Leihbibliothek ₰ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 „ on Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Ofensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 8 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wr. — Pf. „ . 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der adenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſrattf den darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehea, auch dafür zu ſtehen haben. Fernand Dupleſſis oder Denkwürdigkeiten eines Ghemanns. Von Eugène Sue. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Boller. Vierzehntes bis ſiebenzehntes Bändchen. Stuttgart. Franckh 'ſche Verlagshandlung. 1854. Druck der K, Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. XIX. Ich unterbrach in der That mein Tagebuch, weil es mir bange machte; es war vft der getreue Spiegel meiner Seele, und ich ſah darin mein Gewiſſen ganz Da und vort erleuchtet durch einige Vernunft⸗ ſchimmer, konnte mir dieſes Tagebuch noch die Klippen bezeichnen, in deren Mitte ich mich hartnäckig werfen wollte, geblendet durch das Sieden und Brauſen der Sinne und durch die Habgier. Einer Art von fieberhaften Trunkenheit preisgege⸗ ben, beſchlennigte ich ſo viel als möglich den Voillzug meiner Verbindung mit Frau Jefferſon; jeden Tag ging ich in's Kloſter, um ſie zu ſehen; die Zurückhal⸗ tung, die ich mir während dieſer Beſuche auferlegen mußte, ſteigerte meine Leidenſchaft bis zum Irrſinn. Ich kehrte nicht zu Madame Rahmond zurück, weil ich überzeugt war, ſie habe aus Reid oder aus Berechnung meine Heirath hintertreiben wollen; da ich aber einen ſo gehäſſigen und albernen Vorwurf nicht gegen dieſe edle Frau ausſprechen wollte, ſo ſchrieb ich an Jean und bat ihn, ſeiner Mutter meine tiefe Dankbarkeit für den Rath, den ſie mir, wie er, ju geben die Güte gehabt, auszudrücken, wobei ich ndeſſen geſtand, die Liebe habe die Oberhand über die Vernunft gewonnen, und ich ſei entſchloſſen, Frau Jef⸗ ferſon zu heirathen, jedoch, um mein Zartgefühl zu ſchützen, ohne in Gütergemeinſchaft mit ihr zu treten. Fernand Dupleſſis. MW. 1 2 Am andern Tage, nachdem er dieſen Brief erhal⸗ ten, kam Jean zu mir; ſeinen Beſuch vorherſehend und fürchtend, hatte ich Vefehl gegeben, ihn nicht anzu⸗ nehmen. Er erſchien am zweiten Tage wieder ſehr frühe am Morgen und fand meine Thüre abermals verſchloſſen. Dann ſchrieb er mir einen äußerſt liebe⸗ vollen und verſtändigen Briefz er begriff, während er ſie beklagte, die Heftigkeit meiner Leidenſchaft, denn er kenne, wie er ſagte, ſeit langer Zeit meinen Charakter; er betrübte ſich auch mehr über dieſe neue Hinreißung, der ich nachgab, als daß er ſich darüber wunderte. Doch der Ehrenhaftigkeit meiner Gefühle vertrauend, war er zum Voraus überzeugt, ich habe die Geld⸗ frage bei dieſer Heirath mit meiner gewöhnlichen Zartheit behandelt. Nichtsdeſtoweniger fürchtete er, hinſichtlich dieſer Frage, für mich das Urtheil der Per⸗ ſonen, welche weniger als er von meiner ängſtlichen Ehrenhaftigkeit überzengt wären. Der Brief von Jean ſchloß alſo: „Lebe wohl, mein Freund, möchte die Zukunft die Vorherſehungen meiner Mutter und die meinigen nicht rechtfertigen; mit welchem Glücke werden wir dann die Ueberlegenheit Deines Scharſſinns über den unſerigen anerkennen! Doch was auch geſchehen dürfte, follten Dir je ſchlimme Tage vorbehalten ſein, er⸗ innere Dich unſerer. Ein Wort von Deiner Hand, und wo ich auch ſein mag (wenn ich nicht im Gefäng⸗ niſſe bin), eile ich zu Dir, und Du wirſt meine alte Freundſchaft ſo finden, wie ſie immer geweſen iſt: un⸗ geſchlacht, rauh und ſtreng, wenn es ſich darum han⸗ delt, das zu verhindern, was mir ſchlimm für Dich dünkt aber zärtlich, tröſtend, wiedererhebend, ſtär⸗ kend, wenn das Uebel geſchehen iſt und Du darunter leideſt.“ Die Zuneigung, die Aufrichtigkeit, die Redlich⸗ keit drangen in jedem Worte dieſes Briefes durchz doch ich war ſo unſelig verblendet, daß ich bei mei⸗ — 3 nen beleidigenden Zweifeln gegen Jean und ſeine Mut⸗ ter beharrte. Ich ſchrieb auch an Frau von Meéligny, um ihr mit aller ſchicklichen Behutſamkeit mitzutheilen, daß ich mich verheirathe; ſie dankte mir, ſehr froh, daß ich ihr ſo ein Geſtändniß erſpare, welches immer unange⸗ nehm für den Mann, an den man es richte. Mit anderen Worten; ſie liebe mich nicht mehr, doch ſie werde immer ein gutes Andenken an mich bewah⸗ ren und mich in der Geſellſchaft wie einen alten Freund wiederſehen, u. ſ. w. Das Hotel im Faubourg Saint⸗Honoré wurde ge⸗ kauft durch die Vermittelung von Herrn Turpin, dem Notar von Frau Jefferſon, und im Namen von die⸗ ſer, was mir paſſend ſchien, da dieſer Ankauf vor un⸗ ſerer Verheirathung ſtattfand, ich machte auch keinen Gebrauch von der mir gegebenen Vollmacht, nach Sicht auf Herrn Turpin zu ziehen. Meine beträchtlichen Beſtellungen in Silberzeug, Pferden, Wagen ſollten erſt am Tage nach meiner Hochzeit geliefert und dann bezahlt werden; ich beſchäftigte mich ferner mit der Anwerbung des zahlreichen Perſonals für unſer zu⸗ künftiges Haus, und man ſprach zum Voraus von den glänzenden Féten, die wir im Winter geben müßten. Der Notar wollte mir eines Tages den Entwurf unſeres Heirathsvertrags, abgefaßt nach den Inſtructio⸗ nen von Frau Jefferſon, vorleſen; ich weigerte mich jedoch durchaus, Kenntniß von dieſer Acte zu nehmen, und forderte überdies, daß ſie mir, ſelbſt wenn ich ſie unterzeichne, nicht vorgeleſen werden ſollte. Meine letzten Befürchtungen, meine letzten Zwei⸗ fel ſchwanden vor den täglichen Glückwünſchen, die ich zu meiner nahe bevorſtehenden Heirath empfing; dieſe Glückwünſche wurden mir nicht nur von meinen jungen Freunden vom Club, ſondern auch von manchen Perſonen, welche in der Welt in hoher Achtung ſtan⸗ den, zu Theil. . 4 Der Zeitpunkt unſerer Verbindung wurde auf den 20. November feſtgeſetzt. Die kirchliche Trauung ſollte um zehn Uhr Abends in der Kapelle des Kloſters vom Heiligen Herzen in Gegenwart einer nicht zahlreichen und aus der be⸗ ſten Welt, das heißt, unter den vertrauten Bekannten von Frau von Montbriſon ausgewählten Geſellſchaft ſtattfinden. Anfangs hatten wir, Frau Jefferſon und ich, im Sinne gehabt, die erſten MWonate nach unſerer Hoch⸗ zeit fern von Paris zuzubringen, doch abgeſehen da⸗ von, daß die Jahreszeit ziemlich vorgerückt war, dünkte es mir, daß dieſer Gebrauch, der ſchicklich und begreif⸗ lich, wenn es ſich darum handelt, eine junge Perſon den oft boshaften und indisereten Blicken zu entzie⸗ hen, von denen eine Zeit lang eine Neuvermählte verfolgt wird, es dünkte mir, ſage ich, dieſer Gebrauch könnte, wenn es zwei Perſonen vom Witwenſtande betraf, als eine lächerliche Keuſchheitsübertreibung erſcheinen. Frau von Montbriſon und Ceſarine theilten meine Anſicht; wir kamen überein, daß wir uns unmittelbar nach der Trauungsfeierlichkeit nach unſerem Hotel im Faubourg Saint⸗Honors begeben ſollten, in welches Frau Jefferſon das Mobiliar ihres Schlafzimmers und ihres Betzimmers, worauf ſie einen beſondern Werth legte, bringen zu laſſen mich gebeten hatte; meine Wohnung ſtand mit der meiner Frau durch eine nach ihrem Betzimmer mündende Geheimtreppe in Verbindung; ſie hatte es vorgezogen, im Erdgeſchoſſe zu wohnen, weil an dieſes der große und ſchöne Gar⸗ ten anſtieß; ſie verſprach ſich viel Vergnügen, wie ſie ſagte, von dieſer Promenade, zu der man ebenen Fußes von ihren Zimmern gelangte, und beſonders von lan⸗ gen Stationen, die ſie im Sommer in dem ländlichen Pavillon machen wollte, der im Hintergrunde des Gar⸗ tens bei der kleinen Gitterthüre lag, welche auf die Champs⸗Eliſées füͤhrte. 5 Ich ſah dem 20. November mit großer Ungeduld entgegen; endlich kam dieſer Tag. Am Tage vorher war der Vertrag bei Frau von Montbriſon in ſehr kleinem Ausſchuß unterzeichnet worden, ohne daß ich einen Blick auf dieſe wichtige Acte, die ich ratificirte, hatte werfen wollen; nach die⸗ ſer Unterzeichnung fand die bürgerliche Trauung ſtatt. Zum erſten Male nach vierzehn Tagen ſah ich Frau Jefferſon wieder anders als durch das Gitter des Kloſters; blendender als je, verdoppelte ihre Schönheit meine Berauſchung, und mit Glück und Stolz bemerkte ich, welche Bewunderung bei Allen dieſe verführeriſche Frau erregte. Die Feierlichkeit der Verbindung die ſie ſchloß, verlieh ihren Zügen einen ernſten, geſam⸗ melten Ausdruck, der mich tief rührte; Jedermann be⸗ merkte die Anmuth und die Würde ihrer Haltung, den Takt, die Beſcheidenheit ihrer Worte. Ich konnte nur mit ihr vor den Perſonen reden, welche Zeugen dieſer Ceremonie waren, nach der Frau von Montbriſon ihre Tochter, wie ſie ſagte, zurückführen wollte, und ſie begleitete ſie auch in das Kloſter, wo wir am an⸗ dern Abend um zehn Uhr den hochzeitlichen Segen em⸗ pfangen ſollten. Dieſen ſo ſehnſüchtig erwarteten Tag brachte ich in unſerem Hotel im Faubourg Saint⸗Honoré zu; ich ließ die Salons mit Blumen füllen und befahl, ſie taghell zu erleuchten, als ob wir ein großes Feſt ge⸗ ben würden. Nachdem es Abend geworden war, begab ich mich ins Kloſter vom Heiligen Herzen, und am 20. Novem⸗ ber 1832 Abends um zehn Uhr heirathete ich Frau Jefferſon. Nicht die Habgier allein hatte mich zu dieſer Hei⸗ rath angetrieben, die berauſchende Schönheit von Ceſa⸗ rine machte mich vielleicht noch mehr, als ich es früher geweſen, in ſie verliebt; als ich nach ver Einſegnung meine Frau mit mir in unſer von Blumen balſa⸗ miſch duftendes, von Lichtern funkelndes Hotel zurück⸗ führte, gränzte auch mein Glück an Wahnwitz. Ich wurde in meinen Hoffnungen betrogen. Dieſe ſo leidenſchaftlich erſehnte Nacht war eine Nacht der Thränen, verzweiflungsvoller Betrübniß, toller Wuth und der Verfluchung meiner ſelbſt. Erſte und grauſame Tänſchung! Am andern Tage ſchrieb mir meine Frau folgen⸗ den Brief, den Aurora die Mulattin meinem Kammer⸗ diener übergab: „Heute Nacht haben Sie mich ſehr traurig, ſehr in Verzweiflung verlaſſen, mein zärtlicher Freund; Sie wollten mich weder anhören, noch verſtehen .. „Vielleicht werden Sie die Gewogenheit haben, meinen Brief zu leſen: er wird Ihnen mit wenigen Worten die Gründe einer Veränderung erklären, über die Sie ſo verdrießlich waren⸗ „Seit unſerer erſten Trennung, mein Fernand, und obgleich an Herrn Jefferſon wiederverheirathet, bin ich treu Ihre Witwe geblieben. „Während dieſes langen Witwenſtandes hat ſich meine ganze Liebe für Sie in meinem Herzen concen⸗ trirt; hier hat ſie ſich geläutert durch die Kraft einer anbetungswürdigen Religion, welche die Opfer unſe⸗ rer irdiſchen Leidenſchaften mit götrlichen Hoffnungen bezahlt; meine Liebe hat ſich losgeſchält von dem, was daran Sinnliches warz ich konnte Sie auch ohne zu erröthen vor Gott lieben, der in der Tiefe unſerer ge⸗ heimſten Gedanken lieſt. „Als ich Sie nach Verlauf von mehreren Jahren wiederſah, verſetzten mich einige Rückerinnerungen an eine ſtrafbare Vergangenheit unwillkürlich in Unruhe; Sie ſind Zeuge meiner Gemüthsbewegung geweſenz doch zum Glücke hat mir Gott Gnade erwieſen und mir die Kraft verliehen, daß ich dieſe ſchlimmen d 7 Regungen bändigen konnte; ſeine Gnade hat mich heute nicht verlaſſen, ſie wird mich nie verlaſſen, ich hoffe es, oder vielmehr, ich glaube es, ich fühle es. „Mein Freund, Sie müſſen die ſtrafbare und lei⸗ denſchaftliche Geliebte vergeſſen; Sie müſſen in mir nur noch die Gattin ſehen, der dieſer Titel keuſches Verzichten zur Sühnung der Vergangenheit auferlegt... „Dieſes vernünftige Benehmen wird mir dictirt nicht nur durch das Bedürfniß eines Sühnopfers, ſondern auch durch die Vorſichtigkeit meiner Zuneigung für Sie. „Was Sie meine Schönheit nennen, iſt, wie jede menſchliche Sache, vergänglich; noch einige Jahre, und dieſe Schönheit wird verſchwunden ſein, und mit ihr werden die Entzückungen, die ſie Ihnen heute ver⸗ urſacht, verſchwinden. „Gewöhnen wir uns alſo jetzt ſchon, mein Freund, an die zärtlichen, vertraulichen, ergebenen, aber ernſten, frommen und gerade durch ihre Heiligkeit für immer vor jeder ſchmählichen Hinreißung der Sinne geſchütz⸗ ten gegenſeitigen Beziehungen; in wenigen Jahren würde uns das Alter das gebieten, was ich mir heute von Ihnen erbitte. „Kommen wir dieſer unvermeidlichen Erkaltung zuvor, und wir werden uns große Verrechnungen er⸗ ſparen. „Ich, was mich betrifft, mein Freund, bin, ich wiederhole es, Ihnen, entſchloſſen, unerſchütter⸗ lich entſchloſſen, dieſe Linie des Benehmens zu verfolgen; mein Glaube bezeichnet ſie mir, und in meinem Glauben werde ich, mit Gottes Hülfe, die Stärke finden, nie von dieſem weiſen Wege, deſſen Ziel unſer gemeinſchaftliches Glück iſt, abzugehen. „Ahmen Sie mir nach, mein Freund, bedenken Sie, daß uns jedes Opfer eines Tags angerechnet wird. „Und es wird wohl, wie ich hoffe, dieſer Brief die erſte Wolke, die ſich zwiſchen uns erhoben hat, zer⸗ 8 ſtreuen; dieſe erſte Wolke wird auch die letzte ſein, davon bin ich feſt überzeugt. „Kommen Sie, ich erwarte Sie in meinem Bet⸗ zimmer; Sie ſinden mich darin, den Herrn bittend, er möge Ihnen gute und dauerhafte Entſchlüſſe eingeben. „Ceſarine Dupleſſis.“ Ich war wahnſinnig verliebt; dieſer myſtiſche Brief ließ mir keine Hoffnung, eine Kälte zu beſiegen, die mich nicht minder demüthigte, als in Verzweiflung brachte, denn dieſe Kälte glich einem unüberwindlichen Widerwillen. Seltſames Zuſammentreffen! providenzielle Strafe! Meine Frau führte beinahe dieſelbe Sprache gegen mich, der ich mich einſt bei Albine bediente, um ihre Jugend in Eis zu verwandeln, indem ich ihr unabläſſig wieder⸗ holte: die Liebe habe nichts gemein mit den ſtrengen Pflichten der Ehe. Feſt überzeugt von der unüberwindlichen Hartnäckig⸗ keit von Ceſarine in Betreff des Verzichtens, das ſie ſich in Form einer Sühne auferlegte, mußte ich mich in das Cölibat bei ihr fügen, trotz der Gluth meiner e. Ich ſollte meine Frau jeden Tag in vertrautem Verkehr ſehen, wir würden unter demſelben Dache woh⸗ nen, und ich müßte mit ihr leben, wie gewöhnlich die Ehemänner leben, nachdem ſie zehn Jahre verheirathet ſind, und wann würde das Ende dieſer täglichen Mar⸗ ter kommen? wenn die Schönheit von Ceſarine durch das Alter verwelkt wäre. Sie hatte mich alſo hintergangen? Ihre Unruhe, ihr Erröthen, das Wogen ihres Buſens, Alles war alſo Lüge, wenn ich ſie vor unſerer Verheirathung in die Arme ſchloß? Nein, ſie leugnete nicht das, was ſie ihre ſchlim⸗ men Regunſgen nannte, ſie hatte ſie bekämpft, ge⸗ bändigt; um ſie abermals zu bekämpfen und zu bän⸗ —— „ — 9 digen, rechnete ſie auf ihren brünſtigen Glauben, und ſie täuſchte ſich nicht in ihren Hoffnungen. t Alles war vergeblich! Betheuerungen der zärtlich⸗ ſten Liebe, Bitten, Aufbrauſen, gefolgt von Thränen des Flehens; ich konnte Madame Dupleſſis von ihren Entſchlüſſen nicht abbringen. Sie gab mir übrigens zahlreiche Beweiſe von liebe⸗ voller Zuneigung; ihre engeliſche Sanftmuth verleug⸗ nete ſich nicht, und hätte ich in den rührendſten Zu⸗ vorkommenheiten, in den zarteſten Aufmerkſamkeiten einen Erſatz für meinen Kummer finden können, ſo wäre ich bald getröſtet geweſen; doch weit hievon entfernt, wa⸗ ren die erſten Zeiten dieſer Verbindung eine wahre Tortur für mich! * Ich hatte allen Perſonen meiner Geſellſchaft ange⸗ kündigt, nach unſerer Verheirathung werden meine Frau und ich unſer Haus öffnen und Feéten geben; ich mußte mein Verſprechen halten. Dieſe Félen waren glänzend; Madame Dupleſſis machte die Honneurs ihres Hauſes mit einer vollkommenen Grazie; ihre Schönheit verdunkelte die aller Frauen; Jedermann be⸗ neidete mich um mein Glück. Ach! man wußte nicht, daß, wenn ich wieder al⸗ lein in Geſellſchaft von Ceſarine war, nach dieſen glänzenden Feſten, deren Königin ſie geweſen, ich nach meiner Wohnung zurückkehrte und jie nach der ihrigen! Zuweilen jedoch, wenn ich meine Entzückungen nicht beherrſchen konnte, warf ich mich, trunken vor Liebe, meiner Frau zu Füßen; dann verdüſterte ſich ihr lächelndes Geſicht, es nahm einen Ausdruck eiſiger Kälte an, und ſie ſprach traurig zu mir: „Mein Freund, wenn Sie wüßten, wie ſehr Sie mich betrüben! .. Können Sie denn' nie dieſe ver⸗ gängliche, elende Schönheit vergeſſen, mit der mich der Zufall begabt hat! Oh! ich haſſe ſle, da ſie Ihnen Qualen bereitet. Ich bitte, mein Freund, begnügen Sie ſich mit der ernſten, zärtlichen Zuneigung, die 10 ich für Sie hege, mein ganzes Leben hegen werde, und von der ich Ihnen, meine Gattinpflichten nach meinen beſten Kräften erfüllend, tauſend Beweiſe zu geben ſuche.“ Ich muß zugeſtehen, Madame Dupleſſis zeigte eine ſolche Zurückhaltung, eine ſolche Würde unter den Huldigungen, deren Gegenſtand ſie war, daß ſie nie den leichteſten Vorwand der reizbaren Empfindlichkeit meiner Eiferſucht gab, welche doch ſo mißtrauiſch; außer ein paar Frauen, unter denen die Marquiſe von Montbriſon, die ihr eine zunehmende Freundſchaft bezeigte, empfing Ceſarine Niemand des Morgens; ſollte ſie auf einen Ball oder in eine Soirée gehen, ſo unterordnete ſie immer ihren Willen dem meinigen, z zwar bis auf die Wahl und den Geſchmack ihres utzes. Es ließ ſich nichts Regelmäßigeres, Erbaulicheres denken, als das Leben meiner Frau. Jeden Morgen begab ſie ſich in die Meſſe, entwe⸗ der zu Fuß oder im Wagen; dann kam ſie zurück und ſetzte ſich zum Frühſtück; wenigſtens ein⸗ oder zweimal in der Woche ging ſie aus, um zu beichten, denn ſie communiecirte alle Monate; oft hatte ſie auch lange Unterredungen mit ihrem Beichtvater, einem alten Geiſtlichen, dem ſie, auf meine ſehr willig angehörten Bemerkungen, in ihrem Vertrauen die Stelle des jun⸗ gen Prieſters gegeben, welchen ich vor meiner Verheira⸗ thung zweimal bei ihr getroffen hatte; ihre religiöſen Uebungen und ihre weltlichen Verpflichtungen hielten Ceſarine nicht ab, ihr Haus zu überwachen und eine vollkommene Ordnung darin zu erhalten; wir lebten auf einem ſehr großen Fuße, jedoch ohne tolle Ver⸗ ſchwendung. Die Verfügung über unſer Vermögen blieb ganz mir überlaſſen; war eine Bezahlung zu leiſten, ſo gab ich eine Anweiſung auf Herrn Turpin den Notar, und — 11 er bezahlte nach Sicht; hatte Madame Dupleſſis Geld für ihre Almoſen nöthig, ſo wandte ſie ſich an mich; eines Tags rieth ich ihr, ein paar ſchöne Güter zu kau⸗ fen, ſtatt ihr Vermögen ganz in verkäuflichen Werthen zu behalten; ſie antwortete mir: „Ich könne in dieſer Hinſicht nach meinem Gutdünken handeln, doch es ſcheine ihr, Güter und Häuſer bieten Schwierigkeiten in der Verwaltung und ziehen den Eigenthümern oft Verluſte zu, denen ein Vermögen im Portefeuille nicht ausgeſetzt ſei.“ Dieſe Bemerkung ſchien mir richtig; überdies hatte ich in Folge einer unwillkürlichen Erinnerung an den habgierigen Gedanken, der mich theilweiſe zu dieſer Heirath veranlaßt, einen ſolchen Widerwillen, mich mit den unſer Intereſſe betreffenden Angelegenheiten zu be⸗ ſchäftigen, daß ich nicht weiter auf dieſem Güteran⸗ kaufe, den ich Ceſarine gerathen, beſtand. Was ſoll ich ſagen? hätte ich in meiner Frau die leidenſchaftliche Geliebte von Einſt wiedergefunden, ſo wäre ich der Glücklichſte der Menſchen geweſen; doch, traurig ſeltſame Lage! meine Frau war das Muſter der Gattinnen, man ſchätzte ſie, man ehrte ſie in der beſten Geſellſchaft; Frau von Montbriſon und einige andere Perſonen, deren Urtheil als eine mächtige Autorität galt, wiederholten mir unabläſſig: „Madame Dupleſſis iſt ein Engel!“ Ich genoß endlich alle Vortheile eines ungeheuren Vermögens, nachdem ich mit Schrecken den Abgrund meines Ruins ſich hatte vor mir öffnen ſehen und jeden Tag verfluchte ich wieder dieſe Heirath. Ich ging zuweilen ſo weit, daß ich ausrief: „Wäre meine Frau, ſtatt ein Engel zu ſein, ein Teufel der Heuchelei und hölliſcher Bosheit, ſie hätte das erſchreckliche Geheimniß entdeckt, mich zum un⸗ glücklichſten Menſchen zu machen, indem ſie ſich als die tadelloſeſte Gattin gezeigt!“ Dann, auf dieſe Uebertreibungen, folgte eine Rück⸗ 12 kehr zu den Wirklichkeiten, welche ſchon hinlänglich grauſam für mich waren. „Ceſarine iſt aufrichtig,“ ſagte ich mir, „ihre Frömmigkeit iſt übertrieben, aber achtenswerth; ſie will unſer früheres ſtrafbares Verhältniß durch Opfer ſüh⸗ nen, die ihr vielleicht ſo peinlich ſind als mir ... Doch der religiöſe Glaube unterſtützt ſie, hält ſie auf⸗ recht, bietet ihr unausſprechlichen Erſatz, und der Glaube fehlt mir: daher meine Qualen, meine frucht⸗ loſe Empörung gegen das Unmögliche! ..“ So vergingen acht bis zehn Monate; ſie waren eine der traurigſten Epochen meines Lebens ... Eines Tags aber, als ich endlich erkannte, es ſei kindiſch, gegen das Unmögliche zu kämpfen, ſagte ich mir: „Wozu ſoll es dienen, daß ich in unfruchtbarer Betrübniß die letzten Jahre meiner Jugend verbrauche? Warum ſuche ich nicht das Vergeſſen meines Kummers in den Luſtbarkeiten und erreiche ſo die Reife des Al⸗ ters? Dann wird mir Ceſarine, auch alternd, keine Liebe mehr einflößen, und ich werde in ihr nur noch die zärtlichſte und ergebenſte Freundin ſehen.“ Entſchloſſen, mich über die Gegenwart zu betäu⸗ ben, ſing ich nach und nach mein Junggeſellenleben wieder an, ohne jedoch, aus Achtung vor dem muſter⸗ haften Benehmen meiner Frau, compromittirende Lie⸗ besverhältniſſe zur Schau zu ſtellen; ſie forderte mich übrigens ſelbſt auf, mich von den Qualen zu zer⸗ ſtreuen, deren Urſache ſie zu ihrem Leidweſen ſei; ich gab öfter Männerdiners, von denen ſich Madame Du⸗ pleſſis entfernt hielt, um meinen Gäſten mehr Frei⸗ heit zu gönnen. Ich ließ Pferde rennen; ich pachtete in Rambouil⸗ let die Jagd in einem Theile des Waldes und einen Pavillon, der als Rendez⸗vous diente; ich ließ ihn be⸗ quem meubliren; ich lud gute und luſtige Geſellſchaft ein; einige von meinen Gäſten brachten zuweilen ihre 13 Liebſchaften, Korhphäen der Oper, mit; man ſpeiſte vortrefflich; man ſpielte ein hohes Spiel; die Zeit ver⸗ ging ſehr heiter; allmälig gelang es mir, wie ich es gehofft, durch Zerſtreuungen die Kälte von Ceſa⸗ rine zu vergeſſen; doch nach ungefähr einem Monat dieſer Exiſtenz, deren Belebtheit mir kaum Zeit zum Nachdenken ließ, wurde ich abermals von einem grau⸗ ſamen Schlage betroffen, und nach meiner Gewohnheit bei gewiſſen ernſten Umſtänden vertraute ich meinem Tagebuch das Geheimniß meiner Trübſale. XX. November 1833. Armes Tagebuch! ſtummer Vertrauter meiner Ge⸗ danken; du, der Einzige, mit dem ich ohne Zwang zu ſprechen wage; ich komme zu dir zurück, du treuer Svpiegel von mir ſelbſt, wie man zu einem bewährten zurückkommt, deſſen Aufrichtigkeit uns ver⸗ etzt hat. Kurze Zeit vor meiner Verheirathung, als ich meine Zweifel, meine Befürchtungen in Betreff der un⸗ auflösbaren Verbindung, die ich ſchließen ſollte, in die⸗ ſen unerbittlich wahren, reellen Blättern überſetzt ſah, warf ich ſie fern von mir; ſie ſagten mir: „Nimm Dich in Acht . überlege, die finnliche Liebe und die Habgier berauſchen und verblenden Dich. zHöre auf die unwillkürlichen Ahnungen, auf die unbeſtimmten Bangigkeiten, welche bewirken, daß Du dieſe Heirath zu ſchließen zögerſt. „Höre beſonders anf die Stimme ſicherer und un⸗ eigennütziger Freunde. „Jean und ſeine Mutter wiſſen von den Lebensvor⸗ gängen von Ceſarine nicht Alles, was, Du weißt, und 14 vennoch ermahnen ſie Dich, dieſe Verbindung zu ver⸗ ſchieben: der Inſtinct ihrer Rechtſchaffenheit ihrer Liebe für Dich ſagen ihnen, Frau Jefferſon ſei eine heuch⸗ leriſche, verſchmitzte Perſon, trotz ihres frommen, be⸗ ſcheidenen, zurückhaltenden Aeußeren, trotz der Zunei⸗ gung, mit der ſie Frau von Montbriſon beehrt.“ Ja, die Blätter, die ich ſo eben wiedergeleſen, ſh mir das, und aus dieſem Grunde waren ſie mir äſtig. Ich verſchloß mein Ohr weiſen Warnungen, und ich befürchte, daß ich es immer mehr zu bereuen habe! Sammeln wir unſere Erinnerungen, die Vorfälle dieſes Tages ſcheinen mir gefährlich bezeichnend! Seit langer Zeit durch die Kälte von Madame Dupleſſis, die ſich übrigens als tadelloſe Gattin zeigte, zurückgeſtoßen, hatte ich in den Luſtbarkeiten einige Zerſtreuung für meine Trübſale geſucht. Da ich die Jagd ſehr liebte, ſo pachtete ich, wie geſagt, einen Theil des Waldes von Rambouillet und einen als Rendez⸗vous dienenden Pavillon, den ich meubliren ließ, um meine Freunde hier zu empfangen. Dieſe Einrich⸗ tung, die Gehalte der Jagdaufſeher, der Pachtzins be⸗ liefen ſich auf eine ziemlich bedeutende Summe, unge⸗ fähr auf zwölftauſend Franken; ferner wollte ich kürzlich die Wagenpferde meiner Frau erneuern und kaufte von meinem Pferdehändler ein Paar herrliche Carroſſiers um den Preis von neuntauſend Franken; auch brauchte ich etwas baares Geld für meine Privatausgaben; ich zog alſo nach meiner Gewohnheit nach Sicht auf Herrn Turpin, und zwar mittelſt einer Anweiſung von neun⸗ tauſend Franken, die ich als Zahlung meinem Pferdehändler ſchickte, und beauftragte meinen Kammer⸗ diener Dupin, beim Notar eine weitere Anweiſung von ſechzehntauſend Franken zu erheben, welche zu Beſtreitung meiner verſchiedenen Ausgaben beſtimmt waren: Dupin kam aber bald ohne Geld zurück und meldete mir, Herr Turpin habe von Madame den 15 Vefehl erhalten, nichts mehr z u bezahlen, ohne daß ſie die von mir ausgeſtellte Anwei⸗ ſung unterzeichnet habe. Das iſt noch nicht Alles. Um das Maß der Demüthigung voll zu machen, fügte Dupin bei, in ſeiner Gegenwart habe der Pferde⸗ händler dieſelbe Antwort erhalten, und meine Anwei⸗ ſung, deren Betrag dieſer erheben wollte, ſei zurück⸗ gewieſen worden unter dem Vorwande, meine Frau habe die Anweiſung nicht dunch ihre Unter⸗ ſchrift bekräftigt. Nach meinem erſten Erſtaunen, verurſacht durch dieſe unerwartete Verfügung, welche ſo ganz dem ge⸗ wöhnlichen Zartgefühle von Ceſarine entgegengeſetzt, eine Verfügung, die beſonders auf eine für mich grau⸗ ſam verletzende Weiſe getroffen worden war, da ich durchaus nichts von dieſer für mich unerklärlichen Maßregel gewußt hatte, wollte ich dieſelbe doch noch einem Mißverſtändniſſe zuſchreiben, und ich lief nach der Wohnung meiner Frau, um meine Zweifel aufzuklä⸗ ren; ſie war nicht zu Hauſe. Die Mulattin Aurora antwortete mir, ihre Gebie⸗ terin ſei in der Beichte; ich glaubte etwas Höhniſches in der Phyſiognomie dieſer Perſon zu bemerken, und ſii ſehr gereizt, ſprach ich hart mit ihr; ſie wurde rech. . „Fort!“ rief ich; „Sie werden keine Nacht mehr hier zubringen; ich jage Sie weg!“ Der Zufalt führte den Neger Stephen in den Sa⸗ lon meiner Frau, und als er hörte, ich drohe Aurora, ſie wegzujagen, ſagte dieſer Menſch unverſchämter Weiſe zu mir: ch muß dem Herrn hemerken, daß wir hier bei Madame ſind.“ „Ihr ſeid ein elender Burſche!“ rief ich immer mehr erzürnt; „erfahret, daß Ihr hier bei mir ſeid, und um es Euch zu beweiſen, jage ich Euch fort, wie ich 16 ſchon dieſe Perſon fortgejagt habe . Entfernt Euch Beide .. Ihr werdet nicht eine Stunde mehr hier bleiben!“ „Bevor eine Stunde vergeht, wird Madame zu⸗ rückgekehrt ſein,“ erwiederte mir Stephen, indem er ſich verbeugte, „und Aurora und ich ſind ſicher, Ma⸗ i duldet es nicht, daß man uns aus ihrem Hauſe jagt.“ Nach dieſen Worten ging der Schwakſ mit der Mulattin hinaus. Ich war ganz verblüfft durch die unerwartete Un⸗ verſchämtheit dieſer Leute; bis dahin hatten ſich Beide gegen mich ſo zuvorkommend, ſo ehrerbietig gezeigt, daß ich längſt auf meinen erſten Gedanken, von meiner Frau ihre Entlaſſung zu fordern, verzichtet; dieſer Ge⸗ vanke war mir kurze Zeit vor meiner Verheirathung getommen; ich fürchtete damals den Einfluß, welchen die zwei Dienſtboten auf Frau Jefferſon, bei der ſie ſchon lange im Dienſte, häkten gewinnen können; doch ich hatte dieſem Vorhaben keine Folge gegeben, ſo un⸗ terwürſig und ergeben hatten ſie ſich bis jetzt benommen; mehr noch, ſie hatten es ſich gleichſam zur Aufgabe gemacht, ſich auf das Beſte mit meinem Kammerdiener Dupin zu ſtellen und durch herzliche Zuvorkommen⸗ heiten jene Art von eiferſüchtiger Rivalität zu beſeiti⸗ gen, welche ſo häufig unter Dienſtboten vorkommt, von denen die Einen das Vertrauen des Herrn, die Andern das Vertrauen der Herrin des Hauſes haben; verführt durch das ausgezeichnete Benehmen von Aurora und Stephen, ſagte auch Dupin vft zu mir: „Ich bin meinem Herrn mit Leib und Seele zugethan, weil ich ihm ſeit fünfzehn Jahren diene, doch ich kann Sie verſichern, daß Ihnen Aurora und Stephen eben ſo ſehr als ich ergeben ſind.“ Die plötzliche Unverſchämtheit dieſer zwei vertrau⸗ ten Diener von Madame Dupleſſis ſetzte mich alſo voppelt in Erſtaunen; ſie ſchien mir zuſammenzutreffen 17 mit dem dem Notar ertheilten Befehle, die Bezahlung meiner Anweiſungen zu verweigern. Ich war vieſen peinlichen Reflerionen preisgege⸗ ben, als meine Frau nach Hauſe kam, und da ſie mich in ihrem Zimmer fand, grüßte ſie mich mit dem lie⸗ benswürdigſten Lächeln. Aurora erſchien beinahe in derſelben Secunde, um ihrer Gebieterin Hut und Man⸗ tille abzunehmen; der Anblick der Mulattin verdoppelte meinen Zorn, und ich rief, indem ich mich an Ceſa⸗ rine wandte: „Ich habe dieſe Frau weggejagt .. Sie wird das Haus binnen zwei Stunden verlaſſen!“ „Madame hört?“ verſetzte Aurora mit einem Lä⸗ cheln von ſeltſamer Frechheit, indem ſie meine Frau anſchaute. „Man jagt mich weg und Stephen auch.“ Madame Dupleſſis zuckte die Achſeln, gab ihren Hut und ihre Mantille der Mulattin, und ſagte mit ſanftem Tone zu ihr: „Du wirſt aus ſeinem Etui meinen Smaragden⸗ ſchmuck nehmen ich will ihn dieſen Abend anzie⸗ hen was meine Toilette betrifft, ſo werde ich Dir ſpäter Befehle geben gehe.“ Aurora ſchleuderte mir einen Blick der Herausfor⸗ derung zu und ging ab; dann fand folgendes Geſpräch zwiſchen meiner Frau und mir ſtatt: ch. „Madame .. Ceſarine. „Madame? . Das iſt ein ganz neues und ſehr ceremoniöſes Wort ich bitte, mein Freund, was haben Sie? Ich. „Madame, ich habe Aurora und Stephen wegge⸗ iagt, und ich verlange, daß ſie ſich auf der Stelle aus dieſem Hauſe entfernen. Fernand Dupleſſis. 1W. 2 18 Ceſarine. „Wahrhaftig, Fernand, ich verſtehe nichts von Alleni dem .. Ich habe Sie dieſen Morgen nach dem Frühſtück verlaſſen; Sie waren freundlich und lie bevoll wie gewöhnlich, und ich finde Sie erboſt wieder . . Mein Gottl was iſt denn in meiner Abweſenheit vor⸗ gefallen? Ich. „Es iſt Vieles vorgefallen, und das Verletzendſte für mich iſt nicht die Frechheit Ihrer Leute geweſen! Ceſarine. „Ich bitte, ſprechen Sie, mein Freund, doch ohne aufzubrauſen. In welcher Hinſicht haben Aurora und Strphen ſie verletzt? „Madame, ſie haben die Dreiſtigkeit gehabt, mir zu ſagen, ſie ſeien hier nicht bei mir, ſondern bei Ihnen. 3 Ceſarine. „Das iſt ganz einfach; ſie haben Recht, da ſie ſich in meiner Sohnuhn befanden. „Sie glauben alſo, ſie werden mir zum Trotze hier bleiben? Ceſarine. „Sie werden nicht Ihnen zum Trotze hier bleiben, mein Freund: ſie werden bleiben, weil ich an ihre Dienſte gewöhnt bin und ich dieſelben nicht zu entbeh⸗ ren wüßte. Ich. „Sie werden vieſelben doch entbehren müſſen, Ma⸗ dame! Ceſarine. „Mein Freund, das ſind Kindereien; würden Sie es nicht ſonderbar finden, wenn ich von Ihnen die Entlaſſung von Herrn Dupin, Ihrem Kammerdiener, forderte? 19 3. „Hätte er die Achtung gegen Sie verletzt, ſo dürfte er nicht eine Stunde hier bleiben. Ceſarine. „Ich würde die Strenge nicht ſo weit treiben; zeigen Sie ſie ſich alſo ſo mildherzig wie ich, mein Freund. Ich nehme an, Aurora und Stephen haben die Achtung gegen Sie verletzt, vergeben Sie ihnen, wie wir Alle nöthig haben, daß uns i ch. „Madame, mein Herz iſt nicht ſo evangeliſch als das Ihrige! Ich habe geſagt, dieſe Leute müſſen ſich von hier entfernen, und ſie werden gehen! Ceſarine. „Mein Gott, Fernand, wie erhitzen Sie ſich we⸗ gen einer Kleinigkeit! Ich kann kaum glauben, was ich höre es iſt das erſte Mal, ſeit unſerer Verheirathung, daß Sie gegen mich dieſen rauhen, verdrießlichen Ton annehmen. Ich. „Es iſt auch das erſte Mal, daß Sie mich ſo grauſam verwundet haben . wenn nicht etwa, was ich noch glauben will, ein Mißverſtändniß, ein Irr⸗ thum obwaltet. Ceſarine. „Mein Freund, wenn ich Sie verwundet habe, ſo iſt es gewiß unwillkürlich geſchehen, das ſeien Sie überzeugt. Ich. „Ich danke Ihnen für dieſe Verſicherung .. Ce⸗ ſarine ſie mildert wenigſtens den Verdruß, den Sie mir verurſachten. Ceſarine. „Wie ſo denn, großer Gott! ich bin eben ſo er⸗ ſtaunt als betrübt über das, was Sie mir ſagen; von was reden Sie, mein Freund? 2 2 20 „In Folge eines, — ich bezweifle es nun nach Ihren Worten nicht mehr, falſch ausgelegten, — Be⸗ fehles von Ihnen hat dieſen Morgen Ihr Notar die Bezahlung von zwei Anweiſungen von mir unter dem unglaublichen Vorwande verweigert, ſie ſeien nicht durch Ihre Unterſchrift bekräftigt! . .. Bedenken Sie, wel⸗ chen Demüthigungen ich ohne Ihr Wiſſen ausgeſetzt war? Ceſarine. „Ich begreife Sie nicht, mein Freund; wo ſehen Sie hierin eine Demüthigung? „Wie! ich gebe meinem Pferdehändler eine An⸗ weiſung nach Sicht auf Herrn Turpin, und ich finde mich der Schmach ausgeſetzt, dieſen Handelsmann zu⸗ rückkommen zu ſehen und ihn zu mir ſagen zu hören: „Da Madame Dupleſſis die Anweiſung, die Sie mir gegeben, nicht unterzeichnet hat, ſo iſt mir die Zahlung verweigert worden!““ So daß ich nun unter Vormund⸗ ſchaft bin! ſo daß ich nun die Fabel, das Geſpötte meiner Freunde werde: denn der Pferdehändler, ein ſehr ſchwatzhafter Menſch, wird nicht ermangeln, dieſes Aben⸗ teuer ſeinen Kunden zu erzählen, die ich faſt alle kenne. Ich ſage Ihnen, dies genügt, um mich mit Lächer⸗ lichkeit und Schmach zu bedecken. Ceſarine. „Ah! Fernand, wären Sie wie ich befreit von der Maffe elender, nichtiger Dinge, die man die Eitelkeit nennt, ſo würden Sie Mitleid bekommen mit dieſen Kindereien, über die Sie ſo ſehr aufgebracht ſcheinen, mein armer Freund! Ich. „Wahrhaftig, man ſollte glauben, Sie machen es ſich zur Aufgabe, mich in Verzweiflung zu bringen! Ceſarine. „Sie in Verzweiflung bringen „ mein Gott! 21 wenn man ſo ſanft mit Ihnen die Sprache der Ver⸗ nunft und des Glaubens ſpricht! Ich. „Jedes Ding hat ſeine Zeit, Madame! Sprechen Sie die Sprache des Glaubens mit Ihrem Beicht⸗ vater, Madame, gut! aber wollen Sie mich wenigſtens anhören, verſtehen und mir antworteu, wenn ich mit Ihnen die Sprache des beleidigten Zartgefühls ſpreche. . Ich habe eine ſchmerzliche Demüthigung erfahren, und ich bin, wie mir ſcheint, allein Richter deſſen, was mich verletzt! . Ceſarine. „Mein Freund, ich bedaure, zu erfahren, daß dieſe Maßregel Sie verletzt hat. .. Ich dachte, als ich Herrn Turpin den Befehl gab . Ich. „Wie! dieſen Befehl Sie haben ihn wirk⸗ lich gegeben? Ceſarine. * „Allerdings. Ich. „Und Sie haben mich nicht davon unterrichtet? Ce ſarine. „Mein Freund, Sie ſind durch die Zahlungsver⸗ weigerung davon unterrichtet worden. Ich. „Ja, ich bin von dieſer Maßregel durch die ver⸗ letzendſte Demüthigung unterrichtet worden. Ah! Ma⸗ dame, Madame! Ceſarine. „Mein Freund, wie geſagt, ich dachte, als ich Herrn S dieſen Befehl gab, das Allereinfachſte der Welt zu thun. — Ich. „Aber warum haben Sie dieſen Befehl ertheilt, Madame? 22 Ceſarine. „Mein Gott! weil ich finde, daß Sie offenbar viel zu viel Geld ausgeben, und ich will fortan Ihre Aus⸗ gaben beſchränken!“ Bei dieſen Worten, welche Madame Dupleſſis mit der allerruhigſten Miene und ſcheinbar ohne irgend eine Ironie ausſprach, hatte ich zum erſten Male das klare Bewußtſein von Allem dem, was Niedriges, Elendes, Schmachvolles in meiner Lage war; meine Frau, der unſer Vermögen gehörte, glaubte ſich berechtigt, und war berechtigt, meine Ausgaben zu beſchränken! mir Dieſes zu bewilligen! mir Jenes zu verweigern! mir ihre Börſe zu öffnen oder zu verſchließen, je nach ihrer Laune, mit einem Worte, mir mittelbar oder unmittelbar ſuͤhl⸗ bar zu machen, daß ich ihr allein dieſen Reichthum verdankte, den ich genoß, und daß ich, wenn ich mir einen Mißbrauch erlaubte, unter Vormundſchaft ge⸗ ſtellt werde. Nein! hätte man mich mit einem glühenden Eiſen auf der Stirne gezeichnet, ich glaube, meine Scham wäre nicht tiefer, ſchmerzlicher geweſen! Ich blieb niedergeſchmettert; bis jetzt hatte ich zweifeln) wollen an einer Maßregel, welche ſo ſchnur⸗ ſtracks dem außerordentlichen Zartgefühle entgegengeſetzt, von dem Ceſarine bei Geldfragen bis dahin noch nie abgewichen war .. Meine Frau fuhr fort mit einem Ausdrucke von unſtörbarer Sanftmuth, der mich empörte, weil er mir das Uebermaß der Heuchelei zu ſein ſchien: „Mein armer Freund, ich habe heute wahrhaftig Unglück; Sie ſind nun ganz betrübt. Warum? weil ich als vernünftige Haushälterin, mehr in Ihrem In⸗ tereſſe, als in dem meinigen (denn ich bekümmere mich wenig um die vergänglichen Güter dieſer Welt), weil ich, ſage ich, Ihre Ausgaben beſchränken zu müſſen glaubte. —— —— 23 ch. „Und dies angenommen, warum haben Sie nicht mir allein Ihre Bemerkungen über meine übertriebe⸗ nen Ausgaben ſgemacht? warum haben Sie ſich nicht offenherzig, mit Vertrauen an mich gewendet, ſtatt un⸗ geſchlacht eine für mich ſo verletzende Maßregel zu er⸗ greifen? Ceſarine. „Wahrhaftig, Fernand, ich hielt Sie nicht für ſo empfinblich! Ich. „Sie verachten mich alſo, Madame? Ceſarine. „Konnte ich glauben, eine ſo unbedeutende Maß⸗ regel werde eine ſolche Gereiztheit bei Ihnen hervor⸗ bringen? Ich. Ceſarine. „Ah! Fernand! „Sie lügen! Ich. „Ich ſage Ihnen, daß Sie lügen, Madame!!! Sie haben mich verletzt, gedemüthigt! eſarine. „Oh! mein Gott! können Sie das glauben? „Wie! mit Ihrem Geiſte, mit Ihrem Takt, mit Ihrem Scharffinne ſollten Sie ganz unſchuldig eine ſolche Maßegel ergriffen haben? Ich ſage Ihnen noch einmal, das iſt nicht wahr! Ceſarine. „Ach! Gott, der im Grunde meines Herzens lieſt, weiß allein, ob ich je die Abſicht gehabt habe, Sie zu demüthigen.“ Es iſt mir nicht möglich, zu ſchildern, in welche wachſende Erbitterung mich der unſtörbare Gleichmuth 24 meiner Frau und die aufreizende Süßigkeit ihres frommen Lächelns verſetzten. Plötzlich trat Stephen in den Salon ein und ſagte, indem er ſich verbeugte, zu mir: „Der Herr Oberſt von Varenil wünſcht den Herrn zu ſprechen; ich glaubte ihn hierher führen zu müfſen.“ Und beinahe in demſelben Augenblick erſchien der Oberſt. XRl. Ich hatte Herrn von Vareuil nicht wiedergeſehen, ſeit jenem Abend in der Italieniſchen Oper, in deſſen Folge ich von ihm das laconiſche Billet erhalten, das er auf den Vorzug anſpielenb, den mir fortan Frau von Meéligny zu bewilligen ſchien, mit den Worten ſchloß: Ich werde Ihnen das vergelten, mein Lieber. Der Oberſt war bald nach dieſem Abenteuer mit ſeinem Regimente nach Algerien abgegangen, er kam ohne Zweifel von dort zurück, denn ſein vollkommen ſchönes und durch die Sonne Africas gebräuntes Ge⸗ ſicht hatte einen noch männlicheren Ausdruck als vor ſeinem Abgange; ſeine außerordentliche EFleganz, ſeine geſchmeidige und zugleich martialiſche Haltung, ſeine cavaliere Dreiſtigkeit, ſein geſellſchaftlicher Anſtand machten aus Herrn von Vareuil beim erſten Anblick einen ſehr verführeriſchen Mann, und obgleich er ein⸗ fältig war, konnten doch ſein Aplomb, ſein ſpöttiſcher Ton, ſeine Keckheit und ſein Jargon kurze Zeit ein Illuſton über die Armuth ſeines Geiſtes hervorbringen Die Gegenwart des Oberſten bei Madame Du⸗ pleſſis war mir unerträglich; er hatte, wie er ſagte n. u⸗ te, 25 Repreſſalien gegen mich zu üben, wegen ſei⸗ nes Bruches mit Frau von Meligny, und obſchon mir Ceſarine bis jetzt nie den leiſeſten Anlaß zur Eifer⸗ ſucht gegeben hat .. Vareuil iſt ſo geckenhaft, ſo compromittirend, und die Welt ſo läſterſüchtig, daß die ehrlichſte Frau, wider ihren Willen, durch die beharr⸗ lichen Bewerbungen dieſes Menſchen ſich dem öffent⸗ lichen Gerede preisgeben kann. Mein Aerger, mein Zorn erreichten auch ihren höchſten Grad, als ich Va⸗ reuil bei meiner Frau in dem Augenblick erſcheinen ſah, wo ich mit ihr eine demüthigende und ſtürmiſche Erklärung gehabt hatte. Den Oberſten meinen Aerger und die Befürchtungen errathen laſſen, die mir ſeine unerwartete Rückkehr verurſachte, hieß ihm einen großen Vortheil über mich einräumen und ihn ergötzen in dem Haſſe, den er ohne Zweifel gegen mich hegte; ich mußte mir alſo Zwang anthun, in die Tiefe meines Herzens die bitteren, hef⸗ tigen, durch die Unterredung mit meiner Frau aufge⸗ ſtachelten Empfindungen zurückdrängen, eine lächelnde und feine Miene annehmen, um Herrn von Vareuil durchaus nicht vermuthen zu laſſen, wie ſehr mich ſeine Ankunft beunruhigte und erzürnte; ich wurde genug Herr meiner ſelbſt, daß es mir, wenigſtens wie ich glaube, gelang, ruhig und gleichgültig zu ſcheinen; ich ſuchte auch zu errathen, welchen Eindruck der An⸗ blick des Oberſten auf Ceſarine hervorbrachte; doch ſie blieb unempfindlich, unerforſchlich, und folgende Converſation entſpann ſich zwiſchen uns Dreien. Vareuil, nachdem er ſich ehrerbietig vor meiner Frau verbeugt hatte, ſagte zu dieſer: „Madame, ich habe nicht die Ehre gehabt, Ihnen vorgeſtellt zu werden, duch ich hoffe, Sie werden mei⸗ nen Beſuch gütigſt entſchuldigen .. . Ich komme von Africa an, und mein erſter Wunſch iſt geweſen, mei⸗ nem alten Kameraden von den Garden, meinem vor⸗ trefflichen Freunde Dupleſſis die Hand zu drücken. 26 Ceſarine. „Mein Herr, die Freunde von Herrn Dupleſſis ſind immer bei mir willkommen. Ich. „Meine Liebe, ich ſtelle Ihnen den Herrn Oberſten von Vareuil vor. Vareuil. „Madame, ich ſagte dieſem gottloſen Dupleſſis immer, er habe mehr Glück, als er verdiene, und in⸗ dem ich Sie ſehe, beharre ich mehr als je bei meiner Behauptung .. Ceſarine. „Sie werden mir erlauben, mein Herr, einer der Ihrigen entgegengeſetzten Meinung zu ſein: Herr Dupleſ⸗ ſis hat immer viel weniger Glück gehabt, als er verdient. „Sie ſehen, meine Liebe, die Gewohnheit der Ga⸗ lanterie verliert ſich ebenſo wenig in Africa, als das Geheimniß, die geiſtreichſt gedrehten Komplimente zu machen. Vareulil. „Hören Sie ihn, Madame? er nennt das Kom⸗ plimente! .. . Schmeicheleien! .. Ah! die Ehemänner, die Ehemänner! ſie werden immer dieſelben ſein! „Ei! ſei doch ein wenig nachſichtig gegen dieſe armen Ehemänner ... Auf Ehre! man ſollte glauben, Du habeſt Dich über ſie zu beklagen . Vareuil. „Das hängt von der Perſönlichkeit ab es gibt Ehemänner, welche ſehr gute Kinder, ſehr ſanft und ſehr artig ſind! Ich. „Meine Liebe, ich brauche Ihnen nicht zu bemer⸗ ken, daß mein Freund Vareuil ein Unwiderſtehlicher, ein doppelt Siegreicher iſt. Er iſt ebenſo vertraut mit den Herzensrazzias, als mit den Razzias von Bedui⸗ 27 nenz wäre er nicht Mars, ſo würde er Cupido ſein .. . oder vielmehr, durch eine glückliche Anhäufung iſt er, ſo wie Sie ihn ſehen, zugleich Mars und Cupido. Vareuil. „Ich erkläre Dir, wenn Du mich noch einmal Cu⸗ pido nennſt, ſo rechtfertige ich meinen Titel dadurch, daß ich Madame Dupleſſis den Hof mache. Ceſarine. „Erlauben Sie, mein Herr, ich bin völlig neutral in dieſem mythologiſchen Streite, und ich muß nicht die Kriegskoſten bezahlen! Vareuil. „Ich wette, daß mein Freund Dupleſſis ein Tiger der Eiferſucht iſt .. Befolgen Sie meinen Rath, ſeien Sie coquette . ſehr coquette . Sie werden ſehen, daß der Tiger auf der Stelle ein vollkommenes Lamm, ein reizendes Lämmlein wird! Sollten Sie zufällig ein Opfer brauchen, um Ihre Coquetterie daran zu üben? thun Sie ſich keinen Zwang an, Madame, ich bin da, ich opfere mich der Freundſchaft, und wir Beide ge⸗ ben ihm eine treffliche Lection, dieſem Othello von Dupleſſis. Ceſarine. „Ihre Opferwilligkeit iſt allerdings ſehr edelmüthig, mein Herr; doch Herr Dupleſſis iſt kein Othello, und ich habe keine Neigung für die Coquetterie. „Und dann ſiehſt Du, mein lieber Vareuil, unter Freunden muß man offenherzig ſein; ich geſtehe Dir nun, Du haſt einen ſehr piquanten, ſehr witzigen, ſehr originellen Geiſt, Du ſagſt alle Arten von reizen⸗ den und beſonders höchſt geſchmackvollen Dingen: Ma⸗ dame Dupleſſis, deren Geiſt nicht ganz auf der Höhe des Deinigen ſteht, iſt ein wenig in Verlegenheit, wie ſie Dir antworten ſoll; Du wirſt ihr alſo, wie ich glaube, äußerſt angenehm ſein, wenn Du von andern Dingen ſprichſt von Deinen Heldenthaten in Africa, zum 28 Beiſpiel! Laß hören, erzähle uns Deine glänzenden Kämpfe: wie viel Araber haſt Du niedergeſäbelt? Vareuil. „Oh! ſo viel als ich konnte „. doch die Erzäh⸗ lung einer Schlacht wird Madame langweilen . Ceſarine. „Ich geſtehe, mein Herr, die Kriegsgeſchichten bieten für mich wenig Reiz; wollen Sie mich ent⸗ ſchuldigen, ich habe einige Befehle zu geben. Ich brauche nicht zu bemerken, daß ein alter Freund von Herrn Dupleſſis immer hier willkommen ſein wird.“ So ſprechend, verneigte ſich Ceſarine leicht und ging in ihr Schlafzimmer, das an den Salon ſtieß, wo ich allein mit dem Oberſten blieb; ſeine Züge nah⸗ men ſogleich nach dem Abgange meiner Frau einen ſolchen Ausdruck von Spott und Herausforderung an, daß ich mich, trotz der Zurückhaltung, die ich mir auf⸗ erlegt, nicht erwehren konnte, raſch auf Vareuil zuzu⸗ treten und ihm mit trockenem Tone zu ſagen: „Mein Herr, Ihr Beſuch ſcheint mir mindeſtens ſeltſam nach dem letzten Billet, das ich von Ihnen er⸗ halten .. Vareuil. „Wie mein Lieber .. Du ärgerſt Dich? Ich. „Alle Teufel mein Herr! Varenil. „Ah! ich glaubte, Du ſeiſt mehr Weltmann .. Du biſt nicht von meiner Stärie! Wenn Du übrigens Streit mit mir ſuchen willſt, ſo ſteht es Dir frei ich bin Dein Mann! Doch wir haben Beide unſere Proben abgelegt, und in unſerem Alter ſchlägt man ſich nicht mehr um der Weiber willen; zum Beweiſe dient, daß Du mir Frau von Méligny entführt haſt, und daß ich Dich ſehr ruhig im Beſitze Deiner Eroberung gelaſſen habe; nur ſchrieb ich Dir: Ich werde Dir das vergelten: 29 Ich bereute mein Aufbrauſen, das Vareuil zu viel Vortheil über mich gab, und an Kaltblütigkeit mit ihm wetteifernd, verſetzte ich: „Du kommſt alſo hierher, um Repreſſalien zu üben? Vareuil. „Bei Gott! Ich. „Und Dein Project iſt? Vareuil. „Vor Deiner Frau habe ich es Dir geſagt: ich will ihr den Hof machen. Ich. „Wahrhaftig, Du willſt meiner Frau den Hof machen? Vareuil. „In allen Ehren, das verſteht ſich. Ich. „Natürlich und Du hoffſt, Deine Bemühun⸗ gen werden angenommen werden? Vareuil. „Ja, mein Lieber, ich habe dieſe ſüße Hoffnung. „Daran erkenne ich Deine gewöhnliche Beſcheiden⸗ heit; nur kann es ſein, daß ich Dir meine Thüre ver⸗ ſchließen laſſe. Vareuil. a „Deſto beſſer! beim Himmel! deſto beſſer! Wie, mein armer Junge, Du biſt noch hiebei, bei den Aus⸗ kunftsmitteln von Bartholo? das iſt tüchtig rococo! Ich. „He! he! ſie haben zuweilen etwas Gutes, dieſe Auskunftsmittel! man muß ſich derſelben nur zur rech⸗ ten Zeit zu bedienen wiſſen. Vareuil. „Das iſt Deine Sache, es iſt den Kriegsgeſetzen gemäß! Jeder für ſich, und Cupido für Alle! denn Du haſt mich Cupido genannt, mein Lieber! 30 ch. Vareuil. „Auf Leib und Leben! Ich war wahnſinnig in Frau von Méligny verliebt, als Du mir ſie entführ⸗ teſt; ich faßte auch einen Haß gegen Dich, oh! einen Haß, ſiehſt Du, wie es keinen gibt. Du wirſt lachen .. Stelle Dir vor, daß ich einen Augenblick den Gedanken hatte, mich mit Dir zu ſchlagen, ſo wüthend war ich; doch es iſt etwas Albernes um ein Duell wegen einer Frau, weshalb ich auf meine erſte Idee verzichtete. Nun wünſche ich mir teufelmäßig Glück hiezu! Ich. „Mein Lieber, man muß ſich nur verſtändigen. Vareuil. „Worüber? „Krieg alſo? „Ueber das Duell. Vareuil. „Ueber das Duell .. aus Anlaß von Frauen? ch. „Ja, denn ich ſage Dir Folgendes . ſehr kalt und ohne irgend einen Zorn ... man kann ſich wegen einer Geliebten nicht ſchlagen .. doch höre mich wohl an das iſt ernſt, Du haſt vor mir gegen meine Frau ſpottend geäußert, „Du werdeſt ihr den Hof machen;““ das war ein abgeſchmackter Scherz und nicht mehr; dieſen Scherz wiederholſt Du. Wir find unter vier Augen, es iſt nichts daran gelegen; nur erinnere Dich wohl: ich tödte Dich oder Du wirſt mich tödten. Ich ſage Dir das immer ohne Zorn und ſehr kalt ich tödte Dich oder Du wirſt mich tödten, wenn Du mir je Anlaß zu gegründeter Eiferſucht gibſt bis jetzt verſpüre ich nichts hievon. Nein, trotz Dei⸗ ner unſtörharen Dreiſtigkeit, flößeſt Du mir nicht die geringſte Furcht ein, und die Art, wie Madame Du⸗ N — 31 pleſſis Deine herzſtürmenden Mienen eines Ober⸗ ſten aus der komiſchen Over aufgenommen hat, wird es Dir, glaube ich, entleiden, das, was Du Deine Repreſſalien nennſt, weiter zu treiben. Wie dem ſein mag, ich wiederhole Dir, wenn, was doch nicht wohl möglich, Repreſſalien ſtattfinden, ſo tödte ich Dich oder Du wirſt mich tödten. Vareuil. „Einverſtanden, mein Freund; doch Du ſiehſt be⸗ ruhigt aus, biſt es aber nicht Sei unbeſorgt, wenn wir uns ſchlagen, ſo wird es wegen einer Sache ſein, daß es der Mühe werth iſt ; und nun, mein Lieber, auf Wiederſehen .. Der Gott der Ehemän⸗ ner behalte Dich in ſeiner heiligen und gnädigen Ob⸗ hut!. Sage doch, vergiß beſonders nicht, Deine Thüre zu verſchließen und Bartholo zu ſpielen: das wird meine Angelegenheiten trefflich beſchleunigen ... Armer Dupeſſis! es thut mir leid um Dich!“ Hienach entfernte ſich Vareuil unter einem ſchal⸗ lenden Gelächter .. XXII. Der Salon, in welchem ich Herrn von Vareuil em⸗ pfangen hatte, ſtand mit dem Schlafzimmer meiner Frau in Verbindung. Ich dachte Anfangs, ſie habe mein Geſpräch mit meinem ehemaligen Kameraden hören können; ich irrte mich ohne Zweifel, denn als ich, um bei Ceſarine einzutreten, die Thüre ihres Zimmers öffnen wollte, fand ich ſie von innen verriegelt. Ich klopfte an, es vergingen einige Minuten, ohne daß man mir antwortete, endlich hörte ich die Stimme von Aurora fragen: 3² „Wer iſt da?“ „Ich!“ antwortete ich ungeduldig. „Oeffnen Sie!“ „Mein Herr, Madame kleidet ſich an,“ rief die Mulattin; und ich hörte, wie ſie ſich entfernte. Voll Grimm ging ich zu mir hinauf, ſchickte Du⸗ pin zu Stephen und ließ ihm befehlen, zu mir zu kom⸗ men. Dieſer Schurke hatte die Unverſchämtheit, meinem Kammerdiener zu antworten, er habe von ſeiner Ge⸗ pieterin den Befehl erhalten, nur ihr zu gehorchen. Ich war auf dem Punkte, hinzugehen und den frechen Burſchen ſelbſt vor die Thüre zu werfen; doch die Furcht vor einem ärgerlichen Streite hielt mich zurück, und ich erwartete mit Ungeduld den Augenblick, wo Madame Du⸗ pleſſis ihre Toilette beendigt hätte, um mit ihr eine entſcheidende Unterredung zu haben. Ich wurde in meiner Hoffnung getäuſcht. Unſer Haushofmeiſter kam und meldete mir, das Diner ſei ſervirt, und Ma⸗ dame erwarte mich im Speiſezimmer. Ceſarine wollte offenbar an dieſem Tage das Ende der Erklärung vereiteln, die ich mit ihr zu haben wünſchte. Ich fand ſie in großer Tvilette für die Oper bei Tiſche ſitzend: es war in der That unſer Logentag; unfere Leute bedienten; vor ihnen mußts ich mir Zwang anthun, und ich ſagte nur zu meiner Frau: „Ich wünſchte mit Ihnen vor Ihrem Abgange zur Oper zu ſprechen.“ „Sie wollen mich alſo nicht begleiten, mein 4 „Nein. „Ich bedaure es; denn ich werde genöthigt ſein, Sie ſogleich nach dem Mittageſſen zu verlaſſen; ich habe Frau von Montbriſon verſprochen, ſie um halb acht Uhr in ihrer Wohnung abzuholen.“ „Sie könnten Ihren Wagen zu Frau von Mont⸗ briſon ſchicken; man würde dieſe nach der Oper fahren und dann zurückkommen, um Sie hier abzuholen.“ „Das hieße, wie mir ſcheint, die Rückſichten ge⸗ 33 gen eine Dame verletzen, mein Freund, der wir, Sie und ich, ſo viel Ehrerbietung ſchuldig ſind? Ich werde alſo, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, die Marquiſe ab⸗ holen, wie ich es mit ihr verabredet habe.“ Ich konnte, gegen den Willen meiner Frau, mei⸗ nem Kutſcher Befehl geben, ſich zur Verfügung von Frau von Montbriſon zu ſtellen; doch dieſer förmliche Widerſpruch gegen den Willen von Madame Dupleſ⸗ ſis war abermals eine Art von Eelat, und ich ſchwieg. Wir wechſelten über Tiſche ein paar unbebeutende Worte, und gegen halb acht Uhr ſtand ſie, immer hei⸗ ter, lächelnd auf, verlangte ihren Wagen und ſagte zu mir: Mein lieber Fernand, Sie gehen entſchieden 1t?“ „Nein, doch ich werde Sie heute Abend bei Ih⸗ nen erwarten.“ „Geben Sie ſich dieſe Mühe nicht, mein Freund; ich weiß nicht, um welche Stunde ich nach Hauſe kom⸗ men werde, denn nach der Oper gedenke ich mich zu Frau von Surville zu begeben; es iſt ihr Empfangtag, und Sie wiſſen, daß man bei ihr ſehr lange bleibt . . . Doch morgen früh, bei meiner Rückkehr von der Meſſe, werde ich zu Ihren Befehlen ſein .. Guten Abend, mein Freund.“ Madame Dupleſſis ſtieg in ihren Wagen; ich kehrte in mein Zimmer zurück, und das Herz voll Bit⸗ terkeit, habe ich die einzeinen Umſtände dieſes verwünſch⸗ ten Tages niedergeſchrieben. nich Was nun thun, was glauben, was beſchließen? Prüfen wir die Vorfälle ohne Hitze, ohne Ueber⸗ treibung. Hat die von Ceſarine hinſichtlich der Bezahlung unſerer Ausgaben getroffene Maßregel wirklich keinen iber Zweck gehabt, als den, mich grauſam zu ver⸗ etzen? Fernanb Dupleſſis. W. 3 34 Ich bin verſucht, dies zu glauben «. Meine Frau beſitzt zu viel Geiſt, zu viel Takt, um nicht den beleidigenden Ernſt einer ſolchen Maßregel gegen mich eingeſehen zu haben. Warum jedoch mich ſo verletzen? Sie muß mich genug kennen, um zu wiſſen, daß eine ſo brennende Wunde (wenn ich die Ueberzeugung erlange, daß ſie mir dieſelbe mit Bewußtſein geſchlagen hat), fortan unheilbar iſt; eine ſolche Demüthigung jeden Tag wiederholt würde mir unſere Ehe unerträg⸗ lich machen. Iſt dies die geheime Abſicht von Ceſarine? Warum hat ſie mich dann freiwillig geheirathet? Warum iſt ſie dieſer Verbindung mit ſo viel Ei⸗ fer entgegengekommen? Sollte ſie ſich in einem, nicht wohl möglichen, Raf⸗ ſinement von Heuchelei und Bosheit vorgenommen ha⸗ ben, mir das Leben unerträglich zu machen, zuerſt durch ihre Kälte, unter der ich ſo viel gelitten habe, und die ich zu vergeſſen anfange, und wollte ſie mich dann, haushälteriſch mit ihren Mitteln verfahrend, eine entwürdigende Abhängigkeit in Betreff der Geld⸗ frage erdulden laſſen? Abgeſehen jedoch davon, daß eine ſolche abſcheu⸗ liche Combinat ion die Gränzen menſchlicher Bosheit überſchreitet, muß Madame Dupleſſis wiſſen, daß ich dieſe erniedrigende Vormundſchaft nicht ertragen werde. Die Verfügung über unſer Vermögen kommt mir zu, mir als dem Haupte der Gemeinſchaft wie das Geſetz ſagt. Gut; doch dieſes Vermögen, worin beſteht es? In Portefeuillewerthen, welche in den Händen des Notars meiner Frau geblieben ſind, durch das Zartgefühl, mit dem ich bei dieſer Verbindung zu Werke gegangen bin, während doch eine der Trieb⸗ federn dabei niedrige Habgier war ein Zartgefühl, 35 das ich ſo weit trieb, daß ich mich beharrlich wei⸗ gerte, unſern Ehevertrag zu leſen. Doch mir fällt ein! dieſer Vertrag, ich habe ihn hier . leſen wir ihn .. zum erſten Male. Ich habe dieſe Adte geleſen. Es findet zwiſchen meiner Frau und mir keine Gütergemeinſchaft ſtatt, und ſollte ſie ohne Kinder ſterben, ſo behält ſie ſich die unumſchränkte Verfü⸗ gung über ihr Vermögen vor. Iſt das eine Falle, die ſie mir ſtellte, da ſie wußte, ich ſei entſchloſſen, keine Kenntniß von dieſem Vertrage zu nehmen? Wollte ſie im Gegentheil mein Zartgefühl durch dieſe Vermögenstrennung ſchonen? Gleichviel! Ich hätte den Vertrag unterzeichnet, nachdem ich ihn geleſen, wie ich ihn unterzeichnet habe, ohne ihn zu leſen. Das ganze Vermögen von Ceſarine beſteht alſo in verkäuflichen Werthen, und ohne Zweifel hat ſie abſichtlich den Rath, den ich ihr gegeben, Güter zu kaufen, nicht befolgt. Dieſes Hotel, das vor unſerer Verheirathung gekauft worden iſt, gehört von Rechts wegen meiner Frau, und ſie kann morgen, ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen, ihr Vermögen aus den Händen ihres Notars zurückziehen, es anderswo ohne mein Wiſſen deponiren und allein Gebieterin über die Verwendung ihrer Einkünfte bleiben, obſchon ich ge⸗ ſetzlich das Haupt der Gemeinſchaft bin. Ich ſtehe alſo in dieſer Hinſicht in völliger Ab⸗ hängigkeit von Madame Dupleſſis. Ohne Zweifel könnte ich, wenn ich einen Prozeß mit ihr anfinge .. Ich vollende nicht .. Dieſer Gedanke iſt gemein und empört Alles, was von ehrenhaften Gefühlen in mir übrig iſt. Will ich in dieſem Reichthume, dem ich ſo viel geopfert habe, fortleben, ſo muß ich 5 alſo ent⸗ 36 ſchließen, jeden Tag bei meiner Frau das für meine Ausgaben nöthige Geld zu betteln! Wehe mir! Bei dieſem Gedanken kocht mein Blut! Ah! eher die gräßlichſte Noth! Uebrigens bleiben mir ungefähr achtzigtauſend Franken, die Trümmer meines Vermögens: ich kann doch wenigſtens fliehen, in einer tiefen Einſamkeit leben, und ſo dieſe unſelige Ehe zerreißen, in der ich bis jetzt nichts als Demüthigung und Bitterkeit ge⸗ funden habe .. Gut: ich gehe, ich überlaſſe Ceſarine ſich ſelbſt .. Ich lebe meinerſeits, ſie mag ihrerſeits leben. Doch ſie führt meinen Namen! Doch dieſer Name! ein für mich entſetzlicher Ge⸗ danke! ſie kann ihn eines Tages entehren! Morgen vielleicht! Hat Vareuil nicht die Unverſchämtheit ge⸗ habt, mir zu erklären, er wolle ſich, indem er meiner Frau den Hof mache, für die Bevorzugung rächen, die mir von Frau von Méligny zu Theil geworden? Bis jetzt iſt Ceſarine, ich weiß es, das Muſter der Gattinnen geweſen. Sie iſt ein Engel! wie⸗ derholt man mir jeden Tag: ſie betet, ſie beichtet, ſie geht zum Abendmahle wie eine Heilige; es iſt wahr, nie hat ſie in irgend einer Beziehung meine Eiferſucht erregt, welche doch ſo entſetzlich mißtrauiſch . und mehr noch, die Religion hat meine Frau dergeſtalt gerei⸗ nigt, geheiligt, über die irdiſchen Leidenſchaften erho⸗ daß ſie ſogar die legitimen Zärtlichkeiten zurück⸗ Wenn aber unglücklicher Weiſe dieſes keuſche, my⸗ ſtiſche Aeußere nur Liſt, Lüge und Heuchelei wäre! Wenn unter dieſer ſchamhaften, frommen Maske Ceſarine die Ceſarine von Einſt geblieben wäre! die Frau mit den glühenden Sinnen, die ſich in der Lecture von Faublas berauſchte! .. die ehebreche⸗ riſche Frau, die in der wilden Gluth ihrer Leiden⸗ ſchaft zu mir ſagte: 37 „Wenn Sie mich nicht lieben wollen, ſo verlaſſe ich Hyacinthe und gebe mich Ausſchweifungen hin, über die Sie erſchrecken werden!“ Ja, wäre unglücklicher Weiſe Ceſarine die wür⸗ dige Gefährtin, ich will nicht ſagen die Mitſchuldige, dieſes Ungeheuers der Ausſchweifung geweſen, deſſen ſchändliches Wüſtlingsleben die Entrüſtung der Städte, in denen er wohnte, hervorgerufen hat! Wenn ſie bis jetzt die Keuſchheit, die Frömmig⸗ leit geheuchelt hätte, wie ſie ein außerordentliches Zartgefühl heuchelte, als ſie vor unſerer Verheirathung zu mir ſagte: „Fernand, nie ein Wort zwiſchen uns über dieſe widerwärtige Geldfrage! Sie ſind der unumſchränkte Herr unſeres Vermögens!“ Und dennoch ließ ſie mich heute Morgen eine blu⸗ tige Demüthigung hinſichtlich dieſer Geldfrage erdul⸗ den, von der zu ſprechen ihr ſo widrig war! Ja, wenn morgen die Ehebrecherin, das laſter⸗ hafte Weib frech die Maske abwerfen und meinen Na⸗ men entehren würde! Meinen Namen der ihr bleibt, was ſie auch thun, zu welchem Grade von Schande ſie auch herabſinken mag! Mein Gott! wie viel ſchätzenswerthe, achtbare Leute habe ich gekannt, deren bis dahin verehrter Name mit der frechſten Schamloſigkeit ſynonym geworden iſt! Vergebens unbeſcholten, iſt der Name dieſer Männer, ſo lange geehrt durch die Redlichkeit ihres Vaters, durch die Tugenden ihrer Mutter, dreiſt, öffentlich, ungeſtraft durch eine Meſſalina profanirt, befleckt worden! Ja, aus der beſcheidenen Dunkelheit hervortretend, in der ſich gewöhnlich der ehrliche Mann hält, wurde dieſer Name ſo verrufen durch das abſcheuliche Aerger⸗ niß, das die Frau veranlaßte, ſo erniedrigt und in den Koth gezogen durch die Schändlichkeit einer Perſon, 38. die ihn führte, daß ihn anſtändige Leute nur noch mit der Schamröthe auf der Stirne ausſprachen. Und könnt Ihr dieſer Schmach, die in Euer Fleiſch eindringt, die ſich an Euch anhängt, die Euch ver⸗ zehrt wie das brennende Kleid des Centauren, könnt Ihr dieſer Schmach entgehen? Unmöglich! So weit Ihr fliehen, ſo tief Ihr Eure Schmach verbergen mö⸗ get, die Schande dieſer Weiber hat ſo viele Echos, ſo ferne Echos, daß ſie bis in die Tiefe Eurer Einſam⸗ keit Euren Namen, umgeben von ſeinem gräßlichen Rufe, bringen! Ah! dieſer Gedanke erſchreckt mich! Wenn unglücklicher Weiſe meine Befürchtung ſich verwirklichte, wenn ſich Ceſarine, ſchön, feurig, reich, kuhn, heuchleriſch und laſterhaft, auf dieſen ſchändli⸗ chen Weg werfen würde, ich glaube, wehe mir! gegen ſo viel Schande hätte ich keine andere Zuflucht, als das Grab! . Ich bin wahnſinnig! und wie immer nehme ich meine übertriebenen Befürchtungen für Wirklichkeiten⸗ Was ſind im Grunde meine Beſchwerden gegen Ceſarine? Ihre Kälte gegen mich! Sie erklärt ſich durch religiöſe Skrupel und durch ihr Verlangen, eine ſtrafbare Vergangenheit zu ſühnen. Ihr Befehl an ihren Notar, nur noch auf ihre Unterſchrift zu bezahlen! Hat ſie mir nicht offenherzig geſtanden, ſie bedaure, dieſen Befehl ohne mein Wiſſen gegeben zu haben? Sie lebt nun ſo über den elenden menſchlichen Eitel⸗ keiten, daß ſie wirklich vergeſſen oder mißkennen konnte, was für mich Demüthigendes in dieſem Befehle lag. Und was beweiſt dieſer Befehl an und für ſich? daß Ceſarine haushälteriſcher mit ihrem Vermögen iſt, als ich dachte? Sie fürchtet für ſich und für mich die Folgen meiner Verſchwendung; dieſe Furcht iſt aller⸗ 39 dings ungegründet, da meine Ausgaben bis jetzt die vernünftigen Gränzen nicht überſchritten haben; doch gleichviel, dieſe in ihrer Anwendung für mich ver⸗ letzende Maßregel iſt ein Beweis von der Klugheit meiner Frau und nichts Anderes! Was ſind meine weiteren Beſchwerden? Vareuil hat mich mit Repreſſalien bedroht! Das iſt eine mehr lächerliche, als unverſchämte Geckerei; ich hätte fortfahren müſſen, die Sache im Spaße zu nehmen. Meine Frau hat ihn überdies ſehr kalt empfangen, hat ihm zwei oder dreimal ziemlich derb auf ſeine Impertinenzen geantwortet, und ſie hat ſich bis jetzt auf eine tadelloſe Art betragen. Endlich legt Ceſarine einen Werth darauf, Au⸗ rora und Stephen in ihrem Dienſte zu behalten! Nichts kann natürlicher ſein, als dieſer Wunſch. Die Unehrerbietigkeit dieſer Leute, über die ich mich heute erſt zu beklagen gehabt habe, iſt nichts Anderes, als die Dreiſtigkeit durch die Nachſicht ihrer Gebiete⸗ rin verdorbener und der Unterſtützung von dieſer Seite ſicherer alter Diener. Ich wiederhole, ich war ein Narr, daß ich in Aufruhr gerieth, indem ich Madame Dupleſſis für fä⸗ hig hielt, die ſchwarzen Projecte zu faſſen, die ich ihr unterſchiebe. Was ſollten die Urſache und der Zweck davon ſein? Hat ſie nicht, — ich vermöchte mir das nicht oft genug zu wiederholen, — zuerſt unſere Heirath glü⸗ hend gewünſcht? Nein, nein! dieſe Wolke wird vorübergehen; ich werde mich in die Kälte meiner Frau fügen, und mein Leben kann vielleicht noch friedlich und angenehm ſein. Ceſarine wird den ihrem Notar gegebenen Befehl zurücknehmen, und um meine Eitelkeit zu ſchützen, werde ich, ſollte die Sache ſchon bekannt geworden ſin dieſelbe für die Folge eines Mißverſtändniſſes er⸗ ären. 40⁰ Aurora und Stephen werden einige Entſchuldigun⸗ gen bei mir vorbringen, und damit will ich mich be⸗ gnügen. Alles wird gut gehen! Es iſt ſeltſam! und dies beweiſt mir abermals, wie es mir oft nützlich iſt, auf dieſe Art mit mir ſelbſt zu conferiren, meinen Gedanken freien Lauf zu laſſen, ſie aufzuhellen, klar zu machen, indem ich ſie auf das Papier übertrage, ſtatt ſie in meinem Geiſte ſchwan⸗ kend, trube, ohne Ausgang, ohne Licht kochen zu laſſen, — ein ſchmerzliches Chaos, in welchem dann grauſame Zweifel, tolle Befürchtungen gähren! Ja, ſeltſam! ich fing an dieſe Zeilen das Herz voll Zorn, überſtrömend von Galle zu ſchreiben, und zu dieſer Stunde fühle ich mich ruhig, voll Vertrauen auf die Zukunft. Hoffen wir und morgen meine Unterredung mit Ceſarine. XNIII. Den 3. December 1833. Ich ſchreibe dieſe Zeilen auf Blättchen, die ich aus meinem Tagebuch losgemacht habe. Dieſe Erzählung iſt, eintretenden Falles, für Jean Raymond beſtimmt. Ich habe meine Erinnerungen ängſtlich geſammelt; bei dieſer Veranlaſſung beſonders müſſen meine Zeilen das Gepräge einer unerbitterlichen Aufrichtigkeit an ſich tragen; jedes von ihren Worten hat ſeinen Werth. Morgen werden dieſe Blätter vielleicht zu meiner Rechtfertigung dienen, je nach dem Ausgange der Er⸗ eigniſſe dieſer Nacht. Heute Morgen begab ich mich, wie ich es geſtern Abend mit Ceſarine verabredet hatte, zu ihr, als ſie 41 von der Meſſe zurückkam; ſie erwartete mich in ihrem Betzimmer. Ich wiederhole hier unſere Unterredung Wort für Wort. Ich. „Ceſarine, ich komme, um Frieden zu machen. Geſtern habe ich mich zu einigen Lebhaftigkeiten hin⸗ reißen laſſen, was ich ſehr bedaure; eine aufrichtige Erklärung von Ihrer Seite und der meinigen wird, ich bezweifle es nicht, die erſte Wolke, die ſich zwiſchen uns erhoben hat, zerſtreuen. Ceſarine. „Wie glücklich bin ich, Sie ſo ſprechen zu hören, mein Freund! Ich. „Verfahren wir nach der Ordnung: ich habe mich gegen Sie über die ungebührlichen Antworten von Aurora und Stephen beklagt; ich habe ihre Entlaſſung verlangt, doch ich verzichte darauf. Ich weiß, welchen Werth Sie auf die Dienſte dieſer zwei Leute legen; ſie mögen ſich bei mir entſchuldigen, und ich werde ihnen von Herzen gern verzeihen. eſarine. „Ich danke Ihnen in ihrem Namen für Ihre Nachſicht. Ich. „Sodann ſagte ich Ihnen, ich ſei ſehr ärgerlich über den Befehl, den Sie ohne mein Wiſſen Ihrem Notar gegeben. Ceſarine. „Wenn ich Sie verletzt habe, ſo iſt es unwillfür⸗ lich geſchehen, das verſichere ich Sie. ₰ . „Ich bezweifle es nun durchaus nicht mehr, meine liebe Freundin; die Sache wird ſich übrigens vortreff⸗ lich erflären, wenn man ſie einem Mißverſtändniſſe zu⸗ ſchreibt. Ich will meinen Pferdehändler benachrich⸗ 42 tigen laſſen, daß er morgen, nicht wahr? bei Ihrem Notar den Betrag der Anweiſung, die ich ihm ge⸗ geben, erheben könne. Ce ſarine. „Das wäre unnütz, mein Freund; ich habe ſeit geſtern meine Fonds von Herrn Turpin zurückgezogen, und wenn Sie Geld brauchen, ſo werden Sie ſich fortan unmittelbar an mich wenden. Es verſteht ſich, daß ich diesmal die verſchiedenen Summen bezahle, für welche Sie eine Anweiſung auf Herrn Turpin abge⸗ geben haben. Schicken Sie mir Ihre Kaufleute, ich werde ihre Rechnungen berichtigen. Ich. „Der Entſchluß, den Sie faſſen, dünkt mir ſelt⸗ ſam. Wodurch hat Ihr Notar Ihr Vertrauen ver⸗ loren? Ceſarine. „Mein Fernand, erinnern Sie ſich deſſen, was wir wiederholt vor unſerer Verheirathung ſagten: „Nichts iſt trauriger, widerwärtiger, als dieſe Geldfragen zu verhandeln.“ Ich will Ihnen alſo in dieſer Hinſicht jede Sorge erſparen, mein Freund; ich kenne Ihre zarte Empfindlichkeit und werde auch in Zukunft allein die Mühe unſerer Ausgaben tragen .. Und dann, wenn ich es Ihnen ſagen muß, Sie handeln ein wenig zu ſehr als . . ruinirter vornehmer Herr. Ja, in Ihrem liebenswürdigen Eifer, allen meinen Wünſchen zuvor⸗ zukommen und Ihre koſtſpieligen Neigungen zu befrie⸗ digen, weicht Ihre rührende Freigebigkeit vor keiner Verſchwendung zurück; es iſt alſo an mir, mein zärt⸗ licher Freund, Ihren glänzenden Aufwand zu zügeln; ich werde feſtſetzen, was ich Ihnen monatlich für Ihre kleinen Vergnügungen für Ihre Toilette ... für Ihr Spiel bewilligen zu müſſen glaube „ Oh! ich will, daß mein Gatte anſtändig in der Welt er⸗ ſcheine „doch er ſoll auch nicht die Penſion über⸗ W 43³ ſchreiten, die ich ihm gewähre er muß ſehr ver⸗ nünftig ſein .und beſonders nie Schulden machen, denn ich werde ſie nicht bezahlen und wenn er mir Anlaß zur Unzufriedenheit gibt, ſo werde ich ihm ganz einfach ſeine Penſion entziehen.“ Der ſüßliche Ton von Ceſarine machte die beißende Ironie, die aus jedem ihrer Worte durchdrang, noch verletzender. Verblüfft durch eine Sprache, die mei⸗ ni Verſöhnungsplänen ſo entgegengeſetzt, blieb ich umm. Madame Dupleſſis lächelte und ſagte zu mir: „Meine Worte ſetzen Sie in Erſtaunen? Sie fra⸗ gen ſich uhne Zweifel: Warum ſagt ſie mir das eher heute, als geſtern oder morgen? . Mein Freund, ich will Ihnen die Auflöſung dieſes Räthſels geben: Fer⸗ nand, es iſt heute der dritte December!!“ Heftig erbittert, wie ich war, legte ich Anfangs kein Gewicht auf dieſes Datum, und ich rief, nur an die verletzenden Beſchlüſſe von Madame Dupleſſis den⸗ kend: 3* „Madame, ich werde alſo forlan in Ihrem Lohne ſein, wie Ihre Lackeien! Ceſarine. „Mein Fernand, das iſt Uebertreibung: meine Leute eſſen nicht an meinem Tiſche, fahren nicht in meinem Wagen, ſetzen ſich nicht in meinen Sa⸗ lon; das ſind die Vertraulichkeiten, die Vortheile, welche eine ſehr ſcharfe Demarcationslinie zwiſchen Ihnen und meinen Leuten feſtſtellen, abgeſehen davon, daß keine Aehnlichkeit zwiſchen dem Betrage ihres Ge⸗ haltes und dem des Sistt ſtattfindet. „Madame! Sie wagen es, mich ſo ins Geſicht zu beſchimpfen! vergeſſen Sie, wer ich bin2 eſarine. C „Sie ſind ein ſehr glücklicher Junge, mein Lie⸗ 44 ber; mit meinem Gelde führen Sie ein großartiges Leben. Sie haben eine vortreffliche Tafel, die ſchön⸗ ſten Pferde von Paris, Ihren Platz in meiner Loge in der großen Oper und bei den Italienern. Sie find wie ein Fürſt eingerichtet; ich werde Ihnen über⸗ dies eine runde Summe für Ihre kleinen Vergnügun⸗ gen geben. Worüber beklagen Sie ſich? Ich. „Was Sie ſagen, iſt ja entſetzlich! Sie behan⸗ deln mich wie einen Elenden! Ihre ſcheinbare Zärtlich⸗ keit für mich war alſo nur Lüge und Heuchelei! ich war alſo Ihr Spielzeug, Ihr Gimpel! ... Es iſt eine ganze Offenbarung für mich .. was Sie mir da ſagen, Madame! Ceſarine. „Die Offenbarung mag gelten! Was ſchließen Sie daraus? Ich. „Wenn Sie ſich ſo verſtellt, ſo ſeit unſerer Ver⸗ heirathung gelogen hahen, ſo waren Ihre religiöſen Grundſätze auch Lüge und Heuchelei? Ceſarine. „Geſtehen Sie, daß ich in jedem Falle meine Rolle vortrefflich geſpielt hätte. Ich. „Oh! meine Ahnungen! .. Mein Gott! mein Gott! in welchen Abgrund bin ich gefallen! Ceſarine. „Ja, Sie ſind in den Abgrund gefallen, und Sie werden nicht mehr herauskommen, Fernand Dupleſſis! . Das ſage ich Ihnen heute am dritten De⸗ cember! und da Sie gewiſſe Tage vergeſſen, ſo werde ich Sie ſogleich an dieſen erinnern!“ Ich war ganz erſchrocken über den Ton und die Phyſiognomie von Ceſarine; ſie verwandelte ſich: die Verachtung, der Haß, der Triumph einer hölliſchen 4⁵ Bosheit brachen plötzlich in ihrem unverſöhnlichen Ge⸗ ſichte hervor; ihr Blick war grimmig. .. Ich blieb einen Augenblick vernichtet; die Befürch⸗ tungen, die ich am Tage vorher noch als chimäriſch betrachtet hatte, wurden zu gräßlichen Wirklichkeiten. Da ich indeſſen noch nicht glauben konnte, was in it rie . Ich. „Nein, nein, das iſt unmöglich! die menſchliche Verderbtheit kann nicht ſo weit gehen! .. Ceſarine. „Beruhigen Sie ſich. Man wird Sie überzeu⸗ gen! Zweifler! Ich. „Das iſt entſetzlich! . . Dieſe abſcheuliche Ver⸗ ſtellung hat aber einen Zweck, eine Urſache gehabt? Ceſarine. „Oh! ja ſie hat einen Zweck gehabt, ſie hat eine Urſache! Sagte ich Ihnen nicht, es ſei heute der dritte December. Ich. „Erklären Sie ſich, fürchten Sie nichts! Sie kön⸗ nen nun Alles geſtehen! Ich werde die Stärke haben, Sie anzuhören, mich zu bewältigen ... Reden Sie, ich bin auf Alles gefaßt. Ich brauche Sie übrigens nicht zum Sprechen aufzufordern! Sie werden Ihr Werk nicht unvollendet laſſen wollen. Wenn man iſt, was Sie ſind, ſo fügt man ſich nicht darein, über ein Jahr eine Masfe ſo läſtig, ſo brennend, wie für Sie die Maske einer redlichen Frau ſein muß, zu tra⸗ gen, ohne ſich für dieſen langen und peinlichen Zwang dadurch zu entſchädigen, daß man vor demjenigen, für welchen man ſich dieſen Zwang auferlegt hat, die Maske abwirft. Ceſarine. „Wie ungeduldig ſind Sie! ... Begreifen Sie doch, daß es eine reizende Coquetterie iſt, nur all⸗ 46 mälig die Maske abzunehmen .. Dieſes erſchauen zu laſſen, um Jenes errathen zu machen . Und dann, ſehen Sie, wenn ich mich plötzlich ganz entlarvte. ſo würden Sie bange bekommen.“ Ich wollte Ceſarine antworten, als plötzlich im Gar⸗ ten am Hauſe die Fanfaren einer Militärmuſik ertönten. Ich erinnerte mich des Gebrauches von Vareuil, die Muſik ſeines Regimentes zu der Dame zu ſchicken, um die er ſich bemühte, und er handelte ſo gegen meine Frau, die er am Tage vorher zum erſten Male geſe⸗ hen hatte. So viel Frechheit brachte mich in Verwir⸗ rung, und ihre Folgen mußten für mich höchſt mißlich ſein. Unſer Haus lag unmittelbar bei andern Hotels, welche von Leuten von unſerer Bekanntſchaft bewohnt wurden; ſie hörten ohne Zweifel dieſes geräuſchvolle Morgenſtändchen, und am Abend würden die Perſonen von unſerer Geſellſchaft wiſſen, Herr von Vareuil habe ſeine Muſik zu Madame Dupleſſis geſchickt. Die com⸗ promittirende Geckerei des Oberſten und die gewöhn⸗ liche Läſterſucht der Welt würden dieſes Ständchen zu meiner Schande ausbeuten. Dieſer letzte Schlag fehlte mir noch, und unter den Umſtänden, unter denen er mich traf, ſchmetterte er mich zu Boden. Verachtet von Ceſarine, niedergebruckt durch De⸗ müthigungen, ſollte ich meinen Namen zuerſt lächerlich gemacht und ſpäter mit Schande bedeckt ſehen: denu zu dieſer Stunde hielt ich meine Frau für fähig, mich zu entehren, beſonders wenn ſie meine Abneigung gegen Vareuil ergründet hätte, den ſie vielleicht zum Genvoſſen ihrer Rache würde machen wollen. Ich dachte ſogar, meine Frau habe am vorhergehenden Abend, nach der Oper, wenn ſie den Oberſten in Geſellſchaft gefunden, dieſen ſo gut behandelt, daß er dadurch zu dem Morgenſtändchen ermächtigt worden. So von einem Schlage nach dem andern getroffen, verlor ich den Kopf. Ich war einen Augenblick feige; 47 ich fühlte Thränen in meinen Augen rollen, und um ſie Madame Dupleſſis nicht ſehen zu laſſen, verbarg ich meinen Kopf in meinen Händen, indeß die Muſik fortwährend im Garten ſpielte. Auf meine erſte Niedergeſchlagenheit folgte ein grauſamer Gedanke, grauſam wie die Qual, die ich ausſtand, wenn ich dachte, Vareuil könnte meinen Namen entehren Doch um den Plan auszuführen, der plötzlich mei⸗ nen Geiſt wie ein Unheil drohender Blitz durchzuckte, mußte ich in der Verſtellung mit Ceſarine wetteifern; um dieſes Ungeheuer zu hintergehehen, mußte ich Ce⸗ ſarine glauben machen, ich ſei beinahe ſo gemein, als ſie verdorben und heuchleriſch war; da Charaktere wie der ihrige leicht der Niedrigkeit und dem Böſen Glauben beimeſſen, ſo konnte es mir wohl gelingen, ſie zu täu⸗ ſchen; unterſtützt durch den Haß und die Hoffnung auf eine nahe und furchtbare Rache, fügte ich mich in die entwürdigende Rolle, die ich mir auferlegte. Das Ständchen endigte unter dem tiefen Still⸗ ſchweigen, das ich wie Ceſarine beobachtete; einen Augenblick betrachtete ich ſie durch meine Finger, die mein Geſicht bedeckten; trotz der vollendeten Schönheit dieſer Creatur hatte ihr durch den wilden Triumphides Haſſes zuſammengezogenes Geſicht einen häßlichen Aus⸗ druck. Sie nahm wieder das Wort mit einem höhniſchen Lächeln und ſagte: „Wie gleichgültig find Sie gegen die Reize der Muſit! Ich. „Ihre Sarkasmen werden mich nun nicht mehr aufregen. Der Schlag war heftig und unerwartet; einen Augenblick hat er mich zu Boden geworfen, doch ich werde meine Kaltblütigkeit zu bewahren wiſſen. Ceſarine. „Ihre Kaltblütigkeit wird Sie nicht viel nützen; Sie ſind dergeſtalt verſchlungen mit dem Gewebe, an 48 dem ich ſeit einem Jahre Sie rings umziehend ar⸗ beite, daß es fortan keine Beſchimpfung gibt, die Sie nicht in Demuth iis genöthigt ſind. „Ich muß anerkennen, daß Ihr Gewebe mit einer teufliſchen Geſchicklichkeit durchgearbeitet worden iſt; doch in welcher Abſicht? Ihre verführeriſche Maske hat mich lange getäuſcht; ſie fällt . . ich ſehe Sie ſo, wie Sie ſind, und Sie machen mir bange .. Warum haben Sie ſich aber mastkirt? Ce ſarine. „Ich will es Ihnen ſagen .. Die Stunde dieſes zarten Geſtändniſſes iſt gekommen .. Hören Sie, Fer⸗ nand Dupleſſis.“ Ceſarine ſammelte ſich einen Augenblick und ſprach dann mit hartem, einſchneidendem Tone: „Ich habe Sie einſt wahnfinnig geliebt, Sie waren meine erſte Liebe; die engeliſche Güte von Hyacinthe machte mich beſſer: ich verehrte ihn; doch ich gab mei⸗ ner Leidenſchaft für Sie nach und betrog ihn! Mitten unter meinen Fehlern ſchwamm eine gute Eigenſchaft oben auf: die Offenherzigkeit! Ich haßte die Liſt, die Lüge; zwanzigmal habe ich Ihnen den Vorſchlag ge⸗ macht, zu fliehen, mir ſo den brennenden Schmerz zu erſparen, mich täglich dem vortrefflichen Manne gegen⸗ über zu ſehen, den ich hochſchätzte, während ich ihn entehrte. Sie weigerten ſich, mit mir zu fliehen; die Urſache dieſer Weigerung habe ich ſpäter erkannt; ich wäre für Sie eine Laſt geweſen Ich entſchloß mich alſo, mich zu verſtellen, zu lügen, und durch Sie begann ich die Lehre der Heuchelei, die mir heute meine Rache gegen Sie ſichert! Ich. „Die Rache! Das iſt alſo die Urſache von dieſem abſcheulichen Gewebe? Ceſarine. „Warten Sie! Eines Tags entdeckt Hhaeinthe 49 unſer Verhältniß, der Schmerz tödtet ihn; er läßt Sie auf ſeinem Sterbebette ſchwören, mich zu heirathen und mich ſo von dem Verbrechen ſrei zu machen, deſſen Mitſchuldiger Sie waren! Hyaeinthe ſtirbt; bald nach⸗ her. war ich Mutter . . Das Verſprechen, das Sie Ihrem ſterbenden Freunde beſchworen hatten, wurde doppelt heilig . . Sie umgehen es Sie bieten mir Geld an Geld! Ich antworte Ihnen: „„Behalten Sie Ihr Geld, Sie werden nie mehr von mir oder unſerem Kinde ſprechen hören . Es ſind heute am dritten December ſieben Jahre, daß dies vorgefallen, Fernand Dupleſſis . Es iſt der Jah⸗ restag Ihrer Niederträchtigkeit ich feire ihn auf meine Weiſe . Ich. „Oh! ich begreife Alles . das iſt entſetz⸗ lich entſetzlich! Ceſarine. „Ich habe lange gewartet . auf den Tag der Rache doch endlich iſt er gekommen! ₰ ch⸗ „Ich geſtehe „ich habe Unrecht gehabt .. großes Unrecht ich glaubte, es wäre vergeben .. Ceſarine. „Vergeben!!! ah! Sie glauben, die in ihrer Liebe, in ihrer Würde betroffene Frau vergebe! Ah! Sie glauben, die in ihrem Kinde, das ſie in ihren Armen vor Kälte und Noth ſterben ſieht, betroffene Mutter .. vergebe! Ich. „Großer Gott! Sie haben mir geſagt, dieſes Kind ſei vor der Geburt geſtorben .. Ceſarine. „Ich log! Hätten Sie, wenn ich Ihnen die Wahrheit geſagt, geglaubt, es ſei Ihnen vergeben worden? Fernand Dupleſſis. W. 4 50 Ich. „Doch die Verwandte, die Sie im Havre aufge⸗ nommen und vor der Noth geſchützt hatte? Ceſarine. „Ich log! . Würden Sie, wenn ich Ihnen ge⸗ ſagt hätte, daß ich darauf angewieſen geweſen, mit mei⸗ nem Kinde Hungers zu ſterben, oder mich zu verkau⸗ fen. ja, hören Sie, Fernand Dupleſſis, mich zu verkaufen um Brod und ein Obdach zu erhalten, würden Sie mich gehetrathet haben? ch. „Das iſt nicht wahr! Sie glauben mich durch dieſe Schande zu beflecken . . ich ſage Ihnen, daß das nicht wahr iſt! Ceſarine. „Das iſt nicht wahr? Wiſſen Sie, in welchem ſchändlichen Hauſe Herr Jefferſon mich aufgefunden hat? Ich habe hier „ Briefe von ihm .. Sie werden fie leſen! Ich. „Oh! das iſt erſchrecklich oh! genug! genug!! Ceſarine. „Nein, es iſt nicht genug! Sie müſſen Alles er⸗ fahren, was ich gelitten habe; Sie müſſen wiſſen, in welchem Kothe ich mich gewälzt, um den Abſchen zu begreifen, den Sie mir einflößten, Fernand Dupleſſis, denn an dieſen Leiden, an dieſem ſchmachvollen Leben find Sie Schuld „Ich errathe nun Alles wehe „ wehe mir! Ceſarine. „Hören Sie zuerſt, Sie werden hernach weinen .. Sie werden Zeit dazu haben! „ Als Sie feige mit mir brachen, beſaß ich ſechzig Franken und meine paar Kleidungsſtücke . Hyaeinthe lebte von ſeinem Gehalte und einer kleinen Leibrente; nach ſeinem Tode, als ich ſeine Beerdigung bezahlt hatte, war mein ein⸗ E it e 3 ⸗ 51 ziges Erbe unſer geringes Hausgeräth Ich verkaufte es, um zu leben, Stück für Stück bis zu dem Augenblicke, wo ich Ihnen ſagte: Ich bin Mutter! Sie ſtießen mich zurück! Es blieben mir, wie geſagt, noch ſechzig Fran⸗ ken und ein paar Kleidungsſtücke; meine Noth war groß, die Zukunft erſchrecklich . Ich vergaß dies, ich dachte nur an Ihre Grauſamkeit. ich liebte Sie ſo ſehr! ich hatte ſo viel Vertrauen zu Ihrem Worte und zu Ihrer Ehre gehabt! ich war ſo glücklich gewe⸗ ſen, Mutter zu ſein, ſo ſtolz, zu glauben, ich würde Ihre Frau! ſo entſchieden, ſo ſicher, redlich meine Pflichten im Namen unſerer Liebe, im Namen unſeres Kindes zu erfüllen. Ah! wie einfältig war ich! Sie liebten mich nicht, Sie verachteten mich, weil ich Ihnen nachgegeben hatte! Arm und aus dem Volke geboren, verdiente ich nicht, Ihren Namen zu tragen! mein Kind ſollte ein Baſtard ſein, und Sie warfen mir eine Handvoll Gold zu, um ſich von mir zu befreien. Oh! ſehen Sie, an der ſchmerzvollen Demuͤthigung, von der ich mich zerriſſen fühlte, erkannte ich, wie ſehr ich Sie liebte, ich erkannte, daß noch Gutes in mir war! .. Eine verdorbene, entwürdigte Frau, wie ich es ſpäter ſein ſollte, hätte Ihr beleidigendes Almoſen angenom⸗ men! Doch nein! die Liebe adelte mich! ich hatte noch das Bewußtſein meiner Frauenwürde, meiner Mutterwürde! Die Nolh bedrohte mich, doch ich würde meine Liebe nicht dadurch erniedrigen, daß ich einen fennig von Ihnen annähme, der Sie ſich mich be⸗ zahlend quitt glauben könnten! von Ihnen, der Sie mich für unwürdig hielten, Ihren Namen zu tragen!... ie haben nichts mehr von mir gehört; ich bewohnte eine ärmlich eingerichtete Stube in einem abgelegenen uartiere, unfähig, mich zu etwas zu entſchließen; ich war wahnfinnig vor Schmerz und verließ meine Man⸗ ſarde nicht; ich weinte, ſo lange ich Thränen in den ugen hatte, und als ſie verſtegten, biß ich in meine Hände und ſchrie! .. ja, ich ſchrie. Jemand, 52 dem man wehe thut! ja, ich empfand im Herzen ſo ſcharfe Stiche, daß ich unwillkürlich ſchrie! und wenn dieſe Kriſen vorüber waren, fing ich wieder an zu wei⸗ nen! Das dauerte ungefähr drei Monate: meine Ver⸗ zweiflung nutzte ſich am Ende ab, wie meine Thränen; dieſe Verzweiftung verwandelte ſich in einen grimmigen Haß gegen Siez ich wollte Sie tödten und kaufte zu dieſem Ende ein Meſſer; ich ſchlich am Abend um Ihre alte Wohnung herum; doch ich erfuhr, daß Sie Paris ver⸗ laſſen hatten. Meine ſechzig Franken waren erſchöpft; beinahe alle meine Effecten befanden ſich im Leihhanſe; ich hatte keine Schuhe mehr an den Füßen; ich lebte von Waſſer und Brod und lag ohne ein Betttuch auf einem fauligen Strohſacke; ich verſtand nicht genug das Nähen, um meinen Unterhalt zu verdienen; und dann, was wollen Sie, ich war träge .. Eher, als gan Hungers zu ſterben . . . machte ich es wie ſo viel andere verlaſſene Frauen .. . „ XXIV. Meine Feder ſträubt ſich, die Fortſetzung der Er⸗ zählung von Ceſarine, das Gepräge von einem zuglei ſchmerzlichen und erſchrecklichen Cynismus, zu wieder holen; ſie ſchonte weder die Rohheit, noch die Gemein heit, noch die Unfläthigkeit der Ausdrücke, um mit gleichſam ſühlbar, greifbar die ſchändliche Entſittlichun zu machen, in die ſie in Folge meiner Treuloſigkeit un der Noth verſunken war. Die Urſachen des Todes vol unſerem Kinde und dieſer Tod ſelbſt, der ſich fünf Mo nate nach ſeiner Geburt zutrug, machten mich ſchauder vor Schrecken. Dieſe junge, ſchöne, elegant gekleidete Frau, au 53 dem Seidenſtoffe eines vergoldeten Meuble ſitzend, in dieſem koſtbaren Betzimmer, wo Alles an Gefühle der Fröm⸗ migkeit erinnerte, ſolche Begebenheiten in einer ſolchen Sprache erzählen hören, das war, um den Schwindel zu erzeugen! Ich glaubte mich unter dem Alpe eines entſetzlichen Traumes, indem ich mir ſagte, dieſe Creatur ſei meine Frau . trage meinen Namen Das war noch nicht Alles, Madame Dupleſ⸗ ſis erzählte mir mit einem verdoppelt unerſättlichen Cynismus, an welchem Orte und auf welche Weiſe ſie in Paris die Bekanntſchaft von Herrn Jefferſon ge⸗ macht, ehe ſie mit ihm nach America abgereiſt; ſie er⸗ zählte mir, durch welche Verkettung von Umſtänden ſie ihn dahin gebracht habe, daß er ſie geheirathet; ihre Erzählung überſtieg Alles, was mir der Oheim von Jean über Herrn Jefferſon mitgetheilt hatte. Nach die⸗ ſer Offenbarung, nachdem ſie mir dieſes Leben geſchil⸗ dert, das namenlos im Innern und äußerlich ehren⸗ haft, denn Herr Jefferſon empfing bei ſich die beſte Geſellſchaft von Paris, und der Ruf ſeiner Frau war rein geblieben, nachdem ſie mir endlich geſagt hatte, um welchen Preis ſie eines Tags die einzige Erbin des ungeheuren Vermögens dieſes Mannes zu ſein ver⸗ dient, — ein Vermögen, wie ſie mir nun nicht mehr verbarg, von ihm erworben mittelſt der ſtrafbarſten Manveuvres, — fügte Madame Dupleſſis bei: „Das war alſo mein Leben! ich vervollkommnete mich in der Kunſt einer tiefen und unergründlichen Heuchelei, denn ich hatte Ihre Verwitwung und Ihren Ruin erfahren, Fernand Dupleſſis. Ich ſagte mir: Zefferſon iſt alt, ich bin jung, ich werde ihn überleben, ich werde ſein Vermögen erben, und es wird vielleicht der Tag kommen, glücklicher Tag! wo ich es, Witwe, noch ſchön und gewaltig reich, durch Liſt, Verſtellung und Gewandtheit dahin bringe, daß mich dieſer elende Hoffärtige heirathet, er, der mich für zu arm, für zu nie⸗ 5⁴ drig geboren, um ſeinen Namen zu tragen, gehalten hat! Ja! er wird mich heirathen, dieſer Meineidige, der zum Verräther an dem Schwure geworden, den er einem ſterbenden Freunde geleiſtet, welchen er entehrt hatte! Er wird mich heirathen, dieſer feige Egoiſt, der mich fortgejagt hat, als ich, ſeiner Ehre vertrauend, zu ihm kam und ſagte: Ich bin Mutter! . . Er wird mich heirathen, dieſer freche Ausſchweifling, der meine Liebe damit bezahlen wollte, daß er mir ein entwür⸗ digendes Almoſen zuwarf! Endlich kommt der unge⸗ duldig erwartete Tag! Jefferſon ſtirbt! Von dieſem Tage an gehörten Sie mir, Fernand Dupleſſis! Ich wußte Ihren Ruin! ich wußte das Geheimniß Ihres falſchen Aufwands! ich wußte, daß Sie nur für den Stolz und die Eitelkeit lebten! ich kannte Ihre zügel⸗ loſe Neigung für den Reichthum und für die Vergnü⸗ gungen, die er verſchafft . . . Ich wußte, es würde für Sie bald der Augenblick kommen, wo Sie zwiſchen einer Abſcheu erregenden Armuth und dem Selbſtmorde wählen müßten. Von da an koſtet mich nichts zu viel, um meinen Plänen den Sieg zu erringen; ich heuchle die brünſtigſte Frömmigkeit. Es gelingt mir, die Zu⸗ neigung von Perſonen zu feſſeln, deren Ehrenhaftigkeit mich beſchirmt; ich geite für eine Heilige, und zwei treue Diener ſind allein in das Geheimniß meines innern Lebens von jedem Tage eingeweiht . ein Leben, das ſehr wenig heilig, das ſchwöre ich bei Venus! Ich miethe das Haus in der Nähe des Ihrigen; eine, von mir beſtellte, Schwatzhaftigkeit des Portier macht, daß Sie in die Falle gehen; Sie glauben an die Be⸗ ſtändigkeit meiner Liebe; ich wende alle Mittel an, um Ihre Leidenſchaft bis zum Wahnwitze zu ſteigern; bei Ihnen erröthe ich, erbleiche ich, weine ich, mein Herz klopft, mein Buſen wogt, mein Blick, meine Stimme berauſchen Sie; wundern Sie ſich nicht über mein ſeltſames Komödiantintalent, ich ſchöpfte es aus meinem Haſſe! Doch aus Furcht, dieſen Haß zu verrathen, 5⁵ zog ich mich, nachdem ich Sie zweimal geſprochen, in das Kloſter bis zu unſerer Verheirathungzurück. Ein Wort, eine unwillkürliche Geberde konnten Ihnen die Augen öffnen; Ihr Erhaltungsinſtinet mißtraute mir; Sie ließen mich durchMadame Raymondprüfen; ihr Scharffinn beun⸗ ruhigte mich, ich ſiegte darüber. Hätte ich für Sie das ge⸗ ringſte Mitleid bewahren können, es würde ſich in Ver⸗ achtung und Widerwillen verwandelt haben, als ich Sie, da ich die ganze Tieſe Ihrer Gemeinheit ſondiren wollte, glauben ließ, die Erbſchaft von meinem Manne ſei nichts geweſen. Sogleich geſtanden Sie mir zarter Weiſe Ihren Ruin; er machte unſere Heirath unmög⸗ lich: edel und hochherzig, wollten Sie mich nicht den Entbehrungen einer precären Exiſtenz ausſetzen. „Be⸗ ruhigen Sie ſich, mein Fernand,“ ſagte ich zu Ihnen, zich bin Millionen reich, und mein Bermögen gehört Ihnen.““ Dieſe Worte haben über Ihr Loos entſchie⸗ den, und Sie ſind mein, Fernand Dupleſſis. Sie haben mir einſt unverſchämt Ihren Namen verweigert! heute gehört Ihr Name mir! Sie haben mich einſt bis auf das Blut verletzt durch das Anbieten eines beleidigenden Almoſens, heute und fortan werde ich Sie fühlen laſ⸗ ſen, daß Sie in meinem Lohne ſind, wie der Letzte von meinen Lackeien. Sie hatten mich verächtlich zurück⸗ geſtoßen zur Zeit, da ich Sie noch wahnſinnig liebte; ich habe mich geweidet an Ihren Schmerzen, an Ihrer Wuth, als ich, nachdem ich in Ihnen Ihre Liebe glü⸗ hender, denn in der Vergangenheit, wiederbelebt hatte, mit einem keuſchen Verzichten den Ekel, den Wider⸗ willen, den Sie mir einflößten, maskirte! Und nun, Fernand Dupleſſis, ſage ich Ihnen, daß Sie mir ge⸗ hören. und nun ſage ich Ihnen, daß Sie jede Schande erdulden ſollen, welche über Sie zu verhängen mir belieben wird.“ Der unverſöhnliche Haß von Ceſarine diente mei⸗ nem Vorhabenz ich bezwang mich und antwortete: 56 Ich. „Ich habe Sie Anfangs mit Mitleid angehört; ja, ich verberge es nicht, das entſetzliche Loos, das Ihnen meine Treuloſigkeit zugezogen, hat in mir Gewiſſens⸗ biſſe erweckt, die ich Ihnen bei unſerem erſten Zuſam⸗ mentreffen geſtand. Ceſarine. „Feiger!!! Sie bitten ſchon um Gnade! Ich. „Ich bitte Sie nicht um Gnade; Sie ſind ein Weib ohne Erbarmen . .. Ceſarine. „Wie Sie ein Mann ohne Erbarmen geweſen ſind. Ich. „Es mag ſein. Ich ſagte Ihnen alſo, Anfangs ſeien meine Gewiſſensbiſſe erwacht, dann aber, ſo wie die hölliſche Bosheit Ihrer Seele ſich mir offenbarte, flößten Sie mir Abſcheu ein. Ceſarine. „Ich bin entzückt hierüber, denn Ihr Leben iſt auf immer an das meinige gekettet . ja, gekettet, das iſt das rechte Wort. „Das iſt Unfinn! Ceſarine. „Das iſt im Gegentheil ſehr logiſch, ſo logiſch als die Gemeinheit Ihrer Habgier . Sie werden mich nicht verlaſſen . . Sie werden eher alle Demüthigun⸗ gen verſchlucken, als daß Sie auf Ihre Eriſtenz eines vornehmen Mannes verzichten. h. „Das iſt abermals Unſinn. Ceſarine. „Oh! verſtändigen wir uns! es gibt ein Niveau von Nichtswürdigkeit, unter das Sie nicht hinabſteigen werden, ich weiß es wohl . . . Würde ich Sie, wenn ich Sie als einen vollkommen Elenden betrachtet hätte, 57 geheirathet haben? Nein, es bleiben in Ihnen, und ſie werden immer bleiben, gewiſſe zarte, ſehr empfindliche Fibern, die ich grauſam, unabläſſig zu verwunden ge⸗ denke; doch dies nur im Geheimniß unſeres vertrau⸗ lichen inneren Lebens. Halten Sie mich etwa für ſo dumm, daß ich glaube, Sie würden, wenn ich Sie öffentlich mit Schmach bedeckte, nur vier und zwanzig Stunden bei mir bleiben, ſo heftig auch Ihr Bedürfniß nach Genüſſen und Lurus ſein mag? Ich. „Ich verſtehe Sie nicht .. Ceſarine. „Ich will mich deutlich ausſprechen, hören Sie mich an: auswärts und für Alle ohne Ausnahme werde ich immer Madame Dupleſſis ſein, dieſe rechtſchaffene, durch ihre exemplariſchen Tugenden, durch ihre brünſtige Frömmigkeit der innigen Freundſchaft der Marquiſe von Montbriſon ſo würdige Frau! Offenherzig geſtanden, nichts beluſtigt mich mehr, als die Ehrfurcht, von der ich umgeben bin; nur die tief entſittlichten Leute, mein Lieber, ſind im Stande, mit Wonne die Hochachtung zu koſten, zu genießen, der ſie durch ihre ausgezeichnete Heuchelei theilhaftig werden.. die wahrhaft ſchätzens⸗ werthen Leute genießen ſie wie eine ihnen gebührende Sache . Ich wiederhole Ihnen alſo, ich werde fort⸗ fahren, in den Augen Aller die tadelloſe Madame Du⸗ pleſſis zu ſein. Verſtehen Sie nun? Ich. „Ja. Ceſarine. „Das iſt ein Glück! Doch für Sie, Fernand Du⸗ pleſſis, für Sie allein werde ich die entſetzliche Frau ſein, die Sie kennen! Die würdige Gefährkin des ehr⸗ lichen Jefferſon! Damit iſt Alles geſagt! Bedenken Sie doch! welches Vergnügen für mich, zu wiſſen, daß man Ihnen täglich in allen Tonarten wiederholen wird: „„Ah! Herr Dupleſſis . . . welch ein Engel iſt Ihre 58 Frau! nie haben ſo reine Tugenden den häuslichen Herd geheiligt!““ Ah! ich lache zum Voraus, indem ich mir Ihr unbezahlbares Geſicht vorſtelle, wenn Sie fortan mein Lob werden ſingen hören! Ich. „Ja, wenn ich nicht etwa dieſen unwürdig ge⸗ täuſchten Lobrebnern ſage: Verzeihen Sie, Madame Dupleſſis iſt die Letzte der Elenden! Ceſarine. „Mein Lieber, ich kenne Sie aus dem Grunde! Sie ſind viel zu hochmüthig, Sie befürchten beſonders viel zu ſehr das, was Sie Ihren Namen nennen, entehrt zu ſehen, um ihn ſelbſt in der Perſon Ihrer Frau zu entehren; Sie werden alſo ganz in der Stille in jede Art von ſauren Aepfeln beißen und es vorziehen, für den glücklichen Gatten der ehrlichſten Frau der Welt zu gelten, ein gutes Haus, einen guten Tiſch, ein gutes Lager zu haben und alle Monate Ihre Gage einzu⸗ ſacken, nicht mehr und nicht weniger, als der Gemahl irgend einer Königin! 39 Ich. „Und wenn mir zufällig dieſes ehrenvolle Hand⸗ werk nicht anſtünde? Wenn ich Sie verließe? Ceſarine. „Unmöglich! wir find beſtimmt, immer mit einander zu leben . Ihre Kette iſt genietet .. „Ah! es iſt allerdings an dem Tage, wo ein Prieſter unſere Verbindung einſegnete, der Blitz nicht auf Sie gefallen! Dieſe Strafloſigkeit muß Sie für die Zukunft beruhigen; nehmen wir indeſſen an, das Wenige von Zartgefühl, was nach Ihrer Meinung in der Tiefe mei⸗ ner Seele bleibt, empöre ſich .. Nehmen wir an, ſeltſames Phänomen! dieſem guten Lager, dieſem guten Tiſche, dieſer Gage erkauft durch mein Stillſchweigen, das mich zum Genoſſen Ihrer ſchändlichen Heuchelei 59 machen würde, ziehe ich vor, in der Einſamkeit von den Trümmern meines Vermögens zu leben! Ceſarine. „Vor Allem, mein zärtlicher Gatte, gibt mir das Geſetz das Recht, überall Ihren Wohnort zu theilen, mich an Sie anzuhängen, wie der Epheu an die ulme. wofern ich nicht für unwürdig erachtet werde, das eheliche Haus zu bewohnen . . was nicht wohl ſein dürfte, denn, Gott ſei Dank, mein Ruf iſt vor jedem Verdachte geſchützt . Werden Sie eine ge⸗ richtliche Trennung verlangen? Worauf wollen Sie dieſes Verlangen gründen? Vielleicht darauf, daß ich die bewußte Frau bin? Welchen Beweis werden Sie hiefür geben? Nein, nein, ich ſage Ihnen, mein zärt⸗ licher Gatte: wohin Sie gehen, folge ich Ihnen wie Ihr Schatten doch das ſind leere Suppoſitionen: Sie werden nicht dieſes Hotel verlaſſen, wo wir ſo vortrefflich eingerichtet ſind, und wo ich mir ſo unend⸗ lich gefalle; Sie werden bei mir in Paris bleiben, mitten unter dieſer liebenswürdigen Geſellſchaft, in der ich ſo trefflich aufgenommen, ſo allgemein und ſo mit Recht geſchätzt . gt „geehrt bin! „Sie ſagen, Sie werden ſich an meine Schritte anhängen? Wenn ich Ihnen aber entkomme; wenn mein Zufluchtsort ſo verborgen iſt, daß Sie ihn nicht ent⸗ decken können? Ceſarine. „Ich werde nicht einmal nöthig haben, Ihren Zu⸗ zu ſuchen, da Sie mich nicht verlaſſen önnen. Ich. „Was wird mich daran verhindern? Ceſarine. „Eine einfache Erwägung, geſchöpft aus meiner tiefen Kenntniß Ihres Charakters... Mein Gott! ich habe Alles dies vorhergeſehen! Ich täuſchte mich nicht! 60 ich weiß vollkommen, daß das Leben, das ich Ihnen bereite, ein ſo ſchmerzliches Joch für Sie werden wird, daß Sie es, ungeheures Opfer! . vorziehen, auf den Reichthum zu verzichten und wie ein armer Schlucker in irgend einem unbekannten Neſte zu leben ... Ja, ich weiß Alles dies; aber, mein Theurer, wollen iſt nicht können, und die Erwägung, von der ich rede, wird Sie an mich feſſeln . .. Hier, in Paris oder an⸗ derswo, find wir, werden wir fortan unzertrennlich ſein, welchen Abſcheu ich Ihnen auch einflöße! . .. Ich. „Nun „dieſe Erwägung, von der Sie reden, was iſt es? Ceſarine. „Hören Sie mit zwei Worten .. .“ In dieſem Augenblicke wurde unſer Geſpräch durch Stephen unterbrochen; er kam, um meine Frau zu fragen, ob ſie die Marquiſe von Montbriſon empfan⸗ gen wolle. „Gewiß,“ rief Ceſarine; „ſie komme! ſie komme! Der Himmel ſchickt ſie uns warhaftig,“ fügte ſie bei, als der Neger weggegangen war. „Sagen Sie, mein Lieber, das iſt entzückend! Dieſe treffliche Frau von Montbriſon könnte zu keiner ſchicklicheren Zeit kom⸗ men! Die Komödie, von der ich mir ſo viel Ver⸗ gnügen verſpreche, wird anfangen .. Steh' mir bei, meine Maske! und ich fordere Sie auf, wagen Sie es, mich zu entlarven, Herr Fernand Dupleſſis!“ XXV. „Steh' mir bei, meine Maske!“ hatte Ceſarine in dem Augenblicke, wo ſie Frau von Montbriſon em⸗ pfangen ſollte, ausgerufen. 61 Meine Frau nahm in der That ihre Maske wie⸗ der an; ihre Züge, in denen kurz vorher die Frech⸗ heit, der Hohn, die Verachtung, der Haß und die höl⸗ liſche Verderbtheit ihrer Seele ausgedrückt waren, ver⸗ wandelten ſich plötzlich: Madame Dupleſſis componirte ſich dieſelben mit einer wunderbaren Kunſt, und ſie boten bald eine verführeriſche Miſchung von Sanft⸗ muth, Beſcheidenheit und Liebfreundlichkeit. Als Frau von Montbriſon in das Betzimmer ein⸗ trat, näherte ſie ſich raſch meiner Frau, kußte ſie zärt⸗ lich und ſprach zu ihr: „Ah! mein liebes Kind! wie ſehr war es Be⸗ dürfniß für mich, Sie zu ſehen! Das beruhigt mich und tröſtet mich, denn ich bin außer mir!“ Als ſie ſodann mich erblickte, reichte ſie mir die Hand und ſagte: „Guten Morgen, mein lieber Herr Dupleſſis.“ und ſie fügte, nachdem ſie einen Augenblick über⸗ legt hatte, bei: „Es war mir Anfangs nicht lieb, Sie hier zu fin⸗ den im Ganzen iſt es jedoch beſſer im Intereſſe Ceſarine und in dem Ihrigen, wenn Sie bei uns Ce ſarine. „Mein Gott! liebe Marquiſe, was iſt es denn? Frau von Montbriſon. „Es iſt eine Nichtswürdigkeit, welche doppelt ab⸗ ſcheukich, da Sie das unſchuldige Opfer davon ſein könnten. Ceſarine. „Ich? Frau von Montbriſon. „Aber, Gott ſei Dank, die Böſen haben ohne mich gerechnet! und ſie werden mich auf ihrem Wege finden! Ich. „Darf ich Sie bitten, Madame, uns die Urſache Ihrer Entrüſtung mitzutheilen? 62 Frau von Montbriſon. „Sie ſollen ſie erfahren, mein lieber Herr Du⸗ pleffis, vor Allem aber muß ich Ihnen Folgendes ſa⸗ gent dieſe liebe Ceſarine hat mich geſtern Abend zur Dper abgeholt; wir waren in Ihrer Loge, Ihre Frau, Herr von Montbriſon und ich, als uns in einem Zwi⸗ ſchenacte Jemand Beſuch machte: das war Herr von Vareuil. Ich. „Vareuil? Frau von Montbriſon. „War er nicht am Morgen bei Ihnen? Haben Sie ihn nicht zum erſten Male Madame Dupleſſis vorgeſtellt? 5 „Ja, Frau Marquiſe. Frau von Montbriſon. „Das erzählte mir dieſe liebe Ceſarine, und ſie äußerte dabei, ſie habe ſich am Morgen ſo ſehr geär⸗ gert über die unanſtändigen Späße von Herrn von Vareuil. Ich hege ſelten eine Abneigung gegen Je⸗ mand, doch dieſer Vareuil iſt mir unerträglich; ſeine Dreiſtigkeit, ſeine compromittirende Geckerei, ſeine un⸗ ſtörbare Selbſtzufriedenheit machen mich unbarmherzig gegen ihn; bei ſeinem Eintritte in die Loge empfingen wir ihn auch, ich ſo ernſt und dieſe liebe Ceſarine ſo kalt, daß Herr von Vareuil, trotz ſeiner Frechheit und ſeines Dünkels, nachdem er uns gegrüßt, kaum wußte, welche Haltung er ſich geben ſollie, denn ſo⸗ bald wir ſeinen Gruß mit einer eiſigen Miene erwie⸗ dert hatten, drehten wir ihm völlig den Rücken zu, um unſer Geſpräch fortzuſetzen; er wollte daran Theil nehmen, doch ich wandte mich an Herrn von Mont⸗ briſon und ſagte zu ihm: „„Mein Freund, wollen Sie die Güte haben, Herrn von Belval, den ich auf dem Balcon ſehe, zu bitten, zu uns zu kommen, denn Sie wiſſen, wir haben viel mit ihm zu reden.“ Herr 63 von Montbriſon verſtand mich auf das halbe Wort und ging hinaus. Ich forderte ſo Herrn von Vareuil auf, unſere Loge zu verlaſſen, da nur vier Plätze darin ſind. Eine Härte koſtet mich immer viel Ueberwin⸗ dung; doch es entging mir nicht, daß man die Anwe⸗ ſenheit von Herrn von Vareuil bei uns ſchon bemerkte; dieſer Umſtand, der vollkommen bedeutungslos, wenn es ſich um irgend einen Andern, als um ihn gehan⸗ delt hätte, machte mich ungeduldig, weil ich die freche Geckerei des Oberſten kannte; in Erwartung der Rückkehr von Herrn von Montbriſon, die dem Beſuche unſeres Aergerlichen ein Ziel ſetzen ſollte, wandten Ceſarine und ich ihm fortwährend den Rücken zu, ohne ein Wort an ihn zu richten, und dies ſo abſichtlich, daß es der ganze Saal ſehen mußte. Er wurde hier⸗ über wüthend und ſagte unverſchämter Weiſe zu mir: „„Madame, es ſcheint, Sie ſetzen mich ganz einfach vor die Thüre der Loge von Madame PDupleſſis?““ „„Mein Herr,““ antwortete dieſe liebe Ceſarine voll Würde und Takt, „„Frau von Montbriſon iſt hier zu Hauſe, da ſie mir die Ehre erwieſen hat, einen Platz in meiner Loge anzunehmen, und den Werth dizſer Ehre fühle ich in dieſem Augenblicke doppelt.“ Bei⸗ nahe in derſelben Secunde kamen Herr von Montbri⸗ ſon und Herr von Belval zu uns. Herr von Vareuil, der genöthigt war, ſeinen Abgang zu nehmen, konnte ſeinen Aerger nicht verbergen; ich bat Herrn von Mont⸗ briſon und Herrn von Belval, uns in den Zwiſchenacten nicht zu verlaſſen, um uns die Möglichkeit eines neuen Beſuches von dieſem unerträglichen Oberſten zu erſpa⸗ ren, und wir entfernten uns vor dem Schluſſe der Vorſtellung, um ihm nicht zu begegnen. Nach der Oper begaben wir uns zu Frau von Surville, von wo mich Ihre Frau nach Hauſe führte. Aus dieſem geht her⸗ vor, mein lieber Herr Duvleſſis, daß Ceſarine den Oberſten geſtern Morgen zum erſten Male in Ihrer Gegenwart, und dann geſtern Abend zehn Minuten 64 lang geſehen hat, während welcher Zeit wir nicht ein einziges Mal das Wort an ihn richteten. Ceſarine. „Und dennoch, liebe Marquiſe, hat ſich Herr von Vareuil zu meinem großen Eiſtaunen erlaubt, die Mu⸗ ſik ſeines Regimentes hieher zu ſchicken, um uns ein Ständchen zu bringen. Frau von Montbriſon. „Das iſt es gerade, worüber ich außer mir bin. Ich. „Wie, Madame, Sie wiſſen ſchon? .. Frau von Montbriſon. „Ich war vorhin in Ihrer Nachbarſchaft, bei Fran von Kubeterre, einer Dame von Geiſt und Gemüth. Wiſſen Sie aber, womit ſie mich bei meinem Eintritte begrüßt hat? „Werden Sie es glauben, meine Liebe,““ ſagte ſie zu mir, „„Herr von Vareuil hat ſchon die Muſik ſeines Regimentes Madame Dupleſſis geſchickt! Zum Glücke kennen wir ſie als tadellos und unbeſchol⸗ ten, und Ihre Freundſchaft wird ſie, wie ich hoffe, vor jeder üblen Nachrede ſchützen; doch, wahrhaftig, nichts wäre für eine andere Frau ſo entſchieden cvm⸗ promittirend, wie dieſes Ständchen; denn man weiß, wie Herr von Vareuil zu verfahren pflegt.“ Sie be⸗ greifen, mein lieber Herr Dupleſſis, auf welche Art ich Frau von Aubeterre antwortete; ich theilte ihr vor Allem mit, daß geſtern in der Oper dieſe liebe Ceſa⸗ rine Herrn vou Vareuil ſehr hart behandelt habe, daß ſie ihn am Morgen zum erſten Male in Ihrer Gegen⸗ wart geſehen; da ſprach Frau von Aubeterre wie ich ihren ſchärſſten Unwillen über die Unverſchämtheit die⸗ ſes Ständchens aus, und ſie nahm, das verſichere ich Sie, mein Kind, den wärmſten Antheil an dem lebhaften Verdruſſe, den Ihnen dieſe plumpe Unanſtändigkeit, oder vielmehr dieſe feige, treuloſe Rache verurſachen mußte; ja, ja, aufgebracht darüber, daß er geſtern Abend in der Oper von uns nach ſeinen Verdienſten 65 empfangen worden, möchte Herr von Vareuil gern Anlaß zu üblen Rachreden geben, deren Opfer Sie würden, mein Kind; doch, wie geſagt, die Böſen ha⸗ ben ohne mich gerechnet, und, Goit ſei Dank, ich bin da! Ceſarine. „Ach! Frau Marquiſe, ich bin doch bemüht, der Bosheit keine Blöße zu geben . und meine Pflichten nach meinen beſten Kräften zu erfüllen; indeſſen. wenig⸗ ſtens ſicher, Ihre Achtung und die von Fernand zu verdienen, werde ich mich, wenn es ſein muß, darein ergeben, die Verleumdungen der Welt zu erdulden. . und Gott meine Leiden darbringen. Frau von Montbriſon. „Liebes, theures Kind, ich bitte, laſſen Sie ſich nicht ſo niederſchlagen . . . Sie hören ſie, Herr Du⸗ pleſſis . .. Es iſt ein Engel! ein Engel! „Ja, Madame es iſt ein Engel .. Frau von Montbriſon. „Auf, Ceſarine, keine Schwäche... Iſt der Ruf einer redlichen Frau, einer wie Sie von Allen ge⸗ liebten, geehrten Frau, der Willkür des erſten Gecken, der ſie compromittiren will, preisgegeben? ꝙ Ich. „Ich verſichere Sie, Madame, ich finde in Allem dem das Benehmen von Herrn von Vareuil ſo voll⸗ kommen lächerlich, daß ich mich ganz und gar nichts darum bekümmere. Frau von Montbriſon. „Es macht mich ſehr glücklich, Sie ſo ſprechen zu hören; ich befürchtete beſonders, einer übertriebenen Empfindlichkeit nachgebend, könnten Sie ſich zu einem Eelat hinreißen laſſen, was ſehr beklagenswerth ge⸗ weſen wäre! Fernand Dupleſſis. IV. 5 66 Ich. „Madame, ich ſchätze zu richtig meine Frau . ich weiß zu genau, was ſie werth iſt, was ſie iſt u je zu argwohnen, ſie könnte mit ſich uneinig ſein. Ceſarine. „Ich danke, mein Freund! dieſe guten und ver⸗ trauensvollen Worte ſind eine Ermuthigung, ſind der Lohn für meine Beſtrebungen, mich immer würdig zu zeigen des Namens, den ich trage; und ſtolz auf die⸗ ſen Namen, ſtark durch mein Bewußtſein, werde ich den Läſterzungen trotzen, die oft das reinſte Leben nicht verſchonen. Frau von Montbriſon. „Die Läſterung muß Sie wohl reſpectiren, mein liebes Kind! Wie, der Ruf der würdigſten Frau, die ich kenne, und die ich liebe wie meine Tochter, ſollte Gefahr laufen, von der Rache eines unverſchämten Gecken angegriffen zu werden? Nein, nein, das wird nicht geſchehen, und damit es nicht geſchehe, werde ich für Sie, Ceſarine, bei dieſem Falle thun, was ich für meine Tochter thun würde. Ceſarine. „Welche Güte, Madame! Frau von Montbriſon. 4 „Sie ſind vor jedem Verdachte geſchützt, mein lie⸗ bes Kind, und Sie werden immer davor geſchützt ſeinz doch das genügt mir nicht, es muß ein Beiſpiel gege⸗ ben werden; Herrn von Vareuil ſoll ſein Recht wi⸗ derfahren, und dieſe Sorge übernehme ich; zählen Sie auf mich! Ceſarine. „Was ſagen Sie, Madame? Frau von Montbriſon. „Es iſt heute Empfangtag bei Frau von Irville, der Tante von Herrn von Vareuil; ich bin faſt ſicher, 67 ihn bei ihr zu treffen . . und dort oder, wenn es ſein muß, anderswo werde ich eine Erecution vornehmen, wie man früher ſagte, wenn die Frauen von meinem Alter unbarmherzig Gerechtigkeit übten gegen dieſe oft und lange in Folge der Duldſamkeit oder der Mitſchuld der Welt unbeſtraften Schändlich⸗ keiten. „Herr von Vareuil,““ werde ich laut ſagen, um von einer großen Anzahl von Perſonen gehört zu werden, „ich bitte auf ein Wort.“ Er nähert ſich mir, ich meſſe ihn mit Verachtung und ſpreche: „„Mein Herr, ich bin ſo glücklich, Madame Fernand Dupleſſis meine vertraute Freundin zu nennen; Sie haben die Ehre gehabt, ihr geſtern Morgen zum erſten Male vor⸗ geſtellt zu werden, und Sie haben ſie nur in Gegen⸗ genwart von Herrn Dupleſſis geſprochen; Sie ſind, um Beſuch zu machen, in unſere Loge in der Oper gekommen, wir wechſelten kaum ein paar Worte mit Ihnen, und dieſen Morgen erlauben Sien ſich, die Muſik Ihres Regimentes zu Madame Dupleſſis zu ſchicken; ich bin genöthigt, Ihnen zu bemerken, Herr von Vareuil, da Sie es nicht wiſſen, daß dieſe un⸗ glanbliche Vertraulichkeit gegen eine Frau, welche Sie kaum kennt, äußerſt abgeſchmackt iſt, verbirgt ſie nicht etwa den treuloſen Hintergedanken, über Madame Du⸗ pleſſis ſchändlichen Verdacht ſchweben zu laſſen, was nichts in der Welt rechtfertigen kann, je rechtfertigen wird. Ich will gern glauben, Herr von Vareuil, daß Sie bei dieſer Gelegenheit nur der allergewöhnlichſten Lebensart ermangelt haben ich habe auch Madame Dupleſſis veranlaßt, für Sie ihre Thüre zu verſchließen, und ich beeifere mich, Ihnen laut zu eröffnen, mein Herr, daß meine vortreffliche Freundin Sie auffordert, nie bei ihr zu erſcheinen.““ Ich beobachtete meine Frau aufmerkſam, und trotz ihrer tiefen Verſtellung, obgleich ſie Frau von Mont⸗ briſon antwortete, ſie danke ihr innigſt für, ihren faſt 5 68 mütterlichen Beiſtand bei dieſer zarten Angelegenheit, war ich erſchrocken über das teufliſche Lächeln, das über die Lippen von Ceſarine zuckte; ihre letzten ent⸗ ſetzlichen Offenbarungen unterſtützten meinen Inſtinct, und ich ahnete, ich war ſicher, daß ſie in dieſem Au⸗ genblicke auf eine heilloſe Machination ſann. Ganz bethört von meiner Frau und ihr mehr als je vertrauend, ſagte die Marquiſe: „Sie ſehen, liebes Kind, ich handle hiebei gerade wie ich für meine Toch⸗ ter handeln würde, denn ich fühle ſo lebhaft die Betrüb⸗ niß derjenigen, welche ich liebe, als ſie dieſe ſelbſt füh⸗ len . . und ich werde nicht dulden, nein, ich werde nie dulden, daß man nur im Geringſten den Ruf von einer der Frauen, die ich am meiſten in der Welt ehre, antaſtet; und nun, Ceſarine, und Sie, Herr Dupleſſis, was ſagen Sie zu meinem Plane? Ceſarine. „Ich, was mich betrifft, liebe Marquiſe, ver⸗ möchte Ihnen nicht genug meine Dankbarkeit zu bezei⸗ gen .. Fernand wird Ihnen ſagen, daß ich geſtern Morgen, aufgebracht über die cavalièren Manieren von Herrn von Vareuil, dieſen zweimal zu der Schick⸗ lichkeit, von der er ſich entfernte, zurückgewieſen habe; ich bin alſo entzückt, Madame, durch Ihre Bemühun⸗ gen von ſeinen Beſuchen befreit zu werden.“ Dann wandte ſich meine Frau gegen mich und fügte mit einer Miene ſchüchterner, liebevoller Ehrerbietung bei: „Ich weiß nicht, mein Freund, ob ich nicht auf dieſe Art gegen Ihren Sinn ſpreche? denn Sie haben mir Herrn von Vareuil als einen Ihrer beſten Freunde vorgeſtellt? ch. „Ich ſchließe mich im Gegentheile ganz Ihnen an, um Frau von Montbriſon für ihre guten Dienſte zu danken. Frau von Montbriſon. „Beſuchen Sie mich alſo morgen frühzeitig, mein 69 liebes Kind, und ich werde Ihnen die Details dieſer Erecution mittheilen, welche, ich bin es feſt über⸗ zeugt, indem ſie an einem frechen Gecken Gerechtigkeit übt, Ihre Ruhe ſchützen und einen neuen Glanz dieſen liebenswürdigen Tugenden verleihen wird, auf die ich für Sie ſo ſtolz bin. Ceſarine. „Sie dürfen darauf ſtolz ſein, Frau Marquiſe, denn ich bemühe mich in allen Dingen, Ihr edles Bei⸗ ſpiel zu befolgen. Frau von Montbriſon. „Oh! Herr Dupleſſis, erinnern Sie ſich meiner Worte, als Sie mir Ihre Verheirathung mit dieſer auberin mittheilten? Ich. „Ja, Frau Marquiſe . Dieſe Worte zeugten von Ihrer zärtlichen Hochachtung für Madame Du⸗ pleſſis .. und ich habe ſie kennen lernen .. Ceſarine. „Ah! Fernand, Sie verderben mich Frau von Montbriſon. „Hierin hat er Recht, denn ich glaube nicht, daß es einen Menſchen gibt, der glücklicher iſt, als er .. und, ich muß geſtehen, der ſeines Glückes würdiger iſt! Ceſarine. „Wenn Sie wüßten, Madame, wie ſehr das, was Sie da ſagen, wahr iſt! . .. ja, wie ſehr mein Fer⸗ nand ſeines Looſes würdig iſt! Frau von Montbriſon. „Ich habe es nie bezweifelt. Mein liebes Kind, morgen alſo! Ceſarine. „Morgen, erlauben Sie mir, Frau Marquiſe, Sie zurückzugeleiten? Frau von Montbriſon. „Gewiß. Ich werde auf dieſe Art einige Augen⸗ 70 blicke mehr mit Ihnen zubringen. Guten Tag, Herr Dupleſſis.“ Meine Frau begleitete Frau von Montbriſon bis an ihren Wagen, und ich blieb allein. Zwanzigmal war ich während dieſer Unterredung, bei der ſich die fluchwürdige Heuchelei von Ceſarine in ihrem vollen Lichte vor meinen Augen zeigte, auf dem Punkte, vor Entrüſtung loszubrechen, ſoempört fühlte ich mich, die edle und rührende Zuneigung von Frau von Montbriſon auf das Unverſchämteſte betrogen zu ſehen; doch ich mußte mich ſelbſt mit Schande bedecken; vann beherrſchte mich der grauſame Gedanke, der ſchon in meinem Geiſte aufgetaucht war, mehr und mehr; ich hatte bemerkt, wie viel die von der Marquiſe den Tugenden von Ceſarine geſpendeten Lobeserhebungen dieſer Vergnügen bereiteten, — höhniſches, lächerliches Vergnügen; ich kannte fie genug, um beinahe ſicher zu ſein, es werde ihr piquant ſcheinen, wenn ſie insge⸗ heim den für ſie executirten Herrn von Vareuil wiederzuſehen ſuche! ihn, den man als Brandopfer dem makelloſen Rufe dieſer frommen und keuſchen Gat⸗ tin dargebracht! . .. Trotz der Unruhe, in die mich ſo viele erſchreckliche Offenbarungen verſetzten, bereitete ich mich vor, Madame Dupleſſis zu antworten, wie ich es für meinen Plan thun mußte. Sie kam bald zurück, warf wieder ihre Maske ab, ſchlug ein ſchallen⸗ des Gelächter auf und rief: „Dieſe treffliche Marquiſe iſt anbetungswürdig geweſen, und ich, mein Lieber, geſtehen Sie, ich war herrlich! 1 5 Ich. „Ich fühle mich wenig geneigt, Ihnen Compli⸗ mente zu machen. Ceſarine. „Undankbarer! für Sie ſtrengte ich mich an, meine Rolle ſo bewunderungswürdig zu ſpielen. 71 Ich. „Frau von Mortbriſon hat unſer Geſpräch unter⸗ brochen, es iſt dringend, daß wir es wieder aufneh⸗ men; Sie ſagten mir, glaube ich, Sie haben ein ſiche⸗ res Miltel, mich bei ſich zurückzuhalten, wenn ich mir was doch nicht wohl möglich .. erlauben wollte, mich der ehrenvollen und glücklichen Eriſtenz, die Sie mir vorbehalten, zu entziehen? Ceſarine. „Ja ich habe dieſes Mittel . ich habe dieſe Gewalt . Ich. „Ich höre .. Ceſarine. „Ich will durchaus mit Ihnen ſprechen, als ob dieſe liebe Marquiſe wäre .. * „Verzeihen Sie ... Ich bitte, mir zu antwor⸗ ten, ohne zu lügen, wenn Sie können. Ceſarine. „Das verſteht ſich, nur erfaßt mich ein Skrupel; ich befürchte Ihr Zartgefühl durch eine zu rohe Sprache zu verletzen, ich fühle das Bedürfniß, gewiſſe Dinge keuſch zu verſchleiern, das iſt eine einfache Formſache. Sie fragen mich alſo, welches Mittel ich anwen⸗ den würde, um Sie bei mir zurückzuhalten, wenn Sie eines Tags in die Tieſe einer unbekannten Einſamkeit fliehen wollten? Ich will Ihnen hierauf antworten, mein zärtlicher Freund. Sagen Sie offenherzig, haben Sie die erſte Bedeutung dieſes Entſchluſſes wohl über⸗ legt? Sie wollen mich mir ſelbſt überlaſſen, ohne Stütze, ohne Rath, fortan meines Gatten, meines Füh⸗ rers, meines natürlichen Beiſtandes beraubt? be⸗ denken Sie wohl? . . . Sie wollen mich allen Verfüh⸗ rungen ausgeſetzt ſein laſſen? Mein Gott! der Abhang des Laſters iſt ſo ſchlüpfrig, ſo jäh ... Wie viele arme, 72 ſo von ihrem Manne verlaſſene Frauen hat man nicht traurigen Verirrungen nachgeben .. und den Namen, den ſie trugen, entehren ſehen!! Ah! fern von mir ſei der Gedanke, zu glauben, ich werde je ſo tief fallen! Nein, nein! Gott ſei Dank, die tadelloſe Reinheit mei⸗ nes vergangenen Lebens, die Redlichkeit meines Cha⸗ rakters, die Erhabenheit meiner Gefühle, die Feſtig⸗ keit meiner religiöſen Grundſätze ſind für Sie eben ſo viele ernſte Garantien für mein zukünftiges gutes Be⸗ nehmen, ſelbſt wenn Sie ſich von mir entfernen wür⸗ den; doch am Ende, Sie wiſſen, mein armer Freund, ach! das Geſchöpf iſt ſchwach die Hölle iſt, wie man zu ſagen pflegt, mit guten Abſichten gepflaſtert! Von Ihnen getrennt, mir ſelbſt über⸗ laſſen, unumſchränkte Herrin meiner Handlungen könnte ich fehlen, trotz meiner tugendhaften Entſchlüſſe, wäh⸗ rend ich im Gegentheil, unterſtützt, ermuthigt auf dem Wege des Guten durch Ihre theure Gegenwart, unbe⸗ ſiegbar bin .. und die Achtung und Liebe diefer vor⸗ trefflichen Marquiſe zu tiſuh fortfahren werde. h. „Mit andern Worten, ich muß wählen zwiſchen der vor Aller Augen verborgenen und jeden Tag ins⸗ geheim von mir verſchluckten demüthigenden Erniedri⸗ gung und der öffentlichen Schande? Ce ſarine. „Böſer! welche brutale Sprache! Nein, Sie ver⸗ ſtehen mich gar nicht! Sie müſſen bei Ihrer vielge⸗ liebten Frau bleiben, um ſie in der Erfüllung ihrer Pflichten zu unterſtützen; Sie müſſen ſich darein fügen, Wohnung, Heizung, Speiſe und Trank, Kleidung, Wäſche, Wagen zu haben, jeden Monat Ihren guten Gehalt einzuſtecken um Sie her und von Allen ſagen zu hören: Sie haben einen Engel geheirathet; nur muſſen Sie ein blindes Vertrauen zu dieſem Engel hegen und, wenn dieſer Engel ausgeht oder nach 73 Hauſe kommt, zu welcher Stunde es auch ſein mag, nie ſich darum bekümmern, wohin er geht oder woher er kommt, was er thut, was er thun will, dieſer arme Engel! vertrauen Sie ihm, er findet zu viel himm⸗ liſche Wonne darin, die Ambroſia ſeines engeliſchen Rufes zu genießen, um ihn je durch die leichteſte In⸗ conſequenz zu gefährden. Antworten Sie mir, wür⸗ diger Freund, iſt Ihr Loos nicht beneidenswerth? Ich. 8 „Welches es auch ſein mag ... wenigſtens für jetzt nehme ich es an. Ceſarine. „Ich wußte, wir würden uns am Ende trefflich verſtändigen; wir ſind offenbar für einander geboren; beſeelt von dem Wunſche, Ihnen ein Zeugniß meiner Zufriedenheit zu geben, für welches Sie, edles Herz, beſonders zart empfänglich ſein werden, will ich auch die fraglichen Anweiſungen bezahlen und Ihnen ein Geſchenk mit einem Tauſend⸗Franken⸗Billet machen, abgeſehen von Ihrer Penſion von dieſem Monat.“ Ceſarine ſprach dieſe Worte, welche mich nicht aus der Ruhe, die ich mir auferlegt hatte, heraus⸗ bringen konnten, als Aurora eintrat und auf einem fülbernen Brette einen Brief ihrer Gebieterin brachte. Dieſe fragte ſie: „Iſt Stephen da? Aurora. „Ja, Madame. Ceſarine. . „Rufe ihn:“ (Dann ſich an mich wendend): „Lieber Freund, es liegt mir daran, daß dieſe guten Diener von Ihnen ſelbſt erfahrenz Sie verzeihen ihnen.“ Ich. „E ſei. Stephen und Aurora kamen wieder herein. Ce⸗ ſarine ſagte zu ihnen: 74 „Meine Freunde, Herr Dupleſſis iſt troſtlos, ſo lebhaft gegen Euch geweſen zu ſein. Ich bezweifle nicht, daß Ihr Eurerſeits auch ein wenig Eure Leb⸗ haftigkeit gegen ihn bedauern werdet! Stephen. „Um Madame zu gehorchen, ſetze ich jede Eitel⸗ keit beiſeit, und da Madame es wünſcht, ſo geſtehe ich, daß ich frech gegen den Herrn geweſen bin. Aurora. „Ich auch. Ceſarine. „Sie hören die würdigen Diener, mein Freund? Dieſe kleine Erklärung geht überdies in Familie vor ſich. „Ich verzeihe Ihren Leuten, doch ich ermahne ſie, ſich in Zukunft ehrerbietiger zu benehmen.“ Das Geräuſch der Schellen mehrerer Poſtpferde, welche in den Hof kamen, erregte die Aufmerkſamkeit von Ceſarine; ich erinnerte mich, daß ich zwei Tage vorher und vor dieſen verſchiedenen Begebenheiten Poſtpferde hatte beſtellen laſſen, weil ich auf ein paar Tage nach Rambouillet auf die Jagd zu gehen gedachte; es war mir nicht eingefallen, dieſen Befehl widerrufen t * zu laſſen; ich wünſchte mir Glück hiezu, denn er diente meinen Plänen. Ceſarine ſagte zu mir: „Wer hat denn f beſtellt? „Ich habe auf morgen einige von meinen Freun⸗ den zur Jagd nach Rambouillet eingeladen; ich ge⸗ dachte heute Nachmittag dahin abzugehen.“ Meine Frau bebte unmerklich; ich erlauerte in ihren Augen einen Blitz höhniſcher Freude; dann, nach⸗ dem ſie einen Moment überlegt hatte, ſprach ſie, in Gegenwart von Aurora und Stephen, zu mir: „Nun, ſo gehen Sie, mein Freund, ich möchte 7⁵ Sie nicht gern dieſer Beluſtigung berauben ... Wann werden Sie zurück ſein? „In vier bis fünf Tagen ſpäteſtens. Ce ſarine. „Die Zeit wird mir fern von Ihnen ein wenig hng währen; doch vor Allem Ihr Vergnügen, lieber reund. Ich. „Ich danke Ihnen für die Erlaubniß; ich werde davon Gebrauch machen, aber erſt heute Abend weg⸗ fahren! Ceſarine. „Warum dieſer Aufſchub? „Statt allein zu reiſen, was mich ziemlich lang⸗ weilen würde, in der Stimmung des Geiſtes, in der ich mich befinde Sie müſſen das begreifen .. . werde ich zwei von meinen Freunden bitten, mich nach Ram⸗ bouillet zu begleiten; ich brauche Zeit, um ſie davon zu benachrichtigen, und ich werde die Pferde wegſchicken; ſie ſollen heute Abend um ſieben Uhr wiederkommen.“ Und ich verließ Ceſarine. Ich traf einige Verfügungen, welche unerläßlich für meinen Plan, ſollten mich meine Ahnungen, die ich immer mehr durch gewiſſe Umſtände gerechtfertigt fand, nicht täuſchen; dann kehrte ich in mein Zimmer zurück, wo ich vor meiner Abreiſe Folgendes ſchrieb: „Jede Zeile, jedes Wort von meiner Unterredung mit meiner Fran oder mit Frau Montbriſon entſpricht durchaus der ſtrengſten Wahrheit. „Dieſes letzte Kapitel meines Tagebuchs erklärt die entſetzlichen Wirklichkeiten meiner Lage und ent⸗ hüllt den Charakter meiner Frau. „Dieſe Blätter werden im Nothfalle meine Recht⸗ 76 fertigung ſein. Darum bin ich in die ſehr um⸗ ſtändlichen Einzelheiten eingegangen. „Geſchrieben ganz von meiner Hand, in Paris, am 3. December 1833. „Fernand Dupleſſis.“ Ich füge dieſem letzten Kapitel, das ich aus mei⸗ nem Tagebuch trenne, noch ein Blatt, mein Teſtament enhaltend, bei: „Da ich den Zeitpunkt meines, vielleicht nahen, Todes nicht weiß, ſo verfüge ich hier und auf folgende Art über die mobiliaren Gegenſtände, welche mir ge⸗ hören, ſo wie über die Summe von zweiundachtzig⸗ tauſend Franken, deponirt bei Herrn Duval, Banquier, Rue Bleue, No. 17. „Ich vermache Armand Dupin, meinem Kammer⸗ diener, in Betracht ſeiner guten Dienſte, alle Gegen⸗ ſtände, welche zu meinem perfönlichen Gebrauche ge⸗ dient haben, als meine Toilette⸗Neceſſaires von Ver⸗ meil und Silber, meine Uhr, meine Juwelen, meine Kleider, Wäſche u. ſ. w. und eine Leibrente von tau⸗ ſend Franken. „Ich bitte meinen vortrefflichen Freund Jean Rah⸗ mond, mein Teſtamentsvollſtrecker ſein zu wollen, und ich vermache ihm: „1. Meine Bibliothek; „2. Ein Schreibzeug von ciſelirtem Silber, das meiner Großmutter gehört hat und ſich in meinem Cabinet findet; „3. Die Portraits in Paſtell von meiner Groß⸗ mutter, von meinem Vater und von meiner Mutter, in meinem Schlafzimmer hängend; „4. Das Mobiliar, mit welchem mein Haus in der Rue de Courcelles eingerichtet war, und das ich in meine Wohnung im Hotel des Faubourg Saint⸗ * 77 Honoré habe bringen laſſen (Dupin beſitzt das Ver⸗ zeichniß von dieſem Mobiliar); „5. Die bei meinem Banquier deponirte Summe, unter der Bedingung, daß mein Freund Jean Ray⸗ mond von dieſer Summe und vom Verkaufe meines Mobiliars die Conſtituirung der Leibrente von tauſend Franken, welche ich Armand Dupin zu ſichern wünſche, zum Voraus abzieht. „Mein Teſtamentsvollſtrecker wird über den Reſt der zweiundachtzigtauſend Franken und den Erlös vom Verkaufe des Mobiliars nach ſeinem Gutdünken verfügen, um eine Sache zu unterſtützen, welche nicht die mei⸗ nige iſt, der er ſich aber mit ſo viel Uneigennützigkeit und aufopferndem Heldenmuthe ergeben hak. „Ich füge dieſem Teſtamente meinen Heirathsver⸗ trag bei, indem ich zum Voraus und mit Abſcheu auf jede Theilung von Gegenſtänden verzichte, welche meinem Erbe im Falle des Todes von Ceſarine Cordier, meiner Frau, zufallen könnten. „Geſchrieben ganz von meiner Hand, heute am 3. December 1833. „Fernand Dupleſſis.“ „Gegenwärtiges Teſtament, die Blätter, die es begleiten und ein Brief adreſſirt an Herrn Jean Ray⸗ mond werden bei Herrn Barentin, meinem Notar, nie⸗ dergelegt werden. „Fernand Dupleſſis.“ Ich brachte meinen an Jean adreſſirten Brief, das letzte Kapitel meines Tagebuchs und mein Teſta⸗ ment unter einen Umſchlag, verſfiegelte ihn mit drei Siegeln und ſchrieb darauf: „Dieſes iſt mein Teſtament; es ſoll deponirt wer⸗ den bei Herrn Barentin, Notar, und geöffnet am Tage meines Todes in Gegenwart von Herrn Jean Ray⸗ mond, wohnhaft auf dem Quai de l'Ecole, No. 25.“ 78 Ich häufte dann verſchiedene Papiere und Briefe zuſammen, legte dieſen mein Tagebuch bei, aus wel⸗ chem ich das letzte Kapitel getrennt hatte, und ſchrieb auf dieſes ziemlich umfangreiche, auch dreifach verſie⸗ gelte Paquet. „Jean Raymond empfohlen, um nach meinem Tode verbrannt zu werden.“ Einen Augenblick hatte ich den Gedanken gehabt, mein Tagebuch Jean Raymond zu vermachen, doch er hätte darin mein ſchändliches Benehmen gegen ſeine Mutter geleſen; er ſollte mich nicht jenſeits des Gra⸗ bes verachten, da Madame Raymond die Großmuth gehabt hatte, ihrem Sohne die traurigen Ereigniſſe des Schloſſes Riballiére zu verbergen. Nachdem dieſe verſchiedenen Verfügungen getoffen waren, machte ich ein Paquet aus meinem Tagebuch, meinem Teſtamente und den zum Verbrennen beſtimm⸗ ten Papieren und ſchickte das Ganze durch Dupin zu meinem Notar. um ſechs Uhr meldete mir der Haushofmeiſter, Madame erwarte mich zum Diner; ich antwortete, ich könne nicht zu Mittag ſpeiſen, weil ich in Rambouillet zu Nacht ſpeiſen müſſe, doch ich werde vor meiner Ab⸗ fahrt von meiner Frau Abſchied nehmen. XXVI. um halb acht Uhr Abends kamen die Poſtpferde wie⸗ der nach dem Hotel im Faubourg Saint⸗Honoré; wäh⸗ rend man meinen Reiſewagen anſpannte, ging ich, um Abſchied zu nehmen, zu Madame Dupleſſis; ſie hörte gerade auf, mit ſehr gutem Appetit zu ſpeiſen. Wir trennten uns. Ihre letzten Worte waren: 79 „Unterhalten Sie ſich gut, mein lieber Freund.“ Dann ſetzte ſie mit einem unbeſchreibbaren Ausdrucke hinzu: „Es findet heute Abend die Execution des Oberſten von Vareuil durch Frau von Montbriſon ſtatt ich werde Ihnen die Details ſchreiben .. das wird ſehr intereſſant ſein.“ Ich antwortete nichts und verließ Ceſarine. Bald nachher ſtieg ich in den Wagen, und Dupin ſetzte ſich hinten auf. In dem Augenblicke, wo man das große Thor des Hotels für meine Abfahrt öffnete, ſah ich Stephen, der, gegen ſeine Gewohnheit, nicht bei Tiſche ſervirt hatte, aus einem Fiacre ſteigen und durch den Hof laufen; er hatte ohne Zweifel einen dringenden Auftrag beſorgt, und den Zweck dieſes Auf⸗ trags glaubte ich zu errathen. Die Pferde gingen im Galopp ab, doch nach fünf⸗ hundert Schritten befahl ich den Poſtillons, zu halten; ich ſtieg aus und hieß Dupin nach einem Hotel garni des Faubourg Saint⸗Germain fahren, das ich ihm be⸗ zeichnete; dort ſollte er ausſpannen, den Wagen in eine Remiſe bringen laſſen, ein Zimmer für ſich verlangen und dann auf neue Inſtructionen warten. Ich nahm ſodann einen Fiaere und begab mich nach der Kaſerne 5 Serſen von Vareuil, welche auf dem Quai d'Or⸗ ay lag. Ich fragte den Concierge, ob ein Brief, den ein Bedienter, ein Neger, gegen halb ſieben Uhr Abends für den Oberſten gebracht, dieſem ſicher zugekommen ſei. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Concierge. „Der Herr Oberſt wollte eben ausgehen, als der Neger ihm ſelbſt den Brief übergab.“ Meine Frau hatte an Vareuil geſchrieben, da ſie nicht bezweifelte, ich reiſe wirklich nach Rambuuillet ab, eine ſehr begreifliche Reiſe unter den gegenwär⸗ tigen Umſtänden; ich mußte in den Augen von Ceſa⸗ 80 rine das Bedürfniß fühlen, ſie momentan zu verlaſſen, nach den grauſamen Gemüthserſchütterungen dieſes Ta⸗ ges, um mich zu ſammeln und über die Zukunft, die meiner harrte, nachzudenken. Madame Dupleſſis glaubte mich in der That auf dem Wege nach Rambouillet, und meiner Abweſenheit gewiß, war ſie in vollkommener Sicherheit. Als ich die Kaſerne des Regiments von Vareuil verließ, ſtieg ich wieder in den Fiacre; ich ließ ihn auf der Place de la Concorde, und wandte mich in einer ſinſtern Nacht nach den Champs⸗Eliſées, die an unſern Garten gränzten; man trat in denſelben von dieſer Seite durch eine Gitterthüre ein, zu der ich einen Schlüſſel hatte, denn oft, um mir den Weg durch die Rue du Faubourg Saint⸗Honoré zu erſparen, ritt ich durch dieſe Thüre hinaus: unfern davon war ein reizender ländlicher Pavillon, ſehr comfortable ein— gerichtet und aus zwei kleinen Salons beſtehend; hier ſpeiſten wir im Sommer oft zu Mittag, nahmen Eis oder Kaffee zu uns. Eine Treppe von rohem Holz führte zu dieſem Pavillon, der ſich über einer ziemlich tiefen Grotte von Muſchelwerk erhob, in welcher ich mich verbarg. Ich ſchöpfte aus meinen Vorherſehungen, aus mei⸗ ner Kenntniß der Oertlichkeiten und aus der Offen⸗ barung des Charakters von Ceſarine eine ſolche Sicher⸗ heit in Betreff der Thatſachen, deren Zeuge ich ſein ſollte, daß ich gleichſam zum Voraus ihre ſucerſſtve Verkettung bezeichnet hätte. Es ſchlug neun Uhr. Ich hörte in der Ferne den Sand einer Allee kra⸗ chen, welche von der Wohnung von Madame Dupleſſis unmittelbar nach dem Pavillon mündete; ich erkannte den leiſen Tritt einer Frau. Die Nacht ſchien mir halb durchſichtig aus der 81 tiefen Finſterniß der Grotte, wo ich mich, ohne Furcht, bemerkt zu werden, verbarg. Die Tritte näherten ſich. Ich vermuthete, die Perſon, welche ſo in der Dun⸗ kelheit herbeikam, müſſe Aurora, die Vertraute der ge⸗ heimen Ausſchweifungen meiner Frau, ſein, und ich täuſchte mich nicht. Bald ſah ich durch eine der unregelmäßigen Oeff⸗ nungen der Grotte eine menſchliche Form ſchlüpfen; kurz darauf hörte ich den Riegel des Schloſſes der Git⸗ terthüre ſpielen; dann ſtieg Aurora die Treppe vom Pavillon hinauf. Der Nachtwind brachte mir die durchdringenden Wohlgerüche des Heliotrops, des weißen Flieders und des Veilchens, — Lieblingsblumen von Ceſarine, mit denen im Winter ihr Salon und ihr Betzimmer ver⸗ ſchwenderiſch gefüllt waren. Aurora ſchmückte mit Sträußen die Vaſen der beiden Salons, damit ſich balfamiſche Düfte im Allerheiligſten . . des beabſichtigten Verbrechens ver⸗ breiteten. Ich hörte ein Kniſtern, darauf folgte ein leichter Schein, hervorgebracht durch das Brennen eines Zünd⸗ hölzchens; die Mulattin öffnete und ſchloß wieder die Thüre des erſten Zimmers, blieb hier eine halbe Stunde, kam dann heraus, wandte ſich nach dem Hauſe und das Geräuſch ihrer Tritte verlor ſich in der Ferne. Es war ungefähr halb zehn Uhr. Da ich nicht überraſcht zu werden befürchtete, ſo ſtieg ich zum Pavillon hinauf; ich fand den Schlüſſel im Schloſſe und trat in das erſte Zimmer ein; es war glänzend erleuchtet durch die Kerzen eines auf einer Conſole ſtehenden vergoldeten Candelabers. Das zweite Zimmer, das während der Hitze der ſchönen Jahreszeit als Ruheort diente, war kreisför⸗ mig mit breiten, mit einem reichen indiſchen Seiden⸗ Fernand Dupleſſis. W. 6 82² ſtoffe überzogenen Divans, ausgeſtattet; am Plafond hing eine chineſiſche Laterne, welche nur eine ſanſte, ſchwache Helle durch ihre transparenten Wände von Reispapier, worauf Vögel und Blumen gemalt waren, von ſich gab; dieſes zweite Zimmer blieb ſo in einem wollüſtigen Halbdunkel; Vaſen von japaneſiſchem Por⸗ zellan, blau und Gold, kurz zuvor durch die Mulattin mit friſchen Blumen gefüllt, deren Wohlgeruch den Salon durchduftete, vervollſtändigten die lachende De⸗ cvration; auf einem, den Boden verbergenden, dicken türkiſchen Teppich waren da und dort nach orientaliſcher Weiſe Kiſſen aufgelegt. Ich verweile bei dieſen Einzelheiten des Zimmer⸗ geräths, weil in dieſem Momente beſonders der Anblick des reizenden Salon grauſame Erinnerungen und ent⸗ ſetzliche Gedanken des Haſſes, der Eiferſucht und der Rache erweckte. Ceſarine liebte beſonders dieſen ſtillen Winkel, wohin ſie im Sommer vft kam, um zu leſen oder ſich träge auf einem Divan auszuſtrecken. Wie oft hatte ich ſie hier, in Verzweiflung über ihre Kälte und zu ihren Füßen weinend, angefleht, meine Liebe nicht zu verachten! Unſelige Liebe! für mich ſeit unſerer Verhei⸗ rathung eine Qual jedes Tages geworden! Aber, ein frommes und unkörperliches Geſchöpf, wies Ceſa⸗ rine ſchamhaft meine Zärtlichkeit zurück, ſchlug die Augen zum Himmel auf und ſprach von Gott und dem keuſchen Verzichten, das er ihr für ihr Heil und zur Sühnung ihrer ſtrafbaren Vergangenheit eingebe! ⸗ „ Nachdem ich einige Minuten in dieſem Salon, gräßlichen Empfindungen preisgegeben, geblieben war, verſicherte ich mich der ſoliden Verſchließung der Läden und Fenſter der zwei Zimmer; dann unterſuchte ich 83³ das Schloß der Thüre vom ſeiten Salon; ſie öffnete ſich mitielſt eines Entenſchnabels; das Schloß der Eingangsthüre war auch mit sinem Knopfe zum Oeff⸗ nen verſehen und konnte außerdem mit dem Schluſſel geſchloſſen werden; ich ſteckte dieſen Schlüſſel in meine Taſche und ließ die Thüre, welche innen keinen Rie⸗ gel hatte, nur mit dem Knopfe zugemacht. Hienach ging ich hinab, um die Gitterthüre des Gartens zu unterſuchen; die Mulattin hatte ſie halb geöffnet. Gegen zehn Uhr kehrte ich in die Tiefe der Grotte zurück; doch ehe ich mich abermals darein kauerte, ſchaute ich nach der Seite des Hauſes. Ich ſah die Fenſter der Wohnung meiner Frau erleuchtet .. Sie wachte . Sie wartete .. . Ich wachte auch! Ich wartete auch verborgen in der Dunkel⸗ eit Gegen meine Vorherſehungen dünkte mir die Zeit nicht lange. Die Gedanken folgten ſich in meinem Geiſte mit einer Schnelligkeit, die an den Schwindel gränzte. Alle Dinge von einſt, die Gegenwart, die Zukunft welche Zukunft, mein Gott! zogen unabläſſig vor meinen Augen wie eine unheilvolle Viſion hin und her. Ich hörte das heftige Schlagen der Adern meiner Schläfe; bald bedeckte ſich mein Geſicht plötzlich mit einem brennenden Schweiße „ bald mit einem eis⸗ kalten Schweiße; oft fühlte ich, wie ſich meine Hände krampfhaft durch eine maſchinenmäßige, von meinem Willen unabhängige Bewegung zuſammenzogen. Ich hatte mich in dieſer Grotte ſeit ungefähr einer halben Stunde niedergekauert, als plötzlich der Sand der Allee abermals und in der Ferne unter einem leich⸗ ten Tritte krachte. 84 Das war meine Frau. Sie verſicherte ſich der Oeffnung des Gitters und ſtieg dann raſch die Treppe hinauf; ich hörte das Rau⸗ ſchen ihres ſeidenen Kleides, und der ſüße Wohlgeruch des Patchouli, der ihren Gewändern entſtrömte, ge⸗ langte bis zu mir. Ceſarine blieb einen Augenblick auf dem Ruhe⸗ 6 des Pavillon ſtehen, ſtampfte mit dem Fuße und Die Dumme! ſie hat den Schlüſſel mitgenom⸗ men!“ Doch ſich eines Andern befinnend, bediente ſich Ma⸗ dame Dupleſſis des Knopfes vom Schloſſe, um die Thüre zu öffnen, trat in den erſten Salon ein und kam nicht wieder heraus, ohne Zweifel beruhigt durch den Gedanken, zu einer ſo ſpäten Stunde werde Niemand ihr Rendez⸗vous ſtören, und der Discretion von Au⸗ rora und Stephen ſei ſie ſicher. Ich wartete abermals. Das Blut floß ſo heftig gegen mein Gehirn, daß ich zweimal, von einer Betäubung befallen, meine glü⸗ ſ Stirne an die eiskalten Steine der Grotte an⸗ ehnte. Dieſer lebhafte Eindruck der Kälte that mir wohl; mein Mund und meine Kehle waren ausgetrocknet; ich konnte kaum meinen Speichel verſchlucken; zuweilen preßten ſich meine Zähne convulfiviſch an einander, und ich brauchte eine gewaltige Anſtrengung, um dieſes ſu⸗ Zuſammenziehen der Kinnladen zu be⸗ egen. Das entfernte Rollen eines Wagens, ein Rollen, das, Anfangs raſch, dann langſamer, bald ganz auf⸗ hörte, ward in einer der Alleen der Champs⸗Elyſées, in der Nähe des Gartens, vernehmbar. Meine Frau, welche ohne Zweifel, wie ich, lauſchte, bemerkte dieſes Geräuſch auch, denn in demſelben Augen⸗ 8⁵ blicke öffnete ſich die Thüre des Pavillon ein wenig und ließ einen lebhaften Lichtſtrahl hervordringen, der, die Treppe theilweiſe beleuchtend, auf dem Sande un⸗ fern vom Gitter verſchwand. Plötzlich knirſchte das Gitter auf ſeinen Angeln. Es trat ein Menſch in den Garten ein, blieb einen Moment ſtehen und ſagte halblaut, indem er ſich zu orientiren ſuchte: „Ein Pavillon rechts vom Gitter? Das iſt es wohl!“ Es war die Stimme von Vareuil. Geleitet von der Helle, die dem Innern des Pa⸗ ſtieg der Oberſt behende die Treppe inauf. Dann ſchloß ſich die Thüre wieder. In dieſem furchtbaren, entſcheidenden Augenblicke wurden meine Ideen vollkommen klar. Das Kochen meiner Wuth, die den Parorismus erreicht hatte, dämpfte ſich und machte einer außer⸗ ordentlichen Kaltblütigkeit Platz. Ich beeilte mich nicht, ich dachte an alle wahr⸗ ſcheinliche Eventualitäten. Vareuil, der meinen Haß gegen ihn kannte, dem ich am Tage vorher erklärt hatte, ich werde ihn tödten, wenn er das übe, was er Repreſſalien nannte, Vareuil konnte bewaffnet ſein, mich tödten und ſich im Falle einer legitimen Vertheidigung befinden. In der Vorherſehung meines Todes hatte ich auch mein Teſtament geſchrieben. Ich zog langſam aus den Taſchen meines Ueber⸗ rocks ein vortreffliches Paar Doppelpiſtolen, das ich am Abend gekauft hatte; ich ließ mehrere Male die Batterien mit Sorgfalt ſpielen, um unter dem Drucke des Hahns die Käpſelchen gut auf den Kamin zu ſetzen; dann ſpannte ich meine Piſtolen, nahm ſie in meine linke Haud, wäh⸗ rend ich mit der rechten den Schlüſſel des Pavillon 86 ſ ſtieg mit langſamem Schritte die Treppe inauf. Ich öffnete ſo ſachte als möglich die Thüre des erſten Salon. Man hörte mich nicht aus der Tiefe des zweiten Zimmers. Ich verdoppelte dann Vorſicht und Ruhe, und ſo gelang es mir, den Schlüſſel faſt geräuſchlos in das Schloß der erſten Eingangsthüre zu ſtecken; ich ſchloß ſie zweimal, ſchob den Schlüſſel in die Taſche und konnte, unterſtützt durch die Dicke des Teppichs, der meinen Gang dämpfte, ohne gehört zu werden, die zweite Thüre erreichen. Ich öffne ſie. Ich ſehe Vareuil zu den Füßen meiner Frau. Sobald ſie mich erblickt, ſtößt Madame Dupleſſis einen Schrei aus. Der Oberſt dreht ſich ungeſtüm gegen mich um und ſucht aufzuſtehen; doch ſeiner Bewegung zuvor⸗ kommend, ſtürze ich mit einem Sprunge auf ihn los, zerſchmettere ihm die Hirnſchale mit einem Piſtolen⸗ ſchuſſe und feure die zwei Läufe des andern Gewehrs auf Ceſarine ab. Beide Schüſſe treffen ſie mitten in die Bruſt. Vareuil war todt niedergeſtürzt, ohne ein Wort mehr von ſich zu geben; aber Ceſarine, obgleich von zwei Kugeln in die linke Bruſt getroffen, erhob ſich noch blutend und beide Arme emporſtreckend, ſank jedoch bald zuſammen, rollte auf den Divan und ſagle mit verſcheidender Stimme zu mir: „Du haſt mich getödtet . doch ich ich habe mich gerächt.“ Ich gewahrte zu meinen Füßen einen Brief, der ohne Zweifel Vareuil aus der Taſche gefallen war; ich hob ihn auf, warf meine Piſtolen von mir, ohne Ce⸗ ſarine anzuſchauen, deren Röcheln ich hörte, und ging ruhig aus dem Pavillon weg. 87 Ich erreichte das Haus durch die Allee, welche zur Freitreppe der Wohnung meiner Frau führte, und trat in ihr Betzimmer ein; hier befand ſich Aurora, welche, auf einem Stuhle ſchlafend, die Rückkehr von Madame Dupleſſis erwartete. Ich weckte die Mulattin auf; ſie ſtieß einen Schreckensſchrei aus, als ſie mich ſah. „Ich hoffe Eure Gebieterin getödtet zu haben,“ ſagte ich zu ihr; „doch laßt immerhin einen Arzt holen; er wird wenigſtens zur Beſtätigung ihres Todes dienen.“ Aurora blieb unbeweglich vor Entſetzen; ich aber verließ das Hotel und begab mich zum Polizeicommiſſär des Quattiers. Dieſer Beamte lag ſchon im Bette; ich beharrte darauf, daß ich ihn ſehen müſſe. Man kannte mich als einen der reichſten Bewohner der Nachbarſchaft. Der Commiſſär ſtand auf, kam zu mir und fragte mich, was Herrn Dupleſſis zu Dienſten ehe. „Mein Herr, ich komme, um mich als Gefangener zu ſtellen . Ich habe ſo eben meine Frau und ihren Liebhaber bei verbrecheriſcher Unte rhaltung ertappt, und ich habe Beide getödtet.“ „Madame Dupleſſis!“ rief der Beamte, der nicht glauben konnte, was er hörte, ein ſolches Echo hatte der gute Ruf meiner F au; „Madame Dupleſſis ertappt verbrecheriſcher Unterhaltung! . . das iſt unmög⸗ ich! Und der Commiſſär ſchaute mich mit mißtrauiſcher Miene an, als hätte er mich in ſeinem Innern eines Verbrechens bezüchtigt. Dann fügte er bei: „Nein, mein Herr, es iſt mir unmöglich, zu glau⸗ ben, daß Madame Dupleſſis, dieſe ſo fromme Dame, Sie entehrt hat! . . .“ „Mein Herr,“ unterbrach ich den Beamten, indem ich ihm den von mir aus dem Blute von Vareuil auf⸗ 88 gehobenen Brief, auf deſſen Umſchlag ich die Hand von Ceſarine erkannt hatte, übergab, „wollen Sie dieſen Brief meiner Frau leſen „ und zwar laut leſen . . denn 6 den Inhalt nicht, obſchon ich ihn ungefähr er⸗ rathe.“ Der Commiſſär nahm das Billet und las auf dem Umſchlage die Adreſſe: „An den Herrn Oberſten von Vareuil!“ Dann fuhr er im Briefe ſelbſt alſo fort: „Sie ſind mir geſtern zum erſten Male vorgeſtellt worden; als ich Sie verließ, blieben Sie allein mit Herrn Dupleſſis; ich hörte das Ende Ihres Geſprä⸗ ches: Sie haben Repreſſalien gegen ihn zu üben ich auch. „Er iſt der Mann, den Sie am meiſten in der Welt haſſen, ich haſſe ihn auch, und ich verachte ihn eben ſo ſehr, als ich ihn haſſe. „Heute Abend, im Salon Ihrer Tante und in Gegenwart Aller, ſoll Sie Frau von Montbriſon ſehr hart wegen des compromittirenden Ständchens behan⸗ deln, das Sie mir dieſen Morgen haben bringen laſſen. „Ertragen Sie geduldig dieſe öffentliche Execution, jeder Verdacht wird auf dieſe Art für die Zukunft entfernt werden, und vielleicht werden Sie noch heute Abend für Ihre Reſianation entſchädigt. „Um eilf Uhr finden Sie das kleine Gitter vom Garten des Hotels, der nach den Champs⸗Elyſées geht, offen . Rechts vom Gitter werden Sie einen länd⸗ lichen Pavillon ſehen, aus deſſen leicht geöffneter Thüre ein Lichtſtrahl hervordringen ſoll. „Ich erwarte Sie in dieſem Pavillon; ſeien Sie verſchwiegen. „Ceſarine D.“ Der Commiſſär hatte ſich im Leſen dieſes Billets mehrere Male durch Ausrufungen des Erſtaunens und der Entrüſtung unterbrochen. 89 „Ah! mein Herr,“ ſagte er zu mir, „das iſt das Uebermaß der Heuchelei und der Laſterhaftigkeit. Eine junge Dame, welche Jedermann im Quartier wie eine Heilige ehrte! . . . Wer kann das glauben!“ „Mein Herr,“ ſprach ich, „wollen Sie dieſen Brief als eines der Elemente meiner Rechtfertigung aufbe⸗ vehren und mich in's Gefängniß führen oder führen aſſen.“ Zwei Stunden nachher war ich in der Concierge⸗ rie, in einer Stube der Piſtole, eingeſperrt. Auf die eiſige Kaltblütigkeit, welche ich bis jetzt bewahrt hatte, folgte eine wachſende Aufregung; ſie endigte mit einer im höchſten Maße heftigen Hirnent⸗ zündung, mit der ſich ein wüthendes Delirium verband, und bald ſchien mein Zuſtand ſo beunruhigend, daß ich, auf Befehl des Directors der Conciergerie, ohne Bewußtſein in ein Krankenhaus gebracht wurde. XXVII. Ich ſchwebte, wie man mir nachher ſagte, ungefähr ſechs Wochen zwiſchen Leben und Tod in dem Kranken⸗ hauſe, in das man mich gebracht hatte. Als ich zum erſten Male wieder beim Bewußtſein war und der Verſtand bei mir zurückkehrte, fand ich mich in einem durch eine Nachtlampe erleuchteten Zim⸗ mer. Sobald ich die Augen öffnete, ſah ich Jean Ray⸗ mond bei meinem Bette ſitzen, an deſſen Fuß Dupin, mein Kammerdiener, mit ſehr betrübter Miene ſtand. Durch die Zeitungen von dem entſetzlichen Drama der Rue du Faubourg⸗Saint⸗Honoré unterrichtet, er⸗ 90 fuhr Jean auch, daß ich von der Coneiergerie in ein Krankenhaus gebracht worden war. Jeden Morgen, ehe er ſich in ſein Handelshaus begab, und jeden Abend, wenn er daſſelbe verließ, war er gekommen, um ſich nach mir zu erkundigen und ein paar Stunden bei mir zuzubringen. Wie ſüß und tröſtlich war meine Gemüthsbewe⸗ gung, als ich dieſes befreundete Geſicht wiederſah, ſo⸗ bald ich nach langen Leiden gleichſam wieder von mir ſelbſt Beſitz nahm. Trotz meiner außerordentlichen Schwäche, ſetzte ich mich auf und ſtreckte die Arme gegen Jean Raymond aus. Er warf ſich weinend darein. Dieſe brüderliche Umarmung ließ mich ganz wie⸗ der zum Leben erwachen. Ich fühlte mich nicht mehr allein; ich hatte fortan ein redliches und ergebenes Herz, in das ich mich er⸗ gießen könnte; dieſer Gedanke ſtärkte mich. „Ah! Du ſagteſtes mir wohl, Jean!! wenn Dich ein Unglücktrifft, Fernand, wirſt Du mich zu Dir eilen ſehen,“ rief ich; „hier biſt Du!! .. . treu wie immer Deinem Verſprechen! Und Deine Mutter?“ „Jeden Tag erwartet ſie mit Angſt meine Rück⸗ kehr, um zu erfahren, wie es Dir eh „Sie intereſſirt ſich noch für mich! und ich habe doch den weiſen Rath Eurer Freundſchaft unbeachtet gelaſſen ach! zu meinem Unglück!“ „Ja, Du haſt ihn zu Deinem Unglück verachtet!. .. Darin liegt das Geheimniß der Nachſicht meiner Mut⸗ fer „Ich erkenne ſie! . . immer mild und edelmüthig! Oh! Jean,“ fügte ich bei, ohne daß ich mich der Thrä⸗ nen erwehren konnte, „wenn Du wüßteſt, wenn Du wüßteſt!“ „Ich weiß ohne Zweifel viele traurige Dinge — — 91 nicht, mein armer Fernand .. Doch Du darfſt die Beſſerung Deines Zuſtandes nicht mißbrauchen .. Rege Dich nicht ſo auf .. . Suche die Nacht gut zu⸗ zubringen ... Morgen früh werde ich wiederkommen, Du wirſt ruhiger ſein, und wir wollen dann plaudern.“ „Mein lieber Dupin,“ ſagte ich zu meinem Kam⸗ merdiener, der in ſeiner Freude, mich wieder zum Be⸗ wußtſein zurückkehren zu ſehen, in Thränen zerfloß, „geben Sie mir, was ich brauche, um ein paar Zei⸗ len zu ſchreiben.“ „Mein Gott!. mein guter Herr wird ſich angreifen.“ „Ich will nur eine Zeile ſchreiben.“ Mein Kammerdiener zündete eine Kerze an, brachte mir auf mein Bett Schreibzeug, und nachdem ich mich mehrere Male unterbrochen hatte, denn mein Geſicht trübte ſich oft, gelang es mir, folgende an meinen Notar gerichtete paar Zeilen zu ſchreiben: „Ich bitte Herrn Barentin, Herrn Jean Ray⸗ mond die verſiegelten Papiere, die ich ihm geſchickt habe, zu übergeben. „Fernand Dupleſſis.“ „Jean,“ ſagte ich zu meinem Freunde, indem ich ihm dieſes Billet reichte, „habe die Güte, wenn Du von hier weggehſt, Dich zu Herrn Barentin, meinem No⸗ tar zu begeben; Du wirſt von ihm zwei Päckchen Pa⸗ piere empfangen; auf dem einen wirſt Du leſen: Nach meinem Tode zu verbrennen, Du magſt mir morgen dieſes Päckchen bringen; auf dem andern wirſt Du Deine Adreſſe ſehen .. Das war mein Teſta⸗ ment, öffne es, lies es, wie auch ungefähr zwanzig Blättchen, die demſelben beigefügt ſind. Du wirſt ſo erfahren, wie ich mich entſchloſſen habe, meine Frau zu tödten, die ich bei einem Rendez⸗vous mit dem Ober⸗ ſten Vareuil ertappte. Gib Dir nicht die Mühe, mor⸗ 92 gen früh zu kommen, denn Du ſiehſt, ich bin, glaube ich, außer Gefahr doch morgen Abend erwarte ich Dich. Du wirſt die Papiere, von denen ich rede, ge⸗ leſen haben, und wir werden dann lange mit einander ſprechen können.“ Jean verließ mich. Zum erſten Male ſeit ſechs Wochen, wie mir Du⸗ pin ſagte, ſchlief ich einen tiefen und friedlichen Schlaf; ich erwachte erſt gegen Mittag. Der Arzt kündigte mir an, es werde bald volle Geneſung bei mir eintre⸗ ten, und wenn ich keine Unvorſichtigkeit begehe, ſo könne ich vor Ablauf eines Monats wieder auf den Beinen ſein und nach der Conciergerie zurückgebracht werden. Mein Tag war ruhig; ich fühlte allmälig meine Kräfte wiederkehren, meinen Geiſt ſich frei machen von der Betäubung, in die er ſo lange verſunken ge⸗ weſen war; mit einer Miſchung von Ungeduld und Furcht erwartete ich den Beſuch von Jean; durch das Leſen des Bruchſtückes von meinem Tagebuche ſolkte er meinen Verrath gegen Hyacinthe und mein hartes Be⸗ nehmen gegen Ceſarine zu jener Zeit erfahren. Als es Abend geworden war, ſah ich meinen Freund bei mir eintreten; ich glaubte in ſeinem Ge⸗ ſichte ſtrengen Ernſt wahrzunehmen, und ich hieß Du⸗ pin ſich entfernen. Ich blieb allein mit Jean. „Wie iſt der Tag geweſen?“ fragte mich Jean theilnehmend, während er meine Hand ergriff. „Du drückſt mir die Hand,“ ſagte ich mit Thrä⸗ nen in den Augen. „Ich flöße Dir alſo keinen Ab⸗ ſcheu ein, nach dem, was Du aus meinem Tagebuche in Beziehung auf Hyacinthe haſt erfahren müſſen?“ Die Züge meines Freundes verdüſterten ſich, und er erwiederte mir, jedoch ohne ſeine Hand zurückzuzie⸗ 93 hen, die ich beglückt als ein Pfand der Nachſicht und Vergebung in meinen Händen behielt: „Würde ich nicht ſeit langer Zeit die Schwäche Deines Charakters und die unſeligen Grundſätze, in denen Du erzogen worden biſt, kennen, ſo hätteſt Du mich nicht wievergeſehen ... Doch Du biſt ſo unglück⸗ lich geweſen, biſt es noch . Du haſt ſo viel gelit⸗ ten, daß ich Dich beklage. .. Und dann iſt in Dir ein gewiſſer Fond von Zartgefühl, der mich nothwendig nachſichtig gegen Dich macht.. Was ſoll ich Dir ſa⸗ gen? ich war bewegt, ja, tief bewegt, als ich ſah, wie Du Dich in einem verzweifelten Augenblicke unſe⸗ rer alten Freundſchaft erinnerteſt ... „Haſt Du Deine Mutter von meinem Benehmen gegen Hyacinthe unterrichtet?“ „Nein .. wozu ſie betrüben? .. ſie leidet im⸗ mer, wenn ſie eine ſchlechte Handlung erfährt; und beſonders in dieſem Momente, wo Du ſo ſehr des Troſtes bedarſſt. ſollte meine Mutter keine Abnei⸗ gung gegen Dich faſſen .. .“ „Wie gut und edelmüthig biſt Du! Ah! hätte ich zuf Deine Rathſchläge, auf die Deiner Mutter ge⸗ 5rt . „Dieſes Bereuen iſt fruchtlos; das Schlimme iſt geſchehen, ſuchen wir es wieder gut zu machen,“ ſprach Jean. Und ſchauernd fügte er bei: „Welch ein Unge⸗ heuer war dieſe Frau! und dennoch, wer weiß? .. vielleicht, wenn Du ſie, ſtatt ſie nach dem Tode von Hyacinthe zu verlaſſen, geheirathet hätteſt. .. würde ſie ehrlich gelebt haben ja, zu jener Zeit liebte ſie Dich aufrichtig, leidenſchaftlich; ſie war Mutter . .. und die Liebe, die Mutterſchaft prüfen und läutern ge⸗ wiſſe Seelen . Ihre Natur mußte indeſſen ſehr ver⸗ dorben ſein, daß ſie ſo lange und ſo geſchickt eine Rolle geſpielt hat, wodurch Du und ſo viele Andere bethört worden ſind.“ 94 „Sie iſt nie etwas Anderes als ein Ungeheuer ge⸗ weſen! ich bereue es nicht, ſie getödtet zu haben!“ „Fernand, ſprich nicht ſo; ich habe mich immer empört gegen jenes Recht über Leben und Tod, das dem Manne bei ſeiner Frau gegeben iſt; er wird ſo ohne Appellation Ankläger, Richter und Henker in ſeiner eigenen Sache. Er tödtet, während er ſich edel durch die Verachtung rächen könnte.“ „Die Verachtung! wäre dieſe Frau je empfindlich für die Verachtung geweſen?“ „Ja, denn Deine Verachtung würde ihren Haß und ihre Rache ohnmächtig gemacht haben. Ah! wenn Du mich zu Rathe gezogen hätteſt!“ „Was hätteſt Du mir gerathen?“ „Folgendes: führe eines Abends dieſe Frau in einen Salon, und dort entlarve ſie im Angeſichte Aller dann lies das von ihr an den Oberſten von Vareuil geſchriebene Billet vor und ſage laut, öffentlich zu dieſer Creatur: „„Sie ſind eine Elende! hoffen Sie nicht meinen Namen zu entehren die Ehre eines Mannes iſt nicht der Willkür Ihrer Aus⸗ ſchweifungen preisgegeben; im Vertrauen auf die Mei⸗ nung ſchätzbarer Perſonen, deren Achtung Sie erſchli⸗ chen, habe ich Sie geheirathet; Sie flößen mir Ab⸗ ſcheu ein; ich eniferne mich auf immer von Ihnen; behalten Sie Ihre Reichthümer, bedecken Sie ſich mit Schande, ſie wird die Ihrige und nicht die meinige ſein.. .. Ich überliefere Sie der öffentlichen Verach⸗ tung und bin genug gerächt!““ „Doch mein Name!“ rief ich, „mein Name im Kothe umher geſchleppt! .. . mit Schmach bedeckt!. ..“ „Dein Name!“ verſetzte Jean die Achſeln zuckend; „hätte man geſagt: Herr Dupleſſis überläßt ſich ſchändlichen Ausſchweifungen? hätte man geſagt: Herr Dupleſſis hat jede Scham vergeſſen und zählt ſein Tage nach neuen Liebhabern? Wäre es nicht Madame 95 Dupleſſis, überall und immer Madame Dupleſſis geweſen, die ſich mit Schande bedeckte? wäre nicht auf ſie auf ſie allein in den Augen der Leute von ge⸗ ſundem Verſtande die Schmach zurückgefallen?“ Dieſe Reflerion von Jean war richtig; ich fand ii zu entgegnen und ſchlug die Augen niederz er uhr fort: „Du haſt wieder Deine Ehre dahin geſetzt, wo ſie nicht war, und Deine Schande da geſehen, wo ſie auch nicht war. Du biſt dem Einfluſſe eines gewaltigen Vor⸗ urtheils unterlegen . . Du haſt, Deine Frau bei ihrem Liebhaber ertappend, einer Bewegung blinder Wuth nachgegeben, die ich begreife, ohne ſie zu entſchuldi⸗ gen; Du haſt das Blut . Fernand das Blut von zwei Geſchöpfen Gottes vergoſſen! Das eine von dieſen Geſchöpfen war, ich will es zugeben, eine ab⸗ ſcheuliche Heuchlerin, ohne Treue und Sitten; das andere ein einfältiger Geck; doch um die Schamloſig⸗ keit, die Dummheit und die Geckenhaftigkeit mit dem Tode zu beſtrafen „Und der Ehebruch Jean?“ „Wohl, der Ehebruch war ihr Vergehen! Du haſt alſo, Ankläger, Richter und Henker, mit dem Tode den Chebruch beſtraft, Du .. Du der Du Dich, wie ſo viele Andere, Deiner ehebrecheriſchen Liebesabenteuer rühmteſt!“ „Jean, Du biſt ſtreng ... „Ich bin gerecht! Ohi wenn der Mann, der ſeine ſraſbare Frau und ihren Mitſchuldigen tödtet, ſich bis dahin ſelbſt tadellos ſittlich gezeigt hätte! wenn er keuſch und rein wie ſeine Brakt geheirathet hätte! wenn er nie das Bett eines Andern entehrt hätte, dann wären die Unbeugſamkeit der Grundſätze dieſes Mannes, ſeine ſtrenge Moralität wenigſtens eine Entſchuldiguug für ihn . Und dennoch würde ich ihn nicht von der Sünde, daß er Blut vergoſſen, frei ſprechen.“ 96 „Ei! welche Zuflucht hat man gegen eine ſchändliche Gattin?“ „Man hat die Verachtung! man hat die Zuflucht zu den Geſetzen, welche die ſchuldige Frau und ihren Genoſſen beſtrafen .. doch ſie zum Tode verurtheilen im Namen des verletzten Stolzes! Doch ſie mit ſeinen eigenen Händen hinrichten! warum? weges eines Ver⸗ brechens, das man ſo oft nicht nur ungeſtraft, ſon⸗ dern gefeiert, geliebkoſt, mit Schmeicheleien und Hul⸗ digungen umgeben fieht? wegen eines Verbrechens, das zur Schmach des Königthums jener Zeit, die Lauzun, die Richelieu zu Helden ihres Jahrhunderts machte! Ich ſage, daß Du mit dem blinden Grimme eines Wahnfinnigen gehandelt haſt!“ „Nicht Jedermann, mein Freund, hat Deine Philoſophie.“ „Deſto ſchlimmer! Doch das Böſe iſt unwieder⸗ bringlich geſchehen, das Böſe, deſſen verhängnißvolle Quelle Dein Verrath gegen Hyaeinthe geweſen iſt ... Suche die Vergangenheit zu ſühnen, mein Freund .. nicht durch Mummereien, ſondern durch ein redliches, nützliches Leben, und Du kannſt noch glückliche Tage äben „Ah! Jean, wenn ich das hoffen dürfte . „Das iſt mehr als eine Hoffnung. Laß uns mit Ueberlegung reden: das, was Du bei Deinen Gewohn⸗ heiten eines vornehmen Mannes Deinen Ruin nennſt, wäre für viele Andere der Ueberfluß. Ich habe aus Deinem Teſtamente erſehen, daß Dir noch ungefähr achtzigtauſend Franken bleiben; verlaſſe Paris und nimm Deinen Aufenthalt in einem Provinzorte; im Wohlſtande lebend, wirſt Du dort die Ruhe, den Frieden, das Vergeſſen Deines Kummers, Deiner Lei⸗ den finden; Du biſt noch jung, Deine Intelligenz iſt groß, wähle Dir irgend eine Beſchäftigung, der Müſ⸗ ſiggang iſt ungeſund; die Arbeit wird machen, daß Du 97 Mitleid mit den ſcheinbaren Vergnügungen bekommſt, denen Du ſchon ſo viel geopfert haſt; die Arbeit wird Dir die Linderung Deiner Schmerzen und die Zufrieden⸗ heit mit Dir ſelbſt und mit den Andern geben. Muth, Fernand, Muth, Du kannſt noch für Dein Glück Dein Leben verwandeln; mein Beiſtand, der meiner Mutter werden Dir nicht entaehen, um Dich zu leiten, um Deine guten Eutſchlüſſe aufrecht zu halten; ich werde Dir oft an den Ort, nach welchem Du Dich zurückgezo⸗ gen, ſchreiben, und wenn er nicht zu weit von Paris entfernt iſt, ſo verſpreche ich Dir, Dich zuweilen am Sonntage zu beſuchen, um Dich in Deinem guten Geiſte zu beſtärken. Ah! Fernand, eines Tags vielleicht, wenn wir Beide grau werden, und wir plaudern über dieſe Zeiten, an der Ecke unſeres Herdes, in Geſellſchaft mei⸗ ner Mutter, wie alte Freunde, wirſt Du Dich wun⸗ dern, ſo viel gelitten zu haben, weil Du dann durch die Erfahrung gelernt haſt, wie leicht das Glück zu erlangen iſt, ſucht man es in der Ausübung des Guten und in der frommen Einfalt, — sancta simplicitas, wie wir bei Sainte⸗Barbe ſagten.“ Die weiſen Rathſchläge von Jean ſchienen mir um ſo beſſer zu befolgen, als ſie ganz mit den trauri⸗ gen Nothwendigfeiten meiner Lage, und auch, ich muß es ſagen, mit einem unwiderſtehlichen Bedürfniſſe der Ruhe und des Vergeſſens nach ſo grauſamen Erſchütte⸗ rungen im Einklange ſtanden. Ich ſehnte mich nur nach dem Augenblicke, wo ich aris verlaſſen und, diesmal auf immer, mit der Geſellſchaft brechen könnte, welche zu beſuchen mir aus o vielen Gründen unmöglich g'worden war. Mein glähender Durſt nach üppigem Aufwand und Luſthar⸗ keiten war plötzlich und völlig gelöſcht worden in den lutigen Demürhigungen, mit denen mich Ceſarine ge⸗ Fernand Dupleſſis. W. 7 98 tränkt hatte; ich erkannte, leider ſehr ſpät! bis zu wel⸗ chem Grade von NRiedrigkeit der ruinirte Menſch hin⸗ abſteigen muß, der im Reichthume fortleben will. Sobald meine Geſundheit wiederhergeſtellt war, wurde ich abermals in die Conciergerie gebracht. Jean kam ſehr oft zu mir ins Gefängniß, um mich in meinen guten Entſchlüſſen zu ermuthigen und mich ſtark zu machen gegen die Schwächen, die bei mir der Gedanke, vor dem Aſſiſenhofe auf der Bank der An⸗ getlagten erſcheinen zu müſſen, verurſachte. Nicht ohne Bangigkeit und Scham konnte ich an dieſe öffentliche Gerichtsfizung, an die von der Menge nach mir ge⸗ richteten Blicke denken, wobei ich ohne Zweifel mehrere Perſonen von meiner Geſellſchaft erkennen würde, welche begierig, dieſem Criminalproceſſe beizuwohnen. Jean beſchwichtigte meine Befürchtungen, und er verſprach mir, mich zum Tribunal am Tage des Gerichtes zu be⸗ gleiten, wobei ubrigens ſicherlich meine Freiſprechung erfolgen werdez in jedem Falle aber könnten meine Au⸗ gen an dieſem ſchlimmen Tage auf einem befreundeten Geſichte ruhen. Ich erhielt in der Coneiergerie den Beſuch von Frau von Montbriſon. Dieſe edle, vortreffliche Frau machte es ſich bitter zum Vorwurfe, zu meiner unglück⸗ lichen Heirath dadurch beigetragen zu haben, daß ſie mir ſo fehr die Frömmigkeit, die Tugenden von Ce⸗ ſarine geprieſen, deren hölliſche Heuchelei ſo Viele be⸗ thört hane. „Man beklage mein Loos,“ ſagte mir Frau von Montbriſon, „und vas tragiſche Ende meiner Frau habe den Abſcheu, den ſie einflöße, nicht entwaffnet.“ Ich erfuhr endlich, man habe bei der gegen mich eingeleiteten gerichtlichen Unterſuchung bei Madame Dupleſſis mehrere Briefe entdeckt, durch welche ihre geheimen Ausſchweifungen vor und ſeit meiner Ver⸗ heirathung bezeugt worden; ihr von ihr ſelbſt abge⸗ faßtes Teſtament, dem ein Eingang vorangeſtellt war, in welchem ſich ihr Haß und ihre Verachtung gegen 99 mich offenbarten, verfügte mit einer abſcheulichen Scham⸗ loſigkeit über einen Theil von ihrem Vermögen zu Gunſten von Unbekanntenz der Mehrbetrag ihrer großen Reichthümer ſollte Aurora und Stephen, den verſchmitzten und getreuen Vertrauten ihrer Schänd⸗ lichkeit, gehören. Jean, als er mich mehr als je entſchloſſen ſah, Paris ſogleich nach meiner Freiſprechung zu verlaſſen, theilte mir mit, eine mit ſeiner Mutter befreundete Perſon wünſche ein kleines, in einem Dorfe unfern vom Walde von Chantilly liegendes Landhaus zu ver⸗ miethen. Dieſe Nähe von Paris, die Jean mich häu⸗ fig zu beſuchen erlauben würde, die Nachbarſchaft des Waldes, die Einſamkeit des Ortes beſtimmten mich; ich miethete dieſes Haus um den mäßigen Preis von ſechshundert Franken, und da ich noch am Tage mei⸗ ner Aburtheilung dahin überzufiedeln wünſchte, um nicht eine Stunde länger in Paris zu bleiben, ſo be⸗ auftragte ich Dupin, nach meinem neuen Aufenthalts⸗ orte das Mobiliar des Hauſes, das ich in der Rue de Courcelles bewohnt, bringen und Alles zu meinem Em⸗ pfang, ſobald ich wieder in Freiheit geſetzt wäre, vor⸗ bereiten zu laſſen. Es geſchah ſo. Als der Tag des Gerichtes gekom⸗ men war, begleitete mich Jean; ſeine Gegenwart un⸗ terſtützte mich bei dieſer grauſamen Prüfung. Ich wurde einſtimmig freigeſprochen und ging unmittelbar darauf mit meinem Freunde nach dem Dorfe Tinville ab, wo ich von Dupin erwartet wurde. Am andern Morgen verließ mich Jean, um nach Paris zurückzukehren; er verſprach mir, mich am folgen⸗ den Sonntage zu beſuchen, und wir trennten uns, nach⸗ dem ich gegen ihn die feſie Abſicht, ſeine Rathſchläge zu befolgen, ausgedrückt hatte. 100 Man hat früher geſehen, was der Ausgang mei⸗ ner erſten Heirath war: Convenienzheirath. Man hat ſo eben geſehen, was der Ausgang mei⸗ ner zweiten Heirath war: Geldheirath. Es blieb mir nur noch zu ſchließen: Eine Neigungsheirath. Ende der zweiten Abtheilung. —0—— Denkwürdigkeiten eines Ehemanns. Drittte Abtheilung. l. Ich habe, Gott ſei Dank, im letzten Theile dieſer Denkwürdigkeiten keine peinliche Geſtändniſſe mehr zu machen. Die Epoche meines Lebens, vie ich nun erzählen werde, iſt die Sühne der Vergangenheit geweſen. Während der erſten Monate, welche auf meine Niederlaſſung im Flecken Tinville folgten, beſuchte mich Jean Raymond faſt alle Sonntage mit Herrn Gode⸗ froid und Herrn Charpentier; Madame Roymond hatte ſogar die Güte, ihren Sohn mehrere Male zu beglei⸗ ten. Wir gingen in dem herrlichen Walde von Chan⸗ tilly ſpazieren; meine langen Unterredungen mit Jean, ſeiner Mutter und ſeinen Freunden vollendeten, be⸗ feſtigten meine Bekehrung. Dieſe erwählten Seelen übten auf mich einen heilſamen, entſcheidenden Einfluß. Auf meine Aufregungen, auf meine vergangenen Leiden folgte eine tiefe innere Beſänftigung; ich be⸗ kam ein wahres Mitleid mit meinem früheren Leben, 3 ich erkannte die Richtigkeit folgender Worte von ean: 102 „Später wirſt Du erſtaunt ſein, daß Du ſo viele Schwierigkeiten, ſo viele Schmerzen in Deinem Leben gefunden haſt, wenn Du durch die Erfahrung einſehen lernſt, wie leicht das Glück iſt, fordert man es von der Ausübung des Guten und des Gerechten, und be⸗ ſonders von der Einfachheit, sancta simplicitas.“ Ich zog in der That den alten Menſchen ganz aus. Von Tag zu Tag fühlte ich mich beſſer werden; ich entdeckte in meinem Herzen, nicht ohne mich dar⸗ über zu wundern, Schätze von Empfänglichkeit, wovon ich bald einige Beiſpiele geben werde. Jean ſchrieb mir jede Woche ein paar Mal mit einer bewunderungswürdigen Beharrlichkeit liebevoller Theil⸗ nahme; ſeine Briefe (ſie wurden mir leider, ich werde ſagen unter welchen Umſtänden, genommen), ſeine Briefe enthielten einen ganzen Codex praktiſcher Philoſophie, ein wahres Meiſterwerk von geſundem Verſtande und männlicher Vernunft, häufig gemildert durch den Zau⸗ ber einer herzlichen Heiterkeit. Dieſer Briefwechſel brachte auf mich eine allmächtige Wirkung hervor; ich verdankte ihm nicht weniger als erwähnten Unterredungen meine völlige Wieder⸗ eburt. Die Tödtung von Ceſarine und Vareuil, obſchon ſie Jean als ein Verbrechen betrachtet hatte, hinter⸗ ließ keinen Gewiſſensbiß in mir, wenn ich zuweilen, allerdings ſelten, daran dachte. Uebrigens hatte ich aus Achtung vor dem Urtheile der Menſchen Dupin, meinen Kammerdiener, dringend ermahnt, nicht ein Wort von dieſem traurigen Abenteuer zu ſprechen, das den Bewohnern meines abgelegenen Fleckens, welche keine Zeitung erhielten, völlig unbekannt war. Das Haus, das ich in Tinville gemiethet hatte, lag ziemlich entfernt vom Dorfe und beſtand aus einem Erdgeſchoſſe und einem erſten Stocke. Die Garten⸗ thüre gewährte Zugang zu dem Walde von Chantilly; 103 bequem und ſogar elegant meublirt mittelſt der Truͤm⸗ mer meines Reichthums, geſiel mir meine Wohnung. Nicht ohne Bedauern war ich genöthigt, mich von mei⸗ nem Kammerdiener Dupin zu trennen; nach einem zweimonatlichen Aufenthalte in Tinville geſtand er mir offen, er könne ſich nicht daran gewöhnen, in einer ſo tiefen Einſamkeit zu leben. Ich belohnte reichlich ſeine langen Dienſte und erſuchte ihn, ehe er mich verließ, mit meinen Gewohnheiten einen braven Menſchen von Chantilly, einen ehemaligen Militär Namens Maury, den ich zufällig auf einem meiner Spaziergänge ge⸗ troffen, bekannt zu machen; zurückhaltend, ſchweigſam, pünktlich und reinlich wie ein Soldat, ſagte mir dieſer neue Diener vollkommen zu. Er bildete mein ganzes Ge⸗ ſinde mit einer Köchin, einer guten Frau aus dem Dorfe, Namens Frangoiſe. Ich hätte nie den Gedanken ge⸗ habt, Dupin, der ſeit ſo langer Zeit bei mir war, zu entlaſſen; wenn ich es mir aber überlegte, ſo fand ich für ſeinen freiwilligen Abgang einen Eiſatz; ich würde wenigſtens nicht mehr beſtändig unter den Augen einen Zeugen meiner ſchlimmen Tage haben, der mich durch ſeine Gegenwart allein zuweilen unwillkürlich an eine beklagenswerthe, ſchmähliche Vergangenheit erinnerte. Dupin hatte mein Geheimniß getreulich bewahrt, und die Leute des Dorfes, ſo wie meine zwei Dienſt⸗ boten wußten nichts von dem finſtern Drama der Rue du Faubourg Saint⸗Honoré. Ich lebte äußerſt einfach; ich hatte in Staats⸗ obligationen die etliche und achtzigtauſend Franken an⸗ gelegt, die mir blieben, und dieſer Summe den Er⸗ trag aus dem Verkaufe eines Theils meines Mobiliars, ſo wie der Wagen und der Pferde, die mir perſönlich vor meiner Verheirathung gehörten, beigefügt; mein Einkommen belief ſich auf ungefähr fünftauſend Frankenz ich verſagte mir nichts von dem, was eine behagliche Eriſtenz bildet, und ich gab dennoch kaum viertauſend Franken jährlich aus. 10⁴ Mein Leben war ſehr regelmäßig, meine Neigun⸗ en waren einfach. Nach den Rathſchlägen von Jean ſecht⸗ ich in den Studien das Vergeſſen meines Kum⸗ mers, meiner Leiden; ich war unwiſſend wie ein Welt⸗ menſch, der nur für ſeine Vergnügungen gelebt hat. Die Naturwißſenſchaften, die Geſchichte, die Geographie, die Aſtronomie hatten für mich den ganzen Reiz der Neuheit; ich beſaß eine ausgewählte, vielſeitige Biblio⸗ thek, und ich unternahm es, mir, allerdings ein wenig oberflächlich, die zahlreichen Kenntniſſe, die mir fehlten, zu erwerben; ich fand ein wachſendes Vergnügen an dieſen Arbeiten, ſie füllten alle meine Morgen bis zur Stunde meines Frühſtücks aus. Dann ging ich, trotz der Ungunſt der Jahreszeit, im Walde ſpazieren, ſam⸗ melte Kräuter oder Inſecten und vervollſtändigte ſo meine Studien in der Botanik und der Naturgeſchichte: bald gelang es mir, mit Hülfe meiner Bücher, Pflan⸗ zen und Thiere nach Geſchlechtern, Familien oder Gat⸗ tungen zu clafſificiren. Ich kam gegen das Ende des Tages nach Hauſe zurück, und war die Stunde meiner Abend⸗ mahlzeit gekommen, ſo ſpeiſte ich mäßig, jedoch mit Avpetit an der Ecke meines Kamins, mit einem offenen Buche neben meinem Teller. Ich fand es reizend, ſo nach und nach Rouſſeau, Moliére, Corneille, Voltaire, Saint⸗Simon, Rabelais, Lafontaine und ſo viele an⸗ dere Unſterbliche zu Liſche zu laden und mich voll Wonne an ihrem Genie zu ergötzen; ich geſtehe, in ſolcher Geſellſchaft ſehnte ich mich wenig nach den Gäſten zurück, die ich einſt zu meinen koſtbaren Di⸗ ners geladen hatte. Sodann beſchäftigte ich mich damit, daß ich die am Tage geſammelten Pflanzen trocknete“ ſie claſſiſi⸗ cirte und mit Etiquetten verſah, oder ich las, machte mir Noten, und jeden Tag vermehrte ſich die Summe meiner Kenntniſſe, und die Zeit verlief raſch; gegen zehn Uhr legte ich mich zu Bette, oft gelähmt vor 105 MWüdigkeit, und ich entſchlummerte zu einem tiefen Schlafe. Das war ungefähr für mich, abgeſehen von mei⸗ nen ernſten, unabläſſigen Studien, dieſelbe Lebensart wie die, welche ich, nachdem ich zum erſten Male Wit⸗ wer geworden und als ich in der Rue de Courtelles wohnte, angenommen hatte. Zu jener Zeit genügte aber ein in der italieniſchen Oper zugebrachter Abend, um meine frühreife, gebrech⸗ liche Philoſophie von Grunde aus zu zerſtören und mich leidenſchaftlicher als je in den Wirbel der Welt zurückzuwerfen. Ein verhängnißvoller Abend, der für meine Zu⸗ kunft ſo traurige Folgen hatte! In meiner neuen Zurückgezogenheit hatte ich Ver⸗ anlafſung, zu erproben, daß diesmal wenigſtens mein Verzichten auf die Verirrungen meines vergangenen Lebens aufrichtig und unerſchütterlich war. Eines Tags (ungefähr ein Jahr nach meiner Nie⸗ derlaſſung in Tinville), an einem ſchönen November⸗ tage, ſammelte ich gegen zwei Uhr Nachmittags Kräu⸗ ter im Walde von Chantilly. In Folge eines ziem⸗ lich langen Spazierganges kam ich zu den Teichen der Reine⸗Blanche. Wie die einſamen Spaziergänger, liebte ich beſonders gewiſſe Orte, wo ich vorzugsweiſe mit Wonne meine Cigarre rauchend ausruhte; ich drang in ein dichtes Geſtrüppe ein, dann erkletterte ich unter Gehölze einen ziemlich hohen Hügel, auf deſſen Gipfel ſich eine verlaſſene Holzhauerhütte fand. Von dieſem Orte war der Anblick entzückend; die Teiche dehnten ſich zu meinen Füßen aus, und meine Augen tauchteu in die ungeheuren Baumgänge, welche nach dieſen Teichen mündeten; ich ſetzte mich auf das Gras, lehnte mich an die Hütte an, um die Sonnenſtrahlen zu genießen, und betrachtete mit einem kiiehbenichen Vergnügen die Landſchaft, die ſich mir bot. 106 Die tiefſte Stille herrſchte in dieſer Einſamkeit; doch nach einigen Augenblicken hörte ich in einer ſehr großen Entfernung und kaum bemerkbar das Gebelle einer Meute, und kurze Zeit hernach unterſchied ich den Ton einer nicht minder entfernten Jagdfanfare. Ich hatte, wenn ich ſo ſagen darf, mein altes Jägerohr nöthig, um die in einer ſolchen Entfernung beinahe unfaßbaren Geräuſche zu erkennen; ich erin⸗ nerte mich, daß ſich in dieſem Monat die Jagd ſaiſon eröffnete, und daß im vorhergehenden Jahre, ungefähr um dieſelbe Zeit, der Prinz von **, der die Erlaubniß erhalten, im Walde von Chantilly zu jagen, ſeine Equipage hierher geſchickt hatte. Frau von Meélign hatte ſich damals ſehr ärgerlich darüber gezeigt, 6 ich ſie nicht zu dieſer Luſtvartie begleitete; ohne Zwei⸗ fel jagte der Prinz von ** in dieſem Jahre abermals in Chantilly; ich kannte ihn, ich mußte auch die Mehr⸗ zahl der von ihm zu dieſer Beluſtigung eingeladenen Perſonen kennen: es dünkte mir piquant, Zeuge der Jagd zu ſein, welche beinahe unfehlbar ſich nach mei⸗ ner Seite wandte, da der von der Meute verfolgte Hirſch gewöhnlich in den Teichen der Reine⸗Blanche zu Waſſer ging und häufig ſich hier nehmen ließ; trat dieſer Fall ein, ſo hatte ich einen vortrefflichen Platz, um mich an dem belebten Schauſpiele des Hallali zu weiden. Ich lief kaum Gefahr, von den Perſonen meiner ehemaligen Geſellſchaft, welche zur Zahl der Jäger ge⸗ hören mochten, erkannt zu werden. Ich trug einen breiten Strohhut und eine Blouſe, eine bequeme und für mein Kräuterſuchen ganz geeignete Tracht; ich ließ meinen Bart wachſen, der in Folge meiner vergange⸗ nen Kümmerniſſe, wie meine Haupthaare, raſch grau zu werden anfing; ich war alſo faſt unkenntlich; da indeſſen die tragiſche Entwickelung meiner Ehe einen großen Wiederhall unter den Leuten, mit denen ich einſt Umgang pflegte, gehabt hatte, ſo wollte ich mich nicht 107 der Möglichkeit ausſetzen, von ihnen geſehen zu wer⸗ den, und ich zog mich in das Innere der Hütte zurück, von wo ich denſelben Anblick genoß wie außen. Anfangs entfernt, näherten ſich das Gebell der Hunde und die Töne der Jagdhörner immer mehr; bald ſah ich in einem von den langen Baumgängen, die nach den Teichen mündeten, den Hirſch kommen, den man jagte; er hatte ungefähr eine Viertelſtunde Vorſprung vor den Hunden, und nachdem er aus einem der Gehölze, welche die Straße begränzten, hervorgeeilt war, durchlief er dieſe in ihrer ganzen Länge, hielt mehrere Male an, indem er ſeinen mit ungeheuren Weidſproſſen bekränzten Kopf vahin und dorthin drehte, trabte dann, von Zeit zu Zeit auf den wachſenden Lär⸗ men der in ſeiner Verfolgung begriffenen Meute hor⸗ chend, mühſam weiter und nahm ſeinen Lauf nach den Teichen, wo er eintrat, in der Hoffnung, hier eine heilſame Erholung zu finden; doch wie dies faſt immer geſchieht, die Kälte des Waſſers vereiſte ſeine durch die Müdigkeit ſteif gewordenen Glieder, und da er ſich unfähig fühlte, ſeine Flucht aus dieſem tödtlichen Bade hervorgehend fortzuſetzen, ſo ſtrengte er ſich an, ſchwim⸗ ein mitten im Teiche liegendes Inſelchen zu er⸗ reichen. Ich hatte leidenſchaftlich die Jagd geliebt. Eine grauſame Beluſtigung, welche darin beſteht, daß man zu Pferde ein paar Stunden lang durch Wald und Flur ein harmloſes, unglückliches Thier verfolgt, bis es erſchöpft, keuchend nach einem Laufe voller ent⸗ ſetzlicher Bangigkeiten unter dem Zahne von ſechzig Hunden fällt, die es, nachdem ſie es ohne Unterlaß ge⸗ jagt, erwürgen und häufig ganz lebend verzehren, wenn e den Jägern zu weit voran ſind; meine Neigungen hatten ſich völlig geändert; ich fühlte mich von Mit⸗ leid ergriffen für den Hirſch, und ich fragte mich, wie ich einſt ſo viel Vergnügen an dieſer traurigen Beluſti⸗ gung habe finden können. 108 Mehrere zwei⸗ und vierſpännige Calechen, gefüllt mit Damen in eleganten Morgentoiletten, kamen durch eine der Queralleen, unter Anführung von einem Pi⸗ queur, der gerade durchgeſchnitten hatte, mit Recht vorausſetzend, der Hirſch werde ſich nach der Ge⸗ wohnheit in den Teichen nehmen laſſen. Als der Pi⸗ queur den Hirſch im Waſſer ſah, ließ er die Wagen am Ufer halten, ſetzte ſein Horn an den Mund und verkündigte durch bezeichnende Fanfaren den in der Ferne zerſtreuten Jägern, der Hirſch ſchwimme im Teiche; die Hunde kamen bald auf den Weg des Thie⸗ res durch den Baumgang, den es Anfangs verfolgt hatte, und ſetzten ihm in aller Eile nach, indem ſie wüthendes Gebell ausſtießen, mit welchem ſich der Ton des Hornes der der Meute im ſtärkſten Galopp ihrer Pferde folgenden Piqueurs vermiſchte; dann, in geringer Entfernung von den Piqueurs, kamen die Jä⸗ ger, und unter ihnen einige Frauen ebenfalls zu Pferde; endlich erſchienen die Bedienten in Livree. Ich ſah aus meiner Hütte dieſe glänzende Ca⸗ valcade ſich mit Geſchwindigkeit durch eine Staubwolke nähern; die Hunde, als ſie mitten im Teiche den nach dem Inſelchen ſchwimmenden Hirſch erblickten, ſprangen auch ius Waſſer, um ihre Beute zu erreichen, während die Piqueurs am Rande des Teiches anhielten und ſchallende Fanfaren blieſen. Unter den Perſonen, welche der Jagd in einer Caleche beiwohnten und aus dem Wagen ausſtiegen, erkannte ich Herrn von Méligny; er ſtützte ſich hinkend auf ſeinen Stock und wandte ſich, wie ſeine Geſellſchaft, nach dem Rande des Teiches, wo bald der Prinz von ** und ſeine Freunde in elegantem Jagdeoſtume ankamen; ſie ſtiegen ab und die Jägerinnen thaten daſ⸗ ſelbe; ich bemerkte unter ihnen Frau von Méligny, reizender als je, die Wange von Purpur übergoſſen, das Auge glänzend und noch ganz belebt von der Schnel⸗ ligkeit ihres Rennens; ſie ſprang leicht vom Pferde, 109 unterſtützt von den Armen von Lord Wilmot, der einem von ſeinen Leuten einen herrlichen Vollblut⸗Hun⸗ ter *) zu halten gegeben hatte; dann begab ſich Egle, die der junge Engländer am Arme führte, zu den an⸗ dern Perſonen, welche am Ufer des Teiches verſammelt den Hunden zuſchauten, wie ſie mitten im Waſſer den ſchwimmenden Hirſch angriffen: Das Schauſpiel dieſer Jagd war offenbar nicht minder glänzend, als das jener Vorſtellung in der Italieniſchen Oper, deren Foigen einen ſo großen Ein⸗ fluß auf mein Geſchick gehabt hatten; der Luxus und ſeine Vergnügungen entwickelten ſich diesmal vor mei⸗ nen Augen unter einem Anblicke voller Glanz und Herr⸗ lichkeit; die Schönheit der Geſpanne und der Pferde, die Eleganz der Frauen, die prächtigen Livreen der Piqueurs, die durch die Echos wiederholten Accorde der Fanfaren entzückten die Ohren und den Blick; dieſes geräuſchvolle Gemälde hatte, beleuchtet von den letzten Feuern der Sonne, welche ſich auf der unge⸗ heuren Waſſerfläche der Teiche ſpiegelten, zum Rahmen einen hundertjährigen Wald: hier ſtrahlten wieder die Liebe, die Schönheit, der Reichthum „ doch ich trotzte ihrem Blendwerke. Ich habe ſtreng die Wahrheit über mich ſelbſt bei zahlreichen und grauſamen Umſtänden geſagt, ich ſage mit derſelben Aufrichtigkeit, daß das Zuſammentreffen mit Frau von Méligny, deren Beſitz einſt ſo ſehr mei⸗ nem Stolze geſchmeichelt hatte, kein Bedauern, keine Sehnſucht in mir hinterließ. Ich hätte noch lange, würde ich mich darein ge⸗ fügt haben, insgeheim meine Schande zu verſchlucken, durch den Reichthum von Ceſarine die Luſtbarkeiten theilen können, deren Zeuge ich war, da mich im vori⸗ gen Jahre der Prinz von ** zu den Jagden von han⸗ ——————— *) Jagdpferd. 110 tilly eingeladen hatte; es hätte alſo von mir abge⸗ hängt, fortwährend als vornehmer Herr zu leben. Denn meine Frau ſprach in ihrer ſchamloſen Entſitt⸗ lichung die Wahrheit, ja, ſie fand einen verabſcheuungs⸗ werthen Genuß darin, ſich von der Achtung der Men⸗ ſchen umgeben zu ſehen; wie in der Vergangenheit ihre Ausſchweifungen mit einem undurchdringlichen Schleier bedeckend, hätte ſie ohne Zweifel durch ein ſeltſames Raffinement von Verdorbenheit ihren Ruf unangetaſtet zu erhalten geſucht. Und ich, ihr Mann, wäre ihr nothwendig geweſen, damit ſie dieſe Rolle eines Muſters der Gattinnen hätte ſpielen können. Nachdem der Hirſch unter dem Schalle der Fan⸗ faren verendet hatte, verließen der Prinz von ** und ſeine Geſellſchaft den Wald, um andere Vergnügungen zu genießen, während ich ohne das geringſte Gefühl von Neid nach meiner Einſamkeit zurückkehrte. Ich führe dieſe, im Uebrigen unwichtige, Thatſache an, um die Aufrichtigkeit meines Verzichtens auf die eitlen Dinge, denen ich ſo viel geopfert, darzuthun. Im Monat Mai des Jahres 1834 ergriff mich ein tiefer Kummer. Ich erfuhr durch unbeſtimmte Gerüchte, welche bis in die Tiefe meiner Einſamkeit gelangt waren, es ſei ein Aufſtand in Paris ausgebrochen. Bei dieſer Nachricht dachte ich zuerſt an Jean, ſeine Mutter und ihre Freunde; ohne Zweifel waren ſie dieſer Bewegung nicht fremd; in meiner lebhaften Angſt ſchickte ich mich an, nach Paris zu reiſen, als mir mein Bedienter Maury faſt athemlos meldete, der Maire meines Dorfes ſei im Begriffe, in Begleitung einer obrigkeitlichen Perſon und von Gendarmen eine Hausausſuchung bei mir vorzunehmen, die ſich folgen⸗ der Maßen erklärte: Jean, ſein Oheim Godefroid und Charpentier, 111 welche man alle drei verwundet, mit den Waffen in der Hand, verhaftet hatte, waren nach meiner Vorher⸗ ſehung die Hauptführer der bald unterdrückten auf⸗ rühreriſchen Bewegung; man brachte ſie in das Ge⸗ fängniß und nahm ſofort Durchſuchungen in ihrer Wohnung vor: bei Jean Rahmond fand man eine große Anzahl Briefe von mir. Dieſe von mir mit einem der glühendſten Häupter der Verſchwörung unter⸗ haltene umfangreiche Correſpondenz ſchien compromit⸗ tirend für mich; man kam, um meine Papiere zu un⸗ terſuchen, und fand viele Briefe von Jean, die der Po⸗ litik beinahe völlig fremd, denn er ſprach nur ſelten und in verſchleierten Worten von ſeinen Hoff⸗ nungen. Nichtsdeſtoweniger wurden dieſe Briefe, welche voll von vortrefflichen Rathſchägen, die er mir gab, um mich zur Beharrlichkeit auf dem neuen Wege zu ermuthigen, zu meinem innigen Bedauern von der obrigkeitlichen Perſon in Beſchlag genommen, weil ſie, wie man ſagte, zu Aufklärungen bei der Unterſuchung dienen konnten. Ich wurde übrigens wegen dieſer Briefe durchaus nicht beunruhigt; den Gerichtsbeamten aber fragte ich, was das Loos von Jean Raymond ſein könnte. „Er kann zum Tode verurtheilt werden,“ antwor⸗ tete er mir, „denn er wurde mit den Waffen in der Hand gefangen genommen nach einem Kampſe, bei wel⸗ chem auf beiden Seiten Blut gefloſſen iſt.“ Immer mehr beunruhigt, fragte ich, ob ich Jean noch an demſelben Tage ſehen könne, und ob die Wunde gefährlich ſei. Der Beamte wußte nicht, in welchem Grade die Wunde meines Freundes von Bedeutung; er war in geheimem Gewahrſam; ſo lange er hier wäre, könnte ihn Niemand ſehen oder ihm ſchreiben; ich erfuhr end⸗ lich, Madame Raymond ſei noch nicht verhaftet worden, obgleich ſchwere Muthmaßungen auf ihr laſten. 112 Unmittelbar nach dem Abgange des Commiſſärs und der Gendarmen eilte ich nach Paris, wohin ich ſeit dem Tage meiner Freiſprechung keinen Fuß mehr ge⸗ ſetzt hatte: ſogleich lief ich zu Madame Rahmond; ich fand ſie ſtoiſch wie eine galliſche Matrone. „Mein Bruder, mein Sohn und unſer alter Freund Charpentier haben die Wechſelfälle des Kriegers erlit⸗ ten,“ ſagte mir dieſe antik herviſche Frau; „ſie ſind nicht vor ihrer Pflicht zurückgewichen; was auch das Loos ſein mag, das ihrer harrt, ich werde durch meine Ergebenheit für ſie auf der Höhe ihres Muthes ſtehen.“ Dieſe Worte gaben mir einen neuen Beweis von der Seelenſtärke von Madame Raymond, denn ich kannte ihre leidenſchaftliche Zärtlichkeit für ihren Sohn, ihre tiefe Liebe für ihren Bruder und ihre unwandel⸗ bare Freundſchaft für Herrn Charpentier⸗ Ich verließ Madame Rahmond, indem ich ſie drin⸗ gend bat, mir Kunde von ihrem Sohne zu geben und mich von dem Tage zu unterrichten, wenn ich ihn im Gefängniſſe beſuchen könnte. 3 Kurze Zeit nach meiner Zuſammenkunft mit der Mutter von Jean ſchrieb ſie mir, die Wunden ihres Sohnes, ihres Bruders und die von Herrn Charpen⸗ tier gefährden, obgleich ernſt, doch ihr Leben nicht; endlich kam der Augenblick, wo ich, nachdem der ge⸗ heime Gewahrſam aufgehoben war, meinen Jugend⸗ freund im Gefängniſſe beſuchen konnte. Schon vor der Aburtheilung ſagte das öffentliche Gerücht, Jean Raymond, die Seele dieſes neuen Com⸗ plottes, werde dem Schaffot nicht entgehen. Unter dem Alpe dieſes entſetzlichen Gedankens ſah ich Jean in Sainte⸗Pelagie wieder; ich fand ihn von ſeinen Wunden geneſen; voll Ruhe und Heiterkeit be⸗ reitete er die Vertheidigung vor, die er ſelbſt vor dem Pairshofe ſprechen ſollte, eine Vertheidigung, welche viel weniger einem Plaidoyer beſtimmt, die Milde der 1¹³ Richter anzurufen, als einer Verherrlichung der Sache, die er verfolgte, und einer gegen Jene gerichteten An⸗ klageacte glich. Jean vergaß ſich bald völlig ſelbſt in unſerer Un⸗ terredung; er ſprach nur von mir, von meiner glück⸗ lichen und fortan unerſchütterlichen Bekehrung, die er, wie er lächelnd ſagte, als ſeinen ſchönſten Triumph anſah. „Du auch,“ ſprach er heiter zu mir, „Du biſt auch ein Inſurgent . doch ein ſiegreicher .. Deine Ty⸗ rannen waren Deine ſchlimmen Leidenſchaften . Meine Mutter, meine Freunde und ich, wir haben Dir das Signal zur Empörung gegeben, und Du haſt geſiegt! Madame Raymond unterbrach unſer Geſpräch; ſie brachte Jean einen großen Strauß von ſeinen Lieblings⸗ blumen; die Mutter und der Sohn waren gegen ein⸗ ander von einer ſo gemüthlichen, ſo heiteren Zärtlich⸗ keit, als ob das Schaffot nicht das Leben von Jean be⸗ droht hätte; ſie ptauderten über die Vertheidigung mei⸗ nes Freundes; er wünſchte uns, ſeiner Mutter und mir, ſeinen Redeentwurf vorzuleſen. Ich hörte ihn mit einer brennenden Theilnahme und einem ſchmerz⸗ lichen Intereſſe an. Immer ruhig, aber höchſt auf⸗ merkſam, unterbrach zuweilen Madame Raymond ihren Sohn durch Bemerkungen, welche von tiefem Verſtand und ausgezeichnetem Tacte zeugten; bald verlangte ſe Unterdrückung gewiſſer zu heftiger Worte und agte: „Mein liebes Kind, man muß ſich immer äußerſt anſtändig bei ſeinen Gegnern zeigen, und wenn man das Recht, die Gerechtigkeit, die Vernunft für ſich hat, thut man ſehr Unrecht, ſich zu Brutalitäten der Sprache hinreißen zu laſſen. Bald verlangte Mabame Rahmond im Gegentheile mehr Schärfe, mehr energiſche Bündigkeit in den Stel⸗ len, wo ſich der Angeklagte zum Richter ſeiner Richter aufwarf; doch immer beſtand ſie auf der Wahl und der Würde der Ausdrücke. Fernand Dupleſſis. W. 8 1¹⁴ Hätte es ſich um die Abfaſſung'einer Vertheidigungs⸗ rede eine einfache Familienangelegenheit betreffend ge⸗ handelt, ſo würden ſich Jean und ſeine Muter nicht mit einer ruhigeren Kaltblütigkeit, mit einem freieren Urtheile beſprochen haben, und es ſtand doch das Leben von Jean auf dem Spiele. Herr Godefroid und Herr Charpentier kamen auch auf einige Augenblicke zu uns, und das Geſpräch wurde von ihrer Seite ſo ruhig und oft ſogar ſo heiter ge⸗ führt, als es an jenem vertraulichen Abend geweſen war, welchem ich kurze Zeit vor meiner Verheirathung beiwohnte, und wo wir den ſchwarzen Zwerg um einen Sou ſpielten. Ich miethete in der Nachbarſchaft von Sainte⸗ Pelagie ein kleines meublirtes Zimmer, um unfern vom Gefängniſſe von Jean zu ſein und ihn jeden Tag beſuchen zu können. Er täuſchte ſich übrigens nicht über das ſchreck⸗ liche Loos, das nach dem öffentlichen Gerüchte ſeiner harrte. Doch ſein Glaube an die Zukunft ſeiner Sache ſchien, weit entfernt, zu ſchwanken, noch glühen⸗ der und feſter. Sein männliches Geſicht ſtrahlte von ſtolzer Sicherheit, wenn er mit dem Ausdrucke einer unwiderſtehlichen Ueberzeugung von dieſer nahen und glänzenden Zukunft ſprach, die er nicht ſehen ſollte! — wie er lächelnd beifügte. Der Gedanke des Todes erregte, beſonders bei Jean, eine lebhafte Neugierde. Weſentlich Spiritualiſt, theilte er mit ſeiner Mutter, ſeinem Oheim und Char⸗ ventier den männlichen Glauben, welcher der unſerer Väter der Gallier war. Nach der bewunderungs⸗ würdigen druidiſchen Lehre war der Menſch unſterb⸗ lich mit Leib und Seele, mit Geiſt und Materie; er ging ſo hin mit Leib und Seele, um unabläſſig wie⸗ dergeboren zu werden und wiederaufzuleben von Welt zu Welt, und er erhob ſich bei jeder neuen Wanderung 5 11⁵ zu einer, wie die des Schöpfers, unendlichen Vollkom⸗ menheit. Dieſer muthige Glaube erklärte allein in mei⸗ nen Augen die ſiolze Unbefangenheit, mit der Jean und ſeine Mutter die erſchrecklichen Probleme betrach⸗ teten, die ſo viel Unruhe und Angſt in die ſchwachen Seelen bringen, welche gewohnt find, im Tode das Nichts oder das Ende des phyſiſchen Lebens zu ſehen, während der Tod nur die Stunde einer völligen Wie⸗ dergeburt des Geiſtes und des Körpers iſt, die ein an⸗ eres Leben mit ſeinen geheimnißvollen Neuigkeiten erwartet. Leider aber war es mir nicht gegeben, dieſen Glau⸗ ben zu theilen; mit einer ſchmerzlichen Bangigkeit ſah ich den verhängnißvollen Tag herbeikommen, wo Jean vom Pairshofe gerichtet werden ſollte. Als dieſer Tag gekommen war, bat mich Madame Rahmond, ſie zu der erſchrecklichen Sitzung zu beglei⸗ ten; vergebens ſuchte ich es in meiner Angſt vor einem gegen Jean gefällten Todesurtheile, ſie von ihrem Vor⸗ aben abzubringen; ich wagte es indeſſen nicht, meine Befürchtungen gegen Madame Rahmond auszudrücken; eerrieth meinen Gedanken und ſprach: „Mein lieber Herr Dupleſſis, der Vater meines Sohnes iſt auf dem Schaffot geſtorben — für die Freiheit . Ich habe ihn frommer Weiſe mit meinen eigenen Händen beerdigt .. Muß mein Sohn für dieſelbe heilige Sache ſterben, ſo werde ich abermals meine Pflicht mil feſter Hand zu erfüllen wiſſen .. ie glauben, man könne Jean zum Tode verurtheilen? Ich glaube, daß man ihn nur zur Un⸗ ſerblichkeit verurtheilen kann Geben Sie mir den Arm, Herr Dupleſſis .. beſchwichtigen ie Ihre Aufregung, und laſſen Sie uns nach der Pairgkammer gehen.“ Ich werde in meinem Leben dieſe feierliche Sitzung icht ſen. 116 Jean war bewunderungswürdig in Gegenwart ſei⸗ ner Richter: ſein ganzes Benehmen war ruhig, würdig, Achtung gebietend; es kam kein Wort über ſeine Lip⸗ pen, das verletzend für ſeine politiſchen Gegner gewe⸗ ſen wäre, welche ſein Leben in ihren Händen hielten; doch unbeugſam in ſeinen Grundſätzen, bekannte er edel und freimüthig ſeinen Glauben, und er ſchloß alſo ſeine Rede, indem er ſich an ſeine Richter wandte: „Kein Waffenſtillſtand iſt zwiſchen uns möglich! Ihr wollt den Schatten, wir wollen das Licht; Ihr wollt die Unterdrückung wir wollen die Freiheit; Ihr wollt das Privilegium, wir wollen die Gleichheit; Ihr wollt den Egoismus, wir wollen die Verbrüderungz ... Ihr lebt in der Gegenwart, wir leben in der Zukunft .. dieſe Zukunft wird ſo rein, ſo glorreich ſein, als die Gegen⸗ wart finſter, ungerecht und ſchmählich iſt! Ihr habt die Stärke wir haben das Recht; Ihr habt die Gewalt, wir haben die Idee; heute gehört Euch, mor⸗ gen gehört uns! Glaubt mir, morgen iſt nahe! die Strafbaren heute werden morgen die Siegreichen ſein; und Ihr, ja, Ihr! werdet unter den Erſten und Eifrig⸗ ſten auf den Füßen liegend unſerem Siege zujauchzen! Ich verlange keine andere Rache!“ Die Rede von Jean brachte eine mächtige Wirkung hervor. Ich ſah Thränen den Augen von Madame Rahymond entfließen, Thränen des Stolzes und der mütterlichen Zärtlichkeit; doch die vom Angeklagten ſeinen Richtern zugeſchleuderte Herausforderung war für unheilbringend. Sie zogen ſich zur Berathung zurück. Der Spruch verurtheilte die Hauptgenoſſen von Jean zu lebenslänglicher Haft und ihn nach meinen Vorherſehungen zur Todesſtrafe. „Zum erſten Male in ſeinem Leben wird mein Bruder eiferſüchtig auf meinen Sohn ſein,“ ſagte Madame Raymond mit ruhigem Tont zu mir in dem Augenblicke, wo das urthe goſpro . N S — N— — — — — * — * — *— — — — — = 117 chen wurde. Doch ich hörte kaum dieſe erſchrecklich ſtoiſchen Worte. Die Verurtheilung von Jean ver⸗ urſachte mir einen heftigen Schmerz, es wurde mir ſchwach ums Herzz ich fiel in Ohnmacht, und man trug mich aus dem Saale. Als ich wieder zu mir kam, waren die Verurtheil⸗ ten in ihr Gefängniß zurückgebracht worden. Ich er⸗ fuhr dann, daß während meiner Ohnmacht eine ſehr ergreifende Scene vorgefallen war. Nachdem man das Urtheil verkündigt hatte, trat Madame Raymond an die Schranken, wo ſich noch Jean befand, und ſagte mit vollkommener Höflichkeit zu den Huiſſiers und den Gendarmen: „Verzeihen Sie, meine Herren, ich möchte mich gern meinem Sohne, Herrn Jean Raymond, nähern.“ Dieſe Leute traten mit Ehrfurcht, Einige mit Rüh⸗ rung, auf die Seite vor der Mutter des Verurtheilten, der ſich eben anſchickte, mit den andern Angeklagten nach dem Gefängniſſe zurückzukehren. Madame Raymond reichte ihrem Sohne über die die Hand und ſagte mit lauter, feſter Stimme zu ihm: „Mein Sohn, vor zweiunddreißig Jahren iſt Dein Vater auch verurtheilt worden wegen der heiligen Sache, die Du ſo hochherzig vertheidigt haſt.“ Jean zog die Hand ſeiner Mutter an ſeine Lip⸗ pen und antwortete ihr lächelnd: „Heute Abend, Mutter, nicht wahr?“ „Heute Abend!“ erwiederte Madame Rahmond, nachdem ſie ihrem Bruder und Herrn Charpentier zärt⸗ lich die Hände gedrückt hatte. Jean ſollte zwei Tage nachher hingerichtet werden. Nach Hauſe zurückgekehrt, hatte ich eine entſetz⸗ liche Nacht; durch grauenhafte Träume gequält, ſah ich den Kopf von Jean auf das Schaffot rollen und 116 ie Mutter ſeine leichenbleiche, blutige Stirne üſſen. Sobald es Tag geworden war, ſchickte ich mich an, zum letzten Male meinen Jugendfreund zu be⸗ ſuchen; ich hoffte kaum, ſtark genug zu ſein, um dieſer letzten ſchmerzlichen Zuſammenkunft zu widerſtehen. Als ich in das Gefängniß eintrat, machte Jean, unter der Bewachung eines Gendarmen, ſeine Morgentoilette als ob er zu Hauſe mit einer ſo ängſtlichen Sorgfalt, geweſen wäre; ruhig, feſt, drückten ſeine ſchönen Züge ein gewiſſes inneres Strahlen aus, das ihnen einen erhabenen Charakter verlieh, Er kam auf mich zu, reichte mir die Hand, ſchaute mir dann ins Geſicht und ſagte mit Bangigkeit: „Mein Gott, mein guter Fernand wie bleich Du! was haſt Du denn?“ „Was ich habe?“ rief ich, indem ich ihm in Thrä⸗ nen zerfließend um den Hals fiel, „Du fragſt mich das?“ „Armer Fernand,“ erwiederte er bewegt durch meine Erſchütterung, „beruhige Dich ... Muth!“ „Und Du ermuthigſt mich in dieſem äußerſten Augenblicke,“ ſagte ich; „Du biſt alſo wie Deine Mut⸗ ter mit einer übermenſchlichen Stärke begabt?“ „Uebermenſchlich! . Nein, Du thuſt mir zu viel Ehre an,“ verſetzte er lächelnd; „doch meine Mutter und ich, wir wiſſen, was der Tod iſt, und er erſchreckt uns nicht. Unſere Seele wechſelt den Körper, wie unſere Körper die Kleider wechſeln. Wir gehen, um anderswo wiederaufzuleben und diejenigen, welche wir geliebt haben, zu erwarten, oder dort mit ihnen zuſammen⸗ zutreffen. Bei dieſem Glauben, mein Freund, bei der Begierde, neue, geheimnißvolle Welten zu ſehen, bei dem Bewußtſein, daß demnächſt unſere Ideen zur Macht gelangen werden, und bei der Gewißheit endlich, das Andenken eines ehrlichen Mannes zu hinterlaſſen, bietet, Du wirſt es zugeſtehen, der Abgang von dieſer Welt nichts Erſchreckliches, im Gegentheile!“ 1¹9 Madame Rahmond trat bald nach mir bei ihrem Sohne ein. Ich wollte eben den letzten Abſchted von Jean nehmen, um ihn während dieſer äußerſten Augenblicke mit ſeiner Mutter allein zu laſſen, da erſchien der Greffier der Pairskammer, gefolgt vom Director des Gefängniſſes und mehreren Huifſiers. Ich glaubte, man wolle die Hinrichtung von Jean aus Furcht vor einer Volksbewegung beſchleunigen, und man komme, um den Verurtheilten zum Schaffot ab⸗ zuholen; wie groß war daher zuerſt mein Erſtaunen, und wie unausſprechlich ſodann meine Freude, als der Greffier Jean eröffnete, die königliche Milde verwandle die Strafe, die er hätte erdulden ſollen, in lebens⸗ längliche Haft. Das erſte Wort, der erſte Blick von Jean waren für ſeine Mutter; doch dieſes Wort, doch dieſer Blick verriethen, weit entfernt, Freude ausdrücken, peinliche Zweifel. Er heftete ſeine Augen unruhig und durch⸗ dringend auf die von Madame Raymond und ſagte mit dem Tone ſchmerzlichen Vorwurfs zu ihr: „Ah! meine Mutter! meine Mutter!“ „Ich!“ rief Madame Raymond, welche ſchnell den geheimen Gedanken ihres Sohnes begriff; „ich!. .. ſollte um Gnade gebeten haben! mein Kind? hältſt Du mich dieſer Schwäche fähig?“ „Verzeih! meine Mutter. oh! verzeih' dieſen beleidigenden Verdacht,“ rief Jean, indem er mit vol⸗ lem Erguſſe ſeine Mutter umarmte, welche, wie ſie es verſicherte, der ihrem Sohne bewilligten Begnadigung völlig fremd war. Bald nach meiner letzten Zuſammenkunſt mit Jean erfuhr ich, Jean, ſein Oheim, Herr Charpentier, ſo wie mehrere andere politiſch Verurtheilte ſeien nach der Citadelle von Doullens gebracht worden; Madame Raymond nahm ihren beſtändigen Aufenthalt in dieſer 120 Stabt, um jeden Tag ihren Sohn und ihren Bruder beſuchen zu koͤnnen. II. Die lebenslängliche Haft rettete wenigſtens Jean das Leben, doch dieſe Einkerkerung war für mich ein grauſamer Kummer. Ich mußte auf die meiner Einſamkeit ſo theuren Sonmage verzichten: beglückende Sonntage, an denen ich faſt j⸗de Woche meinen Jugendfreund in Begleitung von Herrn Godefroid oder von Herrn Charpentier und zuweilen von Madame Raymond zu mir kommen ſah. Ich ſchöpfte neue Kräfte aus meinen langen G.ſprä⸗ chen mit dieſen auserwählten Geiſtern; ihre liebevolle Theilnahme war gleichſam der Lohn meiner Bekeh⸗ rungz es erfüllte mich alſo ein wahrer Kummer, als ich auf dieſe ſüßen Gewohnheiten verzichten und ſie durch eine Correſpondenz erſetzen mußte; ich adreſſirte meine Briefe an Madame Raymond, und ſie übergab ſie Jean bei den täglichen Beſuchen, die ſie ihm machte. Es vergingen ſo mehrere Jahre, monotone, aber friedliche, durch Beſchäſtigung ausgefüllte Jahre; jeden Tag vermehrte ich die Summe meiner Kenntniſſe, und mein Durſt nach Wiſſen wuchs noch; ich widmete mich fortwährend mit Leivenſchaft der Botanik und den Na⸗ turwiſſenſchaften; ich ſah ein, das klöſterliche, einſame, einförmige und arbeitſame Leben müſſe für diejenigen, welche ſich ihm hingeben, mit einer unglaublichen Ge⸗ ſchwindigkeit verlaufen. Ich lebte in der That ganz wie ein Klausner, em⸗ pfing Niemand, und abgeſehen von einigen Worten, die ich mit Maury, meinem Bedienten, wechſelte, blieb ich oft ganze Tage ſtumm; die Lecture, meine Spazier⸗ 12¹ gänge, mein Botanifiren genügten zur Verwendung meiner Stunden, und die Jahreszeiten folgten auf ein⸗ ander, gleichſam ohne daß ich den Laufder Zeit wahrnahm. ch muß hier einen ſcheinbar ſehr unbedeutenden Vorfall anführen, doch man wird ſich dadurch aber⸗ mals überzeugen, daß die kleinen Urſachen oft große Reſultate haben. Eines Tages kam ich nach einem langen Ausfluge in den Wald nach Tinville zurück; ich hörte Geziſche, Geſchrei, und bei der Biegung eines Weges ſah ich eine Bande Kinder einen Hund mit Steinwürfen ver⸗ folgen (die Kindheit iſt ohne Mitleid, hat ein großer Fabeldichter geſagt); bis auf den Rückgrath mit Koth beſudelt und ſchon von einem Kieſelſteine getrof⸗ fen, ſtieß das arme Thier klägliches Geheul aus; eine glückliche Eingebung führte es auf meine Seite; es ftüchtete ſich ganz zitternd, mit hängendem Schweife, zwiſchen meine Beine und ſchlug, als wollte es mein Mitleid erflehen, ſeine großen, verſtändigen, von Thrä⸗ nen befeuchteten Augen zu mir auf; — denn die Hunde und einige vierfüßige Thiere, wie die Hirſche, die Rehe, weinen wahre Thränen bei der Empfindung des Schmerzes. Ich erbarmte mich des Thieres und nahm es offen unter meinen Schutz; die Gaſſenjungen ver⸗ zichteten auf ihre Beute, und ich führte die kleine Hün⸗ din mit mir nach Hauſe; ſie war von einer ſeltenen Häßlichkeit und gehörte zu jener namenloſen Race, der die Orgelſpieler ein Röckchen anziehen lund ein Baret aufſetzen, wonach ſie ihr einen kleinen Eimer zwiſchen die Zähne geben und ſie, beſcheiden auf ihrem Hin⸗ tertheile ſitzend, aufwarten laſſen. Dieſe von mir der Grauſamkeit der Gaſſenjungen entriſſene kleine Hündin war alſo von einer ſeltenen Häßlichkeit; das Grau und das Gelb vermengten ſich in ihrem übrigens glatten und ziemlich feinen Haare; nie aber hatte ein Thier einen verſtändigeren, ich möchte ſagen, menſchlicheren Blick; mein Bedienter Maury 122 theilte mein Intereſſe für meinen Fund, wuſch, bür⸗ ſtete die arme Hündin, machte ihr eine völlige Toi⸗ lette und taufte ſie, ich weiß nicht warum, lächerlicher Weiſe mit dem Namen Liſette. Dieſer ſchäferliche und burleske Name blieb ihr; ſie wurde die beſtändige Gefährtin meiner langen Spaziergänge; ich entdeckte allmälig in ihr einen außerordentlichen Verſtand; ſie verließ mich keine Secunde mehr und ſchien meine Gedanken aus meinen Blicken errathen zu wollen. Ich liebte am Ende dieſe häßliche, gelbe kleine Hündin un⸗ gemein; ich hatte, mit einem Worte, für ſie die oft kin⸗ diſche Zuneigung, welche in einer völligen Verein⸗ zelung lebenden Leute für das Thier hegen, das ihre Einſamkeit theilt. Die dem Menſchen natürliche Liebe, von der ich oft mein Herz überſtrömen fühlte, ergoß ſich auf dieſe nur mit dem Inſtinete begabte Creatür; ich ertappte mich oft dabei, daß ich ſie anredete, mich für ſie und mit ihr über einen ſchönen Tag zum Spazierengehen freute, und des Winters am Abend, während ich an der Ecke meines Kamins las oder mein Kräuterbuch elaſſificirte, und außen der Nordoſt pfiff und der Schnee fiel, empfand ich ein wahres Vergnügen, wenn ich dieſes kleine Thier warm vör dem Herde ausgeſtreckt ſah, und es von Zeit zu Zeit zu mir ſein zart zuge⸗ ſpitztes Köpfchen erhob, dieſes Köpfchen, an welchem ſeine befreundeten Augen glänzten, in denen ich die Dankbarkeit zu leſen glaubte. „Arme Liſette!“ ſagte ich dann, „was wäre dein Loos, wenn du mich nicht getroffen hätteſt an jenem Tage, wo du mit Steinwürfen von den boshaften Kin⸗ dern verfolgt wurdeſt. Du wäreſt ermordet auf die Straße gefallen „ während du zu dieſer Stunde durch mich glücklich biſt .. Leichtes Glück! ein we⸗ nig Brod von meiner Hand zerhröckelt und ein Platz zu meinen Füßen vor meinem Kamine! Das Wenige, was ich für dich thue, bezahlſt du mir mit einer 123 Liebe aller Augenblicke; laſſe ich dich zufällig zu Hauſe, ſo iſt deine Traurigkeit ſo groß, als deine Freude bei meiner Rückfehr toll iſt . Kurz, mein armes Ge⸗ ſchöpf, das du nur deinen Inſtinet und deine Treue für dich haſt, ich mache dich glücklich.“ Meine Reflexionen, veranlaßt durch das Glück, das mir dieſe häßliche, kleine gelbe Hündin verdankte, müſſen weſentlich lächerlich ſcheinen; ich verweile in⸗ deſſen bei dieſem Gegenſtande, weil (ein ſeltſames und von Anfang beinahe unglaubliches Reſultat) dieſe Re⸗ flerionen eines Tages der Ausgangspunkt einer völli⸗ gen Verwandlung in meiner Lebensart waren. Ich will mich hierüber erklären. Ich näherte mich meinem vierzigſten Jahre; Kum⸗ mer und Sorgen hatten längſt meine Haare gebleicht, doch meine Geſundheit war vortrefflich in Folge eines nüchternen, friedlichen, regelmäßigen Lebens, meiner langen Spaziergänge, meiner vollkommenen Geiſtes⸗ ruhe und meiner Zufriedenheit mit mir ſelbſt, welche unterhalten wurde durch meinen lebhaften Brieſwechſel mit Jean, der ſich zur Dauer und zur Aufrichtigkeit meiner Bekehrung Glück wünſchte. Mit einem Worte, trotz der Jahre fühlte ich mich noch jung; ſeitdem ich in der Vereinzelung lebte, war es mir, der ich früher ſo ſinnlich, indeſſen nicht ein⸗ mal eingefallen, meine Einſamkeit durch die Gegen⸗ wart eines weiblichen Geſichtes zu erheitern. Die Gewohnheit iſt Alles, ſagt ein Volks⸗ ſprüchwort. Die Entwöhnung iſt auch Alles für Charaktere wie der meinige, welche im Guten oder im Böſen dem Einfluſſe der Mitte, in der ſie ſich befinden, unter⸗ worfen ſind. So hatte ich in Paris, wo ich jeden Abend in der Geſellſchaft verführeriſche Frauen traf, geſtachelt durch die Eitelkeit, berauſcht von der Atmoſphäre, die 124⁴ ich durch alle Poren einathmete, tauſend Hinreißungen nachgegeben. Doch in meiner Zurückgezogenheit in Tinville ſah ich nie ein anderes weibliches Geſicht, als das meiner Köchin Frangviſe; ich begegnete auf meinen Spazier⸗ gängen nur armen Weibern, die ſich nach den Feldern begaben oder dürres Holz im Walde ſammelten, — Unglückliche, die eine erdrückende Arbeit und die Ent⸗ behrungen der Nothdurft ſchon von ihrer zarten Jugend an der Reize des Weibes und beinahe des weiblichen Anſcheins beraubte. Meine Sinne hatten alſo nie Ge⸗ legenheit gehabt, wiederzuerwachen, ſie waren überdies eingeſchläſert und, ſo zu ſagen, erlahmt durch die heil⸗ ſame Anſtrengung meiner langen Wanderungen und hatten mir ſo ein Einſiedlerleben leicht gemacht; abgeſehen von ſeltenen und unbeſtimmten Rückerinnerungen an meine vergangenen Siege, war meine tiefe Ruhe hin⸗ ſichtlich der Liebe nie geſtört worden. Sodann, wie ein bitterer Nachgeſchmack oft in uns auf lange Zeit einen unüberwindlichen Widerwil⸗ len gegen das Getränke hinterläßt, das ihn verurſacht hat, war die letzte Frau, nach der ich ſo glühend ver⸗ langt hatte, Ceſarine geweſen .. und für mich ver⸗ perfönlichte ſich nachher in ihr die begehrenswerthe Frau. Was die Bedürfniſſe meiner Seele, meines Gei⸗ ſtes und meines Herzens betrifft, ſo wurden ſie durch den ununterbrochenen Briefwechſel mit Jean, durch das Studium und die Lecture reichlich befriedigt; was ſoll ich ſagen? auf die Gefahr, eine Lächerlichkeit andern Lächerlichkeiten beizufügen, ſage ich, daß ich noch eine Art von Herzens vergnügen in meiner Zuneigung zu der häßlichen, kleinen gelben Hündin fand, die ich ſo glücklich zu machen . ſo glücklich war. Dieſer erſte Gedanke dient als Uebergang zu einem der wichtigſten Ereigniſſe meines Lebens. Eines Tages theilte mir Maury mein Diener, 12⁵ ein vorzugsweiſe braver Menſch, mit, Frangviſe, meine Köchin, ſei ſeit einiger Zeit troſtlos darüber, daß ihr geſchwächtes Geſicht ihr nicht mehr erlaube, die Wäſche des Hauſes auszubeſſern, wie ſie es bisher gethan habe; ſie befürchte auch, von mir weggeſchickt zu werden. „Frangviſe iſt toll,“ erwiederte ich. „Sie iſt eine würdige, redliche Frau, ich bin mit ihren Dienſten zu⸗ frieden und werde ſie gewiß nicht wegſchicken, weil das Alter ihre Augen ſchwächt; und wenn ſie die Wä⸗ ſche des Hauſes nicht mehr ausbeſſern kann, warum nimmt ſie nicht jede Woche auf ein paar Tage eine Arbeiterin?“ „Hieran dachte ich auch,“ antwortete mir Maury, „doch Frangoiſe wagte es aus Furcht vor den Koſten nicht, dem Herrn dieſen Vorſchlag zu machen.“ Wie viel gibt man denn des Tags einer Arbei⸗ terin?“ „Zehn Sous nebſt Koſt und Wohnung. Das. iſt von keiner großen Bedeutung, wie Sie ſehen⸗ Käme die Arbeiterin hieher, ſo könnte man ein Gurt bett in die Stube von Frangoiſe ſtellen; ſie würde Niemand beläſtigen und im Speiſezimmer nähen.“ „Gut; Francoiſe nehme alſo eine Arbeiterin an.“ „Sie kennt gerade eine brave junge Perſon aus dem Dorfe Areueil, zwei Meilen von hier; dieſe geht in den Tagelohn in die Häuſer der Umgegend und ar⸗ beitet wie eine Fee, ohne je die Naſe von ihrem Ge⸗ ſchäfte zu erheben, wenn nicht etwa, um ihre Nadel einzufädeln; will übrigens der Herr nicht, daß ſie hier ſo wird ſie Morgens kommen und Abends gehen.“ „Was fällt Euch ein, Maury? Wir ſind im Winter, dieſe Nähterin könnte nicht zwei Meilen am Morgen und zwei am Abend machen.“ „Ah ja wohl! .. Das iſt es nicht, was ihr be⸗ ſchwerlich wird, ſie trabt wie ein Kaninchen, mit ihrem 126 Körbchen am Arme und ihrem kleinen Mantel auf dem Rucken, und geht durch den Wald in der ſchwarzen Nacht, obgleich die Arme ſehr feig iſt; das ſei ihr einziger Fehler, ſagt Frangoiſe.“ „Ein Grund mehr, um fie nicht dem auszuſetzen, daß ſie bange haben muß, wenn ſie bei Nacht geht; i beſſer, wenn ſie in der Stube von Frangoiſe äft. „Ei! Claudine, ſo heißt die Arbeiterin, Claudine wird es auch lieber ſein . denn im Ganzen . zwei Meilen am Morgen und zwei am Abend im Win⸗ ter machen, bei Schnee und Eis, das dient nicht be⸗ ſonders zur Beluſtigung, um ſo mehr, als ſie nicht ſehr ſtark iſt „ Es iſt eine junge Perſon, kaum ſechzehn Jahre alt. Die arme Frangviſe wirdſich ſehr freuen, wenn ſie eine Gehülfin bekommt! Ich will ihr ſogleich dieſe gute Kunde überbringen.“ „Armes Mädchen!“ dachte ich, „zwei Meilen Mor⸗ gens, zwei Meilen Abends machen, den ganzen Tag hindurch arbeiten und zehn Sous verdienen! Kaum ſechszehn Jahre ſie beginnt ſehr jung das Leben der Mühſeligkeiten und Entbehrungen.“ Als die Stunde für meinen Spaziergang gekom⸗ men war, entfernte ich mich wie gewöhnlich von Hauſe; doch, gegen meine Gewohnheit, ſtatt völlig von der Betrachtung der Landſchaften, die ich durchwanderte, in Anſpruch genommen zu ſein, ſtatt mich am Anblicke des Waldes zu weiden, deſſen Bäume unter dem Rauh⸗ reife, mit dem ſie bedeckt waren, funkelten, ſtatt mich an den munteren Sprüngen meiner kleinen Hündin zu beluſtigen und empfänglich zu ſein für ihre Liebko⸗ ſungen, wenn ſie zu mir zurückkam, beſchäftigte ich mich in meinen Gedanken damit, ob wohl Claudine hübſch ſei, und ich hegte in mir immer mehr Mitleid mit dem beinahe elenden Lvoſe dieſes armen ſechszehn⸗ jährigen Kindes. Als ich bei Einbruch der Nacht nach Hauſe kam, 127 empfing ich die Dankſagungen von Frangoiſe, welche bis zu Thränen durch meine Leutſeligkeit gerührt war. „Und dieſe Arbeiterin,“ fragte ich, „iſt es ein gutes Geſchöpf?“ „O Herr, es iſt das beſte Mädchen auf der gan⸗ zen Welt!“ antwortete mir Frangoiſez „ſie iſt Waiſe und lebt mit ihrer Muhme, der Mutter Ambroiſe, einer Spitzenarbeiterin in Arcueil; ſie iſt ſechszehn Jahre alt, und von ihrem achten Jahre hat ſie ange⸗ fangen, ihr Brod ſelbſt zu verdienen; ſie ging ſchon in den Tagelohn mit ihrer älteren Schweſter, welche geſtorben iſt, und ſie half ihr im Nähen für ihre Koſt; dann, als ſie zwölf bis dreizehn Jahre zählte, verdiente ſie ihre vier bis fünf Sous, ohne ihre Koſt zu rechnen, und nun gibt es in der ganzen Gegend keine Arbeiterin, die ihr gleich kommt; man reißt ſich auch um ſie in den bürgerlichen Häuſern, weil ſie we⸗ der ſchwatzhaft, noch neugierig, noch träge iſt, wie ſo viele Andere, und ſich nur mit ihrer Arbeit be⸗ ſchäftigt.“ „Und wo werdet Ihr dem Mädchen einen Platz zum Arbeiten geben?“ „Da die Küche nicht groß iſt, ſo würde Claudine, wenn das dem Herrn nicht unangenehm wäre, im Speiſezimmer arbeiten, wo ſie ſehr warm hat, und da Maury erſt um ſieben Uhr deckt, und der Herr in ſei⸗ nem Cabinet frühſtückt, ſo dürfte dies in unſerem Dienſte nicht hinderlich ſein.“ „Sehr gut,“ ſagte ich zu Frangviſe, „die Arbeite⸗ rin ſoll ihren Platz im Speiſe zimmer haben.“ Einen Augenblick hatte ich Luſt, meine Köchin zu fragen, wann Claudine kommen werde, doch ich be⸗ wältigte meine Neuzierde, und ich kehrte nach dem Mittageſſen in mein Cabinet zurück, um nach mei⸗ ner Gewohnheit an der Ecke meines Kamins bis um zehn Uhr zu leſen. Der Gedanke an Claudine durchzog auf's Reue 12⁸ mehrere Male meinen Geiſt; ich ſchaute maſchinen⸗ mäßig meine zu meinen Füßen auf einem Teppich aus⸗ geſtreckte kleine Hündin an, genoß mit großer Behag⸗ lichkeit die Wärme meines Herdes und ſagte unbeſtimmt zu mir: „Es gewährt mir ein wahres Vergnügen, dieſes arme Thierchen, das ich dem Tode entriſſen, und deſſen Inſtinet allein mir antwortet, glücklich zu machen . Wie wäre es, wenn ich eine, wie ich, mit einer Seele und einem Herzen begabte Creatur Gottes glücklich machte, glücklich durch ein unerhörtes, für ſie unver⸗ hofftes Glück? Wie groß wäre ihre Dankbarkeit? Was wäre mein Gluck?“ Ich ſage es hier, und ich habe das Recht, das zu ſagen, was mich ehren kann, theuer bezahlt: kein ſchlimmer Gedanke, kein finnliches Verlangen befleckte die Reinheit meiner Betrachtung. Ich hatte Claudine nie geſehen, ich wußte nicht, ob ſie häßlich oder huͤbſch war; meine noch verworre⸗ nen Gedanken beſchränkten ſich auf das edle und erha⸗ bene Gefühl: „Mit allem wünſchenswerthen Glücke ein arbeit⸗ ſames, ehrliches, ſeit ſeiner Kindheit an die Entbeh⸗ rungen und Mühſeligkeiten eines precären Lebens ge⸗ wöhntes Mädchen überſchütten.“ III. Ich erwartete, Claudine am andern oder am zwei⸗ ten Tage zu ſehen, doch zu meinem großen Erſtaunen vergingen mehrere Tage, ohne daß ſie kam. Anfangs erkundigte ich mich nicht, weil ich be⸗ fürchtete, es könnte in den Augen meiner Dienſtboten 1²9 ſcheinen, ich lege das geringſte Gewicht auf die An⸗ kunft dieſes Mädchens. Eines Abends jedoch, als ich nach Hauſe kam, ſagte ich zu Maury mit ziemlich gleichgültigem Tone: „Die kleine Arbeiterin kommt alſo nicht?“ „Ah! die arme Perſon!“ „Sollte ihr ein Unglück widerfahren ſein?“ „Nürzlich, als ſo viel Schnee fiel, ging ſte in den Tagelohn nach Chaville, wo ſie nicht ſchlief, und ſie kehrte bei Nacht zurück; ich habe ſchon dem Herrn geſagt, wie furchtſam Claudine iſt; deſſen ungeachtet zwingt ſie ſich, ſo viel ſie kann, um ihre Angſt zu überwinden, da ſie im Ganzen, wenn ſie ihr Brod verdienen will, oſt am Abend von den Häuſern, wo ſie arbeitet, ohne dort zu ſchlafen, zurückkehren muß .. In der Nacht aber, von der ich ſpreche, wehte ein ſtarker Wind; Claudine mußte durch einen Theil des Waldes gehen, der Schnee wirbelte; man hatte Voll⸗ mond, doch der Schatten der Bäume erſchreckte die arme Perſon; ſie verlor den Kopf, verirrte ſich im Walde und kam erſt um drei Uhr Morgens ſo abge⸗ mattet, ſo durchkältet wegen des Schnees, mit dem ſie bedeckt war, bei ihrer Muhme an, daß ſie von einer befallen wurde, an der ſie beinahe arb.“ „Armes Kind! .. Dann wird man bemüht ſein, eine andere Arbeiterin zu ſuchen?“ „Oh! nein, Herr, Claudine iſt ein ſo braves Mädchen, eine ſo gute Arbeiterin, daß Frängoiſe ſie jeder Andern vorzieht; zum Glücke geht es viel beſſer bei ihr, und ſie wird in ein paar Tagen hieher kom⸗ men können.“ Dieſe Details über die Krankheit von Clandine, der Gedanke an die Schrecken, denen dieſe arme, ſo furchtſame Perſon oft ausgeſetzt ſein mußte, obgleich ſie dieſelben zu bekämvfen ſich anſtrengte, da die von ihr ſo gefürchteten Nachtmärſche zuweilen eine der Fern and Dupleſſis. W. 9 130 Nothwendigkeiten ihrer Lage waren; das traurige Ge⸗ mälde von dieſem Mädchen, das von Angſt ergrif⸗ fen unter Wind und Schnee nach einem langen, mit zehn Sous belohnten, Arbeitstage im Walde umher⸗ irrte; die Theilnahme, die ſie Jedem einzuflößen ſchien, verdoppelten noch mein zartes und lebhaftes Intereſſe für ſie; es vergingen aber drei Tage die ganze Woche verlief, und Claudine erſchien nicht. Endlich an einem Montag', gegen eilf uhr, als ich von einem Morgenſpaziergange nach Hauſe kam, ſah ich Claudine am Fenſter des Speiſezimmers ſitzend arbeiten; ich ging ziemlich raſch vorüber, da ich nicht den Anſchein haben wollte, als ſchenkte ich ihr eine Aufmerkſamkeit, obſchon ich ſie mit einem raſchen, ver⸗ ſohlenen Blicke volltommen ins Auge gefaßt hatte; ſie aber erhob ſich, in ihrer Hand, welche vor Schüch⸗ ternheit zitterte, das Stück Wäſche haltend, das ſie ausbeſſerie; dann ſetzte ſie ſich wieder, ungemein errö⸗ thend und ohne daß ſie es wagie, die Augen zu mir aufzuſchlagen. „Guten Morgen mein Kind,“ ſagte ich zu ihr, während ich mich nach der Thüre meiner Bibliothek wandte. Claudine, ohne hübſch zu ſein, und obſchon leicht von den Pocken gezeichnei, hatte eine ſanfte, unſchul⸗ dige Phyſtognomie; ſie ſchien kaum ſechszehn Jahre zu zählen: in Foige ihrer Krankheit war ihr Geſicht bleich und ein wnig länglich geworden: ein außer⸗ ordentlich weißes Bauernhäubchen ließ den hohen Scheitel ihrer hell kaſtanienbraunen Haare ſehen; ihr Teint war rein, durchſichtig, ihre Augenbrauen waren wohlgebogen; trotz der Strenge des Winters, und obſchon ie kaum von ihrer Bruſtentzündung etholte, trug die Arme ein Zitzttid, deſſen Farben halb durch das Alter verwiſcht waren; ein kleines Halstuch von Ronenet Stoff mit gelb und grünen Deſſins kreuzte ſich auf ihrem Buſen über ihrer ſchwarzen Schürze; ich hatte, 131 als ſie bei meinem Vorübergehen aufgeſtanden war, ihren ſchlanken, wohlgeformten Wuchs wahrgenommen; obſchon ein wenig roth, waren endlich ihre Hände, welche harte Arbeiten nicht entſtellt hatten, klein und zart; das Ganze ihrer Perſon ſchien mir anmuthig, ſchüchtern und anſtändig. Maury brachte mir in mein Cabinet mein Früh⸗ ſtück beſtehend aus Eiern und Thee. „Nun! Herr,“ ſagte er zu mir, „ endlich iſt ſie angekommen.“ „Wer dies?“ „Die kleine Arbeiterin. Hat ſie der Herr nicht im Speiſezimmer geſehen?“ „Ja, ich habe ſie im Vorübergehen geſehen.“ „Sie mußte tüchtig ſchamhaft ſein.“ „Warum ſchamhaft?“ „Weil ſie den Herrn ſah ... „Wie ſo?“ „Als Frangoiſe ihr ſagte, ſie werde im Speiſe⸗ zimmer arbeiten, wurde Claudine ganz roth und zit⸗ ternd, denn ſie zittert um nichts, ſo furchtſam iſt das arme Mädchen; abgeſehen davon, daß, wenn es ihr ein⸗ fällt, zu glauben, man ſei nicht zufrieden mit ihr ... ſogleich die Thränen in ihre Augen treten; ſie iſt zu empfindlich für ihren Stand, der ſie nöchigt, immer bei den Einen und den Andern zu ſein, wie mir Fran⸗ goiſe ſagt. Kurz, dieſen Morgen, als Claudine er⸗ fuhr, ſie werde im Speiſezimmer arbeiten, wurde die Arme, wie geſagt, ganz roth und zitternd und fragte uns, ob der Herr hier durchkäme. Allerdings, ant⸗ worteten wir ihr. Und ſie wurde noch röther. Sie iſt ſo einfältig! . . . Sie muß auch, nur weil ſie den Herrn geſehen hart, tüchtig ſchamhaft geweſen ſein .. Kaum war ſie übrigens angekommen, als ſie zur Ar⸗ beit ſchreiten wollte. „Wärme Dich doch ein wenig,““ ſagte Frangoiſe zu ihr; „„es iſt ſo kalt außen! .. Und dann iß einen Biſſen.““ „„Ich S ehr, Frau 132 Francoiſe, ich danke,““ erwiederte ſie, „ich bin ſchon eine Stunde im Verzug bei meiner Arbeit, da es acht Uhr iſt. Ich brach vor Tage von Hauſe auf und ging ſo raſch ich konnte . . doch der Weg iſt lang und ich bin noch nicht ſehr ſtark; ich muß auch die verlorene Zeit wieder einbringen.“ „. Ah! Herr, das kann ſich rühmen, daß es nicht um ſeine zehn Sous für den Tag und um ſeine Koſt betrügt!“ Ich ließ Maury ſprechen; dieſe Einzelnheiten in⸗ tereſſirten mich immer mehr. Das Wetter war trocken, es fror, um Steine ber⸗ ſten zu machen; nach dem Frühſtücke ging ich, eine Cigarre rauchend, in den Garten, gegen den ſich das Fenſter des Speiſezimmers öffnet; ich näherte mich diefem Fenſter nicht, doch von fern erblickte ich durch die Scheiben das ſanfte Profil von Claudine mit ihrer Haube auf dem Kopfe, ein wenig auf ſich ſelbſt gebückt, und den Kopf auf ihre Arbeit geſenkt, von der ſie nicht einen Moment die Augen abwandte; ihre Haltung er⸗ laubte mir, den Umfang ihres Halſes zu erſchauen, der ſo weiß wie Elfenbein; ſie nähte mit einer außer⸗ ordentlichen Behendigkeit, ohne einen Augenblick durch das Hin⸗ und Hergehen von Maury, der mein Früh⸗ ſtück abzutragen beſchäſtigt war, zerſtreut zu werden. Beſchirmt durch eine Gruppe von Bäumen, be⸗ trachtete ich ſo lange die kleine Arbeiterin. Zum erſten Male, ſeitdem ich in der Zurückgezogen⸗ heit in Tinville lebte, wurde meine Wohnung erheitert durch ein anmuthiges Mädchengeſicht; der Anblick mei⸗ nes Hauſes ſchien ſich plötzlich verwandelt zu haben. Ein Sonnenſtrahl erquickte und belebte meine Ein⸗ ſamkeit. Nach meiner Gewohnheit ging ich gegen zwei Uhr aus, und ich durchſchritt abermals das Speiſezimmer; abermals ſtand Claudine erröthend und die Augen nie⸗ derſchlagend auf; meine kleine Hündin erhob ſich 133 vor ihr, um ihr zu ſchmeicheln, und Claudine, welche immer noch ſtand und es nicht wagte, ihre Blicke zu mir aufzuſchlagen, ſtreichelte Liſette mit der Hand, ſetzte ſich wieder und arbeitete thätig fort. Claudine wohnte, wie mir Maury geſagt hatte, im Dorfe Arcueil; ich richtete meinen Spaziergang durch den Wald nach dieſer Seite; als ich zu den er⸗ ſten Häuſern des Dorfes kam, traf ich auf der Land⸗ ſtraße eine Frau, welche ein Bündel dürres Holz trug; ich ging an ihrer Seite, und bald hatte ſich das Geſpräch entſponnen; nach ein paar unbedeutenden Worten fiel mir ein, die Muhme der Arbeiterin ver⸗ fertige Spitzen. „Meine brave Frau,“ ſagte ich zu meiner Gefähr⸗ ſ ziſt es nicht das Dorf Arcueil, was man dort ie ht 2“ „Ja, Herr.“ „Iſt nicht in dieſem Dorfe eine Spitzenarbeiterin?“ „Doch, Herr, die Mutter Ambroiſe.“ „Ich glaube, ſie hat eine Tochter, welche mit ihr arbeitet.“ „Nein, Herr, ſie hat nur eine Nichte, welche im Tagelohn als Nähterin arbeitet, ein braves Mädchen, ohl ja. ein ſehr braves Mädchen.“ „In welcher Hinſicht iſt ſie denn ſo brav?“ „Ah! Herr, das iſt eine wahre Löwin für die Ar⸗ beit, und dann ſo ſanft, ſo freundlich, ſo artig ihrem Charakter nach, daß ſie Jedermann liebt, und wenn ſie am Montag Morgens durch das Dorf ſchreitet mit ihrem Korbe unter dem Arme und ihrem Mäntelchen auf dem Rücken, um zur Wochenarbeit zu gehen, da wetteifert Jeder, ihr zu ſagen: Adien, kleine Clauvine, adien! Nicht mehr, nicht minder, als ob ſie das Kind von Jedem wäre.“ „Wenn ſie ſo artig iſt, ſo muß es ihr nicht an Liebhabern fehlen?“ 134 „Ah ja wohl! ſie iſt zu jung! Und dann denkt ſie nicht an Liebhaber.“ „Doch am Sonntage beim Tanze?“ „Am Sonntage? Sie bringt ihn damit zu, daß ſie für ihr Muhme oder für ſich Flickereien beſorgt, da ſie für die Andern die Woche hindurch arbeitet. ... Herr, wollen Sie etwa Spitzen bei der Mutter Am⸗ broiſe kaufen?“ „Vielleicht wohl . . wo wohnt ſie?“ „Im dritten Hauſe links, wenn Sie in das Dorf eintreten.“ „Ich danke, meine gute Frau.“ 3 beſchleunigte meine Schritte und erreichte das orf. Das dritte Haus links war eine mit bemoostem Stroh bedeckte Hütte: ein Fenſterchen höchſtens von einem Quadratfuß war neben der ſchmalen und niedri⸗ gen Thüre, an die ich klopfte, angebracht. Eine dürftig, aber reinlich gekleidete alte Frau öffnete mir. Ich trat in eine weite Stube mit niedri⸗ ger, von berauchten Balken durchzogener Decke ein; im Hintergrunde der Stube erblickte ich ein großes Bett umgeben von grünen Sarſchevorhängen; ferner gewahrte ich einen Schrank und einen Speiſetiſch, auf dem einiges Wirthſchaftsgeräth lag. In der Nähe des kleinen Fenſters ſah ich einen Rahmen bedeckt mit meſſingenen Nadeln, welche eine angeſangene Spitze feſt⸗ hielten, und endlich dem Bette gegenüber einen großen Kamin, in dem zwei halb erloſchene Brände rauchten. Die Mutter Ambroiſe, eine Frau von ungefähr ſechzig Jahren mit ehrlichem, wohlwollendem Geſichte, ſchaute mich mit Erſtaunen an und wartete, daß ich ein Wort an ſie richte, denn dieſe Wohnung betrach⸗ tend blieb ich verſunken in den Gedanken, die Jugend von Claudine habe in einem ſo traurigen Winkel ver⸗ laufen müſſen. 135⁵ „Frau,“ ſagte ich zur Mutter Ambroiſe, „Ihr ver⸗ kauft, wie ich höre, Spitzen.“ „Ja, Herr.“ „Wollt Ihr mir einige Muſter zeigen?“ ünd da ich die Kälte in dieſem ſeuchten Zimmer lebhafter empfand als außen, ſo ſetzte ich mich auf einen Schemel beim Herde, wo die zwei Brände glommen, Die Mutter Ambroiſe holte eine Pappeſchachtel aus ihrem Schranke, brachte ſie herbei und nahm dar⸗ aus einige Muſter, die ſie mir gab. „Ihr müßt für Euer Alter ein vortreffliches Ge⸗ ſicht behalten haben, daß Ihr Euch mit einer ſo zar⸗ ten Arbeit beſchäftigt?“ ſagte ich. „O Herr, ich bediene mich ſeit langer Zeit einer Brille.“ „Dieſe Spitzen ſcheinen mir ſehr ſchön; Ihr habt ohne Zweifel Arbeiterinnen, die Euch helfen.“ „Dh! Herr, der Spitzenverkauf geht gegenwärtig ſo ſchlecht, daß ich höchſtens die Hälfte von dem, was ich verfertige, anbringen kann, und ohne mieine Nichte hätte ich große Mühe zu leben.“ „Ah! Ihr habt eine Nichte?“ „Gott ſei Dank, Herr.“ „Ihr ſeid alſo ſehr zufrieden mit ihr?“ „Claudine? Ah! Herr, nicht weil es die To hter meines Bruders iſt, aber es gibt nicht ihres Gleichen auf der Welt, weder was das gute Herz, noch was den Muth bei der Arbeit betrifft!“ „Sie iſt Waiſe?“ „Ja, Herr, und im Alter von neun Jahren ging ſie ſchon in den Tagelohn mit ihrer verſtorbenen älteren Schweſter; ſie verdiente nur ihre Koſt; doch ſeitdem ſie dreizehn bis vierzehn Jahre alt iſt, genügt ſie ſich ſelbſt, und dabei unterſtützt ſie mich noch, ſo viel ſie kann, die liebe Kleine; ſie verſagt ſich ein Kleid vder eine Sonntagshaube, um mir einen warmen Rock für den Winter zu faufen; zum Glücke iſt ſie eine ſo geſchickte 136 und ſo fleißige Arbeiterin, daß ſie keinen Tag unbe⸗ ſetzt hat.“ „Was koſten dieſe Spitzen, Frau?“ „Gerade zwölf Franken, Herr; ich habe faſt einen Monat gebraucht, um ſie zu vollenden.“ „Hier, Frau, find die zwölf Franken.“ „Mein Herr, ich empfehle mich Ihnen, wenn Sie ſonſt noch etwas brauchen.“ „Ich werde Euch nicht vergeſſen, Frau. Könnt Ihr mir die Wohnung des Maire von dieſem Dorfe bezeichnen?“ „Er wohnt auf dem Flatze neben der Kirche, ein weißes Haus mit grünen Läden und einem eiſernen Gitter. Nur dieſes Haus hat ein Gitter.“ „Ich danke, Frau.“ Ich begab mich zum Maire; er ſchien ein Kauf⸗ mann zu ſein, der ſich aus den Geſchäften zurückgezogen. Das Innere ſeines Hauſes deutete einen großen Wohl⸗ ſtand an. Dieſer Beamte hielt ſich in einem behag⸗ lich meublirten Salon auf; ſeine Frau und ſeine zwei Töchter, welche ſiebzehn bis achtzehn Jahre alt ſein mochten, beſchäftigten ſich mit Stickereien. „Mein Herr,“ ſagte ich zu ihm, „ich wünſchte Ihre Freundlichkeit um einige Auskunft zu bitten.“ „Was betrifft es, mein Herr?“ „Im Intereſſe zweier Perſonen, die in dieſem Dorfe wohnen, habe ich Erkundigungen einzuziehen.“ „Wer ſind dieſe Perſonen, mein Herr?“ „Eine Frau, welche Spitzen verfertigt, und ihre Nichte die, wie ich glaube, Nähterin iſt.“ „Ah! es handelt ſich um die Mutter Ambroiſe und ihre Nichte Clandine? Mein Herr, wir haben keine bravere Leute in der Gemeinde,“ antwortete mir der Maire; „es iſt immer nur Gutes von ihnen zu ſagen geweſen.“ „Und ich füge bei, mein Herr, daß ich oft Clau⸗ 137 dine hier verwende,“ ſprach die Frau des Maire; „nie habe ich eine fleißigere, beſcheidenere und anſtändigere Arbeiterin gekannt; ſie hat nur einen Fihler, wenn man dies einen Fehler nennen darf: ſie iſt von einer außerordentlichen Empfindlichkeit; man muß ſie mit viel Schonung behandeln, ſonſt bildet ſich die arme Rleine ein, man ſei unzufrieden mit ihr, und ſie ver⸗ liert den Kopf.“ „Was die Mutter Ambroiſe betrifft,“ ſagte der Maire, „das iſt eine vortreffliche Frau, welche mit Hülfe eigener Entbehrungen und ihrer Arbeit Clau⸗ dine und eine von ihren Schweſtern, die geſtorben iſt, aufgezogen hat, denn ſie waren ſeit langer Zeit beide Waiſen.“ „Ich bin ſehr glücklich, zu erfahren, dieſe zwei Perſonen verdienen, was man für ſie thun könnte,“ verſetzte ich. „Nie wird eine Wohlthat beſſer angebracht ge⸗ weſen ſein,“ erwiederte er; „die Mutter Ambroiſe und Claudine ſind mit einem Worte das Beiſpiel der Ge⸗ meinde.“ „Claudine geht nicht zum Tanze, und nie hat man ſich auch nur den geringſten Scherz über ihre Aufführung erlaubt,“ fügte die Frau des Maire bei: „Jedermann liebt und achtet ſie.“ „Und die Eltern dieſes Mädchens waren ehrliche Leute?“ fragte ich den Maire. „Sehr ehrliche Leute, mein Herr; der Vater trieb das Gewerbe eines Fuhrmanns; dieſe Famikie ver⸗ diente die allgemeine Achtung; ich vermöchte auch nicht genug die Mutter Ambroiſe und ihre Richte den erſonen zu empfehlen, die ſich für ſie zu intereſſiren die Gewogenheit haben wollen.“ Ich verließ das Dorf Arcueil und wünſchte mir Glück zu der vortrefflichen Auskunft, die ich über Clau⸗ 138 dine auf verſchiedenen Wegen und von Leuten, deren Aufrichtigkeit mir nicht verdächtig ſein konnte, erhal⸗ ten hatte. Als ich nach Hauſe kam, war es finſtere Nacht, und ich trat durch die Gartenthüre ein; ich ſah das Speiſezimmer durch eine Lampe erleuchtet, bei deren Scheine die junge Arbeiterin nähte; ich näherte mich geräuſchlos und erſchaute ſie, den Blick immer auf ihre Arbeit geheftet und behende nähend. Maury ging ab und zu und deckte den Tiſch für meine Mahlzeit; Claudine unterbrach ſich nicht in ihrer Arbeit; ihr bleiches, ſanftes Geſicht hob ſich, lebhaft beleuchtet durch den Schein der Lampe, ſcharf von dem dunkeln Grunde des Zimmers ab. Es kam ein Moment, wo Claudine, weil ihr Fa⸗ den zu Ende war, ihre Nadel auf's Neue damit ver⸗ ſehen wollte, und um dies zu thun, erhob ſie ihre Augen zur Lampe; ich hatte bis dahin ihre Farbe nicht unterſcheiden fönnen, denn ſie hielt ſie beſtändig vor mir niedergeſchlagen: ſie waren hellblau, durch⸗ ſichtig, weit geöffnet; ich weiß nicht, welcher Gedanke ſie in dieſer Secunde leicht lächeln machte, doch ich bemerkte hiedurch, daß ihre Zähne vollkommen gleich an einander gereiht, klein und von ſchönem Schmelze waren; als ſie ihre Nadel mit neuem Faden verſehen hatte, fing ſie wieder an mit ihrer gewöhnlichen Be⸗ hendigkeit zu nähen. Ich hätte viel gegeben, um die Urſache des unſchul⸗ digen Lächelns, das die Lippen der kleinen Arbeiterin umſpielte, zu erfahren; ich hätte auch den Grund ihrer Gedanken zu errathen gewünſcht, denn trotz ihrer Treuher⸗ zigkeit fehite es ihrer Phyſiognomie nicht an Verſtand, und ihr Geiſt konnte nicht völlig von einer beinahe maſchinenmäßigen Arbeit in Anſpruch genommen ſein. Nachdem ich lange im Verborgenen Claudine be⸗ obachtet hatte, kehrte ich, da ich ihr eine Art von Verlegenheit, die ihr meine Gegenwart verurſachte, er⸗ 139 ſparen wollte, in mein Cabinet zurück, ohne durch das Speiſezimmer zu gehen. Als ich ſodann wieder in dieſes Zimmer kam, um zu eſſen, war Claudine zu Frangoiſe in die Küche ge⸗ gangen. Das iſt die Erzählung vom erſten Tage, den die junge Arbeiterin bei mir zubrachte. Bald nach dieſer Epoche ſetzte ich mein, ſeit dem Tode von Ceſarine unterbrochenes, Tagebuch wieder fort. Da ich dieſe Blätter Jean Raymond und ſeiner Mutter mitzutheilen wünſchte, ſo mußte ich einige De⸗ tails über Claudine wiederholen. IV. December 1840. Ohne Furcht öffne ich wieder dieſes Tagebuch, den Vertrauten meiner ſchlimmen oder grauſamen Ge⸗ danken von Einſt. Meiner fortan ſicher, gewiß meiner Rückkehr zum Guten, — Dank ſei es der Erfahrung, die ich durch meine vergangenen Mißgeſchicke erlangt habe, Dank ſei es be⸗ ſonders der ſtrengen Beobachtung der Rathſchläge von Jean und ſeiner Mutter, — werde ich nun hier nichts mehr ſchreiben, worüber ich zu erröthen habe. Die Zukanft, mein Bewußtſein ſagt es mir, wird dieſe Hoffnung nicht Lügen ſtrafen. Claudine Chatelain, eine ſechszehnjährige Waiſe, eine arme Nähterin, welche von Haus zu Haus geht, um einen Lohn von zehn Sous zu vervienen, arbeitet bei mir, ſie iſt redlich, fleißig und vermöge ihrer guten Eigenſchaften würdig, den jungen Mädchen ihres Dorfes als Beiſpiel angeführt zu werden; einen Theil von dem Wenigen, was ſie verdient, verwendet ſie zur Unterſtützung einer alten Muhme, die ſie aufgezogen 1⁴0⁰ hat; meine gute Meinung von Claudine Chatelain wird bekräftigt durch Zeugniſſe von unzweifelhafter Aufrichtigkeit, von unverwerflichem Anſehen; ohne ſchön zu ſein, offenbart ihr ſanftes, angenehmes Ge⸗ ſicht die Unſchuld ihrer Seele; wie ſo viele andere Un⸗ glückliche der Wohlthaten der Erziehung beraubt, kann ſie weder ſchreiben, noch leſen; in ihrer Lage als Ar⸗ beiterin gegen Tagelohn hat ſie oft ſchmerzliche Entbeh⸗ rungen erduldet. Trotz ihrer untergeorbneten Stellung, iſt nichts Knechtiſches im Charakter und im Benehmen von Clau⸗ dine; ſie iſt ſchüchtern, verlegen, doch ihre Zurückhal⸗ tung, ihre Beſcheidenheit enthüllen die natürliche Würde einer reinen und zarten Seele. Ich habe ſie nicht zehnmal angeredet, ſeitdem ſie bei mir arbeitet, außer um ihr etwa: guten Mor⸗ gen oder guten Abend, mein Kind, zu ſagen, und dennoch bin ich, machen mich nicht reifliche Er⸗ wägungen, heilſame Rathſchäge, deren Werth ich an⸗ erkennen gelernt habe, von meinem Vorhaben abwen⸗ dig, dennoch, ſage ich, bin ich entſchloſſen, Clau⸗ dine Chatelain zur Frau zu nehmen, voraus⸗ geſetzt, daß ihr dieſe Heirath anſteht. Unterſuchen wir aufrichtig, wie ein ſolcher im er⸗ ſten Augenblicke ſo ſeltſam ſcheinender Plan in meinem Geiſte keimen, ſich entwickeln und Wurzel faſſen konnte. Mit Selbſtzufriedenheit ſage ich es, mein erſter Gedanke, der, welcher vor allen andern vorherrſcht, iſt ein edler Gedanke. Die wichtigſten Ereigniſſe werden oft durch die ge⸗ ringſten Urſachen hexbeigeführt. Ich habe zur Gefährtin meines einſamen Lebens eine ſehr häßliche kleine Hün⸗ din, die ich einem beinahe ſicheren Tode entriſſen, mit dem ſie boshafte Kinder bedrohten, und oft am Abend, an der Ecke meines Kamins, gewährte es mir ein wahres Vergnügen, wenn ich ſie zu meinen Füßen vor einem guten Feuer ausgeſtreckt ſah, und ich ſagte zu mir; 141 „Durch meine Güte, aber auch in Folge ſeiner Treue und ſeiner Artigkeit iſt dieſes Thierchen ſo glück⸗ lich, als man ſein kann.“ So kindiſch dieſes Gefühl ſein mochte, es war meinem Herzen ſüß. Wenn Claudine zum Arbeiten in mein Haus kam, und ich ſah ſie ſo jung und ſo fleißig, ſo arm und ſo intereſſant, vermuthete ich, ihr Leben müſſe allem An⸗ ſcheine nach eine Reihenfolge mehr oder minder elen⸗ der Tage zugebracht in der Ungewißheit über den näch⸗ ſten Morgen ſein; ich dachte auch, wenn ſie einen Mann heirathet, der ſo arm als ſie, ſo müſſe ihr Leben dop⸗ pelt precär und elend werden, und ich ſagte mir: „Es gewährt mir eine ſüße Befriedigung, wenn ich mich an dem Glücke weide, das mir ein armes, nur mit dem Inſtintte allein begabtes Thier verdankt⸗ Wie wäre es erſt, wenn ich das Glück Claudine ſicherte?“ Das iſt noch nicht Alles. . . Ich erinnerte mich immer folgender Worte von Jean: „Du haſt das Böſe gethan, Du haſt unwiederbring⸗ liche Handlungen begangen; ſühne ſie nicht durch un⸗ fruchtbare Mummereien, ſondern durch die Ausübung des Gerechten und des Guten.“ Ich habe in der That viel zu ſühnen. Werfen wir einen raſchen Blick auf mein vergan⸗ genes Leben. Hätte ich, getreu meinem dem ſterbenden Hyacinthe geleiſteten Verſprechen, Ceſarine geheirathet, ſo wäre ſie vielleicht nicht in den Abgrund der Schändlichkeit gefallen, in dem ſie den Tod gefunden, den Tod, den ich ihr mit meinen eigenen Händen gegeben. . . Hätte ich bei meiner erſten Verheirathung mich nach meinem Herzen zu vermählen geſucht, ſtatt einem verabſcheuungswerthen Gefühle der Selbſtſucht nach⸗ zugeben, ſo würde Albine vielleicht noch leben „. 142 Doch nein, in meinem launenhaften Weltüberdruß, und da ich meine durch die Ausſchweifungen geſtörte Ge⸗ ſundheit wiederherſtellen wollte, beauftragte ich meinen Notar, mir eine Frau zu ſinden, welche halb Haus⸗ hälterin, halb Krankenwärterin wäre. Dieſe Frau hat er gefunden: ein ſchönes Mädchen von ochtzehn Jah⸗ ren mit einem Herzen voll von den ſtrahlenden Illu⸗ ſionen ihres Alters und nur beſeelt von dem Wunſche, glücklich zu ſein; doch meine berechnete Kälte, meine Strenge des verdorbenen Mannes, mein trotziger Ueber⸗ muth des überſättigten Libertin haben die Jugend die⸗ ſes armen Kindes in Eis verwandelt; und da ſie an⸗ derswo das Glück ſuchte, auf welches ſie ein Recht hatte, ſo iſt ihre leidenſchaftliche, aber keuſche Seele in einem Kampfe mit einer unmöglichen Liebe unterlegen. Sie würde vielleicht glücklich leben ohne meine Gleichgültigkeit und meine Selkſtſucht! Eine niedrige Habgier hat mich zu meiner zweiten Heirath angetrieben. . .. Ich habe grauſam gelitten⸗ Doch Mutter und von mir zurückgeſtoßen, hatte Ceſarine auch grauſam gelitten. Sie hatte alle Schmer⸗ zen, alle Entwürdigungen des Elends und der Schande erduldet! Ihre Rache war furchtbar, und mein Haß hat ſich in ihrem Blute geſtillt. Das iſt das Böſe, was ich gethan. Ich möchte gern dieſes Böſe dadurch ſühnen, daß ich ein armes, faſt verlaſſenes Mädchen mit Glück über⸗ ſchütten würde. Dies iſt auch eines der edlen Gefühle, dem ich die Idee, Claudine zu heirathen, verdanke. 8 Iſt damit geſagt, es ſei nichts Perſönliches in meinem Wunſche? Nein, nein, durchaus nicht. Ich hatte mich an meine völlige Einſamkeit ge⸗ wöhnt und darein gefügt, doch ſeitdem das ſanfte Antlitz dieſes Mädchers in meinem abgelegenen Winkel erſchienen 143 iſt, fühle ich trotz meiner vierzig Jahre, daß die Macht, zu lieben, noch nicht in mir erioſchen. Und vennoch iſt das, was ich empfinde, keine Laune der Sinne. * Ich liebe Claudine nicht wegen ihres Geiſtes, denn ich weiß nicht, ob ſie beſitzt, und ich habe noch nie mit ihr geſprochen; nicht wegen ihrer Schönheit ... Claudine iſt nicht ſchön, obgleich ihr angenehmes, beſcheidenes, treuherziges Alußeres mir ungemein gefällt. . . . Nein, was ich an ihr liebe, iſt ihre Unſchuld, es iſt ihre Red⸗ lichkeit, es ſind ihre arbeitſamen Gewohnheiten, es ſind ihre reizenden Eigenſchaften, die ihr eine allge⸗ meine, aufrichtige Hochachtung erworben haben. Ich liebe ſie beſonders, weil ſie unglücklich iſt; ich liebe ſie endlich mit all dem Glücke, mit dem ich gern ihr Leben umgeben möchte. „ Jit eine ſolche Liebe nicht zuzugeſtehen? Iſt eine ſolche Liebe nicht ehrenhaft? Erhöht ſie nicht diejenige, welche ſie einflößt, und venjenigen, der ſie empfindet? Gut! Ich kann dieſe Liebe geſtehen; ſie ehrt mich, ſie ehrt Clandine; doch wird ſie meine Liebe theilen? Kann ſie ſie theilen? Ich bin vierzig Jahre alt . . . ſie zählt ſechszehn. Kummer und Sorgen habenmeine Haare vor der Zeit gebleicht, doch meine Geſundheit iſt vortrefflich. Das nüchterne, regelmäßige ländliche Leben, das ich ſeit mehreren Jahren geführt, hat mir die Energie der Jugend wiedergegeben, und wenn ich mich mit den Freiern vergleiche, die ſich um die Hand von Claudine bewerben könnten, darf ich nicht, und ſollten ſie auch erſt fünfundzwanzig Jahre zählen, darf ich nicht ohne die geringſte Geckebhaftigkeit hoffen, mein artiges Be⸗ nehmen, meine Erziehung, die aufmerkſamen Bemühun⸗ gen, die zarten Zuvorkommenheiten, die ich für dieſes Kind haben werde, müſſen mir den Vorzug vor irgend 144 in ungeſchliffenen, tölpelhaften Bauernburſchen ver⸗ eihen? Alles ſagt mir, Claudine würde ſich nichts um die materiellen Vortheile bekümmern, die ich ihr bie⸗ ten könnte; nichtsdeſtoweniger, welches Blendwerk für ſie, ſähe ſie ſich von einem Tage zum andern als die Gebieterin dieſes kleinen Hauſes, das, meiner Anſicht nach nur wenig koſtbar, doch der armen Arbeiterin als ein glänzender Wohnort erſcheinen müßte. Meine etliche und achtzigtauſend Franken, die ich vor einigen Jahren angelegt habe, tragen mir eine Rente von vier⸗ tauſend fünfhundert Franken, und meine Neigungen ſind ſo einfach, man lebt ſo wohlfeil in dieſer Gegend, daß ich, ohne mir etwas vom Nothwendigen zu ver⸗ ſagen, jedes Jahr zwölf⸗ bis fünfzehnhundert Franken zurücklegen kann; dieſe Erſparniſſe würden mir erlau⸗ ben, Claudine ein hübſches Hochzeitgeſchenk, einige Juwelen, eine vollſtändige Ausſteuer, zwar einfach, aber von gutem Geſchmacke, zu bieten; welches Er⸗ ſtaunen für das liebe Mädchen, das ſeit ſeiner Kind⸗ heit ſo vielen harten Entbehrungen unterworfen iſt! Ah! für Claudine, welch ein Traum der Tau⸗ ſend und Eine Nacht! Mittelſt einiger Trümmer meines Reichthums iſt mein kleines Haus mit einer eleganten und behag⸗ lichen Einfachheit eingerichtet. Neben meinem Schlaf⸗ zimmer ſind zwei hübſche kleine Stuben, wo mein ar⸗ mer Freund Jean und ſein Oheim wohnten, wenn ſie mich vor ihrer Einkerkerung beſuchten; dies wäre die Wohnung von Clandine; ich ließe ſie neu meubliren, Maury und Frangoiſe würden für unſern Dienſt ge⸗ nügen wie bisher. Wie ſanft und reizend wäre mein Leben, wenn Claudine es theilen wollte, wenn ſie mich lieben könnte, wenn ſie beſonders das unausſprechliche, unaufhörliche Glück, das mir die Gewißheit ihres Glückes verſchaf⸗ fen würde, begreifen könnte. 14⁵ Nichts würde ſich in meiner Lebensart ändern. Gewohnt, lange Märſche am Morgen und am Abend zu machen, um in den Tagelohn zu gehen, würde Clau⸗ dine die Gefährtin meiner Spaziergänge. Da ſie das Land nie verlaſſen hat, ſo würde unſer ſtilles, einſa⸗ mes, häusliches Leben kein Bedauern bei ihr verurſa⸗ chen, und durch die Beſtrebungen der Liebe, der zärt⸗ lichſten Fürſorge müßte ich mein Ziel erreichen und dieſes Kind glücklich machen. Oh! aber glücklich, wie nie ein Mädchen von ihrem Stande zu ſein geträumt hat! Dann würde ſie mich aller Wahrſcheinlichkeit nach überleben, und meine mäßigen Einkünfte, deren Erhin ſie wäre, würden wenigſtens genügen, um ihr für immer einen ehrenvollen Wohlſtand zu ſichern. Mit welcher Wonne öffſnet ſich meine Seele bei dieſen hochherzigen Gedanken, bei dieſen edlen Hoff⸗ nungen! 6c1 Dank Dir, Jean, Dank Deiner Mutter und Euren Freunden! Euch verdanke ich die Rückkehr zum Guten, und ſollte ſich dieſer letzte Wunſch meines rei⸗ feren Alters nicht verwirklichen, ſo werde ich mich tröſten, indem ich mir wenigſtens ſagen darf, ich habe dieſen Wunſch, auf welchen ich ſtol; bin, in der tief⸗ ſten Tiefe meines wiedergebornen Herzens gebildet. Mein Gott! wenn ich an die ſchmerzlichen, bitteren, verzweifelten Blätter denke, welche dieſes Tagebuch, der Vertraute meiner Fehler und meiner vergangenen Trübſale, enthält, wie ſehr wünſche ich mir Glück, daß ich heute dieſe Zeilen ſchreiben kann, deren Hei⸗ terkeit mich erquickt, ermuthigt und zum Voraus für meine guten Entſchlüſſe belohnt! Fernand Dupleſſis. W. 10⁰ 146 v. December 1840. Dieſen Morgen bei der Rückkehr von meinem ge⸗ wöhnlichen Spaziergange ſagte ich zu Claudine, als ich durch das Speiſezimmer ſchritt, wo ſie arbeitete: „Mein Kind, ich habe mit Ihnen zu reden, wol⸗ len Sie in mein Cabinet kommen.“ Claudine war nach ihrer Gewohnheit bei meinem Eintritte aufgeſtanden, als ſie aber hörte, daß ich ſie aufforderte, in mein Cabinet zu folgen, wurde ſie pur⸗ purroth vor Erſtaunen; ich ſah ihre Hand leicht zit⸗ tern; ihre niedergeſchlagenen Angen hefteten ſich auf den Boden; ſie blieb unbeweglich, gleichſam verdutzt. „Seien Sie ohne Furcht, mein Kind,“ fügte ich bei, „ich habe Sie nur von guten Dingen zu unter⸗ richten .. Kommen Sie.“ Und ich lud ſie mit der Geberde ein, in meine Bibliothek einzutreten, deren Thüre ich vor ihr öffnete. Immer mehr erröthend, verlegen und verwirrt, folgte mir die kleine Arbeiterin. Ich rückte einen Sitz an den Kamin, meinem Lehnſtuhle gegenüber, und ſprach: „Nähern Sie ſich, Claudine .. . Setzen Sie ſich hieher . und laſſen Sie uns plaudern.“ Sie blieb ein paar Schritte von der Thüre ſtehen; ohne Zweifel ſchien ihr der Gedanke, ſich an die Ecke meines Kamines und zu mir zu ſetzen, etwas Unge⸗ heures, denn ſie rührte ſich nicht. Ihre Verlegenheit verdoppelte ſich; ich mußte auf ſie zugehen, ſie ſanft bei der Hand nehmen und zu dem Stuhle führen; ſie gehorchte mir maſchinenmäßig und ſetzte ſich ganz auf den Rand des Stuhles, ohne noch die Augen zu mir aufgeſchlagen zu haben; meine kleine Hündin ſprang auf den Schvoß von Claudine, und in ihrer Unruhe 147 beeilte ſich dieſe, ſie zu ſtreicheln, um ſich eine Hal⸗ tung zu geben. „Mein Kind,“ ſagte ich, „ich habe über Sie die beſte Auskunft erhalten: Sie find thätig und arbeit⸗ ſam, Sie unterſtützen Ihre Muhme mit allen Ihren Kräſten; Jedermann ſchätzt Sie in Ihrem Dorfe; ich wünſche Ihnen einen Beweis von der Theilnahme zu geben, die mir Ihr vortreffliches Betragen einflößt.“ In dieſem Momente trat Maurh mein Frühſtück auf einem Brette tragend ein, und er ſchien ſehr erſtaunt, mich unter vier Augen mit Claudine zu ſehen, welche unwillkürlich beim Anblicke meines Bedienten aufge⸗ ſtanden war; während aber dieſer das Brett auf den Liſch ſtellte, hieß ich Claudine wieder ſitzen und wie⸗ derholte Wort für Wort den Anfang meiner Unter⸗ redung mit ihr, um von Maury gehört zu werden. „Ich ſagte Ihnen, mein Kind,“ fuhr ich fort, „ich habe über Sie die beſte Auskunft erhalten; Sie ſind thätig, arbeitſam, Sie unterſtützen Ihre Muhme mit allen Ihren Kräften, Jedermann ſchätzt Sie in Ihrem Dorfe; ich wünſche Ihnen einen Beweis von der Theil⸗ nahme zu geben, die mir Ihr vortreffliches Betragen einflößt. Sagen Sie mir, was ich für Sie thun könnte?“ „Seht, Claudine, wie gut der Herr iſt? Das ge⸗ winnt man, meine Tochter, wenn man ſich gut auf⸗ führt,“ ſprach Maury mit einer herzlichen Vertrau⸗ lichkeit; dann ging er hinaus. Als ich wieder allein mit Claudine war, welche die Augen beſtändig niedergeſchlagen hielt und immer mehr verlegen ſchien, fügte ich bei: „Auf! mein Kind, ſagen Sie mir, was ich thun könnte, um Ihnen nützlich zu ſein?“ „Der Herr. . der Herr .. it e gut. ſtammelte Claudine, ohne Zweifel tief be⸗ wegt von der unerwarteten Theilnahme, die ich ihr bezeigte, denn ich ſah eine Thräne Angen 14⁸ auf die Hand fallen, mit der ſie meine kleine Hündin ſtreichelte. „Ich bitte, mein Kind, ſuchen Sie ſich ein wenig zu faſſen, zittern Sie nicht ſo, haben Sie Vertrauen zu mir, laſſen Sie uns als Freunde plaudern Ich begreife Ihre Schüchternheit, ich wünſchte Sie aber einen Augenblick dieſelbe überwinden zu ſehen, damit Sie mir antworten würden. Sagen Sie mir, was könnte ich für Sie thun?“ Claudine. „Ich würde es nicht wagen . . . dem Herrn zu ſagen .. Ich. „Wagen Sie es wagen Sie es, mein Kind, ich bitte Sie darum. . . Worin könnte ich Ihnen nützlich ſein? Claudine. „Es wäre für meine Muhme Ambroiſe ... Ich. „Gut „ Sie denken zuerſt an Ihre Muhme; dieſer Gedanke iſt ein Beweis von der Zartheit Ihres Herzens. Nun wohl! mein Kind, was kann ich für Ihre Muhme thun? Claudine. „Sie iſt ſehr alt . ihre Augen werden ſchwach ſie iſt troſtlos . * Ich. „Weil ſie befürchtet, nicht mehr arbeiten zu kön⸗ nen und Ihnen ganz zur Laſt zu ſein? Claudine. „Ach! ja, wein Herr Ich. „Weinen Sie nicht, beruhigen Sie ſich; Ihre Muhme wird zu verzweifeln aufhören; ſie wird die Mittel haben, um in ihren alten Tagen zu leben; ſie wird ſich nicht mehr die Augen anſtrengen, und wenn 149 ſie noch ein wenig arbeitet, ſo wird es für ihr Ver⸗ gnügen geſchehen; ſagen Sie mir, wie viel Mieth⸗ zins koſtet das Haus, das Ihre Muhme bewohnt? Claudine. „Neunzig Franken jährlich, das iſt eine große umme. Ich. „Ich werde ihren Miethzins bezahlen. Claudine. A5 Ich. „Kann ſie mit vierzig Sous täglich bequem im Dorfe leben? Claudine. „Vierzig Sous! Mein Gott, Herr, wir verdienen nicht zwanzig Sous alle Beide, meine Muhme Am⸗ broiſe und ich, und wir leben. ꝙ „Ich werde ihr eine Penſion von ſechzig Franken monatlich ausſetzen, damit ſie für immer vor der Noth geſchützt iſt.“ Zum erſten Male, ſeitdem ich Claudine kannte, wagte ſie es, die Augen zu mir aufzuſchlagen. Ich werde nie den engeliſchen Ausdruck dieſes von Thrä⸗ nen der Dankbarkeit feuchten Blickes vergeſſen, in wel⸗ chem ſich eine Art von tiefer Verwunderung malte. Die arme Arbeiterin konnte kaum an meine Groß⸗ muth glauben. Nachdem ſie indeſſen einige Secunden geſchwiegen hatte, ſtammelte ſie, die Hände faltend: „Mein Gott! wie gut iſt der Herr gegen uns! Ich. „Was ich gethan habe, iſt wenig .. Und nun, mein Kind, ſprechen wir von Ihnen worin kann ich Ihnen nützlich ſein? Claudine. „Oh! nun in nichts mehr. 15⁰ Ich. „Alſo nun, da das Loos Ihrer Muhme geſichert iſt, wünſchen Sie nichts für ſich? Claudine. „Es fehlt mir, Gott ſei Dank, nicht an Arbeit! ch „Daß es Ihnen nicht an Arbeit fehlt, genügt nicht ganz für Ihr Glück. Antworten Sie mir offen⸗ herzig; Sie ſind ſechszehn Jahre alt, Sie haben ein freundliches Geſicht, Sie ſind eine geſchickte und flei⸗ ßige Arbeiterin; denken Sie nicht zuweilen daran, es werde ein Tag kommen, wo Sie zu heirathen wünſchen? Claudine. „Ich habe nie hieran gedacht. ch. „Erröthen Sie nicht ſo, liebes Kind; meine Frage hat nichts, was Sie verlegen machen ſoll. Ich bitie Sie, antworten Sie mir in voller Aufrichtigkeit; ſeien Sie verſichert, daß ich in Ihrem Intereſſe ſpreche. Ich weiß es und alle Welt ſagt es im Dorfe: Ihre Auf⸗ führung iſt muſterhaft, doch es wäre ganz natürlich, wenn Sie in dem Gedanken, einen würdigen, redli⸗ chen jungen Mann zu heirathen, ſchon Jemand den Vorzug des Herzens gegeben hätten. Claudine. „Ich ſagte dem Herrn, ich habe nie den Gedan⸗ ken gehabt, mich zu verheirathen. Ich. „Ich beſchwöre Sie, mein Kind, glauben Sie nicht, es liege meiner Frage eine unbeſcheidene Neu⸗ gierde zu Grunde; ich habe das Loos Ihrer Muhme geſichert und möchte gern das Ihrige ſichern; und wenn — Sie eine Neigung für einen ehrlichen Mann fühlten, welcher fähig wäre, Sie glücklich zu machen, ſo würde ich Ihnen eine kleine Mitgift von vier bis fünf tau⸗ ſend Franken geben, damit Sie Ihre Haushaltung anfangen könnten.“ 151¹ Zum zweiten Male ſchlug Claudine ihre blauen Augen mit einem treuherzigen Erſtaunen zu mir auf. Ich ſicherte das Loos ihrer Muhme und bot ihr eine Mitgift an! Schlag für Schlag betäubt durch dieſe Beweiſe meiner Theilnahme, glaubte die arme Kleine ohne Zweifel zu träumen; doch bei meinem Anerbieten einer Mitgift von vier bis fünftauſend Franken, — eine unge⸗ heure Summe im Verhältniß zur Armuth der kleinen Arbeiterin, — drückte ihre Phyſtognomie, die ich aufmerk⸗ ſam betrachtete, eine Miſchung von wachſendem Er⸗ ſtaunen und tiefer Dankbarkeit aus, ohne indeſſen irgend ein Gefühl der Habgier zu verrathen; ihr Blick begegnete dem meinigen, der auf ſie mit einer durch⸗ dringenden Starrheit geheſtet war; ſie ſchlug auf's Neue die Augen erröthend nieder und antwortete mir: Claudine. „Der Herr iſt ſo großmüthig gegen uns Beide, gegen meine Muhme Ambroiſe und mich, daß ich es, wenn ich den Gedanken hätte, mich zu verheirathen, eri dem Herrn ſagen würde; doch ich denke nicht aran. Ich. „Sie dachten vielleicht nicht daran, als Sie ſich, wie ſo viele andere Mädchen, ſagten: „„Ohne einen Sou Geld heirathen und eine Haushaltung anfangen heißt vielleicht mich vielen Sorgen und Kümmerniſſen ausſetzen.““ Wären Sie aber zu dieſer Stunde, da Sie eine Mitgift haben, nicht geneigt, zu heirathen? Ciaudine. „Nein, Herr. ch. „Wahrhaftig, unter den jungen Leuten des Dor⸗ itt nicht Einer, den Sie zum Manne wählen wür⸗ en? Claudine. „Nein, Herr, ich verſichere Sie. 15² Ich. „Suchen Sie wohl . . . ſammeln Sie Ihre Er⸗ innerungen und glauben Sie mir, meine dringenden Fragen in dieſer Hinſicht haben keine andere Urſache, als meinen lebhaften Wunſch, Sie glücklich verheira⸗ thet zu ſehen. Claudine. „Zöge ich Einen vor, ſo hätte ich es dem Herrn ſogleich, als er mich fragte, geſagt. Ich. „Hören Sie mich an, liebes Kind: ich wiederhole Ihnen, Ihre guten Eigenſchaften hatten mir eine leb⸗ hafte Theilnahme für Sie eingeflößt; die paar Worte, die wir ſo eben mit einander gewechſelt, vermehren ſie noch; mögen Sie ſich unn früher oder ſpäter ent⸗ ſchließen, zu heirathen, mögen Sie es vorziehen, Mäd⸗ chen zu bleiben, die fünftauſend Franken, die ich Ihnen biete, gehören Ihnen von heute an. Ich erwarte nur Fogendes von Ihnen: nehmen Sie ſich etwa einen Monat, um nachzudenken, und nun, da Sie eine Mit⸗ gift haben, ſuchen Sie, ob nicht im Dorfe ein junger Mann wäre, der Ihnen anſtehen könnte und an den Sie noch nicht gedacht hätten; in einem Monat werden Sie mich mit dem Erfolge Ihrer Betrachtungen be⸗ fannt machenz haben Sie einen Mann gefunden, der Ihnen als Gatte gefiele, ſo werden Sie mir es ſa⸗ den, und ich übergebe Ihnen Ihre Mitgift; beharren Sie im Gegentheile dabei, daß Sie nicht heirathen wollen, ſo ſchenke ich Ihnen gleichfalls die genannte Summe. Noch ein Wort: ich bitte Sie, mein liebes Kind, theilen Sie fur jetzt weder Ihrer Muhm, noch irgend Jemand die Beweiſe von Theilnahme, die ich Ihnen gegeben, mit; in einem Monat werden wir län⸗ aer über Alles dies plaudern, und dann, was auch Ihr Entſchluß ſein mag, werden Sie kein Geheimniß mehr zu bewahren haben. Einverſtanden, nicht wahr? 153 Claudine. Ich. „Und nun, mein liebes Kind, wünſche ich aus Gründen, die Sie ſpäter erfahren ſollen, daß Sie vor dem Ende des Monats, den ich Ihnen zum Nachdenken gebe, nicht mehr zur Arbeit hieher kommen mögen. Es iſt heute Sonnabend, iſt ihr Tagewerk beendigt, ſo kehren Sie, wie gewöbnlich, zu Ihrer Muhme zu⸗ ruͤck, und Montag werden Sie anderswo als bei mir arbeiten, denn, nicht wahr, es fehlt Ihnen nicht an Geſchäften ? Claudine. „Oh! nein, Herr . . . nur hatte ich Frau Fran⸗ Coiſe verſprochen, ihr noch den Montag und den Diens⸗ tag zu geben. Sie wird vielleicht unzufrieden ſein? Ich. „Seien Sie in dieſer Hinſicht unbeſorgt. Gegen das Ende des Monats werden Sie alſo wieder kom⸗ men und mir ſagen, ob Sie Einen, der Ihnen an⸗ ſteht, gefunden oder ob ſie Keinen gefunden . Gott befohlen, mein Kind.“ Und um Claudine neue Dankſagungen und die Ver⸗ legenheit, aus meinem Cabinet wegzugehen, zu er⸗ ſparen, verließ ich ſie zuerſt und begab mich in mei⸗ nen Garten, um eine Cigarre zu rauchen. Bald ſah ich aus der Tiefe der Allee, in der ich mich befand, Claudine ins Speiſezimmer zurückkehren, ihren gewöhnlichen Platz am Fenſter wieder einnehmen und mit neuer Thätigkeit ihre Nähterei fortſetzen. Mein Plan iſt alſo feſtgeſtellt, abgeſehen von der Anſicht und dem Rathe von Jean und ſeiner Mutter. Ich werde Claudine den Antrag machen, ſie zu heira⸗ then, hat ſie im Laufe eines Monats nicht eine Wahl getroffen. „Ja, Herr. 15⁴ Ich glaube, ich habe ehrenhaft gehandelt, daß ich ihr nicht mit dem erſten Schlage meine Hand anbot. Geblendet durch die Perſpective einer ſolchen Heirath, konnte ſie eine geheime Bevorzugung ihres Herzens opfern und ſpäter dieſe Verbindung bereuen. Ich habe auch, wie ich glaube, ehrenhaft darin gehandelt, daß ich Claudine eine Mitgift zuſicherte, ſie iſt ſo die Gebieterin über ein kleines Vermögen; nichts widerſetzt ſich alſo ihrem Geſchmacke oder ihrer Wahl, mag ſie ſchon auf einen Burſchen des Dorfes aufmerkſam geweſen ſein, mag ſie jetzt erſt eine Par⸗ tie, die ihr anſtehen würde, ſuchen. Iſt es dann auch nicht augenſcheinlich, daß, wenn in einem Monat Claudine mir ſagt: „ch wünſche ledig zu bleiben,“ — ihr Herz vollkommen frei ſein wird? Ich werde ihr alſo ohne Furcht meine Hand an⸗ bieten können. Auch in dieſem Falle wird ſich Claudine, da ſie weiß, daß ihr, ſelbſt wenn ſie ſich weigern würde, mich zu heirathen, ihrkleines Vermögen immer noch bliebe, und daß das Loos ihrer Tante geſichert iſt, Clau⸗ dine, ſage ich, wird ſich nicht in der grauſamen Al⸗ ternative befinden, daß ſie zwiſchen mir und dem Elende für ſich und ihre zweite Mutter zu wählen hätte. Auch in dieſer Hinſicht wird die Wahl von Clau⸗ dine vollkommen frei ſein. Wird ſie zu dieſer Heirath einwilligen? Wird ßie ſie ausſchlagen? Wenn ſie ſie ausſchlägt. . . Ich werde mich mit dem Gedanken tröſten, daß ich wenigſtens einmal in meinem Leben die Vergangenheit durch eine edelmü⸗ thige Handlung zu ſühnen geſucht habe. Ich werde mich an die arme Kleine anhängen wie an eine Tochter, ſie vielleicht ſogar adoptiren. Dieſe zarte Zuneigung, welche nicht minder ſüß, viel⸗ leicht ſogar noch ſüßer als die Liebe, wird ohne Zwei⸗ 15⁵ fel für die Bedürfniſſe meines Herzens genügen und meine Einſamkeit mit ihrem Zauber erfüllen. Welches iſt im Ganzen der Gedanke, der bei mir alle andere Gedanken beherrſcht? iſt es nicht der: 5 Claudine ſo glücklich als möglich ma⸗ Ich kann aber dieſen Wunſch auch befriedigen, in⸗ dem ich das liebenswürdige Kind adoptire. Willigt dagegen Claudine ein, mich zu heirathen, ſo wird ſie ſicherlich der Neigung ihres Herzens ge⸗ horchen. Es iſt mir heute Morgen leicht geweſen, im Ver⸗ laufe unſeres Geſpräches das natürliche Zartgefühl der lieben Kleinen zu erkennen: nicht die Begehrlich⸗ keit iſt es, was ſie zu dieſer Heirath beſtimmen wird; fortan durch mich für das Nothwendige geſichert, kann ſie mich unmöglich einzig und allein in der Abſicht heirathen, den Ueberfluß zu genießen, den mein be⸗ ſcheidener Wohlſtand zu verſprechen ſcheint. Werde ich Claudine gefallen? Ich zähle vierzig Jahre, meine Haare ſind weiß geworden, doch ich fühle mich noch jung dem Herzen nach, voller Stärke und Geſundheit; nichts an meiner Perſon kann, wie ich glaube, Widerwillen ein⸗ flöhen; ich habe endlich Claudine bis zu Thränen von i Großmuth gegen ſie und ihre Muhme bewegt geſehen. Wohl! durch meine Güte, durch das Wiedererlan⸗ gen meiner Jugend, durch meine Höflichkeit, durch meine Bemühungen, durch meine Zuvorkommenheiten glaube ich Claudine gefallen zu können. Doch in zehn Jahren werde ich fünfzig, in zwan⸗ zig Jahren ſechzig alt ſein, und ſie wird dann erſt ſechsunddreißig zählen! Dieſes Mißverhältniß des Alters wäre, wie mir ſcheint, ein ſehr ernſter Einwurf, handelte es ſich um eine von den weltlichen Heirathen, wo eine junge 156 Frau auf jedem Schritte von Verführungen und be⸗ ſonders von Vergleichungen, welche ſehr wenig ſchmeichelhaft für ihren alten Gatten, umgeben iſt; auch habe ich, trotz großer Altersverſchiedenheiten, häu⸗ fig gewiſſe ehrenhafte und glückliche Verbindungen ge⸗ ſehen; würde endlich Clauvine, meine Einſamkeit thei⸗ lend, die Gelegenheit zu Fehltritten finden, ſelbſt wenn ſie eine Abneigung gegen mich bekäme? Das iſt von meiner Seite ein ſelbſtſüchtiger, ſchlimmer Gedanke! Mein Gott, immer das Schlimme argwohnen heißt das nicht früher oder ſpäter ſich dem ausſetzen, daß man daran glaubt? Von zwei Dingen eines: entweder wird mir Clau⸗ dine durch meine Schuld abgeneigt werden, oder ſie wird früher oder ſpäter in dem Altersmißverhältniſſe, das zwiſchen uns beſteht, einen drückenden, widrigen Uebelſtand finden. Iſt es in letzterem Falle nicht meine Pflicht, vor⸗ ausgeſetzt, Claudine nehme in der Unerfahrenheit ihrer ſechszehn Jahre dieſe Heirath mit Dankbarkeit an, iſt es nicht meine Pflicht als ehrlicher Mann, als erfah⸗ rener Mann, mich klüger, vernünftiger, vorſichtiger zu zeigen und ſie nicht der Gefahr auszuſetzen, eines Tages bittere Reue zu empfinden? Mit einem Worte, iſt es mir erlaubt, ihr Aner⸗ hietungen zu machen, die ſie treuberzig annehmen kann, ohne an ihre unvermeidlichen Folgen zu denken? Erwägen wir reiflich dieſe Frage; unterſuchen wir ohne Uebertreibung. Die Altersverſchiedenheit zwiſchen mir und Clau⸗ dine iſt bedeutend, und ſie wird beziehungsweiſe noch bedeutender werden, je mehr ich an Jahren zunehme. Wird aber Claudine, eine Frau durchdrungen von ihren Pflichten, wie ſie es ganz gewiß wäre, im⸗ mer mehr herangezogen durch die Zuneigung, durch die Dankbarkeit, durch die Gewohnheit eines vertrau⸗ ten Umgangs, den ich ſo zärtlich und reizend als mög⸗ 157 lich zu machen mich bemühen würbe, wird Claudine, ſage ich, fühlen, daß ſie ſich allmälig von mir löſe nur wegen der Zunahme meiner Jahre? . Iſt es nicht ein ganz entgegengeſetztes Gefühl, das Claudine hegen wird? Wenn ich an die Güte ihres Herzens, an die Zartheit ihrer Seele glaube, wird nicht jeder Tag des Glückes, das ſie mir verdankt, ein neues Band für ſie ſein? Uind dieſe lange Reihenfolge glücklicher Tage, wird ſie ſie nicht immer mehr an mich feſſeln? Die Fortſchritte des Alters, welche ſo bemerkbar in den Augen der Gleichgültigen, gehen ſie nicht bei⸗ nahe unbemerkt an denjenigen vorüber, die, immer beiſammen, ihre Jahre nur nach ſüßen Erinnerungen und ſüßen Hoffnungen zählen? Ich vermöchte nicht zugleich Richter und Par⸗ tei in einer ſolchen Frage zu ſein, obſchon ich mich bemühe, Alles, was mich perſönlich betrifft, davon zu trennen. Madame Rahmond, Jean und ſeine Freunde ſol⸗ len, unparteiiſcher als ich, dieſen großen Einwurf der Altersverſchiedenheit beurtheilen, und ich un⸗ terwerfe mich ihrer Entſcheidung. Mit welcher Ungeduld werde ich das Ende dieſes Monats erwarten, den ich Claudine bewilligt, damit ſie meine Anerbietungen reiflich erwägen kann; wozu wird ſie ſich entſchließen? VI. Januar 1841. Es iſt heute ein Monat auf den Tag, daß ich Claudine aufgefordert habe, ihr Herz, ihren Geſchmack zu befragen, und mir nach Ablauf der von mir feſt⸗ geſtellten Friſt zu ſagen, ob ſie ſich zu verheirathen wünſche oder nicht. Dieſer Monat hat mir lange geſchienen. Ich er⸗ wartete das Ziel mit Ungeduld und einer wachſenden Angſt. Das liebenswürdige Geſicht von Claudine fing an mir in meiner Einſamkeit zu fehlen, und wenn ich nach Hauſe zurückkehrend den Garten durchſchritt, hef⸗ teten ſich meine Blicke unwillkürlich auf das Fenſter, hinter dem ich mehrere Tage die Kleine immer fleißig beſchäftigt geſehen hatte. Dieſen Morgen vollendete ich meine Toilette, als mir Maury meldete, Claudine ſei angekommen und erwarte mich in meiner Bibliothek. ch geſtehe, mein Herz klopfte, meine Bangigkeit war groß ich wußte nicht, was der Entſchluß dieſes lieben Kindes war, und warf, ehe ich zu ihr ging warum ſoll ich dieſe unſchuldige Schwäche nicht geſtehen? einen langen, fragenden Blick auf mei⸗ nen Spiegel. Mehr als grau, fielen mir vor Allem meine Haare auf.. Dann beruhigte ich mich ein wenig, in⸗ dem ich mir ſagte, es durchfurche noch keine Falte meine Stirne meine Augenbrauen ſeien ſchwarz meine Zähne ſeien weiß . mein Teint klar und ausgeruht, meine Taille gerade und frei von aller grei⸗ ſenartigen Beleibtheit, meine Hand zart, meine Nägel roſenfarbig, und meinem weiten Schlafrocke, der von einer ſtrengen Farbe, aber von einem eleganten Schnitte, fehle es nicht an einer gewiſſen Majeſtät, welche ziem⸗ lich im Einklange mit dem ernſten und zugleich ſanften 1⁵9 Ausdrucke, den meine Phhſiognomie während meiner Unterredung mit Claudine haben müſſe. So ſehr ich indeſſen beruhigt war, ich konnte mich einer Eiferſucht auf die Jugend des Bauernbur⸗ ſchen, den mir Claudine vielleicht in dieſem Augen⸗ blicke vorzöge, nicht erwehren; hätte ſie, nach meinem Rathe, ſeitunſerer letzten Zuſammenkunft einen Mann nach ihrem Geſchmacke zuerſt geſucht und dann gefunden . Nein, nie, in der ſchönſten Zeit von dem, was ich meine Succeſſe nannte, damals, als ich ein Mer⸗ veilleur war, empfand ich bei dem Gedanken an ein von mir erbetenes Rendez⸗vous eine lebhaftere Gemüthsbewegung, als die war, welche mich in dem Augenblicke ergriff, wo ich in meine Bibliothek ein⸗ trat, in der mich Claudine erwartete. Als ſie mich ſah, erröthete ſie ungemein. Ich ſuchte in ihrem Geſichte die Gedanken des Au⸗ genblicks zu leſen; ſie mußten freundlich und unſchul⸗ dig ſein, wie ihre Seele, denn ich fand in ihren Zü⸗ gen die holde Treuherzigkeit, die mich entzückte. Ich bat Claudine, ſich zu ſetzen; dann legte ich neben ſie auf den Kamin ein Portefeuille und eine Börſe und ſagte: „Mein Kind, ehe wir mit einander über den Ge⸗ genſtand ſprechen, der Sie hierher führt, muß ich Ih⸗ nen dieſes Portefeuille übergeben; es gehört Ihnen und enthält fünf Billets von tauſend Franken. Dieſe Börſe gehört auch Ihnen; ſie enthält in Gold die Be⸗ zahlung von einem Jahre der Penſion Ihrer Muhme. Noch ein Wort: dieſe Geſchenke dürfen nicht im Ge⸗ ringſten Ihren Ruf antaſten. Man verdächtigt oft die einer Perſon von Ihrem Alter zugefloſſenen Wohltha⸗ ten, ſo rein auch ihre Quelle ſein mag, und man könnte ſich in Ihrem Dorfe wundern, wenn man Sie plötzlich im Beſitze eines kleinen Vermögens ſähe; ich werde dieſen ärgerlichen Auslegungen zuvorkommen und ſchon heute, wenn es nöthig iſt, den Maire Ihrer 160 Gemeinde beſuchen; ich bin feſt überzeugt, daß ich zum Voraus die Gerüchte vereiteln werde, welche die Bos⸗ heit ausſtreuen könnte ... Nun laſſen Sie uns ſpre⸗ chen .. Liebes Kind, wozu ſind Sie entſchloſſen? Haben Sie Einen gefunden, der Ihnen anſtehen würde, und den Sie zu heirathen wünſchten? Claudine. „Nein, Herr! „Wie! . . . Niemand? Claudine. „Niemand . Ich. „Es iſt alſo unter den jungen Leuten Ihres Dor⸗ fes nicht Einer, den Sie zum Manne zu nehmen ge⸗ wünſcht hätten? Claudine. „Das heißt es iſt wohl . Einer . Ich. „Dann, mein liebes Kind, haben Sie Vertrauen, ſeien Sie nicht ſo unruhig, reden Sie mit mir, wie Sie mit Ihrem Vater reden würden . . . Mache ich Ihnen bange? Claudine. „Oh! nein, Herr. 6 „Gut! Sie ſagten mir alſo, obgleich Sie Mädchen zu bleiben entſchloſſen ſeien, habe ſich im Dorfe doch Einer gefunden, der Ihnen hätte an⸗ ſtehen können? Claudine. „Ja, Herr. Ich. „Und wer war dieſer Eine? Claudine. „Julien Fauveau . . Er iſt Pächter des Gutes Saulayes. 161 Ich. „Was hindert Sie, Julien Fauveau zu heirathen 2 Iſt er nicht ein braver Menſch? Claudine. „Doch, Herr. „Iſt er nicht geordnet, fleißig und von gutem Charakter? Claudine. „Doch, Herr Es ſoll keinen beſſeren Menſchen auf der Welt geben . Ich. „Es ſoll?. Sie kennen ihn alſo nicht ſeit lan⸗ ger Zeit? Claudine. „Ich habe ihn vielleicht nicht zehnmal geſprochen ? Ich. „Wie ſind Sie denn auf den Gedanken gekommen, Julien Fauveau eher als einen Anderen heirathen zu wollen? Claudine. „Ich hörte ſehr viel Gutes von ihm im Dorfe ſagen und dann ſieht er ſo ſanſt aus und dann „ Ich. Claudine. „Er war in Verlegenheit, wie er ſeinen Pachtzins bezahlen ſollte, weil er eine große Ausgabe gemacht hakte, um ſeinen Sohn bei der Conſcription frei zu kaufen? „Und dann? Ich. „Sein Sohn hat bei der Conſeription ge⸗ zogen? Claudine. „Ja, Herr, im vorigen Jahre; Julien Fauveau hat Alles geopfert, um ihn frei zu kaufen; ich ſagte Fernand Dupleſſis. 1v. 11 162 mir auch: Ein Menſch, der ſo gut gegen ſeine Finbt iſt, muß gut gegen Jedermann . und gegen ſeine Frau ſein. c „Da er einen Sohn hat, der ſchon im Alter ißt, um bei der Conſeription zu ziehen, ſo kann Julien Fnupeau nicht mehr jung ſein? Claudine. „Ich weiß ſein Alter nicht. Ich. „Kurz es iſt kein junger Mann? Claudine. „Oh! nein, Herr. „Ohne Zweifel, weil er alt genug iſt, um Ihr Vater zu ſein, haben Sie auf den Gedanken, ihn zu heirathen, verzichtet? Claudine. „Nein, Herr, nicht aus dieſem Grunde. 5 „Aus welchem denn? Clandine. „Wegen der Tochter von Julien Fauveau. Ich. „Sein Sohn iſt alſo nicht ſein einziges Kind? Claudine. Nein, Herr, er hat eine Tochter von fünfundzwan⸗ zig Jahren und . Ich. „Vollenden Sie. . Claudine. „Man ſagt, Marianne habe keinen guten Charak⸗ ter „ ſie ſei ſehr zornſüchtig .. ihr Vater fürchte ſie gleichſam, und ſie regiere das ganze Haus. Ich. „Ich begreife „„ Sie dachten, wenn Sie Julien e , n — 163 Fauveau heirathen, ſo werde ſeine böſe Tochter eine Abneigung gegen Sie faſſen. Claudine. „Ja, Herr Ich bin ſehr furchtſam und nur beim Anblicke von Marianne hätte ich mich des Zitterns nicht erwehren können, denn ſicherlich wäre ſie mir darüber, daß ihr Vater ſich wieder mit mir verheirathe, gram geweſen . und dann liebt man in den Familien die Stiefmütter nicht .. . Ich wäre ein Störenfried im Hauſe eines ſehr wackern Mannes ge⸗ worden und hätte immer in Aengſten gelebt bei dem Gedanken, ſeine Kinder grollen mir; ich glaube, ich wäre vor Angſt geſtorben . Ich. „Sagen Sie mir, Claudine: da Julien Fauveau eine Tochter von fünfundzwanzig Jahren hat, ſo muß er wenigſtens zweimal ſo alt ſein, als Sie. Clau dine. „Oh! ja, Herr „ wenigſtens. „Und dieſe große Altersverſchiedenheit hätte Sie nicht abgehalten, ihn zum Manne zu nehmem? Claudine. „Mein Gott! nein, Herr. Ich. „Sagen Sie, wenn Ihnen ein junger Mann eben ſo gute Eigenſchaften wie Julien⸗ Fauveau zu beſitzen geſchienen hätte, würden Sie nicht zum Heirathen einen Menſchen von fünfundzwanzig Jahren ginem Manne von meinem Alter etwa vorgezogen haben? Claudine. „Ich weiß es nicht, Herr „mir ſcheint bei der „e muß man eher auf den guten Charakter ſe⸗ en Ich „Als auf das Alter? 11* 164 Claudine. „Ei! man hat nicht immer daſſelbe Alter, voch man hat immer denſelben Charakter. ch. „Sie ſind alſo feſt entſchloſſen, Julien Fauveau nicht zu heirathen? Claudine. „Oh! ja Ich fürchte, wie ich dem Herrn ge⸗ ſagt habe, Marianne zu ſehr; alle Nächte würde ich geträumt haben, ſie wolle meinen Tod. Ich. „Ah! Claudine, das find Kindereien! Claudine. „Ich weiß es wohl doch das iſt ſtärker als ich Ich habe es dem Herrn geſagt, ich bin zu furchtſam. Ich. „Sie müſſen dieſe unvernünftige Furcht zu über⸗ winden ſuchen, und bedenken Sie auch, daß Marianne früher oder ſpäter ſich verheirathen wird, und dann werden Sie Herrin im Hauſe von Julien Fauveau ſein. Claudine. „Bis dahin hätte ich aber ſo viel Angſt, ſo viel Verdrießlichkeiten! Ich. „Vielleicht; durch Ihre Sanftmuth, durch Ihren vortrefflichen Charakter würden Sie ſich die Liebe der Kinder von Julien Fauveau erwerben. Claudine. „Und wenn ſie mich mit aller Gewalt nicht lie⸗ ben wollten? ich könnte nur weinen „zittern .. Nein, nein, das iſt vorbei ich verzichte auf dieſe Heirath darum ſagte ich dem Herrn von Anfang nichts davon. „Iſt Ihr Widerwille in Betreff dieſer Heirath unüberwindlich, ſo werde ich Sie nicht auffordern, Sie 165 ſollen es verſuchen, ihn zu beſiegen; hoffen wir, daß Sie früher oder ſpäter einen wackern Mann tref⸗ fen, welchen zu heirathen Ihnen anſteht, und daß Beide das Glück in dieſer Ehe finden. Sagen Sie mir, liebes Kind, haben Sie hier zu arbeiten?“ Claudine. „Ja, Herr, Frau Frangoiſe iſt ſo gut geweſen, keine andere Arbeiterin zu nehmen und auf mich zu warten. Sie ſagte mir ſo eben, ſie werde mich noch fünf bis ſechs Tage behalten. Ich. „In dieſem Falle, mein Kind, können Sie, wenn es Ihnen beliebt, zur Arbeit gehen.“ Claudine ſtand auf, ohne daß es ihr einfiel, die Börſe und das Portefeuille vom Kamine zu nehmen. „Und Ihre Mitgift? und die Penſton Ihrer Muhme?“ ugt⸗ ich lächelnd zu dem Mädchen; „Sie vergeſſen as? Claudine. „Herr, dieſes Geld. — ich habe es nicht verdient. Ich. „Verzeihen Sie, liebes Kind, Sie haben dieſes Geld durch Ihre vortrefflichen Eigenſchaften, durch Ihr redliches, arbeitſames Leben verdient. Ihre Muhme aber hat ihre Penſton durch ihr hohes Alter und durch die mütterliche Fürſorge verdient, mit der die gute Frau Sie ſeit Ihrer Kindheit umgeben. Claudine. „Oh! meine Muhme . . da ſage ich nichts .. „Sie ſchlagen alſo aus, was ich Ihnen biete im Wunſche, Sie fortan vor der Noth geſchützt zu ſehen, und Sie in den Stand zu ſetzen, eines Tags nach Ihrem Herzen zu heirathen? Claudine. Berr 166 Ich. „„Claudine, Sie werden mir wehe, oh! ſehr wehe thun, wenn Sie mich zurückweiſen. Claudine. „Mein Gott! es iſt eine ſo große Summe! „Ich verſichere Sie, daß ich Ihnen dieſes Ge⸗ ſchenk machen kann, ohne daß es im Geringſten be⸗ ſchwerlich für mich iſt . . Ich bitte Sie auch, mein Kind, nehmen Sie es von guter Freundſchaft an. Claudine. „Wenn der Herr mir erlauben wollte .. „Sprechen Sie. Claudine. „Der Herr würde dieſes Geld und das meiner Muhme Ambrviſe behalten; jeden erſten Sonntag des Monats käme ich dann, um meine Penſion zu holen. „Nach Ihrem Belieben, mein Kind. Um Ihnen indeſſen zu zeigen, daß dieſe kleinen Summen Ihnen und Ihrer Muhme gehören, vernehmen Sie, was wir thun wollen. Sie ſehen dieſes Bureau, ich lege Ihre Mitgift und die für Ihre Muhme beſtimmte Summe in die mittlere Schublade; ich übergebe Ihnen den Schlüſſel davon, und wenn Sie Geld brauchen, mag es nun für Sie oder für Ihre Muhme ſein, ſo kom⸗ men Sie und nehmen, was Ihnen anſteht.“ Hienach übergab ich den Schlüſſel des Bureau Claudine; nach neuem Zögern willigte ſie ein, ihn zu behalten. Dann nahm ſie wieder ihren Platz im Speiſe⸗ zimmer beim Fenſter ein und ſing an zu arbeiten. Ich ſammelte die Blätter vom vorhergehenden Bruchſtücke meines Tagebuchs, legte ſie mit einem an Jean adreſſirten Briefe unter einen Unſchlag und ſchickte das Ganze an Madame Raymond, welche, ſeitdem ihr 167 Sohn in der Citadelle von Doullens eingeſperrt war, in dieſer Stadt wohnte und die Güte hatte, als Ver⸗ mittlerin bei unſerem lebhaften Briefwechſel zu dienen; ſo kam dieſer nicht vor die Augen des Gefängniß⸗ directors. An Jean ſchrieb ich Folgendes: „Tinville, den 7. Januar 1841. „Mein lieber Freund, Du wirſt dieſem Briefe bei⸗ gefügt ein Bruchſtück von meinem Tagebuche findenz ich habe um einen theuren Preis das Recht erworben, Dich zu verſichern, daß die Blätter, die Du leſen wirſt, eben ſo vollkommen aufrichtig ſind, als die, in wel⸗ chen ich mit einer unerbittlichen Offenherzigkeit meine ſchlimmſten Gefühle aufzeichnete. „Die ſeltſame Urſache, welche in mir den erſten Gedanken dieſer neuen Heirath entſtehen gemacht hat, meine verſchiedenen Geſpräche mit Claudine, die Er⸗ kundigungen, die ich über ſie eingezogen habe, ihr phyſtſches und moraliſches Portrait, die Reflerionen, die mir mein Vorhaben eingegeben, Alles iſt in mei⸗ nem Tagebuche mit einer gewiſſenbaften Treue berichtet. „Lies alſo aufmerſam dieſe Blätter, mein Freund; mache damit Deine vortreſſliche Mutter bekannt, ſo wie auch Deine zwei theuren Gefängnißgefährten, Dei⸗ nen Oheim und Herrn Charpentier; das ſind Männer von großem Herzen und großem Verſtande. Damit ſage ich Dir, wie bei dieſem für mich ſo ernſten Um⸗ ſtande der Rath von Euch Allen mir koſtbar wäre. „Ich werde die Dinge in statu quo laſſen, und bis zu Empfang Deiner Antwort Claudine nicht ein Wort von den Abſichten ſagen, die ich mit ihr habe. „Ich hoffe, Du wirſt mir vor Ablauf der fünf bis ſechs Tage, die dieſes liebe Kind im Tagelohn bei mir zubringen ſoll, geſchrieben haben. „Gib mir Einzelheiten, viele Einzelheiten über Euer Leben und das Deiner vortrefflichen Mutter; Du weißt, wie ſehr ſie mich intereſſiren. Die letzten 168 Nachrichten, die ich erhalten habe, waren gut, und ich will glauben, daß es immer ſo iſt. „Verſichere Deine Mutter meiner achtungsvollen Ergebenheit und drücke für mich die Hand Deinem Oheim und Herrn Charpentier. „Von Herzen Dein „Fernand Dupleſſis.“ „Schicke mir das Bruchſtück von meinem Tage⸗ buch mit Deiner Antwort zurück.“ Sechs Tage nach dem Abgange meines Briefes erhielt ich die Antwort von Jean Rahmond. Sie war alſo abgefaßt: „Citadelle von Doullens, den 10. Januar 1841. „Mein lieber Fernand, Dein Brief und Dein Tagebuch ſind mir von meiner Mutter übergeben worden. „Ich habe zuerſt ſehr aufmerkſam Dein Tagebuch geleſen; mehr als einmal traten mir die Thränen in die Augen. Ich wußte wohl, daß ich Recht hatte, Dich zu lieben! ich wußte wohl, daß in Dir ein un⸗ wandelbarer Fond von Herzensgüte, von Zartgefühl und Edelmuth vorhanden iſt; ich wußte wohl, wenn das Brauſen Deiner Leidenſchaften vorüber wäre, würde ſich dieſer Grund Deiner Seele feſt und rein enthüllen. „Ich habe geſtern, nach Deinem Wunſche, zu einer außerordentlichen Sitzung meine Mutter, mei⸗ nen Oheim und Charpentier in meine Zelle berufen. „Ehe ich aber zu dem komme, was Dich perſön⸗ lich betrifft, ein Wort über meine Mutter, weil Du neue Details über ſte zu haben wünſchſt. Sie befin⸗ det ſich ganz wohl und hat immer noch ihre kleine Wohnung zwei Schritte von meinem Gefängniſſe inne; ſie hatte kürzlich einen großen Kummer, den ich mit ihr theilte: unſere alte Magd, die vortreffliche Con⸗ ſtance, die uns ſeit dreißig Jahren in Glück und Un⸗ glück nie verlaſſen hat, iſt ſchwer krank geweſen; die Aerzte verzweifelten an ihrer Rettung; zum Glücke waren 169 ihre Befürchtungen unbegründet. Unſere alte Freun⸗ din iſt durch die Sorge und Pflege meiner Mutter, welche Tag und Nacht bei ihr gewacht hat, in voller Geneſung begriffen. „Ich ſagte Dir, weil ſte hier nicht Bücher zu führen gefunden wie in Paris, habe meine Mutter, da ſie ihre Zeit auszufüllen und unſere zur Unterſtützung unſerer Freunde beſtimmten Mittel zu vermehren gewünſcht, ihr Gewerbe als Modiſtin im Hauſe fortgeſetzt; ihr Geſchmack iſt ſo vortrefflich, daß ihre Kundſchaft im⸗ mer mehr zunimmt. Die ſchönen Damen von Doul⸗ lens und der Umgegend wollen nur von Madame Ray⸗ mond verfertigte Hauben tragen. Ein wenig Gaze und Spitzen, einige künſtliche Blumen und ein paar Bänder ſind für meine Mutter, die ſich in ihrem Le⸗ ben nicht mit den Moden beſchäftigt hatte, hinreichend, um reizende, eben ſo einfache, als zierliche Coiffuren zu improviſiren. Sie beſchäftigt zwei kleine Arbeite⸗ rinnen und gibt Morgens und Abends dieſen Mädchen Unterricht im Schreiben, Rechnen und Leſen. „Sollteſt Du glauben, daß meine Mutter im vori⸗ gen Monat zweihundert und ſechzig Franken verdient hat? es iſt allerdings die Jahreszeit der Bälle und Feſte; die zwei Arbeiterinnen haben ihren Antheil an dem ungeheuren Ertrag des Geſchäftes, und der Ueberſchuß der Summe iſt wie gewöhnlich für unſere Freunde beſtimmt worden. „Das iſt noch nicht Alles, meine Muttter gibt auch Lectionen im Klavierſpielen“ Ihre erſten Schüle⸗ rinnen find die Töchter unſeres Kerkermeiſters, mit andern Worten, unſeres Directors geweſen, eines im Ganzen guten Mannes, deſſen Eroberung ſie natürlich gemacht hat, und der uns unſere Gefangen⸗ ſchaft, ſo viel er kann, erleichtert. Er erlaubt meiner Mutter, alle ihre Abende von ſieben bis zehn Uhr bei mir zuzubringen, denn ihre Tage verwendet ſie auf 170 ihre Moden, auf ihre Klavierlectionen und den Unter⸗ richt ihrer zwei jungen Arbeiterinnen. Dieſer nütz⸗ lichen und beſtändigen Thätigkeit ahmen wir nach, Char⸗ pentier, mein Oheim und ich. „Ich habe Dir oft geſagt, mein Freund, es ſei unzweifelhaft, daß demnächſt unſere Ideen zur Macht gelangen werden; tritt indeſſen dieſer Fall ein, ſo wird nicht Alles geſchehen ſein. Die auf uns folgende Generation kann allein unſer Werk befeſtigen, weil vieſe Generation die für die Vollbringung des großen Actes unerläßliche Erziehung erhalten wird; die Men⸗ ſchen können nur ein tiefes Bewußtſein ihrer Bürger⸗ pflichten haben, wenn ſie von ihrer Kindheit an in der Liebe für dieſe Rechte, in der Achtung vor dieſen Pflichten erzogen worden ſind; dann werden ſie ſich ihnen auch mit Leib und Seele weihen und ſie bis zum letzten Athemzuge vertheidigen; wir beſchäftigen uns auch fortwährend mit unſeren für die Kinder be⸗ ſtimmten kleinen Büchern und ſomit mit der Bildung von Bürgern. Nachdem wir unter der Mitwirkung meiner Mutter, der der erſte Gedanke dieſes Erzie⸗ hungswerkes zukommt: „Den Katechismus der Rechte des Men⸗ ſchen und der Pflichten des Bürgers, „„Den hiſtoriſchen Katechismus, „Den Katechismus des Guten und des Böſen (aus dem rationaliſtiſchen Geſichtspunkte) veröffentiich haben, beſchäftigen wir uns mit: „Dem Katechismus der natürlichen Re⸗ ligion. großer Anzahl zum Vortheile unſerer armen Freunde; die Zeit unſerer Gefangenſchaft verläuft, und wir er⸗ warien unſere Stunde die Augen auf die Zu⸗ kunft geheftet . eine Zukunft, welche nach meiner und meiner Freunde Anſicht immer näher rückt. „Dieſe kleinen Bücher verkaufen ſich in ziemlich 171 „Dies, mein lieber Fernand, find die Nachrichten, die Du von uns zu erhalten gewünſcht haſt. „Ich habe hiemit angefangen, um ſodann mit Dir ohne Zerſtreuung über Deine Heirathspläne ſprechen zu können. „Geſtern verſammelte ich alſo in meinem Zimmer meine Mutter, meinen Oheim und Charpentier. Ich las ihnen das Bruchſtück von Deinem Tagebuche vor, das Du mir geſchickt haſt, wonach die Diseuſſion er⸗ öffnet wurde. „Mein lieber Fernand, ich gebe Dir hier das Pro⸗ tokoll der Sitzung mit einer ängſtlichen Treue von mir aufgenommen, denn ich beſitze unter Anderm das LTalent eines ziemlich guten Stenographen. In mei⸗ nem Briefe wirſt Du uns, ſo zu ſagen, ſprechen hören, doch es iſt nicht genug, daß Du uns hörſt, um Deine Illuſion vollſtändig zu machen, ſollſt Du uns auch ſehen; ich will Dir alſo den Ort der Scene ganz genau beſchreiben, und von Deiner Einſamkeit aus wirſt Du uns ſehr eifrig mit dem beſchäftigt ſehen, was Dich in dieſem Augenblick in ſo vielen Beziehun⸗ gen intereſſirt! Der Ort der Scene iſt meine Stube, welche ſo kahl wiel jede Gefängnißſtube; im Hintergrunde dieſer Zelle mein eiſernes Bett halb verborgen durch eine graue wollene Decke; unter einem mit einem eiſernen Gitter verſehenen Fenſter findet ſich ein Tiſch von maſſivem Eichenholze, auf dem meine Bücher und meine Papiere aufgehäuft liegen; unfern von dieſem Tiſche iſt ein kleiner Ofen von Gußeiſen; in einem Winkel eine hölzerne Kiſte, welche als Commode und als An⸗ leidetiſch dient; darüber ein Mantelholz, an welchem meine Kleider häugen; an den ſteinernen Wänden ſieht man in Menge phantaſtiſche Zeichnungen und lapidare Zuſchriften, welche von der fruchtbaren Einbildungs⸗ raft meiner Vorgänger herrrühren; zwei Stühle, denen 172 der Kirchen ähnlich, und eine hölzerne Bank vervoll⸗ ſtändigen mein Mobiliar. „Stelle Dir nun dieſe Zelle vor, beleuchtet durch eine kupferne Lampe; meine Mutter auf einem der bei⸗ den Stühle neben dem Ofen ſitzend; meinen Oheim auf dem andern Stuhle; Charpentier rittlings auf der Bank (als ehemaliger Dragoner der Republik) und, ſybaritiſcher Weiſe! die Mauer als bequeme Lehne be⸗ nützend; ich fitze auf dem andern Ende der Bank, halte in der Hand die Blätter Deines Tagebuchs, die ich ſo eben zu Ende geleſen, und habe vor mir mein Schreib⸗ zeug, um das, was die Redner ſprechen, zu ſteno⸗ graphiren. „Mein lieber Fernand, Du haſt nun einen ge⸗ nauen Begriff von dieſem Gefängnißabend, einem ſüßen Abend, geweiht den ernſten Pflichten, die uns die Freundſchaft auferlegt. „Deiner Methode nachahmend, will ich die Redner ſie nur mit dem Namen bezeichnend ſprechen laſſen, als ob es ſich um einen Theaterdialog handelte. Und ich fange das Geſpräch an, weil ich, nachdem ich Dein Tagebuch meiner Mutter und meinen Freunden vor⸗ geleſen, zuerſt das Wort genommen habe. VII. Jean Raymond. „Nun! meine gute Mutter? nun! meine Freundes Ihr habt die Vorleſung des Tagebuchs von Fernand angehört? .. Hatten wir Unrecht, wenn wir an die Aufrichtigkeit, an die Fortdauer ſeiner Bekehrung glaubten? Madame Raymond „Nein, gewiß nicht „ Und ich geſtehe, nichs 173 kann ehrenvoller für Herrn Dupleſſis ſein, als der edle Gedanke, der ihm dieſen Heirathsplan eingege⸗ ben hat. Godefroid. „Dieſe arme Arbeiterin ſo glücklich als möglich machen aus dem Geſichtspunkte ihrer beſchei⸗ denen Lebenslage einen Traum der Tauſend und eine Nacht verwirklichen . ein ſolcher Plan kann nur in einem vortrefflichen Herzen entſtehen. Jean. „Iſt das nicht auch Ihre Anſicht, mein lieber Charpentier 2 Sie ſagen nichts. Charpentier. „Bei einer erſten Betrachtung ſcheint mir bver Plan von Herrn Dupleſſis mehr edelmüthig, als weiſe. Vielleicht täuſche ich mich. Madame Rahmond zu Charpentier. es das Altersmißverhältniß, was Sie heun⸗ 81 Godefroid. Wenn es dies wäre, ſo würde ich die Beſorgniß von Charpentier nicht theilen. Hatte Claudine nicht einen Augenblick den Gedanken, den Pächter Julien Fauveau zu heirathen, der wenigſtens eben ſo alt iſt, als Herr Dupleſſis? ruh Jean. „Hat ſie nicht die unſchuldsvolle, verſtändige Be⸗ trachtung gemacht: „„In der Ehe muß man mehr auf den Charakter, als auf das Alter ſehen; denn man hat nicht immer daſſelbe Alter, während man immer denſelben Charakter hat.““ Charpentier. „Wie Du, Jean, habe ich das Verſtändige dieſer Betrachtung bemerkt! es iſt auch bei dieſem Umſtande, meiner Anſicht nach, wenig am Altersmißverhältniſſe ge⸗ legen; im Ganzen zählt Herr Dupleſſis höchſtens vier⸗ iig Jahre „ Claͤudine iſt ein gutes Mädchen 17⁴ ihr Herz iſt frei, und ihre Dankbarkeit wird Herrn Dupleſſis verjüngen. ean. „Es iſt alſo das Vermögensmißverhältniß, was Sie beunruhigt, mein Freund? harpentier. „Eben ſo wenig . . Claudine iſt durch die Groß⸗ muth von Herrn Dupleſſis verhältnißmäßig eben ſo reich, als er, da ſie fortan vor der Noth geſchützt iſt. Madame Raymond. „Nicht genug vermöchte ich das außerordentliche Zartgefühl zu loben, von dem Herr Dupleſſis einen Beweis dadurch gegeben hat, daß er Claudine ihre Eriſtenz ſicherte, ehe er ſie von ſeinen Plänen unter⸗ richtete; nach den Erkundigungen, welche über dieſe liebenswürdige junge Perſon eingezogen worden ſind, nach der Redlichkeit ihrer Gefühle halte ich ſie für vollkommen würdig des Intereſſes, das ihr Herr Du⸗ pleſſis bezeigt; ich frage alſo unſern Freund Char⸗ pentier, welchen Einwurf er gegen dieſe Heirath zu machen findet, nachdem der der Verſchiedenheit des Alters und des Vermögens beſeitigt worden iſt. Jch werde ſpäter meine Bemerkungen ausſprechen. Godefroid. „Vergeſſen Sie beſonders nicht, daß Claudine in einer unabhängigen Lage iſt, um frei nach der Nei⸗ gung ihres Herzens wählen zu können. Charpentier. „Ich ſage mir: es findet nicht die geringſte Ver wandiſchaft hinſichtlich der Erziehung, der Gewohn⸗ heiten, der Neigungen und der Manieren zwiſchen die⸗ ſem Mädchen und Herrn Dupleſſis ſtatt; ſie hat bi jetzt ihr Leben im Dorfe zugebracht; ſie iſt ſehr ſchüch⸗ tern, ſehr furchtſam; haben Sie nun nicht bange, Ma⸗ dame Rahmond, von einem Tage zum andern eine Dame geworden, plötzlich ihre Lage wechſelnd, 6 175 Claudine Anfangs von einer Art von Schwindel ergrif⸗ fen werden? Jean. „Von einem Glücksſchwindel gewiß. Charpentier. „Es mag ſein, mein lieber Jean Für dieſes Glück wird ſie ſogar innigſt dankbar gegen Herrn Du⸗ pleſſis ſein. Doch wer weiß, ob ſie ſich nicht, wenn dieſer erſte Schwindel vorüber iſt, zurückſehnt nach ihrem thätigen, arbeitſamen Leben von Einſt, als ſie noch muthig am Morgen mit ihrem Körbchen am Arme und ihrem Mäntelchen auf dem Rücken von Hauſe wegging und bei Regen und Schnee ein paar Meilen machte, um im Tagelohn ihre n Sous zu verdienen 2 ean. „Wie! ſich zurückſehnen nach den Entbehrungen, nach den Sorgen eines precären Lebens? Charpentier. „Mein Freund, wenn Du Soldat geweſen wäreſt, würdeſt Du begreifen, daß man, ſo hart und beſchwer⸗ lich das Leben im Felde ſein mag, es doch oſt der Monotonie des Garniſonslebens vorzieht. Madame Rahmond. „Ich habe aufmerkſam unſern Freund Charpen⸗ tier angehört; es iſt Wahres, viel Wahres in ſeinen emerkungen, und er iſt denen zuvorgekommen, welche ch, eine gewiſſe moraliſche Seite dieſer Heirath un⸗ terſuchend, zu machen im Sinne hatte; alſo: wäre Claudine mit einem Manne von ihrer äßſe da es noch Claſſen gibt ... verheirathet, mit Julien auveau zum Beiſpiel, — hätte ſie die Meierei, den Geflügelhof, die Wirthſchaft zu beaufſichtigen, mit einem orte, wäre ſie, was faſt alle Pächterinnen find, die erſte, die thätigſte Magd des Hauſes, ſo würde ſie ſich nicht aus der Heimath in die Fremde verſetzt fühlen, wie dies ſicherlich der Fall iſt, wenn ſie Ma⸗ dame Dupleſſis wird. 176 Godefroid. „Aber, meine Schweſter, würde dieſes Mädchen nicht auch das Hausweſen von Herrn Dupleſſis zu be⸗ auffichtigen haben? Madame Rahymond. „Ich gebe zu, es wird Claudine nicht an der ma⸗ teriellen Beſchäftigung fehlen. Das iſt indeſſen nur ſecundär; das Erſte an der Sache ſcheint mir zu ſein; Herr Dupeſſis und Claudine ſprechen nicht dieſelbe Sprache; bis jetzt beſteht zwiſchen ihnen kein Punkt der Annäherung, der moraliſchen Berührung. Charpentier. „Das wollte ich gerade ſagen, als ich von den zwiſchen ihnen obwaltenden Erziehungsverſchiedenheiten ſprach. Madame Raymond. „In der Einſamkeit nun, in der Herr Dupleſſis lebt, wäre, ich wiederhole es, dieſer Mangel an Be⸗ rührungspunkten mit ſeiner Frau ſehr ernſt; aller⸗ dings iſt der Gedanke, der bei ihm bei dieſer Heirath vorherrſcht, zu edel, zu zart, als daß es erlaubt ſein könnte, nur einen Augenblick zu vermuthen, er woll⸗ Claudine als eine Magd betrachten; nein, er wird in iht die ſanfte und theure Gefährtin ſeines einſamen Le⸗ bens ſehen; dann aber wird ſich in ſeiner ganze Schwere das zwiſchen ihnen exiſtirende moraliſche Miß⸗ verhältniß offenbaren. Jean. „Meine gute Mutter, ich theile Deine Befürch⸗ tungen nicht; glaube mir, Fernand wird ſich auf das Niveau der einfachen und naiven Seele dieſes Mäi⸗ chens, das er zärtlich liebt, zu ſtellen wiſſen. Godefroid. „Dein Sohn hat Recht, meine Schweſter. Her Dupleſſis wird einſehen, die erſte Bedingung des Glückes von Claudine ſei für ſie, daß ſie ſich nicht, wie Char⸗ pentier ſagte, von der Heimath in die Fremde — 177 verſetzt fühle; ich bin feſt überzeugt, Herr Dupleſſis wird es nach und nach dahin bringen, daß er ihr Ver⸗ trauen erweckt, mit einem Worte, daß er ſie ſeine Sprache ſprechen macht, wie Du ſagſt, meine Schweſter; daß er ſie die Verſchiedenheit der Gewohn⸗ heiten und der Erziehung, deren Folgen Du vielleicht übertreibſt, vergeſſen läßt. Madame Rahmond. „Während ich anerkenne, daß Wahres, viel Wah⸗ res in den Einwürfen unſeres Freundes Charpentier liegt .. will ich daraus doch nicht ſchließen, daß wir Herrn Dupleſſis von dieſer Heirath abwendig machen ſollten. Charpentier. „Ich auch nicht, und wenn ich ſagte, der Entſchluß unſeres Freundes ſcheine mir beim erſten Anblicke mehr ebelmüthig, als weiſe, ſo drückte ich eine Furcht und nicht eine Gewißheit aus. Es handelt ſich für Herrn Dupleſſis um einen ſehr wichtigen Entſchluß, er bit⸗ tet uns um unſern Rath; wir müſſen reiflich das Für und das Wider erwägen, denn ich wünſchte Herrn Eupleſſts ſo glücklich zu ſehen, als er es zu ſein ver⸗ ient. Madame Raymond. Ich bin weit entfernt, an dieſem glücklichen Re⸗ ſultate zu verzweifeln. Die guten Gedanken ſind immer ausführbar; wenn ich bemerkte, es gebe keinen Be⸗ rührungspunkt zwiſchen Herrn Dupleſſis und dieſem naiven Kinde, ſo urtheilte ich mach ihrer gegenwär⸗ tigen gegenſeitigen Stellungs ich urtheilte auch nach meinem unbeſchränkten Glauben an die Hexzensgüte von Herrn Dupleſſis, denn wenn er Claudine mit der zärtlichſten Fürſorge, mit den zarteſten Zuvorkommenhei⸗ ten, mit allem erdenklichen Wohlbehagen umgibt, ſo wird er nothwendig glauben, er habe ſeine Pflichten als Ehrenmann erfüllt, und dennoch wird⸗ er meiner Anſicht nach noch nichts gethan haben. .4 niſe Fernand Dupleſſis. W. 12 178 Jean. „Wie! meine Mutter das iſt nichts? Madame Raymond. „Nein, mein Kind. Stellen wir uns Herrn und Madame Dupleſſis an der Ecke ihres Feuers, in ihrem Salon vor; ſte haben nach der Gewohnheit ihres zurück⸗ gezogenen Lebens einen langen Abend mit einander zuzubringen; Herr Dupleſſis betrachtet mit einer tiefen und gerechten Zufriedenheit des Herzens dieſe junge Perſon, welche einſt von einem Tag in den andern von einem mäßigen und precären Lohne lebte, im Win⸗ ter kaum mit Linnen bekleidet war, und am Abend, nach der Arbeit, nach einem beſchwerlichen Marſche, wo ſie jeder Ungunſt der Jahreszeiten ausgeſetzt, nach ihrem traurigen Winkel zurückkehrte; und dieſe junge Perſon ſieht Herr Dupleſſis hier bei ſich, in einem hübſchen Salon, elegant gekleibet, die Füße auf einem Teppich, ein für ſie ſo neues Wohlbehagen genießend, ſicher einer glücklichen Zukunft; er liebt zärtlich dieſes Kind; Claudine weiß, daß ſie zärlich geliebt wird .. ſie fühlt für ihn eben ſo viel Zuneigung, als Dank⸗ barkeit „ noch mehr, ſie liebt ihn aus Liebe .. Muß er ſich nicht berechtigt glauben, zu ſagen: „Clau⸗ dine iſt durch mich die glücklichſte Frau, die es auf der Welt gibt?““ Jean. „Sicherlich und iſt das nicht die Wahrheit, meine gute Mutter? Madame Rahmond. „Es iſt die Wahrheit .. Claudine iſt glücklich; „ja, glücklich ungefähr nach Art der kleinen, armen gelben Hündin, von der Herr Dupleſſis ſpricht, und die ich zu den Füßen des Ehepaars liegen ſehe .. Doch Liſette hat nur ihren Inſtinct, und Claudine hat eine Seele Wenn Liſette nur eine Liebkoſung von ihrem Herrn und aus ſeiner Hand ein wenig Brod em⸗ pfängt, ſo iſt ſie zufrieden; ihre Wünſche können nicht *S 8 8 v — 179 darüber hinausgehen; nicht ſo iſt es mit Claudine; obgleich einfach, unwiſſend und naiv, erinnert ſie ſich, folglich vergleicht ſie; ſie überlegt, folglich ſchließt ſie; ſie hat, wie alle junge Dorfmädchen, den Winter⸗ abendgeſellſchaften beigewohnt, wo ſie, nach ihrem Tagewerk mit den Leuten des Hauſes um das Feuer ſitzend, plauderte und lachte; mit einem Worte, wie. ſchüchtern ſie ſein mag, ſo war ſie doch in vertrau⸗ lichem Verkehre mit ihres Gleichen; ſie erzählte oder hörte kleine Dorfgeſchichten, Scherze, Geplauder, gleich⸗ viel! ſie ſchwatzte von dem, was ſie wußte, und fühlte ſich behaglich. Nehmen wir nun an, Herr Dupleſſis, der durch ſein Alter und beſonders durch die Dank⸗ barkeit, die er Claudine einflößt, dieſer ungemein im⸗ poniren muß, wiſſe nicht mit ihr zu plaudern ja, ich gebrauche abſichtlich dieſe Worte, — nehmen wir an, er wiſſe nicht mit ihr zu plaudern. . Jean. „Was willſt Du damit ſagens Madame Raymond. „Höre, mein Kind: Herr Dupleſſis ſoll ſein Leben, ſo zu ſagen, unter vier Augen mit dieſem Mädchen zubringen? Was wird der Gegenſtand ihrer Unter⸗ haltungen ſein? Wird er mit Claudine von der Welt ſprechen, in der er gelebt hat? Nein; ein ſolches Ge⸗ ſpräch hätte kein Intereſſe für ſie, oder ſie könnte in dieſen Erinnerungen an eine Vergangenheit, welche ihr fremd iſt, den Ausdruck einer Sehnſucht ſehen, mit der ihr Mann auf frühere Zeiten zurückſchauen würde. Wird er mit Claudine von Literatur reden? von den ſchönen Künſten? Nein! die Arme kann weder leſen, noch ſchreiben, und eine ſolche Converſation würde ihr auf eine traurige Weiſe das Bewußtſein ven ihrer Unwiſſenheit geben. Wird er mit ihr von den Haus⸗ haltungsſorgen ſprechen? ein ſolcher Gegenſtand wird bald erſchöpft ſein. Wird er ein Buch zur Hand neh⸗ men, während Claudine ſich in der S. mit einer 180 Nähterei beſchäſtigt? Das theure Kind, ſo liebevoll, ſo geliebt es ſein mag, wird ſich vielleicht mit Be⸗ dauern jener geſchwätzigen, heiteren Abendgeſellſchaf⸗ ten erinnern, an welchen ſie einſt munter Antheil nahm, und ſich mit einer traurigen Reſignation ſagen: „„Ich bin nicht gemacht, um mit meinem Manne zu plau⸗ dern, ich bin ſo einfältig; daß er nicht weiß, worüber er mit mir ſprechen ſoll.““ Man wird mir antwor⸗ ten; das ſind kindiſche Gefühle ohne Bedeutung Nein, nein; je mehr das materielle Leben geſichert iſt, deſto mehr ſind die moraliſchen Sorgen, ſo leicht ſie ſcheinen, ernſt und ſchmerzlich. Jean. „Aber, meine Mutter, was ſoll denn der arme Fernand thun? Madame Raymond. „Ehe er dieſe ruhmwürdige, aber ſchwierige Auf⸗ gabe, das Glück von einem mit einer Seele, einem Geiſte und einem Herzen begabten Geſchöpfe Gottes zu ſichern, unternimmt, ergründe Herr Dupleſſis die Pflichten und Schwierigkeiten dieſer Aufgabe, und dann widme er ſich derſelben mit eben ſo viei Verſtand, als Entſchloſſenheit. Godefroid. „Mein lieber Jean, die Betrachtung Deiner Mut⸗ ter iſt vollkommen richtig; es iſt eine ruhmwürdige, große und ſchwierige Aufgabe, das Glück von irgend einem Menſchen zu ſichern, wenn er ſich in einer un⸗ tergeordneten Lage befindet. . Charpentier. „Beſonders weil ſeine Lage eine untergeordnete iſt! beſonders weil es ſich um ein armes Rind wie Claudine handelt! Herr Godefroid, ich ſage das, weil ich als Sohn eines Bauern auch im Dorfe erzogen worden bin; ſehen Sie, es gibt nichts ſo Empfäng⸗ liches, ſo zart Empfängliches und Empfindliches, wie ein ehrliches, ſchüchternes Mädchen, welches das Be⸗ 181 wußtſein ſeiner Unwiſſenheit und der Armuth ſeiner Verhältniſſe hat .. Jean. „Das iſt aber zum Verzweifeln, denn nach dem, was uns Fernand ſchreibt, iſt Claudine ſo furchtſam und empfindlich, daß man ſie mit der äußerſten Scho⸗ nung behandeln muß. Ich wieberhole, das iſt zum Verzweifeln! Madame Rahmond. „Oh! mein Sohn, das heißt nicht als vernünf⸗ tiger Menſch reden Ich habe es geſagt und be⸗ heuht⸗ es: die guten Gedanken find immer ausführ⸗ 63 Jean. „Was kann aber Fernand thun? Madame Rahmond. „Er muß mit Claudine zu plaudern wiſſen, ich komme auf dieſen Punkt zurück, weil hierin das Ganze liegt . .. Er muß die moraliſche Entfernung, welche Beide trennt, auszufüllen wiſſen; er muß zu ſeinem Niveau dieſes liebenswürdige Kind erheben. Es gibt, wenn er davon Gebrauch zu machen weiß, ein unfehl⸗ bares Mittel, um zu dem Ziele, das ich bezeichnet, zu gelangen: dann keine lange Abende mehr im fin⸗ ſtern Stillſchweigen unter vier Augen zugebracht oder zu einem unfruchtbaren Geſchwätze angewandt; dann wird Claudine, weit entfernt, ſich nach den geſprächi⸗ gen Geſellſchaften mit ihren Geſpielinnen zurückzuſehnen, die Abende, ſo lange ſie auch ſein mögen, ſehr kurz finden⸗ Jean. „Meine Mutter welches iſt dieſes faſt zauber⸗ hafte Mittel? *3 Madame Rahmond. „Eil mein Gott! ein ſehr einfaches Mittel die Unterrichtung. Jean. „Was willſt Du damit ſagen? 182 Madame Rahmond. „Nicht wahr mein Kind, Claudine kann weder ſchreiben, noch leſen? Charpentier. „Ich errathe! .. Ah! Madame Rahmond, ich be⸗ fürchte nichts mehr für die Zukunft von Claudine. Jean. „Und ich errathe auch! Oh! Mutter! Mutter! Du haſt das Genie des Herzens. Madame Rahmond. „Ich habe den Verſtand davon, nicht mehr, theu⸗ rer Schmeichler; doch geſteht, meine Freunde, kann es für Herrn Dupleſſis eine edlere, reizendere Beſchäf⸗ tigung geben, als dieſem Kinde, das er zärtlich liebt, den Unterricht, dieſes Brod der Seele, zu bieten? ſei⸗ nen Geiſt zu erleuchten, zu erheben, allmälig vor ihm die unerſchöpflichen Schätze reiner Genüſſe zu enthüllen, die das Wiſſen an uns Bevorzugte verſchwendet? Wie tief wird die Freude, die Dankbarkeit dieſes Kindes ſein! Welches zarte Vertrauen werden dieſe Belehrun⸗ gen zwiſchen dem Erzieher und ſeinem Zöglinge her⸗ vorrufen? Wie ſehr rechtfertigen dieſe Beziehungen, wie rührend machen ſie die Altersverſchiedenheit zwi⸗ ſchen dem Mädchen, das lernt, und dem, welcher lehrt? welche unverſtegbare Gegenſtände intereſſanter Ge⸗ ſpräche? Die einfachſten Notionen ſetzen Claudine in Erſtaunen, entzücken ſie, und ſo wie ihr Verſtand ſich entwickelt und ihre Kenntniſſe ſich vermehren, fühlt ſie auch ihre Zuneigung, ihre unausſprechliche Dankbar⸗ keit gegen den Mann zunehmen, dem fie, ſo zu ſagen, dieſe Enthüllung ihrer ſelbſt ſchuldig iſt. Ah! meine Freunde, Herr Dupleſſis handle ſo, und er wird auf eine würdige, köſtliche Art ſeine Aufgabe erfüllt haben; durch dieſe Mittel und noch andere, die er in ſeinem Herzen finden wird, trete er jeden Tag mit ſeiner jun⸗ gen Frau in eine enge Gemeinſchaft der Seele und der Gedanken; dann verſchwinden alle Mißverhältniſſe, 183 alle Mißklänge, und Beide genießen gleichmäßig die Wohlthaten einer edlen und fruchtbaren Thätigkeit. Godefroid, Charpentier, Jean. „Vortrefflich! bewunderungswürdig! der Erfolg iſt ſicher! Madame Rahmond. „Ich hoffe es unter der Bedingung, daß Herr Dupleſſis die Linie des Verfahrens verfolgt, die wir ihm bezeichnen, und dann iſt ſein Glück und das von Claudine geſichert. .. Jean. „Fernand wird dieſe Linie verfolgen, bezweifle es nicht, meine liebe Mutter Er iſt auf zu gutem Wege, um fortan ſtille zu ſtehen. Godefroid. „Sein erſter Gedanke war ſo edelmüthig! Er hat bis jetzt den Beweis von ſo viel Zartgefühl gegen die⸗ ſes Mädchen gegeben, daß er das Vortreffliche unſerer Rathſchläge einſehen wird. Charpentier. Armer Herr Dupleſſis! wie ſich doch die Menſchen ändern! Es ſind ungefähr fünfundzwanzig Jahre (Sie wohnten damals im Faubourg Antoine, Madame Ray⸗ mond), daß ich Herrn Dupleſſis zum erſten Male ſah! Jean brachte ihn zum Veſperbrode zu Ihnen. Er hatte Berlocken, herzförmig ausgeſchnittene Stiefel und einen Jabot; dieſer pretentiöſe Anzug war nicht ſeinem Alter angemeſſen und nahm mich ſehr wenig zu Gunſten des jungen Menſchen ein; ich erinnere mich auch, leiſe zu Jean geſagt zu haben: „„Wer iſt dieſer kleine Mus⸗ cadin?““ Als ſodann dieſer kleine Muscadin ein großer geworden war, hat er freilich nicht wenig Dummhei⸗ ten gemacht, welche indeſſen von ihm auf eine theure Art bezahlt und geſühnt worden ſind; zu dieſer Stunde aber iſt er ein wahrhaft wackerer Mann, und er wird das immer ſein. . Das beweiſt abermals, daß man nie an den Leuten verzweifeln darf. 184⁴ Godefroid. „Oh! meine Freunde, ich habe es oft geſagt, die Erziechung macht die Menſchen, und beinahe immer hängt ihr Geſchick von der Mitte ab, in der ſie leben! ₰ . „Iſt es nicht auch von Fernand, nachdem er in einer abſcheulichen Mitte gelebt, noch viel verdienſtlicher, daß er für immer zu uns zurückgekehrt iſt! Ueberdies müſſen ihm die Sorgen und Leiden, die er ausgeſtan⸗ den, Vergebung für ſeine Verirrungen verſchaffen! Meine gute Mutter und Ihr, meine Freunde, Ihr nehmt alſo den Heirathsplan von Fernand einſtimmig an? Alle. „Ja! ja! Jean. Es iſt auch beſchloſſen, daß ſich Fernand im In⸗ tereſſe ſeines zukünftigen Glückes und des Glückes von Claudine nach den vortrefflichen Andeutungen meiner Mutter richten ſoll, die er ausführlich im Potokoll unſerer Sitzung finden wird, welches ich fogleich nach meinen ſtenographirten Noten abzufaſſen gedenke; ich adreſſire es an Fernand; er wird ſehen, wie ſehr wir von ſei⸗ nen guten, würdigen Entſchlüſſen gerührt ſind; das wird für ihn eine Belohnung und eine Ermunterung zur Aus⸗ dauer im Guten ſein.“ . „Ich ſchicke Dir hier, mein lieber Fernand, das erwähnte Protokoll, und ich füge keine Reflexionen bei: ſie wären unnütz. Ich begreife, mit welcher Ungeduld Du unſere Antwort erwarten mußt: hier iſt ſie, von mir abgefaßt heute Abend nach dem Abgange meiner Mutter und unſerer Freunde. Ah! Fernand! dieſer Abend iſt einer der beſten Gefängnißabende, die ich je zugebracht habe! Guten Muth, gute Hoffnung! Pu biſt ein ehrlicher Mann, Du biſt ein wackerer Mann, Du biſt gut, die höchſte 185⁵ Eigenſchaft, und ich endige wie ich angefangen habe: Ich wußte wohl, daß ich Recht hatte, Dich zu lieben. „ „Und ich liebe Dich .. Bruder. „Jean Raymond.“ „N. S. Ich füge dieſem Briefe die Blätter Dei⸗ nes Tagebuchs bei.“ Ich vermöchte nicht zu ſagen, mit welcher Ge⸗ müthsbewegung ich den Brief von Jean las; mit tie⸗ fer Dankbarkeit dachte ich an dieſe Verſammlung von Gefangenen, welche meine Heirathspläne mit ſo viel Weisheit und Sorgfalt erörterten. Der Rath von Madame Raymond war für mich ein Lichtſtrahl. Ich hatte ſchon unbeſtimmt geahnet, Claudine mit. Aufmerkſamkeiten, mit Wohlbehagen und zärtlicher Fürſorge umgeben heiße nur die Hälfte meiner Auf⸗ gabe erfüllen, und ich vervollſtändigte ſie auf eine wür⸗ dige, köſtliche Art, indem ich die trefflichen Rathſchläge von Madame Raymond befolgte. Morgen früh werde ich Claudine ſehen und ihr mein Vorhaben mittheilen. Mein Gott! wenn ſie nur zu dieſer Heirath ein⸗ willigt! Und wenn ſie ſich weigerte? .. Oh! der Schlag wäre grauſam. .. . Auf! Muth! die Werthſchätzung und die Zunei⸗ gung meiner Freunde unterſtützen mich, erheben mich in meinen eigenen Augen. Dieſer Werthſchätzung werde ich mich würdig zeigen, und ſchlägt es Claudine aus, ſhe Frau zu werden, ſo wird ſie meine Tochter ein. Morgen alſo meine entſcheidende Zuſammenkunft mit ihr. Arme Kleine! zur Stunde, wo ich dieſe Zei⸗ len ſchreibe, ſchläft ſie da vben im Zimmer von Frangoiſe, 186 ohne etwas von meinen Plänen zu wiſſen, ohne etwas von den Bangigkeiten zu wiſſen, die ſie mir verurſacht. Morgen! VIII. Januar 1841. Claudine hatte bei mir während der fünf oder ſechs Tage gearbeitet, welche verliefen, ehe mir Jean Naymond geantwortet. Seit unſerer letzten Unterredung, in der mir Clau⸗ dine ſagte, ſie denke nicht daran, zu heirathen, wech⸗ ſelte ich mit ihr keine andere Worte als die: „Guten orgen, mein Kind,“ oder: „Guten Abend, mein Kind,“ je nachdem ich durch das Speiſezim⸗ mer, wo fie beſchäftigt war, hinausging oder zurückkam. Am Morgen des Tages, an welchem ich mit ihr eine entſcheidende Unterredung haben ſollte, trat Maurh bei mir ein, um die Läden meiner Fenſter zu öffnen, und ſagte zu mir: „Herr, Sie wiſſen nicht, daß es Claudine heute Morgen unwohl geworden iſt?“ „Was iſt ihr denn begegnet?“ „Oh! der Herr kann ſich beruhigen. Es wird keine Folgen haben! Arme Kleine ſie liſt ſo ängſt⸗ lich . ſo furchtſam „Was iſt geſchehen?“ „Dieſen Morgen brachte Francoiſe ein Huhn in ihrer Küche um; Claudine tritt ein, und da ſie das Blut dieſes Huhnes ſieht, erbleicht ſie, ſtützt ſich auf den Tiſch, und ohne mich wäre ſie der Länge nach in die Küche gefallen Zum Glücke hat ſie Frangoiſe ein wenig Eſſig einathmen laſſen, und die Sache wird, wie geſagt, keine Folgen haben.“ „Armes Kind! welche Empfindlichkeit!“ 187 „Was das betrifft, Herr, mir, der ich Soldat ge⸗ weſen bin, iſt es gleichgültig, ein Huhn tödten zu ſehen, doch ich möchte nicht ſelbſt ein Thier tödten, das nur den Hals darreicht. Man muß indeſſen ge⸗ recht ſein, Claudine erſchrickt unwillkürlich über dem Geringſten. Geſtern erſt war ich im Cabinet des Herrn; ſie wußte es nicht und arbeitete im Speiſezim⸗ mer, deſſen Thüre ein wenig geöffnet war; während ich das Feuer zurichte, laſſe ich ein Scheit fallen. Ich höre einen Angſiſchrei, laufe hinzu und was ſehe ich? Claudine ganz bleich und zitternd wie Laub, weil ſie plötzlich dieſes Scheit hatte ſellen hören.“ „Ich habe in der That vft dieſe unwillkürlichen Schrecken, denen Claudine unterworfen iſt, wahrgenom⸗ men. Das rührt ohne Zweifel von einer großen Em⸗ pfindlichkeit der Nerven her, die man ſchonen muß. . Ich ermahne auch Dich ſo wie Frangoiſe hiezu.“ „Ah! der Herr kann in dieſer Hinſicht ruhig ſein. Claudine iſt eine ſo wackere Arbeiterin, hat einen ſo guten Charakter, daß man es ſich zum Vorwurfe ma⸗ chen würde, wenn man ihr ein Leid anthäte, ſelbſt ohne es zu wollen.“ Frangoiſe iſt alſo immer zufrieden mit dieſem Mädchen?“ „Ah! dieſe Kleine iſt eine Löwin für die Arbeit; man würde nicht glauben, daß ſie, ſeitdem ſie hieher zurückgekehrt iſt, ſchon einen ungeheuren Haufen Wäſche ausgebeſſert hat, und am Abend nach dem Eſſen, wenn man es zuließe, würde ſie abermals arbeiten.“ „Iſt ſie heiter? plaudert ſie mit Euch Leuten?“ „Sie iſt ſo ſchamhaft, daß man ihr in den erſten Zeiten nicht zwei Worte entreißen konnte.“ „Und nun?“ „Nun fühlt ſie ſich behaglicher bei uns, und ſie ſpricht.“ „Worüber ſpricht ſie?“ 188 „Ei! der Herr kann ſich wohl denken, daß eine arme Bäuerin nicht viel Stoff zu Geſprächen hat. . „Nun . „Zum Beiſpiel, Frangoiſe macht fie ſchwatzen über die Häuſer, wo ſie in den Tagelohn geht; es iſt aber langweilig, daß Claudine von Jedermann Gutes ſpricht.“ „Herr Maury würde Läſterungen vorziehen?“ „Ich geſtehe, daß man das unwillkürlich immer mehr beluſtigend findet .. Da indeſſen Claudine nie die Naſe von ihrer Arbeit aufhebt, ſo iſt es ganz na⸗ türlich, daß ſie nichts von dem bemerkt, was um ſie her in dem Hauſe, wo ſie im Tagelohn beſchäftigt iſt, vorgeht.“ „Und von was ſpricht ſie noch?“ „Von ihrer Muhme Ambroiſe .. Oh! wenn ſie bei dieſem Kapitel iſt, verſiegt ſie nicht: „Was für eine feine Spitzenarbeiterin iſt meine Muhme Ambroiſe! das iſt eine wahre Freude! Welch eine würdige Frau iſt meine Muhme Ambroiſe! Wie gut iſt ſie gegen mich! Wie hat ſie für mich geſorgt, als ich noch klein war.““ Kurz immer ihre Muhme Ambroiſe! Und dann „ „Und dann?“ „Ich befürchte, den Herrn zu langweilen.“ „Durchaus nicht, Maury, fahre fort.“ „Nun! es gibt noch einen andern Gegenſtand, über den Claudine oft ſpricht.“ „Und welches iſt dieſer Gegenſtand? „Das Bedauern, daß ſie nicht leſen kann.“ „Wahrhaftig!“ „Ja, Herr, und es iſt für ſie ein wahrer Kum⸗ mer, daß ſie ſo unwiſſend .. So las ich neulich nach dem Mittageſſen das Journal des Debats, das der Herr hält. Da ſagte Claudine zu mir mit einem ſchwe⸗ ren Seufzer: „Ah! Herr Maury, wie glücklich find Sie, daß Sie leſen gelernt haben.“ Nun tritt Li⸗ ſette zufällig in die Küche ein; Claudine, welche ſie 189 ungemein liebt, nimmt ſie auf den Schooß, ſtreichelt ſie, und ſpricht: „„Armes Thierchen, wir ſind Beide gleich unwiſſend .. Der Herr wird über mich ſpot⸗ ten, doch Claudine ſagte dies mit einer ſo ſanften, ſo traurigen Miene „ Und dann hören, wie ſie ſich auf das Niveau dieſes Thierchens herabſetzte . Kurz, ich weiß nicht, wie das kam, doch die Thränen traten mir in die Augen Ich ſagte auch dem Herrn, er werde über mich lachen.“ „Weit entfernt, über Dich zu lachen, mein lieber Mauty, ſinde ich, daß dieſe Empfänglichkeit Deinem Herzen zur Ehre gereicht .. Doch ſpricht Claudine nie von mir?“ „Nein, Herr, faſt nie, wenn ſie nicht etwa hört, wie Frangoiſe und ich uns Glück wünſchen, daß wir in Ihrem Dienſte ſind; dann ſagt Claudine zu uns: „Oh! ja, es muß ein ſehr guter Herr ſein . . „Iſt ſie dieſen Morgen ſchon bei der Arbeit?“ „Ah! Herr, ſchon lange! In der Morgendämme⸗ rung ſteht ſie gekämmt, gewaſchen, angekleidet auf den Beinen, denn ſie iſt, ſagt Frangoiſe, reinlich wie ein Sou, und wenn es hell genug wird, daß ſie nähen kann, ſo ſitzt ſie mit der Nadel in der Hand auf ihrem Stuhle. „Ich möchte gern mit ihr ſprechen, bitte ſie, in mein Cabinet zu kommen.“ „Ja, Herr,“ erwiederte Maury, ziemlich erſtaunt über meine zweite Conferenz mit der kleinen Arbeiterin. Dieſe neuen Erkundigungen, die ich über Claudine eingezogen, entzückten mich aus tauſend Gründen; ſie ſtanden wunderbar im Einklange mit den vortrefflichen Rathſchlägen von Madame Raymond, welche in ihrer tiefen Kenntniß des menſchlichen Herzens durch eine Art von innerer Anſchauung die Quellen errathen hatte, die ich für unſere Zukunft in der Entwickelung des 190 Verſtandes von Claudine, die über ihre Unwiſſenheit ſo betrübt, finden konnte und mußte. Als ich in mein Cabinet eintrat, fand ich Clau⸗ dine noch ein wenig bleich in Folge der Gemüths⸗ bewegung, die ſie, da ſie ein Huhn tödten ſah, ergrif⸗ fen hatte. Doch ſie erröthete ungemein, ſobald ich ſie aufforderte, ſich an die Ecke meines Kamins zu ſetzen, und ich hatte mit ihr folgendes Geſpräch: „Mein liebes Kind,“ ſprach ich, „ſeit mehreren Ta⸗ gen habe ich viel an Sie gedacht. Hören Sie mich wohl an und ſuchen Sie, ich bitte Sie darum, mir gegenüber ruhig zu bleiben. Sie ſagten mir kurzlich, Sie wünſchen ſich nicht zu verheirathen? Claudine. „Ja, Herr. c Ich. „Wenn Sie indeſſen nicht die Bosheit der Toch⸗ ter des Pächters Julien Fauveau gefürchtet hätten, ſo würden Sie ihn geheirathet haben, obgleich er alt genug iſt, um Ihr Vater zu ſein? Claudine. „Ja, Herr. 4 ₰ ch⸗ „Was Sie bei dieſer Heirath zu Ihrer Wahl be⸗ ſtimmt hätte, wären beſonders das regelmäßige, ar⸗ beitſame Leben und die Herzensgüte von Julien Fau⸗ veau geweſen, der ſich große Opfer auferlegt hatte, um ſeinen Sohn freizukaufen? Claudine. „Ja, Herr. „Seitdem wir mit einander geſprochen, haben Sie Ihren Entſchluß in Beziehung auf Julien Fau⸗ veau nicht geändert? Claudine. „Nein, Herr. 191 „Ehe wir unſere Unterredung fortſetzen, mein Kind, glaube ich Ihnen Folgendes wiederholen zu müſ⸗ ſen: das Lovs Ihrer Muhme wird immer geſichert ſein; die kleine Summe, welche ich Ihnen zum Ge⸗ ſchenke gemacht, und die hier in dieſer Schublade liegt (Sie haben den Schlüſſel dazu), gehört durchaus Ih⸗ nen und ſchützt Sie für immer vor der Noth. Es unterliegt alſo keinem Zweifel, daß Sie ohne Beſorg⸗ niß über Ihre Zukunft und über die Ihrer Muhme ſein können, mögen Sie die Anträge, von denen ich ſogleich ſprechen werde, annehmen oder ausſchlagen. laudine. „Ich bin dem Herrn ſehr dankbar für ſeine Güte, doch ich kann mich noch nicht daran gewöhnen, zu glauben, er thue ſo viel für meine Muhme Ambroiſe und für mich ohne uns zu kennen. Ich. „Im Gegentheile, weil ich Sie mehr und beſſer kenne, als Sie vermuthen, hege ich für Sie ein ſehr lebhaftes Intereſſe; ſogleich werde ich Ihnen die an⸗ dern Urſachen von dieſem Intereſſe erklären, das, ich begreife es, einiges Erſtaunen bei Ihnen erregen muß; doch ſagen Sie, liebes Kind, Sie können nicht leſen? Claudine. „Nein, Herr . mit acht Jahren ging ich ſchon in den Tagelohn mit meiner älteren Schweſter . und ich habe nie Zeit gehabt, die Schule zu beſuchen. c Ich. „Sie würben ſich alſo ſehr gern unterrichten laſſen? Claudine. „Oh! gewiß, Herr. Ich. „Warum wünſchen Sie dies ſo ſehr? Claudine. „Ei! Herr, es muß gut und nützlich ſein, zu lernen, 192 da alle Eltern, welche die Mittel haben, die reichen wie die armen, ihre Kinder in die Schule ſchicken. „Dieſe Antwort iſt vollkommen richtig, meine liebe Claudine; ja, es iſt gut, es iſt nützlich, zu lernen: der Unterricht erleuchtet uns, macht uns beſſer und be⸗ friedigt unſere gerechte Neugierde. Es gibt viele Dinge zu lernen. So, zum Beiſpiel, hat Julien Fauveau ein großes Opfer gebracht, um ſeinen Sohn frei zu kaufen; das iſt ſchön, nicht wahr, mein Kind? Und obgleich Julien Fauveau ein Fremder für Sie iſt, freuten Sie ſich doch, Kenntniß von dieſer ſchönen Handlung zu erhalten, die ſo ſehr Ihrem Herzen war? audine. „Ja, Herr. Ich. „Nun wohl, in der Bibliothek, die Sie hier ſehen, ſind Bücher, in denen Sie in großer Anzahl Züge von Edelmuth leſen könnten, welche noch ſchöner als der von Julien Fauveau: edle Handlungen, die vor hun⸗ dert Jahren, vor zweihundert Jahren, vor tauſend Jah⸗ ren, vor zweitauſend Jahren geſchehen ſind! Claudine. „Mein Gott! iſt es möglich? .. Man kann die ſich vor zweitauſend Jahren ereignet aben? Ich. „Ja, mein Kind. ... Das iſt das, was man die Geſchichte nennt, das heißt, die Erzählung der ſchö⸗ nen Handlungen und leider auch der böſen Handlun⸗ gen der Menſchen, welche ſeit Jahrhunderten gelebt aben. „Geſtehen Sie alſo, mein Kind, es muß ein Vergnügen ſein, zum Beiſpiel, hier in dieſem Lehn⸗ ſtuhle, an der Ecke des Kamins, zu ſitzen und das, was vor fünfhundert, vor tauſend Jahren vorgefallen iſt, durch das Leſen kennen zu lernen und gleichſam zu ſehen? 193 Claudine. „Ah! Herr das iſt wie ein Traum, es iſt nicht zu glauben! c ch. „Nichts kann wahrer ſein, Geſtehen Sie auch, daß es ſehr intereſſant, ſehr beluſtigend ſein muß, zum Beiſpiel, zu wiſſen, wo die anderen Länder liegen, die Sitten ihrer Einwohner, die Bäume, die Pflanzen, die Thiere dieſer entfernten Gegenden zu kennen, welche ganz verſchieden von denen find, die wir in Frankreich ſehen? Sprechen Sie, liebes Kind, iſt es nicht auch angenehm, ſo zu ſagen, fünfhundert Meilen, tauſend Meilen, zweitauſend Meilen von der Heimath entfernt reiſen zu können, ohne die Ecke ſeines Kamins zu ver⸗ laſſen? .. Wohl! durch das Leſen der Reiſebeſchrei⸗ bungen genießt man dieſes herrliche Vergnügen. Claudine. „Mein Gott! wie ſchön iſt es, zu wiſſen wie ſchön iſt es doch! Ah! .. ſelig ſind diejenigen, velche das Glück haben, zu lernen! „Und ſpräche ich von andern Büchern, aus denen man die Namen der ſchönen Sterne erfährt, die Sie in der Nacht glänzen ſehen! den Gang, den ſie am Himmel verfolgen ihre Entfernung von der Erde! Und wenn ich von dieſen Höhen herabſteigend von den üchern ſpräche, in welchen man, zum Beiſpiel, lernt, wie die Bienen, die Sie um die Körbe ſchwärmen ſehen, geboren werden, leben und arbeiten; in denen man ſieht, wie ſie dieſe Körbe bauen, wie ſie den Honig machen, wie ſie unter einander leben! denn die Geſchichte ihrer Sitten iſt ebenſo getren erzählt worden, als die der Menſchen! Und die nicht minder intereſſante Geſchichte der Vögel, der Schmetterlinge! Und wenn ich von den Büchern ſpräche, aus denen man erfährt, was die Flamme dieſes Feuers iſt, warum ſie brennt, durch Fernand Dupleſſis. IV. 13 194 welches Verfahren man das Glas der Scheiben dieſes Fenſters, den Spiegel, der über dem Kamine befeſtigt iſt, verfertigt! Doch was haben Sie, liebes Kind, Se zittern ganz? Claudine. „Ah! Herr, höre ich Sie ſagen, man könne ſo viele Dinge, ſo viele ſchöne Dinge lernen, ſo bin ich wie geblendet, wie erſchrocken. . Iſt es denn mög⸗ lich, daß Alles dies in den Büchern ſteht? Ach! glücklich ſind diejenigen, welche leſen gelernt haben! „Dieſes Glückes, mein Kind „ können Sie ſich erfreuen, wenn Sie wollen. Claudine. „Oh! Herr, wie ſo denn? J ch „Ich werde Sie im Leſen und im Schreiben un⸗ terrichten, wenn Sie es wünſchen; dann werde ich Sie Alles lehren, was ich weiß. Claudine. „Sollte es wahr ſein! der Herr wäre ſo gut „. mir doch nein, das kann nicht ſein. „Warum nicht? Claudine. „Aber mein Geſchäft? meine Arbeit? „Statt zehn Stunden täglich zu arbeiten, würden Sie nur fünf arbeiten und dieſe ihrer täglichen Aufgabe entzogene Zeit könnten Sie auf Ihre Beleh⸗ rung verwenden. Ihr Lohn würde hiedurch um die Hälfte vermindert; doch gleichviel. Das Loos Ihrer Muhme iſt, wie das Ihrige, durch die kleine Summe geſichert, die nun Ihnen gehört. laudine. „Mein Gott! der Herr würde ſich die Mühe neh⸗ men „ 195 Die Arme vollendete nicht; tief bewegt, gerührt, zerfloß ſie in Thränen, während in ihrem Geſichte eine unausſprechliche Dankbarkeit zu leſen war. Selbſt köſtlich bewegt, ſetzte ich mich neben ſie. Ich nahm eine i Händen, die ſie mir überließ, und ſagte zu ihr: „Liebes, liebes Kind wie groß iſt Ihre Em⸗ pfänglichkeit . übertreiben Sie nicht das Wenige, was ich hiebei für Sie thun kann. Es iſt für mich zugleich ein Glück und eine Pflicht, wenn ich es ver⸗ ſuche, Ihnen den Unterricht zu geben, der Ihnen fehlt; Sie nehmen alſo meinen Vorſchlag an?“ Claudine zog ihre Hand aus der meinigen zurück, um ihre Thränen abzuwiſchen; dann antwortete ſie: „Ah! Herr, wie werde ich Ihnen je zeigen können, daß ich keine un ch. „Wenn Sie mir einigen Dank ſchuldig zu ſein glauben, ſo hängt es von Lhnen ab nicht nur ſich deſſelben zu entiedigen, ſondern auch den Glücklichſten der Menſchen zu machen „ Claudine. „Ein armes Mädchen wie ich könnte das? „.. Mein Golt! wenn dies wahr wärei ch. „Es iſt ſehr wahr, und ich werde es Ihnen bewei⸗ ſen hören Sie mich an, mein liebes Kind; leſen, ſchreiben lernen, kurz, ſich unterrichten nicht wahr, das iſt nicht die Sache eines Tages? Claudine. „Achl! nein ich bin ſo unwiſſend! Ich. „Soll ich Ihnen nun regelmäßig Lectionen geben, ſo müſſen wir jeden Tag ein paar Stunden mit einander allein ſein? Claudine. „Ja, Herr. 13* 196 Ich. „Obſchon ich alt genug bin, um Ihr Vater zu ſein, obſchon ich graue Haare habe, könnte man doch über unſer langes Zuſammenſein unter vier Augen ſchwatzen, und Ihr, bis jetzt vortrefflicher, Ruf würde vielleicht unter dieſen üblen Nachreden leiden; das wäre ein großes Unglück für Sie und ein Kummer für mich .. Verſtehen Sie mich, liebes Kind? Ja Sie verſtehen mich denn Sie erröthen. Claudine. „Mein Gott! Herr, was iſt dann zu machen? „Es gäbe, wie geſagt, ein Mittel, ein ſehr ein⸗ faches Mittel, unſer langes Beiſammenſein vor den üblen Nachreden zu ſchützen und es vollkommen an⸗ ſtändig und achtenswerth zu machen. Claudine. „Welches Mittel iſt dies? Ich „Nehmen wir an (und mein Herz ſchlug, um zu zerſpringen, während ich langſam, mit Bangigkeit das Geſicht von Claudine beobachtend, die folgenden Worte ſprach), nehmen wir an Sie ſeien meine Frat Claudine betrachtete mich mit einer ſo naiven, ſo wenig erſtaunten Miene, daß ſie offenbar in mei⸗ nen Worten nichts Anderes als eine Annahme ſah⸗ und ſie antwortete mir mit einer reizenden Einfachheit. „Ja, Herr, nehmen wir das an⸗ „In dieſem Falle wäre nichts natürlicher, als unſer oftiges und langes Zuſammenſein. Haben ein Mann und eine Frau nicht das Recht, allein bei ein⸗ ander zu ſein, ſo oft ſie wollen? Claudine, „Gewiß, Herr, aber „ 197 Claudine vollendete nicht, und ich las klar in ihrem vffenen, unſchuldigen Geſichte den Gedanken: „Wozu ſoll dieſe Annahme dienen? Iſt es mög⸗ lich, 3 ein armes Mädchen wie ich je Ihre Frau wird?“ Ich mußte mich ſchärfer ausdrücken, um mich Clau⸗ dine begreiflich zu machen. Meine Bangigkeiten verdoppelten ſich; die Treu⸗ herzigkeit, die rührende Anmuth von Claudine wäh⸗ rend unſerer Unterredung verdoppelten meine Zärtlich⸗ keit für ſie, und, trotz meiner vierzig Jahre, fühlte ich mich immer mehr verliebt. Ich mußte alſo meinen An⸗ trag entſchieden ausſprechen. „Mein Kind,“ ſagte ich, „als Sie einen Augen⸗ blick den Gedanken hatten, Julien Fauveau zu heira⸗ then, erſchreckte Sie ſein Alter nicht?“ Claudine. „Nein, Herr. Ich. „Es war ſein gutes Herz, was Sie an ihn hatte denken laſſen? Claudine. „Ja, Herr. Ich. „Glauben Sie, daß ich ein gutes Herz habe? Claudine. „Sie, Herr? Sie?“ Der Ausdruck der Züge, der Stimmton von Clau⸗ dine ſchienen zu ſagen: „Könnte ich nach den Wohl⸗ thaten, mit denen Sie mich überhäuft haben, an Ih⸗ rem Herzen zweifeln?“ Ermuthigt durch dieſes glückliche Symptom, ſprach ich mit einer bewegten, vor Furcht und Hoffnung be⸗ benden Stimme: „Mein liebes Kind, ich bin höchſtens ſo alt, als Julien Fauveau, ich habe ein eben ſo gutes Herz, als er, doch ich habe nicht wie er Familie, ich bin allein 198 auf der Welt, ich liebe Sie zärtlich . Wollen Sie meine Frau ſein? ſprechen Sie wollen Sie es Oh! Claudine, willigen Sie ein, mich zu hei⸗ rathen, und Sie werden mich zum glücklichſten Men⸗ ſchen machen!“ Ich war Anfangs beinahe erſchrocken über das Erſtaunen, über die Verwirrung, worein mein Antrag Claudine verſetzte. Unglaublich empfindſam, für Ein⸗ drücke empfänglich, ſchaute ſie einen Moment mtt einer Art von Beſtürzung umher; dann, als ihr Blick dem meinigen begegnete, der mtt einer Zärtlichkeit voll Angſt auf ſie geheftet war, ſchlug ſie die Augen nie⸗ der, wurde noch bleicher und wollte aufſtehen, doch es fehlten ihr die Kräfte; ihr Kopf neigte ſich auf ihre Schulter, und ſie verlor völlig das Bewußtſein. Ich lief auf ſie zu, nahm von meinem Kamin ein Fläſch⸗ chen Cölniſches Waſſer, ließ die Arme ein paar Tro⸗ pfen davon einathmen und ſah ſie allmälig wieder aus ihrer Ohnmacht erwachen. Dieſer neue Beweis der übermäßigen Empfind⸗ lichkeit von Claudine rührte und erſchreckte mich zu⸗ gleich; ein heftiges Wort, eine unwillkürliche Unge⸗ duld mußten ſchmerzlech, vielleicht bis auf den Tod dieſe zarte, ſchüchterne, furchtſame Natur verwunden⸗ welche den Sinnpflanzen ähnlich, die bei der geringſten Reibung ſich zuſammenziehen und ſterben . Dieſe rührende Empfindlichkeit entzückte mich und gab mir das Bewußtſein der ängſtlichen Schonung, die ſie mir auferlegte. Feſt entſchloſſen, mein Leben dem Glücke von Clauvine zu weihen, und eben darum durchdrun⸗ gen von dem Ernſte meiner Pflichten gegen ſie, zögerte ich einen Augenblick; ja, ich zögerte, meine Heiraths⸗ pläne zu verfolgen. Ich glaubte indeſſen meiner und des Edelmüthigen meiner Entſchlüſſe ſicher ſein zu dür⸗ ſen, geprüft wie ich war durch zwei Jahre der Ein⸗ ſamkeit und des Hinſtrebens zum Guten. Ich wieder⸗ hole indeſſen, ich zögerte einen Angenblick vor der 199 ungeheuren Verantwortlichkeit, die ich übernahm, wenn ich Claudine heirathete. Sie kam allmälig zu ſich; mit einer unſäglichen Bangigkeit beſpähte ich ihren erſten Blick, in welchem ich den geheimen Gedanken ihrer Seele zu leſen hoffte; dieſer Blick bezeichnete nach und nach die Rührung, die Dankbarkeit und das Erſtaunen geſteigert bis zur Ungläubigkeit hinſichtlich eines Antrags, der ſo weit über den Vorherſehungen dieſes Mädchens. „Mein liebes Kind,“ ſagte ich, „verzeihen Sie mir die Unruhe, in die Sie ein unerwarteter Antrag ver⸗ ſetzt hat, der, ich begreife es, Ihr Erſtaunen erregen muß. Ich beſchwöre Sie, beſänftigen Sie ſich und vergeſſen Sie, wenn es ſein muß, den Antrag, den ich Ihnen gemacht habe Ich weiß einen andern, der Sie ſicherlich weniger beunruhigen wird; ſogleich werde ich hiezu kommen. Vor Allem aber ſeien Sie über⸗ zeugt: der einzige Wunſch meines Lebens iſt, Sie ſo glücklich als möglich zu machen. Vergebens fragen Sie ſich, was die Urſache von dieſem plötzlichen In⸗ tereſſe ſein dürfte. Sie können ſich nicht überzeugen, Ihre reizenden Eigenſchaften allein haben die Zunei⸗ gung begründet, von der ich Ihnen Beweiſe zu geben ſuche. In der That, es ſind nicht allein Ihre guten Eigenſchaſten, die mich verführt haben; mit einem Worte, ich liebe Sie um Ihretwillen und um meinet⸗ willen, Sie werden mich begreifen; ich ſagte Ihnen, mein liebes Kind, ich habe keine Familie, ich ſei allein auf der Welt. Ich werde alt und bin entſchloſſen, bis zu meinem Ende in einer völligen Zurückgezogenheit zu leben Ich fühle das Bedürfniß, mir Zunei⸗ gungen für meine herannahenden alten Tage zu verſchaf⸗ fen. Der Zufall ließ mich Ihnen begegnen Ihre Jugend, Ihre Unſchuld, Ihr dürftiges, redliches, arbeit⸗ ſames Leben, die vortrefflichen Zeugniſſe, die ich über Ihre Aufführung erhalten, die paar Unterredungen, die wir mit einander gehabt, und in denen ſich mir Ihre 200 Herzensgüte, die Zartheit Ihres Charakters enthüllten, haben jeden Tag meine Zuneigung für Sie vermehrt. Ich habe Ihnen den Vorſchlag gemacht, Sie mögen meine Frau werden dieſer Vorſchlag ſteht Ihnen nicht an? ich nenne Ihnen einen andern: Wollen Sie meine Tochter ſein, meine Adoptivtochter? Ich habe keine Kinder gehabt aus meinen zwei erſten Ehen, denn ich bin zweimal Witwer; das Geſetz erlaubt mir, Sie zu adoptiren, Ihnen meinen Namen zu geben .. Ihnen nach meinem Tode das beſcheidene Vermögen, das ich beſitze, zuzuſichern, kurz, bei Ihnen die ſüßen Pflichten eines Vaters zu erfüllen; und glauben Sie mir, Claudine, nie wird ein Vater ſein Kind zärtlicher geliebt haben Sie werden ſich hier niederlaſſen gerade als ob Sie meine Tochter wären; das bei Ih⸗ nen ſo lebendige Bedürfniß, zu lernen und zu wiſſen, werde ich befriedigen; ich werde Sie leſen, ſchreiben lehren, kurz, ich werde mich alle Tage damit beſchäf⸗ tigen, Ihnen die Kenntniſſe zu geben, die Sie zu er⸗ langen wünſchen. Ihr Ruf wird völlig unangetaſtet bleiben, denn das Alleinſein eines Vaters mit ſeiner Tochter iſt ebenſo untadelhaft, als das eines Mannes mit ſeiner Frau. Ich muß Sie nur darauf aufmerk⸗ ſam machen, daß ich entſchloſſen bin, wie in der ver⸗ gangenen Zeit in einer völligen Einſamkeit fortzuleben, nie nach Paris zu gehen, keinen Beſuch hier anzuneh⸗ men; Ihre Muhme, wenn Sie das wünſchen, kann bei uns wohnen; wenn nicht, ſo werde ich eine Wohnung für ſie in der Nähe dieſes Hauſes ſuchen. Unſere Tage ſollen abwechſelnd für den Unterricht, für den Sie ſo viel Neigung in ſich fuͤhlen, und zu den langen Spaziergängen, die ich für Sie belehrend zu machen gedenke, verwendet werden. Sie werden ſich mit der Beaufſichtigung meines Hausweſens zu beſchäftigen haben, mein liebes Kind, und kann Sie die Sorge für einen hübſchen Geflügelhof beluſtigen, ſo werden 201 wir einen ſolchen beſitzen. Unſer Leben wird einfach, ſanft, beſchäftigt, zurückgezogen ſein; es entſpricht un⸗ gefähr Ihren früheren Gewohnheiten, und ſo dachte ich auch, es könnte Ihnen anſtehen . Wollen Sie endlich weder meine Frau, noch meine Tochter werden, ziehen Sie es vor, Ihre Unabhängigkeit zu bewahren, ſo kön⸗ nen Sie dies; das Loos Ihrer Muhme iſt geſichert; die Rente aus der kleinen Summe, die Ihnen gehört, ſtellt Sie in Verbindung mit Ihrer Arbeit über die Noth, und wünſchen Sie eines Tags zu heirathen, und Sie treffen, wie ich hoffe, eine gute Wahl, ſo werde ich Ihre Mitgift vermehren; meine väteriiche Zuneigung wird Ihnen in Ihre Ehe folgen, und nach meinem Tode ſoll das, was ich beſitze, Ihnen gehören. Sie ſehen, mein liebes Kind, Sie haben die freie Wahl zwiſchen den Enſchlüſſen: meine Frau ſein, meine Adoptivtochter ſein, — oder Ihre gegen⸗ wärtige Unabhängigkeit bewahren. Ich bitte Sie nun inſtändig, was auch Ihr Entſchluß ſein mag, nehmen Sie durchaus keine Rückſicht auf mich; ich will Sie vor Allem glücklich ſehen, und welche Wahl Sie auch treffen, ich werde immer dadurch be⸗ friedigt ſein. Und nun, mein liebes Kind, überlegen Sie Alles dies wohl. laſſen Sie ſich ſo viel Zeit, als Sie wollen, zu dieſem Ueberlegen; nur verſpre⸗ chen Sie mir, vollkommenes Stillſchweigen zu be⸗ obachten, ſelbſt gegen Ihre Muhme, beſonders über unſere Unterredung, — nicht als würde ich Ihnen ra⸗ then, es am Vertrauen gegen dieſe würdige Frau er⸗ mangeln zu laſſen, ſondern ſie könnte „ ſehen Sie, wie eitel ich bin .. zu meinen Gunſten reden .. Sie lieben ſie, ihr Einfiuß auf Sie muß groß ſein, und ich wünſchte, daß Ihre Wahl völlig frei wäre, nur von Ihnen ausginge .. Sie ſind nun ganz ruhig, mein liebes Kind, und ich kann Sie ohne Furcht ver⸗ laſſen. Ich weiß nicht, was in dieſem Augenblicke Ihre Gedanken ſindz aber wären ſie auch meinem theuerſten 202 Verlangen günſtig, ich will ſie jetzt nicht wiſſen; Sie könnten unwillkürlich einer erſten Bewegung der Dank⸗ barkeit nachgeben; ich wünſche im Gegentheil, daß Sie Ihren Entſchluß faſſen mögen, nachdem Sie reif⸗ lich und außer meiner Gegenwart erwogen haben. Keh⸗ ren Sie nach Hauſe zurück; iſt Ihre Wahl entſchie⸗ den, ſo kommen Sie hieher und unterrichten Sie mich davon, und Sie können verſichert ſein, daß Sie in mir finden — einen Gatten, — einen Vater — oder einen Freund, durchdrungen von den heiligen Pflich⸗ ten, welche die Ehe, — die Vaterſchaft, — oder die Freundſchaft auferlegen. Auf Wiederſehen und bald, mein Kind!“ Claudine, nachdem ſie, da ich ihr meine Frau zu werden vorſchlug, von einer lebhaften Gemüthsbewe⸗ gung ergriffen geweſen war, hörte mich ſchweigſam und nachdenkend an; als ich ihr aber den Antrag machte, meine Adoptivtochter zu werden, faltete ſie die Hände, und ihre Züge nahmen den Ausdruck einer ſo ſüßen Dankbarkeit an, daß ich, nicht ohne Bedauern, glaubte, ſie wolle lieber meine Tochter, als meine Frau ſein. Während ich ſie verließ, um ihr die Verlegenheit neuer Dankſagungen zu erſparen, folgte ſie mir mit einem ehrfurchtsvollen, gerührten Blicke. Wenige Augenblicke nach unſerer Unterredung ſah ich Claudine, ihr Mäntelchen auf den Schultern und ihr Körbchen unter dem Arme haltend, langſam aus dem Hauſe weggehen. K. Nach dem Abgange von Claudine empfand ich die ſüße Selbſtzufriedenheit, die uns das Bewußtſein einer zarten und edelmüthigen Handlung verurſacht. ——— — ——— 203 Dieſe ſüßen Gefühle brachte ich im Geiſte Jean, ſeiner Mutter und ihren Freunden, kurz denjenigen, dar, welchen ich meine völlige Wiedergeburt verdanke. Ich befragte mich lange, aufrichtig, und ich ſage es ohne Eitelkeit und ohne falſche Beſcheidenheit, ich fühlte mich fähig, den Entſchluß von Claudine, wel⸗ cher es auch ſein möchte, mit allen ſeinen Folgen und mit den Pflichten, die er mir auferlegen würde, an⸗ zunehmen. Ich gelobte mir beſonders, es zu verſuchen, das, was Uebermäßiges und Gefährliches in der Eindrucks⸗ fähigkeit dieſes lieben Kindes iſt, zu beſänftigen, ich möchte faſt ſagen, zu heilen. In Erwartung des Tages, wo ihre Wahl getrof⸗ fen wäre, dachte ich über die aus dieſer Wahl ent⸗ ſpringenden verſchiedenen Eventualitäten nach. „So ſicher ich meiner ſelbſt bin,“ ſagte ich zu mir, „nehmen wir an (und dieſe Annahme iſt die ver⸗ nünftigſte), nehmen wir an, Claudine wolle meine Tochter ſein? „Ich werde alſo in einer väterlichen Vertraulich⸗ keit mit dem Mädchen, das ich anbetete, leben müſſen? Ich werde jeden Tag lange Stunden mit Claudine zubringen, entweder indem ich ihr Verlangen, zu wiſ⸗ ſen und zu lernen, befriedige, oder indem ich ſie zur Gefährtin meiner Spaziergänge mache? Und wenn end⸗ lich Claudine ſpäter dazu käme, einen jungen Mann von ihrem Alter zu lieben . . zu heirathen Ich werde alſo die Feſtigkeit haben müſſen, ſie zum Altar zu führen?“ Auf dieſe Fragen antwortete ich mit der Ueber⸗ zeugung, auf der Höhe der Rolle zu ſtehen, die ich durchzuführen gedachte. „Ah!“ ſagte ich auch zuweilen zu mir ſelbſt, „hätte ich in meiner Jugend den Geſetzen der Natur gemäß eine Neigungshetrath zu ſchließen ge⸗ ſucht, ſtatt hieran erſt in der Stunde zu denken, wo 204 der Kummer und die Jahre meine Haare gebleicht haben! Wenn ich, um das Herz von Albine zu gewin⸗ nen, die mich nur zu lieben verlangte, ihr eben ſo viel Liebe und Zärtlichkeit bezeigt haben würde, als ich für dieſe kleine arme Arbeiter in fühle! Wie hätte mich Albine geliebt! Wie groß wäre mein Glück ge⸗ weſen! Ich wäre der Schande, den Trübſalen, der biu⸗ tigen Entwickelung meiner letzten Heirath entgangen und würde ohne Zweifel heute umgeben von allen Freuden der Familie, leben. Meine ſchlimmen Leidenſchaften, meine Verirrun⸗ gen haben mich vom geraden Wege abgeführt; es hat mir wenigſtens das Schickſal den Troſt vorbehalten, die Vergangenheit dadurch zu ſühnen, daß ich mich dem Glücke von Claudine weihe. » „ Januar 1841. Freuden des Himmels! Ich bin nur zu ſehr be⸗ lohnt für das wenige Gute, was ich gethan habe! Nach einer Abweſenheit von fünf Tagen, die ſie zum Nachdenken über ihre Wahl verwandte, iſt Clau⸗ dine dieſen Morgen ziemlich frühzeitig zu mir zurück⸗ gekehrt; von ihrer Ankunft benachrichtigt, kleidete ich mich eiligſt an und traf mit ihr in meinem Cabinet zuſammen, wo ſie mich erwartete. Ich ging auf ſie zu, reichte ihr die Hand und ſagte: „Nun! mein Kind, was ſoll ich für Sie ſein? Ein Vater ein Freund oder ein Gatte?“ Claudine. „Mein Herr die Wahl „ ſteht Ihnen zu. Ich werde immer mit dem, was Sie beſchließen, zufrieden ſein. Ich „Claudine, ich kann nur Ihre Worte wiederholen und Ihnen ebenfalls ſagen: „Die Wahl ſteht Ihnen 205 zu. Ich werde zufrieden mit dem ſein, was Sie beſchließen.“ Claudine. „Es iſt doch das Wenigſte, daß es der Herr macht, wie es ihm beliebt . Mir was mich betrifft, iſt Alles recht. 8 Ich. „Liebes Kind, ſprechen Sie in vollem Ver⸗ trauen offenherzig. Sie müſſen doch einem von den drei Entſchlüſſen, dir ich Ihnen genannt habe, einen Vorzug geben, ſo leicht er auch ſein mag? Claudine. „Ja, Herr das Gegentheil ſagen hieße lügen. J „Und was iſt der Gegenſtand Ihrer geheimen Be⸗ vorzugung? Sie ſchweigen, liebes Kind? Ich begreife Ihre Verlegenheit. Sprechen Sie . ziehen Sie es vor, mich zu Ihrem Freunde, zu Ihrem beſten Freunde zu haben, um Ihre Freiheit zu bewahren, um zu leben wie früher? Claudine. „Herr. das iſt es nicht, was ich vorzöge . durchaus nicht . Ich. „Möchten Sie gern meine Adoptivtochter ſein? Claudine. das würde mich auch ſehr glücklich machen Ilber d h. „Aber Sie würden vielleicht lieber meine Frau ſein ? Claudine. Da der Herr es durchaus verlangt ſo c. „Claudine! mein geliebtes Kind! wenn Sie wüß⸗ ten, wie mein Herz ſchlägt, welches Glück ich fühle! 206 Ah! „Läuſchen Sie mich nicht in meiner letzten Hoffnung! .. Sprechen Sie Sie wollen lieber meine Frau ſein? Claudine. „Ja wenn es dem Herrn gleich wäre Claudine erröthete ungemein, während ſie dieſe letzten Worte mit ſchwacher, ſchüchterner Stimme und nit ine Ausdrucke von anbetungswürdiger Naivetät prach. Trunken vor Glück, warf ich mich ihr zu Füßen, ergriff ihre beiden Hände und zog ſie an meine Lip⸗ pen .. Die Gemüthserſchütterung wurde zu lebhaft für dieſe kleine Empfindſame; ſie fing an zu zit⸗ tern. Ich ſtand auf, ſetzte mich zu ihr, behielt eine von ihren Händen in den meinigen und ſagte mit einer Stimme, in der ich mein Herz beben fühlte: „Theures Kind, beruhigen Sie ſich. „ Verzeihen Sie dem Ausbruche meiner Freude! Mein Gott! Sie machen mich ſo glücklich! ſo unendlich glücklich! .. Ah! ich ſchwöre Ihnen, ich wäre für Sie der ergebenſte Freund, der zärtlichſte Vater geweſen! Doch ich wagte es nicht, es Ihnen zu ſagen . Ihr Gatte ſein war der geheime Wunſch meines Herzens „ denn ich liebe Sie leidenſchaftlich .. Und Sie? . Sie lieben mich .. Sie werden mich ein wenig lie⸗ ben nicht wahr? da Sie mich heirathen wollen Ihr Herz hat Ihnen Ihre Wahl eingegeben? Claudine. „, Herr weil ich ch. „Beſchwichtigen Sie Ihre Unruhe, theures Kind, vollenden Sie Ihren Gedanken Sie waren im Begriffe, mir zu ſagen, warum Sie lieber meine Frau, als meine Tochter ſein wollten. Claudine. „Weil der Herr, ehe er mir edelmüthig den Antrag 20 machte, mich zu adoptiren, mich zu heirathen mir vor⸗ geſchlagen hatte da glaubte ich Ich. „Ich wäre tauſendmal glücklicher, Ihr Gatte zu ſein, als Ihr Vater? Claudine. „Ja, Herr . Und das iſt es beſonders, was mich beſtimmt hat . und dann auch „Und dann auch? . Claudine. „Ich fand den Herrn zu ſehr das heißt . . nun mir ſcheint, trotz ſeiner großen Güte gegenmich, hätte ich mich nicht ganz bei dem Herrn gefühlt wie „wie man bei einem Va⸗ er iſ Ich. „Angebetetes Kind! . Du liebſt mich . Freude des Himmels Du liebſt mich! . Claudine. „Ich würde nicht wagen dem Herrn zu ſagen c iß nicht o Erröthend und ganz verwirrt vollendete Claudine nicht. Dieſes unſchuldige Herz, das ſich noch nicht kannte, vermochte kaum in ſeiner Umruhe ſeine ent⸗ ſtehende Liebe zu erklären und auszudrücken. Hatte ſie mir nicht mit einem naiven Zauber ge⸗ ſagt, „trotz meiner großen Güte .. empfinde ſie nicht ganz für mich, was man für einen Vater empfinde?“ Die Verlegenheit achtend, die ſich ihrer in Folge des Ge⸗ ſtändniſſes, über welches ich entzückt war, bemächtigt hatte, ſagte ich: „Was auch die Natur Ihres Gefühles für mich ſein mag, theures Kind, es erfüllt alle meine Wünſche, denn ich liebe Sie mit meiner ganzen Liebe. Sie werden in mir den Freund, den Vater, den Gatten 208 vereinigt finden. Der Freund wird bemüht ſein, die ſanfte Heiterkeit Ihres Alters zu erwiedern, der Vater wird Sie mit der rührendſten Fürſorge umge⸗ ben Sie unterrichten, Sie lehren und der Gatte wird Ihnen ſeine ganze Liebe ſchenken. Clau⸗ dine theures Kind, ſprechen Sie, ſind Sie in die⸗ ſem Augenblicke glücklich? ſehr glücklich? 6laudine. „So glücklich . Herr daß ich noch nicht glauben kann, es komme mir ſo viel Glück zu, ohne daß ich es verdient habe. Ich. „Oh! mein ſanftes Kind, Du haſt es dadurch ver⸗ dient, daß Du mich tauſendmal glücklicher gemacht haſt, als Du es ſelbſt ſein kannſt?“ Kurz nach meiner Verheirathung mit Claudine ſchrieb ich an Jean folgenden Brief, von dem ich eine Abſchrift behalten habe. 4 X. Tinville, den 28. Februar 1841. „Mein lieber Jean, ſeit acht Tagen bin ich ver⸗ heirathet. „Du haſt aus meinem Tagebuch und aus meinen letzten Briefen erſehen, daß ich mich bemühte, die Wahl von Claudine zwiſchen meinen verſchiedenen Vorſchlä⸗ gen ſo unabhängig, ſo frei als möglich zu machen; Deine Mutter, Du und Deine Freunde, Ihr habt mein Benehmen gebilligt; es hat Euch ein günſtiges Vor⸗ zeichen für das Gluck meiner Frau und für das mei⸗ nige geſchienen. 209 „Ich glaube, Ihr ſeid in Euren Hoffnungen nicht getäuſcht worden. „Sogleich nach der Einwilligung von Claudine begleitete ich ſie zu ihrer Muhme und bat dieſe, unſere Verbindung zu genehmigen. Du kannſt Dir denken, daß dieſe Genehmigung nicht auf ſich warten ließ; die würdige Frau glaubte zu träumen; ich machte ihr den Vorſchlag, ihren Aufenthalt bei uns zu nehmen oder ein kleines Quartier in meiner Nähe zu bewohnen; ſie zog das Letztere vor, ſei es nun aus Zartgefühl, ſei es aus Neigung. Sie habe, ſagte ſie, Gewohnheiten, auf die man ſchwer in ihrem Alter verzichte, und ſie werde bequemer bei ſich als bei uns ſein; überdies werde ſie Claudine, ſtatt ſie wie früher nur von Woche zu Woche zu ſehen, fortan jeden Tag ſehen .. Es wurde endlich verabredet, vaß nach unſerer Verheirathung die Mutter Ambroiſe einige Zeit in der Pieardie bei den Ver⸗ wandten ihres verſtorbenen Mannes zubringen ſollte; lange war dieſe Reiſe ihr lebhafter Wunſch geweſen, doch ſie hatte ſie immer verſchoben, weil ihre Armuth ihr nicht erlaubte, dieſelbe zu unternehmen. „Ich beſchleunigte ſo viel als möglich den Au⸗ genblick meiner Verbindung mit Claudine; jeden Tag beſuchte ich ſie bei ihrer Muhme, und immer fand ich das theure Kind bei der Arbeit. Weit entfernt, durch den Gedanken ihrer neuen und nahen Zukunft geblendet, verwandelt zu ſein, änderte ſie nichts an ihren arbeitſamen Gewohnheiten; nur nahm ſie, ſtatt in den Tagelohn zu gehen, bloß die Arbeiten an, mit denen ſie ſich zu Hauſe beſchäftigen konnte. „Allmälig und obgleich unſere Zuſammenkünfte beinahe immer in Gegenwart der Muhme in ihrer armſeligen Wohnung ſtattfanden, gewann Clandine im⸗ mer mehr Vertrauen zu mir, ihre Verlegenheit ver⸗ minderte ſich, und zuweilen entzückte mich ihre ſanfte, unſchuldige Heiterkeit. Wir plauderten viel, und der Fernand Dupleſſis. W. 14⁴ 2¹⁰ Gegenſtand unſerer Unterhaltungen betraf hauptſächlich ihr lebhaftes Verlangen, zu wiſſen und zu lernen Ihr einziger Fehler, ein rührender Fehler! iſt die faſt nervöſe Empfindlichkeit, von der ich ſchon einige Züge angeführt habe. Ich erfuhr von Ambroiſe, die Mutter von Claudine habe, als ſie in andern Umſtänden ge⸗ weſen, einen heftigen Schrecken gehabt, und das arme Kind habe erlitten und erleide noch die Reaction die⸗ ſes Schreckens; bis jetzt that ich mein Möglichſtes und ich werde es auch fortan thun, um Claudine von die⸗ ſer beinahe krankhaften Empfänglichkeit für Eindrücke zu heilen. „Ich beſchäftigte mich mit einem außerordentli⸗ chen Vergnügen mit den tauſend Einzelheiten für die Einrichtung der Wohnung meiner Frau, welche aus den zwei kleinen Zimmern beſteht, in denen Ihr, Du, Dein Oheim oder Herr Charpentier, wohntet, wenn Ihr zu mir auf Beſuch nach Tinville kamet. Glückliche Zeiten, wo ich aus den Geſprächen mit Euch die Lehren ſchöpfte, welche heute ihre vortrefflichen Früchte tragen! „Ach! die tiefe Glückſeligkeit, die ich genieße, wird oft getrübt durch den Gedanken: Ihr ſeid fern von mir, Ihr ſeid Gefangene ein grauſamer Ge⸗ danke, obſchon ich Eure heldenmüthige Reſignation und die Tröſtungen kenne, die Dir jeden Tag die Zärtlich⸗ keit Deiner Mutter bringt! „Ah! mein Freund! ſchon habe ich Claudine Deine edle Mutter verehren, bewundern gelehrt! Und bei der Erzählung von dem erhabenen Muthe von Madame Rahmond, als Du zum Tode verurtheilt wurdeſt, zer⸗ floß das arme Kind, ſchauernd vor Augſt und Schrecken, in Thränen, und ich bedauerte beinahe, unſer Geſpräch auf einen ſo traurigen Gegenſtand hingelenkt zu haben. Damit ſage ich Dir noch einmal, welche ſerupulöſe Schonung ich bei dieſer lieben kleinen Empfindſa⸗ men zu beobachten habe. 2¹1 „Ich habe an Frau von Montbriſon geſchrieben, um ihr meine Heirath und den Zweck dieſer Heirath mitzutheilen; ich bat ſie auch, gütigſt den Ankauf eines Hochzeitſchmuckes zu beſorgen, auf den ich vier⸗ bis fünftauſend Franken, einen Theil der Erſparniſſe, die ich ſeit meiner Niederlaſſung in Tinville gemacht, ver⸗ wenden wollte. „Frau von Montbriſon antwortete mir mit einem reizenden Briefe, lobte ſehr meinen Entſchluß, mein Le⸗ ben dem Glücke von Claudine zu widmen, machte meine Einkäufe mit einem vortrefflichen Geſchmack, und ſchickte mir bald ein Körbchen voller Toilettegegenſtände von eleganter Einfachheit. „Claudine hatte mich inſtändig gebeten, keine Hüte wie eine Dame tragen zu dürfen, denn das würde ſie, wie ſie ſagte, ſchamhaft machen. Sie zog ihr Bauernhäubchen vor, und ich trat um ſo lieber ihrem Wunſche bei, als dieſe Häubchen ſie zum Entzücken putzen. „Ich empfand eine Art von Unruhe bei dem Ge⸗ danken, meinen zwei Dienſtboten Maurh und Frangoiſe zu eröffnen, die kleine Arbeiterin, welche kaum zuvor noch mit ihnen den Tiſch in der Küche getheilt hatte, werde fortan ihre Gebieterin ſein. Es wäre mir unan⸗ genehm geweſen, dieſe wackeren Leute zuentlaſſen; würden fie indeſſen irgend eine widrige Empfindung in Beireff der Veränderung des Verhältniſſes von Claudine kund⸗ gegeben haben, ſo hätte ich nicht gezögert, mich von ihnen zu trennen. Dieſer Verdruß war mir erſpart. Sie äußerten ein freudiges Erſtaunen, als ſie das un⸗ verhoffte Glück des Mädchens erfuhren. „„Wenn das Glück immer nur auf ſolche Per⸗ ſonen fiele, ſo gäbe es keine Neidiſche .. ſagte Frangoiſe. „Das iſt wahr,“ fügte Maury bei, „Claudine verdient, was ihr widerfährt.““ „Ich brachte es beim Maire und 2¹2 der Gemeinde von Claudine dahin, daß ſie uns am Abend trauten. Ich wollte das ſchüchterne Kind nicht den Blicken der Menge ausſetzen, denn in dieſem Dorfe wurde die Heirath eines Bauernmädchens mit einem Herrn ein Ereigniß. „Zu Zeugen nahm ich zwei Bauern aus meiner Nachbarſchaft, und am 20. Februar 1841, Abends um neun Uhr, heirathete ich Claudine Cha⸗ telain. „Nach der Trauung führte ich die Mutter Am⸗ broiſe nach ihrem Hauſe zurück; ſie ſollte erſt bei ihrer Wiederkehr aus der Picardie in unſerer Nähe wohnen. Claudine legte ihren Brautſchleier ab, dann entfern⸗ ten wir uns Arm in Arm, um nach Hauſe zu gehen. Es fror ſehr ſtark, doch die Nacht war glänzend und der Mond ſtrahlte in ſeiner Fülle. Wir hatten an⸗ derthalb Meilen zurückzulegen; an das Marſchiren gewöhnt, erſchrak meine Frau nicht vor einer ſolchen Entfernung, und in weniger als zwei Stunden kamen wir bei uns an. „Ich hatte Maury und Frangoiſe befohlen, nicht auf uns zu warten, ſondern zu Bette zu gehen. Ich trat durch die Gartenthüre ein; eine Lampe brannte im Speiſezimmer, wo ich zum erſten Mal die kleine Arbeiterin mit niedergeſchlagenen Augen ſo thätig hatte nähen ſehen. „Bei dieſer Erinnerung fühlte ich mich bewegt, und durch einen rührenden, geheimnißvollen Einklang unſerer Seelen blieb Claudine, meinen Gedanken thei⸗ lend, einen Augenblick vor dem Stuhle ſtehen, auf dem ſie gewöhnlich ſaß; dann wandte das liebe Kind gegen mich ſeinen Blick, den eine unausſprechliche Dankbarkeit erfüllte. In dieſer Seecunde lief meine Hündin, welche ungeduldig meine Ankunft erwartete, herbei und machte uns tauſend Liebkoſungen. „„Armes Thierchen,“ ſagte ich immer mehr ge⸗ rührt zu mir ſelbſt, „„als ich dich ſo glücklich bei mir 2¹3 ſah, kam mir durch eine ſeltſame Verkettung von Ibeen der Plan, mein Leben dem Glücke von Claudine zu weihen, und du ſcheinſt durch deine Liebkoſungen auch dieſen für uns ſo ſchönen Tag feiern zu wollen.““ „Was ſoll ich Dir ſagen, mein Freund, ſo wie ſich das Vertrauen zwiſchen uns feſtſtellt, gibt Clau⸗ dine, welche weder leſen, noch ſchreiben kann und in einem Dorfe durch Bauern erzogen worden iſt, jeden Tag Beweiſe von einem Tact und einem Zartgefühle, wie dies die verfeinertſte Erziehung nicht zu verleihen vermöchte. „Von dieſem vollkommenen Tact, von dieſem na⸗ Zartgefühle vernimm unter Anderem ein Bei⸗ ſpiel: „Ich fragte mich, mit welchem Namen Claudine mich nennen würde, wenn die eheliche Vertraulichkeit auf die Zurückhaltung folge, die Anfangs zwiſchen uns beſtanden hatte; würde Elaudine fortfahren, mich Herr zu nennen? Das wäre entſetzlich ehrerbietig ge⸗ weſen Würde ſie mich endlich Fernand nennen? Dieſe Benennung ſchien mir nicht zu vertraulich, aber zu jung von einem ſechzehnjährigen Kinde an einen Mann gerichtet, deſſen Haare faſt weiß ſind. „Weißt Du, wie mich Claudine nun nennt? Ich würde zögern, es Dir zu ſagen, wüßte ich nicht, wie ſehr Du im Ernſte Alles das nimmſt, was mir perſön⸗ lich iſt, und wie Du zugänglich biſt, gleich Deiner Mutter, für dieſe Nuancen von Sprache und Gefühl, welche nur die auserkorenen Geiſter und Herzen auf⸗ faſſen und würdigen können; Claudine gibt mir einen reizend vertraulichen Namen, der jedoch ſehr bezeich⸗ nend iſt hinſichtlich meines Alters, der Dankbarkeit, die ſie für mich hegt, und der väterlichen Fürſorge, mit der ich ſie umgebe; mit einem Worte, Claudine duzt mich nie und nennt mich ihr Väterchen. „Mein Freund, es wird Dir dies vielleicht an das 2¹4 Lächerliche zu ſtreifen ſcheinen? Und dennoch vermöchte ich Dir nicht auszudrücken, wie wunderbar dieſer Name den zwiſchen uns beſtehenden Beziehungen, einer Mi⸗ ſchung von Liebe, von Vertrauen, von Ehrfurcht und von ernſter Zärtlichkeit, angemeſſen iſt. Dann müßte ich Dir die Phyſiognomie, den Ausdruck dieſer liebens⸗ würdigen kleinen Perſon ſchildern, wenn ſie nach einer der Lectionen im Leſen und Schreiben, die ich ihr jeden Tag gebe, ihr unſchuldiges, anmuthiges Geſicht gegen nic wendet und mit ihrer ſanften Stimme zu mir agt: „„Iſt Väterchen mit ſeinem Kinde zufrieden?““ „Willſt Du einen andern Beweis von dieſem voll⸗ kommenen Tact, über den ich wahrhaft erſtaunt bin? „Claudine hat eingeſehen, was, ich ſage nicht Schwieriges, ſondern Delicates in ihrer Stellung ge⸗ gen unſere Dienſtboten ſein konnte, deren Gefährtin ſie geſtern noch war, indeß ſie heute ihre Gebieterin iſt. Vernimm, was vorgefallen iſt und wie ich davon un⸗ terrichtet worden bin. „Maury, mein Diener, gewährte ſich häufig die unſchuldige Zerſtreuung, im Garten nach den Elſtern zu ſchießen, die er mit einem eingefleiſchten Haſſe ver⸗ folgt; ihr Verbrechen beſteht in ſeinen Augen darin, daß ſie die kleinen Vögel freſſen, welche kaum in ihren Neſtern ausgekrochen ſind; er hatte von ſelbſt und vor meiner Verheirathung auf ſeinen Lieblingszeitvertreib verzichtet, weil er wußte, wie furchtſam Claudine iſt. Ich äußerte kürzlich gegen Maury, ich wiſſe ihm Dank für dieſe Aufmerkſamkeit. „„Ah! Herr,“ antwortete mir der wackere Mann mit Thränen in den Augen, „es iſt das Wenigſte, daß man Aufmerkſamkeiten gegen Madame hat . Sie iſt ſo gut gegen uns! Der Herr weiß nicht, was ſie einſt zu uns geſagt hat?““ „„Nein was hat ſie Euch geſagt?““ 21¹⁵ „„Es war zwei Tage nach der Verheirathung des Herrn mit Madame .. Sie hatte Frangoiſe erſucht, die Wäſche, welche auszubeſſern wäre, für ſie auf die Seite zu legen. Ich befand mich in der Küche, und Madame ſagte zu uns: „Meine Freunde, wir müſſen uns mit einander verſtändigen und unſer Beſtes thun, damit Herr Dupleſſis zufrieden iſt . . . Ich bin hier Eure Gefährtin geweſen das vermehrt meine Freundſchaft gegen Euch und meine Dankbarkeit gegen Herrn Dupleſſis . . . Seien wir Alle glücklich, indem wir ihn glücklich machen . . Das iſt der einzige Be⸗ fehl, den ich Euch zu geben habe.““ „Mein Freund, der vollkommene Tact meiner Frau hat auch zur Folge, daß unſere Dienſtboten, weit ent⸗ fernt, eiferſüchtig auf ſie zu ſein, ſie lieben. „Ich will Dich nun mit der Verwendung unſerer Tage bekannt machen. „Claudine, ſobald ſie aufgeſtanden iſt, beſpricht ſich mit Frangoiſe über unſere Mahlzeiten, unterfucht die Wäſche des Hauſes, beſchäftigt ſich noch mit andern Einzelnheiten unſerer Wirthſchaft und vertheilt das Futter unter die Hühner unſeres Geflügelhofes; ihr Leben ſoll fortan unverſehrt bleiben, ich habe es ver⸗ ſprochen, und wir werden von ihnen in Zukunft nur noch ihre Eier fordern. Ich verſichere Dich, es iſt ein anmuthiges Gemälde, dieſes liebe Kind, das im⸗ mer noch zierlich als Bäuerin gekleidet iſt, in eine Ecke ſeiner Schürze den Haber ſchöpfen zu ſehen, den es ſeiner kleinen Menagerie zuwirft. Ich gebe ſodann Claudine ihre Lection im Leſen und im Schreiben; ſie macht erſtaunlich raſche Fortſchritte, ſie fängt ſchon an geläufig zu buchſtabiren, bildet leidlich ihr Ge⸗ und iſt mit den Elementen des Rechnens ver⸗ raut. „Mein Freund, muß ich Dir ſagen, daß ich dieſe Lectionen ſo anziehend, ſo heiter als möglich mache? 2¹6 Die Fehler, welche Claudine beim Buchſtabiren begeht, die ſeltſame Zuſammenſtellung von Buchſtaben, die un⸗ regelmäßige Figur der Charaktere, die ſie mit einer noch unerfahrenen Hand zeichnet, geben uns Beide viel zu lachen, und iſt dann unſer Anfall von Heiterkeit vorüber, ſo ſagt ſie mit ihrer ſanften Stimme zu mir: „Väterchen ſoll ſehen, daß es ſein Kind dies⸗ mal beſſer machen wird.““ „Nach den Lectionen frühſtücken wir, dann unter⸗ nehmen wir, wie auch das Wetter ſein mag, unſern Spaziergang, denn durch den ſandigen Boden des Wal⸗ des von Chantilly find die Baumgänge immer trocken, und hätte es auch in Strömen geregnet. „Während dieſer langen Spaziergänge, die meine Frau eben ſo ſehr liebt als ich, gefalle ich mir darin, nach den Lehren Deiner Mutter, die ich leider einſt alberner Weiſe in Riballiére befämpfte, ich gefalle mir darin, ſage ich, dieſem theuren Kinde das Bewußtſein und die Kenntniß der Herrlichkeiten der Natur zu ge⸗ ben. Ein durch die bleichen Winternebel gleitender Lichtſtrahl, die Abnahme der Nuancen eines in durch⸗ ſichtige Dünſte gebadeten fernen Horizonts, die impoſante Maſſe der Wolken, die ſich an der Unermeßlichkeit des Himmels, hier düſter, dort mit Purpur und Gold be⸗ franſt, enthüllen; die ſtrenge Silhouette der ihrer Blät⸗ ter beraubten hundertjährigen Bäume des Waldes, das Spiegeln der Sonne bei ihrem Untergange auf den ruhigen Waſſern der Teiche; die unabläſſigen Spiele, die beſtändigen Gegenſätze von Schatten und Licht; die tauſend Anſichten der Schöpfung, erhabene auf jedem Schritte verſchwendete Gemälde, kurz, die Natur, das iſt der tägliche Gegenſtand unſeres Studiums und unſerer Bewunderung!! Die Seele und der Geiſt von Claudine ſind dergeſtalt geöffnet für die Auffaſſung des Schönen, daß ſie dieſe Wunder mit Entzücken be⸗ trachtet und würdigt. „„Wenn man bedenkt, daß ich Alles dies ſah, 217 ohne es zu ſehen!““ ruft von Zeit zu Zeit Clandine in ihrer kreuherzigen Extaſe aus. „Gutes Väterchen, das ſein Kind überall leſen lehrt wie in den Büchern!““ „Der Betrachtung der Schönheiten der Natur füge ich einige Anfangsgründe der Geologie, der Botanik und der Naturgeſchichte bei. Der Frühling wird in dieſem Jahre ſehr bald eintreten; ſchon faͤngt die in der Arbeit begriffene Natur auf allen Seiten an her⸗ vorzubrechen; einige Inſecten ſummen, und die Vögel laſſen ihre erſten Lieder hören. Wir machen häufig unſere Ausflüge nach den Kalkfelſen der Inſel Moleton. Du begreifſt, mein Freund, die neuen Entzückungen von Claudine, wenn ich ihr hinſichtlich dieſer Felſen ſo einfach als möglich die verſchiedenen Phaſen der Bildung des Erdballs erkläre, wenn ich ihr die be⸗ wunderungswürdige Regelmäßigkeit der Geſetze vor⸗ ſtelle, welche bei dem Entſtehen der Pflanzen und bei der Entwickelung der belebten Weſen herrſchen. „Dieſe von meiner Frau mit einer ebenſo ernſten als verſtändigen Aufmertſamkeit angehörten Lehren wer⸗ den oft unterbrochen durch Exploſionen der Freude und des Glückes, die dem Herzen dieſes theuren Kindes ent⸗ ſtrömen; dann hüpft und ſpringt ſie wie ein junges Reh und macht herrliche Lauſpartieen mit Liſette, der beſtändi⸗ gen Gefährtin unſerer Spaziergänge; nach dieſen un⸗ ſchuldigen Tollheiten, denen ich lächelnd mit dem Blicke folge, läuft Claudine, die Wange belebt, das Auge ſtrahlend, im Geſichte das Gepräge einer unausſprech⸗ lichen Zufriedenheit, zu mir zurück. „„Väterchen,“ ſagt ſie zu mir, „Sie müſſen Ihrem Kinde verzeihen, es iſt ſo glücklich durch Alles das, worüber Sie es belehren! ohi ſehen Sie .. ſo glücklich, daß es zuweilen toll wird .. Dann kann es nicht am Platze bleiben, es muß laufen, ſpringen, ſich umher tummeln .. In ſolchen Angenblicken glaubt es, es habe Flügel wie ein Vogel.““ 218 „„Du biſt alſo glücklich, theures Kind?““ erwie⸗ dere ich, „ſehr glücklich?““ „Claudine antwortet mir nach ihrer Gewohnheit dadurch, daß ſie mir mit einer Miſchung von Zärtlich⸗ keit, Ehrfurcht und Dankbarkeit die Hände küßt, was mich immer tief rührt. Dieſe vier⸗ bis fünſſtündigen Spaziergänge üben, abgeſehen von der Belehrung, einen vortrefflichen Ein⸗ fluß auf die Geſundheit von Claudine. Die harten Entbehrungen, ohne die Ruhe und die Pflege, die ſie heilſam machen, eine fortwährend ſitzende Arbeit, mit einem Worte, die traurigen Nothwendigkeiten ihrer frü⸗ heren Exiſtenz hatten die Conſtitution von Claudine, ohne ſie gerade anzugreifen, zart und ſchwächlich ge⸗ macht; ich bemerke auch jeden Tag mit Freuden, daß ſchon die friſchen Farben der Geſundheit ihrem Teint mehr roſigen Glanz verleihen; ſie ſcheint ſich zu ſtär⸗ ken, zu entwickeln; die außerordentliche nervöſe Em⸗ pfindlichkeit, von der ich oft mit Dir geſprochen, be⸗ ſänftigt ſich und wird mehr moraliſch als phyſiſch, wenn ich mich ſo ausdrücken darf; meine Frau iſt im⸗ mer weniger den unwillkürlichen Schrecken, verurſacht durch ein unvorhergeſehenes Geräuſch, unterworfen. Aber gewiſſe rein moraliſche Bewegungen machen im⸗ mer noch, daß ſie erbleicht und zittert. . „Wir kehren oft ſehr müde, jedoch ſtets mit leich⸗ tem Herzen zurück; wir ſpeiſen mit Appetit, dann zie⸗ hen wir uns in meine Bibliothek zurück, und hier fan⸗ gen unſere Abendlecturen an, welche immer ſo ungeduldig von Claudine erwartet werden, weil ſie ihrer unerſätt⸗ lichen Begierde, zu lernen und zu wiſſen, entſprechen. „Mein lieber Jean, Du haſt mir jenen Gefäng⸗ nißabend beſchrieben, einen rührenden Abend, an wel⸗ chem Ihr, Deine Mutter, Du und Deine Freunde, ängſtlich, reiflich meine Heirathspläne erwoget und er⸗ örtertet, welche von Euch ſodann angenommen wurden unter der von Deiner Mutter mit ihrem gewöhnlichen 2¹9 Scharfſinne zuſammengefaßten Bedingung: „„Daß ich mit Clandine zu plaudern wiſſe, und daß ich ihr nicht nur das Wohlbehagen, ſondern auch das Brod der Seele gebe.““ „Du ſiehſt, ich bin bemüht, dieſe Bedingung zu erfüllen, und um meine Erzählung in dieſer Hinſicht zu vervollſtändigen, erlaube mir, mein Freund, Dir noch einige Details über unſere Abende zu geben, welche, wie ich glaube, durchaus Eure aus den erhabenſten Geſühlen geſchöpften Wünſche verwirklichen.“ XI. „Mein lieber Jean, Du wirſt einem unſerer Abende beiwohnen; einem derſelben beiwohnen heißt allen bei⸗ wohnen, denn unſer Leben verläuft in einer ſüßen Einförmigkeit. „Meine Bibliothek iſt ein ziemlich großes Zimmer, mehr lang als breit, beleuchtet durch ein einziges auf den Garten gehendes Fenſter; dieſem Fenſter gegen⸗ über, am andern Ende des Cabinets, ſindet ſich der Kamin; auf beiden Seiten des Spiegels hängen die Portraits meines Vaters, meiner Mutter und meiner Großmut⸗ ter; die Seitenwände verſchwinden unter Bücherkäſten von ſchwarzem Holz, verziert mit vergoldeten Bronze⸗ ſtäbchen; alle meine Bücher ſind roth eingebunden und nehmen dieſe Fächer ein; auf jeder Seite des Fenſters ſtehen zwei Meubles von altem Boule, eine Erbſchaft von meiner Großmutter; auf dem Marmor dieſer zwei Meubles ſind chineſiſche Figürchen, ſo wie Porzellan von Sovres und von Sachſen, die meine Großmutter ganz beſonders liebte, an einander gereiht; über dieſen Meu⸗ bles hängen einige vortreffliche Paſtelle von Latour in * 22⁰ ihren eirunden, künſtlich ausgearbeiteten Rahmen; die Tapete, die Vorhänge, der Teppich der Bibliothet ſind ponceauroth; ich habe dieſe Farbe, welche die Vergol⸗ dungen und die Gemälde beſonders hervorhebt, immer ungemein geliebt. „Bei dieſem Anlaß, mein lieber Jean FWet⸗ öffne ich eine Parentheſe: in den erſten Tagen unſerer Verheirathung und während unſerer Lectionen am Mor⸗ gen oder am Abend ſah ich zuweilen Claudine plötz⸗ lich beben und mit beinahe erſchrockenen Blicken um⸗ herſchauen; ihr ſanftes, freundliches Geſicht trübte ſich auf einen Augenblick, doch plötzlich ſchien ſie eine ge⸗ waltige Willensanſtrengung gegen ſich ſelbſt zu machen, und ihre Züge nahmen wieder ihren gewöhnlichen Aus⸗ druck an. „Endlich, eines Tags, bat ich zärtlich meine Frau, mir die Urſache dieſer vorübergehenden Gemüthsbewe⸗ gungen zu nennen. „Weißt Du, mein Freund, was ſie zuweilen be⸗ unruhigte und ihr einen unwillkürlichen Schrecken ver⸗ urſachte? „Das war die Farbe der Tapete, des Teppichs und der Vorhänge. „„Eine blutrothe Tapete,““ ſagte ſie. „Anfangs wollte ich dieſe Stoffe durch andere von einer weniger erſchrecklichen Farbe erſetzen, doch ich be⸗ fürchtete, ſo die zu lebhafte Reizbarkeit von Claudine zu ermuthigen, dennnicht ohne Grund dachte ich, meine Nachgiebigkeit in dieſer Hinſicht könne ihr an anderen Orten als bei mir nicht den unerwarteten Anblick die⸗ ſer Farbe erſparen, welche peinliche Gedanken in ihrem Geiſte erweckte. Ich ſchlug ihr jedoch vor, dieſe Ta⸗ pete zu wechſeln, während ich ihr zugleich die vorher⸗ gehenden Betrachtungen mittheilte; ihr natürlich ge⸗ ſunder Verſtand wußte ſie zu würdigen, ſie lachte am Ende über ihre tollen Schrecken, und nun iſt ſie völlig gewöhnt an die entſetzliche Farbe des Mobiliars in meinem Cabinet, deſſen Beſchreibung ich mit wenigen F e 22¹ Worten vollende, damit Du dort, mein Freund, uns hier ſiehſt. „Mitten in meiner Bibliothek findet ſich ein mit einem türkiſchen Teppiche bedeckter Tiſch, auf welchem ich ſchreibe und Claudine ihre Lectionen gebe; einer von den Ausgängen meines Cabinets führt in das Sveiſezimmer; die andere Thüre ſteht mit einem Zim⸗ mer in Verbindung, in welchem ich meine Inſecten, meine Mineralien und meine Kräuterſammlung auf⸗ bewahre; dieſes Zimmer hat einen Ausgang nach dem Garten; reckts vom Kamine ſteht mein Lehnſtuhl, daneben ein Gusridon von eingelegter Arbeit, auf das ich meine Lampe ſtelle und die Bücher lege, aus denen ich vorleſen will; links vom Kamin iſt eine Cauſeuſe, welche Claudine am Abend einnimmt, und davor ein Arbeitstiſch mit einem Körbchen, in welchem die Wäſche liegt, die ſie ausbeſſern ſoll, denn das liebe Kind hat ſich dieſe Sorge durchaus nicht abnehmen laſſen. „„Es iſt doch das Wenigſte, daß ich noch Ihre Nähterin bin,“ ſagt ſie. „Iſt der Abend gekommen, ſo fſiehſt Du uns, nicht wahr, mein lieber Jean? mich auf einer Seite des Kamins in einem Lehnſtuhle ſitzend, Claudine mir ge⸗ genüber, während Liſette, meine häßliche kleine Huͤn⸗ din, unſere treue Gefährtin auf unſeren Spaziergän⸗ gen, zu unſeren Füßen auf einem ſpeciell ihr geweihten Schaaffell ausgeſtreckt liegt; auf dem Gusridon zwi⸗ ſchen meiner Fran und mir ſtehend, läßt die Lampe, gedämpft durch einen grünen ſeidenen Deckel, das Ca⸗ binet beinahe ganz in einem Helldunkel, beleuchtet aber das Buch, das ich leſe, und die Nähterei meiner rau. „Außer dem Hauſe und in demſelben herrſcht eine tiefe Stille, wenn nicht im Winter der kalte Nord⸗ wind pfeift oder der Hagel unſere wohlgeſchloſſenen Läden peitſcht; dieſe Zeichen der Ungunſt der Jahres⸗ ——— 222 zeit ſcheinen unſern warmen behaglichen Winkel noch angenehmer zu machen .. „Oh! mein Freund, wie oft habe ich während die⸗ ſer Abende mit einer unausſprechlichen Rührung das ſanfte, frenndliche Geſicht meiner vor Glück ſtrahlen⸗ den, an der Ecke unſeres Kamins ſitzenden Frau be⸗ trachtet! „„Hätte ich ſie nicht geheirathet,““ ſage ich mir, „„zu dieſer Stunde würde vielleicht die Arme nach einer langen, undankbaren und reizloſen Arbeit in fin⸗ ſterer Nacht, mitten durch den Wald, bei Regen und Schnee nach Hauſe zurückkehren; tauſend Schrecken müßten ſie auf dem Wege belagern, und ſie würde end⸗ lich ihre traurige kalte Wohnung ſterbensmüde, ſchau⸗ ernd erreichen und vor Ermattung einſchlafen mit dem Gedanken, am andern Tage und an den folgenden Ta⸗ gen, und ſo fort bis zum Ende ihres, vielleicht langen, Lebens werde ſie dieſelben Qualen, dieſelben Entbeh⸗ rungen zu erdulden haben!““ „Nun! mein Freund, von dieſem ergreifenden Con⸗ traſte zwiſchen dem, was ſie durch mich iſt, und dem, was ſie ohne mich wäre, hat Claudine das Bewußtſein mehr noch vielleicht als ich, denn es ver⸗ geht kein Tag, ohne daß ſie mit innigem Erguſſe zu mir ſagt: „„Mein Gott! Väterchen, wie glücklich iſt Ihr Kind!““ „Ich habe Dir, ſo zu ſagen, die materielle Seite unſerer Abende geſchildert; nun ein paar Worte über ihren moraliſchen Anblick. „Ehe wir unſere ernſte Lecture beginnen, und wäh⸗ rend ich den Kaffee nehme, leſe ich das Journal des Débats, auf das ich abonnirt bin, wie es meine Großmutter war; die Pariſer Neuigkeiten beluſtigen ungemein Claudine, ohne indeſſen je in ihr den Wunſch, die große Stadt zu ſehen, erregt zu haben; ich 223 übergehe nur mit Stillſchweigen die tragiſchen Aben⸗ teuer, um die übermäßige Empfindlichkeit des lieben Kindes zu ſchonen; einmal habe ich ihr den Bericht uber einen Raub, mit dem ein Mord verbunden war, vorgeleſen; plötzlich erbleichte ſie, ſetzte ſie ſich raſch auf ein Tahouret zu meinen Füßen, um näher bei mir und gleichſam unter meinem Schutze zu ſein, und zehn Nächte hindurch war ſie von entſetzlichen Träumen gequält „Dieſe Lecture erhält mich übrigens auf dem Lau⸗ fenden in den Neuigkeiten des Tags, ſo gleichgültig ich gegen die allgemeine Politik bin. Ach! mein Freund, meine Politik faßt ſich zuſammen in dem Worte: Amneſtie, und jeden Tag ſuche ich in meinem Journal mit einer beſtändig getäuſchten Hoffnung die Verkündigung dieſer Maßregel der Milde, welche Dir und unſeren Freunden die Freiheit wiedergeben würde! Iſt die Leſung der Débats beendigt, ſo trägt Maurh den Kaffee ab, und Claudine ſetzt ſich an ihre Nähterei; dann leſe ich ihr zuweilen einen von den bewunderungs⸗ würdigen Reiſeberichten von Levaillant vor, welche ſo poetiſch wie eine Epopöe, ſo wechſelreich wie ein Ro⸗ man und ſo belehrend wie die Wiſſenſchaft; mit dieſer Lecture verzweigen ſich, wenn ich mich ſo aus⸗ drücken darf, andere nicht minder intereſſante Lecturen; die Scene ereignet ſich, zum Beiſpiel, in Africa: „„Wo liegt Africa?““ fragt mich Claudine. „„Was iſt Africa?““ „Ich nehme einen Atlas, ich breite ihn auf dem Tiſche aus, und ich gewöhne das liebe Kind daran, auf der Landkarte die Lage, die Geſtalt der verſchiedenen Theile der Welt zu erkennenz; dann öffne ich ein geo⸗ graphiſches Lericon und gebe Claudine die ſummari⸗ ſchen Begriffe von Africa. „Levaillant beſchreibt eine Elephantenjagd oder eine Straußenjagd; ich nehme meinen Buffon, ich leſe die anziehenden Blätter des unſterblichen Schriftſtellers —— 224 über den Elphanten oder den Strauß und unterichte ſo meine Frau in den erſten Elementen der Natur⸗ geſchichte. „Levaillant ſchildert eine von den herrlichen tro⸗ piſchen Nächten, in welchen die Geſtirne, und unter anderen das Kreuz des Süden wie Diamanten am Him⸗ mel funkeln; ich ſtelle auf meinen Tiſch eine Himmels⸗ kugel, ich ſetze nach meinen beſten Kräften Claudine den wunderbaren Mechanismus des Laufes der Sonne aus einander, und ſie erlangt ſo einige erſte Kenntniſſe in der Aſtronomie. Du begreifſt, mein Freund, welche unerſchöpfliche Schätze die Naturwiſſenſchaften, die Geo⸗ graphie, die Geſchichte, die Reiſen dieſem naiven und wißbegierigen Verſtande bieten. „Nachdem wir in Africa oder in anderen nicht minder intereſſanten Ländern eine Stunde gereiſt ſind, denn meine Bibliothek iſt reich an Reiſebeſchreibungen, bringe ich Abwechſelung in unſer Vergnügen, und wir leben in den vergangenen Zeiten: ich leſe Claudine das Leben irgend eines großen Mannes von Plutanch vor, — eine bewunderungswürdige Erzählung, ſo einfach, ſo wahr, ſo menſchlich, daß man die Helden handeln zu ſehen und ſprechen zu hören glaubt; mit dieſer Lecture verzweigen ſich wiederum Begriffe von der alten Geſchichte. Ein ander Mal leſe ich eine Erzählung von Auguſtin Thierry über die erſten Zeiten unſerer vater⸗ ländiſchen Geſchichte, farbenreiche, pittoreske, ergrei⸗ fende Erzählungen, reich an intereſſanten Einzelnhei⸗ ten über die Sitten, über das innere Leben unſerer Väter, und über ihre verſchiedenen geſellſchaftlichen Verhältniſſe. „Claudine lernt ſo, wie unſere Voreltern, die Gal⸗ lier, durch die Franken unterworfen, geknechtet, Jahr⸗ hunderte hindurch nach und nach als Sklaven, als Leibeigene oder Vaſallen der Herren und Könige die⸗ ſer fränkiſchen Race, welche von einem Gallien, un⸗ ſerem Mutterlande, fremden Urſprunge, gelebt haben; 2²5 wie die Froberung und ihre Folgen beſonders und immer anf den Bauern, dieſer unabläſſig ausgebeute⸗ ten, gepreßten, gequälten Race, dieſer enterbten Claſſe, von der Claudine abſtammt, gelaſtet haben; ſie iſt auch, wenn ich ihr zuweilen die gräßlichen Schmerzen der Leibeigenen und Vaſallen ſchildere, tief ergriffen, ſie ſchauert und weint, als hörte ſie die Geſchichte ihrer Familie erzählen! „Nachdem wir ſo in den entfernten Ländern ge⸗ reiſt find und dann in der Vergangenheit gelebt haben, beſchließen wir unſern Abend durch das Schauſpiel; denn ich beſitze, ohne von den Claſſikern zu reden, eine ziemlich vollſtändige Sammlung von Theaterſtücken. Mein Freund, Dir die Freude, die Verwunderung des lieben Kindes bei der Darſtellung dieſer Perſonen zu ſchildern, die ich ſo wahr, ſo lebendig als möglich zu machen juche, indem ich ihnen beim Leſen den Ton und den Charakter ihrer Rolle gebe; Dir zu ſchildern, mit welcher Begierde ſie mir zuhört, mit welchem In⸗ tereſſe ſie den Veränderungen und Wechſelfällen des Drama's folgt, Dir ihr treuherziges, naives Gelächte bei den luſtigen Situationen, ihre Gemüthsbewegung, ihre Thränen bei den rührenden Situationen, Dir, mit einem Worte die beſtändigen Entzuckungen dieſer unſchuldigen, verſtändigen, empfindſamen Natur zu ſchil⸗ dern wäre mir nicht möglich. „Was ſoll ich Dir ſagen, mein lieber Jean? ſo köſtlich ausgefüllt, verlaufen unſere Abendſtunden mit einer ſo unglaublichen Geſchwindigkeit, daß es oft zu unſerem großen Erſtaunen Mitternacht ſchlägt; denn ich fordere, daß ſich Claudine gewöhnlich um zehn Uhr zu Bette legt; die Strapaze unſerer langen Spazier⸗ gänge und die verzehrende Thätigkeit ihres immer ge⸗ ſpannten, immer arbeitenden, immer wachen Geiſtes machen ihr die Rube und den Schlaf doppelt noth⸗ wendig. Gott ſei Dank, ſie hat den friedlichen, tie⸗ fen Schlaf eines Kindes. Fernand Dupleſſis. IV. 15 2²6 „Kannſt Du Dir nun, mein Freund, eine mit der unſeren vergleichbare Glückſeligkeit vorſtellen? Und dieſe Glückſeligkeit verdanken wir den vortrefflichen Rathſchlägen Deiner Mutter. „Er muß,““ hat ſie geſagt, und ich vermöchte es nicht zu oft zu wiederholen. „„er muß Claudine das Leben der Seele geben.““ „Ah! mein Freund, dieſer Rath offenbart eine tiefe und bewunderungswürdige Kenntniß der menſchli⸗ chen Seele; wie ſehr wird er durch die Ausübung gerecht⸗ fertigt! Was wäre ohneunſere ſüßen Beſchäftigungen aller Augenblicke mein Leben und das meiner Frau geweſen, trotz des Wohlbehagens und der Zärtlichkeit, womit ich ſie umgeben hätte? was wären die Gegenſtände unſerer Geſpräche geweſen? wie ſie zu mir heranzie⸗ hen oder zu ihr hinabſteigen? mit einem Worte, wie Deine Mutter mit ſo tiefem Verſtande ſagte: wie Claudine mit mir in's Vertrauen ſetzeu? ſie plau⸗ dern machen, ſo das Eis brechen? die durch die Ver⸗ ſchiedenheit der Lebenslage, durch die Altersverſchie⸗ denheit, und ſogar durch die Ehrfurchl und die Dank⸗ barkeit zwiſchen uns beſtehende Kluft ausfüllen? „Erinnerſt Du Dich, mein lieber Jean, unſerer Discuſſionen in Riballiere in Betreff der Erziehung, des Geſchmacks für die Wiſſenſchaften und Künſte, womit Ihr, Deine Mutter und Du, dieſe armen, der Unwiſſenheit, der Verdumpfung, dem Elend, der Noth⸗ wendigkeit einer unabläſſigen, erdrückenden Arbeit preis⸗ gegeben und der göttlichen Freuden der Intelligenz enlerbten Geſchöpfe begaben wolltet? Ihr behauptet es, der Unterricht erhebe, beſſere das Menſchengeſchlecht. Ich nahm damals Eure Worte mit einem albernen Spotte auf; ich antwortete mit elenden Sarkasmen, mit traurigen Sophismen, geſchöpft aus dem Egois⸗ mus und der Hoffart meiner Lebenslage, welche über der dieſer Unglücklichen. Wer mir damals geſagt hätte, ich werde eines Tags Cure weiſen Marimen zu meinem Glücke und beſonders zu dem des liebens⸗ 227 würdigen Kindes, dem ich mein Leben geweiht, aus⸗ üben! Ah! Ihr habt Euch gerächt, wie ſich edle Her⸗ zen rächen! Ihr habt mir geſagt: „„Du haſt das Gute geleugnet Du wirſt das Gute thun und Du wirſt glücklich ſein!““ „Ja. die Erziehung beſſert, erhebt das Menſchen⸗ geſchlecht! Ohne etwas von ihren angeborenen guten Eigenſchaften zu verlieren, ohne ſich weniger ſorgfäl⸗ tig bei den Details der Haushaltung und als eine min⸗ der fleißige Arbeiterin zu zeigen, erlangt Claudine jiden Tag einen neuen Werth; ihr Urtheil reift, ihre Vernunft bildet ſich, ihr Geiſt entwickelt ſich, ihre Sprache verwandelt ſich, ihre Gedanken formen ſich mit aller Zartheit; Alles, bis auf ihre außerordent⸗ liche, faſt krankhafte Empfindlichkeit beruhigt, beſänf⸗ tigt ſich allmälig durch das Nachdenken und die Ueber⸗ legung. 3 „Höre, Jean, ich verberge Dir dieſe Schwäche nicht. vergib ſie mir: Ich fühle mich zu glücklich! „Ja, manchmal erſchreckt mich ſo viel Glück! „Wo ſfind meine Anſprüche, daß ich es verdiene? „Nach grauſamen Qualen, die ich meinen ſchlim⸗ men Leidenſchaften zu verdanken hatte, zog ich mich, ohne den Eitelkeiten, über die mir endlich die Augen auf⸗ gegangen waren, das geringſte Bedauern zu ſchenken, in eine beſcheidene, lachende Einſamkeit zurück, wohin mir Deine unwandelbare Freundſchaft folgte; ich ver⸗ langte vom Studium Tröſtungen, und es verſchwendete ſeine Schätze an mich! Ich hörte auf Deine Rath⸗ ſchläge, auf die Deiner Mutter! Was kann leichter und reizender ſein, als auf Räthe zu hören, wie Ihr ſeid? Ich intereſſirte mich für dieſes Mädchen „ich hatte nur einen Zweck: ſein Glück. Und dieſes Glück, das Claudine genießt, macht mich zum glücklichſten Menſchen. Ich zähle vierzig Jahre, habe beinahe weiße Haare, und ich bin geliebt, ja S von 228 einem kaum ſiebenzehn Jahre alten Kinde, deſſen Un⸗ ſchuld, deſſen Anmuth, deſſen reizendes Geſammtweſen das, was ihm an regelmäßiger Schönheit fehlt, mehr als erſetzen. Ich entwickele den Verſtand dieſes Kin⸗ des, ſeine Fortſchritte bereiten mir köſtliche Genüſſe, und bei jeder Gabe, die es erlangt, ſehe ich ſeine Dankbarkeit und ſeine Zärtlichkeit gegen mich zunehmen. „Ich ſage Dir, mein Freund, ich bin zu glücklich; zuweilen erſchreckt mich dieſes Glück, weil es mir we⸗ niger verdient, als uſurpirt zu ſein ſcheint. „Nein, nein, ich bin ein Narr, dieſes Glück, ich verdanke es Deinem heilſamen Einfluſſe, dem Deiner Mutter und unſerer Freunde. Nein, es iſt nicht uſur⸗ pirt, ſondern legitim . da es aus der Ausübung des Gerechten und Guten entſpringt! Dieſer letztere Ge⸗ danke ſtärkt mich und gibt mir das Bewußtſein mich, nicht in mir, ſondern in Euch, meine Freunde, ver⸗ herrlichen zu können! „Lebe wohl, mein lieber Jean, das iſt ein ſehr langer Brief, doch er faßt mein neues Leben zuſam⸗ men, und ich kann nun entſchloſſen verſichern: die Zu⸗ kunft wird die Gegenwart nicht Lügen ſtrafen. „Du wirſt Deiner vortrefflichen Mutter und unſe⸗ ren Freunden die Einzelheiten, die ich Dir über Clau⸗ dine gebe, mittheilen, und ſie werden ſie, wie ich glaube, mit dem Intereſſe leſen, das ſie Allem gewähren, was mich betrifft. „Noch einmal, Gott befohlen, mein Freund; wie⸗ derhole Deiner Mutter den Ausdruck meiner ehrfurchts⸗ vollen Ergebenheit und meiner unveränderlichen Dank⸗ barkeit; drücke unſeren Freunden die Hand, und glaube mir, daß ich brüderlich der Deinige bin. „Fernand Dupleſſis.“ 229 XII. 17. Mai 1841. Freuden des Himmels! Claudine iſt Mutter! Ich öffne wieder mein Tagebuch, um das Datum dieſes beglückten Tages einzuſchreiben. Claudine iſt Mutter! Was mich bei dieſem Gedanken erfaßte, gränzt an ein religiöſes Gefühl. Ich begreife die ganze Größe des heiligen Wor⸗ tes: Vaterſchaft. Mein Gott! Clandine und mich in einem Kinde wiederaufleben ſehen! Unſere beiden Leben in dem ſein igen vereinigt! Ein Kind! die lebendige Zukunft, die Zukunft unter der reizenden Geſtalt dieſes kleinen Weſens, das uns zulächelt! Ein Kind! die Freude des Hauſes! die Hoffnung, der Troſt, der Stolz des Alters. Ein Kind! die heilige Weihe der Liebe. Dir, mein Gott! ſo viel Glück erſchreckt mich! . 5 Nein, nein, keine leere Angſt! Dieſes Glück iſt allerdings groß, doch die Pflich⸗ ten, die es mir auferlegt, ſind ſie nicht auch ſehr groß? Oh! ja, ſie find groß, ich fühle es an den tauſend Sorgen, die mich ſchon belagern! Wie viel Unbekanntes, wie viel Unvorhergeſehenes im Daſein dieſes Kindes von ſeiner Geburt bis zu dem Tage, wo es nach der Natur der Dinge die Augen ſchließen ſoll! Ja, durch eine gerechte Rückkehr zur Vergangen⸗ heit din ich ſchon ſo weit, daß ich es beklage, meinen Reichthum ſo toll verſchleudert zu haben. 230 Wie glücklich wäre ich geweſen, mir ſterbend ſagen zu können: „Mein Kind wird reich ſein es wird alle Güter dieſer Welt genießen.“ Wer weiß jedoch? Vielleicht hätte es wie ich einen ſchlechten Ge⸗ brauch von dieſen Gütern gemacht! Vielleicht hätte es wie ich grauſame Prüfungen zu erdulden, und es fände nicht wie ich unſchätzbare Freunde, fähig, es aus dem Abgrunde zu ziehen, in den es ſeine ſchlimmen Leidenſchaften geſtürzt hätten! Ja, vielleicht iſt es beſſer für dieſes Kind, wenn es frühzeitig die Nothwendigkeit der Arbeit einſieht der Arbeit, dieſer ſicheren Schutzwache gegen alle unglückliche Hinreißungen. Ueberdies werden durch mein mäßiges Erbe die Mutter und das Kind, was auch geſchehen mag, vor der Noth geſchützt ſein. Iſt es ein Sohn, ſo gebe ich ihm eine Erziehung, die ihn ſicher zu einem ehrenhaften Gewerbe führt. Die Erziehung der Polytechniſchen Schule ſcheint mir in dieſer Hinſicht alle wünſchenswerthe Bedingungen zu vereinigen; überdies werde ich bei dieſem wichtigen Gegenſtand Jean zu Rathe ziehen. Iſt es eine Tochter, ſo gebe ich ihr eine beſchei⸗ dene Mitgift, welche jedoch hinreichend, um ihre Ver⸗ bindung mit einem redlichen, arbeitſamen und beſon⸗ ders ihrer Liebe würdigen Manne zu ſichern. Ah! ich habe durch mein Unglück die Convenienz⸗ heirathen und die Geldheirathen erprobt, und es iſt eine Neigungsheirath, der ich das getheilte Glück ver⸗ danke, welches ich zu dieſer Stunde genieße .. und meine Tochter wird heirathen .. Ich armer Narr, der ich bin! Dieſes Kind ſoll erſt geboren werden und ſchon ſehe ich es aus der Polytechniſchen Schule hervor⸗ gehen oder im Augenblicke ſeiner Verheirathung! Iſt das Narrheit? nein, das iſt weiſe Vorſicht⸗ Das iſt eine von den tauſend Sorgen, welche täglich 231 den Geiſt eines Vaters belagern, der durchbrungen iſt von der gewichtigen Verantwortlichkeit, welche auf ihm et laſtet. Mein Gott! welche unerſchöpfliche Freuden wer⸗ den wir, Claudine und ich, in der Erziehung dieſes theuren Weſens finden! Reizender Gedanke! Die von mir der Mutter gegebene Erziehung wird dieſe auf unſer Kind übertragen können, denn ich bin ebenfo erſtaunt, als entzückt über die Fortſchritte von Clau⸗ dtne. Sie lieſt nun geläufig; ſie ſchreibt auf eine leſerliche Art; ſie beſitzt ein wunderbares Gedächtniß, und ihre Kenntniſſe nehmen, ſo zu ſagen, augenſchein⸗ lich zu, und ehe unſer Kind das Alter des Lernens erreicht hat, wird ſie für daſſelbe eine vortreffliche Er⸗ zieherin geworden ſein. Es wird uns nicht verlaſſen unſer einfaches ländliches Leben wird ſeine Kräfte entwickeln; die geſunde Luft von Wald und Feld, die Spiele unter freiem Himmel werden es lebhaft und ſtark machen. Schon heute Abend werde ich anfangen Claudine den Emile von Rouſſeau vorzuleſen. Das iſt ein vollſtändiger Coder praktiſcher Erziehung. Madame Raymond und Jean hegten eine beſondere Bewunde⸗ rung für Emile! .. Vortreffliche Freunde! Wie wer⸗ den ſie an meiner Freude Antheil nehmen! Itſt dieſes Kind ein Mädchen, ſo wird es Clotilde heißen wie Madame Raymond, iſt es ein Knabe, ſo wird es Jean heißen dieſe von mir ſo geliebten, ſo verehrten Namen werden für mein Kind ein glückliches Vor⸗ zeichen ſein .. Ende des Tagebuchs. Brißliche Zronie des' Geſchic. Die letzten Worte „glückliches Vorzeichen 232 ſind geweſen und werden ſein die letzten von mir in mein Tagebuch geſchriebenen. Ein unvorhergeſehenes Ereigniß, ein tödtlicher Schlag mitten in meinen väterlichen Illuftonen be⸗ roffen! Ich bedarf eines großen Muthes, um dieſe Er⸗ zählung zu vollenden. Dieſen Muth werde ich haben. Die Moral, welche aus der Entwickelung meines Lebens hervorgehen wird . 6Gzu dieſer Stunde iſt mein Leben beendigt . ) iſt vielleicht eine nützliche Lehre für diejenigen, welche dieſe Denkwürdigkeiten leſen werden. Oh! ſie iſt verhängnißvoll, providentiel geweſen, die Sühnung meiner einſtigen grauſamen Selbſtſucht, die Sühnung des von mir vergoſſenen Blutes. Jean hatte mir geſagt: Die Tödtung von Ce⸗ ſarine iſt ein Verbrechen. Dieſes Verbrechen, entſprungen aus einem andern Verbrechen: meinem Verrathe gegen Hyacinthe, worauf das Verlaſſen von Ceſarine und unſerem Kinde folgte, dieſe Verbrechen ſind durch eine unerbittliche und ver⸗ diente Züchtigung beſtraft worden. Das Blut von Ceſarine, der Tod ihres Kindes haben um Rache gegen mich, gegen meine Frau und gegen mein Kind geſchrieen! Ankläger, Richter und Henker, habe ich Ce⸗ ſarine getödtet .. und acht Jahre nach dieſer bluti⸗ gen Erecution hat dieſer Mord, ja, die Thatſache die⸗ b Mordes allein, die Uebel verurſacht, die mich er⸗ drücken tödten Ja. dieſen letzten Schlag werde ich nicht überleben! . Luf Muth und vollenden wir dieſe Erzäßlung. 233 XIII. Am 17. Mai 1841, — Datum meiner unheilbaren Verzweiflung, — war mein Glück, da ich Claudine Mutter wußte, ſo groß, daß ich, wie dies bei wahn⸗ ſinnig glücklichen Menſchen der Fall iſt, das Bedürf⸗ niß fühlte, Jemand mein Glück anzuvertrauen. Ich dachte zuerſt an Jean, dann an den gewöhnlichen Ver⸗ trauten meiner guten und ſchlimmen Gedanken; mein Tagebuch. Mein Herz überſtrömte von Freude, ich fing an dieſe Blätter zu ſchreiben, in die ich die Gemüths⸗ bewegungen ergoß, welche in mir die Mutterſchaft von Claudine erweckte. Ich verſchloß gewöhnlich mein Tagebuch im Secre⸗ taire von meinem Schlafzimmer. Da meine Frau dieſen Morgen wie gewöhnlich von Haushaltungsgeſchäften in Anſpruch genommen war, ſo ging ich zuvor hinauf, um zu ſchreiben. So eben hatte ich die Worte ge⸗ ſchrieben, welche meinen Wunſch, unſerem Kinde den Namen von Jean oder ſeiner Mutter zu geben, aus⸗ drückten, die Worte: „Dieſe von mir ſo geliebten, ſo verehr⸗ ten Namen werden für mein Kind ein glück⸗ liches Vorzeichen ſein. Da kam mir der Gedanke, meiner Frau die von mir geſchriebenen Blätter mitzutheilen, damit ſie be⸗ urtheile, welche Freude mich erfülle. Als ich aus meinem Zimmer hinabging, begeg⸗ nete ich auf der Treppe Mauryz ich fragte ihn, wo meine Frau ſei? „Madame iſt in der Bibliothek,“ antwortete er mir; „ich brachte das Journal des Débats, das mir der Poſtbote übergeben hatte „ Madame hat es genommen, um es zu leſen!“ 234 „Seht die Stolze!“ ſagte ich lächelnd zu mir ſelbſt; „ſie fühlt ſich nun fähig, allein zu leſen Und ich wandte mich nach meinem Cabinet. In dem Augenblicke, wo ich die Thüre öffnete, hörte ich Claudine einen Schreckensſchrei ausſtoßen. Raſch trat ich ein; doch bei meinem Anblicke ent⸗ fiel meiner Frau das Journal des Débats, das ſie in der Hand hielt; ſie ſtieß einen zweiten Schrei aus, der noch erſchrecklicher als der erſte; dann lief ſie, leichenbleich vor Schrecken und wie von einem Schwindel befallen, aus meinem Cabinet ins Speiſe⸗ zimmer, von da in den Garten, eilte durch dieſen und verſchwand aus meinen Augen durch die Thüre, welche nach dem Walde ging. Unbeweglich und beſtürzt, als ich Claudine mit verſtörten Zügen bei meinem Anblick fliehen ſah, dachte ich Anfangs nicht daran, ihr zu folgen. Bald aber von unſäglichen, wachſenden Bangigkeiten ergriffen, ſtürzte ich ihr nach; und als ich die zum Walde füh⸗ rende Thüre erreichte, erblickte ich in ber Ferne meine Frau, welche mit aller Geſchwindigkeit ihren tollen Lauf auf einem der Wege des Waldes fortſetzte. Die Unglückliche hatte vor mir einen Vorſprung von kaum ein paar Minuten, doch ich mußte mich gewaltig an⸗ ſtrengen, um ſie einzuholen; ſie hörte die Annäherung meiner Schritte, und indeß ſie ihre Geſchwindigkeit und Energie verdoppelte, um mir zu entkommen, ſchaute ſie hinter ſich, um zu beurtheilen, welche Entfernung uns noch trennte. Oh! nie .. nie werde ich den Ausdruck von Verzweiflung und Schrecken vergeſſen, der in dem lei⸗ chenbleichen Geſichte von Claudine lesbar war. Nie werde ich vergeſſen, daß ſie in dem Augenblicke, wo ich nahe daran war, ſie zu erreichen, während ſie mir durch eine äußerſte Anſtrengung zu entkommen ſuchte, mit ven herzzerreißenden Tone der furchtbarſten Angſt ausrief: 235 „Zu Hülfe! .. Mörder! zu Hülfe! .. .“ Dann aber war jie erſchöpft durch den anſtrengen⸗ den Lauf, ihre Kräfte entſchwanden ihr vollends, ſie fiel mitten auf dem Wege auf die Kniee, ſank zuſam⸗ und als! ich bei ihr ankam, hielt ich ſie für odt . Dieſes ſchmerzliche Ereigniß und beſonders der letzte Schrei von Claudine: zu Hülfe! Mörder! waren mir unbegreiflich; ich dachte nur daran, ſie auf⸗ zuheben und zu mir nach Hauſe zu bringen. Ich nahm ſie in meine Arme und kehrte ſo ſchnell, als ich konnte, mit dieſer theuren und traurigen Bürde belaſtet nach meiner Wohnung zuruck; ihr Kopf ſtützte ſich auf meine Schulter, ihr Geſicht berührte zuweilen das meinige, ich fühlte, daß ihre Wange in einem kalten Schweiße gebadet war; von Zeit zu Zeit ſtemmten ſich ihre Glie⸗ der krampfhaft an; ihre Lippen bewegten ſich und ließen einige unverſtändliche Töne hervorgehen, dann verſank ſie wieder in eine völlige Lähmung. Ich ſah Maury und Frangoiſe mir entgegenlaufen; ſie hatten mich in Verfolgung von Claudine aus dem Garten wegeilen ſehen. Ich befahl meinem Bedien⸗ ten, ſich ſo ſchnell als möglich nach Chantilly zu be⸗ geben, auf der Poſt ein Cabriolet zu nehmen und ſchleunigſt einen Arzt zurückzubringen. Dann trug ich meine Frau mit Hülfe von Frangoiſe in mein Ca⸗ binet, und wir legten ſie Anfangs auf die Cauſeuſe, um ihr die erſte Pflege zu geben. Ich kniete bei ihr nieder; ihre krampfhaft zuſam⸗ mengezogenen Hände waren eiskalt, ihre Zähne an einander gepreßt, ihre Augen halb geſchloſſen und ohne Blick. Trotz ihrer Ohnmacht, drückte ihr ſanftes Ge⸗ ſicht immer noch einen tiefen Schrecken aus; von Zeit zu Zeit hob ein Seufzer ungeſtüm ihren Buſen. Fran⸗ Foiſe verlor völlig den Kopf und weinte heiße Thrä⸗ nen. Ich weinte auch. Ein kindiſcher Vorfall ver⸗ doppelte meine Thränen. Meine kleine Hündin, welche 236 meine Frau ungemein liebte, leckte ihre Hände, wäh⸗ rend ich ſie einige Tropfen engliſchen Eſſig einathmen ließ. Mochte nun dieſes Mittel ſeine Wirkung hervor⸗ bringen, mochte die Kriſe an Heftigkeit nachlaſſen, die Zähne von Claudine thaten ſich auseinander, und ich hörte ſie bald mit ſchwacher, ſtockender Stimme und einem Ausdrucke des Schreckens murmeln: „Blut auf dem Boden . Blut an den Wänden oh! überall überall Blut in dieſem Hauſe . Ich erinnerte mich, daß in den erſten Zeiten un⸗ ſerer Ehe die rothe Farbe des Teppichs und der Ta⸗ pete in meiner Bibliothek einen lebhaften Eindruck auf die Arme gemacht hatte, doch es war mir gelungen, bei ihr dieſes Gefühl einer unüberlegten, unbegründe⸗ ten Bangigkeit zu überwinden, und mehr als einmal ſcherzten wir ſpäter hierüber mit einander. Ich konnte nicht begreifen, warum ihr Geiſt aufs Neue von die⸗ ſem Umſtande ſo lebhaft betroffen war, denn obgleich ſie immer noch des Bewußtſeins beraubt ſchien, wieder⸗ holte ſie von Zeit zu Zeit mit leiſer Stimme und ſchauernd: „Blut „Blut überall im Hauſe!“ Ein Schimmer von Hoffnung ergriff meinen Geiſt, als ich am Fuße der Cauſeuſe das Journal des Débats liegen ſah, das den Händen von Claudine bei meinem Eintritte in das Cabinet entfallen war. Ohne Zweifel, ſagte ich zu mir, hat fie in dieſem Blatte die Erzählung von einem gräßlichen Morde geleſen, und ihre natürliche Reizbarkeit, vermehrt durch ihre Schwangerſchaft, ein Zuſtand, der die Intenfität aller Eindrücke bei den Frauen verdoppelt, wird ihr dieſen Anfall tollen Schreckens zugezogen haben. Da ich mir über dieſen für mich ſo wichtigen Gegenſtand Aufklärung verſchaffen wollte, ſo hob ich dieſes Journal auf und ſuchte gierig unter den Pariſer Neuigkeiten oder im Rechenſchaftsberichte der Tribunale, 237 durch welche Stelle Claudine von einem ſolchen Schrecken erfaßt worden ſein könnte. „Ach! ich brauchte nicht lange, um dieſe Stelle zu finden .. Ich wiederhole ſie hier in ihrer furchtbaren Ein⸗ eit. fach Leſer haben ohne Zweifel nicht vergeſſen, daß vor ungefähr acht Jahren Herr Fernand Du⸗ pleſſis, der ſeine Frau auf friſcher That des Ehe⸗ bruchs ertappte, mit eigener Hand dieſe, ſo wie ihren Mitſchuldigen töotete. Das große Vermögen der ver⸗ ſtorbenen Madame Dupleſſis wurde von ihr zwei von ihren ehemaligen Dienſtboten, einem Mohren Na⸗ mens Stephen und einer Mulattin Namens Auro ra, vermacht. Die Erben der Letzteren, welche kürzlich mit Tod abgegangen iſt, haben nun ihren Miterhen vor das Civilgericht der Seine citirt, um u. ſ. w. u. ſ. w. Es lag mir nichts an der Folge der Erzählung! Claudine hatte die Leſung nicht über dieſe erſten Zeilen: „Unſere Leſer haben ohne Zweifel nicht vergeſſen, daß vor ungefähr acht Jahren Herr Fernand Dupleſſis, der ſeine Frau auf friſcher That des Ehebruchs er⸗ tappte, mit eigener Hand dieſe, ſo wie ihren Mitſchul⸗ digen tödtete,“ fortſetzen müſſen. Ich begriff nun Alles. Das unglückliche Kind! Claudine, die ſo furcht⸗ ſam, ſo reizbar, ſo empfindlich, daß ein Nichts ſie zit⸗ tern machte: ſie, die das Leſen einer tragiſchen Erzäh⸗ lung nicht aushalten konnte! .. ſie, die in Ohnmacht gefallen war, weil ſie einen Vogel hatte tödten ſehen, ſie erfuhr plötzlich, ihr Gatte habe ſeine Hände in das Blut ſeiner letzten Frau und des Mitſchuldigen ihres Ehebruchs getaucht! Und dieſe entſtzliche Offenbarung hatte Claudine in dem Augenblicke überraſcht, wo ſie ſich Mutter fühlte, * 238 in dem ernſten Augenblicke, wo die Frauen doppelt empfinden, weil ſie für ſich und das Geſchöpf leben, das ſie in ihrem Schooße tragen ... Der Schlag, der die Mutter trifft „trifft auch das Kind. In meiner Verzweiflung wagte ich es nicht mehr, die Augen zu Claudine zu erheben. Ich hörte ihr ge⸗ waltſames, gepreßtes Athmen; dann murmelte zuwei⸗ len ihre geſchwächte Stimme die unſeligen Worte, den Ausdruck der ſiren Idee, welche ihren durch den Schrecken geſtörten Geiſt belagerte: „Blut! überall Blut im Hauſe!“ Mein Gott! einen Augenblick vorher beſchleunigte ich mit aller Ungeduld meiner beängſtigten Zärtlich⸗ keit den Moment, wo Claudine, aus ihrer Ohnmacht erwachend, mich erkennen würde ... Doch von der Ur⸗ ſache ihres Anfalls unterrichtet, bebte ich bei dem Ge⸗ danken an den erſten Blick, an das erſte Wort, das meine Frau, wieder zu ſich gekommen, an mich richten würde. Ja, das iſt gräßlich, das iſt erſchrecklich! In die⸗ ſem verzweifelten Augenblicke hätte ich, glaube ich, ge⸗ wünſcht, es würde ſich auf ewig ein Schleier über dem Geiſte dieſer Unglücklichen ausbreiten, damit ſie mich nie erkenne . . Ich ſchauerte, wenn ich nur an ihr Erwachen dachte ... Und dann welches Leben für ſie? Fortan ihre Tage in der Zurückgezogenheit einem Mörder gegenüber zubringen! Welche blutige Geſpen⸗ ſter würden nicht bei Tag und Nacht ihre erſchrecklich betroffene Phantaſie heraufbeſchwören! Wehe mir!! dieſe Bangigkeiten, dieſe Schrecken zu bekämpfen würde ich ohnmächtig ſein! Kaum war es mir gelungen, durch Vorſicht, Sorgfalt, vernünftige Erörterung einige von ihren kindiſchen Schrecken zu beſchwichtigen! . .. Wie konnte ich daran denken, den Abſcheu zu beſiegen, den ich ihr einflößte? „ In dieſe Betrachtungen verſunken, wagte ich es, Claudine anzuſchauen; ihre immer halb geſchloſſenen 239 Augen waren trocken; ihre Anfangs kalten Hände wur⸗ den brennend; ihr zuvor leichenblaſſes Geſicht war purpurroth von der Gluth eines hitzigen Fiebers; zu⸗ weilen bewegten ſich ihre trockenen Lippen, doch ſie ſprach kein Wort mehr. Ich hielt es für klug, ſie in Erwartung des Arztes zu Bette zu bringen, was ich auch mit Hülfe von Frangviſe that. Von Zeit zu Zeit preßte ſie maſchinenmäßig ihre Hände an ihre Stirne, wo der Sitz ihres Schmerzes zu ſein ſchien; dann ſtieß ſie einige klägliche Seufzer aus, doch das Bewußtſein kam nicht wieder. „Herr,“ ſprach Frangoiſe zu mir, „reden Sie doch mit Madame, vielleicht wird ſie Ihre Stimme erkennen.“ Ich fürchtete ſo ſehr das Erwachen von Claudine, daß ich zögerte, den Verſuch zu machen, daſſelbe zu veran⸗ laſſen; ich neigte mich indeſſen gegen ſie und ſagte mit einer durch die Thränen gehemmten Stimme: „Claudine Claudine hoörſt Du mich, lie⸗ bes Kind?“ Sie antwortete mir nicht; ihre Züge behielten ihren ſchmerzlichen Ausdruck, und bald floß ein bren⸗ nender Schweiß über ihr Geſicht. Ich fragte mich, ob dieſes Symptom günſtig oder ungünſtig ſei, als endlich der Arzt kam. Ich glaubte ihm nichts verber⸗ gen zu müſſen, geſtand ihm die Urſache der erſchreck⸗ lichen Gemüthserſchütterung, in deren Folge meine Frau das Bewußtſein verloren hatte, und fügte einige Einzelheiten über ihre übermäßige Empfindlichkeit bei, welche ohne Zweifel durch ihre Schwangerſchaft noch geſteigert ſei. Der Arzt, nachdem er Claudine unterſucht und ihr den Puls gefühlt hatte, ſchien ſehr beſorgt; er war nach der Gewohnheit der Aerzte auf dem Lande mit einem Apothekerkäſtchen verſehen und bereitete ſchleu⸗ nigſt einen Tranf. Immer mehr beunruhigt, drückte ich ihm meinen Wunſch aus, auf der Stelle den beſten 2⁴0 Arzt von Paris kommen zu laſſen, der ſich mit ihm berathen ſollte. „Mein Herr,“ erwiederte er mir, „ich hätte Ihnen ſchon dieſe Maßregel vorgeſchlagen, um meine Ver⸗ antwortlichkeit ſicher zu ſtellen, doch ich befürchte, daß es leider zu ſpät iſt . Man braucht mehr als zwölf Stunden, um nach Paris zu gelungen und von da wieder zurückzukommen, angenommen, man finde den Arzt zu Hauſe, und er willige ein, auf der Stelle ab⸗ zureiſen .. Der Trank, den ich bereite, kann indeſſen eine heilſame Wirkung hervorbringen. Wird dieſe glückliche Wirkung hervorgebracht, ſo darf ich gute Hoffnung haben, und ich werde Sie ſelbſt erſuchen, ſo bald als möglich einen meiner ausgezeichnetſten Collegen von Paris hierher zu berufen.“ Die Bemerkungen des Arztes ſchienen mir ver⸗ nünftig, ich fügte mich und erwartete die Wirkung des Trankes mit einer unausſprechlichen Angſt. Daß der Zuſtand von Claudine ſo beunruhigend, hatte ich nicht vermuthet; ich hielt mich für das Spiel⸗ zeug eines gräßlichen Traumes. Eine Stunde vorher noch voll Leben und Geſundheit, war ſie nun ſterbend. Sie nahm, ohne das Bewußtſein von dem zu haben, was ſie that, ein paar Löffel voll von dem Tranke, den der Arzt bereitet hatte. Ich unterſtützte den ge⸗ lähmten Kopf der Armen, und indem ich mit allen Kräften meiner Seele eine gluckliche Wirkung des Trankes wünſchte, der ſie zu ſich zurückrufen konnte, dachte ich zugleich mit einer unausſprechlichen Angſt an ihren erſten Blick, an ihr erſtes Wort, wenn ſie wieder zum Bewußtſein käme. Nach mehreren Minuten ſtillſchweigender Erwar⸗ tung ſagte mir der Arzt, traurig den Kopf ſchüttelnd: „Der Trank wirkt nicht . das Blut ſtrömt fort⸗ während gegen vas Gehirn; verſuchen wir es mit einem Aderlaß.“ Das Geſicht von Claudine war in der That pur⸗ 241 purroth und entflammt; ich ſetzte ſie aufrecht und hielt ſie in meinen Armen feſt. Träge und immer des Be⸗ wußtſeins beraubt, fiel ihr Kopf auf meine Schulter; ich fühlte ihren brennenden Athem mit Unterbrechun⸗ gen durch ihre vertrockneten Lippen hervorkommen. Frangviſe brachte ein Gefäß herbei, um das Blut darin aufzuſgſſen, während der Arzt eine Binde von rothem Tuche um den Arm meiner Frau befeſtigte; dann ſtach er die Ader und das Blut ſprang. Als ich dieſes Blut erblickte, wurde es mir einen Moment ſchwach um's Herz; doch ich beherrſchte meine Schwäche, und der Arzt ſagte mir bald mit einem leb⸗ haften Ausdrucke der Hoffnung: Mein Herr, das Gehirn ſcheint ſich frei zu machen. Die Röthe der Wangen nimmt ab der Athem iſt minder gepreßt die Haut weniger brennend Die Augen öffnen ſich ein wenig. Das Bewußiſein kehrt ohne Zweifel ſogleich zurück. Die Wirkung die⸗ ſes Aderlaſſes wird, glaube ich, heilſam ſein 4ℳ Dieſe günſtigen Symptome offenbarten ſich in der That, ſo wie der Arzt ſie bezeichnete. Claudine ſchien allmälig ihre Lebensgeiſter wieder zu ſammeln; bei ihrem Bette ſitzend, unterſtützte ich ſie immer mit mei⸗ nen Armen; ihre auf meiner Stirne ruhende Schulter berührte mein Geſicht. Bald hob ſie langſam den Kopf empor, öffnete ein wenig die Augen, erweiterte ſie dann in ihrer ganzen Größe und drehte ſie mit der Miene einer Irrſinnigen dahin und dorthin. Ach! dieſer einſt ſo ſanfte, ſo ausdrucksvolle Blick ſchien mir nicht mehr durch den Verſtand erleuchtet .. Claudine warf ihre ſtieren Augen nach und nach auf das mit ihrem Blute gefüllte Gefäß auf den Arzt .. dann auf mich, und auf mich hefteten ſie ſich einige Secunden. So wie ſie mich aufmerkſam anſchaute, nahm ihre Phyſiognomie, in der man bis vahin nur das Gepräge Fernand Dupleſſis. W. 16 24² des Irrſinns oder des Leidens wahrgenommen hatte, einen Ausdruck von wachſendem Schrecken an; plötzlich machte ſie eine heftige Bewegung, um meinen Armen, in denen ich ſie feſthielt, zu entkommen, und rief: „Zu Hülfe! Mörder! zu Hülfe! er wird auch mich tödten er hat all mein Blut genom⸗ „Mein Herr, bleiben Sie nicht eine Minute län⸗ ger hier Ihr Anblick würde ſie tödten denn trotz ihres Deliriums erkennt ſie Sie noch,“ ſprach der Arzt mit Bangigkeit, indem er mich nach der Thüre führte. „Ich bitte, gehen Sie, ich werde Sie zurückrufen, wenn ſie ſich beruhigt.“ Ich hatte den Kopf verloren und gehorchte ma⸗ ſchinenmäßig dem Arzte; ich ging hinaus, verfolgt von dem herzzerreißenden Tone der Stimme von Claudine, denn ſie ſchrie fortwährend: „Mördet! zu Hülfe! Ich fiel vernichtet auf einen Stuhl, und unfähig, eine Bewegung zu machen, hörte ich im Zimmer mei⸗ ner Frau das Geräuſch eines ſchwachen Kampfes und von Schluchzen unterbrochen die Worte von Frangviſe: „Madame! legen Sie ſich nieder bleiben Sie in Ihrem Bette! Claudine meine gute kleine Clau⸗ dine „ich bitte Sie inſtändig ſträuben Sie ſich nicht man will Ihnen kein Leid anthun „ Sie ſträubte ſich nicht lange. Sie ſchrie nicht lange. Ihre Anfangs kreiſchende Stimme wurde allmälig ſchwach, und allmälig machte auch die Bewegung, die ich im Zimmer hörte, einer immer peinlicheren Stille Platz, welche nur unterbrochen wurde durch das erſtickte Schluchzen von Francoiſe. Ich weiß nicht, wie lange ich, das Ohr nach der Thüre geſpannt, um auch das leichteſte Geränſch auf⸗ zufaſſen, hier biieb. 243 Plötzlich öffnet ſich die Thüre, der Arzt tritt bleich, bewegt ein, nimmt voll Mitleid meine Hand und ſpricht: „Mein Herr . Muth gefaßt Sie bedürfen des Muthes .„ „Todt „ rief ich, „todt!“ „Ach! ſie wäre ohne Zweifel ihr ganzes Leben wahnſinnig geblieben.“ Ich habe meine Pflicht bis zum Ende erfüllt . .. ich habe den Leib von Elaudine zu ſeiner letzten Wohn⸗ ſtätte begleitet. Das war der Ausgang meiner dritten Heirath . einer Neigungsheirath. Ich bin nun beim Ende meiner Denkwürdigkeiten angelangt. Ich werde keine Betrachtung über den letzten Schlag, der mich getroffen, beifügen, — ein tödtlicher Schlag, denn das Leben iſt mir nun verhaßt. Nie (und wollte ich es auch. werde ich die Frau, die ich verloren, erſetzen können. Die Einſamkeit wäre mir fortan unerträglich. Und die geringſte Berührung mit der Welt un⸗ möglich. Jean und meine Freunde ſind im Gefängniß, und wären ſie auch frei, welche Tröſtungen könnten ſie mir in meiner Verzweiflung bringen? Wozu nun leben? der einzige und beſte Zweck meines Lebens iſt verloren. Jean, ſeine Mutter und ſein Oheim werden dieſe Denkwürdigkeiten unverändert leſen. Ich hoffe, die letzten Jahre meines Lebens und mein Tod werden meine vergangenen Irrthümer genug geſühnt haben, daß Jean und Herr Godefroid, wenn ſie meine frühere tolle Liebe für Madame Raymond erfahren, mir dieſelbe verzeihen, und whſ die Ver⸗ ——— 24⁴4 öffentlichung dieſer Denkwürdigkeiten für nützlich er⸗ achten, ſo mögen ſie darauf bedacht fein. Jean wird fſie erhalten nebſt einer Abſchrift von meinem Teſtament, an deſſen Verfügungen ich ſeit dem Tode von Ceſarine nichts geändert habe; ich ſichere Frangoiſe und Maury die Penſton zu, die ich Dupin ausſetzen wollte. Ich vermache der Muhme von Clau⸗ dine eine Leibrente von fünfzehnhundert Franken. Ich richte an Jean eine letzte Bitte: er möge als Andenken an mich die arme kleine Hündin behalten, der Claudine und ich ſo ſehr zugethan waren. Ende der Denkwürdigkeiten eines Ehemanns. Note des Herausgebers. Ich ging eines Tags, im Mai 1841, im Walde von Chantilly in der Gegend der Teiche der Reine Blanche ſpazieren, als ich plötzlich mitten in einem dichten Ge⸗ ſtrüppe einen Schuß hörte, auf den ein langes Stöh⸗ nen folgte. Ich eile in der Richtung dieſes Geräu⸗ ſches fort, dringe in das Gehölze ein und ſehe Fer⸗ nand Dupleſſis, blutig, auf dem Rücken ausgeſtreckt und noch ſeine rauchende Piſtole in der Hand haltend. Die kleine Hündin, die ihn begleitete, kam, einen Augen⸗ blick erſchreckt durch den Knall, zum Leibe ihres Herrn zurück, den ſie nicht mehr verließ. Auf dieſen Schuß liefen zwei Waldhüter, welche gerade unfern davon ihre Runde machten, herbei, im Glauben, ſie werden einen Wilddieb ertappen. Sie trafen mit mir bei Fernand Dupleſſis zuſammen „ Er hatte ſein Gewehr an ſein Herz gehalten, doch die Kugel war ein wenig abgewichen und ſo nicht augen⸗ blicklich tödtend geweſen. — — 24⁵ Der Uunglückliche athmete noch; die Waldhüter kannten ihn, da ſie ihm oft bei ſeinen Spaziergängen im Walde begegnet waren; ſie halfen mir das Blut ſeiner Wunde ſftillen und ihn dann, völlig des Ge⸗ fühles beraubt, nach Tinville bringen. Ich war einſt häufig mit Fernand Dupleſſis in Geſellſchaft zuſammen geweſen; ich hatte ſodann einige Zeit in einer ununterbrochenen Verbindung mit ihm geſtanden, und dies erlaubte mir, ihn richtig zu ſchätzen. Ich kannte Jean Raymond ſeit mehreren Jahren, er ſprach mir viel von ſeinem Freunde, unterrichtete mich von ſeiner Bekehrung, und ich theilte das Intereſſe, das er ihm einflößte. Die Dienſtboten, als ſie den blutigen Leib ihres Herrn erblickten, den wir in unſeren Armen trugen, brachen in ein Schluchzen aus. Maury lief nach Chan⸗ tilly, um einen Arzt zu holen, und mit Hülfe von Frangoiſe und den Waldhütern, die ſich ſodann ent⸗ fernten, brachten wir Fernand Dupleſſis in ſein Ca⸗ binet, wo wir ihn auf ein Canapé legten. Nach eini⸗ gen Minuten erwachte er allmälig aus ſeiner Ohnmacht; er erkannte mich, drückte mir die Hand und ſagte mit ſchwacher Stimme: „Ich erwartete nicht, Sie hier zu ſehen doch ich wünſche mir Glück zu dem Zufall, der Sie hier⸗ her führt Ich habe mich heute gefehlt mor⸗ gen werde ich mich nicht fehlen:“ Dann deutete er auf ein ſchwarz verſiegeltes Päck⸗ chen, das auf eine in die Augen fallende Art auf den Tiſch gelegt war, und fuhr fort: „Ich bitte, nehmen Sie dieſe Papiere .. . Thun Sie mir den Gefallen, ſie Jean Raymond zu über⸗ geben, deſſen Freund Sie auch ſind .. Dieſe Papiere enthalten meine Denkwürdigkeiten. Erachten Jean und ſeine Mutter ihre Veröffentlichung für nützlich, ſo ver⸗ ſprechen Sie mir, Sie, der Sie ein Schriftſteller find, dieſes ohne Zweifel ſehr uncorrecte Manuſcript zu 246 durchſehen, es umzuarbeiten oder abzukürzen, wenn Sie oder Jean es zu ausgedehnt finden. Dieſe Er⸗ zählung iſt eine Sühne, die ich mir auf⸗ erlegt habe . Möchte ſie auch eine Lehre ſein. Eine letzte Bitte denn ich fühle, daß ich mich, Gott ſei Dank! nicht gefehlt habe, wie ich befürchtete,“ fügte er mit einer immer mehr beklemm⸗ ter Stimme bei: „Ich liebe ungemein dieſe kleine Hün⸗ din, welche hier ſteht und mit den Augen nicht von mir weicht . .. haben Sie die Güte, ſie zu übernehmen und zu Jean zu führen .. Ich erſuche ihn, ſie zum Andenken an mich zu behalten .. Hätte ich mich im Walde getödtet, ſo würde ſie meinen Leib nicht ver⸗ laſſen haben, und ſie wäre an meiner Seite von mei⸗ nem Bedienten, den ein Brief vom Orte meines Selbſt⸗ mordes unterrichtete, gefunden worden.“ Endlich fügte Fernand Dupleſſis, indem er zu lächeln ſuchte, mit verſcheidender Stimme bei: „Jean behauptet, man werde mit Seele und Leib in anderen Welten wiedergeboren. Ich werde bald erfahren ob unſer Freund .. Recht hat . . . Drücken Sie ihm . ſo wie unſeren Freunden die Hand in meinem Namen und ſagen Sie Madame Rahmond . bis an mein Ende habe ich mich von Dankbarkeit gegen ſie durchdrungen gefühlt...“ Wenige Minuten nach dieſen letzten Worten ſtarb Fernand Dupleſſis. Ich erfüllte ſeinen letzten Willen. Am zweiten Tage reiſte ich nach Duullens ab, händigte Jean Raymond die Denkwürdigkeiten von Fer⸗ nand Dupleſſis ein und übergab ihm die arme kleine Hündin. Der unerwartete Tod von Fernand Dupleſſis ſetzte ſeine Freunde in Doullens in Beſtürzung; ſie liebten ihn zärtlich; Madame Raymond, ſie, die ſo behutſam, machte es ſich oft zum Vorwurfe, daß ſie nicht an die Möglichkeit einer Offenharung in Betreff der Tödtung 247 von Ceſarine und an die Mittel, die traurigen Folgen dieſer Offenbarung zu beſchwören, gedacht habe. Madame Rahmond, ihr Sohn und ich waren der Anſicht, es könne eine nützliche Lehre aus der Ver⸗ öffentlichung der Denkwürdigkeiten von Fernand Du⸗ pleſſis entſpringen. Ich übernahm die Modificationen, von denen ich in der Vorrede dieſes Buches geſpro⸗ chen habe; Jean und ſeine Mutter haten mich auch, ſo viel als möglich die übertriebenen Lobeserhebungen, deren Gegenſtand ſie ſeien, zu dämpfen. Da aber dieſe Lobeserhebungen meiner Meinung nach nichts Ueber⸗ triebenes hatten, ſo ließ ich unberührt die gerechte Huldigung, welche Fernand Dupleſſis Madame Rah⸗ mond und ihrem Sohne in den Denkwürdigkeiten, die man ſo eben geleſen, dargebracht hat. Im Jahre 1848 verließ Jean das Gefängniß, um dem Siege der Republik beizuwohnen, der er, wie ſein Vater, ſeine Mutter und ſeine Freunde, ſein Leben ge⸗ weiht hatte. Heute ſind Jean, ſein Oheim Godefroid und Char⸗ pentier verbannt. ne Rahmond iſt ihnen in die Verbannung gefolgt. Ende. — ——— ——— e — ———,———— 2 cc — o78 e 1 nue