Leihbibliothełk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Cduard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1W. — Pf. 1 W. 50 Pf. 2 W. — Pf. „3 „ — 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Antoinette Godinot (geborene Renard), kaum achtzehn Jahre alt, verließ nach einer Ehe von eini⸗ gen Monaten ihren Mann, Herrn Godinot, einen Provinz⸗Anwalt, und folgte einem hübſchen, ziemlich reichen Schwadronchef, in Garniſon in demſelben Städtchen, wo Herr Godinot ſein Geſchäft trieb. Seine Frau, die ihren ehrlichen Namen zu gemein fand, ließ ſich bei ihrer Ankunft in Paris Frau von Montréſor nennen. Dieſes Geſchöpf war und mußte ſein, beſonders ſpäter, eine Frau außer der Linie, da es Erſchei⸗ nungen aller Art gibt. Begabt mit einer unver⸗ gleichlichen Schönheit, mit einem natürlichen, lebhaf⸗ ten, glänzenden, kühnen Geiſte, mit einem im Böſen unbeugſamen Charakter, den ſie aber im Nothfalle mit einer unglaublichen Geſchmeidigkeit zu allen fal⸗ ſchen Dehors der Verſtellungen, zu allen Bedürf⸗ niſſen des Scheinens, wie Montaigne ſagt, zu bringen wußte; äußerſt intelligent, ſehr fein, ſehr gewandt mit der Liſt, der unerbittlichen Raubgier 4 ves wilden Thieres, und beſonders der inſtinctmäßi⸗ gen Vorherſehung des anderen Tages, welche gewiſſe höhere Weſen auszeichnet; prädisponirt zu allen Laſtern, zu allen Verkehrtheiten durch eine verab⸗ ſcheuenswerthe Erziehung und die ärgerlichen Bei⸗ ſpiele einer Mutter von ſchamloſen Sitten, war An⸗ tvinette bald, nach dem geheiligten Ausdrucke, lan⸗ cirt durch den Schwadronschef, ihren Liebhaber, einen vollendeten Roué. In kurzer Zeit, und Dank ſei es den wunderbaren Anlagen, die ſie zeigte, machte er aus dem linkiſchen, unerfahrenen Provinz⸗ mädchen eine der frechſten Phrynen, welche je die Hymne von Venus Aphrodite geſungen haben. Ge⸗ waltig trinkend, rauchend, ſchwörend, fluchend, zum Entzücken mit der Piſtole ſchießend, unerſchrocken zu Pferde, erlebte ſie bald in dem, ausſchließlich militä⸗ riſchen und überdies beſchränkten Kreiſe, in dem ſie lebte, einen glänzenden Ruf, den ſie ihrer unterneh⸗ menden Schönheit, ihren Taverneſpäßen und Ca⸗ ſernenwitzen verdankte. Kurz, in weniger als achtzehn Monaten richtete Antoinette ihren Schwadronschef zu Grunde. Sie hatte von ihrer erſten Erziehung einige Praktiken des Erſparens und der Vorſicht bewahrt; dieſe Ge⸗ wohnheiten in Verbindung mit ihrer natürlichen Raubgier, und ihrem feſten, kalten Willen, ſich zu bereichern, erlaubten ihr, trotz ihrer tollen Ausgaben, ungefähr ſechzig tauſend Franken zu erſparen. Der Nachfolger des Schwadronschefs war ein Fremder, deſſen Bekanntſchaft ſie im Manöverlager von Compiogne gemacht hatte. Dieſer Fremde, Lo Fitz⸗Gerald, Capitän bei den Horſeguards, e 3 5 ſehr vornehmer Herr, Millionen reich und von aus⸗ gezeichneter Geſellſchaft, forderte gewiſſe Illuſionen von den Maitreſſen, die er übrigens glänzend be⸗ lohnte; er wollte bei ihnen das anſtändige Aeußere, die ſcheinbare Zurückhaltung einer wohlerzogenen Frau finden. Es dünkte ihm piquant, in ſeiner Un⸗ thätigkeit eines überſättigten Menſchen, Antvinette, deren unbeſtreitbare Reize er bewunderte, umzu⸗ wandeln: er fing damit an, daß er ſie, um ſie zu entfremden, mit ſich in Italien reiſen ließ und die zweite Erziehung ſeiner Maitreſſe unternahm. Dieſe fand es nicht minder piquant, ſich umzuwandeln. Sehr verſtändig, ſehr ſchmiedbar, nahm ſie ſich zu⸗ ſammen, beobachtete ſie ſich, ſtudirte ſie ſich, und, un⸗ terſtützt durch die Rathſchläge und das Beiſpiel von Lord Fitz⸗Gerald, einem äußerſt diſtinguirten Manne, gelang es ihr, ihre Rolle einer Weltdame vortreff⸗ lich zu ſpielen, und, koſtbarer Contraſt für einen Li⸗ bertin, ſie fand in der Intimität, und nach dem Willen ihres Lords, dieſe bacchiſche Fröhlichkeit, dieſe Keckheit, dieſe Ausgelaſſenheit wieder, die ſie ihrem erſten Erzieher verdankte. Antvinette fehlte es an der allergewöhnlichſten Bildung: ſie bekam Lehrer aller Art, und ſie benützte ihren Unterricht dergeſtalt, daß ſie in weniger als zwei Jahren ihre Sprache tadellos ſprach, ſie mit Geſchmack ſchrieb, in der Geſchichte, in der Geogra⸗ phie, in der Literatur genügende Kenntniſſe beſaß, um an jeder ernſten Converſation Theil zu nehmen und oft dabei zu glänzen; endlich wurde ſie, Dank ſei es ihrem natürlichen Geſchmacke für die Muſik und das Studium, eine ſehr gute Tonkünſtlerin. 6 Dieſe Erfolge bezauberten Lord Fitz⸗Gerald; er bezahlte ſie königlich mit einer Einſchreibung von zwanzigtauſend Livres Rente, die ſich mit den ſchon beträchtlichen Erſparniſſen von Antvinette verband. Sie traf in den Bädern von Ems, wohin ſie ihr Lord geführt hatte, einen regierenden deutſchen Für⸗ ſten, einen durch die Ausſchweifung erſchlafften Greis. Die ſeltene Schönheit von Antvinette blendete ihn; ihre vortrefflichen Manieren, ihre Anmuth, ihr Talent als Tonkünſtlerin, ihr Geiſt vollendeten die Verfüh⸗ rung, und der Fürſt verliebte ſich wahnſinnig in die Maitreſſe von Lord Fitz⸗Gerald. Dieſer fing an, ſeiner Verbindung überdrüſſig zu werden. Die Er⸗ ziehung von Antoinette war vollendet, die Zwiſchen⸗ fälle einer zu vollführenden Metamorphoſe reizten ihn nicht mehr; auch ſchien die Leidenſchaft des Für⸗ ſten ſehr rechtzeitig zu kommen, um Antvinette herr⸗ lich unterzubringen. Er zeichnete ihr als Mann von Erfahrung und als Freund die Linie des Be⸗ nehmens vor, die ſie gegen ihren quaſiköniglichen Anbeter beobachten ſollte, und verließ ſie im beſten Vernehmen, mit einem Vermögen von ungefähr 3 vierzigtauſend Livres Rente. 6 Entzückt von ſeiner Eroberung nahm der Fürſt Antoinette in ſeine Staaten mit, und um ihr Entrée bei Hofe zu geben, ſchuf er ganz einfach aus ihr, kraft ſeiner Allmacht, Antvinette Godinot, geborene Renard, Baronin von Hansfeld. Sie ſpielte nicht minder geſchickt ihre Rolle als Dame des Hofes, als ſie zuvor die Weltdame geſpielt hatte. Dieſer Contraſt hoher Diſtinction im Aeußere und ausgelaſſener Schamloſigkeit unter vier Aug 7 dieſe Miſchung von einer vornehmen Dame und einem huſarenartig dreſſirten Mädchen verdrehten dem Für⸗ ſten völlig den Kopf; er überhäufte Frau von Hans⸗ feld mit Gütern, gab ihr ärgerlicher Weiſe im Pa⸗ laſte die Wohnung der verſtorbenen Fürſtin, ſeiner Gemahlin, und ſtarb, ſein Leben durch die, Greiſen unheilvollen, Erceſſe abkürzend, ein Jahr nach ſeinem Zuſammentreffen mit Antoinette. Dieſe erhielt, ſo⸗ gleich nach dem Ableben des Fürſten, von Seiten ſeines Präſumptiverben den Befehl, das Fürſten⸗ thum innerhalb vierundzwanzig Stunden zu ver⸗ laſſen. Antoinette kehrte alſo nach Frankreich zurück, mit dem Titel Baronin von Hansfeld und einem Vermögen von ſechszigtauſend Livres Rente, ihre herrlichen Edelſteine nicht zu rechnen. Damals vier⸗ undzwanzig Jahre alt und im ganzen Glanze ihrer Schönheit, war ſie ungefähr ſeit ſieben Jahren von Paris abweſend, wo man ſich kaum der Montréſor erinnerte, deren Ruf die Kaſerne ihres erſten Gön⸗ ners nicht überſchritten hatte. Antoinette ſah in Paris wieder den neapolitaniſchen Geſandten, den Prinzen von Serra Nova, der ſie in Italien, zur Zeit von Lord Fitz⸗Gerald, hatte kennen lernen. Der Geſandte, nicht minder vornehmer Herr, nicht minder prachtliebend, als der Lord, dachte, er könne keine für ſeine Stellung ſchicklichere Mai⸗ treſſe wählen, als die Baronin von Hansfeld, welche, ſchon Millionärin, eine reizende, geiſtreiche Frau, nach den Gewohnheiten der beſten Geſellſchaft geformt war, und bei der er mit einer ſüßen Befriedigung ſeiner Eitelkeit, als Gargon ſeine Freunde oder 8 ſeine Collegen vom diplomatiſchen Corps empfangen könnte. Der Luxus ruft den Lurus hervor; trotz ſeiner Prochtliebe hätte der Geſandte vielleicht relativ bei einem unterhaltenen Mädchen von niedrigem Stande geknauſert; nimmt man aber mit ſechzig Jahren zur Maitreſſe eine Frau, welche ſchon Reichthum beſitzt, ſo iſt man zu verhältnißmäßigen, mit anderen Wor⸗ ten, zu ungeheuren Ausgaben genöthigt. Der Prinz von Serra Nova, der übrigens Herr eines coloſſalen Vermögens, machte Frau von Hans⸗ feld zum Geſchenke ein im Faubourg du Roule lie⸗ gendes, mit unerhörter Pracht möblirtes Hotel, und richtete ihr Haus auf einem ſehr großen Fuße ein. Sie hatte zwei Kutſcher, ſechs Pferde in ihrem Stalle, einen Lackaien, zwei Kammerdiener, einen Haushof⸗ meiſter und einen der beſten Köche von Paris. Der Prinz von Serra Nova liebte ungemein eine gute Tafel und abgeſehen von ſeinen Prunkfeſten und ſei⸗ nen officiellen Gallas emfing er ſeine Vertrauten bei Frau von Hansfeld . . ſehr wenig eiferſüchtig, als ein vernünftiger, wohlgebildeter Mann, der vvn Anſtand bewahre, und ſich enthalte, Frauen zu pfangen, da ſie nur eine zweideutige oder verdor⸗ bene weibliche Geſellſchaft empfangen könnte. Er b Antvinette eine Geſellſchaftsdame von ehrwürdi⸗ ter, und um nicht von der Duenna beläſtigt der Frau von Hansfeld. Die Letztere ließ dieſe Art von Chaperon holen, wenn ſie ſpazieren fuhr, oder u ſein, ſetzte er ihr einen reichlichen Gehalt aus und miethete ihr eine Wohnung ganz in der Nähe Antoinette nichts Anderes forderte, als daß ſie den 3 Hrganiſationen entwickelt. 6 wenn ſie in ihrer Loge den Vorſtellungen der gro⸗ ßen Oper oder der Italiener beiwohnte. Das war alſo, zur Zeit unſerer Erzählung, die Vergangenheit von Antoinette Godinot, gebo⸗ rene Renard, Baronin von Hansfeld. Ihre Verbindung mit dem italieniſchen Geſandten dauerte ſeit ungefähr acht Monaten und ſie erreichte ihr ſechsundzwanzigſtes Jahr. II. An dieſem Tage, gegen drei Uhr Nachmittags, plauderte die Baronin von Hansfeld in ihrem Bou⸗ doir mit einem ſehr eleganten, ſehr angenehmen, noch jungen Manne, Herrn Richard dOtremont. Völlig enfaltet, glänzte damals, wie geſagt, die ſeltene Schönheit der Baronin von einem unvergleich⸗ lichen Luxus; ihr dichtes, feines Haar, pechſchwarz wie ihre Augenbrauen, und ihre faſt übermäßig gro⸗ ßen Augen contraſtirten mit ihrer Carnation von einer friſchen, roſigen Weiße; ihre ſchlanke, geſchmei⸗ dige Taille war bewunderungswürdig proportionirt, trotz ihrer leichten Beleibtheit, der ein Reiz mehr wurde; ihre vollendete Hand kam ihrem Fuße an Werth gleich. Der ausgezeichnete Geſchmack ihrer Toilette vollendete das verführeriſche Ganze ihrer Perſon; doch der eigenthümliche und Hauptreiz dieſer gefährlichen Perſon beſtand in einer Art von ſinn⸗ licher, wollüſtiger Strahlung, die ihr entſtrömte, wie das electriſche Fluidum ſich aus gewiſſen thieriſchen 10 Die gleichſam magnetiſche Thätigkeit der Sinn⸗ lichkeitsatmoſphäre, welche Antoinette zu umgeben, in der ſie zu baden ſchien, war ſo ſtark, daß ſelbſt die ruhigſten, kälteſten Leute, in verſchiedenen Graden von Intenſität, unwiderſtehliche Berauſchungen fühlten. Dieſe Erſcheinung, welche von der Schönheit un⸗ abhängig iſt, da ſie ſich häufig bei häßlichen Frauen producirt, dieſe, was ihr Princip betrifft, noch uner⸗ klärte, aber hinſichtlich ihrer Wirkung flagrante Er⸗ ſcheinung, macht vollkommen das Warum dieſer Verirrungen, dieſer Hinreißungen, dieſer unbeſieg⸗ baren und ſcheinbar unerklärlichen Leidenſchaften be⸗ greiflich, welche von gewiſſen ſchönen oder häßlichen, einfältigen oder geiſtreichen Frauen, welcher ſocialen Lage ſie auch angehören mögen, verurſacht werden, und antwortet peremptoriſch auf die ſo oft aus⸗ geſprochene Frage: „Wie kommt es, wie iſt es möglich und glaub⸗ lich, daß dieſer Mann in einem ſolchen Grade in dieſe Frau verliebt iſt, deren Häßlichkeit, oder deren Laſter, oder deren Dummheit, oder deren Ehrloſigkeit unüberwindlichen Widerwillen erregen müßten?“ Frau von Hansfeld plauderte alſo an dieſem Tage in ihrem Boudoir mit Herrn Richard dOtre⸗ mont, der ihr ſeit langer Zeit, wie man zu ſagen pflegt, den Hof machte. „Nein,“ wiederholte er, „nein . . . Sie werden mich nie überzeugen, daß Sie Niemand lieben; es iſt ein Alltagstroſt, was Sie mir da geben.“ „Troſt oder Hoffnung . . wer weiß! „Sie allein wiſſen es . . . Grauſame!“ 11 „Vielleicht . . . es iſt oft ſo ſchwer, in unſerem eigenen Herzen zu leſen.“ „Sie lieben Jemand . .. ſag ich Ihnen . .. „Eine ſolche Beharrlichkeit in Verſicherung deſſen, was ich leugne, mein lieber Richard, iſt nicht ohne Urſache!“ „Gewiß.“ „Sie haben die Vermuthung von Jemand, daß er mir gefalle!“ „Wer dies?“ Nun „Vollenden Sie.“ „San Privato.“ „Welche Tollheit!“ erwiederte Frau von Hans⸗ feld, die Achſeln zuckend. „Der Prinz von Serra Nova, der für ſeinen Geſandtſchaftsſecretär ſchwärmt, und ihn in ſeiner Abweſenheit zum Geſchäftsträger ernennen ließ, hat ihn mir ſchon vor mehr als einem Jahre vorgeſtellt, und ſeitdem hat Herr San Privato, der ohne Zweifel anderswo beſchäftigt iſt . . . er muß es ſein, denn er iſt reizend . . meine Woh⸗ nung nicht mehr betreten ..5 „Ein Grund mehr!“ „Wie! weil ich Herrn San Privato nie ſehe folgt daraus, daß er mich lieben muß?“ „Das Geheimniß iſt ſo ſüß!“ „Warum das Geheimniß? .. Kennt mich der Prinz nicht genug . . iſt er nicht ein Mann von zu viel Wohlanſtand, um eiferſüchtig zu ſein? Gewiß doch c 12 „Hören Sie, Antoinette, San Privato hat bei Herrn Serra Nova eine ſo vertraute Stellung, daß es unglaublich . . . unmöglich iſt, daß Sie bis jetzt einander fremd geblieben ſein ſollten . . . und daß Sie ihn nicht bemerkt hätten!“ „Ich habe ihn . . . im Gegentheile . . bemerkt ſagte ich Ihnen nicht ſo eben, ich habe ihn rei⸗ zend gefunden? Ich kenne NRiemand, der mir mehr gefallen hätte . . . wenn nicht Sie vielleicht .. . „Gut . . . begnügen Sie ſich nicht damit, daß Sie mich in Verzweiflung bringen . . . ſpotten Sie über mich! . . verflucht ſei der Tag, an welchem ich Sie kennen lernte! . .“ „Das iſt eine galante Art, die Güte von mir zu erwiedern . . . die ich Ihnen heute Morgen ein reizendes Billet geſchrieben habe, um Sie zu bitten, dieſen Nachmittag bei mir zuzubringen!“ „Sie wollten ſicher ſein, zur beſtimmten Stunde Ihr Opfer martern zu können!“ „Nein, Richard, nein; ich wollte Ihnen Gelegen⸗ heit geben, mir dieſe leidenſchaftliche Liebe zu bewei⸗ ſen, von der Sie mich ſo oft unterhielten . . . und da ich gern glauben möchte . . . weil, wenn ich daran glaubte . .“ „Was würden Sie thun?“ „Pfui! der Indiscrete . . . der Neugierige . . . er will mich zwingen, zu erröthen,“ erwiederte Frau von Hansfeld mit einem Ausdrucke herausfordernder Coquetterie, welcher Richard entzückte. „Sie ver⸗ langen einen Beweis von Liebe . . iſt das nicht zu bezeichnend?“ 13 . „Ah! könnte ich Ihren Worten Glauben ſchen⸗ ken wie glücklich wäre ich! . „Seien Sie alſo glücklich, Richard, denn ich ſpreche . . . im Ernſte . . . ſehr im Ernſte!“ . „Hören Sie . auf die Gefahr, in Ihren Augen für einen Dummkopf zu gelten . . . nehme ich Ihre Worte als Ernſt an .. Dieſer Beweis von Liebe, welcher iſt er? . ſagen Sie . ch! ſagen Sie!“ „Wahrhaftig! . . Richard ich zögere.“ 395 war deſſen ſicher .. Sie ſpotteten über i „Sie täuſchen ſich in der Urſache meines Zögerns.“ „Welche Urſache meinen Sie?“ „Mein Freund es wäre mir peinlich, Sie durch Ihr Zögern von der hohen Meinung herab⸗ ſinken zu ſehen, die ich von Ihrem Muthe habe.. „Antvinette, ſchon dieſer Zweifel allein iſt für mich eine Beleidiguug . . . Richard d'Otremont ge⸗ hört zu denjenigen, weiche nie vor irgend Jemand, oder vor irgend Etwas zurückweichen.“ „Sie ſind ein Mann von erprobter Tapferkeit, ich kenne das . Ihre zahlreichen Duelle haben Sie furchtbar gemacht, und für einen Mann iſt die Tapferkeit eine mächtige Verführung bei den Frauen.. Ich weiß das beſſer, als irgend Jemand.“ „Ah! ſprächen Sie wahr,“ rief Richard, ganz in Unruhe verſetzt durch den bezaubernden Blick, mit dem Antoinette ihre letzten Worte begleitete, Fri⸗ chen Sie wahr!“ „Zweifeln Sie nicht daran . . . doch ich füge zugleich bei, daß es dem Unerſchrockenſten, ſelbſt wenn er den Degen in der Hand hält, zuweilen ganz und gar an moraliſchem Muthe gebricht . . . „Sie erwarten alſo von mir einen Beweis von moraliſchem Muth?“ „Ja, Richard, und dieſer Beweis, wenn Sie mir ihn geben Frau von Hansfeld unterbrach ſich; doch ihr Still⸗ ſchweigen, der Ausdruck ihrer bezaubernden Züge, der feſte, kühne Blick, den ſie auf Otremont warf, vervollſtändigten den Gedanken, den ſie nur halb ausgeſprochen hatte, und, berauſcht, bebend, rief der glühende Liebhaber: „Antvinette! ich ſchwöre Ihnen, Alles, was men⸗ ſchenmöglich iſt . . . werde ich thun! Befehlen Sie! ich gehöre Ihnen .. . mit Kopf und Arm! mit Blut und Seele!“ „Ah! Richard.. Richard! mehr als je begreife ich nun Ihre Succeſſe bei den Frauen! . . . welche opferbereite Ergebenheit! . .. welche Hingebung! welche Unerſchrockenheit.“ „Ueber dieſes Herz . . . über dieſe Ergebenheit verfügen Sie unumſchränkt! Ich bin der Ihrigel ich gehöre nicht mehr mir! Gott verdamme mich! Sie haben mich behert!“ „Das Geheimniß dieſer Herxerei iſt ſehr einfach ich „Vollenden Sie . . . ah! vollenden Sie!“ „Nein! . . . nein, ſeien wir geſcheidt . . . ſpre⸗ chen wir vernünftig! . . .“ „Iſt das möglich, während Sie mich wahnſinnig machen!“ „Ah! Richard ich wiederhole . ſeien Sie 15 vernünftig! kommen wir zu dem Liebesbeweiſe zurück, den ich von Ihnen erwarte.“ „Ich höre Sie „Es iſt bald drei Uhr . .. Es wird ein junger Mann hierher kommen . . ein ſehr junger un „Wer iſt er?“ „Sie ſollen es erfahren da ich Ihnen den⸗ ſelben vorſtellen werde, mein lieber Richard .. „Wie? in welcher Abſicht?“ „Damit Sie artig gegen ihn ſeien . . .“ „Und warum ſoll ich artig gegen dieſes Bürſch⸗ chen ſein?“ „Dieſes Bürſchchen mißt faſt ſechs Fuß!“ „Was liegt in ſeinem Wuchſe! und dann wiederhole ich Ihnen, warum ſoll ich mich in Lie⸗ benswürdigkeitsunkoſten gegen einen Fremden ver⸗ ſetzen?“ „Weil es mir augenſcheinlich ſo gefällt . . .“ „Aber . meine liebe Antvinette .. „Sehen Sie, mein armer Richard. Sie zögern ſchon, mir zu gehorchen... und Sie behaupten, Sie lieben mich . . . „Wie! dieſer Liebesbeweis, den Sie von mir fordern ... beſteht darin, daß ich mich liebenswürdig gegen den Fremden zeige?“ „Fürs Erſte, ja.. doch ich werde ſogleich mehr fordern . . „Immer in Beziehung auf dieſen Herrn?“ e „Ich gerathe in Verwirrung, ich werde ganz be⸗ täubt,“ ſagte Herr d'Otremont; „ich bitte, fahren Sie fort; und da Sie es wünſchen, ſo werde ich mich ſehr liebenswürdig gegen Ihr ſechs Fuß hohes Bürſch⸗ chen zeigen.“ „Er kommt aus ſeiner Provinz.“ „Sehr verbunden.“ „Sie werden mir alſo das Vergnügen bereiten, für meinen Günſtling eine Art von plötzlicher Sym⸗ pathie zu fühlen . und um ihn ſogleich in Paris in einem eleganten, auserwählten Kreiſe zu produ⸗ ziren, werden Sie ihm den Vorſchlag machen, ihn in Ihrem Clubb vorzuſtellen.“ „Aber Sie wiſſen, meine liebe Antoinette, daß nicht der Erſte der Beſte in unſerm Clubb zugelaſſen wird.“ „Die Eltern dieſes jungen Mannes ſind ſehr reich; er iſt wohlerzogen; er hat einen von jenen neutralen Namen, die keinen ernſten Einwurf er⸗ regen können. Sie ſind Vorſtand vom Aufnahms⸗ Ausſchuſſe bei Ihrem Clubb; wollen Sie es feſt, ſo wird mein junger Provinziale, Dank ſei es Ihrem Einfluſſe, unter Ihnen aufgenommen werden.“ „Ihr junger Provinziale? Ah! Wollen Sie mich zufällig die ſeltſame Rolle ſpielen laſſen von einem . .“ „Auf Wiederſehen. Richard!“ „Ich bitte, ärgern Sie ſich nicht.“ „Bei jedem Worte erheben Sie eine Schwierig⸗ keit, oder eine mehr oder minder unverbindliche Sup⸗ poſition. Gedenken Sie mich ſo von Ihrer Ergeben⸗ heit gegen meinen Willen zu überzeugen?. Nein nein . .. Auf Wiederſehen alſo, mein armer Richard.“ 17 „Gut es iſt abgemacht Ihr junger Mann wird in unſerm Clubb aufgenommen werden.“ „Das iſt ein großes Glück! Um endlich die Ge⸗ legenheit zu haben, unſern Candidaten den Mitglie⸗ dern des Aufnahmsausſchuſſes vorzuſtellen, werden Sie dieſelben einladen, ſie und ihn, übermorgen im Café Anglais zu ſoupiren.“ „Wohl! ich verſtehe Ihren Gedanken, es handelt ſich darum, Ihren Provinzialen unter der goldenen Jugend von Paris zu lanciren.“ „Das iſt es, mein lieber Richard.“ „Eine Frage .. und, ich bitte, ſehen Sie keine Indiscretion darin.“ „Reden Sie.“ „Intereſſiren Sie ſich für dieſen Herrn, ſo brauche ich Ihnen nicht zu bemerken, daß unerfahren, wie ein junger Mann ſein muß, der vielleicht nie nach Paris gekommen iſt . „Nie er kommt ganz nagelneu, ganz friſch aus ſeinem Gebirge.“ „In dieſem Falle iſt viel zu wetten, daß, in un⸗ ſerer Geſellſchaft lancirt, Ihr junger Mann, iſt er ſehr reich . .. ſich ſo wie viele Andere zu Grunde richten wird.“ „Er darf ſich nicht ruiniren oder vielmehr“ erwiederte Frau von Hansfeld mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdrucke, „man darf meinem jungen Pro⸗ vinzialen nicht die Muße laſſen, ſich zu ruiniren.“ „Wie ſo?“ „Das hängt von Ihnen ab, mein lieber Richard.“ „Kann ich dieſen Herrn verhindern, ſich zu runde zu richten?“ Sue, die Familienſöhne. II. 2 18 eie „Und wie dies?“ „Mein lieber Richard, ich ſagte Ihnen ſo eben, daß es den Unerſchrockenſten . .. Ihnen, zum Bei⸗ ſpiel, der Sie ſo tapfer mit dem Degen in der Hand an moraliſchem Muthe fehlen könnte . . .“ „Wobei in Betreff weſſen . könnte es mir an dem gebrechen, was Sie den moraliſchen Muth nennen? Wahrhaftig, Sie reden in Räthſeln?“ „Richard,“ erwiederte Antvinette, indem ſie ihren dunklen glühenden Blick auf Herrn Otremont heftete, „ich bin eine Frau von Wort . . . Sie wiſſen, was mein Verſprechen iſt . . . wenn Sie mir den Liebes⸗ beweis geben, den ich haben will?“ „Antoinette!“ rief Herr dOtremont, faſt aufſprin⸗ gend bei dem elektriſchen Schlage dieſes mit berau⸗ ſchender Wolluſt geladenen Blickes .. „ah! ſehen Sie mich nicht ſo an! . . . denn ich verliere das bischen Vernunft, das mir noch bleibt . Ich ge⸗ höre wie geſagt . . . mit Leib und Seele Ihnen .. Was ſoll ich thun?“ „Unſerem jungen Manne nicht die Zeit laſſen, ſich zu Grunde zu richten.“ „Ei! wie kann ich ihn abhalten, daß er ſich ruinirt?“ „Sie können es, indem Sie ſeine Tage ſehr be⸗ deutend abkürzen . . .“ „Sie ſagen?“ „Ich ſage, wenn Sie meinen jungen Mann im Duelle tödten . . . und zwar ſobald als möglich. .. ſo gehöre ich Ihnen, Richard!“ antwortete Frau von Hansfeld, ohne eine Miene zu verziehen, ohne daß 19 ſich die geringſte Bewegung auf ihrer Marmormaske zeigte. Richard dOtremont war das, was man (ein übrigens ziemlich elaſtiſcher Ausdruck einen galan⸗ ten Mann nennt. Bei dieſem abſcheulichen Vor⸗ ſchlage, im Drelle einen ſehr jungen Mann ... beinahe ein Kind .. zu tödten . . erbleichte er, machte eine ungeſtüme Bewegung, um ſich von Frau von Hansfeld zu entfernen, als wäre er von einer Schlange gebiſſen worden, und obſchon er ein ver⸗ härteter Raufer war, empörte ſich doch ſeine Ehre. Nach einem Augenblicke des Erſtaunens rief er entrüſtet: „Madame! ... ah Madame.. das iſt gräßlich!“ Es iſt unmöglich, den Blick kalter Verachtung, das Lächeln finſtern Spottes zu ſchildern, womit Antoinette Herrn d'Otremont zu Boden drückte; mit höhniſchem Tone ſagte ſie auch zu ihm: „Sie werden mich entſchuldigen, mein lieber Herr, ich ſehe mich genöthigt, mich des Vergnügens Ihrer vortrefflichen Geſellſchaft zu berauben, da Ihre Gegenwart keinen Zweck mehr hat .. Ich ziehe es alſo vor, meinen jungen Provinzialen unter vier Augen wiederzuſehen . . . „Aber, Madame,“ rief d'Otremont entrüſtet, „das fällt Ihnen nicht ein! . . .“ „Was fällt mir nicht ein? „ „Was Sie mir da vorſchlagen... Madame... was Sie mir da vorſchlagen . „Nun!“ „Ei! Madame das iſt einfach ein Mord!“ 20 „Mein Herr . . ein Wort . . . wenns be⸗ „Ich ſage Ihnen . . Madame .. was Sie mir da vorſchlagen . . . iſt ein feiger Mord.“ „Iſt das Alles, mein Herr? Wollen Sie mich nun anhören?“ „Sie erſchrecken mich! . „Mein Herr, haben Sie nicht zufälliger Weiſe, als Sie im Duelle Herrn von Monbreuil tödteten, dieſen ermordet?“ „Er hatte mich beleidigt . . . herausgefordert. .. Madame.“ „Und, ich bitte, wer ſagt Ihnen, mein Herr, mein junger Provinziale werde Sie nicht auch beleidigen, herausfordern? . . . Und was werden Sie dann thun, wenns beliebt?“ „In dieſem Falle,“ ſtammelte Herr dOtremont verlegen, denn die Frage war, um darüber in Ver⸗ legenheit zu gerathen, ich weiß „Ihre, gewöhnlich ſo kitzige, Ehre wird alſo kläg⸗ licher Weiſe diesmal eine Beleidigung, eine Heraus⸗ forderung dulden? . . .“ „Sollte mich . . . dieſer junge Mann beleidigen ic „Er wird Sie beleidigen . und dies auf die blutigſte Weiſe . . . darauf gebe ich mein Wort . . . Sie werden alſo,“ fuhr Frau von Hansfeld mit ver⸗ doppelter Ironie fort, „Sie werden alſo ſchmählich eine Beleidigung dulden . einzig und allein, weil Sie dieſelbe muthig, redlich, mit dem Degen in der 21 Hand rächend .. ſicher wären, von mir geliebt zu werden.“ „Herr Maurice Dumirail,“ ſprach mit lauter Stimme ein ſchwarzgekleideter Kammerdiener, der, nachdem er beſcheiden an die Thüre vom Boudoir von Frau von Hansfeld geklopft hatte, den jungen Provinzialen meldete und einführte. II. Maurice hatte nie das väterliche Haus verlaſſen, deſſen Einfachheit ſeinem Comfortabel gleichkam, und ſeit ſeiner Ankunft in Paris wohnte er mit ſeiner Mutter und Jeane in einem beſcheidenen Mai⸗ ſon garni des Faubourg Saint⸗Germain; er hatte keine Ahnung von dem unglaublichen Luxus, von dem er geblendet war bei ſeinem Eintritte in das Hotel von Frau von Hansfeld, und während er den Warteſalon und drei mit einer unerhörten Pracht möblirte Salons durchſchritt, welche vor dem Bou⸗ doir kamen. Das wachſende Erſtaunen des jungen Mannes wurde gar eine Art von Betäubung, als er den Fuß auf den Hermelinteppich dieſes Boudvir ſetzte, wo das Gold, der Atlaß, die Spitzen, die wol⸗ lüſtigen Malereien, die Füllungen der Thüren und⸗ der Plafond, die ſeltenſten Porzellane, die Kriſtalle, die Spiegel ihren Glanz mit dem friſchen Colorit der Blumenmaſſen vermählten, deren durchdringender Wohlgeruch die Atmoſphäre mit Balſamdüften erfüllte. Als endlich Maurice unter dieſen Wundern, die der Rahmen, die Glorie der unvergleichlichen Schön⸗ 22 heit von Frau von Hansfeld zu ſein ſchienen, dieſe bezaubernde junge Frau auf einem Divan in einer Haltung voll Anmuth ſitzen ſah, blieb er einen Mo⸗ ment verſteinert, an die Thürſchwelle gefeſſelt, das Auge ſtarr, die Bruſt beklommen, ohne daß er es wagte, einen Schritt zu machen. Er vergaß ſogar in diefem Augenblicke, daß er, da er noch nicht Zeit gehabt hatte, ſich neu kleiden zu laſſen, einen Rock, eine Weſte, Hoſen trug — Alles ſchwarz — welche ſchon alt waren, und die ſeine athletiſche Geſtalt, welche ſich ſeit ihrer Verfertigung noch mehr ent⸗ wickelt hatte, an verſchiedenen Stellen berſten zu machen drohte; ſeine, ziemlich lockere, weiße Hals⸗ binde wand ſich ſtrickartig um ſeinen Hals, und die Verlegenheit, die Schüchternheit machten den Schweiß von ſeiner Stirne und ſeinen purpurrothen Wangen rieſeln. Richard d'Otremont betrachtete mit einer Art von Neugierde, gemiſcht mit Mitleiden den jungen Provinzialen, den er Anfangs zu ſeinem Freunde und dann zu ſeinem Opfer machen ſollte, wenn er ſich die Gunſt von Antvinette verdienen wollte; trotz des linkiſchen Weſens von Maurice fühlte er ſich bei⸗ nahe gerührt von dem redlichen, unſchuldigen Aus⸗ drucke ſeines männlichen, ſanften Geſichtes, während Frau von Hansfeld den Treuherzigen, mit einem raſchen, durchdringenden, ſichern Blicke meſſend, mit einer Miene grauſamer Befriedigung lächelte. Dieſe verſchiedenen Zwiſchenfälle der Einführung von Maurice bei Frau von Hansfeld, Zwiſchenfälle, zu deren Beſchreibung wir ſo lange gebraucht haben, trugen ſich beinahe in einem Augenblicke zu, denn nach 23 kaum ein paar Sekunden hatte Maurice um ſo mehr das Bewußtſein ſeiner lächerlichen Verlegenheit, als er, bei den durch den Anblick des Boudoirs und der Perſon von Antvinette hervorgebrachten erſten Blen⸗ dung, die Gegenwart von Herrn d'Otremont nicht bemerkt hatte. Die Furcht, ſich bei einem Fremden lächerlich zu machen, erinnerten Maurice an ſich ſelbſt; ſeine Eitelkeit, ſein Stolz empörten ſich. Er unter⸗ nahm eine gewaltige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, grüßte Frau von Hansfeld ſo linkiſch als möglich, ohne ſich von der Thürſchwelle zu rühren, und ſagte mit einer durch die Verwirrung zuſammenge⸗ ſchnürten Stimme: „Frau Baronin, ich habe den Brief erhalten, den den Sie Ich ich Doch das Wort erſtarb auf den Lippen von Maurice durch die Schüchternheit erſtickt; das Gefühl einer grauſamen Demüthigung brannte ſchmerzlich auf ſeinem Herzen; mit Schrecken nahm er wahr, wie ihm Thränen der Scham zu den Augen empor⸗ ſtiegen, und er ſagte ſich mit einer verzweiflungs⸗ vollen Bitterkeit: „O meine Berge, meine armen Berge, warum habe ich euch verlaſſen?“ Plötzlich ſtand Frau von Hansfeld auf, näherte ſich Maurice, nahm ihn bei der Hand und ſagte zu ihm mit einem fanften Lächeln und einer reizenden Herzlichkeit, indem ſie ihn zu dem Divan führte, auf den ſie ihn neben ſich ſitzen ließ: „Erlauben Sie, mein lieber Herr Maurice, Sie als alten Bekannten zu behandeln; denn, obſchon ich heute zum erſten Male das Vergnügen habe, Sie 2* zu ſehen, ſo ſind wir einander doch nicht ſo fremd, als Sie glauben dürften . . . Ich begreife vortreff⸗ lich, daß ein unerſchrockener Gemſenjäger, der zum erſten Male ſeine Wälder und ſeine Felſen verläßt, ſich in unſerem Paris ein wenig fremd fühlt . . . doch es liegt mir daran, Ihnen zu beweiſen, daß man ſelbſt in Paris eben ſo viel Offenherzigkeit und Wohlwollen findet, als in Ihrem ſchönen Gebirge, und daß wir hier die Leute von Gemüth zu ſchätzen wiſſen. . . und kämen ſie aus der Tiefe des Jura. Herr dOtremont, einer meiner Freunde, den ich Ihnen vorzuſtellen die Ehre habe, theilt meine Meinung,“ fügte Frau von Hansfeld bei, indem ſie einen be⸗ zeichnenden Blick auf Richard warf. „Er wird, wie ich, bemüht ſein, Ihnen keine zu ſchlimme Meinung von uns Pariſern zu geben.“ „Mein Herr,“ ſprach herzlich Richard, indem er ſich an Maurice wandte, dem der freundliche Em⸗ pfang von Antoinette einige Sicherheit verlieh, „man ſchließt ſchnell Bekanntſchaft unter Jägern. . . Dieſer Titel iſt der einzige, den ich bei Ihnen geltend zu machen habe . . . und kaum wage ich es . . . ihn anzurufen . . . denn, was ſind wir Treibjäger gegen Sie, die behenden Gebirgsmänner, die Sie, von Pic zu Pic ſpringend, den Abſtürzen trotzen, um die Gemſe, den Bären oder den Steinbock auf dem An⸗ ſtand zu erlegen; doch, was auch ihr Verdienſt ſein mag, alle Söhne des heiligen Hubert ſind von der⸗ ſelben Brüderſchaft; im Namen dieſer Brüderſchaft alſo, mein Herr, ſtelle ich mich zu Ihren Befehlen Ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, mein Herr, Ihnen in irgend einer Hinſicht nützlich ſein zu können, 25 und ich hätte das größte Vergnügen, dürfte ich Ihnen die Honneurs von Paris machen; ich füge mit Ihrer Erlaubniß bei, daß nun bald die Eröffnung der Jagd ſtattfindet, und wenn Sie die Güte haben wollen, einige Tage bei mir in Otremont zuzubringen, ſo werden Sie dort, leider keine Steinböcke und Gemſen, aber eine hinreichend zahlreiche Geſellſchaft von Feld⸗ hühnern, Faſanen, Rehwild finden, und, ich bezweifle es nicht, zum König der Jagd proclamirt werden.“ „Vortrefflich, Richard, ich bin mit Ihnen zufrie⸗ den!“ Dies war die Bedeutung des Blickes, den Frau von Hansfeld dem neuen Freunde von Maurice zuwarf. Ebenſo erſtaunt als entzückt von der liebens⸗ würdigen Höflichkeit von Herrn d'Otremont, erlangte Maurice ein wenig Sicherheit, und immer mehr be⸗ troffen von der blendenden Schönheit von Antoinette fing er an, der Wirkung einer Art von ſinnlicher Electricität zu unterliegen, welche dieſer gefährlichen Perſon entſtrömte, die er im Geiſte mit ſeiner Braut verglich, indem er ſich ſagte: „Ah! liebte ich nicht für das Leben meine theure, ſanfte Jeane, ich wäre vielleicht eines Tags wahn⸗ ſinnig genug geweſen, mich in dieſe Dame zu ver⸗ lieben, die mich mit ſo viel zuvorkommender Anmuth empfängt, und deren Schönheit mich blendet in Verwirrung bringt. Mein Gott! .. was ich fühle, iſt ſeltſam! . .. Nie hat mir die Gegenwart meiner geliebten Jeane ſo die Hitze zur Stirne ſteigen ge⸗ macht ich habe das Fieber! . . . mein Blick iſt dem Blicke dieſer Dame nicht begegnet . . . und mir ſcheint, ich fühle ihn auf mir laſten.“ 26 MW D'Otremont und Frau von Harsfeld kannten zu gut die Welt, um dem unſchuldigen Provinzialen die Zeit zu laſſen, nach Muße ſeinen glücklichen Unſtern zu koſten, denn er konnte noch kein Wort finden, um Beiden ſeinen Dank auszudrücken; Antvinette beeilte ſich auch, beizufügen: . „Lieber Herr Maurice, wir werden ſogleich von dem Gegenſtande des Briefes reden, welchen ich Ihnen zu ſchreiben das Vergnügen gehabt habe, und dem ich Ihren liebenswürdigen Beſuch verdanke; erlauben Sie mir mittlerweile, Ihren Namen Herrn d'Otremont zu nennen, da ſeine Höflichkeit Ihrer officiellen Vor⸗ ſtellung zuvorgekommen iſt,“ fügte lächelnd Frau von Harsfeld bei. Sodann ſich an Richard wendend, der ſich vor dem jungen Gebirgsmanne verbeugte: „Ich ſtelle Ihnen Herrn Maurice Dumirail vor; er iſt der Sohn von einem der größten und reichſten Grund⸗ eigenthümern des Jura . . . und er hat ganz beſon⸗1 dere Anſprüche auf meine Freundſchaft und das Wohl⸗4 wollen meiner Freunde.“ Maurice, verblüfft, als er vernahm, er beſitze beſondere Anſprüche auf die Freundſchaft der Baronin von Honsfeld, überwand indeſſen ſeine Verlegenheit und ſprach mit bewegter Stimme: k „Madame, und Sie, mein Herr, wollen Sie mich e gütigſt entſchuldigen, wenn ich meine Dankbarkeit für einen Empfang, den ich entfernt nicht erwartete ſchlecht ausdrücke.“ 1 Und ſeine kräftige Hand Richard reichend, ſagti 20 Maurice zu dieſem mit einem Ausdrucke von Ver⸗ trauen und von ſo unſchuldiger Redlichkeit, daß ſein neuer Freund davon gerührt war: „Mein Herr, laſſen Sie mich Ihnen die Hand drücken . . . das kommt von gutem Herzen und von ganzem Herzen . . .“ „Und ich drücke Ihnen auch von ganzem Herzen u n eetem erze die Hand,“ antwortete Ri⸗ chard, indeß er zu ſich ſelbſt ſagte: „Nie werde ich ſo barbariſch ſein, dieſen treuherzigen Hercules zu tödten... das iſt ein Kind . es wäre Schade ...“ „Und ich. ich verſichere, Du wirſt ihn tödten!“ ſagte auch zu ſich ſelbſt Frau von Hans⸗ feld, als ſie den mitleidigen Ausdruck in den Zügen von Richard wahrnahm und das Geheimniß ſeines Gedankens durchdrang; dann ſprach ſie laut: „Da Sie nun in trefflichem Vernehmen mit Herrn dOtremont ſtehen, lieber Maurice, ſo wird er ſich ein Vergnügen daraus machen, Sie in dem Clubb, deſſen Mitglied er iſt, aufnehmen zu laſſen: es iſt der Verein der ausgezeichnetſten Männer von Paris. Sogleich, wenn wir allein ſind, werde ich Ihnen ſagen, aus welchem ſehr gewichtigen Grunde ich will, daß Sie bei dieſem Clubb zugelaſſen ſeien . . . Ich n habe geſagt: ich will,“ fügte Frau von Hansfeld t lächelnd bei „Es muß Ihnen ſehr ſeltfam dün⸗ ken, daß ich Ihnen ſo meinen Willen zu dictiren mit ch erlaube?“ 5 „Madame . „Sie glauben mir völlig unbekannt zu ſein, Herr — — * 5 — — aurice . es iſt dem nicht ſo . „Wie! Madame? 28 „Geſtehen Sie, ich würde Sie ſehr in Erſtaunen ſetzen, ſpräche ich mit vielen Details von Ihrem Gute Morillon? von Ihrer Tréſerve⸗Sennhütte? und beſonders von Ihrer anbetungswürdigen Braut, Ma⸗ demoiſelle Jeane? . . .“ „Wie, Madame, Sie wiſſen? . . . Erſtickt von Erſtaunen konnte Maurice nicht vol⸗ lenden. Er glaubte zu träumen, als er Frau von Hansfeld vom Morillon und von Jeane ſprechen hörte. „Ich will alſo, ſage ich,“ fuhr Frau von Hans⸗ feld fort, „vermöge des Intereſſes, das ich für Sie hege, daß Sie im Clubb des Herrn d'Otremont auf⸗ genommen werden.“ „Madame,“ erwiederte Maurice verlegen, „un⸗ bekannt, wie ich es bin, wage ich es nicht, auf eine ſolche Gunſt Anſpruch zu machen . . . ſodann, ich weiß nicht, ob meine Eltern . . .“ „Ah! beruhigen Sie ſich, mein Herr,“ ſprach Richard, „ich bin Präſident vom Aufnahmsausſchuſſe, auf den ich einen ſichern Einfluß übe . . und wollen Sie übermorgen ohne Umſtände Abendbrod in dem Maiſon d'or mit meinen Freunden vom Ausſchuſſe annehmen, ſo werde ich die Ehre haben, Sie ihnen vorzuſtellen; ſie werden Sie empfangen, wie Sie dies! zu ſein verdienen, mein Herr, und haben ſie das Vergnügen, Sie zu kennen, ſo iſt Ihre Aufnahme im Clubb eine abgemachte Sache.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, mein Herr, wie ich Ihnen für Ihre Zuvorkommenheit danken ſoll,“ ant⸗ wortete Maurice, „doch ich geſtehe, neu angekommen in Paris, wie ich es bin, befürchte ich, unter ſo vie⸗ 29 len eleganten Leuten nicht an meinem Platze zu ſcheinen.“ „Ein Mann wie Sie iſt überall an ſeinem Platze,“ ſagte Frau von Hansfeld mit innigem Tone. „Der gute Geſchmack und die Anmuth, die Redlichkeit, der Muth und der Geiſt ſind überall an ihrem Platze und doppelt willkommen, verleiht ihnen die Beſchei⸗ denheit einen Reiz mehr. Ich wäre auch im Falle, daß ich durch meine Gegenwart, ich, die ich Sie nach Ihrem wahren Werthe zu ſchätzen weiß . .. im Falle, ſage ich, daß ich Ihnen ein Mißtrauen gegen Sie ſelbſt, das nichts rechtfertigt, überwinden helfen könnte, wäre ich ganz fähig, mich, ſowie ein paar mir be⸗ freundete Frauen zu dem Souper, das Ihnen Herr d'Otremont bietet, einzuladen . . .“ „Ah! Madame,“ rief Richard, „ich wagte es nicht, auf dieſes Glück zu rechnen.“ „Wohl, das iſt abgemacht . . . Uebermorgen Abend wird Herr Dumirail die Güte haben, mich bei mir abzuholen, und ſollten ſich zufällig, was übrigens unwahrſcheinlich, einige Widerſpenſtige unter dieſen Herren von Ihrem Ausſchuſſe finden, ſo habe ich die vielleicht übertriebene Anmaßung, ich werde ſie ſo überzeugen, daß ſie ſich beeilen müſſen, Herrn Dumirail unter ihnen aufzunehmen.“ So ſprechend forderte Frau von Hansfeld durch einen ausdrucks⸗ vollen Blick Richard auf, ſich zurückzuziehen. Er ſtand auf, reichte Maurice die Hand und ſagte: „Auf Wiederſehen, mein Herr; ich bin entzückt, die Ehre gehabt zu haben, Ihre Bekanntſchaft zu machen, und obgleich unſere Beziehungen ganz neu 30 ſind, bitte ich Sie doch, mich unter die Zahl Ihrer Freunde zu rechnen.“ „So wenig ich Rechte auf dieſe für mich ſo ſchmeichelhafte Freundſchaft habe, ſo nehme ich ſie doch an, mein Herr, und danke Ihnen aus dem Grunde meiner Seele dafür,“ antwortete der un⸗ ſchuldige Maurice, mit Erguß den Händedruck von Richard erwiedernd. Dieſer küßte Frau von Hans⸗ feld artig die Hand und verließ das Boudoir mit dem Gedanken: „Nein, nie werde ich dieſen armen Jungen tödten!. .. Doch was für ein Geheimniß iſt das? ... Warum will Antoinette ſeinen Tod? Ah! Teufel! . . . nie hatte ſie anziehender geſchienen, als heute . . . Wie ſchön iſt ſie . . . wie ſchön iſt ſie! . . . Gott verdamme mich! hätte ſie mich nicht von ihren Pro⸗ jecten unterrichtet, ich wäre, glaube ich, eiferſüchtig auf dieſen Hercules . . . und dann, bei meiner Treue! Jeder für ſich, und das Kampfgericht für Alle!“ V. Immer mehr dem unwiderſtehlichen Reiz von Frau von Hansfeld unterliegend, einem Reize, von dem er ſich weder ſeine Natur, noch ſeine Macht er⸗ klären konnte, denn er veränderte in keiner Hinſicht ſeine zärtliche Liebe für ſeine Braut, hielt ſich Mau⸗ rice für das Spielzeug eines Traumes. Er wußte nicht, und in ſeiner Unerfahrenheit konnte er nicht vermuthen, was die geſellſchaftliche Stellung dieſer 31 bezaubernden, von allem Blendwerk eines großen Reichthums umgebenen Frau war, welche, behaup⸗ tend, ſie intereſſire ſich eben ſo für Jeane, als für ihn ſelbſt, ſich plötzlich ſeines Geſchickes bemächtigte, ihm ihre Befehle dictirte, die feinſten Schmeicheleien an ihn richtete, ihm vorſchlug, ſie wolle ihn zu einem Souper begleiten, wo man die Elite der goldenen Jugend von Paris finden ſollte; vergebens ſuchte er die Auflöſung des Räthſels, indem er ſich der Worte des Briefes erinnerte, der ihn zu Antvinette führte, — ein Brief, den er am Morgen erhalten und der alſo abgefaßt war: „Die Frau Baronin von Hansfeld bittet Herrn Maurice Dumirail, ſich heute zwiſchen zwei und drei Uhr zu ihr bemühen zu wollen. Sie wünſcht ihm eine für ſeine Familie und für ihn wichtige Mit⸗ theilung zu machen, und bietet ihm die Verſicherung ihrer ausgezeichneten Hochachtung.“ Ein gepuderter, in glänzende Livree gekleideter Lackai mit Wappenknöpfen hatte den Concierge des Hotel des Etrangers erſucht, Herrn Maurice Dumirail dieſen Brief perſönlich zu übergeben, und dieſen Auftrag in Gegenwart von Madame Dumi⸗ rail und Jeane erfüllt, die nicht wenig über die Botſchaft und über die Livree des Boten erſtaunt waren. Mißtrauiſch, argwöhniſch wie eine Mutter, wagte es indeſſen Madame Dumirail, den Bedienten zu fragen, wer ſeine Gebieterin ſei; worauf der Diener, ohne indeſſen das leichte Erſtaunen, das ihm die Frage verurſachte, zu verbergen, ehrerbietig ant⸗ wortete, ſeine Gebieterin ſei die Frau Baronin von 32 Hansfeld, und nicht ohne einen gewiſſen Stolz und in Form einer vervollſtändigenden Belehrung bei⸗ fügte, „die Frau Baronin ſei eine der eleganteſten Damen von Paris, ſie habe zehn Dienſtboten, ſechs Pferde in ihrem Stall, und bewohne ihr Hotel in der Rue du Faubourg du Roule.“ Ebenſo unwiſſend als ihr Sohn in Betreff des Pariſer Lebens, und nicht vermuthend, eine betitelte Frau, welche ein Hotel, zehn Domeſtiquen in ihrem Dienſte und ſechs Pferde in ihrem Stalle habe, könne eine Abenteurerin ſein, dabei denkend, es handle ſich, ihrem Briefe gemäß, um eine für Maurice und für ſeine Familie wichtige Mittheilung, forderte ihn Ma⸗ dame Dumirail auf, obgleich ſie eine unbeſtimmte und unwillkürliche Unruhe fühlte, ſich zu Frau von Hansfeld zu begeben, wobei ſie Anfangs in einem Uebermaße von Vorſicht im Sinne hatte, ihren Sohn in einem Fiacre bis vor die Thüre dieſer Dame, einer der Fleganteſten von Paris, zu begleiten. Da nämlich im Geiſte von Madame Dumirail die Idee der Eleganz von der Jugend und der Schön⸗ heit unzertrennlich war, ſo faßte ſie eine Art von Beſorgniß über die Zuſammenkunft ihres Sohnes mit einer jungen und hübſchen Frau; doch ſie ver⸗ zichtete auf ihr Vorhaben, Maurice zu begleiten, be⸗ fürchtend, ſie könnte ihn durch eine übertriebene Be⸗ aufſichtigung demüthigen. Er ging alſo allein ab, und in dem Augenblicke, wo er an der Loge des Concierge vorüberkam, übergab dieſer mit geheim⸗ nißvoller Miene dem jungen Provinzialen ein zwei⸗ tes Schreiben, hiebei die Ermahnung vom Ueber⸗ bringer des Briefes befolgend, die durch einen in die Hand des Concierge gedrückten Thaler unterſtützt wurde: „Sie werden Herrn Maurice Dumirail dieſen Brief, ohne Wiſſen ſeiner Verwandten, übergeben.“ Der Leſer ſoll ſpäter die Erklärung dieſes Um⸗ ſtands erhalten. VI. Als d'Otremont das Boudoir verlaſſen hatte, ſagte Frau von Hansfeld zu Maurice, der vom Di⸗ van aufgeſtanden war, um von ſeinem neuen Freunde Abſchied zu nehmen, mit einem Ausdrucke von Er⸗ leichterung und ſüßer Befriedigung: „Endlich ſind wir allein . . . laſſen Sie uns plaudern ...“ Und ſie winkte dem Treuherzigen, zu ihr zu ſitzen, und fügte bei: „Ah! wie viele Dinge habe ich Ihnen zu erzäh⸗ len, lieber Herr Maurice! . . . Und vor Allem muß ich Sie um Entſchuldigung bitten . . .“ „Mich, Madame?“ „Die Mittheilung, die ich Ihnen zu machen habe, und wovon ich Ihnen geſchrieben, war, obſchon wirk⸗ lich eriſtirend, nur ein Vorwand, Sie zu bitten, mir zu kommen, um Ihnen zu ſagen, daß Sie n außerordentlich intereſſiren . . . Verzeihen Sie mir meine unſchuldige Liſt zu Gunſten des Motivs, das mich geleitet hat?“ „Allerdings, Madame, doch wollen Sie is Güte Sue, die Familienſöhne. III. 34 haben, mir zu ſagen: woher kennen Sie mich, in welcher Hinſicht konnte ich verdienen . 15 „Das Intereſſe, das Sie mir einflößen?“ „Ja, Madame.“ „Ich kenne Sie .. „Mich, Madame?“ „Ich kenne Sie genau, jedoch moraliſch . . . wohlverſtanden . . . dennoch ſehe ich Sie heute zum erſten Male, und Ihre Perſon . . . entſpricht vor⸗ trefflich der Idee, die ich mir davon gemacht hatte.. . Dieſe Art der Divination des Phyſiſchen durch das Moraliſche ſetzt Sie in Erſtaunen? Nichts kann in⸗ deſſen einfacher ſein . . . Vernehmen Sie mein Ver⸗ fahren. Es handelt ſich, wie ich annehme . . . nein . das iſt keine Annahme, das iſt . . . es handelt ſich um einen jungen Mann von edlem, unerſchrocke⸗ nem Herzen, von erhabenem Geiſte, von reinem, zartem Gemüthe, von ritterlicher Redlichkeit, von er⸗ probtem Muthe, von energiſchem Charakter. Nach dieſer gründlichen Kenntniß des Moraliſchen unſeres Helden muß man ſich den Anblick ſeiner Züge vor⸗ ſtellen, den man nicht kennt: was hat man zu thun, damit es einem glückt, ſich dieſe Vorſtellung zu ma⸗ chen? Seinen Zügen ſo viel als möglich die ſanfte und männliche Schönheit ſeiner Seele geben. So habe ich es gemacht . und ich finde Sie ſehr ähn⸗ lich dem von mir geträumten, ſo oft, wenn ich an Sie dachte, ohne daß ich Sie kannte, geträumten Portrait . . . Maurice! Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie ſo vertraulich nenne . . . Ich finde unter Freunden dieſe Vocabeln lieber Herr .. Madame unerträglich. . . dulden Sie alſo, da — 35 ich Sie Maurice nenne . . . Sie werden mich Antvi⸗ nette nennen . . . Iſt das abgemacht?“ „Madame,“ ſtammelte der Treuherzige, „die Ehrfurcht ich „Nun! was wollen Sie . . . ich werde hierin das Unglück haben, der Ehrfurcht gegen Sie zu er⸗ mangeln,“ erwiederte Frau von Hansfeld mit bezau⸗ berndem Lächeln; „ich werde mir erlauben, Sie ſehr unehrerbietig Maurice, zuweilen ſogar mein lieber Maurice. . Sie könnten ſich allerdings für meine Unehrerbietigkeit dadurch rächen, daß Sie mich An⸗ toinette, Ihre liebe Antoinette nennen würden.“ „Ich werde es nie wagen, Madame, mich . . .“ „Maurice, Sie werden es wagen, mir den Be⸗ weis von Zuneigung zu geben, um den ich Sie bitte, wenn Sie überzeugt ſind, daß ich Ihre Freundin, Ihre beſte Freundin bin, und daß ich für Ihre rei⸗ zende Braut eben ſo viel Sympathie fühle, als für Sie ſelbſt.“ „Wie! Madame, wäre es wahr, Jeane auch?“ „Sie wollen mich entſchieden nicht Antvinette nennen?“ fragte Frau von Hansfeld mit einem Lä⸗ 6 ſanften Vorwurfs; „wollen Sie nicht, reden ie!“ „Mein Gott . . . ich . . .“ „Nun, ſo verſuchen Sie es . . . thun Sie es mir zu Liebe, Maurice; und iſt mein Name zu pein⸗ lich für Sie auszuſprechen, ſo werde ich dieſes Opfer nicht mehr von Ihnen verlangen . . verſuchen Sie es aber wenigſtens . . . Ich bitte Sie, ſagen Sie: Antoinette . . .“ „Antvinette,“ murmelte mit zitternder Stimme 36 Maurice, der ſich unwillkürlich von der Trunkenheit erfaßt fühlte; in ſeiner Noth die Erinnerung an ſeine Braut anrufend, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Nein .nein . . ich liebe nur Dich, meine Jeane .. vie brennende Unruhe, die ich bei dieſer Frau empfinde. welche ich heute zum erſten Male ſehe . das iſt nicht Liebe . . . das iſt eine Art von unwiderſtehlichem Schwindel . WMein Gott! warum bin ich hierher gegangen!“ Frau von Hansfeld hielt es nicht für geeignet, die Trunkenheit von Maurice auf den höchſten Grad zu ſteigern, und da ſie ihn ein wenig beruhigen wollte, ſo ſagte ſie mit ſanftem, ernſtem Tone: „Sprechen wir nun im Ernſte, mein Freund ... nennen Sie mich vertraulich Antvinette, oder nennen Sie mich nicht ſo . . . gleichviel, ſind Sie nur überzeugt, die zärtlichſte der Schweſtern hätte keine wahrere, keine mehr ergebene Zuneigung für Sie, als die, welche ich für Sie hege.“ Bei dieſen brüderlichen Worten fühlte Mau⸗ rice ſeine Verlegenheit abnehmen, die Unruhe ſeiner Sinne allmälig ſich beſänftigen; ſodann, da ihn eine unbegreifliche Neugierde beherrſchte, ſagte er ſchüchtern: „Madame, Sie haben die Güte, mir zu verſichern, Sie lieben mich als Schweſter . . . und Sie ſehen mich doch heute zum erſten Male . . . Sie kennen mich nicht . . .“ „Sie irren ſich, Maurice . . ich kenne Sie ſeit langer Zeit . . . ich habe es Ihnen vorhin bewieſen, indem ich Ihnen zeigte, es ſei mir keine der Eigen⸗ ſchaften Ihres Charakters, Ihres Herzens oder Ihres Geiſtes fremd . . . und mehr noch, nichts iſt mir un⸗ —— 37 bekannt, was Sie berührt, durchaus nichts! Ich weiß, wie theuer Ihnen Ihre friedliche Einſamkeit des Morillon iſt, wie ſehr Sie Ihren würdigen Vater, Ihre treffliche Mutter und Ihre Couſine Jeane lieben . . Ihre Braut, Ihre glückliche Braut . .. Ich weiß, daß Sie, nachdem Sie eine lebhafte Neigung für das Landleben gehabt hatten, nach Paris kommen, um einen Rechtscurſus zu machen, und in die diplomatiſche Laufbahn einzutre⸗ ten. . . was ſoll ich Ihnen ſagen? .. Lächeln Sie nicht über dieſe Details . ich weiß Alles bis auf den Namen Ihres braunen Ponny Petit⸗Jean.. . und auch die Namen Ihrer zwei Lieblingsochſen Hercules und Atlas.“ „Ich bin ganz verwirrt,“ ſagte Maurice verblüfft; „doch ich bitte, woher wiſſen Sie.“ „Dieſe Frage, Maurice, iſt die einzige, auf die ich nicht antworten kann . . .“ „Warum nicht?“ „Ein Eid bindet mich . . .“ „Ein Eid „ „Ja, Maurice . . . ich habe beim Andenken mei⸗ ner Mutter geſchworen... Ihnen nie zu offenbaren, durch welches Geheimniß ich ſo gut über das, was Sie berührt, unterrichtet bin . . .“ „Abeh „Maurice . . . mein Freund . . . ich bitte Sie inſtändig. . . fragen Sie mich nie mehr über dieſen Gegenſtand .. erſparen Sie mir den Kummer, Ihre Neugierde nicht befriedigen zu können ... Sie muß lebhaft ſein . . . ich begreife es; doch was liegt Ihnen an dem Geheimniſſe, das ich zu bewahren ge⸗ E 38 ſchworen habe? Wenn Sie nur überzeugt ſind, daß meine unveränderliche Freundſchaft tiefe Wurzeln in der Vergangenheit hat. . ſie iſt heilig, hören Sie! dieſe Zuneigung! Ich hoffe es Ihnen von Tag zu Tage mehr zu beweiſen! Wiſſen Sie auch, was mein Stolz wäre, mein theuerſter Stolz? . . . Auf Sie, Dank ſei es meiner gränzenloſen Ergebenheit, einen glück⸗ lichen und heilſamen Einfluß zu erlangen. Mein lebhafteſtes Verlangen beſonders wäre, Sie vor den gefahrvollen Klippen zu bewahren, die das Pariſer Leben auf jedem Schritte denjenigen bietet, welche, wie Sie . . . vertrauensvoll ſind . . . weil ſie rein, edelmüthig, und voll Glauben an das Gute. Doch ſagen Sie mir vor Allem, und ich lege ein außer⸗ ordentliches Gewicht auf Ihre Antwort, welchen Ein⸗ druck hat auf Sie bis jetzt der Anblick und der Aufenthalt von Paris hervorgebracht?“ „Ah! Madame, ich wage kaum, es Ihnen zu ſagen.“ „Ich bitte, vollenden Sie, Maurice. Glauben Sie mir, die Frage, die ich an Sie richte, iſt von der höchſten Wichtigkeit.“ „Nun wohl, Sie können ſich die Art von Be⸗ täubung, gemiſcht mit peinlicher Bangigkeit, die der Anblick von Paris bei mir hervorgebracht hat, nicht vorſtellen. Ich fühlte mich einen ganz Anderen; tauſend neue Gedanken, tauſend unbekannte Wünſche erwachten plötzlich in mir . . . So ging ich geſtern mit meiner Mutter und Jeane, meiner Braut . . . nach dem Rathe unſeres Wirthes . . . nach den Champs Elyſées; wir würden dort, ſagte er, die Wie ſoll ich Ihnen ſchöne Welt von Paris ſehen. 39 den Eindruck ſchildern, den auf mich der Anblick dieſer, von glänzenden Wagen durchfurchten Allee hervorgebracht hat, wo ich träge gewiegt reizende Frauen fand, gekleidet mit einem Geſchmacke, mit einer Eleganz, wovon ich keinen Begriff hatte; junge Herren, auf prächtigen Racepferden reitend (ich bin ein wenig Kenner) hingen ſich an die Schläge dieſer Wagen, plauderten und lachten vertraulich mit den halb auf Kiſſen in ihren Calechen ausgeſtreckten hüb⸗ ſchen Damen. Dieſe Atmoſphäre von Eleganz, von Lurus, von Reichthum, von der ich umgeben war, berauſchte mich; doch . . .“ „Fürchten Sie ſich nicht, aufrichtig zu ſein . Maurice . . . Sagen Sie mir Alles .. . „Ah! die Trunkenheit, die ich empfand, war voll Galle, voll eiferſüchtiger Bitterkeit. Ich beneidete dieſe jungen Leute um ihre Grazie, um die Worte, die ſie an die ſchönen Damen richteten; ich fühlte mich vereinzelt, verloren, mitten unter dieſen Glück⸗ lichen des Tages, ich, ein armer Provinziale, im Staube der Alleen gehend, lächerlich gekleidet. Was ſoll ich Ihnen ſagen? .. Sie werden vor Mitleid lächeln . . . ich hatte Luſt zu weinen . . . vergebens appellirte ich, um mich zu tröſten, mich wieder zu ſtärken, an die Erinnerung an jene friedlichen, lachenden Jahre, in denen bis dahin mein Leben verlaufen war; dieſe Erinnerungen erſchienen mir düſter, eiſig, ent⸗ färbt durch die blendende Vergleichung mit dem, was ich ſah; ich ahnte, der Neid auf die Genüſſe, auf die ich keine Anſprüche machen könnte, werde mir den Aufenthalt in Paris unerträglich machen... Kurz, was ſoll ich Ihnen ſagen . . . ich vergaß 40 völlig meine Mutter, meine Braut, denen ich den Arm gab. Ein einziger Umſtand, der eben ſo kin⸗ diſch als albern, wird Ihnen die Abirrung des Gei⸗ ſtes und des Herzens beweiſen, in die mich der tolle Neid verſetzte, von dem ich verzehrt wurde. Wir kamen, den Boulevards folgend, in unſer Hotel zu⸗ rück; ich ſah vor der Thüre eines Reſtaurants, ohne Zweifel von Ruf, eine mit vier herrlichen Pferden beſpannte Caleche halten; zwei junge Leute und zwei ſehr hübſche Frauen ſtiegen heiter aus dieſer glän⸗ zenden Equipage; ſie traten in das Café ein, ohne Zweifel, um hier zu Mittag zu ſpeiſen .. . Nun wohl, ſie beneidete ich auch mit doppelter Bitterkeit; ich ſtellte mir dieſes fröhliche Mahl vor, belebt durch die Witze der Gäſte, durch ihr Verlangen, ihren ſchönen Gefährtinnen zu gefallen; in meiner unge⸗ rechten böſen Laune bekam ich auch Mitleid mit dem beſcheidenen Familienmahle, dem ich mit Jeane und meiner guten Mutter beiwohnen ſollte. Vergebens fragte mich dieſe, als ſie mich ſorgenvoll ſah, nach der Urſache meines Verdruſſes; ich antwortete nicht, und ſagte zu mir ſelbſt: Verflucht ſei der Tag, an welchem ich unſer Gebirg verlaſſen habe .. ich lebte dort glücklich, geſchützt vor dem Neide weil ich nichts zu beneiden hatte . . . Doch hier. um⸗ geben von Verſuchungen und genöthigt, ihnen zu widerſtehen wird mein Leben eine Hölle werden.“ „Armer Mautice, ich habe Sie mit tiefer Auf⸗ merkſamkeit angehört; ich preiſe Gott, daß er mich auf Ihren Weg geſtellt hat, um Sie vor vielen Ge⸗ fahren zu bewahren. Der Neid, den Sie empfinden, hat nichts, was mich in Erſtaunen ſetzt; er iſt ge⸗ 41 recht, und Sie können darauf hoffen, ihn in einem gewiſſen Maße zu befriedigen . . . indem Sie von den Vergnügungen Ihres Alters Gebrauch, aber keinen Mißbrauch machen . . indem Sie den treff⸗ lichen Grundſätzen treu bleiben, in denen Sie erzogen worden ſind, Maurice, und . . .“ Alsdann ſich unterbrechend, fügte Frau von Hans⸗ feld bei: „Sie finden mich ohne Zweifel zu ſehr Mora⸗ liſtin für eine fünfundzwanzigjährige Frau, mein Freund . doch . . . „Ah! reden Sie, Madame, reden Sie . . . dieſe von Ihnen gegebenen Rathſchläge . . . ſind für mich koſtbar! es wird für mich ſüß ſein, ſie zu befolgen.“ „Lieber, guter Maurice, Dank . . . Dank! .. Sie ermuntern mich . . . Ah!l ſehen Sie, nichts iſt ſchüchterner . . . mißtrauiſcher gegen ſich ſelbſt, als die wahre Lie . . .“ Frau von Hansfeld vollendete das Wort Liebe nicht . doch ein Beben von Maurice, und die Röthe, mit dem ſich ſein Geſicht bedeckte, zeugten davon, daß er die Bedeutung des unvollendeten Wor⸗ tes, ſo wie die Urſache des Abbrechens von Antoi⸗ nette begriffen hatte. Sie ſprach, die Augen nieder⸗ ſchlagend: „Nichts, ſage ich, iſt ſchüchterner, mißtrauiſcher gegen ſich ſelbſt, als die wahre Freundſchaft*) .. ſie befürchtet zuweilen, anzuſtoßen, zu langweilen, *) Dieſes Wortſpiel: Pamour, die Liebe, und lamitié, die Freundſchaft, läßt ſich nicht überſetzen. 42 weil ſie ernſt iſt . . . weil ſie vorſichtig iſt . . . weil ſie oft die ſtrenge Sprache der Vernunft entlehnen muß . Hören Sie mich alſo, Maurice . . . Be⸗ folgen Sie meine Rathſchläge, ſo werden Sie zwei Theile aus Ihrem Leben machen; der eine gehört von Rechtswegen Ihrer trefflichen Mutter, die Sie nicht genug verehren, anbeten können.“ „Ah! Madame, ich liebe ſie ſo ſehr!“ ſprach Maurice, der ſich anſtrengte, ſich an den Gedanken an ſeine Mutter anzuklammern, um die Unruhe zu beherrſchen, in die ihn das halbe Liebesgeſtändniß ver⸗ ſetzte, das Antoinette entſchlüpft zu ſein ſchien. „Ich bin glücklich, Sie ſo von meiner Mutter ſprechen zu hören!“ „Bin ich nicht Ihre Schweſter, und habe ich nicht unter dieſem Titel das Recht, auch meine Ehr⸗ furcht für diejenige, welche Sie unter allen Titeln lieben, auszudrücken? Ich ſagte Ihnen alſo, der be⸗ trächtlichſte Theil Ihres Lebens müſſe Ihrer Mutter, Ihrer Braut gewidmet ſein . . . welche ſo ſtolz dar⸗ auf ſein wird, Ihren Namen zu tragen, und noch glücklicher als ſtolz, nach meiner Meinung,“ fügte Frau von Hansfeld, einen Seufzer unterdrückend, bei. Dann fuhr ſie fort, als hätte ſie einem peinlichen Gedanken entgehen wollen. „Der größte Theil Ihrer Zeit wird alſo Ihren Familienpflichten, Ihren Studien, Ihren Arheiten gewidmet ſein; um dieſen Preis, mein Freund, wer⸗ den Sie ein ausgezeichneter Mann werden, den ich wachſen, ſich jeden Tag durch ſein Verdienſt erheben zu ſehen hoffe.“ „Ah! dieſe edlen und ermuthigenden Worte be⸗ 43 weiſen mir, wie aufrichtig das Intereſſe iſt, welches Sie für mich hegen. Doch ich frage Sie noch ein⸗ mal . . . die Urfache . . . von dieſem Intereſſe .“ „Maurice . . . Sie vergeſſen ſchon meine Bitte habe ich Ihnen nicht geſagt, ein heiliger Eid...“ „Verzeihen Sie! . . verzeihen Sie!“ „Es iſt Ihnen verziehen . . . Ich fahre fort... Gewiß werde ich Sie immer ermahnen, ſich anzu⸗ ſtrengen, eine hohe Stellung durch Ihr Verdienſt zu erwerben . . doch es iſt mir nicht unbekannt, daß die Erholungen, die Zerſtreuungen, die Vergnügun⸗ gen ein gebieteriſches Bedürfniß für einen Mann von Ihrem Alter ſind . . . Nun, mein Freund, gibt es eine Auswahl in den Vergnügungen .. es gibt anſtändige, ehrenhafte, die allein den Geiſt und das Herz binden . . . es gibt aber auch ent⸗ artende, ſchändliche Vergnügungen, welche Bitterkeit und Ekel hinterlaſſen. Vor dieſen beſonders, welche ſo gefährlich in Paris, möchte ich Sie gern als wach⸗ ſame Schweſter, als guter Schutzengel bewachen, Maurice, in Ihrem Intereſſe und in dem Ihrer Braut . . . damit Sie ihrer würdig bleiben. Mein Ehrgeiz wäre es auch . . . doch nein .. ich wage es nicht . . .“ „Ah! ich bitte! . . vollenden Sie! . .“ „Nun wohl! ich möchte gern, als unumſchränkte oh! ja als unumſchränkte Gebieterin . über einen Theil der Zeit verfügen, die Sie Ihren Zerſtreuungen, Ihren Vergnügungen widmen werden, und Sie hätten vielleicht meine Tyrannei nicht zu bereuen ...“ „Mein Gott! . . träume ich! träume ich! Wo⸗ ——————————— 44⁴ durch habe ich mir denn ſo viel Güte von Ihrer Seite verdient?“ „Man verdient immer das Gefühl, das man ein⸗ flößt, mein Freund . . . und heißt nicht überdies, mich mit Ihren Vergnügungen beſchäftigen, mich auch mit den meinigen beſchäftigen? .. Und in dieſer Hinſicht kommen wir auf mein Programm zurück ich habe vortreffliche Logen in der großen Oper und bei den Italienern, ich bin ein wenig Tonkünſtlerin, ich bete die Muſik an; und ich werde es reizend fin⸗ den, Sie manchmal meine Bewunderung für die⸗ Meiſterwerke der großen Componiſten theilen zu ſehen! Ich ſage manchmal . .. denn ich will nicht anſpruchsvoll ſein . . . meine Hoffnung iſt, einen oder zwei Tage in der Woche . . werden Sie mir widmen . . . mir . . . Ihrer Freundin . . Ihrer Schweſter . einen von den Abenden, die, wie ich weiß, Ihrer Mutter, Ihrer Braut gehören . . doch eine Schweſter hat auch ihre Rechte, Maurice . . Nach der Oper führe ich Sie unbarmherzig in mei⸗ nem Wagen nach Hauſe zurück, aus Furcht, Ihre verlängerte Abweſenheit könnte Ihre Mutter beun⸗ ruhigen . . . Sie gerathen ſo leicht in Unruhe, die Mütter! und gerade, weil Sie in Ihrem Alter, mein Freund, eine gewiſſe Freiheit im Handeln genießen müſſen, dürfen Sie dieſelbe nie mißbrauchen .. „Wie rühren mich Ihre Rathſchläge . 9! Sie ſprechen wahr, die zärtlichſte der Schweſtern würde nicht anders ſprechen!“ „Noch ein Wort: Ich wollte, daß Sie im Clubb von Herrn dOtremont aufgenommen werden, weil Sie dort mit einem Sprunge in Verbindung mit der 4⁵ Elite der jungen Leute der großen Geſellſchaft treten werden; oft aber, ſehen Sie, überläßt ſich ein junger Mann ſchlechten Bekanntſchaften, oder verliert ſich aus Mangel an Gelegenheit, die gute Geſellſchaft zu beſuchen. In Paris, mein Freund, hängt Alles von der Natur der erſten Verbindungen ab, die man bildet. Herr dOtremont iſt ein galanter Mann in der vollen Bedeutung des Wortes, und Sie können alſo alles Vertrauen zu ihm haben.“ „Sein offenherziger Empfang hat mich ge⸗ rührt . doch dieſen Empfang, Madame, verdanke ich viel weniger mir, als Ihnen, Madame .. Herr dOtremont gehört zu Ihren Freunden, er wollte Ihnen angenehm ſein, indem er mir ſo viel Artig⸗ keit bezeugte . . .“ „Sagen Sie mir die Wahrheit . . er war ent⸗ zückt von Ihnen, Maurice, und Ihre Eroberung iſt um ſo ſchmeichelhafter, als Herr d'Otremont, von Natur kalt und zurückhaltend, ſich wenig hingibt und ſich ſehr ſchwierig in der Wahl ſeiner Verbindungen zeigt. Ich ſchließe mit einer in Ihren Augen viel⸗ leicht kindiſchen Bemerkung; ſie hat indeſſen ihre Wichtigkeit, da wir die Welt, in der wir leben, ſo wie ſie iſt, nehmen müſſen . . . Dulden Sie alſo, daß eine Schweſter in das Detail dieſer öcono⸗ miſchen Fragen eingeht. Ich werde Ihnen morgen die Lieferanten der beſten Mode vom Juwelier bis zum Schneider ſchicken. Es koſtet kaum mehr, mit einer geſchmackvollen Eleganz gekleidet zu ſein, als ſich der lächerlichen Mode zu unterziehen, mit denen Sie gewiſſe Kaufleute aufputzen . . . Ohne endlich die Sorgfalt auf ſich ſelbſt bis zur Geckenhaftigkeit — 46 zu übertreiben, iſt es gut, die körperlichen Vorzüge, mit denen man glücklicher Weiſe begabt iſt, in Werth zu ſetzen . . . Sie beſitzen nun, mein lieber Maurice und dieſe Worte einer Schweſter zu einem Bruder haben nichts Exorbitantes .. ein ſchönes volles Ge⸗ ſicht, Ihre Taille iſt bewunderungswürdig gebaut. .. und „Und nun,“ erwiederte Maurice, vor Verwirrung erröthend, „ich bitte . . erſparen Sie mir . „Fragen Sie Ihre liebenswürdige Mutter, oder ihre reizende Braut, ob ſie nicht meiner Meinung ſeien. . Sie ſchweigen? . .. Ich erwartete es . .. Sie haben nichts hierauf zu antworten .. . ich fahre alſo fort . . . Der Schneider in der Mode wird Sie körperlich ſehr in Werth ſetzen, und Sie werden um nichts mehr die jungen Leute zu beneiden haben, deren Eleganz Sie geſtern bei Ihrem Spaziergange auf den Champs⸗Elyſées in Verzweiflung brachte. .. und, beiläufig geſagt, behalten Sie, mein Freund, das unabänderliche Geſetz in dem, was die Toilette betrifft, und woran man in der Regel den diſtin⸗ guirten Mann erkennt: „Er trägt immer am Abend ſeidene Strümpfe, Schuhe und einen Frack; die Mor⸗ gentvilette iſt der Fantaſie überlaſſen““ Um Ihnen übrigens die Beobachtung der verſchiedenen Regeln in dem, was die Welt die Lebensart nennt, zu er⸗ leichtern, werde ich meinen Haushofmeiſter ſogleich beauftragen, Ihnen ſchon morgen, wenn es ſein kann, einen Kammerdiener von ſehr gutem Hauſe aufzuſuchen und zuzuſchicken; Sie werden ihn machen laſſen; er wird, wie es ſich geziemt, Ihre Abend⸗ und Morgentvilette vorbereiten, Sie mit Geſchma 47 friſiren, und, wenn Sie mir glauben wollen, dieſen entſtehenden Bart raſiren, an dem Ihnen vielleicht viel gelegen iſt, der Ihnen aber, ich verſichere Ihnen, ganz und gar nicht ſteht. Er wird indeſſen Ihr braunes Schnurrbärtchen reſpectiren, welches den Schmelz Ihrer Zähne noch glänzender macht; ich ge⸗ ſtatte ſogar einen leichten Backenbart à ['anglaise.. alles Uebrige jedoch dieſes feinen ſeidenen Bartes wird unbarmherzig unterdrückt. . . ziehen Sie in⸗ deſſen über dieſen wichtigen Gegenſtand Ihre liebens⸗ würdige Jeane zu Rathe, ſie wird gewiß meiner An⸗ ſicht ſein . . . Um die Metamorphoſe zu vervollſtän⸗ digen, werde ich Ihnen auch morgen früh den be⸗ rühmten Herrn Peau zuſchicken; er wird Ihre Hand, wie es ſich geziemt, behandeln, Ihren Nägeln die Form, Glätte geben, die ihnen fehlt, und beſonders ſehr lang den Nagel Ihres kleinen Fingers erhalten, da ſie wiedergekehrt iſt die Mode, von der Molière ſprach, indem er ſagte: Est-ce par [ongle long, qu'il porte au petit doigt *) „Dieſe Empfehlungen, mein lieber Maurice, wer⸗ den Ihnen vielleicht kleinlich dünken; doch ſind ſie es nicht. . . Die Männer (ich will nicht von den Frauen reden) . . . die ernſteſten Männer ſind nicht unempfindlich für dieſen Verein von tauſend Einzel⸗ heiten, welche im Ganzen ein außerordentlich diſtin⸗ guirtes Aeußeres bilden . . . Die Diſtinction aber *) Etwa durch den langen kleinen Nagel, den er am Finger trägt? 48 iſt eine der weſentlichen, faſt unerläßlichen Eigen⸗ ſchaften, die man beſonders von denjenigen fordert, welche, wie Sie, die diplomatiſche Laufbahn ergreifen. Glauben Sie mir, auch vollkommene Manieren, feine Lebensart, eine geſchmackvolle Toilette muß man wenigſtens als die Hälfte des Werthes der Diplo⸗ maten betrachten, welche berufen ſind, in beſtändiger Verbindung mit der Elite der beſſern Geſellſchaft Europas zu ſtehen. Vielleicht, mein Freund, werden Ihnen meine Rathſchläge nicht ſo kindiſch dünken, als ſie es zu ſein ſcheinen.“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen?“ erwiederte Maurice, der immer mehr dem Zauber von Antvinette unter⸗ lag. „Mögen ſich Ihre Rathſchläge bis zu dem er⸗ heben, was es Edelſtes in den Gefühlen gibt . . . mögen ſie zu ſcheinbaren Kleinlichkeiten hinabſteigen, deren Bedeutung ich aber begreife . . . ſie flößen mir die lebhafteſte Dankbarkeit für Sie ein, denn ſie beweiſen mir Ihre Theilnahme. . . Ihre Zuneigung und mehr als je frage ich mich, was mir dieſes zarte, plötzliche Intereſſe eingetragen habe, eintrage, von dem Sie mir ſo viel Beweiſe geben.“ „Dieſes Geheimniß iſt, wie geſagt, das einzige Geheimniß ... das ich je für Sie haben werde, Maurice. Ueberdies kann Ihnen nur wenig an der Urſache meiner Ergebenheit, meiner leidenſchaftlichen Zuneigung liegen ..5 Frau von Hansfeld unterbrach ſich jedoch, ſchlug die Augen nieder und fügte dann bei: . „Ja . leidenſchaftlich . . hören Sie? Maurice, fromm leidenſchaftlich . . . wie es die lie⸗ bende Mutter für ihren Sohn .. die Schweſter — 49 für ihren Bruder ſein kann . .. Ah! mein Freund, ich wiederhole Ihnen . . . mein theuerſter Wunſch, meine liebſte Hoffnung iſt, zugleich moraliſch und phyſiſch Alles das in Werth zu ſetzen, was Schönes, Gutes, Redliches in Ihnen iſt, und Ihnen den Geſchmack für edle Vergnügungen einzuflößen, um Sie vor jenen für die im Pariſer Leben unerfah⸗ renen jungen Leute ſo gefährlichen Klippen zu be⸗ wahren. Faſſen wir uns kurz. Ihre Tage werden dem Studium bis um vier Uhr gewidmet ſein, als⸗ dann verwandelt ſich der fleißige Diplomatenzögling und wird ein Elegant; Sie bringen eine halbe Stunde in Ihrem Clubb zu, dann reiten Sie in den Champs⸗ Elyſées ſpazieren. Ihre Eltern, in der Lage des Ver⸗ mögens, in der ſie ſind, können Ihnen vernünftiger Weiſe zwei Reitpferde nicht verweigern . . einen Groom, um hinter Ihnen zu reiten, und einen Stall⸗ knecht . . . Ihr Kammerdiener wird für Ihren per⸗ ſönlichen Dienſt genügen... Ich beauftrage meinen erſten Kutſcher, Ihnen zwei Pferde beim beliebteſten Händler auszuwählen, und Ihnen die Leute für Ihren Stall zu beſorgen . . .“ „Madame,“ unterbrach Maurice ſehr verſucht von dem von Antvinette auseinandergeſetzten Pro⸗ gramme, jedoch an die Ausgaben denkend, „ich weiß nicht, ob meine Eltern ... „Ihre Eltern, mein lieber Maurice, beſitzen ein zu großes Vermögen, und ſie ſind zu gerecht, um Ihnen das Nothwendige zu verweigern. Siereiten alſo von fünf bis ſechs Uhr in den Champs⸗Elyſées, wo Sie mir in meiner Caleche begegnen werden, und dort neigen Sie ſich, wie die von Ihnen geſtern 4 Sue, die Familienſöhne. MI. 50 beneideten Elegants . . . an meinem Wagenſchlag und wir plaudern vertraulich.. ſehr vertraulich. . .“ „Ah! wie ſtolz . . . wie glücklich wäre ich . . . ſo vor allen Augen von Ihnen ausgezeichnet zu ein! . . .“ erwiederte Maurice, immer mehr einer unüberwindlichen Hinreißung nachgebend. „Nicht ich würde mehr beneiden . . . ich würde Neid er⸗ egen „Können Sie mir endlich einen von Ihren Abenden weihen, ſo ſpeiſen Sie bei mir in trefflicher Geſellſchaft zu Mittag . . . und wir gehen mit ein⸗ ander in die große Oper oder zu den Italienern ... Ich zähle auch auf einige Beſuche von Ihnen, wenn Ihnen das Wetter nicht erlaubt, zu reiten. Dies iſt im Ganzen, einige von den Umſtänden abhängige, kleine Details ausgenommen, mein Programm, lieber Maurice . . . Nehmen Sie es an?“ „Mit Freude .. . Oh! dieſes Leben ſo zwiſchen meiner Braut, meiner Mutter und Ihnen, meiner Schweſter . . . getheilt . . . dieſes Leben abwechſelnd erfüllt vom Studium, und von Zerſtreuungen, ge⸗ ſchmackvollen Vergnügungen, iſt es nicht das Ideal des Glückes . . . und dieſes Glück werde ich es nicht Ihnen zu danken haben?“ Einer von den Kammerdienern von Frau von Hansfeld trat in das Boudoir ein, nachdem er be⸗ ſcheiden angeklopft hatte, und meldete: „Der Wagen der Frau Baronin.“ Nach dieſen Worten ging der Kammerdiener wieder ab. „Schon fünf Uhr! . . iſt das glaublich! . . . — — —— 51 ſagte Antvinette. „Wie geſchwinde vergeht die Zeit bei Ihnen, lieber Maurice . . .“ „Ich verlaſſe Sie,“ erwiederte aufſtehend der Treuherzige, „Sie wollen ausfahren?“ „Ich müßte es... doch wenn ich es mir genau überlege . . . ich werde nicht ausfahren.“ „Ich bitte . . . warum nicht?“ „Ich ziehe es vor, hier zu bleiben . . allein. . . mich zu erinnern.. . und zu träumen.. .“ antwortete Frau von Hansfeld, indem ſie Maurice einen in wol⸗ lüſtiges Schmachten gebadeten Blick zuwarf. Sodann nach einem Augenblick des Stillſchweigens: „Maurice, ich erwarte Sie morgen um zwei Uhr meine Thür wird für Jedermann geſchloſſen ſein . . . wir werden allein bleiben, und ich habe Ihnen noch ſo viele Dinge . . . ſo viele Dinge zu ſagen . . Nicht wahr, Sie kommen, mein Freund?“ „Können Sie daran zweifeln?“ „Ah! ich vergaß eine Empfehlung. . . Ihre Frau Mutter hat ohne Zweifel mein Billet von heute Morgen geleſen?“ „Ja, ſie hat es geleſen.“ „Sie wird Sie natürlich fragen, was für eine Mittheilung ich Ihnen zu machen gehabt habe, Maurice? Sie werden ihr erwiedern, da ich habe ſagen hören, Ihr Herr Vater wolle ſein Gut Morillon verkaufen, ſo wünſche ich es zu kaufen . . .“ „Vortrefflich . . . und dieſer Vorwand . . .“ „Iſt durchaus kein Vorwand . . . mein Freund es iſt die Wahrheit . . .“ „Wie!. . wirklich. .. Sie hätten im Sinne? .. .“ Dieſes Gut zu kaufen . . . Dieſes Haus, 52 wo Ihre erſte Kindheit und Ihre Jugend verlaufen ſind! . . . Ja, Maurice .. ich bin hierauf bedacht das iſt mein theuerſter Wunſch. . . Eine Her⸗ zenslaune . .. werden Sie ſagen . . . doch dieſe Laune, ich bin entſchloſſen, ſie um jeden Preis zu befriedigen .. . wenn ſich nicht etwa Ihr Herr Vater durchaus weigert, den Morillon zu verkaufen . .. Ah! mein Freund, wie ſüß wird es mir ſein, meine melancholiſchen Gedanken . . . oh! vielleicht ſehr melancholiſch . . . ſpazieren zu tragen unter dieſen Schatten, wo Sie als Kind geſpielt . . . als Jüng⸗ ling geträumt haben! Das wird mein einziger Troſt ſein, wenn eines Tages . i. Frau von Hansfeld ſchien von der Gemüthsbe⸗ wegung niedergedrückt und unterbrach ſich; alsdann reichte ſie dem Treuherzigen die Hand und ſagte: „Gott befohlen, Maurice, nicht wahr, morgen?“ „Ja, Madame.“ „Abermals und immer dieſes Wort: Madame. .. dieſes ſo kalte, ſo trockene Wort . . .“ erwiederte Frau von Hansfeld im Tone zärtlichen Vorwurfs. „Sie wollen mich alſo entſchieden nicht . . . Antvi⸗ nette nennen . . ſelbſt wenn Sie von mir Abſchied nehmen? . . . Maurice, ich bitte Sie, bewilligen Sie mir dieſe Gunſt! Sagen Sie Adieu, Antvinette!...“ „Adieu, Antoinette,“ wiederholte Maurice, der bezaubert von ſeiner Verführerin, Blut gegen ſein Gehirn ſteigen und ſeine Vernunft trüben fühlte, während ihn Frau von Hansfeld wieder zu ſich ſitzen ließ. „Wie liebe ich es, Sie dieſen Namen ausſprechen zu hören... wie gefällt mir der Ton Ihrer Stimme! 53 Sie iſt ſanft und männlich wie Ihr Geſicht . . . Doch Sie ſchlagen die Augen nieder, Maurice . . . Ich bitte Sie, erheben Sie dieſelben zu mir, indem Sie meinen Namen ausſprechen! . . . Seien Sie nach⸗ ſichtig gegen dieſe Laune . . . Ich verſichere Ihnen, es wird die letzte ſein . . . Auf, ſagen Sie Antvinette, während Sie mich anſchauen.“ Verwirrt, berauſcht, gehorchte Maurice. Seine Augen begegneten den ſchwarzen, gierig⸗brennenden Augen von Frau von Hansfeld, die ſich ſo nahe zu ihm neigte, daß er ihren Hauch fühlte . . . Er em⸗ pfand eine tiefe Gemüthsbewegung . . . Dieſe jung⸗ fräuliche, energiſche, glühende Natur wurde durch die Verführungen der gefährlichen Frau ſchon ganz verrückt, ohnmächtig unter der Heftigkeit dieſer blitzen⸗ den Gefühle . . . Ein kalter Schweiß badete ſeine Stirne: er erbleichte; eine unüberwindliche Morbi⸗ dezza lähmte, brach ihn; ſein Geiſt verwirrte ſich; ſeine Kräfte verließen ihn; er ſtammelte mit erloſche⸗ ner Stimme: „Verzeihen Sie .. . Madame . . . ich glaube ich werde ohnmächtig . . .“ „Maurice, mein Freund, Sie beunruhigen mich was haben Sie?“ „Ich weiß es nicht mir ſcheint, ich ich werde ſterben.“ Die Augen halb geſchloſſen, ließ Maurice ſeinen trä⸗ gen Kopf auf eines von den Kiſſen fallen: er hatte nur noch halb die Vorſtellung von dem, was um ihn her vorging. Er fühlte indeſſen, daß der Schweiß, von dem ſeine Stirne rieſelte, mit ihrem wohlriechenden Taſchentuche von Frau von Hansfeld abgetrocknet 54 wurde, welche, ſicher, von ihrem Opfer gehört zu werden, einen Ausdruck der zärtlichſten Theilnahme heuchelnd, ſagte: „Armes Kind die Gemüthserregung drückt ihn danieder. . . Wie ſchön iſt er ſo! . . . Wie wird er angebetet, vergöttert werden... wie viele Frauen, die ihm beſſer als ich gefallen müſſen, werden ſich um ſein Herz ſtreiten! Um ihretwillen wird er bald Jeane . ſeine reizende Braut. .. vergeſſen .. Ah! edles Mädchen! fürchte nichts von mir! . ich werde unter dem Aeußeren der Freundſchaft meine wahnſinnige Liebe für Maurice verbergen! Deine Freundin ſein, Deine beſte Freundin! o Maurice. .. iſt das nicht auch ein beneidenswerthes Loos? . Ja, ich werde Deine Schweſter ſein, und Du wirſt mir wenigſtens immer brüderlich Deine edle, redliche Hand reichen . .“ Und Antvinette, die dieſe Hand zwiſchen der ihrigen hielt, ſtreifte ſie ſchüchtern mit ihren Lippen, und ſchien einen Schauer nicht zu bemerken, welcher Maurice entſchlüpfte, der, verſunken in einen Zuſtand ähnlich dem, in welchem unſer Geiſt zwiſchen Wachen und Schlafen ſchwebt, dennoch alle Worte der ent⸗ ſetzlichen Sirene vernahm. Sie fügte bei: „Doch meine Vernunft geräth in Verwirrung!. .. Schweig, mein Herz . .. beſänftigt euch, verzehrende Gluthen . . . Nie wird ſich Maurice herablaſſen, mich zu lieben .. Mein Gott! ſeine Ohnmacht hört nicht auf . . . was thun. . . was thun . .. Ah! dieſen Flacon mit Riechſalzen . . .“ Frau von Hansfeld ſchien jetzt erſt an dieſes Stärkungsmittel zu denken; ſie nahm von einem in —— 55 der Nähe ſtehenden Tiſchchen einen mit Edelſteinen beſternten Flacon, kam zurück, kniete auf den Divan und ließ Maurice die Salze einathmen, deren durch⸗ dringende Schärfe ihn völlig wiederbelebte. Er öff⸗ nete ſchmachtend die Augen, und ſah auf ſich geneigt Antoinette, und in ihren Zügen das Gepräge der zärtlichſten Fürſorge; ſie ſagte: „Maurice . . . Maurice . . . mein Freund . . . kommen Sie zu ſich . . . ich bin es, Antvinette, Ihre Freundin .. erkennen Sie mich nicht?“ VII. Am Ausdrucke der Stimme von Frau von Hans⸗ feld, welche Stimme vor Aufregung und bewältigter Liebe zu zittern ſchien, öffnete Maurice die Augen und betrachtete ſeine Verſucherin, in eine ſtumme Ertaſe verſunken; ſein einen Moment verdunkelter Geiſt wurde wieder hellſehend, und mit ihm kehrte ſein Gedächtniß zurück. Nein, es war kein Traum! Einige Minuten zuvor hatte er dieſe bezaubernde Frau leidenſchaft⸗ liche, delirirende Geſtändniſſe an ihn, den ſie zum erſten Male ſah, verſchwenden hören! Nein, es war kein Traum, das letzte Echo dieſer berauſchenden Geſtändniſſe vibrirte noch in ſeinem Herzen. Dieſe Frau, jung, reich, elegant, betitelt, blendend ſchön, hatte mit einem Ausdrucke ſchmerz⸗ lichen Bedauerns geſagt: ſie halte ſich nicht für wür⸗ dig, ihm zu gefallen, ihm, Maurice . . . dem bäu⸗ riſchen Provinzialen, der, am Abend vorher in 56 Paris angekommen . allen Frauen den Kopf ver⸗ drehen ... und um ihretwillen vielleicht Jeane, ſeine Braut, vergeſſen werde! Doch dieſe plötzliche, heftige, unwiderſtehliche Liebe, wer hatte ſie im Herzen der Baronin von Hansfeld entſtehen machen? Wie war ſie von der Ankunft von Maurice, welche kurz zuvor ſtattgefunden, unter⸗ richtet worden? Wie hatte ſie ſeine Wohnung ent⸗ decken können? Woher beſaß ſie ſeit langer Zeit eine ſo tiefe, ſo wahre Kenntniß von ſeinem Cha⸗ rakter und ſeinen Gefühlen, daß ſie ſich mit ihrer Hülfe bemüht hatte, ihn in Perſon zu repräſen⸗ tiren? Vergebens ſuchte er dieſes Geheimniß zu durchdringen. Doch es ſchlichen ſich in ſein Herz die Berauſchungen der Eitelkeit ein; er wußte ſich von Frau von Hansfeld geliebt, ſie prophezeite ihm be⸗ täubende Succeſſe. Wie hätte er ihr nicht glauben ſollen, der arme Treuherzige! Kaum ſeit dem vor⸗ hergehenden Tage in Paris, ſah er, wie ſich ihm (man verzeihe uns dieſe Trivialität) eine Frau an den Kopf warf, eine Frau, welche durch ihre ſel— tene Schönheit, durch ihre verführeriſchen Reize und durch ihren Geiſt Männer vom ſchwierigſten Ge⸗ ſchmacke in Leidenſchaft ſetzen konnte und mußte; Maurice glaubte ſich alſo angebetet, doch in ſeiner Unſchuld hielt er es für eine Ehrenpflicht, nicht von dem Geheimniſſe unterrichtet zu ſcheinen, das er in ſeiner Ohnmacht erlauſcht hatte; und überdies... ſeltſam, unerklärlich, aber beruhigend in ſeinen Augen . ſeine Liebe für ſeine Braut hatte in keiner Hin⸗ ſicht eine Aenderung erlitten. Erfüllt von einer Art von Mitleid für die arme Jeane, ein zugleich eitles 57 und zärtliches Mitleid, nahm er ſich auch feſt vor, nie das Geheimniß von Antoinette zu mißbrauchen, jeder Hinreißung zu widerſtehen, und nur die er⸗ gebene Freundſchaft, die ſie ihm bot, anzunehmen. Frau von Hansfeld, als Maurice völlig wieder zu Sinnen gekommen war, verwandelte ſich. Eine rüh⸗ rende Melancholie verſchleierte den brennenden Glanz ihrer großen ſchwarzen Augen; denn weit entfernt, die Trunkenheit der Sinne des jungen Mannes aufs Neue herauszufordern, wollte ſie diesmal im Gegentheile die⸗ ſelbe beſänftigen. Sie ſprach alſo mit betrübtem Tone: „Ich zittere noch von dem Schrecken, den Sie mir verurſacht haben, mein Freund. Sind Sie zu dieſer Stunde minder leidend?“ „Ja .. dieſe plötzliche Unpäßlichkeit. . . deren Urſache ich mir nicht erklären kann . . iſt Ihrer Pflege gewichen.. Antoinette,“ antwortete dies⸗ mal vertraulich Maurice, der ſeine Sicherheit aus der Kenntniß des Geheimniſſes von Frau von Hansfeld ſchöpfte. Und zu ſich ſelbſt ſagte er in voller Aufrichtigkeit: „Arme Frau! da ich ihre tolle Leidenſchaft nicht zu erwiedern vermöchte, ſo wollen wir uns wenigſtens gegen ſie ſo liebreich als der Beſte der Brüder zeigen.“ Laut fügte Maurice bei: „Noch einmal meinen Dank, liebe Antoinette, für die gute Pflege Ihrer trefflichen Freundſchaft...“ „Ahl Maurice . . . Sie können ſich nicht ein⸗ bilden, welches Glück Sie mir bereiten, indem Sie ſo reden. Nicht wahr? . . . Sie betrachten mich immer als Ihre Freundin? . . . als Ihre Schweſter?“ 58 „Ah! ja . . als die Beſte der Schweſtern . und ich werde für Sie der ergebenſte Bruder ſein . . .“ „Theurer . . . guter Maurice . . . dieſe Ver⸗ ſicherung von Ihrer Seite tröſtet mich . . . gibt mir Muth . . . ZAh! ich brauche . . . Muth . . . denn Sie werden nie erfahren, in welchem Grade .. . ich“ Frau von Hansfeld unterbrach ſich, drückte ihr Taſchen⸗ tuch an ihre Augen, verbarg ſo halb ihr Geſicht, reichte eine ihrer Hände dem Treuherzigen, und ſagte mit bebender Stimme: „Adieu! Maurice . . . morgen . . . um zwei Uhr nicht wahr? „ „Großer Gott!“ rief Maurice eben ſo ſehr er⸗ ſtaunt als beunruhigt. „Was haben Sie, Antoinette?. .. Sie weinen?“ „Laſſen Sie mich allein . . . mein Freund .. ich bin ſchwach . . . ich bin feig . . . ich bin wahn⸗ ſinnig . . . ich ſollte mich ſo glücklich ſchätzen . auf Ihre Freundſchaft zu zählen.. doch nein .. ich bin unerſättlich . und. Ein erſticktes Schiuchzen ſchnitt Frau von Hans⸗ feld die Stimme ab, während ſie ihr Geſicht beſtändig in ihrem Taſchentuche verbarg. Tief gerührt von dem Gedanken, die hoffnungs⸗ loſe Liebe, die er Antvinette einflößte, verurſache ihr die Thränen, die ſie vergoß, fühlte Maurice ſeine Augen ſich in Zähren baden. In dieſem Moment öffnete ſich die Thüre des Boudoir aufs Neue, und der Diener meldete ſeiner Gebieterin: „Die Kammerfrau der Frau Baronin bittet um ihre Befehle für die Toilette.“ 59 Frau von Hansfeld, die ſich den unſenh als wollte Thränen verbergen, ſtang unge⸗ ſtüm auf, wandte dem Bedienten den Rück und ſagte zu ihm, indem ſie ſich nach einer der Thtren des Boudoir wandte: „Ich werde nicht weggehen . .. Laſſen Sie meinen Wagen ausſpannen.“ Alsdann fügte Antvinette mit bebender Stimme, ohne Maurice anzuſchauen, bei: „Morgen um zwei Uhr, Herr Dumirail.“ Und ſie trat haſtig in ein anſtoßendes Zimmer, deſſen Thüre ſie hinter ſich ſchloß. „Arme Frau!“ dachte Maurice, der ein zärt⸗ liches, naives Mitleid, gemiſcht mit Erſtaunen und Stolz empfand, „arme Frau! ſie wird nun ihren Thränen freien Laͤuf laſſen . . . Die Gemüthsbe⸗ wegung hat ſie ergriffen . . . ihre Kräfte ſind er⸗ ſchöpft . . . Sie kann nicht gegen die wahnſinnige Leidenſchaft kämpfen . . . die ich ihr einflöße . . . ich . . . ich . . . der arme Provinziale . . . Iſt das möglich? iſt das glaublich? Ach! . . . ich muß es wohl glauben . . es iſt kein Traum .. . Was ich gehört habe . . . was ich geſehen habe . ſind keine Illuſionen . . . Träume ... Oh! Jeane, meine Vielgeliebte.. Du wirſt nie erfahren, welches Opfer ich unſerer Liebe bringe! denn ſie iſt ſchön . . . Oh! ſehr ſchön . . . Antvinette von Hansfeld! . . Obgleich das Boudoir verlaſſend ganz von ſeinen Gedanken in Anſpruch genommen, beobachtete Maurice doch aufmerkſamer als bei ſeinem Eintritte den fürſt⸗ lichen Luxus der Salons, die er, den Kammerdiener voran, durchſchritt. Dieſer, als wohlunterrichteter 60 Diener, öffnete geräuſchvoll beide Flügeln der Thüren vor dem jungen Provinzial, und als der Letztere in den Warteſalon kam, ſtanden drei weitere Kammer⸗ diener ehrerbietig vor ihm auf. Daſſelbe war bei ſechs gepuderten Lackaien in großer Livree der Fall, die ſich im Vorzimmer befanden. Maurice ſtieg ſtolz die Freitreppe hinab, an der unten die Berline von Frau von Hansfeld wartete eine Equipage von tadelloſem Geſchmacke, be⸗ ſpannt mit einem Paar bewunderungswürdiger eng⸗ liſcher Rappen, deren Hitze und Ungeſtüm ein dicker engliſcher Kutſcher, welcher unbeweglich auf ſeinem Bock ſaß, kaum in der Gewalt halten konnte. Maurice, nachdem er einen bewundernden Blick auf dieſen Wagen geworfen hatte, durchſchritt den Hof, ſeine große Geſtalt hoch aufrichtend, und ſich ſiegreich auf ſeinen Hüften wiegend, wobei der Treuherzige ſich ſagte: „Dieſe anbetungswürdige . von allem Blend⸗ werk eines faſt königlichen Reichthums umgebene .. Frau liebt mich leidenſchaftlich . . . wahnſinnig! . .. doch ich bin und werde Jeane, meiner Braut, treu ſein!“ VII. Das Hotel von Frau von Hansfeld verlaſſend, ging Maurice, wie man zu ſagen pflegt, Anfangs auf den Blaſen. . . er berührte die Erde nicht; zu⸗ weilen ſchaute er die Vorübergehenden mit einem Ausdrucke von ſeltſamer Autorität an; ſeine mächtige erweiterte Lunge athmete in vollen Strömen die Pa⸗ riſer Luft ein; er erinnerte ſich der geringſten Um⸗ 61 ſtände ſeiner Unterredung mit dieſer Zauberin, deren reizendes Bild vor ihm zu flattern und ihm zuzu⸗ lächeln ſchien. Weit entfernt indeſſen, ſeine Braut zu vergeſſen, beſchwor er aufs Neue die Erinnerung an ſie herauf, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Ah! meine theure Jeane, ich glaube, daß ich Dich doch weit mehr liebe ... Dieſe Empfindung glühen⸗ der Unruhe, dieſe Schwindel, dieſe Trunkenheit, welche mir einige Augenblicke die Schönheit von Antvinette verurſacht hat, verdoppelt durch die Macht des Contraſtes die ſüße Empfindung, welche meinen Geiſt zu erfriſchen, mit Balſamdüften zu erfüllen ſcheint, wenn ich an Dich denke .. O! meine Jeane, ſage! was hat die Roſe mit dem Diamant gemein? Kann man nicht das Schimmern des Einen bewun⸗ dern und den ſüßen Wohlgeruch der andern ein⸗ athmen? Jeane lieben als meine zukünftige Lebens⸗ gefährtin, von Antvinette mit der Zärtlichkeit einer Schweſter geliebt werden: gibt es ein beneidens⸗ wertheres Loos? Gleichſam zu meinen, eines bäuri⸗ ſchen Gebirgsbewohners, Füßen dieſe reizende Frau ſehen, die mir ſo weiſe, ſo ernſte, ſo bewundernde Rath⸗ ſchläge gibt, daß man glauben ſollte, ſie werden von meiner Mutter dictirt . . . von meiner Mutter, von der Antvinette mit ſo viel Ehrfurcht ſpricht! . . . Beabſichtigt ſie nicht endlich den Morillon zu kaufen, wo ſie wie ſie ſagte . . . ein letzter Troſt . . . ihre ſchwermüthigen Träumereien, bedenkend, daß dieſe Orte meine Kindheit und meine erſte Jugend beſchützt haben, ſpazieren tragen könne? Oh! welche ſanfte Reſignation liegt in der Liebe von Antoinette! Und warum ſo viel Liebe? in welcher Hinſicht 62 habe ich ſie verdient?. Vergebens befrage ich dieſes unerforſchliche Geheimniß! . . Ei! was iſt an der geheimen Urſache der rührenden Zuneigung von Antvinette gelegen? . . . genießen wir dieſe Zu⸗ neigung . . . befolgen wir ihre Rathſchläge .. Oh! ja, machen wir zwei Theile aus meinem Leben: der beträchtlichere gehört dem Studium, meiner Mutter, Jeane . . . der andere Antvinette . . . Doch meine Mutter und Jeane könnten eiferſüchtig auf meine Freundin ſein, wenn ſie ſelbſt mir nicht auf eine vernünftigere Art rathen würden, als ſie mir räth! Oh! die bezaubernden Tage! Das Studium bis um ein Uhr, und wie ſie mir geſagt hat, um dieſe Stunde verwandelt ſich der fleißige Zögling in einen Elegant; mein Kammerdiener hat meine Toilette vor⸗ bereitet; ich ſteige zu Pferde und reite nach meinem Clubb, gefolgt von meinem Groom; dann begebe ich mich nach den Champs⸗Elyſées, um dort mit Frau von Hansfeld zuſammenzutreffen . . ſie iſt in ihrem Wagen . . . und hier . . . beneidet von Allen . . . bin ich . . .“ Doch bebend und plötzlich aus der Sphäre ſeiner glänzenden Wünſche in die kalte Wirklichkeit nieder⸗ ſinkend, ſagte Maurice mit Bitterkeit zu ſich ſelbſt: „Mein Kammerdiener . . . meine Pferde . . . mein Groom! . . . aber Geld, um dieſe Diener zu halten! aber Geld, um dieſe Lieferanten, welche in Paris am meiſten in der Mode ſind, zu bezahlen; ſie werden morgen früh in unſer Hotel kommen, an mich durch Frau von Hansfeld adreſſirt! Ich elender Narr, der ich bin! wo ſo viel Geld finden? Mein Vater gab mir hundert Franken monatlich für meine 63 Vergnügungen . . . und die meiſte Zeit ſpendete ich von dieſem Gelde Wohlthaten unter unſere guten Leute vom Jura. Wofür hätte ich es in unſerer Ein⸗ ſamkeit im Jura ausgeben ſollen! Nehmen wir aber an, in Paris verdopple oder verdreifache mein Vater dieſe Summe, was ſollte ich mit zwei⸗ bis dreihundert Franken monatlich machen? Und wenn ich bedenke: was wird mein Vater ſagen, wenn er morgen früh. in unſerem Hauſe dieſe Schaaren von Kaufleuten und Lieferanten, welche am meiſten in Paris in Vogue, erſcheinen ſieht? meine Mutter, die heute unſern Wirth um die Adreſſe eines beſcheidenen Schneiders der nicht zu theuer . . . der Gutes und So⸗ lides liefert, gebeten hat . . . Ich ſehe ihn ſchon, dieſen abſcheulichen Schneider; er muß dem von Nantua gleichen, der mich mit dieſen garſtigen Kleidern aufgeputzt hat! . . . Und ich ſollte mich, ohne ein Wort zu ſagen, auf dieſe Art ausſtaffiren laſſen!. .. ich. der ich manchmal auf der Promenade, nach der Oper die Frau Baronin von Hansfeld begleiten ſoll — eine von den Frauen, welche am meiſten in der Mode in Paris! ich, im Clubb von Herrn dOtre⸗ mont, dem Rendez⸗vous der Elegants, aufgenommen! Nein, nein! hundertmal nein! . . . Mein Vater iſt reich, und ohne etwas Ueberflüſſiges zu verlangen, kann ich wohl von ihm erwarten, daß er vernünftige Ausgaben beſtreitet . . . er iſt ſo gut, ſo billig! Iſt es nicht endlich er, der mich inſtändig erſucht hat, nach Paris zu gehen? Oh! dieſe Reiſe bereue ich nun nicht mehr, trotz der finſtern Prophezeiungen unſeres theuren Meiſters.. mein Vater wird auch begreifen, daß er mir die Mittel, anſtändig in Paris 6⁴ zu leben, liefern muß . .. Ich zögerte, unſere Ge⸗ birge zu verlaſſen, ich wollte Landwirth bleiben, mein Vater drang in mich, ich gehorchte . Es iſt nun an ihm, zu thun, was er thun ſoll . . . Wenn er ſich aber meinen Wünſchen widerſetzte wenn er da den Ueberfluß ſehen würde, wo ich das Noth⸗ wendige ſehe? Welche Schande! . . ich wagte es nie mehr, zu Frau von Hansfeld zurückzukehren .. Nein, nein! mein Vater und meine Mutter werden ſich billig und freigebig zeigen. . . Doch wenn ſie es nicht wären . . . was thun? . . was thun?“ Der Lauf der Gedanken von Maurice wurde unterbrochen durch die Worte, welche in Höflichkeit ein Unbekannter an ihn richtete: „Mein Herr, ich bin fremd, würden Sie wohl die Gefälligkeit haben, mir die Rue Royale zu bezeichnen?“ Durch dieſe Frage zu ſich ſelbſt zurückgerufen, erinnerte ſich Maurice des ihm vom Portier des Hotels vertraulich übergebenen zweiten Briefes, und antwortete dem Unbekannten: „Mein Herr, ich bin ſelbſt fremd, und ich ver⸗ möchte Ihnen keine Auskunft zu geben; doch ich muß gerade auch wiſſen, wo die Rue Royale iſt, und wir wollen uns erkundigen.“ Maurice befand ſich faſt am Ende der Rue du Faubourg⸗Saint⸗Honoré, nahe bei der Place de la Madelaine. Er erfuhr bald, er ſei ganz in der Nähe der Rue Royale, zog aus der Taſche den Brief, den er vom Concierge ſeines Hotel garni erhalten hatte, und las folgende Zeilen: 65 „Mein Herr! „Ich glaube ſo glücklich zu ſein, Ihnen einen von den kleinen Dienſten zu leiſten, welche den Familienſöhnen ſtets angenehm ſind; wollen Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehren und wiſſen, wovon es ſich handelt, ſo finden Sie mich morgen von vier bis ſechs Uhr in dem Kaffeehauſe, das die Ecke der Rue Royale und der Place Madelaine bildet. Sie werden an dem Comptoir nach Herrn Léon fragen.“ „Genehmigen Sie u. ſ. w. u. ſ. w.“ Maurice, nachdem er dieſen Brief geleſen, ſuchte mit den Augen, und erkannte ein paar Schritte von da das bezeichnete Kaffeehaus, wo er eintrat, indem er zu ſich ſelbſt ſagte: „Wer iſt dieſer Herr Léon? Was iſt der Familienſöhnen ſtets angenehme Dienſt? Ich weiß nicht warum . . . dieſe Worte reizen leb⸗ haft meine Neugierde . .. Wir wollen dieſen Herrn ſehen . . . was risquire ich im Ganzen?“ K. Maurice trat in das Kaffeehaus ein, wandte ſich nach dem Comptoir und fragte nach Herrn Léon. Dieſer, der ohne Zweifel lauerte, näherte ſich ihm beinahe in demſelben Augenblick, da er ſeinen Namen hatte ausſprechen hören, und erwiederte mit einer lächelnden, geſchäftigen Miene dem jungen Provin⸗ zialen: Sue, die Familienſöhne. II. 5 66 „Ich habe die Ehre, mit Herrn Dumirail zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr; Sie ſind ohne Zweifel Herr Léon?“ „Ihnen zu dienen, mein Herr.“ Und einen der Aufwärter des Kaffeehauſes her⸗ beirufend, fügte er bei: „Iſt Jemand auf dem Billard?“ „Nein, mein Herr.“ „Bringen Sie uns zwei Gläschen Abſynth hinauf.“ Alsdann ſich gegen Maurice umdrehend, ſagte Herr Léon: „Wir werden im Billardzimmer allein ſein; wir können dort ruhig plaudern. Verzeihen Sie, wenn ich vorangehe . . . ich will Ihnen den Weg zeigen.“ Herr Léon ſchritt Maurice auf einer Wendel⸗ treppe voran, welche aus dem Café in das in dieſem Augenblicke verlaſſene Billardzimmer führte. Herr Léon war ein Mann von dreißig Jahren, mit Ge⸗ ſchmack gekleidet, von diſtinguirtem Aeußern. Seine offene, zuvorkommende Phyſiognomie gefiel von An⸗ fang an Maurice, und er ſagte zu ihm: „Darf ich wiſſen, was der Gegenſtand des Briefes iſt, den Sie mir geſchrieben haben?“ „Mit zwei Worten, mein Herr, hören Sie . Sie ſind einziger Sohn, Ihre Eltern ſind ſehr reich; ſie beſitzen eines von den ſoliden Vermögen in lie⸗ genden Gründen, oder in hypothekariſchen Anlagen, welche immer vor dem Zufall der Ereigniſſe geſchützt ſind; ſie haben gelebt, ſie leben mit Sparſamkeit, obſchon übrigens ſehr anſtändig . . . woraus folgt, 67 daß zu dieſer Stunde Ihr Herr Vater entweder in Grundeigenthum oder in vortrefflichen Anlagen auf erſte Hypothek. . . wenigſtens . . denn ich nehme die geringſte Summe an . . . fünfzehn bis ſechszehn⸗ mal hunderttauſend Franken beſitzt!“ „Fünfzehnmal hunderttauſend Franken!“ wieder⸗ holte Maurice erſtaunt, denn nie war es ihm ein⸗ gefallen, den Betrag des väterlichen Vermögens zu berechnen . . . da er keinen Grund hatte, ſich dieſer etwas vatermörderiſchen Schätzung zu widmen. Die Einfachheit der Neigungen des jungen Ge⸗ birgsmannes machte dieſe ſehr leicht zu befriedigen, als er im Morillon lebte, und, wie geſagt, er wußte nicht einmal die hundert Franken zu verwenden, die ihm ſein Vater monatlich für ſeine kleinen Vergnü⸗ gungen ausſetzte . . . Maurice war alſo wahrhaft erſtaunt über die in ſeinen Augen ungeheure Summe, zu der Herr Léon das Vermögen von Herrn Dumi⸗ rail ſchätzte, und er wiederholte mit ungläubiger Miene: 3 „Sie irren ſich, mein Herr, das Vermögen mei⸗ nes Vaters kann unmöglich ſo bedeutend ſein, als Sie ſagen.“ „Ich verſichere, mein Herr, dieſe Zahl iſt noch unter der Wirklichkeit; wir ſind zu ſehr dabei inter⸗ eſſirt, genau unterrichtet zu ſein, um unſere Erkun⸗ digungen nicht bei den beſten Quellen eingezogen zu haben.“ Die Verſicherung von Herrn Léon überzeugte Maurice. Es war ihm übrigens ganz lieb, überzeugt zu werden, denn, nachdenkend, ſagte er ſich: „Da mein Vater ſo ungeheuer reich iſt, ſo kann er 68 mir, ohne ungerecht zu ſein, und wie er mir ver⸗ ſprochen hat, die Mittel, um anſtändig in Paris zu leben, nicht verweigern. Antoinette hatte alſo hun⸗ dertmal Recht, wenn ſie mir ſagte: für mich ſei das vernünftig Nothwendige zwei Reitpferde, ein Groom, ein Kammerdiener und ein Stallknecht . . . Sie liebt mich zu ſehr, um mir Thorheiten zu rathen .. . ich beſäße nun den Beweis, hätte ich an der Weis⸗ heit ihrer Rathſchläge zweifeln können. Sie iſt . . . ich weiß nicht durch welches Geheimniß . . . ſo gut von Allem dem, was mich betrifft, unterrichtet, daß ſie ohne Zweifel den Betrag des Vermögens von meinem Vater kannte . .. ſonſt würde ſie mir nicht zu dieſen Ausgaben, die ſie als nothwendig anſieht, gerathen haben.“ Das Stillſchweigen des jungen Provinzialen wahr⸗ nehmend, ſprach Herr Léon: „Es ſcheint, mein Herr, die Entdeckung des wirk⸗ lichen Betrags des Vermögens Ihres Vaters ſetzt Sie ungemein in Erſtaunen?“ „Ich geſtehe es.“ „Dann werden Sie um ſo weniger zögern, meine Vorſchläge anzunehmen.“ „Welche Vorſchläge, mein Herr?“ „Verzeihen Sie . . . ich gehöre ſogleich Ihnen.“ Herr Léon ſtand auf, ging nach dem Ruheplatze der Wendeltreppe und rief: „Gargon, Papier, eine Feder und Tinte.“ Der Aufwärter kam bald wieder, und verſehen mit dem, was er zum Schreiben brauchte, ſetzte ſich Herr Léon aufs Neue neben Maurice an den Tiſch, zog aus ſeiner Taſche ein Portefeuille, nahm daraus 69 ein Paquet Bankbillets, zählte ſie langſam eins nach dem andern, und ſagte ſodann, indem er ſie dem jungen Provinzialen darreichte: „Hier ſind zwanzigtauſend Franken . . . ich bitte, wollen Sie die Billets auch zählen.“ „Dieſe Billets zählen . . . und warum?“ „Um ſich zu verſichern, daß ich Ihnen wirklich zwanzigtauſend Franken übergebe.“ „Mir?“ hnen „Und was ſoll ich mit dieſen zwanzigtauſend Franken machen? 2“ „Bei meiner Treue, mein Herr, Sie werden damit machen, was Sie wollen . . . den beſten und luſtigſten Gebrauch wahrſcheinlich.“ „Mein Herr . . .iſt das ein Scherz?“ „Teufel! man ſcherzt nicht mit Tauſend⸗Franken⸗ Billets!“ „Aber, mein Herr, Sie denken doch nicht, ich glaube, Sie ſchenken mir zwanzigtauſend Franken, und Sie denken noch weniger, ich wolle ſie annehmen?“ „Sie Ihnen ſchenken . nein .. Ich leihe ſie Ihnen . . . oder vielmehr die Perſon, deren Agent ich bin, leiht ſie Ihnen.“ „Sie leiht ſie mir . . . und warum?“ „Um vortheilhaft ihre Capitalien zu ſechs Pro⸗ cent nicht ein Centime mehr . . . anzulegen; was keine vortreffliche Anlage in unſeren Zeitläuften iſt: übrigens würde ſich die Intereſſen-Rechnung ſpäter ordnen, und nehmen Sie dieſes Anlehen an, ſo haben Sie die Güte, mir einen einfachen Empfangsſchein iben, alſo abgefaßt: „„Ich beſcheinige, von 70 Herrn Léon die Summe von zwanzigtauſend Fran⸗ ken empfangen zu haben, deren, ſpäter nach gütlicher Uebereinkunft beſtimmte, Intereſſen von dieſem Tage an in Gültigkeit treten.“ Sie werden datiren, unterzeichnen, Ihre zwanzigtauſend Franken einſtecken, und brauchen Sie ſpäter, bald vielleicht, noch mehr Geld, ſo geniren Sie ſich nicht“ — Herr Léon gab Maurice ſeine Karte, „werfen Sie auf die Poſt einen Brief, in welchem Sie mir den Betrag der Summe, die Sie nöthig haben, nennen, und am anderen Tage wird ſie zu Ihrer Verfügung ſtehen . . . Bei unſerer nächſten Zuſammenkunft werden wir, wie ich hoffe, unſere Intereſſen⸗Rechnung in Ordnung bringen.“ „Mein Herr . . . ich begreife nun Alles!“ rief Maurice naiv, der mit einer Art von Schrecken auf⸗ ſtand, und ſich ſeiner Unterredungen mit Charles Delmare erinnerte: „Sie ſind ein Wucherer!“ „Ach! mein Herr, ich habe nicht dieſe Ehre... Wer ſagt Wucherer, ſagt Capitaliſt; ich habe ja keine Capitalien . . . ich habe keine mehr . . ich beſaß einige . . . doch Paris iſt verlockend, und der Teufel iſt ſehr ſchlau. . . Mit einem Worte, ich bin einfach der Makler eines Capitaliſten, der ganz zu Ihren Dienſten ſteht.“ „Mein Herr, ich will kein Geld von Ihnen.“ „Das iſt wirklich erſtaunlich, höchſt erſtaunlich.“ „Nein, ich will kein Geld von Ihnen . mein Herr, mehrere Beweggründe dictiren mir meine Weigerung.“ „Ich bitte! . . welche?“ „Einmal würde ich eine Handlung begehen, von 71 der mein Vater und meine Mutter tief verletzt wären!“ „Dieſe Bedenklichkeit iſt äußerſt ehrenwerth . .. ſec „Sodann, mein Herr, wenn man entlehnt, muß man zurückgeben . . . und ich ſelbſt beſitze keinen So „Erlauben Sie . . .“ „Kurz, mein Herr, ich hege zu viel Vertrauen zur Güte, zur Billigkeit meines Vaters . . nun beſonders, da mich der Zufall vom Betrage ſeines Vermögens unterrichtet hat, um nicht ſicher zu ſein, er werde mir die Mittel liefern, anſtändig in Paris zu leben. Es wäre alſo von meiner Seite ein Be⸗ weis von unwürdigem Mißtrauen gegen meine Fa⸗ milie, würde ich ohne ſein Wiſſen eine bedeutende Summe entlehnen, welche je zurückzubezahlen, ich wiederhole es, mir unmöglich wäre.“ „Sind dies alle Ihre Einwendungen, mein Herr?“ „Ja.“ „Ich werde mir nicht erlauben, mit Ihnen über das edle Gefühl kindlicher Liebe zu ſtreiten, dem Sie, dieſes Anlehen ausſchlagend, gehorchen, mein Herr; ich bemerke Ihnen nur, was den Hauptpunkt, näm⸗ lich die Zurückbezahlung betrifft . . . daß Sie eines Tages im Stande ſein werden, die fragliche Summe und noch andere zurückzubezahlen . . .“ „Wie ſo, mein Herr?“ „Ach! wenn Sie das Unglück, das unwieder⸗ bringliche Unglück haben werden, den UrheberIhrer Tage zu verlieren,“ erwiederte mit einem ſalbungs⸗ 72 reichen Seufzer der Wuchermakler, „Sie werden ein bedeutendes Vermögen erben, mein Herr . . .“ „Was wagen Sie zu ſagen? . . Ah! das iſt ent⸗ ſetzlich! . . Speculiren auf den Tod von ... Maurice vollendete nicht: die Entrüſtung, der Schmerz erſtickten ſeine Stimme: eine Thräne glänzte in ſeinen Augen . . . Aufſtehend ſagte er: „Dieſes Geſpräch hat zu lange gedauert, mein „Ich bin troſtlos, mein Herr, Sie durch eine ſehr unſchuldige Reflexion verletzt oder betrübt zu haben . .. Wir ſind leider Alle ſterblich . . . Alle reich und arm . . . den unerbittlichen Geſetzen der Natur unterworfen! .. Indem ich aber das ſo weit als möglich . . . unſeligerweiſe aber immerhin ſichere . . . Ende des Lebens Ihres Herrn Vaters vorausſah . . glaubte ich in keiner Hinſicht bei Ihnen anzuſtoßen. Ich wollte Sie einzig und allein davon überzeugen, der Darleiher warte ſo lange, als es ſein müſſe, auf die Zurückbezahlung der Summe, die er Ihnen anbiete .. da er ſicher ſei, eines Ta⸗ ges vollſtändig mit Capital und Intereſſen bezahlt zu werden.“ „Genug, mein Herr . . . Ich wiederhole, ich will kein Geld von Ihnen, es würde mir Grauen erregen.“ „Mein Herr, ich bedaure, ſo ſchlecht von Ihnen verſtanden zu werden; reden wir nicht mehr von dieſer Sache, meine Billets werden in mein Porte⸗ feuille zurückkehren. Nur erlauben Sie mir eine ein⸗ zige und letzte Bemerkung?“ „Gut,“ erwiederte Maurice, „ich höre!“ 73 „Sie ſind nun, da Sie der Zufall vom Betrage des Vermögens Ihres Vaters unterrichtet hat, ſicher, ſagen Sie, er werde reichlich für Ihre Bedürfniſſe ſorgen?“ „Ja, mein Herr, ich bin hiervon überzeugt.“ „Sie werden mir indeſſen zugeben, daß dies eine Wahrſcheinlichkeit iſt . . . ich leugne nicht, eine bei⸗ nahe gewiſſe Wahrſcheinlichkeit . . . ja, es ſind neun⸗ undneunzig gegen eins zu wetten, Ihr Herr Vater werde ſich freigebig gegen Sie zeigen . . . doch es bleibt eine Chance dagegen . . .“ „Nun, mein Herr, und wenn dies wäre?“ „Von zwei Dingen eines: entweder Ihr Herr Vater wird Ihre Wünſche befriedigen . . . oder er wird ſie nicht befriedigen . . . und in letzterem Falle werden Sie es bereuen, dieſe Summe ausgeſchlagen zu haben.“ „Und wenn er meine Bedürfniſſe auf eine genü⸗ gende Weiſe beſtreitet?“ „Nun, mein Herr, dann werden Sie mir dieſe Summe, da ſie Ihnen völlig unnütz geworden iſt, zurückgeben; doch Sie fangen an, ſich ſicherzuſtellen, und das iſt klüger! . .“ „Mein Herr, ich wiederhole Ihnen . . .“ „Ein letztes Wort . . . Denken Sie, Ihr Herr Vater, ſo freigebig er ſein mag, werde Ihnen zwanzig ſchöne und gute Tauſend-Franken⸗Billets für Ihre erſte Einrichtung in Paris zuſtellen?“ 5 6 „Dieſe Summe iſt bedeutend, ich gebe es zu...“ Und Sie bezweifeln, Ihr Herr Vater werde ſie bewilligen, nicht wahr? .. Ich, ich will nicht daran zweifeln. ich gehe weiter . . ich nehme an, er 74 werde ſogar mehr bewilligen . . . dann komme ich immer darauf zurück: Sie werden mir dieſe zwanzig tauſend Franken zurückgeben, ſobald Ihnen bewieſen iſt, daß ſie Ihnen unnütz ſind, Dank ſei es der Frei⸗ gebigkeit Ihres Herrn Vaters . . . Doch fangen Sie damit an, daß Sie dieſe Summe annehmen ... was risquiren Sie dabei? Alles dies wird ein Ge⸗ heimniß zwiſchen uns bleiben . . .“ „Angenommen, mein Herr, Sie reden die Wahr⸗ heit,“ erwiederte Maurice, endlich erſchüttert durch die verſchmitzte Logik ſeines Verführers, „ſo wird es immer Zeit für mich ſein, meine Zuflucht zu Ihnen zu nehmen . . .“ „Verzeihen Sie, mein Herr, das iſt ein Irr⸗ thüm „Wie ſo?“ „Der Capitaliſt, deſſen Makler ich bin, hat von einem ſeiner Freunde, einem Banquier in Nantua erfahren (mit einem Manne wie Sie, mein Herr, muß man offenes Spiel ſpielen), mein Patron, ſage ich, hat von einem ſeiner Correſpondenten erfahren, Herr Dumirail und ſeine Familie kommen nach Paris, um hier zu wohnen . . . mein Patron hat nun fol⸗ gende ſehr wahrſcheinliche Eventualität vorhergeſehen, in Betracht der bekannten Sparſamkeitsgewohnheiten ſeines Herrn Vaters könnte Herr Dumirail Sohn, jetzt und ſpäter, einige Vorſchüſſe nöthig haben. Mein Patron hat, in der genannten Vorausſetzung, dieſer Anlage ungefähr fünfzigtauſend Thaler gewidmet wird Ihnen einen auf dieſe Summe ſich Credit anbieten beharren Sie nun beis 3 75 gen anzunehmen, ſo iſt mein Patron nicht der Mann, der ſeine Fonds auch nur einen Tag unproductiv läßt; er wird darüber für eine andere Operation verfügen, die er im Auge hat, und nehmen Sie nicht heute meine Vorſchläge an, ſo ſind ſchon morgen ſeine Capitalien ſicher angelegt .. . Noch ein Wort, mein Herr: es dünkt Ihnen vielleicht außerordentlich, daß wir ſo raſch und ſo genau von Ihrer Ankunft in Paris und von Ihrer Wohnung unterrichtet wor⸗ den ſind?“ „Das iſt wahr.“ „Nichts vermöchte einfacher zu ſcheinen, wüßten Sie, daß jeden Tag die Eigenthümer der Hotel garnis Jedem, der ein Recht darauf hat, die Namen der bei ihnen abgeſtiegenen Fremden zuſchicken. So hat mich mein Patron, von Ihrer Ankunft unter⸗ richtet, beauftragt, Ihnen ſeine Dienſtanerbietungen zu machen, doch ich wiederhole Ihnen, Sie müſſen ſogleich einen Entſchluß faſſen . . . wenn nicht . . . im Falle einer Weigerung von Ihrer Seite .. wird mein Patron morgen über ſeine Fonds ver⸗ fügen „Wahrhaftig, mein Herr, das heißt einem die Piſtole auf die Bruſt ſetzen . . . Mein Vater muß nächſtens in Paris ankommen .. . ich bin überzeugt, er wird mir bewilligen . . .“ „ . . Alles, was Sie vernünftiger Weiſe wün⸗ ſchen mögen, ich bezweifle es nicht. In dieſem Falle beſtehe ich aufs Neue hierauf: Was liegt Ihnen daran, daß Sie dieſe zwanzigtauſend Franken ent⸗ lehnen? Sie werden dieſelben zurückgeben, wenn ſie Ihnen unnütz ſind. Dieſes Anlehen wird geheim 76 bleiben; doch Sie werden wenigſtens kluger Weiſe mit einer hinreichenden Summe verſehen ſein, um alle Eventualitäten zu pariren.“ „Wie,“ rief Maurice, immer mehr der Verſuchung nachgebend, „Sie können mir nicht wenigſtens ein paar Tage zum Ueberlegen bewilligen?“ „Mein Patron erwartet mich um ſechs Uhr, um Ihre Antwort zu erfahren: es iſt halb ſechs Uhr, mein Herr, Sie müſſen ſich alſo binnen einer Viertel⸗ ſtunde mit ja oder mit nein ausgeſprochen haben. Ich erkläre Ihnen nun, Ihre Weigerung wird nicht nur dieſes Geſchäft abbrechen, ſondern diejenigen, welche auf das erſte gefolgt wären, unmöglich ma⸗ chen; glauben Sie mir, Sie werden ſchwer, oder vielmehr Sie werden lange Zeit keine ſo vortheilhafte Angebote finden, als die, welche ich Ihnen, mein Herr, für die Gegenwart und die Zukunft u machen die Ehre habe.“ Maurice, welcher in einer grauſamen Verlegen⸗ heit war, zögerte, das wucheriſche Anerbieten, das man ihm machte, anzunehmen. Bisweilen noch von dem Einfluß der guten Grundſätze ſeiner Jugend be⸗ herrſcht und ſich der unausſprechlichen Güte ſeines Va⸗ ters wie ſeiner Mutter, des klugen Rathes von Char⸗ les Delmare, ſeiner ergreifenden Gemälde der furcht⸗ baren Folgen der Verſchwendung erinnernd, fühlte Maurice, daß ſeine Zukunft von ſeinem erſten Schritt 77 auf dem verderblichen und gefährlichen Wege abhänge, den ihm der Wucher ſo gefällig eröffnete. Erſchrocken wollte er der Verſuchung in ſolchen Momenten widerſtehen. Plötzlich aber dachte er wieder daran, daß andern Tages Lieferanten aller Art bei ihm vorſprechen wür⸗ den vom Schneider bis zum Juwelier, den Kammer⸗ diener aus vornehmem Hauſe eingerechnet, den ihm der Haushofmeiſter von Frau von Hansfeld ſchickte, und ſelbſt zwei Reitpferde vielleicht kamen, die ihr Kut⸗ ſcher für ihn ausgeſucht. Maurice hatte in thörichter Eigenliebe nicht gewagt, dieſe Anerbietung auszu⸗ ſchlagen, trotz der unentwirrbaren Verlegenheit, in welche ihn die Annahme ſtürzen mußte; alles ſollte ſich jedoch durch die wucheriſche Anleihe aplaniren, und Maurice war geneigt, die zwanzigtauſend Fran⸗ ken anzunehmen. Ein letzter Scrupel hielt ihn noch zurück; er verbarg ihn ſich nicht: er ſpeculirte durch die An⸗ leihe auf das Leben ſeines Vaters . . . er discön⸗ tirte im Voraus dieſen Tod, deſſen bloßer Gedanke bis jetzt die traurigſten, die heiligſten Gefühle kind⸗ licher Zärtlichkeit und Verehrung in ihm erweckt! Das unglückliche Kind, das weſentlich gut war und Vater und Mutter liebte, wäre ſicher vor dieſer, wir wiederholen den Ausdruck, beinahe vatermörde⸗ riſchen Idee zurückgeſchreckt, wenn Herr Leon nicht nit einer ſehr geſchickten Perfidie dem jungen Pro⸗ vinzialen dieſes Dilemma vorgehalten: „Entweder iſt Ihr Vater freigebig gegen Sie, wie er es ſein ſoll, — in dieſem Fall werden Sie, der geliehenen Summe nicht bedürftig, ſie mir zu⸗ 78 rückgeben, — oder Ihr Vater legt trotz ſeines großen Vermögens eine ungerechte Sparſamkeit an den Tag, dann haben Sie das Recht, von Ihrer Anleihe Ge⸗ brauch zu machen.“ Dieſes abſurde, aber ſehr viel Schein für ſich habende Raiſonnement ſchmeichelte den Wünſchen von Maurice zu ſehr, um nicht das Uebergewicht zu be⸗ kommen, und zuletzt ſiegte es auch in ſeinen Augen; da er jedoch noch in einem Reſte von moraliſcher Scham und menſchlichen Reſpectes ſich täuſchen, ſich über den Ernſt der Handlung, die er beging, be⸗ trügen wollte, ſagte er zu Herrn Leon, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht: „Es iſt abgemacht, daß wenn ich, wie ich über⸗ zeugt bin, dieſer Summe nicht bedarf . . . ſie Ihnen zurückgeben kann, denn ich hoffe nur der Depoſitär derſelben zu ſein.“ „Allerdings, mein Herr, Sie werden mir die zwanzigtauſend Franken zurückgeben, und ich gebe Ihnen den Schein zurück . .4 „Sie verſprechen es .. auf Ihre Ehre?“ „Auf Ehre . . wie ich Ihnen verſpreche . . . wenn dieſe Summe nicht ausreichen ſollte . . .“ „Dieſe Summe wird mir um ſo mehr ausreichen, als ich überzeugt bin, ihrer nicht zu bedürfen,“ be⸗ eilte ſich Maurice zu antworten, indem er ſich die Gewiſſensbiſſe, die ſein Herz peinigten, aus dem Sinne zu ſchlagen ſuchte. „Ich werde Ihnen alsbald ſchrei⸗ ben, daß ich die Rückgabe des Geldes in Ihre Hände bewerkſtelligen möchte.“ „Inzwiſchen, mein Herr, ſind hier Ihre zwanzig⸗ tauſend Franken . . .“ 79 „Es iſt noch einmal abgemacht, mein Herr, daß ich ſie Ihnen zurückgeben kann, ſobald ich will . . .“ ſagte Maurice, deſſen Hand zitterte, als er ſie den Billets näherte, die ihn noch eine letzte Zögerung anzunehmen hinderte. „Ich mache dieſe Anleihe nur unter dieſer abſoluten Bedingung.“ „Es iſt abgemacht, mein Herr,“ antwortete Herr Leon, der die Billets noch immer Maurice hinhielt, „aber um die Summe mir zurückgeben zu können, begiunen Sie wenigſtens damit, daß Sie ſie an⸗ nehmen.“ Maurice empfing endlich aus den Händen ſeines Verſuchers die Bankbillets, und im Augenblicke, als er die Feder ergriff, um den Empfang der Summe zu beſtätigen, durchfuhr eine kindiſche und doch zu⸗ gleich unheimliche Erinnerung Mauricens Gedanken. Er gedachte der Sagen, die Freude und der Schrecken ſeiner Kindheit, jener Sagen, welche Abends am häuslichen Herde erzählt werden, und in denen eine geheimnißvolle, fremdartige Perſon mit flam⸗ menden Augen, diaboliſchem Blicke durch einen Ver⸗ zweifelten auf einen Kreuzweg im Walde beſchworen, ihn mit ſeinem Blute einen Pact unterzeichnen ließ, in welchem er ihr für Goldſtücke ſeine Seele ver⸗ kaufte. Aber der junge Provinziale warf ſich bald ſeine nichtige Schwäche vor, zuckte die Achſeln und unter⸗ ſchrieb den Empfang. D Maurice! armes Kind! das Du Deiner männ⸗ lichen Tugenden, Deiner edeln Reinheit beraubt biſt, dieſe aus den naiven Erinnerungen an Deine Kind⸗ heit geſchöpfte Vergleichung wirv bald von furcht⸗ 80 barer Wahrheit werden. Der hölliſche Pact iſt unter⸗ zeichnet! Du haſt Deine Seele verkauft, Maurice! Von dieſem Tage iſt ſie auf immer an den Dämon der böſen, zügelloſen, vielleicht verbrecheriſchen Leiden⸗ ſchaften verkauft! Ja, ſie iſt verkauft, Deine Seele: ſie gehört Dir nicht mehr! Kl. Madame Dumirail bewohnte einen Theil des Entreſol im Hotel des Etrangers, welches in der Rue de LUniverſité liegt; einige Details über die Ein⸗ theilung der Wohnung werden zum Verſtändniß meh⸗ rerer Scenen unſerer Erzählung nothwendig ſein. Ein kleines geſchloſſenes Vorzimmer, das auf die Haupttreppe des Hauſes hinausging, führte in das Wohnzimmer und hatte drei Thüren. Die zur Rech⸗ ten ging in Maurice's Zimmer, das von dem ſeiner Mutter völlig geſchieden war, und ſtieß an ein für ſeinen Vater beſtimmtes Gemach, das einen Ausgang auf die Treppe außerhalb des Vorzimmers hatte; die linke Thüre führte in ein Cabinet, wo Jeane ſchlief, und das an das Zimmer von Madame Du⸗ mirail ſtieß. Die Mittelthüre endlich ging in einen Salon, der auch als Speiſezimmer benützt wurde. Der Tiſch war gedeckt. Es hatte ſo eben ſechs geſchlagen. Madame Dumirail und Jeane, welche in der Vertjefung eines der Fenſter ſaßen, die auf die Straße 6 8¹ gingen, welche genöhnich ſehr einſam war, beſchäf⸗ tigten ſich mit einer Stickarbeit; beide ſchien ein Kummer niederzubeugen. „Alſo, meine arme Jeane,“ ſagte Madame Du⸗ mirail ſeufzend, „bis jetzt — Paris nicht mehr, als es mich ſelbſt reizt?. „Ach, meine gute Tante .. . geſtern, als ich von unſerer Promenade in den Champs Elyſées zu⸗ rückkam .. hatte ich den Tod im Herzen . . .“ „Den Tod im Herzen .. . das will viel ſagen .. denn es gibt nichts Brillanteres, als dieſe Prome⸗ nade, dieſe ſchönen Damen, dieſe Cavaliere, dieſe Wagen. Und doch, ich hätte dieſem Spectakel, dieſem betäubenden Tumulte tauſendmal eine ruhige Promenade unter den Blumen unſerer Terraſſe auf dem Morillon vorgezogen, wo man den Anblick eines ſo herrlichen Horizontes hat . . . wo man unſere Alpen, unſere Gletſcher ſieht . . . Ach! wann wer⸗ den wir ſie wieder erblicken, unſere theuren Berge!“ Und abermals ſeufzend fügte ſie hinzu: „Aber man muß doch geſtehen, daß geſtern das Schauſpiel in den Champs Elyſées . . .“ „Für mich herzzerreißend war, mich traurig ſtimmte . . . was ſage ich? .. . mich empörte . . .“ „Dich empörte . . . Jeane? und gegen wen?“ „Gegen dieſe ganze ſchöne Welt.“ „Wahrhaftig, liebes Kind, ich begreife nicht, was Du ſagen willſt . „Was wollen Sie, Tante! ich weiß ſelbſt kaum, was ich fühle,“ antwortete das Mädchen mit nervöſer Ungeduld, und fuhr nach einer kurzen Pauſe fort: „Ach, warum ließ uns mein Onkel dem Morillon Sue, die Familienſöhne. MI. 6 82 Lebewohl ſagen? . . . Sie ſehen, meine Tante, unſer Aufenthalt in Paris wird uns kein Glück bringen.“ „Auf, Jeane, Muth. .. ſchüchtern wir uns nicht zum Voraus ein . . ich habe die Unmöglichkeit er⸗ kannt, gegen den unerſchütterlichen Willen meines Gatten anzukämpfen; ich habe auch Dich gebeten, der Nothwendigkeit Dich zu fügen; Du haſt einge⸗ willigt, uns hierher zu begleiten, ich zähle auf Dei⸗ nen guten Einfluß auf Maurice. ..“ Und indem ſie auf die Standuhr ſah, fügte ſie hinzu: „Schon ſechs Uhr! . . . mein Sohn muß jetzt jeden Augenblick kommen. Gewiß,“ fuhr ſie fort, „ich ſehe mit einer unbeſtimmten Bangigkeit auf unſern Aufenthalt in Paris, aber mein liebes Kind, ſelbſt das, daß die Umſtände ſchwierig und ernſt ſind, darf uns nicht niederbeugen . . . vielleicht wird das Uebel doch nicht ſo groß ſein, als ich fürchtete. Ich habe Dir ſchon geſagt, Herr von Morninville hat uns, Maurice und mich, auf die liebenswürdigſte Weiſe aufgenommen. Dank ſeiner Protection und der ſeiner Freunde wird mein Sohn, ohne die Rechte zu ſtudiren, was ich namentlich wegen der Bekannt⸗ ſchaften fürchtete, die er in jenen Kreiſen machen konnte, mein Sohn wird, nachdem er ein Jahr in den Bureaux des Miniſteriums der auswärtigen An⸗ gelegenheiten gearbeitet, zum Geſandtſchaftsſecretär ernannt. Es gilt deßhalb nur ein Jahr auszuhalten, worauf wir alle nach dem Lande ziehen, wo er reſi⸗ diren wird. Von jetzt bis da werden ich und mein Mann, der bald kommen muß, mit doppelt zärtlicher Sorgfalt und Wachſamkeit um ihn ſein. Was in 83 Paris am meiſten zu fürchten, ſagt man, ſind die ſchlechten Verbindungen; mein Sohn kennt hier Niemand; ſeine Zeit wird zwiſchen ſeinem Bureau, wo er fünf Stun⸗ den bleibt, und uns getheilt ſein, die wir ihn bis zum Schlafengehen hüten werden. Er wird deßhalb we⸗ der die Muße, noch die Gelegenheit, noch den Ge⸗ ſchmack bekommen, ſich mit irgend Jemand zu liiren. Unſere Liebe wird ihm genügen . . . ich garantire Dir dafür, liebes Kind; er liebt uns ſo ſehr, ſeine Gewohnheiten ſind wie die unſrigen, ſo einfach!. . .“ „Könnte er ſich dieſe Einfachheit bewahren, liebe Tante! .. „Woher kommt dieſer Zweifel? . .. „Sie werden dieſe Bemerkung lächerlich finden; als Sie jedoch dieſen Morgen in Gegenwart von Maurice den Wirth nach der Adreſſe eines beſcheide⸗ nen Schneiders fragten, welcher weniger an die Mode, als gute Waare denke, ſchien Maurice unan⸗ genehm berührt; . . . er antwortete Ihnen, er wolle nicht mehr wie ein Menſch aus der Provinz ge⸗ kleidet gehen.“ „Das iſt eine Kinderei . . .“ „Und dann rief er geſtern in den elyſéeiſchen Feldern jeden Augenblick, während ſeine Augen vor Bewunderung und Begierde leuchteten: „„Jeane, ſieh das hübſche Geſpann! .. . die ſchöne Caleſche!.. und dieſe jungen Leute zu Pferde ... welch' elegante Tournüre! . . . wie glücklich ſind ſie! . . . wie glück⸗ Mein Gott, mein Kind, ich bin die Erſte, welche jetzt und mehr als je die Wahrheit dieſer Worte unſeres Freundes Delmare erkennt: „„Maurice iſt „ 84⁴ eine jener glühenden, aber ſchwachen Naturen, die man den Verſuchungen nicht ausſetzen darf; alles hängt für ihn von der Art des Kreiſes ab, in dem er ſich bewegt.“ Herr Delmare hatte Recht. . hundert Mal Recht . . . er kannte meinen Sohn beſ⸗ ſer, als ſein Vater ihn kennt.“ „Und doch, meine gute Tante . .. haben Sie noch immer Ihre Adreſſe nicht an unſern theuern Meiſter geſandt,“ ſagte Jeane im Tone ſanften Vor⸗ wurfs . . „Er iſt ohne Zweifel in Paris, nach dem was er Ihnen in ſeinem Briefe verſprochen hat. .. er, der aus Hingebung für uns auf ſeine Einſamkeit verzichtet, und dieſe für ſeine Armuth ſehr koſtbare Reiſe unternommen hat, er endlich, deſſen Rath, Er⸗ fahrung und Stütze in dieſem Momente namentlich Maurice ſo nützlich wären.“ „Mein Kind, ich habe es Dir ſchon geſagt, es widerſtreitet meiner Redlichkeit, Herrn Delmare ohne Wiſſen meines Mannes zu empfangen; ich habe ihm nie einen meiner Gedanken, eine meiner Handlungen verheimlicht: Lüge und Heuchelei ſind mir unmöglich. Wenn ich in einem äußerſten Falle zu dem Rathe unſeres alten Freundes Zuflucht nehmen zu müſſen glaubte, würde ich es offen thun; aber ich würde dadurch Herrn Dumirail ſchwer verletzen, der mit Recht oder Unrecht. . . nach meiner Anſicht mit Un⸗ recht, mit großem Unrecht, alle Beziehungen zu einem ausgezeichneten Menſchen abgebrochen, der uns ſo viele Beweiſe von Intereſſe gegeben. Um mich je⸗ doch zu dem Entſchluſſe zu bringen, meinem Manne einen wirklichen Kummer zu bereiten, müßte ich mie 3 Le 3 85 Umſtänden gegenüber befinden, die, wie ich hoffe, nicht eintreten werden.“ „Möchten Sie, meine Tante, Ihren Entſchluß nie bereuen . . . Wie groß muß die Unruhe des Herrn Charles Delmare ſein, wenn er die Nutzloſig⸗ keit einer Reiſe einſieht, deren Zweck ſo edelmüthig war!“ „Ohne Zweifel, aber ich habe Dir ſchon geſagt, welchen Widerwillen ich dagegen habe, Deinem Onkel die unbedeutendſte meiner Handlungen zu verheim⸗ lichen; ſo hatte er mir zum Beiſpiel anempfohlen, ſogleich am Tage nach unſerer Ankunft meine Schwä⸗ gerin aufzuſuchen, um ihr mitzutheilen, daß Mau⸗ rice wie Albert die diplomatiſche Carriere betreten werde, und . . .“ Aber Madame Dumirail unterbrach ſich plötzlich, als ſie Jeane unwillkürlich zittern ſah, und rief: „Was haſt Du, mein Kind?“ „Nichts, meine Tante . . .“ antwortete das junge Mädchen, welche den Schrecken nicht ausdrücken wollte, nicht auszudrücken wagte, den ihr der bloße Gedanke, San Privato wiederzuſehen, und der Ge⸗ danke an den Einfluß einjagte, dem ſie für immer entrückt zu ſein glaubte, als er den Morillon ver⸗ laſſen. „Ich ſagte deshalb, daß, als ich meinen Beſuch bei meiner Schwägerin hinausſchieben zu müſſen glaubte, obgleich mein Mann ihn mir empfohlen, ich ihn davon benachrichtigt, weil ich die Gewohnheit habe, ihm nichts zu verbergen.“ Einer der Domeſtiken des Hotels trat ein und ſagte zu Madame Dumirail: 86 „Madame hatten das Diner auf fünf Uhr be⸗ fohlen, es iſt ſechs . . . kann mon ſerviren? „Noch nicht . . . warten Sie, bis mein Sohn zu Hauſe gekommen,“ antwortete Madame Dumirail dem Diener, welcher das Zimmer verließ. XII. Madame Dumirail ſagte, nachdem der Diener weggegangen, mit einer gewiſſen Unruhe zu ihrer Nichte: „Mein Gott! wie Maurice zögert, nach Hauſe zu kommen . . . es iſt ſchon drei ſtarke Stunden, daß er fort ging. Möglich übrigens, daß er, un⸗ bekannt in Paris, ſich verirrt hat.“ „Sie vergeſſen, meine Tante, daß er in einem Fiacre weggefahren . . .“ „Das iſt wahr . . . Man muß ihn ſehr lange haben antichambriren laſſen bei dieſer Frau Baronin ven on „ . . von Hansfeld . .“ verſetzte Jeane in einem brüsken Tone, indem ſie erröthete: „ſie nennt ſich Frau von Hansfeld . . .“ „Wie haſt Du dieſen fremden Namen ſo leicht behalten, liebe Jeane?“ „Ich habe ihn behalten . . . weil er mich eben ſo ſehr frappirt hat, als das unbegreifliche Beneh⸗ men dieſer Dame,“ fügte das junge Mädchen nicht ohne eine gewiſſe Bitterkeit hinzu: „denn ſie ſchrieb mit einer ſeltſamen Vertraulichkeit an einen Men⸗ ſchen, den ſie nie geſehen.“ 87 „Es war, wie mir ſcheint, nichts zu Vertrauliches in dem Briefe dieſer jungen Dame, mein Kind; ſie bat einfach Maurice, bei ihr vorzuſprechen, um ihm eine Mittheilung in Familien⸗Angelegenheiten zu machen.“ „Mag ſein . . .“ antwortete Jeane trocken, „ich täuſche mich. Dieſe Perſon, eine der reichſten, der eleganteſten Damen von Paris, nach dem, was ihr Diener ſagt, muß beſſer als ich armes Mädchen aus der Provinz die Gebräuche der großen Welt kennen.“ „Jeane, Deine Antwort iſt erzwungen! Du ſagſt nicht Deinen ganzen Gedanken . . .“ „Meine Tante .. .“ „Liebes Kind, haben wir nicht ſchon und werden wir nicht das Bedürfniß haben, uns gegenſeitig mit voller Offenheit unſer Herz auszuſchütten? Sind unſere Pflichten, unſere Zwecke nicht dieſelben, ich bin ſeine Mutter, Du wirſt ſeine Frau werden. Iſt es nicht unſere Aufgabe, über ihn zu wachen, uns darüber zu beſprechen und uns zu unterſtützen. Wie wollten wir aber reüſſiren, mein Kind, wenn es uns gegenſeitig an Vertrauen fehlte?“ „Liebe und gute Tante,“ verſetzte Jeane, milder geworden, „entſchuldigen Sie einen Augenblick der Aufregung; ich leide.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Seit Kurzem bin ich die Beute abſurder, un⸗ ſinniger Ahnungen, die weit ſtärker als meine Ver⸗ nunft ſind; gegen ſie kämpfe ich vergebens: ſie meh⸗ ren ſich von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute.“ 88 „Und was iſt der Gegenſtand dieſer Ahnungen, armes Kind?“ „Dieſe Dame... die Baronin von Hansfeld...“ „Erkläre Dich.“ „Alles ſcheint mir außergewöhnlich in ihrem Be⸗ nehmen.“ „Nun weiter?“ „Und dann, meine Tante, wie hat ſie die Adreſſe von uns gewußt, die wir ſo unbekannt in Paris ſind?“ „Ich geſtehe, ich habe daran nicht gedacht.“ „Ferner, wenn es ſich wirklich um Familien⸗ Angelegenheiten handelte, müßte dieſe Dame ſich nicht in Abweſenheit meines Onkels an Sie wenden, ſtatt, Maurice, ihn, der beinahe ein Kind iſt, zu ſich kommen zu laſſen.“ „Das iſt auch wahr. Das macht mir Beden⸗ ken . . . und mein Sohn kömmt nicht zurück; er hatte mir verſprochen, vor vier Uhr heimzukehren.“ „Und nun iſt es bald halb Sieben . . . Sehen Sie, meine Tante, was ſoll man davon denken?..“ „Mein Gott, Jeane, Du erſchreckſt mich! Ich hatte ebenfalls ein unbeſtimmtes Gefühl von der Selt⸗ ſamkeit des Benehmens dieſer Perſon, ich wollte ja Anfangs Maurice bis an die Thüre des Hotels der Baronin begleiten; ſie iſt, wie man ſagt, eine der eleganteſten Damen von Paris; ſie muß alſo, wie mir ſcheint, jung und ſchön ſein . . .“ „Leider ja, meine Tante, und ich . . .“ Jeane unterbrach ſich jedoch und barg ihr Ge⸗ ſicht in ihre Hände. Madame Dumirail verſetzte unruhig: „Liebes Kind, ich beſchwöre Dich, ſage mir Alles — — —— — 89 . Du ſchweigſt . . . Du errötheſt . . . Deine Augen füllen ſich mit Thränen . . .“ „Ach, wenn ich erröthe, iſt es über mich ſelbſt. .. wenn ich weine, ſo geſchieht es aus Scham,“ ant⸗ wortete Jeane und rief mit herzzerſchneidendem Tone: „Dieſe Frau iſt jung und ſchön, ich habe eine Ahnung davon, ich bin eiferſüchtig . . . ich bin thöricht!“ Dann warf ſich das junge Mädchen unter Thränen an den Hals von Madame Dumirail und murmelte: „Verzeihung, meine Tante . . . verwünſchte Reiſe . . . verwünſchte Reiſe!“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür und Maurice trat in das Zimmer. XIII. Mauricens Züge, welche die Heftigkeit der un⸗ geahnten, neuen, ſich widerſprechenden Gefühle, die ihn ſo eben durchwühlt, erſchüttert und ermattet, hatten ſeit einigen Stunden ſich beinahe vollſtändig umgewandelt; man las darin eine eigenthümliche Miſchung von Stolz, Selbſtgewißheit und Unzufrie⸗ denheit mit ſich ſelbſt. Dieſe Art von Umwandlung, welche ſeinem Geſichte einen anziehenden Ausdruck verlieh, deſſen ſelbſt der unaufmerkſamſte Beobachter inne geworden wäre, konnte Madame Dumirail nicht entgehen. Sie trat lebhaft einige Schritte auf ihren Sohn zu, dann blieb ſie ſtehen und betrachtete ihn mitt ängſtlicher Beſorgtheit, während Jeane die Spu⸗ ren ihrer Thränen zu verwiſchen ſuchte. 90 „Mein Gott! liebes Kind,“ ſagte plötzlich Ma⸗ dame Dumirail, „was iſt Dir begegnet?“ „Was willſt Du ſagen, meine Mutter?.. Es iſt mir nichts begegnet.“ „Das iſt unmöglich . . .“ „Ich verſichere Dich .. .“ „Noch einmal, es iſt unmöglich, daß Dir nichts begegnet wäre. . . Dein armes Geſicht iſt ja ganz verändert .. . Ich wüßte nicht zu ſagen, worin dieſe Aenderung beſteht und doch beunruhigt ſie mich .. Jeane, biſt Du nicht auch meiner Anſicht? Sieh Maurice an — ſieh ihn mal an!“ Das junge Mädchen, ihre Bewegung bemeiſternd, erhob ihre Augen zu ihrem Bräutigam, der durch die mütterliche Scharfſichtigkeit zu gleicher Zeit be⸗ ſtürzt und verlegen wurde. Jeane war, wie geſagt, bislang von eiferfüchtigen Gefühlen beherrſcht geweſen, deren Unvernünftigkeit ſie ſelbſt anerkannte, weil ſie noch nicht einmal wußte, ob Frau von Hansfeld jung oder alt, ſchön oder häßlich ſei. Indeß das junge Mädchen erlag der Herrſchaft dieſer Gefühle, die unbegreiflich erſcheinen würden, wenn man nicht ſo viele analoge Beweiſe dieſer Art zweiten Geſichtes hätte, die der wahren Liebe eigen iſt, einer Intuition, die namentlich bei leidenſchaftlichen Perſonen häufig iſt, welche mit einer außerordentlich nervöſen Senſibilität behaftet ſind, wie Jeane es war. Maurice, welcher immer verlegener wurde, ſenkte den Blick, und ſeine Couſine, die ihn mit ſchweigen⸗ der Aufmerkſamkeit betrachtete, empfand einen ſtechen⸗ den Schmerz im Herzen. Sie war überzeugt, ohne 91 ſich den Grund davon erklären zu können, daß dieſe auffallende Veränderung, die in der Phyſiognomie ihres Bräutigams vorgegangen, dem Einfluß der Baronin von Hansfeld zuzuſchreiben ſei und mur⸗ melte leiſe: „O! die Befürchtungen meines Herzens haben mich nicht getäuſcht!“ Der Diener des Hotels, welcher eintrat, um das Diner nach den Befehlen von Madame Dumirail zu ſerviren, befreite Maurice für den Augenblick von ſeiner wachſenden Verlegenheit. Er zweifelte nicht, daß ſeine Mutter und ſeine Braut, Dank einer un⸗ glaublichen Scharfſichtigkeit, ahnten, es müſſe eine wichtige Revolution in ſeinem Schickſal ſtattgefunden haben. Er bedauerte von Neuem ſeine wucheriſche Anleihe, aber er machte ſich keineswegs einen Vor⸗ wurf aus ſeiner plötzlichen und brüderlichen Zunei⸗ gung zu Antoinette. Hatte ſie ſich nicht mit eben ſo viel Wohlwollen als Achtung über Madame Du⸗ mirail und Jeane geäußert? Das Reſultat dieſer Selbſtprüfung war für Mau⸗ rice, daß er abgeſehen von ſeinem wucheriſchen An⸗ lehen, und noch war es nur bedingt, über kein Un⸗ recht zu erröthen brauchte. Madame Dumirail und die beiden Brautleute nahmen an dem Tiſche Platz, und durch die Anweſen⸗ heit des Domeſtiken, der ſie bediente, genirt, beobach⸗ teten die Speiſenden tiefes Schweigen. Nichts entgeht einer unruhigen und wachſamen Mutter. Madame Dumirail bemerkte, daß Maurice mehrere Gläſer Waſſer hinter einander austrank, und daß er die Speiſen, die man ihm anbot, kaum 66 berührte, er, der ſonſt einen ſo kräftigen Appetit hatte. Jeane verlor ſich in den bittern Ideengang der Eiferſucht, die ſich ihrer Seele bemächtigt hatte, ein Gefühl, deſſen furchtbare Herrſchaft dieſe tapfere und rechtlich geſinnte, aber dabei glühende, leicht empfindliche und bis zum Exceß ſtolze Natur unter⸗ jochen mußte. „Mein Gott! Maurice, wie Du verändert biſt,“ ſagte plötzlich Madame Dumirail zu ihrem Sohne, der ſo eben eine zweite Flaſche Waſſer von dem Diener verlangt hatte, „haſt Du Fieber?“ „Nein, meine Mutter; aber es iſt heiß und ich habe ſtarken Durſt.“ „Du iſſeſt ja gar nichts,“ fügte Madame Dumi⸗ rail hinzu, als ſie ſah, daß ihr Sohn wieder die Speiſen, die man ihm anbot, zurückwies. „Du fühlſt Dich alſo doch unpaß, mein Kind?“ „Nein, meine Mutter, nur die Veränderung der Luft iſt an dem Mangel an Appetit ſchuld.“ Als der Diener nun fort war, um etwas zu holen, begann Madame Dumirail wieder, ohne ihre Bangigkeit zu verheimlichen: „Wir ſind allein, mein Freund; ich bitte Dich, ſage uns die Urſache dieſer Veränderung, die man ſo deutlich an Dir bemerkt und die Jeane und mich ſo ſehr beunruhigt; Du wirſt uns nicht einreden, daß Dir nichts begegnet ſei?“ „Meine liebe Mutter, ich wiederhole Dir und werde es Dir bis zum Ueberdruß wiederholen, daß mir nichts begegnet iſt.“ „Mein Kind . . .“ 93 „Du kannſt die Frage zwanzig Mal an mich rich⸗ ten, liebe Mutter, Du wirſt zwanzig Mal dieſelbe Antwort bekommen, weil ich Dir keine andere zu ge⸗ ben weiß.“ „Wenn Du dieſen Entſchluß gefaßt, mein Freund, ſo werde ich nicht verſuchen, mich in einen hartnäcki⸗ gen Streit mit Dir einzulaſſen.“ „Ich wäre unglücklich, wenn ich Dein Herz ver⸗ wunden ſollte, meine Mutter, aber ich kann Dir nur die Wahrheit antworten . . .“ „Die Wahrheit,“ verſetzte Madame Dumirail mit einer zweifelnden Miene. „Genug, ich dränge nicht weiter in Dich Und nach einer Pauſe e fuhr ſie fort: „Du ſagſt uns nichts von Deinem Beſuche bei jener Dame .. „Ich wartete bis wir allein wären.“ „Was iſt denn jene ſo . . . wichtige Mitthei⸗ lung,“ fuhr Madame Dumirail fort, dieſes Wort be⸗ tonend, „welche Dir jene Dame zu machen, hatte.“ „Die Frau Baronin von Hansfeld. Maurice betonte dieſen Titel mit einem gewiſſen e „Die Frau Baronin von Hansfeld hat erfahren, daß mein Vater die Abſicht hegt, den Morillon zu verkaufen und wünſcht dieſes Beſitzthum zu erwerben.“ „Das iſt Alles . . . mein Sohn?“ „Ja, meine Mutter. „Und um Dich einſach zu befragen, ob Dein Vater dieſe Domaine verkaufen wolle oder nicht, be⸗ hielt Dich dieſe Dame drei lange Stunden bei ſich?“ „Meine Tante, das erklärt ſich leicht,“ warf Jeane 9⁴ mit einer fieberhaften Ironie ein; „Maurice wird, um dieſer Perſon eine genaue Idee von dem Erwerb zu ge⸗ ben, den Sie machen ſoll, ohne Zweifel verſchiedene An⸗ ſichten vom Morillon vor ihr entworfen und ihr das Haus vom Keller bis zum Speicher ſchriftlich de⸗ taillirt haben, — zu ſolchen Aufſchlüſſen waren min⸗ deſtens drei Stunden erforderlich.“ „Wir haben nicht einzig und allein von dieſer Acquiſition geſprochen,“ verſetzte Maurice leicht pikirt durch Jeanes ironiſchen Accent; „Frau von Hans⸗ feld und ich ſprachen noch über viele andere Dinge.“ „Ihre Converſation muß ſehr geiſtreich geweſen ſein, da ſie Dich vergeſſen ließ, daß Deine Mutter Dich um fünf Uhr zum Diner erwartete . „Meine liebe Jeane, Frau von Hansfeld hat wirklich unendlich viel Geiſt und dabei beſitzt ſie ein vortreffliches Herz... und einen noblen Charakter.“ „Wirklich!“ antwortete das junge Mädchen mit zuſammengezogenen Lippen erzwungen lächelnd; „das iſt ja entzückend . . . und um das Portrait dieſes pariſer Phönir zu vollenden, wird er uns wahrſchein⸗ lich ſagen, daß dieſe Dame von wunderbarer Schön⸗ heit iſt. . . und in der Blüthe der Jugend ſteht.“ Jeane wartete mit grauſamer Angſt auf die Ant⸗ wort Mauricens, obgleich ſie ſie ahnte. „Frau von Hansfeld iſt fünfundzwanzig Jahre alt, und in der That auffallend ſchön,“ verſetzte Maurice, immer pikirter durch das werdend, was er für ſehr ungeſchickt angebrachten Scherz hielt, den er einer unpaſſenden Neigung zum Spott zuſchrieb, wäh⸗ rend er die Eiferſucht, die in Jeane tobte, nicht ahnte. Das argwöhniſche Kind, welches ſeine Ahnungen 95 beſtätigt fand, — darin wenigſtens, daß ſie erfuhr, Frau von Hansfeld ſei reich, betitelt, jung, auffallend ſchön, und mit allen Gaben des Geiſtes und des Herzens ausgeſtattet, das unglückliche Kind, ſagen wir, der Heftigkeit ihrer lebhaften und glühenden Phantaſie nachgebend, an ſich ſelbſt, an Maurice, an der Zukunft verzweifelnd, und dies ohne ernſte, volle Urſache, erſtickte die Thränen, die ihr Stolz hatte, die Galle, in die ſich ihr Herz tauchte, und ſtellte ſich, den Tiſch raſch verlaſſend, an das Fenſter unter dem Vorwande, die Abendluft genießen zu wollen in Wahrheit aber, um die Riſſe ihres Herzens nicht aufzudecken. Madame Dumirail ihrerſeits, welche bereits in Betreff der Frau von Hansfeld durch ihren mütter⸗ lichen Inſtinkt, der nicht minder mißtrauiſch, als Jeane's Liebe war, etwas argwöhniſch geworden, fand es trotz ihrer Unerfahrenheit in der pariſer Welt, aber von ihrem geſunden Verſtande geleitet, höchſt ſeltſam, daß gelegentlich eines Gutsverkaufs Frau von Hansfeld in einer dreiſtündigen Unter⸗ haltung mit Maurice es paſſend gefunden, ihm die Schätze ihres Herzens, ihres Charakters und Geiſtes aufzuſchließen: ſie ſtellte deshalb ihrem Sohne eine Frage, welche in ihren Augen die Zweifel, die ſie hegte, ins Licht ſetzen mußte, und ſagte: „War der Gemahl dieſer ſchönen Dame bei Eurer Unterhaltung zugegen, mein Freund?“ Dieſe Frage, welche Maurice in der Haſt ſeiner Nachmittagsfreuden nicht einmal ſich ſelbſt geſtellt hatte, machte ihn beſtürzt, dann nachdenklich, und indem er ſich fragte, ob der Baron todt ſei oder lebe, erſchien 96 es ihm eigenthümlich, daß Antoinette unter ſo vielen rührenden und vertraulichen Geſtändniſſen ihm nicht einmal geſagt, ob ſie Wittwe ſei oder nicht. Ganz von dieſem unerwarteten Gedanken abſor⸗ birt, blieb Maurice einige Minuten ſtill, was die Zweifel von Madame Dumirail noch vermehrte. Jeane, welcher es gelungen war, ihrer Gefühle Herr zu werden oder vielmehr ſie zu verdecken, trat vor ihren Bräutigam. Sie war blaß und wie er, ach! wie ſchrecklich, gleichfalls beinahe ganz verändert. Die lachende Unſchuld ihres engelgleichen Geſichtes war einem ſtolzen, ſardoniſchen, gereizten Ausdruck ge⸗ wichen; das leichte Runzeln ihrer Wimpern, das Schwellen ihrer roſigen Naſenflügel, die wie ihr Bu⸗ ſen wogten, die ſtolze, beinahe gebieteriſche Haltung ihres Kopfes zeigten deutlich, wie ihr Stolz gegen die tödtlichen Schmerzen zu revoltiren ſuchte, die ſie ſich als eine Feigheit vorwarf. Madame Dumirail, ſehr erſtaunt über das Schwei⸗ gen ihres Sohnes, ſagte zu ihm: „Ich fragte Dich, mein Freund, ob der Gemahl dieſer Dame.. bei Eurer Unterhaltung zugegen war?“ „Nein, meine Mutter.“ „Gewöhnlich indeß fallen die Gütererwerbungen in den Reſſort des Mannes. Dieſe Dame iſt alſo, ſcheint es, Wittwe?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wie, Maurice,“ ſagte Jeane, ihren Sarkasmus verdoppelnd und dabei wohl fühlend, daß ſie ſich auf einen immer ſchlimmeren Weg wagte, „wie, un⸗ ter den köſtlichen Herzensergüſſen, die Dir die ſelte⸗ † nen Tugendſchätze, welche das Herz dieſer unſchätz⸗ — —— 97 baren Frau umſchließen, enthüllten, konnte Dich nichts ahnen laſſen, ob ſie ihrem Manne geſetzlich angetraut war. wie es jede ehrbare Frau ſein ſoll?“ „Alles, was ich weiß, Jeane, und dafür ſtehe ich, wie für mich, iſt, daß die Frau Baronin von Hansfeld, Wittwe oder nicht, Niemand zu beneiden hat, was die Eigenſchaften des Geiſtes oder Her⸗ zens betrifft,“ antwortete Maurice beinahe zornig, da er ſich noch immer die Urſache des offenbaren Widerwillens ſeiner Mutter und Jeane's gegen Frau von Hansfeld nicht erklären konnte. „Ich kenne dieſe Dame nicht und ich weiß nicht, ob ſie in der That alle dieſe Eigenſchaften des Her⸗ zens beſitzt,“ verſetzte Madame Dumirail; „indeſſen, mein Freund, finde ich, wie Jeane, es ziemlich eigen⸗ thümlich, daß während eines Geſpräches von drei Stunden ſie weder auf ihren Mann, noch auf ihre Wittwenſchaft angeſpielt.“ „Das geſchah wohl deshalb, weil ſie wahrſchein⸗ lich ſeit mehreren Jahren Wittwe iſt,“ antwortete Maurice; dann, um eine Unterhaltung, die ihm eine Qual war, abzubrechen und zugleich befürchtend, die Geduld möchte ihm ausgehen, ſetzte er hinzu: „Meine liebe Mutter und Du, Jeane, bitte, laßt uns lieber von etwas ſprechen, was Euch eben ſo ſehr als mich intereſſirt, von meinen Arbeiten, meinen Studien, von der Verwendung meiner Tage und endlich von der Einrichtung unſeres Lebens in Paris.“ „Es ſei, mein Kind,“ ſagte Madame Dumirail, da ſie fühlte, daß es ihr in dieſem Augenblicke vhne Zweifel unmöglich ſein würde, in das Geheimniß zu dringen, das Maurice in Bezug auf ſeine lange Un⸗ * Sue, die Familienſöhne. II. 98 terhaltung mit Frau von Hansfeld bewahren wollte: „es ſei, mein Kind, kein Geſpräch könnte uns an⸗ genehmer ſein, als das, welches Du uns vorſchlägſt.“ „Nun denn, Mutter, ſo beginnen wir mal mit der Verwendung meines Tages: Morgens um neun Uhr begebe ich mich in das Miniſterium der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten, wo ich in dem Bureau des Herrn von Morninville bis vier Uhr arbeite.“ „Ganz gut, mein Freund. Du weißt, ich kämpfte wie unſere liebe Jeane und Du ſelbſt mit allen Kräften gegen die Ideen Deines Vaters, bezüglich der neuen Carriere, die Du einſchlagen ſollteſt; dieſe Ideen haſt Du zuletzt zu den Deinigen gemacht, das iſt eine fertige Thatſache: man muß deshalb ſo viel Nutzen als möglich aus der Situation ziehen; an meinen Ermuthigungen wird es Dir nicht fehlen.“ „Ich zähle auf Deine Güte, liebe Mutter; ich hoffe, daß Du mit mir zufrieden ſein ſollſt; ich bin entſchloſſen, angeſtrengt zu arbeiten, mich durch mein Verdienſt emporzuarbeiten und ſo die Zeit meiner Verbindung mit Dir, meine vielgeliebte Jeane, näher zu rücken . . .“ fügte Maurice hinzu, indem er einen Blick des jungen Mädchens ſuchte und ihre ſchlechte Stimmung in Beziehung auf Frau von Hansfeld zu verſcheuchen hoffte. Aber Jeane ſchlug die Augen nicht auf: ein ſchmerzliches. Lächeln ſpielte um ihre Lippen und ſie antwortete: „Wie viel wird noch bis dahin geſchehen, Mau⸗ 4 rice!“ „Allerdings, liebe Jeane; aber jeder Tag wird mich dieſer glücklichen Zeit näher bringen . Die „ 99 Zeit wird wohl auch raſcher vergehen, als wir es denken, gute Mutter; doch auf die Verwendung meines Tages zurückzukommen, ich werde alſo von neun Uhr Morgens bis vier Uhr auf dem Bureau des Herrn von Morninville arbeiten.“ „Sehr gut, mein Kind. Um vier Uhr kommſt Du wieder zurück, und wenn das Wetter es erlaubt, machen wir einen langen Spaziergang bis zum Diner; nach dieſem nehmen Jeane und ich unſeren Ar⸗ beitskorb, während Du nach dem Rath des Herrn von Morninville die Abhandlungen über das, was er das Völkerrecht nennt, und andere ernſte Werke ſtudirſt, von denen er uns ein Verzeichniß gegeben; das mag bis zehn dauern. Dann legen wir uns zu Bette, damit Du früh aufſtehen kannſt, um wieder Dein Völkerrecht zu ſtudiren, ehe Du Dich auf das Bureau begibſt. Im Ganzen, meine Kinder, obgleich ich mich noch immer nach unſerem glücklichen Leben auf dem Morillon ſehne, werden wir doch wohl Mittel finden, hier unter uns recht angenehm zu leben, nicht wahr?“ Dieſes von Madame Dumirail mit einer naiven Zuverſicht aufgeſtellte Programm unterſchied ſich ſo ſehr von dem anziehenden Programm, welches Frau von Hansfeld aufgeſtellt, daß Maurice zitterte und die Kluft gewahrte, welche zwiſchen ſeinen geheimen Wünſchen und den Ausſichten ſeiner Mutter gähnte. Er verlor jedoch die Hoffnung nicht, ſie zu Inten⸗ tionen zurückuführen, die mehr mit ſeinen Hoffnun⸗ gen übereinſtimmten. 100 „ XIV. So rechtfertigten ſich bereits die bangen Ahnungen Charles Delmare's, die er damals ausſprach, als er an Herrn Dumirail nach ihrem Bruche ſchrieb: „Ihre Frau und Sie verkennen in dem Ueber⸗ maß Ihrer Zärtlichkeit, Ihrer argwöhniſchen Be⸗ ſorgtheit, ganz ſicher die Bedürfniſſe, die Wünſche, welche nothwendiger Weiſe bei Ihrem Sohne der Einfluß deſſen, was man das pariſer Leben nennt, hervorruft. „Während Sie vollkommene Erzieher auf dem Morillon ſind, weil ſie hier in Ihrem Mittelpunkte, in Ihrem wahren Centrum, auf Ihrem eigenen Terri⸗ torium, durch Ihre Erfahrung ſtark, ſind, und kluger⸗ weiſe Maurice daran gewöhnt haben, die Einfachheit Ihres Geſchmackes, Ihrer Gewohnheiten zu theilen, brauchten Sie hier nur ſeine ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften ſich entwickeln zu laſſen, bis er ein fertiger und im Guten vollſtändig befeſtigter Mann geworden, da nichts in Ihrer Umgebung ſeine ſchlimmen Triebe wach rief, reizte und einen Kampf zwiſchen ſeinen Leivenſchaften und ſeinen Pfflichten veranlaſſen konnte, einen unheilvoller Kampf, weil er von heſtigem und ſchwachem Charakter iſt. „In Paris dagegen läßt Sie die Erfahrung im Stiche; zu vernünftig, zu feſt, zu vorgerückt im Alter, um den tauſend Verlockungen der großen Stadt zu folgen, werden Sie dieſelbe unverrückbare Klugheit bei Maurice erwarten; Sie werden weder ſeinen zwanzig Jahren Rechnung tragen, noch ſeiner Orga⸗ 10¹ niſation, noch der Natur ſeines Charakters, noch der unwiderſtehlichen Macht der Verſuchungen, denen er auf Schritt und Tritt ausgeſetzt iſt. „Sie werden von Ihrem Sohne verlangen (und das in beſter, von Ihrer Zärtlichkeit dictirter Abſicht), von Ihrem Sohne verlangen, ſage ich, daß er über ſeine Kräfte verzichte; Sie werden von ihm verlan⸗ gen, daß er Aug' und Ohr vor den Verführungen aller Art ſchließen ſoll, von denen er umgeben iſt, weil dieſe Verführungen Sie taub und blind finden. „Er wird Sie des Egoismus, der Härte ankla⸗ gen, Sie werden ihm ſeine Zügelloſigkeit vorwerfen. „Kälte, Uneinigkeit werden zwiſchen Sie treten und eines Tages wird er Ihnen davonlaufen... Das iſt ſchlimm. „Ach! hüten Sie ſich.. hüten Sie ſich! Die Atmo⸗ ſphäre von Paris iſt beinahe immer für ungeſtüme und ſchwache Charaktere tödtlich, wenn ſie nicht von einem Mentor geleitet und geſtützt ſind, welchem eine tiefe Erfahrung in der Praxis der Menſchen und Dinge zur Seite ſteht; und Sie, die Sie ihn durch ſo viele Klippen zu führen haben, Sie haben ſo wenig, als er, je Ihre Berge verlaſſen.“ XV. Maurice ſammelte ſich einen Augenblick, nachdem er das Programm feiner Mutter vernommen, und fuhr dann lächelnd fort: „Gute und liebe Mutter, ich finde wirklich nichts an der Art auszuſetzen, wie Du meinen Tag vertheilſt.“ 102 „Ich zweifelte nicht daran, mein Kind, und...“ „Verzeihung . . laß mich vollenden ich begreife die Nothwendigkeit des Studiums; auch bin ich, wie Du mir räthſt, entſchloſſen, um fünf Uhr Morgens aufzuſtehen, um bis zu dem Augenblicke zu arbeiten, wo ich auf das Miniſterium der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten gehe, in dem ich bis vier Uhr bleibe. Nur von dieſem Zeitpunkt an differire ich mit Dir in einigen Punkten, was die Verwen⸗ dung der übrigen Zeit betrifft.“ „Erkläre Dich, mein Freund, wir werden uns ſicher verſtändigen.“ „Ich bin zum Voraus davon überzeugt, meine gute Mutter; auch will ich ganz offen ſprechen. Ich bin bald einundzwanzig Jahre; Du biſt zu gerecht, um nicht einzugeſtehen, daß man in meinem Alter, wenn man von fünf Uhr Morgens bis vier Uhr Rachmittags gearbeitet hat, einiger Zerſtreuungen bedarf?“ „Gewiß, mein armes Kind . . auch war ich die Erſte, die Dir ſagte, daß, wenn das Wetter es er⸗ laubt, wir jeden Tag . .. „Wir eine Promenade mit Dir und Jeane machen werden . . . Das iſt ganz gut . . . aber . . .“ „O, das iſt nicht Alles, mein liebes Kind: ich habe mich ſo ſehr als Du um Dein Vergnügen und Deine Zerſtreuungen bekümmert; ſo biſt Du zum Beiſpiel beinahe ſeit der Kindheit an das wilde Vergnügen der Jagd und an Excurſionen in unſeren Bergen gewöhnt; es wäre deshalb ſehr ſchädlich für Deine Geſundheit, eine blos ſitzende Lebensweiſe zu führen; auch gehen, leider zum Nachtheil für das Völkerrecht, Deine Zerſtreuungen und Deine Geſundheit Allem 103 vor; Du wirſt deshalb zwei bis drei Mal in der Woche von fünf bis neun Uhr Morgens eine große Promenade außerhalb der Mauern von Paris machen.“ „Du wirſt mir indeſſen zugeſtehen, meine gute Mutter, daß eine Morgenpromenade außerhalb der Mauern von Paris keineswegs als ein Vergnügen betrachtet werden kann. Ich rufe Dich zum Richter auf, liebe Jeane.“ „Entſchuldige mich, Maurice, ich wäre darin ein ſchlechter Richter, denn es ſcheint mir, daß eine lange Morgenpromenade, die ein ſüßer Gedanke erfüllt, mehr noch als ein Vergnügen iſt.“ „Ich bin weit entfernt, liebe Jeane, den Reiz einer Promenade, bei der uns ein ſüßer Gedanke be⸗ gleitet, zu leugnen, wenn dieſe Promenade durch un⸗ ſere Jurathäler und Berge führt; wenn man jedoch darauf beſchränkt iſt, dieſe monotonen Ebenen zu durchmeſſen, deren Anblick uns ſo düſter geſtimmt, als wir in der Umgegend von Paris ankamen, ſo wirſt Du eingeſtehen . .“ „O! ich räume ein,“ ſagte Jeane mit Bitterkeit, „wenn der Gedanke, dem Du Dich hingibſt, ſo we⸗ nig Reiz und Macht für Dich hat, daß er dem An⸗ blick äußerer Gegenſtände untergeordnet iſt, dann iſt alleidings eine ſolche Promenade erbärmlich . . .“ „Jeane,“ warf Maurice ein, „ich weiß nicht, wie Du heute biſt, aber Deine Worte ſind bisweilen von einer Herbigkeit . . .“ „Du frägſt mich um meine Meinung, ich gebe ſie Dir . . . wenn ich Dir wehe gethan, ſo entſchul⸗ dige mich.“ 2 „Erlaubt, meine Kinder, keine Bitterkeit, wenn 104 Ihr mich nicht ſehr kränken wollt,“ ſagte Madame Dumirail. „Was Deinen Einwurf betrifft, Mau⸗ rice, ſo antworte ich, als wir auf dem Morillon leb⸗ ten, fandeſt Du Dein Vergnügen, Deine Zerſtreuung in unſerem Familienleben, im Zeichnen, der Lectüre, dem Spazierengehen, der Jagd; ich weiß nun nicht, weshalb, mit Ausnahme der Jagd, die Zerſtreuungen, die Dir auf dem Morillon genügten, Dir nicht auch in Paris genügen ſollten, mein Freund.“ „Einfach, liebe Mutter, weil Paris nicht der Morillon iſt.“ „Das brauchſt Du nicht erſt zu ſagen.“ „Weil in Paris eine Menge von Vergnügungen Dich reizen und darunter, liebe Mutter,“ fügte Mau⸗ rice, ſich an die Worte der Frau von Hansfeld er⸗ innernd, hinzu: „darunter verſtehe ich anſtändige, ehrbare Vergnügungen, die Herz und Geiſt erfreuen, und nicht jene gefährlichen, herabwürdigenden Ver⸗ gnügungen, von denen Paris wimmelt; ſolche werde ich immer mit Abſcheu fliehen; aber Du wirſt es für ſehr natürlich halten, daß ich die Vergnügungen wünſche, an welchen die bedeutendſten Menſchen Geſchmack finden.“ „Von welchen Vergnügungen ſprichſt Du, mein Freund?“ „Was weiß ich? Die Oper, die Italiener, eine zu Pferde in den Champs Elyſée's . „Die Oper . .. die Italiener?“ wiederholte Ma⸗ dame Dumirail mit einem naiven Erſtaunen. „Wie, mein armes Kind, hatten wir denn auf dem Morillon Oper, Italiener, Champs⸗Elyſée's?“ „Aber noch einmal, meine liebe Mutter, wir 105 ſind nicht mehr auf dem Morillon, wir ſind in Paris.“ „Nun wohl! . . aber fühlen ich und Jeane das Bedürfniß, nach der Oper oder zu den Italienern zu gehen, um unſere Abende zu verbringen?“ „Was wollen Sie, meine Tante? wir haben das Unglück, nicht in die glänzenden Bedürfniſſe des pa⸗ riſer Lebens eingeweiht zu ſein, wie dies Maurice neuerdings, ganz neuerdings geworden ſcheint,“ ver⸗ ſetzte Jeane mit wachſender Bitterkeit, denn ſie ahnte den Einfluß der Frau von Hansfeld in dem Aus⸗ druck der weltlichen Wünſche, welche Maurice ſo eben geäußert. Dieſer, durch die Scharfſichtigkeit und die Sarkasmen ſeiner Braut ungeduldig gemacht und ge⸗ reizt, hielt deſſenungeachtet an ſich, und Madame Dumirail wandte ſich mit dem Tone ernſter und be⸗ ſtimmter Zärtlichkeit an ihn. „Mein liebes Kind, ſprechen wir vernünftig. Du kennſt die Gewohnheiten der Ordnung, der Oecono⸗ mie, deren wir uns, Dein Vater und ich, niemals entſchlagen haben und niemals entſchlagen werden; wir haben Dir nichts verſagt, wir werden Dir nichts verſagen, was, wohl verſtanden, in den Grenzen der Billigkeit und Möglichkeit bleibt: das Eine jedoch bedenke; unſere Reiſe und unſer Aufenthalt in Paris, das war, iſt und wird ſehr koſtſpielig ſein; ich habe nur eine Dienerin mitgebracht; wir ſind in einem beſcheidenen Hotel abgeſtiegen und ich erſchrecke in der That, wenn ich bedenke, daß wir drei und Joſette täglich nahe an vierzig Franken brauchen. Du hörſt, mein Freund, vierzig Franken täglich! 8 und das nur für den Tiſch und das Logis, die an⸗ 106 deren Ausgaben ungerechnet; ſo daß ich, wenn Dein Vater nachkommt, ſicher bin, wir werden alles in Allem fünfzig bis ſechzig Franken brauchen . . . das macht mehr als achtzehn hundert Franken monatlich! Das iſt enorm! Und wenn ich daran denke, daß auf dem Morillon, wo wir ſehr gut lebten und mehrere Do⸗ meſtiken hatten, die monatliche Ausgabe des Hauſes niemals ſechs bis ſieben hundert Franken überſtieg! Mein liebes Kind, Du haſt zu viel Vernunft, zu viel Herz, um nicht anzuerkennen, daß wir mit der ſtrengſten Heconomie in Paris zu leben genöthigt ſind. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir nichts von den hundert Franken monatlich abſchneiden werden, welche Dir Dein Vater für die kleinen Vergnügun⸗ gungen ausgeſetzt. Dieſe Summe, die Du auf dem Morillon nicht zu verwenden wußteſt, wird Dir in Paris, Du haſt es mir oft geſagt, mehr als genü⸗ gen . . . es iſt ein Opfer, das wir bringen . wenn man die ungeheure Vermehrung unſerer Aus⸗ gaben in Betracht zieht . . . aber, mein Freund, wir wollen, daß Dir nichts abgehe, nichts, ſelbſt der Ueberfluß nicht, denn, außer dieſer für Deine klei⸗ nen Vergnügungen beſtimmten Summe, haſt Du ja alles frei. Ich habe, wie Du weißt, bereits bei dem Wirthe einen Schneider, nicht nach der Mode, ſon⸗ dern einen Schneider beſtellt, der neben ſchöner Waare auch etwas Solides liefert. Ich werde mor⸗ gen ſehr ſchöne Leinwand kgufen, um mit Hülfe von Jeane und Joſette ein Dutzend feiner Hemden für Dich zu machen; ich werde endlich alles thun, was menſchenmöglich, damit Dir nichts zu wünſchen übrig, was innerhalb des Vernünftigen bleibt; denn, 107 mein liebes Kind, behalte immer im Auge: wir müſſen, ich wiederhole es Dir, in Paris mit der ſtrengſten Sparſamkeit leben. Laſſen wir deshalb denen, die reich genug ſind, ſich dieſen Lurus erlau⸗ ben zu können, die Oper, die Italiener, die Spazier⸗ ritte in den Champs Elyſée's. Wir wollen unſere Zerſtreuungen, unſere Vergnügungen in unſerer ſtillen Häuslichkeit ſuchen, und Gott ſei Dank, darin wenig⸗ ſtens, meine Kinder, können wir uns noch in unſerer lieben Einſamkeit auf dem Morillon glauben.“ XVI. Maurice hatte Madame Dumirail mit düſterer Aufmerkſamkeit und tiefer Entmuthigung angehört; er dachte nicht mehr daran, die Vernunftgründe zu bekämpfen, mit denen ſeine Mutter die Nothwendig⸗ keit dieſer ſtrengen Oeconomie unterſtützte, welche er für übertrieben, beinahe für ſchmutzig hielt, ſeit er die Höhe des väterlichen Vermögens kannte; vor die⸗ ſer Entdeckung und namentlich vor ſeiner Begegnung mit Frau von Hansfeld, hätte er vielleicht die Rich⸗ tigkeit der Bemerkungen ſeiner Mutter anerkannt, Bemerkungen, die von ihrem Standpunkte als gute und vorſichtige Hausfrau richtig waren, die aber von einer Frau ausgingen, welche, weil ſie (wie ſchon Charles Delmare geſagt) die Gefahr der un⸗ widerſtehlichen Verſuchungen, die das pariſer Leben bietet, nicht fühlt, ſie auch nicht begreifen kann. Maurice war feſt entſchloſſen, jenes Darlehen zu annulliren, das er wirklich als ein bedingtes an⸗ 110 „Wir wollen unſere Zerſtreuungen, unſere Ver⸗ gnügungen in unſerer ſtillen Häuslichkeit ſuchen, und Gott ſei Dank, darin wenigſtens, meine Kinder, kön⸗ nen wir uns noch in unſerer Einſamkeit, auf dem Morillon, glauben.“ Maurice, welcher ganz niedergeſchlagen und in die Gedanken verſunken war, die wir entwickelt, ant⸗ wortete nichts; Jeane jedoch, welche die Urſache ſei⸗ nes Schweigens ahnte, nahm mit Bitterkeit das Wort: „Wie ſoll man glauben, liebe Tante, daß Mau⸗ rice anders, als in unſerer ſtillen Häuslichkeit ſeine Zerſtreuungen, ſein Vergnügen finden werde? Er ſollte uns weniger lieben, als wir ihn lieben? Er ſollte ſich ſchon von uns los machen? Die Liebe ſeiner Mutter, ſeiner Braut ſollten ihm bereits nicht mehr genügen?. . . Sein Aufenthalt in Paris ſollte plötzlich ſeinen Geiſt und ſein Herz verändert haben? Dieſes gebieteriſche Bedürfniß des Spazierritts und der Oper ſollte ihm plötzlich ſeit geſtern . . . was ſage ich . . . ſeit vorhin geworden ſein? Dieſe ſelt⸗ ſame Metamorphoſe ſeines einfachen Geſchmacks wäre alſo heute zwiſchen drei und ſechs Uhr vor ſich ge⸗ gangen?“ „Jeane!“ ſagte Maurice lebhaft, indem er end⸗ lich ſeinen lang unterdrückten Zorn zum Ausbruch kommen ließ, „ich geſtehe Dir, ich finde dieſe unauf⸗ hörlichen ſchändlichen Anſpielungen auf eine Dame, die die Achtung aller Welt . . . und zwar zuerſt die Deine verdient, ebenſo ſ6ieht angebracht, als uner⸗ träglich.“ i rief das jn Mdchen ſtolz, „wie 111 geringen Werth auch meine Achtung haben mag, ich gewähre ſie nur Perſonen, die derſelben würdig ſind..“ „Die Frau Baronin von Honsfeld iſt Deiner Achtung würdig und ich darf hinzufügen, doß ſie auch Deiner Achtung würdig iſt, meine Mutter ...“ „Mein Sohn, dieſe Dame iſt mir fremd und ich wußte nicht . . .“ „Nun, meine Mutter, lerne ſie ſchätzen. Sie ſprach mir von Dir und Jeane in ebenſo wohlwol⸗ lenden, als achtungsvollen Ausdrücken und ich „Mit welchem Rechte auch ſollte dieſe Dame ge⸗ wagt haben, anders von Deiner Mutter und mir zu ſprechen, als mit dem Reſpecte, den man uns ſchul⸗ dig iſt?“ verſetzte Jeane, indem ſie mit blitzenden Augen, zitternden Naſenflügeln den Kopf erhob, wäh⸗ rend ihr anbetungswürdiges Geſicht von der Röthe der Eiferſucht, der Entrüſtung und des Schmerzes übergoſſen wurde, denn ſie täuſchte ſich nicht über dies Feuer, mit dem ihr Bräutigam Frau von Hans⸗ feld vertheidigte. Er verſetzte deßhalb in noch ge⸗ reizterem Tone: „Dieſe Frau, um mich Eures verächtlichen Aus⸗ drucks zu bedienen, . . . dieſe Frau ſteht durch die Hoheit ihres Charakters, hören Sie wohl, Jeane, auf Ihrer Höhe und hat überdies den unſchätzbaren Vorzug vor Ihnen, daß ſie den Vorzügen der An⸗ dern volle Gerechtigkeit widerfahren läßt . . ſtatt ſich von blinder Eiferſucht hinreißen zu laſſen . . „Ich . eiferſüchtig auf Sie. . jetzt? beruhi⸗ gen Sie ſich, Maurice,“ verſetzte Jeane mit herzzer⸗ reißendem Tone und die Augen in Thränen gebadet, 112 „Sie kennen mich nicht, Sie haben mein Herz und meinen Stolz, ich ſehe es, nie gekannt!“ „Jeane . .. Maurice!“ ſagte Madame Dumirail troſtlos über dieſen Streit, „meine Kinder . . ich beſchwöre euch, reizt euch nicht gegenſeitig; es han⸗ delt ſich, ich bin es überzeugt, um einen Irrthum.“ In dieſem Augenblick trat Joſette, die Dienerin, in das Zimmer; ſie hielt einen mit braunrothem Lack breitgeſiegelten Brief in der Hand, an welchem ſie mit Wolluſt roch, denn er ſtrömte einen ſüßen Par⸗ fum aus; Maurice, ſeine Mutter und Jeane, ganz in ihr Geſpräch vertieft, hatten das Rollen eines Wagens, der ſo eben vor der Thüre des Hotel des Etrangers hielt, nicht gehört. „Ach! wie das gut riecht, wie das gut riecht!“ wiederholte Joſette, den Duft des Briefes einathmend, den ſie endlich ihrem jungen Herrn gab, indem ſie ſagte: „Ein Brief für Sie, Herr Maurice; er iſt von dem großen gepuderten Lakai, der an allen Nähten galonirt iſt und ſchon dieſen Morgen da war.“ Maurice nahm den Brief, entſiegelte ihn raſch, las ihn, wurde purpurroth und ſchien unentſchieden. Der Brief lautete folgendermaßen: „Mein lieber Maurice, ich habe Ihnen zwei Worte zu ſagen; ich erwarte Sie in meinem Wagen; bitte, verſagen Sie mir nicht eine Unterhaltung von fünf Minuten: es handelt ſich für mich um ein ſehr wichtiges Intereſſe. Ihre beſte Freundin A. v. H.“ * Madame Dumirail und Jeane wechſelten einen ausdrucksvollen Blick, während Maurice das Billet las, das er ſo eben empfangen; bald aber wurde die Aufmerkſamkeit des jungen Mädchens durch das Stampfen der Roſſe, welche vor dem Hotel des 6trangers hielten, abgezogen, ſie eilte an das Fen⸗ ſter, das auf die Straße ging, und ſah ein elegantes Coupé mit zwei herrlichen, prachtvoll geſchirrten Pferden außen halten. Jeane ſteckte, einer von Angſt erfüllten Neugierde nachgebend, den Kopf hinaus, als im ſelben Augen⸗ blicke Frau von Hansfeld, der dies Coupé gehörte, ſich an den Schlag lehnend, die Augen nach dem Entreſol erhob. Die Blicke der beiden Frauen begegneten ſich und beinahe ebenſo bald zog ſich Antvinette in den Fond des Wagens zurück, während Jeane, von der Schönheit ihrer Rivalin geblendet, wie verſteinert daſtand. Sie wurde durch den Ton der Stimme von Ma— dame Dumirail wieder zum Bewußtſein zurückge⸗ rufen. Dieſe ſagte: „Mein Sohn . . was will dieſer Brief? . wohin gehſt Du?“ „Meine Mutter, die Briefe, welche ich empfange, gehen nur mich an,“ antwortete Maurice in dem Augenblicke, als ſich Jeane umdrehte. „Ich gehe nur für einen Moment; ich bin bald wieder zurück; ich verſichere Dich!“ 6 „Er lügt!“ rief Jeane, außer ſich vor Schmerz undVerzweiflung. „Jene Frau iſt hier, in ihrem Wagen unten an der Thüre, ſie erwartet ihn!“ Und mit Sne, die Familienſöhne. IMI. 8 114 feierlichem Tone ſich an ihren Bräutigam wendend, ſagte ſie: „Maurice, hüte Dich, alles iſt auf immer zwiſchen uns aus, wenn . . „Er wird nicht gehen, ich verbiete es ihm!“ rief Madame Dumirail, jener Art von paniſchem Schre⸗ cken verfallend, von dem Jeane ihr ein Beiſpiel gab. „Mein Sohn, ich verbiete Dir, das Zimmer zu ver⸗ laſſen.“ WMutter biite „Du wirſt nicht gehen!“ „Ich bitte Dich, Mutter, bedenke, daß ich kein Kind mehr bin.“ „In jedem Alter mußt Du mir gehorchen. ..“ „Wenn Deine Befehle billig ſind, werde ich ſie ſtets reſpectiren . . . meine Mutter; aber in dieſem Falle iſt dem nicht ſo.“ „Du wagſt es . „Ich wünſche mich auf einige Augenblicke zu ent⸗ fernen; ich werde bald wieder zurück ſein, ich ver⸗ ſpreche es Dir . „Wie . trotz meines Verbots!“ rief Madame Dumirail außer ſich, als ſie ihren Sohn ſeinen Hut nehmen und ſich nach der Thüre begeben ſah. „Un⸗ glückliches Kind . halte ich Sie vollendete nicht. Maurice ging raſch zur Thüre hinaus. Seine Mutter, die Augen mit den Händen bedeckend, murmeltemitthränenvoller Stimme; „Mein Sohn iſt verloren.“ Jeane, welche blaß wie eine Todte geworden und ihre Kräfte beinahe ſchwinden fühlte, trat langſam an das Fenſter, ſah ihren Bräutigam end⸗ lich in den Wagen ſteigen, der ſich alsbald raſch 115 entfernte, und ihm mit einem düſtern und finſtern Blicke folgend, ſagte das junge Mädchen dumpf; „Lebe wohl, Maurice .. lebe wohl für immer. habe Dich treu und chrlich geliebt; aber ich ge⸗ höre nicht zu denen, welche die Verachtung ertragen. Du haſt meine Liebe getödtet . . . es iſt um ſie ge⸗ ſchehen! . . . Lebe wohl, Maurice! Lebe wohl für immer!“ XVII. Am Tage, nachdem Frau von Hansfeld, ſo zu ſagen, Maurice unter den Augen ſeiner Mutter und Braut entführt, kam er im Fiaker in das Hotel des Etrangers zurück. Maurice, welcher auf ſolche Weiſe nun den Weg betreten, der ſo viele Söhne von guter Familie in das Verderben führt, hatte eine galante Dame zur Geliebten und die erſte Wucherſchuld contrahirt. Die Courtiſane (von hoher oder niedriger Stufe) und der Wucherer, dieſe beiden beinahe unzertrennlichen Typen, ſtehen immer wie zwei Sym⸗ bole des Ruines am Eingang dieſes ſchlimmen Weges, 3 va den ſich, von ihren Leidenſchaften verführt, ſo viele junge Leute verirren. Die Einen gehen, nach den Umſtänden oder der Art ihres Charakters, nur Schritt für Schritt, ſchüch⸗ tern und zuweilen ausſetzend, auf dieſem Wege vor⸗ wärts. 1 Andere dagegen, wie Maurice, ſtürzen wild, mit 16 einem vollen S6 und ohne Uebergang hinein, vom Feuer ihrer Jugend fortgeriſſen und zugleich durch die unwiderſtehliche Macht der Gelegenheit un⸗ terjocht und erfaßt. Fügen wir noch hinzu, daß Jeane, indem ſie Frau von Hansfeld mit wohl verdienten Sarkasmen überhäufte, ihren Bräutigam erzürnt und gereizt hatte, der von nun an Antvinette als das unſchuldige Opfer ungerechter Vorurtheile betrachtete. Madame Dumirail endlich hatte in ihrer über⸗ triebenen mütterlichen Beſorgtheit ihren Sohn ent⸗ muthigt, zurückgeſchreckt, indem ſie ihm mitten in Paris eine Art klöſterlicher Einſchließung auferlegen wollte, und ſeine Eigenliebe gekränkt, indem ſie ihm verbot, zu Frau von Hansfeld hinabzugehen, welche ihn vor der Thüre erwartete. Er achtete nicht auf den Befehl ſeiner Mutter und begab ſich zu Antvi⸗ nette. Dieſe, ſtatt ſich mit einer Unterredung von einigen Minuten zu begnügen, wie ſie ſie von Mau⸗ rice verlangt hatte, ließ ihn zu ſich in den Wagen ſteigen, führte ihn nach Hauſe, wußte den Zorn des jungen Mannes gegen ſeine Mutter und ſeine Braut mit einer geſchickten Perfidie zu ſteigern und auszu⸗ beuten und zeigte ſich zärtlich, leidenſchaftlich, lie⸗ bestoll. Da man den Charakter, die Antecedenzien, u vor Allem die Organiſation Mauricens kennt, w man den Einfluß begreifen, den eine Frau wie Antoi nette plötzlich auf dieſe energiſche Natur gewann Die große Anziehungskraft, die ſie für ihn hatte, glich in nichts ſeiner ſo reinen Liebe zu ſeiner Braut, eine Liebe, die auch keineswegs in ihm erloſchen war; aber er mußte um ſo ſicherer den Verführungskünſten 117 ſeiner Verſucherin erliegen, als ſie in allem von Jeane ſich unterſchied, denn er hätte ſie nie verlaſſen, um ein anderes junges Mädchen von ähnlicher Rein⸗ heit und Unſchuld zu lieben. Der Rauſch, deſſen Herrſchaft Maurice unterlag, brachte eine Störung und Verwirrung in ſeinen Geiſt, in ſein Herz, die das Wiſſen von Gut und Böſe vermiſchte. Auf dieſe Weiſe mußte eine plötzliche, beinahe blitzſchnelle Metamorphoſe in ihm vorgehen, welche ihn ohne Uebergang auf einen gefährlichen Weg brachte. „Antoinette liebt mich,“ dachte Maurice in ſeiner Extaſe, während er nach Hauſe fuhr, wo ihn ſeine Mutter und Jeane in einer Todesangſt erwarteten. „Ja, ſie liebt mich, dieſe bezaubernde Frau; ach, es iſt um wahnſinnig zu werden! Ich würde es auch, ohne die Gewißheit, ſie bisweilen um zwei Uhr zu ſehen. Wie lange wird mir die Zeit bis dahin wer⸗ den! Mein Gott! welches Glück iſt mir geworden! iſt es zu glauben? Von ihr geliebt zu ſein: ſo lei⸗ denſchaftlich, daß ſie dieſer Liebe ſogar das Anden⸗ ken ihres Mannes opfern wird, den ſie liebte und verehrte! Sie iſt ſtolz, ſie iſt glücklich durch meine Liebe! Sie will damit glänzen, ſagt ſie, indem ſie mich bisweilen in ihrem Wagen auf die Promenade führt! Wie Viele werde ich neidiſch, wie Viele eifer⸗ ſü tig machen! Aber morgen werde ich ſie zu Pferde begleiten! Ihr Kutſcher hat geſtern für mich zwei reizende Racenpferde gekauft; man wird ſie mir die⸗ ſen Morgen vor unſer Hotel bringen, wo auch die renommirten Lieferanten erſcheinen werden. Gibt es etwas, was zu ſchön, zu elegant für den Gelieb⸗ ten der Baronin von Hansfeld wäre? O! das „ 118 Geld, die Jugend, die Liebe! erhabene, leuchtende und untheilbare Dreieinigkeit! Was iſt die Jugend ohne die Liebe? Was die Liebe ohne den Luxus, der ſie krönt? Glück! Glück! ich bin jung! ich bin reich, weil mein Vater reich iſt. .. Man hat mir zwanzig tauſend Franken geliehen. Man wird mir fünfzig, man wird mir hunderttauſend Franken leihen, wenn ich ſie brauche, um würdig neben Antoinetten zu er⸗ ſcheinen, der Frau, die jetzt in Paris am meiſten in der Mode iſt, neben Antvinetten, meiner angebeteten Geliebten!. . . Ach! keine Macht der Welt kann uns auseinander bringen, weder mein Vater, noch meine Mutter!“ Die Erinnerung an ſeinen Vater und an ſeine Mutter rief Maurice die Wirklichkeit etwas in das Gedächtniß zurück und weckte in ſeinem Herzen einige ſtammelnde Gewiſſensbiſſe. Er ſagte zu ſich: „Gute Mutter! wie groß wird ihre Unruhe wäh⸗ rend meiner Abweſenheit geweſen ſein? Ich hätte ſie beruhigen und ihr ſchreiben ſollen; aber ich war in meinem Delirium, und ich hatte den Kopf nicht mehr beiſammen. Wie wird ihr Empfang ſtreng und gereizt ſein! . . . und dann gar die Kaufleute, die mich ohne Zweifel erwarten . . . wenn ſie ſie ſieht, was wird ſie ſagen? Ich fürchte mehr ihre Thräne als ihren Zorn . . . Und Jeane! hat ſie mi nicht geſtern geſchworen, daß Alles zwiſchen uns aus ſei, wenn ich zu Antvinetten ginge, die mich in ihrem Wagen erwartete. Die arme Jeane! Sie hatte durch ihre beißenden Spötteleien gegen Frau von Hansfeld, auf die ſie eiferſüchtig war, meine Geduld erſchöpft. Und doch, theures und unſchul⸗ 1¹9 diges Mädchen, liebe ich Dich, ich werde Dich ewig lieben, wie eine Schweſter, mehr wie eine Schweſter, aber mit einer andern Liebe, als die, welche mich für Antoinetten erfüllt. Mein Gott, welches Chaos herrſcht in meinen Gedanken.“ Während dieſer Reflexionen hat ſich der Fiaker mit Maurice immer mehr dem Hotel des Etrangers genähert. XVIII. Die verſchiedenen Lieferanten, welche Herr von Otremont Maurice zugeſchickt, erſchienen pünktlich gegen acht Uhr Morgens im Hotel des Etrangers. Mehrere unter ihnen, wie der Hemdenfabrikant, der Juwelier, der Stockhändler (um jene Zeit trug man Abends Stöcke von großem Werth) hatten Proben ihrer Induſtrie bei ſich; ſie fragten nach Herrn Mau⸗ rice Dumirail, erfuhren, daß er ſeit dem vorher⸗ gehenden Abend nicht nach Hauſe gekommen, daß es jedoch nicht mehr lange dauern könne, bis er zurück⸗ käme; und auf die Einladung des Wirthes warteten ſie auf ihren neuen Kunden in dem für ſeinen Vater beſtimmten Zimmer, das noch nicht beſetzt war; der Haupteingang, der vollkommen außer Berührung mit dem Zimmer von Madame Dumirail ſtand, ging auf die Treppe, eine innere Thüre führte jedoch in den Salon. Die verſchiedenen Kaufleute, welche beinahe alle, jeder nach ſeinem Handelsgegenſtand, dieſelbe Kund⸗ ſchaft unter der eleganten Welt hatten, kannten ſich, 120 und während ſie den jungen Mann aus der Pro⸗ vinz erwarteten, unterhielten ſie ſich wie folgt: „Meine Herren, hat Ihnen nicht Herr von Otre⸗ mont, wie mir, den Kunden empfohlen, den wir er⸗ warten? 53 „Ja.“ „Herr von Otremont, der in Beziehung auf die Bezahlung ſeiner Rechnungen ein Muſter iſt, konnte mir offenbar nur einen ſehr zuverläſſigen Zahler em⸗ pfehlen.“ „Gewiß, und dann ließ mir auch Herr von Otre⸗ mont durch ſeinen Kammerdiener ſagen, daß ich meine Waaren mit größter Zuverſicht unſerem Kun⸗ den überlaſſen, könne, der der Sohn einer guten Fa⸗ milie iſt. „Und der Sohn einer guten Familie, den Herr von Otremont empfiehlt, vielleicht ſogar lancirt, iſt eine wichtige Kundſchaft. „Namentlich, wenn die genannte Kundſchaft erſt debütirt, wie dieſer junge Mann, bei dem wir ſind; die „Familienſöhne“ bezahlen ihre Rechnungen im⸗ mer pünktlich, ſo lange ſie noch im Morgenrothe wandeln . . 6 „Im Worgenrothe das iſt ſehr hübſch!“ „Ah, meine Herren, wie wäre es, wenn w bis Herr Maurice Dumirail kömmt, eine Miniatur⸗ Induſtrie⸗Ausſtellung veranſtalteten. Er brauchte dann blos unter den Gegenſtänden, die wir ihm brin⸗ gen, zu wählen.“ „Das iſt eine gute Idee .. . „Das iſt ein wahrer kleiner Bazar.“ Die Kaufleute machten ſich ans Werk und brei⸗ — . — 121 teten um die Wette, wie ſie geſagt, ihre Artikel aus. Hier geſtickte Batiſthemden, fünfzig Louisd'or das Duzend, und eine reizende Auswahl von Phan⸗ taſiecravatten; ferner Toiletten⸗Neceſſaires von Silber oder im Feuer vergoldeten Silber; Uhren mit Ketten, und mit ſchweren Steinen beſetzt, Weſtenknöpfe, und Halsbindennadeln von Perlen, Rubinen, Smaragden, umgeben von Brillanten; Soireeſtöcke mit Onyr⸗, Lapis Lazuli⸗ oder Emailleknöpfen, die mit Edelſteinen eingelegt waren; Reitpeitſchen mit eiſelirtem Golde; endlich alle jene Produkte der Luxus⸗Induſtrie und noch andere Dinge waren mit jener verführeriſchen Kunſt der Auslage, jener Ausſtellungs⸗Wiſſenſchaft, die den pariſer Kaufleuten eigenthümlich iſt, um einander gruppirt. Während ſie damit beſchäftigt waren, ihre im⸗ proviſirte Ausſtellung anzuordnen, hörte man in der Straße das ungeduldige Schnauben von Pferden, welche man auf und ab führte, und einer der Aus⸗ ſteller, welcher an das Fenſter getreten war, gewahrte zwei reizende Vollbluthacks“), der Eine ein Gold⸗ fuchs, der andere von kaſtanienbraunem Schwarz, in ihre Decken und Ohrenkappen gehüllt und von zwei Stallknechten geführt. Herr Moſes, einer der berühmteſten Pferdehändler der Champs⸗Elyſées ſtieg zu gleicher Zeit aus ſeinem Tilbury; bald trat er zu den Lieferanten in das Zimmer des Entreſol, und Ausſtellung gewahrend, ſagte er in heiterem Tone: *) Promenadepferde. 122 „Ah, meine Herren, nicht blos die Pferdehändler wiſſen ihre Waare geſchickt herauszuputzen.“ „Sie kommen ohne Zweifel wie wir, mein lie⸗ ber Moſes, auf die Empfehlung von Herrn von Otremont.“ „Nein, meine Herren. Tom Brown, der erſte Kutſcher der Frau Baronin von Hanszeld, iſt dieſen Morgen in meinen Stall gekommen, um als feiner Kenner die beiden ſchönſten Reitpferde auszuwählen. Ich habe ſie ihm um den Preis von elftauſend fünf⸗ hundert Franken überlaſſen; der Handel iſt abge⸗ ſchloſſen. Tom Brown hat mir geſagt, daß ich ſie hierher zu Herrn Maurice Dumirail bringen ſolle, dem ich alles Vertrauen ſchenken dürfe, und hat mich zugleich beauftragt, einen Groom für den Herrn zu ſuchen, der ihm zu Pferde folgen und als Stallknecht dienen könnte, da die Pferde bei mir bleiben ſoll⸗ ten, bis Herr Maurice Dumirail ſein Haus einge⸗ . richtet. Kennt Jemand von Ihnen dieſen Herrn?“ „Er wurde uns von Herrn von Otremont als ſehr zahlungsfähig empfohlen, aber wir kennen ihn ſonſt nicht!“ „Ah, ſehen Sie, das iſt ohne Zweifel ſein neuer Kammerdiener, Herr Simon; er war zuletzt im Dienſte des Marquis von Bellecombe.“ 3 In dieſem Augenblicke trat wirklich Herr Simon ein, ein Mann von reifem Alter, der von dem größ⸗ ten Theile der Kaufleute gekannt war; der Eine von ihnen ſagte zu ihm: „Ah, guten Morgen, Herr Simon; ſind Sie jetzt nicht in Dienſten bei Herrn Dumirail?“ „Allerdings, mein Herr, ich erhielt geſtern Abend von dem Haushofmeiſter der Frau Baronin von Hansfeld, meinem alten Freunde, zwei Louisd'ors Handgeld und trete nun dieſen Morgen bei meinem neuen Herrn ein.“ „Sie kennen ihn alſo nicht?“ „Ich habe ihn nie geſehen,“ antwortete Simon, „ich glaube jedoch, daß er dies iſt,“ fügte er mit leiſer Stimme in dem Augenblicke hinzu, wo Mau⸗ rice in dem Zimmer erſchien, „denn man hat mir geſagt, daß der Herr beinahe ſechs Fuß meſſe.“ Der junge Mann aus der Provinz wurde von den Lieferanten gegrüßt und dann mit einem be⸗ greiflichen Dienſteifer umdrängt, welcher an die un⸗ nachahmliche Scene des Schneiders und des Herrn Jourdain im Bourgois gentilhomme erinnerte. „Wollen der Herr nicht Hemden nach dem beſten Geſchmack wählen,“ ſagte der Hemdenhändler zu Maurice, „der Herr Herzog von Boinville hat die gleichen gekauft.“ „Der Herr Marquis von Bellecombe, in deſſen Dienſten der Kammerdiener des Herrn Dumirail ſtand, hat mir jüngſt zwei Nadeln, die eine Perlen und Rubinen, die andere Smaragd und Diamant befohlen, welche ganz gleich mit dieſen ſind.“ „Dieſe Stöcke mit Knöpfen von Lapis⸗Lazuli, Onyr oder Email ſind die von unſeren Elegants am meiſten getragenen, und Herr Dumirail werden ſich ihrer nicht entſchlagen können.“ „Wenn der Herr ſeine Einkäufe gemacht,“ ſagte der Pferdehändler nun ſeinerſeits, „werde ich die Decken von den Reitpferden abnehmen laſſen, welche ich gebracht habe, und ich wette, daß man in den 124 Champs Elyſées keine zwei Hacks findet, welche reineres Blut und mehr Chic haben. Nur das Voll⸗ blutpferd des engliſchen Geſandten kann mit dem Goldfuchſen verglichen werden, welchen Sie ſogleich ſehen werden, und der die Zierde Ihrer Ställe bilden wird.“ „Ich war im Begriffe, dem Herrn Grafen von Bailleul nach ſeinem Schloſſe in Bailleul ein voll⸗ ſtändiges Kleideraſſortiment zu ſchicken,“ ſagte der Schneider; „der Herr Graf hat den Vortheil, eine ebenſo ſchöne Taille wie die Ihrige zu beſitzen; die Kleider ſcheinen wie für Sie geſchnitten; und Sie ſollen ſich zuerſt verſehen können. Es iſt ſchlimm für den Herrn Grafen, meiner Treu; aber er muß warten!“ „Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu verſichern, daß dieſe Kleider Ihnen ebenſo gut gehen werden, als wenn ſie für Sie gemacht worden,“ fügte Simon, der Kammerdiener, reſpectvoll hinzu. „Ich habe die Ehre, den Herrn Grafen von Bailleul von Anſehen zu kennen, und ſein Wuchs iſt derſelbe, wie der Ihre, obgleich der Ihre weit eleganter iſt.“ Maurice, beſtochen durch dieſe einſtimmigen Schmei⸗ cheleien, geblendet durch den Anblick ſo vieler Gegen⸗ ſtände von ausgezeichnet geſchmackvoller Eleganz, war im Begriffe, Alles zu kaufen, was man ihm anbot, um ſich die Verlegenheit der Wahl zu erſparen, als er plötzlich ſeine Mutter, Madame Dumirail, ein⸗ treten ſah. XMX. Nach einer ſchlafloſen Nacht, unter den unaus⸗ ſprechlichſten Bangigkeiten und unheimlichſten Ver⸗ muthungen wegen Mauricens länger dauernder Ab⸗ weſenheit, zugebracht, hatte Madame Dumirail auf ſeine Rückkehr geharrt. Vomfrüheſten Morgen an das Fenſter gelehnt, mit ihren angſterfüllten Blicken weit in die Ferne ſchweifend, wartete ſie ſchon ſeit langer Zeit; endlich ſah ſie ihn aus einem Fiaker ſteigen, der vor dem Hotel hielt. Durch die Erſcheinung ihres Soh⸗ nes von der drückenden Laſt ihrer Beſorgniſſe befreit, vergaß ſie anfangs ihren gerechten Zorn gegen ihn; erwägend jedoch, daß in einer ſo wichtigen Sache die Rachſicht ein Vergehen wäre und einen gefähr⸗ lichen Vorgang bilden würde, beſchloß Madame Du⸗ mirail ihn mit einer verdienten Strenge zu empfan⸗ gen; als ſie ihn jedoch nicht erſcheinen ſah und Jo⸗ ſette nach ihm ſchickte, erfuhr ſie, daß er verſchiedene Lieferanten in dem Zimmer empfange, das bislang noch nicht beſetzt war. * Madame Dumirail öffnete die Verbindungsthüre, welche in den Salon ging, erſchien plötzlich vor ihrem Sohne und gewahrte die auf den Möbeln ausgeleg⸗ ten Induſtrieproducte der Kaufleute. Maurice zitterte bei dem Anblicke ſeiner Mutter und ſein Herz zog ſich zuſammen, ſeine gewöhnlichen Gefühle von Zärtlichkeit und kindlicher Ehrfurcht ge⸗ wannen anfangs wieder die Herrſchaft über ihn und verlegen und betrübt ſenkte er die Augen, nicht wa⸗ gend, ſich Madame Dumirail zu nähern. Dieſe wandte ſich lebhaft und im Tone des Vorwurfs an die Lieferanten: „Es iſt nicht ehrenhaft von Ihnen, meine Her⸗ ren, einen jungen Mann zu tollen Ausgaben zu ver⸗ locken, ſeine Schwachheit und Unerfahrenheit auf ſolche Weiſe zu benützen? Gehen Sie, meine Herren, Sie ſollten über Ihr Betragen erröthen . . .“ „Madame,“ verſetzte einer der Kaufleute, durch die Vorwürfe von Madame Dumirail verletzt, „ver⸗ nehmen Sie, daß wir nicht zu denen gehören, welche das Vertrauen der jungen Leute mißbrauchen ...5 „Wir ſind ehrenhafte Kaufleute, Madame!“ „Wenn wir hieher gekommen ſind, ſo geſchah es, weil man uns geſchickt hat,“ verſetzte ein anderer Lieferant; während Maurice purpurroth vor Scham und Zorn werdend, im Innern ſeine Mutter an⸗ klagte, daß ſie ihn in eine ebenſo demüthige als lächerliche Situation brachte. „Und wer, meine Herren, hat ſich erlaubt, Sie hierher zu ſchicken?“ fragte Madame Dumirail mit wachſender Aufregung; „wer wagte es, meinen Sohn, der außer Standes iſt, zu bezahlen, zu ſolchen An⸗ käufen zu veranlaſſen?“ „Wir ſind auf die Empfehlung eines unſerer reſpectabelſten Kunden, des Herrn Vicomte Richard d'Otremont, hierher gekommen, Madame.“ „Und ich,“ fügte der Pferdehändler barſch hinzu, „habe auf die Empfehlung der Frau Baronin von Hansfeld die beiden ſchönſten Pferde meines Stalles hierhergebracht.“ „ „Wie!“ rief Madame Dumirail entrüſtet, „Sie ſchämen ſich nicht, ſich auf dieſe Weiſe zu Verbün⸗ ————————— 127 deten einer Frau zu machen, die, nicht zufrieden, meinen Sohn zu verführen, ihn auch noch Schulden zu machen veranlaßt! . . Dieſe furchtbare Creatur hat ſich alſo den Untergang meines unglücklichen Kin⸗ des geſchworen!“ „Meine Mutter . . . O Mutter, genug!“ rief Maurice, immer verletzter und gereizter, und kaum mehr im Stande, ſich zurückzuhalten, als er Madame Dumirail Antoinette mit ſo viel Verachtung vor Fremden behandeln hörte; „mäßigen Sie ſich in Ihren Ausdrücken in Beziehung auf eine Perſon, die ...“ „Stille, mein Sohn!“ „Wie! meine Mutter . . . ich . . .“ „Stille, ſage ich! Du wirſt Dich doch nicht ſo weit vergeſſen, um gegen mich die Vertheidigung dieſer ſchlechten Frau zu unternehmen.“ Und indem ſie ſich an die Kaufleute wandte, während Maurice ſtille blieb, da ihm der Zorn und die Verwirrung die Sprache geraubt, fügte Madame Dumirail hinzu: „Meine Herren, nehmen Sie Ihre Waaren wie⸗ der fort und kommen Sie nie wieder, um meinen 3* Sohn zu verſuchen; er kann Ihnen Nichts abkaufen: er iſt Gott ſei Dank noch unter väterlicher und müt⸗ terlicher Gewalt. Wenn Sie aber etwas auf Credit leihen ſollten, um ſo ſchlimmer für Sie; es geſchieht auf Ihre Gefahr und Ihr Riſico hin, denn er beſitzt Nichts, womit er Sie bezahlen könnte.“ „Da war es auch der Mühe werth, uns zu deran⸗ iren, um uns einer ſolchen Strafpredigt auszuſetzen,“ ſi der Juwelier, indem er ſeine Bijouterien wie⸗ der in ihre Kapſeln legte. —.————— 128 § Der Pferdehändler, der ſich weniger fügen wollte, nahm ungeſtüm das Wort und trat auf Madame Dumirail zu: „Ich habe nicht die Gewohnheit, mich nur ſo abfertigen zu laſſen, das ſage ich Ihnen, Madame! Der Kutſcher der Baronin von Hansfeld kam geſtern zu mir und wählte in meinen Ställen zwei Reit⸗ pferde für Ihren Sohn; der Preis iſt beſprochen und abgemacht; elftauſend fünfhundert Franken, ſechs⸗ tauſend Franken für den Goldfuchs und fünftauſend fünfhundert Franken für den Rappen. Ich hätte den letzten dieſen Morgen verkaufen können . aber ich ſchlug es aus, da ich ihn gekauft glaubte, .. wenn der Kauf jedoch rückgängig gemacht wird, ſo verlange ich Schadloshaltung . „Zwei Pferde! mehr als elftauſend Franken!“ verſetzte Madame Dumirail verblüfft, da ſie nicht wußte, um welchen Preis die engliſchen Pferde in Paris verkauft werden und deshalb den Preis exor⸗ bitant fand. Sie glaubte, Frau von Honsfeld ſtecke bei dieſem Handel mit den Händlern unter einer Decke und fügte, darauf anſpielend hinzu: „Aber, mein Gott! dieſe Frau ſcheint mit all dieſen Leuten im Einver⸗ ſtändniß, um meinen Sohn zu beſtehlen! Dieſe Worte, welche der mütterlichen Unruhe * von Madame Dumirail entſchlüpft waren, machten Maurice aufſpringen. Er hätte vielleicht den Reſpect gegen ſeine Mutter außer Acht geſetzt, wenn er nicht die Kaufleute, wüthend über die Anklage, welche die Mutter des jungen Provinzialen ihnen ins Geſicht 129 ſchleuderte, in beleidigende Vorwüpfe hätte gegen ſie ausbrechen hören. „Uns als Diebe behandeln.“ „66 ſcheint, daß das die Höflichkeit, die in der Provinz in der Mode iſt.“ „Hat man je einen ſolchen alten Geizhals ge⸗ ſehen!“ rief Herr Moſes. — „Dieſe tolle Alte.“ Maurice wurde trotz ſeiner Gereiztheit gegen ſeine Mutter dennoch durch die Grobheit des Pferde⸗ händlers dermaßen empört, daß er ihm mit drohender Geberde die Thüre wies und ſagte: „Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie augenblick⸗ lich; ich werde zu Ihnen kommen, und Sie ſchadlos halten.“ „Gut, heraus mit der Anweiſung.“ Und ſich an die Lieferanten wendend, die ſich wegzugehen beeilten, nachdem ſie die Waaren wieder emballirt, fuhr er fort: „Nun, meine Lieben, das heiße ich mal ſeltſame Kunden . . wahrhaftig es ſcheint, daß Mama nicht will, daß wir dem Dada auf den Leib ſteigen.“ „Meine Herren,“ verſetzte Maurice, niederge⸗ ſchmettert und verwirrt, indem er ſich an diejenigen von den Lieferanten wandte, welche ſich zuerſt ent⸗ fernten, „ich bedauere von Herzen, was ſo eben vor⸗ gefallen . . . ich bitte mir Ihre Adreſſen zurückzu⸗ laſſen . . . ich werde bald zu Ihnen kommen.“ F „Wahrhaftig, mein Herr, ſehr verbunden für Ihre Güte; Ihre Mutter hat uns ſo eben geſagt, daß Sie außer Stande ſeien, uns zu bezahlen; wir werden uns dieſer Warnung erinnern,“ antwortete der Kaufmann, der ſeinen Collegen auf dem Fuße Sue, die Familienſöhne. MI. 9 130 folgte und die Treppe hinabſteigend, ſich in boshafte Witze und lautes Gelächter ergoß, das Maurice zur Verzweiflung brachte. Sein Kammerdiener Simon blieb ileit theil⸗ nahmlos in einer Ecke des Zimmers ſtehen, bis ihn Madame Dumirail anredete: „Wer ſind Sie? Warum bleiben Sie?“ „Ich habe die Ehre in den Dienſten des Herrn von Dumirail zu ſtehen.“ Dabei machte Simon eine tiefe Verbeugung nach Mauricens Seite hin: „Ich erwarte Ihre Befehle.“ „Gehen Sie und kommen Sie nie wieder,“ ant⸗ wortete Madame Dumirail barſch; „mein Sohn braucht keinen Bedienten . . . unſere Dienerin Joſette ge⸗ nügt uns.“ „Wenn Mademoiſelle Joſette für den Dienſt von Madame und dem Herrn genügt, ſo habe ich die Ehre, Ihnen meine ehrfurchtsvolle Reverenz zu ma⸗ chen,“ antwortete Simon im förmlichſten und zugleich ſpöttiſchſten Tone. Dann ließ er Maurice und ſeine Mutter alei XX. Madame Dumirail beobachtete ein ziemlich lan ges Stillſchweigen, das Maurice von ebenſo pein lichen, als widerſprechenden Gefühlen bewegt, nich zu unterbrechen wagte. Er ſah, wie ſeine Mutter zuerſt von Kummer gebeugt, beinahe vernichtet i einen Fauteuil niederſank, dann ihr Geſicht mi nil hinzu: 131 den Händen bedeckend, ſich ſammelte, und nach lan⸗ gem Sinnen hörte er ſie endlich halblaut mit ſich ſelbſt ſprechen: „Man muß hier einen Entſchluß faſſen! . . . es bleibt keine andere Wahl nein niei Herz und mein Gewiſſen ſagen es mir . . . nein! Vor Gott, der mich ſieht und hört, bleibt keine andere Wahl . . es muß ſein!“ Maurice, betroffen durch den feierlichen Ton der Worte ſeiner Mutter, ſuchte den Sinn derſelben zu ergründen, als er ſie aufſtehen ſah, indem ſie die Worte wiederholte: „Es muß ſein! es muß ſein!“ Madame Dumirail näherte ſich dem Kamine, und zog heftig an der Klingelſchnur. Alsbald erſchien Joſette und ihre Herrin ſagte: „Bitte den Herrn des Hotels heraufzukommen.“ „Ja, Madame,“ antwortete die Dienerin und ng. Daſſelbe Stillſchweigen herrſchte wieder zwiſchen Maurice und ſeiner Mutter während der wenigen Augenblicke, welche Joſette abweſend war; ſie erſchien alsbald mit dem Wirthe, an den ſich Madame Dumi⸗ rail wandte: „Mein Herr, haben Sie den Wagen, der uns hierber brachte, zu meiner Schwägerin, nach der nea⸗ politaniſchen Geſandtſchaft, bringen laſſen?“ „Nein, Madame . . der Wagen ſteht noch in der Remiſe . . .“ „Um ſo beſſer. S Und auf die Uhr ſehend, fügte Madame Dumi⸗ 132 „Es iſt zehn Uhr . . . Sie werden die Güte ha⸗ ben, bis ſchlag zwölf Uhr Poſtpferde zu beſtellen.“ „Madame, ſie werden zur beſtimmten Stunde da ſein.“ „Ich bitte Sie, mir augenblicklich die Rechnung über das, was wir Ihnen ſeit unſerer Ankunft im Hotel ſchuldig ſind, zu ſchicken . . .“ „Madame wollen alſo Paris ſchon verlaſſen?“ „Ja, mein Herr.“ „Madame ſollen ihre Rechnung in einer Viertel⸗ ſtunde haben,“ antwortete der Hotelbeſitzer, indem er ging. Maurice, ſtumm vor Erſtaunen, als er die Worte ſeiner Mutter hörte, wußte nicht, ob er wachte oder träumte. „Joſette,“ fuhr Madame Dumirail fort, „beſorge ſogleich die Vorbereitungen zu unſerer Abreiſe; Fräu⸗ lein Jeane wird Dir helfen.“ „Einpacken! wäre es möglich!“ ſtotterte Joſette, der das Erſtaunen und die Freude einen Augenblick das Wort benahmen. „Verzeihung, Madame, ich erſticke vor Freude . . . Wie, wir werden nach dem Morillon zurückkehren! Welches Glück, die Zeit iſt mir in der großen Stadt ſchon ſo lang geworden! Wahrhaftig, Madame, wir gehen?“ „Ja, meine gute Joſette . . .“. „Nein, Madame, das ſollte mich eigentlich nicht in Erſtaunen ſetzen; denken Sie ſich, ich träumte. . .“ Das Geläute der Glocke vor dem Zimmer unter⸗ brach die Dienerin. „Man läutet!“ ſagte Madame Dumirail; „Iv⸗ ſette, geh' und öffne, und wenn es zufällig ein Be⸗ * ſuch für mich wäre, — vielleicht Herr von Mornin⸗ ville, dachte Mauricens Mutter, — ſo bitten Sie Ma⸗ demoiſelle Jeane, ihn zu empfangen; ich werde ſo⸗ gleich zu meiner Richte kommen.“ Die Dienerin verließ das Zimmer, um den Be⸗ fehlen ihrer Herrin zu gehorchen, und dieſe ſammelte ſich einen Augenblick wieder, ehe ſie ein Geſpräch mit ihrem Sohne begann, deſſen ernſte Bedeutung ſie ahnte. Xl. Maurice, der durch den plötzlichen Entſchluß von Madame Dumirail ganz verblüfft war, ſagte mit einem Tone tiefen Staunens: „Habe ich recht gehört, Mutter, Du gedenkſt, Paris zu verlaſſen?“ „Mein Sohn, höre mich,“ verſetzte Madame Du⸗ mirail mit feierlicher und bewegter Stimme, ohne auf die Frage Mauricens zu antworten: „ich werde Dich nicht fragen, woher Du kommſt, ich werde Dir nicht von Deinen Plänen toller Zerſtreuungsſucht, wie dem Kauf zweier Pferde um elftauſend Franken und mehr ſprechen; nein, ich ſchweige davon und mache Dir keinen Vorwurf; ich ſage Dir einfach nur ſo viel: Mein Sohn, Du biſt krank, gefährlich krank; man muß Dich vor Allem und ſobald als möglich heilen, Dich einer ungeſunden Atmoſphäre entziehen, die Dich verderben, Dir vielleicht ſogar tödtlich ſein könnte; das iſt der Grund, weshalb wir Paris, ehe zwei Stunden vergehen, verlaſſen.“ „ 5 13⁴ „Wenn ich Dich recht verſtehe, Mutter, ſo wollen Du und Jeane nach dem Morillon zurückkehren?“ „Ja, wir werden noch heute nach dem Morillon zurückkehren, ich, Jeane und Du . . .“ „Icht, Du.“ „Der Wille meines Vaters iſt ja aber ganz ent⸗ ſchieden . . . er verlangt, daß ich mich der diploma⸗ tiſchen Carriere widme und . . .“ „Du wirſt auf die diplomatiſche Carriere verzich⸗ ten, damit baſta; es iſt kein großes Unglück dabei.“ „Bitte; mein Vater verlangt, daß ich dieſen Be⸗ äh „Wir werden Deinen Vater auf dem Morillon finden, er wird meinen Entſchluß, billigen.“ e noch einmal, ich „Deine Einwürfe, mein E Sohn, ſind völlig unnütz; ich werde ihnen nicht die geringſte Beachtung ſchen⸗ ken, weil Du, im Augenblicke wenigſtens, nicht im vollen Beſitze Deiner Vernunft biſt?“ „Erlaube mir, Mutter, ich . . . „Du biſt nicht im vollen Beſitze Deiner Ver⸗ nunft, ich wiederhole es Dir .. . Das iſt der Grund, weshalb meine Entrüſtung dem Mitleide weicht, wes⸗ halb ich Dich beklage, weshalb ich Dich von Deiner vorübergehenden Verirrung heilen will, und, ſo Gott will, wirſt Du nach einmonatlichem Aufenthalte in unſeren Bergen wieder im Beſitze Deiner Ver⸗ nunft ſein . „Ich bin im vollen Beſitze meiner Vernunft, meine Mutter; ich beweiſe es Dir, indem ich mein Unrecht eingeſtehe, indem ich Dich tauſend Mal we⸗ 135 gen der grauſamen Unruhe, in die Dich meine Ab⸗ weſenheit verſetzt, um Verzeihung bitte; ich bedaure, an übertriebene Ausgaben gedacht zu haben; man nuß einen Augenblick, in dem man ſich hinreißen ließ, entſchuldigen; ich werde mich mit den hun⸗ dert Franken begnügen, die Du mir bewilligſt; ich werde mich auf vernünftige Wünſche beſchränken; ich werde mich angeſtrengt den Arbeiten meiner neuen Carriere widmen; ich werde mir mit einem Worte Mühe geben, Dich den einzigen Kummer ver⸗ geſſen zu machen, den ich Dir bislang verurſacht; ich verlange nur, daß Du mir die Freiheit zugeſteheſt, die ein junger Menſch in meinem Alter genießen muß, und ich verſpreche Dir, keinen Mißbrauch von dieſer Freiheit zu machen . . .“ „Iſt das Alles, was Du mir darüber zu ſagen haſt?“ „Ja, Mutter.“ „Nun gut, ſo fordere ich Dich auf, Deine Vor⸗ bereitungen zur Reiſe zu treffen. Erinnere Dich, daß wir um zwölf Uhr gehen.“ „Das alſo, meine Mutter, iſt die unabänderliche Antwort auf das Geſtändniß meines Unrechts? . auf mein Verſprechen, allen Gegenſtand der Klage inskünftige zu vermeiden?“ „Ich kann Deinen Verſprechungen keinen Glau⸗ ven ſchenken. Es gibt ein einziges Mittel, Dich für Dich zu retten, und das iſt, Dich den böſen Ver⸗ ſuchungen zu entziehen; wir werden deshalb Paris unerzüglich verlaſſen.“ „Meine Mutter, ich verſage Dir ungern den Ge⸗ horſam, aber ich bin entſchloſſen, hier die Ankunft 136 meines Paters abzuwarten und mich ſeiner Entſchei⸗ dung zu unterwerfen . . . „Mein Sohn! mein Sohn! . hüte Dich!. .“ „Ich wiederhole es Dir: ich bin entſchloſſen, hier die Ankunft meines Vaters abzuwarten; nichts wird meinen Entſchluß ändern.“ „Unglückliches Kind!.. Du willſt mich zum Aeußerſten treiben!“ rief Madame Dumirail außer ſich vor Schmerz; „Du begreifſt alſo nicht, daß es Vorwürfe gibt, vor welchen die Würde, die Scham⸗ haftigkeit einer Mutter ſich ſträubt! Ich muß alſo gar noch den Namen ausſprechen, der niemals meine Lippen hätte beſchmutzen ſollen .. den Namen jener abſcheulichen Creatur!“ „Mutter . . . Dieſe Uebertreibung . . .“ „Antworte, kannteſt Du vorgeſtern dieſe Frau von Hansfeld?“ „Nein, allerdings nicht . . .“ „Und woher kommſt Du?“ „Meine Mutter . . . ich . .“ „Ich frage Dich, woher kommſt Du, mein Sohn?“ „Ich weiß nicht Du ich „Du kommſt von jener Frau! wage es zu läug⸗ nen? RNein, nein, Dein Schweigen iſt ein Geſtänd⸗ niß; ſo war Dir alſo vorgeſtern dieſe Frau noch † unbekannt . . und in dieſem Augenblick verläſſeſt Du ihre Wohnung. Kann man den Cynismus der Verderbtheit, die Frechheit ſchlechter Sitten weiter treiben?“ Maurice, den dieſe Worte niederſchmetterten, ſenkte den Kopf und zum erſten Male trot ſeiner 137 Unerfahrenheit, dachte er über die ſeltſante Leichtig⸗ keit ſeiner Eroberung nach. Madame Dumirail, von ihrem geſunden Ver— ſtande geleitet, fuhr fort: „O ich weiß, dieſe Frau iſt reich . . . hat Titel Bleichbillig! Denn ich frage Dich, kannſt Du aus dieſer abſcheulichen Alternative herauskommen. Entweder . . . iſt dieſe Creatur ſehr verächtlich, oder .ſie will, ich weiß nicht, aus welchem ſchändlichen Grunde, Dich zu ihrem Spielzeug, vielleicht zu ihrem Opfer machen! Ach, der Inſtinct meiner zärtlichen Liebe für Dich täuſcht mich nicht!.. Unglückliches Kind!.. Ja. ja.. entweder biſt Du in eine Frau, die eben ſo ſchamlos als die ſchlechteſte Courtiſane, verliebt, oder Du biſt das Opfer einer gefährlichen Machination.“ Ein Strahl der Vernunft drang durch die Ver⸗ wirrung im Geiſte von Maurice; ſeine Reinheit glich noch ſeiner Beſcheidenheit; frappirt durch das Di⸗ lemma ſeiner Mutter, fragte er ſich wieder, nicht aus Neugierde, ſondern aus einer gewiſſen Furcht, wie eine Frau von dem Weſen der Baronin von Hansfeld ſich ſo plötzlich in ihn, den bäuriſchen Land⸗ mann verlieben konnte. Er erinnerte ſich der hart⸗ näckigen Weigerung, welche ſie ihm entgegengeſetzt, als er ſie ihm zu erklären bat, auf welche Art ſie denn ſo genau über ſeine Umſtände unterrichtet ſei. Antoinette flößte ihm jetzt zum erſten Mal ein un⸗ beſtimmtes Gefühl des Mißtrauens und der Furcht ein; dann dachte er während dieſer vorübergehenden Rückkehr ſeiner Vernunft an ſeine Kaufprojecte bei den Lieferanten, an ſeine Pferde, ſeine Domeſtiken und andere ruinirende Ausgaben, zu welchen ihn 138 Frau von Hansfeld unter dem Vorwande des Nö⸗ thigen veranlaßte und die er mit ſeiner Wucher⸗ Anleihe bezahlen ſollte, die auf den Tod ſeines Va⸗ ters verfiel. Dieſe verſchiedenen Gedanken, der Schmerz und die Reue, die abwechſelnd auf ihn einſtürmten, in Verbindung mit dem mütterlichen Einfluß, der ſo lange Maurice in ſeiner Gewalt gehabt, erweckten in ihm einige Gewiſſensbiſſe; ſie verriethen ſich in ſeinen düſteren Zügen. Madame Dumirail, welche dies Symptom ge⸗ wahrte, ſchöpfte daraus eine lebhafte Hoffnung; die Strenge ſeiner Phyſiognomie machte der zarteſten Rührung Platz, und die Augen in Thränen gebadet, rief ſie, indem ſie ſich ihrem Sohne an den Hals warf: „Mein Kind! . ich beſchwöre Dich . . . glaube an meine Ahnungen . . . ich rette Dich aus einer großen Gefahr, indem ich Dich von hier wegnehme.“ „Ach! vielleicht haſt Du Recht, meine Mutter!“ „Sei davon überzeugt, denn ich bin nicht die Einzige, die zittert . . . Jeane theilt meine Befürch⸗ tungen, wie ſie meine Thränen getheilt! Das arme Kind hat ſo viel geweint . . . ſo viel geweint daß ſie ebenſo verändert iſt, wie ich . . . Ich brauche nur ein Wort hinzuzufügen . . . ſieh mich an, ſieh mich recht an . . .“ Maurice hatte ſeit ſeiner Rückkehr nach dem Hotel unter der Laſt der verſchiedenen Eindrücke ſo zu ſagen, kaum gewagt, ſeiner Mutter ins Geſicht zu ſehen; er erhob deshalb ſeine Augen und ließ ſie lange auf Madame Dumirail ruhen; ſein Staunen 139 über die unglaubliche Veränderung, die ſeit kaum vierundzwanzig Stunden in der Phyſiognomie ſeiner Mutter vorgegangen, ging alsbald in Rührung und zärtlichſte Unruhe über; ihre Bläſſe, ihre eingefalle⸗ nen, marmorbleichen Wangen, ihre hohlen Augen, welche von Thränen und Schlafloſigkeit geröthet wa⸗ ven, enthüllten bereits, welche raſche Fortſchritte dieſer tiefe Schmerz gemacht. Die Aufregung von Mau⸗ rice war ſo lebhaft, ſo heftig, daß er Thränen ver⸗ goß und ausrief: „O Verzeihung, meine Mutter, Verzeihung; jetzt erſt weiß ich, welchen Schmerz ich Dir verurſacht.“ „Ach, mein Freund, der Schmerz wirkt um ſo grauſamer auf mich, als mein Leben während zwan⸗ zig Jahren ebenſo friedlich, als glücklich geweſen; auch frage ich Dich, wenn meine Herzensanfechtungen von geſtern, von dieſem Morgen ſich oft wiederholen würden, glaubſt Du wohl, daß ich noch viele Jahre leben könnte?“ „Großer Gott! meine Mutter!“ „Mein armes Kind, ehe drei Monate vergehen, würdeſt Du meinen Sarg zu Grabe tragen!“ Dieſe einfachen, aber herzzerreißenden Worte gin⸗ gen Maurice ſo tief zu Herzen, daß er ſich ganz außer ſich in Madame Dumirails Arme werfend, ausrief: „Ja, Du ſprichſt wahr, meine Mutter.. flie⸗ hen wir Paris . oh! mein Leben bei Dir zu⸗ bringen, bei Dir, bei meinem Vater, bei Jeane — das iſt jetzt mein einziger Wunſch!“ „In einer Stunde werden wir auf dem Wege nach unſeren Bergen ſein, liebes herzinnig geliebtes 140 Kind. Du haſt Dich nur verirrt, und biſt nun auf immer zurückgekehrt!“ antwortete Madame Dumirail mit warmem Herzenserguß, indem ſie ihren Sohn mit Liebkoſungen bedeckte; dann fügte ſie hinzu: „Ah, da iſt ſie, Deine Jeane . . . Deine Braut . . . der Himmel ſendet ſie . . . ſie hat meinen Kummer getheilt, ſie ſoll nun auch mein Glück theilen .. . Sie wird zu glücklich ſein, um Dir nicht zu vergeben, was ſie gelitten!“ Das junge Mädchen trat wirklich in dieſem Mo⸗ mente ein und Maurice, noch ganz unter der Ge⸗ walt ſeiner guten Entſchlüſſe, ſtürzte auf ſeine Braut zu, um ihr zu Füßen zu fallen und ſie um Verge⸗ bung zu bitten; er blieb jedoch wie verſteinert ſtehen, als er das junge Mädchen anſah und ſie ſprechen hörte. Ihre Worte lauteten: „Unſer lieber und liebenswürdiger Vetter San Privato, mit dem ich mich, ſeitdem er da iſt, unter vier Augen zu unterhalten das außerordent⸗ liche Vergnügen hatte, wünſcht Sie zu ſehen, liebe Tante.“ XXII. Jeane, welche ſich beeilte, Maurice wiſſen zu laſſen, daß ſie ſo eben das Vergnügen gehabt, ſich mit ihrem lieben und liebenswürdigen Vetter San Privato unter vier Augen zu unterhalten, hatte jedes ihrer Worte überlegt, abgewogen und betont, damit jedes derſelben dem Herzen oder dem Stolze ihres Bräutigams eine grauſame Wunde beibringe. 14¹ Und ſo geſchah es auch. Maurice fühlte, trotz des ſinnlichen Rauſches, in welchen ihn Frau von Hansfeld verſetzt, dennoch für Jeane immer noch ungeſchwächt jene reine und erſte Liebe, welche nichts vergeſſen machen kann, welcher nichts gleichkommt und die nichts erſetzt, deren reine und ſüße Erinnerung alle Corruption überlebt und von jeder Ausſchweifung unberührt bleibt. Dieſe Liebe war lebhafter und inniger er⸗ wacht, denn je, als der junge Mann den feſten Ent⸗ ſchluß faßte, Paris und ſeine Verlockungen zu fliehen und nach dem Morillon zurückzukehren, nicht zwei⸗ felnd, er werde von Jeane Verzeihung für einen Augenblick der Verirrung erlangen. Er ſah in ſeiner Heirath mit ihr den Lohn, die Weihung ſeiner Rück⸗ kehr zum Guten. Man denke ſich, welche Eiferſucht, welche Verzweiflung ſein Herz erfaßte, als er plötz⸗ lich Jeane ſich in ſolch' liebevollen, ſolch' coquetten Ausdrücken über San Privato ergießen ſah, den er aus ſo vielen Gründen fürchtete, verwünſchte! Das iſt noch nicht Alles. Maurice, welcher an die Unruhe, an den tödt⸗ lichen Kummer dachte, den ſeine Abweſenheit und Treuloſigkeit Jeane verurſachen mußten, erwartete ſie blaß, in Thränen, niedergeſchlagen von der Un⸗ ruhe und Eiferſucht zu finden. Weit entfernt erſchien ihm das junge Mädchen ſchöner, denn jemals, weil er, zu wenig Menſchenkenner, um über die Oberfläche, über den Schein hinaus zu dringen, und das Herz des Mädchens zu ſondiren unfähig, nur von dem Aeußern frappirt war. Ihr Gang, ihre Haltung, die Art, wie ſie den Kopf hoch trug, die inſolente 142 Ironie ihres Lächelns glichen in keiner Beziehung der ſchmerzlichen Niedergeſchlagenheit, welche ſie nach Mauricens Anſichten an den Tag legen ſollte. Ein fieberhaftes Colorit erſetzte die roſige Friſche ihres Teints, aus ihren blauen Augen, deren lachender Azur verdunkelt ſchien, leuchtete die Freude eines grauſamen Triumphes; denn, die klugen Entſchlüſſe von Maurice noch nicht kennend, verſetzte ſie ihm Stoß auf Stoß. San Privato rächte ſie an Frau von Hansfeld. Ach! der Schmerz bringt auch plötzliche Meta⸗ morphoſen hervor! Jeane war bereits nicht mehr das unſchuldige Kind, die heitere Heumäherin des Jura, ſo wenig als die tapfere Braut, welche gegen die ephemere Anziehungskraft San Privato's kämpft und ſiegreich aus dieſem Kampfe hervorgehend, ihre Zärtlichkeit, ihre Liebe für Maurice verdoppelt; nein, Jeane, in Verzweiflung verſetzt durch die Qualen der Eiferſucht, durch die Entrüſtung ihres verletzten Stolzes, durch die ſchmähliche Geringſchätzung, durch die ſchwarze Undankbarkeit ihres Bräutigams, den ſie doch im Grunde ihres Herzens nicht zu haſſen vermochte, Jeane fühlte plötzlich durch das, was ſie litt, in ſich jene ſchlimmen Gefühle erwachen, welche Charles Del⸗ mare prophezeit: nämlich einen unerbittlichen Stolz, wenn man ihn ſchmählich verwundet, ein glühendes Rachegefühl, das ſich um jeden Preis, ohne Serupel, ohne der Mittel zu achten, kühlen will, wenn dieſe Rache als eine gerechte Repreſſalie betrachtet werden konnte, mochte ſie auf dieſe Weiſe auch der Vorwand für die ſchlimmſten Ausſchweifungen werden; ein bedauerliches 143 Streben, die Allgemeinheit für das Unrecht ſolidariſch zu machen, das uns einige zugefügt, ſo daß man ſich ebenſo unerbittlich gegen die Guten als gegen die Böſen zeigt; auch Jeane mußte jener Schwäche erliegen, welche bei der erſten Probe, die ſie zu be⸗ ſtehen hat, die leidenſchaftlichen Charaktere zu ſagen verführt: „Ich habe das Gerechte und Gute geübt; ich habe meine Pflichten treu und eifrig erfüllt; ich habe mich aufgeopfert; alle Uebel ſind über mich hereingebrochen; ich wurde mit dem ſchwärzeſten Un⸗ dank belohnt. Ich werde nicht mehr in jenen ein⸗ fältigen Irrthum verfallen! Man muß in dieſer Welt wählen. Dummkopf oder Schuft, Opfer oder Henker . . . Wir wollen Henker ſein!“ Derart mußten ſich immer ſichtbarer bei Jeane die Conſequenzen ihrer Eiferſucht, ihres gerechten Zornes gegen Maurice manifeſtiren. Ueberzeugt, ſich nicht grauſamer an ihm rächen zu können, als wenn ſie von Neuem den anziehenden Einfluß San Pri⸗ vato's auf ſich heuchelte, kämpfte ſie nicht mehr gegen dieſe unglückſelige Neigung, da ſie es in ihrer Macht glaubte, zur rechten Zeit die Zügel anzu⸗ ziehen. Die Rache Jeane's ſollte nicht gleichen Schritt mit ihren Vermuthungen halten. Sie wußte, wie wir ſagten, nichts von der glücklichen Wendung, welche in Mauricens Geiſt auf die Mahnung ſeiner Mutter hin und durch den Gedanken an den tödtlichen Kummer vorgegangen, den ſeine ſchlechte Aufführung ſeiner Braut verurſachen würde . . . Als er ſie je⸗ doch lächelnd, ironiſch und höhniſch erſcheinen ſah; als er ſie ſich zu dem außerordentlichen Vergnügen 144 glückwünſchen hörte, das ſie eben bei der Unterhal⸗ tung mit San Privato gehabt, waren die guten Ent⸗ ſchlüſſe von Maurice verſchwunden; er empörte ſich gegen den Gedanken, mit Jeane nach ihrer Einſamkeit zurückzukehren, dort mit ihr zu leben, mit Jeane, die es wagte, ihm dies Wiedererwachen ihrer Sym⸗ pathie für einen Menſchen zu geſtehen, gegen den ſie doch die tiefſte Verachtung empfinden mußte, nach⸗ dem ſie für ihn eine Neigung gefühlt, über die ſie, wie über eine Schande erröthet. Das Loos war geworfen. Maurice, der noch einen Augenblick zwiſchen Gut und Böſe ſchwankte, zwiſchen jenem Einfluß ſeiner Mutter und dem Einfluß der Frau von Hans⸗ feld, gab ſich blind und ohne Rückhalt dem letztern hin, in der Hoffnung, Jeane einen ebenſo furcht⸗ baren Stoß zu verſetzen, als der, den ſie ihm ver⸗ ſetzt hatte. XXIII. „Unſer lieber und liebenswürdiger Vetter San Privato, mit dem ich mich, ſeit er da iſt, unter vier Augen zu unterhalten das außerordentliche Ver⸗ gnügen hatte, wünſcht Sie zu ſehen, liebe Tante.“ Das waren Jeane's Worte zu Madame Dumirail geweſen. Dieſe hörte ſie kaum, ſo ſehr war ſie von dem Gedanken an die glückliche Wendung in den Plänen ihres Sohnes beherrſcht; ſie rief deshalb: „Jeane, freue Dich, wir reiſen augenblicklich mit Maurice nach dem Morillon ab und wenn Gott will, 145 werden wir unſere liebe und ſtille Heimath nicht mehr verlaſſen! Freue Dich, mein Kind!“ „Meine liebe Mutter, Du machſt Mademoiſelle Jeane keine beſondere Freude, indem Du ihr unſere Abreiſe von Paris ankündigſt; ſie iſt auf dieſe Art des unendlichen Reizes ihrer Unterhaltungen und ihrer Téte-à-Tétes mit unſerm liebenswürdigen Vet⸗ ter San Privato beraubt,“ verſetzte Maurice blaß vor Zorn und mit dem Tone bitterer Jronie; „und da es mir gleichfalls unmöglich iſt, meinerſeits auf den unendlichen Reiz meiner Unterhaltungen und Teéte- àTétes mit Frau von Hansfeld zu verzichten, ſo wirſt Du es gut finden, meine Mutter, daß ich ent⸗ ſchieden in Paris bleibe.“ „Maurice,“ rief Madame Dumirail athemlos vor Schreck und nicht glauben wollend, was ſie hörte; — „was bedeutet . .. „Das bedeutet, meine Tante, daß Maurice nie ernſtlich die Abſicht gehabt, nach dem Morillon zurück⸗ zukehren,“ verſetzte Jeane. „Herr Maurice opfert Dich (ich ſpreche nicht von mir und er hat Gott ſei Dank nicht mehr das Recht oder die Macht, mich irgend Jemand zu opfern), Herr Maurice opfert Dich, meine Tante, unwürdiger Weiſe der herrlichen Creatur, die Sie kennen.“ „Schweige, Jeane; kaum einen Augenblick, ehe Du kamſt, war Maurice entſchloſſen, zu gehen; Du biſt ein Unglücksvogel!“ rief Madame Dumirail, außer ſich vor Bangigkeit; dann ſich bittend, troſtlos an ihren Sohn wendend, ſagte ſie: „Mein Kind, erinnere Dich Deines Verſprechens, erinnere Dich, was ich Dir geſagt. Ich i nicht Sue, die Familienſöhne. MI. 146 lange ſolchen Stößen, ſolchen Sorgen widerſtehen... ich werde ſterben .. und ehe drei Monate vergehen, wirſt Du meinen Sarg nach dem Kirchhof tragen.. .“ In dieſem Augenblicke erſchien San Privato an der Thüre des Zimmers, welche Jeane offen gelaſſen, und trat mit den an Madame Dumirail gerichteten Worten ein: „Ich bin vielleicht unbeſcheiden, meine liebe Tante; in meinem Eifer jedoch, Dich zu ſehen, habe ich.. .“ „Nein, der Anblick dieſes Menſchen iſt mir un⸗ erträglich; ich könnte nicht Herr über mich bleiben,“ rief Maurice, durch die Gegenwart ſeines Vetters ganz außer ſich gebracht. Und er ging raſch aus dem Zimmer, gefolgt von ſeiner Mutter, die, beinahe toll vor Schmerz, als ſie ihre letzten Hoffnungen züſammenbrechen ſah, ihrem Sohn nacheikte, indem ſie: „Maurice, Maurice . . . höre mich!“ rief. Jeane und Albert blieben allein. XXIV. San Privato als geſchickter Rivale ſchien ſich nicht über die Täuſchung zu freuen, deren Dpfer Jeane geworden, denn er hätte ihr ſonſt ſagen zuwollen geſchienen: „Auf dem Morillon war mein einziges Verbrechen, daß ich Dich liebte. Du haſt mich mit Deiner Verachtung überhäuft, Du haſt mich Maurice ſchmählich geopfert. Urtheile nun heute zwiſchen mir und ihm.“ Nein, San Privato beging dieſen Fehler nicht und er beſaß eine zu große Kenntniß des 147 menſchlichen Herzens und nahm nicht an, daß Jeane's Liebe zu Maurice in der Seele des jungen Mädchens plötzlich erloſchen ſei; ihre eiferſüchtige Verzweiflung, die Grauſamkeit ſogar ihres Benehmens, ihre affec⸗ tirte, übertriebene Zuneigung zu Albert zeugten im Gegentheil von der Lebenskraft des Gefühls, das ſie hegte, wie die Heftigkeit des Schmerzes von der Le⸗ benskraft des Körpers zeugt .. . San Privato wußte auch, daß die Perſonen, von ſo heftiger Natur als Jeane, unglücklicherweiſe Ueberraſchungen verſchiedener Art ausgeſetzt ſind; er mißkannte die eigenthümliche Art von Anziehungs⸗ kraft nicht, die er für ſie beſaß. Er wollte nichts den Chancen des Zufalls überlaſſen, und ſpielte, wie man im gemeinen Leben ſagt, ein vorſichtiges Spiel. Das hübſche Geſicht des jungen Diplomaten um⸗ ſchleierte ſich, als er mit Jeane allein blieb. Mit Trauer und mit einer rührenden Stimme ſagte er zu ſeiner Couſine: „Wenn Sie wüßten, wie mich das in Verzweiflung ſetzt, was ich ſo eben durch dieſen erſten Ausbruch Ihrer gerechten Entrüſtung erfahren! .. . Sollte es wahr ſein? Maurice, kaum in Paris angekommen, ſollte Sie ſchon vergeſſen haben?. .. Nein . nein . das iſt unmöglich .. Jeane .. . er liebt Sie noch immer er gibt einer vorübergehenden Neigung Gehör er wird zu Ihnen zurückkehren, wenn .. . 4 „Ja, wenn er ſchmählich von dieſer Frau dupirt oder fortgejagt iſt,“ ſagte Jeane bitter. „Aber genug on ihm, es macht mir unwohl. Sprechen wir von Ihnen, lieber Vetter; ich war — ich erkenne es jetzt, 148 ich war auf dem Morillon ungerecht, hart, grauſam gegen Sie; ich will von Ihnen Verzeihung für ſo viel Ungerechtigkeit erlangen; Sie werden uns häufig beſuchen, nicht wahr, recht häufig? damit Maurice Sie findet; er wird wüthend ſein!“ „Ich werde mich im Gegentheil wohl hüten, meine liebe Jeane, Ihnen häufig Beſuche zu machen.“ „Warum das?“ „Weil ich ſo viel möglich die Gelegenheit mich Ihnen zu nähern vermeiden möchte . . . allzu ge⸗ fährliche Couſine . . .“ „Das iſt wenig galant . . .“ „Aber es iſt ſehr klug . . . Wozu Sie beſuchen? um in mir eine abſurde, thörichte Leidenſchaft anzu⸗ fachen, über die es mir mit großer Mühe gelang zu triumphiren?“ „Wahrhaftig? Schon? ... ean „Das iſt ſehr raſch, lieber Vetter . . . Ich habe Unglück. . . ich wäre alſo von Ihnen beinahe ebenſo raſch vergeſſen worden, als . . . von Maurice.“ „Was wollen Sie! . . . Ich habe nicht die Ge⸗ wohnheit, mir lange an Unmöglichkeiten den Kopf zu zerſtoßen. Der Schmerz des erſten Stoßes bringt mich wieder zum Bewußtſein.“ „Dieſe unwiderſtehliche, unglückliche Neigung alſo, von der Sie ſagten, daß ſie nur mit Ihrem Leben enden werde? . . .“ „Ueber die Neigung, meine liebe Couſine, hat die Vernunft den Sieg davon getragen. Die Er⸗ innerung an das, was ich gelitten, wird mich vor neuen Qualen ſchützen . . .“ 149 „Gewiſſe Qualen ſind indeß, wie man ſagt, bis⸗ weilen fruchtbar, mein lieber Vetter, ſie können in edeln Seelen die Theilnahme erwecken.“ „Aus Mitleid geliebt zu werden, ſcheint mir der Gipfel aller Demüthigung.“ „Und aus Rache geliebt zu werden?“ „Ich habe mich an Niemanden zu rächen, meine Couſine.“ „Nicht mal an Maurice.“ „Er verkennt Sie, Jeane, er verſchmäht einen Schatz, ich bin genug gerächt.“ „Sie ſind ein wahres Muſter evangeliſcher Liebe, mein Vetter; Sie üben mit ächt chriſtlicher Demuth das Vergeſſen der empfindlichſten Beleidigungen,“ verſetzte Jeane, indem ſie ſich zwang, einen Ton her⸗ ausfordernder Coquetterie anzunehmen. „Jeane,“ erwiederte San Privato, ſeine Couſine unterbrechend, „unter Ihren Eigenſchaften iſt eine, die ich vor allen bewundere, das iſt Ihre Offenheit: ſeien ſie deshalb ehrlich . . . ich habe Ihnen eine vorübergehende Neigung eingeflößt: Sie ſind Herr über ſie geworden, ſie exiſtirt nicht mehr. Sie lie⸗ ben mich nicht, Sie können mich nicht lieben, Sie werden mich nie lieben . . Wozu dieſe anbetungs⸗ würdigen Coquetterien, meine liebe Couſine? mich durch eine falſche Hoffnung zu hintergehen, mich glauben zu machen, daß Sie mich einſt lieben können? Nein, nein . . . und nach meiner Gewohnheit leſe 5 in, Ihrem Herzen deutlicher, als Sie ſelbſt darin eſen. „Und was leſen Sie, wenn es Ihnen gefällig, in meinem Herzen?“ 150 „Sie lieben noch immer Maurice.“ „Gerechter Himmel!“ „Sie lieben noch immer Maurice, meine arme Jeane.“ „Sie halten mich alſo für ſehr feige?“ „Ich halte Sie für ſo feige, als man es in der Liebe ſein kann . . . für ſo feige, als ich es war . . ich, der ich Sie wider meinen Willen trotz der Ver⸗ achtung, trotz der Beleidigungen liebte, mit denen Sie mich auf dem Morillon überhäuften.“ „Ich wiederhole Ihnen, Albert,“ verſetzte Jeane, welche ſich kaum mehr halten konnte, „ich wäre die letzte der Frauen, wenn ich Maurice noch lieben könnte.“ „Gut denn, um mich Ihres Ausdrucks zu be⸗ dienen, meine arme Couſine, Sie ſind die letzte der Frauen . . .“ „Ich ihn noch lieben!“ rief Jeane, durch die be⸗ rechneten Widerſprüche Alberts zum Aeußerſten getrie⸗ ben, „Sie wiſſen alſo nicht, weſſen ich fähig wäre, um mich zu rächen, wenn . . .“ Sh Jeane ſchwieg, vor dem Gedanken zurückbebend, der in ihrem Geiſte aufſtieg. Madame Dumirail kehrte in dieſem Augenblicke ganz außer ſich und ſchluchzend zurück. 2 „Keine Hoffnung! . . . keine Hoffnung!“ .. rief ſie. 15¹ XXV. Madame Dumirail ſank beinahe vernichtet in einen Fauteuil und murmelte unter Thränen mit halb erſtickter Stimme: „Vergeblich bin ich meinem Sohne bis auf die Straße gefolgt, vergeblich bat ich ihn, mich zu hören, er iſt verſchwunden. Er iſt für mich verloren, auf ewig verloren! . . . er wird wieder unter die Herr⸗ ſchaft dieſer unwürdigen Creatur zurückkehren.“ „Meine Tante,“ ſagte Jeane von dem Kummer ihrer Tante gerührt, „bitte, beruhigen Sie ſich . . . glauben Sie an meine Hingebung . . . an meine Zärtlichkeit.“ „Laſſe mich . . . es iſt Deine Schuld, Deine Schuld, daß er auf den Plan, Paris zu verlaſſen, verzichtete! Es iſt Deine Schuld, Deine Schuld, wenn er verloren iſt!“ rief Madame Dumirail, durch die Verzweiflung bis zur Ungerechtigkeit getrieben und Jeane mit einer zornigen Geberde zurückſtoßend. „Mein Sohn war wieder ganz in meine Arme zu— rückgekehrt . . . Du erſcheinſt, Du ſprichſt, er ent⸗ reißt ſich mir! Ach! welch ſchlimmen Einfluß haſt Du auf ihn geübt! Seit mein unglückliches Kind daran dachte, Dich zu heirathen, hat mein Kummer begonnen . . . und doch haben wir Dich immer wie unſer eigenes Kind behandelt! War das, großer Gott, der Lohn, der uns aufbewahrt wurde? . . .“ „Meine Tante, o meine Tante!“ rief Jeane blaß und zitternd vor Schmerz und Entrüſtung, „welch' grauſame Worte, nie habe ich . . .“ 15² Das junge Mädchen vollendete nicht; das Schluch⸗ zen erſtickte ihre Stimme. Vergebens ſträubte ſich ihr unbeugſamer Stolz gegen die Thränen, welche ihr die ungerechten und demüthigenden Vorwürfe von Madame Dumirail entlockten; und gereizt und er⸗ bittert durch den Schmerz verbarg ſie ihr Geſicht in dem Taſchentuche, während San Privato zitternd vor unheimlicher Freude, als er dieſen erſten Keim der Uneinigkeit zwiſchen Madame Dumirail und ihrer Nichte geſtreut ſah, ſich beeilte, ihr mit ſeiner ſüß⸗ lichen Stimme zu ſagen: „Meine liebe Couſine, grämen Sie ſich nicht ſo ohne Grund; meine Tante hatte keinen Augenblick die Abſicht und konnte ſie auch nicht haben, Sie grauſam zu demüthigen, indem ſie ſich ein Verdienſt aus der Sorge für Ihre erſte Jugend zu machen ſchien. Es iſt kein Dienſt, den man Ihnen erwieſen, nein, nein. Man hat eine der heikigſten Pflichten der Familie gegen Sie erfüllt; meine liebe Tante wird mich nicht Lügen ſtrafen. Auch hätte meine Mutter, wenn es die Umſtände gewollt, dieſe Pflich⸗ ten mit ebenſo großem Eifer, als lebhafter Freude erfüllt; wenn es noth thun ſollte, würde ſie noch heute . .“ fügte San Privato dieſe Worte betonend hinzu, vieſe Pflichten erfüllen; und wenn Sie je dieſes Haus verlaſſen ſollten, würden wir uns ſehr glück⸗ lich ſchätzen, Ihnen eine beſcheidene Gaſtfreundſchaft anzubieten. Jeane, welche durch die ungerechten Vorwürfe von Madame Dumirail zum erſten Male in ihrer Würde verletzt war, trocknete die Spuren der Thrä⸗ nen, deren ſie ſich ſchämte und dankte mit einem ⸗ 153 rührenden Blicke San Privato für ſein gaſtfreund⸗ liches Anerbieten. Madame Dumirail, ganz in die erneuerten Be⸗ fürchtungen, welche ihr ihr Sohn einflößte, verſunken, hatte den letzten Worten San Privato's nur ein zer⸗ ſtreutes Ohr geliehen, bald jedoch wieder zu den Gefühlen gewöhnlicher Billigkeit zurückkehrend, ſagte ſie zu ihrer Nichte, indem ſie ihr die Hand gab: „Mein armes Kind, ich war eben barſch, unge⸗ gerecht gegen Dich, nicht wahr?“ „Ja, meine Tante,“ verſetzte Jeane mit bitterem Tone, indem ſie ihr ſtolzes und ſchönes Geſicht er⸗ hob, „Sie haben mich ſchmerzlich gekränkt.“ „Verzeihe mir.“ „Ich verzeihe Ihnen, meine Tante; aber ich werde wider meinen Willen die Wunde noch lange fühlen.“ „Ich hatte Unrecht, ich klage mich an, aber wenn Du wüßteſt, mein Gott, was ich leide!“ Und ſich unterbrechend, fuhr Madame Dumirail nach einem Augenblicke mit dem Tone ſchmerzlicher Empörung gegen die unſeligen Thatſachen fort: „Aber es iſt unmöglich! ich will meinen Sohn nicht ſo in ſein Verderben rennen laſſen: es muß Geſetze geben, die ſchlechten Frauen, wenn ſie auch reich und Baroninnen ſind, hindern, daß ſie die jun⸗ gen Leute verführen und ſie in ihr Unglück hinein⸗ ziehen! Es muß eine Autvrität, eine Obrigkeit geben, an die man ſich wenden kann; es gibt noch eine Ge⸗ rechtigkeit auf der Welt. Man kann eine Mutter nicht wehrlos gegen die Verirrung ihres Sohnes laſſen . . . Ich verbiete ihm zu gehen, er geht! ich bitte ihn bei mir zu bleiben, er hört mich nicht!. .. Weiſe Maurice zu uns zurückführen werden.“ 154 Was kann ich da thun? antworte mir doch, Albert; Du kennſt Paris, rathe mir doch. Meine Bitten, meine Befehle, meine Thränen ſind unnütz! welche Macht ſoll ich anrufen? .. . Mein Gott! mein Gott! poll ich denn dieſe Frau von Hansfeld auf den Knieen bitten müſſen, mir meinen Sohn zurückzu⸗ geben!“ „Wie, meine Tante,“ ſagte San Privato, Ueber⸗ raſchung heuchelnd, „die Frau, um die es ſich handelt, iſt die Baronin von Hansfeld?“ „Ja, kennſt Du ſie?“ „Dem Rufe nach, freilich, aber was für ein Ruf, gerechter Gott!“ „Du erſchreckſt mich!“ „Dieſe ſittenloſe, habgierige, durch das Laſter reich gewordene, wunderbar ſchöne Frau iſt eine der gefährlichſten Courtiſanen von Paris.“ „Ach! mein Gott! das erklärt mir, weßhalb mein un⸗ glücklicher Sohn ſich ſo von ihr hinreißen ließ „Beklagen Sie ihn, meine Tante,“ verſetzte Jeane mit bitterer Ironie. „Man muß bei ihm den Irrthum der Jugend, eines zarten Herzens entſchuldigen, nicht wahr?“ „O, Jeane, Du biſt unbarmherzig,“ verſetzte Madame Dumirail, „glaubſt Du, daß wir auf ſolche „Ihn zu uns zurückführen? . . .“ ſagte das junge Mädchen; „ach, ich habe ja . . .“ 4 „Aber meine Tante,“ beeilte ſich San Privato einzuwerfen, indem er Jeane unterbrach, „wie hat denn Maurice die Bekanntſchaft von Frau von Hans⸗ feld gemacht?“ 155 „Sie ſchrieb ihm unter dem Vorwande, unſere Beſitzung, den Morillon, kaufen zu wollen.“ „Wie war ſie denn von Ihrer Ankunft in Paris unterrichtet?“ „Ich weiß es nicht: es iſt ſicher eine per⸗ fide Machination dabei im Spiele . . .“ verſetzte Madame Dumirail mit wachſender Angſt. „Noch ein⸗ mal, was thun? Mein Sohn geht ſeinem Untergang mit erſchrecklicher Schnelligkeit entgegen . . . Ich werde meinem Manne ſchreiben, daß er ſeine An⸗ kunft beſchleunigt . . . aber er kann nicht vor zwei bis drei Tagen hier ſein, wenn er nicht ſchon unter⸗ wegs iſt, was nicht wahrſcheinlich . . . aber bis zum Augenblick der Ankunft meines Mannes . . . An wen ſich wenden, um auf meinen Sohn einen wirk⸗ ſamen Einfluß zu üben, da der meinige nichts ver⸗ mag?“ Und einen Augenblick nachdenkend, fügte Madame Dumirail hinzu: „Es iſt hier nicht länger zu zögern: nur Herr Charles Delmare hat vielleicht noch einige Macht über meinen Sohn . . . ich will ſogleich nach unſerm ausgezeichneten Freund ſchicken laſſen, ſelbſt auf die Gefahr hin, meines Mannes Unwillen zu erregen . . .“ Was ſagen Sie, meine Tante?“ rief San Pri⸗ ato ganz betroffen. „Herr Charles Delmare iſt in Paris?“ „Ja. Von ſeiner Liebe zu uns geleitet und nur zu viele Gefahren ahnend, denen unſer Maurice ausgeſetzt ſein könnte . . . kam er nach Paris, in der Hoffnung uns nützlich zu ſein. .. Ach! Jeane Du hatteſt Recht. . ich habe zu lange gezögert, ihm zu ſchreiben . . .“ 156 „Und nun wozu das?“ verſetzte das junge Mäd⸗ chen, welches, ohne ſich klar von der Urſache dieſer Ver⸗ änderung Rechenſchaft zu geben, die Gegenwart dieſes lieben Meiſters beinahe fürchtete, „wo Ihr Ein⸗ fluß geſcheitert iſt, wird auch der Einfluß von Herrn Charles Delmare ſcheitern . . .“ „Mein Gott, Jeane, Du haſt nur ſchlimme Prophezeiungen!“ ſagte Madame Dumirail unge⸗ duldig. „Es bleibt mir noch eine Chance, ich will ſie verſuchen . . . Ich werde Herrn Charles Delmare bitten, augenblicklich hier vorzuſprechen.“ „Ach, meine Tante, hüte Dich wohl davor,“ ver⸗ ſetzte San Privato in einem myſteriöſen und ein⸗ dringlichen Tone, „Sie können, Sie dürfen nicht den geringſten Verkehr mit Herrn Charles Delmare mehr haben . . .“ „Warum das?“ „Ich kam, leider! um Ihnen eine ſehr wichtige und ſehr traurige Entdeckung mitzutheilen; aber Ihr Schmerz und Ihre Aufregung gegen Maurice ließen mich vergeſſen, was ich Ihnen bezüglich des Herrn Delmare mittheilen wollte . . .“ „Um was handelt es ſich denn?“ „Herr Delmare muß inskünftige für Sie ein Gegenſtand unüberwindlicher Abneigung ſein, von dem man ſich nicht weit genug entfernt halten kann „Was ſagſt Du? . . . Und was iſt die Urſache dieſer Abneigung, die wir gegen Herrn Delmare haben ſollen?“ „San Privato ſeufzte, ſchien ſich einen Augen⸗ blick zu ſammeln und fuhr fort: — 157 „Meine Tante . Sie kennen das tragiſche Ende von Jeane's Vater, unſerem Onkel Erneſt?“ Und ſich unterbrechend, als er eine ausdrucks⸗ volle Geberde von Madame Dumirail bemerkte, welche ihm lebhaft Stillſchweigen befahl, eine Ge⸗ berde, deren Bedeutung er nicht zu verſtehen heuchelte, fuhr San Privato fort: „Wie meine Tante?“ „Mein Gott!“ rief Jeane unruhig, indem ſie bald Albert, bald ſeine Tante anſah, „Sie verbergen mir etwas.“ „Wie! Jeane... Sie wiſſen nicht, daß Ihr un⸗ glücklicher Vater .. .“ verſetzte San Privato ein leb⸗ haftes Erſtaunen affectirend. Dann ſich beſinnend, wandte er ſich mit reuiger Miene an Madame Dumirail: „Ach, meine Tante . . . Welch ſchlimmer Indis⸗ cretion mache ich mich, ohne es zu wollen, ſchuldig...“ „Welche Erinnerungen?“ murmelte plötzlich Jeane, indem ſie ihre beiden Hände an die Stirne legte. „Meine Mutter ſchien immer verlegen, traurig, wenn ich ihr von meinem Vater ſprach; häufig ant⸗ wortete ſie mir nur mit Thränen . . . Dich, meine Tante und Dich, mein Vetter . . ich bitte euch in⸗ ſtändig . .. verbergt mir nichts . . . was iſt dies ſchmerzliche Geheimniß?“ „Jeane . . . mein armes Kind . . wozu?“ „Ach! fürchtet nichts,“ verſetzte das junge Mäd⸗ chen mit herzzerreißendem Lächeln, „ich habe heute einen Unglückstag.“ „So will ich Deinen Kummer nicht vermehren, liebes Kind.“ 158 „Und dennoch, meine Tante, wie peinlich auch dieſe Enthüllung ſein mag,“ verſetzte San Privato, „ſie iſt unerläßlich. Wollten Sie nicht Herrn Charles Delmare zu ſich rufen laſſen?“ „Ich ſetze nur noch auf ihn meine Hoffnung, bis mein Mann kömmt.“ „Nun gut, ſo wiederhole ich Ihnen, meine Tante, es iſt nunmehr unmöglich, daß Sie Herrn Charles Delmare empfangen. Alles empört ſich in mir bei dem Gedanken, Jeane gegenüber dieſem Menſchen zu ſehen, nachdem ich weiß . „Vollenden Sie, Albert,“ ſagte Jeane lebhaft, „vollenden Sie . . .“ „Es muß unglücklicher Weiſe ſein! Die Pflicht gebietet es mir. Vernehmen Sie denn die Wahrheit. Sie wiſſen, meine Tante, der Vater Jeane's iſt todt, im Duell umgekommen.“ „Das war alſo das unglückliche Geheimniß, das mir meine Mutter verbarg,“ verſetzte Jeane ſchmerz⸗ lich bewegt. „Ach jetzt begreife ich die Urſache ihrer traurigen Verlegenheit, ihrer Thränen, als ich ſie über meinen Vater fragte.“ „Leider! war dies ſein tragiſches Ende, armes Kind!“ Indem ſie ſich dann mit einem bedeutſamen Blick an San Privato wandte, fügte Madame Du⸗ mirail hinzu: „Dieſes traurige Ende war um ſo bedauerns⸗ werther, als die Urſache dieſes Duells eine ſehr nichtige war . . .“ Der geheime Gedanke von Madame Dumirail, als ſie einer nichtigen Urſache das Duell zuſchrieb 159 deſſen Opfer der Vater Jeane's geworden, war, dieſer die Entehrung ihrer Mutter zu verheimlichen. San Privato, der wirklich kein Intereſſe hatte, Jeane zu enthüllen, was ihre Tante ihr verheimlichen wollte, fuhr fort: „Wahrhaftig, es konnte nichts Nichtigeres geben, als die Urſache dieſes unglückſeligen Duells . . .“ „Aber,“ fragte Madame Dumirail, „welche Beziehung kann zwiſchen dieſem Duell und Herrn Charles Delmare herrſchen?“ „Welche Beziehung? Ach meine arme Couſine, Muth! .. „Vollenden Sie .. . „Dieſer Menſch, den Sie Ihren lieben Meiſter nennen, dem Sie ebenſoviel Achtung, als Liebe wid⸗ men . . . dieſer Menſch . . .“ „Dieſer Menſch?“ „Er iſt, Jeane .. der Mörder Ihres Vaters!...“ „Großer Gott!“ ſchrie das junge Mädchen ſchauernd. „Ach, das iſt furchtbar! . . . O, die Zu⸗ neigung, die ich dieſem Manne bewieſen, laſtet und wird ewig als ein Gewiſſensbiß auf mir laſten!“ „Aber, das iſt ein Irrthum!“ verſetzte lebhaft WMadame Dumirail, „mein Schwager wurde von einem deutſchen Maler, Namens Wagner, im Duell getödtet . . .“ „Gewiß, meine Tante, aber dieſer vorgebliche Wagner war Niemand anders, als Herr Charles Delmare .. . Er hatte damals einen falſchen Na⸗ nen, ich weiß nicht um welcher Liebesintrigue willen, angenommen . . .“ „Iſt es möglich?“ verſetzte Madame Dumirail 160 beſtürzt: „biſt Du deſſen auch ganz gewiß, was Du da vorbringſt?“ „Ich verſichere Sie . . . „Und dennoch ſcheint es mir kaum glaublich,“ erwiederte Madame Dumirail mit zweifelnder Miene. „Wie, Herr Delmare, deſſen Bewußtſein mit den Gewiſſensbiſſen dieſes Mordes beladen iſt . des Mordes meines Schwagers... und was ſchlimmer. .. des Vaters von Jeane, ſollte es gewagt haben, ſich bei uns einzuführen . . . in unſerem nähern Um⸗ gang zu leben, ohne daß ſich jeden Augenblick die Erinnerung an ſein Opfer ſeinem Gedächtniſſe auf⸗ drängte? .. Nein . . . nein. das iſt unmög⸗ lich! . . Herr Delmare iſt die Ehre, die Rechtlich⸗ keit ſelbſt . . er iſt einer ſolchen Heuchelei unfähig ſie wäre ſchrecklich! .. „Schrecklich!“ wiederholte Jeane zitternd, „er, er. der Mörder meines Vaters? . Ach, dieſe Heuchelei verdoppelt die Abneigung... den Abſcheu, den mir dieſer Menſch jetzt einflößt 4 „Aber noch einmal, Albert, haſt Du den Beweis von dem, was Du verſicherſt?“ verſetzte Madame Dumirail, „einen evidenten, handgreiflichen Beweis.“ „Meine Tante . . . die Sache iſt zu ernſt, als daß ich den Schatten eines Zweifels in Deinem Geiſte laſſen möchte . . . Ich denke auch nicht, daß dieſer Zweifel fortdauern wird . . wenn Herr Del⸗ mare ſelbſt geſteht, daß er unſern Onkel Erneſt Du⸗ mirail im Duell getödtet.“ „Gewiß, ein ſolches Geſtändniß müßte jeden Zweifel vernichten.“ „Dieſes Geſtändniß, Tante, wird er machen.“ 161 „Aber wie?“ „Sie ſind gewiß, daß Herr Charles Delmare ſich in Paris befindet?“ „Ich glaube es, denn er hat mir geſchrieben, daß er beinahe zu gleicher Zeit mit uns hier ſein werde.“ „Wo wohnt er?“ „Ich weiß es nicht. Er hat mich gebeten, meine Briefe poste restante an ihn zu adreſſiren.“ „Schreiben Sie ihm ſogleich; fordern Sie ihn auf, ſich ſobald als möglich zu Ihnen zu bemühen, und wenn er bei Ihnen iſt, ſagen Sie ihm plötzlich, ohne Uebergang, und ſehen Sie ihm feſt dabei ins Geſicht: „„Herr Charles Delmare, man klagt Sie an, im Duell meinen Schwager getödtet zu haben, als Sie den Namen Wagner führten! Schwören Sie mir auf Ihr Ehrenwort, daß dies falſch iſt . . . und ich werde Ihnen glauben.““ Sie werden dann die Ant⸗ wort von Herrn Delmare hören: er wird nicht zu leugnen wagen, weſſen ich ihn beſchuldige.“ „Wenn dem ſo iſt, werde ich dieſen Menſchen nie in meinem Leben wiederſehen, dieſen Menſchen, der ſich einer ſo halsſtarrigen und ſchwarzen Heu⸗ helei ſchuldig gemacht hat.“ „Noch ein Wort, meine Tante. Wenn Herr Del⸗ mare die Kühnheit hätte, denn Alles iſt möglich, wenn er, ſage ich, die Kühnheit hätte, zu leugnen, was ich verſichere, ſo werde ich Ihnen auf die evi⸗ denteſte Weiſe beweiſen, daß er frech lügt und daß er doch, leider Jeane! der Mörder Ihres Vaters iſt.“ „Ich will augenblicklich an Herrn Charles Del⸗ mare ſchreiben,“ ſagte Madame Dumirail, indem ſie aufſtand. „Ich ſetzte auf ihn die letzte Poffnung 1 Sue, die Familienſöhne. III. 162 für die Rettung meines Sohnes. Wenn ich darauf verzichten muß, ſo werde ich darauf verzichten; aber dann was thun, was werden, während wir die An⸗ kunft meines Mannes erwarten! Ach, ich fühle es, ich werde nie die Kraft, den Muth haben, gegen ſo viele Herzensangſt zu kämpfen . . . Ich werde es nicht überleben!“ Madame Dumirail verließ in ſchmerzlicher Auf⸗ regung das Zimmer und ließ Jeane mit San Pri⸗ vato allein. XXVI. „ San Privato, welcher Jeane aufmerkſam beob⸗ achtete, ſagte ihr nach dem Weggang von Madame Dumirail: „Sie müſſen ſehr niedergeſchlagen ſein, da Sie erfahren, daß dieſer Herr Delmare, für den Sie ſo viel Zuneigung und Vertrauen beſaßen, der Mörder Ihres Vaters iſt.“ „Wenn ich meinen Vater gekannt hätte, würde es nicht blos unüberwindlicher Widerwille ſein, den mir jetzt Herr Delmare einflößen muß, was ich fühlte, wäre Abſcheu,“ antwortete Jeane nachdenkend. „Es gab eine Zeit, wo der Bruch meiner Beziehun⸗ gen zu Herrn Delmare mir ſehr ſchmerzlich geweſen wäre aber, ſelbſt auf die Gefahr hin, undank⸗ bar zu erſcheinen, läßt mich dieſer Bruch heute bei⸗ nahe gleichgültig . . .“ „Woher kommt dieſe Veränderung, liebe Coufine?“ „Vielleicht daher, daß ich nicht mehr die Ab⸗ 163 neigung theile, mit welcher Sie Herr Delmare ver⸗ folgte.“ „Wirklich?“ „Ja, was mir ehedem an Ihnen mißfiel, Albert, gefällt mir jetzt.“ „Pfui, die Spötterin,“ „Ich bin ehrlich. „Wollen Sie mich zwingen, Sie an Ihre ſtolze Verachtung, an Ihre bittern Sarkasmen zu er⸗ innern?“ „Halt, mein Vetter,“ verſetzte das junge Mäd⸗ chen nach kurzem igei, „es herrſcht iſchen uns ein Mißverſtändniß . „Welches!“ „Sie glauben, die Jeane vom Morillon, die Braut von Maurice vor ſich zu haben .. Das iſt ein Irrthum . . .“ „Wie?“ „Dieſe Jeane iſt todt.“ „Was heißt das?“ „Ja,“ fuhr das junge Mädchen in einem ſardo⸗ niſchen und bittern Tone fort: „ja, dieſe Jeane iſt todt, plötzlich geſtorben, in einem Tage und einer Nacht des Schmerzes! Arme Creatur! Man kann ſie, wenn auch nicht bedauern, doch beklagen . . ſie war treu, ergeben, echt und ſtolz. Sie hat einen inſtinctlichen Abſcheu gegen das Böſe, ſo daß ſie es ſelbſt unter dem verführeriſchſten Aeußern heraus⸗ fühlte. Das iſt der Grund, weshald Sie, Albert, dieſer armen Jeane ſo viel Furcht und Widerwillen einflößten; dies der Grund, warum ſie mit allen Kräften gegen die unerklärliche Anziehungskraft an⸗ 16⁴ kämpfte, die Sie für ſie beſaßen. Als Gattin von“ Maurice würde ſie bei ihm in ſeiner tiefen Einſam⸗ keit glücklich und friedlich gelebt haben und alt ge⸗ worden ſein; eines Tages ſah ſich jedoch dieſe Jeane plötzlich unwürdig vergeſſen, verrathen, geopfert . . . alles, was in ihr gut, erhaben, edel war, iſt plötzlich gewelkt . . . Wie in unſern Bergen eine zu früh⸗ zeitige Eisnacht genügt, um alle Herbſtblumen welken und abſterben zu machen . . . ja ſo iſt auch ſie plötz⸗ lich geſtorben, dieſe arme Jeane, der Sie ſo viel Abneigung und Furcht eingeflößt, mein lieber Vetter!“ „Und welcher Art iſt nun dieſe andere Jeane, die vor mir ſteht?“ verſetzte San Privato lächelnd. „Sie erſcheint mir vielleicht ſchöner, als die ge⸗ ſtorbene.“ „O dieſe Jeane iſt — oder wird eheſtens würdig ſein, Sie nach Ihren Verdienſten zu ſchätzen, Albert; ſie lächelt mitleidig, wenn ſie an den Schrecken denkt, den Sie der andern Jeane einflößten, die ſie bei⸗ nahe wie eine Tolle betrachtet, denn ſie floh, was ſie hätte anziehen ſollen . . .“ „Eine raſche und unbegreifliche Veränderung.“ „Raſch, ja; unbegreiflich, nein.“ „Und doch, liebe Coufine . . .“ „Braucht es viele Zeit und viele Reflexionen, um ſich zu ſagen: Auf meine Hingebung, auf meine Treue hat man mit Verrath, mit Verachtung, mit Be⸗ ſchimpfung geantwortet? . . . Gut, ich werde Ver⸗ rath mit Verrath, Verachtung mit Verachtung, Be⸗ ſchimpfung mit Beſchimpfung erwiedern. Die ſchänd⸗ liche Jeane wird ihre todte Schweſter rächen, weil ſie treu und redlich war! Daß ihr ſo viel Redlichkeit 165 oder Albernheit leicht würden! Denn wenn man be⸗ denkt, welcher unwürdigen Creatur ſie geopfert wurde, ſollte man nicht verſucht ſein, zu glauben, daß die Inſolenz, die Keckheit, das Verbrechen der Frau eine Herrſchaft verleihen, welche ſie nie durch die Be⸗ ſcheidenheit, die Reſignation und die Tugend erlan⸗ gen würde? . . . Wenn dem ſo iſt, ſollte man nicht ſich zu ſagen wagen: Verſichern wir uns zuerſt un⸗ ſerer Herrſchaft! ſeien wir Königinnen! und ſtatt Scla⸗ ven zu ſein, wollen wir, wenn es ſein muß, durch das Böſe herrſchen!“ „Das wäre kühn!“ „Meine Sprache überraſcht Sie, Albert?“ „In hohem Grade.“ „Auch ich bin erſtaunt über dieſe ſeltſamen Ge⸗ danken, wie noch über viele andere, die ſeit dem Verrath von Maurice in meinem Geiſte aufſteigen . . . Woher kommen ſie? ich weiß es nicht; aber ſie werden Ihnen wenigſtens beweiſen, hoffe ich, daß Sie mir jetzt mehr Sympathie, als Abneigung einflößen müſſen.“ „Ach, Jeane, Jeane! ich muß all' meine Ver⸗ nunft zu Hülfe rufen, um mich nicht in den Zauber⸗ netzen Ihrer Coquetterieen fangen zu laſſen.“ „Ich coquett?“ „Obſchon Sie es ſagen, bin ich Ihnen weder ſympathetiſch, noch verhaßt, noch gleichgültig.“ „Was ſind Sie mir dann?“ „Ich kann Ihnen nützlich ſein.“ „Wozu?“ „Sich an Maurice zu rächen. Sie mühen ſich, mir den Kopf zu verdrehen, indem Sie ſich mir un⸗ 166 ter der pikanten Larve dieſer abſcheulichen Jeane zeigen, des verführeriſchſten Dämons, der einen ehr⸗ baren Menſchen in die Verdammniß bringen kann! Sie wollen mich überreden, daß Sie mich vielleicht eines Tages lieben werden, und mich auf ſolche Weiſe oft hierher locken, um den eiferſüchtigen Maurice in Verzweiflung zu bringen.“ „Eine ſolche Berechnung . . .“ 1 „Iſt ſehr einfach, liebe Couſine; man muß mich nur dazu bringen, die Rolle des Rivalen zu ſpielen, die ich auf dem Morillon begonnen; Sie haben mich, wenn man das ſagen kann, in der Hand. In Be⸗ tracht der Umſtände und des Haſſes endlich, den er gegen mich hegt, kann die Eiferſucht eine furchtbare Qual für ihn werden.“ „Er liebt mich nicht mehr. Es wäre deßhalb ab⸗ geſchmackt von mir, wollte ich ihm Eiferſucht ein— flößen.“ „Die Menſchen mögen noch ſo wenig verliebt oder noch ſo untreu ſein, ihr Stolz leidet immer, wenn die Frau, die ſie verſchmäht haben, ſie gleich⸗ falls verſchmäht. Obgleich Maurice Sie Frau von Hansfeld zum Opfer gebracht, wird er deßhalb doch nicht weniger die Qualen der Eiferſucht fühlen, na⸗ mentlich wenn er mich für ſeinen Rivalen hält . . . ſo wie Sie es ihm zu bedenken geben wollen, in der Hoffnung, ihn zu ſich zurückzuführen, denn Sie lieben ihn noch, meine arme Jeane . . .“ Das junge Mädchen zuckte leicht mit den Achſeln, ſammelte ſich einige Augenblicke und ſagte dann zu San Privato mit einem tiefen und forſchenden Blicke: 167 „Albert, wenn Sie mich noch geliebt hätten, wür⸗ den Sie mich zu Ihrer Frau gewollt haben?“ XXVII. Als San Privato Jeane plötzlich ihn fragen hörte, ob er ſie zur Frau wolle, ſchien er anfangs verblüfft, und dann gerührt; bald jedoch ſagte er lächelnd im Tone des Vorwurfs laut zu ſich: „Thor, der ich bin, dieſen ſchändlichen Spott für Ernſt zu nehmen!“ „Nichts iſt ernſthafter, als meine Worte, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Sie wollen, ich ſolle glauben .4 „Ich will, daß Sie an meinen Schwur glauben, und ich ſchwöre Ihnen, ich ſpreche in vollem Ernſte, wirklich in vollem Ernſte, wenn ich Sie frage, ob Sie, im Falle Sie mich noch geliebt, mich zu Ihrer Frau gewollt hätten?“ „Ach, Ihnen meinen Namen geben, Ihnen mein. Leben weihen!“ verſetzte Albert mit Begeiſterung, „das wäre der glühendſte meiner Wünſche geweſen, aber „Aber . . . ich habe Maurice geliebt, und Sie wollen ein Herz, das Ihnen ungetheilt angehörte und angehört, und dann lieben Sie mich ja auch nicht mehr.“ „Sie täuſchen ſich, Jeane.“ „Sie lieben mich noch?“ „Ich antwortete auf den erſten Ihrer Einwürfe, 168 daß ich ein Herz wolle, das mir ungetheilt angehörte, und darauf ſagte ich Ihnen: Sie täuſchen ſich.“ „Wie?“ „Wenn mir erlaubt geweſen, zwiſchen zweierlei Art von Glück zu wählen, Jeane, nämlich Ihnen von Anfang zu gefallen und der Gegenſtand Ihrer erſten Liebe zu werden, oder Ihnen anfangs zu miß⸗ fallen und dann einen Rivalen aus Ihrem Herzen zu vertreiben, ſo würde ich das letztere Glück vorge⸗ zogen haben.“ „Warum dies?“ „Weil es viel leichter, aber weniger ſchmeichelhaft iſt, ein aller Liebe fremdes Herz zu gewinnen, als über eine ſchon tief eingewurzelte Leidenſchaft zu triumphiren.“ „So wäre alſo die Liebe, die ich für Maurice fühlte, kein Hinderniß für Ihren Wunſch, mich zu heirathen, geweſen, wenn Sie noch in mich verliebt geweſen?“ „Weit entfernt, Jeane, dieſe Heirath hätte meine Liebe und meinen Stolz zugleich gekrönt.“ „Sehen wir die Sache ein wenig näher an! .. . Wenn dieſe unwiderſtehliche Leidenſchaft, die Sie mir unlängſt zwiſchen Himmel und Hölle, in einer Todes⸗ gefahr geſtanden . . wenn dieſe Leidenſchaft, die Sie überleben und unſere Seelen vor Gott für die Ewigkeit verbinden ſollte; wenn dieſe Leidenſchaft ohne Ende, ſage ich, nur ſo lange gedauert, als eine Roſe braucht, um zu entſtehen, zu leben und zu ſter⸗ ben, ſo hätte ich hoffen können, Madame San Pri⸗ vato zu werden.“ 169 „Sie ſpotten; aber was wollen Sie, Jeane, wer den Herd auslöſcht, bekommt kalte Aſche.“ „Und wer ihn anzündet, glühende Flammen, nicht wahr, Albert?“ „Gewiß.“ „Wenn ich Sie alſo liebte, würde Ihre Leiden⸗ ſchaft für mich wieder erwachen?“ „Wozu dieſe Frage? Sie werden mich nie lieben.“ „Wer weiß!“ „Ich, Jeane, ich weiß es nur zu gut.“ „Und wenn ich Ihnen eines Tages Ihren Irr⸗ thum beweiſen würde?“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Sie werden mich nicht in das Netz Ihrer Coquetterien locken, ſo be⸗ zaubernd es auch ſein mag.“ „Wenn ich Ihnen aber einen Beweis von dieſer Liebe gäbe, Albert?“ „Welchen?“ Wene Hand. . „O, dann, Jeane, würde ich an Ihre Liebe glau⸗ ben; ich würde blind daran weil Sie zu den Frauen gehören, die ſich nicht ohne Liebe zu geben wüßten.“ „Sehen Sie, Albert, unter andern ſeltſamen Ge⸗ danken, die mir, ich weiß nicht woher, kommen, viel⸗ leicht von Ihnen, ſcheint es mir, daß unſere Heirath keine gewöhnliche Heirath wäre.“ „O wie oft hat dieſer Traum. „Vollenden Sie.“ „Nun gut! ja, Jeane, es gab einen Tag, den erſten T Tag, an dem ich Sie ſah, wo ich, die leider „ ſehr ephemere Wirkung fühlend, die ich auf Sie hatte, die thörichte Hoffnung ſchöpfte, Ihre Liebe zu ver⸗ dienen, Maurice auszuſtechen, und mich mit Ihnen zu verbinden ... Aber Sie werden lachen; es war nicht die beſcheidene und unſchuldige Jeane vom Mo⸗ rillon, die mich reizte, nein, nein; es war eine an⸗ dere Jeane, die ſelbſt nichts von ſich wußte, und ſich plötzlich wider Willen durch ein Symptom ent⸗ faltete.“ „Welches Symptom?“ „Jene Anziehungskraft, die ich ganz anfangs für Sie beſaß, über die Sie errötheten und ſiegten, ja, dieſe Neigung verrieth die Jeane, die ſich heute lau⸗ ter und ohne Rückhalt vor mir enthüllt; damals träumte ich von dieſer Heirath. Ach! Sie haben wahr geſprochen; es wäre keine gewöhnliche Heirath geweſen. Ich hätte Sie in jene glänzende Welt eingeführt, als deren Königinnen eine Sie geboren ſind und deren mehr gefürchtetes als angebetetes Idol Sie werden mußten, denn, Jeane, Sie gehören zu den Frauen, die nichts halb ſind, ja, Sie hätten auf dem Morillon, der Luft, des Raumes, des Lich⸗ tes ermangelnd, gelebt, wären alt geworden oder hätten vielmehr im Dunkeln vegetirt, durch eine Art von ehrbarer Mäſtung des Geiſtes und der Sinne, die in jeder Beziehung der Tugend gleicht, vernichtet; in Ihren wahren Kreis jedoch geſtellt, mußte Ihre Macht unwiderſtehlich, beinahe furchtbar für jeden Andern als für mich, glänzen; daher ſtammen meine Träume von Heirath.“ „Und warum wären Sie allein vor dieſer bei⸗ 17¹ nahe furchtbaren Macht geſchützt geweſen, die Sie mir ſpottweiſe zuzutheilen belieben?“ „Ich ſpotte nicht, glauben Sie mir, Jeane; wenn Sie Ihren freien Schwung, ihre vollſtändige Ent⸗ faltung erreicht, würden Sie einen furchtbaren Ein⸗ fluß auf alle die bekommen haben, die ſich Ihnen näherten, und dieſer wäre um ſo furchtbarer gewor⸗ den, je mehr man Sie anfangs geliebt.“ „Ich nehme an, daß Sie ernſthaft ſprechen, Albert; wie wären Sie allein dieſem Einfluß entgan⸗ gen, der nach Ihrer Behauptung ſo furchtbar ge⸗ weſen?“ „Weil das Feuer nicht auf das Feuer, der Lie⸗ bende nicht auf den Liebenden wirkt, weil wir uns ſo gleichen und uns von gewiſſer Seite ſo feſt an einander halten, daß wir Mitſchuldige, aber nie das Opfer von einander werden können.“ „Sie ſprechen in Räthſeln . . . aber was mir klarer iſt, das iſt der Sinn der von Ihnen ſo eben aus⸗ geſprochenen Worte: „Der Einfluß auf alle die, die ſich mir nähern, wird um ſo furchtbarer ſein, je mehr man mich früher geliebt.“ „Ja, das habe ich geſagt und ich wiederhole A. — „Albert, ich werde alſo nach Ihnen viel geliebt ein?“ „Es wird Ihnen ſchwer fallen, Ihre Anbeter zu zählen.“ „Und ich . . . werde ich lieben? . .“ „Sagen Sie mir, Jeane, haben Sie von Don Juan ſprechen hören?“ 172 „Es iſt, glaube ich, der Typus eines unbeſtän⸗ digen Verführers.“ „Sie können hinzufügen, der Typus eines vom Vergnügungsteufel beſeſſenen Menſchen. Nun!. . .“ „Nun?“ „Es gibt ſeltſame Namenähnlichkeiten. Dieſer Typus der Verführung, der Anmuth, der Unbeſtän⸗ digkeit und des Vergnügungsteufels heißt Don Juan, und Sie, liebe Couſine, Sie heißen . . .“ „Jeane.“ „Auf Spaniſch: Donna Juana; Sie?“ „Das iſt eine Anſpielung. „Mehr als das. „Es iſt alſo eine Fnſoleuz?“ „In Gegentheil, es iſt eine Eloge, denn ich hätte D Donna Juana mit Freuden, mit Begeiſterung geheirathet . „Wie, Albert, Sie hätten Donna Juana, dieſen weiblichen Typus der Unbeſtändigkeit und des Ver⸗ gnügungsteufels mit Freuden geheirathet?“ „Dieſe zu ſchwerfälligen Worte, da ſie ſich auf eine Dame beziehen, ändern Sie ſie in zügelloſe Co⸗ quetterie und ich wiederhole es, ich hätte Donna Juana mit Begeiſterung, ſage ich, und dabei mit Zuverſicht und Vertrauen geheirathet. „Vertrauen und Zuverſicht zu einer Donna Juana! das heißt die Liebe zum Paradoxen weit treiben, lie⸗ ber Vetter.“ „Nein, denn ſie verband mit dem verführeriſchen Reiz und der Unbeſtändigkeit Don Juans auch ſein männlichen „Wie . Tugenden?“ „Zahlreiche! erſtens die Güte: kann man ſich nachſichtiger zeigen, als er es gegen ſeinen Schuft von Kammerdiener thut? Dann der Muth: nimmt er nicht, den eiteln Aberglauben verachtend, die furchtbare Einladung zum Mahle Pietro's an? Dann die Wohlthätigkeit, denn er leert im Namen der Menſchlichkeit ſeine Börſe in die Mütze des Bettlers; endlich die Seelengröße, als er ſich, den Degen in der Hand, auf die Seite eines von mehreren Gegnern angegriffenen Unbekannten wirft . . . Ja, Muth, Wohlthätigkeit, Güte, Seelengröße . . . das ſind die männlichen Eigenſchaften Don Juans . . . das wür⸗ den die männlichen Eigenſchaften Donna Juana's ſein.“ „Aber ihre Fehler . . . und unter anderen ihre zügelloſe Coquetterie?“ „Dieſen Fehler namentlich hätte ich mit Vorliebe gehegt und mit Dankbarkeit zur Entfaltung gebracht!“ „Sie . . der Mann Donna Juana's?“ „Ihr Mann, und noch mehr, ihr Geliebter, ihr intimſter Vertrauter. Wie viel tolle und ſpaßhafte Mittheilungen würden wir uns über dieſe Maſſe leben⸗ diger Marionetten anzuvertrauen gehabt haben, die der unſichtbare Faden ihrer Coquetterie Grimaſſen ſchnei⸗ den und lachen macht! Ein Wort, ein Blick Donna Juana's, ein leichter Händedruck, eine aus ihrem Vouuet losgelöste Blume — und eben ſo viele Men⸗ ſchen wären ſtrahlend und leuchtend vor Glück, entzückt, ſtolz, ſelbſtzufrieden und gewiß geweſen, auf Donna Juana's Herz Eindruck gemacht zu haben. Plötzlich aber zieht ſich ihre inſolente Augenbraue zuſammen, die Ironie ſpielt um ihre ſpöttiſche Lippe oder ſie * 17⁴ macht gegen Andere kecke, auffordernde, freundliche Geſichter, ſagt ihnen ſentimentale Abgeſchmacktheiten, wirft ihnen verführeriſche Blicke zu und ſiehe, die geſtern noch berauſcht waren, ſind heute in Ver⸗ zweiflung, wüthend. Die Reue, die Verachtung, die Eiferſucht, die Wuth, der unmächtige Haß nagt im Stillen an ihnen; ihre Seele iſt voll Galle; ſie ver⸗ ſchlucken ihre Thränen im Stolze, und verfolgen mit ihren erſtickten Verwünſchungen die furchtbare und lächelnde Donna Juana, die ſo die arme Jeane vom Morillon an der Menſchheit rächt?“ „O Albert . . ſchweige; verführeriſcher Dämon, ſchweige . . .“ murmelte das junge Mädchen leuch⸗ tenden Blickes und glühender Wange, während alle ihre ſchlimmen Triebe bei den Worten San Privato's ſich zu geſtalten und groß zu werden ſchienen. „Und die Frauen! . . Mußte nicht die arme Jeane vom Morillon an Frau von Hansfeld gerächt werden, von Donna Juana an den andern Töchtern Fva's?. Scht ſie . ſie erſcheint in einem Salon, alle Frauen folgen ihr mit neidiſchem Blicke, voll Furcht und Haß. Wie kurz auch der Faden ſei, an dem ſie ihre Söhne, ihren Mann oder ihren Liebhaber halten, ſie verkürzen ihn noch mehr und ziehen ihn an, daß er bricht . er bricht. Die Söhne, die Liebhaber, die Männer entwiſchen und werden in den Strudel der fuichtbaren Donna Juana hineingezogen. Denn ſie beſitzt die glänzende Schön⸗ heit und was hundert Mal mehr als die Schönheit die unwiderſtehliche Anziehungskraft einer zügelloſen Coquetterie; darin beſteht ihre Kraft, ihre Souverai⸗ netät. Jeder glaubt über ſie zu triumphiren: Opfe N 175 rufen Opfer hervor . . hölliſche Macht des Weibes, die, von Allen angebetet, Niemand gehört und in ihrer ſtolzen Verachtung Alle verlacht! . . Sie ſieht zu ihren Füßen, bebend vor Liebe, Hoffnung oder Angſt, aber bewegt, unruhig, zitternd, wie zarte Jünglinge, die durch den Reiz ihrer Perſönlichkeit ver⸗ führeriſchten oder durch die Intelligenz, den Muth, den Reichthum, den Rang mächtigſten Menſchen; ſchöne junge Leute, von denen man wegen ihrer Succeſſe ſpricht, unerſchrockene Offiziere, tiefſinnige Politiker, Cröſuſſe, welche zwanzig Mal Millionärs ſind, große Herren, Könige, berühmte Dichter, und doch, o Donna Juana, Donna Juana, dieſe in Schlach⸗ ten vernarbten, durch das Königthum gekrönten, oder durch das Genie geheiligten Stirnen, Du hältſt ſie beugt, weil dieſe Menſchen die Deinigen ſind, Du terkeit der Verachtung trüben kann, mit der Du Deine Anbeter behandelſt! Dieſe großen Geiſter, dieſe großen Herzen liegen zu Deinen Füßen . Du trittſt ſie nieder; ſie leiden, ſie bluten, und Du gehſt über ſie hinweg, zerſtreut Dein Bouguet ent⸗ blätternd; Du gehſt über ſie hinweg, unerſättlich nach Triumphen gierend und von der Unterwerfung jener Unbekannten träumend, die Deiner furchtbaren Herrſchaft ſich noch nicht unterworfen!“ „O ſeltſames Geheimniß!“ murmelte Jeane, gie⸗ rig auf die Worte San Privato's lauſchend: „Sie entſchleiern vor meinen Blicken die geheimſten Wünſche meiner Seele . . . Die, deren ich mir kaum bewußt war und die ich mir zu geſtehen fürchtete; ja, unter dem Atlas Deines Stiefelchens demüthig ge⸗ 3 3 aber nicht die ihre, weil nichts die unerbittliche Hei⸗ Loos?2“ fügte San Privato mit ſeinem zärtlichſten 176 jene Triumphe einer hölliſchen Coquetterie, ich träumte von ihnen . . . wenn auch nur vague, ſeit ich ſo viel gelitten! Ach! ſo unumſchränkt zu herrſchen .. . nur einen Tag . . . mich an der Verachtung zu rächen, die mein Herz gebrochen, und dann ſterben!“ „Sterben! nein, nein! lieber leben, Jeane, lang leben, abwechſelnd vergöttert, gehaßt und gefürchtet zu werden . . . an der Seite eines Gatten zu leben, der zu gleicher Zeit Dein Liebhaber, Dein Freund, der Vertraute und vielleicht der Mitſchuldige an Deiner Rache iſt! O! ſprich, unter Euch beiden, welch' herrliche Herzensergüſſe, welch' unerſchöpflicher Spott über Deine Opfer! wie viel Gelächter über ſo viele von Deinen Selaven oder Deinen Rivalen vergoſſene Thränen! Welches Vertrauen, welche Sicherheit würdet ihr gegenüber von einander gehabt haben, Du und Dein Gatte, weil er der einzige Deiner werthe Mann und Du die einzige ſeiner werthe Frau geweſen! Ihr wäret ein egenſtai des Schreckens für andere geworden! Da Ihr nie ein Geheimniß vor einander gehabt, hättet Ihr allein auch die unerbittliche Kühnheit gegenſeitigen Ver⸗ trauens bis zu jener Grenze treiben können, vor der ſelbſt die Keckſten zurückgeſchreckt wären; ſo hättet Ihr, doppelt ſtark durch die vereinten Kräfte, gepan⸗ zert durch die Verachtung, dem Mitleid unzugänglich, dieſer glänzenden und auserleſenen Welt, deren Pfor⸗ ten ſich vor Dir öffneten, getrotzt und ſie unterjocht Sprich, Jeane, gibt es ein beneidenswertheres eindringlichſten Tone hinzu, während ſeine bezi bernden Züge leidenſchaftliche Liebe athmeten. — 177 „H! daß Du mich geliebt hätteſt . . . Das wäre unſer Leben geweſen . . . o meine ſchöne Donna Juana; Engel für mich . . . Dämon für alle An⸗ deren „Albert,“ verſetzte das junge Mädchen unter dem glühenden Blicke San Privato's zitternd, „ich will offen ſein; ich fühle füv Sie nicht, was ich für Mau⸗ rice gefühlt . . . ich liebe Sie nicht, wie ich ihn geliebt habe . . . nein, dieſe Liebe iſt mit der armen Jeane geſtorben, wie Sie wiſſen; aber ich liebe Sie vermöge jener ſeltſamen Anziehungskraft, die Sie im erſten Augenblick für mich hatten, als ich Sie ſah. Vielleicht iſt dieſe Liebe die wahre, vielleicht iſt es die, welche Ihre Donna Juana braucht . . .4 „Ich glaube Dir! Freuden des Himmels, Du liebſt mich!“ rief San Privato außer ſich, raſend vor Glück, während er mit ſeinen liebkoſenden Hän⸗ den die fiebernden Hände Jeane's drückte, welche bei dieſem Drucke ganz verwirrt wurde; „Du liebſt mich, ich glaube Dir!“ wiederholte Albert. Aber zitternd über einen plötzlich in ihm er⸗ wachenden Gedanken, ließ er Jeane's Hände los und murmelte mit gedrückter Stimme: „Elender Rarr, der ich bin! Gben noch bezeich⸗ nete ich dieſes Netz und falle nun ſelbſt hinein. Ich bin der Dupe Deiner hölliſchen Coquetterie.“ „Albert, Sie haben zu mir geſagt: „„Ich würde an Ihre Liebe glauben, wenn Sie mir Ihre Hand ten . .“ ich ſchenke ſie Ihnen . . . „Und morgen, Donna Juana, werden Sie Ihr Verſprechen luſtig machen und übet en, der daran glaubte .. Sue, die Familienſöhne. II. 62 178 „Ich ſchwöre Ihnen, und die Schwüre, die ich ausſpreche, halte ich, denn ich habe Maurice bis zu⸗ letzt geliebt; ich ſchwöre Ihnen, Albert, daß meine Hand Ihnen gehört.“ „Ach, wenn ich Ihnen glauben könnte ...“ „Warum an meinen Worten zweifeln!“ Sie haben für mich ſo blutige Wriſi ge⸗ fühlt!“ „Jene Zeit iſt längſt vorbei, Albert.“ „Aber die Erinnerung daran iſt mir noch immer gegenwärtig und obgleich Sie es ſagen . . . unwill⸗ kürlich . . . jenes Mißtrauen . . . Ach! die Täu⸗ ſchung wäre furchtbar für mich! . .“ „Mein Gott, das iſt um wahnſinnig zu werden. Es gibt alſo kein Mittel, Sie zu überzeugen?“ „Es gibt eines, Jeane, aber . . .“ „Vollenden Sie.“ „Ja, es gibt ein unwiderſtehliches, unverwerf⸗ liches Mittel, mich zu überzeugen, daß Sie mich eben o ſehr lieben, Jeane, als ich Sie liebe, daß dies nerbieten Ihrer Hand aufrichtig gemeint iſt und daß wir vor einem Monate verbunden ſein werden.“ „Und dieſes Mittel iſt?“ „Nein, es wäre zu keck, Sie würden es nicht wagen.“ „Nennen Sie es doch.“ „Sie würden es nicht wagen, ſage ich Ihnen.“ „Sie ſollten überzeugt ſein, Albert, daß die Ke heit der neuen Jeane nicht fehlt.“ Ach wenn Sie dieſe Tapferkeit hätten O! dann würde ich an Ihre Liebe glauben, würde nicht mehr an unſerer nahen Hoc ———— zweifeln und bald würde Donna Juana ihre Tage nach ihren Erfolgen, ihren Freuden, ihren Racheacten zählen.“ „Das Mittel . . . das Mittel.“ „Sie müßten zuerſt Ihre Tante verlaſſen . . „Meine Tante verlaſſen! .. . Sie, die für meine erſte Jugend geſorgt und mich wie ihre Tochter be⸗ handelt hat!“ „Sie hat Sie aber noch eben an ihre Wohlthaten erinnert . . . in Ausdrücken . . .“ „Die mich tief gebeugt und verwundet, ich ge⸗ ſtehe es . und es wäre mir jetzt unmöglich, die⸗ ſen Schimpf zu vergeſſen . . . Eine unbeſiegbare Kälte wird von nun an zwiſchen mir und Mauricens Mutter herrſchen,“ antwortete Jeane mit Bitterkeit; dann fügte ſie nachdenklich hinzu: „Meine Tante verlaſſen und wohin ſoll ich gehen.“ „Zu meiner Mutter,“ verſetzte San Privato mit drängendem Tone. „Meine Mutter würde ſo glücklich ſein, Sie bei ſich aufzunehmen . . . Dann .. 4 San Privato wurde plötzlich durch Joſette unker⸗ brochen, welche raſch in das Zimmer trat und laut rief: „Mademviſelle, Mademoiſelle! Welches Glück! Der würdige Herr Delmare; er verlangt Sie und Madame zu ſprechen.“ „Bitten Sie Herrn Delmare einzutreten,“ ant⸗ wortete San Privato der Dienerin; „und bitten Sie auch Madame Dumirail alsbald hierher zu kommen.“ oſette ging, um die Befehle Alberts zu voll⸗ ziehen, der ſich an Jeane wendend ſagte: „Wir werden unſer Geſpräch nach dem Weggang „ 180 — des Herrn Delmare fortſetzen: aber Ihre Tante hat ihm ja nicht geſchrieben: er wußte Ihre Adreſſe nicht, wie hat er ſie herausgebracht?“ „Ich weiß es nicht . aber ſeine Gegenwart wäre mir von nun an widerlich, unerträglich,“ ant⸗ wortete Jeane, vielleicht weniger dem Abſcheu, den ihr die Gegenwart des Mannes einflößen müßte, den ſie als Mörder ihres Vaters betrachte, als den Gewiſſensbiſſen Gehör ſchenkend, die ihr das raſche Vergeſſen der weiſen und väterlichen Rath⸗ ſchläge ihres lieben Meiſters und des gerecht⸗ fertigten Abſcheues vor San Privato vorwarfen. In dieſem Augenblicke traten Herr Charles Del⸗ mare und Madame Dumirail beinahe zu gleicher Zeit durch zwei verſchiedene Thüren ein. XXVIII. Delmare's erſter Blick ſuchte Jeane und ruhte mit einem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit auf ihr; bald zitterte er jedoch vor Erſtaunen und ſein Herz brach, als er den Eindruck tiefen Widerwillens bemerkte, den ſeine Gegenwart ſeiner Tochter verur⸗ ſachte: da dieſer offenbare Widerwille, wenn gleich min⸗ der prononcirt, ſich auch bei Madame Dumirail zeigte, ſo zweifelte Charles Delmare, San Privato's an⸗ ſichtig werdend, keinen Augenblick an einer neuen Perfidie des Letztern. 5 „Mein Herr,“ ſagte Madame Dumirail in einem eifrigen Tone zu Delmare, „ich habe nicht die E * 181 gehabt, Ihnen zu ſchreiben; ich bin deßhalb ſehr er⸗ ſtaunt, Sie bei mir zu ſehen.“ „Meine Tante,“ ſagte Jeane lebhaft, als ihr Vater ſich zu einer Antwort anſchickte, „Sie wer⸗ den begreifen, daß es mir unmöglich iſt, einen Augen⸗ blick länger hier zu verweilen.“ Das junge Mädchen wandte ſich raſch nach der Thüre, welche in den Salon führte, und ſah haſtig auf die Seite, als ſie an Charles Delmare vorüberkam, der mit einem herzzerreißenden Blicke den Augen ſeiner Tochter zu begegnen ſuchend, in aegtiſnn Tone zu ihr ſagte: „Mademoiſelle Jeane. Sich Ach! laſſen Sie mich, Ihre Gegenwart an die⸗ ſem Hrie empört mich!“ rief das junge Mädchen mit einem Tone und einer Bewegung voll Abſcheu; dann verſchwand ſie in dem anſtoßenden Zimmer im Augenblicke, als San Privato leiſe zu Madame Dumirail ſagte: „Erinnern Sie ſich meines Rathes: klagen Sie Herrn Delmare plötzlich und unerwartet des Mordes meines Onkels Erneſt an und Sie werden den Beweis von dem haben, was ich behauptete!“ XXIX. Charles Delmare, beſtürzt durch den Empfang ſeiner Tochter, und die Aufdeckung ſeines Geheimniſſes durch San Privato von dieſem Augenblicke für ge⸗ wiß haltend, machte dennoch gute Miene zur Sache 182 und ſagte, auf die Frage von Madame Dumirail antwortend: „Beunruhigt dadurch, daß ich keine Nachrichten von Ihnen erhielt, Madame, und vorausſetzend, daß Sie alsbald nach Ihrer Ankunft in Paris ſich zu Herrn von Morninville begeben mußten, ſprach ich bei ihm vor, um mir Ihre Adreſſe zu verſchaffen. Er gab ſie mir dieſen Morgen, und . .. „Mein Herr,“ verſetzte Madame Dumirail, in⸗ dem ſie ihrer Stimme Feſtigkeit zu verleihen ſuchte: „man beſchuldigt Sie, unter dem Namen Wagner meinen Schwager, Herrn Erneſt Dumirail, im Duell getödtet zu haben. Geben Sie mir Ihr Wort als Ehrenmann, daß dieſe Thatſache falſch iſt und ich werde Ihnen glauben.“ Die Ahnungen Charles Delmare's realiſirten ſich, ſein Geheimniß war Madame Dumirail bekannt; er konnte ſich jetzt auch die Urſache des Widerwillens erklären, den Jeane bei ſeinem Anblick an den Tag gelegt. Er beherrſchte ſeine furchtbare Aufregung und verſetzte: „Madame, ehe ich auf Ihre Frage antworte, iſt es von der höchſten Wichtigkeit, daß Sie einigen Auseinanderſetzungen Gehör ſchenken..“ Mein Herr „Erlauben Sie, meine Tante,“ verſetzte San Privato, als er Madame Dumirail geneigt ſah, Char⸗ les Delmare anzuhören, „jede Erklärung iſt über⸗ flüſſig; dieſer Herr möge ſich darauf beſchränken, mit einem Schwur zu erklären, ja oder nein, ob er der Mörder Erneſt Dumirails iſt.“ „Allerdings, mein Herr,“ ſagte Madame Dumi⸗ 183 rail, „es gibt unglücklicher Weiſe nichts Einfacheres, als die Antwort, die ich von Ihnen erwarte.“ „Im Namen des Wohles Ihres Sohnes, Ma⸗ dame, beſchwöre ich Sie mich anzuhören!“ rief Del⸗ mare mit ſo entſchiedenem Tone, daß Madame Du⸗ mirail, noch überdies an ihre Beſorgniſſe durch dieſe Worte eines ergebenen Freundes erinnert, dem ſie ſo lange Zeit ihr Vertrauen geſchenkt, ihm mit un⸗ ruhiger Neugierde antwortete: „Ich höre Sie, mein Herr.“ 0 weiß nicht, wie das Betragen Mauricens ſeit Ihrer Ankunft in Paris war, wenn er jedoch irre ging, ſo iſt es dieſer, der ihn ins Unglück ge⸗ ſtürzt,“ verſetzte Delmare, mit einer anklagenden Ge⸗ berde auf San Privato deutend. „Ihr Sohn, Jeane und Sie, Madame, haben keinen gefährlicheren, keinen blutdürſtigeren Feind als dieſen Menſchen!“ „Was höre ich!“ rief Madame Dumirail, durch die ſichtliche Aufrichtigkeit Charles Delmare's frap⸗ pirt. „Wie! . . . Albert wäre unſer Feind!. ..“ „Herr Delmare tauſcht einfach die Rollen um, verſetzte San Privato im Tone kalter „vom Angeklagten wird er Kläger.“ „Glauben Sie mir, Madame, es handelt ſich um Ihre theuerſten Intereſſen!“ ſagte Charles Delmare. „Antworten ſie mir, bitte, hat Maurice Ihnen einige Veranlaſſungen zur Klage gegeben?“ „Ach, das unglückliche Kind!. es hat mir .. es hat mir tödtliche Unruhe verurſacht. “ mur⸗ melte Madame Dumirail, ihre Thränen nicht zurück⸗ zuhalten im Stande. „Kaum in Paris angekommen hat ihm eine unwürdige, reiche, betitelte Frau 184 geſchrieben . . . unter irgend einem Vorwande und, was ſoll ich Ihnen ſagen, Herr Delmare, geſtern Abend hat dieſe freche Perſon ihn in ihrem Wagen abgeholt . . . und trotz meiner Bitten, trotz meiner Befehle, trotz Jeane's Kummer, iſt er zu die⸗ ſer Creatur gegangen; ſie hat ihn ſo zu ſagen unter unſern Augen entführt. Das iſt noch nicht Alles, dieſen Morgen kam eine große Anzahl von Kaufleu⸗ ten, welche die gleiche Frau ſandte, und wollte mei⸗ nen Sohn zu ruinirenden Ausgaben veranlaſſen.“ „Madame,“ ſagte Charles Delmare nachdenklich, „wiſſen Sie den Namen dieſer Frau?“ „Baronin von Hansfeld . . . „Ich werde ihn nicht vergeſſen; aber ich möchte ſchwören, dieſe Frau, die ſich dem Untergang von Maurice zu weihen ſcheint, muß das Werkzeug die⸗ ſes Herrn San Privato ſein.“ Die von Charles Delmare mit dem Accente un⸗ widerſtehlicher Ueberzeugung vorgebrachte Anklage machte anfangs Madame Dumirail verdutzt, dann warf ſie einen Blick des Zweifels und der Furcht auf ihren Neffen. Dieſer konnte trotz ſeiner Herrſchaft über ſich das unruhige Staunen, in das ihn die ſeltſame Scharfſichtigkeit von Jeane's Vater ſetzte, nicht verhehlen; bald jedoch gewann er ſeine theil⸗ nahmloſe Ruhe wieder, und leicht die Achſeln zuckend verſetzte der junge Diplomat: „Meine gute Tante, Sie laſſen ſich von einem ſehr geſchickten Schauſpieler düpiren, der ſtatt der entſchiedenen Beantwortung der Frage, ob er der Mörder des Herrn Erneſt Dumirail oder nicht, auf Mittel ſinnt, Sie irre zu führen, indem er Sie in 185 den ertravaganteſten Hypotheſen herumwirft; denn ich frage Sie einfach, welches Intereſſe könnte ich dabei haben, daß Maurice Maitreſſen und Schul⸗ den beſitzt.“ „Madame, hören Sie wohl,“ warf Charles Del⸗ mare ein. „Wenige Augenblicke vor ſeiner Abreiſe vom Morillon ſagte Herr San Privato zu mir . . . er wird es leugnen . . . thut nichts . . . er ſagte: „Herr Delmare, Sie haben einen großen Einfluß auf Herrn und Madame Dumirail, wie auf Jeane und Maurice. Ich will, daß ihre Heirath entſchie⸗ den hinausgeſchoben werde . . . ich will, daß Sie die Eltern von Maurice veranlaſſen, ihn nach Paris zu ſchicken.“ „Ich will ... ich will.. .“ wiederholte Madame Dumirail erſtaunt; „aber mit welchem Rechte hat Ihnen mein Reffe ſeinen Willen aufgebürdet?“ „Nehmen Sie ſich in Acht, meine liebe Tante,“ ſagte San Privato, unter einem verächtlichen Lächeln die Angſt verbergend, welche ihm die Enthüllung Charles Delmare's verurſachte, „nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden den Herrn in Verlegenheit ſetzen, wenn Sie ihn fragen, mit welchem Rechte ich ihm die Abſichten dictirte, die er mir unterſchiebt und die ich überdies leugne.“ „Ich erwartete dieſe Leugnung. Ich werde Ma⸗ dame Dumirail einfach daran erinnern, daß ich, weit entfernt, dem Willen des Herrn San Privato zu gehorchen, alles gethan habe, um die Heirath Jeane's mit Maurice zu beſchleunigen und Herrn Dumirail von ſeinen Plänen wegen der Lehi ſeines 186 Sohnes abzubringen . . . Mein Bruch mit Ihrem Gemahl, Madame, hat keine andere Urſache.“ „Ach! Ihre Ahnungen haben ſich nur zu ſehr verwirklicht,“ antwortete Madame Dumirail ſeufzend. „Kaum in Paris angekommen, erhält Maurice einen Brief von dieſer Baronin . . .“ „Sie iſt ohne Zweifel jung und ſchön, Madame?“ „Jeane hat ſie am Wagenſchlag geſehen und verſicherte, ſie ſei zum Entzücken ſchön,“ antwortete Madame Dumirail, immer aufmerkſamer auf Char⸗ les Delmare's Worte werdend. Dieſer fuhr fort: „Nun gut, Madame, bringen Sie dieſe Heraus⸗ forderungen der genannten Dame, welche ſo bald und ſo gut von Mauricens Ankunft in Paris unter⸗ richtet iſt, mit dem Auftrag in Verbindung, den mir Herr San Privato gab, als er mich dazu bringen wollte, meinen Einfluß anzuwenden, um Sie zu ver⸗ anlaſſen, Ihren Sohn nach Paris zu ſchicken und ſagen Sie mir, Madame, ſagen Sie mir, ob nicht alles auf die Vermuthung führt, daß Maurice das Opfer einer finſtern Machination dieſes Menſchen da iſt.“ „Ach, das wäre furchtbar!“ rief Madame Du⸗ mirail, von den durch Charles Delmare angedeuteten Beziehungen frappirt. „Noch dieſen Morgen ſagte ich zu Maurice: „„Dieſe junge und betitelte Frau, die ſich ſo zügellos Dir hingibt, muß ebenſo ſchlecht als die letzte Courtiſane ſein, oder macht ſie ihr Spielzeug, vielleicht ihr Opfer aus Dir . . .““ Und es ſollte dem wirklich ſo ſein . . . Mein Ne die Perfidie . . . Ach, mein armer Kopf ſich inmitten dieſer verhaßten Zweifel; a 187 leider gewiß, das iſt, daß mein Sohn ſich meiner Autorität, meiner Zärtlichkeit entzieht; er geht zu Grunde, er iſt verloren!“ „Wahrhaftig, meine liebe Tante, ich begreife nicht, wie eine vernünftige Frau den Phantaſieen des Herrn Delmare Glauben ſchenken kann, während die einfache Reflexion Ihnen vor die Seele treten ſollte (ſelbſt die unwürdige Verleumdung zugegeben, daß ich ein treuloſer und abſcheulicher Verwandter ſei) . .. welches Intereſſe könnte ich haben, daß Mau⸗ rice Thorheiten in Paris begeht?“ „Dieſes Intereſſe, Madame, ſollen Sie kennen lernen,“ verſetzte Charles Delmare: „Herr San Pri⸗ vato iſt in Jeane verliebt.“ „Was höre ich?“ ſagte Madame Dumirail be⸗ ſtürzt; „Albert in meine Nichte verliebt?“ „Ja, Madame, und jetzt wiſſen Madame, weß⸗ halb Herr San Privato die Hinausſchiebung der Heirath der beiden Verlobten wünſchte; Sie wiſſen, weßhalb er auf Mauricens Reiſe nach Paris zählte, wo er ihn den gewandten Verführungen einer Frau ausſetzen zu können hoffte, die ihn auf dieſe Weiſe von Jeane losreißen ſollte.“ „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Madame Dumirail erſchrocken, „iſt ſo viel Abſcheulichkeit glaublich?“ „Sie könnten, meine Tante, dieſen Erfindungen eines Mannes Glauben ſchenken, der, nachdem er Trauer und Schande in unſere Familie gebracht, ſich nicht fürchtete, ſich in das Vertrauen des Bruders und der Tochter ſeines Opfers einzuſchleichen. Geben Ihnen ſo viel Keckheit, ſo viel Heuchelei nicht den Maß⸗ 188 ſtab für die Beurtheilung dieſes Menſchen? Zeigen ſie Ihnen nicht, welchen Glauben man den Verleum⸗ dungen dieſes Menſchen ſchenken kann. Sie hätten ſich, meine Tante, den Kummer und Unwillen, ſie anzuhören, erſparen können, wenn Sie gleich anfangs, wie ich Ihnen rieth, Herrn Delmare aufgefordert hätten, auf die Beſchuldigung, die auf ihm laſtet, mit Ja oder Nein zu antworten . . . Denn der Bruder Ihres Gatten iſt von ihm ermordet worden . . . ſeine Ge⸗ genwart hier iſt nicht länger ſtatthaft . . . Jeane kann jeden Augenblick eintreten . . . und den Mör⸗ der ihres Vaters hier finden . . .“ Die letzten Worte machten großen Eindruck auf Madame Dumirail, deren Gemüth außerdem durch ſo viele finſtere Enthüllungen gepeinigt war, und ſagte zu Charles Delmare: „Mein Herr, Sie ſind ein Ehrenmann . . . ant⸗ worten Sie mir offen. Man beſchuldigt Sie, meinen Schwager im Duell getödtet zu haben .. iſt das wahr?“ „Es iſt wahr, Madame,“ antwortete Charles Delmare. „Ich geſtehe, ich hatte dieſes Unglück..“ „Ach, mein Herr!“ verſetzte Madame Dumirail ſchauernd, „und nach einem ſolchen Unglück haben Sie ſich nicht geſcheut, die Liebe unſerer Familie ſich zu erſchleichen; Sie wagten es . . . „Ich wagte es, Madame, mich zu bemühen, einer Familie meine Ergebenheit zu beweiſen, in deren Schooß ich unfreiwillig die Trauer getragen; ich ver⸗ ſuchte, auf dieſe Weiſe den unglückſeligen Mord zu ſühnen; das iſt mein Verbrechen . Ich wagte es ferner, nach Paris zu kommen, in der Hoffnung, 189 Ihnen nützlich ſein zu können und ich eilte, Ihnen meine Unterſtützung anzubieten, um Ihnen das Un⸗ glück beſchwören zu helfen, das ich kommen ſah . . . Das traurige Geheimniß, von dem Sie jetzt unter⸗ richtet ſind, kannte Herr San Privato ſchon ſeit un⸗ ſerer Begegnung auf dem Morillon, und indem er mir drohte, es bekannt zu machen, wollte er mich zwingen, meinen Einfluß auf Sie dazu anzuwenden, Sie zu veranlaſſen, die Heirath von Maurice und Jeane hinauszuſchieben und dieſen nach Paris zu ſchicken, wo ſo gefährliche Verführungen ſeiner harr⸗ ten. Noch ein Wort, Madame, das, was man den Anſtand nennt, verbietet Ihnen jetzt, mich zu empfan⸗ gen, weil ſie wiſſen, daß ich das Unglück hatte, ihren Schwager im Duell zu tödten; es iſt Ihre Sache zu entſcheiden, ob Sie dem ſogenannten Anſtand das Intereſſe Ihres Sohnes vpfern wollen. Ich liebe ihn, wie mein Kind. Die Verirrungen deſſelben, über die Sie in Verzweiflung ſind, beunruhigen auch mich, benehmen mir jedoch nicht alle Hoffnung, ihn zum Guten zurückzuführen. Ich kenne den Namen der gefährlichen Frau, in deren Hände er gefallen iſt .. . Ich werde nicht unthätig bleiben; meine Kenntniß von Paris, einige alte Bekannte, die ich mir hier erhalten, werden es mir möglich machen, Maurice überall hin zu folgen, wohin er geht; was auch geſchehen mag, meine Einwirkung auf ihn kann noch heilſam ſein, es iſt jedoch nöthig, Madame, daß dieſe Einwirkung im Einklang mit Ihnen geſchehe; ich muß Sie zu dieſem Ende häufig ſehen . . .“ „Ach, Herr Delmare, meine letzte Hoffnung 190 baute ich auf Sie, warum muß dies unglückſelige Düsl Nach einer kurzen Pauſe fügte Madame Dumi⸗ rail hinzu: „Und doch, wenn ein ergebener Freund mir die Möglichkeit bietet, meinen Sohn ſeinen Verirrungen zu entreißen, iſt es dann nicht meine Pflicht, das Anerbieten anzunehmen?“ „Wie, meine Tante, Sie laſſen ſich wankend ma⸗ chen?“ ſagte San Privato lebhaft. „Aber denken Sie doch an den Kummer, an die gerechte Entrüſtung meines Onkels, wenn er bei ſeiner demnächſt bevor⸗ ſtehenden Ankunft hier den fände, der . . .“ „Mein Gott! ich bedarf Deines Rathes nicht . . . ich bin alt genug, um mich ſelbſt zu leiten,“ ant⸗ wortete Madame Dumirail Albert ungeduldig. „Du ſollteſt Dich, mein Neffe, der ſchweren Beſchuldigun⸗ gen welche Herr Delmare auf Dich ge⸗ häuft.“ „Dieſe Beſchuldigungen ſind ſo alles Sinnes baare Verläumdungen, daß ich nicht allein darauf zu antworten, ſondern ihrer ferner nur zu gedenken verſchmähe,“ ſagte San Privato kalt; „ich werde mich darauf beſchränken, meine Tante, Ihnen zu er⸗ klären, daß, im Falle Sie Ihrem Gemahle verſchwei⸗ gen, daß Herr Delmare der vorgebliche Wagner iſt, ich es ihm ſagen werde; mein Onkel ſoll Alles wiſſen.“ „Was thut das?“ verſetzte Mavume Dumirail. „Kann ich denn dadurch, daß ich die ſo nützliche Unterſtützung Herrn Delmare's ausſchlage, meinem Schwager ſein Leben wiedergeben?“ 194 „Ach, meine Tante, ich könnte Ihnen nicht ſagen, ohne mich zu weit von dem Reſpect, den ich Ihnen ſchulde, zu entfernen, welches Gefühl mir Ihre Worte einflößen. Ich ſchweige; ich kann nur über Ihre Verblendung ſeufzen,“ ſagte San Privato. Und er ſetzte ſich in einen Fauteuil gegenüber von der Salon⸗ thüre, welche Jeane halb offen gelaſſen: dann barg er ſein Geſicht in ſeinen Händen, als drückte ihn das ungeheure Vergehen, deſſen er ſeine Tante be⸗ ſchuldigte, nieder. „Muth und Hoffnung! Madame,“ ſagte Delmare halblaut, „es iſt noch Zeit, Maurice dem Netz zu entreißen, das man ihm ſtellt; noch iſt nichts ver⸗ loren.“ „Ach, noch dieſen Morgen glaubte ich wie Sie, Herr Delmare, nichts ſei verloren; mein Sohn er⸗ röthete über ſeinen Leichtſinn; er gab ſeine Einwilli⸗ gung, er verlangte ſogar in unſere Berge zurückzu⸗ kehren.“ „Wer hat ihn denn von dieſem Entſchluſſe ab— gebracht?“ „Jeane.“ „Wie das?“ „Durch ihre Härte, durch ihre Sarkasmen,“ ant⸗ wortete Madame Dumirail noch immer halblaut; „ſie konnte es Maurice nicht verzeihen, daß er ſich durch dieſe verwünſchte Frau von Hansfeld gefangen neh⸗ men ließ. Statt ſich nachſichtig gegen meinen Sohn zu zeigen, der zu ihr zurückkehrte, brachte ihn Jeane dieſen Morgen zur Verzweiflung, indem ſie ihren Vetter Albert lobte, ihm ſchmeichelte und . . .“ Doch ſich unterbrechend und mit einem Blick auf 192 San Privato, der noch in der Nähe der Salonthüre ſaß, die Stirne auf die Hand geſtützt, fügte Madame Dumirail ganz leiſe hinzu: „Kommen Sie in mein Zimmer, Herr Delmare, dort werden wir allein ſein . . . ich erzähle Ihnen Alles.“ „Ich ahne und zittere!“ dachte Charles Delmare, indem er Madame Dumirail folgte. „Stolz und übermüthig, wie Jeane es iſt, wird ſie Maurice ſeine Verirrung nicht haben verzeihen können, und um ſich zu rächen, hat ſie ſicherlich eine wiederkehrende Nei⸗ gung zu San Privato affectirt. Das iſt die Gefahr für ſie. Dieſe unglückſelige Neigung, die ſie kaum beherrſcht und beſiegt, kann jetzt wieder erwachen und wird eine abſolute Herrſchaft über dieſes junge Herz gewinnen, das bereits in ſeiner erſten Liebe betrogen und zu Tode getroffen wurde. Ach! die Folgen dieſes Betrugs machen mir bange! Sie kön⸗ nen in Jeane's Augen furchtbare Repreſſalien recht⸗ fertigen, ſie in einen Abgrund des Elendes ſtürzen und Unglücklicher, der ich bin! ich habe keinen heil⸗ ſamen Einfluß mehr auf ſie! Ich flöße ihr und muß ihr einen unüberſteiglichen Widerwillen einflößen! Sie glaubt, ich habe ihren Vater getödtet! Es bleibt mir ein letztes Mittel, die Liebe Jeane's und viel⸗ leicht den Einfluß, den ich auf ſie hatte, auf immer wieder zu gewinnen; aber ach! ich ſcheue vor dieſem Mittel zurück. . . Und doch iſt es das Einzige, das Einzige, das meine Tochter der hölliſchen Gewalt San Privato's entreißen kann .. Ach! dieſer Menſch! . . . Dieſer Menſch! Er könnte mich noch einmal vom Morde träumen laſſen!“ 193 XXX. Madame Dumirail unterhielt ſich lange mit Char⸗ les Delmare und erzählte ihm alle Ereigniſſe, die ſeit ihrer Ankunft in Paris im engern Kreiſe ihrer Familie vorgekommen. Auf dieſe Mittheilungen ant⸗ wortete er mit folgendem Rathe: „Man muß beſtändig auf Maurice durch die Ueberzeugung und die Liebe zu wirken ſuchen; an ſein Herz und die Erinnerungen ſeiner früheſten Jugend, die ſo friedlich und glücklich war, appelliren: „Sich namentlich hüten, die argwöhniſche Em⸗ pfindlichkeit Jeane's zu reizen; „Endlich San Privato ſo viel Kälte zeigen, daß er ſeine Beſuche aufgibt, und wenn es ſein muß, ihm die Thüre verſchließen.“ Charles Delmare enthüllte aus dieſem Grunde Madame Dumirail, die davon nichts wußte, die Ein⸗ zelheiten der Beſteigung des Col de Treſerve und das vermeſſene Geſtändniß San Privato's, da⸗ mit die ſchwarze Ruchloſigkeit des Letztern für Ma⸗ dame Dumirail außer allem Zweifel ſtehe. Endlich bemühte er ſich, die wachſende Kälte gegen Jeane bei ihr zu bekämpfen, hob die edeln Eigenſchaften, die ſie auszeichneten, ins Licht und verſicherte, daß zu dieſer Stunde noch das Glück von Mauricens Zu⸗ kunft von ihrer raſchen Rückkehr nach dem Morillon und ſeiner Verbindung mit ſeiner Braut abhänge. Nachdem Charles Delmare auf dieſe Weiſe Ma⸗ dame Dumirail etwas beruhigt, verſprach er ihr, nicht bei dem guten Rathe ſtehen bleiben zu wollen, Sue, die Familienſöhne. UMI. 13 194 ſondern, wenn möglich, die That damit zu verbinden. Er wollte im Verlauf des Tages oder am Abend wieder zurückkommen, wenn er etwas Neues oder Wichtiges wegen Maurice entdeckt; und, indem er ſich zu überlegen ſuchte, wer unter ſeinen alten Luſt⸗ gefährten ihm über verſchiedene in ſeinen Augen wichtige Punkte Aufſchluß geben könnte, erinnerte ſich Charles Delmare Richard d'Otremonts, deſſen erſte Debuts in der Pariſer Welt er, wie wir er⸗ zählt, vor Zeiten protegirt, und er eilte, ſich nach der Wohnung ſeines ehemaligen Zöglings in dem Clubb zu erkundigen, welchem derſelbe ſeit den Glücks⸗ tagen des Beau Delmare angehörte. Madame Dumirail kehrte in den Salon zurück, feſt entſchloſſen, den Winken ihres Rathgebers zu folgen, indem ſie ſich mütterlich wohlwollender gegen Jeane als bisher zeigen, und San Privato mit ſolcher Kälte behandeln wollte, daß er von weiteren Beſuchen abſtände. Sie fand ihn in einer Unterhaltung mit dem jungen Mädchen begriffen. Ihr belebter Teint, der entſchloſſene, beinahe hochmüthige Ausdruck, den ihre Züge bei dem Anblick ihrer Tante annahmen, machten einen befremdenden Eindruck auf ſie und Jeane ſagte augenblicklich in kurzem und beſtimmtem Tone: „Meine Tante, erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu richten.“ „Sprich, mein Kind,“ antwortete liebreich Ma⸗ dame Dumirail, den Empfehlungen ihres Rathgebers treu. „Sprich, ich höre Dich.“ „Iſt es wahr, daß Sie die Abſicht haben, S 4 Delmare zu empfangen?“ 195 „Es iſt möglich, daß er mich bisweilen beſucht, und der Gegenſtand ſeiner Beſuche iſt von ſolcher Wichtigkeit, daß ... „Meine Tante,“ verſetzte Jeane, Madame Du⸗ mirail mit dem Tone bittern Vorwurfs unterbrechend, „muß ich Sie denn daran erinnern, daß dieſer Menſch. meinen Vater getödtet?“ „Ich begreife, ich achte Deine Scrupel,“ verſetzte Madame Dumirail ſanft, „aber es iſt mir unmög⸗ lich, auf die Beſuche des Herrn Delmare zu verzich⸗ ten; Du kannſt in Deinem Zimmer bleiben, wenn er zu mir kömmt.“ Das junge Mädchen tauſchte einen Blick des Einverſtändniſſes mit San Privato. Beide wa⸗ ren überdies erſtaunt und verblüfft von der Mäßi⸗ gung von Madame Dumirail; ſie zählten offenbar auf ihre Aufgeregtheit, um eine gereizte Discuſſion herbeizuführen. Jeane verſetzte in einem ſardoniſchen und immer boshafteren Tone: „Ich weiß Ihnen wenigſtens für Ihre große Billigkeit Dank, meine Tante; es iſt mir alſo er⸗ laubt, in meinem Zimmer zu bleiben, ſo lange Sie ſich Ihrer freundſchaftlichen Neigung für den Mörder meines Vaters hingeben! . .. Die Moral iſt neu... Das Opfer muß beſcheiden vor dem Blicke des Hen⸗ kers fliehen . . . ich muß mich demüthig und ängſt⸗ lich und, wer weiß! vielleicht ſogar reuig vor dem Menſchen verbergen, der mich zur Waiſe ge⸗ macht „Ach!“ verſetzte Albert, „meine Tante wird er⸗ kennen, wie ſehr Ihre ſchmerzliche Entrüſtung be⸗ 196 gründet iſt, meine liebe Jeane, und ſich beeilen, die⸗ ſem Herrn Delmare die Thüre zu verſchließen.“ „Wenn ich vor Jemanden die Thüre verſchließe, ſo geſchieht es vor den Betrügern und Schurken, die ihre Perfidie unter der Maske der Verwandtſchaft ver⸗ bergen,“ verſetzte Madame Dumirail ſtreng. „Das gilt Ihnen, mein Reffe!“ „Ich hatte durchaus keinen Grund, es zu bezwei⸗ feln, meine Tante.“ „Verdient das Intereſſe, das Albert für mich hegt, daß ihm ſolch' harte und ungerechte Beleidi⸗ gungen zu Theil werden?“ verſetzte Jeane. Iſt er Ihren Angriffen ausgeſetzt, meine Tante .. weil er allein hier die abſcheuliche Nothwendigkeit, zu der Sie mich zurückführen wollen, in ihrer ganzen Be⸗ deutung kennt und verabſcheut?“ Der ſtolze, bittere, beinahe inſolente Ton des jungen Mädchens, das vollkommene Einverſtändniß, das zwiſchen ihr und ihrem Vetter zu herrſchen ſchien, reizten Madame Dumirail, machten die Erinnerung an den Groll, den ſie noch gegen ihre Nichte im Herzen trug, lebendig, und bereits der Rathſchläge von Charles Delmare uneingedenk, verſetzte ſie in vorwurfsvollem Tone: „Jeane, Du ſollteſt Dich weniger arrogant zeigen!“ „Ich habe genug bis jetzt geduldet, ohne mich zu beklagen; aber ich geſtehe, meine Tante, die Re⸗ ſignation hat ihre Grenzen.“ . „Vorwürfe, Mademoiſelle,“ verſetzte Made Dumirail lebhaft; „vergeſſen Sie nicht, daß es a Ihnen wäre, welche über ſich ergehen zu la 197 „Sie haben mir dieſe grauſame Demüthigung nicht erſpart und mich dieſen Morgen nur zu hart an die Dienſte erinnert, die Sie mir geleiſtet.“ „Mademoiſelle!“ rief Madame Dumirail. „Ihre Undankbarkeit hat Ihnen dieſe Vorwürfe zugezogen.“ „Ich undankbar? Ah, Madame, was Sie auch thun mögen, Sie werden niemals die Dankbarkeit in meinem Herzen auslöſchen; aber die Dankbarkeit hat ihre Würde. Wenn Sie das nicht wiſſen, ſo beklage ich Sie.“ „Ihre Dankbarkeit,“ verſetzte Madame Dumirail; „und wie haben Sie ſie noch dieſen Morgen bewieſen? Indem Sie Maurice zur Verzweiflung trieben, ſtatt ihn in ſeinen guten Entſchlüſſen zu bekräftigen!“ „Bin ich denn beſtimmt, Madame, wie es gerade ſeiner Laune beliebt, das Spielzeug der Liebe oder der Verachtung Ihres Sohnes zu ſein?“ ſagte Jeane ſtoz. „Muß ich mich außerordentlich glücklich ſchätzen, wenn er mir den Kummer und den Schmerz, den er mir bereitet, zu verzeihen geruht?“ „Mademoiſelle, Sie haben das Recht verloren, meinen Sohn anzuklagen, denn, wenn Sie ihn ge⸗ liebt, wie er es verdiente . . . ſo hätten Sie ihn durch Sanftmuth und Reſignation wieder zu ſich zurückgeführt; ſtatt deſſen haben Sie ihn mit der Eiferſucht im Herzen, den Spott im Munde, den Zorn in den Augen empfangen, als er nach einem Monmente der Verirrung zu Ihnen zurückkehrte, der unglückliche Menſch.“ Wahrhaftig, meine Couſine,“ verſetzte San Pri⸗ vato ſpöttiſch lächelnd, „Sie haben es zu herb be⸗ handelt, das unglückliche Kind von fünf Fuß zehn 198 Zoll; Sie haben nicht zarten Takt genug gegen dieſen intereſſanten Hercules beſeſſen, der im Stande wäre, einen Ochſen mit einem Fauſtſchlag zu tödten.“ „Ja, ich bin es, die man anklagt,“ fügte Jeane mit verdoppelter Bitterkeit hinzu; „es iſt mein Feh⸗ ler, wenn Maurice undankbar genug, ſo viele Be⸗ weiſe meiner Liebe zu vergeſſen! wenn er feige genug, einer gemeinen Verführung nicht zu widerſtehen! wenn er gemein genug, ſeine Liebe ſo tief herab zu ſetzen! wenn er einfältig genug, um ſich von einer Abenteurerin dupiren zu laſſen!“ „Verwünſchtes Geſchöpf!“ rief Madame Dumi⸗ rail außer ſich durch dieſe Vorwürfe des jungen Mädchens, „Sie ſind an allem Unglück ſchuld, aus Ehrgeiz für Sie ging mein Sohn nach Paris, um eine glänzende Carriere zu machen.“ „Einen ſolchen Vorwurf mir, Madame, während doch Ihr Gatte mir gedroht, unſere Brautſchaft auf⸗ zuheben, mich aus dem Hauſe zu ſchicken, wenn ich die ehrgeizigen Ideen bekämpfte, die er ſeinem Sohne einflößte! Aber machen wir uns keine Vorwürfe über die Vergangenheit, wie ſchmerzlich ſie auch für mich iſt. Die Gegenwart überbietet ſie noch durch die furchtbare Nothwendigkeit, zu der Sie mich ver⸗ binden wollen; aber es gibt Zugeſtändniſſe, zu denen mich keine menſchliche Macht bringen wird . . . Darum hüten Sie ſich, Madame!“ „Drohungen, Mademoiſelle?“ „Nein, Madame, eine Warnung.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, Madame, daß ich keine Stunde länger in einem Hauſe bleiben werde, wo 199 ich jeden Tag der Gefahr ausgeſetzt bin, dem Mörder meines Vaters gegenüber zu ſtehen.“ „Gut!“ ſagte San Privato leiſe zu dem jungen Mädchen; „feſt! führen Sie's zu Ende.“ „Kurz,“ verſetzte Jeane, „ich erkläre Ihnen, Ma⸗ dame, daß wenn Herr Delmare den Fuß wieder über Ihre Schwelle ſetzt, ich Ihr Haus verlaſſe und nie mehr zu Ihnen zurückkehre.“ „Wie! es ſollte mir nicht erlaubt ſein, bei mir zu empfangen, wen ich will.“ „Sie mögen bei ſich empfangen, wen Sie wollen, Madame; aber es wird mir auch erlaubt ſein, Sie zu verlaſſen. Und dann würde der Bruch unſeres Verlöbniſſes mit Ihrem Sohne, würden die verletzen⸗ den Vorwürfe, mit denen Sie mich dieſen Morgen überhäuften, die gegenſeitigen Beſchuldigungen, die unaufhörlich zwiſchen uns auftauchten, auch unſer Zu⸗ ſammenleben unerträglich machen.“ „Sie ſtellen mir alſo eine Alternative, Made⸗ moiſelle?“ „Mit einem Worte, meine Tante,“ verſetzte San Privato, „nach den Motiven, die ſie ſo eben dar⸗ gelegt, und deren Bedeutung ich anerkenne, zieht es meine Couſine vor, da ihre verletzte Würde, die Ach⸗ tung, die ſie dem Andenken ihres Vaters ſchuldet, es nicht für paſſend und möglich hält, bei Ihnen zu bleiben, zu meiner Mutter zu gehen.“ „Das iſt mein Entſchluß, Madame!“ fügte Jeane in feſtem Tone hinzu, „wenn Sie darauf beſtehen.“ „Sie ſind ein elendes, miſerabeles Geſchöpf!“ rief Madame Dumirail außer ſich; „Sie ſind ein herzloſes Geſchöpf. Ich habe Sie wie meine Tochter 200 behandelt; Sie ſehen mich niedergebeugt von Kum⸗ mer, gemartert von Sorgen; Sie könnten mir das Unglück beſchwören helfen, das ich fürchte, und Sie verlaſſen mich! Gut! gehen Sie, gehen Sie nur; ich widerſetze mich nicht; Sie flößen mir Abſcheu ein! Sie haben meinen Sohn nie geliebt! Ach! jetzt, da Ihr Charakter in ſeiner ganzen Abſcheulichkeit ſich vor mir enthüllt, glaube ich, Gott verzeihe mir, daß ich mich darüber tröſten werde, daß Maurice von dieſer Frau von Hansfeld dupirt wurde, da ich wenigſtens denken kann, daß er nie Ihr Gatte geworden! Er hätte mit Ihnen nur Verzweiflung, vielleicht Schande geerntet! Sie werden die würdige Tochter Ihrer Mutter werden und nicht mehr taugen, als ſie. O unglücklich, un⸗ glücklich der, der Sie heirathet!“ „Großer Gott!“ verſetzte Jeane, indem ſie San Privato mit einem beſtürzten Blicke fragend anſah. „Habe ich recht gehört? Man beſchimpft meine Mutter!“ „Ah, das iſt zu viel!“ ſagte San Privato; „Sie können nach einer ſolchen Beleidigung keine Minute mehr hier bleiben, Jeane.“ „Und was wagen Sie denn, Madame, meiner Mutter vorzuwerfen?“ rief das junge Mädchen ge⸗ bieteriſch, gereizt, beinahe drohend, indem ſie einen Schritt auf Madame Dumirail zu trat. „Haben die Dienſte, die Sie mir erwieſen, Ihnen das Recht gegeben, einen Engel an Tugend zu verläumden?.. das Gedächtniß einer verſtorbenen Frau zu beſchim⸗ pfen? Ich ſage Ihnen, ich, daß Sie lügen, Madame! Ich ſage Ihnen, daß Sie, indem Sie mir Zweifel 201 an der Ehre meiner Mutter einflößen wollen, eine ehrloſe Handlung begehen!“ „Unglückliche!“ rief Madame Dumirail außer ſich über dieſe Vorwürfe. „Wiſſen Sie denn, daß, wenn Jemand der Ehrloſigkeit angeklagt werden muß, es die ehebrecheriſche Frau iſt . . . wiſſen Sie denn, daß Ihre Mutter . . .“ Madame Dumirail unterbrach ſich, da ſie, frei⸗ lich zu ſpät, bedauerte, ſich durch den Zorn zu einer bedauerlichen Enthüllung haben hinreißen zu laſſen, während Jeane, zitternd vor Entrüſtung und Zorn mit angegriffenem Tone ſich an ihre Tante wandte: „Vollenden Sie, Madame . . . Was haben Sie mir von meiner Mutter zu ſagen? . . . Sie ſchwei⸗ gen . . . Gelobt ſei Gott! Ihre vage Verleumdung beruht auf keinem Beweiſe. Ich werde wenigſtens dieſes Haus verlaſſen, ohne daß die zärtliche Ver⸗ ehrung für meine Mutter gelitten.“ Trotz ihres Stolzes und ihrer Reizbarkeit fügte das junge Mädchen, das im Momente des Scheidens von Madame Dumirail, die ſie ſo zärtlich geliebt, unwillkürlich an die Vergangenheit erinnert wurde, in einem etwas weicheren Tone hinzu: „Leben Sie wohl, Madame: Ihre Gewiſſensbiſſe, die Ihnen innezuhalten und zu ſchweigen geboten, laſſen mich Ihnen die Sünde der Anklagen, die Sie gegen das Gedächtniß meiner Mutter geſchleudert, vergeben . . . Die ungerechten und demüthigenden Vorwürfe, die Sie gegen mich gerichtet, werde ich vergeſſen, um mich zu erinnern, daß Sie drei Jahre lang für mich die Güte einer Mutter beſeſſen . .. Leben Sie wohl, Madame.“ 202 Jeane nahm ihren Hut, den ſie raſch aufſetzte, während Albert ſeinen kleinen Mantel auf die Schul⸗ ter warf und ſagte: „Kommen Sie, Jeane; Sie werden bei meiner Mutter das einzige Aſyl finden, das jetzt für Sie taugt.“ „Meine Nichte, Sie dürfen dieſes Haus nicht verlaſſen, ehe mein Gemahl zurückgekehrt iſt,“ ſagte Madame Dumirail, welche jetzt bedauerte, durch die Lebhaftigkeit ihrer Worte zu dem Entſchluſſe Jeane's beigetragen zu haben, für die ſie im Uebrigen eine wahre Zuneigung hegte. „Sie wurden der Vor⸗ mundſchaft meines Mannes anvertraut; er allein wird entſcheiden, ob Sie bleiben oder nicht. Ich ge⸗ ſtehe gerne ein, daß ich, durch den Kummer gereizt und eine Beute der furchtbarſten Unruhe, deren Urſache Sie beſſer als irgend Jemand kennen, des Maßes in den Ausdrücken, die ich gegen Sie ge⸗ brauchte, verfehlen konnte und indem ich von Ihrer Mutter ſprach, mich ohne Zweifel nur ſchlecht erklärte, denn ich ſpielte nur auf gewiſſe Fehler ihres Cha⸗ rakters an. Dieſes aufrichtige Geſtändniß, hoffe ich, wird Ihren Entſchluß ändern.“ „Es iſt zu ſpät, Madame,“ verſetzte Jeane trau⸗ rig; „ich würde kein ſicheres Aſyl hier haben, nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen und obgleich ich Ihnen die Ungerechtigkeit Ihrer Vorwürfe vergebe, werde ich doch nicht hier bleiben; meine Würde ſträubt ſich dagegen.“ „In dieſem Hauſe bleiben, wo man Sie mit Be⸗ ſchimpfungen überhäuft? eine elende Feigheit bege⸗ hen, Sie, die Sie ſo ſtolz, ſo muthig ſind, wäre das 5 3 203 möglich?“ fügte San Privato hinzu, indem er dem jungen Mädchen den Arm bot, die ihn nahm und ſich trotz der Bitten, der Befehle von Madame Du⸗ mirail entfernte, welche, ihr mit dem Blicke folgend, ausrief: „Geh' in Dein Verderben, unglückliche Thörin. Geh', Dein Schickſal möge ſich erfüllen! Ja, ich zweifle nicht mehr, Herr Delmare ſprach wahr. Albert iſt in Jeane verliebt: er hat alles gethan, um ſie von Maurice loszureißen, er will ſich ohne Zweifel mit ihr verheirathen. Es ſei, ich werde nie eine ſolche Gattin für meinen Sohn verloren zu haben bedauern!“ „Du liebſt mich alſo, Jeane,“ dachte San Pri⸗ vato triumphirend, indem er das junge Mädchen, das er bereits als ſeine Beute betrachtete, zu ſeiner Mutter führte. „Ach! wenn nicht ſo viele glückliche Umſtände zuſammengewirkt, um Dich in das Netz zu führen, ich hätte gezittert, wenn ich bedenke, bis zu welchen Ertremitäten Du mich hätteſt bringen kön⸗ nen; denn zu meinem Glück, zu meiner Ruhe wirſt Du nie ahnen, mit welch' raſender Liebe ich Dich geliebt, Jeane. O daß ich mich von dieſer Leiden⸗ ſchaft nicht losreißen kann, deren Heftigkeit mich bis⸗ weilen erſchreckt!“ . „O Maurice!“ dachte Jeane ihrerſeits, indem ſie neben San Privato einherging, „geliebter Bruder meiner Jugend, zärtlicher Freund meiner erſten Kind⸗ heit! ich bin zu ſtolz, zu ausſchließend in der Liebe, um Dir Deine Unbeſtändigkeit zu vergeben. Sie haſſe ich in Dir! Aus ihr wollt' ich Rachgier ſchöpfen 204 und doch liebe ich Dich noch . . . ich werde Dich immer mit jener reinen und erſten Liebe, die man nur einmal im Leben fühlen kann, lieben. Ach! ihr ſüßes und theures Gedächtniß wird die Perle, der verbor⸗ gene Schatz in meinem Herzen ſein. Wenn Du mich verloren zu haben eines Tages bedauerſt, wenn es Dich ſchmerzt, mich preisgegeben zu haben, ſo wirſt Du gerächt ſein, Maurice! Denn ohne den verruch⸗ ten Einfluß dieſes Verführers wäre unſer Leben auf dem Morillon ſo rein, ſo friedlich, ſo glücklich dahin⸗ gefloſſen, als es jetzt vielleicht wild und ungeſtüm ſein wird!“ XXXI. Richard d'Otremont hatte Wort gehalten, und zu dem Souper, das er Frau von Hansfeld und Mau⸗ rice bei den Provencaux gab, einige einflußreiche Mitglieder des Clubb eingeladen, zu dem er gehörte, und in dem der junge Provinziale vorgeſtellt werden ſollte. Das prachtvoll ſervirte Souper dauerte von ein Uhr an. Antvinette hatte als Chaperon ihre Ge⸗ ſellſchafterin mitgebracht, eine große magere, gemeſſene, zurückhaltende Frau, welche den Mund nur öffnete, um zu trinken, zu eſſen oder „Ja oder nein, Frau Baronin!“ zu antworten. Maurice, der neben Frau von Hansfeld ſaß, welche von Glanz und Schönheit ſtrahlte, war ſchon beinahe ganz in einen Mann nach der Mode umge⸗ wandelt. Als er am Morgen plötzlich ſeine guten 205 Entſchlüſſe wieder aufgegeben und trotz der Bitten ſeiner Mutter das Hotel des Etrangers verlaſſen, hatte er ſich zu Frau von Hansfeld begeben. Dieſe, die Gereiztheit gegen ſeine Braut ſich zu Nutze ma⸗ chend, vernichtete durch die geſchickten Finten einer anbetungswürdigen Zärtlichkeit das vage Mißtrauen, das in dem Geiſte des jungen Provinzialen wegen der unglaublichen und beinahe beunruhigenden Leich⸗ tigkeit ſeiner Eroberung erwacht und veranlaßte ihn, proviſoriſch ganz in der Nähe des Hotels, das ſie bewohnte, eine möblirte Wohnung zu beziehen, wohin ſich aufs Neue die Lieferanten begaben: ſie erhielten von Maurice ſtarke Abſchlagszahlungen auf ihre Rech⸗ nungen, wodurch die Hälfte ſeiner Wucheranleihe aufgezehrt wurde. Simon der Kammerdiener, der von Neuem zu ſeinem jungen Herrn beſchieden wurde, machte ihm die Haare, raſirte ihn, kleidete ihn an, und Dank ſeiner männlichen und ſchönen Geſtalt, die durch eine Eleganz vom beſten Geſchmack gehoben wurde, beſaß Maurice, wir wiederholen es, bereits die äußere Erſcheinung eines Mannes nach der Mode; ſeine Schüchternheit indeß, verbunden mit der Blen⸗ dung, die ihm ſein auffallender Succeß bei Frau von Hansfeld verurſachte, machte ihn anfangs ſchweig⸗ ſam; nach und nach löste ſich jedoch ſeine Zunge; Antvinette goß ihm häufig geſtrichen volle Gläſer Eischampagner ein, indem ſie ihn mit dem verfüh⸗ reriſchſten Lächeln aufforderte, ihr Beſcheid zu thun, und von Zeit zu Zeit vom Schatten, den die Tafel warf, begünſtigt, mit der Spitze ihres Stiefelchens den Fuß von Maurice ſtreichelte; die Blicke des Letzteren leuchteten dann immer auf ſeine Züge, die 206 ſchon belebt genug waren, wurden purpurroth und verriethen in den Augen der männlichen Tiſchgenoſſen die zu große Treuherzigkeit ſeiner Gefühle. Der Amphitryon des Soupers, Richard d'Otre⸗ mont, vermochte kaum ſeine ſchlechte Stimmung zu verbergen, obgleich er ſie ebenſo ſehr aus Stolz, als aus Schicklichkeitsgefühl zu verdecken ſuchte. Er hatte ſich vergeblich mehrmals bei Antvinette eingefunden, ſeit ſie ihm, mit einem furchtbaren Cynismus, ver⸗ ſprochen, ihn zu lieben, wenn er Maurice Dumirail zu einem Duelle reizte. Die Freunde des Herrn d'Otremont wußten wohl, daß er ſich viel mit Antvinette beſchäftige. Sie ge⸗ hörte nicht zu den Frauen, deren ſociale Stellung ihren Anbetern Schweigen auferlegt; und die offen triumphirende Phyſiognomie von Maurice, die be⸗ deutſamen Blicke von Frau von Hansfeld, die aus Berechnung ihre augenſcheinliche Liebe für den jun⸗ gen Provinzialen zur Schau zu ſtellen ſich mühte, enthüllten bald den minder klar Sehenden unter den Gäſten die Wahrheit; alle bemerkten die lächerliche Rolle, welche in dieſem Falle Richard d'Otremont ſpielte, indem er ſozuſagen ſeine Freunde zum Souper einlud, um ſie zu Zeugen des Erfolgs ſeines Rivalen zu machen, den er ihnen vorher aufs wärmſte als Candidaten für ihren Clubb empfohlen hatte. Was man in einer gewiſſen Welt Freunde nennt, das freut ſich gemeiniglich unſerer Widerwär⸗ tigkeiten, unſerer Täuſchungen, und Herr dOtremont bemerkte mehr als einen boshaften Blick, den ſie unter einander austauſchten; er ſah ſich das Spiel⸗ zeug von Antvinetten, die ihn vor aller Augen durch 207 die affektirten Bevorzugungen demüthigte, mit denen ſie Maurice überhäufte; der heftige Verdruß, die dumpfe Gereiztheit, welche Richard fühlte, wuchs mit jedem Augenblicke, obgleich ſie die Sitte der guten Geſellſchaft nicht zum Ausbruch kommen ließ. Maurice, der an außerordentliche Mäßigkeit gewöhnt war und nie andern Wein getrunken, als die leichten Produkte der Weingegenden des Jura, begann durch die häufigen Libationen, welche ihm Antoinette auferlegte, und durch die Belebtheit des Banguetts, einen kleinen Anflug von Trunkenheit zu verſpüren, die, ihn im vollen Beſitz ſeiner Ver⸗ nunft laſſend, nur das Bewußtſein des Glücks er⸗ höhte, das er in dieſem Augenblicke genoß, näm⸗ lich: Von einer der hübſcheſten Frauen von Paris geliebt zu ſein; in nichts die Eleganz der Coriphäen der goldenen Jugend jener Zeit beneiden zu müſſen; mit liebenswürdiger Courtoiſe ohne alles Weitere unter ſie aufgenommen zu ſein; endlich denken zu können, daß dieſes heitere Conzert nur die Inaugu⸗ ration eines Lebens voll Vergnügen ſei, das durch die Raffinements der Eleganz und des Lurus ver⸗ vollſtändigt wurde, die er neuen Wucheranleihen ver⸗ danke, welche er zu contrahiren ſich vornahm. Der junge Bergbewohner hörte mit wollüſtiger Neugier folgender Unterhaltung zu, an der ihm ſeine Unbekanntſchaft mit den Perſonen und Sachen nicht Theil zu nehmen erlaubte, die ihm jedoch ein treues Spiegelbild des faſhionabeln pariſer Lebens jener längſt verſchwundenen Cpoche gab: 208 „Sie wiſſen, daß Ravul zwei tauſend Louisdors im Lanzknecht verloren?“ „Er konnte es um ſo leichter, als er mit Old⸗Nick, dem Liebling des letzten Wettrennens von Chantilly, drei tauſend gewonnen.“ „Apropos, das letzte Wettrennen, wiſſen Sie, daß Saint⸗Alphonſe und ſeine Freunde, ganz grau wie die Templer, mitten in der Nacht und mit Zündern, Petarden und Leitern wohlbewaffnet ausgezogen ſind, um das von Mareuil für die achttägigen Rennen gemiethete Haus nach allen Regeln zu belagern?“ „Ich weiß es ganz genau, da ich zu den Be⸗ lagerten zählte. Unſere Vertheidigung war herviſch! Wir haben das Tafelgeſchirr, die Tiſche und die Stühle zum Fenſter hinausgeworfen; aber nachdem ein Zünder der Belagerer den Brand in den Spei⸗ cher unſeres Hauſes geworfen, benützten ſie den Tumult, um die Thüre einzubrechen, die Fenſter zu zerſtören, und der Platz mußte ſich endlich er⸗ geben.“ „Und die Kriegskoſten? . . . Wer hat ſie be⸗ zahlt?“ „Die beiden Generale en chef, Mareuil und Saint Alphonſe. Sie haben ſich mit hundert Louis⸗ dors Schadenerſatz, welche ſie dem Beſitzer zugeſtan⸗ den, abgefunden.“ „Welch' amüſante Tollheit!“ dachte Maurice. „Aber Geduld, die Rennen von Chantilly finden jedes Jahr ſtatt und ich werde einer der Helden der Belagerung im nächſten Jahre werden!“ „Da wir gerade von Mareuil ſprechen, haben 209 Sie das reizende kleine Hotel geſehen, das er Ca⸗ rabine geſchenkt?“ „Welcher Carabine? der mit den ſchwarzen Au⸗ gen, den blonden Haaren und der hübſchen Taille?“ „Natürlich. Das iſt die einzig wahre Carabine; die anderen ſind Nachahmungen.“ „Welchen Geiſt ſie haben!“ ſagte Maurice zu ſich. „He, bald werde auch ich meine Anektode zu er⸗ zählen haben. Wie ich mich ſchäme, daß ich nicht mitſprechen kann!“ „Sie wiſſen, meine Herren,“ ſagte einer der Gäſte. „Sie wiſſen, daß der Tigre...“ „Welcher Tigre?“ „Nun zum Teufel! Juſtine Bardou, genannt der Tigre.“ „Das iſt reizend! Es gibt nur ein Paris in der Welt!“ dachte Maurice in der Heiterkeit halber Trun⸗ kenheit; „wenn man von Carabine und Tigre ſpricht, handelt es ſich um Frauen!“ „Nun der Tigre hat bei Dorneville, unter ſeinen Papieren ſtöbernd, ſehr compromittirende Briefe von der Herzogin von.. .“ „Trois Etviles! Seien Sie diskret mein Lieber.“ „Bah! Wenn man Dorneville nennt, iſt nicht auch ſie damit genannt?“ verſetzte Frau von Hansfeld; „der Name des Liebhabers nennt auch den Namen der Geliebten! Und ich wette, lieber Maurice, daß vielleicht die Indiskreten oder die Neidiſchen bereits, wenn ſie Ihren Namen nennen, ihn mit dem einer Frau in Verbindung bringen. Was denken Sie, Herr d'Otremont?“ Richard wurde blaß, und war auf dem Punkte Sue, die Familienſöhne. III. 14 210 loszubrechen, aber er hielt ſich noch zurück und ant⸗ wortete kalt: „Es gibt in der That Frauennamen, Madame, die ſich mit Gewalt durch den Namen ihres Gelieb⸗ ten oder einen Beinamen vervollſtändigen.“ „Und welcher Art iſt dieſer Beiname, mein lieber Hert? 7* „Von Frauenart, meine liebe gnädige Frau.“ „Das iſt nicht ganz klar, lieber Herr.“ „Ich werde ein andermal, liebe ſe Frau, verſtändlicher ſein.“ „Ich wünſche das Ende des Abenteuers des Tigre und der Herzogin von Trois Etoiles zu hören?“ warf einer der Gäſte ein. „Achtung.“ „Achtung. . . Achtung!. „Das iſt das Ende des Der Tigre legte ſeine Krallen auf die Briefe der Herzogin von Trois Etoiles, und erklärte Dorneville auf's Ent⸗ ſchiedenſte, daß, wenn er ihm nicht fünfhundert Louis⸗ dors vor dem nächſten Tage gebe, werde er für die Verzögerung dem Herzog die Liebesbriefe ſeiner Frau ſchicken .. .“ „Teufel! Fünfhundert Louisdors... Dorneville hat ſeine dritte und letzte Erbſchaft verbraucht, im Ganzen ungefähr zwei Millionen; er iſt voll Schul⸗ den; er wäre nie im Stande, fünfhundert Louisdors zu entlehnen.“ „Im Gegentheil . . . er hat ſie gefunden.“ — „Und wer iſt der incüce von Gott und Menſchen verlaſſene Menſch . . . der dieſe Sint Dorneville leiht?“ 211 „Der Herzog.“ „Welcher Herzog?“ „Der Herzog von Trois Etoiles . . .“ „Er der Mann!“ „Wie! Er, der ſonſt ſo geizig iſt, hat Dorneville geliehen...“ „Die fünfhundert Louisdors.“ „Geht! das iſt eine Fabel.“ „Nichts iſt gewiſſer! Sie wiſſen, wie fein und ſchlau Dorneville iſt: er nimmt eine finſtere, traurige Miene an, er geht zu dem Herzog, mit dem er auf ſehr vertrautem Fuße ſteht. Er theilt dem Herzog mit, wie der Tigre bei ihm, bei Dorneville, Briefe einer Frau aus der vornehmen Welt, deren Name unbekannt bleiben müſſe, gefunden und an ſich ge⸗ nommen, und wie der genannte Tigre nun fünf⸗ hundert Louisdor's verlange, in Ermanglung deren er dem Manne die Liebesbriefe ſeiner Frau ſchicken würde. Was ſoll ich Ihnen ſagen?. . . Dorneville ſpielte ſeine Rolle ſo bewundernswürdig gut, ſah ſo verzweiflungsvoll aus, als er davon ſprach, daß er ſich das Hirn zerſchmettern wolle, wenn er die fünf⸗ hundert Louisdor's nicht noch am ſelben Tage auf⸗ aufzutreiben vermöchte, daß der unglückliche Herzog in ſeinem theilnahmsvollen Mitleide trotz ſeines Geizes Dorneville die Summe lieh, welcher dem Tigre die Briefe abkaufte.“ Dieſe hiſtoriſche Anektode wurde mit einer Heiter⸗ keit aufgenommen, welche nur d'Otremont, der immer nachdenklicher wurde, nicht theilte. Maurice, weit entfernt, über die cyniſche Niedrigkeit und den gemei⸗ nen Betrug des Helden dieſes ſchändlichen Aben⸗ 212 teuers empört zu ſein, wie er es vor Kurzem wohl noch geweſen, ſah in ihm einen liebenswürdigen Taugenichts, deſſen Keckheit und Rouerie er be⸗ neidete. „Teufel von Dorneville,“ verſetzte einer von den Gäſten, „es iſt wahrhaft bedauerlich, Leute wie ihn ruinirt zu ſehen. Er verſteht das Leben, den großen Luxus und die ausgeſuchte Eleganz ſo gut!“ „Ich erkläre, daß ein wahrhaft civiliſirtes Land Dorneville eine Penſion von fünf bis ſechsmal hun⸗ derttauſend Franken ausſetzen und ihn verpflichten würde, eine Schule des Luxus zu halten . . . um die jungen Leute ſich wenigſtens mit Geſchmack und Feinheit ruiniren zu lehren . . .“ „Erinnern Sie ſich des letzten Geſpanns, das Dorneville beſaß . . . ſeines curricle-à-pompe *)?“ „Ich habe nichts Vollſtändigeres, Zuſammenpaſ⸗ ſenderes, Bewundernswürdigeres, als ſeine beiden Rappen geſehen!“ „Parbleu! Sie haben in London bei Taterſall neunhundert Guineen gekoſtet; ich weiß es von Ta⸗ terſall ſelbſt.“ „Meine lieben Freunde, wir ſprechen von ſchö⸗ nen Pferden. Wer von Ihnen hat bei Moſes den herrlichen Goldfuchs geſehen? Ich kenne in Paris kein hübſcheres Reitpferd.“ „Herr Dumirail iſt der glückliche Beſitzer dieſes reizenden Thieres, wie mir Moſes geſteht,“ verſetzte einer der Gäſte, „er hat auch ein Pferd für den Groom gekauft, das nicht minder ſchön iſt.“ *) Deichſelcabriolet mit zwei Pferden neben einander. 213 „Bravo! Herr Dumirail, Sie ſind ein feiner Kenner!“ „Für einen Debutanten ein Anfang im Pferde⸗ fach, der viel verſpricht!“ „Meine Herren,“ verſetzte Maurice mit Beſchei⸗ denheit, obgleich entzückt über ſeinen hippiſchen Er⸗ folg; „ich, armer Provinziale, werde Ihre Aufmun⸗ terung zu verdienen ſuchen.“ „Alle Debuts des Herrn Dumirail find, wie mir ſcheint, ſehr glücklich, und müſſen es auch ſein,“ ver⸗ ſetzte Frau von Hansfeld mit einem bezeichnenden Lächeln, „denn er hatte den guten Geſchmack und die Anmuth zum Pathen und zur Pathin . . . So hat er in der Freundſchaft damit angefangen, die Achtung und Zuneigung des lieben Herrn dOtre⸗ mont zu erwerben, der dieſen Abend ohne Zweifel an ſeine Liebſchaften denkt . . . denn er nimmt kaum an unſerer Unterhaltung Theil und ſcheint pre⸗ occupirt.“ „Sie thun mir zu viel Ehre an, Madame, an mich zu denken .. .“ antwortete Richard d'Otremont, von einem heftigen innern Kampfe durchwühlt, mit gedrückter Stimme; „ich bin allerdings ſehr pre⸗ occupirt.“ „Darf man, ohne Indiscretion, lieber Herr dOtre⸗ mont, die urſache dieſer Prevecupation wiſſen?“ „Die Urſache iſt ſehr einfach, liebe gnädige Frau; es iſt die Frage, zu wiſſen, bis zu welcher Grenze die menſchliche Geduld gehen kann.“ „O, wenn dem ſo iſt, würde ich ſehr bedauern, Ihré vbinen Betrachtungen zu ſtören,“ ver⸗ 21⁴ ſetzte Frau von Hansfeld, welche Richard d'Otremont noch nicht auf's Aeußerſte treiben wollte. Einer der Gäſte, welcher aus der Bläſſe und Verzerrung der Züge des Amphitryon ahnte, daß ein Sturm nahe am Ausbruch ſei, ſuchte dem Ge⸗ ſpräche eine andere Wendung zu geben und ſagte: „Man hat mir geſtern ein reizendes Wort von Duhamel citirt.“ „Laſſen Sie hören.“ „Sie kennen den ſchmutzigen Geiz ſeines Vaters?“ „Er iſt ſprüchwörtlich.“ „Eines Abends im vergangenen Winter begegnet Duhamel, bis an die Ohren in einen gefütterten Pelz⸗ rock gehüllt, bei einer furchtbaren Kälte ſeinem Vater, der ſo leicht wie gewöhnlich gekleidet war, nämlich in eine alte, kleine, abgeſchabte Redingote. Der gute Alte wirft einen ſchlauen Blick auf den Pelz ſeines Sohnes und ſagt: „„Welche Weichlichkeit! in Dei⸗ nem Alter nicht mal die Kälte ertragen zu können, während ich ihr unerſchrocken trotze. Ich habe deß⸗ halb auch eine eiſerne Geſundheit,““ fügte der gute Alte, ſich auf die Bruſt ſchlagend, hinzu, „„ich habe einen Kaſten, um hundert Jahre leben zu können!““ — „„Sie wiſſen mir nur unangenehme Dinge zu ſagen!““ antwortete Duhamel in mit⸗ leidigem Tone auf dieſe Drohung langer väterlicher Lebensdauer.“ „Das Wort iſt entzückend!“ ſagten die Gäſte, über dieſen abſcheulichen Scherz lachend, der übrigens ſehr bekannt iſt. „Ich, meine Herren, ziehe das Wort des Mar⸗ quis von Stopford, des älteſten Sohns des Herzogs 2¹5 von Midleſſer, vor; er wartete nämlich mit Unge⸗ duld auf die große Erbſchaft, die er von ihm zu machen hatte. Einer der Freunde des Marquis redet ihn eines Tages an und ſagt zu ihm: „„Ich komme von Frankreich, ich hatte Ihren Vater lange nicht geſehen und begegnete ihm geſtern im Wagen in Hyde⸗Park; er ſchien mir ſo verändert, ſo leidend, ſo kränklich, daß man die ernſteſten Beſorgniſſe für ſeine Geſundheit haben muß.““ — „„Schmeich⸗ ler!““ antwortete der Marquis ſeinem Freunde. Eine allgemeine Exploſion ausgelaſſener Heiter⸗ keit, an der Maurice von Herzen theilnahm, antwor⸗ tete auf dieſen wilden Lazzo, dieſen vatermörderiſchen Spott, und einer der Gäſte verſetzte: Apropos, Stopford, Sie wiſſen, meine Herren, 7 daß der erſte huntsman *) unſerer projectirten Jagd in Dienſten des Marquis ſtand?“ „Da wäre er in einer guten Schule geweſen. Herr Dumirail muß an unſern Subſcriptionsjagden Theil nehmen; wir machen in Verſailles auf Sub⸗ ſcription eine engliſche Equipage beritten; wir werden fünfzig Staghounds **) erſter Schnelligkeit haben.“ „Ich werde ſehr glücklich ſein, meine Herren, mich dabei betheiligen zu dürfen, denn ich liebe die Jagd leidenſchaftlich.“ „In dieſem Falle, Herr Dumirail, werden Sie auch an unſerem Taubenſchießen Theil nehmen müſſen.“ *) Piqueur, Jäger zu Pferd bei der Parforcejagd. **) Auf den Hirſch dreſſirte Hunde. 216 „Und wenn Sie den vacanten Platz benützen wollen, welcher durch Nervals Abreiſe in unſrer Loge in der Avantſcene der Opera entſtanden iſt, ſo wer⸗ den wir Sie mit großem Vergnügen unter uns auf⸗ nehmen, indem wir Ihnen bemerken, daß die Miether der Logen der Avantſcene das unſchätzbare Vorrecht genießen, auf die Bühne und in den Tanz⸗Foyer Zu⸗ tritt zu haben.“ Es war dies wirklich zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, Gebrauch. „Der Tanz⸗Foyer, dieſes wahre Paradies Ma⸗ homeds, dieſer Ort der Luſt, nach dem das gemeine Volk ſich ſehnt und wo die verführeriſchſten Ratten wuchern . .“ Der Gaſt bemerkte das Staunen von Maurice und fügte hinzu: „Die Ratte der Opera, ſind eine beſondere, nur dieſem Orte angehörende Gattung Nagethiere . . . ſie hat zwei Füße 2 „Mit einem Worte, lieber Herr Dumirail, um Ihnen dieſes Räthſel zu löſen, man nennt Ratten im Couliſſenjargon die ganz jungen Comparſen, wenn ſie fünfzehn bis ſechszehn Jahre alt ſind. Es gibt ſehr reizende, wie Sie ſehen werden, lieber Herr Dumirail.“ „Meine Herren, es thut mir um Sie und die Ratten leid,“ unterbrach Frau von Hansfeld, „aber Herr Maurice hatte die Güte, einen Platz meiner Opernloge anzunehmen, und ich habe die Prätenſion zu glauben, daß weder Sie noch alle Ratten der Welt ihn mir rauben werden. O! ich werde meine Eroberung tapfer zu vertheidigen wiſ⸗ ſen!“ fügte Frau von Hansfeld lachend und Mau⸗ 217 rice ein neues geſtrichenes Glas voll Champagner einſchenkend hinzu. Dieſer, des Schweigens ſich ſchämend, das er bisher beobachtete, machte eine letzte Anſtrengung, ſeine Schüchternheit zu überwinden, ſchöpfte aus ſei⸗ ner beginnenden Trunkenheit eine gewiſſe Aſſurance, richtete ſich auf, hob das von Antvinette gefüllte Cryſtallglas empor und rief, indem er ihr einen leidenſchaftlichen Blick zuwarf: „Meine Herren, ich trinke auf die Liebe! Ich trinke auf das Wohl aller derer, welche bereits ſo glücklich ſind, eine ſchöne Geliebte zu beſitzen! Ich trinke auf Ihr Wohl, meine großen Lehrer in der Kunſt zu leben!“ „Bravo! Herr Dumirail,“ riefen die Gäſte, „bravo . . . Sie ſind würdig, als Mitglied unter die heitere Brüderſchaft der Lebemänner aufgenom⸗ men zu werden!“ „Ich nehme die mir zu ſchmeichelhafte Prophe⸗ zeiung an, meine Herren, und ſchließe meinen Toaſt, indem ich „„auf Paris!““ trinke,“ fuhr Maurice, durch das Zujauchzen der Gäſte immer aufgeregter werdend, fort; „Paris, die Zauberſtadt! Das Land magiſcher Metamorphoſen! Ja, denn, meine Herren, ſehen Sie mich an .. . was war ich vor meiner Um⸗ wandlung in einen beſcheidenen Zögling der Lebe⸗ kunſt? . . ja, was war ich? . . . wollen Sie es wiſſen?“ „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ „Ich war ein armer Tölpel von Bergbewohner! in das Landleben vernarrt!. . . Ach, ich kannte nichts Anderes! Ich bekenne mich mit der ganzen Naivetät 248 des Geiſtes zu dem tödtenden Cultus der bucoliſchen Freuden.“, „Ha, ha, ha! ſehr gut! Bravo! Das iſt ſehr drollig!“ „Sehen Sie, das war ich,“ fügte Maurice, durch den doppelten Rauſch des Weins und des Beifalls ſeiner neuen Freunde überreizt, hinzu, „das war ich, leider! Aber jetzt, durch den magiſchen Einfluß von Paris metamorphoſirt, was bin ich jetzt? Und nun, morbleu! Meine Meiſter, ich bin klug und war ein Thor! vom Tölpel wurde ich ein vernünftiger Menſch! Jetzt ziehe ich, o Mirakel, das Vergnügen der Mühe, die Luſt der Arbeit, die Freude der Langeweile, das Gold den dicken Sous, das Leben dem Tode vor; Denn iſt dieſe tödtliche Monotonie meines Landlebens nicht bereits der Tod? . . . Und was iſt das Le⸗ ben ohne eine anbetungswürdige Geliebte, ohne den Glanz des Lurus, ohne ſchöne Pferde, die Oper, den Club, die Jagd, die feinen Soupers, die heiteren Freunde. Ich will um jeden Preis meine flam⸗ mende Jugend leuchten laſſen! Nein, bei Gott! ich will nicht damit warten, mein Vermögen heiter zu verzehren, bis mir die Zähne ausgefallen ſind! Und dann, Dank dem Wucher, ſein Erbe bei Lebzeiten ſeiner Eltern verzehren zu können, heißt das nicht, ſich vor der verbrecheriſchen Verſuchung ſchützen, ihren Tod herbei zu wünſchen? Ich trinke deshalb auf Ihr Wohl, meine Meiſter in der Lebekunſt. Ich ſagte in der Albernheit meiner Jugend: „Als Ar⸗ beiter bin ich geboren, als Arbeiter will ich ſterben...“ Heute ſage ich: „Lebemann bin ich, als Lebemann will ich ſterben!“ 21¹9 Maurice ſetzte ſich triumphirend unter dem Jubel der Gäſte nieder und Frau von Hansfeld ſchenkte ihm ein neues Glas Champagner voll. XXXII. „Die Todten reiten ſchnell,“ ſagt eine deutſche Ballade. Auch die Lebenden reiten ſehr ſchnell, wenn ſie ſich von dem Feuer ihrer Leidenſchaften hinreißen laſſen. Das Glaubensbekenntniß von Mau⸗ rice, obgleich das Gepräge der Aufregung einer wachſenden Trunkenheit an ſich tragend, war bereits, vermöge des wirklichen Ungeſtüms ſeines Charakters, der wahre, unwandelbare Ausdruck ſeiner gegen⸗ wärtigen und künftigen Wünſche. Richard d'Otremonts Geduld war trotz ſeiner fei⸗ nen Lebensart und ſeiner Selbſtbeherrſchung mehr⸗ mals beinahe erſchöpft, als er hörte, wie Frau von Hansfeld ihn mit pikanten Anſpielungen ver⸗ folgte und ſo das Lächerliche, unter dem er ſchwer litt, vergrößerte; er empfand dabei eine dumpfe Ge⸗ reiztheit in ſeinem Innern gegen ſeinen treuherzigen und triumphirenden Rivalen. Der blutigen Vor⸗ ſchläge Antvinettens ſich erinnernd, die er mit Ent⸗ rüſtung zurückgewieſen, und entſchloſſen, den ſchwar⸗ zen Projecten dieſer Creatur nicht durch Streitſuchen mit Maurice zu dienen, da er ſich ſagte, daß er im Gan⸗ zen doch kein Recht habe, dieſem jungen Manne zu zürnen, weil er ſich eines unerwarteten Glückes freue, war es Richard bis jetzt gelungen, ſeinen Unwillen zu bändigen. Frau von Hansfeld, welche Mauricens 220 Aufregung in Folge des unglückſeligen Beifalljubels, den man ſeinem Glaubensbekenntniß als Lebemann zollte, wachſen ſah, ſagte zu Herrn d'Otremont, der allein nachdenklich und kalt blieb: „Entſchuldigen Sie, daß ich abermals Ihre phi⸗ loſophiſchen Betrachtungen über die Grenzen der menſchlichen Geduld ſtöre . . . lieber Herr d'Otre⸗ mont: aber Ihr Schweigen fängt wirklich an, mich zu beunruhigen . . . Sie . . . eines der glänzendſten Lichter, die ich kenne, Sie ſind dieſen Abend unglaub⸗ lich trübe; nie machte ein Amphitryon eine kläglichere Miene.“ Dann wandte ſie ſich an Maurice und ſagte: „Nicht wahr, mein Lieber, er iſt nichts weni⸗ ger, als amüſant, der arme Herr d'Otremont?“ „Wahrhaftig, Madame, aber, was ich weiß, iſt, daß das Souper, das uns Herr dOtremont gibt, reizend iſt: ich bedaure unſern Freund doppelt, wenn er ſich nicht amüſirt,“ antwortete Maurice cordial; und obgleich er bereits ſeinen Kopf durch den Dampf des Weines, den ihm Antoinette eingoß, nicht mehr blos aufgeregt, ſondern ſchwindlich werden fühlte, nahm er ſein Kriſtallglas, das ſie ihm nicht mehr mit Champagner, ſondern mit altem ſehr berauſchen⸗ dem Oporto gefüllt hatte und ſagte, indem er aufſtand: „Meine Herren, ich trinke auf die wiederkehrende Heiterkeit unſeres liebenswürdigen Wirthes . . . Einſtimmiger Beifall folgte den letzten Worten von Maurice, der, bereits ſehr aufgeregt, auf einen Zug ſein Glas leerte, ohne zu ſehen, was er trank. Richard, deſſen Geduld durch den letzten Sarkasmus von Antvinette erſchöpft war und der den mittleidi⸗ in einem ſardoniſchen Tone: „Ich danke Herrn Dumirail für ſeine Wünſche für die Wiederkehr meiner Heiterkeit; er iſt mehr als irgend Jemand im Stande, ſie wieder zu beleben, denn er könnte dem Moroſeſten zu lachen geben...“ „Aber mein Lieber,“ verſetzte Antvinette, ſich an Maurice wendend, „das iſt ja die größte Beleidigung, die Ihnen Herr d'Otremont ſagt.“ „Eine Beleidigung?“ rief Maurice, purpurroth vor Aufregung werdend, obgleich er noch nicht wußte, ob Frau von Hansfeld im Ernſte ſprach. „Warum ſollte Herr d'Otremont mich beleidigen wollen?“ „Nein, nein, Sie täuſchen ſich!“ riefen mehrere Gäſte, um jeden Streit abzuwenden; „es handelt ſich um einen Scherz.“ „Nun, das laß' ich gelten!“ verſetzte der junge Bergbewohner, deſſen finſter gewordene Züge ſich plötzlich, vermöge der Veränderlichkeit in den Ein⸗ drücken bei Leuten, deren ſich die Trunkenheit be⸗ meiſtert, wieder aufklärten. „Zwiſchen Otremont und mir . . heißt es auf Tod und Leben!“ „Trotz dieſer rührenden Erklärung, mit welcher Sie auf eine Unverſchämtheit antworten, ſcheint dieſer unglückliche Herr d'Otremont keineswegs Luſt zu haben, Sie als ſeinen Pylades anzuerkennen, mein Lieber,“ ſagte Frau von Hansfeld. „Er ſchleudert Ihnen wüthende Blicke zu; ich wette, er iſt eifer⸗ ſüchtig auf Sie.“ „Eiferſüchtig auf mich!“ verſetzte Maurice, ſpöt⸗ tiſch lächelnd. Dann fügte er, Beſcheidenheit heuchelnd, hinzu: gen Toaſt von Maurice ſehr unzeitig fand, verſetzte „Aber weshalb dieſe Eiferſucht?“ „Weil er mir ſeit zwei Monaten raſend den Hof macht, dieſer gute Herr d'Otremont,“ antwortete Frau von Hansfeld, laut lachend, „ich habe mir er⸗ laubt, mich ſchmählich über ihn zu moquiren . . .“ „Meine Liebe,“ antwortete Richard in dem Tone verächtlicher Vertraulichkeit, „Sie prahlen . . .“ „Wiefern?“ „Indem Sie behaupten, ich hätte Ihnen den Hof gemacht.“ „Sie leugnen es?“ „Aufs Entſchiedenſte.“ „Das iſt pikant.“ „Schon gut, meine Liebe! Sie wiſſen übrigens, daß man nur Frauen von gewiſſen Kreiſen den Hof h „Herr dOtremont . . . Sie ſind ein Bauer!“ rief Frau von Hansfeld, indem ſie raſch aufſtand. Und indem ſie ſich den Anſchein gab, als ob ihr die Aufregung den Athem benähme, fügte ſie mit angegriffener Stimme, das Geſicht im Taſchentuch verbergend, hinzu: „Sie haben es gehört, Maurice? Welche Feigheit, eine wehrloſe Frau zu inſultiren!“ „Bin denn ich nicht hier Ihr Vertheidiger!“ rief der junge Bergbewohner, der zu ſehr Neuling war, um die Bedeutung des an Antvinette zerite Sarkasmus zu verſtehen. Maurice, welcher Frau von Hansfeld ſchwer pe leidigt glaubie, weil ſie ſich darüber beklagte, daß ſie es ſei, und durch die Trunkenheit und den Zorn im⸗ mer exaltirter wurde, erhob ſeine athletiſche Geſtalt in ihrer ganzen Größe und rief: „Herr d'Otremont, nur Feiglinge ſind im Stande, eine Frau zu inſultiren.“ „Meine Herren, meine Herren, es waltet hier ein Mißverſtändniß ob,“ ſagten die Gäſte, ſich da⸗ zwiſchen werfend, „liebe Frau von Hansfeld, beru⸗ higen Sie ſich!“ „Die Antwort Richards iſt etwas ſtark, aber Sie haben ſie hervorgerufen.“ „Das Unrecht iſt auf beiden Seiten.“ „Es hat nichts Ernſtes auf ſich . . .“ „Wenn mich die Beleidigung verletzt, ſo iſt es nur darum, weil ſie mir in Deiner Gegenwart wurde!“ murmelte Frau von Hansfeld Maurice leidenſchaft⸗ lich ins Ohr. Dann ſich an ſeinen Arm anklammernd, als wenn ſie ſich unter ſeinen Schutz begeben wollte, fügte ſie laut hinzu: „Kommen Sie . . . ſetzen Sie ſich um meinet⸗ willen keiner Gefahr aus . . . wegen eines ſolchen Gezänkes kommen Sie . . . gehen wir, mein Freu „Sie, gehen? nein, nein! . . an Ihrem feigen Beleidiger iſt es, den Ort aus Furcht zu verlaſſen!“ rief Maurice. Dann ſich an Richard wendend, ſetzte er hinzu: „Hinaus! . . Unverſchämter!“ „Hören Sie den intereſſanten Zögling der Frau Baronin,“ ſagte Richard zu ſeinen Nebenſitzenden. „Herr d'Otremont!“ rief Maurice, indem er 224 die Fauſt zeigte, „wenn Sie nicht augenblicklich fort⸗ gehen, ſo werfe ich Sie zum Fenſter hinaus!“ „Herr Dumirail, Sie flößen mir Mitleid ein,“ verſetzte Richard, mit den Achſeln zuckend; „Sie ſind berauſcht . . . legen Sie ſich zu Bette.“ „Elender!“ ſchrie Maurice, „wenn mein Arm lang genug wäre, würde ich Dir eine Ohrfeige ge⸗ en herich Mauricens Mund ſchloß ſich durch den Schlag der Serviette, welche ihm Richard d'Otremont ver⸗ ächtlich ins Geſicht warf. Der Herkules aus den Bergen, deſſen Trunken⸗ heit und Wuth den höchſten Grad erreichten, will mit einem Satz auf den Tiſch ſpringen, der ihn von ſei⸗ nem Gegner trennt, aber ſeine Nachbarn ſuchen ihn an Armen und Schultern zurückzuhalten, während Frau von Hansfeld und ihre Geſellſchafterin beſtürzt vor ihm zurückweichen. Er glüht vor Zorn, ſucht auf Richard einzudringen, und vermöge ſeiner athle⸗ tiſchen Kraft die, welche ſich an ſeine Kleider oder Arme klammern, nach ſich ziehend, ruft er: „d'Otremont, ich bringe Dich um . . . wie einen Hund dreimal Tiger! ährend ſich der junge Bergbewohner mit denen herumzerrte, welche ihn vergeblich zurückzuhalten ſuchen, ſtürzt der Tiſch, an den geſtoßen worden, mit Krachen um, die Kandelaber und die Luſtre fallen zur Erde, Dunkelheit hüllt den Salon ein, während Richard, nach der Thüre zu eilend, mit lauter Stimme ruft: „Meine Herren, ich tann und werde nicht gegen dieſen wilden Stier kämpfen; früh werde ich ihm meine Zeugen ſchicken . 225 „Ich hatte es Ihnen vorausgeſagt, daß Sie ihn herausfordern werden! . .. ich habe nur ein Wort, mein lieber Richard .. .“ murmelte Frau von Hans⸗ feld, die, Maurice ganz betrunken und außer ſich ſehend, ſich zu entfernen eilte, Herrn d'Otremont ins Ohr. Als der Sturz der Tafel die Lichter ausgelöſcht, traten mehrere Garcons des Reſtaurant, durch den Lärm angezogen, raſch ein. Die offen gebliebene Salonthüre ließ die Helle eines im Nebenzimmer brennenden Luſtres hereindringen. Da dieſe Helle genügte, um Frau von Hansfeld und Herrn dOtremont den Weg zu zeigen, verließen ſie den Ort des Tumultes mit den übrigen Gäſten. Maurice, von dem Sturz der Tafel zu Boden geriſſen und durch die Trunkenheit immer ſchwerer gemacht, mühte ſich vergeblich aufzuſtehen, da er ſich in den Falten des Tiſchtuches verwickelt, aus denen er ſich herauszuarbeiten ſuchte; dabei drohte und fluchte er unaufhörlich, denn, da der Dampf des Weines ſeine Vernunft völlig umnachtet hatte, war auch das klare Selbſtbewußtſein verſchwunden. Herr d'Otremont hatte beim Herausgehen aus dem Reſtaurant den jungen Bergbewohner den Gar⸗ cons ſehr liebreich empfohlen, indem er ihnen ſeine Adreſſe gab, damit ſie ihn im Wagen nach Hauſe bringen ließen. Sie beeilten ſich, ihm zu helfen, ſich aus den Falten des Tiſchtuches loszuwinden und aufzuſtehen . . . was nicht ohne Mühe gelang. End⸗ lich erhob er ſich, obgleich noch ſchwankend. Sein in Unordnung gerathenes Haar, ſeine bei dem Ringen mit den Gäſten zerriſſenen Kleider, ſeine von einer Sue, die Familienſöhne. III. 15 226 häßlichen ſchwarzblauen Farbe entſtellten Züge, ſein matter Blick, ſeine herabfallende Lippe, ſein dummes Lächeln — all dies mußte zu gleicher Zeit Wider⸗ willen und eine Art ſchmerzlichen Mitleids erwecken. Er ſuchte ſich auf ſeinen ſchwankenden Beinen zu halten, denn bereits folgte die Erſchlaffung und Abſpannung der Aufregung des Rauſches. Er warf einen wilden Blick um ſich und indem ein einziger, beinahe lichter Gedanke durch die Dunkelheit ſeines Geiſtes brach, murmelte er mit rauher und abge⸗ brochener Stimme: „Wo iſt denn An An toinette?“ „Die Damen ſind mit den Herren fort,“ ant⸗ wortete ein Garcon. „Wenn der Herr wünſcht, ... werden wir ihn nach Hauſe bringen laſſen . . . wir haben ſeine Adreſſe.“ „Und An . . . Antoinette . . .“ wiederholte Maurice, während ſein Oberkörper hin und herſchwankte und er ſich auf den Arm des Garcon ſtützte, der ihn langſam nach der Thüre führte; „und . . . An ... Antoinette?“ „Der Herr wird morgen die Dame wiederſehen.“ „So?“ ſtotterte Maurice mit der leichtgläubigen Blödigkeit des Betrunkenen; „ſo, ſo, An .. . An⸗ toinette?“ „Ja, mein Herr; aber für heute Nacht ſollten Sie ſich zu Bette legen.“ il ee wei e Kbp erKöpft „Vorwärts, mein Herr, ſtützen Sie ſich auf mich 227 und meinen Kameraden,“ verſetzte der Garcon. „Muth, wir brauchen nur eine Etage hinabzuſteigen.“ Maurice, welcher bei jedem Schritte fehltrat und beinahe gefallen wäre, ſtieg mit großer Mühe die Treppe hinab, obgleich ihn zwei Garcons ſtützten: er wurde von ihnen in die Höhe gehoben und in einen Fiaker geſetzt, wo er zuſammenſank. „Rue de lUniverſité, Hotel des Etrangers,“ ſagte einer der Garcons zu dem Kutſcher. „Sie werden wohl daran thun, wenn Sie läuten und den Portier des Hotels aufwecken, ehe Sie den Herrn in der Straße abſetzen, er möchte ſonſt die Nacht dort zubringen.“ XXXIII. Während man Maurice betrunken und bewußtlos in das Hotel des Etrangers zurückbrachte, war ſein Vater, Herr Dumirail, den man nicht ſo früh er⸗ wartete, im Verlauf des Abends in Paris angekom⸗ men und unterhielt ſich mit ſeiner Frau. Dieſe hatte ihm ſo eben die häuslichen Ereigniſſe, welche ſeit der Verbindung von Maurice mit Frau von Hansfeld bis zum Weggang Jeane's zu ihrer Tante, Madame San Privato, vorgefallen waren, mitge⸗ theilt; auch hatte Madame Dumirail, ihrer Gewohn⸗ heit, dem Gatten nichts zu verſchweigen, getreu, ihn von dem traurigen Geheimniß Charles Delmare's unterrichtet. Die minutiöſe Erzählung dieſer ſo wichtigen, ſo beunruhigenden Thatſachen dauerte lange. Madame Dumirail, welche einen Zornesausbruch ihres Gatten gegen ihren Sohn fürchtete, ſuchte die ſträflichſten Handlungen des Letztern zu mildern, legte beſondern Nachdruck auf ſeinen guten und feſten Vorſatz, nach dem Morillon zurückzukehren, ein Vorſatz, der leider in Folge der rachſüchtigen Bitterkeit Jeane's wieder zunichte gemacht wurde, welche, weit entfernt, einige Nachſicht gegen die Verirrung ihres Bräutigams zu zeigen, ſich ſtolz, boshaft und unerbittlich gezeigt. An die Nachſicht und Güte ihres Mannes appelli⸗ rend, und die Fehltritte ihres Sohnes ſo gut ſie konnte entſchuldigend, indem ſie dieſelben der Jugend, der Unerfahrenheit und vorzüglich der Macht der Verführung zuſchrieb, die ihn ſo zu ſagen aufſuchten, anerkannte Madame Dumirail auf der andern Seite, daß das Beiſpiel der erzählten Vorgänge freilich nicht hoffen laſſe, Maurice werde den Muth haben, den Gelegenheiten, ſich verführen zu laſſen, welche in Paris ſo häufig ſind, zu widerſtehen; als kluge und weiſe Mutter trug ſie auf die raſche Abreiſe der Familie nach ihrer lieben Einſamkeit im Jura an. Herr Dumirail hatte ſie zum großen Erſtaunen und zur lebhaften Beunruhigung ſeiner Frau ange⸗ hört, ſcheinbar theilnahmlos und ſelbſt ohne ſie di die Ausrufungen des Erſtaunens und der Entrüſtung zu unterbrechen, welche, ihrer Anſicht nach, die Er⸗ zählung der Verirrungen ihres Sohnes hervorrufen müßten; ſie hätte ſogar den heftigen Zorn ihres Man⸗ nes dieſer ſtummen Ruhe vorgezogen, welche ihr furchtbarer erſchien, als das heftige Aufbrauſen; deßhalb fügte ſie, um die Rede emphatiſch zu ſchlie⸗ ßen, hinzu: 229 „Ich habe Dir die Wahrheit, die volle Wahr⸗ heit geſagt, mein Freund. Du biſt jetzt von der traurigen Undankbarkeit unſerer Richte, den Verir⸗ rungen unſeres Sohnes unterrichtet; aber wir dürfen nicht daran verzweifeln, ſie zu uns und zum Guten zurückzuführen. Möchte Dein Schweigen keine Pläne unerbittlicher Strenge in ſich ſchließen! Ich war die Erſte, welche unſern Sohn bei Dir anklagte; aber ich werde auch Deine Rachſicht, Deine Billigkeit an⸗ rufen, wenn die Strafe, die Du ihm vorbehältſt, die Größe ſeines Vergehens überſchreitet; und was auch kommen mag, Du biſt, das bin ich gewiß, wie ich überzeugt, daß wir ſobald als möglich nach dem Mo⸗ rillon zurückkehren müſſen und ſo Gott will, verlaſſen wir ihn nie wieder.“ Madame Dumirail vermied, wie man ſieht, mit außerordentlich viel Tact, Klugheit und Großmuth jeden Vorwurf, der ſich auf das Vergangene bezog; da ſie dachte, ihr Mann leide ſchon genug durch das Inſichgehen, zu dem ihn die Ereigniſſe zwingen, ſo enthielt ſie ſich, ihn auch nur durch eine Anſpielung daran zu erinnern, daß er durch die Halsſtarrigkeit, mit der er darauf beharrt, daß Maurice nach Paris gehe, das Unglück verurſacht, das beide zu beklagen hatten. Es ſchlug Mitternacht in dem Augenblicke, als Madame Dumirail dieſe Worte ausſprach: „Wir müſſen nach dem Morillon zurückkehren und ſo Gott will, verlaſſen wir ihn nicht wieder.“ Dann fügte ſie hinzu, als ſie den Schlag der Uhr hörte: „Schon Mitternacht! Maurice iſt noch nicht zu⸗ rück. . . ich hoffe indeß, daß er nicht wieder fort⸗ bleiben wird, und . . .“ Aber ſich unterbrechend und von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, ſagte ſie, die Klingel ziehend, zu ihrem noch immer theilnahmlos daſitzenden Manne: „Vielleicht iſt unſer Sohn bereits zurückgekehrt, aber er wagt es nicht, vor Dir zu erſcheinen.“ Als Joſette Augenblicks, nachdem Madame Du⸗ mirail geläutet, erſchienen war, ſagte dieſe zu der Die⸗ nerin: „Iſt mein Sohn zurück?“ „Nein, Madame.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Ja, Madame, weil ich im Vorzimmer nähe. Herr Maurice kann nicht in ſein Zimmer gehen, ohne daß ich ihn ſehe.“ „Sobald er zurückömmt, werden Sie es mir melden.“ „Ja, Madame.“ Und Joſette fügte im Augen⸗ blicke, als ſie wegging, hinzu: „Wie viel Uhr iſt es, wenn ich fragen darf?“ „Mitternacht.“ „Jeſus! iſt es ſchon ſo ſpät!“ verſetzte die Die⸗ nerin, indem ſie die vom Schlafe angeſchwollenen Augen rieb. „Ach! wie würde man um dieſe Stunde auf dem Morillon ſchon lange im tiefſten Schlafe liegen?“ „Geduld! gute Joſette, wir werden ihn bald wiederſehen,“ verſetzte Madame Dumirail, indem ſie ihrem Manne einen Blick des Einverſtändniſſes zuwarf: „Vergeſſen Sie nicht, Joſette, mich davon 3 in Kenntniß zu ſetzen, ſobald mein Sohn zurück iſt.“ 231 „Ja, Madame. Wenn ich einſchlafen ſollte, wird mich Herr Maurice durch das Läuten wecken.“ „Es iſt unnütz, ihm zu ſagen, daß Herr Dumi⸗ rail angekommen, . . . verſtanden Joſette?“ „Gut, Madame.“ Und das gute Mädchen ging, indem ſie bei ſich ſagte: „Wann werden wir doch dies verwünſchte Land verlaſſen, wo man bei Tag ſchläft und bei Nacht wacht, ganz wie die häßlichen Eulen, die den Tod heulten, als wir die Heimath verließen! Verwünſchte Bedeutung! Ich denke immer unwillkürlich daran.“ XXXIV. Herr Dumirail, welcher nach dem Weggang Joſettens mit ſeiner Frau allein geblieben, ſammelte ſich und ſagte in völlig ruhigem, ſicherem und un⸗ gezwungenem Tone zu ihr: „Meine liebe Julie, ich habe Dich aufmerkſam angehört, ohne Dich zu unterbrechen, um die Ge⸗ ſammtheit der Thatſachen mit meinem Blicke zu um⸗ faſſen. Im Ganzen genommen und abgeſehen von der häßlichen Undankbarkeit Jeanes, finde ich nichts, worüber man bezüglich meines Sohnes ſich beun⸗ ruhigen könnte. Ich bedaure, arme Freundin, daß Du Dich durch einige tolle Jugendſtreiche ſo ſehr an⸗ greifen und ängſtigen ließeſt.“ Dieſe Worte ihres Mannes drückten ein dem er⸗ warteten ſo entgegengeſetztes Gefühl aus, daß Ma⸗ dame Dumirail einen Augenblick ſprachlos vor Stau⸗ nen war und nicht glauben konnte, was ſie hörte. Herr Dumirail bemerkte ihr Erſtaunen. Er lächelte und fuhr fort: „Meine Nachſicht verwundert Dich um ſo mehr, meine liebe Freundin, als Du übertriebene Strenge von mir erwarteteſt, nicht wahr?“ „Ich geſtehe,“ ſtotterte Madame Dumirail, „Deine Art, die Sachen anzuſehen . . . verwirrt mich.“ „Das iſt ganz einfach . . . Du biſt Mutter, Du biſt Frau . . . Du mußt gewiſſe Dinge aus einem ganz andern Geſichtspunkte anſehen, als ich.“ „Wie, mein Freund,“ betonte Madame Dumirail nachdrücklich, „Mauricens Betragen . . .“ 1 „Iſt allerdings in mehreren Beziehungen tadelns⸗ 7 . werth, aber unter uns .. „Vollende.“ „Offen geſagt, liebe Freundin, wir haben nie⸗ mals aus unſerem Sohne einen Mönch machen wollen .. Der Schein von Sorgloſigkeit, den ſich Herr Dumirail gegenüber von wirklich tadelnswürdigen Handlungen gab, harmonirte ſo wenig mit der ge⸗ wöhnlichen Strenge ſeiner Grundſätze und dem Ernſte ſeines Charakters, er zeigte eine ſo ſichtbare Ver⸗ legenheit über die Leichtfertigkeit, mit der er ſich über eine in ſo vielen Beziehungen ernſte Sache ausſprach, daß Madame Dumirail den geheimen Grund zu dem ſcheinbaren Optimismus ihres Mannes zu finden ſuchte; und bald ſchon, beinahe gewiß ihn entdeckt zu haben, zitterte ſie, von den lebhafteſten Beſorgniſſen ergriffen. Sie ſuchte ſie indeſſen nieder⸗ —— zukämpfen, indem ſie einen Strahl von Hoffnung bewahrte und ſich glauben machen wollte, daß ihre Scharfſichtigkeit ſich geirrt haben könnte. Das Schweigen, das ſie beobachtete, die tiefe Unruhe, die ſich auf ihrem ſchon durch den Kummer alterirten Geſichte ausſprach, ſchienen die Verlegenheit des Herrn Dumirail zu mehren, und die Augen vor dem Blicke ſeiner Frau ſenkend, ſchien er die Leichtfertig⸗ keit ſeiner letzten Worte zu bedauern und fuhr in einem etwas ernſteren Tone fort: „Wenn ich ſage, meine liebe Julie, daß wir aus unſerem Sohne keinen Mönch machen wollen, ſo beabſichtige ich keineswegs, das Tadelnswerthe ſeines Benehmens zu entſchuldigen.“ „Ich bin es überzengt; denn eine ſolche Toleranz würde mir vielleicht beunruhigender erſcheinen, als die üble Aufführung von Maurice.“ „Ich werde die Nachſicht nie bis zu einer ſtraf⸗ baren Schwäche treiben, das darfſt Du verſichert ſein; aber aus Deinen Mittheilungen geht hervor, daß auch unſere Nichte Unrecht hatte; nach meiner Anſicht Unrecht, das größer war als das unſeres Sohnes. Beſchäftigen wir uns zuerſt mit Jeane,“ fügte Herr Dumirail hinzu, als hätte er die Erklä⸗ rung bezüglich ſeines Sohnes verſchieben wollen. „Wir haben Jeane bis jetzt behandelt, als wenn ſie unſer Kind geweſen; wir hatten unſere Einwilligung zur Heirath mit Maurice gegeben, eine für ſie aus mehreren Gründen unverhoffte Verbindung. Ihr Vater, mein unglücklicher Bruder, welcher nicht wußte, daß ſeine Frau in der Hoffnung war, machte mich, wie Du weißt, zum Erben ſeines Vermögens, das 234 aus induſtriellen Werthbeträgen beſtand, und zwar unter der Bedingung, daß ich ſeiner Wittwe, trotz ihrer Undankbarkeit, und obgleich er ſie ohne Ver⸗ mögen geheirathet, lebenslänglich eine Penſion aus⸗ bezahle; die Handelskriſe von 1830, welche kurz nach dem Tode meines Bruders eintrat, machte die von ihm hinterlaſſenen Werthbeträge beinahe vollſtändig werthlos; es blieben nur noch ungefähr vierund⸗ zwanzigtauſend Franken, welche ich als Leibrente für meine Schwägerin anlegte. Ich wußte damals nicht, daß ſie in der Hoffnung war, denn, wenn ich das gewußt, hätte ich das Geld nicht auf eine Leibrente angelegt. Kurz, meine liebe Freundin, beim Tode ihrer Mutter erbte unſere Nichte dreißigtauſend Fran⸗ ken, das Reſultat einiger Erſparniſſe meiner Schwä⸗ gerin und des Verkaufs ihres Mobiliars.. . Dreißig⸗ tauſend Franken waren alſo das Heirathgut von Mademoiſelle Jeane, der wir die Hand unſeres Soh⸗ nes gegeben hätten, welcher einſt, wenn Gott uns das Leben ſchenkt, ſechzehn⸗ bis achtzehnmal hundert⸗ tauſend Franken Vermögen beſitzen wird. Und wie beweist uns nun unſere Nichte ihre Dankbarkeit? Sie beginnt auf dem Morillon damit, meinen Ab⸗ ſichten in Beziehung auf die neue Carriere meines Sohnes entgegenzuarbeiten . . .“ „Wegen dieſer Oppoſition wüßte ich Jeane nicht zu tadeln,“ ſagte Madame Dumirail traurig; „ſie gehorchte einem guten Gefühle, und ich ſelbſt wünſchte, daß Maurice . . .“ Gut, liebe Freundin, wir werden ſogleich von unſerem Sohne ſprechen . . . wollen jedoch zuerſt mit dem zu Ende kommen, was Jeane betrifft ... * u 235 Sie begleitet Dich nach Paris und ſtatt ſich zu be⸗ mühen, wie es ihre Pflicht geweſen wäre, ihren Bräutigam durch ſanftes und reſignirtes Benehmen zu ſich zurückzuführen, nimmt ſie ſich im Gegentheil vor, ihn durch ihre Vorwürfe und Sarkasmen zu reizen und zur Verzweiflung zu bringen.“ „Mein Freund, ich kann nicht in dem Verdacht der Parteilichkeit für Jeane ſtehen . .. ich habe mich, wie Du weißt, in meinem Urtheile über ſie ſehr ſtreng gezeigt . . . aber man muß gerecht ſein die Heftigkeit ihrer Eiferſucht iſt ſo groß wie der Stolz ihres Charakters; Du kannſt Dir gar nicht denken, was das arme Geſchöpf während jenes Abends und jener Nacht gelitten, wo wir von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute Maurice erwarte⸗ ten, beide die Beute der unausſprechlichſten Bangig⸗ keiten „Du warſt in dieſem Falle nicht vernünftiger, als unſere Richte, meine liebe Julie . . .“ „Wie! . . mein Sohn kommt nicht nach Hauſe, Und „Sogleich, ſage ich Dir, werden wir von Mau⸗ rice ſprechen; aber wenn ich auch die Unruhe einer ſo zärtlichen, gefühlvollen Mutter, wie Du biſt, be⸗ greife, ſo kann ich doch nicht zugeben, daß eine junge, beſcheidene, gut erzogene Perſon eine übertriebene Eiferſucht von der höchſten Ungebührlichkeit zur Schau trägt.“ „Ich wiederhole Dir, mein Freund, ich habe das Betragen Jeane's ſtreng getadelt; aber ihre Eifer⸗ ſucht war durchaus nicht affectirt, ſie war aufrichtig Ach! wenn man liebt . . .“ 2. „Meine liebe Freundin, wenn man liebt . . . ein junges Mädchen liebt zurückhaltend, beſcheiden und ſtill, aber nicht raſend und toll, beſtändig den Sarkasmus oder die Drohung auf den Lippen .. Und iſt es nicht endlich Mademoiſelle Jeane, welche, als unſer Sohn, einem Gefühl der Reue folgend, das an ſich löblich, in ſeiner Anwendung ſehr un⸗ vernünftig war, Paris verlaſſen wollte . . .“ „Was ſagſt Du, mein Freund? . . .“ „Wir werden eheſtens darauf zurückkommen .. . mit einem Worte, ſage ich, iſt es nicht unſere Nichte, die durch ihre Inſolenz, ihren Hochmuth und ihre frechen Coquetterien mit ihrem Vetter Albert Mau⸗ rice zum Aeußerſten getrieben?“ Geißie abern „Hat ſie Dir nicht die unverſchämte Antwort ge⸗ geben, daß Du ihr auf eine für ſie demüthigende Weiſe die Sorge, die wir auf ihre Jugend vetwen⸗ det haben, vorwerfeſt? Und um der Sache die Krone aufzuſetzen, hat ſie nicht die Keckheit und abſcheuliche Undankbarkeit beſeſſen, Dich trotz Deines Verbotes zu verlaſſen, um mit unſerem Reffen fortzugehen, um, wie ſie ſagte, ein Aſyl bei meiner Schweſter zu ſuchen?“ „Ja, doch muß ich geſtehen, nachdem ich meine Kaltblütigkeit wieder gewonnen, daß ich bedauerte, Jeane's Weggehen durch die Bitterkeit und vielleicht durch die Ungerechtigkeit meiner Vorwürfe gegen ſie hervorgerufen zu haben; denn, ich habe Dir ja das traurige Geheimniß mitgetheilt: Herr Delmare ...“ „Ha! .. .“ verſetzte Herr Dumirail, deſſen Züge ſich zuſammenzogen und plötzlich einen finſtern Aus⸗ 237 druck annahmen; „wenn ich daran denke, daß ich drei Jahre lang jeden Tag die Hand dieſes Mannes in der meinen gehalten — ſeine vom Blute meines armen Erneſt geröthete Hand! wenn ich an die ab⸗ ſcheuliche Heuchelei dieſes Delmare denke, der ohne Gewiſſensbiſſe in unſerm vertrauten Umgange lebte! Fluch über ihn! Gebe der Himmel, daß ich die⸗ ſem Elenden nie in Paris begegne, wohin er gegan⸗ gen, denn ſo alt ich bin, ich könnte mich zu einer Gewaltthat gegen ihn hinreißen laſſen.“ „Großer Gott!“ rief Madame Dumirail, als ſie an Charles Delmare's Verſprechen dachte, dieſen Abend wiederzukommen, wenn er etwas Neues oder Wichtiges in Bezug auf Maurice ihr mitzutheilen hätte. Sie läutete abermals und ſagte zu der als⸗ bald eintretenden Dienerin: „Joſette, vergeſſen Sie nicht, daß, wenn Herr Charles Delmare hier vorſprechen ſollte, Sie ihn unter keinem Vorwande einlaſſen dürfen. Sie hören? unter keinem Vorwande; Sie werden ihm ſtets ant⸗ worten, wir ſeien ausgegangen.“ „Wie? Madame, den würdigen Herrn Delmare fortſchicken? Ach, nein, ich hätte wirklich nicht den Muth . . . wahrhaftig nicht.“ „In dieſem Falle, wenn Sie ſich einfallen laſſen, meine Befehle nicht zu befolgen,“ verſetzte Herr Du⸗ mirail, „ſo jage ich Sie aus meinem Dienſte!“ „Gottes Güte!“ rief Joſette erſchrocken, „mich aus dem Dienſte jagen, mich auf dem FPflaſter von Paris laſſen! Was ſollte hier aus mir werden, gerechter Himmel! Nur der Gedanke ſchon macht mich ſchauern.“ „So möge dieſe Furcht Sie veranlaſſen, mir pünktlich zu gehorchen,“ verſetzte Herr Dumirail; „gehen Sie, laſſen Sie uns allein.“ „Und vergeſſen Sie nicht, mir die Rückkehr un⸗ ſeres Sohnes zu melden,“ fügte Madame Dumirail hinzu, während ſie auf die Uhr ſah. Joſette ging, indem ſie ſagte: „Verwünſchte Reiſe! Die Hunde auf dem Mo⸗ rillon hatten Recht, wenn ſie ein Todtengeheul an⸗ ſtimmten . . .“ „Bald ein Uhr, und Mauricens langes Ausblei⸗ ben ſcheint meinen Mann nicht einmal in Erſtaunen zu ſetzen,“ dachte Madame Dumirail. „Ach, ich darf nicht mehr daran zweifeln; es kommt ſeiner Eigenliebe zu ſchwer zu ſtehen, die Richtigkeit meiner traurigen Ahnungen anzuerkennen und ſich zu geſtehen, daß die Hartnäckigkeit, mit der er es durchſetzte, daß ſein Sohn nach Paris gehe, ihn für die Verirrungen des unglücklichen Kindes verantwortlich mache. Mein Mann wird ſie deßhalb weniger durch Rachſicht, als durch Stolz zu mildern ſuchen.“ In unſerem Verlage erſcheinen und ſind durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Ausgemühlte Werke von Alerander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. C. J. Grieb. Bis jetzt ſind erſchienen: Ein Frauenleben. 2 Bde. 22 Ngr. oder 1 fl. 6 kr. Diana von Lys . 66 Ngr. oder — 18 kr. Drei ſtarke Männer . . 20 Rgr. oder 1 fl. — Indem wir hiemit der deutſchen Leſewelt in obiger Summlung die worzüglichſten Romane von Alexander Dumas dem Jün gern vorlegen, glauben wir darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß hier wirklich Außer⸗ gewöhnliches geboten wird. Dieſe Romane ſind pſycho⸗ logiſche Studien, denen wohl die franzöſiſche Literatur nichts Aehnliches an die Seite zu ſetzen hat. Hier ſind die geheimſten Falten des weiblichen Herzens blos gelegt mit einer Sicherheit und einer Wahrheit des Colorits, welche den Sohn ſeinem berühmten Vater als durchaus ebenbürtig erſcheinen laſſen. Unſere deutſche Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Uebertragung, ſchöne Ausſtattung und ſehr billigen Preis vortheilhaft aus. Emilie Flygare⸗Carlén, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. chein. 3 und wird einzeln abgegeben. 6 Bis jetzt ſind erſchienen: Die Roſe von Ziſtelön, 7 Bochn. — Walde⸗ mar Klein, 3 Bdchn. — Der Sljutsjunge, 4 Vochn. — Guſtav Lindorm, oder führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung! 6 Bochn. — Der Stellvertreter, 5 Bdchn. — Der Profeſſor und ſeine Schützlinge, 5 Bdchn. — Die Kircheinweihung von Hammarby, 6 Bochn. — Die Milchbrüder, 6 Bdchn. — Das Fideicommiß, 9 Bochn. — Der Kammerer Laßmann als Junggeſelle und Ehemann, 6 Vochn. — Paul Wärning oder Abentener eines Scheerenjungen, 5 Vochn. — Das Erkerſtübchen, 4 Bochn. — Der Einſiedler auf der Johannisklippe. Kuſtenroman, 15 Bdchn. — Ein Jahr. Novelle 5 Bdchn. Die Braut auf dem Omberg, 3 Bochn. — Die Familie im Thale, 2 Bochn. — Eine Racht am Bullarſee, 18 Bdchn. — Ein Gerücht, 17 Bdchn. — Die Roman⸗ heldin, 6 Bochn. — Der Jungfernthurm, 17 Bochn⸗ — Ein lannenhaftes Weib, 13 Bochn. — Der Vor⸗ mund, 14 Bochn. — Eine glückliche Parthie, 2 Bochn. — Tutti Frutti, 6 Vochn. — Binnen ſechs Wochen, 2 Bdchn. — Stuttgart, 1856. Franth'ſche Perlagshandlung. 3 578 g16 Seqae