. 3 A— —— x 1 ſ —— 1C Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Otimann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für hchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— —— —— auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — . — ——— pie Familienſöhnr. Roman von Eugéne Sur. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. 4 XXIV. Der Haß inſpirirt manchmal wunderbar die Bö⸗ ſen und gibt ihnen, trotz der Mittelmäßigkeit ihres Verſtandes, eine Art von Anſchauungsfähigkeit, in⸗ dem er ihnen mit einer erſchrecklichen Sicherheit den Streich bezeichnet, den ſie führen müſſen, den Ort, wo⸗ hin ſie ſchlagen müſſen. Nichts konnte beſchränkter, ſtumpfer, 16 folglich weniger durchdringend ſein, als der Geiſt von Ma⸗ dame San Privato. Ihr Bruder, abgeſehen von ſei⸗ nen Herzenseigenſchaften, und angenommen, man könne zwei ſo unähnliche Perſonen vergleichen, war durch die Intelligenz, das Urtheil und den geſunden Verſtand hundertmal mehr werth, als dieſe alte haßerfüllte Ge⸗ hirnloſe; ohne eine andere Stärke, als den Inſtinct ihrer Bosheit, ſollte ſie indeſſen ſiegen bei dem Kampfe, den ſie zu entſpinnen im Begriffe war, weil ihr dieſer Inſtinet den vielleicht einzigen bei Herrn Dumirail verwundbaren Punkt bezeichnete: den väterlichen Stolz. Allerdings hatte Madame San Privato nicht und konnte nicht haben das Bewußtſein der faſt unberechenbaren Tragweite des Schlages, den ſie zu thun ſich anſchickte; doch ſie ahnte dunkel, dieſer Schlag werde unheilvoll für die Ruhe und das Glück von Herrn und Madame Dumirail, von Maurice und Jeane ſein. Madame San Privato, da ſie für den Erſolg ihrer Rache die Nothwendigkeit, Gefühle denen entge⸗ gengeſetzt, von welchen ſie erfüllt war, zu heucheln . einſah, ſchien ſich zu ſammeln, und nach einigen Mi⸗ nuten eines Stillſchweigens, nur unterbrochen durch den ſonoren, langſamen, abgemeſſenen Schritt der beſchlagenen Ochſen, welche vollends auf dem Fels⸗ geſteine die letzten Abhänge des Gebirges erſtiegen, ſagte Madame San Privato mit gerührtem Tone: „Weißt Du, mein Freund, woran ich dachte?“ „Nein.“ „Ich ſagte mir, im Ganzen ſeiſt Du der Beſte der Brüder.“ „Der Beſte ich weiß es nicht . . das weiß ich aber, daß ich für Dich, Armande, eine aufrichtige Zuneigung hege . . . und gerade deshalb . . . ein wenig ſtreng . . .“ „Das iſt wahr . . doch, Dank ſei es Deiner Strenge, fange ich an zu glauben, daß Du mich wi⸗ der meinen Willen glücklich machen wirſt . . . Indem ich weiter über Deine nachdenke, bin ich genöthigt, anzuerkennen . . .“ „Daß ſie Gutes haben?“ „Viel.“ „Und Du nimmſt ſie an?“ „Mein Herz ſagt ja . . . die Nothwendigkeit ſagt ja wie könnte ich nein ſagen 2 „Du hörſt alſo auf die Stimme der Vernunft, auf die Stimme unſerer Zärtlichkeit; Du biſt vor Di ſelbſt gerettet!“ rief Herr Dumirail mit innigem Er⸗ 8 5 guſſe ſeiner Schweſter die Hände drückend und völlig bethört von ihrer Falſchheit. „Wenn Du wüßteſt, Armande, wie glücklich Du mich in dieſem Augenblicke machſt!“ „Nur geſtehe ich Dir, daß ... „Hm!“ ſagte lächelnd Herr Dumirail, „eine Ver⸗ ſchweigung!“ „Möchteſt Du, daß ich etwas verbergen würde?“ „Gott behüte!“ „Nun wohl! während ich anerkenne, daß Deine edelmüthigen Anerbietungen und Dein Wunſch, mich fortan hier in Familie, in Eurer Mitte leben zu ſehen, aus dem Geſichtspunkte der Vernunft das ſind, was es Schicklichſtes gibt, täuſche ich mich nicht: es wird für mich ein ſolcher Contraſt zwiſchen der friedlichen Eriſtenz, die man hier führt, und dem Leben in Pa⸗ ris ſtattfinden, daß ich gewiß in den erſten Zeiten meines Aufenthaltes im Morillon Augenblicke haben werde „Augenblicke der Langweile?“ unterbrach Herr Dumirail. „Iſt das nicht Dein Gedanke?“ „Ach! ja.“ „Ich erwartete das, arme Armande. Man ver⸗ zichtet nicht ungeſtraft auf die Gewohnheiten ſeines ganzen Lebens; doch ich zähle auch auf die Zärtlich⸗ keit von uns Allen, um Dir den Uebergang von einem geräuſchvollen Leben zu der Ruhe, die man in umer Einſamkeit genießt, weniger empfindlich zu machen. Und überdies,“ fügte Herr Dumirail heiter bei, „wenn Du Dich beharrlich nach dem Geräuſche, nach der Be⸗ lebtheit, nach der Bewegung zurückſehnſt es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ungefähr in einem Jahre Geräuſch und Bewegung Dir im Morillon nicht fehlen werden, im Gegentheile, die Belebheit wird immer mehr zu⸗ nehmen.“ „Was willſt Du damit ſagen, lieber Bruder 24 „Machen die Kinder nicht einen Höllenlärmen?“ „Von welchen Kindern ſprichſt Du?“ „Von meinen Enkeln, von Deinen zukünftigen Großneffen, da ich bald Großvater ſein werde, und Du wirſt bald Großtante ſein . . ich bitte Deine immer ſchwarzen Haare um Verzeihung.“ „Ich errathe . . . Du gedenkſt Maurice zu ver⸗ heirathen?“ „Demnächſt.“ „Ich wette, mit unſerer Nichte Jeane?“ „Ganz richtig.“ „Ich vermuthete es. Geſtern beim Mittagsbrude, dieſen Morgen beim Frühſtück verließen ſich dieſe lie⸗ ben Kinder nicht mit den Augen.“ „Seit einigen Monaten und in der Unſchuld ih⸗ res Herzens liebten ſie ſich, ohne das Bewußtſein von dieſem für ſie neuen Gefühle zu haben . . . doch geſtern . . hat ein Funke Feuer an das Pulver ge⸗ legt . . ſie haben klar in ihrem Herzen geſehen, und nach dem Abendbrode kamen ſie zu uns und baten um Erlaubniß, ſich heirathen zu dürfen. .. Wir gaben um ſo mehr unſere Zuſtimmung zu ihrem We als dieſe Heirath vollkommen unſeren Ab⸗ ſichten entſprach.“ „Ich bin entzückt, mein Bruder, über das, was Du mir mittheilſt,“ erwiederte Madame San Privato mit bewegter Stimme. „Das Glück von Maurice und Jeane iſt fortan geſichert.“ 7 „Das iſt unſere ſüßeſte Ueberzeugung.“ „Und Eure Ueberzeugung, je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr theile ich ſie; dieſe Heirath ſcheint mir beſonders für Maurice äußerſt gelegen zu .. denn weißt Du, was ich befürchtete?“ „Nein.“ „Ich verließ vor vier Jahren Maurice vollkommen zufrieden mit ſeinem Landleben, mit ſeiner Gebirgsexi⸗ ſtenz. Nichts kann einfacher ſein mit ſechzehn Jahren, doch ich ſagte mir: vielleicht, wenn er ein junger Mann iſt, wird ihm das, was ihm ein paar Jahre früher gefiel, nicht mehr gefallen.“ „Du täuſchteſt Dich, liebe Armande.“ „Augenſcheinlich. Das war indeſſen nur eine Muthmaßung, doch ich ſagte mir: wenn zufällig Mau⸗ rice, wie ſo viele andere junge Leute, einen Widerwillen gegen ſein Gebirgsleben faſſen würde, wenn er zu⸗ fällig ſeine Feldbau⸗Lehrzeit grauſam peinlich fände, das wäre in der That ſehr Schade . . .“ „Gewiß . . . aber Gott ſei Dank, es iſt nicht ſo; Maurice fühlt ſich mehr als je zufrieden mit der Exi⸗ ſtenz, die er aus Neigung ergriffen hat. „„Ich bin als Bauer geboren,““ ſagte er geſtern noch zu uns, „ich werde als Bauer ſterben.““ „Ah! mein Bruder . . . wie viel geſunder Ver⸗ ſtand, wie viel Verſtand in den einfachen Worten die⸗ ſes theuren Kindes: „Als Bauer bin ich geboren . . als Bauer werde ich ſterben. . .““ In der That, dieſer arme dicke Maurice iſt ſo gut geboren, ſo gutgezimmert, ſo gut organiſirt für das Bauernleben, wie er ſagt. .. daß ihm dieſes Leben allein anſtehen kann aus dem trefflichen Grunde, weil der brave Junge, der einen Ochſen mit einem Fauſtſchlage tödten würde, überall anderswo, als unter ſeinen Pflügen, ſeinen Käſereien und ſeinen Viehſtällen nicht an ſeinem Platze wäre; er ſagt auch mit reizender Demuth, in vollkommenem Bewußtſein der Sachlage . . . „„Als Bauer bin ich geboren, als Bauer werde ich ſterben.““ „Ich danke Dir für die gute Meinung, die Du vom Urtheile von Maurice haſt,“ erwiederte Herr Dumi⸗ rail, den leichten Verdruß ſeines väterlichen Stolzes verbergend. „Er folgt in der That ſeinem Berufe, indem er ſich wie ich der Landwirthſchaft widmet. Indeſſen, ohne mich in irgend einer Hinſicht durch meine Vatereitelkeit verblenden zu laſſen, verſichere ich Dir: hätte ihn ſeine Neigung irgend eine Laufbahn der, welche ihm gefällt, vorziehen gemacht, ſeine vor⸗ treffliche Erziehung, ſein Verſtand, ſeine Talente, ſeine Willensenergie, ſein Eifer bei Allem, was er unter⸗ nimmt, hätten ihm erlaubt . . . ſo ſehr er Dir plum⸗ per Bauer zu ſein ſcheint, auf eine glänzende Art jede Laufbahn zu verfolgen, und er wäre bei keiner nicht an ſeinem Platze geweſen.“ „Ah! lieber Bruder, das iſt zu viel geſagt!“ „Ich wiederhole Dir, mein Sohn wäre bei keiner Lauf bahn nicht an ſeinem Platze geweſen.“ „Du wirſt jedoch einige Ausnahmen zugeben?“ „Warum ſollte ich ſie zugeben? „Warum? Ei! mein Gott! es ſei dies geſagt, ohne Deine Vatereitelkeit zu verletzen: weil es gewiſſe Laufbahnen gibt, für welche phyſiſch und moraliſch dieſer * dicke Maurice nicht gemacht, nicht geboren iſt.“ Dieſes Ausſchließen, meine Schweſter, dünkt mir nindeſtens ſeltſam.“ 9 „Und mir dünkt es ſehr natürlich.“ „Nun, ich bitte! welches ſind die Laufbahnen, von denen mein Sohn durch ſeine Natur ausgeſchloſſen iſt?“ „Was weiß ich? es gibt mehrere.“ „Gut! . . bezeichne ſie wenigſtens genau.“ „Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich die Erſte bin, welche die guten Eigenſchaften dieſes vortrefflichen Maurice anerkannt; indeſſen, lieber Bruder, wirſt Du zugeſtehen . . und ich führe das als Beiſpiel an, weil es uns, wie man zu ſagen pflegt, vor der Naſe liegt . . . Du wirſt mir zugeſtehen, ſage ich, hätte es ſich Dein Sohn, was unmöglich iſt, einfallen ſſen zu Madame San Privato unterbrach ſich, indem ſie ſich den Anſchein gab, als bewältigte ſie nur mit gro⸗ ßer Mühe einen heftigen Anfall von Heiterkeit, dem ſie aber alſo fortfahrend nachzugeben ſchien: „Ich ſage . . . hätte es ſich . . dieſer arme Maurice.. ha! ha! ha!“ zufällig in den Kopf geſetzt . die diplomatiſche Laufbahn zu ergreifen . . . ha! ha! ha!“ und ſich ſtellend, als wäre ſie erſtaunt, daß Herr Dumirail ſeinen Ernſt behauptete, fügte Madame San Privato bei: „Wie, mein Bruder, Du lachſt nicht?“ „Worüber ſollte ich lachen!“ „Ueber dieſe ungereimte Idee.“ „Welche Idee?“ „Dein Sohn . . . Diplomat!“ „Warum nicht?“ „Du fragſt mich das?“ eiß „Mein Bruder, Du ſcherzſt.“ „Ich ſpreche im Gegentheile ſehr im Ernſte.“ 10 „Wie, Maurice.. der ſo einfach, ein ſo gutes Kind!“ „Ah! meine liebe Armande, ſollte man zufällig in Paris die Herzensgüte mit der Dummheit, die Ein⸗ fachheit der Sitten mit der Plumpheit vermengen?“ „Nein, gewiß nicht; doch ein ſo vernünftiger Mann wie Du, mein Bruder, wird zugeben, daß gewiſſe Perſonen zu gewiſſen Laufbahnen tauglich ſind und nicht zu andern; Du würdeſt ganz verſtändiger Weiſe über mich ſpotten, wollte ich behaupten, Albert mit ſeiner eleganten, zarten Natur ſei geboren für dieſes Gebirgs⸗ und Landleben, das unſer guter, dicker Mau⸗ rice mit vollem Rechte liebt.“ „Dieſer gute dicke Maurice! immer dieſer gute dicke Maurice!“ ſagte ungeduldig Herr Dumirail. „Wieder⸗ hole ich Dir unabläſſig, wenn ich von Deinem Sohne ſpreche: dieſer kleine magere Albert?“ „Vor Allem iſt mein Sohn nicht klein . er iſt von mittlerem Wuchſe,“ entgegnete Madame San Privato; „ſodann iſt er nicht mager . . . er iſt ſchlank. Unterſcheiden wir, wenn es Dir beliebt.“ „Und mein Sohn? iſt er dick? iſt er feiſt?“ er⸗ wiederte Herr Dumirail. „Er iſt ſtark und kräftig wie ein Kind des Gebirges, und ich würde Albert nicht rathen, es zu unternehmen, ihm auf die Jagd zu pl und wäre es nur auf eine Stunde . . ein Gott! mein Bruder, wir ſind einverſtanden: äre eben ſo verlegen, Deinem Sohne auf die u folgen, als Dein dicker Maurice verlegen müßte, in einem diplomatiſchen Salon neben Sohne zu erſcheinen.“ Das gebe ich gar nicht Wie, Du behaupteſt . 0 — N „Ich behaupte, daß mein Sohn, vom Schneider nach der Mode gekleidet, eben ſo präſentabel als der Deinige in allen erdenklichen Salons der Welt wäre, indeß ich Albert im Gebirge zu jagen herausfordern würde!“ „Aber, mein armer Bruder, Du, der Du Deinen Jura nie verlaſſen haſt, erfahre doch, daß der Phö⸗ nir der Schneider unmächtig wäre, in einen Welt⸗ mann dieſen guten .. . Maurice (ich ſage nicht mehr dick, weil Dich das ärgert) zu verwandeln. Kauft man mit dem Kleide die Gewandtheit, die Diſtinction der Manieren, die man nur von Jugend an eine Elitege⸗ ſellſchaft beſuchend erlangen kann? Nein! Irrthum, lieber Bruder, tiefer Irrthum! Jedem von unſern Kindern ſein Loos: unſerm guten Maurice die Blouſe und das Jagdwamms, die beſchlagenen Schuhe, die leder⸗ nen Kamaſchen; ihm die Flinte, den Pflug, den Kuh⸗ ſtall, die Käſerei, den Ochſenſtall; ihm die ein⸗ fachen, nützlichen Arbeiten der Felder. Geſchaffen und geboren für das Landleben, bleibe er mit ſeinem Geſchicke im Einklange, und laſſe es ſich nicht einfallen, aus ſeiner Sphäre heraustreten zu wollen; Alles wird dann aufs Beſte ſtehen; doch die Beſtimmung meines Sohnes iſt eine ganz andere. Ihm die raffinirte Ele⸗ ganz, den Succeß der Salons, die ſchmeichelhafteſten Beziehungen zu den gekrönten Häuptern, die ehren⸗ vollſten Auszeichnungen, und eines Tags, beſſer als dies denn er darf auf Alles Anſpruch machen .. da er mit vierundzwanzig Jahren zweiter Botſchafts⸗ ſecretär und mit außerordentlichen Fähigkeiten begabt iſt. Ja, Dank ſei es dieſen Fähigkeiten, Dank ſei es der Gunſt des Königs von Neapel, der ihn ganz be⸗ ſonders protegirt, kann mein Sohn, ſicherlich früher oder ſpäter Geſandter, darnach trachten, Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten . . . und .. wer weiß! Conſeilpräſident zu werden . . . und auf dieſe Art, ſo zu ſagen, ſein Land zu regieren . . . Ich weiß, Du wirſt mir antworten, Grundeigenthümer und Landwirth im Morillon, ſeine Ochſen und ſeine Schweine mäſtend, ſein Korn, ſein Heu, ſein Holz verkaufend, werde unſer guter Maurice im Grunde ſo glücklich, wenn nicht glücklicher ſein, als mein Sohn, wenn dieſer Conſeilpräſident geworden . . . einverſtanden; doch ich wiederhole, mein Bruder, Jedem ſein Lvos, und Alles wird aufs Beſte gehen, vorausgeſetzt, daß Keiner von ihnen aus ſeiner Lage heraustritt.“ Die Worte von Madame San Privato, welche, vom Inſtincte der Bosheit bedient, den höchſten Grad der geſchickteſten, der gefährlichſten Perfidie erreichte, wurden ſtillſchweigend von Herrn Dumirail angehört. Abgeſehen von einigen Uebertreibungen und Bru⸗ talitäten in den Einzelheiten, abgeſehen von einigen zu abſoluten Behauptungen faßten dieſe Worte un⸗ gefähr den beſtändigen Gedanken von Herrn Dumirail zuſammen, wie er ihn am Tage vorher in ſeiner Un⸗ terredung mit ſeiner Frau ausdrückte, als er die verſchie⸗ denen Laufbahnen verglich, welche Maurice und Albert vevfolgen ſollten, die eine glänzender und mühſamer, die andere beſcheidener, aber leichter. Indeſſen, auf⸗ fallender Widerſpruch! unbegreifliches Geheimniß der Seele! dieſe im Grunde ſo vernünftigen Worte dünkten Herrn Dumirail, durch den Mund ſeiner Schweſter kommend, völlig verkehrt; ſie wurden, ſeiner Meinung nach, unverſchämt, albern, verletzend für ſei⸗ » 13 nen Sohn, ſo wahr iſt es, daß man von Anderen die Rathſchläge nicht annimmt, die man ſich ſelbſt gibt. . . Das unmerkliche Gefühl von Neid, das am vorher⸗ gehenden Tage in ſeinem Herzen in Beziehung auf San Privato zu keimen angefangen hatte, entwickelte ſich allmälig, doch noch in verborgenem Zuſtande und beinahe ohne das Wiſſen von Herrn Dumirail. Er ſagte auch mit wachſender Ungeduld: „Bei meiner Treue! Schweſter, habe ich Dich, ohne Dich zu unterbrechen angehört, ſo iſt dies der Fall geweſen, weil mir das Erſtaunen, ich müßte ſa⸗ gen das Erſtarren das Wort abgeſchnitten hat.“ „Ich glaubte nicht ſo ſehr Erſtaunen verurſachend geweſen zu ſein.“ „Mit einem Worte, ich finde Deine Anmaßung Dieſen oder Jenen in dieſen oder jenen Stand einpfer⸗ chen zu wollen, unbegreiflich. Und woher kommt, wenn es Dir beliebt, die ſchöne Entdeckung, mein Sohn ſei nur dazu gut, Schweine und Ochſen zu mä⸗ ſten? Allerdings liebt er wie ich leidenſchaftlich die Landwirthſchaft; das iſt ſein gegenwärtiger Beruf, er wird es, Gott ſei Dank! immer ſein. Nur bitte ich Dich im Namen des einfachen Menſchenverſtandes zu glauben, daß Maurice ein ſo plumper Bauer er auch ſein mag, in keinem Stande nicht an ſeinem Platze gewe⸗ ſen wäre; ich werde indeſſen Deinem Eigendünkel nicht nachahmen, ich werde nicht behaupten, er hätte eines Tages ſein Land regieren können, eine Deiner Mei⸗ nung nach Deinem Herrn Sohne vorbehaltene ausge⸗ zeichnete Ehre, doch ich behaupte, Maurice würde ſeinen Weg glänzend wie ein Anderer machen.“ „Ganz wie ein Anderer . . . es mag ſein 14 auf Dein Gewiſſen . . . Du wirſt hoffentlich Deinen Sohn nicht mit Albert vergleichen?“ „Warum ſollte mir dieſe Vergleichung unterſagt ſein?“ „Weil Dich die väterliche Eitelkeit verblendet, mein armer Bruder, wie ſie übrigens oft die beſten Geiſter verblendet.“ „Ich verblendet! ich?“ „Völlig, und willſt Du den Beweis hören?“ „Laß den Beweis hören.“ „Nimm an, Dein Sohn ſage morgen zu Dir: „Mein Vater, das Landleben langweilt mich; ich möchte gern, wie mein Vetter Albert, in die diplomatiſche Laufbahn eintreten.““ „Nun?“ „Nun! Du würdeſt ganz einfach Deinem Sohne antworten: „Mein armes Kind, Du biſt nicht bei Verſtande, und . . .“ 8 „Verzeih', meine Schweſter, Du irrſt Dich; ich würde das durchaus nicht antworten, da das Verlan⸗ gen, welches er gegen mich ausgedrückt, nichts für den geſunden Verſtand Anſtößiges hätte; ſodann iſt es mir nie in den Sinn gekommen, dem Berufe von Maurice entgegenzutreten, hätte er Künſtler, Advocat, Soldat, Eitelkeit, den Eigendünkel bis zu der ungeheuren, tiſche Laufbahn zu ergreifen, wie ſein Vetter, ich hätte abermals zu Maurice geſagt: folge Deinem Berufe.“ „Wahrhaftig, mein lieber Bruder, das iſt reizend! Es iſt ſehr leicht zu ſagen: Folge Deinem Berufe; doch man muß ihm folgen können „ und fehlen wahnſinnigen Prätenſion getrieben haben, die diploma⸗ Arzt werden wollen: würde er ſogar die Frechheit, die „ * 15 einem ganz und gar die Fähigkeiten . . ſo iſt das unmöglich, materiell unmöglich.“ „Nach Deinem ſouveränen Urtheile, nach Deiner unfehlbaren Schätzung,“ ſagte Herr Dumirail ironiſch, „fehlt es alſo meinem unglücklichen Sohne an den Fähigkeiten, mit denen der Deinige ſo glorreich, ſo wundervoll begabt iſt?“ „Es iſt hiebei kein Wunder, mein Bruder . .. Albert hat Fähigkeiten, die Dein Sohn nicht hat und nie haben wird . . . das iſt das Ganze . . . und ich bin deſſen, was ich behaupte, ſo ſicher, daß ich, wenn das möglich wäre, den armen Maurice herausfordern würde, ſich nur zum einfachen Geſandtſchaftsattaché er⸗ nennen laſſen zu können.“ „Eine Herausforderung?“ „Ja, mein Bruder, und Du würdeſt es eintreten⸗ den Falles nicht wagen, ſie anzunehmen.“ „Ich würde es nicht wagen?“ „Nein, mein Bruder!“ „Ich, ich würde es nicht wagen?“ „Nein, abermals nein.“ „Alle Wetter! wäre der Beruf von Maurice nicht ſo entſchieden für das Landleben als er es iſt ich würde Dir beweiſen . . .“ „Was?“ Herr Dumirail ſchwieg, und nach einem Augenblicke der Ueberlegung, bei der ſein natürlicher Verſtand wieder ſeine Herrſchaft gewann, ſagte er halb lächelnd: „Meine Schweſter, ich habe mich den Dir zu entſchuldigen.“ „Worüber?“ „Ich habe Dir oft vorgeworfen, Du en en hirnloſer Kopf, und nun ſchwatze ich Unſinn. Du haſt das Recht, über mich zu ſpotten, mache reichlich davon Gebrauch.“ „Ueber Dich ſpotten?“ „Mit vollem Rechte! denn, fortgeriſſen durch die Hitze des Streites, hätte ich ſo eben, glaube ich, Gott verzeihe mir! beinahe bedauert, daß mein Sohn aus Neigung Landwirth geworden, ſo viel lag mir daran, Dir zu beweiſen, er wäre eben ſo gut Diplomat ge⸗ weſen, als Dein Herr Sohn .. Wie toll war ich? Ach! ach! wir armen Väter! Die Weiſeſten unter uns ſprechen unvernünftiges Zeug, wenn unſere väterliche Eitelkeit uns fortreißt und uns den Verſtand verlie⸗ ren macht.“ „Welches Geſtändniß! Ah! mein lieber Bruder, Du gibſt es alſo zu? die väterliche Eitelkeit verblendete Dich dergeſtalt, daß Du auf dasſelbe Niveau Deinen Sohn und den meinen ſtellteſt, während im Gegentheile, Du erkennſt es ſelbſt, dieſer arme dicke Maurice nie im Stande wäre ... „Einen Augenblick Geduld! ich gebe das durchaus nicht zu! denn ich behaupte, daß . . Herr Dumirail unterbrach ſich aber, und ſagte dann halb lächelnd, halb ärgerlich: „Geh zum Teufel! die Unvernunft iſt offenbar anſteckend, befindet man ſich an der Seite eines un⸗ vernünftigen Geſchöpfes . . . Gott ſei Dank! der Zau⸗ ber wird brechen, denn wir werden ſogleich ausſteigen, da wir bei der Sennhütte angelangt ſind.“ Herr Dumirail ſtieg aus dem Wagen, der noch die Entfernung von ungefähr dreißig Schritten zurück⸗ zulegen hatte. 17 „Nein! nein! der Zauber wird nicht gebrochen ſein,“ dachte Madame San Privato, die ſich ihrer gehäſſigen Freude überließ; „der Schlag hatgetroffen .. Du beneideſt meinen Sohn! ah! ich habe die Ahnung, dieſer Neid wird, ich weiß nicht wann oder wie, Dein unverſchämtes, einfältiges Glück trüben! Unwür⸗ diger Bruder! Du, der Du, mit vierzig Jahren Dich verheirathend, durch Deinen Egoismus meinen Sohn Deiner Erbſchaft beraubt haſt!. . Du ließeſt mich in Deinem ſchmutzigen Geize auspfänden! . Du, der Du mit Deinem Anſcheine von brüderlicher Großmuth keine andere Abſicht haſt, als mich ſchmählich zu demüthigen, indem Du mir anbieteſt, ich möge in Deinem Hauſe leben, wo ich behandelt würde wie eine Art von Närrin, die man mit verächtlichem Mitleiden aufnimmt! Ja, ich habe die unbeſiegbare Ahnung ... das Glück von Euch Allen wird bald getrübt ſein! Welche Freude! welche Freude! Ha! nun bin ich gerächt!“ 6 Während ſich Madame San Privato an dem Böſen ergötzte, das ſie zu thun hoffte, kam der Wagen vor der Sennhütte an, wo Albert San Privato, Maurice, Charles Delmare, Madame Dumirail und Jeane ver⸗ ſammelt waren. Der im Wagen enthaltene Proviant wurde bald von den Leuten der Sennhütte ausgepackt, und die Familie Dumirail nahm Platz um einen vor der ländlichen Wohnung gedeckten Tiſch. XXV. Dieſe ſo munter am Tage vorher verabredete Gebirgspartie bot entfernt nicht die Belebihrit Sue die Familienſöhne U. 18 die gewöhnliche Heiterkeit von ſolchen Aufſteigungen, denn die Mehrzahl unſerer Perſonen gab einer kaum durch die Lebensart verborgenen Befangenheit nach. Noch unter dem Schlage des Schreckens, in den ihn die Furcht verſetzt hatte, das Geheimniß ſeines Lebens in der Gewalt von San Privato zu ſehen, fühlte Charles Delmare, obgleich beinahe beruhigt, eine dumpfe Beſorg⸗ niß für die Zukunft. Der junge Diplomat verſicherte allerdings die Wirklichkeit der Exiſtenz des berühmten Deutſchen Malers Wagner; doch dieſe Verſicherung konnte, trotz ihrer ſcheinbaren Aufrichtigkeit, nur eine Lüge ſein, eine Falle und ſchlimme Abſichten verbergen, ſagte ſich Charles Delmare; dieſe unbeſtimmten Be⸗ fürchtungen wurden indeſſen ausgeglichen durch eine Beobachtung, aus der er glückliche Hoffnungen ſchöpfte; endlich in ihrem Kampfe gegen den unſeligen Einfluß von San Privato, den ſie unwillkürlich erduldete, ſiegend, ſchien Jeane ganz und gar (und ohne den Hintergedanen einer Vergleichung) zu Maurice zurückgekehrt zu ſein, deſſen Arm vom Wagen abſtei⸗ gend, um zu Fuße die letzten Abhänge des Gebirges zu erklettern, zu nehmen ſie ſich beeifert hatte. Auf dieſem ziemlich langen Wege zeigte ſich Jeane von einer reizenden Zärtlichkeit gegen ihren Bräutigam; ſie richtete unſchuldige und feine Spöttereien an Albert, nachdem ſie Charles Delmare von der lebhaften, cauſti⸗ ſchen Antwort unterrichtet hatte, die ſie Madame San Privato gegeben, als dieſe nach dem Morgenimbiß auf eine faſt plumpe Art über die körperlichen Kräfte von Maurice ſpottete. Betrübt über den Ruin ſeiner Schweſter, immer entſchloſſen, ihr ein unfruchtbares Anlehen — — 1— — 3 1⁸ verweigern, aber ſie brüderlich in ſeinem Hauſe aufzu⸗ nehmen, wo ſie eine ehrenhafte und herzliche Gaſt⸗ freundſchaft finden würde, fühlte ſich Herr Dumirail unzufrieden, bewegt, ſchwankend. Seine Unterredung mit Madame San Privato trug ſchon bittere Früchte. Er erwartete mit Ungeduld den Augenblick, ſeine un⸗ mächtigen Gemüthsbewegungen Charles Delmare an⸗ zuvertrauen, auf deſſen Weisheit, auf ſeine Rathſchläge und ſogar auf die Strenge ſeiner Vorwürfe rechnend, um die ſchlimmen Gedanken, von denen er gequält war, zu bekämpfen. Madame Dumirail, welche nichts von der Unter⸗ redung von Madame San Privato und ihrem Bruder wußte, empfand nicht dieſelbe Beklommenheit wie dieſer; ihr vortrefflicher Sinn hatte völlig wieder die Herr⸗ ſchaft über ſie gewonnen, und verglich ſie zuweilen noch die Zukunft von Maurice und die von Albert, ſo fühlte ſie nicht mehr den Schatten eines Bedauerns, indem ſie an die Dunkelheit der Criſtenz ihres Sohnes dachte, denn gerade dieſe Dunkelheit ſicherte ſein Glück. Während der Anſtalten zum Frühſtücke erzählte Madame San Privato ihrem Sohne mit wenigen Worten die Weigerung von Herrn Dumirail in Betreff des Anlehens von fünfzigtauſend Franken und das Anerbieten, das er ihr gethan, ſich nach dem Morillon zurückzuziehen; ſie theilte Albert mit, ſie ſei ſicher, den Neid im Herzen ihres Bruders keimen gemacht zu haben, wobei ſie einige hervorſpringende Worte ihrer Unterredung anführte. Betroffen von dieſen Umſtän⸗ den und den möglichen, vom beſchränkten Geiſte ſeiner Mutter noch unbemerkten, Folgen, nahm ſich San Privato vor, das von ihr flüchtig angelegte Werk zu 20 5 vollenden, indem er unmittelbar auf Jeane und Mau⸗ rice ſo raſch als möglich wirken würde. Der Zufall bediente ihn nach Wünſchen. In der Converſation war, wie geſagt, die geheime Befangenheit mehrerer Gäſte fühlbar; ſie ſchleppte ſich lahm hin wie ihr Appetit. Selbſt Maurice ſchaute, durch das Glück geſättigt, Jeane an und vergaß den Hunger. Da er aber für ſich allein beinahe alle Koſten des Geſpräches trug, ſo kam er auf die berühmte Tréſerve⸗ Grotte zu reden, welche in der Nähe der Plateaur lag und ſich durch ihre Tropfſteine, ihre Bergkryſtalle und einen kleinen Teich im Hintergrunde dieſer Höhle auszeichnete. San Privato äußerte den Wunſch, ſie zu beſuchen, „vorausgeſetzt,“ fügte er bei, „ſie ſei zu⸗ gänglich für eine Art Pariſer, der ſo wenig Gebirgs⸗ mann als er.“ Jeane verſpottete ihn munter über ſeine voreilige Angſt; Maurice aber beruhigte ſeinen Vetter, indem er verſicherte (und er ſprach ſehr aufrichtig, inſofern er die Sache als ein Menſch beurtheilte, der längſt den Abgründen zu trotzen gewohnt iſt, indem er ver⸗ ſicherte, ſagen wir, der Zugang der Tréſerve⸗Grotte biete nicht die geringſte Gefahr, denn Jeane habe ſie ſchon mehrere Male mit ihm und den Meiern der Sennhütte beſucht. Es wurde alſo (nach der geheimen Hoffnung von San Privato) verabredet, es ſollten ſich nach dem Frühſtücke die drei jungen Leute nach der Grotte be⸗ geben. Für Jeane uud für Maurice, welche in dieſen Augenblicke ſo ganz zu einander zurückgekehrt waren, den unheilvollen Einfluß von Albert befürchtend er allein mit ihnen, verlangte Charles Delmg — 21 der Partie zu ſein; aber Herr Dumirail, von der Un⸗ geduld gedrängt, ſich in vollem Vertrauen einem Freunde zu eröffnen, auf deſſen moraliſche Stärke er rechnete, um die unbeſtimmten Schwächen, von denen er das Vorgefühl hatte, zu beſiegen, bat ihn, die drei jungen Leute allein gehen zu laſſen, weil er mit ihm zu ſprechen wünſche, während Madame Dumirail im Einzelnen ihrer Schwägerin die Milcherei der Senn⸗ hütte und andere Zugehören zeigen würde. Beunruhigt durch den verdüſterten Ausdruck der Züge von Herrn Dumirail und ſeine kaum verborgene Bangigkeit, mußte Charles Delmare auf ſein Vorhaben verzichten, da er das Motiv, das ihn veranlaßte, Jeane und ihre zwei Vetter nach der Tréſerve⸗Grotte zu begleiten, nicht ergründen laſſen wollte. Alle Drei begaben ſich nach dem Ende des Frühſtücks dahin, während Herr Dumirail, ſeine Frau und Madame San Privato beiſammen laſſend, ſich mit Charles Delmare unter dem Vorwande entfernte, das herrliche Panorama zu bewundern, das man von den Höhen der grünen Pla⸗ teaur des Col du Treſerve erblickt. Doch durch einen ſcheinbar ſehr ſeltſamen und dennoch ſehr erklärlichen Umſchlag des Geiſtes wich Herr Dumirail in dem Momente, wo er ſich ſeinem Freunde eröffnen ſollte, deſſen feſten, geſunden Sinn er hochſchätzte, vor die⸗ ſem Geſtändniſſe zurück: er befürchtete aus Eitelkeit, ſchwach und unvernünftig in den Augen ſeines Freun⸗ des zu erſcheinen; ſo daß nach einer ſehr kurzen, unbe⸗ deutenden Unterredung, welche die Erwartung von Charles Delmare täuſchte, dieſer Herrn Dumirail ver⸗ ließ und ſich raſch nach der Tréſerve⸗Grotte wandte, 22 in der Hoffnung, San⸗Privato und die zwei Verlobten einzuholen. XXVI. Maurice, Jeane und Albert hatten ſich, einem die Wieſen der Sennhüte durchſchneidenden Fußpfade folgend, nach der Treéſerve⸗Grotte gewandt. Das Mädchen ging zwiſchen ihren zwei Vettern und ſtützte ſich auf den Arm ihres Bräutigams; ſie fühlte ihre ſo oft ſeit dem vorhergehenden Tage ge⸗ trübte Seele ſich immer mehr aufheitern; ſie war da⸗ hin gelangt, daß ſie San Privato, trotz des Ver⸗ führeriſchen ſeiner Perſon, lächerlich fand und ihm die männliche Schönheit von Maurice vorzog; dem Reize einer unſeligen Neugierde widerſtehend, beſchäftigte ſich ihr Geiſt nicht mehr unabläſſig mit Albert, in der Abſicht, zu ergründen, durch welches Geheimniß dieſer Menſch ihr ſo verſchiedenartige Gefühle ein⸗ flöße. Sicher, ebenſo ſehr geliebt zu werden, als er liebte, hatte Maurice nicht einmal eine Ahnung von dem ſchmerzlichen Kampfe, der häufig das Herz von Jeane bewegt hatte, und vergaß dergeſtalt ſeine erſten Eifer⸗ ſuchtsvelleitäten gegen ſeinen Vetter, daß er, als das Mädchen, die Sennhütte verlaſſend, ſeinen Arm nahm, zu ihr ſagte: „Du müßteſt Deinen Arm dieſem armen Albert geben, um ihm zu beweiſen, daß Deine kleinen Bos⸗ heiten von heute Morgen nur, wie man zu ſagen pflegt, gute Freundſchaft waren. Er glaubt viellei 23 Du hegeſt wirklich einen Widerwillen gegen ihn. Schau' doch, wie traurig er ausſieht.“ „Gut! das iſt die Wirkung ſeiner Migräne, und unſer Freund Charles Delmare hat ihn das Mittel, ſie zu heilen, gelehrt. Er heile ſich!“ antwortete lächelnd Jeane mit der naiven Grauſamkeit einer Frau, die ſich wegen des Einfluſſes rächt, den ſie unwillkürlich erduldet hat, und von dem ſie ſich für immer befreit glaubt. Die Traurigkeit von San Privato ſchien ſich in der That zu verdoppeln, ſeitdem er ſich mit dem Brautpaare allein fand; langſam an ihrer Seite gehend, die Stirne geſenkt, den Blick nachdenkend, antwortete er kaum und mit einer peinlich zerſtreuten Miene auf die liebreichen Worte, die von Zeit zu Zeit Maurice an ihn richtete; endlich ſchien er einen un⸗ geſtümen Entſchluß zu faſſen, er blieb ſtehen und ſagte mit bewegter Stimme zu ſeinem Vetter: „Wir ſind Verwandte, wir ſind Freunde aus der Kinderzeit, die Verſtellung unter uns iſt unmöglich; ich kann und will Dir nicht länger verbergen, Maurice, daß ich über Dein Benehmen gegen mich tief be⸗ trübt bin.“ „Was ſagſt Du, Albert?“ „Siehſt Du, man muß das Glas zerbrechen, ehe es hart und dicht genug geworden iſt, um zu erkal⸗ ten, für immer vielleicht Perſonen trennen, welche gemacht ſind, ſich zu lieben, ſich zu ſchätzen,“ erwie⸗ derte San Privato mit innigem Tone. „Ich ſage Dir auch in aller Aufrichtigkeit, Maurice, ich habe einen Vorwurf gegen Dich auszuſprechen.“ „Einen Vorwurf mir?“ „Ja, und dieſer Vorwurf wird Sie auch treffen, meine Couſine,“ antwortete San Privato, indem er Jeane, ohne von Maurice bemerkt zu werden, einen zu⸗ gleich ſo drohenden und ſo leidenſchaftlichen Blick zu⸗ warf, daß ſie ſchauerte; ihr Herz ward von Neuem beklommen; ihre kaum beſchwichtigten Bangigkeiten erwachten wieder; ſie fand Albert nicht mehr lächer⸗ lich: er ſchien ihr furchtbar; ſie ſtrengte ſich nichts⸗ deſtoweniger an, ihre Erregung zu beherrſchen, und ſagte Jronie heuchelnd: Vahrheſtg, Sie haben mir einen Vorwurf zu machen, mein lieber Vetter? Mein Gott, ich bin ganz verwirrt, ſchmerzlich ergriffen, troſtlos, daß ich das Unglück gehabt habe, mir Ihre Unzufriedenheit zu⸗ zuziehen. „Sie ſpotten, meine Couſine, und mit Unrecht,“ ſprach San Privato; „man muß immer den unver⸗ dienten Kummer bedauern, den man ſelbſt Gleichgül⸗ tigen verurſacht; und glauben Sie mir, ich bin nicht, ich werde nie gleichgültig gegen das ſein, was Sie intereſſirt. Ich war auch ſchmerzlich betrübt, als ich Maurice und Sie, meine Cvufine, Ihr Glück vor mir geheim halten, des Vertrauens gegen mich ermangeln, mich als einen Fremden behandeln ſah . . . Ja, ſagen Sie, warum haben Sie Ihre nahe Heirath vor mir t verborgen?“ 1 „Meine Heirath?“ erwiederte Maurice mit einem e Lächeln füßen Stolzes, „woher weißt Du?“ „Meine Mutter iſt ſo eben von dieſem glückli Ereigniſſe durch meinen Oheim auf der Fahrt na dem Chalet unterrichtet worden.“ „Lieber Albert,“ ſagte Maurice herzlich, au 25 nicht, daß wir des Vertrauens gegen Dich ermangelt haben. Unſere Verſchwiegenheit war uns von unſeren Eltern geboten; ſie behielten ſich vor, Deine Mutter von unſerer nahen Verbindung ſelbſt zu unterrichten.“ „Ich danke Dir für dieſe Verſicherung, mein Freund; es macht mich glücklich, zu glauben, Dein Stillſchweigen gegen mich in Betreff eines ſo wichti⸗ gen Actes habe zur Urſache eine nothwendige Zurück⸗ haltung gehabt, über die ſich meine Freundſchaft ohne Grund verletzt fühlte,“ antwortete Albert, ſeinem Vetter die Hand drückend. „Glaube auch, daß mein Vorwurf nicht eine unglückliche, leere Neugierde ver⸗ barg: Euer theures Geheimniß hatte ich geſtern ſchon errathen.“ „Ho! ho! unſer lieber Herr Vetter iſt ein Mann von außerordentlichem Scharfſinne!“ ſagte Jeane um ſo mehr ironiſch und angreifend, als ſie ſich aufs Neue von Albert beherrſcht fühlte, und durch unbe⸗ ſtimmte Ahnungen unterrichtet, indem er dem Ge⸗ ſpräche die Wendung gebe, die er gewählt, ſinne er auf eine Treuloſigkeit. „Sehr ſcharffinnig in der That ſind Sie, unſer lieber Vetter! Sie haben, o Wunder! errathen, was Maurice und ich durchaus nicht zu verbergen ſuchen: unſere Liebe. Sie haben erra⸗ then, ich liebe Maurice mit aller Macht meiner Seele, weil ihm in meinen Angen Keiner an Herzensgüte, an Geiſt, an Muth, an Schönheit gleichkommt . . .“ „Jeane,“ rief lebhaft Maurice, glücklich und beſchämt durch die Worte des Mädchens, „Dein Herz täuſcht Dich: mein einziges Verdienſt iſt meine Liebe.“ „Es fällt mir nicht ein, Dir zu ſchmeicheln, ich will nur unſerem Vetter ſehr angenehm ſein, indem 26 ich ihm beweiſe, ſeine wunderbare Divination trüge nicht . . . und unſere Zärtlichkeit. .. Doch was ſoll ich beifügen? ... wozu das ſagen, was unſer unver⸗ gleichlicher Zauberer ohne Zweifel in unſerem Geiſte ſieſt? „Ich leſe in der That klar darin, meine Couſine, ich leſe ſehr klar in Ihrem Geiſte,“ antwortete lang⸗ ſam San Privatv. Der Wurf des Blickes von Albert, — ein, wenn man ſo ſagen darf, niedertauchender Blick, — wurde von Jeane beinahe phyſiſch empfunden; er ging ihr ins Herz. Sie fühlte ſich durchdrungen . . . ſie ſchauerte . . . San Privato, der ſie mit einem ſchiefen Blicke beobachtete, fuhr fort: „Ja, ich leſe ſo klar in Ihrem Geiſte, meine Couſine, und in dem Deinigen auch, lieber Maurice, daß ich Euch Beiden Eure geheimſten Eindrücke ſeit ge⸗ ſtern Abend ſagen könnte.“ „Seht doch den Dünkel dieſer Diplomaten!“ rief Maurice heiter. „Ah! Herr Wahrſager, Herr Wahr⸗ ſager! wie groß wäre Deine Verlegenheit, nähmen wir Dich beim Worte!“ „Maurice,“ ſagte raſch Jeane einer wachſenden Ban⸗ gigkeit preisgegeben, und das empfindend, was ein mit einer gefährlichen Offenbarung bedrohter Schuldiger empfinden würde; „mein Freund, ſiehſt Du nicht, daß unſer Vetter über uns ſpottet. . . Auch bleiben wir, während wir plaudern, alle Augenblicke ſtehen; ſo werden wir nie vor Sonnenuntergang zur Tréſer Grotte kommen.“ „Meine Couſine, glauben Sie nicht, ich ſpott 5 4. 27 entgegnete bitter San Privato; „ich habe im Geiſte von Euch Beiden geleſen, und nichts kann betrüb⸗ licher ſein, als die Ueberzeugung, man flöße Wider⸗ willen ein, während nichts in unſerem Benehmen die Zurückſtoßung, als deren Gegenſtand man ſich ſieht, motivirt.“ „Wahrhaftig, Albert, ich begreife Dich nicht,“ erwie⸗ derte Maurice erſtaunt über den Ton ſeines Vetters. „In welcher Hinſicht ſprichſt Du von Zurückſtoßung?“ „Höre mich an: heute Morgen ſpottete Euer Herr Delmare über mich, — übrigens ſehr witzig, — wegen meiner ſchwächlichen Geſundheit, meiner Migräne; er rieth mir die widerſinnigſten Heilmittel. Dieſe Sarkasmen verdiente ich, weil ich log. Ja, meine angebliche Migräne war ein Vorwand oder vielmehr eine Entſchuldigung für die Traurigkeit, von der ich ſeit geſtern Abend niedergedrückt war, und die ich in„ dieſem Augenblicke noch fühle; ich habe Ihnen auch ſo eben geſagt, meine Couſine, ich bin in einer Ge⸗ müthsſtimmung, die ſich wenig für die Spötterei eignet.“ „Was iſt aber die Urſache dieſer Traurigkeit, mein Freund?“ fragte Maurice, der zu gehen aufhörte, ohne eine Bewegung der Ungeduld und der Angſt ſeiner Braut zu bemerken. „Sollten wir, Jeane oder ich, Dich ohne unſer Wiſſen verletzt haben?“ „Nein, nein! was meine Traurigkeit verurſacht, iſt dieſe Divinationsgabe, über welche ſo eben meine Couſine ſo geiſtreich ſcherzte; mit einem Worte, ich bin traurig, Maurice, weil ich im Geiſte von Euch Beiden leſe, und meine einzige Hoffnung iſt, Dank ſei es unſerer gegenſeitigen Aufrichtigkeit, es werden ſich Eure ärgerlichen Vorurtheile in Betreff meiner bald zer⸗ ſtreuen.“ Maurice, der noch nicht wußte, ob er ſcherzhaft oder ernſthaft auf das, was ſein Vetter geſagt, antworten pollte, denn er fing an den immer mehr ſorgenvollen, peinlichen Ausdruck der Züge von Jeane wahrzu⸗ nehmen, obgleich ſie ihre Befürchtungen zu verbergen ſuchte, Maurice erwiederte: „Angenommen, Du ſeiſt ein wirklicher Zauberer, Du, der Du alle unſere Gedanken ſo gut erräthſt: in welcher Hinſicht können ſie Dich betrüben?“ „In welcher Hinſicht? Zum Beiſpiel in der, daß geſtern Abend die Ankunft u Mutter und mir, die wir hieher kamen glücklich, uns wieder in Familie zu finden . . unſere Ankunft, ſage ich, Dir, ſowie meiner Couſine, einen ſehr lebhaften Aerger verurſacht hat . . .“ „Albert,“ unterbrach Maurice leicht erröthend, „kannſt Du glauben ..5 „Und warum ſollen wir denn die Währheit ver⸗ bergen? ſagte Jeane, welche abermals San Privato zu trotzen ſuchte. „Nun wohl! ja, Maurice und ich, wir hegten der Eine, wie die Andere das Bedürfniß, uns abzuſondern, uns zu ſammeln in der Süßigkeit eines für uns neuen Gefühles, und wir befürchteten, von dieſer Sammlung durch Ihre Gegenwart und die unſerer Tante zerſtreut zu werden.“ „Zu meinem Unglücke, meine Couſine, nahm dieſer Verdruß bei Maurice bald alle Charaktere des Widerwillens an. Ach! habe ich nicht die Stunde geſehen, wo er, ſeinem dumpfen Zorne nachgebend, Streit mit mir ſuchen würde, und 20 „Vollende nicht, Albert . . . Du machſt mich vor Scham erröthen . ..“ „Und was war das Motiv Deines Haſſes gegen mich, mein armer Freund?“ fuhr San Privato im Tone liebreichen Vorwurfs fort. „Du beſchuldigteſt mich insgeheim, ich wolle unſerer Couſine Jeane ge⸗ fallen .. Du warſt eiferſüchtig auf mich?“ „Das iſt wahr, und Dein Scharfſinn bringt mich in Verwirrung,“ erwiederte Maurice mit einem treuherzigen Erſtaunen. „Doch Du, der Du im Grunde meines Herzens lieſeſt, mußt wiſſen, daß ich mir dieſe alberne Eiferſucht ſtreng zum Vorwurfe gemacht habe, und daß. „Mein Sbarice, wozu ſoll es dienen, unnütze oder peinliche Erinnerungen wiederzuerwecken?“ ſagte Jeane; „wozu ein ſolches Geſpräch? Wir werden nie in der Tréſerve⸗Grotte ankommen.“ „Wozu ein ſolches Geſpräch?“ rief Albert, ohne ſich bei der Bemerkung des Mädchens aufzuhalten. „Ah! meine Couſine, dieſes Geſpräch, ich habe es hervorgerufen in der Hoffnung, Ihnen zu beweiſen, daß ich Ihren Widerwillen nicht verdiene, einen plötzlichen und ſehr ſeltſamen Widerwillen, der ſich bei Ihnen einige Augenblicke, nachdem ich zum erſten Male die Ehre gehabt, Sie zu ſehen, und ehe ich nur ein Wort an Sie gerichtet, erklärt hat.“ „Sie irren ſich,“ entgegnete Jeane immer mehr betroffen, vom Scharfſinne von San Privato; und indem ſie darauf verzichtete, ihm zu trotzen, aus Furcht, ihn zu reizen, fügte ſie bei: „Ich verſichere Ihnen, daß ich keine Abneigung gegen Sie gefühlt habe; wir waren nur, wie ich Ihnen vorhin ſagte, ärgerlich über Ihre Ankunft und über die meiner Tante.“ „Verzeihen Sie, meine Couſine, Ihre Erin⸗ nerungen täuſchen Sie, oder ich leſe klarer in Ihrem Geiſte, als Sie ſelbſt darin leſen.“ San Privato, während er dieſe Worte ſprach, verwandte kein Auge von dem Mädchen; ſie ahnte das Herannahen einer unſeligen Offenbarung, denn er fügte, ſich an Maurice wendend, bei: „Weißt Du die Urſache des Widerwillens unſerer Couſine gegen mich? ſie iſt wahrhaft ſeltſam, dieſe Urſache, ſie berührt eines der unerklärlichſten Geheim⸗ niſſe des menſchlichen Herzens . . nſere Couſine hatte mich nie geſehen; ſie liebte zärtlich, lei⸗ denſchaftlich, wie ſie Dich noch liebt und immer lieben wird . Trotz ihrer tiefen Liebe für Dich, flöße ich ihr, und über dieſes unwillkürliche Gefühl empört ſie ſich, ich flöße ihr, ſage ich. . .“ „Mein Herr,“ rief Jeane mit flehendem Tone, „genug, ich bitte! nicht ein Wort mehr Und ſie unterbrach ſich bleich, ſchauernd, derge⸗ ſtalt verwirrt, daß ſie, ſtatt einfach die vorgeblichen Divinationen von San Privato zu leugnen, dieſen Glauben durch ihre Gemüthsbewegung und die Bitte verlieh, die ſie an ihren Vetter zu richten ſchien, um von ihm Stillſchweigen zu erlangen. Erſtaunt über die Aufregung ſeiner Braut, warf Maurice abwechſelnd auf ſie und auf San Privato einen unruhigen, faſt argwöhniſchen Blick und ſagte mit bebender Stimme: „Jeane, warum unterbrichſt Du denn Albert?.. Wahrhaftig, Deine Aufregung, Dein Ton würden 3 2 4 3 4 31 glauben machen, er beſitze ein für uns gefährliches Geheimniß.“ „Ich geſtehe, ich war weit entfernt, zu glauben, meine Couſine werde über meine Worte ſo ſehr in Bewegung gerathen,“ antwortete Erſtaunen heuchelnd San Privato, indem er Jeane einen Blick zuwarf, der zu ſagen ſchien: „Seien Sie ohne Furcht, ich bin die Urſache Ihrer Bangigkeiten, ich werde unſer Geheimniß bewahren und die Beſorgniſſe von Maurice beſchwichtigen.“ Und Albert fügte bei: „Die Deutung, die Sie, meine Couſine, dem Ende eines Satzes geben, das Sie nicht gehört haben, eine Art von Furcht, die Sie kundgeben, indem Sie mich un⸗ terbrechen und mich flehentlich bitten, nicht zu vollen⸗ den, Alles beweiſt mir, daß ich mich nicht täuſchte.. nein, nein! Oh! ich habe den Grund Ihrer Gedanken wohl errathen . . .5 „Es mag ſein,“ erwiederte ungeduldig Maurice; „doch dieſer Gedanke, was iſt es?“ „Ich ſagte vorhin, unſere Couſine habe Dich zärt⸗ lich, leidenſchaftlich geliebt, wie ſie Dich noch liebe und immer lieben werde, und dennoch habe ich ihr durch ein unerklärbares Geheimniß, über das ſich die Red⸗ lichkeit ihrer Seele empört . . . ich, der ich weder im Guten, noch im Böſen die geringſte Einwirkung auf Euer Liebesverhältniß haben kann . ich habe ihr, ohne ihr bekannt zu ſein, und nur durch meine Ge⸗ genwart allein, eine von den unüberwindlichen An⸗ tipathien eingeflößt, über die man nicht Meiſter iſt. .. * 3 Doch zu rechtlich, um ſich dieſe Ungerechtigkeit gegen mich nicht vorzuwerfen, hat mich unſere Eou⸗ 32 ſine dringend gebeten, nicht bei einem Umſtande zu beharren, der für ſie beinahe ein Gewiſſensbiß war und ich bin ſicher, ſie wird mich nicht Lügen ſtrafen „Nein,“ erwiederte Jeane die Augen niederſchla⸗ gend und tief betrübt, daß ſie ſich zur Mitſchuldigen der Lüge von San Privato machen ſollte. Konnte ſie ihn aber ſagen laſſen, ſie fühle für ihn jene unbeſchreibliche Miſchung von moraliſchem Widerwillen und phyſiſcher, beinahe unwider⸗ ſtehlicher Anziehung, gegen welche ſie ſeit dem vorhergehenden Tage mit aller Macht kämpfte, und die dennoch in keiner Hinſicht ihre Liebe für ihren Bräutigam änderte? XXVII. Beruhigt durch die Worte von San Privato und die Beiſtimmung, die ihnen Jeane gab, die er nicht im Verdachte einer Lüge haben konnte, glaubte Mau⸗ rice, aus Furcht, ſich eines Widerwillens ohne Motiv, deſſen Ungerechtigkeit ſie ſelbſt anerkannte, angeklagt zu ſehen, habe ſie wirklich Albert unterbrochen. Da dieſer einen der Zwecke, die er ſich vorgeſetzt, erreicht hatte, ſo beſtand fortan ein wichtiges Geheim⸗ niß zwiſchen Jeane und ihm; ſodann war die An⸗ ziehung, die er dem Mädchen einflößte, ſo wahr, daß ſie darüber erröthete und ihre Offenbarung in Gegen⸗ wart ihres Bräutigams fürchtete. „Würden Sie mich beſſer kennen, meine Couſine,“ fuhr San Privato fort, „ſo wären Sie überzengt — daß mich Ihr erſtes Vorurtheil gegen mich allerdings betrübte, daß ich es Ihnen aber nicht vorwarf denn es hatte faſt nothwendiger Weiſe ſeinen Grund, zu ſein.“ „Wie ſo?“ fragte Maurice erſtaunt. „Aus wel— chem Grunde ſollte Jeane gegen Dich die unüberwind⸗ liche Abneigung fühlen, von der Du ſprichſt?“ „Ci! mein Gott! weil ſie Dich leidenſchaftlich liebt, mein Freund, und die wahre Liebe iſt feindſelig, angreifend gegen Alles das, was der geliebte Gegen⸗ ſtand nicht iſt oder nicht hat; ſo, zum Beiſpiel . . . haſt Du nie Reiſen gemacht meine Couſine ver⸗ zeiht mir nicht, daß ich meine Reiſen erzählt habe; Du erfreuſt Dich keiner ehrenvollen Auszeichnung .. meine Couſine verzeiht mir die Orden nicht, mit denen ich decorirt bin; Du biſt nicht Geſandtſchaftsſecretär meine Couſine verzeiht mir nicht, daß ich Diplo⸗ mat bin . was weiß ich? . . . Du biſt groß und ſtark. ſie verzeiht mir nicht, daß ich klein und ſchwächlich bin!“ „Jeane weißt Du, daß Albert, wäre er der Teufel in Perſon, keinen diaboliſcheren Scharſſinn beſäße!“ ſagte Maurice halb lächelnd, denn er fühlte ſich unbeſtimmt beunruhigt; das Mädchen beobachtete aber, träumeriſch, ein verlegenes Stillſchweigen. Maurice fügte bei: „Die Erklärung, welche unſer Vetter von Deiner Abneigung gegen ihn gibt, muß vollkommen wahr ſein, urtheile ich nach mir ſelbſt. Denn ſagte ich mir nicht geſtern mit Bitterkeit: „„Verflucht ſei die An⸗ kunft von Albert! ich werde gegen ihn das Ausſehen eines Bauern haben! Er hat mehrere Länder bereiſt und ich bin nicht aus meinen Bergen hinausge⸗ Sue, die Familienſöhne. II. 3 kommen; ich bin nur ein Ackersmann; ich werde in Dunkelheit ſterben, und Albert wird ohne Zweifel Geſandter werden!““ Mit einem Worte, ich war, und deſſen ſchäme ich mich, neidiſch, abſcheulich neidiſch!“ „Nein, guter Maurice,“ entgegnete San Privato, „Du gabſt weniger dem Neide, als einem Gefühle edlen Wetteifers nach.“ „Albert, Du willſt mir ſchmeicheln oder über mich ſpotten.“ „Nein, ſage ich Dir! Du beſchäftigteſt Dich mehr mit unſerer Couſine, als mit Dir, indem Du bedauer⸗ teſt, daß Du Dich in dieſe Gebirge begraben, wo Dein Werth immer unbekannt bleiben wird . . . ſtatt eine glänzende Laufbahn gewählt zu haben, wo Du ſo gut als ich, beſſer, als ich reuſſiren könnteſt. Dieſe Laufbahn, warum trachteteſt Du darnach? Weil Du darin das Mittel ſahſt, eines Tags Deine Frau ſtolz auf Dich, auf Deinen Namen und mehr noch glücklich als ſtolz durch die Deinem Verdienſte bewilligten Ehrenauszeichnungen zu machen. „„Ah!““ ſagteſt Du Dir in Deinem edlen Ehrgeize, „hätte ich, wie mein Vetter zum Beiſpiel, die diplomatiſche Laufbahn er— griffen, ſo wäre meine geliebte Jeane eines Tages Frau Geſandtin. . . und durch ihren Geiſt, durch ihre Anmuth, durch ihre Schönheit würde ſie die Kö⸗ nigin einer Eliteeſell lſchaft, das Ideal der Höfe, denen ſie erſchiene! Das iſt nicht Alles: unter dieſe Succeſſen, dieſen Betſchungen⸗ geheimer oder zuge⸗ ſtandener Traum . . . (ich beharre hiebei, Maurich geheimer oder zugeſtandener Traum aller ſo wunder bar wie unſere Couſine begabten 3 ſich Jeane mit einer Dankbarkeit, die ihre Liebe ver doppeln müßte, ſagen: „„Dieſe Succeſſe, von denen ich eauſcht bin, verdanke ich meinem geliebten Mau⸗ rice: er hat mir die Thüren der Zauberwelt geöffnet, wo ich mit ſo viel Gunſt aufgenommen werde; die Huldigungen, von denen ich ren bin, ſind weni⸗ ger an mich, als an ſein ſeltenes Verdienſt, an die Erhabenheit ſeines Charakters gerichtet.“ Ja, mein Freund,“ fügte San Privato bei, als er allmälig den Geiſt von Maurice, der traurig und träumeriſch ge⸗ worden, das feine Giſt, das ſeine Worte einflößten, durchdringen ſah, „das war die Urſache des Neides, den ich bei Dir erregte, — ein lobenswerther Neid, wie es nur einen geben kann. Ahl ich begreife, Du betrübteſt Dich bei dem i daß die Schätze von natürlichen Gaben, velche, glaube meiner Erfah⸗ rung, unſere Coufine einer der niettige Frauen, die man finden kann, machen, Du betrübteſt Dich, ſage ich, bei dem Gedanken, ſo S6. Schätze ſollen für i immet in der Einfamkeit dieſer B zerge begraben bleiben wie der in der Tiefe der Mine unbekannt verbor⸗ hicenbe iamant! Lieber, guter Maurice, was Dein Beklagen noch vermehrte, iſt der Umſtand, daß Du wuß⸗ teſt, Deine Cvuſine ſei mit einer viel zu zarten, viel zu hohen Seele begabt, um nur ahnen zu laſſen, wie ſchwer auf ihr die traurige, dunkle Eriſten laſte, zu der Euch Beide die Beſcheidenheit Deiner Neigungen verurtheilte . . oder vielmehr die völlige Unwiſſen⸗ heit hinſichtlich Deines eigenen Werthes, denn, wie unſere Couſine, Maurice, haſt Du kein Selbſtbewußt⸗ ſein. und wenn Du feſt wollteſt, könnteſt Du auf Alles Anſpruch machen.“ „Maurice!“ rief Jeane beängſtigt, als ſie ihren 36 Bräutigam, immer mehr betrübt, ein nachdenkendes Stillſchweigen beobachten ſah, „unſer Vetter täuſcht ſich! Glaube mir, glaube mir, nie werde ich eine an⸗ dere Exiſtenz erſtreben, als die, welche bis jetzt die unſere war.“ Maurice zweifelt nicht an Ihren Worten, liebe Couſine,“ beeilte ſich Albert zu erwiedern. „Weiß er übrigens nicht, daß Sie, wenn Sie für ihn den edel⸗ müthigſten Ehrzeiz hätten, ihn verbergen, muthig ver⸗ leugnen würden, aus Furcht, ſeinen Reigungen ent⸗ ei „Dieſe Annahme iſt falſch. Ich habe keinen an— dern Ehrgeiz und werde keinen andern haben, als den, zum Glücke von Maurice beizutragen; und für ihn und für mich iſt das Glück, fortwährend zu leben wie in der Vergangenheit,“ ſprach Jeane; ſodann ſich im Tone liebreichen Vorwurfs an ihren Bräutigam wendend: „Wie, mein Freund, Du ſchweigſt! Könnteſt Du an der Auſfrichtigkeit meiner Worte zweifeln? Ich wiederhole Dir und ich ſchwöre Dir, meine Neigungen werden immer die Deinigen ſein.“ „Jeane,“ ſagte Maurice mit ernſtem Tone nach einigen Augenblicken der Sammlung, „entſchuldige mein verlängertes Stillſchweigen: die Worte von Al⸗ bert haben mich tief nachdenken gemacht.. . ich handelte als Egviſt, ich dachte nur an mich.“ Und auf eine ver⸗ neinende Bewegung ſeiner Braut fügte der junge Mann bei: „Ich kenne Deine Aufrichtigkeit, ich kenne aber auch Dein ſeltenes Zartgefühl. Albert ſpricht wahr: ja, aus Furcht, mir einen Moment Kummer oder Aerger zu verurſachen, würdeſt Du auf den innigſten 6 Wunſch Deinès Lebens verzichten. Ich beſchwöre Dich auch, verbirg mir nichts, meine geliebte Jeane . . . was auch meine Neigungen ſein mögen, ich⸗ werde darauf verzichten, harmoniren ſie nicht mit den Dei⸗ nigen. Ja, iſt wie Albert verſichert, der geheime oder zugeſtandene Wunſch aller ſo wunderbar wie Du be⸗ gabten Frauen, in einer Mitte zu leben, wo ſie in ihrem ganzen Glanze ſtrahlen können, ſprich ein Wort, „Maurice, ich kann Dir nur wiederholen: Mein einziger Wunſch iſt, meine Tage bei Dir zuzubringen, wie in der Vergangenheit,“ antwortete Jeane. „Ich habe nie gelogen, warum ſollte ich zu dieſer Stunde lügen?“ „Ich glaube Dir, ich glaube Dir . . . und den⸗ noch. . .“ Sodann einen Seufzer unterdrückend, fügte Maurice bei: „Mein Gott! Jeane, ſoll ich denn fortan in einer beſtändigen Unſchlüſſigkeit leben, auf Deinem Geſichte zu leſen ſuchen, ob Deine ſcheinbare Einwilli⸗ gung nicht ein Bedauern verberge, ob die Süßigeit Deines Lächelns nicht das der Reſignation in ein. dunkles Geſchick ſei, dem Du Dich einzig und allein aus Liebe gegen mich unterzieheſt?“ Das Mädchen wollte abermals ihre Aufrichtigkeit betheuern, als, für die Gegenwart zufrieden, in die Seele des Brautpaares Keime der Unruhe und der Unentſchiedenheit und gewiſſe Gährungsmittel des Ehr⸗ geizes geworfen zu haben, die ſich, wenn die Stunde ge⸗ kommen, entwickeln müßten, San Privato, der Maurice momentan beruhigen wollte, zu dieſem ſagte: „Ah! mein Freund, der Ausdruck der Wahrheit iſt unwiderſtehlich! Es iſt nicht möglich, daran zu 38 zweifeln: unſere Couſine hat, wie ſie verſichert, keinen andern Wuuſch, als in der Dunkelheit bei Dir zu leben, und hievon hat ſie mich völlig überzeugt, mich, der ich ſo eben noch zögerte, ihr zu glauben . . . Ah! wie danke ich nun dieſem Scharfſinne, der mir erlaubt hat, in der Tiefe des Herzens von Euch Beiden zu leſen und auf dieſe Art für uns Alle ſo günſtige Er⸗ klärungen hervorzurufen! Du, Maurice, erlangſt alſo die ſüße Ueberzeugung, daß Deine zukünftige Lebens⸗ gefährtin nichts wünſcht, nichts erſtrebt, weder für ſich, noch für Dich, nichts außer dem beſchränkten Kreiſe, in dem bis jetzt Eure Tage verlaufen ſind . .. Und Sie, meine liebe Couſine, haben einen neuen Beweis von der Zärtlichkeit von Maurice erlangt, der, wie er ſagte, bereit iſt, den Ihrigen ſeine Gewohnheiten und ſeine Neigungen zu vpfern, ſollten Sie je mit dem ganzen Glanze, der in Ihnen iſt, zu ſtrahlen wünſchen. Iſt es mir endlich erlaubt, von mir zu reden, ſo habe ich allen Grund, zu hoffen, Sie werden nicht mehr gegen mich den lebhaften Widerwillen fühlen, deſſen Urſache in Ihren Augen, meine liebe Cvuſine, meine angebliche Superiorität über Maurice war . . . Wäre ſie reell, ſtatt eingebildet zu ſein, er hätte nichts von der Vergleichung zu fürchten, da Sie ihn lieben ſo, wie er iſt, und die demüthigen Wünſche von Euch Beiden erfüllt ſind und ſich erfüllen werden. Alſo, meine Freunde, das Eis iſt gebrochen, wir ſind zum vollen Vertrauen und zur vollen Sicherheit gegen ei ander zurückgekehrt. Meine Traurigkeit zerſtreut ſich, mein Herz iſt erleichtert, ich athme mit voller Lun 3 die gute Jura⸗Luft, und ich fühle es, ich werde, wenn nicht mit einem Gebirgsſchritte, doch wenigſtens m 39 munterem, feſtem Schritte nach der berühmten Tréſerve⸗ Grotte marſchiren, von der wir nicht mehr ſehr entfernt ſein können, urtheile ich nach der Zeit, die ſeit unſerem Abgange von der Sennhütte verlaufen mußte.“ Weniger ſorgenvoll, doch immer tief nachdenkend, ſchienen Maurice und Jeane durch ihr Stillſchweigen der von ihrem Vetter ausgedrückten Hoffnung beizu⸗ pflichten. Bald kamen alle drei am Ende der Plateaur an, welche nach dem Col de Tréſerve führten. XXVIII. Der Col de Tréſerve, zu dem man den ſanft ge⸗ neigten Abhang der letzten Plateaur erſteigend ge⸗ langte, bildete einen der Culminationspunkte des Jura, von wo aus man ein ungeheures Panorama über⸗ ſchaute; aber durch die verſchiedenen in ihrem Geiſte in Folge des vorhergehenden Geſpräches erweckten Ge⸗ danken in Anſpruch genommen, dachten Jeane und Maurice nicht daran, die ihren Blicken gebotenen herr⸗ lichen Geſichtspunkte zu bewundern, und blieben ſtill. San Privato, der ſich wohl hütete, das Geſpräch. wieder aufzunehmen, ging dem Brautpaare ein paar Schritte voran und erreichte bald einen vom Azur des Himmels ſich abhebenden grünen Hügel, welcher, auf dieſer Seite den Horizont maskirend, die Prairien be⸗ gränzte; doch durch einen gewaltigen Contraſt bot die Rückſeite des Berges eine Art von Kalkmauer von zwölf bis fünfzehn Fuß Höhe und beinahe ſenkrecht abgeſchnitten, ſo daß San Privato, als er an der äußerſten Gränze der beraſten Plateaux ankam, vor 40 Erſtaunen und Schrecken zurückwich, da er zu ſeinen Füßen den Abgrund ſah und in einer ungeheuren Tiefe die ſchwarzen Gipfel eines Tannenwaldes und tiefer unten und weiter entfernt Brachen, Flecken, Dörfer, in einem ungeheuren Thale zerſtreut, deſſen Enden, dem Blicke entgehend, ſich ſchon im Abendne⸗ bel verloren. San Privato kehrte um, traf wieder mit Maurice und Jeane zuſammen und ſagte zu ihnen: „Wir haben uns im Wege geirrt; der Berg iſt ſenkrecht abſchüſſig jenſeits dieſes Hügels, wo die Prai⸗ rie endigt; es iſt kein Weg da, um nach der Grotte zu gehen.“ „Nein, nein, wir haben uns nicht geirrt,“ erwie⸗ derte Maurice; „geh, immerhin; wir'werden den erſten Fußpfad links einſchlagen!“ „Geh, immerhin!“ wiederholte San Privato die Achſeln zuckend: „Du träumſt wach, mein guter Mau⸗ rice; zehn Schritte von hier iſt der Abgrund.“ „Scheinbar, ja, doch nicht in Wirklichkeit. Folge mir; nur ſei aufmerkſam, daß Du Deine Füße dahin ſetzſt, wohin Du mich die meinen ſetzen ſiehſt: der Pfad zur Grotte iſt übrigens leicht gangbar: die Ziegen gehen darauf.“ . Maurice, der Albert durchaus nicht hinreichend über die Natur des fraglichen Fußpfades durch die Antwort: „Er ſei leicht gangbar, da die Ziegen darauf gehen,“ unterrichtet ließ, Maurice, ſagen wir, der wieder nachdenkend geworden, ſchritt ſeinem Vet⸗ — ter mit jener maſchinenmäßigen Sicherheit voran, welche die tägliche Gewohnheit der gefährlichſten Paſſagen verleiht; er kam bald an die Gränze der 4¹ Prairien, die ſenkrecht abgeſchnitten war durch die zwölf bis fünfzehn Fuß hohe Kalkmauer, deren Kamm eine Art von ſehr ſchmalem Karnieß bot. Anfangs horizontal, lief es ſodann gegen den Eingang der Grotte hinab und bot ſo auf der abſchüſſigen Flanke des Berges eine natürliche Treppe, deren Stufen die Unebenheiten des Felſens bildeten. Dies war der Pfad, den mit leichtem und feſtem Fuße Maurice betrat, nachdem er ſeinem Vetter ge⸗ ſagt hatte, er möge ihm folgen, — ein ſehr gefähr⸗ licher Pfad für Diejenigen, welche ſich des Schwindels nicht erwehren können. San Privato gehörte zu dieſen; als ſich ſein Blick auf das ſchmale Karnieß ſenkte, blieb er auch plötzlich ſtehen; ein kalter Schweiß überſtrömte ſeine Stirne, es wurde ihm ſchwach ums Herz, und in dem Augenblicke, wo er, von der Angſt beſiegt, umkehren wollte, hörte er hinter ſich die Stimme von Jeane ſagen: „Bleiben Sie nicht ſtehen, um mich voruͤber zu laſſen, mein Vetter; ich habe immer die Gewohnheit, im Gebirge zuletzt zu gehen.“ So handelnd, gehorchte Jeane einem Gefühle ſchamhaften Wohlanſtands, das faſt alle Frauen thei⸗ len, welche Aufſteigungen verſuchen. Die Alternative, in die ſich San Privato verſetzt fand, war grauſam. Er mußte Gefahr laufen, beim kleinſten falſchen Tritte in den Abgrund geſchleudert zu werden . oder eine ſo große Feigheit offenbaren, wenn er es nicht wagte, zu vollbringen, was ein Mädchen ohne das geringſte Zögern unternahm. Kalt, ruhig, entſchieden, immer Herr über ſich, wie man ihn kennt, hätte der junge Diplomat nach 42 der Logik ſeines Charakters einfach zu Maurice und zu ſeiner Couſine ſagen müſſen: „Ihr habt den Gebirgsfuß, ich habe ihn nicht; ich finde es vollkommen einfältig, daß ich mein Leben aus einem ſo albernen Motive, wie das, den Prahl⸗ hans zu ſpielen, wagen ſoll; ich werde es alſo nicht verſuchen, hier zu paſſiren . . . ich verzichte darauf, die Tréſerve⸗Grotte zu beſuchen.“ Doch die abgeſchloſſenen Charaktere ſind oft unlogiſch bei ſich ſelbſt. San Privato war am Morgen von Charles Delmare in den Augen von Maurice und Jeane mit einer blutigen Jronie ver⸗ ſpottet worden; er hatte das Mädchen über die Sar⸗ kasmen, deren Gegenſtand er war, lachen ſehen; mit einem Worte, er war ſchon lächerlich geweſen; die Lächerlichkeit aber, die er über Alles fürchtete, weil ſie faſt immer tödtet, konnte auch ſeine Projecte tödten. Es war ihm beim vorhergehenden Geſpräche gelungen, dieſe Lächerlichkeit aus der Erinnerung von Jeane zu verwiſchen, indem er ſie durch die Tiefe ſeines Scharfſinnes in Betreff einer gewiſſen phy⸗ ſiſchen Anziehung erſchreckte, die ſich das Mädchen nur mit Scham und Empörung gegen ſich ſelbſt zu⸗ geſtand, und deren Offenbarung, von San Privato Maurice gemacht, dieſen in Verzweiflung gebracht hätte; dieſe Offenbarung hatte er auf die Bitte von Jeane, ihren Bräutigam von der Spur abbringend, unterdrückt, in der Hoffnung, ſie durch ein gemein⸗ ſchaftliches Geheimniß an ſich zu binden und ſich für die Zukunft eine Einwirkung auf ſie zu ſichern; er müßte alſo auf die Wohlthaten dieſer geſchickten Per⸗ fidie verzichten, aufs Neue und mehr als je lächer⸗ 3 43 lich ſcheinen, und zwar eine Lächerlichkeit, die nichts in den Augen der Frauen abwaſcht, die Angſt! Maurice, ſeinem Nebenbuhler, endlich einen neuen und ungeheuren Vorzug vor ſich geben, einen vielleicht entſcheidenden Vorzug, welcher dem Kampfe ein Ende machen würde, den ſeit dem vorhergehenden Tage Jeane nach und nach, wenn man ſo ſagen darf, gegen ihren guten und gegen ihren böſen Geiſt aushielt. San Privato wollte nicht, daß es ſo ſei; begabt mit einem eiſernen Willen, gewohnt, in ſeinem In⸗ nern die Inſtincte, die Neigungen, die Leidenſchaften, die ſich zuweilen gegen die unbarmherzige Logik ſeines Intereſſes empörten, zurückzudrängen, zu unterjochen, zu brechen, ſägte er zu ſich ſelbſt: „Ich habe wohl ſchrecklichere Schwindel beherrſcht, als den des Abgrundes; meine Vernunft, mein ſeſter Wille werden noch einmal die alberne Rebellion mei⸗ ner Sinne bändigen . . . Ich will gehen, wo Maurice gegangen iſt . . . Vorwärts!“ Dieſe Reflexionen boten ſich dem Geiſte von Al⸗ bert mit der Geſchwindigkeit des Gedankens, denn kaum hatte ihm Jeane geſagt: „Bleiben Sie nicht ſtehen, mein Vetter, um mir den Vortritt zu laſſen; ich habe im Gebirge immer die Gewohnheit, zuletzt zu gehen,“ da antwortete San Privato nach dem von uns erwähnten Augenblicke des Zögerns: „Gut, meine Cvuſine; . . . entſchuldigen Sie mich nur, wenn äch nicht ſo raſch fortſchreite, als ich gerne möchte; ich habe, wie Sie wiſſen, nicht ſehr den Gebirgsfuß.“ Albert ſtrengte ſich an, ſeinen Blick von dem 44 gähnenden Abſturze zu ſeiner Linken abzuwenden, warf die Augen auf die Flanke des Berges, und ſchritt Jeane auf dem Fußpfade voran, der nach der Tréſerve⸗Grotte führte. Maurice, während Albert ihm zu folgen zögerte, hatte ſeinen Marſch mit der kühnen Behendigkeit eines Gemſenjägers fortgeſetzt; er verſchwand bald hinter einem Felſenvorſprunge, der an dieſem Orte die na⸗ türliche Treppe dergeſtalt verengte, daß ſie kaum ge⸗ nug Platz bot, um beide Füße zugleich aufzuſetzen. San Privato war es, ehe er an dieſen gefähr⸗ lichen Ort kam, Dank ſei es einer wunderbaren Willensanſtrengung, geglückt, den Schwindel zu be⸗ herrſchen und Jeane mit einem beinahe feſten Schritte voranzugehen. Uebrigens ziemlich breit hier, war der Pfad von einigen Büſcheln wilder Seidelbaſte begränzt und hinreichend eingeſchloſſen, um, wenn nicht die Todesgefahr eines falſchen Trittes zu be⸗ ſchwören doch wenigſtens das Auge durch einen An⸗ ſchein von Brüſtung zu beruhigen. Als aber San Privato ein paar Schritte unter ſich die erſchreckliche Verengung des Karnießes wahr⸗ nahm, wohin er ſich nun wagen ſollte, da ergriff ihn der Schwindel, gegen den er ſeit einigen Minuten muthig kämpfte; ein eiskalter Schweiß rieſelte von ſeinen Schläfen; ſie tönten und ſummten; ſeine Beine zitterten, ſein Blick trübte, verwirrte ſich; es ſchien ihm, die Wälder, die Wieſen, die Felder, die Hügel, die Dörfer, die er unbeſtimmt unter ſich, in den Dunſt einer ungeheuren Tiefe getaucht, erſchaute, fangen an ſich langſam und dann mit einer wachſenden Schnel⸗ ligkeit zu drehen; bald ſchien es ihm, der Horizont, der Himmel, die Wolken werden auch in dieſer Schwin⸗ del erregenden, umdrehenden Bewegung fortgeriſſen; ſelbſt der Boden ſchien ihm zu fliehen und unter den Füßen von San Privato fortzurollen . . . Es wurde ihm ſchwach ums Herz . . . Er ſtolperte betäubt wie ein Betrunkener, fiel zuerſt auf eines ſeiner Kniee, indem er mit keuchender Stimme ausrief: „Zu Hülfe! zu Hülfe! . . .“ und ſank dann auf die Seite zuſammen. Sein Fall ſollte ihn in den Abgrund rollen, als er durch eine äußerſte Anſtrengung, nicht mehr ſeines Willens, — er verſchied, — ſondern ſeines Lebensin⸗ ſtinetes, ſich krampfhaft mit beiden Händen und mit den Zähnen an ein Büſchel aus einer Spalte hervor⸗ wachſender wilden Seidelbaſte anklammerte und ſo quer über den Fußpfad ausgeſtreckt blieb, — das Kinn, die Bruſt, den Bauch, die Arme an den Boden angedrückt, — während ſeine Schenkel und ſeine Beine ſich bewegten, im Raume anſtemmten, denn mit dem Ende ſeiner Füße ſuchte er auf dem beinahe ſenkrechten Abhange des Felſens einen Vorſprung, der ihm als Stützpunkt dienen würde. . . Vergebliche Anſtrengun⸗ gen! . er keucht . . . er ſchäumt . . . ſein Geſicht wird leichenbleich; ſein ſtarrer Augenſtern iſt weiß umkreiſt durch das zurückweichen der Augenlieder . . . ſeine durch die Angſt zuſammengezogenen Kinnbacken laſſen das Seidenbaſtbüſchel, das er zwiſchen ſeinen Zähnen hält, nicht los, während ſeine Finger, ange⸗ ſpannt wie Stahlfedern, die dickſten Zweige des Ge⸗ ſträuches zuſammendrücken; doch zu oberflächlich in eine Spalte des Felſens eingewurzelt, um lange das Gewicht eines durch krampfhafte Zuckungen bewegten Körpers aushalten zu können, geben ſchon die erſten Faſern des Strauches langſam der Laſt, die ſie fort⸗ reißt, nach und brechen. San Privato bemerkt dies; ſeine Angſt verdoppelt ſich; er preßt ſo heftig die Zähne zuſammen, daß er den Stängel, in den er biß, abſchneidet. Die Erſchütterung wirft ſeinen Kopf un⸗ geſtüm zurück, und er ſchreit mit einer erſtickten Stimme: „Zu Hülfe! . . . Barmherzigkeit! . . herbei!“ Was wir ſo ausführlich beſchrieben haben, war in ein paar Secunden vorgefallen. Einen Moment unbeweglich vor Schrecken beim Anblicke der Todesgefahr, welche Albert bedroht, gehorcht Jeane ohne Ueberlegung einer erſten Regung des Edelmuths, wirft ſich auf die Kniee, packt mit beiden Händen Albert beim Rockkragen, krümmt ſich gewaltig, um ihre Anziehungskraft zu verdoppeln, und ruft: „Maurice! zu Hülfe! zu Hülfe!.. Schon fern, hatte Maurice ungefähr fünſzig Schritte zu machen, um an den Ort des Unglücks zu⸗ rückzukommen, und die Paſſage, deren Anblick allein San Privato den Schwindel verurſacht hatte, bot genug Schwierigkeiten, daß ſie ſelbſt unſer junger Ge⸗ birgsbewohner nicht ohne Vorſicht durchlief. Die fünfundzwanzig bis dreißig Secunden, welche zwiſchen dem erſten Rufe von Jeane und der Ankunft ihres Bräutigams vergingen, waren für ſie ein Jahrhundert von Bangigkeiten. Mit jener fieberhaften Energ begabt, welche bei den ſehr nervöſen Perſonen einen Augenblick die phyſiſche Stärke erſetzen kann, der ſie entbehren, fühlte Jeane, wenn ſich die Gefahr noch um einige Secunden verlängere, werden ihr ihre Scheinkräfte entſchwinden, denn die Seidelbaſtbüſchel waren völlig entwurzelt, und ſie hielt beinahe allein das Gewicht des Körpers von San Privato. Dieſem war es mit dem Ende der Füße im leeren Raume umhertappend gelungen, einen derſelben in eine Fels⸗ ſpalte zu ſchieben; doch abgeſehen von dem precären und unzulänglichen Stützpunkte, blieb er nur am Rande des Abgrundes durch die Spannung ſeines Rockkragens gehalten, an dem ſich Jeane energiſch anklammerte! . . . Bald hört ſie ihn krachen, ſich auf⸗ trennen . . . ſie will es nun verſuchen, den Rock bei den Falten zu ergreifen, die er über den Schultern bildete, und ſie neigt ſich, jede Zurückhaltung in dieſem entſetzlichen Phent vergeſſend, dergeſtalt vorwärts, daß i ihr Geſicht das von San Privato ſtreift; ſie fühlt die Wärme ſeines keuchenden Athems, ihre Stirnen berühren ſich, ſie hört plöt zlich die Stimme von Maurice, der ſich, von fern Zeuge der Gefahr, die ſein Vetter lief, ſo raſch, als es ihm die Schwie⸗ rigkeiten des Weges erlaubten, näherte und ſeiner Braut zurief ie hier bin ich! Muth! . . Suche Albert noch eine Minute zu halten! . . . Wir retten ihn!“ Richts kann ſtärkender, hinreißender ſein, als die Hoffnung auf Rettung, wenn man ſeine letzte Stunde berührt. Wiederbelebt durch die Worte und die An⸗ näherung von Maurice, glaubte ſich San Privato um ſo ſicherer gerettet, als ſein rechter Fuß, der lange im Jauns hin und her geſchwankt hatte, zufällig einen 48 Punkt fand, auf den er ſich ſo ſolid ſtützen konnte, als ſich ſein linker Fuß auf einen Felsvorſprung ſtützte. Nun ſicher, bis zur Ankunft von Maurice vor der Gefahr geſchützt zu ſein, hatte San Privato die un— glaubliche Geiſtesgegenwart, den Muth, für ſeine ſchwarzen Pläne den erſchrecklichen Zuſtand, in dem er ſich befand, zu benützen, doch, wir wiederholen es, ſeiner Rettung faſt gewiß, heuchelte er im Gegentheile die Reſignation der Verzweiflung, und mit bebender : Stimme, mit leidenſchaftlichem Tone ſich an das Mäd⸗ chen wendend, deſſen Stirne beinahe die ſeinige be„ rührte ſprach er: „Jeane, Deine Kräfte ſind erſchöpft. . . die meini⸗ gen auch . . . Ich fühle es, ich werde in den Ab⸗ grund ſtürzen . . . beklage mich nicht . . . der Tod wird ſüß ſein . . . ich werde Dir geſagt haben: Ich liebe Dich!“ Und die noch vom Schrecken eiskalten Lippen von San Privato drückten ſich auf die Lippen von Jeane, welche dergeſtalt gegen ihn vorgebogen war, daß ihre Stirnen ſich berührten. Jeane ward bethört durch die hölliſche Komödie. Dieſes in der Sterbeſtunde geflüſterte Liebesge⸗ ſtändniß . . . dieſer über dem Abgrunde, in den ſie San Privato ſchon hinabgeſtürzt ſah, gegebene Kuß verletzten die Schamhaftigkeit des Mädchens, dünkten ihr aber ritterlich heldenmüthig . . . und ganz in Verwirrung gebracht durch dieſen Kuß, der doch eis⸗ kalt, aber der erſte, der je ihre Lippen geſtreift hatte, warf ſie lebhaft ihren Kopf zurück, um ſich einer neuen Beleidigung zu entziehen; dann erbleichte ſie, wurde ohnmächtig; ihre Augen ſchloßen ſich halb; die Müdig⸗ „ 49 keit, die Entkräftung ſchienen ihre ſo lange krampf⸗ haft geſpannten Arme zu brechen, und ſie ließ unwill⸗ kürlich durch ihre erſtarrten, trägen Finger die Falten des Rockes von San Privato gleiten, dem ſie bis dahin ſo mächtig ſich über dem Abgrunde zu halten geholfen hatte. Der Schelm ſah nun mit neuem Schrecken die Hülfe von Jeane ihm plötzlich entgehen, und diesmal nicht mehr an ſeinem nahe bevorſtehenden Untergange zweifelnd, da die Stützpunkte, welche ſeine Füße ge⸗ troffen hatten, nicht allein mehr genügten, um ihn vor ſeinem Sturze zu bewahren, ſtieß er einen gräß⸗ lichen Schrei aus, und ſich, beinahe wahnſinnig vor Angſt und ſchäumend vor Wuth an das Mädchen wendend, ſagte er: „Du verläſſeſt mich! ich werde nicht allein ſterben.“ Und außer ſich, auf die Gefahr, Jeane, die ohn⸗ mächtig, auf ſich ſelbſt zuſammengebogen da kniet, mit ſich fortzureißen, hängt ſich San Privato an ihren Hals und preßt ſie ſo gewaltig, daß ſeine Nägel in das Fleiſch des Mädchens, welches ſich gegen den Ab⸗ grund gleiten fühlt, eindringen. „Zu Hülfe, Maurice!“ ruft ſie in dem Augen⸗ blicke, wo der junge Gebirgsbewohner ſich ihr näherte. Er beurtheilt mit einem raſchen, ſichern Blicke, was er thun muß, um es zu verſuchen, ſeine Braut dem Tode zu entreißen, und ſeine Kaltblütigkeit be⸗ wahrend, ſtemmt er feſt ſeinen linken Fuß an die Wände des Felſens an, der auf der einen Seite über den Pfad hineinhängt, ſchiebt ſeinen rechten Fuß bis an den Rand des Abſturzes vor, in welchen das Sue, die Familienſöhne, IM. 4 Mädchen und Albert rollen ſollen, bückt ſich dann, ergreift mit ſeiner Herculeshand ſeinen Vetter bei den Haaren, hält ihn feſt, zieht ihn in die Höhe, und ſofort an ſich, preßt ihm mit der andern Hand die Fauſtgelenke, um ſie zu zerbrechen, nöthigt ihn ſo, die Finger zu öffnen, und befreit von ihrem krampf⸗ haften Drucke Jeane, welche ſchon halb erſtickt iſt. Albert ſtößt plötzlich einen Schmerzensſchrei aus; eine Handvoll von ſeinen Haaren war in den Händen ſeines Vetters geblieben, der ihn nur bei ſeinen Haaren hatte faſſen können. „Geſchwinde, umſchlinge mit Deinen Armen mein Bein,“ ſagte Maurice zu ſeinem Vetter, „halte Dich feſt. . . ſei ohne Furcht, ich habe ein ſolides Knie.“ Und ſich an ſeine halb des Bewußtſeins beraubte Braut wendend, ſprach er, indem er ſie an ihrem Saffiangürtel, der ihr Kleid an ihren Leib anſchloß, ergriff: „Jeane, theure Jeane, Du biſt gerettet. .. Schließe die Augen, um die Tiefe des Abſturzes nicht zu ſehen, und ſuche Dich mit meiner Hülfe aufzu⸗ richten.“ Die Gegenwart von Maurice, ſeine geliebte Stimme, das Vertrauen, welches das Mädchen zur Stärke, zur Gewandtheit, zum Muthe ihres Bräuti⸗ gams hatte, beleben ſie wieder, und, Dank ſei es der Unterſtützung, die er ihr gewährt, erhebt ſie ſich von zuſammengeſunken, wie ſie war, auf ihre Kniee; dann ſchließt ſie die Augen, um dem Schwindel zu entge hen, den in ihrem Zuſtande von Schwäche der Anbl des leeren Raumes ihr verurſachen konnte, ſteht vo 51 ends auf, lehnt ſich an die Wände des Felſens an und kehrt allmälig völlig zum Bewußtſein zurück. Immer an das Bein von Maurice angeklam⸗ mert, das ſo unbiegſam geſpannt iſt, als wenn es ein Bein von Erz wäre, wird San Privatv ebenfalls außer Gefahr durch ſeinen Vetter gebracht, der ihn, noch nicht mit der ſchändlichen Ruchloſigkeit dieſes Flenden bekannt, unter dem Arme faßt und zu ihm ſagt: „Nun laſſ' mein Bein los. ſtemme Dich nicht an.. laß Dich aufheben.“ Albert gehorchte, und langſam ſich zurückwendend, auf ſeine Athletenlenden geſtützt, hob Maurice ſeinen Vetter auf und zog ihn an ſich, bis ſeine Kniee auf dem Niveau des Fußpfades waren. „Nun bleibe einen Augenblick knieend, den Rücken dem Abſturze zugewandt,“ fügte Maurice bei; „Du wirſt es ſodann verſuchen, aufzuſtehen und zu gehen haſt Du nicht die Kraft, ſo werde ich Dich ein Fünfzig Schritte auf meinem Rücken tragen, wonach wir wieder die Wieſen finden. .. Entſchuldige mich, mein armer Albert, daß ich Dich auf dieſen ver⸗ dammten Weg geführt habe! Ich hätte bedenken müſ⸗ ſen, daß, ohne Gefahr für uns Gebirgsbewohner, für Jeden, der nicht einen ſoliden Kopf und einen ſichern Fuß hat, wie wir, dieſe Paſſage gefährlich iſt.“ Maurice ſprach dieſe Worte, als Jeane, völlig Herrin über ſich geworden, die Unordnung in ihren Kleidern und in ihren Haaren wieder zurecht machte und zu ihrem Bräutigam ſagte: „Maurice! mein geliebter Maurice! Dir verdanke ich das Leben .. denn ohne Dich . hätte unſer tapferer, edelmüthiger Vetter hier, der noch vor 52 Angſt, das Geſicht an den Felſen gedrückt, ſchwitzt... ſo eben mich erdroſſelnd und mich mit ſich in den Ab⸗ ſturz fortreißend . . . in dem Augenblicke, wo ich. . .“ Doch ſich unterbrechend und noch ſchauernd vor geheimer Entrüſtung, fügte Jeane mit Bitterkeit lächelnd bei: „Ich werde Dir ſpäter ſeltſame Dinge zu erzählen haben, oh! ſehr ſeltſame über das Ereigniß, das ſo eben vorgefallen iſt.“ „Ich zittere noch nur bei dem Gedanken allein an die Gefahr, der ich Dich ausgeſetzt ſah,“ erwie⸗ derte Maurice, welcher das Motiv der Verſchweigung ſei⸗ ner Braut nicht vermuthen konnte. „Unſer unglück⸗ licher Vetter hatte den Kopf verloren . . . Ach! die Angſt urtheilt nicht. . . und der Ertrinkende verur⸗ ſacht oft den Tod Desjenigen, welcher ihm beizuſtehen verſucht. .. Gott ſei Dank, liebe Jeane, wir haben nichts mehr zu befürchten; Du haſt Deine Sicherheit wiedererlangt . . . Du kennſt den Weg, den Du zwei⸗ mal ohne die geringſte Gefahr paſſirt haſt. .. geh uns voran . . . ich werde über Dir wachen können. .. Geh' beſonders ſachte und behutſam; in zwei Minuten werden wir die Wieſen erreicht haben.“ Das Mädchen warf einen Blick der Verachtung und des Widerwillens auf San Privato, der Allem was um ihn her vorging, fremd zu ſein ſchien, um ſie fing an langſam, aber mit ſicherem Fuße die un zuſammenhängenden Stufen hinaufzuſteigen, welch am Abgrunde hinliefen und zum Col de Treéſerv hinaufgingen. „Fühlſt Du Dich nun fähig, zu gehen,“ ſagt Maurice zu ſeinem Vetter, „ſo ſtütze Dich auf meiné Arm, und Dich leitend, werde 6 nich ſo balten, daß ich vor Dir den Anblic der Abſtürze verberge.“ „Mein lieber Maurice,“ ſtammelte, immer knie⸗ end, San Privato, der, das Geſicht der Seite des Fel⸗ ſens zugewendet, noch betäubt, faſt blödſinnig durch die Angſt, es nicht wagte, ſich zu rühren, ich bin ge⸗ lähmt, gebrochen; der Schwindel erfaßt mich wieder nur bei dem Gedanken, zu den Wieſen hinaufzuſteigen, ſelbſt mit der Stütze Deines Armes.“ „Dann will ich Dich rittlings auf meinen Rücken nehmen, wie man die Kinder trägt; Du wirſt die Augen ſchließen, Du wirſt Dich jeder Bewegung ent⸗ halten, ſonſt würdeſt Du machen, daß ich das Gleich⸗ gewicht verlöre, und in zehn Minuten werden wir auf dem Col de Treéſerve ſein.“ „Ei! wie ſoll ich auf Deine Schultern ſteigen; ich wage es nicht, mich umzudrehen, aus Furcht, aufs Neue vom Schwindel erfaßt zu werden; ich hätte kaum die Kraft, mich aufrecht zu halten.“ „Höre mich wohl an: ich will mich ſo viel als möglich bücken und Dir meinen Rücken bieten. Du wirſt Deine Arme um meinen Hals ſchlingen, »ich werde Deine Beine unter meinen Arm nehmen; Dein Gewicht iſt leicht, Du wirſt die Augen immer geſchloſ⸗ ſen halten, um nicht durch den Anblick der Abſtürze beängfiat zu werden, und bald werden wir ohne Hin⸗ derniß da oben ankommen. Auf, Muth! Albert! und auf den Dada. . .“ ſagte lächelnd der gute Maurice, um ſeinen Vetter durch dieſen Scherz zu be⸗ ruhigen. Trotz der Furcht, die ihm das von ſeinem Vetter vorgeſchlagene ſeltſame Locymotionsmittel verunſachte, mußte ſich Albert darein fügen, es anzunehmen; er ſchloß alſo die Augen und ſetzte ſich, nach der zwiſchen ihnen verabredeten Art, rittlings auf Maurice. Dieſer erhob ſich, ohne unter ſeiner Laſt zu ſtraucheln, und ſtieg fortwährend den abſchüſſigen Weg hinan, auf einige Entfernung von ihr und mit einem Blicke voll zarter Beſorgniß Jeane folgend, Jeane, die ihm noch theurer geworden ſchien, ſeitdem er ſie dem Tode entriſſen hatte, Jeane, die, ihre kühne Behen⸗ digkeit wiederfindend, bei ihrer Aufſteigung die Schätze ihrer vollendeten, ſo ſchlanken, ſo geſchmeidigen, unter den wogenden Falten ihres leichten Kleides ſo feinen Taille entwickelte. Einen Augenblick beſonders hatte die Haltung dieſes reizenden Geſchöpfes etwas Aethe⸗ riſches, Ideales. Ueber den leeren Raum bei einer ungeheuren Tiefe an einer ſeiner Biegungen vorra⸗ gend, ſchien das ſchmale Karnieß an dieſer Stelle ſo wenig Oberfläche zu bieten, daß Jeane, auf der Fels⸗ ſpitze ſtehend, das Ausſehen hatte, als würde ſie un⸗ ſichtbar zwiſchen dem Abgrunde und dem Himmel gehalten, — einem Fond von glänzendem Azur, von dem ſich ihre weiße, reine Geſtalt abhob. Das Mäd⸗ chen wandte ſich in dieſem Momente gegen Maurice um, ſandte ihm von dieſem erhabenen Gipfel durch eine anmuthvolle Geberde einen Kuß zu, und ver⸗ ſchwand dann bei der erſten Krümmung des Fußpfa⸗ des, wie eine fantaſtiſche Erſcheinung verſchwindet. Außer ſich vor Liebe, eilte Maurice, der ſeine Ge⸗ liebte ſchneller einholen wollte, voran und ſprang, mit einem kräftigen Satze, leicht von einer der Stufen des Felſens zur andern, ohne unter der Laſt, die er trug, zu ſtolpern. 55 „Maurice,“ ſtammelte erſchrocken, die Augen im⸗ mer geſchloſſen, San Privato, „warum dieſe Erſchüt⸗ terung? Laufen wir eine Gefahr?“ „Eine Gefahr? Nein, nein, beruhige Dich,“ ant⸗ wortete Maurice. . . Beruhige Dich, es iſt ein Blick von Jeane, was mich vor Freude ſpringen gemacht hat.“ Nach einigen Minuten erreichte der Gebirgsbe⸗ wohner die Prairien, immer auf ſeinem Rücken ſeinen Vetter tragend, der aus Angſt vor dem Schwindel beharrlich die Augen ſchloß; auch bemerkte er von An⸗ fang die Gegenwart von Charles Delmare nicht. Die⸗ ſer war nach der Unterredung mit Herrn Dumirail von der Sennhütte weggegangen, um die drei jungen Leute aufzuſuchen, und hatte ſo eben Jeane getroffen. Er wechſelte ein paar Worte mit ihr, als er Maurice und rittlings auf ſeinem Rücken San Privato erblickte, deſſen Geſicht und Haltung in dieſem Momente ſo ſeltſam grotesk waren, daß ſich das Mädchen eines tollen Ausbruchs von höhniſchem Gelächter nicht er⸗ wehren konnte. Charles Delmare gab ſeinerſeits der Anſteckung des Beiſpiels nach, und unter dieſem An⸗ falle von geräuſchvoller Heiterkeit ſah ſich der junge Diplomat, der endlich und plötzlich die Augen öffnete, völlig in Sicherheit auf den Wieſen des Col de Tréſerve. XXX. Um ſich Rechenſchaft von der Heiterkeit von Charles Delmare und ſeiner Tochter beim erſten Anblicke von San Privato zu geben, muß man ſich erinnern, daß eine 56 Fauſt voll von ſeinen Haaren in der kräftigen Hand ſeines Vetters geblieben war, als dieſer ihn über dem Abgrunde gehalten hatte. Der Schädel von Albert bot alſo auf der linken Seite eine zimlich große, völ⸗ lig entblößte Stelle, und ſeine, kaum zuvor noch ſo glänzenden, ſo pünktlich gekämmten, nun aber durch den getrockneten Schweiß ſtarr gewordenen übrigen Haare ſtanden ſich ſträubend empor, indeß ſein reizen⸗ des, in dieſem Moment entſtelltes, leichenbleiches, Ge⸗ ſicht einen kläglichen, durch das Zuſammenziehen ſei⸗ ner beſtändig geſchloſſenen Augenlider beinahe gro⸗ tesken Ausdruck hatte; ſeine verdrehte Halsbinde end⸗ lich, ſeine ganz in Unordnung gebrachten Kleider, ſeine Poſition rittlings auf dem Rücken von Maurice, deſſen Hals er mit ſeinen Armen umſchlang, während ſeine dünnen Beine dahin und dorthin bammelten, aus ſeinem Beinkleide hervortretend, das, bis an die Kniee zurückgezogen, eine Unterhoſe mit aufgelöſten Bändern ſehen ließ. Mit einem Worte, die Perſon des jungen Diplo⸗ maten bot ein ſo völlig lächerliches Ganzes, daß es den Anfall ſpöttiſcher Heiterkeit von Jeane und ihrem Vater rechtfertigte, eine geräuſchvolle Heiterkeit, bei deren Ausbruch San Privato plötzlich die Augen öffnete. nichts mehr zu befürchten,“ ſagte Maurice mit herzli— chem Tone. Dann that er ſeine Arme aus einander, richtete —z— ———— „Nun ſind wir auf den Wieſen, und Du haſt ſeine hobe Geſtalt auf, und ließ Albert auf den Ra⸗ ſen gleiten; die erſtarrten Beine von dieſem ſchwank⸗ ten Anfangs noch ein wenig, bald aber erlangte er 57 ſein Gleichgewicht, indeß Maurice, ſich liebreich an Charles Delmare wendend, zu dieſem ſprach: „Sie lachen, lieber Meiſter, doch dieſe andere i⸗ zende Lacherin hier wird Ihnen ſagen, daß ſo eben nichts weniger luſtig war, als die Lage von uns al⸗ len Dreien.“ Seinen Vetter betrachtend, der, trotz ſeiner Gei⸗ ſtesgegenwart, ſeiner Keckheit, das grauſam Lächerliche ſeiner Lage fühlte, fügte Maurice auch von der Lach⸗ luſt angeſteckt bei: „ „Mein lieber Albert, Du biſt nun allerdings ge⸗ hörig der Friſur beraubt: auf einer Seite biſt Du halb kahl, glücklicher Weiſe jedoch werden Deine Haare wieder wachſen; leider wird es nicht ebenſo mit dem Kragen Deines Ueberrocks ſein, der wohl auf eine Vier⸗ telſtunde abweſend iſt: Alles gibt Dir ein ſo drolliges Ausſehen, daß, vergib, mein guter Albert, doch nun, da die Gefahr vorüber iſt, lache ich unwillkürlich e Und Maurice lachte auf das Herzlichſte, nicht boshaft und um ſeinen Vetter zu demüthigen, ſondern weil Albert wirklich in dieſem Augenblicke äußerſt lächerlich war. Er fühlte es, und die gehäſſige Empfin⸗ dung ſeiner Lächerlichkeit gab plötzlich ſeinen Zügen einen ſo ergreifenden, obſchon flüchtigen Ausdruck, daß Charles Delmare ihn auffaßte und zu ſich ſagte: „Das iſt zu viel Demüthigung füe dieſen jungen Mann . . . er wird ſich grauſam rächen wollen . . . Ich bedaure, daß ich unwillkürlich die Heiterkeit mei⸗ ner Tochter getheilt habe.“ Hierauf wurde Charles Delmare wieder ernſt; er wandte ſich an San Privato und ſprach zu ihm: 58 „Mein Herr, ich habe mich bei Ihnen zu entſchul⸗ digen, daß ich mich in meinem Alter von einem tollen Gelächter hinreißen ließ, von dem mir dieſe liebe Demoiſelle das ärgerliche Beiſpiel gab; meine Heiterkeit, ich geſtehe es, war um ſo unſchicklicher, als ich hätte bedenken müſſen, daß Sie ohne Zweifel bei⸗ nahe das Opfer eines durch Ihre Unerfahrenheit in Gebirgstouren veranlaßten Unfalls geweſen ſind.“ „Es iſt wahr, mein Herr, ich wäre beinahe in einen Abgrund geſtürzt,“ erwiederte Albert, der wie⸗ der ſeine Kaltblütigkeit erlangte und vollkommen Herr über ſich wurde. Sodann auf eine Bewegung des Mitleids von Charles Delmare antwortend, eine von der Höflich⸗ keit dictirte Bewegung, fügte der junge Diplomat lä⸗ chelnd bei: „Ich bitte, mein Herr, bereuen Sie, eben ſo we⸗ nig als meine liebenswürdige Couſine, Ihre Heiterkeit; die Gefahr iſt vorüber, doch meine einfältige Eitelkeit hat mit Recht die Strafe verdient, die in Familie über ſie verhängt worden iſt; ich beſize nicht den Ge⸗ birgsfuß, wie ihn Maurice gezeigt hat . . . Maurice, mein Retter . . . mein unerſchrockener Retter denn er hat mir das Leben gerettet . . . Herr Del⸗ mare . doch die Größe des geleiſteten beunruhigt in keiner Hinſicht meine Dankbarkeit . ſie wird ſich zur nöthigen Höhe zu erheben wiſſ ſen, fügte San Privato eine rührende Gemüthsbewegung heuchelnd bei. „Ich mußte im Angeſichte der Gefahr zu Maurice einfach ſagen: „Mein Freund, der Weg iſt zu gefährlich, ich vermöchte Dir nicht zu folgen, ohne vom Schwindel erfaßt zu werden ich werde nicht nach der Grotte gehen;““ doch nein, meine alberne Eitelkeit erſtickte die Stimme der Vernunft;ich befürchtete, für einen Feigherzigen in den Augen meiner Couſine zu gelten . . . und was ich hätte vorherſehen müſſen, iſt geſchehen . . . mein Kopf drehte ſich, ich ſah den Tod von nahe . . . doch die Gefahr iſt verſchwunden .. Die Spötterei iſt guter Krieg, denn offenherzig geſtan⸗ den, Herr Delmare, wie ſollten Sie der Lachluſt widerſtehen, als ich Ihnen rittlings auf dem Rücken meines braven Vetters Maurice hockend . . . zerzauſt, abgeriſſen, vom Schrecken entſtellt, wie ich es bin, er⸗ ſchien . . . und bei meiner Treue! . . . ich geſtehe es die Anſteckung des Lachens erfaßt mich eben⸗ falls,“ ſetzte San Privato hinzu, indem er einen Blick komiſchen Mitleids auf die Unordnung ſeiner Kleider warf und in ein ſchallendes, ſcheinbar ſo aufrichtiges Ge⸗ lächter ausbrach, daß Maurice aufs Neue zu lachen anfing. Dieſe Heiterkeit wurde weder von Jeane, noch von Charles Delmare getheilt, welcher ſich ſagte: „Die Selbſtbeherrſchung dieſes Menſchen und ſeine unglaubliche Verſtellungsgabe beunruhigen mich vielleicht noch mehr, als der Ausdruck des Haſſes, den ich ſo eben in ſeiner Phyſiognomie wahrgenommen habe.“ 1 Der erſte Heiterkeitsanfall von Jeane beim An⸗ 4 blicke von San Privato war nervös, höhniſch geweſen; ſie hatte nicht einem Gefühle von Heiterkeit, ſondern von Rache nachgegeben; ihre Züge nahmen auch bald wieder einen nachdenkenden, traurigen Ausdruck an; die Stirne geſenkt, ſchien ſie ſeit einigen Augenblicken gegen einen innern Entſchluß zu kämpfen, als Albert zu ihr ſagte: 3 „Auf, liebe Couſine, thun Sie ſich keinen Zwang weil 60 an, ich gebe mich, wie Sie ſehen, wohlfeilen Kaufes; lachen Sie doch, ich bitte, das Lachen ſteht Ihnen ſo gut.“ Bei dieſen Worten hob Jeane ſtolz das Haupt empor und maß plötzlich San Privato mit einem Blicke niederſchmetternder Verachtung; alsdann ver⸗ rieth ihre Phyſiognomie ſo ſchmerzliche Empfindungen, daß Charles Delmare und Maurice ſich mit einem zugleich erſtaunten und beſorgten Blicke befragten. „Maurice,“ ſprach das Mädchen mit feſter Stimme nach einem Momente der Sammlung, „ich habe Dir ein Geſtändniß zu machen.“ „Welches Geſtändniß, Jeane?“ „Ein peinliches . ſehr peinliches Geſtändniß!“ „Vollende!“ „Ich habe Dich getäuſcht. „Du nein, nein, das iſt unmöglich!“ „Ich habe Dich getäuſcht, Maurice, ich habe Dich belogen, unwürdig belogen, oder ich bin vielmehr frei⸗ willig die Mitſchuldige einer ſchändlichen Lüge geweſen.“ Alsdann bezeichnete ſie mit einer verächtlichen Geberde San Privato und fügte bei: „Von dieſer Lüge iſt hier der Urheber. „Albert!“ rief Maurice erſtaunt; „doch dieſe Lüge, was iſt es?“ „Höre mich an,“ ſprach Jeane mit bewegtem Tone „ſeit geſtern Abend, ſiehſt Du . . . welches Glück mir auch die Gewißheit unſerer nahen Heirath bereitet hat. . . welche Zärtlichkeit ich Dir auch bezeigt habe.. war mein Herz beſtändig beklommen . . . ich war er unzufrieden mit mir, befangen gegen Dich, ich Dir etwas verbarg . .. Dieſe Verſtellung 61 überſteigt meine Kräfte . .. ſie laſtet auf mir, ſie ſchmerzt mich . . . ſie iſt ein Verbrechen gegen Dich. .. Ich ſchäme mich, daß ich ſo lange geſchwiegen . . Du ſollſt Alles erfahren . . . ich werde aufrichtig ſein . . . Du wirſt nachſichtig ſein.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte raſch Charles Delmare, der die Abſicht ſeiner Tochter durchdrang und die Unpaßlichkeit der Offenbarung, welche er vor⸗ herſah, fürchtete. „Seien Sie unbeſorgt, lieber Meiſter,“ erwiederte Jeane, „der Inſtinct meines Herzens leitet mich, er iſt ſicher . . . „Noch einmal,“ wiederholte Charles Delmare dringlich, „ich beſchwöre Sie, geben Sie wohl Acht auf das, was Sie ſagen wollen.“ „Schauen Sie dieſen Menſchen an,“ fügte Jeane bei, auf San Privato deutend, deſſen Unruhe ſichtbar wurde, „ſchauen Sie dieſen Menſchen an . meine Aufrichtigkeit erſchreckt ihn trotz ſeiner Frechheit . . . Sie ſehen alſo wohl, daß ich Recht habe, wenn ich mich Maurice in der vollen Aufrichtigkeit meiner Seele eröffne.“ „Jeane, ich weiß nicht, ob ich wache oder träume,“ erwiederte Maurice mit einer Stimme voll Bangigkeit, „Du klagſt Dich der Lüge gegen mich an .. Du bezeichneſt mir Albert als Deinen Mitſchuldigen Du nimmſt meine Nachſicht in Anſpruch . . mein Gott! was bedeutet Alles dies? . Ich bitte Dich inſtändig, erkläre Dich .. „Erinnerſt Du Dich, daß wir vorhin, als wir uber die Tréſerve⸗Wieſen gingen, uns mit Herrn San Privato unterhielten? Er behauptete, das Ge 62 heimniß unſerer Gedanken zu leſen. Er kam auf den Eindruck zu ſprechen, den er auf mich beim erſten Anblicke hervorgebracht habe.“ „Allerdings, und Du unterbrachſt ihn und batſt ihn flehentlich, nicht ein Wort mehr beizufügen, weil Du, wie Du mir ſpäter ſagteſt, erröthet wäreſt, von ihm den ungerechten Widerwillen, den er Dir einge⸗ flößt, errathen zu ſehen.“ „Nun wohl! Maurice, ich log.“ „Jeane!“ „Ich log, ſage ich Dir, ich log!“ „Aber,“ ſtammelte Maurice mit bebender Stimme, „wenn Du logſt, ſo war es alſo nicht Widerwillen, was Dir Albert einflößte . . . mein Gott! was war es denn?“ Auf dieſe Frage von Maurice trat bei ſeiner Braut, trotz der Feſtigkeit ihres Entſchluſſes, ein Augen⸗ blick des Zögerns ein; ſie fühlte das Gewicht der Ant⸗ wort, die ſie geben ſollte, und ſchwieg einen Moment. Alsdann aber erwiederte ſie, aus ihrer vorwurfsfreien Reinheit, aus der Fülle ihrer Liebe die Stärke ſchöpfend, auf jede Gefahr zu vollbringen, was ſie als eine heilige Pflicht betrachtete: „Du fragſt mich, was mir dieſer Menſch einge⸗ flößt habe? ich will es Dir in ſeiner Gegenwart in voller Aufrichtigkeit ſagen . . . aber verſprich mir, mich anzuhören, ohne mich zu unterbrechen ſo ſeltſam Dir meine erſten Worte ſcheinen werden, und mich nicht anzuklagen, ehe Du mich bis zum Ende gehört haſt.“ „Ich verſpreche es Dir.“ „Vor Gott, der mich ſieht und hört, Maurice, 63 „ Folgendes iſt die Wahrheit. Beim erſten Anblicke brachte Herr San Privato einen lebhaften Eindruck auf mich hervor, ſein Geſicht entzückte mich, ſein Blick ergriff mich . . . machte mich ſchauern; ſodann fühlte ich meine Stirne erröthen, meine Wangen glühen . . . Dieſes Gefühl dauerte einige Sekunden. Bald ſchämte ich mich der unerklärlichen Anziehung, die mir Herr San Privato einflößte . es erfaßte mich Aerger, Zorn gegen ihn. Ich beſchuldigte ihn, er entziehe mich meiner Liebe für Dich, Maurice; ich beſchuldigte ihn, er gefalle mir wenn nicht mehr als Du, doch wenigſtens eben ſo ſehr als Du. Meine Worte ſind dunkel, ich weiß es, ſie geben jedoch ſo gut als mög⸗ lich meine Gedanken .. . Geſtern, gegen das Ende des Mahles, erzählte Herr San Privato ſeine Reiſen .. ſie ſetzten mich in Erſtaunen . . . Ich war nicht mehr im Morillon, ich war überall, wohin mich ſeine Er⸗ zählungen führten; das Gemälde dieſer glänzenden Hoffeſte blendete mich; ich wohnte ihnen bei, ſchön geſchmückt, von Huldigungen umgeben Ich ſage Dir Alles, Maurice, ich ſage Dir Alles . .. „Fahre fort.“ „Ich begriff nun, was die Berauſchung des Lurus, der Feſte, des Putzes einer jungen, ſchönen, reichen, eleganten und in der großen Welt recherchirten Frau ſein konnte; Herr San Privato hielt mich unter dem Zauber ſo lange er ſprach. Als das Mahl beendigt war, zogen ſich unſere Verwandten zurück. Allein im Salon wurde ich tief traurig; ich hatte ſo viel wun⸗ derbare Dinge in der Einbildungskraft geſehen, daß in Folge dieſes blendenden Traumes unſere Einſam⸗ keit, in der ich mir bis dahin ſo ſehr gefallen . mir zum erſten Male traurig, drückend ſchien . .. Ich ſage Dir Alles, Maurice . das Gute und das Böſe.“ „Vollende . vollende.“ „Ich empörte mich gegen mich ſelbſt, gegen den böſen Einfluß von Herrn San Privato; ich warf ihm vor, daß er mich ſo verwandelt. Du kamſt in den Salon zurück. Dein wohlthätiger Anblick durchdrang, erwärmte plötzlich, wie ein guter Sonnenſtrahl, mein verdüſtertes, erkaltetes Herz; Du machteſt mir den Vorſchlag, unſer Heirathsgeſuch ſogleich unſern Eltern zu eröffnen; ich nahm es mit der Hinreißung des Glückes, der Dankbarkeit an; ich glaubte mich gerettet, befreit von der Erinnerung an Herrn San Privato, welche mich unwillkürlich belagert hielt. Doch ich ſchwöre Dir, Maurice, meine Liebe für Dich war, wenn nicht leiden⸗ ſchaftlicher, wenigſtens ernſter .. ich ſah mein Heil darin. Indeſſen, unerklärbares Geheimniß! verglich ich Dich zuweilen unwillkürlich mit Herrn San Privato, und mein Aerger ſteigerte ſich, wenn manchmal dieſe Ver⸗ gleichung nicht mehr zu Deinen Gunſten ausfiel. Sodann war dieſer ſeltſame, abwechſelnd in meinen Augen verführeriſche, lächerliche oder furchtbare Menſch für mich eine Art von lebendigem Räthſel; ich ſtrengte mich an, es zu errathen .. ſo daß ich öfter an ihn dachte, als an Dich, ohne Dich deshalb weniger zu lieben, Maurice . ich verſichere es Dir . Du mußt mir glauben.“ „Ich will Dir glauben, Jeane ich glaube Dir.“ „Hätte dieſes theure, anbetungswürdige Mädchen mit mir Abrede genommen, es würde meinen Projecten nicht beſſer dienen,“ dachte Albert, während die Braut 65 von Maurice ihr muthiges, redliches Geſtändniß alſo fortſetzte: „Wir begaben uns auf den Weg nach der Tré⸗ ſerve⸗Grotte. Herr San Privato, der, wie er ſagte, unſere geheimen Gedanken las, war auf dem Punkte, Dir die Miſchung von Anziehung und Anaſt, die er mir einflößte, zu offenbaren. Dieſe Offenbarung konnte Dich an meinem Herzen zweifeln laſſen . . . ich war feig, ich verſtellte mich . . . die Furcht, Dir einen großen Kummer zu verurſachen, machte mich zur Mitſchuldigen der Lüge von Herrn San Privato... ich gab mir vor Dir den Anſchein, als hätte ich immer nur Widerwillen gegen ihn empfunden. So⸗ dann ſich einen Augenblick ſammelnd, ſetzte das Mädchen hinzu: „Noch zwei Worte. Ich ſchließe, in⸗ dem ich Dich anflehe, Herr über Dich zu bleiben. Verſprichſt Du es mir?“ „Ich verſpreche es Dir.“ „Du ſchrittſt uns auf dem Pfade zur Grotte voran. . . Herr San Privato ging vor mir „ich ſah ihn bald ſtolpern, vom Schwindel betäubt fallen. Meine erſte Bewegung war, ihm beizuſtehen, wie ich jeder andern Perſon in Gefahr beigeſtanden wäre; ich habe ihn mit allen meinen Kräften in dem Augen⸗ blicke zurückgehalten, wo er in den Abgrund ſtürzen ſollte, und ich rief Dich zu Hülfe. Du näherteſt Dich, als plötzlich dieſer Menſch hier, einen glühenden Blick auf mich heftend, zu mir ſagte: „„Jeane, Deine Kräfte ſind erſchöpft, die meinigen auch. Ich bin ver⸗ loren . beklage mich nicht, der Tod wird mir ſüß ſein ich werde Dir geſagt haben: Ich liebe Dich!““ In dem Momente, wo er dieſe Worte ſprach, neigte Sue, die Familienſöhne. II. 5 66 ich mich gegen ihn, um ihn aufzuhalten. Unſere Ge⸗ ſichter berührten ſich beinahe . . . die Lippen dieſes Menſchen drückten ſich auf die meinigen.“ „Maurice!“ rief Charles Delmare den Arm des jungen Mannes ergreifend, der fortgeriſſen von der Eiferſucht und dem Zorne auf San Privato, welcher immer unſtörbar, losſtürzen wollte, „Maurice denken Sie an Ihr Verſprechen, Herr über ſich zu bleiben.“ „Ha! verflucht ſei die Stunde, wo ich dieſes Ver⸗ ſprechen gegeben habe!“ „Freund, beruhige Dich,“ erwiederte Jeane; „Du wirſt ſogleich gerächt ſein . . . Ich vollende die pein⸗ liche, ſehr peinliche Offenbarung. Ja, ich geſtehe, die⸗ ſes am Rande des Abgrundes geflüſterte Liebesbe⸗ kenntniß, dieſer im Angeſichte des Todes geraubte Kuß verletzten meine Schamhaftigkeit, und ſchienen mir dennoch ritterlich heldenmüthig . . . Oh! beruhige Dich, Maurice, ich ließ mich durch eine ſchändliche Komödie bethören. Dieſer Menſch, als er Dich ihm zu Hülfe eilen ſah, hielt ſich ſchon für gerettet, gab ſich aber im Gegentheile den Anſchein, als hätte er jede Hoffnung verloren; er wollte meine Einbildungss kraft durch den Hervismus ſeines Geſtändniſſes gleich⸗ ſam betäuben. Dieſe gemeine Komödie empört Dich, Maurice? höre weiter, und auf Deinen Zorn wird der 3 Ekel folgen. Durch das Geſtänd niß dieſes Betrügers wie verrückt, fühlte ich meine, ſchon erſchöpften, Kräfte vollends entſchwinden. Er bemerkte, meine Unter⸗ ſtützung werde ihm vor Deiner Ankunft entgehen; da rief dieſer Feige, der durch die Todesangſt noch grimmiger geworden: „„Du verläſſeſt mich . ich werde nicht allein ſterben“ Und er klammerie ſich 67 an meinen Hals an, auf die Gefahr, mich mit ſich in den Abgrund fortzureißen.“ „Mein Gott!“ murmelte Charles Delmare, ſchau⸗ ernd über die Gefahr, welche ſeine Tochter gelaufen war, während Maurice, dem Paroxysmus des Zornes preisgegeben, mit jeder von ſeinen Händen ſeine ge⸗ kreuzten, mächtig an ſeine Bruſt angedrückten Arme ergreifend, als hätte er ſich ſelbſt phyſiſch bewältigen wollen, den Kopf und die Augen ſenkte, befürchtend, er könnte der Heftigkeit ſeiner Empfindungen, ſeiner Hitze nachgeben, ſollte ſein Blick dem von San Pri⸗ vato begegnen; die Unachtſamkeit der andern Perſo⸗ nen wahrnehmend, beſchäftigte ſich dieſer ſeit einigen Augenblicken mit einer unſtörbaren Kaltblütigkeit da⸗ mit, daß er ſo gut als möglich die Unordnung ſeiner Kleider und ſeiner Haare wieder zurecht machte. Sein Haar war zart, ſeiden, lang, und indem er es auf der Stelle ſeines Schädels, wo eine Handvoll fehlte, ausbreitete, gelang es ihm, die Leere zu maskiren; dann legte er ſeine Halsbinde wieder feſt an, zog ſeine Beinkleider wieder hinab, knöpfte ſeinen Ueberrock zu, verbarg ſo den Verluſt des Kragens von dieſem Kleidungsſtücke, und bald waren die materiellen Ur⸗ ſachen, welche kurz zuvor beigetragen hatten, den jun⸗ gen Mann ſehr lächerlich zu machen, verſchwunden; er wurde wieder ganz präſentabel. Die Phyſiog⸗ nomie ſicher, den Blick faſt hochmüthig, brach er hier⸗ auf das Stillſchweigen, das auf die Geſtändniſſe von Jeane folgte, und fagte kalt: „Ich glaube, ich könnte mit ein paar einfachen, ſehr klaren Worten einem Mißverſtändniſſe, das ich ungemein bedaure, ein Ende machen: doch unter der Gewalt einer Drohung von Seiten meines Vetters, dem ich übrigens, ich wiederhole es ganz laut, das Leben verdanke, eine heilige Schuld, die mich verbin⸗ det und mir auferlegt, iſt es meine Pflicht, mich dar⸗ auf zu beſchränken, daß ich auf die Fragen antworte, * die an mich gerichtet werden dürften, wenn mir nicht etwa meine Würde Stillſchweigen gebietet.“ Die Worte von San Privato, den man einen Augenblick vergeſſen, zogen auf ihn die Blicke, und jede von den Perſonen dieſer Scene war tief betroffen von der plötzlichen Verwandlung des jungen Diploma⸗ ten, der, kaum noch ſo abgeriſſen, grotesk, nun von einem faſt tadelloſen Aeußern war, und deſſen ent⸗ zückendes, ausgeruhtes Geſicht wie durch einen Zauber ſeinen verführeriſchen Reiz wieder annahm. Dieſe Art von Wiedergeburt ſeines Nebenbuhlers ver⸗ doppelte den Zorn von Maurice. Er war ſeinem Ausbruche nahe, als Jeane, ohne daß ſie ſich herab⸗ ließ, auf die letzten Worte von San Privato etwas zu erwiedern oder nur darauf anzuſpielen, mit rüh⸗ rendem Tone zu ihrem Bräutigam ſagte: „Maurice, Du weißt nun die Wahrheit, die volle Wahrheit; vor Gott, der mich ſieht und hört, ſchwöre ich Dir: es iſt nicht nur die unbegreifliche Anziehung, die mir dieſer Menſch einflößte, verſchwunden, ſondern, ich frage mich zu dieſer Stunde mit einer Miſchung von Erſtaunen und Scham, wie eine Anziehung habe exiſtiren können, denn ich fühle nur noch Verachtung und Abſcheu gegen denjenigen, deſſen ſchwarze Treu⸗ loſigkeit allein ſeiner Feigheit gleichkommen kann.“ „Oh! Du gehörſt mir, Jeane! Das iſt nur noch eine Zeitfrage; ja, Du gehörſt mir, ſchöner Engel mit —— 69 den blauen Augen! . . . welche Augen! Ah! mehr als je, und ſeitdem ich Dich unter meinem Kuſſe habe erbleichen ſehen, ſage ich, es iſt von Allem in dieſen Augen,“ erwiederte im Geiſte San Privato auf die heftige Apoſtrophe des Mädchens. Dieſes wandte nun ihr bezauberndes Geſicht ihrem Bräutigam zu, reichte ihm die Hand und fügte mit ernſtem Tone bei: „Ich habe die Wahrheit geſagt, Maurice; ich gebe Dir nun Dein Bräutigamswort zurück.“ „Was ſagt ſie?“ rief der junge Mann erſtaunt, indem er ſich an Charles Delmare wandte, „Jeane, was höre ich?“ „Ich gebe Dir Dein Bräutigamswort zurück, Du haſt keine Verbindlichkeit mehr gegen mich . . . Du biſt frei . . . doch ich, ich bleibe und werde immer gegen Dich verbunden bleiben,“ fügte das Mädchen, mit feuchten Augen und ſchmerzlichem Ausdrucke, bei .. . „Ich gehöre nicht mehr mir . . . mein Herz iſt Dein auf immer Dein . . . und wird nie eines An⸗ dern ſein, hörſt Du, Maurice? Und kannſt Du eines Tags . gleichviel, zu welcher Zeit . . . mir ver⸗ zeihen, daß ich . . . unwillkürlich . . . für einen elen⸗ den und haſſenswerthen Menſchen eine unbeſtimmte Anziehung gefühlt habe, die ich mir in dieſem Mo⸗ mente nicht einmal mehr zu erklären vermag . . . an dieſem Tage, Maurice. . . wirſt Du mich ſo ſtolz finden, Deinen Namen zu tragen, ſo glücklich, Deine Lebensgefährtin zu ſein, als ich es nach unſern Wün⸗ ſchen und nach denen Deines Vaters und Deiner Mut⸗ ter geweſen wäre . . .“ Das Mädchen vollendete nicht, die Gemüthsbe⸗ wegung ezſtickte ihre Stimme; ſie verbarg in ihrem 70 Sacktuche ihr in Thränen gebadetes Geſicht: gerührt, verwirrt, warf ſich Maurice zu den Füßen des Mäd⸗ chens, ergriff eine von ihren Händen, bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen und rief: 5 „Jeane, Du biſt mein Weib, Du wirſt die Ge⸗ fährtin meines Lebens ſein. Ich liebe Dich mehr als ich Dich je geliebt habe . . . könnten meine Werth⸗ ſchätzung, meine Hochachtung für Dich wachſen, die edle Aufrichtigkeit Deines Geſtändniſſes würden ſie noch erhöhen . . . Ich mein Wort zurücknehmen, den Tag unſerer Verbindung verzögern! ich Dir eine Be⸗ vorzugung eines Augenblicks vorwerfen. . . eine un⸗ willkürliche Bevorzugung ſo redlich zugeſtanden und zu dieſer Stunde durch ein Gefühl niederſchmetternder Verachtung und gerechten Widerwillens verdrängt!“ „Trefflicher, naiver Vetter,“ ſagte San Privato zu ſich ſelbſt, während Maurice mit einer wachſenden Begeiſterung, ermuntert durch die gerührten Blicke von Charles Delmare, fortfuhr: „Glaubſt Du denn, meine geliebte Jeane, glaubſt Du, meine Liebe ſei ſo wenig tief, daß ſie beim ge⸗ ringſten, entgegengeſetzten Hauche aus meinem Herzen geriſſen werde? Hat dieſe Liebe ihre Wurzeln nicht bis in unſerer frühen Jugend, als Du für mich die Zärtlichſte der Schweſtern warſt? Iſt ſeit drei Jahren — dieſe Zuneigung, mit uns wachſend, nicht noch viel lebhafter geworden, indem ſie ſich verwandelte! und um ſie zu brechen, ſollte ein Anfall von blinder Eifer⸗ ſucht, eine Bewegung alberner Eitelkeit genügen!“ „Gut, gut, theures Kind!“ ſagte Charles Delmare entzückt über die Folgen des Geſtändniſſes von Jeane, ein Geſtändniß, das ihn Anfangs beunruhigt hatte. — 7¹ „Ah! Maurice, Sie werden würdig des Glückes ſein, das Ihrer harrt.“ „Jeane,“ ſagte Maurice, „wirfſt Du Dir in Dei⸗ nem mißtrauiſchen Zartgefühle beharrlich vor . . . wasich nicht einmalzu entſchuldigen habe .. glaubſt Dumir eine Genugthuung ſchuldig zu ſein. . . Du kannſt mir eine gewähren . . . die theuerſte, die koſtbarſte von allen!“ Welche?“ fragte das Mädchen in ihren Händen die Hände ihres Bräutigams haltend, der immer vor ihr kniete und ſie voll Trunkenheit an⸗ ſchaute, „welche Genugthuung kann ich Dir gewähren, mein Maurice?“ „Verbinde Dich mit mir . . . um meinen Vater und meine Mutter zu bitten, den Augenblick unſerer Heirath zu beſchleunigen . . .“ „Ah! Du ſprichſt wahr, und ich fühle es nun .. . ich bin nicht ſtrafbar geweſen! mein Gewiſſen iſt rein denn es beunruhigt meine Stimme nicht, wenn ich wie Du ſage: beſchleunigen wir die Zeit unſerer Heirath,“ antwortete das Mädchen. Und, die Züge ſtrahlend von Heiterkeit, einer Bewegung reizenden Erguſſes nachgebend, ſtreckte ſie ihre Arme gegen ihren Bräutigam aus; Beide umfingen ſich in einer keuſchen Umarmung. Dann machte Maurice San Privato zwei Schritte entgegen und ſprach zu ihm: „Gehen Sie, mein Herr, ich verzeihe Ihnen Ihre Treuloſigkeiten . . . Ihre Feigheiten . . . Das Glück von dem mein Herz überſtrömt, läßt dem Haſſe kei⸗ nen Raum. . . Ich bin ſo glücklich, daß ich Sie nur beklagen kann, daß Sie falſch und boshaft ſind . . . gehen Sie . . . mein Herr . . . ich bin genug gerächt.“ „Ich nicht, und die Reihe iſt an mir!“ ſagte 72 San Privato zu ſich ſelbſt; und er ſprach laut mit einem Ausdrucke verletzter Würde: „Mein Vetter . . . nur die Strafbaren allein nehmen es an, daß man ihnen verzeiht: ich weiſe eine Verzeihung zurück, die mich verletzt. . . Ich war der Gegenſtand grauſamer, ſehr grauſamer Anſchuldigun⸗ gen; ich glaubte ſie Anfangs mit der ſtillſchweigenden Reſignation des beleidigten ehrlichen Mannes ertra⸗ gen zu müſſen, der, ſtark durch ſein Gewiſſen, die Stunde ſich zu vertheidigen abwartet; dieſe Stunde iſt für mich gekommen; ich habe das Recht, gehört zu werden, mich zu rechtfertigen. Ich wende mich an Sie, meine Couſine, und . . . „Genug, mein Herr, genug!“ rief mit hartem Tone Charles Delmare, der die Falſchheit der Sprache von San Privato fürchtete und bange hatte, er könnte die vortrefflichſten Wirkungen des redlichen Geſtändniſ⸗ ſes von Jeane zerſtören. Und Stolz und Härte verdoppelnd, fügte er bei: „Mein Herr, Sie ſind durch Ihre Handlungen gerichtet und gebrandmarkt; jede Rechtfertigung iſt vergeblich.“ San Privato ſchaute Charles Delmare ſtarr an, überlegte ein paar Secunden und ſagte zu ſich ſelbſt: „Beſſer jetzt als ſpäter. Der Delmare würde mir in meiner Erwiederung Zwang anthun, ihr ſelt⸗ ſam entgegentreten.“ Und der junge Diplomat ſprach laut, vollkommene Artigkeit heuchelnd: „Ich habe die Ehre, dem Herrn Charles Delmare zu bemerken, daß es ihm durchaus an Höflichkeit ge⸗ * 73 gen mich mangelt; es iſt unanſtändig, die Leute ſo zu unterbrechen.“ „Ich will wohl Herrn San Privato antworten,“ ſagte Charles Delmare mit erhabener Verachtung, „und Herr San Privato wird ſich hoffentlich geſagt ſein laſſen, daß es Perſonen gibt, welche ihre Hand⸗ lungen außer den Wohlanſtand ſtellen, den man ſich unter ehrbaren Leuten ſchuldig iſt.“ „Ich erlaube mir, Herrn Charles Delmare zu bemer⸗ ken, daß es vielleicht unklug iſt, ſehr laut zu ſprechen, gebietet uns unſere Vergangenheit, ſehr leiſe, mit an⸗ deren Worten, ſehr demüthig zu ſprechen. . . Dies wird ſich Herr Charles Delmare gefälligſt, wie ich hoffe, auch geſagt ſein laſſen, und ſich fort an hüten, mich zu unterbrechen.“ Anfangs verblüfft durch eine Anſpielung, deren Sinn und Tragweite er noch nicht begriff, blieb Char⸗ les Delmare einen Augenblick ſtill und ſuchte zu er⸗ rathen, was San Privato ſagen wollte; ſodann, da er ſah, wie ſich Jeane und Maurice mit Erſtaunen anſchauten, als ſie ihrem Freunde eine Vergangen⸗ heit vorwerfen hörten, die ihn nöthigen ſollte, ſehr demüthig zu ſprechen, rief er von der Entrüſtung fortgeriſſen: „Herr San Privato! ich werde von Niemand, und von Ihnen weniger als von irgend einem An⸗ dern, unverſchämte Anſpielungen dulden, und ſo ver⸗ ächtlich auch ihr Urheber ſein mag, ich . . .“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ unterbrach der junge Diplomat, „grobe Worte ſind keine gute Gründe. Ich habe behauptet, ich behaupte, ohne mehr auf die Anſpielung zurückzukommen, es ſei unklug von Ihnen 74 ſich. . . ſo hoffärtig .. . zu zeigen. . . ich gebrauche den höflichen Ausdruck . . . während Ihnen eine außerordentliche Demuth durch eine Vergangenheit geboten werde . . .“ „Vollenden Sie!“ rief Charles Delmare, der ſich kaum bewältigen konnte; „vollenden Sie doch!“ „Sie werden mich entſchuldigen, mein Herr, wenn ich dieſe Aufforderung ablehne,“ antwortete kalt San Privato. „Die ohne Zweifel mehr als übertriebene Höflichkeit, von der ich bei Ihnen nicht abgehen will, die Achtung, welche ich Mademviſelle Dumirail ſchul⸗ dig bin, verbieten mir, vor Ihnen und vor ihr, dieſe Vergangenheit zu qualificiren, die Ihnen wenigſtens in der Erinnerung immer gegenwärtig ſein müßte. . . ich möchte nicht ſagen, die Gewiſſensbiſſe . . .“ „Himmel und Erde! welche Frechheit!“ rief außer ſich Charles Delmare, indem er einen drohenden Schritt gegen San Privato machte, welcher unem⸗ pfindlich und höhniſch da ſtand, während Jeane und Maurice immer mehr erſtaunt über die auf ihrem Freunde laſtende geheimnißvolle Anſchuldigung, aber zögernd, ſie zu glauben, ſich raſch zwiſchen ihn und Albert ſtellten. „Beruhigen Sie ſich, lieber Meiſter,“ ſagte Al⸗ bert, „was liegt Ihnen an der Verleumdung?“ „Kennen Sie nicht ſattſam die Schurkerei dieſes Menſchen! verachten Sie alſo ſeine Worte,“ fügte Jeane bei; und ſie ſagte mit Bitterkeit: „Ah! dieſer Menſch iſt unheilbringend! Wir ſchwammen vor Kur⸗ zem noch in der Freude, und nun hat er uns in Traurigkeit verſetzt.“ „Meine Freunde,“ ſprach Charles Delmare ſchmerz⸗ 75 lich bewegt, „es iſt mir unmöglich, in Ihren Augen in den Augen von Ihnen, deren Zuneigung mir ſo theuer iſt . . . nein, es iſt mir unmöglich, in Ihren Augen unter der Gewalt einer Anſchuldigung zu bleiben, welche um ſo gehäſſiger, je unbeſtimmter ſie iſt, und ſo unwürdig der Ankläger auch ſein mag, er ſoll ſich erklären!“ Alsdann ſich an San Privato wendend: „Legen Sie mir nicht wenigſtens auf der Stelle Ihre Verleumdung klar und deutlich dar . . . ſo. „Mein Herr, erſparen Sie ſich lächerliche Droh⸗ ungen, welche höchſtens dazu gut ſind, Kinder zu er⸗ ſchrecken,“ erwiederte San Privato. „Da Sie mich alſo dazu zwingen, ſo will ich mich deutlich erklären nehmen Sie ſich aber in Acht . . „Sprechen Sie .. „Ich gab einer Art von Mitleid für Sie nach,“ ſagte ſeufzend San Privato; „da Sie indeſſen durch⸗ aus wollen, daß ich ſpreche . . .“ „Ah! das iſt zu viel Geduld! Reden Sie, Elen⸗ der! ich fordere Sie auf!“ Ich nehme die Ausforderung an,“ antwortete San Privato; und er fügte langſam bei: „Es geſchah vor achtzehn Jahren, daß eines Tags in Lauſanne ein Menſch, der ſich für einen Maler ausgab und ſagte, e heißt „Kein Wort mehr!“ rief Charles Delmare, welcher bleich wurde wie ein Geſpenſt; „oh! kein Wort mehr, mein Herr!“ XXXII. Maurice und Jeane konnten nicht an das, was ſie ſahen, was ſie hörten, glauben; ihr Lehrer, ihr Freund, den ſie liebten, achteten, plötzlich erbleichend und niedergeſchmettert, als hätte er ſich unter der Laſt ſeiner Gewiſſensbiſſe gebeugt, unterbrach mit dem Ausdrucke der Bitte ſeinen Ankläger, ſchien Gnade von ihm zu erflehen und rief: „Nicht ein Wort mehr, mein Herr! oh! nicht ein Wort mehr!“ „Zu wiederholten Malen habe ich Sie liebreich aufgefordert, nicht auf Erklärungen zu beſtehen, welche für Sie ſehr bedauerlich ſein müßten,“ antwortete San Privato mit höhniſchem Lächeln; „ich werde nicht minder liebreich ſein und Ihre Bitte gewähren; ich willige ein, zu ſchweigen.“ Charles Delmare ſah Maurice und Jeane Blicke ſchmerzlichen Erſtaunens wechſeln; er errieth ihren geheimen Gedanken; der Mann, den ſie bis dahin mit ſo viel Liebe und Achtung umgeben hatten, derjenige, welchen ſie als ihren Freund, als ihren Mentor be⸗ trachteten, erniedrigte ſich ſo tief, daß er um GEnade ihren Vetter anflehte, deſſen Treuloſigkeit und Bosheit ſie entrüſteten! Mußten Sie nicht aus der Erniedri⸗ gung ihres Mentors ſchließen, und ſie ſchloßen ſo, ſeine Vergangenheit ſei ohne Zweifel befleckt von einer ſtrafbaren, ſchmählichen Handlung, deren Geheimniß Albert beſitze? ... Dieſen für ihn gräßlichen Verdacht in den betrübten Zügen ſeiner Tochter leſend, fühlte Charles Delmare ſein Herz brechen, eine Thräne rollte 77 in ſeine Augen, und aufs Gerathewohl ſagte er mit bebender Stimme zu Albert: „Mein Herr, noch ein Wort; ich habe Sie ſo eben unterbrochen . . . weil es mir nicht anſtand, Sie ein ſehr wichtiges Geheimniß bekannt machen zu ſehen, welches nicht mich allein betrifft und zu meiner Ju⸗ gendzeit zurückgeht . . . Darf ich von Ihrer Bil⸗ ligkeit erwarten . . . (Dieſe Appellation an die Bil⸗ ligkeit des abſcheulichen Schuftes ſchien Charles Del⸗ mare die Lippen zu verſengen) „daß Sie wenigſtens anerkennen . . . das Geheimniß, um welches es ſich han⸗ delt, beflecke in keiner Hinſicht meine Ehre?“ San Privato ſchien zu überlegen und ſchwieg, während das Brautpaar ſeine Antwort mit eben ſo viel Ungeduld, als Bangigkeit erwartete. „Mein Gott!“ ſagte Jeane mit verdoppelter Bit⸗ terkeit und düſterer Neugierde zu ſich ſelbſt; „was iſt denn die hölliſche Macht dieſes Menſchen! Er ſtört und vernichtet die reinſten Freuden . . macht am ſicherſten Glücke zweifeln! er beugt zu ſeinen Füßen die edelſten, die ſtolzeſten Charaktere . . . Ach! hat er nicht ſo eben den Freund, den wir liebten, den wir verehrten, gezwungen, demüthig eine Ehrenerklärung von dieſem Lügner, von dieſem Feigherzigen, von dieſem böſen Menſchen zu erflehen, den wir vielleicht noch mehr verachten, als wir ihn haſſen? Ich frage noch einmal, was iſt denn die hölliſche Macht dieſes Menſchen?“ „Mein Herr,“ ſprach Charles Delmare, der kaum ſeine Entrüſtung, ſeinen Zorn zu bewältigen vermochte, „Ihr Zögern, mir zu antworten, da ich Sie auffordere, zu „„ Doch befürchtend, San Privato durch dieſe gebietende Form zu reizen, unterbrach ſich der Vater von Jeane und fuhr dann fort: „Da ich Sie beſchwöre, zu verſichern, das Geheimniß, welches Sie beſitzen, beflecke in keiner Hinſicht meine Ehre, dieſes Zögern, mein Herr, ſetzt mich in Erſtaunen und verletzt mich.“ „Mein Herr, Ihre Empfindlichkeit iſt zu achtens⸗ werth, als daß ich mich nicht beeilen ſollte, ſie zu be⸗ ſchwichtigen,“ erwiederte San Privato mit einem Tone ausgezeichneter Ehrerbietung für Charles Delmare, der vergebens die Urſache dieſes plötzlichen Umſchlags ſuchte, denn er mußte eine neue Perfidie verbergen. „Ich zögerte nicht, mein Herr, doch ich ſäumte, Ihnen zu antworten, weil man, wenn es ſich darum handelt, die Ehrenhaftigkeit eines vollkommen biedern Mannes zu verſichern, ſeine Worte nicht genug abzuwägen ver⸗ möchte, um ihnen ihr ganzes Gewicht zu geben; ich erkläre alſo laut und in voller Aufrichtigkeit: nein! das Geheimniß, welches Sie berührt, mein Herr, be⸗ fleckt in keiner Hinſicht Ihre Ehre, kann Ihre Ehre auch nicht beflecken, die übrigens vor dem leichteſten Verdachte bei Jedem geſchützt iſt, der den Vortheil hat, Sie ſelbſt nur oberflächlich zu kennen.“ Dieſe von dem jungen Diplomaten auf das Aller⸗ freundlichſte und mit dem Anſcheine einer innigen Ueberzeugung geſprochenen Worte erleichterten Charles Delmare um eine grauſame Furcht; er warf einen feuchten Blick auf das Brautpaar, einen Blick, der, beſonders ſich an Jeane wendend, zu ſagen ſchien: „Zweifeln Sie noch an mir?“ „Ah! lieber Meiſter, edler Freund!“ antwortete lebhaft das Mädchen, den geheimen Gedanken ihres P 79 Vaters begreifend, „glauben Sie, wir haben einen Augenblick Verdacht gegen Sie hegen können?“ „Nein, Gott ſei Dank!“ fügte Maurice Charles Delmare die Hand drückend bei; „nur, lieber Meiſter, geſtehe ich . . . als ich ſagen hörte, Ihre Vergangen⸗ heit gebiete Ihnen eine demüthigende Haltung . . .“ „Ja,“ unterbrach San Privato ſeinen Vetter, die Widerſprüche ſeiner erſten Worte geſchickt erklärend, „was auch die übermäßige Ehrenhaftigkeit von Herrn Charles Delmare ſein mag, der ich mit Vergnügen aufs Neue eine glänzende Anerkennung gewähre, ſo mußte ihn doch ein gewiſſer Act ſeines vergangenen Lebens, wenn nicht demüthiger machen (ich nehme die⸗ ſen Ausdruck zurück, er hat meinen Gedanken ſchlecht überſetzt) ein gewiſſer Act des vergangenen Lebens von Herrn Charles Delmare mußte ihn, nicht demü⸗ thiger, aber ſorgfältiger in Vermeidung jeder hoffär⸗ tigen und herausfordernden Haltung machen, da er nur zu gut weiß, wie erſchrecklich oft die Folgen ge⸗ wiſſer Herausforderungen ſein können . . . Seit heute Morgen nun (er iſt zu ehrlich, um mir zu widerſpre⸗ chen) hat mich Herr Charles Delmare weder mit Spöttereien, noch mit Sarkasmen verſchont, und ſo eben noch hat er mir das Wort auf die härteſte Art abgeſchnitten. Ich geſtehe aber, trotz meiner Mäßi⸗ gung, hat mich die Geduld verlaſſen, und um Herrn Charles Delmare zu beſtimmen, weniger herausfor⸗ dernd, weniger angreifend gegen mich zu ſein, glaubte ich ihn an ſeine bedauerliche Vergangenheit erinnern zu müſſen .. Und nun,“ fügte San Privato dem Vater von Jeane einen bezeichnenden Blick zuſchleu⸗ dernd bei, „nun wage ich es, zu hoffen, mein Herr, daß Sie die Güte haben werden, mich nicht mehr zu unterbrechen und mich auf die ernſten Anſchuldigungen, deren Gegenſtand ich von Seiten von Mademvoiſelle Jeane bin, antworten zu laſſen.“ XXXIII. Ein Augenblick des Stillſchweigens folgte auf die letzten Worte von San Privato; ihr verborgener Sinn ſagte Charles Delmare klar: „Ich befehle Ihnen, mich nach meinem Belieben mein Gift in das Herz dieſer Brautleute, welche in dieſem Augenblicke voll von einem glücklichen Ver⸗ trauen auf die Zukunft und beruhigt über die Zukunft, Dank ſei es der Redlichkeit, der Geſtändniſſe von Jeane, einträufeln zu laſſen; thun Sie mir aber in meinen Herenwerken Zwang an, ſuchen Sie das Böſe, das ich thun werde, wieder gut zu machen, oder nur zu ſchwächen;, ſo trenne ich Sie auf immer von Ihrer Tochter, indem ich Herrn Dumirail offenbare, Sie haben unter dem falſchen Namen Wagner ſeinen Bru⸗ der im Duell getödtet.“ Was konnte Charles Delmare vor einer ſolchen Drohung thun? ſich darein fügen, durch ſein gezwun⸗ genes Stillſchweigen faſt der Mitſchuldige der ſchwar⸗ zen Machinationen von San Privato gegen Maurice „ und Jeane zu werden, welche übrigens der Ehrenhaf⸗ tigkeit ihres Freundes vollkommen ſicher waren und unbeſtimmt, nach den Vorherſehungen von Albert, vermutheten, das Geheimniß, in deſſen Beſitze dieſer ſei, beziehe ſich auf irgend ein entſetzliches Duell von Charles Delmare. 81 Sicher der Neutralität des Väters von Jeane, fuhr San Privato fort: „Ehe wir in unſerer Unterredung weiter gehen, glaube ich, und Herr Delmare wird ohne Zweifel meiner Anſicht ſein, ich glaube, ſage ich, meinem Vet⸗ ter und meiner Couſine bemerken zu müſſen, daß es nicht nothwendig iſt, meinen Oheim und meine Tante von dem zu unterrichten, was zwiſchen uns vorge⸗ fallen.. rückſichtlich des Geheimniſſes, zu deſſen Herrn mich der Zufall gemacht hat . . . ein Geheimniß, das, ich vermöchte es nicht oft genug zu wiederholen ... in keiner Beziehung die Ehre von Herrn Charles Del⸗ mare befleckt.“ „Wir gedachten ebenſo wenig meinen Vater und meine Mutter von dieſem Vorfalle zu unterrichten, als von dem Unglücke, das ſich beinahe bei der Tré⸗ ſerve⸗Grotte zugetragen hätte,“ antwortete Maurice trocken ſeinem Vetter, „das hieße unnütz unſere Eltern betrüben; iſt das nicht Deine Anſicht, Jeane, und auch die Ihre, lieber Meiſter?“ „Gewiß,“ ſagte Jeane, während ihr Vater nur durch ein bejahendes Kopfnicken antwortete. Dann fügte das Mädchen bei, das wie ihr Bräutigam eine un⸗ beſtimmte Furcht vor dem Geſpräche hegte, welches San Privato hartnäckig verfolgte, indem es ſich wieder nach den Prairien, welche zur Sennhütte führ⸗ ten, in Marſch ſetzte: „Die Sonne wird bald untergehen .. . mein Oheim und meine Tante müſſen über unſere verlän⸗ gerte Abweſenheit in Unruhe ſein . . . beeilen wir uns, zu ihnen zurückzukehren.“ „Gut, meine Cvuſine,“ erwiederte Albert, wäh⸗ Sue, die Familienſöhne, M. 6 rend er ſich an die Seite des Mädchens ſtellte, „man kann im Gehen ſehr wohl reden.“ „Mein Herr,“ entgegnete Jeane mit feſtem Tone und San Privato ins Geſicht ſchauend, „jedes Geſpräch zwiſchen uns wäre nun vergeblich. Maurice und ich, wir haben Ihnen das Leben gerettet, und überdies das Böſe, was Sie gethan, verziehen. Was wollen Sie mehr?“ „Meine Couſine, ich will auf die gegen mich er⸗ hobenen ungerechten Anſchuldigungen antworten,“ er⸗ wiederte San Privato mit ſanftem, innigem Tone. „Es iſt grauſam für mich, von Ihnen mißkannt zu ſein.“ „Mißkannt!“ ſagte Jeane mit Bitterkeit; „nein, nein, wir kennen Sie nur zu gut.“ „Hören Sie, mein Herr Vetter, glauben Sie mir ermüden Sie nicht meine Geduld . . . ſie iſt bis jetzt übermäßig geweſen. .. und ich würde nun nicht mehr ſchwören, daß ich Herr über mich bleibe,“ fügte Maurice bei, der ſeine Entrüſtung durch die freche Be⸗ harrlichteit des jungen Diplomaten wiedererweckt fühlte. Doch ſich bewältigend, fuhr er mit Jronie fort: „Ich errathe Ihre ehrliche Abſicht, Jeane und ich, wir hegen das vollſte Vertrauen zu einander, wir ſind glücklich; dieſes Glück, dieſes Vertrauen machen Sie wüthend; das iſt ganz einfach: Sie fühlen das natürliche Bedürfniß, unſer Herz mit Mißtrauen und Kummer zu erfüllen, und bei dieſer ſchönen Helden⸗ that rechnen Sie auf die Gabe Ihrer Worte: geſtehen Sie, wir wären würdig, das alberne Spielzeug Ihrer Bosheit zu ſein, ließen wir uns herbei, Sie anzuhö⸗ ren . Guten Abend alſo, Herr Vetter!“ 83 Und ſeiner Braut den Arm bietend, ſagte Mau⸗ rice: „Komm, Jeane.“ Beide beſchleunigten ihre Schritte und gingen einige Augenblicke San Privato voran; dieſer, wel⸗ cher ſo mit Charles Delmare zurückblieb, ſprach zu ihm, ohne vom Brautpaare gehört zu werden: „Mein lieber Herr, Sie haben auf dieſe Kinder einen außerordentlichen, wohlverdienten Einfluß; ma⸗ chen Sie alſo, daß ſie einwilligen, mich auf der Stelle anzuhören, denn bei meiner Ehre! ich vermöchte nicht, ohne außer Athem zu kommen, eine Converſation zu unternehmen, welche ſehr einem von jenen Kirchthurm⸗ rennen gleicht, deren Held Sie oft als Sieger zur Zeit Ihrer ſchönen Jugend waren.“ „Mein Herr, erwiederte Charles Delmare, „ich kann Maurice und Ihre Cvuſine nicht zwingen, Sie anzuhören, ſie haben Ihnen geſagt, warum ſie dieſes Geſpräch fürchten.“ „Beim Teufel! gerade darum ſollen Sie mich anhören und Sie müſſen ſie hiezu beſtimmen.“ Ich wiederhole, mein Herr, ich kann ſie nicht zwingen, Sie anzuhören.“ „Ah! mein Lieber, Sie ſind zu beſcheiven! Dieſe Turteltauben ſollten Ihrem Wunſche nicht nachgeben? Ich bitte, nehmen Sie nicht die Miene des demüthi⸗ gen, ſchüchternen, unter dem Mooſe verborgenen Veil⸗ chens an; man weiß, was Sie werth ſind, was Sie vermögen; Sie werden auch auf der Stelle und fortan ein Werkzeug in meinen Händen ſein.“ „Wehe mir! wenn ich an die Zukunft denke . dieſer Menſch würde mir, glaube ich, den Mord be⸗ greiflich machen,“ ſagte zu ſich ſelbſt Charles Delmare, erſchrocken über die unberechenbaren Folgen, die auf ſeine Zukunft und auf die ſeiner Tochter die Herrſchaft haben konnte, welche fortan San Privato auf ihn üben ſollte, und er antwortete laut: „Sie täuſchen ſich, mein Herr, wenn Sie aus mir ein blindes Werkzeug Ihres Willens zu machen hoffen ich „Ah! wie viel Worte! welche Langſamkeit!“ ſagte San Privato die Achſeln zuckend; „die Zeit drängt; ich will ſogleich mit dieſen guten jungen Leuten reden; ihre Eindrücke ſind noch ganz warm, ſie werden dar⸗ um nur um ſo ſchmiedbarer ſein; beeilen wir uns; erheben Sie die Stimme, rufen Sie, gehorchen „Mord und Hölle!“ rief Charles Delmare, in⸗ dem er die Fäuſte ballte und einen flammenden Blick auf San Privato heftete, „ich erkläre Dir. ..“ „Was?“ verſetzte der junge Diplomat, den Vater von Jeane meſſend, „wie beliebt? man rebellirt, wie mir ſcheint?“ „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Charles Delmare; „ach! das heißt zu viel leiden . . .“ „Um dieſen Leiden ein Ende zu machen, mein Lieber, erlaube ich mir, Ihnen Ihre treffliche Verord⸗ nung gegen die Migräne zu empfehlen . . . Sie wiſ⸗ ſen? Sie waren, bei meiner Ehre, ſehr witzig, ſehr heiter heute Morgen! Jedem ſeine Stunde! Ich bin heute Abend ſehr fröhlich!.. und ich finde Sie belu⸗ ſtigend. . . Ah! beeilen wir uns . . . rufen Sie dieſe jungen Leute.“ „Nein.“ 85 „Nein?“ „Nein! und tauſendmal nein! Ich errathe die Falle, die Du mir ſtellen willſt, Elender!“ „Herr Charles Delmare,“ erwiederte San Pri⸗ vato mit einſchneidendem Tone, „ehe eine Stunde ver⸗ geht, wird mein Oheim Dumirail durch mich erfahren, Sß „Wehe mir!“ murmelte Charles Delmare, ſein Geſicht in ſeinen Händen verbergend. „Oh! meine Tochter . . . meine Tochter!. .“ „Das iſt gewiß ſehr väterlich, doch es fördert meine kleinen Angelegenheiten durchaus nicht,“ ſagte hohnlächelnd San Privato; „ſtatt leiſe als Egoiſt und zu Ihrer perſönlichen Befriedigung zu ſeufzen, rufen Sie mit einer guten, vollen, ſonoren Stimme: „„Jeane! Maurice! haltet an!““ Auf, raſch, e „Jeane. . . Maurice!“ rief ſchwach Charles Del⸗ mare, erſtickt durch den Schmerz, beſiegt durch ein un⸗ erbittliches Verhängniß, „wartet auf mich, meine Kinder!“ „Ah! mein Lieber, Sie treiben offenbar Ihren Spott mit den Leuten . . . was ſoll dieſer verroſtete, gebrochene Ton? Können uns die jungen Leute, welche ſchon fern von uns, hören?.. Lauter . . . alle Wet⸗ ter!. lauter!“ „Jeane!“ rief mit Anſtrengung der unglückliche Vater, „Maurice... wartet auf mich!“ „Das iſt ſchon beſſer, doch noch ungenügend .. . fangen wir das wieder an, mein Lieber . . . vorwärts Marſch!“ „Maurice. .. Jeane. . . wartet auf mich, meine Kinder!“ „Vortrefflich. . . diesmal wäre Stentor eiferſüch⸗ tig auf Sie geweſen, mein Lieber,“ ſagte San Pri⸗ vato. „Unſer glückliches Brautpaar wendet ſich um hält an... eilen wir zu ihnen . . . Sie ſollen etwas Seltſames ſehen, worauf Sie, trotz Ihrer un⸗ gerechten, garſtigen Vorurtheile gegen mich, nicht ge⸗ faßt ſind, mein Lieber!“ XXXIV. Auf den Ruf ihres Freundes hielten Maurice und Jeane an; ſie wurden bald von San Privato und Charles Delmare eingeholt. Dieſer hatte nur noch eine Hoffnung: ſpäter durch ſeinen Einfluß auf die zwei jungen Leute das ſchändliche Werk, das der junge Diplomat zu unternehmen im Begriffe war, zu zerſtören. „Lieber Meiſter,“ ſagte Maurice, „Sie haben uns gerufen?“ „Ja, mein Freund.“ „Was wünſchen Sie? „Es ſchien mir, im Widerſpruche mit Ihrer Mei⸗ nung und mit der Ihrigen, Mademdviſelle Jeane, Sie müßten vielleicht die Erklärungen anhören, welche Ihnen Herr San Privato zu geben wünſcht,“ ant⸗ wortete mit Anſtrengung Charles Delmare. „Was auch Ihre gerechten Beſchwerden gegen Ihren Vetter ſein mögen, Sie könnten wenigſtens die Rechtfertigung anhören, die er verſuchen will.“ Die Brautleute ſchauten Charles Delmare mit 87 dem höchſten Erſtaunen an, und Jeane erwiederte lebhaft: „Wie . . . lieber Meiſter? Sie rathen uns, ein für uns aus ſo vielen Gründen äußerſt peinliches Ge⸗ ſpräch wiederanzuknüpfen?“ „Ja, meine Kinder, ich rathe es Euch...“ „Aber, mein lieber Meiſter,“ fügte Maurice nicht minder erſtaunt als Jeane bei, „Sie wiſſen ſo gut wie wir . . . es iſt unſerem Vetter unmöglich, ſeine Treuloſigkeit, ſeine Schlechtigkeit gegen uns zu recht⸗ fertigen.“ „Allerdings,“ antwortete Charles Delmare, deſſen Qual immer mehr zunahm; „doch die größten Verbre⸗ cher haben das Recht, den Beweis ihrer Unſchuld zu verſuchen.“ „Die Unſchuld von Herrn San Privato?“ rief bitter Maurice. „Reden Sie im Ernſte mit uns, lieber Meiſter? Sie kennen die Urſache unſeres unüberwindlichen Widerwillens, ein Geſpräch wieder aufzunehmen, das . . .“ „Maurice,“ unterbrach Jeane ihren Bräutigam, „vergeſſen wir nicht, daß wir immer Nutzen aus den trefflichen Rathſchlägen unſeres Freundes gezogen ha⸗ ben, er muß bei dieſer Sache abermals in unſerem Intereſſe handeln . . . hören wir alſo auf ihn.“ „Es ſei!“ erwiederte traurig Maurice; „möge ſich unſer guter Lehrer diesmal nicht bei dem Rathe täu⸗ ſchen, den er uns gibt.“ „Seien Sie verſichert, Mademvoiſelle, ich werde Ihre Aufmerkſamkeit nicht mißbrauchen,“ ſprach mit bewältigtem Tone San Privato, ſich an das Mäd⸗ chen wendend. „Ich wage es nur, Ihre Güte mit der Bitte in Anſpruch zu nehmen, Sie mögen mich nicht unterbrechen, und ich hoffe, Ihr Freund, Herr Delmare,“ fügte San Privato bei, indem er dem Va⸗ ter von Jeane einen bezeichnenden Blick zuwarf, „wird ſich gefälligſt mir anſchließen, um von Ihnen die Gunſt zu erlangen, um die ich Sie erſuche.“ „In der That,“ erwiederte Charles Delmare, der Einſchärfung des jungen Diplomaten gehorchend, „ge⸗ rade weil dieſes Geſpräch peinlich für Sie iſt, liebe Mademviſelle Jeane, muß man das einzige Mittel, abzukürzen, anwenden und ihm den freien Lauf aſſen.“ „Weder Maurice, noch ich. . . Gott behüte uns! haben den Wunſch, in eine Erörterung das zu ver⸗ wandeln, was Herr San Privato ſeine Rechtfertigung zu nennen den ſeltſamen Dünkel hat,“ ſagte Jeane, „wir fügen uns darein, einzig und allein aus Achtung für Ihren Rath, ihn anzuhören, lieber Meiſter.“ „Nachdem wir hierüber einig ſind, Mademoiſelle, werde ich mit wenigen Worten beendigt haben, was ich beharrlich meine Rechtfertigung nenne,“ ſagte San Privato. „Vor Allem werfen Sie mir eine Art von unwillkürlicher Anziehung vor, die ich Ihnen einge⸗ flößt habe; eine Anziehung, über die Sie errötheten, gegen die Sie kämpften, und über die Sie endlich ſiegten, da ich zu dieſer Stunde das Unglück habe, Ihnen ebenſo viel Verachtung, als Abſcheu einzuflö⸗ ßen. Das ſind Ihre eigenen Worte!“ „Ja, mein Herr, das ſind meine Worte, ſie har⸗ moniren vollkommen mit meinen Gedanken.“ „Ich glaube Ihnen, Mademviſelle, und dieſer Glaube iſt mir höchſt ſchmerzlich; denn ach! ich frage 89 mich, was die Urſache von dieſer Verachtung, von dieſem Abſcheu ſei?“ „Ah!“ rief lebhaft Jeane, „das iſt zu viel Frech⸗ heit. .. Sie wagen es. . .“ „Liebe Mademoiſelle Jeane,“ unterbrach Charles Delmare, einem gebietenden Blicke von San Privato gehorchend, ich bitte, erlauben Sie, daß der Herr vollendet . . .“ „Verzeihen Sie, lieber Meiſter, die Entrüſtung ließ mich mein Verſprechen vergeſſen.“ Das Mädchen neigte das Haupt und ſchwieg. „Ja, was iſt die Urſache dieſes Widerwillens, deſſen Gegenſtand ich bin, Mademoiſelle? Sollten Sie mir ein Verbrechen aus der Anziehung machen, die ich Ihnen unwillkürlich eingeflößt, die Sie unwillkür⸗ lich empfunden haben,“ ſprach mit Beharrlichkeit San Privato, während er mit einem ſchiefen Blicke die immer mehr verdüſterten Züge von Maurice beobach⸗ tete, in welchen man das Wiedererwachen ſeiner kaum eingeſchlafenen Eiferſucht las. „Mein Gott! iſt es denn meine Schuld, wenn die von Ihnen zwiſchen meinem Vetter und mir aufgeſtellte Vergleichung einen Augenblick zu günſtig für mich geweſen iſt? Iſt es meine Schuld, wenn Sie bei der Erzählung von mei⸗ nen Reiſen und den glänzenden Feſten, denen ich bei⸗ wohnte, zum erſten Male die Leere, das Langweilige der traurigen Exiſtenz fühlten, zu der Sie auf immer verurtheilt ſind? Ich bin in dieſem das Echo Ihrer Worte; im Nothfalle werde ich an das Gedächtniß meines Vetters appelliren.“ „Ja,“ erwiederte Maurice mit dumpfem Tone, ohne ſeinen Verdruß zu verbergen, „Jeane hat das geſagt. . .“ „Es iſt wahr,“ rief lebhaft Charles Delmare, den peinlichen Gedanken von Maurice errathend, „doch Mademviſelle Jeane hat eiligſt hinzugefügt .. .“ „Ah! Herr Delmare, Herr Delmare,“ ſagte mit einer füßlichen Stimme San Privato, dem Vater von Jeane das Wort abſchneidend, „Sie vergeſſen unſere Uebereinkunft, Sie unterbrechen mich, das iſt nicht Niedergebeugt, ſchwieg Charles Delmare, und Albert fuhr fort, einem Einwurfe zuvorkommend, den er Jeane ihm zu machen im Begriffe ſah: „Oh! allerdings, Mademviſelle, Ihr ſchmerzliches Bedauern, hier wie in einer Gruft begraben zu leben, um ſich mit den ländlichen Neigungen Ihres Bräuti⸗ gams in Einklang zu ſetzen . . . dieſes Bedauern iſt ephemer geweſen, Sie haben es wenigſtens verſichert... Ich bin zu artig, um an Ihren Worten zu zweifeln, um zu glauben, aus einem übertriebenen Zartgefühle und in einem muthigen Verzichten auf Ihre theuer⸗ ſten Wünſche fügen Sie ſich darein, in der Verein⸗ zelung, in der Dunkelheit zu leben, Sie,“ ſetzte San Privato hinzu, indem er ſeiner Stimme den ein⸗ ſchmeichelndſten Ausdruck gab, „Sie, die Sie mehr als irgend Jemand berufen ſind, in der auserwählten Welt zu leben, deren göttlicher Reiz, deren bezaubernde Zierde, deren angebetete Königin Sie wären.“ „Lieber Meiſter,“ ſagte plötzlich mit Bangigkeit, faſt mit Gewiſſensbiſſen Jeane, denn der verführe⸗ riſche Ton ihres Verſuchers machte einen ſeltſamen Eindruck auf ſie, und ſie bemerkte die zunehmende —,— 9¹ Traurigkeit von Maurice, „lieber Meiſter, ich geſtehe, dieſes Geſpräch iſt mir unerträglich, macht mir übel. Mein Gott! halten Sie es denn für ſo nothwendig, daß wir es erleiden müſſen?“ „Herr Delmare wird ſicherlich conſequent gegen mich ſein,“ ſprach San Privato, die tödtliche Ver⸗ legenheit des Vaters von Jeane wahrnehmend; Fiſt von ihm nicht ſo eben die Legitimität meiner Rechtfer⸗ tigung anerkannt worden? Er wird ſeine Anſicht nicht geändert haben . . .“ „Ich habe ſie nicht geändert .. ſtammelte Charles Delmare, der, von der Verwirrung ganz niedergedrückt, nicht wußte, welchen Vorwand er in den Augen der Brautleute ſeiner Willfährigkeit gegen den Mann, welcher ihn beherrſchte, geben ſollte. „Noch etwas Geduld, Mademoiſelle Jeane . „Es iſt nicht Geduld, es iſt Muth . .. was ich brauche, lieber Meiſter, um Ihren Rath zu befolgen, ſo unbegreiflich er mir ſcheint,“ antwortete Jeane be⸗ klommen und verdrießlich, „ich füge mich alſo. und ich geſtehe .. das Vertrauen, das ich in dieſem Augenblicke zu Ihnen habe, iſt blind .. das iſt das richtige Wort . . . „Ah! nie werden wir Ihnen mehr als in dieſem Augenblicke den Beweis von großer Zuneigung, von Dankbarkeit und von Ehrfurcht gegeben haben,“ fügte Maurice mit einem leichten Ausdrucke von Vorwurf gegen Charles Delmare bei, welchen er beſchuldigte, er ſetze ihn einem moraliſchen Leiden aus, von dem er, Maurice, weder den Zweck, noch die Nothwendig⸗ keit begriff. „Worüber bin ich denn ſonſt noch von Made⸗ 92 moiſelle Jeane angeklagt?“ fuhr San Privato fort: „ich habe meinen Vetter über die Natur des Eindrucks, den ich auf ſeine Braut hervorgebracht, irre geführt? Kann man mir einen ſolchen Vorwurf machen? Was war meine Abſicht? Die Ruhe von Maurice reſpec⸗ tiren, indem ich ihm die Bevorzugung, deren Gegen⸗ ſtand ich war, verberge, eine ebenſo ſchmeichelhafte, als flüchtige Bevorzugung, das weiß ich nur zu gut, dennoch aber war Maurice mehr verletzt, als er es ſcheinen will. . . oder vielmehr, als er es zu ſein glaubt. Ach! es wird bei dieſer, ich wiederhole es, ephemeren, unbedeutenden Bevorzugung ſein, was oft bei einer leichten Schramme der Fall iſt: allerdings, von Anfang an iſt nichts unbedeutender unter der Be⸗ dingung, daß man es vergißt, daß man es nicht anrührt. Legt man aber jeden Tag, zu jeder Stunde die Hand an dieſe Schramme, reizt man ſie, vergiftet man ſie durch ein unabläßiges Jucken/ ſo wächſt ſie, ſie höhlt ſich aus, ſie erſchwert ſich, entzündet ſich, wird eine wahre, ſchmerzliche, geſchworene, häßliche Wunde, und das Eiſen oder das Feuer allein können die tödtlichen Fortſchritte des Brandes hemmen.“ Bei dieſen herb energiſchen, entſetzlich reellen Worten ſchauerten die Brautleute, und ſie hatten nicht die Kraft, San Privato zu unterbrechen. Er fuhr fort: „Ach! ſo muß allmälig und auf eine vielleicht unheilbare Art das Herz meines Vetters Maurice ſchwären bei der unabläßigen, ätzenden Erinnerung an die unbedeutende Bevorzugung, die mir ſeine Braut gewährt hat, dieſe liebe, kleine Bevorzugung eines Tags, einer Stunde. Weit entfernt, ſie zu ver⸗ ——— 93 geſſen, wird ſich Maurice derſelben beſtändig erinnern, das iſt verhängnißvoll. Ja, unwillkürlich, ſelbſt wenn er der glückliche Gatte einer anbetungswürdigen Braut ſein wird, gerade, weil er ihr zu glücklicher Gatte ſein wird, wird er ſich ſagen: „Jeane liebte mich zärtlich; ſie hatte Albert nie geſehen; einen Augenblick jedoch hat ſie ihn mir vorgezogen. Dieſe erläßliche Untreue hat mir Jeane geſtanden, doch wer beweiſt mir, daß das Andenken an Albert je in ihrer Seele erloſchen iſt? Wer vermöchte je zu behaupten, er ſei im Stande, einen hellſehenden Blick in dieſen unepforſchlichen Abgrund zu werfen, — in das Herz eines Weibes! ein Abgrund, den ſie oft ſelbſt nicht zu ſondiren wagen, aus Furcht, erſchrocken zurückzu⸗ weichen! . .. „Elender!“ rief Maurice, endlich die Unterjochung beherrſchend, welche auf ihn das Wort von San Pri⸗ vato übte, ein ſcharfes, brennendes Wort, unter dem ſich die am ſchmerzlichſten empfindlichen Fibern des Herzens von unſerem unſchuldigen Jüngling gekrümmt hatten. — „Elender!“ wiederholte er mit keuchender Stimme, „Du lügſt! Ich verachte Dich zu ſehr, um Dich mit meiner Eiferſucht zu beehren! Man iſt nur auf Diejenigen eiferſüchtig, welche man fürchtet oder beneidet . . . Du biſt zu feig, um gefürchtet zu wer⸗ den, zu boshaft, um beneidet zu werden. Nein, nein, Jeane täuſcht ſich ſelbſt, wenn ſie glaubt, ſie habe Dich einen Augenblick mir vorgezogen, und . . .“ „Komm, Maurice!“ rief Jeane, „laß uns dieſen Menſchen fliehen, nicht weil er furchtbar iſt, ſondern weil er den Ekel einflößt, den der Anblick eines Ge⸗ würmes hervorruft.“ Und ſich mit einem peinlichen Tone an Charles Delmare wendend: „Ah! zum erſten Male hat uns Ihre ſonſt immer weiſe und erleuchtete Freundſchaft einen unglücklichen Rath gegeben; dieſes gräuliche Geſpräch hat nur zu lange gedauert.“ „Nein!“ rief Charles Delmare, zitternd, ſein Ge⸗ heimniß durch San Privato geoffenbart zu ſehen. Und plötzlich einer geheimen Eingebung gehorchend, ſprach er mit einem Ausdrucke liebreicher Autorität, von der Jeane tief betroffen war: „Nein, meine Kin⸗ der, nein, das hat nicht lange genug gedauert . . . Ich beſchwöre Sie, Ihren Vetter bis zum Ende zu hören . . . Es muß ſein, es muß ſein; das iſt für Sie eine Pflicht, und ihre Erfüllung, ſo peinlich ſie ſein mag, glauben Sie mir, wird fruchtbar für Sie ſein.“ „Der Ton von dieſem Delmare iſt nicht mehr verlegen, wie er es vorhin war. Er ſpricht aufrich⸗ tig, wenn er Jeane und Maurice beſchwört, mich bis zum Ende anzubören . . . Was iſt ſein Plan? . . . Er kann nicht den Gedanken haben, mir zu dienen ... Nun, wir werden wohl ſehen . . .“ dachte San Pri⸗ vato, indeß Maurice, gegen Charles Delmare aufge⸗ bracht, mit ungeſtümem, entſchloſſenem Tone zu ihm ſagte: „Mein Herr, Sie werden es gut finden, wenn ich diesmal anderer Meinung bin, als Ste. . . Cs hat uns ſchon zu viel Ueberwindung gekoſtet, Ihren Rath zu befolgen . . . Vorwärts, Jeane,“ fügte der junge Mann mit Bangigkeit bei, „und muß es ſein, ſo werden wir über Hals und Kopf dieſen Dämon fliehen, der uns beharrlich martert. .. Komm!“ „Herr Delmare,“ ſagte San Privato mit be⸗ 95 zeichnendem Tone, „halten Sie Ihr Verſprechen, ſpuſt „Maurice, mein Kind, mein liebes Kind!“ rief Charles Delmare, die Hand von Maurice ergreifend, der ſich mit Jeane entfernte, „ſo ſeltſam, ſo grauſam Ihnen meine Dringlichkeit in dieſem Augenblicke ſcheinen muß, ich flehe Sie an, glauben Sie meinen Rathſchlägen. .. Haben Sie es je bereut, ihnen ge⸗ folgt zu ſein? Bin ich nicht Ihr Freund? Habe ich Ihnen ſeit drei Jahren nicht viele Beweiſe von dieſer Freundſchaft gegeben? Können Sie, meine Freunde, mich für fähig halten, Sie irre führen zu wollen? Die Fortſetzung dieſes Geſpräches dünkt Ihnen pein⸗ lich, verhaßt, ich weiß es . . . es muß ſo ſein . . . Doch ſehen Sie, Maurice, gewiſſe Tränke ſind um ſo heilſamer, je größer ihre Bitterkeit iſt . . .“ „Dieſer Roué Delmare bringt mich in Verlegen⸗ heit,“ dachte aufs Neue San Privato; „er iſt entſchie⸗ den nicht zu ſehr meiner Anſicht. . . Ich frage noch einmal, was hofft er? Ich kann ihn nicht errathen. Gleichviel, vollenden wir das Geſpräch . . . Säen wir, um zu ernten. . . Jeane! Jeane! wie ſchön biſt Du! welche Blicke wirfſt Du mir zu! ach! es iſt mit ihnen, wie mit Deinen blauen Augen! es iſt von Allem in dieſen Blicken! Sollten wir morgen getrennt werden, würdeſt Du hundert Jahre leben . . . Jeane, ich fordere Dich nun heraus, mich zu vergeſſen!“ XXXV. So lange in Liebe Charles Delmare zugethan, deſſen treffliches Urtheil er ſchon ſo oft hatte ſchätzen können, bedachte Maurice, daß bei dem gegenwärtigen Umſtande, einem in ſo vielen Beziehungen ſo ernſten Umſtande, ſein lieber Meiſter ſich nicht in den Rath⸗ ſchlägen irren konnte, die er ihm gab. Seine flüch⸗ tige Aufreizung beſchwichtigte ſich auch bald, und ebenſowohl aus Ueberzeugung, als aus gewohnter Ehrerbietung fügten ſich Maurice, wie Jeane, darein, bis auf die Hefe den Becher der Bangigkeiten zu leeren, — ein vielleicht heilſamer Trank, von dem aber die zwei Brautleute bis jetzt nur die herbe Bit⸗ terkeit empfanden. „Mit zwei Worten ſchließe ich,“ ſagte San Pri⸗ vato. „Eine letzte Anklage, die gewichtigſte von allen . . laſtet auf mir . . . Was iſt mein Ver⸗ brechen? . . Ich hielt mich für verloren, und am Rande des Grabes, ich bekenne es, Jeane (verzeihen Sie die Keckheit . . . nein, die Aufrichtigkeit eines unwiderſtehlichen Gefühles, das weder meine Vernunft, noch meine Achtung für Sie, noch Ihre Verachtung gegen mich zu beſiegen vermöchten) .. ich wagte es, Ihnen zu ſagen: Ich liebe Dich!“ Dieſe Worte mit ſanfter, vibrirender, leiden⸗ ſchaftlicher Stimme ausſprechend, verwandelte ſich San Privato; ſeine bis dahin eiſige, höhniſche, oder hoffärtige Phyſiognomie wurde wieder bezaubernd und drückte die zärtlichſte, lebhafteſte Gemüthsbewegung aus. „Aber ach!“ fügte er bei, und eine rührende Thräne verdoppelte den Reiz ſeines Blickes, „als das Geſtändniß dieſer Liebe, die mit meinem Leben endi⸗ gen ſollte, das ich nur noch nach Sekunden zählte .. eine Liebe, welche nun ſo lange als mein Leben dauern wird, ſo lange es ſein mag! als dieſes Be⸗ — ,——— kenntniß unwillkürlich von meinem Herzen auf meine Lippen ſtieg, hielt ich mich für gerettet, ſagen Sie, Jeane? . Nicht wahr, ich ſpielte damals eine feige, ſchändliche Komödie? Was wiſſen übrigens Sie da⸗ von, Sie, die Sie ſo redlich, was wiſſen Sie davon, Sie, die Sie ſo edelmüthig, Jeane? Mein Gott! mich einer ſolchen Schändlichkeit bezüchtigen! Doch der Beweis! der Beweis? wie haben Sie zu jener Stunde, verwirrt, beſtürzt, den Grund meines Geiſtes erforſcht, da Ihre Kräfte zu Verräthern an Ihrem Muthe wurden, der mich bis dahin allein über dem Abgrunde gehalten hatte, zu dieſer Stunde, wo ich fühlte, Ihre ſchwache Stütze ſollte mir entgehen .. ah! damals, ja . . . in jenem äußerſten Augenblicke . .. ich leugne das nicht. . . und es iſt gräßlich zu ſagen .. ja, als ich mich verloren ſah. . . verloren ohne Ret⸗ tung . .. wollte ich Sie mit mir fortreißen . . . ich wollte mit Ihnen ſterben! . . Dieſer Ihrem Munde geraubte Kuß hatte mich berauſcht. .. was ich em⸗ pfand, Jeane, keine menſchliche Sprache wird es je ausdrücken können . die Exaltation der Liebe . die Eiferſucht .. der Haß machten mich wahnſinnig ... ich hatte den Himmel erſchaut . . . einen Moment hatten Sie mich vorgezogen! . . ich hatte Ihnen ge⸗ ſagt: „Ich liebe Dich.“ Was blieb mir noch zu thun? mit Ihnen zu ſterben! geliebter Tod! unaus⸗ ſprechlicher Tod! Beide in den Raum fortgeriſſen! Ah! ich hätte es um den Preis eines langen Lebens bezahlt! dieſes Glück, Sie an mein Herz geſchloſſen zu halten. während der ungreifbaren Dauer un⸗ ſeres blitzgeſchwinden Sturzes . .. ſodann hauchten ſich aus unſeren zerſchellten Leibern unſere Seelen Sue, die Familienſöhne. I. 6 98 mit einander aus, und mit einander ſtiegen ſie, fortan für die Ewigkeit vereinigt, zum Himmel auf!“ Wir verzichten darauf, den hinreißenden Ausdruck der Worte von San Privato wiederzugeben, wir ver⸗ zichten darauf, die Gluth ſeines Blickes, die be⸗ rauſchende Wolluſt ſeines Lächelns zu malen, als er von jener äußerſten Umarmung, Herz an Herz, ſprach! Was ſollen wir ſagen? . . . So groß war die Ver⸗ führung der zaubernden Stimme, der Phyſiognomie dieſes Schurken, daß Charles Delmare, Maurice und Jeane eine Art von Blendung erduldeten, und weder den Willen, noch den Muth hatten, dieſe San Pri⸗ vato unterbrechend abzuſchütteln. Charles Delmare beherrſchte zuerſt den unſeli⸗ gen Druck. Da er ſeine Tochter mit den Augen nicht verlaſſen, ſo hatte er ſie zuerſt geringſchätzend, ſodann aufgebracht über die Frechheit der wiederholten Ge⸗ ſtändniſſe von San Privato, erbleichen, zittern, er⸗ röthen, und, den Buſen wogend, den Blick getrübt, allmälig, und gefährlicher als je, dem verderblichen Zauber dieſes Menſchen unterliegen ſehen. Ohne zu bedenken, welche grauſame Folgen für ihn ſein Ent⸗ ſchluß haben konnte, war auch Charles Delmare im Begriffe, mit aller Anſtrengung den abſcheulichen Einfluß von San Privato zu bekämpfen, als er in der Ferne einen Courier in rother Livree mit golde⸗ nen Galonen raſch im Galopp durch die Prairien der Sennhütte herbeikommen ſah, und in einiger Entfer⸗ nung von dieſem Reiter Madame San Privato mit heftigen Schritten Herrn und Madame Dumirail vorangehend. Die Ankunft dieſes Couriers brach den Zauber, 99 der, unter dem Eindrucke ſo vieler, verſchiedenartiger Gemüthobewegungen, Jeane und Maurice unbeweg⸗ lich hielt. Wüthend über die freche Beharrlichkeit von San Privato und bedenkend, daß nicht ein Wort von Jeane dieſe unverſchämte Liebe zurückgewieſen hatte, zweifelte Maurice zum erſten Male an der Zuneigung ſeiner Braut. Außer ſich vor Kummer oder Wuth, den Geiſt getrübt durch das Aufbrauſen des Blutes, das heftig gegen ſein Gehirn ſtrömte, unfähig, ver⸗ nünftig zu urtheilen, nicht wiſſend, was er beſchließen ſollte, vernichtet, faſt blödſinnig durch für ihn ſo neue moraliſche Leiden, ſtieß der Unglückliche einen herz⸗ zerreißenden Schrei aus, ſchwankte wie ein Trunkener und warf ſich, beinahe wieder Kind werdend, auf den Raſen, — ein in ſeinem Ausdrucke knabenhafter, aber in ſeinen Gefühlen grauſamer Schmerzensanfall; die Fäuſte geballt, das Geſicht gegen die Erde, gab dann Maurice dumpfe Seufzer von ſich. Nicht minder zu Boden geſchmettert, als ihr Bräutigam, gehorchte Jeane aufs Neue dem geheim⸗ nißvollen Rufe der Natur, der ſie unbeſiegbar zu Charles Delmare hinzog, warf ſich in ſeine Arme, zerfloß in Thränen und ſtammelte: „Stehen Sie mir bei, ſtehen Sie mir bei . . ich fühle mich verloren, und dennoch haſſe ich ihn, dieſen hölliſchen Menſchen, und ich liebe Maurice . . .“ Während Charles Delmare ſeine Tochter, um ſie ohne Zeugen tröſten, ſtärken zu können, bei⸗ nahe ohnmächtig auf einige Schritte von San Pri⸗ vato fortzog, empfing dieſer, wieder völlig ruhig ge⸗ worden, den Courier, der vom Pferde geſtiegen war 100 und ihm eine Depeche übergab, die er mit Erſtaunen und augenſcheinlicher Freude las. Immer laufend, kam Madame San Privato näher und näher; ſie rief mit athemloſer, aber vor Hochmuth triumphirender Stimme: „Albert, mein Albert, Du biſt zum Chargé d'affaires in Paris ernannt; man holt Dich in einem vierſpännigen Wagen mit Courier ab. Wir werden ſogleich abreiſen, mein Albert! Chargé d'affaires .. . Du biſt Chargé d'affaires!“ Bei den Worten von Madame San Privato: Albert, Du biſt zum Chargé d'affaires er⸗ nannt. . . wir werden ſogleich abreiſen, ſammelte ſich Charles Delmare Anfangs, wenn man ſo ſagen darf, geblendet durch das plötzliche Strahlen einer eben ſo unvorhergeſehenen, als glänzenden Hoffnung, einen Augenblick; aldann erhob er, in einem Er— guſſe von unſäglicher Dankbarkeit, ſeine Seele zu jenem geheimnißvollen Willen, der die menſchlichen Geſchicke zu regieren ſcheint, und, die Augen in Thrä⸗ nen gebadet, Jeane leidenſchaftlich an ſeine Bruſt preſſend, dämpfte er die Stimme, aus Furcht, von San Privato gehört zu werden, und flüſterte leiſe, mit einem entzückten aber bewältigten Ausdrucke, in welchem noch das Echo ſeiner entſetzlichen Bangig⸗ keiten vibrirte, ſeiner Tochter ins Ohr: „Er reiſt ab; wir ſind gerettet . . . Alle gerettet!“ „Was ſagen Sie? er reiſt ab?“ ſtammelte Jeane; „Oh! ja, gerettet, befreit, Alle gerettet. O Maurice! mein Maurice! ich. Doch dieſer heftige Contraſt zwiſchen der Wieder⸗ 101 geburt eines Glückes, das ſie für verloren hielt, und ihrer kurz vorhergehenden Verzweiflung, bricht die Federn der Seele des Mädchens, ihre Stimme er⸗ liſcht auf ihren Lippen, ihr Vater ſieht ſie erbleichen und in ſeine Arme ſinken, ſie verliert das Be⸗ wußtſein. „Maurice!“ rief Charles Delmare, ſeine Tochter in ſeinen Armen haltend: „Jeane wird ohnmächtig, kommen Sie mir zu Hülfe, tragen wir ſie nach der Sennhütte.“ Trotz der Verwirrung ſeines Geiſtes, hatte Mau⸗ rice die Worte von Madame San Privato gehört: „Albert, Du biſt zum Chargé d'affaires er⸗ nannt, wir werden ſogleich abreiſen . . .“ Und Maurice, wie Charles Delmare, wie Jeane, hatte in der Abreiſe von San Privato ein Unterpfand ſicheren Heiles geſehen; und, ungeſtüm ſeine trockenen, von Thränen rothen Augen aufſchlagend, läuft er auf Charles Delmare zu und ſpricht mit düſterer Miene: „Endlich reiſt er ab! Ah! dieſer Dämon kehre zu der Hölle zurück, die ihn ausgeſpieen hat; möchten wir unſer verlorenes Glück wiederfinden!“ 8 „Nein, nein, dieſes Glück iſt nicht verloren, ar⸗ mes Kind, eine unſelige Luftſpiegelung hat es einen Moment vor Ihren Augen, vor denen von Jeane verſchleiert, verdunkelt, ſagte leiſe Charles Delmare; „Muth! Muth! Kommt ſie ſogleich wieder zum Be⸗ wußtſein, ſo wird ihr erſter Blick Sie ſuchen, und in dieſem redlichen, zärtlichen Blicke werden Sie, glau⸗ ben Sie mir, die aufrichtigſte Liebe leſen. Muth, mein Kind! bringen wir Jeane nach der Sennhütte.. Ihr Vater und Ihre Mutter kommen herbei, betrü⸗ 102 ben Sie Ihre Eltern nicht durch die Erzähl ung Ihrer Bangigkeiten, deren Nichtigkeit Sie bald erkennen werden . . . Wir ſchreiben Ihre Gemüthsbewegung und die Ohnmacht von Jeane den Folgen der Ge⸗ fahr zu, die ſie, nach der Trsſerve⸗Grotte gehend, ge⸗ laufen iſt.“ In der Minute, wo Charles Delmare und Mau⸗ rice die ohnmächtige Jeane tragend, ſich von San Privato entfernten, der, ſcheinbar in das Leſen der Depeche verſunken, mit ſchiefem Auge aufmerkſam den verſchiedenen Peripetien der vorhergehenden Scene gefolgt war, ſiel Madame San Privato, ohne ſich nur nach der Urſache der Ohnmacht des Mädchens, das ſie wegtragen ſah, zu erkundigen, athemlos Al⸗ bert um den Hals und wiederholte: „Chargé d'affaires, mein Albert! . . . Wir werden mit einem vierſpännigen Wagen abreiſen . . . Der Courier hat Dich in der Sennhütte aufgeſucht und uns davon unterrichtet, Du ſeiſt zum Chargé d'affaires in Abweſenheiten des plötzlich zurückberufenen Fürſten von Serra Nova ernannt worden, ſo daß Du Dei⸗ nen Souverain am franzöſiſchen Hofe repräſentiren wirſt . . . Du biſt nun gleichſam Geſandter! . . Mein Knauſer von einem Bruder und meine abſcheu⸗ liche Schwägerin ſind im Stande, vor Reid und Aer⸗ ger zu berſten!“ „Sie ſterben! . . Nein, nein, meine Mutter, ſie werden etwas Beſſeres als dies für ihren Haß thun: ſie werden leben!“ erwiederte San Privato mit einem gräßlichen Lächeln. Und nachdem er kalt auf den Erguß mütterlichen Stolzes geantwortet hatte, über⸗ 6 legte er und ſagte zu ſich ſelbſt: „Dieſe plötzliche Ab⸗ 103 reiſe iſt mir in meinen Plänen ſehr entgegen und würde mich in die Gefahr bringen, ſie compromittirt, vielleicht vernichtet zu ſehen, ließe ich nicht dieſen Charles Delmare als meinen Chargé d'af⸗ faires hier.“ XXXVII. Nach ihrer Verabredung verbargen Charles Del⸗ mare und Maurice Herrn und Madame Dumirail, denen ſie bald begegneten, die wahre Urſache der Ohnmacht von Jeane und ſchrieben ſie der Reaction des Schreckens zu, in den ſie die Gefahr verſetzt hatte, welche ſie und Albert, als ſie ſich nach der Tréſerve⸗ Grotte begeben wollten, gelaufen waren. Die Sennhütte war in der Nähe; Jeane wurde dahin gebracht und ſodann auf das Bett der Meier gelegt. Madame Dumirail blieb bei ihr, um ſie zu pflegen, und ſchon durch ſeine Schweſter von ihrer plötzlichen Abreiſe unterrichtet, übernahm es Herr Du⸗ mirail, ſie ſowie ihren Sohn nach dem Morillon zu⸗ rückzuführen; noch zu ſchwach und zu leidend, um von der Sennhütte hinabzugehen, ſollte Jeane die Nacht mit Madame Dumirail hier zubringen. Maurice erklärte, er wolle den Berg nicht ver⸗ laſſen, ohne über die Folgen der Unpäßlichkeit ſeiner Braut beruhigt zu ſein; alsdann, um ſich den Ab⸗ ſchied und beſonders den Anblick von San Privato zu erſparen, trat er in einen Tannenwald ein, von wo aus er den Abgang ſeines Vetters und ſeiner 104 Tante beſpähte; dieſe erkundigten ſich nach Jeane und nahmen Abſchied von Madame Dumirail. Bald ſtiegen die San Privato mit Herrn Dumi⸗ rail in den Wagen; der Courier, der ihnen im Ga⸗ lopp voranritt, wurde beauftragt, dem Kammerdiener „ von Albert den Befehl zu geben, Alles für ſeine un⸗ mittelbare Abreiſe bereit zu halten. Die Dringlichkeit ſeiner Anweſenheit bei Jeane und Maurice fühlend, beeilte ſich Herr Charles Del⸗ mare, nachdem er Herrn Dumirail bis zum Wagen begleitet hatte, zur Sennhütte zurückzukehren, als San Privato voll Höflichkeit zu ihm ſagte: „Werden wir nicht das Vergnügen haben, mit Herrn Dumirail nach dem Morillon hinabzufahren?“ „In der That, mein Freund,“ fügte Herr Dumi⸗ rail ſich an den Vater von Jeane wendend bei, „die Sonne iſt bald untergangen . . . der Mond geht ſehr ſpät auf, und warten Sie hier das Ende des Tages ab, ſo ſind Sie genöthigt, mitten in der Nacht nach dem Morillon hinabzuwandern, denn es gibt kein Bett für Sie in der Sennhütte.“ „Sie ſehen, Herr Delmare,“ ſagte San Privato lächelnd, „Sie müſſen ſich in die Nothwendigkeit fü⸗ gen. . . . Wir werden alſo, wie ich hoffe, die An⸗ nehmlichkeit haben, den Weg mit Ihnen zu machen, und ich geſtehe Ihnen, es wäre mir zu ſchmerzlich ge⸗ weſen, auf die Ehre Ihrer Geſellſchaft zu verzichten.“ Charles Delmare begriff die unter der Artigkeit von San Privato verborgene Drohung und ſtieg zu ihm in den Wagen, ſo Herrn Dumirail und ſeiner Schweſter den Rücken zuwendend, da er auf der an⸗ dern Seite des Wagens ſaß, der, im abgemeſſenen 105 Schritte der Ochſen, die gekrümmten Abhänge des Weges zum Morillon hinabzufahren anfing. Madame San Privato war unerſchöpflich in triumphirenden Ausrufungen in Betreff der Ernen— nung ihres Sohnes zu dem hohen Poſten, zu dem er berufen worden. Sie gab hiebei nicht weniger der Eitelteit als dem Verlangen nach, den Neid ihres Bruders aufs Aeußerſte zu ſteigern und ſich an dem zu rächen, was ſie ſeinen ſchmutzigen Geiz nannte; ſie wiederholte auch faſt alle Augenblicke: „Mein Sohn Chargé daffaires! gleichſam Ge⸗ ſandter mit vierundzwanzig Jahren! . . denn er vertritt die Stelle ſeines Geſandten und repräſentirt ſeinen Souverain bei der franzöſiſchen Regierung!.. er wird in unmittelbarem Verkehre mit dem König, mit dem Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten ſtehen! . . So hohe Functionen mit vierundzwanzig Jahren verſehen, geſtehe mein Bruder, das iſt herr⸗ lich?“ „Herrlich . . .“ wiederholte trocken Herr Dumirail traurig, träumeriſch, und einen Seußzer erſtickend; „herrlich!“ „Nun iſt mein Sohn lancirt .. er wird es weit bringen ſo weit, als ein Menſch gehen kann! „ „Deſto beſſer für ihn!“ „Gewiß, deſto beſſer für ihn, lieber Bruder, denn dieſes ſo raſche Avancement weiſſagt ihm die höchſten Geſchicke!“ „Wohl bekomme es ihm!“ „Nun iſt er gleichſam Geſandter, und was Du vielleicht nicht weißt, mein Bruder, iſt der Umſtand, 106 daß mein Sohn vermöge ſeiner Eigenſchaft als Chargé d'affaires das Recht auf den Titel Excellenz hat.“ „Wahrhaftig?“ „Das ſcheint Dich in Erſtaunen zu ſetzen, mein Bruder, ich möchte beinahe ſagen, zu verdrießen?“ „Der meinem Sohne bewilligte Titel Excellenz.“ „Keines Weges! Ich gönne ihm die Excellenz.“ „Mein Bruder . .“ „Nun!“ „Du biſt entſchieden ſorgenvoll, ärgerlich, traurig.“ „Das iſt ganz einfach.. Ich zählte darauf, Dich und Deinen Sohn einige Zei hier zu behalten, und Ihr reiſt nun am anderen Tage nach Eurer Ankunft Feh ab.“ „Mein lieber Bruder, wie rührt mich Dein Kum⸗ mer, uns ſo bald wieder abreiſen zu ſehen; doch Du wirſt uns entſchuldigen; mein Sohn, der ſeinen Sou⸗ verain am franzöſiſchen Hofe repräſentirt, kann ſeinen Aufenthalt hier nicht verlängern.“ „Augenſcheinlich.“ „Er wird ſogleich bei ſeiner Ankunft mit den Miniſtern, mit dem König zu conferiren haben . . Du hörſt wohl? mit dem König.“ „Ich bin nicht taub!“ „Höre, mein Bruder, ich muß Dir etwas ſagen, was ich auf dem Herzen habe.“ „Sprich.“ „Du wirſt es nicht übel nehmen?“ „Nein.“ „Du antworteſt mir beinahe immer einſylbig und 107 mit einem ſo ungeſtümen Tone, daß man glauben ſollte, Du ſeiſt aufgebracht.“ „Worüber aufgebracht?“ „Darüber, daß meinem Sohne ein ſo glänzendes Avancement zu Theil geworden iſt.“ „In welcher Hinſicht kann mich das ärgern?“ „Das frage ich mich auch.“ „Iſt Deinem Sohne dieſes Avancement zu Theil geworden, ſo verdient er es, denke ich.“ „Sicherlich; doch ich geſtehe, mein Bruder ich erwartete ein paar Worte des Glückwunſches von Dir.“ „Du ſcheinſt mir ſo vollkommen zufrieden,“ ant⸗ wortete Herr Dumirail mit einer kaum verhaltenen Bitterkeit, „und Du wünſchſt Dir ſo gefällig ſelbſt Glück, daß es mir überflüſſig ſchien, Chorus mit Dir zu machen.“ „Wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt es etwas Ande⸗ res; doch ich dachte . . . mein lieber Bruder . .. Du fühleſt . . . mein Gott! . . . wie ſoll ich mich ausdrücken?.. denn ich wäre in Verzweiflung, würde ich Dich verletzen . . .“ „Ich bezweifle es nicht.“ „Ich dachte, Du ſeiſt vielleicht. . . unwillkürlich eiferſüchtig auf meinen Sohn . . “ „NRicht perſönlich eiferſüchtig, wohlverſtanden, doch eiferſüchtig für Deinen guten Sohn.“ „Das iſt einfältig.“ „Verzeih, mein Bruder, ich erinnerte mich. . . „Vollende . „Du behaupteteſt vorhin, der arme dicke Maurice, hätte er, was doch nicht wohl möglich, die diploma⸗ tiſche Laufbahn ergriffen, er würde ſich darauf eben ſo glänzend als mein Sohn ausgezeichnet haben.“ „Ich behaupte das, was ich geſagt habe.“ „Das ſteht Dirfrei, mein Bruder; Du wirſt aber nicht machen, daß Dein Sohn je mit vierundzwanzig Jahren Chargés d'affaires iſt. Er wird ohne Zweiſel in dieſem Alter viele ſchätzenswerthe Ochſen, viele er⸗ götzliche Schweine gemäſtet und beſonders die intereſ⸗ ſante Verfertigung einer Unzahl von köſtlichen Käſen beaufſichtigt haben, aber . . .“ „Meine Schweſter,“ ſprach ungeſtüm Herr Du⸗ mirail, „wer es erlebt, wird ſehen!“ „Was wird man ſehen, mein Bruder?“ „Man wird ſehen . . . was man ſehen wird.“ „Ich frage Dich noch einmal . . . „Man wird vielleicht Dinge ſehen, die man ent— fernt nicht erwartet.“ „Dein Sohn vielleicht Geſandter?“ ſagte Madame San Privato, und ſie brach in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus. Nachdem dieſe höhniſche Heiterkeit beſänſtigt war, fügte ſie bei: „Ich wäre troſtlos, wenn ich Dich unwillkürlich verletzt hätte, mein Bruder; doch bei dem drolligen Gedanken „Maurice Geſandter,“ hat mich ein wahnſinniges Lachen erfaßt. Mein Bruder, Du antworteſt mir nicht.“ „Ich denke nach.“ „Worüber?“ „Ueber das glänzende Schickſal Seiner Excellenz Deines Herrn Sohnes . . . Du wirſt mir hoffentlich mein Stillſchweigen in Rückſicht auf das Motiv ver⸗ geben, welches daſſelbe verurſacht,“ erwiederte ironiſch Herr Dumirail, der ohne Zweifel einem ihm mißfäl⸗ 109 ligen Geſpräche ein Ende machen wollte, auf das Charles Delmare und San Privato, mit dem Rücken gegen den Rücken von Herrn Dumirail und ſeiner Schweſter ſitzend, mit geſpannten Ohren gehorcht hat⸗ ten, da Jeder von ihnen, aus ſeinem beſonbern Ge⸗ ſichtspunkte, ein großes Gewicht auf dieſe Converſa⸗ tion legte. Das Stillſchweigen von Herrn Dumirail wahr⸗ nehmend, ſagte der junge Diplvmat nach einigen Augenblicken zu Charles Delmare, indem er beſtändig eine außerordentliche Freundlichkeit heuchelte: „Ich fühle meine Beine ein wenig erſtarrt und wünſchte zu gehen; damit ſage ich Ihnen, mein Herr, wie ſehr ich mich glücklich ſchätzen würde, ſollte es Ihnen zufällig anſtehen, auch einen Theil des Weges zu Fuße zu machen.“ Die Seitenwagen ſind ſo nahe bei der Erde, daß ihr Kaſten faſt den Boden ſtreift; dem von San Pri⸗ vato ausgedrückten Wunſche gehorchend, ſtieg auch Charles Delmare wie dieſer aus dem Wagen, ohne daß ihre Abweſenheit von Herrn Dumirail, der ganz in ſeine Gedanken verſunken war, bemerkt wurde. XXXVII. Ein paar Schritte dem Wagen vorangehend, wo Herr Dumirail und ſeine Schweſter ſitzen blieben, hatten San Privato und Charles Delmare folgende Unterredung: „Mein lieber Herr Delmare,“ ſagte der junge Diplomat mit einer höhniſchen Affectativn von Herz⸗ lichkeit, „ich will mit wenigen Worten, denn ich kenne Ihren außerordentlichen, durchdringenden Verſtand, ich will Ihnen mit wenigen Worten meine Inſtructionen geben . ſicher Ihres Eifers und Ihrer Pünktlich⸗ keit in Erfüllung derſelben während meiner Abwe⸗ ſenheit.“ „Was für Inſtructionen?“ „Diejenigen, welche Sie nach meinem Abgange zu vollführen haben werden.“ „Da wir endlich allein,“ erwiederte Charles Del⸗ mare an Kaltblütigkeit mit San Privato wetteifernd, „ſo ergreife ich die Gelegenheit, Ihnen zu ſagen, daß Sie ein Schändlicher ſind.“ „Sie finden?“ „Ja, das finde ich . . . und dieſem füge ich bei überlegen Sie wohl meine Worte: Sie beſitzen mein Geheimniß . . . die Herrſchaft, die es Ihnen bis jetzt über mich gegeben hat, beweiſt Ihnen, daß ich auf der Welt nur für meine Tochter und durch meine Tochter lebe.“ „Ich weiß das . . . auch gedenke ich, lieber Herr Delmare, von Ihrer zärtlichen Vaterſchaft Gebrauch zu machen, und ſie ſogar grauſam zu mißbrauchen. Dieſe Zärtlichkeit iſt die Achſe, um die ſich alle meine Pläne drehen.“ „Sie könnten ſich in Ihren Berechnungen täu⸗ ſchen.“ „Ich bitte, wie dies?“ „Hören Sie. Da ich nur für meine Tochter lebe, ſo folgt hieraus, daß, wenn ich ſie verlöre . . für mich heißt ſie verlieren von ihr getrennt werden . es folgt daraus, ſage ich .. daß, wenn ich ſie verlöre, 111 mein Leben, da es keinen Zweck mehr hätte, mir un⸗ erträglich würde doch ich verließe es nicht, ohne mir die große Genugthuung zu geben . . . Sie wie einen Hund zu tödten . . . Wonach . . .“ „Sie ſich muthig erſchießen würden?“ „Wahrſcheinlich.“ „Herr Charles Delmare, Sie ſind ein Mann von Geiſt, von Herz und von Entſchloſſenheit . . . ich laſſe Ihnen dieſe Gerechtigkeit wiederfahren. . . . Wahr⸗ haftig, hätte ich einen meiner würdigen Todfeind zu wählen gehabt, ich würde Sie unter tauſend bezeich⸗ net haben. Nachdem das abgemacht iſt, und ohne mich bei Ihrer Drohung, mich wie einen Hund zu tödten, aufzuhalten, erkläre ich Ihnen ſchleunigſt, daß es wenigſtens, was die Gegenwart betrifft, von Ihnen abhängt, nicht von Jeane getrennt zu werden, voll⸗ führen Sie getreulich meine Inſtructionen. Für Sie kann nichts leichter ſein. Vernehmen Sie dieſelben. Mein Oheim und meine Tante hegen ein unbegränz⸗ tes Vertrauen zu Ihnen, dieſes Vertrauen theilen Jeane und Mauriee. Es muß nun, hören Sie wohl? es muß nun erſtens, denn ich verlange es, die Heirath von Maurice und Jeane aufs Unbeſtimmte hinaus⸗ geſchoben werden.“ „Und dann?“ „Es muß zweitens, ehe ein Monat vergeht, Mau⸗ rice in Begleitung ſeines Vaters oder ſeiner Mutter nach Paris kommen, und wäre es nur, um acht Tage dort zu verweilen. Ich füge bei: es werden aller Wahrſcheinlichkeit nach die Umſtände Ihre Aufgabe dergeſtalt erleichtern, daß es, wenn Sie dieſelbe nicht 112 erfüllen, offenbar von Ihrer Seite mehr als ſchlechter Wille wäre.“ „Iſt das Alles?“ „Ja, lieber Herr Delmare, das iſt für den Au⸗ genblick Alles, was ich von Ihnen verlange.“ „Das iſt beſcheiden!“ „Nicht wahr?“ „Es iſt beſcheiden, doch es iſt ſehr albern.“ „Ah bah! lieber Herr Delmare!“ „Ja, es iſt vollkommen albern, ſich nicht nur der Unannehmlichkeit, nicht zu erlangen, was man fordert, ſondern ſogar der auszuſetzen, gerade das Gegentheil von dem, was man befiehlt, kommen zu ſehen.“ „Den Schlüſſel der Charade, wenn es Ihnen be⸗ liebt, Herr Delmare? Sie machen mich äußerſt neu⸗ gierig.“ „Maurice wird Jeane vor dem Ende des Monats geheirathet haben, und weder er noch ſie werden ihre theure Einſamkeit auf dem Jura verlaſſen.“ „Teufel! auf dieſe Art gedenken Sie meine In⸗ ſtructionen zu vollziehen ? Pfui! der Undankbare! Und ich hatte Sie in petto zu meinem Chargé d'affaires im Morillon ernannt! Sie weigern ſich alſo, mir zu gehorchen?“ Der Vater von Jeane zuckte verächtlich die Achſeln. „Mein Lieber, Sie ſind in dieſem Momente wahr⸗ haft ſtoiſch und ſogar heroiſch,“ ſagte San Privato, doch ich werde großmüthig ſein: ich werde Ihnen Muße geben, den Heroismus abkühlen zu laſſen, der in dieſem Augenblicke Ihre Beurtheilungskraft trübt. Ich erkläre Ihnen alſo, daß, wenn Maurice Jeane heirathet und nicht vor dem Ende des Monats, — ohne weiteren Aufſchub, — nach Paris kommt, mein Oheim Dumirail und meine Couſine Jeane von mir einen ſehr ausführlichen Brief erhalten, in welchem ich ihnen enthüllen und beweiſen werde, daß Sie der Mörder von Herrn Ernſt Dumirail ſind.“ „Ich war auf dieſe Drohung gefaßt.“ „Sie brauchten kein großer Herenmeiſter zu ſein, um ſie zu vermuthen, mein lieber Herr Delmare, ebenſowenig als um die Folgen dieſer Drohung vor⸗ herzuſehen. In Ihnen den Mörder eines Bruders erkennend, den er anbetete und deſſen Andenken ihm ſo theuer geblieben iſt, wird Sie mein Oheim ebenſo ſehr haſſen, als er Sie liebte; mit ſeinem Haſſe wird ſich die ſchmählichſte Verachtung verbinden, denn er wird Ihnen mit vollem Rechte die abſcheuliche Heu⸗ chelei Ihres Benehmens vorwerfen. Niederträchtig! ſich in eine Familie einſchleichen, in die man die Schande und den Tod gebracht hat. Ihre Verbindung mit den Dumirail wird auf immer gebrochen ſein; und auf immer werden Sie auch von Ihrer Tochter ge⸗ trennt ſein; denn bemerken Sie wohl, Jeane wird, Sie für den Mörder ihres Vaters haltend, den Ab⸗ ſcheu theilen, den Sie Herrn Dumirail einflößen wer⸗ den; ich weiß, es wird Ihnen das Mittel bleiben, Jeane zu enttäuſchen: doch in dieſem Falle müſſen Sie ſie von der Schande ihrer Mutter, Ihrer Mitſchuldi⸗ gen, unterrichten. Vor einer ſolchen Offenbarung wer⸗ den Sie aber zurückweichen. Sie ſehen, Ihre Tochter wäre auf jede Weiſe für Sie verloren. Hiegegen werden Sie mir einwenden, eintretenden Falles tödten Sie mich wie einen Hund? Das iſt für mich eine De⸗ tailfrage, um die ich mich für jetzt nicht Sue, die Familienſöhne. II. 114 „Ich hoffe, es kommt der Augenblick, wo Ihnen dieſe Detailfrage als Hauptfrage erſcheinen wird.“ „Das Wort iſt ſchön, lieber Herr Delmare . . . äußerſt ſchön.“ „Das Wort iſt wahr, nichts Anderes. Doch um mit Ihren Drohungen zu ſchließen: Sie werden ohne Zweifel Ihr Werk damit vollenden, daß Sie Herrn Dumirail auch offenbaren, ich ſei der Vater von Jeane?“ „Ah! Herr Delmare, für wen halten Sie mich?“ „Wie! . . Bedenklichkeiten ? . .. „Ich? Bedenklichkeiten? .. Immer beſſer. . . . Mein Lieber, Sie haben offenbar eine traurige Mei⸗ nung von Ihrem Diener.“ „Warum ſollten Sie nicht offenbaren, Jeane..“ „Jeane ſei Ihre Tochter und folglich der Familie Dumirail fremd? Ei! mein lieber Herr, dieſe Offen⸗ barung wäre wirklich von meiner Seite ein ungeheurer Fehler.“ „Warum?“ „Sie ſpielen den Unſchuldigen zum Entzücken. .. Sie wiſſen ganz wohl, daß Herr Dumirail, erführe er, Jeane ſei für ihn nur eine Fremde . . . und der Vater dieſer im Ehebruch erzeugten Tochter ſei der Mörder ſeines Bruders, in der erſten Bewegung ſei⸗ nes Schmerzes und ſeines Zornes im Stande wäre, die arme Jeane aus ſeinem Hauſe zu jagen. . . Ihre Arme wären für ſie geöffnet, und ich hätte ſo jede Herrſchaft über Sie verloren . . . weil ich Sie nur durch die Furcht, von Ihrer Tochter getrennt zu wer⸗ den, feſthalte. . . . Mein kleines Raiſonnement ergreift Sie, lieber Herr Delmare?“ — „Ja, Sie ſind ein um ſo gefährlicherer Menſch, je mehr Sie mit einem merkwürdigen Verſtande be⸗ gabt ſind . . . Ihre reizenden Ruchloſigkeiten machen Sie durch die entſetzlichen Folgen, welche ſie nach ſich ziehen können, vielleicht eben ſo ſehr zum Verbrecher als den Elenden, der ſtiehlt und hernach tödtet, um ſeinen Diebſtahl zu verbergen. Dieſen das Bagno oder das Schaffot, Ihnen die öffentliche Achtung, bis ein armer alter Mann, eben ſo müde des Lebens, als der unverſchämten Strafloſigkeit Ihrer Frevelthaten .. . Sie tödtet.“ „Ah! abermals!“ „Ich wiederhole mich, nicht wahr?“ „Ein wenig, mein Lieber!“ „Das iſt der Fehler des Alters; doch laſſen Sie uns vernünftig reden; gerade weil Sie in der mora⸗ liſchen Ordnung der Verruchtheit weit, ich erkenne es ohne Widerſpruch, weit den Vorrang vor den gewöhn⸗ lichen Schuften haben, welche die Kaſſen erbrechen oder im Nothfalle morden, thun Sie, was Teufels! das Böſe nicht einzig und allein um des Böſen willen.. der Ehre wegen . . . wie man zu ſagen pflegt.“ „Nun wohl! mein lieber Herr Delmare, ich bin hiebei, das verſichere ich Ihnen, oft viel uneigennützi⸗ ger, als es ſcheint.“ „Nein! Sie rühmen ſich, Sieſeien nicht der Mann, Ihr koſtbares, feines Gift zu verlieren, nicht mehr nicht minder als eine unbeſonnene, tändelnde Schlange! .. Sie handeln immer auf eine ſchickliche Art: die Thrä⸗ nen, die Sie vergießen machen, müſſen ein befeuch⸗ tender Thau für Ihre Projecte ſein?“ 116 „Ei! ei! dieſer liebe Herr Delmare beſitzt die blumenreiche poetiſche Sprache.“ „Sie ſind zu gut . . . Doch hören Sie, heute, zum Beiſpiel, haben Sie die unſchuldige Seele von zwei reinen, liebenden, edelmüthigen, harmloſen Kin⸗ der vergiftet, zerriſſen, gemartert. . . In welcher Ab⸗ ſicht haben Sie das gethan?“ „Wer weiß? vielleicht ein Verſuch in anima vili?“ „Gehen Sie . . . Sie ſind nicht in dieſem Grade von der Wiſſenſchaft des menſchlichen Herzens einge⸗ nommen: Sie ſind praktiſch und nicht ſpeculativ . . . In welcher Abſicht haben Sie ſich ferner den Anſchein gegeben, als wären Sie in Jeane verliebt? In wel⸗ cher Abſicht endlich wollen Sie den Aufſchub der Hei⸗ rath von Maurice und wünſchen Sie ſeine Anweſen⸗ heit in Paris?“ „Sie errathen das nicht?“ „Nein.“ „Sie ſpielen den Schlauen gegen mich, mein lieber Herr Delmare; in jedem Falle von zwei Din⸗ gen eines: entweder Sie errathen meine Projecte; wozu ſoll es dann nützen, ſie zu ſagen? oder ſie er⸗ rathen ſie nicht, und ich wäre ein Dummkopf, wenn ich Sie davon unterrichten würde.“ „Wie dem ſein mag, es kann Ihnen nicht einfal⸗ len, Jeane zu heirathen; ſie iſt arm, und die Logik will, daß Sie der Thaler wegen eine häßliche Erbin heirathen. Was den Gedanken betrifft, aus Jeane Ihre Maitreſſe zu machen, ſo fühlen Sie wohl, daß Ihnen dies ebenſo unmöglich wäre, als ſie zu heira⸗ ei „Weil?“ 117 „Wahrhaftig, ich wage es nicht . . .“ „Dieſer liebe Delmareiſt von einer Schüchternheit!“ „Nein, doch ſehen Sie, Jeder hat ſeine kleine Ei⸗ telkeit; man hört nicht gern unabläſſig ſich vor⸗ werfen . . . „Was denn?“ Ei! daß man wiederkäue.“ „Ah! ſehr gut.“ „Sie begreifen?“ „Vortrefflich!“ „Es iſt ein Vergnügen, mit Leuten zu plaudern, welche auf ein halbes Wort verſtehen.“ „Alſo, mein Lieber, — ich unterlaſſe es, bis auf Weiteres, Ihnen meine Projecte zu eröffnen, — doch, um in dieſem Augenblicke nicht aus Ihren Hy⸗ potheſen herauszugehen: Falls ich die Fantaſie hätte, Jeane zu heirathen oder . . .“ „So würde ich es auf mich nehmen, Sie radical von dieſer Fantaſie zu heilen.“ „Immer durch das genannte Mittelchen, Herr Delmare?“ „Immer.“ „Das iſt alltäglich“ „Ja, doch es iſt von ſehr ſicherer Wirkung.“ „Herrlich . . . wir verſtehen uns, und um uns kurz zu faſſen, lieber Herr Delmare: es iſt unter uns verabredet, beſchloſſen, Sie werden Ihren ganzen Ein⸗ fluß auf die Familie Dumirail anwenden, um auf unbeſtimmte Zeit die Heirath von Jeane und Maurice hinausſchieben zu machen, und aus irgend einem Mo⸗ tive, deſſen Wahl ich Ihrer fruchtbaren Einbildungs⸗ kraft überlaſſe, wird Maurice vor dem Ende dieſes 118 Monats nach Paris kommen, ſonſt erfahren Jeane und mein Oheim, daß Sie der Mörder von Herrn Erneſt Dumirail ſind. Und hienach, lieber Herr Del⸗ mare, ſteigen wir wieder ein, denn wir werden bald im Morillon angekommen ſein.“ Der Wagen, in welchem San Privato und Char⸗ les Delmare wieder ihren Platz nahmen, ging in der That den letzten Abhang hinab, der zum Wohnge⸗ bäude führte; es war beinahe Nacht geworden, als Herr Dumirail und ſeine Gäſte im Morillon ankamen. Ein mit vier Poſtpferden beſpanntes Reiſecoupé er⸗ wartete im Hofe den jungen Diplomaten, dem der nea— politaniſche Geſandte einen von ſeinen Wagen ſchickte, weil er nicht wußte, welche Transportart San Pri⸗ vato angewandt hatte, um ſich in den Jura zu bege⸗ ben. Das Gepäck war ſchon in den Wagen geladen, mit Ausnahme eines vollſtändigen Anzugs zum Wech⸗ ſeln für San Privato; nachdem dieſer eine Viertelſtunde ſeiner Toilette gewidmet, nahm er Abſchied von ſeinem Oheim, gegen den er ſein Bedauern ausdrückte, daß er ſich genöthigt ſehe, ihn ſo plötzlich zu verlaſſen. Triumphirend vor Stolz und Hochmuth, ſagte Madame San Privato ihrem Bruder Lebewohl; er gab ihr die Hand, um ſie zu begleiten, doch in dem Momente, wo er ſie verlaſſen ſollte, wollte er ihr zu⸗ gleich ſeine Beharrlichkeit in Erfüllung einer in ſeinen Augen heiligen Pflicht bezeugen und ſich ein wenig für die augenſcheinliche Bosheit ſeiner Schweſter rächen, denn ſie freute ſich weniger noch über die Erhebung ihres Sohnes als über den Aerger, den dieſes Avan⸗ cement den Eltern von Maurice verurſachen konnte; ² 119 ſich an Madame San Privato wendend, ſprach auch Herr Dumirail: „Meine Schweſter, vergiß nicht, daß Du, wenn Du erproprirt, völlig zu Grunde gerichtet biſt, was nicht mehr lange anſtehen kann, hier einen brüderli⸗ chen Empfang, die Dir ſchuldigen Rückſichten und eine, wenn nicht glänzende, doch wenigſtens friedliche Exiſtenz findeſt, eine Erxiſtenz ſo glücklich, als Du es wünſchen magſt, wenn endlich, und ich rechne hierauf, mit dem Alter bei Dir die Vernunft gekommen iſt; denn es iſt die höchſte Zeit für Dich, meine arme Ar⸗ mande, an Deine fünfzig wohl gezählte Jahre zu den⸗ ken,“ fügte leiſe Herr Dumirail bei, während er Ma⸗ dame San Privato in den Wagen ſteigen half. Dieſe erwiederte den Kopf an den Wagenſchlag haltend: „Gott befohlen, lieber Bruder . . . nie werde ich Deinen vortrefflichen Empfang, Deine letzten weiſen Worte, ſowie Deine Anerbietungen ſür die Zukunft vergeſſen; mache ich davon Gebrauch, ſo hoffe ich Dei⸗ nen Sohn als das wiederzufinden, was er heute iſt: berſtend vor Geſundheit, ſtark wie ſeine Ochſen. Ah! ich vergaß: willſt Du mir ſchreiben, ſo adreſſire Deine Briefe einfach an die neapolitaniſche Geſandtſchaft in Paris, denn mein Sohn und ich, wir werden wahr⸗ ſcheinlich das Hotel in Abweſenheit des Herrn Geſand⸗ ten bewohnen.“ „Gott befohlen, lieber Oheim,“ fügte San Privato ſich auch an den Wagenſchlag neigend bei; ſodann zu Herrn Delmare, der neben Herrn Dumirail auf der Freitreppe ſtand: „Leben Sie wohl, lieber Herr, haben 120 Sie die Güte, den kleinen Dienſt nicht zu vergeſſen, den ich von Ihrer liebreichen Artigkeit erwarte.“ Charles Delmare verbeugte ſich mit einer ironi⸗ ſchen Höflichkeit. „Mein Neffe,“ ſprach Herr Dumirail mit bewäl⸗ tigtem Tone, „ſiehſt Du Herrn von Morainville im Miniſterium, ſo wirſt Du ihm alles Schöne von mir ſagen, und ich werde ihm nächſtens ſchreiben.“ „Gut, mein Oheim.“ „Adieu, mein Junge, adieu, meine Schweſter,“ fügte Herr Dumirail bei, „glückliche Reiſe.“ In dieſem Momente ſchwang ſich der Courier auf ſeinen Klepper; er ritt, ſeine galonirte Mütze in der Hand, nahe an den Wagenſchlag und fragte San Privato: „Wird ſich Seine Excellenz unter Weges aufhalten?“ „Nein, und Sie werden gute Trinkgelder bezah⸗ len; ich will ſo ſchnell als möglich in Paris ankommen.“ „Man wird Seiner Ercellenz gehorchen,“ erwie⸗ derte der Courier. Sodann ſich an die Poſtillons wendend: „Vorwärts, und gut gefahren . . . hundert Sous Trinkgeld!“ Der Courier ging im Galopp ab; er ließ ſeine Peitſche geräuſchvoll knallen. Die zwei Poſtillons ahmten ihm nach, und Herr Dumirail, der auf der letzten Stufe der Freitreppe des Hauſes neben Herrn Delmare ſtand, folgte mit nachdenkendem, traurigem Blicke dem ſich entfernenden Wagen, während er leiſe mit einer Art von Bitterkeit wiederholte: „Eure Excellenz! Eure Excellenz!“ „Mein Freund,“ ſagte Charles Delmare zu Herrn 121 Dumirail, „entſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen heute Abend nicht Geſellſchaft leiſte . . . ich fühle mich ein wenig leidend es drängt mich, nach Hauſe zurückgekehrt zu ſein.“ „Was haben Sie, mein lieber Herr Delmare? ich hoffe, Sie ſind nicht bedeutend unpäßlich?“ fragte Herr Dumirail mit dem Ausdrucke herzlicher Theilnahme; und dennoch fühlte er ſich vielleicht, zum erſten Male ſeit ihrem vertrauten Verkehre, ver⸗ legen über die Gegenwart ſeines Freundes; dieſer ant⸗ wortete: „Eine außerordentliche Müdigkeit drückt mich nie⸗ der ich bedarf nur der Ruhe .. morgen früh werde ich mich nach Jeane erkundigen.“ „Sie werden ſie wahrſcheinlich hier finden, denn am Morgen werde ich ſie ſo wie meine Frau in der Sennhütte holen laſſen. Gott befohlen alſo, mein lieber Freund, ich wünſche Ihnen eine gute Nacht; morgen werden Sie ohne Zweifel nichts mehr von Ihrer Müdigkeit fühlen.“ „Morgen alſo,“ erwiederte Charles Delmare, end⸗ lich betroffen von dem augenſcheinlich gezwungenen Weſen von Herrn Dumirail, welcher, ſeltſamer Weiſe unter den gegenwärtigen Umſtänden, nicht ein Wort über die plötzliche Abreiſe von Madame San Privato und über den hohen Poſten ſprach, zu welchem Albert ernannt worden war. „Morgen,“ antwortete zerſtreut Herr Dumirail, der auf das Geklingel der Schellen der Poſtpferde horchte, das er noch in der Fern hörte, und er wieder⸗ holte ſeufzend: „Seine Excellenz! Seine Excellenz!“ XXXIX. Seit ein paar Stunden nach Hauſe zurückgekehrt, ſitzt Charles Delmare bleich, entſtellt, den Blick ſtarr, die Augen trocken, glühend, jedoch geröthet von friſchen Thränen, in einem Fauteuil, auf deſſen Lehne die alte Genevidve weinend ihre ehrwürdige Stirne ſtützt. Das düſtere Stillſchweigen, welches in dem ſchwach durch eine Lampe mit Dämpfer beleuchteten Salon herrſcht, wird durch das Geräuſch der Glocke der länd⸗ lichen Uhr in der Küche geſtört. Es ſchlägt Mitter⸗ nacht! „Mitternacht!“ ſagte die Amme ihre Thränen abwiſchend. „Du mußt Dich zu Bette legen, mein Charles, und zu ſchlafen ſuchen; Du bedarfſt ſo ſehr der Ruhe. Gottes Güte! welch ein Tag!“ Alsdann fing Genevidve wieder an zu weinen und fügte bei: „Ah! ja, welch ein entſetzlicher Tag! und Du ſagteſt geſtern noch, ach! ohne zu glauben, Du ſpre⸗ cheſt ſo wahr: „Man muß immer mißtrauen, iſt man zu glücklich, weil dies ſehr oft ein Zeichen iſt, daß man von einem Unglücke bedroht wird.“ Barmherzigkeit, es iſt bald gekommen, dieſes Unglück! Du haſt mir nach Hauſe kehrend Alles geſagt, und ich ſchaudere noch vor Schrecken . . . Dein Geheimniß in der Ge⸗ walt von dieſem . . .“ Ein Schluchzen des Schmerzes und des Zorns ſchneidet Genevidve das Wort ab. 123 Gr er wagt es zu drohen er werde .. Ein neues Schluchzen erſtickt die Stimme der Amme; allmälig folgt auf den Ausdruck dieſes herz⸗ zerreißenden Schmerzes ein ſolcher Parorysmus von Wuth, von Haß, daß die ſonſt ſo gutmüthigen Züge von Genevidve faſt erſchreckend werden. Sie ſammelt ſich, ihre Thränen verſiegen, ihre Augen ſchleudern einen Blitz, ſie richtet ſich auf, läßt langſam ihre kno⸗ chige Hand auf die Schulter von Charles Delmare fallen, der immer noch gebrochen in ſeinem Lehnſtuhle ſitzt, und ſpricht: „Sage doch . . . Alter.“ „Was, Amme?“ fragte erſtaunt über den ſeltſa⸗ men Ausdruck von Genevidve Charles Delmare, in⸗ dem er ſich maſchinenmäßig auf ſeinem Sitze umdrehte um ſie anzuſchauen. „Was haſt Du denn?“ fügte er bei, betroffen vom Unheil verkündenden Charakter der Phyſiognomie der alten Bäuerin, „was haſt Du denn, Genevidve!“ „Weißt Du, mein Alter, daß ich an Martini einundſechzig Jahre alt ſein werde?“ „Nun?“ „Nun! ich habe kaum noch ein paar Jahre zu eben „Möchteſt Du Dich irren, Amme!“ „Soll ich Dir Etwas ſagen?“ „Vollende . . . Du beunruhigſt mich. . . Deine gefaltete Stirne. . . Deine düſtere Miene .. ich habe Dich nie ſo geſehen.“ „Ich habe mich auch nie ſo geſehen . . . weil es mir gewöhnlich, wenn ich nur ein Huhn umbringen 124 ſehe, das Herz bluten macht; und dennoch . . . ſoll ich Dir nun Eines ſagen?“ „Rede.“ „Tag Gottes! in dieſem Augenblicke würde ich mich den Teufel um die Guillotine kümmern, wenn nur dieſer Zierbengel ſie auch erleiden müßte!“ „Genevidve!“ ruft Charles Delmare, erſchrocken über die finſtere Entſchloſſenheit, welche im Geſichte ſeiner Amme ausgeprägt iſt, „Du biſt toll . . .“ „Seht Ihr! . . . Du biſt alſo toll, Du, der Du ihm gedroht haſt, ihn wie einen Hund zu tödten, ſollte er es wagen ... „Jeane iſt meine Tochter.“ „Und Du, biſt Du nicht mein Alter, ſprich doch?“ „Amme,“ erwiederte Charles Delmare eben ſo be⸗ unruhigt als gerührt durch die ungeſtüme Ergebenheit der guten Frau, „liebes armes Geſchöpf . . . komm zu Dir . . . Deine Zuneigung für mich bringt Dich in Verwirrung . . . Du überlegſt Deine Worte nicht.“ „Doch! doch! ich weiß wohl, was ich ſage . . . was ich denke. . . . Und warum ſollte ich Dich nicht rächen, wie Du Deine Jeane rächen willſt?“ „Die Böſen ſind immer feig . . . ich wollte die⸗ ſen Elenden erſchrecken. . . Ah! einmal in meinem Leben, und im Falle legitimer Vertheidigung, habe ich einen Menſchen getödtet, ich habe ihn ſterben ſehen . . ich weiß, welche Gewiſſensbiſſe dieſe Tödtung mir ver⸗ urſacht hat, noch verurſacht! . . Nein, nein, wie groß auch die Verruchtheit von San Privato ſein mag, meine Hand wird ſich nicht mit dem Blute eines wehrloſen Menſchen röthen . . . ich könnte vielleicht, durch dieſen Elenden aufs Aeußerſte getrieben, in einem 125 Augenblicke des Wahnſinns den Mord träumen . .. ihn begehen? nie hätte ich dieſen traurigen Muth!“ „Ah! ahl ah! wie delicat er iſt, mein armer Alter! wie ſpielt er den Blöden!“ ruft Geneviéve mit einem wilden Blicke; „Ihr werdet ſehen, man müßte am Ende Fäuſtlinge nehmen, um dem Laffen den Hals umzudrehen, würde er Dich ſo unglücklich ma⸗ chen wie die Steine! Und das fängt gut an! Hat er Euch genug Böſes gethan? Dir, Deiner Tochter, die⸗ ſem armen Herrn Maurice?“ Und ausbrechend fügt die Amme mit wachſender Wuth bei: „Verruchter Zierbengel! Feiger, Verräther, Spion! Schlangen⸗ zunge! Burſche ſo boshaft wie ein rother Eſel! hat er Euch genug Böſes gethan!“ Und immer mehr außer ſich gerathend, ſowie ſie die Laſter von San Privato aufzählt, ruft die Amme mit wilder Energie die Fäuſte ballend: „Tag Gottes! Dich von Deiner Tochter trennen! Dich, der nur für ſie lebt! Heißt das nicht Dir den Todesſtoß beibringen wollen? Ah! ich kenne Dich wohl, mein Charles, der Kummer würde Dich tödten; und wäreſt Du todt, ſiehſt Du, der Teufel ſoll mich holen, wenn ich den Zierbengel nicht geradezu um⸗ brächte!“ „Genevidve!“ „Laß mich in Ruhe! Du kannſt nicht wiſſen, was eine Mutter iſt. . der man das Junge getödtet hat! Ich ſage Dir, hätte ich den Kopf unter dem Beile, ich würde noch rufen: „„Ja, ich habe wohl daran gethan, einen Verruchten zu tödten! Ja, ich habe wohl daran gethan, meinen armen Alten, der vor Kummer geſtor⸗ ben iſt, zu rächen.““ 126 Dieſer letzte, ſo traurige Gedanke verwandelt in Rührung die vorübergehende Wuth der alten Amme, eines vortrefflichen, harmloſen Geſchöpfes, das, wie ſie ſelbſt ſagte, kein Huhn konnte tödten ſehen; ſie zer⸗ fließt aufs Neue in Thränen, fällt Charles Delmare mit einem mütterlichen Erguſſe um den Hals und murmelt mit einer von Schluchzen gehemmten Stimme: „Nun wohl! ja, ja, Du haſt Recht: man muß den Himmel die Böſen beſtrafen laſſen und ſich nicht darein miſchen . . . Aber, Charles, iſt es denn bei Gott möglich, daß ich mich an den Gedanken gewöhne, Du werdeſt vor mir ſterben? Das könnte mich wahn⸗ ſinnig machen! Sage ein wenig, mein Kind, was ſollte nun ohne Dich aus mir werden? Ich, die ich Dich ſeit drei Jahren nicht einen Tag verlaſſen habe, ich wäre wie ein armer alter Hund, der ſeinen Herrn verloren hat und auf deſſen Grabe hinſtirbt.“ Und die Amme fällt Charles Delmare, welcher weint, zu Füßen und fügt flehend bei: „Ich bitte Dich inſtändig, mein Charles, laß Dich nicht niederſchlagen, verzweifle nicht, faſſe wieder Muth! Du haſt ſo viel Muth und Geiſt, wie ſollteſt Du nicht aus dieſem verdammten Weſpenneſte herauskommen! Laß uns ſuchen, überlegen! Du haſt mir oft geſagt, es erleichtere Dich, es erleuchte Dich ſogar zuweilen, wenn Du laut bei mir denkeſt; ſchon heute Abend, bei Deiner Rückkehr, haſt Du mir Deine Troſtloſigkeit er⸗ zählt . . . ſuchen wir das Mittel, den Mißgeſchicken zu entgehen, die Du fürchteſt. Dieſes Mittel werden wir finden, mein Charles, Du wirſt ſehen, wir wer⸗ den es finden. Ich bin nur eine Bäuerin, ich habe keinen großen Verſtand, doch Du biſt mein Alter, und der Geiſt kommt den Müttern immer, wenn ſie ihr Kind tröſten, retten müſſen! Du biſt für mich, was Deine Tochter für Dich iſt. . . Sei unbeſorgt, uns Beiden wird es glücken! Auf, beherzt! mein Charles, der gute Gott iſt für die guten Leute!“ Charles Delmare neigt ſich gegen Genevidve, welche vor ihm kniet, drückt zwiſchen ſeinen Händen den ehrwürdigen Kopf ſeiner Amme, küßt ſie frommer Weiſe auf die Stirne, ſchlägt die Augen zum Himmel auf und ſpricht: „Gvott ſei Dank! in meiner Noth bleibt mir eine⸗ Mutter!“ Und Genevidve mit einem Ausdrucke unaus⸗ ſprechlicher Erleichterung anſchauend: „Oh! naive, erhabene Ergebenheit! göttlicher, über die Wunden der Seele ausgebreiteter Balſam! Geſeg⸗ net ſeiſt Du, Amme! Du beſchwichtigſt mich, Du ſtärkſt mich wieder, Du hebſt mich aus meiner unfruchtbaren Niedergeſchlagenheit wieder auf, Du gibſt mir den Muth, auf der Stelle der Wirklichkeit ins Geſicht zu ſchauen, ſtatt eine koſtbare Zeit in leeren Hoffnungen zu verlieren! .. Genevidve, Du haſt es geſagt, Deine mütterliche Zärtlichkeit für mich und meine Zärtlichkeit für meine Tochter kommen uns zu Hülfe!. . Ja, wir Beide werden die Rettung meines Kindes finden. .. Setze Dich, gute Mutter, und ſuchen wir, wie ſo viel Uebel zu beſchwören ſind.“ 128 XL. Ruhiger geworden, ſammelt ſich Charles Delmare einen Augenblick; alsdann wendet er ſich an Geneviève und ſpricht: „Faſſen wir die Thatumſtände zuſammen. Fol⸗ gendes waren die letzten Worte von San Privato: „Benützen Sie nicht Ihren Einfluß auf Herrn und Madame Delmare, um den Auſfſchub der Heirath von Jeane herbeizuführen . . . iſt vor dem Ende des Mo⸗ nats Maurice nicht nach Paris gekommen, und wäre es nur um dort acht Tage zuzubringen . . . ſo offen⸗ bare und beweiſe ich Herrn Dumirail, daß Sie der vorgebliche Wagner ſind . . . Sie werden ein Gegen⸗ ſtand des Abſcheus für die Familie Dumirail, und Sie ſind ſo von Ihrer Tochter getrennt . . . die Sie für den Mörder ihres Vaters hält. . . .““ Das iſt die Drohung dieſes Menſchen.“ „Gut!“ erwiedert Genevidve, „doch kann er dieſe Drohung vollführen?“ „Er kann es.“ „Gut! und ſage ich gut in Beziehung auf das, was ſo ſchlimm iſt, ſo begreiſſt 3 mein Charles, daß ich dies obenhin ſage, und. „Gewiß. fahre ſort. „Ah! ſehen wir doch ein i Man theilt Herrn Dumirail mit, Du ſeiſt der vorgebliche Wagner, gut! doch wer verſichert das? der Zierbengel. .. Wenn Du aber die Sache leugneſt?“ „Von zwei Dingen eines: entweder wird Herr 129 Dumirail den Offenbarungen von San Privato vollen Glauben gewähren und, ohne mich nur wiederſehen zu wollen, mir das Motiv ſeines Bruches bezeichnend, ſeine Thüre für mich verſchließen; oder er wird, zögernd, an dieſe Offenbarung zu glauben, ſich herz⸗ lich an meine Redlichkeit, an meine Ehre wenden, um von mir die Wahrheit zu erfahren.“ „Gut! und im erſten Falle?“ „Angenommen, Herr Dumirail willige, überzeugt, ich ſei der Mörder ſeines Bruders, ein, mich wieder⸗ zuſehen, ſo müßte ich auf eine unverſchämte Art die Wahrheit leugnen; ich fühle mich aber unfähig zu einer ſo frechen Lüge.“ „Und im zweiten Falle?“ „Was antworten, wenn Herr Dumirail zu mir ſagte: „„Man bezüchtigt Sie, Sie ſeien der Mörder meines Bruders; ich will dieſer entſetzlichen Offen⸗ barung keinen Glauben ſchenken; geben Sie mir Ihr Wort als ehrlicher Mann, daß das Factum falſch iſt, und ich werde Ihnen glauben.“ Sage Amme, kann ich einen ſolchen Meineid begehen?“ „Das iſt wahr, mein Charles, Du kannſt die Thatſache nicht leugnen . . . Herr Dumirail iſt alſo ohne Barmherzigkeit davon unterrichtet, daß Du der vorgebliche Wagner biſt.. gut!... Glaubſt Du nun, dieſe Entdeckung werde mit einem Schlage die große Freundſchaft auslöſchen, welche Herr Dumirail für Dich hegt?“ „Das iſt nicht zweifelhaft: er liebte ſeinen Bru⸗ der; die Frinnerung an ſein tragiſches Ende blutet beſtändig in ſeinem Herzen. Geſtern noch, als er von dieſem Tode ſprach, hat er, der gewöhnlich ſanft 9 Sue, die Familienſöhne. M. 130 und harmlos iſt, mich in Erſtaunen geſetzt durch die Heftigkeit ſeiner gehäſſigen Gefühle gegen den Ver⸗ führer ſeiner Schwägerin. Nein! nein! nie wird ſeine alte Freundſchaft für mich die Oberhand über den Widerwillen gewinnen, den ich ihm fortan ein⸗ flößen muß; und könnte, was doch unmöglich . . . ich ſage, Geneviève, was unmöglich . . . und könnte unſere alte Freundſchaft im Herzen von Herrn Du⸗ mirail ſeinen neuen Widerwillen aufwägen, ſo wür⸗ den ihm doch die Selbſtachtung und die einfachſten Convenienzen jeden Verkehr mit mir verbieten, der ich ſeinen Bruder getödtet . . . nachdem ich deſſen Frau verführt hatte! Ich täuſche mich alſo nicht, dieſe Offenbarung hätte den abſoluten, ewigen Bruch meiner Beziehungen zur Familie Dumirail zur Folge.“ „Mein Charles iſt ſomit, da er keinen Fuß mehr zu ihnen ſetzen kann, von ſeiner Tochter getrennt.“ „Auf immer getrennt, da ſie mich für den Mör⸗ der ihres Vaters halten wird, und da ich aus Rück⸗ ſicht für eine Familie, in die ich die Schande und die Trauer gebracht habe, nicht einmal mehr in der Nähe dieſer Perſonen ſein dürfte, weil dieſe Nähe unabläſſig grauſame Erinnerungen in ihnen hervor⸗ rufen würde. Ich müßte alſo dieſes Haus, dieſe Gegend verlaſſen, verzichten auf den Troſt, dieſelben Orte wie Jeane zu bewohnen, auf die Hoffnung, ſie zuweilen von fern zu ſehen, trotz des Widerwillens, den ich ihr fortan einflößen würde... Mein Gott! mein Gott!“ fügte Charles Delmare ſchauernd bei dieſem Gedanken hinzu; ſodann ſich beherrſchend: „Keine Schwäche „ ſehen wir entſchloſſen der Wirklichkeit 131 ins Auge . . . nehmen wir an, Jeane ſei für mich verloren .. . „Da Du aber nur für ſie lebſt, mein armer Alter, ſo wäre dieſe Trennung grauſam für Dich,“ ſagte Geneviéve. Und ſie unterbrach ſich ſchauernd, und legte ihre Hand an ihre wieder feucht geworde⸗ nen Augen; alsdann aber beherrſchte ſie, nach dem Beiſpiele von Charles Delmare, ihre Gemüthsbewe⸗ gung und ſagte ungeſtüm mit einer dumpfen Bitter⸗ keit: „Du biſt alſo von Deiner Jeane getrennt, die Verzweiflung erfaßt Dich . . . gut! und früher oder ſpäter überlebſt Du dieſen Kummer nicht.“ „Vielleicht,“ erwiederte Charles Delmare, aus Furcht, Geneviéve zu ſehr zu betrüben; „ich weiß nicht 3 „Oh! ich weiß es! Du wirſt vor Gram ſterben und . Doch die Amme hielt abermals an ſich, und fügte bei: „Das iſt es alſo, mein lieber Charles, was, wenn dieſer Schurke ſeine Drohung volfführt, geſchehen wird?“ Ja . 8 „Und was thun, damit das nicht geſchieht?“ „Meinen Einfluß auf Herrn und Madame Du⸗ nirail benützen, um ſie zu bewegen, die Heirath von Maurice und Jeane auf unbeſtimmte Zeit hinauszu⸗ ſchieben.“ „Gut!. . und nun laß uns vernünftig reden. .. Sehen wir, mein Charles, ob es möglich iſt, auf unbeſtimmte Zeit dieſe Heirath zu verſchieben, und fragen wir uns beſonders, ob es gut wäre, ob es gerecht wäre, dies zu thun?“ Charles Delmare überlegte und erwiederte nach 132 einem Momente des Stillſchweigens mit ernſtem, beinahe feierlichem Tone: „Höre mich aufmerkſam an, Geneviöve; die Er⸗ eigniſſe von geſtern und die von heute geben mir Alles beſtätigend, was ich vom Charakter, von den Nei⸗ gungen, von der Organiſation meiner Tochter ahnte, die abſolute Ueberzeugung . . . Du hörſt mich wohl abſolut . . . daß, wenn Jeane Maurice hei⸗ rathet, und mit ihm fern von der Welt lebt, nach dem Wunſche, den ſie oft geäußert haben, und den ſie, Gott ſei Dank, noch fühlten, trotz der gefährlichen Gährungsſtoffe, welche die hölliſche Perſidie von San Privato in ihre Seelen geworfen hat, dieſe edlen Kinder ſicher ſind, glücklich, auf immer glücklich zu ſein.“ „Gut!. .. doch wenn ihre Heirath lange Zeit ver⸗ ſchoben wird, oder wenn ſie ſich nicht heirathen?. .. Wenn endlich Maurice nach Paris geht?“ „Dann iſt meine Tochter verloren!“ antwortete Charles Delmare mit einer unausſprechlichen Ban⸗ gigkeit; „Maurice iſt auch verloren.“ „Verloren, Deine Jeane!“ rief die Amme er⸗ ſchrocken über den Ausdruck und die Phyſiognomie von Charles Delmare. „Iſt es bei Gott möglich, verloren! Deine Jeane! dieſer Engel, dieſer Schatz von Anmuth, Schönheit und Tugend, wie Du ſie nennſt!“ „Dieſer Schatz von Anmuth, Schönheit und Tugend, wenn er aus ſeinem Paradieſe heraustritt, hörſt Du, Geneviève! und ſein Paradies iſt die Mitte, in der er lebt, dieſer Engel wird in eine Hölle von verabſcheuenswerthen Leidenſchaften ge⸗ 133 rathen; ja, und dieſer gefallene Engel wird vielleicht eines Tages die Teufel erſchrecken!“ Charles Delmare ſpricht dieſe unheilvolle Pro⸗ phezeiung mit einer ſo ſchmerzlichen und ſo erſchreck⸗ lichen Ueberzeugung aus, daß ihn Geneviève ganz niedergeſchmettert anſchaut, und einen Ausruf des Erſtaunens und des Grauens von ſich gebend die Hände nicht zuſammenlegen kann. KE Ein Stillſchweigen von einigen Minuten folgte auf das von Charles Delmare über die Zukunft von Jeane, falls ſie Maurice nicht heirathete, ge⸗ ſtellte Prognoſtikon; dieſes Stillſchweigen unterbrach zuerſt Geneviève, und ſie ſagte noch ſchauernd vor Schrecken: „Charles wenn ein Vater . . . und zwar ein Vater wie Du.. ſich ſolchen Vorzeichen hinzugeben wagt ... in Betreff einer Tochter, die er über Alles liebt. . . ſo müſſen wohl in ſeinen Augen dieſe Vorzeichen auf Etwas gegründet ſein . . . Ich . . . glaube Dir auch... doch was ſoll ich Dir ſagen?. . ich bin wie zur Zeit meines Katechismus ich glaube, ohne etwas zu begreifen . . . weil .. . Jeane . . . „Höre! . ich will Dir ein Geſtändniß machen, über das ich erſchrocken bin . . ein Geſtändniß, das ich Dir allein auf der Welt machen kann . denn ſiehſt Du, Amme .. . bei jedem der Worte, das Du hören ſollſt, werde ich eben ſo ſeh 13⁴ mehr leiden, als wenn mich ein Dolchſtoß mitten ins Herz träfe.“ „Mein Gott! was willſt Du mir mittheilen? .. . ich habe keinen Blutstropfen in den Adern!“ „Nicht wahr, ſo wie ich ihn Dir geſchildert habe, iſt San Privato ein Schändlicher?“ „Du fragſt mich das?“ „Nun wohl! dieſen Schändlichen . . .“ „Vollende.“ „Wehe mir! . . . Wehe mir! . .. „Charles, du machſt mir bange . . .“ „Meine Tochter liebt ihn! . . .“ „Wie! . . . Deine Tochter . . ſie liebt? . wen? wen liebt deine Tochter?“ „San Privato . . .“ „Barmherzigkeit!“ murmelte Geneviève e beſtürzt, ſchauernd und erbleichend. Alsdann ſchüttelte ſie den Kopf wie eine Perſon, welche plötzlich erwacht, und ſagte, indem ſie ſich durch eine Annahme, deren Albernheit ſie erkannte, zu beruhigen ſuchte: „Sicherlich hat mich die Müdigkeit erſtarren ge⸗ macht. . . Eil es iſt ſo ſpät . . . ein Uhr Morgens und dann werde ich, ohne es zu bemerken . eingeſchlafen ſein . . . ſo iſt es gewiß, mein Char les, vor einem Augenblick ſchlief ich, nicht wahr, und ich werde geträumt haben, Du redeſt von Dei⸗ ner Tochter und ſageſt mir, ſie liebe dieſen. dieſen . . . . Du weißt, dieſen Menſchen!“ „Ich habe es Dir geſagt, Amme, ich habe es Dir geſagt.“ 135 „Es iſt alſo wahr! ich träumte nicht! Gottes Güte! ich hatte recht gehört!“ Und den Geiſt getrübt durch dieſe unglaubliche Offenbarung, ſtammelte die Amme: „Du mußt mich entſchuldigen, mein Charles, mein armer alter Kopf war ſchon nicht ſehr ſtark: ich glaube, er zieht vollends ganz aus; ich habe Blendungen, ich ſehe nicht mehr hell in meinem Geiſte. Das iſt gewiß meine Schuld und nicht die Deine. Du ſagteſt mir aber vor Kurzem: „„Jeane und Maurice ſind ſicher, glücklich zu werden, wenn ſie ſich bald heirathen;““ gut! und nun ſagſt Du mir, Deine Tochter liebe dieſen . . . ah! Jeſus! mein Gott! das iſt um wahnſinnig zu werden!“ „Arme gute Mutter, beruhige Dich, das Uebel iſt groß, doch entfernt kein verzweifeltes . . .“ „Liebt aber Jeane dieſen . . .“ „Das arme Kind hat muthig gekämpft, es kämpft noch gegen dieſe unheilvolle Fortreißung; ich wieder⸗ hole Dir auch, nichts ſteht verzweifelt.“ „Sie! ſie! dieſen Menſchen da lieben!“ „Höre mich, und vielleicht wirſt du begreifen, was Dir unerklärlich ſcheint . . .“ „Rede, mein Charles, ich werde Dich mit allen meinen Kräften hören.“ „Und vor Allem nicht wahr, es iſt augenſchein⸗ lich, daß es in uns, in Dir, in mir, in der ganzen Welt, Gutes und Böſes Fehler und gute Eigen⸗ ſchaften gibt?“ „Das iſt ganz einfach.“ „Jeane iſt wie alle Welt: es iſt in ihr Gutes und Böſes.“ 136 „Iſt in ihr Böſes, ſo iſt das nicht viel, nach dem, was Du mir ſo oft von ihr geſagt haſt.“ „Nein, doch ihre ſchlimmen Inſtincte ſchlummer⸗ ten; ſie wären ohne Zweifel nie erwacht, ſie wären aus Mangel an Nahrungsſtoff geſtorben ohne die unſelige Anweſenheit dieſes Menſchen; mit einem Worte, um Dir meinen Gedanken ſo klar, ſo einfach als möglich zu machen: San Privato correſpondirt durch das, was er Böſes in ſich hat, mit dem, was Böſes in Jeane iſt, ſowie Maurice mit dem correſpondirt, was Treffliches in meiner Tochter iſt. Verſtehſt Du das, gute Mutter?“ „Warte, laß ſehen? . . . Ja, mir ſcheint, das iſt, wenn ich wohl auffaſſe, als ob Du ſagteſt, Jeane liebe Maurice wegen ſeines guten Herzens dieſen . . . den Andern . . . wegen ruchtheit?“ „Das iſt es.“ „Iſt das möglich?“ „Leider, ja, es iſt möglich!“ „Mein Gott! mein Gott!“ „Das iſt möglich, beſonders wenn ſich die Ver⸗ ruchtheit in ſo verführeriſches Aeußere kleidet, wie es das von San Privato iſt; alsdann hat, wie der Abgrund, deſſen Todesgefahren wir ſondiren, uns oft unwill⸗ kürlich anzieht, die Verdorbenheit eine unwiderſteh⸗ liche Anziehungskraft, einen verhängnißvollen Zauber für gewiſſe verdorbene Charaktere.“ „Jeane verdorben! was ſagſt Du da?“ „Verdorben! nein, noch nicht, Gott ſei Dank! doch“ es beſtehen in ihr gefährliche Neigungen, die ſie von mir gerbt, — ein geheimnißvolles trauriges 6 * 137 Erbe, leider! das einzige, das ein rächendes Geſchick mir meinem Kinde zu vermachen erlaubt hat! Von dieſen ärgerlichen Neigungen hat ſie kaum das Be⸗ wußtſein; ſie empört ſich, ſie ſträubt ſich aufrichtig gegen den verderblichen Einfluß von San Privato; doch er faßt Jeane bei ihrer ſchlimmen Seite feſt, welche, wenn auch verſchleiert, doch meinem Vater⸗ auge nicht entgehen konnte, und auch dem teuflichen Scharfſinne von San Privbato nicht entgangen iſt!“ „Wahrhaftig, Charles, ich kann mich von meinem rſtiuni erholen . . . ich müßte bange haben und unwillkürlich, indem ich Dich höre, fühle ich mich beruhigt . . .“ „Was ſagſt Du?“ ohl! . . . wie! das iſt Alles, was Du Deiner hter vorwipfſt? ſie gleiche Dir dem Cha⸗ rakter nach . .. Dir, der Du ſo gut .. ſo edel⸗ müthig!“ „Arme Amme ... Du vergiſſeſt nur Eines .. .“ „Was vergeſſe ich denn?“ „Daß ich Mann bin und daß Jeane Weib iſt; Du vergiſſeſt ferner, daß ich . . . abgeſehen von meiner egoiſtiſchen, albernen, ſtrafbaren Unordnung, die mich, das väterliche Erbe verſchleudernd, zu einem gemeinen Ruin erniedrigt hat, und mich zu einem feigen Selbſtmorde antreiben ſollte .. . trotz der Güte, des Edelmuths meines Charakters . die Schande und den Tod in eine Familie gebracht daß ich das Kind des Ehebruchs in dieſelbe eingeführt habe. Ach! gewiß die Menſchen, ſo duld⸗ ſam, weil ſie für ſich ſelbſt der Vergebung ſo ſehr bedürfen, bezeigen eine brüderliche Rachſicht für ge⸗ 3 138 wiſſe Laſter, für gewiſſe Verbrechen, die ſie begehen oder nicht begehen zu können bedauern! Was ſage ich? ſie rühmen ſich dieſer Verbrechen! Eine bis dahin vorwurfsfreie Gattin verderben und verführen, ihren Mann im Duell tödten, das iſt bezaubernd! Das ſtellt Euch als Roué, als Don Juan, als Ro⸗ manhelden auf! Doch eine junge, ſchöne, kühne, geiſtreiche Frau überlaſſe ſich auch dem Ungeſtüm ihrer Leidenſchaften; ſie gebe auch, ohne ſich zu ſchämen, der Hitze ihres Blutes nach; ſie treibe auch ihren Scherz mit dem Ehebruche, mit der iee Fami⸗ lien; ſie mache auch mitleidlos die Thränen und das Blut fließen . . . Abſcheu, Fluch über ſie! Groß iſt die Zahl derjenigen, welche ſie verfluchen, das ſind ihre Opfer, das ſind die Verſchmähten, die Ver⸗ laſſenen . . . das iſt endlich die Menge und die unglückliche Frau fällt unter dem Verwünſchungs⸗ geſchrei Aller in einen Abgrund von Schande!“ „Ah! ja, nun habe ich bange, Charles, mein Gott! ſollteſt Du Jeane im Verdachte haben, ſie könnte je .. „Meine Tochter hat meine zügelloſe Liebe für den Lurus und die Luſtbarkeiten geerbt . . . meine Tochter hat die Hitze meines Blutes geerbt.“ „Was beweiſt Dir das? wer ſagt Dir das?“ „Wer mir das ſagt? Ah! ich ſah meine Toch⸗ ter, ſie, die noch ſo rein, in Unruhe gerathen, erblei⸗ chen, erröthen, beben unter dem magnetiſchen, ſcham⸗ loſen Blicke des verführeriſchen San Privato, und den⸗ noch liebte ſie, liebt ſie edel Maurice; ah! ich ſah die Augen meiner Tochter funkeln, ihre Stirne ſich ſtolz, ſtrahlend aufrichten, als wäre ſie ſchon mit dem —— — 139 Diademe der blendenden Feſte gekrönt, als deren Köni⸗ gin ſie ſich erblickte, wenn ſie mit gierigem Ohre die Erzählungen von San Privato anhörte; . . ah! ich ſah meine Tochter, und dies erſchreckt mich, trotz der Ver⸗ achtung, trotz der aufrichtigen Entrüſtung, die bei ihr die Feigheit, die Treuloſigkeit, die Lüge dieſes Menſchen verurſachten, doch eine Art von Bewunde⸗ rung, gemiſcht mit Schrecken, für ſeine prahleriſche Keckheit fühlen, als er, durch ein Wunder von Gei⸗ ſtesgegenwart und Gewandtheit, aus einer für jeden Andern als ihn tödtlich lächerlichen Lage triumphirend hervortrat, und es in Gegenwart von Maurice wagte, Jeane ſeine Liebe in glühenden leidenſchaftlihen Worten zu wiederholen, die ſie ganz in Verwirrung brachten und ihre Seele in Unruhe verſetzten. Ich ſehe auch meine Tochter, erſchrocken über dieſe für ihre Unſchuld ſo neuen Gefühle, ſich in meine Arme werfen und mir zurufen: „„Retten Sie mich! ich bin verloren!““ „Ach! mein Gott! das iſt ſchon erſchrecklich!. .. Doch es iſt weit von da bis zu dem Abgrunde von Schande, von dem Du vorhin ſprachſt.“ „Ah! meine arme Amme, Du weißt nicht, wie jäh der Abhang des Böſen iſt. .. San Privato iſt in den Augen meiner Tochter der Typus des verführeriſchen Roué, ſinnlich, ſtkeptiſch, kühn, frech und ſpöttiſch . . . Er übt auf ſie eine Art von Blendwerk, über das ſie ſich empört, über das Jeane noch erſchrickt, weil ihre ſchlimmen Inſtincte kaum erwacht ſind . . . doch glaube mir, Genevidve, wenn ſie völlig erwachen würden . . wenn ſie ſich in ihrem Ungeſtüm ent⸗ feſſeln würden . . . ah! wehe mir! meine Tochter 140 würde mich auf der Laufbahn des Laſters weit über⸗ treffen! . . . Ja, Alles ſagt es mir . . ſie würde eines Tages ſelbſt San Privato übertreffen! ſie würde, eine Art von weiblichem Don Juan, der Creatur ähnlich, deren Portrait Dich vorhin ſchauern machte; bezau⸗ berndes Aeußere, unverſöhnliches Gemüth, lachend über die Thränen, lachend über das Blut, was ſie fließen macht, als einzigen Lebenszweck die Befrie⸗ digung ihrer Leidenſchaften verfolgend; zur Regel ihre Launen, zum Zügel ihre Ermüdung nehmend!“ „Barmherzigkeit! Deine Tochter würde ja ein Ungeheuer, und dieſes Ungeheuer ſtellt Deine Angſt ſich vor, mein armer Alter.“ „Höre, Amme!“ rief Charles Delmare von einer Art von prophetiſcher Hallucination ergriffen, „man hat es geſagt: die Mütter und die Väter ſind zu⸗ weilen mit dem zweiten Geſichte begabt . . . Nun wohl! ich wollte bei Gott ſchwören, zu dieſer Stunde, wo Alles ſchweigt, wo man ſich denken hört, ſchwankt Jeane, gebrochen durch die Gemüthserregungen des Tages und von einer fieberhaften Schlafloſigkeit hin und hergeworfen, zwiſchen dem Rufe des Guten und dem des Böſen, zwiſchen ihrem guten und böſen Genius; ſie denkt abwechſelnd an Maurice und an San Privatv. Bald gewinnt das Gute die Oberhand; dann erſcheint meiner Tochter eine lachende, reine Zukunft; eine geliebte Gattin, eine geehrte Mutter ſieht ſie ſich mit Maurice, umgeben von ihren lieben Kindern, alt werden und den Abend ihres glücklichen Lebens erreichen, das heiter wie ein ſchöner Sommertag verlaufen iſt; da erleichtert ſich das Herz von Jeane, es dehnt ſich aus, es hofft. Bald im Gegentheile 14¹ an San Privato denkend, fühlt ſie ihr Herz pochen, ihre Wangen erröthen, und ſie iſt doch allein in der Fin⸗ ſterniß; aber die Erinnerung an dieſen Unglücksmen⸗ ſchen belagert, beherrſcht ſie; Roch zu unſchuldig, um zu ahnen, wohin ſie ihre gefährlichen Neigungen, 5 von denen ſie kaum das Bewußtſein hat, fortreißen würden, und nur geblendet durch die bezaubernde Luftſpiegelung eines Lebens der Feſte, der Luſtbar⸗ keiten, verachtet, verflucht ſie die ſo ruhige, ſo gün⸗ ſtige Vergangenheit, und ſtürzt ſich in einen ſchim⸗ mernden Wirbel, geführt von San Privato, der übrigens in ihren Augen für ſie noch weniger ein Gatte, weniger ein Geliebter, als ein Mitſchuldiger iſt.“ „Charles . . ſchwankt Deine Tochter noch zwi⸗ ſchen dem Engel und dem Teufel ... ſo iſt ſie nicht verloren, Du ſagſt es Dir ſelbſt. . . Warum ſollte ſie, da ihre Familie und Du es wünſchen, und Jeane es, trotz Allem, auch wünſcht, nicht Maurice hei⸗ rathen?“ „Hierin liegt vielleicht das Heil; das iſt meine einzige Hoffnung; denn, findet die Heirath bald ſtatt, ſo werden die Gegenwart von Maurice, die aufrichtige Zuneigung, welche Jeane für ihn fühlt, der Friede endlich, die innere Zufriedenheit, die ſie nach ſo viel Kämpfen und inneren Bangigkeiten genießen wird, allmälig aus ihrem Geiſte die erregende, ätzende Erinnerung an San tilgen; jeden Tag wird der Reiz ihrer Pflichten eine ſüßere Herrſchaft über ſie gewinnen. Und wird ſie Mutter, oh! Geneviéve, Benevieve! . . . dann wird ſelbſt der Schatten des Böſen aus ihrem Herzen vor dem göttlichen Strah⸗ len der Mutterſchaft verſchwinden; das Verlangen, 142 zu glänzen, der ſo gefährliche Durſt nach Luſtbar⸗ keiten wird ſich hier beſänftigen, erlöſchen aus Man⸗ gel an Gelegenheit! Ah! die Gelegenheit! die Ge⸗ legenheit! heilloſe Kupplerin! Wie viele Seelen hat ſie nicht dem Laſter und dem Verbrechen preisge⸗ geben!“ „Du haſt Recht, mein armer Alter . man ſagt ſchon lange: „„Die Gelegenheit macht den Dieb!““ „Und Maurice wäre, im Angeſichte der Gelegen⸗ heit nicht minder als Jeane, der Gefahr ausgeſetzt, ſich zu vergehen. Seine ungeſtüme, energiſche Natur, fände ſie ſich auf einem böſen Wege, würde ihn zu den größten Ausſchweifungen antreiben. Fordert in dieſer hölliſchen Vorausſehung San Privato von mir, daß ich meinen Einfluß auf die Familie Dumirail benütze, daß ſie Maurice nach Paris ſchicke?“ „Ah! mein Gott! Du mahnſt mich .. . „Woran, Amme?“ „An das, was ich vergeſſen hatte . . . was Du vergiſſeſt . . . an die Drohungen dieſes Ungeheuers! Es will Dich zwingen, Herrn Maurice zu beſtimmen, nach Paris zu gehen; es will Dich zwingen, die Heirath Deiner Tochter aufſchieben zu machen .. Und je mehr wir ihn ſprechen, deſto mehr ſpringt es uns Beiden in die Augen, daß ſie verloren iſt, wenn ſie ihren Vetter nicht heirathet . . . und gerettet, wenn ſie ihn heirathet . . .“ „Geneviève, ſie muß gerettet werden!“ erwie derte Charles Delmare ſich ſammelnd. „Dieſe gründ liche Unterredung hat mir bewieſen, daß es auf der Welt nur ein Mittel des Heils für Jeane gibt.“ 143 „Ich verſtehe. . . dieſe Heirath ..4 „Sie muß ſtattfinden . . . ſie wird vor Ende dieſes Monats ſtattfinden.“ „Aber dann, Güte Gottes! macht das, was Deine Tochter rettet, Dein Unglück. .. bringt Dich in Verzweiflung . . . tödtet Dich, mein Charles, denn dieſer Teufel San, wenn die Hochzeit ſtattfindet...“ „Denuncirt mich bei Herrn Dumirail als den Mörder ſeines Bruders . . . „Und Du biſt auf immer von ihr getrennt!“ „Doch ſie iſt gerettet, Genevisve!“ rief Charles Delmare mit einem Ausdrucke erhabener Opferwillig⸗ keit, „ſie iſt gerettet! der Engel bleibt in ſeinem Paradieſe, der Teufel verliert ſeine Beute!“ „Aber Du! aber Du! . . . Du mußt darauf verzichten, Deine Jeane wiederzuſehen, weil ſie glau⸗ ben wird, Du habeſt ihren Vater getödtet, und dann wird ſie gegen Dich eben ſo viel Abſcheu hegen, als ſie bis jetzt Zuneigung gehabt hat; Du wirſt die Gegend verlaſſen, fern von ihr leben müſſen, nicht einmal Zeuge ihres Glückes, das Du ſo theuer be⸗ zahlt haſt, ſein dürfen.“ „Ahl ich geſtehe, dieſer Gedanke iſt gräßlich!“ erwiederte Charles Delmare niedergeſchlagen und in Thränen gebadet. „Ich ſage Dir Alles, Amme .. nun wohl! ich bin ſchwach, ich bin feig, ja, ich fühle es, dieſer Gedanke, mein grauſames Opfer, werde wenigſtens das Glück von Jeane geſichert haben, wird nicht genügen, um mich über unſere, leider! ewige Trennung zu tröſten. Ich werde, das ſehe ich vorher, gegen Anfälle von ſchmerzlicher Ohnmacht, von grauſamer Verzweiflung zu kämpfen haben; in 1⁴4 der heiligſten Erfüllung der Pflichten, in der Selbſt⸗ zufriedenheit werde ich nicht die Macht der Reſig⸗ nation finden, welche die Ruhe der ſtarken Seelen macht. Nein, es wird kein Tag, kein Augenblick vergehen, ohne daß ich in der Tiefe meiner neuen Einſamkeit . . . einer Einſamkeit ſo düſter und troſt⸗ los als mein Herz . . . mir ſage: „„Als ich dort war, zu dieſer Stunde, erwartete ich den Moment, meine Jeane zu ſehen, oder: ich ſah ſie, oder; ich hatte ſie geſehen.“ Und ſein Schluchzen unter⸗ drückend, fügte Charles Delmare bei: „Ich werde meine Pflicht bis zum Ende erfüllen, das ſchwöre ich bei Gott! Doch ich werde ſehr unglücklich ſein! oh! ſehr unglücklich!“ „Es iſt wahr, Du biſt ſehr unglücklich, doch Du kannſt Dir ſagen, es gebe Jemand, der noch mehr zu beklagen, als Du: das bin ich. Oh! wenn Du wüßteſt, welchen Gram es mir bereitet, Dich ſo viel leiden zu ſehen, und nur mit Dir weinen zu können.“ „Verzeih, gute Mutter,“ erwiederte Charles Del⸗ mare ruhiger, „ja, Vergebung für meine Ungerechtig⸗ keit, Vergebung für meinen Undank! Nein, ich bin nicht der Unglücklichſte der Menſchen! Ich wäre es, hätte ich Dich nicht bei mir, die Du immer ergeben, immer voll Mitleiden bei meinen Trübſalen . Nein, nein, ich bin nicht der Unglücklichſte der Men⸗ ſchen, denn kommt der Tag, wo ich mich auf immer von meiner Tochter trennen muß, ſo kann ich wenig⸗ ſtens mit Dir von ihr reden . . .“ Und da er zwei Uhr des Morgens ſchlagen hörte fügte er bei: „Die Nacht rückt vor, begib Dich zur Ruhe, — 145 Amme; der Schlaf wird meine Kräfte wiederher⸗ ſtellen, denn morgen werde ich ihrer bedürfen . . . Ich ſehe einen Tag lebhafter, peinlicher Gemüthsbe⸗ wegungen vorher. In welchem moraliſchen Zuſtande werde ich Jeane und Maurice wiederfinden? ... Ah! dieſe armen Kinder verurſachen nicht allein meine Beſorgniſſe. Selbſt Herr Dumirail hat heute Abend..“ Und ſich unterbrechend, ſagte er: „Wir wollen vor Allem den Schlaf ſuchen; wir wollen uns für einen vielleicht neuen Kampf wieder ſtärken! Gute Nacht, Amme; gute Nacht, Mutter; morgen . . .“ Geneviève kehrte in die Küche zurück, wo ſie ſchlief; Charles Delmare ſtreckte ſich auf ſeinem Bette aus; bald fanden die Amme und ihr Alter im Schlafe das momentane Vergeſſen ihrer Sorgen. XLII. Am andern Morgen nach dieſem Tage, der an Vorfällen ſo fruchtbar, begab ſich Herr Dumirail, nach einer ſehr bewegten Nacht, die er beinahe ganz mit Ueberlegen hingebracht hatte, nach der Sennhütte des Col de Tréſerve, um ſelbſt ſeinen Sohn, Ma⸗ dame Dumirail und Jeane zu holen. Er gab ſeinen Dienſtboten Befehl, Herrn Charles Delmare, falls er im Morillon erſcheinen würde, zu ſagen, „die Familie werde zurückkehren, erwarte ihn beim Mit⸗ tagsbrode, bitte ihn aber, ſich nicht die Mühe zu machen, zur Sennhütte hinaufzuſteigen, da Herr Dumirail nicht wiſſe, zu welcher Stunde er hinab⸗ kommen werde.“ Maurice und Jeane ſchliefen, wie Sue, die Familienſöhne. I. 10 1¹6 man ſich wohl denken kann, nur wenig; ſchon in der Morgendämmerung aufſtehend, erwartete der junge Mann mit Ungeduld die wahrſcheinliche Stunde, zu der ſeine Braut, welche immer frühzeitig aus der Stube, in der ſie die Nacht mit Madame Dumirail zugebracht hatte, herauskommen würde. Kurz nachdem das ſchwermüthige Klingen der großen Glocken, welche die Kühe in den Gebirgen am Halſe tragen, verkündigt hatte, ſie verlaſſen den Stall des Thales, um auf den hohen Prairien zu weiden, erſchien Jeane auf der Schwelle des länd⸗ lichen Hauſes; ſie ließ Madame Dumirail im Bette mit der Verſicherung, ein Spaziergang werde ſie von ihrer Unpäßlichkeit am vorhergehenden Tage voll⸗ kommen wiederherſtellen. Das Mädchen errieth, Maurice, mit dem ſie ſeit ihrer Ohnmacht nicht ver⸗ traulich hatte reden können, wünſche mit ihr allein zu ſein. . Hundert Schritte von der Sennhütte fing ein Wald von Buchen und Tannen an. Dahin begab ſich das Brautpaar; ein, bei einem dichten Schlage umgeſtürzter, mit Moos bedeckter alter Baumſtamm, bot ihnen eine Art von natürlicher Bank; ſie nah⸗ men hier Platz: Jeane ruhig und ſchon beinahe be⸗ ruhigt. Da der Einfluß, den San Privato auf ſie geübt hatte, wenn man ſo ſagen darf, mehr gegen⸗ wärtig und unmittelbar, als nachhaltig und überlegt, mit einem Worte mehr phyſiſch, als moraliſch war, ſo verlor er einen großen Theil ſeiner Macht, Dank ſei es der Abweſenheit von demjenigen, welcher ihn hervorbrachte; die Gegenwart von Maurice endlich mußte das Mädchen von ihren Erinnerungen zer⸗ nch!“ 147 ſtreuen, denen die Vereinzelung eine gefährliche Zähigkeit verleihen konnte. Der Einfluß von San Privato auf Maurice war ganz anders geweſen: er hatte die reizbaren Gefühle wie die Eitelkeit und die Eiferſucht vergiftet. . . edle Anſtrebungen, wie der Wetteifer und der Ehrgeiz, durch ein glänzendes Verdienſt zu einer Stellung zu kommen, irre geleitet. Dieſer Einfluß mußte auch dauerhaft ſein und dauerte noch, trotz der Abweſen⸗ heit desjenigen, welchem er entſtrömte. „Jeane,“ ſagte Maurice mit bewegtem Tone, „wir haben ernſt .. ſehr ernſt mit einander zu reden . . ich bitte Dich, mir mit Deiner gewöhn⸗ lichen Offenherzigkeit zu antworten.“ „Nie habe ich es an Aufrichtigkeit gegen Dich mangeln laſſen, nie werde ich es daran mangeln laſſen,“ antwortete Jeane betrübt, daß ſie ihren Bräutigam, trotz der Abreiſe ihres böſen Geiſtes, ſorgenvoll, niedergeſchlagen ſah; „ſprich . . . ich bitte Dich .. der Ausdruck Deiner Worte beunruhigt mich.“ „Vor Allem . . . Jeane . liebſt Du mich immer noch?“ Dieſe Frage und die in den ſchmerzbewegten Zügen von Maurice ausgeprägte Bangigkeit ſetzten das Mädchen in ein peinliches Erſtaunen, und ſie be⸗ trachtete ihn mit einer ſo unſchuldigen und zugleich ſo traurigen Miene, daß der junge Mann tief ge⸗ rührt ausrief: „Oh! Du liebſt mich immer noch! . . . ich ſehe es ich fühle es! . . . Du liebſt mich immer 148 „Zweifelteſt Du daran?“ „Nein nein . . . verzeih mir!“ Und die Hand an ſeine feuchten Augen haltend, fügte Mau⸗ rice bei: „Ah! geſtern . . . ah! heute Nacht . . Jeane . . . wenn Du wüßteſt . . . ich habe ſo viel eliten. Ah! zweiſte ich noch.. ſo iſt es nich an Dir . . ſondern an mir ſelbſt! . . .“ „An Dir zweifeln . . . und warum?“ „Weil ich nun das Bewußtſein von dem Wenigen habe, was ich bin! und mehr als je habe ich das Bewußtſein von Allem dem, was Du werth biſt. . . durch das Herz . . . durch den Geiſt . . . durch den Schatz Deiner Reize, welche . . .“ Maurice unter⸗ brach ſich und vollendete im Geiſte ſeinen Gedanken alſo: „welche dieſen verdammten San Privato ent⸗ flammt haben, und er konnte doch Jeane mit den verführeriſchſten Frauen vergleichen!“ Erſtaunt über das plötzliche Schweigen ihres Bräutigams ſagte das Mädchen: . „Ich bitte, vollende Deinen Gedanken . . . dann .. fügte ſie bei, „dann werde ich Deinen † Schmeicheleien volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ Maurice ſammelte ſich einen Augenblick und ſprach: „Jeane, wenn dieſes Bewußtſein des Wenigen, was ich bin, mir das Verlangen eingäbe, aus mei⸗ ner Dunkelheit hervorzugehen . . . ſollte ich eines Tags .. durch mein Verdienſt mir eine Stellung ſo glänzend . . . glänzender vielleicht als die unſeres Vetters erwerben? . . . wäre beſonders der einzige Hebel meines Ehrgeizes das glühende Verlangen, 14¹9 mich Deiner noch würdiger zu machen ... Jeane, würdeſt Du mich mehr lieben?“ „Ich werde aufrichtig ſein,“ antwortete das Mädchen, beunruhigt durch die Ehrgeizvelleitäten des jungen Mannes, „ich vermöchte Dich nicht mehr zu lieben.“ „Wie, Jeane . meine Anſtrengungen, meine Beharrlichkeit, mich durch Dich und für Dich zu er⸗ heben, würden Dich gleichgültig laſſen? . . .“ „Gleichgültig . . allerdings nicht . . . ich wäre im Gegentheile gerührt, glücklich und ſtolz dadurch, daß Dir Deine Liebe einen edlen Ehrgeiz eingeflößt habe; ich würde Dich bewundern, ich würde Dich vielleicht verherrlichen, doch meine Liebe für Dich könnte nicht zunehmen, denn zu dieſer Stunde, glaube mir, Maurice, liebe ich Dich ſo ſehr, als man lieben kann.“ „Jeane, ſagte ich Dir zu dieſer Stunde: Wir ſind verlobt, Du haſt mein Wort, ich habe das Deine. wir können auf einander zählen, unſere Zuneigung iſt unveränderlich . . doch ich leide, daß ich Dir nur eine Deiner wenig würdige Stellung bieten kann . ich will aus dieſer Dunkelheit her⸗ vortreten: ermuntere mich in meinem lobenswerthen Eifer wir ſind noch ſehr jung . . . fügen wir uns darein, unſere Heirath zu verſchieben, bis „Maurice,“ unterbrach Jeane ihren Bräutigam mit einer vor Unruhe zitternden Stimme, „höre mich an es handelt ſich hier, nach Deinen Worten, nur von einer Annahme . . . handelte es ſich aber Deinerſeits von einem wirklichen Projecte, ſo würde ich Dich mit gefalteten Händen ... hörſt Du wohl, . 150 mit gefalteten Händen .. . auf den Knieen anflehen, dieſe ehrgeizigen Pläne zu vergeſſen, und von unſern Eltern zu erbitten, ſie mögen unſere Hochzeit be⸗ ſchleunigen . . . und Deine Frau geworden, würde ich Dich abermals mit gefalteten Händen auf den Knieen anflehen, Du mögeſt das väterliche Haus nicht verlaſſen . . . fortwährend bei mir leben, fried⸗ lich, glücklich, wie in der Vergangenheit . . . Deine Liebe, Deine Gegenwart, unſere einfachen Neigun⸗ gen, unſere ländlichen Beſchäftigungen erfüllen meine Wünſche . . . ich ſchwöre es Dir, denn auf den Knieen flehe ich Dich abermals an, mich dieſer Welt, in welche mich einzuführen Du träumſt, fremd zu laſſen! . . . Ich will ſie nicht kennen lernen!“ fügte Jeane mit einer Art von geheimnißvoller, unwill⸗ kürlicher Furcht bei, „nein, ich will ſie nicht kennen lernen!“ „Woher kommt bei Dir ein ſo lebhafter Wider⸗ wille . . Jeane? . .. Du ſcheinſt beunruhigt, er⸗ ſchrocken .. .“ „In der That, ich habe bange . . .“ „Bange . und warum?“ „Ich verſprach Dir, aufrichtig zu ſein . . . Mau⸗ rice . Du ſollſt meinen . . . ganzen Gedanken er⸗ fahren . . . Nun wohl, höre... bei Dir lebend bin ich . . . Deiner ſicher; ich würde für das Glück von uns Beiden bis zu unſerer letzten Stunde ſtehen „So daß Du, ſtellte uns unſere Lebenslage in eine glänzende Welt, deren Königin Du wäreſt an Dir an unſerem Glücke zweifeln würdeſt. .. 4 151 „Jeane . . was ſagſt Du?“ „Die Wahrheit . . . Siehſt Du, ich weiß nicht, welcher Selbſterhaltungsinſtinct, welche geheime Stimme der Seele mir ſagt: Bleibe hier bei Mau⸗ rice, Deinem geliebten Gatten; unter dieſer Bedin⸗ gung iſt Eurer Beider Glück geſichert . . . ſetzſt Du aber den Fuß in den Wirbel der Welt . . . ſo wirſt Du unwillkürlich fortgeriſſen werden . . und un⸗ glücklich ſein . . . Du wirſt Dich zurückſehnen nach Deinem theuren Winkel im Jura . . . Maurice ... mein Freund . . . trotzen wir nicht dem Unbekannten . verſuchen wir nicht das Schickſal . ſeien wir dankbar gegen die Vorſehung . . ſie hat uns viel⸗ leicht vor uns ſelbſt gerettet durch die plötzliche Ab⸗ reiſe dieſes Menſchen, der uns ſchon ſo viel Böſes angethan, unter deſſen Einfluß Du Dir unbewußt in dieſem Augenblicke ſtehſt . . . Ich wiederhole Dir, wir ſind vielleicht verloren . ſuchen wir das Glück anderswo als hier . . .“ „Ah! ich möchte ſo gern an Deine Worte glauben! ... „Warum zweifelſt Du daran?“ „Und Deine Belenniſe Du vergiſſeſt ſie, Jeane? Vergiſſeſt Du Deine plötzliche Berauſchung, verurſacht nur durch die Erzählung dieſer Feſte, von denen mein Vetter ſprach?“ „Hat es an einer Erzählung genügt, um mich zu berauſchen . . beurtheile hienach, was die Wirk⸗ lichkeit wäre! . . .“ rief das Mädchen in einem Offen⸗ 3 herzigkeitserguſſe von einer faſt erſchrecklichen Naivetät, welche Maurice bis zu einer Art von Betäubung ergriff, denn er wußte kein Wort ſeiner Braut zu 152 erwiedern, und dieſe fuhr fort: „Wirſt Du mir nun glauben?“ „Oh! ja, ich glaube Dir, Jeane . . „Und Sie können nichts Beſſeres thun, Maurice, denn nie hat die Wahrheit eine ergreifendere Sprache geſprochen,“ ſagte Charles Delmare, der dem Braut⸗ paare entgegenging und die letzten Worte von Jeane gehört hatte. . XLIII. Maurice und Jeane ſtanden, als ſie ihren Freund erblickten, auf, und empfingen ihn mit ihrer gewöhn⸗ lichen Herzlichkeit. Das Mädchen ſagte zu ihm: „Kommen Sie, kommen Sie, lieber Meiſter, denn ich werde Sie als Hülfstruppe bei meinem Kampfe gegen die ehrgeizigen Pläne von Maurice nöthig haben.“ „Zweifeln Sie nicht an mir, liebe Mademoiſelle Jeane.“ „Alſo, mein lieber Meiſter,“ ſprach Maurice, † „ich handle vernünftig, wenn ich auf den edlen Ehr⸗ geiz verzichte, den mir meine Liebe für Jeane ein⸗ flößte?“ „Ich werde eine Frage an Sie richten, 6 ich Ihnen antworte . . . Erinnern Sie ſich, daß ich Sie geſtern auf die Gefahr, Sie momentan an meiner Freundſchaft zweifeln zu machen, dringend aufforderte, die Worte Ihres Vetters zu hören . . . ſo peinlich, 4 ſo widrig für Sie dieſes Geſpräch war?“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Maurice, „ich nptte 153 mich Anfangs gegen Ihren Rath, deſſen Zweck ich nicht einſah, lieber Meiſter, obwohl Sie in dieſer Hinſicht ſagten, die heilſamen Getränke ſeien oft bitter.“ „Dieſe Vergleichung war richtig . . . denn nun offenbaren ſich die heilſamen Wirkungen des von Ihnen bis auf die Hefe geleerten Bechers der Angſt ja allerdings,“ fügte Charles Delmare bei, der den fragenden Blick des Brautpaares begriff . . . „Geſtehen Sie alſo, liebe Demoiſelle Jeane, daß Sie San Privato hörend und ſo ſeiner Frechheit freien Lauf laſſend . . . erſchrocken waren .. Geſtehen Sie ferner, daß dieſer Schrecken in Ihnen dieſen Inſtinct moraliſcher Erhaltung erweckt hat, der Sie, indem Sie ſich in meine Arme warfen, ausrufen machte: Retten Sie mich!“ „Sie irren ſich nicht,“ erwiederte Jeane ſchauernd nach einem Augenblicke der Ueberlegung, „Sie irren ſich nicht, lieber Meiſter . . .“ „Was endlich Sie betrifft, Maurice,“ fügte Charles Delmare bei, „verſuchte nicht geſtern wäh⸗ rend des Geſpräches, über das Sie empört wa⸗ ren, dieſer Menſch mit ſeiner gewöhnlichen Ver⸗ ſchmitztheit, Sie zu überreden, beſeſſen von dem ge⸗ heimen Verlangen, in der Welt zu glänzen, würde ſich Jeane nur mit Bedauern, aus Nachgiebigkeit gegen Sie, in eine dunkle Eriſtenz fügen? Was ge⸗ ſchah auch? Sie gaben einem an und für ſich edlen Gefühle nach; Sie wollten zu einer hohen Stellung gelangen, um Jeane eines Tages einen ihrer wür⸗ digen Namen zu bieten. Wie konnte dieſes Project in Erfüllung gehen? Einmal unter der Bedingung, 15⁴ daß Eure Heirath verſchoben werde; ſodann müßten Sie ſich, um eine neue Laufbahn zu ergreifen, von Jeane trennen, nach Paris gehen; dort erwarteten Sie tauſend Verſuchungen, tauſend Gelegenheiten, ſich zu vergehen, welche noch gefährlicher gemacht würden durch Ihre Unerfahrenheit in Betreff der Menſchen, durch Ihre redliche Unſchuld, durch Ihr ungeſtümes Naturell. Alsdann . . . wer weiß armes Kind! . . die ſtrengen Grundſätze Ihrer Ju⸗ gend . . . die Ihrer Braut gelobte Treue, die Leh⸗ ren Ihrer Familie und ſpäter meine Vorſtellungen vergeſſend; irre geleitet, fortgeriſſen, ſtürzten Sie ſich vielleicht in einen Abgrund von Mißgeſchicken; und ſo geriethen Sie in die Falle, die Ihnen San Pri⸗ vato ſtellte, — eiferſüchtig auf Ihr Glück, eiferſüchtig auf Ihre Liebe. . er tödtete Beides, das eine durch die andere, indem er aus Ihnen den Stifter Ihres Unterganges machte . . . und dieſer Menſch trium⸗ phirte in ſeinem befriedigten Haſſe!“ „Mein Gott! wäre das möglich, lieber Meiſter?. .. Halten Sie einen Menſchen, ſo böſe er auch ſein mag, für fähig zu einer ſolchen hölliſchen Machina⸗ tion?“ ſagte Maurice mit einem Ausdrucke des Zwei⸗ fels und des Schreckens . . . „So würde ſich indeſſen das Geheimniß ſeines Benehmens erklären . . . Was habe ich ihm aber zu Leide gethan, dieſem Dämon?“ „Ein Engel liebt Sie, zieht Sie ihm vor . . hievon ſein Haß und ſeine Wuth . . . Doch der Engel wachte . . . Für ſich ſelbſt zitternd, zitterte Jeane auch für Sie; beunruhigt durch Ihre ehrgei⸗ zigen Projecte, Euer Beider Verderben darin ſehend, fand ſie in ihrer feſten Vernunft, in ihrem Herzen, 15⁵ und beſonders in ihrer Liebe, die Stärke, die Macht, Sie zu überzeugen . . .“ „Ah! ja, ſie hat mich für immer überzeugt . . . überzeugt, daß das Glück anderswo als hier und bei ihr meiner geliebten Gefährtin . . . ſuchen, Tollheit war!“ rief Maurice mit dem Erguſſe einer unausſprechlichen Ueberzeugung; — „ich glaube ihr nun . Jeane .. mein guter Engel, unſer lie⸗ ber Meiſter hat es geſagt: Du wachteſt über mich!“ „Ah! Maurice, mein vielgeliebter Maurice,“ er⸗ wiederte Jeane, nicht minder ſtrahlend, als ihr Bräutigam, „ich beklage nun nicht mehr, was wir ſeit drei Tagen gelitten . . . wer weiß, ob wir nicht um dieſen Preis die Weisheit erlangt haben!“ „Durch die Thorheit gehend zur Weisheit gelan⸗ gen Ah! lieber Meiſter! welche Schule! . . . Und wenn ich bedenke, daß vor drei Tagen „ „Vor drei Tagen,“ unterbrach Charles Delmare lächelnd, „waren Sie bei mir, und von Ihrem Vetter ſprechend, der im Alter von zwanzig Jahren be⸗ zahlter Geſandtſchafts⸗Attaché, ſagten Sie heiter zu mir: „„Attaché riecht zu ſehr nach der Knecht⸗ ſchaft und bezahlt zu ſehr nach dem Lohne. Ich werde immer nur an meine Berge attachirt, und .. für meine Arbeiten durch die Früchte der Erde . . . unſerer guten Nährmutter, bezahlt ſein. „Das iſt wahr, lieber Meiſter . . . ich ſagte dies damals . . ich dachte es.“ Und vor Kurzem träumten Sie davon, Diplo⸗ matenlehrling zu werden.“ Ach! ja, doch, was meinen Fehler entſchuldbar macht, iſt der Umſtand, daß ich keinen andern Hebel 156 hatte, als die Hoffnung, eines Tages Jeane Frau Geſandtin genannt zu ſehen.“ „Pfui doch!“ rief heiter das Mädchen, das, wie ihr Bräutigam, zum Vertrauen, zur Gewißheit ihres nahen Glückes wiedergeboren wurde; „pfui doch! was iſt für mich der armſelige Titel Geſandtin, für mich, die Prinzeſſin der Kornblumen, die Her⸗ zogin der Schlüſſelblumen und anderer Frühlings⸗ domänen? Pfui doch! Geſandter, Geſandtin . . . für was hält man uns denn, wenn's beliebt? Ich, bald die königliche Gemahlin meines geliebten Sou⸗ verain, des Königs der grünen Prairie, der blühen⸗ den Getreidefelder! Werden nicht wir im Gegen⸗ theile gekrönt mit hochrothem Klee und auf unſerem Throne von roſenfarbiger Luzerne ſitzend, Botſchafter und Botſchafterinnen an uns abgeſandt von unſeren Nachbarn, Königen ihrer Berge, empfangen, um über einen Austauſch von Lämmern gegen junge Ziegen, Saatkorn gegen mehr Ernte, oder über einen furchtbaren Krieg gegen die räuberiſchen Wölfe zu unterhandeln? O mein edler Sire,“ fügte das Mäd⸗ chen lächelnd und ihrem Bräutigam die Hand rei⸗ chend bei, „ſinken wir nicht bis zur Geſandtſchaft hinab, bleiben wir glücklich und ſtolz in unſerem ländlichen Königreiche.“ Es iſt nicht möglich, die bezaubernde Anmuth wiederzugeben, welche Jeane entwickelte, als ſie di Worte mit einer reizenden Heiterkeit ausſprach von der in ihrem Herzen wieder entſtehend und ihrem Vertrauen zur Zukunft zeugte. Maurice, der auch die letzten Vangigkeite k Seele ſich unter dem ſanften Einfluſſe ſeine 157 zerſtreuen fühlte, kniete nieder, betrachtete ſie mit Anbetung und ſprach: „Engel. o guter Engel meines Lebens! Du ſagſt die Wahrheit, bleiben wir glücklich und ſtolz in unſerem ländlichen Königthum . . Deine Liebe hat mich gekrönt, hat mich zum König gemacht .. mehr als zum König . . . zu Deinem Geliebten, Deinem Gatten!“ Sodann aufſtehend, indem er be⸗ bend vor Trunkenheit Jeane bei der Hand nahm: „Komm. . komm. . . mein Vater iſt in der Senn⸗ hütte . . . bitten wir ihn, unſere Verbindung zu be⸗ ſchleunigen.“ Und ſich an Charles Delmare wen⸗ dend, fügte Maurice bei: „Ah! lieber Meiſter, ge⸗ ſegnet ſeien auch Ihre Rathſchläge! Ich komme auf meinen Lieblingsrefrain zurück. . . Es leben die blü⸗ henden Wieſen, und mein ſo heißgeliebtes Weib!. Als Bauer bin ich geboren, als Bauer werde ich ſterben!“ Sich bei der Hand führend, gaben die zwei jun⸗ gen Leute dem Erguſſe einer tollen Freude nach; ſie berührten die Erde nicht, ſtreiften kaum das Gras der Wieſen und wandten ſich laufend nach der Hütte, um Herrn und Madame Dumirail zu bitten, ſie mögen die Zeit ihrer Verbindung beſchleunigen. Charles Delmare folgte ihnen mit einem gerührten Blicke und ſagte mit Entzücken zu ſich ſelbſt: Endlich. theure liebe Kinder, end⸗ lich ſind ſie gerettet . . .“ Hienach fügte er, einen Sleufzer erſtickend, mit ſchmerzlicher Bangigkeit bei: Ach bald wird San Privato ſein Verſprechen halten nin unſeliges Geheimniß Herrn Dumirail ent⸗ decken; dann „ wird meine Tochter für mich ver⸗ 158⁸ loren ſein ſie wird nur Widerwillen, Abſcheu gegen mich fühlen! XLIV. Befangen, ſorgenvoll und ſeitwenigen Augenblicken in der Sennhütte angekommen, pflog Herr Dumirail eine ernſte Unterredung mit ſeiner Frau und ſagte: „Geſtehe, daß Du eben ſo ärgerlich biſt als ich, unſeren Neffen . . . in ſeinem Alter . . . als Chargé d'affaires mit dem Titel Excellenz zu ſehen . . . denn man nennt ihn: Eure Excellenz!“ Und ſeuf⸗ zend fügte Herr Dumirail mit Bitterkeit bei: „Seine Ercellenz! während unſer Sohn . . .“ Madame Dumirail, als ſie ihren Mann wieder ſchweigſam und verdrießlich werden ſah, erwiederte mit ſanftem Tone: „Mein Freund, ich fühle nicht nur keinen Ver⸗ druß mehr über das Avancement von Albert, ſon⸗ dern, Gott ſei Dank! ich habe endlich gewiſſe ſchlimme Gefühle des Neides und mütterlicher Eiferſucht be⸗ ſiegt, welche in mir ſeit der Ankunft meiner Schwä⸗ gerin und unſeres Reffen erwacht waren . 1 Meine liebe Julie .. was Du fühlteſt, was ich ſelbſt fühle, hat keine Beziehung zur Eiferſucht oder zum Neide. . . es iſt das ſehr lobenswerthe Bedauern, unſeren Sohn, der ſich vielleicht über ſeinen Beruf getäuſcht hat, hier im Dunkeln vegeti⸗ ren zu ſehen, während er, bei ſeiner Intelligenz, eben ſo gut und beſſer als irgend Jemand, uf eine hohe ſociale Stellunghätte Anſpruch machen können..“ 159 „Das iſt möglich . doch .. .“ „Das iſt nicht nur möglich . . es iſt mehr als wahrſcheinlich . . .“ „Einverſtanden, mein Freund, es iſt alſo wahr⸗ ſcheinlich, daß . . .“ „Du dürfteſt ſogar ſagen: Es iſt gewiß, daß Maurice, begabt wie er iſt, auf Alles hätte Anſpruch machen können . . . und machen kann . . .“ „Ich ſtimme bei . . . doch aus Neigung hat er Dein Beiſpiel vorgezogen, mein Freund .. und ...“ „Er hat vorgezogen er hat vorgezogen . . . das iſt bald geſagt: welche Beweiſe haben wir von dieſem Vorziehen?“ „Hören wir ihn nicht jeden Tag wiederholen, er wolle unſere Berge nicht verlaſſen?“ „Weil er nichts außerhalb unſeres beſchränkten Horizontes kennt.“ „Gleichviel, wenn dieſer Horizont, ſo beſchränkt er iſt, Maurice zuſagt?“ „Das ſagt ihm heute zu: wer weiß, ob es ihm morgen zuſagen wird?“ „Alles läßt vermuthen, daß . . .“ „Eine Vermuthung, meine liebe Julie, iſt keine Gewißheit . . .“ „Nein, allerdings nicht, indeſſen .. .“ „Nicht wahr, es iſt Dir, ebenſowenig als mir, je eingefallen, dem Berufe unſeres Sohnes entgegen⸗ zutreten?“ „Gott behüte mich!“ „Hätte er irgend eine andere Laufbahn ergreifen wollen, wir würden dieſem Verlangen kein Hinder⸗ niß entgegengeſetzt haben? .. 0 160 „Keines aber „Nehmen wir alſo an, er wolle, wie ſein Vetter, die diplomatiſche Laufbahn ergreifen, würdeſt Du Dich widerſetzen?“ „Wahrhaftig, lieber Freund, dieſe Frage iſt ſo außer unſeren Vorherſehungen, unſeren Hoffnungen, daß ſie mich in ein tiefes Erſtaunen ſetzt.“ „Antworte auf meine Frage.“ „Nun wohl, mein Freund, ich würde mich dem neuen Berufe meines Sohnes nicht widerſetzen, wenn er wahr wäre . . . doch ich würde ihn davon abzu⸗ wenden ſuchen.“ „Aus welchem Grunde?“ „Weil alle unſere Pläne über den Haufen ge⸗ worfen wären . . . wir müßten uns von Maurice trennen, die Zeit ſeiner Verheirathung mit Jeane verſchieben.“ „Fandeſt Du geſtern nicht ſelbſt Maurice und Jeane zu jung, um zu heirathen?“ „Ja . . doch den weiſen Einwürfen unſeres Freundes, Herrn Delmare, mich ergebend, änderte ich meine Anſicht.“ „Mein Gott! meine liebe Julie,“ unterbrach Herr Dumirail ſeine Frau mit wachſender Ungeduld, „un⸗ ſer Nachbar Delmare iſt allerdings ein Mann von Geiſt und Erfahrung; er kennt die Menſchen, und hat er einen Fehler, ſo iſt es der, daß er ſie zu gut kennt . . .“ „Dieſer Fehler ſcheint mir ſehr einer guten Eigenſchaft zu gleichen.“ „Du irrſt Dich, meine liebe Julie, denn die Menſchen zu gut kennend, hat unſer Nachbar die 161 traurigſte Meinung vom Menſchengeſchlechte gefaßt. So weil er, ein Verſchwender, einſt auf eine tolle Art ſein Vermögen vergeudet und ſich zu Grund gerichtet hat, glaubt er, Jedermann werde ſo toll ſein müſſen wie er, mit unſerem Sohne anzufan⸗ gen. Seine Höflichkeit hat mich immer abgehal⸗ ten, ihm zu bemerken, erzogen durch einen Vater von einer blinden, gleichſam albernen Schwäche, habe er unglücklicher Weiſe die beklagenswerthen Früchte dieſer ſchönen Erziehung tragen müſſen, und es ſei zwiſchen ihm und unſerem Sohne, der von uns erzogen worden, wie es der Fall geweſen, keine Vergleichung aufzuſtellen. Ich würde ihn auch ohne einen Schatten von Furcht ſich von uns trennen ſehen, ſollte er allen dieſen Gelegenheiten zu Fehl⸗ tritten ausgeſetzt ſein, über die ſich unſer ſehr ſkep⸗ tiſcher Nachbar mit einer Uebertreibung beunruhigt, die ich als Lächerlichkeit taxiren müßte, hätte ſie nicht ihre Quelle in der Zuneigung, die er uns zu bezeu⸗ gen ſcheint.“ „Mir ſcheint . . . und hoffentlich mit Unrecht, mein Freund . .. Du ſprichſt von Herrn Delmare nicht mit Deinem gewöhnlichen Wohlwollen, mit Deiner gewöhnlichen Herzlichkeit?“ „Ich? Du irrſt Dich.“ „Nein, ich verſichere Dir, und ohne Zweifel Dei⸗ ner unbewußt zeigſt Du Dich ironiſch, faſt herb ge⸗ gen einen trefflichen Mann, der uns ſeit drei Jah⸗ ren ſo viele Pfänder der Liebe und Zuneigung ge⸗ geben hat, der uns unſchätzbare Dienſte, beſonders zur moraliſchen Erziehung unſerer Kinder mitwirkend geleiſtet hat.“ Sue, die Familienſöhne. IH. —— 162 „Ich glaube mich in keiner Hinſicht gegen die Pflichten der Dankbarkeit und der Freundſchaft zu verfehlen, wenn ich einige Uebertreibungen in der Anſchauungsart unſeres Nachbars bezeichne; er iſt, ſo viel ich weiß, nicht unfehlbar und geſchützt vor den Schwächen des menſchlichen Geiſtes,“ antwortete trocken Herr Dumerail; „ich glaube endlich die ſehr wenig beunruhigende Meinung, die uns Herr Del⸗ mare gern in Betreff unſeres Sohnes aufzwingen möchte, bekämpfen zu können und zu müſſen.“ „Ich, was mich betrifft, mein Freund, danke jeden Tag Gott, daß er, wie man zu ſagen pflegt, mich von der Verſuchung der Böſen befreit hat, da ſeine beſcheidenen Neigungen und ſeine nahe Verbin⸗ dung mit ſeiner Couſine ihn für immer bei uns fixiren werden.“ „Dafür können wir durchaus nicht ſtehen, meine liebe Freundin, nein! Ich bin, im Gegentheile, beinahe ſicher, daß ſich eine radikale Veränderung in den Tendenzen unſeres Sohnes bewerkſtelligt hat oder bewerkſtelligen wird. Seine Zukunft kann ſehr modificirt werden. Unter uns geſagt aber, ich wäre weit entfernt, dieſe Veränderung zu beklagen. Ich will Dir meinen ganzen Gedanken in dieſer Hinſicht anvertrauen.“ „Ach! möchten meine Ahnungen mich täuſchen,“ dachte Madame Dumerail mit einer Todesangſt. „Großer Gott! könnte der väterliche Stolz einen ſo hellſehenden, ſo feſten, ſo weiſen Geiſt, wie der mei⸗ nes Mannes iſt, trüben, irre leiten!“ 163 XLV. Nach einigen Minuten der Sammlung ſagte Herr Dumerail zu ſeiner Frau: „Warſt Du nicht betroffen von der ſorgenvollen, nachdenkenden, beinahe düſtern Miene von Maurice, ſeitdem geſtern Abend dieſer goldgalonnirte Courier angekündigt hat, unſer Neffe ſei zum Chargé d'af- faires ernannt!“ „Während des geſtrigen Abends, den er hier mit mir in der Sennhütte zubrachte, indeß Jeane aus ihrer Ohnmacht zurückgekommen ſchlummerte, ſchien mir unſer Sohn in der That traurig, befangen. nichts läßt mich aber denken, mein Freund, die Trau⸗ rigkeit von Maurice werde durch die Ernennung ſei⸗ nes Vetters zu dem Pvoſten, den er zu verſehen hat, verurſacht.“ „Welcher Urſache ſoll man denn die Sorgen un⸗ ſeres Sohnes zuſchreiben?“ „Vielleicht dem Gefühle der Eiferſucht, dem er vorgeſtern einen Augenblick nachgegeben hatte?“ „Das iſt unmöglich, er iſt nun mit Jeane ver⸗ lobt, und Albert iſt abgereiſt . . . Unſer Sohn hat alſo nicht einmal mehr den Vorwand, eiferſüchtig zu ſein.. ſeine Traurigkeit, ſeine Befangenheit müſſen offenbar andere Urſachen haben.“ „Welche, mein Freund?“ „Maurice fühlt, ich bin es überzeugt, nicht Neid, das hieße ihn verläumden, ſondern einen edlen Wett⸗ eifer bei dem Gedanken an die glänzende, ſeinem Vetter eröffnete Laufbahn. Unſer Sohn fühlt auch 16⁴ eine Art von Entmuthigung, indem er ſich ſagt, er werde ſein Leben dem Mäſten der Ochſen und der Schweine und dem Beaufſichtigen der Verfertigung der Jura-Käſe widmen, wie meine Schweſter mit einem höhniſchen Gelächter wiederholte, das mich am Ende ſehr erbitterte. Alle Teufel! wäre es auch nur um eine gute Lection in der mütterlichen Be⸗ ſcheidenheit meiner theuren Frau Schweſter zu geben ich möchte ihr wohl beweiſen, daß, ſo ein dicker Bauer er auch ſein mag, unſer Sohn eben ſo viel, wenn nicht mehr Fähigkeiten hat, als unſer Reffe. Das würde dargethan, wenn Maurice, wie ich zu glauben allen Grund habe, von einem lobenswerthen Ehrgeize erfüllt wäre, wir werden übrigens bald er⸗ fahren, woran wir uns zu halten haben.“ „Wie?“ „Indem wir Maurice hierüber befragen, denn es könnte ſein, daß aus Furcht, uns zuwider zu han⸗ deln oder ſchlimm von uns empfangen zu werden .. . dieſes Kind ſein Verlangen vor uns verbürge . in dieſem Falle iſt es unſere Sache, ſeinen Wünſchen im Intereſſe ſeiner Zukunft entgegenzukommen.“ „Mein Freund, je länger ich Dich höre, deſto mehr nehmen meine Bangigkeiten zu.“ „In welcher Hinſicht?“ „Schon . . . hinſichtlich der Möglichkeit dieſer Berufsveränderung bei meinem Sohne. Die Fol⸗ gen dieſer Veränderung wären unberechenbar.“ „Unberechenbar?. . . Mir ſcheint, im Gegen⸗ theile, ſehr leicht zu berechnen.“ „Allerdings, leider iſt nichts leichter; man müßte 165 vor Allem die Verheirathung unſeres Sohnes mit Jeane weit hinausſchieben!“ „Sie ſind ſo jung!“ „Wir müßten uns ſodann . . . und hiezu ver⸗ möchte ich mich nie zu entſchließen . . . wir müßten uns vielleicht von Maurice trennen.“ „Meine gute Julie, die Eltern müſſen ihr Kind um ſeinetwillen lieben, und nicht um ihretwillen, und muthig ihre Neigungen, ihre Gewohnheiten opfern, wenn dieſes Opfer nöthig iſt.“ „Mein Freund, Du bedenkſt nicht! Maurice, in ſeinem Alter . . . unerfahren, glühend, ungeſtüm, wie wir ihn kennen . . . ſich ſelbſt in einer großen Stadt überlaſſen . . . in Paris vielleicht . . . großer Gott! erinnerſt Du Dich der ſo gerechten Befürch⸗ tungen, wie ſie über dieſen Gegenſtand unſer Freund ausgeſprochen hat!“ „Ich wiederhole, Julie, unſer Freund, da er ſich verfehlt hat, hält Jedermann für fehlbar . . . und Du wirſt mir erlauben, wenn es ſich um unſern Sohn handelt, einen beſſeren Glauben an mich als zum Urtheile eines Fremden zu haben . . . Uleber⸗ dies, wenn es Dich Ueberwindung koſtete, Dich von Maurice zu trennen, warum ſollteſt Du, wäre er genöthigt, in Paris zu ſtudiren, ihn nicht dahin be⸗ gleiten?“ „Dann müßte ich mich aber von Dir trennen.“ „Würdeſt Du zögern, wenn dieſe augenblickliche Trennung Deinem Sohne nützlich wäre?“ „Höre, mein Freund, da es ſich glücklicher Weiſe nur um Annahmen handelt, ſo bitte ich Dich, erſpare mir ſie; ſie machen mich traurig, ſie beunruhigen 166 mich, allerdings mit Unrecht, ich weiß es! Iſt es möglich, vernünftiger Weiſe zuzugeben, unſere Exiſtenz könne ſo, von einem Tage auf den andern verwan⸗ delt, über den Haufen geworfen werden, weil unſer Sohn, einer Laune oder tollen Eingebungen folgend, ſeine Laufbahn ändern möchte, . auf die Gefahr, ſein Glück, ſeine Zukunft zu compromittiren. Ahl mein Freund, ſchon bei dieſem Gedanken allein er⸗ greifen mich die ſchwärzeſten Ahnungen .. .“ „Ich hielt Deinen Charakter für feſter, Julie...“ „Mein Freund, ich gebe im Gegentheile Zeug⸗ niß von einiger Charakterfeſtigkeit, indem ich mich bemühe, nicht von dem Wege abzugehen, den wir ſeit zwanzig Jahren für das Glück unſeres Sohnes und für das unſere verfolgen.“ „Woraus folgt, . . . daß ich ein Mann von ſchwachem Charakter bin!“ ſagte Herr Dumirail mit einem Ausdrucke von Heftigkeit und Bitterkeit, der, bis dahin kaum bewältigt, immer mehr zunehmen ſollte; „und ich verlaſſe alſo den guten Weg, auf dem wir bis jetzt gegangen ſind und ſchlage wiſſent⸗ lich einen ſchlechten ein.“ „Mein Freund . . ich beſchwöre Dich . . .“ „Dieſe Vorwürfe der Schwäche und der Unklug⸗ heit, in welcher Hinſicht verdiene ich ſie, wenn's beliebt?“ „Ich wiederhole, mein Freund, dieſe Vorwürfe, ich mache ſie Dir nicht . . .“ „Alſo, weil ich es als eine heilige Pflicht be⸗ trachten würde, die Wahl meines Sohnes zu reſpec⸗ tiren, wollte er eine neue Laufbahn ergreifen, bin ich ein ſchwacher Mann! Ich bin alſo ein unkluger, 167 unbedachtſamer Mann, weil ich den Muth hätte, meine Neigungen dem Intereſſe meines Sohnes zu opfern, ſtatt mich in einen, übrigens ſehr bequemen, Egoismus zu verſchließen und jede Veränderung zu⸗ rückzuweiſen, welche der angenehmen Exiſtenz, die ich genieße, den geringſten Eintrag thun würde!“ „Mein Freund,“ erwiederte Madame Dumirail mit thränenfeuchten Augen, „ſeit unſerer zwanzig⸗ jährigen Ehe iſt dies das erſte harte, ungerechte Wort, das Sie an mich gerichtet haben.“ „Weil ich zum erſten Male ſeit unſerer Verhei⸗ rathung entdecke, daß Sie unter gewiſſen Umſtänden vielleicht das Intereſſe Ihres Sohnes vergeſſen wür⸗ den, um nur an Ihre perſönlichen Convenienzen zu denken.“ „Möchte die Zukunft nicht grauſam beweiſen, wer von uns Beiden in dieſem Augenblicke die Sprache einer erleuchteten Zärtlichkeit ſpricht. Ahl mein Freund,“ fügte Madame Dumirail mit beben⸗ der Stimme bei, „Sie, der Sie gewöhnlich einen ſo klugen und weiſen Geiſt an den Tag legen, können Si „Mit anderen Worten, meine Weisheit hat ſich in Thorheit verwandelt, und ich ſchwatze Unſinn, Madame. Es iſt mir peinlich, Ihnen zu erklären... Dieſer Vorwurf gränzt an die Beleidigung und ver⸗ letzt mich tief.“ „Ah! Ihre Ungerechtigkeit iſt empörend . und ich . . .“ „Vollenden Sie, Madame . . .“ Zu ſehr bewegt, um mit Ruhe zu antworten, ſchwieg Madame Dumirail einige Augenblicke, ſam⸗ 168 melte ſich und ſagte dann mit einem Ausdrucke voll Ehrerbietung und Zärtlichkeit: „Mein Freund, was ſich ſo eben zwiſchen uns zugetragen hat, iſt eine Lehre; Gott wolle, daß ſie nicht unnütz ſei . . . Vor Kurzem ſagteſt Du zu mir: „Wir qualificiren fälſchlicher Weiſe als Neid unſer Bedauern darüber, daß die Laufbahn unſeres Sohnes nicht ſo glänzend ſein wird, als die ſeines Vetters; redliche Leute wie wir, die ihren Sohn lie⸗ ben, wie wir ihn lieben, ſind unfähig, ſchlimmen Gefühlen nachzugeben.“ Ach! dennoch . . . darf man über ein Gefühl nach dem guten oder ſchlimmen Einfluſſe urtheilen, den es auf uns übt . . . ſieh doch! . . . zwanzig Jahre lang ſind wir nie durch einen ernſten Zwiſt veruneinigt geweſen . . . unſere Beziehungen ſind immer liebreich, unſerer gegenſeiti⸗ gen Achtung würdig geweſen, und nun, zum erſten Male in unſerem Leben, wechſeln wir bittere ver⸗ drießliche Worte, welche von meiner Seite, ſiehſt Du, bis zur Beleidigung gehen . . . Dich beleidigen. . . ich .. die ich für Dich eben ſo viel zärtliche Liebe, als Ehrfurcht hege . . Mein Freund, ich appellire an Deine Rechtſchaffenheit, an Deine Vernunft: kann ein im Princip edles Gefühl ſo traurige Folgen haben? . . ſollte es uns ſo trennen, uns, die wir unſern Sohn lieben? Glaube mir, mein Freund, wir täuſchen uns! Was wir empfunden haben, denn ich habe ihn auch einen Augenblick empfunden, iſt Neid . . der gehäſſigſte, der abſcheulichſte Neid! . Er hat, um uns irre zu leiten, die Maske eines edlen väterlichen Stolzes angenommen; doch er ver⸗ räth ſich durch ſeine Werke . . . Ich erkenne ihn an 169 der Uneinigkeit, die er ſchon zwiſchen uns ausſtreut! Ah! gegen dieſe fluchwürdige Leidenſchaft . . . werde ich mit allen Kräften der Mutter und der Gattin kämpfen . .. Ja, zu dieſem Kampfe, mein Freund, bin ich entſchloſſen . . . weil ich kämpfend . mei⸗ nen Sohn vertheidige!“ „Ihren Sohn vertheidigen, Madame? . . . und gegen wen?“ rief Herr Dumirail, Anfangs etwas beſchwichtigt, wenn auch nicht überzeugt durch die erſten Worte ſeiner Frau. Sodann abermals heftig werdend: „Gegen wen wollen Sie Ihren Sohn verthei⸗ digen?“ „Gegen ſeine eigene Schwäche, mein Freund,“ antwortete mit feſtem Tone Madame Dumirail, welche mit Schmerz das Vergebliche ihres Verſöhnungsver⸗ ſuches erkannte; „ja, ich vertheidige meinen Sohn gegen ſeine Schwäche, und wenn es ſein müßte .. gegen die Ihrige . . .“ „Madame . . . dieſe Keckheit . . .“ „Dieſe Keckheit . . . ich hätte ſie . . . im Noth⸗ ſalle „Das iſt zu viel . . . und wer hat denn hier das Recht, über die Zukunft meines Sohnes zu ent⸗ ſcheiden?“ . „Ah! gebe der Himmel, daß über dieſe Zukunft nicht Sie, mein Herr, in der Geiſtesverirrung, in der ich Sie ſehe, entſcheiden! und da Sie auf die Stimme der Vernunft nicht hören wollen, ſo muß ich Ihnen endlich ſagen . . . was ich zwanzigmal ſeit dem Anfange dieſer peinlichen Unterredung auf den Lippen gehabt habe!“ 170 „Ich bin begierig, Sie zu hören . . .“ „Nun wohl, mein Herr . . . Sie unterſchieben unſerem Sohne einen Beruf, den er nicht hat, ehr⸗ geizige Wünſche, die er nicht hat . . . Sie, ja, Sie allein ſind es, der, irre geleitet durch den väterlichen Stolz, Maurice auf eine neue Bahn treiben will, denn ich fordere Sie heraus zu verſichern, daß er ein Wort, ein einziges Wort von dem Berufe geſagt hat, den bei ihm anzunehmen Ihnen beliebt.“ „Und wenn das ſo wäre, Madame?“ „Sie geſtehen alſo zu, ohne das Wiſſen von Maurice haben . . .“ „Und was habe ich denn zu verbergen, Madame? Was kann legitimer, achtenswerther ſein, als das Gefühl eines Vaters, der, ſcinen Ehrgeiz, ſeinen Stolz in den Succeß ſetzend, den ſein Sohn durch ſein Verdienſt erlangen kann, begierig wäre, die Laufbahn ſeines Sohnes glänzend und geſchätzt zu ſehen? Ich benehme mich alſo unvernünftig, ich laufe Gefahr, die Zukunft von Maurice zu gefährden, weil ich entſchloſſen bin, den Beruf meines Sohnes nicht hervorzurufen, ſondern zu begünſtigen, wenn er dem Lande bei einem der edelſten Berufe die⸗ nen wollte, welche zu ergreifen einem Bürger ver⸗ gönnt iſt? Bin ich hiebei im Widerſpruche mit mei⸗ nen Grundſätzen? Sagte ich Ihnen nicht vorgeſtern noch, Madame: „„Wir vermöchten ſicherlich für Mau⸗ rice keinen ſanfteren, friedlicheren Stand zu wählen, als den, welchen er gewählt hat; doch es gibt, welche glänzender und geehrter dadurch, daß ſie ſchwieriger, mühſamer ſind.““ „Ah! glauben Sie mir .. im Namen des Him⸗ 171 mels! glauben Sie mir,“ erwiederte mit zunehmen⸗ der, ſchmerzlicher Bangigkeit Madame Dumirail, „un⸗ willkürlich, Ihnen unbewußt . . . und das iſt Ihre Entſchuldigung, denn Sie ſind ein rechtſchaffener Mann, ein Mann von Gemüth . . . geben Sie dem Egoismus Ihrer väterlichen Eiferſucht nach . . . Sie beneiden Ihre Schweſter, deren Sohn heute mit dem Titel Ercellenz geſchmückt iſt . . . dieſer Titel hat Ihnen den Kopf verdreht. . . das iſt die Wahrheit Sie träumen nur für Maurice den Titel Excellenz und dieſer Eitelkeit, deren Verwirklichung ſo zweifelhaft, würden Sie blindlings heute das Glück unſeres Sohnes opfern. Nein, nein, hundertmal nein! Als Mutter, als Gattin werde ich proteſtiren, ich werde kämpfen, gegen Ihren unſeligen Ehrgeiz, ſo lange mir die Kraft oder die Macht bleibt, zu prote⸗ ſtiren, zu kämpfen!“ „Nun wohl, Madame, wir werden ſehen, wem bei dieſem Kampfe der Vortheil bleiben wird .. Doch vor Allem merken Sie ſich wohl . . . Sollte Maurice, wie dies möglich iſt, bei der Diplomatie einzutreten wünſchen, ſo würde er nach Paris ab⸗ gehen, um dort ſeinen Rechtscurſus zu verfolgen und im Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten zu arbeiten, da das Glück will, daß ich Herrn von Mor⸗ ninville hinreichend große Dienſte geleiſtet habe, um Alles von ſeiner Protection zu Gunſten meines Soh⸗ nes, deſſen diplomatiſche Debuts er erleichtern wird, fordern zu können . . . Ich habe in dieſer Hinſicht heute Morgen an Herrn von Morninville geſchrieben und ihn gebeten, mir umgehend zu antworten .. . Mein Egoismus, meine Unvorſichtigkeit, meine Gei⸗ 172 ſteskrankheit, Madame, laſſen mir endlich genug Urtheilskraft, um zu erkennen, daß Maurice in Paris nicht ſich ſelbſt überlaſſen werden kann, trotz der be⸗ vormundenden Fürſorge, mit der ihn Herr von Morninville gewiß umgeben würde . . . Ich mache Ihnen alſo den Vorſchlag, Maurice nach Paris zu begleiten, und ſollten Sie ſich weigern, dieſe hei⸗ lige Pflicht zu erfüllen . . . ſo würde ich ſie ſelbſt erfüllen, nachdem ich den Morillon verpachtet hätte; eine raſche, leichte und vortheilhafte Operation, denn unſere Güter ſind nun ſo in Werth geſetzt, daß ich jeden Tag, von Seiten der zahlungsfähigſten Perſonen, das Anerbieten erhalte, den Pacht von Morillon um dreißigtauſend Franken jährlich zu über⸗ nehmen. Hiezu, Madame, bin ich eintretenden Falles entſchloſſen. Entſpinnen Sie nun, wenn es Ihnen beliebt, einen unmächtigen Kampf gegen mich: nichts wird meinen Willen zu erſchüttern im Stande ſein.“ Herr Dumirail wurde unterbrochen durch den Eintritt von Jeane und Maurice in Begleitung von Herrn Charles Delmare. XLVI. Herr Dumirail ſchwieg und ſchien verlegen beim Anblicke von Jeane, Maurice und Charles Delmare. Als dieſer die Belebtheit der Züge ſeines Freundes, ſeine Phyſiognomie, in der ein bewältigter Zorn un⸗ verkennbar war, bemerkte, ahnte er, es ſei ein ſtür⸗ miſcher Streit zwiſchen den beiden Gatten ausge⸗ brochen, ein Streit, der ihn um ſo mehr beunruhigte, 173 als er ihren Gewohnheiten ganz entgegengeſetzt war und bei Herrn Dumirail eine augenblickliche tiefe Gemüthserregung bezeichnete. Ganz in Anſpruch genommen durch den Gedan⸗ ken des Schrittes, den ſie bei ihren Eltern faſt mit der Gewißheit des Gelingens thun wollten, machten die zwei Brautleute nicht dieſelbe Bemerkung wie ihr lieber Meiſter: Beide aber konnten ihr Erſtaunen nicht verbergen, als Herr Dumirail, der immer ſo liebreich, ungeſtüm, faſt hart zu ihnen ſagte: „Was wollt Ihr? Ihr ſeht wohl, daß ich mit meiner Frau zu ſprechen habe!“ Und ſich an Charles Delmare mit nicht minder ungeſtümem Tone wendend, deſſen Ausdruck jedoch von einer gewiſſen Ungeduld über ſeine unvorherge⸗ ſehene Gegenwart zeugte, fügte Herr Dumirail bei: „Mein lieber Nachbar, ich zählte nicht darauf, das Vergnügen zu haben, Sie heute Morgen hier zu ſehen . Sie ſind alſo nicht nach dem Morillon gegangen, ehe Sie hierher kamen?“ „Nein, mein Freund, ich bin unmittelbar zur Sennhütte hinaufgeſtiegen. Hatten Sie zu Hauſe einen Auftrag an meine Adreſſe hinterlaſſen?“ „Man ſollte Ihnen ſagen, wir erwarten Sie beim Mittagsbrode, doch es ſei unnöthig, daß Sie ſich die Mühe geben, zur Sennhütte heraufzuſteigen, wo wir den Tag ganz in Familie zuzubringen wün⸗ ſchen.“ Die letzten Worte: ganz in Familie verſetzten Charles Delmare in ein tiefes ſchmerzliches Erſtaunen. Er ſah ſich zum erſten Male ſeit drei Jahren aus der Intimität der Familie ausgeſchloſſen; die plötzliche 174⁴ ſehr ſichtbare Kälte von Herrn Dumirail überzeugte ihn, er ſei, wie man zu ſagen pflegt, zu viel; doch die Umſtände waren in ſeinen Augen ernſt genug, daß er dem Gefühle verletzter Empfindlichkeit kein Gehör lieh. Er beſchloß, nicht den Anſchein zu haben, als bemerkte er die Kälte ſeines Freundes, und da er überdies wahrnahm, daß Madame Dumirail, deren trauriges, verſtörtes Geſicht ihm auffiel, ihn mit dem Blicke aufzufordern ſchien, er möge bleiben, ſo blieb er. „Mein Vater,“ ſagte Maurice zu Herrn Dumi⸗ rail, „vorgeſtern Abend habt Ihr, Du und meine Mutter, uns mit einander verlobt und uns verſpro⸗ chen, ſo viel als möglich die Zeit unſerer Heirath zu beſchleunigen . . . Jeane und ich kommen nun, Dich, ſowie meine Mutter, an dieſes Verſprechen zu erinnern.“ „Und in dieſes Verſprechen ſetzen wir unſere ganze Hoffnung,“ fügte Jeane bei; „denn dieſes Ver⸗ ſprechen ſoll das Glück unſeres Lebens ſichern.“ „Gelobtſei Gott!“ dachte Madame Dumirail, einen ausdrucksvollen Blick auf Charles Delmare werfend, der die Bedeutung deſſelben verſtand; „gelobt ſei Gott! nun fürchte ich nicht mehr die Folgen meines Kampfes gegen die Abirrung meines Mannes . . mein Sohn ſelbſt iſt meine Hülfsmacht was habe ich zu befürchten?“ Trotz des Aergers, des Verdruſſes, den ihm der Schritt des Brautpaares verurſachte, beherrſchte ſich Herr Dumirail und erwiederte ſeinem Sohne mit liebreichem, ernſtem Tone: „Deine Mutter und ich, mein lieber Maurice, 175 werden dieſem Verſprechen treu ſein, da Deine Ver⸗ bindung mit Deiner Couſine unſere Wünſche erfüllt nur was die Beſchleunigung der Hochzeit betrifft, bitte ich Dich inſtändig, reiflich zu überlegen; Jeane und Du, Ihr ſeid noch ſehr jung. Dieſer oder jener Umſtand könnte aber machen, daß Du bedauern wür⸗ deſt, mit zu viel Eile ſo jung eine unauflösliche Ver⸗ bindlichkeit eingegangen zu haben.“ „Mein Vater, Jeane und ich haben reiflich er⸗ wogen.. „„wir ſind ſicher,““ hat ſie geſagt, „„das Glück in dieſer Ehe und in dem Entſchluſſe, hier unſere Tage bei einander zuzubringen, zu finden.““ „Nie ſeid Ihr beſſer inſpirirt geweſen, meine Kinder!“ ſprach lebhaft Madame Dumirail, „und wie Ihr, beſchleunigen wir mit unſeren Wünſchen den Tag Eurer Verbindung.“ „Allerdings,“ erwiederte Herr Dumirail, ſeine Ungeduld, ſeinen Aerger bewältigend. „Alſo, mein Sohn, Du biſt feſt entſchloſſen, Landwirth zu bleiben?“ „Ja, mein Vater . . .“ „Hältſt Du Dich für ſicher . . . ſo ſicher als man es ſein kann .. daß auf Deine Neigung für die Landwirthſchaft nicht ein anderer Beruf folgen wird?“ „Ich denke es nicht . . .“ „Ah! Maurice, welche ſüße Freude bereiteſt Du mir, indem Du ſo ſprichſt!“ rief Madame Dumirail. „Ich habe übrigens keinen Grund, mich zu wundern; wie oft haſt Du uns nicht geſagt: Als Bauer bin ich geboren, als Bauer werde ich ſterben!“ „Alſo,“ ſprach Herr Dumirail, dem es gelang, den wachſenden Zorn zu bewältigen, welchen ihm 176 der Dazwiſchentritt ſeiner Frau verurſachte, „alſo, mein Freund, Du ſiehſt nichts Wünſchenswerthes außerhalb der beſcheidenen dunkeln Lage, die Dir vorbehalten iſt? Alſo Du bedauerſt nicht, Du wirſt nie bedauern . . . ich führe dieſes Factum an, weil wir es vor den Augen haben . . . Du wirſt nie be⸗ dauern, ſage ich, Deinen übrigens ſehr lobenswerthen Ehrgeiz zum Beiſpiel nicht bis zu einer ſo glänzenden Laufbahn, wie es die Deines Vetters San Privato iſt, erhoben zu haben?“ „Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, mein Vater, gewiſſe ehrgeizige Velleitäten waren in mir ſeit der Ankunft meines Vetters erwacht,“ antwortete Mau⸗ rice; „doch dieſer Ehrgeiz war ephemer . . .“ „Ich war deſſen ſicher! meine Ahnungen täuſchten mich nicht!“ ſagte zu ſich ſelbſt Herr Dumirail, trium⸗ phirend und mehr als je entſchloſſen, bei ſeinen Plä⸗ nen zu beharren; dann ſprach er laut zu Maurice: „Was Du mir ſo eben mitgetheilt haſt, mein Kind, iſt ein Geſtändniß von der höchſten Wichtigkeit .. Und woher kommt es, daß Du bis jetzt vor uns dieſe Velleität eines, ich wiederhole Dir, höchſt lobenswer⸗ then Ehrgeizes verbargſt?“ „Maurice verbarg ſie aus dem ſehr einfachen Grunde, weil die ehrgeizige Velleität dieſes lieben Kindes, Gott ſei Dank! eben ſo ephemer als plöt⸗ lich war,“ erwiederte Charles Delmare; „und ſo eben noch ſagte er uns . .“ „Mein lieber Nachbar,“ unterbrach kalt Herr Dumirail, „die Frage, um die es ſich handelt, hat meines Erachtens eine ſo ernſte Bedeutung, daß Sie es gut finden werden, wenn mir mein Sohn frei und außer allem Einfluſſe antwortet, ſo gut hiebei die Abſicht übrigens ſein mag.“ „Die Antwort von Maurice ſtimmt dergeſtalt mit ſeinem Gedanken überein, daß er uns bei ſeinem Eintritte hier mit ſeinem erſten Worte ſagte, er wolle uns nie verlaſſen,“ fügte Madame Dumirail bei. „Es iſt alſo keinem Zweifel unterworfen, daß . . .“ „Verzeih' wenn ich Dich unterbreche, meine liebe Freundin,“ ſagte Herr Dumirail, der ſich anſtrengte, ſeinem Tone, ſeiner Phyſiognomie das liebreiche Weſen zu geben, das er gewöhnlich gegen ſeine Frau bezeugte, da er das Brautpaar ihren kurz zuvor ſtatt⸗ gehabten Zwiſt nicht wollte vermuthen laſſen; „ich muß Dir dieſelbe Bemerkung machen, wie unſerem lieben Nachbar: unſer Sohn ſoll frei und ohne Rück⸗ halt ſeinen Gedanken.. ſeinen ganzen Gedanken.. bei einer ſo ernſten Conjunctur ausſprechen ..5 Und ſich an Maurice wendend: „Du ſagteſt mir, mein Freund, ſeit der Ankunft Deines Vetters ſeien gewiſſe ehrgeizige Velleitäten in Dir erwacht?“ „Es iſt wahr, mein Vater, doch dieſer Ehrgeiz war mir, ſtreng genommen, nicht perſönlich . . . nicht für mich war ich ehrgeizig.“ „Für wen denn, mein Sohn?“ „Für Jeane. . ich hätte ihr gern meine länd⸗ lichen Neigungen vpfern wollen, wären ihre Neigun⸗ gen von den meinigen verſchieden geweſen ich wäre glücklich geweſen, ihr einen Namen zu bringen, auf den ſie hätte ſtolz ſein können.“ „Doch ich antwortete Maurice, mein einziges Ver⸗ langen in der Welt ſei, ſeine Frau zu werden und Sue, die Familienſöhne. H. 12 178 fortwährend unter Ihnen, liebe Tante, lieber Oheim, zu leben, die Sie mir ſchon den ſüßen Namen Toch⸗ ter gaben!“ ſagte Jeane; „ich flehte auch Maurice an, auf einen Ehrgeiz zu verzichten, deſſen Trieb⸗ feder ich allein ſei.“ „Hierin, meine liebe Jeane, haſt Du Unrecht gehabt,“ entgegnete ſtreng Herr Dumirail, „ſehr Unrecht.“ „Meiner Anſicht nach, liebes Kind, haſt Du im Gegentheile einen Beweis von einem trefflichen Geiſte, von einer weiſen und vorſichtigen Zärtlichkeit ge⸗ geben; ich wünſche Dir auch aus dem Grunde mei⸗ ner Seele Glück,“ ſagte Madame Dumirail. „Unſer Freund, Herr Delmare iſt, ich bezweifle es nicht, meiner Meinung über das Benehmen unſerer lieben Jeane bei dieſem Anlaſſe.“ „Sie können nicht daran zweifeln, Madame, und ich füge bei . . .“ „Meine liebe Julie, und Sie, mein lieber Nach⸗ bar, Ihr ſeid, — ohne Vorwurf ſei es geſagt, — entſetzliche Unterbrecher,“ rief Herr Dumirail, der zu lächeln ſich anſtrengte. „Unterbrecht Ihr mich noch einmal, ſo bin ich wahrhaftig genöthigt, mich allein mit meinen Kindern zurückzuziehen, um Euren Unterbrechungen zu entgehen. Ich warf Dir vor, Jeane, Du habeſt den edlen Eifer von Maurice aus⸗ zulöſchen geſucht, ſtatt ihn anzuregen. Glaube mir, ich bin eben ſo ſehr auf ſein Intereſſe, als auf das Deinige bedacht, indem ich dieſen Vorwurf an Dich richte. Wer weiß, mein liebes Kind, ob Du nicht ſelbſt eines Tags ſtolz darauf wäreſt, einem Manne zu gehören, der ſeine hohe Stellung ſeinem Verdienſte 179 zu verdanken hätte! und dieſe hohe Stellung, Mau⸗ rice könnte ſie, durch Dich unterſtützt, aufgemuntert, erringen. Möchteſt Du nie bedauern, daß Du ihn von einem ſo edlen Ziele abgewandt haſt, und Dich eines Tags nicht vadurch gedemüthigt fühlen, daß Du die Frau eines Landwirths biſt!“ „Ah! das war meine Furcht,“ ſprach Maurice, der, voll von einer vertrauenden Achtung für das Urtheil und die Weisheit von Herrn Dumirail, ſeine letzten Entſchlüſſe ſchwach werden fühlte. „Dieſe Furcht, Du erweckſt ſie wieder, mein Vater . . . oh! lebhafter als je!“ „Maurice, ich flehe Dich an,“ ſagte Jeane, „er⸗ innere Dich unſerer Unterredung von heute Morgen..“ „Ich erinnere mich derſelben, und dennoch fühle ich meine Zweifel wieder erwachen,“ antwortete Mau⸗ rice mit Bangigkeit. „Oh! wie peinlich iſt dieſe Unentſchloſſenheit!“ „Ich will in keiner Hinſicht einen Einfluß auf Dei⸗ nen Entſchluß üben,“ ſagte Herr Dumirail; „Du wirſt überlegen. Ich füge nur bei, daß mir, falls Du die diplomatiſche Laufbahn ergreifen wollteſt, kein Opfer zu groß wäre, um Dich in den Stand zu ſetzen, ſie auf eine anſtändige Art zu verfolgen. Du würdeſt ſo bald als möglich mit Deiner Mutter und Jeane nach Paris abreiſen; unſer Freund, Herr von Morninville, würde den Curſus Deiner Arbeiten leiten; ich würde den Morillon verpachten und bald zu Euch kommen; wäreſt Du endlich bei einer Ge⸗ ſandtſchaft attachirt, ſo würden wir mit Dir reiſen. . Ich habe nie mein Dorf verlaſſen, und ich könnte keine angenehmere Gelegenheit wünſchen, um Länder 180 zu ſehen. Jeane und Du bliebet immer verlobt; Eure Hochzeit fände ſtatt, wenn Du, Dand ſei es Deiner Intelligenz, Deinem Eifer und der Unter⸗ ſtützung von Herrn von Morninville, Deinen Vetter Albert um nichts mehr zu beneiden hätteſt. Dann, ſei hievon überzeugt, wäre unſere liebe Jeane ent⸗ zückt, Dich durch Dein Verdienſt ſo hoch emporge⸗ kommen zu ſehen, und ſie würde Dich darum noch mehr lieben.“ „Alſo, mein Vater, weder Sie, noch meine Mut⸗ ter, noch Jeane ... würden mich verlaſſen, falls ich nach Paris oder in ein fremdes Land ginge?“ er⸗ wiederte Maurice, immer mehr erſchüttert, verführt durch dieſe lachende Perſpective, und der Schwäche und Unentſchloſſenheit ſeines Charakters nachgebend, ſagte er zu ſeiner Braut: „Jeane, das iſt ſehr verlockend!“ „So verführeriſch auch dieſe Verſuchung ſein mog, widerſtehe ihr, Maurice . . . widerſtehe ihr, ich beſchwöre Dich!“ rief Jeane mit flehendem Tone. „Ich wiederhole Dir, ich habe für Dich keinen Ehr⸗ geiz, und. „Meine liebe Jeane,“ unterbrach Herr Dumirail mit ſtrengem Tone, „es iſt mir peinlich, den Wider⸗ ſtand zu bemerken, mit dem Du die Uneinigkeit zwi⸗ ſchen mich und Maurice wirfſt. . . zu dieſer Stunde, wo er durchaus meine Anſichtsweiſe theilt.“ „Mein Oheim, erlauben Sie, zu ... „Rein, ich werde Dir nicht erlauben, Dich immer ſo in förmliche Oppoſition gegen meine Wünſche zu ſetzen . . . wenn dieſe keinen andern Zweck haben, als das Wohl meines Sohnes.“ 181 „Ich ſchweige, mein Oheim,“ antwortete Jeane, tief betrübt; „entſchuldigen Sie, ich ſchweige.“ „Aber, mein Freund,“ ſagte Madame Dumirail, „Jeane iſt hinreichend intereſfirt bei dem Entſchluſſe, um den es ſich handelt, um ihre Meinung auszu⸗ drücken.“ „Meine liebe Julie, es iſt unnütz, einen Streit zu entſpinnen. Maurice wird Zeit haben, zu über⸗ legen, ſich frei zu entſcheiden, denn ich wiederhole, ich beabſichtige in keiner Hinſicht Einfluß auf ihn zu üben.“ „Mein beſter Freund,“ ſprach Charles Delmare, unter einem liebreichen Lächeln ſeine Todesangſt ver⸗ bergend, „eine ſchon alte Freundſchaft hat ihre Rechte, und Sie werden mir ohne Zweifel erlauben, Sie zu fragen, wie es komme, daß Sie ſich vor der Ankunft von Herrn San Privato hier tief zufrieden damit gezeigt haben, daß Maurice, Ihr Beiſpiel befolgend, die väterlichen Felder bauen follte . . während nun im Gegentheile Sie . . .“ „Verzeihen Sie, mein lieber Herr Delmare,“ unterbrach trocken Herr Dumirail, „ich muß Ihnen bemerken, daß ich über ſechzig Jahre zähle, einigen geſunden Verſtand, das Gefühl meiner Familien⸗ vaterpflichten, eine erleuchtete Zärtlichkeit für meinen Sohn und einen unerſchütterlichen Willen habe Damit ſage ich Ihnen, daß Sie es, während ich, wie ich muß, die vortreffliche Abſicht ſchätze, die Sie leitet, gut finden werden, wenn ich Ihren Einwen⸗ dungen keine Rechnung trage, und mich beſonders enthalte, auf eine Frage zu antworten, von der meine gerechte Empfindlichkeit verletzt werden könnte.“ 182 „Ich wäre hierüber troſtlos, mein Freund, denn nichts iſt weiter von meinem Geiſte entfernt, als Sie zu verletzen! . . .“ erwiederte Charles Delmare; „klagen Sie nur meine Offenherzigkeit an . Sie haben ſo oft an dieſe appellirt . . . daß ich heute in voller Aufrichtigkeit mit Ihnen ſprechen zu können oder vielmehr zu müſſen glaubte.“ „Tauſend Dank für Ihren guten Willen, doch ich nehme nur die Rathſchläge an, wenn ich es für gut erachte, ſie zu verlangen . . .“ „Die Umſtände, unter denen Sie an die Auf⸗ richtigkeit meiner Freundſchaft appellirt haben, waren vielleicht minder ernſt, als die, um welche es ſich zu dieſer Stunde handelt .. „Wahrhaftig,“ erwiederte ungeduldig Herr Du⸗ mirail, „es iſt unbegreiflich, daß man ſo hartnäckig den Leuten rathen will, obgleich ſie . . .“ „Dieſe Hartnäckigkeit, glauben Sie mir, hat ihre Quelle in einer ſo wahren Zuneigung, daß . . .“ „Mein Herr!“ rief Herr Dumirail, jedes Maß verlierend, „wiſſen Sie, daß Ihre Beharrlichkeit un⸗ erträglich wird . . .!“ Seit einigen Minuten beſonders nicht mehr an dem Wunſche von Herrn Dumirail, einen Bruch zwiſchen ihnen hervorzurufen, zweifelnd, hatte ſich Charles Delmare bemüht, ihn zu beſchwören; er gab ſich den Anſchein, als bemerkte er die wachſende Trockenheit und Bitterkeit der Worte von Herrn Dumirail nicht, unternahm einen letzten Verſuch und ſagte: 3 WVir ſind zu alte Freunde, mein lieber Dumi⸗ rail, als daß mich eine Lebhaftigkeit von Ihrer Seite 183 je verletzen könnte. Ich kenne, Gott ſei Dank, ſeit langer Zeit Ihre Gefühle in Betreff meiner . . .“ „Ei! mein Herr! mein Herr! kann ſich die Natur dieſer Gefühle nicht geändert haben?“ „Ich bitte, was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will ſagen, mein Herr, da ich gerade heraus ſprechen ſoll, daß ein wahrer Freund nicht ſo, wie Sie es heute thun, die Zwietracht zwiſchen den Vater und den Sohn, den Mann und die Frau zu werfen ſucht.“ „Ich . großer Gott!“ „Sie, mein Herr!“ „Ah! mein Freund!“ rief Madame Dumirail, „können Sie einen ſolchen Vorwurf Herrn Delmare machen?. .. Das fällt Ihnen nicht ein, nein, nein, es wäre das Uebermaß des Undanks . . .“ „Sie ſehen, mein Herr, Sie ſehen die Frucht Ihrer hartnäckigen Intervention bei unſern theuer⸗ ſten Familienintereſſen!“ ſagte bitter Herr Dumirail zu Charles Delmare; „meine Frau bezüchtigt mich des Undanks in Gegenwart meiner Kinder, und es hat nicht von Ihnen abgehängt, daß mein Sohn mich nicht der Unvernunft beſchuldige Sie wer⸗ den nun vielleicht begreifen, mein Herr, daß . . .“ „Genug, mein Herr, ich entferne mich,“ erwie⸗ derte Charles Delmare mit einer traurigen Würde. „Sie werden bald einen Augenblick des Aufbrauſens bereuen, durch das ich nicht verletzt, aber grauſam betrübt bin, weil ich die im Ganzen ehrenwerthe Ur⸗ ſache kenne . Leben Sie wohl, mein Herr; ſeien Sie verſichert, ich werde mich immer nur der ſanften Herzlichkeit unſerer Beziehungen während der drei 18⁴ Jahre erinnern, die ich in Ihrer Familie empfangen zu werden die Ehre gehabt habe.“ Und ſich an Ma⸗ dame Dumirail und das Brautpaar wendend, ver⸗ ließ Charles Delmare das Zimmer mit den Worten: „Gott befohlen, Madame, Gott befohlen, Mademvi⸗ ſelle Jeane; Gott befohlen, mein lieber Maurice!“ XLVII. Nach dem Abgange von Charles Delmare und während des Augenblicks einer ſchmerzlichen Betäu⸗ bung, in welche ein ſo unerwarteter Bruch ſeine Frau und die zwei jungen Leute verſetzte, ſagte Herr Du⸗ mirail zu Jeane, indem er ihr ihm zu folgen winkte: „Komm, mein Kind, ich habe über einen Gegen⸗ ſtand mit Dir zu reden, der Dich ausſchließlich be⸗ trifft . . . Du wirſt ſodann zu Deiner Tante und zu Maurice zurückkehren.“ Das Mädchen folgte Herrn Dumirail. Er hieß ſie ſitzen, ſetzte ſich zu ihr unter der ländlichen Gallerie, die ſich an der Sennhuͤtte befand, und ſagte zu ihr: „Mein Kind, nicht wahr, Du liebſt Maurice zärtlich?“ . „Von ganzer Seele.“ „Du wünſcheſt ihn zu heirathen?“ „Das iſt der theuerſte meiner Wünſche.“ „Dieſe Heirath erfüllt auch unſere Wünſche; ſie könnte alſo auf keine andere Hinderniſſe ſtoßen, als auf die, welche Du ſelbſt entgegenſetzen würdeſt.“ „Ich großer Gott!“ 185 „Ich erkläre mich . . . Du übſt auf den Geiſt von Maurice einen großen Einfluß?“ „Er hat Glauben an meine Liebe, und Vertrauen zu meiner Ergebenheit, das iſt das Ganze.“ „Was auch die Urſache ſein mag .. . dieſes Vertrauen beſteht . . . So warſt Du die Triebfeder des lobenswerthen Ehrgeizes von Maurice . . . und dieſer von Dir eingeflößte Ehrgeiz iſt momentan von Dir erſtickt worden . . .“ „Ich glaubte es . . ich hielt ihn für gefährlich für die Ruhe, für das Glück von Maurice . . .“ „Ich denke gerade das Gegentheil, und ich bilde mir ein, Du wirſt mir eine gewiſſe Beurtheilungs⸗ kraft in dem, was die wahren Intereſſen meines Sohnes betrifft, zugeſtehen? Es folgt hieraus, daß wenn Du, trotz meiner dringenden Ermahnungen, dabei beharrſt, ihn von einer Linie des Verfah⸗ rens abzuwenden, welche ich ihn aus tauſend Grün⸗ den will verfolgen ſehen, es mir dargethan ſein wird, Du handelſt wiſſentlich oder vielmehr blindlings gegen ſeine wohlverſtandenen Intereſſen . . . In dieſem Falle erkläre ich Dir, Jeane, ich erkläre Dir förm⸗ lich, ſo peinlich mir auch der Gedanke iſt, meinem Sohne Kummer zu machen . . . und Dich auch zu betrüben . .. Du wirſt nie ſeine Frau werden! Führſt Du ihn im Gegentheile zu ſeinen erſten Plä⸗ nen zurück .. ſo wird es von Dir abhängen, die Cpoche Eurer Verbindung zu beſchleunigen, indem Du den edlen Eifer Deines Bräutigams anſtachelſt, damit er ſo bald als möglich zu einer Stellung ge⸗ langt, auf die wir Alle . . . mit Recht ſtolz ſein werden.“ 186 „Alſo, mein Oheim,“ ſtammelte Jeane mit beben⸗ der S „das iſt Ihr Entſchluß?“ „Das iſt mein unerſchütterlicher Entſchluß.“ „Ich bitte . . . hören Sie mich an! . . .“ „Willſt Du, ja oder nein, meine Abſichten in Beziehung auf Maurice theilen, begünſtigen?“ „Mein Gott!.. laſſen Sie mich Ihnen ſagen...“ „Unnütze Worte!. Ja oder nein?“ „Nun wohl, nein!“ rief J Jeane, die Augen voll von Thränen und ihrer Ueberzeugung muthig treu; „nein nein hundertmal nein! . .. werde als Mädchen ſterben. doch ich werde nicht dazu beigetragen haben, freiwilli ig das Unglück von Maurice und das meinige zu machen .. Ah! mein Oheim, wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten 4 „Was ich weiß, genügt mir, mein armes Kind, erwiederte Herr Dumirail, der, trotz ſeiner vorüber⸗ gehenden Abirrung, ſich bewegt fühlte von der muthi⸗ gen Selbſtverleugnung des Mädchens, das er auf⸗ richtig liebte. „Du ſiehſt, und wie ich Dir geſagt habe . Du . . . Du allein ſollteſt ein unüber⸗ windliches Hinderniß einer Heirath entgegenſetzen, die unſere Wünſche erfüllte . . . Es ſei ſo!. . . Ich beklage Deine traurige Harinäcigkeit doch Du ver⸗ lierſt entfernt nichts in meiner Achtung . . . Nur muß ich Dir ſagen, daß es unter jeder Bedingung, mag mein Sohn hier bleiben, mag er eine andere Laufbahn verfolgen. nicht ſchicklich, nicht möglich iſt, daß Du Du begreifſt das ſelbſt, da unſere Heirathspläne abgebrochen ſind . . . daß Du fort⸗ während bei uns wohnſt⸗ Ich werde übrigens auf die Mittel bedacht ſein, vich ſo unterzubringen, 4 187 daß Du ſo wenig als möglich den Verluſt unſeres Hauſes beklagſt . . . das für Dich, liebes Kind .. das väterliche Haus geworden iſt,“ fügte Herr Du⸗ mirail gerührt bei. „Doch ich will glauben, die Ueberlegung werde Dich aufklären . . . ich werde bis morgen auf Deine definitive Antwort warten. .. Ich verlange übrigens durchaus nicht, daß Du gegen Maurice das Geheimniß unſerer Unterredung bewah⸗ ren ſollſt . . . Handle in dieſer Hinſicht nach Deinem Gutdünken .. Ich beſchwöre Dich auf's Neue, liebe Jeane, überlege reiflich, und ich hoffe noch, Dein Entſchluß wird ſo ſein, wie ich ihn für unſer Aller Glück wünſche.“ XLVIII. Vier Tage, nachdem ſich die vorhergehenden Sce⸗ nen zugetragen hatten, ſpann Geneviève an ihrem Rädchen in der Küche und ſagte zu ſich, indem ſie ihre von friſchen Thränen gerötheten Augen ab⸗ wiſchte: „Ah! welches Unglück! welches Unglück! Mit Herrn Dumirail entzweit, wagt es mein armer Charles nicht, nach dem Morillon zurückzukehren. Er iſt ſeit zwei Tagen unter der Terraſſe umher⸗ geſchweift, in der Hoffnung, ſeine Tochter, Herrn Maurice oder deſſen würdige Mutter zu erblicken; dieſe ſind wenigſtens von der Partei meines Alten. Er hat geſtern einen Brief geſchrieben, den ich Herrn Dumirail überbrachte. Dieſer ließ erwiedern, er werde die Antwort ſchicken. Was ſoll aus Alle dem 188 werden, mein Gott! was ſoll aus Alle dem wer⸗ den?.. Nun iſt mein Charles alſo von ſeiner Toch⸗ ter getrennt, nicht mehr, nicht minder, als wenn man wüßte, er ſei der vorgebliche Wagner . . Verfluch⸗ ter Muscadin! . er hat alles Uebel verurſacht . . Tag Gottes! . . wenn ich hieran denke es er⸗ faßt mich, die ich kein Huhn umbringen würde ... es erfaßt mich eine Wuth . . . eine Wuth! ..“ Ein unheimlicher Ausdruck verdüſterte das gut⸗ müthige Geſicht der alten Amme; ihre vor Zorn zitternde Hand gab ihrem Rädchen eine raſche, ge⸗ ſtoßene Bewegung; plötzlich horchte ſie nach der Seite des Gartens und ſagte: „Ich höre Tritte . . . wer kommt da?“ Geneviöve ſtand auf, öffnete vollends die nur angelehnte Thür und fügte bei: „Es iſt Joſette, eine der Dienerinnen des Mo⸗ rillon. Sie hält einen Brief in der Hand; das iſt ohne Zweifel die Antwort von Herrn Dumirail.“ Die Dienerin näherte ſich in der That, trat in die Küche ein, wandte ſich an die Amme und ſagte: „Guten Morgen, Mutter Geneviève.“ „Guten Morgen, Joſette.“ „Hier iſt ein Brief von unſerem Herrn an den wackern Herrn Delmare.“ „Gute Joſette, Sie lieben meinen Alten auch?“ „Ei!. er iſt immer ſo freundlich gegen Jeder⸗ mann . . . es lieben ihn auch Alle im Morillon.“ „Und was gibt es Neues bei Euch?“ „Ah! viel Neues, Mutter Geneviéve . Alles iſt ſeit geſtern Abend drunter und drüber im Hauſe, „ 189 ſeitdem der Herr einen Brief von Paris bekommen hat, den er mit Ungeduld erwartete . . .“ „Wie ſo?“ „Man packt ein man trifft Anſtalten zur Reiſe.“ „Wer verreiſt denn, Joſette?“ „Unſere Frau, ſowie Mademoiſelle Jeane und Herr Maurice.“ „Güte Gottes! ſie reiſen . . . und wohin ge⸗ hen ſie?“ „Nach Paris, der großen Stadt, und ich glaube nicht, daß ſie mich mitnehmen werden.“ „Sie gehen nach Paris! Barmherzigkeit!“ mur⸗ melte die Amme, die Hände voll Bangigkeit faltend, „oh! mein armer Alter!“ „Was habt Ihr denn, Mutter Geneviève?“ „Nichts . nichts . . . Doch ſagen Sie mir: Iſt Herr Dumirail auch bei der Reiſe?“ „Nein, er bleibt im Morillon; er wird unſerer Frau ſpäter nach Paris folgen.“ „Und die Familie . . wann reiſt ſie ab?“ „In zwei Stunden!“ „In zwei Stunden!“ „Späteſtens! man hat Poſtpferde in Mantua ge⸗ holt. Unſere Frau wollte die Diligence nehmen, doch ich hörte unſern Herrn ſagen: „„Mein Sohn kann ebenſo gut mit Ertrapoſt reiſen, als mein Reffe: man wird auch die Caleche zurückbringen, die meine Schweſter hier gelaſſen hat.““ „Joſette. .. ſehen Madame, Herr Maurice und Mademoiſelle Jeane zufrieden aus, daß ſie die Ge⸗ gend verlaſſen?“ 190 „Entfernt nicht! Madame hat die ganze Nacht geweint, und eine Art von Nervenanfall gehabt, wie mir Mancienne geſagt hat.“ „Und Mademoiſelle Jeane?“ „Sieht zum Sterben traurig aus.“ „Und Herr Maurice?“ „Er . . er ſieht nicht ſo unzufrieden aus als ſeine Mutter und Mademviſelle Jeane. Er ſagte zu Gervais, der ihm ſeinen Koffer packen half: „„End⸗ lich werde ich es ſehen, das berühmte Paris! . . Ich wünſchte es durchaus nicht! ich zog unſer Gebirge vor; iſt man aber einmal dort, ſo muß es ſehr in⸗ tereſſant ſein, dieſe große Stadt zu ſehen . . . nur bedaure ich, daß ich ſo ſchnell abreiſen ſoll; ich habe kein anderes Stadtkleid, als mein ſchwarzes Coſtume, das von achtzehn Monaten datirt!““ „„Oh! Herr Maurice, an Schneidern wird es in Paris nicht fehlen,““ antwortete Gervais; „„Ihr Vater hat genug, um ſie zu bezahlen, die Schnei⸗ der!““ „„Ich werde mich allerdings bei meiner Ankunft neu kleiden laſſen!““ fügte Herr Maurice bei, „„ich will kein zu ſehr provinciales Ausſehen haben . . .““ Und ſich unterbrechend, ſagte Joſette nachdenkend und betrübt: „Wißt Ihr Eines, Mutter Geneviève?“ „Was?“ „Jedem im Morillon iſt das Herz ſchwer, ſehr ſchwer, wer unſere Frau, Herrn Maurice und Ma⸗ demviſelle Jeane ſo gehen ſieht, einmal, weil, ni ſie fehlen, das Haus denjenigen, welche dort blei— ben, ſehr langweilig ſcheinen wird. und dann...“ „Und dann?“ * 19¹ „Mutter Geneviéve . . glaubt Ihr an Vor⸗ zeichen?“ Gewiß „Nun wohl, mir ſcheint wegen der Vorzeichen, daß man im Morillon weder unſere Frau, noch ihren Sohn, noch Mademoiſelle Jeane wiederſehen wird .. . denn . . . doch Ihr werdet über mich lachen, Mutter Geneviève . . .“ „Ich habe kein Herz zum Lachen . . fahret fort, Joſette.“ „Stellt Euch alſo vor, daß die im alten Thurme des Morillon niſtenden Nachteulen die ganze Nacht geſchrieen . . . geächzt haben, während unſere Hof⸗ hunde auf den Tod heulten. Nein, nie, ſeht Ihr, Mutter Geneviöve, nie hat man auf eine ſo er⸗ ſchreckliche Art auf den Tod heulen hören; der alte Gervais ſagte uns auch heute Morgen: „„Ein ſchlim⸗ mes Vorzeichen für unſere Herrſchaft, die nach Paris geht ein ſchlimmes Vorzeichen für ſie und für uns . wer weiß, ob wir ſie wiederſehen werden?““ „Ah! Joſette, ein Hund, der auf den Tod heult, verkündet Unglück . . . ſagt das Sprüchwort in mei⸗ ner Heimath,“ erwiederte ſchauernd Geneviève, „und die Sprüchwörter haben nie Unrecht!“ „Gott befohlen! Mutter Geneviéve . . da kommt Euer braver Alter, wie Ihr ihn nennt,“ ſagte Joſette, als ſie raſch Charles Delmare herbeikommen ſah, dem ſie ihre ſchönſte Verbeugung machte. Dann ging ſie durch die Allee des Gartens und entfernte ſich. 192 XLIX. In ſchmerzliche Gedanken verſunken, bemerkte Charles Delmare kaum die Gegenwart von Joſette, ſank auf einen Schemel der Küche, und ſagte tief niedergeſchlagen: „Seit drei Tagen konnte ich weder Madame Dumirail noch Maurice noch meine Tochter erſchauen!“ „Mein Charles, Muth . . .“ ſprach die Amme, welche ihre Stimme wieder zu befeſtigen ſuchte, „Du bedarfſt des Muthes . . . Joſette, die mir für Dich dieſen Brief an Herrn Dumirail brachte, hat mir geſagt, was auf dem Morillon vorgeht . . . Sie reiſen nach Paris.“ . „Wer dies?“ „Herr Maurice, ſeine Mutter und Deine Jeane.“ Sie reiſen „In zwei Stunden . . . „Ich mußte darauf gefaßt ſein, ich mußte auf dieſen neuen Schlag gefaßt ſein, und dennoch beugt er mich zu Boden,“ murmelte Charles Delmare. „Das Lvos iſt alſo geworfen . . . keine Hoff⸗ nung mehr . . ſie reiſen ab . . .“ „Ja, außer Herrn Dumirail begeben ſie ſich auf den Weg; ſie ſollen mit Extrapoſt im Wagen des Muscadin reiſen . . .“ „Ah! die Eitelkeit! . . die Eitelkeit! . . Vor⸗ geſtern noch tadelte Herr Dumirail ſeine Schweſt daß ſie ſo reiſe.“ „Das ganze Haus hat den Tod in der Seele; es ſcheint dieſen guten Leuten, mein armer Alter, 6 193 ſie werden ihre Herrſchaft nicht wiederſehen! . . Die Nachteulen haben die ganze Nacht geſtöhnt . . . die Hunde haben auf den Tod geheult!..“ „Ah! treue Wächter des häuslichen Herdes, euer Inſtinct trügt euch nicht! Ihr werdet euch verwirk⸗ lichen, unheilvolle Prophezeiungen!“ ſagte Charles Delmare, unwillkürlich einer abergläubiſchen Furcht nachgebend. „Verloren . vielleicht . . . verloren! Jeane, meine Tochter . . . Maurice! . . Ha! welche Zukunft ſehe ich . für Euch vorher. Möchtet Ihr meine Vorherſehungen Lügen ſtrafen! Welchem Verhängniſſe gehorcht denn dieſe unglück⸗ liche Familie? Daß Maurice und Jeane, gewohnt, die Autorität von Herrn Dumirail zu achten, ſich ſeinem, ihrem erſten Impulſe und meinen Rathſchlägen ſo ſehr entgegengeſetzten Einfluſſe unterzogen haben, begreife ich ſtreng genommen. Aber Madame Dumi⸗ rail, ſie, begabt mit einem feſten Charakter und einer hohen Vernunft . . . ſie . . . eine Mutter durch⸗ drungen von den Gefahren, die ihr Sohn laufen wird, wie konnte ſie zu dieſer Reiſe einwilligen? .. Ach! arme Frau!.. ich klage ſie mit Unrecht an .. . Unfähig, über die Hartnäckigkeit ihres Mannes zu ſiegen . . . was konnte ſie thun .. . wenn nicht von zwei Uebeln das geringere wählen, und ihren Sohn nach Paris begleiten?“ „Läſeſt Du den Brief von Herrn Dumirail, mein Charles, ſo würdeſt Du vielleicht etwas erfahren,“ ſagte Geneviève ſchmerzlich betrübt, indem ſie Char⸗ les Delmare den Brief reichte; „lies alſo ſogleich ſeine Antwort.“ „Ah! ſeine Antwort „ich errathe ſie der Sue, die Familienſöhne. U. 13 194 väterliche Stolz hat die Vernunft dieſes gewöhnlich ſo weiſen Mannes getrübt,“ ſprach Charles Delmare. Und er erbrach das Siegel des Umſchlags und las, wie folgt: „„Mein Herr! „„Während ich die Natur des Gefühles ſchätze, das Sie beſtimmt hat, mir zu ſchreiben, trotz der Leb⸗ haftigkeit unſerer letzten Erklärung und des daraus erfolgten Bruches, kann ich Ihnen doch nicht verber⸗ gen, mein Herr, es hat mir verletzend für meine Würde als Familienvater geſchienen, von Ihnen, unter der Briefform, eine Art von Lection zu em⸗ pfangen, die wir mündlich zu empfangen vor zwei Tagen nicht angeſtanden hatten. „„Ich habe, mein Herr, mehr als irgend Je⸗ mand, das Bewußtſein und die Kenntniß meiner Pflichten gegen meinen Sohn und meine Mündel, die ich als meine Tochter betrachte. „„Die Zukunft wird beweiſen, wer von uns Bei⸗ den heute im Irrthum iſt. Der Ihrige, mein Herr, entſpringt aus den traurigen Folgen Ihrer ſtürmiſchen Jugend; Sie haben ſtrafbaren Ausſchweifungen nicht zu widerſtehen vermocht; Sie beurtheilen Andere nach Ihrer eigenen Schwäche, ohne der weſentlichen Ver⸗ ſchiedenheit der Erziehungen Rechnung zu tragen. „„Ich hege ein feſteres und beſonders erleuchtete⸗ res Vertrauen, als Sie, zu der Solidität der Grund⸗ ſätze, mit der meine Frau und ich meinen Sohn auf⸗ gezogen haben; Dank dieſen Grundſätzen, wird er die entſetzlichen Klippen zu vermeiden wiſſen, welche mit einer bedauernswerthen Uebertreibung zu 195 bezeichnen Sie ſich zu gefallen ſcheinen. Zum Glücke bin ich nicht mehr im Alter, um Geſpenſter zu fürchten. „„Ich füge bei, mein Herr, daß ich erſtaunt und, ich muß ſagen, entrüſtet war über die unerklärlichen Befürchtungen, die Sie in Betveff der Zukunft mei⸗ ner Richte kundgaben, einzig und allein, weil ihre Hochzeit um einige Zeit verſchoben wird, und ſie Madame Dumirail nach Paris begleiten ſoll. „„Es iſt möglich, daß Ihnen die gefährlichen Succeſſe Ihrer Jugend das Recht gegeben haben, an gewiſſen Frauen zu zweifeln; doch es finden ſich Andere, welche ihre angeborene Reinheit, ihre enge⸗ liſchen Tugenden vor Ihrem Argwohn hätten ſchützen müſſen. Meine Richte gehörte zu dieſen, mein Herr, und ich bemerke mit Schmerz nur zu ſpät, daß ihre Unſchuld und ihre Reinheit, die Sie beſſer, als irgend Jemand, der unter uns lebt, hätten ſchützen müſſen, ihr keine Gnade in Ihren Augen erworben haben. „„Ich frage Sie endlich, mein Herr, mit welchem Rechte maßen Sie ſich an, ſich in die zukünftige Lei⸗ tung einer Perſon zu miſchen, die Ihnen durchaus fremd iſt? „„Sie ſcheinen mich verantwortlich für ich weiß nicht welche Unglücksfälle zu machen, mein Herr, deren Opfer meine Tochter ſein könnte? Erfahren Sie, daß ich die Verantwortlichkeit für meine Hand⸗ lungen auf mich nehme; ſie entſpringen nur aus meinem Gewiſſen: es iſt rein und ruhig. „„Noch ein Wort, mein Herr. Glauben Sie mir, weit entfernt, die Folgen des edlen Ehrgeizes zu fürchten, welchen ich für meinen Sohn fühle, und 196 den er theilt, bin ich ſtolz, werde ich immer ſtolz auf dieſen Ehrgeiz ſein, weil er mit einem verdienten Erfolge gekrönt werden wird, das iſt meine feſte Hoffnung. Mein trefflicher Freund, Herr von Mor⸗ ninville, ſchreibt mir ſo eben, er werde mit ſeiner ganzen Macht meinem Sohne den Eintritt in die diplomatiſche Laufbahn erleichtern, und ſein Avance⸗ ment ſei ſicher bei der ſeltenen Intelligenz, welche bei ſeinem letzten Aufenthalte hier Herr von Mornin⸗ ville an Maurice wahrgenommen habe. Sie ſehen, mein Herr, es theilt nicht Jedermann Ihre ſo unverbindlichen Befürchtungen in Betreff meines Sohnes. „„Sie bemerken mir, völlig unerfahren im pari⸗ ſer Leben, werden meine Frau und ich außer Stande ſein, meinen Sohn weiſe zu leiten und vernünftig den Theil der Nothwendigkeiten der Jugend zu ma⸗ chen, da wir ihn einer Menge von Verſuchungen ausſetzen ... Beruhigen Sie ſich, mein Herr; Mau⸗ rice wird das väterliche Anſehen ebenſowohl in Paris achten, als er es im Morillon achtete. „„Schließlich fordern Sie mich auf, mein Herr, falls Ihre Rathſchläge bei mir keine Geltung erlangen würden, dieſen Brief aufzubewahren, weil ich, wie Sie ſagen, da die Familienmißgeſchicke, die Sie be⸗ fürchten, uns eines Tages einander wieder näher bringen können, vielleicht an Ihre Rathſchläge appel⸗ liren werde, und da ſo Ihre Autorität, was die Zukunft betrifft, durch Ihre gegenwärtigen Vorher⸗ ſehungen Beſtätigung erhalte, Ihr Wunſch befriedigt werde, mein Herr; — ich werde Ihren Brief ſorg⸗ fältig aufbewahren, mein Herr, doch ich füge mit 197 Bedauern bei, daß ich ihn als ein beklagenswerthes Zeugniß der Geiſtesverirrung aufbewahre, in die ein Mann gerathen konnte, welchen ich lange Zeit für begabt mit einem richtigen Geiſte, einem geraden Sinne, und einem edlen, wohlwollenden Charakter gehalten habe; während er beherrſcht wird von der gebieteriſchen blinden Anmaßung, ſich als Sitten⸗ richter, als Leiter des Benehmens der Andern aufzu⸗ ſtellen und beſonders aufzuerlegen. „„Was Ihre Inſinuation in Betreff meiner Schwe⸗ ſter und meines Reffen betrifft, welche nach Ihrer Meinung boshafter Weiſe den Bruch der Heirath von Maurice und Jeane wünſchen würden, ſo ſind dieſe Inſinuationen ſo unbeſtimmt, obſchon ſehr böswillig, daß ich nicht im Ernſte dabei verweilen konnte. „„Seien Sie verſichert, mein Herr, daß es mich außerordentlich viel Ueberwindung koſtet, einſt freund⸗ ſchaftliche, unter ſo glücklichen Auſpicien begonnene und fortgeſetzte Beziehungen abbrechen zu ſehen; nie werde ich die Dienſte vergeſſen, die Sie meinen Kin⸗ dern geleiſtet haben. „„Warum müſſen Sie unglücklicher Weiſe ver⸗ geſſen haben, daß die innigſte Vertraulichkeit einen Fremden nie ermächtigt, ſich zum Beherrſcher einer Familie aufzuwerfen, deren Haupt, Gott ſei Dank, Niemandes Rathſchläge bedarf, um ſeine Pflichten zu begreifen und zu üben? „„Genehmigen Sie, mein Herr, die Gefühle mei⸗ ner ausgezeichneten Hochachtung. — 1 „„Dumirail. 198 „„N.S. Mein Herr, ich glaube Sie darauf auf⸗ merkſam machen zu müſſen, daß jeder Verſuch einer Annäherung oder eines Briefwechſels mit mir ohne Erfolg bleiben würde. Erſparen Sie mir alſo den wahren Kummer, den es mir bereiten müßte, Ihre „ Briefe fortan unbeantwortet zu laſſen.““ L. Charles Delmare las dieſen Brief mit dem Aus⸗ drucke einer tiefen Traurigkeit, jedoch ohne Bitter⸗ keit, ohne Zorn; dann ſprach er ſchmerzlich nieder⸗ geſchlagen: „Das iſt alſo die Antwort von Herrn Dumirail . auf einen Brief, von dem jedes Wort aus dem Her⸗ zen kam! ein Brief, in welchem die erleuchtetſte, die lebhafteſte Freundſchaft in allen Rathſchlägen athmete, die mir meine lange, grauſame Erfahrung in den Dingen des Lebens eingeben konnte! Auf dieſe Antwort mußte ich aber gefaßt ſein; die Verirrung dieſes chtſchaffenen Mannes iſt um ſo gefährlicher, als ſie von einem an und für ſich edlen Gefühle ausgeht: ſeinen Sohn eine glänzende Laufbahn ver⸗ folgen und ſich durch ſein Verdienſt erheben zu ſehen.. . Ach! mein armer Vater gehorchte auch einem edlen Gefühle, als er ſagte: „„Ich ſetze meinen Luxus, meinen Stolz in meinen Sohn; meine einzige Freude iſt, ihn die Frucht meiner langen und mühſamen Arbeiten genießen zu ſehen.“ O unergründliche Geheimniſſe des Geſchickes! Die Zukunft dieſer Familie iſt durch den unſeligen Einfluß von San Privato — ——— 199 gefährdet; ein Zuſammentreffen von Umſtänden ent⸗ fernt dieſen Unheil bringenden Menſchen; das Ver⸗ trauen, die Hoffnung erwachen wieder im Herzen von Maurice und Jeane; ihr Inſtinct leitet ſie auf den Weg, der ſie zu einem ſicheren Glücke führen ſollte; ſie drängen Herrn Dumirail, ſie zu ver⸗ heirathen; ihr theuerſter, aufrichtigſter Wunſch iſt, fortwährend hier zu leben .. wo ſie weder die Ge⸗ legenheit, noch die Verſuchung zu Fehltritten haben werden . . . und er iſt es . . . dieſer gewöhnlich ſo verſtändige, ſo weiſe Familienvater, der ſie vielleicht zu ihrem Verderben antreibt, trotz meiner Warnun⸗ gen, meiner Bitten, meiner dringenden Ermahnun⸗ gen . .. Mein Gott! meine Tochter läuft auch viel⸗ leicht ihrem Untergange entgegen! Und dieſer Mann fragt mich, mit welchem Rechte ich mich für mein Kind intereſſire!. . Wehe mir . .. ich werde ihn. ..“ Doch dieſe aufbrauſende Hitze zügelnd, fügte Herr Charles Delmare bei: „Ach! Herr Dumirail ſagt, was er ſagen muß... Was bin ich in ſeinen Augen, in den Augen der Welt für Jeane?. . . Ein Fremder! Wehe! wehe! ſein Kind in Gefahr ſehen und hier bleiben . .. an⸗ genagelt. .. träg . . . unbeweglich . . unmächtig, ihm beizuſtehen, es zu retten, dieſes angebetete Weſen, durch das allein . . . für das allein wir leben . . . heißt das nicht ſich unter dem Alpe eines erſchreck⸗ lichen Traumes glauben! Ach! Vorſehung, Zufall oder Verhängniß. . . Das Verbrechen hat oft gräß⸗ liche Strafen . . . iſt es mir auferlegt, die rächende Strafe für die Verſchwendung, den Ehebruch und 200 den Mord in der Perſon meiner Tochter zu er⸗ dulden?“ Geneviève wagte es nicht, Charles Delmare zu unterbrechen; das Vergebliche der Tröſtungen füh⸗ lend, die ſie ihm bieten konnte, betrachtete ſie ihn ſchluchzend. Er blieb einige Augenblicke auf ſich ſelbſt zuſammengeſunken; dann ſtand er plötzlich auf, nahm in ſeine Hände die Hände der Amme, und ſagte mit bebender Stimme zu ihr: „Gute Mutter . . . Du haſt mir ſchon viele Be⸗ weiſe von Ergebenheit geboten . . . das iſt nicht ge⸗ nug . . . ich erwarte von Dir noch mehr.“ „Ach! mein Charles, iſt es möglich!“ rief die Amme halb entzückt, halb weinend .. . „Güte Gottes könnte ich .. . Mein Gott. . . Du trockneſt meine Thränen . . . Ich bin ſchmerzlich niedergeſchlagen ... dennoch bringſt Du mir faſt die Freude ins Herz... indem Du mir ſagſt, ich vermöge etwas für Dich Lch! ſprich geſchwinde, geſchwinde, was ſoll ich thun?“ 8 „Nach Paris abreiſen.“ „Das wird nicht eine Unze ſchwer ſein, mein Alter,“ erwiederte Geneviève entſchloſſen. „Zwei Hemden und zwei Paar Strümpfe in einem Sacktuch und vorwärts, Marſch! Wann ſoll ich abreiſen?“ Morgen.“ „Heute, wenn Du willſt. . . aber Du?“ „Ich begleite Dich .. .“ „Nach Paris?“ „Jeſus, mein Gott!.. Du willſt mich alſo ganz glücklich machen .. . Trotz des Kummers, von dem ———— 201 ich Dich erfüllt ſehe, mein Charles? Nein! ich werde Dich nicht verlaſſen? .. iſt das wahr? ſehr wahr? ich werde Dich nicht verlaſſen?“ „Mich verlaſſen! Amme. .. mich verlaſſen? gute Mutter! ohne Dich in dieſer verfluchten Stadt leben .. Dich nicht da haben, um mich zu tröſten, zu ſtärken unter den Mißgeſchicken, die ich vorherſehe?..“ „Nein, mein Charles,“ rief plötzlich Geneviève mit Angſt, „um nach Paris zu gehen, um dort zu leben, braucht man Geld!“ „Haben wir nicht?“ „Doch ... aber nicht viel. . . Es bleiben elfhun⸗ dert Franken von den fünfzehnhundert, die Du mir Anfangs des Januars für die Jahresausgaben ein⸗ gehändigt haſt, ohne meine Erſparniſſe an der Leib⸗ rente von fünfhundert Franken zu nehmen, die mir Dein wackerer Vater hinterließ, denn hier habe ich, Dank ſei es Dir, nur meinen Unterhalt zu beſtreiten. Ich habe alſo ſeit drei Jahren ungefähr vierzehn⸗ hundert Franken geſammelt, welche mit Deinem Geld in meinem Strohſacke verborgen ſind.“ „Was mir von den fünßehnhundert Franken bleibt, genügt uns.“ „Aber, mein Charles, Du denkſt nicht daran!“ „Wie ſo?“ „Was Dir übrig bleibt, und meine Erſparniſſe, das macht höchſtens zweitauſend fünfhundert Franken..“ „Das Geld, das ich habe, gute Mutter, wird mir genügen, ſage ich Dir.“ „Güte Gottes! Du, mein Charles, mit ſo wenig in Paris leben, wo Du einſt glänzteſt . . . iſt das möglich?“ 202 „Zwei Manſarden neben einander, zwei Gurt⸗ betten, ein Tiſch, ein paar Stühle ... das iſt unſer Mobiliar, gute Mutter; Brod, Milch, Obſt, das iſt unſere Nahrung .. .“ „Du. der Du früher...“ „Werde ich Entbehrungen nur bemerken, wenn ich meine Tochter den Gefahren, die ich fürchte, ent⸗ reißen kann! Auf, Amme, Muth; beeilen wir uns und denken wir an Alles . . . Kennſt Du Jemand, der dieſes Haus bewohnen kann?.. Unſer Miethzins iſt noch für achtzehn Monate zum Voraus bezahlt. Vielleicht werden wir wieder hierher kommen .. man kann die Ereigniſſe nicht vorherſehen.“ „Die Mutter Anfere, eine wackere, redliche Frau, wird das Haus bewachen.“ „Gut. .. Nun brauchen wir einen Boten, um heute nach Mantua zu gehen; er wird dort für mor⸗ gen unſere zwei Plätze auf der Diligence beſtellen . . einen Platz im Intérieur für Dich, und einen Im⸗ périale⸗Platz für mich; das iſt minder theuer, und wir müſſen unſere Mittel ſchonen!“ „Du auf den Impériale! Du, der Du immer vierſpännig mit einem Courier reisteſt.“ „O vergangener Lurus, verflucht ſeiſt du!“ murmelte Charles Delmare ſchauernd: „Ich werde vielleicht eines Tages meine Tochter des Brodes entbehren ſehen!“ „Des Brodes entbehren, Güte Gottes! und meine kleine Rente! gehört ſie nicht Dir, mein Charles, da ſie mir von Deinem wackeren Vater zu⸗ kommt! Habe ich nicht noch einen guten Fuß, ein gutes Auge! werde ich nicht mein Brod zu verdi⸗ —— — 203 nen im Stande ſein, und wäre es als Gaſſen⸗ kehrerin?“ „Gutes, theures Geſchöpf, ich habe nie an Dei⸗ nem Herzen gezweifelt . . . Doch . . .“ Alsdann ſich unterbrechend, fügte Charles Delmare bei: „Den⸗ ken wir an die Gegenwart, ſie iſt traurig genug.. .“ Und er wandte ſich überlegend nach dem Salon, ſetzte ſich an den Tiſch, auf den er ſein Schreibe⸗ néceſſaire von ciſelirtem Golde ſtellte und ſchrieb haſtig folgende Worte: „Madame! „Ich werde beinahe zu gleicher Zeit in Paris ſein, wo Sie dort ſein werden; ich bitte Sie inſtän⸗ dig, laſſen Sie mich bei Ihrer Ankunft Ihre Woh⸗ nung wiſſen, und adreſſiren Sie Ihren Brief, Burcau restant, an Herrn Delmare. Gott gebe, daß ich Ihnen die Mißgeſchicke, die Sie wie ich ahnen, beſchwören helfen kann. „Genehmigen Sie u. ſ. w. Ch. Delmare.“ Der Vater von Jeane faltete den Brief zuſam⸗ men, übergab ihn Geneviève und ſagte ihr: „Höre mich an, Amme, Du wirſt nach dem Mo⸗ rillon gehen.“ „Gut.“ „Du wirſt Dich einem Dienſtboten des Hauſes zu nähern ſuchen.“ „Sehr gut.“ „Du wirſt es ſo machen, daß mein Brief Ma⸗ dame Dumirail perſönlich übergeben wird.“ 204 „Sei unbeſorgt.“ „Und ſo viel als möglich, ohne daß Herr Du⸗ mirail erfährt, daß ich ſeiner Frau ſchreibe.“ „Ich begreife . . . ich werde mich an Joſette wenden .. ſie ſchien mir heute Morgen ſo traurig über die Abreiſe ihrer Herrſchaft; ich werde zugleich in den Flecken gehen, um Jemand nach Mantua zu ſchicken und unſere Plätze auf der Diligence beſtellen zu laſſen. Ich werde auch die Mutter Arſene beſu⸗ chen . . Du haſt keinen anderen Auftrag?“ „Dein Bote ſoll ſich nach dem beſten Goldſchmied erkundigen.“ „Nach einem Goldſchmied?“ „Ich werde ihm im Vorübergehen den Vorſchlag machen, eines von meinen beiden Reiſenéceſſaires zu kaufen. Sie ſind, wenn man nur das Gold⸗ gewicht berechnet, vier bis fünftauſend Franken werth. Dieſe Summe kann uns eine nützliche Hilfs⸗ quelle ſein.“ „Warum dieſe Réceſſaires verkaufen, mein Alter? Es iſt Dir viel an ihnen gelegen! Das iſt Alles, was Dir von der Zeit Deiner Jugend und Deines Reichthums bleibt. Verkaufe eher meine kleine Rente.“ „Dich berauben, arme gute Mutter . . . kannſt Du das je glauben? . .“ Und eine flehende Geberde von Geneviève er⸗ wiedernd: „Nie! ſage ich Dir . . . Doch die Zeit vergeht Du mußt durchaus meinen Brief Madame Dumirail vor ihrer Abreiſe in die Hände zu brin⸗ gen ſuchen . . Gehe, Amme . . gehe, und komme raſch zurück .. 205 „Ich werde nichts vergeſſen,“ antwortete Gene⸗ viève, indem ſie haſtig ihre Marte nahm und weg⸗ ging; „vor einer Stunde werde ich hier zurück ſein.“ Madame Dumirail ethielt den Brief von Charles Delmare in dem Augenblicke, wo ſie mit ihrer Nichte und mit Maurice vom Morillon abzureiſen im griffe war. Am anderen Tage verließ der Vater von Jeane eine Einſamkeit, die ihm theuer geweſen, und begab ſich auch auf den Weg nach Paris, in der Hoffnung, ſeine Tochter dort wiederzufinden. Ende der erſten Abtheilung. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: George Sand, SFämmtliche Bomane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Grüfin von Rudolſtadt . Johahns Spiridion. Mit dem Porträt der Verfaſſerin Conſuelo Der Müller von Angibanlt . Iſidora und Teverinb. S S Lucrezin Floriani und der TDeufelsſumpf. Eine Dorfgeſchichte 6 ii nue Die kleine Fadette. Dorfgeſchichte 3 ie Sedneiler . Neben vorzüglicher Ueberſetzung und zweck⸗ mäßiger Ausſtattung zeichnet ſich unſere Ausgabe durch außerordentliche Billigkeit aus; dieſelbe iſt um die Hälfte wohlfeiler als jede andere Ausgabe und wolle man daher bei Beſtellungen unſere Firma bemerken. W. M. Thackeray Sämmtliche Komane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Geſchichte von Samuel Titmarſh und dem großen Hoggarty'ſchen Diamant . 3 Bändchen. Der mart ues Sum Fau 19 Pendennis . . 45 Henry Esmond. Eine Crzählung aus den Zeiten der Königin Anna 13 3 Die Neweomes. Denkwürdigkeiten einer höchſt achtungswerthen Familie . . 25 Als ein Stern erſter Größe ſteht Thackeray am literariſchen Himmel Englands. In ſeinen Romanen zeigt er ſich Fielding und Smollet vollkommen ebenbürtig. Eine Fülle geſunden Humors, eine Wahrheit der Zeichnung und des Colorits, wie man ſie ſonſt nur bei Dickens findet, tritt dem Leſer auf jeder Seite entgegen. Aus dieſen Gründen ver⸗ dient er auch ein Liebling des deutſchen Leſepublikums zu werden. Unſere Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Ueberſetzung und außerordentliche Billigkeit aus und verdient daher vor allen andern den Vorzug. Stuttgart. Franckh'ſche Perlagshandlung.