7 S — ——— — — deutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur von * Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— — auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 3 „ 2 e „ „ * „ 7 — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jei Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Die Familie Jouffroy Eugen Sur. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Joller. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. Schnellpreſſendruck der F. G. Sprändel'ſchen Buchdruckerel in Stuttgart. S. Erſte Ibtheilung. 3 Fortuné Sauval (ein Glied der Familie Jouffroy) war Goldſchmied, doch Goldſchmied in der Art des un⸗ ſterblichen Benvenuto Cellini, — mit anderen Worten, ein großer Künſtler. Unſer junger Mann hatte ein paar Jahre vor der Epoche, wo dieſe Erzählung be⸗ ginnt, ein Bijouterie⸗ und Silberwaarenlager von ſeinem Vater einem Handelsmanne geerbt, der zwar ſehr ſchätzenswerth, aber völlig fremd der wunderbaren, durch die Goldſchmiede der Renaiſſance verherrlichten Kunſt. Fortuné warf auch die vom väterlichen Magazine her⸗ rührenden Gegenſtände in den Tiegel, ſchloß den Laden, und zog ſich mit ſeinen Gold⸗ und Silberſtangen, ſo⸗ wie mit den Edelſteinen, die er aus den zum Schmelzen verurtheilten Juwelen genommen, in ein wenig beſuchtes Quartier zurück, um, wie er ſagte, mit Muße Kunſt zu treiben. Ein vortrefflicher Bildner, ein Ornamentiſt von ausgezeichnetem Geſchmacke, modellirte er in Wachs die Gegenſtände, die er verfertigte, und ſodann, je nach⸗ dem ſich die Veranlaſſung bot, eiſelirte, niellirte oder emaillirte er dieſelben mit einem ſeltenen Talente. Von den früher bei ſeinem Vater beſchäftigten Ar⸗ beitern hatte Fortuns einen alten ſehr geſchickten, in Die Familie Jouffroy. I. 1 2 den verſchiedenen Zweigen ſeines Gewerbes äußerſt er⸗ fahrenen Handwerker, genannt der Vater Laurencin, beibehalten. Der Greis, ein Sohn von einem der beſten Arbeiter von Germain, welcher zur Zahl der berühm⸗ teſten Goldſchmiede des vorigen Jahrhunderts gehörte, beſaß treffliche neberlieferungen, die jedoch völlig un⸗ benützt geblieben während der langen Jahre, die er im Hauſe ſeines erſten Patrons, des Herrn Sauval, zuge⸗ bracht, denn dieſer war ein getreuer Anhänger vom ſo⸗ genannten Style des Kaiſerreichs geweſen, — dem plumpſten, flachſten, formloſeſten, abſcheulichſten von allen Stylen, wenn man überhaupt mit dem Namen Styl ein ſolches namenloſes Ding beehren darf. Der Vater Laurencin und ſein Enkel Michel, ein fünfzehnjähriger Lehrling, unterſtützten Fortuné allein bei ſeinen Arbeiten. ie waren vorzüglichere Herzen vereinigt; nie lebten drei für ihre Kunſt leidenſchaftlich begeiſterte Intelligenzen in einer ſo engen und zarten Gemeinſchaft der Arbeiten; für ſie beſtand keine von jenen Entfernungen, welche in der Regel die Patrone, die Lehrlinge und die Arbeiter trennenz alle Drei waren nur darauf bedacht, mit allen ihren Mitteln, nach ihrer Fähigkeit, zur Vollendung des gemeinſchaftlichen Werkes beizutragen. Väterlich gegen Michel, kindlich gegen den alten Arbeiter, hatte Fortuns Sauval, der ungefähr fünf⸗ undzwanzig Jahre alt, die glücklichſte Zeit ſeines Le⸗ bens bei ſeinen zwei Gefährten zugebracht. Er ertheilte dem mit großen natürlichen Anlagen begabten Lehrling Unterricht im Zeichnen und in der Sculptur und zeigte für den liebenswürdigen Knaben die zärtliche Zuneigung, welche die Künſtler der Renaiſſance für ihre Lieblings⸗ üler an den Tag legten. Unſer Goldſchmied lebte zurückgezogen im Quar⸗ tier de la Madeleine im Hintergrunde von einem jener finſteren Höfe, einem wahren Labyrinthe von Gäßchen und Durchgängen, damals bekannt unter dem Namen 3 Cour des Coches. Er hatte ein Erdgeſchoß inne, be⸗ ſtehend aus einer Küche, einem Zimmer für ihn, einem andern, in welchem der Vater Laurencin und ſein Enkel ſchliefen, und endlich einer großen Werkſtätte, wo alle Drei arbeiteten und ihr, von der Portiore des Durch⸗ ganges bereitetes, Mahl zu ſich nahmen. In dieſe Werkſtätte führen wir den Leſer ein, um ihm eine genauere Kenntniß von unſeren drei Perſonen zu geben. II. Dieſe Scene ereignete ſich am Ende des Januars im Jahre 1840. Nur durch ein einziges niedriges, mit eiſernen Stangen verſehenes Fenſter beleuchtet, war die Wert⸗ ſtätte düſter und räucherig wie die eines Grobſchmieds. Der Ofen, der Tiegel, die kleine Schmiede mit Blaſe⸗ balg nahmen eine von den Seiten des weiten Gelaſſes ein, in welchem drei Thüren, eine im Hintergrunde, zwei auf den Seiten, angebracht waren. Dem Kamine gegenüber enthielt eine in der Wand befeſtigte Kiſte un⸗ ter ihrem Sicherheitsſchloſſe eine große Anzahl von Gold⸗ und Silberſtangen und Edelſteinen. Ueber dieſer Kiſte befanden ſich in einer tragbaren Etagore die kurz vor⸗ her vollendeten Bijonterie⸗Gegenſtände, wahre Meiſter⸗ werke für den, der ſie zu ſchätzen wußte. Der Ruf von Fortuns Sauval erſtreckte ſich nicht über einen ſehr beſchränkten Kreis hinaus, der aus mehreren franzöſiſchen oder fremden Liebhabern beſtand, welche eben ſo ſehr Kenner und Freunde der Kunſt, als ſchwer zu befriedigen waren. Dieſe nicht zahlreiche Kundſchaft genügte übri⸗ gens dem jungen Künſtler. Er beſaß ein Erbe von ungefähr zweimalhunderttauſend Franken, deſſen Er⸗ 4 trag er nie ausgab, denn beſtändig in Anſpruch ge⸗ nommen von den Arbeiten, die ihn entzückten, geſtat⸗ tete er ſich nie eine Verſchwendung. Fortuns begnügte ſich mit einigen auserwählten Beſtellungen, gemacht von Leuten von erleuchtetem, ge⸗ läutertem Geſchmacke, welche im Stande, ſeine An⸗ ſtrengungen und ſeine Verdienſte zu ſchätzen, und er wollte beſonders, wie er ſagte, ſeine Arme frei haben, um ſeinen Werken jede wünſchenswerthe Vollendung zu geben. Unter dem einzigen Fenſter und lebhaft beleuchtet durch die Concentrirung des Lichtes, fand ſich endlich der Werktiſch mit ſeinen Schraubſtöcken, ſeinen Uten⸗ ſilien, und abwechſelnd oder gleichzeitig eingenommen von Fortuns, dem Vater Laurencin oder ſeinem Enkel. Unfern davon ſah man einen Tiſch, auf welchem der Goldſchmied zeichnete oder in Wachs die Modelle der Gegenſtände knetete, welche beſtimmt waren, in Metall gegoſſen oder in getriebener Arbeit ausgeführt zu wer⸗ den, eines der ſchwierigſten Verfahren ſeiner Kunſt, in welchem er ſich auszeichnete. Nichel der Lehrling ließ in dieſem Augenblicke den Blaſebalg des Ofens ſpielen. Dieſer, wie geſagt, ungefähr fünfzehn Jahre alte Knabe hatte ein reizen⸗ des Geſicht, roſenfarbig und weiß, umrahmt von blon⸗ den gelockten Haaren und belebt durch große blaue Augen voll von Sanftmuth, Verſtand und unſchuldiger Heiterkeit. Das Band ſeiner Schürze umſchloß ſeine durch den Rauch der Schmiede geſchwärzte Blouſe. Er ing vom Ofen zum Werktiſche hin und her und brachte ſnem Großvater, nach den Bedürfniſſen ſeiner Arbeit, geſchmolzene Löthe in einem Tiegel. Der Vater Laurencin, ein ehrenwürdiger Greis mit kahler Stirne und einem langen weißen Barte, den er ſeit Jahren wachſen ließ, trug eine Weſte mit Aermeln pon grauem Geſtricke; er war beſchäftigt, mehrere Stücke 5 Goldſchmiedsarbeit, zur Verfertigung eines großen Can⸗ delabers beſtimmt, zuſammenzufügen. Fortuné Sauval, der dem alten Arbeiter gegenüber auf der andern Seite des Werktiſches ſaß, ciſelirte mit Liebe ein kleines Basrelief beſtehend aus mehreren Fi⸗ gurinen in Rundwerk von herrlicher Zeichnung, ein Meiſterſtück beſtimmt als Ornament eines Kiſtchens von Lapis⸗lazuli vom ſchönſten Azur zu dienen. Die Seelenreinheit und die Herzensgüte waren in den Zügen des jungen Goldſchmieds zu leſen; ſein ſchwar⸗ zes, zurückgeworfenes Haar ließ ſeine Stirne, auf der ſich das Genie offenbarte, entblößt. So einfach gekleidet als ſeine Arbeiten, trug unſer berühmter Künſtler eine Blouſe und, wie ſie, eine lederne Schürze. Es ſchlug zwei auf einer alterthümlichen, an einer der Wände der Werkſtätte befeſtigten Uhr mit Gewicht. „Höret, meine Freunde,“ ſprach Fortuné mit herz⸗ lichem Tone, „es ſchlägt die Stunde der Ruhe und des Veſperbrodes . Kleiner Michel, Du wirſt hernach zum Gießer gehen und Dich erkundigen, ob die zwei Figuren des Tafelaufſatzes gegoſſen ſind. Iſt dies ge⸗ ſchehen, ſo bringſt Dn ſie mit.“ „Gut, Meiſter Fortuné,“ antwortete der Lehrling. Ein paar Augenblicke, nachdem es zwei Uhr ge⸗ ſchlagen hatte, brachte die Portiodre des Hauſes Brod, Wein, Obſt, ſetzte Alles auf eine Ecke des Werktiſches und entfernte ſich wieder. III. Während Michel abwechſelnd in einen Apfel und in ein Stück Brod biß, ſchnitt der Vater Laurencin methodiſch Tunkſchnitten, die er in einem Glaſe Wein zu befeuchten beabſichtigte. Der junge Goldſchmied, der mit einem unbeſchreiblichen Vergnügen an ſeinem Bas⸗ 6 relief forteiſelirte, vergaß die Erfriſchung, zu der er ſeine Gefährten eingeladen hatte, „Herr Fortuns,“ ſagte der alte Handwerker zu ihm, „Sie eſſen alſo nicht auch einen Biſſen?“ „Sogleich, Vater Lanrencin,“ erwiederte heiter der Goldſchmied; „ich weiß nicht, mit welchem teufliſchen Magnet dieſes Basrelief begabt iſt .. ich kann mich nicht davon trennen.“ „Sollte es Ihnen an Appetit fehlen,“ verſetzte lächelnd der Greis, „er müßte Ihnen kommen, wenn Sie ſehen würden, wie der kleine Michel in ſein Brod und in die Aepfel beißt; er müßte Ihnen Luſt ma⸗ chen, wie mir. Hören Sie, wie er knarpelt! Ah! er hat ſeine fünfzehnjährigen Zähne, und ich, ich bin auf das Eintnnken angewieſen.“ „Ei nun! Großvater,“ ſagte freundlich der Lehr⸗ ling, „wenn Ihr alt ſeid, was beweiſt dies? daß Ihr ſeit langer Zeit das ſeid, was es Beſtes auf der Welt gibt . nichts Anderes.“ „Wahrhaftig, mein blondes Bürſchchen?“ ſprach liebevoll der Greis, „Du glanbſt, es ſei nichts, alt zu werden, Du? Ich möchte Dich wohl in meinem Alter ehen!“ „Oh! und ich, Großvater! denn wenn Ihr mich ſehr alt ſehen würdet, ſo würde ich Euch auch ſehen! Welch ein Glück wäre das für uns Beide!“ „Ah! mein armes Kind, wenn Du mein Alter erreicht haſt, werde ich längſt in der Erde liegen . . Doch ſprechen wir nicht hievvn . Das iſt traurig,“ fügte der Greis bei. Und er ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf. Richel wollte in dieſem Augenblicke mit allen Zäh⸗ nen in einen Apfel beißen; als er aber ſeinen Groß⸗ vater auf ſein nahe bevorſtehendes Ende anſpielen hörte, da ſtand der Knabe plötzlich auf und wandte ſich nach dem dunklen Hintergrunde der Werkſtätte, um mit der Ecke ſeiner Schürze die Thränen abzuwiſchen, die ihm in die Augen traten. „Nun! mein Junge, wohin gehſt Du?“ fragte der Vater Laurencin, ohne die Gemüthsbewegung ſeines Enkels wahrzunehmen; „Du iſſeſt Deinen Apfel nicht vollends?“ „Großvater, ich werde ihn draußen, während ich zum Gießer gehe, vollends eſſen,“ erwiederte der Lehrling. Und er drehte ſich gegen die Wand, um ſeine an einem Nagel hängende Mütze zu nehmen und ſeine Thränen nicht ſehen zu laſſen; dann fügte er bei, in⸗ immer der Wand mit dem Geſichte zugekehrt ieb: haben keinen anderen Auftrag, Meiſter For⸗ uné?“ „Nein, mein Kind; doch veſpere vollends, Du wirſt hernach gehen.“ „Oh! ich werde eben ſo gut unter Weges veſpern,“ erwiederte Michel. Und er ging raſch hinaus, um ſeine Thränen zu verbergen und ſie in der freien Luft zu trocknen. Hellſehender als der Greis, bemerkte Fortuns Sau⸗ val die Rührung des Lehrlings, und er folgte ihm mit den Angen mit einem wohlwollenden Intereſſe, bis er die Werkſtätte verlaſſen hatte; dann trennte er ſich von ſeinem Basrelief und nahm Theil an dem Veſperbrode von Vater Laurencin. „Das liebe Kind! es hatte Thränen in den Augen!“ „Iſt es möglich, Herr Fortuné? Mein Gott, das vermuthete ich nicht,“ verſetzte der Greis mit Beſorgniß. „Was kann der Grund ſeines Kummers ſein?“ „Als er hörte, wie Ihr auf die wenigen Jahre an⸗ ſpieltet, die Euch noch zu leben bleiben, da ſchwoll ſein Herz, und es kamen die Thränen; aus Furcht, Ihr könntet ihn weinen ſehen, ſchützte er den Auftrag vor, den ich ihm vorhin gegeben.“ „Oh! daß ich ihn ſo betrübt habe, ohne daran zn denken! Das macht mich troſtlos.“ „Seine außerordentliche Empfindſamkeit zeugt we⸗ nigſtens von einem vortrefflichen Herzen! Welch ein liebenswürdiges, reizendes Naturell! immer arbeitſam, immer thätig . . voll Verſtand .. herrliche Anla⸗ gen für das Zeichnen. Glaubt mir, wir werden aus NRichel einen Künſtler, einen vorzüglichen Künſtler machen.“ „Sein armer Vater hatte in ſeinem Alter die⸗ ſelben Eigenſchaften des Herzens, dieſelbe Empfind⸗ ſamkeit, Herr Fortuns,“ erwiederte der Greis mit einem ſchmerzlichen Seufzer, und von dieſer Empfind⸗ ſamkeit iſt er das Opfer geweſen .. Möchte mein Enkel glücklicher ſein, als mein Sohn .. der mit dreiundzwanzig Jahren vor Gram geſtorben iſt.“ „Laßt das, guter Vater, keine ſchwarze Gedan⸗ ken!“ verſetzte freundlich der junge Goldſchmied, wäh⸗ rend er ein Stück Brod brach und ſich ein Glas Wein einſchenkte. Und da er das Geſpräch wechſeln wollte, um den Greis von ſeinen peinlichen Betrachtungen abzubringen, ſo fügte Fortuns bei, indem er auf mehrere auf dem Werktiſche zerſtreut umherliegende Bruchſtücke von Goldſchmiedsarbeit deutete: „Wir werden bald die Candelaber des Prinzen Maximilian zuſammenſetzen können . . . Ich wundere mich, daß er mich ſeit einigen Tagen nicht beſucht hat; er iſt ein Mann von vortrefflichem Geſchmacke, ein großer Kenner von allen Dingen der Kunſt; es iſt wahrhaftig ein Vergnügen, für ſolche Kunden zu ar⸗ beiten.“ „Abgeſehen davon, daß er für einen Prinzen nicht 9 ſtolz iſt, deun, nicht wahr, Herr Fortuné, er iſt ein wirklicher Prinz?“ „Was es nur Fürſtliches gibt! Sein älterer Bruder iſt ſouveräner Herzog in Deutſchland, und da dieſer Bruder kein Kind hat, ſo wird der Prinz Ma⸗ rimilian ohne Zweifel eines Tags regieren.“ „Man ſollte nicht glauben, daß er ein Deutſcher iſt: er ſpricht Franzöſiſch wie Sie und ich, Herr For⸗ tuné; und dann hat er einem immer etwas Liebens⸗ würdiges zu ſagen.“ Dieſe Liebenswürdigkeiten ſind ein wenig Hof⸗ münze,“ verſetzte lächelnd der jnnge Goldſchmied, „doch man muß ſie für das nehmen, was ſie werth iſt. Im Ganzen iſt der Prinz ſehr wohlwollend. Man behaup⸗ tet, er ſei ein Don Juan, ein Mann der Liebes⸗ abenteuer, was mich nicht wundern würde, denn, trotz ſeiner fünfunddreißig oder ſechsunddreißig Jahre, muß er noch gefallen. Er iſt Prinz, er iſt der Bruder eines Souverain, und ſo viele Frauen laſſen ſich in ihrer Eitelkeit durch ſolche Blendwerke ködern.“ „Ah! die Weiber,“ ſprach ſeufzend der Greis, „die Weiber! Es gibt ſo ſchlimme! ſo verdor⸗ bene!“ „Guter Vater,“ verſetzte Fortuné theilnehmend, „ich errathe Euren geheimen Gedanken: Ihr ſeid nun wieder in Eure Traurigkeit verfallen, obſchon ich Euch davon zu zerſtreuen geſucht habe.“ „Ach! Herr Fortuné, das iſt ſtärker als ich .. und wenn ich hieran denke .. Doch der alte Arbeiter unterbrach ſich und mur⸗ melte: „Mein armer Sohn! . mein arnker Sohn!“ In dem Augenblicke, wo der Vater Laurenein niedergeſchlagen dieſe letzten Worte ſprach, trat eine neue Perſon in die Werkſtätte ein. V. Dieſe neue Perſon war der Prinz Karl Maximi⸗ lian, — ein noch junger Mann von äußerſt eleganter Tournure, mit einem etwas angegriffenen Geſichte, aber von einer regelmäßigen und anziehenden Schön⸗ heit. Ein emporſtehender blonder Schnurrbart ver⸗ lieh ſeinen Zügen einen martialiſchen Charakter. Er ſtieg ohne Zweifel gerade vom Pferde, denn er hielt in der Hand eine Reitpeitſche, und ſeine Sporen klirr⸗ ten auf dem Boden. Ein ziemlich kurzer Oberrock hob ſeinen hohen, ſchlanken Wuchs hervor. Kaum hatte er einen Fuß in die Werkſtätte geſetzt, als er ſeinen Hut abnahm und den Handſchuh von ſeiner weißen, frauen⸗ artig zarten rechten Hand zog. „Herr Fortuné,“ ſagte leiſe der alte Arbeiter zu ſeinem Patron, der der Thüre den Rücken znwandte, „Sie ſprachen vom Prinzen, und hier kommt er .. . Der Goldſchmied ſtand ſogleich auf und ging artig, jedoch ohne unterwürfigen Eifer, dem Prinzen entgegen; dieſer reichte ihm voll Höflichkeit ſeine ent⸗ blößte Hand und ſprach: „Guten Tag, mein lieber Herr Sauval! Ich bitte, unterbrechen Sie nicht Ihre Arbeiten Ich müßte die koſtbare Zeit beklagen, die durch mich verloren würde.“ „Durchlaucht, ich arbeitete nicht, ich veſperte.“ „Dann fahren Sie fort . . ſonſt entferne ich mich Und Ihr, Vater Laurencin, ſetzt Euch.“ Bei dieſen Worten nahm der Prinz Platz auf einem Stuhle in der Nähe des Werktiſches. „Wenn Sie es erlauben, ſo werde ich meinen Imbiß vollends zu mir nehmen,“ ſagte der Gold⸗ 11 ſchmied; „hernach zeige ich Ihnen die Arme der Can⸗ delabers, die wir anzufügen im Begriffe ſind.“ „Ich will heute nichts von Ihren Meiſterwerken ſehen, mein lieber Herr Sauval; ich habe mir dieſe Entbehrung zum Voraus auferlegt, um Ihnen zu be⸗ weiſen, mein Beſuch ſei nicht eigennützig, ſondern ganz Ihnen allein gewidmet.“ „Das iſt viel Ehre für mich, Durchlaucht, och „ „Doch Sie errathen den Zweck meines Beſuches nicht?“ „Nein, Durchlaucht.“ „Ich will eine Ungerechtigkeit gut machen, eine große Ungerechtigkeit“ „Eine Ungerechtigkeit?“ „Herr Sauval, Sie ſind einer der größten Künſt⸗ ler unſerer Zeit . . . Benvenuto Cellini hätte Sie ſicherlich um gewiſſe Werke von Ihnen, welche leider zu wenig zahlreich, beneidet. Kurz, Ihre Beſchei⸗ denheit iſt ſo groß, daß Ihr Ruf entfernt nicht auf der Höhe Ihres Genies ſteht.“ „Durchlaucht, die Billigung der Leute von Ge⸗ ſchmack genügt mir.“ „Das genügt aber nicht Ihren Freunden, Ihren Bewunderern, und Sie werden mir erlauben, mich in die Reihe der Einen und der Andern zu ſtellen; ſie finden, und ich bin ganz ihrer Anſicht, Sie verdienen mehr als irgend Jemand eine öffentliche Auszeichnungß ich bin alſo nur ihr Dolmetſcher beim König ge⸗ weſen,“ „Und in welcher Hinſicht, Durchlaucht?“ „Der König hat die Gnade, mir einige Freund⸗ ſchaft zu gönnen. Geſtern erwies er mir die Ehre, mich zu beſuchen; ich zeigte ihm die herrliche emaillirte Trinkſchaale, eines von Ihren Meiſterwerken, welches zu beſitzen ich mich ſtolz fühle. Der König war von — 12 Bewunderung ergriffen. „„Sollten Sie glauben, Sire,““ ſagte ich, „ſollten Sie glauben, daß der Schöpfer dieſes göttlichen Gegenſtandes noch nicht mit dem Hr⸗ den der Ehrenlegion geſchmückt worden iſt? Ich will Ihnen die Gelegenheit bieten und das Vergnügen ver⸗ ſchaffen, dieſe Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, in⸗ dem ich Sie inſtändigſt um das Kreuz für Herrn Sau⸗ val bitte.“ Der König entſprach meinem Wunſche auf das Allerhuldvollſte und ſchickte mir dieſen Morgen das Patent und das Kreuz. Ich bringe Ihnen hier Beides“ Hiebei übergab der Prinz dem Goldſchmiede ein kleines Etui von rothem Saffian und ein in einen umſchlag gelegtes Pergament. „Durchlaucht, ich werde Ihr Wohlwollrn bei die⸗ ſem Anlaſſe nie vergeſſen. Meine Dankbarkeit gegen Sie iſt eine verdoppelte, denn, ohne es zu vermuthen, beſchleunigen Sie vielleicht die Stunde meiner Hoch⸗ zeit durch die Auszeichnung, die Sie für mich nachzu⸗ ſuchen die Güte gehabt haben.“ „Sie wollen ſich verheirathen?“ „Ich hoffe es, Durchlaucht.“ „Herr Sauval, Sie ſprachen ſo eben von Ihrer Dankbarkeit; Sie ſind mir keine ſchuldig; ich habe dazu beigetragen, daß eine Ungerechtigkeit gut gemacht worden iſt, nicht mehr . . Wenn Sie aber durch⸗ aus glauben, Sie ſeien mir verbunden, ſo können Sie ſich zugleich Ihrer Verbindlichkeit entledigen und zugleich mir einen Gefallen erweiſen, deſſen ich Ihnen beſon⸗ ders eingedenk ſein werde.“ „Um was handelt es ſich?“ „Wollen Sie mich zu einem Ihrer Zengen bei Ihrer Trauung wählen; ich werde mich ſehr glücklich ſchätzen, eine Acte zu unterzeichnen, die Ihnen ohne Zweifel eine höchſt erfreuliche Zukunft ſichert.“ „Durchlancht, die Ehre, die Sie mir erzeigen 13 wollen, wird mir ungemein ſchmeicheln; nur muß ich Sie im Voraus darauf aufmerkſam machen, daß der zweite Zeuge, den ich zu wählen im Sinne habe, einer meiner Verwandten iſt, mein Vetter Rouſſel, ein Specereihändler, der ſich aus den Geſchäften zurück⸗ gezogen.“ Trotz ſeiner vollkommenen Höflichkeit und der Selbſtbeherrſchung, welche die lange Gewohnheit des Lebens an Höfen verleiht, konnte Karl Maximilian ein unmerkliches Zuſammenziehen der Lippen nicht be⸗ wältigen, als er hörte, ſein ſouveräner Fürſtenname ſollte auf dem Vertrage neben dem von Herrn Rouſſel, einem ehemaligen Specereihändler, figuriren. Doch der Prinz, der zu viel Lebensart beſaß, um ſeinen leichten Verdruß durchdringen zu laſſen, erwiederte dem Gold⸗ ſchmiede, während er aufſtand, um Abſchied zu nehmen: „Wer auch Ihr zweiter Zeuge ſein mag, ich werde immer mit Vergnügen meinen Namen neben den ſeinigen ſetzen, — unter eine Urkunde, welche Ihr Glück einweihen ſoll, mein lieber Herr Sauval.“ Und er reichte Fortuné abermals die Hand und fügte bei: „Gott befohlen und auf baldiges Wiederſehen, denn ich werde demnächſt kommen, um Ihre herrlichen Candelaber zu bewundern; doch, wie geſagt, der heu⸗ tige Beſuch war ausſchließlich Ihnen beſtimmt.“ Der Goldſchmied begleitete bis zur Thüre den Prinzen Maximilian, und dieſer verließ, nach neuen wohlwollenden Worten, die Werkſtätte. V. Der Vater Laurencin hatte ſchmerzlich erſtaunt ge⸗ ſchienen, da er ſeinen jungen Patron ſeine baldige 14 Verehelichung ankündigen hörte, Als Fortuns zum Werktiſche zurückkam, ſagte der Greis zu ihm: „Sie wollen alſo heirathen?“ „Das iſt meine ſüßeſte Hoffnung,“ erwiederte der Goldſchmied mit einer tiefen, innigen Freude; „der heutige Tag iſt ein ſchöner Tag für mich!“ „Ah! Herr Fortuné,“ verſetzte der Greis mit einem Seufzer, „nehmen Sie ſich in Acht!“ „Was wollt Ihr damit ſagen 7 fragte der Gold⸗ ſchmied erſtaunt; woher rührt dieſe Beſorgniß?“ „Verzeihen Sie. doch im erſten Augenblicke ..“ „Sprecht .. „Ich konnte nicht umhin, mich meines armen Sohnes zu erinnern,“ ſagte der Greis. . Und er ſing an zu weinen. „Guter Vater,“ ſprach liebevoll der Goldſchmied, „ich bedaure, unwillkürlich traurige Gedanken in Euch hervorgerufen zu haben.“ „Ach HerrFortuné, mein Sohn war wie Sie. Glück⸗ lich, nur für ſein Goldſchmiedgeſchäft zu leben, war er ſchon ein ſo geſchickter Arbeiter, daß er eine herrliche Stellung im größten Bijouteriehauſe von Brüſſel auf die Empfehlung des ſeligen Herrn Laurent Jouffroy fand, der, ein Bruder Ihres Oheims Baptiſte, zu jener Zeit als Handelsreiſender functionirte. Mein Sohn macht in dieſer Stadt Bekanntſchaft und verliebt ſich ſterblich in die Pathe von Herrn Laurent Jouffroy. Dieſer (Gott er⸗ barme ſich ſeiner armen Seele, denn ich will glauben, daß er nichts von der frühzeitigen Verdorbenheit ſeiner Pathe wußte), dieſer ermuthigt meinen Sohn zu ſeiner Liebe und fordert ihn auf, das Mädchen zu heirathen. Mein Sohn befolgt ſeinen Rath. Ach! ein Jahr nach⸗ her war er bei mir zurück, mit einem drei Monate alten Kinde, das dieſe Elende, mit einem Officier da⸗ vonlaufend, ſeinem Schickſale preisgegeben hatte. Die Verzweiflung bemächtigte ſich meines armen Sohnes, 15 und ich ſah ihn im dreiundzwanzigſten Jahre vor Gram ſterben, mit Hinterlaſſung dieſes verwaiſten Knaben, den ich aufgezogen habe. Ach! Herr Fortuné, es iſt oft etwas Erſchreckliches um das Heirathen! Nehmen Sie ſich in Acht!“ „Gott ſei Dank, ich habe alles Vertrauen, ein verdientes Vertrauen zu der jungen Perſon, die ich zu heirathen wünſche. Ich kenne ſie ſeit meiner Kindheit: es iſt eine Tochter von meinem Oheim Baptiſte Jouffroy.“ „Mademviſelle Marianne?“ „Nein, Marianne iſt eine vortreffliche Perſon; ich bin ihr wie einer Schweſter zugethan. Doch ſie iſt nicht hübſch; auch hat ſie ein Gebrechen: ſie hinkt. So iſt es wahrſcheinlich, doß das arme Kind unverhei⸗ rathet bleiben wird, wie ſeine Tante Prudence.“ „Sie wollen alſp Mademoiſelle Aurelie heira⸗ then?“ „Ja, denn ſeht, Vater Laurencin, ich liebe ſie bis zur Anbetung! ſie iſt ſo ſchön, ſo bewunderungs⸗ würdig ſchön!“ „Darum glich alſo die Figur von Ceres, die Sie neulich modellirten, ſo ſehr Ihrer Couſine, Herr Fortuné?“ „Was wollt Ihr! ich ſehe ſie überall und ſuche ich in der Kunſt das Ideal, ſo erſcheint es mir in ſeinem Glanze unter den Zügen von Aurelie!“ Die Unterredung des Goldſchmieds und des alten Arbeiters wurde durch neue Beſuche unterbrochen. Ein ſorgfältig gekleideter junger Mann und eine ſehr elegante Frau traten in die Werkſtätte ein. Groß und ſchlank, von einer ausgezeichneten Tournure und einem reizenden Geſichte, trotz ſeines etwas hoffärtigen 16 und verdrießlichen Ausdrucks, mochte der Mann fünf⸗ undzwanzig Jahre alt ſein. Seine Gefährtin, obgleich älter als er (ſie hatte, wie man zu ſagen pflegt, ihre dreißig auf dem Rücken), ſeine Gefährtin war noch merkwürdig hübſch und von einer jugendlichen Friſche; die Locken ihrer langen, aſchblonden Haare traten weit über den ſchmalen Stülp ihres Hutes vor, der mit einem langen, halb ihre Züge verbergenden Schleier verſehen war; ihre großen Augen, mit denen ſie nach der Gewohnheit kurzſichtiger Perſonen leicht blinzelte, waren lebhaft blau; voll Feinheit und Liebreiz mußte ihre Phyſiognomie beim erſten Anblicke verführen; be⸗ trachtete man ſie aber aufmerkſamer, ſo offenbarte eine zwiſchen ihren Augenbraunen ausgegrabene Falte und die enge Spalte ihrer ſchmalen, kaum angedeuteten Lippen eine unüberwindliche Zähigkeit des Entſchluſſes und eine tieſe Verſchmitztheit. Nur war für Jeden, der nicht über den Anſchein hinaus zu dringen ſuchte, das Geſammtweſen der noch jungen Frau, die ſich überdies durch einen vollendeten Wuchs auszeichnete, höchſt anziehend. Dieſe zwei Perſonen blieben erſtaunt auf der Schwelle des dunkeln, räucherigen Arbeitsſaales ſtehen, in welchem ſie einen Greis mit langem, weißem Barte und einen jungen Mann in einer Blouſe, Beide an einem plumpen Werktiſche beſchäftigt, ſahen; ſie glaub⸗ ten ſich eher in der Werkſtatt eines Keßlers, als in dem Atelier eines Goldſchmieds, denn ſie bemerkten noch nicht die in einer mit Glasſcheiben verſehenen Etageère ausgeſtellten, allerdings ſehr wenig in's Auge fallenden Kunſtgegenſtände. Der junge Mann ſagte auch zu Fortuns, den er für einen Handwerker hielt: „Verzeihen Sie, mein Lieber, wir haben uns ohne Zweifel geirrt; wir ſuchen das Magazin von Herrn Fortuné Sauval, dem Goldſchmiede.“ 17 „Es iſt hier, mein Herr.“ „Und wo iſt Herr Sauval?“ „Ich bin es.“ „Sie ſind Herr Fortuns Sauval?“ „Ja, mein Herr.“ Es ſchien den jungen Mann nicht weniger alsſeine Gefährtin in Verwunderung zu ſetzen, daß er den berühm⸗ ten Goldſchmied in eine Blouſe gekleidet und mit einer ledernen Schürze um den Leib ſah; er ſagte zu ihm: „Mein Herr, ich komme zu Ihnen auf die Empfeh⸗ lung des Prinzen Maximilian, mit dem ich auf das Innigſte verbunden zu ſein die Ehre habe.“ „Der Prinz war vor einigen Angenblicken hier,“ verſetzte der Goldſchmied; „Sie hätten ihm begegnen können, mein Herr.“ „Ich bedaure, dieſes Glück nicht gehabt zu haben,“ erwiederte der Graf Henri von Villetaneuſe (dies war der Name des Mannes, welcher ſo eben eingetreten); und er fügte bei: „Seine Durchlaucht hat mir geſagt, wir werden hier Juwelen . wahre Kunſtgegenſtände finden.“ „Sie finden in der That einige Armſpangen und Nadeln hier, mein Herr Ich will ſie Ihnen zei⸗ gen, antwortete der Goldſchmied, während er ſich nach der Etagore wandte, in der dieſe Juwelen einge⸗ ſchloſſen waren. „Meine liebe Catherine, ich habe leider nur fünf⸗ hundert Franken in meiner Börſe,“ ſagte leiſe und lächelnd Herr von Villetaneuſe zu ſeiner Gefährtin; z ſchäme mich dieſer elenden Kleinigkeit . ph „Fünfhundert Franken!“ verſetzte Catherine halb⸗ laut, indem ſie den Grafen mit einem Tone ſanften Vorwurfs unterbrach. „Glauben Sie, ich werde eine ſolche Verſchwendung dulden? Nein, nein, ich will eine Die Familie Zuufftoy. 1. 2 18 einfache Armſpange. Ihr ganzer Werth wird in dem Geſchenke liegen, das Sie mir damit mache wollen.“ „Ah! ich kenne Dein treffliches Zartgefühl,“ ent⸗ gegnete leiſe Herr von Villetaneuſe; „ich weiß, wie reiz bar es iſt.“ „Ja,“ ſprach die junge Frau mit einer bezaubern⸗ den kleinen Mundverziehung, „und trotz meiner Bedenk lichkeiten nehme ich am Ende immer an. Das iſt Ihr Schuld, Sie bieten mit ſo viel Liebenswürdigkeit an daß man Sie nicht zurückzuweiſen vermöchte.“ Indeß die zwei neuen Kunden leiſe dieſe paa Worte wechſelten, brachte und ſtellte Fortuné Sauval au einen Tiſch in der Nähe des Fenſters eine mit rothen Sammet ausgeſchlagene Schublade, mehrere Armſpan gen, Brochen und Nadeln enthaltend. Einige von di⸗ ſen Juwelen waren einfach von getriebenem Silben andere von ciſelirtem Golde oder mit Edelſteinen bo ſetzt, alle aber konnten als wahre Meiſterwerke betrach tet werden. Während Herr von Villetaneuſe und ſeine Gefähr tin neugierig dieſe Juwelen betrachteten, trat Michel der Lehrling, von dem Gange zurückkehrend, den e nach ſeiner lebhaften Geſichtsfarbe zu urtheilen, ſeh raſch gemacht hatte, in die Werkſtätte ein, hing ſeil Mütze an einen Nagel, erſtattete ſeinem Meiſter Beric über den Auſtrag, deſſen er ſich erledigt, und ſetzte ſi ſodann an den Werktiſch neben den Vater Laurenci Dieſer empfing ſeinen Enkel mit verdoppelter Zärtlié keit, denn er machte es ſich zum Vorwurfe, daß er ih unwillkürlich betrübt hatte, und Beide beſchäftigten ſi emſig mit ihrer Arbeit, wobei ſie den zwei Käufen die ſie kaum erblickt, völlig den Rücken zuwandten. Herr von Villetaneuſe drehte, als der Lehrling w der nach Hauſe kam, maſchinenmäßig gegen dieſt , 19 den Kopf um; er konnte ſich einer Bewegung des Er⸗ ſtaunens nicht erwehren, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Das iſt eine ſeltſame Aehnlichkeit!“ VII. In eine zunehmende Bewunderung für die Juwe⸗ len verſunken, die ſie mit den Augen verſchlang, hatte die Gefährtin von Herrn von Villetaneuſe die Rückkehr des Lehrlings nicht bemerkt. Sie hielt in der Hand eine goldene Armſpange von ausgezeichnetem Geſchmacke und wunderbarer Ausführung; das Geſchmeide ſtellte zwei Najaden vor, halb liegend und an eine Urne von Rubinen angelehnt, aus der ein Gerieſel von kleinen Diamanten hervorkam, welche, die von dieſer Urne ausgehende kriſtallhelle Welle bildend, wogten und da und dort mitten unter einer doppelten Einfaſſung von Aquama⸗ rinen verſchwanden. Einen Augenblick von der prüfenden Beſchauung dieſer Juwelen durch den Eintritt von Michel abgezo⸗ gen, betrachtete Herr von Villetanenſe mit Angſt die Lüſternheit, welche die Armſpange mit'den Najaden bei Catherine erregte. Sie mußte viel mehr als fünfhun⸗ dert Franken werth ſein, welche Summe der Graf, zu ſeinem großen Bedauern, nicht überſchreiten konnte. In der Hoffnung, ihre Aufmerkſamkeit abzulenken und ſie vielleicht dieſes wunderbare Juwel vergeſſen zu laſſen, fagte er auch leiſe zu ſeiner Gefährtin: „Dieſer kleine Lehrling, der ſo eben eingetreten iſt und uns nun, am Werktiſche neben dem Greiſe ſitzend, den Rücken zuwendet, gleicht Ihnen auffallend.“ Doch der Graf wurde nicht gehört: immer mehr bezaubert vom Anblicke der Armſpange, konnte Cathe⸗ rine ſogar nicht mehr dem Verlangen widerſtehen, ſie an ihrem Handgelenke anzuhaken und ſo die Edelſteine 20 vor ihren Augen mit verdoppelter Lüſternheit ſchillern zu laſſen; dann aber zuckte ſie die Achſeln, als hätte plötzlich eine Erwägung ihren Geiſt ergriffen, hakte das Geſchmeide ſeufzend wieder auf, und ſagte halblaut, als ob ſie mit ſich ſelbſt ſpräche: „Wahrhaftig, ich bin toll!.. Iſt ein ſo wunder bares Juwel für mich gemacht?“ Als ſie dieſe Worte ſprach, hatte ihre Stimme einen ſo demüthig ergebenen Ton, ihre Phyſiognomie drückt zugleich ein ſo naives und ſo tiefes Bedauern, auf die⸗ ſen Ankauf verzichten zu müſſen, aus, daß Herr von Villetaneuſe zu dem Goldſchmiede, der ſich aus Beſchei⸗ denheit ein paar Schritte entfernt hielt, ſagte: „Mein Herr, wir werden dieſe Armſpange, welcht Madame ſo eben angeprobt hat, nehmen . .. Wal iſt der Preis davon?“ „Sechzehnhundert Franken, mein Herr.“ „Mein Freund,“ ſprach Catherine, „ich verſicher Sie, daß dieſe einfache, köſtliche ſilberne Armſpange pit einem Türkiß verziert, mir mehr gefüllt als jene. „Sie werden mir erlauben, hiebei meinen Ge ſchmack eben ſo viel als den Ihrigen zu Rathe zu zie hen,“ unterbrach Henri lächelnd ſeine Gefährtin. Dann ſich an Fortuné wendend: „Mein Herr, ich will Ihnen eine Abſchlagszahlun von fünſhundert Franken geben. Ich bin der Gr von Villetaneuſe und wohne in der Rue du Faubou Saint⸗Honoré No. 17. Ich bitte Sie, die Armſpank morgen früh zu dieſer Dame bringen zu laſſen, ders Adreſſe ich Ihnen nenne: Frau von Morlac, R Tronchet No. 9. Ihre Rechnung wird gegen die Ar ſpange berichtigt werden.“ „Ich verſichere Sie, mein Freund,“ ſagte Fu von Morlat mit neuer Dringlichkeit, „ich ziehe in 5 1 te 1 he ke e ie 21 That ein viel einfacheres Armband vor, während ich dieſes bewundere, da es ein wahres Meiſterwerk iſt.“ „Nun wohl! ich bitte Sie inſtändig, opfern Sie diesmal Ihre Wahl der meinigen,“ ſprach Herr von Villetaneuſe. Und er reichte das Fünfhundert⸗Franken⸗Billet For⸗ tuns, der in ſein Regiſter die Adreſſe des Grafen und die von Frau von Morlac eingeſchrieben hatte, und fügte bei: „Wollen Sie dies auf Abſchlag nehmen.“ „Das iſt unnöthig,“ erwiederte der Goldſchmied, „man wird morgen die Armſpange bei Madame be⸗ zahlen.“ „Ah! mein Herr,“ ſagte zu Fortuné Frau von Mor⸗ lac mit einem Sirenenlächeln und mit einſchmeichelnd ſüßem Tone, „Ihr Genie iſt ein gewaltiger Verſucher, es macht die weiſeſten Entſchlüſſe vergeſſen. Es iſt ſehr gefährlich, hierher zu kommen.“ „Mein Herr, ich wundere mich nicht mehr über die Lobeserhebungen, die der Prinz Maximilian Ihrem Verdienſte gewährt,“ ſetzte Herr von Villetaneuſe hin⸗ zu, indem er ſeinen Arm ſeiner Gefährtin bot und Fortuné grüßte; dieſer erwiederte: „Mein Herr, ich bin ſehr glücklich, daß dieſe Armſpange dem Geſchmacke von Madame unnd dem Ihrigen entſpricht.“ Hienach verließen die zwei neuen Kunden des Goldſchmieds die Werkſtätte. Während der Gegenwart von Herrn von Villeta⸗ nenſe und von Frau von Morlac hatte ſich der Va⸗ ter Laurencin beſtändig mit ſeiner Arbeit beſchäftigt und den Käufern, wie Michel, den Rücken zuwendend, hatte er die wahrhaft auffallende Aehnlichkeit, welche zwiſchen ſeinem Enkel und der Frau, die ſich ſo eben aus der Werkſtätte entfernte, ſtattfand, nicht wahrneh⸗ men können. Dieſe Bemerkung war auch Fortuns 22 Sauval entgangen. In ſeine ſüßen Liebesgedanken verſunken, hatte er durchaus nicht aufmerkſam ſeine Käuferin angeſchaut, deren Geſicht überdies halb durch den Schleier ihres Hutes verborgen war. Als er ſich aber wieder mit dem Vater Laurencin allein fand⸗ ſagte er zu dieſem leiſe, indeß der Lehrling die Ju⸗ welen in die Etagdre legte und darin ordnete: „Die Dame, welche ſo eben von hier weggeht wißt Ihr, wer es iſt, Vater Laurencin?“ „Rein, Herr Fortuné, ich habe ſie nicht einmal angeſchaut.“ „Ich kenne ſie dem Namen nach, und dieſer Nam hat nur zu viel Wiederhall gehabt . Die vorgeb⸗ liche Frau von Morlac . denn ſolche Weiber wech⸗ ſeln die Namen wie die Handſchuhe . iſt eine Cour⸗ tiſane der großen Art und ſehr in der Mode in Paris.“ „Das iſt eine ſchlechte Kundſchaft,“ verſetzte der Greis; „man wird die Armſpange tüchtig feſthalten müſſen Ich werde ſie ſelbſt überbringen, ſtatt Michel zu ihr zu ſchicken, denn eine ſolche Creatur könnte leicht einen Streich von ihrer Fagon meinel Enkel ſpielen, der ohne Armſpauge und ohne Geld hieher zurückkäme.“ „Ihr habt Recht, und überdies wäre es nicht ſchicklich, Michel zu einer Frau von dieſer Gattunz zu ſchicken.“ Am Ende dieſes Tages, Abends um ſieben Uhr begab ſich Fortuns Saupal zu ſeinem Oheim Jouffroh dem Vater der ſchönen Aurelie, in die der junge Künſ⸗ ler ſo ſehr verliebt war. S n e . et en ur n l VIII. Herr Jean Baptiſte Joufftoy, lange Zeit Chef eines großen Seidenhandelshauſes, hatte die Geſchäfte nach Realiſirung eines bedeutenden, fleißig, verſtändig und redlich erworbenen Vermögens aufgegeben. Von einer ängſtlichen Ehrlichkeit, von einem leicht zugänglichen und offenen Charakter, von einem vortrefflichen Herzen, von ſchwachem, ein wenig beſchränktem Geiſte, abge⸗ ſehen von ſeiner vollkommenen Fähigkeit für den Han⸗ del, unterzog ſich Herr Jouffroy mit Liebe dem Joche ſeiner Frau, die ihn vollkommen ſeit ihrer mehr als zwanzigjährigen Ehe beherrſchte. Madame Sophie Jouffroy, die Gebieterin des Hauſes in der vollen Bedentung des Wortes, ſehr er⸗ fahren in den Geſchäften, die Handlungsbücher ſo gut als der beſte Commis führend, eine ſorgfältige und thätige Wirthſchafterin, raſch, behende, herriſch, häufig aufbrauſend, das zahlreiche Perſonal ihres gro⸗ ßen Magazins ſtrenge haltend, hatte durch die Ord⸗ nung, durch die Sparſamkeit, durch die Regelmäßig⸗ keit ihrer häuslichen Verwaltung mächtig zur Ver⸗ mehrung des Vermögens ihres Gatten beigetragen. Herr und Madame Jouffroy hatten zwei Töchter. Die Aeltere, Marianne, war ziemlich häßlich und hinkte in Folge eines Unfalls, der ſie mehrere Jahre vorher betroffen hatte. Die Jüngere, Aurelie, war, von blendender Schönheit, das Idol des Hauſes. Trotz dieſer Vergötterung blieb das Miädchen einfach, treuherzig, liebfreundlich; ein verzogenes, durch Schmeichelei verdorbenes Kind, ließ ſie ſich allerdings verziehen und ſchmeicheln; doch ſie nahm mit einer ſo zärtlichen Dankbarkeit und einer ſo reizenden Anmuth die Bevorzugungen ihres Vaters und ihrer Mutter und 24 die beinahe knechtiſchen Bemühungen auf, mit denen ſie ihre Schweſter umgab, daß dieſe ihre Freude, ihr Vergnügen, ihren Lohn in einer Verdoppelung von Bemühungen und Zuvorkommenheiten fand. Es wohnte endlich eine Schweſter von Herrn Jvuffroy, eine gewöhnlich verdrießliche, mürriſche, im Uebermaße cauſtiſche alte Jungfer, die man gemeinig⸗ lich die Tante Prudence nannte, mit der Familie, welche ſie nie verlaſſen hatte. Herr Jouffroy hatte in der Rue du Mont⸗Blant eine große Wohnung inne, welche, im erſten Stocke gelegen, mit Luxus eingerichtet war. Das Haus des ehemaligen Handelsherrn war ſehr ehrenwerth: er gab ſeinen Freunden gute Diners, und jede Woche den Winter hindurch tanzte man bei ihm bei den Tönen des Klaviers, eines Flageolets und eines Vivoloncelles; Kaufleute, Notare, Anwalte bildeten ſeine gewöhliche Geſellſchaft. Die Familie Jouffroy ſchickte ſich an (Marianne und die Tante Prudence ausgenommen), auf den Ball zu gehen, an dem Abend, wo Fortuné Sauval dem Vater Laurenein ſeine Heirathsprojecte mitgetheilt hatte. Vor einem Spiegelſchranke ſtehend, den Ker⸗ zen in zwei an dieſes Meuble angeſchraubten Armen beleuchteten, beſchäftigte ſich Aurelie, unter den Beiſtande ihrer Schweſter, ihres Vaters und ihrer Mutter, mit den tauſend Nichtſen, welche die Voll⸗ endung eines Ballputzes bilden. Das Profil vol Aurelie konnte an Liebreiz, Adel und Reinheit mi den göttlichen Meiſterwerken der griechiſchen Kunß rivaliſiren; ihr dunkles, kaſtanienbraunes Haar mi faſt goldenen Reflexren, — eine harmoniſche und 3 tene Nuance, die man bei einigen Portraits von Ti tian trifft, — umrahmte mit ſeinem hohen et ſcheitel eine reizende Stirne und contraſtirte mit den 5 — — —* 25 Ebenholzſchwarz ihrer Augenbrauen und der Franſe ihrer langen Wimpern, welche halb ihre großen korn⸗ blumenblauen, mandelartig geſchlitzten Augen ver⸗ ſchleierten; diezarte Friſche ihres durchſichtigen, roſigen Teint, die glänzende Weiße ihrer wie ein benetzter Marmor ſchimmernden Haut, die köſtliche Vollkom⸗ menheit ihrer Züge, ihr niedlicher, friſchrother Mund, der Schmelz ihrer Zähne, die anmuthige Haltung ihres Kopfes, die Eleganz ihrer ſchlanken, ge⸗ ſchmeidigen, hohen Nymphengeſtalt; ihre Arme, welche nicht minder vollendet, als ihre runden Schultern, ihre Hand mit den ſpitzig zulaufenden Fingern, ihr kleiner, ſchmaler, nervöſer, wohlgebogener Fuß, Alles trug zu dem wunderbaren Ganzen dieſes bezaubernden Ge⸗ ſchöpfes bei, dem man ſeiner ſo wohlwollenden, ſo treuherzigen, ſo beſcheidenen Phyſiognomie zu Liebe, wenn man ſo ſagen darf, ſeine blendende Schönheit verzeihen mußte. Angethan mit einem roſa Florkleide à tunique, trug Aurelie einen leichten Kranz von hellgrünen Ei⸗ chenblättern, der mit Geſchmack auf ihre kaſtanien⸗ braunen Haare mit dem Goldſchimmer geſetzt war. Sie ſchien nicht ſtolz, ſondern nur glücklich und bei⸗ nahe erſtaunt, während ſie ihr reizendes im Spiegel reflectirtes Bild betrachtete. Die Helle der zwei in den bronzenen Armen des Ankleideſpiegels befeſtigten Kerzen genügte nicht, um die Vollendung der Toilette von Aurelie zu beleuchten; ihr Vater hielt ganz in ihrer Nähe eine Carcel⸗Lampe in ſeinen beiden Händen. Herr Jouffroy, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, unterſetzt, vierſchrötig, dickleibig, mit einem vollen, offenen, ſtark gefärbten Geſichte, das ein dicker, wie ſein Haupthaar, ergrauen⸗ der Bart umgab, bot den Typus der Treuherzigkeit und der Gutmüthigkeit. Er hatte ſeinen Rock noch nicht angezogen, weil er ſich in Hemdärmeln behagli⸗ 26 cher fühlte. Beim lebhaften Scheine ſeiner Lampe be⸗ trachtete er ſeine Tochter, in eine Art von bewundern⸗ der Extaſe verſunken. Madame Jouffroy, welche gleichſam als Gegen⸗ ſtück auf der andern Seite des Ankleideſpiegels aufge⸗ ſtellt war, hielt den Ballſtrauß und den Fächer von Aurelie und theilte die Extaſe ihres Mannes in Be⸗ trachtung ihrer Tochter. Fünf und vierzig Jahre alt, groß, ſiark, etwas männerartig, brünett, mit dunkel⸗ farbigem, ſtellenweiſe kupferigem Teint, fing Madame Jouffroy an ſich mit Wohlbeleibtheit zu belaſten; ſie hatte noch ſehr ſchwarze, krauſe Haare im Ueberfluſſe, ein großes, lebhaftes Auge, weiße Zähne, ihre Ober⸗ lippe beſchattete ein leichter brauner Schnurrbart, und ſie mußte das geweſen ſein, was gewiſſe Leute eine ſchöne Frau nennen. Ihre Haltung, der männliche Ausdruck ihrer Stimme, ihre raſchen, ungeſtümen Ge⸗ berden bezeichneten ihre Gewohnheit, die Herrſchaft im Hauſe zu führen. Sie war anſtändig und reich ihrem Alter gemäß in eine geſchloſſene Sammetrobe gekleidet und trug eine elegante Spitzenhaube verziert mit purpurrothen Blumen auf dem Kopfe. Marianne, welche bei Madame Jouffroy ſtand, reichte mit einer Hand ihrer Schweſter lange weiße Handſchuhe, mit der andern ein Radelkiſſen für den Fall, daß ſein Gebrauch nothwendig würde. Schwäch lich und von kleiner Geſtalt, hatte Marianne, obgleich ziemlich häßlich, eine intereſſante Phyſiognomie. Ihr aſchblonden Haare harmonirten mit der Weiße ihrer da und dort mit Sommerſproſſen beſäeten, Geſichts⸗ haut; ihre kleinen, tief liegenden blauen Augen drüch ten Sanfmuth und Verſtand aus; ihre kurze, rund Naſe, ihre jleiſchigen, obgleich friſchrothen Lippen welche, wenn ſie lächelte, ſchöne gähne zeigten, boten kein anmuthiges Ganzes. Ihre Gewohnheit, auf de linken Seite hinkend zu gehen, machte, daß ihre Taille, di 27 indeſſen kaum durch ein blouſenartig geſchnittenes brau⸗ nes Kleid bezeichnet war, ſich ein wenig krümmte. Ganz freudig und faſt ſtolz, die Schweſter einer ſo anbetungswür⸗ digen Perſon zu ſein, ſchaute Marianne Aurelie mit einem treuherzigen Entzücken an. Die Tante Prudence beſchäftigte ſich, an der Ecke des Kamins ſitzend, mit einem ewigen Geſtricke, das ſie nur zur Stunde des Eſſens verließ, wenn ſie ſich nicht etwa in ihr Zimmer eingeſchloſſen hatte, wo ſie viel las. An dieſem Abend ſtrickte ſie alſo, und ſie warf von Zeit zu Zeit einen Blick über die Gläſer ihrer ſilbernen Brille auf die Gruppe, von der Aurelie umgeben war. Mlle. Prudence bot ganz den widerwär⸗ tigen Typus der alten Jungfer. Ueber vierzig Jahre alt, unter einer großen Haube beinahe völlig ihre, noch nicht ergrauenden, Haare verbergend, beſchirmte ſie mit der Brille ihre feinen, durchdringenden, obgleich durch das übermäßige Leſen und Stricken ein wenig angegriffenen Augen. Ihr mageres, farbloſes, pergamentartiges Geſicht mit ſeinen ſcharfen Knochen erinnerte an jene ſtrengen Portraits von Holbein, welche eine bleiche, ſchwarz eingehüllte Matrone, deren Hals in einer Krauſe ſo ſteif als ihre Haltung ver⸗ graben iſt, darſtellen. In dieſem Augenblicke beſon⸗ ders, da ſie die Bemühungen, die Anbetungen der Fa⸗ milie für ihr Idol wahrnahm, zuckte die alte Jungfer mehr als einmal die Achſeln, und mehr als einmal auch, nach ihrer Gewohnheit, ihre bis zum Paroxysmus geſtei⸗ gerte Ungeduldſtillſchweigend zu bezeigen, kratzte ſie lebhaft mit ihrer Stricknadel am rechten Schlafe. Sie hatte auf dieſe Art ihre üble Laune kundgegeben, als der Vetter Rouſſel, wie man ihn als Verwandten und ver⸗ trauten Freund der Familie nannte, ohne gemeldet zu ſein, in das Zimmer eintrat. Herr Joſeph Rouſſel, Specereihändler im Ruhe⸗ 28 ſtand, wie er ſich wohlgefällig nannte, mochte fünfzig Jahre zählen. Er war groß, ſtark und noch behende, trotz der Reife ſeines Alters. Seine ſehr kurz geſchnit⸗ tenen ſchwarzen Haare fingen kaum an bei den Schli⸗ fen weiß zu werden. Sein offenes, heiteres, verſtän⸗ diges, entſchloſſenes, kräftig ausgeprägtes Geſicht, ſeine ziemlich lange, an ihrem Ende viereckig geſchnittene Naſe, ſeine lachenden dicken Lippen, die Lebhaftigkeit ſeines Blickes, Alles gab ſeinen Zügen einen ſeltſam ſpöttiſchen Charakter, und man hätte glanben können, man ſehe den munteren, witzigen Pfarrer von Mendon, würde der Specereihändler im Ruheſtande ſeinen wei⸗ ten Paletot gegen eine Soutane vertauſcht haben. IX. Der Vetter Rouſſel blieb einen Moment auf der Thürſchwelle ſtehen, beim Anblicke des bezeichnenden Bildes, das der Vater, die Mutter und die Schweſter von Aurelie, dieſe mit Bewunderung betrachtend, bo⸗ ten. Der ehemalige Specereihändler, ein Mann von vortrefflichem Urtheil, befürchtete nicht ohne Grund, das reizende Naturell ſeiner jungen Verwandten durch die Schmeicheleien, durch die unaufhörlichen Lobeser⸗ hebungen verderben zu ſehen, welche Madame Jouff⸗ roy an die Schönheit ihrer Tochter verſchwendete, auf die ſie bis zur Ausſchweifung ſtolz war. Er bekämpfte auch beſtändig mit einer unſchuldigen Bosheit die Uebertreibung der an das Idol der Familie gerichteten Lobſprüche. „Du biſt es, Joſeph?“ rief Herr Jouffroy, ab er ſeinen Vetter eintreten ſah. „Du konnteſt nicht legener kommen, denn Du wirſt Aurelie in gr Toilette vor unſerem Abgange auf den Ball geſehe haben. Nähere Dich, ſchau und bewundere,“ fügs — 29 der glückliche Vater bei, indem er ein wenig auf die Seite trat, jedoch beſtändig die Lampe tragend, die ihre lebhafte Helle auf ſeine Tochter warf. Dann, während dieſe einen von den Handſchuhen nahm, um ihn anzuziehen, und ſich lächelnd gegen den Vetter um⸗ wandte, rief Herr Jouffroy: „Nun! Joſeph, iſt ſie ſchön! . . Mein Gott! wie ſchön iſt ſiei“ „Zu Hülfe! zu Hülfe! ich bin geblendet!“ rief der Vetter Rouſſek, ſeine Augen unter ſeinen bei⸗ den Händen beſchirmend. „Ich ſehe ſechsundreißig Lich⸗ ter! und ſo wahr ich Lichter ſelbſt verkaufte, ich möchte lieber zur Mittagſtunde in die Sonne ſchauen, als dem Strahlen dieſes Geſtirnes trotzen, deſſen Vater Du biſt! Denn Du ſchaffſt Geſtirne, Baptiſte „ nicht mehr und nicht weniger als der gute Gott. . . . Ich will indeſſen noch ein Auge wagen!“ „Sie ſind ſehr munter heute Abend, Vetter Rouſ⸗ ſel,“ verſetzte Madame Jouffroy mit einem leichten Aus⸗ drucke von Aerger, während Aurelie herzlich über den Scherz des Specereihändlers im Ruheſtande lachte. Dieſer erwiederte: „Da meineerſte Blendung verſchwindet, ſo muß ich erklären, daß Du zum Entzücken gekleidet und friſirt biſt: Deine Toilette iſt von einer reizenden Einfach⸗ heit, und das gefällt mir beſonders daran.“ „Es iſt wahrhaftig ein großes Glück, daß Sie Aurelie zum Entzücken gekleidet finden!“ ſprach Ma⸗ dame Jouffroy, ſich befänftigend; „Sie müſſen aber immer ſchlechte Späße machen.“ „Friede, Friede, Couſine!“ ſagte Joſeph heiter; und wenn der Friede geſchloſſen iſt (ſonſt würden Sie glauben, ich ſei im Stande, Ihnen zu ſchmeicheln, um ihn zu erlangen), dann werde ich Ihnen geſtehen, daß Ihnen dieſes ſchwarze Sammetkleid, bei meiner Trene, vortrefflich ſteht.“ 30 „Ah! böſer Vetter, man verzeiht Ihnen,“ antwor⸗ tete lächelnd Madame Jvuffroy; „doch nehmen Sie ſich in Acht!“ „Ho! ho! Coufine, ich weiß, Sie ſind eine furcht⸗ bare Frau! davon zeugt dieſer arme Baptiſte, den Sie ſo unglücklich machen! er magert dergeſtalt ab, daß ſein Bauch demnächſt ſeine Weſte ſprengen wird!“ ſagte der Vetter Ronſſel, als er Herrn Jvuffroy ſeine Lampe auf den Tiſch ſtellen und ſeinen Rock anziehen ſah; dann wandte ſich Joſeph freundlich an die ältere Tochter und ſprach: „Guten Abend, meine kleine Marianne! Ich bin überzeugt, es iſt nicht Deine Schuld, wenn der Putz Deiner Schweſter nicht noch reizender iſt; Du haſt Dir alle Mühe gegeben, um ſie ſchmücken zu helfen, Du theures, vortreffliches Kind““ Dann endlich zur alten Jungfer: „Guten Abend, Tante Prudence.“ „Guten Abend, Vetter Rouſſel.“ „Nun! dieſes angebetete Geſtricke?“ „Nun! Sie ſehen? Es macht immer ſeinen klei⸗ nen Weg!“ „Ah! . . . Tante Prudence,“ verſetzte Joſeph mit einer ſpöttiſchen Miene; „ah! Taute Prudence?“ „Was gibt es?“ „Wenn Sie, ſtatt eine Tigerin gegen uns arme Männer zu ſein, dem Geſtricke die Che vorgezogel . wie viel beſſer wäre Ihre Zeit angewendet ge⸗ weſen.“ „Ich bezweifle es, Vetter Rouſſel.“ „Wahrhaftig!“ „Mit zwei Nadeln und einem Knäuel Wolle ſchäftige ich mich im Frieden und zu meiner Zufrieden heit vom Morgen bis zum Abend, und der Teufe weiß, welchen Frieden und welche Zufriedenheit ich 3 der Ehe vom Morgen bis zum Abend gefunden K 4 31 „Da haſt Du es, Joſeph!“ ſagte Herr Jouffroy lachend, „da haſt Du es! .. Ah! meine Schweſter beſitzt ein gutes Mundwerk!“ 4 „Und ich,“ erwiederte heiter der Vetter Rouſſel, „ich verſichere, ich erkläre, ich behaupte, die Tage der Tante Prudence wären von Gold und Seide gewoben geweſen, wenn ſie den Einſchlag des Daſeins ihres Gatten mit eben ſo viel Sorgfalt und Liebe geſtrickt hätte, als ſie hier dieſes . . dieſes . . was Teufels ſtricken Sie denn da?“ „Einen Naſenwärmer . .. für Ihre Naſe, Un⸗ dankbarer! denn wenn es kalt iſt, wird dieſe Arme von ihrer Baſis bis zu ihrem Gipfel kirſchroth, was durch⸗ aus nicht hübſch iſt, nein, durchaus nicht!“ verſetzte die alte Jungfer. „Ich wollte Ihnen dieſe Ueberraſchung an Ihrem Namenstage bereiten, doch ſo werden die guten Abſichten belohnt!“ „Tante Prudence, ich bin ein Ungeheuer!“ rief Joſeph, indem er ſich der alten Jungfer zu Füßen warf, während die zwei Mädchen in ein lautes Gelächter aus⸗ brachen; „Sie hatten ſo zarte Aufmerkſamkeiten für meine arme Naſe! und ich roch dieſe Zartheit nicht!“ „Erheben Sie ſich, wenn Sie können, ſchöner Cela⸗ don,“ erwiederte die Tante Prudence. „Obgleich eine alte Jungfer, werde ich wenigſtens einmal in meinem Leben einen Mann zu meinen Füßen geſehen haben . Und das iſt beſonders ſchmeichelhaft, wenn es ſich um einen Stutzer Ihrer Art handelt! Stehen Sie auf, Sie könnten ſonſt ſteif werden.“ „Ich werde nur aufſtehen, wenn Sie mir verſpre⸗ chen, daß wir den Abend gemeinſchaftlich mit Marianne zubringen, während dieſe Weltlichen auf den Ball gehen.“ Und er bezeichnete mit den Augen Herrn Jouffroh, ſeine Frau und Aurelie. „Iſt dies beſchloſſen, Prudente?“ „Es iſt beſchloſſen. Sie haben geſündigt, Sie werden Buße thun,“ antwortete die alte Jungfer, 32 „Schlimm für Sie, wenn Sie ſich langweilen, das wird wahrſcheinlich Ihre Schuld ſein.“ „NMich langweilen!“ verſetzte Joſeph aufſtehend. „Ich gebe meinen Abend nicht für den unſerer Welt⸗ lichen. Oh! wir wollen ſchwatzen! wir wollen ſtreiten! Tante Prudence! Ich fühle mich begeiſtert: das wird ein Kampf auf Leben und Tod ſein! . Ah!“ fügte er, ſich an Madame Jouffroy wendend, bei, „wohin gehen Sie denn heute Abend, Couſine? Sie und W relie, Sie ſind Beide in vollem Staate.“ „Wir gehen zum Anwalt Richardet,“ antwortet S Jouffroyz „es iſt dort großer Ball, ſehr große all.“ „Madame Richardet iſt ſelbſt zu uns gekommen um uns einzuladen und ſie hat uns dringendgebeten, un⸗ fehlbar bei ihrer Soirée zu erſcheinen,“ ſetzte Madam Jouffroy hinzu; „ſie hatte eine ganz geheimnißvoll Niene und verſprach uns eine Ueberraſchung.“ „Ho! ho!“ ſagte Jouffroy, „Madame Richarde welcht nicht halb hochmüthig iſt, in Betracht, daß ſ es mehr als ganz iſt ſie wäre im Stande, Si mit zwei Municipalen und einem halben Dutzend Lämp chen unter ihrem Thorwege zu überraſchen! Lämpche und Municipale! Der Mund wäſſert mir! Das win ganz in der Weiſe des Faubvurg Saint⸗ Germah ſein! Was für Ariſtokraten ſind doch dieſe Richardet! Bei Allem dem wollte ich ſchwören, es gebe i Faubourg Saint⸗Germain nicht eine junge Perſon, 5 man mit meiner Tochter nur vergleichen könnte,“ ſpras Madame Jouffroy ſich brüſtend. „Würden ſich d Titel nach der Schönheit meſſen, ſo wäre Aurel Herzogin.“ 5 „Warum denn nicht königliche Prinzeſſin?“ ſaß Tante Prudence, welche mit einer fieberhaften W regung ſtrickte. „Nach meiner Anſicht iſt meine Ni ſchön genug, ſuperlativ ſchön genug, erzſchön gen 33 um einen König zu heirathen! Dünkt Euch das noch zu gering, ſo treibt es bis zu einem Halbgott! Man ſagt, es gebe noch einen im Olymp! Suchet, und Ihr werdet finden.“ „Trotz Ihrer Uebertreibungen,“ entgegnete Ma⸗ dame Jouffroy, „bleibe ich bei dem, was ich ſage: ſchön, wie ſie iſt, kann meine Tochter auf Alles An⸗ ſpruch machen.“ „Oh! ich, meine gute Mutter, habe andere An⸗ ſprüche,“ verſetzte Aurelie voll Anmuth; „ich mache darauf Anſpruch, daß ich von denen geliebt werde, welche ich liebe . . . bei meiner Tante Prudence an⸗ zufangen.“ So redend bot Aurelie ihre ſchöne Stirne dar, und die alte Jungfer küßte ſie murrend und knurrend wie ein wahrer Brummbär. „Ah! Vetter Rouſſel, wie zänkiſch, wie wider⸗ wärtig iſt dieſe Tante Prudeuce,“ ſagte leiſe Madame i „Aurelie iſt ſehr gut, daß ſie ſie geküßt ha „Ich gebe zu, Couſine, daß Ihre Schwägerin nicht ganz ein Compoſitum von Wohlwollen, Holdſe⸗ ligkeit und liebenswürdiger Hingebung iſt,“ erwiederte Joſeph lächelnd; „doch was wollen Sie! . dieſe alten Jungfern! das Cblibat macht ſie hart; ihr Herz hat nie geſchlagen; ſeien wir nachſichtig ge⸗ gen ſie!“ In dieſem Angenblicke klopfte man beſcheiden an die Thüre des Zimmers. „Herein!“ rief Madame Jvuffroy. Die Familie Jouffroy. 1. 3 X Fortuné Sauval erſchien im Zimmer, und ſein erſter Blick war für Aurelie. Indeß Marianne, er⸗ röthend, als ſie ihren jungen Vetter ſah, um ſich eine gewiſſe Haltung zu geben, verſchiedene Gegenſtände, welche zur Toilette ihrer Schweſter gedient hatten, auf⸗ zuräumen bemüht war, reichte Aurelie dem Goldſchmiede herzlich die Hand und ſprach: „Guten Abend, Vetter. Sage mir, Du, der Du als großer Künſtler einen ſo guten Geſchmack haſt findeſt Du mich ſchön friſirt?“ „Ich habe viel Portraits, Meiſterwerke alter Ma⸗ ler, bewundert, und nie habe ich Etwas geſehen, was ſich mit Dir vergleichen ließe. Dieſer einfache Eichen⸗ kranz harmonirt, auf Deine ſchönen, wogenden Haat; geſetzt, vortrefflich mit der Anmuth und dem Ade Deiner Züge. Ich ſage Dir das ganz offenherziß als Künſtler, ohne daß ich Dir zu ſchmeicheln ſuche.“ Wahrhaftig? Und was würdeſt Du mir denn ſagen, wenn Du mir ſchmeicheln wollteſt, mein gute Fortuns? Doch, Schmeichler vder aufrichtig, ich nehm z Dein Lob mit um ſo größerem Vergnügen an, al ſ hier die Urheberin dieſer Friſur iſt,“ fügte Aureli ihre Schweſter Marianne bezeichnend und küſſend bei „Ja, ſie iſt es, die den Gedanken dieſes einfachen Kranzes von Eichenblättern gehabt hat.“ „Es iſt Dein Geſicht, liebe Schweſter, was dent ganzen Reiz dieſer beſcheidenen Friſur bildet,“ erwie⸗ derte lächelnd Marianne; „gerade wie das Genie vol 2 Fortuns in einen koſtbaren Kunſtgegenſtand ein Stüt Metall verwandelt. 3 „Du magſt Dich immerhin ſträuben,“ verſetz zürtlich Aurelie, „Du wirſt meiner Dankbarkeit nic ——. 1 e , ⸗ e 1 1 5 1 te el 1 er u ſ6 ie it n k 1 35 entkommen, und wenn mir dieſe Friſur gut ſteht, wenn man mich hübſch findet, ſo werde ich Dir dafür danken!“ „Wenn man Dich hübſch findet?“ verſetzte Ma⸗ dame Jouffroy. „Oh! ich liebe dieſes wenn unge⸗ mein. Ich möchte wohl ſehen, daß „ „Gewiß, Sie haben Recht. Dulden Sie doch ſolche Abſchenlichkeiten nicht!“ rief die Tante Prudence, ihre Schwägerin unterbrechend und übermäßig ſtrickend. „Welcher Ruchloſe, welcher ſchändliche Gottesläſterer ſollte ſo frech ſein, Ihr Idol nicht anzubeten? Bei meiner Treue! man hat früher Ketzer wegen geringerer Dinge verbrannt. Auf den Scheiterhaufen! auf den Scheiterhaufen die Ungläubigen, welche es wagen würden, die göttliche Schönheit meiner Nichte zu be⸗ zweifeln!“ „Wie närriſch ſind dieſe alten Inngfern! wie nei⸗ diſch ſind ſie auf die Jugend!“ ſprach Fortuné zu ſich ſelbſt, während Madame Jvuffroy, erröthend vor Zorn und auf dem Puukte, auf dieſen neuen Ausfall der Tante Prudence zu antworten, kaum an ſich hielt und zu Aurelie ſagte: „Es iſt bald halb zehn Uhr, mein Kind; es wird zehn Uhr ſchlagen, ehe wir bei Richardet angekommen ſind. Wollen wir gehen?“ Ja, Mama; ich will nur meinen Pelz nehmen.“ Der Abgang der Familie auf den Ball ſtörte Fortuns in ſeinen Plänen. Nachdem er einen Augen⸗ blick überlegt hatte, näherte er ſich indeſſen dem Vet⸗ ter Rouſſel und ſagte leiſe zu ihm: „Ich wußte nicht, daß mein Oheim und meine Tante heute Abend ausgehen ſollten; ich kam in der Abſicht, mit ihnen zu reden.“ „Worüber, mein Junge?“ „leber eine wichtige Sache.“ 36 „Dann mußt Du Deine Unterredung auf morgen verſchieben.“ „Herr Rouſſel, begleiten Sie heute Abend meinen Oheim und meine Tante?“ „Kannſt Du eine ſolche Frage an mich thun, Du Unglücklicher?“ erwiederte Joſeph lachend. „Schau mich doch an, ſieh meinen Alpaga⸗Paletot, meine far⸗ bige Halsbinde, meine plumpen Stiefel! Ich würde dieſen Weltlichen Schande machen! Nein, nein, ich bleibe hier, um der Tante Prudence und Mariannt Geſellſchaft zu leiſten.“ „Im Ganzen,“ ſagte Fortuns, der mit ſich 3 Rathe zu gehen ſchien, „es iſt mir ſo lieber.“ „Was, mein Junge?“ „Ich werde Ihnen das ſagen, ſobald meine Cor⸗ ſine auf den Ball gegangen iſt.“ Während dieſes kurzen Geſpräches, das der Goldſchmied und Joſeph leiſe mit einander führten traf Aurelie ihre letzten Vorbereitungen zum Abgange Herr Jouffroy hielt auf ſeinem Arme den Ballpelz; ſein Frau wickelte eine leichte Gazeecharpe um den Hal ihrer Tochter, um ſie vor der Kälte zu bewahren, un Marianne zog ihr, knieend, wattirte Ueberfchuhe übe ihre kleinen weißen Atlaßſchuhe an. Aus größers Vorſicht endlich belud ſich ihr Vater mit einem Bo und einem Ergänzungsſhawl, während Madame Jouf⸗ roy den Strauß und den Fächer des Idols nahm. Aurelie trat ſodann auf die Tante Prudence z0 welche wüthender als je ſtrickte, bot ihr abermals ihn Stirne zum Kuſſe dar und ſagte mit liebkoſendes Tone zu ihr: „Guten Abend, meine Tante.“ 3 „Guten Abend,“ erwiederte ungeſtüm die al Jungfer, indeß ſie Anrelie auf die Stirne küßte; „ terhalte Dich gut. . . das iſt Dein Loos.“ Und ſie warf unwillkürlich ihre Blicke auf M 37 rianne, die ſich, eine Kerze in der Hand, anſchickte, ihrer Schweſter durch einen dunkeln Gang zu leuchten, den man durchſchreiten mußte, wenn man aus dem Schlafzimmer trat. „Gute Nacht, Prudence,“ rief herzlich Herr Jouff⸗ roy. „Vergiß nicht, Jeannette daran zu mahnen, daß ſie ſehr warme Chocolade für Aurelie bei ihrer Rück⸗ kehr bereit hält, denn ſie hat beim Mittagsbrode faſt, nichts gegeſſen.“ „Sei unbeſorgt,“ antwortete die Tante Prudence, „Deine Tochter wird ihre Chocolade bei der Rückkehr vom Balle bekommen. Das arme Kind! das unglück⸗ liche Kind! Ach! es genügt im Leben nicht, daß man ſich beluſtigt, man muß fich hernach auch ſtärken!“ Nach ſeiner Gewohnheit bemerkte Herr Jouffroy den ſpöttiſchen Ausdruck nicht, mit dem die alte Jung⸗ fer ihre Antwort begleitete, und er ſagte zu ſeiner Frau, welche, gerade beſchäftigt, ihre Tochter ſorgfältig einzumummen, die Worte ihrer Schwägerin nicht ge⸗ hört hatte: „Vorwärts, Mimi. (oft nannte er ſie vertraulich Mimi, — eine ſeltſame Benennung für eine große, männ⸗ lich ſtarke Frau); vorwärts, Mimi, laß uns gehen, es wird bald zehn Uhr ſchlagen.“ „Guten Abend, Vetter Rouſſel! guten Abend, Fortuné!“ rief Aurelie; dann zum letzten Male Ma⸗ rianne küſſend: „Guten Abend, Schweſterchen, ſuche nicht vor meiner Rückkehr einzuſchlafen; ich werde Dir den ganzen Verlauf der Geſellſchaft erzählen.“ „Einſchlafen!“ verſetzte Marianne mit dem Tone liebevollen Vorwurfs; „ei! wer würde Dir dann Dich auskleiden helfen und die Chocolade an Dein Bett bringen?“ „Ah! Du böſes Schweſterchen, wie mißbrauchſt Du es, daß ich mich ſo leicht verderben laſſe! Doch es iſt ſo ſüß, ſo gut, von Dir gehätſchelt zu werden, daß ich mich darein füge . . Umarme mich noch ein⸗ mal, und dann Gott befohlen!“ „Leuchte uns, Marianne,“ rief Madame Jouffroy, die Schweſtern ſich zum letzten Male geküßt atten. Das Mädchen wollte eben ſeiner Mutter gehorchen, da ſagte der Vetter Ronſſel zu Fortuné: „Nimm doch Marianne die Kerze aus den Hän⸗ den; ſie wird ihrer Schweſter bis unten an die Treppe folgen wollen, und Du weißt, wie das Auf⸗ und Ab⸗ ſteigen die Arme bei ihrem Gebrechen ermüdet.“ Entzückt, ein paar Augenblicke länger bei Aureli zu bleiben, befolgte Fortuns den Rath des Vetter Rouſſel; Marianne begleitete indeſſen ihre Schweſter bis auf den Ruheplatz der Treppe und ſprach hier zu ihr: „Liebe Schweſter, unterhalte Dich gut und hüt Dich beſonders, daß Du Dich keiner Erkältung aus⸗ ſetzeſt, wenn Du vom Balle weggehſt! Du wirſt be Deiner Rückkehr ein gutes Feuer in unſerem Zimm und Deine Chocolade bereit finden . . . Unterhalb Dich gut!“ Hienach kehrte Marianne zur Tante Prudence un zum Vetter Rouſſel zurück. Trotz des Lichtes der Lampe auf der Treppe, leuch tete der Goldſchmied mit ſeiner Kerze in der Han Aurelie bis unter den Thorweg, wo eine Caleche m einem Pferde beſpannt, eine beſcheidene Familie equipage, wartete. Aus Furcht, das weite, friſch Gazekleid ihrer Tochter zu zerknittern, überließen Hi und Madame Jouffroy Aurelie die zwei Plätze i Fond des Wagens und begnügten ſich mit dem ſchm len Raume des Vorderſitzes. Fortuné ſchloß den Schlag, ſtieg wieder 3 Wohnung hinauf und erfuhr von einer Dienerin, d Tante Prudence ſei mit Marianne und dem Vrtt Rouſſel in ihr Zimmer gegangen. 3 3 ni en 39 Xl. Das Zimmer der alten Jungfer, ein ſtiller Winkel, hatte die Ausſicht auf den Hof und bot einen eigen⸗ thümlichen Charakter. Alles war darin ſauber, metho⸗ diſch geordnet und von einer ängſtlichen Reinlichkeit. Die Tante Prudence wollte durchaus ſelbſt ihre Haus⸗ haltung führen. Getren ihren Familienerinnerungen und gleichgültig gegen den modernen Luxus, behielt ſie das beſcheidene, alterthümliche Ameublement bei, mit dem einſt das Zimmer ihrer Mutter ausgeſtattet war, — das große Bett mit Baldachin und Vorhängen von Sarſche, denen des Fenſters ähnlich, die Stühle und die Bergdren von grauem gedrehtem Holze mit Ueberzügen von genähter, mit Perſonen verzierter Tapezier⸗Arbeit, und andere Mobiliargegenſtände aus der guten alten Zeit. Durch die Scheiben eines als Bibliothek die⸗ nenden nußbaumenen Schrankes erblickte man eine Sammlung von vorterfflichen claſſiſchen Werken. Eine kleine Pendeluhr und zwei Leuchter von vergoldetem Kupfer, im Style Ludwig Kvl., ſchmückten die Mar⸗ morplatte des Kamins, an deſſen Ecke die alte Jungfer, immer mit ihrem Geſtricke beſchäftigt, ſaß. Marianne ſtickte an ihrer Seite, und der Vetter Rouſſel nahm, in eine weite Bergore verſenkt, die andere Ecke des Kamins ein. „Es iſt ſehr liebenswürdig von Dir, daß Du den Abend bei uns zubringen willſt. Fortuné,“ ſagte Ma⸗ riaune zu dem jungen Künſtler, als er bei der Tante Prudence eintrat. Und lächelnd fügte ſie bei, ohne jedoch die Augen von ihrer Stickerei zu erheben: „Weißt Du, daß das lange iſt, drei Tage?“ „Die Zeit hat mir ſo lange gewährt, als Dir, Marianne, erwiederte Fortuné vertraulich; „denn Du 40 weißt es wohl, es iſt mein größtes Vergnügen, hier⸗ her zu kommen; doch eine dringende Arbeit, die mir ungemein gefiel, hat alle meine Augenblicke in Anſpruch genommen, und ich habe keinen Fuß aus meiner Werk⸗ ſaue geſetzt.“ „Abermals ein Meiſterwerk?“ ſprach Marianne mit dem Tone lebhafter Theilnahme; und ihr, obgleich wenig hübſches Geſicht, nahm einen reizenden Aus⸗ druck an. „Laß hören, erzähle uns dieſes neue Wun⸗ der Deiner Kunſt. Iſt es ein Gegenſtand von großer Goldſchmiedsarbeit? iſt es ein Juwel? iſt es ein Schmuck? Mein Gott! wie ſtolz mußt Du ſein, daß Du ſo ſchöne Dinge ſchaffſt! Denn ich, die ich keinen Theil an Deinen Meiſterwerken habe, bin ganz eitel, wenn ich daran denke, daß Du ſie hervorgebracht haſt.“ „Was das betrifft, mein Kind“ verſetzte die Tante Prudence, „ich bin überzengt, daß Du ſtolzer biſt, als Fortuns ſelbſt; denn er iſt beſcheiden wie ein Menſch, der keine Ahnung von ſeinem Talente hat.“ „Das iſt wahr, Tante Prudence,“ ſprach der Vetter Rouſſel. Dann ſich an den Goldſchmied wen⸗ dend: „Ah! mein Junge, mir ſcheint, Du hatteſt uns etwas zu ſagen, der Tante Prudence und mir. Um was handelt es ſich?“ Ich war in der That heute Abend hierher ge⸗ kommen, um über eine wichtige Sache mit Herrn und Madame Jouffroy zu ſprechen; da ſie aber ausgegan⸗ gen ſind, ſo iſt es mir eben ſo lieb, wenn Sie, Made⸗ moiſelle Prudence, und Sie, Herr Rouſſel⸗ meine Dolmetſcher bei meinem Oheim und meiner Taute ſein wollen.“ „Fortuns,“ ſprach ſchüchtern Marianne, beengt Dich meine Gegenwart, ſo ſage es, ich werde in mein Zimmer gehen und das Ende Deiner Unterredung mit meiner Tante und Herrn Ronſſel abwarten.“ „Gonz und gar nicht! Dn biſt nicht zu viel hiet, t, 41 meine kleine Marianne! Wir find in der Familie, und es iſt gerade von einer Familienangelegenheit die Rede.“ „Dann ſprich, Fortuns,“ verſetzte das Mädchen, „was iſt es?“ „Tante Prudence, ich möchte gern heirathen.“ „Ah! mein Gott!“ rief unwillkürlich Marianne; und ſie wurde purpurroth und zitterte, während ihre Züge eben ſo ſehr Ueberraſchung und Unruhe, als Schmerz ausdrückten. Der Ausruf von Marianne war ſo raſch geweſen, daß der Vetter Rouſſel und Fortuné, ſehr erſtaunt, ſie zu gleicher Zeit fragten: „Was haſt Du denn, Marianne?“ „Nichts,“ antwortete ſie in Verwirrung, indem ſie noch mehr erröthete und noch mehr zitterte; „nichts... esiſt es iſt ich ich habe mich ge⸗ ſtochen . . mit meiner Nadel . .. Den Kopf beugend, um den auf ſie gehefteten Blicken zu entgehen, drückte Marianne einen ihrer Finger an ihre Lippen, als wollte ſie das Blut aus ihrem vorgeblichen Stiche ausſaugen. Die Tante Prudence hatte die durch den Ausruf ihrer Richte verurſachte Verwunderung getheilt, und ſie betrachtete einige Augenblicke Marianne ſtillſchweigend über ihre Brillengläſer, indeß ſie zu ſtricken fortfuhr; dann neigte ſie das Haupt mit einer nachdenkenden, betrübten Miene. „Marianne,“ fragte der Goldſchmied theilnehmend, „haſt Du Dich tief geſtochen?“ „Nein, nein,“ ſtammelte das Mädchen, „es iſt nichts ich wiederhole Dir, es iſt nichts . doch erſten Augenblicke hat es mir ein wenig wehe ge⸗ an.“ „Ah! Du willſt heirathen, Fortuné?“ ſagte der Vetter Rouſſel, der an die Wirklichkeit und die geringe 42 Bedeutung des Stiches von Marianne glaubte und dieſem Vorfalle nun keine Aufmerkſamkeit mehr ſchenkte; „Du willſt heirathen? Ei! ei! das iſt eine Idee wie eine andere . . . beſſer, als eine andere . . wenn ſie dahin führt, daß man eine gute und würdige Frau nimmt; aber wie des Teufels kommſt Du dazu, mein Junge, daß Du eheliche Geſtändniſſe der Tante Pru⸗ dence machſt, die eine ſolche Abneigung, einen ſol⸗ chen Widerwillen gegen die Ehe hegt, daß ſie ledig bleiben wollte? Wie! Du machſt ſie zum Richter und zur Partei? . Sie wird nicht verfehlen, Dir die Süßigkeiten des Cölibats zu preiſen! . . Zum Glücke bin ich da, um das conjungo zu vertheidigen, und wir werden mit ihr ein tüchtiges Schnabelgefecht haben.“ Statt, nach ihrer Gewohnheit, den Angriff des Vetter Rouſſel derb zu erwiedern, antwortete die Tantt Prudence nichts; ſie ſtrickte fortwährend und war nur einen durchdringenden Blick auf Marianne, dere ſchmerzliche Befangenheit ihr nicht entging. „Es iſt ſehr natürlich, daß ich meine Geſtändniſſt Mademoiſelle Prudence mache,“ antwortete Fortun dem Vetter Rouſſel; „ſie iſt ja die Tante der Perſon die ich zu heirathen wünſchte.“ „Ah! die Chocolade von Aurelie! ich hab vergeſſen, ſie bei Jeannette zu beſtellen!“ ſagte mi bebender Stimme Marianne, während ſie haſtig auß ſtand. Und Anfangs purpurroth, wurde die Arme gal bleich, faſt ohnmächtig, und ſie wandte ſich ſo raſch als es ihr Gebrechen erlaubte, nach der Thüre. Ohne eine Bewegung zu machen, ohne ihren Ge danken auf irgend eine Art zu verrathen, folgte di Tante Prudence ihrer Nichte mit einem betrübten Blick und das Auskunftsmittel unterſtützend, das Mariaut gefunden hatte, um weggehen und ihre Bangigkeits verbergen zu können, fügte die alte Jungfer bei: ——— b. i n e di e 43 „Mein Kind, vergiß nicht, Butterkuchen bei Jea⸗ nette zu beſtellen. Deine unglickliche Schweſter ißt immer Butterkuchen zu ihrer Chocolade.“ „Ich werde nichts vergeſſen, meine Tante,“ er⸗ wiederte Marianne mit einer durch ihre kaum verhal⸗ tenen Thränen erſtickten Stimme. Und die Thüre ſchließend, verſchwand ſie. „Welch ein vortreffliches Geſchöpf iſt dieſe Ma⸗ rianne!“ ſagte der Vetter Rouſſel, einen Augenblick das Geſtändniß von Fortuné vergeſſend. „Die Gute iſt nur darauf bedacht, ihrer Schweſter angenehm zu ſein So viele Andere wären an ihrer Stelle eiferſüchtig auf Aurelie!“ „Oh! das iſt wahr,“ ſprach der junge Mann, es gibt auf der Welt kein beſſeres Herz, als das von Marianne.“ „Ja, und es nützt ihr viel, ihr gutes Herz!“ er⸗ wiederte die alte Jungfer mit Bitterkeit, indeß ſie mit dem Ende ihrer Stricknadel an ihrem rechten Schlafe kratzte. „Es iſt ſchön dumm von ihr, ſo gut zu ſein! Warum hat ſie nicht ein ſehr kaltes, ſehr ſelbſtſüchtiges Herz! . . . dazu eine Doſis vollkom⸗ mener Selbſtzufriedenheit! . . . ſie wäre hundertmal glücklicher! Ah! arme gute Herzen! ſie ſind in ihrer ſanften Reſignation wie jene kleine Kiſſen, in welche Jeder ſorglos ſeine Nadel ſteckt, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß ſie, ſcheinbar unempfindlich wie das Kiſſen, das Märtyrthum bei jedem Nadelſtiche erdulden dieſe vortrefflichen Herzen! .. Es iſt gut! warum ſind ſind ſie ſo albern!“ „Wie bitter und boshaft ſind dieſe alten Jung⸗ fern, welche nie geliebt haben!“ ſagte Fortuns zu ſich ſelbſt, während er den Ausfall der Tante Pru⸗ dence anhörte. Dieſe wandte ſich bald an ihn und ſprach; 44 „Kommen wir nun auf Deine Geſtändniſſe zurück, mein Junge. Du ſagteſt uns, Du wolleſt heirathen?“ „Ja, Tante Prudence.“ „Und es iſt meine Nichte, die Du zu heirathen wünſcheſt?“ „Das wäre mein innigſtes Verlangen; ich bin raſend in ſie verliebt.“ „Da ich aber zwei Nichten habe, ſo iſt wohl die, in welche Du raſend verliebt biſt, Aurelie?“ „Brauche ich Ihnen das zu ſagen?“ „Rein, gewiß, Du brauchſt mir das nicht zu ſagen; das verſteht ſich von ſelbſt; Du mußt Aurelie vorziehen: ſie iſt ſo ſchön, ſo unvergleichlich ſchön!. . „Ohl ja,“ wiederholte Fortuné, „unvergleichlich ön.“ „Es iſt ein Geſtirn, eine Sonne, ein Meteor, das achte Wunder der Welt!“ rief die Tante Prudence mit einer ſpötiſchen Emphaſe und mit wachſender Bitter⸗ keit. „Doch ich bitte Dich, eine andere Vermittlerin als mich für Deine Vermählung mit Deinem Geſtirne zu wählen.“ „Was ſagen Sie?“ rief Fortuné, nicht minder verblüfft, als der Vetter Rouſſel, da er den heftigen Ausfall der alten Jungfer hörte; „Sie verweigern mir Ihren Beiſtand bei dieſer Sache?“ „Das iſt eine unangenehme Folge meiner Lebens⸗ lage; der Vetter Ronſſel hat es Dir ſo eben geſagt die alten Jungfern, welche aus Trockenheit des Herzen ledig geblieben ſind, predigen zum Beiſpiele und aus Ueberzengung die Süßigkeiten des Cölibats . Si mache ich es . .. und ich füge bei: Glaube mir bleibe Junggeſelle; willſt Du das nicht, ſo ſuche a derswo Einen, der Dir die Schnur um den Hals bi den wird . . . Der Vetter Rouſſel wird Dir dieſe angenehmen Bienſt beſſer als irgend Jemand leiſei — 45⁵ er weiß, was die Elle von dieſer Eheſtandsſchnur koſtet. er iſt ſo glücklich in der Ehe geweſen!“ „Ob ich in der Ehe glücklich oder nicht glücklich geweſen bin,“ verſetzte Joſeph leicht gereizt durch die⸗ ſen Seitenhieb, „das iſt, wie mir ſcheint, gleichgültig in Beziehung auf die Heirath von Fortuné.“ „Gewiß,“ erwiederte die alte Jungfer voll Wuth ſtrickend, „es iſt hieran eben ſo wenig gelegen, als an der Erfahrung bei den Dingen des Lebens gelegen iſt, und: Achtung! denjenigen zurufen, welche im Be⸗ griffe ſind, mit der Naſe in den Graben zu fallen, heißt ohne Zweifel eine Handlung der Selbſtſucht begehen?“ „Meine Tante,“ erwiederte traurig Fortuné „ich glaubte nicht Sie zu erzürnen, als ich Sie bat. . „Du erzürnſt mich durchaus nicht. Du biſt ein vortrefflicher Junge, ich liebe Dich von ganzem Her⸗ zen, ich kenne ZDeinen Werth, ich wünſche Dir alles mögliche Glück und gerade deshalb bitte ich Dich, nicht mehr mit mir von dieſer Heirath zu ſprechen. . . Gibt mein Bruder ſeine Einwilligung dazu, ſeine Frau auch, Aurelie ebenfalls .. gut! heirathe Dein Geſtirn, das iſt Deine Sache. Ich werde kein Sterbenswört⸗ chen ſagen; doch hiebei vermitteln, nie!“ „Mein Gott! Tante,“ rief Fortuné immer mehr betroffen, „Sie glauben alſo, ich würde Aurelie nicht glücklich machen?“ „Du? Du haſt, wie Deine Couſine Ma⸗ rianne, ein Engelsherz . Du biſt auch noch nicht beim Ende Deiner Qualen und ſie auch nicht!“ „Ei! meine Tante, wenn Sie Vertrauen zu mei⸗ nem Herzen haben, welche Einwendung können Sie gegen meine Heirath mit Aurelie machen? Mein Gott! wüßten Sie, wie ich ſie liebe! . Ich ſchwöre Ih⸗ nen, meine Tante, dieſe Liebe „Oh! Du verlierſt Deine Zeit und Deine Worte!“ unterbrach der Vetter Rouſſel den jungen Künſtler. „Ich ſagte es Dir, — ich glaubte zu ſcherzen, doch es war die Wahrheit: von Liebe und Herz mit Tante Prudence ſprechen heißt Griechiſch, Hebräiſch⸗ Arabiſch mit ihr ſprechen.“ „Warum ſpricht man dann Griechiſch, Hebräiſch, Arabiſch mit mir?“ „Ah! Sie haben nicht mehr Gefühl als der Mar⸗ mor dieſes Kamins!“ „Deſto beſſer! Nichts greift den Marmor an “, „Welche Antwort! Wenn man Sie hört, ſollte man glauben, Sie ſeien eine Frau ganz ohne Gemüth! ſurg⸗ Gott ſei Dank, das iſt eine Prahlerei, wie ich offe.“ „Sie ſind furchtbar durch Scharfſinn und äußerſt ergötzlich durch Hoffnung, Vetter Rouſſel!“ „Welch ein Weib! welch ein Weib! Sie weigern ſich alſo, mit Joufftoy und ſeiner Frau über das Anliegen von Fortuns zu ſprechen?“ „Ich weigere mich . . unumwunden.“ „Ich frage Sie aber noch einmal, aus welchem Grunde?“ rief Joſeph, „denn, beimeinem Worte, Sie könnten einen Heiligen in Verdammniß bringen!“ „Zum Glücke ſind Sie durchaus kein Heiliger, Vetter Rouſſel, und ich bin ſehr ruhig in Betreff Ihrer Verdammniß. Ich wiederhole Ihnen, ich werde mich in keiner Hinſicht in dieſe Heirath miſchen, weil For⸗ tuné meiner Meinung nach Unrecht hätte, wenn er heirathen würde.“ „Aber, Tante, ich habe Ihnen geſagt, ich liebe Aurelie leidenſchaftlich . . . und „Liebe! Leidenſchaft! Nun ſprichſt Du abermals Griechiſch, mein Junge, und der Vetter Rouſſel hat Dir erklärt, ich verſtehe dieſes Geplapper nicht.“ „Du ſiehſt, ſie iſt unbarmherzig,“ ſagte der ehe⸗ malige Specereihändler, während er aufſtand. „Komm, 47 laſſen wir ſie; ich übernehme es, morgen Dein Anlie⸗ gen bei Jouffroy und ſeiner Frau vorzutragen. Ja, Tante Prudence, möchte es Ihnennicht mißfallen! ich übernehme dieſe Sache, denn ſie iſt ganz ſchicklich und vernünftig!“ „Gut! heirathen Sie, Fortuns! heirathen Sie ſelbſt obendrein! Wohl bekomme es Beiden! Viel Glück!“ „Ich danke für die freundlichen Wünſche; doch Sie verſprechen mir wenigſtens, daß Sie keinen Einfluß bei der Familie üben . daß Sie neutral bei Allem dem bleiben wollen?“ „Was iſt eine alte Jungfer, wenn nicht das vor⸗ zugsweiſe neutrale Weſen?“ verſetzte die Tante Pru⸗ dence. „Neutral bin ich, neutral werde ich bleiben!“ „Das iſt ſchon Etwas!. „Verſprechen Sie mir auch, Jouffroy, ſeine Frau und Aurelie nicht von un⸗ ſerer Unterredung heute Abend in Betreff dieſer Heirath zu unterrichten?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Das ſöhnt mich wieder ein wenig mit Ihnen aus, obſchon ich immer noch wüthend bin, hören Sie!“ „Gut! gut! dieſe Wuth wird vorübergehen, wie ſo viele andere Dinge vorübergehen werden und vor⸗ übergegangen ſind, Vetter Rouſſel.“ „Es gibt Etwas, was längſt vorbei ſein müßte, dasiſt meine Freundſchaft für Sie, abſcheuliches Frauen⸗ zimmer Sie, die Sie behaupten, Sie haben ein Herz ſo hart, ſo kalt als der Marmor dieſes Ka⸗ mins, und doch — ich weiß des Teufels nicht, wie das kommt, — dieſe Freundſchaft dauert ſeit zwanzig Jah⸗ ren) und unwillkürlich! . . denn ich frage Sie ein wenig, warum ich Ihnen gewogen bin . „Weil wir immer etwas mit einander zu ſtreiten haben; Sie plagen mich, und ich gebe es Ihnen zurück; das beluſtigt Sie und mich auch, und die Zeit ver⸗ 48 geht, — abgeſehen davon, daß ich Ihnen Naſenver⸗ berger ſtricke, da ich mich Ihrer Naſe ſchäme, böſer Undankbarer! Hienach, gute Nacht, ich habe Schlaf! Du, Fortuns, ſchreibe meine Weigerung nicht einem ſchlimmen Gefühle gegen Dich zu. Du biſt der beſte, der redlichſte Mann, den ich kenne: doch ich habe der Patronin der alten Jungfern ein Gelübde gethan, mich um keines Menſchen Heirath zu bekümmern, — aus Dankbarkeit dafür, daß ſie mich mit der Verſuchung des Böſen verſchont hat. . . . Der Vetter Rouſſel wird ſich morgen Deiner Sache annehmen; das gibt ſich von ſelbſt, er iſt ein Witwer und ganz gierig darauf, der Gevatter, Dich in die Brüderſchaft zu bringen, zu der er nicht mehr gehört, der liebe arme Mann,“ „Gehen wir, Fortuné, denn, Gott verzeihe mir, ich glaube, ich würde ſie ſchlagen.“ „Guten Abend, weine Tante,“ ſprach traurig Fortuns. „Möchte Ihre Weigerung, mein Heiraths⸗ geſuch zu befördern, kein ſchlimmes Vorzeichen für mich ſein. Ich kam heute Abend voll Vertrauen hierher, und ich gehe ohne Hoffnung.“ „Sehen Sie, was Sie gethan haben, Tigerin mit dem eiſernen Herzen, Sie bringen dieſen armen Jun⸗ gen in Verzweiflung!“ ſagte Joſeph. Dann ſich an den jungen Künſtler wendend: „Doch beruhige Dich morgen werde ich mit der Familie ſprechen Gott ſei Dank, es gibt nicht lauter Tanten Prudence in der Welt.“ „Denn die Welt würde ſonſt bald ein Ende nehmen,“ fügte die alte Jungfer bei. „Gute Nacht, Vetter Rouſſel.“ „Und ich ſage Ihnen: Schlechte Nacht, Tantz Prudence! Möchte Sie ein abſchenlicher Alp drücken! Nöchten Sie, um für Ihre Gefühlloſigkeit beſtraft zu werden, träumen, Sie ſeien wahnſinnig in den Groß⸗ Türken verliebt.“ 49 „Wie artig er iſt . er ſagt mir das, weil ich das Anſehen einer Huri, einer Odaliske, einer Fatime, einer Leila habe, nicht wahr, Vetter Rouſſel?“ „Laſſen Sie mich in Ruhe! . . ich haſſe Sie!“ rief Joſeph mit einem komiſchen Zorne, während er mit Fortuns aus dem Zimmer der alten Jungfer wegging. Bald nach ihrem Abgange kam Marianne ſchüch⸗ tern zu ihrer Tante zurück. XII. Als Marianne wieder zu der alten Jungfer kam, gewahrte dieſe leicht, daß ihre Richte kurz zuvor heiße Thränen geweint hatte. Der kummervolle Ausdruck ihres Geſichtes verrieth einen tiefen, kaum verhaltenen Schmerz. Marianne ſetzte ſich zu der alten Jungfek, nahm ihre Stickerei wieder auf und ſagte verlegene „Verzeihen Sie, meine Tante . . . daß Ich ſo lange außen geblieben bin . . . ich .. . ich Jean⸗ nette war zum Portier hinabgegangen, und ich habe auf ſie gewartet, um ſie mit der Chocolade für meine Schweſter zu beauftragen.“ „Mein Kind, Du haſt ſo eben geweint . .. Ic neine Tant „Viel geweint es iſt Dir ſchwer um's Herz.“ „Meine Tante, ich verſichere Sie . . . „Die Thränen treten Dir abermals in die Augen ſie erſticken Dich.“ „Es iſt. es iſt es hat mich vorhin eine ſo heftige Migräne befallen, daß ich vor Schmerz weinen mußte Jetzt noch fühle ich . zei „Mein Kind, Du ſagſt mir nicht die Wahr⸗ „Meine Tante . . . Die Familie Jouffroy. I. 4 50 „Schau mir ins Geſicht.“ „Du haſt einen Kummer, einen großen Kummer eiſt „Ja, meine Tante dieſe Migräne „Marianne, Du biſt nicht aufrichtig . . .“ „Ich weiß nicht . . . . was Sie hiemit ſagen wollen.“ „Ich wiederhole, Du biſt nicht aufrichtig.“ „Wodurch habe ich es an Aufrichtigkeit ermangeln laſſen?“ „Dadurch, daß Du mir die Urſache Deines Lei⸗ dens verbirgſt.“ „Ich ſagte Ihnen, meine Tante, dieſe Migräne ...“ „Marianne, ich flöße Dir kein Vertrauen ein.“ „Können Sie denken, es . . „Sieh keinen Vorwurf in meinen Worten, armes Kind! . . . nein, denn Du kannſt kein Vertrauen zu mir haben .... „Warum nicht?“ „Warum nicht!“ „Ja meine Tante.“ „Weil ich eine alte Jungfer bin, mit anderen Worten, eine Egoiſtin mit trockenem, kaltem Herzen ... eine Creatur, welche, da ſie, abgeſehen von der natür⸗ lichen Zuneigung, die ſie für ihren Bruder hegt, nie in ihrem Leben geliebt hat, den Kummer der Lieben⸗ den nicht zu begreifen und ſie zu bemitleiden ver⸗ möchte.“ „Meine Tante, ich habe keine ſolche Meinung von Ihnen.“ „Du haſt ſie vielleicht nicht, doch es iſt die von Jedermann hier. Deine Schweſter beſonders, wenn ſie mich täglich mit ſcharfem Spotte die wahnſinnigen Schmeicheleien, die man an ihre Schönheit verſchwen⸗ det, erwiedern hört, glaubt, ich ſei voll Bosheit gegen 51 ſie, das arme Kind! Wie ſehr täuſcht ſie ſich“ fügte die alte Jungfer ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd bei; „es iſt nur meine Furcht, man werde es dahin bringen, daß man ihr reizendes Naturell durch übertriebene Schmeicheleien verderbe.“ Marianne hörte mit einem unbeſchreiblichen Er⸗ ſtaunen der Tante Prudence zu, die ihr unter einem gans neuen Lichte erſchien; die Tante fuhr aber, nach⸗ dem ſie einige Augenblicke überlegt hatte, alſo fort: „Wenn ich Dein Vertrauen zu erlangen wünſche, mein Kind, ſo glaube mir, daß dieſer Wunſch einzig und allein von meiner Zuneigung für Dich herrührt. Doch ich muß anerkennen, das Geſtändniß der ge⸗ heimſten Gefühle Deines Herzens kann ich von Dir aus vielen Gründen nicht erwarten ... ich nenne Dir unter anderen die zwiſchen uns beſtehende Altersver⸗ ſchiedenheit und die Furcht, welche Dir ohne Zweifel mein ſpöttiſcher Geiſt einflößt. Bis jetzt, und wie die anderen Perſonen der Familie, haſt Du mich nach der Rinde beurtheilt, und ich geſtehe, ſie iſt hart und zurückſtoßend; doch was willſt Du, bis daher hatte ich keinen Grund, Dich zu enttäuſchen. Es iſt nicht mehr ſo. Was heute Abend vorgefallen iſt, hat ge⸗ wiſſe ſeit einiger Zeit in mir entſtandene Vermuthun⸗ gen beſtätigt; die Sache iſt ernſt; ich wünſche Dir Beiſtand zu leiſten; doch Du mißtrauſt mir unwillkür⸗ lich. Dieſes Mißtrauen .. ich beſitze nur ein Mittel, es zu beſiegen: ich muß Dir mein Herz öffnen, ich muß mich Dir im wahren Lichte und g 8, als ich ſcheine, zeigen; ich muß Dir ein Be nn das ich noch keinem Menſchen gemacht habe Du wohl? keinem Menſchen! Gerühr dure Vertrauen, das ich Dir bezeige, wirſt Du mir vielleicht dann ebenfalls Dein Herz öffnen, armes Kind! und in dieſem Falle hoffe ich Deinen Kummer beſänftigen und Dir vernünftig rathen zu können.“ ⸗ 52 Die alte Jungfer, während ſie ſo ſprach, ſchien ganz verwandelt; ihre beſtändig höhniſche oder ver⸗ drießliche Phyſiognomie wurde ſanft und ſchwermüthig; die Häßlichkeit des Geſichtes verſchwand beinahe unter dem Reize ſeines Ausdruckes; es läßt ſich nichts Mil⸗ deres denken, als in dieſem Angenblicke der, gewöhn⸗ lich einſchneidende, herbe, Ton der Tante Prudence war; ihr Blick endlich war ſo mitleidig, ſo liebevoll, daß ſich Marianne in ihrem wachſenden Erſtaunen immer mehr gerührt und bewegt fühlte. „Höre mich alſo an, liebes Kind,“ ſagte die alte Jungfer, „doch ehe wir dieſe Unterredung fortſetzen, verſprich mir, meine Bekenntniſſe gegen Jedermann, ſelbſt gegen Deinen Vater, Deine Mutter und Deine Schweſter, geheim zu halten.“ „Oh! das verſpreche ich Ihnen!“ „Ich weiß, daß ich Deinem Worte vertrauen kann, und ich fahre fort . . . Dein Vater (das war vor zwanzig Jahren), Dein Vater, den ich nie verlaſſen habe, ſing an ſein Glück durch den emſigen Betrieb ſeines Seidengeſchäfts zu machen. Ebenſo wenig als Du, mein Kind, war ich von der Natur begünſtigt .. und wer Dich anzuſchauen, zu ergründen wüßte, würde noch in der Güte, in der Unſchuld Deiner Phyſiogno⸗ mie einen Reiz finden, der die Dir fehlende Schön⸗ heit zu erſetzen vermöchte . . . „Meine Tante .. „Erröthe nicht ich liebe Dich zu ſehr, um Dir zu ſchmeicheln . Man muß überdies mit einer gewiſſen Zartheit des Herzens begabt ſein, um bei Dir das zu bemerken, was mir gefällt, um, wie ich, etwas Intereſſantes, Rührendes ſogat in dem ſchüchternen⸗ gehemmten Gange zu finden, zü dem Dich Dein Ge⸗ brechen nöthigt, armes Kind! . . Höre meine Lobes⸗ erhebungen an, ohne in Verlegenheit zu gerathen, ſind vielleicht die einzigen, die Du hören wirſt! Ji tN 53 ſagte Dir alſo, ich habe vor etwa zwanzig Jahren, wie immer, im Hauſe Deines Vaters gelebt; . ich war damals häßlich wie heute; meine knochige Geſtalt, mein von Natur widerwärtiges Geſicht, meine herbe Stimme, Alles mußte bei mir zurückſtoßen, das wußte ich; nie täuſchte ich mich hierüber. Das Reſultat dieſer Selbſterkenntniß war, daß ich mich ſchon mit achtzehn Jahren ledig zu bleiben entſchloß. Ich hätte, wie ſo viele andere häßliche Mädchen, mit meinem ererbten Vermögen heirathen können; doch ich habe ein ſtolzes Herz, und ich ziehe die Vereinzelung der Verachtung vor. Trotz meiner Häßlichkeit, trotz meiner unvortheil⸗ haften körperlichen Beſchaffenheit, beſaß ich indeſſen lei⸗ der eine liebende, ungemein empfängliche Seele, ich fühlte aber, daß ich mit meinen kleinen Augen, mit meiner großen Raſe, mit meinem breiten Munde und meinen hohlen Wangen die lächerlichſte Frau der Welt wäre, wenn ich dieſes Bedürfniß zärtlicher Zuneigung, das man einzig und allein bei den ſchönen Perſonen zu dulden ſcheint, nur ahnen ließe. Ich nahm alſo, wenn ich ſo ſagen darf, den Ton, die Sprache, die Gewohnheiten, mit einem Worte, den Charakter meiner Häßlichkeit an. Bald galt ich für eines von den Geſchöpfen, welche Niemand lieben, weil ſie Nie⸗ mand lieben kann; die ſich Allen unangenehm machen, weil Niemand ihnen angenehm zu ſein ſuchen würde, und die ſich durch die PVirterkeit ihres Geiſtes fü Widerwillen rächen, den ſie einflößen. So hat mich gemacht, oder vielmehr, ſo war ich ſcheinbar, ich eine grauſame Prüfung erdulden mußte. Eir von unſern Vettern beſuchte uns ſehr häu in vertrautem Umgange mit uns. ein Mann von vortrefflichem Herzen, von eit Verſtande und einem höchſt originellen Ge mir ſehr; ſeine Züge, ohne ſchön zu ſein, durch ihren herzlichen Ausdruck beim erſten A 8 54 für ihn ein . Was ſoll ich Dir ſagen, mein Kind ich liebte dieſen Vetter. „ „Sie, meine Tante! „ „Ich liebte ihn leidenſchaftlich!“ „Sie!“ wiederholte naiv Marianne, „wäre das möglich?“ „Das ſetzt Dich in Erſtaunen; in der That, es muß Dich in Erſtannen ſetzen, wenn Du erfährſt, die Tante Prudence, die Du beſtändig mit der Brille auf der Naſe und ihrem Geſtricke in der Hand ſiehſt, habe geliebt . und, was ſchlimmer iſt, ſie liebe noch . „Noch? Sie lieben noch?“ „Ja,“ antwortete die alte Jungfer mit einem Ausdrucke tiefer Traurigkeit, ohne daß ſie ihre Thränen zurückzuhalten vermochte. „Meine Tante, Sie weinen!“ „Du wunderſt Dich auch, daß Du eine Thräne in den Angen der Tante Prudence ſiehſt! Die wider⸗ wärtige alte Jungfer, dieſe Mürriſche, die immer den Spott auf den Lippen hat!“ Dann fügte ſie ſanft lächelnd bei: „O mein Kind, es iſt eine ſchöne Er⸗ findung um die Brillen und das Geſtricke!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ah! oftmals ſind meine Augen feucht geworden, Schutze meiner Brillengläſer. Oftmals hat Geſtricke zur Haltung gedient, hat es mir as Zittern meiner Hand zu verbergen, wenn die Aufregung ſchauern machte! Oftmals, oder mehr faſt immer, erlaubt mir mein Geſtricke, dieſe chinenmäßige Beſchäftigung, mich von den Per⸗ ich umgeben, abzuſondern und mich unge⸗ traurigen und zugleich theuren Gedanken a, ohne meine Beſchäftigung mit dem Ge⸗ man meinen ſtarren, zerſtreuten Blick be⸗ Dann hätte es geregnet mit den Fragen; 55 „„Was machen Sie denn, Tante Prudence? Was machen Sie da unbeweglich wie eine Gränzſäule und Maulaffen feil habend?““ Während, vermöge meines theuren Geſtrickes, indeß meine Finger maſchinenmäßig die Nadeln führen, mein Geiſt oft anderswo iſt, ohne daß es Jemand vermuthet. Ah! mein Kind, wenn eine Frau, jung oder alt, aber durchaus nicht dumm, den ganzen Tag hindurch bald mit Gleichgültigkeit, bald mit einer Art von fieberhaften Thätigkeit ſtrickt, dann ſei überzeugt, dieſe Frau, obgleich ſcheinbar Automate, lebe beinahe immer unter dem Gewichte eines geheimen, zugleich ſüßen und peinlichen Ge⸗ dankens.“ So wie ſie ſich auf dieſe Art ihrer Nichte offen⸗ barte, ſah die alte Jungfer allmälig das Mißtrauen verſchwinden, das ſie bis dahin Marianne eingeflößt hatte. Dieſe fing an ſich aus tauſend Gründen in enger Ideengemeinſchaft mit ihrer Tante zu fühlen, welche alſo fortfuhr. XIII. Ich ſagte Dir alſo, meine gute Marianne, ich habe leidenſchaftlich einen unſerer Verwandten geliebt, der, in enger Verbindung mit meinem Bruder, ſehr oft in unſer Haus kam.“ „Wie ich!“ dachte Marianne erſtaunt und traurig; dann fügte ſie laut bei: „Meine Tante, dieſer Ver⸗ wandte wußte nicht, daß Sie ihn lieben?“ „Er ahnete es nicht . er hat es nie geahnet.“ „Immer wie ich,“ dachte Marianne, „immer wie ich!“ „Ihm meine Liebe geſtehen! .. konnte ich es? . Nein, ich war zu häßlich! . Mein Vetter würde über S 56 mich geſpottet haben, oder er hätte mir die Unmöglich⸗ keit einer Heirath zwiſchen uns begreiflich gemacht.“ „Sie liebten alſo ohne Hoffnung, meine Tante?“ „Ja, ohne Hoffnung, ſo lange ich meine kalte Vernunft bewahrte; unwillkürlich aber ließ ich mich zu tollen Illuſionen hinreißen, und dann ſagte ich mir: „„Er wird vielleicht meine Liebe errathen . . . er wird vielleicht denken, es ſei ſelten, daß man die guten Eigenſchaften des Herzens und die Schönheit des Geſichtes vereinigt finde . . . er wird vielleicht denken, wenn es ſich um eine Verbindung für das ganze Leben handle, habe ein zärtlich, beſtändig erge⸗ benes Herz mehr Werth, als eine ephemere Schön⸗ heit.“ Mit einem Worte, mein armes Kind, ich gab mich jenen Phantaſien hin, welche die häßlichen rauen, die ſich reich an unnützen Schätzen der Er⸗ ebenheit und der Zärtlichkeit fühlen, mit einander ge⸗ nein haben.“ „Immer wie ich!“ dachte Marianne; „ach! immer wie ich!“ „Leider hatte mein Vetter keinen Anlaß, an den Erſatz zu denken, den die ergebenſte Liebe für die Häßlichkeit gewähren kann; auch hätte er, um den Werth meines Herzens zu ſchätzen, mich ergründen, ſtudiren müſſen: darum bekümmerte ſich aber mein Vetter nicht. Vertraulich mit mir, wie man es zwiſchen Verwandten von demſelben Alter, die ſich häufig ſehen, iſt, aber ohne Sympathie für mich, denn ich hatte nichts Anziehendes, nein, durchaus nichts! gewahrte er die Unruhe, die Aufregung nicht, die mir ſeine Gegenwart verurſachte; er bemerkte nicht die tauſend kindiſchen Dinge, welche unwillkürlich mein Herz verriethen . . . „Immer wie ich!“ dachte Marianne, mehr und mehr erſtaunt über die ſeltſame Aehnlichkeit, welche zwiſchen ihrer Lage und der ihrer Tante obwaltete. 57 „Endlich kam der Tag, wo mein Vetter ſich ver⸗ heirathen ſollte; die Aufſicht einer Frau wurde für ſein Hausweſen nothwendig.“ „Er hat alſo geheirathet, meine Tante?“ „Ja, eine ziemlich ſchöne junge Perſon.“ „Mein Gott, was haben Sie leiden müſſen! ...“ „Ja, ich habe viel gelitten . . weil ich be⸗ fürchtete (und ich täuſchte mich nicht in meinen Be⸗ fürchtungen), die von meinem Vetter erwählte Frau werde ihn nicht glücklich machen; nicht als hätte ſie bedentende Fehler gehabt, doch ſie war einfältig und zänkiſch. Ein paar Jahre nach ſeiner Verheirathung entdeckte mein Vetter endlich bei mir einen geſunden Verſtand, einen richtigen Geiſt; er machte mich zur Vertrauten ſeiner Beſchwerden. Ich liebte ihn auf⸗ richtig, und weit entfernt, mich zu freuen über ſeine Bekümmerniſſe, die mich, ſo zu ſagen, rächten, empfand ich ſie mit ihm . . . ich tröſtete ihn, ich rieth ihm nach meinen beſten Kräften. Es gründete ſich ſo all⸗ mälig zwiſchen uns eine innige Vertraulichkeit; ich fand darin die Entſchädigung für meine geheimen Leiden. Endlich, nach Verlauf einer fünfzehnjährigen Ehe, wurde mein Vetter Witwer .. „Wie! meine Tante er iſt Witwer?“ fragte lebhaft Marianne, welche nachzudenken ſchien. „Er iſt Witwer, und als er es wurde, gab ich mich einer letzten tollen Hoffnung hin. Mein Vetter war nicht mehr jung, er hatte das Lebensalter erreicht, wo man in der Ehe nichts Anderes als einen Aus⸗ tauſch von Fürſorge, inniger Vertraulichkeit, ernſter Zuneigung ſehen muß. Ich dachte auch, bei den Jah⸗ ren, zu denen wir Beide gelangt waren, werde et die Häßlichkeit vielleicht nicht mehr zählen, und es werde ihm eines Tags der Vorſchlag, wir wollen unſer Da⸗ ſein mit einand beſchließen, in den Sinn kommen. Ich täuſchte mich; er blieb Witwer, und trotz ſeine 58 Freundſchaft dachte er eben ſo wenig an mich, als er in ſeiner Jugend an mich gedacht hatte; denn, ich muß es geſtehen . er hielt mich, er hält mich immer noch für eine ganz Andere, als ich bin. Bei der Oberfläche meines Charakters anhaltend, wundert er ſich zuweilen ganz naiv über die Frenndſchaft, die ich ihm bezeige . . . allerdings auf meine Art. Ich bin für ihn, wie für ſo viele Andere, eine alte Jungfer, die aus Egoismus den ledigen Stand vorgezogen hat und alt geworden iſt, ohne zu vermuthen, daß ſie ein Herz beſeſſen. Daher ſeine unaufhörlichen Spöttereien über meine Unempfindlichkeit und meinen Widerwillen gegen die Ehe . .. „Ei! erſt heute Abend . die Scherze unſeres Vetters Rouſſel . . Mein Gott! Tante, er iſt es alſo, den Sie ſo ſehr geliebt haben . . . den Sie noch lieben ?“ ſt „Ah! meine arme Tante!“ „Marianne, dieſes Geſtändniß iſt der größte Be⸗ weis von Zuneigung, den ich Dir geben kann. Mein einziges Ziel iſt, Dein Vertranen hervorzurufen, zu verdienen, und ſo Dich zu tröſten, durch meine Rath⸗ ſchläge zu leiten. Ach! Deine Leiden, ich habe ſie wohl empfunden! Ich habe auch hoffuungslos geliebt, und ohne Hoffnung liebſt Du Fortuné. Du wirſt es mir nun vielleicht geſtehen, armes Kind!“ „Ja, Sie haben mein Geheimniß errathen . ja, ich liebe Fortuns ohne Hoffnung. Ach! iſt er nicht im Begriffe, meine Schweſter zu heirathen!“ ſprach Marianne. Und in Thränen zerfließend, fiel ſie der alten Jungfer um den Hals; die Gemüthsbewegung ihrer Nichte theilend, hielt Tante Prudence das Mädchen ein paar Augenblicke in ihre Arme geſchloſſen; daun ſagte ſie zärtlich: 65 69 „Beruhige Dich, theures Kind und laß uns vernünftig ſprechen . Ziehen wir Deine Lage in Betrachtung, ohne etwas, im Guten oder im Schlim⸗ men, zu übertreiben.“ „Ah! meine Tante, Alles iſt vorbei für mich! Fortuné liebt Aurelie! Sie iſt ſo ſchön. . wie ſollte er ſie nicht lieben! Mein Gott! warum denn alle Vor⸗ züge Dieſer . und nichts Jener?. Oh! zum erſten Male beneide ich meine Schweſter um ihre Schönheit. Ihr die Schmeicheleien, die Beſtrebungen, die Bevorzugungen meines Vaters und meiner Mutter! Sie iſt ihre Freude, ihr Stolz, während ich .„ Und die Thränen von Marianne floſſen auf's Neue... „Während ich häßlich, gebrechlich bin . . . Meine Eltern wagen es kaum, mich zu zeigen ich mache ihnen Schande ich weiß es wohl. Seit langer Zeit hatte ich mich in mein Loos ergeben.“ „Marianne, was ſagſt Du?“ „Meine Tante, halten Sie mich für blind und unempfindlich? Ah! ohne das Vertrauen, das Sie mir nun einflößen, würde ich mich nie bei Ihnen be⸗ klagt haben.“ „Unter dieſen Bevorzugungen leideſt Du, unglück⸗ liches Kind?“ „Nein, bis heute Abend hatte ich nicht darunter gelit⸗ ten „ich begriff ſie ſie ſchienen mir natür⸗ lich ich war auch ſtolz auf meine Schweſter . ich gefiel mir darin, ſie zu ſchmücken, ſie zu bewun⸗ dern; doch heute bin ich eiferſüchtig auf ihre Schön⸗ heit; ja. meine Tante, es iſt abſcheulich, was ich Ihnen ſagen will, doch nun, da ich weiß, daß Aurelie Fortuns heirathen wird, ſcheint es mir, daß ich ſie haſſe.“ Nach dieſen Worten verbarg Marianne ihr Geſicht ſchluchzend in ihrem Taſchentuche. Die alte Jungfer nahm die Hände ihrer NRichte in 60 Hände und ſprach mit dem Ausdrucke tiefer Theil⸗ nahme: „Mein Kind, ich will Dir keine falſche Hoffnun⸗ gen geben, ich werde Dir die volle Wahrheit ſagen; Du wirſt aber auch erkennen, daß Du Unrecht haſt, im Voraus ſo zu verzweifeln... Höre mich an: Fortuns hat uns, dem Vetter Rouſſel und mir, ſeinen Wunſch, Deine Schweſter, in die er, wie er ſagt, leidenſchaft⸗ lich verliebt iſt, zu heirathen, mitgetheilt.“ „Mein Gott! wie er ſie e „Ich habe Dir die volle Wahrheit verſprochen, und ich verberge Dir nichts „. Er hat uns gebeten, die Dolmetſcher ſeiner Wünſche bei Deinem Vater und Deiner Mutter zu ſein.“ „Sie ſehen wohl,“ rief Marianne ſchluchzend; „es gibt keine Hoffnung mehr! er liebt Aurelie leiden⸗ ſchaftlich!“ „Laß mich doch vollenden! Ich habe es Deinem Vetter förmlich abgeſchlagen, mich mit ſeinem Geſuche zu beſchäftigen.“ „Sie haben es ihm abgeſchlagen „Ja, und er verflucht mich ohne Zweifel, er mißt die Schuld der Bitterkeit meines Geiſtes, der Trocken⸗ heit, der Härte meines Herzens einer alten Jungfer bei, und es haben mir doch einzig und allein das In⸗ tereſſe Deines Vetters und das Deinige meine Weige⸗ rung eingegeben!“ „Mein Intereſſe . . und das von Fortuns?“ „Gewiß denn vor Allem hatte ich die Ver⸗ muthung, Du liebeſt Deinen Vetter; ſodann iſt mei⸗ ner Anſicht nach Aurelie nicht die Frau, die ſich für ihn ſchickt.“ „Wie! meine Tante, trotz ihrer Schönheit?“ „Wegen ihrer Schönheit . . .“ „Ich begreife Sie nicht, meine Tante.“ — 61 „Ich vermöchte mich jetzt nicht hierüber zu erklä⸗ ren . . . doch Du darfſt nicht verzweifeln . . .“ Das Geräuſch eines unter den Thorweg einfah⸗ renden Wagens unterbrach die Tante Prudence; ſie ſchaute auf die Pendeluhr und ſagte: „Es iſt noch nicht Mitternacht, und Deine Schwe⸗ kommt ſchon vom Balle zurück! . . . Das iſt ſelt⸗ am!“ „Ich glaubte, Aurelie werde, wie gewöhnlich, erſt um zwei Uhr nach Hauſe kommen; ihre Chocolade iſt vielleicht noch nicht bereitet . . . Mein Gott, Mama wird mich ſchelten,“ ſagte Marianne; dann fügte ſie mit Bitterkeit bei: „Ich bin übrigens nicht die Magd meiner Schweſter!“ Die Tante Prudence war betroffen von dieſen Worten. Zum erſten Male betrachtete ihre Richte als eine Art von demüthigender Knechtſchaft dieſe Dienſte, die ſie bis dahin ihrer Schweſter nicht nur ohne ſich zu beklagen, ſondern mit einem zärtlichen Eifer gelei⸗ ſtet hatte. „Ah! mein Kind, ſei nach Deiner Gewohnheit unterwürfig gegen Deine Mutter, gefällig gegen Deine Schweſter,“ ſprach die Tante Prudence; „man ſündigt nie durch übermäßige Bereitwilligkeit und Güte. Mor⸗ gen werden wir wieder von dem, was Dich intereſſirt, reden. Muth! hoffe! . . oder vielmehr ver⸗ zweifle nicht! „Ah! meine Tante, ich habe das Vorgefühl, daß Ihr Lvos auch das meinige ſein wird; ich werde le⸗ dig bleiben mit meiner traurigen Liebe im Herzen.“ Und ſie ſtand, die Augen voller Thränen, auf und ſagte: „Gute Nacht, meine Tante!“ „Gute Nacht, mein Kind. Ich beſchwöre Dich noch einmal, verliere das Vertrauen weder zu Dir, noch zu mir . . . Umarme mich Du wirſt Dei⸗ ner Mutter ſagen, ich ſei zu Bette gegangen. Ich 62 habe das Bedürfniß, allein zu ſein, um nach Muße nachdenken zu können.“ Marianne verließ die alte Jungfer, um Aurelie en und ihr ihren Ballſtaat ablegen zu elfen. Die zwei Schweſtern bewohnten daſſelbe behaglich und elegant eingerichtete Zimmer. Zwei Betten theil⸗ ten unter ſich den Hintergrund eines großen Al⸗ coven. Madame Jouffroy hatte ſich, ihrer Gewohnheit gemäß, nachdem ſie ihre Töchter geküßt, zurückgezo⸗ gen. Aurelie ſaß in einem Lehnſtuhle an der Ecke des Kamins; ſie hatte ein Nachtgewand angethan, nachdem ſie mit Hülfe von Marianne ihr Ballkleid und ihren Kopfſchmuck abgelegt. Maſchinenmäßig Butterkuchen in eine Taſſe Chocolade krümelnd, ſchien ſie nachdenkend und blieb ſchweigſam. Gewöhnlich gab ſie im Gegentheil bei ihrer Rückkehr vom Balle zahlreiche Details über die Abendunterhaltung, eine Erzählung, welche von Marianne immer mit einer naiven Neugierde angehört, oft ſogar erbeten wurde. Doch an dieſem Abend rief Marianne, ſelbſt ſchweig⸗ ſam, die Mittheilungen von Aurelie nicht hervor; ſie betrachtete dieſe traurig und niedergeſchlagen, denn ſie fand ſie im einfachen Hausgewande vielleicht noch ſchö⸗ ner, als im Ballſtaate. So weiß gekleidet und nur mit ihren herrlichen Haaren geſchmückt, von denen eine der aufgelöſten Flechten auf ihre bloße Schulter fiel, war Aurelie in der That nicht minder verführe⸗ riſch, als im Feſtkleide. „Ah!“ dachte Marianne, „warum habe ich nicht errathen, Fortuné, der ſo ſehr Künſtler, der ein ſoleiden⸗ — — 63 ſchaftlicher Bewunderer deſſen, was ſchön iſt, müſſe meine Schweſter lieben! Mein Gott! wie ſchön iſt ſie!“ fügte ſie mit einem ſchmerzlichen Gefühle der Eiferſucht, das ſie zum erſten Male ergriff, bei: „wie ſchön iſt ſie!“ Aurelie, nachdem ſie ohne Appetit ein paar Löf⸗ fel voll Chocolade zu ſich genommen hatte, ſagte mit der Launenhaftigkeit des verzogenen Kindes: „Schweſterchen, ich habe heute Abend keinen Hunger.“ Unter allen anderen Umſtänden hätte ſich Marianne, nach ihrer Gewohnheit, beeifert, der Trägen die Mühe zu erſparen, anfzuſtehen, um die Taſſe auf ein Gusridon zu ſtellen; doch ihren bitteren Betrachtungen preisgegeben, rührte ſich Marianne nicht, indem ſie ſich wiederholte, ſie ſei im Ganzen nicht die Magd ihrer Schweſter. An Zuvorkommenheit gewöhnt und im Glauben, nicht gehört worden zu ſein, rief Aurelie: „Schweſterchen, woran denkſt Du denn? Sieh, hier iſt meine Taſſe!“ Die Macht der Gewohnheit, die Verlegenheit, wie ſie ihrer Schweſter erklären ſollte, warum ſie ihr an dieſem Abend die kleinen Dienſte verweigerte, die ſie ihr ſonſt zu leiſten pflegte, veranlaßten Marianne, die Taſſe zu nehmen. Sie ſtellte ſie auf ein Tiſchchen. Immer mehr nachdenkend, bemerkte Aurelie den gezwungenen Ausdruck in den Zügen ihrer Schweſter nicht; ſie legte ſich nachläßig, aber voll Anmuth, an die Lehne ihres Stuhles zurück, reckte ſich, indem ſie ihre Arme zuerſt über ihren Kopf erhob und dann langſam wieder ſenkte, verbarg einen Moment ihre Augen unter ihren beiden Händen, reichte dann ihrer Schweſter ihren mit einem weißen Atlaßſchuh bekleide⸗ ten reizenden Fuß und ſagte mit liebkoſender Stimme: „Gute Marianne, da Du nach Deiner Gewohn⸗ 64 heit im Zuge biſt, mich zu verderben, ſo verdirb mich ganz und gar . .. knüpfe meine Schuhe auf . und gib mir meine Pantoffeln . .. Ich weiß nicht, was mir iſt . ich fühle mich müde . . . aber müde, um mich nicht mehr rühren zu können . . obſchon ich nur zwei Contretänze getanzt habe.“ Anfangs empörte ſich Marianne gegen dieſen 6 neuen Akt der Knechtſchaft, doch abermals der Ge⸗ wohnheit, und auch dem ſanften Schmeicheln im Tone von Aurelie nachgebend, kniete die Empörte auf den Teppich nieder und fing an die Bänder der kleinen weißen, Atlaßſchuhe ihrer Schweſter aufzu⸗ knüpfen. Eine granſame Vergleichung, die ihr nie in den Geiſt gekommen war, ſchnürte Marianne ſchmerz⸗ lich das Herz zuſammen. Sie hatte das Bein über dem Knöchel gebrochen, und das Glied blieb mißſtal⸗ tet, verkürzt, da der Bruch, — nach dem Kunſtaus⸗ drucke, — ſchlecht eingerichtet worden war. Als Ma⸗ rianne knieend in ihrer Hand, — denn ſie hielt ihn ganz darin, — den ſo zierlich an ſein reizendes Bein angefügten kleinen Fuß hielt, hatte die arme Hinkende auch mehr als je das Bewußtſein ihres Gebrechens. Die Thränen traten ihr in die Augen, doch ſie drängte ſie zurück, und nachdem ſie vor Aurelie ihre Pantoffeln geſtellt hatte, ſagte ſie, einen Seufzer erſtickend: „Du bedarfſt meiner nicht mehr; ich will zu Bette gehen, denn ich habe ſchweren Schlaf.“ „Zu Bette gehen? Wirſt Du nicht wie gewöhnlich ſo freundlich ſein, mich aufzuſchnüren?“ verſetzte Au⸗ relie mit Erſtaunen. „Und dann . . habe ich Dir nicht, ehe wir uns ſchlafen legen, meinen Abend zu etzählen? Oh, ich werde Dir viel zu ſagen haben, —— Schweſterchen!“ fügte Aurelie mit einer träumeriſchen Miene bei. „Ich glaube, deshalb zögere ich ſo lange, meine Erzählung anzufangen.“ „Weil Du mir viele Dinge zu erzählen haſt?“ — 65 „Ja,“ antwortete Aurelie immer nachdenkend; dann, nach einem Augenblicke des Stillſchweigens, ſprach ſie mit einer liebevollen Heiterkeit: „Man hat eine gute Schweſter; oh! ja, gut und freundlich über alle Vorſtellung; ſie verdirbt einen, daß man ſich ſchämen müßte, wäre es nicht ſo ſüß, ſich von ihr ver⸗ derben zu laſſen. Iſt aber nicht dieſe liebe kleine Schweſter nothwendig Eure Vertraute? Kann man, darf man ihr etwas verbergen?“ Und ſie fügte zärt⸗ lich bei: „Komm hierher zu mir und laß uns plau⸗ dern.“ So ſprechend, ſchlang Aurelie vertraulich ihren Arm um den Hals ihrer Schweſter, die ſich zu ihren Füßen ſetzte, und küßte ſie auf die Stirne⸗ Dieſe Liebkoſung, der freundliche Ausdruck der letzten Worte von Aurelie übten einen unwiderſtehlichen Zauber auf Marianne aus, trotz ihrer Gereiztheit und ihrer ge⸗ heimen Eiferſucht. „Ach! der Schmerz verblendet mich, macht mich ungerecht und böſe,“ dachte ſie. „Iſt es die Schuld von Aurelie, wenn Fortuné ſich in ſie verliebt hat? Arme Schweſter! ſie iſt die unwillkürliche Urſache mei⸗ nes Grams; ich kann ſie nicht anklagen wegen des Böſen, das ſie mir unwillkürlich zufügt.“ Und das vortreffliche Geſchöpf ſuchte zu lächeln, ſchloß ſich noch enger an Aurelie an, die immer einen von ihren Armen auf die Schulter ihrer Schweſter ſtützte, und ſagte: „Wohlan! erzähle mir Deinen Abend .. . Du haſt Dich alſo nicht ſehr gut unterhalten?“ „Warum nicht?“ „Es war kaum Mitternacht, als Ihr nach Hauſe amet.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Aurelie einen Seuf⸗ zer unterdrückend; „es iſt das erſte Mal, daß ich bei⸗ Die Familie Juuffroy. I. 5 66 nahe traurig vom Balle zurückkomme, und daß ich ihn in ſeinem ſchönſten Angenblicke verlaſſen habe.“ „Und warum biſt Du ſo frühzeitig zurückge⸗ kehrt?“ „Ah! Schweſterchen . . „Nun! „Ich befürchte ſehr, der Aerger hat mich hierher zurückgeführt . „Und worüber dieſer Aerger?“ „Was ich Dir zu geſtehen habe, iſt vielleicht ſo lächerlich,“ fuhr Aurelie zögernd und erröthend fort, „daß Du ohne Zweifel über mich ſpotten wirſt.“ „Mein Geiſt iſt nicht ſehr zur Spötterei geneigt,“ verſetzte Marianne, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd. „Sprich in vollem Vertrauen.“ „Madame Richardet hatte uns, wie Du weißt, eine Ueberraſchung angekündigt?“ „Ja, Lämpchen und Municipalgardiſten, wie bei den größten Bällen des Faubvurg Saint⸗Germain; dies ſollte die Ueberraſchung ſein nach der Meinung des Vetter Rouſſel.“ „Es war wohl etwas vom Faubvurg Saint⸗Ger⸗ main dabei.“ „Wie ſo?“ „Ein Pair von Frankreich und ſein Neffe, — der Oheim iſt Margquis, der Reffe iſt Graf, — waren auf dem Balle anweſend.“ „Solche Perſonen bei den Richardet!“ „War dies nicht eine wahre Ueberraſchung, und zwar eine höchſt angenehme? Denn ich geſtehe Dir, Schweſterchen, es iſt nicht möglich, einen reizenderen, liebenswürdigeren Menſchen zu treffen, als es der Reffe des Marquis iſt . . . und . Aurelie unterbrach ſich, weil ſie zu viel geſagt zu haben befürchtete; ſie wurde purpurroth, ſtützte ihre Stirne auf die Schulter von Marianne und beobachtete einige Augenblicke ein verlegenes Stillſchweigen. Marianne küßte ihre Schweſter auch auf die Stirne und ſagte zärtlich zu ihr: „Wie, Du zögerſt, Deine Erzählung fortzuſetzen? Haſt Du denn kein Vertrauen mehr zu mir?“ „Kannſt Du das glauben? . . . Auch habe ich nicht über das zu erröthen, was mir noch Dir mitzu⸗ theilen bleibt;“ und wieder das Hanpt erhebend, fuhr Aurelie mit ſicherer Stimme fort: „Dieſer Pair von Frankreich und ſein Neffe wohnten alſo dem Balle der Richardet bei. Der Oheim iſt der Herr Marquis von Villetaneuſe und ſein Reffe der Graf von Villetaneuſe. Es ſind, wie man ſagt, Männer von der höchſten Ge⸗ ſellſchaft und ſehr wohl bei Hofe gelitten; ich habe die ausgezeichnete Ehre gehabt, mit einem dieſer hohen und mächtigen Herren zu tanzen!“ fügte Aurelie lächelnd bei. „Ja, ich habe mit dem Herrn Grafen von Ville⸗ taneuſe getanzt, und mehr noch, er hat nur mit mir getanzt, zum großen Verdruſſe der anderen Tänzerinnen! . Nun, da man ſeiner Schweſter nichts verbergen darf, ſo muß ich Dir meine Ruchloſigkeit geſtehen . . . ich war durchaus nicht troſtlos darüber, daß ich dieſes Herzeleid den anderen Gäſten der Richardet anthat!“ „Oh! pfui! die Boshafte!“ „Ach! Schweſterchen . . . ich habe etwas noch Schlimmeres gethan . . .“ „Was denn?“ „Nach dem erſten Contretanz mit Herrn von Ville⸗ taneuſe forderten mich mehrere junge Leute von der Geſellſchaft von Herrn Richardet auf, und ich beging die Grauſamkeit, ſie zurückzuweiſen . . . „Oh! Aurelie.“ „Nicht wahr, ich habe Unrecht gehabt, Marianne?“ „Ich kenne die Ballgebräuche nicht, doch dieſe Weigerung ſcheint mir unhöflich.“ 68 „Das iſt wahr . . . und nun bereue ich es, ſo gehandelt zu haben . . . Aber wenn Du wüßteſt, wie linkiſch, wie gezwungen in dieſem Augenblicke mir die armen jungen Leute gegen den Grafen von Villetaneuſe ſchienen!“ „Was iſt denn ſo Außerordentliches an ihm?“ „Er hat vor Allem ein reizendes Geſicht, eine höchſt elegante Tournure, und dann eine ſo ſanfte Stimme, ſo ausgezeichnete Manieren, eine ſo liebens⸗ würdige, ſo geiſtreiche Art, die geringſten Dinge aus⸗ zudrücken! ſeine Komplimente, — denn er hat mir Kom⸗ plimente gemacht, und zwar viele! . . . haben nichts, was in Verlegenheit bringt. Kurz, was ſoll ich Dir ſagen? es iſt keine Vergleichung zwiſchen ihm und den Perſonen, die wir kennen, möglich . . . Wie ärgert es mich, daß Du ihn nicht geſehen haſt, Schweſterchen. Du würdeſt dann meine Bewunderung begreifen. Was ſage ich? Du würdeſt meinen Fanatismus für den Gra⸗ fen von Villetaneuſe theilen,“ fügte lächelnd Aurelie bei, welche wohl, ohne zu wiſſen, warum, das Bedürf⸗ niß fühlte, den Eindruck, den der Neffe des Pair von Frankreich auf ſie hervorgebracht hatte, zu übertreiben.“ „Du biſt alſo eine fanatiſche Bewundererin dieſes Herrn von Villetaneuſe, weil Du einen Contretanz mit ihm getanzt und zehn Minuten mit ihm geplaudert haſt? Du wirſt mir zugeſtehen, Aurelie, das heißt ſich wohl⸗ feil fanatiſiren!“ „Ja, doch ich habe Dir nicht Alles geſagt.“ „Was gibt es denn noch?“ „Ungefähr eine Viertelſtunde, nachdem Herr von Villetaneuſe mit mir getanzt hatte, näherte ſich ſein Oheim, der Marguis, mir und Mama, bei der ich ſaß, und er war im höchſten Grade aufmerkſam und liebens⸗ würdig gegen uns,“ „Du biſt vielleicht eben ſo fanatiſch für den Oheim, als für den Neffen?“ 69 „Das könnte wohl ſein, denn ich habe in meinem Leben keinen muntereren, geiſtreicheren Greis getroffen. Ich ſtelle mir vor, daß das, was man die Leute vom alten Hofe nennt, dieſe zugleich artigen und vor⸗ nehmen Manieren haben mußte. Mama ſchwärmt für ihn. Er hat ihr geſagt, ſie gleiche zum Täuſchen einer gewiſſen Herzogin.“ „Darum nannte alſo mein Vater, als er heute Abend nach Hauſe kam, lachend Mama immer Frau Herzogin Mimi?“ „Gewiß! .. Beurtheile, ob Mama ſich geſchmei⸗ chelt fühlte! . . Und, ſeltſamer Weiſe, es ſcheint, ich gleiche auch, nur daß ich viel ſchöner bin (der Herr Marquis ſagt dies, und nicht ich), ich gleiche ungemein einer jungen Gräſfin, einer der gefeiertſten Frauen von Paris. „Kurz,““ ſprach zu uns der Herr Marquis mit ſeiner Miene eines vornehmen Mannes, „kurz, meine Damen, nun, da ich bei Ihnen bin und durch⸗ aus nicht umherſchaue . iſt meine Illuſion vollſtän⸗ dig, und in Folge Ihrer liebenswürdigen Gegenwart hier glaube ich mich im Faubourg Saint⸗Germain.““ „Unter uns geſagt, die Komplimente, die der Herr Marquis an Euch richtete, waren ziemlich unhöflich für die anderen Perſonen der Geſellſchaft von Herrn Ri⸗ chardet.“ „Das iſt wahr, Schweſterchen,“ erwiederte Aurelie naiv; „das bezeichnete, Mama und ich haben allein eine ausgezeichnete Tournure. Sieh doch, wie einem die Lobeserhebungen leicht den Kopf verdrehen! . . Dieſe Reflexion war mir nicht in den Sinn gekommenz ich fühlte mich ganz glücklich, dieſer jungen Gräfin, der die Mode ſo ſehr huldigt, zu gleichen, und Mama ſagte ganz ſtolz zu mir: „„Haſt Du den Herrn Marquis gehört? Wir haben das Anſehen von Damen des Faubourg Saint⸗ Germain! Iſt das ſchmeichelhaft für uns!““ Selbſt Papa war außer ſich vor Freude, und als der Mar⸗ 70 quis uns verließ (er hatte nur mit uns geſprochen), lief Papa auf uns zu und ſagte, indem er ſich die Hände rieb: Ihr wißt nicht, man iſt wüthend auf dem Balle, ich höre von allen Seiten wiederholen: „Wahr⸗ haftig, das iſt unſchicklich! der Marquis ſpricht durch⸗ aus nur mit Madame und Mademoiſelle Jouffroy; der Graf hat nur mit dieſer getanzt! Es ſcheint, die an⸗ deren Perſonen ſind nicht würdig, die Aufmerkſamkeit dieſer hohen und mächtigen Herren auf ſich zu ziehen!““ Und Papa wiederholte ſich die Hände reibend: Das iſt köſtlich! Jedermann iſt wüthend gegen Euch Beide; man ſchleudert Euch niederſchmetternde Blicke zu.“ „Dann, meine liebe Schweſter, begreife ich nicht, daß der Aerger, wie Du vorhin ſagteſt, Dich bewogen hat, den Ball zu verlaſſen. Da Ihr, Mama und Du, ſo viel Neid erregtet, ſo hättet Ihr, wie mir ſcheint, die Dauer Eures Triumphes verlängern müſſen.“ Der Ton von Aurelie, nachdem ſie ihre erſte Ver⸗ legenheit hinſichtlich ihrer Bekenntniſſe überwunden hatte, war frei und heiter geworden; doch in dieſem Augenblicke erröthete ſie abermals; ihr Geſicht verdü⸗ ſterte ſich, ein faſt bitteres Lächeln umſchwebte ihre Lip⸗ pen, ſie erſtickte einen Seufzer und fuhr fort: „Schweſterchen, ich will Dir erzählen, was ge⸗ ſchehen iſt. Der Herr Graf von Villetaneuſe hatte mich zu einem zweiten Contretanz aufgefordert. Er zeigte ſich noch liebenswürdiger als beim erſten. Durch Zu⸗ fall zu den Richardet gekommen, hoffte er leider nicht mich anderswo zu treffen. Er fand uns, Mama und mich, nicht an unſerem Platze in dieſer unſerer nicht würdigen Geſellſchaft . . . Kurz, Alles dies wurde ſo liebreich ausgeſprochen, mit einem Tone einem Blicke höre, Schweſterchen, ich habe bei Niemand dieſen Blick geſehen . . . große ſchwarze Angen . zugleich ſo kühn und ſo ſanft! . .“ 71 Träumeriſch unterbrach ſich Aurelie einen Augen⸗ blick; bald aber fuhr ſie fort: „Marianne, habe ich Dir geſagt, daß er brünet iſt?“ „Nein, meine Schweſter.“ „Wohl denn! er iſt brünet; ſeine pechſchwarzen Haare ſind von Natur gelockt; er iſt ein wenig bleich die Bläſſe iſt etwas ſo Vornehmes . . . und daun hat er Zähne wie Perlen . . . und ein Lächeln . . . Du kannſt Dir kein reizenderes Lächeln vorſtellen!“ Nachdenkend, ſchwieg Aurelie abermals, dann fügte ſie, einen Seufzer unterdrückend, bei: „Herr von Villetaneuſe führte mich, nachdem er zum zweiten Male mit mir getanzt hatte, an meinen Platz zurück, als . . .“ Doch erröthend vor Aerger bei dieſer Erinnernng unterbrach ſich das Mädchen und ſagte mit einem Ausdrucke der Verachtung und dumpfer Gereiztheit: „Du kennſt die unverſchämte kleine Ma⸗ dame Bayeul, welche immer ſo ausſchweifende Toiletten hat, und deren Mann ein ehemaliger Wucherer iſt, wie uns mein Vater geſagt hat?“ „Ich habe Madame Bayeul nie geſehen . . .“ „Es iſt wahr, liebe Marianne, Du gehſt nie mit uns in Geſellſchaft . . . Nun denn! ſtelle Dir eine kleine Frau vor, welche in der That, ich weiß nicht warum, für ziemlich hübſch gilt, denn ſie hat nichts für ſich, als ihr unverſchämtes Geſicht, ihre frechen Augen und ihre faſt rothen Haare, die ſie in engliſchen Locken von einer lächerlichen Länge trägt; im Uebrigen immer auf eine unanſtändige Art entblößt unter dem Vor⸗ wande, ſie habe eine ſehr ſchöne Haut, was nichts Außerordentliches wäre, da ſie roth iſt . . . Sie hatte heute Abend ohne Zweifel ſpät auf den Ball kommen wollen, um hier mehr Effect zu machen! Sie tritt alſo ein, gefolgt von ihrem Manne lich begreife auch nicht, wie Herr Richardet einen Wucherer empfangen mag), und ſobald ſie Herrn von Villetaneuſe erblickt, der mich 72 auf meinen Platz zurückführte, hängt ſich dieſe Madame Bayeul, . . es iſt in der That die Schamloſigkeit in Perſon! . ſie hängt ſich an den Arm von Herrn von Villetaneuſe und ruft, um von Jedermann gehört zu werden: „„Mein lieber Graf!““ Ihr lieber Graf!“ wiederholte Aurelie mit Entrüſtung; „hat man eine Idee von einer ſolchen Vertraulichkeit! „„Mein lieber Graf, Sie kennen Niemand hier; ich nehme Sie für den ganzen Abend in Beſchlag; ich verlaſſe Sie nicht.““ Sage, Marianne iſt das genug Unverſchämtheit?“ „Das Benehmen dieſer Dame ſcheint mir, wie Dir, unanſtändig.“ „Ah! Schweſterchen,“ verſetzte traurig Aurelie, deren klarer ſchöner Blick ſich aufs Neue durch eine Thräne bei dieſer Erinnerung verſchleierte, „ich bin für meinen Triumph eines Augenblicks beſtraft worden; dieſe Perſonen, welche Anfangs ſo aufgebracht darüber waren, daß ſie den Grafen und ſeinen Oheim einzig und allein mit Mama und mir beſchäftigt fanden, fingen an zu flüſtern, mit einer boshaften Miene zu lächeln, als ſie dieſe ſchamloſe Madame Bayeul an den Arm von Herrn von Villetaneuſe angeklammert ſahen. Die jun⸗ gen Leute, die ich abgewieſen hatte, hohnlächelten auch. . . Die Thränen traten mir in die Augen. Zum Glücke plauderte Mama in dieſem Momente mit Madame Ri⸗ chardet und bemerkte meinen lebhaften Aerger nicht. Eine Migräne vorſchützend, verlangte ich endlich den Ball zu verlaſſen. Das Herz war mir ſo ſchwer, daß ich mich auf dem Punkte, vor aller Welt zu weinen, fühlte . . . Darum, Schweſterchen, ſind wir vor Mitter⸗ nacht zurückgekommen. Geſtehe, daß es ärgerlich iſt, einen ſo glücklich begonnenen Abend ſo ſchlimm endigen zu ſehen!“ „Allerdings, doch Du wirſt wohl dieſes unan⸗ genehme Ende des Abends vergeſſen, da Du Herrn — —— — —— 73 von Villetaneuſe, der ſich, wie er Dir ſagte, zufällig bei den Richardet befand, nicht wiederſehen ſollſt.“ „Nein, ich werde ihn nicht wiederſehen, das iſt bei⸗ nahe gewiß,“ verſetzte Aurelie traurig. „Ich werde ihn nicht wiederſehen. Es iſt Schade! er war ſo liebens⸗ würdig! er gleicht ſo wenig den jungen Leuten unſerer Geſellſchaft!“ „Ah! liebe Schweſter, Dein Fanatismus führt Dich irre Es kann zwiſchen dieſem Herrn und den Andern kein bedentender Unterſchied ſein.“ „Dieſer Unterſchied beſteht indeſſen, das verſichere ich Dich. Nein, es iſt kein Vergleich zwiſchen dem Grafen von Villetanenſe und den jungen Leuten un⸗ ſerer gewöhnlichen Geſellſchaft möglich.“ „Und dann, geſtehe dies Deiner kleinen Marianne: dieſer Herr iſt Graf, ſein Oheim iſt Marquis. Ich wollte wetten, daß ſie Dir ihres Titels wegen liebens⸗ würdiger geſchienen haben!“ „Vielleicht wohl .. ein Titel iſt immer ein Titel.“ „Welchen Vortheil gewährt es Dir, einen Titel zu haben?“ „Welche Vortheile? . .. oh! ſehr große! .4 „Wie ſo, Aurelie?“ „Als wir in der Penſion waren und zuweilen ein paar Tage Ferien zu Hauſe zubrachten, blieben wir oft bei Mama am Comptoir. Erſchienen nun zugleich im Magazine eine bürgerliche Kundin und eine adelige Kundin, ſo beeilten ſich Mama und die Commis, vor Allem die Frau Marquiſe oder die Frau Herzogin zu bedienen. Du haſt dies hundertmal wie ich geſehen.“ „Das iſt wahr.“ „Dann mußt Du geſtehen, Schweſterchen, daß es der Eitelkeit immer ſehr ſchmeichelt, ſich als Gegen⸗ ſtand ſo großer Beeiferung zu ſehen, nur weil man Gräfin, Marquiſe oder Herzogin iſt?“ „Es mag ſein! iſt es aber nicht, wenn man we⸗ 74 der Marquiſe, noch Herzogin iſt, vernünftiger, ſich mit ſeinem Looſe zu begnügen, beſonders wenn es ein ſo glückliches iſt wie das unſere?“ „Du haſt Recht, Schweſterchen,“ erwiederte, nach⸗ dem ſie einen Angenblick geſchwiegen, Aurelie mit einer gezwungenen Miene lächelnd, „unſere bürgerliche Geſellſchaft iſt ſo viel werth, als eine andere. Obſchon wir weder Gräfinnen, noch Marquiſen ſind, beluſtigen wir uns darum nicht weniger, unſere Contretänze wer⸗ den nicht aufhören in Ermangelung von Grafen und Marquis . . . Ich werde Herrn von Villetaneuſe nie wiederſehen . denken wir nicht mehr daran . Nur kann ſich dieſe abſcheuliche kleine Madame Bayenl rühmen, ſie habe mir, wie man zu ſagen pflegt, eine ſchlimme Viertelſtunde bereitet! . . . Und hienach, Schweſterchen, ſchnüre mich auf . . . und laß uns zu Bette gehen . . es iſt ſpät.“ Marianne ſchnürte Anrelie mit ihrer gewöhnlichen Gefälligkeit auf, und bald legten ſich die zwei Schwe⸗ ſtern zu Bette. XV. Marianne und Aurelie plauderten in der Regel ziemlich lang, ehe ſie einſchliefen; nicht ſo war es an dieſem Abend: ſie fühlten das Bedürfniß, ſich in der Stille ihrer Gedanken abzuſondern. Aurelie hatte, ihrer Schweſter die verſchiedenen Vorfälle des Abends erzählend, einer füßen Gewohn⸗ heit nachgegeben und wohl auch einem Drange, über ein Ereigniß zu reden, von dem ſie unbeſtimmt ahnete, ohne daß ſie es ſich zu geſtehen wagte, es müſſe Cpoche in ihrem Leben machen. Herr von Villetanenſe hatte auf ſie einen tiefen Eindruck hervorgebracht, nicht min⸗ der durch ſeine ausgezeichneten Manieren, durch die 75 Reize ſeines Geſichtes, durch die Anmuth ſeines Gei⸗ ſtes, als durch ſeinen Stand. Bisher allerdings von Schmeicheleien umgeben, bewundert, aber nur von Menſchen ihrer Geſellſchaft, fühlte Aurelie eine Art von Entzücken bei dem Gedanken, Leute der großen Welt verſichern, ſie und ihre Mutter gleichen zum Täuſchen adeligen Damen des Faubvurg Saint⸗Germain, die ſich auf einen bürgerlichen Ball verirrt haben! Eine unwiderſtehliche Schmeichelei für dieſe junge Perſon, denn trotz ihres vortrefflichen Naturells ließ ſie ſich zu⸗ weilen zu eitlen Hoffnungen hinreißen. Wäre ſie nicht Herzogin oder Prinzeſſin, wenn ſich die Titel nach der Schönheit meſſen würden? wiederholte ihr unabläßig Madame Jouffroy. Dieſe thörichte mütterliche Hoffart, ſchien ſie nicht gerechtfertigt durch die Lobeserhebungen, mit denen an dieſem Abend Herr von Villetaneuſe Aurelie über⸗ ſchüttet hatte? Und dennoch, trotz dieſer Lobſpenden, fragte ſie ſich mit Bangigkeit, was die Folgen ihres Zuſammentreffens mit dem Grafen ſein würden. Sie würde ihn ohne Zweifel nicht wiederſehen, und, ſchon beunruhigt, beklommen, fühlte ſie ſich unfähig, ihn zu vergeſſen. „Mein Gott!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „ich habe ihn heute Abend zum erſten Male geſehen, und dennoch, wenn ich unwillkürlich dazu käme, daß ich ihn lie⸗ ben würde! Ah! dieſe Liebe müßte das Unglück mei⸗ nes Lebens verurſachen!“ In einem feſten Glauben an den ariſtokratiſchen Unterſchied der Klaſſen erzogen, ein Vorurtheil, das viel mehr verbreitet, viel zäher, viel einflußreicher beim Bürgerthum iſt, als man denken mag, betrachtete Au⸗ relie aufrichtig als eine exorbitante, unmögliche Ver⸗ bindung die Heirath eines Bürgermädchens ihrer Art mit einem Manne vom Stande des Herrn Grafen von Villetaneuſe, des Reffen eines Pair von Frankreich⸗ 76 obſchon dieſer verſichert hatte, ſie gleiche ungemein einer Gräfin des Faubvurg Saint⸗Germain. „Wird der Eindruck von heute Abend, weit entfernt, ſich zu verwiſchen von Tag zu Tag tie⸗ fer,“ fragte ſich Aurelie mit Bangigkeit, „ſo werde ich alſo mein ganzes Leben unglücklich ſein?“ Trotz dieſer peinlichen Gedanken, gab Aurelie all⸗ mälig dem Schlafe nach; doch die Erinnerung an Herrn von Villetaneuſe verfolgte ſie bis in ihren Träumen. Marianne blieb, ehe ſie entſchlief, ganz in den einzigen Gedanken verſunken: „Ihre Schweſter verberge kaum ihre lebhafte ent⸗ ſtehende Neigung für Herrn von Villetaneuſe; vielleicht werde ſie es ausſchlagen, Fortuné Sauval zu hei⸗ rathen.“ XVI. Zum Verſtändniſſe dieſer Erzählung müſſen wir den Charakter von Herrn von Villetaneuſe und den ſei⸗ nes Oheims unterſuchen. Der Letztere, Gaſton Mortain, Marquis von Villetaneuſe, Pair von Frankreich u. ſ. w. u. ſ. w. gehörte einer alten Familie des Dauphiné an. Abge⸗ ordneter des Adels bei den Reichsſtänden, war er von der Zahl der Mitglieder der Ariſtokratie, welche bei dem berühmten Streite über die Trennung der drei Klaſſen ſich auf die Seite von Mirabeau ſtellten und ſich mit dem dritten Stande vermengten. Aufrich⸗ tig entſchloſſen, auf ihre unbilligen Privilegien zu ver⸗ zichten, gehorchten die meiſten adeligen Collegen von Herrn von Villetaneuſe einem patriotiſchen Gefühle; nicht ſo war es beim Marquis: tief egoiſtiſch, beſon⸗ ders begabt mit einer ſeltenen und, ſo zu ſagen, inſtinet⸗ —— —— 77 artigen Vorherſehung der großen Ereigniſſe, erfreute er ſich der gewiſſen unreinen Thieren eigenthümlichen Fähigkeit, den Einſturz des Gebäudes, wo ſie niſten, vorherzufühlen und ſo immer zu rechter Zeit eine Woh⸗ nung mit einer andern vertauſchen zu können. Durch ſeine Inſtincte gut bedient, den Untergang der Mo⸗ narchie vorherſehend, nahm Herr von Villetaneuſe Partei für den dritten Stand; dann, als die Gewalt der Dinge und die furchtbaren äußeren Verwickelungen die Macht factiſch in die Hände der Jacobiner legten, ging Herr von Villetaneuſe zu den Jacobinern über, wetteiferte an Bürgerſinn mit dem bekannten Marquis von Saint⸗Hurugues, wurde der Bürger Mortain und nahm ſeinen Sitz unter den Montagnards des Convents. Doch nach der Ermordung des unbeſtechlichen Robes⸗ pierre ward der Bürger Mortain, wie der Bürger Barras, ein wüthender Thermidorianer. Unter dem Directorium nahm der Exmarquis wieder den Namen Villetaneuſe an. Einer der Erſten, roch er das wun⸗ derbare Glück von Bonaparte, näherte er ſich ſeiner Umgebung, trieb zum 18. Brumaire an, wurde unter dem Conſulate einer der Senatoren der Conſtitution Sieyos, und unter dem Kaiſerreiche abermals Senator und Kammerherr. Mehr als je Marquis, vermehrte er die Zahl der Verſöhnten, welche Bonaparte gern unter den Stützen ſeines Thrones zählte. Der Senator⸗Kam⸗ merherr blieb bei dieſem Throne bis zu dem Augen⸗ blicke, wo er ſeinen Sturz ahnete, ein Sturz, deſſen ſichere Symptome für Herrn von Villetaneuſe die öffent⸗ liche Abneigung, der ſpaniſche Feldzug und der ruſſiſche Feldzug waren. Da beeilte er ſich, mit den Bourbonen in Verkehr zu treten. Seine Gewandtheit, ſeine Stel⸗ lung beim kaiſerlichen Hofe, ſeine zahlreichen Verbin⸗ dungen, ſein Geiſt (er beſaß viel), machten aus ihm eine Perſon, deren Eröffnungen nicht zu verachten waren. Er ſtand von da an in lebhaftem Briefwechſel * 78 mit den verbannten Prinzen; er unterrichtete ſie und gab ihnen beſonders Hoffnungen, die ſich durch die Mißgeſchicke von 1813 und 1814 bald verwirklichten. Dem Untergange des Kaiſerreiches ein wenig voranei⸗ lend, legte er ſeinen Royalismus zu den Füßen ſeines legitimen und vielgeliebten Königs nieder, wogegen der Marquis mit der Pairie, mit einer Stelle als Kammerherr und einer Penſion auf die königliche Caſſette beſchenkt wurde. Das Wiedererſcheinen von Bonaparte nach ſeiner Entweichung von der Inſel Elba überraſchte Herrn von Villetaneuſe, ohne ihm die geringſte Illuſion zu laſſen; mit ſehr geſundem Verſtande ſchätzte er die Stimmung der Geiſter in Frankreich; ſicher der baldigen Zurückberufung ſeiner Herren, führte ihn ſeine heldenmü⸗ thige Ergebenheit nach Gent, von wo er mit ihnen trium⸗ phirend nach der Schlacht von Waterloo zurückkam. Einer der heftigſten Ultras der Kammer der Pairs bis zum Jahre 1328, fing der Marquis ſeit dieſer Epoche an das un⸗ glückliche Schickſal der älteren Linie zu ahnen. Da dieſe peinlichen Vorherſehungen ohne Zweifel der Ge⸗ ſundheit dieſes getreuen Royaliſten ſchadeten, ſo ließ er ſich von ſeinem Arzte eine Reiſe in den Süden von Frankreich verordnen, und als er kurze Zeit vor der Revolution von 1830 zurückkam, war der Anblick ſeines durch fluchwürdige Höflinge in ſein Verderben geführten Königs ſo ſchmerzlich für Herrn von Villetaneuſe, daß er es ſich als eine Pflicht auferlegte, nicht mehr bei Hofe zu erſcheinen; um jedoch ſeinen Kummer zu zer⸗ ſtrenen, machte er zahlreiche Beſuche beim Herrn Herzog von Orleans. Die Revolution von 1830 brach los wie das Gewitter; Herr von Villetaneuſe verbarg in der Zurückgezogenheit die frommen Thränen, die ihm die Verbannung ſeines armen alten Königs entriß, und ließ ſich nur zur Rückkehr nach Paris bewegen, um unter den Mitgliedern der neuen Pairie begriffen zu ſein. Da er indeſſen dieſe Pairie ein wenig hohl 79 fand, ſo war er bemüht, ſie durch eine Dotation von zwölftauſend Franken ausfüllen zu laſſen. Das Vermögen, das der Marquis von Villetaneuſe vor der Revolution von 1789 beſaß, war ziemlich be⸗ deutend. Da er nicht ausgewandert war, ſo behielt er ſeine Beſitzungen, doch durch das Spiel, durch die Ta⸗ felfrenden, durch Ausſchweifungen aller Art waren ſie bald verſchwendet. Immer in der Klemme, immer auf Auskunftsmittel, oft von ſchlimmer Art, bedacht, trotz ſeines Gehaltes als Senator unter dem Conſulate und unter dem Kaiſerreiche, trotz der Dotation ſeiner Pairie vor und nach 1830, peinigte er unabläſſig und unver⸗ ſchämt ſeine ſucceſſiven Herren und entriß ihnen von Zeit zu Zeit etwas Geld; da er ſich übrigens als aus⸗ gelernter Bettler von ſehr leichter Compoſition in Be⸗ treff der Summe des Almoſens zeigte, ſo hätte er fünf⸗ hundert Franken und noch weniger angenommen, durch⸗ drungen von dem Grundſatze, „die Schande beſtehe darin, daß man mit leerer Hand gehe, nachdem man ſie ausgeſtreckt; ſo gering auch die bewilligte Summe ſein möge, ſo ſei man doch nie in Verlegenheit über ihre Verwendung.“ Sparſamer oder mehr überwacht als die andern, konnte die Juli⸗Regierung den ſcham⸗ loſen Belagerungen des Marquis nur eine Penſion von tauſend Thalern auf die geheimen Fonds bewilligen. Dies, verbunden mit den zwölftauſend Franken Dota⸗ tion ſeiner Pairie, ſicherte ihm ein hinreichendes Ein⸗ kommen, um ehrenhaft zu leben; doch dieſer Greis fröhnte beharrlich den laſterhaften und koſtſpieligen Neigungen ſeiner Jugend und ſeines reiferen Alters. Rur ſeine Unverletzlichkeit als Pair von Frankreich hatte ihn oft von der Strenge der perſönlichen Haft gerettet; da aber ſelbſt bei dieſer Unverletzlichkeit in die Länge eine Quelle von Anlehen verſiegen mußte, deren Bezahlung keine Garantie ſicherte, ſo ſah ſich der Graf oft in einer grauſamen Beengung. Uebrigens ein Mann der Geſellſchaft und zwar der beſten Geſell⸗ ſchaft, ſkeptiſch, frech, das Menſchengeſchlecht tief verach⸗ tend, ohne ſich ſelbſt von dikſer Verachtung auszuneh⸗ men, hoffärtig und ſpöttiſch, wenn er ſich nicht zur äußerſten Gemeinheit erniedrigte, der Kriechendſte der Schmeichler, wenn er ſich nicht als den Unverſchämte⸗ ſten der Undankbaren aufpflanzte, war er würdig, die, im Allgemeinen von den Höflingen aller unſerer ver⸗ gangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Regierungen ausgeübte, Maxime auszuſprechen: „So lange unſere Herren ſtehen, müſſen wir ihnen ehrerbietig das Becken reichen; am Tage ihres Sturzes aber müſſen wir es ihnen auf den Kopf ſetzen.“ Henri von Villetaneuſe, der Sohn eines nachge⸗ bornen Bruders des Marquis, war ſeit ſeiner Kind⸗ heit Waiſe; durch ſein, während ſeiner Minderjährig⸗ keit angewachſenes, mütterliches Erbe beſaß er mit einundzwanzig Jahren ungefähr ſiebenmalhunderttau⸗ ſend Franken; doch, im Gegenſatze zu den Komödien⸗ neffen, welche die Börſe ihres Oheims ausbeuten, wurde Henri von Villetaneuſe ſchändlich von ſeinem Oheim ausgebeutet. Unter dem Vorwande, in dem modernen Babylon ſeinen Neffen nicht ohne Rath, ohne Beiſtand zu laſſen, ſetzte ſich der Marquis bei dieſem feſt, richtete ſein Haus auf einem vortrefflichen Fuße ein, brachte ihn in Verbindung mit der müßigen gol⸗ denen Iugend dieſer Zeit, benützte umfangreich die tollen Ausgaben, zu denen er ihn antrieb, nahm täg⸗ lich an den luſtigen Junggeſellenmahlen Theil, that es dieſer Jugend durch ſeine canſtiſchen Einfälle, durch den Cynismus ſeiner Sittenloſigkeit zuvor, ſpielte mit dem Gelde ſeines Neffen, machte Gebrauch von ſeinen Wagen, ſeinen Pferden, und verſuchte es ſogar, trotz ſeiner ſechzig Jahre, ihm ſeine Geliebten wegzuſchnappen. Jung und naiv, in der Tiefe einer Provinz von einem ſtrengen Vormunde erzogen, erduldete Henri von 81 Villetaneuſe ziemlich lange das zu Grunde richtende Patronat ſeines Oheims, der ihn, wie dieſer abſchen⸗ liche Mentor ſagte, „in das Leben einführte.“ Als er aber nach einigen Jahren einer glänzenden, jedoch ver⸗ derblichen Srienz ſein Vermögen um zwei Drittel ver⸗ mindert ſah, als er beſonders des unaufhörlichen Geld⸗ verlangens ſeines Oheims müde wurde, da nahm Henri von Villetaneuſe, um ſich den Anforderungen des Mar⸗ quis zu entziehen, ſeine Zuflucht zu einem heldenmüthi⸗ gen Mittel: er verließ Paris und reiſte. Auf dieſer Pilgerfahrt machte er die Bekanntſchaft eines Prinzen von einer ſouverainen Familie Deutſchlands, dem er ungemein gefiel, als vortrefflicher Tiſch⸗, Jagd⸗ und Spielgeſellſchafter, Eigenſchaften, welche beſonders die freimüthige franzöſiſche Sprache, das Salz, der Schwung, die Heiterkeit des franzöſiſchen Geiſtes würzten. Dieſe, bei den Stammgäſten der gewöhnlich kalten, monotonen kleinen deutſchen Höfe ſeltenen, Vorzüge beſaß Henri von Villetaneuſe in hohem Grade; ſie waren die erſte Veranlaſſung ſeiner Verbindung mit dem Prinzen Karl Maximilian, welche Verbindung ſich bei den häufigen Reiſen der Durchlaucht nach Paris fortſetzte. Trotz ſeines reizenden Aeußeren, trotz ſeiner an⸗ genehmen Manieren, trotz ſeines verführeriſchen Geiſtes und ſeines ſcheinbar freundlichen Charakters, war Henri von Villetaneuſe, der die Lehren ſeines Oheims nur zu ſehr benützt hatte, obgleich noch jung, doch ſchon verdorben, ſkeptiſch und abgenutzt; vor Allem darauf bedacht, ſeine Bedürfniſſe des Luxus und des Wohlbe⸗ hagens zu befriedigen, ein zügelloſer Spieler, ſah er ſein Vermögen auf ein, ſchon ſchwer mit Hypotheken belaſtetes, Erbgut im Dauphiné zuſammengeſchmolzen, und dieſes letzte Hülfsmittel ſollte ſeine Verbindung mit Catherine von Morlac raſch vollends aufzehren. Dieſe Verbindung, deren Heldin fünf bis ſechs Die Familie Jvuffroy. 1. 6 „ 82 Jahre mehr als Herr von Villetaneuſe zählte, würde unbegreiflich ſcheinen, träfe man nicht tauſend Beiſpiele von ſolchen verdorbenen Leidenſchaften, welche bei den durch eine frühzeitige Entſittlichung abgeſtumpften Leu⸗ ten häufig vorkommen. Erklären wir uns. Eine Courtiſane von dreißig Jahren, noch ſchön, anziehend, in der Welt abgerieben, geiſtreich, ge⸗ wandt, einſchmeichelnd, ſchlau, findet gerade in der Reife ihres Alters, in ihrer Lebenspraxis, in ihrer Er⸗ fahrung hinſichtlich der Menſchen, in den tauſend Erinnerungen ihrer durch die Natur der Dinge wech⸗ ſelreichen Exiſtenz, ſie findet, ſagen wir, unglaubliche Verführungsmittel, welche viel jüngere, viel ſchönere, aber viel weniger erfahrene Frauen nicht zu beſitzen vermöchten. Ruhig, geduldig, Herrin über ſich ſelbſt, mit einem tiefen und ſicheren Blicke begabt, weiß ſie die ſchwache und einnehmbare Seite vom Charakter des Mannes zu durchdringen, den ſie unterjochen will, geht aber auf ihr Ziel nur auf krummen und unterirdiſchen Wegen los, um kein Mißtrauen zu erregen; ſie weiß beſonders die Unterhaltung zu beleben, zu erheitern, mit einem Worte, die Zeit zu tödten. In Folge dieſes koſtbaren Vorzugs, wenn die Neigung, die ſie Anfangs eingeflößt, in Gewohnheit auf Seiten dieſer Leute ausar⸗ tet, welche, vor der Zeit alt, für nichts mehr Sinn haben, ſondern, trotz der Indolenz ihres Geiſtes, haupt⸗ ſächlich unterhalten ſein wollen, (wie dies der große König*) wollte), gewinnen auch dieſe Verbindun⸗ gen auf ſolche Menſchen eine ununſchränkte, beinahe unzerſtörbare Herrſchaft. So war es bei der Verbindung von Henri von Villetaneuſe mit Catherine von Morlac. Durch eine Laune in ihre Nähe gebracht, dann bald verführt durch *) Ludwig XIV. 83 die Lebhaftigkeit des Geiſtes dieſer gewandten Courti⸗ ſane, durch ihre Zuvorkommenheit, durch den hinter⸗ liſtigen Zauber ihres Charakters, gewöhnte er ſich all⸗ mälig daran, alle ſeine Abende bei ſeiner Geliebten zuzubringen, und er brachte ſie köſtlich zu, — immer ge⸗ hätſchelt, immer von Schmeicheleien und Liebkoſungen umgarnt, beſonders aber beſtändig unterhalten, durch einen höchſt geſchmeidigen und zugleich anregenden, ſprudelnden Geiſt. Durch die Schändlichkeit ihres Le⸗ benswandels war Catherine in Verkehr mit Männern von allen Stellungen, zuweilen von der höchſten Stel⸗ lung, gekommen. Mit Hülfe ihrer Erinnerungen, welche voll von piquanten oder ſchmählich ſcandalöſen Anek⸗ doten, reich an fein und boshaft gezeichneten Portraits, an ſeltſamen Offenbarungen, erlahmte die Converſation, deren Koſten Frau von Morlac faſt allein trug, nie; mehr noch, mit einer unendlichen Kunſt verwandelte dieſe Sirene alle ihre Reminiscenzen aus der Vergan⸗ genheit in Vergleichungen, welche ſeltſam ſchmeichelhaft für die Eitelkeit von Herrn von Villetaneuſe: ſie über⸗ redete ihn, nur ihm allein öffne ſie ſo ihre Seele; zu ihm allein, deſſen wahrhaft erhabener Geiſt ſie be⸗ greifen könne, hege ſie zum erſten Male in ihrem Leben ein inniges Vertrauen; ſodann (dies war der höchſte Grad von Schlauheit), ſodann wußte ſich Catherine ein unendlich tiefes, aus der größten Uneigennützigkeit eut⸗ ſpringendes Zartgefühl heuchelnd, zur Annahmevon Allem dem nöthigen zu laſſen, was ihre unerſättliche Habgier Herrn von Villetaneuſe entreißen wollte. Er richtete ſich vollends für ſie zu Grunde, beklagte ſich aber un⸗ abläſſig über ihre ſtolze Empfindlichkeit, die ſie be⸗ ſtimme, ihm Weigerungen entgegenzuſetzen, welche er immer durch die Macht zärtlicher, dringender Bitten überwinden müſſe. Bedarf es der Erwähnung, daß Frau von Morlac durchaus keine Eiferſucht über Liebesſeitenſprünge offen⸗ 84 barte, denen ſich Herr von Villetanenſe hingeben konnte? In dieſer Hinſicht zeigte ſie ſich mehr als ſehr duldſam, indem ſie der Scharfſinnigkeit der Damen Maintenon, Parabore, Pompadour, Dubarry und Anderer von ihres Gleichen, moraliſch genommen, nachahmte. Nein, Catherine war nur eiferſüchtig auf Eines: auf die Zuneigung, auf das Vertrauen von Herrn von Villeta⸗ neuſe, und auf die Gewohnheit des täglichen innigen Umgangs mit ihm. Seltſamer, obſchon ſehr menſchlicher Widerſpruch: der verſtändige, gelangweilte, durch den übermäßigen Genuß abgeſtumpfte, ſteptiſche junge Mann, mit einem Worte, dieſer Rous, um uns des geheiligten Ausdrucks zu bedienen, glaubt an nichts, außer an die uneigen⸗ nützige Anhänglichkeit dieſer Courtiſane, deren Habgier nur ihre Verſchmitztheit gleichkommt; nachdem er das Leben benützt und mißbraucht hat, kennt er kein ande⸗ res Vergnügen, als alle Abende und einen Theil ſeiner Tage bei einer Buhlerin zuzubringen, welche geſchickt ſeiner Eitelkeit ſchmeichelt und ihn mit ihrem heißen⸗ den, verleumderiſchen oder obſcönen Geſchwätze beluſtigt. Kurz, dieſe Verbindung oder vielmehr dieſe ſchmähliche Gewohnheit übt auf ihn eine unwiderſtehliche Herr⸗ ſchaft aus. Dies alſo war in Wirklichkeit der Graf Henri von Villetaneuſe, der in der Erinnerung einen ſo tiefen Ein⸗ druck auf Aurelie machte. XVII. Am Tage nach dem Balle bei Herrn Richardet begab ſich Henri von Villetaneuſe ziemlich frühzeitig zu ſeinem Oheime dem Marquis. Dieſer wohnte, um die Arreſte zu vermeiden, in einem Hotel garni des Fau⸗ bourg Saint⸗Germain. Er hatte einen einzigen Dienſt⸗ † boten, einen alten Kammerdiener, Namens Lorain, einen veralteten Typus des Frontin vom vorigen Jahr⸗ hundert. Dieſer Lorain, deſſen Lohn der Marquis immer pünktlich bezahlte nach dem Axiome: „Iſt man den zahlreichen Beſuchen und Verfolgungen ſeiner Gläubiger ausgeſetzt, ſo muß man ſich immer ſeinen Kammerdiener und den Portier des Hauſes geneigt er⸗ haltenz“ dieſer Lorain öffnete die Thüre der Wohnung Herrn von Villetaneuſe. „Iſt mein Oheim aufgeſtanden?“ fragte dieſer. „Ja, Herr Graf,“ antwortete der Kammerdiener; und er fügte mit einem ſchlauen Lächeln bei: „Vor einer Stunde war der Herr Marquis nicht allein; er hätte Niemand empfangen können.“ Bei dieſer Anſpielung auf die ausſchweifenden Sit ten des Greifes zuckte Henri von Villetaneuſe die Ach ſeln, und er trat bei ſeinem Oheim ein. Der Marquis hatte das ſechzigſte Jahr längſt über⸗ ſchritten. Dürr, nervig, von mittlerem Wuchſe, noch gerade und ſchlank, hatte er ſehr ſchöne Zähne behal⸗ ten. Seine, wie ſein halbmondförmig geſchuittener Backenbart, ſchwarz gefärbten Haare contraſtirten mit den Runzeln, die ſein Geſicht durchfurchten; ſeine Adler⸗ naſe, ſeine dünnen, ſpöttiſchen Lippen, ſein entſchloſſe⸗ ner Blick, ſeine ſtolze Kopfhaltung gaben ſeiner Phy⸗ ſiognomie einen Charakter von ſeltener Frechheit, ge⸗ mildert durch vortreffliche Manieren, denn trotz ſeiner Laſter hatte der Marquis, erwähnter Maßen, die Rinde der beſten und vornehmſten Geſellſchaft. An dieſem Morgen trug er einen Schlafrock von grauem Flanell und lange Beinkleider von derſelben Farbe. Er früh⸗ ſtückte an der Ecke ſeines Kamins Thee und weich ge⸗ ſottene Eier. „Nun, mein Lieber,“ ſagte der Marquis zu ſeinem Neffen, indem er ihm durch einen Wink bedeutete, er 86 möge ſich auf die andere Seite des Kamins ſetzen, „biſt Du entſchloſſen?“ „Vollkommen entſchloſſen, Alles dem Willen von Catherine zu unterordnen.“ „Ah! Du nennſt das einen Entſchluß faſſen?“ „Ich vermöchte keinen andern zu faſſen.“ „Du biſt ein Narr mit Deiner Catherine!“ „Mein Oheim, ich nehme an, daß es nicht Ihre Abſicht iſt, mir eine Lection in der Moral zu geben.“ Der Marquis zuckte die Achſeln. „Es iſt meine Abſicht, Dir eine Lection im Be⸗ nehmen zu geben. Faſſen wir die Sache in zwei Worten zuſammen. Geſtern Abend gehen wir in die Geſell⸗ ſchaft von Herrn Richardet, eine abſcheuliche Frohne; doch mir ſcheint, ich bin dieſem Burſchen ein paar hun⸗ dert Louis d'or ſchuldig; dabei beſorgt er Deine Ange⸗ legenheiten, eine ſchwere Laſt! wogegen dem Anwalt Alles daran lag, mit unſerer Gegenwart beehrt zu wer⸗ den. Puh! wir beehren ihn damit! Kaum in dieſem Durcheinander von Dingen aus einer andern Welt an⸗ gelangt, ſind wir natürlich ſchon darauf bedacht, uns aus dem Staube zu machen. Da ſehe ich eine wahr⸗ haft ſchöne, aber ſehr ſchöne Perſon eintreten, in Ge⸗ ſellſchaft einer Art von Tambourmajor in einem ſchwar⸗ zen Sammetkleide, der, trotz ſeiner fünf Fuß ſechs Zoll und ſeines Schnurrbarts, die Mutter dieſer Schönheit zu ſein ſchien. Ich frage Richardet, wer dies ſei; er antwortet mir: „„Das ſind die Frau und die Tochter von Herrn Jouffroy, einem Kaufmanne, der ſich aus den Geſchäften zurückgezogen hat und ein großes Ver⸗ mögen beſitzt!““ „Alle Teufel!““ ſagte ich zu mir ſelbſt, plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, „es wäre merkwürdig, wenn ſich hier eine Heirath träfe, welche meinen Neffen, der mit ſeinem Gute ſehr auf der Neige iſt, wieder flott machen würde! Dieſe Kleine iſt reizend, und bekommt ſie eine ſehr reiche Mitgift, ſo * 87 könnte man ſich zur Noth zum Bürgerſtande erniedri⸗ gen.““ Ich theile Dir meine Erleuchtung mit und füge bei: „„Du weißt nicht, was Du unter dieſem lärmen⸗ den Schwarme thun ſollſt; tödte Deine Zeit dadurch, daß Du dieſer jungen Perſon den Kopf verdrehſt . . Fordere ſie zum Tanze auf.““ Du forderſt ſie auf . . . „Weil ich nichts Anderes zu thun wußte.“ „Es mag ſein! doch Du unterhieltſt Dich damit, daß Du bezaubernd warſt. Ich beobachtete aufmerkſam Deine Tänzerin, welche auf Deine Aufforderung ganz ſtolz war; ihr Geſicht belebte ſich mehr noch, wenn ſie mit Dir ſprach, als wenn ſie Dir zuhörte. Oft errö⸗ thete ſie, und ihr Leib ſagte, was ſie nicht zu ſagen wagte. Sie verließ Dich nicht mit den Augen, wenn Du Dich wegen der Evolutionen des Tanzes von ihr entfernteſt. Kurz, ich verſtehe mich darauf,“ fügte der Marquis bei, während er eine Priſe Tabak aus ſeiner Doſe nahm, „Du machteſt einen gewaltigen Eindruck auf dieſe Unſchuldige, und das iſt leicht begreiflich, denn ich ſah dort nur einen Haufen von kleinen jungen Leuten, wahren Tölpeln. Du führſt die Schöne an ihren Platz zu ihrer Mutter zurück, und ich, um ſie vollends verrückt zu machen, ich plaudere mit ihnen. Nach einem Augenblicke erkenne ich in der Mutter eine doppelt Einfältige und dreifach Eitle . . . Wie die Mutter, ſo die Tochter. Ich kratze ihnen alſo da, wo es ſie juckte, und verſichere ſie, ſie haben das Anſehen von vornehmen Damen, die ſich unter dieſe Bürgers⸗ leute verirrt. Die Mutter Jouffroy wäre beinahe in Ohnmacht gefallen vor Wonne unter ihrem ſchwarzen Schnurrbarte, und ſie überſprudelte von Herr Mar⸗ quis; ihre Tochter wirft ſich in die Bruſt und wächſt um zehn Zoll auf ihrem Bänkchen; Alles ging auf das Beſte, als eine kleine Teufelin, aufgeputzt wie eine Seil⸗ tänzerin, ſich an Deinen Arm hing.“ „Das iſt die Frau eines gewiſſen Herrn Bayeul, 88 eines Geſchäftsagenten, zu dem ich meine Zuflucht wegen eines Anlehens genommen habe.“ Bei dem Worte Anlehen ſpitzte der Marquis das Ohr, und raſch lüſtern gemacht fragte er ſeinen Neffen: „Wo wohnt dieſer Bayeul?“ „Mein Oheim, es wäre unnütz, wenn Sie ſich an ihn wenden würden: er borgt nur mit gutem Vorbe⸗ dacht.“ „Dieſer Egviſt, der ſeinen Bayeul für ſich allein behält! Du Undankbarer, der Du biſt! . . . Immerhin aber iſt es gewiß, daß Mademviſelle Jvuffroy (ich verließ ſie nicht mit den Augen), wüthend, dieſe Weibsperſon ſich Deines Armes bemächtigen zu ſehen, der Mutter Jouffroy winkt, und Beide verlaſſen den Ball mit dem guten Jouffroy auf den Ferſen. . . Nach ihrem Ab⸗ gange mache ich Richardet plaudern, und er theilt mir mit: „„Der ehemalige Handelsmann beſitzt ein Ver⸗ mögen von mehr als zwölfmalhunderttauſend Franken; ſeine Frau und er hegen für ihre Tochter eine Ver⸗ götterung, welche an den Fetiſchismus gränzt; ſie ſind im Stande alle erdenklichen Opfer für ſie zu bringen.““ Dieſe Kleine iſt alſo ein verzogenes Kind; ſie muß die Familie an der Naſe herumführen. Die Mutter Jouffroy iſt ebenſo dumm als eitel; der Mann zählt für eine Null; Du haſt, ich bin deſſen ſicher, der Tochter den Kopf verrückt; ſie wird überſchnappen bei dem Gedan⸗ ken, Gräfin zu werden; die Mutter wird ſich aufblähen vor Stolz zum Berſten; man könnte ſieben⸗ bis acht⸗ malhunderttanſend Franken Mitgift von dieſen Leuten verlangen; der gute Jvuffroy würde ſie geben. Du würdeſt alſo eintretenden Falles aus dieſer Heirath gute vierzigtauſend Livres Rente ziehen. Und Du komnſt und ſagſt mir, dieſe vortreffliche Angelegenheit ſei dem Willen Deiner verteufelten Catherine untergeordnet!“ „So iſt es.“ 89 „Eine Frau, welche fünf bis ſechs Jahre älter iſt als Du, eine Frau . . .“ „Mein Oheim, laſſen Sie uns hievon abbrechen. Sie haben die Erfahrung der menſchlichen Dinge, und Sie wiſſen, über die Liebe oder, wenn Sie wollen, über den Geſchmack, die Gewohnheit läßt ſich nicht ſtreiten; das iſt ſo, weil es ſo iſt.“ Aber was hat ſie denn an ſich, dieſe Frau, daß ſie Dich ſo bezaubert?“ „Mein Gott! die Bezauberung iſt ſehr einfach .. . ſie gefällt mir . . . ſie unterhält mich . . . Ich komme Abends um acht Uhr zu ihr, ich ſtrecke mich, eine Cigarre rauchend auf einem Canapé aus; ſie ſetzt ſich zu meinen Füßen auf ein Tabouret, ſie ſcherzt, ſie plaudert, oder auch, wenn mich die Luſt ankommt, geht ſie an ihr Klavier und ſingt mir meine Lieblingsmelodien. Ich laſſe mich bezaubern, ohne mir die geringſten Unkoſten zu machen; es ſchlägt Mitternacht, und ich habe die Länge der Zeit nicht einmal bemerkt. Sie glauben, das Nichts? Ich ſage, das iſt Alles, für mich wenig⸗ ens!“ „Oh! Du Kind! . . . denn bei meiner Ehre, Du haſt den Leichtſinn eines Lauzun und die Urtheilskraft eines Schülers!. . . Würde Dich dieſe Heirath ver⸗ pflichten, mit Catherine zu brechen?“ „Nein, doch dieſe Heirath würde mich bedeutend beengen. Das iſt übrigens nicht die Frage, um die es ſich handelt; ich geſtehe, ſie würde mir auf der an⸗ dern Seite poſitive Vortheile bieten? welche gewiſſe Inconvenienzen aufwiegen könnten. Alles hängt von der Beiſtimmung von Catherine ab. Mir, was mich betrifft, iſt die Sache im Grunde faſt gleichgültig.“ „Gleichgültig! . . . Es handelt ſich um vierzig⸗ tauſend Livres Einkünfte, während Du Deinem Ruine nahe ſtehſt!“ 90 „Daran iſt mir wenig gelegen .. Es bleibt mir eine Hülfsquelle.“ „Welche?“ „Der Prinz Maximilian hat mir zwanzigmal den Vorſchlag gemacht, ſein erſter Stallmeiſter zu wer⸗ den . Man lebt nicht zu ſchlecht an dieſen kleinen deutſchen Höfen. Catherine würde mir folgen, und ich hätte nichts zu beklagen.“ „Sie Dir folgen? . . Rechne hierauf!“ „Sie würde mir folgen, ſage ich Ihnen. . Sie ſehen alſo⸗ ich brauche wegen der Zukunft nicht beſorgt zu ſein!“ „Wie, ſtatt Dich in Deutſchland zu begraben, um dort zu den Befehlen Deines Prinzen zu ſein, denn dieſe Functionen eines erſten Stallmeiſters ſind immer eine Art von Dienſtbarkeit, ziehſt Du es nicht vor, in Paris zu bleiben und hier ein Einkommen von vier⸗ zigtauſend Livres zu genießen?“ „Ich würde dies vorziehen unter der Bedingung, daß es Catherine vorzöge . . Sie liebt Paris un⸗ gemein und hat mir, als ich mit ihr von der Even⸗ tualität, in Deutſchland zu wohnen, ſprach, nicht ver⸗ borgen, ſie werde ſich eher in Alles fügen, als mich ver⸗ laſſen . nichts könnte ihr aber den Aufenthalt in Paris erſetzen.“ „Nun wohl! ſo laß mich dieſem Heirathsprojecte Folge geben; ich getraue mir die Sache gut zu führen.“ „Ich wiedexhole Ihnen, mein Oheim, ich kann nichts deſchließeß ehe ich die Beiſtimmung von Cathe⸗ rine habe.“ * „Nein!“ rief der Margquis ungeduldig, „nein! ein zum erſten Male in ein Mädchen verliebter Jüngling wäre nicht ſo kläglich ſchwach und einfältig, als es dieſer Junge iſt, der doch mehr als irgend Jemand vom Leben Gebrauch gemacht hat!“ „Gerade das iſt es, mein lieber Oheim! weil ich — 91 viel vom Leben Gebrauch gemacht habe, iſt mir dieſe Verbindung ſo theuer; ich bin müde, ich ruhe bei ihr aus; ich bin gelangweilt, ſie unterhält mich; Alles kommt mir fad vor, bei ihr finde ich Erregendes, Piquan⸗ tes; ich bin von Natur indolent, und ich habe mich nur reizen zu laſſen. Warum des Teufels ſoll ich nicht dieſe Verbindung jeder andern vorziehen? Sehen Sie, dieſe Demviſelle Jouffroy iſt von einer vollendeten, merkwürdigen Schönheit; ſie hat den Wuchs einer Göttin, die Friſche einer Hebe, bezaubernde Augen. Und geſtern Abend, als ich mich, wie Sie ſagten, da⸗ mit unterhielt, daß ich ihr den Kopf verrückte, fand ich am Ende ein Vergnügen daran, dieſe Treuherzige erröthen, in Verlegenheit gerathen, zittern, lächeln zu ſehen; mit einem Worte, Alles dies war köſtlich anzu⸗ ſchauen.“ „Nun?“ „Nun wohl! allen Treuherzigen, ſo köſtlich ſie ſein mögen, ziehe ich hundertmal Catherine mit ihren mehr als dreißig Jahren vor.“ „Das wird zur Monomanie!“ Ich hoffe es, lieber Oheim. Es gibt nichts Glücklicheres, als die Menſchen mit ſixer Idee .. nichts kann ſie von ihrem Glücke abbringen.“ „Warum ſoll ich mich im Ganzen wundern? Bin ich nicht unter der Reſtauration Zenge vom Wahufinne des armen Herzogs von Merinville geweſen, der, jung, reizend, ganz toll in eine abſcheuliche Heuſchrecke der Oper verkiebt war, welche nur die Haut auf den Kno⸗ chen hatte und ſeine Großmutter hätte ſein können.“ „Sie ſehen alſo, mein lieber Oheim, es gibt Prä⸗ cedenzien, wie die Rechtsgelehrten ſagen.“ Oh warum verſäumſt Du eine ſo ſchöne Gelegen⸗ heit, Dich wieder flott zu machen .. und mich auch,“ fügte innerlich der Marquis bei, und er ſprach laut: „Wir hätten das Eiſen geſchmiedet, ſo lange es warm 92 war, ich würde heute, in meiner Eigenſchaft als näch⸗ ſter Verwandter, Richardet beſucht und das Terrain geſchickt ſondirt haben. Höre, Du biſt mit vier Buch⸗ ſtaben nur ein Narr, mein Neffe. Geh' zum Teufel!“ „Mein Gott, woher kommt denn dieſer Zorn? Ich ſage nicht ja, ich ſage aber auch nicht nein, aus dem vortrefflichen Grunde, weil ich nicht weiß, ob Catherine ja oder nein ſagen wird. Ich mußte Ihnen geſtern verſprechen, Sie heute früh zu beſuchen und Sie von dem Ergebniſſe meiner Reflexionen zu unterrichten; ich habe mein Verſprechen gehalten, ich habe nachgedacht, und ich komme, um Ihnen zu ſagen: Gibt Catherine ihre Einwilligung zu dieſer Heirath, ſo willige ich auch ein, für den Fall, daß die Sache ſich zu einem guten Ziele führen ließe. Wohlverſtanden, ich hätte für meine Frau die Rückſichten, die man haben muß; ſie ſcheint eine vortreffliche Perſon zu ſein; ſie würde mir wenig zur Laſt fallen, ſie würde thun, was ich wollte, und oben⸗ drein, was ſie wollte; ich bin nicht eiferſüchtig, ich würde ihr volle Freiheit geſtatten unter dem Vorbe⸗ halte der Wiedervergeltung. Fügt man dieſer Bequem⸗ lichkeit der Exiſtenz vierzigtauſend Livres Einkünfte bei, ſo kann man ſich wenigſtens, wie Sie ſagen, mein lieber Oheim, zum Bürgerſtande erniedrigen, denn ich gebe zu, in unſerer Geſellſchaft fände ich keine reiche Heirath mehr zu machen, da ich jetzt zur Mit⸗ gift nur noch meinen Titel habe; unſere Geſellſchaft iſt mehr als hinreichend betitelt! Sagt Catherine dagegen nein, ünd meine letzten Mittel ſind erſchöpft, ſo nehme ich die Stelle des erſten Stallmeiſters vom Prinzen Maximilian an, und ich reiſe mit meiner Ge⸗ liebten nach Deutſchland ab. Guten Tag, mein Oheim. Es iſt elf Uhr; ich gehe zu Frau von Morlac. Erwar⸗ ten Sie meine Rücktehr, und Sie werden erfahren, ob Sie bald Ihre feierliche Rolle des nächſten Verwandten bei Richardet zu ſpielen oder nicht zu ſpielen haben.“ 93 Hienach verließ Henri von Villetaneuſe den Mar⸗ quis, um ſich zu ſeiner Courtiſane zu begeben. XVIII. Der Tag, an welchem Henri von Villetaneuſe mit ſeinem Oheim die ſo eben mitgetheilte Unterredung hatte, war ein Sonntag; an demſelben Morgen nun, gegen ef Uhr, legte der Vater Laurenein in ein Etui die von Frau von Morlac erkaufte Armſpange und ſchickte ſich an, in Geſellſchaft ſeines Enkels das Geſchmeide der Courtiſane zu überbringen. Dies ſollte zugleich ein Spaziergang und eine Zerſtreuung für Michel ſein, der ſeinen Großvater vor der Thüre des Hauſes, wo die Geliebte von Herrn von Villetaneuſe wohnte, er⸗ warten würde. Troſtlos über den Empfang der Tante Prudence, die es ihm am Tage vorher förmlich abgeſchlagen hatte, ſich für ſein Heirathsgeſuch bei Herrn und Madame Jouffroy zu intereſſiren, war Fortuné Sauval nach einer ſchlafloſen Nacht bei Tagesanbruch ausgegangen; er hoffte in der Thätigkeit des Gehens und im Anblicke der äußern Gegenſtände eine Zerſtreuung von ſeinen Bangigkeiten und Beklemmungen zu finden. Naiv und tief verliebt, hatten ihm ſeine Heirathspläne, die er in der Zurückgezogenheit gehätſchelt und im Geheimniſſe ſeines Herzens ausgebrütet, Anfangs aus tauſend Grün⸗ den ſo leicht zu verwirklichen geſchienen, daß er ſie als geſichert betrachtete; wenn er aber an' die hartnäckige Weigerung der alten Jungfer und an ihre Worte in Betreff dieſer Verbindung dachte, ſo fühlte er die Un⸗ gewißheit, beinahe die Verzweiflung in ſein Herz ein⸗ dringen. Voll Zuneigung für den jungen Goldſchmied und beunruhigt durch den Zuſtand der Niedergeſchlagenheit, 94 in welchem er am Tage vorher Fortuné verlaſſen hatte, wollte dieſen der Vetter Rouſſel beſuchen, ehe er zu Herrn Jouffroy ging, und er begab ſich nach der Werk⸗ ſtätte in der Cour des Couches in dem Augenblicke, wo der Vater Laurencin und ſein Enkel auszugehen ſich anſchickten. Sehr ſtolz auf das gute Ausſehen ſeines Enkels, hatte der alte Arbeiter ſeiner Gewohnheit gemäß Michel nach ſeinen beſten Kräften für ſeinen Sonntagsſpazier⸗ gang gekleidet. Der Lehrling trug über ſeiner Tuch⸗ weſte eine ganz neue graue Blouſe, ſein ſehr weißer Hemdkragen war über ſeine ſchwarze ſeidene Halsbinde niedergeſchlagen; ſeine dickbeſohlten, aber glänzend ge⸗ wichſten Stiefel verſchwanden halb unter einer weiten Hoſe von olivengrünem Banmwollenſammet; eine ſchwarze Tuchmütze mit kurzem Schilde ſtand, ein wenig auf die Seite geſetzt auf den gelockten blonden Haaren des jungen Menſchen, allerliebſt zu ſeinem reizenden Geſichte. Der Greis, nachdem er ſich verſichert hatte, daß alles Geſchmeide und die koſtbaren Metalle im Sicher⸗ heitskaſten eingeſchloſſen waren, wollte eben die Werk⸗ ſtätte verlaſſen, als er den Vetter Ronſſel eintreten ſah. „Ho! ho!“ ſagte heiter der ehemalige Specerei⸗ händier zum Lehrling, „wie ſchön biſt Du ſchon am frühen Morgen, mein kleiner Michel!“ Und dem Greiſe die Hand reichend: „Guten Tag, Vater Laurenein! Iſt er zu Hauſe?“ „Nein, Herr Rouſſel, unſer Patron iſt bei Tages⸗ anbruch ausgeangen.“ „Wie! ſo frühzeitig?“ „Er hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan; ich hörte ihn im Zimmer auf und abgehen, und dieſen Morgen ſagte er zu mir: „Ich habe heftiges Kopfweh und will in die friſche Luft gehen; wartet nicht auf mich; verfügt über Euren Tag.““ 95 „Der arme Junge!“ dachte der Vetter Ronſſel, „die Sarkasmen der Tante Prudence machen, daß er befürchtet, ſein Heirathsgeſuch werde nicht gut aufge⸗ nommen werden. Zum Teufel mit den alten Jungfern! ſie ſind ohne Erbarmen gegen die Herzensqualen; doch ich will auf der Stelle zu Jouffroy gehen; ich habe gute Hoffnung.“ Und er fügte laut bei: „Vater Laurencin, für den Fall, daß Ihr Fortuné nicht ſobald ſehen ſolltet, will ich mit Bleiſtift eine Zeile ſchreiben und für ihn bei der Portisre hinter⸗ laſſen.“ Dann das Etui, das der alte Arbeiter in Papier wickelte, gewahrend, fragte er: „Was iſt das? ſicherlich ein kleines Meiſterwerk. Zeigt es mir doch.“ Und beim Anblicke der Armſpange, die ihm der Vater Laurencin in ihrem Etui darreichte, rief er: „Das iſt bewunderungswürdig! Für wen iſt denn dieſes herrliche Juwel beſtimmt?“ „Für eine Nichtswerthe,“ erwiederte der Greis leiſe, um nicht von Michel gehört zu werden. „Sie iſt geſtern mit ihrem Galan, dem Reffen eines Pair von Frankreich, einem Grafen, einem Herrn von Villetaneuſe hier geweſen.“ „Mir ſcheint, dieſer Name iſt mir nicht unbekannt,“ ſagte Joſeph nachdenkend, indeß der Vater Laurencin fortfuhr: „Es iſt übrigens ein ſehr hübſcher junger Mann. Er hatte nur fünfhundert Franken bei ſich, und . „So iſt es“, unterbrach den alten Goldſchmied der Vetter Rouſſel, der ſich mit ſeinen Erinnerungen berathen hatte. „Mein Freund Baleinier widmet ſich dem Discontiren des Papiers... Ich war eines Tages bei ihm . . da bot man ihm einen Wechſel von einem gewiſſen Herrn von Villetaneuſe, dem Neffen eines Pair von Frankreich, an. Das iſt offenbar die⸗ 96 ſelbe Perſon, doch mein Freund Baleinier antwortete, um keinen Preis der Welt würde er dieſe Unterſchrift discontiren. Es ſcheint überdies, daß der Pair von Frankreich ebenſo wenig zahlungsfähig iſt, als ſein Neffe. Damit ſage ich Euch, Vater Laurenein, daß Ihr, wenn dieſer ſchöne junge Mann die Armſpange ſeiner Weibsperſon bezahlen ſoll, dieſelbe teufelmäßig feſthalten müßt.“ „OHh! ſeien Sie unbeſorgt, ich bringe das Geld oder die Armſpange zurück.“ In dieſem Augenblick trat ein Mann, gekleidet wie ein Kammerdiener von gutem Hauſe, in die Werk⸗ ſtätte ein und fragte: „Iſt dies die Werkſtätte von Herrn Fortunés Sau⸗ val?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Vater Laurencin, „doch der Patron iſt ausgegangen.“ „Ich komme im Auftrage meines Herrn, des Herrn Grafen von Villetaneuſe,“ ſagte der Kammerdiener; „ich ſoll Herrn Sauval bitten, unfehlbar dieſen Mor⸗ gen zu Frau von Morlac, Rue Tronchet, Nr. 7, die Armſpange zu ſchicken, die der Herr Graf geſtern ge⸗ kauft hat.“ „Ich wollte mich eben zu dieſer Dame begeben.“ „So beeilen Sie ſich, mein Braver; es liegt dem Herrn Grafen ſehr viel daran, daß die Armſpange vor Mittag zu Frau von Morlac gebracht wird.“ „Ich werde vor Mittag dort ſein.“ „Der Herr Graf kann ſicher darauf zählen?“ „Ja, mein Herr, da ich auf der Stelle abgehe.“ „Gut alſo, denn ich würde tüchtig ausgeſcholten, käme ich in den Verdacht, ich habe meinen Auftrag vernachläſſigt. Der Herr Graf muß ſich ſchon bei Fran von Morlac befinden, denn er will dort ſein, wenn die Armſpange gebracht wird.“ 97 „Ich werde zuverläſſig vor einer halben Stunde bei dieſer Dame ſein.“ „Ich zähle darauf, mein Braver!“ Nach dieſen Worten ging der Kammerdiener ab. „Es ſcheint, dieſe Armſpange gefällt ihnen ſehr,“ ſagte Joſeph; „ein Grund mehr, ſie nicht ohne Geld aus der Hand zu geben.“ „Oh! verlaſſen Sie ſich auf mich Wurſt wieder Wurſt oder .. antwortet der Greis, während er ſorgfältig das Etui in Papier wickelte; der Vetter Rouſſel aber, der Nichel abſeits ſtehen ſah, fragte liebreich: „Vater Laurencin, und dieſer Junge, ſeid Ihr immer noch mit ihm zufrieden?“ „Mit ihm, Herr Rouſſel? Ich kann es wohl laut in ſeiner Gegenwart ſagen, und Herr Fortuns wird es Ihnen wiederholen: wir haben uns nur zu freuen über unſern kleinen Michel wegen ſeines guten Charakters, ſeines Verſtandes und ſeines Geſchmackes bei der Ar⸗ beit.“ „Ah! mein Junge,“ ſprach lachend der Vetter Rouſſel, „Du brauchſt nicht zu erröthen, weil Dein Großvater von Dir das Gute ſagt, das Du verdienſt. Das iſt Deine Belohnung.“ „Ei! Herr Rouſſel, es iſt nicht ſchwer, meinen Großvater und Meiſter Fortuné zu befriedigen,“ ver⸗ ſetzte Michel lächelnd; „man darf ſie nur anhören, und die Sache geht von ſelbſt.“ „Vater Laurenein,“ ſagte Joſeph leiſe „nehmt Ihr Euren Enkel zu der Weibsperſon mit?“ „Nein, nein, ich werde ihn auf der Straße laſſen und er mag auf mich warten, während ich die Arm⸗ ſpange überbringe.“ „Ihr handelt vernünftig; ein Knabe von ſeinem Alter muß das Zimmer von ſolchen Creaturen nicht Die Familie Jouffroy. I. 7 98 betreten. . . . Auf Wiederſehen; ich will beim Portier eine Zeile für Fortuné zurücklaſſen.“ Während der Vater Laurenein und ſein Enkel ſorgfältig die Thüre der Werkſtätte ſchloſſen, ſchrieb der Vetter Rouſſel mit Bleiſtift folgende Worte auf ein Blatt, das er aus ſeiner Brieftaſche geriſſen hatte: „Sogleich nach meiner Zuſammenkunft mit Deinem Oheim Jouffroy gehe ich nach Hauſe und erwarte Dich.“ Nachdem er dieſes Billet dem Portier übergeben hatte, wandte ſich der Vetter Rouſſel nach dem Hauſe von Herrn Jouffroy, um Aurelie zur Ehe für Fortuné Sauval zu begehren. Der Vater Laurenein und ſeln Enkel gingen zu Frau von Morlac. XIX., „Welch ein ſchöner Tag! oh! wie ſchön iſt die Sonne!“ ſagte heiter Michel, auf deſſen Arm ſich der Vater Laurencin ſtützte. „Ermüdet Euch das nicht zu ſehr, ſo werden wir einen großen Spaziergang machen, rt Ihr die Armſpange zu der Dame gebracht a „Mich ermüden mit einer Stütze des Alters wie Du! Ah! ja wohl, ich würde bis an das Ende der Welt gehen. Vernimm alſo die Marſchordnung für unſern Sonntag.“ „Sprecht, Großvater.“ „Ich übergebe zuerſt die Armſpange der Kundin. Du warteſt auf mich vor der Thüre, denn ich werde nur hinauf⸗ und wieder herabgehen; wir brin⸗ gen das Geld für die Rechnung nach der Werkſtätte zurück, weil es nicht klug iſt, eine große Summe bei 99 ſich zu behalten, und dann gehen wir ſpazieren. Sage, wohin werden wir gehen?“ „Wohin Ihr wollt, Großvater.“ „Nein, nein! Das iſt Dein einziger Erholungs⸗ tag; beſtimme unſern Spaziergang.“ „Nnn wohl! wenn es Euch gleich iſt, ſo laßt uns auf die Felder gehen, das Wetter iſt ſo ſchön! es iſt ſo hübſch auf dem Lande, ſelbſt im Winter! man ſieht den Himmel ſo weit vor ſich! und dann Fluren, Bäume, ſtatt der großen ſteinernen Häuſer der Stra⸗ ßen von Paris; das iſt viel heiterer.“ „Ah!“ dachte der Greis, indem er ſeinen Enkel ſo reden hörte, „ſein armer Vater war wie er: er ver⸗ götterte das Land! Welche gute Spaziergänge haben wir am Sonntag Arm in Arm mit einander gemacht!“ Dann ſprach er laut, einen Seufzer unterdrückend: „Einverſtanden, wir gehen nach den Feldern, in die Gegend des Montmartre; ſteht Dir das an?“ „Ob mir das anſteht, der Montmartre! ich glaube wohl! Ich werde in die Steinbrüche hinabklettern, ich. . doch der Lehrling unterbrach ſich lächelnd und fügte dann bei: „Gut! was fällt mir denn da ein! Könnt Ihr denn klettern, Großvater?“ „Ich kann Dir es nicht beſtimmt verſprechen: doch höre, wie wir das einrichten: ich ſetze mich auf ein ſchönes Plätzchen, in der vollen Sonne, am Fuße des Berges, und wenn Du genug gelaufen, geſprungen, geklettert biſt, Herr Eichhörnchen, ſo ſuchſt Du mich wieder auf.“ „Ihr werdet Euch aber allein langweilen?“ „Mich langweilen? weiß ich denn nicht, daß Du Dich belnſtigſt2“ „Oh! guter Großvater, wie würde ich Euch um⸗ men, wären wir nicht auf der Straße!“ 3 „Das wird ſich ſpäter finden, mein Junge. Wenn Du alſo zur Genüge geklettert biſt, ſo machen wir eine 100 hübſche, kleine Mahlzeit beim Vater Lathuille an der Barridre Clichy, und dann kehren wir nach Hauſe zurück wie?“ „Oh! welch ein guter Sonntag!“ rief der Lehr⸗ ling hüpfend vor Freude. „Wenn wir nach Hauſe kommen, nehmen wir ein Buch aus der Bibliothek von Meiſter Fortuné; Ihr legt Euch nieder, und ich leſe Euch vor.“ „Höre, kleiner Michel Du verwöhnſt Deinen alten Großvater zu ſehr.“ „Ah! ja wohl! ehe ich ihn ſo ſehr verwöhnt habe, als er mich verwöhnt hat, muß ich gehörig Verwöh⸗ nereien erfinden, und am guten Willen ſoll es mir hiebei nicht fehlen,“ erwiederte luſtig der Lehrling; dann brach er in ein ſchallendes Gelächter aus, bezeichnete ſeinem Großvater die Urſache ſeiner Heiterkeit und ſagte: 8 „Seht doch, Großvater, ſeht doch den dicken Herrn dort; zurückweichend um den Anſchlagzettel zu leſen, wäre er beinahe gefallen und auf den Karren voll Eier, den der Verkäufer ans Trottvir geſtellt hat, zu ſitzen gekommen. . . . Ha! ha! ha! das hätte einen herrlichen Pfannkuchen gegeben!“ „Das iſt, bei meiner Treue, wahr, welch ein treff⸗ licher Pfannkuchen!“ verſetzte der Greis lachend wie Michel. Und Beide kamen ſo plandernd in die Rue Tranchet, wo Frau von Morlat wohnte. XX. Catherine Vandael, genannt Frau von Morlac, hatte in der Rue Trauchet eine elegante Wohnung im Entreſol inne. Sie trug an dieſem Morgen ein zierli⸗ ches, mit reichen Spitzen beſetztes Frühgewand; große goldene Nadeln hielten die Locken ihrer um ihre Stirne 101 gerollten Haare feſt. Trotz ihrer dreißig Jahre, trotz dieſes für die Frauen ihres Alters gewöhnlich ſo furcht⸗ baren Negligé, erſchien Catherine noch ſchön und von einer jugendlichen Friſche; doch ihre Phyſiognomie bot nicht mehr den ſüßlichen, einſchmeichelnden Ausdruck, der darin am Tage vorher, bei ihrem Beſuche in der Werkſtätte von Fortuné in Geſellſchaft von Herrn von Villetaneuſe, wahrnehmbar geweſen war: man las nur in den Zügen der Courtiſane die herben Sorgen der Habgier. Frau von Morlac ſprach über Geſchäfte mit Herrn Bayeul, deſſen Frau am Tage vorher dem Balle von Richardet beigewohnt und ſich zum großen Ver⸗ druſſe von Aurelie Jouffroy des Armes von Herrn Vil⸗ letaueuſe bemächtigt hatte. „Meine liebe Clientin,“ ſagte Herr Bayeul, von einer Schreibtafel leſend, „die fünfundvierzig tau⸗ ſend Franken ſind zurückbezahlt worden nebſt den In⸗ tereſſen zu drei Procent . . . monatlich . . . gut, ſechsunddreißig Procent jährlich . . . Ich glaube eine neue Verwendung für dieſe Summe zu haben; doch wir werden kaum achtzehn Procent bekommen . . .“ „Man wird ſich damit begnügen müſſen,“ erwie⸗ derte Catherine; „die Anlage iſt aber ſicher?“ „Sehr ſicher . . . Wir haben andererſeits eine Er⸗ neuerung der achtunddreißig tauſend Franken in der Rue Richelien. Ich habe dieſe Erneuerung auf drei Monate gegen vierzehn Procent angenommen; das iſt mittelmäßig, doch die Unterſchrift flößt mir alles Vertrauen ein. Es bleiben uns endlich die zwanzig tauſend Franken, die Sie in Commandite der Mutter Bonnard, Putzhändlerin, Leiherin auf Pfänder u ſ. w. u. ſ. w. gegeben haben. Die Geſchäfte ſind herrlich geweſen wegen des Carnevals, und während der Mo⸗ nate Januar und Februar haben Ihnen Ihre zwanzig tauſend Franken ſiebenzehnhundert Franken eingetragen; das iſt eine Ihrer beſſern Anlagen . . . Was Henri 102 von Villetaneuſe betrifft, ſo haben wir ſeine Verhält⸗ niſſe gewiſſenhaft und ängſtlich mit Richardet, ſeinem Anwalte, unterſucht; Alles, was man hoffen darf, in Betracht der Hypotheken, die auf ſeinem Gute im Dau⸗ phiné laſten, iſt, noch ein Anlehen auf dieſes Gut von fünfzigtauſend Franken zu finden, da dieſes An⸗ lehen auf vierte Hypothek ſtatthaben wird, und der Darleiher verlangt überdies Zurückbezahlung in einem Jahre . . . Ich habe übrigens zu meinem Leidweſen, aus dem Geſichtspunkte des Credits von Herrn von Villetaneuſe, erfahren, daß ein von ihm unterzeichneter Wechſel von dreitauſend Franken von einem Herrn Baleinier, einem Erſpecereihändler, der das Discon⸗ tiren betreibt, zurückgewieſen worden iſt.. Mit einem Worte, wenn Herr von Villetaneuſe noch fünfzigtauſend Franken auf ſein Gut zu entlehnen findet, und er kann ſie nach Ablauf eines Jahres (Verfallzeit ſeiner ver⸗ ſchiedenen Anlehen), was ſicher iſt, nicht zurückbezahlen, ſo wird er aus dem Beſitze ſeines Eigenthums geſetzt; man verkauft ſein Gut, und es bleibt ihm nicht ein Sou übrig.“ „Doch zu dieſer Stunde iſt er noch gut für etwa fünfzigtauſend Franken?“ „Ungefähr, meine liebe Clientin; ich habe ihm übrigens dieſen Morgen aus Rückſicht für Sie hundert Louis d'or als Vorſchuß auf das fragliche Hypothekar⸗ anlehen gegeben; er quälte mich, um dieſe Summe zu bekommen, geſtern Abend ſo ſehr auf einem Balle, wo ich ihn traf, daß ich ihm nicht widerſtehen konnte.“ „Auf welchem Balle haben Sie Henri getroffen?“ „Bei Richardet.“ „Warum iſt Henri dahin gegangen? Das iſt nicht ſeine gewöhnliche Geſellſchaft.“ „Er iſt Richardet eine bedeutende Summe für Geſchäftskoſten ſchuldig, und überdies hat ſein Oheim der Marquis ich weiß nicht welches Mittel gefunden, 103 demſelben Richardet einiges Geld abzuborgen. Da aber die Frau des Letzteren von der größten Eitelkeit beſeſſen iſt, ſo verlangte ſie von ihrem Manne, daß er den Marquis und ſeinen Neffen zu ſeinem Balle einlade. Sie wag⸗ ten es nicht, dieſe Einladung auszuſchlagen.“ „Ich begreife.“ „Wären Sie eiferſüchtig, meine ſchöne Clientin, ſo würde ich mich wohl hüten, Ihnen mitzutheilen, daß auf dieſem Balle .. „Vollenden Sie.“ „Herr von Villetaneuſe ſich äußerſt galant gegen eine reizende junge Perſon benommen hat.“ „Wer iſt dieſe junge Perſon?“ „Die Tochter eines ſehr reichen ehemaligen Kauf⸗ manns.“ „Henri hat ſich mit ihr beſchäftigt?“ „Sehr viel; er hat zweimal mit ihr getanzt; er würde ſogar noch mehr mit ihr getanzt haben, hätte ſich nicht meine Frau des Armes von Herrn von Vil⸗ letaneufe bemächtigt. Kurz, nachdem meine Frau von ihm Beſitz ergriffen und ihn zu ihrem Cavalier ge⸗ nommen hatte, verließ auch die ſchöne junge Perſon den Ball.“ „Mit andern Worten, Madame Bayeul hat ihr Henri entführt.“ „Das iſt der richtige Ausdruck.“ „Sie ſcheinen nur wenig eiferſüchtig zu ſein, mein lieber Herr Bayenl.“ „Eiferſüchtig, ich? Ich bin es ungefähr eben ſo ſehr, als Sie, meine ſchöne Clientin. Ich mache mich keiner ſolchen Albernheiten ſchuldig. Zum Beweiſe mag dienen, daß ich auf demſelben Balle Herrn von Villeta⸗ neuſe die hundert Louis d'or verſprochen habe, die er dieſen Morgen bei mir geholt, und von denen ich zwei⸗ hundert Franken Proviſion abgezogen, in Betracht, daß das Geld ſehr rar iſt; ſo daß der Ballſtaat meiner 104 Frau bereits ſeine Bezahlung gefunden hat. So bin ich eiferſüchtig! . . Doch woran denken Sie? Sie ſind nun träumeriſch. „Alſo,“ fragte Frau von Morlac, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen hatte, „Henri iſt noch gut für fünfzig tauſend Franken?“ „Abgeſehen von den hundert Lonis d'oor von heute Morgen und den andern Schulden, die er haben mag.“ „Ich danke für die Auskunft, ich werde ſie be⸗ nützen.“ „Es wird Ihnen gar nichts machen, wenn Sie dieſen armen Jungen völlig zu Grunde gerichtet ſehen?“ „Mein Lieber, Geſchäfte ſind Geſchäfte. Ich habe genug Frauen meiner Art, nachdem ſie ſich auf dem Golde gewälzt, in abſcheuliches Elend verſinken ſehen, ohne eine andere Perſpeetive für ihre alten Tage, als den angenehmen Dienſt einer Krankenwärterin oder einer Beiläuferin . .. ſehr glücklich, wenn ſie nicht genöthigt waren, die Goſſen zu fegen! .. Offenherzig geſtanden, ich habe keinen Geſchmack für ſolche Verhält⸗ niſſe . ſo ehrenvoll ſie auch ſein mögen. Ich beſitze Ordnung, Sparſamkeit, und bin nicht wie ſo viele ein⸗ fältige Weiber, die ihre Jugend und ihre Schönheit als verlorenes Capital ankegen.“ „Teufel! wem ſagen Sie das meine liebe Clien⸗ tin! Sie würden mit einem normanniſchen Anwalte ſtreiten . . Sie haben ein Vermögen von ungefähr viermalhunderttauſend Franken, und wenn Sie fort⸗ fahren, Ihre Capitalien mit dem Verſtande, der Sie charakteriſirt, ſchwitzen zu machen . 4 „So werde ich fünfundzwanzig gute tauſend Livres Einkünfte beſitzen . .. das iſt die Zahl, die ich mir feſt⸗ geſetzt Gure man muß mäßig in ſeinen Wünſchen ſein.“ „Gewiß „„ „Iſt dieſe Zahl erreicht, ſo ziehe ich mich nach 105 Belgien zurück. in ein hübſches Städtchen und werde Kirchengemeine⸗Dame.“ „Meine liebe Clientin, ich maße mir an, Sie voll zu kennen, und dennoch iſt mir Eines unfaß⸗ ich „Was?“ „Sind Sie bei Herrn von Villetaneuſe, ſogar wenn ich als Dritter anweſend bin, ſo ſcheinen Sie ihn ſo ſehr zu lieben! Sie wenden kein Auge von ihm, Sie ver⸗ lieren keines von ſeinen Worten, Ihre Stimme, wenn Sie zu ihm ſprechen, iſt ſo ſanft, ſo zärtlich, ſo ein⸗ ſchmeichelnd, daß ich immer glaube Sie haben einen Fond von Liebe für ihn;er iſt Ihnen ſo ergeben!. für Sie iſt er ſo gut!“ „Gewiß, gewiß . . gut für fünfzigtauſend Franken, haben Sie mir gefagt?“ Dieſe gräßliche Antwort wurde von der Courtiſane auf eine Art betont, daß Herr Bayeul, dieſer verhärtete Wucherer, ſchauerte und ausrief: „Wiſſen Sie, daß Sie eine entſetzliche Frau „Sie ſind nicht artig, Herr Bayeul; doch ſehen Sie, es gibt etwas, was noch häßlicher iſt, als der Egoismus und die Habgier der Frauen, die mir glei⸗ chen; das iſt das Lvos, das ihrer harrt, ſind ſie dumm genug, um weder egoiſtiſch, noch habgierig zu ſein. Die Ergebenheit, die Tugend, Alles dies iſt herrlich und leicht zu üben, wenn man ſein Brod hat, wie das Volk ſagt, und beſonders und vor Allem, wenn man von ſeinen Eltern gute Grundſätze erhalten hat; die Grundſätze aber, in denen gewöhnlich die unehlichen Töchter erzogen werden, und die Lehren, die ſie em⸗ pfangen, gehören nicht zu den ſtrengſten.“ „Sie? . Eine natürliche Tochter? Ich wußte das nicht.“ 106 „Und ohne Böſes von meiner Mutter reden zu wollen,“ fügte Catherine mit Bitterkeit bei, „ſie hätte mich beſſer erziehen und beſonders . . ſpäter . . . mir beſſer rathen können, als ſie es gethan hat. Doch, im Ganzen, ſelbſt in der Schule des Elends er⸗ zogen, welche häufig die Entſittlichung erzeugt, konnte mir meine Mutter keine beſſere Grundſätze geben. Mein Vater aber, der ſie um Geld verführt hatte und für meinen Pathen galt, war einer von den Männern, wie es ſo viele gibt: ſie ſehen in der Vaterſchaft nur Sorgen, Verlegenheiten, drückende Verantwortlichkeit. Ich war auch kaum fünfzehn und ein halbes Jahr alt, als er, um ſich meiner zu entledigen . . . „Um ſich Ihrer zu entledigen, liebe Clientin ? . .. Vollenden Sie.“ „Wozu? das würde Sie wenig intereſſiren . Meine Geſchichte gehört zu denen, welche auf den Straßen laufen, wie ihre Heldinnen,“ antwortete Ca⸗ therine bitter, nachdem ſie einen Angenblick geſchwiegen. Immerhin iſt es wahr, daß ich . . . wie Sie ſagen ein hartes Herz und eine verdorbene Seele habe.“ „Ah! liebe Clientin, ich würde mir nicht erlauben, zu „Ei! ſprechen wir offenherzig. Man ſagt ſeinem Geſchäftsführer Alles, wie man ſeinem Arzte und ſeinem Beichtvater Alles ſagt. Mittlerweile aber, und bis ich einen Beichtvater habe und ich ſtehe nicht dafür, daß ich nicht eines Tags einen haben werde wie⸗ derhole ich Ihnen: Ich habe ein hartes Herz und eine verdorbene Seele, weil ich, ſeitdem ich das Alter der Vernunft erreicht, um mich her nichts als Egoismus und Verdorbenheit geſehen habe: So, wie ich bin, hatman mich gemacht. Das Böſe iſt nicht minder anſteckend, als das Gute, und . . .“ Dann ſich abermals unterbrechend, ſagte ſie mit einem höniſchen Lächeln: . 107 S „Gott vergebe mir, ich glaube, wir philoſophiren. Ich will nicht den Zerſtreuungen meines Alters vorgrei⸗ fen, unter denen ich, in erſtem Range, die Philoſophie zähle. Ah! ſchreibe ich je meine Denkwürdigkeiten. .. ſie werden ſchöne Theſen für die moraliſtiſchen Philoſophen liefern, die das menſchliche Herz ſtudiren. . Kommen wir nun auf unſere Angelegenheiten zurück, mein lieber Bayeul.“ Die Kammerfrau von Frau von Morlac trat in dieſem Augenblicke ein und meldete: „Madame, man bringt eine Armſpange.“ „Und Henri iſt noch nicht gekommen!“ ſagte Ca⸗ therine ungeduldig zu Herrn Bayeul. „Ich habe wohl Mittel, um dieſe Armſpange zu bezahlen, in die ich verliebt bin, doch .„ Und mit einem ironiſchen Lächeln fügte ſie bei: „Ich ziehe es vor, wenn ich dieſes reizende Juwel der Liebe von Henri zu verdanken habe.“ „Er muß bald zu Ihnen kommen: ich habe ihn vor einer Stunde verlaſſen, und offenbar war das Geld, das er ſo dringlich von mir verlangt hat, zu Bezahlung dieſes Juwels beſtimmt. Gewinnen Sie eine halbe Stunde Zeit, und Sie werden Herrn von Villetanenſe kommen ſehen .. . Hienach, meine Schöne, verlaſſe ich Sie.“ „Und der Rechnungsauszug über die letzten von Ihnen bei meinem Banquier bezahlten Summen?“ „Ah! es iſt wahr, ich vergaß dies: hier iſt er. Verzeihen Sie, meine ſchöne Clientin!“ „Geſchäfte ſind Geſchäfte, mein lieber Herr Bayeul,“ erwiederte die Courtiſane, während ſie den Rechnungs⸗ auszug empfing, und nachdem ſie ihn aufmerkſam ge⸗ und in eine geheime Schublade gelegt hatte, fügte ſie bei: „Auf Wiederſehen, lieber Herr Bayeul! Vergeſſen Sie nicht, mich den Tag wiſſen zu laſſen, wo Henri 108 das Geld von ſeinem letzten Anlehen erhalten haben wird.“ „Armer Junge! Ich wollte wetten, am Tage nach⸗ her werden Sie mit einem Arreſte bedroht ſein, weil Sie, aus Herzensgüte (Sie ſind ſo vertrauensvoll und ſo unwiſſend in Geldangelegenheiten!), weil Sie, ſage ich, aus Herzensgüte für die Zahlungsfähigkeit einer Freundin gebürgt haben . . . Da Sie nun nichts auf der Welt beſitzen, als Ihre Reize, ein wenig Geſchmeide und Ihr Mobiliar, ſo wird Ihnen hiefür ein Kaufmann einen Hundepreis bieten . . . und der Zufall wird wollen, daß dieſer Kaufmann gerade in der Stunde erſcheint, wo ſich Herr von Vielletaneuſe gewöhnlich bei Ihnen befindet. So von Ihrer granſamen Verlegenheit unterrichtet, wird er Sie nöthigen . das iſt das richtige Wort er wird Sie nöthigen, ihm diesmal noch zu er⸗ lauben, Ihnen zu Hülfe zu kommen . . . Sie werden es heldenmüthig ausſchlagen, er wird nicht minder hel⸗ denmüthig auf ſeinen Anerbietungen beſtehen, und be⸗ ſiegt werden Sie dieſen neuen Beweis ſeiner Liebe mit der bewußten zärtlichen Dankbarkeit annehmen. Ge⸗ brauchen Sie nicht das Mittel, das ich nenne, ſo wer⸗ den Sie ein anderes, nicht minder ſinnreiches ſinden, den⸗ Sie ſind unvergleichlich hinſichlich ſolcher Erfin⸗ dungen.“ „Es iſt wahr, ich habe in dieſer Art von Erſin⸗ dungen einige Phantaſie.“ „Welch eine Fran! welch eine Frau!“ „Geſchäfte ſind Geſchäfte, lieber Herr Bayenl. Auf Wiederſehen!“ Und ſich an ihre Kammerfrau wendend: „Laſſen Sie die Perſon, welche die Armſpange bringt, eintreten.“ Herr Bayeul entfernte ſich, und der Vater Lau⸗ renein trat in das Boudoir von Frau von Morlac ein. 109 XX. Am Tage vorher ſehr erſtaunt über die zwiſchen ſeiner Geliebten und dem Lehrlinge von Fortuns Sau⸗ val obwaltende Aehnlichkeit, hatte Herr von Villetaneuſe ſeine Wahrnehmung Frau von Morlac mitgetheilt, ohne daß dieſe, in die Betrachtung der Armſpange verſunken, nach der ſie lüſtern geworden, die Bemerkung des Gra⸗ fen hörte. Der Vater Laurenein ſeinerſeits erblickte kaum, am Werktiſche arbeitend und den Rücken den Käufern zuwendend, die Courtiſane, deren Geſicht überdies halb durch den Stülp ihres Hutes und ihren kleinen Schleier verborgen war; als er aber hinter der Kammerjungfer in das Bondvir von Frau von Morlat eintrat, welche gerade beim Fenſter ſtand, konnte der Greis nach Muße dieſe Fran anſchauen, und er blieb unbeweglich vor Beſtürzung. Catherine, mit bloßem Kopfe, den Hals frei durch den Schnitt ihres Morgengewandes, ihre Haare um die Schläfe gerollt, bot eine ſo ergreifende Aehnlichkeit mit Michel, daß nur die Mutter und das Kind, der Bruder und die Schweſter ſich ſo gleichen konnten. Der Al⸗ tersunterſchied, der zwiſchen der Cvurtiſane und dem Lehrlinge ſtattfand, ließ die Annahme, ſie ſeien Bruder und Schweſter, nicht zu. Alles führte auf den Gedanken, ſie müſſe ſeine Mutter ſein. Er zählte kaum fünfzehn Jahre, ſie war dreißig vorüber. Dieſe Vergleichung des Alters durchzuckte den Geiſt des Handwerksers wie ein finſterer Blitz. Sein Sohn, der ein fünfzehnjähri⸗ ges Mädchen von großer Schönheit geheirathet, hatte ſich⸗ wie ſein Kind, nach einer Ehe von einem Jahre von ſeiner Frau verlaſſen geſehen, und dieſe Elende hatte mit einem ſehr reichen Officiere die Flucht ergriffen 110 Immer noch reizend und von verdächtigen Sitten, welche nur zu ſehr mit ihrem erſten Fehler überein⸗ ſtimmten, konnte alſo Frau von Morlac die Mutter von Michel ſein. Bei dem Gedanken, ſich der Frau gegenüber zu befinden, die er des Todes von ſeinem Sohne anklagte, war der Vater Laurenein dergeſtalt bewegt, daß er erbleichte, zitterte und keinen Schritt machen konnte. Erſtaunt und ungeduldig, als ſie dieſen Greis unbeweglich ein paar Schritte von ſich daſtehen und ſie mit Verwunderung anſchauen ſah, ſagte ſie zum Vater Laurenein: „Kommt doch näher herbei! . . . Warum bleibt Ihr auf der Schwelle dieſes Zimmers? . Bringt Ihr mir die Armſpange?“ Durch dieſe Worte zu ſich zurückgerufen, beherrſchte der Vater Laurencin ſeine Gemüthsbewegung, und um ſich, ſo gut er konnte, zu entſchuldigen, antwortete er mit einer leicht bebenden Stimme: „Ich wartete auf den Befehl von Madame, um mich zu nähern.“ „Das heißt zu viel Ehrerbietung kundgegeben! Kommt näher, kommt näher „. Wo iſt die Armſpange?“ „Hier, Madame,“ antwortete der Greis, indem er das Papier, in welchem das Etui enthalten war, auseinander machte, „hier iſt ſie.“ Die Courtiſane griff gierig nach dem Etni, öffnete es, betrachtete das Geſchmeide mit neuem Entzücken und ſagte von Zeit zu Zeit: „Wie wunderbar! welch ein Geſchmack! welche Zartheit der Arbeit! das iſt ein Meiſterwerk! Der Greis, der ſich um jeden Preis Aufklärung über ſeinen Verdacht, da er für ihn beinahe zur Ge⸗ wißheit geworden, verſchaffen wollte, nahm ſeine Zu⸗ flucht zu einer Lüge, und aufmerkſam die Phyſiognomie gon Frau von Morlat betrachtend, welche immer noch 111 mit der Armſpange beſchäſtigt war, antwortete er lang⸗ ſam: „Ja, Madame, dieſes Juwel iſt ein Meiſterwerk. Leider wird der, welcher es gemacht hat, keines mehr machen.“ „Ah!“ verſetzte Frau von Morlac, ohne daß ſie die Armſpange mit den Angen verließ; „warum wird der Verfertiger dieſes Meiſterwerks keines mehr machen?“ „Madame, weil er todt iſt.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Catherine zerſtreut, indeß ſie fortwährend die Armſpange bewunderte, „das iſt Schade!“ „Sehr Schade!“ ſprach der Greis, langſam ſeine Worte betonend, ohne daß er einen Blick von Frau von Morlac abwandte; „Michel Laurencin, der dieſes Juwel ciſelirt hat, war ein geſchickter Arbeiter.“ „Was ſagt Ihr?“ rief die Courtiſane bebend und den Greis voll Bangigkeit anſchauend, „Ihr ſagt, 6 oſtie „der dieſes Juwel eiſelirt, habe ge⸗ heißen?“ „Michel Laurenein, Madame.“ „Und er iſt todt?“ „Ja, Madame.“ „Seit langer Zeit?“ „Seit mehreren Jahren.“ „Ihr habt ihn gekannt?“ „Er hat ſeit ſeiner Rückkehr aus Belgien in der⸗ ſelben Werkſtätte wie ich gearbeitet.“ „Ah!“ verſetzte Catherine mit einem neuen Schauer der Beſtürzung, „er hat in Belgien gewohnt?“ „Ungefähr zwei Jahre, Madame. Er war in einer der größten Bijouterien von Belgien beſchäftigt.“ „Und Ihr ſeit ſicher, daß er todt iſt?“ „Sehr ſicher, Madame,“ erwiederte der Greis, dem es allmälig gelang, ſeine Gemüthserſchütterung zu überwinden, „ſehr ſicher.“ „So geſchickte Arbeiter ſollten nie ſterben,“ ſagte die Courtiſane, während ſie wieder eine beinahe ruhige Miene annahm, denn ihre Phyſiognomie hatte Erſtau⸗ nen, jedoch keine Traurigkeit ausgedrückt. Sie ſchlug nun den Aermel ihres Frühgewandes zurück, befeſtigte das Geſchmeide an ihrem Arme und ließ es aufs Neue vor ihren Augen ſpiegeln. „Sie iſt es! das unterliegt keinem Zweifel!“ ſagte zu ſich ſelbſt der Greis mit einer kaum verhaltenen Entrüſtung und mit tiefem Abſcheu; „es iſt die Witwe meines armen Sohnes! Bei ſeinem Na⸗ men hat die Elende Anfangs gebebt, doch nur vor Erſtaunen, als ſie ſeinen Tod erfuhr . . Um dieſen Tod kümmert ſie ſich ebenſo wenig, als um ihr Kind, deſſen Schickſal ihr unbekannt iſt, und nachdem ſie dieſes Erſtaunen kundgegeben, nichts! nichts! nicht eine Thräne, nicht ein Seufzer für den Unglücklichen, den ſie ins Grab gebracht hat. Mein Gott! welch ein Ungeheuer iſt dieſes Weib! Ihr Anblick erregt Entſetzen bei mir! Und wenn ich bedenke, daß mein Enkel ihr Sohn ihr Sohn! da iſt, auf der Straße, und vor der Thüre ſeiner ſchändlichen Mutter auf mich wartet! .. Oh! fort von hier! fort! Mein Kopf geräth in Verwirrung, ich vermöchte mich nicht länger zu bewältigen!“ XXI. Der Vater Laurencin wollte eben von Frau von Morlat den Preis für die Armſpange fordern, um ſich ſo ſchnell als möglich zu entfernen, als Herr von Vil⸗ letaneuſe vertraulich, ohne ſich melden zu laſſen, in das Bondoir eintrat. 113 „Gott ſei Dank! ich komme nicht zu ſpät,“ ſprach er freundlich zu Catherine, indem er ihr die Hand küßte, „Ihre Kammerfrau hat mir geſagt, man habe die ſo ſehr erſehnte Armſpange gebracht.“ Dann zog er aus ſeiner Weſtentaſche drei Billets von fünfhundert Franken, nebſt hundert Franken in Gold, wandte ſich an den Greis, gab ihm das Geld und ſagte: „Hier ſind ſechszehnhundert Franken, der Preis für das Juwel.“ „Ich danke, Henri,“ ſprach Catherine, indem ſie Herrn von Villetaneuſe die Hand reichte, an deren Gelenke die Armſpange glänzte: „Sie verderben mich, mein Freund! . das iſt zu viel! es iſt zu viel!. doch Sie haben es am Ende gewollt . .. ich mußte wie immer Ihrem Wunſche nachgeben.“ „Mein Herr, hier iſt die quittirte Rechnung,“ ſagte zu Herrn von Villetaneuſe der alte Handwer⸗ ker, den es drängte, wegzukommen. „Ich bin Ihr Diener.“ „Einen Augenblick Geduld, mein braver Mann, wenn es beliebt,“ erwiederte der Graf, den Greis durch einen Wink zurückhaltend: „Ihr ſeid der Groß⸗ vater eines kleinen Lehrlings, der unter dem Thor⸗ wege auf Euch wartet?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Vater Lauren⸗ ein, ſehr erſtaunt über dieſe Frage. „Doch woher wiſſen Sie .. „Schon geſtern in Ihrer Werkſtätte hatte ich die außerordentliche Aehnlichkeit bemerkt, welche zwiſchen dieſem Kinde und Ihnen, meine liebe Freundin, ſtattfindet,“ fügte er bei, indem er ſich an die Cour⸗ tiſane wandte, „wären Sie ſeine Schweſter, ſo könn⸗ ten ſeine Züge nicht auffallender an die Ihrigen erin⸗ nern. Ich will Sie ſelbſt zur Richterin machen.“ Die Familie Jouffroy. 1⸗ 8 114 „Mein Herr,“ rief der Greis von einer entſetzli⸗ chen Angſt erfaßt, „ich weiß nicht ich bitte Si zu „Gebt Euch nicht die Mühe, Euren Enkel zu ho⸗ len,“ verſetzte Herr von Villetaneuſe im Glauben, dies ſei die Abſicht des Greiſes, als ſich derſelbe ſo haſtig nach der Thüre wandte. „Ich habe Ihre Kammerfrau gebeten, den kleinen Jungen heraufzurufen,“ ſagte er zu Catherine; „denn ich wiederhole Ihnen, ich will Sie zur Richterin über dieſe auffallende Aehnlichkeit machen um ſo mehr, als der Knabe ſchön iſt wie ein Engel.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte lächelnd Frau von Morlac, „Sie ſind ein Schmeichler, mein Freund. Sie laſſen ſich ohne Zweifel durch Ihr Wohlwollen für mich in Ihrem Urtheile irre führen, wenn das Kind ſo ſchön iſt, wie Sie ſagen. In jedem Falle werden wir über dieſe Aehnlichkeit urtheilen. . . da ſie den kleinen Jungen haben holen laſſen „ „Madame . . mein Herr,“ rief der Greis, wäh⸗ rend er in der tiefſten Angſt nach der Thüre lief, „es iſt unnöthig, zu „ Der Vater Laurencin vollendete nicht: die Thüre öffnete ſich, und die Kammerfrau führte Michel, errö⸗ thend und ſchüchtern, ein. Sobald er den Greis er⸗ blickte, ging er auf ihn zu und ſagte: „Ihr habt mich rufen laſſen, Großvater?“ „Run, meine Liebe, was denken Sie?“ fragte Herr von Villetaneuſe, „iſt die Aehnlichkeit nicht wahr⸗ haft außerordentlich?“ Catherine antwortete nichts; ſie betrachtete An⸗ fangs Michel mit einem tiefen Erſtaunen, denn ſie fand wirklich zwiſchen ſich und ihm eine unbegreifliche Aehnlichkeit . Plötzlich aber erbleichte, bebte ſie der Lehrling ſchien fünſzehn Jahre zu zählen die⸗ ſer alte Arbeiter war ſein Großvater, und er hatte kurz 1¹⁵ zuvor Catherine vom Tode von Michel Laurencin, einem Goldſchmiede, unterrichtet . Kein Zweifel mehr! der Knabe, den ſie vor ſich hatte, und der ihr auf eine ſo unglaubliche Weiſe glich, mußte ihr Sohn ſein . Catherine war bei dieſem Gedanken niedergeſchmet⸗ tert. O Macht der Mutterſchaft über die verdorben⸗ ſten Gemüther! Dieſe herzloſe, durch eine unerſätt⸗ liche Habgier verhärtete, vererzte Courtiſane, dieſe gräßlich entſittlichte Creatur, welche, als Vorſpiel zu ihren Ausſchweifungen ihren Gatten verlaſſend, den Tod von dieſem ſo eben beinahe mit Gleichgültigkeit vernommen hatte, fühlte ſich beim Anblicke ihres Kin⸗ des im Herzen getroffen; tauſend neue Gemüthsbewe⸗ gungen erwachten in ihr ſo heftig, ſo tief, daß ſie ſchwankte Sie wäre rückwärts auf den Teppich gefallen, ohne die Hülfe von Herrn von Villetaneuſe. Dieſer hielt aber die Ohnmächtige in ſeinen Armen feſt und rief ſehr beängſtigt, indem er ſich an den Greis wandte: „Ich bitte, wollt ſogleich die Kammerfrau von Madame hierher ſchicken.“ Und er fügte, mit ſich ſelbſt ſprechend und Ca⸗ therine mit wachſender Beſorgniß anſchauend, bei: „Sie hat völlig das Bewußtſein verloren! . . kann die Urſache dieſes unvorhergeſehenen Unfalles ein ?“ „Komm komm, mein Kind,“ ſagte der Greis, der, den ganz verblüfften Knaben fortziehend, voll Eifer dieſe Gelegenheit ergriff, um das Haus zu verlaſſen. Der Vater Laurencin entfernte ſich in demſelben Augenblicke, wo die Kammerfrau, von ihm gerufen, eiligſt zu Catherine lief. Wir werden den Leſer nun zu Herrn Jvuffroy 116 führen. An eben demſelben Tage ſollte der Vetter Rouſſel um die Hand von Aurelie für Fortuns Sauval bitten. XXII. Die Familie Jouffroy nahm gerade ihr Frühſtück vollends zu ſich. Aurelie war bei dieſem Mahle nicht anweſend; ſie hatte Müdigkeit vom Balle und eine leichte Migräne vorgeſchützt, um im Bette zu bleiben und ſich einſam dem ſüßen und zugleich ſchmerzlichen Zauber ihrer Erinnerungen an den vorhergehenden Tag hinzugeben. Von ihnen bis in ihren Träumen verfolgt, war ihr erſter Gedanke beim Erwachen aber⸗ mals für Herrn von Villetaneuſe. Herr Jvuffroy frühſtückte mit ſeinem gewöhnlichen Appetit und empfahl dringend ſeinem Vetter Rouſſel eine gewiſſe äußerſt ſchmackhafte Paſtete von Amiens, der Madame Jyuffroy, mit einem männlichen Appetite ausgerüſtet, gleichfalls alle Ehre anthat. Die Tante Prudence frühſtückte eine Taſſe Milch, in die ſie ge⸗ röſtetes Brod krümelte. Nach dieſer Erquickung rückte ſie ihren Stuhl vom Tiſche zurück und nahm ihr ewiges Geſtricke wieder auf. Die Züge der alten Jung⸗ fer waren ſorgenvoll. Vom Morgenbeſuche von Vet⸗ ter Rouſſel unterrichtet, der mit dem Heirathsgeſuche von Fortuns Sauval beauftragt war, dachte ſie nicht ohne Betrübniß an ihre Unterredung mit Marianne am vorhergehenden Abend. Traurig und nachdenkend aß dieſe kaum, und von Zeit zu Zeit ſprach ihre Mut⸗ ter zu ihr: „Marianne, ſieh doch nach, ob Deine Schweſter nicht etwas nöthig hat.“ Das Mädchen ſtand auf, verließ das Zimmer, kam bald zurück und ſagte: 117 „Mama, Aurelie hat nichts nöthig.“ Madame Jouffroy hatte zum dritten oder vierten Male ſeit einer kleinen Stunde Marianne weggeſchickt, um ſich nach den Bedürfniſſen von Aurelie erkundigen zu laſſen, als die alte Jungfer mit einem ſpöttiſchen Phlegma zu ihrer Schwägerin ſagte: „Meine Liebe, Sie müßten offenbar den Arzt rufen laſſen; glücklicher Weiſe wohnt er dieſem Hauſe gegenüber.“ „Für wen ſoll ich den Arzt rufen laſſen?“ „Für Aurelie: ihr Zuſtand ſcheint mir bedenklich, ſehr bedenklich zu ſein.“ „In wie fern? Sie iſt heute Nacht vom Balle nach Hauſe gekommen, und ſtatt um zehn Uhr aufzu⸗ ſtehen, zieht ſie es vor, den ganzen Tag zu ſchlafen. Sie läßt Ihnen dreimal ſagen, ſie brauche gar nichts und ſie befinde ſich ſehr wohl . . . das arme Kind! Ich ſage Ihnen, man muß äußerſt auf ſie Acht haben.“ „Wahrhaftig, meine Schweſter,“ verſetzte naiv der gute Herr Jouffroy, der ſich im Trinken eines Glaſes alten Sauterne, das er eben an den Mund ſetzte, unterbrach; „wahrhaftig, Du glaubſt, daß Au⸗ relie „ Und ſich gegen ſeine Frau umwendend: „Mimi, Du hörſt?“ „Du ſiehſt nicht, daß Deine Schweſter über uns ſpottet,“ erwiederte Madame Jouffroy, die Achſeln zuckend. Und ſie ſagte mit Bitterkeit zu der alten Jungfer: „Wahrhaftig, ich weiß nicht, was Sie ſeit einiger Zeit haben; man kann nicht von Aurelie reden, ohne Ihren Spöttereien ausgeſetzt zu ſein.“ „Ah! Cnuſine,“ rief lachend Joſeph, der an die ernſte Familienunterredung denkend, welche auf das Frühſtück folgen ſollte, gute Eintracht unter Allen wünſchte und ſich auf die Seite von Madame Jouffroy ſchlug, „wiſſen Sie nicht, daß die Tante Prudence ein 118 ſtarker Geiſt iſt, der ſich über die Schwächen von uns armen Sterblichen luſtig macht!“ „Da haſt Du es, meine Schweſter!“ ſagte lachend Herr Jouffroy. Und er leerte ſein letztes Glas Sau⸗ terne. „Oh! Joſeph hat ein gutes Mundwerk.“ „Es mag ſein,“ ſprach Madame Jouffroy mit einem bitterſüßen Tone. Und auf den ledigen Stand ihrer Schwägerin anſpielend, ſetzte ſie hinzu: „Da Prudence nichts von den Beſorgniſſen weiß, welche einer Mutter die Geſundheit ihres Kindes verurſachen kann, ſo müßte ſie wenigſtens nicht immer über diejenigen ſpotten, welche dieſe Beſorgniſſe hegen.“ „Ah! Mimi,“ ſprach Herr Jouffroy, „der ſich ſtets zwiſchen die Uneinigkeiten ſeiner Schweſter und ſeiner Frau ſtellte, welche Uneinigkeiten ſeit einiger Zeit täglich geworden waren, „Du weißt wohl, daß Prudence unſere Kinder ebenſo ſehr liebe, als wir, und daß das, was ſie ſagt, reiner Scherz iſt nicht wahr, liebe Schweſter?“ „Gewiß,“ erwiederte die alte Jungfer, indem ſie ſich ungeduldig mit einer ihrer Stricknadeln am rechten Schlafe kratzte, „ich bin ein luſtiges, tolles Mädchen, das nur darauf bedacht iſt, Späſſe zu machen“ Ueberzeugt, daß die Antwort der Tante Prudence Madame Jouffroy nicht in allen Punkten befriedigte, wollte der Vetter dem Geſpräche eine andere Wendung geben, und er ſagte: „Ah! meine Freunde! es iſt nun genng geſcherzt. Wir haben unſer Frühſtück beendigt! ſprechen wir von den Angelegenheiten.“ „Wie?“ verſetzte Herr Jouffroy, „von welchen Angelegenheiten, Joſeph?“ „Ich habe mit Euch gefrühſtückt, einmal, um zu frühſtücken, und ich habe mich, wie Ihr geſehen, meiner Aufgabe vollkommen entledigt; ich wollte ſodann mit 119. Euch von einer ſehr wichtigen Sache ſprechen „„nicht wahr, Tante Prudence?“ „Das geht mich nichts an, Vetter Rouſſel. Sie haben mich geſtern gebeten, neutral in dieſer Sache zu bleiben . . . und neutral werde ich bleiben.“ Marianne kam ins Speiſezimmer zurück und agte: „Mama, Aurelie ſteht auf; ſie will zum Früh⸗ ſtück nur eine Taſſe Thee nehmen; ich werde ſie ihr bringen.“ „Nichts als eine Taſſe Thee!“ rief Madame Jvuffroy beſorgt; „iſt ihr denn unwohl?“ „Nein, Mama; „nur hat ſie keinen großen Appetit; ſie kleidet ſich an, und Du wirſt ſie ſogleich ſehen.“ „Wenn Ihr nun wollt, meine Freunde,“ fuhr der Vetter Rouſſel fort, „ſo werden wir in Euer Schlaf⸗ zimmer gehen, um über die fragliche Angelegenheit zu ſprechen.“ „Wohlan!“ ſagte Herr Jouffroy, vom Tiſche auf⸗ ſtehend; dann zu ſeiner Frau: „Kommſt Du, Mimi?“ Errathend, auf welche Angelegenheit der Vetter anſpielte, und obſchon ein wenig beruhigt durch die nächtlichen Mittheilungen von Aurelie, konnte ſich Ma⸗ rianne doch nicht enthalten, einen ſchmerzlichen Blick auf die Tante Prudence zu werfen. Dieſe antwortete ihr durch ein Zeichen des Einverſtändniſſes und folgte ihrem Bruder und deſſen Frau in ihr Schlaf⸗ zimmer. XXIII. „Nun alſo, Joſeph,“ fragte Herr Jouffroy, „was für eine wichtige Angelegenheit iſt es, über die Du mit uns zu reden haſt?“ „Ich, was mich betrifft,“ ſagte die Tante Prudence, 120 „ich weiß nicht, wozu ich hier nützen ſoll, denn ich habe mir vorgenommen, ſtumm zu bleiben wie ein Fiſch.“ „Ah! meine Schweſter,“ erwiederte Herr Jouffroy, „Du weißt, Daß wir uns nie mit einer wichtigen An⸗ gelegenheit beſchäftigt haben, ohne Dich zu Rathe zu ziehen, und wir haben uns immer wohl dabei befunden.“ „Gut! doch bei dieſer Sache habe ich weder ja, noch nein zu ſagen; das iſt mit dem Vetter Rouſſel ver⸗ abredet.“ „Joſeph,“ ſprach lachend Herr Jouffroy, „wirſt Du uns das Wort der Charade ſagen?“ „Gewiß. Das Wort der Charade iſt: Heirath.“ „Heirath!“ wiederholten gleichzeitig Herr und Ma⸗ dame Jvuffroy. „Ja, meine Freunde, darum will die Tante Pru⸗ dence, welche über dem Worte und der Sache in Ohn⸗ macht fällt, in Entrüſtung geräth, das Hautſchauern be⸗ kommt, neutral bleiben und ſich durchaus nicht, nicht einmal mit einer Sylbe in dieſen Eheſtandspfuhl miſchen. Ich, der ich keine ſolche Bedenklichkeiten habe, komme ganz einfach, um Euch eine Heirath für Aurelie vorzu⸗ ſchlagen.“ „Ho! ho!“ rief Herr Jouffroy, ſich bei ſeiner Frau mit dem Blicke Raths erholend, „Du hörſt, Mimi? .. das iſt in der That ſehr ernſt! .4 „Mein Vetter,“ verſetzte Madame Jouffroy, „ich muß Sie ſogleich darauf aufmerkſam machen, daß wir im Punkte des Heirathens nie etwas ohne den Willen von Aurelie beſchließen werden.“ „Natürlich,“ ſetzte Herr Jeuffroy hinzu, „ſie iſt es, welche heirathet, und ihr gebührt es, ihren zukünftigen Gatten zu wählen.“ „Ich kenne Euch zu genau, meine Freunde, um zu befürchten, es dürfte Euch einfallen, ſie zu einer Wahl zu zwingen doch Eure Pflicht iſt es wenigſtens, ſie zu belehren.“ 121 „Nun denn,“ ſagte Madame Jouffroy, „welche Par⸗ tie iſt es, die Sie uns für unſere Tochter vorſchlagen?“ „Ihr Vetter . . . Fortuns Sauval.“ „Fortuné?“ verſetzte lebhaft Madame Jouffroy, „um ihn handelt es ſich?“ „He! he!“ ſagte Herr Jouffroy mit einer billigenden Miene, ſeine Frau mit dem Blicke zu Rathe ziehend, obgleich er ſich im Sinne ihres Ausrufs getäuſcht hatte; „he! he! Vetter und Baſe ſind nur eine Hand breit von einander entfernt. Fortuns iſt der beſte Junge der Welt. Aurelie und er kennen ſich ſeit ihrer Kindheit, und, bei meiner Treue, wenn Aurelie einwilligte, dieſe Heirath würde mir ungemein gefallen .. Was ſagſt Du dazu, Mimi?“ „Ich ſage, der Vetter Rouſſel muß den Kopf ver⸗ loren haben, um uns einen ſolchen Antrag zu machen!“ rief Madame Jouffroy die Achſeln zuckend; „ich ſage, Du mußt verrückt ſein, einmal, um dieſe Heirath ganz einfach zu finden, und dann, um zu glauben, Aurelie werde hiezu einwilligen.“ Die Tante Prudence warf über ihre Brille, in⸗ deß ſie fortſtrickte, einen ſpöttiſchen Blick auf den ſehr aus der Faſſung gebrachten Vetter Rouſſel, während Herr Jvuffroy ſchüchtern zu ſeiner Frau ſagte: „Ei! Mimi . . ich glaubte, Fortuné könne . „Laß mich doch in Ruhe! unſere Tochter an einen Kleinhändler verheirathen . . ſie, die eine herr⸗ liche Mitgift bekommen wird ſie, die ſchön, wie ſie iſt, auf Alles Anſpruch machen kann! . Wahrlich, ich weiß nicht, was der Vetter Rouſſell denkt!“ „Ich denke, meine liebe Conſine, daß Sie Kleinhänd⸗ lerin geweſen ſind . . . daß Baptiſte Kleinhändler ge⸗ weſen iſt . . daß ich Kleinhändler geweſen bin . Wenn nun . . .“ „Was für ſchöne Gründe hat er!“ verſetzte Madame Juufftoy mit wachſender Ungeduld. „Ei! gerade, weil 122 wir, ich und mein Mann, wiſſen, was es heißt, vom Montag bis zum Sonnabend in einem Laden zu ſein, wie die Hunde an der Kette, wollen wir unſere Tochter nicht denſelben Widerwärtigkeiten ausſetzen . . . Wie er⸗ götzlich iſt es, zu den Befehlen des erſten des beſten Strolchs zu ſtehen, der uns für hundert Sous abkauft!.. Ich danke! . . ich weiß, was die Elle hievon werth iſt!“ „Natürlich, Couſine, da Sie Seidenzeuge mit der Elle ausgemeſſen haben,“ erwiederte Joſeph. „Doch Sie und Baptiſte, Ihr habt in dieſem Laden ein ſchönes Vermögen gewonnen.“ „Ja, Gott ſei Dank! unſer Vermögen iſt gemacht; wir wollen auch unſerer Tochter die Unannehmlichkeiten erſparen, die wir bei Anhäufung deſſelben gehabt haben. Und überdies will ich für meine Tochter eine Hei⸗ rath, welche ihrer Eitelkeit und der unſern ſchmeichelt .. Kurz, nie wird ſie die Frau eines Krämers oder, wenn Sie lieber wollen, eines Goldarbeiters werden!“ Tante Prudence, während ſie ihre Schwägerin ſo ſpre⸗ chen pörte, entſchädigte ſich, nur mit großer Mühe die Neu⸗ tralität beobachtend, die ſie ſich auferlegt, dadurch, daß ſie wüthend mit einer von ihren Stricknadeln am rechten Schlafe kratzte, indeß der Vetter Rouſſel, der das Terrain Fuß für Fuß vertheidigte und nicht jede Hoffnung ver⸗ lor, fortfuhr: „Wenn ich Sie recht verſtehe, Couſine, ſo wünſchen Sie für Aurelie eine Heirath, welche ihrer Eitelkeit und der Ihrigen ſchmeichelt.“ „Gewiß.“ „Nun wohl! wiſſen Sie, was geſtern in der Werk⸗ ſtätte von Fortuns vorgefallen iſt?“ „Was iſt vorgefallen?“ „Ein Prinz . . ein ächter Prinz . . der Bruder eines regierenden Herzogs in Deutſchland . .“ Und ſich unterbrechend fügte der ehemalige Specereihändler mit einem Ausdrucke verhaltenen Spottes bei: „Ich hoffe, 123 Coufine, das fängt an hübſch Ihrer Eitelkeit zu ſchmei⸗ eln?“ 4 „Weiter! „fahren Sie fort! .. „Dieſer Prinz iſt nun geſtern Abend zu Fortuné gekommen, um . . .5 „Um eine Beſtellung bei ihm zu machen? Das iſt ein ſchöner Ruhm!“ „Nein, Couſine, nicht um eine Beſtellung bei ihm zu machen. Dieſer Prinz brachte ſelbſt Fortuné das Kreuz der Ehrenlegion, das der König dem Genie Ihres Neffen, des berühmteſten Goldſchmieds dieſer Zeit, be⸗ willigte.“ „Fortuné decorirt!“ rief Jouffroy mit Bewunderung die Hände faltend, „wäre es möglich? . . Fortuné de⸗ corirt! .. Prudence, Du hörſt? . der Sohn unſerer Schweſter! Ah! welch ein Unglück, daß mein Bruder Laurent nicht mehr von dieſer Welt iſt, um ſich mit uns über eine ſolche Verherrlichung der Familie zu freuen.“ Und der würdige Mann, der ſich einer Freuden⸗ thräne nicht erwehren konnte, ſetzte hinzu: „Mein Neffe hat das Ehrenkreuz! . . Ah! Mimi! welch ein ſchöner Tag für uns Alle! . . Ich ſage noch einmal, wie Schade iſt es, daß mein Bruder Lau⸗ rent nicht mehr lebt!“ „Gut!“ verſetzte Madame Jouffroy, die Achſeln zuckend, „Dein Bruder Laurent hielt hundertmal mehr auf ein Paar ſchöne Augen und einen zarten Leib, als auf alle Ehrenkreuze der Welt. . . Das war ein Schelm!“ „So ſehr er auch Schelm geweſen ſein mag, er hätte doch unſere Freude getheilt. Ah! ich vergaß, unſere Kinder wiſſen nicht, daß ihr Vetter . .. Und der würdige Mann lief gegen eine der Thüren des Schlafzimmers, welche nach der Hausflur ging, mit der das Zimmer der beiden Mädchen in Verbindung ſtand, und rief: 124 „Aurelie! .. Marianne! kommt! . . kommt ge⸗ ſchwinde!“ Dann wandte er ſich zu ſeiner Frau um und fiel ihr um den Hals. „Umarme mich, Sophie, umarme mich! Fortuné decorirt! ich glaube, ich werde darüber ein Narr!“ „Gott verzeihe mir, das fängt an!“ ſagte Madame Jouffroy, nachdem ſie die Umarmung ihres Mannes em⸗ pfangen hatte. „Mein Gott! welch ein Lärmen wegen einer ſolchen Kleinigkeit!“ Die beiden Mädchen liefen auf den Ruf ihres Va⸗ ters herbei. Aurelie trat, in einen eleganten Schlafrock gehüllt, zuerſt ein. Ihr reizendes, leicht erbleichtes Geſicht trug die Spuren der Schlafloſigkeit an ſich. Die Schwermuth, die Bangigkeit, die Unruhe ihrer Seele, welche ſeit dem vorhergehenden Tage ein für ſie neues Gefühl erfaßt hatte, verliehen ihren Zügen einen rührenden Ausdruck. Marianne folgte ihrer Schweſter, doch in dem Au⸗ genblicke, wo ſie mit ihr in das Zimmer eintrat, ſagte Madame Jouffroy zu ihr: „Marianne, wir haben mit Aurelie zu reden; laß uns allein.“ Marianne überſchritt die Thürſchwelle nicht; ſie drehte ſich ſogleich wieder um, nachdem ſie einen trauri⸗ gen Blick mit der Tante Prudence gewechſelt hatte. „Warum theilen wir nicht auch Marianne mit, daß Fortuné decorirt iſt?“ ſagte Herr Jouffroy zu ſeiner Frau; „das arme Kind würde ſich ſo ſehr freuen!“ „Wahrhaftig, Baptiſte, dieſe Decoration macht, daß Du den Kopf verlierſt . . . Iſt es ſchicklich, daß Ma⸗ rianne den Heirathsantrag hört, den wir ihrer Schweſter machen werden, denn ich will mein Herz frei haben und dem Vetter Rouſſel beweiſen, ich finde nicht allein, er ſei nicht bei Verſtande.“ 125 XXV. Hellſehender als die anderen Mitglieder der Familie, bemerkte der Vetter Rouſſel nicht ohne ein gewiſſes Er⸗ ſtaunen den ſchwermüthigen Ausdruck der ſonſt ſo freund⸗ lichen, lächelnden Phyſiognomie von Aurelie. Sie ſagte zu ihrem Vater, indem ſie ſich zu ihm ſetzte: „Was hatteſt Du uns denn ſo eilig mitzutheilen?“ „Kindchen, ich wollte Dir mittheilen . . .“ „Baptiſte, laß mich ſie von dieſer Kunde unterrich⸗ ten,“ unterbrach Joſeph raſch Herrn Jouffroy. „Ich habe meine Gründe, Dir dies zu ſagen.“ „Oh! Vetter,“ rief Aurelie, indem ſie zu lächeln ſuchte, „theilen Sie mir doch geſchwinde dieſe gute Kunde mit.“ „Vor Allem, mein Kiud, antworte mir: was denkſt Du von Fortuné?“ „Von Fortuné!“ „Ja.“ „Ich denke, daß es auf der Welt keinen jungen Mann von einem beſſeren Charakter, von einem beſſeren Herzen gibt.“ „Und was ſagſt Du von ſeinem Geſichte?“ „Wahrhaftig, Vetter Rouſſel, Sie machen ſeltſame Fragen an mich!“ „Antworte mir immerhin, liebe Aurelie. Fortuns iſt Dein Freund aus der Kinderzeit, er iſt beinahe ein Bruder für Dich; Du kannſt ohne Scheu reden.“ „Oh! ich fühle mich durchaus nicht verlegen, Ihnen zu antworten, daß das Geſicht von Fortunés einnehmend iſt, daß man ſeine Herzeusgüte darin lieſt. Nur es ſei dies ohne Vorwurf geſagt,“ fügte das Mädchen ächelnd bei, „nur vernachläßigt dieſer liebe Vetter zu ehr ſeine Toilette. Das iſt Schade, denn wenn er wollte, 126 h er wie ſo viele Andere das Anſehen eines Elegant aben.“ „Dieſe, übrigens leicht zu verbeſſernde, Nachläßigkeit iſt entſchuldbar, inſofern ſie von der Liebe Deines Vet⸗ ters für ſeine Kunſt zeugt, in der er ſich auszeichnet. Er verläßt ſeine Werkſtätte nur, um von Zeit zu Zeit ſeine Abende hier in der Familie zuzubringen.“ „Das iſt wahr. Er ſcheint ſo glücklich zu ſein, wenn er bei uns iſt, und er kennt, wie er uns beſtändig ſagt, nur zwei Dinge: ſeine Kunſt und das Familienleben. Er iſt auch einer der erſten Juweliere von Paris.“ „Das beißt an, das beißt an!“ ſagte leiſe und freu⸗ dig Herr Jouffroy zum Vetter Rouſſel. Dieſer aber ſprach zu Aurelie: „Weißt Du, was für eine Kunde es iſt, welche Dir mittheilen zu dürfen ich Deinen Vater bat? Ein Prinz iſt geſtern zu Deinem Vetter gekommen, um ihm im Namen des Königs das Ehrenkreuz zu bringen.“ „Sollte das wahr ſein?“ verſetzte Aurelie mit einem Ausdrucke des Erſtaunens und des Vergnügens. „Ah! wie freut mich für meinen Vetter, was Sie mir da ſagen! Wie ſtolz muß er ſein! Ein Prinz bringt ihm das Kreuz im Auftrage des Königs!“ Madame Jouffroh ſchaute ihre Tochter mit Beſorg⸗ niß an, als ſie dieſelbe ſo vortheilhaft von ihrem Vetter ſprechen hörte. Die hoffärtige Frau fand, nach dem Ausdrucke ihres Mannes, doch im Widerſpruche mit ihm, daß dies zu ſehr in Betreff des jungen Künſtlers anbiß. „Ja, Kindchen!“ rief Herr Jouffroy ſtrahlend, „Fortuné hat das Ehrenkreuz! Ich bin außer mir vor Wonne! . . Es iſt am Ende mein Neffe! . er iſt mein Neffe, der liebe Junge!“ „Alſo,“ fuhr Joſeph fort, während er einen trium⸗ phirenden Blick auf die Tante Prudence warf, welche, ihrer Neutralität getreu, emſig ſtrickte, „alſo, meine liebe Aurelie, Du fühlſt Dich in Deiner Eitelkeit, wie 127 Deine Familie, mit Recht geſchmeichelt durch die Aus⸗ zeichnung, deren Gegenſtand Fortuné geweſen iſt?“ „Gewiß, ich bin ſtolz darauf für ihn und für uns. Der liebe Fortuns! ſein Talent verdiente eine ſolche Belohnung!“ „Und dieſe Belohnung macht ihn doppelt glücklich; weißt Du warum?“ „Nein, Vetter Rouſſel.“ „Weil er ſich geſagt hat: „„Nun iſt meine Stellung gemacht; ſie iſt ſo ehrenvoll als möglich; ich kann daran denken, mich zu verheirathen.““ „Wie! Fortuné gedenkt zu heirathen?“ „Das iſt ſein ſehnlichſter Wunſch, mein Kind.“ „Nun wohl! diejenige, welche er heirathet, kann glücklich zu werden ſicher ſein,“ erwiederte treuherzig und aufrichtig Aurelie; „ſie wird ſich rühmen können, einen Muſterehemann zu beſitzen!“ „Und obendrein wird ſie ſich rühmen können, Klein⸗ händlerin zu ſein!“ rief Madame Jouffroy, welche ihre Ungeduld nicht mehr länger beherrſchen konnte und ſich immer mehr ängſtigte, da ſie ihre Tochter ſo das Lob ihres Vetters ausſprechen hörte. „Ei! mein Gott, ja,“ fügte ſie mit einer verächtlichen Miene bei: „das iſt das Madame Fortuné Sauval vorbehaltene ſchöne Loos... Kleinhändlerin und Goldarbeitersfrau!“ Die Tante Prudence konnte auch nicht länger an ſich halten, und ihre Neutralität vergeſſend, ſagte ſie mit einer ſpöttiſchen Entrüſtung: „Goldarbeitersfrau! Kleinhändlerin! . . . Ah pfui! meine edle Nichte! Deine Mutter hat Recht! welch ein gemeines Wort: Goldarbeitersfrau! es könnte einem übel werden! Kleinhändlerin und einen Laden führen, nicht mehr, nicht minder, als dies Dein Vater und Deine Mut⸗ ter gethan haben! Goldarbeitersfrau! welch ein gemeines Wort! welch ein gemeines Gewerbe! Bravo, meine Schwä⸗ gerin! Sie haben einen ſcharfen Verſtand, ein erhabenes Herz und einen ſtolzen Geiſt! Bei Gott! wenn meine 128 Nichte Ihre Rathſchläge befolgt, ſo wird ſie der Familie keine Schande machen!“ „Ja, Mademviſelle Prudence, meine Tochter wird, mit Ihrer Erlaubniß, auf meine Rathſchläge hören!“ antwortete Madame Jouffroy mit bitterem Tone ihrer Schwägerin; „und wenn ſie mir glaubt, ſo wird Aurelie, und ſollten Sie auch vor Aerger darüber berſten .. Aurelie wird, ſchön wie ſie iſt, nie Kleinhändlerin wer⸗ den. Sie iſt für etwas Beſſeres gemacht . . . und um Ihr gutes Herz . . . Ihr vortreffliches Herz zu erfreuen, ſbeile ich Ihnen mit, daß nicht ſpäter als geſtern auf dem Balle bei den Richardet, wo wir waren, Perſonen von der höchſten Geſellſchaft, ein Marquis und ein Graf, der Eine ein Pair von Frankreich und der Andere ſein Neffe, nur Angen, Zuvorkommenheiten, Aufmerkſamkeiten für meine Tochter gehabt haben. Der Herr Graf von Villetaneuſe (Sie ſehen, Mademoiſelle Prudence, ich ſetze die Punkte auf die i, ich ſpreche die Namen aus), der Herr Graf von Villetaneuſe, ein liebenswürdiger, reizen⸗ der junger Mann wollte immer mit Aurelie tanzen. Er hat ihr geſagt, wie ſein Oheim der Marquis, ſie gleiche wie ein Waſſertropfen dem andern einer ſehr gefeierten Gräfin des Faubourg Saint⸗Germain. Ich bilde mir aber ein: wenn eine junge Perſon ein ſo ausgezeich⸗ netes Aeußeres hat, daß ein Graf und ein Marquis ihr ſolche Dinge ſagen, ſo iſt ſie, Gott ſei Dank! nicht gemacht, um je Goldarbeitersfrau zu werden.“ „Sie haben Recht, Madame, und Sie ſprechen gol⸗ dene Worte,“ verſetzte die Tante Prudence. Dann ſich an Herrn Jouffroy wendend, der, troſtlos über dieſen Streit, ſeufzte und keine Sylbe von ſich gab: „Doch da fällt mir ein, Bruder . . Hat der König von Frank⸗ reich keine Söhne zu verheirathen? . Meiner Anſicht nach wäre das eine ziemlich paſſende Partie für Aure⸗ lie. Deine Frau würde vielleicht nichts Unziemliches in dieſer Heirath ſehen . . 129 „Jungfer Prudence, Sie find nur eine abſcheulich Neidiſche!“ rief Madame Jouffroy außer ſich; „Sie ſind nur Haß und Galle, weil Sie nie eine Gelegenheit zum Heirathen haben finden können . . wegen Ihres ſchlech⸗ ten Herzens, wegen Ihres boshaften Charakters und Ihrer Schlangenzunge.“ „Sophie, kannſt Du ſo zu meiner Schweſter ſpre⸗ chen in Gegenwart unſerer Tochter!“ rief Herr Jouffroy, ſchmerzlich bewegt; „weißt Du nicht . . .“ „Schweigen Sie! Ihre Schweſter liebt Niemand, und ich bin entzückt über dieſen Anlaß, ihr ins Geſicht zu ſagen, daß ſie unerträglich wird.“ „Weil es mir unmöglich iſt, Ihre ausſchweifenden Schmeicheleien, Ihre lächerlichen Bewunderungen für Aurelie zu ertragen, Madame,“ ſagte die Tante Prudence. „Sie ſetzen ihr tolles Zeng in den Kopf; Sie wiſſen nicht, was Sie erſinnen ſollen, um ihre Eitelkeit auf⸗ zuregen, um ſie zu den wahnſinnigſten Anſprüchen an⸗ zureizen und Sie werden es gut heißen, daß ich dies in ihrer Gegenwart ſage. Ich füge noch bei, daß Sie, wäre Aurelie nicht mit dem vortrefflichſten Herzen begabt, Gefahr laufen würden, ſie zum unangenehmſten und, was noch ſchlimmer iſt, unglücklichſten Geſchöpfe der Welt zu machen.“ „Jungfer Prudence, ich erziehe meine Tochter, wie es mir beliebt.“ „Ei! Madame, ich begreife, daß eine Mutter ſtolz auf ihre Tochter iſt. Seien Sie indeſſen ſtolz auf das, was ſich wirklich Lobenswerthes bei Aurelie findet, und es gibt bei ihr Dinge, auf welche Sie mit Recht ſtolz ſein dürfen. Iſt ſie aber Ihr Kind, ſo iſt ſie auch meine Nichte, und ich bilde mir ein, daß ich das Recht habe, mich für ſie zu intereſſiren.“ „Du ſiehſt es wohl,“ ſagte raſch Herr Juufftoy, „Alles dies iſt nur ein Mißverſtändniß. Meine Schweſter Die Familie Joufftoy. 1. 5 nicht mehr, vergeſſen wir unſer Aufbranſen.“ 130 liebt Aurelie auf ihre Weiſe, wie wir ſie auf die unſere lieben. Was uns Prudence ſagt, ſagt ſie in guter Ab⸗ ſicht.“ Dann ſich leiſe an Aurelie wendend, fügte er bei: „Umarme geſchwinde Deine Mutter und Deine Tante.“ Betrübt über den Zwiſt, deſſen unwillkürliche Urſache ſie war, entſprach Aurelie auf das Bereitwilligſte dem Wunſche ihres Vaters und ſagte zu Madame Jvuffroy, indem ſie ſie zärtlich küßte: „Liebe Mama, wenn Du wüßteſt, wie ich betrübt bin über dieſen Streit! Du liebſt mich ſo ſehr,“ fügte das Mädchen ſchwermüthig bei: „Du liebſt mich ſo ſehr, daß Du für mein Glück die ſchönſten Träume machſt.“ Dann auch die Tante Prudence umarmend: „Sie lieben mich ebenfalls . .. Die Bemerkungen, die Sie meiner Mutter gemacht haben, ſind, ich weiß es wohl, in meinem Jutereſſe, gute Tante!“ Dann ſprach ſie mit einem rührenden Lächeln, in⸗ dem ſie zugleich Madame Jyuffroy und die Tante Pru⸗ dence bei der Hand nahm: „Oh! nicht wahr, Ihr ſeid einander nicht böſe, gute Mutter, liebe Tante? Ich wäre troſtlos, müßte ich mich für die Veranlaſſung einer ernſten Uneinigkeit zwiſchen Euch halten. Ich bitte, laßt mir dieſe Furcht nicht .. ſehen, daß ich Euch Beide zufrieden zu ſtellen weiß.“ „Mein Gott,“ erwiederte Madame Jouffroy dem ſauften Einfluſſe ihrer Tochter nachgebend, „Deine Tante Prudence muß wiſſen, daß die Geduld nicht meine Stärke iſt, und ſie nörgelt immer mit mir.“ „Sophie,“ ſprach die alte Jungfer mit verſöhnen⸗ dem Tone, „Sie müſſen auch wiſſen, daß ich mich nicht enthalten kann, zu ſagen, was ich für wahr und gerecht halte. Ich ſage es zuweilen auf eine zu herbe Art, das geſtehe und bedaure ich. Betrüben wir dieſes liebe Kind * 131 „Gut, Prudence; ich kann in Zorn gerathen, hege aber keinen Groll!“ „Das iſt ein Glück,“ fügte Joſeph bei. „Wie viel Mühe habt Ihr, gegenſeitig zu erkennen, daß Ihr mehr werth ſeid, als Eure Worte!“ „Liebe Frau! liebe Schweſter!“ rief mit Erguß Herr Jouffroy, dem die Thränen in die Augen traten. „Es iſt mir ſo ſüß, Euch wie ſonſt vereinigt zu ſehen! Dürfen wir je an unſerer Zuneigung für einander zwei⸗ feln? Was Teufels! Jeder hat ſeine kleinen Lebhaftig⸗ keiten! ſeien wir nachſichtig, es gibt nur ein Glück auf der Welt: das, friedlich und gut in der Familie zu leben!“ XXV. Ein Stillſchweigen von einigen Angenblicken, ver⸗ urſacht durch die verſchiedenen Gemüthsbewegungen und Reflexionen unſerer Perſonen, unterbrach das Geſpräch. Gleich Anfangs beim Eintritte von Aurelie erſtaunt über ihre leichte Bläſſe und den ſchwermüthigen Aus⸗ druck ihrer Phyſiognomie, hatte der Vetter Rouſſel ihre Unruhe, ihre Röthe wahrgenommen, als Madame Jouffroy über die auf dem Balle am vorhergehenden Abend von Herrn von Villetanenſe Aurelie bezeigten Aufmerkſamkei⸗ ten und Zuvorkommenheiten in Extaſe gerieth. An dem⸗ ſelben Morgen und in Gegenwart von Joſeph war der Bediente des Grafen in die Werkſtätte von Fortuné ge⸗ kommen, um den Vater Laurencin zu ermahnen, daß er ohne Verzug ein Juwel zu Frau von Morlac, einer be⸗ rufenen Courtiſane, bringe, bei der ſich Herr von Villeta⸗ neuſe am Mittag befinden ſollte. Von Herrn Baleinier, einem ſeiner ehemaligen Geſchäftsgenoſſen, der nun den Disconto betrieb, wußte Joſeph endlich, daß die Unter⸗ ſchrift von Herrn von Villetanenſe überall zurückgewieſen 132 wurde. Ohne das Liebesgeheimniß von Aurelie zu er⸗ gründen, doch ſehr geneigt, zu glauben, das Mädchen, das fortwährend wiederholen hörte, „es könne auf eine glänzende Heirath Anſpruch machen,“ habe den Grafen bemerkt, zu ſehr bemerkt, fühlte der Vetter Rouſſel, weit entfernt, die Sache von Fortuné als verloren zu betrachten, ſeine Hoffnung in Betreff dieſer Heirath wie⸗ dererſtehen. Aurelie ihrerſeits, betroffen darüber, daß Madame Jouffroy ausgerufen hatte, ihre Tochter werde nie Klein⸗ dändierin werden, und dies in dem Augenblicke, wo der Vetter Rouſſel von den Heirathsplänen von Fortuné ſprach, vermuthete nun, ſie ſei dieſen Plänen nicht fremd. Sie zweifelte nicht mehr hieran, als Joſeph⸗ zuerſt das Stillſchweigen brechend, ſagte: „Meine liebe Anrelie, unſer Geſpräch iſt völlig von ſeinem Ziele abgelenkt worden; laß mich Dich daran erinnern, daß Du in dem Moment, wo es unterbrochen wurde, zu mir ſprachſt (dies ſind Deine eigenen Worte), „„die Frau, welche Fortuné nehme, könne ſicher ſein, die glcklichſte Fran zu werden, denn ſie werde einen Muſterehemann haben.““ Haſt Du mir das geſagt?“ „Ja, antwortete Aurelie feſt, obſchon leicht erröthend, „ja, Veiter Ronſſel, ich habe dies geſagt, weil ich es dachte weil ich es denke.“ „Nun wohl! dieſer Muſtermann kann der Deinige ſein, Fortuns liebt Dich bis zur Anbetung, ohne daß er es je gewagt, es Dir zu geſtehen! . . . Doch ſein Ehrenkrenz hat ihm den Muth gegeben. Er hat mich gebeten, Deinen Eltern und Dir ſeine Heirathsanträge zu machen.“ „Aurelie, ich brauche Dich nicht daran zu erinnern,„ daß es Dir frei, gänzlich frei ſteht, dieſe Anträge anzu⸗ nehmen oder auszuſchlagen,“ ſetzte raſch Madame Jouffroy hinzu: „Gott ſei Dank! weder ich, noch Dein Vater werden Dich je in Deiner Wahl beengen.“ 3 133 „Oh! nein, gewiß nicht, Kindchen, Du biſt diejenige, welche heirathet, und Dir kommt es zu, den Mann zu nehmen, der Dir gefällt.“ „Vetter Rouſſel,“ antwortete Aurelie, nachdem ſie einige Augenblicke geſchwiegen hatte, „ich danke Fortuné, daß er an mich gedacht hat; ich liebe ihn wie einen Freund aus der Kinderzeit, wie einen Bruder; ich weiß, wie ſehr er Zuneigung verdient, aber. . . „Aber Du haſt nicht die geringſte Luſt, ihn zu heirathen,“ beeilte ſich Madame Jouffroy hinzuzuſetzen, „nicht wahr, meine Tochter?“ „Mama, ich wünſche noch nicht zu heirathen . . . doch ich muß alle guten Eigenſchaften von Fortuné aner⸗ kennen .. Die Frau, die er heirathet, wird ſehr glück⸗ lich ſein.“ „Dann, mein Kindchen, iſt Alles vorbei . . . ſprechen wir nicht mehr hievon . . . es iſt Schade!“ „Ich war zum Voraus ſicher der abſchlägigen Ant⸗ wort von Aurelie,“ verſetzte Madame Jouffroy mit einer triumphirenden Miene; „ich wußte wohl; ſie würde nie einwilligen, eine Klein . . .“ Doch des beißenden Ausfalles der Tante Pru⸗ dence in Betreff der Verachtung der Kleinhändler ge⸗ denkend, unterbrach ſich die Mutter von Aurelie, — überdies zu ſehr befriedigt, um einen erſchöpften Streit wiederzuerwecken; ſie ſagte auch: „Kurz, meine Tochter will Fortuné nicht zum Manne, ſu ihn nicht verhindert, der beſte Junge der Welt zu ein.“ „Oh! gewiß,“ ſprach das Mädchen, „und ich bitte Sie, Vetter Rouſſel, ſagen Sie ihm, wenn ich ſeine Hand ausſchlage, ſo . . . ſo,“ ſtammelte Aurelie ganz verwirrt. „So geſchehe es, weil Du ihn nicht heirathen wol⸗ leſt; das iſt eiufach wie guten Morgen.“ „Wohl!“ ſagte Joſeph, „ſprechen wir nicht mehr 134 von Deinem Vetter; doch da wir unter guten Freunden, in der Familie ſind, ſo wollen wir ein wenig vom Heirathen im Allgemeinen reden, liebe Aurelie?“ Und heiter fügte er bei: „Das iſt ein für ein junges Mädchen durchaus nicht mißfälliger Gegenſtand der Converſation.“ „Ja, Vetter Rouſſel, reden wir vom Heirathen, wenn Sie wollen.“ „Höre .. . wenn ich mich nicht täuſche . . . und im Ganzen wäre dieſer Wunſch ſehr natürlich . . . Du möch⸗ teſt gern einen Mann haben, der Dir vor Allem gefiele. das verſteht ſich von ſelbſt . . . Und dann, geſtehe dies Deinem alten Freunde. . . und dann möchteſt Du auch gern, daß dieſer Mann Deiner Eitelkeit ſchmeichelte. Habe ich richtig errathen?“ „Allerdings, Sie haben es errathen, Vetter Rouſſel, nicht wahr, meine Tochter?“ „Ja, Mama.“ „Suchen wir alſo unter Deinen zukünftigen Freiern, auf welche Du Deine Wahl fixiren könnteſt . . . Sprich, würdeſt Du, zum Beiſpiel, einen Arzt heirathen?“ „Oh! Vetter,“ erwiederte Aurelie lächelnd, „immer von Krankheiten reden hören, das iſt nicht luſtig!“ „Einen Notar!“ „Immer von Verträgen reden hören!“ „Einen Advokaten?“ „Immer von Prozeſſen reden hören!“ „Einen Militär?“ „Ich würde zu ſehr für ſein Leben befürchten, wenn er in den Krieg zöge.“ „Suchen wir weiter . einen Banguier?“ „Er wäre mehr mit ſeiner Kaſſe, als mit mir be⸗ ſchäftigt.“ *— „Dann werde ich Dir nicht von einem Kaufmann ſprechen, von einem Großhändler, wohlverſtanden; er hätte ſich mit ſeinem Handel zu beſchäftigen, wie der Arzt mit ſeinen Kranken, wie der Notar mit ſeinen An⸗ 135 gelegenheiten, wie der Advokat mit ſeinen Prozeſſen, wie der Militär mit ſeinen Soldaten. Suchen wir wei⸗ ter. Höre, diesmal glaube ich das Richtige getroffen zu haben: ich wette, Du möchteſt gern einen reichen, liebenswürdigen, reizenden jungen Mann heirathen, der keine andere Beſchäftigung hätte, als die, vom Morgen bis zum Abend gegen Dich aufmerkſam zu ſein? keinen an⸗ dern Stand, als den, Dich anzubeten, Dir das aller⸗ angenehmſte Leben der Welt zu bereiten?“ „Ei! ei! Joſeph, diesmal brennſt Du, nicht wahr. Kindchen?“ „Was wollen Sie, mein Vater! man müßte ſehr häkelig ſein, wenn einem ein ſolcher Mann nicht gefallen ſollte,“ erwiederte Aurelie halb lächelnd; doch einen Seufzer unterdrückend, der einem geheimen und peinli⸗ chen Gedauken entſprach, fügte ſie bei: „Nur weiß Vetter Rouſſel wohl, daß ſolche Heirathen unfindbar nd.“ „Warum uufindbar?“ verſetzte Madame Jvuffroy. „Schön, wie Du biſt, mit einer reichen Mitgift ausge⸗ ſtattet . . . hoffe ich wohl, daß wir ihn ausfindig ma⸗ chen werden, dieſen Phönix von einem Gatten, der keine andere Beſchäftigung haben wird, als die, Dich zur Glücklichſten der Frauen zu machen.“ Die Tante Prudence ſchüttelte den Kopf, und da ſie den Waffenſtillſtand, den ſie mit ihrer Schwägerin ge⸗ ſchloſſen, nicht brechen wollte, ſo ſagte ſie zu ihr, dies⸗ mal ohne ihrem Gedanken eine cauſtiſche Form zu geben.“ 82 Sophie, ich mißtraue den Männern, welche kein anderes Geſchäft haben, als das, in ihre Frau verliebt zu ſein. Nichts Schlimmeres in der Ehe, als der Müßiggang der Gatten: er erzengt bald die Lang⸗ weile, die Sättigung, den Widerwillen und Alles, was daraus erfolgt.“ „Ei! Prnudence, das iſt Uebertreibung.“ 136 „Meine liebe Schwägerin, ich übertreibe nicht. Seien Sie aufrichtig! Zur Zeit, wo Sie meinen Bru⸗ der in ſeinem Handelsgeſchäfte ſo nützlich unterſtützten, wo Sie keinen Angenblick übrig hatten, eine ſolche Thätigkeit entwickelten Sie, gewährte es Ihnen da, nach einem ſo wohl ausgefüllten Tage, nicht ein großes Glück, in inniger Vertraulichkeit mit Ihrem Manne zuſammen⸗ zuſein, der ſeinerſeits beſchäftigt geweſen war, wie Sie Ihrerſeits? Fühlten Sie nicht ein wahres Vergnügen, eine ſo durch die Arbeit verdiente Ruhe zu genießen? Geſtehen Sie, Sie würden ſich tödtlich einander gegen⸗ über gelangweilt haben, hätten Sie vom Morgen bis zum Abend Beide nicht gewußt, was Sie mit Ihrer Zeit machen ſollten.“ „Gewiß, ich liebe Mimi, und habe ſie immer zärt⸗ lich geliebt; aber, Saperlott! den ganzen Tag Beide nichts Anderes thun, als ſich gegenſeitig in die Augen ſchauen . . das wäre zum Sterben geweſen.“ „Und wie leben denn ſo viele reiche, unabhängige Leute, welche nicht zum Handel gehören oder ſonſt kein beſtimmtes Geſchäft haben?“ entgegnete Madame Jouff⸗ roy die Achſeln zuckend; „die Leute von der vornehmen Welt, nun? langweilen ſie ſich zum Sterben?“ „Meine Couſine, leſen Sie die Gazette des Tribunaux?“ „Vetter Rouſſel, ſagen Sie mir ein wenig, auf was reimt ſich dieſe Frage?“ „Sie reimt ſich auf Scheidung. . . Würden Sie das Gerichtsjournal leſen, von dem ich rede, ſo könnten Sie ſehen, wie beinahe keine Woche vergeht, ohne daß die Tribunale eine Scheidung von Tiſch und Bett in dieſen ſchönen Ehen ausſprechen, wo der Mann und die Frau nicht wiſſen, was Sie mit ihrer Zeit machen ſol⸗ len, wie die Tante Prudence ſagt. Oh! freilich bei der Neuheit iſt Alles ſchön: der Honigmonat dauert un⸗ geführ drei Vierteljahre, wonach die Kälte, die Lang⸗ 137 weile, der gegenſeitige Ueberdruß kommen; die Frau geht auf ihrer Seite, der Mann auf der ſeinigen; iſt er jung, ſo fängt er ſein Junggeſellenleben wieder an, und der Teufel weiß, was das Junggeſellenleben der müßi⸗ gen Leute iſt! . . Ei! mein Gott, liebe Aurelie . . . doch halt! da fällt mir ein . . ich habe ein Beiſpiel gefunden!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Als ich dieſen Morgen Fortuné beſuchen wollte, fand ich ſeinen alten Arbeiter, den Vater Laurenecin, der ſich eben anſchickte, eine prächtige Armſpange zu einer der Frauen zu tragen, welche die Schande ihres Ge⸗ ſchlechtes ſind. Dieſe Armſpange war von einem ſchönen jungen Manne beſtellt worden, der ohne Zweifel auch kein anderes Geſchäft hat, als das, ein luſtiges Leben zu führen. Dieſer junge Graf, denn er iſt Graf, mit Ihrer Erlaubniß! heißt von . . von .. Vil . .. Villetanenſe, glaube ich!“ fügte Joſeph bei, der ſich den Anſchein gab, als befragte er ſein Gedächtniß und als vergäße er, daß dieſer Name während des vor⸗ hergehenden Geſpräches von Madame Joufftoy genannt worden war; „ja, ſo iſt es .. . der Herr Graf von Villetaneuſe, Neffe eines Pair von Frankreich, bei⸗ läufig geſagt.“ „Wie!“ rief Madame Jouffroy, „dieſer junge Mann, der ſo anſtändig ausſieht, der geſtern Abend ſo artig, ſo liebenswürdig gegen uns geweſen iſt?“ „Der Reffe vom Herrn Marquis, von dieſem ehr⸗ würdigen Manne, welcher findet, Mimi gleiche einer Her⸗ zogin und Aurelie einer Gräfin?“ „Mein Freund,“ erwiederte Joſeph, Aurelie auf⸗ merkſam betrachtend, „Alles, was ich behaupten kann, iſt, daß ich heute Morgen, ich wiederhole es, in der Werkſtätte von Fortuné war, als der Bediente eines ge⸗ wiſſen Grafen von Villetaneuſe kam und dringend ermahnte, daß man vor zwölf Uhr zu einer Frau von Morlac eine 138 am Tage vorher erkaufte Armſpange bringe, da ſich der Herr Graf zu der genannten Stunde bei dieſer Frau befinden ſollte, die nichts Anderes iſt, als eine von den Creaturen, welche in Gegenwart von Aurelie zu quali⸗ fiziren ich mir nicht einmal erlauben werde. Und das ſind die würdigen Gegenſtände der Liebe dieſer hübſchen Herren. Sie ſehen, welche Wahl ſie für ihre zärtlichen Zuneigungen treffen! . . . was ſie indeſſen nicht abhält, ſebr gelant, ſehr eifrig gegen ehrliche Mädchen zu ſein, die ſie auf einem Balle treffen, und über deren Treu⸗ herzigkeit ſie ſich nachher ohne Zweifel äußerſt angenehm luſtig machen!“ „Wahrhaftig, ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen,“ ſagte Madame Jouffroy; „ein Mann von ſo guten Manieren hat ſolche Verbindungen!“ „Was willſt Du, Mimi? die jungen Leute . .. ei! . . . die jungen Leute von der vornehmen Welt be⸗ ſonders . . . ſie lieben es, ein ſüßes Leben zu führen! Lh! unſer armer Fortuns hätte keine ſolche ſchlechte Bekanntſchaften!“ Während ihr Vater und ihre Mutter ſich ſo aus⸗ ſprachen, und der Vetter Rouſſel ſie mit einem durch⸗ dringenden Blicke beobachtete, glaubte Anrelie, welche abwechſelnd erröthete und erbleichte, ſie müſſe in Ohn⸗ macht fallen: ſie fühlte brennende Thränen in ihre Au⸗ gen treten. Zum Glücke befand ſie ſich in der Nähe eines Windſchirmes, der unfern von einem Fenſter ſtand; ſie wandte ſie raſch um, trat, ſcheinbar maſchinen⸗ mäßig, an das Fenſter und blieb hier einige Augen⸗ blicke. Ach! die Arme konnte ſich keine Illuſion mehr über ihre Gefühle in Beziehung auf Herrn von Villetaneuſe machen. Sie hatte am Tage vorher, als ſie Madame Bayeul ſich ſeiner bemächtigen ſah, erfüllt von der Bit⸗ terkeit einer unbekanuten Eiferſucht, den Ball verlaſſen. Konnte ſie aber dieſe Bewegung des Verdruſſes mit dem 139 Schmerze vergleichen, der ſie erfaßte, als ſie die Liebe von Herrn von Villetaneuſe für eine Courtiſane erfuhr? Er er, der ſie in der Erinnerung unwillkür⸗ lich belagert hielt; er, der an dieſem Morgen in dem Augenblicke, wo ſie ſich dieſen peinlichen Betrachtungen hingab, ſich ohne Zweifel bei der gemeinen Creatur be⸗ fand! Die Scham, der Zorn ſtiegen Aurelie zur Stirne; ſie verwünſchte ihre Schwäche; ſie gelobte ſich feſt, aufrichtig, aus ihrem Herzen und aus ihrem Geiſte ihrer unwürdige Gedanken zu verjagen, und einen großen Muth aus ihrem Entſchluſſe ſchöpfend, ihre Thränen zu⸗ rückdrängend, ſich ihrer ſeibſt ſicher glaubend, verließ ſie das Fenſter und den Schutz des Windſchirmes, um ſich ihrem Vater und ihrer Mutter zu nähern. Wenig ſcharf⸗ ſichtig, hatten dieſe die vorübergehende Gemüthsbewe⸗ gung ihrer Tochter gar nicht bemerkt; aber Rouſſel, der ſie nicht mit den Augen verlaſſen, errieth die geheimen Empfindungen, von denen ſie bewegt war, faßte immer mehr Hoffnung für ſeine Pläne und fuhr, das einen Kei unterbrochene Geſpräch wiederaufnehmend, ort? „Deine Tante und ich, meine liebe Aurelie, wir ſagten Dir ſo eben, der Müßigang in der Ehe ſei et⸗ was ſehr Aergerliches, und einen jungen Mann ohne Beſchäftigung heirathen heiße für eine Frau voft ſich Irrthümern, beinahe ſicherem Grame ausſetzen.“ „Ja,“ antwortete das Mädchen mit ziemlich feſter Stimme, „Sie ſagten mir das, Vetter Rouſſel.“ * „Nun wohl! ſo iſt es gerade bei dem Beiſpiele, das ich gefunden; nehmen wir au, und das iſt, ich er⸗ kläre es zum Voraus, eine einfältige Annahme doch ſie iſt am Ende für mich nothwendig, — nehmen wir an, Du wolleſt Dich mit einem Manne verheirathen, der Deiner Eitelkeit ſchmeichle und deſſen einzige Be⸗ ſchäftigung darin beſtehe, daß er in Dich verliebt ſei, 140⁰ und Du habeſt geſtern auf dem Balle Herrn von Ville⸗ taneuſe bemerkt, der ein ſehr liebenswürdiger junger Mann ſein ſoll und ſich äußerſt artig gegen Dich gezeigt hat; nehmen wir an, verführt durch ſein Geſicht, durch ſeinen Geiſt, was weiß ich! vielleicht auch durch ſeinen Grafentitel, habeſt Du Dir geſagt: „„Das iſt der Mann, der mir anſtehen würde.““ „Ich?“ verſetzte Aurelie mit einer leicht bebenden Stimme, „ah! Sie ſcherzen, Vetter Rouſſel.“ „Ha! ha! ha! ich danke für die Kleinigkeit, Jo⸗ ſeph! wie Du ins Zeug gehſt! Gräfin Tochter! Du machſt Dich über uns luſtig! Du weißt wohl, daß eine ſolche Heirath unmöglich iſt! wir ſind nur gute Bür⸗ ger, Kaufleute, die ſich aus den Geſchäften zurückge⸗ ogen!“ „Armſelige ehrliche Leute!“ ſetzte die Tante Pru⸗ dence, übermäßig ſtrickend, hinzu: „Geſindel, das die Frechheit gehabt hat, ſein Geld durch die Arbeit zu ver⸗ dienen.“ „Ich wiederhole Euch, meine Freunde, ich ging von einer völlig albernen Annahme aus,“ ſagte Jo⸗ eph. „Nicht ſo ganz albern, inſofern der Herr Graf be⸗ ſtimmt meiner Tochter geſagt hat, ſie gleiche wie ein Waſſertropfen dem andern einer jungen Gräfin, der man gewaltig huldige,“ entgegnete Madame Jouffroy mit einem Dünkel, der die Tante Prudence beinahe aus der Zurückhaltung, welche ſie ſich gegen ihre Schwägerin ſeit dem zwiſchen ihnen geſchloſſenen Waffenſtillſtande, auferlegt, hervorbrechen gemacht hätte; „ich ſehe alſo nicht ein, was Albernes in der Annahme liegt. Aurelie könnte einen Grafen und ſogar einen Herzog heirathen. Sie iſt ſchön genug hiefür!“ Die Tante Prudence entſchädigte ſich für ihre ge⸗ zwungene Stummheit dadurch, daß ſie wüthend mit dem 141 Ende ihrer Stricknadel am rechten Schlafe kratzte, wäh⸗ rend Aurelie mit einer verhaltenen Bitterkeit erwiederte: „Beruhigen Sie ſich, Mamaz; ich nehme die Scherze unſeres Vetters nicht im Ernſte. . Er ſetzt bei mir einen Ehrgeiz voraus, den ich nicht habe.“ „Den Du aber haben könnteſt, meine Tochter . .. das ſage ich Dir.. Du kannſt anf Alles Anſpruch machen... Du wäreſt Herzogin, Prinzeſſin, würden ſich die Titel nach der Schönheit meſſen .. . Hievon gehe ich nicht ab!“ „Nun wohl! Herzogin Mimi,“ verſetzte heiter Herr Jouffroy, auf die andere vom Marquis von Pille⸗ taneuſe erdichtete Aehnlichkeit anſpielend; „laß doch Joſeph reden, er nimmt an, Töchterchen werde Gräfin, und er geht von da mit dem linken Fuße aus.“ „Meine liebe Aurelie.“ fuhr der Vetter Rouſſel fort, „ſoll ich Dir ein wenig die Nativität hinſichtlich einer ſolchen Heirath ſtellen?“ „Wohl! wohl!“ rief Herr Jyuffroy, „ſtellt die Na⸗ tivität, hoher Herr Rotomagv.“ „Der Herr Graf hat ſich, ich weiß nicht, warum, herbeigelaſſen, ein Bürgermädchen, allerdings ſchön wie der Tag und ſehr gut ausgeſtattet, zu heirathen.“ „Ein Mädchen, deſſen Vater aber an ſeinem Laden⸗ tiſche Seide nach der Elle ausgemeſſen hat,“ fügte die alte Jungfer bei, „und das ſind Gemeinheiten, die man der Frau, ſo reizend ſie ſein mag, nie vergißt.“ „Die Tante Prudence hat nur zu ſehr Recht,“ ſprach Joſeph. „Der Herr Graf, der einer Dirne, welche ihn ohne Zweifel an der Naſe herumführt, prachtvolle Armſpan⸗ gen ſchenkt, heirathet die Mitgift und nimmt das Bürger⸗ mädchen in den Kauf, — ſetzt insgeheim ſein Verhält⸗ niß mit der Dirne fort, macht großen Aufwand, ſpielt ein Höllenſpiel, bewirthet ſeine Freunde, und läßt es ſich ſeine Frau einfallen, zu klagen, ſo antwortet er von der Höhe ſeiner Cravate und ſeines Adels herab: „„Was haben Sie, meine Liebe? worüber beklagen Sie 142 ſich? Habe ich Sie nicht dadurch, daß ich Sie zur Gräfin gemacht, vom Schmutze befreit?““ „Ach! unſer Vetter ſpricht die Wahrheit,“ dachte Aurelie, zurückgeführt zu ihrem natürlichen guten Sinne, den die beklagenswerthen Uebertreibungen und Thorhei⸗ ten ihrer Mutter oft irre geleitet, aber nie von Grunde aus verdorben hatten. „Auf! Muth gefaßt! vergeſſen wir! vergeſſen wir! . . . Er liebt dieſe Creatur; und konnte ich, ſelbſt wenn er ſie nicht geliebt hätte — nur eine ſolche Heirath träumen?“ Nein, nein, was auch meine Mutter über die Anſprüche, die ich machen ſoll, ſagen mag, ihre Zärtlichkeit für mich verblendet ſie.“ „Ah! ah! . . einen Augenblick Geduld, Joſeph! Du gehſt immer weiter und weiter, und Du vergiſſeſt, daß wir da wären, Mimi und ich, um es zu verhindern, daß man unſer Kind unglücklich machen würde .. oh! das ginge nicht ſo hin . . alle Donner und Wetter!“ „Ho! ho! Du biſt nun verdammt muthig, mein alter Freund. Und wie des Teufels würdeſt Du es an⸗ fangen, um den Herrn Grafen zu verhinderu, nach ſei⸗ nem Belieben zu handeln?“ „Hören Sie, Vetter Rouſſel,“ entgegnete Madame Jouffroy ungeduldig, „Sie ſehen Alles ſchwarz.“ „Was das betrifft, Mimi, verſtändigen wir uns. Wir hatten lange als Kundin, und ich muß beifügen, als vortreffliche Kundin eine Demoiſelle von der Oper, deren Liebhaber ich weiß nicht mehr welcher Herzog war. Sein Intendant kam immer und bezahlte die Rechnun⸗ gen der fraglichen Demoiſelle, und der Herr Herzog hatte doch zur Frau eine junge und hübſche Perſon.“ „Ich ſehe nicht Alles ſchwarz,“ verſetzte Joſeph⸗ „Sie trafen geſtern einen reizenden jungen Mann, Sie rühmen ihn uns, und getänſcht, verführt, wie Sie, den liebenswürdigen Anſchein, ſagt ſich Aurelie mmer nach meiner Annahme): „„Das iſt der Mann, der 143 mir zum Heirathen gefallen würde.““ Ich treibe meine Annahme bis zum Aeußerſten. Aurelie heirathet dieſen reizenden jungen Mann, und es geſchieht, daß er ſie, ein Erzliederlich, ſehr unglücklich macht.“ Ich wiederhole, Joſeph, wir ſind da, und ich ſage zum Herrn Grafen: „„Mein Herr Schwiegerſohn, ich habe Ihnen meine Tochter nicht gegeben, damit Sie ſie unglücklich machen. Ah! ſehen Siej hören Sie wohl!““ Abgeſehen davon, daß meine Frau, welche nicht faul iſt, ihn hübſch zauſen würde, den Herrn Grafen! Nicht wahr, Mimi, Du würdeſt ihm gehörig den Marſch machen!“ „Tag Gottes! oh! ja, er hätte es mit mir zu tbun, derjenige, welcher meiner Tochter Kummer verur⸗ ſachen wollte.“ „Arme Freunde!“ verſetzte Joſeph, „wißt Ihr, was Euch, trotz Eurer Vorſtellungen und der Derbheiten mei⸗ ner Couſine, der Graf, immer von der Höhe ſeiner Cra⸗ vate und ſeines Adels herab, antworten würde? „„Was iſt denn das, Ihr guten Leute? Bin ich etwa unter Vormundſchaft? Kann ich nicht leben, wie es mir be⸗ liebt? Bildet Ihr Euch ein, ich werde Ench erlauben, mir Vorwürfe in meinem Hauſe zu machen?““ „Ich bin aber der Vater meiner Tochter, und wenn der Teufel dabei wäre! und ein Vater hat wohl das Recht . . .“ „Das Recht worauf?“ rief die Tante Pru⸗ dence, die Achſeln zuckend. „Mit Ausnahme des Falles, daß Dein Schwiegerſohn Deine Tochter ſchlagen würde lund nur in dieſem Falle könnteſt Du Dich mit ihr ver⸗ binden, um Scheidung zu verlangen), haſt Du nicht das Recht, ein Sterbenswörtchen zu ſagen; Dein Schwieger⸗ ſohn iſt Herr in ſeinem Hauſe, und er wird Dir den eg zeigen.“ „Warum ſoll man denn aber Aurelie unglücklich machen ?. ſagte Madame Jvufftoy. „Gut und ſanft, wie ſie iſt, müßte man ein Ungeheuer ſein, um ſie zu 144 plagen. Ja, ein entartetes Ungehener! .. Meine liebe Schwägerin, man muß auch nicht immer an die Schlech⸗ tigkeit der Menſchen glauben.“ „Mein Bruder, eine junge Perſon, die ſich außer ihrem Stande verheirathet, ſetzt ſich, und ſollte ihr Mann auch kein böſer Menſch ſein, faſt mit Sicherheit Täu⸗ ſchungen, verächtlicher Behandlung, zahlloſen Kümmer⸗ niſſen aus. Sie kommt in eine Welt, welche nicht die ihrige. Je ſchöner ſie iſt, deſto eiferſüchtiger werden auf ſie die vornehmen Damen, welche ſie als eine Eindring⸗ lin, als eine freche Bürgerperſonnage betrachten. Sie laſſen ſie auf eine harte Weiſe fühlen, daß ſie ihren Gatten heirathend eine Verbindung über ihrem Stande geſchloſſen hat. Dieſer leidet in ſeiner Eitelkeit unter der Geringſchätzung, deren Gegenſtand ſeine Frau iſt, und früher oder ſpäter rächt er ſich an ihr für die Mißheirath.“ „Tante Prudence, Sie ſprechen wie ein Buch.“ „Dies kommt davon her, Vetter Rouſſel, daß ich in einem Buche die Komödie Georges Dandin geleſen habe, und nach meiner Anſicht kann die Geſchichte von Georges Dandin die von Georgette Dandine werden. Es ließe ſich viel über dieſes Kapitel ſagen, ohne die andern zu rechnen .. Glaube mir, mein Bruder, wir ſind gute Leute, ſeten wir uns nicht aus alberner Eitel⸗ A keit der Gefahr aus, daß wir den Boshaften Stoff zum Lachen geben, und, was noch ſchlimmer iſt, uns ſehr un⸗ glücklich machen.“ „Ah! meine Tante,“ ſprach Aurelie mit innigem Erguſſe zu der alten Jungfer, „wie weiſe ſind Ihre Worte. Ja, ja, außer ſeinem Stande heirathen wollen heißt ſich Täuſchungen, ſchmerzlicher Verachtung aus⸗ ſetzen, wenn man auch nur ein wenig Stolz im Ge⸗ müthe hat.“ „Bravo, Kindchen! Wir ſind gute Leute, bleiben wir unter guten Leuten! Meine Schweſter hat es geſagt, 145 und ich ſage es wie ſie. Ich hoffe, Du biſt nun hübſch zurückgekommen von dem Gedanken, Gräfin zu werden, wenn Du ihn je gehabt haſt, dieſen ſeltſamen Gedanken!“ „Seltſam!“ brummelte Madame Jouffroy, nicht ſo ſeltſam.“ „Ja, Mimi, ich bleibe bei dem, was ich geſagt habe: zum Teufel mit den Marquis und den Grafen! es leben die guten Leute! das iſt mein Charakter!“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Aurelie mit einer ver⸗ haltenen Bitterkeit, die ihrem geheimen Gedanken ent⸗ ſprach; „nie werde ich diejenigen, welche ich liebe, oder mich Demüthigungen ausſetzen, die mich ſchon in der Idee erröthen machen.“ In dieſem Augenblicke klopfte man ſachte an die Zimmerthüre. „Wer iſt da?“ fragte Madame Jouffroy. „Ich, Mama,“antwortete die Stimme von Marianne. „Tritt ein, mein Kind,“ rief Herr Jouffroy. Das Mädchen trat ein und ſuchte vor Allem nach dem Geſichte der Tante Prudence zu errathen, ob ein Ent⸗ ſchluß in Betreff des Antrags von Fortuné gefaßt worden ſei. Die alte Jungfer verſtand den Blick ihrer Richte und beruhigte ſie ein wenig durch ein verneinendes Zeichen mit dem Kopfe. „Was willſt Du, Marianne?“ „Mama, unſer Vetter Fortuné iſt ſo eben ange⸗ „Heiße ihn eintreten,“ verſetzte lebhaft Joſeph, „er komme ſogleich zu uns.“ Befürchtend, ſie könnte ihre Unruhe verrathen, ging Marianne alsbald wieder hinans, und Madame Jouff⸗ roy rief ſehr erſtaunt: dß „Aber, Vetter Rouſſel, Aurelie hat Ihnen geſagt, 0 5 3 „Meine Freunde, ich begreife die Ungeduld dieſes Die Familie Jouffroy. 1. 10 146 armen Fortuné; ich hatte ihn gebeten, mich in meiner Wohnung zu erwarten, wo ich ihm den Erfolg meines Schrittes bei Euch mittheilen ſollte; er hat wohl dem Verlangen, Euren Entſchluß kennen zu lernen, nicht wi⸗ derſtehen können.“ „Unſer Entſchluß iſt ſehr einfach: Aurelie will ihn nicht zum Manne.“ „Dann mag ſie ihm ſelbſt ihre abſchlägige Antwort eröffnen,“ ſagte Joſeph; „man muß den Muth ſeiner Meinung haben.“ „Ich?“ verſetzte lebhaft Aurelie mit dem Ausdrucke eines liebevollen Mitleids; „ich werde nie den Muth ha⸗ ben, dem armen Fortuné zu ſagen, daß . . .“ 3 „Richte das ein, wie Du willſt,“ erwiederte Jo⸗ ſeph; „hier iſt er.“ Und Fortnné Sauval trat in der That in das Zimmer ein, in welchem ſich die Familie verſammelt fand. Fortuné hatte, wie es der Vetter Rouſſel ahnete, ſeine angſtvolle Ungeduld nicht beherrſchen können, und ſeine Schüchternheit überwindend, kam er, um ſein Ur⸗ theil zu erfahren. Er trat langſam und mit unſicherem Schritte ein. Seine Bläſſe, die Bangigkeiten, die in ſei⸗ nen Zügen zu leſen waren, die traurige, ſanfte Reſig⸗ irn ſeines Blickes ergriffen Aurelie. Sie fühlte ſich erührt. 6 „Armer Fortuné!“ dachte ſie; „ſchon der Zweifel allein verurſacht ihm einen ſo großen Kummer! wie wird es erſt bei der Gewißheit ſein!“ Joſeph warf einen ſpöttiſchen und beinahe trium⸗ phirenden Blick auf die Tante Prudence, welche ärgerlich über die unerwartete Ankunft von Fortuné zu ſein ſchien, und ſich an dieſen wendend, ſprach er: „Mein Freund, man behauptet, wenn man eine gute Sache habe, ſo werde ſie immer am Beſten durch ſich 147 ſelbſt vertheidigt: vorwärts alſo! Deine Sache iſt gut, vertheidige ſie!“ „Wir haben gewiß viel Freundſchaft für Dich, For⸗ tuné,“ fügte Herr Jouffroy bei; „wir kennen Deine vor⸗ trefflichen Eigenſchaften, abgeſehen davon, daß Du der Familie Ehre, große Ehre machſt, da Du decorirt biſt! Ich bin hierüber ſtolz und glücklich für Dich und für uns! aber bedenke! .. RAurelie ſoll heirathen, und es iſt alſo ihre Sache, zu entſcheiden, ob ſie Dich zum Manne nehmen oder nicht nehmen will.“ Fortuné wandte ſich nun an ſeine Couſine und ſagte mit einem tief bewegten Tone: „Aurelie, Du haſt mein Schickſal in Deinen Händen.“ „Es ſchmeichelt mir in hohem Grade, daß Du an mich gedacht haſt,“ erwiederte das Mädchen erröthend, „doch„ doch ich wünſche noch nicht zu heirathen.“ „Ich verſtehe,“ ſprach Fortuné, während ſchwere Thränen in ſeinen Angen rollten, „dieſe Antwort iſt ein verkleideter Korb.“ „Ich ich .. verſichere Dich . . . nein . .. ich ſage die Wahrheit,“ ſtammelte Aurelie, das Geſicht abwendend, denn der Blick ihres Vetters ſchmerzte ſie. „Ich bitte, noch ein Wort,“ verſetzte der Gold⸗ ſchmied, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte. „Du allein weißt, ob ich einige Hoffnung hegen darf. . Ich beſchwöre Dich im Namen unſerer alten Freund⸗ ſchaft, antworte mir aufrichtig; doch ehe Du mir ant⸗ worteſt, laß mich Dir ſagen, wie ſehr ich Dich liebe, warum ich Dich liebe, und welches Leben ich für Dich träumte. Ich liebe Dich von Herzen ſeit unſerer Kind⸗ heit, weil ich Deine guten Eigenſchaften habe ſchätzen können; ich liebe Dich, ſeitdem Du ein Mädchen biſt, weil Deine Schönheit ohne Gleichen iſt. Dieſe Liebe, in Vereine mit unſern Verwandtſchaftsbanden, ſchien mir ſo natürlich, eine Heirath zwiſchen uns ſo ſchicklich, daß Und hierin hatte ich ſehr Unrecht), daß ich mich 148 ohne Beſorgniß dieſem ſüßen Gefühle hingab, als wäre es von Dir getheilt worden, Aurelie. Mein Vertrauen entſprang nicht aus einer lächerlichen Zuverſicht in Be⸗ treff meiner Perſönlichkeit; Du kenuſt mich und wirſt mir dies glauben; nein, jede tiefe Zuneigung glaubt, ſie werde getheilt; die Mutter, die ihr Kind liebt, der Bruder, der ſeine Schweſter liebt, zweifeln nie an der Zärtlichkeit derjenigen, welche ſie lieben . . . nicht wahr?“ „He! he! die Vertheidigungsrede fängt nicht übel an!“ ſagte leiſe der Vetter Ronſſel zur alten Jungfer; „was denken Sie davon, Tante Prudence?“ „Laſſen Sie mich in Ruhe, abſcheulicher Menſch! Ich habe keine Luſt, zu lachen. Mag Fortuné ſeine Sache verlieren oder gewinnen, er wird immer ein Un⸗ glücklicher ſein!“ Und die Tante Prudence ſtrickte noch wüthender, indeß Fortuné alſo ſprach. XXVI. „Mein Leben hatte alſo nur eine Triebfeder,“ fuhr Fortuns Sauval fort; „dieſe Triebfeder war meine Liebe für Dich, Aurelie; meine Liebe hatte nur einen Zweck: unſere Heirath. Ich ſchritt zum Werke und ſagte mir: „„Ich will einer der erſten Künſtler meines Standes werden, um dem gerechten Stolze meiner Frau zu ſchmei⸗ cheln; ich will mein ererbtes Vermögen durch meine Ar⸗ beit und meine Sparſamkeit vermehren, damit meine Frau nichts zu wünſchen hat.““ Durch Beharrlichkeit bin ich zu meinem Ziele gelangt. Mein Vermögen hat ſich beinahe verdoppelt, und geſtern hat mir der Prinz Maximilian im Namen des Königs das Ehrenkrenz über⸗ reicht. Ich hatte nicht darnm nachgeſucht. Das wat die Belohnung für meine Arbeiten. Du wirſt läche über meine Raſvetät, fügte Fortuné ſelbſt mit Bitte 1 149 keit lächelnd bei: „als ich von den Händen des Prinzen dieſe Auszeichnung empfing, rief ich unwillkürlich, das Kreuz anſchauend, aus: „„Die Stunde meiner Heirath iſt gekommen.““ Erſtaunt über meine Worte, verlangte der Prinz von mir die Erklärung derſelben, und ich gab ſie ihm. „„In dieſem Falle,“ ſagte er zu mir, „da ich ſo glücklich geweſen bin, ohne mein Wiſſen die Stunde einer Heirath, durch welche alle Ihre Wünſche erfüllt werden, zu beſchlennigen, haben Sie die Güte, mich zu einem Ihrer Zeugen zu nehmen.““ „Der Prinz!“ rief Madame Joufftoy mit einem Ausdrucke mütterlichen Stolzes. „Der Prinz hat ſich Dir als Zeuge angetragen?“ „Der Prinz!“ rief auch Herr Joufftoy. „Man könnte mit dem Wenigen fürlieb nehmen! . . Hörſt Du, Töchterchen?“ „Und das iſt, mit Erlaubniß, ein wirklicher Prinz,“ fügte Joſeph bei, „ein Prinz von ſouverainem Hauſe, den man Durchlaucht, Eure Hoheit nennt .. . Bemerkt das, meine Freunde! „Weil er ein Prinz iſt, kann er wohl zweimal zu Mittag ſpeiſen!“ murmelte die alte Jungfer. „Wann wird Ihr Hofkleid fertig ſein, Vetter Rouſſel?“ „Sie haben mir verſprochen, neutral zu bleiben; ich baue auf Ihr Wort,“ erwiederte Joſeph leiſe. Die Tante Prudence ſchwieg, kratzte ſich aber mit einer ihrer Stricknadeln am rechten Schlafe. „Wahrhaftig, Fortuné,“ ſprach Aurelie, „dieſer wirk⸗ liche Prinz, wie der Vetter Rouſſel ſagt, hat ſich Dir als Zeuge angetragen?“ „Er wollte mir hiedurch einen Beweis von Achtung geben,“ erwiederte einfach der junge Künſtler. „Ich hielt dieſen Umſtand für günſtig und beſchloß, Deine Eltern m Deine Hand zu bitten. Geſtern begab ich mich in dieſer Abſicht hierher, doch Du gingſt auf den Ball mit Deinem Vater und Deiner Mutter; dann, ich muß es 15⁰ geſtehen, hatte mir dieſe Bitte bis jetzt ſo einfach ge⸗ ſchienen, daß ich in meiner Verblendung nicht an die Möglichkeit einer abſchlägigen Antwort dachte, und den⸗ noch erfüllte mich eine große Bangigkeit. Ich erſuchte unſeren Vetter Rouſſel, mein Doimetſcher bei Deinen Eltern zu ſein. Er verſprach es, und als er mich nach Hauſe begleitete, ſagte er zu mir: „„Du liebſt Au⸗ relie leidenſchaftlich; liebt aber Aurelie Dich? Weiß ſie, daß Du ſie liebſt?““ Dieſe Frage brachte mich in Ver⸗ wirrung, ſchlug mich zu Boden. Zum erſten Male dachte ich, Du könnteſt mich nicht lieben, Aurelie! Du wirſt auch ſehr über mich lachen, Aurelie!“ fügte der Gold⸗ ſchmied mit einer rührenden Verlegenheit bei, ohne daß er ſich der Thränen erwehren konnte, welche bald über ſeine bleichen Wangen floſſen; „doch was willſt Du! ich ſage die Wahrheit.“ „Ich über Dich lachen, Fortuné!“ verſetzte lebhaft Aurelie, deren Gemüthsbewegung jeden Angenblick wuchs. „O! nein, ich lache nicht über Dich, Du haſt ein ſo vor⸗ treffliches Herz!“ „Das iſt vielleicht meine einzige gute Eigenſchaft; leider aber genügt ſie nicht immer, um zu machen, da man geliebt wird.“ „Du kannſt Deiner Coufine glauben, wenn ſie S vortreffliches Herz rühmt,“ fügte Joſeph bei; „vor⸗ hin erſt ſagte ſie uns, und ich nehme ſie biebei zur Zeu⸗ gin, „ die Frau, welche Du heiratheſt, werde die Glück⸗ üchſte der Frauen ſein.“ „Ja, ja, das ſind Kindchens eigene Worte 4 pief Herr Juuffroy. Schweige doch, Baptiſte,“ flüſterte Madame Jouff⸗ roy ihrem Manne zu; „wozu dieſem armen Jungen Hoffnungen geben?“ „Ei! Mimi, es thut mir im Herzen leid um ihn. „Sollte es wahr ſein,“ ſprach Fortuné mit eine rührenden Erſtaunen, in welchem ein unbeſtimmter Hoff⸗ . * 151 nungsſtrahl durchdrang, „Du glaubſt, die Frau, die ich heirathe, werde ihres Glückes ſicher ſein?“ „Ich glaube es.“ Fortuns ſchaute ſeine Couſine mit verdoppelter Hoff⸗ nung an; dann, da er ſich einer letzten Illuſion hinzu⸗ geben befürchtete, ſagte er: „Noch zwei Worte, Aurelie. Indem ich über die neue Zukunft, die mir dieſe ſo ſehr von mir erſehnte Heirath bot, und über die tauſend Einzelheiten unſerer Exiſtenz nachdachte, vermuthete ich, es werde Dir viel⸗ leicht nicht zuſagen, einen Laden zu haben. Nicht als hätte ich geglaubt, Du ſeiſt zu ſtolz, um Dich in eine ſolche Nothwendigkeit zu fügen, da Dein Vater, Deine Mutter und unſere Verwandten Kleinhändler geweſen ſind; doch Du biſt ſo ſchön, Aurelie, daß Deine Schönheit, an einem Ladentiſche allen Blicken ausgeſetzt, Deiner Be⸗ ſcheidenheit zahlloſen Verdruß zugezogen hätte! . . . Ich hatte alſo beſchloſſen, eine hübſche Wohnung zu miethen. Einer von den Salons ſollte eine Art von Muſeum für Juwelier⸗ und Goldſchmiedsarbeiten werden. Dort hät⸗ teſt Du meine Kunden empfangen, weil meine Arbeit mich den Tag hindurch in der Werkſtätte feſthält; Dein Verkehr mit ihnen konnte nur angenehm ſein, da meine Kundſchaft dem angehört, was mau die große Welt neunt, und, ich darf es ohne Eitelkeit ſagen, meine E genſchaft als Künſtler und dit Sorgfalt, die ich au meine Werke verwende, haben mir immer viel Achtung eingetragen . . Daun ſich unterbrechend, fügte For⸗ tuné niedergeſchlagen bei: „Doch wozu ſoll es nützen, daß ich mit Dir von dieſen Plänen rede? unwillkürlich gebe ich mich noch dieſen Hoffaungen hin, die mein Leben mit ihrem Zauber erfüllten .. . Entſchuldige mich, urelie.“ „Fortuns, ich bitte Dich, fahre fort,“ erwiederte immer mehr nachdenkend das Mädchen; „ich höre Dich o gern von dieſen Plänen reden.“ 152 „Couſine,“ ſagte Joſeph leiſe zu Madame Joufftoy, „was denken Sie von einer Bude in der Art derjenigen, von welcher Fortuné ſpricht?“ „Das iſt allerdings beſſer, als ein gewöhnlicher Laden, doch man muß auch ſo immer zu den Befehlen der Kundſchaft ſein.“ „Meine Pläne, da Du willſt, daß ich Dich damit bekannt mache,“ fuhr der Juwelier fort, „meine Pläne zielten alle auf das Glück ab, das ich für Dich träumte. Mein Leben wäre zwiſchen unſerer Liebe und meinen Arbeiten getheilt geweſen, und dieſe Arbeiten hätten die Beſtimmung gehabt, Dein Vermögen, Deine Wohlfahrt und die Achtung zu vermehren, die uns immer mehr umgeben haben müßte. Ich kenne Deine zärtliche Zu⸗ neigung für Deinen Vater und Deine Mutter: ich hätte ſie gebeten, mit nns zuſammenzuwohnen. Ich .. doch, nein . . . Aurelie, von dieſen Plänen reden bricht mir nun das Herz,“ fügte Fortuné mit einer ſchmerzlichen Gemüthsbewegung bei. „Ich bitte Dich nur noch um Eines, und ich wende mich hiebei an die Freundſchaft aus der Kinderzeit, auf welche ich wenig⸗ ſtens zählen kann; antworte mir in voller Aufrichtigkeit: Du haſt mir vorhin geſagt, Du weiſeſt meinen Antrag zurück, weil Du noch nicht heirathen wolleſt. Iſt dies † eine freundlich verkleidete, aber entſchieden abſchlägige Antwort, oder iſt es mir erlaubt, zu hoffen ich werde mich eines Tags um Deine Hand bewerben können? Ich beſchwöre Dich, antworte mir.“ Und ſich an Herrn und Madame Jouffroy wendend: „Und Sie auch, mein Oheim, der Sie meine Mutter ſo ſehr liebten, Sie auch, meine Tante, die Sie ohne Zweifel den geheimen Gedanken von Aurelie kennen, ſagen Sie ihn mir. Ich werde Muth haben . laſſen Sie mir nicht die geringſte Illuſion, wenn ſie zerſtört werden ſoll . . . Ich werde mich zu ergeben wiſſen.“ 6 153 Fortuné, als er ſo ſprach, verbarg ſein Geſicht in ſeinem Taſchentuche und zerfloß in Thränen. XXVIII. Von einer Menge verſchiedenartiger Gedanken be⸗ ſtürmt, hatte Aurelie mit ebenſo viel Theilnahme, als Rührung das Geſtändniß und die Pläne von Fortuné Sauval angehört, — Geſtändniß, Pläne, die von ſeiner Liebe und ſeinem vortrefflichen Herzen zeugten. Das Gefühl, von dem er tief durchdrungen war, gab dem Ausdrucke ſeines Geſichtes, dem Tone ſeiner Stimme einen rührenden und neuen Reiz. Aurelie erkannte, ſo zu ſagen, ihren Vetter nicht mehr: die Liebe verklärte ihn. „Armer Fortuné!“ dachte ſie, „wie intereſſant iſt ſein Geſicht! wie ſehr liebt er mich! wie zart vorſorglich iſt er! wie ängſtlich ſucht er meine Wünſche zu errathen! Oh! ja, ſie wird glücklich ſein, die Frau, die er hei⸗ rathet! Und es hängt doch nur von mir ab, mir die⸗ ſes Glück zu ſichern, dieſen armen Fortuns freudetrunken u machen, die weiſen Rathſchläge meiner Tante zu be⸗ ſien einen Mann von meinem Stande zu heirathen, auf tolle . . ja, ſehr tolle Hoffnungen zu verzichten. Ah! verflucht ſei der Ball von geſtern Abend! ohne die Erinnerungen, die er in mir hinterlaſſen hat, würde ich, glaube ich, zu dieſer Heirath einwilligen!“ Dann aber⸗ mals von den Bangigkeiten des Aergers, der Entrü⸗ ſtung, der Eiferſucht erfaßt, ſagte ſie mit Bitterkeit zu ſſich ſelbſt: „Fort mit dieſen Erinnerungen, — Erinne⸗ rungen der Schande und der Verachtung! Dieſer Herr von Villetaneuſe ſchien ſich geſtern mit mir zu beſchäfti⸗ gen, und er ſpottete über das bürgerliche Mädchen, das dumm genug, um ſeine Galanterie im Ernſte zu neh⸗ men! Zu dieſer Stunde liegt er zu den Füßen jener 15⁵4 elenden Creatur! Sie iſt alſo ſehr ſchön! Oh! ich haſſe ihn! ich verabſcheue ihn! und wenn ihm meine Heirath mit Fortuné Verdruß bereiten könnte, ſo würde ich dieſen auf der Stelle zum Manne nehmen! das wäre meine Rache!“ Indeß ſich Aurelie, unter dem Borwande, den Antrag ihres Vetters überlegen zu müſſen, ehe ſie ihm eine beſtimmte Antwort gebe, dieſen Gedanken überließ, beobachtete Joſeph aufmerkſam das Mädchen während des Stillſchweigens von einigen Augenblicken, das auf die letzten Worte von Fortuné gefolgt war, welcher ſeine Couſine und ihre Familie bat, ihn mit ihrer Entſchei⸗ dung bekannt zu machen. Eutſchloſſen, einen letzten Schlag zu thun, ſagte Joſeph einfach, als hätte er das ſeit einigen Augenblicken unterbrochene Geſpräch wieder aufnehmen wollen: „Mein lieber Fortuné, ich habe dieſen Morgen bei Dir eine Armſpange von herrlicher Arbeit bewundert.“ „Die, welche der Vater Laurencin zu einer gewiſ⸗ ſen Perſon tragen ſollte?“ „Ganz richtig,“ erwiederte Joſeph, der Aurelie fortwährend beobachtete. „Wie Schade, daß ein ſolches Meiſterwerk für eine Creatnr dieſer Art beſtimmt iſt! Doch ſo ſind zuweilen die Männer! das Laſter be⸗ zaubert ſie mehr, als die Unſchuld . . . Haſt Du ſie ge⸗ ſehen die fragliche Dirne?“ „Ja,“ antwortete ungeduldig Fortuné, denn, in ſeine traurigen Gedanken verſunken, fand er den von dem ehe⸗ maligen Specereihändler gewählten Geſprächsgegen⸗ ſtand höchſt ſeltſam; „ja, ich habe ſie geſehen. Sie iſt geſtern mit dem Reffen eines Pair von Frankreich in meiner Werkſtätte geweſen.“ „Sie muß eine große Herrſchaft über dieſen Mann üben, daß ſie ihn veranlaßt, ſich ſo öffentlich mit ihr zu compromittiren,“ fügte Joſeph bei, ohne daß er mit dem Blicke Aurelie verließ, welche auf der Folter zu ſein ſchien. Dann ſich an Herrn und Madame Jouffroy 155 wendend? „Nun, meine Freunde, mit einem ſolchen Weibe Arm in Arm auf der Straße gehen! da muß ſich ein Mann wenig achten!“ „Ah! beim Teufel!“ verſetzte Herr Jouffroy, „man ſagt, wenn ſolche Weibsbilder ſich an einen Mann an⸗ gehängt haben, ſo halten ſie ihn ſchön feſt und laſſen ihn nicht mehr los.“ „Wie Schade!“ fügte Madame Jouffroy bei; „ein ſo reizender junger Mann! Es iſt wohl der Mühe werth. ſo liebenswürdig, ſo anmuthig und obendrein Graf zn ſein, um ſich wie ein Einfaltspinſel beherrſchen zu laſſen von Kurz, das iſt ſchändlich! die Männer ſind lin⸗ geheuer!“ „Fortuns,“ ſprach Joſeph, den die Tante Prudence, voll Wuth ſtrickend, mit dem Blicke niederzuſchmettern ſuchte, „dieſe Dirne muß in der Blüthe der Jugend, der Schönheit ſein, um eine ſo hübſche und ſo ſchmähliche Lei⸗ denſchaft dieſem Herrn einzuflößen?“ „Mein Gott!“ erwiederte der Goldſchmied mit ver⸗ doppelter Ungednld, „ich habe ſie kaum angeſchaut, ſie ſchien mir ungefähr dreißig Jahre alt zu ſein!“ „Eine Fran von dreißig Jahren!“ rief Joſeph. „Sie ſſt zwölf bis dreizehn Jahre älter als Aurelier Und das iſt das zarte, junge Mädchen, von dem ſich dieſer Herr bethören, betölpeln, zu Grunde richten läßt! Das iſt die ſchätzenswerthe Perſon, mit der er ſich öffent⸗ lich zeigt, gerade als ob er ihr Gatte wäre! Wie ſchmei⸗ chelhaft muß es für die ehrliche Frau ſein, die dieſer Herr heirathen wird, mit ihm auszugehen, ſich auf den Arm zu ſtützen, auf den ſich dieſe leichtfertige Perſon ge⸗ ſützt hat! Doch ſage mir, mein Junge, iſt ſie brünett oder blond?“ „Ah! mein Vetter, wie können Sie von ſo gleich⸗ gültigen Dingen mit mir reden, während Sie ſehen, mit welcher Angſt ich die Antwort von Aurelie erwarte! Ach! ſie ſchweigt .ſie hat aus Herzensgüte 156 bange, meine letzte Hoffnung zu zerſtören . . . Ich habe ihr Stillſchweigen begriffen . . . es hat mir genug geſagt!“ „Fortuné!“ verſetzte haſtig Aurelie, als hätte ſie ſich über die feierliche Verbindlichkeit, die ſie übernahm, zu betäuben geſucht, „Du biſt das würdigſte Herz, das ich kenne. Du wirſt mein Mann ſein, wenn mein Va⸗ ter und meine Mutter ihre Einwilligung hiezu geben.“ „Ob wir einwilligen!“ rief Herr Jouffroy, der mit Thränen in den Augen aufſtand, um ſeiner Tochter um den Hals zu fallen; „ah! mein Kind, Du überſchütteſt mich mit Freude!“ „Endlich!“ ſagte Joſeph, „das iſt nicht ohne Mühe abgegangen! Nun! Tante Prudence?“ „Arme Marianne! . . . armer Fortuné!“ dachte die alte Jungfer. „Ich begreife Alles .. Aurelie heirathet aus Verdruß! . . . Wehe dieſer Verbindung!“ „Wie! meine Tochter, Du heiratheſt Deinen Vet⸗ ter?“ ſprach Madame Jouffroy, welche über den Ent⸗ ſchluß von Aurelie ſo beſtürzt war, daß ſie Anfangs kein Wort finden konnte; „Du bedenkſt nicht! Du, auf Alles Anſpruch machen kannſt, Du willſt „Mein Gott!“ rief der Vetter Ronſſel, als er For⸗ tuns erbleichen und ſich unwillkürlich an die Lehne ſeines Stuhles zurückwerfen ſah, „der arme Junge kann ſo viel Glück nicht widerſtehen! Er fällt in Ohnmacht!“ Bei dieſen Worten wandte ſich Herr Jouffroy, der ſeine Tochter noch in ſeinen Armen hielt, um und ſah in der That den jungen Künſtler, bleich, das Ge⸗ ſicht von Thränen überſtrömt und vom Vetter Rouſſel un⸗ terſtützt, ſeiner lebhaften Gemüthsbewegung unterliegen und erſtickt durch die Freude, unfähig, zu reden, nur ſeine beiden gefalteten Hände, mit einem Lächeln unausſprech⸗ licher Dankbarkeit, gegen Aurelie ausſtreckten. „Theurer Fortuné! welche Empfindſamkeit! wie 157 liebt er mich!“ ſagte zu ſich ſelbſt das Mädchen, indem es ſich ſeinem Vetter näherte; „ich werde ihn auch lie⸗ ben. ich liebe ihn auch! Ah! er würde mir nicht eine dreißigjährige Courtiſane vorgezogen haben!“ „Man müßte ihn ein wenig Kölniſches Waſſer ein⸗ athmen laſſen!“ rief Herr Jouffroy, der Fortuné ge⸗ meinſchaftlich mit Joſeph unterſtützte. „Mimi, läute doch Jeannette.“ Beſtürzt und in Verzweiflung, da ſie ihre tollen mütterlichen Prätenſionen durch den vernünftigen Ent⸗ ſchluß von Aurelie zerſtört ſah, rührte ſich Madame Jouffroy nicht. Die Tante Prudence klingelte lebhaft und ſagte zu ſich ſelbſt: „Verdammte Heirath! . . . ſie wird nur Unglückliche machen!“ Als Marianne außen das haſtige Geklingel hörte, wurde ſie unruhig, und in ihrem gewöhnlichem Eifer lief ſie der Dienerin voran, öffnete ungeſtüm die Thüre und rief voll Angſt: „Mama, was gibt es denn?“ „Ich bitte Dich,“ erwiederte Aurelie, „hole ge⸗ ſchwinde Kölniſches Waſſer.“ Doch in dem Augenblicke, wo Marianne weglief, hielt ſie ihre Schweſter an der Hand zurück und ſagte: „Nein, es iſt unnöthig; ſieh ſeine Ohumncht iſt vorüber,“ fügte ſie mit dem Blicke Fortuné bezeichnend bei, „Ah! Schweſterchen, wenn Du wüßteſt, wie er mich liebt!“ Bei dieſen Worten brach das Herz von Marianne. Ihre Geiſtesgegenwart verließ ſie, ſie wollte in Verwir⸗ rung aus dieſem Zimmer fliechen, um ihre Thränen zu verbergen, als die Tante Prudence, die ihr mit dem Blicke folgte, auf ſie zutrat, ihr, ohne daß man es ſah, die Hand drückte, und ihr zuflüſterte: „Muth, armes Kind, Muth!“ Dieſe freundſchaftlichen Worte ſtärkten Marianne wieder. Sie beherrſchte ihre Verzweiflung, ſah, ſtumm, 158 unbeweglich, Fortuné ſich ſeiner Braut zu Füßen wer⸗ fen und hörte ihn mit bebender, berauſchter Stimme ausrufen: „Aurelie, habe ich Dich recht verſtanden ? . . . Oh! mein Leben, mein ganzes Leben gehört Dir! . . . Verzeihe meine Schwäche . . doch in dem Angenblicke, wo ich nicht mehr hoffte, eine ſolche Glückſeligkeit . . . das war zu viel! . . Sprich, iſt es wirklich wahr? es iſt keine Täuſchung? . .. Du wrilligſt zu unſerer Heirath ein?“ „Ja, ja,“ erwiederte das Mädchen mit innigem Erguſſe, „ja, ich willige ein, von ganzem Herzen, für Dein Glück und für das meinige.“ „Marianne, umarme Deine Schweſter,“ rief Herr Jouffroy; „nimm doch auch Deinen guten Antheil au unſerer Aller Glücke!“ Marianne konnte ſich kaum aufrecht halten, doch er⸗ muthigt durch einen Blick der Tante Prudence, näherte ſie ſich Aurelie, welche Fortuns mit abgöttiſcher Liebe betrachtete; da trat Jeanette, die Dienerin, eine Viſi⸗ tenkarte in der Hand haltend ein und ſagte zu Madame Jouffroy: „Madame, es iſt ein Herr da, der Sie ſogleich zu ſprechen wünſcht; hier iſt ſeine Karte.“ „Dieſer Herr wünſcht mich zu ſprechen?“ erwiederte ziemlich erſtaunt Madame Jouffroy, indem ſie die Viſiten⸗ karte nahm. Kaum hatte ſie aber eiuen Blick darauf ge⸗ worfen, als ſie ſich eines Ausrufs nicht erwehren konnte; dann, nachdem ſie mit allen Zeichen einer immer mehr zunehmenden Verwunderung die mit Bleiſtift auf dieſe Karte geſchriebenen paar Worte wieder und wieder ge⸗ leſen, bebte ſie plötzlich von einem Gedanken erfaßt, verlor völlig den Kopf und rief: „Aurelie, Prudence, Marianne, Fortuné, laßt uns allein!“ Und ſich an ihre Dienerin wendend: „Bitten 159 Sie den Herrn, er möge die Güte haben, einen Augen⸗ blick zu warten.“ „Gut, Madame.“ „Wo iſt er?“ „Im Vorzimmer.“ „Im Vorzimmer! . . Sie Einfältige! . Laſſen Sie ihn ſogleich in den Salon eintreten!“ Und mit ſich ſelbſt ſprechend: „Wie Schade, daß man nicht Zeit ge⸗ habt hat, die Decken von den Menbles abzunehmen!“ Dann rief ſie mit einer beſtürzten Miene: „Mir fällt ein . . . Jeannekte, machen Sie ein gutes Feuer im Salon . .. ſobald der Herr dort ein⸗ getreten iſt.“ „Aber Madame weiß wohl, daß es im Salon ſtark raucht, wenn man darin Feuer zu machen anfängt,“ ent⸗ gegnete die Dienerin, „und . . . „Gehen Sie und thun Sie, was man Ihnen be⸗ fiehlt““ rief Madame Jouffroy mit der gebieteriſchen, männlichen Stimme, der das ganze Haus zu gehorchen gewohnt war. Die ſo ungeſtüm entlaſſenen Familien⸗ mitglieder blieben nichtsdeſtoweniger im Zimmer, indem ſie ſich mit dem Blicke nach der Urſache der plötzlichen Aufregung von Madame Jouffroy fragten. Dieſe rief ungeduldig: „Aber ſo geht doch!“ Und einer Art von Berauſchung nachgebend, die den Zeugen dieſer Scene ganz unerklärlich, nahm ſie in ihre beiden Hände den Kopf von Aurelie, küßte dieſe mehrere ale mit einer tollen Zärtlichkeit auf die Stirne, und ſagte zu den andern Mitgliedern der Familie: „Verlaßt uns!“ „Aber, Mimi!“ ſprach endlich ſchüchtern Herr Jouff⸗ roy, denn er fand Mimi, wie er ſich ausdrückte, ſehr ſtürmiſch, „erkläre uns doch „ „Ich werde mich erklären, ſobald wir allein ſind;“ und ſie fügte heftig bei: „Um des Himmels willen, 160 geht doch! ich wiederhole Euch, daß ich mit meinem Manne zu ſprechen habe.“ „Meine Tante, . . . oder vielmehr meine Mutter,“ ſagte Fortuné in der Trunkenheit ſeines Glückes, „ich hoffe Ihnen in einigen Angenblicken zeigen zu können . . „Laß mich doch in Ruhe! Bei meiner Treue, ich habe wohl Zeit, Deine Alfanzereien anzuhören!“ rief ſie zornig mit dem Fuße ſtampfend; und ſie ſchob Fortuns an den Schultern aus dem Zimmer, aus dem die an⸗ deren Perſonen der Familie ſchon weggegangen waren, ohne daß Jemand etwas von dem, was vorging, begrei⸗ fen konnte. XXIX. Madame Jouffroy hatte nicht daran gedacht, den Vetter Rouſſel unter den Perſonen zu bezeichnen, welche ſie ſich zu entfernen aufforderte, als nach der Familien⸗ ſcene, bei der Aurelie am Ende den Heirathsautrag von Fortuné Sanval annahm, Jeannette ihrer Gebieterin meldete, der Marquis von Villetaneuſe bitte um eine Unterredung. Obgleich der Vetter Rouſſel dieſe Ausnahme dem Zufalle des Vergeſſens zuſchrieb, beſchloß er doch, Nutzen hieraus zu ziehen. Einen ernſten Vorfall ahnend, blieb er hinter dem an einem der Fenſter ſtehenden Wind⸗ ſchirme. Madame Jouffroy bemerkte in ihrer Verwir⸗ rung Anfangs die Gegenwart von Joſeph nicht, und ſie rief, ſobald ſie mit ihrem Gatten allein war: „Weißt Du, wer der Herr iſt, der uns ſeine Karte geſchickt hat? „ . Es iſt der Marguis.“ „Was?“ fragte der treffliche Mann ganz betäubt. „Welcher Marquis, Mimi?“ „Der von geſtern.“ „Der von geſtern?“ 161 „Ja, der Marquis von Villetaneuſe, den wir bei der Richardet getroffen haben . . . Du ſiehſt ganz ver⸗ dutzt aus!“ „Eil und Du, Du biſt roth wie ein Hahn, Du ſiehſt aus, als erſtickteſt Du in Deinem Kleide, Du ſchickſt alle Leute weg, und ich, ich . . .“ „Höre mich wohl an: der Herr Marquis hat mit Bleiſtift auf ſeine Karte unter ſeinen Namen und ſeinen mehrere Worte geſchrieben, ſo daß gleichſam zu eſen iſt: „„Der Herr Marquis von Villetanenſe, Pair von Frankreich.““ Und ſie wiederholte mit Rachdruck: „Pair von Frankreich! „hat die Ehre . . .„ Und ſich noch mehr aufblähend: „Hörſt Du, mit welcher ausgezeichneten Artigkeit er uns behandelt! . . „„Hat die Ehre, Herrn und Madame Jouffroy um die Gewogenheit zu hitten ..“ Er bittet uns um die Gewogenheit!“ wiederholte Madame Jouffroy ganz außer ſich vor Entzücken; „wir ſollen ihm eine Gewogenheit bewilligen! hörſt Du wohl? Der Herr Marquis hat die Gnade, Leute wie uns um eine Gewo⸗ genheit zu bitten! Oh! mein Gott!“ „Es iſt wahr, Mimi, man könnte nicht artiger ſein; dieſe Herren von der vornehmen Welt haben eine Manier, die Dinge zu drehen .. „„Ihm eine Unterredung von einigen Augenblicken bewilligen zu wollen,““ las Madame Jouffroy weiter. „Doch das iſt noch nichts, höre, was folgt, Baptiſte.“ Und ſie fuhr langſam und gleichſam jede Sylbe ſpaltend fort: „Es han . delt ſich um eine ſehr wich „tige Mit. theilung.““ Begreifſt Du?“ ſprach ſie mit einer bebenden Stimme, „eine ſehr wichtige Mittheilung!“ „Ich begreife wohl, denn das iſt ganz klar; doch Die Familie Jvuffroy. k. 1¹¹ 162 was für eine Mittheilung kann uns der Herr Marquis zu machen haben?“ „Mein Freund, dieſe Mittheilung, wenn es ... nein, nein, das wäre zu ſchön . . . und dennoch kam mir dieſer Gedanke ſogleich, als ich die Karte empfing . .. Warum nicht? meine Tochter kann wohl . . . Aber nein . . ich täuſche mich! . . . und doch. .. Ah! das wäre um den Kopf darüber zu verlieren! Ich glaube, ich würde wahnſinnig!“ „Sophie, beſänftige Dich! Du machſt mir bange! Du ſprichſt nicht zwei Worte im Zuſammenhange, Du ſchwitzſt große Tropfen, Du ſchwimmſt in Deinem Schweiße, erkläre Dich!“ Und ſich unterbrechend: „Oh! mein Gott! ſollte es irgendwo brennen? man riecht ſchon den Rauch!“ „Es iſt das Feuer, das man im Salon anzündet! Die einfältige Jeannette macht immer ſolche Streiche! Sie iſt im Stande, den Herrn Marquis einzuräuchern! Das iſt zum Verzweifeln! Der verfluchte Kamin! Wenn dieſe dumme Jeannette nur wenigſtens ſo vorſichtig ge⸗ weſen iſt, daß ſie die Fenſter geöffnet hat!“ Dann zu ihrem Spiegelſchranke laufend: „Zum Glücke bin ich an⸗ gekleidet . . ich will nur die Haube wechſeln.“ Madame Jouffroy nahm in aller Eile aus ihren Schachteln eine reich mit Spitzen verzierte Haube und ſetzte ſie raſch auf, während ihr Gatte ſtumm und immer mehr verdutzt blieb. Scharfſinniger und ebenſo erſtaunt als beſorgt über den ſeltſamen Beſuch des Marquis von PVilletaneuſe, glaubte der Vetter Rouſſel ſeine bis dahin unbemerkte Gegenwart nun enthüllen zu müſſen, und mitten in das Zim⸗ mer tretend, ſagte er mit der größten Treuherzigkeit: „Du haſt Recht, Baptiſte, es iſt hier ein unerträg⸗ licher Rauchgeruch.“ „Wie!“ rief Madame Joufftoh in ſehr übler Laune, 163 ſie ſich gegen Joſeph umwandte, „Sie waren hier?“ „Allerdings, Couſine . . ich war hier.“ „In der That, Sie ſind von einer Indiscretion!..“ „Verzeihen Sie, Couſine, Sie haben Jedermann aufgefordert, hinauszugehen, mich ausgenommen.“ „Das iſt unmöglich!“ „Ich verſichere Dich, Mimi, daß Du den Namen Joſeph nicht unter den Ausgeſchloſſenen genannt haſt; doch ich wußte nicht, daß er hier war.“ „Darum iſt der Herr nicht minder hinter dem Wind⸗ ſchirme verborgen geblieben, um zu behorchen, was wir ſprachen .. . Das iſt ſchändlich!“ „Ah! Mimi, erhitze Dich nicht; Du wirſt carmeſin⸗ roth ſein, wenn wir vor dem Herrn Marquis erſcheinen.“ Und huſtend fügte Herr Joufftoy bei: „Nun dringt der Rauch hier ein Jeannette muß die Fenſter im Sa⸗ lon nicht geöffnet haben! Der Herr Marquis wird ge⸗ räuchert werden wie ein Schinken!“ „Wahrhaftig, Du machſt mit Deinen Reflexionen, daß mir das Blut in den Adern ſiedet! Gehen wir raſch zu ihm; ich werde mich, ſo gut ich kann, in Betreff die⸗ ſes verfluchten Kamins entſchuldigen.“ Und ganz außer ſich, verließ Madame Jouffroy ſchleunigſt das Schlafzimmer, gefolgt von ihrem Manne, der dem Vetter Rouſſel zuflüſterte: „Es ſpukt entſchieden bei Mimi. Der Herr Mar⸗ quis wählt ſeine Zeit ſehr ſchlecht; er durchſchneidet gerade⸗ zu unſere Familienfreude. Glücklicher Weiſe ſind die Stücke davon gut!“ fügte Herr Jouffroy heiter bei. „Fortuné muß in dieſem Augenblicke dem Töchterchen allerhand verliebte ſchöne Dinge vorſagen!“ Joſeph verließ das Schlafzimmer, das vom Salon durch einen ſchmalen, ſchon von dickem Rauche erfüllten Gang getrennt war. Trotz ſeines Verlangens, die Veran⸗ laſſung vom Beſuche des Marquis, durch den er ſich un⸗ 164 beſtimmt beunruhigt fühlte, kennen zu lernen, wußte Jo⸗ ſeph nicht recht, wie er zu ſeinem Ziele gelangen ſollte. Er ſuchte das Mittel, ſeine Nengierde zu befriedigen, als Madame Jouffroy, die ſich, nachdem ſie eine mit dem Gange in Verbindung ſtehende Thüre des Salon geöffnet hatte, in einem Rauchwirbel ſah, auf der Schwelle des Zimmers ſtehen blieb und ausrief: „Ah! mein Gott! nicht auf zwei Schritte erkennt man etwas in dieſem Zimmer! Herr Marquis, ſind Sie noch da?“ „Ja, hum! hum! ja, ſchöne Dame,“ antwortete aus dem Schooße dieſes ſchwarzen Qualmes die Stimme des unſichtbaren Marquis, der entſetzlich huſtete. „Es raucht ein wenig in dieſem Salon, hum! hum! und ich habe mir erlaubt, ein Fenſter zu öffnen; hum! hum! doch ein Wind treibt . . hum! hum! den ganzen Rauch ins Zimmer zurück!“ „Ah! Herr Marquis, wie . . wie hum! hum! wie ſehr habe ich mich . . .“ Madame Jouffroy endigte jedoch nicht; halb erſtickt fing ſie auch an gräßlich zu huſten. Nach und nach ge⸗ lang es ihr indeſſen, zu artikuliren: „Wir ſehr hahe ich mich zu entſchuldigen!“ „Schöne Dame,“ verſetzte Herr von Villetanenſe, „ich bedaure in dieſem Augenblicke einzig und allein, huml hum! daß ich nicht im Stande bin, Sie dentlich zu erſchauen, denn der Rauch hat mich völlig geblendet!“ „Es gibt ein ſehr einfaches Mittel, den Rauch zu zerſtreuen, meine Coufine,“ ſagte Joſeph; „man braucht nur alle Thüren und alle Fenſter zu öffnen; das will ich auf der Stelle thun!“ Und er ſtürzte ſich muthig in den Salon, in der Hoffnung, ſo wieder bei der Gebieterin des Hanſes in Gnade zu kommen und der vom Margquis nachgeſuchten Unterredung beiwohnen zu können. „Beeilen Sie ſich, Vetter Ronſſel,“ erwiederte Ma⸗ 165 dame Jouffroy; dann fügte ſie, immer im Dunklen tap⸗ pend, bei: „Ah! Herr Marquis, wie ſehr bitte ich Sie um Verzeihung!“ „Es geht ein ſolcher Wind . . . hum! . hum! daß alle Kamine abſcheulich rauchen,“ verſetzte höflich der Greis. „Dieſen Morgen erſtickte ich beinahe vom Qualme in meiner Wohnung!“ „Ah! mein Herr, Sie ſind ſehr liebenswürdig . . . Sie ſagen das, um uns zu tröſten.“ „Durchaus nicht, ſchöne Dame, durchaus nicht. Doch nun erlauben mir endlich dieſe garſtigen, eiferſüch⸗ tigen Wolken, die ſich zum Glücke zerſtrenen, Madame, die Ehre zu haben, Sie zu ſehen das iſt das rich⸗ tige Wort . und den Ausdruck meiner Ehrerbietung zu Ihren Füßen niederzulegen“ Nachdem die ſchwarzen Dünſte durch die Thätigkeit der Luftſtrömungen vertrieben waren, konnten die im Salon verſammelten Perſonen einander endlich ins Ge⸗ ſicht ſchanen. Schwarz gekleidet, mit ſeidenen Strüm⸗ pfen an den Beinen, trug Herr von Villetaneuſe auf der linken Seite ſeines Frackes den Stern eines fremden Ordens, deſſen großes grünes Band mit orangefarbiger Einfaſſung von der Weiße ſeiner Weſte abſtach. Ge⸗ wöhnlich decorirt man ſich nie am Morgen mit ſolchen Ehreninſignien; doch der Effect dieſer Schauſtellung war vom Greiſe berechnet: ſeine Vorherſehungen täuſchten ihn nicht, denn einen Moment benützend, wo er ſeine durch den Rauch gerötheten Augen verdrehend huſtete, ſagte Madame Juuffroy leiſe zu ihrem Manne: „Sieh doch! der Marquis trägt zwei Ordensſterne und ein großes Band, und wir erzeigen ihm die Ge⸗ wogenheit, ihm eine Unterredung zu bewilligen!“ „Und trotz ſeiner Ordensſterne und ſeines großen Bandes haben wir ihn eingeräuchert wie einen Fuchs in ſeinem Ban . Zum Gluck hat er die Sache ſehr gut —— 166 aufgenommen . . . Doch was Teufels kann er uns mit⸗ zutheilen haben?“ In der Hoffnung, man werde ſeine Gegenwart dul⸗ den, wenn er ſich nützlich mache, ſchloß der Vetter Rouſſel die Fenſter und die Thüren, ſchürte das Feuer und rückte die Fauteuils an den Kamin; er knüpfte ſogar ein Ge⸗ ſpräch mit dem Marquis an, indem er zu ihm ſagte: „Nähern Sie ſich dem Feuer, mein Herr, dieſe Luftzüge mußten Ihnen kalt machen.“ „Ganz und gar nicht, mein lieber Herr, ganz und gar nicht,“ erwiederte Herr von Villetaneuſe ſchnatternd, indem er ſeine noch thränenden Augen abwiſchte; „die Gebieterin dieſes Hauſes hat ſich auf eine ſo liebens⸗ würdige Art über die Inconvenienz dieſes Kamins ent⸗ ſchuldigt, daß ich es, bei meiner Ehre! nur bedauern würde, wenn es in dieſem Salon nicht geraucht hätte...“ „Ah! Herr Marquis, das iſt zu viel Güte! man kann unmöglich nachſichtiger ſein.“ „Was willſt Du, Mimi! der Herr weiß wohl, daß wir nicht im Kamine ſind, und daß es nicht unſere Schuld iſt, wenn .. . „Vetter Rouſſel,“ unterbrach Madame Jouffroy ihren Mann, als ſie zu ihrem Erſtaunen ſah, wie ſich Joſeph hinterhältiſch in einen ziemlich weit vom Kamine entfernten Lehnſtuhl niederließ, „Vetter Rouſſel, ver⸗ zeihen Sie, wir haben mit dem Herrn Marquis zu reden.“ err von Villetaneuſe, der einen durchdringenden Blick auf den ehemaligen Specereihändler warf und ſeine Züge vollkommen gutmüthig fand, glanbte einen Meiſter⸗ ſtreich zu ſpielen, wenn er ſich einer Hülfsmacht ver⸗ ſichere, und in dem Momente, wo Joſeph, ſehr ärger⸗ lich, langſam ſeinen Sitz verließ, fragte der Greis, mit dem Blicke den Vetter Ronſſel bezeichnend: „Hat dieſer Herr die Ehre, zu Ihrer Familie zu gehören, Madame?“ 167 „Ja, Herr Marquis.“ „Rouſſel iſt mein Jugendkamerad und mein Ver⸗ wandter,“ fügte Herr Jouffroy bei. „Mit einem Worte, er iſt der beſte Freund der Familie.“ „In dieſem Falle,“ ſagte Herr von Villetaneuſe, „wäre ich entzückt, wenn der Herr unſerer Unterredung beiwohnen wollte, natürlich vorausgeſetzt, daß Sie dazu einwilligen, ſchöne Dame,“ fügte der Greis artig hinzu; „Sie ſind Königin in Ihrem Salon.“ Dann ſich unter⸗ brechend: „Wahrhaftig, Madame, und ich bitte Sie Millionen Mal um Verzeihung . . . Doch dieſe Aehn⸗ lichkeit, von der ich geſtern Abend mit Ihnen zu ſprechen die Ehre hatte, iſt ſo außerordentlich, daß ſie mich un⸗ willkürlich zerſtreut, und wenn ich mit Ihnen rede, bin ich jeden Angenblick auf dem Punkte, zu Ihnen zu ſagen: „Meine liebe Herzogin!““ „Herr Marquis, thun Sie ſich keinen Zwang an; meine Frau wird ſich nicht für beleidigt halten . . im Gegentheile . . „Dabei . . wenn es ſich um eine Aehnlichkeit des Geſichtes handelte, wäre mein Erſtaunen weniger groß,“ ſagte Herr von Villetaneuſe; „doch nein, es iſt ganz und gar die edle Tournure dieſer lieben Herzogin.“ „Ah! Herr Marquis, Sie bringen mich ganz in Verwirrung Sie ſchmeicheln mir.“ „Nein, Madame, nein, ich ſchmeichle Ihnen nicht: Sie haben dieſelbe Kopfhaltung, dieſelbe vornehme Miene wie die gute Herzogin; doch nun bin ich ein wenig ver⸗ traut mit dieſer Aehnlichkeit, ich kann alſo dafür ſtehen, daß ich nicht neuen Zerſtreuungen nachgeben werde, und ich komme zu dem wichtigen Gegenſtande, der mich zu Ihnen führt, Madame.“ Hier unterbrach ſich der Greis, und er ſchien ſich einen Augenblick zu ſammeln. Immer mehr ſich aufblaſend, triumphirend, daß ſie ſo ſehr einer Herzogin gleiche, vergaß Madame Jouffroy 168 in ihren Entzückungen den Vetter Rauſſel, auf deſſen Ausſchließung ſie indeſſen nach den Worten des Herrn von Villetaneuſe hierüber nicht beſtanden haben würde. Mehr als je wünſchte Joſeph ſich Glück, daß er an⸗ weſend bei dieſer Beſprechung: deren Zweck ihm um ſo verdächtiger zu werden anfing, je kächerlicher und plumper die von dem Greiſe an die Mutter von Aurelie verſchwendeten Schmeicheleien waren. XXX. Nach kurzem Ueberlegen ſprach Herr von VBilleta⸗ neuſe mit einer ernſten, feierlichen Miene: „Madame, ich bin alt, ich bin ledig .. . und bald,“ ſagte der Greis mit ſchwermüthigem Ausdrucke, „bald werde ich nicht mehr von dieſer Welt ſein, meine liebe Madame.“ „Ah! Herr Marquis, hoffen wir im Gegentheile, daß Sie ſich lange für Ihre Freunde erhalten werden.“ „Mimi hat Recht, Sie erſcheinen, bei meiner Trene, noch ſehr grün, und dann ſind Sie ein wenig dürr, und die Dürren . . .“ „Mein Freund, lege ein Scheit ins Feuer,“ ſagte raſch Madame Jouffroy, um die phyſiologiſchen Betrach⸗ tungen ihres Manues über die Dürren kurz abzuſchneiden. „Worauf des Teufels zielt dieſer Menſch mit den Sternen und dem großen Ordensbande ab? er ſieht arg⸗ liſtig aus wie ein alter Affe,“ dachte Joſeph; „ich miß⸗ traue ſeinen kläglichen Ködern in Betreff der Aehnlichkeit meiner Couſine mit einer Herzogin.“ „Ich hatte olſo die Ehre, Ihnen zu ſagen, ſchöne Dame, ich ſei ein alter Junggefelle; bleiben mir noch einige Jahre zu leben . . . ich nehme Ihre glückliche Wahrſagung an ... ſo werden dieſe Jahre mein Da⸗ ſein nicht ſehr verlängern, und, Chef meines Hanſes, 169 möchte ich dieſes Leben nicht gern verlaſſen, ohne ſicher zu ſein, der Name meiner Familie werde nicht erlöſchen. Leider aber läuft er ſehr Gefahr, zu erlöſchen, dieſer, ich darf es wohl ſagen, glorreiche Name, der in die Zeit der Kreuzzüge zurückgeht.“ „In die Zeit der Kreuzzüge, Herr Marquis! Du hörſt, Baptiſte? in die Zeit der Kreuzzüge!“ „Ja, Mimi . . . das war wahrſcheinlich zur Zeit der Romanze: Partant pour la Syrie le jeune et beau Dunois . . . venait prier . . „Ganz richtig, mein lieber Herr; Ihre geſchicht⸗ lichen Erinnerungen bedienen Sie vortrefflich . . . Ich füge bei, ſchöne Dame, daß Humbert IV., Sire von Villetaneuſe, einer meiner Ahnen, im Jahre eilfhundert, das ſind ſiebenhundert Jahre her, an der Spitze der Reiſigen ſeiner Herrſchaft den Herzog von Aquitanien auf dem Kreuzzuge begleitete. Soll ich hinzuſetzen, daß ſeit Jahrhunderten unſer Haus mit den höchſten, mit den berühmteſten Familien Frankreichs verbunden iſt, und daß wir unter unſeren Vorfahren Generallientenants, Cardinäle, Botſchafter, Marſchälle von Frankreich zählen?“ „Cardinäle, Marſchälle von Frankreich!“ „Ja, ſchöne Dame, ich beſitze das Portrait meines Urgroßvaters, des Marſchalls Marquis von Villeta⸗ neuſe .. Aber, ach! wozu nützt ſo viel Ruhm und Glanz, wenn unſer Name erlöſchen ſoll!“ „Und warum ſollte deun Ihre Familie erlöſchen, Herr Marquis? Haben Sie nicht einen Neffen?“ „Ja, Madame, ich habe einen Reffen, ich erfreue mich des Glückes, einen Neffen zu beſitzen, — den rei⸗ zendſten Jungen der Welt; ich liebe ihn wie meinen Sohn, ich werde ihm mein Vermögen hinterlaſſen, mein ganzes Vermögen, und nach mir wird er Chef unſeres Hauſes, Marquis von Villetaneuſe, werden: abgeſehen davon, daß mir der König, der mir einiges Wohlwollen bezeigt, förmlich verſprochen hat, mein Neffe werde meine 170 Stelle in der Kammer der Pairs einnehmen. Nun wohl! würden Sie glanben, ſchöne Dame, daß bei allen dieſen Vorzügen und Vortheilen mein Neffe bis jetzt noch nicht hat heirathen wollen?“ „Ah! alter Fuchs!“ murmelte Joſeph. „Endlich errathe ich, wo Du hinaus willſt, doch ich bin da!“ „Es konnte indeſſen dem Herrn Grafen nicht an Gelegeuheiten, ſich zu verheirathen, fehlen?“ verſetzte mit heftig ſchlagendem Herzen Madame Jouffroy, welche Blendungen zu haben anfing. „Ein ſo liebenswürdiger, ſo hübſcher junger Mann, Graf für jetzt, Marquis und Pair von Frankreich ſpäter!! Er mußte nur hinſichtlich der Wahl verlegen ſein!“ „Das iſt die Wahrheit, Madame; er hat kürzlich erſt die Tochter der Prinzeſſin von Maillebois ausge⸗ ſchlagen“ „Die Tochter einer Prinzeſſin ausſchlagen! Du hörſt mein Freund, die Tochter einer Prinzeſſin!“ „Ei! Mimi, das beweiſt, daß der Herr Graf ſchwer zu befriedigen iſt,“ erwiederte Herr Jouffroy; und in ſeinem Innern fügte er bei: „Dieſe jungen Libertins treiben ſich lieber in den öffentlichen Häuſern herum. Und dann iſt der Graf in den Klauen ſeiner Weihs⸗ perſon.“ „Vor zwei Monaten,“ fuhr der Greis fort, „vor zwei Monaten hat mein Neffe die Nichte des Herrn Ge⸗ ſandten von Reapel, der coloſſal reich war, ausgeſchla⸗ gen. Kurz, ich verzweifle, ihn zu verheirathen, wenn Sie, meine ſchöne Dame, mir nicht zu Hülfe kommen.“ 5 „Ich!“ ſtammelte Madame Juuffroy ganz berauſcht, ich „Allerdings.“ „Ich. WMein Gott! was ſagen Sie?“ „Die Mittheilung, die ich Ihnen zu machen mich beehren wollte, hat nichts Anderes zum Gegenſtande.“ „Nun ſind wir bei der Sache,“ ſagte der Vetter „ 171 Rouſſel zu ſich ſelbſt. „Ah! meine Ahnungen täuſchten mich nicht.“ „Dieſe Mittheilung hat nichts Anderes zum Gegen⸗ ſtande, als die Verheirathung des Herrn Grafen, Ihres Neffen,“ verſetzte mit bebender Stimme die Muttet von Aurelie. „Nein, nein, Herr Marquis, was Sie da ſagen, iſt nicht möglich!“ „Ich habe die Ehre, Ihnen zu wiederholen, Ma⸗ dame, Sie und Ihr Herr Gemahl können es vielleicht allein verhindern, daß unſere Familie erliſcht, indem Sie mir zu Verheirathung meines Reffen beiſtehen.“ „Wahrlich! das iſt höchſt ſeltſam!“ rief naiv der ehemalige Kaufmann; „ich geſtehe, daß mir dieſe Sache rein unbegreiflich iſt. Und Du, Joſeph?“ „Ich weiß nichts,“ erwiederte der Vetter Rouſſel, und er fügte leiſe bei: „Was müßte ich befürchten, hätte Aurelie nicht Fortuns das Wort gegeben! Dieſes Weib iſt toll, erztoll!“ „Schöne Dame,“ ſprach der Greis mit geheimniß⸗ vollem und zugleich innigem Tone, „wiſſen Sie, was geſtern Abend zwiſchen meinem Reffen und mir nach dem Balle, wo wir mit Ihnen zuſammenzutreffen die Ehre gehabt hatten, vorgefallen iſt? Doch ich bitte, was haben Sie? Sie ſcheinen unruhig, bewegt . . . „Fahren Sie fort, Herr Marquis .. ich bitte Sie inſtändig, fahren Sie fort .. „Nun wohl! Madame, geſtern Abend nach dieſem Balle iſt zwiſchen meinem Neffen und mir eine Scene vorgefallen, die mich bis zu Thränen erſchüttert hat. Henri das iſt ſein Name . fiel mir um den Hals und ſagte zu mir: „„Sie ſind bis heute für mich ein Vater, der Zärtlichſte der Väter geweſen,““ (der Greis betonte dieſe Worte mit einer zitternden Stimme), — „„der Beſte der Väter . .. und ich verlange einen neuen Beweis von Ihrer Zärtlichkeit, mein lieber Oheim. Bis jetzt habe ich mich trotz Ihres dringenden Zuredens 172 immer geweigert, zu heirathen, weil ich, ſo glänzend auch die mir angebotenen Partien waren, nichts in meinem Herzen für die jungen Perſonen fühlte, die man mir zur Ehe vorſchlug. Ich will nur eine Frau hei⸗ rathen, in die ich leidenſchaftlich verliebt bin, um ſie zum glücklichſten Geſchöpfe der Welt zu machen . . . Nun wohl, mein lieber Oheim, dieſe bis daher unfindbare Frau habe ich heute Abend getroffen; ſie iſt von einer unvergleichlichen Schönheit; eine Unterhaltung von eini⸗ gen Augenblicken war für mich genügend, daß ich die Güte ihres Herzens, den Zauber ihres Geiſtes, die hohe Diſtinction ihrer Manieren ſchätzen konnte; der Blitz iſt nicht ſchneller als die Liebe, die mich im Herzen erfaßte. Ich bin wahnſinnig in dieſe junge Perſon verliebt, und heirathe ich ſie nicht, ſo heirathe ich nie in meinem Le⸗ ben; ich werde der Letzte der Villetaneuſe ſein, und un⸗ ſere Familie wird erlöſchen.““ „Herr Marquis,“ rief Madame Jouffroy, vor Er⸗ ſchütterung einer Ohnmacht nahe, „ich wage es noch nicht, zu glauben, daß .. Mein Gott! mir ſcheint, ich habe den Schwindel „. . Alles flimmert vor meinen Akhen „Verzeihen Sie, ſchöne Dame, wenn ich Sie un⸗ terbreche; wollen Sie mir erlauben, zu vollenden. „„Mein lieber Henri,““ erwiederte ich meinem Reffen, „es iſt etwas Ernſtes um das Heirathen. Deine Liebe ſcheint mir ein wenig zu raſch entſtanden zu ſein. Du haſt kaum eine halbe Stunde mit dieſer jungen Perſon geplaudert, und nun biſt Du leidenſchaftlich, ich möchte ſagen, wahnſinnig in ſie verliebt . . .“ „Herr Marquis ich . ſchwöre Ihnen . man hat . . von dieſer ſo plötzlichen . . . Liebe . Beiſpiele,“ verſetzte die Mutter von Aurelie mit ſtocken⸗ der Stimme, während der ehemalige Kaufmann, der den Scharffinn nicht gerade im Uebermaße beſaß, leiſe 173 und mit einer nachdenkenden Miene zum Vetter Rouſſel ſagte: „Wer mag die junge Perſon ſein, in die ſich der Neffe des Herrn Marquis ſo raſch verliebt hat? Du erzählteſt uns doch heute Morgen, er ſei in den Klauen einer leichtfertigen Dirne . . .“ „Unglückliches Kind! ich kann nicht bezweifeln, daß der Graf einen lebhaften Eindruck auf ſie hervorgebracht hat,“ dachte Joſeph, ohne ſeinem Freunde zu autwor⸗ ten. „Oh! unwillkürlich zittere ich.“ „Gewiß, ſchöne Dame,“ fuhr der Greis fort, „ge⸗ wiß, man hat Beiſpiele von plötzlichen, unwiderſtehlichen Leidenſchaften geſehen, es iſt aber die Aufgabe von uns, durch die Erfahrung gereiften, nächſten Verwandten, nicht den oft gefährlichen Hinreißungen derer, welche uns theuer ſind, nachzugeben; es iſt unſere Pflicht, für ſie die ihnen oft mangelnde Vernunft und Klugheit zu ha⸗ ben. Ich antwortete auch meinem Neffen: „Mein lie⸗ ber Henri, dies fordert Ueberlegung; wir werden bei ruhigerem Blute wieder hievon ſprechen.““ Aber baſta! er ließ mich nicht vollenden und rief mit einer Heftigkeit, die mich wahrhaft erſchreckte: „„Mein Oheim, ich bin im Stande, mir eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen, wenn Sie morgen nicht für mich um die Hand von Fräu⸗ lein Jouffroy werben!““ XXXI. Der Vater von Aurelie war allein erſtaunt über den von Heyrn von Villetaneuſe gemachten Heirathsantrag; der Vetter Roſſel ſah ſeit einiger Zeit dieſen Antrag mit wachſender Beſorgniß kommen, und Madame Jouff⸗ roy hatte, erleuchtet durch eine Ahnung ihrer abſcheuli⸗ chen Eitelkeit, beinahe von Anfang den Zweck vom Be⸗ ſuche des Greiſes vermuthet. * 174 Ach! die menſchliche Seele iſt ſo ſeltſamen Verirr⸗ ungen unterworfen, die mütterliche Zärtlichkeit äußert ſich zuweilen bis in ihrer Verblendung durch ſo leiden⸗ ſchaftliche Gefühle, daß dieſe Frau in Thränen zerfloß bei dem Gedanken: Aurelie wird Gräfin ſein . mn ſpäter Marquiſe und Fran eines Pair von Frank⸗ reich. Ja, dieſe blinde, einfältige Mutter, welche ihre Tochter auf ihre Art vergötterte, weinte vor Freude, vor Glück, es ſchwindelte ihr, und einige Augenblicke blieb ſie verſunken in jene Art von ſtiller Extaſe, welche bei ihr durch die plötzliche Verwirklichung einer bis da⸗ hin als wahnfinnig betrachteten Hoffnung verurſacht wurde. So groß iſt die Anſteckung der Eitelkeit bei den ſchwachen Weſen, daß der alte Handelsmann, Anfangs erſtaunt über den Antrag von Herrn von Villetaneuſe, bald eine lebhaſte Befriedigung des Stolzes in ſeinem Innern empfand; nicht als wäre der vortreffliche Mann perſönlich hoffärtig geweſen, doch dieſer Antrag dünkte ihm äußerſt ſchmeichelhaft für ſeine Tochter, die er an⸗ betete, und als ſein erſtes Erſtaunen vorüber war, ſagte er leiſe zum Vetter Rouſſel, indem er ſich freudig die Hände rieb: „Aurelie wird den Ruhm und den Nutzen haben; es bewirbt ſich um ihre Hand ein Marquis im Namen ſeines Neffen, und ſie wird unſern lieben Vetter Fortuns heirathen.“ „Ich hoffe es wohl,“ erwiederte auch leiſe Joſeph mit entſchloſſenem Tone; dann ſtand er von ſeinem Stuhle auf und trat an ein Fenſter, um ſich abzuſon⸗ dern und mehr mit Muße nachdenken zu können. Herr Jouffroy, der nun erſt die Thränen bemerkte, in denen das Geſicht ſeiner Frau gebadet war, näherte ſich dieſer und fragte mit Beſorgniß: + „Mein Gott! Sophie, was haſt Du weinſt!“ „Verzeihen Sie, Herr Marquis,“ ſprach Angen abwiſchend, die Mutter von Aurelie, „ zeihen Sie, die Dankbarkeit, das Glück, der unerwar⸗ tete Antrag, den Sie uns machen . .. ſehen Sie, da kann man nicht widerſtehen.“ „Ah! Madame,“ erwiederte der Greis, während er eine Uhr aus ſeiner Taſche zog und an ſeine Angen hielt, „ich theile Ihre Gemüthsbewegung . . es iſt immer ein rührender und feierlicher Augenblick, der Augenblick, wo man an die Verheirathung ſeiner Kinder denkt .. . und mein Neffe iſt für mich ein Sohn. Darf ich ihm nun einige Worte der Hoffnung bringen?“ „Der Hoffnung! Herr Marquis, wie können Sie nur eine Secunde an der Einwilligung von Aurelie und an der unſeren zweifeln?“ das iſt wie ein Traum!“ „Ah! Madame, welch ein ſchöner Tag für meinen Henri!“ Als Herr Jouffroy ſo ſeine Frau feierlich die Hand von Aurelie verſprechen hörte, glaubte er Anfangs zu träumen; er blieb eine Zeit lang ganz verdutzt und rief dann, während Joſeph überlegend und entſchloſſen zum Kamine zurückkehrte: „Ah! Frau, Du bedenkſt nicht!“ „Was bedenke ich nicht?“ „Du haſt Dich ſo eben beim Herrn Marquis für unſere Einwilligung und für die unſerer Tochter in Be⸗ treff dieſer Heirath verbürgt?“ „Gewiß.“ „Aber, Mimi „Zweifle ich einen Angenblic an der Einwilligung von Aurelie! Die Arme! wie ſelig, wie erſtaunt, wie geblendet wird ſie ſein! ſie wird nicht an das Glück glauben können, das ihr widerfährt, denn wahrhaftig, Du kannſt unſere Verbindlichkeiten vergeſſen, ich vergeſſe ſie nicht.“ ut,“ ſagte leiſe der Vetter Ronſſel, „gut, mein ud, Muth!“ „Ei! das iſt etwas Neues,“ verſetzte Madame Joufftoy, Anfangs in Verwirrung gebracht durch den feſten Ton ihres Mannes. „Was ſoll dies beſagen⸗ Verbindlichkeiten?“ „Verzeihen Sie, Madame,“ ſprach Herr von Ville⸗ taneuſe mit einer hoffärtigen Kälte, „ich wußte nicht, daß Sie frühere Verbindlichkeiten in Beziehung auf Ihre Demoiſelle Tochter hatten.“ „Ich bitte Sie, Herr Margquis, ich flehe Sie an, merken Sie nicht auf das, was mein Mann ſagt; ſo⸗ bald dieſe Heirath mir anſteht, iſt Alles abgemacht.“ „Nein, Sophie, es iſt nicht Alles abgemacht,“ ent⸗ gegnete der ehemalige Kaufmann ermuthigt durch die Anweſenheit und die Blicke des Vetter Rouſſel. „Aurelie hat ſo eben, in unſerer Gegenwart, förmlich ihrem Vetter ihn zu heirathen verſprochen. Dieſe Heirath ſteht uns in jeder Hinſicht an, und obgleich wir uns, ich wiederhole es, ſehr geſchmeichelt fühlen durch die Ehre, die uns der Herr Marquis dadurch erweiſen wollte, daß er uns eine Verbindung mit ſeinem Neffen antrug, ſind wir doch genöthigt, dieſen Antrag zurückzuweiſen.“ „Sehr gut, Baptiſte, ſehr guti halt feſt!“ flüſterte der Vetter Rouſſel Herrn Jouffroy zu; „ſogleich wird die Reihe an mich kommen, und ich werde Dich unter⸗ ſtützen.“ „Madame,“ ſagte Herr von Villetaneuſe, indem er aufſtand und ſich verbeugte, „da es ſich ſo verhält, ſo habe ich Ihnen nur noch den Ausdruck meines Bedauerns zu bieten. Einen Angenblick hoffte ich für meinen ar⸗ men Reffen, doch ich ſehe, ich muß auf dieſe Hoffnung verzichten, da uns Ihr Herr Gemahl förmlich erklärt, Madame, er widerſetze ſich der projectirten Verbindung — — g 177 Er iſt Herr und Meiſter in dieſem Hauſe, ich kann mich nur entfernen.“ Und der Greis machte Miene, als wollte er ſich nach der Thüre wenden. 3 XXXII. Verblüfft durch die unbegreifliche Entſchiedenheit ihres Manues, außer ſich, den Marquis ſagen zu hören, man dürfe nicht an dieſe Heirath denken, weil ſie dem Herrn und Meiſter dieſes Hauſes nicht anſtehe, überdies befürchtend, in ſeiner Empfindlichkeit verletzt, könnte Herr von Villetaneuſe ſeinen Antrag zurückneh⸗ men, rief Madame Jouffroy: „Ich wiederhole, Herr Marquis, was mein Mann ſagt oder nicht ſagt, iſt ganz gleichgültig. Es iſt wahr, daß meine Tochter aus Mitleiden mit ihrem Vetter, der ſterblich in ſie verliebt iſt, dieſem, um ihn zu beruhigen, vorhin geantwortet hat. . ſie werde .. vielleicht einwilligen, ihn zu heirathen.“ „Frau, es gibt kein vielleicht: Aurelie hat Fortuné förmlich verſprochen, ihn . . „Und wenn dies der Fall wäre! Steht es unſerer Tochter nicht frei, ein ihr durch das Mitleiden entriſſe⸗ nes Verſprechen zurückzunehmen? Wiſſen Sie nur, ob ſie nicht, wenn fie die Ehre erfährt, die uns der Herr Marquis gütigſt erweiſen will, nicht die Erſte iſt, die ihr Wort zuruckverlangt? Können Sie etwas beſchließen, ohne ihre Meinung zu hören? Haben wir ihr nicht hun⸗ dertmal wiederholt, ihre Wahl werde die unſere ſein. Und Sie wollen ans eigener Machtvollkommenheit den Antrag des Herrn Marquis zurückweiſen, ohne Aurelie zu Rathe gezogen zu haben ? Iſt der Antrag, — ja oder nein, — an ⸗ gerichtet7“ Die Familie Jvuffroy. 1. 12 178 Herr Jouffroy, der nicht wußte, was er auf dieſen Strom von Worten erwiedern ſollte, fühlte ſeine vor⸗ übergehende Feſtigkeit erlahmen, und er geſtand ſich, ſeine Fran wende vernünftiger Weiſe ein, man könne nichts ohne die Anſicht von Aurelie entſcheiden. Der Vetter Rouſſel aber, als er die Noth ſeines Freundes wahrnahm, ſagte zu Herrn von Villetaneuſe: „Mein Herr, wir ſind hier in der Familie; ich halte es für die Pflicht von uns Allen, daß wir uns in voller Aufrichtigkeit erklären, denn die Sache iſt wichtig.“ 3 „Gewiß, mein Herr, gewiß,“ verſetzte der Greis, indem er ſeine Tabatiöre in die Hand nahm. Und betroffen von dem übelwollenden Ausdrucke des Geſichtes von demjenigen, welcher zu ihm geſprochen hatte, ahnete er, er könnte wohl in ihm einen Gegner ſtatt eines Bei⸗ ſtandes finden. „Mein Herr,“ ſagte der Vetter Ronuſſel, ſich an den Marquis wendend. „Sie haben ſo eben ſehr richtig be⸗ merkt, es gebe nichts Ernſteres, als eine Verbindung, welche die Ehe zur Folge haben ſoll, und es ſei die Aufgabe der erfahrenen Verwandten, daß ſie ihre Kin⸗ der vor, voft mißlichen, Hinreißungen zu bewahren ſuchen.“ „Ja, mein Herr, das iſt mein Gedanke,“ erwiederte der Greis, während er eine Priſe Tabak ſchlürfte. „Was ſchließen Sie aus meinen Worten?“ „Das will ich Ihnen ſagen, mein Herr. Ich be⸗ faſſe mich nicht mit früheren Verbindlichkeiten von Ma⸗ demoiſelle Jouffroy; ich nehme an, ſie ſei völlig frei...“ „Es gibt hier keine Annahmen!“ rief Madame Jouffroy; „meine Tochter iſt frei, ganz und gar frei.“ Und ſie murmelte zwiſchen ihren Zähnen: „Verdammter Rouſſel! in was miſcht er ſich denn! Oh! er ſoll es mir bezahlen!“ „Gnt, Couſine Aurelie hat vollkommene Freiheit in ihrer Wahl: ich werde mir nur erlauben, einige Fra⸗ gen an dieſen Herrn zu ſtellen.“ 179 „Ich bin zu Ihren Befehlen und höre.“ „Ein junger Mann von beſonders eutzündbarem Naturell, hat ſich Ihr Neffe, nach Ihrer Behauptung, nachdem er Mademviſelle Jouffroy zum erſten Male ge⸗ ſehen und zwei Contretänze mit ihr getanzt, was kaum zu glauben, plötzlich leidenſchaftlich, ſterblich, wahnſinuig in dieſes Mädchen verliebt!“ „Ja, mein Herr.“ „Und nur Sie allein in der ganzen Welt, Vetter Ronſſel, können dies erſtaunlich finden; der Herr Mar⸗ quis iſt wahrlich ſehr gut, daß er ſich die Mühe gibt, Ihnen zu antworten.“ „Madame, bei ſo ernſten Conjunkturen betrachte ich es als eine Pflicht, auf alle Fragen zu antworten, die dieſer Herr an mich zu richten mir die Ehre erweiſen wird.“ Joſeph verbeugte ſich und ſprach: „Ich ſagte alfo, mein Herr, nach Ihrer Behaup⸗ tung ſei Ihr Reffe ſo wüthend in Mademoiſelle Jouffroy verliebt, daß er Ihnen drohe, er werde ſich, wenn er ſie nicht heirathe, eine Kugel vor den Kopf ſchießen. Wie kommt es indeſſen, mein Herr, — entſchuldigen Sie meine große Freiheit, — wie kommt es, daß dieſer wahn⸗ ſinnig Verliebte heute Morgen (ich bin Zeuge der That⸗ ſache geweſen), ſeinen Bedienten zu einem gewiſſen Ju⸗ welier geſchickt hat, um dieſen zu ermahnen, daß er un⸗ verzüglich eine ſehr reiche Armſpange zu einer Frau von Morlac tragen laſſe, zu einer Dame von mehr als zwei⸗ felhaften Sitten, bei der ſich unſer wahnſinnig Verliebter, beiläufig geſagt, heute um Mittag, wie ſich der Bediente geäußert hat, befinden ſollte? Mir ſcheint es nun, — immer nach meinem geringen Urtheil, — ſehr ſchwierig, die Gegenwart Ihres Neffen bei dieſem verdächtigen Weibe mit der wahnſinnigen Liebe in Einklang zu bringen, von der, wie Sie ſagen, Ihr Reffe für meine junge Verwandtin entflammt iſt.“ 180 „Rouſſel hat Recht; er hat uns dies heute Morgen erzählt, Du erinnerſt Dich, Sophie? Es ſteht allerdings dem Neffen des Herrn Marquis frei, Armſpangen zu ſchicken, wem er will, doch . . . „Doch,“ ſiel Joſeph ein, „dieſe Sendung beweiſt wenigſtens, daß der Herr Marquis zum Glücke nichts für das Leben ſeines Reffen zu befürchten hat, der ihMm drohte, er werde ſich eine Kugel vor den Kopf ſchießen, wenn er die Hand von Aurelie nicht erhalte, und findet dieſe Verweigerung wirklich ſtatt, ſo wird die alte und glorreiche Familie Villetaneuſe noch nicht in Folge eines ſolchen Piſtolenſchuſſes erlöſchen.“ „Die Bemerkung von Joſeph machte Madame Jouffroy, obſchon ſie ihren Plänen einen harten Schlag verſetzte, nachdenkend und erſchreckte ſie, weil ſie da⸗ durch an Thatſachen erinnert wurde, welche ſie in ihrer Aufregung vergeſſen hatte; ſo verblendet dieſe Frau auch durch ihre abſcheuliche Eitelkeit war, ſo vergötterte ſie doch ihre Tochter. Sie ſchauerte, ſchaute den Marquis an und ſchien ihr zu fragen: „Was können Sie auf dieſe ſo ſchwere Anklage ſagen?“ Der Greis begriff die Bedentung dieſes Blickes, ſfte langſam eine neue Priſe Tabak und ſprach ann: „Ich weiß unendlichen Dank dem Herrn .. und er ſchien Joſeph um ſeinen Namen zu fragen, „dem Herrn „Rouſſel,“ antwortete Joſeph. „Ronſſel, ehemaliger Specereihändler.“ Der Marquis verbengte ſich und fuhr fort: „Ich hatte alſo die Ehre, Herrn Rouſſel zu ſagen, ich wiſſe ihm unendlichen Dank für ſeine Bemerkung.“ „Ich bin entzückt, Ihnen dieſe Befriedigung gewährt zu haben; ich hatte hiebei keinen andern Zweck, als den, Ihnen äußerſt angenehm zu ſein.“ „Sie können ſich wohl denken, Madame,“ ſprach 181 Herr von Villetaneuſe zur Mutter von Aurelie, „Sie können ſich wohl denken, daß ich mich zu einem ſo feier⸗ lichen Schritte, wie es der iſt, den ſch bei Ihnen zu thun mir die Ehre gegeben, nicht entſchloß, ohne zuvor meinen Neffen über ſein gegenwärtiges Leben befragt zu haben. Es gibt Bekenntniſſe, die ich, aus Selbſtachtung, nie aufgeſucht; doch bei einem ſo ernſten Umſtande habe ich für meine Pflicht als Biedermann angeſehen, von meinem Neffen eine Art von Beichte in Betreff ſei⸗ nes Junggeſellenlebens zu fordern; die Thatſache, welche Herr. Herr .. Ronſſel ſo eben bezeichnet hat, iſt nun richtig, vollkommen richtig.“ „Ich verlangte nicht mehr,“ ſagte Joſeph, Herrn und Madame Jouffroy anſchauend, „das genügt mir.“ „Verzeihen Sie, mein Herr, mir genügt das nicht, und für die Ehre meines Neffen bedarf die Sache eini⸗ ger Erläuterungen . . . hören Sie. Ich darf wohl glauben, daß Madame, mit einem vortrefflichen Ver⸗ ſtande begabt, wie ſie dies iſt, und die Welt kennend, einem jungen Manne von ſechsundzwanzig Jahren kein Verbrechen daraus machen wird, daß er, wie man ſagt, ein Liebſchäftchen gehabt hat.“ „Nein, gewiß nicht, Herr Marquis, wenn es ſich wirklich nur um ein Liebſchäftchen handelt; die Menſchen ſind in Ganzen keine Engel, und die Jugend muß austoben.“ „Madame, Sie 8 meinen Gedanken bewunde⸗ rungswürdig überſetzt . Mein Reffe hät mir alſo ge⸗ ſtanden, er habe eine Verbindung mit einer Frau von .. von Moriac oder Morlac, ich weiß es nicht genau... Dieſe Verbindung mit einer Frau von mittlerer Tugend iſt keineswegs ernſt, in der That, ſo wenig ernſt, daß mein Reffe in dieſer Hinſicht zu mir geſagt hat: „„Mag ich ſo glücklich ſein oder nicht ſein, meine Bitte von Mademviſelle Juuffroy gewährt zu ſehen, die tiefe Liebe, die ich für ſie fühle, beherrſcht mich dergeſtalt, daß mir ein anderes Band, ſo leicht es auch iſt, zu dieſer Stunde 182 unerträglich wird. Morgen ſchon werde ich Frau von Morlac erklären, daß ich mit ihr breche.““ Mein Neffe iſt nun wirklich heute Morgen einzig und allein in dieſer Abſicht zu ihr gegangen, und um ihr eine Entſchädigung zu bieten, wie ſie immer vortrefflich von ſolchen Ge⸗ ſchöpfen aufgenommen wird, hat er ohne Zweifel dieſer Frau ein Geſchenk mit irgend einem werthvollen Ge⸗ ſchmeide gemacht . . . Dies iſt in ihrer ganzen Einfach⸗ heit, in ihrer ganzen Naivetät die Geſchichte der Arm⸗ ſpange, auf welche Herr. . . Nouſſel ſo wohlwollend angeſpielt hat; ich ſchätze mich glücklich, ihm aufs Neue zu bezeugen, wie ſehr ich ihm für ſeine Bemerkung Dank weiß. Die Intereſſen, mit denen wir uns beſchäftigen, ſind von hoher Bedeutung, und ſie gebieten uns Allen eine unnmſchränkte Aufrichtigkeit, ich möchte beinahe ſagen, eine ungeſchlachte Offenherzigkeit.“ Man konnte ſich unmöglich auf eine ſchicklichere Art ausdrücken, ſcheinbar ſiegreicher die Einwendung von Jo⸗ ſeph zurückſchlagen. Er wäre von der Aufrichtigkeit der Antwort des Marquis überzengt geweſen, hälte ihm die⸗ ſer nicht ein unüberwindliches Mißtrauen eingeflößt. Herr Jouufftoy ſchaute ſeinen Vetter den Kopf ſchüttelnd anz er ſchien zu ſagen: „Im Ganzen iſt das ein Lieb⸗ ſchäftchen ohne Folge;“ und ſeine Frau rief triumphirend; „Ah! Herr Marquis, Ihre Antwort erleichtert mich um eine Laſt, die mir das Herz bedrückte. Der Bruch des Herrn Grafen mit dieſer Creatur iſt ein Beweis mehr von der Liebe, die er für meine Tochter fühlt.“ „Noch ein Wort, mein Herr,“ ſprach Joſeph, ſich an den Marquis wendend. „Sie ſagten ſo eben meiner Anſicht nach höchſt vernünſtig, wir müſſen eine unge⸗ ſchlachte Offenherzigkeit gegen einander zeigen, und . Herr Rouſſel,“ rief Madame Jouffroy außer ſich, „miſchen Sie ſich in das, was Sie angeht! Sie haben ſich wider meinen Willen an unſerer Unterredung be⸗ 183 theiligt; der Herr Marquis hat die Güte gehabt, Ihre Gegenwart zu dulden, und Sie haben ihn, bei Gott! ſchön belohnt für ſeine Rachſicht. Ich bitte Sie alſo, zu ſchweigen oder wegzugehen!“ „Ah! Frau, Frau, kannſt Du ſo mit Rouſſel, un⸗ ſerem beſten Freunde, ſprechen?“ „Madame,“ verſetzte raſch der Greis, „ich bitte Sie inſtändig, erlauben Sie im Gegentheile, daß Herr Rouſſel ganz frei ſpricht. Ich wäre in Verzweiflung, wenn ich den Anſchein hätte, als weiche ich vor den Fragen zurück, die es ihm noch an mich zu richten ein⸗ fallen mag, denn er ſcheint mir ſehr fragſelig, Ihr Herr Vetter!“ „Das iſt einer meiner geringſten Fehler, doch ich habe unter anderen den, den Sitten einer gewiſſen Welt ſo völlig fremd zu ſein, daß es mir wenigſtens ſeltſam dünkt, daß Ihr Neffe, wenn er mit einer Frau von der Gattung von Frau von Morlat brechen wollte, ſich die Mühe gegeben hat, deshalb heute Morgen zu ihr zu gehen, trotz der wahnſinnigen Liebe, die er für meine junge Verwandtin empfindet; ein Billet von zwei Zeilen genügte für dieſen Bruch; wir wollen indeſſen hierüber weggehen.“ „Das iſt ein Glück,“ ſagte Madame Jouffroy, ihren unwillen verbeißend, „das iſt, bei meiner Treue, ein Glück!“ „Ihr Reffe hat ſich, wie ich denke, als er ſich lei⸗ denſchaftlich in Aurelie verliebt fühlte, nichts darum be⸗ kümmert, ob ſie eine reiche Mitgift bekommen oder nicht bekommen werde, das verſteht ſich von ſelbſt. Es gehört dies, wie Sie mir ſagen werden, zu jenen Fragen des phſe gegen welche die Verliebten völlig gleichgültig eiben.“ „Man wird ſehen, meine Tochter iſt am Ende nicht ſo ſchön, ſo bewunderungswürdig ſchön, daß man ſie lieben 184 kann, ohne an ihre Mitgift zu denken! Oh! welche Ge⸗ duld muß man haben, um ſolche Dinge anzuhören!“ „Herr.. Ronſſel, die Bemerkung von Madame iſt ſo vernünftig, ſo richtig, daß ich für jetzt ihren Worten nichts beizufügen habe.“ „Ganz gut, mein Herr, doch ich, wenn Sie mir erlauben, füge bei: Die Uneigennützigkeit Ihres Herrn Neffen iſt um ſo verdienſtlicher, ich möchte ſagen, um ſo heldenmüthiger, als er die Unannehmlichkeit hat (Ihr Herr Neffe), Wechſel circuliren zu laſſen, die man um keinen Preis discontiren will, unter dem unverſchämten Vorwande, er bezahle ſeine Wechſel zur Verfallzeit nicht, und ſeine Unterſchrift ſei beinahe ſynonym mit Proteſt geworden.“ „Proteſtirte Wechſel!“ rief Herr Jouffroy, mit dem heiligen Abſcheu gegen den Proteſt, wie man ihn ge⸗ wöhnlich bei den Kaufleuten findet, welche gewiſſenhaft ihren Verbindlichkeiten entſprechen. „Was ſagſt Du da, Ronſſel? Proteſtirte Wechſel!“ „Du begreifſt wohl, daß ein eleganter, ſchöner junger Mann wie der Herr Graf keine doppelte Buch⸗ haltung führt; er eaſſirt zuerſt ein, und er bezahlt . . . wenn er kann; das ſind höhere Bankgeſchäfte! . . . Gewiß iſt, daß neulich in meiner Gegenwart mein Freund Badinier ſich geweigert hat, einen vom Herrn Grafen von Villetaneuſe unterzeichneten Wechſel von dreitanſend Franken zu discontiren, indem er behauptete, es ſei, — wohlverſtanden, um mich commerciell auszu⸗ drücken, — die Unterſchrift des Herrn Grafen . . was ſoll ich ſagen, um die Artigkeit und die Brutalität in Einklang zu bringen? ſo phantaſtiſch, ſo ungreifbar, als die ſeines Oheims des Pair von Frankreich.“ „Das iſt denn doch zu ſtark! er erdreiſtet ſich, den Herrn Marquis zu beleidigen! Entfernen Sie ſich, Herr Ronuſſel!“ „Nein, Madame, nein . der Herr wird die Güte 185 haben, mich zuvor auzuhören,“ entgegnete der Greis. Dann abermals langſam eine Priſe Tabak ſchlürfend; „hat Herr Rouſſel ein Notizbuch und einen Bleiſtift beiſich?“ „Ja, mein Herr, hier iſt Beides.“ „Sehr gut; will mir der Herr nun den Gefallen erweiſen, die paar Worte zu ſchreiben, die ich ihm dic⸗ tiren werde?“ „Sicherlich!“ „Es iſt eine einfache Notiz, die ich den Herrn zur Erinnerung aufzuzeichnen bitte, und ich dictire: „„Schrei⸗ ben an Herrn Guillot, Verwalter des Gutes Montfalcon bei Grenoble . . . Departement der Iſore.““ „Sodann, mein Herr?“ „„Den genannten Verwalter fragen, wie hoch das Gut Montfalcon geſchätzt werde,““ fuhr der Marquis fort, „„und ob dieſes Gut nicht dem Herrn Grafen Henri von Villetanenſe gehöre.““ Hat Herr Rouſſel geſchrieben?“ „Mein Freund, Du hörſt? und Herr Rouſſel hatte die Dreiſtigkeit . . .“ „Erlauben Sie, ſchöne Dame, ich tadle Herrn Rouſſel durchaus nicht: er wußte nichts vom Vermögen meines Neffen, wie mein Neffe nichts von dem Vermögen weiß, das Herr Jouffroy haben mag.“ „Aber, mein Herr, die Wechſel?“ „Ich antworte dem Herrn Ruuſſel, daß es mir nicht bekannt iſt, ob mein Reffe Wechſel unterzeichnet oder nicht unterzeichnet, daß aber ſein Gut Montfalcon (hier⸗ über kann ſich der Herr Sicherheit verſchaffen), zu achtmal⸗ hunderttanſend Franken geſchätzt wird, daß ich ferner am Tage ſeiner Hochzeit Henri viermalhunderttauſend Franken baar Geld gebe, und daß er endlich nach meinem Tode den Reſt meines Vermögens und, wenn es dem König gefällt, meine Pairie erben wird. Die Summe dieſes Vermögens ſetzt Sie vielleicht ſehr in Erſtaunen, Herr Ronſſel?“ „Sie ſetzt mich „ ungeheuer in Erſtaunen, und 186 Sie ſind vielleicht eben ſo ungeheuer erſtaunt als ich, daß Sie ſich ſo reich wiſſen.“ „Herr Rouſſel iſt ſehr ſcherzhaft, wenn es ihm be⸗ liebt,“ verſetzte der Greis, ſeine Priſe Tabak ſchlürfend, „doch es folgt am Ende aus der Summe dieſes Ver⸗ mögens, daß mein Neffe durchaus nicht das iſt, was man einen Bettler, einen Mitgiftjäger nennt.“ „Ah! Herr Marquis, wir hätten uns nie die Frei⸗ heit genommen, zu glauben . . .“ „Verzeihen Sie, ſchöne Dame, doch da wir von Zahlen ſprechen, — eine ſehr zarte und den nächſten Verwandten vorbehaltene Frage, denn die Verliebten hegen einen Abſcheu vor den Zahlen, wie Herr Ronſſel ſo richtig bemerkt hat, — ich glaube die Anſprüche mei⸗ nes Neffen nicht zu übertreiben, wenn ich für ihn im Falle, daß fich dieſe Heirath ſchließen ließe, eine Mitgift hoffe, welche, wenn nicht höher, doch wenigſtens dem Vermögen gleich wäre, deſſen er heirathend theilhaftig würde: nämlich achtmalhunderttauſend Franken.“ „Achtmalhunderttauſend Franken!“ rief Herr Jouff⸗ roy ganz verblüfft. „Sapperlot! achtmalhunderttauſend Franken! „aber „ „Wir könnten dies, ſtreng genommen, unſerer Toch⸗ ter geben, Herr Marguis; kein Opfer wird uns zu theuer ſein, um das Glück unſeres Kindes zu ſichern.“ „Aber, Sophie, Du vergiſſeſt, daß Herr Jouffroy vollendete nicht; ſeine Fran ſchlenderte ihm einen ſolchen Blick zu, daß er, Joſeph mit Erſtaunen anſehend, ſchwieg. Der Marquis ſchien die Einwendung nicht gehört zu haben; er ſchlürfte langſam eine neue Priſe Tabak und fuhr dann fort: „Wenn ich dieſe Summe von achtmalhunderttauſend Franken feſtſetze, Madame, ſo verlange ich, was für mei⸗ nen Neffen und ſeine Frau unerläßlich nothwendig iſt, damit ſie ihren Rang anſtändig behaupten können. Die Frau Gräfin und ſpäter die Frau Marquiſe von Ville⸗ 187 taneuſe muß ein ſchickliches Haus haben, um darin die Perſonen ihrer Geſellſchaft und ihre Familie zu empfangen. Ich habe überdies die Hoffnung, ich möchte ſagen, die Bewißheit, daß mein Reffe, iſt er einmal verheirathet, die Gnade des Königs erlangen . . . Geſandter werden wird „Geſandter! meine Tochter Geſandtin!“ „Die Geſandten ſind aber jetzt ſo elend bezablt, meine ſchöne Dame, daß ihnen ihr Gehalt kaum erlaubt, auf einem gewiſſen Fuße zu leben; in Erwägung dieſer Umſtände bin ich genöthigt, beizufügen, indem ich hiebei, obgleich mit Bedauern, bis zu ihrem Ende meine Rolle als nächſter Verwandter durchführe, daß ich, was mich betrifft (denn mein Neffe würde Mademoiſelle Jouffroy heirathen, und wäre ſie arm wie Hiob), daß ich, was mich betrifft, an die Zukunft denkend, nicht die geringſte Verminderung bei der Summe der Mitgift von Made⸗ moiſelle Jouffroy anzunehmen vermöchte, — ich meine die Summe von achtmalhunderttauſend Franken.“ „Der Herr Graf muß wohl denken, daß es nicht eine Geldfrage iſt, was uns bei unſerem Entſchluſſe hem⸗ mend entgegentreten wird, wenn es ſich um das Glück unſeres Kindes handelt. Es iſt augenſcheinlich, daß ſie, wenn ſie Gräfin von Villetaneuſe iſt und eines Tages Geſandtin werden ſoll . . „Und dieſer Tag dürfte nicht ſehr entfernt ſein, Ma⸗ dame. Ich wäre eifrig bemüht, vom König, wenn er den Heirathsvertrag meiner Nichte unterzeichnen würde . er⸗ lauben Sie mir, ſchöne Dame, meine Richte zu ſagen .. das iſt eine Suppoſition.“ „Der König! wäre es möglich! der König hätte die Gnade .. „Den Heirathsvertrag meiner Nichte zu unterzeich⸗ nen? Ei! liebe Madame, das verſteht ſich von ſelbſt, gerade wie die Vorſtellung meiner Richte, nicht bei jenem Gewühle der Tuilerien, ſondern beim Privatcercle der ——— 188 Königin und der königlichen Prinzeſſinnen. Ich hatte alſo die Ehre, Ihnen zu ſagen, ich würde die Gelegenheit der Unterzeichnung des Vertrages meiner Nichte durch den König benützen, um Seine Majeſtät an das Verſprechen der Geſandtſchaft zu erinnern.“ „Mein Herr,“ entgegnete Joſeph, der ſich nun von dem verlegenen Erſtaunen erholte, in das ihn die Schätzung des Vermögens des Marquis und ſeines Neffen verſetzt hatte, „ich bezweifle nicht, daß Sie vortrefflich bei Hofe ſtehen, doch . . „Wie, abermals! wie, Herr Ronſſel! der Herr Mar⸗ quis hat ſie niedergeſchmettert, und Sie wagen es... „Ich bitte, ſchöne Dame. . . laſſen Sie es Herrn Rouſſel wagen, ſo lange es ihm beliebt.“ „So ſehr ich auch niedergeſchmettert bin, mein Herr, ſo wage ich es doch, Ihnen zu bemerken, erſtens: daß die ſchönſten Güter der Welt mit Hypotheken faſt bis zum Betrage ihres Werthes belaſtet ſein können; zweitens, daß es ſich nicht bloß darum handelt, zu ſagen, man werde ſeinen Reffen am Tage ſeiner Hochzeit mit viermalhundert⸗ tanſend Franken beſchenken; dieſe Freigebigkeit iſt herr⸗ lich, doch das Sprüchwort ſagt: verſprechen und halten iſt zweierlei. Wäre es nun unbeſcheiden, Sie zu fragen, auf welcher ernſten Garantie dieſes Geſchenk von viermal⸗ hunderttauſend Franken als Voraus an der Erbſchaft beruhe?“ „Madame, Sie hören?“ rief Herr von Villetaneuſe, während er mit entrüſtetem Stolze aufſtand. „Es gibt gewiſſe Verdächtigungen, welche ſo beleidigend für die Würde eines ehrlichen Mannes ſind, daß er nur durch Verachtung darauf antworten kann und muß.“ „Die Verachtung iſt ſehr bequem, beweiſt aber wenig,“ entgegnete der Vetter Ronuſſel. „Herr Marquis, ich bitte, ein Wort! Ich bin in Verzweiflung, daß . . . „Madame,“ erwiederte der Greis mit gedämpftem 189 Hochmuth, indem er ſeinen Hut nahm, „ſobald eine Per⸗ ſon von Ihrer Familie an dem, was ich verſichere, zu zweifeln ſich erlaubt, ſobald man mir nicht auf mein Wort glaubt, bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich zurückzuziehen.“ „Herr Marquis, ein Wort, ein einziges Wort,“ rief Madame Joufftoy mit erſtickter Stimme, „eine einzige Bitte! Warten Sie nur fünf Minuten, nur fünf Minu⸗ ten, und ich komme zurück: werden Sie mir das ab⸗ ſchlagen ?“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, Madame,“ erwiederte Herr von Villetanenſe, ſich verbeugend, „ich werde warten.“ Die Mutter von Aurelie ging haſtig hinaus. XXXIII. Als Madame Jouffroy den Salon verließ, begab ſie ſich in größter Eile in ein kleineres Zimmer, in wel⸗ chem ſich gewöhnlich die Familie verſammelte, und wo ſich in dieſem Augenblicke Fortnné, die Tante Prudence, Marianne und ihre Schweſter befanden. „Aurelie,“ ſagte die Mutter zu dieſer, indem ſie halb die Thüre öffnete, „komm geſchwinde, ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Das Mädchen ſtand ſchleunigſt auf und ging hinaus; Madame Jouffroy führte Aurelie in ihr Schlafzimmer, fiel ihr hier weinend vor Freude um den Hals und be⸗ deckte ſie mit leidenſchaftlichen Küſſen, ohne daß ſie An⸗ fangs ein Wort ſprechen konnte. „Mein Gott, Mama, wie bewegt biſt Du! Du weinſt! was geht denn vor?“ „Weißt Du,“ verſetzte Madame Jouffroy mit beben⸗ der Stimme, „weißt Du, wer hier im Salon iſt?“ „Wer denn?“ 190 „Der Herr Marquis von Villetaneuſe.“ „Er kommt, um ſich um Deine Hand für ſeinen Reffen zu bewerben.“ „Wie?“ erwiederte Aurelie, dergeſtalt ergriffen, daß ſie kaum die Worte ihrer Mutter verſtand. „Was willſt Du damit ſagen? welcher Neffe?“ „Der Graf von Villetaneuſe, der reizende junge Mann, mit dem Du geſtern bei den Richardet getanzt haſt: er iſt raſend in Dich verliebt. Er will ſich eine Kugel vor den Kopf ſchießen, wenn wir ihm Deine Hand verweigern. Bei ſeiner Verehelichung hat er ein Vermögen von achtmalhunderttauſend Franken; der König wird ſeinen Heirathsvertrag unterzeichnen; er wird Ge⸗ ſandter werden, Du wirſt Geſandtin ſein und Gräfin, hörſt Du, meine Aurelie? Gräfin! und ſpäter Marquiſe! Gräfin! Marquiſe! oh! ich werde hierüber verrückt! Doch Du antworteſt mir nicht, Du erbleichſt, mein Kind! Du erſchreckſt mich!“ Sie, Madame, ich glaube, mir ſchwin⸗ delt der Kopf,“ murmelte Aurelie; und ſie drückte die Hand an ihr Herz, um ſeine heftigen Schläge zu bewäl⸗ tigen, „ich weiß ich weiß nicht „ das Erſtaunen ich kann nicht glauben .. . ich weiß nicht mehr, wo ich bin.“ „Beruhige Dich, theures, angebetetes Kind, beruhige Dich! . So eben wußte ich auch nicht mehr, wo ich ich war; ich konnte auch nicht glauben . es war zu ſchön; und dennoch iſt es die Wahrheit! . . . Gräfin, Aurelie Gräfin! Geſandtin! Marquiſe! der Graf iſt wahnſinnig in Dich verliebt!“ „Ach! meine Mutter, ich liebte ihn!“ rief das Mäd⸗ chen ſchluchzend und ſeine Röthe am Buſen der Mutter verbergend. „Ich habe heute Nacht nur von ihm ge⸗ träumt.“ 191 „Iſt es möglich! Oh! das iſt zu viel Glück! Du liebſt ihn eben ſo ſehr, als er Dich liebt!“ „Ja, ich liebte ihn,“ erwiederte Aurelie mit einem ſchmerzlichen Ausdruck, „ich liebte ihn, ehe ich erfahren hatte, daß dieſe abſcheuliche Fran . ..5 „Der der Graf eine Armſpange geſchickt hat, nicht wahr?“ Dann ihre Tochter in voller Trunkenheit um⸗ armend: „Alles iſt erklärt!“ „Mama!“ „Alles iſt erklärt, ſage ich Dir! Der Graf iſt ſo ſehr in Dich verliebt, daß er ſich zu dieſer Fran begeben hat, um mit ihr zu brechen.“ „Mein Gott!“ „Dieſe Armſpange, die er ihr ſchenkte, als er ſie verließ, war eine Entſchädigung.“ „Oh! was habe ich gethan!“ „Der Marquis hat uns Alles erzählt. Sein Reffe hat ihm geſagt, wenn er Dich nicht heirathe, ſo werde er ſich das Leben nehmen! Wie muß er Dich lieben!“ „Ich Unglückliche!“ „Aurelie was ſagſt Du? . . faſſe Dich!“ „Meine Mutter,“ ſprach das Mädchen mit einem herzzerreißenden Ausdrucke, „und Fortuné?“ „Fortuné?“ „Ich habe ihm verſprochen, ihn zu heirathen.“ „Was beweiſt dies?“ „Oh! meine Mutter . . meine Mutter!“ „Liebſt Du den Grafen, ja oder nein?“ „Du fragſt mich das, nun, da ich weiß, daß er mich auch liebt, nun, da ſeine Anweſenheit bei dieſer Frau erklärt iſt! Doch nein, nein, ich kann, ich darf ihn nicht mehr lieben! . . . Fortuné hat mein Wort.“ „Nimm Dein Wort zurück.“ „Nie, meine Mutter, nie! Ich will den Grafen zu vergeſſen ſuchen . ich werde vielleicht ſehr unglück⸗ ſich ſein aber „ 192 „Du willſt Dich auf immer unglücklich machen! Du willſt die Gelegenheit, Gräfin zu werden, verſäumen! eine herrliche Heirath! weil Du ein Verſprechen in die Luft gegeben haſt, das Du bereuſt! Oh! ich ſchwöre, es ſoll nicht ſo ſein!“ „Ich habe freiwillig meinem Vetter verſprochen, ihn zu heirathen. So eben erſt ſagte er zu mir mit Thrä⸗ nen in den Augen: „„Aurelie, ich habe den Himmel in der Seele!““ Armer Fortuné! wie! nun ſollte ich ihm einen furchtbaren Schlag verſetzen! Nein, nein, indem ich zu dieſer Heirath einwilligte, gab ich hauptſächlich. . nun! ja, ich geſtehe es . ich gab hauptſächlich einer Regung des Aergers, des Zornes gegen den Grafen nach. Das iſt mein Fehler . . . ich werde ihn büßen.“ „Aurelie, höre mich an. Wenn Dir Fortuné Dein Verſprechen zurückgibt?“ „Ach! er liebt mich zu ſehr!“ „Aber wenn er es Dir zurückgibt?“ „Er wird es mir nicht zurückgeben.“ „Erwarte mich hier.“ „Mama, wohin gehſt Du? was willſt Du thun?“ „Fortuné die Wahrheit ſagen.“ „Wie?“ „Ja, ich will ihm ſagen: „„Deine Coufine liebte Einen, den ſie nicht heirathen zu können glaubte; da hat ſie Dir ihr Wort gegeben; nun bewirbt ſich dieſe Per⸗ ſon um die Hand Deiner Couſine 4 „Meine Mutter . „Laß mich doch vollenden: „„Fortuné,““ werde ich ihm ſagen, „„Aurelie wird, wenn Du es verlangſt, ihr Wort halten; gibſt Du ihr aber ihr Verſprechen zurück, ſo wirſt Du ihr Glück machen! „ und ſie wird Dich lieben wie den Beſten der Brüder!““ „Mein Gott! mein Gott! der arme Fortuné! „Ich will zu ihm gehen.“ 193 „Nein, ich werde mein Verſprechen halten ich werde Muth haben und dennoch ... „Erwarte mich hier, ich komme ſogleich wieder,“ ſagte Madame Jouffroy, als ſie ihre Tochter in ihrem Entſchluſſe ſchwach werden ſah; und ſie eilte hinaus und ließ Aurelie allein, die ſie zwar zurückrief, aber doch nicht wegzugehen verhinderte. XXXIV. Als die Mutter von Aurelie nach einer kurzen Unter⸗ redung mit Fortuné Sauval in den großen Salon zurück⸗ kam, wo ſie ihr Gatte, der Vetter Rouſſel und der Mar⸗ quis von Villetaneuſe erwarteten, ſchaute dieſer, um ſich eine Haltung zu geben, durch das Fenſter und wandte Joſeph und ſeinem Freunde, welche leiſe mit einander ſprachen, den Rücken zu. Madame Jouffroh ging gerade auf den Marquis zu und ſagte raſch zu ihm: „Herr Marquis, ich habe ſo eben meiner Tochter Ihren Antrag mitgetheilt . . es beglückt fie, ihn an⸗ zunehmen.“ So ſprechend, warf die Hoffärtige einen niederſchmet⸗ ternden Blick auf ihren Mann und auf den Vetter Dieſer Blick bedeutete: „Nun iſt Alles ge⸗ agt.“ Herr Jouffroy ſchaute in der That Joſeph mit einer niedergeſchlagenen Miene an, während der Marquis, der die Nothwendigkeit, eiligſt in dieſer Sache zu verfahren, fühlte, mit innigem Tone antwortete: „Ah! Madame, ich vermöchte Ihnen meine Freude nicht auszudrücken. . Verzeihen Sie meine Ungeduld, doch mein armer Henri lebt nicht . . er erwartet mich mit einer verzehrenden Angſt. Dulden Sie, daß ich Die Familte Jvuffroy. 1. 13³ 194 Mitleid mit ihm habe . es drängt mich, ſeine Qual abzukürzen und in himmliſches Glück zu verwandeln, in⸗ dem ich ihm die guten Intentionen, die Sie für ihn ha⸗ ben, mittheile.“ „Oh! in dieſem Falle gehen Sie, Herr Marquis, gehen Sie geſchwinde, und ſagen Sie beſonders dem Herrn Grafen, ſeine Liebe werde getheilt.“ „Wie! Madame?“ „Meine Tochter iſt ganz vernarrt in ihn, ſie hat es mir geſtanden. Ja, heute Nacht hat ſie vom Herrn Grafen geträumt.“ „Ich täuſchte mich nicht,“ ſagte leiſe der Vetter Rouſſel, „keine Hoffnung mehr! das unglückliche Kind iſt verloren!“ „Ah! Madame, was ſagen Sie mir da? meine Wünſche ſind erfüllt, mehr als erfüllt!“ rief der Greis; „wenn es ſich ſo verhält . . werden Sie mir wohl erlauben, hente Abend Henri hierher zu bringen, damit er Ihnen ſeine tiefe Dankbarkeit ausdrücken kann, und daß Sie ihn förmlich Fräulein Auxelie als ihren Bräu⸗ tigam vorſtellen?“ „Gewiß, Herr Marquis, von ganzem Herzen .. wir erwarten Sie um acht Uhr.“ „Madame, ich verdanke Ihnen den ſchönſten Tag meines Lebens, denn ich liebe meinen Neffen, wie ein Vater ſeinen Sohn liebt.“ Und die Hand Herrn Juuff⸗ roy reichend, der, ganz betäubt, nicht wußte, ob er wachte oder tränmte: „Auf baldiges Wiederſehen, mein lieber Herr . . . Heute Abend werde ich Ihnen Ihren Sohn bringen, denn wenn ich bei dieſer Verbindung eine reizende, anbetungswürdige Tochter gewinne, ſo ge⸗ winnen Sie einen ebenſo ehrerbietigen, als ergebenen Sohn. Heute Abend um acht Uhr alſo bringe ich Henri zu Ihnen, meine liebe Madame.“ 5 „Schön, Herr Marquis, wir werden die Ehre ha⸗ ben, Sie zu erwarten;“ und ſie fügte leiſe bei: „Ich 195 will den Richardet ſchreiben, daß ſie um neun Uhr kom⸗ men . . ſie werden berſten vor Neid!“ Der Marquis von Villetanenſe verließ den Salon; die verſchiedenen Perſonen der Familie blieben darin zurück. XXXV. Unmittelbar nach dem Abgange von Herrrn von Villetaneuſe ſprach Joſeph mit ernſtem Tone: „Meine Couſine, Sie lieben Ihre Tochter auf Ihre Art; doch Sie werden ſie ins Verderben bringen. Der mütterliche Stolz verblendet Sie. Erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen ſage: Dieſe Heirath, wenn ſie ſtattfindet, wird das Unglück von Aurelie und das Ihre machen.“ „Herr Rouſſel!“ rief ungeſtüm Madame Jouffroy, „ich habe ſeit einer Stunde genug ertragen und werde es nicht länger dulden, daß ein Eindringling hier Geſetze vorſchreibt! Ich verbiete Ihnen, je wieder einen Fuß in dieſes Haus zu ſetzen.“ „Sophie, ah! Sophie! wie kannſt Du ſo mit un⸗ ſerem älteſten Freunde ſprechen!“ „Ja, mit dem älteſten Freunde unſerer Diners, die er ſich zweimal in der Woche erbettelt, abgeſehen von den Tagen, wo er ſich ohne Umſtände zum Frühſtücke einladet, wie er es dieſen Morgen gethan hat. Gott ſei Dank, es fehlt nie an ſolchen Freunden, und geht Einer verloren, ſo finden ſich dafür Zehn wieder.“ „Was Du da ſagſt, iſt einfältig und gehäſſig, Frau!“ rief Herr Joufftoy mit einer ſchmerzlichen Ent⸗ rüſtung. Und ſich an ſeinen Vetter wendend: „Mein lieber Joſeph, der Zorn reißt ſie fort: ſie überlegt ihre Worte nicht.“ „Ich habe ſo vollkommen überlegt, daß ich Herrn 196 Rouſſel wiederhole, er ſei ein Schmarotzer, und ich ſei ſeiner Beſuche ſatt, überſatt . . ich will ihn nicht mehr ſehen.“ „Höre Frau, ſprächeſt Du ſo mit kaltem Blute, ſo wäreſt Du eine boshafte Creatur! Doch, Gott ſei Dank! Du weißt nicht, was Du ſagſt, ſobald Du im Zorne biſt!“ „Du wirſt ſehen, ob ich Herrn Rouſſel nicht einen Schimpf anthue, ſollte er es wagen, wieder in unſer Haus zu kommen.“ „Beruhigen Sie ſich, Madame,“ erwiederte Joſeph mit Würde; „ich werde Ihnen das beabſichtigte ſchlimme Verfahren erſparen und Ihr Haus nicht mehr betreten.“ „Joſeph, Du biſt ein Narr! Du kannſt die Worte meiner Frau nicht im Ernſte nehmen!“ „Nein, mein alter Freund, doch was ich im Ernſte nehme, das iſt das Unglück, das ich vorherſehe; ich ver⸗ möchte es eben ſo wenig als Du zu verhindern; das Herz würde mir bluten, ſo oft ich zu Dir käme; meine Rathſchläge wären ſo fruchtlos, als ſie es heute geweſen ſind; Deine Frau ſoll alſo befriedigt werden: ſie wird mich nicht mehr ſehen.“ „Ich zähle darauf, Herr Rouſſel.“ „Mein Gott!“ murmelte Herr Jouffroy, deſſen Augen ſich mit Thränen füllten, „ein zwanzigjähriger Freund!“ „Bedarfſt Du je meiner, ſo wirſt Du mich immer ſo wie in der Vergangenheit wiederfinden.“ „Joſeph!“ rief Herr Jouffroy, indem er in ſeinen Händen die Hand ſeines Freundes drückte und ſeine in Thränen gebadeten Augen auf ihn heftete, „Du brichſt mit mir auf immer! nein! das iſt unmöglich! Man ver⸗ zichtet nicht ſo auf eine Zuneigung, die ſich aus der Kinderzeit herſchreibt. Ein paar Worte, die meiner erzürnten Frau entſchlüpft ſind, können Dich nicht in dieſem Grade verletzen!“ * 197 „Noch einmal ſage ich Dir, Du kennſt mich genug, um zu glauben, daß mich leere Worte nicht berühren können. Zwanzig Jahre lang habe ich das Glück, die Einigkeit, den Frieden in Deinem Hauſe herrſchen ſehen; das wird ſich ändern; es wäre mir zu peinlich, Zeuge von den Dingen zu ſein, die ich vorherſehe. Dieſe un⸗ ſelige Heirath wird ſtattfinden, was Du auch ſagen, was Du auch thun magſt. Ich hatte heute Morgen die geheime Neigung von Aurelie für den Neffen des Mar⸗ quis errathen; ich habe es verſucht, die Gefahr zu be⸗ ſchwören, die ich befürchtete; einen Augenblick glaubte ich, es gelinge mir; meine Anſtrengungen wurden ver⸗ eitelt durch die Erſcheinung von Herrn von Villetaneuſe; nun habe ich nichts mehr hier zu thun. Gott befohlen,“ ſprach der Vetter Rouſſel mit einer durch die Rührung erſtickten Stimme, „Gott befohlen!“ Und er verließ haſtig das Zimmer. „Joſeph! Joſeph!“ rief Herr Jouffroy, während er dem Vetter ein paar Schritte folgte; dann ſank er in einen Lehnſtuhl und murmelte, ſein Geſicht unter ſeinen Händen verbergend: „Ein zwanzigjähriger Freund! mein Gott! ein zwanzigjähriger Freund!“ „Glückliche Reiſe!“ ſagte Madame Jouffroy trium⸗ phirend; „glückliche Reiſe, Vetter Rouſſel!“ „Ja, Du kannſt Dich rühmen, einen ſchönen Schlag gethan zu haben!“ verſetzte bitter der würdige Mann, ſich an ſeine Frau wendend. „Weil er als ein feſter, entſchiedener, vernünftiger Mann im Iutereſſe von uns Allen ſprach, haſt Du ihn von hier weggejagt. Ha! verflucht ſei dieſe Heirath! ſie fängt damit an, daß ſie mich mit meinem beſten Freunde entzweit!“ „Ich und Deine Tochter, wir find alſo nichts für Dich? wir können alſo in Deiner Zuneigung dieſen lie⸗ ben und ſo bedauernswürdigen Herrn Rouſſel nicht erſetzen? Oh! Du jammerſt mich!“ „Und Du jammerſt mich auch, denn Du biſt toll! 198 Ah! Joſeph hatte Recht, Du wirſt mit Deiner albernen Eitelkeit das Unglück unſerer Tochter und das unſere machen! Wie! ſie hat ihrem Vetter verſprochen, ihn zu heirathen, dieſe Heirath war in jeder Beziehung ſchick⸗ lich, und nun hat ſich Alles geändert!“ „La, la, la! Du ſprichſt, ohne es nur zu wiſſen, von was Du ſprichſt. Ich bin zu Fortuné gegangen, ich habe ihm geſagt, Aurelie habe, ehe ſie ihm ihre Hand verſprochen, eine Neigung gehabt .. . „Welche Neigung?“ „Anrelie hat ſich in den Grafen verliebt, wie er ſich in ſie verliebt hat . . . ja, ſo eben hat ſie es mir geſtanden ſie hat heute Nacht von ihm geträumt, ſie betet ihn an.“ „Ah! gut, da kommt nun etwas Anderes!“ „Wie! Du haſt mich nicht dem Herrn Marquis ſagen hören, Aurelie liebe den Herrn Grafen?“ „Zum Teufel mit Deinem Marquis und Deinem Grafen! Wenn das ſo fortgeht, ſo machſt Du noch, daß ich verrückt werde. Ich fühle ein Klopfen und Po⸗ chen in meinen Schläfen, und meine Stirne brennt.“ „Du kannſt auch über ein Nichts aufbranſen .. Ich habe alſo zu Fortuné geſagt: „Deine Couſine hat nur ihr Wort, ſie wird es halten, wenn Du es ver⸗ langſt; doch Du wirſt ſie ſehr glücklich machen, wenn Du auf ſie verzichteſt.““ „„Meine Tante,““ antwor⸗ tete er mir, „nie werde ich Aurelie wider ihren Willen heirathen .. Gott befohlen!““ Und er entfernte ſich⸗ das iſt das Ganze!“ „Das iſt das Ganze! weil er es nicht gewagt hat in Deiner Gegenwart ſeine Verzweiflung lant werden zu laſſen. Der arme Junge! ich bin ſeſt überzengt, er weint in dieſem Angenblicke alle Thränen ſeines Her⸗ ens.“ „Gut, gut, der Liebeskummer dauert nicht lange. Itch bin ſodann zu Anrelie gelaufen und habe ihr 199 geſagt: „„Dein Vetter gibt Dir Dein Verſprechen zu⸗ rück; willſt Du den Grafen heirathen?““ Das liebe Kind fiel mir, ſtatt jeder Antwort, um den Hals.“ „Und hernach?“ „Wie, und hernach? . . . Nun, unſere Tochter wird Gräfin ſein.“ „Mit achtmalhunderttauſend Franken Mitgift, nicht wahr 7“ „Warum nicht?“ „Ah! am Ende oller Enden treibſt Du Deinen Scherz mit den Leuten? Kann ich Aurelie eine Mit⸗ gift von achtmalhunderttauſend Franken geben? Muß ich nicht auch ihre Schweſter verſorgen?“ rief Herr Jouffroy. Und er ſtand ungeſtüm auf und ging in hef⸗ tiger Aufregung im Zimmer auf und ab. „Achtmalhun⸗ derttauſend Franken! Mehr als vier Fünftel unſeres Ver⸗ mögens! Haben wir nicht noch ein anderes Kind? Sol⸗ len wir Alles der Einen geben und nichts der Andern? Barmherzigkeit Gottes! zum Glücke bin ich kein ſchlech⸗ ter Vater, nein, nein! Und weil dieſe arme Martanne gebrechlich iſt, werde ich ſie nicht Deiner albernen Eitel⸗ keit, Aurelie als Gräfin oder Marquiſe zu ſehen, opfern! hörſt Du wohl, Frau? Ah! halte mich nicht für ſchwä⸗ cher und gutmüthiger, als ich bin, denn Du würdeſt Dich ſehr täuſchen, das ſage ich Dir zum Voraus.“ „Was ſoll dies bedeuten? Gilt mein Wille hier nichts ?“ „Nein!“ rief Herr Jouffroy, mächtig ſeine Stimme erhebend, „nein, Dein Wille gilt nichts, wenn Du mich nöthigen willſt, eine Ungerechtigkeit, eine Schändlichkeit zu begehen! albernes, tolles Geſchöpf!“ „Du biſt ein Grobian!“ „Und Du . . eine ſchlechte Mutter!“ Plötzlich, unter dem Geſchrei der erzürnten Gatten, wurde die Thüre des Salon geöffnet. Aurelie blieb 200 ängſtlich auf der Thürſchwelle ſtehen! Als ſie ihre Toch⸗ ter erblickten, ſchwiegen der Vater und die Mutter. XXXVI. Nachdem Aurelie einen Angenblick auf der Thür⸗ ſchwelle ſtehen geblieben war, trat ſie ſchüchtern ein und ſagte zu ihren Eltern: „Entſchuldigt, daß ich vielleicht unbeſcheiden herein⸗ gekommen bin, doch ich hörte an der Thüre vorüber⸗ gehend ſehr heftig ſprechen, und ich befürchtete . . . „Weißt Du, was geſchieht? Dein Vater will nicht, daß Du Herrn von Villetaneuſe heiratheſt?“ Bei dieſen Worten ihrer Mutter, welche ihre theuer⸗ ſten Hoffnungen zerſtörten, wurde Aurelie von einem ſolchen Schrecken ergriffen, daß ſie erbleichte, wankte und ſich auf die Lehne eines Canapé zu ſtützen genöthigt war. Sehr beängſtigt, da ſie ihre Tochter beinahe ohnmächtig ſah, lief Madame Jouffroy auf ſie zu, nahm ſie in ihre Arme, ſetzte ſie auf ihren Schooß, wie man ein Kind darauf ſetzt, umſchlang ſie leidenſchaftlich und vermiſchte ihre Thränen mit denen von Aurelie. Herrſchgierig bis zur Härte, eitel bis zur völligen Abirrung vom geſunden Verſtande, fühlte dieſe Frau in dieſem Augenblicke ihr Herz zerriſſen durch den Schmerz ihrer Tochter, und ſie ſagte zu ihr mit bebender Stimme: „Mein geliebtes Kind, weine nicht ſo, ich bitte Dich inſtändig; mein Gott! beruhige Dich! es iſt das erſte Mal, daß ich Dich von einem wahren Kummer er⸗ faßt ſehe! Ah! ich wußte nicht, wie wehe es thut, wenn man ſein Kind leiden ſieht.“ „Oh! Mama,“ erwiederte Aurelie ſchluchzend, in⸗ dem ſie ihre Mutter krampfhaft an ihren Buſen preßte, „Du biſt gut . . . Du biſt gut!“ Und Beide hielten ſich fortwährend umſchlungen. 201 Bei den Worten von Aurelie: „Du biſt gut, Mama!“ fühlte ſich Herr Joufftoy grauſam betrübt. Er war alſo böſe? Niedergeſchlagen, ſtumm, in Ver⸗ zweiflung, ſchaute der vortreffliche Mann ſeine Frau und ſeine Tochter an, die er anbetete, während ihn Beide, in ihren Kummer verſunken, beiſeit ließen. Ach! er ſah auch zum erſten Male einem wahren Schmerz preisge⸗ geben ſeine bis dahin immer lächelnde, vergötterte Toch⸗ ter. Er fühlte auch zum erſten Male das Weh, das man erduldet, wenn man ſein Kind leiden ſieht; zum erſten Male endlich ſah er ſeine Frau in eine tiefe Be⸗ trübniß verſunken. Das Leben der Seinigen war bis dahin ſo friedlich, ſo glücklich geweſen! Unfähig, länger bei ſeinen feſten und weiſen Entſchlüſſen zu beharren, ſich über die Frage der Mitgift betäubend und der ge⸗ wöhnlichen Schwäche ſeines Charakters nachgebend, näherte er ſich ſeiuer Frau und ſeiner Tochter, kniete vor ihnen nieder und ſprach mit flehendem Tone, während er ihre Hände zu ergreifen ſuchte, um ſie zu küſſen: „Aurelie . . . Sophie . . ſtoßt mich nicht zurück; verzeiht mir, wenn ich Euch betrübt habe, es iſt unwill⸗ kürlich geſchehen.“ „Laß uns, laß uns!“ erwiederte Madame Jouffroy, nicht mehr mit einem gebieteriſchen, zornigen Tone, ſon⸗ dern mit einem herzzerreißenden Ausdruck. Der Schmerz wirkte völlig niederſchlagend auf dieſe hochmüthige Frau; die Aufrichtigkeit ihrer Betrübniß brachte ihrem Manne einen letzten Schlag bei, und er rief: „Aurelie, meine theure Tochter, da Du den Grafen liebſt, und er Dich liebt, ſo wirſt Du ihn heirathen, ich verſpreche es Dir; wir werden die Sache einrichten, wie wir können; doch habt Mitleid, Du und Deine Mutter, ſtoßt mich nicht zurück, bringt mich nicht in Verzweiflung.“ Bei dieſen Worten wandten allmälig Beide ihre in Thränen gebadeten Geſichter gegen ihn; er las in ihren 202 Zügen das, was er ſeine Vergebnng nannte, und rief, Beide mit ſeinen Armen unmſchlingend: „Ihr grollt mir nicht? Ihr verzeiht mir? Ich bin kein böſer Mann mehr?“ „Du, böſe? Mein Gott! kannſt Du glanben, ich habe dies gedacht?“ verſetzte Aurelie, ihre Thränen ab⸗ wiſchend; „Du biſt das, was Du immer geweſen biſt: der Beſte der Väter.“ „Wenigſtens Eine!“ ſprach der ſchwache, aber vor⸗ treffliche Mann, indem er, ganz außer ſich vor Freude, Aurelie die Hand küßte. „Und die Andere, die Mama, wird ſie nicht ſo nachſichtig ſein wie ihre Tochter?“ Und er ſuchte auch die Hand ſeiner Frau zu ergreifen; ſie überließ ſie ihm endlich und murmelte nur: „Abſchenlicher Jouffroy! . . . Siehſt Du, wir ſind zu gut!“ „Sage dies nicht!“ erwiederte er, in ſeinen Händen die ſeiner Frau und ſeiner Tochter drückend. „Nun, der Friede iſt geſchloſſen! keinen Kummer, keine Thränen mehr!“ „Nein, nein, mein Freund; da Du vernünftig biſt, ſo werden wir glücklich ſein wie früher.“ „Oh! Dank, Dank Euch Beiden! Wenn Ihr wüß⸗ tet, wie ich gelitten habe! Welch eine Qual für mich während der paar Angenblicke, wo ich Euch hier weinen und mich zurückſtoßen ſah! Ich geſtehe . . . arme Mimi, ich bin zu lebhaft gegen Dich geweſen; ich habe Unrecht gehabt; doch was willſt Du . . . dieſe Mitgift hatte mich . . . „Sprich nicht mehr hievon; ich werde die Sache anordnen . . . ſei unbeſorgt.“ „Wovon iſt die Rede? von einer Mitgift?“ „Es handelt ſich um Geſchäfte, mein Kind; Du verſtehſt nichts hievon: das iſt meine Aufgabe.“ Und ſich an ihren Mann wendend: „Ich wiederhole Dir, ich werde die Sache zu Deiner Zufriedenheit abmachen, ver⸗ 203 ſtehſt Du mich? zu Deiner vollen Zufriedenheit . . iſt das klar?“ „Aber wie?“ „Laß mich handeln.“ „Oh! wenn ſich das thun ließe!“ „Das läßt ſich thun, das wird geſchehen. Sei ruhig, Du wirſt Dir nichts, durchaus nichts vorzuwerfen haben.“ „Gewiß?“ „Ich verſpreche es Dir.“ „Im Ganzen, Mimi . . .ich weiß, wenn Du etwas im Kopfe haſt, ſo iſt es gut darin,“ ſagte Herr Jouffroy, entzückt, ſeine Frau die Löſung der Mitgiftfrage übernehmen zu ſehen, ſo daß er ſich nichts vorzuwerfen hätte, obſchon er nicht errieth, durch welches Mittel man zu dieſem Reſultate kommen konnte; doch vermöge ſeines großen Vertrauens zu ſeiner Frau fühlte er ſich von einer ſchwe⸗ ren Laſt befreit. „Ah!“ rief Madame Jouffroy, „wir dürfen nun nicht vergeſſen, daß uns der Herr Marquis heute Abend ſei⸗ nen Neffen vorſtellt . . . „Heute Abend!“ verſetzte Aurelie, erröthend und bebend vor Erſtaunen und Glück. „Er wird heute, heute kommen?“ „Töchterchen, Du liebſt ihn alſo ſehr?“ „Oh! mein Vater, ich hatte nicht den Muth, es zu geſtehen . . . Doch ſeit geſtern dachte ich nur an ihn! Und wenn ich vorhin dem armen Fortuné verſprach .. „Dein Vater weiß Alles; das iſt vorbei . . . Er weiß auch, daß Dein Vetter Dir Dein Wort zurück⸗ gegeben, und daß er ſehr leicht ſeinen Entſchluß hierüber gefaßt hat.“ Du haſt es mir geſagt, Mama, und dieſer Gedanke mildert meine Gewiſſensbiſſe.“ „Du brauchſt keine zu haben; denken wir nicht meh hieran, das iſt vorüber. Und nun beeilen wir uns, 5 iſt ſpät; mein Kind, wir müſſen an Deine Toilette 204 denken. Du, Jouffroy, Du wirſt die Decken von den Meubles im Salon, die Gaze vom Kronlenchter und von den Candelabern abnehmen und darüber wachen, daß man überall neue Kerzen aufſteckt.“ „Ja, meine liebe Mimi, und man wird das Feuer früher ſchon anzünden, damit es nicht mehr raucht, wie heute Morgen.“ „Man muß auch Pierre ſagen, daß er ſeinen neuen Ueberrock anzieht, um die Thüre zu öffnen; wir werden frühzeitig zu Mittag eſſen, damit das Speiſezimmer in Ordnung iſt, wenn dieſe Herren eintreten.“ „Mein Gott! Mama, es wird zu ſpät ſein, um den Friſeur zu bekommen. Es iſt ſchon vier Uhr.“ „Sei unbeſorgt, Marianne und ich werden Dich fri⸗ ſiren; es handelt ſich nicht um eine Ballcviffure . . . Mit Deinem hohen Wellenſcheitel und einer Flechte wirſt Du immer reizend ſein . . . Ah! mein Freund, ich ver⸗ gaß! ich will ſogleich an die Richardet ſchreiben und ſie bitten, ſie mögen den Abend ohne Umſtände bei uns zu⸗ bringen. Die hoffärtige Madame Richardet, die ſo viel Weſens davon machte, daß ſie in ihrer Geſellſchaft einen Grafen und einen Marquis empfange, wird dieſe heute Abend bei uns finden. Und wenn ſie erfährt, warum ſie bei uns ſind, ſo wird ſie vor Neid berſten. Deſto beſſer! Auf, Aurelie, triff alle Vorbereitungen zu Deiner Toilette, und ſage Marianne, ich wolle ſie in meinem Zimmer ſprechen.“ „Gut, Mama.“ „Und Du, mein Freund, laß geſchwinde die Decken! im Salon abnehmen.“ „Damit dies ſchneller geſchehen iſt,“ ſagte Herr Jouffroy, während er ſeinen Rock auszog, „will ich es beſorgen, und ich werde Pierre Alles hier in Ordnung bringen helfen.“ Dann fügte der würdige Mann leiſe bei: „Ich will alles Mögliche thun, um Mimi zufrieden 205 zu ſtellen; ſo werde ich es dahin bringen, daß der arme Vetter Rouſſel wieder in unſer Haus kommt, wie früher.“ „Ah!“ rief Madame Jouffroy, „und die Erfriſchun⸗ gen? Wir brauchen Kuchen, Gefrorenes; laufe zum Glacier und zu Felix; Pierre wird den Salon in Ord⸗ nung bringen.“ „Sehr gut, Mimi,“ antwortete Herr Jouffroy, in⸗ dem er ſeinen Rock wieder anzog, den er, um bequemer zu ſein, ſo eben ausgezogen hatte. „Ich laufe zum Glacier.“ Einige Augenblicke nachher ſah Madame Jouffroy, welche gerade ihren Einladungsbrief an die Richardet vollends geſchrieben hatte, Marianne in ihr Schlafzimmer eintreten. XXXVII. Marianne, nachdem ſie ihre Schweſter Fortuné ihre Hand hatte verſprechen hören, hatte auch gehört, daß dieſe Heirath nicht ſtattfinden ſollte, und ſich der Worte der Tante Prudence erinnernd, ſagte ſie mit dem von der Liebe unzertrennlichen Egoismus zu ſich ſelbſt: „Die Verweigerung von Aurelie wird Fortuns in einen tiefen Schmerz verſetzen; er wird das Bedürfniß des Troſtes, einer Zuneigung fühlen. Vielleicht iſt es mir vergönnt, ſeinen Kummer ein wenig dadurch zu mildern, daß ich ihm Theilnahme und Anhänglichkeit bezeige.“ Meine gute Marianne,“ ſprach zu dieſer liebevoll ihre Mutter, indem ſie ihr durch einen Wink bedeutete, ſie möge ſich an ihre Seite ſetzen, „wir haben ſehr ernſt mit einander zu reden.“ „Mama, ich höre.“ „Du weißt, daß Deine Schweſter das Verſprechen, das ſie Fortuné gegeben, zurückgenommen hat?“ „Ja, Mama.“ 206 „Es bietet ſich für Aurelie eine unverhoffte, ausge⸗ zeichnete Partie: der Herr Graf von Villetaneuſe, der Neffe des Herrn Marquis von Vllletaneuſe, bewirbt ſich um ihre Hand; der König wird den Heirathsvertrag unter⸗ zeichnen; kurz, das iſt herrlich.“ „Sie hat es mir ſo eben erzählt. Wenn Du wüßteſt, Mama, wie glücklich ſie iſt, dieſe liebe Aurelie!“ „Ich weiß es, ich weiß auch, daß Du ein vortreff⸗ liches Mädchen biſt und Deine Schweſter anbeteſt.“ „Das iſt ganz einfach.“ „Gewiß, und ich bin feſt überzeugt, nichts wäre Dir zu theuer, um ihr Glück zu ſichern.“ „Oh! nein, nichts.“ „Nun wohl! mein Kind, Du vermagſt viel für das Glück Deiner Schweſter.“ „Ich, Mama?“ „Ja. „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich werde mich ſogleich deutlicher erklären. Doch ſage mir, ich habe ſeit langer Zeit, wie Dein Vater, wahrgenommen, daß Du wenig Geſchmack für die Welt und mehr Neigung für die Zurückgezogenheit hegſt. Denn was iſt am Ende Dein Leben hier? Du gebſt faſt nie mit uns aus, das ſagt Dir ſo zu, und nichts kann natür⸗ licher ſein. Du liebſt den Putz nicht, und haſt Du nur ein warmes Kleid im Winter, ein leichtes im Sommer, ſo liegt Dir wenig an ſeiner Farbe und an ſeinem Schnitte, weil Du die Einfachheit und die Beſcheidenheit ſelbſt biſt. Du bleibſt den ganzen lieben, langen Tag mit Stickereien oder Nähtereien in Deinem Zimmer oder in dem der Tante Prudence beſchäftigt, was nicht ſehr ergötzlich iſt; doch ich wiederhole, das gefällt Dir, und ſo kann nichts beſſer ſein . . . Sei aufrichtig, Marianne, geſtehe mir, daß Du ſchon mehr als einmal den Gedan⸗ ken gehabt haſt, Dich in ein Kloſter zurückzuziehen.“ 207 „Ich, Mama?“ erwiederte Marianne mit Erſtau⸗ nen, „ich?“ „Oh! leugne es nicht.“ „Ich verſichere Sie, daß .. „Ei! mein Gott! ich errathe Dich: Du befürchteſt, ein ſolcher Entſchluß mache, daß wir an Deiner Liebe für uns zweifeln. Nein, nein, mein Kind, beruhige Dich. Vor Allem möchte ich, wie geſagt, um keinen Preis der Welt Deinen Neigungen entgegentreten. Und dann, wenn Du in ein Kloſter eintreten würdeſt, ſo wäre dies vor⸗ refflich für Deine Schweſter. Darum ſagte ich vor⸗ hin, Du vermögeſt ſehr viel für ihr Glück. Höre mich wohl an, Du wirſt dies ſogleich begreifen.“ „Ja, Mama,“ erwiederte Marianne beſtürzt. „Ich höre Dich.“ „Du mußt mir aber zuerſt Eines verſprechen . . .5 „Was, Mama?“ „Daß Du Deiner Schweſter nicht eine Sylbe von unſerer Unterredung ſagſt; es iſt ein Beweis von großem Vertrauen, den ich Dir gebe; verſprichſt Du mir, ver⸗ ſchwiegen zu ſein?“ „Ja, Mama.“ „Ich zähle auf Dein Wort. Du ſollſt alſo erfah⸗ ren, daß der Herr Graf von Villetaneuſe Aurelie acht⸗ nalhunderttauſend Franken in die Ehe mitbringt. Du ſiehſt, das iſt herrlich. Es folgt hieraus, daß er berech⸗ tigt iſt, von Aurelie eine ähnliche Mitgift zu erwarten, weil Deine Schweſter, iſt ſie einmal Gräfin und ſpäter Geſandtin . . ſtelle Dir vor, ſie wird eines Tags Ge⸗ ſandtin ſein! . . kurz, in die vornehmſte Welt verſetzt, nuß Deine Schweſter, wie uns der Herr Marquis ſagte, auf eine ehrenhafte Weiſe ihren Rang behaupten, ſie muß einen Wagen haben, Diamanten, reizende Toiletten, ein Hotel, um die ſchöne Geſellſchaft ihres Gemahls zu em⸗ Ffangen. Alles dies koſtet aber viel Geld. ſehr viel, Du begreiſſt es wohl, nicht wahr, mein Kinds⸗ 208 „Gewiß.“ „Nun wohl! damit wir Aurelie achtmalhunderttau⸗ ſend Franken Mitgift geben können, muß Jedes, Du wie wir, von dem Seinigen beitragen; es iſt dies für Deine Schweſter eine ſo glänzende Heirath, daß, um ſie zu ſichern, uns Allen kein Opfer zu groß ſein darf; ſo wer⸗ den wir, Dein Vater und ich, unſere Ausgaben unge⸗ heuer einſchränken; es iſt wahrſcheinlich, daß wir uns bei unſerem Schwiegerſohne in Penſion geben und uns mit einer kleinen Wohnung in ſeinem Hotel begnügen werden, um nicht von Deiner Schweſter getrennt zu ſein. Ah ja!“ fügte hier aufrichtig Madame Jouffroy bei, „liebt man ſeine Kinder, ſo muß man ſich aufzuopfern wiſſen. Du ſiehſt es, wir gehen Dir mit dem guten Bei⸗ ſpiel voran .. . es handelt ſich übrigens für Dich nicht einmal um ein Opfer, da Du aus Geſchmack das Kloſter⸗ leben vorziehſt. Das Koſtgeld, das wir für Dich in einer von dieſen Anſtalten zu bezahlen haben, wird unbedeu⸗ tend ſein, ſo daß wir, da nur Aurelie von uns auszu⸗ ſteuern iſt, dieſer die achtmalhunderttauſend Franken geben können; es iſt im Ganzen, als ob wir nur eine Tochter hätten.“ „Ja, meine Mutter,“ erwiederte Aurelie, die ſich der Thränen kaum erwehren konnte, „in der That, Sie handeln, als ob Sie nur eine Tochter hätten.“ „Ganz und gar, denn Du fühlſt wohl, hätte es Deinem Geſchmacke entſprochen, zu heirathen, ſo konnten wir Dir, ohne eine ſchreiende Ungerechtigkeit zu begehen, keine Mitgift, welche geringer als die Deiner Schweſter, geben; da es uns aber unmöglich iſt, achtmalhundert⸗ tauſend Franken Aurelie und eben ſo viel Dir zu geben, ſo fand dann die Heirath, um die es ſich handelt, nicht ſtatt, und Deine arme Schweſter wäre im Stande ge⸗ weſen, vor Gram zu ſterben. Zum Glücke wird durch Deinen Eintritt ins Kloſter Alles in Ordnung gebracht. Ich will Deinem Vater ſagen, es ſei dies eine unter uns 209 abgemachte Sache. Umarme mich, Du biſt ein vortreff⸗ liches Mädchen.“ „Mama, entſchuldigen Sie mich aber .. „Aber?“ „Sie haben ſich getäuſcht. . . Sie tänſchen ſich in meinen Abſichten.“ „Wie ſo?“ „Ich hatte nie den Gedanken, in ein Kloſter zu gehen. Steuern Sie meine Schweſter ſo reich aus, als Sie wollen: ich bin nur auf Ihre Zuneigung eifer⸗ ſüchtig. Ich bitte Sie einzig und allein, bei Ihnen leben zu dürfen, wie in der Vergangenheit, ohne mich mehr als früher zu zeigen . . weniger vielleicht, denn ich fühle, wie ſehr ich in der glänzenden Geſellſchaft, welche fortan die Ihrige ſein wird, durchaus nicht an meinem Platze wäre.“ „Ei! was höre ich! Wie! Du willſt nicht ins Klo⸗ ſter gehen?“ „Mama, ich wiederhole Ihnen, nie habe ich dieſen Gedanken gehabt.“ „Ob Du ihn gehabt haſt oder nicht, was beweiſt dies? Du biſt entſchloſſen, als Klausnerin zu leben: warum willſt Du nicht in ein Kloſter gehen? Das iſt alſo Halsſtarrigkeit, eine einfältige Halsſtarrigkeit oder vielmehr Neid gegen Deine Schweſter. Du willſt bos⸗ Weiſe machen, daß dieſe Heirath nicht ſtattfinden aun?“ „Ah! ein ſolcher Vorwurf!“ rief Marianne, in Thränen zerfließend, „das iſt zu viel, das iſt zu viel, ich verdiene das nicht.“ „Du verdienſt es „Mein Gott, ich wiederhole Ihnen, ſteuern Sie meine Schweſter ſo reich aus, als Sie wollen, aber „ „Du weißt nicht, was Du ſprichſt! Können wir, wenn Du nicht Nonne wirſt, achtmalhunderttauſend Fran⸗ Die Familie Jouffroy. I. 14 21¹⁰ ken Deiner Schweſter geben und Dir faſt nichts? Jeder⸗ mann würde über Ungerechtigkeit ſchreien; während, wenn Du ins Kloſter eintrittſt, die Sache einfach iſt wie guten Tag!“ Doch den Ton verändernd und in der Hoffnung, durch Milde, durch Ueberredung zu erlangen, was ſie durch eine gebieteriſche Autorität nicht zu erreichen be⸗ fürchtete, fügte Madame Jouffroy ihrer Tochter ſchmei⸗ chelnd bei: „Nun! Ich habe Unrecht gehabt. Nein, Du biſt nicht neidiſch auf Deine Schweſter; nein, Du wollteſt nicht ihre Heirath unmöglich machen. Ich kenne Dein gutes Herz. Doch laß uns ein wenig vernünftig reden, meine kleine Marianne: Du geſtehſt ſelbſt, daß Du ent⸗ ſchloſſen biſt, ebenſo zurückgezogen als früher zu leben .. . Was kann es alſo Dir ſchaden, wenn Du in ein Kloſter eintrittſt?“ Marianne konnte und wollte nicht ſagen, ſie verliere, wenn ſie in ein Kloſter gehe, jede Hoffnung, Fortuns wiederzuſehen. Sodann liebte ſie, trotz der Bevorzugung⸗ deren Opfer ſie ſich in dieſem Augenblicke ſah, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Schweſter nicht minder zärtlich als die Tante Prudence, beſonders ſeit dem Austauſche der Bekenntniſſe mit der alten Jungfer. Marianne konnte auch, während ſie das Geheimniß ihres Herzens bewahrte, mit voller Aufrichtigkeit antworten: „Gehe ich ins Kloſter, ſo werde ich immer von Ihnen, von meinem Vater, von meiner Schweſter, von meiner Tante getrennt ſein, und das wäre mir zu ſchmerzlich.“ „Das ſind Kindereien!“ „Ah! meine Mutter! meine Mutter!“ „Wir werden Dich oft beſuchen, Du kommſt nach Hauſe.“ „Mein Gott! iſt dies daſſelbe? Ich werde Sie nur 211 dann und wann ſehen, ſtatt Sie jeden Tag zu ſehen, wie gegenwärtig.“ „Du übertreibſt Alles.“ „Gute, theure Mutter, ich wünſche in der Welt nur Eines: bei Ihnen zu bleiben; ich wiederhole Ihnen, geben Sie meiner Schweſter eine ſo reiche Mitgift, als Sie wollen; weit entfernt, mich darüber zu beklagen, werde ich mich freuen, da das Glück von Aurelie um dieſen Preis zu machen iſt . Doch das Haus ver⸗ laſſen wäre mir unmöglich!“ „Das werden wir ſehen, Mademoiſelle,“ rief Ma⸗ dame Juuffroy anßer ſich über den Widerſtand von Ma⸗ rianne. „Sie ſind nur eine Neidiſche, und ich bin nun ſicher, daß Sie aus Bosheit die Heirath von Aurelie verhindern wollen. Sie ſind nicht mehr werth, als Ihre Tante Prudence, und weil Sie, wie dieſe, häßlich und herzlos ſind, werden Sie von der Eiferſucht zerfreſſen. Doch ich werde Sie zu demüthigen wiſſen, verſtehen Sie? Und Sie werden, ob Sie es wünſchen oder nicht wün⸗ ſchen, ins Kloſter gehen. Sogleich benachrichtige ich Ihren Vater, es ſei Ihr freier Entſchluß, dies zu thun. Wir wollen ſehen, ob Sie die Dreiſtigkeit haben, mich Lügen zu ſtrafen!“ „Ah! meine Mutter, heute bemerke ich, daß Sie mich nie geliebt haben,“ erwiederte Marianne, in Thrä⸗ nen zerfließend; „meine Schweſter iſt Alles für Sie, und ich bin. nichts.“ „Sie ſind eine Unverſchämte! Entfernen Sie ſich, und wenn Sie ſich bei Ihrer Schweſter über Alles dies einet geberden, ſo ſollen Sie es mit mir zu thun aben.“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſprach Marianne mit einem herzzerreißenden Tone, „ich kenne das Gemüth von Au⸗ relie; ſie liebt mich zärtlich, ſie! oh! ja; und eher, als daß ſie mich unglücktich ſähe, würde ſie auf dieſe Heirath verzichten, die ihr doch thener iſt. Ich habe es aber 21¹2 verſprochen, ſie wird nichts von dem erfahren, was Sie mir eröffnet haben. Ich will Ihre Zuneigung für Sie nicht vermindern. Gott ſei Dank, meine Schweſter weiß nicht, wird nie erfahren, was Sie in ihrem Namen von mir verlangen.“ Nach dieſen Worten verließ Marianne troſtlos das Zimmer ihrer Mutter. XXXVIII. Während ſich die vorhergehenden Scenen im Innern der Familie Jouffroy ereigneten, kehrte Fortuné Sauval, die Verzweiftung im Herzen, in ſeine Wohnung zurück, wohin ihm ſeit ungefähr einer halben Stunde der Vater Laurencin und Michel der Lehrling vorangegangen waren. Man weiß, von welchem Erſtaunen, von welchem Schmerze, von welcher Entrüſtung der Greis ergriffen war, als er die Mutter ſeines Enkels in Frau von Mor⸗ lac, einer berufenen Courtiſane, erkannte. Von tauſend Gedanken, von tanſend Befürchtungen erfüllt, nach der Heſtigkeit der Gemüthsbewegungen dieſer Frau, denen eine Ohnmacht folgte, vermuthend, ſie habe ihren Sohn auch erkannt, und ſie werde vielleicht eines Tags von ihren mütterlichen Rechten Gebrauch machen, um Michel vei ſich zu behalten, war der Vater Laurenein ſchleunigſt in die Werkſtätte zurückgekehrt, um mehr nach Muße zu überlegen und, wenn es nöthig wäre, Fortunsé hinſichtlich des Benehmens, das man beobachten ſollte, zu Rathe zu ziehen. Sehr erſtaunt über das, was in ſeiner Gegenwart bei Frau von Morlac vorgefallen war, ſich der Ohnmacht von dieſer, ſowie der Haſt erinnernd, mit der der Vater Laurenein ſich von dort entfernte, um wieder nach der Werkſtätte zu kommen, dabei ein wenig bedauernd, daß ſein Sonntagsſpaziergaug nicht ſtattfand⸗ bemerkte Michel „ — 213 ſeinerſeits mit Bangigkeit die ſorgenvolle Mieue ſeines Großvaters, der ſchweigſam und niedergeſchlagen blieb. Sie waren Beide in die Werkſtätte eingetreten: die erloſchene Eſſe warf nicht mehr ihre flammenden Hellen auf die ſchwarzen Wände. Man ſah weder im Schau⸗ kaſten, noch auf dem Werktiſche eine von den funkelnden Arbeiten in Gold oder Silber, deren Glanz dieſen gro⸗ ßen, kalten, niedrigen, vom Rauche geſchwärzten Saal zu erheitern ſchien; . . . in der That, es läßt ſich nichts Traurigeres denken, als der Anblick, den er zu dieſer Stunde bot. Der Vater Laurencin legte in die Kaſſe den Preis der an Fran von Morlac verkauften Armſpange, warf ſich auf einen Stuhl in der Nähe der Thüre, ſtützte ſeine Ellenbogen auf ſeine Kniee und legte ſeine Stirne in ſeine Hände. Immer mehr erſtaunt und beunruhigt, näherte ſich Michel ſeinem Großvater und ſagte leiſe zu ihm: „Mein Gott! was iſt Euch denn? Ihr habt wäh⸗ rend unſerer Rückkehr hierher kaum ein Wort mit mir geſprochen. Seid Ihr erzürnt gegen mich?“ „Erzürnt gegen Dich, mein liebes Kind?“ verſetzte der Greis, indem er das Haupt erhob und ſeinen Enkel mit innigem Erguſſe in die Arme ſchloß. „Nein, nein, Du mäßteſt gegen mich ärgerlich ſein .. . ich führe Dich hierher zurück, ſtatt unſern Spaziergang fortzuſetzen und unſere kleine Sonntagspartie zu machen, nachdem ich das Geld in die Kaſſe gebracht hätte; aber, mein armes Kind, ich muß nothwendig Herrn Fortuné erwarten; ich habe mit ihm zu reden, und ich befürchte ſehr, Du wirſt für genöthigt ſein, auf das Vergnügen, das Du Dir verſprachſt, zu verzichten.“ „Nun wohl! Großvater, verſchieben wir unſere Partie auf die nächſte Woche; es gibt, Gott ſei Dank! nicht nur einen Sonntag im Jahre. Sobald Ihr nicht gegen mich aufgebracht ſeid, habe ich nichts zu bedauern,“ 214 fügte er entſchloſſen bei. „Ich werde meinen Tag eben ſo gut hier, als außen zubringen; ich will mich damit beluſtigen, daß ich dieſes ſchöne von Meiſter Fortuns entworfene Ornament copire? Ihr erinnert Euch, die Einfaſſung von Lanbwerk, in deren Mitte Kinder und Vögel ſind.“ Dann mit einer reizenden Freundlichkeit dem Greiſe die Stirne darbietend: „Küßt mich noch ein⸗ mal und ſeid wegen meiner unbeſorgt. Ihr wißt, wie ſehr ich das Zeichnen liebe.“ Nachdem er eine neue Liebkoſung vom Vater Lau⸗ rencin empfangen batte, trat der Lehrling an einen Tiſch, nahm aus einem Carton das Modell eines Ornaments, das er abzeichnen wollte, und ging behende an die Arbeit, indeß der Greis in die in ihm durch das unverhoffte Zu⸗ ſammentreffen mit der Mutter von Michel erweckten Ge⸗ danken verſank. „Großvater,“ ſagte der Lehrling nach einigen Augen⸗ blicken, während er an ſeiner Zeichnung fortarbeitete, „es fällt mir ein: habt Ihr mich, als ich unter dem Thorwege des Hauſes dieſer Dame wartete, durch ihre Dienerin holen laſſen?“ „Nein, mein Kind,“ erwiederte der Greis, in Ver⸗ legenheit geſetzt durch dieſe Frage, „der Herr, der zu ihr hinaufgegangen iſt.“ „Und warum hat er mich denn holen laſſen?“ „Ich weiß es nicht. Ohne Zweifel wollte er es uns mittheilen, als es dieſer Fran übel wurde.“ Der alte Arbeiter ſprach die Worte: dieſer Frau mit einer ſo verächtlichen Bitterkeit, daß der Lehrling, von ihrem Ausdrucke betroffen, ſich im Zeichnen unter⸗ brach und mit Verwunderung zu ſeinem Großvater ſagte: „Man ſollte glanben, Ihr habet dieſer armen Dame etwas vorzuwerfen.“ „Ich, nein, vurchaus nicht.“ „Ah! deſto beſſer,“ verſetzte Michel, beſtändig zeich⸗ nend. „Die arme Dame! als ich eintrat, wurde ſie ſo 215 bleich, ſo bleich, daß ich darüber erſchrak. Mein Herz ward ganz beklommen. Es war auch Grund zum Er⸗ ſchrecken vorhanden; ſie wäre rücklings auf den Teppich gefallen ohne den Herrn, der ſie in ſeinen Armen feſthielt. Sie hat ein ſehr hübſches und ſehr ſanftes Geſicht, dieſe Dame, nicht wahr, Großvater?“ „Ich habe ſie nicht genau angeſchaut,“ erwiederte der Greis, den dieſes Geſpräch ſchmerzte; und um es abzubrechen, ſagte er: „Mein lieber Michel, ich laſſe Dich Deinen Sonntag traurig zubringen; doch wenn Herr Fortuné nicht zu ſpät nach Hauſe kommt, ſo kön⸗ nen wir ausgehen, nachdem ich mit ihm geſprochen habe.“ „Wie es Euch beliebt. Ich, was mich betrifft, finde ſo viel Vergnügen am Copiren dieſes Ornaments, daß ich, wenn Ihr wolltet, meinen Platz von jetzt bis heute Abend nicht verlaſſen würde.“ „Wenn Du ſo fleißig arbeiteſt, ſo wirſt Du eines Tags vermöge Deiner Anlagen ein großer Künſtler ſein.“ „Oh! ich habe keinen ſo gewaltigen Ehrgeiz. Ein ſo guter Arbeiter werden, als Ihr es ſeid, Großvater, und als es mein Vater war, das iſt Alles, was ich ver⸗ lange,“ ſagte der Lehrling. Dann ſeufzte er plötzlich, ſein hübſches Geſicht verdüſterte ſich, und nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, ſprach er: „Ah! wißt Ihr, was mir bisweilen Luſt macht, zu weinen, wie dies jetzt der Fall iſt?“ „In der That, Du haſt Thränen in den Augen; woher rührt dieſer Kummer?“ „Verzeiht, Großvater, daß ich Euch betrübe, wenn ich hieran denke . . .“ „Sprich, mein Kind, fürchte nicht, mich zu be⸗ trüben!“ „Nun wohl! wenn ich an meinen Vater denke, ſcheint es mir, ich vermöge mir ihn ſo vorzuſtellen, wie er war, da Ihr mir geſagt habt, abgeſehen vom Alter ſei er Euch ſehr ähnlich geweſen; was mich aber kbe⸗ 216 trübt, iſt, daß ich mir meine Mutter nicht vorſtellen kann, weil Ihr ſie nie geſehen habt und es Euch folglich unmöglich iſt, mir eine Idee von ihren Zügen zu geben.“ „Ich habe Dir geſagt, mein Kind, Dein Vater hat ſich in fremdem Lande verheirathet, Deine Mutter ſtarb kurze Zeit, nachdem ſie Dich geboren, und Dein Vater kam nach Paris zurück und brachte Dich als ganz kleines Kind mit.“ „Nach dem, was er Euch von meiner Mutter er⸗ zählte, konntet Ihr Euch nie vorſtellen, wie ſie war?“ „Nein!“ „Er hat aber doch wohl oft von ihr mit Euch ge⸗ ſprochen . . . Ach! ſo jung geſtorben! er mußte ſie ſehr beklagen!“ „Ja, gewiß,“ erwiedette der Greis, der zu ſeiner Pein das Geſpräch zu dem Gegenſtande zurückgeführt ſah, von dem er es abzulenken verſucht hatte. „Doch laß uns von etwas Anderem reden, Michel.“ „Großvater,“ ſagte traurig der Lehrling, „thue ich Euch wehe, wenn ich von meiner Mutter rede? Ihr geht immer auf einen andern Geſprächsgegenſtand über.“ „Mein Kind, das ruft grauſame Erinnerungen in mir zurück.“ „Ich habe es ſchon wahrgenommen; ſonſt hätte ich viele Fragen an Euch über meine Mutter gemacht, von der ich faſt nichts weiß. Doch verzeiht, meine Neugierde betrübt Euch.“ „Nein, nein, ſie iſt ſo natürlich! Und dann zeugt ſie von einem guten Herzen.“ Michel, nachdem er einige Augenblicke geſchwiegen, ſprach ſeufzend: „Ah! diejenigen, welche ihren Vater und ihre Mutter haben, ſind ſehr glücklich! Allerdings bleibt Ihr mir, Großvater, und ich habe nicht das Recht, mich zu beklagen. Aber, ach! meine Eltern fehlen Euch eben ſo ſehr, als mir. Oh! ſagt, welch ein Glück wäre es für 217 uns geweſen, mit einander in der Werkſtätte von Meiſter Fortuné, der Großvater, der Sohn und der Enkel, zu arbeiten! ſodann, nach beendigtem Tagewerk, nach Hauſe zurückzukehren und hier meine Mutter uns Alle erwar⸗ tend zu finden! Welche Freude jeden Abend dieſe Rück⸗ kehr zu uns! Oh! Großvater, ich habe viel Muth bei der Arbeit, ich bin ſehr erfreut, wenn Meiſter Fortuné mir ſagt, er ſei mit meinem Fleiße zufrieden, doch wenn ich meine Mutter noch hätte, oh! ſeht Ihr, ich weiß nicht, was ich Alles gethan haben würde, damit ſie ſtolz auf mich wäre! Mein Gott! wie hätte ich ſie geliebt!“ Ein leichtes Geränſch, einem erſtickten Schluchzen ähnlich, ließ ſich vor der Thüre hören, in deren Nähe ſich der alte Arbeiter und der Lehrling befanden. Ohne Zweifel hätte dieſes Geräuſch ihre Aufmerkſamkeit erregt, wäre nicht in demſelben Angenblicke die Thüre von Fortuné Sauval geöffnet worden, der, in die Werk⸗ ſtätte eintretend, zu einer außen gebliebenen unſichtbaren Perſon ſagte: 5 „Madame, Sie täuſchen ſich; dieſer Name iſt mir nicht bekannt.“ „Mit wem ſprechen Sie denn, Herr Fortuns?“ fragte der Vater Laurencin, indem er ſich an den jungen Gvid⸗ ſchmied wandte, deſſen Bläſſe er Anfangs nicht wahr⸗ nahm. „War Jemand da?“ Doch ohne dem Greiſe zu antworten, warf ſich For⸗ tuné auf einen Stuhl, verbarg ſein Geſicht in ſeinen „ſtieß einen ſchmerzlichen Seufzer aus und mur⸗ melte: „Mein Gott! mein Gott! wie leide ich!“ XXXIX. Der Vater Laurencin und ſein Enkel, als ſie ihren Meiſter ſo bleich, entſtellt, niedergeſchlagen ſahen und: 218 „Mein Gott! wie leide ich!“ murmeln hörten, liefen auf ihn zu. Der Lehrling rief in ſeiner naiven Angſt: „Sind Sie verwundet, Meiſter Fortuné?“ Bei dieſen Worten erhob der Goldſchmied ſein blei⸗ ches Geſicht, in dem ein ſo brennender Schmerz zu leſen war, daß der alte Handwerker die Hände faltend zurück⸗ wich, während Fortuné, Michel wie im Irrſinne an⸗ ſchauend, dieſem antwortete: „Du fragſt mich, ob ich verwundet ſei? Ja, ich bin im Herzen auf den Tod verwundet!“ „O Himmel!“ rief der Lehrling, deſſen Augen ſich mit Thränen füllten, denn immer mehr betroffen von der Verſtörung der Geſichtszüge ſeines Lehrherrn, den er zärtlich liebte, nahm er ſeine Worte in ihrem körper⸗ lichen Sinne. „Ihr hört, Großvater, Meiſter Fortuné iſt verwundet!“ „Beruhige Dich, armes Kind,“ verſetzte der Gold⸗ ſchmied mit einer tiefen Bitterkeit; „dieſe Wunden bluten nicht nach außen, ſie bluten im Innern und unabläſſig.“ Und er ließ ſeinen Schmerz ausbrechen und rief weinend: „Oh! meine Freunde, ich bin ſehr unglücklich, ich ſage es Euch, den einzigen Gefährten meiner Arbeiten. DOh! ich bin ſehrunglücklich!“ Es lag etwas ſö Rührendes und zugleich ſo Ver⸗ zweiflungsvolles in dem von Fortuné dieſem Kinde und dieſem Greiſe, demüthigen Gefährten ſeines Lebens, ge⸗ machten Geſtändniſſe, daß der Vater Laurencin und ſein Enkel in Thränen zerfloſſen. „Ach!“ ſprach der alte Handwerker, zuerſt das Still⸗ ſchweigen brechend, „was iſt Ihnen denn begegnet?“ „Meine Couſine gab ihre Einwilligung zu unſerer Heirath; ich hatte ihr Wort; ſie hat ihr Verſprechen zurückgenommen,“ erwiederte Fortuns in Verzweiflung. Und ſchluchzend, gelähmt durch den Schmerz, ſtützte er ſeinen Kopf auf die Schultern des Lehrlings, der 219 neben ſeinem auf einem Stuhle ſitzenden Meiſter ſtand; dann, nachdem er einige Augenblicke ſo, die Stirne auf die Schulter von Michel geneigt, welcher über dieſes Geſtänd⸗ niß erröthete, geblieben war, erhob ſich der Goldſchmied ungeſtüm, preßte ſeine geballten Fäuſte an ſeine Schläfe und rief: „Wehe mir! ſie heirathet einen Andern! . . wehe mir!“ Und er ging bald ſchwankend, bald mit haſtigen Schritten in der Werkſtätte auf und ab. Der Vater Laurencin bedachte mit Recht, in der Ausſchweifung und im Erguſſe ſeines Kummers vergeſſe Fortuns, daß das Alter des Lehrlings dieſem ſeine trau⸗ rigen Geſtändniſſe weder zu hören, noch zu verſtehen er⸗ laube, und er ſagte daher zu ſeinem Enkel: „Gehe in unſere Stube und erwarte mich dort, mein Kind . . . „Ja, Großvater,“ erwiederte Michelmit ſeiner gewöhn⸗ lichen Folgſamkeit. „Oh! armer Meiſter Fortuné, wie un⸗ glücklich ſcheint er zu ſein! Großvater, wenn Ihr meiner bedürft, wenn ein Auftrag zu beſorgen wäre, ſo werdet Ihr mich rufen.“ „Ja, gehe und erwarte mich.“ Der Lehrling ging durch eine von den Seitenthüren der Werkſtätte hinaus, von denen die eine mit dem Zim⸗ mer des Goldſchmieds, die andere mit der von Michel und ſeinem Großvater bewohnten Stube in Verbindung ſtand. Dieſer näherte ſich Fortuné, der, das Auge ſtarr, die Arme über die Bruſt gekreuzt, in einen Abgrund Gedanken verſunken zu ſein ſchien, und ſagte zu ihm: „Herr Fortuné, Sie müſſen ſehr leiden . . . Ach! Jeder hat ſeine Qualen.“ „Um das Maß des Unglücks voll zu machen,“ ver⸗ ſetzte der Goldſchmied, den Greis anſchauend, „wißt Ihr, wen Aurelie heirathet?“ „Ich weiß es nicht.“ 220 „Herrn von Villetaneuſe.“ „Was ſagen Sie?“ „Ja, ſie heirathet dieſen Menſchen, und geſtern erſt iſt er am Arme einer Buhlerin hier geweſen! .. Ah! ich vergeſſe meine Leiden, wenn ich an die Zukunft einer folchen Heirath denke!“ „Und dieſe Buhlerin, wiſſen Sie, wer ſie iſt?“ rief der alte Handwerker mit dem Tone ſchmerzlicher Ent⸗ rüſtung. „Dieſe verworfene Creatur iſt die Witwe mei⸗ nes Sohnes, iſt die Mutter von Michel.“ „Was ſagt Ihr?“ „Oh! Herr Fortuné, Sie ſehen, Jeder hat ſeine Qualen, und die meinige iſt entſetzlich.“ „Dieſe Buhlerin iſt die Mutter von Michel!“ wie⸗ derholte Fortuné mit Erſtaunen. In demſelben Augenblicke wurde die äußere Thüre der Werkſtätte geöffnet, und eine Fran in einem ſchwarzen Kleide und einer ſchwarzen Mantille trat ein; ſie trug auf ihrem Hute einen ſehr dichten Schleier, der ihr Ge⸗ ſicht völlig verbarg. Der Goldſchmied wandte ſich gegen die Eintretende um und ſagte ungeduldig zum Vater Laurencin: „Abermals dieſe Frau! ich habe ſie vorhin vor der Thüre getroffen; ſie hat mich nach einem Namen gefragt, den ich nicht kenne. Iſt es eine Kundin, ſo empfangt ſie; es dreht ſich mir Alles im Kopfe. Ich will Nei⸗ mand ſehen.“ Hienach ging Fortuné haſtig in ſein Zimmer. XXXX. Fortuné Sauval ging in ſein Zimmer und ließ in der Werkſtätte den Vater Laurencin und die ſchwarz ge⸗ kleidete Frau. Sie hob raſch ihren Schleier auf. 221 Es war Catherine von Morlac. Der Greis, als er dieſe Frau erkannte, lief an die Thüre der Stube, in welcher ſich Michel befand, ſchloß ſie doppelt und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. Todesbleich, die Wangen von friſchen Thränen durch⸗ furcht, das Geſicht verſtört, bemerkte Frau von Morlac die Bewegung des alten Handwerkers und den Eifer, mit dem er die Thüre einer an die Werkſtätte anſtoßen⸗ den Stube ſchloß. Sie bemerkte auch, daß er ſich ſo⸗ dann nach dem Fenſter wandte; er that dies abſichtlich, weil dieſer Ort weit genug von der Stube von Michel entfernt war, daß er nicht ein Wort von dem Geſpräche ſeines Großvaters mit Catherine hören konnte. Sie folgte dem Greiſe bis in die Nähe des Fenſters und ſagte zu ihm mit einer zugleich gedämpften und bebenden Stimme: „Mein Herr, Sie heißen Laurencin?“ „Ja.“ „Der Kuabe, der Sie dieſen Morgen zu mir be⸗ gleitete, iſt .. Ihr Enkel?“ „Wer ſind Sie, Madame, daß Sie mich ſo fragen?“ verſetzte der Greis, ſeine Entrüſtung kaum beherrſchend; „ich habe Ihnen nicht zu antworten.“ „Der Knabe, der Sie heute Morgen zu mir beglei⸗ tete, iſt Ihr Enkel; ſeine Mutter lebt.“ „Wie! dieſe Elende lebt noch?“ „Mein Herr „„ „Sie lebt noch, dieſe Schändliche, durch deren Schuld mein Sohn vor Kummer geſtorben iſt! Oh! der Him⸗ mel iſt nicht gerecht!“ „Mein Herr, Sie kann Unrecht, ſchweres Unrecht gehabt haben; ihre große Ingend dürfte ſie indeſſen, wenn nicht freiſprechen, doch vielleicht wenigſtens ent⸗ ſchuldigen.“ „Nachdem ſie ihren Gatten entehrt und ihr Kind verlaſſen, hat ſie alſo berent?“ ſagte der Greis, einen 222 furchtbaren Blick auf Frau von Morlac heſtend. „Sie hat ſich alſo gebeſſert? Sie iſt alſo eine ehrliche Frau geworden?“ „Mein Herr, ich . . . ich . . weiß nicht.“ „Ich weiß es. Catherine Vandael, nachdem ſie eine Ehebrecherin geweſen, hat in der Schande, in der Lieder⸗ lichkeit fortgelebt; ſie iſt in dieſem Augenblicke Buhlerin und führt den Ramen Frau von Morlac.“ Bei dieſen niederſchmetternden Worten erbleichte Frau von Morlac noch mehr; ſie war genöthigt, ſich auf den Rand des Werktiſches zu ſtützen, um nicht in Ohnmacht zu fallen; dann ſprach ſie, in der Hoffuung, dem Greiſe Achtung zu gebieten, mit entſchloſſenem Tone: „Ich komme, um meinen Sohn zu holen.“ „Unglückliche!“ „Dieſe Schmähungen „Ihr Sohn „ „Ich bin ſeine Mutter und werde meine Rechte gel⸗ tend machen.“ „Ihre Rechte welche Frechheit! Sie hätten das Recht, Ihren Sohn in Ihr Haus mitzunehmen, wo Sie ſich für Geld verkaufen!“ „Mein Gott! . oh! mein Gott!“ „Ihre Rechte? Erdreiſten Sie ſich doch, ſie vor Gericht geltend zu machen! verſuchen Sie es doch, mir Ihren Sohn zu nehmen, der von mir in der Arbeit und in der Redlichkeit erzogen worden iſt! verlangen Sie doch⸗ er ſoll bei Ihnen leben, um das Brod Ihrer gegen⸗ wärtigen oder früheren Buhlerei zu eſſen!“ „Erbarmen! mein Sohn iſt dort!“ murmelte Ca⸗ therine, während ſie außer ſich vor Scham und Angſt vor dem Handwerker auf die Kniee fiel, und ſie wieder⸗ holte mit leiſer, ſtockender Stimme: „Erbarmen, Erbarmen! mein Sohn kann uns hören!“ „Sie haben keinen Sohn mehr; Sie haben ihn bei 22³ ſeiner Geburt verlaſſen; er iſt todt für Sie, Sie ſind todt für ihn!“ „Oh! auf den Knieen flehe ich Sie an, ſprechen Sie leiſer,“ ſagte Fran von Morlac die Hände faltend und ſie zum Vater Laurencin erhebend. „Wenn Sie wüß⸗ ten, was ich heute Morgen beim Anblicke dieſes Knaben empfunden habe, als ich betroffen von ſeiner Aehnlichkeit mit mir und mich einiger Ihrer Worte erinnernd. . .“ „Unglückliche! dieſe Worte unterrichteten Sie vom Tode meines Sohnes; Sie find unempfindlich geweſen Ihr Ange blieb wocken.“ „Das iſt wahr.“ „Sie geſteht es, mein Gott! ſie geſteht es!“ „Ich geſtehe das Schlimme, damit Sie das Gute glauben.“ „Das Gute! ein guter Gedanke in Ihrer Seele! Hoffen Sie, mich zu bethören wie diejenigen, welche Sie zu Grunde richten? Das iſt zu viel Frechheit! Gehen Sie!“ „Mein Herr, haben Sie Mitleid . „Hinaus!“ rief der Greis außer ſich, „fort von er „Großvater, was gibt es denn?“ fragte plötzlich Michel durch die Thüre. „Ihr ſprecht mit zornigem Tone; bedroht man Euch?“ Der Lehrling wollte die Thüre öffnen, doch er be⸗ merkte, daß ſie von außen geſchloſſen war. „Großvater, ich bin eingeſchloſſen.“ „Er hat noch nichts gehört, er weiß noch nichts!“ ſagte Catherine mit einem Erguſſe von Glück und unaus⸗ ſprechlicher n „Mein Gott, ich danke Dir!“ Der Ton, der Ausruf dieſer Fran, ihre in Thränen gebadeten Augen, ihr leichenbleiches, von der Verzweif⸗ lung zuſammengezogenes Geſicht zengten von einem ſo tiefen Schmerze, von ſo aufrichtigen Gewiſſensbiſſen, daß der Vater Laurencin, trotz des Entſetzens, das ihm dieſe 2²⁴ Frau einflößte, davon betroffen war. Er ging an die Stube, in der ſein Enkel eingeſchloſſen, und ſagte durch die Thüre zu ihm: „Sei unbeſorgt, ich komme ſogleich zu Dir.“ Catherine ſtand wieder auf, ſetzte ſich auf einen Stuhl und zerfloß in Thränen. Der alte Handwerker, als er zu ihr zurückkam, be⸗ trachtete ſie ſtillſchweigend, und er fühlte ſich ein wenig von Mitleid bewegt, doch er empörte ſich bald gegen dieſe Schwäche. „Ah!“ dachte er, „mein Sohn vergoß blutige Thrä⸗ e als er nach ſeinen langen Qualen in meinen Armen tarb!“ „Mein Herr,“ ſprach die Courtiſane mit leiſer, be⸗ bender Stimme, „in welche Schande ſie auch verſunken ſein mag, eine Mutter bleibt immer eine Mutter .. ich fühle es „Sprechen Sie nicht vom mütterlichen Gefühle .. Sie entheiligen es.“ „Sie können mich ſo behandeln .. . Sie können mich mit Füßen treten wie ein verworfenes Weib; aber, mein Gott! Sie können es nicht verhindern, daß ich mich fühle, ſeitdem ich mein Kind wiedergeſehen habe!“ Dieſer Schrei, der vom Innerſten der mütterlichen Liebe ausging, dieſer Schrei mit ſeiner herzzerreißenden Aufrichtigkeit bewegte den Greis; doch abermals ſeine Schwäche ſich vorwerfend, ſprach er: „Sie lügen! Sie lügen! Eine Mutter, die ſich Mut⸗ ter fühlt, verläßt ihren Gatten und ihr Kind nicht ein Jahr nach ihrer Verheirathung!“ „Mein Herr, haben Sie Mitleid, hören Sie mich an. Ich ſchwöre Ihnen, ich küge nicht! Nein! So un⸗ wahrſcheinlich ſie Ihnen dünken mag, ich ſage Ihnen die Wahrheit . .. Vorhin rief ich: „„Ich geſtehe das Schlimme, damit Sie das Gute glanben!““ Sie ließen 225 mich nicht vollenden! Nun denn! ja, mit ſechzehn Jahren bin ich zur Verrätherin an meinen Pflichten als Gattin und Mutter geworden; ja, ich habe kalt meinen Mann, mein Kind verlaſſen; ja, ſeitdem durch meinen erſten Fehltritt in ein ausſchweifendes Leben geſtürzt, bin ich Buhlerin geworden; ja, in dieſem entſetzlichen Gewerbe hat ſich mein Herz verhärtet; ja, ohne Mitleid gegen die Menſchen, die ich zu Grunde richtete, hatte ich nur ein Ziel; mich bereichern, um eines Tags aus dieſem Kothe herauszukommen. Dieſes Ziel, ich habe es er⸗ reicht; ich bin nun reich.“ „Reich an Schmach und Schande.“ „Das iſt wahr. Ich ſtelle mich ſo niedrig, als möglich; ich feilſche nicht um meine Schande. Ich gehe weiter: ja, heute Morgen, als ich von Ihnen den Tod Ihres Sohnes erfuhr, den ich verrathen, wie unſer Kind verlaſſen habe, blieb mein Herz kalt. Sie ſehen, ich will nichts mildern, ich geſtehe Alles. Wie kommt es aber, daß ich ein paar Augenblicke nachher, betroffen von der außerordentlichen Aehnlichkeit, welche zwiſchen Ihrem Enkel und mir ſtattfindet, plötzlich erleuchtet durch die Erinnerung an Ihre Worte, von einer ſo tiefen Gemüths⸗ bewegung ergriffen war, daß ich das Bewuhtſein in dem⸗ Moſnente verlor, wo Sie meinen Sohn wegführten?“ Auf eine Geberde des Greiſes unterbrach ſich Catherine, und ſie ſprach ſodann mit einer ſchmerzlichen Reſignation: „Nun wohl! nein, verzeihen Sie! Da es Sie ver⸗ leßzt, ſo werde ich nicht mehr: Mein Sohn! ſagen; ich werde Ihr Enkel ſagen . . Sie ſind Zeuge geweſen, wie ich in Ohnmacht gefallen bin Das war keine Lüge, keine Liſt!“ „Wer weiß!“ „Mein Gott!“ „Sie ſollen ſo argliſtig ſein!“ Die Familie Jouffroy. I. 226 „Ich verdiene all dieſen Argwohn, alle dieſe Be⸗ leidigungen. Doch warum ſollte ich mir den Anſchein gegeben haben, als werde es mir übel beim Anblicke mei⸗ nes dieſes Kindes?“ „Sie wollten vielleicht in einer Abſicht, die ich nicht kenne, durch dieſe abſchenliche Komödie den Mann, mit dem Sie gegenwärtig leben, betrügen und etwas von ihm erlangen,“ erwiederte der Greis. ünd er ſagte zu ſich ſelbſt: „Einem ſolchen Manne wird Herr Fortuné ge⸗ opfert!“ „Dieſer Verdacht iſt gräßlich!“ rief die Courtiſane, ihre Thränen zurückhaltend, „und dennoch . . . ich ſchwöre Shnen Doch ſich beſinnend: „Nein. Was würde der Schwur einer Frau meiner Art beweiſen! Oh! ich dachte damals ſo wenig an Herrn von Villetaneuſe, daß mir, als ich ihn bei mir fand, da ich wieder zum Bewußtſein kam, ſeine Gegen⸗ wart unerträglich war. Ohne ſeine Worte anhören, auf ſeine Fragen antworten zu wollen, ſchickte ich ihn von mir weg, und er entfernte ſich ſehr erzürnt und ſchwor, ich werde ihn in meinem Leben nicht wiederſehen. Daran war mir wenig gelegen. Ich wollte allein ſein, um nach⸗ zudenken, um mich einem für mich ſo neuen Gefühle hin⸗ zugeben, das durch das unerwartete Zuſammentreffen mit dieſem Kinde erweckt worden war. Je tiefer dieſe Empfin⸗ dung in mein Herz eindrang, deſto mehr fühlte ich mich wieder Mutter werden. Mein Gott! Sie werden mir abermals ſagen, ich lüge! Sie werden mir entgegnen⸗ ehe ich meinen Sohn wiedergeſehen, ſei ich auch Muttet geweſen, und dennoch habe ich ihn verlaſſen. Das ſt wahr! Unwiſſend in Betreff ſeines Schickſals, hatte ich mich nichts um ihn bekümmert; das iſt ebenfalls wahr! Sie ſehen, ich ſuche meine Fehler, mein früheres Ver⸗ prechen nicht zu entſchuldigen. Glauben Sie mir alſo — — * — — S — 227 in des Himmels Namen, weun ich Ihnen ſchwöre, daß ich zu beſſeren Gefühlen zurückkehre. Man hat die Reue nie geſchmäht, zurückgeſtoßen!“ „Wenn ſie aufrichtig iſt!“ „Mein Gott! mein Gott! ich frage Sie noch ein⸗ mal, warum ſoll ich lügen?“ „Nein, es iſt nicht möglich, daß Sie, nachdem Sie fünfzehn Jahre lang gleichgültig gegen das Loos Ihres Kindes geblieben ſind, plößlich eine Zärtlichkeit für daſ⸗ ſelbe fühlen! nein, das iſt unmöglich!“ „Unmöglich! Bedenken Sie doch, daß das, was ich Ihnen geſtehen will, abſcheulich iſt!“ erwiederte Ca⸗ therine. Und nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, fuhr ie fort: „Was wage ich? Sie haben ſchon eine ſolche Mei⸗ nung von mir, daß ich ſie nicht zu verſchlimmern ver⸗ möchte. Nun denn! als ich dieſes Kind verließ, war es noch ein Säugling; ich hatte es kaum geſehen, und ich ſagte Ihnen, das iſt abſcheulich, doch es iſt wahr; ich fühlte nichts für daſſelbe und trennte mich ohne Bedauern von ihm. Wie kommt es nun, daß, als ich es heute wiederſah als einen Jüngling mit reizendem Geſichte, mit ſanfter, ſchüchterner Miene, in einer Blonſe, welche von ſeinem arbeitſamen Leben zengte, ja, wie kommt es, daß ich mich plötzlich wieder Mutter geworden fühlte, daß ich mich fähig fühlte zu allen Opfern, zu jeder Hingebung, um mich meinem Kinde zu nähern? Und ich werde mich ihm nähern, hören Sie? Ja,“ fügte die Courtiſane entſchloſſen bei, „was Sie auch thun mögen, ich werde eieuhn zu mir nehmen, denn er liebt mich.“ * r . „Vor der Rückkehr von Herrn Sauval war ich hier vor dieſer Thüre, zögernd, ob ich eintreten ſollte. Ich hörte die Stimme von Michel, ich horchte, er ſprach mit Ihnen von ſeiner Mutter, er ſagte Ihnen, wie ſehr er 228 ſie geliebt hätte, ſein kindliches Herz vibrirte bei jedem ſeiner Worte. Oh! was für koſtliche Thränen vergoß ich! ich fühlte mich freigeſprochen, ich fühlte, daß ich Verzeihung durch die Zärtlichkeit meines Sohnes erlangt hatte! Und wenn er mir verzeiht, wenn er mich frei⸗ ſpricht, würden Sie ſich zwiſchen ihn und mich ſtellen? Sie würden ihn mir nehmen wollen? Ich fordere Sie heraus, dies zu thun! Ei! ich bin doch ſehr albern, daß ich Sie ſo flehentlich bitte!“ Dann ſich nach der Thüre wendend: „Mein Sohn iſt hier, nehmen Sie ſich in Acht! weigern Sie ſich, ihn mir zurückzugeben, ſo erhebe ich die Stimme und rufe ihm durch dieſe Thüre zu: „„Ich bin Deine Mutter!““ und wider Ihren Willen wird mir ſein Herz antworten.“ „Sie wären ſo frech!“ Statt jeder Antwort wandte ſich Fran von Morlac, dem Greiſe trotzend, nach der Stube von Michel, doch er faßte ſie beim Arme und ſagte halblaut zu ihr: „Unterrichten Sie Michel davon, daß Sie ſeine Mutter ſind, ſo enthülle ich ihm in Ihrer Gegenwart Ihr ſchändliches Leben.“ „Großer Gott!“ murmelte die Courtiſane, nieder⸗ geſchmettert unter dieſer entſetzlichen Drohung. „Ah! das heißt zu viel, zu viel leiden!“ Und ſie ſank ganz gelähmt auf einen Stuhl, der in ihrer Nähe ſtand, und biß, auf ſich ſelbſt zuſammenge⸗ krümmt, in ihr Taſchentuch, um das Geränſch ihres krampfhaften Schluchzens zu erſticken. Der Vater Laurenein, nachdem er einen Augenbli geſchwiegen, kehrte in den Hintergrund der Werkſtätte 229 zurück, wo man ſein Geſpräch mit Frau von Morlae nicht hören konnte, und er ſagte halblaut zu ihr: „Nähern Sie ſich und machen wir ein Ende, Sie können nicht länger hier bleiben.“ Catherine erhob ſich wankend, und da ſie ſich für immer von dem Greiſe beherrſcht fühlte, ſo kam ſie auf ein paar Schritte zu dieſem zurück und ſprach mit ſchwacher Stimme, als hätte ſie ihre eigenen Worte zu hören bange gehabt: „Einer Mutter drohen, ſie in den Augen ihres Kin⸗ des zu entehren, oh! das iſt gräßlich!“ „Ihre Schändlichkeit hat den Tod meines Sohnes verurſacht!“ „Rächen Sie ihn alſo! Mein Leben, meine Zu⸗ kunft ſind in Ihren Händen, denn ich fühle es, ich lebe nur noch durch meinen Sohn! Was verlangen Sie von mir?“ „Entfernen Sie ſich von hier und kommen Sie nie mehr zurück.“ „Aber mein Sohn ... „Ich habe Ihnen geſagt: er iſt todt für Sie, Sie ſind todt für ihn.“ „Wie! nicht einmal Hoffnung!“ „Nein!“ „Oh! Sie ſind unbarmherzig!“ „Hatten Sie mit meinem Sohne Mitleid?“ „Ach! haben Sie für mich das Mitleid, an dem ich es gegen Ihren Sohn ermangeln ließ! Sie klagen mich an und ahmen mir nach!“ „Ich bin gerecht und beſtrafe das Verbrechen!“ „Sie ſind unbeugſam gegen mich, doch Ihr Herz iſt gut, Alles beweiſt mir dies: Ihre zärtliche Liebe für Ihren Sohn und die Fürſorge, die Sie in Ihrer Ar⸗ muth für Michel gehabt haben. Meine Reue muß Sie rühren. Was ſoll aus mir werden, was ſoll ich thun, 230 wenn ich mein Kind hier bei Ihnen, in dieſer Stadt weiß, und ich ſehe mich auf immer von ihm getrennt?“ „Bekümmern Sie ſich nicht mehr um den Knaben, als Sie ſich bis jetzt um ihn bekümmert haben; ſein Loos iſt geſichert; ich habe ihn zu einem ehrlichen Men⸗ ſchen erzogen und ihm einen Stand gegeben; er iſt flei⸗ ßig, er wird redlich, muthig ſein Brod verdienen.“ „Sein Brod verdienen? . . ich bin aber reich, und ich will nicht, daß mein Sohn . . Die Courtiſane unterbrach ſich bei einer ungeſtümen Bewegung des alten Handwerkers; doch dieſer bezwang ſich und ſagte zu ihr: „Fahren Sie fort!“ „Alles, was ich auf der Welt beſitze, gehört meinem Sohne; mein Vermögen iſt ſo, daß er kein Gewerbe nöthig hat, um zu leben.“ Auf eine neue Bewegung des Vater Laurenein, deren Bedeutung ſie nicht verſtand, fügte ſie raſch bei: „Mein Gott! Sie haben mir erklärt, ich werde Michel nicht mehr ſehen, doch Sie könuen es nicht ver⸗ hindern, daß ich wider Ihren Willen auf Ihr Erbarmen hoffe, daß ich auf die Aufrichtigkeit meiner Reue zähle, die Sie vielleicht einſt zum Mitleid bewegen wird. In Erwartung dieſes Tages dulden Sie wenigſtens, daß ich für die Bedürfniſſe meines Sohnes Sorge trage. Er zählt fünfzehn Jahre und iſt folglich noch in einem Alter, um in eine von den Penſionen einzutreten, aus denen man hervorgeht, um eine glänzende Laufbuhn zu betre⸗ ten. Ich hätte für ihn ſo viel Ehrgeiz! mit dem größ⸗ ten Vergnügen würde ich die erforderlichen Koſten auf⸗ wenden, um ihm eine vortreffliche Erziehung zu geben! Er bekäme einen Hofmeiſter, alle erdenkliche Lehrer! Glücklich begabt, wie er iſt, würde er ſeine Lectionen ſo wohl benützen! Oh! mein Herr, mein Verlangen iſt lobenswerth; Sie können mir wenigſtens nicht den Troſt verweigern, daß ich Michel alle Mitel, ein ausgezeich⸗ 231 neter Mann zu werden, verſchaffen darf! . . . Sie ant⸗ worten mir nicht?“ „Ich höre, vollenden Sie! Haben Sie keine andere Pläne 7“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen?“ verſetzte die Courti⸗ ſaue, ermuthigt durch das Stillſchweigen von Vater Lau⸗ renein, in welchem ſie ein Beiſtimmen zu ihren Hoffnun⸗ gen ſah. „Wäre mein Sohn eines Tags, nachdem er eine ehrenvolle Stellung erlangt, darauf bedacht, ſich zu verheirathen, und er fände eine ſeiner würdige junge Perſon, die ihm gefiele . „Sie würden ihn ohne Zweifel ausſteuern?“ „Oh! ja, ihm Alles, was ich beſitze, Alles! ich würde mir nur das ſtreng Nothwendige vorbehalten und „Sagen Sie mir.“ unterbrach der Greis die Cour⸗ tiſane mit einem entſetzlichen Phlegma, „das Geld, das Sie für die Erziehung Ihres Sohnes beſtimmen, das Geld, mit dem Sie Michel ausſteuern wollen, nachdem Sie ihm eine ehrewolle Stellung geſichert, wie haben Sie dieſes Geld erworben?“ Bei dieſer erſchrecklichen, unbarmherzigen Frage blieb die Courtiſane ſtumm vor Scham und Beſtürzung. Der alte Arbeiter fuhr mit einer verhaltenen, aber blutigen Ironie fort: „Somit hätte Ihr Sohn ſeine Erziehung, ſeine Laufbahn, ſeine Mitgift, den Wohlſtand ſeiner Frau und ſeiner Kinder dem Ertrage Ihrer Proſtitutionen zu ver⸗ danken?“ Doch unfähig, ſeine Entrüſtung länger zu bemeiſtern, obgleich er den Ton ſeiner Stimme mäßigte, um nicht von Michel gehört zu werden, fügte der Greis bei: „Hinaus, hinaus! . . Ihre Reue hatte mich unwill⸗ kürlich einen Angenblick gerührt; ich glaubte an Ihre mütterlichen Gefühle . . Sie logen!“ „Mein Herr . . . Erbarmen .. * 232 „Sie logen! Wie! Sie wagen es, zu behanpten, Sie lieben Ihren Sohn, und Sie wollen ihn zum Mit⸗ ſchuldigen Ihrer Schändlichkeit machen, indem Sie die Vortheile davon mit ihm theilen würden!“ „Mein Gott!“ murmelte die Courtiſane in Ver⸗ zweiflung, „er hätte ja nichts gewußt.“ „Und Sie, wäre es Ihnen unbekannt geweſen, daß Ihr Sohn von den Früchten Ihrer Schande lebte?“ Dieſe niederſchmetternden Worte erwiederte Cathe⸗ rine mit einem dumpfen Seufzer, und ſie verbarg ihr Geſicht in ihrem Taſchentuche. In demſelben Angenblicke öffnete Fortuns Sauval die Thüre ſeines Zimmers und erſchien auf der Schwelle der Werkſtätte, im Glauben, er werde den Vater Lau⸗ rencin allein finden; doch plötzlich beim Anblicke ſeines Patrons von einer Idee ergriffen, bat dieſen der alte Handwerker durch eine Geberde, zurückzugehen, was er auch that. Die Conrtiſane, als ſie eine Thüre öffnen hörte, batte raſch ihren Schleier niedergeſchlagen, um ihre Bläſſe und ihre Thränen zu verbergen. Sie erſchaute alſo den jungen Goldſchmied nicht, der beinahe in einem Augenblicke erſchien und verſchwand, während der Vater Laurencin immer mehr ergriffen von dem Gedanken, den ihm die Gegenwart ſeines Meiſters eingegeben hatte, ein nachſinnendes Stillſchweigen beobachtete. Mein Herr,“ ſagte Frau von Morlac mit beben⸗ der Stimme zu ihm, „meine Kräfte ſind erſchöpft . . . was ich erduldet habe, ſeitdem ich hier bin, iſt gräßlich; es bleibt mir keine Hoffnung mehr . ich täuſche mich nicht. Vergebens würde ich mich an die Gerichte wenden, um mein Kind zurückzufordern; mein ſchändlicher Lebenswandel müßte ſich dem, daß man es mir gäbe, widerſetzen; wenn Sie ihm enthüllen, wer ich bin, ſo können Sie ihm endlich einen unüberwindlichen Ab⸗ ſcheu gegen mich einflößen. Einen Augenblick glaubte ich . 233 die Quelle meiner Reichthümer dadurch läutern zu kön⸗ nen, daß ich ſie Michel weihte: Sie haben mich vernichtet durch die entſetzlichen Worte: Wie haben Sie dieſes Geld erworben? . Ich muß anerkennen, daß mein Sohn, ohne ſich zu beflecken, nicht von einem Pfennig meines Vermögens Gebrauch machen könnte .. Und dennoch liebe ich ihn leidenſchaftlich! Sagten Sie mir, ich ſoll in dieſem Augenblick mein trauriges Leben für ihn vpfern, ich würde es mit Trunkenheit thun! Ueber dieſes Opfer hätte mein Kind wenigſtens nicht zu er⸗ röthen .. Mein Gott! werden Sie denn ohne Mit⸗ leid ſein! immer ohne Mitleid! Zweifeln Sie noch an meiner mütterlichen Zärtlichkeit, ſo ſtellen Sie mich auf die Probe, befehlen Sie! Was ſoll ich thun? . . . Ich werde gehorchen . . . Laſſen Sie mir eine Hoffnung, ſo unbeſtimmt, ſo entfernt ſie auch ſein mag, doch es ſei mir wenigſtens geſtattet, zu hoffen. Nie hat man denen, welche bereuen, die Hoffnung verweigert.“ Und ſie erſtickte ihr Schluchzen abermals in ihrem Taſchentuche. „Hören Sie,“ erwiederte der Vater Lautenein, „ich glaube an Ihre Reue, ich glaube, daß beim Anblicke Ihres Sohnes, dieſes armen, der Liebe ſo würdigen Kindes, Ihr Mutterherz erwacht iſt.“ „Dank, oh! Dank Ihnen, daß Sie dies glauben!“ murmelte die Courtiſane mit Entzücken. Und ſie fiel vor dem Greiſe auf die Kniee, ergriff, trotz ſeines Sträubens, ſeine Hände und küßte ſie weinend .. Dieſe Gemüths⸗ bewegung bemächtigte ſich auch ſeiner, er half Catherine aufſtehen und ſagte mit minder ſtrengem Tone zu ihr: „Sie haben mich ſeit fünfzehn Jahren zum unglick⸗ lichſten Menſchen gemacht! Es iſt kein Tag vergangen, ohne daß ich meinen Sohn beweint habe; ich weiß nicht, ob ich je das Böſe, das Sie ihm angethan, werde ver⸗ geſſen können . . . doch reden wir von der Gegenwart! Ihnen Michel zurückgeben iſt unmöglich!“ 234 „Ich weiß es, mein Gott! ich weiß es! ich verlange dies auch nicht.“ „Sie ſagten vorhin zu mir: „„Befehlen Sie! Was ſoll ich thun, um Ihnen meine zärtliche Liebe für mei⸗ nen Sohn zu beweiſen?““ „Oh! ſprechen Sie! ſprechen Sie!“ „Sie ſind denen, welche ſich für ihn intereſſirt ha⸗ ben, eine tiefe Dankbarkeit ſchuldig!“ „Könnten Sie daran zweifeln, daß ich dies fühle? Habe ich Ihnen nicht geſagt, Sie .. . „Es handelt ſich nicht um mich. Ich habe ihn nicht allein erzogen, ich habe nicht allein dazu beigetragen, daß er arbeitſam, ſanft, beſcheiden und ſchon geſchickt in ſeinem Handwerke geworden iſt. Herr Fortuné Sauval, mein Meiſter, hat ihn geliebt, unterrichtet, geleitet, wie er es für ſein eigenes Kind gethan hätte.“ „Oh! dieſer edelmüthige Mann mag der Dankbar⸗ keit meines ganzen Lebens ſicher ſein!“ „Wenn ich Ihnen glauben könnte!“ „Ich bitte Sie inſtändig, ſtellen Sie mich auf die Probe.“ „Sie leben mit Herrn von Villetaneuſe?“ „Ja,“ antwortete die Courtiſane, zum erſten Male erröthend vor Scham bei dem Gedanken an dieſes Ver⸗ hältniß, „ja, doch ich ſchwöre Ihnen, daß fortan „Sie üben eine ſehr große Herrſchaft über Herrn von Villetanenſe aus?“ „Meine Herrſchaft über ihn war unumſchränkt.“ „Er iſt im Begriffe, zu heirathen.“ E „ „Das iſt unmöglich, ich müßte es wiſſen.“ „Ich wiederhole, er iſt im Begriffe, zu heirathen.“ „Nein, nein, denn ich . . .“ Doch ſich unterbrechend und nachdenkend: „Ich vergaß, daß heute Morgen, als ich, nach Ih⸗ 235 rem Abgange aus meinem Hauſe, wieder zum Bewußt⸗ ſein kam, Herr von Villetaneuſe mir ſagte, er habe mir etwas ſehr Wichtiges anzuvertrauen; doch ganz nur vom Gedanken an Michel erfüllt, wollte ich nichts hören, und ich ſchickte Herrn von Villetaneuſe von mir weg. Ohne Zweifel wollte er mich von ſeiner Heirath unterrichten. Gut! er heirathe! es iſt mir nun wenig daran gelegen! ich will nur für meinen Sohn leben!“ „Herr von Villetaneuſe ſoll nicht heirathen!“ „Was ſagen Sie?“ „Sie müſſen von Ihrer unumſchränkten Herrſchaft über ihn Gebrauch machen und dieſe Heirath verhindern.“ „Ich?“ „Hören Sie mich wohl an: Herr Fortuné Sauval, der ſo viel für Michel gethan hat, liebt leidenſchaftlich ſeine Couſine Mademoiſelle Jouffroy.“ „Mademoiſelle Jouffroy!“ verſetzte bebend bei die⸗ ſem Namen Catherine; und ſie ſagte zu ſich ſelbſt: „Es gibt ſo viele Jouffroy . . jedoch . . .“ Und ſe ſprach laut: „Hatte der Vater von Mademoiſelle Jouffroy einen Bruder?“ „Ja,“ erwiederte bitter der Greis; „dieſer Bruder, Herr Laurent Jouffroy, war Ihr Pathe: er hat meinem armen Sohne gerathen, Sie zu heirathen.“ „Großer Gott!“ „Was haben Sie?“ „Mademoiſelle Jouffroy wäre die Nichte . . .“ „Ihres Pathen.“ „Er war nicht mein Pathe.“ „Wie!“ „Er war mein Vater!“ „Er!“ rief der alte Handwerker, vom tiefſten Er⸗ ſtaunen ergriffen, „er!“ „Ja,“ fuhr Frau von Morlat fort, „Herr Laurent Jouffroy war mein Vater. Er hatte meine Mutter ver⸗ — 236 führt und dann verlaſſen. Dieſer erſte Fehltritt brachte ſie zu einem ausſchweifenden Lebenswandel, zur Schande. Denken Sie ſich, welche Lehren ich in meiner frühſten Ju⸗ gend erhalten habe!“ „Sie gehören alſo der Familie Jouffroy an?“ rief der Vater Laurencin. „Mein Gott! welche Schmach für ſie!“ „Sie weiß nichts von dieſer Schmach, wird nie etwas davon erfahren, wenn Sie die Sache geheim hal⸗ ten; Sie allein kennen ſie nun.“ „Welche Offenbarung! ich zittere noch.“ „Mit zwei Worten beendige ich dieſen traurigen Gegenſtand. Mein Vater, Herr Laurent Jonffroy, reiſte im Auslande in Handelsgeſchäften; von Zeit zu Zeit be⸗ ſuchte er uns, meine Mutter und mich, wenn er nach Belgien kam; er gab uns einige Unterſtützung; Anfangs galt er in meinen Augen für meinen Pathen; ſpäter theilte mir meine Mutter mit, daß er mein Vater war. Ich zählte fünfzehn und ein halbes Jahr, als er für Ih⸗ ren Sohn eine vortheilhafte Stelle in einem Hauſe in Brüſſel fand.“ „Ja auf Empfehlung von Herrn Fortuné; mein armer Sohn wollte durchaus ein wenig von der Welt ſehen, und Herr Laurent Joufftoy hatte uns ſeine Dienſte angeboten. Oh! verflucht ſei der Tag, an dem ich ſie annahm.“ „Ihr Sohn wurde mir von meinem angeblichen Pathen vorgeſtellt. Was ich Ihnen hier ſage, iſt abſchen⸗ lich, doch es iſt die traurige Wahrheit. Um ſich der Verantwortlichkeit zu entziehen, mit der er ſich durch meine Geburt bebürdet ſah, und damit ich meiner Mutter nicht mehr zur Laſt wäre, trieb Herr Laurent Joufftoy zu dieſer Heirath an.“ „Oh! das iſt ſchändlich! er mußte Sie kennen!“ „Er wußte, er mußte wiſſen, daß die Erziehung, daß die Lehren, die ich erhalten hatte, meinem Gatten 237 keine Bürgſchaft des Glückes bieten konnten; mein Leben bei meiner Mutter war ſo elend, daß ich, um aus dieſer Hölle zu kommen, mit Frenden Ihren Sohn zu heirathen einwilligte. Er liebte mich raſend, mein Undank gegen ihn war niederträchtig. Ich ſuche mein Benehmen nicht zu entſchuldigen. Sie kennen die Folgen davon. Der Rame von Mademoiſelle Jouffroy hat die Offenbarung hervorgerufen, die ich Ihnen mache. Die Unglückliche! ſie will Herrn von Villetanenſe heirathen! Sie weiß alſo nicht, was für ein Menſch das iſt?“ Noch unter dem Gewichte der Offenbarung der Courtiſane ſchwieg der Vater Laurencin einen Augen⸗ blick; dann ſprach er: „Aus Achtung vor den Verwandten von Herrn For⸗ tuns will ich das Geheimniß bewahren, das Sie mir anvertraut haben; Niemand wird erfahren, daß Sie die⸗ ſer Familie angehören, deren Schande Sie wärenz Nie⸗ mand wird erfahren, daß der Bruder des ſchätzenswerthen Herrn Jouffroy der Urheber dieſer nichtswürdigen Hei⸗ rath geweſen iſt, welche die Verzweiflung und den Tod meines Sohnes veranlaßt hat. . . Hören Sie mich nun an: Bleibt Ihnen noch ein gutes Gefühl oder iſt ein ſol⸗ ches in Ihnen erwacht, ſo machen Sie Gebrauch von Ihrer unumſchränkten Herrſchaft über Herrn von Ville⸗ taneuſe und verhindern Sie ihn, Mademviſelle Jouffroy zu heirathen; was Sie von dieſem Menſchen geſagt ha⸗ ben, beweiſt, wie ſehr ſie zu beklagen wäre, wenn dieſe Heirath zu Stande käme. Herr Fortuné liebt ſeine Con⸗ ſine leidenſchaftlich: er iſt mehr als irgend Jemand auf der Welt würdig und fähig, ſie glücklich zu machen; An⸗ fangs verſprach ſie Herrn Fortuné, ihn zu heirathen; hernach zog ſie ihm, in einer Mädchenlaune, Herrn von Villetaneuſe vor; doch ich bin feſt überzengt, wenn dieſer auf ſie verzichtete, würde ſie für das Glück ihres Lebens zu ihrem Vetter, zu ihrem Freunde aus den Kinder⸗ jahren zurückkehren.“ 238 „Aber mein Sohn! mein Sohn!“ „Iſt es nichts für Sie, Ihre Dankbarkeit demjeni⸗ gen zu beweiſen, welcher ſeit fünf Jahren Michel, nicht wie ſeinen Lehrling, ſondern wie ſein Kind behandelt?“ „Hören Sie mich auch an. Die Heirath von Herrn von Villetaneuſe hintertreiben heißt gezwungener Weiſe meine Verbindung mit ihm wieder anknüpfen, heißt das ſchändliche Gewerbe fortſetzen, das Sie gebrandmarkt ha⸗ ben, und vor dem ich einen Abſchen hege, ſeitdem ich mein Kind wiedergefunden. Nicht wahr, das ſcheint Ih⸗ nen ſeltſam? Sie werden mir abermals ſagen, ich lüge! Und dennoch ſpreche ich die Wahrheit. Sehen Sie, nur bei dem Gedanken, wie in der Vergangenheit mit Herrn von Villetaneuſe oder irgend einem Andern zu leben, empört ſich Alles in mir. Ja, heute fühle ich mich eine ehrliche Fran. Mit der Mutterſchaft iſt die Ehre bei mir zurückgekehrt.“ Catherine log nicht, die mütterliche Liebe ſollte ſie wieder ehrlich machen, wie eine aufrichtige, ergebene Liebe andere Courtiſanen ehrlich zu machen im Stande geweſen iſt. Trotz des Widerwillens, den ſie ihm einflößte, dachte auch der Vater Laurencin mit Recht, an Ihre Reue, an ihre guten Entſchlüſſe glauben zu dürfen. „Es iſt möglich, daß Sie, in der Heiligkeit der müt⸗ terlichen Liebe wiedererſtehend, auf Ihren ſittenloſen Lebenswandel zu verzichten entſchloſſen ſind,“ erwiederte der Greis. „Der Schmerz von Herrn Fortuné peinigt mich; ſeine Couſine wird mit Herrn von Villetaneuſe un⸗ glücklich ſein. Ich hatte Anfangs den Gedanken, Ihr Einfluß könnte dieſe Heirath hintertreiben, ſobald Sie aber feſt entſchloſſen ſind, einen beſſeren Weg zu betreten, iſt es mir nicht mehr erlaubt, von Ihnen einen Dienſt zu verlangen, der Sie nöthigen würde, Ihre Verbindung mit dieſem Menſchen fortzuſetzen. Nein, die Veränderung, die in Ihnen vorgeht, iſt als ein glückliches Vorzeichen zu betrachten; ich will mich nicht der Gefahr ausſetzen, daß 239 ich Ihre guten Intentionen erſchüttere. Dieſe unſelige Heirath mag alſo zu Stande kommen.“ „Sie wird nicht zu Stande kommen!“ rief plötzlich Catherine, nachdem ſie einen Angenblick überlegt hatte; „nein, und ich werde darum dennoch meinen neuen Ent⸗ ſchlüſſen nicht untreu werden.“ „Aber wie?“ „Vertrauen Sie mir und dem unüberwindlichen Ekel, den mir jetzt dieſes ſchändliche Leben, das ich ſo lange geführt habe, einflößt. Sagen Sie mir nun: wenn ich dieſe Heirath verhindere und ſo, ach! allerdings nur ſehr ſchwach, meine Erkenntlichkeit gegen Herrn Fortuné Sanval beweiſe, dem Michel ſo viel Dank ſchul⸗ dig iſt, werden Sie mir einige Hoffnung geben? Mein Gott! ich werde geduldig, ergeben ſein, doch laſſen Sie mich wenigſtens hoffen, daß eines Tags „. Sie vollendete nicht und zerfloß in Thränen. „Nun wohl!“ erwiederte der Vater Laurencin zum Mitleid bewegt, „wird dieſe Heirath verhindert, kehren Sie beharrlich zum Guten zurück, ſo ſollen Sie Ihren Sohn ſehen!“ „Freuden des Himmels!“ „Ich werde Michel ſagen, Sie haben ſeine Mutter gekannt, und . Der Greis wurde unterbrochen durch die Ankunft des Vetter Rouſſel, der traurig und ſorgenvoll in die Werkſtätte eintrat. Frau von Morlac ließ raſch ihren Schleier nieder, und der Vater Laurencin ſagte leiſe zu ihr: „Wenn ich die Gewißheit über den Bruch der Hei⸗ rath habe, ſo ſollen Sie Michel ſehen. Ich werde Ihnen ſchreiben . An welchen Ort?“ „Kommen Sie morgen um Mittag zu mir,“ ant⸗ wortete raſch und auch leiſe die Courtiſane. „Sie werden den Beweis, den geſchriebenen Beweis erhalten, daß dieſe Heirath nicht ſtattfindet.“ — — —— 240 „Welche Sicherheit! Durch was für ein Mittel ge⸗ denken Sie „ „Ich weiß es noch nicht, doch ich ſage Ihnen, dieſe Heirath wird nicht ſtattfinden, und ich werde meinen Sohn ſehen . . . Oh! Dank, Dank!“ Frau von Morlac konnte, unterſtützt von der Dunkel⸗ heit, denn es war beinahe Nacht geworden, ohne vom Vetter Rouſſel bemerkt zu werden, die Hand des Vater Laurencin ergreifen; ſie zog ſie an ihre Lippen, und nachdem ſie einen Angenblick vor der Thüre der Stube, in der ſich der Lehrling befand, ſtehen geblieben war, verließ ſie haſtig die Werkſtätte. „Ah! Herr Ronſſel!“ rief der Vater Laurencin, als er mit Joſeph allein war, „kommen Sie, kommen Sie! laſſen Sie uns zu Herrn Fortuns gehen!“ „Richt wahr, er iſt in Verzweiflung nach Hauſe zu⸗ rückgekehrt?“ „Oh! ja „ Doch auf die Verzweiflung wird die Hoffuung folgen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Kommen Sie! er iſt hier in ſeinem Zimmer. Ah! er erwartet nicht, und Sie auch nicht, was ich ihm mit⸗ theilen werde. Kommen Sie!“ Und er trat bei Fortuné Sanval ein, in Geſell⸗ ſchaft des Vetter Ronſſel, der immer mehr über die Worte des alten Handwerkers erſtaunt war. XXXXII. Am Abend deſſelben Tages ſollte Henri von Villeta⸗ neuſe förmlich von ſeinem Oheim der Familie Jouffroh als Bräutigam von Aurelie vorgeſtellt werden. Zwei Worte des Rückblicks! Man erinnert ſich, daß am Morgen Henri von Villetaneuſe nach ſeiner Unterredung mit ſeinem Oheim 241 ſich ſehr unſchlüſſig in Betreff der vom Marquis vorge⸗ ſchlagenen Heirath gezeigt hatte und ſeine Einwilligung durchaus der von Frau von Morlac, deren Herrſchaft er blindlings erduldete, unterwerfen wollte. Nach dem Abgange von Michel aus ihrer Ohnmacht erwachend, nur an ihn und an die Mittel, ihn wieder⸗ zuſehen, denkend, jagte Catherine, welche kein Wort des Grafen hören wollte, dieſen aus ihrem Hauſe und verbot ihm, je dahin zurückzukehren. Außer ſich über ihre Laune, verließ der Graf die Courtiſane und ging wieder zum Marquis. Die Gereiztheit ſeines Neffen benützend, entriß ihm der ſchlaue Greis die Ein⸗ willigung zu der Heirath, eilte zu Madame Jyuffroy, behandelte die Dinge im Sturme, wie man geſehen hat, erhielt das Wort von Aurelie und kehrte zu Henri von Villetaneuſe, um ihm nicht die Zeit oder die Gelegenheit zu laſſen, ſeinem Entſchluſſe untren zu werden, bei Einbruch der Nacht zurück, unterrichtete ihn vom glücklichen Er⸗ folge ſeiner Schritte, nahm ihn zum Mittageſſen in ſei⸗ nen Club und führte ihn um neun Uhr zu Madame Jouffroy. Getreu ihrem dem Vater Laurencin gegebenen Ver⸗ ſprechen, die Heirath des Grafen zu hintertreiben, begab ſich Frau von Morlac ſogleich zu dieſem, und als ſie ihn nicht zu Hauſe fand, machte ſie ſeinen Bedienten ſchwatzen und erfuhr von ihm, er habe Befehl, am Abend mit einem Wagen ſeinen Herrn in der Rue du Mont⸗Blanc bei Herrn Jouffroy abzuholen. Dieſe Mit⸗ theilung war ein Lichtſtrahl für Catherine: ſie ſpann ihre Gedanken in dieſer Richtung aus. Herr von Villetaneuſe war alſo officiell Herrn und Madame Jouffroy, ſowie Aurelie vorgeſtellt. Inſtändig von ihrem Bruder gebeten, dieſer Fa⸗ milienfeierlichkeit beizuwohnen, weigerte ſich die Tante Prudence, ſeinem Wunſche zu entſprechen. Marianne Die Familie Jouffroy. 1. 16 242 blieb, ein heftiges Kopfweh vorſchützend, bei der Tante und ſagte zu ihrer Schweſter kein Wort von ihrer ſchmerz⸗ lichen Unterredung mit ihrer Mutter. Dieſe hielt ſich, weil ſie den Widerſtand von Marianne in Betreff des Kloſters zu überwinden hoffte, für befugt, Herrn Jouffroy erklären zu dürfen, da ſich ihre Tochter in ein Ordens⸗ haus zurückzuziehen wünſche, ſo ſei die Frage der Mit⸗ gift glücklich gelöſt, indem man nur eine Tochter auszu⸗ ſtenern habe. Betrübt, jedoch wenig erſtaunt über den Entſchluß von Marianne, welche ihre Neigung für die Einſamkeit und ihr Gebrechen bis dahin von der Welt entfernt gehalten hatten, glanbte Herr Jouffroy der Ver⸗ ſicherung ſeiner Frau, und er fühlte ſich, trotz ſeines Bedauerus, daß er ſeine ältere Tochter in ein Kloſter eintreten ſehen ſollte, um die Laſt einer großen Unge⸗ rechtigkeit erleichtert. Er hoffte überdies, indem er ſo viel Unterwürfigkeit gegen den Willen ſeiner Frau zeigte, von ihr ein paar Worte der Ausſöhnung hinſichtlich ihres alten Freundes Rouſſel zu erlangen; ſodann, und das war der vorherrſchende und entſcheidende Grund für den ſchwachen, aber vortrefflichen Mann, ſodann ſah er Aurelie und ihre Mutter ſo ſtrahlend, ſo ſtolz über dieſe Verbindung, daß er am Ende ihre Begeiſterung theilte und ſeine Bevorzugung für Fortuné Sauval ſowie die ungeheure Größe der vom Marquis verlangten Mitgift vergaß. rhie Familie Jouffroy war (mit Ausnahme von Marianne und der Tante Prudence) im großen Salon kurze Zeit nach der Ankunft des Marquis und ſeines Neffen verſammelt. Aurelie hielt ſich manchmal für das Spielzeug eines blendenden Traumes. Am vorhergehenden Abend, ungefähr zu derſelben Stunde, war ſie zum erſten Male mit Herrn von Vil⸗ letaneuſe zuſammengetroffen. Wenn er auch ſogleich den lebhafteſten Eindruck auf ſie gemacht hatte, ſo betrachtete 243 ſie doch Anfangs als einen Wahnſinn nur den Gedanken, ihn zu heirathen, Gräfin zu werden, und vierund⸗ zwanzig Stunden nach dieſem Zuſammentreffen ſah ſie ihn hier bei ſich und ihrer Mutter, und ſie hörte ihn zu ihnen ſagen, während Herr Jouffroy und der Marquis beim Kamine mit einander plauderten: . „Ja, meine Damen, als ich vor Kurzem von meinem Oheim davon unterrichtet wurde, ich werde heute Abend die Ehre haben, Ihnen vorgeſtellt zu werden, gerieth ich in eine Unruhe, in eine Verlegenheit, die ich Ihnen nicht zu beſchreiben vermöchte.“ „Ah!“ Herr Graf,“ erwiederte Madame Jouffroy, es war im Gegentheil an uns, in Verlegenheit zu ge⸗ rathen.“ „Madame, wollen Sie, wie Mademviſelle Aurelie, die Güte haben, mir eine Gunſt zu bewjlligen, die mich ſehr glücklich machen würde?“ „Sprechen Sie, Herr Graf.“ „Wollen Sie mir nicht mehr dieſen ceremoniöſen Titel geben. Ich bin nun berechtigt, zu hoffen, daß Sie, Madame, und Mademoiſelle Aurelie mich mit mehr Vertraulichkeit zu behandeln die Gewogenheit haben wer⸗ den; ich bitte Sie, neunen Sie mich Herr Henri, in Er⸗ wartung des Tages, des ſchönen Tages, wo Sie mich Ihren Sohn nennen werden, und wo es mir vergönnt ſein wird, Sie meine Mutter zu nennen.“ „Oh! Herr Graf, ſehr gern, da Sie es erlauben.“ „Wir werden Sie Herr Henri nennen,“ fügte raſch Aurelie bei, der es einen ſanften Reiz gewährte, dieſen Namen auszuſprechen; und lächelnd ſagte ſie: „Alſo, Herr Henri, da Sie erfuhren, Sie ſollten uns heute Abend vorgeſtellt werden, war Ihre Verlegenheit groß? Wir müſſen es glauben . . . und dennoch .4 „Und dennoch dünkt Ihnen meine Verlegenheit nicht ſehr erklärlich, Mademoiſelle Aurelie? Was wollen Sie! nichts ſcheint mir einen Menſchen ſo ſehr in Verlegenheit 244 zu ſetzen, als das unerwartete und oft unverdiente Glück „ „Herr Graf, Sie ſind zu beſcheiden, und ...5 „Mama,“ unterbrach Aurelie lächelnd ihre Mutter, „wir haben Herrn von Villetaneuſe verſprochen, ihn Herr Henri zu nennen.“ „Das iſt wahr! Nun wohl! Herr Henri iſt zu be⸗ ſcheiden.“ „Nein. Madame, das iſt nicht Beſcheidenheit, ſon⸗ dern Bewußtſein . . . Was iſt mein Verdienſt? Daß ich ergriffen, oh! ja tief ergriffen war von der blendenden Schönheit von Mademoiſelle Aurelie?“ Und ſich an Madame Jouffroy wendend: „Ich ſpreche ganz, als ob Mademoiſelle nicht da wäre. Es iſt Uebereinkunft, daß ſie uns nicht hört . . . Rachdem ich von ihrer Schönheit ergriffen geweſen war, war ich vielleicht noch mehr ergriffen von ihrer Anmuth, von ihrem Geiſte, von ihrer Herzensgüte.“ Und immer ſich an Madame Jouffroy wendend, fügte er bei: „Zum Glücke hört uns Mademoiſelle Aurelie nicht; ſie hat zu viel Beſcheidenheit, um nicht die auf das Beſte gerechtfertigten Lobeserhebungen zu fliehen.“ „Es iſt ein Glück, daß ich Sie nicht höre, Herr Henri,“ verſetzte Aurelie, „ich würde Sie ſonſt fragen⸗ wie Sie an mir ſo viele ſchöne Eigenſchaften während der Dauer eines Contretanzes haben entdecken können.“ „Ah! Mademoiſelle, Sie greifen mich an! . .. Nun wohl! ich werde mich vertheidigen! Ihre Frau Mutter ſoll Richterin zwiſchen uns ſein.“ „Gut! und ich ſchwöre Ihnen, Herr Henri, ich werde keine Bevorzugung in meinem Urtheile zeigen.“ „Mademoiſelle Aurelie wundert ſich alſo darüber, daß ich während der Dauer eines Contretanzes ihre Schönheit, die Anmuth ihres Geiſtes, die Güte ihres Herzens zu erkennen und zu ſchätzen im Stande geweſen 245 bin. Ich antworte hierauf, daß ein Augenblick für mich hinreichend geweſen iſt, um von ihrer Schönheit geblen⸗ det zu werden, was Jeder glauben muß. Was aber die Herzensgüte betrifft, ſo werden Sie mir, wie ich hoffe, einräumen, Madame, daß, wenn man ein Mal den Wohl⸗ geruch einer Blume eingeathmet hat, dies genügt, um die Lieblichkeit dieſes Wohlgeruchs zu ſchätzen?“ „Das iſt klar,“ erwiederte Madame Jonffroy ent⸗ zückt von dieſen Galanterien, „das iſt ganz unlengbar.“ „Ah! ſiehſt Du, Mama, wie Du Dich parteiiſch gegen Herrn Henri zeigſt.“ „Ich bitte, Mademoiſelle Aurelie, üben Sie keinen Einfluß auf Ihre Frau Mutter. Ich appellire nur an Ihre Erinnerungen: Sie haben geſtern Abend einige Worte geſprochen, welche ebenſo vollkommen Ihre Her⸗ zensgüte offenbarten, als der Wohlgeruch die Blume offenbart. Eine ziemlich häßliche und höchſt lächerlich gekleidete junge Perſon tanzte in derſelben Quadrille wie wir. Ich erlaubte mir einen Scherz über ſie; Sie unterbrachen mich, Mademoiſelle, und ſagten zu mir mit der rührendſten Anmuth. „„Ah! mein Herr, die Mutter dieſer jungen Perſon iſt hier hinter uns . . . Sie könnte Sie hören: Ihre Worte würden ihr einen ſo großen Kummer verurſachen!““ Nun frage ich Sie, Madame, genügen ſolche Worte nicht, um die reizende Güte der⸗ jenigen zu beweiſen, welche ſie ausgeſprochen hat?“ „Aurelie, Du leugneſt die Thatſache nicht? „Nein, Mama.“ „Dann bin ich genöthigt, Herr Henri, Ihnen in meiner Eigenſchaft als Richterin gegen meine Tochter zu geben. Ah! mein Kind, es thut mir leid für i h.“ „Sie ſehen alſo, Madame, ich ſagte mit Recht, mein einziges Verdienſt beſtehe darin, daß ich tief ergriffen davon geweſen ſei, daß die Güte von Mademviſelle Aurelie ihrer Schönheit gleichkomme. Als ich erfuhr, 246 Sie wollen meine Bitte gütigſt genehmigen, fühlte ich auch die Unruhe, die Verlegenheit, die ein unvorherge⸗ ſehenes und unverdientes Glück verurſacht.“ „Herr Henri,“ verſetzte Aurelie lächelnd vor Glück⸗ ſeligkeit und die Augen niederſchlagend, „Sie ſind wenig⸗ ſtens nie in Verlegenheit, mir die liebenswürdigſten Schmeicheleien zu ſagen.“ „Schmeicheleien? mein Gott! welch ein häßliches Wort! Meine Damen, man müßte in der That einen andern Ausdruck erfinden, wenn es ſich darum handelt, einen zugleich lobenden und aufrichtigen Gedanken aus⸗ zuſprechen. Den Glanz des Diamants bekräftigen heißt alſo ihm ſchmeicheln, die Friſche, den ſüßen Wohlgeruch einer Roſe bekräftigen, heißt alſo ihr ſchmeicheln? Eil Mademvoiſelle, wenn Sie ſich bei Hofe vorſtellen laſſen, werden alſo die arme Marquiſe von Luſſan, die unglück⸗ liche Herzogin von Merinville, welche zu dieſer Stunde für die Königinnen der Schönheit gelten, Schmeichlerin⸗ nen ſein, weil ſie ſich bei Ihrem Anblicke, Mademoiſelle Aurelie, entthront bekennen werden?“ „Wahrhaftig, Herr Graf,“ ſprach Madame Jouffroy in einem unglaublichen und dennoch ſo aufrichtigen Eut⸗ zücken mütterlicher Eitelkeit, daß ihr die Thränen in die Augen traten, „Sie denken, meine Tochter werde dieſe ſchönen Damen entthronen, niederſchmettern? Oh! welch ein herrlicher Tag für mich!“ Dieſer Ausruf erregte die Aufmerkſamkeit des Mar⸗ quis von Villetaneuſe, der ſich beim Kamine mit Herrn Jouffroy unterhielt. „Ich wette!“ rief der Marquis, während er ſich näherte, „ich wette, meine Damen, daß mein ſchlimmer Burſche von einem Neffen Ihnen eine Tollheit ſagte. Was wollen ſie, dieſe Verliebten! Doch ſchonen Sie ihn nicht; ich trete Ihnen alle meine Rechte über ihn abz hetzen Sie ihn tüchtig!“ „Ihn hetzen! ah! ja wohl, nach dem, was er ſo 247 eben geſagt hat! Oh! wenn ich es wagte, ich würde ihn auf beide Wangen küſſen.“ „Wagen Sie es, meine Mutter, wagen Sie es,“ erwiederte Henri von Villetaneuſe auf das Freundlichſte, indem er vor Madame Jouffroy niederkniete, welche wie Anrelie tief gerührt von den Worten: „„Meine Mut⸗ ter,““ ihre Thränen nicht zurückhalten konnte, während ſie Henri von Villetanenſe zwei ſchwere Küſſe gab. „Teufel! wie raſch die Mutter Jouffroy zu Werke geht! Mein unglücklicher Neffe war kaum auf die Umar⸗ mung gefaßt!“ ſagte zu ſich ſelbſt der Marquis, indem er ſeine Priſe Tabak ſchlürfte und ſich ein wenig ab⸗ wandte, um ſeine Lachluſt zu verbergen; „wir hätten offenbar eine Million als runde Summe verlangen müſſen.“ Der Bedieute des Hauſes, der ſeinen neuen Rock angezogen hatte, trat in den Salon in dem Augenblicke ein, wo Henri von Villetaneuſe ſich wieder von den Knieen erhob. „Madame,“ meldete der Bediente, „Herr und Ma⸗ dame Richardet ſind da. Können ſie eintreten?“ „Ei gewiß!“ antwortete Madame Jouffroy. Und nach dem Abgange des Bedienten ſich an den Margquis wendend: „Die Richardet ſind gute Freunde; Sie kennen ſie auch; wir branchen vor ihnen die Heirath von Aurelie nicht zu verbergen, im Gegentheil!“ Und ſich zum Vor⸗ aus am Aerger und Neide der Richardet weidend, fügte ſie in ihrem Herzen bei: „Sie werden vor Eiferſucht berſten!“ „Liebe Herzogin,“ erwiederte lächelnd der Mar⸗ anis, „ich glaubte mich bis jetzt mit Ihnen und Made⸗ moiſelle in kleinem Comité im Faubourg Saint⸗Ger⸗ main; doch dieſe Richardet rufen mich zur Wirklichkeit zurück! Ich denke, wie Sie, daß wir die Heirath unſerer 248 Kinder nicht vor ihnen zu verbergen haben . . . im Gegentheil!“ und beiſeit fügte der Marquis bei: „Der Teufel hole den Richardet! er kennt genau meine pecuniäre Lage und die meines Neffen; wenn zu⸗ fällig der gute Jouffroy ſich bei dieſem Anwalt nach unſerem Vermögen erkundigen würde . . . das wäre höchſt mißlich! Teufel! das wird beunruhigend, und ich habe kein Mittel, den Richardet zu belehren! Anderer⸗ ſeits, indem ſie heute Abend ihn und ſeine Frau einla⸗ det, macht ſich Madame Jouffroy unwiderruflich verbind⸗ lich, ſo ungeduldig iſt ſie, dieſe Heirath zu veröffentlichen; und iſt dies in ihrer bürgerlichen Welt geſchehen, ſo würden die Mutter und die Tochter eher, als daß ſie wieder abſtünden, ſich, mit dem guten Jouffroy obendrein, todt ſchlagen laſſen! Gleichviel, der Teufel hole den Ri⸗ chardet!“ XXXXIII. Herr und Madame Jonffroy gingen den Richardet bis ins Speiſezimmer entgegen; Henri von Villetaneuſe blieb allein mit Aurelie, und der Marquis beeilte ſich discreter Weiſe, den Verlobten den Rücken zuzuwenden. Henri benützte dieſen Umſtand, ergriff kühn die Hand von Aurelie, drückte ſie leidenſchaftlich und ſagte zu ihr mit bebender Stimme, indem er einen entflammten Blick auf ſie warf: „Aurelie, ich bete Sie an! Ah! wenn Sie mich liebten, wie ich Sie liebe!“ „Herr Henri, ich fühle es, ich werde Ihnen das Glück meines Lebens zu verdanken haben!“ erwiederte Mademvifelle Jouffroy mit zitternder Stimme, indem ſie ebenfalls, aber ſchwach die Hand des Grafen drückte, ein 249 ſanfter und zugleich glühender Druck, der das Mädchen in eine unbekannte, köſtliche Unruhe verſetzte. „Sie lieben mich, Aurelie, Sie lieben mich?“ „Sie fragen mich das?“ ſprach ſie; und ihre Augen hefteten ſich eine Secunde lang auf die von Herrn von Villetaneuſe. Dieſer Blick machte ſie ſchauern; ſie fühlte ihre Kniee zittern; das Blut ſtieg ihr zu Geſichte, eine Wolke zog vor ihren Augen hinz zum Glücke rief ſie ein ſonores und bezeichnendes: Hem . . Hem .. . des Marquis zur rechten Zeit zu ſich ſelbſt zurück denn ihr Vater und ihre Mutter traten mit den Richardet ein. „Meine gute Kleine, Sie ſind ſehr artig, daß Sie heute Abend kommen,“ ſagte Madame Jouffrvy; „Sie werden ſich unter Bekannten finden.“ „Unter Bekannten!“ verſetzte Madame Richardet, welche von der Schwelle des Salon aus die Perſonen noch nicht erblickte, die fich hier befanden. „Wer find die Bekannten, meine Liebe?“ Herr Marquis von Villetanenſe und ſein eſfe. „Wie! ſie ſind hier! ſie kommen auch zu Ihnen?“ „Warum denn nicht, meine Theure?“ erwiederte Madame Jouffroy, ſich an dem Aerger ihrer Freundin weidend, indeß ſich der Marquis an die Ankommenden wandte und zu ihnen ſagte: „Guten Abend, Madame Richardet; ich glaubte ge⸗ ſtern nicht, ich werde das Vergnügen haben, Sie heute hier zu treffen.“ „Wir auch nicht,“ erwiederte Madame Richardet ſehr verblüfft; „wir auch nicht, gewiß nicht.“ „Meine Liebe,“ ſprach Madame Jouffroy, aufge⸗ ſchwollen von triumphirender Eitelkeit, „ſehen Sie den Zufall der Dinge! es widerfährt uns heute ein großes Glück; Ihnen verdanken wir es, und wir haben uns be⸗ eifert, Sie einzuladen, heute Abend hierher zu kommen, damit Sie Ihren Theil an dieſem Glücke nehmen! Das 250 ſetzt Sie in Erſtaunen, meine Theure? Ah! der Herr Mar⸗ quis wird wohl, ich bin deſſen ſicher, die Güte haben, Ihnen die Sache zu erklären.“ „Oh! es iſt zugleich die glücklichſte und die ein⸗ fachſte Sache der Welt,“ verſetzte der Marquis, eine neue Priſe Tabak ſchlürfend. „Geſtern hat mein Reffe die Ehre gehabt, Madame, bei Ihnen Mademoiſelle Au⸗ relie zu treffen; ich habe heute bei Herrn und Madame Jouffroy angefragt, ob ſie meinen Reffen zum Schwie⸗ gerſohne nehmen wollen; ſie haben eingewilligt, Made⸗ moiſelle Aurelie ebenfalls, und in vierzehn Tagen . . . die Hochzeit.“ „Ja, meine Theure,“ ſetzte Madame Jouffroy hinzu, „und da ſich die jungen Leute bei Ihnen getroffen haben, ſo war es das Wenigſte, daß Ihnen zuerſt die Kunde von dieſer Heirath zu Theil werden ſollte. Sie können übrigens die Nachricht unter Ihren Freunden verbreiten: Gott ſei Dank, es iſt kein Geheimniß mehr!“ Die Richardet ſchauten ſich ſtumm vor Erſtaunen an, als der Diener Jacques mit ziemlich verlegener Miene, einen Brief in der Hand haltend, wieder eintrat. Er näherte ſich dem Fauteuil ſeiner Gebieterin und ſagte leiſe zu ihr: „Madame, dieſen Brief hat der Bediente des Herrn Grafen gebracht, der ihn mit dem Wagen abholen wollte.“ „Herr Henri,“ rief Madame Jouffroy, die den Brief aus den Händen des Bedienten nahm und ſich ganz be⸗ ſonders darin gefiel, vor den Richardet, welche immer noch ſtumm vor Erſtannen, ihre Vertraulichkeit mit dem Grafen bemerkbar zu machen, „mein lieber Herr Henri, da iſt ein Brief für Sie.“ Der Graf trat hinzu, nahm den Brief, bebte un⸗ merklich, als er die Handſchrift von Catherine von Mor⸗ lac erkannte, verbeugte ſich halb vor Madame Jouffroy und ſagte: 251 „Madame, Sie erlauben, daß ich bieſen Brief öffne?“ „Wir ſind nicht mehr dabei, daß wir Unſtände unter uns machen, mein lieber Herr Henri; leſen Sie Ihren Brief.“ Und ſich an Madame Richardet wendend: „Geſtehen Sie, daß Sie dieſe Heirath kaum erwarte⸗ ten wie, meine Liebe?“ „Und Sie Sie erwarteten dieſe Heirath, meine Theure!“ erwiederte nicht ohne Bitterkeit Madame Ri⸗ chardet. Auf dieſe Erwiederung blieb die Mutter von Au⸗ relie ſtumm und verlegen, indeß, nachdem er den Brief von Catherine geleſen, ohne eine Miene zu verändern, Henri von Villetanenſe, den ſeine Braut nicht mit den Augen verließ, zum Marquis ſagte: „Mein lieber Oheim, wir vergeſſen Lord Mulgrave, dem wir verſprachen, ihn heute Abend dem Prin⸗ zen Maximilian vorzuſtellen; der Lord erwartet uns in ſeinem Wagen, da wir ihm vor der Thüre von Ma⸗ dame Jouffroy Rendez⸗vous gegeben haben. Er ſchreibt mir dieſes Billet mit Bleiſtift, damit wir uns unſeres Verſprechens erinnern mögen.“ „Was für ein Teufeislied iſt das? Henri macht die⸗ ſen guten Leuten ein Mährchen,“ ſagte der Greis zu ſich ſelbſt; doch er erwiederte laut: „Mein Freund, man muß den Muth haben, ſich der Erfüllung ſeines Verſprechens zu opfern; im gegenwär⸗ tigen Angenblicke, wo es ſich darum handelt, dieſe Da⸗ men zu verlaſſen, wird dieſer Muth Heldenmuth.“ „Dieſe Damen werden mir erlauben, daß ich mich morgen für den zu früh unterbrochenen Abend entſchä⸗ dige,“ ſprach Henri von Villetanenſe ſich verbeugend. „Doch mir fällt ein,“ rief der Greis, „morgen iſt Montag; es findet Ball in den Tuilerien ſtatt, die Prin⸗ zen werden nicht in die Oper gehen; ich will um ihre Loge bitten laſſen, die ſie mir oft anzubieten die Gnade 252 gehabt haben; wir würden die Damen um halb acht Uhr abholen, wenn ihnen dieſer Vorſchlag zuſagt.“ „Ob er uns zuſagt!“ rief Madame Jouffroy, indem ſie einen ſtolzen Blick des Triumphes auf die Richardet warf. „In die Oper gehen, in die Loge der Prinzen! wir würden auf dem Kopfe gehen, Herr Marquis.“ „Gott ſei Dank! wir werden Ihnen das Unbequeme dieſer Stellung erſparen, Madame,“ verſetzte der Mar⸗ quis, eine neue Priſe Tabak ſchlürfend. Wonach der Oheim und der Reffe den Salon ver⸗ ließen, von Herrn und Madame Jouffroy, wie ſehr ſie ſich auch dagegen ſtränbten, bis ins Vorzimmer zurück⸗ begleitet. Ohne mit einem anßerordentlichen Scharfſinne be⸗ gabt zu ſein, hatten doch Herr und Madame Richardet leicht errathen, indem ſie Beide zu dieſem Abend einge⸗ laden, habe die Mutter von Aurelie zugleich ſich an ih⸗ rem Aerger weiden und ſie (man verzeihe uns dieſen Ausdruck), als Trompeten bei dieſer Heirath benützen wol⸗ len, deren Kunde ſie in ihrer gewöhnlichen Geſellſchaft colportiren würden. Nach dem Austauſche einiger All⸗ tagsredensarten gab auch Madame Richardet durch einen Blck ihrem Manne das Signal zum Aufbruche. Herr Richardet ſtand auf und ſagte zu Herrn Jouffroy mit einem leicht ſpöttiſchen Tone: „Mein Lieber, ich bringe Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunſch zu dieſer herrlichen Heirath dar.“ „Ah! ich bedenke,“ rief Herr Jouffroy, indem er den Anwalt beiſeit in eine Ecke des Salon führte, „da der Herr Marquis und ſein Neffe zu Ihnen kommen, mein Freund, ſo kennen Sie vielleicht den Stand ihres Vermögens.“ „Gewiß, ich kenne ihn.“ „Der Herr Margquis ſchlägt zu achtmalhunderttauſend Franken das Zubringen ſeines Neffen an.“ 253 „Ah bah! der Herr Marquis ſchlägt es zu dieſer Summe an?“ „Ja, mein lieber Freund. Setzt Sie das in Er⸗ ſtaunen?“ „Ungemein.“ „Sie beunruhigen mich! Woher rührt Ihr Er⸗ ſtaunen?“ „Woher es rührt?“ Ja, ja „Mein lieber Freund, ich wundere mich darüber, daß ſich der Herr Marquis begnügt hat, das Zubringen ſeines Reffen auf die beſcheidene Summe von achtmal⸗ hunderttanſend Franken anzuſchlagen,“ verſetzte der An⸗ walt mit einer ſpöttiſch ſchlanen Miene. „Der Herr Marquis konnte bis zu einer Million gehen.“ „Bis zu einer Million! mein lieber Richardet, bis zu einer Million!“ „Ja wohl und ſogar darüber.“ „Und ſogar darüber?“ „Gewiß.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ „Sehr ſicher.“ „Alſo Sie, der Sie den Vermögensſtand des Herrn Marquis und ſeines Neffen kennen, Sie glauben, ſie hät⸗ ten die Schätzung bis auf eine Million und ſogar dar⸗ über treiben können?“ „Und wenn ſie es nicht gethan haben, ſo wollten ſie eben nicht.“ „Vielleicht aus Furcht, uns zu demüthigen?“ „Wahrſcheinlich . . und hienach guten Abend, mein lieber Freund. Ich wiederhole Ihnen alle meine Glückwünſche; das iſt eine herrliche Heirath für Ihre Tochter! ah! herrlich!!! Wir wollen unſern Abend bei Durand dem Notar beſchließen; er gibt einen Ball, und wir werhen dort die treffliche Neuigkeit verkündigen.“ Und innerlich fügte er bei: „Ah! man ladet uns hier 254 ein, um uns zu demüthigen! .. Sie ſollen ihren Mann an mir finden.“ Einige Angenblicke nachher gingen Herr und Ma⸗ dame Richardet aus dem Salon weg; ſie ließen ihren Freund in der Ueberzengung, der Vetter Rouſſel ſei völlig im Irrthume in Betreff des Ruins von Herrn von Villetaneuſe und ſeinem Oheim. Sogleich nach dem Abgange der Richardet ſchloß Madame Jouffroy, weinend vor Frende, ihre Tochter in ihre Arme, küßte ſie voll Leidenſchaft und ſagte mit Erguß: „Wie glücklich wirſt Du ſein! oh! wie glücklich!“ „Oh! ja, Mama,“ erwiederte Aurelie, die ſich der Thränen der Rührung ebenſo wenig erwehren konnte. „Es iſt zu viel Glück für mich . . . zu viel!“ „Nein, nicht zu viel! Du wirſt nie genug Glück haben, liebe kleine Gräfin; denn nun biſt Du Gräfin! So iſt es . . Du biſt Gräfin! Wir werden morgen in die Oper gehen, in die Loge der Prinzen, und das iſt nur der Anfang. Oh! man könnte darüber wahnſin⸗ nig werden!“ Dann ſich an ihren Gatten wendend, der ſchweigſam, aber nicht minder bewegt ſeine Frau und ſeine Tochter betrachtete: „Nun! und Du . . Du ſagſt nichts?“ „Ei! was ſoll ich ſagen? Ich ſehe Euch Beide ſo glücklich, daß es mich mit unenvlicher Wonne erfüllt, und ich ſchaue Euch an . . obſchon ich nichts ſpreche, fühle ich darum doch nicht weniger.“ „Geſtehe, daß man nicht köſtlicher, nicht liebenswür⸗ diger ſein kann, als unſer Schwiegerſohn, denn .. wohl oder übel, von heute an ſage ich unſer Schwiegerſohn!“ „Das iſt wahr, man findet keinen ſo liebenswürdi⸗ gen jungen Mann, und dann ſieht er ſo ſanft, ſo gut⸗ müthig aus!“ 255 „Mein Freund, welch ein ſchöner Tag für uns und für Aurelie!“ „Oh! Mama,“ erwiederte Aurelie, ihre glühende Stirne auf die Schulter ibrer Mutter ſtützend, „ich be⸗ fürchte nur, die andern Tage werden mir blaß gegen dieſen ſcheinen.“ „Willſt Du wohl ſchweigen, abſcheuliches Kind!“ ſagte Madame Jouffroy, während ſie ihre Tochter mit doppelter Zärtlichkeit küßte, „ich zähle darauf, daß dieſes Glück nichts iſt im Vergleiche mit dem, welches Dich erwartet!“ „Warum muß mich dieſer ſchöne Tag die Freund⸗ ſchaft meines Vetters Rouſſel gekoſtet haben!“ dachte Herr Jouffroy einen Seufzer unterdrückend. „Doch zum Glücke iſt Mimi ſo zufrieden, daß ich hoffentlich von ihr die Begnadigung von Rouſſel erlangen werde. Was mir dieſen ſchönen Tag auch verdirbt, iſt der Entſchluß von Marianne, uns zu verlaſſen, in ein Kloſter zu gehen, wie mir meine Frau geſagt hat. Ich weiß, daß andererſeits hiedurch die Frage der Mitgift ganz einfach wird. Obgleich, achtmalhunderttauſend Franken . . hm .. . hm das iſt verdammt viel Geld: allerdings ſind nach der Behauptung von Richardet, der ihre Verhältniſſe kennt, der Marquis und ſein Neffe noch reicher, als ſie ſagen. Gleichviel, achtmalhunderttaufend Franken! Dieſer arme Fortuné verlangte nicht ſo viel! Er ſprach nicht einmal von einer Ritgift . . . Doch Aurelie zieht am Ende den Herrn Grafen vor . . Iſt ſie nur gücklich, ſo werde ich nichts bereuen.“ Der würdige Mann überließ ſich dieſen Reflexionen ſeine Frau und Aurelie betrachtend, als die Tante Pru⸗ dence langſam in den Salon eintrat. Madame Jouffroy, ſobald ſie die alte Jungfer erblickte, zuckte ungeduldig die Achſeln und murmelte zwiſchen den Zähnen: . „Gut, da kommt die Freudenſtörerin!“ XXXXIV. Das Prädicat Freudenſtörerin von Madame Jouff⸗ roy der Tante Prudence gegeben, da dieſe in den Sa⸗ lon eintrat, war inſofern gerechtfertigt, als ihre Phyſiog⸗ 1 nomie nie ein ſo herbes, ſorgenvolles, ſtrenges Ausſehen gehabt hatte. „Mein Kind, laß uns allein, ich habe mit Deinem Vater und Deiner Mutter zu reden,“ ſagte die Tante Prudence zu ihrer Nichte. Aurelie fühlte ein ſo lebhaftes Verlangen, mit ihren Gedanken allein zu ſein, um ſich auf eine köſtliche Weiſe der Ereigniſſe dieſes Tages zu erinnern, daß ſie mi Eifer der Aufforderung der alten Jungfer gehorchte, die ſer ihre Stirne zum Küſſen darbot, ihren Vater und ihre Mutter umarmte und dann hinausging. Die Tante Prudence brachte, — ein ernſtes Symp⸗ tom, ihr Geſtricke nicht mit; ſie nahm ſtillſchweigend Platz in einem Lehnſtuhl an der Ecke des Kamins. „Meine Liebe,“ ſagte zu ihr ungeduldig ihre Schwä⸗ gerin, „es ſcheint, wir werden viel zu reden haben?“ „Das iſt wahrſcheinlich,“ erwiederte trocken die alte Jungfer. In Ermangelung ihres Geſtrickes, das ihr gewöhn⸗ lich Haltung gab, kreuzte ſie ihre Hände auf ihrem Schooße, fing ſie an ihre Daumen um einander zu drehen⸗ und ſagte ſodann, nachdem ſie einige Augenblicke geſchwie⸗ gen, ernſt zu ihrem Bruder: „Iſt es wahr, daß Aurelie Herrn von Villetaneuſe heirathet?“ „Ja, Tante Prudence,“ antwortete raſch Madame Jouffroy, „dieſe Heirath iſt verabredet, beſchloſſen, ent⸗ ſchieden, die Sache iſt gemacht.“ „Mir ſcheint, mein Bruder, ich hätte bei einem ſo 6 — 257 ernſten Acte, wenn nicht zu Rathe gezogen, doch wenig⸗ ſtens von Deinem Entſchluſſe unterrichtet werden ſollen.“ „Meine Schweſter es iſt es iſt „Tante Prudence,“ ſagte Madame Jouffroy, der Verlegenheit ihres Mannes zu Hülfe eilend, „die Dinge ſind ſo raſch gegangen, daß wir nicht Zeit gehabt haben, Sie in Kenntniß zu ſetzen.“ „Die Dinge ſind in der That ſehr raſch gegangen, und meiner Anſicht nach läuft man, wenn man ſo raſch geht, Gefahr, nicht zu wiſſen, wohin man geht, und den ſchlechten Weg ſtatt des guten einzuſchlagen.“ „Alſo, Mademoiſelle,“ verſetzte gebieteriſch Madame Jouffroy, „Sie beabſichtigen, ſich dieſer Heirath zu wi⸗ derſetzen?“ Die alte Jungfer ſchüttelte traurig den Kopf und ſprach, ohne ihrer Schwägerin zu antworten; „Mein Bruder, dieſe Heirath hat Dich ſchon das Opyfer Deines beſten, Deines älteſten Freundes gekoſtet.“ „Wie! Du weißt, daß Rouſſel „Er hat bei mir Abſchied genommen und mir mit⸗ getheilt, daß man ihn aus dieſem Hauſe jage.“ „Ach! meine Schweſter, ich bin es nicht, der „Oh! ich weiß. Doch ſage mir, iſt es wahr, daß Du Aurelie eine Mitgift von achtmalhunderttauſend Fran⸗ ken gibſt?“ „Hin, hm, ich will Dir das erklären . . „Gibſt Du, ja oder nein, Aurelie eine Mitgift von achtmalhunderttauſend Franken?“ „Ja, Jungfer,“ antwortete Madame Joufftoy, „wir geben Aurelie achtmalhunderttauſend Franken Mitgift. Ich glaube, das iſt klar.“ „Das iſt klar, Madame, ſehr klar, zu klar!“ „Höre mich an, Prudence,“ ſprach Herr Joufftoy, „Du kennſt mich; Du weißt, ich wäre unfähig, eine von meinen Töchtern zu Gunſten der andern zu enterben⸗ Die Familie Jouffrvy. I. 17 2⁵8 Vernimm, was geſchieht. Marianne zieht der Welt die Einſamkeit vor; ihre Mutter hat vorhin eine lange Un⸗ terredung mit ihr gehabt, und zu meinem großen Be⸗ dauern, ich geſtehe es, iſt ſie entſchloſſen, in ein Kloſter zu gehen. Da wir nur noch ihrer Schweſter ein Heiraths⸗ gut zu geben haben, ſo iſt es, wie Du ſiehſt, möglich, ohne eine Ungerechtigkeit zu begehen, jedoch indem wir uns ſehr einſchränken, Aurelie mit achtmalhunderttauſend Franken zu bedenken.“ „Hierauf, mein Bruder, iſt eine Bemerkung zu ma⸗ chen: Marianne will nicht ins Kloſter gehen; ſie weigert ſich durchaus, dies zu thun.“ „Was ſagſt Dn?“ „Sie hat mir vorhin, ohne Aurelie dieſe traurige Offenbarung zu machen, unter Thränen anvertrant, ihre Mutter wolle ſie als zu einer Obliegenheit veranlaſſen, ins Kloſter zu gehen, doch ſie werde nie hiezu ein⸗ willigen.“ „Die Unverſchämte!“ rief Madame Joufftoy, „ſie wagt es „ „Frau,“ ſagte mit Bangigkeit der ehemalige Han⸗ delsmann, „Du haſt mich doch verſichert, Marianne wünſche, ſich in ein Kloſter zurückzuziehen. Es iſt mir nicht eingefallen, meine Tochter über dieſen Gegenſtand zu befragen, weil ich durch die Vorbereitungen für den Abend ganz verwirrt war; ich glaubte Dir auf Dein Wort, und heute Abend habe ich dieſe Mitgift förmlich dem Herrn Marquis verſprochen. Hätteſt Du mir aber unglücklicher Weiſe gelogen,“ fügte er mit einer wach⸗ ſenden Angſt bei, „hätteſt Du „Ah! hieran erkenne ich Sie, Schlange,“ unter⸗ brach Madame Jouffroy wüthend ihren Mann, indem ſie ſich an die alte Jungfer wandte. „Sie müſſen Alles in Unruhe und Verwirrung bringen!“ „Es handelt ſich nicht darum, meine Schweſter zu beleidigen, ſondern zu ſagen, ja oder nein, ob es wahr — —— —— 259 iſt, daß Marianne in ein Kloſter zu gehen verlangt; wenn nicht . . . „Nun! wenn nicht?“ verſetzte gebieteriſch Madame Jouffroy. „Laſſen Sie hören, ſprechen Sie ſich doch aus wenn nicht?“ „So wahr Gott mich hört, dieſe Heirath wird nicht ſtattfinden.“ „Sie erdreiſten ſich . . .“ „Ja, dieſe Heirath wird nicht ſtattfinden, wenn fie nur um den Preis dieſer Mitgift geſchloſſen werden kann! Ich! eine von meinen Töchtern berauben, um die andere zu bereichern! Sind Sie toll! Mein Vermögen gehört wohl mir! Ich habe genug Mühe gehabt, es zu erwerben! Ich werde als guter Familienvater darüber verfügen! Hören Sie wohl?“ „Ah! Ihr Vermögen gehört Ihnen allein? Ich bin alſo beim Erwerben dieſes Vermögens nichts geweſen? Ich war alſo nicht von Morgens um acht Uhr bis Abends um zehn Uhr am Ladentiſche? Ich beſchäftigte mich alſo nicht mit dem Verkaufe? Ich führte alſo nicht Ihre Bücher und die Kaſſe? Ich ordnete nicht Ihr Haus⸗ weſen? Ich war es alſo nicht, die die Anlage Ihres Gewinnes beſorgte, weil Sie in Ihrer albernen Gut⸗ müthigkeit zu dem Erſten dem Beſten Vertrauen gehabt und Ihre Kapitalien gefährdet hätten? Ich habe Ihnen alſo nicht in die Ehe das Doppelte von dem gebracht, was Sie beſaßen? Und heute ſind Sie undankbar und frech genug, zu ſagen, Sie haben unſer Vermögen allein erworben! Sie wagen es, vom Abbrechen einer Heirath zu ſprechen, die das Glück unſerer Tochter ſichert! . Ha! nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht! Treiben Sie mich nicht auf das Aeußerſte! Ihr Leben iſt ſeit fünfundzwanzig Jahren nur ein Para⸗ dies geweſen, Sie haben es mir ſtets wiederholt; doch, Tag Gottes! wenn Sie die Scenen von heute oft er⸗ neuerten, ſo würde Ihr Leben eine Hölle werden.“ 260 „Oh! ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen,“ ant⸗ wortete weinend der würdige Mann; „ich weiß, welche Erſchütterungen ich ſeit heute Morgen erlitten habe; man könnte darüber den Kopf verlieren, und wenn das wiederanfängt, ſo werden Sie machen, daß ich ihn ganz und gar verliere Ich fühle meine Schläfe wieder ſchla⸗ gen wie vor Kurzem, als Sie wegen der unglücklichen Mitgift mit mir ſtritten.“ „Muth, mein armer Bruder, oder vielmehr Erge⸗ bung,“ ſprach traurig die Tante Prudence. „Ich er⸗ kenne, Du biſt nicht ſtark genug, um gegen eine Herr⸗ ſchaft zu kämpfen, welche fünfundzwanzig Jahre lang vortrefflich geweſen iſt, die aber nun, irre geleitet durch beklagenswerthe Eitelkeiten, für Dich ebenſo unheilvoll zu werden droht, als ſie je heilſam geweſen iſt. Nein, ich fordere Dich nicht zum Widerſtande auf. Hielte ich ihn von Deiner Seite für möglich, ſo würde ich eine andere Sprache führen. Ich kenne die Güte, die Em⸗ pfindſamkeit, aber auch die Schwäche Deines Charakters: verſuchteſt Du es, hier die Stimme der Vernunft herr⸗ ſchen zu machen, ſo wäre Dein Leben, wie Deine Frau geſagt hat, eine Hölle. Gib alſo nach, um der Hölle zu entgehen.“ „Ah! Du liebſt mich!“ murnelte ſchmerzlich der ehemalige Kaufmann; „Du begreifſt die Qualen eines Vaters, den eine unglückliche Tolle zur Ungerechtigkeit zwingen will.“ In höchſtem Maße aufgebracht durch die letzten Worte ihres Gatten, ergriff Madame Jouffroy die Tante Prudence beim Arme und ſagte voll Heftigkeit zu ihr: „Jungfer Prudence, fahren Sie nicht fort, Ihren Bruder ſo gegen mich aufzureizen, ſonſt zwingen Sie ic tite Sie ſich,“ unterbrach die alte Jungfer ihre Schwägerin, während ſie ſich mit Würde von ihrem 261 Drucke losmachte, „meine Gegenwart hier wird Ihnen nicht länger zur Laſt ſein.“ „Prudence! was ſagſt Du?“ „Mein Bruder, ich verlaſſe dieſes Haus, wir müſſen uns trennen.“ „Uns trennen? das iſt unmöglich! das fällt Dir nicht ein! ſeit vierzig Jahren leben wir beiſammen! Mein Gott! mein Gott! oh! ich glaube, mein Kopf zer⸗ ſpringt! Das Blut erſtickt mich!“ murmelte der Unglück⸗ liche, der, von ſanguiniſchem, faſt apoplektiſchem Tem⸗ perament, das Blut heftig nach ſeinem Herzen und ſeinem Gehirne ſtrömen fühlte; ſodann, nach einem Augenblicke ſchmerzlichen Stillſchweigens, ſagte er mit flehender Stimme: „Nein, nein, Du wirſt mich nicht verlaſſen! Barm⸗ herzigkeit! ich ſoll an einem Tage von mir meinen älte⸗ ſten Freund und meine Schweſter ſich entfernen ſehen! Das iſt zu viel! das iſt zu viel! Nein, Du kannſt mich nicht in dem Angenblicke verlaſſen, wo ich Deiner mehr als je bedarf!, Und ganz niedergeſchmettert, beinahe verrückt, fügte er bei: „Ich will nicht allein hier mit meiner Frau bleiben! Ich fürchte mich vor ihr . . . Nun! ja, ich fürchte mich vor ihr, ſeitdem ſie mein Leben zu einer Hölle zu machen gedroht hat.“ Bei dieſen Worten fühlte ſich Madame Jouffroy, trotz ihres aufbrauſenden Charakters, ſchmerzlich bewegt. Die Tante Prudence war auch ſchmerzlich bewegt. Sie zögerte einen Augenblick, ſich von ihrem Bruder unter ſolchen Umſtänden zu trennen. Doch ſie kannte ſo genau den Charakter von Herrn Joufftoy, der zugleich ſe ſchwach, ſo gut und ſo lange an das Joch ſeiner Frau gewöhnt war, daß dieſes Zögern aufhörte, und die alte Jungfer erwiederte: „Mein armer Freund, Du haſt keinen Grund, meine Schwägerin zu fürchten, ſobald Du Dich nach Deiner Gewohnheit ihrem Willen unterwirſſt. Ich habe nun 262 Dir, wie ihr, einen Vorſchlag in Beziehung auf Ma⸗ rianne zu machen.“ „Welchen Vorſchlag?“ fragte Madame Ivuffroy erſtaunt, „was wollen Sie ſagen ?“ „Mein Bruder, ich kenne Dein edelmüthiges Herz⸗ Deine Billigkeit, doch Du wirſt, trotz Deiner Bedenklich⸗ keiten, genöthigt ſein, Aurelie zum Nachtheile von Ma⸗ rianne auszuſtenern, da Deine Frau es verlangt; ich wünſche Dir theilweiſe die Gewiſſensbiſſe über eine Un⸗ gerechtigkeit zu erſparen, die Du gezwungen begehen wirſt, obgleich ſie Dich empört. Ich ſchlage Dir alſo vor: laß mich Marianne übernehmen.“ „Was meinſt Du damit?“ fragte der ehemalige Kaufmann, deſſen Verſtand in Folge der erlittenen grau⸗ ſamen Erſchütterungen ſchwach zu werden anfing. Ich bin ganz betäubt, und ich habe Mühe, Dich zu begreifen““ „Höre mich an, mein armer Bruder. Mein Erbe hat ſich durch meine Erſparniſſe mehr als verdreifacht: mein Vermögen wird die Mitgift von Marianne ſein, wenn ſie ſich verheirathet, und in dieſem Falle werde ich bei ihr und ihrem Manne wohnen. Bleibt ſie dagegen ledig, ſo leben wir fortwährend mit einander, und ſie wird eines Tags meine einzige Erbin ſein; ſie willigt ein, mit mir zuſammenzuwohnen, und ſie glaubt Sie in keiner Hinſicht zu verletzen, Madame,“ fügte die Tante Prudence, ſich an ihre Schwägerin wendend, bei, „weil es Ihnen gleichgültig ſein muß, ob Ihre Tochter im Kloſter oder bei mir iſt.“ „Gewiß, Jungfer Prudence, da es Marianne, wenn dieſe Sie uns vorzieht, frei ſteht, uns zu verlaſſen.“ „Ah! das iſt unſere Schuld!“ rief ſeufzend Herr Jouffroy, „das iſt unſere Schuld! wir haben Aurelie in ällen Dingen bevorzugt . .. und ihre Schweſter liebt uns nicht mehr . . ſie trennt ſich won uns! Mein Gott!“ Und er verbarg ſein in Thränen gebadetes Ge⸗ ſicht in ſeinen Händen. „Auf dieſen letzten Schlag war ——— ich nicht gefaßt! . Ah! ich werde es nicht aus⸗ halten!“ „Mein Bruder, ich bitte, täuſche Dich nicht über die Urſache des Wunſches von Marianne; ihre Zärtlich⸗ keit gegen Dich, gegen ihre Mutter hat ſich durchaus nicht dadurch verändert, daß Ihr beſtändig Aurelie be⸗ vorzugtet, die ſie ebenſo innig als früher liebt; doch die Arme weiß, wie ſehr ſie am unrechten Orte in der Ge⸗ ſellſchaft wäre, welche nothwendig die Eurige in Folge der fraglichen Heirath ſein wird.“ „Weib, hörſt Du? das ſind die Folgen Deines einfältigen Stolzes!“ rief Herr Jouffroy voll Bitterkeit. „Statt glücklich und im Frieden in der Familie zu leben, — unter den Perſonen von ſeiner Art, — will man zur vornehmen Welt gehören. Die Eitelkeit ver⸗ dreht einem den Kopf, und dann verlaſſen uns Schwe⸗ ſter, Tochter, Freund.“ „Mein Bruder, wir verlaſſen Dich nicht, wir werden uns, wie ich hoffe, oft, ſehr oft ſehen. Du willigſt alſo ein, daß ich Marianne mit mir nehme?“ „Ei! mein Gott! wir werden ſpäter wieder hievon reden; mein Kopf iſt heute Abend ganz in Verwirrung. . es hat mich abermals ein Schwindel erfaßt es wird mit einem Blutſchlage endigen . . . Das iſt wahr⸗ lich genug des Kummers und Verdruſſes für einen Tag!“ „Mein Freund, ich muß, welche Anſtrengung es mich auch koſtet, darauf beſtehen, daß ich Deinen Entſchluß in Beziehung auf Marianne ſogleich erfahre; denn ich beabſichtige ſchon morgen von hier wegzugehen.“ „Sie kommen meinem lebhafteſten Wunſche zuvor,“ erwiederte Madame Joufftoy mit verhaltenem Grimme. „Nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, mußte ſich Eine von uns Beiden von hier entfernen.“ „Ich werde dies thun, und zwar, ich wiederhole Ihnen, ſchon morgen.“ „Morgen?“ verſetzte Herr Jouffroy ganz beſtürzt. Prudente! iſt es möglich? habe Mitleid! höre mich an!“ „Ich war entſchloſſen, morgen dieſes Haus zu ver⸗ laſſen, und ich werde es verlaſſen: nach den Worten, die Du ſo eben von Deiner Frau gehört haſt, iſt es mir nicht länger möglich, hier zu bleiben; überdies habe ich ſchon unfern Veiter Rouſſel gebeten, vorläufig eine kleine meublirte Wohnung in der Nähe der Courdes-Coches zu miethen, wo Fortnné wohnt.“ „Morgen, mein Gott! morgen mich verlaſſen! Träume ich? iſt denn Alles dies wahr?“ rief Herr Jouffroy, deſſen ſchwacher Verſtand immer mehr erloſch! Warum willſt Du eher morgen, als an einem andern Tage von hier weggehen?“ „Weil dieſe Trennung, wenn ſie einmal geſchehen ſoll, ſo bald als möglich ſtattfinden muß; ich könnte nicht einen Tag länger in dieſem Hauſe bleiben, nach⸗ dem ich behandelt worden bin, wie mich meine Schwä⸗ gerin behandelt hat. Ich muß alſo muthig meinen Ent⸗ ſchluß durchführen, und wenn Du einwilligſt, daß Ma⸗ rianne . . „Nun denn! ſie gehe! Tochter, Schweſter, Freund, verlaßt mich Alle! Geht zum Teufel, und ich auch!“ rief der Unglückliche, einer wachſenden Verſtandesverwirrung preisgegeben, die bald das Delirium eines Anfalls vom hitzigen Fieber wurde. „Ich habe verdient, was mir widerfährt! Es iſt wohlgethan ſo, es iſt wohl⸗ gethan!“ fügte er mit haſtigen Schritten und mit ver⸗ ſtörter Miene im Zimmer umherlaufend bei. „Ich bin ein Einfaltspinſel, ein Blödſinniger, ein Schwachkopf ohne Willen, ohne Herz, ohne Muth. Und Du, ſihſt Du!“ hiebei wies er die Fauſt ſeiner Frau, die ſich über ſeine Geiſtesverwirrung zu beunruhigen anfing, „Du und Deine Tochter mit Eurer Eitelkeit, Ihr werdet das Un⸗ 265 glück von uns Allen machen, wie das Eure“ Und in ein höhniſches Gelächter ausbrechend: „Hal ha! ha! ſie fängt gut an, dieſe Heirath! An einem einzigen Tage entfernen ſich von mir meine Schweſter, eine von mei⸗ nen Töchtern und mein beſter Freund; ſie verachten mich als einen Tropfen, den ſeine Frau an der Naſe herum⸗ führt. Ah! wie haben ſie Recht!!! Ha! ha! ha! welch ein alberner guter Kerl bin ich! . . . Doch Deine Toch⸗ ter wird auch Gräfin werden, Madame Jouffroy! Du wirſt die Mutter einer Gräfin ſein! Ah! welch eine ſchöne Heirath! herrlich . . . und nicht theuer! achtmal⸗ hunderttauſend Franken! für nichts! für nichts! Arbeitet doch fünfundzwanzig Jahre Eures Lebens wie ein Neger, einzig und allein, um den Herrn Grafen zu bereichern! Ihr Diener von ganzem Herzen, mein edler Schwiegerſohn! achtmalhunderttanſend Franken! wie wer⸗ den Sie dieſelben ſo ſchön durchbringen! Oh! die ſchöne Heirath! die glückliche Hochzeit! Ha! ha! ha! wir werden dabei tanzen, nicht wahr, Herzogin Mimi? wir wollen tanzen bei der Hochzeit der Gräfin Aurelie! . . . La, la, traderi, tradera, la, la!“ Endlich ſtieß Herr Jouffroy einen dumpfen Seufzer aus, ſchwankte und ſank zuſammen; ſein Anfangs dunkel⸗ rothes Geſicht wurde bläulich. Ein Blutſchlag hatte ihn getroffen. „Sie werden ihn tödten, Wahnfinnige,“ rief die Tante Prudence ihrer Schwägerin zu, welche ſich, er⸗ ſchrocken, in Thränen zerfließend, neben ihrem Gatten auf die Kniee geworfen hatte. Die alte Jungfer klingelte, um Alles zu zerreißen, und ſagte zum herbeieilenden Bedienten: „Holen Sie geſchwinde den Arzt, der im Hanſe gegenüber wohnt, und theilen Sie beſonders meinen Nichten kein Wort von der Unpäßlichkeit ihres Vaters i „Sie ſind ſchon zu Bette gegangen, Mademoiſelle.“ „Gehen Sie raſch und bringen Sie den Arzt auf der Stelle mit.“ Der Bediente lief weg, indeß Madame Jouffroh, ganz beſtürzt, ſchluchzend, an der Seite ihres Mannes murmelte: „Mein armer Freund, mein armer Baptiſte!“ Die Tante Prudence, behielt ihre Geiſtesgegenwart; ſie knüpfte ſchleunigſt die Halsbinde ihres Bruders auf, und, ſtatt ihn auf dem Teppiche ausgeſtreckt zu laſſen, lehute ſie ihn an ein Fauteuil an und befahl ihrer Schwägerin, welche ihr ſogleich ge horchte, alle Fenſter zu öffnen und ihr Herrn Joufftoh in dieſen Luftzug bringen zu helfen. Der Arzt kam alsbald; nachdem er den Kranken un⸗ terſucht hatte, ſagte er: „Beruhigen Sie ſich, meine Damen, es iſt eine ein⸗ fache Gehirncongeſtion. Ein leichter Aderlaß, Ruhe, Diät, Fußbäder, und Herr Jouffroy wird in kurzer Zeit wieder auf ſein.“ ——————— In der Franckhiſchen Verlagsbuchhandlung iſt erſchie⸗ nen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Phyſik der Erdrinde und der Atmoſphäre. Populär dargeſtellt von Friedrich Zamminer, Dr. phil. und außerord. Profeſſor an der philoſ. Fakultät zu Gießen. Lerikon⸗Oktav 7 Bogen und 3 Karten, ſauber broſchirt. 24 Sg — 1 fl. 12 kr Dieſe Schrift (an welche ſich die, von demſelben Ver⸗ ſaſſer im vorigen Jahre herausgegebene Phyſik in ihren wichtigſten Reſultaten dargeſtellt, Ler.⸗8. 23 Bog. mit 11 lithog. Tafeln, 2Thlr. 8 Sgr. — 3 fl. 48 kr. innig anſchließt), gibt in gedrängter und geiſtreicher Ueberſicht ein Bild von dem Walten der Kräfte, welche in dem Spiel der Meereswogen, dem Kreislaufe der Gewäſſer, den Quellen, den Vulkanen und Erdbeben, auf die Oberfläche der Erde heut zu Tage umgeſtaltend wirfen und leitet zu den Schlüſſen an, welche uns die Geſchichte unſres Erd⸗ balls verſtändlich machen. Die zweite Abtheilung vereinigt in ſich die neueſten Reſultate der Witterungskunde. Namentlich iſt den Monatsiſothermen, durch welche der geiſtvolle Dove die Brücke zwiſchen der Climatologie und Metevrologie gebaut, gebührende Rückſicht geſchenkt und es geben drei Karten die Ueberſicht über die Linien gleicher Jahreswärme, ſowie der Iſothermen des Januar und Juli. Der Freund der Witterungskunde wird aus der angezeigten Schrift mit Befrirdigung entnehmen, daß dieſe Wiſſenſchaff, von welcher man einerſeits häufig zu viel erwartet und welche andrerſeits als hoffnungslos aufgegeben wird, endlich eine feſte Grundlage zu gewinnen beginnt. Der Verfaſſer hat es ſich zur beſonderen Aufgabe gemacht, in der Skizze, welche er in allgemein verſtändlicher Form entworfen, die dauerhaften Parthieen deutlich hervortreten zu laſſen. In der Franckh ſchen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart iſt ſoeben erſchienen: Baukunde oder Architektoniſche Conſtruktions⸗Lehre J. D. W. Engelhard, Kurheſſiſchem Ober⸗Baumeiſter und ordentlichem Mitgliede der Akademie der bildenden Künſte zu Caſſel. Mit einem Atlas in 4 Blättern. Es fehlt in der deutſchen Literatur an einem populären Werke über die Baukunde, worin in allgemein verſtänd⸗ licher Sprache dieſelbe aufdem gegenwärtigen Standpunkte der techniſchen Wiſſenſchaften ſo abgehandelt wäre, daß das Werk zugleich dem Mann vom Fach Genüge leiſte und auch der Laie ſich darin Raths erholen fönne. — Dieſe Lücke auszufüllen, iſt das Beſtreben des Verfaſſers gewe⸗ ſen, der nach einer praktiſchen Wirkſamkeit im Bauweſen von mehr als vierzig Jahren reichliche eigene Erfahrungen benutzen konnte, dabei aber auch die beſten Werte inländi⸗ ſcher und ausländiſcher Literatur (ſowohl die alten als neuen Quellen) in Anſpruch genommen hat. Das vorſtehende Werf iſt alſo ebenſowohl für jeden Hausbreſitzer, wie für den Unterricht in der architektoniſchen Conſtruktion auf Univerſitäten und Gewerbeſchulen als Leitfaden ein geeignetes Buch. Der compendiöſe Druck hat es möglich gemacht, auf 217 Seiten in groß Octav das Werf zuſammen zu drängen und es in dieſer Geſtalt für den außerordentlich billigen Ladenpreis von 1 Thlr. 15 Ngr. oder 2 fl 30 kr. rh. dem Publikum darzubieten. — Der Atlas gibt auf 4 Tafeln und in 165 Figuren ein reichhaltiges und anſchauliches Erläuterungs⸗Material. 8 2 — OS S1 Sene