Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Cdnard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurü gabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W — Ff. 1V f F. 3 — Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Abgeſondert von einem ziemlich bedeutenden Dorfe, bewahrte dieſes, halb durch einige rieſige Nußbäume verborgene, Wohnhaus das ländliche Anſchen, wel⸗ ches es ſeinen erſten Eigenthümern verdankte: ein Gebäude von Felsſteinen durch einen groben Mörtel verbunden; ein Dach von moosbedeckten Ziegeln, die, ein paar Fuß über die ſenkrechte Linie der Wände vorſtehend, ſo auf zwei Seiten des Hauſes eine Art von bedeckter, äußerer Gallerie bildeten, welche durch Pfeiler, um die ſich alte Weinreben rankten, geſtützt wurde; eine nur von Steinen ohne Kalk aufgeſetzte Mauer von vier bis fünf Fuß Höhe hielt die Erde des von einer Weißdornhecke umſchloſſenen Gärtchens feſt, das in Beete von verſchiedenen, gerade in voller Vegetation begriffenen Gemüſen angelegt war; Büſche von Roſenſtöcken der vier Jahreszeiten, die 4 einzige damals an dieſen ländlichen Orten bekannte Gattung, bildeten blühende Geſträuche an der Ecke der Gevierte von Küchenpflanzen, welche mit rocken⸗ förmig geſchnittenen alten Obſtbäumen umgeben waren. Ein Dutzend Hühner marodirte im Garten umher; dieſer war in zwei gleiche Theile durch einen mit Buchs eingefaßten Gang abgetheilt, welcher nach dem aus einem Erdgeſchoſſe mit einem Speicher darüber beſtehenden Hauſe führte⸗ Man trat zuerſt in eine Küche ein, deren wenig zahlreiches Geräth vor Reinlichkeit glänzte. Ein Himmelbett, garnirt mit Vorhängen von grüner Sarſche, ein Küchentiſch und darüber eine Abtropf⸗ bank beſchwert mit plumpem Töpfergeſchirr, ein großer Schrank'von Nußbaumholz mit funkelnden Schlöſſern, einige Schämel und ein Speiſetiſch meublirten dieſen ziemlich geräumigen Gelaß, beleuchtet durch die Oeff⸗ nung des oberen Flügels der Thüre und durch ein ſchmales Fenſter, bei dem neben ihrem Rädchen, das ſie nun unbeweglich läßt, eine alte Frau ſitzt, welche das frühere Coſtume der Bäuerinnen aus der Um⸗ gegend von Paris und eine mit einem Taſchentuche mit rothen, weiß geſtreiften Carreaux umbundene Haube trägt. Obſchon über ſechzig Jahre alt, ſcheint ſie noch ſehr rüſtig und von blühender Geſundheit; ihre Phyſiognomie iſt lebhaft und offen. Geneviève (das iſt ihr Name) beſchäftigt ſich, einen Bleiſtift in der Hand, damit, daß ſie in einem auf ihrem Schvoße liegenden Notizbuch ſchreibt und rechnet; von Zeit zu Zeit ſchlägt ſie die Augen zum Plafond auf, um ihre Erinnerungen zu ſammeln: endlich addirt ſie zum 4— 5 zweiten Male die Zahlencolonne und ſagt dann mit einem Ausdrucke des Erſtaunens; „Neunundvierzig Franken und acht Sous! Das iſt ein ſchwerer Monat, ein ſehr ſchwerer! Sollte ich mich geirrt haben?“ Geneviéève rechnet aufs Neue und fährt dann fort: „Nein, es iſt kein Irrthum, ich habe unten von der Colonne wieder angefangen zu rechnen, und ich finde abermals meine neunundvierzig Franken und acht Sous! Gleichviel, ich behaupte, was ich geſagt habe . . das iſt ein ſehr ſchwerer Monat! es iſt aber nicht meine Schuld, wenn . . . nun . . . wir wollen mein Büchlein meinem Alten bringen.“ Das anſtoßende Zimmer, in das Geneviève ein⸗ trat, bot einen ſeltſamen Contraſt mit dem ländlichen Aeußeren des Hauſes; ein reicher Teppich, deſſen einſt glänzende Farben die Zeit erbleichen gemacht hat, bedeckt den Boden; die Wände ſind mit einer amarantrothen Tapete bekleidet, von der ſich der vergoldete Rahmen mehrerer Gemälde abhebt: eines derſelben, das auf eine in die Augen fallende Art aufgehängt iſt, iſt das Portrait eines Mannes mit weißen Haaren. Sein Geſicht iſt voll Offenheit, Treuherzigkeit, ſein Blick glänzt von einem ſeltenen Verſtande. Ein anderes Bild ſtellt ein herrliches Jagdpferd vor, den vollendeten Typus des Hunter, wie die Engländer ſagen. Sein eleganter Reiter trägt einen ſcharlachrothen Rock, hirſchlederne Bein⸗ kleider und Stülpſtiefel. Ueber dem Rahmen lieſt man in einem Cartouche: Colonel Thornton (Name des Pferdes und nicht des Reiters). Ein anderes hippiſches Gemälde bietet das Bild einer Rennſtute, vom reinſten Blute und von wunderbarer Schönheit. Ihr Name, Miß Alicia, iſt auch auf den Rahmen geſchrieben. Der Jockey, der die Stute reitet, trägt eine Caſake, welche orangefarbig wie ſeine Faltenmütze. Mehrere Anſichten vom Genfer See, in der Gegend von Lauſanne aufgenommen und mit Talent gemalt, umgeben dieſe verſchiedenen Bil⸗ der. Ein Fortepiano, eine Bibliothek voll von Büchern, eine Staffelei, die Skizze einer Landſchaft tragend, ein Tiſch, auf welcheni die Gegenſtände eines Reiſe⸗ ſchreibzeugs von bedeutendem Luxus aufgereiht ſind; einige andere Dinge von großem ehemaligem Glanze ſchmücken dieſes ziemlich geräumige Gemach, das als Salon dient und in Verbindung mit einem einfach meublirten Zimmer ſteht, wo man oben bei einem kleinen Bette mit eiſernem Geſtelle die zahlreichen Flacons und Geräthſchaften eines Toilettenéceſſaire von ciſelirtem Golde bemerkt. Der Bewohner dieſes Hauſes heißt Charles Delmare und iſt beim Eintritte von Geneviéve, vor ſeiner Staffelei ſitzend, mit Malen beſchäftigt; ſeine braunen Haare fangen an, an den Schläfen grau zu werden; ſeine, einſt merkwürdig ſchönen, Züge haben, trotz der Angriffe der Jahre, die Diſtinction, die Reinheit ihrer Linien bewahrt; ſeine edle, rei⸗ zende Phyſiognomie igt Gepräge eines Cha⸗ rakters von Melancholie a 3 das zu ſcharf durch das Zuſammenziehen ſeiner ſchwarzen Augenbrauen und durch gewiſſe Falten der Stirne bezeichnet wird, um nicht gewöhnlich zu ſein; die Gluth der Sonne, die rauhe Luft der Gebirge haben ſeinen von Natur bleichen Teint gebräunt; ſeine Geſtalt iſt hoch, ſchlant, 7 kräftig. Er trägt eine Jagdjacke, eine lange braune Sammetweſte, von demſelben Stoffe wie ſeine Bein⸗ kleider, und ſchwere Schuhe, welche mit falben Ka⸗ maſchen bedeckt ſind; obgleich äußerſt reinlich, glänzt doch ſein Anzug durch den langen Gebrauch; goldene Knöpfe halten das Preis ſeines breit blau geſtreiften Hemdes, das halb ſeine Hand verbirgt, deren Weiße, deren roſige, glatte Nägel von einer außerordentlichen Sorgfalt für ſeine Perſon zeugen. Wir haben es geſagt, Charles Delmare entwarf eine Landſchaft, wobei er ſich durch eine von ihm nach der Natur gemalten Studie inſpirirte. Er empfing mit einem wohlwollenden Lächeln die eintretende Geneviève und ſagte zu ihr: „Was willſt Du von mir, Amme?“ „Ich ſtöre Dich vielleicht, mein Alter?“ erwie⸗ derte die gute Frau mit einer faſt mütterlichen Ver⸗ traulichkeit: „doch, wie man ſagt: die Geſchäfte gehen Allem vor. Ich bringe unſere Rechnungen vom Monat . . . „Sehr gut . . . ſetze Dich hierher.“ „Das iſt unnöthig, ich werde bald . . .“ „Setze Dich. . . Trotz Deines Alters ſtehſt Du vom Morgen bis zum Abend, gehſt hin und her, arbeiteſt ohne Unterlaß; Du mußt eine eiſerne Ge⸗ ſundheit haben oder vielmehr Du mußt mich ſo lie⸗ ben, mir ſo ergeben ſein, als Du es biſt, meine arme Geneviève, um ſeit beinahe drei Jahren ſolche Anſtrengungen auszuhalten, ohne Dich je zu be⸗ klagen!“ „Bei Gott! iſt das nicht Peru? Die Haushal⸗ tung eines einzigen Mannes führen! beſonders wenn 8 er ſo leicht zu bedienen iſt als Du, der immer gut, immer zuvorkommend, immer zufrieden; man ſollte glauben, Du ſeiſt mir verbunden .. bei meinem Ehren⸗ worte! und Du habeſt Dein ganzes Leben keinen andern Dienſtboten gehabt, als eine alte Mutter Bobie wie mich! während Du einſt . Geneviève vollendete ihren Satz nicht, erſtickte einen Seufzer und fügte bei: „Im Ganzen iſt es beſſer, nicht von der Vergan⸗ genheit zu ſprechen .. Hier ſind alſo Deine Rech⸗ nungen, der Monat iſt ſtark, das ſage ich Dir zum Voraus, mein armer Alter! . Ah! ja, mache Dich auf einen entſetzlich ſtarken Monat gefaßt!“ „Hol ho! Madame Genevisve!“ rief lächelnd Charles Delmare. „Sie wollen alſo meinen Ruin?“ „Ah! ja wohl, kache Du, wenn es ſich um etwas ſo Heiliges handelt, wie die Rechnungen von einem entſetzlichen Monat! Wie ungeduldig machſt Du einen!“ „Aergere Dich nicht, Amme, ich erkenne mein Unrecht .. Ich mußte nicht ſcherzen über die Rech⸗ nungen dieſes .. entſetzlichen Monats . Sprich, was iſt der Betrag unſerer Ausgaben?“ „Neunundvierzig Franken und acht Sous . Nun! findeſt Du, das ſei Stoff zum Lachen? . Wie?“ „Bei meiner Treue, nein! Und im Ernſte ge⸗ ſprochen wundere ich mich „Daß die Summe ſo groß iſt? Das gefällt mir! Du bekümmerſt Dich wenigſtens um Deine Intereſſen!. . Ei! mein Gott, mein armer Alter, ich war auch ſo erſtaunt über dieſe große Summe, 9 daß ich meine Addition mehrere Male wiederanfing, um mich zu verſichern, daß ich mich nicht irre. Doch andererſeits muß man ſagen, daß das Wieder⸗ beſohlen von einem Paare Deiner Schuhe (ſie find nun ſo gut als neu!) bei unſerer Rechnung für die Summe von vier Franken und fünf Sous in An⸗ ſchlag kommt! . . . Auch iſt für drei Franken zehn Sous Finette*) gekauft worden, um eine von Dei⸗ nen Jacken friſch zu füttern .. . das macht faſt acht Franken; und Du ſiehſt, die Geſammtſumme ſteigt teufliſch ſchnell, wenn das zu drei und vier Franken zugleich geht!“ „Würdige, vortreffliche Frau!“ erwiederte Char⸗ les Delmare, „ſeit der Zeit, daß Du meine Haus⸗ hälterin biſt, mußte ich mich an Deine Wunder von Ordnung und Sparſamkeit gewöhnen, und dennoch erſtaune ich (ſchilt mich nicht!) ich erſtaune heute eben ſo aufrichtig, als vor drei Jahren, daß wir, Dank ſei es Dir, von ſo Wenigem leben können! . . . „Aber, mein Charles, bedenke doch, daß Du eine Taſſe Milch und etwas Obſt frühſtückſt; daß Du Ge⸗ müſe aus unſerem Garten und Eier von unſeren Hüh⸗ nern als Mittagsbrod zu Dir nimmſt; daß Du Waſſer von unſerem Brunnen trinkſt; daß Du, deſſen bin ich ſicher, kaum ein halb Pfund Brod täglich iſeſt Weißt Du, was unſere große Ausgabe iſt? Das iſt die Seife, weil Du, ohne Dir einen Vorwurf zu machen, n Wüthender für die weiße Wäſche biſt. Glück⸗ Weiſe fließt der Bach am Ende unſeres Ge⸗ *) C cii Art von Ratin. „ 10 häges, und ich habe noch einen guten Arm zum Waſchen und gute Augen zum Bügeln . . Und dann; ſpeiſeſt Du nicht zwei bis dreimal in der Woche im Morillon bei der wackern Familie Dumirail?.. Das iſt abermals eine bedeutende Erſparniß .. woran Du nicht denkſt! und Du wunderſt Dich, daß wir nicht mehr ausgeben? .. . Ah! mein armer Alter! mein armer Alter! Du haſt nie gewußt ... und Du wirſt nie wiſſen, ſiehſt Du, was das Geld iſt, und Du müßteſt es doch wiſſen, Du, der Du ein Vermögen von mehr als hunderttauſend Livres Rente verzehrt haſt . . . Gottes Güte! die Haut ſchaudert mir, wenn ich daran denke.. . hunderttauſend Livres Rente! . „Was willſt Du, Geneviève, die Kinder ſind im Allgemeinen ſo, wie die Eltern ſie ma⸗ chen, hat ein Weiſer geſagt, und der Weiſe hatte Recht. Mein vortrefflicher Vater betete mich an ..“ fügte Charles Delmare bei, indem er einen Blick der Rührung auf das Portrait des Greiſes mit wei⸗ ßen Haaren warf. — „Der Schmied ſeines Schick⸗ ſals, denn er diente bei Maurern, ehe er Maurer⸗ meiſter wurde, ſodann Unternehmer-Millivnär ſetzte mein Vater ſeinen Stolz in mich; er lebte von We⸗ nigem aus Gewohnheit, aus Geſchmack, und ich war ſein Luxus, wie er ſagte. Der Sohn eines vor⸗ nehmen Herrn iſt nicht ſorgfältiger erzogen worden 5 ich hatte einen Hofmeiſter, die beſten Profeſſoren Paris; meine Wohnung war glänzend und dig, während mein Vater ein einziges, einem Bette mit eiſernem Geſtelle, ei inen ein paar Stühlen ausgeſtattetes Zimmer de 11 „Der liebe arme Herr! er behauptete, er erſticke in einem Zimmer, wo Vorhänge ſeien ... Das war ſeine Idee,“ ſetzte Genevieve hinzu, „abgeſehen da⸗ von, daß er den Stoff der ſchönen Meubles mit dem Feuer ſeiner Pfeife zu verbrennen oder den Teppich darauf ſpuckend zu beſchmutzen, — denn er kaute abſcheulich Tabak, der würdige Mann — befürchtet hätte. Er war übrigens, in Allem und Allem, die Einfachheit in Perſon; er hatte einen vortrefflichen Koch angenommen wegen der Frühſtücke und Mit⸗ tagsmahle, die er Dich Deinen Freunden zu geben aufforderte . er aber, was ihn betrifft, er wollte nichts Anderes, als meinen häuslichen Fleiſchtopf, Bohnen mit Schöpſenbraten, Sauerkohl mit Pöckel⸗ fleiſch und ein Stückchen Marolles⸗Käſe darauf . . . und er ſpeiſte wie ein König! Er duldete keinen andern Dienſtboten um ſich her als mich, und er gab Dir Leute, um Dich zu bedienen;er ging immer zu Fuße aus, mit plumpen Schuhen, ſeinen Regenſchirm mit Carreaux unter dem Arme, während Du mit acht⸗ zehn Jahren ſechs Pferde in Deinem Stalle und zweitauſend Franken monatlich für Deine kleinen Vergnügungen hatteſt . . .“ „Ja, und wenn ich zu ihm ſagte: „Mein Vater, ich bin doch nun in dem Alter, eine Laufbahn zu wählen?““ was antwortete mir der vortreffliche Mann in ſeiner blinden Zärtlichkeit? — „„Du, mein Kind, einen Stand ergreifen! arbeiten! . Ah bah! Du ſcherzeſt! Habe ich nicht wie ein Taglöhner gear⸗ beitet, dreißig Jahre lang Sou auf Sou gehäuft, damit Du leben könneſt, ohne Dich um etwas Ande⸗ res zu bekümmern, als um Deine Beluſtigung? Man 12 ergreift einen Stand, wenn man ſein Glück zu machen hat; das Deinige iſt gemacht, benütze es vollkommen. Du weißt nicht, welches Vergnügen es mir bereitet, wenn ich in den Champs⸗Elyſées, meine Pfeife im Munde, meine Hände in den Taſchen, ſpazieren gehe, und ich ſehe Dich Deinen Phaöton führend oder vorüberrei⸗ tend, gefolgt von Deinem kleinen Groom, und Jeder⸗ mann dreht ſich um, um Dein Pferd oder Deine glänzende Equipage zu bewundern!““ „Es iſt wahr! . . . das war ſein Vergnügen,“ fügte Geneviéve bei. „Wie oft hat mir nicht der liebe Mann, wenn er nach Hauſe kam, ſich in die Bruſt werfend, geſagt: „„Nicht weil ich ſein Vater bin, doch mein Charles iſt der ſchönſte Junge von Paris und unter allen dieſen Zierlingen der Champs⸗Elyſées, Herzogen oder Marquis, iſt nicht Einer, der ein ſchöneres Geſicht, eine hübſchere Tour⸗ nure, prächtigere Haare hat! Ja, ja, der Sohn des Exmaurers drückt die Herzoge und Marquis zu Boden, denn er hat das Anſehen eines Fürſten. Weißt Du, Geneviève, daß ſich reizende Damen zweimal umge⸗ dreht haben, um meinen Jungen vorüberkommen zu ſehen?““ „Amme, Amme, denke an meine grauen Haare!“ erwiederte Charles Delmare mit einem ſchwermüthi⸗ gen Lächeln. — „Sie ſind ſchon fern, ſehr fern, die ſchönen Tage meiner Jugend!“ „Darum erinnere ich mich nichtsdeſtoweniger immer ſo gern an jene Zeit! . . . Dein wackerer Vater war ſo glücklich! „„Du weißt nicht, Geneviève,““ ſagte er ander Mak zu mir, wenn er ſo ſtolz, als ob er das Ehrenkreuz bekommen hätte, nach Hauſe 13 kam „„Du weißt nicht? . . . Vorhin erblickte mich mein Junge von fern in den Champs⸗Elyſées! Und ich machte mich doch nicht, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin, augenſcheinlich, aus Furcht, von ihm ge⸗ ſehen zu werden und ihn in ſeiner Promenade zu ſtören. Ich rauchte meine Pfeife in der zweiten Gegenallee, von fern und mit allen meinen Augen meinem Charles folgend, den ich bewunderte, als er mich zufällig erkannte; er ſtieg ſogleich vom Pferde, gab es ſeinem Bedienten an die Hand, lief auf mich zu und nahm mich, ich mochte wollen oder nicht, beim Arme . . . Ich wollte meine Pfeife in die Taſche ſtecken. Ah! ja wohl! er widerſetzte ſich, zwang mich, fortzurauchen, da dies mein Vergnügen iſt, und wir gingen, bei meiner Treue! zweimal die Allee der Champs⸗Elyſées auf und ab gerade wie ein Paar Freunde.“ „„Geſtehen Sie, Herr,““ ſagte ich zu Deinem Vater, „„während Sie Ihren Jungen unter dem Arme hielten, war der König nicht mehr Ihr Herr!““ „„Ah! Wetter, nein!““ antwortete der liebe Mann; „„ich trug meinen Re⸗ genſchirm hoch, ich richtete mich auf, ich vergrößerte mich, ich ſuchte im Schritte meines Jungen zu mar⸗ ſchiren . . . Das iſt mein Sohn! hatte ich das An⸗ ſehen zur ganzen ſchönen Welt der Promenade zu ſagen; das iſt mein Sohn! es iſt mein Charles!... eben ſo gut, als er ſchön iſt, denn es erröthet nicht über ſeinen Vater, das brave Kind!““ „Erröthen über ihn!“ ſagte lebhaft Delmare; „erröthen über ihn! Ah! ſo ungeordnet mein Leben war ich liebte, ich verehrte meinen Vater bis zu dem Tage, wo das unglückliche Duell . 14 Delmare unterbrach ſich jedoch und erſtickte einen Seufzer, indeß ſeine Amme alſo fortfuhr: „Ei! mein armer Alter, dieſes unglückliche Duell war ein Beweis mehr von Deiner Liebe für Deinen Vater . . . Ihr waret Beide im Theater . Ein Süßling beträgt ſich unverſchämt gegen dieſen lieben Mann wegen ſeines Kauens; Du übernimmſt ſeine Vertheidigung, ſteckſt dem Süßling Deine Karte zu, und ſagſt leiſe zu ihm: „„Mein Herr, in Gegenwart meines Vaters ſcheine Alles zwiſchen uns been⸗ digt „ Dein Vater, der ſch durch dieſe Ver⸗ ſöhnung bethören läßt, iſt beruhigt, ſo vollkommen beruhigt, daß er, als er nach Hauſe kam, halb wei⸗ nend, halb lachend zu mir ſagte: „„Du weißt nicht, Geneviöve, wollte ſich nicht mein Charles heute Abend für mich ſchlagen! Wie muß es mich lieben!.. das brave Kind! . . Wie muß es mich lieben! .. Doch, Gott ſei Dank! Alles iſt beigelegt . . der Süßling hat ſeine Entſchuldigungen gemacht!““ Un⸗ ſer würdiger Mann legte ſich hierüber zu Bette, und am andern Morgen, gegen Mittag, brachte man Dich bewußtlos, mit einem gewaltigen Degenſtiche durch den Leib nach Hauſe . . . Dein Vater ſtand gerade vom Frühſtücke auf . er war fett, ſehr ſanguiniſch . . er ſah Dich auf einer Bahre aus⸗ geſtreckt, ganz bleich, ohne Bewegung; er hielt Dich für todt, ſtieß einen Schrei aus und fiel rückwärts, von einem Schlage gerührt, wie der Arzt ſagte.“ „Ach!“ erwiederte Charles tief betrübt, „ich habe leider in meinem Leben zwei Duelle gehabt . .. das eine hat den Tod meines Vaters verurſacht, der mich für getödtet hielt . . . das andere hat mich , 15 auf immer von der Frau getrennt, die ich aufs Zärtlichſte liebte! . . . Ah! welche Erinnerungen mahnen mich an dieſe zwei ſchmerzlichen Thatſachen am Anfange und am Schluſſe meiner Jugend! .. welche Erinnerungen, Geneviève! . . . Mir ſcheint, in dieſem Augenblicke ſtellt ſich die ganze Vergan⸗ genheit vor meinen Geiſt!“ Und er ſtützte ſeine Ellenbogen auf ſeine Knie, legte ſeine Stirne in ſeine Hand und verſank in eine tiefe Träumerei. II. Sich in eine tiefe Träumerei verſenkend, hatte Charles Delmare zu Geneviève geſagt: „in dem Augenblicke, wo er mit ihr ſpreche, ſcheine es ihm, als ſtellen ſich vor ſeinen Geiſt alle Ereigniſſe, die ſich zwiſchen dem Anfange und dem Schluſſe ſeiner Jugend zugetragen haben.“ Er befand ſich in der That unter dem Eindrucke dieſes ſeltſamen pſycholo⸗ giſchen Phänomens, vermittelſt deſſen uns unſer Ge⸗ dächtniß zuweilen plötzlich eine Menge von Thatſa⸗ chen, deren Erfüllung Jahre lang gedauert hat, vor die Augen des Geiſtes bringt. So ſah ſich beim Tode ſeines, aufrichtig bewein⸗ ten, Vaters Charles Delmare als den Erben eines bedeutenden Vermögens, das er auf eine tolle Weiſe verſchwenden ſollte, kraft des im Allgemeinen ſo richtigen Axioms. Die Kinder ſind ſo, wie ſie die Eltern machen. War er nicht' von ſeiner Kindheit an an den Lurus, an den Müßiggang, an die Verſchwendung, an die Sorgloſigkeit in Betreff der Zukunft gewöhnt . geweſen? hatte er ſeine Tage nicht nur nach ſeinen Beluſtigungen zählen dürfen? Sein Vater, blind in ſeiner Zärtlichkeit, ein beklagenswerther Erzieher, 1 ſeinen Stolz in die Pracht ſetzend, in der ſein Sohn glänzte, hatte er nicht bei dieſem Jüngling die un⸗ erſättlichen Begierden des Ueberfluſſes entwickelt, übermäßig angeregt, ohne zu bedenken, daß in ſeinen Händlungen frei geworden, Herr ſeines Vermögens, ein vergnügungsſüchtiger Mann, der ſich nichts um verſchwenderiſche Ausgaben bekümmert, weil er nicht weiß, um welcher harten Arbeiten Preis man einen ehrenhaften Reichthum erwirbt, mit einer ſeltenen Feſtigkeit begabt ſein muß, um dieſe Hinreißungen aller Art zu zügeln und nicht einem ſichern Ruine zuzueilen? 1 Immer mehr unter der Gewalt ſeiner Erinne⸗ rungen, ſah Charles Delmare vor ſeinen Augen die Jahre der Pracht und Herrlichkeit ſpiegeln, während welcher man ihn als einen der Fürſten der goldenen Jugend ſeiner Zeit anführte, trotz ſeiner plebejiſchen 3 Geburt, — ein Erbflecken, den er durch ſeine Di⸗ 3 ſtinetion und ſeine Eleganz, durch ſeine Pracht und ſeine 65 Freigebigkeit, ſeinen guten Geſchmack und ſeine An⸗ muth, ſeinen Geiſt und ſeine Herzensgüte, ſeinen Muth und ſeine Geſchicklichkeit in allen körperlichen Uebungen tilgte. Unerſchrocken und gewandt zu Pferde, vermochte ihm kein Gentleman⸗Rider bei einem Steeple⸗chaſe den Rang abzugewinnen; ſeine Rennpferde waren berühmt durch ihre hippi⸗ ———— 17 ſchen Siege; man bewunderte die Schönheit ſeiner Geſpanne, die er mit großen Koſten aus England kommen ließ; man rühmte die tadelloſe Haltung ſeines Hauſes, die Trefflichkeit ſeines Koches, die Wunder ſeines Silbergeſchirrs, das, würdig der ſchön⸗ ſten Zeiten der Renaiſſance, nach ſeinen Zeichnungen ausgeführt worden war, denn, glücklich von der Na⸗ tur begabt, liebte und übte er die Künſte unter allen Ausſchweifungen ſeines Lebens. Charles Delmare ſah vor ſeinen Augen, durch den geheimnißvollen Halbſchatten einer fernen Ver⸗ gangenheit, einen Schwarm von reizenden Frauen erſcheinen, ſüße, theure Geſpenſter ſeiner verliebten Jugend; alle lächelten ihm zu; denn immer redlich, gut und beſonders dankhar, hatte nie eine Ab⸗ ſcheulichkeit, ein verletzendes Benehmen, eine Indis⸗ cretion, mit einem Worte nie ein Undank von ſeiner Seite das Herz ſeiner Geliebten verwundet, und es folgte in ihm der ſichere, ergebene Freund auf den Liebhaber. Er war, wie man ſagt, ſehr in der Mode; man wußte, daß er zahlreiche Liebes⸗ abenteuer hatte, aber ſelten konnte man ſie, Dank ſei es ſeiner undurchdringlichen Verſchwiegenheit, mit ihrem Namen bezeichnen; vermöge ſeines vollkomme⸗ nen Taktes und ſeines geringen Grades von Gecken⸗ haftigkeit, unterlag er nicht dem Beinamen der ſchöne Delmare, den man ihm gegeben hatte, obſchon dieſer Name gewöhnlich ein wahres Lächer⸗ lichkeitspatent iſt. Nach dieſer blendenden Luftſpiegelung mehrerer Jahre der Berauſchungen, ſah ſich Charles Delmare eines Tages nachdenkend und düſter. Sein bis dahin Sue, die Familienſöhne. I. 2 18 einem Zaubertraume ähnliches Leben hatte ſein Er⸗ wachen . ein entſetzliches Erwachen: Den Ruin. Delmare, Erbe von mehr als zwei Millionen, erreichte ſein ſieben und zwanzigſtes Jahr; er beſaß von feinem ererbten Vermögen nicht mehr als un⸗ gefähr tauſend Louis d'or, ſeine Pferde, ſeine Wagen, fein Silbergeſchirr und ſein glänzendes Mobiliar. Die Trümmer ſeines Reichthums konnten ihn indeſſen noch vor der Noth ſchützen und ihm ein be⸗ ſcheidenes Auskommen ſichern; einen Augenblick hatte er den Gedanken, dieſen weiſen Entſchluß zu faſſen; der durch das Luxusfieber erzeugte unerſättliche Durſt nach Genüſſen iſt aber ſo mächtig, daß diejenigen, welche dieſer Durſt verzehrt, ihn bis zur Erſchöpfung ihrer äußerſten Mittel ſtillen wollen. So beſchloß Charles Delmare, bis auf den letzten Louis dor ſein Vermögen auszugeben und ſich dann zu erſchießen. ℳ Aus dieſem feigen Entſchluſſe ſchöpte er eine Art von unſeliger Heiterkeit; er gab ſeinen Freun⸗ den ein großes Abſchiedsmahl, kündigte ihnen an, er begebe ſich demnächſt auf eine lange Reiſe nach Italien, und fügte bei, da er ſein Haus demon⸗ tire, ſo ſetze er ſeine Pferde, ſeine Wagen, ſein Mobiliar u. ſ. w. dem Verkaufe aus. Dieſer Verkauf brachte ihm gegen fünfzigtauſend Thaler ein, denn ſein trefflicher Geſchmack und ſein Ruf hinſichtlich auserwählter Pracht verdoppelten den Werth Alles deſſen, was von ihm kam. Er behielt nur die Portraite von einigen Lieblingspferden, ſein Klavier und an⸗ dere Gegenſtände, mit denen zarte Erinnerungen oder eine religiöſe Ehrfurcht verknüpft waren. Unter — — —— —— dieſen die alte eiſerne Bettſtätte, wo ſein Vater wäh⸗ 6 19 rend ſeines Lebens die Ruhe von den Arbeiten des Tages ſuchte, ein demüthiges Lager, auf welchem der reich gewordene Maurer den letzten Athem aus⸗ gehaucht hatte. Charles Delmare ſchloß dieſe from⸗ men Reliquien in ein kleines Zimmer ein, in das er — ſeltſame Laune — zurückzukommen gedachte, um ſich in der letzten Stunde ſeines Ruins zu entleiben; dann verließ er Paris und durchreiſte Italien als vornehmer Herr, ſeine Verſchwendungen verdoppelnd, als wäre er darauf erpicht, ſeinen Ruin zu beſchleu⸗ nigen. Dank ſei es ſeinem Rufe in Betreff der Pracht⸗ liebe und als Mann in der Mode, der in Florenz, Neapel, Rom von den reichen Fremden verbreitet wurde, welche ihn in Paris gekannt, hatte der ſchöne Delmare neue Succeſſe in dieſen Vergnü⸗ gungsſtädten. Er genoß ſie mit einer Art von fie⸗ berhaften, verzweifelten Gier, die in ihm der Gedanke ſeines nahe bevorſtehenden Todes erregte. Seine letzten Mittel erſchöpften ſich von Tag zu Tage; er beſaß indeſſen noch dreißigtauſend Franken und war von Florenz nach Genf zurückgekehrt, wo er ſich einige Zeit aufzuhalten gedachte. Doch ein unvor⸗ hergeſehenes Ereigniß änderte den Lauf ſeines Ge⸗ ſchickes. Charles Delmare traf an Bord des Dampf⸗ bootes, das die Fahrt von Genf nach Lauſanne macht, eine junge Frau, die ihm die leidenſchaftlichſte Liebe, welche er je gefühlt, einflößen ſollte. Er er⸗ fuhr, vor Kurzem von Paris angekommen, bewohne ſie allein bei Lauſanne ein kleines Landhaus, wo ihr Mann, Herr Erneſt Dumirail, ſie bis zum Herbſte gelaſſen habe, während er, ein unerſchrocke⸗ 20 ner Touriſt, einige der höchſten Berge der Schweiz bereiſe. Delmare erwarb ſich die Liebe von Madame Erneſt Dumirail und täuſchte ſie über den wahren Namen, den er trug, weil er befürchtete, ſein Ruf als Mann der Liebesabenteuer ſei bis zu ihr gedrun⸗ gen und könnte ihr Zweifel über die Aufrichtigkeit der Liebe, die er ihr ſchwur, einflößen. Er nannte ſich Karl Wagner und gab ſich für einen Maler aus. Das Studium der Naturſchönheiten führte ihn nach der Schweiz. Emmeline Dumirail, eine Frau von ſeltener Schönheit, von edlem Herzen, bis dahin ta⸗ dellos, hatte, ehe ſie ihre Pflichten vergaß, lange muthig gegen die Hinreißung einer Verführung ge⸗ kämpft, welche um ſo gefährlicher, als der Verführer leidenſchaftlich verliebt war. Delmare liebte, wie er nie geliebt hatte. Er vergaß ſeinen Ruin, ſein Selbſtmordsvorhaben in der Trunkenheit dieſer ge⸗ theilten Liebe . . . Doch es kam der Augenblick, wo er mit blutigen Thränen ſeine tollen Verſchwendun⸗ gen zu beweinen anfangen ſollte. Außer ſich vor Schrecken, eröff ete ihm Emmeline eines Tags zu⸗ gleich, ſie ſei Mutter, und ein Brief kündige ihr die unvorhergeſehene Ankunft ihres Mannes an. Zu rechtſchaffen, um heuchleriſcher Weiſe an den häus⸗ lichen Herd das Kind des Chebruchs zu bringen, und es nicht wagend, der Gegenwart von Herrn Dumirail zu trotzen, machte ſie Charles den Vor⸗ ſchlag, er möge mit ihr fliehen und ihr ſein Leben weihen. Sie hielt ihn für einen armen Künſtler; ſie ſelbſt beſaß kein Vermögen, denn ſie hatte ihrem Manne als Mitgift nur ihre Schönheit gebracht; 21 doch ſie würde vor keiner Entbehrung zurückweichen, wenn nur ihr Geliebter ſie nicht verließe. .. Noch reich oder noch Beſitzer von einem Theile ſeines Vermögens, hätte es Charles Delmare als die ſüßeſte der Pflichten betrachtet, den Antrag von Emmeline anzunehmen; doch völlig ruinirt, erſchrak er vor dem Abgrunde von Elend, in den er die Frau, die er ins Verderben geführt, fortreißen würde, willigte er in den Vorſchlag ihrer Ergebenheit ein; er gab ſich alle erdenkliche Mühe, Emmeline dieſen verzweifelten Entſchluß auszureden. Die unglückliche Frau, welche die Weigerung ihres Geliebten der Abneigung zu⸗ ſchrieb, zerfloß in Thränen und machte ihm herzzer⸗ reißende Vorwürfe, als plötzlich Herr Erneſt Du⸗ mirail erſchien. Unverſehens zurückkehrend und bis dahin unſichtbarer Zeuge dieſer ſchmerzlichen Scene, erlangte er ſo den Beweis ſeiner Schande, forderte vom vorgeblichen Wagner eine Genugthuung durch die Waffen, und wählte den Degen, den er geſchickt handhabte. Das Duell fand ſtatt, und ob⸗ ſchon er ſich anſtrengte, das Leben von Herrn Erneſt Dumirail zu ſchonen, indem er Anfangs blos ver⸗ theidigungsweiſe zu Werke ging, traf der ſchöne Delmare doch, fortgeriſſen durch die Hitze des Kampfes, ſeinen Gegner tödtlich und fiel ſelbſt ſchwer verwundet. Beinahe ſterbend an ſeiner Wunde in ein Wirths⸗ hauszimmer in Lauſanne gebracht und bald einem heftigen Fieberdelirium preisgegeben, blieb Charles Delmare mehrere Tage bewußtkos. Er erfuhr, als er wieder zu ſich kam, den Tod von Herrn Erneſt Dumirail durch einen Brief von Emmeline, einen 22 niederſchmetternden Brief, in welchem ſich der Ge⸗ wiſſensbiß, durch ihre ſtrafbare Schwäche den Tod ihres Mannes veranlaßt zu haben, mit der Ver⸗ zweiflung verband, daß ſie ſich für Wagner ins Verderben geſtürzt habe, für einen Mann ohne Herz, ohne Treue, ohne Ehre, und dergeſtalt verächtlich, daß er ſich geweigert, das Loos einer Frau zu thei⸗ len, deren einzige Stütze er bleibe. Ihren Verführer mit blutigen Vorwürfen überhäufend, verfluchte ihn S in und erklärte ihm, er werde nie von ihr er ihrem Kinde, ſollte es das Tageslicht erblicken, etwas hören. Eine ſeltſame Revolution ging im Charakter von Charles Delmare vor; er verzichtete auf ſeine Selbſt⸗ mordsprojecte; er entſchloß ſich, fortan in der Dun⸗ kelheit, arm, von dem Wenigen, was ihm blieb, zu leben: einem Kapital von ungefähr zwanzigtauſend Franken, dem einzigen Ueberreſte von ſeinem Reich⸗ thume. Weit entfernt, durch die Trennung zu erlö⸗ ſchen, verdoppelte ſich ſeine Leidenſchaft für Emmeline vermehrt, geheiligt durch die Vaterſchaft, ein Gefühl, deſſen Macht er zum erſten Male empfand. Troſtlos, von Madame Dumirail verkannt zu werden, in ihren Augen für einen verächtlichen Menſchen zu gelten, während er nur ehrenhaften Zögerungen nach⸗ gegeben hatte, belagerte ihn ein einziger Gedanke: die junge Witwe auffinden, ſie durch vollſtändige Be⸗ kenntniſſe von ihrer irrigen Meinung abbringen, ihre Achtung, ihre Liebe wiedererwerben, und ſich beſonders eines Tags der Zuneigung des Kindes erfreuen, das noch geboren werden ſollte, und das dennoch, — unergründliches Geheimniß der menſch⸗ 6* —,— 4 23 lichen Seele, — der Zweck der Exiſtenz dieſes Mannes, einer bis dahin ſo ungeordneten Exiſtenz, wurde. Die Nachforſchungen von Charles Delmare nach Emmeline blieben lange fruchtlos. Er erfuhr nur, nach dem Tode von Herrn Dumirail, von dem man ſagte, er ſei von einem unbekannten Künſtler, dem Verführer ſeiner Frau, im Duell getödtet worden, haben ſich der Schwager von dieſer, ein reicher, im Jura⸗Departement wohnender Grundeigenthümer, und ſeine Schweſter, Madame San⸗Private, die Frau des Generalconſuls von Neapel in Paris, geweigert, ihre Schwägerin Emmeline wiederzuſehen, welche in einer unbekannten Zurückgezogenheit lebe. Die Erfolgloſigkeit ſeiner Nachforſchungen ent⸗ muthigte Charles Delmare nicht, ſchwächte in keiner Hinſicht ſeine Liebe für die junge Witwe, noch ſein leidenſchaftliches Verlangen nach der Zunei Kindes. Indem er ſich mit allen Kräfte Seele an dieſe doppelte Hoffnung anklamm er darin die unabläßige Beſchäftigung das Vergeſſen ſeines Ruins und der G die dieſer ihm auferlegte; zuweilen erin ſeines vergangenen Reichthums, und et deh einem ſchmerzlichen, aber unfruchtbaren Bekla 3 daran, dieſes, ſo toll verſchleuderte, Vermögen, hekie die glänzendſte Exiſtenz ſeinem, fortan familienloſen und von Allen zurückgeſtoßenen, Kinde geſichert. Es vergingen einige Jahre. Endlich, eines Tags, begegnete Charles Deimare zufällig, auf einer der einſamſten Promenaden des Jardin des Plantes, Emmeline Dumirail in Begleitung eines fünfjäh⸗ rigen Mädchens von entzückender Schönheit. Außer 24 ſich vor Ueberraſchung und Freude, vergeſſend, daß er ſich an einem öffentlichen Orte befand, fiel Charles Delmare, in Thränen zerfließend, vor der vor Be⸗ ſtürzung beinahe ohnmächtigen jungen Witwe auf die Kniee, bemächtigte ſich des Kindes und bedeckte es mit Thränen, mit wahnſinnigen Küſſen. Sodann geſtand er in einigen Worten, welche das Gepräge eines unwiderſtehlichen Ausdrucks von Aufrichtigkeit an ſich trugen, warum er einſt den Namen Wagner angenommen, wie er in ſeinem Ruine habe zögern müſſen, eine durch ihn und für ihn zu Grunde ge⸗ richtete Frau ſein Elend theilen zu machen; endlich, welche Veränderung dieſe unwandelbare Liebe in ſei⸗ nem ſonſt ſo ungeordneten Leben bewerkſtelligt habe. Madame Dumirail war bewegt, überzeugt; es gelang ihr, die Exaltation von Delmare zu beſchwichtigen, indem ſie ihm verſprach, ſie werde ihn wiederſehen, doch nicht vor dem andern Tage. Sie wäre an die⸗ ſem Tage von den Folgen des unvorhergeſehenen Zuſammentreffens zu ſehr erſchüttert geweſen. Er fügte ſich in dieſen Verzug und kehrte in ſeine arm⸗ ſelige Wohnung, entzückt über die Schönheit ſeiner „ Tochter, zurück. Die bei ihm bis dahin nur inſtinct⸗ mäßige Vaterſchaft erreichte ihren äußerſten Grad von Ausdehnung. Seine Liebe für Emmeline läu⸗ terte, hob ſich; er fühlte ſich fähig, in ihr nicht mehr die Geliebte, ſondern die Mutter zu ſehen, und er begab ſich zu ihr, entſchloſſen, ihr zu erklären, es ſollten auf ihre, einſt ſtrafbare, ſchon ſo erſchrecklich gebüßte Verbindung reinere, ſo zu ſagen, ſtrenge und durch die Gegenwart ihres Kindes geheiligte Beziehun⸗ gen ſolgen. — + + 25 Unter dem Eindrucke dieſer edlen Gefühle ging Charles Delmare am andern Tage zu Madame Du⸗ mirail . . . Schon am Tage vorher hatte ſie ihren einſamen Aufenthaltsort mit ihrer Tochter verlaſſen. Madame Dumirail hatte für Charles Delmare einen herzzerreißenden Brief hinterlaſſen, worin ſie ihn verſicherte, ſie zweifle nicht an ſeiner Redlichkeit, an ſeiner Zärtlichkeit, als ſie ihn aber wiedergeſehen, habe ſich die grauſame Erinnerung an ihren Fehler und an die Tödtung ihres Mannes, deren Urſache ſie geweſen, ihrem Geiſte dargeboten, ihre kaum ent⸗ ſchlummerten Gewiſſensbiſſe wiedererweckt, und ihre Seele in einen ſolchen Schrecken verſetzt, daß ihr zum erſten Male ſeit der Geburt ihrer Tochter dieſes un⸗ ſchuldige Kind, der einzige Troſt in ihrem Kum⸗ mer, als das lebendige Zeugniß ihrer Schande und ihres Ehebruchs erſchienen ſei . . . Emmeline flehte Charles Delmare an, er möge ſie nicht mehr wieder⸗ zuſehen ſuchen, da ſich zwiſchen ihm und ihr immer das blutige Geſpenſt ihres Mannes erheben würde. Sie hoffte endlich, Paris auf immer verlaſſend, ſich fortan neuen Nachforſchungen zu entziehen. Anfangs von Beſtürzung ergriffen, gab ſich Char⸗ les Delmare den Ausbrüchen einer wahnſinnigen Ver⸗ zweiflung hin, und er beklagte es nun, daß er ſich nicht ſeines Kindes, des Schatzes ſeines Lebens, be⸗ mächtigt hatte! Vielleicht hätte er ſo Emmeline ge⸗ zwungen, bei ihm zu bleiben . . . Unmächtiges Be⸗ klagen! Vergebens verwandelte ſich in ihm der hart⸗ näckige Entſchluß, die Spuren der jungen Frau und ſeiner Tochter aufzufinden, in eine fire Idee, in eine Art von Monomanie; vergebens verlieh er ihm die 26 unbezähmbare Willenszähigkeit, welche die Mono⸗ manien faſt ſicher macht, ihr Ziel zu erreichen; ver⸗ gebens durchwanderte er die Umgegend von Paris, Frankreich, den Sack auf dem Rücken, den Stab in der Hand, von Waſſer und Brod lebend, auf dem Stroh der Schenken ſchlafend, um das mäßige Ein⸗ kommen aus ſeinen letzten Mitteln zu ſchonen, die er als Leibrente angelegt hatte. Dieſe neuen Nach⸗ forſchungen blieben erfolglos. Die Jahre vergingen für Charles Delmare in einer Art von inneren Be⸗ ſchauung, vermöge welcher er ſeine Tochter im Geiſte an Schönheit, Anmuth und Tugend wachſen ſah; und wie Allen denjenigen, welche eine fixe Idee be⸗ ſtändig verfolgt, ſchien ihm die Zeit mit einer ent⸗ ſetzlichen Geſchwindigkeit zu verlaufen. Eines Tags, ſeit Kurzem nach Paris von einem Ausfluge in ferne Gegenden zurückgekehrt, warf Charles Delmare zufällig einen Blick auf die Colonne der Journale, wo die Sterbefälle der Bewohner von Paris veröffentlicht ſind, und las unter den Adreſſen der kürzlich geſtorbenen Perſonen: Madame Er⸗ neſt Dumirail, ſechsunddreißig Jahre, Rue de Ponthieu, 17. Nach dieſer Adreſſe lau⸗ fen und ſich nach der Tochter der Todten erkundigen, das war der erſte Gedanke von Charles; er erfuhr vom Concierge des Sterbehauſes, die ſelige Madame Erneſt Dumirail habe ſeit einigen Monaten hier ge⸗ wohnt und ſei nur ausgegangen, um ihre ungefähr fünfzehn Jahre alte Tochter, eine Penſionaire in einem in derſelben Straße liegenden Hauſe, zu be⸗ ſuchen; endlich ſei der Oheim des Mädchens, Herr Julien Dumirail, der bei der Stadt Nantua, im Jura⸗Departement wohne, gekommen, um ſeine Nichte bei ihrer Lehrerin abzuholen, und habe ſie mit ſich genommen. Diesmal ſicher, ſeine Tochter wiederzu⸗ ſehen und ſich ihr nähern zu können, begab ſich Charles Delmare nach den Bergen des Jura. Wie wir geſagt haben, und durch ein ſeltſames pſychologiſches Phänomen in eine tiefe Träumerei verſunken, hatte Charles Delmare in einigen Secun⸗ den vor ſeine Augen die Erinnerungen ſeines ganzen Lebens heraufbeſchworen, nachdem er zu Geneviève geſagt hatte: „Ich habe leider zwei Duelle gehabt; das eine verurſachte den Tod meines Vaters, der mich für getödtet hielt, das andere Duell hat mich auf immer von der Frau getrennt, die ich auf das Zärtlichſte geliebt. .. Ah! in dieſen zwei ſchmerzlichen That⸗ ſachen, die den Anfang und das Ende meiner Jugend bezeichnen . . . welche Erinnerungen, welche Erinne⸗ rungen! Mir ſcheint, in dieſem Augenblicke ſtellt ſich die ganze Vergangenheit vor meinen Geiſt!“ III. Geneviéve, als ſie Charles Delmare in die tiefe Meditation verſunken ſah, in die ihn die Erinnerun⸗ gen an die Vergangenheit verſetzten, ſagte ſeufzend zu ihm: „Nun, mein armes Kind, was geſchehen iſt, iſt geſchehen . . . Im Ganzen haben Deine Tollheiten nur Dir ſelbſt geſchadet und den Anderen genützt, 28 denn Du hatteſt immer die Hand offen . . . und es nahm, wer wollte . . . Endlich haſt Du durch fünf— zehn Jahre des Kummers geſühnt, daß Du das Unglück gehabt, im Duell Herrn Erneſt Dumirail zu tödten. Biſt Du nicht hinreichend beſtraft? Warum hierauf zurückkommen?“ „Oh! ja, ich habe während dieſer fünfzehn Jahre grauſam gelitten!!! ich war Monoman, ich war Narr, wenn man Narrheit das auf ſeinen höchſten Grad von Eraltation gelangte Gefühl der Vaterſchaft nen⸗ nen darf . . Oh! ja, ich habe grauſam gelitten bis zu dem Tage . . . es ſind nun bald zwei und ein halbes Jahr, daß es mir, nachdem ich mich in dieſem Bauernhauſe niedergelaſſen hatte, nach ſechs Monaten von Verſuchen voll Zurückhaltung und Klug⸗ heit gelungen iſt, zu vertrautem Umgange in die Familie Dumirail aufgenommen zu werden . da ſie nicht weiß, und Gott ſei Dank, ſie wird es hoffent⸗ lich nie erfahren, daß ich der vorgebliche Wagner bin, der Herrn Erneſt Dumirail im Duelle getödtet hat „Wie ſoll man dieſes Geheimniß entdecken? Ich allein kenne es, und ich ließe mich eher in Stücke zerhacken, als daß ich Dich verrathen würde.“ „Nie habe ich an Deiner Ergebenheit, an Deiner Discretion gezweifelt, gute Amme; als ich vor drei Jahren in dieſes Land kam, entſchloſſen, mich hier niederzulaſſen, um wenigſtens nahe hei dem Orte, wo meine Tochter wohnte, zu leben, war auch mein erſter Gedanke, Dir den Vorſchlag zu machen, Du mögeſt für beſtändig Deinen Aufenthalt bei mir neh⸗ men. Ich kehrte nach Paris zurück, um einige Trüm⸗ 29 mer von meinem vergangenen Reichthum hierher bringen zu laſſen; ich ging nach Pierrefitte, wo Du von einer kleinen Penſion lebteſt, die Dir mein Vater vermacht hatte; Du zögerteſt nicht, mich hierhier zu begleiten . . . „Zögern! Gottes Güte! zögern, mein Paradies auf dieſer Welt zu machen! Ei! ſtelle Dir doch vor, mein Charles, daß es der beſte Tag meines Lebens war, als Du zu mir ſagteſt: „„Amme, willſt Du meine Haushälterin ſein? ich bin ruinirt, ich will als Einſiedler leben, es iſt für mich Bedürfniß, Jemand bei mir zu haben, zu dem ich genug Ver⸗ trauen hege, um ganz laut denken zu können! ...““ „Es iſt wahr, die väterliche Zuneigung iſt wie die Liebe . ſie hat gebieteriſch das Bedürfniß, ſich zu ergießen beſonders wenn ſie immer verborgen werden muß . .. Ah! Genevidve, wenn Du wüß⸗ teſt, welche Wonne es mir bereitet, von Dir mit meiner Tochter zu ſprechen, komme ich hierher zurück, nachdem ich in der Familie Dumirail einen Theil des Tages bei meiner Jeane zugebracht habe .. ge⸗ nöthigt, ſelbſt dem Ausdrucke meines Blickes, wenn ich ſie anſchaue, dem Tone meiner Stimme, wenn ich mit ihr rede, Zwang anzuthun; genöthigt, ruhig, beinahe kalt zu bleiben, wenn dieſes anbetungswür⸗ dige Mädchen einer Sympathie nachgebend, die ich ihr ſeit drei Jahren, da ich ſie jeden Tag ſehe, ein⸗ geflößt habe, und, ihrer vielleicht unbewußt, auf den geheimnißvollen Ruf der Natur antwortend mir zu⸗ weilen eine faſt kindliche Zuneigung bezeigt . Glaube mir, nach dem Glücke, Jeane zu vergöttern, ſie ſo zu ſehen, wie ich ſie geträumt habe, ſie an Schönheit, Tugenden, Talenten wachſen zu ſehen, iſt mein größtes Vergnügen, offenherzig mit Dir von ihr ſprechen zu können!“ „Was das betrifft, mein Alter, das iſt eine heim⸗ bezahlte Schuld; Du biſt glücklich, mit mir von Dei⸗ ner Tochter zu ſprechen, und ich, ich werde nicht müde, Dir zuzuhören . . . Du liebſt Dein Kind we⸗ nigſtens eben ſo ſehr . . . wenn nicht mehr, als Dein armer Vater Dich liebte . . . das iſt das Blut, ſiehſt Du, dieſe Vaterſchaften . . .“ „Ich konnte wenigſtens für Jeane kein gaſt⸗ freundſchaftlicheres Aſyl wünſchen, als das Haus ihres Oheims und ihrer Tante; ſie würden ihre eigene Tochter nicht mit rührenderen Mühewaltungen, mit einer erleuchteteren Sorgfalt umgeben . . . Doch wie grauſam wäre meine Lage geweſen, würde Jeane als Waiſe gleichgültigen oder böswilligen Verwandten anvertraut worden ſein! hätten ſie ſie auf eine harte Weiſe die Zuflucht, die ſie ihr gewährten, bezahlen laſſen! . . . Oder hätte ihre erſte Jugend bei Per⸗ ſonen von minder muſterhaftem Benehmen, als es das von Herrn und Madame Dumirail iſt, verlaufen ſollen, wie müßte ich für die Zukunft meiner Tochter gezittert haben!“ „Gott ſei Dank! Deine Jeane wird Dir nie Be⸗ ſorgniſſe einflößen . . .“ „Nie ſo lange ſie von guten Beiſpielen um⸗ geben, von heilſamen Rathſchlägen geleitet ſein wird; fände ſich aber unglücklicher Weiſe . . . oh! ich habe ſie ſeit mehr als zwei Jahren tief ſtudirt . . . fände ſich aber unglücklicher Weiſe, ſage ich, Jeane 85 5 in gewiſſe Verhältniſſe verſetzt . . ich wiederhole Dir, ich würde für ihre Zukunft zittern!“ „Zittern! . . . während Deine Tochter, dieſer Engel „ „Ich kenne ſie, ſage ich Dir . . aber Gott ſei Dank! ich bin beruhigt! Ich hätte für ſie keine lieb⸗ reichere, erleuchtetere Vormundſchaft gewählt . .. Doch im entgegengeſetzten Falle, was hätte ich thun können? Mit welchem Rechte wäre ich zwiſchen un⸗ würdige Vormünder und dieſes Kind getreten, das meine Tochter zu nennen ich nicht befugt bin? .. Ah! Amme, dieſer Gedanke allein erſchreckt mich oft unwillkürlich!“ „Ei! mein armer Alter, es iſt in der That Ur⸗ ſache vorhanden, ſich zu beunruhigen, bedenkt man, was geſchehen könnte, wenn .. Dann ſich unter⸗ brechend: „Doch ſprich, glaubſt Du, Herr und Ma⸗ dame Dumirail vermuthen oder wiſſen, Jeane ſei, wie man geſagt hat, ein Kind der Liebe?“ „Oft habe ich, wie Du, dieſe Frage an mich ge⸗ richtet, ohne ſie löſen zu können .. Ich halte ſie allerdings nicht für fähig, Jeane für den Fehler ihrer Mutter mitverantwortlich zu machen . es ſcheint mir jedoch zuweilen unmöglich, daß ſie, trotz ihres Edelmuths, ſo viel Zuneigung einer jungen Perſon bezeigen könnten, von der ſie wüßten, ſie ſei ihnen fremd . .. Ich denke alſo, Herr Erneſt Dumirail wird hochherziger Weiſe ſeinen Verwandten verborgen haben, daß Jeane nicht ſeine Tochter war.“ „Sie wiſſen aber doch die Urſache dieſes unglück⸗ lichen Duells?“ „Ich glaube es . . . Sie haben mir übrigens in dieſer Hinſicht keine vertrauliche Mittheilung gemacht; oft aber konnte ich ihre Zurückhaltung, ihre peinliche Verlegenheit wahrnehmen, wenn Jeane, die ihre Mutter anbetete, ſich mit einer leidenſchaftlichen Ver⸗ ehrung über ſie ausdrückt; auch wiſſen ſie, deſſen bin Lich ſicher, daß die ſtrafbare Verbindung von Ma⸗ dame Erneſt Dumirail mit dem vorgeblichen Wagner dieſes unſelige Duell verurſacht hat.“ „Ah! mein armer Alter, ich ſage wie Du, gebe der Himmel, daß die Familie Dumirail nichts davon erfährt, daß dieſer Wagner und Du eine und die⸗ ſelbe Perſon ſind, und daß Du der Vater von Jeane biſt!“ „Zum Glücke kann dieſes Geheimniß nur Dir bekannt ſein, und ich verdopple meine Vorſicht, um in keiner Beziehung die Natur des Gefühls zu ver⸗ rathen, das mich an Jeane feſſelt. Die erſte Ur⸗ ſache meiner Beziehungen zur Familie Dumirail konnte keinen Verdacht erregen. Sobald ich mich hier nie⸗ dergelaſſen hatte, ging ich, mit meinem Farbenkaſten auf dem Rücken, Anſichten vom Jura in der Um⸗ gegend der Beſitzung von Herrn Dumirail malen. Das war zur Jagdzeit; ich wußte, daß er ein großer Jäger iſt, wie ſein Sohn Maurice, und ich erwar⸗ tete, ihnen zu begegnen; dies geſchah auch. Sie baten mich äußerſt höflich um Erlaubniß, einen Blick auf meine Skizze werfen zu dürfen.. das Geſpräch entſpann ſich Sie wußten von mir, ich wohne in ihrer Nachbarſchaft .. Maurice beſchäftigte ſich auch mit Malerei. Er und ſein Vater lobten un⸗ gemein mein Talent als Landſchaftsmaler; dann ſetz⸗ * 33 ten ſie ihre Jagd fort. Dieſes Zuſammentreffen wiederholte ſich, und während unſerer Geſpräche konnte nichts von meiner Seite das Verlangen, zu einem vertraulichen Verhältniſſe bei meinen Nach⸗ barn aufgenommen zu werden, ahnen laſſen. Ich hoffte, ſie würden mir antragen, was ich ſo glühend wünſchte. Endlich, eines Tags, kam Herr Dumirail hierher . . . „Um es ſich von Dir als einen Dienſt zu er⸗ bitten, Du mögeſt Herrn Maurice Unterricht im Malen geben . .. Armer Alter! ich war da, ich ſah eine Thräne der Freude unwillkürlich in Deinen Augen rollen . . .“ „Ich ſtellte mich übrigens, als zögerte ich, den Antrag anzunehmen, der mich ſo glücklich machte. Ich traue mir nicht genug Talent zu, ſagte ich, um im Malen Unterricht zu ertheilen. Herr Dumirail nahm keine Rückſicht auf meine Beſcheidenheit. Der Feldmeſſer von Nantua war der einzige Zeichnen⸗ lehrer, den man in der Gegend finden konnte, und Maurice übertraf ſchon ſeinen Meiſter. Es war dann die Rede von der Belohnung für meine Lec⸗ tionen .. Herr Dumirail beſtand um ſo feſter hier⸗ auf, als ich vielleicht, wie er ſagte, zwei Zöglinge ſtatt eines haben werde . . „Bei dieſen Worten, mein guter Charles, biſt Du erbleicht, biſt Du erröthet! Dein anderer Zög⸗ ling war Deine Tochter!“ „Ich geſtehe, ich war auf dem Punkte, mich zu verrathen . Ich erſchaute ſchon den ſüßen, ver⸗ traulichen Verkehr, der ſich ſpäter zwiſchen mir und Jeane gegründet hat. Ehe ich indeſſen Sue, die Familienſöhne. l. 34 von Herrn Dumirail annahm, verbarg ich ihm meine Vergangenheit nicht. Einſt Beſitzer eines beträcht⸗ lichen Vermögens, hatte ich es verſchwendet; es blie⸗ ben mir aber wenigſtens die Mittel, um unabhängig zu leben, und mit dem Alter Philoſoph geworden, zogen mich die pittoresken Schönheiten des Jura nach dieſer Gegend, wo ich in vollkommener Einſamkeit leben wollte. Meine einzige Bedingung bei Erfüllung der Wünſche von Herrn Dumirail wäre die Unent⸗ geldlichkeit meiner Lectionen. Er ſchien erſtaunt über die Umſchläge meines ſtürmiſchen Geſchickes; doch ſein Vertrauen zu mir wurde in keiner Hinſicht hie⸗ durch geſtört. Ein enges, inniges Verhältniß grün⸗ dete ſich allmälig zwiſchen uns; ich wurde der Freund des Hauſes; ich gab jeden Tag meiner Tochter, ſo⸗ wie ihrem Vetter Maurice, ihre Lection im Malen. Ich vermochte ſo die anbetungswürdigen Eigenſchaf⸗ ten von Jeane zu ſchätzen, ihren redlichen, ſtolzen, entſchloſſenen Charakter, ihre glühende, nervöſe, lei⸗ denſchaftliche Organiſation, von der ſie noch nicht das Bewußtſein hatte, und die nur das Auge eines Vaters unter der engeliſchen Reinheit und Unſchuld ſeines Kindes zu errathen vermochte. Ich konnte endlich mit meinen Rathſchlägen die heilſamen Grund⸗ ſätze unterſtützen, mit denen Jeane von Madame Dumirail genährt wurde, — einer Frau von ſelte⸗ nem Verſtande und vortrefflichem Herzen, der wür⸗ digen Gefährtin von Herrn Dumirail, einem der beſter Geiſter, die ich kenne . . . Gott ſei gelobt! Jeane, ich wiederhole es Dir, konnte nicht in reinere, ehrenwerthere Hände kommen . . .“ Alsdann, nach einem Augenblicke des Stillſchwei⸗ 3 35 gens und des Nachdenkens, ſagte Charles Del⸗ mare: „Höre, Amme, ich glaube nicht an Ahnungen, ich glaube beſonders nicht an das alte Sprüchwort: „„Das Unglück iſt nie ſo nahe bei uns, als wenn uns Alles zulächelt,““ und dennoch fühle ich ſeit einiger Zeit eine Art von Bangigkeit.“ „Und worüber?“ „Wegen eines Ereigniſſes, das, wenn es ſich verwirklichte, die ſchönſten Träume, die ich je für die Zukunft meiner Tochter gemacht habe, überſteigen würde .. . Die Furcht, mich in meinen Hoffnungen getäuſcht zu ſehen, verurſacht auch die Bangigkeit, von der ich gequält werde.“ „Es hondelt ſich um Deine Jeane . . . ich bin ganz Ohr.“ „Sie wird bald achtzehn Jahre alt ſein .. ſie iſt im Alter, zu heirathen. Sie iſt ſo glücklich und ſo vielſeitig begabt, daß ich mich oft mit Angſt fragte, in welche Hände dieſer Schatz fallen werde. . . wer ihr Gatte ſein werde.“ „Was ſagſt Du? Sollten ſich Heiratspläne für Deine Tochter gebildet haben?“ „Pläne, nein .. doch täuſchen mich meine Beob⸗ achtungen nicht, ſo glaube ich, daß Jeane, vielleicht ohne ihr Wiſſen, ſo groß iſt ihre Unſchuld, liebt ... und geliebt wird.“ „Und wen würde ſie denn, Deiner Meinung nach, lieben?“ „Ihren Vetter.“ „Oh! mein Charles, wenn das wahr wäre! welch ein Glück für Deine Tochter! . . . Es gibt auf der 36 Welt keinen beſſeren jungen Mann, als Herrn Maurice!“ „Nein, denn ich ſehe Maurice ſeit drei Jahren, und ich kenne ihn aus dem Grunde: ich ſage auch wie Du: es gibt auf der Welt keinen beſſeren jun⸗ gen Mann!“ „Dieſe theuren Kinder ſind alſo, ohne es zu vermuthen, in einander verliebt?“ bin deſſen faſt ſicher .. denn beſonders bei Jeane folgt nun eine Art von Zurückhaltung auf die Vertraulichkeit, die zwiſchen ihr und Maurice beſtand, welche bis jetzt gewohnt waren, ſich als Bruder und Schweſter zu betrachten. Er ſeinerſeits ſcheint zu⸗ weilen beunruhigt durch die Gegenwart ſeiner Cou⸗ ſine; er wird träumeriſch; ich habe, ihn überraſchend, wahrgenommen, wie er Anfällen von tiefer Melan⸗ cholie preisgegeben war. Er hat übrigens ohne Zweifel ebenſo wenig als Jeane noch klar in ſeinem Herzen geleſen.“ „Haben Herr und Madame Dumirail dieſe Liebe bemerkt? . . . Würden ſie zu dieſer Heirath einwil⸗ ligen?“ „Ich habe in dieſer Hinſicht keine Sicherheit; aber . . .“ hier unterbrach ſich Charles Delmare, indem er ſeine Augen nach dem Fenſter des Erdge⸗ ſchoſſes wandte; dann fügte er bei: „Stille! hier kommt Maurice . . . er will ſich ohne Zweifel eines Auftrags ſeines Vaters gegen mich entledigen.“ Maurice Dumirail trat in der That bald in den Salon ein, nachdem er am Gitter des Küchenfenſters die Zügel ſeines kräftigen Ponny angebunden hatte. Der junge Mann richtete ein paar liebreiche Worte 37 an die alte Amme und blieb dann allein mit Char⸗ les Delmare. Maurice Dumirail iſt zwanzig Jahre vorüber; er iſt ſehr groß, ſehr kräftig, breit von Schultern und von Bruſt; die gute Laune und die Geſundheit ſind auf ſeinem männlich ſchönen, ſanften Geſichte zu leſen; ſein friſcher Teint iſt von der Sonne ge⸗ bräunt; ein entſtehender brauner Bart beſchattet ſeine Lippe und ſeine runden Wangen; ſeine blauen Augen glänzen von Verſtand; ſeine zugleich anzie⸗ hende und energiſche Phyſiognomie hat einen merk⸗ würdigen Charakter von Güte, Treuherzigkeit und Entſchloſſenheit; Alles offenbart bei dem energiſchen jungen Manne jenen Reichthum der Säfte, den man der Ruhe und der Reinheit des Landlebens verdankt; er iſt mit einem ſolchen Uebermaße von Kräften be⸗ gabt, daß ſie kaum ihre Verwendung in der unab⸗ läſſigen Thätigkeit ſeiner landwirthſchaftlichen Arbei⸗ ten zu finden ſcheinen. Schon ſehr erfahren im Feld⸗ bau, half er ſeinem Vater, Herrn Dumirail, ſeine Güter einträglich machen. Frei und geſchmeidig in ſeinem mächtigen Gange, iſt Maurice mit einer grauen Blouſe bekleidet, deren zurückgeſchlagener Kragen ſei⸗ nen Herculeshals bloß läßt; ſeine ledernen Halbka⸗ maſchen ſind unter ſeinem Knie zugeknöpft und zeich⸗ nen den Umriß ſeiner Wade, welche ebenſo muskelig iſt, als ſein Knöchel fein und nervig. Er hält in einer Hand ſeinen breitkrämpigen Strohhut und in der andern ſeine Jagdpeitſche. „Verzeihen Sie, lieber Meiſter, ich muß Sie ſtören,“ ſagte Maurice zu Charles Delmare mit einem 38 Ausdrucke liebevoller Achtung und Herzlichkeit; „mein Vater hat mir einen Auftrag für Sie gegeben...“ „Was betrifft es?“ „Sie müſſen heute bei uns zu Mittag ſpeiſen.. Mein Vater bittet Sie, ſpäteſtens um vier Uhr im Morillon zu ſein, weil er, wie meine Mutter, lange mit Ihnen zu ſprechen wünſchte.“ „Ich werde pünktlich um vier Uhr bei Ihnen ſein.“ „Auch erſucht Sie meine Mutter, lieber Meiſter, ſie zum Voraus zu entſchuldigen, daß ſich die Stunde des Mahles bedeutend verzögern werde: es iſt uns eine Ueberraſchung in Ausſicht geſtellt . . .“ Wie ſo?“ „Mein Vater hat geſtern einen Brief von meiner Tante San Privato erhalten; ſie kündigt uns unver⸗ muthet ihren Beſuch an: ſie wird mit ihrem Sohne Albert bei uns einen Monat im Morillon zubringen. Sie werden heute Abend gegen ſieben oder acht Uhr von Paris ankommen, und wir wollen ſie zum Mit⸗ tagsbrode erwarten; meine Mutter bittet Sie auch, lieber Meiſter, dieſe Veränderung in unſeren Ge⸗ wohnheiten zu entſchuldigen.“ „Ihre vortreffliche Mutter konnte ſich dieſe Sorge erſparen, mein Kind; es iſt mir völlig gleichgültig, ob ich um ſechs Uhr oder um acht Uhr ſpeiſe. Die Ueberraſchung, die Ihnen Ihre Frau Tante bereitet hat, mußte Ihrem Vater ein großes Vergnügen ge⸗ währen, denn er hat, glaube ich, ſeine Schweſter lange nicht geſehen?“ „Er hat ſie ſeit vier Jahren, der Zeit der Ver⸗ witwung meiner Tante San Privato, nicht geſehen. 39 Sie hat hier die erſten Wochen ihrer Trauer mit ihrem Sohne, meinem Vetter Albert, zugebracht, der damals kaum zwonzig Jahre zählte; er war ſchon bezahlter Attaché der Geſandtſchaft von Neapel, da er Neapolitaner vermöge ſeines Vaters geblieben iſt, der einſt Generalconſul dieſer Nation war. Der liebe Albert! Es ſcheint, „„in ſeinem Alter iſt ein ſolches Avancement eine Ausnahme auf der diplomatiſchen Laufbahn,““ ſagte uns dieſer würdige Herr von Morainville, den mein Vater zum Abgeordneten gemacht hat . . . denn mein Vater macht Abgeordnete . . . in ſeinen verlorenen Augenblicken. Vielleicht wiſſen Sie nichts hievon, lieber Meiſter? Es iſt dennoch ſo. Mein Vater ge⸗ nießt ein ſolches Vertrauen in unſerem Arrondiſſe⸗ ment, daß ihn die Wähler immer über die Wahl ihrer Candidaten zu Rathe ziehen. Er hat ſie auch aufgefordert, Herrn von Morainville, Diviſionschef im Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten, zu ernennen. Dieſer Mann, deſſen Einfluß ſich durch die Ernennung verdoppelt hat, iſt ſeitdem, verſichert er (und das iſt viel), meinem Vater bis zum Tode ergeben geblieben.“ „Oder bis zur neuen Wahl; das iſt minder herviſch, aber gewiſſer.“ „Ich bin auch Ihrer Anſicht, lieber Meiſter. Immerhin iſt es aber wahr, daß Herr von Morain⸗ ville bei dem Aufenthalte, den er hier während ſei⸗ ner Wahltunde machte, uns ſagte, man ſehe ſelten ſo junge bezahlte Attachés wie meinen Vetter San Privato. Nun wohl! lieber Meiſter, während ich das Verdienſt meines braven Albert, von dem ich 40 das beſte Andenken bewahrt habe, und den ich aus Herzensgrunde liebe, gern anerkenne, möchte ich doch weder Attaché . . . noch bezahlt ſein . . .“ fügte er heiter bei; . . . bezahlt riecht zu ſehr nach dem Lohne . . und Attaché riecht zu ſehr nach der Knechtſchaft. Ich habe keinen Geſchmack für das Halsband, ſo golden es ſein mag . . . Sie finden mich ohne Zweifel ein wenig unciviliſirt; doch was wollen Sie, wir Bauern des Jura ſind nur an un⸗ ſere Berge attachirt, und wir erröthen nicht, wenn wir reichlich für unſere Arbeiten durch die Gaben unſerer guten Nährmutter: der Erde, bezahlt werden! Und hienach, lieber Meiſter, ſteige ich wieder zu Pferde, um nach dem Col de Treſerve zu rei⸗ ten und das Einheimſen unſeres auf den Hochplateaur geſchnittenen Heues zu beſchleunigen. Das Wetter droht mit Sturm; ich habe ein ganzes Heer von Heumachern und Heumacherinnen in Thätigkeit; man hat ein Aufgebot in Maſſe ergehen laſſen; meine Mutter und meine Couſine Jeane haben zuerſt das Beiſpiel den Mägden des Hauſes gepredigt, indem ſie ihre Strohhüte aufſetzten und ſich mit Rechen be— waffneten; ſie ſind auf einem von unſeren mit Ochſen beſpannten Wagen, welche nach den Wieſen der Plateaur gehen, hinaufgefahren. Ah! lieber Meiſter, wäre ich nicht durch die Zeit gedrängt geweſen, und beſäße ich beſonders Ihr Talent, weich eine reizende Skizze hätte ich aus dieſem ländlichen Gemälde ge⸗ macht. Stellen Sie ſich meine gute Mutter vor, ſitzend auf dem Laube des mit unſeren ſchönſten Ochſen beſpannten Wagens, — von dieſen Ochſen war der eine weiß wie der Schnee, der andere ſchwarz —— —— 4¹ wie Ebenholz: Hercules und Atlas, mit Recht ſo genannt; alsdann, bei meiner Mutter ſtehend und auf den Stiel ihres Rechens geſtützt, meine Couſine Jeane, reizend und fröhlich wie die Göt⸗ tin der Heuernte . . . meine Couſine Jeane . welche .. Plötzlich erröthend, ſchwieg Maurice, während Charles Delmare, der ihm zuhörte und ihn aufmerk⸗ ſam beobachtete, ihn fragte: „Warum unterbrechen Sie ſich, mein Freund?“ „Weil ich an etwas Seltſames, Unerklärliches denke . „Was iſt das?“ „Lieber Meiſter,“ antwortete der junge Mann nach einem Augenblicke der Sammlung, und nicht ohne eine gewiſſe Verlegenheit, „finden Sie Jeane hübſch?“ „Allerdings!“ „Sie finden ſie hübſch? .. ſehr hübſch?“ „Ich ſinde ſie ſchön . . . aber ſchön . . zum Blenden.“ „Haben Sie ſie immer ſo gefunden?“ „Gewiß! „Nun wohl! lieber Meiſter, das bringt mich in Verwirrung! . . . Es ſind höchſtens zwei Monate, daß ich ſo wie Sie Jeane ſchön finde, ah! ja, Sie ſprechen die Wahrheit . . . zum Blenden ſchön! ... Ich ſah ſie doch jeden Tag ſeit den drei Jahren, die ſie hier iſt . . . und ich liebe ſie wie meine Schwe⸗ ſter. . . Warum war mir denn ihre Schönheit nie aufgefallen? . . . warum ... habe ich auch . .. ſeit einem Monat beſonders . . . Sodann ſich un⸗ terbrechend: „Ah! wie viele andere nicht minder un⸗ erklärliche warum!“ Maurice blieb einen Augenblick ſtillſchweigend und nachdenkend . . . doch bald ſchien ihn ſeine will⸗ kürliche Träumerei wie betreten zu machen, und da er ein Geſpräch abbrechen wollte, das ihn in Ver⸗ legenheit brachte, ſo ſagte er Fröhlichkeit heuchelnd: „Lieber Meiſter, ich kann Ihnen das Project meiner ländlichen Skizze, deren Heldin Jeane gewe⸗ ſen wäre, nicht erlaſſen; ſie nahm den erſten Plan ein; hinter ihr, auf dem Wagen, gruppirten ſich die Heumacherinnen, munter in juraſſiſchem Patvis das naive Lied ſingend: Allons aux prés fleuris, Allons aux prés läàrhaut *)! „Das war wahrhaftig eine Idylle in Thätigkeit! Ah! wie Recht haben Sie, wenn Sie ſagen: „„Für den, der Augen und Gemüth hat, gibt es nichts ſo Poetiſches als das Landleben! heilige Poeſie der Arbeit des Menſchen und der Fruchtbarkeit der at Als er dieſe Worte wiederholte, nahm das männ⸗ liche Geſicht von Maurice, der ergriffen war vom unbeſtimmten Gefühle ſeiner Liebesmelancholie, einen rührenden Ausdruck an, deſſen Reiz ſeltſam mit dem athletiſchen Aeußeren des jungen Mannes contra⸗ ſtirte. Charles aber ſprach mit tiefer Gemüthsbe⸗ wegung: *) Gehen wir zu den blühenden Wieſen, gehen wir zu den Wieſen hinauf! 43 „Gut! liebes Kind, bleiben Sie immer ſtolz dar⸗ auf, daß Sie Ackersmann ſind; bewahren Sie dieſe heilſame Liebe für Ihre heimathlichen Berge; be⸗ wahren Sie beſonders dieſes Gefühl edler Unabhän⸗ gigkeit, das Sie die Einfachheit einer mit mühſamen Arbeiten verknüpften, aber nützlichen Lebensſtellung dem trügeriſchen Glanze der Laufbahnen des Ehr⸗ geizes vorziehe. läßt, welche immer der Laune der Menſchen unterworfen ſind und uns häufig das Opfer unſerer Würde koſten.“ „Als Gebirgsbewohner bin ich geboren, als Ge⸗ birgsbewohner werde ich ſterben, mein lieber Meiſter; ich würde in einer Stadt an der Schwindſucht ver⸗ gehen . . . an der Langweile erſticken. Was ich brauche, das iſt die freie Luft, die Sonne, die Gipfel unſerer Pics, wo man über ſich den Himmel und zu ſeinen Füßen den Abgrund hat! Was ich liebe, das iſt der Schatten, das iſt die Stille unſerer Tannen⸗ wälder . . . das iſt das Gemurmel unſerer Waſſer⸗ fälle! die Wuth unſerer Waldbäche! der Duft der Wieſen unſerer Thäler! der durchdringende Wohlge⸗ ruch, den die feuchte Erde ausdünſtet, wenn ſie ſich unter der Schaar des von meinen ſchönen, ſo geleh⸗ rigen und ſo ſtarken vier Ochſen gezogenen Pfluges öffnet! Was ich noch liebe, das ſind die Lieder der Ernte, die Feſte der Weinleſe! . . . Und der Winter, lieber Meiſter, oh! der Winter! wie ſind ſie zu be⸗ klagen, diejenigen, welche die Freuden des Winters nicht kennen! Das Rothhuhn, der Auerhahn in un⸗ ſern immer grünen, von Reif funkelnden und mit Moos tapezirten Wäldern jagen! Den Abſtürzen trotzen, um die Gemſe auf dem Anſtande zu erlegen! 4⁴ im Schlitten über den an den Flanken des Gebirges gehärteten Schnee hinfliegen! Und am Abend dieſe reizenden Familienverſammlungen an der Ecke des Herdes in dem alten Hauſe, wo ich geboren bin! Wie ſchnell ſie vergehen, dieſe langen mit Muſik, mit Zeichnen oder mit dem Leſen eines in unſerer Bibliothek von meinem Vater oder von Ihnen, lieber Meiſter, ausgewählten Buches; dieſe Bücher leſen Sie ſo gut mit Ihrer ſanften, gewichtigen Stimme. Mir ſcheint dann, ich höre die Rathſchläge eines ernſten und zärtlichen Freundes. Sokrates, Plato, Ariſtoteles, Marc Aurel ſprechen zu uns durch Ihren Mund. Göttliche Lecture! lebendige Quelle der ewigen Wahrheit, wo unſere Seele ſich ſtärkt, wiederbefeſtigt, und wo wir die unvergängliche Liebe für das Gute, Gerechte und Schöne ſchöpfen! Sagen Sie, lieber Meiſter, ſagen Sie, ein Leben ſo getheilt zwiſchen den ländlichen Arbeiten, den Künſten und den höchſten Aſpirationen des Geiſtes, iſt ein ſolches Leben nicht allen vorzuziehen, beſonders, hat man zur Gefährtin? . .“ Maurice unterbrach ſich abermals und erröthete. Den geheimen Gedanken ſeines jungen Freundes errathend, änderte Charles Delmare, der ihn nicht in Verlegenheit bringen wollte, den Lauf des Ge⸗ ſpräches und ſagte, ohne daß er den Anſchein hatte, als bemerkte er die neue Unterbrechung von Maurice: „Gewiß, die Exiſtenz, die Sie ſo gut ſchildern, und welche die Ihrige und die Ihrer Familie iſt, ſcheint mir jeder andern vorzuziehen; doch, ich be— denke, wie ſchickte ſich Ihr Vetter Albert San Privato, während ſeines Aufenthaltes hier, in eine ſeinen Ge⸗ 45 wohnheiten ſo entgegengeſetzte Lebensart, er, ein in den diplomatiſchen Kanzleien erzogener Städter?“ Maurice dankte in ſeinem Innern Charles Del⸗ mare, daß er unwillkürlich dem Geſpräche eine andere Wendung gegeben hatte, und erwiederte: „Dieſer liebe Albert iſt immer zufrieden . . . Es gibt keinen umgänglicheren, freundlicheren, zuvor⸗ kommenderen Charakter als der ſeinige; er wird Ihnen ſogleich ſympathetiſch ſein, deſſen bin ich ſicher, lieber Meiſter . . . Was ſeine Fehler betrifft, er war, nach der Meinung ſeiner Mutter, zu hübſch für einen Knaben, — und zu ſehr Weltmann für einen Jüngling von ſeinem Alter, fügte mein Vater bei. Sie erkennen meine vortrefflichen Eltern an der Rohheit der Kritik in Betreff Alberts. Ich, ich finde ihn ganz einfach reizend; ſodann war er, — und ich denke, er iſt es wohl noch, — ſo elegant. .. ſo ſorgfältig in ſeiner Kleidung . . . ſo coquet! . . . Ich habe das Ausſehen eines Bären, eines Menſchen der Wälder gegen ihn . . . Doch es mächte mir Ver⸗ gnügen, ihn mit ſo viel Geſchmack herausgeputzt zu ſehen. Kurz,“ fügte der athletiſche Maurice von der Höhe ſeiner fünf Fuß ſechs Zoll herab bei, „ich be⸗ trachtete Albert wie man ein hübſches Bildchen, einen niedlichen Kunſtgegenſtand betrachtet.“ Lächelnd erwiederte Charles Delmare: „Schickte ſich Ihre Tante, Madame San Privato, auch ſo gut als ihr Sohn in Ihre ländliche Exiſtenz?“ „Arme Tante! abgeſehen von dem Kummer, den ihr der Tod ihres Mannes verurſachen mußte, ſehnte ſie ſich wohl ſehr nach Paris . . . ſie, die, wie man ſagt, eine Frau in der Mode war; aber ſie liebt 46 meinen Vater und meine Mutter ſo ſehr, daß ſie das Glück, bei ihnen zu ſein, ihr theures Paris ver⸗ geſſen ließ. Ihr Charakter iſt, wo möglich, noch umgänglicher, freundlicher und liebenswürdiger als der von Albert. Sie hat für Jedermann, ſogar für die Dienſtboten, nicht nur artige, das iſt Gerechtig⸗ keit, ſondern verführeriſche, einſchmeichelnde Worte; mein Vater ſagte auch immer lachend zu ihr: „„Ar⸗ mande, Du willſt entſchieden meinem ganzen Hauſe den Kopf verdrehen .. . von meinem alten Gervais dem Kutſcher bis zu Joſette der Magd!““ Doch verzeihen Sie mein Geſchwätz, lieber Meiſter; ich vergeſſe mein Heer von Heumachern und Heumacherin⸗ nen, von den Rekruten nicht zu reden, deren Ma⸗ noeuvres ich beſchleunigen muß. Die Functionen eines Obergenerals der Heugabeln und der Rechen nöthigen mich, Sie zu verlaſſen. Auf baldiges Wie⸗ derſehen, lieber Meiſter.“ Maurice wandte ſich, nachdem er Charles Del⸗ mare herzlich die Hand gedrückt hatte, nach der Thüre des Salon, blieb aber einen Augenblick vor dem hippiſchen Bilde, den Colonel Thornton mit einem Reiter in rothem Rocke vorſtellend, ſtehen. „Ich kann nicht müde werden, dieſes herrliche Pferd zu bewundern, ich, der ich Kenner geworden bin, ſeitdem mein Vater einige Fohlen auf unſern Wieſen im Val⸗Noir zieht.“ Das Gemälde betrach⸗ tend fügte Maurice bei: „Welche breite Bruſt! wel⸗ cher kräftige und zugleich leichte Hals! und dieſer kleine Kopf voll Race und Feuer! und dieſe kräftigen Häckſen! Ah! Meiſter, wie glücklich waren Sie, daß Sie ſolche Pferde beſaßen! wie glücklich!“ 47 „Mein liebes Kind,“ erwiederte Charles Delmare mit einem ſchwermüthigen Lächeln, „Sie ſehen dieſe Portraits von Colonel Thornton und Miß Alicia, Sie ſehen dieſes Schreibenéceſſaire und dort in meinem Schlafzimmer jenes Toilettenéceſſaire von ciſelirtem Golde; fügen Sie dieſes vortreffliche Klavier von Pleyel, dieſe zwei geſtickten Fauteuils, dieſen Teppich von Smyrna und ein paar gering⸗ fügige Gegenſtände bei . . . das iſt Alles, was mir von einem Vermögen von mehr als hunderttauſend Livres Rente bleibt, welches ſo dumm (das iſt das richtige Wort) von mir verſchleudert worden iſt, als es von meinem guten, würdigen Vater ehrenvoll gewonnen war,“ fügte Charles Delmare auf das Portrait des Exmaurers deutend bei. „Geſtehen Sie, es iſt vollkommen lächerlich, um den Preis ſei⸗ nes Ruins das ideale Glück zu bezahlen, zwölf bis fünfzehn Vollblutpferde in ſeinem Stalle gehabt zu haben, abgeſehen von anderen Glücken, welche eben ſo verſtändig und eben ſo ſüß für den Geiſt und das Herz, wie glänzende durch die Orgie zum Stumpfſinne führende Gaſtmahle, wüthende Spielpartien, wo der Gewinn für uns nur wenig iſt und der Verluſt uns raſend macht; unfruchtbare Verſchwendungen, wo möglich noch mehr albern, als eitel! worüber die Erſten, diejenigen, welche Nutzen daraus ziehen, ſpot⸗ ten. Ich bezeichne Ihnen mit zwei Worten das Leben des Verſchwenders: hartnäckige Rivalität im Luxus mit Reicheren als er, blödſinnige Rivalität, immer auf einen niedrigen Ruin, oft auf die Schande, zu⸗ weilen auf einen feigen Selbſtmord auslaufend! — Und die Ueberlebenden ſagen zu einander: „„Sie 48 wiſſen, dieſer Dummkopf? er hat ſich zu Grunde ge⸗ richtet, er hat ſich erſchoſſen! Es iſt man aß gut bei ihm, man gewann leicht ſein Geld. Seine Pferde und ſeine Börſe waren immer zu unſeren Dienſten.“ Und das iſt noch die ſchmeichelhafteſte und rührendſte Leichenrede, mit der man das Anden⸗ ken des verſtorbenen Lebemanns beehren kann. Ah! glauben Sie mir, mein armes Kind, wenn Sie nun ſogleich auf Ihrem guten Ponny Petit-Jean rei⸗ tend, auf den blühenden Wieſen, mitten unter den munteren Heumacherinnen ankommen, um das Ein⸗ bringen des Heues zu beſchleunigen, wird Ihr Herz froher ſein, als das meinige war, wenn ich, aus Ge⸗ ſchäftsloſigkeit und um die Zeit zu tödten, auf Co⸗ lonel Thornton reitend meinen fünfzig Fox⸗ hounds *) und meinen zwei Huntsmen **) folgte, und erſchöpft von Müdigkeit . . . (fruchtbarer Schweiß! Heldenthaten!) einen in einem Sace herbeigebrachten unglücklichen Fuchs jagte, der beſtürzt vor den Hun⸗ den durch das Heidekraut floh!“ „Es leben die blühenden Wieſen und mein bra⸗ ver Petit⸗Jean!“ rief Maurice heiter, ergriffen von den verſtändigen Reflexionen des Erbeau. „Es lebe unſere praktiſche Philoſophie, lieber Meiſter! denn in dieſem Bauernhauſe, mit ihrer guten Genevisve als Haushälterin, fühlen Sie ſich eben ſo glücklich, glücklicher, als da Sie Millionär und einer der glänzendſten Männer in der Mode von Paris waren.“ Hunde für die Fuchsjagd. **) Jäger. —— 49 „Glücklich!“ erwiederte Charles Delmare mit einem Ausdrucke von Bitterkeit, von dem Maurice betroffen war, „glücklich, mein armes Kind! . . . nein! . nein! .. hüten Sie ſich, das zu glauben. Laſſen Sie ſich nicht verführen durch die ſcheinbare Poeſie eines alltäglichen Ruins, der der Theilnahme und ſogar des Mitleids unwürdig!“ „Wie! Sie ſind nicht glücklich? wie! Sie ſollten den Verluſt Ihres Vermögens beklagen?“ „Ja . . grauſam . . . und weit entfernt, die⸗ ſes Beklagen zu ſchwächen, macht es die Zeit für mich noch ſchmerzlicher . . .“ „So eben ſprachen Sie aber noch mit ſo viel Ironie und Verachtung von Ihren vergangenen Ver⸗ ſchwendungen.“ „Ich beklage nicht die albernen Luſtbarkeiten, ich beklage das elend verſchleuderte Geld.“ „Sie . . . lieber Meiſter, deſſen Charakter ſo edel, ſo erhaben iſt. . ſollten einen ſolchen Werth..“ „Auf dieſes gemeine Metall legen? ach ja! Und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht meine Armuth verfluche! . . . Das ſetzt Sie in Erſtaunen, Maurice? hören Sie mich an .. . Sie wiſſen, welches innige Verhältniß mich mit Ihrer Familie verbindet.. Sie wiſſen, ob ich Sie geliebt habe . . .“ „Ja, ich weiß es, weil wir Ihre Zuneigung für uns nach der beurtheilen, welche Sie uns ein⸗ flößen . . . „Nun wohl, nehmen Sie an, Ihr Vater, ſtatt Landwirth zu ſein, wäre Induſtriell: eine Handels⸗ kriſe trifft ihn, eine bedeutende Summe kann ihn vom Ruine . von einem gezwungenen Bankerotte Sue, die Familienſöhne. I. 1 N 50 retten .. . er weiß, daß ich ihm leider nicht zu Hülfe kommen kann . . . doch er vertraut ſeine Bangigkei⸗ ten meiner Freundſchaft! .. der zwanzigſte Theil meines ſo elend verſchleuderten Vermögens würde meinen beſten Freund dem Ruine, der Schande ent⸗ reißen!“ „Ah! nun verſtehe ich Ihr Beklagen, Ihre Ge⸗ wiſſens biſſe!“ rief Maurice bis zu Thränen bewegt durch die Worte und den Tonausdruck von Charles Delmare; „ich kenne Ihr Herz . . . und ich fühle, daß Sie bei einem ſolchen Unſtande gelitten hätten.“ „Denken Sie denn, es gebe keine Umſtände, bei denen ich grauſam gelitten habe, mein Kind? . Hören Sie, dieſen Winter iſt das Dorf Saint⸗Maur abgebrannt. ein nächtlicher Brand, entſetzlich wie die unſerer Gebirge, wo der Mangel an Waſſer und organiſirten Hülfeleiſtungen nicht ein einziges Haus vor dem Feuer zu ſchützen geſtattet. Sie, mein Kind, haben mit Lebensgefahr Weiber, Greiſe aus dieſem Unglück grrettet. „Ich folgte hicbei, und nur ſehr von fern, dem Ihrer muthigen Aufopferung . . .“ „Was habe ich im Ganzen gethan? mein Lue gewagt, das Einzige, was mir blieb . . . als ich aber dieſe Unglücklichen ſah, Männer, Veiber, nackt, ſchluchzend, im Schlafe von den Flammen über⸗ fallen, welche Alles verzeheten .. . Alles vom Dache ihres armſeligen Hauſes bis auf ihren letzten Lumpen! und fortan in ein grauſames Elend verſetzt, ohne ein anderes Hülfsmittel, als die unmächtige öffent⸗ liche Wohlthätigkeit . . . ja, als ich die in Thränen zerfließenden Opfer dieſer Geißel ſah, wiſſen Sie, —— 5¹ mein Kind, was ich dachte? „„Wie oft habe ich in einer Nacht der Orgie und des Spiels, oder um eine koſtbare Laune zu befriedigen, mehr verſchwendet, als man brauchen würde, um dieſe rauchenden Trümmer in ein lachendes, neugebautes Dorf und ſo in Thrä⸗ nen der Freude das herzzerreißende Schluchzen ſo vieler Unglücklichen zu verwandeln.“ Sagen Sie, mein Kind, welche Segnungen folgten mir! welche reine Genüſſe waren mir vorbehalten, welche ſüße Frinnerung bewahrte ich an dieſe Wohlthat, während mir die Erinnerung an die Urſache meines Ruins nur Bitterkeit, Widerwillen oder Verachtung meiner ſelbſt einflößt! Ah! das iſt Gerechtigkeit, das iſt Gerechtigkeit; die Strafe folgt auf die Schuld. Gibt es eine abſcheulichere, als in den Wind ſchlimmer Leidenſchaften ein Erbe, das Product der väterlichen Arbeiten, zu werfen, ein Erbe, das ſo fruchtbar für uns ſelbſt und für Andere ſein konnte und mußte?“ „Mein Gott!“ rief Maurice, bewegt, beinahe er⸗ ſchrocken über den ſchmerzlichen Ausdruck in den Zügen von Charles Delmare, „Sie leiden, doch Ihre hochherzige Reue adelt wenigſtens Ihre Leiden. Ihr Ruin iſt würdig und ſtolz; unſere Freundſchaft tröſtet Sie vielleicht darin; aber zu welchem Grade von Erniedrigung müſſen die Menſchen herabſinken, von welchen Anfällen von Verzweiflung, von Wuth gegen ſich ſelbſt und gegen die Andern müſſen ſie heimge⸗ ſucht werden, diejenigen, welche nach ihrem Ruine weder ein erhabenes Gefühl, noch einen wahren Freund bewahren!“ „Für dieſe, Maurice, wird das Leben eine Hölle. Die Bravſten, die am wenigſten Entarteten werden 52 Soldaten, oder ſie tödten ſich. Andere betteln um die Genüſſe, die ſie durch ihren Ruin verloren haben, trotzen den Demüthigungen, den Gemeinheiten und werden die Schmarotzer, die niedrigen Wohldiener eines neuen Verſchwenders; ſie ſchöpfen aus ſeiner Börſe, ſie haben ihren Platz bei ſeinen Orgien, ſie reiten die Pferde, die er rennen läßt, oder führen ehrerbletig ſeine Maitreſſe ſpazieren, der ein anſtän⸗ diger Mann nie den Arm geben würde; kurz, die erſten Bedienten des Hauſes, fuchsſchwänzen ſie demjenigen, welchem ſie die Hand reichen, während ſie ihn, von Neid und Galle zerfreſſen, aus Grund der Seele haſſen. Andere, welche noch ſchön und jung ſind, aber nur noch den ehrenwerthen Namen ihrer Väter beſitzen, treiben Handel mit dieſem Na⸗ men, verkaufen ihn an gemeine, durch die Schande bereicherte, alte Weiber, heirathen dieſe, ſchlagen ſie, beſtehlen ſie und richten ſie zu Grunde. Andere ſuchen Hülfsquellen in den Gaunerſtücken des Spiels; ſie werden Betrüger. Andere ſinken noch tiefer; und derjenige, welcher zur Zeit ſeiner Herrlichkeit für die Jagd den eleganten rothen Rock des Sport⸗ man angezogen hat, trägt im Bagno den rothen Kittel des Galeerenſtlaven.“ „Ah! das iſt gräßlich! Mein Herz ſchnürt ſich zuſammen, bricht!“ rief Maurice ſchauernd vor Ekel und Entſetzen. Dann aber heiterte ſich ſein männ⸗ liches, ſchönes Geſicht wieder auf, und er fügte mit Erguß und mit einem Ausdrucke unausſprech⸗ licher Dankbarkeit bei: Gelobt ſeiſt Du, mein Gott! Du haſt mich laſſen in dieſen Bergen geboren werden, wo ich leben und ſterben will; Du haſt mir 53 für immer mein Daſein leicht, glücklich gemacht, in⸗ dem Du mir die ländlichen Reigungen gegeben; Du haſt mir die Verſuchungen erſpart, denen ich vielleicht unterlegen wäre! . . . Du haſt mir Eltern wie die meinigen gegeben .. . einen Freund einen Lehrer, wie Sie, Herr Delmare! Sie, deſſen Weisheit, deſſen Zuneigung, deſſen Welterfahrung genügen würden, um mir einen unüberwindlichen Abſcheu gegen das Böſe f ößen! Dank, Dank Ihnen, lieber Mei⸗ ſter, Ihr finſteres, erſchreckendes Gemälde der Fol⸗ gen einer zu Grunde richtenden V erſchwendung hat vorhin mein Herz ſchmerzlich ergriffen, zuſammenge⸗ ſchnürt . . . nun dehnt es ſich nplet als je bei dem Gedanken an das Glück aus, das ich genieße! Oh! nie werden mir unſere Wieſen, unſere Wälder, unſere Brachen lachender, geliebter geſchienen haben, als wenn ſie ſich nun nhic vor meinen Augen entwickeln, ſo wie ich mich gegen die Hochplateaux erhebe, wo mich meine Mutter und meine Couſine Jeane mitten unter unſern Heumacherinnen er⸗ warten!“ „Gott befohlen, und auf baldiges Wiederſehen, mein liebes Kind,“ erwiederte Charkes Delmare, in⸗ dem er beide Hände von Maurice in den ſeinigen drückte. „Ich wußte, unſere Unterredung werde nicht unfruchtbar ſein. Ich wußte, auf dieſe heilſame Traurigkeit, die das Gemälde des Schlimmen ed⸗ len Herzen verurſacht, werde in Ihnen eine Ge⸗ müthsbewegung folgen, welche noch lebhafter dieſe Heiterkeit, dieſe Zufriedenheit der Seele machen müſſe, die man der Ausübung des Guten, der Sicherheit in Betreff der Zukunft verdankt!“ 54 „Sie ſprechen die Wahrheit, lieber Meiſter, und beſſer als je den Reiz des Landlebens ſchätzend, will ich mein gutes altes Ponny beſteigen und mit dop⸗ pelter Freude im Herzen wiederholen: „„Es leben mein braver Petit⸗Jean und die blühenden Wieſen!“ Und Maurice verließ Charles Delmare, nachdem er ihm ein herzliches letztes Lebewohl geſagt hatte. IV. Der Morillon, wie man in der Gegend die Beſitzung von Herrn Dumirail nannte, gehörte einſt zu einer reichen Karthäuſer⸗Abtei, welche auf der Mitte von einem der Abhänge des Jura erbaut war, eine wundervolle Lage, von wo aus man, in der Ferne und den Horizont begränzend, den Mont⸗ blanc und die Gletſcherkette der Schweiz erblickte. Einen Theil des Gutes bildende große Tannen⸗ und Bu⸗ chenwälder erhoben ſich amphitheatraliſch bis zu einem weiten Plateau von jenen üppigen Alpenprairien, welche, ſechs Monate unter dem Schnee begraben, ſo raſch erblühen, daß ſie ſich im Monat Juni in einen Teppich hinſichtlich des Colorits und des Wohl⸗ geruchs gleich reicher Blumen verwandeln. Mit dem ſo merkwürdigen Luxus der Solidität der klöſterlichen Conſtructionen erbaut, beherrſchten die Meierei und das Wohnhaus des Morillon die gemilderten Abhänge eines fruchtbaren Thales, das beſpült wurde von zahlreichen, von den Waſſerfällen herkom⸗ menden Bächen, die man ſorgfältig zu Bewäſſerung 55 der Wieſen benützte, während ſie zugleich als bewe⸗ gende Kraft für Getreidemühlen und Sägemühlen dienten, die zum Gute gehörten. Ein mit Geſchmack angepflanzter Garten dehnte ſich vor der Fagade des Hauſes aus, eines alterthümlichen, unregelmäßigen, zwei Stockwerke hohen Gebäudes von Quaderſteinen, unterſtützt an ſeinen Ecken durch ungeheure Strebe⸗ mauern, die halb unter hundertjährigen Epheuranken verborgen waren, welche auch beinahe bis zu ſeiner Firſte einen viereckigen Thurm mit ſpitzigem Dache überzogen, der viel höher als das Hauptgebäude, deſſen rechten Flügel er bildete. Eine große Orange⸗ rie, ein temperirtes Gewächshaus, von neuerem Ur⸗ ſprunge und an die alten Gebäude anſtoßend, zeug⸗ ten vom Geſchmacke von Madame Dumirail für die Blumen, die man zierlich in mehrere, in der Nähe des Hauſes wechſelnde, Gruppen und Körbe abge⸗ theilt ſah; jenſeits dieſes Blumengartens beſchattete eine doppelte Reihe von rieſigen Ahornbäumen eine Terraſſe, von der aus man den durch die Gletſcher begränzten ungeheuren Horizont erſchaute. Alles offenbarte bei dem Wohngebäude von Herrn Dumirail den Wohlſtand, die Einfachheit, den guten Geſchmack; man fühlte, daß die Familie, welche be⸗ ſtändig ihren Aufenthalt in dieſem friedlichen, lachen⸗ den Winkel hatte, hier ihr Leben, ihre Genüſſe und ihre Wünſche concentrirte. Eine gebogene Allee führte vom Garten zu den großen, zahlreichen Wirthſchaftsgebäuden, welche, bei⸗ nahe wie ein kleines Dorf bevölkert, vom Hauſe durch einen herrlichen Obſtgarten in vollem Ertrage und einen, nicht minder ſorgfältig als der Blumen⸗ 56 garten unterhaltenen, Gemüſegarten getrennt waren; zwei mit Kieſelſteinen belegte breite Wege, von denen der eine ins Thal hinablief, indeß der andere ge⸗ krümmt, von Abſatz zu Abſatz, durch die Wälder bis zu den höchſten Plateaux der Prairien emporſtieg, mündeten in den weiten Halbkreis, der dem Hofe der Meierei vorherging; dieſer bildete ein umfang⸗ reiches Parallelogramm, umgeben von Gebäuden, in denen ſich der Kuhſtall, der Ochſenſtall, der Pferdeſtall, der Schafſtall, die Milchkammer, der Gemüſekeller, die Scheunen befanden. Eines derſelben erwartete die Heu⸗ ernte der Plateaux; man brachte ſie in aller Eile ein, denn der gewitterſchwere Himmel bedeckte ſich mit immer düſterern Wolken; der Wind, der Vor⸗ läufer des Regens, fing an ſich zu erheben; doch, Dank ſei es der munteren Thätigkeit, welche den Ar⸗ beiten der Heumacher und der Heumacherinnen durch die Gegenwart von Madame Dumirail und Jeane, ihrer Nichte, verliehen wurde, waren die letzten, von den Ochſen gezogenen, Wagen ſchon vom Berge hin⸗ abgefahren und hielten vor der Thüre der Scheune; dieſe Scene bot dem Auge, wie Maurice zu Charles Delmare geſagt hatte, ein Gemälde voll ländlicher Anmuth. Jedes Ochſengeſpann war vor den Mückenſtichen durch große Buchenzweige geſchützt, deren grünes Blätterwerk die kräftigen Flanken der friedlichen Thiere ſtreichelte, oder ſich über ihren gelehrig unter dem Doppeljoche gebeugten breiten Stirnen ſchaukelte. Die Heumacher, die auf den Gipfel der Wagen geſtiegen waren, warfen auf den Voden des Hofes Haufen von blühendem, duftendem Grün, welche die 57 Heumacherinnen heiter in die Scheune einbrachten. Auf einer Bank ſitzend, munterten Herr und Ma⸗ dame Dumirail durch herzliche Worte Arbeiter und Arbeiterinnen auf. Unterdeſſen und ſich ungemein bei dieſem ländlichen Geſchäfte beluſtigend, handhabte Jeane Dumirail nach ihren beſten Kräften ihren Rechen von weichem Holze, während Maurice, der die Sache im Ernſte nahm, ſeine Blouſe abgelegt hatte, Dank ſei es ſeiner Athletenſtärke, am Ende ſeiner Heugabel ungeheure Grasmaſſen aufhob und mit ausgeſtrecktem Arme in die Scheune ſchleuderte, denn er brachte zu dieſer Arbeit jenen Ueberfluß an Kraft, jene heftige Thätigkeit, welche von ſeiner mächtigen phyſiſchen Organiſation unzertrennlich war. Vergebens ſagte Madame Dumirail zu ihm: „Maurice, Du ſchwimmſt im Schweiße und wirſt vor Müdigkeit erlahmen . . . Du biſt um drei Uhr dieſen Morgen aufgeſtanden . . . ruhe doch einen Augenblick aus.“ Doch taub für die Vorſtellungen ſeiner Mutter, verdoppelte der ungeſtüme junge Mann die allge⸗ meine Thätigkeit durch ſein Beiſpiel, und er ant⸗ wortete Madame Dumirail: „Mutter . . . ehe der Regen kommt, muß das Heu eingebracht ſein . . . es wird ſein . . . ich willes.“ Als er die Worte: „ich will es,“ ſprach, offen⸗ barte der Ausdruck von Maurice eine ſolche Willens⸗ energie, daß Madame Dumirail, darauf verzichtend, die Hitze ihres Sohnes zu mäßigen, ihre Bemerkun⸗ gen nicht wiederholte. Trotz ihres guten Willens der Müdigkeit nach⸗ 58 gebend, kam Jeane zu Herrn und Madame Dumi⸗ rail zurück, ſtützte ſich mit einer Hand auf den Stiel ihres Rechens und drängte mit der andern die Schläge ihres Buſens zurück. Sie war ſo reizend an Anmuth und unſchuldvoller Schönheit; ihr großer Strohhut warf einen durchſichtigen Schatten auf ihre vom gol⸗ denen Wellenſcheitel ihrer blonden Haare umgebene elfenbeinerne Stirne und verſchleierte halb den Glanz ihrer durch die fieberhafte Thätigkeit einer, ohne daß ſie ihre Kräfte zu Rathe gezogen, unternomme⸗ nen Arbeit belebten, großen blauen Augen; doch ein ſchiefer Sonnenſtrahl, der die Wolke durchdrang und ſich auf den untern Theil vom Geſichte des Mäd⸗ chens warf, während ihre Stirne im Schatten blieb, beleuchtete mit ſeinem goldenen Lichte ihre friſchen, reinen Wangen, ihre zarte Naſe mit den roſigen Flügeln, ihren hochrothen Mund, ihr Kinn mit den Grübchen und den Anfang ihres zierlichen Halſes. Die hohe, ſchlanke, nervige Geſtalt von Jeane, welche über der mittleren Statur der Frauen, bewunderungs⸗ würdig entwickelt durch die täglichen Gänge im Ge⸗ birge, bot ſeltene Vollkommenheiten und offenbarte ſich geſchmeidig, frei, reizend unter den flatternden Falten eines tauſendfach blau und weiß geſtreiften Kleides, das einfach blouſeförmig geſchnitten und um den Leib von einem ſchwarzen ſaffianledernen Gürtel umſchloſſen war; ihr kleiner, ſchmaler, wohl⸗ gebogener Fuß, bekleidet mit Stiefelchen, woran Sohlen, welche dick genug, um den Rauhigkeiten des Felsgeſteins zu trotzen, war nicht minder vollendet, als ihre Hand mit den ſpitzig zulaufenden Fingern, welche Hand indeſſen ein wenig durch die Sonnen⸗ „ 59 hitze gebräunt erſchien, wie ihr Teint, der ſo durchſich⸗ tig als der eines Kindes. „Ah! liebe Tante,“ ſagte heiter und mit einer etwas erſtickten Stimme Jeane zu Madame Dumi⸗ rail, indem ſie ſich ihr näherte, „wie glücklich iſt dieſer Maurice, ſeine Heugabel laſtet nun nicht ſchwe⸗ rer in ſeinen Händen, als vor zwei Stunden. und ich . . . ich geſtehe . . . ich fühle meine Kräfte erſchöpft.“ „Ich wiederhole Dir auch, mein Kind, dieſe Be⸗ luſtigung übermäßig verlängernd, würdeſt Du Dich er⸗ müden,“ erwiederte Madame Dumirail im Tone ſanften Vorwurfs. Und ſie ließ Jeane auf ih⸗ ren Schooß ſitzen und band ihren breiten Stroh⸗ hut auf; dann trocknete ſie mit einer mütterlichen Sorgfalt mit ihrem Sacktuche ihre feuchte Stirne und wiſchte über die glühenden Wangen ihrer Nichte, die, indem ſie ſie zärtlich küßte, zu ihr ſagte: „Nun habe ich mich erholt, und meine Müdig⸗ keit iſt vergeſſen.“ „Das iſt möglich, doch Du wirſt, wenn es Dir gefällig iſt, hier zwiſchen uns Beiden bleiben, zügel⸗ loſe Heumacherin!“ ſagte Herr Dumirail. Und mit einer Geberde liebreicher Autorität nahm er den Arm von Jeane und nöthigte ſie, ſich zwiſchen ihn und ſeine Frau zu ſetzen. Dann zog er ſein Sack⸗ tuch und trocknete die Feuchtigkeit des dicken Wel⸗ lenſcheitels der blonden Haare des Mädchens und fügte bei: „Sieh' doch ein wenig, wie heiß ſie hat!“ Und ſich an Madame Dumirail wendend: „Julie, mache Deine Echarpe los und ſchlinge ſie dem Kinde um den Hals.“ 60 „Ah! mein Oheim, das iſt unnöthig. Ich . . .“ „Gewiß, es iſt unnöthig, Dich vor einer, in dieſem Gebirge immer ſo gefährlichen, Erkältung zu bewah⸗ ren, unkluges Kind!“ ſprach Madame Dumirail, Jeane unterbrechend. Und mit Hülfe ihres Mannes verhüllte ſie ſorgfältig mit der Echarpe den Hals und die Schultern von Jeane. Dieſe nahm ſodann, um ſie an ihre Lippen zu führen, die Hände von ihrem Oheim und von ihrer Tante mit einer Bewe— gung von ſo ergreifender Anmuth, daß Beide einen gerührten Blick wechſelten. Ein anderer nicht minder bewegter Blick folgte dieſer Scene, denn ſie hatte zum ſtummen und auf⸗ merkſamen Zeugen Charles Delmare. Der Einladung ſeiner Nachbarn entſprechend, ſuchte er ſie, als er ſie nicht zu Hauſe fand, im Hofe der Meierei auf. Er verbarg ſich einen Augenblick hinter einem von den Wagen, um ſeine Tochter, welche zwiſchen Herrn und Madame Dumirail ſaß, zu betrachten; dann näherte er ſich ihnen in dem Momente, wo Maurice, das Auge funkelnd, die Wange in Flammen, die Stirne von Schweiß triefend, im Triumphe herbei⸗ lief und mit keuchender Stimme auf den gewitter⸗ ſchweren Himmel deutend, von dem ſchon einige vom Winde gepeitſchte Regentropfen herabfielen, ausrief: „Will ich etwas, ſo kann mich nichts verhindern, es zu vollführen! Ich ſagte, das Heu werde vor dem Gewitter eingebracht ſein .. . es iſt geſchehen!“ Die Phyſiognomie, die Haltung, der Ton von Maurice drückten aufs Neue und noch energiſcher die hartnäckige Willensmacht aus, von der kurz zu⸗ vor ſeine Eltern betroffen geweſen waren; ſie ſchien 61 nicht weniger Eindruck auf Charles Delmare zu machen, der indeſſen auch längſt den ungeſtümen Charakter des jungen Mannes kannte. „Guten Tag, lieber Nachbar,“ ſagte Herr Du⸗ mirail, indem er Charles Delmare herzlich die Hand reichte; „wir erwarteten Sie, und wenn Sie wollen, kehren wir nach dem Hauſe zurück, denn es wird demnächſt regnen.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen und zu denen von Madame Dumirail,“ antwortete Charles Delmare. Und ſich an ſeine Tochter mit einer bewältigten, obgleich vertraulich liebreichen Stimme wendend: „Nun, Mademoiſelle Jeane, die Heuernte iſt eine harte Arbeit geweſen, wie mir ſcheint, und Ihre Kräfte ſind leider! zu Verräthern an Ihrem Muthe geworden!“ „Ah! Herr Charles,“ erwiederte heiter das Mäd⸗ chen, Maurice mit dem Blicke bezeichnend, „dieſer König des Rechens, dieſer Held der Heugabel gab uns tapfer Allen das Beiſpiel; doch ich folgte ihm nur von ſehr fern! Ihm alſo die Ehre, der Ruhm des Tages!“ Und lachend fügte Jeane bei: „Er hat auch heroviſch die Krone gewonnen, mit der ſeine ſiegreiche Stirne geſchmückt iſt.“ Dieſe Anſpielung auf die zahlreichen blühenden Grashalme, die ſich mit dem dichten braunen Haare von Maurice während des Abladens der Wagen vermengt hatten, erregte ſeine Heiterkeit; er machte von ſeinen widerſpänſtigen Haarlocken die grünen Stängel und die Blumen los, verflocht ſie in Form einer kleinen Krone, reichte dieſe Jeane mit einem komiſchen Ernſte und ſprach: 6² „O edle Prinzeſſin der Kornblumen . . . Herzo⸗ gin der Schlüſſelblumen . . . der Heckenroſen .. . der Schneeglöckchen und anderer Frühlingsdomänen . . . ich, der König der grünen Wieſen, Autokrat der Eſparſetten u. ſ. w., biete Dir an, meine Krone von hochrothem Klee . . . und meinen Thron von roſen⸗ farbiger Luzerne mit mir zu theilen.“ Als er dieſe letzten Worte ſprach: „Ich biete Dir an, meinen Thron zu theilen,“ erröthete Maurice plötzlich; Anfangs treuherzig, heiter, wurde ſein Ton der der Verlegenheit, eine ſchnelle Reflexion änderte offenbar den Lauf ſeines erſten Gedankens, und auf eine zuerſt ſcherzhafte Abſicht folgte bei ihm ein ernſtes, zärtliches Gefühl; die Augen niederſchlagend, beeilte ſich auch Maurice den Spaß zu vollenden, und von knieend, wie er war, ſtand er auf und ſtammelte, indem er zu lächeln ſich anſtrengte: „Ich biete Dir meine Krone an, weil Niemand würdiger iſt, als Du, Jeane, über mein ländliches Königreich zu regieren!“ „Ich bin ſtolz auf eine ſo große Ehre, edler Sire,“ antwortete Jeane, nicht minder erröthend, nicht minder verlegen als Maurice, denn wie er fühlte ſie ihre Heiterkeit plötzlich vor einer ſanften und zugleich ernſten Gemüthsbewegung verſchwinden; alsdann fügte ſie mit einer leicht bebenden Stimme bei, indem ſie den kleinen Kranz von grünen Gräſern und Blumen nahm, den ihr Vetter ihr darbot: „Ich werde immer mit größter Sorgfalt dieſe kleine Krone als ein Pfand des guten Willens bewahren, mit dem Sie mich beehren.“ Die kleinſten Entwickelungen dieſer Anfangs kindi⸗ 63 ſchen Scene zwiſchen Jeane und Maurice waren ſehr aufmerkſam von Charles Delmare, Herrn und Ma⸗ dame Dumirail beobachtet worden; alle Drei, da ſie ſich in dieſem Augenblicke das Reſultat ihrer Bebb⸗ achtung nicht mittheilen konnten, ſchienen noch mehr entzückt als erſtaunt über das Jeane von ihrem Vet⸗ ter gemachte Anerbieten und über die zunehmende Unruhe der zwei jungen Leute, welche ſtillſchweigend bei einander geblieben waren und ſich zu fürchten ſchienen, nur einen Blick mit einander zu wechſeln. Herr und Madame Dumirail machten ſich gegenſeitig ein Zeichen des Verſtändniſſes und ſtanden ſodann von der Bank auf, auf der ſie ſaßen. „Mein Freund, meine Frau und ich werden ziem⸗ lich lang mit Ihnen zu ſprechen haben,“ ſagte Herr Dumirail zu Charles Delmare. „Wenn Sie wollen, kehren wir ins Haus zurück.“ Charles Delmare, Herr und Madame Dumirail wandten ſich nach dem Morillon, gefolgt von Jeane und Maurice, die es, verblüfft, beinahe betrübt, ver⸗ gebens verſuchten, ihr Geſpräch mit ihrer gewöhn⸗ lichen Vertraulichkeit und Heiterkeit wieder anzuknüpfen; Beide beeilten ſich, in ihr Zimmer zu gelangen, um mit Muße über die Veränderung nachzudenken, welche plötzlich eine Art von Zwang in ihre bis dahin ſo traulichen geſchwiſterlichen Beziehungen brachte. Wir werden in wenigen Worten den Leſer vol⸗ lends mit Herrn und Madame Dumirail bekannt 6⁴ machen. Ungefähr zwanzig Jahre älter als ſeine Frau, welche damals ihr vierzigſtes Jahr erreichte, hatte Herr Dumirail ſpät geheirathet. Anfangs ent⸗ ſchloſſen, ledig zu bleiben, weil er, leidenſchaftlich die Landwirthſchaft und das zurückgezogene Leben liebend, wußte, nur Frauen in kleiner Anzahl können ſich entſchließen, beſtändig auf dem Lande zu wohnen, und diejenigen, welche dieſe Lage annehmen, fügen ſich mit ſolchem Widerwillen darein, daß die beſtän⸗ digen Kundgebungen ihrer Unluſt ihren Mann, — je nach der Natur ſeines Charakters, — betrüben oder empören, und oft das gemeinſchaftliche Leben unerträglich machen. Auf einer ſeiner Reiſen, die er nach Genf machte, um die Erzeugniſſe ſeines Gutes zu verwerthen, traf Herr Dumirail mehrere Male bei dem Holzhändler, der ihm die Schläge ſeiner Hochwälder abkaufte, die Nichte dieſes Mannes, eine junge Frau von kaum zwanzig Jahren, Witwe eines reichen Landwirthes vom Waadtlande; man las in ihrer offenen, verſtän⸗ digen, ſanften Phyſiognomie die Rechtſchaffenheit ihres Geiſtes, ihre Herzensgüte, den Zauber ihres Charakters. Dieſe junge Frau machte einen lebhaf⸗ ten Eindruck auf Herrn Dumirail; ſie war Waiſe, Witwe ohne Kinder. Ihr Erbe ſicherte ihr einen großen Wohlſtand. Dieſe letzte Betrachtung übte einen bedeutenden Einfluß auf die Heirathsprojecte von Herrn Dumirail, — nicht als ob er habgierig geweſen wäre, weit hievon entfernt! — doch er dachte weislich, willige die junge Witwe, trotz des Mißver⸗ hältniſſes des Alters, ein, ihn zu heirathen, ſeine Zu⸗ rückgezogenheit und ſeine Neigungen zu theilen, ſo 65 wüßte ſie, wozu ſie ſich verbindlich mache, und ſie handle frei, da das Vermögen, welches ſie beſitze, ihr einen Gatten nach ihrem Belieben zu heirathen und unabhängig zu leben erlaube. Herr Dumirail, ein redlicher Mann, durchdrun⸗ gen von ſeinen Pflichten und ſicher, ſie würdig zu erfüllen, machte der jungen Witwe ſeine Heiraths⸗ anträge. Dieſe, welche den ſittlichen Werth von Herrn Dumirail ſchätzte, wie ſie es mußte, und alle mögliche Glücksgarantien in der vollkommenen Ueber⸗ einſtimmung ihrer Wünſche, ihrer Gewohnheiten und in ihrer gegenſeitigen Sympathie fand, nahm die Antväge von Herrn Dumirail an; die Glückſeligkeit, welche Beide in dieſer Verbindung erwartete, über⸗ ſtieg ihre Hoffnung; nicht die leichteſte Wolke trübte ſie, und ſeit den zwanzig Jahren, die ſie dauerte, waren die einzigen Künmerniſſe, durch die ſich Herr Dumirail verwundet fühlte, einmal die vorübergehende Erkaltung von Madame San-Privato, ſeiner Schwe⸗ ſter, der es einen ſehr lebhaften Verdruß bereitete, ihn mit vierzig Jahren heirathen zu ſehen, denn ſie hatte ſich ſeit langer Zeit an den Gedanken gewöhnt, er werde ledig bleiben, und auch aus verſchiedenen Motiven gewünſcht, es möchte ſo ſein; doch die Zeit und beſonders die Nothwendigkeit, ſich in ein Ereig⸗ niß zu fügen, das ſie nicht verhindern konnte, ver⸗ wiſchten allmälig (wenigſtens dem Anſcheine nach) die bitteren Gefühle von Madame San⸗Privato, und ſpäter, bei den verſchiedenen Aufenthalten, die ſie im Morillon machte, lebte ſie auf einem ſehr guten Fuße mit ihrer Schwägerin. Der andere Kummer, unter dem Herr Dumirail Sue, die Familienſöhne. I. 5 66 lange litt, war der tragiſche Tod ſeines Bruders Erneſt, den er mit der lebhafteſten-Zuneigung liebte, und der, nach dem allgemeinen Glauben, von Maler Wagner im Duell getödtet worden war; fügen wir endlich bei, daß Herr Dumirail nicht bezweifelte, Jeane ſei wirklich ſeine Nichte, obſchon er von der ſtrafbaren Schwäche der Mutter des jungen Mäd⸗ chens unterrichtet war. Charles Delmare begleitete, wie wir erwähnt haben, Herrn und Madame Dumirail nach ihrer Wohnung, und bald begann folgendes Geſpräch: „Mein lieber Nachbar,“ ſagte Dumirail zu Char⸗ les Delmare, „ſeit den drei Jahren, daß ſich unſer inniger Verkehr gebildet hat, wozu wir uns, meine Frau und ich, jeden Tag Glück wünſchen, betrachten wir Sie als eines der Mitglieder der Familie; wir wollen Sie auch heute über eine der wichtigſten Ent⸗ ſchließungen, die wir faſſen können, zu Rathe ziehen.“ „Und gegen unſere Gewohnheit,“ ſprach Ma⸗ dame Dumirail, „weichen wir, mein Mann und ich, bei einigen Punkten in unſeren Anſichten in Betreff des Entſchluſſes, um den es ſich handelt, von ein⸗ ander ab.“ „Ich füge bei, mein lieber Delmare, daß meine gute Julie, nachdem ſie ihre Einwendungen gegen mich ausgeſprochen hatte, durchaus ihre Entſcheidung der meinigen unterordnen wollte. Ich habe mich dagegen geſträubt, weil ihre Einwendungen, ich muß es geſtehen, meine erſte Meinung erſchütterten. In dieſem Zweifel ſind wir nun übereingekommen, die Frage Ihnen zu unterwerfen.“ „Ihr Vertrauen ehrt und rührt mich; ich werde 67 es nach meinen beſten Kräften erwiedern,“ antwor⸗ tete Charles Delmare mit innigem Tone. „Um was handelt es ſich?“ „Um einen Heirathsplan,“ ſagte Herr Dumirail. Und ſeine Frau fügte bei: „Um einen Heirathsplan zwiſchen Jeane und Maurice.“ „Ich vermöchte nicht Ihr Schiedsrichter zu ſein,“ ſprach Charles Delmare, indem er zu lächeln ſuchte, um ſeine lebhafte Gemüthsbewegung zu verbergen; „mein Urtheil wäre nicht unparteiiſch.“ „Warum nicht, mein Freund?“ „Weil ich ſeit einiger Zeit bemerkt zu haben glaube, daß Jeane und Maurice für einandér ein Gefühl hegen, das zärtlicher als die geſchwiſterliche Zuneigung, und meiner Anſicht nach ihre Heirath ihr zukünftiges Glück ſichern würde. Sie ſehen alſo, meine Freunde, ich kann nicht, ſo zu ſagen, Richter in meiner eigenen Sache ſein, denn dieſe Verbindung ſcheint mir ſehr wünſchenswerth.“ „Mein lieber Herr Delmare, Ihre Antwort würde ſogleich unſerer Uneinigkeit ein Ende machen, wären mein Mann und ich in Betreff der Heirath an und für ſich verſchiedener Anſicht. Doch dem iſt nicht ſo.“ „Bei welchem Punkte differiren Sie alſo in Ihrer Meinung mit Herrn Dumirail?“ „Sollen wir die Zeit dieſer Verbindung beſchleu⸗ nigen oder hinausſchieben? In letzterem Falle, ſollen wir Jeane und Maurice von unſerer Abſicht unter⸗ richten? Iſt es beſſer, ſie im Gegentheile in Unwiſſen⸗ heit zu laſſen? Das ſind die, — allerdings ſecun⸗ dären, aber, wie Sie ſehen, dennoch ſehr wichtigen, — Fragen, welche meine Frau und mich trennen. Wir zählen auf die Rathſchläge Ihrer erleuchteten Freundſchaft, um unſerer Unentſchiedenheit ein Ziel zu ſetzen.“ „In dieſem Falle ſage ich Ihnen: verheirathen Sie Maurice und Jeane ſo bald als möglich. Meine Meinung in dieſer Hinſicht wird noch verſtärkt durch einen Vorfall von heute, von dem ich lebhaft be⸗ troffen war.“ „Mein Freund, Sie ſprechen von dem Aner⸗ bieten, das Maurice Jeane machte, ſeinen Luzerne⸗ Thron zu theilen.“ „Dieſer Umſtand hat ſeinen Werth, doch es han⸗ delt ſich um eine andere Bemerkung.“ „Um welche, Herr Delmare?“ „Sobald, Dank ſei es der gewaltſamen Thätig⸗ keit von Maurice, die Heuernte eingebracht war, hör⸗ ten Sie ihn zu Ihnen kommend ausrufen: „„Wenn ich etwas will, ſo muß es ſein. Ich ſagte, das Heu werde vor dem Regen eingebracht ſein . es iſt geſchehen!““ Nun wohl, ich geſtehe, ſein Ausdruck, ſeine Phyſiognomie, ſein Blick haben in dieſem Mo⸗ mente einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Ich ſage mehr . . .“ „Warum unterbrechen Sie ſich, mein lieber Del⸗ mare?“ . „In der That, jedes Verſchweigen von meiner Seite bei einem ſo gewichtigen Umſtande wie dieſer hätte ernſte Nachtheile . . . Sie ſollen alſo meinen ganzen Gedanken erfahren. Als ich vorhin auf dem ſchönen, männlichen Geſichte von Maurice dieſe un⸗ 69 bändige Willensenergie, die ihn charakteriſirt, hervor⸗ brechen ſah . . . als ich ihn ſo jung, ſo ungeſtüm ſah, ſagte ich zu mir: „„Wenn, ſtatt unter Ihren Augen erzogen, unterrichtet, zum Guten durch Ihre Beiſpiele, Ihre Rathſchläge ſeit ſeiner Kindheit her⸗ angebildet worden zu ſein, wenn, ſtatt eine entſchie⸗ dene Neigung für das Landleben zu fühlen, ſtatt, ſo zu ſagen, eine Linie des Benehmens zum Voraus vorgezeichnet zu haben, Maurice den Zufällen un⸗ vorhergeſehener Umſtände preisgegeben ſein ſollte, ich wäre ſehr beunruhigt.“ „Dieſe Unruhe, mein lieber Delmare, ſcheint mir aus der Zuneigung zu entſtehen, die Sie für unſern Sohn hegen,“ ſagte Herr Dumirail; „glauben Sie mir, ſeine angeborenen guten Eigenſchaften würden ihn ſicherlich vor ſchlimmen Leidenſchaften ſchützen.“ „Mein Freund, ich theile dieſes unbeſchränkte Vertrauen nicht,“ erwiederte Charles Delmare, „ge⸗ rade wegen ſeines glühenden, energiſchen, leidenſchaft⸗ lichen Naturels. Maurice iſt zugänglich für große Hinreißungen, er wird immer zu denjenigen gehören, welche dem Guten treu bleiben, ſo lange ſie unter den rechtſchaffenen Leuten leben, die aber an einem ſchlechten Orte ſich leichter als Andere irre leiten laſſen; man muß ſie auch vor Allem vor den Ver⸗ ſuchungen des Böſen, mit einem Worte vor der Ge⸗ legenheit zu Fehltritten bewahren, ſo lange ſie im Alter des Aufbrauſens der Leidenſchaften ſind .. Ich vermöchte auch nicht zu oft zu wiederholen: ver⸗ heirathen Sie Maurice ſo bald als möglich . . . ſein Herz iſt für die Liebe erwacht. Er liebt Jeane und wird von ihr geliebt. Dieſe Verbindung wird, Gott ſei Dank, keine von denjenigen ſein, wo der Gatte der jungen Gattin ein ſchon welkes Gemüth, über⸗ ſättigte Sinne bringt; die Heirath wird für dieſe zwei jungen Leute das ſüßeſte Band ſein. Maurice wird in Leidenſchaft für ſeine Frau entbrennen; ſpäter für ſeine Kinder und ſeine Vaterpflichten; dieſe Pflichten wird er mit der Wärme des Herzens, mit der Willensmacht erfüllen, die ihn charakteriſiren; die friedliche, arbeitſame Exiſtenz, die ihm ſchon ſo ſehr gefällt, wird ihm, getheilt von einer geliebten Gattin, umgeben von einer jungen Familie, noch theurer werden; ſo wird für ihn, im verlängerten Zauber einer erſten Liebe, die Periode von zwanzig bis ſechsundzwanzig oder achtundzwanzig Jahren ver⸗ laufen, — dieſe kritiſchen Jahre des Mannes. Dann wird, wie man zu ſagen pflegt, die Falte genom⸗ men ſein; die Ausübung der häuslichen Tugenden und die Liebe für ſie werden für immer in der Seele, und, was noch beſſer iſt, in den Gewohnheiten von Maurice eingewurzelt ſein. Seine Kinder werden heranwachſen; man wird an ihre Verſorgung denken müſſen; ſo daß, während die Pflichten ſich den Pflich⸗ ten beifügen, Maurice die Reife des Alters, ohne die Gefahr, ſich zu vergehen, unter den ſüßen Freu⸗ den der Familie und den ernſten Beſchäftigungen, die ſie veranlaßt, erreichen wird; er wird in dieſer Einſamkeit ſo glücklich, als Sie und Ihre ſanfte Ge⸗ fährtin leben, gelebt haben. Beſchleunigen Sie alſo, ich wiederhole es, die Heirath von Maurice und Jeane; dieſe Heirath enthält im Keime ihre zukünf⸗ tige Glückſeligkeit.“ Nachdem er, wie ſeine Frau, mit einer tiefen Auf⸗ ich über die Solidität der Grundſätze unſeres Sohnes 71 merkſamkeit die Rathſchläge ihres Freundes angehört hatte, Rathſchläge, denen ſeine Erfahrung hinſichtlich der ſtürmiſchen Leidenſchaften und ſeine Menſchen⸗ kenntniß eine unverwerfliche Autorität verliehen, ant⸗ wortete Herr Dumirail: „Man muß Jeane und Maurice ſo bald als möglich verheirathen, das war, das iſt noch meine Anſicht, mein lieber Delmare, beſonders nachdem ich Sie gehört habe; ich differire aber mit Ihnen in der Meinung in der Hinſicht, daß ich . .. ohne durch die väterliche Zärtlichkeit verblendet zu ſein... über⸗ zeugt bin, daß Maurice, begabt, wie er iſt, von der Natur, erzogen, wie er iſt, von ſeiner Mutter und von mir . . . erfüllt endlich von den vortrefflichen Rathſchlägen, die Sie ihm oft gegeben haben, ohne Unglück aus den Prüfungen hervorgehen würde, wo Sie für ihn eine mögliche Gelegenheit zu einer Schwäche ſehen . . . doch, wie dem auch ſein mag, ich halte es wie Sie für ſchicklich, die Verbindung dieſer zwei Kinder zu beſchleunigen . gegen die Mei⸗ nung meiner lieben Julie, welche viel weniger als beruhigt iſt.“ „Ich geſtehe, trotz der Reflexionen von Herrn Delmare, beſtärkt mich meine ſichere Kenntniß des Charakters von Maurice in meiner Meinung,“ ſagte Madame Dumirail. „Mehr als je frage ich mich und ich frage dies auch Sie Beide: iſt es klug, Mau⸗ rice ſo bald zu verheirathen? hieße es nicht ſich eine große Verantwortlichkeit zuziehen, ihm ſo jung das Geſchick von Jeane, unſerer Adoptivtochter, anver⸗ trauen? Wäre es nicht vernünftiger, dieſe Heirath 72 um einige Jahre zu verſchieben, während welcher wir wenigſtens dieſe wohlgegründeten Hoffnungen, die unſer Sohn uns gibt, ſich verwirklichen ſehen könn⸗ ten? Sein völlig ausgebildeter Charakter würde uns dann dauerhafte Garantien für das Glück von Jeane bieten.“ „Madame,“ entgegnete Charles Delmare, „Ihre Haupteinwendung beruht auf der großen Jugend von Maurice. Er iſt zwanzig Jahre vorüber. Neh⸗ men wir an, Sie verſchieben die Zeit dieſer Verbin⸗ dung, bis er vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt iſt. In dieſem Alter iſt allerdings und wie Sie ſagen der Charakter eines Mannes ausge⸗ bildet und geſtählt, doch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er erprobt worden iſt. Welchen Prüfungen, welchen Verſuchungen wird nun Maurice während dieſes Zeitraums ausgeſetzt ſein? Gott ſei Dank, keiner. Die ſanfte Einförmigkeit Ihres Lebens iſt ſo, daß ſie morgen ſein wird, was ſie heute iſt. Dieſe glückliche, von Klippen befreite Eriſtenz genügt⸗ ihm, gefällt ſeinen Neigungen, befriedigt ſie; er ver⸗ langt nicht eine andere kennen zu lernen. „„Ein Kind unſerer Berge,““ ſagte er noch heute Morgen zu mir, „„will ich hier leben und ſterben.““ Sie müſſen ſich Glück wünſchen zu dieſer Anhänglichkeit an den heimathlichen Boden, ihn mit Ihrer ganzen Macht dazu ermuntern, denn es liegt, ſo viel ich weiß, nicht in Ihren Plänen, ſich von Maurice zu trennen, ihn reiſen zu laſſen?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete lebhaft Madame Dumirail; „ich wäre zu unruhig, wüßte ich meinen Sohn von uns entfernt.“ „ 73 „Dieſe Unruhe, Madame, würde ich theilen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird alſo Maurice, da er Sie nie verlaſſen hat, in vier bis fünf Jahren ſein, was er heute iſt, — voll Zärtlichkeit und Verehrung für Sie, weſentlich gut und edelmüthig, treuherzig, folg⸗ ſam, glühend für das Gute, unwiſſend in Betreff des Böſen, und vertrauensvoll wie alle reine, red⸗ liche Seelen; mit einem Worte mehr als irgend Je⸗ mand fähig, das Glück von Jeane zu ſichern . .. Geben Sie dies nun zu, Madame, was werden Sie gewonnen haben, wenn Sie dieſe Heirath um meh⸗ rere Jahre verſchieben?“ Betroffen von der Richtigkeit dieſes Raiſonne⸗ ment, überlegte Madame Dumirail einen Augenblick und ſagte dann: „Ich geſtehe es . . . Wenn die Eigenſchaften, welche uns meinen Sohn ſo theuer machen, weit ent⸗ fernt, ſich zu ändern, ſich noch mehr befeſtigen wür⸗ den, ſo hätte die Verzögerung der Heirath dieſer Kinder kein anderes Reſultat, als das, um ein paar Jahre ihr Glück zu verſchieben.“ „Es wäre ſo, meine liebe Julie . . . denn ich nehme an .. . was ich nicht glaube . . unſer Sohn ſei ſchwach genug, vor der Gelegenheit ſich zu ver⸗ gehen: wo iſt die Gefahr, wenn er dieſe Gelegenheit nicht trifft?“ „Was weiß ich, mein Freund? kann ſie nicht ein Zufall, ſelbſt in unſerer Einſamkeit, entſtehen machen?“ „Wiſſen Sie, Madame, was beinahe verhängniß⸗ voller Weiſe für Maurice die Gelegenheit, ſich zu vergehen, herbeiführen könnte? — Das wäre nicht der Zufall, ſondern ein zu langer Verzug der Hei⸗ rath dieſer zwei Kinder.“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein lieber Herr Delmare?“ „Ich will einen Gegenſtand von äußerſter Zart⸗ heit in Angriff nehmen . . . bei den Conjuncturen, wo wir ſind, muß man jedoch Alles ſagen, Alles vorherſehen.“ „Ich bitte, ſprechen Sie.“ „Das Herz von Maurice iſt erwacht: es fühlt nun für Jeane Liebe. Dieſes Gefühl wird eine ge⸗ waltige, zunehmende Herrſchaft über ihn gewinnen. Es wird bald alle Charaktere einer glühenden Leiden⸗ ſchaft haben; er gehört nicht zu den Männern, welche kalt, geduldig lieben können; bedenken Sie auch ſeine ſchmerzliche Ungeduld, ſähe er die Zeit ſeiner Hei⸗ rath auf lange verſchoben. Sodann handelt es ſich nicht allein um Maurice: er liebt, er wird geliebt! und ich wage es kaum, zu vollenden: nichts iſt an⸗ ſteckender, als das Aufbrauſen eines getheilten Ge⸗ fühles. Weniger als irgend Jemand ziehe ich die Tugenden von Jeane und die Ehre von Maurice in Zweifel; doch ſie lieben ſich, Madame, ſie werden ſich von Tag zu Tage mehr lieben; ſie werden wiſſen, daß ſie in ein paar Jahren vereinigt ſein ſollen. Die Hinreißungen einer erſten Liebe ſind oft unwider⸗ ſtehlich, denn, täuſchen Sie ſich nicht und glauben 4 n die Sicherheit meiner Beobachtungen, Jeane rotz ihrer Unſchuld, trotz ihrer Fröhlichkeit, von eeiner eben ſo glühenden, eben ſo ungeſtümen Natur als Maurice, obſchon dieſe durch ihre Erziehung und die Zurückhaltung ihres Geſchlechts ſehr bewältigt wird. So werden dieſe zwei, leidenſchaftlich in einander verliebten, Kinder fortwährend in einem innigen Ver⸗ kehre aller Augenblicke in der Tiefe dieſer Einſamkeit leben; ſodann iſt die Unſchuld blind, hat man ge⸗ ſagt. Dieſe Blindheit kann ſie in ihr Verderben ſtürzen. Ah! Sie ſchauern, Madame, Sie theilen meine Befürchtungen?“ „Ich geſtehe, Herr Delmare, bis jetzt hatten ſich dieſe Befürchtungen meinem Geiſte noch nicht ge⸗ boten.“ „Ich, ich hegte ſie,“ fügte Herr Dumirail bei; „dieſe Urſache und noch andere ließen mich eine Be⸗ ſchleunigung der Zeit der Heirath wünſchen.“ „Das iſt noch nicht Alles,“ ſprach Charles Del⸗ mare, „und ich würde zögern, fortzufahren, wüßte ich nicht, daß eine Mutter wie Sie, Madame, Alles hören kann und muß, wenn es ſich um ihren Sohn handelt. Ich will glauben, daß die Ehre von Maurice das Ungeſtüm ſeiner Leidenſchaft beherrſche oder die Unſchuld von Jeane ihm dergeſtalt imponire, daß er ſich in den weiten Aufſchub ſeiner Hoffnungen fügt; ich will endlich glauben, daß ſein Herz Jeane treu bleibe; wer wird es aber vor einem untergeordneten, ſeiner unwürdigen Verhältniſſe bewahren können?“ „Ah! Herr Delmare,“ unterbrach Madame Du⸗ mirail Charles Delmare, „Sie halten meinen Sohn für fähig, ſich in dieſem Grade zu erniedrigen?“ „Meine liebe Julie, die Sprache unſeres Freun⸗ des iſt die, welche ſie ſein muß: aufrichtig, erleuchtet; er ſieht Alles vorher, weil man Alles pariren muß; er trägt weislich den Schwächen des Menſchenge⸗ ſchlechts Rechnung.“ 76 „Das iſt nicht Alles, dieſe vorübergehende Ver⸗ irrung hätte moraliſch traurige Folgen,“ ſagte Char⸗ les Delmare, „denn es iſt nicht nur nichts in meinen Augen und ohne Zweifel auch in den Ihrigen rei⸗ zender, heiliger, als die Vereinigung zweier Weſen von ſolcher Reinheit, ſondern es bietet auch eine unter ſolchen Bedingungen eingegangene Verbindung faſt immer eine Garatie ſicheren Glückes; ſie läßt ſo in der Seele der Gatten eine unvertilgbare Erinne⸗ rung von Unſchuld und Liebe. Ah! ich beſchwöre Sie, ſetzen Sie ſich nicht der Gefahr aus, eine Chance ſicherer Glückſeligkeit zu verlieren oder zu compromit⸗ tiren, indem Sie die Heirath dieſer zwei Kinder ver⸗ ſchieben . . . Verſchieben Sie die Hochzeit bis zur Zeit der Volljährigkeit von Maurice, bis zum Ende des Herbſtes, das begreife ich; aber verloben Sie Beide ſo bald als möglich. Noch ein Wort: die am beſten begründeten, vernünftigſten Hoffnungen und Vorherſehungen werden zuweilen durch die Ereigniſſe vereitelt, ich weiß es; doch der Vater und die Mutter der Familie haben wenigſtens ihre heilige Pflicht er⸗ füllt, wenn ſie, nachdem ſie lange den Charakter, den Geiſt, die Fähigkeiten ihres Kindes ſtudirt, ihm den Weg vorzeichnen, der es zum Glücke führen muß. Iſt dieſe Pflicht erfüllt und der Zufall der Ereigniſſe zerſtört die Pläne des Familienvaters, ſo macht ihm wenigſtens ſein Gewiſſen keinen Vorwurf.“ „Nun, liebe Julie, Du haſt unſern Freund ge⸗ hört . . iſt Deine Meinung modificirt?“ „Bedeutend . . . Die Richtigkeit mehrerer Be⸗ merkungen von Herrn Delmare ergreift mich . . . ich glaube nun, es hätte ernſte Nachtheile, würden 77 wir auf das Unbeſtimmte die Heirath dieſer Kinder hinausſchieben, und ich glaube auch, daß wir ſie von unſeren Plänen unterrichten müſſen. Nur iſt die Frage ſo ernſt, mein Freund . . . daß ich der Prü⸗ fung von ein paar Tagen Reflexion mit mir ſelbſt die beinahe völlige Beiſtimmung, die ich Deiner An⸗ ſicht in Betreff dieſes mächtigen Actes gegeben habe, zu unterwerfen wünſchte.“ „Vortrefflich, meine liebe Freundin, überlege nach Muße; eine unmittelbare Entſcheidung iſt nicht un⸗ erläßlich. Aber,“ fügte plötzlich betrübt und ſeufzend Herr Dumirail bei, „wir haben unſern Freund noch über einen ſehr ſchmerzlichen Gegenſtand zu Rathe zu ziehen, von welchem unſere Erinnerung abzulen⸗ ken wir uns immer anſtrengen;“ und ſeine Hand an ſeine feuchten Augen drückend, rief Herr Dumirail: „Ah! . . mein armer Bruder . . . mein armer Erneſt!“ Bei dieſen Worten ſchauerte Charles Delmare, und trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung erbleichte er leicht. Es handelte ſich um Herrn Erneſt Dumirail, den er unter dem Namen Wagner im Duell getödtet atte. 6 Herr Dumirail, der eben ſo wenig als ſeine Frau die Erregung von Charles Delmare bemerkt hatte, ſammelte ſich einen Augenblick und ſprach dann immer ſchmerzlicher ergriffen: „Mein Freund, es gibt zuweilen in den ehren⸗ wertheſten Familien gewiſſe grauſame und ſchmäh⸗ liche Erinnerungen, welche den Gegenſtand einer ewigen, aber verborgenen Trauer bilden; eine ſolche Trauer laſtet auf uns . . . Ja vwir hatten dieſes Ge⸗ heimniß bis jetzt verſchwiegen, Sie ſollen ſogleich er⸗ fahren, welche Urſache uns nöthigt, aus unſerer Zurückhaltung hervorzugehen.“ Und mit tief erſchüt⸗ terter Stimme fügte Herr Dumirail bei: „Mein Bruder Erneſt . . . der Vater von Jeane . . „iſt im Duell von einem elenden Raufer Namens Wag⸗ ner getödtet worden.“ „Ich wußte nichts von dieſem häuslichen Unglücke; doch begreife ich Ihren Kummer . . . Dieſer Verluſt mußte für Sie unwiederbringlich ſein,“ erwiederte Charles Delmare, der Herr über ſich zu bleiben ſuchte, und dennoch die Schmach der heuchleriſchen Lüge fühlte, die ihm die Nothwendigkeit auferlegte; „Sie liebten ohne Zweifel dieſen Bruder zärtlich?“ „Mein Freund,“ ſagte Herr Dumirail mit einer von Aufregung und verhaltenem Haſſe bebenden Stimme, „es ſind bald achtzehn Jahre, daß mich die⸗ ſes Unglück betroffen hat, und Julie wird bezeugen, daß kein Tag vergeht, an welchem dieſe Erinnerung nicht in meinem Herzen blutet, und nun wird es eine Art von Troſt für mich ſein, daß ich mir in Betreff dieſes peinlichen Gegenſtandes keinen Zwang mehr gegen Sie anthun muß, wie in der Vergan⸗ genheit . Armer Erneſt! . . .“ und ein unheil⸗ voller Blitz glänzte in den Augen von Herrn Du⸗ mirail, deſſen Blick gewöhnlich ſo wohlwollend war... „Ich ſchwöre bei Gott, ohne die Bitten, ohne die Thränen meiner Frau reiſte ich nach der Schweiz, 79 . um den Tod meines Bruders zu rächen oder zu ſterben!“ „Gott ſei Dank! ich konnte meinen Mann von ſeinem unglücklichen Vorhaben abbringen,“ fügte Ma⸗ dame Dumirail bei. „Unſere Familie hätte vielleicht zwei Mißgeſchicke ſtatt eines zu beweinen.“ „Was meinen Kummer gräßlicher, meinen Rache⸗ durſt legitimer machte,“ ſprach Herr Dumirail, „war, daß mein Bruder den Tod von der Hand des Ver⸗ führers ſeiner Frau empfing, denn erfahren Sie, mein Freund . . . die Mutter von Jeane, welche ſeit den zwei Jahren ihrer Verheirathung das Bei⸗ ſpiel der rührendſten Tugenden war, hatte einem unerklärlichen Augenblicke der Verirrung nachgegeben; ihre bis dahin tadelloſe Vergangenheit Lügen ſtrafend, unterlag ſie einer verabſcheuenswerthen Verführung. Unterrichtet von ſeiner Schande, forderte mein Bru⸗ der den genannten Wagner; bei dieſem Duelle wurde Erneſt auf den Tod getroffen, nachdem er zuvor ſei⸗ nen Gegner ſchwer verwundet hatte.“ „Ah! wehe mir, erführe Herr Dumirail, ich ſei der Mörder ſeines Bruders! ich wäre auf immer, ohne Hoffnung, ohne Mittel, mich ihr zu nähern, von meiner Tochter getrennt!“ dachte Charles Delmare mit Schrecken. Und er fügte laut bei: „Hoffen wir, mein Freund, daß eines Tags die Vergeſſenheit.. .“ „Die Vergeſſenheit!“ erwiederte Herr Dumirail. „Erinnert uns die Gegenwart von Jeane, dieſem un⸗ ſchuldigen Kinde, das nicht verantwortlich für die Ausſchweifungen ſeiner Mutter, nicht unabläſſig daran, daß dieſe unglückliche Frau durch ihre ſchlimme 80 Aufführung die Ermordung meines Bruders verur⸗ ſacht hat?“ „Herr Delmare,“ ſagte Madame Dumirail, „wir vertrauen Ihnen dieſe traurigen Einzelheiten, weil wir mehr als je der Rathſchläge Ihrer eben ſo er⸗ gebenen, als erleuchteten Freundſchaft bedürfen. Fol⸗ gendes iſt die Frage: ſollen wir bei der Cventualität einer nun beinahe gewiſſen Heirath Maurice von der ſchlimmen Aufführung der Mutter von Jeane unterrichten . . . oder unſerem Sohne dieſe peinliche Offenbarung erſparen?“ „Wie! Madame . Sie würden zögern, ſie ihm zu erſparen?“ „Erlauben Sie, Herr Delmare, wir würden die⸗ ſes Geheimniß Maurice verbergen, hätten wir die Gewißheit, er werde nie etwas davon erfahren. Ma⸗ dame Dumirail verdient eben ſo ſehr beklagt, als getadelt zu werden; denn ſie hat wenigſtens ihren Fehltritt edel gebüßt, indem ſie bis ans Ende ihrer Tage in einer vollkommenen Einſamkeit lebte, ohne daß ſie einen einzigen Vorwurf verdient haben ſoll; leider aber kann Maurice anderswo das erfahren, woraus wir ihm ein Geheimniß machen würden; und heirathet er ſeine Couſine, wird er nicht das Recht haben, uns eines Tages als Mangel an Ver⸗ trauen unſer Stillſchweigen über einen Gegenſtand vorzuwerfen, der ſo ernſt wie die ſchlimme Auffüh⸗ rung der Mutter ſeiner Frau?“ „Aber, Madame ... wer ſollte Maurice von die⸗ ſem traurigen Abenteuer unterrichten?“ „Vielleicht meine Schweſter . . . denn wir er⸗ warten ſie, ſo wie ihren Sohn heute Abend,“ er⸗ 81 wiederte Madame Dumirail. „Und erführe Maurice von ihnen dieſe Familienmißgeſchicke, ſcheint es Ihnen nicht, er könnte ſich dadurch verletzt fühlen, daß wir, während wir ihm ſeine Couſine zu heirathen vorge⸗ ſchlagen, ihn in Unwiſſenheit über einen Umſtand ge⸗ laſſen haben, der ſeinen Entſchluß ändern konnte?“ „Er . . . Ihr Sohn! . . er, ſowie wir ihn kennen! halten Sie ihn für fähig, Jeane ſolidariſch für den Fehler ihrer Mutter zu machen?“ „Nein, gewiß nicht, mein Freund; warum ſollen wir aber dann Furcht haben, ihm dieſes traurige Geheimniß vor feiner Verheirathung mit Jeane an⸗ zuvertrauen?“ „Warum? . Weil er dann nothwendig eine ärgerliche Meinung von der Mutter ſeiner Frau haben wird ... Wozu ſoll es aber nützen, Maurice dieſen Kummer zu verurſachen, wozu ſoll es nützen, ihn einer Perſon ſeiner Familie abgünſtig zu machen, einer Perſon, die er zu achten gewohnt iſt, da er jeden Tag Jeane von ihrer Mutter mit eben ſo viel Anhänglichkeit als Verehrung ſprechen hört? Wozu ſoll es nützen, einen allerdings geheimen, aber be⸗ dauernswerthen Mißklang zwiſchen Jeane und Mau⸗ rice zu ſchaffen, da er ſie wird beklagen müſſen, daß ſie ſo ſehr verblendet über den moraliſchen Werth, den ſie ihrer Mutter gewährt? Sie befürchten, ſagen Sie, Madame San Privato oder ihr Sohn könnten Maurice von dem unterrichten, was ich ihm zu ver⸗ ſchweigen Sie auffordere? Es mag ſein; doch in dieſem Falle wären Sie wenigſtens unſchuldig an der ärgerlichen Offenbarung, und Sie könnten ſodann überdies das Uebel, das ſie hervorbrächte, dadurch 6 Sue, die Familienſöhne. I. 82 mildern, daß Sie Maurice ſagen würden, was vor⸗ hin Madame Dumirail geſagt hat: „„Die Mutter von Jeane war eben ſo ſehr zu beklagen, als zu tadeln.““ „Was denkſt Du hievon, Julie?“ fragte Herr Dumirail nach einem Augenblicke des Stillſchweigens und des Ueberlegens, „vielleicht hat unſer Freund Recht . . . wäre es denn nicht beſſer, gegen Maurice über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen?“ „Ich geſtehe . . . ich weiß nun nicht recht, was zu beſchließen iſt,“ antwortete Madame Dumirail in dem Augenblicke, wo Maurice in das Cabinet ſeines Vaters eintrat und ſagte: „Meine Tante kommt . . . man erſchaut den Wagen, der im Schritte gegen die Terraſſe herauf⸗ 5 fährt.“ Maurice ſprach dieſe Worte mit einem Ausdrucke von Aerger, worüber Charles Delmare um ſo mehr erſtaunt war, als der junge Mann am Morgen ſehr erfreut über die nahe Ankunft ſeiner Tante und ſei⸗ nes Vetters geſchienen hatte. „So wollen wir gehen und meine Schweſter em⸗ pfangen,“ erwiederte Herr Dumirail. Und ſich an Charles Delmare wendend: „Sie erlauben mir, Sie meiner Schweſter als unſern beſten Freund vorzuſtellen?“ „Ich bin ſehr menſchenſcheu und, wie Sie wiſſen, ſehr wenig begierig nach neuen Bekanntſchaften; doch Ihre Frau Schweſter wird einige Zeit hier zubringen dieſe Vorſtellung iſt unerläßlich . . . ich unter⸗ werfe mich ihr auf das Allerfreundlichſte. „Maurice,“ fragte Madame Dumirail in dem 83 Momente, wo man das Zimmer verlaſſen wollte, „wo iſt denn Jeane?“ Dieſe Frage, auf die er am Tage vorher ohne die geringſte Verlegenheit geantwortet hätte, machte Maurice unwillkürlich erröthen, und obſchon er nicht ein Wort an ſeine Couſine ſeit der Scene beim Heu⸗ einbringen gerichtet hatte, — ein kindiſcher Vorfall, durch den er aber über die Natur ſeines Gefühles für Jeane unterrichtet worden war, — fand er ſich doch beunruhigt durch die ſo natürliche Frage ſeiner Mut⸗ ter, und im Glauben, die auf ihn gehefteten Blicke ſuchen ſein zärtliches Geheimniß zu durchdringen, ſchlug er die Augen nieder, erröthete noch mehr, und der Treuherzige war auf dem Punkte wie Kain zu antworten: „Habt Ihr mir denn Jeane zu bewachen gegeben? . . .“ Doch er ſtammelte nur: „Ich habe meine Couſine ſeit dem Heueinbrin⸗ gen nicht mehr geſehen . . . Ich .. . ich . . . glaube, ſie iſt in ihr Zimmer gegangen, um ſich für das Mittagsmahl anzukleiden.“ So ſprechend, wiſchte Maurice ſchwere Schweiß⸗ tropfen ab, welche von ſeiner purpurrothen Stirne fielen; um ſeine Verwirrung zu verbergen, ging er ſodann haſtig hinaus und ſagte nur noch: „Ich gehe meiner Tante und meinem Vetter ent⸗ geen Ein augenſcheinlicher Eifer, der ſchlecht mit dem ſehr ſichtbaren Aerger übereinſtimmte, welchen die An⸗ kunft der San Privato Maurice verurſachte, und den Charles Delmare, ein ſcharfer Beobachter, allein bis jetzt bemerkt hatte. Er ſagte lächelnd zu Herrn und Madame Dumirail: 8⁴ „Haben Sie die Verlegenheit, die Röthe von Maurice nur bei dem Namen von Jeane allein be⸗ merkt?“ „Gewiß,“ antwortete Herr Dumirail, „und die Verlegenheit von Maurice würde genügen, uns auf⸗ zuklären, könnten wir daran zweifeln, daß . . .“ Herr Dumirail wurde unterbrochen durch die Er⸗ ſcheinung ſeiner Nichte, welche aus dem Inneren des Wohngebäudes kam, während Maurice durch die äußere Thüre wegging. Der am mindeſten aufmerkſame Blick wäre betroffen geweſen von der ängſtlichen Sorgfalt, die bei der Toilette von Jeane vorge⸗ waltet hatte, welche ihr friſcheſtes Kleid und ganz neue Stiefelchen trug, und zum erſten Male den Ge⸗ danken hatte, mit Geſchmack einige glänzend purpur⸗ rothe Granatblüthen unter die Flechten ihrer herr⸗ lichen goldblonden Haare zu miſchen; der Kopfputz ſtand ihr zum Entzucken. Dieſe Symptome naiver Coquetterie entgingen Herrn und Madame Dumirail nicht. Sie richteten einen Blick des Verſtändniſſes an Charles Delmare, der mit einem bewältigten Ent⸗ zücken die Schönheit ſeiner Tochter betrachtete . die ihm nie reizender geſchienen hatte. „Mein Gott! liebe Jeane, wie eitel wirſt Du!“ ſagte liebreich Madame Dumirail; „es iſt das erſte Mal, daß ich Dich mit natürlichen Blumen friſirt ſehe . . . Du haſt da einen vortrefflichen Gedanken gehabt . . . dieſer Kopfputz ſteht Dir ſehr gut!“ Wie Maurice, ſchlug Jeane die Augen nieder, erröthete, gerieth in Unruhe, denn ſie glaubte un⸗ vorſichtiger Weiſe durch die ungewöhnliche Sorgfalt ihres Putzes das Geheimniß ihres Herzens verrathen & 85 zu haben; ſie beging auch eine ungeheure Lüge, in⸗ dem ſie antwortete: „Ich habe die Idee gehabt, mich ſo zu coiffiren wegen . . . wegen . . . der Ankunft meiner Tante San Privato . . .“ „Du haſt Recht gehabt; das war eine freund⸗ liche Art, ihre Ankunft zu feiern, liebes Kind. Gehen wir ihr aber nun entgegen, und ſchreite Du uns voran, denn Du biſt die Leichtfüßigſte,“ erwiederte Madame Dumirail. Dann ſprach ſie leiſe zu ihrem Manne und zu Charles Delmare: „Ich bin entſchieden ganz nahe daran, Ihre An⸗ ſicht völlig zu theilen und wie Sie zu ſagen: „„Man muß dieſe Kinder ſo bald als möglich verheirathen.““ VII. Der Tag neigte ſich ſeinem Ende zu, als Char⸗ les Delmare, Herr und Madame Dumirail, Jeane und Maurice, vor der Hauptthüre des Morillon grup⸗ pirt, bereit ſtanden, Madame San Privato und ihren Sohn zu empfangen. Bald hielt vor der Freitreppe eine mit drei Poſt⸗ pferden beſpannte und mit Kutſchenläden geſchloſſene Caleche, eine Art von Meloniore (nach der Sprache der ſpöttiſchen Poſtillons), durchaus nicht gebaut für die Reiſe und ſchon ausgerenkt durch die Stöße der Landſtraße. Dieſer Wagen war in Paris von Ma⸗ dame San Privato gemiethet worden. Ein Bedienter, 86 der auf dem Bocke neben der Kammerfrau ſaß, öffnete den Schlag des Wagens, und die Ankömmlinge ſtie⸗ gen aus; ſie wurden mit einer herzlichen Einfachheit von ihren Verwandten empfangen, welche ſie unmit⸗ telbar ins Speiſezimmer führen wollten; doch die Pariſerin wand ein, weder ſie, noch ihr Sohn ſeien präſentabel, und bat für Beide um die Gunſt, ſich in ihre Wohnung zurückiehen zu dürfen, um hier ihre Abendtoilette zu machen. Leicht lächelnd über dieſes Uebermaß von Förm⸗ lichkeit, gingen die Dumirail in den Salon, um ihre Gäſte zu erwarten; dieſe kamen wieder nach drei Viertelſtunden, wie ſie ſagten, präſentabel, näm⸗ lich mit ſo großer Sorgfalt und Eleganz gekleidet, als ob ſie ſich zu einem Prunkmahle begeben würden. Die Schweſter von Herrn Dumirail erreichte ihr fünfzigſtes Jahr, doch, Dank ſei es ihrer ſchlanken Taille, ihrer jugendlichen Tournure und beſonders den geheimnißvollen Hülfsquellen, welche eine, einſt hübſche, ſehr galante Frau, die entſchloſſen iſt, nicht zu altern, in den Arcanen der Schönheitsmittel fin⸗ det, ſchien Madame San Privato höchſtens achtund⸗ dreißig bis vierzig Jahre alt zu ſein. Ihre Haare, ihre Augenbrauen waren pechſchwarz, eine unmerkliche Lage von Carmin belebte ihre Wangen; ihre Lippen, von einem Roſa, das viel zu lebhaft, um nicht entlehnt zu ſein, ließen glänzend weiße Zähne ſehen; ihr ver⸗ führeriſches Lächeln, ihr liebkoſender Blick, ihre ein⸗ ſchmeichelnde Stimme, unvertilgbare Spuren ihrer alten Gewohnheiten der Coquetterie, contraſtirten zu⸗ weilen mit einer Art von ältlich unbeſonnenem, flatter⸗ haftem Weſen, das ihrem Alter immer ſchlecht an⸗ 87 ſteht, denn nichts iſt widerlicher und lächerlicher, als ein alter Hänfling mit ſeinem ſchetternden Gezwitſcher und ſeinen hinfälligen Prätenſionen von Niedlichkeit und Artigkeit. Vierundzwanzig Jahre alt, von mittlerem Wuchſe, von äußerſt diſtinguirtem Aeußeren, affectirte Albert San Privato leicht die engliſche Steifheit; ſein fei⸗ nes, reines, beinahe bartloſes Geſicht, von einer weibiſchen Zartheit und einer durchſichtigen Bläſſe war köſtlich; ſeine ſammetartig braunen, kühnen, durch⸗ dringenden Augen befranſten ſich mit langen Wim⸗ pern, welche dunkler von Farbe, als ſein hellkaſta⸗ nienbraunes, von Natur wellenförmiges Haupthaar; ſein geiſtreiches, unmerklich ſpöttiſches Lächeln, ſein feſt gezeichnetes Kinn, ſeine ein wenig ſtolze Kopf⸗ haltung, eine Gewohnheit bei denen, welche, nach dem geheiligten Ausdrucke, von oben herabſchauen, und beſonders ſein tiefer Blick mäßigten das, was man zu Hübſches ſeinen Zügen vorwerfen konnte. Mit einer Eleganz vom beſten Geſchmacke gekleidet, tadellos chauſſirt, wie es die Jahreszeit verlangte, mit weißen Strümpfen von roher Seide und lackirten Schuhen, welche die Kleinheit ſeines Fußes, um den ihn mehr als eine Frau beneidet hätte, hervorhoben, trug der wohlriechende, mit der größten Sorgfalt ge⸗ kleidete, wie man ſagt, bis an die Nagelſpitzen ge⸗ pflegte Diplomat am Knopfloche ſeines Frackes ein dreifaches goldenes Kettchen, an welchem die Inſig⸗ nien mehrerer fremder Orden glänzten. 3 Kurz, die Perſon von Albert San Privato bot ein merkwürdig anziehendes Ganzes. Wir verweilen bei dieſen Einzelheiten, weil ſie, 88 ſo kindiſch ſie ſcheinen mögen, eine Bedeutung hatten, deren Tragweite Charles Delmare vielleicht allein, Dank ſei es ſeiner langen Erfahrung in Betreff der Menſchen und der Dinge, auffaßte. Im Hinter⸗ grunde des Salon in dem Augenblicke ſtehend, wo die San Privato eintraten, war er von Anfang betroffen von dem ergreifenden Contraſte, den das Aeußere und die Phyſiognomie der zwei Vetter bo⸗ ten, denn da Albert und ſeine Mutter bei Einbruch der Nacht angekommen waren und ſich ſogleich in ihre Wohnung begeben hatten, ſo konnten ſie Charles Delmare, wie Jeane, welche zum erſten Male mit ihnen zuſammentrafen, nur unbeſtimmt erſchauen. Wir wiederholen, das Aeußere und die Phyſiogno⸗ mie der zwei Vetter boten einen ergreifenden Con⸗ traſt. Man ſtelle ſich Maurice Dumirail vor, deſſen Wuchs fünf Fuß ſechs Zoll überſchritt, gebaut als mannbarer Hercules, das Geſicht breit, männlich, offen, blutroth, durch die ſcharfe Luft gebräunt, den Blick offen, das Lächeln treuherzig, die Haltung ein⸗ fach und ungezwungen, ſich mit aller Bequemlichkeit in ſeinen weiten ländlichen Kleidern bewegend. Maurice repräſentirte mit einem Worte in phyſi⸗ ſcher Hinſicht das Bild der Stärke, der Jugend und der Geſundheit in ihrer Vollkraft, und in moraliſcher das Bild der Redlichkeit, der Energie, der Unſchuld und der Unerfahrenheit in Betreff deſſen, was man die Manieren der Welt zu nennen übereingekommen iſt. Man denke ſich auch Maurice und verg eiche ihn mit ſeinem Vetter, einem jungen Manne von einer unter der nittleren, ſchwächlichen und ſolglich 89 ſehr ſchlanken Statur und, man muß ſagen, von einer Tournure voll Anmuth und Diſtinction; coquet, zierlich, biſamduftend, decorirt mit mehreren Orden, gekleidet mit einem vollkommenen Geſchmacke, der ſein reizendes, feines, zartes, bleiches Geſicht hervorhebt, im Salon mit der etwas hoffärtigen Leichtigkeit des. vollendeten Weltmanns erſcheinend. „Ach! wie Wenige gibt es, welche die ländliche Einfachheit des Aeußeren von Maurice, ſeine männ⸗ liche, ſanfte Schönheit dem Aeußeren von Albert San Privato vorzuziehen wiſſen werden!“ doachte Charles Delmare, indem et mit tiefer Aufmerkſam⸗ keit den Eindruck, den auf die verſchiedenen im Salon verſammelten Perſonen der Anblick des jungen Di⸗ plomaten hervorbrachte, prüfend beobachtete. Herr Dumirail, ein Mann von Verſtand und gutem Urtheile, unfähig zu Vorurtheilen, fand ſeinen Neffen als einen äußerſt hübſchen Jungen, machte ihm indeſſen in ſeinem Innern den Vorwurf, er habe ein etwas puppenartiges Weſen. Er lächelte und fragte ſich, was aus dieſem ſchwächlichen, elegan⸗ ten Adonis werden würde, unternähme er es, wie Maurice, ſechs Stunden lang Auerhähne oder Gem⸗ ſen Felſen erkletternd oder Abſtürze überſteigend jagen zu wollen, oder wenn es Albert verſuchte, mit ſeiner kleinen, weißen, zarten Hand die Sterze eines mit ſechs Ochſen beſpannten Pfluges zu halten, wie es zuweilen Maurice that, um die Novizen des Ackerbaus zu unterrichten. Auf dieſe erſten, unſchuldig boshaften Kritiken folgte indeſſen im Geiſte von Herrn Dumirail ein ernſtes Gefühl von erhabener Quelle: er hegte eine 90 aufrichtige Achtung für ſeinen Neffen, der ſchon an ſeinem Knopfloche mehrere ehrenvolle Auszeichnungen trug, — ohne Zweifel eine verdiente Belohnung für ſeine glänzenden Debuts auf der diplomatiſchen Lauf⸗ bahn. tadame Dumirail (und Charles Delmare las mit Beſorgniß dieſes geheime Gefühl in den Zügen der mit ſo viel Vernunft und einem ſo geraden Geiſte begabten Frau), Madae Dumirail konnte Anfangs . . (Geheimniß des mütterlichen Herzens!) den Ausdruck einer Art von unwillkürlichen Eifer⸗ ſucht nicht verbergen, indem ſie das Aeußere ihres Neffen mit dem Aeußeren ihres Sohnes verglich. Ja, zum erſten Male in ihrem Leben fand ſie Mau⸗ rice zu robuſt, zu friſch. Alsdann gewann die Ge⸗ radheit ihres Geiſtes wieder die Oberhand, dieſe ſo verſtändige Mutter machte ſich eine Velleität unge⸗ rechten, albernen Vorzugs ſtreng zum Vorwurfe und ſchloß vernünftiger Weiſe, Maurice und Albert ſeien Beide mit ſo ungleichen körperlichen Vorzügen begabt, daß man zwiſchen ihnen keine Vergleichung anſtellen könne. Charles Delmare hatte ſeit langer Zeit bis in ihr Innerſtes den Charakter, den Geiſt, das Herz, die Organiſation ſeiner Tochter ſtudirt, erforſcht, er⸗ gründet, und da er durch ſeine Erfahrung hinſichtlich der Frauen wußte, wie ſehr ein erſter Eindruck manchmal einflußreich, oft ſogar entſcheidend, bei nervöſen, leidenſchaftlichen, ſenſitiven Naturen iſt, wie es Jeane war, ſo verdoppelte er ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit und ſtrengte ſich an, auf der Phyſiognomie von dieſer zu errathen, was ſie beim Anblicke pon 91 San Privato empfinde. Zu aufrichtig, zu unſchul⸗ dig und überdies zu lebhaft fühlend, um etwas zu verbergen, verbarg ſie nichts. Jeane, als Albert erſchien, warf Anfangs auf ihn einen discreten Blick, in welchem aber eine ge⸗ wiſſe Neugierde lag, welche begreiflich bei einem bis dahin unbekannten nahen Verwandten; alsdann, ſo⸗ wie ſie ihren Vetter betrachtete, wurde der Blick des Mädchens immer ſtäter und verlängerte ſich über die Gränzen einer einfachen Neugierde; bald aber hatte Jeane das Bewußtſein dieſer leichten Unſchick⸗ lichkeit, erröthete und ſchlug die Augen nieder. Doch beinahe in demſelben Momente und als hätte ſie wider ihren Willen einer unüberwindlichen An⸗ ziehungskraft gehorcht, erhob ſie aufs Neue ihre Augen zu Albert, und ſie begegneten dem ſtarren, tiefen Blicke des jungen Diplomaten. Plötzlich ſtieg durch eine Art von elektriſchem Schauer (wir vermögen unſere Gedanken nur durch eine Trivialität wieder⸗ zugeben) Jeane die Gänſehaut auf, und ein paar Secunden lang verzog eine geheime Bangigkeit ihr engeliſches Geſicht; hierauf richtete ſie die Stirne wieder empor, und heftete abermals ihre Augen auf Albert, doch diesmal mit einem Ausdrucke des Trotzes, der Verachtung und beinahe des Widerwillens. Dieſe Nuancen, die wir vielleicht zu ſtark hervor⸗ zuheben genöthigt ſind, um ſie fühlbar zu machen, dieſe in ihrer Blitzesgeſchwindigkeit beinahe ungreif⸗ baren Nuancen ergriff Charles Delmare dennoch. Er war Vater und vergötterte ſeine Tochter, er kannte ſie, wir wiederholen es, beſſer als ſie ſich ſelbſt kannte und beſſer als irgend Jemand von der 9² Familie Dumirail; die Bemerkungen, die er machte, verurſachten auch eine tiefe Bangigkeit bei ihm. Maurice, immer redlich, wohlwollend, offen, Maurice, der noch am Morgen (er hatte allerdings noch nicht klar ſeine Liebe für Jeane geleſen), der noch am Morgen liebevoll von ſeinem Vetter mit Charles Delmare ſprach, und der nie den Schatten des Gefühls von Neid empfunden hatte, lächelte mit einer bittern Eiferſucht, indem er den reizenden Pa⸗ riſer bewunderte, und, — grauſames, aber leider zu ſpätes Bedauern! er bedauerte, daß er ſich nicht mit einem vollſtändig ſchwarzen Anzuge aufgeputzt hatte, was er haßte und nur an den großen Tagen anzulegen einwilligte; überdies ſeufzte er, daß er ſeinen Hals nicht in eine weiße Cravate eingezwängt hatte, und die Friſche der ſtrohgelben Handſchuhe bemerkend, unter denen ſich die zarte Hand ſeines Vetters zeichnete, warf er einen troſtloſen Blick auf ſeine robuſten, braunen Hände mit den durch die Feldarbeiten abgeſtumpften Nägeln, denn er dachte, unfruchtbarer Gewiſſensbiß! er beſitze ein Paar bei⸗ nahe neue Handſchuhe von olivenfarbigem Caſtor, und endlich er hätte gewichſte Escarpins ſtatt ſeiner plumpen Schuhe und ſeiner ledernen Kamaſchen an⸗ ziehen können. Betrübt, verlegen wegen der Länd⸗ lichkeit ſeines Aeußeren, wagte es Maurice nicht, die Augen zu Jeane aufzuſchlagen. Dieſe vielfachen, durch die Gegenwart von Albert San Privato verurſachten Eindrücke, die wir ſo weit⸗ läufig hier auseinandergeſetzt haben, weil ſie von außerordentlicher Wichtigkeit aus dem Geſichtspunkte unſerer Erzählung ſind, waren beinahe ſo augenblick⸗ 93 7 lich als der Gedanke, denn einige Momente nach dem Eintritte ſeiner Schweſter und ſeines Sohnes in den Salon nahm Herr Dumirail den Arm von Ma⸗ dame San Privato und ſagte heiter zu ihr: „Ich weiß Dir Dank für Deine auffallende Toi⸗ lette, und ich danke auch meinem Reffen, dem zukünf⸗ tigen Herrn Botſchafter, daß er für uns die Aus⸗ ſtellung ſeiner Decorationen gemacht hat, ſeiner De⸗ corationen, einer gerechten Belohnung ſeines Ver⸗ dienſtes, ich füge dies im Ernſte bei; aber Ihr wer⸗ det ein abſcheuliches Mittagsbrod verzehren; es wartet ſeit mehr als einer Stunde, zur Troſtloſigkeit unſerer alten Fanchon, der Köchin; es iſt alſo ent⸗ ſchieden, Du wirſt immer die vornehme Dame uns Bauern des Jura gegenüber ſpielen wollen .. . Und hienach zu Tiſche, zu Tiſche!“ Albert bot mit einer Höflichkeit voll Achtung ſeiner Tante den Arm, indem er ſich ehrerbietig ent⸗ ſchuldigte, daß er und ſeine Mutter die gewöhnliche Stunde des Mittagsmahles verzögert haben. Charles Delmare gab nach ſeiner Gewohnheit ſeinen Arm Jeane, und Maurice, der hinter ihnen ging, ſagte zu dem Mädchen mit leiſem, gepreßtem, ängſtlichem Tone: „Jeane! . . . Du kannteſt unſern Vetter nicht, Du kennſt ihn nun . . . wie findeſt Du ihn?“ „Ich!“ erwiederte das Mädchen ebenfalls leiſe, „ich verabſcheue ihn!!!“ VIII. Das Mittagsmahl begann. Der Kammerdiener von Albert hatte dieſelbe Toiletteverwandlung vor⸗ genommen wie ſein Herr, und er pflanzte ſich, ſchwarz gekleidet, mit weißen Handſchuhen, hinter dem Stuhle von Madame San Privato auf, wobei er mit einer etwas ſpöttiſchen Miene die zwei Mägde anſchaute, welche beauftragt waren, für die Bedürf⸗ niſſe der Gäſte Sorge zu tragen, denn Herr Dumi⸗ rail hatte keine andere männliche Diener, als einen Kutſcher und einen Stallknecht. Die erſten Augenblicke des Mahles gingen ziem⸗ lich ſtill vorüber. Madame San Privato und ihr Sohn waren ſichtbar begierig, zu wiſſen, wer Charles Delmare war, und beobachteten ihn mit ganz beſon⸗ derer Aufmerkſamkeit. Er ſchien durch eine innige Freundſchaft mit den Gebietern des Hauſes in Ver⸗ bindung zu ſtehen, da er an dieſem Familienmahle Theil nahm; auch nannten ihn Jeane und Maurice vertraulich nur ihren lieben Meiſter; und obſchon er, sans fagon, mit einer Jagdjacke, deren Sammet vom Alter glänzte, bekleidet war, ſo überzeugten doch eine Art von natürlicher Eleganz, die vollkommene Unge⸗ zwungenheit ſeiner Manieren, die ſeltene Diſtinction ſeiner Züge, ſeine ſchönen weißen Hände mit den SErgen⸗ roſigen, glatten Nägeln, welche eine ängſtliche Sorgfalt für ſeine Perſon offenbarten, ein gewiſſes Etwas endlich, was den Mann der Geſellſc zwar der beſten Geſellſchaft bezeichnet, Alle gen wir, überzeugte Madame San Pri Sohn, der Unbekannte ſei kein Provinzmenſch. So⸗ dann hatte er mehrere Male ſeinen kalt durchdrin⸗ genden Blick auf den jungen Diplomaten geheftet, als hätte er ihn zum Voraus nach der aufmerk⸗ ſamen Prüfung ſeiner Phyſiognomie beurtheilen wollen. Nicht minder ſcharfſinnig als ſein Beobach⸗ ter, ward Albert, da er zu bemerken glaubte, die prüfende Betrachtung, als deren Gegenſtand er ſich fühlte, werde nicht durch ein übermäßiges Wohlwollen dictirt, von einem unbeſtimmten Inſtincte des Miß⸗ trauens gegen Charles Delmare erregt. Madame San Privato dagegen empfand nur eine ziemlich lebhafte Neugierde in Betreff des Unbekannten; dieſe Neugierde befriedigte Herr Dumirail, indem er zu ſeiner Schweſter ſagte: „Meine liebe Freundin, bei meiner Eile, Dich ins Speiſezimmer zu führen, vergaß ich, Dir unſern beſten Freund. . . Herrn Delmare vorzuſtellen.“ „Ich bin entzückt, mein Herr, hier den beſten Freund meines Bruders zu treffen; ich wage es, zu hoffen, mein Sohn und ich werden den Moril⸗ lon nicht verlaſſen, ohne auch einigen Antheil an Ihrer Freundſchaft zu haben,“ ſprach Madame San Privato mit ihrem einſchmeichelndſten Tone. „Madame, ich erkenne mit dem Gefühle inniger Dankbarkeit den wohlwollenden Wunſch, den Sie gegen mich zu bezeigen mir die Ehre erweiſen,“ er⸗ wiederte artig Charles Delmare, ſich verbeugend. Und er nahm halblaut ein mit Jeane, neben der er bei Tiſche ſaß, begonnenes Geſpräch wieder auf. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ dachte Albert San Privato; „was mir Anfangs ſehr ſeltſam ſchien, 96 iſt mir nun geoffenbart. Die vortrefflichen Manie⸗ ren, das außerordentlich Diſtinguirte dieſes ſo ſchlecht gekleideten Herrn ſetzen mich nicht mehr in Erſtau⸗ nen. Das muß offenbar der Exbeau Delmare ſein, von dem ich oft die Veteranen der Pariſer Eleganz ſprechen hörte; unter Anderen Herrn Richard d'Otre⸗ mont, der, damals noch ſehr jung, ſo zu ſagen, der faſhionable Mündel des ſchönen Delmare war. Er wird ſich in die Tiefe des Jura zurückgezogen haben, um ſeinen Ruin zu verbergen. Doch wie und warum iſt er hier auf einem Fuße enger Vertrau⸗ lichkeit? Aus welchen Gründen ſcheint er ſich, wenn ich mich nicht täuſche, ziemlich geärgert zu haben, daß er meine Mutter und mich hier ankommen ſah?“ Sodann Charles Delmare verſtohlen, aber mit wachſender Aufmerkſamkeit anſchauend, ſagte Albert zu ſich ſelbſt, indem er abwechſelnd die Blicke auf ihn und auf Jeane warf: „Es iſt ſeltſam. . . doch wenn ich bedenke .. welche Erinnerung!“ Die Reflexionen von Albert San Privato wur⸗ den unterbrochen von ſeiner Mutter; dieſe gab mit ziemlich viel Gewandtheit ihrem Sohne, wenn man ſo ſagen darf, die Replique, um ſeinen Werth ins Licht zu ſetzen, und wollte das Geſpräch auf die ver⸗ ſchiedenen Länder bringen, wo er nach und nach re⸗ ſidirt hatte, ehe er Secretär der neapolitaniſchen Ge⸗ ſandtſchaft in Paris geworden war; denn ſeine di⸗ plomatiſche Laufbahn hatte ihn abwechſelnd nach Rußland, nach Mexico, nach Deutſchland und nach Toscana geführt. Albert ſuchte das geheime Beſtre⸗ ben ſeiner Mutter abzulenken und raſch den Lauf des 97 Geſpräches zu ändern, indem er zu Herrn Dumirail ſagte: „Ehe ich Paris verließ, mein lieber Oheim, traf ich beim Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten Herrn von Morainville. Ich erſuchte ihn um ſeine Aufträge an Sie, und theilte ihm mit, ich werde einen Monat hier zubringen . . . er beauftragte mich, Ihnen die Verſicherung ſeiner lebhaften und beſtän⸗ digen Freundſchaft zu wiederholen, mit dem Beifügen, er ſtelle ſich immer zu Ihren Dienſten. . . In dieſer Hinſicht, mein lieber Oheim, habe ich vielleicht eine Indiscretion begangen?“ „Warum, mein Freund?“ „Durch ſeinen außerordentlichen Sinfluß in der Kammer und durch ſeine hohe Stellung im Miniſte⸗ rium der auswärtigen Angelegenheiten genießt Herr von Morainville ein ſehr großes Anſehen: ich habe mir erlaubt, mich bei Herrn von Morainville mit den Familienbanden zu autoriſiren, die mich mit Ihnen vereinigen, um ihm ſehr dringend die Erwägung einer höchſt wichtigen, die Intereſſen Mehrerer von meinen Landsleuten betreffenden Petition zu em⸗ pfehlen.“ „Ich wäre entzückt, mein lieber Albert, ſollte Herr von Morainville, in Rückſicht auf mich, Dir oder denen, für welche Du Dich intereſſirſt, nützlich ſein. Ich werde mir perſönlich nie etwas von ihm zu er⸗ bitten haben; benütze nach Deinem Belieben den kleinen Credit, den ich bei dieſer wichtigen Perſon haben mag, welcher ich, ich geſtehe es, bei den Wah⸗ len einige Dienſte geleiſtet, die übrigens in allen Punkten mit meinen Anſichten übereinſtimmten.“ Sue, die Familienſöhne. I. 7 Errathend, ihr Sohn wolle die Erzählung ſeiner Reiſen vereiteln, kam Madame San Privato auf dieſen Gegenſtand zurück, und Albert, obgleich er ſich, ſei es aus Beſcheidenheit, ſei es aus einem andern Motive, geweigert hatte, dem Wunſche ſeiner Mutter zu entſprechen, welche ihn in den Augen der Bewoh⸗ ner des Morillon glänzen machen wollte, indem er ihnen ſeine Reiſen erzählen würde, ließ ſich nicht nur diesmal hiezu auf das Freundlichſte herbei, ſondern er bemühte ſich ſogar, ſein Auditorium zu feſſeln. Es gelang ihm, denn er drückte ſich mit einer merk⸗ würdigen Leichtigkeit aus; ſeine immer gewählte Sprache war lebhaft und blumenreich. Mit wach⸗ ſendem Intereſſe angehört, verdiente er dies zu ſein; er malte mit einigen ergreifenden Zügen den Anblick, die Sitten, mit einem Worte, die Phyſiognomie der verſchiedenen Gegenden, die er durchreiſt hatte, über⸗ ſtrömte von piquanten Anekdoten über die verſchie⸗ denen Höfe, die er beſucht, bei welchem Anlaſſe er oft ſagte: „Als der Kaiſer und die Kaiſerin von Rußland mir die Ehre erwieſen hatten, mich zum Mittagsmahle einzuladen u. ſ. w. u. ſ. w.“ oder auch: „Seine Hoheit der Herzog von Toscana, der mich ſchon mit Beweiſen ſeiner Huld überhäuft hatte, ge⸗ ruhte u. ſ. w. u. ſ. w.;“ oder: „Der König von Baiern, der die Gnade hatte, mich mit einer ſo ganz beſondern Auszeichnung zu behandeln, daß ich dar⸗ über in Verlegenheit gerieth, verſicherte mir eines Tags, daß . u. ſ. w. u. ſ. w.“ Indem er aber ſo die Fürſten aufzählte, in deren Nähe er ſich, vermöge ſeiner diplomatiſchen Fune⸗ tionen, befunden hatte, und die ihn, nach ſeiner Be⸗ 2 hauptung, „mit einer ganz beſondern Huld oder Auszeichnung“ behandelten, gab Albert San Pri⸗ vato, begabt mit unendlich viel Tact und Lebensart, ſeinem Tone einen Ausdruck von ehrfurchtsvoller Dankbarkeit, der nicht geſtattete, ihn zu beſchuldigen, er folge einem Gefühle von lächerlicher Eitelkeit, in⸗ dem er ſo die gekrönten Häupter aufzähle, welche mit ihm geſprochen hatten. Alsdann entwarf er ein blendendes Gemälde von mehreren Hoffeſten, denen er beiwohnte, führte die Namen der Schönheiten an, welche am meiſten in der Mode, — Prinzeſſinnen, Herzoginnen oder Marquiſen, abwechſelnd Königinnen dieſer glänzenden Bälle, welche ihm auch die Ehre angethan, ihm „Dieſes oder Jenes“ zu ſagen; er beſchrieb ihre wunderbaren Toiletten; oder ernſtere, aber immer intereſſante Gegenſtände in Angriff neh⸗ mend, ſtizzirte er das Portrait von einigen euro⸗ päiſchen Staatsmännern, denen er zu ſagen die Ehre gehabt u. ſ. w. u. ſ. w. Er erzählte auch von Florenz, der Schönen, der Stadt der Blumen und der Luſtbarkeiten, dem Ren⸗ dez⸗vous aller Wollüſtlinge Europa's, wo man, durch die verweichlichende Wärme eines ewigen Frühlings in ein ſüßes Farniente verſunken, unter dem Wohl⸗ der Roſen und dem Zauber der Künſte hin⸗ ebt. Sodann, auf dieſe lachenden Gemälde, wo die großen Pinien mit dem Sonnenſchirme ihres Schat⸗ tens die Fontainen von weißem Marmor bedecken, während in der Ferne die Sonne ihre rothen Re⸗ fleren auf die Säulenhallen und die Statuen wirft, folgte, ein ergreifender Contraſt! der eiſige Anblick 100 Rußlands, der Schnee dieſer ungeheuren Steppen, die dem weißen Leichentuche einer Welt gleichen; furcht⸗ bare Winter, auf welche plötzliche Sommer ohne Frühling kommen, wo grüner Boden, Blätterwerk, Blumen und Früchte ſo raſch auftauchten als eine Operndecoration. San Privato erzählte noch von ſeiner neueſten Reiſe nach Braſilien, von der herrlichen Vegetation dieſer Urwälder, deren blaue, purpurrothe, grüne, feuerfarbige Vögel den Glanz von Edelſteinen haben; von Braſilien mit ſeinen Sklaven und deren ſelt⸗ ſamen Sitten, von ſeinen indolenten Creolen, die ſich in luftigen Hängematten ſchaukeln, während ihre Frauen die großen Fächer von Pfauenfedern hin und herbewegen; doch bei den Erzählungen von Albert belebte immer ein Sittenzug, eine Anekdote, ein Thatumſtand das Gemälde. Mit einem Worte, wir vermöchten die Conver⸗ ſation von San Privato nicht beſſer zu charakteri⸗ ſiren, als wenn wir ſie mit jenen beweglichen Pa⸗ noramen vergleichen, die ſich raſch vor unſern Augen entrollen und uns die wechſelreichſten Landſchaften zeigen; wenn man ſo ſagen darf, auf den Flügeln der Erzählung ihres jungen Gaſtes reiſend, durch⸗ wanderten auch mit ihm unſere ländlichen Bewohner des Morillon einen Theil der zwei Welten; er hätte können Has Geſpräch ins Unendliche zum großen Ver⸗ gnügen von denjenigen ausdehnen, welche er unter dem Zauber ſeines Wortes hielt; doch mit gutem Geſchmack entſchuldigte er ſich, daß er ſo lange von ſich oder vielmehr von ſeinen Reiſen ſpreche, führte die Converſation auf ſeinen Aufenthalt und den ſei⸗ 101 ner Mutter im Morillon zurück, in dieſen ſchönen Bergen des Jura, ſtellte eine Parallele zwiſchen der friedlichen, lachenden Exiſtenz auf dem Lande, der Betrachtung der Schönheiten der Natur und dem glänzenden, aber erkünſtelten Leben der Höfe auf u. ſ. w., welche Parallele mit der Apologie dieſes Landlebens ſchloß. Alles dies wurde in vortrefflichen Ausdrücken und mit einem ſolchen Anſcheine von Ueberzeugung geſagt, daß, wenn man ihn hörte, San Privato, würde er nicht dem lobenswerthen Verlangen ge⸗ horcht haben, eine Laufbahn zu verfolgen, wo er ſei⸗ nem Vaterlande einige Dienſte zu leiſten hoffte, es als das höchſte Glück betrachtet hätte, immer im Mo⸗ rillon zu leben, wie ſein theurer Vetter Maurice, den er im Namen ihrer Freundſchaft aus der Kindheit aufforderte, bei der Einfachheit ſeiner Neigungen zu beharren. Dieſe Converſation, von der wir einen ſumma⸗ riſchen Begriff gegeben haben, dauerte die ganze Zeit des Mittagsmahles; dann ging man wieder in den Salon. Ein wenig ermüdet von der Reiſe, und da ſie wußte, daß ihr Bruder und ſeine Familie ſich gewöhnlich frühzeitig zurückzogen, äußerte Madame San Privato den Wunſch, ſich in ihre Wohnung zu begeben; ehe man ſich trennte, kam man indeſſen für eine Gebirgspartie am andern Tage überein. Man würde nach einem leichten Morgenimbiſſe in einer Sennhütte frühſtücken, welche auf einem der höchſten Plateaux des Jura lag, aber für Wagen zugänglich war, denn Madame San Privato fühlte ſich unfähig, zu Fuße eine ſolche Aufſteigung zu 102 vollbringen. Nachdem dieſe verſchiedenen Anordnun⸗ gen verabredet waren, trennten ſich die Bewohner des Morillon und ihre Gäſte. Herr Charles Del⸗ mare kehrte nach Hauſe zurück. K. Herr und Madame Dumirail, als ſie ſich in ihr Zimmer zurückgezogen hatten, plauderten vertraulich über die verſchiedenen Umſtände des abgelaufenen Abends. Madame Dumirail ſchien nachdenkend, bei⸗ nahe ſorgenvoll, während ihr Mann alſo das ange⸗ fangene Geſpräch fortſetzte: „Meine Schweſter wird immer dieſelbe ſein! Unordnung und Eitelkeit! Ich weiß ſeit langer Zeit nichts von dem Zuſtande ihrer Vermögensangelegen⸗ heiten, doch ſie müſſen immer ſchlechter ſtehen; denn am Anfange dieſes Jahres habe ich ihr noch ſechs⸗ tauſend Franken geſchickt, die ſie von mir zu entleh⸗ nen begehrte, wobei ſie ihre augenblickliche Beengung anführte, und nun kommt ſie mit Extrapoſt und zwei Dienern hier an, ſtatt ganz beſcheiden in der Dili⸗ gence mit einer Kammerjungfer zu reiſen; ſodann, kaum hier angekommen, — obſchon ſie weiß, daß wir in Familie ſpeiſen und die Einfachheit unſerer Gewohnheiten kennt, — putzt ſie ſich wie ein Reli⸗ quienkäſtchen, denn ſie bildet ſich immer ein, ſie habe das dreißigſte Jahr nicht überſchritten, während ihre fünfzig Jahre wohl geſchlagen haben . .. Arme Ar⸗ mande! .. wird die Vernunft nie bei ihr kommen? Ich hoffe es nicht mehr . . . Ihre Zukunft be⸗ 103 unruhigt mich ernſtlich. Sie hatte von meinem Vater ein dem meinigen gleiches Vermögen geerbt. Herr San Privato, Generalconſul von Neapel in Paris, bezog einen bedeutenden Gehalt und beſaß überdies ein Erbe von zweimal hunderttauſend Franken; nun wohl! die Frau ihrerſeits, der Mann ſeinerſeits haben ſo viel ausgegeben, verſchwendet, verſchleudert, daß meiner Schweſter, deſſen bin ich ſicher, freies Geld nur etwa ſechzigtauſend Franken blieben, würde ſie ihre letzten, mit Hypotheken überladenen Güter ver⸗ kaufen.“ Doch die Zerſtreuung und die ſorgenvolle Phy⸗ ſiognomie ſeiner Frau wahrnehmend, fügte Herr Dumirail bei: „Was haſt Du, meine liebe Julie? Du ſcheinſt in Gedanken vertieft.“ „In der That, mein Freund, es beherrſcht mich ein ſchlimmer, oder vielmehr lächerlich alberner Ge⸗ danke.“ „Dich?“ „Ach! ja; doch glücklicher Weiſe kann ein Ge⸗ danke, deſſen Lächerlichkeit und Albernheit man ſelbſt erkennt, nicht gefährlich ſein, nicht wahr, mein Freund?“ „Allerdings . . . Und dieſer Gedanke, ſage ihn mir.“ Madame Dumirail ſchwieg einen Augenblick und erwiederte dann: „Ehe ich auf Deine Frage antworte, erlaube mir, eine andere an Dich zu richten: Was hältſt Du von unſerem Reffen Albert?“ „Bei meiner Treue! das iſt der hübſcheſte Junge, 104 den man ſehen kann; er hat vortreffliche Manieren und den großen Weltton; ſeitdem wir ihn zum letzten Male geſehen haben, iſt er ganz ein Mann gewor⸗ den; er verſprach damals ſchon und er hat gehalten, was er verſprach; man vermöchte keine beſſer ge⸗ nährte, intereſſantere und geiſtreichere Converſation zu haben . . . Er hat großen Rutzen aus ſeinen Reiſen gezogen . . . und weißt Du, daß es in ſei⸗ nem Alter, mit vierundzwanzig Jahren, ſehr ſchön iſt, Geſandtſchaftsſecretär und mit mehreren Orden decorirt zu ſein?“ „Das iſt ſehr ſchön,“ antwortete Madame Du⸗ mirail, einen unmerklichen Seußzer erſtickend, „und Deine Schweſter zeigt ſich mit Fug und Recht ſtotz. .. ſehr ſtolz auf ihren Sohn . . .“ „Sie hat Recht. Dieſer Junge wird raſch, glän⸗ zend ſeinen Weg machen ... Das iſt ein ganz an⸗ derer Kopf, als der ſeiner armen Mutter! Sie iſt die perſonificirte Unordnung .. während Albert die perſonificirte Ordnung iſt .. wenigſtens wenn er ſich ſeit ſeinem letzten Aufenthalte hier nicht geändert hat Du erinnerſt Dich denn die kleinen Dinge ſind bezeichnend . Du erinnerſt Dich, wie ſehr wir erſtaunt waren, als wir immer in ſeinem Zimmer jede Sache an ihrem Platze ſahen? Mit einem Worte, er war, wie man zu ſagen pflegt, ge⸗ regelt wie ein Notenblatt; er bürſtete ſeine Kleider ſelbſt und legte ſie ſelbſt zuſammen, ſie waren immer in eine Serviette gehüllt, um ſie vor dem Staube zu ſchützen . und, was mit zwanzig Jahren ſelten iſt, beſonders wenn man an die Beiſpiele toller Ver⸗ ſchwendung denkt, die er von ſeiner Mutter erhielt... 105 er gab nicht den vierten Theil der Summe aus, die ihm ſeine Mutter für ſeine kleinen Vergnügen aus⸗ geſetzt hatte . . . Dank ſei es einem ſolchen Geiſte des Benehmens, ſeinen wahrhaft außerordentlichen Fähigkeiten und ſeinen äußeren Annehmlichkeiten, welche nie etwas verderben, iſt unſer Neffe berufen, eine glänzende Laufbahn zu erzielen.“ „Allerdings, und das iſt gerade das, was in mir den albernen, lächerlichen Gedanken, von dem ich ſo eben ſprach, erweckt hat.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Julie, erkläre Dich.“ „Nun wohl! ich wage es kaum, es Dir zu ge⸗ ſtehen: ich kann mich eines faſt peinlichen Gefühles nicht erwehren, vergleiche ich die Zukunft unſeres Neffen mit der Zukunft unſeres Maurice; ſage mir, Freund, iſt das nicht ſehr albern?“ „Oh! nein.“ „Wie, mein Freund, Du tadelſt mich nicht?“ „Keineswegs.“ Und lächelnd fuͤgte Herr Dumirail bei: „Meine unglaubliche Nachſicht ſetzt Dich in Er⸗ ſtaunen, liebe Julie.“ „Ungemein, ich geſtehe es.“ „Ich werde Dir die Urſache dieſer Nachſicht er⸗ klären.“ 5 „Dann, mein Freund, werde ich den Muth haben, mein Geſtändniß durch ein anderes zu vollenden, das noch viel alberner, viel lächerlicher als das erſte.“ „Laß die Enormität hören.“ „Nun wohl! heute Abend, als ich das reizende Geſicht von Albert, ſeine elegante, leichte Tournure, ſeine geſchmackvolle Toilette, erhöht durch die kleine 106 goldene Kette, an der ſeine Decorationen hingen, betrachtete, verglich ich ihn mit unſerem Maurice, und während ich dieſem den Vorzug vor ſeinem Vet⸗ ter gab, ſagte ich dennoch zu mir ſelbſt: „„Wäre mein Sohn nicht ſo wie er iſt, ſo wünſchte ich, er würde Albert gleichen . . .““ Nein, nein, es fehlt mir an Offenherzigkeit, ich rede in zweideutigen Aus⸗ drücken. Die Wahrheit iſt, daß mein Herz beklom⸗ men ward, weil es mir einen Augenblick ſchien, neben ſeinem Vetter gleiche Maurice beinahe einem Bauern. Dann aber kehrte der geſunde Verſtand in mir zu⸗ rück, und ich erkannte, daß Jeder von ihnen mit ſehr verſchiedenen Vorzügen begabt iſt. Dies, mein Freund, iſt meine Beichte. Trotz Deiner übermäßi⸗ gen Nachſicht konnte ich kaum glauben, Du tadleſt nicht meine Geiſtesabirrung bei dieſem Umſtande.“ „Ich vermöchte nicht zu tadeln, was ich billige.“ „Du entſchuldigſt mich?“ „Noch beſſer, ſage ich Dir, meine liebe Julie, ich billige den Gedanken, den Du mit Unrecht als albern und lächerlich bezeichneſt, weil er im Grunde richtig iſt . . . Wohlverſtanden, ich rede nicht von Deiner Vergleichung zwiſchen dem Aeußern von Mau⸗ rice und dem unſeres Neffen . . das ſind Fragen unſchuldiger mütterlicher Eitelkeit, deren ſich die wei⸗ ſeſte, die erleuchtetſte Mutter nicht zu erwehren ver⸗ möchte, da Du Dich derſelben nicht erwehrſt; doch Dein Gedanke iſt richtig, was die Laufbahnen be⸗ trifft, welche unſer Neffe und unſer Sohn zu ver⸗ folgen berufen ſind. Die Exiſtenz des Gutsbeſitzers und Landwirths iſt allerdings ehrenvoll, nützlich und beſonders eine friedliche und glückliche, wenn ſie 107 unſeren Neigungen vollkommen entſpricht. Doch die Laufbahn des Mannes, der ſeinem Vaterlande in der Armee, in der Diplomatie, oder bei jedem an⸗ dern öffentlichen Amte dient, iſt nicht nur eben ſo ehrenvoll, eben ſo nützlich als die erſte, ſondern auch ſchwieriger, mühevoller, und folglich verdienſtlicher. .. Albert wird aber ſicherlich ein ſehr hervorragender Mann werden. Du erinnerſt Dich deſſen, was uns vor vier Jahren Herr von Morainville ſagte: „„Es iſt in Ihrem Neffen der Stoff zu einem Staats⸗ manne.““ Welche Linie wird dagegen unſer Sohn verfolgen? Mein Gott! eine ganz einfache, ganz ge⸗ rade Linie; er wird wie ich ſeine Güter bewirthſchaf⸗ ten, ſein Leben wird friedlich, dunkel verlaufen, wie das unſere verlaufen iſt, und gebe der Himmel, daß ſeine Kinder und die Kinder ſeiner Kinder ſeinem Beiſpiele folgen! . . . Er wird nicht, wie ohne Zwei⸗ fel eines Tags ſein Vetter, Herr Geſandter ſein, geſtickt am ganzen Leibe, mit den großen Bändern aller denkbaren hohen Orden geſchmückt; er wird nicht berufen ſein, auf einem Congreſſe über das Geſchick der Nationen zu entſcheiden; nein, unſer Sohn wird ganz einfach Herr Maurice Dumirail, Gutsbeſitzer, ſein, und dieſer Titel iſt, bei meiner Treue! ſo viel werth, als ein anderer. Was iſt hieraus zu ſchließen, liebe Julie? Höre: meiner Anſicht nach fühlteſt Du ein gerechtes Bedauern, erkennend, die geſellſchaftliche Stellung unſeres Neffen werde hoch über der unſe⸗ res Sohnes und viel verdienſtlicher ſein, weil ſich Maurice nur dem Laufe ſeines gegenwärtigen Lebens zu überlaſſen brauche, um glücklich zu bleiben .. 108 Meine liebe Julie, dieſe billige Schätzung der That⸗ ſachen hat nichts mit dem Neide gemein.“ „Deine Worte, mein Freund, erleichtern, beruhi⸗ gen mich,“ ſagte Madame Dumirail. Und nach einem Augenblicke des Stillſchweigens fügte ſie lächelnd und verlegen bei: „Noch ein Wort... mein Freund ... und ſpotte nicht zu ſehr über mich . . obſchon meine Frage zugleich am Stolze und an der mütterlichen Beſchei⸗ denheit Theil hat.“ „Ich höre Dich, Julie.“ „Glaubſt Du, mein Freund, in voller Aufrichtig⸗ keit, in dieſelben Verhältniſſe geſtellt wie ſein Vetter und dieſelbe Laufbahn ergreifend wie er . . . hätte unſer Sohn ebenſo glänzend debutirt wie Albert?“ „In voller Aufrichtigkeit, ich glaube es.“ „Wahrhaftig . . . Du ſagſt mir das nicht, um mir zu ſchmeicheln . . . um dieſe arme Muttereitel⸗ keit zu beruhigen . . . welche immer ſo argwöhniſch iſt, ſich immer ſo ſchnell ängſtigt?“ „Nach meinem beſten Wiſſen und Gewiſſen, meine liebe Julie, Maurice, begabt, wie er iſt, mit einem lebhaften Verſtande, mit einem energiſchen Willen, beharrlich bei Allem, was er unternimmt, hätte ſich auf jeder Laufbahn, die er ergriffen, ausgezeichnet... Ich ſage mehr, und zwar nicht, um Deiner Mutter⸗ eitelkeit zu ſchmeicheln . . .“ „Gewiß?.. ſage geſchwinde. geſchwinde. „Maurice hätte vor ſeinem Vetter den Vorzug gehabt, daß er durch die anziehende Treuherzigkeit ſeines offenen, wohlwollenden Charakters die Sym⸗ pathie Aller würde für ſich gewonnen haben, während 109 Albert . . ohne ſein Verdienſt auf irgend eine Art verkleinern zu wollen . . .“ „Ah! das verhüte Gott! . . . doch vollende ... Du ſagteſt: Während Albert? . . „Während Albert, trotz des Reizes, der Diſtine⸗ tion ſeiner Manieren, was man ihm nicht ſtreitig machen kann . . .5 „Dazu müßte man blind ſein, mein Freund .. Doch Du ſagteſt: Während Albert?“ „Während Albert trotz des Reizes, der Diſtine⸗ tion ſeiner Manieren, in ſeinem Geſichts ausdrucke etwas Kaltes, Höhniſches hat, was unwillkürlich durch⸗ zudringen ſcheint und uns plötzlich eine Art von Miß⸗ trauen einflößt.“ „Du haſt dieſe Bemerkung gemacht?“ ſagte leb⸗ haft und beinahe heiter Madame Dumirail, „ich ich habe ſie auch gemacht?“ „Wahrhaftig?“ „Ja, ja.“ „Dann iſt dieſe Bemerkung gegründet, da ſie uns Beide erfaßt hat,“ erwiederte naiv Herr Dumi⸗ rail, „uns, die wir ſo redlich unſerem Reffen volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Ich habe dieſe Bemerkung gemacht, als Albert von den blendenden Feſten des bairiſchen Hofes er⸗ zählte. . . und nebenbei geſagt, ein ausgedienter Tapezirer würde nicht mit mehr Kenntniß die Meubles und die Decorationen des Ballſaales be⸗ ſchrieben haben.“ „In der That, unſer lieber Neffe verweilte ein wenig zu lange bei dieſen Details, ſowie bei der Beſchreibung der Toilette der Damen.“ 110 „Hiebei zeigte er, — zu ſeinem Lobe ſei es ge⸗ ſagt, — die Kenntniſſe eines Modewaarenhändlers.“ „Wir müſſen indeſſen zugeſtehen, dieſe Details ſchienen uns nicht überflüſſig, weil ſie eine der inte⸗ reſſanteſten Erzählungen hemmten.“ „Gewiß ... man kann unmöglich beſſer erzählen, und beſonders ein unermüdlicherer Erzähler ſein, denn, zu unſerem übrigens großen Vergnügen, hat Albert beinahe allein während des ganzen Mahles das Wort behalten; doch um auf den ſpöttiſchen Ausdruck zurückzukommen, von dem Du, wie ich, betroffen warſt, — ich habe ihn hauptſächlich wahrge⸗ nommen, als unſer Neffe von der ganz beſondern Auszeichnung ſprach, mit der ihn der König von Baiern behandelte; denn es iſt zum Vortheile von Albert zu bemerken, daß ihn alle Souverains, ohne die geringſte Ausnahme, mit einer beſonderen Aus⸗ zeichnung behandelten. Immerhin iſt es gewiß, die von ihm dem ſo umgänglichen und ſo guten Charakter des Fürſten, von welchem er ſprach, bewilligten Lobes⸗ erhebungen trugen das Gepräge eines ſo ſpöttiſchen Accentes an ſich, daß ich mir ſagte: „„Es wäre wahr⸗ haft ärgerlich, würde unſer Neffe den ſchmeichelhaften Empfang, mit dem er von dieſem Souverain beehrt worden iſt, mit Undank lohnen.““ „Sehr ärgerlich . . . wenn es ſich ſo verhielte; im Ganzen ermächtigt uns jedoch nichts, dieſem armen Albert ein ſchlimmes Gefühl zuzuſchreiben ... Nur iſt es, während wir ihm Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen, erlaubt, zu glauben, daß bei ihm die Eigen⸗ ſchaften des Geiſtes noch höher ſtehen, als die des Herzens Doch gleichviel nicht mit der Em⸗ 11¹ pfindſamkeit des Herzens macht man ſein Glück bei der Diplomatie.“ „Leider, nein, mein Freund, da die Verſtellung, die Liſt, wie man ſagt, die beinahe weſentlichen Eigen⸗ ſchaften eines Diplomaten werden . . . Mein Gott! damit will ich nicht ſagen, Albert ſei oder werde je falſch und heuchleriſch . . .“ „Es wäre eben ſo unvernünftig, als ungerecht, dies anzunehmen; doch es iſt augenſcheinlich, daß unſer Neffe auf der Laufbahn, die er ergriffen hat, nie gewiſſe Eigenſchaften des Herzens erlangen wird, welche, ohne ihm ganz zu mangeln, vielleicht nicht auf der Höhe ſeiner Geiſteseigenſchaften ſind, und nichtsdeſtoweniger wird er die höchſten Functionen erreichen . . . Ja, unſer Neffe wird mit Ehrenbe⸗ zeugungen, mit Auszeichnungen überhäuft werden, während unſer wackerer, von Seiten des Herzens ſo edel begabter Maurice . . .“ „Ah! mein Freund, ſeien wir gerecht,“ unterbrach Madame Dumirail ihren Mann; „im Ganzen ... ſoll die Laufbahn unſeres Sohnes ſo dunkel ſein, als die ſeines Vetters glänzend werden wird, ſo iſt dies der Fall, weil Maurice aus Geſchmack die Dunkel⸗ heit dem Glanze vorzieht, denn, — wie Du ſelbſt geſagt haſt, — Dank ſei es ſeinen natürlichen Fähigkei⸗ ten, würde Maurice mit Auszeichnung jede Profeſſion durchlaufen, und ich hätte, wie meine Schwägerin, auf meinen Sohn ſtolz ſein können, obſchon ich aus einem anderen Geſichtspunkte ſtolz auf ihn bin; und hätte er viele Reiſen gemacht, ſo wäre er ſicherlich ſo intereſſant zu hören, als es Albert heute Abend geweſen iſt.“ 112 „Gewiß . . und wenn wir unſererſeits den Werth von Maurice hervorheben wollten, ſo brauch⸗ ten wir nur von ihm zu verlangen, daß er von ſei⸗ nen Gemſenjagden, von ſeinen Aufſteigungen durch die Abſtürze bis zu den abſchüſſigſten Gipfeln unſe⸗ rer Berge erzähle, und dieſe Erzählungen wären im Ganzen ſo viel werth, als die von Hoffeſten. Gott ſei Dank! unſer Sohn hat ſeinen Vetter um nichts zu beneiden,“ ſagte Herr Dumirail; und, wie ſeine Frau, blieb er einen Augenblick ſtillſchweigend und nachdenkend, ohne, auch wie ſie, wahrzunehmen, ſie ſeien, nachdem ſie ihrem Neffen aufrichtig ein großes Lob geſpendet hatten, vermöge unmerklicher Ueber⸗ gänge dahin gelangt, ihn, trotz ihrer natürlichen Bil⸗ ligkeit, allmälig herunterzuſetzen . . . und zwar ſehr unſchuldig zu Gunſten ihres Sohnes. Herr Dumirail unterbrach zuerſt das Stillſchwei⸗ gen und ſagte zu ſeiner Frau: „Wir reden mit einander von dem Eindrucke, den unſer Neffe bei uns hervorgebracht hat, doch wir denken nicht an den, welchen er auf Maurice hervorbringen mußte.“ „Deine Bemerkung iſt ſehr richtig, mein Freund, denn unſer Sohn . . .“ In dieſem Momente unterbrochen durch ein zwei⸗ maliges leichtes Klopfen an die Thüre ihres Schlaf⸗ zimmers, fragte Madame Dumirail, wer da ſei. „Ich, liebe Mutter,“ antwortete von außen die Stimme von Maurice. „Dieſes theure Kind iſt noch nicht zu Bette ge⸗ gangen . deſto beſſer; es konnte nicht gelegener 113 kommen,“ ſagte Herr Dumirail zu ſeiner Frau; und er fügte bei: „Tritt ein, mein Freund.“ Maurice öffnete die Thüre, blieb auf der Schwelle ſtehen und ſprach: „Mein Vater, ich bin nicht allein . . .“ „Wer iſt denn bei Dir?“ „Jeane; kann ſie auch eintreten?“ „Gewiß,“ antwortete Madame Dumirail mit ihrem Manne einen Blick des Erſtaunens wechſelnd. Maurice kam nach einer Abweſenheit von einem Augenblicke wieder, Jeane an der Hand haltend. N Die Verlegenheit, die Bangigkeit waren auf den Phyſiognomien von Maurice und Jeane zu leſen. Nur ein ernſter Umſtand konnte ihre gleichzeitige Gegenwart zu dieſer vorgerückten Stunde des Abends in der Wohnung von Herrn und Madame Dumirail erklären. Dieſe wandte ſich an ihren Sohn und ſprach zu ihm: „So eben, als er Dich klopfen hörte, äußerte Dein Vater gegen mich, Du könneſt nicht gelegener erſcheinen, mein Freund. In der That, wir ſprachen von Dir Jeane ſei willkommen, wie ſie es immer iſt . . . Und nun, was wollt Ihr, meine Kinder?“ Jeane und Maurice ſchauten ſich verſtohlen an; das zunehmende Wogen des Buſens von Jeane offenbarte ihre Unruhe, ihre Aufregung; Maurice, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, ſagte zu 8 Sue, die Familienſöhne. I. 11⁴ ſeiner Couſine, mit dem Ausdrucke des Vorwurfs gegen ſich ſelbſt: „Warum zögere ich denn? Haben wir über un⸗ ſere Bitte zu erröthen?“ Und auf Herrn und Madame Dumirail zuſchrei⸗ tend, fügte Maurice bei, indem er ſeine Aufregung zu bewältigen ſich anſtrengte: „Jeane und ich, wir lieben uns, wir bitten Euch, Dich meinen Vater, Dich meine Mutter, inſtändig, Eure Einwilligung zu unſerer Heirath zu geben . im Namen des Glückes von uns Beiden. Iſt das wahr, Jeane?“ „Das iſt wahr, Maurice,“ antwortete das Mäd⸗ chen mit einem rührenden Tone und die Augen zu Boden geſenkt. Sodann ſie wieder aufſchlagend und auf Herrn und Madame Dumirail ihren leicht feuch⸗ ten Blick heftend, — einen durchſichtigen Blick, in welchem man die Unſchuld, die Aufrichtigkeit ihrer Seele las, fügte Jeane bei: „Ja, ich liebe Maurice eben ſo ſehr als er mich liebt . . und gäben Sie Ihre Einwilligung zu un⸗ ſerer Heirath, theure Tante, theurer Oheim, ſo wäre ich, ich glaube es, ich fühle es, eine Gefährtin wür⸗ dig Ihres Sohnes Maurice, würdig auch Ihrer, die Sie mich als Waiſe aufnahmen und über den Ver⸗ luſt der zärtlichſten, der verehrteſten Mutter zu tröſten vermochten.“ Der Schritt der zwei jungen Leuten kam den Wünſchen ihrer Verwandten zuvor, und zu dieſem Schritte ſpendeten ſie ſich Beifall, — übrigens ſehr erſtaunt darüber, daß Jeane und Maurice ſo ihre Bitte beſchleunigten, ſtatt ſie auf den andern Tag 115 zu verſchieben; Herr Dumirail aber, der ſich vorbe⸗ hielt, im Laufe der Unterredung das Geheimniß die⸗ ſer Eile zu ergründen, antwortete: „Meine Kinder, unſere Zärtlichkeit iſt zu wach⸗ ſam in ihrer Sorgfalt, als daß wir nicht wahrge⸗ nommen hätten, Ihr heget ſeit einiger Zeit für ein⸗ ander ein Gefühl, das lebhafter als die geſchwiſter⸗ liche Zuneigung, und dies faſt ohne Euer Wiſſen.“ „Ah! gewiß,“ erwiederte Maurice naiv; „denn alsbald nach dem Einbringen des Heues, als ich lachend Jeane den Antrag machte, meinen Luzerne⸗ Thron mit mir zu theilen, hat dieſe Theilung des Thrones einen Heirathsgedanken in mir erweckt .. Da fühlte ich, daß ich Jeane nicht mehr wie meine Schweſter liebte.“ „Ich habe dieſe Veränderung vor Dir bemerkt,“ ſagte Jeane mit einer treuherzigen, rührenden An⸗ muth; „ſeit langer Zeit hatte ich Anfälle von Trau⸗ rigkeit ohne Urſache . . . Ich machte ſie mir zum Vorwurfe als einen Undank, weil ich hier, wo man mich mit Beweiſen von Güte überhäuft, nicht be⸗ rechtigt war, traurig zu ſein. Sodann wurde ich immer mehr verlegen, beklommen in Deiner Gegen⸗ wart, Maurice.“ „Wie, Jeane, Du liebteſt mich!“ rief ungeſtüm Maurice; „Du liebteſt mich, und Du ſagteſt mir nichts davon?“ „Ich wagte es nicht . . . Ich wußte nicht, ob Deine Eltern zu unſerer Heirath einwilligen würden.“ „Du kannſt nun in dieſer Hinſicht beruhigt ſein, liebe Jeane,“ ſprach Madame Dumirail, nicht min⸗ der gerührt, nicht minder glücklich als ihr Mann 116 durch die Aufrichtigkeit der Liebe der zwei jungen Leute. „Dein Oheim und ich, wir hatten ſchon im Ernſte an Eure Verbindung, meine Kinder, gedacht, überzeugt, ſie werde Euch alle wünſchenswerthe Chancen des Glückes bieten, und gerade vorhin haben wir uns lange über unſere Pläne mit unſerem treff⸗ lichen Freunde Herrn Delmare beſprochen.“ „Was denkt dieſer liebe Meiſter?“ fragte Mau⸗ rice. „Billigt er unſere Projecte?“ „Er billigt ſie in allen Punkten,“ antwortete Herr Dumirail. „Der einzige Gegenſtand unſerer Discuſſion war die Frage, ob man, in Betracht der außerordentlichen Jugend von Euch Beiden, die Zeit Eurer Verheirathung beſchleunigen oder verſchieben müſſe.“ „Sie verſchieben . . . mein Gott! warum dieſen Verzug?“ rief Maurice, ſeiner gewöhnlichen Hitze nachgebend. „Wir ſind ſehr jung! ei! deſto beſſer, wir werden uns länger lieben! Jeane! Jeane! ſage doch meinem Vater, dieſer verdammte Verzug...“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Sturmwind, beruhigen Sie ſich,“ unterbrach lächelnd Herr Dumirail ſeinen Sohn: „Die Frage iſt nicht negativ abgeſchnitten.. weit hievon entfernt; aber mittlerweile, bis ſie gelöſt iſt, könnt Ihr Euch als Verlobte betrachten, meine Kinder.“ Bei dieſen Worten ſchien der Ausdruck einer himmliſchen Freude in den Zügen der zwei jungen Leute zu ſtrahlen; ſanfte Thränen entfloſſen ihren Augen, und zu ſehr bewegt, um zu ſprechen, knieten ſie vor Herrn und Madame Dumirail nieder und 117 küßten ihnen die Hände im Erguſſe ihrer zärtlichen Dankbarkeit. „Theure, theure Kinder!“ ſprach Madame Du⸗ mirail, welche ihre Liebkoſungen erwiedernd ſich ebenſo wenig als ihr Mann der Thränen der Rührung er⸗ wehren konnte, „Gott wird Eure Verbindung ſegnen, wie er die unſere geſegnet hat. Wie wir, werdet Ihr ſtets dieſe friedliche Zurückgezogenheit lieben, wo Ihr das Glück finden müßt, — allerdings eine min⸗ der glänzende Eriſtenz als ſo viele andere, die Euch aber die Zufriedenheit der Seele, die Werthſchätzung Eurer ſelbſt geben wird; an dem Tage, wo Ihr uns die Augen ſchließt, werden wir Euch auch ohne Ban⸗ gigkeit verlaſſen: Gott wird Euch bis ans Ende be⸗ ſchützen.“ 2 Nach einigen Augenblicken der Rührung, verur⸗ ſacht durch die von Madame Dumirail an die jungen Brautleute gerichteten Worte, verwandelte ſich die Gemüthserſchütterung Aller in eine ſanfte Herzens⸗ ruhe. Herr Dumirail ſprach: „Ihr ſeht, meine Kinder, unſere Pläne ſtimmten mit Euren Wünſchen überein. Sagt uns nun, warum Ihr ſo große Eile bei Eurem Schritte heute Abend hattet? Warum habt Ihr nicht etwa bis morgen früh gewartet, um uns Euer Verlangen mitzutheilen?“ Maurice und Jeane ſchauten ſich an, ſchienen ſich zu befragen und zu einander zu ſagen: „In der That, warum haben wir nicht bis morgen gewartet?“ 118 Maurice ſammelte ſich aber und erwiederte mit dem Ausdrucke einer augenſcheir lichen Aufrichtigkeit: „Mein Vater, ich vermöchte Dir einen Umſtand nicht zu erklären, über den ich mir ſelbſt nicht genau Rechenſchaft gebe . .. doch ich ſage Dir, in Folge welcher Verkettung von Gedanken ich plötzlich dieſen Entſchluß gefaßt habe, nachdem ich ihn zuvor dem Urtheile von Jeane unterworfen hatte.“ „Wir hören Dich, mein Freund,“ erwiederte Herr Dumirail, „und glaube beſonders nicht, wenn wir dieſe Frage an Dich richten, geben Deine Mutter und ich einer einfachen Bewegung der Neugierde nach . . . unſere Abſicht iſt ernſter.“ „Hievon bin ich überzeugt, mein Vater .. . Ich will die Dinge ſo mittheilen, wie ſie ſich meinem Geiſte geboten haben . . . Wie ich Dir geſagt, fühlte ich plötzlich, — nach dem Einbringen des Heues, — ich liebe Jeane anders als wie eine Schweſter. An ihrer Seite nach Hauſe zurückkehrend, war ich zu⸗ gleich traurig und freudig; ich wagte es nicht, mit Jeane zu ſprechen, noch ſie anzuſchauen; ſie blieb ſchweigſam, nicht minder verlegen als ich. Allein in meinem Zimmer, weinte ich, ohne zu wiſſen, warum ich weinte, denn zuweilen ſprang mein Herz vor Jubel, weil ein gewiſſes Etwas mich überzeugte, Jeane liebe mich . . . ich weinte indeſſen; dieſe Thränen erleichterten mich. Es ergriff mich ſodann ein lebhafter Aerger, als ich an die Ankunft meiner Tante und meines Vetters dachte . . . eine Ankunft, über die ich mich am Morgen noch freute.“ „Woher kam dieſer Umſchlag, mein Freund?“ „Was weiß ich, mein Vater? ich hätte gern allein 1¹9 bleiben, mich abſondern, in meine Liebe für Jeane verſenken mögen . .. Die Anweſenheit meiner Tante und von Albert ſollte mich gezwungener Weiſe von meinen Gedanken abziehen: ich müßte mich mit un⸗ ſeren Gäſten beſchäftigen . ſie würden in unſerem, gewöhnlich ſo ruhigen, Hauſe eine ungewohnte Be⸗ wegung verurſachen . . . Dieſe Bewegung wäre mir um ſo unangenehmer, als ich bei der Stimmung meines Gemüthes ein unausſprechliches Bedürfniß nach Einſamkeit und Ruhe fühlte.“ „Ich theilte, ohne ſie zu kennen, alle Eindrücke von Maurice,“ fügte Jeane naiv bei. „Kurz vor der Ankunft meiner Tante San Privato begegnete ich Maurice im Hausflur; er ſagte mir mit ganz be⸗ trübter Miene: „„Dort kommen meine Tante und mein Vetter; man erblickt ihren Wagen unten am Steige; ſie werden ſogleich hier ſein . 3 4 „„Wie ärgerlich!““ antwortete ich Maurice faſt unwillkürlich, denn das war unfreundlich gegen un⸗ ſere Verwandten. „ „Wahrhaftig,““ verſetzte Mau⸗ rice, „„dieſer Beſuch ärgert Dich auch? Warum ärgert er Dich? . Ich wagte es nicht, ihm zu antworten, mir ſcheine, wie ihm, wir werden weniger allein ſein.“ „Ich verſtehe ſehr wohl Euren gemeinſchaftlichen Wunſch, Euch in der Süßigkeit Eures Gefühls ab⸗ zuſondern,“ erwiederte Herr Dumirail. Und ſeiner Frau einen Blick des Verſtändniſſes zuwerfend, fügte er bei: „Und nach der Ankunft unſerer Verwandten hier, was waren Eure Eindrücke, abgeſehen von dem Aerger, den ihr Kommen Euch verurſachte?“ „Anfangs vergaß ich dieſen Aerger, indem ich 120 Albert mit großem Vergnügen die Hand drückte,“ antwortete Maurice; „ich hatte meinen Vetter ſeit vier Jahren nicht geſehen, und ich liebte ihn unge⸗ mein; ich erinnerte mich unſerer innigen Vertraulich⸗ keit von früher, obſchon er damals das Alter hatte, das ich jetzt habe, und ich gegen ihn nur ein Schüler war; ich vergaß alſo von Anfang den Verdruß und die Ungeduld, die mir ſeine Anweſenheit hier verurſachte . . . doch im Verlaufe des Mittags⸗ mahles . . . „Vollende.“ „Ich zögere, mein Vater .. weil ich einem ſchlimmen, ohne Zweifel aber unwillkürlichen In⸗ ſtincte nachgegeben habe.“ „Nun?“ „Es ergriffen mich alle Arten von widerſprechen⸗ den Gefühlen; nichts ſchien mir anziehender, als was uns Albert von ſeinen Reiſen erzählte, und dennoch...“ „Und dennoch?“ „Was ſoll ich Dir ſagen, mein Vater? Mein Herz war beklommen, erbitterte ſich; ich wurde un⸗ gerecht gegen Albert; ich beſchuldigte ihn, er erzähle ſeine Reiſen, ſpreche von ſeinen Beziehungen zu den Souverains einzig und allein, um ſich geltend zu machen bei . . .“ „Bei uns?“ Mein „Bei wem denn?“ „Wahrhaftig, Mutter, das iſt zu dumm, und nun ſchäme ich mich, daß . . .“ — „Aufß Maurice, ſage uns Deine Gedanken mit Deiner gewöhnlichen Offenherzigkeit.“ 121 „Nun wohl! ich beſchuldigte Albert, er wolle ſich in den Augen von Jeane Werth geben. Ich vermöchte Dir auch nicht zu ſagen,“ fügte Maurice halb lächelnd, halb bewegt bei, „nein, ich vermöchte Dir nicht zu ſagen, wie ſehr Du mich glücklich gemacht haſt, Jeane, als ich Dich beim Intereſſanteſten der Erzählungen von Albert Deine Hand an Deine Lippen halten ſah, um ein Gähnen zu verbergen; dieſes Gähnen, ſiehſt Du, hat mich um eine ungeheure Laſt er⸗ leichtert.“ „Ich geſtehe, es iſt unhöflich, den Leuten ins Geſicht zu gähnen,“ ſprach Jeane, halb lächelnd, „doch ich habe nicht den Muth, meine Unhöflichkeit zu bedauern, Maurice, wenn ich an das Vergnügen denke, das Dir dieſes glückliche Gähnen bereitet hat; ein nervöſes Gähnen, ohne Zweifel, denn wie Du fand ich unſern Vetter ſehr intereſſant anzuhören; doch ich ſtand noch unter der Gewalt des Eindrucks, den er mir beim erſten Anblicke verurſacht hatte.“ „Welchen Eindruck?“ fragte Herr Dumirail. „War er günſtig oder ungünſtig?“ „Er ſchien mir geckenhaft, hoffärtig, ſelbſtzufrie⸗ den; es wurde mir unbehaglich unter ſeinem Blicke; ich fühlte mich auch während des Mahles verdrieß⸗ lich, ungeduldig. Mir dünkte, augenſcheinlich ſehr mit Unrecht, Herr San Privato ſuche ſich auf Ko⸗ ſten von Maurice geltend zu machen, nicht in meinen Augen, ſondern in den Ihren, mein Oheim, meine Tante. Was ſoll ich ſagen! denn wie Maurice ſchäme ich mich dieſer Geſtändniſſe. Ich ging ſo weit, daß ich unſerem Vetter ſeine Eleganz, die Decora⸗ tionen, mit denen er ſich ſchmückt, vorwarf, als hätte 122 er boshafter Weiſe die Einfachheit des Anzugs von Maurice hervorheben wollen. Ahlich verſichere Ihnen, liebe Tante, es war für mich eine große Erleichte⸗ rung, als Sie von Tiſche aufſtanden, um in den Salon zurückzukehren. Ein paar Minuten ſpäter hätte ich der Luſt, zu weinen, die mich erfaßte, nicht mehr widerſtehen können.“ „Und mir war er geradezu verhaßt!“ rief Mau⸗ rice erröthend von einem rückwärts ſchauenden Zorne; „und ich, ich fühlte mich dergeſtalt gereizt gegen dieſen unglücklichen Albert, daß ich, als wir von Tiſche weggingen, mit großer Mühe an mich hielt, um nicht zu meinem Vetter zu ſagen: „„Deine Eitel⸗ keit kramt uns Deine Beziehungen zu Fürſten, Köni⸗ gen aus, um uns zu demüthigen; doch, trotz Deines Geſandtenweſens und Deines Decorationenkettchens, will ich lieber ein freier Bauer in unſeren Bergen ſein, als ein Faquin Deiner Art . . . und biſt Du nicht zufrieden, ſo ſchlage ich Dir vor, wir wollen.. .““ „Maurice Maurice!“ ſprach lebhaft und mit einem Tone liebreichen Vorwurfs Madame Dumirail, welche beinahe erſchrocken war über den drohenden Ausdruck in den Zügen ihres Sohnes, und dennoch, wie ihr Mann, innerlich entzückt über die dem ungeſtümen jun⸗ gen Manne entſchlüpften Worte. Sie zweifelten nicht mehr an dem Berufe ihres Sohnes, und dieſe Ueber⸗ zeugung in dieſem Augenblicke entzückte ſie; ihr Sohn, wie ſie es unbeſtimmt befürchtet hatten, war keines Weges geblendet, verführt durch die glänzende Laufbahn ſeines Vetters und bewahrte die Einfach⸗ heit ſeiner Reigungen. Maurice, der einem Gefühle rein rückwärts ſchau⸗ 123 enden Zornes nachgegeben hatte, ſprach lächelnd, in⸗ dem er ſich an ſeine Mutter wandte: „Beurtheile die Heftigkeit der ungerechten und albernen Aufregung, die mich ergriffen hatte, nach der Gemüthsbewegung, die mich noch beherrſcht! Was ſoll ich ſagen? wenn nicht, daß ich in dieſem Augenblicke nicht bei Sinnen war, denn es fehlte wenig, daß ich dem armen Albert den Vorſchlag gemacht hätte, uns auf Flinten zu duelliren. Das war Schwindel. Als ich den Tiſch verließ, ſummten auch meine Schläfe; ich erſtickte. Ich ging hinaus, um Luft zu ſchöpfen, und da ich ein wenig beruhigt in den Salon zurückkam und noch Jedermann hier zu finden glaubte, traf ich nur Jeane; ſie wollte ihr Arbeitskörbchen holen. Plötzlich rief ſie, als ſie mich erblickte: „„Mein Gott! Maurice, was haſt Du denn? Dein Geſicht iſt verſtört! Du biſt bleich wie ein Todter!““ Und lächelnd fügte Maurice bei: „Selt⸗ ſamer Weiſe glaubte ich ſehr roth zu ſein, weil ich meine Stirne glühend und in Schweiß gebadet fühlte. Ich ſchaute Jeane ſtillſchweigend an, die Thränen traten mir in die Augen; meine Lippen zitterten ſo ſtark, daß ich kaum ſprechen konnte. Endlich ſagte ich: „„Jeane, ich liebe Dich ſehr. Wenn Du mich eben ſo liebſt, willſt Du, daß wir meinen Vater und meine Mutter um Erlaubniß bitten, uns heirathen zu dürfen?““ „„Ah! von ganzem Herzen, Maurice, denn ich liebe ich auch ſehr!““ erwiederte ſie ſo⸗ gleich, indem ſie mir beide Hände reichte, während große Thränen über ihre Wangen rollten. „„Da Du mich liebſt,““ ſagte ich zu Jeane, „„ſo wollen wir ſogleich meinen Vater und meine Mutter bitten, 12⁴ ihre Einwilligung zu unſerer Heirath zu geben und die Hochzeit zu beſtimmen.““ „„Warum nicht war⸗ ten bis morgen? . . . Dein Vater und Deine Mut⸗ ter ſind eingeſchlafen,““ erwiederte Jeane. „„Sei unbeſorgt, wir werden ſie aufwecken; ſie werden uns entſchuldigen zu Gunſten des Motives, das uns zu ihnen führt; und dann, ſiehſt Du, Jeane,“ fügte ich bei, „„mein Herz iſt in dieſem Augenblicke grauſam beklommen, und mir ſcheint, es würde ſich plötzlich öffnen, ſagten mein Vater und meine Mut⸗ ter zu uns: „„Ihr liebt Euch, meine Kinder; wir willigen zu Eurer Heirath ein.““ „„Und mein Herz iſt auch ſchmerzlich beklommen,““ antwortete ich Matrice,“ ſprach Jeane, ſich an Herrn und Madame Dumirail wendend, welche immer mehr auf dieſe unſchuldigen Geſtändniſſe aufmerkſam wa⸗ ren. „„Mir ſcheint, Maurice, — und frage mich nicht nach der Urſache dieſes Eindruckes, er iſt für mich unerklärlich — mir ſcheint, in dieſem Augenblicke bedroht uns ein Unglück, und wir hätten nichts mehr zu befürchten, wären wir mit einander verbunden. Ich ſage nun auch wie Du, Maurice: „„Gehen wir eher heute Abend als morgen zu unſern Eltern .. .““ Darum ſind wir zu einer ſo vorgerückten Stunde des Abends zu Ihnen gekommen, mein guter Oheim, meine gute Tante. Dank ſei es Ihnen, hat ſich, wie Maurice vorherſah, unſer beklommenes Herz wieder ausgedehnt. Ah!“ rief Jeane in einem treuher⸗ zigen Entzücken, „nie werde ich vom Himmel eine größere Glückſeligkeit begehren, als die, welche ich in dieſem Augenblicke genieße.“ „Oh! meine gute Mutter,“ fügte Maurice bei, „zu 125 dieſer Stunde, wo meine Seele in Freude ſchwimmt, frage ich mich, wie ich mich heute Abend bitteren, ungerechten Gefühlen habe überlaſſen können! Von welchem Schwindel war ich alſo beſeſſen! Armer Albert! . .. Wäre er da, ſo würde ich, — nicht mehr ihm eine drohende Fauſt weiſend, ſondern ihm herzlich die Hand reichend, — zu ihm ſagen: „„Freund, Dir das Blendwerk der Hoffeſte; Dir die königlichen Gunſtbezeugungen, ein gerechter Lohn Deines Ver⸗ dienſtes, glänzender Diplomat! . . . Und mir, dem Bauern, das Blendwerk der Feſte der Natur, der Lohn der Liebe! Bruder, wir haben einander um nichts zu beneiden. Freue Dich über mein Gluck, wie ich mich über das Deine freue.““ „Theure, würdige Kinder!“ ſprach Madame Du⸗ mirail ſtrahlend und völlig beruhigt durch die Worte ihres Sohnes, „mehr als je wünſchen wir uns für Euch und für uns Glück, daß wir Euren Wünſchen beigetreten ſind.“ „Und nun, mein Freund,“ ſagte Herr Dumirail, „nun erklären wir uns die Urſache Deines Ent⸗ ſchluſſes, uns heute Abend noch um die Hand von Jeane zu bitten . . . Du haſt inſtinctartig der Un⸗ geduld, den Bangigkeiten der Eiferſucht gehorcht, welche beinahe immer von der wahren Liebe unzer⸗ trennlich iſt, beſonders bei einem ſo ungeſtümen Her⸗ zen wie das Deine. Aber,“ fügte Herr Dumirail mit ernſtem und zugleich zärtlichem Tone bei, „denke an die gefährliche Exaltation der Eiferſucht! Nichts motivirte die Deine in Betreff Deines Vetters, Du mußt es nun ſelbſt anerkennen; und überdies ver⸗ ſichern wir Dir es, wir, Dein Vater und Deine Mutter, 126 die wir nicht durch die Leidenſchaft verblendet ſein können. Und dennoch warſt Du auf dem Punkte, Albert herauszufordern . . .“ „Das war albern, wahnſinnig, ich geſtehe es Dir abermals, mein Vater, und obſchon dieſer arme Vetter nichts von meinem Unrechte gegen ihn weiß, ſo werde ich doch morgen meine Herzlichkeit gegen ihn verdoppeln, um es, wenn nicht in ſeinen Augen, doch wenigſtens in den Eurigen und in den meini⸗ gen zu ſühnen.“ „Dieſes Gefühl gereicht Dir zum Lobe,“ erwie⸗ derte Madame Dumirail. „Ein letztes Wort, meine Kinder. Es iſt ſchicklich, daß Eure Tante von Eurer nahen Heirath unterrichtet werde, nicht durch Euch, ſondern durch meinen Mann und durch mich.“ „Du haſt vollkommen Recht, Julie,“ fügte Herr Dumirail bei. „Alſo, meine Kinder, bewahret Euer Geheimniß, bis ich Eure Tante mit unſern Plänen bekannt gemacht habe.“ „Mein Vater, ſollen wir unſer Geheimniß auch gegen unſern Freund und theuren Meiſter verſchwei⸗ gen?“ fragte Maurice. „Das würde uns vielleicht ſehr ſchwer werden,“ fügte Jeane lächelnd bei; „wir haben ſo viel Ver⸗ trauen zu Herrn Delmare! Sodann iſt er ſo ſcharf⸗ ſinnig! wie ſollen wir ihm unſere Freude verbergen?“ „Unſer Freund kannte unſere Pläne, ehe Ihr mit Eurer Bitte kamet, meine Kinder; Ihr könnt Euch ihm alſo eröffnen,“ antwortete Herr Dumirail. In dieſem Augenblicke ſchlug die Pendeluhr Mit⸗ ternacht. „Es iſt ſehr ſp ät,“ ſetzte er hinzu; „begib Dich 127 zur Ruhe, Maurice; Du weißt, wir müſſen morgen früh um halb vier Uhr auf den Beinen ſein, um unſere gewöhnliche Aufſichtsrunde auf dem Gute zu vollbringen, ehe wir in der Tréſerve⸗Sennhütte mit meiner Schweſter und ihrem Sohne frühſtücken. Alſo . . . gute Nacht . . . mein Freund .. „Gute Nacht, mein Vater . . . gute Nacht, Mut⸗ ter . . . gute Nacht, theure Jeane . . . ich will zu Bette gehen, werde aber ſicherlich nicht ſchlafen; und Du wirſt Du ſchlafen? ... „Ich glaube nicht . . Indeſſen will ich es ver⸗ ſuchen, um bei meinem Erwachen mein Glück ganz friſch, ganz ausgeruht zu finden,“ antwortete Jeane lächelnd; dann reichte ſie ihre Stirne Madame Du⸗ mirail, die ſie zärtlich küßte. Das Mädchen ging durch eine in ihr Zimmer, das an die Wohnung ihrer Tante anſtieß, führende Thüre hinaus, indeß Maurice in den zweiten Stock zurückkehrte, wo er wohnte. XII. Madame San Privato hatte mit ihrem Sohne im erſten Stocke die Ehrenwohnung des Morillon inne, eine Wohnung beſtehend aus zwei Schlafzim⸗ mern mit ihren Zubehören, welche durch einen Salon getrennt waren, vor dem eine erſte Pièce kam, deren Thüre auf die Treppe ging. An demſelben Abend, wo die vorhergehenden Geſpräche zwiſchen Herrn und Madame Dumirail und zwiſchen Maurice und Jeane ſtattfanden, ſ 128 ihr Vetter San Privato, der ſich in ſein Zimmer zurückgezogen hatte und in einem Lehnſtuhle ſaß, zu Germain, ſeinem Kammerdiener, welcher vor ihm ſtand: „Sie haben alſo nach dem Diner die Leute des Hauſes über Herrn Delmare ſchwatzen gemacht?“ „Ich habe, ſo gut ich nur immer konnte, die Befehle, die Sie mir, von Tiſche aufſtehend, gege⸗ ben, vollzogen.“ „Wie lange iſt es, daß ſich Herr Delmare in der Gegend niedergelaſſen hat?“ „Ungefähr drei Jahre; etwa um die Zeit des Todes der Mutter von Mademviſelle Jeane, hat mir die Köchin geſagt.“ „Und als er ſeine Wohnung in der Nähe des Morillon nahm, kannte Herr Delmare meinen Oheim und meine Tante?“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich; denn nach der Ausſage der Dienſtboten galt dieſer Herr in der Gegend für einen Bären; er ging zu Niemand und empfing Niemand. Erſt nach Verlauf von ſechs Monaten fing er an Unterricht im Malen Herrn Maurice und Mademviſelle Jeane zu geben.“ „Ah! er beſchäftigt ſich mit Malerei!. . .“ ſagte Albert ziemlich erſtaunt; dann fügte er bei: „Herr Delmare iſt alſo das, was man den Hausſreund nennt?“ „Ja, mein Herr; er gibt jeden Tag ſeine Lectio⸗ nen im Malen Mademoiſelle Jeane und Herrn Mau⸗ rice, und er ſpeiſt wenigſtens zwei bis dreimal in der Woche hier zu Mittag.“ „Haben Sie die Leute meines Oheims, als ſie —— 129 von Herrn Delmare ſprachen, mit keinem beſondern Umſtande in Beziehung auf ihn bekannt gemacht?“ „Nein, mein Herr; ſie haben mir nur geſagt, Jedermann im Hauſe, von den Dienſtboten bis zur Herrſchaft, liebe Herrn Delmare ungemein.“ „Man hat bei dieſem Anlaſſe keine Aeußerung über ihn gethan, und . . . auch nicht über meine Tante, zum Beiſpiel?“ Oh! nicht die geringſte, mein Herr,“ antwortete Germain mit einem discreten Lächeln; „im Gegen⸗ theile „Was bedeutet das: im Gegentheile?“ „Damit will ich dem Herrn zu verſtehen geben, glaube man Herrn Delmare in Jemand verliebt, ſo wäre es nicht Madame Dumirail . . .“ „Erklären Sie ſich.“ „Ich ſpreche immer nach den Ausſagen der Kö⸗ chin, welche, von allen Dienſtboten hier, die älteſte, die ſchwatzhafteſte und diejenige iſt, die am Leichteſten geht, wenn man ſie ein wenig drängt.“ „Nun! was ſagte ſie?“ „Sie ſagte, Herr Delmare liebe ganz außeror⸗ dentlich Herrn Maurice und Mademviſelle Jeane, dieſer gebe er aber in allen Dingen den Vorzug, und obſchon er dieſen Vorzug zu verbergen ſich bemühe, ſei er doch ſehr ſichtbar.“ „Ah!“ ſprach San Privato nach einem Augen⸗ blicke der Ueberlegung: „fahren Sie fort .. Herr Delmare hätte alſo für Mademoiſelle Jeane eine auffallende Bevorzugung, obſchon er ſie zu verbergen ſich anſtrengt?“ „Ja, mein Herr; und eine von den zwei Mägden, Sue, die Familienſöhne. I. 9 130 welche gewöhnlich bei Tiſche ſerviren, ſetzte ſogar hinzu, wenn ſie hinter den Stühlen ihrer Herrſchaft, ihre Befehle erwartend, ſtehe, habe ſie, um die Zeit zu vertreiben, nichts Beſſeres zu thun, als den Einen und den Anderen anzuſchauen, und ſie habe vft be⸗ merkt, daß Herr Delmare, wenn er ſich von Niemand beobachtet glaube, ſeinen Blick nicht von Mademoi⸗ ſelle Jeane abwende; und die Magd fügte bei, vor nicht langer Zeit habe ſie eine Thräne in den Augen von Herrn Delmare rollen ſehen, während er ver⸗ ſtohlen Mademoiſelle Jeane betrachtet habe.“ „Man glaubt alſo hier,“ fragte San Privato, nachdem er ſeinen Kammerdiener aufmerkſam ange⸗ hört hatte, „man glaubt hier, Herr Delmare ſei in Jeane verliebt?“ „Verliebt wäre vielleicht zu viel geſagt, mein Herr; die Dienſtboten haben nur ſeine ſehr auffal⸗ lende Bevorzugung von Mademoiſelle Jeane bemerkt. Allerdings findet die Köchin, Herr Delmare ſei noch ein ſehr ſchöner Mann, und ſie würde nichts Er⸗ ſtaunliches darin ſehen, wenn er verliebt wäre; doch eine von den Mägden und der Kutſcher ſprachen die Meinung aus, bei ſeinem Alter vermöchte Herr Del⸗ mare eine junge Perſon nicht mehr mit der wahren Liebe zu lieben, und liebe er ſie, ſo ſei es, wie man eine Tochter liebt.“ „Welche Idee!“ ſagte San Privato ſchauernd 6 und mit ſich ſelbſt ſprechend. Alsdann ſammelte er ſich wieder, während Ger⸗ main, von ſeinem Herrn unterbrochen, ein ehrerbie⸗ tiges Stillſchweigen beobachtete, und nach einigen Augenblicken des Nachdenkens fragte Albert: W———— 131 „Um die Data genau zu beſtimmen . . . nach der Auskunft, die Sie erhalten, hat ſich Herr Del⸗ mare, wie Sie mir ſagten, vor drei Jahren in die⸗ ſer Gegend niedergelaſſen?“ „Ja, mein Herr?“ „Er gibt hier Unterricht im Malen?“ „Ja, mein Herr.“ „Und als er ſeine Wohnung in dieſer Gegend nahm, war er Herrn und Madame Dumirail völlig unbekannt?“ „Ja, mein Herr, da er erſt nach Verlauf von ſechs Monaten Mademoiſelle Jeane Lettionen zu geben angefangen hat.“ Die Unterredung von Albert und Piener wurde durch den Eintritt von Madame San Privato unterbrochen; dieſe wandte ſich an ihren Sohn und ſagte: „Du biſt noch nicht zu Bette gegangen? deſto beſſer, ich habe mit Dir zu reden.“ Germain zog ſich discret zurück; da ſprach ſein Herr zu ihm: „Sie werden mich morgen früh um ſechs Uhr wecken.“ Der Diener verbeugte ſich, und Albert blieb allein mit ſeiner Mutter. XII. Als Madame San Privato und ihr Sohn nach dem Abgange des Dieners allein waren, ſchienen ſie, wohl wiſſend, daß es unnütz, wenn ſie vor ein⸗ 132 ander eine Stellung beobachteten, eine Maske abzulegen und ihre natürliche Phyſiognomie wieder anzunehmen; übrigens bot die von Albert, da er ſich vertraulich mit einem erprobten Diener unter⸗ hielt, auf deſſen Verſchwiegenheit er ſich verlaſſen konnte, ſchon nicht mehr den verführeriſchen Anſchein, mit dem ſie geſchmückt war, als er eine Stunde vorher ſeine Reiſen den Bewohnern des Morillon mit einem ſo glänzenden Succeſſe erzählte: der Ausdruck ſeiner Züge war trocken, hinterliſtig und trotzig geworden: doch mit ſeiner Mutter unter vier Augen, verſchwand der ſcheinbare Reiz ſeines Geſichtes unter einem Aus⸗ drucke von höhniſcher Härte, von kalter Bosheit, und ſein, kaum zuvor noch bezauberndes, Geſicht nahm einen faſt furchtbaren Charakter an. Nicht minder verwandelt als ihr Sohn, war Madame San Privato nicht mehr dieſe Frau in der zweiten Hälfte des Lebens, noch einnehmend durch die Anwendung der kosmetiſchen Mittel, dieſe Frau, der es durch einſchmeichelnde Coquetterien, durch ge⸗ winnende Artigkeiten gelang, ihre Falſchheit, ihre Treuloſigkeit zu verbergen, dieſe Frau, welche in den Augen ihres getäuſchten Bruders als eine ſehr un⸗ bedachtſame, in ihren Ausgaben ſehr ungeordnete Perſon erſchien, die ihrem Ruine mit einer beklagens⸗ werthen Verblendung entgegenlief, im Grunde aber gut war, und die man, während man ſie tadelte, zu lieben ſich nicht erwehren konnte. So war nicht mehr Madame San Privato beim Eintritte ins Zimmer ihres Sohnes: der ſüßliche Anſchein ihres Geſichtes war zugleich mit der Schminke ihrer Wangen verſchwunden: der hohe Wellenſcheitel 133 ihrer gefärbten Haare verbarg nicht mehr die Run⸗ zeln ihrer Stirne: man las in ihren bleichen Zügen den gehäſſigen Neid, den ihr diejenigen einflößten, von welchen ihr ein ſo herzlicher Empfang zu Theil geworden war, und die keine Ahnung von der Ver⸗ ruchtheit dieſer frivolen Frau hatten. Ein paar Worte werden ſie vollends ſchildern. Sehr jung verheirathet an San Privato, Ge⸗ neralconſul von Neapel, einen Mann von Geiſt und des Vergnügens, einen Spieler, Feinſchmecker, Liber⸗ tin, der im Ueberfluſſe und ohne ſich um ſeine Aus⸗ gaben zu bekümmern lebte, wetteiferte Madame San Privato, gut ausgeſteuert, ſehr hübſch, von Eitelkeit zuſammengeſetzt, fähig zu den tollſten Toiletteaus⸗ ſchweifungen, weit entfernt, Ordnung und vernünf⸗ tige Sparſamkeit in das Haus ihres Mannes zu bringen, ſie wetteiferte mit ihm, ſagen wir, an Verſchwendung. Als aber nach Verlauf von ein paar Jahren die Geburt von Albert hinzukam, hätte ſie darauf bedacht ſein müſſen, dieſem Kinde die Zu⸗ kunſt zu ſichern; da ſie ſich jedoch damals gewiß glaubte, ſie werde ihren Bruder Louis Dumirail be⸗ erben, der, wie er ſagte, entſchloſſen war, unverheira⸗ thet zu bleiben und ſein Vermögen ſeinem Reffen zu hinterlaſſen, ſo legte Madame San Privato, welche, Dank ſei es dieſer Hoffnung, keine Beſorgniß über das Loos ihres Sohnes zu haben brauchte, ihren Ausſchweifungen keinen Zaum an. Dieſe materielle Unordnung war begleitet von einer tiefen moraliſchen Unordnung, von der ihr, man muß es ſagen, Herr San Privato das Beiſpiel gab; er nahm ganz offen als Maitreſſe ein Mädchen 134 von der Oper an; Madame San Privato wurde ihrerſeits mehr als galant, und unter anderen Ver⸗ bindungen ſchloß ſie eine ziemlich dauerhafte mit einem gewiſſen Grafen von Bellerive, einem deutſchen Diplomaten von franzöſiſcher Abſtammung, denn ſein Vater war bei der erſten Revolution nach Stuttgart emigrirt. Dieſer Herr von Bellerive, Chargé daffaires in Paris zu gleicher Zeit, wo Herr San Privato als Generalconſul daſelbſt reſidirte, war der Vater von Albert und übte einen tiefen Einfluß auf die Er⸗ ziehung dieſes jungen Mannes. Die zahlreichen Ga⸗ lanterien von Madame San Privato blieben ihrem Bruder immer unbekannt. Mitten im Jura⸗Gebirge lebend, ohne eine Verbindung mit Paris, wußte er durchaus nichts von der ſchlimmen Aufführung ſei⸗ ner Schweſter. Sie brachte Anfangs jedes Jahr zwei Monate mit ihrem Sohne bei ihrem Bruder zu, um deſſen Zuneigung für ſeinen Neffen, den er damals als ſeinen Erben betrachtete, mehr zu befeſtigen. Doch die ſpäte Heirath ihres Bruders und die Ge⸗ burt von Maurice zerſtörten die Hoffnungen von Madame San Privato. Dieſe Frau ohne Gemüth, ohne Sitten, ohne Urtheil, ohne Geiſt, liebte indeſſen ihren Sohn ſo, wie ſie lieben konnte. Niedergeſchmettert, ſodann empört, als ſie ihn einer bedeutenden Erbſchaft be⸗ raubt ſah, die ſie als die zukünftige Ausgleichung ihrer gegenwärtigen Verſchwendungen betrachtete, hegte ſie einen unheilbaren Haß gegen ihre Schwä⸗ gerin und gegen Maurice, den Madame San Pri⸗ vato in den Ausbrüchen ihrer getäuſchten Habgier 135 bezüchtigte, er ſei der Räuber von Albert, wie ſie Herrn Dumirail vorwarf, er ſei ein dergeſtalt entar⸗ teter Bruder, daß er die Zukunft ſeines Neffen einer abſcheulich lächerlichen Heirath opfere. Sie ſchickte ſich dem zu Folge an, ab irato einen Brief an Herrn Dumirail zu ſchreiben, als Herr von Bellerive, der, nachdem er ihr Liebhaber geweſen, ihr Freund geblieben war und für Albert eine väterliche Theil⸗ nahme hegte, dieſer boshaften, hirnloſen Frau rieth, einen unmächtigen Zorn zu zügeln und gutwillig die Dinge hinzunehmen, denen ſie ſich nicht widerſetzen könnte: er dictirte ihr eine reizende Epiſtel an Herrn und Madame Dumirail, und überredete Madame San Privato, ſie müſſe die Liebe ihres Bruders auf das Aengſtlichſte ſchonen. Er gebe nicht das Drittel von ſeinen Einkünften aus, und ſie könne ſich, im vollen Vertrauen, es werde gelingen, eintretenden Falles um Geldanlehen an ihn wenden, eine Reſſource, die man nie verachten dürfe, da ihre pecuniäre Lage eines Tags ſehr beengt ſein könne. „Uebrigens,“ fügte Herr von Bellerive bei, „übrigens verhindere Madame San Privato nichts, einen ſehr legitimen Groll gegen ihre Schwägerin und deren Sohn zu bewahren und zu nähren; dieſe Erbitterung zu be⸗ friedigen, ſollte ſich die Gelegenheit bieten; in Er⸗ wartung dieſer Gelegenheit jedoch müſſe ſie Herrn Dumirail einzig und allein aus dem Geſichtspunkte der Summen betrachten, die man im Nothfalle von ihm zu ziehen hoffe.“ Dieſe Rathſchläge wurden befolgt; Herr und Madame Dumirail bekamen nie eine Ahnung von dem gehäſſigen Reide, der in Beziehung auf ſie Ma⸗ 136 dame San Privato erfüllte, und da die Unordnung in ihren Angelegenheiten von Tag zu Tag zunahm, ſo erhielt ſie von der liebreichen Großmuth ihres Bruders mehrere Darlehen oder vielmehr mehrere bedeutende Geſchenke. Und Herr von Bellerive pflegte zu ſeiner ehemaligen Geliebten zu ſagen: „Nun, meine Theure, hatte ich Unrecht, als ich Ihnen den offenen Bruch mit Ihrem Bruder abrieth? Hätte das nicht die Henne mit den goldenen Eiern tödten heißen? Fühlen Sie ſich gegen ihn ver⸗ pflichtet durch das Geld, das er Ihnen geliehen hat? Behalten Sie nicht Ihre Freiheit des Handelns und der Abneigung gegen Ihre Schwägerin in Erwartung eines Augenblicks, wo Sie ihr einen blutigen Streich ſpielen können?“ Nach dieſen redlichen Rathſchlägen kann man Herrn von Bellerive beurtheilen. Er gehörte zu jener alten Schule von diplomatiſchen Roués, vor⸗ geblichen Zöglingen von Herrn von Talleyrand, und war der moraliſche Erzieher von Albert San Privato; dieſe Erziehung trug die Früchte, die ſie tragen ſollte. Nachdem dies zum Verſtändniſſe deſſen, was nun folgen ſoll, geſagt iſt, ſetzen wir unſere Erzäh⸗ lung fort. „ XIV. Madame San Privato, welche allein bei ihrem Sohne geblieben war, fragte ihn mit ängſtlicher Reugierde: 137 „Nun! . . was denkſt Du von unſerem Abend?“ „Meine Anſichten waren gut; man hätte ſie be⸗ folgen ſollen; . . . Sie ſchlugen einen falſchen Weg ein, und Sie werden Ihr Ziel verfehlen,“ antwor⸗ tete Albert mit einſchneidendem, kurzem Tone. „Du irrſt Dich.“ „Sie werden Ihr Ziel verfehlen. Wir hätten beſcheiden mit der Diligence hierherkommen, uns in Einklang mit den Gewohnheiten meiner Tante Du⸗ mirail ſetzen, und uns beſonders auf das Niveau unſerer gegenwärtigen Lage ſtellen ſollen . . . Sie haben die entgegengeſetzte Partie ergriffen, und das war ein Fehler.“ „Beſſer als Du kenne ich meinen Bruder und meine Schwägerin. Um zu erlangen, was ich wünſche, war es nothwendig, ihnen zugleich zu gefallen und zu imponiren, ſie ſtolz auf uns, auf Dich beſonders zu machen. Darum bin ich dabei beharrt, Deinen Werth hervorzuſtellen, und ſo kindiſch das ſcheint, die Decorationen, deſſen bin ich ſicher, haben ihre Wirkung hervorgebracht.“ „Weit entfernt, die Sympathie der Dumirail zu gewinnen, haben Sie ihren Neid erregt.“ „Ah bah! dieſe Leute ſind zu einfältig glücklich, um eiferſüchtig zu ſein, und meine Schwägerin, die ich auf den Tod haſſe, iſt nicht . . .“ „Meine Mutter, verzichten Sie, in Ihrem eige⸗ nem Intereſſe, auf dieſe Ausſchweifungen der Sprache. Wozu ſoll es dienen, zu ſagen, man haſſe die Leute?“ „Um ſeinen Haß zu erleichtern . . . Du zuckſt die Achſeln?. . Höre, Deine Kaltblütigkeit macht mich raſend! Hat mir meine unwürdige Schwägerin 138 nicht die Liebe meines Bruders geſtohlen, der vor ſeiner verdammten Heirath nur durch mich dachte, ſah, der entſchloſſen war, unverheirathet zu bleiben, Dir ſeine Güter, ſein Vermögen zu vermachen, das zu dieſer Stunde gewiß ſechzigtauſend Livres Rente beträgt, denn mein Bruder erſpart zwei Drittel von ſeinen Einkünften. Was iſt geſchehen? Da ich auf ſein Verſprechen vertraute und mir nicht vorſtellte, er werde über vierzig Jahre alt noch heirathen, da ich ſo auf ſeine Erbſchaft zählend über Deine Zukunft beruhigt war, ſo verminderte ich meine . . . ich ge⸗ ſtehe es, tollen, übertriebenen .. Ausgaben nicht; doch ich ſagte mir: „„Was liegt daran, mein Sohn wird eines Tages reich ſein.“ Und ich ſollte nicht wüthend bei dem Gedanken werden, daß dieſer große Tölpel Maurice ohne Zweifel einſt von ſeinem Vater oder von ſeiner Mutter über achtzigtauſend Livres Einkünfte erbt . . . während Du . . .“ „Meine Mutter, ſchon oft habe ich Sie gebeten, und ich bitte Sie abermals: bekümmern Sie ſich nichts um mein Vermögen, ſondern um das Ihrige, wenn man dieſen Namen den Trümmern Ihres frü⸗ heren Reichthums geben darf. Ihre Gläubiger wer⸗ den zudringlich, quälen Sie; Sie ſind nun genöthigt, ſich wieder an die Börſe meines Oheims zu wen⸗ den Sie gedenken fünfzigtauſend Franken von ihm zu entlehnen . . . wahrſcheinlich wird er ſie Ihnen verweigern, denn er wird es ſehr ſeltſam fin⸗ den, daß Sie mit Ertrapoſt in Begleitung von zwei Domeſtiquen kommen, um ihm Ihre Hülfloſigkeit auseinanderzuſetzen.“ „Und ich, ich wiederhole Dir, wäre ich gleichſam 139 wie eine Bettlerin gekommen, ſo hätte ich keine Chance, von meinem Bruder das zu erlangen, was ich, deſſen bin ich ſicher, von ihm erlangen werde, indem ich ihm durch einen gewiſſen Prunk imponire.“ „Mein Oheim, als ein Mann von geſundem Verſtande, wird Ihnen antworten, wenn man in die Nothwendigkeit verſetzt ſei, fünfzigtauſend Franken zu entlehnen, ſo ſchränke man ſeine Ausgaben ein, ſtatt ſie zu übertreiben.“ „Alſo,“ ſagte Madame San Privato in heftigem Aerger, „Sie würden ſich alſo auf die Seite meines Bruders gegen mich ſtellen?“ „Was Sie da ſagen, meine Mutter, iſt vollkom⸗ men unvernünftig.“ „Oh! gewiß, Sie ſind ein Wunder von Vernunft! immer unbeugſam und eiskalt. Unſer Freund, Herr von Bellerive, hat einen ſeiner würdigen Zögling aus Ihnen gemacht!“ „Unſer Freund, Herr von Bellerive, iſt ein po⸗ ſitiver, logiſcher und beſonders praktiſcher Geiſt; er hat mich von meiner frühſten Jugend an gelehrt, gerade auf den Grund, auf das Wahre der Dinge loszugehen, mich nicht bei den trügeriſchen Anſchei⸗ nen aufzuhalten, die ihnen unſere Intereſſen, unſere Leidenſchaften geben . . .“ „Die Leidenſchaften,“ erwiederte Madame San Privato, ärgerlich über das Phlegma ihres Sohnes, „oh! gewiß, die Leidenſchaften ſind es nicht, die Sie zu Grunde richten werden!“ „Das iſt meine feſte Hoffnung, obſchon ich wie ein Anderer, mehr als ein Anderer, ſehr zähe, ſehr heiße und ſehr ſchlimme Leidenſchaften habe; doch, 140 Dank ſei es unſerem Freunde, ich habe den Willen und die Macht, jede Leidenſchaft, die ſich nicht ohne Gefahr befriedigen läßt, zu erſticken; ich beute die⸗ jenigen aus, welche ſpäter in voller Sicherheit zu befriedigen ich die Gewißheit habe; das wird ſo⸗ dann ein Kapital, welches ſich jeden Tag durch zu⸗ ſammengeſetzte Intereſſen vermehrt, wie die Finanz⸗ leute ſagen. Nie haſſe ich leichtſinnig .. . und ohne geſicherten Nutzen . . . ich weiß zu warten. „„Denn der Haß,““ ſagt weiſe Herr von Bellerive, „„iſt von allen Gefühlen dasjenige, welches uns am meiſten unwiederbringliche Fehler begehen läßt, gibt man der Hitze der erſten Aufwallungen nach; der Haß, mit einem Worte, iſt eine von den gewürzten Spei⸗ ſen, welche an einem Höllenfeuer bereitet werden, die man aber kalt eſſen muß.““ „Warten . . . warten! . . . und wenn Du in Deiner Erwartung getäuſcht wirſt?“ „Dann bleibt mir wenigſtens das Bewußtſein, ſo geſchickt und ſo klug gehandelt zu haben, daß der Gegenſtand meines Haſſes, nichts von dieſem wiſſend, nicht über meine Unmacht, ihm zu ſchaden, trium⸗ phiren wird . . . Ich erſpare mir ſo eine bittere Lächerlichkeit; und nicht aus Schwäche, ſondern aus Schärfe des Geiſtes, habe ich ein Entſetzen vor der Lächerlichkeit . . . weil in der Geſellſchaft, in der ich lebe, die Lächerlichkeit tödtet . . . Ich will dieſen Tod ſterben .. . ich will lange, ſehr lange treu jener alten Lehre der Menſchenkenntniß leben: „„Zähle nur auf Dich . . . handle nur für Dich . . . fürchte beſonders nur Dich. und Du wirſt von den An⸗ dern nichts zu fürchten haben. 141 Es beſtand ein ſolcher Contraſt zwiſchen dem jugendlichen Geſichte von Albert und ſeinen Worten, die das Gepräge einer verabſcheuenswerthen Philo⸗ ſophie an ſich trugen (iſt es erlaubt, dieſes Wort ſo zu proſtituiren), daß Madame San Privato, welche ihren Sohn doch wohl kannte und ſelbſt eine Frau von großer Verdorbenheit war, ſchauerte und unwill⸗ kürlich ſagte: „Mit kaum vierundzwanzig Jahren ſo raiſon⸗ niren! . . . Höre, Albert . . . manchmal machſt Du mir Angſt; ich bin Herrn von Bellerive böſe, daß er Dich in ſolchen Grundſätzen erzogen hat!“ „Was haben Sie mir vorzuwerfen, meine Mut⸗ ter?“ fragte Albert immer unempfindlich, „bin ich ein ſchlechter Sohn?“ „Nein. doch es mangelt Dir an Zärtlichkeit, an Erguß.“ „Erguß, Zärtlichkeit! . . .“ erwiederte Albert mit einer eiskalten Jronie; „wozu dieſe Affectationen von Empfindſamkeit bei jedem Anlaſſe, wenn die Zunei⸗ gung aufrichtig iſt? Iſt ſie geheuchelt, ei! wozu ſoll es dann nützen, ſie unabläſſig auszurufen, um ihr Glauben zu verſchaffen? In Ermanglung von Erguß haben Ihnen meine Handlungen meine kind⸗ liche Liebe bewieſen: ich konnte bei meiner Volljährig⸗ keit die Trümmer der Erbſchaft meines Vaters von Ihnen in Anſpruch nehmen, ich habe es nicht gethan und ich habe in Ihrem Intereſſe Unrecht gehabt; das wären ſechzigtauſend Franken vor Ihren Ver⸗ ſchwendungen geſchützt geweſen; dieſe Hülfsquelle wäre Ihnen heute nützlich. Doch ich war damals ſchwach, ich befürchtete, Sie zu betrüben, und überließ Ihnen 142 alſo das Wenige, was mir von meinem väterlichen Erbe blieb; mein Gehalt eines bezahlten Attaché bei der neapolitaniſchen Geſandtſchaft in Rußland genügte mir, und ſeitdem habe ich mir fortwährend ſelbſt ge⸗ nügt. Ich bin in jedem Punkte, Sie wiſſen das, meine Mutter, das, was man gewöhnlich „„einen arrangirten, in allen ſeinen kleinen Angelegenheiten ſehr ſorgfältigen jungen Mann““ nennt; ſo elegant als irgend Jemand, und weniger als irgend Jemand ausgebend. Ich weiß zu erſinnen, zu erhalten, und nicht zu verſchleudern. Ich treibe eben ſo weit als mein Entſetzen vor der Lächerlichkeit meinen heiligen Haß gegen die Schulden . . ſie halten Sie in einer niederträchtigen Abhängigkeit, und immer kommt die Stunde, wo die Hoffärtigſten ihre Stirne kläglich vor ihren Gläubigern beugen; überdies verſchuldet man ſich ſelten für ſich ſelbſt. So ſind Sie in einen Abgrund unentwirrbarer pecuniärer Schwierigkeiten gerathen; Sie haben beharrlich in einem übel ver⸗ ſtandenen Stolze Diners, Soirées Leuten gegeben, die Ihnen nicht ein Glas Waſſer bieten würden und über Sie ſpotten werden, wenn Sie, wie ich dies vorherſehe, völlig zu Grunde gerichtet ſind. .. Dann werde ich Ihnen abermals meine kindliche Zuneigung beweiſen, nicht durch Zärtlichkeitsergüſſe, welche nicht in meiner Gewohnheit liegen, ſondern durch That⸗ ſachen, indem ich Sie vor der Noth ſchütze, gemäß der Pflicht eines guten Sohnes und eines Mannes, der ſich ſelbſt achtet.“ „Mein Gott!“ rief Madame San Privato, die ſich nicht an das Phlegma ihres Sohnes gewöhnen konnte, „Deine Worte müßten mich erfreuen, wäh⸗ 143 rend ſie mein Herz in Eis verwandeln! ... Höre, Albert, ich würde Dich hundertmal lieber als Ver⸗ ſchwender, als Spieler, den Hinreißungen der Jugend nachgebend, mich ſchmälen, ſogar anfahren ſehen, als Dich ſo kalt, ſo Herr Deiner ſelbſt zu ſehen.“ „Ich verſtehe,“ erwiederte Albert mit einem höh⸗ niſchen Lächeln: „Sie bedauern, daß ich nicht einen ſchlimmen Kopf und ein gutes Herz habe, wie ein Unterlieutenant der komiſchen Oper.“ „Immer dieſes unbarmherzig kalte Geſpötte!“ „Soll ich Ihr ſeltſames Bedauern im Ernſte nehmen? Wiſſen Sie, daß ich, hätte ich mein Ver⸗ mögen und das Ihrige im Müßiggange verſchwen⸗ det, und wäre fortan ohne Laufbahn, ohne Zukunſft, vielleicht ein Betrüger, ein Dieb, und etwas noch Schlimmeres geworden!“ „Albert!. oh! Albert!“ „Ich ſage Dieb oder etwas noch Schlimmeres,“ fuhr unſtörbar San Privato fort, indem er auf ſeine Mutter einen Blick warf, deſſen Tiefe dieſe erſchreckte. „Glauben Sie denn, ich ſei ſchnurſtracks der rangirte, geordnete junge Mann geworden, der ich bin, dieſer ſich ſelbſt relative Entbehrungen auferlegende Mann? Ah! Sie wiſſen nicht, welche Kämpfe ich noch manch⸗ mal gegen mich ſelbſt auszuſtehen habe (Tugend oder Berechnung, gleich viel! . . .) um Hinreißungen zu zügeln, zu zähmen, die mich außer die Bahn werfen würden, welche ich mir vorgezeichnet habe! eine ſichere, unmittelbare Bahn, von der ich nicht abwei⸗ chen will, von der ich nicht abweichen werde, weil ſie mich an das Ziel meiner Wünſche führen wird, und dieſe ſind zahlreich: Vermögen, Ehrenſtellen, 144 Vergnügungen, Succeſſe, gekrönt durch die allge⸗ meine Hochachtung, dieſe Hochachtung, die ſo viel Piquantes, ſo viel Geſchmack dem Leben derjenigen gibt, welche alle Welt verachten . . . Doch es iſt ſpät . . . genug philoſophirt, meine Mutter . . .“ fügte San Privato bei, als er die Pendeluhr ſchla⸗ gen hörte. „Gehen wir zum Factiſchen über. Es bleibt Ihnen noch Ihr mit Hypotheken belaſteter Pachthof im Berri; Sie werden ausgepfändet, wenn Sie am Ende dieſes Monats nicht vierzigtauſend Franken bezahlen; iſt dieſes Gut im Aufſtreiche ver⸗ kauft, Ihr Darleiher befriedigt, ſo wird Ihnen höch⸗ ſtens ſo viel bleiben, daß Sie Ihre Schulden bezah⸗ len können; das wird alſo Ihr vollſtändiger Ruin ſein. Tritt dieſer Fall ein, ſo ſichere ich Ihnen eine Penſion von hundert Louis d'or auf die achttauſend Franken Gehalt zu, die ich beziehe, indem ich Ihnen zum Voraus erkläre (und Sie werden mir glauben), daß es mir unmöglich ſein wird, einen Sou von Ihren Schulden zu bezahlen, wenn Sie neue ein⸗ gehen. Nehmen wir nun an, mein Oheim Dumirail willige ein, Ihnen fünfzigtauſend Franken zu leihen; ein Theil von dieſer Summe wird in Anſpruch ge⸗ nommen werden zur Bezahlung Ihres Hypotheken⸗ gläubigers, um Ihren widerſpänſtigſten Lieferanten Abſchlagszahlungen zu geben, und vielleicht noch um ein Jahr dieſes Daſein des falſchen Luxus und der Beengung zu friſten, das mir unerträglich wäre und Ihnen ſo theuer iſt! Doch mein Oheim wird Ihnen keine fünfzigtauſend Franken leihen, ich habe Ihnen geſagt, warum; Sie hofften die Sympathie der Dumirail wiederzubeleben, Sie haben im Gegen⸗ 145 theile ihre Eiferſucht in Betreff meiner erregt, und trotz meiner Selbſtbeherrſchung bin ich Ihnen auf dem falſchen Wege gefolgt, den Sie eingeſchlagen haben.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Sie brachten mich auf das Kapitel meiner Rei⸗ ſen . . . ich konnte nur auf Koſten meines Vetters Maurice glänzen, indem ich den Stolz ſeines Vaters und ſeiner Mutter verletzte, was ſie ſehr ſchlecht für die Aufnahme Ihres Geſuches ſtimmen mußte; in Ihrem Intereſſe entſprach ich auch Anfangs nur mit einer außerordentlichen Zurückhaltung Ihrem Wunſche, mich in Werth zu ſetzen; doch ich wiederhole Ihnen, trotz meiner Selbſtbeherrſchung gab ich nach . . .“ „Wem?“ „Dem ſeltſamen, unwiderſtehlichen Einfluſſe der ſchönſten zwei blauen Augen, die ich in meinem Leben geſehen „ „Jeane!“ „Ich ſchäme mich meiner und beſtrafe mich durch dieſes demüthigende Geſtändniß.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich bin nicht mehr ein Schüler in der Brunſt; ich kenne die Welt, ich habe einen feſten Willen, ich bin Herr über mich, ich bin meiner ſicher . . . we⸗ nigſtens glaubte ich es . . . denn ich traf in der Welt ganz anders geſtellte, viel verführeriſchere Frauen, als dieſes Mädchen, obſchon ſie, ich muß es geſtehen, entzückend iſt; und dieſe ſchönen Damen haben nie gemacht, daß ich that, was ich nicht thun wollte .. Nun aber ſind da die blauen Augen von Mademoi⸗ ſelle Jeane . . .“ San Privato unterbrach ſich und Sue, die Familienſöhne. I. 10 146 fügte dann mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke bei: „Welch ein Blick! welch ein Blick! oh! es iſt von Allem in dieſen Augen! . . .“ er ſchwieg einen Moment nachdenkend, be⸗ trübt. Sehr erſtaunt über die von ihrem Sohne aus⸗ geſprochenen paar Worte, betroffen von ſeinem Still⸗ ſchweigen und dem ſeltſamen Ausdrucke ſeiner Phy⸗ ſiognomie, fragte Madame San Privato: „Von Deiner Couſine Jeane redend, ſagteſt Du ſo eben: „„Welch ein Blick! Es iſt von Allem in dieſen Augen!““ Was verſtehſt Du unter den Wor⸗ ten: „„Es iſt von Allem in dieſen Augen?““ „Meine Mutter, ich vermöchte Ihnen meinen Gedanken nicht zu erklären: ihn nicht begreifen,“ antwortete San Privato, aus ſeiner Träumerei hervorgehend; und er fügte mit dem Tone ſardoniſcher Anſchuldigung bei: „Immerhin iſt ge⸗ wiß, daß ich heute Abend bei Tiſche ſtumm bleiben wollte, und daß mich die blauen Augen von Made⸗ moiſelle Jeane reden gemacht haben; ich wollte trüb, verdrießlich bleiben, und die blauen Augen von Ma⸗ demoiſelle Jeane haben mir die Luſt, was noch ſchlim⸗ mer, das Bedürfniß gegeben, ſo glänzend zu ſein, als es mir zu ſein möglich iſt.“ „Du warſt bezaubernd, und .. „Ich bettle nicht um Complimente, weit hievon entfernt . . ich beſchuldige mich einer außerordent⸗ lichen Ungeſchicklichkeit aus dem Geſichtspunkte Ihrer Intereſſen; ich, der ich mich für ſtark hielt, beſchul⸗ dige mich einer beklagenswerth lächerlichen Schwäche, während ich die Lächerlichkeit haſſe! Bin ich nicht 1 — einen Augenblick ſo weit gekommen, daß ich auf die⸗ ſen jungen Jura⸗Stier, der Maurice heißt, eiferſüch⸗ tig war!“ „Jura⸗ tier, das iſt eine reizend richtige Benen⸗ nung! dach in Beziehung auf was oder auf wen warſt Du eiferſüchtig auf ihn?“ „Sie fragen mich das?“ „Gewiß!“ „Ich hielt Sie für hellſehender, meine Mutter. Jeane und Maurice lieben ſich.“ „Was läßt Dich das vermuthen?“ „Es handelt ſich nicht um Vermuthungen, ſon⸗ dern um Beweiſe. Ich bemerkte den zunehmenden Verdruß meines Vetters, als er Jeane ſich für meine Erzählungen intereſſiren ſah. Er wurde purpurroth vor Neid und Wuth, und ſchleuderte mir manchmal wilde Blicke zu, welche nicht zu bemerken ich beſorgt war . . . kurz es fehlte wenig, daß er losbrach. Was Jeane betrifft, ſo iſt der beſte Beweis ihrer Liebe für Maurice der ſichtbare Widerwille, den ſie S mich empfand.“ „Du, Widerwillen einflößen! Du, mit Deinem köſtlichen Geſichte, mit der Diſtinction Deiner Ma⸗ nieren, Deines Geiſtes! . . . während dieſer Sack⸗ träger Maurice . . .“ „Ich bitte Sie noch einmal, meine Mutter, ver⸗ ſchonen Sie mich mit dieſen Complimenten; übrigens weit entfernt, mich über den Widerwillen zu beklagen den ich dieſem e mit den blauen Augen i flöße . . . deſſen Blick . . . oh! wie viel Dinge in dieſem Blicke!“ „Du kommſt immer auf dieſen Blick zurück . . . Jeane ſchien mir einen Blick zu haben wie jede An⸗ dere . „Gut! ich ſagte alſo, der Widerwille, den Jeane gegen mich kundgab, würde, weit entfernt, mir zu mißfallen .. . mich tief befriedigen, hätte ich den tollen Gedanken, Maurice bei ſeiner zukünftigen Frau auszuſtechen.“ „Du glaubſt alſo, mein Bruder denke daran, ſie mit einander zu verheirathen?“ „Ich bezweifle es nicht.“ „Wenn es ſich ſo verhält, ſo bin ich ſehr er⸗ ſtaunt, Dich ſagen zu hören, dächteſt Du daran, die⸗ ſen auszuſtechen, ſo wäreſt Du ſehr zufrieden, Jeane Widerwillen einzuflößen?“ „Sehr zufrieden . . . doch ich will Jeane und ihre blauen Augen vergeſſen, ich werde ſie völlig vergeſſen . . . nur werde ich mich immer mit einem bittern Aerger erinnern, daß dieſes Mädchen mich einen Moment, meinen Willen beherrſchend, von der Linie des Benehmens, die ich mir in Ihrem In⸗ tereſſe vorgezeichnet, abweichen gemacht hat... Dies, meine Mutter, führt uns auf den Gegenſtand unſe⸗ rer Unterredung zurück: da ich Ihnen unwillkürlich Nachtheil gebracht habe, ſo werde ich bemüht ſein, meine Ungeſchicklichkeit wieder gut zu machen, und im Falle einer erſten Weigerung meines Oheims... hinſichtlich dieſes Anlehens von fünfzigtauſend Fran⸗ „Du hoffteſt dieſe Weigerung zu beſiegen?“ „Vielleicht. . .“ Sodann, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, fügte Albert bei: „Sagen Sie, meine Mutter, ſind Ihrem Gedächtniß die Er⸗ 149 eigniſſe, welche den Tod Ihres Bruders Erneſt Du⸗ mirail verurſacht haben, noch ſehr gegenwärtig?“ „Allerdings.. doch dieſes Mittel, Deinen Oheim zu beſtimmen, mir zu borgen . . .“ „Wollen Sie vor Allem af meine Frage ant⸗ worten?“ „Nun wohl, mein Bruder Erneſt iſt im Duelle vom Liebhaber ſeiner Frau, einem deutſchen Maler, getödtet worden.“ „Dieſer Maler hieß Wagner, wie mir ſcheint?“ „Ja, Wagner.“ „Wie lange iſt das her?“ „Achtzehn Jahre, das Alter von Jeane, denn ſie iſt ein nachgeborenes Kind.“ „Was meine Tante Erneſt Dumirail betrifft, wann haben wir ſie verloren? . . . Wollen Sie mir dies genau ſagen.“ „Am Ende dieſes Monats werden es gerade drei Jahre ſein; ich erinnere mich deſſen um ſo beſſer, als ich Trauer um meine Schwägerin im Monat Juli anlegen mußte, was mich im höchſten Grade geärgert hat, weil mit Schwarz in dieſer Saiſon keine Toilette möglich iſt. Im Winter, da iſt es etwas Anderes, doch im Sommer iſt die Trauer unerträglich!“ „Und die Leute, welche ſterben, dieſe ſind ſo unverſchämt, nicht hieran zu vinten⸗ er⸗ wiederte San Privato mit ſeiner kalten Ironie. „G ſind alſo drei Jahre, daß meine Tante Erneſt Du⸗ mirail todt iſt, und daß Jeane ſich hier niederge⸗ laſſen hat?“ „Allerdings.“ * „War man immer in unſerer Familie wohl über⸗ zeugt, Jeane . . . ein nachgeborenes Kind, be⸗ merken Sie das wohl . . . ein nachgeborenes Kind, ſei wirklich die Tochter des ſeligen Herrn Dumirail?“ „Man hat immer geglaubt, es ſei ſo.“ „Haben Sie genaue Details über dieſen deutſchen Maler, über Erneſt Wagner, der im Duelle Herrn Erneſt Dumirail getödtet hat? Es trug ſich dies, wenn ich mich recht erinnere, in der Schweiz zu?“ „In Lauſanne, wo meine Schwägerin ein Cot⸗ tage an den Ufern des Sees bewohnte, während mein Bruder die Schweiz als Touriſt beſuchte. Ich hatte mit einem Briefe für ihn Herrn von Bellerive beauftragt; er reiſte durch Genf, um ſich nach Turin zu begeben. Meinen Bruder fand er in Lauſanne nicht, doch er ſah meine Schwägerin. Ohne Zwei⸗ fel kannte ſie dieſen Wagner noch nicht, denn ſie ſprach von ihrem Manne zu Herrn von Bellerive mit der tieſſten Zuneigung. Das war ungefähr drei Monate vor dieſem Duelle. Ich füge als Paren⸗ theſe und in Betreff des Duelles bei, daß ſich Herr von Bellerive damals in Genf mit einem äußerſt inſolenten Manne, der einſt in Paris ſehr in der Mode und unter dem Namen der ſchöne Delmare bekannt war, ſchlagen mußte. Ich konnte ihn zu jener Zeit nur flüchtig ſehen, denn er gehörte nicht zu meiner Geſellſchaft.“ „So iſt es! . . . meine Erinnerungen täuſchten mich nicht,“ ſagte plötzlich San Privato. „Herr von Bellerive hat alſo in Genf den ſchönen Delmare um jene Zeit getroffen?“ „Um welche Zeit?“ — — — — 151 „Ungefähr drei Monate vor dem Tode Ihres Bruders Erneſt Dumirail?“ „Ja; der ſchöne Delmare kehrte damals von Italien zurück und lebte immer auf großartigem Fuße; doch ohne Zweifel war er ſeinem Ruine ſchon ganz nahe; denn Herr von Bellerive, als er ſechs Wochen ſpäter wieder durch Genf kam, erfuhr, der ſchöne Delmare ſei plötzlich verſchwunden; er habe ſeine Reiſewagen verkaufen laſſen, ſeine Leute v rabſchiedet, und man wiſſe nicht, was aus ihm geworden .. „Mein erſter Verdacht iſt gegtündet,“ ſagte San Privato; „ich hatte beinahe Gewißheit . . .“ „Von welchem Verdachte ſprichſt Du?“ „Ah! das iſt ernſt, meine Mutter, ſehr ernſt... Laſſen Sie uns die Thatumſtände kurz zuſammen⸗ faſſen und uns gleichſam überhören . . . Alſo drei Monate vor dem Duelle, in deſſen Folge mein Oheim Erneſt geſtorben iſt, wohnte der ſchöne Delmare in Genf?“ „Aber ich frage Dich noch einmal, welches In⸗ tereſſe . . .“ „Um Gottes willen! meine Mutter, unterbrechen Sie mich nicht . . . Ich wiederhole Ihnen, das iſt ernſt, und kann für Sie von äußerſter Wichtigkeit werden! Beſchränken Sie ſich alſo darauf, daß Sie auf meine Fragen antworten, und ſammeln Sie ſorg⸗ fältig Ihre Erinnerungen. Der ſchöne Delmare wohnte alſo drei Monate vor dem Duelle, bei wel⸗ chem mein Oheim Erneſt unterlag, in Genf?“ „Ja.“ „Ungefähr ſechs Wochen vor dieſem Duelle er⸗ fährt Herr von Bellerive, nach Genf zurückkehrend, 152 der ſchöne Delmare ſei plötzlich verſchwunden, habe ſeine Leute entlaſſen und ſeine Reiſewagen verkauft?“ „e⸗ „Run befragen Sie Ihre Erinnerungen weiter; hat Herrvon Bellerive nichts in Betreff der Motive des plötz⸗ lichen Verſchwindens des ſchönen Delmare erfahren?“ „Nicht daß ich wüßte.“ „Waren in Beziehung auf dieſes Verſchwinden nicht unbeſtimmte Gerüchte im Umlaufe?“ Madame San Privato ſammelte ſich, ſchwieg einen Augenblick und antwortete dann: „Ich erinnere mich nur, daß Herr von Bellerive, als er mir dieſes Ereigniß erzählte, mir ſagte, es habe eine gewiſſe Senſation in Genf hervorgebracht, wo ſich damals mehrere Perſonen von der guten Ge⸗ ſellſchaft von Paris befanden, welche unmittelbar oder dem Rufe nach den ſchönen Delmare kannten. Die Einen glaubten, er habe ſich entleibt; Andere leugneten dies . . Wenn ich mich nicht täuſche, be⸗ hauptete Einer, er habe kurz nach ſeinem Verſchwin⸗ den den ſchönen Delmare in der Gegend von .. .“ „Lauſanne getroffen.“ „Ganz richtig.“ „Das iſt es; und das von meiner Tante Erneſt Dumirail bewohnte Cottage fand ſich auch in der Gegend von Lauſanne? . . . Ah! meine Zweifel ſcheinen mir nun der Aufklärung ganz nahe zu ſein.“ „Albert, was haſt Du denn?“ fragte Madame San Privato ſehr erſtaunt. „Du, der Du immer ſo ruhig, biſt nun in einer außerordentlichen! ufregung.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte San Privato, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Ah! ich fühle es, unwillkür⸗ 153 lich ſuche ich in dieſer ſeltſamen Offenbarung, wenn ſie ſich beſtätigt, andere Folgen zu erſchauen, als die, daß ſie meinen Oheim dazu bringt, meiner Mutter das Geld zu leihen, deſſen ſie bedarf. . . Verdammte blaue Augen! verfluchte blaue Augen! Werde ich mich in dieſem Grade beherrſchen laſſen? . . Nein, nein! tauſendmal nein!“ Madame San Privato betrachtete ihren Sohn mit einem wachſenden Erſtaunen, und ſagte, gänzlich in Verwirrung gebracht: „Mein lieber Freund, Du behaupteſt, die Logik in Perſon zu ſein . . . Du wirfſt mir oft vor, ich weiche von dem urſprünglichen Gegenſtande unſerer Geſpräche ab; Du ſcheinſt mir aber dieſen Vorwurf ſehr zu verdienen. Es handelte ſich darum, vielleicht die Weigerung Deines Oheims in Betreff des An⸗ lehens, das ich zu haben wünſche, zu beſiegen, und ohne Sinn und Verſtand bedrängſt Du mich mit Fragen über den ſchönen Delmare, der wahrſchein⸗ lich zu dieſer Stunde todt iſt . . .“ „Meine Mutter, Sie haben heute mit dem ſchö⸗ nen Delmare zu Mittag geſpeiſt . . .“ „Welch ein Spaß!“ „Hat Ihnen mein Oheim nicht einen Herrn Delmare vorgeſtellt?“ „Was ſagſt Du? . . dieſer Fremde wäre?...“ „Dieſer Fremde war einſt der ſchöne Delmare!“ „Großer Gott! Welcher Verfall! . . . Iſt das möglich? ich war auf dreißig Meilen von einer ſol⸗ chen Entdeckung entfernt! Der Name Delmare iſt ſo verbreitet, daß ich mir nicht einbildete, dieſer ſo ſchlecht gekleidete Herr könnte die Erbſenblüthe ſeiner Zeit geweſen ſein; indeſſen, abgeſehen von ſeinem Geſichte, das ſehr ſchön geweſen ſein muß, bemerkte ich an ihm eine bei einem Provinzmenſchen des Jura ſehr ſeltſame Diſtinction . . . Ich liebe übrigens dieſen Mann nicht... Er war ſehr artig, doch er ſchien während der Erzählung Deiner Reiſen nicht unter dem Zauber zu ſtehen; er lächelte ſogar mehrere Male mit einer boshaften Miene . . . „Trotz ſeiner Abgunſt gegen uns, iſt es doch er, meine Mutter, auf den ich zähle, wenn ſich meine Muthmaßungen vollkommen beſtätigen, um meinen Oheim zu beſtimmen, im Falle einer erſten Weige⸗ rung, Ihnen . . .“ „Mir die Summe, welcher ich bedarf, zu leihen?“ fügte Madame San Privato mit einem tiefen Er⸗ ſtaunen bei. „Iſt das Dein Gedanke?“ „Ungefähr.“ „Du ſprichſt im Ernſte?“ „Sehr im Ernſte.“ „Dieſes Geheimniß iſt für mich unerforſchlich.“ „Meine Fragen über den Aufenthalt des ſchönen Delmare in Genf haben Sie alſo nicht auf dic Spur gebracht?“ „Auf die Spur . . . wovon?“ „Meine Mutter, der Scharfſinn iſt offenbar nicht Ihre vorherrſchende Eigenſchaft, und da Sie nichts errathen, ſo werde ich mein Geheimniß bewahren, von dem Sie unwillkürlich, wenn es Ihnen bekannt wäre, einen Ihren Intereſſen nachtheiligen Gebrauch machen könnten.“ „Du hältſt mich alſo für ein Kind?“ „Ich befürchte, ein unvorſichtiges Wort, ein Blic 155 könnte wider Ihren Willen offenbaren, was noch verborgen bleiben muß. Ich füge übrigens bei, daß mir dieſer ſchöne Delmare nicht weniger als Ihnen beim erſten Anblicke antipathiſch geworden iſt, und ich habe das Glück, daß meine Antipathien im Allgemeinen erwiedert werden; was beweiſt, daß mein Inſtinct ſicher iſt. Ich beauftragte auch Ger⸗ main aufs Gerathewohl, die Leute meines Oheims über dieſen Herrn Delmare ſchwatzen zu machen; es iſt immer gut, wenn man ſo viel als möglich in Be⸗ treff der Menſchen unterrichtet iſt, die uns ein ge⸗ wiſſes Mißtrauen einflößen.“ „Und was haſt Du erfahren?“ „Mehrere Umſtände, die mich dem auf die Spur brachten, was ich für die Wahrheit halte. Uebrigens werde ich morgen ſchon meine Zweifel aufklären. Gute Nacht, meine Mutter; es iſt ſchon ſpät, ich habe einen langen Brief zu ſchreiben; ich kann dieſes Geſchäft nicht auf morgen verſchieben, denn ich würde den Courier verfehlen.“ „Welcher Eifer! Ich errathe, Du willſt an die Marguiſe von Belcaſtel ſchreiben, an dieſe reizende junge Frau, welche . . .“ „Morgen früh, ehe Sie aufſtehen, ſuchen wir die günſtigſte Art, Ihre Bitte meinem Oheim vor⸗ zuſtellen,“ fuhr San Privato fort, ohne daß er die indiscrete Frage ſeiner Mutter gehört zu haben ſchien, „und ſetzt Ihnen mein Oheim eine Weigerung entgegen, ſo werden wir auf Mittel bedacht ſein wenn nicht . . .“ „Vollende.“ „Wenn ich nicht,“ dachte San Privato, „für 156 mich ſelbſt von meinem Geheimniſſe Gebrauch mache, denn dieſes Anlehen von fünfzigtauſend Franken kann den vollſtändigen Ruin meiner Mutter nurverzögern.. Ah! verdammte blaue Augen!.. .“ Und er fügte laut bei: „Wenn die Umſtände nicht eine Hoffnung durch⸗ ſchneiden, welche mir zu dieſer Stunde ſehr gegrün⸗ det zu ſein ſcheint. Gute Nacht, meine Mutter,“ ſagte Albert, indem er aufſtand; „morgen früh ſpre⸗ chen wir weiter, ehe wir meinen Oheim ſehen.“ „Morgen alſo; doch Dein Geſpräch von heute Abend, nachdem es meine Neugierde auf das Leb⸗ hafteſte erregt hat, läßt mich in einer peinlichen Un⸗ gewißheit. Nun, morgen wird ſich Alles aufklären je nach der Antwort meines Bruders auf mein Ge⸗ ſuch.“ San Privato führte ſeine Mutter bis zur Thüre des Schlafzimmers zurück, das er inne hatte; hierauf ſetzte er ſich an einen Tiſch, wo bereit lag, was er zum Schreiben brauchte, ſtützte ſeine Stirne auf ſeine beiden Hände, dachte lange nach, zögerte vor ver⸗ verſchiedenen Entſchlüſſen, ſodann allmälig ſeinen Plan, der ſich aufklärte, zuſammenordnend, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Das iſt verwegen, doch das Gelingen iſt mög⸗ lich; beſſer als dies, gewiß, wenn Antvinette von Hansfeld einwilligt, mir zu dienen. Darf ich daran zweifeln?... Würde ich zu ihr ſagen: „„Tödte!““ ſie würde tödten . . . Ah! ſie gehört mir, wie ich ihr gehöre . . . Es walten zwiſchen unſern Seelen ſo viel Verwandtſchaften ob, daß unſere Geſchicke, was auch geſchehen mag, für immer mit einander verbunden ſind. In dieſem Augenblicke beſonders 157 wünſche ich mir Glück dazu, daß ich meine Verbin⸗ dung mit Antvinette in ein tiefes Geheimniß gehüllt und allen Verdacht dadurch abgelenkt habe, daß ich mich offen mit Frau von Belcaſtel beſchäftigte.“ Und er nahm eine Feder und fügte bei: „Schreiben wir an Antoinette.“ Bitter lächelnd ſprach ſodann San Privato: „Eitelkeit!. . . Eitelkeit! . . . Ich hielt mich für ſehr ſtark! ich glaubte mich meines Willens ſicher!.. . Ah! wir haben keine gefährlicheren Feinde als uns ſelbſt! . . . Verdammte blaue Augen! es iſt von Allem in dieſen Augen! . . .“ XVI. Als Charles Delmare den Morillon verließ, kehrte er nach ſeiner Wohnung zurück, tief in An⸗ ſpruch genommen durch die Reflexionen, die ihm die Ankunft von Madame San Privato und ihrem Sohne bei den Dumirail und verſchiedene Vorfälle dieſer Familienſoirée eingaben. Geneviéve wartete nach ihrer Gewohnheit auf ih⸗ ren Alten, in der Küche ſitzend und beim Scheine ihrer Lampe ſpinnend: plötzlich horchte ſie nach der Thüre hin, ſtand auf und ſagte: „Das iſt mein Charles, ich höre ſeinen Tritt. .. ich würde ihn unter tauſend erkennen!“ Sie beeilte ſich, ihre Lampe in der Hand haltend, die äußere Thüre zu öffnen, uns da das Licht in ſeiner ganzen Fülle auf die Züge von Charles Del⸗ mare fiel, ſo rief die Amme: 158 „Ah! mein Gott: wie traurig ſiehſt Du aus!. .. Es iſt alſo meinem armen Alten etwas zugeſtoßen?“ „Gute Amme!“ erwiederte Charles Delmare, gerührt von dem beinahe mütterlichen Scharfſinne von Geneviève, „der Inſtinct Deiner Zuneigung iſt beinahe immer ſicher!“ „Ei! es gehört nicht viel Witz dazu, um zu ſehen, daß Dein Geſicht ganz verändert iſt: Du gingſt zufrieden, faſt heiter von hier weg . . . und Du kommſt ſo betrübt zurück, daß das in die Augen ſpringt.. Sollte ſich ein Unglück bei dieſer wackern Familie Dumirail zugetragen haben? ſollte Deine Tochter? „Nein, es iſt weder meiner Tochter, noch meinen Freunden ein Unglück widerfahren . . .“ „Ah! Du beruhigſt mich, ich athme . . doch was betrübt Dich ſo?“ „Komm, Amme,“ antwortete Charles Delmare, indem er ſich nach dem Salon wandte . „Du liebſt mich . . . Du haſt einen geſunden Verſtand... Du kennſt meine Gedanken . . . mir ſcheint, indem ich mich gegen Dich ergieße, werde ich klarer in meinem durch die Beſorgniß getrübten Geiſte leſen...“ Und er fügte ſeuſßzend bei: „Ah! meine Ahnungen! meine Ahnungen! Sollte es denn wahr ſein, daß unſer Glück um ſo mehr bedroht iſt, je ſicherer es uns ſcheint!“ In den Salon eintretend, warf ſich Charles Del⸗ mare ganz niedergeſchlagen in ein Fauteuil und for⸗ derte Geneviöve auf, ſich zu ſetzen. „Nun; mein Alter,“ ſagte die Amme, „was be⸗ unruhigt Dich? . was iſt denn vorgefallen?“ —,———— 159 „Die Schweſter und der Reffe von Herrn Du⸗ mirail ſind im Morillon angekommen.“ „Das weiß ich wohl, ich habe ſie geſehen.“ „Du, Amme? und wann denn . . und wo dies? . „Nachdem Du Dich entfernt hatteſt, ging ich ins Dorf hinab, um einige Einkäufe zu machen, während die Mutter Arſéne das Haus hütete. Ich kam am Gaſthauſe zum Goldenen Kreuze vorüber, als der Wagen von Herrn Dumirail anhielt; der Poſtillon wollte ſeine Pferde vor dem großen S eige ſchnau⸗ fen laſſen; ich bin kein Maulaffe, doch ich konnte dem Vergnügen, ihn drei⸗ bis viermal anzuſchauen, nicht widerſtehen.“ „Anſchauen . . wen dies?“ „Den jungen Mann, welcher ausſtieg, während die Pferde ſchnauften . . . Ah! mein Charles, welch ein hübſcher Junge! Außer Dir, der Du bei meinem Ammenworte! in Deiner Jugend das warſt, was man Schönſtes auf der Welt erſchauen konnte, habe ich nichts Zierlicheres, Niedlicheres geſehen, als dieſes reizende Herrchen!“ Doch auf eine Bewegung von Charles Delmare ſich unterbrechend, ſagte Genevidve: „Es iſt wahr! ich faſele .. . Du ſprichſt von Deinen Beſorgniſſen, und ich ſchwatze über . . .“ „Im Gegentheile, Amme, ich höre Dich mit In⸗ tereſſe . . fahre fort . . . Alſo dieſer junge Mann ſchien Dir reizend?“ „Bei meiner Treue! ja; ich wiederhole Dir, es machte mir ein wahres Vergnügen, ihn anzuſchauen... und dann war er ſo ſchön gekleidet, beinahe ſo ſchön als Du in Deiner ſchönen Zeit, mein Charles; 160 und ſo ſauber und ſo aufgeputzt. Er ſah aus, als käme er gerade aus einer Schachtel, abgeſehen davon, daß er ſo gut, ſo gut roch . . . wie ein Strauß; als er an mir vorüberging, flüſterten die Neugieri⸗ gen, welche den Wagen anſchauten, einander zu: „„Wie niedlich iſt er! . . . Man ſollte glauben, es ſei ein hübſches Mädchen gekleidet als junger Herr!““ Eine ſchöne Dame blieb im Wagen . . . der Bediente ſagte zu dem Poſtillon: ſeine Herrſchaft gehe zu Herrn Dumirail, ihrem Verwandten. Da dachte ich, es ſei ſeine Schweſter und ſein Neffe, deren Ankunft der gute Herr Maurice uns mitge⸗ theilt hatte . „Genevisve,“ fragte Charles Delmare, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, „welchen von Bei⸗ den . . . und zwar wohl verſtanden, nur was das Aeußere ihrer Perſon betrifft. .. wen ziehſt Du vor, Maurice oder ſeinen Vetter?“ „Was für eine ſeltſame Frage machſt Du da an mich, mein Alter!“ „Ich bitte Dich, antworte.“ „Bei meiner Treue! ich weiß nicht, was ich Dir genau antworten ſoll . . . denn das iſt mir ſehr gleichgültig, und ich habe nicht mehr meine fünfzehn⸗ jährigen Augen . doch wahrlich! ich glaube, als ich ſie hatte, würde mir dieſer Stutzer noch mehr in die Augen geſtochen haben, als unſer guter Herr Maurice.“ „Wirklich!“ verſetzte Charles Delmare mit einer leichten, unwillkürlichen Bitterkeit, „Du auch? ... ie! ich auch?“ ie Urtheile ſind natürlich verſchieden. . . Du 161 würdeſt alſo auch zu denjenigen gehören, welche das Geſicht, die Perſon von Albert San Privato, — ſo heißt er, — dem ſeines Vetters vorzögen?“ „Einen Augenblick Geduld! ich ſage darum nicht, dieſer gute Herr Maurice ſei nicht, ſeinerſeits, ein herrlicher junger Mann! was man einen ſehr ſchö⸗ nen und ſehr ſtarken Mann nennt! Er hat einen Wuchs, eine Stattlichkeit, eine Fauſt, eine Schulter⸗ breite . . . das muß man ſehen! Doch der Andere iſt ſo zierlich! Höre, mein Charles, ich erinnere mich, als ich noch ein junges Mädchen war, und hübſche Herren von Paris, welche Landhäuſer in der Umge⸗ gend von Pierrefitte hatten, zu unſerem Kirchweihfeſte kamen, um uns Rundhauben tanzen zu ſehen, wir dieſe Stutzer ſchmucker und artiger fanden, als unſere dicken Burſche, immer für das, was dem Blicke gehört.“ Doch abermals ſich unterbrechend, fügte Geneviève mit einem Ausdrucke des Vorwurfs gegen ſich ſelbſt bei: „Aber ich ſchwatze, ich ſchwatze und vergeſſe .ich vergeſſe, Dich nach der Urſache Deines Kummers zu fragen, mein guter Charles, denn ich muß darauf zurückkommen. Du gingſt vorhin zufrieden weg, und kehrſt mir gleichſam beſtürzt zurück, abgeſehen davon, daß Du in dieſem Augenblicke noch betrübter ausſiehſt, als bei Deinem Eintritte.“ „Das iſt wahr, denn wenn ich an dem, was ich befürchte, noch hätte zweifeln können, ſo würde dieſer Zweifel zerſtreut von Deinen Worten, von den Ein⸗ drücken, die auch Du, gute alte Amme, beim Anblicke von Albert San Privato empfunden haſt.“ Und mit ſich ſelbſt ſprechend, gleichſam laut den⸗ kend, fuhr Charles Delmare mit Bangigkeit fort: Sue, die Familienſöhne. I. 11 162 „Ah! wie ſollte ich an der faſt unwiderſtehlichen Wiriung gewiſſer Vorzüge zweifeln, wenn ſich dieſe Wirkunz bei Perſonen äußert, welche ſich ihrem Stande, ihrem Charakter und ihrem Alter nach ſo unähnlich ſind. Fühlt nicht Genevidve beim erſten Anblicke von San Privato, was meine Tochter ge⸗ fühlt, obgleich ſie ſich gegen dieſen unwillkürlichen Eindruck empört hat?“ „Was ſagſt Du da, mein Charles?“ fragte leb⸗ haft die Amme, welche aufmerkſam ihrem laut den⸗ . kenden Alten zugehört hatte, „Deine Tochter?.. 5 „Meine Tochter war nicht minder lebhaft als Du von dem verführeriſchen Aeußeren von Albert San Privato betroffen. Bei ſeinem Anblicke fühlte ſie ſich plötzlich beunruhigt. Ich beobachtete ſie, und dreimal heftete ſich ihr Blick, beinahe unwillkürlich, auf dieſen jungen Mann.“ „Mademoiſelle Jeane!“ „Sie liebt indeſſen Maurice ſo zärtlich als ſie von ihm geliebt wird; ihre Eltern haben vorhin, nach einer langen Unterredung mit mir, beſchloſſen, die zwei Kinder mit einander zu verheirathen.“ „Ah! welch ein Glück! Nun iſt alſo, wie Du vor Kurzem ſagteſt, die Hoffnung Deines ganzen Lebens verwirklicht, mein Charles; und Du ſcheinſt zum Sterben traurig, während Dich dieſe Heirath ſo freu⸗ dig machen müßte!“ „Dieſe Heirath! oh! ſie wird ſtattfinden! wenn nicht . . . wehe mir .. ich würde ſchauern vor Angſt ſchon beim Gedanken allein an die Uebel!... doch nein! nein! Es handelt ſich um das Glück von meiner Tochter, von Maurice, von meinen beſten 163 Freunden; ich habe die Erfahrung in Betreff der — Menſchen und der Leidenſchaften; mein Wille iſt feſt; ich werde die Hinderniſſe beſiegen.“ „Welche Hinderniſſe? da Deine Tochter und Maurice ſich lieben, und ihre Eltern ſie zu verbinden wünſchen?“ „Du vergiſſeſt, meine arme Geneviéve, daß Ihr, als Du jung warſt, Du und Deine Gefährtinnen, für den Blick die Pariſer Herren den Bauernburſchen vorzoget. Ah! Amme, die Folgen eines erſten Ein⸗ druckes ſind nicht unbeſiegbar, ich weiß es, und ich hoffe ſie bei Jeane zu beſiegen. Aber ach! ich ſehe es vorher, ich werde ſie nicht ohne Kampf, ohne An⸗ ſtrengung beſiegen! Ich kenne meine Tochter beſſer, als ſie ſich ſelbſt kennt: daher meine Bangigkeiten.“ „Deine Bangigkeiten!“ ſagte Geneviève die Achſeln zuckend. „Wie, weil dieſer Stutzer Mademoiſelle Jeane vielleicht ein wenig ins Auge geſtochen hat.. . biſt Du nun ganz betrübt, mein Charles; Du, der Du Geiſt haſt wie ein Buch? Du, ein ſo guter Kopf! Du, der Du Dich mit Recht rühmſt, Du kenneſt Deine Tochter? Ah! mein Alter, es ſcheint, wir ver⸗ ſtehen uns nicht.“ „Wie ſo?“ . „Höre . . . Du vergleichſt mich . . . mit Reſpect zu reden . . . mit Deiner Tochter . . . und Du be⸗ rufſt Dich gegen ſie auf den Eindruck, wie Du ſagſt, den auf mich dieſer Stutzer gemacht hat. Einen Augenblick Geduld! und da Du von meinen Jugend⸗ erinnerungen ſprichſt, ſo wiederhole ich, verſtändigen wir uns, mein Alter! Du wirſt ſehen, daß Du Un⸗ recht haſt, Dich zu ängſtigen . .. Höre mich wohl...“ 164 „Ich höre Dich, gute Geneviève.“ „Handelt es ſich um das, was nur für den Blick iſt, nun wohl! ja, in meiner jungen Zeit gefiel mir ein wohl aufgeputzter Stutzer zum Anſchauen für einen Augenblick auch mehr, als unſere guten Dorf⸗ burſche . . . als mein dicker Jean Louis, zum Bei⸗ ſpiel, was mich betrifft. Hat mich das aber zufällig abgehalten, ihn zu lieben, zu heirathen, meinen dicken Jean Louis? mich als ehrliche Frau aufzuführen? ihn wahrhaft zu beweinen, als er ſtarb, mein armer Mann? Und Du bildeſt Dir ein, Deine theure Tochter . . ein Engel . . ein Schatz . . . werde, weil ihr dieſer Pariſer Vogel durch ſein Gefieder ein wenig ins Auge geſtochen hat, ihren wackern Vetter Maurice weniger lieben, weniger heirathen? Iſt hierin auch nur ein wenig Verſtand? Ah! mein Charles, nur die Väter und die Verliebten ſetzen ſich wegen Nichts und wieder Nichts Unruhe in den Kopf. Es müßte ſchön anzuſehen ſein . . . wahr⸗ haftig, es müßte ſchön anzuſehen ſein, wenn Deine Jeane erzogen, wie ſie erzogen worden iſt, von den würdigſten Leuten der Welt . . . ohne von Deiner Mitwirkung zu reden, ſich in dieſen Laffen (der Teu⸗ fel hole ihn zu dieſer Stunde, da er Dich beunruhigt!) ſich in dieſen Laffen vernarren und ihren Maurice vergeſſen würde, ein Goldherz, einen herrlichen jun⸗ gen Mann, der zehn . . was ſage ich? der zwanzig wie ſeinen ſpindeldürren Vetter freſſen würde! Denn, Gott verzeihe mir! ich weiß nicht, wo ich die Augen hatte, als er mir ſo hübſch ſchien! Er iſt es ſchon nicht mehr ſo ſehr, dieſer magere kleine Herr . das hat nur den Athem das * 165 iſt ſo ſchwächlich! . .. Ich wiederhole, ich weiß wahr⸗ haftig nicht, wo ich die Augen hatte . . . Und dann, höre, mein Charles, der Tag neigte ſich . abge⸗ ſehen davon, daß mit dem Alter mein Geſicht ſich ſchwächt . . . und darum habe ich . . .“ „Liebe arme Amme! Du ſtrengſt Dich nun an, mich dadurch zu beruhigen, daß Du Deinen erſten Eindruck verdrehſt . . .“ „Nein, mein Charles, nein, ich ſage Dir noch einmal, daß . „Ich errathe Deinen Gedanken; er rührt mich, gute Geneviéve; doch ſtatt die Gefahr zu verringern, ſie ſich zu verbergen, muß man ihr, um ſie zu be⸗ ſiegen, ins Geſicht ſchauen . . . und es iſt Gefahr für meine Tochter vorhanden . denn Albert San Privato iſt nicht nur mit einem höchſt verführeriſchen Aeußern, ſondern auch mit einem merkwürdigen Geiſte begabt; ſeine Converſation iſt voll Reiz und Intereſſe „Ah! das iſt alſo ein Phönix, dieſer kleine Gal⸗ genvogel!“ rief nun die alte Amme mit einem Tone zorniger Anſchuldigung; „und beurtheilſt Du ihn ſo, Du, den er beunruhigt, ſo muß das wahr ſein!“ „Geneviève, ich bin alt, ich habe viel gelebt, ich kenne die Welt, und nie, hörſt Du wohl, nie habe ich einen Menſchen getroffen, der beſſer gemacht ge⸗ weſen wäre, um zu gefallen, als Albert San Pri⸗ vato. Er muß nicht nur immer gefallen, ſondern er muß ſogar beim erſten Anblicke feſſeln, beherrſchen. Meine Befürchtungen werden noch dadurch vermehrt, daß dieſer junge Mann nicht iſt, was er zu ſein ſcheint; nein, unter der einnehmenden Anmuth ſeiner 3 166 Perſon und ſeiner Sprache habe ich, Dank ſei es meiner durch den Eindruck, den er auf Jeane ver⸗ urſachte, erweckten Beobachtung, gleichſam blitzweiſe in ſeinem Blicke, in ſeinem Lächeln irgend etwas Höhniſches, Falſches, Bösartiges erlauert, wovon ich betroffen und ſodann beunruhigt war; ich konnte mich nicht täuſchen: Albert brachte eine tiefe Wirkung, nicht nur auf Jeane, ſondern auch auf Maurice, auf Herrn und Madame Dumirail hervor, ſonſt doch Leute von ſo feſter Vernunft!“ „Was ergriff ſie denn?“ „Ich wollte ſchwören . . . es ergriff ſie zum erſten Male in ihrem Leben vielleicht ein unbeſtimm⸗ tes Gefühl von Neid, indem ſie ihren Sohn mit ihrem Reffen verglichen.“ „Iſt das möglich?“ „Ich bin meiner Sache ſicher, und die Folgen dieſes Neides können unheilbringend für ſie, für Maurice, für meine geliebte Tochter ſein . . . Ah! Geneviève! Geneviève, ich habe es Dir oft geſagt, unter der Unſchuld von Jeane brüten Leidenſchaften nicht minder glühend als die von Maurice, obſchon das arme Kind zu dieſer Stunde kein Bewußtſein davon hat. Sind ſie aber einmal erwacht, ſo wer⸗ den ſie allmächtig für das Böſe, wie für das Gute ſein, je nach der Mitte, in der ſie dereinſt wird leben müſſen . . . Darum verfolgte ich mit allen meinen Wünſchen ihre Heirath mit Maurice.“ So ohne Zweifel für immer in dieſer Gegend, die ihnen ge⸗ fällt, unter einer eben ſo weiſen als zärtlichen Fa⸗ milie, ihren feſten Wohnſitz behaltend, immer mehr dieſer friedlichen Eriſtenz zugethan, welche bis daher 167 ſo ſehr mit ihren Neigungen übereinſtimmte, würden hier Beide das Glück und ſichern Schutz gegen die Stürme des Lebens finden ... „Du verzweifelſt alſo an dieſer Heirath?“ „Nein! nein! ah! ich ſchwöre bei Gott!“ rief Charles Delmare mit einer fieberhaften Hitze, „dieſe Heirath wird ſtattfinden; jedes Mittel wird mir gut ſein, um die Gefahr zu beſchwören, welche meine Tochter bedroht ... Von dieſer Gefahr habe ich den Inſtinct . . . ich habe das ſichere Vorgefühl . . .“ „Ach! mein Gott! ich, die ich vorhin noch ſo beruhigt war, ich, die ich Dir Deine Befürchtungen zum Vorwurfe machte, bin nun faſt ſo beängſtigt als Dul.. Verdammter Laffe! er iſt an Allem Schuld! Man war ſo ruhig, ſo glücklich vor ſeiner Ankunft! Doch man läßt ſich nicht ſo das Gras unter dem Fuße abſchneiden . . . man muß ſich widerſetzen . man muß etwas thun. Du, der Du ſo viel Geiſt, ſo viel Urtheilskraft, ſo viel Muth haſt, mein Char⸗ les! Du, der Du Deine kleine Jeane, dieſen guten Herrn Maurice und ſeine würdigen Eltern ſo ſehr liebſt, wirſt dieſen boshaften Laffen, ich ſage boshaft, weil er Dich quält . . . Du wirſt ihn nicht das Glück von ſo vielen wackeren Leuten, ohne das Dei⸗ nige und das meinige obendrein zu rechnen, umdrehen laſſen. Tag Gottes! ich bin nicht einarmig! ich werde ihm die Augen auskratzen, dieſem Stutzer, der meinem Alten Kummer bereitet!“ „Beruhige Dich, Geneviève, ich bin noch nicht ſo ſehr durch das Alter und den Gram gebrochen, daß ich im Nothfalle meine frühere Energie nicht wie⸗ derfinden würde. Nein, ich werde nicht an einem 168 Tage die einzige Hoffnung zerſtören laſſen, die nun meinem Leben einen Zweck gibt!“ Mit einem Tone bitteren Beklagens fügte ſodann Charles Delmare bei: „Ah! wehe mir! Nun bin ich zu Grunde ge⸗ richtet, ich bin arm!“ „Ah! mein Charles, denke nicht hieran Du haſt ganz andere Sorgen, und das Geld vermöchte nicht „Was weiß ich! Kann ich die Ereigniſſe vorher⸗ ſehen? Das Geld iſt ein ſo mächtiges Wertzeug! Es verhundertfacht unſere Mittel, ebnet ſo viele Hin⸗ derniſſe! .. Ah! Amme, welch eine gerechte, ent⸗ ſetzliche Strafe für meine Verſchwendung, würden einſt das Glück, das Heil meiner Tochter für mich von einer Geldfrage abhängen?“ „Mein Charles, iſt das möglich? Iſt ſie nicht bei guten Verwandten?“ „Ja, doch die Zukunft . . . die Zukunft . .. wer kann ſie vorherſehen?“ ſagte Charles Delmare. Und nach einem Augenblicke des Nachdenkens fügte er bei: „Das ſind unmächtige Gewiſſensbiſſe . Vor Allem muß ich darauf bedacht ſein, das Uebel zu beſchwören, das ich fürchte . den gefährlichen Einfluß zu bekämpfen, den auf diejenigen, welche ich liebe, die Gegenwart dieſes jungen San Privato haben kann.“ „Doch was iſt zu thun, mein Charles, was iſt zu thun?“ „Verworrene Pläne durchkreuzen ſich in meinem von Beſorgniſſen gefolterten Geiſte, und ich kann mich für keinen entſcheiden.“ „Mein Charles,“ rief plötzlich die Amme, indem S 169 ſie ſich vor die Stirne ſchlug; „eine Idee, die bei mir eben recht, aus der Zeit, wo ich noch jung war, wiederkehrt!“ * „Welche Idee, Amme?“ „Ei! . . ſiehſt Du ... mit einer derben Maul⸗ ſchelle iſt es überall wie im Dorfe . . .“ eß hören „Sage, es iſt die Gegenwart dieſes Laffen, was all die Unruhe bei unſern wackern Nachbarn verur⸗ ſacht . . . nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Meine Meinung iſt nun, wenn morgen früh der Zierling ſo ſchnell ginge, als er gekommen iſt, und beſonders, wenn er nicht wiederkäme, das wäre eine ſchöne Erlöſung, wie, mein Charles?“ „Gewiß, da ſeine längere Anweſenheit bei un⸗ ſeren Freunden meine einzige Sorge iſt.“ „Nun wohl, mein Alter, man muß machen, daß ſich das magere Bürſchchen fortpackt und das iſt kein ſo großes Kunſtſtück.“ „Durch welches Mittel?“ „Vernimm das Mittel: Stelle Dir vor, als ich ein junges Mädchen war, hatte der Herr des Schloſſes Pierrefitte zum Sohne einen von den Pariſer Stutzern, welche zu unſeren Feſten kamen, um uns tanzen zu ſehen, häufig auch, um die Artigen gegen uns zu machen; ich war damals die Braut von meinem dicken Jean Louis; ich liebte ihn von ganzem Herzen, was mich nicht abhielt, mit Vergnügen und nur für den Blick den zierlichen Pariſer anzuſchauen, wenn er am Sonntag zum Tanze kam, und das Geſchwätz anzuhören, das immer einem jungen Mädchen 170 ſchmeichelt; das beluſtigte mich, ärgerte aber Jean Louis halbtoll; an einem Sonntag Abends, nach dem Tanze, bei welchem mir der Muscadin ein Geſchenk mit einer herrlichen, ganz vergoldeten, ganz mit Bän⸗ dern geſchmückten Rohrflöte gemacht hatte, um welche mich Jean Louis bat, und die ich ihm auch ſehr gern gab, ſchleicht er dem Pariſer nach, erwiſcht ihn in einem Hohlwege und ſagt zu ihm: „„Sie ſind ſehr artig, doch fällt es Ihnen noch einmal ein, in der Umgegend von Geneviève ſchäkern zu wollen und ſie mit Rohrflöten wie dieſe zu be⸗ ſchenken ... ſo werde ich Sie Ihre Flöten verſchlucken laſſen, verſtehen Sie? abgeſehen davon, daß ich Sie mit einer tüchtigen Prügelſuppe bewirthe ...““ Der Stutzer hat keinen Fuß mehr zu unſerem Tanze geſetzt, und wir Beide, Jean Louis und ich, wir haben uns krank gelacht! Das iſt meine Jugendidee, mein Charles; das kann Dir dienen . . . Du biſt muthig wie ein Löwe . .. Du führſt den Degen wie ein Cäſar . . . Nun wohl! ich würde morgen früh zu meinem Laffen unter vier Augen ſagen: „„Sie mißfallen mir hier .. Machen Sie mir das Vergnügen, ſich fortzupacken und nicht wiederzukom⸗ men, oder! . . .““ Und er wird ſich packen, mein Alter, deſſen ſei ſicher, und Du wirſt für immer von ihm befreit ſein.“ „Meine liebe Geneviöve, die gewaltſamen Mittel ſind die letzten, zu denen man ſeine Zuflucht nehmen muß, und überdies könnte, aus tauſend Gründen, ein glückliches oder unglückliches Duell unter den gegenwärtigen Umſtänden nur traurige Reſultate haben.“ 17¹ „Gut; Du begreiſſt, was ich ſagte, ſagte ich für das Wohl der Sache. Was iſt aber zu thun?“ fuhr die Amme ſeufzend und aufs Neue ſich betrübend fort: „was iſt zu thun, mein Charles?“ „Ich weiß es noch nicht,“ antwortete Charles Delmare düſter und nachdenkend. „Ich will es mir überlegen, die Mittel ſuchen zu .. oder vielmehr,“ ſagte er niedergeſchlagen, „ich will es zuerſt verſuchen, ein wenig zu ſchlafen .. . ich bin gelähmt . . . mein Kopf ſteht in Flammen . . . der Schlaf, wenn ich ihn finden kann, wird mich beſänftigen . . . und bei meinem Erwachen wird mein ausgeruhter Geiſt hell⸗ ſehender ſein . . . Gute Nacht, Geneviève,“ fügte Charles Delmare der Amme liebevoll die Hand rei⸗ chend bei. „Dieſes Geſpräch mit Dir hat mich er⸗ leichtert . . . Es iſt ſo gut, ſein Herz in ein treues, ergebenes Herz ergießen zu können!“ „Mein Charles,“ erwiederte Geneviève mit tief bewegter Stimme, indem ſie in ihren Händen die Hand, die ihr Alter ihr gereicht, behielt, „in Er⸗ mangelung Deiner armen Mutter, welche bei Deiner Geburt geſtorben iſt, in Ermangelung Deines braven Vaters, der Dich ſo ſehr liebte, bin ich vielleicht die Perſon, die Dich am meiſten in der Welt liebt; Du biſt faſt mein Kind, ich bin faſt Deine Mutter, da ich Dich geſtillt habe.“ Und die würdige Frau fügte ſchüchtern bei: „Es iſt ſehr lange her, daß ich Dich nicht mehr umarmt, mein Charles. Mir ſcheint, an dieſem Tage großen Kummers könnte es uns Beiden Glück bringen, wenn Du mir erlauben würdeſt..“ „Komm, komm, gute Mutter,“ ſprach Charles Delmare gerührt und die Arme gegen ſeine Amme 172 ausſtreckend, „ich litt, mein Herz war von Thränen ſchwer; ich danke Dir, gute Mutte.“ Charles Delmare konnte die Thränen nicht län⸗ ger zurückhalten; er umarmte mit einem kindlichen Erguſſe ſeine alte Amme, und ſuchte bald im Schlafe das ephemere Vergeſſen ſeiner grauſamen Befürch⸗ tungen. XVIII. Als an einem ſchönen Sommermorgen, der einen glänzenden Tag verſprach, Charles Delmare nach dem Morillon kam, erblickte er von fern Jeane auf der Terraſſe, beſchäftigt, die Zubereitungen zu einem Morgenimbiß zu überwachen, der im Schätten einer Laube, eines grünen, für die Sonnenſtrahlen undurch⸗ dringlichen Cabinets ſervirt wurde, das am Ende einer dichten, bis an das Wohngebäude ſich verlän⸗ gernden Hagenbuchenwand lag. Sobald Charles Delmare die Dienerin, der Jeane ohne Zweifel Befehle gegeben, ſich hatte ent⸗ fernen und dieſe allein unter der Laube bleiben ſehen, näherte er ſich ihr haſtig, dem Zufalle dankend, der ihm bei dieſen ernſten Conjuncturen einige Momente der Unterredung unter vier Augen mit ſeiner Tochter gewährte. Kaum war er bei ihr, als er auf ihrer Phyſio⸗ gnomie mit einem raſchen, verſtohlenen Blicke voller Bangigkeit die Spuren der Eindrücke, die ſie am vor⸗ hergehenden Tage empfunden, zu leſen ſuchte; doch, obgleich leicht erbleicht durch die Wirkung ſo verſchie⸗ dener Gefühle, trug das Geſicht des Mädchens das Gepräge von Munterkeit an ſich; ſie begrüßte auch Delmare mit dem freudigen Ausrufe: „Welch ein Glück! . . lieber Meiſter, Sie da! Sie da!“ „Sie ſcheinen dieſen Motgen ſehr heiter zu ſein, liebe Mademoiſelle Jeane,“ ſagte Charles Delmare, ſeine Gemüthsbewegung beherrſchend. „Ich errathe die Urſache Ihrer Freude . . . das Wetter iſt herr⸗ lich und begünſtigt unſere Gebirgspartie.“ „Das iſt nicht die Urſache meiner Freude, lieber Meiſter.“ „Wahrhaftig? und dieſe Urſache, was iſt ſie?“ „Es handelt ſich um ein Geheimniß . . .“ „Um ein Geheimniß?“ „Ja . doch es gehört nicht mir allein .. meine Tante, mein Oheim und Maurice wiſſen es auch und ſind die Einzigen, die es wiſſen müſſen.“ „Nun! ich geſtehe, ich beneide ſie um die Kennt⸗ niß dieſes Geheimniſſes, das Sie glücklich macht.“ „Der Neid iſt ein ſchlechtes Gefühl, lieber Mei⸗ ſter, ich will Ihnen daſſelbe erſparen.“ „Sie ſind großmüthig, aber . . .“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, ich werde hiebei keine Indiscretion begehen.“ „Sie ſagen indeſſen, es handle ſich um ein Ge⸗ heimniß.“ „Allerdings, doch kann es für Sie ein Geheim⸗ niß geben? . .. für Sie, den Maurice und ich ſo ſehr lieben? für Sie, den beſten Freund meines Oheims und meiner Tante ... Sie haben mich auch 17⁴ ermächtigt, Ihnen Alles zu ſagen . . . Sie errathen nicht?“ „Ich bitte . . . haben Sie Mitleid mit meiner Ungeduld!“ „Maurice und ich, wir werden uns bald hei⸗ rathen,“ antwortete Jeane mit dem Ausdrucke einer unſäglichen Erleichterung, als ob ſie in dieſem Augen⸗ blicke noch das Bewußtſein hätte, ſie entgehe durch dieſe Heirath einer drohenden Gefahr, und ſie fügte bei: „Geſtern Abend, nachdem Sie weggegangen waren, haben der Vater und die Mutter von Mau⸗ rice eingewilligt, uns zu verloben.“ „Was ſagen Sie? .. ſollte es wahr ſein!“ rief Charles Delmare, entzückt, als er den plötzlichen Entſchluß von Herrn und Madame Dumirail erfuhr, einen Entſchluß, der, nach ſeiner Anſicht und unter den gegenwärtigen Umſtänden, von der größten Wich⸗ tigkeit war und theilweiſe die Bangigkeiten, die er am vorhergehenden Tage ausſtand, beſchwichtigte; im Erguſſe ſeiner Freude, der Anziehungskraft nach⸗ gebend, die ihn in dieſem beinahe feierlichen Augen⸗ blicke zu ſeiner Tochter hintrieb, ſchloß er ſie in ſeine Arme, küßte ſie auf ihre Stirne und rief mit einer durch die Thränen ſtockenden Stimme: „Oh! nun fürchte ich nichts mehr für Ihre Zukunft . . . theu⸗ res . theures vielgeliebtes Kind!“ Dieſe letzten Worte: theures vielgeliebtes Kindl . . . nur ein Vater konnte ſie ſo betonen, wie ſie Charles Delmare betonte; der Ausdruck ſeiner Stimme, ſein in Thränen gebadeter Blick rührten auch Jeane dergeſtalt, daß weit entfernt, in Erſtau⸗ nen geſetzt oder in Verlegenheit gebracht durch die 175 Vertraulichkeit zu ſein, die er ſich ſie auf die Stirne küſſend und in ſeine Arme ſchließend erlaubt hatte, das Mädchen, vielleicht der geheimnißvollen Anziehungs⸗ kraft der Natur nachgebend, die Hände ihres Va⸗ ters in die ihrigen mit einer Miſchung von Liebe und Ehrfurcht nahm und mit feuchten Augen zu ihm ſprach: „Ich wußte, wie ſehr Sie Maurice und mir zu⸗ gethan ſind . . . ich wußte, welchen Antheil Sie an unſerem Glücke nehmen . . . doch Ihre Thränen, Ihre Gemüthserſchütterung ſagen mir, daß es keine gewöhnliche Freundſchaft iſt, was Sie für uns he⸗ gen, Herr Delmare . . . Hier unterbrach ſie ſich, und ſie fügte dann treu⸗ herzig bei: „Mein Gott! was fühle ich denn! Ihre Freude müßte meine Glückſeligkeit vermehren, doch ſie trübt ſie . . . Ich habe nun nichts mehr zu wünſchen . . . warum ſcheint es mir denn, es fehle mir etwas, ſeitdem Sie mich ſo eben mit aller Güte . . . Ihr Kind genannt haben?“ „Was Ihnen ohne Zweifel fehlt, iſt die Gegen⸗ wart Ihrer Mutter! . . . an dieſem Tage, der ſo glücklich für Sie, theures Kind!“ wagte mit zittern⸗ der Stimme Charles Delmare zu ſagen, denn er fühlte einen beſondern melancholiſchen Reiz darin, zum erſten Male von Emmeline mit ſeiner Tochter, dem Kinde ihrer Liebe, zu reden. „Ach!“ fügte er bei, „nichts kann die Zärtlichkeit einer Mutter er⸗ ſetzen!“ „Ja, heute beſonders fehlt ſie mir, ich empfinde es lebhafter als je .. . Ich weiß nicht, warum mich 176 der Ausdruck Ihrer vorhin ſo bewegten Stimme an ihren Ton erinnerte, wenn ſie zu mir ſagte: mein Kind!“ 4 Und nachdem ſie eine Zeit lang nachgedacht hatte, ſprach Jeane: „Ah! hätten Sie meine Mutter gekannt, wie wür⸗ den Sie ſie geliebt haben!“ Dieſe ſo einfachen Worte machten Charles Del⸗ mare beben und riefen plötzlich in ſeinem Gedächt⸗ niſſe wieder alle Phaſen der letzten Liebe ſeiner Ju⸗ gend hervor! Eine Liebe voll von Berauſchungen, Leiden, ver⸗ zweifelten Gewiſſensbiſſen . . eine ſeinem Herzen ſo theure und ſo ſchmerzliche Vergangenheit! Eine Anfangs ſtrafbare, ſodann geläuterte Liebe, wiedergeboren durch die Vaterſchaft, die ſie in die heiligſte der Leidenſchaften perſonificirt in ſeiner ver⸗ götterten Tochter verwandelte. Doch er mußte ihr ſelbſt dieſe Anbetung unter dem Aeußeren einer gegen die, welche er empfand, kalten, bleichen Zu⸗ neigung verbergen. Der unabläſſige Wunſch von Charles Delmare, mehr noch ſeine Vaterpflicht, dieſe heilige Pflicht, die das Geſetz ihm zu üben verbot, dieſe heilige Pflicht, die er ſelbſt bei ſeiner Tochter nur anrufen konnte, indem er das Andenken einer Mutter ent⸗ ehrte, die ſie anbetete und verehrte; dieſe Pflicht gebot ihm, unabläſſig über Jeane zu wachen, mit der ſchützendſten, erleuchtetſten Fürſorge jeden ihrer Schritte zu umgeben, die ſie dereinſt auf der dornen⸗ vollen Frauenkaufbahn machen würde; mit einem Worte ihr Schutzengel zu ſein. 177 6 Und Charles Delmare ſah das Geſchick ſeines Kindes fremden Händen anvertraut, allerdings wür⸗ digen, reinen, die aber eines Tags ſich irren und fehlen könnten, ohne daß er das Recht hätte, ſich zu beklagen oder ins Mittel zu treten. War er von der nahen Heirath von Jeane unter⸗ richtet, ſo verdankte er einzig und allein dem wohl⸗ wollenden Vertrauen ſeiner Freunde die Kenntniß dieſer unter den gegenwärtigen Umſtänden höchſt wichtigen Thatſache. Dieſe Thatſache allein konnte Charles vollkommen über das beruhigen, was er von den Folgen der erſten Zuſammenkunft von San Privato und Jeane befürchtete. Indeſſen, nach der plötzlichen Offenbarung der Heirathspläne, welche Anfangs ſeine Befürchtungen zerſtreuten, beobachtete Charles Delmare, bald an die unerbittliche Logik ſeiner Gefühle denkend, noch aufmerkſamer die Phy⸗ ſiognomie ſeiner Tochter; ſie ſchien ihm lächelnd, ver⸗ trauensvoll, heiter; nichts verrieth auf ihren bezau⸗ bernden Zügen den Schatten eines Hintergedankens. Indeſſen, — nur ein Vater konnte eine ſolche Furcht faſſen, — indeſſen ſchien es ihm durchaus nicht be⸗ greiflich, daß Jeane ſich ſo bald dem Einfluſſe ihrer Eindrücke am vorhergehenden Tage entzogen haben ſollte, Eindrücke zu lebhaft, zu verſchiedenartig, um durchaus vergeſſen oder beherrſcht zu werden. Eine unbeſiegbare Ahnung ſagte Charles Del⸗ mare, die Ruhe herrſche nur auf der Oberfläche der Seele ſeiner Tochter . . . nicht als verbärge ſie ihre Gedanken; denn dieſe Ruhe mußte ſie im Augenblicke wirklich fühlen, beſonders im Vergleiche mit ihrer Unruhe, mit ihrer Nervenaufregung am vorhergehen⸗ Sue, die Familienſöhne. I. 12 178 den Tage, mit der Sicherheit, die ſie daraus ſchöpfte, ſie werde bald die Frau von Maurice werden; aber, dachte Charles, ein See wird nach dem Sturme auch ruhig und durchſichtig, während eine Wolke, ein Hauch des Windes genügen, um den Azur ſeiner Wellen zu verdunkeln und ſie aufs Neue in ihren letzten Tiefen aufzuregen. Delmare, von ſeinen Gedanken in Anſpruch ge⸗ nommen, wie es Jeane von der Erinnerung an ihre Mutter war, beobachtete wie das Mädchen ein Still⸗ ſchweigen von ein paar Momenten, und in ihr tiefes Hinbrüten verſunken bemerkte weder das Eine noch das Andere ein Geräuſch, das von außerhalb der Laube kam, deren dichtes Blätterwerk einen undurch⸗ dringlichen Schutz gegen die Blicke bildete. dieſes indeſſen faſt unmerkliche Geräuſch, verurſacht durch das leichte Krachen von einigen Sandkörnern unter einem Fuße, der den Boden mit einer außerordent⸗ lichen Vorſicht ſtreifte, hatte ſich ſchon hörbar gemacht, ohne mehr von Jeane und Charles Delmare bemerkt worden zu ſein, als dieſer, einer unwillkürlichen Hin⸗ reißung nachgebend, ſeine Tochter auf die Stirne küßte und ſie ſein vielgeliebtes Kind mit einem Ausdrucke nannte, der nur aus väterlichem Herzen kommen konnte. Doch wir wiederholen, Charles Delmare und ſeine Tochter waren zu ſehr bewegt, um dieſes, übrigens beinahe unmerkliche, Geräuſch wahrzunehmen. 179 XX. Das ſtille Denken von Jeane und Charles Del⸗ mare dauerte nur ein paar Secunden. Er fühlte bald die Unklugheit ſeiner väterlichen Hinreißung; jeden Augenblick konnte Jemand in die Laube ein⸗ treten und in Erſtaunen gerathen über die lebhafte Gemüthsaufregung, die er empfand, wie Jeane, deren Augen beim Andenken an ihre Mutter voller Thränen waren; er befeſtigte daher ſeine Stimme wieder, knüpfte aufs Neue das Geſpräch an, und erwiederte auf die letzten Worte des Mädchens mit einem beinahe förmlichen Tone: „Ich bezweifle nicht, wenn ich die Ehre gehabt hätte, Ihre Frau Mutter zu kennen, ſie wäre von mir geſchätzt worden, wie ſie es zu ſein verdiente, denn ich gefalle mir im Glauben, Sie haben ihre Eigenſchaften geerbt, liebe Mademoiſelle Jeane.“ Dieſer ceremoniöſe, faſt kalte Ton, der ohne Ueber⸗ gang auf den warmen Erguß der vorhergehenden Worte folgte, fiel Jeane auf; ſie ſchaute ihren Vater mit einem betrübten Erſtaunen an und fragte ſchüchtern: „Sind Sie gegen mich erzürnt?“ „Keines Weges . . . doch was kann Ihnen die⸗ ſen Gedanken geben, liebe Madewviſelle Jeane?“ „Nun nennen Sie mich abermals ceremoniöſer Weiſe Mademoiſelle Jeane, während Sie mich vor⸗ hin „mein liebes Kind“ nannten, und zwar mit einer ſo guten, ſo zärtlichen Stimme, daß mir die Thrä⸗ nen in die Augen traten. Meine Worte dünken 180 Ihnen ſeltſam, nicht wahr? wie ſoll ich ſie Ihnen erklären . . . Hören Sie, mein Oheim Dumirail nennt mich immer zärtlich ſein liebes Kind, und den⸗ noch fühle ich nicht das, was ich vorhin fühlte, als Sie mich ſo nannten. Es war ein trauriger und zugleich ſanfter Eindruck. Sodann wurde, wie ich Ihnen geſagt habe, die Erinnerung an meine Mutter plötzlich gegenwärtiger, lebhafter als je bei mir. Warum iſt denn nun Ihr Ton ſo kalt?“ „Ich geſtehe .. als ich Ihre Heirath mit Mau⸗ rice erfuhr . . . eine Heirath, welche das Glück von Ihnen Beiden ſichert. . . die Wünſche Ihrer Eltern und meine Wünſche erfüllt, vermöge der Freundſchaft, die mich mit Ihrer Familie verbindet, ich geſtehe, ſage ich rac Charles Delmave lächelnd, „da gab ich einer Bewegung ſo lebhafter Freude nach, daß ich ein wenig zu ſehr als kleines Mädchen eine große Demoiſelle wie Sie, Mademoiſelle Jeane, behandelte; ich habe Sie, bei meiner Treue! ganz einfach um⸗ armt, wie ich es an Ihrem Namenstage nicht gethan hätte; und mehr noch, da ich bald das Alter haben werde, um Ihr Großvater zu ſein, nannte ich Sie ohne Umſtände „mein liebes Kind . ..“ Doch der⸗ gleichen Vertraulichkeiten dürfen nicht fortbeſtehen † zwiſchen einer jungen Schülerin und ihrem verehrungs⸗ würdigen Zeichnenmeiſter,“ fügte Charles Delmare heiter bei, „denn, weil Sie bald Madame Maurice ſein werden, vergeſſen Sie, wie mir ſcheint, ein wenig ſchnell, Mademviſelle Jeane . daß ich Ihr Lehrer geweſen bin ... bin . und hoffentlich noch lange ſein werde. In dieſer Eigenſchaft habe ich ein Recht auf Ihre Hochachtung, wenn es Ihnen beliebt; — 181 ich lege auch großen Werth auf den zugleich lieb⸗ reichen und ehrerbietigen Titel: lieber Meiſter, den Sie mir auf eine ſo freundliche Weiſe be⸗ willigen.“ „Es ſei ſo!“ erwiederte Jeane mit einem ſanften Lächeln, „doch ich bemerke Ihnen zum Voraus, lie⸗ ber Meiſter, wenn ich Madame Maurice bin, dann werden wir Sie zu nöthigen wiſſen, uns Ihre lieben Kinder zu nennen.“ „In dieſem Falle, liebe Mademvoiſelle Jeane, und nur gegen Sie Beide, werde ich mich darein fügen müſſen, mich Ihrem Villen zu unterwerfen . . . Doch ſagen Sie mir, und laſſen Sie uns wieder ernſthaft werden . . . Ihre Eltern theilten mir ihre Abſichten in Betreff Ihr Verheirathung mit Maurice mit... ohne etwas über die Zeit dieſer Heirath zu beſtim⸗ men . . . welches Motiv hat ſie veranlaßt, ihre Ent⸗ Weivung zu beſchleunigen? . . .“ „Die Bitte, welche geſtern Abend Muurice und ich an ſie richteten . . .“ „Wie . . geſtern Abend?“ „Maurice und ich ſagten unſerem Oheim und unſerer Tante, wir lieben uns und wir bitten ſie, uns zu verheirathen.“ „Und bei dieſer Bitte, wer hat die Initiative genommen?“ „Maurice.“ „Welcher Umſtand hat denn ſein Geſuch be⸗ ſchleunigt?“ „Er hat derſelben Befürchtung nachgegeben, wie ich.“ „Welcher Befürchtung?“ 182 „Lieber Meiſter, Sie werden über Ihre Zög⸗ linge ſpotten,“ antwortete Jeane mit einem etwas gezwungenen Lächeln; alsdann ſchwieg ſie einen Augenblick nachdenkend, indeß Charles ſie beobach⸗ tete und ſeinen ganzen Scharfſinn zu Hülfe rief. Für ihn war der Moment gekommen, ſeine Zweifel in Betreff der wirklichen und dauerhaften, oder ſchein⸗ baren und vorübergehenden Ruhe, welche Jeane zu genießen ſchien, aufzuklären; auch bemerkte er nicht ohne Beſorgniß, daß eine leichte Wolke die bis da⸗ hin ſo heitere Stirne des Mädchens verdüſterte, und daß ſich eine Nuance von Bitterkeit in das ge⸗ zwungene Lächeln miſchte, mit dem ſie die Worte begleitete: „Lieber Meiſter, Sie werden über ihre Zöglinge ſpotten. . .“ wonach ſie ein paar Secunden ſchwieg. Charles Delmare brach zuerſt dieſes Stillſchwei⸗ gen, eine ſeinem geheimen Gedanken entgegengeſetzte Fröhlichkeit heuchelnd. „Sie ſagen, liebe Demoiſelle Jeane, ich werde über meine Zöglinge ſpotten. Ho! ho! ich bin in der That äußerſt fähig zu dieſer Enormität, doch meine lieben Zöglinge müſſen mir wenigſtens einen Tert zu meiner Spötterei geben,“ fügte Charles Del⸗ mare bei, indem er ſeine Tochter beobachtete, deren Stirne ſich nicht entrunzelte. „Sie ſagten mir ſo eben, ſein Heirathsgeſuch bei ſeinen Eltern beſchleu⸗ nigend, habe Maurice derſelben Befürchtung nachge⸗ geben wie Sie, und dieſe Befürchtung werde mein Geſpötte erregen. Was war aber dieſe Befürch⸗ tung?“ „Eine alberne Befürchtung,“ antwortete erröthend 183 Jeane, indem ſie ſich aufs Neue zu lächeln anſtrengte; ſodann, da ihre Stimme ein unmerkliches Schauern verriech, fügte ſie bei: „Es dünkte uns, eine Gefahr bedrohe uns.“ „Eine Gefahr!“ „Meine Worte ſcheinen Ihnen unbegreiflich, lie⸗ ber Miſſter?“ „Nein, doch .. „Was wollen Sie?“ ſprach Jeane mit einer Art von Rietergeſchlagenheit, „es iſt natürlich, daß Sie nicht begreifer, was mir noch — oder vielmehr was uns, Maurice und mir, unbegreiflich ſchien. Mit einem Worte,“ ügte Jeane etwas haſtig bei, als hätte ſie Eile, ihr Seſtändniß zu vollenden, „ſeit der Ankunft meiner Taute San Privato und ihres Sohnes, und beſonders ſet dem geſtrigen Abend war das Herz von Maurice und mir wie betrübt, beklommen, ohne daß wir wußten, warum,“ fügte Jeane lebhaft bei: „ah! ohne zu wiſſei, warum! mit einem Worte, urtheilen Sie, wie albem unſre Befürchtung: es ſchien uns, wir haben das Bewußtſein einer nahe bevorſtehenden Gefahr. Welcke Tollheit!“ Jeane, als ſie dieſes letzte Wort ſprach, konnte ein bezeichnendes Beben nicht bewältigen; ſie verbarg ihren Gedanken. Was ſie Tollheit nannte, war in ihren Augen nicht ſo toll als ſie ſagen wollte, und trotz ihrer ſcheinbtren Sicherheit in Betreff dieſer Ge⸗ fahr, fürchtete ſie ieſelbe immer noch. „Oh! meine Ahungen!“ dachte Delmare, „woher kommt ihr, geheimißvolle Inſtincte, die ihr ſelten täuſcht? . . Die Juhe iſt nur auf der Oberfläche der Seele meiner Tohter! ſie verbirgt mir ihr Ge⸗ 184 — heimniß, ſie hat keinen Grund, es mir anzuvertrauen... Was bin ich in ihren Augen? ein Fremder!. . .“ Alsdann wiederholte Delmare laut: „Dieſe chimäriſche Furcht, dieſe tolle Furcht, wie Sie ſo gut ſagen, liebe Mademviſelle Jeane, iſt hoffentlich völlig verſchwun⸗ den, nun, da Maurice und Sie ſicher ſind, daß Sie bald vereinigt werden.“ „Ah! ja. . . . ſo ſehr unſere Herzen geſern be⸗ trübt, beklommen, von Bangigkeiten zerriſſen waren, eben ſo ſind ſie heute zufrieden, heiter, keruhigt! Kann es anders ſein? was haben wir nun zu be⸗ fürchten? Nichts mehr! wir ſind keine Kinder mehr! wir haben nicht bange vor Geſpenſtern,“ erwiederte mit einer Art von fieberhaften Redeſchnelligkeit Jeane, die ſich betäuben und der Bedrückung eines Ge⸗ dankens, der ſie innerlich unwillkürlich beherrſchte, entgehen zu wollen ſchien. „Ah! lieber Meiſter, wie groß wird unſer Glück ſein! . . . Ich bebe ihn ſehr, meinen ſchönen Maurice! . . . dieſe Engelsſeele, dieſes Goldherz, dieſer theure Bruder!“ Und fort⸗ geriſſen durch eine Gewalt, welche michtiger als ihr Wille, fügte ſie bei: „Nicht wahr, lieber Meiſter, Maurice iſt ſo ſchön als ſein Vetter Albert?“ XX. Dieſe Worte von Jeane: „Nicht wahr, Mau⸗ rice iſt ſo ſchön als ſein Vetter Albert?“ dieſe ſcheinbar ſehr unbedeutende Worte von Jeane, treuherzig an Delmare gerichte, wären für dieſen unter den gegenwärtigen Umſtänden eine volle Offen⸗ 185 barung geweſen, hätte er nicht ſchon während ihrer Unterredung in der Seele ſeiner Tochter zu leſen angefangen: die, wir wiederholen es, ſcheinbar ſehr unbedeutende Frage bekam aber in dieſem Augen⸗ licke ein ſolches Gewicht, daß er davon niederge⸗ ſchmettert war. Trotz der Aufrichtigkeit ihrer Liebe für Maurice, trotz ihrer feſten Abſicht, ihn zu heirathen, trotz ihrer Sicherheit, das Glück in dieſer Ehe zu finden, trotz ihrer aufrichtigen Empörung endlich gegen die Be⸗ harrlichkeit der in ihr durch San Privato erweckten ſchlimmen Gefühle, konnte ſich Jeane nicht erwehren, ihn innerlich mit ihrem Bräutigam zu vergleichen, wie es die an Charles Delmare gerichtete Frage bewies. Dieſe Frage mußte ihn aber unter ſolchen Umſtänden, mit Recht, tief beunruhigen; um die neue Gefahr zu beſchwören, kam er auf den Gedan⸗ ken, gegen San Privato die Waffe der Lächerlichkeit anzuwenden, wohl wiſſend indeſſen, daß dieſe Waffe, wenn ſie ſich an dem, welchen ſie traf, abſtumpfte, nur um ſo gefährlicher wurde. Und überdies ſchien die Perſon von San Privato durch ihre Reize den Angriffen des Lächerlichen Trotz zu bieten; war es nicht beſſer, ſtatt die Augenſcheinlichkeit zu leugnen, ſie anzuerkennen, zu beſtätigen? Doch dieſe Beſtä⸗ tigung, unterſtützt durch das Anſehen des Wortes von Charles Delmare, zu dem Jeane ein außeror⸗ dentliches Vertrauen hatte, bot andere Gefahren; er beſchloß alſo, ſeine Antwort auf die Frage ſeiner Tochter den Beobachtungen unterzuordnen, die er während des Verlaufs der Unterredung machen würde, und ſagte: 186 „Sie fragen mich, liebe Mademoiſelle Jeane, ob Maurice ſo ſchön ſei als ſein Vetter Albert? mit andern Worten, ob meiner Anſicht nach ſich die äußeren Vorzüge des Einen und des Andern die Wage halten?“ a „Ei! was denken Sie ſelbſt hierüber?“ . „Ich vermöchte kein guter Richter zu ſein,“ änt⸗ wortete Jeane, indem ſie zu lächeln ſich anſtrengte, „die Parteilichkeit kann mich verblenden „Zu weſſen Gunſten . . würde Sie die Partei⸗ lichkeit verblenden?“ „Iſt es denn ſo ſchwierig, dies zu errathen, lie⸗ ber Meiſter?“ „Nein, doch ich, der ich bei der Frage völlig unbetheiligt bin, erkläre Ihnen,“ erwiederte Charles Delmare, jedes ſeiner Worte abwägend und mit prüfender Aufmerkſamkeit die Phyſiognomie von Jeane betrachtend, „ich erkläre Ihnen, daß nach meiner Anſicht Herr San Privato ein allerliebſter junger Mann iſt . ein Mann von der ausgezeichnetſten Tournure, von einem bezaubernden Geſichte, deſſen Reize mir unwiderſtehlich ſcheinen . . .“ „Wahrhaſtig . . . Sie finden auch .. daß .. Ganz beklommen, vollendete Jeane nicht; ſie ſchien und ſie war in der That gepeinigt von den von Charles Delmare San Privato bewilligten Lo⸗ beserhebungen ein ſcheinbar unbegreiflicher Wi derſpruch, und dennoch erklärbar, dachte man an die geheimen Perpleritäten des Mädchens. Maurice zärtlich zugethan, kämpfte ſie aufrichtig, muthig gegen die Zähigkeit eines weniger moraliſchen als phyſi⸗ & 187 ſchen Eindrucks, den ſie noch nicht beſiegen konnte, während ſie ſich durch das Urtheil eines Andern gegen ihr eigenes Urtheil, das ſie irre geführt glaubte, wenn man ſo ſagen darf, wiederzuſtärken ſuchte. Charles Delmare, wie er geahnet hatte, erkannte die Gefahr ſeiner Beſtätigung in Betreff der Reize der Perſon von San Privato, und durch einen ge⸗ ſchickt angebrachten Uebergang ſagte er mit einem Ausdrucke von Ironie, der, Anfangs unmerklich, im⸗ mer erescendo fortſchritt: „Ja, allerdings, ich finde, Herr San Privato bietet die Verbindung aller ſeltenen Gaben, mit denen die Natur einen ihrer theuerſten Günſtlinge zu über⸗ häufen ein Wohlgefallen gehabt hat; ſodann iſt Herr San Privato, immer nach meinem demüthigen Urtheile, das, was man auf der Welt Koſtbarſtes, Wunder⸗ barſtes, Wundervollſtes ſehen, anſchauen kann.“ „Ah! lieber Meiſter, Sie ſpotten,“ erwiederte Jeane, ohne eine Art von Erleichterung zu verber⸗ gen, „und ſehen Sie meine Leichtgläubigkeit! ich, ich nahm Anfangs Ihre Worte im Ernſte.“ „Wahrhaftig? Iſt das möglich?“ „Woher rührt Ihr Erſtaunen?“ „Sie nahmen meine Worte im Ernſte?“ „Allerdings . „Ah! Mademoiſelle Jeane, Mademoiſelle Jeane, ich hielt Sie für hellſehender. Wie! Sie fragen mich, ob ich Maurice ſo ſchön finde als ſeinen Vetter Albert, und ich ſoll Ihnen im Ernſte auf eine ſolche Frage antworten?“ „Warum nicht?“ „Wie! Mademviſelle,“ fuhr Charles Delmare 188 mit einem Ausdrucke komiſcher Anſchuldigung fort, „wie! ſeit beinahe drei Jahren laſſe ich Sie nach der Antike den Kopf des Gladiators, den Kopf des Discobulus, den Kopf des indiſchen Bac⸗ chus und nach Michel Angelo den Kopf des Pen⸗ ſeroſo, des Ringers, und Gott weiß wie viel an⸗ dere Köpfe zeichnen, wo ſich der Ausdruck der Stärke mit der Anmuth vereinigt; die Stärke und die An⸗ muth . . . der ſouveraine Typus der idealen Schön⸗ heit! und nachdem Sie ſo viele Papierblätter mit dem Stifte geſchwärzt, ſo viel Wiſcher verbraucht haben, erlebe ich den entſetzlichen Schmerz, die Unfruchtbar⸗ keit meines Unterrichts zu erkennen! . . . Pfui! . . . pfui! . . . Mademviſelle!“ „Guter Gott! lieber Meiſter, was veranlaßt die⸗ ſen wüthenden Zorn?“ fragte Jeane lächelnd. „Wo ſehen Sie denn, daß ich Ihre Lectionen ſo ſchlecht benützt habe?“ „Sie fragen mich das?“ „Ja, gewiß.“ „Mit welcher vermeſſenen Dreiſtigkeit antwortet ſie mir: „Ja, gewiß!““ dieſe Schülerin, welche fortan unwürdig iſt, den Wiſcher und die Spindel⸗ kohle zu handhaben. Wie! Mademviſelle, ich habe Sie gelehrt, ach! ich glaubte es wenigſtens . . das Schöne in der Kunſt bewundern, und, o Gräuel der Verwüſtung! ich höre Sie mich im Ernſte fragen: „„Nicht wahr, lieber Meiſter, Maurice iſt ſo ſchön als mein Vetter Albert? . . .““ Als ob eine ſolche Frage nur geſtellt werden könnte . .“ „Habe ich geſündigt,“ ſprach Jeane, immer mehr 189 der Scheinheiterkeit von Charles Delmare nachgebend, „ſo abſolviren Sie mich, lieber Meiſter!“ „Nie!!! Ihre Enormität gegen den guten Ge⸗ ſchmack iſt unverzeihlich.“ „Aber „Aber, Mademoiſelle, iſt man nicht blind oder völlig des künſtleriſchen Geſchmackes beraubt, ſo ver⸗ gleicht man nur Gegenſtände von ungefähr ähnlichem Werthe. Ich frage Sie nun ein wenig, iſt es mög⸗ lich, die Schönheit von Maurice . . . er iſt abwe⸗ ſend, ich kann dies unter uns zugeſtehen, und wir ſprechen überdies ganz nur aus dem Geſichts⸗ punkte der Kunſt . . . die Schönheit von Maurice, ſage ich, welche würdig der antiken Bildhauerkunſt durch den Adel ſeiner Linien, durch ſeinen Charakter männlicher Sanftheit, die ſeltene Verbindung von Energie und Anmuth in den Zügen, von Eleganz, Geſchmeidigkeit und Kraft in der Statur . . . iſt es möglich, ſage ich, immer aus dem Geſichtspunkte der Kunſt, dieſen ſtolzen, kühnen, ſchönen jungen Mann zu vergleichen mit wem oder vielmehr mit was... denn wahrhaftig, Mademoiſelle, ohne das zu ver⸗ leumden, was Sie Ihren Vetter Albert nennen . .. ich ſage das, was, weil das keinen unterſcheidenden Charakter bietet, etwas ſeltſam Unbeſtimmtes oder, wenn Sie lieber wollen, vollkommen Zweideutiges iſt. . . Ihr Herr Vetter . . . Sie lachen?“ „Ich glaubte nicht, Sie ſeien ein ſo boshafter Portraitmaler, lieber Meiſter.“ „Mademoiſelle, ich ſcherze nicht, und um die Lection zu vervollſtändigen, werde ich, wenn Sie er⸗ lauben, immer aus dem Geſichtspunkte der Kunſt, das ſchwierige und geheimnißvolle Studium deſſen, was Sie Ihren Vetter Albert nennen, beſchließen. Bei meiner Ehre! ich ſuche zu errathen, was dieſes kleine, artige und zärtliche, niedliche und geſchnie⸗ gelte, blaſſe und dünnleibige Geſchöpf ſein kann; iſt es ein Mann? das könnte wohl ſein, denn es trägt Männerkleider und ſpricht im Masculinum von ſeinen Reiſen, die es ſo geläufig erzählt, als ob es alle Wegweiſer der zwei Welten auswendig wüßte. Doch nein! das iſt. kein Mann! dieſes kleine Geſchöpf hat nichts Männliches, Entſchloſſenes in ſeiner Erſchei⸗ nung. Es iſt alſo ein Weib? das könnte wohl ſein, denn es hat das zimperliche, gezierte Weſen einer alten Coquette; das thut ſchön, das rukſt, während es die gekrönten Häupter aufzählt, die ihm die Ehre erwieſen haben, es ganz einfach anbe⸗ tungswürdig zu finden. Doch nein, das iſt keine Frau! es hat nichts von dem Reize, von der Ver⸗ führung der Frau. Was iſt denn dieſes zweideutige Weſen? Die Trockenheit, die Jronie dringen jeden Augenblick unter der geſchminkten Grazie ſeiner Sprache hervor; ſtudirte Erzählungen, überdachte Impromptus, lebhafte vorbereitete Witze und andere plötzliche Improviſationen des vorhergehenden oder vorvorigen Tages, das iſt ſein Gepäcke! . . . Wie: Sie lachen abermals, Mademoiſelle,“ fügte Charles Delmare ſich unterbrechend bei, als er ſah, wie Jeane der Heiterkeit nachgab, die ihr das ſatyriſche Portrait von Albert San Privato verurſachte. „Sie lachen, Mademviſelle? Nichts iſt indeſſen ernſter, als dieſe Reiſe meines Geiſtes auf Erforſchung deſſen, was moraliſch und phyſiſch dieſes Geſchöpf ſein mag, das 194 weder einem Manne, noch einer Frau gleicht. Ich bringe übrigens eine gerechte Huldigung den ſchönen Eigenſchaften der Aufrichtigkeit, der Offenherzigkeit dar, welche beſonders einen Lehrling der Diplomatie ſchmücken müſſen, abgeſehen von dieſem Luxus von Decorationen, mit dem ſeine gefällige Beſcheidenheit ſich aufputzt, um einem Familienmahle beizuwohnen. Rührende Aufmerkſamkeit! Dieſer liebenswürdige Neffe denkt offenbar ſo ſeine armen Provinzmenſchen von Verwandten in ſeiner triumphirenden kleinen Perſon zu ehren. Wie! was! abermals Lachen, Mademoiſelle?“ fragte Charles Delmare, denn ſeine Tochter konnte ſich eines neuen nervöſen Gelächters nicht erwehren, deſſen Schall ein leichtes Geräuſch bedeckte, das ſich aufs Neue außerhalb der Laube hörbar machte und die Gegenwart einer Perſon ver⸗ kündigte, welche die dichte Hagenbuchenwand für die Augen von Jeane und Charles Delmare durchaus unſichtbar machte. „Mademviſelle, meine Schülerin, es iſt wahrhaft unmöglich, ernſthaft mit Ihnen zu reden,“ fuhr Del⸗ mare heiter fort. „An wem liegt die Schuld, lieber Meiſter?“ antwortete Jeane in demſelben heiteren Tone. „Sie behalten ein unempfindliches Phlegma, während Sie die luſtigſten Dinge der Welt ſagen. Ich befürchte auch ſehr, nun nicht mehr ohne Luſt zum Lachen dieſen unglücklichen und beſonders unentſchloſſe⸗ nen Vetter, deſſen Portrait Sie auf eine ſo bos⸗ hafte Art gezeichnet haben, anſchauen zu können.“ Doch ſich unterbrechend und gleichſam auf ihr Den⸗ ken horchend, ſagte Jeane, welche wieder ernſt ge⸗ worden war: „Wie ſeltſam iſt das doch! . .. „Ich bitte, vollenden Sie „Wie läßt ſich begreifen, daß eine und dieſelbe Perſon in ſo kurzer Zeit ſo verſchiedenartige Eindrücke auf uns machen kann?“ „Die Perſon, von der Sie reden,“ fragte Charles Delmare, der auch wieder ernſt geworden war, „iſt ohne Zweifel Ihr Vetter San Privato?“ „Ja, und ich geſtehe, lieber Meiſter, ſein erſter Anblick hatte mich . . .5 „Entzückt?“ „Entzückt hieße zu viel ſagen... und dennoch... Jeane unterbrach ſich, erröthete, ſchlug die Augen nieder, und fuhr dann lebhaft fort, als hätte ſie ſich wegen ihrer letzten Worte entſchuldigen wollen . .. „doch ſehr bald darauf hat er mir mißfallen, und trotz all ſeines Geiſtes haßte ich ihn . . . Er machte mir bange ich fürchtete ihn bis zu dem Augenblicke, wo die Eltern von Maurice ihre Ein⸗ willigung zu unſerer Heirath gaben . Ah! da fühlte ich mich von einer großen Laſt befreit, und in meinem Innern trotzte ich meinem erſchrecklichen Vetter,“ fügte Jeane bei, abermals halb lachend, doch nicht mehr mit jenem Ausdrucke treuherziger Heiterkeit, der kurz zuvor das ſatyriſche Porrait von San Privato empfing. „Kurz, nun finde ich, Dank ſei es Ihnen, lieber Meiſter, denjenigen, welcher mich zittern genacht hatte, ſehr lächerlich. Ich ſage auch wie Sie: „„Was iſt denn dieſes bizarre, unerklär⸗ liche Geſchöpf, das uns heute gefällt, morgen Wider⸗ 193 willen faſt Schrecken einflößt, oder uns Luſt macht, über daſſelbe zu ſpotten?““ Und träumeriſch fuhr Jeane fort: „Wiſſen Sie, lieber Meiſter, daß man, wollte man beharrlich dieſes Geheimniß durchdringen, die zahlreichen Contraſte ergründen, von denen es die ſeltſamſte Miſchung bietet, unabläſſig von ihm allein träumen würde? . . . Wiſſen Sie, daß es für ſich allein alle unſere Gedanken in Anſpruch nehmen müßte?“ „Meine liebe Mademoiſelle Jeane, Sie haben in Paris gewohnt?“ „Allerdings,“ antwortete das Mädchen erſtaunt über dieſe plötzliche Frage; „von Paris bin ich hier⸗ her gekommen.“ „Sie ſind zuweilen am Morgen durch die Stra⸗ ßen gegangen?“ „Ja, wenn ich die Kirche beſuchte . . . Doch ich bitte, was hedeutet? . . .“ „Sie mußten oft, nach ihrem Lager zurückkehrend, Einige von den nächtlichen Induſtriemenſchen treffen, welche mit der Beleuchtung einer Stocklaterne und mit einem Haken bewaffnet, da und dort, an den Straßenecken ſehr geheimnißvolle Haufen namenloſer Dinge durchſtören, die auch unter ſich nicht minder auffallende Contraſte bieten, als es die ſind, welche aus den verſchiedenen von Herrn San Privato Ihnen verurſachten Eindrücken entſpringen . . . Die armen Leute, von denen wir reden, treiben den Koth durch⸗ wühlend ein mühſames, peinliches Gewerbe . . ſie verdienen dabei aber wenigſtens auf eine redliche Art ihr Brod; das Bedürfniß nöthigt ſie. . . Was wür⸗ den Sie aber von der ſeltſamen Laune einer Perſon Sue, die Familienſöhne. I. 13 194 von Muße, diſtinguirt durch ihren zarten Geſchmack, vurch ihre noble Tendenzen ſagen, welche ihre Zeit damit zubrächte, daß ſie den Koth durchſtören und zu errathen ſuchen würde, aus welchen ſchmutzigen Trümmern er beſtehe, ſtatt ihre Seele zur Beſchauung des Schönen, des Gerechten und des Guten zu er⸗ heben?“ „Ihre Worte ſind ſtreng . . . und gerecht, Herr Delmare ... „Ah! rede ich ſo mit Ihnen, ſo geſchieht es, glauben Sie mir, weil es gewiſſe Seelen gibt, welche zu ſondiren gefährlich und ungeſund iſt, weil dann aus ihnen Miasmen von einer dergeſtalt ätzenden, durchdringenden Verdorbenheit ausdünſten, daß die geſündeſte Natur nicht mehr vor ihrer Anſteckung geſchützt iſt.“ „Lieber Meiſter, ich donke für die Lection; ſie iſt lebhaft, ergreifend und wird mir nützen,“ erwie⸗ derte Jeane; ſodann auf Charles Delmare einen er⸗ ſtaunten und zugleich dankbaren Blick heftend: „Lie⸗ ber Meiſter, wie können Sie ſo in meinen Gedanken deutlicher leſen, als ich ſelbſt darin leſe? Ja, vorhin gab ich unwillkürlich irgend einer ſchlimmen Neugierde in Betreff meines Vetters nach. Schon fühlte ich mein Herz aufs Neue ſchmerzlich beklommen, während es ſich beruhigt, ſich ausdehnt, wenn ich an Maurice denke! Ahl bei ihm keiner von den unheimlichen Contraſten, welche Sie beunruhigen. Alles iſt bei ihm offen, gerade, rechtſchaffen! man weiß von An⸗ fang an, was er will, was er denkt! Oh! Maurice, Du haſt mir immer die ſüßeſte Zuneigung eingeflößt! Ich habe Dich geliebt wie den Beſten der Brüder; 195 ich liebe Dich, ich werde Dich lieben als den Zärt⸗ lichſten der Gatten! Maurice! guter Maurice! es iſt mit Dir wie mit dem ſchönen Sommertage: man weiß zum Voraus, daß der Mittag, der Abend ſo heiter ſein werden, als der Morgen, und mit freu⸗ digem Herzen reiſt man der Dauer des ſchönen Wet⸗ ters vertrauend ab!“ rief Jeane einer ungewohnten Exaltation nachgebend, von der ihre faſt poetiſche Sprache zeugte. „Welch ein Unterſchied gegen die zweifelhaften, düſteren Tage, die einen traurig ſtim⸗ men und in einer beunruhigenden Ungewißheit laſſen, weil man ſich immer fragt, ob ſie Aufklärung oder Sturm verſprechen!“ Und nach einem Augenblicke des Stillſchweigens fügte das Mädchen mit einem mehr bittern und fie⸗ berhaften, als heitern Gelächter bei: „Ah! wie lächerlich iſt dieſer Albert San Pri⸗ vato! Wie danke ich Ihnen, lieber Meiſter, daß Sie ihn ſo abſcheulich lächerlich gemacht haben!“ Jeane ſprach dieſe letzten Worte, als ſie Maurice hörend, der ihr von fern rief, auf die Schwelle der Laube vortrat, während faſt in demſelben Augenblicke Charles Delmare, da er endlich das Krachen des Sandes unter dem Fuße bemerkte, ein Krachen, das ſich ſchon leicht vernehmbar gemacht hatte, dies⸗ mal aber ſehr deutlich wurde, bebte, nach dem Hin⸗ tergrunde des grünen Cabinets hin horchte, ſich raſch ſeinen Wänden von üppigem, dichtem Laubwerke näherte, das Gezweige auseinander ſchob und hinter dem Hagebuchenvorhange, der ſich vom Hauſe bis zur Laube ausdehnte, mit außerordentlicher Vorſicht 196 auf den Fußſpitzen gehend Albert San Privato ver⸗ ſchwinden ſah. „Es iſt kein Zweifel, er belauerte, er behorchte uns!“ dachte Charles Delmare: „der unter ſeinem Fuße krachende Sand brachte das leichte Geräuſch hervor, das ich einmal unbeſtimmt bemerkt hatte, ohne mir ſeine Urſache zu erklären. San Privato belauerte uns! Er hat ohne Zweifel unſere Unter⸗ redung erhorcht . . . Ah! dieſes feige Spioniren be⸗ ſtärkt mich in meinen Befürchtungen, vermehrt ſie, rechtfertigt meine Ahnungen. Und ich machte es mir zum Vorwurfe, daß ich ihnen gehorchte! und ich machte es mir zum Vorwurfe, daß ich auf meinen unbarmherzigen väterlichen Egoismus hörte, indem ich um jeden Preis den Eindruck vernichten wollte, den dieſer Menſch auf meine Tochter hervorgebracht hat, und der, leider! entfernt noch nicht verſchwun⸗ den iſt! Ich machte es mir zum Vorwurfe, daß ich dieſem Elenden abſcheuliche Gefühle zuſchrieb, ohne andere Beweiſe, als den inſtinctartigen Widerwillen, den er mir einflößte! Ich bin erſchrocken über den Nutzen, den er aus dieſer ſo hinterliſtig erlauerten Converſation ziehen kann!“ Während ſich Charles Delmare dieſen traurigen Reflerionen überließ, war Jeane, wie geſagt, auf die Schwelle der Laube vorgetreten, und da ſie ihrem Vater den Rücken zuwandte, ſo konnte ſie nicht ſehen, wie dieſer das Blätterwerk der Hagebuchenwand aus⸗ einanderſchob, und bekam keine Ahnung von der Ent⸗ deckung, die er gemacht hatte. „Jeane, liebe Jeane! wo biſt Du?“ rief von 197 fern und heiter herbeikommend Maurice, „mein Vater fragt, ob das Frühſtück bereit ſei.“ „Alles iſt bereit; man kann ſich zu Tiſche ſetzen, wann man will, lieber Maurice!“ antwortete das Mädchen ſeinem Bräutigam in dem Augenblicke, wo er in das grüne Cabinet eintrat. XI. 7 Maurice trat, das Auge glänzend, ein Lächeln auf den Lippen, in die Laube ein. Das Glück gab ſeinem Geſichte einen ſo ſanften, ſo anziehenden Aus⸗ druck, daß Jeane gerührt, entzückt, beruhigt, voll Vertrauen zu ihrem Bräutigam, ihm voll Innigkeit die Hände reichte, einen bezeichnenden Blick auf Charles Delmare warf, und bewegt . . ſtrahlend ausrief: „Ah! lieber Meiſter . . . ich wagte es, ſie zu vergleichen!“ „Vergleichen!“ ſagte Maurice, der in ſeinen Händen die ſeiner Couſine behielt und ſie leidenſchaft⸗ lich drückte. „Von welcher Vergleichung ſprichſt Du, liebe Jeane?“ „Oh! das iſt das Geheimniß von unſerem lieben Meiſter und von mir,“ antwortete lächelnd das Mäd⸗ chen. „Und was die Geheimniſſe betrifft. . . Herr Delmare iſt in das unſere eingeweiht .. er weiß Alles, ich habe ihm unſere Heirath angekündigt.“ „Ah! Du Böſe, Du biſt mir zuvorgekommen .. Welches Vergnügens haſt Du mich beraubt!“ ſagte Maurice. Sodann ſich an Charles Delmare wen⸗ 198 dend: „Ah! guter, theurer Meiſter, ich habe den Himmel im Herzen; Alles glänzt, Alles ſtrahlt um mich her. Wäre das Wetter an dieſem Morgen wolkig geweſen, es würde mir von Sonne blendend geſchienen haben . . . Sie wünſchen mir zuweilen Glück dazu, daß ich gut ſei. . . und es iſt im Gan⸗ zen wahr, ich bin gut! . . . Großer Gott! mit wel⸗ chem Rechte ſollte ich böſe ſein? . . . Nun denn, ich fühle mich noch beſſer! Was ſoll ich Ihnen ſagen? mir ſcheint, wäre ich ſo unglücklich, einen Feind zu haben, einen erbitterten Feind, ich würde zu ihm gehen und trotz ſeines grimmigen Haſſes ſo gute Worte zu ihm ſprechen, daß ich doch einmal ſehen wollte, ob er mich noch fortwährend haſſen würde.“ „Lieber Maurice!“ murmelte Jeane, die Augen feucht, „edles Herz, wackeres Herz!“ „Oh! ja, das edelſte, das beſte Herz!“ ſagte zu Jeane Charles Delmore mit innigem Tone. „Darum liebt er Sie, darum lieben Sie ihn. Glaubt mir, der Inſtinct Eurer Seelen nähert Euch einander, weil ſie, für immer vereinigt, in Eurer gemeinſchaft⸗ lichen Liebe die Kraft, für das Schlimme unzugäng⸗ lich zu bleiben und dem Böſen Trotz zu bieten, ſchöpfen werden.“ „Lieber Meiſter, wenn Sie wüßten, wie ſehr Ihre Worte in dem, was uns betrifft, wahr ſind! Ja, ſeitdem ich mich von Jeane geliebt fühle, ja, ſeitdem ich weiß, daß ſie meine Lebensgefährtin ſein wird, biete ich dem Unglücke Trotz, was ſage ich! ich glaube nicht mehr an das Unglück. Ich lache über das, was mich beunruhigt, gepeinigt hatte; denn, ſollten Sie es glauben? habe ich nicht geſtern 199 Abend die Albernheit ſo weit getrieben, daß ich eifer⸗ ſüchtig auf Albert war, aber eiferſüchtig bis zum Haſſe! . . . Heute Morgen war mein erſter Gedanke, über meine Dummheit zu lachen, mir mein ſchlimmes Gefühl in Betreff dieſes armen Vetters zum Vor⸗ wurfe zu machen und mir vorzunehmen, meine Herz⸗ lichkeit gegen ihn zu verdoppeln. Ich bin auch vor⸗ hin in ſein Zimwer hinaufgegangen, wo ich ihn zu treffen glaubte, doch er war ſchon ausgeflogen und...“ Und ſich unterbrechend, fügte Maurice bei, indem er einen Schritt aus der Laube machte: „Hier kommt gerade dieſer liebe Albert mit meinem Vater, meiner Mutter und meiner Tante.“ Herr und Madame Dumirail, Madame San Privato und ihr Sohn traten wirklich bald in die Laube ein. Die Gebieter des Hauſes, nachdem ſie Charles Delmare mit ihrem gewöhnlichen liebreichen Weſen empfangen hatten, ſetzten ſich, wie ihre Gäſte, um den ländlichen Tiſch, wo man den Morgenimbiß, der der Erſteigung der Sennhütte vorhergehen ſollte, ſervirt hatte. Die tiefe Bangigkeit verbergend, die ihm die Ent⸗ deckung der Späherei verurſachte, deren Gegenſtand er von Seiten San Privatos geweſen war, beobach⸗ tete Charles Delmare dieſen mit verdoppelter Auf⸗ merkſamkeit. Er war Anfangs betroffen von der völligen Verwandlung der Phyſiognomie des jungen Diplomaten. Dieſe Verwandlung vereitelte die wahr⸗ ſcheinlichen Effecte, welche Charles Delmare von dem von ihm ſeiner Tochter ein paar Augenblicke vorher gezeichneten ſatyriſchen Portrait erwartete. Denn die Phyſiognomie modificirt dergeſtalt den Charakter der 200 Züge, daß ſie oft beinahe ihren Anſchein verändert. So verſchwanden jene weibiſche Zartheit, jene ge⸗ zierte Grazie, jenes coquette Lächeln, was man dem reizenden Geſichte von Albert zum Vorwurfe machen konnte, und was hinreichend die Cpitheta, zweideu⸗ deutiges, unentſchiedenes Geſchöpf rechtfertigte, welche Jeane ſo ſehr beluſtigt hatten, unter einer Tinte von tiefer Melancholie; an die Stelle ſeiner Leichtig⸗ keit, ſeines Aplomb ſchien die Schüchternheit des Schmerzes getreten zu ſein; ſein geſenkter Blick, ſein ernſter Mund, den zuweilen ein peinliches Lächeln zuſammenzog; ſeine geneigte Stirne, etwas Nieder⸗ geſchlagenes, Gebrochenes in ſeiner Haltung mußten den am meiſten gegen San Privato eingenommenen Geiſtern die rührende Theilnahme einflößen, die man beim Anblicke eines ſchwachen, traurigen, leidenden Geſchöpfes empfindet. Charles Delmare, während er mit Bangigkeit die Verwandlung des jungen Diplomaten wahrnahm, beobachtete nicht minder beſorgt den Eindruck, den dieſe unerwartete Veränderung bei Jeane verurſachte. Als Maurice, von fern ſeinen Vetter erblickend, aus⸗ rief: „Da kommt Albert!“ ſchwebte ein ſpöttiſches Lächeln über die Lippen des Mädchens; doch bald lächelte ſie nicht mehr, dachte ſie nicht mehr daran, das mit Mitleiden und wohlwollender Neugierde ge⸗ miſchte Erſtaunen, das ſie beim Anblicke von Albert ergriff, zu verbergen. Sie war entſchloſſen, ihn dem von Charles Delmare gezeichneten lächerlichen Por⸗ trait faſt ähnlich zu finden; der ergreifende Unter⸗ ſchied aber, der zwiſchen dem, was ſie zu ſehen er⸗ wartete, und dem, was ſie wirklich ſah, ſtattfand, 201 ſchlug zum Vortheile von San Privato aus; ſie vergaß, in ihrer unſchuldsvollen Seelengüte, die Lächerlichkeiten eines ſo grauſam niedergebeugten Mannes; — eine ſchmerzliche Niedergeſchlagenheit, welche einen andern nicht minder auffallenden Con⸗ traſt mit der ſtrahlenden Heiterkeit der Züge von Maurice bot, der neben ſeinem Vetter ſaß, ſo daß der Blick von Jeane Beide zugleich umfaſſen konnte. „Dieſe ſchmachtende Traurigkeit kommt zu ſehr zur rechten Zeit, um nicht geheuchelt zu ſein; ſie würde meinen Verdacht erregt haben, hätte ich nicht die Gewißheit, daß meine Unterredung mit Jeane von dieſem Menſchen erhorcht worden iſt,“ dachte Charles Delmare, während Herr Dumirail, nicht min⸗ der als ſeine Frau über die Niedergeſchlagenheit von Albert erſtaunt, zu dieſem ſagte: „Was haſt Du denn, mein Freund? biſt Du leidend?“ „Ich bitte, mein Oheim,“ antwortete Albert mit ſchwacher Stimme, „bekümmern Sie ſich nicht um mich.“ „Mein Sohn iſt ſeit einiger Zeit entſetzlichen Migränen unterworfen, welche die Aerzte übermäßiger Arbeit zuſchreiben,“ fügte haſtig und ſeufzend Ma⸗ dame San Privato bei. „Er hatte heute Nacht einen Anfall von dieſer verdammten Krankheit . . . ſie übt um ſo mehr Gewalt über ihn, als er von einer ſehr zarten Geſundheit iſt . . . das arme Kind!“ „Es unterliegt keinem Zweifel mehr,“ ſagte Char⸗ les Delmare zu ſich ſelbſt. „Die Komödie iſt zwi⸗ ſchen dem Sohne und der Mutter verabredet . . . 202 Man will die robuſte Geſundheit von Maurice lächer⸗ lich machen . . ich errathe . . .“ „Mein lieber Albert,“ ſprach Madame Dumirail voll Theilnahme, „fühlſt Du Dich unwohl, ſo ver⸗ ſchieben wir unſere Gebirgspartie auf morgen.“ „Verzeihen Sie, meine Mutter,“ ſagte Maurice, „ich denke, die friſche, reine Gebirgsluft kann Albert nur ſehr heilſam ſein.“ Und ſich an ſeinen Vetter wendend: „Glaube mir, mein Freund, ſobald Du oben auf den Plateaux ankommſt, zerſtreut ſich die Migräne wie durch einen Zauber.“ „Ich denke das, wie Du, mein guter Maurice, die friſche Luft wird mir günſtig ſein,“ antwortete San Privatv. „Wahrhaftig, ich bin eben ſo beſchämt als dankbar bei ſo vielen Beweiſen von Güte ... doch ich wäre troſtlos, würde ich irgend ein Hinderniß dieſer reizenden Partie entgegenſetzen, von der ich mir ſo viel Vergnügen verſprach und noch verſpreche. Es iſt ſchmerzlich genug, die traurigen Folgen einer ſchwächlichen Geſundheit erdulden zu müſſen, ohne auch noch die Anderen darunter leiden zu ma⸗ chen: das wäre das Uebermaß von Egoismus!“ „Ah! liebe Schwägerin,“ fügte Madame San Privato ſich mit einem ſüßlichen Tone an Madame Dumirail wendend bei, „wie glücklich ſind Sie, daß Sie einen Sohn haben, der mit einer ſo blühenden Geſundheit begabt iſt . . . Ei! ſo ſchauen Sie ihn doch an, unſern guten Maurice mit ſeinen friſchen, ſchönen Farben! Wie groß, wie ſtark iſt er! Welche Schulterbreite! welche Bruſt! Das iſt wahrhaft ein Hercules!“ Und mit einem noch mehr ſüßlichen Tone ſetzte Madame San Privato hinzu: „Ah! Sie 203 glückliche Mutter, die Sie ſind, liebe Schwägerin! Ach! ich beneide ein wenig für meinen armen kleinen Albert um dieſes ungeheure Uebermaß von Geſund⸗ heit unſern dicken guten Maurice! Sehen Sie nur dieſen Contraſt zwiſchen den lieben Kindern! . . . er iſt merkwürdig!“ Madame San Privato, als ſie dieſe letzten Worte ſprach, ſchaute Maurice und Albert an, und maſchinen⸗ mäßig richteten ſich alle Blicke auf die zwei Vetter, welche neben einander ſaßen .. . Albert verfluchte in ſeinem Innern die Zungenausſchweifung und die Unbeſonnenheit ſeiner Mutter ... Sie handelte ſehr ungeſchickt, denn da ſie einen Dienſt von Herrn Du⸗ mirail zu verlangen hatte, ſo lief ſie Gefahr, ihn wie ſeine Frau dadurch zu verletzen, daß ſie die ro⸗ buſte Geſundheit von Maurice bis ins Lächerliche übertrieb. Ohne gerade darüber aufgebracht zu ſein, ſchie⸗ nen Herr und Madame Dumirail ziemlich in Ver⸗ legenheit gebracht durch die ungebührlichen Affecta⸗ tionen von Madame San Privato, während Charles Delmare den Blick von Jeane erlauerte, in welchem eine Art von Bedauern hinſichtlich der zu lebhaften Farben des ſtrahlenden Geſichtes von Maurice, das noch mehr durch das bleiche, ſchwermüthige Antlitz von Albert hervorgehoben ward, ausgedrückt war. Ein Stillſchweigen von ein paar Secunden folgte auf die letzten treuloſen Worte von Madame San Privato; dieſes Stillſchweigen brach Charles Delmare, indem er ſich an Madame Dumirail wandte: „Ich bin ganz der Anſicht Ihrer Schwägerin, Sie müſſen ſich ſehr Glück wünſchen, Madame, 20⁴ daß Sie einen behenden, ſtarken Sohn von kräftiger Geſundheit haben; irgend Jemand hat die große Wahrheit ausgeſprochen: die Wohlbefindlichen ſind im Allgemeinen die Wohlwollenden, und die Uebelbefindlichen die Uebelwollenden. Das iſt ganz einfach: eine kränkliche Leibesbeſchaffen⸗ heit hat in moraliſcher und phyſiſcher Hinſicht ſo viel Unannehmlichkeiten zur Folge ... die Niedergeſchlagen⸗ heit . . . die Schweigſamkeit . . . die Schmermuth abgeſehen von den Arzneimitteln und ihren Inconvenienzen, denn Gott weiß, wie häufig und in welcher vertraulichen Weiſe dieſe intereſſanten Melan⸗ choliker Beziehungen mit den Apothekern zu unter⸗ halten genöthigt ſind!“ Die komiſche Kaltblütigkeit von Charles Delmare und ſein Scherz, (von einem zweifelhaften Geſchmacke, er wußte es wohl, doch er hielt ihn für gelegen,) er⸗ regten die Heiterkeit von Herrn und Madame Du⸗ mirail, von Maurite, und ſogar von Jeane, welche in ihrer Träumerei durch dieſen unvorhergeſehenen Sarkasm überraſcht ganz naiv zu lachen anfing. Die Stirne von San Privato faltete ſich unmerklich; ſeine Mutter ſchleuderte einen giftigen Blick Charles Del⸗ mare zu, und dieſer wandte ſich mit innigem Tone an ſie und ſprach: „Madame, ich hege aufrichtiges Mitleid mit den mütterlichen Beſorgniſſen, die Ihnen die ſchwächliche, leidende Geſundheit Ihres Herrn Sohnes verurſacht, und ich fühle mich ſehr glücklich, Sie in dieſer Hin⸗ ſicht beruhigen zu können.“ „Wie ſo, mein Herr?“ 205 „Ihr Herr Sohn iſt häufig Migränen unter⸗ worfen? 2* „Ja, mein Herr.“ „Es gibt ein ſicheres Rittel, ſie zu heilen.“ „Ich bezweifle es, mein Herr; wir haben es bis jetzt vergebens verſucht, zu . . .“ „Ich bitte Sie inſtändig, meine Mutter und Sie, mein Herr,“ fügte Albert bei, indem er ſich an Char⸗ les Delmare wandte, „ich erſuche Sie als um eine Gewogenheit, laſſen Sie uns nicht mehr von meiner Geſundheit reden, denn . . .“ „Erlauben Sie mir, mein Herr, Sie zu unter⸗ brechen,“ entgegnete Charles Delmare, „und Ihnen zu bemerken, daß mir mein innig vertrauliches Ver⸗ hältniß zu meinen trefflichen Freunden, Herrn und Madame Dumirail, beinahe das Recht gibt, mich für das, was Ihre Geſundheit betrifft, zu intereſſiren.“ „Ich fühle, wie ich es ſoll, den Beweis von Theilnahme, mit welchem mich zu beehren Sie die Güte haben, mein Herr,“ ſagte San Privato mit einem ſehr zurückhaltenden Weſen, „zu gleicher Zeit jedoch bitte ich Sie noch einmal dringend . . .“ „Aber, mein Freund, wenn Herr Delmare ein ſicheres Mittel gegen die Migräne kennt . . .,“ ent⸗ gegnete Herr Dumirail, „warum ſollteſt Du dieſes Mittel nicht verſuchen, da alle bis jetzt von Dir ver⸗ ſuchten Mittel nicht die Macht gehabt haben, Dich zu heilen 22 „Dieſer Verſuch, mein lieber Oheim, wäre durch⸗ aus unnütz,“ erwiederte San Privato; „alle Aerzte, die ich zu Rathe gezogen habe, ſind darin einverſtan⸗ den, daß die Migräne unheilbar iſt.“ 206 „Das mag ſein, mein lieber Albert,“ ſagte Mau⸗ rice mit einem Ausdrucke aufrichtigen Mitleidens; „doch wer weiß, ob, trotz der Verſicherung der ge⸗ lehrten Aerzte, das Heilmittel, von dem unſer theurer Meiſter ſpricht, Dich nicht erleichtern wird? Was risquirſt Du denn, wenn Du wenigſtens den Ver⸗ ſuch machſt?“ So ſich gleichſam gegen diejenigen ſträubend, welche es durchaus verſuchen wollten, ihn zu heilen, fing er an in den Augen von Jeane das Blendwerk ſeiner Melancholie zu verlieren, — Dank ſei es der lächerlichen Situation, in die ihn Charles Delmare verſetzte. Dieſer ſagte, indem er ſich vorzugsweiſe an Madame San Privato wandte, welche vor kaum bewältigtem Aerger und Zorn beinahe erſtickte: „Madame, ich werde hoffentlich die Ehre und das Glück haben, Sie durch die Anführung einer That⸗ ſache zu überzeugen . . . Sie zu überzeugen, ſage ich, daß Sie auf die unfehlbare und radicale Heilung Ihres Herrn Sohnes rechnen können . . .“ „Ich wiederhole, mein Herr, ich habe kein Ver⸗ trauen zur Charlatanerie der Empiriker . . .“ „Meine liebe Armande,“ unterbrach Dumirail ſeine Schweſter, „erlaube unſerem Freunde, die That⸗ ſache anzuführen, die er zur Unterſtützung ſeiner Ver⸗ ſicherung anruft .. .“ „Vernehmen Sie dieſes Factum,“ fuhr Charles Delmare fort. „Ich wohnte damals in Florenz .. . Ein gewiſſer Marquis Appiani war ſeit langen Jah⸗ ren grauſamen Migränen und ihren gewöhnlichen Folgen preisgegeben, vor denen Ihr Herr Sohn, Madame, leider auch nicht geſchützt iſt,“ fügte Char⸗ les Delmare ſich an Madame San Privato wendend bei: „nämlich Schlafloſigkeit, da er heute Nacht kein Auge zugethan hat. . . Verluſt des Appetits, da er an dieſem Imbiß keinen Theil nimmt . . . Nieder⸗ geſchlagenheit, Schwere des Kopfes, wie aus ſeiner ſichtbaren Betrübniß hervorgeht. während Fieberanfalles endlich wird die Zunge, gelblich . der Athem übelriechend . . . und. „Ei! ganz und gar nicht!“ rief Madame San Fortunato außer ſich, „nie hat mein Sohn . . . vor während.. oder nach ſeinen Migränen den ab⸗ ſcheulichen Athem gehabt, von dem Sie reden. „Das iſt ganz außerordentlich,“ erwiederte Char⸗ les Delmare, mit einer geheuchelten Treuherzigkeit den Kopf ſchüttelnd, indeß eine dumpfe Wuth den Schweiß auf der bleichen Stirne von San Privato perlen machte. „Ich beſuchte oft den Marquis Appiani während ſeiner Migräneanfälle, und . . . wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe, Madame. ſein Athem war wahrhaft . . .“ „Ei! mein Herr, ich wiederhole, mein Sohn hat durchaus keine Aehnlichkeit mit Ihrem Marquis.“ „Mein lebhafteſtes Veclangen iſt im Gegentheile, Ihr Sohn möge mit dem Marquis dieſe Aehnlichkeit haben, und er möge, wie dies bei dem Marquis der Fall geweſen iſt, durch folgende einfache Mittel ge⸗ heilt werden: durch Laxation, mit anderen Worten, durch wöchentliche Abführungsmittel, und ein kleines, ſorgfältig unterhaltenes Fontanell auf dem Arme.“ „Aber, mein Herr, wir ſind hier nicht in einem Hoſpital,“ rief Madame San Privato empört; „dieſes Geſpräch iſt im höchſten Grade Widerwillen erregend.“ „Liebe Armande, ſind wir hier nicht in Familie?“ fragte Herr Dumirail, der dieſe improviſirte Be⸗ rathung ſehr im Ernſte nahm. „Kann ſich nun wirklich Dein Sohn durch dieſe, ich gebe es zu, für einen eleganten jungen Mann ſehr unangenehmen Mittel, deren Erfolg aber ſicher iſt, von ſeiner ver⸗ dammten Migräne befreien und die Geſundheit wie⸗ dererlangen, welche Du ihm zu wünſchen ſo ſehr Recht haſt, warum ſollte er ſie nicht anwenden?“ „Aus einem äußerſt einfachen Grunde,“ erwie⸗ derte San Privato, dem es, Dank ſei es übermenſch⸗ lichen Anſtrengungen, gelang, gleichgültig zu bleiben; „weil Herr Delmare, der mir die Ehre erweiſt, ſich ſo lebhaft für meine Geſundheit zu intereſſiren, nicht „Verzeihen Sie mir, mein Herr, wenn ich Sie unterbreche, doch ich ſehe Ihren Einwurf vorher und ich beeile mich, Sie zu beruhigen,“ ſagte Charles Delmare. „Die Wiſſenſchaft hat in unſeren Tagen Alles vervollkommnet; ich erlaube mir auch beſon⸗ ders, ſind die Zeitungsannoncen nicht trügeriſch, einen gewiſſen Le Perdriel⸗Taffet zu empfehlen, der den Vorzug zu haben ſcheint, daß er hinreichend die Hauptunannehmlichkeiten des ſchlimmen Arzneimittels, von dem die Rede iſt, verbirgt.“ „Mein Herr, man vermöchte die Artigkeit nicht weiter zu treiben, als Sie dieſelbe treiben, indem Sie mich ſo umſtändlich über die Heilmittel für meine Migräne zu unterrichten die Güte haben, und ich werde ſicherlich Ihre vortrefflichen Rathſchläge be⸗ nützen,“ antwortete San Privato, immer Herr über ſich; „darf ich hoffen, die Verſicherung, die ich Ihnen 209 hiemit gebe, mein Herr, werde dieſem Geſpräche über meine Geſundheit ein Ziel ſetzen? . . ein Geſpräch, das ſich viel zu ſehr ausgedehnt hat, wie ich be⸗ i „Ich verharrte um ſo mehr bei dieſem Gegen⸗ ſtande, mein Herr, als wir ganz in Familie ſind, wie Herr Dumirail bemerkt hat,“ ſagte Charles Del⸗ mare. „Ueberdies war ich ſehr gerührt von dem Wunſche, den Ihre Frau Mutter ausdrückte, die es in der zarten Eiferſucht ihrer mütterlichen Liebe be⸗ dauerte, daß Sie nicht mit dem Uebermaße von Ge⸗ ſundheit, deſſen ſich unſer lieber Maurice erfreut, begabt ſind.“ „Und ich, ich bin ſicher, daß, wenn wir da oben auf den Plateaux ſind, die Gebirgsluft, mein lieber Albert, befreit ſie Dich nicht ganz von Deiner Mi⸗ gräne, Dich wenigſtens viel erleichtern wird,“ ſprach Maurice, „und wenn meine Tante und neine Mut⸗ ter wollen, ſo brechen wir auf . . .“ „Gut,“ antwortete Madame Dumirail, „voraus⸗ geſetzt indeſſen,“ fügte ſie, ſich an Albert wendend, bei, „daß Du, mein Freund, Dich nicht vor der An⸗ ſtrengung dieſer Gebirgspartie fürchteſt. Du kannſt übrigens mit Deiner Mutter, Deiner Couſine und mir fahren.“ „Wenn Sie es erlauben, liebe Tante, ziehe ich es vor, zu Fuße zu gehen, während ich ſehr be⸗ daure, den Weg nicht mit Ihnen zu machen. Die⸗ ſer Spaziergang wird mir zuträglich ſein.“ „Dann will ich mich verſichern, daß der Wagen bereit iſt,“ ſagte Maurice, indem er aufſtand, und er fügte heiter bei: „Liebe Tante, das wird ein Ge⸗ Sue, die Familienſöhne. I. 14 210 ſpann aus den merovingiſchen Zeiten ſein; unſere zwei ſchönſten Ochſen Atlas und Hercules wer⸗ den den Wagen ziehen; denn Du weißt, unſere Pferde vermöchten den jähen Abhang der Plateaur nicht zu erſteigen.“ „Hältſt Du mich denn für ſo ſehr Neuling in Gebirgsercurſionen, mein dicker Maurice? Sind wir nicht ſo während meines letzten Aufenthaltes im Mo⸗ rillon zur Sennhütte hinaufgeſtiegen?“ Und den Augenblick benützend, wo ſie von Char⸗ les Delmare gehört werden konnte, der mit ſeinen Freunden aus der grünen Laube wegging, ſagte Ma⸗ dame San Privato zu ihrer Nichte, indem ſie mit dem Blicke Maurice bezeichnete, der ſich entfernte: „Siehſt Du, Jeane, wie ſolid er gebaut iſt, dieſer gute dicke Maurice! Welch ein Stierhals! Und dieſe Schultern! Ich wette, wie der berühm⸗ teſte Starke der Halle von Paris würde er ganz leicht einen Sack Mehl auf ſeinem Rücken tragen.“ „Und mein Vetterchen Albert obenein,“ erwiederte Jeane mit einem ſpöttiſchen Tone, von dem Madame San Privato um ſo mehr gereizt war, als ſie an der Antwort ihrer Nichte die Erfolgloſigkeit der von ihrem Sohne geſpielten und durch die ärztliche Con⸗ ſultation von Charles Delmare völlig lächerlich ge⸗ machten melancholiſchen Komödie erkannte; Madame San Privato ſprach auch bitter: „Auf die Gefahr, Deiner Bewunderung für Dei⸗ nen Vetter ein wenig entgegenzutreten, bemerke ich Dir, meine Liebe, daß ſo ſtark, ſo ſehr er Ochs ſein mag.. dieſer dicke Maurice immer die Unannehm⸗ lichkeit haben wird, ſich durch einen wahren Ochſen 21¹¹ übertroffen, verdunkelt zu ſehen .. . was ihn leider! ſeltſam in ſeinem Ehrgeize verletzen muß, dieſen ro⸗ buſten Jungen!“ „Oh! beruhigen Sie ſich, liebe, gute Tante,“ ſagte Jeane fein lächelnd, „Maurice iſt nicht von dem Ehrgeize . . . wie ſoll ich ſagen? von dem ein wenig ochſigen Ehrgeize beſeſſen, den Sie bei ihm vorausſetzen . er iſt zufrieden mit der Stärke, die ihm zu Theil geworden . . . „Gewiß. . es iſt in der That auch Grund vor⸗ handen, um ſtolz zu ſein!“ „Ja, meine Tante, es iſt Grund vorhanden, um ſtolz zu ſein.. . ſehr!“ erwiederte ernſt Jeane, welche nun auf die Ironie verzichtete. Und mit einer edel bewegten Stimme fuhr ſie fort: „Dieſen Winter, in der Nacht, verzehrte die Feuersbrunſt einen in der Kähe unſeres Dorfes liegenden Flecken. Maurice ſtürzte ſich mit Lebensgefahr mitten in die Flammen, er war im Stande, auf ſeinen Schultern einen ſchwachen Greis herauszutragen, der dem Umkom⸗ men nahe. Sie ſehen, meine Tante, ſo ſehr man Ochs ſein mag, man darf mit Fug und Recht auf ſeine Stärke ſtolz ſein, wendet man ſie zu ſolchen Handlungen an.“ Und mit geſchärftem Spotte fügte das Mädchen die Worte bei: „Ich bezweifle nicht, wenn es ſich bei einem ſol⸗ chen Anlaſſe darum handelte, das Leben von ſeines Gleichen zu retten, ſo würde es mein Vetter Albert ſchmerzlich bedauern, daß er ſo ſchwächlich, bedenkend, daß die phyſiſche Kraft, der er beraubt iſt, zum Ver⸗ räther an ſeinem guten Willen und an ſeinem Muthe 212 würde . . . Hoffen wir aber, es werde ſich die ſchon ſo zarte und durch ſeine verdammte Migräne noch mehr angegriffene Geſundheit meines armen Vetters wiederbefeſtigen, wenn er pünktlich, wie er es ver⸗ ſprochen hat, die vortrefflichen Rathſchläge unſeres Freundes Herrn Delmare befolgt.“ Dieſe boshafte Anſpielung auf die ärztliche Conſultation, welche den ſchwermüthigen Affecta⸗ tionen von San Privato den Todesſtreich verſetzt hatte, brachte ſeine Mutter außer ſich; ſie war im Begriffe, ihrer Gereiztheit nachzugeben, als ihr Herr Dumirail, wieder in die Laube eintretend, heiter zurief: „Auf! meine Schweſter, wir erwarten Dich; ſollte Dein Muth in dem Augenblicke zurückweichen, wo wir die Erſteigung der Sennhütte beginnen?“ So ſprechend, nahm Herr Dumirail den Arm von Madame San Privato, und wenige Augenblicke nach⸗ her begannen die Bewohner des Morillon die Ab⸗ hänge zu erklettern, welche zu den Prairien führten. XXII. Die Familie Dumirail ſetzte ihre Aufſteigung zu den oberen Plateaux des Gebirges fort. Madame Dumirail, ihre Schwägerin und Jeane fuhren in einem von jenen Seitenwagen, wo man parallel mit der Deichſel Platz nimmt, offene, ſolide, leichte Wagen, vollkommen geeignet für abſchüſſige Wege. Herr Dumirail und Madame San Privato, welche neben einander auf der rechten Seite des Wagens 213 ſaßen, wandten Madame Dumirail und Jeane, welche links ſaßen, den Rücken zu. Das in Form eines Munitionswagens verlängerte Hintergeſtell des Ve⸗ hikels enthielt den Frühſtücksproviant. Weit dem Wagen voranſchreitend, der langſam im abgemeſſenen Schritte der Ochſen vorrückte, gingen in Geſellſchaft Charles Delmare, San Privato und Maurice. Dieſer athmete, in der Freude ſeines Herzens und ſeiner Liebe ſchwimmend, mit voller Lunge die balſamiſche Luft des ſchönen Sommermorgens ein und überließ ſich zuweilen Ausbrüchen toller Heiterkeit. Das Glück macht die edlen Herzen noch beſſer; Maurice ſtrengte ſich auch an, in ſeinen eigenen Augen ſeinen Eifer⸗ ſuchtsanfall vom vorhergehenden Tage zu ſühnen, verdoppelte ſeine Freundlichkeit gegen San Pri⸗ vato, fragte ihn von Zeit zu Zeit mit einem Aus⸗ drucke lebhafter Theilnahme, ob ſeine Migräne ab⸗ nehme, und bot, wenn der Weg mühſam zu erſteigen war, Albert brüderlich die Unterſtützung ſeines kräfti⸗ gen Armes an. Albert ſchien gerührt von dieſen Be⸗ weiſen von Herzlichkeit; er verſicherte, ſeine Migräne zerſtreue ſich allmälig nach den Vorherſehungen ſeines Vetters, und fügte lächelnd bei, um zu bezeigen, wie wenig er Groll gegen Charler Delmare hege: „Die Atmoſphäre des Jura ſei für die Heilung der Kopf⸗ leiden unendlich allen Pharmakopöen der Welt und beſonders dem Le Perdriel⸗Taffet vorzuziehen, gegen den er, er müſſe es in aller Aufrichtigkeit ge⸗ ſtehen, einen heiligen Abſcheu fühle,“ und er bat im Scherze ſeinen improviſirten Doctor, ihn ſeines Ver⸗ ſprechens in Betreff des Vollzugs ſeiner ärztlichen Verordnung zu entbinden. 214 Dieſe Anſcheine täuſchten Charles Delmare in keiner Hinſicht; er hatte bis aufs Blut die Eitelkeit von San Privato verwundet und wußte wohl, daß ſolche Wunden, beſonders ſchmerzlich für diejenigen, welche ſich vor der Lächerlichkeit geſchützt glauben ſollten, ihnen um ſo ſchmerzlicher ſind, als ſie dieſelben ver⸗ bergen, und dieſe Wunden, wenn man ſo ſagen darf, nach innen bluten. Charles Delmare ſah alſo mit Recht einen Todfeind in San Privato; ſeine kalte Verſtellung, ſeine mächtige Selbſtbeherrſchung, ſein hinterliſtiger Geiſt, der unbeſtreitbare Reiz ſeiner Perſon, Alles bis auf die gemeine Späherei, die er ſich am Mor⸗ gen erlaubt hatte, ein flagranter Beweis von ſeiner üichtſcheuen Verdorbenheit machten ihn furchtbar in den Augen von Charles Delmare. Weit entfernt, dieſen gefährlichen Gegner zu verachten, hielt er ſich aufmeriſam vertheidigungsweiſe, und Albert Finte für Finte erwiedernd, wünſchte er ihm mit einer ſcheinbaren Gutmüthigkeit Glück zur Linderung ſeiner Migräne. Das Geſpräch dauerte ein paar Augenblicke über einen unbedeutenden Gegenſtand, als San Privato bei einer der Wendungen der bergigen Straße, von wo aus man ein ungeeures, von der Morgenſonne beleuchtetes und den entzückten Augen Wunder von Licht und Schatten bietendes Panorama erſchaute, ſtehen blieb, und indem er ſich den Anſchein gab, als wäre er plötzlich betroffen beim Anblicke der Herr⸗ lichkeiten dieſer großartigen Natur zu Maurice ſagte: „Welch ein wundervoller Anblick! das iſt glän⸗ zend! Ah! wie Schade iſt es, und Du mußt das hundertmal beſſer wiſſen als ich, Maurice, Du ein wahrer Künſtler, Dank ſei es den trefflichen Lectionen von Herrn Delmare, daß die Malerei nicht die Macht beſitzt, das Ungeheure dieſer Ebenen, dieſer Bergab⸗ hänge, dieſer Wälder zu reproduciren, die ſich ins Unabſehbare bis zu den fernen Horizonten erſtrecken!“ „Ah! mein lieber Albert, an wen richteſt Du dieſe Bemerkung? an einen unglücklichen Schmie⸗ rer vom Lande! der immer in eine Troſtloſigkeit verſunken iſt, handelt es ſich um die Hintergründe. Die Himmel gehen noch beſſer, und mit Hülfe des Abputzpinſels gelingt es mir, meine Wolken aufzu⸗ häufen, ihnen ein gewiſſes Relief, etwas ſich in der Ferne Verlierendes zu geben; beſſer glückt es mir auch mit meinen erſten Plänen; doch die Hintergründe.. ah! die Hintergründe ſind meine Verzweiflung, und ſie bringen nicht nur mich allein in Verzweiflung!. .. ſicht wahr, lieber Meiſter?“ fügte Maurice ſich an Charles Delmare wendend bei. Dieſer, der ſich, wie geſagt, vertheidigungsweiſe gegen ſeinen Feind benehm und es ſeltſam fand, daß San Privato in der Gemüthsſtimmung, in der er ſein mußte, viel an die Bewunderung der Herr⸗ lichkeiten der Natur dachte, ſuchte in ſeinem Innern, jedoch vergebens den geheimen Zweck dieſer vorgeb⸗ lichen künſtleriſchen Begeiſterung, während er Mau⸗ rice antwortete: . „In der That die Reproduction der Unermeß⸗ lichkeit, iſt eines der größten und ſchwierigſten Probleme der Malerei. Nach meiner Anſicht iſt, nach Claude Lorrain, der einzige Dichter⸗Maler, der zwanzig Meilen Landſchaft in eine Leinwand von ſechs Fuß einzuſchließen weiß, Corot.“ — 216 ₰ „Corot iſt allerdings ein großer Maler voll Ein⸗ bildungskraft und Poeſie; ſo beurtheilte ich ihn we⸗ nigſtens in meiner demüthigen Unwiſſenheit,“ fügte San Privato bei. „Ich wünſche mir Glück, mein Urtheil durch eine ſo erleuchtete Perſon, wie es Herr Delmare in Dingen der Kunſt iſt, beſtätigt zu ſehen; und dann, da wir von Landſchaftsmalern reden; kürzlich durch München reiſend, habe ich bewunderungswür⸗ dige Bilder bemerkt . . . immer nach meinem ober⸗ flächlichen Urtheile und meiner demüthigen Unwiſſen⸗ heit . . . bewunderungswürdige Bilder, füge ich bei; ſie ſtellten Anſichten von Tyrol faſt im Fluge erfaßt vor. Es waren Gebirgsketten, Horizonte von einer Ausdehnung von fünfzehn Meilen begränzend; und ich geſtehe, durch das Colorit, die Harmonie, den Styl und die Poeſie ſeiner Compoſitionen kam der Künſtler, wenn er ihn nicht übertraf, dem berühmten Corot gleich, — nach der Schätzung von Kennern; ſie erklärten ihn auch für den erſten deutſchen Land⸗ ſchaftsmaler unſerer Zeit, und für den glücklichen Nebenbuhler der größten Künſtler aus dieſem Fache in den alten Schulen.“ „Das heißt wahrlich viel geſagt,“ erwiederte Charles Delmare, den, ohne daß er ſich das Motiv dieſes Eindruckes erklären konnte, ſeit dem Anfange des Geſpräches mit San Privato ein leichtes Gefühl! von Mißtrauen ergriffen hatte, und er fügte beinahe maſchinenmäßig bei: „Mein Herr, welches iſt der Name dieſes berühmten“ deutſchen Künſtlers?“ „Er heißt Wagner,“ antwortete einfach San Pri⸗ vato, indem er Charles Delmare ohne allen Anſchein von Abſichtlichkeit, aber gerade ins Geſicht anſchaute. 217 Dieſer unvorhergeſehene Schlag war niederſchmet⸗ ternd für den Vater von Jeane. Doch wie in einer Sturmnacht der Blitz zuweilen dem verirrten Reiſen⸗ den den gähnenden Abgrund zeigt, in welchem er ſogleich die Glieder zerſchmettern wird, gibt er dem Schwindel nach und macht einen unſichern Tritt, ſo, Dank ſei es einem Wunder von Selbſtbeherrſchung, zu welchem nur die väterliche Liebe fähig iſt, erbleichte Charles Delmare nicht, erröthete er nicht, ſchauerte er nicht einmal . . . Ein Umſtand indeſſen, einzig und unſchätzbar für jeden Andern, als einen Beob⸗ achter, deſſen Scharfſinn der Haß verdoppelt, konnte Charles Delmare verrathen; mit San Privato plau⸗ dernd ſtützte er ſich auf einen ziemlich dicken Stock von Stechpalme, dem eine übermäßige Anſtrengung allein eine leichte Biegung verleihen konnte; man weiß aber, gewiſſe Gemüthsbewegungen reagiren, wenn ſie ihren Parorismus erreichen, vom Moraliſchen auf das Phyſiſche und überſetzen ſich oft durch einen, faſt immer von unſerem Willen unabhängigen, Act; ſo wird man die Fäuſte krampfhaft ballen, mit dem Fuße ſtampfen, ſich die Nägel ins Fleiſch drücken. Als Charles Delmare plötzlich den Namen Wag⸗ ner mit einer augenſcheinlichen Abſicht San Privato ausſprechen hörte, hielt er ihn für den Herrn ſeines Ge⸗ heimniſſes; er dachte an die entſetzlichen Folgen dieſes Geheimniſſes, wäre es im Beſitze eines Todfeindes; ſeine Gemüthsbewegung verrathen hieß auf immer ſich zu Grunde richten; er wollte unempfindlich bleiben. Seine Unempfindlichkeit wäre vollſtändig geweſen, hätte ſich nicht ſein innerer Schrecken unwillkürlich durch eine Muskelnzuſammenziehung der Fauſt verrathen, mit 218 der er ſich auf ſeinen Stock ſtützte, eine ſo mächtige Zuſammenziehung, daß ſeine, gewöhnlich weiße und blutleere, Hand violett wurde, mit ſolcher Heftigkeit floß das Blut nach ſeinen bis zum Zerberſten ange⸗ ſchwollenen Adern; ſo gewaltig war endlich der Druck, den der ſchwere Stock der Stechpalme erlitt, daß er ſich leicht bog. Dieſes einzige Symptom, das dem tiefen Scharfſinne von San Privato nicht entging, verrieth ohne ſein Wiſſen Charles Delmare, denn auf die letzten Worte von Albert: „Dieſer Maler heißt Wagner,“ antwortete Charles Delmare, unſtörbar, Anfangs den Diplomaten feſt anſchauend, ohne die geringſte Veränderung im Ausdrucke ſeiner Stimme: „Dieſer Name iſt mir völlig unbekannt.“ Sodann die Augen gen Himmel aufhebend, wie man es thut, wenn man ſeine Erinnerungen befragt, fügte Charles Delmare bei: „Wagner! der Name des, nach Ihrer Behaup⸗ tung ſo berühmten, Künſtlers iſt nicht bis zu mir gelangt.“ „Wahrhaftig!“ ſagte San Privato, „vas iſt ſelt⸗ ſam, denn der Name dieſes großen Künſtlers iſt in Deutſchland ſehr verbreitet.“ „Ich will es nicht bezweifeln, mein Herr, da Sie es verſichern,“ erwiederte Charles Delmare immer unempfindlich. „Indeſſen, in hohem Grade Liebha⸗ ber der Künſte, habe ich mich möglichſt auf dem Lau⸗ fenden in den franzöſiſchen und in den fremden Schulen erhalten, und ich habe nirgends den Na⸗ men Wagner erwähnt geſehen.“ „Lieber Meiſter, vielleicht iſt es ein noch jungèr Künſtler,“ ſagte Maurice, „und ſein Ruf wird in 219 Deutſchland ſeit Ihrem Aufenthalte in unſern Ber⸗ gen groß geworden ſein.“ Da San Privato die Kenntniß des Geheimniſſes beſaß, von dem er ſeit dem vorhergehenden Tage eine Vermuthung hatte, ſo fand er es erſprießlich für ſeine Pläne, an das Daſein der vorgeblichen künſtteriſchen Celebrität, von der er ſprach, glauben zu machen; er wollte ſo Charles Delmare völlig be⸗ ruhigen und ihn überreden, es handle ſich keines Weges um eine furchtbare Anſpielung auf ſeinen ehemaligen Pſeudonymen, ſondern um eine Namens⸗ ähnlichkeit, welche übrigens wahrſcheinlich, da der Kame Wagner in Deutſchland ſehr verbreitet ſei; er ſagte auch zu Maurice: „Dieſer Maler iſt kein junger Mann mehr; ich habe ihn kürzlich, als ich durch München reiſte, ge⸗ ſehen; er iſt ein Mann von ungefähr fünfzig Jah⸗ ren, ſchwächlich und kränklich, und, ſeltſam bei einem Maler, der die erhabenſten Eigenſchaften hinſichtlich des Colorits in ſich vereinigt, Wagner iſt auf dem rechten Auge blind.“ „In der That, das iſt ſeltſam,“ bemerkte Mau⸗ rice; „das Geſicht nur halb beſitzen und mit einer wunderbaren Treue die großen Anſichten der Natur wiedergeben! wenn indeſſen das Talent dieſes frem⸗ den Künſtlers auf der Höhe Deiner Lobeserhebungen ſteht; denn mir ſcheint, ein einäugiger Maler muß mit großen Schwierigkeiten bei Ausführung ſeiner Kunſt zu kämpfen haben.“ „Dieſe Schwierigkeit iſt mehr ſcheinbar als wirk⸗ lich, mein liebes Kind,“ ſagte Charles Delmare, nicht minder darauf achtſam, die unausſprechliche 220 Hoffnung zu verbergen, der er ſich hingab, als er es kurz zuvor geweſen war, ſeinen Schrecken zu verber⸗ gen; — „Dank ſei es den unerſchöpflichen Hülfs⸗ quellen der Natur, geſchieht es oft, daß der Verluſt eines Auges beinahe dadurch ausgeglichen wird, daß die Geſichtsfähigkeiten von dem, welches uns bleibt, ſich an Macht zu verdoppeln ſcheinen.“ Und im Geiſte fügte Charles Delmare bei: „Ich bin gerettet. . . ich bin nun faſt ſicher, eine ein⸗ fache, dem Zufalle entſprungene Aehnlichkeit der Na⸗ men hatte meinen Schrecken verurſacht. San Privato weiß nicht, daß ich es bin, der unter dem Namen Wagner Herrn Erneſt Dumirail getödtet hat.“ In dieſem Augenblicke wurden die drei Wanderer von Madame Dumirail und Jeane eingeholt. An Gebirgstouren gewöhnt, wünſchten ſie einen Theil des Weges zu Fuße zu machen, und ſie waren vom Wagen abgeſtiegen, wo Herr Dumirail blieb und ſeiner Schweſter Geſellſchaft leiſtete, welche unfähig war, zu Fuße die letzten ziemlich jähen Abhänge zu erſtei⸗ gen, die zu den Prairien der Sennhütte führten. XXIII. Madame San Privato, als ſie allein im Wagen an der Seite ihres Bruders war, ſammelte ſich einen Augenblick, nahm dann ihre ſüßlichſte Maske an, ſeufzte und ſagte mit ihrem einſchmeichelndſten Tone zu Herrn Dumirail: „Mein Freund, ich benütze einen Moment, wo wir allein ſind, um einen Gegenſtand, der mich be⸗ 221 drückt, und von welchem mit Dir zu reden ich Eile habe, in Angriff zu nehmen; ſo mich gegen Dich er⸗ gießend, werde ich von einer peinlichen Bangigkeit befreit ſein . . .“ „Um was handelt es ſich, Armande? Du weißt, wie ſehr Du auf meine Liebe rechnen kannſt?“ „Mein Freund,“ erwiederte Madame San Pri⸗ vato mit einem neuen, tiefen Seufzer, „es iſt Dir nicht unbekannt, daß mein Mann ſeine Angelegen⸗ heiten ziemlich in Verwirrung hinterlaſſen hat . . . Bei dieſen Worten ſeiner Schweſter konnte Herr Dumirail eine Bewegung ärgerlichen Erſtaunens nicht verbergen; er hatte ſich im Glauben gefallen, die Liebe allein führe ſeine Schweſter zu ihm, und er ahnte die ohne Zweifel eigennützige Abſicht dieſes Beſuches. In ſeiner Hoffnung getäuſcht, betrübte er ſich, und er antwortete: „Es iſt mir leider bekannt, daß Dein Mann ſtets ein ſehr verſchwenderiſches Leben geführt hat; dabei, und, das iſt immer der Gegenſtand unſeres großen Streites geweſen, haben Deine Gleichgültigkeit, Deine Gewohnheit, auszugeben, ohne zu rechnen, Deine, ohne Zweifel großmüthige, aber unbeſonnene, Verſchwen⸗ dung die Folgen der Unordnung Deines Mannes erſchwert.“ „Es iſt wahr, ich bin immer von einer beklagens⸗ werthen Sorgloſigkeit und Schwäche bei dem, was Geldangelegenheiten betrifft, geweſen.“ „Du klagſt Dich ſo treuherzig an, meine Schwe⸗ ſter, daß ich die Gelegenheit benütze, Dir einen Vor⸗ wurf zu machen. Ich frage, wozu ſoll es dienen, einen Wagen zu miethen und mit Extrapoſt zu rei⸗ 222 ſen, um Dich hierher zu mir, Deinem Bruder, zu begeben?“ „Ich habe die Poſt genommen, weil ich immer einen Abſcheu gegen die öffentlichen Wagen hegte, wo man der Gefahr ausgeſetzt iſt, ſich mit allen Ar⸗ ten von, oft ſehr ungeſchlachten, Menſchen zuſammen⸗ zufinden.“ „Hatteſt Du nicht Deinen Sohn bei Dir? war dies nicht die beſte Schutzwaffe? Doch laſſen wir das, was geſchehen iſt, iſt geſchehen . . . Kommen wir auf das Geſtändniß zurück, das Dich, wie Du ſagſt, bedrückt . . Was iſt es?“ „Ich habe Dich um einen Rath zu bitten...“ „Einfach um einen Rath?“ „Ja, mein Bruder.“ Herr Dumirail fühlte ſich um eine ſeinem Herzen peinliche Befürchtung erleichtert; er bedauerte, Ma⸗ dame San Privato im Verdachte gehabt zu haben, ſie ſei einzig und allein geleitet von ihrem perſön⸗ lichen Intereſſe ihn beſuchen gekommen, und ſagte mit guter Laune: „Ich höre Dich, liebe Armande, und ich bin, wie Du weißt, nicht geizig an Rathſchlägen; oft gebe ich Dir, ſelbſt wenn Du ſie nicht von mir verlangſt; freilich befolgſt Du ſie im Allgemeinen nicht, ſo daß eine Ausgleichung ſtattfindet. Nun! dieſer Rath?“ „Ich muß Dir vor Allem geſtehen, daß die letz⸗ ten Güter, die mir bleiben, mit Hypotheken belaſtet ſind. Die Verfallzeit der Zahlungen iſt das Ende dieſes Monats, und kann ich dieſe Zahlungen nicht bewerkſtelligen, ſo werde ich aus dem Beſitze geſetzt, — . 223 meine Güter werden ohne Zweifel um einen niedri⸗ gen Preis verkauft.“ „Ich mußte ſeit langer Zeit auf dieſe Kataſtrophe gefaßt ſein; indeſſen verurſacht ſie mir ein grauſames Erſtaunen,“ rief Herr Dumirail ſchmerzlich ergriffen; „das iſt alſo das Reſultat Deiner unheilbaren Schwäche, der Ruin! der Ruin!“ „Ah! weiſer und zärtlicher Bruder!“ erwiederte Madame San Privato, indem ſie heuchleriſche Thrä⸗ nen zu Hülfe rief und ihr Taſchentuch an ihre Augen drückte. „Nun erkenne ich leider, wie richtig die ſtrengen Vorſtellungen waren, die Du mir ſo oft in meinem Intereſſe gemacht haf 6 „Es iſt wohl Zeit!“ „Mein Beklagen iſt unnütz . . . ich fühle es .. Ich werde die Lage erdulden, die mir meine Unvor⸗ ſichtigkeit bereitet hat; doch ich muß der Erpropriation, mit der ich bedroht bin, zu entgehen ſuchen; in die⸗ ſer Hinſicht bedarf ich Deines Rathes.“ „Ei! welchen Rath ſoll ich Dir geben? Es gibt nur ein Mittel, der Expropriation zu entgehen: die Hypothekſchulden bezahlen.“ „Hiezu bin ich entſchloſſen.“ „Und die Mittel zu dieſen Leiſtungen?“ „Ich finde Gelegenheit zu ſieben Procent Intereſſe zu entlehnen . . . hierüber, mein Bruder, möchte ich gern Deine Anſicht erfahren. Scheint Dir der Zins⸗ fuß zu hoch? Räthſt Du mir, das Anerbieten an⸗ zunehmen?“ „Du biſt aber zu Grunde gerichtet . . . wie fin⸗ deſt Du Gelegenheit, zu entlehnen?“ „Unter der Garantie meiner Unterſchrift . . . 224 „Deine Unterſchrift oder nichts das iſt ganz eins in der Lage, in der Du Dich befindeſt Es iſt unmöglich, es iſt unglaublich, daß man Dir das Anlehen einer ohne Zweifel bedeutenden Summe an⸗ bietet.“ „Fünfzigtauſend Franken.“ „Du wirſt mich nie glauben machen, man leihe Dir fünfzigtauſend Franken ohne eine andere Ga⸗ rantie, als Deine Unterſchrift allein.“ „Meine Unterſchrift allein? Rein, man verlangt noch eine andere.“ „Das heißt, eine ernſte, zahlungsfähige Bürgſchaft. Ich wußte das, denn Deine Unterſchrift hat keinen Werth. Und wer iſt der Narr, der ſo gutmüthig, für Dich zu bürgen?“ „Ah! mein Bruder, den Edelmuth als Narrheit taxiren . . .!“ „In der That, ich wiederhole es, man müßte wahnſinnig zum Binden ſein, um ſich für Dich in Deiner Lage, und ſo wie ich ſie leider kenne, zu ver⸗ bürgen.“ „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Madame San Privato, die ſich den Anſchein gab, als ſchluchzte ſie in ihrem Taſchentuche, „ich hatte nur noch Hoff⸗ nung auf Dich, Bruder, und nun muß ich auf dieſe letzte Hoffnung verzichten.“ „Auf welche Hoffnung?“ „Ich glaubte, wenn ich Dich um Deine Rath⸗ ſchläge anflehe und Dir meine grauſame Lage aus⸗ einanderſetze, werdeſt Du, der Du ſo gut biſt und mir ſchon ſo viele Beweiſe von Zuneigung gegeben haſt, einwilligen, ſage ich, für mich . . .“ „Zu bürgen! Das war alſo der Rath, den Du von mir verlangteſt?“ „Ich wußte nicht, wie ich Dich um dieſen neuen Dienſt bitten ſollte . . .“ „Armande, höre mich,“ erwiederte mit feſtem, ernſtem Tone Herr Dumirail, nachdem er ſich einen Augenblick geſammelt hatte. „Ich habe Dir ſchon, zu wiederholten Malen, ungefähr zwanzigtauſend Franken geliehen . . . Das iſt kein Vorwurf, den ich Dir mache, ich müßte ihn mir vielmehr ſelbſt machen, denn ich wußte vollkommen, dieſe Summen werden vom Abgrunde Deiner tollen Verſchwendun⸗ gen verſchlungen werden, doch ich werde mir nicht mehr einen ſolchen Fehler zu Schulden kommen laſſen, und zu dieſer Stunde erkläre ich Dir: Ja, wäre Dein Unglück unverdient, ſo würde ich es als eine heilige Pflicht betrachten, mit Dir, meine Schweſter, das letzte Stück Brod, das mir bliebe, zu theilen; aber Dich in Deinen unheilbaren Gewohnheiten der Unordnung dadurch aufmuntern, daß ich Dir aufs Neue das Mittel zu ihrer Befriedigung böte .. nein, nein, nie!“ Bei dieſen letzten, von Herrn Dumirail mit dem Ausdrucke eines unerſchütterlichen Willens ausge⸗ ſprochenen, Worten ſtieß Madame San Privato einen Seufzer ſüßlicher Reſignation aus, warf aber zugleich auf ihren Bruder einen verſtohlenen, ſchiefen Blick, in welchem die Demüthigung, der Zorn und der Haß zu leſen waren, wovon ſie bei dieſer Weigerung ergriffen wurde; dann ſagte ſie mit einer kläglichen Stimme: „Verloren! zu Grunde gerichtet! Ach! wenn Du 15 Sue, die Familienſöhne. I. hätteſt wollen, lieber Bruder, es wäre Dir doch ſo leicht geweſen . . .“ „Für Dich zu bürgen, mit andern Worten Dir fünfzigtauſend Franken zu leihen oder, beſſer geſagt, zu ſchenken? . . . Gewiß, nichts wäre in Deinen Augen leichter geweſen, aber nicht in den meinigen. Dieſes Geſchenk würde auch in keiner Beziehung Deine beklagenswerthe Lage ändern.“ „Ah! mein Bruder . . .“ „Von zwei Dingen eines: entweder würde ich Dir die Summe anvertrauen und Dir die Sorge überlaſſen, Deine Hypothekſchulden zu bezahlen . ſtatt ſie zu bezahlen, würdeſt Du dann das Geld verzehren . . .“ „Wie, Du hältſt mich für fähig, Deine Güte zu mißbrauchen?“ „Vollkommen . . . Es bliebe mir alſo das Mit⸗ tel, ſelbſt Deine Güter frei zu machen.“ „Was verhindert Dich, ſo zu handeln, mein Bruder?“ „Die Ueberzeugung, die ich habe, daß Du am andern Tage nach ſeiner Befreiung Dein Eigenthum wieder verpfänden würdeſt.“ „Ich, großer Gott! Ah!l ich ſchwöre Dir, daß...“ „Alle Eide der Welt werden an meinem Ent⸗ ſchluſſe ſcheitern.“ „Alſo keine Hoffnung mehr . . . Du ſchlägſt es mir ab?“ „Entſchieden, ſchlechterdings,“ erwiederte Herr Dumirail. Dann änderte er plötzlich den Ton, ſeine Züge drückten eine Art von väterlichem, zartem Mit⸗ leiden aus, und er ſprach: „Ja, ich ſetze Deinem Ver⸗ 227 langen eine entſchiedene Weigerung entgegen, doch ich füge bei: Arme Armande: immer habe ich für Dich, trotz Deiner Thorheiten, eine aufrichtige Zu⸗ neigung gehegt, immer werde ich ſie hegen, und ſo lange ich lebe, und ſelbſt nach mir, wenn Du mich überlebſt, wirſt Du nicht nur nie die Noth, die Be⸗ engung kennen lernen, ſondern Du wirſt auch nie der Entbehrung deſſen, was das behagliche, comfor⸗ table Leben im weiteſten Umfange des Wortes bil⸗ det, ausgeſetzt ſein.“ „Was ſagſt Du! ah! lieber Bruder . . . Deine erſte Weigerung war alſo eine Probe?“ „Keines Weges . . . Bei dieſer Weigerung be⸗ harre ich.“ „Wie denn?“ „Ich verſtehe hierunter, Du ſollſt wirklich dieſes behagliche, comfortable Leben genießen, das ich Dir ſichern will, und es ſoll Dir materiell unmöglich ſein, dieſen Wohlſtand der tollen Manier, die Dich immer zu Grunde gerichtet hat, zu opfern; mit einem Worte, wenn Du völlig ruinirt, aus dem Beſitze Deiner Güter geſetzt biſt, was bald geſchehen muß, wirſt Du hier Deine Wohnung haben, wirſt Du in Allem freigehalten ſein, werde ich zu Deiner Verfügung tauſend Thaler jährlich für Deine Toilette und Deine kleinen Vergnügungen ſtellen, Du wirſt mit Rückſich⸗ ten, Zuvorkommenheiten umgeben ſein, und .. was ſoll ich beifügen? . . . Du kennſt uns, meine Frau und mich. Du mußt begreifen und fühlen, daß ich, indem ich Dir anbiete, was ich Dir anbiete, die theure, heilige Pflicht erfülle, die mir meine Liebe für Dich, meine Eigenſchaft als Bruder, die Selbſtachtung und 228 die dem Andenken unſerer Eltern ſchuldige Verehrung auferlegen. Alſo, Armande, ſo unbeugſam Du mich in Betreff Alles deſſen finden wirſt, was Deine tolle Verſchwendung itn könnte, eben ſo zärtlich und ergeben wirſt Du nich finden, handelt es ſich darum, Dir in unſerer Mitte die Befriedigung aller Deiner vernünftigen Wünſche zu ſichern.“ Weit entfernt, von der ſchützenden Gütg ihres Bru⸗ ders gerührt zu ſein, ſah Madame San Privato in dieſen ſo weiſen Anerbietungen eine demüthigende, für ihren Stolz empörende Bevormundung und eine Art von Verbannung in ein wildes Land. Die Bit⸗ terkeit ihrer Empfindungen, die ſie indeſſen nach Kräften zu bewältigen ſuchte, war ſo groß, daß ſie, ſtatt auf die rührende Fürſorge ihres Bruders mit ein paar herzlichen oder dankbaren Worten zu ant⸗ worten, in kläglichem Tone murmelte: „Ah! ich arme unglückliche Witwe!“ „Ah! Armande, eine arme Witwe, die mit Ertra⸗ poſt und zwei Dienern reiſt!“ . „Es iſt entſchieden, man nimmt mir meine Güter!“ „Güter, die nicht mehr Dir gehören!“ erwiederte err Dumirail mild lächelnd, „das iſt ein großes Unglück!“ „Genöthigt, Paris zu verlaſſen!“ „Wo Du in der Beklemmung und unter beſtän⸗ digen Plackereien, von Deinen Gläubigern belagert, lebſt.“ „Gezwungen, auf meine Freunde zu verzichten!“ „Vortreffliche Freunde, die Deine Mittagsbrode verzehren und ſich dabei über Dich luſtig machen!“ 229 „Mich in meinem Alter aus der Welt zurück⸗ ziehen!“ „Es iſt wahr, Du biſt immer zwanzig Jahre alt was die Unbeſonnenheit betrifft, arme Ar⸗ mande,“ ſagte Herr Dumirail, bei dem ſich das Wohlwollen und die Geduld nicht verleugneten. „Aber wahrhaftig, eine ſo arme Witwe Du Dich auch nennſt, ich vermöchte Dich nicht zu beklagen, kämeſt Du hier⸗ her, um in der Mitte von uns zu leben, die wir Dich lieben und lieben werden, nicht nach der Pariſer Mode, ſondern von ganzem Herzen. Ei! mein Gott! ich weiß, die erſten Zeiten Deines Aufenthalts hier werden Dir drückend ſcheinen; doch glaube mir, liebe Schweſter, allmälig wirſt Du an Dir den heilſamen Einfluß des Glückes erfahren, das wir genießen, und nach ein paar Monaten wirſt Du, weit entfernt, Dich nach Deinem Paris zurückzuſehnen, Dir Glück wün⸗ ſchen, dieſe Hölle verlaſſen zu haben, und Du wirſt den Tag ſegnen, wo Du zu uns gekommen biſt, denn von dieſem Tage werden Deine Ruhe in der Gegen⸗ wart und Deine Sicherheit für die Zukunft datiren.“ Madame San Privato, welche in den Augen ihres Bruders eine Stellung als arme Witwe neh⸗ men wollte, hatte ſich angeſtrengt, ihn von ſeinem feſten und weiſen Entſchluſſe abzubringen; da ſie ihn aber unbeugſam fand, obſchon ſie, um ihn zum Mit⸗ leiden zu bewegen, die Verführungen einer nach und nach ſüßlichen, flehenden, kläglichen, ergebenen Sprache angewandt hatte, — ſo den unerbittlichen Groll ihres Stolzes, ihrer Selbſtſucht und ihrer verletzten Hab⸗ gier verbergend, — ſo war das böſe Weib nur dar⸗ auf bedacht, ihren Haß zu befriedigen; weil ihr nichts 230 mehr zu ſchonen, nichts zu hoffen blieb, und ihr Sohn ihr am Morgen erklärt hatte, nach reiflicher Erwägung werde er bei der Frage des Anlehens von fünfzigtauſend Franken neutral bleiben, ſo fing Madame San Privato, durch den tiefen In⸗ ſtinct ihrer Bosheit bedient, ihr Rachewerk auf der Stelle an. In unſerem Verlage erſcheinen und ſind dutch alle Buchhandlungen zu beziehen: Ausgewühlte Werke von Alerander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. C. J. Grieb. Bis jetzt ſind erſchienen: Ein Frauenleben. 2 Bde. 22 Ngr. oder 1 fl. 6 kr. Diana von Ly5 6 Ngr. oder — 18 kr. Drei ſtarke Männer . . 20 Rgr. oder 1 fl. — Indem wir hiemit der dentſchen Leſewelt in obiger Sammlung die vorzüglichſten Romane von Alexander Dumas dem Jüngern vorlegen, glauben wir darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß hier wirklich Außer⸗ gewöhnliches geboten wird. Dieſe Romane ſind pſycho⸗ logiſche Studien, denen wohl die franzöſiſche Literatur nichts Aehnliches an die Seite zu ſetzen hat. Hier ſind die geheimſten Falten des weiblichen Herzens blos gelegt mit einer Sicherheit und einer Wahrheit des Cvlorits, welche den Sohn ſeinem berühmten Vater als durchaus ebenbürtig erſcheinen laſſen. Uuſere deutſche Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Nebertragung, ſchöne Ausſtattung und ſehr billigen Preis vortheilhaft aus. 2 Emilie Flygare⸗Carlén, SFämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Roſe von Tiſtelön, 7 Bochn. — Walde⸗ mar Klein, 3 Vdchn. — Der Skjutsjunge, 4 Bochn. 9 — Guſtav Lindorm, oder führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung! 6 Bochn. — Der Stellvertreter, 5 Bdchn. — Der Profeſſor und ſeine Schützlinge, 5 Bdchn. — Die Kircheinweihung von Hammarby, 6 Bdchn. — Die Milchbrüder, 6 Bdchn. — Das Fideicbmmiß, 9 Bochn. — Der Kammerer Laßmann als Junggeſelle und Ehemann, 6 Bochn. — Paul Wärning oder Abenteuer eines Scheerenjungen, 5 Bdchn. — Das Erkerſtübchen, 4 Bdchn. — Der Einſiedler auf der Johannisllippe. Küſtenroman, 15 Bdchn. — Ein Jahr. Novelle, 5 Bdchn. Die Braut auf dem Omberg, 3 Bochn. — Die Familie im Thale, 2 Bochn. — Eine Nacht am Bnllarſee, 18 Bochn. — Ein Gerücht, 17 Bochn. — Die Roman⸗ heldin, 6 Bochn. — Der Jungfernthurm, 17 Bochn. — Ein launenhaftes Weib, 13 Bochn. — Der Vor⸗ mund, 14 Bochn. — Eine glückliche Parthie, 2 Bochn. — Tutti Frutti, 6 Bochn. — Binnen ſechs Wochen, 2 Bochn. — ttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. OS g 14 senqne —