„ P — 0 „ „ 3 13 Leihbiblivthek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und Fefebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Fien welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: —— 5. Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. ſ . . für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —. — auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage⸗feſtgeſetzt und wird — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterperleihen der Vücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —ůů Fernand Dupleſſis oder Denkwürdigkeiten eines Ehemanns. Von Eugoͤne Sue. Aus dem Franzöſiſchen von k— Dr. Auguſt Boller. Zehntes bis dreizehntes Bändchen. —8 233—— 8 Stuttgart. Franckhſ'ſche Verlagshandlung. 1854. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Denkwürdigkeiten eines Ehemannes. Zweite Abtheilung. Einleitung . Der Leſer erlaube uns, in flüchtigen Umriſſen die Hauptmomente des, vor ungefähr zwei Jahren der Oef⸗ fentlichkeit übergebenen, erſten Theils von Fernand Dupleſſis an ſeinen Augen vorüberzuführen. Fernand Dupleſſis wurde am Anfang dieſes Jahr⸗ hunderts geboren und von einer von jenen verzärteln⸗ den Großmüttern erzogen, welche noch ihre Haare pu⸗ dern und Candide wiederleſen. Man erräth hienach, wie ſeine erſte Erziehung beſchaffen war, und welche ſeltſame Lectionen in der Philoſophie er erhielt, als er die Wiege verließ. Sich in Freude und guter Geſund⸗ heit erhalten, nie ein ernſtes Opfer von irgend Je⸗ mand fordern oder erwarten, das Leben nehmen, wie es kommt und geht, beſonders nie eine Vergnügungs⸗ gelegenheit verſäumen; das waren die arglos ſelbſt⸗ ſüchtigen Lehren, die er von den Lippen ſeiner Groß⸗ mutter empfing, und die immer ihren ſchlimmſten Ein⸗ ſluß auf ihn übten. Damals aber war Fernand reich, warum hätte er ſich gegen die Zukunft waffnen ſollen Fernand Dupleſſis. II. 1 2 wie diejenigen, für welche ſich das Leben als eine Schlacht bietet? Er ging zum Feſte, der glückliche Junge, und es genügte ihm, leicht gekleidet zu ſein. Als er fünfzehn Jahre alt war, ſchickte man ihn in das Collége von Sainte⸗Barbe. Der Zufall, der es in ſeiner Eigenſchaft als Blin⸗ der gern übernimmt, die große Lotterie der Zuneigun⸗ gen zu ziehen, wollte, daß ſich Fernand Dupleſſis zuerſt mit zwei jungen Leuten verband, deren Gemüth dem ſeinigen völlig entgegengeſetzt. Die Rolle, die ſie in dieſer Geſchichte ſpielen werden, iſt bedeutungsvoll ge⸗ nug, um uns zu Skizzirung ihrer Portraits zu er⸗ mächtigen. Der Erſte hatte den ſanften Namen Hya⸗ einthe, er war ſchwächlich, ſchwermüthig, Waiſe und blond; die Jünglinge des Collége benützten ihn als Spielzeug, das heißt, als Zielſcheibe ihres Witzes und ihrer Bosheiten. Fernand Dupleſſis hatte Mitleid mit ihm und nahm ihn unter ſeinen Schutz; ſpäter erkannte er, was an tiefer Dankbarkeit in dieſem Herzen lag, das wohl die Verkörperung aller Märterthümer und aller Zartgefühle war. Der Zweite hieß Jean Rahmond. Er bildete einen auffallenden Contraſt mit Hyaeinthe. Stellen Sie ſich in der That ein braunes Geſicht, kühne und zugleich nachdenkende Augen, einen unbengſamen Willen vor. Zwei Züge werden das Maß von ſeinem Charakter geben. Während einer Recreation erhielt Hyaeinthe einen elaſtiſchen Ball an's Auge; der Schmerz war ſo ſcharf, daß er ſchrille Schreie ausſtieß. Jean Raymond, der gerade vorüberging, zuckte die Achſeln und mur⸗ melte: „Weichlich wie ein Weib!“ „Ich möchte Dich wohl an ſeiner Stelle ſehen,“ 2 Fernand entrüſtet; „Du würdeſt noch ſtärker ſchreien, als er.“ Jean. * „Hebe den Ball auf und verſuche es,“ erwiederte . 8 3 In einer erſten Bewegung des Zorns, und um Hyacinthe zu rächen, hob Fernand das Wurfgeſchoß auf und ſchleuderte es mit ſolcher Kraft, daß er Jean über dem Auge traf; ſogleich ſchwoll das Augenlid auf und wurde bläulichz der Schmerz mußte grauſam ſein. Nichtsdeſtoweniger gab Jean keine Klage von ſich, und er ſagte nur verächtlich: „Nun! habe ich geſchrieen?“ Der zweite Zug hatte eine noch viel charakteriſti⸗ ſchere Bedeutung; die Zöglinge des Collége von Sainte⸗ Barbe kamen bei einem ihrer Spaziergänge zur Ma⸗ deleine⸗Kirche, welche damals im Bau begriffen war (815), und deren weite Unfriedung einen Bivouae von ruffiſchen Küraſſieren und regelmäßigen Koſaken enthielt. Fernand Dupleſſis ging an der Seite von Jean Rahmond, Hyaeinthe ſchritt ihnen voran. Auf einer Art von Plattform angelangt, welche heute der Kirche als Periſtyl dient, damals aber ſich ſenkrecht zwölf bis fünfzehn Fuß über der Erde erhob, verließ Jean Raymond ſeine Reihe; man ſah, wie er ſich bückte, mit ſeinen beiden Händen einen ungeheuren Stein ergriff und mit ſeinem ganzen Gewichte auf einen Koſaken in rother Jacke fallen ließ, deſſen Ge⸗ brülle alsbald das ganze Lager in Aufruhr brachte. Ohne die Vermittlung des Profeſſors wäre Jean Ray⸗ mond, der unbeweglich und mit gekreuzten Armen ſte⸗ hen blieb, von den ruſſiſchen Reitern zuſammengehauen worden. Er kam mit einem Carcer von vierzehn Ta⸗ gen davon. Wir werden es nicht verſuchen, die geheimnißvol⸗ len Beziehungen zu erklären, welche bei den Freund⸗ ſchaften obwalten. Immerhin iſt es gewiß, daß ſich Hyacinthe, Jean Rahymond und Fernand Dupleſſis, welche vielleicht gerade ſympathiſirten, weil ihre Na⸗ turen in jedem Punkte von einander verſchieden, zu einem Triumvirate vereinigten, das einige Zeit ſo eitel war, ſich für dauerhaft zu halten. — 4 Keiner von ihnen hatte noch die blühenden Inſeln der Liebe betreten; ſelbſt Fernand war, trotz des Blin⸗ zelns mit den Augen und der ſcherzhaften Reden ſeiner Großmutter, in dieſem Kapitel noch völlig unwiſſend. An Ausgangstagen ſeinen Couſinen den Arm anbieten, dafür beſorgt ſein, daß ihr Teller mit Leckerbiſſen be⸗ deckt war, hierauf hatten ſich ſeine Thaten beſchränkt. Doch das ſchöne, ernſte Antlitz einer Frau erweckte plötzlich in ihm die erſten Fieber des Herzens. Jean Rahmond hatte oft von ſeiner Mutter mit Fernand Dupleſſis geſprochen; eines Tags führte er ihn zu ihr, und dieſer Tag entſchied über das ewige Unglück von Fernand. Statt einer ehrwürdigen Haus⸗ mutter, die er zu finden erwartete, ſah er eine Frau von ungefähr dreißig Jahren, von mittlerem Wuchſe, blond, mit azurblauen Augen und aſchfarbigen Brauen. Unter einem ſo verführeriſchen Aeußeren, beſaß Madame Ray⸗ mond eine ungewöhnliche Gemüthsſtärke; ſie war die Witwe eines Conventsmitgliedes, der in Folge der Verſchwörung von Arena auf dem Blutgerüſte geſtor⸗ ben; ſie hatte die republikaniſche Geſinnung ihres Man⸗ nes geerbt, und ihre Geſellſchaft beſtand beinahe aus⸗ ſchließlich aus Leuten vom Volke, Arbeitern des Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine und ehemaligen Soldaten, welche einſt die Verbündeten von Koblenz angegriffen. Fer⸗ nand Dupleſſis war hierüber erſtaunt, und die Röthe ſtieg ihm zur Stirne, als er halblaut das Wort Musca⸗ din unter den Menſchen mit Mützen, welche auf Ma⸗ dame Raymond im Vorzimmer warteten, kreiſen hörte. Allerdings ſtellte zu jener Zeit, und obgleich er noch ſehr jung war, Fernand einen wahren Muscadin vor; er trug einen barbenblauen Frack mit vergoldeten Knöpfen, anliegende Beinkleider von leingrauem Tri⸗ cot, auf der Fußbiege gefältelte Huſarenſtiefel, eine geſtärkte weiße Halsbinde von Moufſeline, deren lange Enden Haſenohren glichen, und über einer Weſte von vrangegelbem Kaſchemir mit kleinen Palmen hingen 5 — 5 die goldene Kette und die Berlocken ſeiner Uhr; ein verwegen ſchief auf zu ſehr gekräuſelte Haare geſetzter runder Hut und ein Stöckchen in der Hand vervoll⸗ ſtändigten dieſes ganz ariſtokratiſch elegante Coſtume. Dieſe Eleganz war nicht heimiſch in der trauri⸗ gen, dürftigen Wohnung von Madame Raymond. Fer⸗ nand fühlte ſich auch unruhig und aus der Faſſung gebracht. Um ſein Erſtaunen zu vermehren, ſah er, während er im Garten ſpazieren ging, an einer Dach⸗ öffnung des Speichers einen bleichen, von einem lan⸗ gen Barte bedeckten Kopf, der ſich ungeſtül zurückzog, als hätte er geſehen worden zu ſein befürchtet. Einige Augenblicke nachher, da er wieder in das Speiſezim⸗ mer eingetreten war, hörte er auf dem Boden darüber einen heftigen Schlag. Jean und ſeine Mutter wech⸗ ſelten einen beſorgten Blick, und eine alte Magd, welche 1 Lippen noch nicht auseinander gethan hatte, mur⸗ melte: Die verdammte Katze des Nachbars macht aber⸗ mals ihre Streiche!“ In das Collége zurückgekehrt, wagte es Fernand nicht, von ſeinem Freunde die Erklärung dieſes Ge⸗ heimniſſes zu fordern, das er jedoch bald vergaß, um ſich nur der unbeſchreiblichen Schönheit von Madame Raymond zu erinnern. In dieſem Augenblick hatte er am meiſten mora⸗ liſche Kraft nöthig; gerade in dieſem Augenblicke aber kehrten im Gegentheil die frivolen Grundſätze ſeiner Großmutter in ſeinen Geiſt zurück, und er ſchöpfte daraus zum Voraus die Rechtfertigung ſeiner Irrthü⸗ mer. Mittlerweile hatte er das Unglück in Verbin⸗ dung mit einem andern Kameraden zu treten, der ihm den Roman Faublas lieh. Dieſe gefährliche Lecture brachte Unruhe und Feuer in ſein Blut; er ſah klar in ſeinem Herzen, er begriff, daß er die Mutter von Jean Raymond liebte. So wurden durch ein ſchlechtes Buch die erſten Blüthen des Gefühls verdörrt. Auf 6 eine brutale Weiſe in eine plumpe Theorie eingeweiht, ſollte Fernand nicht die geheimnißvollen und zarten Gradationen kennen lernen, welche bei der Liebe das ſind, was bei einer Roſe die Blumenblätter, und die ſich nur bei den reinen Seelen entwickeln. Es war nicht der einzige Zweck des Leihers von Fau⸗ blas geweſen, Fernand zu verderben; nachdem er ſich zum Vertrauten ſeiner Eindrücke gemacht, nachdem er von ihm das Geſtändniß ſeiner Liebe für Madame Raymond erhalten hatte, entriß er ihm Fetzen um Fetzen Alles, was Fernand bei dieſer geſehen und gehört: 3¹ die Leute mit Mützen und in Blouſen, die Erſcheinung des Mannes mit dem langen Barte an der Oeffnung des Speichers, das Geräuſch auf dem Boden . . Zwei Stunden nach dieſer Offenbarung erſchien das Gericht bei Madame Raymond und verhaftete den Oheim von Jean, welcher verfolgt wurde, weil er einen thätigen Antheil an den revolutionären Bewegungen im Süden genommen hatte. Der Leiher des ſchlechten Buches war ein Spion. Der Schrecken von Fernand Dupleſſis, als er die Kataſtrophe erfuhr, deren Urſache er war, läßt ſich nicht ſchildern. Sein Kopf gerieth in Verwirrung. Ein Fenſter war offen; er lief dahin und ſtieg auf den Rand; doch zwei kräftige Hände hielten ihn in dem Augenblick, wo er ſich hinabſtürzen wollte, zurück. Das war Jean, der Mitleid mit ihm hatte. „Ich müßte Dich ſterben laſſen,“ ſagte er zu ihm, „denn Du wirſt nur für das Böſe leben .. Das Blut der Meinigen, wenn es vergoſſen wird, falle auf Dich.“ p Fernand konnte nicht mehr hören, denn er ſank in Ohnmacht. Jean, der aus dem Collége weggehen wollte, um ſeinem Oheim zu Hülfe zu eilen, wurde von den Krankenwärtern geknebelt und fortgezogen. Zur Enthauptung auf der Groöve verurtheilt, ward der Oheim von Jean durch die heldenmüthige, auf⸗ — — 7 opfernde Ergebenheit ſeiner politiſchen Glaubensgenoſ⸗ ſen gerettet, während Fernand Dupleſſis ſeinen Fehler im Delirium einer Gehirnentzündung büßte. II. Mehrere Jahre find verlaufen. Eine Frühlings⸗ ſonne leuchtet über der Stadt; der Tuileriengarten hat jenes glänzende Ausſehen, das ihm die ſchönen Tage verleihen. Die Uhr der Könige von Frankreich bezeichnet die zweite Mittagsſtunde. Einige Greiſe, welche in einer mit der Terraſſe der Feuillans paralle⸗ len Allee ſitzen, überlaſſen ſich den Süßigkeiten des Halbſchlafes; eine Legion von Müttern überwacht die Spiele ihrer Kinder; Magdalenen vor der Reue ver⸗ ſuchen da und dort die kleinen Ränke und Schwänke ihrer Coquetterie. Ein Herr geht vorüber. An der Friſche ſeiner Handſchuhe, an der reichen Bläſſe ſeines Geſichtes iſt in ihm leicht ein Mann vom beſten Tone zu erkennen, der ohne Zweifel einen vollen Roſenkranz weiblicher Herzen in ſeinen weltlichen Devotionen abgekörnt hat. Das iſt Fernand Dupleſſis. Er iſt Page und Garde du corps geweſen; dann iſt er der Uniform müde ge⸗ worden, und er beſchränkt ſich nun darauf, ein lie⸗ benswürdiger Geſellſchafter bei Tafel, auf der Jagd und bei Abenteuern zu ſein. Er hat ſeine Schulkame⸗ raden völlig aus dem Geſichte verloren, ſeine Welt war nicht die ihrige. Obgleich er im Faubourg Saint⸗Germain erwar⸗ tet wurde, ſchien ihm der Schatten doch ſo einladend, als er unter den großen Kaſtanienbäumen hinging, die Luft ſo kühl, daß er einen Stuhl nahm und ſich ſetzte. Unfern von ihm las eine junge Frau; ſie trug ein ſehr N 8 einfaches Kleid; ein Strohhut und ein Arbeitskorb, aus dem eine angefangene Stickerei hervorſtand, lagen auf einem Stuhle, auf den ſie ihre Füße ſtützte, rei⸗ zende Füße, köſtlich bekleidet mit braunrothen Stiefelchen. Von dem Platze aus, wo Fernand Dupleſſis ſaß, konnte er nur das Profil der einſamen Leſerin unler⸗ ſcheiden; doch dieſes Proſil war bewunderungswürdig; dichte Büſchel glänzend ſchwarzer Haare verbreiteten ſich auf einem ſtolz entwickelten Halſe; der Wuchs war vollendet; die Hände beſonders waren ſo zart, ſo zier⸗ lich, daß er ſich entrüſtete, ſie ein Buch durchblät⸗ tern zu ſehen, das nach ſeiner fettigen Decke nur einem Leſecabinet gehören konnte. Nie aber war ein prachtvoll gedrucktes, in Saf⸗ fian gebundenes, mit goldenen Wappen geziertes Buch gieriger geleſen worden, als dieſer ſchmutzige Band. Mehrere Male ſah Fernand Dupleſſis plötzlich eine Röthe die Stirne der Unbekannten überſtrömen und ihren Buſen durch ſeine Schläge den dünnen weißen Stoff mit kleinen Roſenbouquets heben, mit dem er bedeckt war. Der Ort war abgelegen, die Spaziergänger wa⸗ ren ſelten oder entfernt; da ſie ſich nicht beobachtet glaubte, ſo dachte ſie auch nicht daran, ihre Aufregung zu verbergen. Fernand zerbrach ſich den Kopf, um zu errathen was dieſe Frau ſein könnte, und auch, was für ein Buch ſie wohl leſe. Der Zufall kam ſeiner Neugierde zu Hülfe. Nach einigen Augenblicken legte die Unbekannte das Buch auf den Rand des vor ihr ſtehenden Stuhles und warf mit der flachen Hand leicht ihre dicken Haarlocken zurück, als wollte ſie ihre Aufregung verjagen. Er benützte dieſen Augenblick, um geräuſchlos hinzutreten, und indem er wie aus Unachtſamkeit dem Stuhle einen leichten Stoß gab, machte er, daß das Buch offen auf den Boden fiel. Sogleich bückte er ſich, unter tauſend Entſchuldigungen wegen ſeiner ſcheinbaren Ungeſchick⸗ „ 9 lichkeit, und warf hiebei einen berſtohlenen Blick oben auf das Blatt; doch er bebte, als er einen Band von Faublas erkannte. Es gibt ſeltſame Verhängniſſe! Die Erinnerungen, welche dieſes ſchlimme Buch im Geiſte von Fernand Dupleſſis erweckte, waren ſo peinlich, daß er, ſtatt ein Geſpräch mit der jungen Frau anzuknüpfen, die Stirne gegen die Erde geneigt weiter ging. Er war ungefähr eine Viertelſtunde auf das Ge⸗ rathewohl umhergeſchlendert und hatte ſein Cabriolet, das ihn beim Pont⸗Royal erwartete, ganz vergeſſen, als er die ſchöne Unbekannte in dem weiß und roſen⸗ farbigen Kleide am Arme eines ſehr kleinen und ſehr ſchwächlichen Mannes vor ſich her gehen ſah. Durch dieſe Hartnäckigkeit des Zufalls zu ſich ſelbſt zurückge⸗ rufen, beſchleunigte Fernand Dupleſſis ſeine Schritte, um dem Paare zuvorzukommen; dann wandte er ſich plötz⸗ lich um. Zwei Ausrufe wurden zu gleicher Zeit hörbar: „Fernand!“ „Hyacinthe!“ Und man wechſelte herzlich einen Händedruck. Hyaeinthe war kaum gewachſen ſeit ſeinem Abgange aus dem Collége; ſein ſanftes, trotz ſeines Alters noch bartloſes Geſicht bewahrte ſeinen ſchüchternen, liebe⸗ vollen Ausdruck von einſt. Er wandte ſich lächelnd ge⸗ gen ſeine Gefährtin um und ſagte zu Fernand: „Mein Freund, ich ſtelle Dir meine Frau Ceſa⸗ rine vor, meine gute, liebe Frau.“ Fernand grüßte verlegen. Sie erwiederte ſeinen. Gruß erröthend. Diejenige, welche Faublas las, war die Frau von Hyacinthe. Die Geſchichte dieſer Heirath war die rührendſte Sache der Welt; Fernand erfuhr es ſpäter, als er gleichſam der Tiſchgenoß dieſer jungen und intereſſan⸗ ten Haushaltung geworden. Ceſarine war die Stief⸗ 10 tochter einer Witwe Robin, welche in der Rue Ma⸗ zarine ein ſchlechtes meublirtes Haus beſaß, wo gerade Hyazinthe bei ſeinem Abgange von Sainte⸗Barbe wohnte. Die Witwe Robin berauſchte ſich häufig, und da ſie Ceſarine haßte, ſo ſchlug ſie dieſelbe voll Wuth. Von ſeinem Zimmer aus, das an einem gemeinſchaft⸗ lichen Ruheplatze lag, hörte Hyaeinthe das Geſchrei und das Schluchzen des armen Kindes, und mehr als einmal geſchah es, daß er ſich, trotz ſeiner eigenen Schwäche, zwiſchen der Stieftochter und der Megäre in's Mittel legte. Ceſarine war achtzehn Jahre alt und merkwürdig ſchön, ſie hatte weder ein Gewerbe, noch Geld. Hyaeinthe glaubte eine gute Handlung zu vollbringen, wenn er ihr den Antrag machte, ſie zu heirathen; das Mädchen dankte ihm, indem es ſeine Kniee umſchlang und in Thränen zerfloß. Mit einer Einſchreibung von fünfzehnhundert Fran⸗ ken Rente, die ihm ſein Vormund hinterlaſſen, ver⸗ band Hyacinthe eine beſcheidene Stelle im Miniſterium des Innern. Das waren die ſchwachen Mittel, von denen die zwei jungen Eheleute lebten. Seit ungefähr anderthalb Jahren, daß ſie verheirathet waren, färbte das ungetrübteſte Blau den demüthigen Winkel des Himmels, wo ihr Honigmond glänzte. Alle Morgen zwiſchen neun und zehn Uhr ging Hyacinthe nach ſei⸗ nem Bureau ab; alle Nachmittage, wenn das Wetter ſchön war, erwartete ihn Ceſarine im Tuileriengarten, wohin ſie ein Buch oder eine Stickerei mitnahm. Un⸗ ter einem von dieſen Umſtänden überraſchte Fernand Dupleſſis, von ſeinem böſen Genius angetrieben, dieſe neue Eva in dem Augenblick, wo ſie den Arm erhob, um die Aepfel vom Baume des Verderbens zu er⸗ reichen. Das war offenbar der erſte Schritt von Ceſarine außerhalb des ehelichen Weges, denn nach einigen Be⸗ ſuchen war Fernand mit Recht überzeugt, daß Ceſarine eine tiefe Zuneigung für Hyaeinthe hegte, nur konnte man — 11 dieſe Zuneigung nicht Liebe nennen, es war nur Dank⸗ barkeit und Ergebenheit. Hatte aber die Schöpfung je ein Weſen für die ſtolze, mit Flammen bekränzte Lei⸗ denſchaft gebildet, ſo war es ſicherlich Ceſarine, welche den Typus von Venus Aphrodite im ganzen Strahlen⸗ glanze ihrer Jugend bot. Alles, bis auf den vibri⸗ renden Klang ihrer Altſtimme, vermehrte ihren Charak⸗ ter ſtrahlender Sinnlichkeit. Gleichviel, je anziehender ſie ihm erſchien, deſto mehr ſchwur er ſich, in ihr die Frau eines Jugend⸗ freundes zu ehren; er ſuchte ſowohl das unvermuthete Zuſammentreffen in den Tuilerien, als die bezeichnende Lecture von Faublas zu vergeſſen; indeß er ſich aber ſtrenge Regeln des Benehmens auferlegte, bemerkte er nicht, daß ihn ſeine Schritte jeden Tag zu Hyaeinthe führten, und daß er ſich allmälig an einen Umgang gewöhnte, bei dem die Freundſchaft nur als Vorwand figurirte; oder regte ſich zuweilen in ihm das Bewußt⸗ ſein von ſeiner unredlichen Schwäche, ſo ſuchte er ſeine Gefühle von der Fährte abzubringen, indem er ſich ſagte, es werde ihm immer noch Zeit bleiben, ſich zu entfernen, ſollte er ſo wahnſinnig ſein, aus ſeiner Zu⸗ rückhaltung gegen Ceſarine herauszutreten. Dieſe entſcheidende Probe bot ſich bald, und Fer⸗ nand entfernte ſich nicht. Hyacinthe, der einen dringenden Brief zu ſchreiben haite, ließ ihn eines Abends mit ſeiner Frau allein. Es war das erſte Mal, daß ſie ſich unter vier Augen beiſammen befanden; das Geſpräch, das bis dahin ſehr belebt geweſen war, fiel plötzlich; wiederholt ſuchte es Fernand wieder aufzunehmen, doch das Beben ſeiner Stimme, das Unzuſammenhängende ſeiner Worte muß⸗ ten ſeine Gemüthsbewegung verrathen. Ceſarine be⸗ griff ohne Zweifel die Bedeutung dieſes Stillſchwei⸗ gens; denn ihre Wangen erbleichten und ihr Buſen wogte heftig. Wünſchte ſie, befürchtete ſie ein Ge⸗ ſtändniß? Bald richtete ſie, als hätte ſie einer unwider⸗ 12 ſtehlichen Macht nachgegeben, ihre großen, feuchten Augen langſam auf ihn; verwirrt und aufgebracht über ſeine Stummheit, ſtand ſie endlich ungeſtüm auf und trat an's Fenſter. Dieſer Blick, dieſe Bewegung, Alles verrückte Fernand den Kopf, machte ihn wahnſinnig. Er ſtand auch auf und rief: „Ceſarine!“ In dieſem Augenblick kehrte Hyaeinthe zurück. Sein Brief war geſchrieben. Wie werden nicht erzählen, wie Ceſarine allmälig dazu kam, daß ſie ihre Pflichten vergaß; bei einer ſtür⸗ miſchen Schönheit wie die ihrige, bei einem ſo ſchwan⸗ kenden Willen wie der von Fernand Dupleſſis, iſt die Thatſache nur zu begreiflich. Durch welche unglück⸗ liche eyniſche Verblendung konnten ſich aber dieſe zwei Liebenden überreden, mit Hülfe von unendlichen Vor⸗ ſichtsmaßregeln werde das Glück von Hyaeinthe nie einen Schlag, eine Verletzung erleiden? Bis zu wel⸗ chem Grade, mußten ſich, um dahin zu gelangen, der Begriff von Gut und Böſe, von Recht oder Unrecht in ihrem Geiſte verwirrt haben? Die Unglücklichen! wag⸗ ten ſie es nicht, wenn ſie von ihm ſprachen: Unſer Hyacinthe zu ſagen? Fernand hatte weder ein ehernes, noch ein ver⸗ dorbenes Gemüth; er verrieth aber ſeinen beſten Freund. Der ganze Schlüſſel ſeines Charakters iſt hierin zu finden. Ceſarine war es, die ihn fortriß und beherrſchte; ſie, dieſe berauſchende, verhängnißvolle Geſtalt war es, die ſeine Gewiſſensbiſſe beſchwichtigte und in folgenden Worten zu ihm ſprach: „Hyacinthe, ſagſt Du? Nun! bin ich minder lie⸗ bend gegen ihn, als in der Vergangenheit? Nein, denn er flößt mir dieſelbe Zuneigung ein. Du weiſt es, Fernand, es vergeht kein Tag, an dem wir nicht ſagen: engeliſches Herz! bezaubernder Geiſt! treffliches Zartgefühl. Und das ſagen wir ohne Heuchelei; er 13 iſt nicht da, wir ſind allein, wer könnte uns hören? Sprich, glaubſt Du, daß es auf der Welt einen Men⸗ ſchen gibt, der glücklicher, angebeteter iſt, als Hya⸗ einthe?“ Entſetzliche und zugleich naive Blasphemie! Der Schleier, der ihre Augen bedeckte, ſollte zerriſſen werden. An einem Unglückstage hörte Hyaeinthe, den man abweſend glaubte, von ſeinem Cabinet aus Fernand Ceſarine duzen, und er erlauſchte ein Geſpräch, das ihm keinen Zweifel über das vertrauliche Verhältniß der Redenden ließ. Der Schlag war ſo unerwartet und ſo furchtbar für den armen Mann, der an die Tugen⸗ den einer Gattin, an die Ehre eines Freundes glaubte, daß er wankte und auf den Tod getroffen niederfiel. Nichtsdeſtoweniger wußte er bis zu ſeinem letzten Seufzer erhaben zu ſein. „Der Fehler von Ceſarine iſt entſchuldbar,“ ſagte er; „ſie konnte mich nicht aus Liebe lieben; doch ſie hat mich ſtets mit der zarteſten Fürſorge umgeben; ich verdanke ihr die glücklichſten Augenblicke meines Lebens. Fernand, die Verſprechen, die man Sterbenden leiſtet, ſind heilig. Schwöre mir, Ceſarine zu hei⸗ rathen ſchwöre es mir . . . Ihr werdet Beide glück⸗ lich ſein; Ihr ſeid jung, Ihr ſeid ſchön, Ihr betet Euch an.“ Fernand ſchwur Alles. Er fand eine Art von Milderung für ſeine Gewiſſensbiſſe in dem Gedanken, dieſen feierlichen Eid zu erfüllen. Doch nach Verlauf von ſechs Wochen überlegte er; dieſe Heirath fing an ihm nicht mehr wie ein ſicherer Hafen gegen die Stürme der Leidenſchaft, ſondern wie das Grab ſeiner Jugend zu erſcheinen. Vergebens ſchlang Ceſarine ihre Hände um ſeinen Hals und ſagte zu ihm: „Ich bin Mutter!“ er dachte, die von ihm verführte Frau könne es durch einen Andern ſein, und es liege nichts Ehrwürdiges in einer ihrem Urſprunge nach ehebrecheriſchen Ver⸗ 14 bindung. Dem zu Folge ſchrieb er einen von den Briefen, welche unabänderlich mit den Worten: „Ich werde offenherzig ſein,“ anfangen und eben ſo viele Lügen enthalten: Er ſagte ihr unter anderen Dingen: „Ich muß Ihnen vor Allem erklären, meine liebe Ceſarine, daß ich bereit bin, den von mir am Bette des ſterbenden Hyaeinthe geſchworenen Eid zu erfüllen. Sie ſind Mutter; ein Zögern iſt mir nicht mehr mög⸗ lich, Sie werden meine Frau ſein, wenn ſie es fordern. Das iſt Ihr Recht, ich erkenne es anz ich werde mich dieſem unterwerfen. Doch ich muß Ihnen bemerken, daß ich mich unüberlegt gegen Sie verbind⸗ lich gemacht zu haben befürchte, meine liebe Ceſarine, hören Sie, warum: „Viele Jahre werden ohne Zweifel vergehen, ehe das Alter meine Leidenſchaften gedämpft hat. Ich zähle ſechsundzwanzig Jahre, und ich fühle mich unfä⸗ hig, Ihnen zu verſprechen, ein treuer Gatte zu ſein. Bin ich Ihnen untreu, ſo habe ich die unerſchütterliche Ueberzeugung, daß Sie meinem Betragen nachahmen wer⸗ den. Ich entſchuldige mich nicht, ich ſage in aller Aufrichtigkeit, was ich zu dieſer Stunde denke; glau⸗ ben Sie nicht, ich verberge einen feigen Hintergedan⸗ ken; es mag ſein, daß ich unwillkürlich übertriebenen Befürchtungen nachgebe; es mag ſein, daß ich ein beſſerer Ehemann werde, als ich annehme. . .“ Und ſchließend ſetzte er hinzu: „Brauche ich Ihnen zu ſagen, meine liebe Ceſa⸗ rine, daß, was auch Ihr Entſchluß ſein mag, das Loos Ihres Kindes und das Ihrige geſichert ſein werden; morgen ſchon hinterlege ich eine Summe von hundert⸗ tauſend Franken bei einem Notar.“ Folgendes war die Antwort von Ceſarine: „Ich danke Ihnen für Ihre Offenherzigkeit. „Ich entbinde Sie Ihres Wortes. . 15 „Sie werden nie von mir oder Ihrem Kinde ſpre⸗ chen hören.“ Seltſamer Widerſpruch! Dieſer Brief hätte bei⸗ nahe die Liebe von Fernand wieder entzündet; er lief zu Ceſarine; doch ſie hatte ihre Meubles verkauft und ihre Wohnung verlaſſen. Er ſollte ſie erſt in einigen Jahren wiederſehen. III. Was ſoll man thun, wenn man mit achtundzwan⸗ zig Jahren, wenn nicht Alles abgenutzt, doch wenig⸗ ſtens Alles benützt hat; wenn man ſein Geld Gelieb⸗ tinnen zuwirft, ohne ſie zu lieben, wenn man ohne Appetit zu Nacht ſpeiſt? Was thun, wenn man einen trockenen, beharrlichen Huſten hat, bei dem der Arzt, während er ihn hört, bedenklich den Kopf ſchüttelt und murmelt: „Hem! hem!“ Was thun, wenn man im Herzen von Berry ein Schloß beſitzt, das man in Trüm⸗ mer zerfallen läßt, und Güter, welche nur in Ertrag geſetzt zu werden verlangen? Heirathen. Das that Fernand Dupleſſis. Er heirathete eine kleine Perſon, die ihm ſein Notar wählte: hypothe⸗ kenfreie Mitgift, ein Herz, das kaum geſchlagen. Er bemerkte nicht einmal, daß dieſes arme Kind, das Albine Chevrier heißt, ein reizendes, ſehr angeneh⸗ mes Geſicht, Friſche, eine ſchöne Haut, eine hübſche Hand und einen hübſchen Fuß beſaß und etwas Diſtin⸗ guirtes in ſeinem Weſen hatte. Das Wichtige für ihn war, daß man ſie mit vortrefflichen Grundſätzen vollgeſtopft, und daß ſie einen ruhigen Verſtand hatte; denn wenn er heirathete, ſo geſchah es, um das Recht zu haben, Paris zu verlaſſen, die gelben Handſchuhe, die lackir⸗ ten Stiefel und das Brenneiſen aufzugeben, um eine 16 Blouſe und dicke Schuhe zu tragen, um ſich jeden Mor⸗ gen von einer weißen Hand eine Taſſe Eſelsmilch rei⸗ chen und ſich alle Abende die Zeitungen von einer jun⸗ gen Stimme vorleſen zu laſſen; wenn er heirathete, ſo geſchah es, um ſchlafend gut zu verdauen; um die Landwirthſchaft, den Gartenbau und die Fiſcheultur zu lernen; um Niemand zu empfangen und in ſeiner Um⸗ gebung immer das Stillſchweigen und die Ruhe zu haben, mit einem Worte: um ein Ende zu ma⸗ chen, das iſt der geheiligte Ausdruck. Albine dagegen hatte geheirathet, um einen An⸗ fang zu machen; ſie hatte geheirathet, um zum Ge⸗ räuſche und zum Feſte erſt gebyren zu werden, um die Welt kennen zu lernen, um das Theater zu beſuchen, kurz, um das für eine junge Frau ſo verführeriſche Pariſer Leben zu leben. Sie mußte ihre Wünſche er⸗ ſticken vor dem ruhigen, höflichen Willen ihres Gat⸗ ten, der ihr vor Allem von der heiligen Sendung einer Gattin und von den ſtrengen Pflichten ſprach, die ſie in ſich ſchließt, der ihr die Ehe als etwas Ernſtes, ganz von Hingebungen und Opfern Erfülltes ſchilderte, der ihr auf den Kopf und auf das Herz das Eis ſei⸗ ner Erfahrung legte. Albine wagte es nicht, in einer erſten Unterredung Neigungen kundzugeben, die zu un⸗ mittelbar denen von Fernand entgegengeſetzt waren, und am andern Tage nach der Hochzeit führte ein Reiſewagen Beide nach dem Schloſſe Riballiere, das einige Meilen von Chateaurour lag. Es fiel ein kleiner, feiner Regen, und das Wetter war düſter. Albine, als man angekommen war, ſchützte Müdigkeit von der Reiſe vor, um ſich in ihre Wohnung zurückzuziehen. Das war ein großes, ſchwach von zwei Kerzen erleuchtetes Zimmer, mit einer alten Zitztapete, worauf mit dem Fiſchfang beſchäftigte Chi⸗ neſen ſichtbar; der Baldachin des Bettes und die Fen⸗ ſtervorhänge waren auch von Zitz. Ein türkiſcher Tep⸗ pich bedeckte den Boden, und um dieſes altmodiſche 17 Ameublement zu vervollſtändigen, ſah man über dem Kamin ein grün, roſenfarbig und blaues Gemälde, einen Schäfer vorſtellend, der die Sackpfeife vor zwei Schäferinnen und gekräufelten Lämmern ſpielte. Ein Eindruck eiſiger Traurigkeit bemächtigte ſich Albinens; um ihn zu verjagen, öffnete ſie eines von den Fenſtern, welche nach dem Parke gingen. Doch das Schauſpiel außen war noch trübſeliger, als das Schauſpiel innen. Der Wind hatte ſich erhoben und trieb die ſchweren Regenwolken vor ſich her, welche am bleichen Halb⸗ monde hinzogen; man ſah im Parke nur die großen Baumgruppen, die ſich ſchwarz vom grauen Himmel abhoben, und den weißlichen Lauf des die Wieſen durch⸗ ſchneidenden Baches. Albine brachte eine Stunde mit dem Ellenbogen auf die Fenſterlehne geſtützt, vom Regen gepeitſcht, zu. Sie glaubte ſich für immer verlyren in dieſer Einſam⸗ keit, und den peinlichſten Bildern ſich hingebend, ent⸗ ſchlummerte ſie erſt, als ſie des Weinens müde war. Es gibt keinen beſſeren Arzt auf der Welt, als die Sonne, und nach der Sonne die Gewohnheit. Al⸗ bine ſollte dies bald erfahren. Am andern Morgen, als ſie ihre Läden öffnete, ſchien ihr der⸗ Park ein ganz anderes Anſehen gewonnen zu haben: der Raſen war ſmaragdgrün, die Bäume boten die ſchönen fahl⸗ rothen Farben des Spätjahrs; der Fluß, aus dem ſich ein leichter Dunſt erhob, glänzte wie Silber unter einer zarten Gaze; in der Ferne weidete eine herr⸗ liche Heerde weißer und orangefarbiger Kühe auf dem Wiesgrunde. Mittlerweile ertönte die Glocke zum Frühſtück. Albine ging in den Speiſeſaal hinab, wo ſie Fernand erwartete. Unter Weges fand ſie, daß beim hellen Tage und im Sonnenſchein geſehen das Schloß weni⸗ ger traurig war, als ſie gedacht hatte. Eine Spazier⸗ fahrt ließ ſie ſodann die Schönheit der Umgebungen Fernand Dupleſſis. TII. 2 18 von Riballière ſchätzen, der zahlreiche Bäche und Mühlen in Menge viel Leben verliehen. Dieſes Zurückkommen von den erſten Eindrücken, verbunden mit der materiellen Wohlfahrt, mit der Fernand ſie zu umgeben bemüht war, führte das von ihm vorhergeſehene Reſultat herbei. Es waren nicht ſechs Wochen vergangen, als Albine, ihrer unbewußt, dem betäubenden Einfluſſe eines regelmäßigen, behag⸗ lichen Lebens erliegend, beinahe nicht mehr an Paris dachte. An was dachte ſie denn? An ihren Gatten? Nein, ihr Gatte war ihr gleichgültig. Sie dachte an harmloſe Genüſſe, an das Mittagsmahl vom vor⸗ hergehenden Tage, an das vom kommenden, an den Bau eines neuen Gewächshauſes, das an ihren Sa⸗ lon anſtieß; ſiel Schnee, ſo verſenkte ſie ſich wollüſtig in ihr Fautenuil an der Ecke eines kniſternden Feuers und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihre Ca⸗ melien. Sie ſah Fernand nur in den Stunden der Mahle und am Abend, den ſie dazu verwandten, daß ſie Bil⸗ lard ſpielten und Thee mit fleinen Kuchen zu ſich nah⸗ men. War ſie glücklich? Sie wußte es nicht. Sie wußte nur, daß ſie wohlbeleibt wurde und den Gürtel ihrer Kleider nicht mehr zuhaken konnte. Sie ging alle Tage zur ſtillen Meſſe in die Kirche des Dorfes, nicht aus einem Gefühle inbrünſtiger Frömmigkeit, ſondern weil dies, wenn ſie den Hin⸗ und Hergang berechnete, wenigſtens zwei Stunden vom Tage ein⸗ nahm. Was ſollen wir noch beifügen? Sie entwöhnte ſich ſogar des Sprechens, und Folgendes waren mit ge⸗ ringer Abwechſelung die einzigen Worte, welche die zwei Gatten austauſchten: „Meine liebe Albine, eſſen Sie doch von Dieſem, das iſt köſtlich!“ „In der That, mein Freund.“ „Albine, ein halbes Glas von dieſem Malvaſier?“ „Gern, mein Freund.“ 19 „Meine liebe Albine, werden wir morgen im offe⸗ nen oder im geſchloſſenen Wagen ausfahren?“ „Im vffenen, wenn es das Wetter erlaubt.“ „Sie haben heute Morgen in der Kirche nicht kalt gehabt?“ „Nein.“ „Haben Sie die Rechnungen der Dienſtboten und des Kochs durchgegangen? Sind ſie richtig, liebe Freundin?“ „Ganz richtig!“ Und Albine war erſt achtzehn Jahre alt! . . . Fernand Dupleſſis ſtrahlte, und alle Tage ſpendete er ſich Beifall zu ſeinem Syſteme. Seine Geſundheit war wiedergekehrt. Wie ein vollendeter Spieler, der eine Schachpartie mit irgend Einem verfolgen würde, dem kaum die Elementarregeln bekannt wären, ordnete er ſeine Exiſtenz mit Albine, ohne ſie um ihre Anſicht zu fragen. Seine Zurückhaltung ihr gegenüber, ſeine beſtändige Sorge, das zu vermeiden, was im Stande wäre, ihre Einbildungskraft zu ſtacheln, romanhafte Wünſche und Begierden zu erwecken, Alles dies ſchien ihm der höchſte Grad menſchlicher Klugheit zu ſein. Gegen ſeine macchiavelliſtiſchen Combinationen ſchätzte er das vom Verfaſſer der Phyſiologie der Ehe bezeichnete Verfahren als ein Schülerſpiel. Da die Heirath für ihn eine Art von Abſchied von den Ver⸗ gnügungen ſeiner Jugend war, ſo hatte er gerade eine blonde Frau genommen, weil er die Blonden nicht liebte, oder vielmehr, weil er in ſeinem Leben nur eine blonde Frau geliebt hatte, Madame Raymond, — und er ſah ſie mit Vergnügen dick werden, weil er einen Abſcheu vor den dicken Frauen hatte. Nach einer Ehe von drei Monaten hielt er ſich auch in jeder Hin⸗ ſicht für berechtigt, in ein Tagebuch, das er regel⸗ mäßig führte, zu ſchreiben: „Unaufhörliche Ruhe. Vollkommenes Glück. Ob⸗ gleich meine Beſcheidenheit darunter muß ich 20 mir doch ſelbſt Dank dafür ſagen, daß ich meine Zu⸗ kunft ſo verſtändig vorbereitet und geſichert habe. Ich weiß nicht, welcher Staatsmann geſagt hat, das beſte Mittel, die Völker zu knechten, ſei, ſie durch den Aberglauben zu verdummen und ſie durch die Befrie⸗ digung der materiellen Bedürfniſſe einzuſchläfern. Aus dem Geſichtspunkte des ehelichen Königthums iſt un⸗ ſere Frau das Volk von uns Ehegatten. Ich halte auch die genannte Methode für vortrefflich und bringe ſie in Ausübung.“ Was Fernand Dupleſſis mit kaltem Blute, mit Ueberzeugung that, war einfach abſcheulich, verbreche⸗ riſch. Aller Dinge überdrüſſig, hatte er nur eine Ge⸗ fährtin ungenommen, damit ſie ihn pflege; da er ſie nicht als Geliebte behandeln wollte, ſo behandelte er ſie als Krankenwärterin; und weil er zu viel geliebt hatte, maßte er ſich das Recht an, ſie zu verhindern, ein wenig zu lieben. Nachdem er die reizenden In⸗ ſtincte des Mädchens zurückgedrängt, tödtete er mora⸗ liſch die Frau. Das war ſchändlich und das war un⸗ geſchickt. Doch die Strafe war nahe. Eines Morgens erhielt Fernand ein Billet ohne Unterſchrift. Man verlangte von ihm ein Rendezvous bei einem von ſeinen Pachthöfen. Er glaubte, dieſer Brief komme von Ceſarine, doch er täuſchte ſich. Ein Mann erſchien beim Rendezvousz er kam im Auftrage von Jean Raymond, der, in einem politiſchen Duell ſchwer verwundet und von der Polizei verfolgt, ſich mit ſeiner Mutter in die Nähe des Schloſſes Riballiére geflüchtet hatte. Fernand war als Royaliſt bekannt: er ſchätzte ſich gluͤcklich, ſeinem alten Schulkameraden ein Aſyt anbieten zu können, wo es Niemand einfal⸗ len würde, Verſchworene zu ſuchen, und er dankte dem Zufall, der ihn in den Stand ſetzte, theilweiſe das Böſe, das er einſt verurſacht hatte, wieder gut zu machen. 5 21 Die Strafe zog mit Jean Rahmond in das Schloß Riballiére ein. Heimgeſucht in dem ſelbſtſüchtigen Innern, das er ſich ſchändlicher Weiſe geſchaffen hatte, fühlte ſich Fernand Dupleſſis von den feigen Beſorg⸗ niſſen befallen, welche ein ſchlecht befeſtigtes Gewiſſen verrathen: er fürchtete die Schönheit von Jean Rah⸗ mond, ſeinen überlegenen Geiſt, ſeinen erhabenen Verſtand; er hatte bange, mit ihm in den Augen von Albine in Parallele zu treten. Dieſer Mann, der geſtern ſeiner noch ſo ſicher, ſchauderte bei der erſten Eventualität einer Gefahr. Er ſagte zu ſeiner Frau: „Meine liebe Albine, es wäre gut, wenn Sie ſich gegen Jean zwar ſehr artig, aber mit großer Zurück⸗ haltung benehmen würden.“ „Wie Sie wollen; was ich aber am Flarſten in Ihrer Ermahnung ſehe, iſt, daß ich Ihren Freund ſehr kalt empfangen ſoll.“ „Es gibt eine Mitte zwiſchen dieſen beiden Er⸗ tremen. Sie fühlen, es iſt für Sie, für mich, für den Wohlanſtand unerläßlich, daß Sie in Ihren Be⸗ ziehungen zu meinem Freunde mit außerordentlicher Umſicht zu Werke gehen. Sie find eine junge und hübſche Frau, Jean iſt auch jung. Sie werden wohl daran thun, ſo viel als möglich Geſpräche mit ihm unter vier Augen zu vermeiden.“ „Warum ſollte ich mit Herrn Jean Geſpräche un⸗ ter vier Augen haben?“ „Ich weiß wohl, daß er ſie nicht ſuchen wird; aber der beſſere Geſchmack heiſcht, ſich ſolchen Einzeln⸗ unterhaltungen zu entziehen.“ „Ei! was ſollte mir denn Ihr Freund unter vier Augen ſagen?“ „Sicherlich nichts, was nicht ſehr anſtändig wäre.“ Auf dieſem Punkte geſchlagen, wandte er ſich gegen Jean, zu dem er ſagte: „Das iſt ſeltſam! bei der eraltirten, faſt heroi⸗ 22 ſchen Seite Deines Charakters haſt Du nie Herzens⸗ verbindungen geſucht?“ „Bei meiner Treue! nein,“ antwortete Jean. „Ah! mein armer Jean, Du biſt vielleicht, nach dem Sprüchworte, nur zuruͤckgewichen, um beſſer zu ſpringen. Sage mir, wenn Du an einen ſchönen Mor⸗ gen närriſch verliebt erwachen würdeſt?“ „Geh' doch!“ „Hm! hm! Du ſchwörſt zu hoch!“ „Im Ganzen, mein lieber Fernand, wenn Dir durchaus daran gelegen iſt, daß ich mich eines Tags verliebe . „Wie? es iſt mir gar nicht daran gelegen . im Gegentheil!“ Er häufte ſo eine ungeſchicklichkeit auf die andere und bereitete ſich ſelbſt rächende Qualen. Neben die⸗ ſen erwachte lebhafter und jeden Tag wahnſinniger ſeine alte Liebe für Madame Rahmond, der die Jahre bei⸗ nahe Nichts von ihrem blendenden Glanze genommen hatten. Es war immer noch dieſes anbetungswürdige Geſicht mit den aſchblonden Haaren, dieſes ſo wohl⸗ wollende und feine Lächeln, das Perlzähne entblößt ließ, dieſe Phyſiognomie ſo rein wie die Tugend, ſo bezaubernd wie die Grazie. Fernand, der nun Muße hatte, ſie zu jeder Stunde zu ſehen, berauſchte ſich lange und uzſelig in ihrem engeliſchen Worte und in ihren gedankenvollen Blicken. Selbſt bei Nacht war er von ihr nur durch eine Mauer getrennt, in deren Innerem man einſt einen, durch eine bewegliche Füllung maskirten, Gang ange⸗ bracht hatte. O Schwindel! in einer Nacht wagte es ſeine verwegene Hand, ſachte die Füllung in ihren Falze zurückzuſchieben, und ohné ein unvorhergeſehenes Ge⸗ räuſch, das ſich bei der Thüre hörbar machte, wäre die Mutter von Jean ſchändlich entehrt geweſen. Am andern Morgen bei Tagesanbruch verließ ſie das Schloß Riballiére mit ihrem Sohne, dem ſie, aus — — 23 einem Ueberreſte von Großmuth gegen Fernand, nichts von dem Attentate mittheilte. Mußte aber die plötzliche und bezeichnende Abreiſe von Madame Raymond Fernand Dupleſſis zur ewigen Schmach gereichen, ſo follte die von Jean den Tod von Albine verurſachen: ſie hatte ihn in der Stille geliebt; indem er wegging, nahm er ihr Leben mit ſich, und nach einer Ehe von fünfzehn Monaten er⸗ loſch die Arme in dem großen, melancholiſchen Zim⸗ mer mit der chineſiſchen Tapete, wo ſie am Tage ihrer Ankunft alle Thränen ihrer Jugend geweint hatte. Um jene Zeit ſprach man in Paris nur von dem glänzenden Aufwand eines reichen Amerikaners Na⸗ mens Jefferſon, welcher eine aller Orten als ein Wun⸗ der von Schönheit, Geiſt und Stolz berühmte Frau geheirathet hatte. Frau Jefferſon war aber keine Andere, als Ceſa⸗ rine, die Stieftochter von Madame Robin, die Witwe des unglücklichen Hyaeinthe. Hier ſchließt die erſte Abtheilung unſeres Romans. Und nun beginne die fühnende Geſchichte von Fernand Dupleſſis. J. Indem ich meine Denkwürdigkeiten zu ſchreiben fortfahre, fühle ich das Bedürfniß, mir ſelbſt zu ſagen, wenn ſie keinen andern Zweck hätten, als den, die verſchiedenen Phaſen eines Lebens zu erzählen, das ſo unbedeutend iſt, wie das meinige, ſo würde ich die⸗ ſes traurige, peinliche Bekenntniß nicht fortſetzen, Da aber, mit ſeltenen Ausnahmen, jeder Menſch unge⸗ fähr allen Menſchen von einer der ſeinigen ähnlichen Lage gleicht, ſo werden, wie ich hoffe, einige Lehren aus dieſer Erzählung entſpringen können, deren einziges Verdienſt eine gegen mich unerbittliche Aufrichtigkeit iſt. Der Tod von Albine, meiner erſten Frau, verur⸗ ſachte mir einen heftigen Kummerz; ich hatte das Be⸗ wußtſein ber unwürdigen Selbſtſucht, der ich dieſe Con⸗ venienzheirath ſchließend Folge geleiſtet; ich be⸗ klagte bitter die Fehler, die ich während der kurzen Dauer dieſer Verbindung begangen, in der ich das Glück hätte finden können, würde ich mich darauf be⸗ ſchränkt haben, die weiſen Rathſchläge von Madame Raymond zu befolgen, ſtatt mich ganz meiner tollen Liebe für ſie hinzugeben. Der Aufenthalt in Riballiere wurde mir unerträg⸗ lich; überdies nöthigten mich noch andere Beweggründe, dieſen Ort zu verlaſſen. 25 Die Revolution von 1830 brachte vielen Privat⸗ intereſſen einen unglücklichen Schlag bei; ich hatte mich mit beträchtlichen Summen bei einer Bodenmehl⸗ fabrik betheiligt; dieſe Summen waren gefährdet; meine Geſchäftsleute riethen mir, das Etabliſſement, deſſen ſtiller Geſellſchafter ich war, nicht fallen zu laſ⸗ ſen, und ſo entſchloß ich mich, in der Hoffnung, meine Kapitalien, welche ſchon ſehr auf dem Spiele ſtanden, nicht zu verlieren, zu neuen Opfern; ſie verzögerten nur meinen Ruin, und Alles wurde verſchlungen. Ich hatte auf mein Gut beinahe die Hälſte ſeines Werthes entlehnt; als der Augenblick der Zurückzah⸗ lung kam, war es mir unmöglich, meine Gläubiger zu befriedigen; was ich für mein Eigenthum erhielt, das zum Verkaufe in einer Zeit ausgeſetzt wurde, wo alle Immobilien eine ungeheure Entwerthung erlitten, war kaum hinreichend zu Berichtigung meiner Schulden. Als meine Geſchäfte liquidirt waren, blieb mir eine Rente von ungefähr zwölf tauſend Livres, abgeſehen von der Mitgift von Albine, die ich nach den Beſtimmungen unſeres Ehevertrags be⸗ erbte; doch es ſchien mir ſchmählich, von dieſem Rechte Gebrauch zu machen und mich durch den Nachlaß dieſes unglücklichen Kindes zu bereichern, das ſo jung geſtorben, und dem ich das Daſein ſo peinlich gemacht. Ich gab die Mitgift der Familie von Albinen zu⸗ rück; dieſe Leute waren im höchſten Maße erſtaunt und konnten nicht an das glauben, was ſie meine be⸗ wunderungswürdige Uneigennützigkeit nannten. Was man als ein Opfer von meiner Seite be⸗ trachtete, koſtete mich indeſſen, ich geſtehe es, ſehr we⸗ nig. Ich hatte dem beinahe ganzen Verluſte meines Ver⸗ mögens mit einem Stoieismus, über den ich mich ſelbſt wunderte, in's Geſicht geſehen. Dieſer Ruin würde mich vielleicht betrübt haben, 26 hätte er mich zu einer Zeit betroffen, wo mein Herz zufrieden, mein Geiſt ruhig geweſen wären; doch ge⸗ quält durch die Erinnerung an Albine und auch durch die Erinnerung an die gerechte und niederſchmetternde Verachtung von Madame Raymond, ſah ich mich ohne großen Kummer vom Reichthum zur Mittelmäßigkeit herabſinken. MWit mir ſelbſt unzufrieden, traurig, niedergeſchla⸗ gen, ſchienen mir, nachdem ich ſeit langer Zeit auf die geräuſchvollen Vergnügungen der Welt verzichtet, ummlch auf das Gut zurückzuziehen, das ich ſpäter zu verkau⸗ fen genöthigt war, zwölftauſend Livres völlig 4 für die neue Lebensart, die ich ergreifen wollte. Die Liquidation meiner Geſchäfte, die mich ſogleich nach dem Tode meiner Frau nach Paris rief, zer⸗ ſtreute mich nothwendiger Weiſe von meinem Schmerze; als meine Intereſſen geordnet waren, machte auch mein Kummer einer tiefen Melancholie, einem Bedürf⸗ niſſe nach einer einſamen und einfachen Exiſtenz Platz, welche übrigens vollkommen mit der Mittelmäßigkeit meines Vermögens im Einklange ſtand. Was ſoll ich ſagen? Ich fand eine Quelle von Poeſie in meinem Ruine! Die Wandelbarkeit, die Widerſprüche unſerer Begierden und Wünſche ſind ſo ſeltſam! Des Pariſer Lebens müde, in der Abſicht, meine durch die Ausſchweifungen erſchütterte Geſundheit wie⸗ derzubefeſtigen, im Glauben, ich beſitze den Geſchmack für die Zurückgezogenheit und das Landleben, oder die⸗ ſen Geſchmack wirklich beſitzend, hatte ich geheirathet, um auf meinen Gütern zu leben, hoffend, ich werde meine Tage im Frieden bei'meiner Frau, in den Süſ⸗ ſigkeiten des häuslichen Herdes, ſo wie ich ihn mir träumte, beſchließen, und der Zufall führte mich als Witwer und auf einen beſcheidenen Wohlſtand be⸗ ſchränkt nach Paris zurück. 6 27 Der Gedanke, in dieſer Stadt zu wohnen, wo ich einſt, wie man zu ſagen pflegt, ein großartiges Leben geführt hatte, widerſtrebte mir entfernt nicht, ſondern gefiel mir vielmehr; entſchloſſen, in einer völligen Ver⸗ einzelung zu leben, gewährte es mir eine Art von traurigem Reiz, dieſe Vereinzelung gerade im Mittel⸗ punkte der Beluſtigungen, der Eleganz und der Künſte zu genießen. Ich erinnerte mich, um ſie zu erneuern, jener Er⸗ eurſtonen in unſere verſchiedenen Muſeen, die ich einſt in Geſellſchaft des armen Hyacinthe und von Ceſarine unternommen, welche ich ſeit unſerer Trennung nie mehr getroffen; ich wußte nur, daß ſie ſich länaſt mit einem coloſſal reichen Amerikaner Namens Jefferſon wieder verheirathet hatte. Ich erſchaute im Halbdunkel eine Art von Ein⸗ ſiedlerexiſtenz, getheilt zwiſchen dem Spaziergang, der Lecture und der Bewunderung der Meiſterwerke der Kunſt; meine früheren Gewohnheiten eines großen Luxus, meine landwirthſchaftlichen Beſchäftigungen, meine verſchwundenen Träume in Betreff der friedlichen Genüſſe des häuslichen Heerdes, ließen kein Bedauern in mir zurück. „Alles iſt ſchön, wenn es noch neuiſt,“ ſagt das finnreiche Volksſprüchwort; mein neues Leben gefiel mir in der That. Ich hatte in der Rue Courcelles, einem damals ſehr öden Quartier, ein kleines Haus, umgeben von einem großen Garten, gemiethet; dieſe Wohnung wurde bequem, aber ohne Lurus eingerichtet; mein ganzes Geſinde beſtand aus meinem Kammerdiener Dupin; die Portiere des Hauſes bereitete mir mein Frühſtück, und nach einem langen Spaziergange in der Umgegend von Paris kam ich zurück und ſpeiſte beſcheiden zu Mittag bei einem ſehr guten Reſtaurateur, vor der Barrière de Clichy, in der Nähe meiner Wohnung. Ich machte auch lange Stationen in unſeren verſchie⸗ 28 denen Muſeen; einen Theil der Bibliothek von Ribal⸗ liere hatte ich behalten; ich las viel, und oft beſchwor ich, in eine ſchwermüthige Träumerei verſunken, das rührende Andenken an Albine und zuweilen auch das an Madame Rahmond wieder herauf. Ich wollte keine von meinen alten weltlichen Ver⸗ bindungen wieder anknüpfen, weniger noch, weil ich dieſer glänzenden und leichtfertigen Exiſtenz müde war, von der ich ſo ſehr Gebrauch und Mißbrauch gemacht hatte, ſondern aus einer Art von Stolz, den ich mir nicht geſtand. Ohne Bedauern nahm ich, in Folge meiner neuen Philoſophie, die Mittelmäßigkeit meiner Lage an, aber ich wäre vor den Augen meiner ehemaligen Vergnü⸗ gensgefährten darüber erröthet. Ich wußte nichts vom Schickſale von Jean und ſeiner Mutter, und ohne mich ſonſt mit Politik zu be⸗ ſchäftigen, vermuthete ich, nicht ohne Grund, der Gang der Dinge muͤſſe den Hoffnungen von Madame Raymond und ihrem Sohne, treu ergebenen Parteigän⸗ gern der Republik, einen ſchmerzlichen Schlag bei⸗ bringen. Seit meiner Rückkehr nach Paris war ich gleich⸗ ſam nicht in die Stadt hineingekommen; meine Woh⸗ nung, welche ganz nahe bei der Barrisre de Monceau lag, erlaubte mir, die Felder durch beinahe verödete Straßen zu erreichen. Aus meiner Einſamkeit hörte ich mit einer Art von philoſophiſchen Verachtung das weltliche Geräuſch der Hauptſtadt des Lurus und der Vergnügungen; meine Wünſche fortan nach dem Ariome des Weiſen auf „eine glückliche Mittelmäßig⸗ keit“ beſchränkend, ſagte ich zu mir ſelbſt: „Ich habe auch reizende Geliebten, muntere Ge⸗ ſpanne gehabt; von mir wurde auch geſprochen wegen meiner Eleganz; ich war von der beſten Geſellſchaft aufgeſucht. Eitelkeit! Eitelkeit! „Später lebte ich auf meinem Gute als vornehmer 29 Herr; ich hatte eine junge und hübſche Frau, ein vor⸗ treffliches Haus, eine herrliche Jagd, Felder, deren Cultur den Neid meiner Nachbarn erregte, prächtiges Vieh, das ich mit großen Koſten aus Flandern und England hatte kommen laſſen. Eitelkeit! Eitelkeit! „Meine Frau iſt vor Kummer geſtorben, in's Grab gebracht durch ihre Liebe für einen Andern, als für mich; ich habe mich zu Grunde gerichtet, indem ich meine Güter in Ertrag ſetzen wollte und meine Fonds in der Induſtrie anlegte; dieſe Beſchäftigungen verur⸗ ſachten mir nur Sorgen. „Ach! es ſind mir die Augen für immer über ſo viele Illuſtonen aufgegangen! Ich bin dreißig Jahre alt, in moraliſcher Hinſicht aber ſechzig; meine Sinne ſind erloſchen, mein Herz iſt in Eis verwandelt; Madame Raymond iſt die letzte Frau, die es ſchlagen gemacht haben wird, und denke ich zuweilen noch an ſie, ſo ge⸗ ſchieht es, um meine lächerliche, tolle Liebe zu veiflu⸗ chen, die mir die gerechte Verachtung dieſer ſo ausge⸗ zeichneten, ſo ehrbaren Frau zugezogen hat. Ja, ja, meine letzten Illuſtonen find verſchwunden. „Weit entfernt, mich zu beklagen über das Schick⸗ ſal, das mich von den Widerwärtigkeiten des Reichthums, von den Plackereien der Geſchäfte, für dte ich nie eine Geſchicklichkeit beſaß, befreit hat, bin ich beinahe ge⸗ neigt, den Ereigniſſen, die mir eine beſcheidene und dunkle Exiſtenz auferlegen, hiefür Dank zu ſagen. „Paris und ſeine Berauſchungen ſind hier vor meiner Thüre; aber ſtark durch meine Erfahrung und meiner Geſundheit mich freuend, verachte ich Paris und ſeine Berauſchungen. „Die Lecture, der Spaziergang, die Träumerei füllen meine Mußeſtunden aus. Ich ſinde hinreichende Mittel in mir ſelbſt, um der ganzen Welt entbehren zu können und mich nicht den Täuſchungen der Freund⸗ ſchaft auszuſetzen. 30 „Ich bin abgeſtumpft, ich bin miſanthrop, gut; nicht Jeder, der will, iſt abgeſtumpft, miſanthrop!“ Bieſe Miſanthropie währte mehrere Monate; ſie waren, wenn nicht die glücklichſte, doch wenigſtens die ruhigſte Zeit meines Lebens; ich war ſo ſtolz auf das, was ich meine Seelenſtärke und meine Befreiung von allen Irrthümern nannte; ich war in dieſer Hin⸗ ſicht ſo ſehr meiner ſelbſt ſicher, daß mir eines Tages folgender ſeltſame Gedanke kam; „Ich will mir das Vergnügen machen, dieſe glän⸗ zende Welt, in der ich einſt lebte, und deren Götzen⸗ diener ich war, zu verſpotten,“ ſagte ich zu mir ſelbſt; „es iſt nicht genug für mich, daß ich ſie aus der Ferne verachte, ich will ſie in's Geſicht und in ihrem glänzendſten Mittelpunkte verachten. „Es iſt heute Abend Vorſtellung in der Italieni⸗ ſchen Oper, ich werde dahin gehen, nicht wie früher in die Loge einer Geliebten, ſondern in's Parterre, wie der Demüthigſte der Sterblichen; .. ich werde mich in's Theater begeben, nicht wie einſt in meinem Wagen, mit ausgezeichneter Eleganz gekleidet; ich werde zu Fuß gehen, in einem groben Ueberrock, meinen Regenſchirm unter dem Arme; und hin ich einmal in dieſem Tempel der Mode, mit welcher ſtolzen Ver⸗ meſſung werde ich der Mode, einer albernen Gottheit, deren einfältiger Sklave ich einſt war, in's Geſicht lachen! Mit welcher Selbſtbefriedigung, mit welchem Vertrauen zu meiner Weisheit werde ich in meine theure Einſamkeit zurückkehren, nach dieſem wie eine Herausforderung lächerlichen Eitelkeiten zugeworfenen Fahrewohl! „Nach Hauſe zurückgekehrt, will ich ſodann meine philoſophiſchen Eindrücke während dieſes Abends nie⸗ derſchreiben; das wird mir eine vortreffliche Gelegen⸗ heit ſein, mein ſeit dem Tode der armen Albine ge⸗ ſchloſſenes Tagebuch wieder zu eroͤffnen.“ Als dieſer wunderliche Entſchluß gefaßt war, er⸗ 31 wartete ich ziemlich ungeduldig die Stunde, mich zu den Italienern zu begeben, und gegen ſechs Uhr, darich einen Zeugen meiner Seelenſtärke haben wollte, ſagte ich zu meinem Kammerdiener in dem Augenblick, wo ich mich anzukleiden im Begriffe war: „Es iſt heute Dienſtag, nicht wahr, Dupin?“ Herr.“ „Ich wollte hierüber Gewißheit haben, da ich in die italieniſche Oper gehen werde.“ „Ach! mein Gott!“ rief Dupin, die Hände fal⸗ tend, „warum haben Sie mich nicht früher hievon in Kenntniß geſetzt, mein verehrteſter Herr? Ich hätte einen Remiſe⸗Wagen geholt. . Ich hätte ſeidene Strümpfe, lackirte Schuhe, eine Abendtvilette bereit gehalten. .. Mun werden Sie warten müſſen Ich laufe, um mich in der Nachbarſchaft nach einem Wagenvermiether zu erkundigen, wenn nicht etwa.. doch nie werde ich es wagen, dies vorzuſchlagen ...“ „Schlagen Sie immerhin vor, mein lieber Du⸗ pin . „Sie würden einwilligen, in einem Fiacre zu den Italienern zu fahren?“ „Nein, denn ich gehe zu Fuße.“ „Zu Fuße! es hat ja den ganzen Tag geregnet.“ „Mit den guten ſchweren Stiefeln mit doppelten Sohlen, mit meinem dicken Ueberrock und meinem Schirme fürchte ich weder Koth, noch Regen, mein lieber Dupin.“ „Schwere Stiefel! einen Regenſchirm! einen Ueber⸗ rock! um zu den Italienern zu gehen,“ verſetzte der ſehr an den Förmlichkeiten hängende Diener mit einem ſchmerzhaften Erſtaunen; „haben Sie denn auch be⸗ dacht, mein lieber Herr?“ „Wie?“ ſagte ich, indem ich mir den Anſchein der erwunderung gab; „was iſt denn hiebei ſo Außer⸗ ordentliches?“ 32 „Aber Sie können ja bei den Italienern einige von Ihren Bekannten treffen? ...“ „Ich hoffe es.“ „Und wenn man meinen guten Herrn ſo wenig ſchicklich, für einen Opern⸗Abend, gekleidet ſieht, ſo wird man glauben, er ſei völlig zu Grunde gerichtet.“ „Mein lieber Dupin, iſt Ihnen Ihr Lohn pünkt⸗ lich bezahlt worden?“ „Gewiß.“ „Belagern Gläubiger meine Thüre?“ „Nie gar nie.“ „Das genügt meinem Bewußtſein.“ „Gut, gut! aber bedenken Sie doch, mein lieber Herr, ich beſchwöre Sie! mit einem Regen⸗ ſchirm bei den Italienern ankommen, Sie, der Sie ſonſt immer aus einer ſo ſchönen Equipage ausſtiegen! WMein Gott! was wird die Welt ſagen?“ „Die Welt! ah! die Welt? gerade um ihr zu beweiſen, daß ich mich den Teufel darum be⸗ kümmere, was man ſagen wird, gehe ich heute Abend in dieſem Aufzuge zu den Italienern. Geben Sie mir meinen Regenſchirm.“ „Beſter Herr!“ rief Dupin mit einem kläglichen Ausdrucke, „laſſen Sie mich Ihnen eine Abendtvilette beſorgen ich werde ſodann einen Remiſe holen. Es iſt erſt halb fünf Uhr .. . und wenn es ſein muß Hören Sie! .. . rief mein Kammerdiener in einem Aufſchwunge heldenmüthiger Opferwilligkeit, „ja, wenn es ſein muß obſchon ich kein Livreediener und in meinem Leben nicht hinten auf einen Wagen geſtiegen bin ich werde hinten auf den Remiſe ſteigen, um einen Lackei vorzuſtellen Ich bitte nur um Erlaubniß, eine große Halsbinde in Form eines Naſenbedeckers umlegen zu dürfen, um nicht er⸗ kannt zu werden.“ Die Selbſtverleugnung dieſes neuen Caleb machte mich lächeln; ſeine lächerliche, aber aufrichtige Angſt —— 8 M . 33 vor dem Gräßlichen, auf das ich ſann, bezeichnete richtig das alberne Gewicht, das die Welt auf dieſe kindiſchen Dinge legt, aus denen das beſteht, was man das elegante Leben nennt. Ich antwortete auch Dupin mit eben ſo viel Selbſtzuftiedenheit, als hätte ich mich angeſchickt, mit Gefahr meines Lebens ein furchtbares Vorurtheil Breſche zu ſchießen: „Geben Sie mir meinen Regenſchirm, mein lieber Dupin! Ich weiß Ihnen Dank für Ihre muthige Er⸗ doch ich werde zu Fuße zu den Italienern gehen!“ Der arme Mann gab einen langen Seufzer der Reſignation von ſich, begleitete mich bis zur Thüre, öffnete dieſe und fagte nur noch mit einem Ausdrucke tiefen Kummers und ehrerbietigen Vorwurfs: „Ah! Herr, ah! Herr!“ Ach! Alles dies ſcheint in der That kindiſch und elend . Die Zufälle des menſchlichen Geſchickes ſind jedoch ſo, daß dieſer Abend einen unglücklichen Ein⸗ fluß auf mein Leben üben ſollte. Als ich nach der Vorſtellung in meine Wohnung zurückkam, fügte ich folgende Blätter meinem ſeit dem Tode von Albine unterbrochenen Tagebuche bei. Januar 1831. Ich komme von der Italieniſchen Oper zurück. Es iſt für mich von der höchſten Wichtigkeit, auf⸗ richtig hier die Gefühle zu bekennen, die dieſer Abend in mir hinterlaſſen hat. Leſe ich dieſe Zeilen wieder, ſo werde ich vielleicht für die Zukunft eine nützliche Warnung darin finden. So niedergeſchrieben, erſcheinen mir meine Gedanken immer ſchärfer ausgedrückt und bieten mir dann Stoff zu langen Reflerionen; ſie verhindern mich allerdings ſelten, das Schlimme zu thun; doch iſt es gethan, ſo Fernand Dupleſſis. III. 3 34 habe ich das Bewußtſein davon, die Gewiſſensbiſſe, und ich begehe es nicht mehr. Oſt habe ich dieſes von mir zur Zeit meiner Ehe geſchriebene Tagebuch wiedergeleſen, und aus dieſem Leſen, wobei ich die Trübſale meiner Frau, die Fol⸗ gen meiner Selbſtſucht geſchildert fand, ſchöpfte ich den Entſchluß, die Mitgift von Albine ihrer Familie zurückzugeben, und den unerſchütterlichen Willen, nie mehr, was auch geſchehen möge, eine Convenienzhei⸗ rath einzugehen. Dieſen Abend ging ich alſo muthig, mit leichtem Herzen, die Stirne hoch, von Hauſe weg, und nach⸗ dem ich beſcheiden in einem Gaſthauſe in der Nähe des Theaters zu Mittag geſpeiſt hatte, begab ich mich in die Italieniſche Oper. Es regnete in Strömen, die Straßen waren voll Koth, doch im Vertrauen auf meine dichte Fußbeklei⸗ dung patſchte ich mit Heiterkeit und in tiefer Ver⸗ achtung aller Spritzer; ich kam in die Gegend des Theaters, wo ſchon in langer Reihe Wagen fuhren, in denen ich durch den Wiederſchein der Lakernen meh⸗ rere junge und hübſche Frauen erblickte. Ich hatte einſt in der Geſellſchaft Einige von ihnen gekannt, und ich würde unerſchrocken ihren Blicken getrotzt ha⸗ ben, doch ſie verweilten nicht auf mir; meine Schritte beſchleunigend, um der Reihe der Wagen zuvorzukom⸗ men, gelangte ich zu dem Bureau, wo man die Billets nimmt; ich forderte ohne das geringſte Zögern einen Parterre⸗Platz (zum erſten Male in meinem Leben ging ich in's Parterre), und ich trat unter das Periſtyl, um meinen von Waſſer triefenden Regenſchirm abzugeben; ich war bis an die Kniebeugen beſchmutzt und in einen dicken, braunen, langhaarigen, von oben bis unten zu⸗ geknöpften Ueberrock gekleidet. Während ich beim Bureau wartete, bis man eine Nummer an meinen Schirm geheftet hatte, gingen mehrere ſehr elegant gekleidete Damen in Begleitung 35 von nicht minder eleganten Herren, welche wie ſie aus dem Wagen geſtiegen waren, die Stufen der breiten, halb mit einem rothen Teppich bedeckten, Treppe des erſten Ranges hinauf. Trotz meines Muthes empfand ich eine kleine Herzbeklemmung, indem ich an meinen ſchofeligen An⸗ zug dachte; doch bald ſchämte ich mich dieſer Schwäche, und als ich gerade bei mir Frau von N. .., die ich einſt ſehr oft in mehreren Salons getroffen, vorüber⸗ gehen ſah, ſchaute ich ſie feſt an; ſie machte eine leichte Bewegung, und ich las deutlich in ihren hübſchen Zü⸗ gen den Gedanfen: „Das Geſicht dieſes Herrn iſt mir nicht unbe⸗ kannt.“ Dann kam ohne Zweifel die Reflerion: „Rein, das iſt nicht möglich, Herr Dupleſſis, ein Merveil⸗ leux, würde nicht in einer ſolchen Kleidung in die Ita⸗ lieniſche Oper gehen! Dieſer Mann gleicht ihm aber auffallend.“ Der Diener hatte mir ſo eben die Nummer mei⸗ nes Regenſchirms übergeben, als ich mich, da ich mich umwandte, um in den Saal einzutreten, einem mit ausgeſuchter Eleganz gekleideten Herrn gegenüber ſah; er führte am Arme eine reizende junge Frau, hinter der ein kleiner, ſehr häßlicher Hinkebein ging, ohne Zweifel der Gatte, denn er ſagte zu der jungen Frau: „Meine liebe Freundin, auf welche Stunde ſoll ich Ihre Leute beſtellen?“ Während die junge Frau ſtehen blieb, um zu ant⸗ worten und ihre Befehle einem Lackei zu geben, rief der Herr, der ſie begleitete, indem er mich anſchaute: „Ah! Dupleſſis, wie, Du biſt es?“ Derjenige, welcher mich ſo anrief, hieß Graf von Vareuil, heute Cavalerie⸗Oberſt, und einſt mein Kame⸗ rad, als wir Beide bei den Gardes⸗du⸗corps dienten. Zu jener Zeit hegten wir eine ſtarke Antipathie gegen einander; es war daraus ein Duell erfolgt, herbeige⸗ führt durch ſehr leichtſertige iases und ich gab 36 Vareuil einen Degenſtich. Begegneten wir uns aber ſeit meinem Austritte aus dem Dienſte zufällig, ſo lebten mir auf ziemlich gutem Fuße mit einander. Vareuil war vollkommen ſchön, hoch gewachſen, ein Mann von reizender Tournure, ſehr elegant, ſehr tapfer, zugleich aber auch ſehr geckenhaft, zum Spotten geneigt und ſehr einfältig. Seine Gegenwart wäre mir in jedem andern Augenblick gleichgültig geweſen; doch er begleitete eine reizende junge Frau, und ich fühlte, wie ich unwillkürlich erröthete, als er ſtehen blieb und, indem er mich mit einem Erſtaunen, das an Unverſchämtheit gränzte, maß, zu mir ſagte: „Ah! Dupleſſis! wie, Du biſt es?“ „Ja, ich bin es,“ antwortete ich Vareuil mit feſter Stimme, als meine erſte Unruhe ſich beſchwich⸗ tigt hatte; dann fügte ich bei, da ich nicht den An⸗ ſchein haben wollte, als beabſichtigte ich, mich dieſem Geſpräche zu entziehen: „Es iſt lange her, daß wir uns nicht geſehen . Du mußteſt avanciren?“ „Ich bin Oberſt . . Aber woher des Teufels kommſt denn Du, mein Lieber? Du biſt abſcheulich aufgeputzt, und dabei durchnäßt, mit Koth bedeckt wie ein Pudel!“ Die junge Frau, welche Vareuil am Arme führte, wandte ſich gegen mich um und machte eine Bewegung des Erſtaunens; denn ſie begriff ohne Zweifel nicht, welche Bezichungen zwiſchen dem eleganten Oberſten und einem ſo ſchlecht gekleideten Manne, wie ich es war, beſtehen könnten. Mein ehemaliger Kamerad, der ſich wahrſcheinlich meines ſchlechten Ausſehens ſchämte und das Erſtaunen der jungen Frau wahrnahm, ſagte zu ihr mit einem Ausdrucke leichten Spottes an mich gerichtet: „Madame, ich ſtelle Ihnen Herrn Dupleſſis, mei⸗ nen ehemaligen Kameraden bei den Gardes vor .. So wie Sie ihn ſehen, hatte er fünfzigtauſend Livres 37 Einkünfte.“ Dann grüßte er mich mit einer Protee⸗ torsmiene und fügte bei: „Adieu, mein Lieber.“ Wonach der Oberſt, mir den Rücken zukehrend, mit der reizenden Frau am Arme, der der kleine Häßliche, ihr Gatte, nachhinkte, behende die Treppe hinauſſtieg. Obgleich abgeſchmackt, hatte die Anſpielung, welche Vareuil auf das Vermögen, das ich früher beſaß, ge⸗ macht, doch nichts Beleidigendes; dennoch wurde ich purpurroth, und meine erſte, faſt unwillkürliche Be⸗ wegung war, daß ich Vareuil folgte, der immer wei⸗ ter die Stufen der Treppe hinaufſtieg; aber plötzlich S ich die grobe Stimme des Controleur mir zu⸗ rufen: „Hel. Herr! Herr! . dieſe Treppe führt erſten Rang, und Sie haben nur ein Parterre⸗ illet.“ Bei dem an mich gerichteten Zurufe: „He! Herr!“ drehten ſich Vareuil und die junge Frau um, ſobald ſie aber das Ende der Worte des Controleur ver⸗ nommen, gingen ſie vollends die Treppe hinauf; ich hörte Vareuil laut lachen; mein Zorn verdoppelte ſich, und ich ſtieg auch noch eine Stufe hinauf. „Aber, mein Herr, gehen Sie doch herab!“ rief mir der Controleur zu; „ich ſage Ihnen noch einmal, dieſe Treppe führt zu den Logen des erſten Rangs, und Sie haben nur ein Parterrebillet!“ Ich ſah ein, meine Verfolgung wäre vergeblich, und blieb verlegen ſtehen mitten unter Neuankommen⸗ den, die durch ihre Blicke und durch ihr ſpöttiſches Lächeln zu ſagen ſchienen: „Iſt dieſer Menſch verrückt? Bildet er ſich mit ſeinen beſchmutzten Stiefeln und ſeinem abſcheulichen Ueberrock ein, die erſten Logen ſeien für ihn gemacht?“ I=ch ſtieg alſo wieder die Treppe hinab, jedoch in einem ſolchen Zuſtande von Aufregung, daß ich im Be⸗ griffe war, den Saal zu verlaſſen; ich empörte mich indeſſen gegen dieſe neue Schwäche, wollte bis zum Ende 38 meine Erfahrung an mir ſelbſt machen und nahm mei⸗ nen Platz im Parterre. Was ich empfand, war ſeltſam. Seit meiner Verheirathung hatte ich völlig auf das verzichtet, was man die Freuden der Welt nennt, deren ich müde, ſatt war; als ich mich aber wieder mitten in dieſem von Vergoldungen und Lichtern fun⸗ kelnden, mit glänzend geputzten Damen gefüllten Saale befand; als ich abermals dieſe Atmoſphäre des Lurus und der raffinirten Eleganz einathmete; als ich dieſe Logen wiederſah, wo ich mich wenige Jahre früher zu einer Geliebten geſetzt hatte; als ich dieſe berau⸗ ſchende Muſik hörte, welche die Ohren eben ſo ſehr bezaubert, als der Anblick des Saales die Augen, da glaubte ich aus einem Traume zu erwachen. Meine ſtolze Verachtung der menſchlichen Eitelkeiten erbleichte und verſchwand vor der Gluth einer Menge wie⸗ derentſtehender Wünſche. Dieſe ganze bühende, goldene, von Liebe flammende Vergangenheit, die ich mit Füßen getreten, und die am Tage vorher für mich eine kalte Aſche war, dieſe ganze Vergangenheit kehrte in mei⸗ nen Geiſt zurück und erweckte in mir herbe, brennende Empfindungen des Neides!! Von dem Platze aus, wo ich war, umfaßte ich mit dem Blicke den ganzen Saal, und zufällig hefteten ſich meine Augen auf Herrn von Vareuil und auf die reizende junge Frau, deren Gunſt er ohne Zweifel genoß; ſie faß im Vordertheile der Loge mit einer ihrer Freundinnen; hinter ihr befan⸗ den ſich ihr Gemahl und Herr von Vareuil; dieſer nahm von Zeit zu Zeit vertraulich die Lorgnette der jungen Frau, ſpielte mit ihrem Strauße, neigte ſich vor, um ihr ins Ohr zu ſprechen, — ſcheinbar unbedeu⸗ tende Vertraulichkeiten, jedoch entſcheidend für den, der das Manoeuvre der Galanterie kennt. Hätte ich dieſe Frau geliebt, ich könnte mich nicht eiferſüchtiger auf Vareuil gefühlt haben .. . Ich er⸗ kannte im Saale mehrere Perſonen von meiner frühe⸗ 39 ren Geſellſchaft und darunter einige treue Liebespaare, welche auf dem Platze ſaßen, wo ich ſie einſt geſehen. Das war für mich das Mährchen von der im Walde ſchlafenden Schönen. Einem frühzei⸗ tigen Ekel an den weltlichen Freuden und Vergnü⸗ gungen und der Nothwendigkeit, meine durch die Exceſſe geſtörte Geſundheit wiederherzuſtellen, nachgebend, hatte ich drei Jahre lang geſchlafen, und ich erwachte, die⸗ ſelben Neigungen, dieſelben Bedürfniſſe des Luxus fühlend, wie vor meinem Schlafe. Nur hatte ich die Macht verloren, meine wieder⸗ entſtehenden Wünſche zu befriedigen. Dieſes Bedauern, dieſes forkan ohnmächtige Ver⸗ langen dünkten mir kindiſch, albern, erbärmlich und beſonders gefahrvoll für die Zukunft. Ich war erſtaunt, mich ſo völlig verſchieden von dem zu finden, was ich zu ſein glaubte; ich bildete mir ein, wenn ich aus dieſer glänzenden Mitte weg⸗ gehe, die mir dieſes Bedauern einflöße, werde es ver⸗ ſchwinden wie eine Viſion. Ich verließ den Saal der Italiener und kam nach Hauſe, nicht mehr meiner Philoſophie vertrauend, das Herz leicht, ein Lächeln auf den Lippen; ſondern trau⸗ rig, niedergeſchlagen, Galle und Bangigkeit im Ge⸗ müthe, und von dieſem Grunde ſchwarzer Gedanken hob ſich leuchtend das Bild von Vareuil und ſeiner ſchönen Geliebten ab. So eben habe ich dieſe Zeilen geleſen, ſie ſchil⸗ dern getreu meine Eindrücke von heute Abend. O menſchliche Natur! Abgrund von Wider⸗ ſprüchen! Ich habe freiwillig auf die Freuden der Welt ver⸗ zichtet, ich habe ſie verleugnet, verachtet; mein Ruin macht jetzt mein einſt freiwilliges Verzichten zur Noth⸗ wendigkeit, und nun komme ich dahin zurück, daß ich 40 glühend nach dem begehre, was ich verachtet, verleug⸗ net habe, ohne dazu genöthigt geweſen zu ſein. Ich hielt mich für alt, erſchöpft, abgeſtumpft; ich fühle mich jung, glühend und verzehrt vom Durſte nach Genüſſen! Nein! nein! das iſt nicht möglich, meine Eindrücke von heute Abend täuſchen mich. Seit drei Jahren habe ich in Riballiére oder hier in einer völligen Einſamkeit gelebt; heute Abend fand ich mich plötzlich gerade in den Mittelpunkt des vor⸗ zugsweiſe prunkvollen Lebens verſetzt; daraus erfolgte für mich eine Art von Blendung, von vorübergehen⸗ der Berauſchung, doch nicht mehr .. . Meine Lage iſt die eines Menſchen, der, nachdem er ſeit langer Zeit auf den Gebrauch des Weins ver⸗ zichtet, ein einziges Glas trinkt, und dieſes Glas ge⸗ nügt, um ihn zu berauſchen. Heute Abend bin ich trunken, die Dünſte dieſer Trunkenheit werden morgen zerſtrent ſein. Morgen! II. Ich kann und will mich nicht täuſchen, ich war geſtern nicht trunken, oder die Trunkenheit war ſehr mächtig, denn ſie danert zu dieſer Stunde noch fort. Nie habe ich den Neid gekannt, und ich fühle ihn auf eine brennende, herbe, gehäſſige Art in mir! Der Gegenſtand dieſes Neides iſt ſeltſamer Weiſe Vareuil .. Warum er mehr als ein Anderer? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil er allein unter meinen alten Be⸗ kannten mich bis auf den Rücken beſchmutzt geſehen und den Controleur mir grob hat zurufen horen, mein 41 Platz ſei auf dem Parterre und nicht in den erſten Logen; und dann, als er mich gekleidet wie ein Bett⸗ ler traf, hatte Vareuil eine reizende Frau am Arme, und zu dieſer ſagte er: „Madame, ich ſtelle Ihnen Herrn Dupleſſis vor; ſo wie Sie ihn ſehen, hatte er fünfzigtauſend Livres Einkünfte.“ Wehe mir! Ich bin verſucht, dieſen Vareuil zu beohrfeigen, um zu ſehen, ob ſein Blut noch dieſelbe Farbe hat, wie einſt. Ah! ich bin ein Narr! dieſer Gedanke iſt brutal und, wie jede Brutalität, albern. Ueberlegen wir vernünftig und nehmen wir die Thatſache an; faſſen wir, wie man zu ſagen pflegt, den Stier bei den Hörnern. Schauen wir der Wirk⸗ lichkeit kalt in's Auge. Wohl denn! weit entfernt, alt und abgeſtumpft zu ſein, werde ich jung und glühend, und mehr als je nach den Genüſſen begehrend, deren ich mich ſatt glaubte, wiedergeboren! Was iſt meine phyfiſche und moraliſche Lage? Ich bin kaum einunddreißig Jahre alt; die Jahre der Ruhe, die ich in Riballiére zugebracht habe, ob⸗ gleich ſie ſtellenweiſe durch die Seitenſprünge meiner tollen Leidenſchaft für Madame Raymond geſtört wur⸗ den, mein ſtilles und einſames Leben, ſeitdem ich in Paris wohne, haben meine Geſundheit völlig wieder⸗ befeſtigt; mein Arzt hat mir erlaubt, auf das Heilmit⸗ tel zu verzichten, deſſen Anwendung einen ſo großen Widerwillen bei Albine erregte; ich habe keinen von den Vorzügen verloren, die einſt aus mir das machten, was man einen Mann der Mode, einen Mann von Liebesglück nennt. Allerdings bin ich faſt zu Grunde gerichtet, doch es bleiben mir zwölftauſend Livres Einkünfte in ver⸗ käuflichen Werthen. Freilich wäre es mir, ohne mein Kapital anzu⸗ 42 greifen, unmöglich, ein vortreffliches Haus, eine zahl⸗ reiche Dienerſchaft und ſechs Pferde im Stalle zu haben; indem ich aber meine Erfahrung und meine Lebens⸗ gewandtheit benütze, kann ich noch achtbar ſcheinen. Ich werde mich in einen Club aufnehmen laſſen, wo ich comfortable und um geringe Koſten ſpeiſe; ich miethe in der Oper einen Platz in einer Loge der jun⸗ gen Leute; ich halte mir zwei Pferde, einen Kutſcher und einen Grvom; Dupin genügt für die Bedürfniſſe des inneren Dienſtes; mein kleiner Wagen für ein Pferd wird von der äußerſten Eleganz ſein, und vom reinſten Blute ſoll mein Hak*) die Bewunderung der Liebhaber erregen! Ah! meine Erxiſtenz kann noch ſehr anſtändig ſein und mir erlauben, eine gewiſſe Figur zu ſpielen; die gute Geſellſchaft erkundigt ſich wenig nach dem Stande des Vermögens, wenn man auf einem anſehnlichen Fuße lebt; ungefähr fünfzehntauſend Franken von mei⸗ nem Kapital genommen werden genügen, um meinen Stall mit dem Nöthigen zu verſehen; bei meinen nicht äußeren Ausgaben werde ich die ſtrengſte Sparſam⸗ keit zur Anwendung bringen; ich bin kein Spieler, und in meinem Alter ſind die Frauen, Gott ſei Dank, kein Gegenſtand von Ausgaben; ich habe Ordnung, und ohne die Ereigniſſe von 1830 und meine traurige Phantaſie, meine Güter in Werth ſetzen zu wollen und Fonds in induſtriellen Unternehmungen zu wagen, wäre ich ſo reich als früher; denn bis zur Zeit mei⸗ ner Verheirathung hatte ich mein Vermögen vortrefflich verwaltet. Gewarnt durch dieſe grauſame Lection will ich Ordnung, Klugheit, Weisheit verdoppeln, und ich werde nicht die Schmach haben, in den Augen meiner alten Bekannten im Anſehen zu ſinken. Ja, diejenigen, welche glauben, ich ſei zu Grunde *) Promenadepferd. 43 gerichtet, todt und begraben, werden mich ſo glänzend als je wiederſehen. Ah! Herr von Vareuil, Sie haben mich auf eine höhniſche Weiſe Ihrer Geliebten vorgeſtellt. Wohl, es ſei! die Vorſtellung iſt geſchehen, und bei Gott! ich werde davon Gebrauch machen. Ich will in die Welt durch einen Schlag zurück⸗ kehren, der Aufſehen erregen ſoll! Ich will, ehe ſechs Wochen abgelaufen find (und ich ſchreibe dieſes Datum hier ein), Sie, mein Lieber, bei dieſer reizenden jun⸗ gen Frau, deren Namen ich heute nicht kenne, aus⸗ geſtochen haben! Ich habe heute dieſe geſtern geſchriebenen Zeilen wiedergeleſen, und mehr als je bin ich entſchloſſen, den Gedanken, der ſie dietirt hat, auszuführen. Vielleicht wird dieſes Jugendgrummet ephemer ſein! was weiß ich? . Darf ich ſeit dem letzten plötzlichen Umſturze mei⸗ ner Neigungen und Wünſche auf das rechnen, was ich einſt meine unerſchütterlichen Entſchlüſſe zu nennen die Anmaßung hatte? Ah! meine arme Großmutter kannte die Menſchen oder wenigſtens diejenigen, welche mir gleichen, wenn ſie in Form einer Lehre zu mir ſagte: „Machen wir nie lange zum Voraus feſtgeſtellte Pläne, damit wir uns nicht für verpflichtet halten, fie reſetbren, was beinahe immer entſetzlich langwei⸗ ig iſt. „Nehmen wir das Leben auf das Gerathewohl, wie es kommt und geht, nach dem Belieben der Er⸗ eigniſſe und unſerer eigenen Unbeſtändigkeit. „Bilden wir uns hauptſächlich nicht ein, wir müſ⸗ ſen dieſen oder jenen Charakter, dieſe oder jene Mei⸗ nung haben; denn um conſequent gegen uns ſelbſt zu erſcheinen, auferlegen wir uns dann eine Menge von Hemmungen, von Vorſichten, von Feſſeln oder in die 44 Länge unerträglichen Verbindlichkeiten; abgeſehen da⸗ von, daß man ſich der Unannehmlichkeit ausſetzt, ſich her in beſtändigem Widerſpruche mit Dieſen oder Je⸗ en zu finden, als ſich darein zu ergeben, ſich ſelbſt zu widerſprechen, was doch viel bequemer und viel lie⸗ benswürdiger iſt.“ Arme Großmutter, Sie hatten Recht! Nehmen wir das Leben nach dem Belieben der Ereigniſſe und unſerer eigenen Unbeſtändigkeit! Ich glaubte mich fortan überdrüſſig der Genüſſe, nach denen ich nun mit einer jugendlichen Gluth ver⸗ lange; geben wir der Hinreißung nach, auf die Gefahr, uns ſelbſt zu widerſprechen. Ich geſtehe mir übrigens ziemlich aufrichtig, um nicht zu fagen zu meinem Lobe, ich bereue es durch⸗ aus nicht, daß ich die Mitgift von Albine ihrer Fa⸗ milie zurückgegeben habe, und dieſe Mitgift hätte mich doch mächtig unterſtützt .. Unterſtützt, wobei? Um den Schönen, den Eleganten, den Mann von Liebesglück zu ſpielen? Ah! es wird mir übel bei ſolchen Gedanken! eine ſolche Verwendung des Nachlaſſes der Unglücklichen wäre ſchändlich geweſen, und es gibt wenigſtens einen Grad von Zartgefühl und Ehrenhaftigkeit, unter den ich nie hinabſteigen werde. Hiefür ſtehe ich, was auch die Schwäche, die Ver⸗ änderlichkeit meines Charakters ſein mögen! Februar 1831. Es iſt heute gerade ein Monat, auf den Tag, daß ich zur kläglichen Verzweiflung von Herrn Dupin, ab⸗ ſcheulich gekleidet und meinen Regenſchirm unter dem Arme, in die Italinieniſche Oper ging. Dieſen Abend begab ich mich von Hauſe weg, ge⸗ kleidet mit ſo ausgeſuchter Eleganz, als in meinen 45 ſchönſten Tagen. Ich fuhr in einem reizenden kleinen Coupé, beſpannt mit einem rothbraunen Stepper*), der mich ſechstauſend Franken gekoſtet hat; mein Groom ſaß tadollos angethan neben meinem Kutſcher, ich kath raſch in die Nähe der Italieniſchen Oper, wo ich mich der Reihe anſchloß. Es gibt einen Gott für die Lie⸗ benden oder für diejenigen, welche danach trachten, ſich auf eine würdige Weiſe dieſen Titel zu verdienen. Der Zufall wollte, daß mein Coupé gerade hinter der Ber⸗ line von Frau von Meligny Platz nahm (Frau von Meligny iſt der Name der jungen Frau, der mich Vareuil auf eine ungezogene Art vorſtellte, als ich mich in einer Bettlerkleidung anſchickte, ſtoiſch in's Parterre, in Form einer Herausforderung den Eitel⸗ keiten der Welt zugeſchleudert, einzutreten). Bald hielt der Wagen, der vor dem meinigen fuhr, vor dem Prriſtyl des Theaters, und ich ſah zuerſt Vareuil, dann Herrn von Méligny, dann ſeine Frau ausſteigen, und alle Drei gingen die Freitreppe der Fagade des Theaters hinauf; mein Coupé rückte vor; mein Pferd, ein ſehr hitziges Thier, ſprang mit allen vier Füßen, Feuer aus dem Pflaſter ſchlagend; dieſer Lärmen machte, daß Vareuil, den Frau von Möéligny den Arm gab, ſich umwandte. Und ſie ſagte zu ihm: „Sthen Sie doch, welch ein herrliches Pferd!“ Mein Groom öffnete den Schlag, ich ſtieg unter den erſtaunten Blicken von Vareuil aus, ſtellte mich, als erkennte ich ihn nicht und als hätte ich den Aus⸗ ruf von Frau von Méligny über die Schönheit meines Pferdes nicht gehört, und ging langſam die Stufen der Freitreppe hinauf; als ich aber unter das Veſti⸗ bule des Theaters kam, und in dem Augenblick, wo Frau von Meélignh ſtehen blieb, um ihren Pelzmantel *) Wagenpferd, ausgezeichnet durch die Thätigkeit ſeiner Schultern. 46 abzunehmen und ihrem Bedienten zu übergeben, näherte ich mich ihr und ſagte, indem ich mir den Anſchein der Verwunderung gab, zu meinem ehemaligen Kame⸗ raden von den Garden: „Ah! Du biſt es, Vareuil? guten Abend;“ dann mich tief vor Frau von Meéligny verbeugend: „Erlau⸗ ben Sie mir, Madame, daß ich mich erinnere, eines Abends die Ehre gehabt zu haben, Ihnen von meinem vortrefflichen Freunde, Herrn von Vareuil, vorgeſtellt zu werden?“ Die junge Frau machte große Augen, ſchaute mich mit einer verblüfften Miene an, firirte mich dann abermals und erwiederte, indem ſie ihre Erinnerun⸗ gen zu ſammeln ſchien, erröthend: „Wie, mein Herr, Sie ſind es!“ „Ja, Madame, ich bin es, gegen den ſich dieſer liebe Oberſt an jenem Abend ſo rührend mitleidig gezeigt hat; er geſiel ſich darin, mich für den Unglück⸗ lichſten der Menſchen zu halten, und ohne Zweifel, um mich zu tröſten, hat er Sie gebeten, Madame, Sie einen Moment Ihre Blicke auf mir verweilen aſſen . „Ei! mein Lieber,“ verſetzte Vareuil, mit ziem⸗ lich verdrießlicher Miene kichernd, „da Dir Madamt ſchon gegeben hat, ſo mache nicht ſo den Bettler!“ „Hören Sie ihn, Madame?“ ſagte ich der jungen Frau zulächelnd, „wie ihn der Reichthum ſo hart ge⸗ gen die armen Leute macht, dieſen lieben Vareuil! Weil er die Ehre und das Glück hat, Sie zu beglei⸗ ten, Madame, will er Ihre Almoſen beſchränken . Werden Sie indeſſen nicht die Gnade haben, mir zu erlauben, daß ich noch bettle „ um die Gunſt eini⸗ ger Augenblicke in Ihrer Loge während eines Zwiſchen⸗ acts?“ „Ich werde Ihnen dieſes Almoſen mit den größten Vergnügen bewilligen, wenn Sie einige Augen⸗ blicke haben, die Sie uns, Herrn von Meéligny und — —— 47 mir, opfern können,“ antwortete ſie mir lächelnd, denn dieſe originelle Vorſtellung ſchien ſie zu beluſtigen. Herr von Méligny, der ſich ſogleich voll Eifer verbeugte, ſchien mir entzückt über den Aerger, den Vareuil nicht ganz verbergen konnte, und ſagte artig, beinahe herzlich zu mir: „Mein Herr, ich werde mich ſehr glücklich fühlen, Ihnen bei dieſer Gelegenheit mitzutheilen, oder Sie daran erinnern zu dürfen, daß Herr von Meligny, mein Vater, einer der beſten Freunde von Frau von Francheville, Ihrer Großmutter, war.“ „In der That, mein Herr, ſie hat oft mit mir von dieſer alten Freundſchaft geſprochen, die ſie leider überleben ſollte,“ erwiederte ich Herrn von Méligny, während Vareuil mit einer Art von Ungeduld zu der jungen Frau ſagte: „Madame, Sie wollten die Ouverture des Bar⸗ bier hören . Sie wird zu Ende ſein, wenn Sie in Ihre Loge kommen.“ „Sie werden Ihr Verſprechen nicht vergeſſen, mein Herr?“ rief mir Frau von Meligny zu, indem ſie wie⸗ der den Arm von Vareuil nahm. Doch in dieſem Augenblick blieb eine Dame von ziemlich vorgerücktem Alter, welche ebenfalls die Treppe zu den Logen des erſten Rangs hinaufſtieg, ſtehen und ſagte zu der jungen Frau: „Guten Abend, meine Liebe.“ Dann, als ſie mich erkannte, rief ſie: „Wie! Sie da, Herr Dupleſſis? Ei! guter Gott! woher kommen Sie denn? Seit Jahrhunderten hat man Sie nicht mehr geſehen! Sie fehren alſo zu uns zurück?“ Und ſich an Frau von Meéligny wendend: „Madame, ſind Sie es, die uns dieſen ſchönen Einſiedler vom Berry zurückführt?“ „Madame, ich kann mir dies nicht anmaßen, denn ich habe heute Abend zum erſten Male oder viel⸗ mehr zum zweiten Male das Vergnügen, Herrn Du⸗ 48 pleſſis zu ſehen,“ antwortete die junge Frau lächelnd. „Doch Sie werden mich entſchuldigen, Madame, wenn ich Sie verlaſſe .. . Ich wünſche die Ouverture des Barbier zu hören.“ Hienach ließen mich Frau von Méligny, ihr Ge⸗ mahl und Vareuil mit Frau von Belval, einer Dame von fünfzig bis ſechszig Jahren, welche die Bosheit ihres cauſtiſchen Geiſtes zur Zeit, wo ich noch die Ge⸗ ſellſchaft beſuchte, ſehr gefürchtet machte. „Haben Sie einen Platz in irgend einer Loge?“ ſagte ſie zu mir. „Nein, Madame, ich habe einen Balconſperrſitz miethen laſſen.“ „So geben Sie mir den Arm und kommen Sie in meine Loge, wo ich allein bin. Meine Nichte und ihr Gatte ſollten mich begleiten, doch ſie können heute Abend nicht hierher kommen. Ich nehme Sie in Be⸗ ſchlag.“ ehrnne ich bin zu glücklich, mich zu Ihren Vefehlen zu ſtellen,“ erwiederte ich Frau von Belval, indem ich ihr meinen Arm bot, und wir gelangten bald in ihre Loge, welche beinahe der von Frau von Méligny gegenüber lag. 8 Nach einigen Augenblicken bemerkte ich, daß das, was man meine Rückkehr in die Welt nannte, eine gewiſſe Wirkung hervorbrachte. Ich hatte zu der Geſellſchaft von einem großen Theile der Habitués der Italieniſchen Oper gehört, und ich konnte leicht wahr⸗ nehmen, daß man ſich mit mir beſchäftigte. „Ah! erzählen Sie mir nun, was denn ſeit einer Ewigkeit mit Ihnen vorgegangen iſt?“ ſagte Frau von Belval zu mir. „Wir haben erfahren, daß Sie Witwer geworden, und glaubten, Sie ſeien immer noch damit beſchäftigt, im Herzen des Berry Ihre Frau zu be⸗ weinen. Sie haben ſie beweint, ich bezweifle es nicht: das iſt vortrefflich; Sie kommen zuruͤck, das iſt noch beſſer. Ich bin ganz ſtolz darauf, Sie unter meine laſſ 49 Fittiche zu nehmen, bei Ihrer Rückkehr in die Welt, wo Sie mehr als je in der Mode ſein werden, denn unter uns geſagt, Sie ſind nicht erſetzt worden: Sie waren die Erbſenblüthe.“ „Madame!“ „Ah! keine falſche Beſcheidenheit, beſonders gegen eine alte Frau meiner Art.“ Dann mich feſt mit einem boshaften Lächeln an⸗ ſchauend. „Sie haben ſich alſo Frau von Meéligny vorſtellen en?“ „Ich dachte nicht daran; einer von meinen alten Kameraden bei den Garden, der Oberſt von Vareuil, hat mich vorgeſtellt.“ „Er hat Sie vorgeſtellt?“ „Ja, Madame.“ „Er muß ſehr dumm oder ſehr eingebildet ſein .. Doch im Ganzen, da er dumm und eingebildet iſt .. habe ich Unrecht, mich zu wundern.“ „Ei! meine liebe Frau von Belval, ſagen Sie mir ein wenig, wer Frau von Méligny iſt?“ „Ah! Ahl ſchon?“ „Was wollen Sie mein Witwerſtand . . kann doch nicht ewig währen!“ „Natürlich .. Nun, Frau von Meéligny iſt hubſch wie ein Engel und albern wie eine Gans.“ „Dann erkläre ich mir ihren Geſchmack für Herrn von Vareuil; iſt er der Erſte, der ſich mit ihr be⸗ ſchäftigt hat?“ „Er! . Guter Gott, woher kommen Sie denn?“ „Ich ich komme aus der Tiefe des Berry.“ „Es iſt wahr, ich vergaß das.“ iſ Mnd Herr von Méligny, was für ein Mann er „Ein Muſterehemann! .. ein ſehr boshafter und ſehr vrigineller Philoſoph. Ich nenne ihn den hin⸗ Fernand Dupleſſis. III. 4 50 kenden Teufel wegen ſeiner Krücke und ſeines Pferde⸗ fußes; er iſt Millionen reich und hat eines der beſten Häuſer von Paris. Sein höchſtes Glück iſt, ſich mit denjenigen zu verbinden, welche darnach trachten, den erklärten Anbeter ſeiner Frau auszuſtechen ... Auf dieſe Art rächt er ſich nach und nach . Ich glaube aber nicht, daß er je Einen ſo ſehregehßt hat, als Herrn von Vareuil, und unter uns gefugt, Herr von Mé⸗ ligny hat nicht Unrecht. Es iſt nicht möglich, plum⸗ per compromittirend zu ſein, als dieſer tölvelhafte Oberſt; hat er es ſich nicht einfallen laſſen, faſt jeden Abend die Muſik von ſeinem Regimente in den Garten des Hotel Meligny zu ſchicken, ſo daß alle Nachbarn ſich an's Fenſter legten, um die Serenade zu genießen. Seht doch dieſen discreten Liebhaber, der geheim⸗ nißvoll ſein Glück mit Begleitung von Pauken und Trompeten ſeufzt! Das iſt ſeine Lieblingsgalanterie; de befreit ihn von der Mühe, geiſtreich zu ſein. So⸗ bald dieſer ſchöne Oberſt einer Frau den Hof macht, ſchickt er geſchwinde zu ihr die Muſik ſeiner Huſaren, und die Fanfaren betäuben das Quartier.“ „Ich wundere mich, daß Vareuil nicht auch ſeine Schiidwachen vor die Thüre der Frau, die er liebt, in Form einer Beſitzergreifung und einer Schutzwache, was ungefähr bedeuten würde: Man paſſirt nich „Er iſt vollkommen hiezu fähig. Uebrigens er⸗ zählt man ſich in Beziehung auf ihn einen herrlichen Witz von Herrn von Mélignyz dieſer hinkende Teufel hatte ſich Anfangs, nach ſeiner Gewohnheit mit Herrn von Vareuil verbunden, um Herrn von Beaumont auszuſtechen, der damals ganz die Gunſt von Frau von Meéligny beſaß; als aber Herr von Vareuil am An⸗ fang ſeiner Regierung eines Abends wegging, nach⸗ dem er lange mit Frau von Méligny und ihrem Gat⸗ ten zuſammen geweſen war, ſagte der Hinkende zu ſeiner Frau, indem er gähnte, um ſich den Kiefer aus⸗ * 8 — 8 —5 * 5¹ zurenken: „Meine Liebe, die ſer iſt offenbar gar nicht beluſtigend Er iſt dumm .. Der Andere war mir lieber!“ „In der That: „Der Andere war mir lieber!““ iſt ein reizend boshaftes Wort.“ „Oh! Herr Dupleſſis, ich wollte wetten, Herr von Meéligny ſchien entzückt, Sie ſeiner Frau durch Herrn von Vareuil vorgeſtellt zu ſehen.“ „Er hat ſich in der That beeifert, mich auf die liebenswürdigſte Weiſe daran zu erinnern, ſein Vater ſei mit meiner Großmutter ſehr befteundet geweſen.“ „Ich war deſſen ſicher! dieſer boshafte Hinkebein verfolgt ſeine gewöhnliche Taktik . . . Doch nun iſt Zwiſchenact: machen Sie einen Beſuch bei den Mé⸗ ligny, man wird Sie vortrefflich aufnehmen; geben Sie mir nur den Arm bis zur Loge von Frau von Montbriſon; kennen Sie ſie?“ „Ich bin ihr einſt in der Geſellſchaft begegnet.“ „Ah! Herr Dupleſſis, es gäbe keine Läſterer mehr, wenn alle Frauen Frau von Montbriſon gleichen wür⸗ den; wir find, ſie und ich, in die Welt zu gleicher Zeit, vor ungefähr dreißiggahren⸗ eingetreten, und ob⸗ gleich die Marquiſe ſchön war wie die Liebesgötter und ſehr von Huldigungen umgeben, ſo flößte doch ihre liebenswürdige Tugend Allen eine ſolche Achtung ein, daß ſelbſt die Unbeſonnenſten und Vorwitzigſten immer nur mit Maß und Ehrfurcht von ihr ſprachen. Als das Alter kam, wurde Frau von Montbriſon eine von den durch die Erhabenheit und die Würde ihres Cha⸗ rakters ſo hochgeſtellten Frauen, daß einem ſchon ihre Freundſchaft eine ſeltene Hochachtung erwirbt. Ich finde einen Wohlgefallen daran, ſo mit Ihnen zu ſpre⸗ chen,“ fügte Frau von Belval bei, „weil ich Ihnen be⸗ wieſen will, mein lieber Herr Dupieſſis, daß ich edlen Charakteren, wenn ſie ſich ſinden, Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen weiß. Und nun gehen Sie; ich werde Frau von Montbriſon fragen, mit mir 52 ihren Abend bei der Frau Geſandtin von England zu beſchließen Luſt habe.“ Ich führte Frau von Belval zu dieſer Dame, der ſie ein ſo pomphaftes und, ich muß beifügen, wohl⸗ verdientes Lob geſpendet hatte; dann machte ich Frau von Meligny einen Beſuch in ihrer Loge. Die zwei Vorderplätze waren von ihr und von einer ihrer Freundinnen beſetzt: hinter dieſen Damen ſaßen Vareuil und Herr von Méligny. Dieſer, als ich mir die Logenthüre öffnen ließ, rührte ſich nicht, ſagte aber mit der freundlichſten Miene: „Sie ſind ſehr liebenswürdig, daß Sie Ihr Wort nicht gebrochen haben, mein Herr; wollen Sie die Gute haben, einzutreten.“ Vareuil mußte gezwungener Weiſe die Loge ver⸗ laſſen, um mir ſeinen Platz hinter Frau von Mé⸗ ligny abzutreten, was er, ohne ſeinen Aerger verber⸗ gen zu können, that. „Weißt Du, mein Lieber,“ ſagte er kichernd zu mir, „weißt Du, daß es mir ſehr unangenehm iſt, mei⸗ nen Platz zu verlaſſen, um ihn Dir zu geben?“ „Ich bezweifle Dein Bedauern nicht, mein Lie⸗ ber, urtheile ich nach dem Vergnügen, das es mir machen wird, dieſen Platz einige Augenblicke einzu⸗ nehmen, da Madame die Güte hat, mir dies zu erlauben,“ antwortete ich ziemlich laut Vareuil, während ich in die Loge eintrat, aus der er mit einer eiferſüchtigen und zornigen Miene wegging. Die üble Laune meines ehemaligen Kameraden ſchien mir ſeltſam, da ich zum erſten Male Frau von Meligny ſah; ich dachte, dieſe habe vielleicht ſeit einiger Zeit bei Vareuil durchblicken laſſen, ſie fange an eine Abneigung gegen ihn zu fühlen, und er gebe ſich nur einer von jenen bei der Abnahme von Liebesverhält⸗ niſſen ſelten täuſchenden Ahnungen hin und betrachte ch ſchon als von mir ausgeſtochen. Auf das Gerathewohl coquettirte ich nach meinen 53 beſten Kräften bei Frau von Meéligny; ich fand ſie allerdings ziemlich einfältig, doch ſie verſtand ſich we⸗ nigſtens auf das Geplauder der Welt, und dann war ſie ſo wunderbar hübſch, daß ich ein glühendes Ver⸗ langen, ihr zu gefallen, hegte, und ich gab mir alle Mühe, daß es mir gelinge. Herr von Méligny ſchwatzte mit der Freundin ſeiner Frau und that unſerem Geſpräche nicht den ge⸗ ringſten Zwang an. Plötzlich ſagte er lebhaſt: „Ah! der Oberſt iſt in der Loge von Mademoiſelle Chonchon, wie die jungen Leute jene Schöne mit den ſüßen Blicken nennen;“ und er bezeichnete uns eine Loge vom zweiten Range, welche beinahe der von Frau von Meligny gegenüber lag. Ich ſah Vareuil bei einem Mädchen, das damals ſehr in der Mode und wirklich reizend war; eine Frau begleitete das Mädchen. Ohne Zweifel tief gekränkt und, wie ich es vermuthet, die Folgen meiner Vor⸗ ſtellung bei Frau von Meéligny befürchtend, ahnte Vareuil einen nahe bevorſtehenden Bruch; da er aber nicht, wie man zu ſagen pflegt, die dumme Rolle bei dieſem Bruche haben und ſich zuvorkommen laſſen wollte, ſo compromittirte er Mademoiſelle Chonchon, oder er compromittirte vielmehr ſich in den Augen Aller, in⸗ dem er ihr gefliſſentlich in's Ohr ſprach und laut mit ihr lachte. Gewiſſe Verbindungen werden theils durch den Scharfſinn der Leute der Geſellſchaft, theils weil man ſo wenig bemüht iſt, ſie in das Dunkel des Geheim⸗ niſſes zu hüllen, bald weltkundig. So war die Ver⸗ bindung von Vareuil und Frau von Méligny der Mehrzahl der Miether der Logen der Italieniſchen Oper bekannt, welche beinahe insgeſammt der auser⸗ wählten Geſellſchaft angehörten; es war daher für ſie eine Art von Ereigniß, als ſie ſahen, wie der Oberſt plötzlich ſich emſig um Mademviſelle Chonchon bewarb; 54 während ich den Platz einnahm, den er verlaſſen hatte, und Jeder commentirte alſo dieſen Vorfall! „Es ſcheint, Frau von Méligny läßt ſich einen geregelten Hof von Herrn Dupleſſis machen, und Herr von Vareuil, der, ſehr eiferſüchtig, die Sache ſchlimm aufnimmt, hängt ſich an Mademoiſelle Chonchon, um Frau von Méligny äußerſt unangenehm zu ſein.“ Und es kreiſten die boshaften Witze und die Lorg⸗ netten wurden hinterhältiſch abwechſelnd auf die zwei Heldinnen dieſes kleinen Scandals gerichtet. Als die Gegenwart von Vareuil in der Loge von Mademoiſelle Chonchon durch Herrn von Meéligny be⸗ zeichnet worden war, erröthete ſeine Frau, die ich auf⸗ merkſam anſchaute, und es ſchien mir, als läſe ich in ihrer Phyſiognomie das Gefühl verletzter Eitelkeit, nicht aber den Ausdruck von einem Herzenskummer. „Ich finde es vollkommen unanſtändig, daß Herr von Vareuil, wenn er aus der Loge einer Frau der guten Geſellſchaft weggeht, ſich zu einer Creatur be⸗ gibt, um ihr den Hof zu machen,“ ſagte Herr von Meligny. „Sie ſollen ſehen, nach dieſer ſchönen That wird ſich der Oberſt wieder hierher zu Ihnen ſetzen, meine Damen!“ „Ich verſichere Sie, daß ich mich ſehr wenig um die Ertravaganzen von Herrn von Vareuil bekümmere,“ verſetzte Frau von Méligny, während ſie dahin und dorthin im Saale lorgnirte, um ſich eine gewiſſe Hal⸗ tung zu geben; denn ſie wußte, daß ſie in dieſem Mo⸗ ment der Zielpunkt vieler boshaften Blicke war. „Ich bin feſt überzeugt,“ ſagte Herr von Méligny, „trotz ſeiner Freundſchaft für Herrn von Vareuil, fin⸗ det Herr Dupleſſis dieſes Benehmen mindeſtens ſehr außerordentlich.“ „Mein Herr,“ entgegnete ich, „es thut mir leid, die Anſicht von Frau von Méligny und die Ihrige nicht theilen zu können; weit entfernt, mir extra⸗ vagant, außerordentlich zu ſcheinen, dünkt mir das Be⸗ 55 nehmen von Herrn von Bareuil ſehr natürlich und ſehr logiſch.“ „Wie ſo, mein Herr?“ rief Herr von Meéligny. „Wahrhaftig, Sie ſetzen mich ungemein in Erſtaunen.“ „Scheint es Ihnen nicht, daß, wenn gewiſſe Cha⸗ raktere gegeben ſind, der Mangel an Takt, an gutem Geſchmack und Wohlanſtand, das Vergeſſen der Ach⸗ tung vor ſich ſelbſt und vor den Andern für dieſe Charaktere etwas ſo Logiſches, ſo Natürliches wird, als die ausgezeichnete Anmuth dieſer Damen ihnen natürlich iſt?“ Und ich bezeichnete mit dem Blicke Frau von Meligny und ihre Freundin. „Daraus folgt, mein Herr, daß Sie ſich nachſichtig gegen meinen armen Freund Vareuil zeigen müſſen; verlangen wir von den Leuten nicht mehr, als ſie geben können.“ „Ich ſage Ihnen, mein Herr,“ erwiederte Frau von Méligny, „ich, was mich betrifft, hege nicht den geringſten Groll gegen Herrn von Vareuil, ſondern ich bin ihm im Gegentheil höchſt dankbar für ſeine Un⸗ ſchicklichkeit; ſie wird es uns, Herrn von Méligny und mir, ſehr bequem ihm gegenüber machen.“ „Mein lieber Herr Dupleſſis,“ ſagte Herr von Mé⸗ ligny zu mir, „finden Sie nicht, daß er dumm iſt, dieſer gute Oberſt?“ „Mein Herr,“ antwortete ich dem boshaften Hinke⸗ ſein „ich verſichere Sie, daß Vareuil vortrefflich reitet.“ . „Es mag ſein, doch geſtehen Sie, er iſt zum Ster⸗ ben langweilig!“ „Ich geſtehe, daß er in großer Uniform und an der Spitze ſeines Regiments herrlich paradiren muß, und daß er überdies ſehr tapfer iſt.“ 6 erantih aber Sie geſtehen doch, daß ſein eiſ „Oh! hierüber vermöchte ich Ihnen keine Antwort zu geben, mein Herr; dieſer liebe Vareuil iſt ſo dis⸗ cret, ſo beſcheiden zurückhaltend, was die Dinge des 56 Geiſtes betrifft, daß mir die Schätze ſeiner Intelligenz verborgen geblieben ſind. Was wollen Sie, es findet kaum mehr ſcheinbarer Unterſchied zwiſchen einem Armen und einem geizigen Reichen ſtatt, als zwiſchen einem Dummen und einem Manne von Geiſt, welche beide ſchweigen .. „Aber er ſchweigt nicht!“ rief ſchmerzlich Herr von Moligny; „er ſpricht, der Unglückliche er ſpricht viel und immer.“ „Ei! mein Gott, ein Grund mehr. Irgend ein Mann hat geſagt: Die Sprache iſt dem Men⸗ ſchen gegeben worden, um ſeine Gedanken zu verbergen, die Sprache dient ihm vielleicht auch dazu, ſeinen Geiſt zu verbergen. Es gibt Leute, welche das Helldunkel und das Geheimniß ſo ſehr lieben!“ „Er!“ rief Méligny, „das Geheimniß lieben! Oh! er kann uns keinen Beſuch machen, ohne ſich von ſeiner Regimentsmufik begleiten zu laſſen.“ „Herr von Meéligny,“ erwiederte ich ernſt, „die Mufitk der Regimenter iſt den Oberſten gegeben wor⸗ den, um ihre Converſation zu verbergen.“ Frau von Meligny und ihre Freundin lachten über dieſen Aphorism. Der Vorhang ging auf; ich ſchickte mich an, zu Frau von Belval zurückzukehren, als ſich dieſe die Thüre der Loge von Frau von Meéligny öffnen ließ und, ohne einzutreten, zu ihr ſagte: „Sehen Sie, meine liebe Dame, wie großmüthig ich bin, ich laſſe Ihnen Herrn Dupleſſis; ich will den Abend vollends mit Frau von Montbriſon bei der Frau Geſandtin von England zubringen.“ Dann ſich an mich wendend:„ „Ich hoffe, Sie werden ſich erinnern, daß ich im⸗ mer für meine Freunde von vier Uhr bis ſechs Uhr zu Hauſe bin.“ „Ich werde es nicht vergeſſen, Madame,“ antwor⸗ 57 tete ich; „doch erlauben Sie mir, Ihnen meinen Arm anzubieten und Ihre Leute zu rufen.“ „Es iſt unnöthig, Herr von Surville wird uns begleiten ich bedarf Ihrer nicht,“ verſetzte Frau von Belval. Und zu Frau von Méligny: „Gute Nacht, meine liebe Dame.“ Wonach ſie die Thüre der Loge wieder ſchloß. Ich ſtand dann auf und ſagte zu Frau von Mé⸗ igny: von Belval verfügt mit zu viel Dreiſtigkeit, nicht über mich, ſondern über einen der Plätze Ihrer Loge, Madame.“ „Nein, mein Herr,“ erwiederte raſch Frau von Meligny. „Sie werden die Güte haben, uns das Vergnügen zu machen, hier zu bleiben.“ „Aber, Madame, dieſer Platz iſt der von Herrn von Vareuil, und wenn er zurückkommt . . .“ „Er wird nicht zurückkommen,“ ſagte Herr von Meligny. „Sehen Sie, er geht mit Mademviſelle Chonchon weg; wahrhaſtig, ſolche Manieren ſind äußerſt unanſtändig! Mllle. Chonchon zurückführen! man weiß, was das beſagen will Und hierauf ſchamlos alle ſeine Bekannten aufmerkſam machen, das iſt ganz einfach der höchſte Grad von Lächerlichkeit und Geſchmackloſigkeit!“ Durch die Eiferſucht, durch den Aerger auf das Aeußerſte getrieben, ging in der That Vareuil vor den Augen des ganzen Saales mit Mlle. Chonchon hinaus, welche in dem Momente, wo ſie den Saal verließ, die Frechheit hatte, Frau von Meéligny mit einer ſpötti⸗ ſchen und triumphirenden Miene zu lorgniren. Frau von Meéligny wandte bei dieſer Beleidigung den Kopf ab; ich ſah eine Thräne in ihren Augen rollen, und in der Secunde, wo ſie ſich in den Hintergrund ihrer Loge zurückwerfen wolite, neigte ich mich zu der jun⸗ gen Frau und ſagte leiſe zu ihr: 58 „Ich bitte ruhren Sie ſich nicht, dieſe Crea⸗ tur würde zu ſehr darüber triumphiren.“ Frau von Meéligny begriff mich, blieb vorne in ihrer Loge, ſpielte mit ihrem Strauße und ſchien ſich ganz und gar nicht um den Abgang von Mlle. Chon⸗ chon und Herrn von Vareuil zu bekümmern. Einige Zeit vor dem Ende der Oper bat Frau von T. „ welche ſich mit uns in der Loge befand, Herrn von Meéligny, ſie bis zum Periſtyl zu begleiten und ihren Wagen für ſie zu verlangen; nicht ohne Grund vermuthete ich, Frau von T. wolle lieber allein weggehen, als in Geſellſchaft den boshaften und neugierigen Blicken ausgeſetzt ſein, von denen Frau von Meéligny bei ihrem Abgange aus der Italieniſchen Oper wegen des von Vareuil verurſachten Scandals verfolgt werden würde. „Madame,“ ſagte ich zu Frau von Méligny mit innigem Tone, als ihr Gatte und Frau von T. die Loge verlaſſen hatten, „erlauben Sie mir, als Freund mit Ihnen zu ſprechen, obſchon ich erſt ſeit heute Abend die Ehre habe, Sie zu kennen.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Die Oper wird bald zu Ende ſein; Sie haben die Güte gehabt, mir einen Platz in Ihrer Loge zu bewilligen; ich müßte Ihnen alſo meinen Arm bieten, wenn Sie von hier weggehen.“ „Allerdings.“ „Ich bitte Sie inſtändig, betrachten Sie mich nicht als unartig, wenn ich auf das Glück, Sie heute Abend zu begleiten, verzichte.“ „Warum wollen Sie mich nicht begleiten?“ „Ich habe Sie um Erlaubniß gebeten, Madame, als Freund mit Ihnen ſprechen zu dürfen .. „Und ich rechne auf dieſe Zuſage.“ „Nun wohl! Madame, wir, Sie und ich, ſind hier ſehr vielen Perſonen bekannt; der Abgang von Herrn von Vareuil iſt bemerkt und, ich bezweifle es 59 nicht, falſch gedeutet worden; Sie wiſſen aber, Mabame, wie läſterſüchtig die Welt iſt; ich beſchwöre Sie alſo, Madame, ſetzen Sie ſich nicht dadurch, daß Sie heute Abend meinen Arm annehmen, der Widerwärtigkeit aus, boshafter, alberner, ungerechter Weiſe beſonders ſagen zu machen, Sie gedenken ſich durch eine Repreſ⸗ ſalie zu rächen.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte Frau von Mélignh, „Sie geben mir einen Rath, deſſen Zartheit ich zu ſchätzen weiß, und ich werde ihn befolgen; ich werde etwas Beſſeres thun: ſobald Herr von Méligny zurück⸗ i verlaſſe ich die Oper und vermeide ſo die enge.“ „Das wird noch beſſer ſein .. Und ſo wünſche ich Ihnen guten Abend; ich muß vor der Rückkehr von Herrn von Möéligny aus dieſer Loge weggehen, denn in ſeiner Gegenwart wäre ich genöthigt, Ihnen meinen Arm anzubieten... Ich bringe alſo das ſchmerzliche Opfer einiger koſtbarer Augenblicke, welche noch bei Ihnen zu verweilen mir vergönnt geweſen wäre; wer⸗ den Sie nicht ſo großmüthig ſein, mich dadurch zu entſchädigen, daß Sie mir erlauben, bei Ihnen zu er⸗ ſcheinen?“ „Mein Herr, ich werde ſehr glücklich ſein, Sie zu empfangen und Ihnen woch einmal meine Dankbarkeit für Ihren vortrefflichen .. Freundesrath zu bezeigen. Sie ſinden mich immer Mittags vor vier Uhr zu Hauſe.“ Ich verließ Frau von Meéligny und als ich nach Hauſe kam, ſchrieb ich dieſes Memento meines Abends⸗ Dieſe junge Frau iſt anbetungswürdig hübſch . ich bin verliebt in ſie; ich habe Vareuil zu einem brutalen Bruche angetrieben, der ihn vollends im Geiſte von Frau von Méligny zu Grunde richtet. Ich hoffe die Gelegenheit geſchickt zu benützen. Meine Rücktehr in die Welt kündigt ſich, wie mir 60 ſcheint, unter ſehr günſtigen, für die Liebe viel ver⸗ heißenden Auſpicien an. Und ich hielt mich für alt, abgenutzt, abgeſtumpft. Ich glaubte an meine Philoſophie, an meine Miſan⸗ thropie! alberner Irrthum! Nie habe ich mich mehr als heute Abend für das Vergnügen begeiſtert gefühlt! nie mehr im Zuge, das Leben zu genießen! Dieſen Morgen erhielt ich folgendes Billet von Vareuil: „Mein Lieber, „Wir haben Beide unſere Proben abgelegt; ich ſchlage mich nicht für eine Frau mehr oder weniger. Früher oder ſpäter werden Sie mir das aber wett machen mein Lieber . Ich ſage Ihnen nur dieſes. „Auf Wiederſehen, doch nicht ohne Groll. „Graf von Vareuil.“ Dieſes Billet beweiſt mir: 1) daß mein ehemaliger Kamerad bei den Garden tief gekränkt iſt, denn er duzt mich nicht mehr; 2) Daß er in mehreren Punkten Aehnlichkeit mit dem ſeligen Herrn Herzog von Richelien hat, der wie er ein Mann von Liebesglück, wie er ein ſehr tapferer Militär und wie er ein ſtolzer Verächter der Ortho⸗ graphie geweſen iſt. *) Ich habe heute Frau von Méligny in ihrem Hauſe beſucht; beim hellen Tage iſt ſie noch viel reizender, als bei der Beleuchtung durch Lichter; ſie hat einen Teint ſo roſig, ſo rein wie der eines Kindes; ſie hat beſonders große, feuchte, glänzende blaue Augen, de⸗ ren Blick mich ſeltſam in Unruhe verſetzte, obſchon ich *) Je ne me hat pas, ſchreibt Herr von Vareuil unter Anderem. 61 nicht mehr fuͤnfzehn Jahre alt bin ... Welch ein coquettes, herausforderndes Lächeln, welche kleine Perl⸗ zähne! Sie iſt entſchieden einfältig; doch welch ein köſtliches Geſicht . . welcher Wuchs, welcher Fuß, welche Hand! und dann it ſie umgeben vom ganzen Blendwerk eines großen Lurus; ich habe wenige Häu⸗ ſer geſehen, welche mit ſo viel Eleganz und Pracht gehalten ſind; acht bis zehn gepuderte Lackeien im Vor⸗ zimmer; ein wahrhaft fürſtliches Hotel; ein reicher Rahmen für eine bezaubernde Liebe „. Armer Va⸗ reuil! März 1832. Ich habe Nichts mehr zu wünſchen: Frau von Meéligny iſt ſterblich in mich verliebt, und ich fühle mich auch ſehr in dieſe anbetungswürdige Frau ver⸗ liebt; was ſoll ich dieſem Tagebuch beifügen, wenn nicht, daß mir, wäre ich dieſer von mir einſt ſo ſehr verachteten Vergnügungen beraubt, das Leben nun un⸗ möglich ſcheinen würde. Ich unterbrach einige Zeit dieſes Tagebuch, fort⸗ geriſſen durch den Wirbel von Vergnügungen, in die ich mich auf's Neue mit einer Art von Wuth, bei völ⸗ liger Wiederherſtellung meiner Geſundheit, ſtürzte. Mein Verhältniß mit Frau von Meéligny hatte mich wieder ſehr in Mode gebracht. Auf die behag⸗ liche Einfachheit des Ameublement meines Hauſes in der Rue de Courcelles folgte bald ein ausgeſuchter Lurus; ich empfing oft bei mir Frau von Meéligny; das Al⸗ lerheiligſte unſerer Liebe mußte wohl, was es mich koſten mochte, würdig ſein einer Frau von fünfmal hundert tauſend Livres Einkünfte. Egle (das war ihr Name) ritt vortrefflich; mein beſcheidener Stall be⸗ ſtand aus einem Vollblut⸗Hak und einem Wagenpferde von ſeltener Schönheit. Das genügte aber nicht für unſere Promenaden mit Frau von Méligny; ich kaufte noch ein Pferd für meinen Grvom und mußte einen 6² Menſchen mehr in den Stall nehmen. Jeden Morgen ſchickte ich Egle einen Blumenſtrauß für zwanzig Fran⸗ ken; als der Sommer kam, wollte ſie zuerſt in die Seebäder von Dieppe und dann nach Baden⸗Baden gehen, wohin ich mich wie ſie begab; ich mußte mir alſo wieder einen Reiſewagen kaufen. Wie anders rei⸗ ſen, als mit Poſt, hat man eine reizende Geliebte, deren Hausſtand ein fürſtlicher iſt? In Baden bekam Frau von Méligny die Phanta⸗ ſie, an den Ufern des Rheins umher zu reiſen und nach Frankreich durch die Schweiz zurückzukehren; meh⸗ rere Perſonen von unſerer Geſellſchaft, die wir in Ba⸗ den getroffen, ſchloſſen ſich uns für dieſe Villegiature, welche zwei bis drei Monate dauern ſollte, anz man machte ſich Wagenbeſuche und bot ſich gegenſeitig Plätze für eine oder ein paar Poſten an; Egle kam ſo oft in meinen Wagen und ich ging in den ihrigen; wir wohnten in demſelben Gaſthofe und zwar Thüre an Thüre. (Herr von Méligny machte die Reiſe nicht mit und hatte ſeiner Frau als Ehrenwächterin eine alte Verwandte, Frau von Saint B. , die gutmüthigſte und am wenigſten hellſehende Perſon, die mir je vorgekommen, beigegeben.) Dieſe Reiſe war reizend; wir mochten unſerer zehn bis zwölf Perſonen ſein, welche vollkommen zuſammen⸗ paßten; in jeder Stadt, wo wir uns aufhielten, wa⸗ ren wir auch in vortrefflicher Geſellſchaft; unſere kleine Colonie verein igte ſo, wohin wir kamen, die Annehm⸗ lichkeiten von einem der beſten Salons von Paris; jeden Abend gaben wir Ball; die Tage vergingen in gemeinſchaftlich gemachten Vergnügenspartien. Frau von Meéligny war einfältig; unfähig, einen Augenblick allein zu bleiben und ſich der geringſten gei⸗ ſtigen Beſchäftigung hinzugeben, konnte ſie nur unter den gehaltloſen und unaufhörlichen Zerſtreuungen einer zahlreichen, glänzenden und beſonders geräuſchvollen Umgebung leben; es beluſtigten ſie wohl die verſchiede⸗ — 63 nen Vorfälle dieſer Reiſe vornehmer Herrſchaften, aber ſie warf kaum einen Blick auf die bewunderungswür⸗ dig maleriſchen Gegenden, durch die wir im Galopp der Poſtpferde fuhren. Ihre erſte Sorge, wenn wir uns in einer Stadt aufhielten, war, die köſtlichſten Toiletten zu zeigen; ein Fourgon war eigens für ihre Kleider- und Hütekiſten, ſo wie für zwei von ihren Kammerjungfern beſtimmt, ihre erſte Kammerfrau nicht zu rechnen; um dieſe belebte, wechſelreiche Feſttags⸗ exiſtenz, welche nicht einer Minute der Ueberlegung Platz ließ, denn die Stunden des Tages zählte ſie nach den Beluſtigungen, vollſtändig zu machen, hatte Egle den Mann bei ſich, der ihr gefiel; ſie blieb mir übrigens treu und liebte mich ſoſehr, als ſie lieben konnte; im⸗ mer lächelnd, wenn nur Vergnügungen auf Vergnügun⸗ gen folgten, fühlte ſie ſich, wie ſie ſagte, die Glück⸗ lichſte der Frauen. Trotz meiner Ordnungs⸗ und Sparſamkeitspläne, verzehrten ſo viele tolle Ausgaben die Trümmer mei⸗ nes Vermögens. In meinem albernen, elenden Stolze, um meinen Ruin, von dem man unbeſtimmt geſprochen, zu ver⸗ bergen, wich ich vor keiner Verſchwendung zurück; der Beſitz von einer der ſchönſten Frauen von Paris ſchmei⸗ chelte im höchſten Grade meiner Eitelkeit, und ich wußte, daß auf dieſe koſtſpielige Reiſe nach Baden⸗ Baden, durch einen Theil von Deutſchland und die Schweiz verzichten auf Frau von Meéligny verzichten hieß; ich kannte den Egoismus ihres Charakters; un⸗ fähig, mir eine Laune, eine Phantaſie zu opfern, kam es ihr nicht einmal in den Kopf, unbedeutend für ſie aus dem Geſichtspunkte der Ausgaben, könnte dieſe Reiſe für mich zu Grunde richtend ſein. In einem Liebhaber wollte Egle eine der glänzenden Beigaben ihres Gepränges haben; ſchlimm für den Liebhaber, wenn er ſeine Rolle zu theuer für ſeine Börſe fand. Ich konnte mich nicht einmal in meinen eigenen 64 Augen entſchuldigen, indem ich die Hinreißung meiner Leidenſchaft anrief. Ein Mann, der ſich für eine wahnfinnig geliebte Frau, ſo unwürdig ſie dieſer Liebe ſein mag, zu Grunde richtet, beurkundet doch noch eine gewiſſe Großmuth; aber ſeine letzten Mittel verſchleudern aus Hoffahrt und einzig und allein, um zu ſcheinen bei einer Frau, welche nur unſere Sinne befriedigt und deren Ueber⸗ fluß unſerer Eitelkeit ſchmeichelt, das iſt das höchſte Maß der Lächerlichkeit und der geiſtigen Abirrung. Von dieſer Lächerlichkeit, von dieſer Abirrung hatte ich zuweilen das Bewußtſein, ich betäubte mich auch nur halb über meine Lage und ſah mit Schrecken das Ziel dieſer Vergnügensreiſe herannahen; ich war be⸗ trächtliche Summen meinem Wagenmacher, meinem Pferdehändler und meinem Tapezirer ſchuldig; ob⸗ gleich ſie meine Lieferanten vor meinem Ruine geweſen waren und ein außerordentliches Vertrauen zu mir be⸗ ſaßen, hatten fie doch, ſelbſt bedrängt durch ihre Ver⸗ bindlichkeiten und müde, mir Friſten auf Friſten zu bewilligen, um meine Schuld gegen ſie zu berichtigen, mehrere Male ziemlich ungeduldig Abſchlagszahlungen von mir gefordert. Zum erſten Male in meinem Leben erfuhr ich dieſe dumpfen, aber ſtechenden Demüthigungen des Schuld⸗ ners, dem ſeine Gläubiger, ſo artig ſie ſein mögen, immer mit Recht zu ſagen ſcheinen: „Wenn man die vergoldeten Meubles, die Pferde und die Wagen, die man kauft, nicht bezahlen kann, ſo muß man eben die vergoldeten Meubles, die Pferde und die Wagen entbehren.“ Die Gläubiger ſind allerdings ſehr beluſtigend im Theater und in den Romanen, in der Wirklichkeit gibt es aber für gewiſſe Charaktere, und der meinige gehört zu dieſer Zahl, nichts Peinlicheres, nichts Schmähli⸗ cheres, als demüthigende Bitten an ſeine Gläubiger gerichtet, um von ihnen eine Friſtverlängerung zu be⸗ 65 kommen, beſonders wenn es ſich um Lurusſchulden handelt. Meine Reiſe mit Frau von Méligny befreite mich für den Augenblick von dieſen Bangigkeiten, doch ich hatte meinen Gläubigern förmlich verſprochen, ſie bei meiner Rückkehr nach Paris zu bezahlen, und dieſe Rückkehr kam immer näher. Eine andere Furcht quälte und ſtachelte mich: wäh⸗ rend des Aufenthaltes unſerer reiſenden Colvnie in Bern hatte ſich Lord Wilmot, ein Millionen reicher junger Engländer von reizendem Aeußerem und vrigi⸗ nellem Geiſte, in dem, was man unſern Salon nannte, vorſtellen laſſen. Egle empfing den jungen Lord mit ganz beſonderer Auszeichnung; er blieb übri⸗ gens nur ein paar Tage in Bern, kündigte uns aber an, er werde den folgenden Winter in Paris zubringen, dort ſein Haus öffnen, und da er unverheirathet und Fremder war, ſo wurdezwiſchen ihm und Frau von Mé⸗ ligny verabredet, ſie ſollte die Einladungen für die Féten machen, die er geben wollte; ſie zeigte ſich ſehr coquette gegen ihn, und ich empfand die erſten Beklem⸗ mungen der Eiferſucht. Ungefähr um dieſe Zeit erhielt ich einen Brief von meinem Banquier; er ſchickte mir einen Creditbrief für Genf, wo wir uns vor unſerer Rückkehr nach Frank⸗ reich aufhalten wollten, und er zeigte mir an, es bleibe ihm in ſeinen Händen, als mir gehörende Werthe, nur noch eine Einſchreibung von ſieben tauſend Livres ungefähr hundert und fünfundzwanzig tauſend ranken. Nach der Gewohnheit der Verſchwender hatte ich die Ausgaben, die ich gemacht, nicht genau berechnet; der Briefmeines Banquier ſchmetterte mich niederz meine Schulden, deren Bezahlung gebieteriſch bei meiner Zurück⸗ kunft gefordert werden konnte, beliefen ſich auf ungefähr vierzig tauſend Frankenz dieſe grauſame Rückfehr zur Wirk⸗ lichkeit erbitterte meinen Charakter; die Coquetterien Fernand Dupleſſis. III. 5 „ . 65 von Frau von Meligny gegen Lord Wilmot hatten mich ungemein geärgert; als ich mich eines Abends allein mit ihr fand, machte ich ihr auch ziemlich heftig dar⸗ über Vorwürfe, daß ſie mit einem compromittirenden Eifer dieſen Fremden, den ſie kaum kenne, empfangen habe. Egle ſchaute mich Anfangs mit einer verblüfften Miene an; dann ſagte ſte zu mir: „Ach! ſteht es mir nicht frei, mein lieber Fer⸗ nand“ die Leute zu empfangen, wie es mir beliebt? Sollten Sie zufällig anfangen eiferſuchtig zu werden? Oh! nehmen Sie ſich in Acht! Die Eiferſüchtigen erregen Abſcheu bei mir; ſie ſind langweilig zum Ster⸗ ben, werden unerträgliche Freudenſtörer, verderben alle Beluſtigungen, und ich, ich will nur leben, um mich zu beluſtigen.“ „Gut, meine liebe Egle, doch es iſt mir ſehr viel daran gelegen, daß Sie ſich nicht auf meine Koſten beluſtigen; ich verbiete Ihnen auch förmlich, Lord Wil⸗ mot bei Ihnen dieſen Winter zu empfangen und ſich mit ſeinen Einladungen für die Bälle, die er geben ſoll, zu beſchäftigen.“ „Wie! Sie verbieten mir Dieſes und Jenes? Das iſt ſehr merkwürdig! .. . Und mit welchem Rechte, wenn ich fragen darf, verbieten Sie mir Etwas?“ „Dieſes Recht, Madame, kommt mir durch die zahlreichen Beweiſe von Liebe, die ich Ihnen gegeben habe, zu.“ „Beweiſe von Liebe? „ Welche denn?“ Ich war auf dem Punkte, auszubrechen und Frau von Meligny davon zu unterrichten, was mich unſere Verbindung durch die tollen Ausgaben koſte, zu denen ſie mich nöthige. Der Stolz hielt mich zurück; ich ſchwieg, gab meinem Geſpräche eine andere Wendung, und war bemüht, mir ihre Verzeihung für dieſen erſten Anfall von Eiferſucht zu erwerben, der, ich verſprach es, auch der letzte ſein ſollte. 67 Egle bewilligte mir Gnade mit einer reizenden An⸗ muth, unter der Bedingung, daß ich beluſtigend und heiter wäre wie früher, denn ihr Widerwille gegen die verdrießlichen Leute ſei unüberwindlich. Ich hatte genug Selbſtbeherrſchung, um meine Bangigkeiten zu verbergen; ich ſprach den Namen von Lord Wilmot nicht mehr aus, war ſehr heiter und beluſtigend bis zum Ende unſerer Reiſe, und wir kamen in Paris an. Bis dahin hatte ich mich beinahe völlig über meine Lage betäuben können, da ich faſt keinen Augenblick allein war; doch nach Paris zurückgekehrt und ſehr oft nur mir ſelbſt gegenüber, war ich genöthigt, der Wirklichkeit feſt in's Geſicht zu ſchauen, einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen; nach meiner Gewohnheit und um, wenn man ſo ſagen darf, klarer in meinen Gepanken zu ſehen, vertraute ich dieſe auch meinem ſeit langer Zeit unterbrochenen Tagebuche an. III. November 1832. Ich komme von meinem Banquier; wenn meine Rechnungen gemacht und meine Schulden bezahlt find, bleiben mir noch vierundneunzig tauſend Franken. Das iſt in Wahrheit meine Lage. Ich habe die Wahl zwiſchen zwei Entſchlüſſen. Fortfahren, mein Kapital zu verzehren, und nach zwei bis drei Jahren eines eleganten Lebens mir mu⸗ thig eine Kugel vor den Kopf ſchießen. Mit Frau von Meéligny brechen, auf die Welt verzichten, das, was mir bleibt, für eine Leibrente anle⸗ gen, mir ſo ein Einkommen von ſechs tau⸗ 68 ſend Livres gründen, und mich in der Tiefe von einer der Provinzen begraben, wo man, wie man zu ſagen pflegt, um nichts lebt. Ich weiß, der erſte Entſchluß, der nothwendig auf Elend oder auf den Selbſtmord ausläuft, iſt wahn⸗ innig. Der zweite iſt weiſe. Daraus folgt nicht, daß ich dieſen letzteren Ent⸗ ſchluß faſſen werde; ich kenne nun die Schwäche, die Nichtigkeit meiner Entſchließungen. Ueberlegen wir indeſſen, beichten wir uns ſelbſt. Mit Egle brechen wird mich, ich fühle es, weni⸗ ger koſten, als auf die Welt zu verzichten; ich ver⸗ ſtehe unter der Welt die Gewohnheiten, gute Ge⸗ ſellſchaft zu beſuchen, mit Lurus, mit geſchmackvoller Eleganz zu leben, Gewohnheiten, welche für mich nicht minder gebieteriſch geworden ſind, als die, zu eſſen und zu trinken; ich kenne die Frauen, ich habe geſehen, auf welche Art Frau von Méligny Lord Wilmot empfing; ſie empfing mich ſo an jenem Abend, wo ſich Vareuil aus Aerger ſo emſig um Mlle. Chonchon bewarb. Rein, meine Ahnungen täuſchen mich nicht: Egle wollte ſich für ihren Winter die Eroberung dieſes jun⸗ gen Lords vorbehalten; ſie iſt einfältig; der Mann, der ſich um ſie bemüht, muß ihrer Eitelkeit ſchmeicheln. So albern Vareuil war, er commandirte ein Regi⸗ ment; ſeine reiche Uniform ſtand ihm vortrefflich. Mich hat ſie zugleich aus Laune und des Contraſtes wegen geliebt; verdient oder nicht verdient, habe ich in der Welt eine Art von Ruf, was den Geiſt betrifft. Egle hat es piquant gefunden, in ihrer Gunſt einen Mann von Geiſt auf einen Dummkopf folgen zu laſſen. Bin ich aber wirklich ein wenig geiſtreich, ſo hat Egle in Betreff meines Geiſtes, der für ſie ein ver⸗ ſchloſſenes Buch geblieben, den Perſonen nachgeahmt, welche, um glauben zu machen, ſie verſtehen das Deuiſche oder das Itglieniſche, auf ihren Tiſchen die 69 Meiſterwerke dieſer fremden Sprachen, von denen ſie nicht das erſte Wort verſtehen, auf eine auffallende Weiſe offen liegen laſſen. Lord Wilmot iſt ſehr jung, ſein Geſicht iſt höchſt angenehm. Dabei beſitzt er ein coloſſales Vermögen; er wird das ſchönſte Hotel in Paris haben und herr⸗ liche Feten geben, deren Königin Egle ſein ſoll; ſie wird in Luxus mit ihm wetteifern, — ſie ſind ſich Beide an Reichthum gleich, während ſie ſich oft in Beziehung auf mich wie eine Kaiſerin betrachtet hat, die einen armen Teufel lieben würde. „Sie haben zwei ſehr ſchöne Pferde,“ ſagte ſie eines Tages zu mir; „doch es ſind immer dieſelben.“ „Ich will keine andere, weil ich ſie beſaß, als ich Sie tiebte, meine Egle,“ erwiederte ich zärtlich; das ſchmeichelte ihr; ſie ſprach ſelten mehr mit mir pon meinen immerwährenden Pferden. Ein ander Mal nahm ſie eines Morgens den Thee mit mir; ich hatte einen herrlichen Service vollſtändig von eiſelirtem Vermeil gekauft, ein wahnſinniger An⸗ kauf aus dem Geſichtspunkte meiner Vermögenslage. „Wie, Sie ſind noch beim Vermeil?“ ſagte ſie zu mir mit ihrer matten Stimme. „Das iſt gemein .. Das zerbricht nicht. Schaffen Sie ſich doch einen Service von altem Soövres an ... Das iſt beſſerer Geſchmack.“ Ich konnte dies Malznicht wie bei Gelegenheit mei⸗ ner Pferde antworten: „Ich beſaß dieſen Service, als ich Sie liebte, ich will keinen andern u. ſ. w.“ Ich fügte mich; mein Vermeilſervice hatte mich vier tauſend Fran⸗ ken gekoſtet; ich vertauſchte ihn gegen ein Deéjeuner von altem Sovres für drei hundert Louis d'or; zum Unglück war dieſer Service türkißblau, und Frau von Méligny liebte beim Porzellan nur das Kohlgrün. „Oh! obgleich er Ihrem Geſchmacke widerſpricht, werde ich doch meinen blauen Service behalten, meine liebe Egle „ Sein zartes uiemes Azur 70 erinnert mich an das Ihrer ſchönen Augen,“ ſagte ich zu ihr; und in Folge dieſer Antwort war ſie dem blauen Porzellan weniger abgeneigt .. So iſt das Weib! . Die ſeltene Schönheit und, warum ſollte ich es leugnen? das fürſtliche Hausweſen von Frau von Mé⸗ ligny ſchmeicheln allerdings meiner Eitelkeit; doch ich fühle, es wird mich viel weniger koſten, gezwungener Weiſe oder freiwillig mit Egle zu brechen, als auf die Reize einer auserwählten Geſellſchaft, die man nur in Paris trifft, zu verzichten, als auf meinen Comfort, auf meine Pferde, auf jene tauſend zierlichen Dinge des Lurus und des Wohlſtands zu verzichten, deren ich nun nicht mehr zu entbehren wüßte. Nein, nein, ich mag immerhin in der Ferne den Abgrund der Armuth, oder das blutige Geſpenſt des Selbſtmords erſchauen nein, ich vermöchte nicht auf dieſe Genüſſe zu verzichten, die nun für mich das Le⸗ ben find. Und dennoch habe ich, ſeltſamer Contraſt! nach⸗ dem ich Witwer geworden, beinahe ein Jahr lang ein einfaches, nüchternes, einſames Leben geführt; die Lecture, der Spaziergang, die Träumerei nahmen meine Angenblicke ein; die zwölftauſend Livres Rente, die mir blieben, überſtiegen meine Bedürfniſſe; ich hatte ein ruhiges und zufriedenes Herz, trotz gewiſſer An⸗ fälle von Schwermuth, wenn ich an Albine oder an Madame Raymond dachte; doch dieſe durch die Reue, durch die Gewiſſensbiſſe verurſachte Schwermuth war nicht ohne eine Art von herbem Reiz; meine Tage ver⸗ gingen, wenn nicht glücklich, doch wenigſtens ruhig; ich wußte nichts von den Bangigkeiten, von denen ich jetzt geplagt werde, wenn ich an die Zukunft denke. Ah! wäre ich zu einem feſten, weiſen Entſchluffe fähig, ſo würde mich die Zukunft nicht beunruhigen; ich würde in's lebendige Fleiſch einſchneiden, ich würde Alles ich beſitze „ich würde die Trüm⸗ 71 mer meines Vermögens für eine Leibrente anlegen und in der Tiefe einer Provinz die Ruhe wieder finden, die ich genoß, ehe mich eine unſelige Idee in die Ita⸗ lieniſche Oper führte, um die Realität meiner neuen Philoſophie zu erproben. Meinen Zufluchtsort in der Auvergne oder in der Bretagne wählend, würde ich ein Häuschen in einer lachenden Einſamkeit bewohnen; ich hätte, um mich zu tröſten, die Erinnerung an meine ſchönen Tage, ich würde mir einige anziehende Stu⸗ dien ſchaffen und mich des Friedens der Seele erfreuen. So alt werden, iſt denn das ein ſo beklagens⸗ werthes Loos? Doch alt werden allein, ohne Zuneigungen, ohne Bande, alt werden nur dem Alten von Angeſicht zu An⸗ geſicht gegenüber, ohne die koſtbaren Familienanhäng⸗ lichkeiten, unter denen man die Jahre vergißt, welche kommen, während man ſeine Kinder groß werden ſieht! Ach! ich wäre vielleicht zur Stunde dieſer fried⸗ lichen Süßigkeiten des häuslichen Herdes theilhaftig, hätte ich bei meiner Verheirathung, ſtatt mit meiner kalten Selbſtſucht zu Rathe zu gehen, mein Herz um Rath gefragt. Ah! ich bin ein Unglücklicher ohne Willen, ohne Muth! Dieſe Blätter, die ich ſo eben wiedergeleſen habe, ſind mir ein abermaliger Beweis von der trau⸗ rigen Unentſchiedenheit meines Charakters; es könnte nicht anders ſein, ich habe keinen feſiſtehenden Grund⸗ ſatz, ich ſchwanke und ſchwebe nach dem Gefallen mei⸗ ner Leidenſchaften! wozu ſoll dieſes leere Studium über mich ſelbſt wenn nicht um meine Lage alſo zuſammen⸗ zufaſſen, denn ich vermöchte mich nicht länger zu täuſchen: „Ich bin zu Grunde gerichtet, ich will um jeden Preis das Leben eines reichen Mannes fortſetzen, und müßte ich die letzten Trümmer meines 72 Bah! ich werde bis zum Ende gehen und, die Augen ſchließend, mich dem Strome überlaſſen, der mich fortreißt, oder ich werde vielmehr, wie man zu ſagen pflegt, mit der Laterne am Halſe ertrin⸗ ken! Klar werde ich die Tiefe des Abgrundes ſehen, der mich verſchlingt! „ „ Abermals unterbrach ich mein Tagebuch ungefähr einen Monat lang; einer verhängnißvollen Hinreißung nachgebend, ſuchte ich in der Betäubung durch die Luſtbarkeiten und in meiner Verbindung mit Frau von ign das Vergeſſen meiner ſelbſt und der Wirk⸗ ichkeit. Eines Abends ſagte mein Kammerdiener, als ich eben zu Bette ging, mit einer geheimnißvollen Miene zu mir: „Ah! Herr, Sie wiſſen ohne Zweifel nicht, daß wir ſeit unſerer Rückkehr eine Nachbarin haben?“ „Was für eine Nachbarin?“ „Es iſt Ihnen bekannt, mein guter Herr, daß eine von den Umfriedungsmauern des Gartens dieſen vom Sa eines andern Hauſes, Nr. 7, trennt?“ „Nun?“ „Sie mußten wohl bemerken, daß die Sommer⸗ läden dieſes Hauſes immer geſchloſſen find, als ob es unbewohnt wäre?“ . „Seit unſerer Rückkehr kommt nun eine ver⸗ ſchleierte Dame jeden Tag in dieſes Haus, gegen zehn Uhr Morgens, bleibt hier bis gegen Mittag, und kehrt dann in dem Fiaecre zurück, der ſie gebracht hat.“ „Und was macht dieſe Dame in dem unbewohnten Hauſe?“ „Sie ſchaut Sie durch die Läden an.“ „Ah! mein lieber Dupin, Sie ſind ein Narr!“ —,— 73 „Gehen Sie nicht alle Morgen, Ihre Cigarre rau⸗ chend, von zehn Uhr bis Mittag im Garten ſpazieren?“ „Allerdings.“ „Nun! dieſe Dame verſäumt nicht eine von Ihren Promenaden.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Sie mögen ſich wohl denken, mein guter Herx, daß ich, wenn Sie ausgegangen ſind, ein wenig mit der Nachbarſchaft verkehre?“ „Ich kann mir das vorſtellen.“ „Ich habe alſo Bekanntſchaft mit dem Portier des Hauſes nebenan gemacht. Oft bringe ich die Abende bei ihm zu, in Erwartung der Stunde, wo mein Herr ſchlafen geht; wir find ſo ziemlich vertraut mit einan⸗ der geworden. Eines Abends ſagt er zu mir: „„Nach⸗ bar, ich muß Ihnen eine drollige Geſchichte erzählen. Vor ungefähr einem Monat, ehe Sie zurückgekehrt waren, hat eine verſchleierte Dame, ſo verſchleiert, daß ich nie auch nur ihre Naſenſpitze ſehen konnte, dieſes Haus gemiethet und ein Jahr zum Voraus bezahlt; ſie hat kein anderes Geräthe als ein Fauteuil hierher bringen laſſen, und ſeitdem Sie mit Ihrem Herrn von der Reiſe angelangt ſind, vergeht kein Tag, ohne daß ſie gegen zehn Uhr Morgens kommtz ſie bleibt bis Mittag und fährt dann wieder weg.““ „„Und was macht die Dame in dieſem Hauſe?““ fragte ich den Portier. „„Bei meiner Treue, Nachbar,““ antwortete er, „„ich glaube, ſie kommt um des Vergnügens willen, Ihren Herrn in ſeinem Garten ſpazieren gehen zu ſchen; und hören Sie, warum ich das glaube: Dieſe Dame ließ ihr Fauteuil in den Salon bringen, der die Ausſicht auf Ihr Haus hat, und deſſen Läden im⸗ mer geſchloſſen ſind; ſie gab mir den Befehl, nie in ihre Wohnung hinaufzukommen, ſo lange ſie da wäre. Ich gehorchte, doch vorgeſtern, nach ihrem Abgange, ging ich hinauf, um das Fenſter zu ſchließen, und ich fand 74 auf der Lehne dieſes Fenſters ein herrliches, mit Spitzen garnirtes Taſchentuch, das ſie hatte liegen laſſen; ich fagte zu mir ſelbſt: dieſes Taſchentuch wäre nicht da, wenn die Dame nicht durch das Fenſter geſchaut hätte. Wen kann ſie aber anſchauen, wenn nicht Ihren Herrn, der alle Morgen ſeinen Spaziergang in Ihrem Garten macht?““ Dieſes etwas romanhafte Abenteuer ſetzte mich in Erſtaunen, intriguirte mich, und da ich mich in der Lage des Geiſtes, in der ich mich befand, haupt⸗ ſächlich zu betäuben ſuchte, ſo ſah ich in dieſem Um⸗ ſtande ein Mittel meine Verbindung mit Frau von Meéligny zu compliciren, und vielleicht eine Entſchä⸗ digung für ihre Untreue zu finden, ſollte ſie mir ſpä⸗ ter, nach meiner Ahnungen, Lord Wilmot vorziehen; nachdem ich einige Angenblicke überlegt hatte, ſagte ich auch zu Dupin! „Iſt der Portier des Nachbarhauſes ein Menſch, den der Köder einiger Louis d'or in Verſuchung führen kann?“ „Ich glaube es; denn er ſcheint mir ein ſehr in⸗ tereſſirter Burſche zu ſein; ich vermuthe ſogar, daß er, den Umſtand benützend, daß dieſe Dame immer nur zwei Stunden des Tags im Hauſe weilt, irgend Etwas anſpinnt; denn mehrere Male gegen eilf Uhr Abends hai er die Thüre Männern geöffnet, welche Päcke brach⸗ ten und an der Loge vorbeigingen, ohne etwa zu ſpre⸗ chen. Ich fragte ihn, was für Männer dies ſeien, er antwortete mir mit einer verlegenen Miene: „„Da die en nur zwei Stunden des Tags hierher kommt, ſo „Alles dies iſt mir ſehr gleichgültig,“ unterbrach ich Dupin; „glauben Sie, daß dieſer Menſch durch den Köder von einigen Louis d'or beſtochen werden kann, ſo werden Sie ihn morgen früh aufſuchen und ihm von mir zehn Lonis d'or anbieten, wenn er mich von der Ankunft dieſer Dame, ſollte ſie morgen wieder 7⁵ kommen, benachrichtigen und in den Salon, wo ſie ſich gewöhnlich aufhält, gelangen laſſen will.“ „Ich werde dieſe Befehle vollziehen und hoffe mei⸗ nem Herrn morgen früh, wenn er aufſteht, eine gün⸗ ſtige Antwort bringen zu können.“ Hienach ging Dupin weg. Wer iſt dieſe Frau? ſagte ich zu mir ſelbſt; ſie muß einer gewiſſen Claſſe der Geſellſchaft angehören, daß ſie ein ganzes Haus miethet, um ſich das Vergnü⸗ gen zu verſchaffen, mich in meinem Garten ſpa⸗ zieren gehen zu ſehen. Das ſcheint mir, wie Herr Dupin ſagt, ſeltſam, ungereimt, unmöglich; viel⸗ leicht täuſcht ſich der Portier; die geheimnißvolle Dame hat das Haus ohne Zweifel gemiethet, um es zu ihren Liebesrendezvous zu benützen; doch nach der Behaup⸗ tung dieſes Menſchen empfängt ſie nie irgend Jemand und bleibt jeden Tag zwei Stunden allein in einem Zimmer. Wartet ſie vielleicht vergebens auf Einen, der nicht kommt? Das wäre möglich.“ Kurz, wie dem ſein mag, morgen wird das Ge⸗ heimniß aufgeklärt ſein . . . Wenn dieſe Dame ſchön wäre! welch eine vortreffliche Gelegenheit, der Untreue, auf die Frau von Méligny ſinnt, zuvorzukommen! So groß iſt die Beweglichkeit meines Charakters, die Gluth der Neugierde, welche in mir das Aben⸗ teuerliche, das Geheimnißvolle erregt, daß ich die Nacht ziemlich unruhig zubrachte. Es ſchien mir, als wäre ich in die erſte Zeit mei⸗ ner Jugend zurückgekehrt, wo die Erwartung eines Rendezvous, auf dem Ball der Oper, mit irgend einem anlockenden Domino, mir immer eine fieberhafte Schlaf⸗ loſigkeit verurſachte. Am folgenden Tage, nachdem ich Abends vorher erfahren hatte, eine verſchleierte Dame begebe ſich häufig in das dem meinigen benachbarte Haus, ſetzte ich mein Tagebuch alſo fort: 76 November 1832. Sammeln wir unſere Erinnerungen. Die verſchiedenen Ereigniſſe des Tages verſetzen meinen Geiſt in eine ſtürmiſche Bewegung; Ruhe, Kaltblütigkeit, keine tolle Hinreißung; überlegen wir reiflich; die Sache iſt ernſt. Dieſen Morgen trat Dupin ſtrahlend bei mir ein und meldete mir: „Ich habe den Portier geſehen; er willige in das ein, was Sie wünſchen; nur, um, nach dem Sprüch⸗ worte die Ziege und den Kohl zu ſchonen (dieſer wackere Mann befürchtet, ſeinen Platz zu verlieren), bittet er Sie, der Dame zu ſagen, um ihr zu erklä⸗ ren, wie Sie zu ihr gelangt find, Sie haben ſich im Hauſe geirrt, und da Sie den Thorweg offen gefunden und Niemand in der Loge geſehen, ſo ſeien Sie herauf⸗ gegangen, und . „Gut, gut! ich weiß, was ich zu thun habe. Man wird mich alſo von der Ankunft der Dame be⸗ nachrichtigen?“ „Gewiß; ſie wird ohne Zweifel zwiſchen zehn und eilf Uhr kommen.“ Ich erwartete dieſen Augenblick mit einer gewiſſen Ungeduld. Gegen neun Uhr ſehe ich Dupin mit einer geheimnißvollen und verlegenen Miene eintreten; er übergibt mir ein Billet und ſagt⸗ „Ich befürchte, mein guter Herr, Sie werden in Ihren Plänen geſtört; die Perſon, welche dieſen Brief gebracht hat, iſt ſogleich wieder mit der gewöhnlichen Be⸗ merkung: „„Es bedarf keine Antwort,“ weggegangen⸗ Ich erkannte die Handſchrift von Frau von Mé⸗ ligny, entſiegelte den Brief und las: „Laſſen Sie die kleine Gartenthüre öffnen, ich werde um eilf Uhr bei Ihnen ſein.“ Es beſtand keine Verbindung zwiſchen dem Hofe und dem Garten des Hauſes, das ich bewohnte, ſo daß Egle, wenn ſie durch die kleine Gartenthüre und 77 von da in die Wohnung eintrat, nicht Gefahr lief, vom Portier oder von den Leuten des Stalles, welche ſie im Hofe hätte treffen können, geſehen zu werden. Die Ankündigung des Beſuches von Frau von Meéligny machte mich einen Augenblick verlegen. Ich konnte hiedurch die Gelegenheit verlieren, ein Geheim⸗ niß zu ergründen, das meine Neugierde lebhaft erregte, doch, nach kurzem Nachdenken, ſchrieb ich folgende Worte: „Meine liebe Egle, eine eben ſo unvorhergeſehene, als wichtige Angelegenheit nöthigt mich, dieſen Mor⸗ gen auszugehen; ich hoffe indeſſen vor Ihrer Ankunft zurückgekehrt zu ſein; in jedem Falle, wollen Sie mich einige Augenblicke erwarten. Mit dem größten Be⸗ dauern und in der Hoffnung, Sie bald zu ſehen. . . Ich verſiegelte das Billet, legte es ſo, daß es in die Augen fallen mußte, auf den Kamin und ſagte zu Dupin: „Sie ſchließen wie gewöhnlich die Wohnung auf der Seite des Hofes. Sie bleiben im Vorzimmer, und wenn man nach mir fragt, antworten Sie, ich ſei aus⸗ gegangen; Sie laſſen nur die Thüre des Salon offen, der mit dem Garten in Verbindung ſteht.“ Auf die gewöhnliche Pünktlichkeit meines Kammer⸗ dieners zählend, ging ich ſogleich in das Nachbarhaus; ich gab dem Portier die verſprochenen zehn Louis d'or und erſuchte ihn, mich in eine der Manſarden des Hauſes hinaufgehen zu laſſen, wo ich warten werde, bis er mir die Gegenwart der Unbekannten melde. Er willigte ein und führte mich in ein oberes Zimmer, von wo aus man meinen Garten erſchaute. Ich belauerte die Ankunft von Frau von Méligny; gegen eilf Uhr hörte ich das Rollen eines Wagens, der bald anhielt. War es die Unbekannte? War es Egle? Dieſe war es. Ich ſah ſie ſachte die ein wenig geöffnete Thüre zurückſchieben, ſie mit dem Riegel wieder ſchließen und 78 ſich dann mit raſchen Schritten nach der Freitreppe des Salon wenden, wo ſie eintrat. Obgleich ſich der Monat November ſeinem Ende näherte, war der Himmel doch heiter und die Sonne ſchien wie im Frühling; ſogleich ſah ich Frau von Meéligny aus dem Zimmer, wo ſie ihre Mantille und ihren Hut niedergelegt hatte, wiebder herauskommen; ſie hielt in der Hand mein Billet, das ſie mit nach⸗ denkender Miene zerriß, während ſie langſam durch eine der Alleen des Gartens ging. Bald meldete mir der Portier die Ankunft der Unbekannten. Ich folgte ihm, ſtieg in den erſten Stock hinab und öffnete ſachte die Thüre des Salon, den er mir bezeichnete, und wo ſich dieſe Unbekannte befand. Ich ſah eine Frau von vollendetem Wuchſe; ſie wandte mir den Rücken zu, und auf die Fenſterlehne geſtützt, ſchien ſie mir dergeſtalt von der Betrachtung deſſen, was ſie durch die geſchloſſenen Läden beobachtete (ohne Zweifel den Spaziergang von Frau von Méligny), in Anſpruch genommen, daß ſie Anfangs mein Erſcheinen nicht wahrnahm; beim Geräuſche meiner Tritte auf dem Boden drehte ſie ſich indeſſen ungeſtüm um, und ich erkannte . . Ceſarine! Ceſarine, die Witwe von Hyaeinthe, wiederver⸗ heirathet an den reichen amerikaniſchen Banquier Herrn Jefferſon! . „Fernand!“ rief ſie mit einem Ausdrucke des Er⸗ ſtaunens, der Liebe und der Freude, der mich bis in die Tiefe meines Herzens erſchütterte; dann ſchwanden ihr die Kräfte; ſie ſchien gebrochen durch die Gemüths⸗ bewegung, ſiel in das in ihrer Nähe ſtehende Fauteuil und zerfloß, ihr Geſicht in ihrem Taſchentuche verber⸗ gend, in Thränen. So groß war meine Betäubung, daß ich einen Augenblick unbeweglich, ſtumpf, unfähig, ein Wort zu ſprechen, blieb; bald aber drängten ſich die Erinnerun⸗ gen in meinem Geiſte, ich entſann mich des Todes von Hhaeinthe, meines Schwures, Ceſarine zu heira⸗ then, meines unwürdigen Benehmens gegen ſie, als ich ihr, da ich erfuhr, ſie ſei Mutter, kalt ſchrieb, zich ſei bereit, meine Pflicht zu erfüllen, oder ihre Zukunft und die ihres Kindes zu ſichern,“ ein An⸗ trag, den ſie mit einer niederſchmetternden Verach⸗ tung durch die Antwort zurückwies: „Behalten Sie Ihr Geld, Sie werden von mir oder meinem Kinde ſprechen ören.“ * Ich hatte in der That nicht mehr von Ceſarine ſprechen hören; ſpäter erfuhr ich nur ihre Verheira⸗ thung mit einem gewaltig reichen Amerikaner, und dann wußte ich nichts mehr von ihrem Leben. So verſchwand das Geheimniß, mit dem ich mich ſo lebhaft ſeit dem vorhergehenden Tage beſchäftigte. Ich ſah mich einer alten Geliebten gegenüber, der ich den Schwur, ſie zu heirathen, geleiſtet: ein von mir gebrochener Schwur, obgleich ihn Hyacinthe ſterbend empfangen „. ſterbend an dem gräßlichen Schmerze, den ihm mein Verrath und die Untrene ſeiner Frau verurſachten. In dieſem Augenblicke hatten meine Eindrücke Theil an den verſchiedenen Rückerinnerungen an die Vergangenheit; als ich dieſe einſt von mir ſo glühend geliebte Frau wiederfah, gedachte ich ihrer berau⸗ ſchenden Schönheit; ich hatte das Bewußtſein meines Verraths und ſchämte mich deſſelben; endlich, — zu ſpäte Gewiſſensbiſſe, — fragte ich mich mit Bangigkeit, was aus jenem Kinde geworden, dem Kinde unſerer Liebe! Dann wußte ich nichts vom Schickſal der neuen Ehe von Ceſarine; ich wußte auch nicht, in welcher Abſicht ſie mich jeden Morgen durch den geſchloſſenen Laden beſpähte, der nach meinem Garten ging, wo Ceſarine in dieſem Augenblick ohne Zweifel Frau von Meligny erſchaut hatte. Dieſes Chavs von Erinnerungen, von Reue, von 80⁰ Gewiſſensbiſſen, von Zweifeln, von Beſorgniſſen und Bangigkeiten brachte eine ſolche Verwirrung in mei⸗ nen Geiſt, daß ich, unbeweglich vor Frau Jefferſon, welche immer noch das Geſicht mit ihrem Taſchentuche verbergend da ſaß, ihr nicht ein Wort zu ſagen fand; was aber, faſt unerklärlicher Weiſe, alle meine andern Gedanken, ſo ernſt ſie ſein mochten, beherrſchte, war die ungeduldige Neugierde, zu erfahren, ob Ceſarine immer noch ſo ſchön ſei; denn meine Augen hatten ſich kaum einen Moment auf ſie im Halbdunkel dieſes Zim⸗ mers geheftet. Meine Neugierde wurde bald befriedigt; Frau Jefferſon ließ ihre beiden Hände auf ihren Schooß fallen, erhob das Haupt, wandte ſich gegen mich und ſagte mit dem Ausdrucke zärtlichen und zugleich ſchmerz⸗ lichen Vorwurfs, während die Thränen ihre Wangen überflutheten: „Wie .. . Fernand? nicht ein Wort .. nicht ein Wort!“ Bei meinem Bruche mit der Witwe von Hya⸗ einthe, verließ ich dieſe bleich, abgemagert durch ihren Kummer und in düſtere Trauerkleider gehüllt; unter dieſem letzteren Anblick beſonders war ihr Bild mei⸗ nem Geiſte gegenwärtig geblieben. Doch ich ſah Ceſa⸗ rine wieder im ſtolzen Glanze einer Schönheit, welche noch blendender, als in den erſten Zeiten unſerer Liebe; es läßt ſich nichts Durchſichtigeres denken, als ihr ro⸗ ſiger, obgleich durch die Gemüthserſchütterung leicht erblaßter, Teint; ich fand wieder in ihren thränenfeuch⸗ ten, großen blauen Augen jenes glühende Schmachten, das ihrem Blicke einen unwiderſtehlichen Reiz verlieh; ihre lebhaft purpurrothen Lippen mit ihrem leichten braunen Flaume ließen, ein wenig geöffnet durch haſtige Seufzer, ihre Perlzähne erblicken; ſie trug ihre dichten ſchwarzen Haare nicht mehr glatt wie früher, ſondern ſie ſielen in langen Kräuſelungen beinahe bis auf den Anfang ihres Buſens herab, und ihr reizendes Geſicht — . 81 hob ſich zart und rein wie eine antike Kamee unter dieſem Walde von ebenholzſchwarzen Locken hervor; die leichte Fülle, die ihren Oberleib rundete, ließ, weit entfernt, ihrer geſchmeidigen, hohen Taille zu ſchaden, dieſe noch ſchlanker erſcheinen; was ſoll ich mehr ſa⸗ gen, — zur Zeit ihrer Ehe mit Hyaeinthe, der vom Gehalte ſeiner Stelle und einer kleinen Leibrente lebte, kleidete ſich Ceſarine immer ſehr einfach, und ich ſah ſie wieder in einer eleganten und reichen Morgentoi⸗ lette, welche ihre ſtrahlende Schönheit noch erhöhte; mein Herz hüpfte, tauſend Liebeserinnerungen durch⸗ zuckten meinen Geiſt. Ich betrachtete Frau Jefferſon mit einer ſtummen, leidenſchaftlichen Bewunderung. „Wie! Fernand,“ hatte ſie zu mir geſagt, „nicht ein Wort!“ „Doch ein Wort . ein einziges!“ rief ich, indem ich mich ihr zu Füßen warf, „und dieſes Wort iſt Verzeihung .. Dann fügte ich, einer unausſprechlichen Rührung nachgebend, bei, indem ich ihre ſchönen Hände mit Thränen und Küſſen bedeckte. „Ja, ein einziges Wort: Verzeihung! . eine einzige Frage: Unſer Kind?“ Ceſarine preßte krampfhaft meinen Kopf an ihren e Buſen und erwiederte ſchluchzend: „Todt!“ „Todt!“ rief ich auch weinend, „todt!“ „Geſtorben bei ſeiner Geburt!“ murmelte ſie, und ſie zerfloß in Thränen. Unerklärlicher Widerſpruch des menſchlichen Her⸗ zens! Als mir einſt Ceſarine ſtrahlend verkündigte, ſie ſei Mutter, theilte ich ihr Glück durchaus nicht, ſondern es erfüllten mich im Gegentheil Gefühle des Verdruſſes und des Mißtrauens; ich befürchtete, ſich auf ihre Mutterſchaft berufend, werde ſie nun von mir, im Namen eines doppelten Rechtes, den Vollzug der Fernand Dupleſſis. III. 6 82 von mir unter der Heiligkeit eines Eides dem ſterben⸗ den Hyacinthe verſprochenen Heirath fordern; dieſe Furcht war eine von den Urſachen meines unverzeih⸗ lichen Bruches mit Ceſarine, und dennoch, ich ſchwöre es bei Gott! in dieſem Augenblick, wo ſie den Tod unſeres unglücklichen Kindes beweinte, beweinte ich es wie ſie mit herzzerreißendem Schmerze. Plötzlich faßte Frau Jefferſon zwiſchen ihren bei⸗ den Händen meinen auf ihren Schvoß geneigten Kopf, hob ihn auf, heftete auf mein Geſicht ihre großen thränenfeuchten Augen, und ſagte mit leidenſchaftlichem Ausdrucke zu mir: „Du beweinſt unſer Kind!!! Du liebteſt mich alſo? . „Ob ich Dich liebte, Ceſarine! .. Ab! ich rufe zum Zeugen meine Gewiſſensbiſſe! meine zahlloſen Nachforſchungen, um Dich wiederzufinden! Ob ich Dich liebte, mein Gott! Mir ſcheint, ich habe nicht aufge⸗ hört, Dich zu lieben ich liebe Dich wahnfinniger, als je . Sieh meine Thränen, fühle die Schläge meines Herzens ...“ „Du liebſt mich noch!“ „Mit Trunkenheit! . . mit Anbetung!“ „Mein Fernand ich bin Witwe.“ V. Ceſarine hat eben die Worte: „Mein Fer⸗ nand, ich bin Witwe!“ ausgeſprochen, da wird die Thüre des Zimmers, in welchem wir uns beſinden, ungeſtüm geöffnet: eine zitternde, bleiche alte Fral tritt haſtig ein und ſagt mit einer Stimme des Schrecken zu uns: — —— — — 83 „Ah! Madame, ſtürzen Sie meinen Mann nicht in's Verderben .. Haben Sie Mitleid mit uns .. ich konnte noch auf der kleinen Treppe entwiſchen.“ „Was wollen Sie?“ fragte ich die Unbekannte, in⸗ deß Ceſarine erſchrocken ihren Schleier niederzulaſſen ſich beeilte. „Wer ſind Sie?“ „Ich bin die Frau des Concierge ich habe mich flüchten können, um Sie zu benachrichten der Commiſſär und die Gendarmen achteten nicht auf mich.“ „Der Commiſſär!“ rief ich, „die Gendarmen!“ „Ja, Herr; ſie kommen, um eine Durchſuchung im Hauſe vorzunehmen; ſie ſind mit meinem Manne im Keller . . . „Eine Durchſuchung!“ verſetzte Frau Jefferſon er⸗ ſtaunt; . . „eine Durchſuchung, in dieſem Hauſe, das ich gemiethet habe?“ „Ach, Madame! Sie kamen immer nur ein paar Stunden des Tags hierher. Vor einiger Zeit trug ein großer Herr mit weißen Haaren, der Luſt gehabt hatte, das Haus vor Ihnen zu miethen, und wußte, daß Sie es nicht bewohnten, meinem Manne eine kleine Summe unter der Bedingung an, daß er ihm erlaube, im Kel⸗ ler mehrere Ballots Schmuggelwaaren zu verbergen und zuweilen in einem unteren Zimmer dieſes Hauſes die Perſonen zu empfangen, an die er ſeine Waaren verkaufe Dieſe Leute ſind geſtern Abend hierher gefom⸗ men und faſt bis Tagesanbruch hier geblieben .. . Mein Mann und ich, wir lagen im Bette, als ſie uns die Thüre öffnen hießen; ich glaube ſogar, daß Einer von ihnen den ganzen Morgen in dem unterem Saale, der auf die Straße geht, geblieben iſt . . . und .. .“ „In der That,“ unterbrach Frau Jefferſon ſehr ärgerlich die Portiére, „es iſt unerhört, daß Sie ſo ohne meine Einwilligung über dieſes von mir gemie⸗ thete Haus verfügen;“ dann fügte ſie bei: „Kommen Sie, Fernand, geben Sie mir Ihren 84 „Ach! Madame,“ ſprach die alte Frau, „Sie kön⸗ nicht weggehen, der Polizeicommiſſär hat es ver⸗ oten.“ „Was ſagen Sie?“ „Die Thüre wird von Stadtſergenten bewacht.“ „Mein Gott! Fernand,“ rief Ceſarine voll Angſt, „was bedeutet das?“ „Ich will den Beamten aufſuchen . . . und .. .“ „Sie ſind da ſie kommen herauf!“ rief bebend die alte Frauz „ich gehe auf der kleinen Gefindetreppe wieder hinab . . ſie werden nicht vermuthen, daß ich hier geweſen bin, um Sie zu benachrichtigen.“ Und ſie verſchwand mit aller Haſt. „Aber, Fernand, das iſt unbegreiflich! das iſt ab⸗ ſcheulich!“ ſagte Frau Jefferſon zu mir; „man wird uns verhaften . . .“ „Seien Sie unbeſorgt, Alles wird ſich aufklären.“ Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, als ein Polizeicommiſſär mit der Schärpe um den Leib und gefolgt von mehreren Stadtſergenten in das Zimmer eintrat; er ſchien ſehr erſtaunt, da er mich und Ceſa⸗ rine erblickte, ging gerade auf mich zu und ſagte, übri⸗ gens ſehr artig, zu mir: „Mein Herr, ich bin genöthigt, Sie um Ihren Namen, ſo wie um den von Madame zu fragen und Sie zu bitten, mir Ihre Anweſenheit an dieſem Orte zu erklären.“ „Nichts kann einfacher ſein, mein Herrz ich heiße Fernand Dupleſſis; ich wohne in dem dieſem, welches ſeit einiger Zeit gemiethet hat, benachbarten Hauſe.“ „Und ich, mein Herr,“ ſagte Ceſarine, „ich heiße Frau Jefferſon und wohne in der Rue Plumet, No. 11.“ „Sollte Madame eine Verwandte von Herrn Jef⸗ ferſon, dem amerikaniſchen Banquier, ſein?“ „Ich bin ſeine Witwe, mein Herr.“ 8⁵ Dieſe Antwort ſchien dem Commiſſär eine große Achtung vor Ceſarine einzuflößen, und er ſprach: „Erlauben Sie mir, Madame, einige Fragen an Sie zu richten. Wie lange iſt es her, daß Sie dieſes Haus gemiethet haben?“ „Sechs Wochen, mein Herr.“ „Ich muß Ihnen indeſſen bemerken, Madame, daß dieſe Zimmer nicht meublirt ſind, und daß Sie nicht hier wohnen.“ „Mein Herr,“ antwortete ich raſch, als ich die Verlegenheit von Frau Jefferſon wahrnahm, „Madame und ich, der ich die Ehre habe, zu ihren Freunden zu gehören, kamen gerade heute hieher, um einige Anord⸗ nungen hinſichtlich des Ameublement dieſer Wohnung zu treffen.“ „Das mag ſein,“ ſagte der Commiſſär; „ich muß aber Madame von einem ſehr ernſten Umſtande unter⸗ richten, dem ſie fremd iſt . . ich will es gern glau⸗ ben; in Folge einer ſorgfältigen Durchſuchung hat man im Reller dieſes Hanſes in ziemlich großer Anzahl Waffen und viel Kriegsmunition entdeckt.“ „Hier!“ riéf Ceſarine, „hier bei mir!“ „Ja, Madame.“ „Begreifen Sie etwas hievon,“ ſagte ſie zu mir, „eine Waffenniederlage in dieſem Hauſe?“ „Alles wird ſich auf eine ganz natürliche Art er⸗ klären, mein Herr,“ ſprach ich zum Commiſſär: „vor einem Augenblick iſt die Frau des Portier, die Sie befragen können, ganz erſchrocken hierher gekommen und hat uns geſtanden, ohne Wiſſen von Madame, welche noch nicht hier wohnte ... „Habe der Concierge Schmugglern erlaubt, Waa⸗ renballots hier niederzulegen, nicht wahr?“ fuhr der Commiſſär mich unterbrechend fort. „Dieſer Menſch hat mir dieſelbe Fabel wiederholt ... Die angeblichen Waaren ſind Curabiner) Piſtolen, Pulver und friſch verfertigte Patronen.“ 86 „Das kann ſein, mein Herr; gewiß aber iſt, daß Madame, und Sie müſſen mir dies glauben, gerade wie ich ganz und gar nichts von dem fraglichen Waffendepot wußte.“ „Mein Herr, ich geſtehe, ich fühle mich ſehr ge⸗ neigt, Ihren Worten Glauben zu ſchenken, wenn Sie wirklich Herr Fernand Dupleſſis, einer der Bewohner des Quartiers ſind, deſſen Beamter ich bin; ich kenne die politiſche Moralität der meinem Amtsbezirke An⸗ gehörigen; ich habe auch die Ueberzeugung, daß Herr Fernand Dupleſſis kein Verſchwörer zu ſein vermöchte, denn es handelt ſich hier offenbar um eine Verſchwö⸗ rung; ich werde ebenſo wenig Madame im Verdachte haben, ſie ſei bei einem Complott gegen die Sicherheit des Staates betheiligt, wenn Madame, was ich nicht bezweifeln will, die Witwe des reichen amerikaniſchen Banquier Herrn Jefferſon iſt; meine Pflicht nöthigt mich jedoch, mich der Identität der Perſonen zu ver⸗ ſichern, die ich in einem verdächtigen Hauſe finde.“ „Nichts kann leichter ſein, mein Herr, als die Wahrheit in dieſer Hinſicht kennen zu lernen; ich wohne zwei Schritte von hier, wollen Sie mich in mein Haus begleiten.“ „Dies bin ich verpflichtet n, mein Herr,“ antwortete der Commiſſär, „u dame wird mir hernach erlauben, ihr in ihre 2 ng zu folgen, um mich auch von ihrer Identität zu überzeugen.“ . „Ich widerſetze mich dieſem durchaus nicht,“ ſagte Frau Jefferſon, ſehr verdrießlich über dieſes Verlau⸗ gen der Polizei. „Indeſſen wünſchte ich dem Herrn dieſe Mühe zu erſparen; ich habe gerade bei mir, in meinem Portefeuille, nicht nur Viſitenkarten mit mei⸗ nem Namen und mit meiner Adreſſe, ſondern auch einen Brief, den man mir in dem Augenblick, wo ich von Hauſe wegging, übergeben hat. Könnten dieſe Beweiſe genügen, ſo wüß ich. Ihnen Dank, wenn Sie es hiebei bewenden l 87 Bei dieſen Worten übergab ſie dem Commiſſär ein fleines Portefeuille von ruſſiſchem Leder. Er nahm es, und während er mit den Augen den Inhalt durch⸗ lief, ſprach Frau Jefferſon leiſe zu mir, indem ſie einen Blick auf mich heftete, der mich berauſchte: „Fernand . . ich werde heute nicht ausgehen . ich erwarte Sie .. .“ Dann überlegend: „Nein, kom⸗ men Sie nicht heute, aber morgen ... „Warum morgen?“ „Ich werde es Ihnen ſagen.“ „Madame,“ ſprach der Commiſſär, indem er ſich vor Erſarine verbeugte, „die Beweiſe der Identität, die Sie mir mitgetheilt haben, ſind ſtreng genügend; es ſteht Ihnen frei, ſich zu entſernen; doch ich bin ge⸗ di Herrn Dupleſſis in ſeine Wohnung zu be⸗ gleiten.“ „Wie es Ihnen beliebt, mein Herr,“ ſagte ich. Und mich an Frau Jefferſon wendend: „Madame, er⸗ lauben Sie mir, Ihnen, meinen Arm anzubieten.“ Sie nahm ihn an, und mehr als einmal, wäh⸗ rend wir die Tr. hinabſtiegen, fühlte ich die Puls⸗ ſchläge ihres Her wir durchſchritten den Hof, der von Stadtſerh nd Polizeiagenten gefüllt war. In dem Augen go ſie durch den Thorweg hinaus gehen wollte, ſi h leiſe zu Ceſarine: „Morgen.“ „Morgen,“ Biederholte ſie, indem ſie zum letzten Male meinen Arm an ihren Buſen drückte; dann grüßte ich ſie. Sie entfernte ſich, und ich wandte mich nach der Thüre meiner Wohnung in Geſellſchaft des Poli⸗ zeicommifſärs. Da erſt erinnerte ich mich, nicht ohne eine leb⸗ hafte Beſorgniß, der Gegenwart von Frau von Mé⸗ ligny in meiner Wohnungz ſie hatte ohne Zweifel auf mich gewartet, und ich wäre troſtlos geweſen, ſie nicht den Augen des Comtiſſärs entziehen zu können; ich 88 ſagte daher zu ihm in dem Moment, wo ich an meine Thüre zu klopfen im Begriffe war: „Mein Herr, ich muß Ihnen eine Bemerkung von ſehr zarter Natur machen.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Es iſt möglich, daß ich zu dieſer Stunde bei mir eine Perſon . eine Frau finde . und ich „Beruhigen Sie ſich,“ unterbrach mich lächelnd der Commiſſär; „dieſe Erweiſung Ihrer Identität wird kein Reſultat herbeiführen, das Ihnen unangenehm ſein kann.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Der Commiſſär klopfte an, die Thüre wurde ge⸗ öffnet; er trat an die Loge des Portier und ſagte zu ihm, indem er mich mit der Geberde bezeichnete: „Sie kennen den Herrn?“ „Ob ich ihn kenne, dieſen Herrn?. . eil ich glaube wohl; es iſt Herr Dupleſſis, der das Haus bewohnt.“ Der Commiſſär ging auf meinen Kutſcher zu, der ſeine Geſchirre unter der Remi te, und richtete, indem er mich bezeichnete, ebenfels die Frage an ihn: „Sie kennen den Herrn?“ „Gewiß, da es mein Herr Kuiſcher ſehr erſtaunt über die ge. „Ich verlange nicht mehr, en. ſagte der Commiſſär zu mir. Und er verbeugts ſich und ging ab. Raſch trat ich bei mir ein, um zu erfahren, ob Frau von Méligny auf mich gewartet habe. Ich klin⸗ gelte lebhaft; Dupin öffnete mir; ich ließ ihn im Vor⸗ zimmer und wandte mich ſchleunigſt nach dem Salon; Egle befand ſich nicht hier; ich verſicherte mich ſodann, daß ſie ebenſo wenig im Garten war, als man die Thüre meines Schlafzimmers ungeſtüm aufſtieß; ich ſah einen Mann herauskommen und mit ausgeſtreckten Armen auf mich zulaufen. Es war Jean Rahmond! 3 ſt,“ Untwortete mein 89 „Du, Jean!“ rief ich. Und meine erſte Bewegung war, daß ich mei⸗ nem Jugendfreunde mit unausſprechlichem Glück um den Hals fiel. Tief gerührt von unſerem unerwarteten Zuſammen⸗ treffen, konnte ſich Jean der Thränen nicht erwehren; ſeine herzliche Umarmung, ſeine Gemüthsbewegung be⸗ wieſen mir, daß ihm ſeine Mutter immer mein Un⸗ recht gegen ſie verborgen hatte. Die Gegenwart von Zean ſchien mir providentiell in dieſem Augenblick, wo ich unentſchieden zwiſchen guten und ſchlechten Entſchlüſſen ſchwankte, die ſich noch verwickelten durch die unvorhergeſehene Rückkehr von Ceſarine von Ceſarine der Witwe. Ich kannte, ich bewunderte die Feſtigkeit, die Biederkeit des Charakters von Jean; mir dünkte, ſeine Rathſchläge fönnten mir aus dem Chaos ſich wider⸗ ſprechender Gedanken, unter denen ich mich ſeit eini⸗ ger Zeit zerarbeitete, hervorgehen helfen, hätte ich den Muth, meinem Freunde offenherzig meine Lage zu ge⸗ ſtehen. Frau von Meéligny völlig vergeſſend, dachte ich nicht einmal daran, mich zu fragen, wie ſich Jean, wahrſcheinlich ohne Wiſſen meines Kammerdieners, bei mir befinde. Er reichte mir die Hand und ſagte: „Guter Fernand, die Geſchicke unſerer Freund⸗ ſchaft wollen alſo, daß ich im Augenblick der Gefahr immer bei Dir eine Zuflucht finde!“ „Erkläre Dich.“ „Vor Allem verzeihe mir, daß ich eine reizende junge Frau fliehen gemacht habe, die mich ein wenig für einen Dieb zu halten anfing .. Doch . . fügte Jean lächelnd bei: „zum Glück wird dieſe ſchöne Flüch⸗ tige ſ „Du erſchreckſt mich Was ſpr Du von Zuflucht? von Geiywich jiit „Die Gefahr iſt nun vorüber „ Da man keine 90 Durchſuchung bei Dir vorgenommen hat, ſo vermuthet man meine Gegenwart im Nachbarhauſe nicht.“ „Wie! Du warſt in dem Hauſe, wo man ſo eben eine Niederlage von Kriegswaffen in Beſchlag ge⸗ nommen?“ „Woher weißt Du ... „Ich komme von dieſem Hauſe.“ „Du Fernand?“ „Ich begreife!!! Dieſe Waffen dieſe Muni⸗ tion . . . abermals eine Verſchwörung?“ „Ja, mein Freund,“ antwortete mir Jean. „Doch verzeihe, Du und ich, wir ſollten nie von Politik ſprechen.“ „Jean und Deine Mutter?“ „Seit einigen Monaten führt ſie die Bücher eines Hauſes, deſſen Kaſſirer ich bin.“ . „Sie!“ rief ich mit ſchmerzlichem Mitleid, „ſie .. genöthigt zu „ „Genöthigt, wozu?“ fragte Jean. Dann fügte er lächelnd und meinen koſtbar meublirten Salon anſchauend bei: „Es iſt wahr, ich vergeſſe immer, daß Du vor⸗ nehmer Herr biſt; glaube mir, das iſt kein Vorwurf, den ich Dir mache, mein Freund, nein, nein, ſo wie die Sachen ſtehen, heißt freigebig ſein Vermögen ver⸗ wenden den Beweis eines guten Bürgers von ſich ge⸗ ben, heißt die Arbeiter leben machen. Ich will Dir nur ſagen, mein guter Fernand, gewiſſe beſcheidene Lebenslagen, und die meiner Mutter gehört zu dieſer Zahl, müſſen Dir peinlicher ſcheinen, als ſie es in Wirklichkeit find.“ „Wenn aber Deine Mutter eine Stelle als Buch⸗ halterin in einem Handelsgeſchäfte angenommen hat, „ ſo müßt Ihr in Eurem Wohlſtande gefährdet worden ſein?“ „Mein Freund, ich bin Dir die kurz gefaßte Er⸗ zählung deſſen ſchuldig, was meiner Mutter und mir 91 begegnet iſt, ſeitdem Du uns im Gefängniſſe von Bourges verlaſſen haſt.“ „Es drängt mich, dies zu vernehmen; .. . doch Herr Charpentier, was iſt aus ihm geworden?“ „Er arbeitet fortwährend auf der Stube in ſeinem Handwerk als Sattler und wohnt in demſelben Hauſe mit uns.“ „Als ich die Revolution von 1830 erfuhr, dachte ich, ſie werde die Thüren Deines Gefängniſſes öffnen.“ „Dieſe Befreiung war in der That für meine Mutter, für mich und für diejenigen, welche unſere Meinung theilen, ein Tag ſtrahlender Hoffnung . Leider hatte dieſer Tag keinen andern Tag; wir glanb⸗ ten, die Republik werde an's Ruder gelangen . . . un⸗ ſere Wünſche fanden keine Verwirklichung . . Wir ſchritten alſo entſchloſſen wieder zum Werke; ein Theil des kleinen Vermögens, das meine Mutter und ich beſaßen, wurde dazu verwendet, unſere von politiſchen Verurtheilungen betroffenen Freunde zu unterſtützen, zu Gründung von Jvurnalen, welche als Organ für unſere Partei dienen ſollten, beizutragen; es blieb uns endlich eine Rente von ungefähr achtzehnhundert Franken. Kurze Zeit nach unſerem Ahgange aus dem Gefäng⸗ niß hatte icheine Stelle als Kaſſirer in einem Handels⸗ hauſe in Lyon gefunden, wohin mir meine Mutter folgte. Sie ſagte eines Tags zu mir: „„Mein liebes Kind, mir ſcheint, ich vergeſſe mich in einem bekla⸗ genswerthen Müßiggang! unſer kleines Vermögen iſt um zwei Drittel herabgeſchmolzen; was uns noch bleibt und der Gehalt Deines Platzes genügen allerdings für unſere Bedürfniſſe, doch man muß nicht allein an ſich denken, unſere Sache lebt nur von Opfern, und um ſo viel als möglich daran Theil zu nehmen, will ich meine Zeit benützen und die Buchführung lernen; bleibſt Du nun Kaſſirer, oder man betraut Pich auf's Neue mit der Direction eines induſtriellen Unternehmens, die Kenntniſſe, die ich erlangen will, werden mich Dir 92 näher bringen .. und wenn wir in demſelben Hauſe verwendet werden könnten, geſtehe, das wäre reizend! Siehſt Du uns Arm in Arm nach den Arbeiten des Tages gehen?““ „Wie ſehr erkenne ich an dieſem Gedanken Deine Mutter! Sie weiß der Pflicht ſo viel Reiz zu geben!“ „Das iſt wahr! theure, zärtliche Mutter! .. Fernand, Du kennſt ihren ſeltenen Verſtand; nach Ver⸗ lauf von ſechs Monaten einer beharrlichen Arbeit konnte ſie das ſchwierigſte Rechnungsgeſchäft führen; der Kaufmann in Lyon liquidirte, empfahl uns aber an einen ſeiner Correſpondenten in Paris; dieſer, ob⸗ gleich er Anfangs unſere politiſchen Meinungen durch⸗ aus nicht theilte, empfing uns vortrefflich und bewil⸗ ligte uns die zwei Stellen, die wir zu haben wünſchten. Meine Mutter führt, wie geſagt, die Bücher, und ich bin Kaſſirer dieſes Hauſes; was Dich aber in Erſtau⸗ nen ſetzen wird, oder vielmehr nein, was Dich nicht in Erſtaunen ſetzen wird, denn Du haſt den ſanften, unwiderſtehlichen Einfluß meiner Mutter beurtheilen können, — allmälig gewann ſie für unſere Meinungen unſern Patron, ſeine Frau, ſeine zwei großen Jungen und ſogar ſeine Töchter, welche ſie alle anbeten, und obwohl ihr die Handelsgeſchäfte neu ſind, haben ſie doch die Redlichkeit ihres Geiſtes, ihr Scharffinn, ihr vortreffliches Urtheil in den Stand geſetzt, dieſem Kauf⸗ mann und ſeiner Frau häufig die beſten Rathſchläge zu geben; ſie thun nichts, ohne ſich mit meiner Mutter zu berathen. Was ſoll ich Dir ſagen . ſie iſt der Schutzengel des Hauſes: hat einer von den jungen Leu⸗ ten einen Jugendſtreich gemacht, ſo wendet er ſich an Madame Raymond, um die väterliche Strenge zu be⸗ ſänftigen; wünſchen die jungen Mädchen, in der un⸗ ſchuldigen Eitelkeit ihres Alters, den Befitz eines neuen wenig koſtſpieligen Kleides, ſo iſt es abermals Madame Rahmond, an die ſich wenden, um ſie zu bilten, ſie 93 möge von der klugen Sparſamkeit ihrer Mutter dieſe hübſchen, ſo ſehr beneideten Kleider erhalten.“ „Du haſt Recht, Jean, nichts ſetzt mich an dem ſanften und unwiderſtehlichen Einfluſſe Deiner Mutter in Erſtaunen; doch ſage mir, ſtrengt ſie dieſe für ſie neue Arbeit nicht an?“ „Nie hat ſie ſich beſſer befunden; man ſollte glau⸗ ben, das Alter reſpectire ſie, und abgeſehen von eini⸗ gen grauen Haaren, die mit ihren blonden vermiſcht ſind, wirſt Du ſie beinahe ſo wiederfinden, wie Du ſie bei Dir geſehen haſt.“ „Und von ihrer Wunde fühlt ſie nichts mehr?“ „Nein,“ antwortete mir Jean bewegt; „arme, theure Mutter, indem ſie ſich einem Streiche entgegen warf, der mir beſtimmt war, hat ſie dieſe Wunde er⸗ halten. Doch zum Glück find die Folgen nicht ernſt geweſen.“ „Alſo die im Nachbarhauſe entdeckte Waffennieder⸗ „War von meinem Oheim Godefroid, von Char⸗ pentier und von mir dort in der Eventualität naher Ereigniſſe verborgen worden.“ „Doch dieſes Haus war gemiethet geweſen .. .5 „Von einer geheimnißvollen Dame.“ „Die Du kennſt, mein lieber Jean.“ „Allerdings; doch fahre fort.“ „Charpenkier bemühte ſich, in einem abgelegenen Quartier ein Haus zu finden, wo wir einige mit un⸗ ſerer geheimen Geſellſchaft Verbündete empfangen, un⸗ ſere Waffen aufbewahren und Patronen verfertigen könnten. Der Zufall führte unſeren Freund in die Rue de Courcelles, eine ſehr einſame Straße; er be⸗ merkte das dem Deinigen benachbarte Haus: es war damals zu vermiethen; er beſichtigte es; es ſchien ihm die für unſere Pläne nothwendigen Bedingungen in ch zu vereinigen; er ſprach mit uns davon, es ſagte lage 94 uns zu; als er aber nach einigen Tagen dahin zurück⸗ kam, war es gemiethet ... „Von einer Dame, die es nicht bewohnte und täg⸗ lich nur zwei Stunden dahin kam.“ „Woher weißt Du das?“ „Ihr habt es beim Portier dahin gebracht, daß er Euch erlaubte, im Keller gewiſſe Ballots Schmug⸗ gelwaaren zu verbergen, welche nichts Anderes waren, als Waffen und Munition. Dieſen Morgen hat eine Hausſuchung ſtattgefunden, das weiß ich auch, und ich werde Dir ſogleich ſagen, wie ich von allen dieſen Einzelnheiten unterrichtet worden bin; doch ich wußte nichts von Deiner Gegenwart in jenem Hauſe, aus welchem Du, Gott ſei Dank! noch rechtzeitig haſt ent⸗ fliehen können.“ „Wir waren heute Nacht verſammelt, mein Oheim, ich und Charpentier, um einige Eingeweihte zu em⸗ pfangen und Patronen zu verfertigen. Es iſt heute Sonntag, ich gehe nicht in mein Handelshaus, und ich benuͤtzte meine ſonntägliche Ruhe, um meine Fa⸗ brication nach dem Abgange unſerer Freunde fortzu⸗ ſetzen. Ich machte mich dieſen Morgen gegen eilf Uhr, vor der gewöhnlichen Ankunft der Dame, be⸗ reit, das Haus zu verlaſſen, als ich von einem unteren Saale aus, der nach der Straße geht, die Hüte von einer ziemlich großen Anzahl von Stadtſergenten er⸗ blickte. Nicht ohne Grund vermuthend, wir könnten verrathen worden ſein, und in dieſem Falle werde die Polizei das Haus durchſuchen, faßte ich bald meinen Entſchluß. Mit Hulfe eines Gitterwerks erkletterte ich die Mittelmauer Deines Gartens, und auf der Kappe der Mauer, welche nicht ſehr hoch iſt, angelangt, wagte ich den Sprung, und ich befand mich in Deinen Beſitzungen .. Aber,“ fügte Jean lächelnd bei, „faſt in demſelben Augenblicke begegne ich bei der Biegung einer Allee einer reizenden jungen Frau; ſie ſtößt einen Schreckensſchrei aus; ich ſuche ſie zu beruhigen, indem 95 ich ſie verſichere, ich ſei kein Dieb, ſondern ich fliehe vor einer polizeilichen Verhaftung; und ich bitte dieſe Dame, die ich für die Gebieterin des Hauſes halte, inſtändig, mir eine Zuflucht für ein paar Augenblicke zu bewilligen; in ihrer Angſt antwortet ſie mir, fie ſei nicht in ihrem Hauſe, ſondern bei Herrn Dupleſſis. „„Fernand Dupleſſis!““ rief ich voll Freude. „„Wie, dieſes Haus iſt das ſeinige?““ „„Ja, mein Herr,““ erwiederte die junge Frau ganz zitternd. „Madame,““ ſagte ich zu ihr, „Fernand iſt mein Jugendfreund; ich bürge Ihnen dafür, er wird es nicht ſchlimm fin⸗ den, daß Sie mir ein Aſyl gegeben haben; erlauben Sie mir aber, in das Haus einzutreten, ich befürchte, mitten im Garten geſehen zu werden.““ Die Arme kehrt mehr todt als lebendig mit mir in Deinen Sa⸗ lon zurück, nimmt mit aller Haſt ihre Mantille und ihren Hut, erreicht die kleine Gartenthüre und ver⸗ ſchwindet. Das iſt meine Odyſſee, mein guter Fernand; ich hoffe, Du wirſt mir vergeben, daß ich Deine Hold⸗ ſchaft erſchreckt habe; dieſe hübſchen Vögel kommen ja immer wieder zu ihrem Neſte.“ „Ah! mein Freund, ich zittere noch für Dich, wenn ich bedenke, daß der Polizeicommiſſär, der mich bis hieher begleitet hat, in dieſen Salon eintreten und Dich hier finden konnte.“ „Was wollte er bei Dir?“ „Ich war im Nachbarhauſe, als die Durchſuchung ſtattfand; weißt Du aber, wer die geheimnißvolle Mie⸗ therin dieſer Wohnung iſt?“ „Wer iſt es denn?“ „Die Witwe von Hyacinthe.“ „Frau Jefferſon!“ „Sie ſelbſt .. Und wir haben einen Augenblick alle Beide für Verſchwörer gegolten.“ „Arme Frau! ich bin troſtlos, daß ich ihr unwill⸗ kürlich dieſe Widerwärtigkeit bereitet habez doch was „ 96 Teufels machte ſie denn alle Tage in dieſem unbewohn⸗ ie aſe Meine Aufrichtigkeitsvelleitäten Jean gegenüber fingen an ſchwach zu werden; er wußte nichts von mei⸗ ner früheren Verbindung mit Ceſarine. Ohne Zweifel würde er ſich auf immer von mir entfernt haben, hätte er erfahren, wie ſchändlich ich die Freundſchaft von Hyacinthe verrathen. Ich antwortete alſo Jean mit derſelben Lüge, die mir zur Beſeitigung eines Verdachts beim Polizeicommiſſär gedient hatte. „Ich weiß nicht, in welcher Abſicht ſich Frau Jef⸗ ferſon jeden Morgen in dieſes Haus begeben hat; nur, da ſie erfuhr, wir wohnen Thüre an Thüre, ſchrieb ſie mir und bat mich, ſie mit meinem Geſchmacke bei dem Ameublement zu unterſtützen, das ſie für ihre neue Wohnung zu beſtellen im Sinne habez ſo bin ich heute Morgen mit ihr zuſammengetroffen.“ „Ihr Wunſch, Dich zu Rathe zu ziehen, ſetzt mich nicht in Erſtaunen, denn Dein Geſchmack iſt vortreff⸗ lich; doch das Nachbarhaus ſcheint mir ſehr beſcheiden für die Erbin des ungeheuren Vermögens von Herrn Jefferſon.“ „Glaubſt Du, daß er ihr ſeine Reichthümer ver⸗ macht hat?“ „Ich weiß es nicht, mein lieber Fernand, denn ich habe die Frau unſeres armen Hyacinthe, ſeitdem ſie ſich wiederverheirathet hat, nicht mehr geſehen; mir würde es indeſſen natürlich ſcheinen, wenn Herr Jef⸗ ferſon ſeiner Witwe, wenn nicht die Geſammtſumme, doch wenigſtens einen großen Theil ſeines Vermögens vermacht hätte.“ Ich erinnerte mich meines alten Verdachts in Be⸗ treff der Liebe von Jean für Ceſarine; er hatte mit aller Kraft dieſe Vermuthung im Namen ſeiner zärtlichen Freundſchaft für Hyaeinthe zurückgewieſen. Nichts⸗ deſtoweniger ſagte ich, indem ich einen durchdringenden 97 Blick auf das ehrliche Geſicht meines alten Jugend⸗ freundes heftete und in der Tieſe ſeiner Gedanken zu leſen ſuchte: „Geſtehe, daß Du ein wenig in dieſe ſchöne Per⸗ ſon verliebt warſt.“ Ich Du biſt ein Narr! Sagte ich Dir nicht, ich habe ſie ſeit ihrer Verheirathung mit dem Amerikaner nicht wiedergeſehen?“ „Doch zur Zeit, da Hyaeinthe lebte?“ „Ah! Fernand, Du ſprichſt nicht im Ernſte! Mir ſcheint, Du haſt dieſelben Fragen ſchon einmal an mich gerich⸗ tet, als meine Mutter und ich in Deinem Schloſſe wohnten und ich habe Dir geantwortet, was ich Dir abermals antworte: Vor Allem bin ich nicht in die Frau von Hyacinthe verliebt geweſen, obgleich ſie mir bewunderungswürdig ſchön dünkte; ſodann würde ich mir, wäre ich in ſie verliebt geweſen, eher eine Kugel vor den Kopf geſchoſſen haben, als daß ich es mir hätte einfallen laſſen, Unruhe in die Ehe unſeres alten Freundes zu bringen. Endlich, wäre ich in ſie verliebt geweſen, ſo würde ich ſie bei ihrer erſten oder bei ihrer zweiten Witwenſchaft zu heirathen geſucht ha⸗ ben, was mir nie in den Sinn gekommen iſt.“ Der Ausdruck der Wahrheit iſt ſo unwiderſtehlich, daß ich den Worten von Jean glaubte. Er fuhr fort: „Doch laſſen wir das und ſprechen wir von Dir, Fernand. Biſt Du glücklich? Ich ſage nicht materiell glücklich: dieſe mit einem ſo zierlichen Lurus ausge⸗ ſchmückte Wohnung, die reizende Frau, die ich ver⸗ ſcheucht habe, beweiſen mir, daß Du immer noch reich, immer noch der Mann von Liebesglück biſt, und daß Du auf Deine ländlichen Neigungen verzichtet haſt; ich kenne indeſſen Dein Herz, der Verluſt Deiner Frau mußte Dich tief betrüben ..“ „Jean, Du thuſt mir nicht die Beleidigung an, zu glauben .. Fernand Dupleſſis. III. 7 98 „Daß Du ſie nicht beklagt habeſt? ſie, die ſo ein⸗ nehmend? ſie, die ſo jung geſtorben? Nein, mein Fer⸗ nand, ich wiederhole Dir, ich kenne den Adel Deines Herzens. Wir haben übrigens einen neuen Beweis von der Erhabenheit Deiner Gefühle hinſichtlich des Verluſtes Deiner Frau gehabt. Meine Mutter und ich ſind nicht erſtaunt geweſen, ſondern tief gerührt von Deiner Zartheit bei gewiſſen Umſtänden . . „Was willſt Du damit ſagen?“ „Meine Mutter, welche einigen Umgang mit einer Familienfreundin Deiner Frau unterhielt, hat ſo er⸗ fahren, daß Du als ein Mann von Herz ihren Eltern die Mitgift dieſer armen Madame Dupleſſis zurück⸗ gegeben.“ „War das nicht meine Pflicht, Jean?“ „Ja, für Dich, wie für die auserleſenen Leute, ſind dieſe Zartheiten Pflicht; in unſerer Zeit aber, mein guter Fernand, auf eine bedeutende Summe verzichten, die man geſetzlicher Weiſe behalten kann, iſt etwas Seltenes und Schönes. Meine Mutter hat dies gefühlt wie ich, und oft hat ſie mir geſagt: „„Ah! trotz ſei⸗ ner Schwächen iſt Dein Freund Fernand im Grunde ein redlicher Menſch.““ Und dieſe Worte ſind, das verſichere ich Dich, ein Lob im Munde meiner Mutter; ich bezweifelte auch nicht, der Tod Deiner Frau habe Dir einen grauſamen Schlag beigebracht. Aber, ach! die Zeit, wenn nicht die Vergeſſenheit, verwiſcht den brennendſten Kummer. Ich wundere mich daher nicht, daß Du Deine alten Gewohnheiten wieder aufgenom⸗ haſt, ich wundere mich hierüber um ſo weniger, als „Vollende.“ „Ich hätte Dir das früher nicht geſagt, aus Furcht, Deinen Glauben an die Dauer der neuen Lebensart zu erſchüttern, die di ergriffen hatteſt, und die mir die glücklichſte von alken zu ſein ſcheint, wenn ſie einem geſtattet iſt, ich meine das Landleben; doch offen 99 geſtanden, als ich Dich in der Blüthe der Jahre plötzlich auf eine Welt verzichten ſah, in der Du ſo viele Succeſſe gehabt, da ſagte ich mir: „„Ich befürchte, früher oder ſpäter ſehnt ſich Fernand nach Paris zurück und langweilt ſich in dieſer Provinz.““ Ohne den Tod Deiner Frau und mit der Ankunft der Reife des Alters hätteſt Du Dich vielleicht entſchieden dem friedlichen Daſein des häuslichen Herdes gewid⸗ met; aber ich begreife vollkommen, daß Du, frei ge⸗ worden, Dein Junggeſellenleben wieder aufgenommen haſt. Nur, mein Freund, frage ich Dich noch einmal, biſt Du moraliſch glücklich?“ Eine falſche Scham, oder vielmehr eine ſehr legi⸗ time Scham hielt mich ab, meinen erſten Entſchluß auszuführen und mich Jean zu eröffnen. Die Urſache meiner Sorgen war ſo elend, ich eilte auf eine ſo tolle Art meinem völligen Ruin zu, daß, meiner Anſicht nach, die Offenherzigkeit meiner Ge⸗ ſtändniſſe nicht die liebevolle Theilnahme meines Freun⸗ des, ſondern ſeine gerechte Verachtung erregen mußte. Ich antwortete ihm alſo: „Ich bin vollkommen glücklich.“ „Dieſe Verſicherung entzückt mich,“ ſprach Jean voll Innigkeit, indem er meine Hände in den ſeinigen drückte; „die Gewißheit Deines Glückes macht mir un⸗ ſer heutiges Zuſammentreffen doppelt theuer. Es hat nicht von mir abgehängt, daß wir uns früher wieder⸗ geſehen; die Gaſtfreundſchaft, die Du meiner Mutter, mir und Charpentier gewährt, Deine Ergebenheit, Deine muthigen Anerbietungen, zur Zeit unſerer Verhaftung, find Herzensſchulden, die wir nie vergeſſen werden, mein guter Fernand. Ich ſchrieb Dir nach Riballiére, ſobald wir uns in Lyon niedergelaſſen hatten, erhielt aber keine Antwort von Dir; wir leben nicht in der⸗ ſelben Mitte; ich wußte nicht, bei wem ich mich nach Deinem Aufenthaltsorte erkundigen ſu. und ohne — 100 den Zufall unſeres heutigen Zuſammentreffens wäre ich S Zweifel noch ebenſo unwiſſend in Beziehung auf „Dein Brief iſt mir nicht zugekommen, mein lie⸗ ber Jean, denn zur Zeit der Revolution von 1830 habe ich Riballière verkauft.“ „Wie, Du haſt dieſes ſchöne Gut, auf das Du ſo viel Werth legteſt, verkauft?“ „Es rief immer wieder ſo peinliche Erinnerungen in mir hervor .. .“ „Das iſt richtig, mein Freund, ich vergaß dieſen Umſtand. Zum Glück haſt Du im Gegenſatze zu ſo vielen tollen Verſchwendern Dein Vermögen immer ver⸗ nünftig verwaltet, und Du wirſt, ich bezweifle es nicht, dieſes ſchöne Eigenthum durch nicht minder ſichere Werthe erſetzt haben . . . Ich ſage Dir das, mein Freund, weil mir, abgeſehen von der Politik, in der Zeit, in der wir leben, und in Betracht möglicher Eventualitä⸗ ſ der Grundbeſitz das ſicherſte Eigenthum zu ſein eint.“ Dieſelbe Scham hielt mich ab, mich Jean über meinen Ruin zu eröffnen, denn ich befürchtete, mich von ihm in die Zahl der albernen Verſchwender ge⸗ ſetzt zu ſehen. Ich antwortete ihm mit Dreiſtigkeit: „Was ich beſitze, iſt vor jedem Ereigniß geſichert.“ „Oh! hierin verlaſſe ich mich auf Dich; Du lebſt bequem, weil Du ſo leben kannſt; doch Du hältſt Ord⸗ nung in Deinen Ausgaben, und Du haſt Recht; je mehr ich die Erfahrung der Dinge und der Menſchen erlange, deſto mehr bin ich überzeugt, daß es eine der erſten Bedingungen der Selbſtändigkeit iſt, was auch das Vermögen eines Menſchen ſein mag, die Aus⸗ gabe dem Haben unterzuordnen. Du wirſt finden, daß ich, indem ich ſo ſpreche, ein wenig Kaſſirer bin, mein lieber Fernand,“ fügte Jean lächelnd bei; — „Doch Du weißt es wie ich, der ruinirte Menſch geräth 101 früher ober ſpäter in die demüthigende Abhängigkeit von Andern, und die Erniedrigung iſt eine Nachbarin der Unordnung; Du biſt ganz und gar nicht in dieſer traurigen Lage; ich finde Dich wieder, wie ich es hoffte, moraliſch und materiell glücklich. Dieſes gute Zuſam⸗ mentreffen verjüngt mich um zwanzig Jahre! Sage, Fernand, welche Ereigniſſe find ſeit unſerer Kindheit vorgefallen! Du erinnerſt Dich jenes Vesperbrodes bei meiner Mutter?“ ſu „Worauf ein Mittageſſen bei meiner Großmutter olzte „Bei welchem ich nach meinen beſten Kräften den franzöſiſchen Chevalier bei Deiner kleinen Cou⸗ ſine ſpielte.“ „Ach! dieſe Zeiten find fern von uns! Sodann, welcher Unterſchied zwiſchen unſeren Laufbahnen!“ „Gleichviel, wenn wir nur Beide auf unſere Weiſe glücktlich find? Du genießeſt auf eine ehrenhafte Art Deinen Reichthum. Du findeſt das Glück in Deinem Leben der Liebesabenteuer; ich, ich finde das Glück in meiner Zärtlichkeit für meine Mutter und in meiner Hingebung an meinen republikaniſchen Glauben.“ „Jean, Dein Leben, wie das Deiner Mutter, iſt ein Leben heldenmüthiger Opfer für eine edle Sache .. Und mein Daſein iſt müßig und gehaltlos . . . „Was willſt Du? Du biſt als reicher Erbe erzo⸗ gen worden, Du lebſt als reicher Erbe; indem Du Dein Geld verzehrſt, gibſt Du doch wenigſtens den Arbei⸗ tern Brod; Du haſt alſo Deine relative Nützlichkeit; ich hätte allerdings andere Neigungen, eine männlichere Richtung bei Dir gewünſcht; Du warſt wunderbar be⸗ gabt, Du konnteſt Dich auf edlen Laufbahnen ausztich⸗ nen, Deinem Vaterlande, der Menſchheit dienen! Dieſe Sendung iſt nicht die Deinige geweſen, ich be⸗ daure es; doch was iſt da zu thun? Wir ſind bei der Reife des Alters angelangt, mein armer Fernand, und die Falte iſt gelegt, wie man zu ſagen pflegt; 102 nehmen wir alſo die Vergangenheit an, wie ſie iſt, und die Zukunſt, wie ſie kommt. Nun iſt aber genug philoſophirt! Denken wir an das Poſitive; wir ha⸗ ben dieſen Tag mit einander angefangen, wir werden ihn mit einander beſchließen.“ „Jean, ich bin wie gewöhnlich mehr als Du er⸗ ſchrocken über die Gefahren, die Du läufſt.“ „Welche Gefahren?“ „Die Durchſuchung, die man im Nachbarhauſe vorgenommen hat; die Entdeckung von Waffen, von Munition . ..“ „Nun?“ „Läufſt Du nicht Gefahr, verhaftet zu werden, wenn Du von mir weggehſt? Willſt Du ein paar Tage hier bleiben? ich hafte für meinen Kammerdie⸗ ner; er allein wird in die Zimmer kommen Ich werde Deine Mutter von dem, was geſchieht, in Kennt⸗ niß ſetzen.“ „Ich danke Dir für Dein Anerbieten, mein lieber Fernand, Deine Befürchtungen find übertrieben; das Wichtigſte für mich war, mich nicht im Nachbarhauſe ſeſtnehmen laſſen, wo man, außer den Waffen und der Munition, nichts für mich und unſere Freunde Com⸗ promittirendes finden konnte; unſere Vorſichtsmaßregeln ſind getroffen Was das betrifft, daß ich mich ver⸗ bergen ſollte, ſo hieße dies nur Verdacht erregen . ..“ „Jean dieſe Unklugheit .. „Iſt der höchſte Grad von Klugheit; wenn Du alſo nichts Beſſeres zu thun haſt, ſo wirſt Du meiner Mut⸗ ter und mir das Ende des Tages ſchenken.“ „Was ſagſt Du?“ „Laß mich ausreden; Du ſchreibſt ein Wort an die reizende junge Dame, die ich ſo ſehr erſchreckt habe, Du beruhigſt ſie und bitteſt ſie beſonders, dieſes Abentener zu verſchweigen; die Polizei hat überall Ohren.“ „Ich werde auf der Stelle ſchreiben.“ 103 „Oder vielmehr, nein ... ſchreibe nicht „ die Briefe verirren ſich. Gehe alſo ſelbſt zu der jungen Frau ti ihr, was Du ihr geſchrieben hätteſt. „Gut.“ „Dein Kammerdiener iſt ein ſicherer Mann?“ „Vollkommen ſicher.“ „Gib mir ein Blatt Papier, Feder und Tinte.“ „Du willſt ſchreiben .. . und Du ſagteſt ſo eben, die Briefe ...“ „Ach! es iſt wenig daran gelegen, wenn dieſer ſich verirrt,“ erwiederte lächelnd mein Freund, während ich ihm gab, was er zum Schreiben brauchte; und er fügte bei, indem er die Feder nahm: „Sieh, ſchau! .. Oh! Du kannſt ohne die ge⸗ ringſte Indiseretion leſen.“ Jean zeichnete drei Kreuze mitten auf das Blatt Papier, faltete dieſes zuſammen und ſprach zu mir: „Dieſe Correſpondenz iſt, wie Du bemerken kannſt, ſehr wenig gefährdend!“ „Wie, dieſe drei Kreuze? .. „Dieſe drei Kreuze werden meinem Oheim und Charventier ſagen: „Erſcheint nicht in dem Hauſe der Rue de Courcelles, unſer Waffendepot iſt entdeckt.“ Ich bin beinahe ficher, daß meine Vorſicht unnöthig ſein wird, denn meine Freunde ſollten heute nicht mehr in dieſes Quartier kommen, und dieſen Abend werde ich ſie mündlich unterrichten; doch es bedarf der Klug⸗ heit, denn ich bezweifle nicht, daß die Polizei ein paar Tage lang im Nachbarhauſe das ſtellt, was ſie in ihrer pittoresken Sprache eine Mäuſefalle nennt, um einige Ungeſchickte zu fangen; zum Glück ſind wir auf unſerer Hut. Dein Kammerdiener wird alſo dieſen Brief an ſeine Adreſſe zu meinem Oheim tragen, dann gehſt Du zu der jungen Frau . ich warte auf Dich vor der Thüre . . . Du wirſt Deinen Beſuch nicht zu lange machen, Meiſter Don Juan, und dann führe ich Dich zum Mittagsbrode zu meiner Mutter . 104 „Sean „Ich führe Dich zum Mittagsbrode zu meiner Mutter, ſie wird wie ich entzückt ſein, Dich wiederzu⸗ ſehen. Du findeſt bei uns meinen Oheim Godefrvid und Charpentier; Du wirſt nachſichtig gegen unſer be⸗ ſcheidenes Mahl ſein; man wird kein Wort von Politik ſprechen, und Du kannſt das Bewußtſein haben, daß Du meiner Mutter und mir einen reizenden Abend ver⸗ ſchafft haſt.“ „Ich befürchte eine Indiseretion zu begehen,“ er⸗ wiederte ich verlegen; „Deine Mutter hat mich nicht eingeladen .. „Fernand, das iſt eine Ausflucht,“ verſetzte Jean mit einem Ausdrucke freundſchaftlichen Vorwurfs; dann fügte er mit innigem Tone bei: „Ich bitte Dich, ſchlage es mir nicht ab .. . laß mir das Vergnügen, meiner Mutter zu ſagen, ich habe abermals bei Dir ein Aſyl in einem kritiſchen Augen⸗ blick gefunden.“ Jean ſprach dieſe Worte ſo inſtändig bittend, daß ich mich ſeinem Wunſche nicht widerſetzen konnte, trotz meiner Furcht, mich wieder mit Madame Rahmond zu⸗ ſammenzufinden, die mich, als wir uns das letzte Mal ſahen, mit ihrer gerechten Verachtung niedergeſchmet⸗ tert hatte. „Da Du es willſt, mein lieber Freund, ſo werden wir unſern Tag mit einander beſchließen,“ ſagte ich. „Nur, — würdeſt Du es nicht für vernünftig halten, wenn, ehe wir weggehen, mein Kammerdiener ſich durch ſich ſelbſt verſicherte, daß in dieſer, gewöhnlich ſehr öden Straße, kein Polizeimann mehr iſt? Sind noch ein paar Agenten aufgeſtellt, ſo könnte es Verdacht bei erregen, ſähen ſie Dich mit mir von hier weg⸗ gehen.“ „Du haſt Recht, das iſt eine gute Vorſichtsmaß⸗ regel“ 6 10⁵ „Noch etwas Anderes: iſt es beſſer, wenn wir zu Fuße gehen oder wegfahren?“ „Fahren . . . man paſſirt raſcher .. wenn wirk⸗ lich, was ich nicht glaube, Dein Haus überwacht wird.“ „Gib mir den an Deinen Oheim adreſſirten Brief und erwarte mich hier, mein lieber Jean; ich will die entſprechenden Befehle ertheilen, mich umkleiden, und komme dann zurück.“ Dupin ſpähte einige Augenblicke in der Straße umher, ſah aber durchaus Niemand; man argwohnte ohne Zweifel nicht, Jean könnte ſich zu mir geflüchtet haben. Bald fuhren wir ab in meinem Wagen, der mich nach dem Hotel Meligny brachte. W Jean erwartete mich in meinem Wagen, und ich ging zu Frau von Méligny hinauf; ich wollte noch nicht mit ihr brechen, da ich rückſichtlich meines un⸗ vorhergeſehenen Zuſammentreffens mit Ceſarine keinen feſten Entſchluß gefaßt hatte. Sobald der Kammerdiener, der mich bei Frau von MWéligny eingeführt, weggegangen war, rief ſie: „Mein Gott, welche Angſt habe ich heute Morgen bei Ihnen gehabt!“ „Ich komme gerade, um Sie in dieſer Hinſicht zu beruhigen und mich zu entſchuldigen, meine liebe Egle; die wichtige Angelegenheit, die mich zu meinem Be⸗ dauern dieſen Morgen verhinderte, Sie zu erwarten, bezog ſich auf die Flucht der Perſon, deren Gegenwart Sie ſo ſehr erſchreckt hat . . es iſt einer meiner beſten Freunde ich glaube, er hat es Ihnen geſagt?“ „Er hat es mir geſagt . und meine Angſt dauerte 106 auch nicht lange . . . Es iſt wahr, Anfangs hielt ich dieſen Herrn für einen Dieb; doch als ich ihn an⸗ ſchaute und hörte, dachte ich, ein Dieb wäre nicht im Stande, ſich in ſo guten Worten auszudrücken, und hätte auch keine ſo offene, ſo ausgezeichnete Phyſio⸗ „Ah! . . . Sie finden . daß mein Freund . „Sehr ſchön iſt, und dann hat er etwas ſo Ent⸗ ſchloffenes im Blicke, etwas ſo Sanftes im Lächeln, daß ich davon betroffen war; auch zeigte er ſich äußerſt artig, und man muß viel Muth beſitzen, um ſich galant zu zeigen, wenn man gerade einer großen Gefahr ent⸗ gangen iſt .. Das iſt alſo. ein Verſchwörer?“ „Aus Neigung und aus Ueberzeugung.“ „Wie heißt er? geht er in die Geſellſchaft?“ „Dieſe Fragen, meine liebe Egle, ſind wahrhaft ſeltſam.“ „Warum ſeltſam?“ „Mir ſcheint, Sie müſſen ſich denken, daß ein Verſchwörer nicht in die Geſellſchaft geht.“ „Ihr Freund wäre indeſſen hier nicht am unrech⸗ ten Platze . er hat ſehr gute Manieren.⸗ „Vortreffliche Manieren ... Auf die Gefahr aber, meine liebe Egle, Ihnen einen tiefen Kummer zu ver⸗ urſachen, bin ich genöthigt, zu wiederholen, daß mein Freund nicht in die Geſellſchaft geht.“ „Ich weiß nicht, in weicher Hinſicht ich es ſo tief beklagen ſollte, daß dieſer Herr nicht zu unſerer Ge⸗ ſellſchaft gehört?“ „Sie, ſprechen mit ſo viel Feuer von ihm!“ ch? „Sie, meine liebe Egle.“ „Das ſetzt mich in Erſtaunen, ich glaubte von Ihrem Freunde zu ſprechen, wie ich von jeder andern Perſon geſprochen hätte ... Wie heißt er?“ „Jean.“ „Jean „ſchlechtweg?“ 107 Ja „Und was macht er?“ „Er iſt in einem Handlungshauſe angeſtellt Sie ſehen, das iſt durchaus nicht ein vornehmer Herr wie Lord Wilmot zum Beiſpiel .. „Sind Sie ein vornehmer Mann, Herr Dupleſſis?“ „Was ſoll das bedeuten?“ „Das ſoll bedeuten, ich finde es ſeltſam, daß Sie von Ihrem Freunde ſprechend ein hoffärtiges Weſen annehmen, weil er in einem Handlungshauſe ange⸗ ſtellt iſt.“ „Meine liebe Egle . ſoll ich aufrichtig mit Ih⸗ nen reden?“ „Gewiß.“ „Sie beſitzen entſchieden den am wenigſten eraltir⸗ ten Geiſt, den am wenigſten romanhaften Charakter, den ich kenne, und dennoch haben die Sonderbarkeit Ihres Zuſammentreffens mit meinem Freunde, die Theilnahme, welche Verſchwörer, Geächtete erregen, der Reiz der Neuheit, des Unbekannten, ich füge noch bei, wie Sie ſelbſt ſagen: die Schönheit, die guten Manieren meines Freundes einen gewiſſen Eindruck auf Sie hervorgebracht?“ „Ah! Fernand, Sie find ein Narr.“ „Nicht ſo ſehr Narr ... „Und was ſchließen Sie aus Ihrer angeblichen Entdeckung?“ „Ich ſchließe daraus, daß ich die Ehre haben werde, Ihnen meinen Freund Jean vorzuſtellen, wann Sie es wünſchen, heute .. zu dieſer Stunde, ſobald es Ihnen beliebt, denn er wartet auf mich vor Ihrer Thüre in meinem Wagen.“ „Sie wären wohl ſehr verlegen, mein lieber Fer⸗ nand, wenn ich Sie beim Worte nähme.“ „Sie glauben?“ verſetzte ich, indem ich aufſtand, „nun wohl ich gehe auf der Stelle .. 108 „Auf der Stelle.. was „vollenden Sie doch!“ „Ich gehe Jean holen und führe ihn zu Ihnen.“ „Gehen Sie ...5 „Madame! „ „Mein Herr! ... „Ich wäre auch zu einfältig, wenn ich mich in dieſe unerhörte Laune fügen würde!“ „Welche Laune?“ „Sie verſtehen mich, Madame, und überdies .. .“ „Durchaus nicht.“ „Hören Sie, meine liebe Egle, ich glanbe, daß unſere Verbindung auf Ihnen zu laſten anfängt.“ „Wäre dies ſo, ſo würde ich es Ihnen ganz ein⸗ fach ſagen .. Doch ich erkläre Ihnen, wenn Sie ſich alle Tage ſo ungereimt zeigten, wie heute, ſo würden Sie mir am Ende unerträglich werden.“ „Ach! Egle, ich habe Unrecht gehabt. ich bitte Sie um Verzeihung. Sie gewähren ſie mir?“ Ja. „Sie antworten mir zerſtrent . . an was denken „An Nichts.“ „Nicht einmal an die Verzeihung, die Sie mir ſo eben bewilligt haben?“ „Doch! hieran denke ich! . . . Mein Gott! Fernand, wie erſchöpfen Sie die Geduld!“ „Ich bitte Sie auch um Verzeihung . . daß ich Sie ungeduldig gemacht habe, Egle .. . Erlauben Sie mir nur eine ſehr ernſte Ermahnung.“ „In welcher Hinſicht?“ „In Hinſicht auf Jean.“ „Abermals!“ „Meine liebe Egle, ich mache Sie darauf aufmerk⸗ ſam: es iſt dies ſehr ernſt; inſtändig bitte ich Sie, eine völlige Verſchwiegenheit in Betreff Ihres Abenteuers von heute Morgen zu beobachten; es handelt ſich für meinen Freund um das Gefängniß, und vielleicht um Sie 109 etwas noch Schlimmeres .. Offenbar werden Sie in Ihrem Salon nicht erzählen, Sie haben dieſen Mor⸗ gen bei mir einen Verſchwörer getroffen, der vor einer Verhaftung geflohen; doch ich weiß, und Sie haben es mir mehr als einmal wiederholt, Sie halten nichts geheim vor Frau von Hauterive, Ihrer Couſine; ſie iſt zuweilen ſehr unbeſonnen; ich bemerke Ihnen aber noch einmal, die geringſte Indiseretion kann für Jean unſelige Folgen haben.“ „Ah! das wäre gräßlich! Beruhigen Sie ſich in⸗ deſſen, ich bedurfte nicht Ihrer Ermahnung, um die Gewichtigkeit von Allem dem zu begreifen .. Armer junger Mann! was für ein Leben muß er haben! im⸗ mer in Aengſten, immer in Gefahr! Doch gegen wen conſpirirt er denn?“ „Um Ihnen hierauf zu antworten, meine liebe Egle, müßte ich in Einzelheiten eingehen, die Sie ſehr langweilen würden.“ „Oh! nein, Fernand . „Es mag ſein; aber ich habe Ihnen geſagt, mein Freund erwartet mich vor der Thüre in meinem Wa⸗ gen, und, obgleich es ſich um ihn handelt, muß ihm doch unſere Unterredung ein wenig lang dünken ... wir wollen ſie an einem andern Tage wieder aufnehmen. Wann werde ich Sie ſehen?“ „Ich wollte Ihnen geräde dieſen Morgen mitthei⸗ len, daß wir eine Partie nach Chantilly mit Frau von Hauterive und Frau von Areueil verabredet haben. Der Fürſt Apremont ſchickt ſeine Jagdequipagen nach Chantilly, Herr von Meliguy ſchickt ſeine Wagen und ſeine Pferde; ſchicken Sie die Ihrigen. Man wird dreimal in der Woche jagen; wir werden ſehr luſtige vierzehn Tage dort zubringen. Ich habe ein Haus miethen laſſen; wir geben alle Abende einen Ball; das wird reizend ſein. Uebermorgen gehen wir ab.“ „Ich weiß noch nicht, ob ich Theil nehmen kann.“ 5 3 1¹⁰ „Wie, Sie wiſſen nicht? . .. Es iſt mir Alles daran gelegen, ich will durchaus, daß Sie kommen.“ „Ich kann mir wohl denken, meine liebe Egle, wie ſehr ich Ihnen fehlen werde, um Ihnen zu Pferde ſteigen zu helfen, um Ihnen als Stallmeiſter zu dienen, trotz des Eifers meiner Nebenbuhler, welche gierig darnach trachten, mich in meinen Functionen zu erſetzen . ich wiederhole Ihnen aber, ich weiß noch nicht, ob es mir möglich ſein wird, an der Partie nach Chantilly Theil zu nehmen.“ Frau von Méligny war ohne Zweifel im Begriffe, mir ihre Unzufriedenheit kundzugeben, als Herr von Möéligny zugleich hinkend und hüpfend eintrat. Er ſchien ganz entzückt zu ſein und rief ſchon von der Thüre aus ſeiner Frau zu: „Meine Liebe, er kommt in vierzehn Tagen.“ „Wer denn?“ „Lord Wilmot!“ ünd einen hinterhältiſchen, boshaften Blick auf mich werfend, fügte er bei: „Guten Morgen, mein lieber Herr Dupleſſis. Ich bin ganz außer mir vor Freude, wenn ich an das Vergnügen denke, das ich meiner Frau bereite! Seit ihrer Rückkehr von der Reiſe ſprach ſie mir unabläſſig von Lord Wilmot, den ſie, wie ſie mir geſagt hat, in Bern getroffen; ſie dachte nur an Lord Wilmot, träumte nur von ihm es war immer und ewig Lord Wilmot!“ „Wahrhaftig, mein Herr,“ verſetzte Egle ärgerlich, „das ſind vollkommen lächerliche Uebertreibungen.“ „Verzeihen Sie, meine liebe Freundin, ich über⸗ treibe durchaus nicht, und zum Beweiſe dient, daß ich, der ich, wie man zu ſagen pflegt, ein wahres Gewohn⸗ heitsthier bin, weil ich fortwährend von Lord Wilmot ſprechen hörte, Ihnen am Ende nachgeahmt habe und anch nur von ihm ſpreche; noch ſo eben ſprach ich von ihm mit dem Herrn Geſandten von England, dem ich 11¹ auf dem Boulevard begnete, und er theilte mir mit, der liebe Lord komme in vierzehn Tagen an.“ Dann ſich an mich wendend: „Wie Schade, daß Lord Wilmot nicht zeitig genug zu den Jagden von Chantilly, zu denen wir gehen, angekommen iſt! Der Herr Geſandte ſagte mir, dieſer liebe Lord ſchicke nach Paris ungefähr dreißig Pferde, die ſchönſten von England .. Ah! Sie ſind bei un⸗ ſerer Partie nach Chantilly, mein lieber Herr Dupleſſis?“ „Ich hatte die Ehre, Ihrer Frau Gemahlin ſo eben zu bemerken, ich wiſſe noch nicht, ob ich dabei ſein könne.“ „Oh! das thut mir leid .. . Doch ſagen Sie, Sie, der Sie dieſen lieben Lord in Bern geſehen, verdient er wirklich Alles das, was Frau von Méligny von ihm erzählt?“ „Ich vermöchte Ihnen hierauf nicht entſchieden zu antworten.“ „Welche falſche Beſcheidenheit! Sie kennen im Gegentheil die Menſchen vollkommen! Erinnern Sie ſich des einfältigen Herrn von Vareuil? Sie haben ihn mit einem Zuge geſchildert, indem Sie ſagten: „„Die Muſik der Regimenter ſei den Oberſten gegeben, um ihre Converſation zu verbergen.“ Das war rei⸗ zend und beſonders ſo wahr! Mein Gott! wie uner⸗ träglich wurde dieſer Unglückliche mit ſeinem Höllen⸗ lärmen! Seit jener Zeit hege ich einen Haß gegen die Militärmuſik; was mich darauf zurückbringt, Ihnen zu ſagen, daß ich ein außerordentliches Vertrauen zu Ihrem Urtheile habe .. Iſt alſo wirklich dieſer liebe Lord (ich nenne ihn ſchon der liebe Lord, als ob wir ganz vertraut wären, doch, Gott ſei Dank! wir werden es ſein)z. „iſt der liebe Lord wirklich ein Phönir, wie es Frau von Méligih behauptet?“ „Mein Herr,“ ſagte Egle zu jem Gatten, „die⸗ ſer ſchlechte Scherz währt ſchon viek zu lange „Ein Scherz? Dann haben Sie mit mir geſcherzt, 112 meine Liebe, denn ich bin nur das Echo Ihrer Bewun⸗ derung für dieſen lieben Lord.“ „Mein Herr,“ ſagte ich zu dem boshaften Hinke⸗ bein: „ich kann Sie nur verſichern, daß Lord Wilmot ein vollendeter Edelmann iſt, und daß er, ich bezweifle Sie für ihn fühlen, würdig machen wird.“ mir ſo viel Gutes von dieſem lieben Lord Wilmot ge⸗ ſagt, daß ich es am Ende geglaubt.“ Dann, als er ſah, daß ich mich nach der Thüre wandte, um wegzu⸗ gehen, fügte er bei: „Wahrhaftig, Sie kommen nicht mit uns nach Chantilly?“ „Ich befürchte, dieſe Ehre nicht haben zu können.“ Und ich verließ den Salon in dem Augenblick, wo Herr von Méligny zu ſeiner Frau ſagte: Portraitſtizze von dieſem lieben Lord.“ Als ich wieder zu Jean Rahmond in meinen Wa⸗ gen zurückkam, ſprach er lachend zu mir; „Dieſe hübſche Frau muß ſehr zornig darüber ge⸗ weſen ſein, daß ich Euer Rendez⸗vous heute Morgen vereitelt habe, mein lieber Meiſter Don Juan, denn Du haſt teufelmäßig lange gebraucht, um ſie zu tröſten.“ „Beklage Dich doch! wir haben beinahe immer von Dir geſprochen!“ „Gewiß, Du haſt eine Leidenſchaft erregt.“ „Hentbez* haſt ſchäf 8 ter uns wohl ihren Namen nennen) .. . „Du kannſt auf meine Verſchwiegenheit zählen.“ Frau von Méligny findet etwas ſo Entſchloſſenes in Deinem Blicke, etwas ſo Sanftes in Deinem Lä⸗ cheln das find ihre eigenen Worte; Deine Lage als Verſ wörer flößt ihr eine ſo lebhafte Theilnahme ein, „Nun, meine Liebe, geben Sie mir doch eine leichte es nicht, ſich in jeder Beziehung der Freundſchaft, die „Ei! was wollen Sie,“ verſetzte Herr von Mé⸗ ligny mit einer treuherzigen Miene, „meine Frau hat „Im Ernſte, Frau von Méligny . . . (ich darf un⸗ 113 daß ſie unabläſſig mit mir von Dir ſprach, was mich Fithe eiferſüchtig machte.“ „Ho! ho! das wird ernſt. „Kurz, es fehlte nicht viel, ſie mich bat, Dich ihr ſogleich vorzuſtellen. 4 2 iſt die Hinreißung einer plötzlichen Leiden⸗ cha „Du glaubſt, ich ſcherze?“ „Du würdeſt es nicht wagen?“ „Jean, ich verſichere Dich, daß ich im Ernſte ſpreche, ſehr im Ernſte. Oh! vergebens willſt Du es mir verbergen, doch es ſchmeichelt Deiner Eitelkeit, „Daß ich ſehe, wie Du über i Da iſt wahrlich kein Grund vorhanden, „Aber ich wiederhole Dir, daß. „Höre, Fernand, ich bin“ weder ein Romanheld, noch ein Dummkopf, Du wirſt mich nicht i ma⸗ chen, eine reizende junge Frau. .. „Du ſindeſt ſie reizend?“ „Bezaubernd und ich ſollte mir einbilden, wäh⸗ rend ſie Dich liebt, könne ſie ſich in einen Wilden mei⸗ ner Art verlieben!“ „Nehmen wir an, es ſei ſo!“ „Gut, . ich will dieſe lächerliche Annahme zuläſen.⸗ „Nun?“ „Nun, ich wiederhole Dir, was ich Dir einſt in Riballiére ſagte; mein Herz gehört meiner guten Mut⸗ ter und der Republik . es iſt für jede andere Leiden⸗ ſchaft verſchloſſen.“ „Du lebſt alſo wie ein Karthäuſer?“ „Nein, gewiß nicht! doch in der Liebe verlange ich nur das, was ich geben kann „ beurtheile hienach die ſorgloſe Leichtigkeit meiner Liebſchaften. 2 „Wenn Dir alſo eine junge, ſchöne, ic Frau von Stande ſagen würde, ſie liebe Fernand Dupleſſis. II. — daß . 1¹⁴ „Wahrhaftig, Du gefällſt Dir in den tollſten Sup⸗ poſitivnen!! ſollte aber dieſes Unmögliche geſche⸗ hen, ſo würde ich der jungen, ſchönen, reichen Frau von Stande antworten: „„Madame, ich vermöchte eine Liebe nicht anzunehmen, der ich mich nicht würdig fühle.“ Dann fügte er bei, indem er durch die Scheibe des Wagenſchlags ſchaute: „Sogleich werden wir bei meiner Mutter angekommen ſein.“ Dieſe Worte meines Freundes riefen tauſend Er⸗ innerungen an Einſt in meinem Geiſte zurück. Ich ſollte Madame Raymond wiederſehen, dieſe Frau, welche zuerſt mein Jünglingsherz ſchlagen ge⸗ macht hatte und mit einigen von den wichtigſten Er⸗ eigniſſen meines Lebens vermengt war; es erfaßte mich 9 eine grauſame Verlegenheit, wenn ich an den Empfang dachte, der meiner bei der Mutter von Jean harrte; ich hatte ſie verlaſſen, von ihr doppelt verachtet, ſowohl wegen der Schändlichkeit meines Benehmens gegen ſie, wegen meiner ſelbſtſüchtigen Grauſamkeit gegen Albine. Ich folgte meinem Freunde in den vierten Stock † eines großen neugebauten Hanſes, an der Ecke eines Quai in der Näh des Stadthauſes und der Rue Saint Martin, wo ſich das Handelsetabliſſement fand, deſ⸗ ſen Kaſſe Jean, deſſen Bücher ſeine Mutter führten; dieſelbe Dienerin, welche uns einſt die Thüre im Fau⸗ bourg Saint⸗Antvine geöffnet hatte, öffnete uns eine kleine Wohnung von ausgezeichneter Reinlichkeit, aber ſehr beſcheidener Ausſtattungz wir durchſchritten das Speiſezimmer, das vor dem Salon kam, wo Madame Raymond leſend an der Ecke ihres Kamins ſaß; ſie war, wie gewöhnlich, ſchwarz mit einer eleganten Ein⸗ fachheit getleidet: eine Tüllhaube bedeckte halb ihre blonden Haare, unter denen ſich jetzt ſtellenweiſe einige ſilberne Fäden zeigten; entſtehende leichte Runzeln fin⸗ gen an ihre Stirne zu durchfurchen, benahmen gber 19 11⁵ durchaus nichts dem Zauber und dem Adel ihrer Phy⸗ ſiognomie. Als Madame Rahmond mich hinter ihrem Sohne eintreten ſah, bebte ſie, legte ihr Buch auf den Tiſch, richtete den Kopf ſtolz hoch auf, und warf einen zugleich erſtaunten und ſtolzen Blick auf mich; Jean aber lief, ohne dieſen Blick zu bemerken, auf ſeine Mutter zu, küßte ſie zärtlich und ſagte zu ihr: „Ich bringe Dir meinen Netter! Ohne die Zu⸗ flucht, die ich heute bei ihm gefunden wäre ich in der Nue de Courcelles gefangen worden . Geſtehe, liebe Mutter, daß Fernand und ich Glück bei unſeren Begegnungen haben, denn ſie zählen ſich nach den Dien⸗ die er mir leiſtet!“ Die Freude, ihren Sohn einer Gefahr entkom⸗ men zu wiſſen, malte ſich in den Zügen von Madame Raymond; dann errieth ich, daß die Dantbarkeit mit der Verachtung kämpfte, die ihr mein vergangenes Be⸗ nehmen einflößte: doch in einer ſo erhabenen Seele ge⸗ wann die Dankbarkeit die Oberhand. Nach einem Au⸗ genblick des Zögerns reichte mir auch die Mutter mei⸗ nes Freundes herzlich die Hand, und ſie ſagte zu mir, indem ſie einen bezeichnenden Blick auf mich heftete: „Herr Dupleſſis ich bin glücklich, Ihnen, in⸗ dem ich Sie nach einer ſo langen Abweſenheit wieder⸗ ſehe. für einen neuen Dienſt, den Sie meinem Sohne geleiſtet, danken zu können.“ „Und nun, liebe Mutter, laſſe ich Dich mit Fer⸗ nand,“ ſprach Jean; „er ſpeiſt mit uns zu Mittag. Geſtehe, es iſt liebenswürdig von ihm, daß er uns ſei⸗ nen Abend opfert? Ich aber habe die ganze Nacht und während eines Theils vom Morgen Patronen gemacht,“ fügte er lachend bei; „Du begreiſſt, daß dies der Weiße meiner Hände ſchadet, auf die Du ſo eiferſüchtig biſt. Gute Mutter, ich will mich umkleiden.“ Ich blieb allein mit Madame Rahmond; ſobald ihr Sohn das Zimmer verlaſſen hatte, 56 zu mir 116 „Ich bitte, Herr Dupleſſis, was iſt vorgefallen?“ „Eine Durchſuchung hat in dem Hauſe ſtattgefun⸗ den, wo Waffen und Munition aufbewahrt waren; zum Glück konnte Jean über eine Mauer kletternd entfliehen und ſich zu mir flüchten, denn mein Garten liegt zunächſt bei dem Gebände, in das die Polizei ein⸗ gedrungen war.“ „Das iſt nur eine Warnung 1“ verſetzte Madame Raymond mit einem Seufzer der Erleichterung; „mein Sohn wird hoffentlich nicht beunruhigt ſein; wir ſind vorſichtig . . . Ich danke noch einmal, Herr Dupleſſis.“ Und meine Verlegenheit wahrnehmend, fügte Ma⸗ dame Rahmond mit einem Tone voll Milde bei: „Der neue Anſpruch, den Sie auf meine Dank⸗ barkeit haben, läßt mich die Vergangenheit vergeſſen in dem, was mich perſönlich betrifft Sie begreifen . die ganze Vergangenheit „. Ah! Madame, ich bin für dieſen tleinen Dienſt ſchon zu ſehr velohnt! ... Die Herzlichkeit von Jean dieſen Morgen hat mir bewieſen, er wiſſe nichts da⸗ von, daß ... Ich hatte nicht den Muth, zu vollenden. „Mein Sohn hegt für Sie eine ſo aufrichtige Zu⸗ neigung, der Glaube an die Freundſchaft iſt ein ſo ſüßes, ſo tröſtliches Gefühl, daß ich Jean mit einer Mittheilung verſchont habe, welche ſeiner Liebe für Sie Eintrag thun konnte.“ w ich bin tief gerührt von Ihrer Groß⸗ muth.“ „Ich würde mich nicht großmüthig gezeigt haben, hätte ich nicht, trotz ernſter Fehler, beklagenswerther Verirrungen, hauptſächlich verurſacht durch die Schwäche Ihres Charakters und durch Ihre Erziehung, in Ihnen einige gute Eigenſchaften erkannt. Sie beharren aller⸗ dings ſelten bei ihren edlen Entſchlüſſen, doch dieſe zeu⸗ gen von Ihren guten Inſtincten; und wenn Sie das Böſe thun, ſo bereuen Sie es wenigſtens aufrichtigz M — S MNS*— 117 ſodann habe ich vor einiger Zeit eine Handlung von Ihnen erfahren, die Sie in meinen Augen erhebt: Sie haben die Mitgift von Albine der Familie des armen Kindes zurückgegeben, und dieſe Mitgift konnten Sie geſetzlich behalten.“ „Madame .. „Eine ſolche Zartheit iſt ſelten in unſerer Zeit, Herr Dupleſſis; gern lobe ich Sie deshalb, vielleicht weniger um Ihretwillen, als um meines Sohnes wil⸗ len . . Ja, Ihr Zartgefühl beweiſt mir, daß er nicht ganz Unrecht hat, Sie ſo ſehr zu lieben; ich weiß Ihnen Dank, daß Sie mich überzeugrn, Jean habe durch ſeine Zuneigung zu Ihnen ſich nicht gegen die gewöhnliche Erhabenheit ſeiner Sympathien verfehlt; nur noch ein Wort, ein einziges über eine ſehr betrü⸗ bende Vergangenheit,“ fügte Madame Raymond mit Thränen in den Augen bei: „Der Tod dieſer unglück⸗ lichen jungen Frau mußte wenigſtens ſanft ſein?“ „Sie iſt ohne Schmerz verſchieden,“ antwortete ich, während ich meine Augen auch feucht werden fühlte. „Ihre letzten Gedanken waren für Sie, Madame die ſie ihre wahre Mutter nannte.“ „Arme Albine! welch ein Schatz! „. „Ach! Madame, ich bin ſehr ſtrafbar geweſen. ..“ „Ja, doch Sie haben nach Art der Welt gehan⸗ delt, in der Sie gelebt. Sie haben, ohne das geringſte Bedenken, wie ſo viele Andere das eingegangen, was man eine Convenienzheirath nennt; Sie ſahen ihre wahrſcheinlichen oder möglichen Folgen nicht vor⸗ her; ſie ſind unglücklich für Ihre Frau, für Sie ſelbſt geweſen; Sie haben gelitten .. .“ „Grauſam gelitten, Madame .. .“ „Ich glaube es .. Ah! Herr Dupleſſis, dieſe ſchmerzliche Vergangenheit mag Ihnen als Lehre dienen!“ „Ich habe ſo ſehr das Bewußtſein dieſer ſchmerz⸗ lichen Vergangenheit, daß ich es eines Tages . bald vielleicht wagen werde, Sie um eine Gefälligkeit 5 118 im Namen der Freundſchaft zu bitten, welche Jean immer für mich gehegt . . .“ „Um was handelt es ſich?“ „Befände ich mich zufällig in einem von jenen ernſten, beinahe feierlichen Umſtänden, von denen die Zukunft eines Menſchen abhängen kann, würden Sie die Gewogenheit haben, mich durch Ihre Rath⸗ ſchläge zu erleichtern? würden Sie mir erlauben, die Entſcheidung ganz und gar auf Ihr Urtheil, deſſen un⸗ glaubliche Sicherheit ich mehr als einmal zu ſchätzen im Stande geweſen bin, ankommen zu laſſen?“ „Meine Rathſchläge?“ verſetzte Madame Rahmond mit einer Miene des Zweifels den Kopf ſchüttelnd; „wozu ſollen meine Rathſchläge nützen?“ „Madame, ich errathe Ihren Gedanken. Ja . Sie haben mir einſt ſo weiſe, ſo erleuchtete, ſo ausge⸗ zeichnet richtige Rathſchläge gegeben, daß, würde ich ſie befolgt haben, meine Eriſtenz noch hätte ſo glück⸗ lich ſein können, als ſie von Sorgen und Leiden er⸗ füllt geweſen iſt! Zu meinem Unglück . und zu dem von Albine habe ich aber Ihren Rath mißkannt! Sie befürchten, es werde eben ſo mit dem ſein, welchen ich nun mir zu erbitten erlauben würde?“ „Ich befürchte es.“ „Sie würden ihn mir alſo verweigern? „Nein! man iſt Allen das ſchuldig, was man für die Wahrheit hält; man iſt Allen, wenn man darum gebeten wird, die Rathſchläge ſchuldig, welche zum Richtigen und zum Guten führen können; das iſt eine Pflicht, und ich habe die Gewohnheit, meine Pflichten zu erfüllen . „Madame, iſt der Augenblick gekommen, und er wird vielleicht demnächſt eintreten, ſo erlauben Sie mir, Sie an Ihr heutiges Verſprechen zu erinnern.“ „Allerdings, Herr Dupleſſis, und ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn mein Raih einen guten Ein⸗ fluß auf Sie üben könnte.“ 6 119 Unſer Geſpräch wurde unkerbrochen durch die Ankunft von Herrn Godefroid, dem Bruder von Ma⸗ dame Raymond, welcher von Amerika zurückgekommen, wohin er ſich in den erſten Zeiten der Reſtauration geflüchtet — in Folge von jenem Todesurtheil, deſſen Vollzug er durch die unerſchrockene, aufopfernde Ergeben⸗ heit von Charpentier und ſeinen Freunden entging; ein Todesurtheil, dem ich leider nicht ganz fremd geweſen war, da ich Levaſſeur, dieſem jugendlichen Spion, die Vorfälle meines Morgens anvertraut und dem Elen⸗ den unter anderen Einzelnheiten die der Erſcheinung eines auf einem Speicher verborgenen Mannes mit langem blondem Barte erzählt hatte unſelige Schwatzhaftigkeit, welche die Einkerkerung von Ma⸗ dame Raymond und ein Todesurtheil gegen Herrn Gode⸗ froid herbeiführte. Nach einer Verbannung von ſechs⸗ zehn bis ſiebenzehn Jahren ſah ich ihn wieder, und ich war betroffen von ſeiner Aehnlichkeit mit ſeiner Schweſter: das war dieſelbe zugleich ſanfte und ent⸗ ſchloſſene Phyſiognomie; die Haare von Herrn Gode⸗ froid waren völlig weiß geworden, ſein Schnurrbart war grau; er grüßte mich und küßte zärtlich Madame Raymond. Ich hatte ein peinliches Gefühl, denn ich wußte nicht, ob es ihm bekannt, daß meine Schwatz⸗ haftigkeit ſeine Verhaſtung verurſacht; bald aber er⸗ hielt ich einen neuen Beweis von der Großmuth von Jean und ſeiner Mutter; dieſe ſtellte mich ihrem Bru⸗ der vor und ſagte: „Herr Fernand Dupleſſis, einer der älteſten Freunde von Jean,“ und Herr Godefroid reichte mir herzlich die Hand. „Wie glücklich bin ich, mein Herr, Ihnen endlich meine ganze Dankbarfeit ausdrücken zu können!“ ſprach er zu mir. „Durch meine Schweſter und durch ihren Sohn habe ich erfahren, welche wohlwollende und edel⸗ müthige Gaſtfreundſchaft Sie ihnen unter für ſie ſehr tritiſchen Umſtänden gewährt; noch einmal meinen 120 Dank glauben Sie mir, daß ich meinen großen Theil an dieſer Familienſchuld anſpreche.“ „Und dieſe Schuld, mein Freund,“ ſagte Madame Raymond, „dieſe Schuld iſt heute noch angewachſen.“ „Wie ſo, meine Schweſter?“ „Man hat das Waffendepot in der Rue de Cour⸗ celles weggenommen.“ „Ich wußte es, denn ich erhielt vorhin von Jean die für einen ſolchen Fall verabredete Anzeige, und ich habe ſogleich Charpentier und unſere Freunde davon be⸗ nachrichtigt. Mein Neffe hatte nach unſerem Abgang die Verfertigung von Patronen fortſetzen wollen „..“ „Er wäre auch beinahe gefangen worden,“ ſaate Madame Raymond; „doch zum Glück konnte er eine Zu⸗ flucht bei Herrn Dupleſſis finden, deſſen Wohnung zu⸗ nächſt bei dem Hauſe liegt, wo die Durchſuchung ſtattgefunden hat.“ „Ah! mein Herr,“ rief Herr Godefroid, indem er mir abermals voll Innigkeit die Hände drückte, „glau⸗ ben Sie mir, unſere Dankbarfeit wird auf der Höhe dieſes neuen Dienſtes ſein.“ VI. Ich bin ſo veränderlich, ich unterliege ſo unüber⸗ windlich dem Einfluſſe der Mitte, in der ich mich be⸗ ſinde, daß ich nicht auszudrücken vermag, wie unaus⸗ ſprechlich ſüß meine Gefühle waren, als ich von der Familie von Jean Beweiſe einer ſo ehrenvollen und rührenden Dankbarkeit empfing; dieſe Aufnahme er⸗ höhte mich in meinen Augen und gab mir das Be⸗ wußtſein, wenigſtens zuweilen das Gute gethan zu haben; wenn ich mit dieſen ſeltenen Augenblicken der Selbſtzufriedenheit die Sorgen, die Bangigkeiten ver⸗ 12¹ glich, unter denen ich ſeit ſo langer Zeit lebte, ſo er⸗ röthete ich, meine Zukunft für leichtfertige und falſche Genüſſe geopfert und verloren zu haben. Alles trug während dieſes Abends dazu bei, mich, diesmal aber auf eine edle Art, über die Wirklichkeit meiner Lage zu täuſchen, die ſich noch ſeltſam durch mein Zuſammentreffen mit Ceſarine und durch die Un⸗ gewißheit, in die ich in dieſer Hinſicht verſunken war, verwickelt hatte. Herr Charpentier geſellte ſich zu uns und bezahlte mir auf's Neue den Tribut ſeiner Dankbarkeit; ſeine Haare und ſein Bart waren völlig weiß geworden und vermehrten noch die natürliche Würde ſeines männli⸗ chen Geſichtes; dieſer redliche, fleißige, erleuchtete, ſtrenge Handwerksmann bot den edlen Typus des Glaubens⸗ menſchen; ein unbekannter und muthiger Soldat einer Sache, der er das Leben geopfert, unterwarf er ſich, ohne ſchwach zu werden, den härteſten Entbehrungen, dem Märtyrthum, wenn es ſein mußte, für den Triumph der Idee, von der er wußte, daß ſie gerecht, groß und fruchtbar! Als die Stunde des Mahles gekommen war, ſetz⸗ ten wir uns zu Tiſche; das Mittagsbrod war beſchei⸗ den, aber belebt durch eine Converſation voll Reiz, Intereſſe und Abwechſelung. Nach dem Verſprechen von Jean war nicht mit einem Worte von Politik die Rede. Herr Godefroid hatte während ſeiner langen Verbannung viele Reiſen in den beiden America gemacht und Theil an mehreren Kämpfen genommen, welche die Unabhängigkeit den Republiken des Süden ſicherten. Er beſaß, wie Ma⸗ dame Raymond, ein tiefes Gefühl für die Schönheiten der Natur, ein wunderbares örtliches Gedächtniß und umfaſſende Kenntniſſe in der Geologie und Naturge⸗ ſchichte; es läßt ſich auch nichts Anziehenderes denken, als die Erzählung ſeiner Reiſen. Herr Charpentier, ein alter Soldat der republi⸗ 122 kaniſchen Kriege, hatte beinahe ganz Europa durch⸗ wandert. Schon in Riballiére hatte ich den ſeltenen Verſtand, den Scharffſinn, den vriginellen Geiſt dieſes Mannes aus dem Volke mit der rauhen Rinde ſchätzen können, und ich hörte ihm mit neuem Vergnügen zu. Doppelt glücklich, ſich wieder zwiſchen ihrem Bru⸗ der und ihrem Sohne zu finden, der am Morgen einer ernſten Gefahr entgangen, war Madame Rahmond be⸗ zaubernd; nie hatten ſich die Zartheit, die Erhaben⸗ heit ihrer Gedanken mit mehr Anmuth und Glanz überſetzt; Jean endlich, der ſich ganz dem Glücke un⸗ ſeres unerwarteten Zuſammentreffens hingab, überſpru⸗ delte von Heiterkeit. „Oh!“ ſagte ich mir dann unter dem Zauber die⸗ ſer ſo ſanft hingehenden Stunden, „verſchwenderiſche Mahle, eiskalt durch die Etiquette, unſchmackhaft ge⸗ macht durch die Nichtigkeit der Gäſte oder gezwungen vurch ihre Anmaßung, wie traurig ſcheint ihr mir ge⸗ gen dieſes vertrauliche Mittagsbrod, bei welchem mich die lebhafteſten Genüſſe des Geiſtes und des Herzens erfreuen!“ Dann verglich ich, immer unter dem Zauber der Gegenwart, mit dem Abend, der auf dieſes beſcheidene Mahl folgte, die glänzenden Feſte, wo man nur dar⸗ auf bedacht iſt, zu ſcheinen. Dieſer Abend war reizend. Es war Niemand ein⸗ geladen, als die Familie vom Chef des Handelshauſes, in welchem Jean und ſeine Mutter arbeiteten. Dieſe Familie beſtand aus dem Kaufmann ſelbſt, ſeiner Frau, ihren zwei Söhnen und ihren zwei Töchtern; jung und hübſch, nahmen dieſe ſogleich bei ihrer Ankunft Ma⸗ dame Raymond mit einem treuherzigen Eifer in Be⸗ ſchlag, der von ihrer großen Anhänglichkeit für ſie zeugte; bald ſchloß ſich ihre Mutter ihnen an und ſagte lächelnd: „Meine lieben Kinder, Ihr werdet nicht für Euch Beide allein unſere theure Madame Rahmond in An⸗ 123 ſpruch nehmen; ich will meinen Theil an ihr, ich habe auch meine Rechte.“ Der Kaufmann und ſeine zwei Söhne unterhiel⸗ ten ſich freundſchaftlich mit Jean, Herrn Godefroid und Herrn Charpentier. Dann ſetzte ſich Madame Raymond, mit aller Liebenswürdigkeit, den Bitten der beiden Mädchen nachgebend, an's Klavier, indem ſie zu ihnen ſagte: 7 „Ich bin zu alt, um zu ſingen, doch ich werde meinen Sohn begleiten und Sie die Stücke hören laſſen, die Sie wünſchen.“ Sie war in der That eine vortreffliche Tonkünſt⸗ lerin, und ſie konnte ſich des Singens überheben; ihr Talent voll Seele und Poeſie machte das Piano für ſie ſingen; wir waren Alle entzückt von dieſem reinen, eleganten, geperlten Spiele. Madame Raymond bat dann die Mädchen, ihre Stelle am Klavier einzunehmen; ſie willigten ein, ohne den gezierten Widerſtand zur Schau zu ſtellen, den oft das Verdienſt nicht rechtfer⸗ tigt; ſie führten ein vierhändiges Stück mit viel Ge⸗ ſchmack aus. Von Zeit zu Zeit ſah ich ihren Blick und den ihrer Mutter ſich mit einer naiven Beſorg⸗ niß gegen Madame Raymond wenden; ſie ſchienen ſie alle Drei ſchüchtern zu fragen: „Iſt das gut?“ „Sind Sie zufrieden?“ Ein Lächeln oder ein beifälliges Nicken mit dem Kopfe von Madame Raymond machte die Mutter der zwei Mädchen ſtrahlen, machte die Töchter erröthen vor Vergnügen, und gab einen neuen Schwung ihren behenden Fingern. Sie liefen dann auf Madame Rahmond zu und küßten ſie mit einer reizenden Unſchuld. Jean wurde auch gebeten, zu ſingen; ſeine Mutter ſetzte ſich wieder an's Klavier, um ihn zu begleiten: das war ein rührendes Schauſpiel. Nicht minder ausgezeichnet in der Muſik 124 als ſeine Mutter, hatte Jean eine zum Herzen ſprechende, klangvolle Tenorſtimme; ſeine Methode war vortrefflich, er ſang ohne die geringſte Prätenſion, und er iſt vielleicht der einzige Mann, der mir vor einem Klaviere aufge⸗ pflanzt nicht lächerlich geſchienen hat. Von Zeit zu Zeit, und während ſie ihn begleitete, ſchaute ſeine Mutter, welche gleichſam an ſeinen Lippen hing, ihn mit Liebe und Stolz an. Als das Muſikſtück unter allgemeinem Beifall⸗ klatſchen beendigt war, ſchlug Jean munter einen ſchwarzen Zwerg mit einem Soun Einſatz vor; der Vorſchlag wurde mit Acclamation nicht nur von den jungen Leuten, ſondern auch von Madame Ray⸗ mond, ihrem Bruder, Herrn Charpentier und dem Kaufmann angenommen. Nachdem Jean, unterſtützt von der alten Magd des Hauſes, aus dem Speiſezimmer den Tiſch gebracht hatte, auf welchem man einen Tep⸗ pich kam er auf mich zu und ſagte heiter zu mir, „Ah! Fernand, es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Deiner Freunoſchaft nicht das heldenmüthige Opfer des ſchwarzen Zwergs zu einem Sou zumuthe.“ „Ich will ſpielen!“ rief ich, „und Du wirſt ſehen, daß ich nicht unwürdig bin, neben Dir zu figuriren.“ Man ſetzte ſich zum Spiele, es war der Vorwand von allen möglichen Scherzen herbeigeführt durch die verſchiedenen Erſcheinungen des Zufalls. Herr Gode⸗ froid, Herr Charpentier und beſonders Jean nah⸗ men Theil an dieſer ſanften Heiterkeit, und ebenſo auch die zwei Mädchen und ihre Brüder. Madame Raymond lachte ſelten; doch ihr feines, wohlwol⸗ lendes Lächeln ermuthigte zu dieſen Scherzen. Der Kaufmann, der mir übrigens ein feſter und vernünf⸗ tiger Mann zu ſein ſchien, war ſehr unterhaltend; er verlor ſechs Sous, gerieth darüber auf das Allerdrol⸗ ligſte in Verzweiflung, und ſprach davon, er werde ſich inſolvent erklären. Herr Godefroid gewann die fabel⸗ 125⁵ hafte Summe von neun Sous, er zählte mit einer ſehr witzigen Originalität alle die ſardanapaliſchen Verſchwendungen auf, denen er ſich in Folge ſeines ungeheuren Gewinnes überlaſſen müſſe. Vom Schickſal bis zu einem Verluſte von drei Sous mißhandelt, ſuchte ſich Herr Charpentier das Glück günſtig zu machen durch groteske Anrufungen, die er mit einem unſtör⸗ baren und ſehr beluſtigenden Phlegma preisgab. Was ſoll ich ſagen? der Abend verging raſch; dieſe Stunden waren die angenehmſten, die ich ſeit langer Zeit irgendwo zugebracht hatte. Einſt, in Ri⸗ balliere, in den Tagen meiner tollen Liebe für Ma⸗ dame Rahymond, — eine Liebe, von der mich die Zeit und eine gerechte Verachtung für immer geheilt hatten, — einſt war ich tief erſtaunt, wenn ich dieſe ſtviſchen Republikaner, dieſe beſtändig zwiſchen das Gefängniß, die Verbannung oder das Schaffot geſtellten Verſchwö⸗ rer, die unglaubliche Freiheit des Geiſtes, die Seelen⸗ ruhe und beſonders die reine, verdorbenen Menſchen unbekannte Heiterkeit bewahren ſah; doch, wie mir Jean oft geſagt hatte: „So groß war die Erhabenheit, die Reinheit der Ueberzeugungen dieſer Menſchen; ſo groß war die Macht ihres Glaubens an die Heiligkeit ihrer Sache, daß ihr Gewiſſen, der Gefahr trotzend, immer in einem unſtörbaren Frieden blieb.“ Dieſer Abend diente zur Unterſtützung der Worte von Jean, und wenn man ſie, ihn, ſeinen Oheim und Herrn Charpentier, ſo heiter an den Beluſtigungen Theil nehmen ſah, hätte man nie geglaubt, ſie haben ſich die Nacht hindurch mit geheimen Zuſammenkünf⸗ ten und mit dem Verfertigen von Patronen beſchäftigt. Ich kannte wohl den hohen Geiſt von Madame Rah⸗ mond, ihren vollkommenen Tact, die ſeltene natürliche Diſtinction ihrer Manieren, und dennoch konnte ich nicht müde werden, zu bewundern, mit welcher An⸗ muth, mit welchem guten Geſchmacke, mit welcher ſanf⸗ ten Würde ſie die Honneurs ihres Salon machte, wo 126 ſie, im Ganzen, den Kaufmann empfing, der ſie und ihren Sohn heſoldete; ſo groß war aber die unwider⸗ ſtehliche Gewalt, welche dieſer Frau ihre Tugend, ihre Liebenswürdigkeit und ihre muthigen Eigenſchaften ver⸗ liehen, daß ſich der Kaufmann und ſeine Familie ge⸗ ehrt fühlten, bei Madame Rahmond eingeladen zu ſein. Ich hatte viele vornehme, ſehr glücklich begabte Damen in ihrem prächtigen Hotel die glänzendſte und beſte Geſellſchaft empfangen ſehen; doch Keine von ihnen vereinigte in ſich in einem höheren Grade, als Madame Raymond, dieſe Gewohnheiten der Zuvorkom⸗ menheit und der zarten Aufmerkſamkeit, immer mit ausgezeichnetem Tact abgemeſſen je nach dem Alter und dem Werthe von Jedem. Ich bewunderte auch an ihr die koſtbare Fähigkeit, das Geſpräch zu unterhalten und zu lenken, ohne es zu beherrſchen, es nie fallen zu laſſen, und es in ſeinen launenhaften Sprüngen zu verfolgen, um mit einer liebenswürdigen Wachſamkeit das geringſte Wort, das der Schätzung würdig, heraus⸗ zuheben, in Relief zu ſetzen. Gegen zehn Uhr, dem Ziele der Abendunterhal⸗ tungen der arbeitſamen Leute, welche ihre Geſchäfte früh am Morgen aufzuſtehen nöthigen, brachte die alte Magd den Thee mit einem großen, rauchenden Butter⸗ kuchen, ein Backwerk, deſſen Anblick die jungen Leute ſo ſehr erfreut; dieſer Imbiß ging heiter vorüber, und in dem Augenblick, wo ſich Jeder zum Abgange an⸗ ſitt näherte ich mich Madame Raymond und ſagte zu ihr: „Madame, ich vermöchte Ihnen nicht auszudrücken, welches Vergnügen mir dieſer reizende Abend berei⸗ tet hat.“ „Es wird nur von Ihnen abhängen, Herr Du⸗ pleſſis, dieſes Vergnügen zu erneuern; Sie finden uns alle Sonntage Abends in Familie.“ „Ich werde das nicht vergeſſen, Mabame, und mich auch erinnern, daß Sie die Güte gehabt haben, mir 127 Ihren Rath bei einem für mich ſehr ernſten Umſtande zu verſprechen, der binnen Kurzem eintreten dürfte.“ „Meine Aufrichtigkeit, meine Rathſchläge, da Sie ſolche freundlichſt von mir verlangen, ſollen Ihnen nie entgehen .. Sie werden mich ſtets Abends zu Hauſe finden, denn am Morgen,“ fügte ſie lächelnd bei, „be⸗ geben wir uns, Jean und ich, auf unſer Bureau, und von dort kommen wir erſt um fünf Uhr zurück.“ Als ich eben im Begriffe war, von Madame Ray⸗ Sont Abſchied zu nehmen, kam mir plötzlich ein Ge⸗ danke. Herr Godefroid hatte lange in America gelebt: vielleicht würde er mir Auskunft über Herrn Jefferſon und Ceſarine geben können, denn mein Zuſammen⸗ treffen mit ihr verſetzte mich in eine tiefe Befangen⸗ heit, von der ich durch den Zauber dieſes Abends nur halb abgezogen worden war. Ich näherte mich Godefroid, ging mit ihm beiſeit und ſagte zu ihm: „Mein Herr, ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Das freut mich unenblich; ich werde mich glück⸗ lich ſchätzen, Ihnen in irgend einer Hinſicht dienen zu können. Um was handelt es ſich?“ „Sie haben lange in America gewohnt: ſollten Sie in dieſem Lande einen reichen Banquier Namens Jefferſon gekannt haben?“ 5 „Ich!“ rief Herr Godefroid mit einem Ausdrucke des Erſtaunens und tiefen Ekels; ich, einen ſolchen Menſchen kennen! Verzeihen Sie, Herr Dupleſſis, Sie müſſen nothwendig nicht wiſſen, wer dieſer Herr Jefferſon war?“ „So iſt es, mein Herr und ich wandte mich heee an Sie, um einige Auskunft über ihn zu er⸗ alten.“ „Dieſe Ihre Unwiſſenheit erklärt mir, wie Sie haben denken können, ich ſei in der geringſten Bezie⸗ 1²8 hung zu dieſem Elenden geſtanden. Stellen Sie ſich vor, Herr Dupleſſis, was die ſchamloſeſte Unredlichkeit verbunden ich ſage nicht einmal mit der Ueppig⸗ keit .. ſondern mit dem gemeinſten Wüſtlingsleben, mit der eyniſchſten Sittenloſigkeit, mit den empörend⸗ ſten Ausſchweifungen Zurückſtoßendes und Verworfen⸗ ſtes bieten kann, und Sie werden noch einen ſchwa⸗ chen Begriff von dem haben, was Herr Jefferſon war!“ „Mein Gott! was erfahre ich da!“ „Dieſer Jefferſon verdankte nicht nur ſein unge⸗ heures Vermögen dem Betrug und dem Wucher, ſon⸗ dern ſein Leben an den ſchändlichſten Orten zubringend, überließ er ſich hier ſo ſchmutzigen Orgien, ſo abſcheu⸗ lichen Exceſſen, daß ihn die öffenkliche Entrüſtung zwang, nach und nach Boſton und New⸗York zu verlaſſen.“ „Iſt das möglich?“ „Ah! Herr Dupleſſis, wäre dieſer Elende nicht eine monſtruvſe Ausnahme geweſen, er würde zur Schande dieſem großen und edlen americaniſchen Volke gereicht haben, das durch die Strenge ſeiner Sitten, durch ſeine männlichen Familientugenden, durch die Erhabenheit ſeines nationalen Charakters ſich mehr als je würdig zeigt der für den Preis des Blutes ſeiner Väter er⸗ oberten Freiheit.“ „Was Sie mir da mittheilen, bringt mich ganz in Verwirrung; ich te doch ſagen, dieſer Jefferſon habe, als er nach Frcnkreich gekommen, die beſte Ge⸗ ſellſchaft von Paris bei ſich empfangen.“ „Beſſer als ich wiſſen⸗Sie, was die Pariſer Welt iſt .. Die Sittlichkeit der Leute, die ihr glänzende Feſte bieten und vortreffliche Mahle geben, iſt etwas beinahe Gleichgültiges, und in dieſer Hinſicht iſt das Gewiſſen der Welt ſo weit als ihr Magen.“ „Das iſt wahr .. doch ich glaubte, ſeit ſeiner Verheirathung habe Herr Jefferſon „Ei! mir fällt ein,“unterbrach mich Herr Godefroid, —— 1²9 „dieſer Menſch hat die Witwe von einem der Jugend⸗ freunde von Jean und Ihnen geheirathet.“ „In der That, mein Herr . „Nun kehren die Erinnerungen bei mir zurück; meine Schweſter hat eines Tags in Gegenwart ihres Sohnes an mich dieſelbe Frage wie Sie über dieſen Menſchen gemacht; denn ſie kannte, glaube ich, die junge Frau, die er geheirathet hat Doch ich ant⸗ wortete meiner Schweſter lieber, ich habe nie von ihm ſprechen hören, als daß ich ſie vor Ekel erröthen machte, indem ich ihr ſagte, wie es ſich mit dieſem Elenden verhielt.“ „Das Intereſſe, das mir die Witwe unſeres Schul⸗ kameraden einflößt, veranlaßte mich auch, mich bei Ihnen über Herrn Jefferſon zu unterrichten,“ ſagte ich zu Herrn Godefroid; „ich habe ſie kürzlich getroffen und war begierig, unmittelbar zu erfahren, welches Lvos ihr durch ihre Verheirathung zugefallen.“ „Offenherzig geſprochen, Herr Dupleſſis, um ſich herbeizulaſſen, einen ſolchen Wüſtling, trotz ſeines Reich⸗ thums, zu heirathen, muß eine Frau ebenſo habgierig, als tief verdorben ſein, wenn ſie nicht etwa ganz und gar verblendet iſt Ich will gern glauben, daß ſich die Witwe Ihres Freundes in letzterem Falle befun⸗ den hat.“ „Das iſt mehr als wahrſcheinlich, mein Herr, denn Jean hat ſie gekannt wie ich, und er würde Ih⸗ nen ſagen, er halte ſie für unfähig, einen ſolchen Men⸗ ſchen geheirathet zu haben, wenn ſie ſeinen Werth ge⸗ kannt hätte.“ „Dann mußte das unglückliche Geſchöpf grauſam „War Herr Jefferſon verheirathet, als ihn, wie Sie ſagen, die öffentliche Entrüſtung aus Boſton und New⸗York vertrieb?“ „Nein, ich denke nicht.“ Fernand Dupleſſis. III. 9 8 130 „Vielleicht hat ihn die Ehe gebeſſert?“ „Ein ſolcher Menſch ſich beſſern? Ah! Herr Du⸗ pleſſis, wenn man durch eine entſetzliche Verdorbenheit bis zum ſechzigſten Jahre im Kothe der ſchlechteſten Häuſer gelebt hat, beſſert man ſich nie mehr.“ „Ich vermöchte Ihnen nicht auszudrücken, mein Herr, wie ſehr mich das, was Sie mir mittheilen, in Erſtaunen ſetzt und für Frau Jefferſon betrübt, jedoch rückwärtsſchauend, wenn ich ſo ſogen darf, denn zum Glück iſt ſie nun Witwe „. Ah! ſie mußte, wie Sie bemerkt haben, grauſam leiden.“ „Wir wollen es für ſie hoffenz ihre Leiden wür⸗ den beweiſen, daß ſie eines beſſern Looſes würdig war.“ „Es läßt Sie übrigens nichts vermuthen, mein Herr, Frau Jeffenſon ſei, ſich bis auf einen gewiſſen Punkt durch die Ausſchweifungen ihres Mannes er⸗ mächtigend, ihren Pflichten untreu geworden? Die böſe Welt Americas hat dieſer jungen Frau nichts vor⸗ geworfen?“ „Nichts, daß ich wüßte, denn ich wiederhole Ihnen, mein lieber Herr Dupleſſis, als ich mich zu gleicher Zeit mit diefem Menſchen in Boſton und New⸗York vefand, war er nicht verheirathet. Erſt ſpäter, bei meiner Ankunft in Frankreich, erfuhr ich durch meine Schweſter, er habe die Witwe von einem Ihrer Schul⸗ † freunde geheirathet, und man ſpreche von den glänzen⸗ den Feten, die dieſer reiche Mann in Paris gebe; doch, wie geſagt, er flößte mir einen ſolchen Ekel, † einen ſolchen Abſcheu ein, daß ich meiner Schweſter auf ihre Frage antwortete, ich kenne ihn nicht, um 6 ihn nicht ſchildern zu müſſen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr, für die Auskunft, die Sie mir gegeben,“ ſagte ich zu Herrn Godefroid, als ich ihn verließ; „was Sie mir mitgetheilt, ver⸗ doppelt das Intereſſe, das mir Frau Jefferſon einflößt.“ „Sie verdient ohne Zweifel dieſes Intereſſe, mein lieber Herr Dupleſſis .. Nun aber gute Nacht, ich 131 hoffe, wir werden uns oft Sonntags ſehen; Sie be⸗ merken,“ fügte er lächelnd bei, „ſo ungeſchlachte Re⸗ publikaner wir ſind, — das Familienkeben hat für uns große Reize, und ich darf Ihnen wohl ſagen, Sie gehören faſt zur Familie; ſind Sie nicht ein wenig der Bruder von Jean? eben ſo wohl durch die innige gegenſeitige Freundſchaft, die Sie mit einander ver⸗ bindet, als durch die wahrhaft brüderlichen Dienſte, die Sie ihm geleiſtet?“ Nach einem herzlichen Abſchied von Jean, von Herrn Godefroid und von Charpentier verließ ich das Haus von Madame Raymond, und ich kehrte hierher zu mir zurück, wo ich ſo eben die Erzählung des durch ſo verſchiedenartige Vorfälle bezeichneten Tages ge⸗ ſchrieben habe. VII. Ich habe dieſe Zeilen wieder geleſen; nichts iſt vergeſſen; ſo iſt dieſer Tag geweſen, dies ſind die Ein⸗ drücke, die ich empfunden; wir wollen nun zuſammen⸗ faſſen und überlegen. Ein für mich höchſt wichtiger Umſtand beherrſcht alle andere. Dieſer Umſtand iſt das Zuſammentreffen mit Ce⸗ ſarine, der Witwe Witwe des reichen americaniſchen Vanquier Herrn Jefferſon. Was die Sittlichkeit dieſes WMenſchen, was den Urſprung ſeines Vermögens be⸗ trifft, ſo werde ich ſogleich hieran denken. Ich beichte hier mir ſelbſt; alſo keine Uebergehun⸗ gen, keine Verſchweigungen; die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, ſo rauh ſie ſein mag. 132 Das Gute zuerſt, das Schlimme hernach. Das Gute iſt: Ja, beim Anblick von Ceſarine, als ich ſie ſchö⸗ ner als je wiederſah, ohne zu wiſſen, ob ſie Witwe war oder nicht, hat ſich meine alte Liebe für ſie, ſomit eine völlig uneigen nützige Liebe, glühender viel⸗ leicht als einſt entzündet. Ja, es hat mich eine tiefe Rührung beim Gedan⸗ ken an unſer Kind und der ſchmerzlichſte Kummer, als ich ſeinen Tod erfuhr, ergriffen. So iſt die Wahrheit! Nur mit mir allein, lüge ich nicht. Ja, beim Anblick von Frau Jefferſon er⸗ faßte mich eine neue, völlig uneigennützige Liebe, da ich nicht wußte, daß ſie Witwe war; ich habe das Recht, hierauf zu beſtehen. Das iſt das Gute. Nun kummt das Schlimme und im Ganzen iſt es etwas Schlimmes? . prüfen wir. Als Ceſarine ſtrahlend ausrief: „Fernand, Sie lieben mich noch ich bin Witwe!“ Da erweckten in mir die Worte: Ich bin Witwe, plötzlich und vor Allem den Gedanken: Ceſarine iſt die Witwe eines gewaltig reichen Mannes „ich bin zu Grunde ge⸗ richtet und ſie liebt mich noch.“ Dieſer Gedanke iſt habgierig, abſcheulich . es mag ſein, doch er iſt aufrichtig und zähe, denn trotz der heſtigen Entwickelungen dieſes Tages, der Zer⸗ ſtreuungen, der Gemüthsbewegungen, welche bei mit dieſe verſchiedenen Vorfälle verurſacht haben, belagerte beinahe jeden Augenblick meinen Geiſt die Reflexion „Ceſarine iſt Witwe eines gewaltig reichen Mannes ich bin zu Grunde gerichtet und ſie liebt mich noch.“ So konnte ich mich, während ich mit Jean plau derte, obgleich noch ergriffen von dem Eindrucke, de — te 133 unſer Zuſammentreffen auf mich hervorbrachte, nicht erwehren, zu ihm zu ſagen: „Glaubſt Du, daß Frau Jefferſon das ungeheure Vermögen ihres Mannes geerbt hat?“ Heute Abend, trotz der Erinnerungen, die in mir meine Zuſammenkunft mit Madame Raymond empor⸗ tauchen machte, bat ich ſie um ihren Rath, in der Vorausſicht einer nahen Eventualität; und dieſe Even⸗ tualität iſt meine Verheirathung mit Ceſarine. Endlich, in dem Augenblick, wo ich die Wohnung von Madame Raymond verließ, bat ich ihren Bruder, mich über Herrn Jefferſon zu unterrichten. Seine Mittheilungen ſind erſchrecklich, ſie verdienen in Ueber⸗ legung gezogen zu werden. Ich werde darauf zurück⸗ kommen. Meine Heirath mit Frau Jefferſon hängt oſſen⸗ bar von mir allein ab. Hat ſie nicht ausgerufen: „Fernand, Sie lieben mich, ich bin Witwe,“ heißt das nicht ſagen:„Meine Hand gehörtIhnen?“ Ich kenne aus Erfahrung den Charakter, die Ge⸗ fühle, die Tugend von Ceſarine; wenn ſie mich noch liebt, — Witwe oder nicht, — wäre ſie mein; gedächte ſie nur unſer vorübergehendes Verhältniß wieder an⸗ zuknüpfen, ſo hätte ſie mir nicht geſagt: „Ich bin Witwe!“ Neinz zu Lebzeiten von Hyaeinthe war ſie meine Geliebte. Ja, je mehr ich darüber nachdenke, — die Worte: „Ich bin Witwe!“ müſſen in ihrem Geiſte bedeuten: „Heirathen wir uns!“ Heirathen wir uns .. . Ich Frau Jefferſon hei⸗ rathen? Laß ſehen. Zuerſt die moraliſche Seite der Frage, dann die materielle. Einſt, nach dem Tode von Hyaecinthe, war ich auf dem Punkte, ſeine Witwe zu heirathen . . warum habe ich ſie nicht geheirathet? Durchblättern wir dieſes 134 Tagebuch ber Vergangenheit, es wird mir antworten, und nie wird es für mich nützlicher geweſen ſein, die Erinnerungen, die es enthält, zu Rathe zu ziehen, als bei dieſem Umſtand. Es folgt hier, was ich damals in mein Tagebuch ſchrieb, nachdem ich das Für und das Wider dieſer Heirath, aus dem Geſichtspunkte der Moralität von Ceſarine und meines plötzlichen Verzichtens auf das Junggeſellen⸗ leben, erwogen hatte; nachdem ich mich gefragt, ob ich Ceſarine ernſte Garantien des Glückes für die Zukunft biete, endigte ich folgender Maßen (ich ſchreibe getreu ab): „Ceſarine hat Hyaeinthe betrogen; warum ſollte ſie, wenn ſte einmal meine Frau iſt, mich nicht auch betrügen? „Allerdings hat ſie mich geliebt, doch auf die glü⸗ hendſte Liebe folgen oft die Kälte, die Sättigung .. Ich muß überdies geſtehen, ſeit der Unterbrechung mei⸗ ner Rendez⸗vous mit Ceſarine, ſeitdem ſie mir nicht mehr wie früher hinreißend durch Leidenſchaft und Wolluſt, ſondern ernſt, ſchwermüthig und in Thränen gebadet erſcheint, habe ich die Erkaltung ſich meiner bemächtigen gefühlt; kann ſie ſich ihrer nicht auch bemäch⸗ tigen? Und habe ich nicht, wenn ſie keine Liebe mehr für mich fühlt, zu befürchten, daß Ceſarine, der Gluth ihrer Natur nachgebend, mich behandelt wie Hyaecinthe und, wenn ſie auch vielleicht für mich Anhänglichkeit, Achtung nach ihrer Art bewahrt, einen Liebhaber an⸗ nimmt? „Bei dem Gedanken, der Lächerlichkeit und der Schande empörte ſich Alles in mir; in Beziehung auf eheliche Mißgeſchicke fühlte ich mich weder von der Sanfmuth, noch von der Philoſophie von Hyacinthe. „Später ging ich noch weiter, ich fragte mich, ob ich der erſte Liebhaber von Ceſarine geweſen; ſie hatte mich hundertmal mit dem Ausdrucke einer voll⸗ kommenen Seelenreinheit verſichert, ich ſei ihre 135 erſte Liebe geweſen; doch die Frauen ſind ſo un⸗ erforſchlich! „Und hatte ſich mir Ceſarine nicht überdies, ſo zu ſagen, beinahe an den Hals geworfen? würde eine bis dahin tadelloſe Frau ſo wenig Zurückhaltung ge⸗ zeigt haben? „Wie ich, doch zu einer andern Zeit, hatte Jean Rahmond in vertrautem Umgang mit Hyacinthe ge⸗ lebt. Wer ſagte mir, ob er nicht, wie ich, der Lieb⸗ haber von Ceſarine geweſen? „Nichts bewies mir, daß meine Zweifel gegrün⸗ det, nichts bewies mir aber auch, daß ſie es nicht waren. Ich hatte mich ſchwach und leichtgläubig in dieſer Hin⸗ ſicht gezeigt und mich nichts um dieſe rückwärtsſchauende Eiferſucht bekümmert; in dem Augenblick jedoch, wo ich eine innige Verbindung eingehen ſollte, welche ſpä⸗ ter meine Ruhe, meitte Ehre in Frage ſtellen konnte, and ich meine Unſchlüſſigheit ganz billig und gerecht.“ Das iſt es, was ich in mögliſcher Hinſicht von Ceſarine vor ein paar Jahren dihte. Müſſen die Ereigniſſe, die ſich ſeit jener Zeit zugetragen haben, meine Anſchauungsweiſe modificiren oder verändern? Nein, keines Wegs. Ich weiß durchaus nicht, wie das Benehmen von Frau Jefferſon ſeit unſerer Trennung geweſen iſt; doch von Herrn Godefroid, einem Manne von Ehre und vortrefflichem Urtheil, weiß ich, daß Herr Jefferſon, der ſich durch Betrug und Wucher bereicherte, ein ſo mon⸗ ſtruos ausſchweifender, ſo ganz und gar dem wüſten Leben in ſchlechten Häuſern ergebener Menſch geweſen iſt, daß ihn die öffentliche Entrüſtung aus zwei Städ⸗ ten, wo er wohnte, vertrieben hat. Von zwei Dingen eines, wie Herr Godefroid ſo richtig bemerkt: eine Frau, welche einen ſolchen 136 Elenden heirathet, iſt entweder tief verdorben oder völ⸗ lig verblendet. Nun denn! ich geſtehe, die Vergangenheit nöthigt mich, viel mehr an die Verdorbenheit von Ceſarine, als an ihre naive Verblendung in Beziehung auf Herrn Jefferſon zu glauben. Gehen wir alſo kühn den Dingen auf den Grund: eine Frau, welche, ſchon verdorben, aus Habgier eine ſolche Verbindung annimmt oder darnach begehrt und ſie mehrere Jahre erträgt, muß ein Ungeheuer der Nie⸗ derträchtigkeit und der Entſittlichung geworden ſein. Es iſt allerdings möglich, daß Ceſarine bei ihrer Wahl verblendet war, oder daß die Ehe die Lebensart von Herrn Jefferſon völlig verändert hat; doch trotz meines guten Willens und ihrer Möglichkeit, ſcheinen mir dieſe zwei Hypotheſen wenig Glauben zu ver⸗ dienen. Gerade in Folge dieſer Zweifel müſſen meine Be⸗ fürchtungen für die Zukunft hinſichtlich der Moralität von Frau Jefferſon zunehmen. Das iſt nicht Alles: ich bin fünf Jahre älter als ſie, und ſie iſt in der Blüthe der Jugend; ich berühre die Reife des Alters, welche ſeiner Neige ſo nahe. Ceſarine liebt mich ſo ſehr als in der Vergangenheit, das mag ſein; doch in wenigen Jahren werde ich graue Haare haben, indeß ſie noch entzückend ſchön ſein wird; die Brünetten von ihrer Complexion erhalten ſich, wie man zu ſagen pflegt, ſehr lange. Doch laſſen wir dieſe Altersverſchiedenheit beiſeit; laſſen wir ſogar dieſe möglichen Conſequenzen tiefer Entſittlichung, herbeigeführt durch die Heirath von Ce⸗ ſarine mit Herrn Jefferſon, beiſeit; nehmen wir an, ich befinde mich durchaus in derſelben Lage, in der ich in Betreff der Witwe von Hyacinthe war, als mich die Betrachtungen, welche ich ſo eben abgeſchrieben, ab⸗ hielten, eine Verbindung mit ihr zu ſchließen. Warum ſollte ich heute in dieſe Verbindung ein⸗ 137 willigen, die mich damals mit ſo lebhaften Befürchtun⸗ gen für die Zukunft erfüllte? Warum? Keine Zweideutigkeit! weil Frau Jefferſon Witwe eines gewaltig reichen Mannes iſt. Weil ich ungefähr zu Grunde gerichtet bin. Weil es mir unmöglich iſt, auf die Vergnügun⸗ gen, auf die Genüſſe zu verzichten, die ein großes Ver⸗ mögen verſchaffen kann. Das Geſtändniß iſt erſchrecklich naiv. Unterſuchen wir nun, ob dieſe Heirath mir das große Vermögen ſichern wird, nach dem ich begehre. . Hier ſtellt ſich die materielle Seite der Frage hervor. Meine erſte Heirath war eine Convenienzhei⸗ rath; wird meine zweite Heirath eine Geldhei⸗ rath ſein? Hat Frau Jefferſon die Geſammtſumme oder nur einen Theil des Reichthums ihres Mannes geerbt? hat ſie nichts geerbt, außer Zligen Trümmern von ſeinem ehemaligen Reichthum?“ . Wie ſoll ich genaue Kunde über den Betrag dieſes Vermögens von jetzt bis morgen erhalten? Ja, morgen muß ich mit einem feſten Entſchluß bei Ceſarine erſcheinen; ſie hat mir geſagt: „Fer⸗ nand, ich bin Witwe, wir ſind Beide frei.“ Ich würde in ihren Augen für den Letzten der Menſchen gelten, wenn ich mich, ehe ich mich beſtimmt entſchie⸗ den hätte, bei ihr nach dem, was ſie beſitze, erkundi⸗ gen würde; zu einer ſolchen Gemeinheit fühle ich mich überdies unfähig. Doch ich nehme an, Ceſarine ſei reich, coloſſal reich. ich heirathe ſie ihres Geldes wegen, und dieſes Geld iſt die Frucht des Betrugs und des Wuchers, dem Herr Jefferſon ſein Vermögen zu ver⸗ danken gehabt hat. Dieſe letzte Einwendung berührt mich im Ganzen 138 wenig; die Witwe dieſes Mannes iſt geſetzlich Erbin ſeines Vermögens; ſie iſt nicht verantwortlich für den Urſprung deſſelben, um ſo mehr bin ich vor dieſer Ver⸗ antwortlichkeit geſchützt. Wiederholen wir alſo gerade heraus, unumwunden: Ich heirathe Frau Jefferſon ihres Geldes wegen. Indeſſen, ohne zu wiſſen, ob ſie Witwe war, fühlte ich meine Liebe für ſie glühender, als in der Vergan⸗ genheit wiedererwachen. Das iſt wahr, doch gehen wir noch einmal der Sache entſchloſſen auf den Grund: wenn ich heute die Ueberzeugung hätte, Ceſarine ſei arm, wie ſie es beim Tode von Hyacinthe war, würde ich ſie, trotz meiner Liebe für ſie, heirathen? Nein, nein, ohl tauſendmal nein! Es iſt alſo eine Heirath aus Intereſſe, eine Geld⸗ heirath, was ich verfolge. Warum nicht? was iſt hiebei Schlimmes? was iſt hiebei Gemeines? Sieht man nicht jeden Tag in der Welt ſolche Heirathen? 4.4 Sieht man nicht ſchöne junge Mädchen aus In⸗ tereſſe in Folge ihrer Ausſchweifungen ſieche alte Männer heirathen? Sieht man nicht junge Leute aus Intereſſe lächerliche alte Weiber heirathen? Dieſe Heirathen, welche unendlich mehr anſtößig, als es die meinige wäre, da Ceſarine blendend ſchön iſt, da ich ſie liebe und wir ungefähr von demſelben Alter ſind, dieſe Heirathen, rufen ſie die Verdammung hervor? weniger als dies .. die Geringſchätzung? noch weni⸗ ger .. das Erſtaunen der Welt? durchaus nicht. Sie werden von den in ihrem Urtheile ſtrengſten Menſchen als vollkommen ehrenhaft angenommen. Doch im häuslichen Leben? Kann der Mann, der — drücken wir uns ſcharf aus — ſich an eine Frau verkauft hat, ſeine Würde bewahren? geräth er nicht nothwendig in eine Art von ſchmählicher, faſt 139 knechtiſcher Abhängigkeit, da ſeine Frau, wie man zu ſagen pflegt, das Geld unter den Händen hat? Vor Allem weiß der wahrhaft würdige Mann ſei⸗ ner Würde immer Achtung zu verſchaffen; ſodann iſt der Mann, mag er wenig oder nicht viel in die Ehe bringen, geſetzlich der Herr und Verwalter des Ver⸗ mögens der Gemeinſchaft; er allein hat alſo das Geld unter den Händen. Ei! mein Gott, ich weiß es! Heirathe ich Frau Jefferſon, und ſie beſitzt ein ungeheures Vermögen, ſo wird es mir von Zeit zu Zeit geheime Demüthigungen bereiten, wenn ich daran denke, daß ſie die Mittel zu meinem Aufwand liefert; ich werde ſogar einige Ge⸗ wiſſensbiſſe erleiden bei dem Gedanken, ich hätte ſie, trotz ihrer anbetungswürdigen Schönheit, nicht gehei⸗ rathet, wenn ſie arm geweſen wäre. Doch das find von meiner Lage unzertrennliche Inconvenienzen, In⸗ convenienzen von geringem Gewichte, vergleiche ich ſie mit dem Looſe, das meiner harrt, ſollte ich dieſe reiche Heirath (wofern ſie reich iſt) nicht ſchließen; mein gänzlicher Ruin ſteht nahe bevor; noch ein paar Jahre Lurus, und ich werde zwiſchen der Armuth und dem Selbſtmorde wählen müſſen. Im Angeſichte dieſer zwei Extremitäten iſt meine Wahl nicht zweifelhaft . . Es iſt alſo der Tod. der Tod und ich werde noch jung ſein, voller Begierden, voller Leidenſchaften, voller Genußſucht! Ich täuſche mich nicht mehr, ich kann mich nicht mehr über mich täuſchen. Dieſe beſcheidene, vertranliche Abendunterhaltung bei Madame Raymond hat mir gewiß einen köſtlichen Genuß bereitet; der ſchwarze Zwerg zu einem Sou hat mich ungemein beluſtigt, wie ich es in der Schweiz auf der Reiſe mit Frau von Méligny und unſeren Freunden reizend fand, Milch in einer Sennhütte zu trinken; doch ich fühle mich nicht geſchaffen, um von Milchwerk zu leben und in einer Hütte zu wohnen; 140 nein! Als ich von der Mutter von Jean weggehend ſah, wie die Frau und die Töchter des ehrlichen Kauf⸗ manus ihre Ueberſchuhe anzogen, ſich in ihre Tartan⸗ mäntel hüllten, ſorgfältig ihre Taſchentücher um ihre Hüte banden, um ſie vor dem bevorſtehenden Gußregen zu bewahren, wie ſich die jungen Leute mit Regen⸗ ſchirmen verſahen, um ſich die Ausgabe für einen Fiaere zu erſparen, ſchien mir das kläglich, und nie habe ich mehr den Werth meines eleganten, behaglichen Wagens, gefühlt, der mich raſch wegführte, während der Kauf⸗ mann und ſeine Familie im Kothe der Rue Saint⸗ Martin patſchten, obgleich das Vermögen des Gewerbs⸗ mannes gewiß ſo ſolid iſt, als das meinige precär. Dieſe Gedanken find, ich fühle es, kindiſch, ſchlimm! doch ich kann nicht machen, daß ich nicht bin, was ich bin; die Falte iſt gelegt, wie mir dieſen Morgen Jean Rahymond ſagte. Nein! ich will nihthtiubſinten, nein, ich will ein großartiges Leben führen, Equipagen, Dienerſchaft, eine treffliche Küche haben, und das wird mir nur möglich, wenn Frau Jefferſon reich iſt. Und wie glücklich iſt in dieſem Falle mein Stern! ich ſtehe meinem Ruine ganz nahe . . . und ich erhebe mich prunkvoller, glänzender als je, indem ich, nicht ein lächerliches, häßliches altes Weib, ſondern eine der ſchönſten Frauen von Paris heirathe. Offenherzig geſprochen, wer könnte an meiner Stelle zögern? Welch ein vortreffliches Haus hätte ich? welche ſchöne Geſpanne? welchen großen Aufwand könnte ich machen? welchen Neid würde ich erregen! .. Denn das Gerücht von meinem Ruin hat ſich in der Stille verbreitet und iſt ohne Zweifel noch im Umlauf;z mit welcher Eiferſucht würde man ſich auch ſagen: „Hat dieſer Dupleſſis Glück!.. . Alles lächelt ihn an! da fällt ihm aus den Wolken, und gerade 141 noch zu rechter Zeit, eine reizende und Millionen reiche Witwe zu Ein dreifacher Dummkopf wäre ich, wenn ich dieſe Gelegenheit nicht benützen würde; ich heirathe Frau Jefferſon sub heneſicio inventarii. Ueberlegen wir indeſſen noch weiter; die Frage iſt inſ ich darf mich nicht auf eine tolle Art hinreißen aſſen. Wohl Ceſarine liebt mich noch, ſie iſt Millid⸗ nen reich, ich heirathe ſie „. Wenn ſie mich aber ſpäter betrügt? Mehr als irgend Jemand kann ich die Strenge ihrer Grundſätze bezweifeln, ohne von ihrer Heirath mit dieſem monſtruös entſittlichten Menſchen zu reden! hat ſie nicht um meinetwillen zu Lebzeiten von Hyacinthe ihre Pflichten vergeſſen? warum ſollte ſie dieſelben nicht einem Andern zu Liebe vergeſſen? Was beweiſt mir aber Fſ ihre Pflichten für einen Andern als für nih eſſen hätte? Was beweiſt mir, daß ihre Heirath mit Herrn Jefferſon nicht die einzige Untreue iſt, die ſie gegen mich begangen hat? . Hat man nicht Leidenſchaften die Zeit, die Ereig⸗ niſſe überleben ſehen? Als ein unleugbarrs Fackum ſteht nun feſt: iſt Ce⸗ ſarine reich, ſo konnte ſie, um ſich wieder zu verhei⸗ rathen, nur! in Betreff der Wahl, ſeitdem ſie Witwe geworden, in Verlegenheit ſein! Doch weit hievon ent⸗ fernt, hat ſie es vorgezogen, zu warten, jeden Tag in meine Nachbarſchaft zu kommen und mich zu beſpähen, ohne Zweifel, um ſich durch ſich ſelbſt über mein inti⸗ mes zu unterrichten, ehe ſie zu mir zurückkehren würde. Ja, je mehr ich nachdenke, deſto mehr iſt es mir erwieſen, daß ich der einzige Mann bin, den Frau Fefferſon bis jetzt geliebt hat der Einzige, den ſie fortan lieben muß. Etwas iſt jedoch ſeltſam: Als ich Vorwände ſuchte, um meineidig zu wer⸗ den an meinem Verſprechen, die Witwe des armen Hyaeinthe zu heirathen, überredete ich mich, ſie habe mich in der Vergangenheit betrügen können oder müſ⸗ ſen ſie werde mich ohne Zweifel in der Zukunft betrügen. Heute will ich die Witwe des reichen americani⸗ ſchen Banquier heirathen, und ich überrede mich am Ende, ſie ſei mir treu geweſen, ſie werde mir treu ſein! Welche von dieſen zwei Suppoſttionen iſt die wahre? Hat mich Ceſarine betrogen, ſoll ſie mich beſon⸗ ders noch betrügen, welche Hölle müßte dann dieſe Ehe, trotz ihres Reichthums, ſein! Wehe mir! ich weiß, was ich bei meinen Eiferſuchtsanfällen gegen Jean gelitten habe; und Albine war doch rein! und ich hatte ſie nicht aus Habgier geheirathet! ich hing nicht von ihr ab mein Vermögen war größer als das ihrige .. Doch mich betrogen ſehen von einer Frau, die beinahe das Recht hätte, mir zu ſagen: „Schweigen Sie ich bezahle Ihren Auf⸗ wand!“ Tod und Teufel! ich würde ſie umbringen und ihren Liebhaber auch . S glaube, das iſt nicht werth, daß man daran enkt. Und ich dachte daran, indem ich Madame Rahmond zum Voraus ſagte, ich könnte mich durch ihre Rath⸗ ſchläge zu erleuchten haben; ich habe ſchon tauſend Beweiſe von ihrer tiefen Beobachtungsgabe, von ihrem Scharfſinn, von der Sicherheit ihres Urtheils gehabt; überdies täuſcht ſich eine Frau ſelten in ihrer Würdi⸗ gung einer andern Frau, und ehe ich mich zu dieſer Hei⸗ rath entſchließe, wird es mir leicht ſein, Ceſarine zu bewegen, Madame Raymond einen Beſuch zu machen, einige gegenſeitige Beziehungen zwiſchen ihnen anzu⸗ knüpfen; dann werde ich zu der Mutter von Jean ſagen: „Ich beſchwöre Sie im Namem meiner Zukunft, 143 im Namen meiner Freundſchaft für Ihren Sohn, ſtu⸗ diren Sie Frau Jefferſon, ſagen Sie mir mit einem Wort, ob Sie mir rathen oder nicht rathen, ſie zu heirathen? Ich hatte mich über den Charakter von Albine völlig getäuſcht. Daher das Unglück meiner erſten Ehe; Sie, Madame, kannten ſie beſſer, als wir ſie kannten, ihre Mutter und ich; an Ihren Scharffinn wende ich mich alſo dies Mal . . möchte er mir die Leiden erſparen, welche ich erduldet habe, und die ich die arme Albine ſo grauſam habe ausſtehen laſſen.“ 3 Ich hege ein ſo tiefes, ſo wohlerwogenes Ver⸗ trauen zur Zuverläſſigkeit des Urtheils von Madame Rahymond, daß ich, ich bezweifle es nicht, ihren Rath bei dieſer Angelegenheit befolgen werde. Allerdings verführt, entzückt mich die blendende Perſpective einer reichen Heirath; doch hätte ich nur eine entfernte Vermuthung, Ceſarine dürfte eines Ta⸗ ges ihre Pflichten gegen mich vergeſſen, ſo würde ich es hundertmal vorziehen, in der precären Lage zu blei⸗ ben, in der ich mich befinde, und nach dem Wilken des Verhängniſſes bis zum Ende . bis zu meinem gänz⸗ lichen Ruin bis zum Selbſtmorde zu gehen . Faſſen wir uns kurz; ich werde morgen eine Zu⸗ ſammenkunft mit Ceſarine haben. Erlange ich die Ueberzeugung, daß ihr Vermögen ſo iſt, wie ich es wünſche, ſo werde ich in einer ſehr guten Lage ſein, um von ihr Zeit zum Ueberlegen zu fordern und ihr Zuſammentreffen mit Madame Rah⸗ mond herbeizuführen, wonach ich mich durch die An⸗ ſichten und den Rath von dieſer erleuchten laſſe. Bleiben mir Zweifel über das Vermögen von Frau Jefferſon, oder ich erfahre, daß ihr Gatte ihr nur ein unbedeutendes Erbe hinterlaſſen hat, ſo werde ich tau⸗ ſend Ausflüchte finden, um ihre Hand auszuſchlagen, wenn ſie mir dieſelbe anträgt. Morgen alſo dieſe Zuſammenkunft! Welchen Ein⸗ fluß kann ſie auf meine Zukunft haben! .. Wahr⸗ haftig, das Herz klopft mir in dieſem Augenblick Ja, das Herz klopft mir, während ich dieſe Zeilen ſchreibe .. Morgen alſo .. dieſer Tag wird in meinem L ben ein gewichtiges Datum bilden! Jahre ſind vergangen, ſeitdem ich mein Tagebuch geſchrieben; meine Haare find zu dieſer Stunde beinahe weiß; ich habe dieſe Zeilen abgeſchrieben, welche die Eindrücke enthalten, die ich am Vorabend des Tages empfunden, an dem ich ein entſcheibendes Rendez⸗vous mit Frau Jefferſon haben ſollte. Ich will mich nicht in meinen eigenen Augen zu entſchuldigen ſuchen; hier beichte ich: ich ſah in dieſer Heirath beſonders das Mittel, mir die materiellen Genüſſe zu ſichern, deren ich nicht mehr entbehren konnte; dieſes Verlangen war ſchmählich, ich gebe es zu, doch wer hätte in meiner Lage nicht ſo gedacht? Mag man, wie ich, die Wahrheit geſtehen, mag man es dahin bringen, daß man ſich über ſich betäubt, dieſe Wahrheit eriſtirt; die Nebenumſtände können ver⸗ ſchieden ſein, was aber unveränderlich iſt, das iſt der Grund der Gefühle des armen oder zu Grunde gerich⸗ teten Mannes, der einzig und allein in der Abſicht, ſeine koſtſpieligen Neigungen zu befriedigen einereiche Frau heirathet. Ich wiederhole alſo, es iſt nicht allein meine Ge⸗ ſchichte, die ich hier erzähle, ſondern die aller derjeni⸗ gen, welche im Begriffe ſind, eine Geldheirath zu ſchließen. Darum ſchreibe ich, von dem Gedanken ausgehend, ſie können eine Lehre bieten, dieſe Zeilen, deren einziges Verdienſt, trauriges Verdienſt! eine un begränzte Aufrichtigkeit iſt, ſo empörend ſie ſcheinen mag. Und nun fahre ich fort, mein am Vorabend des Tages, wo ich eine Zuſammenkunft mit Ceſarine haben ſollte, unterbrochenes Tagebuch abzuſchreiben. 145 VIII. November 1832. Ich habe dieſen Vormittag gegen zwölf Uhr mein Haus verlaſſen, um mich zu Frau Jefferſon zu be⸗ geben. Sie wohnte, wie ſie mir geſagt, in der Rue Plumet No. 11. Es erfüllten mich eine unbeſtimmte Unruhe, eine herbe Neugierde; ich machte tauſend Suppofitionen über die Bedeutung des Quar⸗ tiers, das ſie bewohnte, ein ziemlich abgelegenes Quartier, wo man unter einer großen Anzahl beſchei⸗ dener Häuſer noch einige prachtvolle Hotels umgeben von ungeheuren Gärten ſah. Ich glaubte ein äußerſt bezeichnendes Merkmal in Befreff der Vermögensver⸗ hältniſſe von Ceſarine. einzig und allein im Anblick ihrer Reſidenz zu finden und hienach meinen Feld⸗ zugsplan, in Ermangelung einer genaueren Auskunft, welche mir zu verſchaffen ich weder die Zeit, noch die Fähigkeit hatte, entwerfen zu können. Ich täuſchte mich in meinen Berechnungen. Mein Wagen hielt vor einem Hauſe von völlig neutralem Anſchein, mit einem Worte: vor einem drei Stocke hohen bürgerlichen Hauſez mehrere Buden waren aufbeiden Seiten des Thorwegs, wo ich anklopfte. Er wurde geöffnet und von ſeinem Gewölbe aus er⸗ blickte ich einen ziemlich großen, mit Bäumen bepflanz⸗ ten Hof; eine Remiſe, welche ohne Zweifel als Ma⸗ gazin für eine der Buden diente, war mit Ballen und Kiſten gefüllt: Ceſarine hatte alſo keinen Wa⸗ gen. So kindiſch ſie ſcheint, dieſe Bemerkung machte mich ſchon nachdenken. Ich wandte mich an eine etwas ſchlampige Portiere und fragte ſie: „Frau Jefferſon?“ „Sie iſt zu Hauſe, mein Herr.“ „In welchem Stocke wohnt ſie?“ Fernand Dupleſſis. III. 10 146 „Im erſten die Thüre links.“ Ich ſtieg eine ziemlich reinliche, aber wenig er⸗ leuchtete ſteinerne Treppe hinauf und kam zu einer Doppelthüre. In dem Augenblick, wo ich die Hand an die Klingelſchnur legte, empfand ich eine unbeſchreib⸗ liche Herzbeklemmung. Der Moment ſchien mir feier⸗ lich ich zögerte, vor Ceſarine zu treten. Das Aeußere ihrer Wohnung verfündigte in keiner Hinſicht den Reichthum, den ich geträumt hatte ... Ich war im Begriffe, mich zurückzuziehen, als ich im Innern der Wohnung Schritte zn hören glaubte, die ſich der Thüre näherten, vor der ich unentſchloſſen ſtand. Zurück⸗ weichend vor der Schmach, hier aufgepflanzt über⸗ raſcht zu werden, klingelte ich ungeſtim. Auf der Stelle wurde mir geöffnet von einer ungefähr vierzig Jahre alten Mulattin, von feinem, ausdrucksvollem Geſichte, welche mit einer gewiſſen Sorgfalt gekleidet war und, nach der Mode der Colonien, eine Madras mit roth und gelben Vierecken um den Kopf trug. Bald lief ein Reger mit ergrauenden Haaren, ziemlich corpulent und ſchwarz gekleidet wie ein Kammerdiener, aus dem Innern der Wohnung herbei und ſtellte ſich neben die Mulattin. Das kupferfarbene Geſicht von Dieſer, das ſchwarze Geſicht von Jenem machten einen ſeltſamen Eindruck auf mich; dieſe aus America her⸗ übergekommenen und wahrſcheinlich Ceſarine von ihrem Gatten hinterlaſſenen Dienſtboten dünkten mir .. (einfältiger Weiſe! doch ich bezeichne hier alle meine Eindrücke ) dünkten mir feindſelig. Die großen Augen des Negers und die durchdringenden Blicke der Mulattin hefteten ſich gleichzeitig mit einer verhaltenen Neugierde auf mich. Man erwartete mich offenbar; dieſe Leute wußten oder erriethen, wer ich war, und vielleicht, welche Hoffnung mich hieher führte. „Iſt Frau Jefferſon zu Hauſe?“ fragte ich. „Ja, mein Herr,“ antwortete die Mulatlin mit 147 einem leicht engliſchen Accente. Dann ſich an den Schwarzen wendend: „Stephen, melden Sie den Herrn.“ Und die Mulattin verſchwand, nachdem ſie mich noch einmal mit Aufmerkſamkeit angeſchaut hatte. „Will der Herr die Güte haben, mir zu folgen, ſo werde ich ihn Madame melden,“ ſagte Stephen zu mir, indem er ſich ehrerbietig verbeugte. Und er ging voran. Ich folgte dem Bedienten und durchſchritt ein Vor⸗ zimmer, ein Speiſezimmer und einen Salon, Alles von einem Anblick, der ſo völlig neutral war, als das Aeußere des Hauſes, — aus dem Geſichtspunkte mei⸗ ner ängſtlichen Prüfungen. Dieſe äußerſt reinlich gehaltene Wohnung war aus⸗ geſtattet mit Meubles, welche zwar comfortable, aber ebenſo alltäglich, als die Zierrathen des Kamins von Ausſchußbronze; ich bemerkte nur mehrere eingerahmte Rupferſtiche, welche alle heilige Gegenſtände vorſtellten. Dieſe Wahl ſetzte mich bei Ceſarine ſehr in Erſtaunen. Bis dahin offenbarte mir nichts in dieſen Räumen den Reichthum; ſie repräſentirten, wenn man ſo ſagen darf, eine beſcheidene Exiſtenz von zwölf bis fünfzehn⸗ tauſend Livres Einkommen; mit einem Worte: Wohl⸗ ſtand und nichts mehr. In dem Augenblick, wo er mich in ein an den Salon anſtoßendes Zimmer einführen verbeugte ſich Stephen abermals vor mir und ragte: „Wen werde ich Madame melden?“ „Herrn Dupleſſis,“ erwiederte ich dem Kammer⸗ diener, der, wie ein Lackei von gutem Hauſe, beide Flügel der Thüre öffnend, mit lauter Stimme meldete: „Herr Dupleſſis.“ Ich befand mich vor Frau Jefferſon. Sie ſagte ein paar Worte engliſch zu Stephen; er antwortete in dieſer Sprache, die ich durchaus nicht kannte. Ich war ein wenig ärgerlich, daß ich Ceſarine mit die⸗ ſem Bedienten Worte wechſeln hörte, nicht ver⸗ 148 ſtand, doch dieſer Eindruck verſchwand bald vor dem Erſtaunen, in das mich der Anblick meines Portraits verſetzte, das einem breiten Divan, auf welchem Ceſa⸗ rine lag, faſt gegenüber hing. Dieſes Portrait von natür⸗ licher Größe dünkte mir ſehr ähnlich. Zu Lebzeiten von Hyacinthe hatte ich aus Vorſicht nie mein Por⸗ trait ſeiner Frau geben wollen, obgleich ſie mich oft darum gebeten. Wie war es ihr ſeit jener Zeit gelun⸗ gen, ſich dieſes Gemälde zu verſchaffen, ohne daß ich vor irgend einem Künſtler geſtanden? Das ſchien mir unbegreiflich. Mit dieſem erſten Erſtaunen verband ſich ein ande⸗ res. Ich bemerkte meinem Portrait gegenüber einen großen und herrlichen Chriſtus von Elfenbein, auf einem Grunde von ſchwarzem Sammet mit goldenen Stäbchen eingefaßt; darunter war ein Betpult von ge⸗ ſchnitztem Holze angebracht, deſſen Tafel mehrere Ge⸗ betbücher trug. Ceſarine fromm! ... Mein wachſendes Erſtaunen ging bis zur Erſtarrung. Das iſt noch nicht Alles: die Schönheit der Witwe von Herrn Jefferſon erſchien mir unter einem ganz neuen Lichte; eine indiſche Schärpe von purpurrother Seide, geſtreift mit leichten filbernen Fäden, rollte ſich zierlich um ihren Kopf; die tauſend langen ſeidenen Locken ihrer reichen Haare um⸗ rahmten ihr bezauberndes Geſicht und fielen beinahe bis auf ihren Gürtel herab; ihr Morgenkleid mit brei⸗ ten weißen und purpurnen Streifen, deſſen weite Aer⸗ mel ihre Arme entblößt ließen, zeichnete die Umriſſe ihrer vollendeten Taille; ihr Buſen ſchien kaum in ihrem leicht geöffneten und mit einer Reihe kleiner Knöpfe von Silberſtligran geſchmückten Leibe zurück⸗ gehalten zu werden. Eine berauſchende Odaliske in eine wollüſtige Träumerei verſunken, das war die erſte Vergleichung, die mir einfiel, als ich Ceſarine ſo halb ausgeſtreckt auf ihrem Divan liegen ſah. Kaum 149 war Stephen abgegangen, da ſprang ſie auf mich zu und rief mit bebender Stimme: „Endlich mein Fernand ...“ Doch plötzlich dieſen leidenſchaſtlichen Erguß zü⸗ gelnd, hielt ſie in dem Augenblick inne, wo ich ſie, außer mir vor Liebe, in meine Arme ſchloß. Sie ent⸗ wand ſich meiner Umarmung, ſetzte ſich in der Nähe des Kamins auf einen kleinen niedrigen Stuhl, be⸗ zeichnete mir mit der Geberde einen Sitz dem ihrigen gegenüber, und ſagte zu mir mit einem unterdrückten Seufzer: „Setzen Sie ſich hieher, mein Freund. Laſſen Sie uns plaudern und vernünftig ſein. .Gott ſieht uns!. ..“ Fügte ſie erröthend und ihre Augen fromm zu Chriſtus erhebend bei. Welche Veränderung war denn im Geiſte, in den Grundſätzen von Ceſarine vorgegangen? Ganz ver⸗ wirrt vor Erſtaunen, ſchwieg ich einen Augenblick, dann begann folgende Unterredung zwiſchen uns: Ceſarine. „Wie viel Dinge haben wir uns zu ſagen, mein Freund!“ 5ch. „Das iſt wahr, doch ich werde unwillkürlich Zer⸗ ſtreuungen haben .. Sie ſind ſo ſchön .. Ceſarine. „Wahrhaftig? Sie Iinden mich noch ſchön? Ich. „Oh! Ceſarine . ich bete Dich an! Ceſarine. „Fernand, ich bitte Sie inſtändig .„ laſſen Sie uns vernünftig reden ... So viele Ereigniſſe haben ſich ſeit unſerer Trennung in . „Ach! die Vergangenheit!!! Ceſarine. „Ich verſtehe Sie, mein Freund; die Erinnerung 150 an die Vergangenheit laſtet auf Ihnen . . betrübt Sie macht Sie verlegen, nicht wahr? . . . Beruhi⸗ gen Sie ſich, ich will Sie ſo ſchnell als möglich von dieſer ſchmerzlichen Laſt befreien. „Ja, ſchmerzlich .. denn ich bin ſehr ſtrafbar geweſen. „Vielleicht. „Was ſagen Sie? Ceſarine. „Mein Freund, übertreiben wir nicht Haben Sie ſich nach dem Tode des armen Hyaeinthe gewei⸗ gert, mich zu heirathen? Nein. Sie haben mir ge⸗ ſagt: „Ceſarine, ich bin bereit, mein Wort als ehr⸗ licher Mann zu halten; doch als ehrlicher Mann ge⸗ ſtehe ich Ihnen offen, ich glaube mich nicht reif zur Ehe; ich fühle mich nicht fähig, Ihr zukünftiges Glück zu verbürgen.“ War es nicht beſſer, Fernand, dieſe derb aufrichtige Sprache gegen mich zu ſprechen, als Ceſarine. Ich. leichtſinnig eine unauflösbare Verbindung einzugehen? als uns Beide ſpäter hiedurch vergeblicher Reue, bitte⸗ rem häuslichem Kummer auszuſetzen? Ich⸗ „Aber, Ceſarine, Sie waren Mutter und ... meine Pflicht .. Ceſarine. „Ihre Pflicht war, mich nicht zu verlaſſen .. Sie erboten ſich, für unſer Kind Sorge zu tragen. Ich⸗ „Sie erwiederten mir jedoch die niederſchmettern⸗ den Worte: „Behalten Sie Ihr Geld; Sie werden nie von mir ſprechen hören .. Ah! Ceſarine, ich hatte Sie grauſam verletzt . Ceſarine. „Ja, Anfangs habe ich Sie verflucht. 15¹ Ich. Ceſarine. „Hernach verzieh ich Ihnen! Gott (ſie deutete auf Chriſtus), dieſer milde Heiland, predigt er nicht die Vergebung, die Reſignatiun? Mein Sprache ſetzt Sie in Erſtaunen, mein Freund? Sie haben mich beinahe als Heidin verlaſſen und finden mich als Chri⸗ ſtin wieder. Sie werden ſogleich das Geheimniß dieſer glücklichen Bekehrung Siahtn⸗ 5 h. „Ja, Ihre Sprache ſetzt mich in Erſtaunen, doch dieſes Erſtaunen iſt für mich köſtlich . . Armer En⸗ gel! was iſt nach unſerer Trennung aus Ihnen geworden? „Und hernach? Ceſarine. „Hören Sie mit zwei Worten, wie es mir ergan⸗ gen iſt: Ich glaube, ich ſagte Ihnen einſt, ich habe eine Couſine im Havre? 6 „Nein, oder ich erinnere mich wenigſtens dieſes Umſtands nicht mehr. Ceſarine. „Meine Couſine war an einen Offſicier der Han⸗ delsmarine verheirathet. Sogleich nach unſerem Bruche nahm ich das Wenige, was mir Hyacinthe hinterlaſſen hatte, und begab mich zu meiner Couſine ich ſagte ihr, Witwe und bald Mutter, aber nur mäßige Mit⸗ tel beſitzend, komme ich, um ſie, im Hinblick auf die Zukunft, um Ralh zu bitten .. Sie empfing mich wie eine Schweſter; es wurde verabredet, daß ich während meiner Schwangerſchaft bei ihr bleiben ſollte, und daß wir dann auf das Weitere bedacht ſein werden. Leider hatten, wie ich Ihnen geſagt habe, Fernand, mein Gram, meine Gewiſſensbiſſe, unſere Trennung meine Geſundheit tief angegriffen! Das arme Kind iſt vor der Geburt geſtorben.“ 152 Frau Jefferſon zerfloß in Thränen; ihr anbetungs⸗ würdiges Geſicht drückte einen ſo wahren Schmerz aus, daß ich meinen Kopf in meinen Händen verbarg und viel weinte. Nach einigen Augenblicken ſprach Cefarine mit ſtockender Stimme: „Verzeihen Sie, Fernand, doch dieſe Erinnerung. .. „An mir iſt es, Dich auf den Knieen um Verzei⸗ hung zu bitten; der Kummer, den Dir unſer Bruch verurſacht .. . hat in Deinem Schooße . das unglück⸗ liche Kind getödtet! . .. Ceſarine. „Ach! Fernand, ich beklagte auch Sie in ihm!. .. Damit ſage ich Ihnen, wie groß meine Verzweiflung war ... Meine Coufine war fromm; wie ich, hatte ſie ein geliebtes Kind verloren; ſie vermiſchte ihre Thrä⸗ nen mit den meinigen; doch ihr Beklagen drückte ſich in Worten von einer ſo zarten, ſo eindringlichen, ſo ſanft ergebenen Frömmigkeit aus, daß mich dieſe für mich neue Sprache tief rührte; mehr eingeſchlafen, als erloſchen, erwachten die religiöſen Ideen meiner erſten Kindheit allmälig wieder. Entzückt über meine glücklichen Aſpirationen, machte mich meine Cuufine mit ihrem Beichtvater bekannt. Die väterlichen Unter⸗ weiſungen dieſes ehrwürdigen Geiſtlichen öffneten mir vollends die Augen: mit ſeinem Beiſtande entdeckte ich vie unausſprechlichen Schätze des Troſtes, die uns ein aufrichtiger Glaube gibt; denn weit entfernt, die Schmerzen, die uns Gott als Prüfung oder als Strafe ſchickt, zu verfluchen, ſo grauſam man ſie empfinden mag, wünſcht man ſich ſodann beinahe dazu Glück; iſt die Hand, die uns ſchlägt, nicht die Hand des Allmächti⸗ gen, deſſen Abſichten unerforſchlich ſind? Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Freund? ich ſah in dem Tode un⸗ ſeres unglücklichen Kindes die Strafe für meinen Fehl⸗ tritt; das Bewußtſein der Gerechtigkeit dieſer Strafe machte mir die Ergebung leichter; dann wollte ich gern 153 glauben, beſänftigt durch meine Reue, durch die In⸗ brunſt meiner Gebete, werde Ihnen Gott Ihren Theil bei dieſer Sühnung erlaſſen, mein Freund; es gewährte mir eine heilige Freude, ſo zu leiden, indem ich hoffte, ich leide allein. Dieſe Gedanken läuterten die unwan⸗ delbare Liebe, der ich mein Leben geweiht; da Sie fortan abweſend und für immer von mir entfernt waren, ſo konnte ich, ohne ſtrafbar zu ſein, Sie noch lieben, mein Freund Dieſe ſo tröſtlichen Betrachtungen gewannen täglich eine neue Herrſchaft über mich .. und beſchleunigten meine Geneſung.“ Ich glaubte zu träumen, als ich Frau Jefferſon ſich ſo ausdruͤcken hörte. Die unwiderſtehliche Aufrichtig⸗ keit ihres Tones, die Milde ihrer Worte, dieſe Miſchung von Reſignation, von glühender Frömmigkeit und von Liebe brachten bei mir eine Gemüthsbewegung hervor, welche bis zur Ehrfurcht ging; dann fragte ich mich gleichſam mit Schrecken, wie groß die Schmerzen der Eriſtenz dieſer frommen jungen Frau während ihrer Ehe mit dem Ungeheuer der Verdorbenheit, das ſie ge⸗ heirathet, geweſen ſein müſſen .. Ich hatte Ceſarine nicht unterbrochen, ſie fuhr alſo fort: „Meine Geſundhsit war vollkommen wiederher⸗ geſtellt, als mir der Zufall eine unvorhergeſehene und ehrenhafte Hülfsquelle bot; der Mann meiner Cuufine machte als Kapitän eines Handelsſchiffes die Fahrt von Frankreich nach America; bei der Rückkehr von einer ſeiner Reiſen theilte er uns mit, er habe für mich, wenn ich ſie annehmen wolle, eine vortreffliche Stelle gefunden, und zwar die der Geſellſchafterin bei einer unſerer Landsmänninnen, einer reichen und be⸗ tagten Frau, welche in New⸗York wohne; nur müßte ich die engliſche Sprache verſtehen, um der Diener⸗ ſchaft des Hauſes dieſer Dame Befehle geben zu kön⸗ nen. Ich nahm dieſen unverhofften Antrag mit allem Eifer an und war zwei Monate lang nur bemüht, das Engliſche zu lernen; der Mann meiner Coufine 15⁴ ſprach dieſe Sprache vortrefflich, und ſeine Lectionen waren mir ſehr nützlich; ich arbeitete Tag und Nacht, und als er nach America zurückkehrte, reiſte ich mit ihm ab, da ich genug vom Engliſchen wußte, um mich verſtändlich zu machen. Der Kapitän ſtellte mich un⸗ ſerer Landsmännin, Frau von Surval, vor; ich gefiel ihr, und ſie machte mir meine Lage ſo angenehm als möglich; ich lebte von der Erinnerung an Sie, Fer⸗ nand, und Gott beſchützte mich fortwährend, denn meine Liebe war ſo unſchuldig geworden, als ſie einſt ſtrafbar geweſen. Ich. „Geliebter Engel! Ach! eine Frage brennt mich auf der Zunge und ich wage es nicht, ſie an Sie zu thun. Ceſarine. „Dieſe Frage, Fernand, iſt? „Ihre Heirath? Ceſarine. „Unter der Zahl der vertrauten Freunde von Frau von Surval war einer der ehrenwertheſten Männer von New⸗York, ein von Allen geliebter, geſchätzter Greis, Herr Jefferſon . „Was ſagen Sie? Ceſarine. „Woher rührt Ihr Erſtaunen? Ich. Wie! Herr Jefferſon! von Allen geliebt, geſchätzt, verehrt! Dieſer Wüſtling, der wegen der Schändlich⸗ keit ſeiner Sitten zweimal aus den Städten, wo er ſeinen Wohnſitz hatte, vertrieben worden iſt! Ceſarine. „Das iſt eine gräßliche Lüge! eine abſcheuliche Ver⸗ leumdung! Ah! Fernand, dieſe Beleidigung dem An⸗ denken des Beſten, des Edelſten der Menſchen ange⸗ 15⁵ than iſt grauſam für mich! Oh! ſehr grauſam, beſon⸗ ders von Ihrer Seite.“ Und ich ſah Thränen den Augen von Ceſarine entfließen, deren Züge eine ſchmerzliche Entrüſtung ausdrückten; mein Erſtaunen läßt ſich begreifen; die Angaben von Herrn Godefroid über den Gatten von Ceſarine waren offenbar falſch, oder ſie hatte ſich durch die Heuchelei des Elenden täuſchen laſſen. „Ceſarine,“ ſagte ich, „ich habe Sie unwillkür⸗ lich betrübt, verzeihen Sie mir; ich will Ihnen mit zwei Worten die Urſache meines Irrthums erklären; Alles, was Sie betrifft, intereſſirt mich. Geſtern war ich mit einem Manne zuſammen, der lange in Ame⸗ riea wohnte; vor einigen Jahren hatte ich Ihre Ver⸗ heirathung erfahren; ich erkundigte mich (da ich nicht wußte, daß Sie Witwe), wie Herr Jefferſon moraliſch ſei. Ich wage es nün nicht, Worte zu wiederholen, die Sie ſo eben ſo tief verletzt haben; indem ich aber Mittheilungen Glauben ſchenkte, deren Lauterkeit ich nicht in Zweifel ziehen konnte, mußte ich denken, die Zartheit Ihres Herzens, die gerechte Empfindlichkeit Ihrer religiöſen Gefühle ſeien durch dieſe Ehe ſchmerz⸗ lich geprüft worden. Ceſarine. „Oh! mein Freund, Sie erquicken mich durch Ihre Worte! Gott ſei Dank, Sie ſind nur das unwillkür⸗ liche Echo einer abſcheulichen Verleumdung, die mich noch mehr in Erſtaunen ſetzt, als ſie mich empört. Es wäre mir zu ſchmerzlich geweſen, glauben zu müſſen, Sie theilen nicht meine Gefühle der Verehrung für den biedern Mann, deſſen Andenken mir ſtets heilig und theuer ſein wird. „Ich vermöchte Ihnen nicht zu ſagen, um welche Laſt dieſe Verſicherung mein Herz erleichtert; beſtändig verfolgte mich der Gedanke, dieſe Heirath ſei für Sie eine Quelle der Leiden, des Kummers geweſen. 156 Ceſarine. „Hören Sie die Folge meiner Erzählung, und wie ich werden Sie eine Verleumdung verabſcheuen, welche ebenſo wahnſinnig, als gehäſſig. Der würdige, der vortreffliche Herr Jefferſon war, wie ich Ihnen ſo eben ſagte, einer der vertrauteſten Freunde von Frau von Surval; nie hat ein Greis mehr freundliche, heitere Herzensgüte mit ſolideren und liebenswürdigeren Tu⸗ genden vereinigt; er beſuchte oft Frau von Surval und brachte beinahe alle Abende bei uns zu; nach einigen Monaten wurde dieſe Dame, welche ſchon ſehr alt war, krank; ich hatte das Unglück, ſie zu verlieren; am Tage nach ihrem Tode ſagte Herr Jefferſon, der mich bis dahin nie hatte vermuthen laſſen, er beſchäftige ſich mit meiner Perſon, einfach und edel u mir: „„Madame, ich bin längſt im Stande geweſen, Sie zu ſchätzen; unſere alte Freundin lebt nicht mehr; ich würde mich als den glücklichſten Menſchen betrach⸗ ten, könnte ich mit Ihnen die wenigen Tage zubrin⸗ gen, die ich noch zu leben habe. Doch, ich bitte, Ma⸗ dame, täuſchen Sie ſich nicht in meinen Abſichten, ich bin alt, Sie ſind jung und ſchön (verzeihen Sie, Fernand, ich wiederhole Ihnen die Worte von Herrn Jefferſon); ich erſuche Sie nur, für mich das ſein zu wollen, was Sie für Frau von Surval waren: eine Freundin . . eine Tochter. nicht mehr. Da aber die Stellung einer Geſellſchafterin bei einem Manne, ſo alt er auch ſein mag, Ihrer Würde nicht entſprechen dürfte, ſo erweiſen Sie mir die Ehre, Ma⸗ dame, meine Hand anzunehmen . . .““ Und das iſt der Mann, gegen welchen ſo ſchändliche Verleumdungen zu erſinnen man nicht erröthet,“ fügte Frau Jefferſon bet, während ſie ihr Taſchentuch abermals an ihre in Thränen gebadeten Augen drückte. Die ſchmerzliche Gemüthsbewegung von Ceſarine, N 157 das Würdevolle der Ausdrücke, in denen, nach ihrer Erzählung, Herr Jefferſon um ihre Hand gebeten hatte, Alles überzeugte mich von der Falſchheit der von Herrn Godefroid vorgebrachten Anſchuldigungen, wofern nicht Ceſarine, verblendet über die Wirklichkeit, die Dank⸗ barkeit oder die Achtung gegen das Urtheil der Men⸗ ſchen bis zu einer Art von Heldenmuth treibend, es als eine Pflicht betrachtete, ſelbſt durch die Lüge das Andenken eines Mannes zu vertheidigen, ſo ſehr auch dieſes Andenken mit Recht angegriffen wurde; ich er⸗ wiederte ihr: „Die edlen Worte, die Sie mir mitgetheilt, Ce⸗ ſarine, ſind, wie Sie mir geſagt haben, die beſte Wi⸗ derlegung einer Verleumdung, zu deren Echo mich ge⸗ macht zu haben ich tief bedaure; man konnte in der That nicht mehr Zartgefühl und Edelſinn zeigen, als Herr Jefferſon bei dieſer Sache an den Tag gelegt hat. Ceſarine. „Er hat ſein Verſprechen gehalten, mein Freund; bis auf den Tag, wo ich ihn zu verlieren das ſnglück batte, iſt er für mich ein Vater, der Zärtlichſte der Väter geweſen. Ich. „Nichts als ein Vater für Sie, trotz Ihrer Schön⸗ heit? trotz Ihrer Jugend? Ceſarine. „Ich liebte Sie immer, Fernand „jede andere Hei⸗ rath als dieſe wäre mir unmöglich geweſen .. Ich war nur die Tochter von Herrn Jefferſon .. die ehrer⸗ bietigſte, die ergebenſte Tochter ... doch mein Herz gehörte Ihnen.“ Ich fühlte mich unendlich entzückt, als ich dieſe Worte von Frau Jefferſon hörte; es war mir ſo ſüß, ihr zu glauben. „Ah!“ rief ich berauſcht, „auch mein Herz iſt, trotz vieler Verirrungen, Dein geblieben, Ceſarine! „Mein Fernand,“ erwiederte ſie mit einem ſanf⸗ 158 ten Lächeln und einem bezaubernden Blicke, „ich bitte, ſtören Sie mein Gedächtniß nicht durch ſo zärtliche Worte; erlauben Sie mir, die Erzählung der Vergan⸗ genheit zu vollenden .. mit Gluͤck werden wir dann von der Gegenwart reden. „Der Tod von Frau von Surval ließ mir můßige Mittel, die Zukunft beunruhigte mich. Ich hatte mei⸗ nerſeits auch längſt den erhabenen Charakter von Herrn Jefferſon ſchätzen können; die Heirathsbedingungen, die er mir vorſchlug, erlaubten mir, von der Er⸗ innerung an Sie zu leben, Fernand, und dies ohne Scham, ohne Gewiſſensbiſſe; denn, was auch geſchehen mochte, ich war entſchloſſen, Sie nie mehr zu ſehen; ich heirathete alſo Herrn Jfferſon. Ich. „Nachdem dieſe Verbindung geſchloſſen war, kamen Sie nach Frankreich? .. nach Paris? Ceſarine. „Herr Jefferſon glaubte, mir angenehm zu ſein, wenn er mir die Reiſe vorſchlage, doch dieſe Reiſe wünſchte ich und befürchtete zugleich. Ich. „Warum dies? Ceſarine. „Sie wohnten in Frankreich, Fernand .. Ich. „Sie befürchteten alſo, in meine Nähe zu kommen? Ceſarine. „Ja, mein Herz gehörte Ihnen, doch ich war nicht mehr frei, und ich hätte es als ein Verbrechen in den Augen Gottes, als eine Schändlichkeit in meinen Augen betrachtet, meinen Gatten zu hintergehen .. Was ich Ihnen ſage, ſetzt Sie in Erſtaunen, mein Freund? Es ſcheint Ihnen ſeltſam, daß ich mich, nachdem ich Hyacinthe, dieſen Engel der Güte, unwürdig betrogen, feſt entſchloſſen habe, Herr Jefferſon treu zu bleiben? 159 Das kommt davon her, daß ich nun Chriſtin bin. Hö⸗ ren Sie, mein Fernand, ich liebe Sie, oh! ich liebe Sie, wie nie eine Frau geliebt hat! Meine Liebe hat meinen Gram, unſere Trennung, die Jahre überlebt, und dennoch, wenn ich Sie bei meiner Reiſe nach Frank⸗ reich wiedergeſehen hätte, wäre ich eher geſtorben, als zur Verrätherin an meinen Pflichten geworden. Zum Glück erfuhr ich kurze Zeit nach unſerer Ankunft in Paris Ihre Heirath; ich fühlte darüber Anfangs einen brennenden, beinahe verzweifelten Schmerz, dann erhob ich meine Seele zu Gott! und ich betete für Sie, mein Freund, ich betete auch für Jene, welche, glücklicher als ich, Ihnen ihr Leben widmete! „Oh! Ceſarine, welche Liebe! welche Liebe! was kann ich thun, um mich ihrer würdig zu machen.“ Ceſarine. „Sie dürfen ſich nur anbeten laſſen, mein Fer⸗ Nie werde ich den Ton, den Blick von Frau Jef⸗ ferſon vergeſſen, als ſie dieſe letzten Worte ſprach. Ich warf mich ihr zu Füßen; doch unter einer heftigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, ſchob ſie mich mit zit⸗ ternder Hand zurück, machte ſie ſich abermals von mei⸗ nen Armen los und ſagte mit einer tiefen Gemüths⸗ bewegung, indem ſie auf das Bild von Chriſtus deutete: „Ah! Fernand, vergeſſen Sie, vor wem wir ſind!“ Ich ſetzte mich fern von ihr und ſtützte meine glü⸗ hende Stirne auf meine Hand. Nicht minder aufge⸗ regt als ich, ſchwieg Ceſarine; endlich, nach einigen Angenblicken ſprach ſie mit einer Anfangs bebenden Stimme, die ſich aber allmälig befeſtigte: „Mein Freund, erlauben Sie mir, meine Erzäh⸗ lung zu vollenden. Ich brachte mit Herrn Fefferſon acht⸗ zehn Monaten in Paris zu; er geſiel ſich darin, mich durch alle Blendwerke des Reichthums zu berauſchen; zu unſeren prunkvollen Féten drängte ſich die glänzendſte 160 Geſellſchaft von Paris; und mit dieſen Féten beluſtigte ich mich wie mit einem eitlen Schauſpiel; Sie konn⸗ ten nicht dabei ſein, Fernand, um denſelben die Würze zu geben, die ihnen in meinen Augen fehlte. Nach Verlauf von achtzehn Monaten riefen gewichtige Inter⸗ eſſen meinen Mann nach den Vereinigten Staaten zu⸗ rück; die Treuloſigkeit eines Freundes, den er für er⸗ probt hielt, bereitete ihm einen heftigen Kummerz eine äußerſt beſchwerliche Reiſel, die er nach dem Süden von America, wohin ich ihn begleitete, machen mußte, übte einen tödlichen Einfluß auf ſeine Geſundheit; ich brachte ihn nach New⸗Yort zurück, und hier ver⸗ lor ich ihn. Seine letzten Augenblicke waren muſter⸗ haft wie ſein Leben; er ſtarb als rechtſchaffener Mann, als Chriſt er er, der nach Ihrer Behauptung ſo ſchändlich verleumdet worden iſt! Verzeihen Sie, mein Freund,“ fügte Ceſarine bei, die ſich der Thrä⸗ nen nicht erwehren konnte, „verzeihen Sie, wenn ich bei dieſer Erinnerung weine .. oder vielmehr, Sie werden meine Rührung begreifen. Ach! dieſer vor⸗ treffliche Mann hatte ſich gegen mich bis zum Ende ſo zärtlich . . ſo ergeben, ſo gut gezeigt er be⸗ handelte mich mit einer unermüdlichen väkerlichen Für⸗ ſorge, und ſeine einzige Beſchäftigung war mein Glück! „Ah! Ceſarine, Ihre Thränen rühren mich, ſie zeugen vom Adel Ihres Herzens. Ceſarine. „Nach dem Tode von Herrn Jefferſon hielten mich einige Intereſſen ziemlich lange in America zurück, dann kam ich wieder nach Frankreich; das war unge⸗ fähr vor drei Monaten Ich erfuhr, daß Sie „ Witwer geworden ich erfuhr auch, daß Sie glänzen⸗ der, mehr als je ausgezeichnet in die Welt zurückgekehrt und gerade auf einer Reiſe nach der Schweiz begriffen ſeien, wohin Sie eine der reizendſten und von der Mode des Tages in Paris gefeiertſten Damen begleiten⸗ — 161 Ich. „Das iſt wahr doch . Ceſarine. „Ich bitte, laſſen Sie mich vellenden es iſt kein Vorwurf, den ich Ihnen mache, mein Freund. Mehr als jeder Andern gebietet mir die Vergangenheit Nachſicht. Fortan frei in meinen Handlungen, ſagte ich mir: „Ich heirathe Fernand, wenn er mich noch liebt; liebt er mich nicht mehr, ſo werde ich meine Tage in einem Kloſter beſchließen.“ „Sie, Ceſarine? Ceſarine. „Woher kommt Ihr Erſtaunen? habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich bis jetzt in der Religton unaus⸗ ſprechliche Tröſtungen gefunden? „Allerbings . doch in Ihrem Alter, ſchön wie Sie ſind, ſich in einem Kloſter begraben? Ceſarine. „Wozu nützt meine Schönheit, wenn Sie mich nicht lieben, Fernand? Was iſt die Welt ohne Sie? Wäre ſie nicht in meinen Augen mit Gleichgültigen bevölkert? Und dann, wenn Sie wüßten, wie ſüß der Glaube für betrübte Herzen iſt, mit welcher himm⸗ liſchen Freigebigkeit Gott uns belohnt, wenn wir auf ihn die glühende und vergängliche Liebe übertragen, die uns ſein Geſchöpf einflößt! Ah! mein Freund, wünſchen Sie Glück! Was auch mein Loos ſein mag, es wird beneidenswerth ſein .. Werden meine letzten Hoffnungen nicht erfüllt, muß ich darauf ver⸗ zichten, Ihre Frau zu ſein . ſo werde ich die Braut des Herrn, und dieſe Liebe dauert die Ewigkeit hindurch!!1“ Frau Jefferſon ſprach dieſe Worte mit einer Art von myſtiſchen Gluth, indem ſie ihre ſchönen Augen Fernanb Dupleſſis. II. 11 zu Chriſtus erhob; ihr Ausdruck frommen Schmachtens machte mich beinahe eiferſüchtig, und einer unwill⸗ kürlichen Hinreißung nachgebend, rief ich. „Ceſarine, Du liebſt mich! Du haſt es mir geſagt!!! Oh! Du wirſt mir gehören! Du wirſt mein Weib ſein! verſprich es mir! ſchwöre es mir! Ceſarine. „Oh! mein Fernand, wenn ich Ihnen glauben könnte! c Ich. „Wie Du zweifelſt noch? Ceſarine. „Nein, ich zweifle nicht an Ihren Worten, mein Freund, nein, ich will nicht daran zweifeln! . .. Doch ehe wir unſer Geſchick auf immer gegenſeitig binden, ſammeln wir uns, und laſſen Sie mich vor Allem die Urſache meiner Anweſenheit in jenem dem Ihrigen benachbarten Hauſe erklären. ꝙ Ich. „Wohin Sie ſich faſt jeden Tag begaben? Ceſarine. „Wer hat Ihnen das geſagt? Ich. „Ich weiß es. Ceſarine. „Nun wohl! ja, Fernand, jeden Tag ſeit Ihrer Rücktehr von der Reiſe kam ich in jenes Haus; wiſ⸗ ſen Sie, warum? Nicht, um ſie gemeiner Weiſe zu be⸗ ſpähen, da nehme ich Gott zum Zeugen, ſondern um durch mich ſelbſt über Ihr inneres Leben zu urtheilen „. Oh! täuſchen Sie ſich nicht im Sinne meiner Worte, mein Freund! meine Frömmigkeit hat nichts Herbes, Unduldſames! gebietet ſie mir die Strenge gegen mich ſelbſt, ſo gebietet ſie mir zugleich die Nachſicht gegen Andere. Sie ſind jung, mein Freund, Sie geben den Leidenſchaſten Ihres Alters nach; ich mußte darauf 163 gefaßt ſein, bei Ihnen vielleicht eine Geliebte zu ſehen; „das war es nicht, wovor ich bange hatte; was ich befürchtete, verzeihen Sie dieſen ungerechten Verdacht, war, Sie dabei zu ertappen, daß Sie ſich der Orgie, jenen entartenden Beluſtigungen überlaſſen, welche die Seele entwürdigen und auf immer brandmarken. Gott ſei Dank, meine Befürchtigungen waren eitel: noch beſſer, indem ich aufmerkſam Ihre Phyſiognomie wäh⸗ rend Ihrer Morgenſpaziergänge in Ihrem Garten ſtu⸗ dirte, glaubte ich mehr als einmal in Ihren Zügen eine Art von ſchmerzlicher Niedergeſchlagenheit wahr⸗ zunehmen. Eines Tags, unter Anderem, ſetzten Sie ſich auf eine Bank unfern von dem Fenſter, von welchem aus ich Sie beobachtete. Sie glaubten ſich allein ... unbemerkt . Sie haben geweint, mein Fernand! Ich. „Das iſt wahr . es iſt ein paar Tage her ... Ceſarine. „Mein Freund, halten Sie mich nicht für boshaft! Doch ich ſah Ihre Thränen mit einer Art von Vergnügen fließen: „Trotz ſeiner glänzenden Suceeſſe, trotz des Prunkes, der ihn berauſcht, iſt mein Fernand nicht glücklich,““ jagte ich mir; „er ſehnt ſich nach einem andern Glücke, als das iſt, welches er genießt; dieſe ephemeren, erkünſtelten Vergnügungen, denen er ſich mit ſo großem Eifer hingibt, befriedigen ſeine Seele nicht . er leidet .. Welch eine Glückſeligkeit für ni beſäße ich das Geheimniß, ſeine Geneſung zu be⸗ wirken!““ Ich. „Oh! Du liebſt mich! Du liebſt mich! Ceſarine. „So ſehr als eine Frau nur immer lieben kann! Ich wiederhole es Dir gern, mein Fernand! Doch die wahre Liebe iſt weder blind, noch ſelbſtſüchtig, und wenn ſie zum einzigen Ziele eine i hat, 164 welche ſo heilig iſt, wie die der Ehe „ aber ver⸗ zeihen Sie .. Ich. „Was wollen Sie hiemit ſagen? Ceſarine. „Sie halten mich vielleicht für mehr devot, als mein Freund? ... und der Unterſchied iſt doch groß . 8 Ich. „Wenn Sie im Gegentheil wüßten, wie ſehr ich gerührt bin von dieſer ſanften, aufrichtigen Frömmig⸗ keit, die ſich in jedem Ihrer Worte kundgibt! Ach! härte meine erſte Frau das Bewußtſein ihrer religiöſen Pflichten und der Pflichten, die dieſe auferlegen, gehabt, es wäre ihr, ſo wie mir, viel Kummer erſpart ge⸗ weſen. Zum Unglück hielt ſich meine Frau an die äußere Ausübung, denn der Glaube fehlte ihr .. Ceſarine. „Beklagen wir fie, beklagen wir ſie doppelt, mein Freund, für ſie ſelbſt und Ihretwegen! Glauben Sie, Gott wird in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit Mit⸗ leid mit ihrer Jugend gehabt haben! ... Doch ich ſchließe mit zwei Worten: ich ſagte Ihnen alſo: ent⸗ ſchieden in meiner Abſicht, wenn Sie mich noch lieben und mein Antrag Ihnen entſpreche, mein Loos mit dem Ihri⸗ gen zu verbinden, habe ich mir doch zuvor noch Sicher⸗ heit verſchaffen wollen, hinſichtlich der Garantien, die Sie mir für unſer gemeinſchaftliches Glück bieten kön⸗ nen; darum kam ich, ohne daß Sie etwas davon wuß⸗ ten, ich glaubte es wenigſtens, jeden Tag, um mich durch mich ſelbſt über Ihr inneres Leben zu unter⸗ richten. Ich. „Und was war der Erfolg dieſer Beobachtungen? Ceſarine. „Würde ich Ihnen, gäben Sie mir nicht eine 165 ſichere Hoffnung für die Zukunft geſtanben haben, Fernand, daß ich Sie noch liebe? Ich. „Dh! Ceſarine, wiederhole mir dieſes Zauberwort! Du liebſt mich . Ceſarine. „Ja, ja, und auf dieſe Liebe bin ich ſtolz, ſowohl für Sie, als für mich .. Sie iſt beinahe die Ent⸗ ſchuldigung unſeres vergangenen Fehltritts, da ſie die Abweſenheit, die Jahre, die Reue, die Gewiſſensbiſſe überlebt hat! . . Nun, entſcheiden Sie, mein Freund ich werde gehorchen; unſer Loos liegt in unſeren Händen, ſprechen Sie ſich aus! keine Rückſicht bei dem, was mich betrifft, ſoll Sie beſtimmen .. Fol⸗ gendes iſt mit zwei Worten meine Lage: Ich vermöchte nicht mehr Ihre Geliebte zu ſein meine religiöſen Grundſätze würden mich gegen jede Hinreißung be⸗ ſchützen . ich kann nur Ihre Frau werden . wenn nicht, ſo ziehe ich mich in ein Kloſter zurück. Was alſo auch Ihr Entſchluß ſein mag, mein Loos iſt beneidenswerth: entweder gebe ich mich Gott hin, oder ich gebe mich Ihnen hin Die Ehe bietet uns, wie mir ſcheint, große Chancen des Glückes; wir kennen uns, wir wiſſen, wer wir ſind, wir werden nicht, wie diejenigen, welche ſich einander faſt unbekannt hei⸗ rathen, jene Ueberraſchungen, jene Entzauberungen, die einen ſo traurigen Einfluß auf die Zukunft üben, zu befürchten haben. Sprechen Sie fich alſo aus, mein Freund Geſtern habe ich, trotz Ihres Verlangens und des meinigen, unſere Zuſammenkunft auf heute verſchoben; ich wollte Sie mit Muße nachdenken laſſen über die Worte, welche unſere Lage zuſammenfaſſen und beinahe die erſten find, die ich ausgeſprochen: Fernand, ich bin Witwel⸗ 166 XII. Unſere Lage in den Worten: „Mein Fernand, ich bin Witwe!“ zuſammenfaſſend, erinnerte Frau Jefferſon meinen Geiſt daran, daß der kritiſche Augenblick ge⸗ kommen war. Die wachſende Berauſchung, die mir die Schönheit von Ceſarine verurſachte, mein Erſtau⸗ nen, ſie ſo fromm wiederzufinden und ſie mit einem unwiderſtehlichen Ausdrucke von Aufrichtigkeit verſichern zu hören, ſchändlich verleumdet, ſei Herr Jefferſon ein rechtſchaffener, ehrenwerther Mann geweſen, Alles dies hatte mich die poſitive Frage dieſer Heirath vergeſſen laſſen, — mit einem Worte, die Geldfrage, welche Ce⸗ ſarine, weil ſie dieſen Punkt auch vergaß oder abſicht⸗ lich, ganz beiſeit ließ; ich erinnerte mich nur, nicht ohne Bangigkeit, daß ſie im Verlaufe unſerer Unter⸗ redung geſagt hatte: „durch ernſte Intereſſen nach Ame⸗ rika zurückgerufen, habe Herrn Jefferſon die Entdeckung eines Vertrauensmißbrauchs beinahe tödtlich betroffen.“ War ſein Vermögen durch dieſen Vertrauensmißbrauch benachtheiligt worden? Ich wußte es nicht und ich konnte in dieſem Augenblick meine Zweifel hierüber nicht erhellen; ich mußte mich alſo auf der Stelle ge⸗ gen Ceſarine erklären, ob es mir zuſage oder nicht, ſie zu heirathen; keine Ausflucht blieb mir. Sie hatte mir die Vergangenheit erzählt; ich mußte ihr glauben, oder mich, wenn ich ſie im Verdachte der Lüge hatte, für immer von ihr entfernen. Dieſe Betrachtungen, ſo raſch ſie ſich meinem Geiſte boten, veranlaßten mich, einige Augenblicke zu ſchweigen, — ein Stillſchweigen der Ueberlegung, das indeſſen begreiflich, wenn es ſich um eine ſo ernſte Verbindlichkeit handelt. Plötzlich dünkte es mir mög⸗ lich, ohne daß ich darum aus der zarten Zurückhaltung, die mir die Umſtände geboten, herauszutreten hatte, das Mittel zu finden, Frau Zefferſon dazu zu bringen⸗ 167 daß ſie ſich über den Stand ihres Vermögens äußere. Abſichtlich mein Stillſchweigen verlängernd, wartete ich, daß ſie rede, was ſie auch nach einigen Augen⸗ blicken that, indem ſie mit einer erſtaunten und beſorg⸗ ten Miene zu mir ſagte: „Fernand, Sie antworten mir nicht? Ich. „Ah! Ceſarine, es iſt mir ſo eben ein peinlicher Gedanke gekommen, der mich erſchreckt. Ceſarine. „Was wollen Sie damit ſagen? „Ich überließ mich dem Zauber, Ihnen zuzuhören, Sie anzuſchauen .. Ganz und gar von der Erinne⸗ rung und der Hoffnung in Anſpruch genommen, vergaß ich die Wirklichkeiten des Lebens. Ach! ich befürchte, dieſe Wirklichkeiten ſind ein unüberwindliches Hinder⸗ niß gegen unſere Heirath. Ceſarine. „Großer Gott! . .. Ah! ich hielt mich für ſtär⸗ ker gegen einen ſo unvorhergeſehenen Schlag!“ Frau Jefferſon, als ſie ſich ſo ausdrückte, erbleichte; ihre Stimme bebte, fie ſchlug traurig ihre von Thrä⸗ nen erfüllten Augen zum Bilde von Chriſtus auf und murmelte: „Herr! Herr! Du, der Freund, der Tröſter der Betrübten, verlaſſe mich nicht in dieſem äußerſten Augen⸗ blicke; gib mir den Muth, auf meine letzte Täuſchung zu verzichten.“ Es iſt mir nicht möglich, den Ausdruck verzwei⸗ felter Reſignation zu ſchildern, der plötzlich in dem bald von Thränen überflutheten, bezaubernden Antlitz von Frau I fferſon hervortrat. Tief bewegt, warf ich mich vor ihr auf die Kniee; ich nahm ihre Hände in die meinigen: ich fand ſie kalt. „Ceſarine,“ rief ich, „verzeih' mir, oh! verzeih' 168 mir, daß ich Dich ſo betrübt habe, doch die Pflicht, doch die Wahrheit ſchreiben mir dieſe Sprache vor.“ Sie wandte ihre thränenfeuchten Augen gegen mich, ſchaute mich mit Erſtaunen an und wiederholte: „Die Pflicht .. ei „Heute, zum erſten Male in meinem Leben, be⸗ daure ich, nicht Millionen reich zu ſein! Ceſarine. „Mein Gott! Fernand, iſt es die Aufregung, die mich überwältigt, iſt es Mangel an Verſtand? ich be⸗ greife Sie immer weniger. Was ſprechen Sie von Millionen? Ich. „Ach! wenn ich Millionen beſäße, ſo wäre ich frei von den Ungewißheiten und Befürchtungen, die mich peinigen. Ceſarine. „Welche Beſürchtungen? Ich. „Ceſarine, es gibt ein abſcheuliches Wort, das nicht zwiſchen uns ausgeſprochen werden ſollte: das Wort Geld und dennoch .. Ceſarine. „Oh! mein Fernand, ich errathe Dein Zartgefühl! „ich errathe, warum Du bedauerſt, nicht Millionen reich zu ſein!! Mein Vermögen? das iſt es alſo, was Deine Befürchtungen, Deine Ungewißheiten verurſacht? mein Vermögen!! Ah! mein Gott, ſei geprieſen, ich danke Dir!. Mit Unrecht war ich in Angſt ge⸗ gerathen!“ Frau Jefferſon ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſo ſtrahlenden Entzücken, mit einem ſolchen Ausdrucke der Erleichterung, daß ich bebte. Mir ſchien, ohne Zweifel überzeugt, ich weiche aus Zartgefühl vor dem Vermögensmißverhältniſſe, das ich vorausſetze, zurück, wolle mir Ceſarine zu ver⸗ 169 ſtehen geben, meine Bedenklichkeiten ſeien, Gott ſei Dank, unbegründet, weil ihr Gatte ihr wohl nur ein mäßiges Erbe hinterlaſſen hatte .. Dieſe Entdeckung überſtieg nicht das, was ich als ſchlimmen Fall vorhergeſehen; ich blieb indeſſen einen Augenblick niedergeſchmettert durch die Deutung, die Frau Jefferſon meinen unvollendeten Worten gegeben, deren Sinn in meinem Geiſte ganz und gar dem entge⸗ gengeſetzt war, den ſie ihnen beilegte. Sie aber preßte mit aller Kraft meine beiden Hände in die ihrigen, heftete auf mich ihre großen Augen, deren glühendes Schmachten mich abermals in Verwirrung brachte, und fügte mit einer vor Glück zitternden Stimme bei: „Wie mein Fernand . . mein Vermögen iſt das einzige Hinderniß gegen unſere Heirath? Dein Zartgefühl geräth in Unruhe, erſchrickt, weil Du glaubſt, ich ſei Millionen reich? Daher Dein Bedauern, nicht ſo reich zu ſein, als ich? Beruhige Dich, mein gelieb⸗ ter Engel, ich beſitze nur ein ſehr mäßiges Einkom⸗ men „Das iſt alſo die traurige Wirklichkeit!“ dachte ich tief niedergeſchlagen. Meine letzten Hoffnungen verſchwanden wie ein Traum; ich hatte nur noch glaubwürdige Gründe zu finden, um mit Frau Jefferſon zu brechen; ſo berau⸗ ſchend ihre Schönheit war, ſo wahnfinnig ich mich ver⸗ liebt ſühlte, ſo ernſt mir für die Zukunft die Garantie ihrer religiöſen Grundſätze ſchien ... dieſe Heirath wurde unmöglich. Ich mußte es verſuchen, mich ſo gut als es mir nur immer möglich, den Anſchein wahrend, aus dieſer ſchwierigen Lage zu ziehen, und ich erwiederte: „Ja, Sie ſind beinahe arm, meine Ceſarine . . . ich vermuthete es beim Anblick dieſer beſcheidenen Woh⸗ nung, in der nichts an Ihren früheren Reichthum er⸗ innert; ich ſagte Ihnen auch, zum erſten Male in mei⸗ nem Leben bedaure ich, nicht Millionen reich zu ſein!“ 17⁰ Ceſarine. „Wie! Sie ſprechen noch von Millionen? Ich. „Meine liebe Freundin, als ich auf die elende Geldfrage anſpielte, welche nicht zwiſchen uns hätte berührt werden ſollen, unterbrachen Sie mich und Sie irrten ſich völlig im Sinne meiner Worte. Ceſarine. „Wie ſo? Ich. „Sie haben angenommen, ich halte Sie für Mil⸗ lionen reich, und mein Zartgefühl erſchrecke bei dem Gedanken, eine Frau zu heirathen, welche zehnmal reicher als ich .. Ceſarine. „Das war alſo nicht Ihr Gebanke? Ich. „Entfernt nicht! ich machte auch keine Anſpielung auf Ihren Reichthum, ſondern auf das Vermögen, das Sie natürlich bei mir vorausſetzen mußten . Ceſarine, ſo peinlich dieſes Geſtändniß auch iſt .. ich muß es Ihnen geben ich bin beinahe gänz⸗ lich zu Grunde gerichtet. Ceſarine. „Großer Gott! was ſagen Sie mir da? Ich. „Die Revolution von 1830 hat mir einen unglück⸗ lichen Schlag beigebracht; ich hatte Fonds in induſtriel⸗ len Unternehmungen angelegt! ſie ſind durch dieſe ver⸗ ſchlungen worden; ich mußte mein Gut um einen nie⸗ drigen Preis verkaufen, um meine Verbindlichkeiten zu erfüllen; es bleibt mir höchſtens ein Kapital von achtzigtauſend Franken; unglücklicher Weiſe habe ich mit einem gewiſſen Luxus fortgelebt, doch ich ſehe den Abgrund, dem ich zueile; ich bin entſchloſſen, mir ins lebendige Fleiſch einzuſchneiden und mich in der Tiefe 171 einer Provinz bis an das Ende meiner Tage zu be⸗ graben. Ceſarine. „Sie ſind alſo zu Grunde gerichtet, Fernand? Ich. „Ja es fehlt wenig dazu. Ceſarine. „Das betrübt mich für Sie . .. doch nicht für mich .. Was macht es aber, daß Sie zu Grunde gerichtet find, da Sie mich lieben? Ich. „Ich ſage es Ihnen in voller Aufrichtigkeit, meine Freundin, unſer unvorhergeſehenes Zuſammentreffen hat mir, indem es in mir eine Liebe erweckte, welche noch leb⸗ hafter als in der Vergangenheit, eine Art von Schwin⸗ del verurſacht; Ihrem unwiderſtehlichen Zauber unter⸗ liegend, habe ich geſtern, heute Nacht, dieſen Morgen, vorhin nicht nachgedacht . .. Doch plötzlich wurde ich zu den traurigen Nothwendigkeiten des Lebens zurückge⸗ rufen, als der Augenblick kam, Ihr Geſchick auf im⸗ mer durch ein Verſprechen an das meinige zu feſſeln. Ceſarine. „Fernand, hören Sie mich an, ich bitte Sie in⸗ ſtändig das Wenige, was Sie noch beſitzen und das, was ich ſelbſt beſitze, genügt uns. Ich. „Armer, geliebter Engel, ich verſtehe Sie: „Was iſt am Vermögen gelegen! unſere Liebe bleibt uns; wir werden in einer lachenden, beſcheidenen Einſamkeit Allen unbekannt leben!““ 1 Ceſarine. „Wie mein Fernand „ eine ſolche Exiſtenz ſcheint Dir nicht tt „In dieſe Exiſtenz füge ich mich, die Nothwendig⸗ keit zwingt mich dazu; doch um keinen Preis der Welt möchte ich Ihnen, Ceſarine, die Entbehrungen aufer⸗ ————— — —— — 172 legen, die ich erdulden muß; ich ſagte Ihnen, zum erſten Male bis heute bedaure ich, nicht Millionen zu beſitzen oh! ja, denn das Leben, das ich für Sie ſo ſchön geträumt hätte, für Sie, die Sie den Luxus eher ſchmücken, als daß dieſer Sie ſchmückt, wäre ein Leben glänzend, ſtrahlend wie Ihre Schön⸗ heit geweſen! Doch Sie auf die Mittelmäßigkeit be⸗ ſchränkt ſehen, Sie der betrüblichen, bittern Reaction der durch meinen Ruin erregten widrigen Gefühle aus⸗ ſetzen, — Gefühle, welche die Einſamkeit ohne Zweifel verſchärfen wird! Ceſarine, nein; ich habe zu viel Selbſt⸗ bewußtſein, ich ſchätze, im Guten wie im Böſen .. meinen Werth; oh! ja, reich wie ich es einſt war, gereift durch die Erfahrung einer erſten Ehe, Sie liebend, wie ich Sie liebe, Sie kennend, wie ich Sie kenne, hätte ich für unſer Glück gebürgt; doch Sie, mein armer Engel, auf eine Lage angewieſen ſehen, die ſo ſehr der entgegengeſetzt, welche ich für Sie ge⸗ wünſcht hätte . . offenherzig geſtanden, das iſt mir unmöglich! jeden Tag würde ich mir ſagen: „„Sie opfert ſich mir! ein Anderer (und ihre letzte Heirath beweiſt es), hätte ihr ohne Zweifel eine ihrer wür⸗ dige Eriſtenz geboten; aber bei mir vegetirt ſie .. ſie erduldet faſt Entbehrungen!““ Nein, nein, ein ſolcher Entſchluß überſteigt meine Kräſte! Glücklicher als ich, Ceſarine, bleibt Ihnen wenigſtens der Troſt einer glühenden Frömmigkeit .. Ceſarine. „Alſo, Fernand, wenn Sie hundert, zweimal hun⸗ bert tauſend Livres Einkünfte beſäßen, oder nur das Vermögen, das Sie verloren haben, ſo würden Sie mich heirathen, ſo arm ich bin? ch. „Zweifeln Sie daran? Können Sie dieſe Frage an mich machen? Ceſarine. „Wenn ich Ihre Hand unter dieſen Bedingungen 173 annähme, würden Sie mich keines habgierigen Hinter⸗ gedankens beſchuldigen? Ich. „Ich, großer Gott! Ah! .. von Ihnen iſt mir dieſer Verdacht ſchmerzlich. Ceſarine. „Sie würden mir nicht zum Vorwurfe machen, es gebreche mir an Zartgefühl, daß ich Sie heirathe .. . ich, die ſo arm .. Sie, der Sie ſo reich? Ich. „Können Sie das glauben? Ceſarine. „Dann würden Sie das, was Sie mich thun ſähen, ohne mich zu mißachten, auch ſelbſt thun? Ich. „Was wollen Sie damit ſagen? Ce ſarine. „Wenn ich ſo reich geweſen wäre, als Sie es zu ſein wünſchten, um meine Exiſtenz glänzend zu machen, würden Sie mich ohne das geringſte Bedenken gehei⸗ rathet haben? Ich. „Ohne Bedenken ich weiß es nicht Es gibt Vermögensmißverhältniſſe, vor denen die Skrupel des Zartgefühls erwachen. Ceſarine. „Wie, mein Freund, Sie nehmen an, ich, die ich arm, hege kein Bedenken, Sie zu heirathen, wenn Sie reich wären, und dieſes Bedenken würden Sie hegen? es wäre ein Hinderniß gegen unſere Verbindung, wenn ich ein großes Vermögen beſäße? „Wozu ſollen dieſe leeren Suppoſitionen nützen? Ceſarine. „Und wenn es keine Suppoſitionen wären? 5 „Wie? 174 Ceſarine. „Wenn ich mir noch einmal hätte das göttliche Vergnügen machen wollen, den Adel Ihres Herzens, die Erhabenheit Ihres Charakters, mein Freund, Sie auf die Probe ſlellend zu bewundern? Ich. „Mich auf die Probe ſtellen? Ceſarine. „Wenn mir dieſe, ich wußte es zum Voraus, ſehr unnöthige Prüfung mehr als je, mein Fernand, die Zartheit Ihrer Seele, Ihre Weisheit, Ihre Klugheit, Ihre liebevolle Fürſorge für mich dargethan hätte? Ja, denn einſt haben Sie mir geſagt: „Ceſarine, ich habe geſchworen, Sie zu heirathen; ich bin bereit, mein Verſprechen als ehrlicher Mann zu erfüllen, doch als ehrlicher Mann muß ich Ihnen auch geſtehen, ich fühle mich nicht reif für die Ehe.“ Heute ſagen Sie mir, treu Ihrer Vergangenheit: „Ceſarine, ich liebe Sie ſo leidenſchaftlich, als je; mein glühendſter Wunſch wäre, mich mit Ihnen zu verbinden; doch mein Vermögen iſt beinahe gänzlich durch die Ereigniſſe vernichtet wor⸗ den; dieſer Verluſt iſt mir doppelt empfindlich zu dieſer Stunde, weil ich Sie gern mit allen Koſtbarkeiten des Lurus hätte umgeben mögen; ich kann mich in die Mit⸗ telmäßigkeit fügen; doch Sie meine precäre Exiſtenz theilen laſſen. nein, nein. . Mein ſchon durch meinen Ruin erbitterter Charakter würde noch widriger werden, ſähe ich Sie Entbehrungen erdulden; nein, abermals nein! Oh! ich weiß es, ein Narr, ein Egoiſt würde das Volksſprüchwort: eine Hütte und ihr Herz, wiederholen und ſich ſagen: ich will vor Allem diefe Frau heirathen, die in mir eine glühende Leidenſchaft erweckt, die ich nur durch die Ehe befriedigen kann, da diejenige, in welche ich verliebt bin, zu feſte Grund⸗ ſätze hat, um ſich herbeizulaſſen, fortan nur meine Ge⸗ liebte zu ſein.“ 17⁵ Ich. „Ceſarine, mein Gott! was ſagen Sie? Ceſarine. „Mein Fernand, von Neuem lieben Sie mich lei⸗ denſchaftlich. Eine Frau täuſcht ſich nicht über den Eindruck, den ſie hervorbringt .. ja, ein Egviſt hätte an Ihrer Stelle geſagt: heirathen wir vor Allem, komme, was da will! Vor dieſem tollen, ſelbſtſüchti⸗ gen Entſchluſſe, mein Freund, ſind Sie zurückgewichen, und dem Glücke, der Ruhe meiner Zukunft haben Sie muthig Ihre Liebe geopfert! Seien Sie geſegnet, mein Fernand, und verzeihen Sie mir beſonders dieſe Prü⸗ fung, aber, ach! es handelte ſich für mich und beſon⸗ ders für Sie um eine heilige Verbindlichkeit! Ich wollte dieſe mit allen wünſchenswerthen Garantien um⸗ geben .. Beruhigen Sie ſich alſo, mein Fernand, ich bin reich ja, Millionen reich, wie Sie es zu ſein wünſchten! Ihre Wünſche find erfüllt, dieſes unge⸗ heure Vermögen gehört Ihnen, ganz Ihnen, ich will nichts davon behalten! Und nun ſagen Sie, mein Freund, ſage, mein Geliebter, willſt Bu die arme Ce⸗ ſarine heirathen? willſt Du es, ſage?“ Frau Jefferſon ſprach dieſe letzten Worte mit einem leidenſchaftlichen Ausdruck, indem ſie mich mit ihren großen, feuchten Augen glühend anſchaute; ſie war ſo verführeriſch, ſo herausfordernd in dieſem Momente, die plötzliche Offenbarung ihres Vermoögens verurſachte mir eine ſolche Blendung, daß ich mich, unfähig, vernünftig zu erwägen, und, ich ſchwöre es bei Gott! hundertmal mehr dem Zauber der Frau, als dem der Millio⸗ närin unterliegend, ſogar nicht frei von dem Gedan⸗ ken, ſie täuſche mich vielleicht über ihren Vermögens⸗ and, um mir ein Verſprechen zu entreißen, das ich, ohne mich auf das Unwürdigſte zu benehmen, nicht widerrufen könnte, ganz verwirrt zu ihren Füßen warf und ausrief: „Ich liebe Dich, ich liebe Dich! .. Du ſollſt 176 mein ſein, arm oder reich, Himmel oder Hölle, Ceſa⸗ rine, Du biſt mein!“ Einer unbeſiegbaren Hinreißung nachgebend, preßte mich Frau Jefferſon mit aller Macht an ihren pochen⸗ den Buſen; mein Mund berührte den ihrigen; doch alsbald ſchob ſie mich wieder zurück, machte ſie ſich von meiner Umarmung los, warf ſich auf die Kniee vor dem Crucifir, erhob zu dieſem ihre gefalteten Hände und murmelte mit ohnmächtiger Stimme: „Oh! mein Gott, der Du mich getröſtet, aufrecht erhalten haſt in meinen Drangſalen, gib mir die Stärke, ihm zu widerſtehen, mache, daß ich, nachdem ich meinen früheren Fehler geſühnt habe, die Stirne frei und 5 % und ohne Scham zum Altar komme.“ Dieſe Miſchung von glühender Liebe und inbrün⸗ ſtiger Frömmigkeit, die unbeſchreibliche Schönheit von Ceſarine, wie ſie ſo da kniete, und das raſende Ver⸗ langen, dem Himmel dieſe ſchwankende Seele ſtreitig zu machen, gaben mir den Schwindel. Ich faßte die knieende Frau in meine Arme und nöthigte ſie, auf⸗ zuſtehen. Doch ſie entwand ſich abermals meiner Um⸗ ſchlingung und rief mit dem Tone ſchmerzlichen Vor⸗ wurfs, doch zugleich voll Zärtlichkeit und Würde: „Ah, Fernand! achten Sie diejenige, welche ſo ſtolz ſein wird, Ihren Namen zu tragen . zu ehren.“ Dann lief ſie, meine Verwirrung benützend, an den Kamin, klingelte lebhaft zweimal und ſagte mit beben⸗ der Stimme zu mir: „Mein Freund, ich bitte, beruhigen Sie ſich, meine Kammerfrau wird in einem Augenblick eintreten.“ Dieſe Worte riefen mich zu mir ſelbſt zurück; ich warf mich auf einen Stuhl, Frau Jefferſon ſetzte ſich in einiger Entfernung von mir nieder, und wir ſchwie⸗ gen kurze Zeit; bald erſchien die Mulattin an der Thüre des Salon und fragte: „Madame hat mir geklingelt? 177 „Aurora, ſtellen Sie meinen Schreibtiſch an die⸗ ſen Hivan,“ antwortete Ceſarine. Die Mulattin gehorchte und wollte ſich wieder ent⸗ fernen, doch Frau Jefferſon fügte bei: „Bleiben Sie.“ Dann fing ſie an zwei Briefe mit einer vor Auf⸗ regung noch zitternden Hand zu ſchreiben; als dieſe Briefe geſchrieben waren, hieß ſie die Kammerfrau eine Kerze anzünden, um die Umſchläge zu verſtegeln, und nachdem auch dies geſchehen, wandte ſie ſich an mich und ſagte: „Herr Dupleſſis, würden Sie wohl die Güte ha⸗ ben, dieſen Brief ſo bald als möglich Herrn Turpin, meinem Notar, einzuhändigen. Es handelttzſich um die fragliche Angelegenheit. Er wird Ihuen jede mögliche Ausfunft über das Bewußte geben.“ Ich nahm faſt maſchinenmäßig den Brief von Frau Jefferſon; in dem Augenblick, wo ſie mir das zweite Schreiben übergab, fragte ſie mich: „Kennen Sie die Frau Marquiſe von Montbriſon?“ „Ich bin oft mit ihr in der Geſellſchaft zuſammen⸗ getroffen.“ Frau Jefferſon ſchaute nach der von ihrer Pendel⸗ uhr bezeichneten Stunde, überlegte einen Moment und fügte dann bei: „Haben Sie auch die Gefälligkeit, dieſen Brief heute noch ſelbſt an Frau von Montbriſon zu über⸗ geben; Sie können ſie ſicher von vier bis ſechs Uhr zu Hauſe finden.“ „Ich werde mich beeifern, Madame, mich des Auftrags, mit dem Sie mich gütigſt betrauen wollen, zu entledigen,“ antwortete ich, während ich den Brief empfing. Und ich wartete auf den Abgang der Mulat⸗ tin, um von Ceſarine Abſchied zu nehmen; doch dieſe errieth meinen Gedanken und ſagte: „Ich muß Sie wegſchicken, mein lieber Herr Du⸗ pleſſis ich befürchte, Sie laſſen die Stunde vor⸗ Fernand Dupleſſis. III. 12 178 übergehen, zu der Sie meinen Notar und Frau von Montbriſon finden werden.“ Da ich begriff, daß meine Beharrlichkeit, bei Frau Jefferſon bleiben zu wollen, vergeblich wäre, ſo ſtand ich auf und ſagte: „Wann werde ich nun die Ehre haben, Sie zu ſehen, Madame?“ „Morgen zu derſelben Stunde wie heute, wenn Sie es wünſchen ..5 „Könnte ich nicht heute Abend bei Ihnen erſchei⸗ nen, um Ihnen die Antwort von Ihrem Notar und von Frau von Montbriſon zu überbringen?“ „Heute Abend nein ich bin etwas leidend und werde frühzeitig zu Bette gehen .. Doch morgen, nicht wahr, mein lieber Herr Dupleſſis?“ Und nach der engliſchen Sitte reichte ſie mir die Hand; ich nahm ſie ſie war glühend und drückte die meinige mit einer, wenn ich ſo ſagen darf, verhaltenen Stärke; dann fügte Ceſarine bei: „Morgen.“ „Morgen, Madame.“ Ich verließ den Salon und fand im Vorzimmer Stephen, den Neger; er verbeugte ſich ehrerbietig vor mir und öffnete mir die Thüre der Treppe. In dem Augenblick, wo ich wegging, begegnete ich einem Geiſtlichen, der bei Frau Jefferſon eintrat. Der Ruheplatz war ziemlich dunkel, ich konnte die Züge die⸗ ſes Prieſters, hinter dem ſich die Thüre wieder ſchloß, nicht unterſcheiden; ich vermuthete, es ſei der Beicht⸗ vater oder der Gewiſſensrath von Ceſarine, und ich ließ mich zu Herrn Turpin, ihrem Notar, führen. 179 XIII. Als ich das Haus von Frau Jefferſon verlaſſen hatte, drängten ſich tauſend verworrene Gedanken in meinem Geiſte; ich ſuchte ſie daraus zu verjagen, denn ich wollte mich meinen Reflexionen erſt nach der Zu⸗ ſammenfunft mit dem Notar hingeben. Ich fragte mich auch, was der Gegenſtand des Briefes ſein könnte, den ich der Frau Marquiſe von Montbriſon überbringen ſollte. Ohne daß ich mich je bei ihr hatte vorſtellen laſſen, traf ich ſie doch täglich in der Geſellſchaft, und oft hatte ich im Geſpräche mit ihr die Liebenswürdigkeit und die Erhabenheit ihres Geiſtes ſchätzen können. Ungefähr ſechzig Jahre alt, war ſie in der vollen Bedeutung des Wortes: eine ſehr vornehme Dame und eine äußerſt rechtſchaf⸗ fene Frau, wie man früher ſagte. Die Gediegen⸗ heit ihres Charakters, der Adel ihrer Manieren, die Sicherheit ihrer Verbindungen, ihr ausgezeichneter Verſtand, ihre bruͤnſtige, aber von jeder Affectation freie Frömmigkeit, ihre hohe Geburt, ihre angeſehenen Freundſchaften flößten Allen eine tiefe Verehrung für ſie ein; man liebte ſie eben ſo ſehr, als man ſie ach⸗ tete. Frau von Montbriſon war, wie mir eines Tags Frau von Belval ſagte, „vielleicht die einzige Frat, der man nichts Uebles nachreden konnte.“ Ihre ver⸗ ſändige Wohlthätigkeit war unerſchöpflich; ſie war Vorſteherin einer von ihr gegründeten Hülfsanſtalt und entwickelte bei der Leitung dieſes Hauſes ebenſo viel Milde, als Scharfſinn und Feſtigkeit. Sie beſtritt mit einem beträchtlichen Theile ihrer Einkünfte die Koſten der Anſtalt. Was ſoll ich ſagen? Frau von Montbri⸗ ſon war, bei etwas weniger erhabenem und reizendem Geiſte, bei weniger heroiſchem Charakter, die Ma⸗ dame Rahmond der Ariſtokratie, wenn ich mich ſo ausdrücken darf. — und ich 180 gefiel mir darin, dies vorauszuſetzen, — angenommen, Frau von Montbriſon ſtand in einer fortlaufenden Ver⸗ bindung mit Ceſarine, ſo mußte ſie dies bedeutend in meinen Augen erhöhen. Ich kam bald zu Herrn Turpin, einem der em⸗ pfehlenswertheſten Notare von Paris; man führte mich in ſein Cabinet, und nachdem er aufmerkſam den Brief, den ich ihm übergab, geleſen, ſagte er mir: „Mein Herr, ich ſoll Ihnen, nach dem Erſuchen von Frau Jefferſon, eine genaue Rechnung von dem Vermögen geben, das ſie beſitzt, und mit deſſen Ver⸗ waltung mich zu betranen ſie mir die Ehre erwie⸗ ſen hat.“ Herr Turpin nahm dann aus einem Fache ein Re⸗ giſter, ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch, durchblätterte einige Papiere, las laut den Betrag der Werthe, die er in Verwahrung hatte, und ſchrieb ſie auf ein Blatt Papier. Von dieſen Werthen war Folgendes die Ziffer, welche Herr Turpin auf der Note verzeichnete, die er mir ſodann einhändigte: Achtmal hundert und ſechzig tauſend Franken in fünfprocentigen Renten . 6860,000 Fünfmal hundert und zwanzig tauſend Fran⸗ ken in dreiprocentigen Renten . 3520,000 Eilfmal hundert und achtzig tauſend Franken in engliſchen Fonds 1,180,000 Dreimal hundert tauſend Franken in Actien der Banque von Frankreich 300 000 Viermal hundert achtzehn tauſend Franken bei der Banque von England 1418,000 Dreimal hundert achtzig tauſend Franken in franzöſiſchen Treſor⸗Scheinen . 380,000 In Kaſſe oder zahlbar nach Sicht bei den Herren Gebrüdern von Rothſchild, ſieben⸗ mal hundert achtundzwanzig tauſend Ftanken nmonopn ſen. nnn 728,000 181 Geſammtſumme der genannten Werthe, vier Milliv⸗ nen dreimal hundert und ſechsundachtzig tauſend Franken. „Dies, mein Herr,“ ſprach Herr Turpin, indem er mir die Note übergab, „dies iſt der gegenwärtige Stand des Vermögens von Frau Jefferſon. Wünſchen Sie noch andere Auſſchlüſſe über dieſe Sache? ich bin zu Ihren Befehlen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr; die Details, die Sie mir zu geben die Güte hatten, genügen mir, und als alter Freund von Frau Jefferſon bin ich glücklich, zu erfahren, mein Herr, daß ihr Vermögen ſich in einem blühenden Stande befindet.“ „Oh! mein Herr,“ ſagte mir der Notar bewegt, „welch ein Engel iſt Frau Jefferſon! ſie ſpendet in Al⸗ moſen zwei⸗ oder dreimal mehr, als ſie für ſich ſerbſt ausgibt ich weiß dies beſſer als irgend Jemand, denn ich bin ihr Wohlthätigteitskaſſier. Frau Jffer⸗ ſon begnügt ſich mit einer beſcheidenen Wohnung, mit zwei Dienerinnen und einem Bedienten, ſie, die ohne ihre Einkünfte zu überſchreiten, das größte Haus ma⸗ chen könnte.“ „Ich bin tief gerührt, mein Herr, Sie Frau Jefferſon ſo ſchätzen zu hören. Die Reichthümer, die ihr Gatte ihr hinterlaſſen hat, ſind in würdigen Händen.“ „Ah! gewiß, mein Herr, denn nie iſt ein beſſerer Gebrauch von einem großen Vermögen gemacht worden.“ „Mein Herr,“ fragte ich den Notar, „haben Sie Herrn Jefferfon gekannt?“ „Nein, mein Herr, ich habe erſt ſeitdem ſie Witwe geworden, die Ehre, mit Frau Jefferſon in Verbindung zu ſtehen.“ „Ich richte dieſe Frage an Sie, mein Herr, weil leider oft die Verleumdung ſich an das Andenken der rechtſchaffenen Leute anhängt, und man hat mir ge⸗ ſagt, der Urſprung des Vermögens von Herrn Jefferſon ſei durch Wucher und Betrug befleckt.“ „Mein Herr!“ rief der Rotar, „das iſt eine ſchänd⸗ 182 liche Verleumdung . .. wenigſtens, wenn ich nach den Gefühlen der Dankbarkeit und der Verehrung urtheile, von denen mir Frau Jefferſon immer für ihren Gatten durchdrungen geſchienen hat.“ „Sie hat auch mit mir in den ehrenvollſten Aus⸗ drücken von ihm geſprochen, und ich bin, wie Sie, ge⸗ neigt, zu glauben, daß man das Andenken dieſes red⸗ lichen Mannes hat verſchwärzen wollen.“ „Ein anderer Grund ſpricht zu ſeinen Gunſten. Während ſeines Aufenthaltes in Paris hat Herr Jeffer⸗ ſon die beſte Geſellſchaft bei ſich empfangen; iſt es aber begreiflich, daß die gute Geſellſchaft die Einladungen eines unehrlichen Mannes annähme? Iſt es beſonders begreiflich, daß eine ſo tugendhafte, ſo fromme Frau, wie Frau Jefferſon, einen unehrlichen Mann geheira⸗ thet haben ſoll?“ „Dieſe Reflexion habe ich wie Sie gemacht, mein Herr; ich danke Ihnen noch einmal für alles Gute, was Sie mir von Frau Jefferſon geſagt haben; denn man fühlt ſich immer glücklich ſeine Freunde, von Per⸗ ſonen, welche würdig ſind, ſie zu ſchätzen, loben zu hören.“ Ich verließ Herrn Turpin und begab mich zu Frau von Montbriſon. Die Gewißheit, daß Ceſarine vier⸗ mal Millionärin, verurſachte mir eine Art von Blen⸗ dung; ich glaubte zu träumen. Dieſes Vermögen über⸗ ſtieg meine Vorherſehungen; beinahe unwillkürlich dachte ich ſchon an den Luxus, den man entwickeln kann, wenn man über zweimal hundert tauſend Livres Ein⸗ künfte beſitzt, und dieſen Reichthum ſollte ich der Liebe einer entzuͤckenden Frau verdanken! Die Zukunft ſchien mir ſo ſtrahlend, daß ich bange hatte, ich verrechne mich in meinen Hoffnungen. Von dieſen Gedanken erfüllt, kam ich bei Frau von Montbriſon an. Der Zufall wollte, daß ſie allein war, als man mich in ihrem Salon meldete. Ziemlich erſtaunt, mich zu ſehen, denn „ — — — —— 183 ich war nie bei ihr vorgeſtellt worden, ſagte die Mar⸗ quiſe artig zu mir: „Ich werde mich immer glücklich ſchätzen, Sie zu empfangen, mein Herr, doch ich zählte heute nicht auf dieſes Vergnügen.“ „Es iſt kein Beſuch, den ich Ihnen zu machen die Ehre habe, Madame, hiezu bin ich nicht berechtigt, und ich bedaure dies lebhaft; ich komme, um mich eines Auftrags zu entledigen, mit dem mich Frau Jefferſon zu betrauen die Güte gehabt.“ „Ah! mein Herr, wären Sie mir unbekannt ge⸗ weſen, ich würde Ihnen nur auf die Empfehlung von Frau Jefferſon allein mit dem größten Eifer entgegen⸗ gekommen ſein.“ Dieſe für Ceſarine ſo ſchmeichelhaften Worte von einer Frau ausgeſprochen, welche in der Welt eine außerordentliche, allgemeine Achtung genoß, waren für mich köſtlich zu hören; ich übergab der Marquiſe den Brief, der an ſie adreſſirt war. Sie las ihn, ſchien ein wenig erſtaunt, und ſagte lächelnd mit einem merk⸗ würdigen Ausdruck von Wohlwollen zu mir: „Herr Dupleſſis, ich bin nun doppelt glücklich durch den Umſtand, der Sie hierher führt; wollen Sie ſich gefälligſt ſetzen.“ Dann, nachdem ſie einen Augen⸗ blick überlegt hatte, fügte ſie bei: „Sie kennen ohne Zweifel den Inhalt dieſes Briefes nicht?“ „Nein, Madame.“ „Wollen Sie mir erlauben, Ihnen denſelben vor⸗ zuleſen?“ „Mit dem größten Vergnügen, Madame.“ „Hören Sie, was mir Frau Jefferſon ſchreibt,“ ſagte die Marquiſe. Und ſie las: „Frau Marquiſe, „Sie äußerten ſich zuweilen wohlwollend, was Sie von mir Gutes zu denken mir die Ehre erweiſen; ge⸗ ſtatten Sie, daß ich, durch Ihre Freundlichkeit ermäch⸗ tigt, eine Bitte an Sie richte. 184 „Ich habe keine Mutter, ich habe keine Familie; ich bin auf dem Punkte, eine neue Heirath zu ſchließen; würden Sie, Madame, bei der faſt mütterlichen Theil⸗ nahme, von der Sie mir ſo viele Beweiſe gegeben, die Gewogenheit haben, mich zum Altare zu begleiten? „Nach dem Segen Gottes wäre das, wonach ich beinahe am meiſten auf dieſer Welt in einem ſo ſeier⸗ lichen Augenblicke trachten würde, dieſe Verbindung unter Ihre Auſpicien geſtellt zu ſehen, Madame; der⸗ jenige, welchen ich heirathe, und ich, wir würden in dieſer Gunſt das glücklichſte, das ehrenvollſte Vorzei⸗ chen für unſere Zukunft ſehen. „Ich wage es kaum, die Erfüllung eines meinem Herzen ſo theuren Wunſches zu hoffen; es heißt dies viel für mein ſo geringes Verdienſt fordern; doch glau⸗ ben Sie mir, dieſes ganz beſondere, ſo glänzende Zeugniß Ihrer Werthſchätzung würde mir neue Kräfte geben, um Ihnen, ach! von ſehr fern, auf dem edlen Wege zu folgen, auf dem Sie zur Bewunderung der⸗ jenigen wandeln, welche Sie eben ſo ſehr lieben, als verehren; erlauben Sie mir, Madame, mich mit Stolz unter dieſe zu zählen und Ihnen hier den Ausdruck meiner unwandeibaren Dankbarkeit und die Verſiche⸗ rung meiner ehrerbietigſten Gefühle darzubringen. „Ceſarine Jefferſon.“ Ich wollte ſprechen, doch Frau von Montbriſon unterbrach mich lächelnd und ſagte: „Verzeihen Sie, Herr Dupleſſis, es iſt eine Nach⸗ ſchrift bei dieſem Briefe, und häufig iſt, wie Sie wiſ⸗ ſen, die Nachſchrift ſehr bezeichnend. Wollen Sie mich alſo anhören: „N. S. Herr Fernand Dupleſſis hat die Gefällig⸗ keit, dieſen Brief an Sie zu überbringen. Darf ich es wagen, Sie zu bitten, ihm mündlich Ihre Ant⸗ wort zu geben? Iſt ſie glücklicher Weiſe für mich gün⸗ ſtig, ſo wird Herr Fernand Dupleſſis, bezweifeln Sie 185 es 6 Madame, meine tiefe Dankbarkeit gegen Sie theilen.“ „Dies, mein Herr, iſt die Nachſchrift,“ fügte Frau von Montbriſon bei, während ſie den Brief von Ce⸗ ſarine auf den Tiſch legte .. „Sie ſehen, ich hatte, glaube ich, Recht, wenn ich Ihnen ſagte, dieſe letzten Zeilen ſeien nicht ohne Belang; wollen Sie alſo in meinem Namen Frau Jefferſon antworten, ich werde entzückt ſein, ihr, wie ſie es wünſche, dieſen Beweis von Zuneigung und Achtung zu geben von tie⸗ fer Achtung,“ ſetzte die Marquiſe hinzu, indem ſie einen beſondern Nachdruck auf dieſe Worte legte. „Es iſt für mich nicht nur ein großes Vergnügen, ſondern ſogar eine gebieteriſche Pflicht, bei dieſem ernſten Anlaß vor Aller Augen das ſo lebhafte und vollkommen verdiente Intereſſe, das mir Frau Jefferſon einflößt, kundzugeben.“ „Seien Sie verſichert, Frau Marguiſe, daß ich, wie ſie es vorhergeſehen, ihre tiefe Dankbarkeit fuͤr Ihre Güte theile.“ „Herr Dupleſſis,“ ſprach die Marquiſe bewegt zu mir, „machen Sie ſie glücklich . ſie iſt ein Engel.“ „Madame glauben Sie mir „Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche; doch die Wichtiakeit der Verbindung, um die es ſich handelt, mein Alter, die beinahe mütterliche Zuneigung, die ich für dieſe theure Ceſarine hege, das Vertrauen, das ſie in mich ſetzt, Alles ermächtigt mich, mit Ihnen von ihr zu ſprechen, wie ich von meiner Tochter ſprechen würde, und Ihnen noch einmal zu ſagen: Machen Sie ſie glücklich, ſie iſt ein Engel.“ „Ah! Madame, wenn bis jetzt meine Hochachtung für Frau Jefferſon nicht meiner Liebe für ſie gleich ge⸗ weſen wäre, ſo würde ich ihren ganzen Werth durch das Wohlwollen kennen lernen, das Sie ihr bezeigen.“ „Es iſt nicht nur Wohlwollen, es iſt eine zärt⸗ 186 liche Freundſchaft, die ich für ſie fühle, und ich kenne doch dieſe Zauberin erſt ſeit ein paar Monaten.“ „Ich geſtehe, ſo ehrenvoll für ſie ihre Beziehun⸗ gen zu Ihnen find, Frau Jefferſon hatte ſie mir bis jetzt verborgen . aus Beſcheidenheit ohne Zweifel.“ „Ich nehme die Schmeichelei an,“ erwiederte lächelnd die Marquiſe; „doch dagegen dürfen Ihnen meine Worte nicht anſtößig ſein?“ „Ich höre, Madame.“ „Herr Dupleſſis, ich halte Sie für einen wackern Mann in der vollen Bedeutung des Wortes.“ „Frau Marquiſe ... „Oh! warten Sie! hätte ich Ihnen nur ſolche Wahrheiten zu ſagen gehabt, ſo würde ich Sie nicht gebeten haben, aufrichtig ſein zu dürfen; ich halte Sie alſo für einen wackern Mann; doch Sie ſind das, was man einen Mann der Succeſſe nennt, — eine andere Wahrheit, welche ohne Zweifel nicht gerade unartig . . . Geſtehen Sie indeſſen, wäre es nicht ein Unglück, ein grauſames Unglück, wenn dieſe Theure bei Ihnen nicht, — ich ſage, nicht die Rückſichten, die ſie verdient, Sie find unfähig, ſich gegen die ihr ge⸗ bührenden Rückſichten zu verfehlen, — wenn ſie bei Ihen nicht die tiefe, treu ergebene Zuneigung fände, auf welche ſie ſo viele Anſprüche hat?“ „Ich verſtehe Sie, Madame, und ich danke Ihnen für Ihre Offenherzigkeit . . . Sie ſpielen ohne Zweifel auf meine Aufmerkſamkeiten für Frau von ... „Herr Dupleſſis,“ unterbrach mich lebhaft die Marguiſe, „ich bitte, keine Namen! Seit vielen Jah⸗ ren lebe ich in der Welt, und immer habe ich mich bemüht, nichts zu hören, nichts zu glauben von dem, was meine Achtung für Perſonen, die ich täglich treffe, vermindern könnte. Ich erkläre Ihnen, ich bin eben ſo leichtgläubig in Betreff des Guten, als unbeſiegbar ſteptiſch in Betreff des Böſen .. .“ „Dann glauben Sie an das Gute, Madame, glau⸗ 187 ben Sie an das Wahre, glauben Sie an die Ver⸗ ſicherung, die ich Ihnen gebe; ja, ich habe das Be⸗ wußtſein der Pflichten, die mir meine Verheirathung mit Frau Jefferſon auferlegt, Pflichten köſtlich zu er⸗ füllen bei der, welche Sie eine Zauberin nennen.“ „Herr Dupleſſis, ich danke Ihnen für dieſe Ver⸗ ſicherung ſür ſie und für mich; Ceſarine iſt mit einem ſo reizenden Naturell, mit ſo liebenswürdigen Tugen⸗ den begabt; ſie iſt ſo fromm, ſo ſehr von jener Fröm⸗ migkeit beſeelt, die ſich nur durch die Duldſamkeit und die Wohlthaten offenbart, daß man unmöglich der ern⸗ ſten, ſanften Zuneigung, die ſie einflößt, widerſteyen kann: und dann, welcher vollkommene Takt! Wiſſen Sie, daß der Brief, den ſie mir geſchrieben, ein kleines Meiſter⸗ werk des Zartgefühls und des Anſtands iſt? Ah! Herr Dupleſſis, es wird Ihnen ſo leicht ſein, dieſes theure Kind glücklich zu machen!“ „Sie wollen ihr als Mutter dienen, Madame Die Verpflichtung, die ich gegen Sie übernehme, iſt doppelt heilig.“ „Und ich glaube daran, denn ich bin von Ihrer Aufrichtigkeit feſt überzeugt.“ „Wie ſehr wünſche ich mir für Frau Jefferſon Glück zu dem erfreulichen Zufall, der Sie mit ihr zu⸗ ſammengeführt hat, Madame ... Sie werden mich ohne Zweifel höchſt indiscret finden, doch mich verlangt auf das Lebhafteſte, zu erfahren, wie ſie die Ehre und das Glück gehabt hat, Sie kennen zu lernen.“ „Das iſt ganz einfach: ich hatte ſie nie geſehen, ich wußte nur, daß vor ein paar Jahren Herr Jeffer⸗ ſon, ein reicher Americaner, glänzende Féten gab.“ Verzeihen Sie, Frau Marquiſe, was ſprach man in der Geſellſchaft von Herrn Jefferſon?“ „Ich bin nie bei ihm geweſen, doch ich glaube, daß man in der Geſellſchaft von ihm ſagte, was man immer von reichen Fremden ſagt, welche Féten geben nit einem Wort, man ſpottete ein wenig über 188 ihn . Doch ich habe von ſeiner Frau erfahren, daß er ein höchſt rechtſchaffener, äußerſt gutherziger und frommer Mann war.“ „So hat ſie mir ihn immer geſchildert.“ ch hatte alſo Frau Jefferſon nie geſehen; eines Tages aber kam ſie zu mir und brachte mir ein bedeu⸗ ine Geſchenk für die Anſtalt, deren Vorſteherin ich bin; ſie bot mir dieſe edelmüthige Gabe mit ſo viel Beſcheidenheit und rührender Anmuth, ſie gefiel mir, ſie bezauberte mich dergeſtalt bei unſerem erſten Zu⸗ ſammenſein, daß ich ſie dringend bat, unſere Beziehun⸗ gen nicht hierauf zu beſchränken; dies geſchah auch; es entſtand ein häufiger Verkehr zwiſchen, uns und da ich hiedurch einen Blick in das Innere ihres Lebens thun konnte, ſo wunderte mich, daß Frau Jefferſon, jung, ſchön und jeder Huldigungen würdig, die Welt floh, um ſich einer völligen Zurückgezogenheit zu wei⸗ hen. Nie empfing ſie irgend Jemand, außer einem Geiſtlichen, der ihr Gewiſſen beräth. Sft, wenn ich bei ihr eintrat, traf ich ſie in Thränen vor dem Chriſtus⸗ bilde knieend. Trotz meiner wachſenden Zuneigung für dieſes theure Weſen, wollte ich Frau Jefferſon nicht um ein Geſtändniß bitten, welches mir zu machen ſie nicht für geeignet hielt . . . ich glaubte indeſſen, ſie werde von einem geheimen Kumme r gequält . .. Vielleicht, und ich hoffe mich nicht zu täuſchen, vielleicht wird dieſe Heirath ihren Kummer in eine dauerhafte Freude ver⸗ wandeln!“ Ein Beſuch, den man Frau von Montbriſon mel⸗ dete, unterbrach unſer Geſpräch, und ich nahm Abſchied von it Abend zab⸗ i6 hi ti⸗ Frinneringen ſi⸗ ſes ſo ſ aii F8öe ſetihiet und nun boüen int⸗ ie 189 Eine fortan erwieſene Thatſache beherrſcht alle andern. Ceſarine iſt Millionen reich. Die materielle Frage meiner Heirath iſt alſo außer aller Erörterung. Es hängt nur von mir ab, dieſe reiche Heirath zu ſchließen. Ich wußte ſo geſchickt zu manveuvriren, daß Frau Jfferſon, weit entfernt, meine habgierigen Hinter⸗ gedanken zu ahnen, überzeugt iſt, ich habe ſie Anfangs für arm gehalten, und durch eine Ergebenheit voll Ver⸗ nunft und Zartgefühl habe ich den Muth gehabt, meine Liebe der Furcht zu opfern, ſie, wenn ſie mich hei⸗ rathe, die precäre Lage, in die mich mein Ruin ver⸗ ſetze, theilen zu ſehen. Unterſuchen wir die moraliſche Frage dieſer Ver⸗ bindung: Zwei Thatſachen von der höchſten Wichtigkeit find fortan auch erwieſen. Die religiöſen Grundſätze von Ceſarine, und die Achtung, die ganz beſondere Werthſchätzung, welche die Marquiſe von Montbriſon, eine nicht minder durch die Schärfe ihres Urtheils, als durch ihre hohe Tugend ausgezeichnete Frau, für ſie hegt. Ich ſagte mir früher und geſtern noch: „Ceſarine hat ſchon für mich die Pflichten als Gattin vergeſſen . .. Warum ſollte ſie dieſelben nicht, wenn ich ſie heirathe, für einen Andern als für mich vergeſſen?“ Warum 2 würde ich wie früher antworten, warum? Weil die Religion ihr die ſtrenge Beobach⸗ tung ihrer Pflichten als Gattin gebietet. Habe ich ſie heute nicht zweimal, als ſie nahe daran war, der Hinreißung ihrer Liebe nachzugeben, eine Zu⸗ flucht zu den Füßen Chriſti ſuchen und mir mit Zärt⸗ lichteit und Würde widerſtehen ſehen? Unſere alte Verbindung, die Freiheit, die wir Beide zu dieſer Stunde genießen, hätten indeſſen ihre 190 Schwäche minder ſtrafbar gemacht; aber nein! die Macht des Glaubens von Ceſarine iſt ſo groß, daß ſie darin die Kraft geſchöpft hat, ſich meinen Armen zu entwinden .. . und ſie liebt mich doch leidenſchaftlich. Wie ſollte ich denken, wenn ſie meine Frau ge⸗ worden, werde ſie mich betrügen? Muſſen ſie nicht in Zukunft, in Ermangelung von Liebe, ihre religiöſen Grundſätze allein ſicher bewahren? Wie habe ich es einſt bitter beklagt, daß Albine nicht devot war; wie habe ich alles Mögliche verſucht, um ſie zur Sklavin ihrer religiöſen Uebungen zu machen, worin ich für mich ſo viel Sicherheitsgarantien ſah? Ceſarine beſitzt alſo vier Millionen; geheiligt durch die ehrenvolle und lebhafte Freundſchaft von Frau von Montbriſon, gibt mir die erprobte Solidität ihrer Grundſätze ein feſtes Vertrauen zur Zukunft. Kann ich ſolchen Gewißheiten gegenüber noch zö⸗ gern, dieſe Heirath zu ſchließen? Rufen wir kalt in's Gedächtniß gewiſſe Vorfälle des Tages zurück und unterſuchen wir ſie gründlich. Worüber ich tief erſtaunt bin, das iſt die völlige Unähnlichkeit des Portraits von Herrn Jefferſon ent⸗ worfen von ſeiner Witwe mit dem von Herrn Gode⸗ froid entworfenen. Nach der Behauptung des Letzteren war dieſer durch den Wucher und den Betrug bereicherte Ameri⸗ caner ein Ungeheuer der Entſittlichung, ein Menſch, der ſein Leben an den ſchlechteſten Orten zubrachte. Nach der Behauptung ſeiner Witwe vereinigte er im Gegentheil alle Tugenden und war, trotz ihrer Verheirathung, immer nur ein Vater für ſie geweſen. Welchen von dieſen einander ſo ganz und gar ent⸗ gegengeſetzten Verſtonen ſoll man glauben? Einerſeits vermöchte ich die Redlichkeit von Herrn Godefroid nicht in Zweifel zu ziehen; welches In⸗ tereſſe ſollte er haben, mich zu hintergehen? Nehmen wir an, er ſei genau unterrichtet. 191 In dieſem Falle wäre Frau Jefferſon über die Sittlichkeit ihres Gatten) völlig getäuſcht worden; wenn nicht, ſo log ſie mit einer unglaublichen Frech⸗ heit, mit einer erſchrecklichen Heuchelei. Doch in welcher Abſicht ſollte ſie lügen? Müßte ſie ſich in meinen Augen nicht viel in⸗ tereſſanter machen, wenn ſie ſich als Opfer einer ver⸗ haßten Ehe aufſtellen würde? wozu ſoll es nützen, wenn es falſch iſt, mich zu verſichern, dieſer Mann ſei für ſie immer nur ein Vater geweſen? Kenne ich die Welt nicht genug, um zu begreifen, daß, ſo alt er ſein mag, der Mann, der eine reizende Frau heirathet, ſie heirathet, um ihr Gatte zu ſein? Ja, doch angenommen, Ceſarine lüge frech und Herr Jefferſon ſei wirklich ſo geweſen, wie ihn Herr Godefroid geſchildert hat, — ſie iſt zu geſcheit, um nicht zu vermuthen, eine Frau, welche im Stande, wiſſentlich die Hand eines Wüſtlings anzunehmen, eine Frau, welche ſchmählich genug mit einem ſolchen Elen⸗ den harmonirt habe, daß er ihr ſein ganzes Vermögen hinterlaſſen, müſſe in meinen Augen einen Flecken von einer ſolchen Verbindung behalten; und dies iſt voll⸗ kommen wahr; denn wäre ich von der Aechtheit der Angaben von Herrn Godefroid über Herrn Jefferſon überzeugt, ſo weiß ich nicht, ob ich deſſen Witwe hei⸗ rathen würde, trotz ihrer Frömmigkeit, trotz ihres großen Vermögens, trotz der glühenden Leidenſchaft, die ich abermals für ſie fühle. Nehmen wir an, Ceſarine lüge ſchamlos! ihre Frömmigkeit wäre alſo nur eine abſcheuliche Heuchelei! und durch Liſt, Verſtellung, geſchickte, einſchmeichelnde Falſchheit hätte ſie ſich die Hochachtung von Frau von Montbriſon erſchlichen, welche, wie ſie mir ſelbſt ge⸗ ſagt hat, „eben ſo leichtgläubig in Betreff des Guten, als unbeſiegbar ſkeptiſch in Betreff des Böſen,“ iſt. Das iſt noch nicht Alles, Ceſarine hätte es gewagt, mir unter den edelſten Zügen dieſen gräßlich ſittenloſen 192 Greis zu malen, den ſie beerbt! ſie hätte es gewagt, ihn den Ehrwürdigſten der Väter zu nennen! Sein Andenken kindlich beweinen! ſich den äußeren Anſchein einer brünſtigen Frömmigkeit geben! immer den Namen Chriſti auf den Lippen haben! kann man eine ſolche Vereinigung von Falſchheit, Lügenhaftigkeit und Ver⸗ dorbenheit annehmen? Das iſt albern! eine Frau, welche ruchlos genug, um eine ſolche Machination aus⸗ zuſinnen und zu unternehmen, hat eine Abſicht! Welche Abſicht kann aber Frau Jefferſon haben, wenn nicht die, mich zu heirathen? Gut; ſie will mich mit aller Gewalt heirathen? Was ſind denn die unſchätzbaren Vortheile, die ich ihr bringe? Iſt es ein großer Name? ein bedeutendes Vermö⸗ gen? eine unverhoffte geſellſchaftliche Stellung? Ich bringe Ceſarine nichts von Allem dem. Ehe. ſie meinen Ruin wußte, war es ihr wohl bekannt, daß mein früheres Vermögen nicht den vierten Theil des ihrigen betrug; mein Name iſt ehrenwerth und nicht mehr. Frau Jefferſon, die Witwe eines reichen Banquier, die Freundin der Marquiſe von Montbriſon, die ihr die Thüren der beſten und höchſten Geſellſchaft öffnen kann, braucht nicht von unſerer Verheirathung eine ſociale Stellung zu erwarten, die über der, welche ſie heute einnimmt. Ich wiederhole, welches Intereſſe hätte ſie, ſo viel Lügen, ſo viel Heucheleien anzuhäu⸗ fen, um mich zu hintergehen? Etwa weil ſie mich liebt, weil ſie vielleicht be⸗ fürchtet, trotz ihrer Schönheit, trotz ihres Reichthums, willige ich nicht ein, die Witwe des ſchändlichen Jeß⸗ ferſon zu heirathen? Ich will das annehmen; doch dann muß ſie mich abgöttiſch lieben, und muß ich nicht gerade in der Tieſé dieſer Leidenſchaft Garantien für die Zukunft finden? Garantien? was weiß ich? Eine Frau, welche einer ſo großen Verſtellung 193 fähig iſt, würde eine ſehr gefährliche Heuchelei wahr⸗ nehmen laſſen; doch ich ſage noch einmal, ich bin ver⸗ rückt! Ceſarine iſt mir heute zweimal widerſtanden; es iſt alſo nicht eine ſtrafbare und ephemere Verbin⸗ dung, was ſie verfolgt, ſondern eine dauerhafte und heilige Verbindung; um dieſes edle Ziel zu errei⸗ chen, ſollte ſie nun ſchlechte, ſchändliche Mittel an⸗ wenden? Das iſt albern, unmöglich!! ich ſchweife aus!! Indem ich mit aller Gewalt den Grund der Dinge zu erforſchen ſuche, gelange ich in eine undurchdringliche Finſterniß, wo meine Vernunft ſich verirrt! Nein! Frau Jefferſon iſt aufrichtig! ihre ächte Frömmigkeit iſt bei⸗ nahe eine der Folgen ihrer glühenden, ſinnlichen Or⸗ ganiſation. Ceſarine hat durch ihre Natur große Aehn⸗ lichkeiten mit dem ſüdlichen Typus. Herr Jefferſon war ein gröblich verleumdeter Mann, wenn nicht, ſo iſt ſeine verblendete Frau von ihm bethört und nicht die Genoſſin ſeines wüſten Lebens geweſen, oder es hat ſich wohl, wie ich Herrn Godefroid ſagte, dieſer Mann nach ſeiner Verheirathung durch den glücklichen Ein⸗ fluß ſeiner jungen Frau zu einem beſſern Leben bekehrt! Fern von mir ſeien wahnſinnige Suppofitionen! mein Entſchluß iſt gefaßt; ich heirathe Ceſarine, die ſchönſte Frau von Paris, mit mehr als zweimal hun⸗ derttauſend Livres Einkünfte. Ich habe dieſe geſtern geſchriebenen Zeilen wieder⸗ geleſen. Die Nacht bringt Rath; ich hege immer noch die Abſicht, dieſe Heirath zu ſchließen: doch ich habe wei⸗ ter nachgedacht; ein Ueberfluß an Vorſicht kann nie ſchaden. Ich bin nun zu Folgendem enſchloſſen: Eine geheime Ahnung ſagt mir, es ſei für mich von großer Wichtigkeit, der Wahrheit gemäß zu erfahren, was Herr Jefferſon geweſen, und zu dieſem Ende die Meinung von Herrn Godefroid einer contra⸗ dictoriſchen Probe zu unterwerfen; hiezu habe ich das Fernand Dupleſſis. MI. 13 194 nittel. Oft bin ich in Geſellſchaft mit Herrn John Taylor, Secretaire der americaniſchen Geſandtſchaft in Paris, zuſammengetroffen; er wird mir, ich bezweifle es nicht, vollkommen Auskunft über Herrn Jefferſon geben können. Geſtern hat Ceſarine, als ſie mich mit ihrem Briefe an Frau von Montbriſon beauftragte, ein eben ſo geiſt⸗ reiches, als zartes Mittel angewandt, um mir Beweiſe von ihrer Sittlichkeit zu geben, denn die Marquiſe, indem ſie Frau Jefferſon gleichſam als Mutter dient und ſie zum Altar begleitet, gibt ihr hiedurch ein öffent⸗ liches Zeichen ihrer Hochachtung. Bei dieſem Vorgange kann nichts leichter für mich ſein, als Madame Raymond in den Stand zu ſetzen, Ceſarine zu würdigen und mir dann ihre ganze An⸗ ſicht zu ſagen; ſtimmt ihre Schätzung mit der von Frau von Montbriſon überein, was kann ich mehr wünſchen? November 1832. Mehr als je iſt mir die Nothwendigkeit meines Tagebuchs erwieſen; dieſes Memento meiner gehei⸗ men Gedanken, meiner Zweifel, meiner Befürchtungen, die ich Tag für Tag hier aufzeichne, muß die noth⸗ wendigen Elemente vereinigen, um mich in meiner Un⸗ entſchloſſenheit zu firiren. Dieſen Morgen hatte ich an Madame Rahmond geſchrieben und ſie gebeten, mich am Abend empfangen zu wollen; dann begab ich mich zu Herrn John Tay⸗ lor, dem Secretaire der Geſandtſchaftder Vereinigten Staaten in Frankreich. Er nahm mich ſehr artig auf, und ich ſagte ihm, ich ſehe mich durch wichtige In⸗ tereſſen veranlaßt, mich im Vertrauen an ihn zu wen⸗ den, um genaue Auskunft über das Vermögen und den ſittlichen Charakter von Herrn Jefferſon zu erhalten. Die Antwort von Herrn Taylor hierüber war voll⸗ kommen identiſch mit der von Herrn Godefroid. Und in der republicaniſchen Freimüthigkeit jeiner Entrüſtung 195 unterrichtete mich Herr Taylor ſogar von neuen ſchmäh⸗ lichen Einzelheiten über den Urſprung des Vermögens von Herrn Jefferſon und über ſeine abſcheulichen Sit⸗ ten. So hätte der Bruder von Madame Raymond die Farben des häßlichen Portraits vom letzten Gatten von Ceſarine eher geſchwächt, als überladen! „Ah! mein Herr,“ ſagte ich zu Herrn Taylor, „wie ſehr mußte die Frau dieſes Menſchen leiden! Ihre Tage bei einem ſolchen Elenden hinbringen! Die Unglückliche war grauſam zu beklagen.“ „Sie zu beklagen?“ verſetzte der Legations⸗ ſecretaire mit einem Ausdrucke, der mich erſchreckte. In dieſem Augenblick trat ein Bedienter ein und meldete, „der Herr Miniſter der Vereinigten Staaten wünſche Herrn Taylor zu ſprechen.“ Ich hatte Anfangs Luſt, in den Letzteren zu dringen, um zu vernehmen, wie ich ſeinen Ausruf und ſein Lächeln in Beziehung auf Frau Jefferſon deuten ſollte: eine falſche Scham hielt mich zurück, und ſeltſamer Widerſpruch! ich geſtehe es hier, ich hatte eine unbeſtimmte Angſt, Wahrheiten zu er⸗ fahren, die ich nicht wiſſen wollte, weil ſie meine Pläne zerſtören konnten. Denn, um mich vor mir ſelbſt dar⸗ über zu entſchuldigen, daß ich vielleicht freiwillig die Augen dem Lichte verſchloß, ſuchte ich mich zu über⸗ reden, ich lege ein übertriebenes Gewicht auf das Lä⸗ cheln von Herrn Taylor, und ſein Ausruf: „Sie ... 1 beklagen!“ laſſe ſich auf tauſenderlei Arten aus⸗ egen. Ich verließ alſo den Seeretaire der amerieaniſchen Geſandtſchaft, ohne daß ich meine Nachforſchungen, Ceſa⸗ rine betreffend weiter treiben wollte oder zu treiben wagte, und begab mich zu ihr. 13 196 XIV. Ceſarine ſcheint darauf zu ſinnen, die Wünſche, die ſie mir einflößt, noch glühender zu machen; ſie er⸗ ſchien mir heute Morgen unter einem von dem geſtri⸗ gen ganz verſchiedenen Anblick, doch immer bezaubernd. Geſtern betroffen von ihrem ſchmachtenden Lieb⸗ reiz, von der faſt vrientaliſchen Pracht ihres Anzugs, verglich ich ſie mit einer verliebten Odaliske; heute war ſie ſtreng ſchwarz nach ſpaniſcher Mode gekleidet; ein unter dem Kinne gebundener kleiner Spitzenſchleier umrahmte ihr entzückendes Geſicht und verlieh ihr einen neuen piquanten und feſſelnden Reiz; ihr ſchwar⸗ zes, verſchwenderiſch mit Gagathſtickerrien verziertes Kleid ließ halb entblößt ihre Arme, ihre Schultern und ihre Bruſt, deren Glanz noch blendender wurde; man hätte glauben ſollen, es ſei eine Statue von roſen⸗ farbigem Marmor, geſchmückt mit Draperien aus Eben⸗ holz geſchnitten; ihr kleiner, ſchmaler, wohlgebogener Fuß ließ über dem ſchwarzen Atlaßſchuh ſeine Weiße durch die geſtickten Maſchen ihrer ſeidenen Strümpfe errathen; es ſchlangen ſich endlich mehrere Reihen Per⸗ len vom ſchönſten Waſſer um ihren Hals, wogten auf ihrem Buſen und dienten zum Tragen eines goldenen Kreuzes und einiger, ohne Zweifel geweihter, ſilber⸗ ner Medaillen. Ich täuſchte mich nicht über das, was, ſo zu ſagen, Theatraliſches in dieſem aus der Phantaſie von Ceſarine entſpringenden Coſtumewechſel lag;z doch ſie war ſo ſchön, ſo anbetungswürdig, die glühenden Er⸗ innerungen an die Vergangenheit entflammten mich dergeſtalt, daß ich, glaube ich, in dieſem Augenblick, hätte Frau Jefferſon, von mir der Lüge und der Heu⸗ chelei überwieſen, zu mir geſagt: „Gehen wir auf der Stelle zum Altar, wir wer⸗ den als Ehegatten von dort zurückkommen!“ . 197 Mit Entzücken: Ja, geantwortet haben würde. Sie bemerkte meine Unruhe, machte mir ein Zei⸗ chen des Verſtändniſſes und ſagte, die Stimme däm⸗ pfend, indem ſie auf die nur angelehnte Thüre deutete: „Mein Fernand, ſprechen wir nicht zu laut . Aurora iſt in meinem Schlafzimmer beſchäftigt.“ Ich ſtand auf, um die ein wenig geöffnete Thüre, die das Schlafzimmer vom Salon trennte, zu ſchließen, doch Ceſarine fügte mit bewegtem, flehendem, und den⸗ noch entſchloſſenem Tone bei: „Dieſe Thüre muß, leider! offen bleiben .. Doch Geduld, oh! Geduld!“ flüſterte ſie, während ſie mir einen Blick zuwarf, der mich entzündete. Dann ſchien ſie eine heſtige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt zu machen und fragte ohne Uebergang, und als wollte ſie Gedanken, die ſie beunruhigten, entgehen: „Mein Freund, haben Sie meinen Notar geſehen?“ Ich konnte nicht mehr an dem Willen von Ceſa⸗ rine zweifeln, welche ohne Zweifel feſt entſchloſſen war, Herrin über ſich bis zur Zeit unſerer Verbindung zu bleiben; ich antwortete auch mit einer von Liebe und Ungeduld bebenden Stimme: „Oh! ein Jahr von meinem Leben für jeden Tag, für jede Stunde, welche den Augenblick näher rückt, wo Du, wie früher, mir gehören wirſt! Ceſarine. „Mein Freund, ich bin ſparſamer mit dieſen ſchö⸗ nen Jahren, welche nun mir gehören! . Ich. „Aber wann dieſe Heirath, Ceſarine! Das War⸗ ten verzehrt mich, tödtet mich! Oh! ſage, wann unſere Heirath? Ceſarine. „Mein Fernand, wie Sie, möchte ich in einer Secunde um alle die Nächte . nein, um alle die Tage, die uns von dem von uns ſo ſehr erſehnten Tage tren⸗ nen, älter werden können; doch ſprechen wir nicht un⸗ 198 gereimte Dinge als Verliebte! reden wir als vernünf⸗ tige Leute. lim einen Eimer Eis auf Ihren Brand zu werfen,“ fügte ſie lächelnd bei, „frage ich Sie auch noch einmal, ob Sie Herrn Turpin, meinen Notar, ge⸗ ſehen haben? „Nun denn da Sie es wollen „. reden wir von Herrn Turpin ich habe ihn geſehen. Ceſarine. „Und er hat Ihnen geſagt? 5 „Er hat mir geſagt, Ihr Vermögen ſei bedeutend, und ich bin, wie ich Ihnen geſtanden, beinahe zu Grunde gerichtet. ½ Ceſarine. „Warum ſprechen Sie noch einmal von Ihrem Ruine? Hören Sie, mein Freund, da wir mit dem Beiſtande Gottes, der die Gnade hat, den einzigen Wunſch meines Herzens zu erfüllen, bald uns einander für immer angehören ſollen, ſo laſſen Sie uns vor Allem gute Gewohnheiten annehmen; ja, einmal für allemal, mein Fernand, erinnern Sie ſich, ich beſchwöre Sie, deſſen, was ich hier wiederhole: „Ich habe kein Vermögen, das, welches wir be⸗ ſitzen werden, gehört Ihnen.““ Ich. „Aber ich . Ceſarine. Wäre ich Millionen reich und Sie wären arm, ich würde Sie mit Glück heirathen, meine Ceſarine, dies waren geſtern Ihre Worte, mein Freund; i fand darin einen neuen Beweis von Ihrem Zartgefühle, und ich werde ſie nie vergeſſen. Ahmen Sie mir alſo nach; Sie ſind der unumſchränfte Gebieter die⸗ ſes Vermögens, Sie werden darüber nach Ihrem Ge⸗ fallen verfügen, es iſt das Ihrige; mein Notar wird heute noch meine Befehle in dieſer Beziehung erhalten, 199 und Sie werden mir wohl erlauben, mich mit ihm über unſern Vertrag zu verſtändigen, von dem Sie Kenntniß nehmen mögen. „Ich ſoll ſterben, wenn ich eine Zeile davon leſe! Doch hören Sie mich . Ceſarine. „Gut, Sie werden dieſen Vertrag blindlings unter⸗ zeichnen; aber, Fernand, ich flehe Sie an, kein Wort mehr unter uns von den Angelegenheiten, die das In⸗ tereſſe betreffen: weder ich noch Sie ſind mehr dabei, daß wir das Mißverhältnß unſeres Vermögens erörtern ſollten; wir ſind jung, wir find verliebt, der Himmel wird unſere Verbindung ſegnen, und wir werden ein Ehepaar ſein .. . Sage, mein Fernand, was iſt uns an dem Uebrigen gelegen? wenn ich nur Dein geliebtes Weib bin!! . . . Oh! wüßteſt Du, was für mich Himm⸗ liſches iſt in dem zugleich berauſchenden und heiligen Worte: Dein Weib! Dein Weib! Ich. „Welcher Blick! welcher Ton! Du willſt mich alſo zu Deinen Füßen ſterben ſehen! Ceſarine. „Stille, mein Freund, ſprechen Sie nicht ſo laut. Bleiben Sie auf Ihrem Stuhle ... Aurora iſt im anſtoßenden Zimmer. Ich „Oh! welche Marter! Ceſarine. „Wird dieſe Marter nicht getheilt, mein Fernand? Doch verjagen wir ſolche Gedanken, ſie beunruhigen uns. Noch ein Wort über einen Gegenſtand, auf den wir nie mehr zurückkommen werden: mein Vermögen gehört Ihnen, mein Freund, ordnen Sie ſeine Ver⸗ wendung. Wollen Sie n Herr leben? wir werden ein großartiges führen! Ziehen Sie ein beſcheidenes Leben vor? wir werden beſcheiden leben: 200 Alles dies iſt mir ganz gleich, da ich Sie habe. . Nach dieſem, Palaſt oder Hütte, Alles wird mir entzückend ſcheinen, wenn nur ein Winkel da iſt, in den wir unſer Neſt ſetzen können, und ich im Stande bin, meine Almoſen fortzuſpenden, um Gott zu bewei⸗ ſen, daß ich nicht undankbar gegen ihn geworden. Dies iſt geſagt und abgemacht, verſprechen Sie mir, ſchwö⸗ ren Sie mir, mein Freund, nie mehr von dem zu reden, was Sie mein Vermögen nennen. Ich. „Ich kann aber .. Ceſarine. „Mein Fernand, ich bitte Dich inſtändig .. . leiſte mir dieſes Verſprechen . befreie mich ſo von einer peinlichen und iſ Furcht. ch h. „Sie fordern es ich werde Ihren Willen ach⸗ ten, Ceſarine; nie werde ich wieder bei Ihnen dieſe Angelegenheiten des Intereſſes berühren, welche in der That dem Zartgefühle von uns Beiden widerſtreben müſſen. Ceſarine. „Empfange meinen Dank, mein Freund! Oh! wenn Du wüßteſt, wie ich nun frei athme! Und damit wir nicht mehr von dieſen abſcheulichen materiellen Nothwendigkeiten des Lebens reden müſſen,“ fügte Frau Jefferſon bei, indem ſie aufſtand und an ihren Schreib⸗ tiſch lief, „will ich Dir auch eine Zeile an Herrn Turpin geben, daß er fortan nach Sicht alle Anwei⸗ ſungen, die Du auf ihn ziehen wirſt, bezahlt.“ Und ſie fing an raſch zu ſchreiben, indeß ich zu ihr fagte: „Ich bitte, warten Sie wenigſtens, bis wir ver⸗ heirathet ſind. Ceſarine. „Sind wir nicht moraliſch verheirathet, mein Freund? Müſſen Sie ſich nicht, wenn Sie ein Hotel inne 201 zu haben wünſchen, ſtatt jene beſcheidene Wohnung zu behalten, wenn Sie Wagen, Pferde, was weiß ich? kaufen, einen großen Lurus entfalten wollen, ſchon heute mit den Details beſchäftigen? Hier iſt alſo mein Brief für Herrn Turpin. Ich. „Dies angenommen, — können wir nicht bis nach unſerer Verheirathung warten, um an dieſe Einkäufe zu denken? Ceſarine. „Wie es Ihnen beliebt, mein Freund; nehmen Sie indeſſen dieſen Brief, Sie mögen davon Gehrauch machen, wann und wie es Ihnen anſteht; aber wir werden wenigſtens, Gott ſei Dank, nicht mehr von Geldangelegenheiten zu ſprechen haben . Und nun eine andere Frage: haben Sie Frau von Montbriſon geſehen? ch. „Ich habe ſie geſehen ſie willigt ein, Ihnen als Mutter zu dienen. Ah! Ceſarine ich habe Ihren Gedanken begriffen, er iſt zuzleich voller Red⸗ lichkeit, Beſcheidenheit und Würde; Sie wollten mir neue Garantien für unſer zukünftiges Glück geben .. indem Sie mich in den Stand ſetzten, zu erfahren, wie ſehr die in der Welt ſo hoch verehrte Marquiſe Sie liebt und ſchätzt. Ceſarine. „Das iſt wahr, Fernand .. . mein vergange ner Fehltritt ließ Ihnen vielleicht, obgleich Sie der Mit⸗ ſchuldige deſſelben geweſen find, einige Befürchtungen über mein zukünftiges Benehmen; Sie konnten zwei⸗ feln an der Aufrichtigkeit meiner religiöſen Gefühle, in denen ich ſo viel Tröſtungen in meinen Drangſalen, ſo viel Aufmunterungen, bei meinen guten Entſchlüſſen zu beharren, gefunden habe; doch mir ſchien, wenn eine Dame wie Frau von Montbriſon ſich gleichſam 202 für mich verbürge, ſo werden Ihre Zweifel, wenn Sie noch ſolche hegen, verſchwinden. „Ich habe das Edle Ihres Schrittes zu ſchätzen gewußt, und ich will mich meinerſeits deſſelben würdig machen. Ceſarine. „Was wollen Sie damit ſagen, mein Freund? Ich. „Sie kennen Madame Rahmond? ℳ Ceſarine. „Ihr Sohn hat oft mit mir von ihr als von einer in jeder Hinſicht ausgezeichneten Frau geſprochen. Ich. „Er hat Ihnen die Wahrheit geſagt. Der Zufall wollte, daß ich vor der Revolution von 1830 ihr wie Jean ein Aſhl bei mir gab; dieſer Umſtand führte einen vertrauten Umgang herbei, der mir die Vortrefflichkeit dis Herzens und des Urtheils von Madame Rahmond zu ſchätzen erlaubt hat; ich wünſchte auch lebhaft, ſie wäre bei Ihnen meine Bürgſchaft, wie Frau Mont⸗ briſon Ihre Bürgſchaft bei mir geweſen iſt. Ceſarine. „Ich verſtehe Sie nicht, mein Freund. „Mit einem Worte, ich wollte, Sie würden er⸗ fahren, was Madame Rahmond von mir denkt. Ceſarine. „Ich weiß, was ich von Ihnen denke, mein Fer⸗ nand das genügt mir. Ich. „Das genügt mir nicht, meine Ceſarine; es iſt mir daran gelegen, Ihnen dieſelben Garantien zu ge⸗ ben, die Sie mir auf eine ſo zarte Weiſe geboten haben. Ceſarine. Welche Tollheit! 203 Ich. „Ich beſchwöre Sie, ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. Ceſarine. „Mein Freund, ich wiederhole, ich habe Vertrauen zu Ihnen, was liegt mir an dem Urtheile Anderer? Ich. „Mußten Sie nicht glauben, ich habe auch Ver⸗ trauen zu Ihnen? dennoch haben Sie Ihre zarten Be⸗ denklichkeiten ſo weit getrieben, daß Sie wünſchten, die Marquiſe ſollte Ihre Bürgſchaft ſein „das ſind Ihre eigenen Worte. Ce ſarine. „Welch ein Unterſchied findet zwiſchen uns Beiden ſtatt, mein Freund! . . „Ceſarine, erlauben Sie mir, beharrlich zu ſein ... es iſt eine Bitte, die ich an Sie richte. Ce ſarine. „Eine Bitte, mein Fernand! Sie, der Sie be⸗ fehlen ſollen, erniedrigen ſich zur Bitte. Nehmen Sie auf der Stelle dieſes häßliche Wort zurück, ſonſt wei⸗ gere ich mich, Madame Raymond zu ſehen. „Sie willigen ein? Ceſarine. „Eine zweite Beleidigung? Nun wundert er ſich, daß er mich das, was er wünſcht, thun ſieht! Ich. „Oh! Du biſt ein Engel! ein Engel! Frau von Montbriſon ſagte es mir wohl! Ceſarine. „Und Sie wollen, lieber Eitler, daß ich meiner⸗ ſeits Madame Raymond mir verſichern höre, Sie ſeien nicht gerade ein Engel .. jedoch ein Menſch wür⸗ dig, bis zur Anbetung geliebt zu werden? Man wird Ihnen gehorchen, mit Freuden gehorchen! es iſt ſo ſüß, ——— —— 204 denjenigen, welchen man liebt, loben zu hören. Nur, mein Fernand, wie iſt das zu machen? Ich kann nicht zu Madame Raymond, die ich in meinem Leben nicht geſehen habe, gehen und zu ihr ſagen: „„Madame, was denken Sie von Ich. „Es gibt ein ſehr einfaches Mittel, dieſe Zuſam⸗ menkunft herbeizuführen. Ceſarine. „Welches 2 Ich. „Sie wiſſen, Jean iſt Republicaner? Ce ſarine. „Das iſt mir bekannt, ſo unwiſſend ich in politi⸗ ſchen Dingen bin. — ch. „Dabei fällt mir ein . . was Sie ſicherlich nicht wiſſen, iſt, daß das in dem Hauſe, welches Sie ge⸗ miethet hatten, entdeckte Waffendepot von Jean dort verborgen worden war; zum Glück konnte er vor der Durchſuchung entwiſchen und ſich zu mir flüchten. Ceſarine. „Mein Gott! was ſagen Sie mir da? Befürchten Sie nichts für ihn? 2 „Nein, es iſt nun nichts mehr zu befürchten; doch um auf das Mittel, eine Zuſammenkunft mit Madame Raymond zu erlangen, zurückzukommen .. hören Sie: es gibt bei der Partei, von der Jean eines der Häupter iſt, viel ehrenhafte Armuth. Familien bleiben ent⸗ blößt in Folge der Einkerkerung eines Vaters oder eines Gatten. Madame Rahmond erleichtert dieſe Uebel, ſo gut ſie kann. Gehen Sie zu ihr, Ceſarine, bieten Sie ihr eine Gabe im Namen des Gottes, wel⸗ cher alle Betrübte, ohne funterſchied tröſtet und liebt. Den Parteien fremd, bitten Sie Madame Raymond, Ihre Gabe im Namen der Menſchenliebe anzunehmen. 205⁵ Ceſarine. „Das iſt in der That eine vortreffliche Art, mit Madame Raymond in Verbindung zu treten doch wie dann zu Ihrem Ziele gelangen? „Ich werde ſie heute noch von unſeren Heiraths⸗ plänen unterrichten. Dieſe vertrauliche Mittheilung iſt, das verſichere ich Sie, nicht im Stande, einen Einfluß auf ihr Urtheil über mich zu üben. Sie kennen die Freimüthigkeit von Jean? ſeine Mutter iſt nicht min⸗ der aufrichtig; ſte wird Ihnen ſagen, was ſie von mir denkt, ſei es im Guten, ſei es im Böſen, und es wird Ihnen leicht ſein, das Geſpräch auf dieſen Gegenſtand zu bringen. Ceſarine. „Gewiß Und wann wollen Sie nun, mein Freund, daß ich zu Madame Rahmond gehe. Ich. „Morgen Abend, wenn es Ihnen anſteht, denn den Tag hindurch arbeitet Madame Rahmond in demſelben Handlungshauſe wie ihr Sohn. Ceſarine. „Wie ſie! dieſe ſo ausgezeichnete Frau iſt darauf angewieſen, ſich einer ſolchen Beſchäftigung zu widmen? Ich. „Sie ehrt ſich badurch... Die Frucht ihrer Arbeit iſt für die Erleichterung der Noth beſtimmt, von der ich Ihnen geſagt habe. Ceſarine. „Edle Frau! .. Oh! Fernand, verzeihen Sie mir, daß ich einen Augenblick gezögert habe, Ihren Wünſchen zu entſprechen; ich werde ſtolz und glücklich ſein, in einiger Beziehung zu dieſer würdigen, muthi⸗ gen Perſon zu ſtehen; morgen Abend alſo zwiſchen ſie⸗ ben und acht Uhr begebe ich mich zu ihr, wenn ich 206 nicht durch ein Billet von Ihnen eine entgegengeſetzte Weiſung erhalte. ch. „Ich ſoll Ihnen ſchreiben! .. oh! ich zähle darauf, Sie morgen hier zu ſehen. Ce ſarine. „Nein, mein Fernand. „Was ſagen Sie? Ceſarine. „Mein Freund, ich bedarf eines großen Muthes, um ſo mit Ihnen zu ſprechen, um Sie vielleicht zu betrü⸗ ben; doch mein Wille iſt in dieſem Punkte unerſchüt⸗ terlich .. . Sie werden mich hier vor dem für unſere Hochzeit beſtimmten Tage nicht mehr ſehen. Ich. „Wo werde ich Sie denn ſehen? Ceſarine. „Durch das Gitter des Sprachzimmers im Kloſter vom Heiligen Herzen Mariä, wo ich mich morgen ein⸗ ſchließen und bleiben werde, bis wir verheirathet ſind. ch. „Ceſarine, ich kann faum glauben, was ich höre! Sie nur noch . . . durch das Gitter eines Sprach⸗ zimmers ſehen! . ich bitte Sie inſtändig ... gehen Sie von Ihrem Entſchluſſe ab. Ceſarine. „Mein Freund, in dem Augenblicke, wo ich im Begriffe bin, auf immer meine Exiſtenz an die Ihrige zu feſſeln, iſt es für mich ein Bedürfniß, mich zu ſam⸗ meln, Golt zu bitten, mich zu inſpiriren, mich zu lei⸗ ten auf dem neuen Wege, der ſich vor uns öffnet; Sie haben mir Glück gewünſcht zu meinen religiöſen Ge⸗ fühlen, Sie finden mit Recht darin eine doppelte Ge⸗ währ für unſer zukünftiges Glück; wundern Sie ſich alſo nicht, daß ſie mir den Entſchluß eingeben, den ich faſſe, — einen, wie geſagt, unerſchütterlichen Entſchluß⸗ 207 Sie werden mich jeden Tag einige Augenblicke am Git⸗ ter des Sprachzimmers in Gegenwart von einer der gu⸗ en Schweſtern, nach dem Gebrauche des Hauſes, ehen . 8 ch. „Oh! das iſt eine wahre Trennung „ ſie ſchmerzt mich, beugt mich nieder! Ceſarine. „Eine Trennung! werden Sie nicht immer durch den Gedanken bei mir bleiben 2 .. Um übrigens Ihrer Gegenwart nicht gänzlich beraubt zu ſein, nehme ich dieſes theure, ſo ähnliche Portrait mit (und fie be⸗ zeichnete es mir mit dem Blicke), ſo ähnlich, daß ich mich oft dabei ertappt habe, daß ich ihm zulächelte, mit ihm ſprach. .. Oh! wenn Ihnen dieſes angebetete Portrait Alles, was es gehört hat, wiederſagen könnte? ch. „Ah! ich bedenke wie haben Sie ſich daſſelbe verſchaffen können ? Ceſarine. „Alles iſt möglich, wenn man liebt. Ich habe einen Maler von Talent kommen laſſen; ich wußte, daß Sie jeden Dienſtag die italieniſche Oper beſuchen und dort in die Loge von Frau von Méligny gehen. Und dieſem Künſtler iſt es nach großen Schwierigkei⸗ ten und mit der Unterſtützung meines Rathes, — denn ich weiß Ihr Geſicht auswendig . das iſt das richtige Wort, mein Fernand, — es iſt ihm, ſage ich, gelungen, die Aehnlichkeit vollkommen zu erfaſſen. Aber, mein Freund, nun auch jeine Frage von mir! Die Ereigniſſe ſind ſeit geſtern ſo raſch fortgeſchritten, daß ich noch nicht die Muße gehabt habe, dieſe Frage an Sie zu richten. Wie haben Sie erfahren, daß ich jenem Hauſel, in der Nähe des Ihrigen, be⸗ and?“ Ich konnte Ceſarine nur durch eine doppelte Lüge antworten, und ich erwiederte: 208 „Mein Kammerdiener hatte durch die Schwatzhaf⸗ tigkeit Ihres Portier erfahren, es begebe ſich jeden Tag eine verſchleierte Dame in das benachbarte Haus. Das reizte meine Neugierde ich legte mich in den Hinterhalt . . . vorgeſtern, als Sie weggingen, ohne von Ihnen geſehen zu werden; ich erkannte Sie, und geſtern gab mir der Portier die Gelegenheit, in das Zimmer einzutreten, wo Sie ſich aufhielten. Ceſarine. „Alſo Ihr Erſtaunen bei meinem Anblick . . . Ich. „. War Verſtellung. .. Ich wollte Sie glauben laſſen, der Zufall allein habe unſer Zuſammentreffen herbeigeführt. Ceſarine. „Und während Sie bei mir waren, mußte die arme Frau von Méligny ... Ich. „Wie glücklich bin ich, ſie Ihnen zu opfern! Ceſarine. „Sie iſt aber reizend: Ich. „Das iſt möglich. . ich erinnere mich nicht mehr. Ceſarine. „Wahrhaftig, mein „Es hat für mich nur eine ewige Schönheit gege⸗ ben, es wird nur eine geben . . . die Deinige! . Du biſt meine einzige Liebe geweſen! . .. Du wirſt meine letzte Liebe ſein! Ceſarine. „Ich glaube Ihrem Verſprechen, mein Freund auch werde ich nie eiferſüchtig ſein .. . ich habe hiefür zu viel Vertrauen auf meine Würde... auf die Ih⸗ rige. cœ Ich. „Ah! „kannſt Du denken, „daß 209 Ceſarine. „Ich denke, daß eine redliche Frau und ich habe die ſtolze Ueberzeugung, daß ich dieſen Titel rechtferti⸗ gen werde, Sie ſollen es ſehen ich denke, daß eine redliche Frau, ſicher ihrer ſelbſt und der tieſen Achtung ihres Gakten, immer eingeſchloſſen in den theuren, hei⸗ ligen Kreis ihrer religiöſen Pflichten, ihrer Familien⸗ pflichten, ſehr ſtark gegen die Eiferſucht iſt. Und dann, worauf ſollte ſie eiferſüchtig ſein? Können Sie, wenn Sie einen Kummer haben, mein Fernand, ihn einer Andern als mir anvertrauen? Wird Sie, wenn Sie leiden, wenn Ihre Geſundheit angegriffen iſt eine Andere als ich pflegen? Etweiſt uns Goit die Gnade, daß wir uns in Kindern wiederaufleben ſehen, werden Sie ſich mit einer Andern als mit mir jeden Tag, tauſendmal des Tags, von dieſen angebeteten Kindern, von ihrer Erziehung, von ihrer Zukunft unterhalten? Kann je eine Andere als ich mit Ihnen die trauten, unaus⸗ ſprechlichen Süßigkeiten des häuslichen Herdes theilen ? Wird je eine Andere als ich Ihr Haus ordnen, beauf⸗ ſichtigen, die wachſame Wirthſchafterin darin ſein, mö⸗ gen Sie nun beſcheiden oder mit Pracht und Aufwand darin leben wollen? „ Wird Dich endlich je eine Andere geliebt haben, lieben, wie ich Dich liebe, im⸗ mer lieben werde, mein Fernand? . .. Nein, ich kenne mein Herz . das Deinige, und ich fürchte nichts!“ Ich verzichte darauf, die Miſchung von Würde, Vernunft, Anmuth und leidenſchaftlicher Liebe zu ſchil⸗ dern, mit der jedes Wort von Ceſarine geſprochen wurde; Thränen der Rührung traten mir in die Augen, ſie bemerkte es: ihr Blick wurde auch feucht; ſie reichte mir die Hand und ſagte mit tief bewegter Stimme zu mir: „Ah! Fernand, Sie leſen in meiner Seele! zu mir haben Sie Vertrauen! unſer Glück iſt fortan ſicher! Auf die Kniee, mein Freund! ... auf die Kniee, mein Gatte! . Danken wir dem, der uns allein das Gute eingibt und uns vor dem Böſen beſchützt.“ Fernand Dupleſſis. III. 14 2¹⁰ und mit einer Geberde voll rührender Frömmig⸗ keit deutete Frau Jefferſon auf den Chriſtus und das Betpult, vor das ſie mich neben ſich niederknieen ließ. Ich habe nie wahrhaft religiöſe Gefühle gehabt, denn in der Religion, deren Vorſchriften ich wenig befolge, ſieht meine egoiſtiſche Berechnung nur ein vor⸗ treffliches Mittel, zu meinem Nutzen die Frau an ihre Pflichten zu feſſeln und mir ſo die Sorgen, den Kum⸗ mer, die grauſame Schande einer ehebrecheriſchen Haus⸗ haltung zu erſparen. Dieſen Morgen aber gab ich der frommen, unwiderſtehlichen Begeiſterung von Ceſarinen nach, kniete zu ihr nieder und fühlte ein unbeſtimmtes Aufathmen der Dankbarkeit gegen Gott. Nachdem ſie eine Zeit lang, zuweilen ihre Lippen mit Inbrunſt auf eine Art von Roſenkranz drückend, der an einer Perlenſchnur an ihrem Halſe hing, gebe⸗ tet hatte, erhob ſie ſich wieder mit einem von himmli⸗ ſcher Freude ſtrahlenden Geſichte und ſagte zu mir, indem ſie mir die Hand reichte: „Nun, Gott befohlen, mein Freund, ich habe in dieſem Gebete neue Kräfte gegen unſere vorübergehende Trennung geſchöpft .. Ich. „Gott befohlen! ich werde nicht minder muthig ſein, als Sie, meine Ceſarine . Sie ſollen mich kein Bedauern, keine Klage mehr ausdrücken hören „. Nur noch zwei Worte: iſt es Ihnen genehm, die erſte Zeit unſerer Ehe auf dem Lande zuzubringen? in Fontainehleau oder in Compiégne? wir würden die letzten ſchönen Tage des Herbſtes benützen. Ceſarine. „Dieſer Gedanke K mich. 6 „Dann werde ich mich bemühen, ein meublirtes Haus in einem dieſer Orte zu finden, denn das Gaſt⸗ hausleben wäre unerträglich. — 211 Ceſarine. „Ich theile ganz dieſe Anſicht. ch „Während unſeres Aufenthaltes fern von Paris, könnten wir für uns hier ein Hotel einrichten laſſen, das wir im Monat Januar beziehen würden, wenn Sie nicht einer beſcheidenen Eriſtenz den Vorzug geben? Ceſarine. „Mein Fernand, ich habe Ihnen geſagt, Palaſt oder Hütte, mir iſt das gleichgültig, wenn ich nur bei Ihnen lebe; beliebt es Ihnen, ein großartiges Leben zu führen, ſo werde ich mich, das verſichere ich Sie, ſehr leicht darein fügen. Ich habe dieſes Abſteigequar⸗ tier gemiethet, weil ich über die Zukunft in Ungewiß⸗ heit war; doch ich liebe auch den Lurus und die Ge⸗ nüſſe, die er verſchafft. Ich. „Ihr Vermögen iſt ſo, daß. .. Ceſarine. „Mein Freund. abermals? immer dieſes ab⸗ ſcheuliche Wort, mein Vermögen. Ich. „Ich ſage alſo, unſer Vermögen iſt ſo, daß wir ein herrliches Haus haben können . Ah! Ceſarine, reiten Sie? Das iſt ziemlich die Gewohnheit der Frauen in den Vereinigten Staaten; haben Sie die⸗ ſelbe angenommen? Ceſarine. „Trotz ſeines Alters liebte Herr Jefferſon ſehr dieſe Uebung; er ließ mir Unterricht im Reiten geben, und das beluſtigte mich ungemein. Ich. „Ich werde meine Pferde nach dem Orte ſchicken, den wir zu unſerem Aufenthalte wählen; auch will ich für das Perſonal unſeres zukünftigen Hauſes beſorgt ſein, damit es bei unſerer Rückkehr vollſtändig einge⸗ tichtet iſt. 12 212 Ceſarine. „Ich verlaſſe mich auf Sie, mein Freund, denn ich weiß, wie vortreffiich Ihr Geſchmack iſt. Doch ent⸗ ſchuldigen Sie, Fernand, es ſchlägt die Stunde, zu der ich der Frau Superiorin des Kloſters vom heiligen Herzen bei ihr zu erſcheinen verſprochen habe; ich möchte gern pünktlich ſein. Es verſteht ſich, daß Sie jeden Tag um die Mittagsſtunde ins Sprachzimmer fommen und nach mir verlangen, und daß ich morgen Abend um acht Uhr bei Madame Raymond ſein werde.“ Ich fühlte mich ſo vertrauensvoll, ſo beruhigt durch dieſe neue Unterredung mit Frau Jefferſon, daß ich einen Augenblick unſchlüſſig war, ob ich dem Ge⸗ danken, meine zukünſtige Frau der Würdigung von Madame Raymond zu unterwerfen, Folge geben ſollte; ich bedachte indeſſen, daß bei einem ſo ernſten Umſtande ein Uebermaaß von Vorſicht und Klugheit nichts ſcha⸗ den könne, und beſchloß, die Prüfung bis zum Ende fortzuſetzen, und ſo antwortete ich: „Ich werde heute Abend Madame Rahmond von Ihrem morgigen Beſuche in Kenntniß ſetzen. Ceſarine. „Ich verſpreche mir ein großes Vergnügen von die⸗ ſem Beſuche.. Wie glücklich werde ich ſein, Sie von einer ſo ausgezeichneten Frau, wie Madame Raymond loben zu hören. Ich. Loben ... wer weiß? Ceſarine. „Sie denken ſich vielleicht, Madame Raymond, werde mir rathen, Sie nicht zu heirathen? Ich. „Sie iſt aufrichtig genug, um Ihnen dieſen Rath zu geben, wenn ſie es für heilſam hält. Ceſarine. „Es mag ſein, doch ich bin zu eiferſüchtig auf mein Glück und das Ihrige, um es einem ſehr ehren⸗ —— f ⸗ 213 werthen, wohlgemeinten Rathe zu opfern, den ich nie befolgen würde, das erkläre ich Ihnen zum Voraus. Ich Ich. „Wenn Ihnen aber Madame Rahmond riethe, mich nicht zu heirathen? Ceſarine. „Offenherzig geſprochen, mein Freund, wie erha⸗ ben und ausgezeichnet auch ihr Geiſt ſein mag, ich bin ſo anmaßend, zu glauben, daß ich Sie beſſer kenne, als Madame Raymond Sie kennt, und in dieſem Falle werde ich mein Urtheil dem ihrigen vorziehen. Doch das ſind leere Suppoſitionen; ich habe zu viel Ver⸗ trauen zum Scharfſinne dieſer Dame, um nicht gewiß zu ſein, daß ſie von Ihnen denkt, was ich ſelbſt denke. Ich. „Möchten Sie nicht enttäuſcht werden! Doch mir fällt ein, es wird vielleicht nicht paſſend ſein, ihr das mitzutheilen, was ich Ihnen, Ceſarine . . . Ihnen allein in Betreff meines Ruins mittheilen mußte. Ceſarine. „Mein Freund, konnten Sie glauben, ich ſei fähig zu einer ſolchen Indiseretion? Denken Sie auch, ich werde Madame Raymond genau von der Summe unſe⸗ res Vermögens unterrichten? Das ſind von den Din⸗ gen, welche völlig außer der moraliſchen Schätzung der Leute liegen, während Sie wollen, lieber Eitler, daß ich viel Gutes von Ihnen hören ſoll.“ Unſer Geſpräch wurde unterbrochen durch Aurora; ſie trat ein und meldete ihrer Gebieterin: „Der Wagen, den Madame hat beſtellen laſſen, iſt angekommen.“ „Ich habe mich nur noch anzukleiden; Aurora, beſorge raſch meine Toilette,“ ſagte Frau Jefferſon; dann mir die Hand reichend: „Leben Sie wohl, mein lieber Herr Dupleſſis; morgen im Kloſter, gegen Mittag.“ 2¹4 „Morgen, Madame,“ antwortete ich, indem ich mich verbeugte. Und ich verließ den Salon. Ich durchſchritt die anderen Räume und gelangte bis ins Vorzimmer, ohne hier Stephen zu treffen. Als ich eben im Begriffe war, die Hand an den Drücker der Thüre zu legen, hörte ich in einem Zimmer in der Nähe des Vorzimmes (ohne Zweifel eine Geſinde⸗ ſtube), ein ſchallendes Gelächter; mir ſchien, ich erkenne die Stimme von Stephen, der meinen Namen in Be⸗ gleitung einiger engliſchen Worte ausſpreche; dann fing das Gelächter wieder an. Dieſer ſcheinbar kindiſche Vorfall machte einen lebhaften Eindruck auf mich; ein unbeſtimmter Ver⸗ dacht durchzog abermals meinen Geiſt; ich machte es mir zum Vorwurf, daß ich in meinem Geſpräche mit Frau Jefferſon vergeſſen hatte, von ihr zu verlangen, wie ich es mir vorgenommen, ohne mir genau Rechen⸗ ſchaft über dieſen Wunſch oder dieſen Inſtinct zu geben, ſie möge aus ihrem Dienſte den Neger und die Mu⸗ lattin entfernen; doch bedenkend, es wäre immer noch Zeit, dieſen ziemlich zarten Gegenſtand in Angriff zu Ehubt ſchickte ich mich an, das Vorzimmer zu ver⸗ aſſen. In dieſem Augenblick klingelte man außen; ich öffnete die Thüre, um wegzugehen, und ſah mich dem Geiſtlichen gegenüber, den ich auch am Tage vorher, in dem Momente, wo ich ſie verließ, bei Frau Jeffer⸗ ſon hatte eintreten ſehen. Dieſes neue Zuſammentreffen unter denſelben Um⸗ ſtänden ſchien mir ſeltſam. Das iſt noch nicht Alles. Geſtern hatte mir das Halbdunkel der Treppe nicht erlaubt, die Züge dieſes Prieſters zu unterſcheiden, und als ich ihn bei der Helle des Fenſters vom Vorzim⸗ mer ins Auge faſſen konnte, war ich betroffen von ſei⸗ ner Jugend, von ſeiner hohen, kräftigen Geſtalt, und beſonders von ſeiner entſchloſſenen, leicht illuminirten Phyſiognomie, welche entfernt nichts Aſcetiſches hatte. 2¹⁵ Dieſe prüfende Betrachtung von meiner Seite war in⸗ deſſen ſehr raſch, denn der Geiſtliche verbeugte ſich tief, als er an mir vorüberging, und ich hörte Stephen, der auf das Geräuſch der Klingel herbeigelaufen war, zu dem Prieſter ſagen: „Madame erwartet den Herrn Abbé Sie wird ſogleich nach dem Kloſter abgehen.“ Dieſer Abbé war ohne Zweifel der Beichtvater oder Gewiſſensrath von Frau Jefferſon; ihre Fröm⸗ migkeit rührte mich unendlich und bot mir koſtbare Sicherheiten für die Zukunft; dennoch fühlte ich mich beinahe verletzt, wenn ich bedachte, ein Dritter (ein Mann ungefähr von meinem Alter) werde fortan mit mir das innige Vertrauen von Ceſarine theilen, denn eine wahrhaft fromme Frau hat keine Geheimniſſe für ihren Beichtvater, und welche Ueberwindung es mich auch koſtete, ich mußte mich gewöhnen an den Gedanken dieſes religiöſen Verkehrs, der nothwendigen Folge des brünſtigen Glaubens, welchen bei einer Frau, die bald meinen Namen führen ſollte, zu finden ich mir Glück wünſchte. XV. Gegen neun Uhr Abends hegab ich mich zu Ma⸗ dame Raymond: von meinem Beſuche zuvor unterrich⸗ tet, war ſie allein und erwartete mich. Folgendes war unſere Unterredung: Ich. „Madame, ich komme, um Sie an das Verſpre⸗ chen zu erinnern, das Sie mir zu geben die Güte ge⸗ habt haben. Madame Rahmond. „Um was handelt es ſich, Herr Dupleſſis? 216 Ich. „Madame, ich habe die Abſicht, mich wieder zu verheirathen. Madame Raymond. „Und hierüber wollen Sie mich um Rath fragen? Ich. „Ja, Madame. Madame Raymond. „Ich weiß in der That nicht, was ich Ihnen ſagen ſoll, wenn nicht, daß Ihre erſte Ehe nichtglücklich geweſen iſt; beſſer als ich muß Ihnen aber die Vergangenheit, wie mir ſcheint, eine außerordentliche Vorſicht bei die⸗ ſer neuen Verbindung rathen .. Ah! Herr Duypleſſis, erinnern Sie ſich der armen Albine! I ch⸗ „Die Perſon, die ich zu heirathen wünſche, iſt kein junges Mädchen mehr, es iſt eine Witwe, ſie zählt einige Jahre weniger als ich, und ich kenne ſie ſeit langer Zeit. Madame Rahymond. „Dann ſcheint mir dieſe Heirath, bis jetzt wenig⸗ ſtens, paſſend; eine Witwe hat ſchon die Lebenserfah⸗ rung, ſie kann ſich Rechenſchaft geben über ihre Wahl, und ſie genießt in ihren Handlungen Freiheit genug, daß es dem Manne, der ſich um ſie bewirbt, leicht iſt, wenn er fie oft ſieht, ihren Werth, ihre Tendenzen, ihre Gewohnheiten, ihre Neigungen, ihren Geſchmack ihren Charakter zu beurtheilen, während, wenn es ſich um ein junges Mädchen handelt, Sie wiſſen das nur zu gut, Herr Dupleſſis, ſich die Convenienzen jeder Art von Vertraulichkeit widerſetzen; was geſchieht auch faſt im⸗ mer? Die Neuvermählten find einander an ihrem Hoch⸗ zeittage beinahe ſo fremd, als ob ſie ſich nie gekannt hät⸗ ten, und der Zufall allein entſcheidet über ihre Zukunft. Ich. „Madame, ich muß beifügen, daß ich ſeit langer, ſehr langer Zeit dieſe Witwe leidenſchaftlich liebe; meine Zuneigung für ſie iſt durch eine Trennung von 217 mehreren Jahren geprüft worden, und ich habe alle Ur⸗ ſache, zu glauben, daß meine Liebe getheilt wird. Madame Raymond. „Immer beſſer .. Wenn es ſich ſo verhält, von welchem Nutzen können Ihnen meine Rathſchläge ſein? Ich. „Vor Allem muß ich Ihnen erklären, Madame, daß zwiſchen meinem Vermögen und dem dieſer Frau ein außerordentliches Mißverhältniß ſtattfindet; um Alles zu ſagen . mit einem Worte es iſt von Frau Jefferſon die Rede. Madame Raymond. „Von der Witwe des reichen americaniſchen Ban⸗ quier? Ich. „Ja, Madame. Madame Raymond. „Sie war, wie mir ſcheint, in erſter Ehe mit einem der Jugendfreunde von Ihnen und Jean ver⸗ heirathet? Ich. „Ja, Madame, und ich muß Ihnen, unter uns, geſtehen, daß ich ſie während ihrer erſten Ehe liebte. Ich hatte mich von ihr entfernt, weil ich mich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, die geringſte Unruhe in die Haushaltung unſeres Freundes zu bringen; ſpäter heirathete ich, leider ohne Liebe, die arme Albine! ... Kürzlich fand ich Frau Jefferſon als Witwe und frei wieder; ſie hat mir das Gefühl nicht verborgen, das ſie während ihrer erſten Ehe für mich gehegt. Madame Raymond. „In dieſem Falle iſt die Heirath von allen Sei⸗ ten vollkommen ſchicklich. „Madame, ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu bemerken, das Vermögen von Frau Jefferſon ſei viel bedeutender als das meinige. Madame Rahmond. „Nun? Ich. „Nun, Madame, ich wende mich an Sie, um zu vernehmen, ob mir das Zartgefühl erlaube, eine un⸗ geheuer reiche Frau zu heirathen? Madame Raymond. „Herr Dupleſſis, als ich Sie zum erſten Male nach einem langen Zeitraume wiederſah, ſagte ich Ihnen einer von den Gründen, welche, abgeſehen von dem neuen Dienſte, den Sie meinem Sohne geleiſtet, mächtig bei mir dahin gewirkt haben, daß ich Ihnen meine Ach⸗ tung wiedergeſchenkt, ſei die außerordentliche Zartheit geweſen, von der Sie einen Beweis dadurch gegeben, daß Sie die Mitgift von Albine ihrer Familie erſtat⸗ tet; Sie ſind alſo unfähig, ſich je durch ein gemei⸗ nes Intereſſe beſtimmen und leiten zu laſſen .. Uebrigens beſitzen Sie, glaube ich, ein bedeutendes Vermögen? — c „Madame Rahmond, mein Vermögen iſt nichts im Vergleiche mit dem von Frau Jefferſon. Madame Raymond. „Sie lieben dieſe Dame? „Leidenſchaftlich. Madame Rahmond. „Und ſie liebt Sie? 5 Ich. „Ja, Madame. Madame Raymond. „Sie iſt jung und ſchön, wie mir mein Sohn ge⸗ ſagt hat? Ich. „Oh! ſchön zum Blenden. Madame Rahmond. „Ich wiederhole, Herr Dupleſſis, ich ſchätze das 2¹9 Ehrenwerthe Ihrer Bedenklichkeiten, doch ſie find übertrie⸗ ben; wären Sie zu Grunde gerichtet, wären Sie, was Sie, Gott ſei Dank, nicht ſind, ein habgieriger Menſch, würde es Ihnen ſo ſehr am moraliſchen Sinne fehlen, daß Sie ſich entſchlößen, eine reiche Frau zu heira⸗ then, für die Sie keine Neigung fühlten doch ich ſchweige .. das ſind unnütze Suppoſitionen . nicht zu mir würden Sie kommen, um ſich in Betreff einer ſolchen Schändlichkeit Fh zu erholen. „Nein, gewiß nicht, Madame. Sie glauben alſo, daß ich ehrenhafter Weiſe Frau Jefferſon heirathen könnte? trotz des großen Vermögensmißverhältniſſes, das ich Ihnen bezeichnet habe? Madame Raymond. „Nach meinem Sinne gibt es keine wahren Miß⸗ verhältniſſe, als die moraliſchen und die phyſiſchen. Wäre Frau Jefferſon arm, und Sie beſäßen zehn Millionen, ich würde Ihnen auch ſagen: heirathen Sie ſie, wenn Sie ſie lieben und von ihr geliebt werden, und beſon⸗ ders, wenn Sie glauben, daß ſie eine ehrliche Frau iſt. „Wenn ich Ihnen ſage, Madame, daß es mein glühender Wunſch iſt, ihr meinen Namen zu geben ... ſo ſage ich Ihnen damit, daß ich ſie für eine redliche Frau halte: ich glaube mich in dieſer Hinſicht um ſo weniger zu täuſchen, als ich ſie ſeit langer Zeit kenne. Indeſſen könnte, wie mir ſcheint Ihr Scharfſinn meinen Glauben beſtätigen. Madame Raymond. „Wozu wenden Sie ſich an meinen Scharfſinn? ſind Sie nicht, wie Sie behaupten, ſicher der guten Eigenſchaften von Frau Jefferſon? Ich. „Erlauben Sie, Madame ich glaubte die arme Albine zu kennen; ich hielt ſie für eine ehrliche und würdige Frau; ſie hat in jeder Hinſicht meine Mei⸗ 220 nung gerechtfertigt. Dadurch aber, daß ich nicht im Stande geweſen bin, ihren Charakter zu ergründen .. und das wird, glauben Sie mir, ewig mein Gewiſſens⸗ biß ſein . habe ich ſie ſehr unglücklich gemacht. Madame Raymond. „Albine war ein junges Mädchen: Sie durften, nach ihrer Erzichung, ihrer Ehrlichkeit ſicher ſein. Doch Sie konnten ſie nicht vertraulich genug ſehen, um eine richtige Idee von ihrem Charakter, von ihrem Geiſte, von ihren Meinungen, von ihren Tendenzen, von den Bedürfniſſen ihrer Seele zu bekommen, und dieſe unſelige Unwiſſenheit hat das Unglück herbeige⸗ führt, das Sie beklagen. Doch Sie werden nicht ſo ſehr des Scharffinns ermangeln in dem, was Fa Jefferſon betrifft, da Sie dieſe Dame ſchon lange ennen. Ich. „Ei! mein Gott, Madame, nachdem ich mit Al⸗ bine verheirathet war, hatte ich jede Muße, ſie zu ſtudiren, zu ſchätzen; doch ich täuſchte mich völlig über ſie! Sie allein, Madame, haben mir den wahren Werth von Albine geoffenbart . eine ſpäte, zu ſpäte Offen⸗ barung! . und wenn ich mich nun unglücklicher Weiſe über Frau Jefferſon auch täuſchen würde! Madame Raymond. „Was ſagen Sie? Ich. „Seitdem ich die Witwe wiedergeſehen habe, konn⸗ ten wir lange und ohne Zeugen mit einander ſprechen, doch ich beurtheile ſie vielleicht ſchlecht, denn die Liebe iſt blind. Ah! Madame, ich habe ſo ſehr durch meinen Kummer und durch den von Albine, an dem ich, ich geſtehe es, allein Schuld war, gelitten, daß ich un⸗ willkürlich bebe bei dem Gedanken, dieſe Heirath, welche ſcheinbar ſo paſſend, als die erſte es nicht war ... könnte unglücklich ſein . . . und dieſe Furcht empfinde ich noch lebhafter für Frau Jefferſon als für mich. 221 Madame Raymond. „Ihre Befürchtungen, Herr Dupleſſis, zeugen zu Ihren Gunſten und rühren mich ungemein doch was kann ich hiebei thun? Ich. „Madame, haben Sie nicht in Folge einiger Unter⸗ redungen mit Albine deren Werth richtig erkannt? Nun denn, ich bitte Sie inſtändig im Namen meiner brüderlichen Zuneigung für Jean, haben Sie die Güte, Frau Jefferſon zu empfangen, mit ihr zu ſprechen, ſie zu ſtudiren, und Sie werden, ich bezweifle es nicht, bald wiſſen, ob uns, ihr und mir, dieſe Heirath Gar⸗ rantien eines dauerhaften Glückes bietet und was auch Ihr Ausſpruch in dieſer Hinſicht ſein mag, ich ſchwöre Ihnen, Madame, ich werde mich demſelben unterziehen. Madame Raymond. „Das iſt ſehr ernſt, Herr Dupleſſis; welches Ver⸗ trauen Sie zu meinem Urtheil haben mögen, es iſt nicht unfehlbar. ch. „In meinen Augen iſt es ſo, die Vergangenheit beweiſt es mir. Madame Raymond. „Die Umſtände ſind nicht dieſelben; die arme Al⸗ bine war ein Kind, ſie hatte die Unſchuld ihres Alters; nichts konnte leichter ſein, als im Grunde dieſer offe⸗ nen Seele zu leſen; während Frau Jefferſon, was auch ihre guten Eigenſchaften ſein mögen, ſchon zweimal Witwe geweſen iſt ich bitte, glauben Sie nicht, ich beſchuldige ſie zum Voraus der geringſten Gleiß⸗ nerei! Doch die Lebenserfahrung, ihre Stellung als verheirathete Frau mußten ihr am Ende eine Zurück⸗ haltung, eine Verſchloſſenheit geben, die ein Kind von ſiebenzehn Jahren nicht zu beſitzen vermöchte . dann was ſoll ich Ihnen noch ſagen? Vermöge einiger beſonderer Umſtände und der Verſchiedenheit unſeres 222 Alters faßte Albine bald zu mir das Zutrauen, das ſie zu ihrer Mutter gehabt hätte, während ich Frau Jeffer⸗ ſon nie geſehen, und kein Recht auf Vertraulichkeit bei ihr habe. Ich. „Madame, fie hegt für Sie ebenſo viel Ehrſurcht als Bewunderung; ſie kennt durch Jean und durch mich die Erhabenheit Ihres Geiſtes. Madame Raymond. „Ah! Herr Dupleſſis, keine Uebertreibung; ich nehme an, Frau Jefferſon weiß, daß ich eine redliche Frau bint wird dieſer Glaube für ſie genügen, daß ſie Smir alle Geheimniſſe ihres Herzens preisgibt? Ich. „Ich bin feſt überzeugt, daß Sie Frau Jefferſon, nachdem ſie ſich eine Stunde mit ihr unterhalten, hin⸗ reichend kennen werden, um mir zu ſagen, ob Sie uns in unſerem gemeinſchaftlichen Intereſſe dieſe Heirath rathen. cœ Madame Raymond. „Ich wiederhole, Sie täuſchen ſich auf eine für mich viel zu ſchmeichelhafte Art in dem, was Sie mei⸗ nen Scharfſinn nennen. 5 Ich. „Madame . ich beſchwöre Sie, haben Sie die Gewogenheit, mir dieſen Dienſt zu leiſten ich lege einen außerordentlichen Werth darauf. Madame Raymond. „Die Sache iſt an und für ſich ſehr einfach, und es bedarf deshalb keiner inſtändigen Bitte, Herr Du⸗ pleſſis; Ihre Bedenklichkeiten find zu ehrenwerth, als daß ich nicht bemüht ſein ſollte, Ihnen dieſelben zer⸗ ſtreuen zu helfen, — nach den Gränzen meiner leider ſehr beſchränkten Macht; ich werde alſo Frau Jefferſon empfangen, doch aus welchem Anlaß? Ich. „Ich habe ſie von meinem Wunſche in Kenntniß 223 geſetzt; ehrlich und offenherzig habe ich ihr geſagt, warum ich, ehe wir eine ſo ernſte Verbindlichkeit eingehen, in unſerem beiderſeitigen Intereſſe wünſche, ſie möchte die Ehre haben, Sie zu ſehen. Sie hat hiezu mit Freude und Hoffnung eingewilligt Was das Motiv des Beſuches betrifft, den ſie Ihnen machen wird, Madame, ſo iſt dies ſehr einfach. Jean hat mir mitgetheilt, Sie haben große und zahlreiche Miß⸗ geſchicke, verurſacht durch die politiſchen Ereigniſſe, zu erleichtern; Frau Jefferſon wird kommen und Sie bitten, ihre Gabe anzunehmen, nicht im Namen dieſer oder jener Partei, der ſie ſo fremd iſt, als ich, ſon⸗ dern im Namen der Menſchenliebe „ Dieſer Vor⸗ wand wird genügen, um eine Unterredung anzuknüpfen, deren Ausgang, je nach Ihrer Schätzung, ich wieder⸗ hole es Ihnen, Madame, über die Zukunft von Frau Jefferſon und über die meinige entſcheiden ſoll. . Madame Raymond. „Glaubte ich wirklich mit dieſer wahrhaft zu pro⸗ videntiellen Sendung bekleidet werden zu ſollen, mein lieber Herr Dupleſſis, ſo würde ich mich für unfähig erklären ... Doch Sie ſind, wie Sie mir geſagt haben, ſehr in einander verliebt; dieſe Liebe wird aber mehr als genügend das Gleichgewicht dem Einfluſſe hälten, den mein Urtheil auf ihre Entſcheidung haben könnte und dieſes Urtheil werden Sie wie alle Verliebte annehmen unter der Rechtswohlthat des Inven⸗ tars, wie die Juriſten ſagen. Ich. „Ah! Madame, ich ſchwöre Ihnen . Madame Rahymond. „Im Ernſte geſprochen, Herr Dupleſſis, ich bin gerührt von dem Vertrauen, das Sie mir bezeigen, und da Sie es wünſchen, ſo werde ich Ihnen mit mei⸗ ner gewöhnlichen Aufrichtigkeit, nachdem ich dieſe Dame geſehen habe, ſagen, was ich von Ihrem Vorhaben denke; brauche ich beizufügen, es wäre mein lebhafter „ ——— —— 22⁴ Wunſch, Sie in dieſer neuen Verbindung das Glück finden zu ſehen? Ich. „Ihre Wünſche, Madame, werden, wie ich hoffe, erfüllt werden; iſt es Frau Jefferſon geſtattet, morgen Abend zu Ihnen zu kommen? Madame Raymond. „Gewiß, ich werde ſie mit Vergnügen empfangen. Ich. „Und Sie wollen mir erlauben, Sie übermorgen früh zu beſuchen, um das Reſultat Ihrer Unterredung zu erfahren? Entſchuldigen Sie meine Dringlichkeit, Ma⸗ dame, doch es handelt ſich für mich um ein ſo ernſtes Intereſſe! Madame Rahymond. „Ich werde Sie übermorgen früh erwarten .. Nur vergeſſen Sie nicht, daß mein Sohn und ich vor zehn Uhr auf unſerem Bureau ſein müſſen, und wir ſind äußerſt pünktlich .. „Darf ich um neun ühr kommen? wird das nicht zu früh ſein? Madame Raymond. „Durchaus nicht „. Mein Sohn und ich, wir ſtehen immer ſehr frühzeitig auf Uebermorgen alſo. Ich. „Wie ſehr bin ich von Ihrer Güte durchdrungen, Madame! Madame Raymond. „Herr Dupleſſis, man darf ſtets auf die Dankbar⸗ keit einer Mutter rechnen . nie werde ich den letzten Beweis von Anhänglichkeit, den Sie meinem Sohne gegeben, vergeſſen.“ Ich verließ Madame Raymond, und nachdem ich im Club zu Mittag geſpeiſt, kehrte ich nach Hauſe zurück, um die Reſultate eines für mich ſo wichtigen Tages zur Erinnerung aufzuſchreiben unb über meine Lage tief nachzudenken. Ich fand bei meiner Rückkehr einen Brief von Frau von Melignh; ſie iſt ſehr gereizt durch mein Stillſchweigen und ſehr erſtaunt, daß ſie mich ſeit zwei Tagen nicht geſehen; ſie kündigt mir mit äußerſt trockenen Worten ihren Abgang zu den Jngden von Chantilly an. Sie mag gehen! ich habe andere Sorßen. Faſſen wir dieſen neuen Tag kurz zuſammen. Ich bin verliebt in Ceſarine; ſie liebt mich, ſie gehört mir, wenn ich will; ich habe Vollmacht von ihr, ich kann über ihr Vermögen wie über das mei⸗ nige verfügen; dieſes Vermögen beläuft ſich auf mehr als zweimal hundert tauſend Livres Einkünfte; Ma⸗ dame Rahymond, dieſe Frau mit den unbeugſamen Grundſätzen, denkt ſelbſt, wenn mich Frau Jefferſon wirklich liebe, ſo ſei das Mißverhältniß unſeres Ver⸗ mögens von keiner Bedeutung. Mein Zartgefühl iſt alſo geſchützt. Doch, ſtatt mich raſch und feſt zu entſcheiden und dieſe Heirath als abgeſchloſſen zu betrachten, ſtatt mich an die Würdigung von Frau von Montbriſon, einer Dame von ſo hoher Tugend, zu halten, welche vie Ge⸗ wogenheit hat, Mutterſtelle bei Ceſarine zu vertreten, warum will ich dieſe beharrlich der contradictoriſchen Prüfung von Madame Raymond unterwerfen? Warum? Weil ich unwillkürlich unbeſiegbare Zweifel hege! Weil ich meinen Namen von dem Neger unter einem ſchallenden Gelächter habe ausſprechen hören und die⸗ ſer, ſcheinbar kindiſche, Vorfall mir zu denken gibt! Ich kenne die Welt: die Lackeien ſind immer das Echo ihrer Herrſchaft! Weil ich mich endlich, was ich auch thun mag, um es zu vergeſſen, unwillkürlich erinnere, daß die Mittheilungen, die mir der Secretaire der americaniſchen Geſandtſchaft über Herrn Jefferſon ge⸗ Fernand Dupleſſis. II. 1⁵ 226 macht hat, vollkommen gleichlautend mit denen von Herrn Godefroid ſind, und ich beinahe erſchrak über das Lächeln von Herrn Tahlor, als ich mit ihm von den Leiden von Ceſarine ſprach, welche gezwungen ge⸗ weſen, das Leben dieſes abſcheulichen Wüſtlings zu theilen. Wäre mein Verdacht gegründet, ſo würde alſo Frau Jefferſon mich betrügen und eine ſchändliche Ko⸗ mödie ſpielen. Mich betrügen? in welcher Abſicht? Unſere Heirath iſt ihr glühendſter Wunſch; ſie kennt meinen Ruin und überläßt mir von heute an die freie Verfügung über ihr Vermögen! Wozu dann ſo viele Lügen, ſo viel Verſtellung, ſo viel Heuchelei? Schon mehrere Male habe ich dieſe Frage an mich geſtellt, ohne ſie löſen zu können .. . Iſt das ein Grund, daß ſie unlösbar ſein ſoll? Wer weiß, ob Madame Raymond vielleicht nicht mehr Scharfſinn hat, als ich? Was beweiſt mir, daß der Sinnentaumel und die Habgier mich nicht über Ceſarine verblenden? Ihrem unwiderſtehlichen Zauber nachgebend, bin ich vielleicht einer von den Men⸗ ſchen geworden, die, indem ſie ſich allmälig an eine ſchlechte Atmoſphäre gewöhnen, gar nicht mehr wahr⸗ nehmen, in welcher verdorbenen Mitte ſie leben. Doch eine Perſon, die gewohnt iſt, eine reine Luft zu ath⸗ men, trete in dieſe Atmoſphäre ein: ſogleich erſtickt ſie! Wenn es ſo bei Madame Raymond wäre! Wenn der Inſtinct ihrer natürlichen Redlichkeit allein ſie von Allem dem unterrichtete, was unrein und heuchleriſch iſt, — ihr außerordentlich ſicheres Zartgefühl würde ſich nothwendig bei der erſten Berührung mit Frau Jeffer⸗ ſon empören! Und, Frau von Montbriſon, dieſe Dame von einer hohen und feſten Tugend, von einem ausgezeichneten Geiſte, von einem durch eine lange Welterfahrung ge⸗ reiften Urtheil, ſchätzt ſie doch ſehr hoch! 227 Was glauben? was thun? Ah! ich habe lange nachgedacht; was ich glauben ſoll, weiß ich noch nicht, was ich aber thun ſoll, das weiß ich; die Zuſammenkunft von Madame Rahymond und Ceſarine muß ſtattfinden . . . Das iſt für mich der Knoten der Frage. Glücklicher und beruhigender Tag, Tag der Hoff⸗ nung!!! Dieſen Morgen habe ich mich nach meinem Ver⸗ ſprechen in das Kloſter vom Heiligen Herzen begeben, um Ceſarine mitzutheilen, Madame Rahmond erwarte ſie am Abend in ihrer Wohnung. Nach der Art, wie ich empfangen wurde, als ich den Namen von Frau Jefferſon nannte, konnte ich beurtheilen, welche Ach⸗ tung ſie in dieſem frommen Hauſe genoß. Das Sprach⸗ zimmer, in das ich eingeführt wurde, war durchſchnit⸗ ten von einem Gitter, an welchem man eiſerne Quer⸗ ſtängchen ſo enge an einander angebracht hatte, daß man die Züge einer Frau, die man beſuchte, zwar un⸗ deutlich erſchauen, aber nicht ſehen konnte. Ceſarine erſchien bald, nach dem Gebrauche in Begleitung einer Nonne, welche ſich ein paar Schritte von ihr entfernt hielt; unſere Unterredung konnte eben ſo wenig als die, welche darauf folgen ſollten, ver⸗ traulich ſein; ich beſchränkte mich daher auf einige all⸗ tägliche Redensarten und benachrichtigte Ceſarine, daß Madame Rahmond ſie am Abend um acht Uhr erwarte, und daß ich mich am andern Tage nach den Reſultaten ihrer Unterredung erkundigen werde; ich fragte Frau Jefferſon auch, wer der Geiſtliche ſei, den ich zweimal in dem Augenblicke, wo ich weggegangen, bei ihr habe eintreten ſehen; ſie antwortete mir einfach, es ſei der Abbé Dubreuil, ihr Gewiſſensrath. Nach einigen liebe⸗ vollen, aber, wie ſie es an dem wo wir uns 5 2²8 befanden, ſein mußten, ernſten und abgemeſſenen Wor⸗ ten verließ ich endlich das Kloſter. Es kam mir der glückliche Gedanke, einige Mor⸗ genbeſuche mehreren Damen von meiner Bekanntſchaft zu machen, welche, während des Aufenthalts von Herrn Jefferſon in Paris mit ſeinem Hauſe Verkehr gehabt ha⸗ ben mußten; es war mir leicht, das Geſpräch auf den reichen Americaner zu bringen, der ſo bekannt durch ſeine Feten, bei denen ſich zwei Winter hindurch die beſte Geſellſchaft von Paris eingefunden hatte. Folgendes iſt der kurze Inhalt deſſen, was ich von verſchiedenen Perſonen erfuhr. Herr Jefferſon war ein ſchmächtiger, kleiner Mann mit weißen Haaren, von einer wenig einnehmenden Phyſtognomie und mit matten, welken Zügen; er hatte ziemlich gemeine und, beſonders gegen die Frauen, ſelt⸗ ſam vertrauliche Manieren; doch ſein Alter machte, daß man dieſe Vertraulichkeit duldete, und dann ver⸗ ſchanzte er ſich immer dahinter, daß er die franzöſi⸗ ſchen Gebräuche nicht kenne; im Uebrigen hielt man ihn für einen im Grunde guten, obgleich lächerlich prahleriſchen Menſchen. Seine Landsleute, welche er nie zu ſeinen Féten einlud, und gegen die er eine Ab⸗ neigung zu haben ſchien, beſchuldigten ihn einer Menge von Abſcheulichkeiten, um ſich für ſeine Geringſchätzung zu rächen. Seine Föten waren glänzend, und er gab die beſten Diners von Paris. Frau Jefferſon, eine übrigens reizende Dame, wußte durchaus nicht die Hon⸗ neurs eines großen Hauſes zu machen; man hielt ſie für einfältig, denn man konnte ihr nicht drei Worte hinter einander entreißen. Einige Merveilleur hatten ſich mit ihr beſchäftigen wollen, da ſie aber Niemand am Morgen empfing, ſo mußten ſie auf ihre Pläne verzichten. Die Salons von Herrn Jefferſon waren dreimal in der Woche des Abends geöffnet, nach vortrefflichen Diners, zu denen er immer fünfundzwanzig bis dreißig 229 Perſonen von der beſten Geſellſchaft einlud; er hatte die ſonderbare Gewohnheit bei ſeinen Diners, ſeine Frau neben ſich auf ſeine Linke zu ſetzen, ſtatt ſie nach der allgemeinen Sitte ſich gegenüber ſitzen zu laſſen. Außer dieſen prunkhaften Empfangstagen war die Thüre von Herrn Jefferſon für Jedermann ſtreng ver⸗ ſchloſſen; man kannte keinen vertraulichen Umgang von ihm; er galt auch für ein Original. So fuhr er, ob⸗ gleich er die ſchönſten Equipagen von Paris beſaß, im Fiacre ſehr früh am Morgen mit ſeiner Frau àus und kam erſt zu einer vorgeruckten Stunde der Nacht zurück, ohne daß man eine Vermuthung hatte, wohin ſie ſich ſo Beide begaben. Er war indeſſen ein ſehr auter Katholik und hörte pünktlich die Meſſe in der Kapelle ſeines Hotels. Der Ruf von Frau Jefferſon war nie durch die leichteſte üble Nachrede angetaſtet worden, aus dem vor⸗ trefflichen Grunde, weil Niemand behaupten konnte, fünf Minuten allein mit dieſer ſchönen Perſon geplau⸗ dert zu haben, — nicht einmal in ihrem Salon unter zweihundert Eingeladenen. Nie tanzte ſie, und ebenſo wenig verließ ſie, ſo lange der Ball dauerte, ein beim Kamin ſtehendes Canapé, auf das ſich die ankommen⸗ den Damen für einen Augenblick an ihre Seite ſetzten; hier begrüßten ſie auch die Männer. Sie machte ſehr wenig Beſuche, immer in Geſellſchaft von Herrn Jef⸗ ferſon, und ſprach keine zwanzig Worte; man nahm allgemein an, nachdem ſie ſich dieſem reichen Greiſe geopfert, der übrigens, trotz ſeiner Bizarrerien, viel Zuvorkommenheit gegen ſeine Frau zu haben ſchien, er⸗ fülle ſie auf eine redliche, würdige Art ihre Pflichten. Endlich ſagte man, ſeitdem ſie, Witwe geworden, nach Paris zurückgekehrt, lebe ſie in gänzlicher Eingezo⸗ genheit, pflege ſie mit Niemand ümgang, als mit Frau von Montbriſon, dieſer ſo allgemein und ſo hoch geachteten Dame, und ſie könne nur eine vollkommen ehrbare und fromme Frau ſein. Die Einen dach⸗ 230 ten, Frau Jeſſerſon werde am Ende das religiöſe Le⸗ ben ergreifen, wohl gar in ein Kloſter gehen, und der Kirche das große Vermögen vermachen, das ihr Gatte ihr ohne Zweifel hinterlaſſen habe; Andere verſicherten im Gegentheil, angelockt durch die Reize der ſchönen Witwe und das Vermögen, das man bei ihr vermu⸗ thete, haben der Herzog von **½ und der Graf von **, zwei Freunde von Frau von Montbriſon, Beide ſehr reich, jung und vortrefflich geſtellt in der Geſellſchaft, die Marquiſe gebeten, Frau Jefferſon Heirathsanträge zu machen, die ſie ausgeſchlagen; wieder Andere be⸗ haupteten endlich, der reiche americaniſche Banquier habe ſich von einem ſchmutzigen Undank gegen ſeine Witwe gezeigt und ihr nur ein beſcheidenes Auskom⸗ men geſichert. Das iſt der kurze Inhalt deſſen, was ich heute durch die Erkundigungen erfahren habe, die ich in meh⸗ reren Häuſern und bei mehr oder minder gut unter⸗ richteten, aber vollkommen unintereſſirten Perſonen ein⸗ ezogen. Pieſe Nachrichten ſind im Ganzen zum Vortheile von Ceſarine; ihr Ruf iſt vor jeder Antaſtung geſchützt geblieben; die gehäſſigen Verleumdungen, zu deren Echo ſich, ohne Zweifel ohne ihr Wiſſen, Herr Gode⸗ froid und der Secretaire der Geſandtſchaft der Ver⸗ einigten Staaten gemacht, hatten nach dem, was ich erfahren, keine andere Urſache, als die von Herrn Jefferſon an den Tag gelegte Verachtung gegen ſeine Landsleute, die er nicht zu ſeinen Féten einlud, wo⸗ nach dieſe, um ſich zu rächen, abſcheuliche Beſchuldi⸗ gungen gegen ihn erſannen. Er war ein wunderlicher, etwas gemeiner Menſch, im Uebrigen aber ein guter Mann, der ſeine religiöſen Pflichten pünktlich erfüllte. Es iſt alſo ein Abgrund von namenloſer Infamie zwi⸗ ſchen dieſem Portrait und dem, welches mir Herr Gode⸗ froid vom Gatten von Ceſarine entworfen hatte. Ohne Zweifel glaubte dieſe aus Dankbarkeit in meinen Au⸗ 231 gen die Tugenden des Mannes, den ſie als ihren Wohl⸗ thäter betrachtet, übertreiben oder ſeine Fehler bemän⸗ teln zu müſſen; dieſer unſchuldige Betrug iſt aber ein neuer Beweis von der Vortrefflichkeit des Herzens von Ceſarine. Hat ſie nicht endlich die Bewerbungen des Herzogs von * und des Grafen von *, welche Beide Freunde von Frau von Montbriſon, zurückweifend zwei bedeu⸗ tende Heirathen ausgeſchlagen? Wenn aber ſo ehren⸗ werthe Männer um die Hand von Ceſarinen geworben haben, ſind meine Skrupel nicht wahnfinnig? Und nun zittere ich nicht mehr bei dem Gedanken, daß zur Stunde, wo ich dieſe Zeilen ſchreibe, Ceſarine eine Unterredung mit Madame Raymond hat; nicht mehr mit Bangigkeit, ſondern mit einer ungeduldigen Hoffnung erwarte ich morgen, um den Eindruck der Muiter von Jean auf Frau Jefferſon kennen zu lernen. XVI. Ungeduldig, das Reſultat der Zuſammenkunft von Ceſarine und Madame Raymond zu erfahren, begab ich mich um neun Uhr zu dieſer. Ich berichte wort⸗ getreu unſere Unterredung; die Reflexionen, die Ent⸗ ſchließung, die ſie mir eingegeben, werden ſpäter folgen. „Madame, Sie haben Frau Jefferſon geſehen? Madame Raymond. „Ja, doch ehe wir unſer Geſpräch fortſetzen, eine Frage, Herr Dupleſſis .. Nach dem, was Sie mir geſtern geſagt haben, kennen Sie dieſe Dame ſeit lan⸗ ger Zeit? Ich. „Allerdings. 232 Madame Raymond. „Sie haben ein vollkommenes Vertrauen zu ihr, da Sie derſelben Ihren zu geben gedenken? „Gewiß, Madame; indeſſen .. Madame Raymond. „Erlauben Sie Nicht wahr, keine Handlung, kein Umſtand konnten bis jetzt in Ihrem Geiſte den geringſten Zweifel über die Redlichkeit ihres Charak⸗ ters erregen? Ich. „Nein, Madame Ich ſage noch mehr: geſtern habe ich mehrere Perſonen von meiner Bekanntſchaft beſucht, welche zu der Geſellſchaft von Herrn und Frau Jefferſon während ihres Aufenthaltes in Paris gehör⸗ ten. Dieſe Perſonen zeigten ſich einſtimmig in dem Punkte, „es habe nie die leichteſte üble Nachrede den Ruf von Frau Jefferſon angetaſtet.““ Madame Raymond. „Nichts kann ehrenvoller für ſie ſein, als dieſes einſtimmige Zeugniß. 5 Ich. „Und es kann auch nichts ſo ſehr verdient ſein. Madame Raymond. „Ich glaube es . doch ich bedurfte einer Auf⸗ klärung hierüber. 5 „Noch füge ich bei. . . Ich weiß nicht, Madame, ob Sie den Namen der Frau Marquiſe von Montbriſon kennen? Madame Rahmon „Ja, obgleich ſie zu einer Geſellſchaft gehört, mit der ich keinen Umgang habe; doch die Perſon, die mit mir von ihr geſprochen, flößt mir einen unbeſchränkten Glauben ein. 3 „Und was hat man Ihnen von der Marquiſe geſagt? 233 Madame Rahmond. „Es iſt, wie man mich verſichert hat, und ich be⸗ zweifle es nicht, denn ich habe großes Vertrauen zu dem über ſie gefällten Urtheil, es iſt eine Frau von edlem Herzen, von vortrefflichem Geiſte und von einer ſehr erhabenen Sinnesart. Ich. „Nun denn! die Marquiſe willigt ein, Frau Jefferſon als Mutter zu dienen und ſie an ihrem Hoch⸗ zeittage zum Altare zu begleiten. Madame Rahmond. „Frau von Montbriſon? „Ja, Madame. Madame Raymond. „Sie ſind deſſen ſicher? Ich. „Die Marquiſe hat mir die Ehre erwieſen, mir ſelbſt zu ſagen, „ſie ſchätze ſich glücklich, Frau Jeffer⸗ ſon als Mutter zu dienen, um ihr ſo einen in die Au⸗ gen fallenden Beweis von ihrer Achtung und Freund⸗ ſchaft zu geben.““ Das ſind ihre eigenen Worte. Madame Raymond. „Herr Dupleſſis, nach dem, was Sie mir mitthei⸗ len, beſonders in Betreff der gegenwärtigen Beziehun⸗ gen von Frau von Montbriſon und Frau Jefferſon, muß ich Ihnen entſchieden erklären: es iſt durchaus nicht meine Abſicht, ein Urtheil über ſie zu fällen .. ſondern ich will Ihnen nur mittheilen, welchen Ein⸗ druck ſie bei mir hinterlaſſen hat. Ich. „Urtheil oder Eindruck, Madame, das wird für mich daſſelbe ſein. Madame Raymond. „Es würde mir ſehr leid thun, wenn es ſo wäre. Ich. „Warum dies, Madame? 234 Madame Raymond. „Ein Urtheil .. angenommen, es ſei nicht irrig ſetzt das tiefe Studium eines Charakters, eine Schätzung gegründet auf die Kenntniß gewiſſer That⸗ ſachen voraus, nicht wahr? 3 „Allerdings, Madame. Madame Raymond. „Ein Eindruck iſt von ganz anderer Natur; der Inſtinct, die Sympathie, oft nicht minder unwillkür⸗ lich, nicht minder trügerifch als das entgegengeſetzte Gefühl, genügen, um uns einen erſten günſtigen oder ungünſtigen Eindruck zu geben, der ſpäter oft völlig Lügen geſtraft wird durch die genaue Kenntniß der Per⸗ ſon, über die man ſich gönſcht hat. Ich⸗ „Madame, mir ſcheint, es liegt eine gewiſſe Spitz⸗ findigkeit in dieſer Unterſcheidung. Madame Raymond. „Nein, dieſe Unterſcheidung iſt ſehr wichtig, Herr Dupleſſis, und ich beharre dabei, weil ich mir in mei⸗ nem Leben nicht erlaubt habe, leichtſinnig ein Urtheil zu fällen oder eine Anſchuldigung gegen irgend Jemand zu erheben . Glaubte ich Jemand meine Achtung ſchenken oder entziehen zu müſſen ſo gab ich keiner Hinreißung nach, ſondern ich handelte offenkundigen, erwieſenen Thatſachen gemäß; und beging ich unglück⸗ licher Weiſe einen Irrthum, ſo hatte ich doch wenig⸗ ſtens das Bewußtſein, mich redlich getäuſcht zu haben . „Ich bin hievon überzeugt, Madame, und .. Madame Rahmond. „Erlauben Sie mir, Herr Dupleſſis, die Sache iſt ſehr ernſter, ſehr zarter Natur; es handelt ſich um Ihre Zukunft, um die von Frau Jefferſon, und ich würde es grauſam bedauern, wenn ich denken müßte, um der Harinäckigkeit Ihres Vertrauens zu mir zu 235 entſprechen, habe ich mich der Gefahr ausgeſetzt, Ihnen vielleicht durch eine falſche Auslegung meiner Worte eine Meinung zu geben, welche verſchieden von der, die man ohne Zweifel von dieſer Dame haben muß. Ich. „Was iſt aber denn Ihre Meinung über ſie? Madame Reymond. „Ich ſage Ihnen noch einmal, keine Zweideutigkeit in den Ausdrücken, ſonſt wäre ich genöthigt, dieſes Geſpräch abzubrechen. Es iſt mir nicht erlaubt, eine entſchiedene Meinung über Frau Jefferſon auszuſpre⸗ chen; ich habe eine Stunde mit ihr geplaudert, und wenn Sie durchaus wollen, ſo werde ich Sie von dem Cindrucke unterrichten, hören Sie wohl? von dem Eindrucke, und von nichts Anderem, der bei mir das Reſultat dieſer Zuſammenkunft war. Ich. „Madame, ich begreife die zarte Zurückhaltung Ihrer Worte; ſeien Sie überzeugt, daß ich denſelben keine andere Deutung zu geben ſuchen werde, als die, welche Sie ihnen ſelbſt geben. Madame Raymond. „Dann fahre ich fort .. Ich habe alſo Frau Jef⸗ ferſon geſehen. Ihre vollendete Schönheit ſchien mir Alles zu überſteigen, was mein Sohn mir einſt von ihr ſagte. 6 Ich. „Nicht wahr, fie iſt reizend? Madame Raymond. „Und mehr noch, äußerſt verführeriſch; ſie hat mir auf eine ſehr liebreiche Art, im Namen der evangeli⸗ ſchen Nächſtenliebe, hundert Louis d'or angeboten, um dem Elend zu Hülfe zu kommen, das wir zu erleich⸗ tern ſuchen; bei dieſem Gegenſtande iſt dann die Un⸗ terhaltung auf eine ganz natürliche Art auf Jean ge⸗ fallen, und in Beziehung auf ihn hat ſie alle Coquet⸗ terien, alle Schmeicheleien entwickelt, welche zum Her⸗ 236 zen einer Mutter gehen müſſen, wenn von ihrem Sohne die Rede iſt; von Jean auf Sie, Herr Dupleſſis, war der Uebergang einfach; Frau Jefferſon theilte mir Ihre Heirathspläne mit; ſie fügte bei, „ſie wiſſe, welche Hochachtung Sie für mich hegen und mit welchem Wohl⸗ wollen ich Sie beehre (das find ihre Worte), und ſie würde ſich ſehr glücklich ſchätzen, mein Wohlwollen auch zu erlangen und zu verdienen.““ Alles dies wurde in vortrefflichen Ausdrücken, mit unendlich viel An⸗ muth, Tact und Maßhaltung geſagt .. Ich. „Aber dann, Madame, muß Ihre Meinung oder vielmehr Ihr Eindruck .. Madame Rahymond. „Verzeihen Sie ich bitte, laſſen Sie mich vollenden .. . Frau Jefferſon hat mich auch nicht un⸗ wiſſend darüber gelaſſen, daß ſie ſeit langer Zeit und vor ihrer zweiten Ehe Neigung für Sie gefühlt; doch ihre Pflichten als Gattin, ihre religiöſen Grundſätze (Cſie legte einen außerordentlichen Nachdruck auf dieſe religiöſen Grundſätze), haben ſie immer vor einer ſtrafbaren Hinreißung geſchützt; ſie fragte noch, ob ich nicht eine Garantie des Glückes für Sie Beide im rich⸗ tigen Verhältniſſe Ihres Alters, in der Uebereinſtimmung Ihrer Neigungen, Ihrer Charaktere, in Ihrer gegen⸗ ſeitigen Lebenserfahrung und in der Beharrlichkeit die⸗ ſer ſo lange bekämpften Liebe ſehe; ich erwiederte Frau Jefferſon, was ich Ihnen ſchon geſagt habe, Herr Du⸗ pleſſis: die genaue, vertraute Kenntniß, die Sie von einander haben müſſen, ſcheine mir in der That beinahe ſichere Chancen des Glückes zu bieten; abermals auf ihre religiöſen Grundſätze zurückkommend, ſagte ſie end⸗ lich, ſie werde darin die Gewißheit finden, ſich ebenſo tadellos in ihrem Benehmen, als zart nachſichtig ge⸗ gen das Ihrige zu zeigen, ſollten Ste, gegen ihre ge⸗ rechte Hoffnung, ſpäter einer von jenen Verirrungen nachgeben, die eine ehrbare Frau immer nicht zu wiſſen 237 ſcheinen müſſe, aus Achtung für ſich ſelbſt und für den Mann, deſſen Namen ſie führe; ich vergaß . und das fällt mir nun wieder ein ich vergaß, daß ſie im Verlaufe unſerer Unterhaltung mehrere Male von Herrn Jefferſon mit ebenſo großer Verehrung, als Dankbarkeit ſprach, und daß ihr die Thränen in die Augen traten, ſo oft ſie ſeinen Namen nannte. Dann ſchloß ſie unſer Geſpräch mit den Worten, die ich Ih⸗ nen Sylbe für Sylbe wiederholen kann: „Jeden Tag, Madame, erhebe ich meine Seele zu Gott, um ihm für die Wohlthaten zu danken, mit denen er mich ſeit einiger Zeit überhäuft hat . .. Ich werde ihm heute einen neuen Dank darzubringen haben, denn heute, Madame, iſt mir die Ehre zu Theil geworden, Sie kennen zu lernen.““ Dies war, kurz gefaßt, der In⸗ halt meiner Unterredung mit Frau Jefferſon.“ Ich. „Dieſe Unterredung hat indeſſen, das iſt mir un⸗ zweifelhaft, wenn ich nach Ihren erſten Worten ur⸗ theile, für Frau Jefferſon keinen völlig günſtigen Ein⸗ druck bei Ihnen hinterlaſſen? Madame Rahmond. „Herr Dupleſſis, Sie begreifen nun, mit welcher Zurückhaltung ich Ihnen antworten muß, und wäre es vor Allem nur wegen der großmüthigen Handlung die⸗ ſer Dame zu Gunſten derjenigen, welche ſie, auf Ihre Empfehlung, im Namen der evangeliſchen Nächſtenliebe zu unterſtützen die Güte gehabt hat. Ich. „Was das betrifft, Madame, hundert Louis d'or ſind nichts für Frau Zefferſon, und .. Madame Rahmond. „Hundert Louis d'or ſind aber viel für die Fa⸗ milien, deren Leiden dieſe Summe erleichtern wird! Hienach ermeſſe ich meine Dankbarkeit für ihre Wohl⸗ thäterin; ſodann hat Frau von Montbriſon, deren Urtheil in meinen Augen ſehr ſicher und ſehr ernſt iſt, 238 lange Umgang mit Frau Jefferſon gehabt und muß ſie vollkommen ſchätzen, da ſie einwilligt, ihr als Mutter zu dienen. c Ich. „Madame, ich habe Sie mit tiefer Aufmerkſam⸗ keit angehört; finden Sie, Frau Jefferſon etwas vor⸗ zuwerfen, mag es hinſichtlich der von ihr geſpro⸗ chenen Worte oder der während der Unterredung, die Sie mir mitgetheilt, ausgedrückten Gefühle ſein? Madame Raymond. „Ich finde ihr durchaus nichts vorzuwerfen, wenn nicht eine leichte Affectation von Frömmigkeit und den etwas pomphaften Redeſchluß, in welchem mir Frau Jefferſon erklärte, „ſie werde Gott danken, daß ſie mich habe kennen lernen. «“ Ich. „Wie alle Neubekehrte, übertreibt ſie vielleicht ein wenig ihren religiöſen Eifer. Madame Rahmond. „Ah! ſie iſt eine Neubekehrte? Ich. „Während ihrer erſten Ehe hatte ſie keine ſehr entſchiedene religiöſe Grundſätze. Erſt kurze Zeit vor ihrer Verbindung mit Herrn Jefferſon wurde ſie vom Glauben berührt; Sie werden aber zugeben, Madame, daß, ſelbſt eine gewiſſe religiöſe Uebertreibung bei einer Frau angenommen, dieſe Uebertreibung nur vortreff⸗ liche Reſultate aus dem Geſichtspunkte der Pflichten einer Gattin zu haben vermöchte .. Madame Rahmond. „Ich liebe die Uebertreibung in keiner Hinſicht; ſie iſt zuweilen ein Zeichen von Schwäche oder von Doppelzüngigkeit. Bemerken Sie wohl: ich ſage zu⸗ weilen, und ich bin weit entfernt, dieſe Worte auf Frau Jefferſon anzuwenden; ich will ſie gern zu den zahlreichen Ausnahmen rechnen und wie Sie denken, ſie laſſe ſich nur durch den Eifer der Neubekehrten hinreißen. 239 Ich. „Ich gebe dies zu; aber, Madame, ich beſchwöre Sie im Namen Ihrer Redlichkeit, ſagen Sie mir offen⸗ herzig, unumwunden, welchen Eindruck bei Ihnen Frau Jefferſon zurückgelaſſen hat. Es verſieht ſich abermals, daß es ein Eindruck iſt . nicht mehr, und vielleicht ſogar ein trügeriſcher, doch wie iſt er? Madame Rahmond. „Dieſe Dame ſchien mir von den beſten Gefühlen beſeelt, nur dünkte es mich manchmal, als ſtünde ihr Ton vielleicht nicht ganz und gar mit dem Gedanken im Einklange, den ſie ausdrückte . . und .. Ich. „Ah! Madame, Sie halten ſie für falſch! für eine Heuchlerin! für eine Lügnerin! Madame Rahymond. „Wahrhaftig, Herr Dupleſſis, es iſt nicht möglich, vernünftig mit Ihnen zu reden, und Sie werden machen, daß ich meine Nachgiebigkeit bereue. Ich. „Ich bitte, Madame, entſchuldigen Sie mich, doch die Sache iſt ernſt, und ich habe ein blindes Vertrauen zu Ihrem Urtheile. Madame Raymond. „Gerade weil die Sache ernſt iſt, gerade weil Sie ein blindes Vertrauen zu meinem Urtheile zu haben behaupten, könnte ich nicht dulden, daß Sie meine Worte ſchlecht auslegten! Ich ſage Ihnen nicht, und ich habe keine Urſache, zu glauben, Frau Jefferſon ſei falſch, heuchleriſch, lügenhaft; ich habe mich ohne Zwei⸗ fel ſchlecht ausgedrückt, und ich will mich einer muſikali⸗ ſchen Vergleichung bedienen, die Ihnen meinen Ge⸗ danken vielleicht verſtändlicher machen wird; mit einem Worte, die Stimme von Frau Jefferſon hat mir nicht immer ganz richtig geſchienen .. wenn ich ſie hörte, emnpfand ich zuweilen jenen Eindruck, den eine leichte Diſſonanz zwiſchen dem Sinne der Worte und der 240⁰ Art, wie ſie betont werden, verurſacht, eine Nuance, welche beinahe nicht bemerkbar, wenn nicht für ein ſehr feines und geübtes Ohr! Nichts mehr, nichts we⸗ niger; begreifen Sie nun, daß es eben ſo unvernünf⸗ tig von Ihnen wäre, aus dieſem Grunde Frau Jeffer⸗ ſon der Heuchelei und der Lüge zu beſchuldigen, als wenn man eine Frau der Falſchheit bezüchtigen wollte, weil ſie nicht immer eine richtige Stimme hätte, oder weil der Ausdruck ihres Geſanges nicht völlig mit dem Gefühle, das ſie wiedergeben will, im Einklange wäre. Ich. „In der That, Madame, ich habe Ihre Worte falſch ausgelegt .. Sie imponirten Fran Jefferſon ungemein, und ihre Unruhe hat ohne Zweifel ſtörend auf ihren Ton eingewirkt. Madame Rahymond. „Das iſt wahrſcheinlich⸗ Ich. „Ich erlaube mir, Sie zu fragen, Madame, rathen Sie mir Frau Jefferſon zu ehelichen, nun, da Sie ſie kennen? Madame Raymond. „Ich wiederhole, Herr Dupleſſis, kann ich die An⸗ maßung haben, dieſe Dame kennen zu wollen, weil ich eine Stunde lang mit ihr geplaudert habe? Ich. „Gehen wir weiter .. . nehmen wir an, Jean ſei an meiner Stelle! Würden Sie nach dem Eindrucke, den Frau Jefferſon bei Ihnen zurückgelaſſen hat, Jean rathen, ſie zu ehelichen? Madame Raymond. „Nein! . .. wenn ich nur nach unſerer geſtrigen Zuſammenkunft urtheilen würde. „Ah! Madame! Madame Rahymond. „Ich füge jedoch ſogleich bei, eine gründlichere 24 Bekanntſchaft mit dieſer Dame würde ohne Zweifel meinen erſten Eindruck modificiren. ch h. „Mein Gott! Madame, in welche gräßliche Un⸗ ſchlüſſigkeit verſetzen mich Ihre Worte! Madame Raymond. „Wie! Sie kennen Frau Jefferſon ſeit langer Zeit, Sie lieben ſie, Sie werden von ihr geliebt, und es ge⸗ nügen ein paar Worte von mir, daß ſich beleidigender Argwohn gegen ſie in Ihrem Geiſte erhebt! ₰ „Ei! Madame, hätte ich ein unbegränztes Ver⸗ trauen zu ihr, ſo würde ich ſie, nicht Ihrer Beurthei⸗ lung unterworfen haben. Madame Raymond. „Herr Dupleſſis, nichts konnte mich bis jetzt ein ſolches Mißtrauen von Ihrer Seite vermuthen laſſen. Ich wiederhole Ihre eigenen Worte: „Ich liebe ſeit langer Zeit Frau Jefferſon, ſie theilt dieſes Gefühl, dieſe Heirath ſcheint mir alle Chancen möglichen Glückes zu vereinigen, es iſt eine würdige und red⸗ liche Frau; ſehen Sie ſie indeſſen, Madame, und wol⸗ len Sie mir dann mittheilen, was Sie von ihr denken.““ „Ja, Madame, das find meine Worte. Madame Raymond. „Sie müſſen alſo ſeit unſerem letzten Zuſammen⸗ ſein ernſten Anlaß zum Mißtrauen gegen dieſe Dame bekommen haben? Ich. „Nicht gerade doch .. Madame Raymond. „Hören Sie mich wohl an: ich habe Sie nicht um vertrauliche Mittheilungen gebeten, ich bitte Sie nicht darum; ich weiß nicht, ob Sie einige von den Lebensvorgängen von Frau Jefferſon vor mir verber⸗ Fernand Dupleſſis. III. 16 242 gen zu müſſen glauben; indeſſen füge ich bef, daß, wenn Sie, wie doch nicht wohl möglich, gerechte Gründe hät⸗ ten, ihr zu mißtrauen, der Eindruck, den ſie bei mir hinterlaſſen hat, ſo wenig tief er iſt, eine ganz andere Bedeutung erlangen würde, da mir dieſer Eindruck trotz des tadelloſen Anſcheins und nach einer Unter⸗ redung von kaum einer Stunde geblieben iſt. Ich. „Ich habe keinen Grund, ihr zu mißtrauen, dieſe Verſicherung gebe ich Ihnen, Madame. Madame Raymond. „In dieſem Falle, da Ihnen die ganze Vergangen⸗ heit der Dame beweiſt, daß ſie bis jetzt eine wür⸗ dige und redliche Frau geweſen iſt, legen Sie kein Gewicht auf mein Gefühl; denn hätten Sie Grund, ihre Aufrichtigkeit, ihre Moralität zu beargwohnen, ſo würde ich Ihnen ſagen: glauben Sie meinem In⸗ ſtinete, meinen Vorgefühlen, die mich dann nicht ge⸗ täuſcht hätten Ueberlegen Sie, überlegen Sie viel, ehe Sie dieſe Heirath ſchließen. Ich. „In welcher Abſicht hätte mich aber Frau Jeffer⸗ ſon hintergehen wollen? Dieſe Verbindung iſt ihr ſehn⸗ lichſter Wunſch; fie liebt mich, deſſen hin ich ſicher, und mein Vermögen iſt ſehr gering im Vergleiche mit dem ihrigen. Madame Rahymond. „Eine Frau kann ſchlimme Leidenſchaften haben, und trotz dem lieben, heirathen wollen; ſie kann ſich verſtellen, ſogar ihr Naturell bändigen, ſo lange ſie durch die Liebe unterjocht iſt! Hernach aber, wenn die Liebe nur eine vorübergehende Illuſion, eine Phantaſie, eine Laune war, wenn die auf kurze Zeit unterdrück⸗ ten Leidenſchaften ſich entfeſſeln, was iſt dann das Leben des Mannes einer ſolchen Frau? Das find zum Glück leere Suppoſitionen, da Sie ein verdientes Ver⸗ trauen zu Frau Jefferſon hegen; wenn nicht, ſo werde ich — 243 Ihre Aufmerkſamkeit noch auf einen ſehr zarten Punkt zu lenken haben. Es beſteht, wie Sie ſagen, ein bedeu⸗ tendes Mißverhältniß zwiſchen dem Vermögen von Frau Jefferſon und dem Ihrigen? „Ja, Madame. Madame Raymond. „Dieſes Mißverhältniß ſcheint mir durchaus ohne Gewicht zwiſchen zwei redlichen Leuten, welche voll Vertrauen, voll gegenſeitiger Achtung und ſtark ſind durch die Aufrichtigkeit ihrer Zuneigung, wie dies bei Ihnen und Frau Fefferſon der Fall iſt; hätten Sie aber den geringſten Zweifel über die Sittlichkeit der Frau bewahrt, die Ihnen ein ungeheures Vermögen in die Ehe brächte, ſo würde Ihnen das allergewöhn⸗ lichſte Zartgefühl geboten haben, eine Verbindung zu verwerfen, welche von feiger Duldſamkeit oder niedri⸗ ger Habgier befleckt ſcheinen könnte. Brauche ich bei⸗ zufügen, Herr Dupleſſis, daß Sie die vollkommene Ehrenhaftigkeit Ihres Charakters über einen ſolchen Verdacht ſtellt? Doch die Welt, in der Sie leben, lä⸗ ſtert, läſtert viel mehr im Müßiggang, als aus Bos⸗ heit, und gewiſſe üble Nachreden trüben zuweilen den Ruf eines Mannes. Gott ſei Dank! dieſe Befürch⸗ tungen ſfind chimäriſch in Beziehung auf Sie. Häite das Unglück gewollt, daß das einſchmeichelnde, ſüß⸗ liche, ehrliche und devote Aeußere von Frau Jefferſon nur ein für den gegebenen Umſtand entlehntes Aeuße⸗ res geweſen wäre, hätte die Maske ſpäter fallen ſollen ſo wäre Ihr Leben eine Hölle geworden. Sie hät⸗ ten den oberflächlichen Leuten kein Mitleid eingeflößt, — denn dieſe wären nach ihrer Meinung berechtigt ge⸗ weſen, zu behaupten, Sie haben dieſe reiche Witwe ihres Geldes wegen geheirathet, und ſie ſelbſt würde Ihnen vielleicht eines Tages dieſen niederſchmettern⸗ den Vorwurf gemacht haben! 16* 244 Ich. „Ah! Madame, dieſer Gedanke iſt gräßlich!“ Orbgleich unter der Form einer Hypotheſe geboten, erſchreckten mich doch die Worte von Madame Rah⸗ mond; ſie ſchienen mein unbeſtimmtes und inſtinct⸗ artiges Mißtrauen, das in dieſem Augenblicke lebhaf⸗ ter als je wiedererwachte, zu beſtätigen. Plötzlich trat Jean bei ſeiner Mutter ein und unterbrach unſer Geſpräch. XVII. Jean Rahmond reichte mir herzlich die Hand und ſagte zu mir: „Meine Mutter hat mir geſtern mitgetheilt, mit welcher Freigebigkeit Frau Jefferſon unſere armen Freunde zu unterſtützen ſo wohlwollend geweſen iſt. Danke ihr in meinem Namen, bis ich ihr ſelbſt dan⸗ fen kann .. . Ich wüßte keine glücklichere Gelegenheit zu finden, um meine Bekanntſchaft mit ihr zu erneuern. Ich. „Ich werde Dein Dolmetſcher ſein, mein Freund; doch Du wirſt Frau Jefferſon nicht ſehen können ſie iſt im Kloſter. Jean. „Wie im Kloſter? Ich. „Sie hat ſich nach dem Heiligen Herzen zu⸗ rückgezogen bis zu ihrem Hochzeittage. Jean. „Ah! ſie verheirathet ſich wieder .. Und mit wem denn? Ich zu Madame Raymond. „Sie haben Jean das Motiv unſerer Unterredung verſchweigen zu müſſen geglaubt, Madame? 245 Madame Rahmond. „Ich wußte nicht, Herr Dupleſſis, ob Sie meinen Sohn bei Ihrem Vorhaben ins Vertrauen ziehen wollten. Jean. „Wie! Du, Fernand, heiratheſt Frau Jefferſon? Ich. „Sprich, Jean, was würdeſt Du von dieſer Hei⸗ rath denken? Jean. „Was ich davon denken würde? I ch. „Ja, Du kennſt ſie; Du haſt ſie oft zur Zeit des armen Hyacinthe geſehen; Du konnteſt beurtheilen, was für eine Frau es war. Jean. „Es war eine reizende Frau, ich habe ſelten eine ſo ausgezeichnete Schoͤnheit gefunden. Ich. „Gut . Doch ihr Charakter? Jean. „Bei meiner Treue, ſehr offenherzig, ſo weit ich ihn beurtheilen konnte. Sie geſtand laut und un⸗ umwunden, ſie ſei gleichſam wie eine Wilde durch eine abſcheuliche Stiefmutter aufgezogen worden, die ſie immer geſchlagen und ihr nicht nach ihrem Hunger zu eſſen gegeben habe; ſie ſagte auch, ohne die enge⸗ liſche Güte von Hyaeinthe, der ſie dieſer Hölle ent⸗ riſſen, wäre ſie ohne Zweifel, wie ſo viele Andere, eine verlorene Creatur geworden .. Madame Raymond. „Herr Dupleſſis, ich wußte nichts von ſolchen Ein⸗ zelheiten, ſie haben in dieſem Augenblick ihre gewich⸗ tige Bedeutung; doch ſage mir, Jean, war damals die Frau Eures Freundes von einer brünſtigen Fröm⸗ migkeit? Jean. „Sie, fromm! Ah! entfernt nicht! unſer armer 246 Hyaeinthe, der auch nicht fromm war, aber, was mehr werth iſt, vorzugsweiſe ſpiritualiſtiſch und in dieſer Eigenſchaft mehr als irgend Jemand durchdrungen von den ewigen Geſetzen des Guten, des Gerechten und der Pflicht, ſtrengte ſich vergebens an, ſeiner Frau begreif⸗ lich zu machen, es ſei nicht Alles Sinn, Appetit und Materie; ſie hatten in dieſer Hinſicht die ſeltſamſten Discuſſionen der Welt .. . denn ſeine Frau ließ nicht ab von dem ſchönen Raiſonnement: „Wenn ich Hun⸗ ger habe, ſo habe ich Luſt, zu eſſen, und ich eſſe . . wenn ich Schlaf habe, ſo habe ich Luſt, zu ſchlafen, und ich ſchlafe; es werden mir folglich alle Philoſophen der Welt nie beweiſen, daß ich Unrecht habe, zu eſſen, wenn ich Hunger habe, und zu ſchlafen, wenn ich Schlaf habe.““ Madame Raymond. „Das ſcheint mir ſehr mit dem beſtändigen An⸗ rufen der Gnade dieſer Dame zu contraſtiren ... Denn, mein Freund, Herr Dupleſſis wird Dir ſagen wie ich, daß heute Frau Jefferſon von einer glühen⸗ den Frömmigkeit iſt. Jean. „Das iſt unmöglich . . J „Jean es iſt ſo der Glaube hat ſie be⸗ rührt. Jean. . „Du ſagſt mir dies mit einem ſo ernſten, ſo über⸗ zeugten Tone, mein guter Fernand, daß ich Dir wohl glauben muß ... Doch das kommt mir ganz teufel⸗ mäßig außerordentlich vor: die Frau von Hyaeinthe fromm „ſie! Ich. „Glaubſt Du, ſie habe je unſerem Freunde An⸗ laß gegeben, ſich über ſie zu beklagen? Jean. „Was das betrifft, nein! Dieſe uncultivirte, glü⸗ . —,— ———— 1— 247 hende, aber, wie ich glaube, redliche Natur mußte mei⸗ ner Anſicht nach viel mehr vor einer Schwäche durch ihre Offenherzigkeit geſchützt werden, als durch die Achtung vor ihren Pflichten, von denen ſie keinen kla⸗ ren Begriff hatte; ſie ſchien mir unfähig, zu lügen oder zu betrügen; ſie hätte vielleicht Hyaeinthe auf eine rohe Art verlaſſen, aber ich denke, ſie würde ihn nicht feige hintergangen haben.“ Dieſes Geſpräch ſpannte mich auf die Folter; Jean hatte in der That Ceſarine gekannt, ehe ich auf eine ſo ſchändliche Art das Vertrauen unſeres Jugendfreun⸗ des mißbraucht; er beurtheilte richtig den Charakter von Ceſarine zu jener Zeit; es bedurſte ſpäter meines laſterhaften Einfluſſes auf ſie, um ſie dahin zu bringen, daß ſie heuchelte und Hyaeinthe betrog, ſtatt gewaltſam mit ihm zu brechen und ihn zu verlaſſen, wie ſie es mir oft vorgeſchlagen; denn die Verſtellung, die Lüge laſteten auf ihr; doch ich hatte dieſe Extre⸗ mität immer zurückgewieſen, weil ich an die Verant⸗ wortlichkeit, an die tauſend Verlegenheiten dachte, die mir ein Aufſehen erregender Bruch zuziehen mußte. Ich fühlte das Falſche meiner Stellung Jean und ſei⸗ ner Mutter gegenüber; ich kam, um ſie um Rath zu fragen, und ich wollte, ich konnte, aus Rückſicht ge⸗ gen das Urtheil der Welt, nicht aufrichtig in Bezie⸗ hung auf die Vergangenheit ſein; wie ſollte ich meine Verbindung mit Ceſarine und den frühzeitigen Tod die⸗ ſes unglücklichen Kindes, der Frucht eines ehebreche⸗ riſchen Verhältniſſes, geſtehen? Ich konnte auch nicht offenbaren, daß ich beinahe völlig ruinirt, und daß die Beharrlichkeit meiner Zweifel unuͤberwindlich war, trotz eines Zuſammentreffens von Thatſachen und Umſtän⸗ den, welche durchaus günſtig für Frau Jefferſon . abgeſehen von dem Eindrucke von Madame Raymond, und ich hätte doch gern haben mögen, daß dieſe mich, wenn ich mich anheiſchig machte, die reiche Heirath zu 248 ſchließen, ſo zu ſagen, in meinen Augen von den Folgen, die ſie haben konnte, freigeſpro⸗ en hätte. Madame Raymond hörte ihrem Sohne mit viel Aufmerkſamkeit zu und ſagte dann: „Herr Dupleſſis, Sie haben mit Ihrem eigenen Willen Jean zur Theilnahme an unſerer Unterredung beigezogen; Sie haben ihn auch um Rath über Ihre Pläne gefragt; wünſchen Sie, daß wir mit ihm über den für Sie ſo wichtigen Entſchluß reden? Ich. „Das iſt mein lebhafteſter Wunſch, Madame, wenn Jean einwilligt. Jean. „Du weißt, Fernand, in welchem Grade mich Alles intereſſirt, was Dich betrifft; doch beim Punkte des Heirathens befürchte ich ein ziemlich ſchlechter und parteiiſcher Rathgeber zu ſein, da ich entſchloſſen bin, Junggeſelle zu bleiben. Madame Raymond. „Mein Sohn, Deine Freundſchaft für Herrn Du⸗ pleſſis, Deine Kenntniſſe gewiſſer Umſtände und Vor⸗ gänge können uns wohl inſpiriren und ſehr nützlich ſein, und einige von Deinen Worten erregen einen ge⸗ wiſſen Argwohn in meinem Geiſte. Jean. „Wie ſo, meine Mutter? Madame Raymond. „Ich hatte Dich ſchon die Frau Eures Freundes ſo beurtheilen und ſchätzen hören, wie Du es nun wieder gethan; ich habe mich auch, und ich ſagte dies ſo eben Herrn Dupleſſis, ich habe mich einer Art von unbeſtimmtem Mißtrauen gegen Frau Jefferſon nicht erwehren können. Deiner Behauptung nach, und Du haſt es mir wiederholt, hatte ſie einen trenherzigen, lebhaften, offenen Charakter; ich erwartete alſo, eine ganz äußerliche Frau zu ſehen; wie groß war mein — — 249 Erſtaunen, als ich in ihr eine behutſame, zurückhal⸗ tende Perſon fand, die ſich bei jedem ihrer Worte be⸗ obachtete, eine zerknirſchte, diserete, beſcheidene, ſüß⸗ liche, einſchmeichelnde Sprache führte, und alle Augen⸗ blicke ihren Glauben, Gott und die Gnade auf den Lippen hatte .. Jean. „Das iſt in der That ein ſolcher Contraſt, meine Mutter, daß er mir, wie Dir, zu denken gibt; ſo⸗ dann .. Doch da fällt mir ein . . . und das ſcheint mir viel ernſter! ſage, Fernand, ſollte mein Oheim zu⸗ fällig mit Dir über Herrn Jefferſon geſprochen haben? Ich. „Ja. Jean. „In welchen Ausdrücken 2 Ich. „In Ausdrücken, die ich vor Madame nicht zu wiederholen vermöchte. Jean. „Fernand hat Recht, meine Mutter; es gibt ſo ſchändliche Sitten, daß man es nicht einmal wagen würde, vor einer ehrlichen Frau nur darauf anzuſpie⸗ len; doch mein Oheim hat Dir ſicherlich nicht mitge⸗ theilt, daß die Reichthümer dieſes Mannes vom Be⸗ truge, vom Wucher herrührten? Madame Raymond. „Wie dieſes Vermögen? Ich. „Madame, zu meinem großen Bedauern muß ich Ihnen ſagen, daß Herr Godefroid, unwillkürlich, durch abſcheuliche Verleumdungen hintergangen worden iſt... Jean. „Mein Freund, glaube mir, mein Oheim iſt ein zu vernünftiger Mann, um je das Echo einer Ver⸗ leumdung zu ſein. 25⁰ Ich. „Ich kann Dir verſichern, daß Herr Jefferſon nicht nur ein Mann von guten Sitten, ſondern auch ein Mann von einer muſterhaften Redlichkeit war! Je a Fernand, wenn Du wüßteſt, mit welcher Aengſtlich⸗ keit mein Oheim alle ſeine Worte abwägt, handelt es ſich darum, eine ernſte Anklage gegen irgend Jemand zu erheben, ſo wäreſt Du, wie ich es bin, überzeugt, daß man Dich hintergangen hat. ½ Ich. „Ich bin vom Gegentheile überzeugt. ꝙ Jean. „Mein Freund, Dein Herz iſt leicht und gut, es widerſtrebt Dir ungemein, das Böſe zu glauben; doch es bleibt eine Thatſache: der Mann, von dem wir reden, hat die öffentliche Entrüſtung durch ſeine Betrügereien und ſeine abſcheulichen Ausſchweifungen dergeſtalt gegen ſich erregt, daß er aus zwei Städten weggejagt wor⸗ den iſt; dieſe Austreibung war offenkundig, und mein Oheim war Zeuge davon. Madame Raymond. . „Mein Sohn, ich habe wie Du ein unbegränztes Vertrauen zu dem Urtheile und der Glaubwürdigkeit meines Bruders; wie kommt es aber, daß Frau Jeffer⸗ ſon geſtern Thränen in den Augen hatte, ſo oft von ihrem Manne die Rede war, über welchen ſie ſich mit einer rührenden Verehrung ausſprach? Das wäre ja eine unglaubliche Heuchelei von Seiten dieſer Dame, und ich zögere um ſo mehr, ſie für fähig zu halten, ſo zu lügen, als Frau von Montbriſon, deren vortreff⸗ liche Sinnesart und ſicheres Urtheil für mich unzweifelhaft ſind, Frau Jefferſon ſo hoch ſchätzt, daß ſie einwilligt, ihr als Mutter zu dienen. Ich. „Jean, Du hörſt Deine Mutter; ſie beſtätigt eine Thatſache. 151 Jean. „Man ſieht jeden Tag, wie redliche Leute hinter⸗ gangen werden; und dann, was ſoll ich noch ſagen .. Alles dies ich bitte beiderſeits meine Derbheit zu ent⸗ ſchuldigen . . Alles dies riecht nicht gut . . . in⸗ deſſen, nicht als ob ich die Frau verantwortlich für die Laſterhaftigkeit des Mannes machen wollte; aber ſiehſt Du, Fernand, es iſt allerdings etwas Ernſtes um eine Heirath, doch es gibt etwas noch viel Ernſte⸗ res: das iſt die Ehre. Ich. „Was meinſt Du damit? Jean. „Nimm eine Vorausſetzung an: Du biſt getäuſcht durch falſche Nachrichten, die Quelle des Vermögens dieſes Mannes hat in der That einen unlauteren Ur⸗ ſprung, Du weißt es nicht, Du heiratheſt ſeine Witwe, ſeine Erbin; machſt Du Dich nicht auf dieſe Art in den Angen Aller zum Theilnehmer an einer Schänd⸗ lichkeit? genießeſt Du nicht, ohne Dein Wiſſen, ich will es glauben, die ſchmählichen Früchte des Betrugs? Und dann eines Tags entdeckſt Du die Wahrheit . .. wie groß wird Deine Reue, Deine Verzweiflung ſein! Bedenke das, Fernand, Du, der Du ſo rechtlich und ſo ehrliebend biſt! Du, der Du vor einiger Zeit einen Beweis von einem ſo ſeltenen Zartgefühle hinſichtlich der Mitgift Deiner Frau gegeben haſt! Ich. „Mein Freund, ich würde mich einer ſolchen Theil⸗ nahme ſchämen, wenn ſie eriſtiren könnte .. doch ich wiederhole Dir, Herr Godefroid iſt getäuſcht worden; der Urſprung des Vermögens von Frau Jefferſon iſt rein. Jean. „Haſt Du einen handgreiflichen Beweis? Kannſt Du mir ſagen: „Jean, ich gebe Dir mein Wort als ehrlicher Mann, es iſt mir moraliſch, materiell erwie⸗ 252 ſen, daß das Vermögen, welches Frau Jeffer ſon beſitzt, auf eine redliche Art erworben worden iſt?“ Oh! wenn Du mir das bei Deiner Ehre ſchwörſt, glaube ich Dir! Ich. „Ich ſage Dir, ich habe eine moraliſche, abſolute Gewißheit doch .. Jean. „ . Doch Du biſt ein zu biederer Mann, um Dein Wort zu verpfänden, während es Dir an materiellen Beweiſen fehlt. Daran erkenne ich Deine Ehrlichkeit; ich glaube auch beharrlich an die Wahr⸗ haftigkeit der Angaben meines Oheims; da er ſich an Ort und Stelle befand und ein Zeitgenoſſe der Thatumſtände war, ſo konnte er nicht getäuſcht werden; doch bei einer ſo ernſten Frage vermöchte man ſich nicht genug Aufklärung zu uſie nicht wahr? Ich. „Gewiß. Jean. „Begib Dich zur Geſandtſchaft der Vereinigten Staaten; die Diplomaten ſind immer ſehr genau über ihre Landsleute unterrichtet, beſonders wenn es ſich um einen Mann handelt, der wegen eines großen Ver⸗ mögens ſehr bekannt iſt; erkundige Dich beim Miniſter und controlire ſo das, was Dir mein Oheim über Herrn Jefferſon mitgetheilt hat. c Ich. „Ich werde dieſen Rath befolgen; doch ich bin zum Voraus feſt überzeugt, daß von zwei Dingen eines ſtattfindet: entweder wird der Miniſter, wie ſo viele Andere, durch die Verleumdung getänſcht worden ſein, oder er wird mir antworten, Herr Jefferſon ſei ein vollkommen ehrlicher Mann geweſen. Ich kenne übri⸗ gens die Urſache dieſer Anſchuldigungen gegen ihn. Während ſeines Aufenthaltes in Paris gab er große Foten, zu denen er nie ſeine Landsleute einlud; hievon 253 ihre Eiferſucht, ihr Haß, hievon die gehäſſigen Ge⸗ rüchte, die ſie über ſeine Sitten, über den Urſprung ſeines Vermögens ausgeſtreut haben. Madame Raymond. „Herr Dupleſſis, wir müſſen Sie zu unſerem großen Bedauern verlaſſen; die Stunde ſchlägt, zu der wir uns nach unſerem Handelshauſe begeben. Wir werden ſpäter, wenn Sie es wünſchen, dieſes Geſpräch wieder aufnehmen. . Alles, was ich Ihnen in dieſem Augen⸗ blicke ſagen kann, iſt, — wenn Sie darauf beſtehen, daß ich Ihnen meinen Rath geben ſoll ... Ich. „Ja, Madame. Madame Raymond. „Nun denn! Sie müſſen zögern, ſehr zögern, dieſe Heirath zu ſchließen, und ſollte Sie Ihre Liebe für Frau Jefferſon dergeſtalt unterjochen, daß Sie auf un⸗ ſern Rath, auf unſere Ahnungen keine Rückſicht neh⸗ men dürften, ſo werden Sie wenigſtens Ihrem gewohn⸗ ten Zartgefühle treu bleiben; Sie werden Ihren gan⸗ zen Einfluß auf dieſe Dame benützen, um ſie zu ver⸗ anlaſſen, Reichthümern zu entſagen, die wir für ſchlecht erworben zu halten nur zu viel Urſache haben; Ihr perſönliches Vermögen wird mehr als genügend ſein, um Ihnen und Ihrer Frau eine anſtändige Eriſtenz zu ſichern. Sie wären, ich bin es überzeugt, Herr Du⸗ pleſſis, empört nur bei dem Gedanken, in irgend einer Hinſicht Gebrauch von dem großen Vermögen zu ma⸗ chen, deſſen Urſprung uns verdächtig ſcheint.“ Nach dieſen Worten ging Madame Raymond auf ein im Zimmer ſtehendes Bureau zu, nahm daraus die zwei Tauſend⸗Franken⸗Billets, die ihr Ceſarine am Tage vorher gebracht hatte, übergab ſie mir und ſagte: „Wollen Sie Frau Jefferſon für ihre großmüthige Abſicht zu Gunſten unſerer Freunde danken aber. .. Ich. Wie, Madame, Sie ſchlagen dieſe Unterſtützung aus? 254 Madame Raymond. „Unſere Sache hat beſonders die vorwurfsfreie Red⸗ lichkeit für ſich, Herr Dupleſſis; wir können nicht ſagen, wie, ich weiß nicht, welcher Deſpot von Rom: „An der unreinen Quelle des Geldes iſt uns wenig gelegen!““ das, welches wir für die Er⸗ leichterung unſerer leidenden Brüder beſtimmen, darf nie befleckt oder auch nur im Verdachte der Befleckung ſein Glauben Sie, unſere Freunde, denen dieſe Un⸗ terſtützung zukommen ſollte, würden unſere Bedenklich⸗ keiten theilen .. Ich. Ah! Madame, Sie ſind grauſam. Jean. „Fernand, die Weigerung meiner Mutter hat nichts Verletzendes für Dich. Die Ehrenhaftigkeit dieſes Ver⸗ mögens iſt für uns nicht erwieſen; können wir, während die Ehre, das Zartgefühl Dir gebieten, den Genuß die⸗ ſer Reichthümer nicht anzunehmen, ein Theilchen da⸗ von für unſere Freunde nehmen? Madame Raymond. „Und endlich, Herr Dupleſſis, ſollten unſere Zwei⸗ fel uns trügen, ſo brauchen Sie uns nur nach einer gründlichen Prüfung der Thatſachen zu ſagen, wie Sie Jean vorhin hiezu aufgefordert hat: „Ich gebe Ihnen mein Wort als ehrlicher Mann, daß mir die Redlichkeit von Herrn Jefferſon materiell bewieſen iſt...““ Ah! dann werden wir dieſe Gabe mit Dank annehmen; bis dahin aber behalten Sie dieſelbe als ein Depot. Ich. „Gut, Madame,“ erwiederte ich, indem ich die zwei Tauſend⸗Franken⸗Billets zu mir nahm, „ich habe die Hoffnung, die Gewißheit, Ihnen zu beweiſen, daß Ihr Verdacht, Ihre Befürchtungen wenig begründet waren. Jean. „Und an dieſem Tage, mein guter Fernand, wirſt Du uns um eine große Laſt erleichtert haben; doch 5 255 glaube unſerem Rathe, und wie meine Mutter Dir ge⸗ ſagt hat: überlege viel, ehe Du Dich durch dieſe Hei⸗ rath bindeſt, bei der wir bis jetzt für Dich keine geni⸗ gende Garantien der Wohlfahrt ſehen.“ XVII. Kaum war ich von Madame Rahmond weggegan⸗ gen, da ließ ich meiner, am Ende unſeres Geſpräches nur mit Mühe verhaltenen, Entrüſtung freien Lauf. Ein Gedanke, der plötzlich meinen Geiſt durch⸗ zuckte, hatte mich errathen laſſen, aus welchen geheimen Motiven Madame Raymond und vielleicht auch Jean iiſch ermahnten, meinen Heirathsplänen keine Folge zu geben. Ja, ich bin feſt überzeugt, dieſe ſtoiſche Frau, dieſe Frau des alten Roms, will ihren Sohn die reiche Witwe des americaniſchen Banquier heirathen laſſen; ihre Millionen würden der re⸗ publicaniſchen Propaganda dienen. Ja, die Skrupel von Jean und ſeiner Mutter in Betreff des von Frau Jefferſon überbrachten Geſchenkes ſind Verſtellung; ſie zielen auf etwas Beſſeres als dies ab, und werde ich, einfältig genug, um ihnen zu glauben, auf dieſe Verbindung verzichtet haben, ſo habe ich darauf zu Gunſten von wem verzichtet? Zu Gunſten von Jean und der Brüder und Freunde. Madame Rahmond iſt fein und liſtig ſie hat ſich wohl gehütet, ihre Schiffe zu verbrennen und mich in den Stand zu ſetzen, eines Tags zu er⸗ ſtaunen, mich zu entrüſten, wenn ich dieſen theuren Zean eine Frau heirathen ſehe, von der man behauptete, ſie ſei meiner unwürdig! 256 Oh! nein, Madame Raymond iſt zu geſchickt, um ſich ſo zu compromittiren. Sie iſt wiederholt und haupt⸗ ſächlich bei Folgendem beharrt: „Sie beabſichtige durchaus nicht, mir über Ceſarine eine entſchiedene Meinung zu geben; es ſei nur ein unbeſtimmter Eindruck hervorgebracht durch beinahe ungreifbare Nuancen, und dieſer Eindruck könne ſogar ſpäter durch eine gründliche Kenntniß des Charakters von Frau Jefferſon Lügen geſtraft werden.“ Allerdings hat ſich dieſer Eindruck etwas ſchärfer herausgeſtellt nach der Ankunft von Jean und gegen das Ende unſerer Unterredung: man hat mir geſagt: „Ueberlegen Sie, nehmen Sie ſich in Acht, prüfen Sie, verſchieben Sie den Zeitpunkt dieſer Heirath, ma⸗ chen“ Sie ſich nicht voreilig verbindlich!“ Ja, und während ich überlege, prüfe, wird Madame Raymond, als eine Frau von Vitteln, zuvorkommen, bei Frau Jefferſon, die ſich durch mein für ſie beleidi⸗ gendes Zögern verlitzt fühlen muß, ſich einſchleichen, ſehr geſchickt die Gereiztheit von Ceſarine benützen, mich in ihren Augen anſchwärzen, ihr meine Zweifel, meinen ſchlimmen Argwohn ſchildern, ihr mittheilen, wie un⸗ glücklich ich meine erſte Frau gemacht habe, und mir zu Gunſten der Republik, wie man zu ſagen pflegt, das Gras unter den Füßen ſchneiden. Eine ſolche Berechnung von Madame Rahmond und Jean wäre aber doch ſchändlich! Offenherzig geſtanden, habe ich, der ich ſie kenne, wie ich ſie kenne, das Recht, ſie einer ſolchen Schänd⸗ lichkeit zu bezüchtigen? Bah! zweimal hunderttauſend Franken Einkünfte der Kaſſe der Brüder und Freunde zugewendet machen viele Bedenklichkeiten verſchwinden Doch gehen wir nicht ſo weit! Jean und ſeine Mutter ſind ganz einfach eiferſüch⸗ tig, mich eine ſo reiche Heirath ſitt zu ſehen, und ſie wollen ſie verhindern. . 257 Mein Gott! Jean und ſeine Mutter ſind ſehr wackere Leute, ganz zuſammengeſetzt aus Heldenſinn und männlichen Tugenden, aber ſie ſind wie die meiſten Sterblichen den Gebrechen des Menſchengeſchlechtes un⸗ terworfen, und der Neid iſt das allgemeinſte, das am meiſten eingewurzelte von dieſen moraliſchen Gebrechen! Ah! bei Gott! ich werde mich nicht durch den Neid von Jean und ſeiner Mutter bethören laſſen, wenn ſie nur neidiſch ſind, und ebenſo wenig ſollen ſie mich durch ihr Schelmenſtück überliſten, wenn ſie mich von dieſer Verbindung in ihrem perſönlichen Intereſſe ab⸗ wendig machen wollen. Ich will auch meine Schiffe verbrennen! Dieſe Zweifel, dieſe fortwährenden Unſchlüſſigkeiten werden für mich eine unausſtehliche Marter. Wie! es liegt in meiner Macht, die reizendſte Frau, die ich gekannt, zu heirathen. . wir lieben uns auf das Zärtlichſte .ſie hat zweimal hunderttauſend Livres Einkünfte, und ich bin unſchlüſſig! Ah! das iſt albern! Was kann mir im ſchlimmſten Falle widerfahren? Ceſarine, ſtatt ein Engel zu ſein, ein Teu⸗ fel iſt? Daß dieſe Ehe, ſtatt der Himmel zu ſein, die Hölle iſt? Nun! ich werde mich den Klauen des Teufels ent⸗ ziehen und aus der Hölle weggehen, das iſt das Ganze; ich werde mich wieder in derſelben Lage befinden, in der ich war, ehe ich Frau Jefferſon wiedergeſehen. Und dann . und dann will ich auf das Weitere denken. Doch, ich ſchwöre bei Gott! ich werde nicht ſo dumm ſein, tauſend Chancen möglichen Glückes möglich. was ſage ich ſichern Glückes unbeſtimm⸗ ten, kindiſchen Befürchtungen zu opfern. Das iſt beſchloſſen: was man auch thun, was man Fernand Dupleſſis. III. 17 258 auch ſagen, was auch geſchehen mag, Ceſarine wird meine Frau. Dies waren meine Gedanken, als ich von Madame Raymond wegging. Ein Zufall ſetzte mich in den Stand, meine Schiffe zu verbrennen. Bei der Unruhe und der Entrüſtung, die ſich mei⸗ ner bemächtigt hatten, als ich Madame Raymond ver⸗ ließ, dachte ich nicht daran, meinem Kutſcher zu ſagen, wohin er mich führen ſollte; er glaubte, ich wolle nach Hauſe zurückkehren, und ſchlug den Weg nach der Rue de Courcelles ein. Ich wurde indeſſen meinen Betrachtungen entzogen, als ich durch den Faubourg Saint⸗Honoré kam und bemerkte, daß mich mein Wagen nach Hauſeführte. Ich zog die Schnur, mein Kutſcher hielt ſein Pferd an, und indem ich mich gegen das Fenſter neigte, das ich niederließ, um meine Befehle zu geben, ſah ich an die Thüre eines ſehr ſchönen Hotels genagelt einen Zettel, worauf die Worte ſtanden: Meublirtes Hotel zu verkaufen oder zu vermiethen. Die Gelegenheit ſchien mir providenziell, um, wie ich ſagte, meine Schiffe zu verbrennen. Ich ſollte Ceſarine erſt am Mittag wiederſehen; ich hatte Zeit, dieſes Hotel zu beſichtigen und, wenn es mir zuſagte, unmittelbar über ſeinen Ankauf zu unter⸗ handeln, um meine Heirath durch dieſen erſten Act ab⸗ zuſchließen. Ich ſtieg alſo vor der Thüre von dieſem Gebäude aus und verlangte, es zu beſichtigen; es war glänzend, ſein großer Garten erſtreckte ſich bis zu den Champs⸗ Elyſées, gegen die ſich eine kleine Gitterthüre öffnete, welche ganz nahe bei einem ländlichen Pavillon, beſte⸗ hend aus zwei auf einer Grotte von Muſchelwerk ru⸗ henden Salons, angebracht war; von großen Bäumen beſchattet, mußte dieſe Retraite im Sommer reizend ſein; die Ausſtattung des Hotels war von einem aus⸗ 259 gezeichneten Geſchmack, von ſeltener Eleganz und bei⸗ nahe neu. Der Zufall bediente mich nach Wünſchen; ich fand flugs eine in allen Punkten paſſende Wohnung, die ich vielleicht lange vergebens geſucht hätte; der Preis die⸗ ſes ganz meublirten Hotels betrug, wie mir der Concierge ſagte, ſiebenmalhundert und zwanzigtauſend Franken. Ich fuhr ſogleich zu dem mit dieſem Verkaufe be⸗ auftragten Geſchäftsmanne, und nach einigen Debatten überließ er mir das Hotel um ſiebenmalhunderttauſend Franken; ich gab ihm eine Zeile an den Notar von Frau Jefferſon und bat ihn, ſich noch an demſelben Tage mit dem Kaufvertrage zu beſchäftigen; dann eilte ich, von einer Art von fieberhaften Aufregung ergriffen, zur Stunde, wo ich erwartet wurde, nach dem Kloſter vom Heiligen Herzen. Bald kam Ceſarine, wie am vorhergehenden Tage, in's Sprachzimmer in Begleitung einer Nonne, die, da ſie ſich nicht entfernte, unſere Unterredung hören konnte. „Haben Sie Madame Raymond geſehen?“ Das waren die erſten Worte von Ceſarine. „Ja, Madame,“ erwiederte ich, denn die Gegenwart der Schweſter gebot mir eine große Zurückhaltung, ob⸗ gleich unſere Heirathspläne ohne Zweifel im Kloſter bekannt waren; „ich habe Madame Raymond geſehen, und ſie denkt wie wir in Betreff des Bewußten.“ „Ich ahnete dieſes Reſultat nach der Unterredung, die ich geſtern mit ihr hatte. Das iſt eine Frau von edlem Charakter und ſeltenem Geiſte; ich weiß Ihnen ropret Dank, daß Sie mich ihre Bekanntſchaft machen ießen.“ „Als ich von Madame Raymond wegging, beſich⸗ tigte ich ein ganz meublirtes Hotel, das Ihnen, wie mir ſcheint, ſicherlich anſtehen wird; es liegt in der Rue du Faubvurg Saint⸗Honoré.“ „Alles, was Ihnen anſteht, wird mir anſtehen, 260 ziehen Sie nur ihren Geſchmack zu Rathe: er wird, wie geſagt, immer der meinige ſein.“ „Heute noch werde ich für das Aufgebot Sorge tragen. . Späteſtens in vierzehn Tagen alſo ſind alle unſere Wünſche erfüllt.“ „Ja .. Gott ſei Dank. ſie werden es ſein . Wollen Sie Herrn Turpin bitten, Ihnen die für die Bekanntmachung des Aufgebots nöthigen Papiere zu übergeben .. er beſitzt ſie.“ „Gut, Madame.“ Und leiſe, mit leidenſchaftlichem Tone, fügte ich bei, indem ich mich dem Gitter näherte: „Ah! Ceſarine, welche Ueberwindung koſtet es mich, ſo kalt von dieſer Verbindung zu reden, die mich ſchon im Gedanken allein berauſcht!“ „Fernand, mein Freund, ich bitte Sie, laſſen Sie uns laut ſprechen,“ erwiederte ſie mit ſchwacher, bewegter Stimme. Dann wich ſie ein paar Schritte vom Gitter zu⸗ ruͤck, um jeden Verſuch eines leiſen Geſpräches von mei⸗ ner Seite unmöglich zu machen. Fortan ohne alle Bedeutung, da die Nonne ſie hören konnte, dauerte unſere Unterredung ungefähr eine halbe Stunde, dann entfernte ich mich. Bei dem aufgeregten Zuſtande, in dem ich mich be⸗ fand, betrachtete ich es als ein großes Glück für mich, daß ſich Ceſarine in den Schvoß eines Kloſters zurück⸗ gezogen hatte. Hätte ich ſie jeden Tag wiedergeſehen, in der Hin⸗ gebung des vertrauten, innigen Verkehrs, mit aller An⸗ ſtrengung, wie früher, bemüht, in der tiefſten Tiefe ihres Herzens zu leſen, ſo wäre ich abermals dieſen Zweifeln, dieſen Schwankungen preisgegeben geweſen, die mich quälten, und denen ich um jeden Preis durch einen unerſchütterlichen Entſchluß entgehen wollte. Als ich das Kloſter verließ, ging ich, da ich mich immer mehr zu meiner Heirath durch Handlungen ver⸗ — 261 bindlich zu machen wunſchte und mich auch über die Reflerionen betäuben wollte, die mich abermals unwill⸗ kürlich auf eine dumpfe Weiſe erfaßten, ging ich, ſage ich, zu meinem Pferdehändler, zu meinem Wagenfabri⸗ eanten, zu meinem Juwelier, und machte bei dieſen Leuten bedeutende Ankäufe und Beſtellungen, die am erſten Tage nach meiner Hochzeit mit Ceſarine gelie⸗ fert werden ſollten; um endlich nicht einen Augenblick mit mir allein zu bleiben, ſpeiſte ich in meinem Club zu Mittag. Alles dies erfährt man in Paris, und Alles dies erfährt man mit einer unglaublichen Schnelligkeit. Das Gerücht von meiner Heirath war, ohne Zwei⸗ fel von einigen Freunden von Frau von Montbriſon verbreitet, die Tagesneuigkeit im Club; man übertrieb noch, nach der Gewohnheit, das ſchon bedeutende Ver⸗ mögen der jungen und ſchönen Witwe des americani⸗ ſchen Banquier. Ich empfing die Glückwünſche meiner Freunde, und um mich fortwährend und immer mehr verbindlich zu machen, nahm ich dieſe Glückwünſche offen an und ver⸗ ſicherte, die Hochzeit werde in vierzehn Tagen ſtatifinden. Es ließ ſich leicht von mir wahrnehmen, daß ich viel Neid erregte; man gerieth in Extaſe über mein glückliches Lvos; ich war unter einem herrlichen Geſtirne Alles begünſtigte mich n. ſ. w. Dieſe Glückwünſche entzückten mich. Ich verließ den Club mehr als je entſchloſſen, Frau Jefferſon zu heirathen; dann kehrte ich nach Hauſe zurück, und hier habe ich ſo eben die letzten Zeilen meines Tagebuchs, wenigſtens was die Gegenwart betrifft, geſchrieben. Ich täuſchte mich entſchieden über den praktiſchen Nutzen dieſes Tagebuchs; ſo mir allein gegenüber, ſuchte ich unabläſſig meine Gedanken und die der Andern zu erfor⸗ ſchen, zu ergründen, zu analyſtren, und ich fiel in einen Ab⸗ 262 grund von Zweifeln und Widerſprüchen, in welchem ich 122 Sn Belieben meiner Empfindungen von jedem Tage webte. Hievon meine fortwährenden Unſchlüſſigkeiten Gott ſei Dank! dieſe haben aufgehört, und ich heirathe Ceſarine. Nichtsdeſtoweniger werde ich dieſes Tagebuch als ein Andenken, als einen Vertrauten der Vergangenheit aufbewahren; doch ich glaube nicht, daß ich fortan noch eine Zeile nach folgender beifüge: „In vierzehn Tagen heißt Frau Jeffer⸗ ſon Madame Dupleſſis.“ S—— S A SEe 9 8