Madame Jouffroy hatte in der Ansſchweifung Ihrer Eitelkeit zur Verbindung Ihrer Tochter mit Karl Maximilian angetrieben, weil ſie eines Tags Aurelie als regierende Fürſtin zu ſehen hoffte. War einmal dieſer erſte Schritt auf dem Wege der Schande gethan, ſo mußten die andern natürlich folgen; als ſie ſich, ihren Mann und ihre Tochter ohne andere Mittel, als die Annahme der Anträge des Herzogs von Manzanares ſah, willigte Madame Jouffroy auch in dieſe neue Pro⸗ ſtitution ihres Kindes ein. 482 Und dieſe unwürdige Mutter vermochte doch zu jener Zeit noch mit einer abſcheulichen Vergangenheit zu brechen, mit ihrem Manne und ihrer Tochter nach Paris zurück⸗ zu kehren, um beſcheiden in der Familie bei der Tante Prudence, bei Fortunés und Marianne zu leben; konnte ſich aber Madame Jouffroy entſchließen, dem Blicke der Tante Prudence zu trotzen, deren ſtrenger, feſter Ver⸗ ſtand ſie ſo oft empört hatte? konnte ſie, ohne zu errö⸗ then, den Blick von Marianne ertragen, die einſt ihres Erbtheils zu Gunſten von Aurelie, welche ihre Familie reich ausſteuern wollte, beraubt worden war? konnte Madame Jouffroy, ohne zu erröthen, den Blick von For⸗ tuné Sauval ertragen, deſſen beabſichtigte Heirath ſie, Aurelie die Zurücknahme des ihrem Vetter gegebenen Wortes beinahe entreißend, gebrochen hatte? Und dieſe drei Perſonen: die Tante Prudence, Fortuns und Marianne ſollte Madame Jouffroy, ſo wie wir ſie kennen, in Demuth und Reue um Verzeihung für die Vergangenheit, um Brod und ein Aſyl für die Zu⸗ kunft gebeten haben. Nein! nein! das konnte ſie nicht. Wir wiederho⸗ len; das Laſter hat ſeine Logik und ſeine Fa⸗ talität wenn das Princip des Guten für immer im Kampfe mit dem Princip des Böſen unterlegen iſt. Madame Jouffroy mußte ſich darein fügen, ihre Toch⸗ ter ſich den Anträgen von Herrn von Marzanares un⸗ terziehen zu ſehen; dieſe Schmach wurde übrigens mas⸗ kirt unter einem gewiſſen Firniß von Wohlanſtand; die Frau Gräfin von Villetanenſe, welche mit ihrem Vater und ihrer Mutter in einem andern Wagen als der Herr Herzog reiſte, welche eine getrennte Wohnung in den Hotels der Städte, wo man ſich aufhielt, inne hatte, die Frau Gräfin, welche durch ihren edlen Ehrenwächter bei den Geſandtſchaften, in der beſten Geſellſchaft vor⸗ geſtellt wurde, wo ſie thronte, wo ſie alle Frauen durch ihre Schönheit, durch ihre Anmuth verdunkelte, Frau 483 Gräfin von Villetaneuſe ſchien nichts mit den anderen Cour⸗ tiſanen gemein zu haben; kurz, man lebte glänzend, vor⸗ nehm; der Herzog war freigebig, prachtliebend. Vor Allem entzückt, ihre Tochter glänzen zu ſehen, ſagte Ma⸗ dame Jouffroy zu ſich ſelbſt in Form einer Beſchwichti⸗ gung ihres Gewiſſens: „Im Ganzen, nehmen wir an, meine Tochter ſei an den Herzog verheirathet . . das käme auf Eines heraus!“ Und nach ſo viel Elend und ſo ſchmählichen Wech⸗ ſelfällen ſagte ſie ſich wieder: „Nehmen wir an, meine Tochter ſei an Herrn Badineau verheirathet . . . das käme auf Eines her⸗ aus!“ Herr Jouffroy, deſſen Verſtand geſchwächt, erſchüt⸗ tert, ſodann völlig vernichtet worden war durch die gräß⸗ lichen Leiden, die ihm die Schande ſeiner Tochter und ſein Ruin bereiteten, behielt kaum noch die Faſſungs⸗ kraft für die Dinge; zuweilen erinnerte er ſich jedoch ſeiner wahnſinnigen Anbetung für ſeine Tochter und ſeiner kleinmüthigen Angſt vor ſeiner Frau, der Haupturſachen der Mißgeſchicke dieſer Familie. „Iſt Mimi böſe? Iſt Töchterchen glücklich?“ Dieſe Worte, die er von Zeit zu Zeit ohne allen Anlaß ausſprach, ſchienen der letzte Schimmer zu ſein, der ſich zuweilen von der erloſchenen Vernunſt von Herrn Jouffroy losmachte; er zeigte ſich übrigens von einer unwandelbaren Sanftmuth und hielt ſich vorzugs⸗ weiſe in der Einſamkeit auf, wo er unabänderlich ſeine Stunden mit Verfertigung von Papierſchiffchen hinbrachte, die er ſodann mit einer kindiſchen Freude auf einem mit Waſſer gefüllten Teller ſchwimmen ließ: dies war ſeine beſtändige Beſchäftigung. Er litt körperlich nicht, lebte ein rein animaliſches Leben, und da er längſt das Ge⸗ dächtniß verloren hatte, ſo bedrückte ihn die Erinnerung 464 an die Schande ſeiner Fran und ſeiner Tochter nicht; er erkannte jedoch Beide, lächelte ihnen zu mit jenem armen Perſonen, deren Geiſt abweſend, eigenthümlichen peinlichen Lächeln, und richtete an Aurelie und ihre Mutter Worte ohne Zuſammenhang, die folgenden aus⸗ genommen, welche allein einen Sinn boten: Iſt Mimi böſe 7 Iſt Töchterchen glücklich?“ Aufrichtig betrübt über die Verſtandesverwirrung dieſes Unglücklichen, fühlten Madame Juuffroy und Au⸗ relie wohl die furchtbare Verantwortlichkeit, die auf ihnen laſtete; ſie gewöhnten ſich indeſſen an das Schau⸗ ſpiel dieſes troſtloſen Gebrechens; da aber „man muß es ſagen, das Gefühl gewiſſer Pflichten noch nicht in der Tochter und der Gattin erloſchen war, ſo umgaben ſie Herrn Jouffroy mit jeder Fürſorge, mit allen mög⸗ lichen Aufmerkſamkeiten. Würden ſie ihn zu ſeiner Schweſter Prudence haben bringen laſſen, ſo hätten ſie ihren Augen den Anblick dieſes lebenden Beweiſes von den Uebeln, die ſie verurſacht, erſparen können, doch bei dem Gedanken, zu ihrer Familie, wo er einſt ge⸗ liebt, geehrt, glücklich gelebt hatte, dieſen der Vernunft beraubten Greis zurückzuſchicken, ſchauerten ſie vor Scham und Gewiſſensbiſſen; da ſie hauptſächlich dieſes entſetzliche Unglück geheim halten wollten, ſo waren ſie, was ihnen auch gelang, bei ihrer Rückkehr nach Paris bemüht, ſich den Nachforſchungen von Fortuns Sauval zu entziehen. Ihr Entſchluß endlich, ſich nie den andern Mitglie⸗ dern ihrer Familie zu nähern, war um ſo unerſchütter⸗ licher, als Marianne, als die Tante Prudence, als der Vetter Rouſſel dieſe pflichtvergeſſene Mutter und dieſe unwürdige Tochter mit den niederſchmetternden Worten empfangen konnten, mußten: „Was habt Ihr mit mei⸗ nem Bruder gemacht? Was habt Ihr mit meinem Va⸗ ter gemacht? Was habt Ihr mit meinem alten Freunde gemacht?“ 485 Nein, nein! Fortgeriſſen durch die Fatalität des Laſters, ſahen dieſe zwei Frauen auf jedem Schritte vor ihren Blicken die furchtbaren Conſequenzen ihrer Entwür⸗ digung ſich erheben, und erſchrocken zurückweichend, ver⸗ ſanken ſie immer tiefer in den Koth. Fatalität des Laſters!! Einſt ſo zärtlich vereinigt, ergoßen ſich dieſe Mutter und dieſe Tochter nun gegen⸗ ſeitig in gehäſſigen Anſchuldigungen, in blutigen Vor⸗ würfen; ſodann kam die finſtere Verſöhnung der fortan durch die Solidarität der Schande an einander gefeſſel⸗ ten Schuldgenoſſen. XVIII. Es ſchlug zehn Uhr Morgens. Am Abend vorher mit Herrn Badineau weggegangen, war Aurelie noch nicht in ihre Wohnung zurückgekehrt, wo ihre Mutter ſie erwartete. Dieſe empfand, ohne ſich über die nächtliche Abweſenheit zu ängſtigen, da ſie die Gräfin unter der Aegide ihres natürlichen Beſchützers wußte, doch eine gewiſſe Unruhe und ſie ſprach, wäh⸗ rend ſie im Zimmer ihrer Tochter auf und abging, zu ihrer Dienerin, die ſie gerufen hatte: „Die Gräfin (ſie nannte Aurelie immer ſo) hat Ihnen nicht geſagt, ſie werde die ganze Nacht aus⸗ bleiben 2“ „Nein, Madame.“ „Das iſt ſonderbar . . . Sie wird ohne Zweifel zu einem Sonper gegangen ſein und ſich mit Herrn Badi⸗ neau verſpätet haben. Wer hat vorhin geklingelt?“ „Der Commis des Modewaarenhändlers. Er fluchte wie ein Beſeſſener, ſchrie, er werde wüthend, daß man ihn wegen einer Rechnung von hundert und zehn Franken zwanzigmal laufen laſſe, und wenn 486 man ihn morgen nicht bezahle, ſo wolle er hier einen Lärmen machen ... „Die Canaille!“ „Die Putzhändlerin iſt auch da geweſen; ſie hat ge⸗ ſagt, wenn man ihr kein Geld gebe, ſo werde ſie eine Vorladung ſchicken.“ „Wagt es nur die Gräfin, vorzuladen! das iſt zum Erbarmen!“ „Der Schlächter hat ſich dieſen Morgen geweigert, mir Fleiſch zu geben. Er hat mir gleichſam mein Fleiſchbuch ins Geſicht geworfen, weil ich ihm kein Geld brachte . . Das war auch nicht ſehr luſtig, abge⸗ ſehen davon, daß er über Madame geſchimpft und geſagt hat ſie ſei „Gut, gut; ſchon genug! . . . Sie ſind nur ein Unglücksvogel! . . . Sie haben immer ſchlimme Nach⸗ richten zu bringen.“ Madame Jouffroy ſagte zu ſich ſelbſt: „Zum Glück hat mir Herr Badineau gleichſam eine Zulage für dieſen Monat verſprochen, um noch einmal die Schulden von Aurelie zu bezahlen .. . Er iſt bedeu⸗ tend zäh, der Vater Badineau! Was kann man übri⸗ gens von einem ehemaligen Specereihändler erwarten? Ah! welch ein Unterſchied gegen den lieben Her⸗ zog von Manzanares! Das war ein freigebiger, präch⸗ tiger Herr! Warum muß aber auch die Gräfin . . .2 Dieſer Lumpenkerl Angelo war an Allem Schuld! Ha! Schurke! Doch meine Tochter war wahnſinnig in ihn verliebt „ Die Dienerin kam zurück mit einem Briefe in der Hand, ſie gab ihn auf eine barſche Weiſe Madame Jouffroy und ſagte mit einer verdrießlichen Miene: „Das hat ein Commiffionär ſo eben gebracht.“ Und ſie blieb bei ihrem Abgange auf der Schwelle ſtehen und fügte bei: „Es iſt ſchon genug, daß man mir drei Monate 6 487 Lohn ſchuldig iſt, ohne daß ſie mir auch noch wegen der Andern brummen. Iſt es mein Fehler, wenn man hier bis über den Hals in Schulden ſteckt? Da will ich lieber gehen!“ „Gut, Sie werden auf der Stelle gehen!“ rief Ma⸗ dame Joufftoy, „Sie werden keine Nacht mehr hier ſchlafen, Unverſchämte!“ „Ich werde gehen, wenn Sie mich bezahlt haben⸗ und ich ſehne mich ſicherlich nicht nach dieſer Baracke eines unterhaltenen Frauenzimmers zurück!“ rief die Die⸗ nerin, die Thüre geräuſchvoll hinter ſich zuwerfend. Madame Jouffroy war wüthend aufgeſtanden, doch ſie ſuchte ſich zn bewältigen, als ſie die Dienerin weg⸗ gehen ſah, und ſagte mit Bitterkeit zu ſich ſelbſt: „Ach! ich war nicht an die Unverſchämtheiten der Dienſtboten gewöhnt! früher, zu Hauſe, zitterten ſie Alle vor mir. Ich bezahlte ſie aber auch auf Heller und Pfennig . . . Nun, was geſchehen iſt, iſt geſchehen.“ Madame Jouffroy unterdrückte einen Seufzer bei dem Gedanken an die glückliche Zeit, wo ſie, eine ver⸗ ſtändige, geachtete Wirthin, in ihrem von ihr ſo regel⸗ mäßig geordneten Hauſe unumſchränkt geherrſcht hatte, öffnete ſodann den Brief, den ſie empfangen, und las, wie folgt: „Ihre Tochter iſt eine liederliche Perſon, eine Un⸗ dankbare, eine ſchändliche Straßenläuferin; doch man bethlpelt mich nicht ungeſtraft; Sie ſollen bald von mir hören. Mittlerweile gebe ich Ihnen vierundzwanzig Stun⸗ den, um die Wohnung zu räumen, welche, Gott ſei Dank! auf meinen Namen gemiethet iſt; gehen Sie nicht, ſo ieſe ich Sie durch Gerichtsdiener vor die Thüre werfen.“ Niedergeſchmettert durch dieſen Brief, las Madame Jouffroy denſelben zum zweiten Male, als aufs Neue die Klingel wiederholt ertönte und Aurelie in das Zim⸗ mer, wo ſie ihre Mutter erwartete, eintrat. 488 XIX. Obgleich ſehr bleich in Folge der heſtigen Gemüths⸗ bewegungen vom vorhergehenden Abend, trat Frau von Villetaneuſe doch triumphirend ein: Angelo liebte ſie immer noch! Das Strahlen dieſer unreinen Flamme ſchien auf dem angegriffenen Geſichte der jungen Frau die Frech⸗ heit und die Schamloſigkeit zu reflectiren; ſie warf fern von ſich den Pelz, in den ſie auf ihrer Fahrt gehüllt ge⸗ weſen war, und zeigte ſich vor den Augen ihrer Mutter in ihrem zerknitterten Ballſtaat, wobei ihre langen, halb aufgelöſten Haare über ihre nackten Schultern wogten; ſchon außer ſich über den Brief von Herrn Badineau, wurde Madame Joufftoh vollends durch dieſe Unordnung in den Kleidern und in der Friſur von einer heftigen Entrüſtung ergriffen. „Da, da!“ ſagte ſie zu ihrer Tochter, indem ſie ihr das Billet reichte, „lies dies, Unglückliche!“ Erſtaunt über den Ton und den Empfang ihrer Mutter, nahm die Gräfin den Brief, las ihn, erröthete vor Zorn und Scham, zerknitterte das Papier in ihrer Pand, warf es fern von ſich, richtete das Haupt hoch auf, ſchaute ihre Mutter an, ohne die Augen niederzuſchlagen, und ſagte: „Nun was denn?“ „Wie, was denn? Vor Allem antworte: woher kommſt Du, Schamloſe? .. Du heaſt ein Geſicht, um einem Angſt zu machen!“ „Meine Mutter ich komme von da her, wo es mir beliebt!“ „Welche Schändlichkeit haſt Du geſtern oder heute Nacht begangen, daß Herr Badineau mir einen ſolchen Brief ſchreibt und uns von hier wegjagt? . . Er hat alſo Recht? . Dnu biſt alſo die elendeſte Creatur?“ 489 „Herr Badineau iſt ein grober Bauer; ich werde ihn in meinem Leben nicht mehr ſehen.“ „Und wer wird Deine Schulden bezahlen? Wovon ſollen wir leben, wenn er uns vor die Thüre ſetzt? Wir werden alſo ohne einen Son auf dem Pflaſter ſein? Wir haben nicht einmal Mittel, um für acht Tage die Miethe in einem Hotel garni zu beſtreiten .. wenn wir nicht etwa unſere Effecten ins Leihhaus bringen! Du willſt uns alſo wieder aufs Stroh legen, wie Du dies ſchon aus Liebe für Deinen Lumpenkerl Angelo gethan haſt?“ „Ich werde nicht dulden, daß Sie ſo von Angelo in meiner Gegenwart reden!“ „Von ihm! von dieſem armſeligen Bettler, den der Herr Herzog aus Mitleid von der Landſtraße aufgeho⸗ ben hat?“ „Meine Mutter, genng . . oh! genug!“ „Genug! Werde ich je genug über dieſen Elenden ſagen können! . . . er iſt die Urſache Deines Bruches mit dem Herrn Herzog! . bei dem wir noch wären, hätteſt Du Dir nicht den Kopf von dieſem Landſtreicher verrücken laſſen.“ „Laſſen Sie uns hievon abbrechen, meine Mutter. In meinem Alter bin ich ſelbſt Herrin meiner Handlun⸗ gen. Dieſer Streit kann zu nichts führen; ich will ihn mit einem Worte endigen: „„Ich habe Angelo wieder⸗ geſehen!““ „Barmherzigkeit!“ „Ich habe ihn geſtern Abend wiedergeſehen!“ „Ah! ich errathe nun Alles! Dieſer Brief von Herrn Badineau . . Mein Gott! mein Gott!“ „Unſer Entſchluß iſt gefaßt: Angelo und ich, wir verlaſſen uns nicht mehr!“ „Du wagſt es „ „Ich wiederhole Ihnen, nichts vermöchte mich fortan von ihm zu trennen .. Werden Sie mich nun in Ruhe laſſen?“ 490 „Und ich?.. und Dein Vater? Unglückliche! . was ſoll aus uns werden?“ „Marianne und meine Tante werden nachſichtig ſein; ſie werden Sie mit offenen Armen aufnehmen. Sie können in Ruhe mit meinem Vater bei ihnen leben.“ „Ich ſoll meiner Schwägerin die Hand reichen, mich ihren Unverſchämtheiten ausſetzen? Ich ſoll meiner Toch⸗ ter ihren Vater in dem Geiſteszuſtande, in dem er ſich befindet, zurückbringen! Ah! eher will ich mein Brod an den Straßenecken betteln. . . . So, Du Schändliche, verläſſeſt Du uns? .. Iſt das Deine Dankbarkeit?“ „Meine Mutter. ſprechen wir nicht von der Ver⸗ gangenheit.“ „Oh! nein ... die Vergangenheit drückt Dich zu Boden! ſie erinnert Dich daran, daß wir, Dein Vater und ich, uns beraubt, aufgeopfert haben, um Dich reich auszuſtenern . . .“ „Geſtehen Sie doch, daß Ihre Eitelkeit es war, was mich zu meiner Heirath angetrieben hat, und dieſe iſt an meinem Untergang Schuld geweſen!“ „Wie! Du haſt die Frechheit, mir Deine Heirath vorzuwerfen?“ „Haben Sie mich nicht gezwungen, mein Fortuns gegebenes Wort zurückzunehmen?“ „Schamloſe Lügnerin! Und haſt Du Dich nicht, als Deine Verbindung mit dem Grafen abgebrochen war, vergiften wollen?“ „Wer iſt daran Schuld? . . . Sie!“ „Guter Gott des Himmels! Du hörſt ſie! Ich bin daran Schuld, daß ſie ſich vergiften wollte . das iſt meine Schuld?“ „Ja, ja, denn dadurch, daß ich Sie fortwährend wiederholen hörte, wir würden in unſerer Geſellſchaft durch den Bruch dieſer Heirath entehrt ſein, verlor ich den Kopf und wollte ſterben.“ „Ah! das iſt zu viel! zu viel!“ 491 „Es iſt nicht zuviel, meine Mutter.. Haben Sie es ſich nicht zur Aufgabe gemacht, meine Eitelkeit unabläßig anzureizen, indem Sie ſagten, ſchön, wieich ſei, könne ich auf Alles Anſpruch machen? Da nahm ich, von Ihnen be⸗ ſtürmt, mein Fortuns gegebenes Wort zurück, ich wollte Gräfin werden, und ich bin ſodann geworden, was ich bin. Würde ich noch tiefer ſinken, ich hätte immer das Recht, Ihnen zu ſagen: „Sie haben mich ins Verder⸗ ben geſtürzt.. „Und der Himmel donnert nicht!“ „Gehen Sie! Er mußte donnern, als Sie meine Liebe für Maximilian unterſtützten. . als Sie mich aufforderten, die Anträge des Herzogs anzunehmen Wie! heute ſchmähen Sie mich, weil ich den Mann, den ich liebe, dem Manne, der mich bezahlt, vorziehe! Sie haben ſich beraubt, um mich auszuſtenern, ſagen Sie? Wohl! habe ich mich nicht ſchon zweimal um Ihretwillen ver⸗ kauft? Es iſt genug, meine Mutter⸗ wir find quitt. Ich habe Angelo wiedergefunden, ich werde ihn nicht mehr verlaſſen, wir reiſen morgen mit einander nach Bor⸗ deaux ab.“ . „Du wirſt nicht abreiſen!“ „Ich werde abreiſen!“ „Ich verbiete es Dir.“ „Sie haben das Recht, mir etwas zu verbieten, verloren. . . Sie, die Sie mir Alles erlaubten.“ „Unglückliche! Du verläſſeſt uns, mich und Deinen Vater, in der Lage, in der er durch Deine Schuld iſt!“ Sagen Sie doch, durch die Ihre . . Die Angſt, ie ihm einflößten, hat gemacht, daß er den Geiſt verloren.“ „Es iſt nicht wahr, Deine Ausſchweifungen mit dem Bettler Angelv ſind es geweſen.“ „Oh! ich weiß es .. Das iſt das Unrecht von Au⸗ gelv in Ihren Augent ſeine Armuth! Sie hätten ihn an⸗ gebetet, wäre er reich geweſen!“ 492 „Entartete Tochter! ſchändliche Tochter!“ rief Ma⸗ dame Jouffroy vor Verzweiflung die Hände ringend: „Verflucht ſei der Tag, an dem ich Dich geboren!“ Dieſer abſcheuliche, providenzielle Streit zwiſchen der Mutter und der Tochter wurde unterbrochen durch die Erſcheinung des Vetters Ronſſel, den die Dienerin mit den Worten einführte: „Hier iſt ein Herr, der Madame im Auſtrage von Herrn Badineau ſprechen will.“ XX. Der Vetter Rouſſel hatte am Tage vorher, des Krie⸗ ges müde, den wiederholten, dringenden Bitten von Herrn Badineau nachgegeben und ſich, obgleich er ſich dieſe Schwäche vorwarf, entſchloſſa, der Geliebten ſeines Freundes, die dieſer Frau von Arcueil nannte (ein dem Vetter Rouſſel völlig unbekannter Name), Vernunft einzureden. Der Erbitterung preisgegeben, in die ihn die Ereigniſſe verſetzten, welche am Tage vorher im Spiel⸗ hauſe von Clara vorgefallen waren, hatte Herr Badineau die Sendung, mit der er ſeinen Freund beauftragt, völlig vergeſſen, und dieſer kam, um ſich derſelben zu entledigen, zu der vorgeblichen Frau von Arcueil. Man denke ſich das Erſtaunen, den Schmerz von Vetter Rouſſel, als er ſich Anrelie und ihrer Mutter ge⸗ genüber fand, als er in den Zügen von dieſer das Ge⸗ präge einer finſteren Verzweiflung wahrnahm, und die Gräfin Morgens um zehn Uhr in einem Ballkleide, den Kopfputz in Unordnung, das Geſicht verzerrt, entſtellt durch die ſchlimmen Empfindungen, welche in ihr der Streit mit ihrer Mutter erweckt hatte, vor ſich ſah!. .. Joſeph hatte endlich bei ſeinem Eintritte in die Wohnung die entſetzlichen Worte an Aurelie von Ma⸗ dame Jouffroy gerichtet vernommen. „Entartete Toch⸗ 493 „ ter! ſchändliche Tochter! Verflucht ſei der Tag, an den ich Dich geboren!!“ Dieſe Worte, die entflammte Phhſiognomie der Mut⸗ ter und der Tochter offenbarten Joſeph, welche Zwiſtig⸗ keiten die unglücklichen Frauen, trotz des Bandes ihrer gemeinſchaftlichen Schande, trennten. Er blieb einen Augenblick ſtumm, niedergebengt, troſtloſen Gedanken preisgegeben. Madame Jyuffroy ſah zum erſten Male den Vetter Ronſſel wieder ſeit dem Tage, wo ſie ihn aus ihrem Hauſe gejagt; Aurelie ſah ihn auch zum erſten Mal wie⸗ der ſeit ihrem Zuſammentreffen mit ihm in der Cour des Coches, in der Wohnung der Tante Prudence. Die unvorhergeſehene Erſcheinung dieſes, in der Fa⸗ milie durch ſeine Rechtſchaffenheit und ſeinen offenen Ver⸗ ſtand bekannten, Verwangzen verſteinerte die zwei Frauen. Die Gräfin ſchlug, von der Scham erdrückt, die Augen nieder; Madame Jouffroy aber, der das Verlaſſen ihrer Tochter einen unerwarteten, gräßlichen Schlag beibrachte, welcher ſie moraliſch und phyſiſch betraf, denn ſie fühlte ſchon jenen Fieberſchauer, den Vorläufer der durch eine moraliſche Revolutivn verurſachten niederſchmetternden Krankheiten, Madame Jouffroy, gebrochen durch den Schmerz, durch die Verzweiflung, zerfloß, ſagen wir, ſtatt Joſeph mit Widerwillen und Zorn aufzunehmen, in Thränen, ſtreckte die Hände gegen ihn aus und rief ſchluchzend: „Ah! Herr Rouſſel. . Sie ſind gerächt für das Unrecht, das ich Ihnen angethan habe! WMeine Tochter iſt ein Ungeheuer des Undanks! Sie hat mir ſo eben einen Schlag verſetzt, von dem ich mich nicht mehr erholen werde.“ Madame Jyufftoy hatte kaum dieſe kläglichen Worte ausgeſprochen, als plötzlich im anſtoßenden Salon ein hölliſcher Lärm hörbar wurde und das Geräuſch von Die Familie Jouffroy. n. 32 494 zerbrochenen Porzellangefäßen und Gläſern, zwiſchendurch beherrſcht durch die kreiſchende Stimme der um Hülfe rufenden Magd, erſcholl⸗ Beängſtigt durch das Geſchrei der Magd und den ſich verdoppelnden Lärmen, ſtürzte Madame Jouffroy ma⸗ ſchinenmäßig in den anſtoßenden Salon; Aurelie und der Vetter Ronſſel folgten ihr, nicht weniger erſtaunt als erſchrocken. Da ereignete ſich eine ſeltſame, häßliche, gräuliche Scene. Dieſer elegant eingerichtete Salon hatte drei Thü⸗ ren die eine führte in das Zimmer der Gräfin, die an⸗ dere in das Speiſezimmer, die dritte in das Zimmer von Madame Jouffroy und ihrem Manne; dieſer hatte auch, trotz ſeines geſchwächten Geiſtes, einen außergewöhnlichen Lärmen gehört und erſchien beinahe zu gleicher Zeit mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter im Salon. Joſeph hatte Anfangs einige Mühe, ſeinen alten Freund wiederzuerkennen; ſein grauer, langer Bart bedeckte mit ſtruppigen Haaren ſeine Wangen und ſein Kinn; ſein dichtes, ungepflegtes Haupthaar verbarg, durch das Alter und den Kummer völlig weiß geworden, halb ſeine erloſchenen Augen, in denen der göttliche Funke des Verſtandes nicht mehr glänzte; obgleich ſeine ſitzende Le⸗ bensart ſeine Beleibtheit vermehrt hatte, ſah man doch nicht auf ſeinem Geſichte die Farbe der Geſundheit; ſeine aufgedunſenen Backen waren weich, mattweiß. In einen fettigen, geflickten alten Schlafrock gehüllt, hielt er in der Hand, als er im Salon erſchien, eines von den Papier⸗ ſchiffchen, die er unabläſſig mit einer kindiſchen Emſigkeit verfertigte; er ſchaute mit ſeinen blickloſen Augen rings umher, blieb ſtumm und unbeweglich bei der Thüre ſeines Zimmers ſtehen, und wohnte ſo ganz unempfindlich der ſeit einigen Minuten von Madame Badineau begon⸗ nenen Verwüſtung des Salon bei. Berauſcht von wüthender Eiferſucht, hatte ſich dieſe 495⁵ Frau, der es gelungen war, die Adreſſe der Geliebten ihres Mannes zu entdecken, ohne daß ſie etwas von ſei⸗ nem Bruche am vorhergehenden Tage wußte, Madame Badineau, ſagen wir, hatte ſich entſchloſſen mit einem Stocke bewaffnet, um bei Frau von Villetaneuſe, wie man ſich auszudrücken pflegt, Alles kurz und klein zu ſchlagen, und ſie überließ ſich dieſem Zerſtörungswerke und zerſchmetterte die Spiegel, die Kriſtalle, die Por⸗ zellane, die Glocken der Lampen und der Uhr, in dem Augenblick, wo die verſchiedenen Perſonen dieſer Erzäh⸗ lung gleichzeitig in den Salon liefen. Leichenbleich, erſchrecklich anzuſchauen, den Schaum auf den Lippen, die Augen funkelnd, manveuvrirte Madame Badineau in allen Richtungen mit ihrem ſchweren plom⸗ birten Stocke mit einem ſo gefährlichen Ungeſtüm, daß Madame Jouffroy, trotz ihrer kräftigen Natur und ihres aufbrauſenden Charakters, vor Angſtzitterte, zugleich er⸗ faßt von den Schauern eines heftigen Fiebers, deſſen eiskalter Schweiß ihr Geſicht überſtrömte; ſie fühlte, wie ihre Kräfte ſie verließen, ſtürzte indeſſen vor ihre Toch⸗ ter, um ſie mit ihrem Leibe zu bedecken, als ſie Madame Badineau, nachdem dieſe mit einem letzten Schlage einen ſchönen Spiegel zertrümmert hatte, ſchreien hörte: „Ah! mein Mann gibt Dir Spiegel, Teppiche, Porzellane, ſchlechte ***! Sieh, wie ich mit Deinen Spiegeln und Deinen Porzellanen verfahre. Sogleich wird die Reihe an Dich kommen, große ***; warte ein wenig, daß ich wieder Athem ſchöpfe!“ Keuthend, außer ſich, war Madame Badineau ge⸗ nöthigt, einen Augenblick auszuruhen; Alles, was ſich *) Wir überlaſſen es dem Leſer, ſich die gemeinen, belei⸗ digenden Epitheta einzubilden, mit denen Madame Ba⸗ dineau Aurelie überhäufte. Unſere Achtung vorunſern Leſerinnen zwingt uns, dieſe Schmähungen durch Sternchen zu erſetzen. — 496 Zerbrechliches im Salon fand, war übrigens zerſchlagen. Die Gräfin und ihre Mutter ſtanden ſtumm, bebend da; die Scham drückte ſie zu Boden; dieſe Scene, ſo wüſt wie ihr Leben, hatte zum Zeugen den Vetter Rouſſel, der in demſelben Augenblick ſeinen alten Freund, der Vernunft beraubt, wiederfand, denn Herr Jouffroy, wel⸗ cher abwechſelnd die furchtbare Madame Badineau und die Trümmer, mit denen der Boden beſtreut war, an⸗ ſchaute, ſagte, den Kopf ſchüttelnd, die einzigen zuſam⸗ menhängenden Worte, welche zuweilen in ſeiner Erinne⸗ rung auftauchten: „Iſt Mimi böſe? . . Iſt Töchterchen glücklich?“ „Du verführſt und ruinirſt alſo meinen Mann, ge⸗ meine ***!“ ſchrie Madame Badineau, die ſich, ihren Stock ſchwingend, an Frau von Villetaneuſe wandte. „Und das dicke Weib hier iſt ohne Zweifel Deine Mutter, und ſie unterſtützt Dein ehrliches Handwerk? . .. wie? Und dieſer Alte mit den weißen Haaren, der wie ein Blödſinniger ausſieht . . . iſt wahrſcheiulich Dein Vater? So unterhält alſo mein Mann die ganze Sippſchaft .. Dein Vater und Deine Mutter eſſen das Brod Deiner Unzucht, ſchlechte ***! Das iſt ſauber!“ Als ſie nun erſt die Gegenwart von Joſeph wahr⸗ nahm, der, kaum wiedergeneſend und vernichtet durch ſo viel gräuliche Entdeckungen, ſich, das Geſicht halb in ſei⸗ nen Händen verborgen und in einen Abgrund von herz⸗ zerreißenden Betrachtungen verſunken, an eine Thürſäule anlehnte, rief Madame Badineau: „Und Sie auch, Herr Rouſſel, der vertraute Freund meines Mannes! .. Sie gehören auch zur Bande? Sie ſpielen eine hübſche Rolle! Doch nun will ich ein wenig dieſer ſchamloſen ***, die meinen Mann verführt, unter die Augen ſchauen!“ rief Madame Badineau, die, nicht beſänftigt, ſondern nur einen Moment athemlos, aufs Neue in Wuth gerieth; und ſie ging raſch auf Aurelie zu, welche mit einem verdoppelten Schrecken ihre Mutter —— —— 497 erbleichen ſah und deren Hand, die ſie krampfhaft in die ihrige geſchloſſen hielt, kalt werden fühlte. Madame Jouffroy machte indeſſen eine äußerſte Anſtrengung in der Hoffnung, ihre Tochter gegen die Gewaltthätigkeiten von Madame Badinean zu ſchützen, die ihren Stock ſchwingend ſchrie: „Komm doch hieher . Liederliche! daß ich Dir das Geſicht zeichne, damit mein ſchändlicher Mann er⸗ fährt, ich ſei bei Dir geweſen! Siehſt Du große ***, es iſt nicht genug, daß ich Deine Spiegel zerbrochen habe ich muß Dir auch etwas zerbrechen!“ So ſprechend, ſtürzte Madame Badineau, mit den Zähnen knirſchend, auf die Gräfin los, und dieſe er⸗ hielt, trotz des ohnmächtigen Widerſtands von Madame Jouffroy, welche vergebens ihre Tochter zu beſchützen ſuchte, von der beleidigten Gattin einen heftigen Stock⸗ ſchlag, der ſie an die Stirne traf. . . Bei dieſer Ver⸗ wundung ſtieß Aurelie einen gewaltigen Schrei aus; ihr Blut floß und überſtrömmte ihr Geſicht. Dies war ſo ſchnell vor ſich gegangen, daß Joſeph, geſchwächt, niedergebengt, zu ſpät auf Madame Badineau hatte zueilen können, um es zu verſuchen, ihr den Stock zu entreißen. Herr Jouffroy aber, der beim Anblicke des Blutes, das in Wellen aus der Wunde von Aurelie floß, wieder einen Schimmer von Vernunft fand, bebte plötzlich und rief: „Töchterchen blutet!“ Und der Greis warf ſich wüthend auf Madame Badineau, welche, grauſam gemacht durch den Anblick des Blutes ihrer Nebenbuhlerin, ihre Gewaltthätigkeiten verdoppeln wollte; doch Herr Jouffroy packte ſie beim Halſe; er würde ſie ſo erwürgt haben, wäre in dieſem Augenblick nicht die Dienerin athemlos herbeigeeilt und hätte geſchrieen: „Die Wache kommt „ich habe die Wache ge⸗ rufen.“ 498 Es traten in der That, der Dienerin auf den Fer⸗ ſen folgend, ein Corpbral und vier Soldaten in den Salon ein. Die Erſcheinung der Soldaten ſchien einen lebhaf⸗ ten Eindruck auf Herrn Jouffroy hervorzubringen; er hörte auf, den Hals von Madame Badineau, welche blan und roth wurde, zuſammenzupreſſen. Sie wich ſtol⸗ pernd zurück, während Aurelie, das Geſicht von Blut überſtrömt, ihre Mutter, die das Bewußtſein völlig ver⸗ lierend auf den Boden ſank, aufzuhalten ſich anſtrengte. „Madame iſt wie eine Furie gekommen und hat Alles hier zerſchmettert!“ rief die Dienerin dem Corporal, Madame Badineau bezeichnend, zu „Und mehr noch, dieſes gräuliche Weib hat meine Frau geſchlagen . . . ſie hat ihr den Kopf mit einem Stockſtreiche geſpalten!“ „Juliette . . . Eſſig . . . Kölniſches Waſſer . . . meiner Mutter iſt unwohl!“ rief die Gräfin, die, ihre Wunde vergeſſend, bei ihrer Mutter niederkniete und ſie wiederzubeleben ſuchte. Die Dienerin beeilte ſich, den Befehlen der Gräfin zu gehorchen, indeß Madame Badineau entſchloſſen zum Corporal ſagte: „Ich habe Alles hier zerbrochen . . . und ich habe dieſe *** geſchlagen, weil ſie meinen Mann verführt und zu Grunde richtet. Ich bin in meinem Rechte.“ „Geduld, Mutter,“ ſprach gravitätiſch der Corporal, „vom Rechte kann hier nicht die Rede ſein; Sie ſchlagen Alles kurz und klein, ſelbſt den Kopf der Hausfrau . . . Das geht nicht ſo . . . Sie werden ſich auf dem Poli⸗ zeibureau erklären.“ „Baptiſte . komm . . komm .. fliehen wir dieſe Hölle! . . . Ich würde hier wahnſinnig!“ rief der Vetter Rouſſel ganz außer ſich, indem er Herrn Jouffroy beim Arme nahm; „komm, folge mir.“ „Joſeph! ah! Dnu biſt es!“ erwiederte der Greis, ſeinen Freund erkennend, ohne daß ihn irgend eine 499 Gemüthsbewegung zu ergreifen ſchien. ah! ja, Joſeph . . . „Komm . . komm!“ ſprach der Vetter Rouſſel, . ganz verwirrt vor Entſetzen, während er Herrn Juuffroy fortzog, der ihm lenkſam folgte. Und ſie ſtiegen in einen Fiacre und der Wagen 1 wandte ſich raſch nach der Wohnung von Fortuns Sauval. Joſerh XRI. Der Wagen, der den Vetter Rouſſel und Herrn Jouffroy zu Fortuné Sanval gebracht hatte, entfernte ſich, als ein Commiſſionär mit langem Barte, der ſeinen auvergnatiſchen Hut bis auf die Angen eingedrückt trug, an das Gitter vom Hauſe des Goldſchmieds trat und klingelte; der Portier öffnete, und der Commiſſionär. fragte ihn: „Mein Herr, wohnt hier Herr Fortuné Sauval, der Goldſchmied?“ „Ja, mein braver Mann.“ „Iſt in der Werkſtätte von Herrn Sauval ein jun⸗ ger Arbeiter Namens Michel?“ J „Ich bin beauftragt, ihm ſelbſt koſtbare Gegenſtände zu übergeben.“ „Das iſt ſehr leicht . . . Meine Frau begleitet Sie bis zu den Werkſtätten; Sie warten im unteren Saale, und man benachrichtigt Herrn Michel, der nicht Arbeiter, ſondern Werkführer iſt.“ „Man ſagte mir, er ſei Arbeiter, und ich weiß nicht mehr. Arbeitet nicht auch ſein Großvater im Hauſe?“ „Allerdings . . . Es iſt der Vater Laurencin, ein würdiger Mann! Er war geſtern außer ſich vor Freude, als man ihm die Heirath ſeines Enkels ankündigte.“ 500 „Ah! Herr Michel wird ſich verheirathen?“ „Mit der Perle der Werkſtätte, mit Mademviſelle Camille.“ „Ah! er wird ſich verheirathen! . . . wiederholte nachdenkend der Commiſſionär; „und die Demoiſelle, die er heirathet, iſt bei Herrn Sauval beſchäftigt?“ „Ja, ſie wohnt hier mit Frau Catherine,“ erwie⸗ derte der Portier. Und er rief ſeiner Frau zu: „Führe dieſen braven Mann in die Werkſtätte; Du wirſt Herrn Michel bitten, herabzukommen.“ Der Frau des Portier folgend, gelangt der Com⸗ miſſionär in ein großes Gebäude, und während ſeine Führerin in den erſten Stock hinaufgeht, ſetzt ſich der Mann mit dem langen Barte in eine Stube im Erdge⸗ ſchoß, zieht aus ſeiner Taſche ein Notizbuch aus dem er ein Blatt reißt, ſchreibt haſtig ein paar Worte auf das Papier und ſchiebt es ſodann wieder in die Taſche. Bald erſcheint Michel mit ſeiner Arbeiterblouſe be⸗ kleidet und mit einer ledernen Schürze um den Leib; die Glückſeligkeit, die dem jungen Manne ſeine baldige Ver⸗ heirathung mit Camille bereitet, ſtrahlt auf ſeinem Geſichte. „Sie haben mit mir zu ſprechen?“ fragte Michel den Commiſſionär. „Sie haben mir etwas zu über⸗ geben?“ „Ja, mein Herr . . . wenn Sie Herr Michel ſind.“ „Ich bin es.“ „Herr Michel Laurencin?“ „Ja.“ ie bei Herrn Sauval?“ „Ich frage Sie dies, mein Herr, weil mir die Per⸗ ſon, die mich ſchickt, ausdrücklich empfohlen hat, nur Ihnen die koſtbaren Gegenſtände, die ich bei mir habe, — 501 zu übergeben: nämlich einen Brief, ein Etui und ein dickes, verſiegeltes Paquet.“ „Ein Emi . ein verſiegeltes Paquet?“ rief Michel ziemlich erſtaunt. „Und wer ſchickt mir das?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr.“ „Wie, Sie wiſſen es nicht?“ „Dieſen Morgen war ich an meiner gewöhnlichen Ecke, beim Boulevard Saint⸗Antvine; ein alter Herr ſteigt aus einem Fiacre, übergibt mir die fraglichen Ge⸗ genſtände nebſt Ihrer Adreſſe, bezahlt mich zum Voraus, fügt der Belohnung für meinen Gang ein gutes Trink⸗ geld bei und ſagt zu mir: „„Gehen Sie geſchwinde, mein braver Mann, Herr Michel Laurencin wird ſich ſehr freuen über das, was Sie ihm bringen: es ſind Familienpapiere.““ „Familienpapiere?“ „Ja, mein Herr! Und der Greis ſetzte hinzu: „„Dieſe Papiere kommen von der Mutter von Herrn Michel.““ „Von meiner Mutter?“ rief der junge Mann. „Der Unbekannte ſagte Ihnen, dieſe Papiere kommen von meiner Mutter!“ „Gewiß, mein Herr, hier iſt das verſiegelte Paquet, ſowie die kleine Schachtel, welche ein Portrait enthält,“ ſprach der Commiſſionär, indem er aus ſeiner Taſche ein großes Paquet und ein kleines Etui von Chagrin von der Form derjenigen zog, welche Portraits in Miniatur enthalten. Immer mehr erſtaunt und bewegt, ſtreckte Michel die Hand nach dieſen Gegenſtänden aus; doch der Com⸗ miſſionär wich zurück, ſchob ſie wieder in ſeine Taſche und ſagte: ſeh „Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe meine Be⸗ e „Was für Befehle?“ 502 „Der alte Herr hat zu mir geſagt: „„Herr Michel heirathet bald . . .““ „Dieſer Fremde weiß, daß . . .“ „Daß Sie eine junge Arbeiterin aus Ihrer Werk⸗ ſtätte, Namens Camille, heirathen.“ „Was bedeutet Alles dies? fragte ſich der junge Mann wie verdutzt. „Das iſt unbegreiflich.“ Und er ſprach laut mit einer gewiſſen Ungeduld: „Machen wir ein Ende: da dieſe Gegenſtände für mich beſtimmt ſind, ſo übergeben Sie mir dieſelben.“ „Ich kann nicht, mein Herr, ich habe meine Befehle. Ich ſoll dieſes Päckchen und dieſes Portrait nur in Ge⸗ genwart Ihrer Braut übergeben.“ „Meiner Braut?“ „Und einer andern Perſon, genannt Fran Ca⸗ therine.“ Ein Arbeiter ging in dieſem Augenblick vorüber und wandte ſich nach der Treppe des oberen Stockes. Ebenſo erſtaunt als ungeduldig gemacht durch die Zö⸗ gerungen und Antworten des Commiſſionärs, rief Michel: „Jacques, wollen Sie Frau Catherine und Camille bitten, ſogleich zu mir herabzukommen.“ „Es ſoll auf der Stelle geſchehen, Herr Michel,“ antwortete der Handwerker. XXII. Von einer zunehmenden Gemüthsbewegung erfaßt bei dem Gedanken, die Papiere, um die es ſich handelte, kommen von ſeiner Mutter, ſagte Michel zum Com⸗ miſſionär: „Es ſcheint mir ganz ſonderbar, daß man ſo leicht⸗ ſinnig Jemand Familienpapiere anvertraut.“ „Mein Herr, ich bin decorirt . . . „Es mag ſein. Doch der ſo genan über mich ⸗ 503 unterrichtete Greis konnte dieſe Gegenſtände ſelbſt brin⸗ gen und ſodann, warum der wunderliche Befehl, ſie nur in Gegenwart von Frau Catherine und des Mädchens, das ich heirathen ſoll, zu übergeben? „. „Ich weiß es nicht, mein Herr . . Ich beſorge meinen Auftrag, ſo wie man mir ihn ertheilt hat.“ In dieſem Augenblick kamen Catherine und Camille vom obern Stocke herab, Camille nicht minder ſtrah⸗ lend als Michel, Catherine glücklich durch das Glück der zwei Verlobten. „Gute Mutter Catherine,“ ſagte der junge Mann: „es begegnet mir etwas höchſt Seltſames.“ „Was denn, Michel?“ fragte Camille. „Sie ſchei⸗ nen unruhig zu ſein.“ „Dieſer Commiſſionär iſt beauſtragt . .. erwie⸗ derte Michel. „Verzeihen Sie,“ unterbrach der Mann mit dem langen Barte Michel, „nun, da die beiden Frauen hier ſind, will ich die Befehle, die ich erhalten habe, ausfüh⸗ ren, und in Gegenwart dieſer Frauen,“ fuhr langſam der Commiſſionär fort, „übergebe ich Ihnen, Herr Michel Laurencin, zuerſt das an Sie adreſſirte Billet. Sobald Sie es geleſen haben, ſtelle ich Ihnen die andern Ge⸗ genſtände zu, wie mir dies zu thun empfohlen wor⸗ den iſt.“ „Das iſt ſonderbar . . . Mir ſcheint, die Stimme dieſes Menſchen iſt mir nicht unbekannt,“ ſagte Catherine zu ſich ſelbſt, während ſie aufmerkſam den Commiſſionär anſchaute, der Michel ein Billet übergeben hatte, das dieſer eiligſt las. Das Billet enthielt folgende Worte: „Catherine Vandael iſt Ihre Mutter; ſie hat Sie in der Wiege verlaſſen; fünfzehn Jahre lang iſt ſie eine ſchamloſe Buhlerin geweſen, welche mit ihren Reizen unter dem Namen Frau von Moplat Handel getrie⸗ 504 ben hat. Sie kennen ihre Schrift, leſen Sie die 3 Briefe, die man Ihnen ſchickt: ſie ſind von ihrer Hand und werden Ihnen durch das Gepräge der Schamloſig⸗ 1 keit, das jede Zeile an ſich trägt, die ſchändliche Ver⸗ dorbenheit Ihrer Mutter beweiſen. Dieſen Briefen iſt ihr Portrait beigefügt, das ſie einſt einem von den zahl⸗ reichen Liebhabern, die ſie zu Grunde gerichtet, geſchenkt hat; befragen Sie ſie über ihre heilloſe Vergangenheit; ſo verſchmitzt, ſo frech ſie auch iſt, ſie wird es nicht wa⸗ gen, die Wahrheit zu leugnen. 3 „Ein Freund der Wahrheit.“ „Heute Abend wird ein an Ihren Meiſter und an die Arbeiter ſeiner Werkſtätte gerichteter Brief Ihre Ka⸗ meraden davon unterrichten, daß Sie der Sohn von Ca⸗ therine von Morlac, der Buhlerin, ſind.“ „Großer Gott!“ rief Michel, nachdem er dieſes Billet geleſen; und er wurde todesbleich und blieb einen Augenblick ſtumm, verſteinert, den Kopf auf ſeine Bruſt geſenkt. „Michel, was haben Sie?“ fragte Catherine, und nicht minder erſchrocken, zitternd rief Camille: „Frau Catherine, wie bleich iſt er! Es iſt alſo eine ſchlimme Kunde, was man ihm mittheilt?“ Der junge Mann erwachte plötzlich wieder, las aber⸗ mals die paar Zeilen des Billets, wandte ſich an den Commiſſionär und rief mit bebender Stimme: „Die Briefe, das Portrait!“ Der Bote zog aus ſeiner Taſche das verſiegelte Päckchen und das Etui, das er vorläufig öffnete, um das Portrait ins Licht zu ſtellen, und übergab ſodann beide Gegenſtände Michel. Dieſer ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus, nachdem er einen Blick auf das Medaillon geworfen hatte, welches Catherine von Morlac im ganzen Glanze ihrer Jugend und ihrer Schönheit vorſtellte Um — 50⁵ dieſes Portrait, in die Einfaſſung gravirt, las man die Worte: Catherine ihrem Mauleon: Liebe für das Leben! „Michel! in des Himmels Namen, was haben Sie?“ rief Catherine immer mehr beängſtigt. „Ihr Stillſchwei⸗ gen erſchreckt mich!“ Ohne zu antworten, erbrach der junge Mann mit krampfhafter Hand das Siegel des Unſchlags, nahm einen von den Briefen, den er euthielt, durchlief ihn, er⸗ kannte die Schrift von Catherine, ſchauerte bald von Entrüſtung und Ekel und murmelte: „Ah! es iſt kein Zweifel mehr.“ „Mademoiſelle, nehmen Sie das und leſen Sie; Sie werden etwas erfahren, was in Beziehung auf Frau Ca⸗ therine zu wiſſen für Sie von Wichtigkeit iſt,“ ſprach mit lauter Stimme der Commiſſionär, indem er Camille das Blatt übergab, auf das er die Worte geſchrieben: „Catherine iſt die Mutter von Michelz ſie iſt fünfzehn Jahre Buhlerin in Paris ge⸗ weſen.“ Michel hörte die Worte des Mannes mit dem lan⸗ gen Barte, er ſah ihn den Zettel dem Mädchen in dem Augenblick übergeben, wo Catherine, von einer entſetz⸗ lichen Ahnung ergriffen, ausrief: „Michel, ich beſchwöre Sie, antworten Sie mir, was für Papiere ſind dies?“ „Oh! mir grauſet vor Ihnen!“ erwiederte er. „Alles iſt für mich vorbei!“ Und er eilte ganz verwirrt aus dem Saale, indeß der Vater Laurencin durch eine andere Thüre herbeilief und ausrief: „Meine Freunde, welch ein entſetzliches Unglück! dieſer arme Herr Jouffroy iſt verrückt geworden Herr Rouſſel bringt ihn ſo eben.“ 506 „Großer Gott! iſt es möglich!“ riefen gleichzeitig 8 Catherine und Camille in dem Augenblick, wo Mauleon, unkennbar durch ſeinen falſchen langen Bart und ſeine Commiſſionärskleidung, die Unruhe benützend, in welche der ungeſtüme Abgang von Michel und die vom Vater Laurencin gebrachte traurige Kunde die verſchiedenen Per⸗ ſonen dieſer Scene verſetzten, raſch verſchwand. H/8 g1 Seqe