iot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v e* 5 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet „ wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —.— —— auf! Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Pet. — Pf. 2 2 „ — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre Keſeh Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iie auf 14 Tage ſeſgeſet und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß daz Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Fernand Dupleſſis oder * Penkwürdigkeiten eines Ehemanns. Von Eugéne Sue. Aus dem Franzöſiſchen von 3 Pr. Auguſt Boller. Fünftes bis neuntes Vändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung⸗ 1851. ——— XXVI. Dies waren die Gefühle, die Gedanken, die Schwan⸗ kungen von Albine zur Zeit unſerer Verheirathung ge⸗ weſen, — eine Art von Beichte, von der ich, wie ge⸗ ſagt, erſt lange nach unſerer ehelichen Verbindung Kennt⸗ niß erhalten habe. 3 Ich nehme mein Tagebuch wieder auf, wo ich es gelaſſen habe. Den 20. September 1828. Der Vertrag iſt heute Abend unterzeichnet wor⸗ den; Albine hat den Brautſchmuck angenommen, Alles iſt abgeſchloſſen. e mehr ich darüber nachdenke, je mehr ich beob⸗ achte, deſto mehr bin ich zufrieden mit der Wahl und it der Wendung, die ich den Dingen zu geben gewußt abe. In den ſeltenen Unterredungen, die ich mit Albine unter vier Augen hatte, und ich war weit entfernt, ſie hervorzurufen, ſagte ich ihr nicht ein Wort von Liehe oder von Zärtlichkeit. Getreu meinem Syſteme, conſe⸗ quent überdies bei meinen Eindrücken, bin ich kalt freundlich geblieben und habe Albine immer die Ehe aus dem ernſten, beinahe ſtrengen Geſichtspunkte ge⸗ zeigt. Ich glaube zugleich als redlicher und als klu⸗ Le Mann gehandelt zu haben; ich will in ihr keine iebesvelleitäten erwecken, denen ich weder entſprechen kann, noch will. Sie kennt alſo die Zukunft, die ihrer Fernand Dupleſſis. II. 1 2 harrt, ein Leben ganz der Erfüllung der Pflichten der Frau, das heißt der Sorge gewidmet, die ſie ihrem Manne, ihren Kindern und ihrem Hauſe ſchuldig iſt, ein Leben ſo glücklich als möglich gemacht durch alle Bequemlichkeit, durch jede wünſchenswerthe materielle Wohlfahrt. Ich habe bei Albine immer ſehr auf der Wichtig⸗ keit der religiöſen Pflichten und Uebungen beſtanden und werde immer ſehr darauf beſtehen; beißt eine Frau einmal hieran an, ſo wird das eine Zerſtreuung, eine Beſchäftigung aller Augenblicke und hilft außer⸗ ordentlich zur Abtödtung und Verachtung des Flei⸗ ſches. Mit der Einſamkeit, einem Manne von Eis, der Devotion und einem in Schmerzen empfan⸗ genen Kinde, wie die Schrift fagt, muß eine Frau nothwendig einen Abſcheu gegen die Sinnlichkeit be⸗ kommen. Es iſt wahr, ich bin nie in meinem Leben reli⸗ giös geweſen; fortan werde ich aber, um meiner Frau das Beiſpiel zu predigen, allen nothwendigen Anſchein annehmen, denn die Religion iſt beſonders nothwendig für die Frauen und für das Volk. Einen Augenblick hatte ich befürchtet, die blühende, friſche Jugend von Albine, ihr wirklich hübſches Ge⸗ ſicht, ihr reizender Wuchs könnten mir einige Wünſche in Ermangelung von Liebe einflößen; es iſt dem nicht ſo; ich kenne mich, es wird nie ſo ſein; meine Sinne ſind erſchöpft, mein Herz iſt abgenutzt bis auf die letzte Fiber, und ſchlägt es zuweilen, wenn man ſo ſagen darf, rück⸗ wärts ſchauend, ſo geſchieht dies bei dem unver⸗ änderlichen Andenken an Madame Rahmond. Dieſe bezaubernde Frau iſt mein Ideal geweſen, wird es bleiben, weil dieſes Ideal nie durch den Beſitz profa⸗ nirt worden iſt, profanirt werden wird. Ich bin alſo ſicher, daß ich immer gegen meine Frau in einer heilſamen Zurückhaltung verharren werde; dreifache Dummköpfe find die Ehemänner, welche, in — Ermangelung eines natürlichen Wiberwillens, nicht Vernunſt genug haben, um das Blut ihrer Frauen immer abzukühlen, unter dem Vorbehalte, irgend eine obſcure Geliebte zu nehmen, wenn ſie zu ſehr vom Teu⸗ fel verſucht werden. Alles ſteht alſo auf's Beſte. Es wird ſehr angenehm für mich ſein, Albine, welche jung und hübſch, in meinem Herrenhauſe um mich her gehen, mir meine Eſelsmilch bringen, ſich mit der Diät, die ich befol⸗ gen muß, beſchäftigen, mich im Falle einer Krankheit pflegen, kurz als eine wahre barmherzige Schwe⸗ ſter für mich forgen zu ſehen. Der einzige Vorwurf, den ich mir machen muß, iſt, daß ich durch eine ſcheinbare Einräumung Albine verborgen habe, wir werden mein Gut im Berry einige Jahre nicht verlaſſen; es war unnütz, zum Voraus einen unfruchtbaren Streit über einen ganz und gar meiner ehelichen Autorität unterworfenen Gegenſtand herbeizuführen; ich werde übrigens dieſe Autorität nicht anzuwenden brauchen, ich beſitze zu viel Erfahrung im Punkte der Frauen, um nicht mit dem erſten Blicke zi offene achtzehnjährige Herz völlig ergründet zu aben. Albine iſt eine gute und vortreffliche junge Per⸗ ſon, von einem ſehr wenig entwickelten, um nicht zu ſagen, beſchränkten Geiſte, von einem ſchüchternen, leicht fügſamen und wie Wachs ſtreckbaren Charakter; ihre indolente und ein wenig lymphatiſche Natur, wie mein Arzt ſagt, deutet, ſeiner Anſicht nach, immer eine große moraliſche Sanftheit und ein friedliches Blut an. In den Ueberlieferungen der bürgerlichen Tu⸗ genden erzogen, hat ſie ſich nie aus der Ehe eine von den romanhaften Ideen gemacht, welche ſo vielen jungen Mädchen in den Kopf ſteigen; übrigens (es iſt keine Geckenhaftigkeit von mir, wenn ich mir das geſtehe, ſondern eine für mich ſehr wichtige Beobachtung, aus der ich meinen Nutzen ziehen muß), i habe ich raſch erkannt, daß es mir leicht geweſen wäre, Albine in mich verliebt zu machen; ihre Unruhe, ihre Verle⸗ genheit, ihr zuweilen hartnäckiges Stillſchweigen wäh⸗ rend der ſeltenen Augenblicke, die wir mit einander unter vier Augen waren, ſagten mir genug ſagten mir zu viel. Ich mußte auch meine Kälte verdoppeln, und das arme Kind iſt darüber, glaube ich, betrübt geweſen; zum Glück war dieſer ſchmerzliche Eindruck bald vergeſſen beim Anblick eines hübſchen Wagens, der Herrlichkeiten des Brautſchmucks und beim Gedanken an eine vornehme Exiſtenz, vergleicht man ſie mit dem bürgerlichen Leben der Familie Chevrier. Um mich kurz zu faſſen, die weiſeſten Entſchlüſſe, die reiflichſt erwogenen Combinationen find nur Toll⸗ heiten und Eitelkeiten, oder Albine iſt und wird ſein die Frau, die ich brauchte, um einen Weg zu betre⸗ ten, auf dem ich Glück, Geſundheit, Ruhe finden ſoll und. auf immer dieſes Leben abſchließen werde, das mich erſchöpft und langweilt. Wohlan, ich muß von dieſem Leben Abſchied neh⸗ men und zwar auf immer Abſchied nehmen. Eine letzte Pflicht bleibt mir zu erfüllen. Die Alten ließen frommer Weiſe die Ueberreſte der lange geliebten Perſonen verbrennen; ſo geſchehe es auch mit den materiellen Andenken an meine ehemali⸗ gen Liebſchaften. Ich habe hier ein Kiſtchen voll von Briefen, Haa⸗ ren, Portraits, verwelkten Sträußen u. ſ. w. Dieſe Reliquien einer, leider auf immer verſchwundenen, Vergangenheit ſollen . . zu Aſche werden. Aſche wie dieſes Herz, verbrannt durch ſo viele verſchiedenartige Leidenſchaften, dieſes Herz, das zur Stunde nur eine auf ewig erkaltete Lava iſt. . Ich zündete ein großes Feuer an und ſetzte auf meinen Tiſch ein Kiſtchen, das ich, ich geſtehe es, mit einem Eindruck tiefer Traurigkeit in dem Moment öff⸗ 2 nete, wo ich einen ſchwermüthigen, letzten Blick auf dieſe Jahre ſo voll von Hoffnungen, von Vergnügen, von Jugend, von Kraft und Liebe werfen ſollte. Dann folgte auf dieſes ſchmerzliche Gefühl die Betrachtung: Warum dieſes Bedauern? Habe ich nicht bis auf die letzte alle Gemüths⸗ bewegungen verbraucht, die dem Menſchen zu erleben vergönnt iſt? Sind mein Herz und meine Sinne nicht todt? Habe ich den Willen und die Kraft, dieſes frühere Leben fortzuſetzen, auf das ich ebenſowohl aus Ohn⸗ macht, als aus Sättigung verzichte? Rein, nein, der letzte auf die Vergangenheit ge⸗ worfene Blick tröſte mich. Sagen wir uns im Gegentheil, ich habe alle dieſe fortan unmöglichen Genüſſe gekannt, erſchöpft. Und während ich nach und nach die vergänglichen Andenken an dieſe, leider oft nicht weniger vergäng⸗ lichen, Gefühle zerſtörte, beſchwor ich durch den Geiſt die einſt geliebten Geſtalten herauf und widmete ihnen eine letzte Erinnerung. Lebe wohl, Annette, meine erſte Geliebte, welche das Feuer dämpfte, das der Anblick von Madame Raymond und aufregende Lecture in mir entzündet hatten. Arme Anneite, arme Kammerjungfer meiner Groß⸗ mutter! Du konnteſt weder leſen, noch ſchreiben, Du warſt gemein, aber ich zählte ſechzehn Jahre ur u achtzehn. Du ließeſt mich Deine Niederlage nicht durch lange Bitten erkaufen; Du gabſt Dich demüthig mir hin; Du warſt unſchuldig, ſanft, hübſch, und, was ſelten iſt, uneigennützig; ich habe von Dir, wie ein Jüngling vas Pfand eines erſten Sieges bewahrt, ein ſilbernes Ringchen aufbewahrt, das Dü von Dei⸗ ner Heimath gebracht hatteſt. Wer halte Dir dieſes Ringchen gegeben? Ich weiß es nicht. Doch Du be⸗ ſaßeſt nur dieſes, Du haſt es mir angeboten .. Ich zerbreche es .. Was mag aus Dir geworden ſein, armes verlaſ⸗ ſenes Geſchöpf? Lebe wohl, Amanda, Deine Geburt war ſo dunkel als die von Annette; nicht minder hübſch als ſie, hatteſt Du, als ich Dich kennen lernte, längſt Deine kleine Geburtsſtadt und Deinen Putzladen verlaſſen, um ein müßiges, heute glänzendes, morgen elendes, und beinahe immer zugleich glänzendes und elendes Leben zu führen; Du hatteſt ſchöne und friſche Toi⸗ letten, ich weiß nicht von wem oder von was bezahlt; oft aßeſt Du nicht nach Deinem Hunger, oder es fan⸗ den ſchwelgeriſche Mahle ſtatt, bei denen Deine Bonne ſich berauſchte und Dich ſchlug; der kalte und ſchmutzige Boden Deines Zimmers bildete einen ſelt⸗ ſamen Widerſpruch mit der Seide und dem Acajon Deiner Meubles. Alles dies mußte nach dem Laſter und dem Elend riechen, um einem übel zu machen; doch ich zählte ſiebenzehn Jahre, Amanda war verliebt, und ſo oft ich das Pagenhaus verließ, um zu meiner Großmutter zu gehen, trat ich bei Amanda ein, wo ich um meiner ſelbſt willen geliebt wurde, wie ſie mir in ihren Briefen ſagte, über deren ſeltſame Orthographie ich gelacht habe, als ich ſie ſo eben ver⸗ brann'e. Armes Mädchen, ſie mußte ſich zuweilen das Eſſen verſagen, um den Boten ihrer Briefe zu be⸗ ahl n. Lebe wohl, Julie, Bäschen, wie ich Dich einſt in unſerer Familie zur Zeit nannte, wo mich meine Großmutter ermahnte, den franzöſiſchen Cheva⸗ lier zu machen; lebe wohl . Ohne die immer lebendige Erinnerung an Madame Raymond wäreſt Du meine erſte Liebe geweſen, denn Annette und Amanda können nicht als Liebe zählen, theure Julie; noch ein Kind, ſagteſt Du mir, Du liebeſt mich ſchon; ich, ich fürchtete Dich als ein gelehrtes kleines Mäd⸗ chen; als ich Dich ſpäter wiederſah, warſt Du ſech⸗ zehn Jahr alt .. Das Brauſen der Jugend hatte mich zu groben Vergnügungen hingeriſſen; ich trat bei den Pagen aus, um bei den Gardes⸗du⸗corps einzutreten. Du warſt nach dem Schloſſe meiner Großmutter im Berry gekommen, um den Sommer bei ihr zuzubrin⸗ gen; ich befand mich hier, einen Urlaub von einigen Monaten benützend; von Kindheit an dutzten wir uns; unſere Vertraulichkeit währte fort; unſere Verwandten betrachteten uns als Bruder und Schweſter; keine Be⸗ wachung that uns Zwang an; welche lange Spazier⸗ gänge machten wir auch unter den alten Kaſtanien⸗ bäumen während der Hitze des Tages. Und unſere Lecture unter dem Felſen des großen Waldes bei dem Flüßchen, Du auf der ländlichen Bank ſitzend und an Deiner Stickerei arbeitend, ich zu Deinen Füßen auf dem Mooſe gelagert und Dir Paul und Virginie vorleſend. Ounſere langen Abende, im kleinen blauen Salon, wenn in ſchönen Sommernächten meine Großmutter, um den Anblickdes vom Monde beleuchteten Parks beſſer zu genießen, die Lichter bringen ließ; wir blieben ſo im Schatten, im Hintergrunde des Salon, ich bei Dir, Deine Hand in der meinigen, Beide ſchweigſam, nach⸗ denkend und zuweilen bebend vor Trunkenheit, wenn verſtohlen, die Unachtſamkeit Deiner Mutter benützend, unſere Lippen in der Dunkelheit ſich an einander preß⸗ ten .. O unſere Rendez⸗vous in der Frühe, in der Acacienhütte, wenn Du heimlich in Deinem weißen Mor⸗ gengewande, Deine kleinen Füße benetzt vom Thaue des Raſens, Deine Stirne feucht von der Haſt Deines Laufes, erſchienſt, und unſere Zuſammenkünfte in dem Tapiſſeriezimmer, wohin man durch einen geheimen Gang gelangte, der ohne Zweifel zur Erleichterung der Liebſchaften von einem der früheren Herren des Schloſ⸗ ſes erbaut worden war. 8 Und unſere ewigen Schwüre, aufrichtig wie unſer Herz, und geſchrieben mit unſerem Blute, denn Du wollteſt auch mit einer Nadel in einen Deiner hübſchen Finger ſtechen, um auf das Blatt, das ich ſo eben verbrannt habe, zu ſchreiben: Julie gehört Fer⸗ nand für das Leben; und unſere ausgetauſchten Haarlocken! und dieſe verbleichten Bandknoten und dieſe verdorrten Blumen, ſo lange aufbewahrte, geliebte Schätze der jungen Jahre; nun bleibt von euch nur noch ein wenig Aſche. Lebe wohl, Julie, fahret hin, Erinnerungen an dieſe vier Monate ſo voll von einer bezaubernden Liebe, rein und mild wie ein ſchöner Frühlingstag des Lebens ... Lebe wohl, Julie . Ich habe Dich ſeitdem wieder⸗ geſehen als geehrte Gattin, als zärtlich geliebte Mut⸗ ter; eine ernſte Freundſchaft iſt an die Stelle unſerer Liebe getreten. Lebe wohl, Henriette, Du, die Du mich zuerſt die Qualen der Eiferſucht haſt kennen lernen, die ein Gatte einflößen kann, abgeſehen von den Drangſalen der ehebrecheriſchen Verbindungen. Dein Mann war jung und ſchön, Du zitterteſt, unſer Geheimniß entdeckt zu ſehen; wie viele lange Stunden habe ich auch in der Erwartung und in der Beklommenheit hingebracht, wenn ich verborgen hinter den grünen Läden der kleinen unbekannten Wohnung, wo wir zuſammenkamen, von fern auf Deine Ankunft lauerte; welches Herzklopfen, wenn ich einen Fiacre mit geſchloſſenen Vorhängen kommen ſah! welche Ban⸗ gigkeit, wenn einer von den ſpärlichen Vorübergehen⸗ den vieſen Fiaere ſchärfer zu betrachten ſchien. Es unterlag keinem Zweifel, Du wurdeſt beſpäht, man folgte Dir, Du warſt verloren! Ich ſtand unbeweglich am Fenſter, und mein Herz zuckte vor Angſt! Doch nein, vergebliche Furcht, der Vorübergehende hat ſich gleichgültig entfernt, der Fiaere hält vor der kleinen Thüre; ich ſehe Dich mit heruntergelaſſenem Schleier 9 ausſteigen; Du trittſt ein, ich laufe Dir entgegen und empfange Dich in meinen Armen. „Ich fann Dir kaum eine Stunde ſchenken,“ ſagſt Du mir haſtig. Doch welche herbe und beftige Wolluſt in dieſer Miſchung von Angſt, Schrecken und leidenſchaſtlicher Liebe; man lebt Tage, Jahre während einer einzigen von dieſen Stunden. Bi der feierliche, erſchreckliche Abend des 17. April. Dein Mann tritt in Deinen Salon ein, wo ich mich mit Dir allein befinde; er zeigt mir einen von meinen Briefen und ſagt zu mir: „Kennen Sie dieſe Handſchrift?“ „Ja, mein Herr.“ „Ihre Stunde morgen, mein Herr?“ „Die Ihrige?“ „Um neun Uhr in Vincennes.“ Du fielſt in Ohnmacht, ich lief auf Dich zu. „Gehen Sie, mein Herr,“ ſagte er zu mir, „es iſt meine Sache, meiner Fran beizuſtehen.“ Am andern Tage war mein Schenkel von einer Kugel durchbohrt, und Du reiſteſt mit Deinem Vater und Deiner Mutter nach Italien ab. Ich habe langſam den Brief verbrannt, welchen Du mir in der traurigen Nacht ſchriebſt, die dem Tage meines Duells mit Deinem Manne vorherging. Welch ein herzzerreißender Schmerz! . welche Schrecken, welche Bangigkeiten, welche Thränen, welche Gewiſſensbiſſe! . . Alles dies zuckte blutend in Dei⸗ nen unzuſammenhängenden Zeilen. Und dennoch überlebt man eine ſolche Nacht .. Man vergißt dieſe Qualen, die unſern Lebensfaden durchſchneiden zu müſſen ſchienen. Vor zwei Jahren habe ich Dich wiedergeſehen, noch hübſcher geworden und einem andern Liebhaber zu⸗ lächelnd. Lebe wohl, Roſa, Dein Mann war weder ſchön, noch jung, noch eiferſüchtig, noch gewaltthätig; Du hatteſt völlige, zu völlige Freiheit, denn gewiſſe Schwie⸗ rigkeiten dienen als Stachel, während zu viel Freiheit, wenn nicht Sättigung, doch wenigſtens ſeltſame Con⸗ traſte herbeiführt, als ob ſich manchmal die menſchliche Seele durch die Fülle, durch die Größe ihres Glückes erdrückt fühlte. Ich erinnere mich des ſonderbaren Umſtandes, auf welchen der letzte Brief von Dir, den ich ſo eben im Rauche habe verſchwinden ſehen, anſpielt. Es war in der erſten Gluth meiner Liebe für Roſa. Seit einiger Zeit träumten wir unſer Ideal: einen Tag und eine Nacht in dem Landhauſe des Vaters von Roſa, einem im Thale von Montmorench, wo Roſa erzogen worden war, liegenden reizvollen Hauſe zuzubringen; ich mußte eine Abweſenheit des Vaters meiner Geliebten benützen und einen genügenden Vorwand finden, um mir zu erlauben, eine Nacht in Saint⸗Preuil zuzubrin⸗ gen, indem ich nur einfach zu Beſuche dahin gekommen war. Dieſe Schwierigkeiten wurden überwunden; ein ſo eben verbrannter Brief von Roſa benachrichtigte mich von der Abweſenheit ihres Vaters. Den andern Tag kam ich nach Saint⸗Preuil an einem köſtlichen Junimorgen; die Luft war lau, die Sonne verſchleiert; ich war zu Pferde, gefolgt von ei⸗ nem Bedienten; ich kannte nicht dieſen Wohnort, ein wahres Blumenneſt, verborgen unter einer herrlichen Vegetation und ein mit den maleriſchſten Gegenden der Schweiz vergleichbares Thal beherrſchend. Noch ſchöner durch das Vergnügen, unſern Wunſch verwirklicht zu ſehen, kam mir meine Roſa auf der Freitreppe entgegen, dann führte ſie mich in einen Sommerſpeiſeſaal, eine ländliche Rotunde bedeckt mit Stroh, deren Gitterwerk unter einer balſamiſch duften⸗ den Maſſe von indiſchem Jelängerjelieber in voller Blüthe verſchwand. 11 Nach einem Frühſtück, beſtehend aus Eiern, Milch⸗ werk und Früchten, ließ mich Roſa im Einzelnen dieſes koſtbare und elegante Wohngebäude ſehen, wo ihre jungen Jahre vergangen waren. Sie führte mich in ihr Mädchenzimmer, in dem noch ihre fünfzehnjährigen Erinnerungen lebten, die ſich auch bei jedem Schritte wiederfanden, den wir mit einander in dem herrlichen Parke machten; ein engliſches Flüßchen durchzog ihn. Ich ſtieg mit Roſa in einen Nachen, und wir überließen uns dem Laufe des Waſſers, unter dem dichten Schatten von Thränenweiden, Tamarisken und Cypreſſen, welche dieſes Flüßchen mit einem Gewölbe von undurchdring⸗ lichem Grün bedeckten; dann kehrten wir zurück, um eine Promenade im Walde von Saint⸗Leu zu machen; Roſa war reizend im Amazonenkleide und ritt vor⸗ trefflich; wir gingen allein ab. Sie ritt ihre Lieblings⸗ ſtute Ophelia. Die ſchattigen, ungeheuren Alleen des Waldes mit dem feinen, zarten Raſenteppich boten uns endloſe Perſpectiven. Zuweilen ſetzten wir unſere Pferde in einen ſehr langſamen Galopp, und, die linke Hand von Roſa in meine rechte geſchloſſen, ritten wir ſo ſachte auf der durch das Blätterwerk der hun⸗ dertjährigen Eichen verdüſterten Wieſe; bald ließen wir unſere Pferde im Schritte gehen in einer kleinen buſchreichen, einſamen Allee; ich umſchlang mit einem meiner Arme den geſchmeidigen Leib von Roſa, die ſich zif ihrem Thiere zurückbog, und wir wechſelten einen uß. Oh! während dieſer beglückten Stunden, welche Lie⸗ beständeleien, welche Herzensergießungen, welche zärtliche Worte! Ich war vier und zwanzig Jahre alt, ſie kaum zwanzig. Wir kehrten nach Saint⸗Preuil am Saume des Waldes zurück und bewunderten als Liebhaber und als Künſtler die tauſend Abwechſelungen von Licht und Schatten, welche im tiefen Thale das langſame Sinken der in der NReigung begriffenen Sonne hervorbrachte. Bei unſerer Rückkunft erwartete uns ein ausge⸗ zeichnetes Mittagsmahl; während ich mich ankleidete, machte Roſa eine durch Friſche und Eleganz reizende Landtvilette; ich glaube, ich habe ſie nie hübſcher ge⸗ ſehen: die gewöhnlich anziehende Belebtheit ihres Ge⸗ ſichtes hatte ſich mit einer Art von ſanften Schwermuth verſchleiert; ich fühlte mich unter demſelben Eindruck, ohne ihn mir mehr zu erklären, denn am Ende unſerer Promenade waren wir, die wir gewöhnlich ſo geſchwätzig und heiter, ſchweigſam und nachdenkend geworden. Wir ſpeiſten unter vier Augen; Alles, was der zarteſte und leckerſte Geſchmack, die ſeltenſte Eleganz zu erſinnen und zu träumen vermöchten, war vereinigt in dieſem Speiſeſaal mit den goldumrahmten Füllungen, Vögel, Früchte und Blumen vorſtellend, von einem Colorit nicht minder friſch, als der Berg von Roſen, Gera⸗ nien und Azaleas, den wir durch unſere geöffneten Fenſter ſahen, welche eine Vaſe von Porphyr beherrſchten, aus der ein ſilbernes Waſſer in ein großes Becken von weißem Marmor fiel. Gegen das Ende des Mahles kam einer von den Leuten von Roſa ganz beſtürzt und meldete, mein Grvom ſei ſo eben entſetzlich vom Pferde geſchlagen worden. (Dies war der verabredete Vorwand, und meine junge Schelmin ſpielte die Komödie vortreff⸗ lich.) Der genannte Grvom war liebreich in ein Zim⸗ mer der Geſindewohnung gebracht wurden; ich ſollte zu Pferd nach Paris zurückkehren. Roſa ſagte mir vor ihren Leuten, ich könne nicht daran denken, den armen Jungen in einem ſo kläglichen Zuſtande mitzu⸗ nehmen, ich müſſe mich darein fügen, die Nacht in Saint⸗Preuil zuzubringen, wo ſie mir Gaſtfreund⸗ ſchaft biete, und ich möge dann am andern Tage abrei⸗ ſen. Der Vorwand war genügend, ich willigte ein und entfernte mich, um menſchenfreundlich meinen Groom zu beſuchen. Der Burſche gab gräßliche Schreie von ſich; er ſchwur, es ſeien ihm wenigſtens drei bis 13 vier Rippen eingeſchlagen, ein Uebel, das um ſo gefähr⸗ licher, je weniger es ſichtbar; ich ließ den Jungen in den Händen ſeiner Stalleollegen und ging wieder zu Roſa. e Kaffee, die Eiſe waren außer dem Hauſe und ziemlich fern davon in einem kleinen chinefiſchen Pa⸗ villon ſervirt, von wo aus man die ganze Tiefe des Thales erſchaute. Das war ein herrlicher Anblick; die ſeit einiger Zeit untergegangene Sonne hatte dem Monde in ſeinem vollen Glanze Platz gemacht; der am Tage wolkige Himmel hatte ſich aufgeklärt; Tauſende von diamante⸗ nen Sternen vermehrten die Helle dieſer prächtigen Nacht. Zu unſern Füßen erblickten wir das durch das Sternenlicht verſilberte Thal; am Horizont die bläu⸗ lichen Hügel, bedeckt von großen, düſtern grünen Wäl⸗ dern; es war überall eine tiefe Stille, nur da und dort unterbrochen durch die wohklingende Modulation der Geſänge der Nachtigallen. Der Geruch der Blumen des Gartens erfüllte die Luft mit Balſamdüften, eine Halbdunkelheit herrſchte in dem Pavillon, in dem ich mit Roſa ſaß; wir waren allein, jung, verliebt und frei. Dieſen Tag, dieſe ſo lange, ſo ungeduldig erſehnte Nacht, wir hatten ſie fur uns, ganz für uns; die Wunder der Natur, die Schönheit der Jahreszeit, Alles, was der Lurus und die Eleganz zur Berauſchung der Sinne beitragen können, umgab uns; und dennoch, — ſeltſamer, vielleicht verhängnißvoller Widerſpruch,— nach einem langen Schweigen fingen Roſa und ich an, Beide einer unbeſchreiblichen, niederdrückenden Traurig⸗ keit preisgegeben, zu weinen. „Was haſt Du, Roſa?“ fragte ich ſie. „Nichts; doch ich fühle, ohne zu wiſſen wa⸗ rum, das Bedürfniß, zu weinen; und Du?“ „Ich auch, Roſa Was haben wir aber ſo traurig zu ſein?“ „Ich weiß es nicht, Fernand; vielleicht iſt unſer Glück zu groß, es laſtet auf uns.“ Roſa ſprach die Wahrheit. Es gibt ſo große Gluckſeligkeiten, daß das menſch⸗ liche Gemüth oft gerade durch ihre Größe erdrückt wird. Das auf dieſes doppelte Bekenntniß folgende Ge⸗ ſpräch war tief ſchwermüthig. Roſa ſprach lange von ihrer Mutter, welche einige Jahre vorher geſtorben war. Dieſe rührenden Erinnerungen machten aufs Neue ihre Thränen fließen. Um zehn Uhr fand uns der Thee nicht minder traurig, und dieſe ſo leidenſchaftlich erwartete Nacht war noch melancholiſcher, als der Abend. Lebe wohl alſo, Roſa . . . Zum Glück waren un⸗ ſere Melancholien ſelten, und dieſe Ueberfülle von Glück⸗ ſeligkeit ergoß ſich nicht immer in Thränen. Zeuge hievon iſt dieſer Schlüſſel zu einer der Thüren des Parkes von Saint⸗Preuil, den ich vorhin unter meinen Reliquien wiedergefunden habe; Zeuge iſt auch jenes unter großen Bäumen verborgene Häuschen, von außen bäueriſch und verfallen, im Innern aber ein wahres kleines Eden, deſſen Thüre ſich Dir öffnete, wenn Du auf dem kleinen Fußpfade der Sperberbäume aus Dei⸗ nem Parke kamſt, um ſo lange Stunden in unſerem ländlichen Winkel zuzubringen, wo ich zwei Sommer hindurch einſam, meinen Nachbarn unbekannt, wohnte. Ich habe mit dieſen Briefen eine Sammlung von Zeitungen aller Länder verbrannt, welche in allen Spra⸗ chen Europas Deinen Ruhm und Deine Schönheit be⸗ ſangen, o Fanny, große Tänzerin. Lebe wohl, Du, deren Siegeswagen berauſchte Bevölkerungen zogen, nachdem ſie Dir mit einer wahren Hirnwuth auf den Theatern zweier Welten Beifall geklatſcht hatten! Du gingſt auf dem Gelde und auf den Blumen, womit man Dir Deinen Weg beſtreute. Den Berühmteſten gleich, war Dein Name in Jedermanns Munde. Du haſt zu Deinen reizenden Füßen, ich weiß nicht wie viel Gattungen 15 von Königen gehabt, — Könige der Völker, Könige des Geldes, Könige des Wiſſens, Könige der Künſte, und ſechs Monate lang war ich, wie Du ſagteſt, Dein Gebieter! Lebe wohl, Fanny, gutes und verliebtes Mädchen; während meiner ephemeren Regierung haſt Du alle Deine Succeſſe mir dargebracht; ich habe Deinem Andenken nur einen Vorwurf zu machen. Ich habe erkannt, daß, hat man nicht um ſeine Stirne eine von den Kronen, die Du mit den Füßen tratſt, der Liebhaber einer gefeierten Tänzerin oder Sängerin ſein ſich ſelbſt entſagen und Alles bis auf den Namen verlieren heißt; man iſt nicht mehr ſeine eigene Perſon, man iſt nur der Liebhaber der ſberühmten **s; ihre Succeſſe find die unſeren, aber ihre Unfälle ſind auch die unſeren; hievon, Fanny, zeugt der Abend, wo Du weniger be⸗ wunderungswürdig als ſonſt in dem neuen Ballet tanz⸗ teſt; es wurde mir auch im Foyer von Stammgäſten der Oper geſagt: „Mein Lieber, Sie find ſchwach geweſen im Pas de guirlande; man erwartete etwas Beſſeres. Sie müſſen ſobald als möglich Ihre Niederlage wieder gut machen, mein Lieber. Bei einem ungeheuren Rufe, wie der Ihrige, heißt nicht fortſchreiten zurückgehen. Bedenken Sie das, mein Lieber.“ Lebe wohl, Bertha, deren Ahnen ſchon zur Zeit von Ludwig dem Heiligen genannt worden ſind; Dein Mädchennamen und Dein Frauennamen zählten unter den ausgezeichnetſten Namen unſerer Geſchichte. Du haſt mich aus Laune geliebt, ich Dich aus Eitelkeit. War ſie nicht triumphirend, dieſe Eitelkeit, als der Abkömmling der alten Tapfern, die edle Gemahlin einem der vornehmſten Herren Frankreichs zu mir agte: „Ich liebe Dich. Sprich beſiehl, ich ge⸗ höre Dir, wie der Sklave ſeinem Oberherrn gehört.“ „Ich, Ihr Herr? Oh! Frau Herzogin, bedenken Sie? Ich, der ich zu Ahnen Schöppen und Stadtvögte habe, ich Ihr Oberherr? Und ſie ſprechen dieſe Worte vor ich weiß nicht wie viel Ahnherren und Ahnfrauen mit ſtolzen, ſtrengen Mienen aus, deren Portraits Ihren Salon ſchmücken. Hier hohe Barone, Sene⸗ ſchalle, Connetables, Cardinäle, Marſchälle, dort Aebtiſ⸗ ſinnen, Admiralinnen, Connetablinnen, Marſchallin⸗ nen .“ Wenn ich Dich in meine Arme ſchloß, o Bertha, kam es mir auch vor, als ſchauten uns aus ihren mit Wappen verzierten Rahmen herab zehn Jahr⸗ hunderte zu. Fahret wohl, ihr atlaßpapierenen, mit einer Her⸗ zogskrone geſtempelten Briefe. Fahre wohl, Liebes⸗ ſchlinge gemacht aus Deinen Haaren, o Bertha, deren goldene Bänder, in einer Rückerinnerung an das alte Ritterthum, nach Deinem Wunſche als Dank um mein Fauſtgelenke für die Ewigkeit genietet worden waren. Lebe wohl alſo, Bertha, lebe wohl! Lebe wohl, Ceſarine, die Schöne, die Leiden⸗ ſchaftliche! Doch bei dieſer Erinnerung wird mein Herz beklommen, traurig. Zwei Jahre ſind ſeit dem Tode von Hyaeinthe vergangen, und ich kann mich dieſer Liebe nicht ohne eine bittere Traurigkeit erinnern! Armer Hyaeinthe! engeliſches Herz, zarte, treffliche Seele, bezaubernder Geiſt, wie wir mit Ceſarine ſagten. Als ich in dieſem Augenblick Deine Briefe ver⸗ brannte, fand ich das ſchon durch die Jahre ein wenig elb gewordene Velin, auf das Du für mich in unſerer Fugene armer Hyacinthe, die zarte und naive Fabel und vom Falken geſchrieben atteſt. Ach! Du allein haſt Deinen Schwur gehalten . Der kleine Zaunkönig hat ſeinen Freund bis zum Tode geliebt. . . Was aus Ceſarine und meinem Kinde geworden iſt, weiß ich nicht; neun Monate lang ſind meine Nach⸗ 17 ſorſchungen fruchtlos geweſen; . dann bin ich nach Italien abgereiſt. . Die Erinnerung an meine Verbindung mit Ceſa⸗ rine hat mich bewogen, die von mir um dieſe Zeit geſchriebenen Blätter meines Tagebuchs noch einmal zu leſen. Das Reſultat dieſes Leſens iſt, daß ich mir, ſowohl für mich als für Ceſarine, immer mehr Beifall ſpende, daß ich das dem ſterbenden Hyarinthe geleiſtete Verſprechen nicht erfüllt habe. . . Bei meinen Zweifeln, dem Charakter und der Na⸗ tur von Ceſarine, welch eine Hölle wäre unſere Ehe geweſen! Ich hätte wohl zahlreiche Untreuen an ihr begangen und heute würde ich dieſelbe Sättigung . dieſelbe Erſchöpfung des Herzens und der Sinne fühlen. Und dann; durch welche Ausſchweifungen würde dieſe feurige Frau nicht meine ſchlimme Aufführung erwie⸗ dert haben? Heute, da meine Jugend abgenutzt iſt, heute, da es mein einziger Wunſch iſt, meine Jahre der Reife und mein Alter mit einer Frau hinzubringen, bei der ich Ruhe, Sicherheit und Glück finde, wäre ich alſo auf immer an Ceſarine gekettet .. oder von ihr getrennt; aber unfähig, mich zu verheirathen, und genöthigt, in einer unehelichen Verbindung die Ruhe und die Pflege zu ſuchen, die für mich ſo hohe Bedürfniſſe ſind. Indem ich dieſes Tagebuch von einſt wiederleſe, wo ich mir bitter meinen Verkrauensmißbrauch gegen Hyaeinthe, einen Verrath, den ich unter Paradoren zu masquiren geſucht hatte, vorwerfe, finde ich folgende Stelle: Wer weiß! vielleicht werdeich auch eines Tages heirathen? Wie furchtbar treffend würden dann dieſe Blätter aus meinem Junggeſellenleben! Ich frage mich vergebens nach dem Sinne, den mein Geiſt damals mit dieſen Worten verband. Fernand Dupleſſis. II. 18 Wollte ich ſagen, da ich Hyaeinthe hintergangen, ſo hätte ich nicht das Recht, mich zu beklagen, wenn ich auch betrogen würde? Das iſt ſcheinbar, aber ſehr falſch; das Böſe, das wir gethan haben, berechtigt nicht zu dem Böſen, das man uns thut; das Leben iſt zum Glück kein Austauſch von Repreſſalien; die Gerechtigkeit, die Billigkeit, die Sittlichkeit haben ewige Rechte. Ich habe das Verkrauen von Hhacinthe mißbraucht, das iſt ein Unrecht, ich geſtehe es; ich habe es durch bitteres Beklagen geſühnt; was aber auch meine frühere Aufführung geweſen ſein mag, welche Zahl von Ehe⸗ männern ich auch betrogen haben mag, ich wäre in meinem Rechte, wenn ich mich empfindlich, empfindlicher als irgend Jemand bei einer ehelichen Beſchimpfung zeigen würde, und ich wollte eine glänzende Rache nehmen. Und überdies heirathe ich mit der feſten Sicherheit, meiner Frau treu zu bleiben, gleichviel, aus Pflicht oder aus Sättigung; ich habe das Recht, eine der meinigen gleiche Treue zu fordern, ich ſage ſogar, eine die meinige übertreffende Treue, denn die Sitten, die Gewohnheiten, die unerbittlichen Geſetze der Menſch⸗ heit haben offenbar zwiſchen der Lage des Mannes und der der Frau eine Kluft befeſtigt. Das iſt ſo wahr, daß der Ehebruch der Frau zum Obergerichtsherrn und ſouveränen Vollſtrecker ohne Ap⸗ pellation .. den Ehemann hat, der die Schuldige mit dem Tode beſtrafen kann, während der Ehebruch des Mannes, außerhalb des ehelichen Domicils, als durch⸗ aus ohne Folge betrachtet wird. Bieſerlegttime Unterſchied beſteht überall; ſo wöre ein Mädchen, das, ich will annehmen, einen Monat das Leben geführt hätte, welches ich zehn Jahre geführt habe, auf immer entehrt, verloren, und wenn es nach einer ſchicklichen Heirath trachtete, ſo hätte man nicht genug Geziſche für die lächerliche Frechheit ihrer Prä⸗ 19 tenſion. Während es im Gegentheil alle ehrliche und vernünftige Menſchen vollkommen billig und ge⸗ recht finden werden, wenn ein Mann mit meinen Le⸗ bensvorgängen heirathet, wie ich es thue. Mehr noch, der Familie von Albine ſelbſt iſt in Folge von Erkundigungen, die ſie bei den ſchätzbarſten Perſonen eingezogen hat, meine Vergangenheit nicht unbekannt, denn ohne über die Zahl und den Namen meiner Geliebten unterrichtet zu ſein, weiß ſie, daß ich viel geliebt habe, zu viel vielleicht, und das beruhigt dieſe Familie; ſie ſieht darin mit Recht ein Pfand der Sicherheit für die Zukunft ihrer Tochter. Ich irre mich alſo nicht, wenn ich ſage, die mora⸗ liſche Lage der Frauen ſei völlig verſchieden von der unſern; was ſchmeichelhaft für unſern Ruf als Welt⸗ mann iſt, wäre tödtlich für ihren Ruf als ehrliche Frau. Ich habe mir daher keinen Vorwurf zu machen, keinen Gewiſſenszweifel zu hegen, wenn ich ein Mädchen heirathe, deſſen Herz rein und jungfräulich von jeder Liebe, ich, deſſen Herz abgenutzt iſt durch alle Trunken⸗ heiten der Seele und der Sinne. Ich fordere den größten Rigoriſten heraus, mein in jeder Beziehung mit den Gebräuchen, den Sitten, den Geſetzen und der Religion im Einklang ſtehendes Benehmen zu tadeln, denn ich wüßte nicht, daß der Civilbeamte oder der Prieſter ſich je weigern, eine Ver⸗ bindung einzuſegnen, weil der Bräutigam mehr oder weniger Geliebten gehabt hat. Und es muß ſo ſein; wir würden ſonſt in eine erſchreckliche Sittenloſigkeit, in einen wilden Zuſtand verſinken; man nehme wirklich an, die Liebesſchwächen der Frau vor ihrer Verheirathung werden als eben ſo gleichgültig betrachtet, wie die Liebesabenteuer des Mannes? Wohin würden wir gehen? geraden Weges nach Otaheiti. Mein, nein, es iſt Gott, ſei Dank keine Gleichheit der Geſundheit Ihrer Tochter nach Vichy gefü es wird mir weniger peinlich ſein, Ihnen meine zwiſchen der Moral, welche die Aufführung der Frau regiert, und unſerer Moral . . . Nach dieſen Betrachtungen, die mich nicht nur in meiner Ueberzeugung geſtärkt, ſondern mir auch das Maß meiner Rechte gegeben haben, ſchloß ich meine Vergangenheit dadurch ab, daß ich folgende zwei Briefe an meine zwei letzten Geliebten ſchrieb, um redlich in den Eheſtand einzutreten und jedes andere Band zu zerreißen. „Meine liebe Eulalie, Sie wunderten ſich über mein langes Stillſchweigen. Vernehmen Sie die Ur⸗ ſache: Ich heirathe. „Ich ziehe es vor, Ihnen die Wahrheit ohne Vor⸗ und auch ohne Entſchuldigungen zu agen. Ich kenne Ihre Charakterfeſtigkeit, die Richtigkeit Ihres Geiſtes und bin alſo ſicher, daß mir mein Be⸗ nehmen keins Anſchuldigung von Ihrer Seite zuziehen wird „1„Auf jede Weiſe mußte unſere Barbindung, welche nün achtzehn Monate dauert, bald ihr Ende erreichen; Sie hätten mich verlaſſen, um einen andern Liebhaber zu nehmen oder ſich ganz Ihrem Manne und Ihrer Tochter zu widmen; ich hätte Ihren Entſchluß ange⸗ nommen, ohne mich zu beklagen . ich ſage nicht, ohne Bedauern und ohne Kummer. „Und dann bin ich zu einem Alter gelangt, wo ſich die Zukunft firiren und ſich auf eine ehrenvolle und dauerhafte Art hervorſtellen muß. „Seit lange fühlte ich das Bedürfniß nach eine ruhigen, geregelten Leben; die Erkaltung, über Sie ſich oft in der letzten Zeit beklagten, h keine andere Urſache. „Ich wünſche mir Glück, daß Sie die F 21 ſchluß zu ſchreiben, als Sie mündlich damit befannt zu machen. „Ihre Abweſenheit wird ſo als natürlicher Ueber⸗ gang zu unſerem Bruche gedient haben. „Gvott befohlen und für immer Gott befohlen, meine liebe Eulalie; ich habe heute Abend Alles verbrannt, ſeien Sie unbeſorgt, man kann, wie Sie wiſſen, auf mein Wort bauen; ich habe die gegründete Prätenſion, ich hege die Ueberzeugung, ein galanter Mann zu ſein. Dieſer letzte Brief wird Ihnen wie immer unter dem Couvert Ihrer Kammerfrau zufommen; ich bitte Sie, antworten Sie nicht, denn wenn Sie dieſes leſen, bin ich verheirathet. . . und fern von Paris, das ich ver⸗ laſſe. Sie begreifen überdies, daß ein Brief von Ihnen, da er ſich verirren könnte, Gefahr laufen würde, die Unruhe oder das Mißtrauen in ein Haus zu bringen, welches mir die Ruhe und das Glück meines Lebens ſichern ſoll. 5 „Immer der Ihrige, wenn ſchon F. D.“ Außer dieſee, wie man zu ſagen pflegt, erklär en Geliebten, hatte ich vor einiger Zeit einer Parfumerie⸗ bude ein reizendes Mädchen entführt, das durch ſeine ſchelmiſche Miene, ſeine anlockende Leibesgeſtalt, und beſonders durch ſeine herrlichen rothen Haare die letzte Laune meiner verſcheidenden Jugend geworden war. Ich ſchrieb dieſen zweiten Brief an Mademoiſelle Mariette Hubert: „Liebes Kind, Du wirſt hier beigeſchloſſen ſechs Tauſend⸗Franken⸗Billets finden; ich überlaſſe Dir ein huͤbſches Mobiliar, Silberzeug, Juwelens füge dem ein gutes Benehmen bei, und Du wirſt ruhig beſſere Zeiten abwarten können. „Gründe, welche Dir zu erklären unnütz wäre, verpflichten mich, Dich zu verlaſſen und Dir die Frei⸗ heit zu geben, ſo viel als möglich Glückliche zu ma⸗ chen. Biſt Du vernünftig, . . . ſuchſt Du mich nicht zu ſehen, ſo kannſt Du auf ein neues Andenken von mir (ſechs weitere Tauſend⸗Franken-Billets) binnen Kurzem rechnen. Würdeſt Du es dagegen verſuchen, mich wiederzuſehen, ſo entziehe ich Dir das Mobiliar (der Vertrag geht auf meinen Namen), und nie wirſt Du mehr von mir ſprechen hören. „Faſſe alſo den vernünftigeren Entſchluß, den, zu ſein, was Du immer geweſen biſt, ein gutes klei⸗ nes Mädchen, und Alles wird auf das Beſte gehen. „Lebe wohl, liebes Kind. „F. D.“ Acht Tage nach dieſem A ſchen abend war ich mit Albine Chevrier verheirathet. XXVII. Seit geſtern bin ich verheirathet. Ich finde es ſehr nützlich für die Gegenwart und für die Zukunft, dieſes Tagebuch fortzuſetzen, welches i während meines Junggeſellenlebens angefangen abe. Was auch das verdiente Vertrauen ſein mag, das man zu ſeiner Frau hat, man darf ſich nicht verbergen, daß es immer weſentlich iſt, ſo viel als möglich alle ihre Gedanken, alle ihre Handlungen zu wiſſen, um ſie völlig zu ergründen und ſein Benehmen nach dem ihrigen zu regeln. Dieſe grundliche Kenntniß vom Leben einer Frau kann man nur erlangen durch eine beſtändige und ge⸗ naue Beobachtung. Verläßt ſich aber der Beobachter, ſo aufmerkſam er ſein mag, auf ſein Gedächtniß, ſo werden ſeine Bemerkungen von Heute, ſeine Eindrücke 23 von Geſtern morgen vergeſſen oder in ſeinem Geiſte verwirrt ſein, während uns, wenn wir im Gegentheil unmittelbar die Dinge, die uns auffallen, notiren, dieſe Erinnerungen, als eben ſo viele Merkzeichen auſgeſtellt, im gegebenen Augenblick als Leitfaden dienen werden, um die Wahrheit zu entdecken, liegt es in unſerem Intereſſe, ſie zu kennen. Beinahe immer erklären ſich die Geheimniſſe der Gegenwart durch die Kenntniß der Vergangenheit; von den Wirkungen zu den Urſachen zurückgehend, werde ich es auch, unterſtützt durch mein Memvrandum, machen wie jene Seeleute, welche ſich mittelſt ihres Lochbuches, worin alle während der Reiſe geſammelten Bemerkungen aufgezeichnet ſind, immer eine ſtreng ge⸗ naue Rechenſchaft von ihrer gegenwärtigen Lage geben. Dieſes Memorandum, vor zwei Jahren zu einem Zwecke der Vergleichung und frivoler Neugierde be⸗ gonnen, ſoll auch das vade mecum oder, wie die See⸗ leute ſagen; das Lochbuch meines ehelichen Lebens ſeink es iſt alſo für mich eine gebieteriſche Pflicht, das⸗ ſebbe fortzüſetzen . Geſtern Abend, nach einem langen, unerträglichen Diner, dem vorletzten Acte eines Hochzeittages, iſt Albine in Begleitung ihrer Mutter in mein Haus gekommen und hat hier die erſte Nacht zugebracht; heute zur Mittügsſtunde reiſen wir nach meinem Gute im Berry ab. Madame Chevrier, meine Schwiegermutter, nach⸗ dem ſie ihre Tochter zum letzten Male umarmt hatte, führte ſie in das Brautgemach, wohin ich ihr bald folgen ſollte. Ich habe ſogenannte Philoſophen ſich über Folgendes empören hören: „Es ſei eine der abſchen⸗ lichen Folgen der Convenienzheirathen (welche im Ganzen die Mehrheit der ehelichen Verbindungen bilden), daß ſie auf eine rohe Art in die Arme eines Manneés ein Mädchen werfen, das am vorhergehenden Tage, 24 das eine Stunde vor dieſer gezwungenen Hingebung ſeiner ganzen Perſon nach den Grundſätzen der Erzie⸗ hung kaum ſeine Blicke auf eben dieſen Mann zu hef⸗ ten wagte.“ Die erwähnten Philoſophen ſehen in dieſem plötz⸗ lichen Abſchluſſe der Heirath eine Barbarei und eine empörende Unzüchtigkeit; ſie ſchildern die Keuſchheit einer jungen Perſon, welche zittere und bebe, von Angſt, häuſig von Schrecken erfüllt bei dem Gedanken, der Schleier der Schamhaftigkeit, mit dem ſie ſich ſelbſt vor den Augen einer Schweſter oder einer Geſpielin umhüllte, werde auf eine rohe Weiſe kraft ſeines Gattenrechtes von einem beinahe unbekannten Manne zerriſſen werden. . Aus den von ihnen bezeichneten Monſtruoſi⸗ täten ſchließen die erwähnten Philoſophen und ver⸗ ſichern, von ihrer Hochzeitnacht an hegen viele Frauen gegen ihren Mann einen Widerwillen, einen Ekel, eine Abneigung, und es ſei dies ſogar oft die Urſache der Ehebruche, welche ſo viele Ehen entehren. Meiner Anſicht nach urtheilen dieſe Philoſophen als die Philoſophen, die ſie ſind. Die Ehe iſt durchaus nicht ein Band oder ein Vorwand von Liebesfreuden. Die Ehe iſt ein Leben ſtrenger Pflichten und Opfer, beſonders von Seiten der Frau: dafür zeugt die Mut⸗ terſchaft, die nur unter grauſamen Schmerzen in Er⸗ ſ geht und eine beſtändige Selbſtverlengnung heiſcht. Ich wundere mich daher nicht, ich wünſche mir beinahe Glück zu der finſtern Entrüſtung, die mir die⸗ ſen Morgen Albine, als ich ſie verließ, durch ein mür⸗ riſches, verächtliches Stillſchweigen bezeigt hat. Sah man ihre ſchmerzliche Verwirrung, ihre ſtumme Ver⸗ zweiftung, ſo hätte man glauben ſollen, ſie habe mir eine ſchändliche Beſchimpfung vorzuwerfen. Iſt aber dieſer vorübergehende Verdruß vergeſſen, ſo wird ſie in mir nur noch den Bruder, den Freund, den ernſten Gefährten ihres ernſten Lebens ſehen. Mein Zweck wird rrreicht ſein, und ihre Geſchäfte als Hausfrau, die Sorge und Pflege, die ſie mir ſchenken wird, ihre häufigen Andachtsübungen werden die vernünf⸗ tigſte, ehrlichſte Frau aus ihr machen Die Klugheit und meine Erfahrung in Betreff der Frauen haben mir eine ſcheinbar unbedeutende und dennoch ſehr wichtige Maßregel gerathen. Ich habe Albine eine von mir ausgewählte und geprüfte Kammerfrau gegeben. Sie heißt Madame Claude und hat immer in vortrefflichen Häuſern ge⸗ dient, unter andern bei der Frau Herzogin von **, einer ehemaligen Geliebten von mir, wo ich ſie kennen und ſchätzen gelernt habe. Sie iſt ſehr häßlich, ſehr eigennützig, aber eben ſo geſchmeidig als einſchmeichelnd und gewandt. Sie hat es einzurichten gewußt, daß ſie vor acht Tagen von Albine und ihrer Mutter ange⸗ nommen worden iſt. Wohl verſtanden, man glaubte mich dieſem Schritte, der zum Voraus zwiſchen mir und Madame Claude verabredet geweſen, völlig fremd; um mein Spiel beſſer zu verbergen, war ich auch dem Scheine nach wenig begeiſtert über die Wahl von Al⸗ bine, und ich erhob ein Geſchrei über das Alter und das widerwärtige Geſicht dieſer neuen Kammerfrau, worauf mir Madame Chevrier weiſe zur großen Zu⸗ friedenheit ihrer Tochter erwiederte, man müſſe mehr Vertrauen und Sicherheit bei einer Kammerfrau von reiferem Alter und von wenig anziehendem Aeußern haben, als bei einem oft unbeſonnenen jungen Mädchen, das geneigt ſei, ſich Schmeicheleien ſagen zu laſſen; ich ſchien ihren Gründen nachzugeben, während ich mich ſortwährend von einer großen Kälte gegen Madame Claude, meine mir ergebene Creatur, zeigte. Ich habe ſo viele Kammerfrauen' die Liebesgeheim⸗ niſſe ihrer Gebieterinnen beſitzen ſehen, dieſe Compli⸗ 26 cität (obgleich ſie ihre Gefahren hat) ebnet ſo viele Schwierigkeiten, geſtattet ſo viele Geheimniſſe und trägt dergeſtalt zur albernen Verblendung des Ehemanns bei, daß es von mir äußerſt klug geweſen iſt, daß ich Madame Claude in den Dienſt meiner Frau gebracht abe. Gewiß bin ich weit davon entfernt, Albine für fähig zu halten, mich zu betrügen; ohne dieſes Vertrauen zu ihr hätte ich ſie nicht geheirathet. Wir ſollen in einer beinahe völligen Einſamkeit auf dem Lande leben. Ich bin ſehr Beobachter, und ich glaube nie von einer Frau, ſo liſtig, ſo verſchmitzt ſie auch geweſen ſein mag, be⸗ trogen worden zu ſein, ohne den Verrath geahnet oder wahrgenommen zu haben; aber aus tauſend Gründen iſt es am Ende doch beſſer, in die häusliche Gemein⸗ ſchaft mit meiner Frau eine mir ergebene Perſon zu ſetzen. Bei ihrer bürgerlichen Erziehung (über die ich entzückt bin), muß Albine ziemlich vertraulich gegen ihre Kammerfrau ſein; die Vereinzelung, in der wir leben werden, wird dieſe Vertraulichkeit nothwendig noch vermehren. Madame Claude iſt aber ſo einſchmei⸗ chelnd, daß kein Monat vergehen wird, bis ſie das un⸗ umſchränkte Vertrauen ihrer Gebieterin gewonnen hat. Zum Haushofmeiſter und Vertrauten werde ich meinen Kammerdiener Dupin haben, einen verſtän⸗ digen, ſichern, verſchwiegenen Menſchen, der ſeit zehn Jahren in meinen Dienſten iſt, während welcher Zeit er mir Beweiſe von gänzlicher Ergebenheit geboten hat; er und Madame Claude werden das übrige Ge⸗ ſinde überwachen, das nicht in unſerem vertrauten Dienſte ſteht. 3 zweifle nicht an der Zukunft, ich bin ſicher, das Glück in dieſer Verbindung zu finden, durch die Art und Weiſe, wie ich die Ehe verſtehe; ſollte es aber anders ſein, ſo werde ich wenigſtens, wenn ich dieſe Zeilen und die, welche ich noch ferner ſchreibe, wiederleſe, 27 das Bewußtſein haben, es ſeien von mir alle vernünf⸗ tige Vorſichtsmaßregeln getroffen worden, welche die Lebenserfahrung und die Kenntniß der Frauen einem Manne eingeben können. . ⸗ . ⸗ Orleans. — September, 1828. Dieſen Morgen ſind Albine und ich in einem Reiſecoupé vun Paris abgefahren. Dupin und Ma⸗ dame Claude ſaßen im Hinkereabriolet. Ich habe meine Frau in eines von den zwei Zimmern geführt, die ich im Gaſthauſe verlangte; ich bin nun in dem meinigen⸗ Wir wollen genau die Erinnerungen von dieſem Tage zurückrufen; ſie ſind intereſſant und bezeichnend. Herr und Madame Chevrier kamen heute Morgen zum Frühſtück zu mir, um von ihrer Tochter Abſchied zu nehmen; ſie haben abermals ſehr herzlich auf ihrem Wunſche beſtanden, uns bald nach Riballiére nach⸗ zufolgen; ich habe mich nicht minder herzlich gegen ihr Zudringen gewehrt, indem ich die Verfallenheit des Schloſſes einwandte und ungeheuer übertrieb, denn ich verficherte, meine Frau und ich haben kaum zwei be⸗ queme Zimmer, bis die Wohnung neu eingerichtet ſei. Trotz ihrer Wahrſcheinlichkeit iſt die Entſchuldi⸗ gung nur mit großen Schwierigkeiten angenommen worden; mein einfältiger Schwiegervater ſpielte den Abgehärteten, den Murrkopf, erinnerte mit einer gewich⸗ tigen Miene daran, daß er als Generalarmeelieferant dem Heere nach Preußen gefolgt ſei, und ſprach davon, daß er gleichviel wo bivouaquiren wolle; während meine Schwiegermutter, nicht minder heldenmüthig (ſie war ihrem Manne während des Krieges nach Breslau nach⸗ gereiſt), ſich mit der geringſten Manſarde begnügen ſollte .. Ich ſtützte mich auf meine liebevolle Achtung, die mir um keinen Preis erlaube, die Eltern meiner Frau auf eine ihrer unwürdige Art zu empfangen; ich ſei feſt entſchloſſen, ihnen die Honneurs von Ri⸗ 28 balliere nicht eher zu machen, als bis ihnen eine an⸗ ſtändige Wohnung geboten werden könne. Während des Frühſtücks war Albine düſter und ſchweigſam, ihre Augen flohen die meinigen; zwei oder dreimal bemerkte ich, daß ſie ihre Thränen, welche zu fließen im Begriffe waren, zurückhielt. Uum eilf Uhr gab das Geräuſch der Poſtpferde, welche in den Hof kamen, das Signal zum Abſchied. Der Abſchied zwiſchen Albine, ihrer Mutter und ihrem Vater war, was ſolche Abſchiede, gemiſcht aus Thrä⸗ nen, Umarmungen, Zärtlichkeitsbetheuerungen, Ver⸗ ſprechen, ſich zu ſchreiben und ſo bald als möglich wiederzuſehen, immer ſind. Ich geſtehe, ich empfand viel weniger Rührung, als Ungeduld, das Ziel dieſer Scene zu ſehen und mich endlich im freien Beſitze meiner Frau zu fühlen. Gott ſei Dank, nach Verlauf von zehn Minuten ſchloß ſich der Wagenſchlag hinter uns; Duypin ſtieg auf ſeinen Sitz und ſagte zu den Poſtillons: „Straße nach Orleans, fünfzig Sous Trinkgeld . . . und gut gefahren!“ Die vier Pferde gingen raſch ab. Albine neigte ſich noch einmal aus dem Schlage, um mit der Ge⸗ berde einen letzten Abſchied an ihren Vater und ihre Mutter zu richten; dann warf ſie ſich in den Hinter⸗ grund des Wagens zurück, zerfloß in Thränen und verbarg ihr Geſicht in ihrem Taſchentuch. So habe ich dich verlaſſen, o Paris! du, die du ſo lange der Mittelpunkt meiner Vergnügen und Luſt⸗ barkeiten, die goldene Stadt meiner Jugend warſt, ich habe dich für immer und ohne Bedauern verlaſſen, wie der Schauſpieler, das Abnehmen ſeines Talentes fühlend, vernünftiger Weiſe das Theater verläßt, wo er ſo lange geglänzt hat. Albine weinte immer, ich überließ ſie ihrem Still⸗ 29 ſchweigen und ihren Thränen bis nach unſerer zweiten Station. Ich war auf den Kummer von Albine gefaßt und wollte ihn ſich ergießen und abnutzen laſſen. Dieſe Trennung mußte allerdings ſchmerzlich für meine Frau ſein, obgleich ihr Vater und ihre Mutter nicht zu den Vätern und Müttern gehörten, welche eine gewiſſe Vergötterung einflößen; es fand zwiſchen ihrer Tochter und ihnen jener Austauſch von alltäg⸗ licher Zärtlichkeit ſtatt, der mehr aus der Erziehung und der Gewohnheit entſpringt, als aus den tiefen Zuneigungen, motivirt durch eine zugleich verſtändige und leidenſchaftliche Zärtlichkeit oder durch die ſub⸗ lime Ergebenheit, welche zuweilen das Familiengefühl ſo hoch erhebt. Dabei verband ſich der Kummer von Albine mit ihren verſchiedenen widrigen Empfindungen gegen mich in Betreff unſerer Hochzeitnacht. Vor unſerer Abreiſe hatte ich Zeit gehabt, Madame Claude zu fragen, was ſie in der Phyſiognomie oder in der Sprache ihrer Gebieterin während der Zeit beobachtet, wo ſie durch ihren Dienſt allein bei meiner Frau zurückgehalten worden ſei. Folgendes war die Antwort von Madame Claude: „Als ich bei Madame eintrat, ſaß ſie in ihrem Schlafrocke in einem Fauteuil; ſie ſtützte ihre Ellen⸗ bogen auf ihre Kniee, ihre Stirne auf ihre Hände, war unbeweglich wie eine Bildſäule und rührte ſich nicht, da ſie mich ſah. „„Will ſich Madame ankleiden?““ fragte ich. „„Ich erlaube mir, Madame daran zu erinnern, daß ſie um eilf Uhr mit dem Herrn abreiſen ſoll, und daß es ſchon neun Uhr iſt.““ „Madame ſchien mich nicht zu hören, denn ſie ließ mich lange ohne Antwort; dann ſagte ſie zu mir, als ob ſie plötzlich erwacht wäre: „„Meine gute Frau, haben Sie eine Tochter?““ 30 „„Ich glaubte ſchon die Ehre gehabt zu haben, Madame zu bemerken, ich ſei Witwe und ohne Kin⸗ der.““ „„Deſto beſſer für Sie, meine arme Madame Claude; denn hätten Sie eine Tochter gehabt, ſo wür⸗ den Sie dieſelbe ohne Zweifel verheirathet haben.““ „„Ja, denn um nach Madame zu urtheilen, iſt die Heirath das Glück . . .““ „„Gewiß, Madame Clande,““ antwortete mir Madame mit einem ſo traurigen Lächeln, daß ich Ih⸗ nen keine Idee davon geben kann. „Gewiß, es iſt das Glück.““ „Und bis zu dem Augenblick, in welchem die Mut⸗ ter von Madame in das Zimmer eingetreten iſt, wo Beide allein geblieben ſind, hat mir Madame nicht ein Wort mehr geſagt; während ich ſie ankleidete, war ſie wie außer ſich, fſie ſchien nicht in ihrem natürlichen Zuſtande zu ſein; ich wagte es auch nicht, ein Wort an Madame zu richten, weil ich ſie zu beläſtigen und mißtrauiſch gegen mich zu machen befürchtete.“ Dieſe Erzählung von Madame Claude hat meine Vorherſehungen und Hoffnungen beſtätigt; ich ſtützte mich auf dieſe Ueberzeugung, um mit meiner Frau das folgende Geſpräch zu haben, als ich, zwei Stunden nach unſerer Abreiſe von Paris, das Stillſchweigen brach, das wir bis dahin beobachtet hatten. XXVIII. Unſere Unterredung war, wie folgt: „Meine liebe Albine,“ ſagte ich zu meiner Frau, „ich begreife ſo wohl den Kummer, den Ihnen Ihre erſte Trennung von Ihren vortrefflichen Eltern ver⸗ urſachen muß . . . daß ich Sie in Ihrem traurigen Gedanken ſeit unſerer Abreiſe nicht ſtören wollte.“ 31 Albine: — Ich danke Ihnen für Ihre Discre⸗ tion, mein Herr .. Ich: — Mein Herr . 7 das iſt ceremoniös, meine liebe Albine. Albine: — Ich nannte Sie geſtern nicht anders. Das iſt nicht meine Schuld. Es iſt mir nicht möglich, raſcher vertraulich zu werden. Ich: — Ich erkläre mir vollkommen Ihre Zurück⸗ haltung, meine liebe Freundin; erlauben Sie mir nur, Ihntſierin nicht nachzuahmen und Sie nicht Ma⸗ dame zu nennen. Albine, mit einem bittern Lächeln, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen: — Meine Erlaubniß! Das iſt ein Scherz, mein Herr? . . Nennen Sie mich übri⸗ gens, wie Sie wollen. Ich: — Ich habe ſo viel Zuneigung zu Ihnen, i Albine, daß ich den Grund Ihres Gedankens er⸗ rathe. Albine: — Deſto ſchlimmer für Sie, mein Herr. Ich: — Noch vorgeſtern nannten Sie mich, ohne ſich mit mir vertraulich gemacht zu haben: Herr Fer⸗ nand; Sie ſahen zufrieden aus; wir ſprachen in voller Offenherzigkeit von unſeren Plänen, und abgeſehen von dem ſehr natürlichen Kummer, den Ihnen der Ge⸗ danke, ſich von Ihren theuern Eltern zu trennen, ver⸗ urſachen mußte, ſchien Ihnen die Reiſe, die wir zu dieſer Stunde machen, nicht mißfallen zu ſollen? Albine: — Es iſt wahr, mein Herr. Doch vorgeſtern . Ich; — Vorgeſtern war ich nur Ihr Bräutigam und heute bin ich Ihr Mann . .. Nicht wahr, das iſt mein Verbrechen? Sie antworten mir nicht? Ich habe richtig errathen .. Wohl denn! ich ver⸗ ſpreche Ihnen, daß heute Abend im Gaſthauſe, wie ſpäter bei Ihnen, unſere Wohnungen, obgleich benach⸗ bart, doch fortan getrennt ſein ſollen. Meine Frau hörte mir ſtillſchweigend zu und hielt 32 dabei den Kopf geſentt unter ihrem Schleier, ben ſie ungeſtüm niedergeſchlagen hatte, ohne Zweifel, um ihre Verlegenheit, ihre peinliche Verwirrung vor mir zu verbergen; als ich ihr aber verſprach, unſere Zimmer werden fortan getrennt ſein, bebte ſie und richtete den Kopf wieder auf; der finſtere, bittere Aus⸗ druck, der bis dahin ihr Geſicht gleichſam zuſammen⸗ gezogen hatte, verſchwand allmälig, und ſie ſagte mit einer leicht zitternden Stimme zu mir: „Sie verſprechen mir, daß unſere Wohnungen immer getrennt ſein werden?“ Ich: — Ich ſchwöre es Ihnen. Albine: — Daß Sie nie bei Nacht zu mir her⸗ einkommen werden? Ich: — Nie. Albine: — Ueberlegen Sie Ihr Verſprechen. Denn ich ſchwöre Ihnen meinerſeits, ich würde mich eher tödten .. . Ich: — Ich beſchwöre Sie, bauen Sie auf mein Wort. Albine, nach einem langen Stillſchweigen: — Dann werde ich zu vergeſſen ſuchen ... Ich: — Und Sie werden vergeſſen; Ihr Grvoll gegen mich wird nur vorübergehend ſein. Ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich hoffen, daß der aufrichtigſte Freund, der ergebenſte Bruder bei Ihnen den Gatten, den Mann vergeſſen machen werden, daß .. Albine, mit rührendem Tone: — Sie haben ver⸗ ſprochen, mir fortan die grauſame Verlegenheit zu er⸗ ſparen, welche mir eine ſolche Unterredung verurſacht. Halten Sie Ihr Verſprechen, und ich werde Ih⸗ nen meine Dankbarkeit nach meinen beſten Kräſten zu beweiſen ſuchen. Ich: — Ich ſchwöre Ihnen, mein Wort zu halten. Albine: — Ich glaube Ihnen; es iſt für mich Bedürfniß, Ihnen zu glauben; denn ich fühle mich — — — —.— — — — 33 auf den Tod traurig. (Weinend.) Oh! ja, zum Sterben traurig. Jih — Ich bitte, beruhigen Sie ſich. Warum dieſe Thränen? Albine: — Ich habe Ihnen verſprochen, bank⸗ bar zu ſein. Ich beweiſe es Ihnen ſchon dadurch, daß ich meine Thränen nicht zu verbergen ſuche. Ich: — In der That, nichts gefällt mir ſo ſehr, als die Aufrichtigkeit. Doch ich frage Sie noch ein⸗ mal, meine theure Freundin, woher kommt dieſe nie⸗ derſchlagende Traurigfeit? Ich rede nicht von Ihrem Kummer darüber, daß Sie Ihre Eltern verlaſſen; er iſt eben ſo gerecht, als ehrenvoll für Ihr Herz. Albine: — Es iſt auch nicht allein dieſe Tren⸗ nung, was mich niederbeugt. Ich: — Was denn? In den letzten Tagen ſchienen Sie mit unſerer Reiſe zufrieden? Albine: — Es iſt wahr und nun .. Ich: — Nun? Albine, Thränen in den Augen und ſich mit gefalteten Händen gegen mich wendend: — Herr Fernand, ich flehe Sie an, ſeien Sie gut gegen mich; ich fühle mich ſo allein, ſo vereinzelt, ſeitdem ich meinen Vater und meine Mutter verlaſſen habe. Ich: — Bin ich nicht da .. bei Ihnen? Albine: — Ja, doch ich kenne Sie ſo wenig. Ich: — Ich habe Sie doch mehr als einen ganzen Monat lang jeden Tag in Ihrem Hauſe geſehen. Albine: — Aber immer in Gegenwart meiner Eltern . ſodann, und das iſt ganz natürlich, ſag⸗ ten Sie nur, was Sie ſagen wollten; vielleicht iſt es auch Mangel an Scharfſinn auf meiner Seite, oder gewöhnliche Verſchloſſenheit bei Ihnen; doch nun bin ich Ihre Frau, mein Leben iſt für immer an das Ih⸗ rige gebunden, Sie können aus mir machen, was Sie wollen, denn ich habe keinen Schutz mehr, und ich fühle mich bei Ihnen wie bei einem Fremden .. Fernand Dupleſſis. II. 3 34 Ich: — Sprechen wir im Vertrauen; mußten Sie ſich nicht ſeit vierzehn Tagen an den Gedanken dieſer Reiſe, dieſer Vereinzelung, wie Sie es nennen, ge⸗ wöhnen? Albine: — Was wollen Sie? Ich war wenigſtens noch in meiner Familie, . und dann meine Unwiſſenheit in Betreff des Ortes, wo wir für zwei Monate unſeren Aufenthalt zu nehmen im Begriffe ſind; denn, nicht wahr, wir verreiſen nur auf zwei Monate, Herr Fernand? Ich: — Allerdings . . allerdings ... Doch fahren Sie fort. Albine: — Nun denn, ich war neugierig, das Schloß zu ſehen, nach dem wir uns begeben; heute aber fühle ich mich tief traurig .. Ich bin wie Jemand, der geht ohne zu wiſſen, wohin er geht. Ich: — Ich will es Ihnen ſagen, liebe Albine, denn ich begreife vollkommen die Unruhe, von der Sie ergriffen ſind .. Vernehmen Sie mit zwei Worten, wohin Sie gehen; mit anderen Ausdrücken, hören Sie, was Ihr Leben jedes Tages ſein wird z und wenn Sie das einmal wiſſen, ſo können Sie unſere ge⸗ meinſchaftliche Eriſtenz von einem Ende zum andern in den Blick faſſen, denn ſie wird bis zu ihrem Ende ſo ſein, wie ich ſie Ihnen ſchildere. Albine: — Ich höre Sie, Herr Fernand. Ich: — Die Beſchreibung des Schloſſes iſt über⸗ flüſſig; Sie werden es ſehen; es iſt ein ſehr ſchöner, ſehr maleriſcher und ſehr geſunder Ort, ſein Inneres wird Ihnen ohne Zweifel ſeinem Anblicke nach etwas ſtreng ſcheinen, denn es iſt nach der alten Mode meu⸗ blirt geblieben, wie es zur Zeit meiner Großmutter war; doch wenn Sie es wünſchen, wird es vollſtändig modern eingerichtet werden .. Das Leben, das wir dort führen werden, iſt folgendes: ich werde auf den Punkt acht Uhr aufſtehen, da man mir beſonders ein außerordentlich regelmäßiges Leben verordnet hat. 35 Albine: — Man hat Ihnen das verordnet? Ich: — Ja die Aerzte. Albine: — Sie ſind alſo krank, Herr Fernand? Ich: — Nicht gerade, meine liebe Albine; doch ich habe von meiner armen Mutter eine ziemlich zarte Geſundheit geerbt; ich bedarf großer Soraſamkeit, großer Schonung, und was die Pflege betrifft . .. ſo habe ich auf Ihre Zuneigung gerechnet, meine liebe Albine. Albine: — Ich werde meine Pflicht thun. Ich: — Ich werde alſo pünktlich um acht Uhr aufſtehen.. Jeden Morgen muß ich eine Taſſe Eſels⸗ milch trinken, und ſie würde mir heilſamer ſcheinen, wenn ich ſie aus Ihrer theuern Hand empfinge. Albine: — Es ſoll geſchehen, wie Sie es wünſchen. Ich: Wie gut ſind Sie . . . ich danke Ihnen; nach meiner Eſelsmilch werde ich eine halbe Stunde liegen bleiben; dann, je nach dem Wetter, gehe ich entweder bis zum Frühſtück ſpazieren, oder ich be⸗ ſpreche mich über meine Angelegenheiten mit meinem Verwalter; im Verlaufe des Morgens werden Sie, wenn Sie mir glauben, liebe Freundin, jeden Tag eine ſtille Meſſe in der Kirche des Dorfes hören, wo⸗ nach Sie einen Blick auf die verſchiedenen Dienſt⸗ geſchäfte Ihres Hauſes werfen. Albine: — Eine ſtille Meſſe alle Tage? Ich: — Nichts kann leichter und bequemer ſein; iſt die Kapelle gebaut, ſo werden Sie ſich von Ihrem Betzimmer aus ebenen Fußes dahin begeben; mittler⸗ weile wird man ſie im Wagen zur Kirche führen, wenn Sie es nicht etwa bei ſchönem Wetter vorziehen, zu Fuß dahin zu gehen. Albine: — Ich ſpreche nicht von der größeren oder geringeren Leichtigkeit, um in die Kirche zu ge⸗ hen, Herr Fernand; mir ſcheint es nur genügend, alle Sonntage, wie Jedermann, dahin zu gehen. ch: — Meine liebe Albine, glauben S mir, man * vermöchte die Religionsübungen nicht zu ſehr zu ver⸗ vielfältigen; außer dem, daß man daraus jeden Tag neue Kräfte fuͤr Eyfüllung ſeiner Pflichten ſchöpft, iſt es auch ein vortreffliches Beiſpiel für ein Haus, für die Nachbarſchaft; und dann, wenn ich Ihnen von mir ſprechen ſoll, ich lege, wohlverſtanden in Ihrem In⸗ tereſſe, das größte Gewicht darauf, daß Ihr Leben muſterhaft religiös iſt. Um eilf Uhr werden wir früh⸗ ſtücken. Nach dem Frühſtück beſchäftige ich mich aber⸗ mals mit meinen landwirthſchaftlichen Angelegenheiten, denen ich eine ſehr große Ausdehnung geben will; um vier Uhr machen wir eine weite Promenade zu Fuß oder im Wagen, nach Ihrem Geſchmack; dann keh⸗ ren wir zurück und ſpeiſen um ſieben Uhr zu Mit⸗ tag; nach dem Mittageſſen werden Sie ſo gut ſein, mir einige Zeitungen vorzuleſen, und während wir her⸗ nach den Thee nehmen, machen wir ein Partiechen Bil⸗ lard; das iſt eine ſanfte und heilſame Leibesübung, die man mir auch empfohlen hat;z auf den Schlag zehn Uhr endlich führe ich Sie in Ihr Zimmer und kehre in meines zurück. Dies, meine theure Freundin, muß, abgeſehen von gewiſſen Modificationen, welche in unſere Eriſtenz die Jahreszeiten oder die Zeit der Jagd brin⸗ gen werden, die ich leidenſchaſtlich liebe, der ich mich aber auch bis zu meiner völligen Wiederherſtellung nur mit Maß hingeben darf, dies, ſage ich, muß unabän⸗ derlich unſer Leben ſein. . . . Nicht wahr, ſo wiſſen Sie nun, wohin Sie gehen? Albine: — Ja, Herr Fernand . . . Doch, nicht wahr, dieſes Landleben wird heuer nur bis zum Ende des December längſtens dauern? und dann werden wir, darüber ſind wir übereingekommen, wenigſtens alle Jahre ſieben bis acht Monate in Paris zubringen. Ich: — Sie lieben alſo Paris ſehr? Albine: — Oh! ungemein. Das iſt ganz ein⸗ fach, ich habe dort meinen Vater, meine Mutter, einige 37 Freundinnen aus der Penſion; und dann iſt Paris viel heiterer, als das Land. Ich: — Seien Sie überzeugt, liebe Freundin, daß meine Wünſche immer mit den Ihrigen im Einklang ſein werden. Doch ich würde wetten, wenn Sie einmal unſer gutes und friedliches Leben in Riballiére gekoſtet haben, wollen Sie nicht mehr von Paris ſprechen hören. Albine: — Herr Fernand, das glaube ich nicht. Ich: — Sie werden ſchen. Albine: Ich bin deſſen, was ich ſage, ſicher. Ich: — Ich fönnte Ihnen daſſelbe antworten, doch ich wiederhole, warten Sie, verſuchen Sie es, und Sie werden ſehen! Albine: — Wir werden ſehen; doch wenn ich, wie ich nicht bezweifle . . . wenn ich es vorziehe, den größeren Theil des Jahres in Paris zuzubringen, ſo wird dies geſchehen, wie Sie mir verſprochen haben? Ich: — Gewiß . wenn mich nicht. was glück⸗ licher Weiſe nicht wahrſcheinlich iſt, wenn mich nicht meine Geſundheit in Riballiére zurückhält, denn die Aerzte haben mir beſonders das Leben und die Luft auf dem Lande empfohlen; Sie würden aber einer Reiſe nach Paris zu Liebe nicht meine Geſundheit aufs Spiel ſetzen wollen . . . Und dann laſſen ſie hören, was finden ſie denn ſo Anziehendes in Ihrem Paris? Albine: Ich ſagte Ihnen ſo eben, ich habe in Paris meine Familie und Freundinnen; dann gibt es doch viele Vergnügungen, die ich nicht kenne; wir leb⸗ ten ziemlich zurückgezogen. . . ohne große Zerſtreuungen, und, ich geſtehe Ihnen, Herr Fernand, ich würde ſehr gern, zum Beiſpiel, zuweilen auf den Ball, in die Oper gehen, ſchöne Feſte ſehen . . . was weiß ich!!! Ich: — Ah! Sie haben ſehr Recht, meine liebe Freundin, wenn Sie ſagen: Was weiß ich! denn Sie würden ſich nicht alle dieſe Vergnügungen wünſchen, wenn ſie wüßten, wie kiter und langweilig ſie ſind. 38 Albine: — Um die Eitelkeit derſelben zu fühlen, müßte man ſie wenigſtens kennen. Ich: — Ich kenne ſie, meine arme Freundin! ich kenne ſie zu genau! und ich kann auch davon ſprechen; glauben ſie mir, ſie verachten heißt ſich ärgerliche Tän⸗ ſchungen erſparen. Albine: — Der Ball, die Feſte, die Oper, die Soireen! Sie haben Alles dies langweilig gefunden, Herr Fernand? Sprechen Sie, die Hand auf dem Ge⸗ wiſſen, hat Sie das nie beluſtigt? Ich: — Die Enttäuſchung hat wenigſtens nicht lange auf ſich warten laſſen. Albine: — Alles, was ich von Ihnen fordere, iſt, daß Sie mir Zeit gönnen, mich zu enttäuſchen. Ich: — Gut, ich habe Sie wenigſtens gewarnt und werde mir keine Vorwürfe zu machen brauchen. Albine: — Wohlan, Ihr Verſprechen wird mir Muth ſür die Zeit unſeres Aufenthalts in Riballiére eben. 8 Ich: — Muth, um dieſes ſo ſanfte, ſo ruhige Leben zu führen? Albine: — Vielleicht wird es mir ſo ſcheinen, ich wünſche es . ich hoffe es, doch bis jetzt. .. Ich: — Bis jetzt? Albine: — Soll ich offenherzig ſein? Ich: — Gewiß. Albine: — Nun denn! das Leben, das wir in Ihrem Schloſſe führen werden, ſcheint mir nicht . .. ungeheuer beluſtigend ſein zu müſſen. Ich: — Was nennen Sie beluſtigend? Albine: — Wir werden alſo nie Jemand ſehen? wir werden dort leben wie die Wölfe? Ich: — Vor Allem glaube ich, meine Liebe, daß wir vollkommen fähig ſind, einander zu genügen; wir werden aber gezwungener Weiſe einigen Umgang mit der Nachbarſchaft haben. *— — — — 39 Albine: — Das iſt ſchon etwas ... Sie ſagten mir nichts hievon. Ich: — Aus einem ſehr einfachen Grunde: wir können erſt an dieſe Beſuche denken, wenn meine Ge⸗ ſundheit völlig wiederhergeſtellt iſt; käme man zu uns, ſo müßten wir zu den Andern gehen, und das würde für mich ein Abweichen von der mir vorgeſchriebenen Lebensordnung herbeiführen, was ich hauptſächlich ver⸗ meiden muß. Albine: — Dann werden wir unſere Beſuche in der Nachbarſchaft auf das nächſte Jahr verſchieben, wenn wir von Paris zurückkommen. Ich: — Allerdings: Sind Sie nun ein wenig be⸗ ruhigt über dieſe erſchreckliche Reiſe, liebe Freundin, welche dieſes erſchreckliche Schloßleben zum Ziele hat? Albine: — Ja, Herr Fernand .ich fange an mich darein zu ſchicken, und dann .. . die Vernunft. . . Auch kann es nicht anders ſein; ich muß alſo muthig meinen Entſchluß faſſen; denn was verlange ich am Ende? glücklich zu ſein, ohne Ihrem Glücke zu ſcha⸗ den ... Wenn wir jedes ein wenig von dem unſern dazu thun, ſo können wir unſer Leben auf das Beſt⸗ möglichſte einrichten, nicht wahr? Ich: — Allerdings. Albine: — Ich werde Alles thun, was von mir abhängt, um Ihnen in keiner Hinſicht entgegen zu ſein, und wenn ich zuweilen nicht mit Ihnen übereinſtimme, ärgern Sie ſich nicht, erinnern Sie ſich nur, daß ich achtzehn Jahre alt bin, und grollen Sie mir nicht, wenn ich den Geſchmack, die Ideen meines Alters habe. Haben Sie mich zu tadeln, ſo ſprechen Sie mit Ver⸗ nunft, Sanſtmuth und Nachſicht mit mir, und Sie werden aus mir Alles machen, was Sie wollen, Herr Fernand. . . Sie ſehen, ich bin offenherzig, ich gebe Ihnen mein Geheimniß. Ich: — Und ich will Ihnen das meinige geben, um nicht hinter Ihnen zurück zu bleiben, liebe Albine. 40 Hören Sie auf meinen Rath, er wird immer der Ihres beſten, Ihres aufrichtigſten Freundes ſein. Seien Sie beſonders auch aufrichtig gegen mich, ſelbſt auf die Ge⸗ fahr, mir vorübergehend zu mißfallen, und Sie werden Ihrerſeits aus mir machen, was Sie wollen. Sind wir hierüber einverſtanden? llbine: — Einverſtanden, Herr Fernand. Unſer Geſpräch dauerte in dieſem freundſchaftlichen Tone bis hierher fort. Nach dem Abendbrod führte ich meine Frau in ihr Zimmer, und ich bin in das meinige zurückgekehrt, wo ich dieſe Zeilen ſchreibe. Ich habe aufmerkſam meine erſte ernſte Unterredung mit Albine wieder geleſen; es iſt ſo, ich habe nichts vergeſſen. Im Ganzen bin ich ſehr zufrieden mit mei⸗ ner Frau, durchaus ſo hatte ich ſie beurtheilt: viel Sanftmuth, Schüchternheit, wenig Geiſt, kein Wille; denn ich kann ſie nicht als Willen nehmen, die bei jun⸗ gen Mädchen natürliche Velleität, auf den Ball, in die Oper zu gehen u. ſ. w. kurz ſich zu beluſtigen, wie ſie ſagen, die Treuherzigen! Ich begreife auch vollkommen, daß das Leben, von dem ich Albine ein Bild ſkizzirt habe, dieſer beim erſten Anblick langweilig und eintönig ſcheint, es muß in der That ſo ſcheinen, betrachtet aus dem Geſichtspunkte der Narren, die das Glück in den albernen Ergötzlichkeiten der Welt ſuchen; in Wirklichkeit aber, für vernünftige Menſchen, gibt es keine beſſere, für die Seele und den Leib geſündere Exiſtenz als die, welche meiner Frau vorbehalten iſt. Was ſehlt ihr? Wird ſie nicht ein ſchönes Schloß haben? einen herrlichen Park, eine gute Tafel, Pferde und Wagen zu ihren Befehlen; die freie Verfügung über fünfundzwanzig Louis d'or monatlich für ihre Launen und Almoſen, einen väterlichen Gatten, und die Achtung Aller, wenn ſie dieſelbe, wie ich es überzeugt bin, verdient. Was das Begehren von Albine, oft und lange nach 4¹ Paris zu gehen, betrifft, ſo iſt das eine Mädchenlaune, der ich meine Geſundheits⸗, Geſchmacks⸗ und Bevorzu⸗ gungsrückſichten zu unterwerfen keines Weges gemüßigt bin; ich werde aber nicht nöthig haben, von meinem Veto Gebrauch zu machen, um dieſe weltlichen Phan⸗ taſien kurz abzuſchneiden. 3 Ich hege die tiefe Ueberzeugung, daß Albine allmä⸗ lig, und ohne es zu bemerken, dem betäubenden, ab⸗ ſpannenden Einfluſſe dieſes ruhigen, kloſterartig gere⸗ gelten Lebens unterliegen wird. Allerdings wird ſie, und ich rechne hierauf, in den erſten Zeiten noch das, obgleich ſchon geſchwächte, Echo der Luſtbarkeiten und Feſte hören, die ihre Jugend träumte; nach und nach aber wird ſie in eine ſanfte, weiche Erſchlaffung verfinken. Sie werde (darauf will ich hinarbeiten, und es wird mir glücken) leckerhaft und fromm, und ehe drei Monate vergehen, wird ſie kein anderes Leben be⸗ greifen, als das, welches ihr zu dieſer Stunde im höch⸗ ſten Maße langweilig dünkt. Und dann wird mein Ziel vollſtändig erreicht ſein; ich werde eine ſanfte, unterwürfige, eifrige Lebensge⸗ fährtin haben, die ſich glücklich ſchätzt, meinen Geſchmack und meine Neigungen zu theilen; ich werde jedes Ver⸗ trauen in meine Frau ſetzen können, deren liebenswür⸗ diges, lächelndes Antlitz um mich her ein Ausſehen von Leben und Jugend verbreiten wird. Endlich werde ich durch ſie, wie ich hoffe, die ſüßen Freuden der wah⸗ ren Vaterſchaft, eine in unſeren Tagen ſo ſeltene Sicherheit, kennen lernen; ich werde alſo meinen letzten Triumph der Eitelkeit genießen, und er wird würdig die Siege meiner erſten Jugend krönen. Ein wahrer Triumph, denn, nachdem ich ſo viele Ehemänner betro⸗ gen, werde ich eine junge und hübſche Frau geheirathet haben und nie ein betrogener Mann ſein. Ich unterbrach hier die Fortſetzung dieſes Tage⸗ 42 8 buchs, um an ihrem Flatze und nach der Ordnung der Data mehrerer Briefe von meiner Frau einzuſchieben. Ich habe ſchon geſagt, lange nach meiner Verhei⸗ rathung mit Albine bekam ich zum erſten Mal Kenntniß von einer ziemlich zahlreichen Correſpondenz von ihrer Hand, worin ſie, ſo zu ſagen, parallel mit meinem Tage⸗ buch, jedoch aus ihrem Geſichtspunkte, die verſchiedenen Phaſen unſerer Verbindung erzählt. Dieſe Briefe vervollſtändigen zu grauſam die Lehre, die man vielleicht in dieſer ſühnenden Erzählung finden wird, ſie klären zu gut gewiſſe Begebenheiten auf, als daß ich mich nicht mit einer Art von bitteren Befriedigung darein fügen ſollte, ſie dieſen Denkwürdig⸗ keiten beizugeben. Die Bruchſtücke eines Tagebuchs, welche man ſo eben geleſen hat, und welche ich nach ſo vielen Jahren ſelbſt mit einer ſchmerzlichen Empfindung abgeſchrieben habe, dieſe Bruchſtücke waren der aufrichtigſte Aus⸗ druck meiner Denkungsart von damals; ich glaubte feſt und gewiſſenhaft Albine alle Chancen wünſchenswerthen und möglichen Glückes zu bieten; meine Täuſchung in dieſer Hinſicht kam nur meiner Beſtürzung gleich, als mir erſchreckliche Wirklichkeiten meinen Irrthum ent⸗ ſchleierten. XXIX. Es ſolgen hier die Briefe von Albine. Albine an Hermanre. Riballiere, Oktober 1828. Endlich habe ich das Mittel gefunden, Dir zu ſchrei⸗ ben. Ich erſticke. .. Mein armes Herz wird ſich aus⸗ gießen können. 3 — — — — — 43 Das letzte Mal, daß ich Dir die Hand drückte und Deine Wange küßte, war an dem Abend, wo ich das tödtliche Hochzeitmahl verließ, um mich mit meiner Mutter in das Haus meines Mannes zu begeben. Hermanre, es gibt Dinge, die ich nicht zu ſagen vermöchte, nicht einmal Dir, ohne vor Scham zu ſier⸗ ben. Werde ich das Herz haben, ſie zu ſchreiben? Ich will es verſuchen. Nein, ich konnte nicht fortfahren . . . So eben iſt mir meine Feder aus der Hand gefallen; zwanziqmal habe ich ſie wieder aufgenommen, doch vergebens. Und wenn ich bedenke, daß es mir meine Mutter als eine Unbeſcheidenheit vorwarf, daß ich kurze Aermel tragen wollte . und zwei Tage vorher ſagte ſie zu mir: „Albine, wenn zufällig während des Plauderns Herr Fernand Deine Hand nehmen wollte, dulde es nicht . . Das ſind Freiheiten, die ſich nur ein Mann gegen ſeine Frau erlauben darf. . .“ Ich begriff nicht, was meine Mutter damit ſagen wollte. Ich dachte mir in meinem Innern, dieſe Er⸗ mahnung ſei unnöthig; ich hatte eben ſo wenig Luſt, meine Hand von Herrn Dupleſſis nehmen zu laſſen, als ich, wie ich Dir geſchrieben, Luſt hatte, ihn zu umarmen. Du wirſt mich nun für toll oder für einfältig hal⸗ ten, daß ich mit meinem Manne am Tage nach dieſer Nacht nach dem Schloſſe, von welchem aus ich Dir ſchreibe, abgereiſt bin. Was ſollte ich thun? Iſt er nicht mein Herr und Meiſter, wie meine Mutter geſagt hat? bin ich nicht ſeine Frau? Muß ich mich nicht allen Folgen der Hei⸗ rath unterziehen, die ich anzunehmen die unglückliche Schwäche gehabt habe? Du erinnerſt Dich deſſen, was ich Dir ſchrieb: 44 „Des Kampfes müde, habe ich endlich zu dieſer Ver⸗ bindung eingewilligt, trotz meiner Vorgefühle, trotz mei⸗ ner Unwiſſenheit in Betreff des Charakters von Herrn Fernand; es wäre alſo wahnſinnig von mir, wenn ich nicht den beſtmöglichſten Vortheil aus einer, im Gan⸗ zen von mir freiwillig angenommenen, Lage ziehen würde.“ Meine Geſinnung iſt immer noch dieſelbe; als meine erſten widrigen Empfindungen ein wenig be⸗ ſchwichtigt waren und ich von meiner Mutter erfuhr, mein Mann habe von ſeinem Rechte Gebrauch gemacht, ſagte ich mir: man ſoll nicht auf die Vergangenheit zurücktommen, ich muß bemüht ſein, es mir ſo wenig unangenehm als möglich in dieſer Ehe einzurichten, wie man es in einem unbequemen Hauſe macht, das man zu kaufen die Ungeſchicklichkeit begangen hat. Dieſe Reſignation iſt der einzige Entſchluß, der mir bleibt, und ich faſſe ihn; trotz dieſer Reſignation gibt es etwas, was ich nie beſiegen werde, das iſt der Eindruck von Kälte, von unüberwindlicher Abſtoßung, den nur die Berührung der Hand von Herrn Dupleſ⸗ ſis auf mich macht, wenn er mir jeden Abend, während er mich in mein Zimmer zurückführt, nach engliſcher Mode die Finger in Form eines „Adien und Gute Nacht“ drückt. Du ſiehſt, daß ſich meine geringe Luſt, meinen Mann zu umarmen, in einen unüberwindlichen Widerwillen verwandelt hat. Uebertreibung, wirſt Du denken? Nein, denn ich will es verſuchen, Dir eines der Warum meines Widerwillens zu erklären. Du wirſt das Uebrige begreifen. Erinnerſt Du Dich der Unterlehrerin der Klei⸗ nen in der Penſion mit ihren Einſammlungen von Epheublättern bei unſeren Spaziergängen im Walde von Vincennes? „Pfui! wie abſcheulich!“ wirſt Du aufſchreien. „Sollte Dein Mann .. auch ... Ephen⸗ 45 blätter brauchen? Ah! das wäre, um einem übel zu machen.“ Was willſt Du, Hermance, er nennt das ein Exu⸗ torium und behauptet, es ſei ſeine Geſundheit. Alles iſt Glück und Unglück auf dieſer Welt, mein armes Kind; Du entſinnſt Dich deſſen, was ich Dir von den Männern und Frauen ſagte, die mir, nach der Idee, welche ich mir von der Ehe gemacht hatte, nicht verheirathet ſchienen? Nun wohl, ich gehöre zu dieſen. Ach! für mich, wie für ſo viele Andere, wird die Heirath nicht das Feſt meiner Jugend, gefeiert mit einem Gefährten nach meinem Herzen, meinem Alter und meinem Geſchmacke geweſen fein. Herr Du⸗ pleſſis iſt und wird immer für mich ſein eine Art von Vormund, mit welchem ich nie auf einem vertraulichen Fuße ſtehen werde. Er hält mich und muß mich für tauſendmal dümmer halten, als ich bin; daran iſt mir wenig gelegen. Uebrigens iſt er im Grunde ein ziem⸗ lich guter Menſch, und es läßt ſich leicht mit ihm leben, ſo lange man thut, was er will; ich habe weder den Muth, noch die Luſt, zu kämpfen; ich unterwerfe mich ſeinem Willen und verlange nur von ihm, daß er mich nicht hart tadelt, wenn ich mich von der Linie, die er mir vorgezeichnet hat, entferne. Wir ſind übereinge⸗ kommen, daß wir am Ende des Jahres nach Paris zurückkehren werden, das läßt mich in Geduld die tödtliche Langweile meines Aufenthalts hier ertragen; ich muß Dir indeſſen geſtehen, daß es jetzt nur Lang⸗ weile iſt, was ich fühle, und das iſt ein Fortſchritt, denn Anfangs war es Schrecken ich übertreibe nicht. Uurtheile nach der Erzählung meiner Ankunft hier. Es ſfiel an dieſem Tage ein feiner Regen; das Wetter war düſter; wir folgten einer endloſen Allee von Kaſtanienbäumen mit ſchon gelb gewordenen Blät⸗ ternz endlich erblickte ich ein großes Schloß von rothem 46 Backſtein mit Schieferdach und gedeckt von Thürm⸗ chen von weißem Stein; unſer Wagen fuhr über eine Brücke, denn das Gebände iſt von Waſſer umgeben; wir gelangten in einen Hof, deſſen Fflaſter beinahe unter dem Graſe verborgen war; ein Greis mit wei⸗ ßen Haaren (der Verwalter) erwartete uns unten an der Freitreppe; nachdem wir dieſe hinaufgeſtiegen wa⸗ ren, kamen wir durch eine ſteinerne Hausflur, und dann in drei bis vier ungeheuere, nach der alten Mode meublirte Stuben; es war kalt und feucht darin, wie in einer Kirche; endlich erreichten wir ein kleines, rundes Zimmer, wo wir ein vortreffliches Feuer und einen für das Mittagsmahl zugerichteten Tiſch fanden, denn Herr Dupleſſis hatte ſeinen Koch und andere Bedienten vorausgeſchickt. „Bis man aufträgt,“ ſagte er zu mir, „wärmen Sie ſich die Füße, meine liebe Albine, dann werde ich Ihnen die Ausſicht auf den Park von der andern Seite des Schloſſes zeigen; was das Innere betrifft, ſo müſ⸗ ſen Sie ſchon erkennen, daß ich Recht hatte, wenn ich Ihnen ſagte, es müſſe Alles neu eingerichtet werden. Sobald ich Ihren Geſchmack weiß, wird man zum Werke ſchreiten; in zwei Monaten wird die Umwand⸗ lung vollſtändig ſein. Kommen Sie nun, liebe Freun⸗ din, ſie ſollen wenigſtens zugeſtehen, daß der Park herrlich iſt.“ Der erſte Anblick dieſes Aufenthaltsortes brachte eine ſo düſtere Niedergeſchlagenheit bei mir hervor, mein Herz war ſo beklommen, daß ich meinem Manne nur einſylbig antwortete. Nachdem wir durch eine zweite Reihe von Zimmern gegangen waren, traten wir auf eine breite Terraſſe mit ſteinernem Geländer umgeben mit Waſſer wie das Schloß und einen Ver⸗ bau bildend. Eine Brücke, die auf dieſe Terraſſe aus⸗ lief, führte zu einem ſtellenweiſe mit Gruppen von ungeheuren Bäumen beſäeten Wieſenplan. Dieſer er⸗ ſtreckte ſich ins Unabſehbare und war durchzogen von 47 den Krümmungen eines Flüßchens, deſſen Waſſer die Terraſſe umgaben und die Mauern des Schloſſes be⸗ ſpülten. Am äußerſten Horizont erſchaute man Hügel und große Waldungen. Dieſer Anblick war allerdings großartig, er kam mir aber entſetzlich traurig vor. Es mh⸗ Nacht, und Alles erſchien wie durch einen Herbſt⸗ nebel. Man meldete uns das Mittagsmahl. Ich ſah Herrn Dupleſſis beim Speiſen zu, dann ſchützte ich die Strapaze der Reiſe vor, um mich in mein Zimmer zurückzuziehen. Mein Mann führte mich in die Woh⸗ nung, die einſt, wie man mir ſagte, ſeine Großmutter inne gehabt hatte. Seine Wohnung iſt von der mei⸗ nigen nur durch ein gemeinſchaftliches Eingangszimmer getrennt; ein Salon kommt vor meinem Schlafzimmer. Dieſes geht auf ein Ankleidecabinet, welches mit einer für meine Kammerfrau beſtimmten Stube in Verbindung ſteht. Ich fühlte mich niedergeſchlagen; ich hatte bei⸗ nahe Angſt; dennoch empfand ich das Bedürfniß, allein zu ſein. Ich ſchickte meine Kammerfrau zum Eſſen, ſetzte mich an die Ecke des Kamins und zerfloß in Thränen. Als ich genug geweint hatte, ſchaute ich mit einer maſchinenmäßigen Neugierde umher; dieſes geräumige, nur ſchwach durch zwei Kerzen beleuchtete Zimmer war mit altem Kattun tapezirt, auf deſſen weißem Grunde earmeſinrothe Zeichnungen mit dem Fiſchfange beſchäf⸗ tigte oder im Palankin promenirende Chineſen vor⸗ ſtellten; das Himmelbett, die Vorhänge von zwei gro⸗ ßen Fenſtern mit kleinen Scheiben waren von demſelben Stoffe; ein türkiſcher Teppich bedeckte den Boden; und um dieſes Ameublement der alten Zeit zu vervollſtän⸗ digen, ſah man über dem kleinen Spiegel des Kamins ein grün, roſa und blaues Gemälde, einen Schäfer vorſtellend, der die Sackpfeife vor zwei Schäferinnen und zwei gekräuſelten Lämmern ſpielt. Heute bin ich an mein Zimmer gewöhnt; es ge⸗ ⁴8 fällt mir ſogar wegen ſeines alterthümlichen Charak⸗ ters; ich kann Dir aber den Eindruck eiſiger Träurig⸗ keit nicht ſchildern, von dem ich ergriffen wurde, als ich zum erſten Mal darin wohnte; es ſchien mir ſo weit von den Gedanken, von den Bedürfniſſen meines Alters entfernt zu ſein, als feine Menbles von den heutigen Moden und Gebräuchen entfernt waren. Ich fühlte mich bedrückt, mein Kopf brannte; ich öffnete eines der Fenſter, es ging auf den Park; der Wind hatte ſich erhoben, er verjagte die dicken Regen⸗ wolken, welche vor dem bleichen zunehmenden Mond hinzogen; ich ſah vom Park nur die großen Baum⸗ gruppen, die ſich ſchwarz vom grauen Himmel abhoben, und den weißlichen Lauf des den Wieſenplan durch⸗ ziehenden Fluſſes. Sie Dir zu ſagen, Hermance, die ſchmerzlichen Ideen, die mir während einer Stunde, welche ich mit den Ellenbogen auf das Geſims meines Fenſters ge⸗ ſtützt, das Geſicht vom Regen gepeitſcht, zubrachte, in den Kopf kamen, Dir das zu ſagen, wäre mir nicht möglich. Ich ſah mich für immer von der Welt und den Meinigen getrennt, verloren in der Einſamkeit; meine Angſt wurde allmälig ſo groß, daß ich mich entſchloß, am andern Tage Herrn Dupleſſis zu ſagen, nichts in der Welt würde mich zwingen, in dieſem Schloſſe zu wohnen, ich werde hier vor Langweile und Furcht ſterben, und ich wolle zu meiner Mutter zurückkehren und meine eheliche Verbindung, wenn es ſein müſſe, zerreißen. Die Rücktehr meiner Kammerfrau nöthigte mich, das Fenſter zu verlaſſen; ich kleidete mich haſtig aus, ſchob den Riegel meiner Thüre vor, und überließ mich beim Scheine des Feuers, das langſam im Kamine erloſch, den düſterſten Gedanken, bis zu dem Augen⸗ blick, wo ich des Weinens und des Verzweifelns müde entſchlief. 49 Dies, meine arme Freundin, war die erſte Nacht, die ich im Schloſſe zugebracht habe. Am andern Morgen, bei meinem Erwachen, drangen die Sonnenſtrahlen durch die Spalten meiner Läden ein. Ich hörte zehn Uhr ſchlagen. Die Ruhe, der Schlaf hatten meine Gemüthsbewegungen des vorher⸗ gehenden Abends ſehr beſänftigt. Ich faßte meine Lage kälter ins Geſicht, und indem ich mich meiner Befürch⸗ tungen und meiner Pläne erinnerte, ſchalt ich mich ſtrenge, daß ich die unausführbare Idee gehabt habe, das Schloß zu verlaſſen und mich von meinem Manne zu trennen, ſollte er ſich weigern, mich nach Paris zu⸗ rückzuführen. Endlich wiederholte ich mir (vas iſt mein großes Schlachtroß), ich müſſe den beſtmöglichſten Vortheil aus meiner Lage ziehen, und im Ganzen keh⸗ ren wir ja in ein paar Monaten nach Paris zurück, wo ich meine Familie und meine Freundinnen wieder⸗ finden werde; meine Freundinnen, das heißt Dich! Ich ſtand viel vernünftiger, als am Tage vorher auf, zog einen Schlafrock an und öffnete meine inneren Läden, um durch die Sommerläden den Anblick des Parks an dieſem ſchönen Herbſtmorgen zu genießen; denn das Wetter war nun eben ſo ſchön, als es am vorhergehenden Tage düſter geweſen war. Was iſt doch ein wenig Sonne am Himmel und ein wenig Hoffnung im Herzen, liebe Freundin? Die⸗ ſer Park ſchien mir völlig verändert ſeit dem vorher⸗ gehenden Tage; der Raſen war nun ſmaragdgrün, die Bäume hatten die ſchönen röthlichgelben und braunen Farben des Spätjahres; der Fluß, von welchem ſich ein leichter Dunſt erhob, glänzte in der Sonne wie Silber unter einer Gaze; der friſche Morgenwind brachte mir den ſo ſüßen Geruch des wilden Geisblatts, das ohne Zweifel zufällig in irgend einem Winkel wuchs; in der Ferne endlich und auf dem Wieſenplane weidend ſah ich eine Herde ſtattlicher weißer und orangefarbi⸗ ger Kühe; das Wetter war, wie geſagt, herrlich, ich Fernand Dupleſſis. II. 4 50 hörte das kleine Geſumme eines Schwarmes von Bie⸗ nen, welche auf Beute in den Kelchen von Mauerkraut, das ſich zwiſchen den Platten der Terraſſe fand, aus⸗ gingen; der Anblick dieſes friſchen, lachenden Morgens verlieh mir eine unausſprechliche Ruhe, der ich durch das Geräuſch der Frühſtücksglocke entriſſen wurde; ich war im Verzuge. Herr Dupleſſis iſt, nach dem Rathe der Aerzte, von einer ſeltenen Pünktlichkeit hinſichtlich der Stunde ſeiner Mahle, doch ich wollte mich mit der Müdigkeit vom vorhergehenden Tage entſchuldigen, und ich klingelte meiner Kammerfrau, Madame Claude. Nur zwei Worte über dieſes gute Geſchöpf: bei meiner Vereinzelung iſt es ein Glück für mich, daß ich in meinen Dienſten eine Frau habe, mit der ich, ohne übertriebene Vertraulichkeit, plaudern kann; Madame Claude iſt eine vortreffliche Perſon, ſehr ſanft, ſehr eifrig; ſie iſt häßlich und nähert ſich dem Fünfzigſten; doch für eine Frau von ihrem Stande kann man un⸗ möglich beſſer erzogen ſein, mehr Takt haben; ich weiß auch nicht, warum Herr Dupleſſis eine Art von Anti⸗ pathie gegen ſie hegt; ich glaube, daß mir Madame Claude mit der Zeit ſehr ergeben ſein wird; ich hatte ſogar den Gedanken, ihre Ergebenheit ſehr raſch da⸗ durch auf die Probe zu ſtellen, daß ich ſie beauftragen wollte, Dir meine Briefe insgeheim zukommen zu laſſen; eine falſche Scham hat mich zurückgehalten. Nichts kann ohne Zweifel unſchuldiger ſein, als meine Correſpondenz; ich zögerte indeſſen ein wenig, mich der Discretion einer Perſon zu überlaſſen, welche ſo kurze Zeit bei mir iſt. Ich bereue mein Bedenken nicht, denn ich habe das Mittel gefunden, meine Briefe an Dich abzuſenden, ohne mich an irgend Jemand zu wenden; Du wirſt ſogleich ſehen, wie. Ich klingelte alſo; Madame Claude, die mich noch ſchlafend glaubte, hatte es nicht gewagt, in mein Zim⸗ mer einzutreten; Herr Dupleſſis war ſchon mehrere Male da geweſen, um ſich nach mir zu erkundigen; ich PA * N — — 51 kleidete mich ſo ſchnell als möglich an und ging hinab, um zu frühſtücken. Ehe ich in das Speiſezimmer kam, verirrte ich mich in dieſen ungeheuren Gemächern. Bei Tage und beim vollen Sonnenſcheine geſehen, kamen ſie mir weniger düſter vor, als am vergangenen Abend; es war überall Täfelwerk von natürlichem Eichenholz oder grau und weiß angemalt, Füllungen von Tapiſ⸗ ſerie mit Perſonen oder von roth und grünem Lampas ſo dick wie Pappendeckel umrahmend; das Ameublement war ſtrenge und maſſiv, aber wohlerhalten; im Ganzen ſchien mir dieſer alterthümliche Charakter für ein Schloß den Vorzug vor den modernen Einrichtungen zu ver⸗ dienen. Ich fand Herrn Dupleſſis im Speiſezimmer; er erkundigte ſich ſehr freundlich, wie ich die Nacht zugebracht habe; ich theilte ihm meine Betrachtungen über das Ameublement des Schloſſes mit; er war meiner Anſicht, wünſchte jedoch, den Charakter der Wohnung bewahrend, dieſe ſo behaglich als möglich zu machen. Nach dem Frühſtück ſchlug mir mein Mann eine Spazierfahrt vor, um die Meiereien zu beſichtigen, die er ſelbſt zu bewirthſchaften gedachte; wir hatten im Sinne, durch das Dorf zurückzukehren und einen Be⸗ ſuch beim Pfarrer zu machen, um uns mit ihm über die Stunde der ſtillen Moſſe zu verſtändigen, der ich nach dem Wunſche meines Mannes jeden Tag beiwoh⸗ nen ſollte; er ſchien einen ſolchen Werth auf dieſe ſtille Meſſe zu legen, daß ich keine Einwendung machte. Die Umgebung von Riballiére bietet wenig Ab⸗ wechſelung durch Höhen und Tiefen, iſt aber ſehr wald⸗ reich; raſch fließende Bäche finden ſich in Menge, auch gibt es Mühlen in großer Anzahl, was der Landſchaft viel Belebtheit verleiht. Wir ſind zu mehreren in ſehr ſchlechtem Zuſtande befindlichen Pachthöfen gekommen; es war ein peinliches Gefühl, wenn man die Bewoh⸗ ner anſchaute, ſo elend ſahen ſie aus; wir waren im Phabton; Herr Dupleſſis fuhr, und auf gi 52 ſaß ſein Verwalter; Beide unterhielten ſich beinahe unabläſſig über den Feldbau, während ich dieſe für mich neue Landſchaft betrachtete. Unſere Spazierfahrt dauerte drei bis vier Stunden. Wir kehrten durch das vom Schloſſe eine Viertelmeile entfernte Dorf zurück und hielten vor dem an die Kirche anſtoßenden Pfarr⸗ hauſe an; der Pfarrer war ausgegangen, um einen Kranken zu beſuchen. Ich ſagte Dir, liebe Hermance, ich habe mich nicht zu ſehr geſträubt gegen die mei⸗ nem Manne ſo theuere Idee einer täglichen ſtillen Meſſe. Ich wurde für meine Unterwürfigkeit belohnt; höre, wie Die Kirche und das Pfarrhaus liegen mitten im Dorfe; wir fuhren durch daſſelbe, um nach dem Schloſſt zurückzukehren, als ich an einem der letzten Häuſer den beſeligenden Anſchlag: Bureau der Briefpoſt bemerkte. Das war für mich ein Lichtſtrahl; fügte ich mich in die Meſſe, ſo konnte ich, wenn das Wettel ſchön war, allein zu Fuße nach der Kirche gehen un im Vorbeigehen in die herrliche Boite einen Brie für Dich ſchieben; ich würde alſo, um an Dich zu ſchreiben, nicht nöthig haben, mich an irgend Jeman zu wenden. Denke Dir meine Freude: um mir ſogleich G wißheit über die Entfernung zu verſchaffen und al unerſchrockene Fußgängerin aufzutreten, verlangte ich zu Fuße nach dem Schloſſe zurückzukehren; Herr Du pleſſis gab mir ſeinen Arm, und wir folgten eine herrlichen Platanenallee, welche hundert Schritte von Schloß ausmündet. „Abgeſehen vom Wege durch das Dorf,“ ſagt ich zu meinem Manne, „iſt es eine wahre Promenade zu Fuße vom Schloſſe nach der Kirche zu gehen.. Ich werde ſie oft machen, iſt die Stunde dieſer ſtille Meſſe nicht zu früh.“ 3 „Bei ſchönem Wetter iſt es in der That eine zende Promenade, meine liebe Albine,“ antwot „Wenn Sie zu Fuße in die Meſſe gehen wollen, 53 dahin zu fahren, ſo kann dies ganz leicht geſchehen; einer von unſern Leuten wird Ihnen folgen, um Ihr Gebetbuch zu tragen, und in zwanzig Minuten ſind Sie in der Kirche.“ Dieſes: einer von unſeren Leuten verrückte meine Pläne auf eine furchtbare Art. Anfangs war ich niedergeſchmettert. Ein Bedienter, der mich oft einen Brief auf die Poſt bringen ſehen würde, konnte ſich wundern, daß ich dies ſelbſt beſorge, und ſchwatzen. Ich überlegte mir bald, wenn ich mich darauf be⸗ ſchränkte, daß ich Dir ſelten, aber lange ſchriebe, ſo könnte ich von Zeit zu Zeit weggehen, ohne auf einen von meinen Leuten zu warten, und meinen Brief ohne einen indisereten Zengen auf die Poſt geben. Ganz freudig über meine Entdeckung, kam ich mit Herrn Dupleſſis gegen ſechs Uhr nach Hauſe; er wollte, wie er mir ſagte, einen Blick in den Kuhſtall werfen, der der Ausbeſſerungen bedurfte; ich ging in meine Woh⸗ nung hinauf, um mich anzukleiden: er hatte mich ge⸗ beten, jeden Abend zum Diner eine friſche und ele⸗ gante Toilette zu machen. Vor unſerer Verheirathung hatte ich Herrn Du⸗ pleſſis immer mit großer Sorgfalt gekleidet geſehen. Ich wußte, daß das Landleben eine mehr bäueriſche Kleidung zuläßt, als das Leben in Paris. Ich hatte es auch ganz natürlich gefunden, daß mein Mann wäh⸗ rend des Tages einen kurzen Jagdrock von Sammet und plumpe Schuhe mit ledernen Kamaſchen trug, war aber erſtaunt, beinahe verletzt, als ich in den Salon hinabkam und Herrn Dupleſſis mit ſeinen Kleidern vom Tage in einen Lehnſtuhl verſunken fand; er hatte ſogar ſeine plumpen Schuhe mit den ledernen Kamaſchen anbehalten, welche mir bewieſen, daß mein Mann ſei⸗ nen Kuhſtall gewiſſenhaft unterſucht hatte. „Ah! meine liebe Albine,“ ſagte er zu mir, als ich eintrat, „welch eine gute Luft athmet man hier. .. . wie belebend iſt das . . . Welche Ruhe .. welche 54 Stille welche Freiheit . . . Nicht genöthigt ſein, ſich jeden Abend umzukleiden . . . Sie haben bei mei⸗ ner Ehre eine reizende Haube . ein köſtliches Kleid, Nun, meine Liebe, ſind Sie zufrieden mit Ihrer erſten Zuſammenkunft mit dieſem armen Lande Berry? Glau⸗ ben Sie mir, je länger Sie hier leben, deſto mehr werden Sie überzeugt ſein, daß das wahre Glück in dieſer regelmäßigen und ruhigen Erxiſtenz beſteht. Ich, was mich betrifft, komme mir ſchon wie neugeboren vor; meine Rundreiſe mit meinem Verwalter iſt höchſt intereſſant geweſen; das iſt ein koſtbarer Mann; ich bin überzeugt, daß ich mit dem Rathe ſeiner reifen Erfahrung und mit einem gründlichen Studium der beſten landwirthſchaftlichen Werke in einem Jahre meine Culturen ſelbſt zu leiten anfangen werde; ich will zahlreiches Vieh ziehen, die ſchönſten und reinſten Racen von England hier einführen; ich werde Muſter⸗ ſtälle bauen laſſen. Ich habe heute an meinen Bau⸗ meiſter in Paris geſchrieben, und da Ihnen das Schloß, abgeſehen von einigen innern Einrichtungen, gefällt, wie es iſt, ſo werden wir auf meine Kuhſtälle die Ausgaben verwenden, die ich hier machen wollte; Sie ſollen ſehen, das wird königlich ſein. Ich will durch mein Beiſpiel das Berry in Aufruhr bringen.“. Während der Mittagsmahlzeit ſprach Herr Dupleſ⸗ ſis in dieſem Tone fort; er unterhielt mich von Pro⸗ jecten, die mich in Betracht meiner völligen Unwiſſen⸗ heit in dieſen Gegenſtänden wenig intereſſirten. Um mich zu zerſtreuen, aß ich; die friſche Landluft und die Promenade hatten mir ziemlich Appetit gemacht, und ich muß geſtehen, unſer Koch iſt in der That vortrefflich; ſo habe ich zum erſten Mal vielleicht in meinem Leben (wie materiell wirſt Du mich finden), die Leckerhaftig⸗ keit begriffen. Herr Dupleſſis ſchien entzückt zu ſein, er legte mir die delicateſten Stücke vor und ſagte zu mir; 4 „Geſtehen Sie, liebe Albine, daß dies eines von den reellen, ächten Vergnügen ohne Täuſchung iſt. Ah! laſſen Sie meine Geſundheit völlig wiederherge⸗ ſtellt ſein, und Sie werden ſehen, wie ich Ihnen ein gutes Beiſpiel gebe.“ Was ſoll ich Dir ſagen? ich überließ mich völlig der Schwelgerei; ich, die ich immer einen Abſcheu vor dem Weine hatte, willigte auf das Zureden meines Mannes ein, zwei Fingerhut voll Champagner in Eis und beim Nachtiſch ein Tröpfchen Malvaſier zu trin⸗ ken. Ach! ich fand ihn köſtlich. Nach dem Mahle, das bis halb neun Uhr währte, kehrten wir in den blauen Salon zurück, ein großes Feuer brannte im Kamin; Herr Dupleſſis ſetzte ſich auf die eine Seite in einen weiten Lehnſtuhl, ich auf die andere in eine weiche Bergeère; und bald verſank ich unwillkürlich in eine Art von Schläfrigkeit. Ohne Zweifel müde von ſeiner Promenade, ſchloß mein Mann die Augen und entſchlummerte; offenherzig geſtanden, ärgerte mich das nicht, denn ohne daß ich gerade Luſt hatte, zu ſchlafen, fühlte ich meine Angenlider beſchwert, und es wäre mir unangenehm geweſen, wenn ich in dem Zuſtande ſüßer Schlafſucht, in den ich verſunken war, hätte ſprechen müſſen. Ich ſchlief nicht, und den⸗ noch dachte ich nicht, oder vielmehr mein einziger Ge⸗ danke war, ich befinde mich vortrefflich. Ich weiß nicht, wie lange das dauerte; doch ich glaube, ich fing an wirklich zu entſchlummern, als ich durch das Geräuſch, das ein Diener die Thüre öffnend machte, aufgeweckt wurde. Herr Dupleſſis rieb ſich die Augen, reckte ſich, ſtand endlich auf unb ſagte zu mir: „Meine liebe Albine, der Thee iſt im Billardzim⸗ mer ſervirt; wenn Sie wollen, machen wir ein Partie⸗ chen, während wir unſern Thee nehmen; dieſe Uebung eine Stunde nach dem Eſſen iſt ſehr geſund und mir äußerſt empfohlen.“ „Aber ich kann nicht Billard ſpielen,“ antwortete ich. 1 56 ₰ „Das Spiel iſt bloß der Vorwand zu einer Art von Spaziergang; wenn Sie nur einen Ball ſtoßen können, mehr brauchen Sie nicht .. . ich werde es Ih⸗ nen zeigen.“ Wir traten in das ſehr große, vortrefflich geheizte, wohlbeleuchtete und mit einem dicken Teppich verſehene Billardzimmer ein. Ich that, was Herr Dupleſſis von mir verlangte, und ich benahm mich nicht zu ungeſchickt bei meinem Verſuche in dieſem Spiele; von Zeit zu Zeit trat ich an ein Guéridon, um eine Taſſe Thee gemiſcht mit vortrefflicher Sahne zu trinken, . ach! und um, muß ich es Dir auch geſtehen, um köſtliche kleine Kuchen, welche gerade aus dem Ofen kamen, zu eſſen. Auf den Schlag zehn Uhr verlangte Herr Dupleſſis unſere Hand⸗ leuchter und begleitete mich bis an meine Thüre. Ich kleidete mich raſch aus, und mit einem wahren Ver⸗ gnügen ſteckte ich mich in mein Bett, wo ich bald bei der muntern Helle der Kohlengluth, die meinen Kamin füllte, einſchlief. n. Welch ein Unterſchied, wirſt Du mir ſagen, liebe Hermance, welch ein Unterſchied zwiſchen dem erſten Tage meiner Ankunft hier und dem zweiten? Es iſt wahr; doch Du weißt, ich ſchreibe Dir, wie ich denke, wie ich fühle. Ich ſetze dieſen Brief aus, werde ihn aber bald wieder aufnehmen. XXX. SAlbine an Hermancr. Den 5. November 1828. Meine Freundin, es geht etwas Außerordentliches in mir vor, ich erkenne mich nicht mehrz iſt dieſe 6 Veränderung eine glückliche oder eine unglückliche? Ich weiß es nicht: höre, warum ich es von Tag zu Tag ver⸗ ſchob, dieſen vor mehr als einem Monat angefangenen Brief fortzuſetzen. Ich wollte Dir genau ſagen, woran ich ſei, was ich beklage, was ich wünſche; ich hoffte ſelbſt und durch mich ſelbſt über den guten oder ſchlechten Einfluß der Umwandlung, von der ich ſpreche, aufgeklärt zu werden, doch ich bin gar nicht aufgeklärt; vielleicht wird es in vierzehn Tagen, in einem Monat noch ſo ſein; ich ziehe es alſo vor, Dir heute zu ſchreiben. Du weißt, ich war nie ein Salpeter, wie wir in der Penſion ſagten, doch es fehlte mir nicht an Thätigkeit, an Geiſt, ich liebte es ſehr, zu leſen, Muſik ſn machen, mich zu beſchäftigen; meine immer rege Finbildungskraft ging dahin und dorthin, ein wenig auf Gerathewohl; da ich nie verzogen worden war, weder in der Penſion, noch bei meiner Mutter, welche ein ſehr beſcheidenes Leben führte, ſo hielt ich wenig auf das, was man die Lebensbequemlichkeiten nennt; ich kam vortrefflich mit meinem Stübchen mit dem ge⸗ wichſten Boden und dem Kamine, dem es im Winter beinahe immer an Feuer gebrach, zurecht. Du weißt auch, weit entfernt, leckerhaft zu ſein, beſtand unſer großer Schmaus aus Aepfeln ſo grün als möglich, und aus ſehr erſtickenden kleinen Roggenbroden. Du wirſt ſogleich ſehen, warum ich in dieſe kindiſchen Einzel⸗ heiten eingehe. Der Anfang dieſes Briefes hat Dir geſagt, wel⸗ chen Eindruck der Langweile, des Verdruſſes, ich möchte beinahe ſagen des Schreckens der Anblick dieſes Schloſ⸗ ſes und der Zukunſt, die meiner hier harrte, auf mich hervorbrachte: ein Eindruck allerdings ſchon am andern Tage ein wenig modificirt in Folge von weiſen Be⸗ trachtungen und von Zerſtreuungen, herbeigeführt durch die Anſchauung einer für mich neuen Gegend; doch, wie ich Dir bemerkt, weit entfernt, meine Lage als glücklich 58 und meinem Geſchmacke, meiner Hoffnungen entſpre⸗ chend anzunehmen, unterzog ich mich derſelben mit Reſignation, mit Ungeduld meine Rückkehr nach Paris erwartend. Nun wohl, Hermance, wie ich Dir am Anfange dieſes Briefes ſagte, ich erkenne mich nicht mehr, ich weiß nicht mehr, was ich will, mein Geiſt erliſcht, mein Wille erſtarrt unter dem einſchläfernden Einfluſſe des materiellen Wohlbehagens und eines klo⸗ ſterartig monotonen Lebens. Ja, Alles entſchläft in mir, Alles bis auf meine Zu⸗ neigung für diejenigen, welche ich liebe. Dieſe Zu⸗ neigung, ſogar die Erinnerung an ſie, erwacht nicht mehr; was ſoll ich Dir ſagen, Hermance, es vergeht zuweilen ein ganzer Tag, ohne daß ich an Dich denke oder an die Meinigen. Woran denkſt Du denn? wirſt Du mich fragen. Ich denke an nichts oder, was noch ſchlimmer iſt, an egviſtiſche Lappereien; ich denke an friſche Blumen, mit denen Herr Dupleſſis ein neugebautes, an meinen Salon anſtoßendes Gewächshaus hat füllen laſſen, ich denke an das Mahl, das ich machen werde, was für ein Wetter es für meine Promenade ſein werde, oder, wenn ein ſtarker Wind geht und es fällt, wie geſtern, ein friſcher Schnee, denke ich an das Wohlbehagen, deſſen ich mich bequem ausgeſtreckt auf einem Canapé an der Ecke eines trefflichen Kamins, das friſche Grün meiner Camelien betrachtend, erfreue, während außen Alles Sturm, Winter und Kälte iſt . . So iſt es bei Allem, bis auf die düſtere Stille dieſes Schloſſes, die mich Anfangs beinahe erſchreckte, während ſie mir nun gefällt, wie die Stille dem Schlafenden gefällt. Ja, ich lebe, als ob ich immer ſchliefe. Ich entwöhne mich des Sprechens, wie ich mich des Denkens entwöhne; es wäre mir unerträglich, Be⸗ ſuche zu empfangen; ich habe auch Herrn Dupleſſis dringend gebeten, auf unbeſtimmte Zeit den Schritt zu 59 verſchieben, den wir als Anfommende machen ſollten; was würde ich unſern Nachbarn ſagen? Während unſerer Spazierfahrten unterhält ſich mein Mann mit ſeinem Verwalter über Feldbauange⸗ legenheiten, oder, wenn wir bei einer Meierei anhal⸗ ten, plaudert er mit ſeinen Pächtern. Spricht er ſel⸗ ten und zufällig zu mir, ſo antworte ich ihm ein⸗ ſylbig. Die längſte Zeit, die wir mit einander zubringen, iſt die des Frühſtücks, des Mittagseſſens und des Abends. Beim Frühſtück, beim Mittagseſſen und am Abend be⸗ ſchränkt ſich aber unſere Converſation auf einen Aus⸗ tauſch von Worten wie folgende: „Meine liebe Albine, eſſen Sie von dieſem, das iſt vortrefflich.“ „Mein lieber Freund, ich empfehle Ihnen dieſes Gericht, es iſt ausgezeichnet.“ „Albine, ein halbes Glas von dieſem alten Wein?“ „Mit Vergnügen, mein Freund.“ „Meine liebe Albine, werden wir morgen im be⸗ deckten Wagen oder im geſchloſſenen ausfahren?“ „Im offenen Wagen, wenn es das Wetter erlaubt.“ „Haben Sie in der Kirche nicht gefroren?“ „Nein.“ „Sie haben die Rechnungen der Dienerſchaft und des Kochs durchgeſehen .. Liebe Freundin, ſind ſie richtig?“ „Ganz richtig.“ „Morgen, wenn Sie wollen, liebe Albine, werden wir einen herrlichen Durham⸗Stier beſichtigen, der aus England für mich angefommen iſt.“ „Ja, mein Freund.“ Ich brauche Dir nicht zu ſagen, Hermance, daß die Varianten dieſer Geſpräche durchaus nicht zahl⸗ reich ſind; iſt das Mittagseſſen beendigt, ſo kehren wir in den Salon zurück, wo ſich jedes von uns in ſein Fauteuil verſenkt; durch die Verdauung träge, ſchlafen 60 wir hier bis zur Stunde der Billardpartie und des Thees; ohne meine Leckerhaftigkeit, welche durch den Reiz der kleinen Abendkuchen wieder erweckt wird, hätte ich oft große Mühe, zehn Uhr abzuwarten; ich werde ungeheute Schläferin, und ich ſtehe kaum um neun Uhr auf, um jeden Tag in die ſtille Meſſe zu gehen, die mir Anfangs ſo überflüſſig dünkte; jetzt wohne ich ihr im Gegentheil regelmäßig bei; ich will nicht behaupten, daß es mit einer ſehr inbrünſtigen Fröm⸗ migkeit geſchieht, aber es iſt eine angenommene Ge⸗ wohnheit, und wenn ich die Zeit des Hin- und Her⸗ gehens rechne, ſo nimmt das immer zwei gute Stun⸗ den vom Tage ein; und dann, was willſt Du, es liegt in dem monotonen Gemurmel der Stimme des Prie⸗ ſters, in der Stille und im Helldunkel der Kirche. irgend etwas, was vollkommen mit meiner gewöhn⸗ lichen Schläfrigkeit harmonirt; ſo lange ich dort bin, brauche ich mir überdies nicht die Mühe zu geben, zu denken, ich leſe meine Meſſe, das genügt mir. Aber Du biſt doch wenigſtens glücklich? wirſt Du mich fragen. Was ich Dir vor Allem als ſicher bezeichnen kann, liebe Hermance, iſt, daß ich ſeit meinem Aufenthalte hier ſo dick geworden bin, daß ich den Gürtel meiner Kleider nicht mehr zuhaken kann; auf die Frage, ob ich glücklich ſei, muß ich Dir antworten, ich weiß es ni cht. Ich weiß nicht, ob das Murmelthier, das den ganzen Winter hindurch erſtarrt in ſeinem Loche lebt, ſich glücklich fühlt. Mir ſcheint aber, daß ich in die⸗ ſem Augenblick unendlich viel Aehnlichkeit mit dem Murmelthiere habe. Und dann, ſollte ich anders zu leben wünſchen, als ich lebe, ſo müßte ich meine Einbildungskraft anſtren⸗ gen, wozu ich mich in der That nicht mehr fähig fühle; meine träge Gleichgültigkeit erſtreckt ſich auf Alles. In den erſten Tagen meines Aufenthaltes hier 61 ärgerten, verletzten mich ſogar viele Dinge im Benehmen, im Verfahren von Herrn Dupleſſis; nun finde ich, daß es ſehr ermüdend iſt, ſich Zwang anzu⸗ thun, und mehr noch, vollkommen unnütz, ſich über irgend Etwas zu ärgern. Mein Mann flößt mir weder Zuneigung, noch Ab⸗ neigung ein, er iſt mir gleichgultig; ſein Cha⸗ rakter iſt um ſo gefälliger, als ich immer ſage, was er ſagt; ich thue, was er will, ſeine Geſundheit beſſert ſich; jeden Morgen, ehe ich zur Meſſe gehe, bringe ich ihm ſelbſt ſeine Eſelsmilch; ich wache darüber, daß er immer mit engliſchem Flanell verſehen iſt; ich erinnere ihn an die Stunde, zu der er ſeine Tränke nehmen muß, ich rechne jede Woche mit unſerem Haushofmei⸗ ſter und mit unſerem Koch, ich unterſuche häuſig die Weißzeugkammer, ich mache den Eiern, den Hühnern und der Sahne der Pachthöfe von Herrn Dupleſſis meine Aufwartung. Er hält getreulich ſein Verſpre⸗ chen, des Nachts nicht die Füße in mein Zimmer zu ſetzen, denn meine Abneigung und mein Widerwille gegen ihn aus dem Geſichtspunkte der Schäferſtunde ſind unüberwindlich und werden immer ſo ſein; er iſt, ich muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, darauf bedacht, die materiellen Genüſſe meines Lebens zu vermehren; endlich, liebe Freundin, werde ich Dich ganz verwirrt machen, wenn ich Dir ein paar Worte anführe, die Herr Dupleſſis und ich vorgeſtern wäh⸗ rend unſerer Billardpartie mit einander wechſelten; wir hatten uns ſeit langer Zeit nicht mehr ſo mit Con⸗ verſation angeſtrengt. „Nun, Albine,“ ſagte er zu mir, „wann ſoll un⸗ ſere Rückkehr nach Paris ſtattfinden?“ „Wann Sie wollen, mein Freund.“ „Und wenn ich nicht wollte?“ „Wie es Ihnen beliebt. „Sie würden alſo einwilligen, liebe Albine, den Winter hier zuzubringen?“ 62 „Das wäre mir gleichgültig . ..“ „Wahrhaftig?“ „Wahrhaftig.“ „Meine Liebe, erinnern Sie ſich deſſen, was ich, Wochen ſagte?“ as?“ „Es werde bald der Tag kommen, wo Sie ein ſolches Wohlgefallen an den Reizen unſeres frievlichen Lebens finden, daß Sie kein anderes mehr haben wollen.“ „Nun, da die Gewohnheit einmal angenommen iſt, geſtehe ich, daß mir jede Veränderung dieſer Ge⸗ wohnheit unangenehm wäre.“ Und ich ſprach aufrichtig. Ja, Hermance, die Gewohnheit iſt angenommen! Wozu nun eine Veränderung? was würde ich dabei gewinnen? „Aber, unglückliche Albine,“ wirſt Du ausrufen, „Du läſſeſt Dich betäuben, abſtumpfen und ver⸗ zeihe mir die Rohheit des Ausdrucks, zum Thiere machen durch plumpe Befriedigungen. Deine Ver⸗ gleichung iſt richtig. Du lebſt wie das in ſeinem Loche eingeſchlafene Murmelthier .. . Während Du aber fett wirſt, erliſcht Dein Verſtand, Dein Herz hört auf zu ſchlagen, die Gleichgültigkeit verwandelt Dich in Eis; Du ſtehſt auf, Du legſt Dich zu Bette, Du gehſt, Du kommſt, Du beteſt, Du iſſeſt, Du verdauſt, Du ſchläſſt; Dein Körper lebt, aber Deine Seele ſtirbt. Arme Albine!“ Du haſt Recht, Hermance! Doch wozu durch den Verſtand, durch das Herz und durch die Seele leben? Ich lebte durch die Seele, als ich wahnſinnige Träume über die Ehe, nach meinen Wünſchen, machte. Ich lebte durch die Seele, als ich, vielleicht auf meine Ahnungen und meine Bedenklichkeiten hörend die Hand von Herrn Dupleſſis ausſchlug, weil 63 mir gleichgültig war, ihnzu heirathen, und weil ich keine Luſt hatte, ihn zu umarmen. Sprich nun, was habe ich dieſem Leben der Seele zu verdanken gehabt? Thränen ... Bangigkeiten, Furcht, Verzweiflung. Ohne die gerötheten Augen und die entſtellten Geſich⸗ ter zu rechnen. Heute dagegen, da meine Seele ſchläft und mein Körper allein lebt, bin ich ruhig, friſch, ich lächle ohne genau zu wiſſen, warum, und ich werde dick. Und, um Gottes willen, Hermance, glaube nicht, ich ſpotte traurig, es ſei die geringſte Bitterkeit in dem, was ich Dir ſchreibe; nein, nein, ich, ſpreche aufrich⸗ tig; und zu dieſer Stunde, wo ich, an Dich ſchreibend, genöthigt bin, zu denken (das geſchieht nicht ohne Mühe, ich ſchwöre es Dir), bin ich verſucht, großes Mitleid mit meinen Mädchenverblendungen zu haben, die Richtigkeit deſſen anzuerkennen, was mir mein Vater und meine Mutter ſagten, als ſie die Beſorg⸗ niſſe bekämpften, welche mir zuweilen dieſe Heirath mit Herrn Dupleſſis verurſachte, und es könnte wohl ſein, daß dieſer Recht hätte, wenn er zu mir ſpricht: „Albine, glauben Sie mir, nichts iſt hohler und eitler, als die Luſtbarkeiten der Welt.“ Und im Ganzen, Hermance, hätte ich die ele⸗ ganteſte Toilette von Paris! Hernach? 3 Hätte ich meine Loge in der großen Oper und bei den Italienern! Hernach?? Wäre ich die Königin aller Feſte! Hernach??2 Was bliebe mir von Allem dem, wenn ich bei Tagesanbruch nach Hauſe käme, gelähmt vor Müdig⸗ keit, ausgehungert, ohne es aber zu wagen, etwas zu eſſen, aus Furcht, meine zarte Taille zu verlieren? * 64 Ich hätte, wirſt Du ſagen, das Vergnügen gehabt, einer glänzenden Föte beizuwohnen, herrliche Muſik zu hören, das Ballet, das gerade in der Mode, zu ſehen, gut; doch durch wie viel Mühen und Sorgen hätte ich dieſes Vergnügen erkauft? Wie viel lange Sitzungen mit den Nähterinnen! Welche Bangigkeit, wenn der Friſeur oder eine ungeduldig erwartete Toilette nicht kommen? Und wenn das Kleid ſchlecht ſteht? Und wenn der Kopſputz häßlich iſt? Und wenn andere Frauen uns durch ihre Eleganz und ihren Luxus erdrücken! welcher Aerger! welche Demüthigungen! welche Bitterkeit bei der Rückkehr nach Hauſe! Geſtehe, Hermance, das Leben, das ich hier fuͤhre, iſt tauſendmal dieſer Hölle vorzuziehen. „Aber,“ wirſt Du ſagen, „es gibt etwas Anderes, als dieſe Extremitäten, es gibt eine Mitte zwiſchen einer abſtumpfenden Einſamkeit und einem Leben toller, unfruchtbarer Zerſtreuung.“ Ich begreife Dich, Hermance, es gäbe vielleicht jenes Feſt meiner Jugend, jenen wahnſtnnigen Traum, den ich einſt verfolgte. Gut, nehmen wir an, das ſei eine Wirklichkeit, ſolche Verbindungen können zum un⸗ ausſprechlichen Glücke von denjenigen beſtehen, welche ſie kennen. Iſt es mir nnr erlaubt, hieran zu denken! Bin ich nicht auf immer an meinen Herrn und Meiſter gebunden? Ah! meine Freundin, ich fange an es zu glauben unter gewiſſen Umſtänden ſind das Herz und der Ver⸗ ſtand unſer Verderben, und bemerkte ich nicht, wie von Tag zu Tag das Gefühl immer mehr in mir erſtarrt, ſo wurde ich es zu vernichten ſuchen. Und dennoch, meine liebe Hermance, endige i0 den zweiten Theil dieſes Briefes, wie ich ihn ange⸗ fangen habe. Iſt die Umwandlung, die in mir vorgeht, oder ſchlimm? 3 Handelte es ſich nur um die Gegenwart, ſo wůte 65 ich dieſe Frage nicht an Dich machen, denn ich wieder⸗ hole Dir, mit der Gegenwart bin ich ſo zufrieden, als es das Murmelthier ſein kann; doch ich bin erſt achtzehn Jahre alt, was wird aus Allem dem werden? „ . „„ t Lebe wohl, meine Freundin, ich werde morgen früh allein zu Fuß in die Meſſe gehen, um dieſen Brief auf die Poſt zu geben. r Es iſt ſeltſam, ich glaubte, ich habe Dir Bände i zu ſchreiben; ich freute mich über meine Entdeckung der Brieflade, am Wege nach der Kirche, und ſeit „ mehr als ſechs Wochen, daß wir uns verlaſſen haben, iſt dies Alles, was ich Dir zu ſchreiben finde. Ich werde aer ach o träge!!! n Antworte mir nicht, bis ich auf ein Mittel ge⸗ dacht abe, Deinen Brief zu empfangen; es lag mir am Herzen, Dich über Alles auf dem Laufenden zu er⸗ halten, Dich, die mir immer die Theilnahme der zärt⸗ lichſten Schweſter bezeigt hat. Ich umarme Dich. A. D. e E 2 XXXI. 5 Ich werde ſtets hier, nach der Nothwendigkeit der Vorkommniſſe und Begebenheiten, die Briefe von Al⸗ bine beifügen, und ich ſetze nun die Abſchreibung meines Tagebuchs fort: November 1828. Vorgeſtern habe ich Albine gefragt, ob ſie nach Parie zurückkehren wolle; ſie hat mir geantwortet: „Wie es Ihnen beliebt.“ „Und wenn es mir beliebte, nicht dahin zurück⸗ Fernand Dupleſſis. II. 5 66 zukehren,“ verſetzte ich, „Sie würden alſo den Winter in Riballiére zubringen?“ „Ja wohl,“ antwortete ſie mir, „ich bin nun an das Leben gewöhnt, das wir hier führen, eine Ver⸗ änderung wäre mir unangenehm.“ WMein Glück iſt fortan geſichert, der Zweck, den ich verfolgte, iſt erreicht. Und dieſen Erfolg, habe ich ihn um den Preis des Glückes meiner Frau erkauft? Durchaus nicht! ſie fühlt ſich im Gegentheil ſehr glücklich und verlangt nicht mehr. Was könnte ſie übrigens wünſchen. Ich habe bei ihr bis zu ſeinem höchſten Grade den Geſchmack für das Wohlbehagen und die nachläſſige Ruhe, welche die Einſamkeit gibt, entwickelt; ich habe in ihr harmloſe Sinnlichkeiten entwickelt, wie die Liebe für die Blu⸗ men und die Leckerhaftigkeit, wahre Nönnchenſünden, für welche das Milderungsmittel eine beinahe maſchi⸗ nenmäßige Andachtsübung iſt; denn in dieſen Uebun⸗ gen ſieht Albine nur eine Art, die Zeit zu tödten, und das iſt Alles, was ich will. Ein mehr vergeiſtigtes religiöſes Gefühl hätte viel⸗ leicht meine Frau in einen von jenen glühenden Myſti⸗ eismen geworfen, welche in der Vereinzelung wachſen. Der Myſticismus erzeugt aber beinahe immer erregende Gedanken von Liebe, allerdings von himmliſcher Liebe; doch das Herz, das ſie erfaſſen, geräth in Bewegung, wird unruhig, entflammt ſich häufig, als ob es ſich um eine irdiſche Leidenſchaft handelte. Und in dieſem Zuſtande einer leidenſchaftlichen Exaltation kann es ſich leicht auf ein Geſchöpf verirern! Ich habe aber nichts Aehnliches von Albine zu befürchten; gewiß war ſie nicht mit einer großen Leb⸗ haftigkeit des Geiſtes begabt, doch je mehr ſie ſich an unſere Lebensart gewöhnt, deſto mehr verdickt ſich ihr Blut, deſto mehr ſchwindet ihr Wille, deſto vollſtändiger wird ihre gleichgültige Unterordnung unter meine geringſten 67 Wünſche; es iſt ſo leicht, einem Andern die Sorge, für uns zu denken, zu wollen, anzuvertrauen. Ich weiß nicht, welcher Politiker geſagt hat, „das beſte Mittel, die Völker zu knechten und ihnen die ge⸗ ringſte Velleität des Tadels oder der Empörung zu be⸗ nehmen, ſei, ſie durch den Aberglauben abzuſtumpfen und ſie in einer gewiſſen Befriedigung ihrer materiellen Begierden einzuſchläfern.“ Aus dem Geſichtspunkte des ehelichen König⸗ thums iſt unſere Frau der Unterthan, das Volk von uns Ehemännern. Ich halte auch die erwähnte Methode für vortrefflich und übe ſie aus. Ich fordere Jeden, wer es auch ſein mag, heraus, glücklicher zu ſein, als ich; meine Geſundheit ſtellt ſich wieder her; der Feldbau, die Verbeſſerung meiner Gü⸗ ter ſind nun für mich eine wahre Leidenſchaft eines jun⸗ gen Mannes; meine Intelligenz macht auf eine über⸗ raſchende Weiſe Fortſchritte in allen Zweigen neuer Kenntniſſe, die ich mir erwerben muß, um die Thevrie mit der Anwendung zu verbinden; meine Frau iſt das, was ſie für mein Glück und für meine Sicherheit ſein mußte; ſie pflegt mich zum Entzücken, ſpricht wenig, hört mich an, ohne mich zu unterbrechen, überwacht mein Haus und bietet immer meinem Blicke ein lie⸗ benswürdiges und anmuthiges Geſammtweſen, genü⸗ gend, unſere Augen angenehm darauf ruhen zu laſſen, aber nicht wünſchenswerth genug, um je die geringſte Velleität zu geben, von der flugen und eiſigen Zu⸗ rückhaltung, die ich mir auferlegt habe, abzugehen. ⸗ November 1828. Ich fange an, an der Nützlichkeit dieſes Tagebuchs zu zweifeln, ſo durchſichtig iſt das Leben von Albine⸗ Ich habe noch keine Bemerkung, keine Handlung hier aufzuzeichnen gefunden, die, ich ſage nicht zu einem Verdachte gegen ſie Anlaß gegeben, ſondern die 5* 68 auch nur das leichteſte Erſtaunen bei mir hervorgerufen und mich bewogen hätte, mich zu fragen: Warum hat ſie das geſagt? oder hat ſie das ge⸗ an?“ Madame Claude, die ich oft befragt habe, beſtätigt in allen Punkten meinen Glauben. „Ich kann dem Herrn nichts mittheilen, was er nicht ſo gut weiß als ich,“ ſagte ſie kürzlich zu mirz „wenn ſie am Abend in ihre Wohnung zurückkommt, iſt Madame halb eingeſchlafen und ruft mir zu: „„Ge⸗ ſchwinde, liebe Madame Claude, kleiden Sie mich aus; ich ſterbe vor Schlaf;““ und kaum hat ſie ihren Kopf auf dem Kiſſen, ſo entſchlummert ſie wie eine Selige. Am Morgen, wenn ich Madame aufwecke, ſind ihre erſten Worte: „Wie, ſchon neun Uhr! ich ſoll ſchon mein Bett verlaſſen, wo ich ſo aut bin?““ Und am Abend, wenn ſich Madame zum Eſſen ankleidet: „„Be⸗ eilen wir uns, Madame Claude, die Promenade hat mir einen furchtbaren Appetit gemacht.““ Hierauf beſchrän⸗ ken ſich ungefähr die Geſtändniſſe von Madame, und ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ſie ſehr in Ver⸗ legenheit wäre, ſollte ſie andere machen; drei oder vier⸗ mal iſt die Lampe im Zimmer von Madame während der Nacht erloſchen, ich habe es bemerkt, da ich keinen Schein mehr unter der Thüre ſah, bin aufgeſtanden, um die Lampe wieder anzuzünden, und in das Zimmer von Madame eingetreten, ohne daß ſie mich hörte. Ah! mein Herr, welch ein friedliches Geſicht, welch ein tie⸗ fer, ruhiger Schlaf, es war wie der Schlaf eines Kin⸗ des, das ſich den ganzen Tag durch Laufen und Spie⸗ len abgemattet hätte. Wenn ich endlich zu Madame ſage, ſie müſſe ſich ſehr glücklich hier fühlen, ſo ant⸗ wortet ſie mir: „Glücklich wie Einer, der ſeinen beſten Schlaf ſchläft, meine liebe Madame Claude.“ Abine hat Frcht, ſie ſchläft, und je länger der Schlaf währt, deſto tiefer iſt er. „ 69 November 1828. Ich zeichne hier eine äußerſt unbedeutende Bege⸗ benheit auf; doch die Begebenheiten ſind ſo ſelten, daß mir die geringſten auffallen. Ich zeichne hier auf, daß Albine, wie mir Madame Claude geſagt hat, ſtatt in die Meſſe zu fahren, obgleich das Wetter ſehr unſicher war, zu Fuße dahin gegangen iſt, und ſie hat nicht auf den Bedienten gewartet, der ſie gewöhnlich begleitet. Dieſen Abend beim Diner ſagte ich zu meiner Frau, ohne daß ich das geringſte Gewicht auf dieſe Frage zu legen ſchien: „Sind Sie geſtern zu Fuße in die Meſſe gegangen oder gefahren, liebe Freundin?“ u Füße „Und wer iſt Ihnen gefolgt? Dieſer träge Joſeph?“ „Niemand . . iſt mir gefolgt, mein Freund.“ „Durch welchen Zufall?“ „Als ich hinabging, war kein Bedienter unter dem Veſtibule, ich wollte mir nicht die Mühe geben, wieder hinaufzugehen und Jemand zu verlangen, und entfernte mich ſo allein.“ „Seht die Träge,“ ſagte ich lächelnd. „Ein ander⸗ mal, liebe Freundin, gehen Sie aber nicht ſo allein aus, das iſt unklug; der Weg iſt einſam von hier nach dem Dorfe; Sie könnten einem Betrunkenen, einem bö⸗ ſen Hunde, was weiß ich, begegnen, und Sie bekämen eine entſetzliche Angſt.“ „Sie haben Recht, mein Freund; es iſt klüger, in Begleitung auszugehen.“ Die Antwort von Albine, ihre Haltung, ihr Ton, Alles hatte das Gepräge einer ſolchen Aufrichtigkeit, daß ich dieſes kindiſche Vorkommniß nicht aufgezeichnet hätte, ohne die Hungersnoth, in der ich mich rück⸗ ſichtlich wichtigerer Beobachtungen befinde. Im Ganzen iſt es gut, nichts auszulaſſen; vft 70 kommt der Tag, wo die ſcheinbar unbedeutenden Be⸗ merkungen Gewicht erlangen. Den 8. December 1828. Der Vorfall des Ausgangs von Albine hat, wie ich erwartete, keine Folge gehabt; ſo oft ſie zu Fuße in die Meſſe gegangen iſt, hat ſie ſich wie gewöhnlich von einem Bedienten begleiten laſſen. Januar 1829. Nichts, gänzliche Ruhe, vollkommenes Glück. Ich hätte ſeit einem Monat dieſe Worte jeden Tag ſchreiben können. 4 Albine wird zuſehends ſtatk; das fängt an der Eleganz ihres Wuchſes zu ſchaden; es fehlte meiner Frau nur dieſes, um ſie vollkommen zu machen (aus dem Geſichtspunkte, aus dem ich die Ehe betrachte), denn ich habe immer einen Widerwillen gegen dicke Weiber gehabt. Uebrigens iſt Albine ſtets vortrefflich gegen mich; ich fühle allmälig, wie ſehr ſie mir fehlen würde, we⸗ niger allerdings wegen deſſen, was ſie iſt, als wegen ihrer negativen Tugenden. Wie glücklich bin ich, mein Gott! wie glücklich bin ich! ſo glücklich, daß ich auf Jemand meine Dankbarkeit für ſo viel Glück möchte übertragen kön⸗ nen; aber wie ſehr auch meine Beſcheidenheit darunter leidet, ich bin genöthigt, mir ſelbſt dafür Dank zu ſagen, daß ich ſo verſtändig meine Zukunft vorbereitet und geſichert habe. Den 25. Februar. Völlige Ruhe, beſtändiges Glück, aber großes Er⸗ eigniß für das Land Lilliput. 71 Ich habe geſtern einen Beſuch von unſerem Präfee⸗ ten erhalten, der gegenwärtig auf ſeiner Wahlrundreiſe begriffen iſt. Ich würde hier nicht eines ſo unbedeutenden Um⸗ ſtandes wie des Beſuchs eines Präfecten erwähnen, hätte mich nicht ein ziemlich großes Erſtaunen und, ich muß es geſtehen, eine ſchmerzliche Rückerinnerung ergriffen, als ich in dieſem Präfekten Herrn von Sainte⸗Marie erkannte, der ſich, früher Sekretaire beim Miniſter des Innern, ſo eifrig, ſo zuvorkommend in Betreff der Er⸗ nennung des armen Hyaeinthe zum Bureauunterchef gezeiat hatte. Ich muß bekennen, ſo oft meine Erinnerung zu dieſem engeliſchen Geſchöpfe zurückkehrt, dem ich einen ſo unſeligen und ſo frühen Schlag beigebracht habe, empfinde ich eine ſchmerzliche Herzbeklemmung, — das einzige peinliche Gefühl, das ich vielleicht unter der Glückſeligkeit, die ich genieße, kenne. Herr von Sainte⸗Marie, als er erfuhr, ich wohne ſeit einiger Zeit in Riballiére, iſt ein wenig von ſeiner Straße abgegangen, um ſich, wie er mir ſagte, einem alten Bekannten ins Gedächtniß zurückzurufen und ſich zu meinen Befehlen zu ſtellen, wenn er mir in irgend einer Beziehung nützlich ſein könnte, und was dergleichen Höflichkeiten find. Albine iſt bei der Ankündigung des Beſuches des Präfecten in ihr Zimmer entflohen und hat mich dringend gebeten, ſie mit dem Frohndienſte, dieſen Beamten zu empfangen, zu verſchonen; ſie hegt immer mehr Wi⸗ derwillen gegen die Welt, dergeſtalt, daß ſie mich in⸗ ſtändig erſucht hat, auf unbeſtimmte Zeit unſere An⸗ kunftsbeſuche bei unſern Nachbarn zu verſchieben. Auf die Gefahr, unhöflich zu ſcheinen, bin ich herzlich gern dem Wunſche meiner Frau beigekreten; um zu empfan⸗ gen und zu den Andern zu gehen, müßte ich meine Ge⸗ wohnheiten ein wenig verändern und dem göttlichen 7 72˙ sans göne Abbruch thun, das nur zwiſchen mir und meiner Frau möglich iſt. Ich habe alſo Madame Dupleſſis bei unſerem Prä⸗ fecten entſchuldigt, ſie ſei ein wenig unpäßlich u. ſ. w. Ich fand Herrn von Sainte⸗Marie immer äußerſt höflich; ſeine Wahlrundreiſe hat uns nothwendig auf ein Geſpräch über Politik geführt; er iſt von einer Meinungsheſtigkeit . . . welche jedem ſeiner Regie⸗ rung ergebenen Beamten natürlich iſt. Nicht bezwei⸗ felnd, ich ſei von ſeiner Partei, in meiner Eigen⸗ ſchaft als Page und Garde⸗du⸗corps des Königs, hat ſich mir unſer Präfect offenherzig preisgegeben. Ohne in Allem die Exaltation der Ultras zu theilen, bin ich überzeugt, daß es nichts gibt, was der legitimen Monarchie, der wir uns erfreuen, vorzuziehen wäre, und ich theilte die Entrüſtung von Herrn von Sainte⸗Marie, als er mir ſagte, die Liberalen rühren ſich, die gehei⸗ men Geſellſchaften, und unter dieſen die der Car⸗ bonari und die der Rechte des Menſchen, beſte⸗ hend aus Republikanern, gewinnen einen gefährlichen Zuwachs, ſie haben überall Verzweigungen, und man befürchte ſogar einige neue Bewegungen in Paris, in Lyon und in mehreren anderen großen Städten; zum Glücke aber, ſagte mir Herr von Sainte⸗Marie, wacht die Regierung, und ihre Feſtigkeit wird ihrer Wachſam⸗ keit im Intereſſe Aller gleichkommen; denn wie unſer Präfect richtig ſagte: Alles hält ſich. Die legitime Monarchie, das iſt beſonders der Einfluß der Religion, und die Religion, iſt es nicht die Achtung vor den Sit⸗ ten? die Schutzwache des Eigenthums, aller Familien⸗ bande? der Heiligkeit der Ehe? Herr von Sainte⸗Marie ſagte zu mir, als er mich verließ, er zähle auf mich bei den nächſten Wahlen als auf einen der gewichtigen Grundeigenthümer des Departement, welche in ihrem eigenen Intereſſe ihren ganzen Einfluß anwenden können und müſſen, um den miniſteriellen Candidaten zu unterſtützen und ihm den 73 Sieg zu verſchaffen; die Empfehlungen von Herrn von Sainte⸗Marie ſtanden ſo ſehr im Einklange mit mei⸗ ner Meinung, daß er entzückt über meine Zuſagen wegging. „Glauben Sie mir, mein lieber Herr Dupleſſis,“ ſprach er zu mir, als er mich verließ, „der Augenblick iſt ernſt, die ſchlimmen Leidenſchaften regen ſich, und mit welcher Larve ſie ſich bedecken mögen, unſere Feinde find und werden immer ſein: die Jaco biner, die Revolutionäre. Als ich allein war, erinnerten mich die Worte: Jacobiner, Revolutionäre, durch eine ſeltſame Wendung meines Geiſtes an Jean Raymond und ſeine Mutter. Wo find ſie? Dieſe zugleich ſo energiſche und ſo ſanfte reizende Frau. . was iſt aus ihr geworden? Ah! ich fühle es mein Herz iſt nicht auf ewig todt, denn nur bei der Erinnerung an Madame Raymond ſchlägt es wie einſt, wie vor eilf Jahren, als ich ſie ein Jüngling zum zum erſten Male ſah. Eilf Jahre, welche Veränderung mußten diefe Jahre in ihren einſt bezaubernden Zügen hervorbringen . Wel⸗ ches Glück für mich, ſie in der ganzen glänzenden Reife ihrer Schönheit geſehen zu haben und unter dieſem Ein⸗ drucke, der immer fortwähren wird, geblieben zu ſein. . ⸗ Den 15. April 1829. Seit ungefähr zwei Monaten fügte ich dieſem Tage⸗ buche nicht eine Seite, nicht ein einziges Wort bei; denn wozu jeden Tag ſchreiben: Sicherheit, Glück, wiederauflebende Geſundheit! Aber ich bin entſchieden ein wenig zu glücklich! Albine übertrifft meine Hoffnungen; ſie übertreibt am Ende ihre negativen Tugenden, zu denen ich mir An⸗ fangs ſo ſehr Glück gewünſcht hatte. 74⁴ Ich hatte Anfangs in ihr gewünſcht und gefunden eine ſanfte, ruhige, willenloſe, wenig ſprechende und noch weniger denkende Frau. Ich verlangte nicht mehr und nicht weniger. Leider habe ich weniger „. Ja, ich fange an zu bemerken, daß meine Frau eine Auto⸗ matin, eine wahre Maſchine wird, die ſich bewegt, um in die Meſſe zu gehen, um ihre Blumen anzuſchauen, um ſpazieren zu fahren, um zu Mittag zu ſpeiſen, am Abend ihr Partie Billard zu machen und ſich auf den Punkt zehn Uhr zu Bette zu legen, um wie ein Klotz bis zum andern Tage zu ſchlafen und dann dieſes ſchöne Automatenleben wiederanzufangen. Es wird immer ſchwieriger für mich, Albine ein Wort zu entreißen; ich hätte einen Abſcheu vor einer ſchwatzhaften Frau gehabt, aber, bei meiner Ehre, ich weiß wahrhaftig nicht, ob eine ſtumme und alberne Frau nicht noch viel unerträglicher iſt! In den erſten Zeiten beſchränkte ſich wenigſtens Albine nicht darauf, daß ſie unempfindlich wie eine Statue zuhörte; dann und wann bewies mir eine Frage oder eine Bemerkung, daß ſie dem Geſpräche mit einer gewiſſen Theilnahme folgte; jetzt, nichts! ein düſteres, ich möchte beinahe ſagen einfältiges Stillſchweigen! ſie verbindet hiemit eine immer mehr zunehmenden Apathie; ſie wird gleichgültig gegen Alles und gegen Alle: ſie hat ſchon zwei Briefe von ihrer Mutter erhalten, und trotz meiner dringenden Ermahnung verſchiebt ſie von Tag zu. Tag ihre Antwort unter dem ſchönen Vorwand: es ſei langweilig, zu ſchreiben. Die Erſtarrung ihres Geiſtes wird am Ende in Blödſinn übergehen, wenn ich nicht vorbeuge; übrigens wird ſie immer ſtärker, und ſie ſcheint äußerſt glücklich und zufrieden mit der Apathie, in der ſie ſich von Tag zu Tag tiefer verſenkt; Beiſpiel: vorgeſtern mache ich eine Frage an ſie, ſie antwortet mir nichts; ich wie⸗ derhole meine Frage, abermals nichts. „Albine,“ ſagte ich zu ihr, indem ich ihren Arm „ berührte, „Sie hören mich alſo nicht? Woran denken Sie denn?“ „An nichts.“ „Wie! Sie bleiben ſo, ohne an irgend Etwas zu denken?“ „Ja wohl,“ erwiederte ſie mir mit einer zufriede⸗ nen Miene und mit dem einfältigen Lächeln, das nun auf ihren Lippe ſtereotypirt zu ſein ſcheint; ja wohl, es begegnet mir ſehr oft, daß ich an gar nichts denke.“ „Und Sie ſchämen ſich nicht dieſer Apathie?“ „Das iſt mir gleichgültig.“ „Wie? was iſt Ihnen gleichgültig?“ „Ei!. Alles.“ Dieſe Antwort, begleitet von ihrem ewigen Lächeln, machte mich ſo ungeduldig, daß ich mich nicht erweh⸗ konnte, lebhaft zu ihr zu ſagen: „Gewiß, Alles iſt Ihnen gleichgültig, wenn Sie nur Ihre Blumen anzuſchauen, ein vortreffliches Mit⸗ tagsbrod zu verzehren und einen guten Wagen zum Spazierenfahren haben.“ „Ah! . ja wohl,“ verſetzte ſie, ein Gähnen unter⸗ drückend. „Ich ſetze indeſſen voraus,“ rief ich, „daß trotz Ihrer ſchönen Gleichgültigkeit, wenn ich krank, ernſtlich krank würde, das Ihnen nicht gleichgültig wäre? Nun! Sie bleiben ſtumm, wie ſoll ich Ihr Stillſchweigen deuten?“ Ich hatte nicht nöthig, dieſe Frage zu wiederholen, Albine ließ ſachte ihren Kopf rückwärts fallen; ſie war in ihrem Lehnſtuhle eingeſchlafen. Ihr Blut wird offenbar zu ſchwer; ſie iſt bald neunzehn Jahre alt, hat eine ſtarke Geſundheit, ſie ißt viel, denkt an nichts, macht kein Buch auf, gibt ſich keine Bewegung, denn nun iſt es unmöglich, ſie zu be⸗ ſtimmen, zu Fuße zu gehen, ſelbſt nur um die Kirche zu beſuchen; und ich will verdammt ſein, wenn dieſe Meſſen ihrem Seelenheile etwas nützen, denn unter dem 76 Vorwande, die Augen zu ſchließen, um ſich zu ſammeln, ſchläft ſie meiſtens in der Kirche. Am Sonntag erſt bemerkte ich am Ende des Gottesdienſtes, daß ſie ihr Gebetbuch bis dahin verkehrt gehalten hatte. Nein, eine ſolche Abſtumpfung iſt nicht natürlich, das iſt Krankheit. Ich werde an meinen Arzt ſchreiben müſſen, um ihn hierüber um Rath zu fragen. Wenn es übrigens eine Krankheit iſt, ſo greift ſie die Friſche und Geſundheit von Albine durchaus nicht an. Ihre Beleibtheit nimmt immer mehr zu, ohne noch ihren Wuchs zu entſtellen, und ſie hat einen ſo blendenden Teint, ſo rothe Lippen, ſo roſige Wangen, daß .. Nun wohl! ja, warum ſoll ich es mir nicht ſelbſt geſtehen, trotz meines Widerwillens gegen die Blonden und gegen die dicken Weiber, fühle ich zuweilen, je mehr meine Geſundheit wiederkehrt, den Wunſch, eines Abends in das Schlafzimmer meiner Frau einzutreten. Iſt es die Einſamkeit, der Mangel an Vergleichung, was mir dieſe gefährlichen Velleitäten gibt, auf meine, . ſo vernünſtige und ſo kluge Zurückhaltung zu ver⸗ zichten? Nein, nein, keine unwiederbringliche Thorheit; führt mich der Teufel je zu ſehr in Verſuchung, was ich ent⸗ fernt nicht hoffe, ſo gibt es hübſche Mädchen im Flecken Chambly, und mein Kammerdiener iſt ein gewandter und verſchwiegener Menſch. „ XXXII. Fortſetzung des Tagebuchs. — April 1829. Sollte ich mich getäuſcht haben in meiner Art, die Ehe anzuſehen, beſonders aus dem Geſichtspunkle 77 eines zurückgezogenen Lebens, wie das, welches ich jetzt führe, und mit dem ich immer mehr zufrieden bin? Hätte ich nicht, ſtatt daß ich den Geiſt und den Körper meiner Frau durch die Andachtsübungen abzu⸗ ſtumpfen ſuchte, ſtatt daß ich mich gegen ſie von einer eiſigen Kälte zeigte, ſie eher wie eine Geliebte behan⸗ deln, ihre Einbildungskraft, ihren Geiſt anreizen müſſen? . Ja, ja, und dann würde ich zu dieſer Stunde, wo ich dies ſchreibe, ſtatt für meine Frau Verlangensvel⸗ leitäten zu empfinden, die mich in Erſtaunen ſetzen, und denen ich widerſtehen werde, ſicherlich Sättigung empfinden Sind aber einmal das Herz und die Sinne bei einer Frau erweckt. .. wozu iſt ſie dann nicht fähig, bemerkt ſie, daß man ihrer müde iſt. . Nein, nein, ich ziehe es noch vor, daß Albine ſo iſt, wie ſie iſt. Die beſten Dinge haben ihre Nachtheile, es gibt kein gleichmäßiges und vollkommenes Glück; was find im Ganzen die kleinen Aerger, die leichten Unwillen, die mir die Schlafſucht von Albine verurſacht, gegen die gräßlichen Cheſtandsſcenen, bei denen ich ſo oft Zeuge oder betheiligte Perſon während meines Junggeſellen⸗ lebens gewefen bin; Albine iſt ein vortreffliches Ge⸗ ſchöpf und am Ende beſteht das Unrecht der armen Frau darin, daß ſie mir zu ſehr gehorcht, daß ſie zu ſehr den Einflüſſen, die ich auf ſte wirken ließ, nach⸗ gegeben hat. Ah! es iſt durchaus nicht zu verzweifeln, meine Aufgabe iſt es, ſie ein wenig aus dieſer Erſtarrung herauszubringen, ihren Geiſt leicht aufzuwecken, ſie zu dem Punkt zurückzuführen, wo ſie war, ehe ſie, wie ich vorhin erwähnt, ihre negativen Tugenden übertrie⸗ ben hatte; und dann werde ich ſie dazu anhalten, daß ſie viel geht, und ſie zu einer mäßigeren Lebensordnung ermahnen! Wie nützlich iſt es, ſeine Gedanken aufzuſchreiben, ſie, ſo zu ſagen, materiell unter ſeiner Feder ſich entrollen 78 zu ſehen! Es ſcheint, daß ſie ſich aufklären, ſchärfer werden, und daß man deutlicher das Wahre vom Falſchen unterſcheidet. So war ich beim Beginnen dieſes Brie⸗ fes erzürnt, beinahe entmuthigt, wahrend ich ihn mit einem tiefen Gefühle von Hoffnung ſchließe. . . Den 20. April 1829. Trotz meiner Entſchlüſſe, eine fortwährende Kälte zu beobachten, einer unſeligen Hinreißung, ohne Zwei⸗ fel verurſacht durch den verdammten alten Burgunder, nachgebend, führte ich Albine zuerſt in ihre Wohnung zurück, entfernte mich einen Augenblick, kam wieder an ihre Thüre und klopfte an; ſie öffnete mir in vol⸗ lem Vertrauen; nach einem kurzen Geſpräche wollte ich ſie umarmen; da erwachte ſie aus ihrer gewöhn⸗ lichen Sorgloſigkeit und trat raſch von mir zurück; ich wollte mich ihr nähern, aber ſie rief mit einer ent⸗ Miene, während ſie nach der Klingelſchnur griff: „Kommen Sie nicht in meine Nähe . oder ich klingle Madame Claude.“ Dann fügte ſie mit einem Ausdrucke bittern Vor⸗ wurfs und ganz bebend vor Zorn bei: „Sind das IhreVerſprechen! Gehen Sie, mein Herr, verlaſſen Sie mich .. Und hüten Sie ſich, rufen Sie nie Erinnerungen bei mir zurück, die es vahin vrächten, daß ich einen Abſcheu gegen Sie faſſen würde.“ Der Ton von Albine war ſo aufrichtig, ihre ge⸗ wöhnlich ſo apathiſch ſchüchterne Phyſiognomie zeugte von einer ſolchen Entſchloſſenheit, daß ich einen lächer⸗ lichen Scandal befürchtete, denn ſie ließ die Klingel⸗ ſchnur nicht los, bis ich aus dem Zimmer wegging. Dieſe Lection wird mir nützlich ſein. Der Wider⸗ wille von Albine wird mich gegen meine Abſicht ret⸗ ten, wäre ich wahnſinnig genug, noch einmal einer aufwallenden Hitze nachzugeben⸗ 79 Und dennoch dünkte mir Albine heute Abend ſchön, als ſie ſich ſtolz, zornig, mit funkelndem Auge, mit purpurrother Wange und bebendem Buſen hoch auf⸗ richtete. Es iſt doch meine Frau!. ich habe meine Rechte, ich fühle mich wieder jung geworden, je mehr die Re⸗ gelmäßigkeit meines Lebens meine Geſundheit befeſtigt Ich bin im Ganzen ſehr dumm, daß ich vor dem Widerſtande von Albine ſtille ſtehe. Ja; doch angenommen, es gelänge mir, den Wider⸗ willen meiner Frau zu beſiegen, wer ſagt mir, ob nicht auf meine befriedigte Laune bald die Sättigung folgen wird? Wer ſagt mir, ob ſie, nachdem es mir bis jetzt über alle meine Hoffnungen geglückt iſt, das Blut von Albine in Eis zu verwandeln, nicht plötzlich als eine ganz Andere aus dieſer Lethargie heraustreten wird, aus der ich ſie unkluger Weiſe gezogen hätte? Wer ſagt mir, daß ſie dann nicht einen Abſchen vor dieſem ruhigen und einſamen Leben faſſen wird, das mir ſo ſehr gefällt, und das ich ſie ſo gut anneh⸗ men zu machen im Stande geweſen bin? Mache ich Gebrauch von meiner ehelichen Gewalt, ſo werde ich allerdings meine Frau bei mir zurück⸗ halten, aber auch welche Streitigkeiten, welche Zänke⸗ reien, welche Kämpfe; welche Hölle endlich im Vergleiche zu der Ruhe, zu der Sicherheit, die ich bis jetzt ge⸗ noſſen habe! Nein, nein, der Inſtinet meiner Frau hat mich vortrefflich bedient; es wäre vielleicht eines Tages großes Unglück daraus entſtanden, wenn ſie meine Hin⸗ reißung getheilt hättt. Ich wiederhole, führt mich der Teufel zu ſehr in Verſuchung, ſo hade ich eine kleine Meierei an den Grenzmarken von Chambly vacant, die mir außer⸗ ordentlich gut als kleines Haus dienen kann. Was geſtern geſchehen iſt, dient mir zur Lehre, 80 und ich werde nicht einen Augenblick eine Thorheit zu bereuen haben, ſie wird im Gegentheil, mir die Gefahr zeigend, zur Wiederbefeſtigung meiner Vernunft bei⸗ tragen. Ich bin übrigens ſehr begierig, zu erfahren, was morgen der Empfang von Albine ſein wird. Den 21. April 1829. Ich habe dieſen Morgen von Madame Claude ge⸗ hört, Albine ſei nicht zur Meſſe gegangen, und ſie habe die Nacht hindurch ſehr aufgeregt geſchienen; ſie iſt indeſſen zu derſelben Stunde aufgeſtanden, wie ge⸗ wöhnlich, doch ſtatt den Weg nach der Kirche zu neh⸗ men, hat ſie ſich nach dem Parke gewandt, wo ſie lange ſpazieren ging; bei ihrer Rückkehr trat ſie in den Salon ein, in welchem ich ſie vor dem Frühſtück erwartete; ihr Geſicht war ungewöhnlich belebt; als ſie mich erblickte, bebte Albine, und ein ſchmerz⸗ licher Ausdruck bildete ſich in ihren Zügen; ich ging ihr reichte ihr herzlich die Hand und ſprach zu ihr: „Ich gebe Ihnen mein Wort als ehrlicher Mann, daß Sie ſich nie mehr über mich zu beklagen haben werden.“ „Dieſes Wort. . hatten Sie mir ſchon gegeben.“ „Es iſt wahr, meine liebe Albine .. doch ich ſchwöre Ihnen. . . „Hören Sie mich,“ unterbrach mich meine Frau, „ich fordere Sie, noch mehr in Ihrem Intereſſe, als in dem meinigen, auf, wiederholen Sie nie die Scene von geſtern Abendz hören Sie, warum: Ich habe mich darein gefügt, hier zu leben, jeden Willen von Ihnen zu thun, gleichſam zu exiſtiren, ohne zu denken, ohne zu überlegen. Dieſe faſt thieriſche Exiſtenz iſt dumm, aber ich bin, durch Sie, in einen ſolchen Zuſtand von Geiſtesträgheit verſunken, daß ich nicht einmal mehr die Kraft habe, etwas Anderes zu wollen, als das, 81¹ was iſt. Meine Worte ſetzen Sie in Erſtaunen, und mich auch; denn ohne die heftige und ſchmerzliche Er⸗ ſchütterung von geſtern Abend hätte ich gewiß nicht daran gedacht, ſo mit Ihnen zu ſprechen. Noch ein Wort: Nicht wahr, es ſteht Ihnen an, daß ich immer ſchlafe? Wohl denn! ſo nehmen Sie ſich in Acht, mich aufzuwecken! Denn bedenken Sie, mein Herr, mit dem Erwachen kommt wieder die Ueberlegung, die Vergleichung, das Bewußt⸗ ſein unſerer Würde, das Gefühl unſerer Rechte .. Auf die Vernichtung folgt das Leben . . . Sie verſtehen, mein Herr, das Leben mit allen ſeinen Leidenſchaften, ſeinen Willensäußerungen, ſeinen Empörungen gegen das, was ungerecht, grauſam oder einfach ſehr lang⸗ weilig iſt . . . Nachdem dies von mir geſagt und von Ihnen begriffen worden iſt, will ich das Vergangene vergeſſen, doch ich fordere Sie auf, es nicht zu ver⸗ eſſen.“ Ich gerieth ganz in Verwirrung über die Sprache von Albine. Dieſe wenigen Worte, mit einer ſtarken und feſten Stimme geſprochen, waren für mich wie eine Offen⸗ barung; nie hätte ich meine Frau für fähig gehalten, ſich mit einer ſolchen Präciſton, mit ſolcher Würde auszudrücken; ich war beſonders hundert Meilen von dem Glauben entfernt, ſie habe das Benußtſein von der geiſtigen Starrheit, in der ſie lebte, und die ſie doch annahm. Ich muß alſo meine alberne Laune von geſtern Abend doppelt bedauern. Sie hat vielleicht Albine aufgeweckt, wie ſie ſo richtig geſagt. Wenn ſie nur jetzt wieder einſchläft! Wenn ſie beſonders, was ſehr gefährlich wäre, heu ſie ſich nur nicht ſtellt, als ſchliefe ſie wie⸗ er ein! Ach! verflucht, verflucht ſei meine Dummheit! Ich war ſo glücklich, ſo ruhig, ſo voll Sicherheit. . . Fernand Dupleſſis. II. 6 82 Den 30. April 1829. „Und brauſend zog der Sturm an meinem Haupte hin“ hat der Dichter geſagt. Ich ſage wie der Dichter: Albine iſt völlig wiedereingeſchlafen, aufrichtig eingeſchlafen. Oh! mein Scharffinn hat ſich nicht getäuſcht, denn noch ein paar Tage habe ich bei ihr eine unbeſtimmte Aufregung, einige Ungeduld, ja zuweilen ſogar Heftig⸗ keiten der Sprache, das letzte Echo ihrer widrigen Empfindungen, beobachtet; dann hat ſich allmälig die Aufregung beſchwichtigt; ihre kurz zuvor gereizten, fun⸗ kelnden Angen verſchleierten ſich unter ihren beſchwerten Augenlidern, ihr bitteres, verzerrtes Lächeln machte wieder einem Lächeln indolenter Seligkeit Platz; die⸗ ſer vor Kurzem vor Aufregung ſpringende Buſen ſcheint zu dieſer Stunde ſo unbeweglich als der Mar⸗ mor, deſſen Härte er hat; mit einem Worte, der un⸗ verſöhnliche Tyrann, die Gewohnheit, hat wieder ſeine Herrſchaft über Albine erlangt: ſie iſt wieder das geworden, was ſie vor vierzehn Tagen war.. und ich bin wieder der glückliche und ruhige Mann wie vor vierzehn Tagen. Doppelt glücklich, denn ich glaubte mich einen Augenblick in meinem Glücke und in meiner Ruhe bedroht. Mai 1829. Arme Albine, wäre ſie in die Hände eines Ver⸗ ſchwenders gefallen, wie leicht würde es ihm geweſen ſein, ſie zu Grunde zu richten. Sie iſt in der That von einer Unwiſſenheit, von einer Unſchuld in den Angelegenheiten, die das Inter⸗ eſſe betreffen, welche alle Grenzen überſchreitet. Geſtern bedurfte ich ihrer Unterſchrift, um einen Theil der Werthpapiere ihrer Mitgift zu verkaufen: ſie unterzeichnete, ohne auch nur zu fragen, um was 83 es ſich handle. Zum Glück für ſie bin ich weder ein Verſchwender, noch ein Narr. Die Inſtandſetzung meines Gutes, die Erbauung meiner Schäfereien, mei⸗ ner Muſterſtälle, der Ankauf meines Viehes, meine unermeßlichen Urbarmachungen, kurz meine Verbeſſe⸗ rungen aller Art koſten mich ungeheuer viel Geld; ich geſtehe ſogar, daß dieſe Ausgaben meine Vorherſehun⸗ gen überſteigen, und daß ich für den Angenblick in Schulden ſtecke; doch das iſt eine vortreffliche Anlage, und wenn er auch ſpät kommt, ſo wird der Nutzen nur um ſo größer, um ſo ſicherer ſein. Uebrigens hat mir mein Verwalter von einer Bodenmehlfabrik geſagt, welche in der Nachbarſchaft errichtet worden iſt; er räth mir, achtzig bis hundert tauſend Franken dabei anzulegen. Das würde fünf und zwanzig bis dreißig Procent tragen, und ich würde ſo auf einer Seite mit dem Gewinn die Productionsausgaben decken, die ich mache, um mein Gut zu verbeſſern. Ich unterſuche die Sache, und wenn ſie ſo iſt, wie man mir ſagt, ſo werde ich abſchließen. Mein Tagebuch wurde einige Zeit unterbrochen in Folge von wichtigen Ereigniſſen, denen Albine Anfangs völlig fremd war. Dieſe Ereigniſſe ließen mir nicht genug Freiheit des Geiſtes, um ohne Unterbrechung die Aufgabe fort⸗ zuſetzen, die ich mir auferlegt habe. Ich werde alſo dieſe Lücke durch die Erzählung der Begebenheiten aus⸗ füllen, von denen ich geſprochen. Eines Morgens, in den erſten Tagen des Mai, als ich von einer Runde, die ich in meinen Meiereien gemacht, zurückkam, erhielt ich ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet: „Mein Herr, „Es findet ſich in geringer Entfernung von Ihrem Schloſſe und eine Viertelmeile vom Flecken Chambly ein verfallenes und verlaſſenes Haus. 84⁴ „Haben Sie die Güte, ſich allein zwiſchen drei und vier Uhr dahin zu begeben, man hat Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen von Seiten eines alten Freundes, und vielleicht einen großen Dienſt von Ihnen zu verlangen. „Man zählt ſicher genug auf Ihr Herz, um über⸗ zeugt zu ſein, daß Sie kommen werden.“ Die Schrift dieſes Billets war mir unbekannt; ich fragte, woher der Brief käme, man antwortete mir, ein kleiner Bauer habe ihn gebracht und ſei ſogleich wieder gegangen, da ihm ſeine Commiſſion zum Voraus bezahlt worden. Das Geheimniß, mit dem man das Rendez⸗vous umgab, zu welchem man mich einlud, ſetzte mich in Erſtaunen und erregte meine Neugierde. Ich bemühte mich vergebens, zu errathen, wer der Verfaſſer dieſes Briefes und der Gegenſtand einer ſolchen Zuſammen⸗ funft ſein könnte. Einen Augenblick kam mir der Gedanke, Ceſarine, von der ich ſeit mehr als zwei Jahren nicht mehr hatte ſprechen hören, ſei vielleicht dieſem Schritte nicht fremd; kurz, ich wartete mit großer Ungeduld auf den Nach⸗ mittag. Zur genannten Stunde ging ich nach einer alten niedergeriſſenen Meierei, welche in der That halb Weges zwiſchen dem Flecken Chambly und Riballière lag. XXXIII. Als ich auf einige Schritte zu dem Rendez⸗vous kam, das man mir bezeichnet hatte, erblickte ich unter einer Gruppe von Weidenbäumen, welche bei den Trüm⸗ mern ſtanden, einen Mann, der auf einem Steine ſaßz . 85⁵ ſein Hut lag zu ſeinen Füßen, und er ſtützte ſeine Stirne auf eine von ſeinen Händen, als ob er in Gedanken verſunken wäre. Beim Geräuſch meiner Tritte ſtand er auf und ging mir entgegen. Es war ein Mann von hoher Geſtalt, ungefähr fünfzig bis fünf und fünfzig Jahre alt; ſeine Haare waren weiß, ſeine Brauen ſchwarz, ſein Geſicht offen und entſchloſſen, ſein Anzug beſcheiden. „Ich habe die Ehre, mit Herrn Fernand Dupleſſis zu ſprechen?“ ſagte er zu mir. „Ja, mein Herr, und Sie ſind uhne Zweifel die Perſon, die mir dieſes Billet geſchrieben hat?“ Und ich zeigte ihm daſſelbe. „Ich bin es, mein Herr; ich will Ihnen ſagen, warum ich mich nicht bei Ihnen eingefunden habe, und wer der Freund iſt, von dem ich geſprochen. Dieſer Freund iſt Jean Raymond.“ „Ah! deſto beſſer,“ rief ich mit einem freudigen Erſtaunen und glücklich, endlich Nachricht von Jean zu erhalten; „Sie können unter keinen trefflicheren Auſpicien zu mir kommen, mein Herr.“ „Sie erkennen mich nicht mehr, Herr Fernand?“ fragte mich der Unbekannte, nachdem er einen Augen⸗ blick geſchwiegen, indem er mich feſt anſchaute. Eine unbeſtimmte Erinnerung durchzog meinen Geiſt, als ich den Unbekannten aufmerkſam betrachtete, doch dieſe Erinnerung war ſo verworren, daß ſie nichts nützte. „Nein, mein Herr,“ erwiederte ich, „ich glaube nicht, daß ich Sie kenne, und dennoch 24 „Und dennoch haben wir uns ſchon einmal begeg⸗ net, Herr Fernand, es ſfind ungefähr zehn Jahre her, im Faubourg Saint⸗Antvine bei der Mutter von Jean Raymond.“ „Sie heißen Charpentier!“ rief ich. „Sie haben durch Kühnheit, Kaltblütigkeit und mit Hülfe Ihrer Freunde den Oheim von Jean dem Schaffot entriſſen. ———— ——— —— 86 Ah! ich bin gluͤcklich, die Hand einem ſolchen Manne drücken zu können!“ Und mich der aufopfernden Ergebenheit von Char⸗ pentier, der ſo bewunderungswürdig in ſeiner herviſchen Einfachheit erinnernd, drückte ich ihm voll Innig⸗ keit die Hand; dann aber war mein Herz beklommen bei dem Gedanken, daß ich die unmittelbare Urſache der Verhaftung des Oheims von Jean und ſeiner Mut⸗ ter geweſen. Als mich Charpentier traurig ſah, errieth er ohne Zweifel meinen Gedanken, denn er ſagte zu mir mit ſeiner rauhen Stimme: „Ah! Herr Fernand, denken Sie nicht mehr an jene Zeit! Das Uebel iſt wieder gut gemacht .. . Sie ſchwatzten aus jugendlicher Unbeſonnenheit, ohne an etwas Böſes zu denken; Jean hat Ihnen längſt ver⸗ geben.“ „Einer von den Jugendfreunden von Jean und mir, Hyaeinthe Durand, hatte mir auch geſagt, Ray⸗ mond hege keinen Groll gegen mich. Leider iſt Hya⸗ einthe geſtorben,“ ſprach ich mit einer neuen Herzbe⸗ klemmung, „er allein hätte mich wieder in Verbindung mit Jean bringen können; nach dem Tode unſeres Freundes bin ich auf Reiſen gegangen, dann habe ich mich verheirathet, und es iſt mir keine Kunde von Jean zugekommen. Ich danke Ihnen alſo doppelt, Herr Charpentier, denn Sie werden mit mir vom beſten Freunde meiner Knabenzeit reden, und wenn ich mich in meinen Hoffnungen nicht täuſche, werden Sie mir ſagen, welchen Dienſt ich ihm leiſten kann.“ „Sie können ihn retten . . . ihn . . . und ſeine Mutter, Herr Fernand.“ „Seine Mutter? Was ſagen Sie? . . . Großer Gott! was iſt ihnen denn begegnet?“ — „Herr Fernand,“ antwortete Charpentier, indem er mich feſt anſchaute, „Sie ſind Page und Garde⸗du⸗ corps des Königs geweſen . Sie ſind Royaliſt, 87 was beweiſt, daß es ehrliche Leute bei allen Parteien geben kann .„ „Ja, Herr Charpentier, ich bin Royaliſt, aber ohne meine politiſchen Anſichten bis zur Uebertreibung zu verfolgen .5 „Es mag ſein, Herr Fernand . . doch Sie ſind Royaliſt . . . Würden Sie Jean, dem Republikaner, Aſyl geben? Er ſchwebt in einer Todesgefahr, und zu dieſer Stunde iſt er, wie ſeine Mutter und ich, von der Polizei von Karl X. umſtellt.“ Die Offenbarung von Jean Raymond verurſachte mir eine ſchmerzliche Beſorgniß über das Schickſal von Jean und ſeiner Mutter; ich fühlte indeſſen zu⸗ gleich eine Art von edler Befriedigung bei dem Ge⸗ danken, das Böſe, das ich einſt gethan, vergeſſen machen zu können und ich rief auch voll Eifer: „Herr Charpentier, meine alte Freundſchaft ſür Jean würde es mir ſchon zur Pflicht machen, alle Mittel zu ſuchen, um ihn zu retten; Sie wiſſen, wel⸗ ches Unglück ich einſt durch meine Schwatzhaftigkeit herbeigeführt habe, welche gräßliche Folgen beinahe daraus entſprungen wären .„ „Gut, gut, Herr Fernand,“ erwiederte Charpentier, indem er mir die Hand reichte, während eine Thräne ſer Augen glänzte; „Jean hatte ſich nicht ge⸗ äuſcht „Doch wo iſt er? was iſt ihm widerfahren? wa⸗ rum werden ſeine Mutter und er verfolgt?“ „Jean iſt Chef von einer der geheimen Geſell⸗ ſchaften. Eine große republikaniſche Bewegung ſollte zugleich in Paris, in Lyon, in Grenoble, in Lille und in Metz zum Ausbruche kommen. Das Complott iſt von der Polizei entdeckt oder ihr verrathen worden, unſere Waffen⸗ und Pulverniederlagen ſind weggenom⸗ men, einige Sectionschefs ſind verhaftet worden, man hat die Correſpondenz aufgefangen, Alles, ohne Aufſehen zu machen, um die Wichtigkeit der Sache zu unterdrücken; 88 glücklicher Weiſe (denn das iſt ein Glück geworden), glücklicher Weiſe wurde Jean acht Tage vor der Ent⸗ deckung des Complotts durch einen Degenſtich ſchwer verwundet .. „Armer Jean! Und wie dies?“ „Ein Duell wegen eines politiſchen Streites, mit einem Officier von der Schweizer⸗Garde . „Und wie geht es Jean heute?“ „Sehr ſchlecht. Was wollen Sie, Herr Fernand: genöthigt ſein, zu fliehen, ſich zu verbergen mit einer Wunde mitten auf der Bruſt und in einem Geſund⸗ heitszuſtande, der die größte Schonung fordern würde!“ „Und Madame Raymond! Durch welches Ver⸗ hängniß iſt ſie auch gefährdet?“ „Glauben Sie, ſie hätte ihren Sohn ſeinen Kopf auf das Spiel ſetzen laſſen, ohne den ihrigen auch darauf zu ſetzen?“ „Was ſagen Sie? Madame Raymond kannte die Verſchwörung?“ „Sie war die Seele davon! ja, ſie mit ihrer ſanften Stimme und ihrem engeliſchen Geſichte! Man berathſchlagte bei ihr; ſie gab Alles, was ſie konnte, um Pulver und Waffen zu kaufen, ſie begeiſterte die Lauen, ſie mäßigte die Hitzigen, ſie beſänftigte bei Un⸗ einigkeiten, vereinigte uns immer bei der Heiligkeit unſerer Sache, indem ſie ſagte, ſie ſeien nicht würdig, für die Freiheit zu kämpfen, diejenigen, welche ſich nicht groß durch das Herz, durch die Selbſtverleug⸗ nung, durch die aufopfernde Ergebenheit zeigen.“ „Ah! ich hatte ſie gut beurtheilt! Das iſt eine Frau des alten Rom!“ rief ich; „und durch welchen Zufall iſt ſie den Verfolgungen entfommen?“ „Als Jean den Degenſtich erhielt, ſagte der Arzt, die Folgen der Wunde können ſehr gefährlich werden, wenn der Kranke nicht in einer völligen Ruhe des Koͤrpers und des Geiſtes bleibe; da führte Madame Raymond ihren Sohn nach Sceaur, um ihn zu pfle⸗ gen, ſagte aber, mich ausgenommen, Niemand, wohin 89 ſie ſich zurückzog; ſonſt hätten ſie unſere Freunde be⸗ ſucht, man würde von der nächſten Schilderhebung ge⸗ ſprochen haben, und das hätte Jean zu ſehr aufgeregt. Ich wiederhole alſo, dieſe Wunde war ein Glück, denn als die Polizei im Faubourg Saint⸗Antoine bei Ma⸗ dame Rahmond erſchien, um Hausdurchſuchung vorzu⸗ nehmen, fand man Niemand, bemächtigte ſich aber der Papiere, der Waffen, der Munition ... Hievon durch einen unſerer Leute unterrichtet, miethe ich ein Pferd, jage mit verhängten Zügeln fort, komme in einer hal⸗ ben Stunde in Sceaur an und benachrichtigte Jean und ſeine Mutter von Allem; die Diligence von Orleans kam um ſieben Uhr durch Bourg⸗la⸗Reine. Ich be⸗ ſtimme Madame Raymond, mit Jean, obgleich dieſer noch ſchwach iſt, abzureiſen; zum Glück finden wir Plätze in der Diligence; am andern Morgen erreichen wir die letzte Station vor Orleans; hier ſteigen wir aus und laſſen, aus Berechnung, die Diligence wieder abgehen; denn wir hatten keine Päſſe, und wären wir in einer Stadt angekommen, ſo würde man ſie uns abgefordert haben.“ „Und was haben Sie dann gethan?“ „Jean litt entſetzlich in Folge der Anſtrengung der Reiſe. Wir treten in ein Gaſthaus ein und ſa⸗ gen, wir haben die Diligence verfehlt. Wir nehmen ein Zimmer; Madame Rahmond verbindet die Wunde ihres Sohnes, dann berathſchlagen wir. Nach Paris zurückkehren hieß Alles wagen. Unſere Freunde, bei denen wir eine Zuflucht hätten ſuchen können, waren entweder verhaftet oder beargwohnt. Jean ſprach in⸗ deſſen davon, daß er ſich überliefern wolle, um das Schickſal unſerer Brüder zu theilen.“ „Das wäre ein unnützer Heldenmuth geweſen,“ ſagte ich zu Charpentier; „ſeine Mutter mußte dieſen Gedanken bekämpfen.“ „„Wäreſt Du nicht verwundet,““ ſprach ſie zu Jean, „ſo würde ich Deiner Anſicht beitreten; aber 90 nun Dich verlaſſen, da Deine Wunde Dein Leben in Gefahr ſetzt, mich von Dir trennen denn wir hät⸗ ten nicht daſſelbe Gefängniß . . das überſteigt meine Kräfte.““ „Arme Frau . und was haben Sie dann be⸗ ſchloſſen?“ „In dem Zimmer, wo wir waren, fand ſich zu⸗ fällig eine am Täfelwerk hängende Karte von Frank⸗ reich. Jean, der auf dem Bette ausgeſtreckt lag und zu lächeln ſuchte, um uns zu beruhigen, bat mich, dieſe Karte herabzunehmen, und nun ſuchten wir, wel⸗ chen Weg wir verfolgen könnten. Nach einigen Augen⸗ blicken ſagte uns Jean, indem er uns dieſe Stadt auf der Karte bezeichnete: „Chateaurourz in der Nähe von hier iſt das Schloß von Fernand, ein ent⸗ legener, einſamer Ort im Berry, wo er als Philoſoph ſeit ſeiner Verheirathung lebt.““ „Jean wußte alſo, daß ich verheirathet bin?“ „Ja, Herr Fernand, eine Freundin ſeiner Mutter kennt eine Freundin der Familie Ihrer Frau; ſo hat er vor einiger Zeit erfahren, daß Sie hier ſehr zu⸗ rückgezogen leben. Als ſie ihren Sohn von Ihrem ein⸗ ſamen Aufenthaltsorte in einer abgelegenen Gegend des Berry ſprechen hörte, rief Madame Raymond: „„Ich bedenke warum wenden wir uns nicht an Deinen Freund! er iſt einſt unvorſichtig und ſchwatzhaft wie ein Kind geweſen, doch ſeine Reue hat bewieſen, daß ſein Herz gut war . . . Es iſt ein Mann von Ehre, warum ſollten wir ihn nicht um ein Aſhl nur bis zu Deiner völligen Geneſung bitten! Was iſt Ihre An⸗ ſicht, Charpentier?““ „In der Lage, in der ſich Jean beſindet,“ erwie⸗ derte ich ſeiner Mutter, „wird es ihm unmöglich ſein, Strapazen wie die der vergangenen Nacht zu ertragen, und wenn Herr Dupleſſis einwilligte, ihm Aſyl zu geben, ſo wäre dies das Beſte, was man ergreifen könnte.“ „Und Jean, was hat Jean zu dieſem Vorſchlage 9¹ geſagt?“ fragte ich Charpentier mit Bangigkeit. „Ich zofe er hat nicht einen Augenblick an mir gezwei⸗ fe 12* * . „Nein, denn er antwortete: „„Ich kann Fernand nur nach mir beurtheilen, käme er aber, obgleich er Royaliſt iſt, morgen und würde mich um ein Aſyl bitten, ich würde es ihm mit Gefahr meines Lebens bewilligen.““ „Gut, Jean!“ rief ich bewegt, „ich danke Dir, daß Du mein Herz nach dem Deinigen beurtheilt haſt; nein, nein, Du haſt Dich nicht getäuſcht!“ „Als unſer Plan feſtgeſtellt war,“ fuhr Charpen⸗ tier fort, „mußten wir Chateaurvur ſo viel als möglich auf Nebenwegen erreichen. Madame Rahymond ließ unſern Wirth kommen und ſagte zu ihm, ihr Sohn ſei bruſtkrank, die Bewegung und die Geſchwindig⸗ keit der öffentlichen Wagen ſeien ſchädlich für ihn, ſie möchte gerne Mittel finden, um ihn in kleinen Tage⸗ reiſen in die Gegend von Chateaurour zu bringen, und ſie würde gut bezahlen. Was den Wagen betreffe, ſo liege ihr wenig daran, ſie würde ſich mit einem Kar⸗ ren begnügen, wenn er nur bedeckt wäre, und wenn nur ihr Sohn bequem darin liegen könnte . MNach zwei Stunden fand der Wirth für uns eine Art von bedeckter Tapiſſiere *), vorne mit einem Bänkchen und hinten mit einer Matratze, und beſpannt mit einem guten Pferde, das zehn bis zwölf Meilen im Tage machen könnke. Es ſollte uns zuerſt in einem Zuge vier bis fünf Meilen jenſeits Orleans führen. „Der Fuhrmann war ein alter Soldat. Nachdem wir ein paar Stunden mit einander geſprochen, ſah ich, daß wir es mit einem wackern Manne zu thun hatten; er ſchien gerührt von der Sorgſamkeit und den Bemühungen von Madame Raymond für ihren Sohn. *) Tapiſſiere nennt man gewöhnlich einen hängen⸗ den Wagen, um Mobilien zu transportiren. Ohne unſern Fuhrmann in's Geheimniß zu ziehen, ſagte ich ihm, es ſei von Intereſſe für uns, Chateau⸗ roux ſo viel als möglich auf der am wenigſten beſuch⸗ ten Straße zu erreichen. Er verſtand ein halbes Wort und erwiederte mir: „„Seien Sie ruhig: ich kenne das Land; ich bin lange Bote von Orleans nach Vierzon geweſen. Wenn wir kurz quer durchſchneiden, werden wir alle Städte vermeiden und nur in kleinen Dörfern über Nacht bleiben.“ So ſind wir geſtern Abend zwei Meilen von Chateauroux angekommen. Aus Vorſicht iſt unſer Fuhrmann allein in dieſe Stadt gegangen, hat ſich erkundigt, wo das Schloß ſei, und uns einen Miethwa⸗ gen zurückgebracht, der uns dieſen Morgen nach Cham⸗ bly führte, ohne durch Chateaurour zu paſſtren, wo wir die Frage nach unſeren Päſſen befürchten mußten.“ „Und Jean, mit jeiner Wunde, wie hat er dieſe lange Fahrt ertragen?“ „Hören Sie, Herr Fernand, ich wage nicht, es Madame Raymond zu ſagen, döch der Zuſtand von Jean beunruhigt mich. Zwei oder dreimal habe ich ſeine Lippen von Blut gefärbt geſehen . . . doch es iſt ihm gelungen, dieſe ſchlimmen Symptome vor ſeiner Mutter zu verbergen.“ „Armer Junge! .. die Anſtrengung ohne Zwei⸗ fel; zum Glück iſt er am Ziele ſeiner Reiſe. Doch warum ſind Sie nicht unmittelbar zu mir gekommen, ſtatt mir hier Rendez⸗vous zu geben, Herr Charpentier?“ „In Chambly fragte ich nach der Adreſſe Ihres Schloſſes. Als ich dahin ging, bemerkte ich dieſes ver⸗ fallene Gemäuer. In dem Augenblick, wo ich bei Ihnen eintreten wollte, bedachte ich, daß es, ſollte ich ſpäter, im Intereſſe von Jean und ſeiner Mutter, ver⸗ anlaßt ſein, mich in Ihr Haus zu begeben, klüger wäre, wenn man mich noch nicht dort geſehen hätte; da faßte ich den Entſchluß, Ihnen zu ſchreiben und Sie zu bitten, in dieſem Gemäuer, das Sie kennen müſſen, mit mir zuſammenzukommen.“ 93 „Jean und ſeine Mutter ſind alſo in Chambly,“ ſagte ich zu Charpentier, nachdem ich lange darüber nachgedacht hatte, was der beſte Entſchluß ſei, den man faſſen könnte, um dieſe Geächteten zu retten. „Sie in Riballiere verbergen iſt unmöglich; man müßte durchaus Dienſtboten in's Vertrauen ziehen, und ich bin ihrer Verſchwiegenheit nicht ſicher genug, um eine ſolche Unvorſichtigkeit zu begehen: das hieße Alles risquiren . . . „Ich begreife das, Herr Fernand, aber was iſt dann zu machen?“ „Ich werde Jean und ſeine Mutter offen als Freunde empfangen, welche einige Zeit bei mir auf dem Lande zubringen wollen. Rur müſſen ſie dann einen falſchen Namen annehmen.“ „Im erſten Augenblick, Herr Fernand, ſcheint dieſe Maßregel unklug, im Grunde halte ich ſie aber für vernünftig; Sie müſſen als Royaliſt im Lande umher bekannt ſein; man wird keine rohaliſtiſche Verſchwörer bei Ihnen ſuchen .. „Und noch beſſer,“ unterbrach ich Charpentier, „wenn Madame Raymond keinen Widerwillen gegen dieſe Idee hätte, ſo würde ſie, um jeden Verdacht völ⸗ lig abzuwenden, nicht nur einen erdichteten Namen, ſondern einen Titel .. wie Gräfin oder Marquiſe .. annehmen z und ich ginge ſogar weiter,“ fügte ich nachdenkend bei, „denn wenn man glaubt, Jean ſei mit ſeiner Mutter entflohen, ſo werden Fahn⸗ dungsſchreiben erlaſſen werden.“ „Allerdings, Herr Fernand, denn man weiß, daß die Mutter und der Sohn nie ohne einander gehen.“ „Dabei muß ich Ihnen ſagen, trotz der Vereinzelung meines Schloſſes, erfährt man immer in Chambly und durch Chambly in Chateauroux, was beimir vorgeht, ſei es nun durch die Dienſtboten, welche in den Flecken kommen, ſei es durch die Lieferanteu, oder durch andere Leute, welche ab⸗ und zugehen. Würde ſich aber das Gerücht 94 in der Umgegend verbreiten, der Herr Marquis und die Frau Marquiſe von Berteuil (ich ſage den Namen Berteuil wie einen andern) befinden ſich in dieſem Augenblick in Begleitung ihres Sohnes bei mir, wo ſie einige Zeit zubringen ſollen, welche Beziehung hätte dies zu Madame Rahmond und ihrem Sohne, die vor der Strenge der Gerichte fliehen? Würde das nicht jeden Verdacht ablenken?“ „Die Idee iſt vortrefflich, Herr Fernand. Nur ſehe ich nicht recht, wer der fragliche Marquis wäre.“ „Sie, Herr Charpentier . . wenn Madame Ray⸗ mond dazu einwilligte; ſind Sie ihr und den Ihrigen nicht mit Leib und Seele ergeben?“ „Und ergeben genug, um für einen Marguis zu gelten, wenn ich das Ausſehen eines ſolchen hätte . Hören Sie, Herr Fernand, obgleich Alles dies nicht ſehr luſtig iſt, ſo kann ich mich doch des Gedankens nicht erwehren, ich müßte eine drollige Figur ſpielen, wenn ich mich Marquis nennen hören würde.“ „Ei! mein Goit! ich weiß, das iſt ſehr bizarr; doch das kann Jean, ſeine Mutter und Sie aus einem ſchlimmen Handel erretten und dieſem armen wackern Freunde Zeit geben, ſich zu heilen. Dann würden wir auf etwas Anderes ſinnen, wenn es ſein müßte; für die Gegenwart iſt das Wichtigſte, Jean den Gefahren und Strapazen des Lebens eines Geächteten zu ent⸗ reißen; es iſt ſchon ein Wunder für ihn, daß er ohne Hinderniß hat hierher kommen können. Benützen wir alſo, und zwar durch alle mögliche Mittel, dieſes Glück. Berathen Sie ſich übrigens mit Madame Ray⸗ mond; ihr vortrefflicher Geiſt und ihre Liebe für Jean werden ihr ihr Benehmen dictiren; doch man muß ſich beeilen, und meiner Anſicht nach iſt folgender Gang zu verfolgen: es iſt vier Uhr; in zwanzig Minuten ſind S in Chambly!“ „Gut!“ 95 „Sie find ohne Zweifel im Gaſthauſe zum Weißen Kreuz abgeſtiegen?“ „Ja, Herr Fernand.“ „Sie kehren dahin zurück und theilen meinen Plan Madame Raymond und Jean mit . Würden ſie eine Schwierigkeit darin finden oder eine Abänderung vor⸗ ſchlagen, ſo kommen Sie wieder hierher, wo ich andert⸗ halb Stunden lang auf Sie warten werde; ſehe ich Sie dagegen nicht zuruckkommen, ſo nehmen Jean und ſeine Mutter meinen Plan an, und zwiſchen ſechs und ſieben Uhr fahre ich auf eine in die Augen fallende Art nach Chambly, um in einem Wagen den Herrn und die Frau Marquiſe von Berteuil und ihren Sohn ab⸗ zuholen, und bringe ſie zu mir. Ich übernehme es, in den Augen von meiner Frau und meinem Geſinde zu motiviren, was dieſe unerwartete Ankunft Seltſames haben könnte. Wir werden übrigens mit Jean und ſeiner Mutter über unſere Angelegenheit während der Fahrt von Chambly zu mir Rückſprache nehmen.“ „Sie ſind ein wackeres, gutes Herz, Herr Fernand,“ ſagte Charpentier zu mir, während er mir gerührt die Hände drückte ₰ch kehre nach Chambly zurück. Es iſt feſt verabredet: ſehen Sie mich in einer Stunde, ſpäteſtens in fünf Viertelſtunden nicht zurückkommen, ſo nimmt Madame Rahmond Ihren Vorſchlag an.“ „Und dann rechnen Sie auf mich zwiſchen ſechs und ſieben Uhr . . .“ Hienach entfernte ſich Charpentier raſch. XXXIV. In Erwartung der Rückkehr oder Nichtrückkehr des Emiſſärs von Jean, fühlte ich Anfangs die ſtolze Selbſtbefriedigung, die uns das Bewußtſein einer er⸗ füllten Pflicht gibt; ich dankte dem Zufall, daß er mich 96 in den Stand ſetze, theilweiſe das Böſe wieder gut zu machen, das ich verurſacht hatte; ich erinnerte mich mit einer melancholiſchen Gemüthsbewegung meines erſten und einzigen Zuſammenſeins mit Madame Ray⸗ mond, dieſer reizenden Frau, welche einen ſo lebhaften Eindruck auf mich gemacht hatte, daß die Zeit weit entfernt, ihn zu verwiſchen, denſelben nur tiefer in mein Herz eingegraben hatte; welche Freude war es auch für mich, ihr, nach ſo vielen Jahren, einen wich⸗ tigen Dienſt zu leiſten, ihr einen Beweis von die⸗ ſer Liebe zu geben, von der ſie nie etwas gewußt hatte, und von der ſie nie etwas erfahren ſollte. Dieſe Reflexionen ſtanden im Einklang mit dem Edelmuth einer erſter Bewegung. Gleichſam unver⸗ ſehens überfallen durch die Offenbarung von Charpen⸗ tier, hatte ich, jede ſecundäre Rückſicht vergeſſend, meine Hülfe verſprochen und angeboten; als ſich aber nach dem Abgange von Charpentier die erſte Exal⸗ tation, die mir die Erinnerung an Madame Raymond eingeflößt hatte, beſänſtigte, dachte ich an die Fol⸗ gen der von mir übernommenen Verbindlichkeiten, das heißt, an den Aufenthalt von Jean und ſeiner Mutter in meinem Hauſe. Ich wurde plötzlich von tauſend Befürchtungen ergriffen, indem ich meine perſönliche Lage in's Auge faßte. Nothwendig würde Albine in vertrauter Gemein⸗ ſchaft mit Madame Raymond und ihrem Sohne leben; obſchon ich aber durch meinen redlichen Egoismus über die Lebensart, die ich meiner Frau auferlegte, ver⸗ plendet war, obſchon ich ſie in der That für das glück⸗ lichſte Geſchöpf hielt, ließ mich irgend ein unwillfürli⸗ cher Inſtinet von Wahrheit und Gerechtigkeit befürch⸗ ten, eine Frau vom Geiſte und vom Charakter von Madame Raymond könnte über die Lage von Albine urtheilen; und dann, eine in meinen Augen noch mehr beunruhigende Befürchtung, Jean Rahmond war jung und ſchön; ſeine Wunde, ſeine Aechtung machten ihn 97 intereſſant; ich kannte ſeinen Geiſt, die Erhabenheit ſeines Charakters, den Adel ſeines Herzens; ſeine ſel⸗ tenen Eigenſchaften hatten mit den Jahren zunehmen müſſen. Was ſollten nun für meine Ruhe, für meine Eitelkeit, für mein Glück (ich ging ſo weit) die Re⸗ ſultate der Vergleichung ſein, die meine Frau nothwen⸗ dig zwiſchen Jean und mir machen würde? Seltſamer Contraſt! ich liebte Albine nicht, ich hielt ſie für einfältig, und für ſo kalt und unempfind⸗ lich wie eine Marmorſtatue; ich mußte alſo vollkom⸗ men ruhig ſein und keine Eiferſucht fühlen . .. Und dennoch, wenn ich an die Vertraulichkeit dachte, die ſich zwiſchen Jean und meiner Frau bilden würde, fühlte ich, nicht Eiferſucht des Herzens, ſondern Befürch⸗ tungen der Eitelfeit, Angſt vor der Lächerlichkeit, im Fall, daß mein Freund Albine den Hof machen würde. Eine abſcheulicher Argwohn; ſicherlich verleumdete ich Jean; ich vergaß, daß die Gegenwart ſeiner von ihm ſo verehrten Mutter die heiligſte Schutzwache für meine Ehre war; ich vergaß beſonders, daß Jean, edel⸗ müthig als Geächteter von mir aufgenommen, unfähig ſein mußte, die Gaſtfreundſchaft ſchändlich zu mißbrauchen. Aber, ach! ich erinnerte mich, daß ich auch ſchänd⸗ lich die vertraute Freundſchaft von Hya inthe miß⸗ braucht hatte. Dieſen Bangigkeiten preisgegeben, erwartete ich die Ruckkehr von Charpentier mit einer unausſprech⸗ lichen Angſt. Ich machte mir bald meinen Edelmuth, meine Anerbietungen gegen Charpentier, welche, an⸗ genommen, zwiſchen meiner Frau, Jean und ſeiner Mutter die Vertraulichkeit begründen mußten, die mich im Gedanken erſchreckte, zum Vorwurf. Das war noch nicht Alles; die Ruhe, die Regelmäßigkeit meines Le⸗ bens ſollten geſtört werden. So vollkommen die Dis⸗ eretion meiner Gäſte war, ſo würde ich doch nicht mehr meine Bequemlichkeiten haben, ich würde von meiner Gewohnheit des Schlafens nach Tiſche abge⸗ Fernand Dupleſſis. II. 7 ℳ 98 hen müſſen, ich würde auf das beinahe plumpe san gene verzichten müſſen, das ich mir doch ſo gemächlich angewöhnt hatte. Indem ſich dieſe Betrachtungen immer mehr in meinem Geiſte drängten, glaubte ich zu träumen; ich fragte mich, ob wirklich ich es ſei, ich, Fernand Dupleſſis, ſo verliebt in meine Ruhe und in meine Sicherheit, der toll genug geweſen, ſich mit heiterem Herzen in ein ſolches Weſpenneſt zu werfen. Meine Geiſtesverirrung in dieſer Hinſicht dünkte mir unbe⸗ greiflich. Es blieb mir eine einzige Hoffnung, die, Jean und ſeine Mutter werden meinen Plan albern oder ge⸗ fährlich finden; die Augen auf den Zeiger meiner Uhr gerichtet, folgte ich auch mit Unruhe den Fortſchritten der Stunde und horchte auf das geringſte Geräuſch, immer in der Hoffnung, Charpentier zurückkommen zu ſehen Es war nicht ſo, meine Uhr bezeichnete fünf Uhr, dann halb ſechs Uhr, Charpentier erſchien nicht wieder. Es unterlag keinem Zweifel, Jean und ſeine Mut⸗ ter nahmen meinen Vorſchlag an; ich mußte mich in die Folgen meines Edelmuths fügen. Ich kehrte nach Riballiere zurück, um meine Frau auf dieſen unerwarteten Beſuch vorzubereiten und die nöthigen Befehle zum Empfang meine Gäſte zu geben. Es war im linken Flügel des Schloſſes eine ſchon von mir erwähnte Wohnung, die mir in meiner erſten Jugend als Zuſammenkunftsort mit einer von meinen Couſinen gedient hatte; dieſe Wohnung hatte einen geheimen Ausweg durch einen in der Dicke der Mauer angebrachten Gang, den eine bewegliche Füllung mas⸗ kirte. Im Falle einer Ueberraſchung oder von Nach⸗ forſchungen in meinem Hauſe konnte dieſe Einrichtung Jean und ſeiner Mutter nützlich ſein und ihre Ent⸗ weichung begünſtigen. Ich beſtimmte alſo dieſe Woh⸗ nung für ſie, ſie beſtand aus zwei, durch einen Salon und ein Vorzimmer, von einander getrennten Schlaf⸗ 99 zimmern. Eines von dieſen Zimmern ſollte von Char⸗ pentier, das andere von Madame Rahmond bewohnt werden. Jean beſtimmte ich ein an das von ſeiner Mut⸗ ter anſtoßendes Zimmer; ich beauftragte Madame Claude, über dieſen Vorbereitungen zu wachen und im Dorfe ein Mädchen für den Dienſt der Frau Marquiſe von Berteuil zu ſuchen, „welche erzürnt über die Unver⸗ ſchämtheit ihrer Kammerfrau,“ ſagte ich zu Madame Claude, „ſie unter Weges entlaſſen habe.“ Einer von meinen Domeſtiquen ſollte den Marquis und ſeinen Sohn bedienen. Ich ließ dann meine Pferde anſpannen. Während man ſich hiemit beſchäftigte, begab ich mich zu meiner Frau, Madame Claude ſollte mir dahin fol⸗ gen, um meine letzten Befehle zu empfangen; ich wollte, daß ſie ſo hörte, was ich zu meiner Frau ſagen würde, um dieſen unerwarteten Beſuch wahrſcheinlich zu ma⸗ chen. Ohne dieſe Vorſichtsmaßregeln würde er meinen Leuten ſonderbar geſchienen haben, und ſie hätten ſchwatzen können. Ich fand Albine auf einem Canapé ausgeſtreckt und ihre Blumen betrachtend. „Meine liebe Freundin,“ ſagte ich zu ihr, „ich habe Ihnen eine große Neuigkeit mitzutheilen . . denn die Ankunft dreier Perſonen von meiner Bekannt⸗ S iſt eine große Neuigkeit für Wilde, wie wir ind.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Der Herr Marquis und die Frau Marquiſe von Berteuil, alte Bekannte meiner Großmutter, werden einige Tage hier zubringen Ihr Sohn begleitet ſie; er iſt einer meiner beſten Freunde.“ Albine ſchaute mich mit tiefem Erſtaunen an und ſprach dann zu mir mit einer ärgerlichen Miene: „Wie! was Sie mir da ankündigen, iſt wahr? Es iſt kein Scherz?“ „Ich ſcherze wenig, wie Sie wiſſen. Ich komme alſo, meine liebe Freundin, um Sie in vollem Ernſte 7 100 zu benachrichtigen, daß in wenigen Stunden unſere Gäſte hier ſein werden. Ich will ſie in Chambly ab⸗ holen; ſie ſind dahin in einem Miethwagen von Cha⸗ teauroux gekommen, wo ſie, wie ich glaube, die Dili⸗ gence gelaſſen hat.“ „Ein ſolcher Beſuch .. . Sie fallen ſo aus den Wolken . . das iſt unerträglich und ſehr außeror⸗ dentlich.“ „Das iſt keines Wegs außerordentlich,“ erwiederte ich, auf dieſen Worten beſtehend wegen der Gegen⸗ wart von Madame Claude, die uns hörte. „Nichts kann im Gegentheil einfacher ſein. Herr von Berteuil hatte mir vor vierzehn Tagen geſchrieben, um mir ſeinen nahe bevorſtehenden, längſt zwiſchen uns ver⸗ abredeten Beſuch anzukündigen; ohne Zweifel wird ſein Brief nicht auf die Poſt gegeben worden oder ver⸗ loren gegangen ſein, denn ich habe ihn nicht erhalten, und der Marquis, der mich von ſeiner Ankunft be⸗ nachrichtigt glaubte, ſchrieb mir dieſen Morgen aber⸗ mals von Chambly, wo er erwartet, daß ich ihn abholen laſſe; aus Artigkeit will ich ſelbſt dahin ge⸗ hen; ich habe Madame Claude hierher kommen heißen, damit Sie ihr Ihre Befehle geben; indeſſen habe ich ihr geſagt, unſere Gäſte werden im linken Flügel, im zweiten Stock, in dem wohnen, was man die Tapiſſerie⸗ Zimmer nennt. „Ich habe Madame Claude keine andere Befehle zu geben und kann ſie nur ermahnen, Alles auf das Beſte einzurichten,“ antwortete Albine; dann fügte ſie, ſich an ihre Kammerfrau wendend, bei: „Laſſen Sie uns allein.“ Kaum war dieſe weggegangen, als Albine mit einem ſchmerzlichen Tone und mit einem Ausdrucke des Vorwurfs und wachſenden Aergers zu mir ſagte: „Das iſt aber etwas entſetzlich Langweiliges, dieſer Beſuch von Perſonen, die ich nicht kenne! Genöthigt ſein, gegen ſie die Hausfrau zu ſpielen .. mich mit 101 ihnen zu beſchäftigen . . . meine Gewohnheiten zu ändern; ich verſichere Sie, daß das meine Kräfte überſteigt.“ „Eil meine liebe Albine . . . „Machen Sie es, wie es Ihnen beliebt . . . Sie haben Ihre Gäſte eingeladen, empfangen Sie dieſelben.“ „Was ſagen Sies“ „Ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß ich die⸗ ſes Zimmer nicht verlaſſen werde.“ „Das iſt unmöglich.“ „Man ſoll glauben, ich ſei krank . . . Wenn dieſe Entſchuldigung nicht genügt, finden Sie eine andere; es iſt mir gleichgültig, wenn ich nur einem ſolchen Frohndienſte entgehe. “ FAhet „Wie? die Beſuche von unſern Nachbarn, welche nur eine Stunde von Zeit zu Zeit gedauert hätten, ſchienen Ihnen, wie mir, ſo langweilig, ſo läſtig, daß Sie Alles thaten, um ſie zu vermeiden ..; und Sie fordern andere Perſonen auf, hier zu wohnen?“ „Die Einladung iſt gemacht, und es läßt ſich nicht mehr davon abgehen. Was das Vorſchützen eines Krankſeins betrifft, ſo iſt das unmöglich, meine liebe Freundin; es wäre verrückt, daran zu denken, Sie einzuſperren; Alles, was ich für möglich halte, iſt, Ihnen für dieſen Abend die Sorge, unſere Gäſte zu empfangen, zu erſparen; ſie werden müde von der Reiſe ſein, ihr Sohn iſt ſehr leidend, denn er kommt kaum von einer langen Krankheit wiedergeneſend hier⸗ her; ſie werden alſo ſelbſt ſehr zufrieden ſein, wenn ſie ſich ſogleich in ihre Zimmer zurückziehen und aus⸗ ruhen können . . . Morgen müſſen Sie ihnen aber nothwendig die Honneurs in Ihrem Hauſe machen.“ Madame Claude kam und meldete mir, mein Wa⸗ gen erwarte mich; ich überließ meine Frau ihrem leh⸗ haften Verdruß und fuhr nach dem Flecken Chambly. Je näher ich dem Augenblicke kam, wo ich Madame 102 Raymond wiederſehen ſollte, deſto mehr fühlte ich mich von einer ſeltſamen Gemüthsbewegung ergriffen; bald beherrſchte ſie ſogar die Befürchtungen meiner unbe⸗ ſtimmten Eiferſucht in Beziehung auf Jeanz ich dachte mit Traurigkeit, die Jahre, der Kummer müſſen bei Madame Raymond die Schönheit verheert haben, von der ich einſt ſo gewaltig erfaßt worden war; ich er⸗ wartete, ſie mit gerunzeltem Geſichte, mit erloſchenem Blicke, mit ergrauenden Haaren wiederzufinden; nichts dünkte mir peinlicher, als mir ſagen zu müſſen: Das iſt alſo die Frau, in die ich ſo tief verliebt geweſen bin! Die einzige Frau, die ich vielleicht wahrhaft ge⸗ liebt habe! die einzige endlich, deren Andenken ſich bis jetzt in w inem Herzen bewahrt hat wie ein idealer Typus von ernſter Anmuth, von ſanfter Feſtigkeit und anziehender Weisheit, koſtbare Gaben, die heute meine frühzeitige Reife, meine Welterfahrung zu ihrem wahren Werthe zu ſchätzen mir erlauben. Endlich, ſoll ich es geſtehen? ging ich ſeltſamer, unerklärlicher Weiſe ſo weit, daß ich mir ſagte: „Es iſt ein Glück für mich, daß Madame Raymond eine alte Frau iſt, denn ich wäre, obgleich nichts Sinn⸗ liches mehr in dem iſt, was ich für ſie fühle, auf eine harte Probe geſtellt worden, hätte ich ſie ſchön wie einſt gefunden.“ Dieſe Träumereien erfüllten mich ſo ganz, daß ich eine Art von Bangigkeit empfand, als ich das Haus erblickte, wo ich von Madame Raymond erwartet wurde. Charpentier ſtand an einem von den Fenſtern des Gaſthauſes zum Weißen Kreuze und lauerte auf meine Ankunft; ſobald er mich ſah, kam er herab und ſagte leiſe zu mir: Es iſt abgemacht...; die Marquiſe von Berteuil und ihr Sohn ſind oben.“ In dieſem Augenblicke kam der Wirth und fragte mich, ob ich wollte meine Pferde ausſpannen laſſen⸗ 103 Ehe ich ihm antwortete, wandte ich mich an Charpen⸗ tier und ſagte: „Was denken Sie, mein lieber Marquis? Wäre es nicht beſſer, wenn wir uns ſogleich nach Riballiére auf den Weg begeben würden? Uebrigens wollen wir die Frau Marquiſe hierüber befragen.“ Dann drehte ich mich gegen den Wirth um und rief ihm zu: „Sagen Sie meinen Leuten, ſie ſollen nicht aus⸗ ſpannen.“ Und ich folgte Charpentier in das Zimmer, das Madame Raymond und ihr Sohn inne hatten. Dieſer, als ich eintrat, lag halb auf ſeinem Bette; ſeine Mut⸗ ter ſaß zu ſeinen Häupten, ſprach mit ihm und wandte mir den Rücken zu, ſo daß ich ſie Anfangs nicht be⸗ trachten konnte. Ich war erſchrocken über das bleiche, angegriffene Geſicht von Jean. Ich hatte ihn ſeit mei⸗ nem Abgange von Sainte⸗Barbe nicht wieder geſehen; ſeine Geſtalt war entwickelt, größer geworden, ſeine Züge hatten ſich wenig verändert; nur umrahmte jetzt ſein braunes männliches Antlitz ein ſtarker ſchwarzer Backenbart, der ſeinen Zügen einen noch entſchloſſeneren, entſchiedeneren Charakter als einſt gab. Beim Geräuſche, das die Thüre ſich ſchließend machte, wandte ſich Madame Raymond um. Es gibt ſeltſame Punkte des Zuſammentreffens: das erſte und einzige Mal, daß ich ſie geſehen, war ſie beſchäftigt, einige Papiere in einem Secretaire zu ordnen, und als ſie auf mich zukam, blieb ich ergriffen vor Er⸗ ſtaunen und Bewunderung, denn ich erwartete in ihr eine Frau von hartem, ſtrengem Ausſehen zu finden. Als ich Madame Raymond eilf Jahre ſpäter wieder ſah, ſollte ich mich noch mehr von Erſtaunen, von Be⸗ wunderung ergriffen fühlen. Man hat oft von Ninon de Lenelos und anderen berühmten Frauen geſprochen, die mit ſechzig und mehr Jahren ungeordnete Leiden⸗ ſchaften einflößten; ich hatte dieſe Wunder immer 104 ein wenig bezweifelt, aber Madame Raymond machte mich gläubig; ſie mußte nun wenigſtens fünf und vier⸗ zig bis ſechs und vierzig Jahre alt ſein. Und ſie erſchien mir ſo, wie ich ſie eilf Jahre früher geſehen hatte; es war immer noch das bezaubernde Geſicht mit den aſchblonden Haaren, von denen nicht eines weiß ge⸗ worden; dieſe zugleich ſo ſanften und ſo durchdringen⸗ den, großen blauen Augen, dieſes wohlwollende und feine Lächeln, das zuweilen ihre Zähne entblößte, dieſe Phyſiognomie ſo ernſt wie die Weisheit, ſo heiter wie die Tugend, ſo anziehend wie der Liebreiz; es war end⸗ lich immer noch die ſchlanke, vollendete Taille, der nur die Jahre eine leichte Beleibtheit gegeben hatten. Trotz meiner neun und zwanzig Jahre, erröthete ich, fühlte ich mich verwirrt wie einſt; ich würde viel⸗ leicht unwillkürlich meine Gemüthsbewegung verrathen haben, hätte ſich nicht Jean, ſobald er mich erblickte, halb von ſeinem Bette erhoben, die Arme gegen mich ausgeſtreckt und mit Thränen in den Augen gerufen: „Eilf Jahre! . eilf Jahre! . . daß ich Dich nicht geſehen!“ Dieſe aus dem Herzen von Jean hervorgegangenen Worte erinnerten mich an mich ſelbſt und rührten mich tiefz er dachte weniger an die Zuflucht, die ich ihm bot, als an die Freude, mich wiederzuſehen; ich theilte die Gemüthsbewegung meines Freundes, und meine Augen wurden feucht. Als dieſe Erſchütterung vorüber war, ſagte ich zu Madame Raymond, um mich zu ent⸗ ſchuldigen: „Verzeihen Sie, Madame, es iſt mir aber unmög⸗ lich geweſen, nicht zuerſt zu Jean zu laufen.“ Madame Raymond reichte mir ihre reizende Hand, die ich nicht ohne zu beben berührte, und ſprach mit innigem Tone zu mir: „Ich danke meinem Sohne, daß er mir das Glück vorbehalten hat, Ihnen zu ſagen, Herr Fernand: Sie ſind ein muthiges Herz!“ 10⁵ „Madame .. „Seien Sie ohne Furcht, ich werde die Dankbar⸗ keit nicht mißbrauchen . . . Es gibt Dienſte, für die man nur einmal dankt, während man ſich derſelben immer erinnert. . . Kommen wir nun zur Sache; Herr Charpentier hat uns Ihren Plan mitgetheilt; wir ſind Ihrer Anſicht; es iſt klug und geſchickt, wenn wir un⸗ ſere Namen verändern und uns in falſche Titel hüllen, das wird den Verdacht ablenken. Herr Charpentier hat ſich zwanzigmal für meinen Sohn, für meinen Bruder und für mich geopfert; er iſt einer von den Männern, die ich am höchſten auf der Welt ſchätze, ich nehme ihn alſo ſehr gern als meinen Marquis an,“ fügte Ma⸗ dame Raymond mit einem Halblächeln bei. „Wir wer⸗ den nun abgehen, wann Sie wollen, Herr Fernand.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, Madame,“ erwiederte ich, und mich an Jean wendend: „Mein Freund, Du wirſt bei mir wenigſtens die Ruhe und, ich hoffe, die Geſundheit finden. Doch mir fällt ein, Madame,“ fügte ich bei: „ſollte man nicht einen Arzt von Chateaurour benachrichtigen laſſen? Die Wunde bedarf vielleicht der Behandlung eines Doctors?“ „Nein, Herr Fernand, unſer Wundarzt lehrte mich meinen Sohn verbinden, die Wunde war an und für ſich von keiner außerordentlichen Bedeutung; was man aber Jean beſonders empfahl, war die Ruhe, die Stille, die Abweſenheit jeder lebhaften Gemüthsbewegung .. und ſeit drei Tagen . . . beurtheilen Sie, Herr Fernand, wie dieſe Vorſchriften befolgt worden ſind!“ fügte Ma⸗ dame Raymond bei, indem ſie einen beſorgten, gerührten Blick auf ihren Sohn warf. „Ich verſichere Dich, meine Mutter,“ ſagte Jean, „abgeſehen von ein wenig Schwäche und Hitze in der Bruſt, fühle ich mich nicht ſchlimmer, als ich in Sceaur war.“ „Ah! Jean,“ verſetzte Charpentier, „ſagen Sie das nicht ... Das wäre morgen oder ſpäter ein Vor⸗ 106 wand zur Unvorſichtigkeit. .. Es iſt nicht zu leugnen, Sie haben noch dieſen Morgen Blut geſpieen.“ „Und Sie haben es mir verborgen,“ ſprach traurig Madame Raymond zu Charpentier. „Ja,“ erwiederte er, „doch nun, da ſich Jean pfle⸗ gen kann, habe ich nicht vange, Ihnen Alles zu ſagen.“ „Dann müſſen wir uns beeilen, Mädame, zu mir zu kommen,“ rief ich; „wollen Sie meinen Arm annehmen, Herr Charpentier wird Jean hinabgehen helfen.“ Bald entfernten wir uns aus dem Gaſthauſe; ich ließ ſo viel als möglich in den Ohren der Leute vom Weißen Kreuze die Titel Marquis und Mar⸗ quiſe klingen, während man das beſcheidene Gepäcke meiner Gäſte auf den Hinterſitz meiner Berline lud, und wir fuhren nach Riballiere ab. XXXV. „Mein lieber Fernand,“ ſagte Jean zu mir, als wir auf dem Wege waren, „ich müßte vielleicht Deiner Redlichkeit die einzelnen Umſtände des Ereigniſſes an⸗ vertrauen, das Dir Charpentier mit wenigen Worten erzählt hat, ich müßte Dir den Zweck der Verſchwörung ſagen, an der wir Theil genommen, und .. „Mein Kind“ unterbrach Madame Rahymond ihren Sohn, „Du weißt, daß Du noch einige Zeit ſo wenig als möglich ſprechen mußt, das reizt Deine Bruſt. Ich ſage Ihnen alſo, Herr Fernand, daß unſer erſter Ge⸗ danke geweſen iſt, Ihnen nichts zu verbergen, und zwar aus zwei Gründen. Einmal, um Ihuen zu beweiſen, daß der Zweck dieſes Complottes einer von denjenigen war, die man ſtolz geſtehen kann und muß; ſodann, weil wir dieſe Geſtändniſſe als eine durch die Freundſchaft 107 auferlegte Pflicht betrachteten; aber wir denken, Sie kennen uns genug, um überzeugt zu ſein, daß wir, ob⸗ gleich geächtet, uns der Achtung der rechtſchaffenen Leute nicht unwürdig gemacht haben.“ „Konnten Sie in dieſer Hinſicht den geringſten Zweifel haben, Madame?“ erwiederte ich. „Nein, wir dachten aber auch, die Offenbarung des Zweckes dieſes Complotts könnte die gerechte Empfind⸗ lichkeit Ihrer Meinungen verletzen; Sie ſind Royaliſt, Herr Fernand; zwiſchen Ihren Ueberzengungen und denen von Jean iſt eine Kluft. Ihnen ſagen, was er träumte . was er noch träumt, was er bis zu ſeinem letzten Tage als das Jeal des Glückes ſeines Vater⸗ landes verfolgen wird, hieße bei jedem Worte Ihren, weil er aufrichtig iſt, achtenswerthen Glauben angrei⸗ fen; wozu ſoll es aber nützen, ſo bei Ihnen anzuſtoßen? Herr Charpentier, und ich ſind alſo überein⸗ gekommen, über den Gegenſtand des Complottes zu ſchweigen, zum Voraus verſichert, Sie werden unſere Beweggründe begreifen.“ „Ich begreife ſie und achte ſie, Madame, während ich Ihnen nichtsdeſtoweniger die Verſicherung gebe, vaß ich nicht im Geringſten verletzt worden wäre, hätte ich Sie eine der meinigen entgegengeſetzte Meinung ausſprechen hören.“ „Das iſt alſo abgemacht, Herr Fernand,“ ſagte Madame Rahmond, „kein Wort von Politik. Dieſer Beſchluß wird überdies den Vortheil haben, Madame Dupleſſis ſehr angenehm zu ſein, denn, abgeſehen von beſonderen Verhältniſſen, lieben die Frauen ... und zwar mit Recht, die Politik und die Verſchwörungen nur wenig.“ „Auf jede Weiſe, Madame, wäre dieſer Gegenſtand des Geſprächs in Anweſenheit meiner Frau ausgeſchloſ⸗ ſen geweſen.“ „Warum dies? „Weil ich Madame Dupleſſis nicht in unſer Ver⸗ trauen ziehen zu müſſen glaubte, Mabdame; und Sie werden auch für ſie die Marquiſe von Berteuil ſein.“ Madame Rahmond ſchaute mich mit einer ſehr er⸗ ſtaunten Miene an; es ſchien mir ſogar, als läſe ich in ihren Zügen eine leichte Nuance von Vorwurf, und der Eindruck, den ihr Erſtaunen auf mich machte, ent⸗ ging ihr nicht, denn ſie ſagte mit einer reizenden Of⸗ fenherzigkeit und Freundlichkeit: „Hören Sie, obgleich Sie nicht mehr der Schüler von vor eilf Jahren ſind ich bin immer noch die aufrichtige Fran, die Sie kennen. Ich werde Ihnen alſo eben ſo offenherzig meine Denkungsart heute, wie einſt, ſagen.“ „Ich bitte Sie inſtändig, Madame.“ „Wohl denn! Ihre Zurückhaltung gegen Ihre Frau ſetzt mich ungemein in Erſtaunen, es iſt eine Perſon von Gemüth und von unendlich viel Geiſt, ich weiß es.“ „Sie wiſſen das, Madams ₰ und woher, Ma⸗ dame, wenn ich bitten darf?“ ſagte ich, ſehr verblüfft, vom Geiſte von Albine ſprechen zu hören, der für mich immer unergründlich geweſen war. „Nichts kann einfacher ſein, Herr Fernand; eine von meinen Freundinnen ſteht in enger Verbindung mit den Eltern Ihrer Frau. So haben wir vor einiger Zeit Ihre Heirath, Ihren Aufenthalt hier erfahren. Nach der Anſicht meiner Freundin, und ich habe das größte Vertrauen zu der Richtigkeit ihres Urtheils, iſt nun Madame Dupleſſis nicht nur eine Petſon voll von Gemüth, ſondern auch von merkwürdig viel Vernunft und Geiſt; ich geſtehe Ihnen ſogar, wenn ich Sie nicht, mit einer Frau, wie die Ihrige iſt, verheirathet gewußt hätte, ich würde gezögert haben, meinen Sohn zu ver⸗ anlaſſen, zu Ihnen zu gehen .. Ich hätte befurchtet, Sie in eine falſche Stellung gegen eine Frau zu brin⸗ gen, welche nicht Ihr volles Vertrauen genoſſen haben würde; ich frage mich auch mit dem äußerſten Erſtau⸗ 109 nen, warum Madame Dupleſſis nicht in Ihre Geheim⸗ niſſe eingeweiht iſt.“ „Sie iſt noch ſo jung, Madame, ſo wenig erfah⸗ ren,“ erwiederte ich Madame Raymond, immer mehr verwirrt durch das, was ich über die angeblichen Geiſtes⸗ vorzüge von Albine hörte; „ich würde nicht die In⸗ discretion meiner Frau fürchten, ſondern im Gegentheil ihren Eifer, den Verdacht abzulenken, ein Eifer, der ihn vielleicht erwecken würde . .. Und dann, Sie wiſſen, „Madame, daß die Ehemänner nicht genöthigt find, ga⸗ lant gegen ihre Frauen zu ſein.“ „Nein, Herr Fernand, aber aufrichtig, beſonders aufrichtig, wenn ſie dieſelben lieben.“ „Ich liebe meine Frau gewiß, Madame, und ich liebe ſie genug, um Ihnen zu ſagen, daß ſie das beſte Geſchöpf der Welt iſt, daß aber die Perſon, die Ihrer Freundin den merkwürdigen Geiſt und die hohe Ver⸗ nunft von Madame Dupleſſis gerühmt hat, ein wenig durch eine, übrigens ſehr verzeihliche, Familienpartei⸗ lichkeit verblendet worden iſt. Ich wiederhole, meine Frau hat vortreffliche Eigenſchaften; aber ſie iſt ein Kind, ſehr ſcheu, ſehr ſchüchtern und ſehr ſchweigſam, weil ſie ein wenig indolent iſt.“ „Wahrhaftig, Herr Fernahd, was Sie mir ſagen, ſetzt mich im höchſten Grad in Verwunderung .. .“ „Ah! Madame, ich habe den Eitelkeiten der Welt Lebewohl geſagt, um nach meinem Geſchmacke ein ruhi⸗ ges und zurückgezogenes Leben zu führen; ich habe auch in meiner Frau geſucht und gefunden, nicht die glänzenden Eigenſchaften des Geiſtes, ſondern jene Sanftmuth, jene Gefälligkeit des Characters, die uns das Daſein mild und friedlich machen.“ „Sie täuſchen ſich über die Urſache meines Erſtau⸗ nens, Herr Fernand; . . was mich ſo ſehr wundert, lachen Sie nicht über mich . . iſt, daß Sie Ihre Frau ſo wenig kennen.“ 110 „Wie, Madame,“ verſetzte ich lächelnd, „ich kenne meine Frau nicht?“ „Jean wird Ihnen ſagen wie ich, und ich erlaube ihm nur ein beſtätigendes Nicken mit dem Kopfe, daß die Freundin, von der ich rede, ſehr oft mit uns von Fräulein Albine Chevrier als von einer in hohem Grade ausgezeichneten Perſon geſprochen hat.“ Jean nickte beſtätigend mit dem Kopfe, und Char⸗ pentier fügte bei: „Ich kann Sie verſichern, Herr Fernand, daß ich mich mehrere Male bei Madame Rahmond befand, als man von Ihrer Heirath ſprach, und daß Jean ſagte: „„Welch ein Glück für Fernand, daß er eine ſo merk⸗ würdig begabte Frau heirathet! nach dem, was man uns über dieſe junge Perſon mitgetheilt hat.““ Jean nickte abermals beſtätigend. Madame Ray⸗ mond fuhr fort: „Ich will Ihnen nun meine Autoritäten angeben, Herrn Fernand; Ihre liebe Frau hat zur Couſine und Penſionsfreundin Fräulein Hermance von Villiers, nicht wahr?“ „In der That, Madame . ſie war Brautfräulein von Madame Dupleſſis.“ „Die Mutter von Fräulein Hermance ſteht in ver⸗ trautem Umgang mit derjenigen von meinen Freundin⸗ nen, von welcher ich ſpreche, und dieſe Freundin hat manchmal Fräulein Albine Chevrier, ihre Couſine, vor ihrer Verheirathung geſehen, hat ſie reden hören, und, ich wiederhole Ihnen, meine Freundin war ſo erſtaunt über die Converſation dieſer jungen Perſon, welche damals Ihre Braut, daß wir uns ſehr oft von ihr unterhalten haben, und daß ich, ohne ſie zu kennen, ein lebhaftes Intereſſe für ſie fühlte.. Ah! Herr Fer⸗ nand,“ fügte Madame Rahymond bei, „keine falſche Ehemanusbeſcheidenheit, geſtehen Sie alles Gute, was Sie vom Geiſie Ihrer Frau denken, ahmen Sie mir nach; wenn man mir über meinen Sohn verdiente N 11¹ Lobeserhebungen macht, ſo nehme ich ſie ſehr entſchloſ⸗ en an. „Auf,“ ſagte Jean lächelnd und auf eine Jugend⸗ erinnerung anſpielend zu mir, „auf, gebäre doch, kein Verſchweigen . .. „Nun denn, Madame,“ erwiederte ich, ebenfalls lächelnd, um mein Erſtaunen und meine wachſende Unruhe zu verbergen, „ja. ich hatte eine übertriebene Ehemanns⸗ beſcheidenheit, und bekannt mit der Schüchternheit, mit dem ſcheuen Weſen meiner Frau . ..“ „Sie befürchteten, Madame Dupleſſis könnte uns unter dem ſcheinen, was man von ihr erwarten darf.“ „Ja, Madame, und darum zögerte ich, eine Wahr⸗ heit zuzugeſtehen, welche Ihnen zweiſelhaft ſcheinen konnte, vielleicht wird ſcheinen können.“ „Ich habe die Prätenſion, Herr Fernand, das ſcheue Weſen von Madame Dupleſſis genug zu zähmen, um dieſen reizenden Charakter genießen zu können, von dem man uns ſo viel geſprochen, und den ich zum Voraus liebe. Was den Punkt betrifft, daß Sie Ihre Frau in unſer Vertrauen ziehen ſollten, ſo denke ich, daß Sie das in voller Sicherheit thun könnten . . . Glauben Sielmir. man beurtheilt uns Frauen ſchlecht, wenn man uns beinahe immer die Mitwiſſenſchaft der ſchwierigen und gefährlichen Lagen verweigert ... Eine Frau von Herz, welche muthig ihr Kind oder ihren Mann, ihren Vater oder ihren Bruder liebt, wird immer auf der Höhe der ernſteſten Ereigniſſe ſein, ſobald dieſe die Gegenſtände ihrer Zuneigung intereſſiren.“ „Ah! wenn Madame Raymond nicht da wäre,“ ſagte Charpentier, „ich würde Ihnen durch ſchöne und 3 Thatſachen beweiſen, Herr Fernand, daß ſie Recht at. „Ja, doch ich bin da, Herr Charpentier,“ erwie⸗ derte Madame Rahmond, „und Herr Fernand wird mir wohl glauben. Uebrigens,“ fügte ſie, ſich an mich wen⸗ dend, bei, „übrigens werden Sie ein beſſerer Richter 1 112 als irgend Jemand, über den Augenblick ſein, wo Sie Ma⸗ dame Dupleſſis in unſer Geheimniß einweihen können; nur geſtehe ich Ihnen, es wird mir peinlich ſein, ſie zu hinter⸗ gehen ... Laſſen Sie mich alſo nicht zu lange in ihren Augen meine Marquiſe⸗Rolle ſpielen . .. Ich ſage Ihnen noch einmal, vertrauen Sie blindlings Ihrer Frau ..; denn wiſſen Sie, Herr Fernand, warum wir oft nicht unſern ganzen Werth haben? .. weil man nicht genug von uns fordert.“ „Mein lieber Fernand,“ verſetzte Jean, „obgleich mir meine Mutter zu ſprechen verboten hat, muß ich Dir doch ſagen, mit welcher Herzensberedtſamkeit unſer armer Hyaecinthe die Theſe behauptete, welche meine 5 Mutter behauptet. .. Du haſt die Frau unſeres Freun⸗ des gekannt, Du haſt von ihm erfahren, daß ſie auf eine klägliche Art erzogen worden war; ihr Geiſt war kaum entwickelt, ihre Unwiſſenheit unglaublich. Nun denn! dadurch, daß er mit einer geduldigen Zärtlich⸗ keit viel von ihr verlangt hat, iſt es ihm gelungen, ſeine Frau in der That ſehr liebenswürdig zu machen: Du haſt das beurtheilen müſſen.“ „Allerdings,“ ſagte ich, ohne daß ich eine leichte Verlegenheit verbergen konnte; „ich habe, wie Du weißt, in vertrautem Umgang mit dem armen Hyaecinthe bis zu ſeinem Tode gelebt...“ „Ja, und in ſeinen Briefen ſprach er beglückt von Eurer Verbindung, von Deiner Zuneigung für ihn . „Und wir waren darüber ſehr gerührt, mein Sohn und ich,“ ſagte Madame Raymond. „Dieſe Rückkehr zu einer alten Freundſchaft gab uns einen Beweis von Ihrer Herzensgüte .. „Das war doch ganz einfach, Madame.“ „Nein, Herr Fernand, den vertraulichen Umgang mit einem beſcheidenen Angeſtellten der glänzenden Welt vorziehen, in der Sie bis dahin gelebt hatten, das ſprach ſehr zu Ihren Gunſten. Jean beeilte ſich auch, nach 11³ Paris zurückzukehren, um das Trio, wie der arme Herr Hyacinthe ſagte, vollſtändig zu machen. Leider war, als mein Sohn in Paris ankam, Ihr gemeinſchaftlicher Freund todt, ſeine Frau abweſend, und Sie, Herr Fer⸗ nand, auf Reiſen.“ „Es iſt wahr, Madame; der Kummer, den mir der Tod von Hyacinthe verurſachte, die Sorge für meine Geſundheit bewogen mich, Paris zu verlaſſen.“ „Ah!“ ſagte Jean zu mir, „Du weißt, vaß ſich Madame Pyacinthe Durand wieder verheirathet hat?“ Sie „Wie! ſie hat Dir ihre Heirath nicht wie mir mitgetheilt? Das iſt ſeltſam .. „Ohne Zweifel wird ihr Brief verloren gegangen ſein; doch das iſt das erſte Mal, daß ich von dieſer Heirath ſprechen höre.“ „Und wenn ein ungeheures Vermögen das Glück ſichern kann,“ ſetzte Madame Raymond hinzu, „ſo muß i Witwe Ihres Freundes die Glücklichſte der Frauen ein.“ „Sie hat ſich reich wieberverheirathet?“ „Nach dem, was ſie meinem Sohne ſchreibt, hat ſie einen eoloſſal reichen Amerikaner geheirathet ſie wohnt ſeit einigen Monaten in Paris, ihr Mann hat ein herrliches Hotel gekauft, wo ſie dieſen Winter glän⸗ zende Feſte gegeben haben ſoll.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte ich zu Madame Ray⸗ mond, „daß man in einigen Briefen, die man mir dieſen Winter von Paris ſchrieb, von dem verſchwenderiſchen Aufwand eines Amerikaners Namens Jefferſon uud von der ſeltenen Schönheit ſeiner Frau ſprach.“ „Das iſt ſie,“ erwiederte Madame Raymond; „möchte ſie das Glück in ihrem Reichthum finden.“ „Und ſich nicht nach unſerem armen Hyacin'he und ihrem beſcheidenen Glücke in jener Zeit zurück⸗ ehnen,“ fügte Jean bei. Sernand Duyleſſts. II. 8 Wir kamen bei Einbruch der Nacht im Schloſſe an. Nachdem ich meine Gäſte in ihre Wohnung geführt hatte, kehrte ich in mein Zimmer zurück, ohne meine Frau zu ſehen, welche ſich ſehr frühzeitig zu Bette ge⸗ legt hatte, wie mir Madame Clande ſagte. XXXVI. Am Abend der Ankunft von Jean und ſeiner Mut⸗ ter ſetzte ich mein Tagebuch fort. Aus dem Geſichtspuhkte, aus dem ich es betrach⸗ tete, hatte mir ſeine Nützlichkeit nie größer geſchienen. Ich leſe Folgendes. Mai 1829. Ich bin nun allein. Ich ſuche mich aller meiner Eindrücke während dieſes ſeltſamen Tages, der Miſchung von guten und ſchlimmen Gedanken, deren Einfluß ich erduldet, zu erinnern. Ich entwirre vor Allem aus dem Chaos, in das mein Geiſt verſunken iſt, drei hervorſpringende Punkte: Einen lebhaften Inſtinct der Eiferſucht gegen Jean Raymond, obgleich denſelben bis jetzt nichts moti⸗ virt hat; Eine tieſe Unruhe gemiſcht mit Mißtrauen, verur⸗ ſacht durch die ſeltſame Offenbarung von Madame Ray⸗ mond in Betreff der Vorzüglichkeit des Verſtandes mei⸗ ner Frau; Endlich (und ich wage es kaum, mir dieſen lächer⸗ lichen Sprung der Einbildungskraft zu geſtehen) endlich fühle ich mich auf dem Punkte, wieder in Madame Ray⸗ mond verliebt zu werden. S 11⁵ Zumerſten Mal befürchte ich im Ernſte (warum kommt mir dieſe Idee, wenn ich an Madame Raymond gedacht habe2) ich befürchte im Ernſte, die Ehe aus einem fal⸗ ſchen Geſichtspunkte betrachtet . . . vergeſſen zu haben, daß, wenn es Mißverhältniſſe des Alters, des Vermö⸗ gens, der Stellung gibt, auch äußere moraliſche Miß⸗ verhältniſſe exiſtiren.“ So, obgleich meine Verheirathung mit meiner Frau ſcheinbar auf alle mögliche und wünſchenswerthe Convenienzen gegründet war, kann ich mich doch nicht länger ſelbſt verblenden: es iſt zwiſchen ihr und mir eine Kluft. Das Verhältniß unſeres Alters ſcheint ein ange⸗ meſſenes zu ſein, aber moraliſch, phyſiſch bin ich fünf⸗ zig Jahre alt, und Albine iſt achtzehn. Statt zur Frau eine Art von Geſellſchaftsdame, zurückhaltend, unterwürſig, ſtillſchweigend, durchaus mir untergeordnet, nur durch meinen Willen handelnd, wünſchend, gewollt zu haben, warum habe ich nicht eine Frau von reiferem Alter gewählt, eine Frau müde wie ich der geräuſchvollen und falſchen Ergötzlichkeiten der Welt, begabt mit einem zugleich reizenden und erha⸗ benen Geiſte, begabt beſonders mit jener Solidität der Grundſätze und des Charakters, die man nur mit den Jahren erlangt? Eine ſolche Frau hätte mir in meiner Einſamkeit ſo viel geiſtige Reſſourcen, als Sicherheit ge⸗ bien Ich hätte in ihr eine Gefährtin, eine Freundin gefunden, ſtatt einer Untergeordneten, die ich be⸗ herrſche, der ich aber mißtraue . . und die mich ohne Zweifel mehr fürchtet, als ſie mich liebt . 3 Und immer, durch dieſe Gedanken, kommt mir die Erinnerung an Madame Rahmond, als Vergleichungs⸗ punkt, in den Geiſt. Nun wohl! ja, ſeitdem ich ſie ven ſage „ ich mir, eine ſolche Frau wäre eine anbetungswürdige Gefährtin geweſen. Ah! ich bin ein Narr, ein Erznarr; nichts kann wahnſinniger ſein, als dieſes plötzliche Umdrehen, als dieſes erſte Hinſtreben zu einer Enttäuſchung deren Folgen erſchrecklich ſind. Nein, nichts kann wahn⸗ ſinniger ſein! Albine iſt meine Frau, und Madame Raymond kann weder mich lieben, noch meine Geliebte werden; Madame Rahmond iſt fünf und vierzig Jahre alt; fie iſt die Mutter von Jean, gegen den ich eine inſtinctartige Eiferſucht hege; es iſt ſeltſam, ich liebe meine Frau nicht und habe ſie nie geliebt, und den⸗ noch entzündet ſich mein Blut, es ſteigen mir Wogen des Haſſes, der Wuth zum Herzen, nur bei dem Ge⸗ danken, ein betrogener Ehemann zu ſein, wie ſo viele Andere. Ha! verflucht ſei mein alberner Edelmuth! warum habe ich Jean bei mir eingeführt? Ja, ich habe aber auch das Glück, ſeiner Mutter einen Zufluchtsort zu bieten, ihre Dankbarkeit zu ver⸗ dienen, und überdies muß man auf das Unvorhergeſe⸗ hene rechnen, dieſes oder jenes Ereigniß kann die Ab⸗ reiſe von Jean herbeiführen, ohne daß ſeine Sicherheit gefährdet iſt. Dann geht aber ſeine Mutter mit ihm und ich bin wieder ganz allein mit Albine. Dann neue Verwickelung, neue Bangigkeit. Ich will mich nicht betrügen; ich muß die ganze Tiefe des Abgrundes, in den ich falle, ermeſſen. Von zwei Dingen eines: entweder iſt Albine, was ich immer geglaubt habe, ein gutes Geſchöpf, ein⸗ fach, harmlos, von beſchränktem Geiſte, von gefälligem Charakter, von einer unterwürfigen Natur, ſich mit dem materiellen Wohlbehagen, das ich ihr verſchaffe, begnügend; Oder Albine iſt wirklich eine Frau von erhabenem Verſtande; und ſeit unſerer Verheirathung hat ſie die Gewandtheit, die Verſchmitztheit gehabt, vor meinen 3 1¹7 Augen die Treuherzige, ich möchte beinahe ſagen, die Dumme zu ſpielen. 5 Was iſt in dieſem Falle ihr Zweck? Warum dieſe Verſtellung? Was erwartet ſie, um ſich zu offenbaren? Und iſt ihre Einbildungskraft wirklich lebhaft, ihr Geiſt ausgezeichnet, was fann gefährlicher ſein, als dieſe Concentrirung, dieſe Zurückwindung auf ſie ſelbſt mitten in unſerem einſamen Leben? Wird das nicht früher oder ſpäter mit einem unſeligen Ausbruch endigen? Und das iſt noch nicht Alles . denn wahrhaftig, je tiefer ich in meine Lage eingrabe, deſto mehr erſchreckt ſie mich. Der Widerwille, die Abneigung, die ich meiner Frau in der erſten Nacht eingeflößt habe, ich wünſchte mir Glück dazu, weil ich meine Frau für unſchuldig und einfältig hielt; aber welche gefährliche Folgen kann dieſer Widerwille nicht in der Zukunft haben, wenn meine Frau nicht das iſt, was ich glaubte? Hätte ich vergeſſen ſollen, mit welcher Schärfe des Aus⸗ drucks, als ich einem Augenblicke der Hinreißung nach⸗ gab, Albine zu mir ſagte: „Nehmen Sie ſich in Acht! Wecken Sie mich nicht auf.“ Ich war alſo dumm! Zu dieſer Stunde denke ich darüber nach: dieſes tiefe Wort hätte mich wie eine plötzliche Offenbarung berühren müſſen, und ich habe darin nur einen Ausdruckszufall geſehen. Und dieſe junge, ſo zu ſagen, noch jungfräuliche Frau, ſchön, voll Leben, Geſundheit, geiſtreich und tief verſteckt, da fie mich bis jetzt zu betrügen gewußt hat, dieſe junge Frau, der ich ſo viel Widerwillen einflöße, ſoll ſich morgen in einem vertrauten Umgang aller Tage, aller Stunden mit Jean Raymond finden, der begabt iſt, wie er iſt!!.. Das iſt mein Untergang! das iſt für mich die Schande, die Lächerlichkeit! ohne wahnfinnig zu ſein, kann ich mich einer ſolchen Gefahr, einer fichern Gefahr 1¹18 nicht ausſetzen! Sehr einfältig wäre ich, hielte ich Jean für fähig, die Geſetze der Gaſtfreundſchaft zu reſpectiren. Die Pflichten der Freundſchaft!.. lauter albernes Zeug! Geht die Leidenſchaft mit der Vernunft zu Rathe? Die Pflichten der Freundſchaft . ei! wer ſagt mir, daß er, dieſelben verletzend wie ich, nicht auch der Liebha⸗ ber der Frau von Hyacinthe geweſen iſt, wie ich es oft geargwohnt habe? Warum ſollie Jean in dieſem Falle gewiſſenhafter gegen mich ſein?. Die Pflichten der Gaſtfreundſchaft, hohle, klingende Worte? Fühle ich, trotz deſſen, was Närriſches, Schmähliches in meiner Liebe für Madame Raymond iſt, dieſe Liebe nicht nahe daran, mich zu beherrſchen? Oh! daß ich immer in dieſen unüberſchreitbaren Kreis von troſtloſen Alternativen zurückgeführt ſein muß! Entweder wird der Aufenthalt von Jean und ſeiner Mutter bei mir von kurzer Dauer ſein, und dann werde ich, mit meiner tollen Liebe für eine fünfund⸗ vierzigjährige Frau im Herzen, in meiner Einſamkeit unter vier Augen mit Albine bleiben, die mir nur noch Widerwillen und Mißtrauen einflößt; . Oder der Aufenthalt von Jean wird ſich im Ge⸗ gentheil verlängern, und es iſt zu befürchten, daß meine Liebe für Madame Raymond jeden Tag zunimmt, mit einer Heftigkeit, welche meiner Eiferſucht gegen Jean gieichtent . Mai 1829. Ein ſeltſamer, ſeltſamer Tag, dieſer Tag! Bringen wir ein wenig Ordnung in unſere Erin⸗ nerungen. Der Schlaf hatte meine Aufregung von geſtern Abend ein wenig beſänftigt; bei meinem Erwachen 1¹9 habe ich meine Lage etwas kälter ins Auge gefaßt; nachdem ich mir vorgeworfen, daß ich in meiner Ueber⸗ treibung das Mögliche, vielleicht ſogar das Wahrſchein⸗ liche als Gewißheit betrachtet hatte, war ich, wieder Vertrauen zu der Ehrenhaftigkeit von Jean und zu der Tugend meiner Frau faſſend, bemüht, aus meinem Geiſte die Erinnerung an Madame Raymond zu vertreiben. Ich gelobte mir ſodann, für den Fall, daß meine Ei⸗ ferſucht einiger Maßen berechtigt wäre, in Beziehung aufJean zu wachen, wenigſtens mit ihm zu kämpfen und mich von dieſem Tage an ſo eifrig, ich möchte ſagen, ſo galant gegen meine Frau zu zeigen, als ich bis dahin kalt und wenig ſorgfältig geweſen war. Ich habe alſo dieſen Morgen auf die plumpen Schuhe mit den ledernen Kamaſchen, auf die dicken Sammetröcke, auf meinen alten, grauen, beuligen Hut gegen eine elegante Morgentoilette verzichtet, wie ich ſie machte, wenn ich in meiner ſchönen Zett das Schloß⸗ leben bei einer von meinen Geliebten führte. Zum großen Erſtaunen von Herrn Dupin, meinem Kammer⸗ diener, hieß ich ihn ſein Brenneiſen bringen und mich friſiren, etwas ganz Ungewöhnliches ſeit meinem Aufenthalte in Riballiere. Alles dies iſt kindiſch, aber bezeichnend, inſofern ich trotz meiner weiſen Entſchlüſſe von dieſem Morgen befürchte, ich werde mir heute Abend geſtehen, dieſer Entſchluß der Eleganz habe den doppelten Zweck, mit den äußeren Vorzügen von Jean zu wetteifern und ſo gut als möglich in den Augen von Madame Rahmond zu erſcheinen. Als ich angekleidet war, ſchickte ich meinen Kammer⸗ diener ab, um ſich nach meinen Gäſten zu erkundigen und Madame Claude zu ſagen, ſie möge meine Frau bitten, mich in ihrem Zimmer zu erwarten, ehe ſie ſich in die Kirche begebe. Ich erfuhr, der Herr Marquis und die Frau Marquiſe haben eine gute Nacht gehabt, ihr Herr Sohn aber ſei leidend und werde den ganzen Tag liegen bleiben. Nach Verlauf einer halben Stunde begab ich mich zu meiner Frau; ich war mehr, als ich es vielleicht vis dahin geweſen, erſtaunt über die Durchſichtigkeit ihres ſo reinen und ſo roſigen Teint, über dieſe bei jungen Frauen ſo reizende Morgenfriſche. War das Illuſton? Ich hatte ſie nie ſo hübſch gefunden; ich ärgerte mich darüber, weil ich an Jean dachte; dann erinnerte ich mich der Offenbarung von Madame Ray⸗ mond in Betreff des Geiſtes von Albine, und ich trach⸗ tete danach, entweder in ihrer Phyſiognomie oder in ihrer Sprache irgend ein Anzeichen wahrzunehmen, das mich aufklären könnte. Ich bemerkte ſogleich eine leichte Bewegung des Erſtaunens, die meine Frau bei meinem Anblick nicht zu unterdrücken vermochte. „Meine liebe Freundin,“ ſagte ich zu ihr, „ich möchte Sie gern um Verzeihung bitten, daß ich Sie ſo frühe ſtöre; da ich Sie aber kaum erwacht ſo friſch und ſo ſchön ſehe, ſo habe ich nicht den Muth, meine Indiscretion zu bedauern.“ Albine ſchaute mich fortwährend mit einem Aus⸗ druck ſo entſchiedenen Erſtaunens an, daß ich nicht umhin konnte, ſie zu fragen: „Was haben Sie denn, meine liebe Freundin?“ „Sie kommen zu mir, um mir Komplimente über meine Schönheit zu machen Sie haben Ihre ländlichen Kleider abgelegt .. Das ſetzt mich nur in Verwunderung, nichts ſonſt.“ Bei dieſen erſten Worten von Albine befürchtete ich, aber zu ſpät, ungeſchickt gehandelt zu haben, daß ich Kleidung und Sprache gewechſelt, und meine Ver⸗ legenheit unter einem freundlichen Lächeln verbergend, erwiederte ich: „Wenn ich Ihnen ſelten Komplimente über Ihre Morgenfriſche mache, meine liebe Albine, ſo iſt dies 12¹ ſo, weil ich nicht immer das Recht habe, ſo frühzeitig bei Ihnen einzutreten; es handelt ſich aber nicht allein darum, Ihrer Schoͤnheit zu huldigen, ich komme auch, um Sie daran zu erinnern, daß unſere Gäſte geſtern Abend eingetroffen find, und daß es unerläßlich iſt, ſie Ihnen dieſen Morgen vorzuſtellen.“ „Nun,“ antwortete mir Albine mit einer gleichgül⸗ tigen und verdrießlichen Miene, „fügen wir uns, da es kein Mittel gibt, dieſem Frohndienſte zu entgehen .. Und er wird vielleicht lange dauern?“ „Er wird ſo wenig lange als nur immer moglich dauern, wenn er Ihnen unangenehm iſt .. Ich begreife übri⸗ gens: wenn man, wie wir, meine liebe Freundin, die ſüße Freiheit des vertraulichen und zurückgezogenen Le⸗ bens genoſſen hat, ſo beklagt man die geringſte Störung in ſeinen Gewohnheiten.“ „Mein Gott, wie langweilig iſt das! ich werde nicht wiſſen, was ich Ihren Freunden ſagen ſoll.“ „Beruhigen Sie ſich, Sie werden ſich nicht in große Unkoſten zu ſetzen haben, der Marquis und ſeine Frau ſind einfache Perſonen, ohne Anſprüche und ohne Umſtände.“ „Warum haben Sie dann dieſe Unkoſten in Toi⸗ lette und Eleganz gemacht?“ 1 „Wenn ich es Ihnen ſagen ſoll, Ihretwegen, meine liebe Albine . . . „Meinetwegen?“ „Sie ſind gewöhnlich ſehr nachſichtig gegen mich, und Sie nehmen genug Rückſicht auf meine landwirth⸗ lichen Beſchäftigungen, um bei mir eine gewiſſe Nach⸗ läſfigkeit in der Kleidung und in den Gewohnheiten zu entſchuldigen .. Ich weiß Ihnen unenblich Dank hie⸗ für, aber ich möchte nicht, daß mich Fremde für fähig, es an der Ihnen gebührenden Achtung ermangeln zu laſſen, halten würden. Dieſes wird Ihnen, wie ich hoffe, das erklären, was Sie meine Unkoſten in Ele⸗ ganz nennen. Um auf unſere Gäſte zurückzukommen: Herr von Berteuil iſt ein einfacher und guter Mann, Frau von Berteuil. . eine ſehr ausgezeichnete Frau, voll Willfährigkeit gegen ihren Mann und voll Zärt⸗ lichkeit für ihren Sohn. Was dieſen betrifft, da er ſehr an einer Bruſtkrankheit leidet, und da ihn die Reiſe gewaltig angegriffen hat, ſo werden Sie ihn heute, viel⸗ leicht einige Tage nicht ſehen . .. Ich kann Ihnen von ihm nur ſagen, daß er einer meiner beſten und älteſten Freunde iſt. * „Dann . werde ich ihn, ſo gut ich nur immer kann, empfangen. „Gewiß, und ich danke Ihnen für Ihren guten Willen Nur .. „Nur?“ „Ich habe einen Augenblick gezögert, meine liebe Freundin, weil es ſich darum handelt, einen ſehr zar⸗ ten Punkt zu berühren; doch Ihre außerordentliche Jugend, Ihre Weltunerfahrenheit, Ihre Unſchuld ſogar, es mir zur Pflicht, gegen Sie völlig offenherzig u ſein. „Welch eine ſeierliche Miene! was iſt es denn?“ „Hören Sie, Jean von Berteuil iſt ungefähr von meinem Alter, und wenn er wiederhergeſtellt iſt, wer⸗ den Sie mit ihm in einer Art von Vertraulichteit zu leben haben, da wir, ſeine Mutter, ſein Vater und ich, unſere Geſellſchaft bilden werden .„. Ich empfehle Ihnen daher als Freund als wahrer Freund, auf Ihrer Hut zu ſein . gegen das Ueber⸗ maß jener Familiarität, zu der das Landleben ermäch⸗ tigt. Nichts könnte ohne Zweifel von Ihrer Seite un⸗ ſchuldiger ſein . Ich bitte Sie indeſſen, ſich in die⸗ ſer Hinſicht äußerſt zurückhaltend zu benehmen .. Ver⸗ ſtehen Sie mich?“ „Nicht ſehr gut.“ „Laſſen Sie hören, warum nicht?“ 6 „Sie ermahnen mich, ſehr zurückhaltend gegen 123 Einen zu ſein, den ich in meinem Leben nicht geſehen habe.“ „Darüber wundern Sie ſich?“ „Ja, denn ich gedenke durchaus nicht es an Zu⸗ rückhaltung gegen einen Fremden ermangeln zu laſſen.“ „Sie ſind eine junge und reizende Frau, Jean von Berteuil iſt auch jung. Sie fühlen nun, daß es Ihret⸗ wegen, meinetwegen, der Schicklichkeit wegen, unerläß⸗ lich iſt, daß Sie in Ihren Beziehungen zu meinem Freunde eine außerordentliche Vorſicht beobachten.“ „Das Klarſte an Ihrer Ermahnung, mein Freund, iſt mir, daß ich Ihren Freund ſehr kalt empfangen ſoll, ſtatt bemüht zu ſein, ihn ſo gut, als ich nur immer kann, zu empfangen. „trotz des Verdruſſes, den ſeine Gegenwart hier mir verurſacht; gleichviel, ich werde in dieſer Hinſicht thun, was Sie wollen.“ „Meine liebe Albine, es gibt eine Mitte zwiſchen dieſen beiden Extremen, und Sie werden ſie ſicherlich finden. Sie werden, ſo viel als möglich, die Geſpräche unter vier Augen, die ſie mit Jean von Berteuil haben könnten, vermeiden.“ „Warum ſollte ich Geſpräche unter vier Augen mit ihm haben?“ „Sie werden ſie offenbar nicht ſuchen, aber es iſt ein beſſerer Geſchmack von einer jungen Frau, ſich artig ſol⸗ chen Einzelnunterhaltungen zu entziehen.“ „Ei! was ſollte mir denn Ihr Freund unter vier Augen ſagen?“ „Sicherlich nichts, was nicht ſehr anſtändig wäre, doch ich wiederhole Ihnen, es iſt beſſer, wenn Sie mei⸗ nen Rath befolgen.“ Madame Claude unterbrach hier meine Unterredung mit meiner Frau und meldete mir, der Herr Marquis und die Frau Marquiſe ſeien in den Salon hinab⸗ gegangen, in der Hoffnung, Madame dort zu finden. 124 Ich begleitete alſo Albine, um ſie meinen Gäſten vorzuſtellen. . Ich unterbreche die Abſchrift meines Tagebuchs durch eine Betrachtung, die mir die Leſung dieſer früher geſchriebenen Zeilen eingibt. Der Menſch iſt in der That ein ſeltſames Geſchöpf. Die Ermahnungen, die ich damals an meine Frau in Beziehung auf Jean, in einer Klugheitsmaßregel, richtete, mußten meinem Wunſche gerade entgegenarbei⸗ ten; das hieß die Aufmerkſamkeit oder die Neugierde von Albine in Betreff der Folgen erwecken, welche ihre Vertrau⸗ lichkeit mit meinem Freunde haben konnte; und ich ver⸗ gaß, daß ich in meinem Leben eines jungen Man⸗ nes, gleichſam einen meiner Succeſſe den albernen Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die ich ſelbſt nahm, zu verdanken gehabt hatte; ich vergaß, daß in ver Zeit, von der ich ſpreche, ein Ehemann die Aufmerkſamkeit ſeiner Frau da⸗ durch auf mich gelenkt hatte, daß er ihr beſtändig wiederholte: „Nehmen Sie ſich in Acht; ſprechen Sie nicht zu viel mit Herrn Dupleſſis; ſeien Sie ſehr zurückhaltend gegen ihn; er iſt das, was man einen Mann in der Mode nennt, alle Frauen laufen ihm nach; ich weiß ganz wohl, daß ich mich nicht zu ängſtigen brauche, ich kenne die Vortrefflichkeit Ihrer Grundſätze; aber die Welt iſt am Ende verleumderiſch, und für ſie iſt der Anſchein Alles; der Ruf einer ehrlichen Frau wird zu⸗ ie auch durch eine unſchuldige Unbedachtſamkeit befleckt.“ Ich wußte das aus Erfahrung; ich hatte mich hun⸗ dertmal über die Dummheit der Ehemänner luſtig ge⸗ macht, welche das Feuer auszulöſchen glauben, wenn ſie darauf blaſen, während ſie es nur anſchüren. Und ich verfiel in die plumpe Ungeſchicklichkeit, über die ich ſo oft geſpottet, und die mir ſo viel ge⸗ nützt hatte! 12⁵ Als ich mit meiner Frau in den Salon eintrat, waren Madame Raymond und Charpentier ſchon da. Die Ruhe der Racht, das Glück, ihren Sohn end⸗ lich in Sicherheit zu ſehen, verliehen der Phyſiognomie von Madame Rahmond eine anbetungswürdige Heiter⸗ keit; ich hatte ſie am Abend vorher bei Einbruch der Nacht geſehen, aber am hellen Tage konnte ſie, was kaum glaublich, hinſichtlich der Reinheit und des Glan⸗ zes ihres Teint die Vergleichung mit Albine aushalten. adame Rahmond war, nach ihrer Gewohnheit, ſchwarz gekleidet, und eine einfache Spitzenhaube ließ die zwei dichten Bänder ihrer Haare ſehen, deren Blond ein wenig mehr aſchfarbig als das meiner Frau. Ich hatte viele wahre Marquiſen geſehen, doch nicht eine hatte eine ſo ausgezeichnete Tournure, ſo anmuthreich artige Manieren, wie die falſche Frau von Berteuil; ich war ein wenig beſorgt über die Art, wie Charpen⸗ tier, ein ehemaliger Sattlermeiſter, ſeine ariſtokratiſche Rolle ſpielen würde! und diesmal konnte ich mich über⸗ zeugen, daß ſich nichts ſo ſehr der Würde nähert, als ie Einfachheit. Charpentier, mit ſeinem redlichen, männlichen Ge⸗ Pte, bekränzt von beinahe weißen Haaren, mit ſeiner ügen Haltung, mit ſeiner ſtrengen und faſt traurigen Mine, mit ſeiner beſcheidenen, aber äußerſt reinlichen Klehung, ſtellte viel beſſer den Typus des alten Land⸗ edelmnns vor, als viele vornehme Herren meiner Be⸗ kanntſchaft, eingebildete, zahnloſe, gerunzelte, wie alte Coquetten geſchminkte Leute, welche ihr Alter, über das ſie zu erröthen ſchienen, unter einer Verkleidung und unter lächerlich jugendlichen Manieren verbargen. Ich bemerkte, daß meine Frau ihr naives Erſtaunen ohne Zweifel darüber, daß ſie, die Mutter eines Mannes von acht und zwanzig bis neun und zwanzig Juhren, noch ſo jung und ſo hübſch ſah, nicht verbergen konnte. Ich ſagte ſchleunigſt zu Madame Raymond: „Frau Marquiſe, erlauben Sie mir, Ihnen Mabame 126 Dupleſſis vorzuſtellen; leider war ſie geſtern Abend ſo unpäßlich, daß ſie auf die Ehre, Sie zu empfangen, verzichten mußte.“ Madame Raymond verneigte ſich anmuthig. Ich wandte mich ſodann an meine Frau: „Meine liebe Freundin, ich ſtelle Ihnen den Herrn Marquis von Berteuil, den Vater meines beſten Freundes, vor.“ Charpentier verbeugte ſich ehrerbietig, und Madame Raymond ſagte zu meiner Frau: „Madame, ich hoffe, Ihre geſtrige Unpäßlichkeit hat keine Folgen gehabt?“ „Nein, Madame, ich danke Ihnen,“ ſtammelte Al⸗ bine mit einer ſchüchternen Miene, indem ſie ſo gleich von Anfang das Geſpräch fallen ließ. „Schon ſehr lange, Madame, wünſchte ich das Ver⸗ gnügen zu haben, Sie kennen zu lernen,“ ſprach Ma⸗ dame Rahmond; „wir haben auch vielleicht ein wenig unbeſcheiden Herrn Dupleſſis an die Einladung gemahnt, die er uns im vorigen Jahre in Paris gemacht.“ Immer mehr verlegen, konnte meine Frau nur antworten: „Madame gewiß ich bin ſehr gluckh Sie hier zu ſehen . „Wir bedauern nur,“ fügte ich Albine zu hülfe kommend bei, „wir bedauern nur, daß Ihnen di Ge⸗ ſundheit Ihres theuren Sohnes einige Beſorgniſe auf Ihrer Reiſe bereitet hat.“ „Ja, Madame,“ ſagte Albine, die ich mit einem Blicke zu ermuthigen ſuchte, „wir bedauern ungemein, daß Ihr Herr Sohn krank iſt. „Gott ſei Dank, Madame,“ erwiederte Charpentier, „unſer Sohn hat heute Nacht gut geruht, er hat we⸗ niger gelitten.“ „Doch er iſt nicht im Stande, Madame, Ihnen für die Gaſtfreundſchaft zu danken, die Sie ihm gi⸗ tigſt bewilligten,“ fügte Madame Raymond bei. „Do 127 wir glaubten, er ſei in voller Geneſung begriffen, gin⸗ gen wir von Paris ab; leider haben die Strapazen der Reiſe einen Rückfall verurſacht, und wir ſind wahr⸗ haft troſtlos, daß wir Ihnen einen armen Kranken hierher gebracht haben.“ Da meine Frau abermals nicht zu ſprechen wagte oder nicht wußte, was ſie ſagen ſollte, ſo erwiederte ich Madame Raymond, welche immer mehr über die an Antworten meiner Frau erſtaunt zu ſein chien: „Madame, wir dürfen nicht von der eifrigen Pflege reden, die wir Jean gegeben hätten . denn er iſt ſo glücklich, ſeine Mutter bei ſich zu haben ... Wir können nur aufrichtige Wünſche für ſeine baldige Wie⸗ derherſtellung hegen.“ Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, als ich außen die Tritte von mehreren Pferden hörte. Das Fenſter des Salon, wo wir uns befanden, ging auf den Ehrenhof. Meine Frau, welche bei dieſem gerade offenen Fenſter ſtand, warf einen Blick hinaus und ſagte lebhaft, indem ſie ſich über das Geſimſe neigte: „Ah! mein Gott! . . . Gendarmen!“ XXXVII. Albine, als ſie die Worte: „Ah! mein Gott! Gen⸗ darmen!“ ſprach, die mich vor Schrecken beben mach⸗ ten, neigte ſich zum Fenſter hinaus und wandte ſo adame Rahmond, Charpentier und mir den Rücken zu. Die Mutter von Jean erbleichte und richtete ihre Augen maſchinenmäßig nach demjenigen Theile des Schloſſes, wo ihr Sohn wohnte. Charpentier ſchaute adame Raymond mit Bangigkeit an, aber man ſah, 1²8 vaß er nicht für ſich zitterte. Ich druckte ihnen Bei⸗ den meine Befürchtungen durch ein deutliches Zeichen aus, doch Madame Raymond bat mich durch eine Ge⸗ berde inſtändig, meine Angſt nicht zu verrathen. . Alles dies war in einer Secunde, und während ſich meine Frau über das Geſimſe neigte, vorgegangen. Da trat Madame Rahmond mit einer Ruhe und einer Unbefangenheit, die mich in Verwirrung brachten, an das Frnſter, ſtützte ſich neben Albine auf das Ge⸗ ſimſe und ſagte heiter zu ihr: „Gendarmen, Madame? . .. Das iſt ja beinahe eine Curioſität in Ihrer Einſamkeit; ich will mich auch an dieſer unerwarteten Cavalcade ergotzen. Um ſo mehr, Madame,“ fügte die Mutter von Jean bei, „als dieſe Reiter nur die Beigabe eines ſehr ſchönen Wagens find, der ſo eben angehalten hat ... Ah! da ſteigt ein Herr von ſehr guter Haltung aus Ich ſage das aber nicht, weil er uns äußerſt freundlich gegrüßt hat, Madame. Ich bitte, wer iſt denn dieſer Beſuch, der in Begleitung einer ſo furchtbaren Escorte zu Ihnen kommt?“ „Es iſt der Präfect des Departement,“ antwortete ich Madame Raymond voll Bangigkeit, während ich über ihre Schulter in den Hof hinabſah. Ich hatte Herrn von Sainie⸗Marie erkannt. Seine Gegenwart bei mir, am Tage nach der Ankunft der Geächteten, die ungewohnte Escorte, von der er be⸗ gleitet war, flößten mir die lebhafteſten Beſorgniſſe ein, ich fügte auch ängſtlich bei, indem ich Madame Rah⸗ mond ein Zeichen des Verſtändniſſes machte: „Wenn Sie mir glauben wollen, Madame, wer⸗ den Sie ſich eine entſetzliche Langweile erſparen; unſer Präfect iſt ein läſtiger, unerträglicher Schwätzer; meine Frau ſoll Sie in Ihr Zimmer begleiten, und ich werde Herrn von Sainte⸗Marie allein empfangen.“ „Ei! keines Weges, Herr Dupleſſis,“ entgegnete lachend Madame Rahmond, „wir kennen zu genan die 1²⁸ Pflichten der Gaſtfreundſchaft gegen unſere Wirthe, um ſie im Augenblick der Gefahr zu verlaſſen Sie ſagen, Ihr Präfeet ſei ein unerträglicher Schwätzer! Wohl, wir werden muthig das Geſchwätz dieſes Aer⸗ gerlichen aushalten .. . Wir theilen Ihre Freuven .. müſſen wir nicht auch Ihre Leiden theilen? Iſt das nicht Ihre Anſicht, Marquis?“ „Gewiß,“ erwiederte Charpentier, und indem er mir ein Zeichen machte, fuhr er fort: „Der Herr Prä⸗ fect hat die Frau Marquiſe am Fenſter neben Madame Dupleſſis geſehen; dann hat er beide Damen gegrüßt; er würde glauben, man fliehe ihn, man habe Angſt vor ihm, und das wäre unhöflich gegen dieſen lieben Herrn.“ „Ueberlegen Sie wohl, Madame,“ ſagte ich zu der Mutter von Jean, indem ich mich zu lächeln anſtrengte, um meine Angſt zu verbergen, „die Gefahr naht her⸗ an ſie droht z in einigen Augenblicken wird es zu ſpät ſein, zu fliehen . . und Sie haben ſich der albernſten von allen Converſationen zu unterziehen.“ „Geſtehen Sie, Madame,“ ſprach heiter Madame Raymond zu Albine, „geſtehen Sie, daß Herr Dupleſſis eine ſchlimme Meinung von meinem Muthe hat?“ „Nein, Madame! „ rief ich, als ich die Tritte des Bedienten hörte, der dem Präfecten voranging, um ihn zu melden, „nein, Madame, ich zweifle nicht an Ihrem Muthe . . aber ich verſichere Sie, daß er in dieſem Augenblick blind iſt .. „Im Gegentheil, mein lieber Wirth,“ verſetzte Madame Rahmond, indem ſie mir einen ausdrucks⸗ vollen Blick zuwarf, „ich glaube, mein Muth iſt ſehr hellſehend.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, als die Thüre des Salon ſich öffnete, und man meldete: „Der Herr Präfect.“ Ich ging raſch Herrn von Sainte⸗Marie entgegen Fernand Dupleſſis. K. 9 130 und ſuchte in ſeiner Phyſiognomie zu leſen, ob der Zweck ſeiner Erſcheinung der ſei, welchen ich befürchtete. Der Präfect kam mir gezwungen vor; ſeine erſten Blicke waren auf meine Gäſte gerichtet, jedoch ohne daß ich vermuthen konnte, ob es aus Neugierde oder aus Mißtrauen geſchah. „Meine liebe Freundin,“ ſagte ich eilends zu Al⸗ bine, indem ich ſie dieſem läſtigen Beſuche vorſtellte, „Herr von Sainte⸗Marie, unſer Präfect . Er hat es, als er das letzte Mal hierher kam, lebhaft be⸗ dauert, Sie nicht zu ſehen.“ Herr von Sainte⸗Marie verbeugte ſich. Albine erröthete; ich zitterte, ihr linkiſches Weſen könnte vom Präfecten als ein Beweis der Unruhe, die uns ſein Beſuch verurſache, gedeutet werden, eine Unruhe, welche Verdacht bei ihm zu erregen, wenn er keinen hatte, oder wenn er hatte, ſeinen Verdacht zu beſtärken im Stande war; ich ſagte auch, da ich einen verſuchen wollte, zu Herrn von Sainte⸗ arie: „Erlauben Sie mir, mein lieber Präfect, Sie der Frau Marguiſe von Berteuil vorzuſtellen; ſie erweiſt mir gütigſt, wie der Herr Marquis (und ich bezeich⸗ nete Charpentier mit dem Blicke), die Ehre, einige Zeit in Riballiere zuzubringen.“ Herr von Sainte⸗ Marie ſchien mir, während er ſich verbeugte, einen aufmerkſamen und mißtrauiſchen Blick auf Madame Rahmond zu werfen, und er ſchickte ſich ohne Zweifel an, zu ſprechen, als die vorgebliche Marquiſe ihm ſo zu ſagen die Piſtole auf die Bruſt ſetzte und ihn beinahe mit einem Protectorstone fragte: „Nun! Herr Präfect, werden Sie in dieſem Jahre gute Wahlen in Ihrem Departement machen?“ „Und wir haben ſie nöthig,“ fügte ungeſtüm Char⸗ pentier mit ſeiner rauhen Stimme bei, „ſehr nöthig haben wir gute Wahlen .. Herr Präfect „wir brauchen ſie! Wir brauchen ſie durchaus.“ — 13¹ „Aber, Madame,“ verſetzte Herr von Sainte⸗ Marie ſehr betreten über dieſes raſche Inangriffnehmen der Materie von Madame Raymond, „ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken daß wir Präſecten es nicht ſind ſondern die Wähler, welche die Wahlen machen.“ „Gewiß,“ ſagte Madame Raymond, mit einer etwas ſtolzen Ungezwungenheit, „gewiß, Herr Präfect, die Wähler machen die Wahlen, gerade wie die Schafe ſelbſt ihren Weg wählen mit Hülfe des Schäfers.“ „Leider, Madame,“ erwiederte der Präfect, „leider ſtellen ſich die Schafe, ſtatt blindlings dem Schäfer zu folgen, zuweilen an den Schweif böſer, halsſtarriger, unbotmäßiger Widder.“ „Dann das Schlachtbeil,“ verſetzte Charpentier mit einem unſtörbaren Phlegma und mit einem harten, kurzen Tone, „ja, Herr Präfect, das Schlachtbeil die⸗ ſchlimmen Widdern, welche die übrige Herde ver⸗ ühren.“ „Der Herr iſt für die beſchleunigenden Mittel,“ ſagte Herr von Sainte⸗Marie, Charpentier mit einer Miene des Zweifels und als zögerte er, ihn für auf⸗ richtig zu halten, anſchauend; „der Herr Marquis iſt für die herviſchen Mittel!“ „Mein Herr, als ich den Krieg in der Vendée im Jahre 92 mitmachte, wurden alle Blauen, die mir in die Hände fielen, erſchoſſen. Ich erinnere mich, daß fünf Meilen von Vitrs, in einem kleinen Dorfe Ramens Lonang „ Sind Sie in der Vendée gewe⸗ ſen, Herr Präfect?“ „Nie, mein Herr!“ „Das iſt Schade. Dieſe wilde Oertlichkeit würde ie in Verwunderung geſetzt haben .. Ich ſagte alſo, in Lonang habe ich eines Tags dreiunddreißig Blaue erſchießen laſſen.“ „Aber, Herr Marquis,“ ſprach ich Fu Charpen⸗ 132 tier, dieſe Hinrichtungen mußten erſchreckliche Repreſ⸗ ſalien hervorrufen.“ „Natürlich,“ erwiederte Charpentier, „denn ich erinnere mich, daß bei Gelegenheit des Erſchießens, von dem ich ſo eben geſprochen, die Blauen uns vierzehn Tage nachher durch die Niedermetzelung von einer unſerer Banden antworteten, welche von einem Weber von Mayenne, genannt die Spinnerin, befehligt wurde. Und das war bei meiner Treue eine fürchterliche Spinnerin, dieſer Junge. Leider nimmt die alte Energie unſerer Partei immer mehr ab, und nie hatten wir mehr nöthig, uns einen heilſamen Schrecken zu Hülfe zu rufen.“ „Wie ſo, mein Herr?“ „Sie wiſſen alſo nicht, Herr Präfect, was in Paris vorgeht?“ rief Charpentier mit einer beinahe zornigen Miene, indem er Herrn von Saint⸗Marie ſcharf in die Augen ſchaute. „Sie wiſſen alſo nichts von dem neuen und abſcheulichen Verſuche der Jacobiner?“ und ſich an Madame Raymond wendend, fügte Charpentier bei: „In der That, Marquiſe, das iſt unbegreiflich. Wir werden gegen allen geſunden Verſtand regiert!“ „Wie, Herr Präfect,“ ſprach Madame Raymond mit einer Kühnheit, die mich ſchauern machte, „die Regierung hat Sie nicht von der entſetzlichen Ver⸗ ſchwörung in Kenntniß geſetzt, welche kürzlich entdeckt worden iſt;. das iſt ja unerhört „Frau Marquiſe,“ erwiederte der Präfeet verblüfft, „es gibt gewiſſe vertrauliche Inſtrurtionen, welche“ „Aber, mein lieber Herr, Sie müſſen nothwendig von dieſer Neuigkeit unterrichtet ſein,“ unterbrach Madame Raymond Herrn von Sainte⸗Marie. „Vor unſerer Abreiſe von Paris, woher wir kommen, haben wir für ganz gewiß erfahren, und, glauben Sie mir, wir find in der Lage, hohen Ortes vollkommen unter⸗ richtet zu ſein! wir haben erfahren, daß eine revolu⸗ . 133 tionäre Bewegung auf dem Punkte war, in Paris und in mehreren großen Städten auszubrechen; Waffen⸗ niederlagen ſind entdeckt, Correſpondenzen ſind in Be⸗ ſchlag genommen worden.“ Bei dieſen Worten wechſelte Herr von Sainte⸗ Marie plötzlich den Ton, wandte ſich an Madame Rah⸗ mond und an Charpentier nur noch mit dem Ausdrucke einer tiefen Ehrfurcht, die ihm ohne Zweifel hohen Ortes ſo vollkommen unterrichtete Perſonen einflößten, und ſagte: „Frau Marquiſe, da Sie von ſehr ernſten Um⸗ ſtänden unterrichtet find, von denen nur eine gewiſſe politiſche Welt Kenntniß bekommen hat, ſo kann ich Sie beruhigen und Ihnen die Verſicherung geben, daß die Regierung keine Vorwürfe verdient; ſie wacht, ſie iſt entſchloſſen, mit einer unbeugſamen Energie zu handeln.“ „Lauter Worte, Herr Präfect, die Regierung iſt von einer beklagenswerthen Schwäche,“ entgegnete Char⸗ pentier mit Heſtigkeit; „ſie weiß nicht mit Strenge zu verfahren! Zum Henker! ſie ſtelle die Prevotalhöfe wieder her! und jeder Jacobiner werde ohne eine an⸗ dere Prozeßform erſchoſſen! Das iſt das Dringendſte! Dann wird man weiter ſehen!“ „Seien Sie überzeugt, Herr Marquis, die Re⸗ gierung ſteht auf der Höhe ihrer Miſſion,“ erwiederte der Präfect; „ich muß Ihnen ſogar geſtehen, daß es bei der Reiſe, die ich gegenwärtig mache, mein Zweck iſt, eines der gefährlichſten Häupter des Complottes, von dem Sie ſprechen, eines einflußreichen Mitglieds der geheimen Geſellſchaften, welche dieſe Bewegung vor⸗ bereitet hatten, habhaft zu werden. Dieſer Elende iſt auf der Flucht ... Es wird verſchieden über den Weg geſprochen, den er genommen, einerſeits glaubt man, er ſuche England zu erreichen, andererſeits, er nähere ſich dem Süden über Bourges und Chateauroux. Ich habe mich von einigen Gendarmen begleiten laſſen, um ihn im Nothfall feſtzunehmen, oder um Ordon⸗ 134 nanzen abzuſchicken, follte ich Kunde über ſeine Route erhalten; mit einem Worte, die Sache dünkt mir wie Ihnen ſo ernſt, Herr Marquis, daß ich ſelbſt den Gemeindebehörden die äußerſte Wachſamkeit empfehlen wollte, und als ich nach Chambly kam, ging ich ein wenig von meinem Wege ab, um .. Hier unterbrach ſich der Präfect einen Augenblick, hätte er Etwas zu verſchweigen, bald aber fuhr er ort: „Ich wünſchte Herrn Dupleſſis zu ſehen und ihm für jeden Fall das Signalement des Mannes zurückzu⸗ laſſen, den man ſucht; denn es iſt die Pflicht aller guten Royaliſten, der Behörde bei ſo ernſten Verhält⸗ niſſen Beiſtand zu leiſten.“ So ſprechend, übergab mir Herr von Sainte⸗ Marie ein gedrucktes Signalement, das ich auf einen Tiſch in meiner Nähe legte, und ich ſagte zum Präfecten: „Sie können ſicher ſein, mein lieber Herr von Sainte⸗Marie, daß ich bei dieſer Sache, wie immer, als guter Royaliſt handeln werde.“ „Nun, Herr Präfect,“ ſprach Charpentier, „wun⸗ dern Sie ſich im Angeſichte deſſen, was geſchieht, im⸗ mer noch, daß ich heroiſche Mittel verlange?“ „Es iſt wahr, Herr Marquis,“ antwortete Herr von Sainte⸗Marie, „die ſtets ſich wiedererhebende Gewaltthätigkeit der Revolutionäre berechtigt zu der unbarmherzigſten Niederdrückung.“ „Und dieſe Gewaltthätigkeit der Revolutionäre, warum erhebt ſie ſich immer wieder?“ verſetzte Char⸗ pentier. „Weil die Regierung, ich wiederhole es Ih⸗ nen, kein Ende damit zu machen weiß. Was geſchieht auch? Das, was noch heute geſchieht. Alles iſt in Frage geſtellt, der Thron und der Altar können durch einige unvernünftige Thiere von Wählern erſchüttert werden. Und vrerzeihen Sie der Ungeſchlachtheit eines alten Chouan, aber, beim Henker! ſtatt zu wäh⸗ len, möchte ich lieber zu meinem Carabiner greifen; denn von zwei Dingen eines,“ fügte Charpentier phleg⸗ matiſch bei, „entweder vertilgen wir den Feind, oder wir werden vertilgt! dabei bleibe ich! für mich Alles oder Nichts, Sein oder Nichtſein, die alte abſolute Re⸗ gierungsform wiederſehen . . . oder eine Kugel mitten in die Bruſt bekommen, hinter einer unſerer Hecken des Boccage, in Vertheidigung meines Königs und meiner Fahne; das iſt meine Meinung!“ „Sie iſt wenigſtens aufrichtig und kühn,“ ſagte Herr von Sainte⸗Marie. „Wären alle Noyaliſten fähig, ſo kräftig zu denken und beſonders zu handeln, ſo wür⸗ den wir binnen Kurzem das alte Regime in ſeiner ganzen Majeſtät wiederſehen!“ „Ah! Herr Präfect,“ ſprach Madame Rahmond mit einem Seufzer, „das alte Regime . Die Feudal⸗ herrſchaft beſonders; ach! wer uns die ſchöne Zeit der Ritter und der Edelfräulein wiedergeben würde! .. Tage des Heldenſinns, wo ſich Alles durch die Lanze und das Schwert entſchied . . von der Nebenbuhlerei in der Liebe bis zu den Rechtshändeln. Sprechen Sie offenherzig, meine Herren, wäre es nicht beſſer, zwei Proreſſtrende mit dem Helme auf dem Kopfe und dem Degen in der Fauſt ſich muthig innerhalb der Schran⸗ ken ſchlagen zu ſehen, als zwei biſſige Advocaten platte Injurien austauſchen zu hören? um ſo mehr als die Gerechtigkeit nichts dabei gewinnt .. Wenn das gute Recht zuweilen dem Schwerte unterlag, unterliegt es heute nicht auch oft der Gewandtheit des Wortkrams?“ „Gewiß, Frau Marquiſe . . . erwiederte Herr von Sainte⸗Marie galant, „hätte die Feudalherrſchaft zahlreiche Apoſtel wie Sie, man würde bald zahlreiche Parteigänger von ihr ſechen .. . Leider find die Vor⸗ urtheile des Volks ſo ſtark . . .“ „Ei! mein Gott, mein lieber Herr, ich weiß, man läßt ſehr laut die furchtbaren Worte Lehnsmann Leibeigener . gemeiner Mann klingen . . Der Lehnsmann gehörte dem Grundherrn, gut, doch unter 136 welcher Bedingung? . Uuter der, durch das Schloß oder die Abtei beſchützt zu werden, da der Lehnsmann im Ganzen die Sache des Grundherrn oder des Abtes war kurz das war, was die Neger bei den Pflan⸗ zern ſind.“ „Herr Präfect,“ ſprach Charpentier ernſt, „ich frage Sie nun, haben Sie nicht eben ſo viel Intereſſe, für einen Neger, der Sie zwei⸗ bis dreitauſend Fran⸗ koſtet, als für ein werthvolles Pferd beſorgt zu ein? „Das Intereſſe iſt durchaus daſſelbe, Herr Mar⸗ quis,“ erwiederte der Präfect, „durchaus.“ „Ich weiß wohl,“ ſagte Madame Raymond, „die unausſtehlichen Bürger haben in dieſer Hinſicht ein anderes großes Wort in den Ohren der Einfältigen klingen zu laſſen: die Freiheit.“ „Oder auch: die Menſchenwürde,“ fügte Charpen⸗ tier, die Achſeln zuckend, bei, „man bekommt Mitleid.“ „Die Würde die Freiheit! .. Hören Sie, meine Herren,“ ſagte lächelnd Madame Raymond. „Wir ſprachen vorhin von der ſchönen Zeit des Ritter⸗ thums im Mittelalter . . . Es gab nicht nur Zwei⸗ kämpfe in den Schranken . . es gab auch Liebeshöfe, wo ein Wettſtreit in Höflichkeit, Geiſt und Ga⸗ lanterie in Gegenwart einer Schönheitskönigin ſtatt⸗ fand z und zu jener Zeit hätte Madame Dupleſſis ſicherlich dieſe Souveränetät gehabt,“ fügte Madame Raymond, Albine anmuthig zulächelnd, bei; dann fuhr ſie fort: „Nun! wer waren diejenigen, welche am Demüthigſten ihre Freiheit, ihre Würde den von die⸗ ſen Liebeshöfen auferlegten Geſetzen unterwarfen? Die Ritter! Weit entfernt, ſich durch ihre ſüße Knechtſchaft zu erniedrigen, erduldeten ſie dieſe muthigen, vorzugs⸗ weiſe ſtolzen und freien Männer mit Trunkenheit, zu glücklich, ihre Freiheit an die Füße einer ſchönen Edeldame zu ketten! Nun denn! ebenſo war es mit den Lehnsleuten und den Leibeigenen, dieſen vorgeblichen 137 Märtyrern, welche das, was man ihre Freiheit, ihre Würde nennt, womit ſie nichts zu thun wußten . gegen den nützlichen Schutz der guten Grundherren und der würdigen Aebte des Mittelaiters austanſchten.“ „Oh! Frau Marquiſe,“ rief Herr von Sainte⸗ Marie mit wachſender Begeiſterung, „wie glücklich iſt man, hört man auf eine ſo bewunderungswürdige Weiſe die Verehrung für die Vergangenheit bekennen. Doch dieſen ſo geſunden, ſo erhabenen Ideen Eingang in den dicken Schädel der bürgerlichen Partei, die ſich ſeit der Revolution für fiegreich hält, zu verſchaffen, iſt ſehr ſchwierig . .. Das wäre eines von den Wun⸗ dern, das nur Apoſtel wie Sie, Frau Marquiſe, be⸗ werkſtelligen könnten. Aber,“ fügte der Präfect bei, indem er aufſtand und ſich an meine Frau wandte, welche dieſe Unterhaltung in einer völligen Stummheit und nur von Zeit zu Zeit erſchrockene Blicke auf Char⸗ pentier werfend angehört hatte, „Madame, ich will nicht länger Ihre Zeit mißbrauchen, fühle mich aber glücklich, wenigſtens diesmal die Ehre gehabt zu ha⸗ ben, Sie zu treffen; ich werde mich auf den Weg be⸗ geben und die Verfolgungen gegen unſere ewigen Feinde betreiben Herr Marquis .. „Ah! Herr Präfect,“ ſagte Madame Raymond mit einem leichten Protectorstone, „dieſer Eifer ehrt ſie er iſt ein gutes Vorzeichen .. Glauben Sie mir, daß ich mich ſehr glücklich ſchätzen würde, bei Gele⸗ genheit hohen Ortes Ihre Ergebenheit für die gute Sache zu bezeugen. Ich werde gerade morgen eine Veranlaſſung haben, nach dem Pavillon Marſan*) zu ſchreiben. S „Frau Marquiſe,“ verſetzte der Präfect, dem offen⸗ bar das Verſprechen von Madame Raymond ſehr *) Ein Flügel der Tuilerien, damals der Wohnſitz der Herzogin von Berry und der Mittelpunkt großer politiſcher Intriguen. 138 ſchmeichelte. „Sie können um ſo eher für meinen Eifer zeugen, als Sie beinahe das Opfer deſſelben geworden wären.“ „Wie ſo, Herr Präfect?“ fragte Madame Ray⸗ mond. „Oh! Frau Marquiſe,“ erwiederte Herr von Sainte⸗Marie lachend, „ich werde Sie, ſo wie den Herrn Marquis und Herrn Dupleſſis, ſchr in Erſtau⸗ nen ſetzen.“ „Wahrhaftig!“ rief Madame Naymond mi einer Protectorsmiene. „Nun! ſo ſetzen Sie uns in Erſtau⸗ nen, Herr Präfect . . . thun Sie es.“ * „Mein lieber Herr Dupleſſis,“ ſprach der Präfect zu mir, „ich brauche Ihnen nicht zu erklären, daß Sie durch Ihre Stellung, durch Ihr früheres Leben, durch Ihren notoriſchen Royalismus über jedem Ver⸗ dachte erhaben ſind.“ „Ich glaube es, mein lieber Herr von Sainte⸗ Marie.“ „Wohl denn, in dem Uebermaße des Eifers . .. welchen die Frau Marquiſe zu bemerken die Gewogen⸗ heit gehabt hat, und von dem ſie, ich wage kaum, es zu hoffen, vielleicht im Pavillon Marſan zu ſprechen Gelegenheit haben wird. . . als ich in Chambly erfuhr... Sie haben dort am Abend Fremde abgeholt . . . „Ha! ha! ha!“ rief Madame Raymond, in ein ſo treuherziges, ſo natürliches Gelächter ausbrechend, daß ich dadurch ganz verwirrt war; „ha! ha! Marquis, hören Sie den Herrn Präfecten; er hielt uns für ſeine Verſchwörer ... „Und er hat Recht gehabt,“ verſetzte Charpentier mit ſeiner rauhen Stimme, „ich lobe ihn darum ſehr, den Herrn Präfecten!“ „Wie! Marquis?“ ſagte Madame Raymond, die ihre Lachluſt nur mit Mühe zu überwinden ſchien, „der Herr Präfect hatte Recht, uns für die Verſchwörer zu halten, die er ſucht?“ 139 „Nein, Marquiſe,“ antwortete Charpentier, „aber der Herr hatte vollkommen Recht, daß er ſich über ſei⸗ nen Verdacht Gewißheit verſchaffen wollte. Hätte die Regierung überall ſo thätige, ſo energiſche Agenten, wie dieſer Herr einer iſt, ſo würden wir die Hyder der Revolution nicht unabläſſig ihr Haupt wiederer⸗ heben ſehen.“ Und dem Präfecten kräftig die Hand ſchüttelnd, fügte Charpentier bei: „Sehr gut! mein Herr, ſehr gut! Wenn die Marquiſe Sie in ihrem Briefe an den Pavillon Marſan vergäße, ſo übernehme ich es, das Gedächtniß meiner Frau in dieſer Hinſicht aufjufriſchen. 4 „Herr Marquis,“ erwiederte der Präfect, dem es ohne Zweifel ſchon von der Pairie und vom Staats⸗ rath träumte, „wenn die vollkommenſte Ergebenheit für die Regierung des Königs, wenn eine Ergebenheit, die bis zur Aufopferung des Lebens ginge. einige Aufmunterung verdient, ſo darf ich wohl ſagen, daß ich mich der Gunſt Seiner Majeſtät würdig zeigen werde; was auch geſchehen mag, ſie kann auf mich mit Leib und Seele zählen. Doch um auf den Gedanken zurückzukommen, der mich hierher geführt hat, es war nicht poſitiv Verdacht,“ fügte der Präfect bei⸗ „Herr Dupleſſis iſt zu ſehr bekannt . . . um Verdacht in Betreff der Perſonen, die er npfangt, einzuflößen; aber was ſoll ich Ihnen ſagen? es walten oft Inſtinete, von denen man ſich keine Rechenſchaft gibt, und ohne über den Beweggrund, der mich handeln ließ, nachzudenken und zu urtheilen, ſagte ich zu mir: wenn ich nach Riballiere gehe, um dahin das Signalement des gefährlichen Menſchen zu bringen, den man ver⸗ folgt, werde ich. „Ah! Herr Präfect, wir ſind nun Ihrer Willkür überantwortet,“ unterbrach Madame Raymond lächelnd den Beamten. „Wo ſind Ihre Gendarmen, wo ſind Ihre Feſſeln?“ „Sie, Frau Marquiſe, müſſen an Ihre Füße alle 140 Perſonen feſſeln, welche die Ehre haben, ſich Ihnen zu nähern,“ erwiederte artig der Präfectz „ich habe nur noch Madame Dupleſſis zu bitten, ſie möge gütigſt meinen läſtigen Beſuch entſchuldigen „ Meine Frau verneigte ſich, und ich antwortete, in⸗ dem ich dem Präfecten die Hand reichte: „Mein lieber Herr von Sainte⸗Marie, Sie müſſen mir verſprechen, nächſtens hier, unter Royaliſten, wie Sie ſehen, zu Mittag zu ſpeiſen; es liegt mir auch am Herzen, Ihnen den Sohn des Hertn Marquis, den jungen Grafen von Berteuil, einen meiner alten Ka⸗ meraden von den Gardes⸗du⸗corps vorzuſtellen; da er erſt von einer langen Krankheit aufſteht, ſo hat ihn die Reiſe ein wenig angegriffen, und er iſt heute im Bette geblieben; ich wuͤnſchte aber durchaus, Sie mit ihm bekannt zu machen . und Sie werden ſehen, daß er hinſichtlich des Royalismus das Sprüchwort recht⸗ fertigt: Wie der Vater, ſo der Sohn.“ „Ich nehme mit Vergnügen Ihre Einladung an, mein lieber Herr Dupleſſis,“ erwiederte der Präfect, indem er ſich vor Madame Raymond verbeugte. „Ich werde glücklich ſein, Madame, Ihnen bei dieſer Gele⸗ genheit abermals meine Ehrfurcht zu bezeigen.“ Und nachdem er wiederholt meine Gäſte gegrüßt hatte, verließ Herr von Sainte⸗Marie den Salon; ich begleitete ihn, und er ſagte zu mir mit einer erſtaunten Miene und einem ſehr lebhaften Ausdruck: „Welch eine köſtliche Frau iſt dieſe Marquiſe von Bertenuil, welch ein vornehmes Weſen! Sie ſpricht zum Entzücken und iſt hübſch wie ein Engel! Doch dieſer große Sohn, von dem Sie reden, iſt ohne Zweifel ihr Stiefſohn; ſie muß höchſtens dreißig Jahre alt ſein?“ „In der That,“ antwortete ich auf's Gerathewohl, um den Verdacht abzulenken, „der Graf von Berteuil iſt der Stiefſohn . . . der Marquiſe . . . Mein lieber Präfect, ich habe nur noch die Schüchternheit meiner Frau zu entſchuldigen; ſie iſt ſehr leuteſchen; doch ich 141 hoffe, bei unſerer nächſten Zuſammenkunft wird ſie ver⸗ trauter mit Ihnen ſein . Ah! laſſen Sie uns den Tag beſtimmen!“ „Ich werde in den nächſten Tagen nicht über mich verfügen können . „Wollen Sie von heute über vierzehn Tage?“ „Vortrefflich Aber wiſſen Sie, daß das ein tüchtiger Mann iſt, dieſer Marquis. Er iſt nicht für die Vergleichsmittel! Welche Energie, trotz ſeiner weißen Haare Wie! iſt das nicht der Typus des alten Edelmanns der Vendée!“ „Nicht wahr! und ſeine Frau der Typus der Marquiſe! der vornehmen Dame!“ „Sie ſcheint bei Hofe ſehr wohl gelitten zu ſein 2. . „Sie genießt ein ungeheures Anſehen im Pavillon Marſan, mein klieber Präfect, und ich glaube, daß Sie früher oder ſpäter Etwas hievon erfahren werden; iſt es der Wille der Marquiſe, Einen zu protegiren, ſo protegirt ſie ihn . über die Maßen.“ „Sehen Sie, Herr Dupleſſis, welcher Glücksſtern mich zu Ihnen geführt hati Ich wundere mich nicht über das Anſehen von Frau von Berteuil; eine vor⸗ nehme Geburt, unendlich viel Geiſt, und ſo verführe⸗ riſch.. Sie muß alle Köpfe verrücken ...“ „Ja, doch wehe den verrückten Köpfen „die Marquiſe iſt die Tugend ſelbſt!“ „Welch eine vollkommene Frau!“ „Nun! mein lieber Präfect, Sie können ihr heute über vierzehn Tage den Hof machen, das wird ein Motiv mehr ſein, mit dem man auf Ihre Pünktlichkeit zählen darf.“ „Ich bedarf dieſes Motivs nicht; doch Ueberfluß an Gütern ſchadet nie . Leben Sie alſo wohl, und leſen Sie aufmerkſam das fragliche Signalement . . h rechne auf Ihren Eifer für die gute Sache; laſſen Sie, wenn es ſein muß, dieſes Signalement abſchreiben und in Ihren Meiereien vertheilen. Setzen Sie Ihre 142 Pächter von der Sache in Kenntniß; ſie ſollen ihnen Rachricht von allen Vagabunden geben, die ſich bei ihnen einfinden könnten. Ich habe überdies den Gendar⸗ merie⸗Brigadiers, welche das Land durchſtreifen, Befehle ertheilt und es auf mich genommen, 1000 Fr. demje⸗ nigen zu verſprechen, welcher mir unſern Mann überlie⸗ fern würde. Das Intereſſe iſt ein vortreffliches Aneife⸗ rungsmittel, und obgleich dieſe Preisausſetzung ein wenig extralegal iſt. . ich nehme Alles auf mich .. „Und Sie haben Recht, lieber Präſect . Sie glauben alſo entſchieden, daß ſich dieſer gefährliche Menſch nach unſerer Gegend gewandt hat?“ „Es gibt hierüber verſchiedene Anſichten und Aus⸗ ſagen; der Eine ſagt, er ſei mit ſeinen Mitſchuldigen entflohen; eine andere Behauptung iſt, und das iſt die wahrſcheinlichere, denn man hat mir das Signale⸗ Len von dieſem Böſewicht geſchickt, er ſei allein ge⸗ ohen.“ „Ah! er hatte Mitſchuldige?“ „Unter Anderen ſeine Mutter, wie man ſagt.“ „Eine Frau in einem ſolchen Complott? Gehen Sie, mein lieber Präfect, das iſt unmöglich.“ „Das iſt, wenn Sie wollen, keine Frau; denn die Megäre, um die es ſich handelt, muß eine von den ab⸗ ſcheulichen Strickerinnen von 93 ſein. Doch unſere Netze ſind gut geſtellt; alle meine Collegen mußten diefelben Inſtructionen wie ich erhalten; die thätigſten Nachforſchungen find befohlen worden, und ſie müſſen nothwendig auf dieſen wichtigen Fang auslaufen . Auf Wiederſehen alſo, mein lieber Herr Dupleſſis.“ XXXVIII. Ich begleitete den Präfecten bis an ſeinen Wagen; va ich ihn ſich mit ſeiner Escorte entfernen ſah, kehrte ich 143 raſch in den Salon zurück; als ich eintrat, legte Ma⸗ dame Raymond wieder auf den Tiſch das Signalement ihres Sohnes, das ſie mit Charpentier geleſen hatte. Als ſie mich i ſagte Madame Raymond, deren Augen ein wenig feucht wurden, leiſe zu mir: „Ah! nun iſt es für mich Bedürfniß, meinen Sohn zu umarmen.“ Dann ſich an Albine wendend: „Auf baldiges Wiederſehen, Madame; . es liegt mir am Herzen, Ihnen zu beweiſen, daß Herr von Ber⸗ teuil kein ſo furchtbarer Menſch iſt, wie er ausſieht. .. Und im Nothfall wird mir Herr Dupleſſis hiebei zu Hülfe kommen.“ Bienach ging Madame Rahmond mit Charpentier hinaus. Als ich mit Albine, welche tief betrübt zu ſein ſchien, allein war, ſagte ich zu ihr: „Was haben Sie, meine liebe Freundin?“ „Das fragen Sie mich?“ erwiederte ſie. „Glauben Sie, es ſei mir angenehm, jeden Tag mit Ihrem grim⸗ migen Marquis zuſammen zu ſein? „ Dieſer Menſch, der nur vom Erſchießen, vom Vertilgen der Leute ſprichti er erregt Abſcheu bei mir! Als ich ihn hörte, war ich ſo ergriffen, daß ich kein Wort ſprechen konnte . .. Und dieſe Frau von Berteuil, welche mit honigſüßem Tone zu ſagen wagt, ihr Mann ſei im Grunde ein vor⸗ trefflicher Menſch!“ „Sie ſpricht die Wahrheit, denn man muß die politiſchen Leidenſchaften in Rechnung nehmen; doch was denken Sie von der Marquiſe?“ „Ich weiß nicht recht.. ſie ſpricht viel und ſehr gut; doch ſie hat etwas Stolzes, Hochmüthiges, was mir unangenehm iſt; eine ſo vornehme Dame muß wohl eine arme Bürgerin wie mich verachten. Sie werden mir auch einen Gefallen erweiſen, wenn Sie mich ſo wenig als möglich nöthigen, Ihren Freunden Geſell⸗ ſchaft zu leiſten.“ 144 „Wir werden auf dieſen Gegenſtand zurückkommen, meine liebe Freundin . . . Beurtheilen Sie die Leute nicht ſo ſchnell nach dem Anſchein . . . Doch ich habe einige Angelegenheiten mit meinem Verwalter in Ord⸗ nun zu bringen; erlauben Sie mir, daß ich Sie ver⸗ a ſes Und ich verließ meine Frau. Ich fühlte das Bedürfniß, allein zu ſein, um in voller Freiheit an Madame Raymond zu denken, um mich aller einzelner Vorfälle dieſer Scene zu erinnern, wo ſie ſo viel Muth, Geiſtesgegenwart, Anſtand und Fein⸗ heit gezeigt hatte. Bedenke ich, daß dieſer Anſchein von beinahe heiterer Leichtigkeit die entſetzliche Angſt einer für das Leben ihres Sohnes zitternden Mutter verbarg, erinnere ich mich der einfachen und rührenden Worte, von ihr mit Thränen in den Augen geſprochen, nachdem ſie ſo wunderbar die Gefahr beſchworen hatte: „Ah! nun iſt es für mich Bedürfniß, meinen Sohn zu umarmen,“ ſo weiß ich nicht, was ich mehr bewundern ſoll, das Herz oder den Geiſt dieſer anbetungswürdigen Frau. Und wenn ich ſie mit Albine vergleiche, die ſich nie mehr kindiſch, nie mehr linkiſch gezeigt hat, ſo erfaſſen mich Gefühle von einer unausſprechlichen Bit⸗ terkeit. „Oh! welch ein Abgrund!.. Was ſoll ich thun? was ſoll aus mir werden? . was ſoll ich be⸗ ſchließen?“ Setzen wir die Erzählung dieſes Tagebuchs fort. Ein paar Stunden nach dem Abgange von Herrn von Sainte⸗Marie erfuhr ich von Madame Raymond, Jean beſinde ſich beſſer, und er wünſche mich zu ſehen. „Machen Sie, daß er nicht zu viel ſpricht,“ ſagte ſeine Mutter zu mirz „ſchonen Sie ihn; denn als er dieſen Morgen den Beſuch des Präfecten vernahm, war er tief bewegt, nicht wegen der Gefahr, von der er be⸗ 14⁵ droht geweſen iſt, Sie kennen Jean; ſondern er hat für Herrn Charpentier und für mich gefürchtet.“ Ich begab mich zu Raymond und fand ihn noch liegend. Sobald er mich erblickte, reichte er mir ſeine ab⸗ gemagerte, weiße Hand. „Setze Dich hierher, guter Fernand,“ ſprach er zu mir, indem er auf einen Stuhl bei ſeinem Bette deutete. „Ich habe Dir ſo Vieles zu ſagen!“ ſc „Jean, Deine Mutter hat mir empfohlen, Dich zu onen.“ „Sei ruhig ich werde Dir viel in wenigen Worten ſagen.“ Dann fügte er bei: „Ich glaubte nicht, unſere Anweſenheit bei Dir würde Dir ſo bald Be⸗ ſorgniſſe verurſachen. Dieſen Morgen iſt Dein Präfect da geweſen.“ „Gott ſei Dank, der Muth, die bewunderungswür⸗ dige Kaltblütigkeit Deiner Mutter und von Herrn Charpentier haben die Gefahr entfernt; ich hoffe, dieſes Uebel wird zu etwas gut geweſen ſein. Nun kannſt Du in voller Sicherheit hier bleiben.“ „Sage, Fernand, welch eine Frau iſt meine Mut⸗ ter! ich ſprach einſt mit Dir von ihrer Entſchloſſenheit, von ihrer Kaltblütigkeit, Du haſt Sie bei der That geſehen.“ „Um ſie zu bewundern Und ich ſage Dir auch wie einſt: Du biſt ſehr glücklich, daß Du eine Mutter wie die Deinige haſt.“ „Oh! meine Mutter!“ rief Jean mit Begeiſterung, „meine Mutter! das iſt mein Leben, das iſt meine Stärke! das iſt mein Bewußtſein! das iſt meine Re⸗ ligion! Kurz, das iſt Alles für mich! Doch laß uns von Dir ſprechen: Charpentier hat Dir Alles geſagt, was ich bei dieſer unglücklichen Sache intereſ⸗ ſiren kann. Wir ſind beſiegt, nicht entmuthigt. Beſſere Tage werden, bald vielleicht, für uns kommen. „Noch ein Wort über die Vergangenheit, mein Fernand Dupleſſis. II 10 146 lieber Jeanz als ich unſern armen Hyacinthe wieder⸗ ſah, erkundigte ich mich, was Du ſeit unſerem Aus⸗ tritt aus dem Collége gethan habeſt; er ſchien mir eine gewiſſe Zurückhaltung zu beobachten... und ich drang nicht weiter in ihn .. Doch heute .. .“ Jean unterbrach mich und ſagte traurig zu mir: „Ah! was Hyaeinthe betrifft... Du haſt ihn ver⸗ ſcheiden ſehen?“ „Ach! ja „Armer Freund er hatte eine ſo ſchwächliche Geſundheit . . .; er lebte nur durch das Herz, und eine Herzenskrankheit mußte ihn fortnehmen! Was hat man ſeinen Tod zugeſchrieben? „. Du begreiſſt, als ich dieſes Unglück durch einen Brief ſeiner Frau erfuhr, wollte ich ſie nicht, da ich ihr antwortete, nach den näheren Umſtänden fragen.“ „Die Aerzte haben ſeinen Tod den Folgen einer langen Krankheit zugeſchrieben, von der er ſeit einem Monat wiedergenas. Doch höre, Jean, dieſe Erinne⸗ rung greift mich an wie Dich, ich bitte, entfernen wir ſie. Ich ſagte Dir alſo, unſer Freund habe eine gewiſſe Zurückhaltung beobachtet, als ich ihn gefragt, was Du ſeit Deinem Austritte aus dem Collége macheſt.“ „Wie im Collége . conſpirirte ich, Fernand; das glaubte Dir Hyacinthe verbergen zu müſſen.“ „Aber Dein induſtrieller Beruf?“ „Ich habe ihn immer verfolgtz ich war noch kürz⸗ lich Director einer großen Werkſtätte ich hatte zwei Hülfswerkſtätten in der Provinz; meine Stellung brachte mich in täglichen Verkehr mit meinen Arbeitern; ſie liebten mich, weil ich ſie liebte, weil ich ihre Be⸗ dürfniſſe, ihre Rechte, ihre Hoffnungen begriff. . im gegebenen Augenblick wären ſie auch werden ſie die unerſchrockenſten Soldaten der Freiheit „Jean, Deine Augen glänzen, Deine Wangen be⸗ leben ſich! Deine Mukter hat mir empfohlen, Dir jede lebhafte Aufregung zu erſparen ... Genug über dieſen „ 147 Gegenſtand .. Du haſt mir Wort gehalten ..; Du haſt mir viel in wenigen Sätzen geſagt... Ich begreife nun ſowohl Deinen Beruf, als Dein vergangenes Leben „Und Dein Leben, Fernand? wie glücklich muß es ſein! Von den Eitelkeiten der Welt zurückgekommen, bewohnſt Du eine köſtliche Einſamkeit mit einer vollen⸗ deten und, wie man ſagt, reizenden Frau.“ „Reizend. das iſt vielleicht übertrieben, doch ſie iſt angenehm . Du wirſt ſie übrigens ſehen.“ „Ich hoffe es, und nach all dem Guten, was meine Mutter und ich von ihr wiſſen, beſitzt ſie zum Voraus meine Sympathie, das ſchwöre ich Dir.“ „Ahi und Du haſt nie daran gedacht, Dich zu verheirathen?“ „Bin ich nicht verheirathet?“ „Wie?“ „Meine Mutter?“ „Immer Vieles in wenigen Worten, mein lieber Jean; ich verſtehe, die glücklichſte Ehe würde Dir nicht das innige Glück bieten .. das Du bei Deiner Mutter findeſt.“ „Das wundert Dich?“ „Nein „z doch Deine Vergötterung für Deine Mutter mußte Deinen Geliebten Eintrag thun; . .. wie, Jean?“ „Bei meiner Treue, nein.“ „Wahrhaftig?“ „Unter uns geſagt, Fernand, ich habe nie Herzens⸗ verbindungen geſucht.“ „Du biſt mit den leichten Vergnügungen zufrie⸗ den geweſen?“ „Oh! Alles, was es Leichtes gibt, mein theurer Ferna eine ernſte Liebe verbindet, und es liegt nicht in m Natur, Jemand zu hintergehen . Ich biete, was ich kann, man gibt mir, was man will.“ „Das iſt ſeltſam . . z bei der titti faſt he⸗ 148 roiſchen Seite Deines Charakters . . haſt Du nie das Bedürfniß einer ernſten Liebe gefühlt?“ „Nein. denn, wie geſagt, meine Liebe für meine Mutter erfüllt mein Herz. Und dann, ſiehſt Du, Fer⸗ nand, wenn man die Leidenſchaft für die Freiheit hat, wie ich wenn man ſich mit Kopf und Arm, mit Leib und Seele dem Siege einer Idee geweiht hat . . . ſo hat man weder den Wunſch, noch die Zeit, ſich mit Liebſchaften zu beſchäftigen.“ „Ah! mein armer Jean, Du biſt vielleicht, nach dem Sprüchworte, nur zurückgewichen, um beſſer zu ſpringen. Sage mir, wenn Du an einem ſchönen otſe ganz närriſch verliebt würdeſt. Gehe doch!“ „Hm! hm! Du ſchwörſt zu hoch!“ „Im Ganzen, mein lieber Fernand . . wenn Dir durchaus daran gelegen iſt, daß ich mich eines Tages verliebe „ „Mir? es iſt mir gar nichts daran gelegen . .. im Gegentheil.“ „Wie! im Gegentheil! . . . „Ja, im Gegentheil. denn Gott verhüte, mein armer Jean, daß ich Dich in ein ſolches Weſpenneſt fallen ſehe. Ah! wenn Du das Langweilige, die Ver⸗ legenheiten, das Verdrießliche von dem, was man eine Herzensverbindung . eine ernſte Liebe nennt, kennen würdeſt! Oſt! zu oft habe ich das durchgemacht. Glaube mir, beharre bei Deinem Entſchluß ... Be⸗ halte immer Deine bewunderungswürdige Muiter für Dein Herz. . und leichte Liebſchaften für das Ver⸗ gnügen.“ „So habe ich es immer gemacht ſo werde ich es immer machen, davon bin ich feſt äberzengt, ob⸗ gleich im Ganzen, wie Du mit Recht ſagſt!, nand für die Zufunft ſtehen kann.“ Oh! Du mit Deinem eiſernen Charakter, mit Deiner politiſchen Exaltation und Deiner Krechten 149 Vergötterung Deiner Mutter .. Du kannſt beſſer als irgend Jemand für die Zukunft ſtehen ... Nun! was? was macht Dich lächeln?“ „Vorhin vertheidigte ich mich wie ein Teufel da⸗ gegen, daß ich je verliebt werden ſollte, Du beharrteſt beim Gegentheil und ſagteſt, man müſſe auf Nichts ſchwören, und zur Stunde ſchwörſt Du für mich, ich werde nie lieben.. Pöre, Fernand, Du verjüngſt mich um zehn Jahre mit Deinen Widerſprüchen.“ „Das iſt wahr, mein armer Jean; ich kehre zu⸗ weilen zur frühſten Jugend zurück?“ zUebrigens halte ich Dein letztes Urtheil für ſicherer, als Dein erſtes.“ „Daß Du Dich nie verlieben werdeſt?“ „Ja, denn ich bin in dieſer Hinſicht geprüft worden.“ „Du, Jean?“ „Iſt das, was Du die ernſte Liebe nennſt, nicht, ſo viel ein Wilder wie ich von dergleichen Dingen ſprechen kann, die zugleich durch den Charakter und die Schönheit eingeflößte ernſte Liebe?“ „Im Allgemeinen.“ „Ich habe lange in vertrautem Umgang mit einer der hübſcheſten Frauen, die man ſehen kann, gelebt; ſie verband mit ihrer Schönheit einen vriginellen Cha⸗ rakter, der mir ungemein geſiel; dennoch wurde ich nicht im Geringſten in ſie verliebt, und es war doch Grund vorhanden, dies zu werden, das wirſt Du geſtehen .. denn Du kennſt dieſe Perſon.“ „Wer iſt es denn?“ „Die Frau des armen Hyacinthe.“ „Sie!“ Ja „Du haſt Dich nie in ſie verliebt?“ „Nie! Das wundert Dich?“ „Nein, denn es war ein vortrefflicher Grund vor⸗ handen, daß Du Dich nicht in ſie verliebteſi.“ „Welcher Grund, Fernand?“ 150 „Wie 8. es war ja die Frau von Hyaeinthe.“ „Du ſagſt: Nun?“ „Woher kommt Dein Erſtaunen?“ „Du fragſt mich das? Zur vertrauten Gemein⸗ ſchaft bei Hyacinthe, zu ſeinem Herde zugelaſſen .. bedenke doch, Jean! zu ſeinem häuslichen Herde . kurz in das Allerheiligſte ſeiner Familie. .. „Hernach?“ „Du hätteſt es gewagt, Dich in ſeine Frau zu verlieben?“ „Warum nicht?“ „Jean, ich erkenne Dich nicht mehr.“ „Und ich, mein guter Fernand, ich begreife Dich nicht mit Deiner erſtaunten Miene.“ „Habe ich nicht das Recht, erſtaunt zu ſein, wenn ich Bich ſo ſprechen höre? Dich, Jean, Dich⸗ die Ehre ſelbſt, die Redlichkeit in Perſon, Dich, der Du von einer Mutter, wie die Deinige, von einer Frau der alten Zeiten erzogen worden biſt?“ „Worauf des Teufels zielſt Du da ab?“ „Nein, ich werde nie glauben, Du wäreſt fähig geweſen, die Freundſchaft, das Vertrauen von Hyaecinthe auf eine unwürdige Art zu verrathen.“ „Ihn verrathen dadurch, daß ich mich in ſeine Frau verliebt hatte?“ „Wie! wäre das nicht ein Verrath, der ſchänd⸗ lichſte Verrath an ihm geweſen?“ Du fagſt mir ſo eben, man müſſe auf Nichts ſchwören, die Liebe komme unwillkürlich, ohne daß man daran denke? Haſt Du mir das geſagt?“ „Ja, aber „ „Es gibt kein Aber; haſt Du mir das geſagt?“ „Allerdings“ „In wie fern wäre ich dann zum Verräther an der Freundſchaft von Hyaecinthe geworden, wenn ich mi Ahl mein guter Fernand, verſtehen wir uns recht. 151 unwillkürlich in ſeine Frau verliebt hätte? Brauche ich Dir zu bemerken, daß ich, wäre dieſe Liebe das ge⸗ worden, was man in den Romanen eine unwider⸗ ſtehliche Leidenſchaft nennt, mir eher eine Kugel vor den Kopf geſchoſſen, als ein Wort von Liebe zu der Frau unſeres Freundes geſagt hätte?“ „Ah! Jean, ſo iſt es gut! daran erkenne ich Dich wieder. Ich bin überzeugt, Du würdeſt es machen, wie Du ſagſt! Wackerer, würdiger Freund, Du hätteſt zur Zeit von Sparta geboren werden müſſen.“ „Ich danke Dir für Deinen Wunſch, mein guter Fernand,“ erwiederte Raymond lachend; „es iſt mir jedoch lieber, daß ich in dieſer Zeit geboren worden bin, und Dich bei Sainte⸗Barbe habe kennen lernen; doch beruhige Dich, nie werde ich mich unwillkürlich verlieben, und ich werde mich nicht zu erſchießen haben.“ „Ganz gewiß, denn ſagt man, man werde unwill⸗ kürlich verliebt, ſo iſt das eine Redensart, eine Ueber⸗ treibung. Sollte man nicht glauben, die Liebe treffe einen wie eine Kanonenkugel!“ „Bei meiner Treue, ich weiß nichts hievon, mein guter Fernand; ich verſtehe mich nicht hierauf; doch Du ſagſt, und ich habe auch ſonſt ſagen hören, die Liebe komme zuweilen plötzlich, unwiderſtehlich.“ „Ja, in den Romanen! Doch das ſind lauter Irr⸗ thümer, Chimären! . . . Mit Hülfe von ſolchen Vor⸗ wänden färbt man die ſchändlichſten Ausſchweifungen. Im Ganzen kann man das, was man will: ſo, zum Beiſpiel, Du mein wackerer Jean. . Du, der du einen eiſernen Willen, eine unglaubliche Charakterſtärke be⸗ ſitzeſt Du, hätteſt, deſſen bin ich ſicher, Dich abhalten können, in die Frau von Hyacinthe verliebt zu werden, hätteſt, Du dieſe Empfindung Dich ergreifen gefühlt. ..“ „Sehr wahrſcheinlich, mein guter Fernand, ob⸗ gleich ich in dieſer Hinſicht nichts mit Gewißheit be⸗ haupten kann, da ich, wie geſagt, nie in die Frau unſeres Su verliebt war. Was willſt Du, es 1⁵² gibt Gefühle, denen ich durchaus fremd bin, ich ſpreche wie ein Blinder von der Farbe. So iſt es mit der ernſten Liebe und ihren nothwendigen Folgen, Treue, Eiferſucht u. ſ. w. u. ſ. w.“ „Du würdeſt nie eiferſüchtig?“ „Ich bin es nie geweſen.“ „Das iſt im Ganzen einfach bei Deinen leichten Liebſchaften ... Aber bei einer Geliebten, der Du ſehr ergeben geweſen wäreſt?“ „Mir ſcheint, ich hätte mir geſagt, von zwei Din⸗ gen eines: entweder liebt mich meine Geliebte noch, und ich bin ein Narr, eiferſuchtig zu ſein; oder ſie liebt mich nicht mehr .. wozu dann die Eiferſucht?“ „Wozu? wozu? iſt man Herr über ſich?“ „Das iſt alſo wie die Liebe?“ „Das iſt hundertmal ſchlimmer, denn die Eitelkeit iſt im Spiele.“ „Die Eitelkeit, worüber?“ „Beim Henker! die Wuth, ſich eines Nebenbuhlers wegen hintangeſetzt zu ſehen!“ „In welcher Hinſicht kann es aber die Eiferſucht verhindern, daß man hintangeſetzt wird?“ „Sie verhindert es nicht, doch die Eiferſucht geht nicht mit der Vernunft zu Rathe; das iſt ein blindes, grimmiges, wüthendes Gefühl.“ „Teufel, ich bin ſehr froh, daß ich dieſes Gefühl nie haben muß.“ . „Du würdeſt es unter gewiſſen Bedingungen ge⸗ rade wie ein Anderer haben . . Jean! Zum Bei⸗ ſpiel, wenn Du verheirathet wäreſt. . .“ „Abermals eine Frage, über welche wir, wie ich befürchte, nicht einig ſein werden, mein guter Fernand.“ „Warum?“ „Es verſteht ſich, daß ich, eben ſo wenig Kenner in der Ehe, als in der wahren Liebe, auf das Gerathe⸗ S rede; doch wenn ich verheirathet wäre, und meine rau 153 „Und Deine Frau hätte Dich betrogen drücken wir uns beſtimmt aus ... „Nun wohl! entweder hätte ich durch mein Be⸗ tragen die Untreue meiner Frau motivirt und dann hätte ich nichts zu ſagen „Nichts zu ſagen? Wie, nichts zu ſagen?“ „Laß mich doch fortfahren, Fernand; wenn ich im Gegentheil zu dieſem Verrathe nicht berechtigt hätte, ſo würde ſich meine Frau als eine Elende benommen haben, und ich hätte für ſie nur Verachtung.“ „Doch ihr Mitſchuldiger, ihr ſchändlicher Mit⸗ ſchuldiger? derjenige, welcher Dich mit Lächerlichkeit, Schmach und Schande bedeckt hätte? . . . Du würdeſt nicht um jeden Preis Deine Ehre in ſeinem Blute rächen wollen?“ „Ah! mein lieber Fernand, nun übertreibſt Du wieder.“ „Ich übertreibe nicht .. Oh! nein.“ „Nun denn, aus dem einen oder dem andern Grunde mache ich meine Frau unglücklich; ſie nimmt einen Lieb⸗ haber; ſie hat Unrecht, das mag ſein; da aber ihr Un⸗ recht das meinige nicht entſchuldigt, ſo iſt das Beſte, was ich thun kann, daß ich das Aergerniß vermeide, das eben ſo ſehr auf mich, als auf meine Frau zurück⸗ fallen würde.“ „Doch ihr Mitſchuldiger . . ich wiederhole .. ihr Mitſchuldiger?“ „Ihr Mitſchuldiger? .. Ich würde ihm nicht im Mindeſten grollen, dieſem armen Jungen, indem er es gemacht hätte, wie ſo viele Andere, wie Du ſelbſt, rei⸗ zender Miſſethäter, es bei manchen Gelegenheiten ge⸗ macht haſt, wenn Du unglückliche und verfolgte Gat⸗ tinnen zu tröſten hatteſt, denn ich denke, das iſt es, was Du ernſte Liebſchaften nennſt.“ „Mein lieber Jean, wir ſprechen im Allgemeinen: es handelt ſich nicht um mich . Ich behaupte nur, wenn Du Dich ſchändlich von einer Frau betrogen 15⁵⁴ * ſäheſt, die Du lieben würrdeſt, der Du Beweiſe von Zärtlichkeit gegeben hät teſt, Du würdeſt wüthend, ja, Du würdeſt Dich auf Leben und Tod mit dem Ver⸗ führer Deiner Frau, mit dem Niederträchtigen ſchlagen, der Dein Glück zerſtört, der Dich entehrt hätte!“ „Entehrt! Bei Gott! nein; ich halte mich für ſo kitzelig als irgend Jemand iem wahren Ehrenpunkte, aber ich werde nie glauben, vaß meine Ehre verletzt oder auch nur berührt iſt, weil eine Frau, die ich mei⸗ ner Zuneigung würdig erachtet, ſich gegen mich als eine Elende betragen hat.“ „Höre, Jean, Du machſt mich toll mit Deiner Kaltblütigkeit, und . . . Ich konnte nicht fortfahren. .. Ma dame Rahmond trat ein und ſagte lächelnd zu mir: „Herr Dupleſſis, ich befürchte, ein längeres Ge⸗ ſpräch könnte meinen Sohn ermüden, und komme ganz einfach, um Sie wegzuſchicken . . .“ „Wohlan,“ erwiederte Jean, „ich geſlatte es unter der Bedingung, daß Du mich heute Abend ein wenig aufſtehen läſſeſt.. . Fernand muß mich wewigſtens ſeiner Frau vorſtellen.“ „Wenn Du vernünftig. . ſehr vernünftig wäreſt bis heute Abend,“ verſetzte Madame Raymonid lächelnd, „ſo könnten wir vielleicht Deine Bitte gew ähren. Was denken Sie davon, Herr Dupleſſis?“ „Ich wage es nicht, eine Meinung in dieſer Hin⸗ ſicht zu haben . . . Es iſt leicht zu ſehen, daß Jean noch das Fieber hat . . . und vielleicht wäre es nicht klug von ihm, wenn er ſo bald aufſtände.“ „Gut . . nun trittſt Du auf die Seite meiner Mutter . . . undankbarer Freund.“ „Wählen wir einen Mittelweg,“ ſagte Madame Raymond zu ihrem Sohne; „lindert ſich Dein Fieber bis heute Abend, ſo werde ich Dir erlauben, eint halbe Stunde nach dem Mittageſſen aufzuſtehen, damit Dich Herr Dupleſſis ſeiner Frau vorſtellen kann . . . 15⁵⁵ „Gut,“ ſprach Jean; „ich habe keinen Willen, Ihr ſeid zu Zwei gegen mich. Nur, wenn ich im Bette zu bleiben verurtheilt bin, verlange ich, daß Fernand mir ein wenig Geſellſchaft leiſtet; das iſt eine Entſchädigung, die er mir ſchuldig iſt.“ Ich verſprach Jean, zu thun, was er von mir forderte, und ließ ihn allein mit ſeiner Mutter. XRRIR. Ich bin von Raymond, den Tod im Herzen, faſt erſchrocken über die Leichtigkeit, mit der er über die Eiferſucht der betrogenen Ehemänner ſpricht, wegge⸗ gangen. Die Zuſammenkunft, welche heute Abend ſtatt⸗ gefunden hat, und wobei meine Frau zum erſten Male mit Jean geweſen iſt, beunruhigte mich grau⸗ ſam. Da ich ſo viel als möglich⸗die Gefahr, die ich fürchtete, beſchwören wollte, ſo begab ich mich am Nachmittag zu meiner Frau. „Nun, meine liebe Albine,“ ſagte ich lächelnd zu ihr, „haben Sie ſich ein wenig von der Angſt erholt, die Ihnen unſer furchtbarer Gaſt, der Marquis von Berteuil einflößte?“ 7 „Seine Grauſamkeit dünkt mir gräßlich, und ich werde ihn nie ſehen oder hören können, ohne zu ſchauern . . .“ „Ach! liebe Albine, die Politit, der Bürgerkrieg haben oft traurige Nothwendigkeiten; ein unter ge⸗ wiſſen Umſtänden unlenkſamer Menſch zeigt ſich ſehr wohlwollend, ſehr gulmüthig, ſelbſt im gewöhnlichen Verkehr des Lebens .. Der Marquis gehört zu die⸗ ſen Leuten. . . . Es gibt oft ſo in uns zwei Naturen, die ſich zu widerſprechen ſcheinen ... Und hören Sie, ohne weiter zu gehen, der Sohn des Marquis? . Jean von Berteuil.“ 15⁵6 „Mein Gott. hat er auch wie ſein Vater Leute erſchießen laſſen?“ „Nein, gewiß nicht, liebe Albine .. WMein armer Freund iſt unfähig zu ſolchen Handlungen; ich wollte Ihnen nur ſagen, durch einen von den bizarren Wider⸗ ſprüchen, deren ich ſo eben erwähnte, gebe es bei Jean, während er der beſte Menſch der Welt iſt . eine Seite ſeines Lebens . welche . . . „Warum vollenden Sie nicht?“ „Nun denn, es gibt eine Seite ſeines Lebens, welche ſo beklagenswerth iſt, daß ich mich unabläſſig frage, wie ein ſonſt ſo ausgezeichneter Menſch ſich in einem ſolchen Grade herabwürdigen könne .. „Sich herabwürdigen und wie? „Dadurch, daß er ſeine Zuneigungen unter unwür digen Creaturen ſucht.“ Albine ſchaute mich ſehr erſtaunt an und ſagte naiv: „Von welchen Zuneigungen, von welchen Creaturen reden Sie?“ „Es macht mich glücklich, meine liebe Freundin, daß Sie mich nicht verſtanden haben; ich ſage Ihnen nur, daß Jean, indem er ſich ſo erniedrigt, die abſcheu⸗ lichſte Meinung von den Frauen hat, und daß er ſie tief verachtet.“ „Sie haben mir geſagt, er bete ſeine Mutter an?“ „Und ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt; ſeine Mutter iſt in jeder Beziehung dieſer Anbetung würdig.“ „Wer ſind denn die Frauen, die er verachtet? Warum verachtet er ſie?“ „Gott verhüte, daß ich Ihre Unwiſſenheit über dieſen Punlt aufkläre. . .“ „Wie Sie wollen, mir iſt nichts daran gelegen; doch nach Ihren Worten, ſo unbeſtimmt ſie auch ſind, fühle ich eine Art von Geringſchätzung gegen Ihren Freund.“ „Das würde ich bedauern, denn ich wiederhole 157 Ihnen: Jean von Berteuil iſt ein Ehrenmann, nur, ſtatt einer Geringſchätzung, zu der nichts berechtigt. würde es gut ſein, wenn Sie gegen ihn, obgleich ſehr artig, von einer außerordentlichen Zurückhaltung wären, wie ich Sie hiezu aufgefordert habe, indem ich Ihnen das bezeichnete, was eine zu große Vertraulichkeit Aerger⸗ liches haben könnte.“ „Antwortete ich Ihnen nicht geſtern hierauf, ich habe keine Luſt, mich mit einem Fremden vertraulich zu machen?“ „Liebe Albine, verzeihen Sie mir, daß ich ſo be⸗ harrlich bei den Rathſchlägen bin, die ich Ihnen gebe. Ihr Intereſſe allein leitet mich. Wenn Sie wüßten, mit welcher zarten Sorgſamkeit ich über Ihrem Glücke wache, Sie würden ſich nicht über meine Ermahnungen wundern.“ „Wunderte ich mich darüber, ſo würde ich ſie da⸗ rum doch nicht weniger befolgen.“ „Ja, doch indem Sie mir aufrichtig, ſehr aufrich⸗ tig, nicht wahr? Ihre Eindrücke ſagen würden. Es liegt mir ſo viel an Ihrem Vertrauen!“ „Welche Eindrücke?“ „Nun . was Ihnen auffällt . . .; was Sie überlegen macht. was Ihnen zu denken gibt.“ „Was ſoll mir auffallen?“ „Ah! kleine Wilde, nicht war, wir leben hier wie Einfiedler? wie glückliche Einſiedler?“ „Hernach?“ „Der Gedanke, fortan in vertrautem Umgang mit Fremden zu leben, mußte Sie nothwendig zu Betrach⸗ tungen veranlaſſen; was iſt das Reſultat dieſer Be⸗ trachtungen geweſen, liebe Albine?“ „Ich habe es Ihnen ja geſagt, das ſchien mir ſehr lanzweilig zu ſein.“ „Langweilig? das kann man noch gelten laſſen für den Marquis und für die Marquiſe. . obgleich dieſe eine höchſt ausgezeichnete Frau iſt; aber,“ fügte ich 15⁸ mit einer ſehr ungezwungenen Miene lächelnd bei, „aber ſie haben einen Sohn, einen ſehr ſchönen Jungen, bei⸗ läufig geſagt, dem ſeine Wiedergeneſung ein äußerſt intereſſantes, äußerſt romanhaftes Ausſehen gibt; ich mache Sie hierauf aufmerkſam, damit Sie nicht beim Anblick des ſchönen Fremden in ein Erſtaunen ge⸗ rathen.“ „Er iſt alſo von einer merkwürdigen Schönheit?“ „Durchaus nicht, liebe Freundin, ich ſcherze; das Geſicht von Jean hat nichts Merkwürdiges; einige Perſonen finden ſogar ſein Aeußeres hart und ein wenig gemein. Doch laſſen Sie uns im Ernſte und offenherzig ſprechen, niedliche kleine Freundin; geſtehen Sie, daß es Ihnen nicht mißfällt, einen liebens⸗ würdigen jungen Mann zum Gefährten unſerer Ein⸗ ſamkeit zu haben?“ „Ich weiß in der That nicht, warum Sie ſo hart⸗ näckig mit mir von Ihrem Freunde ſprechen „. Ich kenne ihn nicht, er iſt mir ſehr gleichgültig.“ „Liebe Freundin, wir plaudern über unſern Gaſt, nichts kann natürlicher ſein. Oh! ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß heute Abend Jean von Berteuil wahr⸗ ſcheinlich einige Augenblicke zu uns kommen wird.“ „Wie Sie wollen.“ „Das iſt Ihnen nicht ärgerlich?“ „Das iſt mir gleichgültig.“ „Seien Sie offenherzig! geſtehen Sie, daß Ihnen dieſe Zerſtreuung angenehm ſein wird daß Sie ziemlich begierig ſind, Jean von Berteuil kennen zu lernen?“ „Ich verſichere Sie, ich wiederhole Ihnen, daß mir das ſehr gleichgültig ſein wird; Sie haben Freunde hier, ich muß ſie wohl ſehen, da Sie es wollen.“ „Gewiß. Doch mir fällt ein! . ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, liebe Albine, es ſei unnöthig, daß Sie für heute Abend eine übertriebene Toilette machen.“ 159 „Warum ſollte ich eine üb ertriebene Toilette machen?“ „Mein Gott! ganz einfach aus ( Bhrerbietung gegen die Perſonen, die wir empfangen; ich wüßte Ihnen Dank für die Abſicht; doch Sie beg reifen, Frau von Berteuil iſt, wie Sie bemerken muß ſten, immer ſehr beſcheiden gekleidet: es entſpräche alſ o Ihrem gewöhn⸗ lichen guten Geſchmacke, wenn Sie e ine ganz einfache Toilette machen würden.“ „Aber, mein Gott, ich werde mich kleiden, wie ich mich immer zum Mittagsmahle kleide. “ „Das wollte ich Ihnen ſagen, meiine liebe Freun⸗ din . . . Und hören Sie, Sie haber unter anderen ein carmeliterfarbiges Kleid . . . und wenn Sie mir glauben wollen . . .“ „Ah! ja, eine abſcheuliche Robe, ie mich kleidet wie ein Sack. Seien Sie unbeſorgt, ich werde ſie nicht anziehen; ich habe ſie Madame Cla ude geſchenkt.“ „Dieſes hübſche carmeliterfarbige Kleid haben Sie verſchenkt? Ah! das iſt ſchlimm!“ „Hübſch, dieſes Kleid? Sie haben ſelbſt geſagt, es ſtehe mir entſetzlich ſchlecht!“ „Dann täuſche ich mich, ich verwechſ ele es; doch welches Kleid Sie auch wählen mögen, Sie werden nichtsdeſtoweniger immer ſchön ſein, liebe Albine .. Wenn ich Ihnen dies nicht öfter ſage, ſo geſchieht es, um Ihre Beſcheidenheit, eine Ihrer lieber twürdigſten Eigenſchaften, nicht zu verletzen . .“ Mein Verwalter kam, um über einige dringende Angelegenheiten mit mir zu reden, beſonder 3 über eine ziemlich bedeutende Summe, die ich beza! ſlen ſollte, was mich, beiläuſig geſagt, ſehr in Verleger iheit ſetzte, und ich verließ meine Frau. „ Ich erwartete den Abend mit Bangigkei t. WMim 160 Mittagsmahle ſagte Madame Raymond lächelnd zu mir, ſie bürge nicht für Jean, wollten wir ihm nicht eine halbe Stunde bewilligen, wenn wir von Tiſche aufgeſtanden wären; als dieſer Augenblick gekommen war, kehrten wir Alle in den Salon zurück. Folgendes war alſo das erſte Zuſammentreffen von Jean und meiner Frau; ich will keinen einzelnen Umſtand auslaſſen; ich werde vielleicht darin nützliche Merkpunkte für die Zukunft finden. Der Salon, in dem wir uns verſammelten, geht auf den Ehrenhof; er wird durch zwei Fenſter erleuch⸗ tet, welche die Schönheit des Abends offen zu laſſen erlaubte; zwiſchen dieſen zwei Fenſtern ſteht eine Cauſeuſe, auf die ſich Albine geſetzt hat; Zufall oder Vorbedacht, ſie war zum Entzücken, obgleich ſehr ein⸗ fach, gekleidet. Sie trug ein Kleid von zartgrünem Barége, garnirt mit roſa Knoten und gemacht à la vierge, das ſo den oberen Theil ihrer Marmorbruſt und den Anfang ihrer ſchönen Schultern entblößt ließ. Ihre, auf der Mitte der Stirne geſcheitelten, herrlichen blonden Haare umrahmten mit ihren langen engliſchen Locken ihr friſches Antlitz; weite, ſehr durchſichtige Aermel von Gaze ließen ihre hübſchen Arme ſehen, welche weißer waren, als die Gaze, die ſie verſchleierte, aber nicht verbarg; ihre Phyſtognomie war ernſt, bei⸗ nahe ſchwermüthig. Ich ſetzte mich ihr gegenüber an einen runden Tiſch, in deſſen Mitte ſich eine große Blumenvaſe erhob. So konnte ich Alles beobachten, ohne bemerkt zu werden. Mag die natürliche Schüchternheit von Albine durch die Erwartung eines neuen Geſichtes vermehrt worden ſein, oder hatte ſie eine geheime Gemüths⸗ bewegung erſaßt, ich bemerkte, daß ſich ihr Buſen raſcher als gewöhnlich hob. Charventier, der bei der Cauſeuſe ſtand, richtete ein paar Worte an meine Frau; ſie antwortete ihm mit einer gezwungenen Miene, ohne daß ſie die Augen zu ihm aufzuſchlagen wagte. Plötz⸗ 16¹ lich wurde die Thüre des Salon geöffnet, und Madame Raymond kam mit Jean zurück, den ſie geholt hatte. Unwillkürlich war ich ergriffen von dem rührenden Gemälbe, das ſo vereinigt die Mutter und der Sohn boten. Nach ihrer Gewohnheit ſchwarz gekleidet, führte Madame Rahmond ihren Sohn, der ſich leicht darauf ſtützte, an ihrem Arme. Da er noch ſehr ſchwach war, ſo ging er langſam und ein wenig gebückt; bei jedem Schritte warf ſeine Mutter einen Blick zarter Brſorg⸗ niß auf ihn. Sobald ſie eintraten, nahm Charpentier raſch den andern Arm des Sohnes von Madame Ray⸗ mond, um ihn auch zu unterſtützen. Jean war ſehr bleich; die Mattigkeit, welche auf Fieberanfälle folgt, verſchleierte den gewöhnlichen Glanz ſeiner großen ſchwarzen Augen; ſeine natürlich gelockten Haare um⸗ rahmten ſein Geſicht und ſeinen Hals, welcher, ſo gut als der einer griechiſchen Statue angeſchloſſen, durch den fliegenden Knoten einer ſchmalen ſchwarzen Hals⸗ binde beinahe nackt gelaſſen war; ein langer, weiter Schlafrock von dunkler Farbe umhüllte ihn ganz und bezeichnete ſeine Taille durch eine ſeidene Schnur; dieſe beinahe ſchleppende Kleidung ſchien ſeine kräftige, hohe Geſtalt noch mehr zu vergrößern; ſie ſtand ihm vor⸗ trefflich, man hätte glauben ſollen, es ſei eines von 33 n bleichen Portraits von Van Dyk oder Rem⸗ randt. Während ich Jean entgegenging, verlor ich Albine nicht aus dem Blick. Sie ſtand, als ſich mein Freund näherte, erröthend auf, das Mitleid trat in ihren Zü⸗ gen hervor, aber ſie wagte es nicht, meinem Freunde ins Geſicht zu ſchauen. Er, mit ſeiner gewöhnlichen Offenherzigkeit, warf mir einen ausdrucksvollen Blick zu, um mir zu ſagen, wie ſehr ihm das Aeußere meiner Frau gefalle. Nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, wandte ſich Albine ſchüchtern an Madame Rahmond, deutete Fernand Dupleſſis. II. 4 162 auf die Cauſeuſe, welche ſie einen Augenblick vorher einnahm, und ſagte: „Madame . wenn ſich Ihr Herr Sohn an die⸗ 6 ſetzen wollte, würde er ſich wohl bequemer ühlen.“ „Wie gut find Sie, Madame,“ erwiederte Madame Raymond . „Ich nehme Ihr Erbieten an; denn man hat meinem Sohne beſonders empfohlen, immer yalb liegend zu bleiben Es bedurfte ſeines lebhaf⸗ ten Wunſches, Ihnen für Ihre liebenswürdige Gaſt⸗ freundſchaft zu danken, daß ich mir geſtattete, heute meinen Sohn Ihnen vorzuſtellen . Doch, nicht wahr, Sie werden Mitleid mit einem armen Kranken haben?“ „Gewiß, Madame,“ antwortete Albine, die Augen niederſchlagend. „Mein einziger Anſpruch auf Ihre Nachſicht, Ma⸗ dame,“ ſagte Jean, während er ſich beſtändig auf ſeine Mutter und auf Charpentier ſtützte, „meine einzige Entſchuldigung, daß ich es wage, ſo vor Ihnen zu er⸗ ſcheinen, iſt die Freundſchaft, welche Fernand und mich ſeit unſerer Kindheit verbindet; er iſt für mich beinahe ein Bruder. Erlauben Sie mir, Sie ein wenig als Schweſter zu behandeln.“ * „Meine Frau erlaubt es Dir, und ich erlaube es Dir auch,“ erwiederte ich Raymond, da ich Albine die Verlegenheit, zu antworten, erſparen wollte. Dann bezeichnete ich Jean das Canapé und fügte bei: „Nun, mein Freund, ſetze Dich dahin; mache keine umſtände; ſind wir nicht in der Familie? Biſt Du nicht ein Bruder für meine Frau und für mich?“ Unterſtützt von ſeiner Mutter, welche ſodann an ſeiner Seite Platz nahm, ſetzte ſich Jean halb auf die Cauſeuſe. Charpentier rückte ein Fauteuil für Albine zu dem Stuhle von Madame Raymond, ſo daß ich von meinem Platze aus, zu dem ich wieder zurückkehrte, Jean gut im Geſichte und Albine von der Seite ſah. 163 Charpentier ſetzte ſich neben Rahmond, auf die andere Seite der Cauſeuſe, und folgende Unterhaltung begann unter uns Fünfen. XL. Ich habe viele Romane geleſen, und beinahe immer werden der Held und die Heldin durch eine Gefahr in Verbindung gebracht, der der junge Fremde, ſein Leben einſetzend, die ſchöne Unbekannte entzieht; indem ich mich des Geſpräches von dieſem Abend erinnere, ſage ich mir, es gebe moraliſche Ereigniſſe, es gebe einfache Plaudereien, welche vielleicht einen eben ſo lebhaften Eindruck auf die Einbildungskraft einer jungen Frau hervorzubringen vermögen, als die romanhafteſten Vorfälle. Möchte ich mich nicht getäuſcht haben! Folgendes iſt beinahe Wort für Wort die Conver⸗ ſation, welche heute Abend in Gegenwart meiner Frau ſtattgefunden hat. ean Raymond, zu meiner Frau: Ich ſagte vor⸗ hin zu Fernand, wie glücklich er ſich hier fühlen müſſe Madame. Abgefehen von dem Glüche, dieſe Einſamkeit, mit Ihnen zu theilen, muß er ſo viel Reiz im Land⸗ leben durch die intereſſante Beſchäftigung finden, die er ſich gemacht hat. lbine: — Herr Dupleſſis und ich lieben in der That das Land ungemein, mein Herr. „Madame Raymond: — Und das gereicht Ihnen Beiden zum Lobe. Die Perſonen, welche nur das Schein⸗ leben der Städte leben können, haben einen Abſchen vor dem Lande. ch. — Und dann geſtehen Sie, Madame, daß das Landvolk hundertmal mehr werth iſt, als die immer von Neid, von Haß erfüllte Bevölkerung der Städte. 1 Charpentier: — Was wollen Sie, Herr Fer⸗ nand, der Lurus der Städte bietet auch den Leuten, denen oft das Brod mangelt, einen ſo grauſamen Con⸗ traſt mit ihrem Elend .. Jean: — Es iſt ſo entſchuldbar, daß man den Ueberfluß beneidet . . . wenn man nicht einmal das Nothwendige hat. Ich: — Aber, mein Lieber, der Neid iſt immer eine ſehr ſchlechte Leidenſchaft. Charpentier: — Geſtehen Sie wenigſtens, Herr Fernand, daß ein armer Menſch ohne Zufluchts⸗ ſtätte von einer bittern Traurigkeit ergriffen werden muß, wenn er am Abend an einem feſtlich erleuchteten Hotel vorübergeht? Ich: — Allerdings; doch es iſt nun einmal ein Unglück; man vermag nichts dagegen. Madame Raymond: — Es gibt jedoch andere ſchmerzliche Contraſte, gegen die man etwas vermöchte. So, zum Beiſpiel, Herr Fernand, muß ich, auf die Gefahr, eine Kinderei zu ſagen, geſtehen, daß es mich immer empört, wenn ich an die Haufen Gold und Silber denke, welche vor den Augen der Vorübergehen⸗ den bei den Wechslern ausgebreitet ſind; iſt das nicht für den Armen zuweilen eine furchtbare Verſuchung. und immer eine grauſame Ironie, der Anblick dieſer Reichthümer? Wie Viele gibt es, die, nachdem ſie lange dieſe Schätze betrachtet haben, auf ein Verbrechen ſinnend oder ihr Geſchick verfluchend weggehen! Ich: — Gewiß, Madame . Ihre Betrachtung leuchtet mir ein. . . Dieſe Ausſtellungen haben ihre Jean, zu Albine: — Ah! Madame, iſt es nicht wahr, wie viele Tantalus ſinden ſich in Paris! Bis auf die zerlumpten, abgezehrten und ausgehungerten Finder, welche mit den Augen die bei den berühmten Reſtaukants ausgeſtellten gaſtronomiſchen Schätze ver⸗ ſchlingen! 165 Albine: — Das iſt wahr, mein Herr 3 arme Kinder . . . Ich: — Ich muß Dir erklären, mein lieber Jean, daß Du, von Gaſtronomie ſprechend, auf einem bren⸗ nenden Boden gehſt . . .; oh! brennend wie die Oefen von Very; meine Frau iſt ſehr leckerhaft . .. Jean, zu Albine, welche mit einer ſehr ärgerlichen Miene erröthet iſt: — Wahrhaſftig, Madame? Albine, immer verlegener: — Mein Herr, das iſt ein Scherz von Herrn Dupleſſis. Jean, lächelnd: — Oh! vertheidigen Sie ſich nicht, Sie haben vollkommen Recht, Madame. Im Ganzen hat der gute Gott die guten Dinge geſchaffen, damit ſie gegeſſen werden; und dann, hätte er mit ſo viel Liebe das zarte Werkzeug gepflegt, das man den Geſchmacksſinn nennt, wäre der Menſch beſtimmt ge⸗ weſen, nur geſchmackloſe und rohe Nahrungsmittel zu verzehren? Das Uebel, nicht wahr, Fernand, beſteht darin, daß nur eine geringe Anzahl von Menſchen leckerhaft ſein kann, während Jedermann ſich müßte dieſes Vergnügen gönnen können. Ich: — Oh! Jedermann . Jean: — Gewiß . . . Warum nicht? Ich: — Das iſt ein Paradoron gerade wie irgend ein anderes. Charpentier: — Hören Sie doch, Herr Du⸗ pleſſis, Jean hat nicht ganz Unrecht. Nehmen wir an, wie in den Vereinigten Staaten, zum Beiſpiel, könne Jeder mit geringen Koſten, durch die ungeheure Ent⸗ wickelung der Feldwirthſchaft und durch den Ueberfluß des Ertrags unſeres Landes, eine geſunde, reichlich Nahrung, gutes Fleiſch, vortreffliche Fluß⸗ und Se fiſche, Wildpret, Früchte bekommen; die Leckerhaftig würde für alle Welt möglich. * Jean, lachend: — Uünd die menſchliche Lebensdauer würde dabei gewinnen, und man würde das Alter der Patriarchen erreichen. Ich: — Du biſt verrückt. Jean Raymond: — Ich ſpreche ſehr im Ernſte; gelehrte Aerzte haben bewieſen, daß, je angenehmer, ſchmackhafter und wechſelreicher unſere Nahrung iſt, deſto mehr unſere Lebenstage ſich verlängern. — Zu Albine, heiter: — Sie ſehen, Madame, daß Sie mit aller Gewiſſensruhe leckerhaft ſein können . Ich: — WMein lieber Jean, wir ſfind ganz ver⸗ ſchiedener Anſicht . . . Es iſt, meiner Meinung nach, gefährlich, den Leuten Bedürfniſſe zu geben, die ſie nicht haben, oder ſie mit Genüſſen bekannt zu machen, von denen ſie nichts wiſſen. So eſſen unſere Ackers⸗ leute ſehr munter ihr Schwarzbrod und ihren harten Käſe, ſie trinken Waſſer dazu; für ſie ſind das Gries⸗ brod, die Faſanenſchnittchen mit Trüffeln und der Wein des Clos⸗Vougeot der Koran; find ſie deßhalb un⸗ glücklich? Madame Rahmond: — Wie, Herr Dupleſſis, Sie glauben und ich ſpreche hier nicht mehr von der Leckerhaftigkeit, ich verallgemeine; . . . Sie glau⸗ ben, es ſei vernünftig, es ſei gerecht . es ſei menſch⸗ 6 lich, die große Mehrzahl von unſeres Gleichen in völ⸗ liger Unwiſſenheit in Betreff der Genüſſe zu laſſen, welche das Privilegium der kleinen Zahl ſind, beſonders in Unwiſſenheit hinſichtlich der geiſtigen Genüſſe, aus denen wir unſere Vergnügungen machen, wir, die die Erziehung vervollkommnet hat? Ich: — Gewiß, Madame . denn dieſe geiſtigen Genüſſe . . . zum Beiſpiel, kennen unſere Bauern am Ende nicht ſie fühlen alſo kein Bedürfniß danach? Jean Rahmond: — Aber, mein Freund, iſt es cht die Pflicht von uns, die wir mehr erleuchtet ſind, eſes Bedürfniß für ſie zu fühlen? Ich: — Wozu? Sie find glücklich ohne dieſes. Jean Raymond: — Fernand, Du biſt empfäng⸗ lich für die Muſik, nicht wahr? Ein ſchönes Gemälde 167 4itt, ein Auge, ein ſchönes Buch gefällt Deinem eiſte? Ich: — Gewiß . . Worauf zielſt Du ab? Jean Raymond: — Denke, Du ſeiſt in einer beklagenswerthen Unwiſſenheit aufgezogen worden, wie das Kind von einem der armen Bauern, von denen Du umgeben biſt, würdeſt Du Dich der Reize der Muſik, der Malerei, der Dichtkunſt erfreuen? Ich: — Nein .. . Da aber Muſik, Malerei und Dichtkunſt das Unbekannte für mich wären, ſo würde ich dieſen Genußmangel nicht fühlen; ich hätte kein anderes Bedürfniß, als meine materiellen Begierden. Madame Raymond: — Und das iſt ein großes Unglück, Herr Fernand, ich möchte faſt ſagen, ein Verbrechen, denn man muß nicht allein durch den Kör⸗ per und durch die Sinne leben . man muß auch durch die Seele und den Verſtand leben. (Hier bemerkte ich, daß ſeit einigen Augenblicken Albine ein wachſendes Intereſſe an dieſer Unterhaltung nahm; mehrere Male ſah ich ſie beben und erröthen, als ob ſie gewiſſe auf ihre perſönliche Lage anwend⸗ bare Anſpielungen geſucht und gefunden hätte.) Ich: — Dffenherzig geſtanden, mein lieber Jean, glaube ich nicht, daß Du im Ernſte ſprichſt, wenn Du mir, zum Beiſpiel, ſagſt, es ſei für mich eine Pflicht, darnach zu trachten, daß der dicke Peter, mein Ackerknecht, für die Muſik, für die Malerei, für die Dichtkunſt empfänglich werde. Jean Raymond: — Warum nicht? Ich: — Weil das ganz einfach unmöglich iſt .. Charpentier: — Unmöglich? nein, Herr Du⸗ pleſſis; ich habe den Feldzug in Deutſchland mitgemacht bei der Armee von Conds (fügte Charpentier, ſich ſeiner Marquisrolle in Gegenwart meiner Frau erinnernd bei) und ich habe hunbertmal die deutſchen Bauern in ihren Dörfern am Abend, nach den Feld⸗ 168 arbeiten, vortreffliche Muſik machen und im Chor ſo gut wie in der Oper ſingen hoͤren. Madame Raymond: — Ich frage Sie, Herr Fernand, ſinden Sie nicht, daß dies eine ſanfte und heilſame Zerſtreuung nach den harten Arbeiten des Tages iſt? Charpentier: — Iſt das nicht beſſer, als ein⸗ fältig in der Schenke Kegel zu ſpielen oder zu zechen? ch: — Ich will das gelten laſſen .. Uebrigens haben die Deutſchen das mufikaliſche Genie. Albine, ſchüchtern: — Vielleicht, weil es von der Kindheit an gepflegt, entwickelt wird. Madame Raymond: — Madame Dupleſſis hat vollkommen Recht Ich habe Schulen geſehen, in denen die Kinder ſingen lernten, ſie erlangten eine unglaubliche Reinheit der Intonation und eine außer⸗ ordentliche Feinheit des Gehörs. ch: — Oh! was das betrifft, bin ich ganz und gar Ihrer Anſicht; aber Sie werden, wie ich hoffe, der moinigen ſein, wenn ich behaupte, es ſei unſinnig, zu wollen, daß der dicke Peter empfänglich für die Muſik, für die Malerei .. Jean Raymond: — Mein lieber Fernand, wir wollen den dicken Peter kommen laſſen, ihm die Eſelshaut, den Blaubart oder den Däumling vorleſen, und ich wette, daß er ganz Ohr iſt .. Ich: — Mährchen der Mutter Gans! Eine ſchöne Poeſie! Das ſind in der That des dicken Herrn Peter würdige Klaſſiker! Man muß dieſem die hohe Aſtronomie von Mathieu Lvensberg und die er⸗ habene Philoſophie von Noſtradamus beifügen. Jean Raymond: — Ei! was liegt daran, böſer Spötter, der Keim des geiſtigen Genuſſes iſt nichts⸗ deſtoweniger beim armen dicken Peter vorhanden, da er ein Vergnügen an naiven, wenn Du willſt, al⸗ vernen Mährchen findet. Entwickele aber dieſen Ver⸗ ſtand durch eine genügende Erziehung, und eines Tags 169 wird der dicke Peter, wenn er von der Arbeit zurück⸗ kehrt, ſeine Müdigkeit vergeſſen und ſeinen Geiſt durch das Leſen nicht mehr des Mathien Loens⸗ berg oder des Däumlings, ſondern eines guten Buches über Landwirthſchaft oder der Erzählung eines Zuges von heldenmüthigem Patriotismus verbeſſern. Wirſt Du mir ſagen, der dicke Peter ſei unempfindlich für Malerei? Ich: — Laß doch die Malerei des dicken Peter ſehen . . . ſie muß auf der Höhe ſeiner Literatur ſtehen! Jean Rahmond: — Wetten wir abermals, daß der dicke Peter in ſeiner Hütte irgend ein plump illu⸗ minirtes Bild hat. Ich: — Bei Gott! den ewigen Iuden, Geno⸗ vefa von Brabant oder Cambronne, wie er den Engländern zuruft: Die alte Garde ſtirbt, ſie ergibt ſich nicht! Das iſt das Lieblingsmuſeum des dicken Herrn Peter! Das iſt ſeine Gallerie . . . das iſt ſein Louvre . das ſind die Titinn, die Rubens, die Raphael für das Vermögen der dummen Augen des dicken Peter. Madame Raymond: — Ach! Herr Dupleſſis, das iſt ſo, weil der dicke Peter eben ſo wenig die Wahl zwiſchen Raphael und dem grob ausgemalten Bilde von Genovefa von Brabant, als zwiſchen ſeinem Schwarzbrod und einem ausgezeichneten Tiſche hat. Jean Rahmond: — Wie Peter Hunger hat und ſeinen Hunger mit Schwarzbrod ſtillt, eben ſo hat er den Inſtinct, den Geſchmack für die Malerei, und in Ermangelung von etwas Beſſerem befriedigt er ſie mit ewigen Juden oder Genovefa von Bra⸗ ant. Ich: — So daß wir der Phantaſie eines Muſeums in jeder von den 44,000 Gemeinden von Frankreich zur hohen Erbauung und zum artiſtiſchen Jubel der Herren Peter und Compagnie Statt geben werden .. 170 Das iſt ſehr intereſſant und beſonders gar nicht koſt⸗ ſpielig, wie Sie ſehen. Jean Raymond, Albine zulächelnd: — Wie ſpöt⸗ tiſch iſt dieſer boshafte Fernand heute Abend, Madame? Ich will es indeſſen verſuchen, ihn in Verlegenheit zu bringen, was mir leicht ſein wird, denn im Grunde iſt er meiner Anſicht, davon bin ich überzeugt . .. Doch in dieſem Augenblick opfert er ſich einer der nützlichſten Pflichten der Gaſtfreundſchaft . er wider⸗ ſpricht, weil der Widerſpruch die Plauderei vortrefflich nährt. ch: — Durchaus nicht. Ich ſpotte ſehr im Ernſte (Gaßffreundſchaft beiſeit) über die vierundvierzigtauſend Muſeen des dicken Herrn Peter. Jean Raymond: — Nun denn! ja, jede Ge⸗ meinde wäre mufikaliſch, da der Schulmeiſter die Muſik lehren würde; jede Gemeinde würde gute und ſchöne Bücher leſen, da jede Gemeinde ihre Bibliothek hätte. .. Ich, lachend; — Aber das Muſeum, das Mu⸗ ſeum Jean Raymond: — Und ihr Muſeum auch. Ich, ſtärker lachend: — Bravo! Jean, bravo! Das iſt köſtlich ... ich erwarte die Auflöſung des Räthſels. Jean Raymond: — Weißt Du, was ein Mu⸗ ſeum koſtet, ſo wie ich es verſtehe, nämlich genügend, um den Geſchmack und die Kenntniß des Schönen in den Künſten zu geben? Man muß ungefähr zwanzig Gypsabgüſſe nach den Meiſterwerken der antiken Bild⸗ hauerkunſt und etwa zweihundert Lithographien nach den beſten Gemälden der älteren und neueren Schule faufen; das koſtet vier⸗ bis fünfhundert Franken höch⸗ ſtens . . . Ich habe ein ähnliches Muſeum in der Werkſtätte geſehen, die ich (doch Jean verbeſſerte ſich, indem er auch an ſeine Rolle als Sohn eines Marquis dachte) in einer bedeutenden Werkſtätte, die einer mei⸗ ner Freunde dirigirte .. eine wahre kleine Gemeinde, denn es waren tauſend bis zwölfhundert Arbeiter da .. 17¹ Nun wohl! ſehr Viele von dieſen wackern Leuten hat⸗ ten, obgleich ihnen erſt ſpät eine künſtleriſche Erziehung zu Theil geworden war, am Ende ein edles und wah⸗ res Vergnügen daran gefunden, in ihren Ruheſtunden dieſe Meiſterwerke zu betrachten, deren Verſtändniß man ihnen nach und nach gegeben. Ich: — Ich gebe das zu. Herr Peter wird Mu⸗ ſiker ſein, Herr Peter wird mit Vergnügen die ſchönen Bücher leſen, Herr Peter wird empfänglich für die Dinge der Kunſt ſein! Weißt Du, was dann geſchehen wird? Morgen ſage ich zu Herrn Peter: „Die Erde iſt feucht, man muß zum Pflügen gehen.“ „Verzeihen Sie,“ wird mir Herr Peter antworten, „ich habe noch einen Act von Athalie zu leſen.“ Oder auch: „Mein Junge, es iſt die Zeit der Heuernte, man muß ſich beeilen, der Regen droht.“ „Verzeihen Sie, Herr,“ wird mir Herr Peter antworten, „ich habe meine Partie im Chor von Moſes zu lernen, den wir heute Abend fingen.“ Oder auch: „Mein Junge, meine Ausſaat muß eilends beſorgt werden; raſch zur Säe⸗ maſchine!“ „Verzeihen Sie, Herr,“ wird mir Peter antworten, „ich wünſche dieſen Morgen in unſer Mu⸗ ſeum in Riballiére zu gehen, um einen neuen Blick auf die Venus Kallipige zu werfen, die mich in⸗ tereſſirt, und deren Verſtändniß ich ziemlich zu haben glaube.“ Ah! mein lieber Jean, das ſind lauter Poſ⸗ ſen und Chimären; meine Großmutter hatte Recht. Es gibt auf dieſer Welt zwei Klaſſen von Leuten, die wohlerzogenen Leute und die, welche es durchaus nicht ſind, die glücklichen Leute und die unglücklichen Leute. Seien wir mildherzig gegen dieſe, die Religion ge⸗ bietet es uns; doch ſie zu unſerem Niveau durch die Intelligenz erheben wollen, wäre dies auch möglich, ſo könnte doch nichts gefährlicher ſein: jede Ordnung, jede Subordination würde verſchwinden. Du geſtehſt zu, daß zu dieſer Stunde der dicke Peter 8 Jran Rahmondt — Zrrihum. Nicht wahr, 172 die Erde pflügt, einſäet und Dein Heu macht; da er vor Allem arbeiten muß, um zu leben? Ich: — Wirſt Du nicht deshalb den dicken Peter verherrlichen? Jean Raymond: — Keines Weges. Peter er⸗ füllt ſeine Pflicht; jeder Menſch muß arbeiten, um zu leben; Deiner Anſicht nach aber würde ſich Peter we⸗ niger verpflichtet glauben, zu arbeiten, und würde ſo ein minder guter Arbeiter werden, weil er dem Pfluge folgend mit richtiger Stimme ein ſchönes, poetiſches und volksthümliches Lied ſänge, ſtatt mit einer falſchen Stimme einen einfältigen Klagegeſang oder einen ob⸗ ſcönen Vers zu plärren. Deiner Anſicht nach würde Peter ein Faullenzer, weil er, ſtatt ſeine Augen an formloſen, in feiner Hütte angenagelten ausgemalten Bildern zu weiden, ſeinen Blick an die Bewunderung, an den Genuß ſchöner Sachen gewöhnt hätte? Deiner Anſicht nach würde Peter ein Taugenichts, weil er, ſtatt ſich am Sonntag in der Schenke zu betrinken, allein oder mit einigen Freunden unter einen ſchönen Schatten ginge, um gute Bücher zu leſen, und weil er am Abend im Chor ſingen würde, wie die deutſchen Ackersleute? mit einem Worte, Deiner Anſicht nach wird Dir Pe⸗ ter furchtbar ſein, weil er ſeinen Geiſt aufgeklärt, ſein Herz gebeſſert haben wird? weil er durch die Seele leben und ſo die Fähigkeiten, die Gott in alle ſeine Geſchöpfe gelegt hat, benützen wird? Ich: — Gewiß, ich werde Angſt, große Angſt vor Herrn Peter haben, ſobald er über ſeine Lage er⸗ röthet und es ſehr ſeltſam findet, daß er Ackerknecht iſt, während ich Herr des Schloſſes Riballière bin. Jean Rahmond: — Glaubſt Du vor Allem, ſo unwiſſend, ſo ſtumpf er ſein mag, Peter vergleiche nicht ſeine Lumpen mit Deinen Kleidern, ſeine rauhen Hände mit Deinen weißen Händen, ſeine elende Hütte mit Deinem Schloſſe? Ich: — Es mag ſein; aber Peter ſagt ſich wenig⸗ 173 ſtens: „Es iſt ſo; das muß offenbar ſo ſein! es könnte nicht anders ſein. Ich bin gemacht, um in einer Hütte zu leben und zu ſterben, wie Herr Dupleſſis gemacht iſt, um ein Schloß zu bewohnen.“ Peter werde jedoch morgen Herr Peter vermöge der Entwickelung ſeiner Seele und ſeines Geiſtes, ſo wird er ſich ſagen: „Im Ganzen, warum ſollte ich nicht eben ſo gut Schloß⸗ herr ſein, als Dupleſſis? Bin ich denn ſtreng genom⸗ men nicht ſo viel werth, als er? Jean Raymond: — Mein armer Fernand, wir verſtehen uns nicht mehr; das Raiſonnement, welches Du dem aufgeklärten, daß heißt verſittlichten Peter leihſt, iſt das Raiſonnement eines Wilden; gerade da⸗ durch, daß ſich der Verſtand von Peter entwickelt, wird er richtig begreifen, es werde ohne Zweifel noch lange Ungleichheiten des Vermögens und der Lebenslagen ge⸗ ben. Doch, ich geſtehe, Peter wird ſich zu gleicher Zeit ſagen: wenn eine kleine Zahl den Ueberfluß in großer Sicherheit genießen könne, ſo müſſe man es als im höchſten Maße gerecht betrachten, daß die große Mehrzahl im Stande ſei, durch ihre Arbeit das Noth⸗ wendige, das heißt die Nahrung des Leibes, für ſich und die Ihrigen zu verdienen. Peter über ſeine Rechte aufklären heißt ſomit, ihn auch über ſeine Pflichten aufklären; mit einem Worte, mein lieber Fernand, wer ſagt, die Entwickelung der Intelligenz des Volkes ſei zu fürchten, der ſagt, man müſſe das Volk einer ewigen und erniedrigenden Unwiſſenheit überantworten. (Sich belebend.) Das heißt behaupten, man müſſe die Seele tödten, um den Leib beſſer zu knechten! Das heißt behaupten, es ſei geſchickt, arme Geſchöpfe in der Unwiſſenheit über ſich ſelbſt zu laſſen, damit man nicht einſt mit ihren Rechten zu rechnen habe! Das heißt endlich wie ich weiß nicht welcher abſcheuliche Politiker behaupten, um eine Nation ungeſtraft zu be⸗ herrſchen, müſſe man das Volk durch die Unwiſſenheit ſtumpf machen, durch die Entbehrungen entnerven, und 174 vie erleuchteteren Klaſſen in den ſelbſtſüchtigen Genüſ⸗ ſen des materiellen Wohlbehagens einſchläfern . Nein, nein, Fernand, ich kenne Dein gutes, redliches Herz, und ich ſage, daß Du denkſt wie ich. Ja, Gott hat unſere Seele mit Inſtincten, mit Bedürfniſſen, mit Begierden begabt, welche noch gebieteriſcher ſind, als die des Leibes .. und dieſe göttlichen Aufſtrebungen mißkennen oder erſticken iſt ein Verbrechen. (Mit Heſtig⸗ keit,) Ja, und beſonders, wenn es berechnet iſt, ein ab⸗ ſcheuliches, ein ſchändliches Verbrechen! Jean hatte ſich allmälig belebt, ſeine Stimme klang zugleich durchdringend und ſonor, ſein Blick glänzte, ſeine bleichen Wangen hatten ſich gefärbt. Albine ver⸗ ließ ihn ſeit einigen Minuten nicht mehr mit den Augen und ſchien an ſeinen Lippen zu hängen. Da ich ein Geſpräch, welches mich aus vielen Gründen mit Unruhe erfüllte, kurz abſchneiden wollte, ſo näherte ich mich raſch Madame Raymond in dem wo Jean zu reden aufhörte, und ſagte zu ihr: „Mein Gott, Madame, ſehen Sie doch, wie Jean in Hitze geräth. . die fieberhafte Röthe ſeiner Wan⸗ gen! Ah! es iſt unklug von uns geweſen, daß wir ihm erlaubt haben, heute Abend herabzugehen.“ Ich glaubte nicht Prophet zu ſein. Jean, der ſich während des Sprechens auf die Cauſeuſe geſetzt hatte, ſtatt ſich liegend zu halten, ſchien plötzlich von einer heftigen Beklemmung ergriffen zu werden, warf ſich zu⸗ rück, erbleichte ſehr und erſtickte einen ſchmerzlichen Seufzer dadurch, daß er ſein Taſchentuch an ſeine Lip⸗ pen drückte; beinahe in demſelben Augenblick war die⸗ ſes Tuch von Blut geröthet. „Mein Sohn!“ rief Madame Raymond, während ſie auf Jean zueilte, der bald die Augen ſchloß und vollig das Bewußtſein verlor. Ich beobachtete aufmerkſam meine Frau, indeß Madame Rahmond und Charpentier eifrig um Jean 17⁵ bemüht waren; von einer lebhaften Gemüthsbewegung erfaßt, hatte Albine thränenfeuchte Augen. 2 Ich näherte mich ihr und ſagte beinahe mit hartem one: „Ihr Platz iſt nicht hier. Dieſes Schauſpiel thut wehe. Ich bitte, entfernen Sie ſich. Ich will Jean in ſein Zimmer bringen helfen.“ Ich that dies, und ich ließ bald Jean weniger lei⸗ dend und ruhiger in den Händen ſeiner Mutter und von Charpentier. XLI. SAlbine an Hermance. . HBermance, ſeit meiner Verheirathung, das heißt ſeitdem ich in Riballiere bin, hatte ich einen ſchweren Schlaf, nur ſtellenweiſe gemiſcht mit einigen peinlichen Träumen, geſchlafen. Seit einiger Zeit bin ich erwacht; ich habe mich als das wiedergefunden, was ich einſt war; ich habe das Bewußtſein der Vergangenheit, der Gegenwart. .. ich möchte beinahe ſagen, der Zukunft bekommen .. und ich bin unruhig. Höre mich wohl an. In meinem letzten Briefe habe ich Dir von einer Art von Erſtarrung geſagt, in der zu leben ich mich entſchloſſen oder vielmehr reſignirt, materiell glücklich, bemüht, nicht zu denken, nicht zu überlegen, eiſig, ge⸗ lähmt überdies durch die Gegenwart meines Mannes, den ich immer gefürchtet und der mir weder Vertrauen, noch Sympathie einflößt. Bei meiner natürlichen Schüchternheit und meiner Gewohnheit, mich beim 176 geringſten Widerwillen zu concentriren, auf mich ſelbſt zuſammenzurollen, mußte ich auch Herrn Dupleſſis dumm ſcheinen .. Nichtsdeſtoweniger hatte ich einen ſolchen Grad von Apathie erreicht, daß ich mein Loos annahm. Ernſte Ereigniſſe haben ſich zugetragen, und Alles hat ſich geändert. Wir ſahen, wie ich erwähnt, gewöhnlich Niemand, dieſe Einſamkeit mißfiel mir nicht; vor einiger Zeit empfing Herr Dupleſſis drei von ſeinen Freunden, von denen er mir ſagte, ſie ſeien (merke wohl; er ſagte, ſie ſeien) der Herr Marquis und die Frau Marquiſe vo. Berteuil und ihr Sohnz ſie ſollten einige Zeit hier zubringen; das kam mir Anfangs unerträglich vor, der Herr Marquis ſchien mir ein kalt grauſamer Menſch zu ſein, die Margquiſe eine Frau von viel Geiſt, aber hochmüthig und ſpöttiſch; was ihren Sohn betrifft, ſo werde ich ſpäter von ihm ſprechen. Du begreifſt, daß mich, die ich in der Regel ein⸗ fältig bei Herrn Dupleſſis bin, die Ankunft dieſer Frem⸗ den noch mehr dumm machen mußte. Die Marquiſe war indeſſen durchaus nicht boshaft gegen michz doch da ich ſie ſtolz und ſpöttiſch glaubte, ſo hielt ich mich ſo viel als möglich in der Entfernung. Ich be⸗ merkte indeſſen, daß ſie mich zuweilen mit einer Art von traurigen Neugierde oder von ſchmerzlichem Ge⸗ fühle, erzengt durch eine getänſchte Erwartung, an⸗ ſchaute. Vor einigen Tagen ging ich träumeriſch in einem abgelegenen Winkel des Parkes ſpazieren, denn. ich träume viel, ſeitdem ich erwacht bin. Bei einer Biegung der Allee ſah ich die Marquiſe; ſie kam auf mich zu und ſagte zu mir: „Ich bin vorhin in Ihrer Wohnung geweſen, meine liebe Madame Dupleſſis, um Sie um eine Unterredung von einigen Augenblicken zu bitten; es macht mich glücklich, Sie hier zu treffen. Wollen Sie geſtatten, daß wir gehend plaudern?“ 177 „Ja, Madame,“ erwiederte ich, ziemlich erſtaunt und begierig, zu erfahren, worüber die Marquiſe mit mir zu ſprechen hatte. „Vor Allem, meine liebe Madame Dupleſſis,“ fuhr ſie freundlich fort, „vor Allem bitte ich Sie, nur der lebhafteſten Theilnahme, die Sie mir einflößen, zuzu⸗ ſchreiben, was vielleicht Sonderbares in dem ſein wird, was ich Ihnen zu ſagen im Begriffe bin.. Und dann,“ fügte ſie mit ihrer ſanften, eindringlichen Stimme bei „ich könnte Ihre Mutter ſein „„ erlauben Sie mir alſo, in vollem Vertrauen mit Ihnen zu reden.“ „Ich höre Sie, Madame,“ erwiederte ich, gerührt von ihrem gutmüthigen Ausdruck und ſchon mich be⸗ haglich bei ihr fühlend, denn Du weißt, ich bin ganz Hingebung oder ganz Zurückhaltung. „Und Sie werden mir aufrichtig und offenherzig antworten?“ „Madame, es iſt meine Gewohnheit, zu ſchweigen oder die Wahrheit zu ſagen.“ „Ja, ich weiß, Sie ſind ein edles Herz; ich kenne Sie beſſer und mehr, als Sie denken.“ „Sie, Madame?“ „Gewiß, deshalb hege ich ſo viel Sympathie für Sie.“ „Ich habe Sie aber nur ſehr wenig ſeit Ihrem Aufenthalte hier geſehen, Frau Marquiſe.“ „Die Kenntniß, die ich von Ihren Vorzügen habe, datirt ſich auch nicht von hier; darum bin ich ſo er⸗ ſtaunt, ich müßte ſagen, ſo betrübt . . daß ich Sie ſo wenig ſich ſelbſt ähnlich ſehe.“ „Ich begreife nicht, was Sie mir ſagen wollen, Frau Marquiſe.“ „Hören Sie, mein liebes Kind. .. Nun wohl! ja, ich habe geſagt, mein liebes Kind . . . was macht das Ihnen?“ fügte ſie mit ſo viel Anmuth bei, daß ich mich ganz gerührt fühlte. „Sagen Sie mir, nicht Fernand Dupleſſis. I. 12 178 wahr, Sie ſtehen in vertrauter Verbindung mit Fräu⸗ lein Hermance von Villiers?“ „Ja, Madame, es iſt meine Couſine, meine einzige, meine beſte Freundin.“ „Sie haben oft bei ihr Frau von Amberville ge⸗ ſehen?“ „Ja, Madame . ſehr oft.“ „Haben Sie zuweilen Frau von Amberville von einer Freundinnen, Madame Raymond, ſprechen ören?“ „Oh! oft, Madame . Frau von Amberville ſagte Hermante und mir ſo viel Gutes von dieſer Dame, ſie ſchilderte ſie uns als ein ſo weit über den anderen Frauen erhabenes Weſen und erzählte uns von ihr ſo ſchöne Züge, daß Hermance und ich, wenn wir unter uns eine Frau von ſeltenen Verdienſten bezeichnen woll⸗ ten, zu ſagen pflegten: Das iſt eine Madame Ray⸗ mond oder auch: Was willſt Dul es fann nicht Jedermann eine Madame Ray⸗ mond ſein!“ Das bringt mich ſehr in Verlegenheit,“ verſetzte die Marquiſe lächelnd. „ich weiß nicht mehr, wie ich mich da herausziehen ſoll.“ „Was ſagen Sie, Frau Marquiſe?“ „Sie müſſen mich nicht mehr Frau Marquiſe nennen, es iſt mir zu peinlich, Sie zu täuſchen! ich bitte Sie um Ihr Vertrauen, muß ich Ihnen nicht einen Beweis von dem meinigen geben? Mit einem Wort, ich bin weder Marquiſe, noch Frau von Berteuil.“ „Mein Gott, Madame, ich bitte, erklären Sie ſich.“ „Sie haben ſo eben ſo viel Gutes von Madame Rahmond geſagt, daß ich zögere, Ihnen zu geſtehen, ich ſei „Vollenden Sie, Madame.“ „Madame Raymond.“ Du begreifſt, Hermance, wie ſehr ich bei dieſen Worten ergriffen war; ich hätte ſie an der Schönheit — — . — 179 erkennen müſſen, welche ſie trotz ihres Alters bewahrt hat; denn nicht zwei Frauen in der Welt ſind im Stande, ſo jung zu ſein, während ſie einen Sohn vom Alter meines Mannes haben. Stelle Dir vor: ihre Haare ſind bewunderungswürdig, ihre Zähne ſo ſchön wie die Deinigen, ihr Teint iſt ſo friſch, ſo glatt wie der Deinige, und was ihre Taille betrifft, ſo hätte ich, obgleich ſie die ſchönſten Schultern der Welt hat, ihre Kleider nicht anziehen können, als ich ſchlank war. (Und unter uns geſagt, ich bin ein wenig im Zuge, wieder ſchlank zu werden.) Als mein erſtes Erſtaunen vorüber war, erwie⸗ derte ich: „Sie, Madame? Sie, Madame Raymond? Frau von Imberville ſagte uns aber, Sie ſeien Witwe?“ „Der vorgebliche Herr von Berteuil iſt nicht mein Mannz er heißt nicht von Berteuil. Es iſt ein erge⸗ bener Freund, der beſte, redlichſte Menſch der Welt, der meinem Bruder das Leben gerettet und väterlich für meinen Sohn, während ich im Gefängniß war, Sorge getragen hat. Vernehmen Sie nun, mein liebes Kind, mit zwei Worten, warum ich einen falſchen Na⸗ men, einen falſchen Titel . . und einen falſchen Mann angenommen habe.. Mein Sohn, ich und Herr Char⸗ pentier, unſer Freund, wir ſind genöthigt, zu fliehen und uns zu verbergen.. . Der Verſchwörer, den man ver⸗ folgt und deſſen Signalement Ihr Präfect neulich ge⸗ bracht hat . iſt mein Sohn.“ „Großer Gott, Madame . „Dem Edelmuthe Ihres Mannes verdanken wir die Gaſtfreundſchaft, die uns rettet . . ein Edelmuth, der um ſo größer, als Herr Dupleſſis in der Politik einer der meines Sohnes entgegengeſetzten Meinung angehört: damit ſage ich Ihnen, daß wir Herrn Du⸗ pleſſis eine unveränderliche Dankbarkeit gelobt haben.“ „Ah! Madame, ich ſchauere noch bei dieſer Erin⸗ nerung Ihr Sohn? ... Mein Si welches 12* 180 Muthes bedurfte es für Sie an jenem Morgen, um ſo gleichgültig, ſo heiter ſogar zu ſcheinen . Und nun begreife ich Alles, die Grauſamkeiten, die Ausrottungen, von denen Ihr vorgeblicher Gatte ſprach!. . Das war ein Mittel, den Verdacht des Präfecten abzu⸗ wenden.“ „Ja, mein Kind, das iſt unſer Geheimniß.“ (Denke Dir, Hermance, mein Erſtaunen, meine Freude: ſie endlich ſehen und bei mir haben, dieſe vielgeprieſene Madame Raymond, die wir ſo ſehr bewunderten. Von dieſem Augenblick verſchwand meine Schüchternheit und machte einer zärtlichen Ehr⸗ furcht Platz; denn die wahre Erhabenheit imponirt mir nie, beunruhigt mich nie; ich weiß, daß ſie nach⸗ ſichtig iſt, ſie ſlößt mir auch Vertrauen ein. „Madame,“ ſagte ich, „ich bedaure ſehr, daß mir Herr Dupleſſis genug mißtraut hat, um mirzu verbergen, wer Sie ſind. Wie viel glückliche Tage ſind hiedurch, ſeitdem Sir ſich hier befinden, verloren.“ So liebenswürdig gegen mich der Vorwurf iſt, den Sie an Herrn Dupleſſis richten, mein liebes Kind,“ erwiederte voll Güte lächelnd Madame Raymond, „ſo erkläre ich Ihnen doch, daß ich die Partei Ihres Man⸗ nes gegen Sie nehmen werde.“ „Wahrhaftig, Madame?“ „Berade in Betreff Ihres Mannes will ich Sie ſchelten.“ „Mich ſchelten?“ „Oh! ſehr ſtark, und Herrn Dupleſſis beinahe rechtfertigen, daß er Sie in unſerer Sache nicht ins Vertrauen gezogen hat.“ „Sie haben im Ganzen Recht, Madame; ich bin nicht befugt, mich zu beklagen: mein Mann hat eine traurige Meinung von mir „ „ünd an wem iſt die Schuld, armes Kind? nicht au Ihnen? Frau von Amberville, von der ich geſpro⸗ chen, die Sie vft bei Fräulein Hermance getroffen hat, 181 iſt ſeit langer Zeit meine Freundin. Das iſt eine Frau von großem Verſtand, von trefflichem Urtheil. Ich habe ihr auch geglaubt, und ich mußte ihr glauben, da ſie mir Sie als eine ausgezeichnete junge Perſon, deren Geiſt ihrem Herzen an Werth gleich komme, ſchilderte.“ „Madame ... „Oh! treiben Sie nicht Beſcheidenheit, gerade Ihre guten Eigenſchaften will ich gegen Sie anrufen.“ „Und warum dies, Madame?“ „Weil Sie es ſich, in einer unbegreiflichen Bizar⸗ rerie, die mir eben ſo viel Erſtaunen als Kummer ver⸗ urſacht hat, zur Aufgabe zu machen ſcheinen, vor Ihrem Manne Ihren ganzen Werth zu verbergen; entweder ſchweigen Sie gewöhnlich, oder Sie antworten kaum einſylbig. Sie ſcheinen erſtarrt, abgeſtumpft, gleich⸗ gültig gegen Alles und gegen Alle zu ſein. Zur Stunde aber, während Sie mit mir ſprechen, iſt Ihr Geſicht beweglich, belebt, ausdrucksvoll, reizend, ich möchte bei⸗ nahe ſagen unkennbar, wenn ich es mit der theilnahm⸗ loſen und verdrießlichen Miene vergleiche, die ich bis jetzt an Ihnen geſehen habe.“ „Ihr Intereſſe für mich, Madame, iſt ſo aufrichtig, daß ich Ihnen die volle Wahrheit ſchuldig bin. Run wohl! ja, mein Mann hält mich für ſehr einfältig, und ich fühle nicht die geringſte Luſt in mir, ihn zu enttäuſchen. Vom erſten Tage an, wo ich ihn geſehen, hat er mir Furcht eingeflößt . . . mich beinahe in Eis verwandelt. Mit einem Wort, ich habe mich dumm gefühlt . in ſeiner Gegenwart . . .; dumm bin ich geblieben.. und dumm werde ich ohne Zweifel immer in ſeinen Augen bleiben ...; ich finde nichts, was ich ihm ſagen ſollte . . . das iſt ſtärker als ich.“ „Aber Herr Dupleſſis i it benswürdig, er ſpricht vortrefflich, ſein Herz iſt gutr Aeußeres angenehm, er zeigt ſich rückſichtsvoll gegen Sie.“ „Ich habe mich nicht mehr über Herrn Dupleſſis zu beklagen, Madame, als er ſich, glaube ich, über mich 182 zu beklagen hat; er führt das Leben, das ihm gefällt, ich füge mich in Alles, ich werde ihm nicht widerſpre⸗ chen, ich beaufſichtige ſo gut ich kann ſein Haus. Abends ſpiele ich ſeine Partie Billard; er hat ſich anheiſchig gemacht, nie einen Fuß in mein Zimmer zu ſetzen ... ſeit dem andern Tage nach meiner Verheirathung; er ver⸗ weigert mir nichts, was mein Wohlbefinden vermehren kann, er kommt im Gegentheil hierin meinen Wünſchen zuvor; ich geſtehe Ihnen auch, Madame, wenn ich nur meine ganze Bequemlichkeit, einen guten Lehnſtuhl, ein delicates Mittagseſſen habe und mich frühzeitig zu Bette lege, denn meine beſten Stunden ſind noch die, wo ich ſchlafe, ſo vergeht die Zeit. . . Das iſt, wenn Sie wollen, nicht das Glück, das heißt ein wenig leben wie der arme dicke Peter, deſſen Partei Sie ſo edel⸗ müthig eines Abends nahmen, Madame; doch was wollen Sie, in Ermangelung von Glück, begnüge ich mich mit etwas Ruhe, mit etwas Negativem, wie es der Schlaf iſt.“ Während ich ſo mit ihr ſprach, wurde eine pein⸗ liche Wirkung im Geſichte von Madame Raymond les⸗ bar. Das fing mit dem Ausdruck einer rührenden Theil⸗ nahme an, welche allmälig einem ſo ſchmerzlichen Mit⸗ leid Platz machte, daß ich die Augen von Madame Raymond ſich mit Thränen füllen ſah. Nachdem ſie eine Minute geſchwiegen hatte, ſchien ſie ihre Gemüthsbewegung beherrſchen zu wollen, und ſie ſagte zu mir: „Mein Kind, Sie gehen jeden Tag in die Meſſe?“ „Ja, Madame.“ „Für wen beten Sie? was verlangen Sie von „Ich leſe mein⸗ aweße, wie ſie im Buche ſteht ſonſt nichts.“ mir „Und auf Ihren Ausflügen, wenn Sie Ihre Meie⸗ reien durchwandern, müſſen Sie oft das Gemälde eines 5 183 großen Elends Vieler vor den Augen haben, denn die Gegend ſcheint arm zu ſein.“ „Ah! ja, es findet ſich oft hier gräßliches Elend.“ „Das beklemmt, bricht Ihnen das Herz, ich be⸗ zweifle es nicht?“ „Das Schauſpiel der Noth iſt mir peinlich; doch weniger, als es mir früher war . es verwundet jetzt mehr meine Augen, als mein Herz . . ich ſuche auch dieſes traurige Gemälde ans meinem Geiſte zu verja⸗ gen. Es iſt mir läſtig wie ein Gewiſſensbiß . . . denn ich weiß, was ich thun müßte. Ich ſagte Ihnen, Madame, ich habe in nichts mehr Muth.“ „Sie lieben ungemein die Blumen, ich ſehe überall in Ihrer Wohnung?“ „Ja ich liebe ſie ungemein.“ . „Doch nur ihres Wohlgeruches, ihrer Farbe wegen?“ „Allerdings, Madame; kann man ſie einer anderen Eigenſchaft wegen lieben?“ „Wir werden hierauf zurückkommen . Sagen Sie mir, mein Kind, Sie haben hier eine ſchöne Bi⸗ bliothek? Herr Dupleſſis hat ſie mir gezeigt.“ „Ich ſetze nie einen Fuß darein; die Lecture macht denken und ich habe Ihnen geſagt, Madame, ich will lieber nicht denken.“ „Herr Dupleſfis beſchäftigt ſich viel mit Cultur?“ „Das iſt ſein vorzugsweiſer Geſchmack.“ „Sie theilen ihn nicht?“ „Das intereſſirt mich durchaus nicht.“ „Armes, liebes Kind,“ ſagte Madame Raymond, mit einem Ausdrucke zarten Mitleids den Kopf ſchüt⸗ telnd, zu mir, „ſo arm inmitten ſo vieler Schätze!“ „Welche Schätze meinen Sie, Madame?“ „Welche Schätze?“ rief Madame Raymond im Tone ſanften Vorwurfs; „Gott anbeten, nicht in einem Buche oder in der Kirche, ſondern in der Natur; die Leidenden lieben, ſie unterſtützen; die Geheimniſſe ſtu⸗ diren, welche die Blumen entſtehen und leben machen; 184 unker der Hand alle Dichter, alle Denker der Welt haben und ihnen nur zurufen dürfen: Kommt und ſagt mir Eure ſchönſten Verſe, Eure edelſten Gedanken; dann von dieſer Berauſchung des Geiſtes in der verſtändi⸗ gen Bewunderung der Fruchtbarfeit der nährenden Erde, die dem Menſchen in Reichthümern wiedererſtattet, was er ihr in Arbeiten gibt, austuhen; . das ſind die von Ihnen vernachläſfigten Schätze, mein armes Kind! und bei ihnen ſchlafen Sie erſtarrt durch die Gemächlichkeit, vereiſt durch die Langweile.“ „Ach! Madame, befolgte ich morgen Ihren Rath, 6 n mir das Leben, das mir gleichgüllig iſt, ver⸗ haßt.“ „Was ſagen Sie?“ „Nun wohl! es ſei, Madame, ich befolge Ihren Rath. Statt maſchinenmäßig meine Meſſe zu leſen und mich ohne zu wiſſen warum vor einem ſchwarz gekleideten Prieſter zu bücken, erhebe ich meine Seele zum Schöpfer der Natur; ſtatt meine Blicke vom trau⸗ rigen Schauſpiel des Elends abzuwenden, nähere ich mich den Unglücklichen, ich trockne ihre Thränen, ich tröſte ſie, ich unterſtütze ſie, ich liebe ſie; ich vegetire nicht mehr in der Unempfindlichkeit und im Müßig⸗ gang, ich ſtudire mit einem beglückten Auge die Wun⸗ der des Blühens der Blumen, ich gebe meinen Geiſt den Entzückungen der Meiſterwerke des Genies hin, ich begreife die Wunderwerke der Schöpfung, ich ſtaune ſie an. Ich finde endlich die ganze Fülle meines Le⸗ bens wieder, denn ich lebe, wenn man ſo ſagen darf, durch alle Poren: ich fühle leidenſchaftliche Aufſchwin⸗ gungen zu Gott. Wohlthätigkeit, Wiſſenſchaft, Poeſie, endloſe Beſchauungen . . mein Herz überſtrömt, mein Geiſt exaltirt ſich; ich rufe: O Größe Gottes! unausſprechliche Süßigkeiten der Nächſtenliebe, Schätze des Verſtandes, Wunder der Schöpfung, wie heilig und rein ſind eure Freuden! Ja, ja, ich denke das, ich empfinde es mit bebendem, von Zärtlichkeit erfülltem 185⁵ Herzen, die Augen von Thränen der Begeiſterung be⸗ netzt! Aber, ach! meine Stimme verliert ſich im Still⸗ ſchweigen . .. Niemand antwortet mir. Ich ſchaue um mich her . . . allein, immer allein . . . Ah! Madame, glauben Sie mir und beklagen Sie mich. Ich bin ohne Zweifel ein wunderliches, unvernünftiges Geſchöpf; ſo⸗ bald aber mein Geiſt arbeitet, ſobald ich überlege und vergleiche, fühle ich zu ſchmerzlich die Vereinzelung, zu der ich auf immer verurtheilt bin . . . Nein, es iſt beſſer, zu ſchweigen, als allein zu ſprechen; es iſt beſſer, zu ſchlafen, als zu wachen, um zu verlangen, zu be⸗ klagen und zu leiden.“ „Beklagen, verlangen, leiden?“ rief Madame Rah⸗ mond, indem ſie meine Hand nahm und zärtlich drückte. „Wenn Sie das Gute thun! wenn Ihr Gewiſſen vor⸗ trefflich iſt! wenn Ihr Name geſegnet wird, wenn Ihre Intelligenz ſich jeden Tag vergrößert! Was ſagen Sie mir von Vereinzelung, armes Kind? Wie! vereinzelt mitten unter dieſen Unglücklichen, die Ihnen die Hände kuſſen und deren Vorſehung Sie ſein werden! vereinzelt unter dieſen Blumen, die Ihnen ihre Geheimniſſe ſagen werden! vereinzelt inmitten dieſer Bücher, unſterblicher Stimmen aller Genies der Welt! vereinzelt unter Wäl⸗ dern, Wieſen, Feldern, wunderbaren Gemälden, immer neu, immer belebt! gereinzelt, wenn Sie jeden Augen⸗ blick des Tags in Gemeinſchaft mit Gott, Ihre Seele zu ihm erhebend, ſind! Ihre Seele geläutert, geheiligt durch das Gefühl der Guten des Gerechten und des Schönen! . .. Nein, nein, Schwäche, Uebertreibung iſt Alles dies, mein Kind!“ „Es iſt Schwäche, ich geſtehe es, Madame,“ ſagte ich zu Madame Raymond, verblüfft durch den ernſten, beinahe ſtrengen Ausdruck ihres Geſichtes, „doch nicht Uebertreibung. . . Sie haben die Wahrheit von mir verlangt, ich ſage ſie Ihnen.“ „Liebes Kind,“ erwiederte Madame Raymond mit gerührter Miene, und ohne Zweifel die Heftigkeit ihrer 186 Worte bedauernd, „verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verletzt habe .. Gott weiß, ob dies mein Gedanke war.“ „Oh! ich glaube es, Madame.“ 3 „Was will ich, wenn ich ſo mit Ihnen ſpreche? Ich will es verſuchen, Sie zu ſich ſelbſt, zu Ihrer na⸗ türlichen Erhabenheit zurückzurufen und ſo meinen Aufenthalt bei Ihnen nützlich für Sie zu machen; denn morgen vielleicht . . . wer weiß? werden wir ge⸗ nöthigt ſein, dieſes Aſyl zu verlaſſen.“ „Ich bitte, Madame, haben Sie nicht dieſen Ge⸗ danken.“ „Ich will Sie nicht erſchrecken, liebes Kind, ich will Ihnen nur die Dringlichkeit begreiflich machen, mit der ich Sie von einem ſchlimmen, verhängnißvollen Weg ohne Ausgang abzubringen ſuche.“ „Ja, ohne Ausgang, und das iſt es, was mich nie⸗ derdrückt.“ „Und das iſt es, was Ihren Muth erheben ſollte. Hören Sie, mein Kind, ich ſehe es; wie ſo viele junge Mädchen, haben Sie geheirathet, weil man Sie verhei⸗ rathet hat; obgleich Ihr Gatte gut genug begabt zu ſein ſcheint, um etwas Beſſeres einzuflößen, als Gleich⸗ gültigkeit. Ich gebe aber zu, daß ſeine lange Welter⸗ fahrung, der Ernſt ſeines Geiſtes und andere Urſachen ohne Zweifel, die ich nicht kenne, Ihnen Scheu einge⸗ ſlößt und Sie kalt gemacht haben; ich gebe auch zu, daß zwiſchen ſeinen Neigungen und den Ihrigen, zwi⸗ ſchen ſeinem Charakter und dem Ihrigen, wenn nicht Apathie, doch wenig Uebereinſtimmung ſtattfindet; ich gebe endlich zu, daß Sie einen tiefen Schlaf dem Kum⸗ mer vorziehen; aber wohin ſoll dieſe tadelnswerthe Apathie Sie führen? „Ich weiß es nicht.“ „Welche für das Herz gute und ſüße Erinnerungen fönnen Sie am Ende jedes Tages herbeirufen?“ „Keine. . . Ich beeile mich, einzuſchlafen.“ „Und das heißen Sie leben?“ 187 „Ach! nein.“ „Wiſſen Sie, wohin Sie das führen müßte, wenn Sie ſo fortvegetiren würden? Entweder zum Blödfinn oder zur Verzweiflung.“ „Ich glaube es, Madame.“ „Das, was Sie Ihren Schlaf nennen, wird, glau⸗ ben Sie mir, früher oder ſpäter ein Erwachen haben, ein vielleicht unſeliges Erwachen. Bedenken Sie doch, Sie ſind erſt neunzehn Jahre alt. Nein, nein, der moraliſche Selbſtmord iſt ein Verbrechen. Sie müſſen alſo leben! ja, thätig, energiſch leben durch das Gute und für das Gute. Begabt, wie Sie ſind, haben ſie nicht das Recht, Ihre Eigenſchaften in einer unfrucht⸗ baren Trägheit zu vergraben! Nein, Gott hat ſie Ihnen geſchenkt für das Glück der Andern und für Ihr Glück. Auf, mein Kind, Muth; erwachen Sie, Muth! . zur Pflicht! zur Pflicht! In ihrer Erfüllung wer⸗ den Sie neue Kläfte, große, reine Genüſſe finden. Muth! mit der Selbſtzufriedenheit kommt immer die Nachſicht. Was Ihnen heute, mit Recht oder mit Un⸗ recht, bei Ihrem Manne anſtößig iſt, . wird morgen Ihre Verzeihung haben. Beſſer noch indem fie ſich ſo verwandeln, werden Sie Ihrem Gatten eine ſo hobe Achtung, eine ſo zarte Bewunderung einflößen, daß Sie ihn zu Ihren Füßen ſchen werden ſo wie Sie ihn ſich vielleicht geträumt haben, und Ihre Seele wird nicht mehr allein ſein.“ „Oh! ich danie, Madame,“ rief ich, wiederbelebt, erhoben durch die feurigen Worte von Madame Ray⸗ mond. „Ja, ich werde Ihren Rath befolgen Ja, Sie ſprechen die Wahrheit. . . Sie geben mich mir ſelbſt zurück. . . Seit langer Zeit war ich träge, eis⸗ kalt, als ob mein Blut in meinen Adern ſtille geſtanden wäre . . .; und bei Ihrer Stimme ſcheint mir die Wärme wieder in mein Herz gekommen zu ſein . Ah! Sie ſind mein rettender Engel.“ 188 Und ich konnte mich nicht erwehren, mit Bitter⸗ keit auszurufen: „Warum habe ich nicht eine Mutter wie Sie? Viel Kummer wäre mir erſpart geweſen . . . Meine Mutter iſt indeſſen gut und zärtlich; aber, ach! ſie ver⸗ ſieht mein Herz nicht . . . das iſt ohne Zweifel mein Fehler.“ . „Ja, das muß Ihr Fehler ſein, liebes Kind; Ihre Mutter wird ſich vielleicht in ihrer Art, Sie zu lieben, getäuſcht haben. Es gibt ſo viele Arten, ſeine Töchter zu lieben; nun denn! in ihrer Abweſenheit will ich ihre Stelle bei Ihnen vertreten.“ „Oh! wie gut ſind Sie.“ „Sie werden mir gehorchen?“ „Mit Freude und Dankbarkeit.“ „Wohl! morgen früh zur Stunde, wo Sie in die Meſſe gehen, holen Sie mich in meinem Zimmer abz wir fangen ſo den Tag an, und Sie werden ſehen, daß ich keine ſchlechte Rathgeberin bin,“ ſprach Madame Rahmond zu mir, während ſie aufſtand und mir ihre Hand reichte, die ich mit einer frommen Dankbarkeit drückte. „Sobald ich Herrn Dupleſſis ſehe, werde ich ihm ſagen, daß ich Ihnen unſer Geheimniß anvertraut, daß ich Sie ſehr wegen Ihrer Apathie geſcholten habe. die er hätte bekämpfen müſſen, ſtatt ſie zu dulden, wenn er nicht ſogar dazu antrieb, was ich im höchſten Maße tadeln würde, und er wird mich hören, denn glauben Sie mir, mein Kind, das iſt ein Mann von Herz und Verſtand.. Er hat vielleicht ſeine Ver⸗ kehrtheiten, aber ich habe Ihnen geſagt, verwandeln Sie ſich, und Sie werden ihn verwandeln: dann end⸗ lich ſind Ihre beiden Eriſtenzen für immer mit einander verbunden; helfen Sie ſich, unterſtützen Sie ſich auf dieſem Wege des Guten, den ich Ihnen bezeichne und den Ihnen der Reichthum wenigſtens leicht macht, wäh⸗ rend für ſo viele Andere, Enterbte. mein Kind, die Ar⸗ 189 muth, die Unwiſſenheit, die Verlaſſenheit auf jedem Schritte dieſes Weges gefährliche Klippen ausſäen!“ Dies war meine Unterredung mit Madame Ray⸗ mond, liebe Hermance. Ich kann Dir nicht ausdrücken, wie wohl ſie mir gethan hat; ich fühlte meine Kräfte wiedergeboren werden; ich ſchämte mich der Erniedri⸗ gung, der Verdumpfung, in die ich mich mit meinem Belieben verſenkte; mit einem Wort, ich bin, wie ge⸗ ſagt, als Deine Albine von einſt wiedererwacht. Ich muß dieſen Brief unterbrechen, der hr werden wird. i e — XLII. Albine an Hermance. (Fortſetzung.) Ich hatte meinen Brief unterbrochen, liebe Her⸗ mance; ich ſetze ihn fort. 56 ſagte Dir von Anfang, Madame Raymond habe einen Sohn, den ſie anbete, und von dem ſie an⸗ gebetet werde. Als ich Herrn Jean Raymond zum erſten Male ſah, war er ſehr leidend (ich habe ſeitdem von ſeiner Mutter erfahren, daß er im Druell ſchwer verwundet worden war). Obſchon ich von dieſem Umſtand bei unſerem erſten Zuſammentreffen nichts wußte, ſo hatte doch ſein Geſicht einen ſo edlen und zugleich ſo ſanften Ausdruck, daß ich mich davon ergriffen fühlte; ich er⸗ wartete eine ganz andere Erſcheinung in Jean zu fin⸗ den; höre, warum: Mein Mann, als er mir ankündigte, ich werde den Sohn der angeblichen Marquiſe von Bertenil am 190 Abend ſehen, ſprach mit mir von ihm mit einer ſonder⸗ baren Hartnäckigkeit und mit ſeltſamen Widerſprüchen; er behandelte ihn bald gut, bald ſchlecht, ſagte mir zuerſt, mit einer ziemlich ſpöttiſchen Miene, ſein Freund ſei ſchön wie ein Romanheld, fügte aber dann bei, gewiſſe Perſonen finden ſein Geſicht hart und gemein; es ſei ein Menſch von einem edlen und erhabenen Cha⸗ rakter; er bete ſeine Mutter an, erniedrige ſich aber dadurch, daß er ſeine Zuneigung unwürdigen Creaturen zuwende. Da mir der Sinn dieſes letzten Vorwurfs nicht ganz klar war, ſo bat ich Herrn Dupleſſis, ſich be⸗ ſtimmter zu erklären; er weigerte ſich deſſen, lobte meine unſchuldige Unwiſſenheit, und fügte nur bei, Herr Jean Raymond behandle die Frauen mit einer tiefen Verachtung, und er habe die ſchlechteſte Meinung von ihnen. Dieſe Widerſprüche meines Mannes, ſein verlege⸗ nes Weſen, als er von ſeinem Freunde mit einem halb vitteren, halb wohlwollenden Tone ſprach, brachten mich auf den Gedanken, er ſei eiferſüchtig auf ihn ... Wo⸗ rüber? Ich wußte es nicht. Ich habe Dir von meiner gewöhnlichen Albernheit in Gegenwart von Herrn Dupleſſis, und wie wenig ich mich gegen ihn zu ergießen geneigt fühle, geſagt; weit entfernt, ihm das Erſtaunen zu bezeigen, das mir die Art, wie er von ſeinem Freunde ſprach, verurin⸗ und ihm etwas von der Neugierde zu ſagen, die ſie mir einflößte, ſchwieg ich auch und beſchränkte mich darauf, daß ich nach meiner Gewohnheit mit Ja und Nein antwortete. Ich vergaß, Dir mitzutheilen, daß mich Herr Du⸗ pleſſis zu wiederholten Malen ermahnt hatte, ſehr zu⸗ rückhaltend gegen Herrn Raymond zu ſein. Dabei war es an dem Tage, wo ich dieſen ſehen ſollte, meinem Manne eingefallen, mir in Betreff meiner Toilette ge⸗ wiſſe Rathſchläge zu geben, denen ich entnahm, er 191 wünſche mich am Abend ſo viel als möglich zu meinem Nachtheil gekleidet zu ſehen, Wozu ſollten dieſe kleinen Ränke, dieſe kleinen Falſchheiten dienen? Ich wußte es nicht. Aber ſie hatten zur Folge, daß ſie in mir eine ſehr große Be⸗ gierde, Herrn Jean Raymond zu ſehen, erregten. Er kam alſo; ſein Anblick verurſachte bei mir das Erſtaunen, von dem ich Dir geſagt habe. Man plau⸗ derte an dieſem Abend ſehr viel. Durch die Gegenwart meines Mannes, deſſen Angen mich beinahe nicht ver⸗ ließen, und in Folge der Schüchternheit, die mir die Fremden immer einflößen, war ich noch alberner als gewöhnlich. Ich wagte es kaum, ein paar Worte aus⸗ zuſprechen, aber ich hörte, ich beobachtete, und dachte beſonders viel nach. Der Zufall brachte das Geſpräch auf einen zugleich ernſten und rührenden Gegenſtand. Herr Jean, ſeine Mutter und Herr Charpentier (er hatte Anfangs für den Marquis von Berteuil gegolten) behaupteten, es ſei unmenſchlich, abſcheulich, eine Menge von Unglück⸗ lichen beinahe eben ſo verdumpft zu laſſen, als das Vieh, ſtatt bei ihnen die Fähigkeit zu Genüſſen der Kunſt und des Geiſtes zu erwecken, womit Gott inſtinet⸗ artig alle ſeine Geſchöpfe begabt habe. Ich ſage Dir hier mit ein paar Worten den Ge⸗ genſtand des Geſprächs; ich müßte eine Beredtſamkeit beſitzen, die ich nicht habe, um Dir auszudrücken, mit welcher Erhabenheit, mit welcher Tiefe des Gefühls für die Menſchheit Herr Jean und ſeine Mutter ihre Meinung behaupteten; ich hörte Beiden mit Entzücken, ich möchte beinahe ſagen, mit Stolz zu; mir ſchien, ſie offenbaren mir meine eigenen Gedanken, ſo ſehr ſym⸗ pathiſirte ich mit den ihrigen. Herr Dupleſſis behaupiete eine der ſeines Freundes entgegengeſetzte Anſicht, griff ihn oft mit Geiſt und JIronie, doch beinahe immer mit einer ſchlecht verhehl⸗ ten Bitterkeit an, während Herr Jean unabläſſig eine 102 reizende Herzlichkeit an den Tag legte; man ſah übri⸗ gens, daß ihn weder die Luſt, zu ſtreiten, noch das Bedürfniß, ſeinen Ideen den Sieg zu verſchaffen, noch die Eitelkeit, beredt zu ſcheinen, bei dieſer Unterhaltung anfeuerten; nein, Alles, was er ſprach, war ſo einfach, ſo edel, ſo natürlich ausgedrückt, daß man, wenn ich ſo ſagen darf, ſein Herz in jedem von ſeinen edlen und rührenden Worten ſchlagen fühlte. . .. Und dann hat er eine Stimme . . ich habe keine ähnliche Stimme gehört . . .; obgleich männlich und klangvoll, hat ſie doch zuweilen Biegungen von einer unbeſchreiblichen Weichheit und Zartheit; ſie contraſtirt um ſo mehr mit ſeiner energiſchen Geſichtsbildung und ſeiner zu⸗ weilen, beſonders, wenn ihn die Entrüſtung fortreißt, ein wenig ungeſtümen Geberde. Er faßte ſeine Mei⸗ nung in folgenden Worten zuſammen, die ich wohl behalten habe: „Ja, Gott hat unſere Seele mit Inſtincten, mit Bedürfniſſen, mit Begierden begabt, welche noch gebie⸗ teriſcher, als die des Leibes, und dieſe göttlichen In⸗ ſpirationen verkennen oder ſie erſticken iſt ein Verbrechen, iſt ein ſchändliches Ver⸗ rechen!“ Nein, ich vermöchte Dir nicht auszudrücken, mit welchem zugleich ſchmerzlichen und empörten Tone er dieſe letzten Worte: es iſt ein abſcheuliches Ver⸗ brechen, es iſt ein ſchändliches Verbrechen, ſprach. Bis dahin halb liegend, richtete er ſich in ſeiner ganzen Höhe auf, und, das Auge glänzend die Wangen geröthet, das Geſicht bebend, ſchien er mit einer heftigen, anklagenden Geberde den Geiſt zu brand⸗ marken, den er als niederträchtig verfolgte. Ich ſchaute ihn, unwillkürlich ſeine heſtige Ge⸗ müthsbewegung theilend, an, als ich ihn plötzlich er⸗ bleichen, mit dem Ausdrucke eines lebhaften Schmerzes zurückſinken und raſch an ſeine Lippe ſein Taſchentuch 193 drücken ſah, das ſogleich von Blut roth gefärbt war; dann wurde Herr Jean ohnmächtig. Das that mir wehe. Madame Rahmond eilte auf ihren Sohn zu. Man brachte ihn in ſein Zimmer zurück. Ich habe ſeitdem erfahren, daß die Folgen ſeiner Wunde dieſen ernſten Unfall verurſacht hatten. Als ich allein blieb, während man Herrn Jean in ſein Zimmer brachte, dachte ich über Alles nach, was ich gehört hatte. Das war eine Offenbarung für mich. Das Benehmen meines Mannes erſchien mir in ſeinem wahren Lichte. Er hatte mich im Wohlbehagen betäubt, um mich in der Unwiſſenheit über mich ſelbſt zu laſſen, und nie mit jenen Bedürfniſſen der Seele rechnen zu müſſen, welche, wie Du weißt, ſich lange, ehe ich ver⸗ heirathet war, für mich durch den Gedanken aus⸗ drückten: „ — In der Ehe das Feſt meiner Jugend ... mit einem Gefährten von meinem Alter und von mei⸗ nen Neigungen ſehen . . .“ Herr Dupleſſis, da er dieſen Inſtincten meines Herzens nicht entſprechen wollte oder nicht konnte, hat ſie zu vereiſen, auszulöſchen geſucht. Ich geſtehe Dir, Hermance, obgleich die Selbſt⸗ ſucht und die Herzenstrockenheit meines Mannes augen⸗ ſcheinlich ſind, fühle ich doch keinen Haß gegen ihn; weit hievon entfernt, beklage ich ihn, wenn ich an die tauſend Beängſtiaungen denke, von denen er aemartert werden muß. Befindet er ſich nicht in der ſeltſamen Lage eines Menſchen, der die Ruhe, das Glück ſeines Lebens vom Schlafe einer andern Perſon abhänaig machen würde? und der, die Augen auf dieſe geheftet, voll Angſt die gerinaſte Bewegung ihres Geſichtes, in der Furcht, ſie erwachen zu ſehen, beſpähen würde? Dieſes Mitleid war ſo wahr, daß, als Herr Dupleſſis zu mir fam, nachdem er ſeinen Freund ver⸗ laſſen hatte, und mich mit einer beinahe änaſtlichen Miene über den Eindruck, den das Geſpräch am Abend Fernand Dupleſſis. M. 13 194 auf mich gemacht, befragte, ich ihn beruhigte, indem ich ihn überredete, ich habe nichts von den für mich zu hohen Ideen verſtanden; dann erklärte ich mir auch die Verlegenheit, eine Art von Eiferſucht, welche unter allen Widerſprüchen meines Mannes, in Bezie⸗ hung auf Jean Raymond, durchdrangen; er kannte ohne Zweifel ſeine edlen Anſichten, und er wollte mich miß⸗ trauiſch gegen ihn machen. Einige Tage nach dem Abend, von dem ich ſpreche, hatte ich mit Madame Raymond die lange Unterredung, die ich Dir am Anfange dieſes Briefes mitgetheilt habe. Du haſt geſehen, dieſe liebenswürdige, reizende Frau ſchalt mich mütterlich wegen meiner Apathie, und obgleich ich nun begriff, in welcher Abſicht Herr Dupleſſis mich zu dieſer völligen Selbſtvergeſſenheit geführt hatte, ſuchte ich doch den Rathſchlägen von Madame Raymond zu widerſtehen, die mich Anfangs begeiſtert hatten. Weit entfernt, mir Federkraft zu geben, und wäre es nur die der Entrüſtung geweſen, hatte mich die Entdeckung des geheimen Motivs beim Benehmen meines Mannes vernichtet und mir noch gebieteriſcher die Nothwendigkeit, um jeden Preis den Gedanken, die Ueberlegung zu fliehen und noch nega⸗ tiver, als vorher, zu vegetiren, fühlbar gemacht. „An die Gegenwart denken, die Zukunft in ihrer ſchmerzlichen Wirklichkeit im Auge haben,“ ſagte ich zu mir, „wäre das nicht, um vor Kummer toll zu werden; hieße das nicht in meinem Herzen tauſend gehäſſige, gegen den Mann, an den mein Geſchick ge⸗ kettet iſt, machtloſe Empfindungen aufrühren?“ Gott ſei Dank, die Beharrlichkeit und der unwider⸗ ſtehliche Einfluß von Madame Raymond haben mich wiederbelebt, in meinen eigenen Augen wiedererhoben, und nach einigen neuen Unterredungen mit ihr hat 4 meine alberne, traurige Erſchlaffung der Hoffnung Platz gemacht und mir den feſten Entſchluß eingegeben, das Aecchc 195 Vergeſſen eines unwiederbringlichen Uebels in der Erfül⸗ lung großer Pflichten zu ſuchen. „Beſtimmt, immer mit Ihrem Manne zu leben,“ ſagte Madame Raymond zu mir, „müſſen Sie ihn zu verwandeln ſuchen, indem Sie ſich ſelbſt verwandeln, (vielleicht eine vergebliche Hoffnung!) oder darnach trachten, wenigſtens Ihre gemeinſchaftliche Lage erträg⸗ lich zu machen.“ Das war, wie Du weißt, mein Gedanke nach meiner Verheirathung geweſen. Ich hatte dieſes Ziel ungefähr für meinen Mann und mich erreicht, indem ich lebte wie ich lebte; ich will nun bemüht ſein, durch andere Mittel zu einem Reſultate zu gelangen, das eben ſo erhaben, als das frühere elend war, da ich, ſtatt das Glück in einer unfruchtbaren und ſchmählichen Selbſtvernichtung zu ſuchen, es fortan in edlen Ge⸗ danken und Handlungen ſuchen werde. . .. . Du haſt mich ſchon viele Metamorphoſen erleiden ſehen, liebe Hermance; möchte dieſe die letzte ſein, möchte ſie beſonders glücklich ſein! Ich will dieſen Brief noch nicht ſchließen, denn die Gegenwart unſerer Gäſte erſchwert mir unſer ein⸗ ziges Correſpondenzmittel. z XLIII. Fortſetzung des Tagebuchs. Dieſen Morgen nach dem Frühſtück bat mich Madame Raymond, ihr den Arm zu geben, um, wie ſie ſagte, den neuen Kuhſtall zu beſuchen; das war ein Vorwand, um eine lange Unterredung mit mir zu haben. Dieſe Unterredung war folgende: „Mein lieber Herr Dupleſſis,“ ſprach Madame Raymond zu mir, als wir einige Schritte vom Schloß entfernt waren, „ich glaubte Ihre Frau in unſer Vertrauen ziehen zu müſſen.“ „Madame, das iſt vielleicht eine Unvorſichtigkeit.“ „Befürchten Sie das nicht... Ich hatte übrigens mehrere Gründe, meinen Namen Madame Dupleſſis nicht länger zu verſchweigen. Einmal,“ fügte Madame Rahmond lächelnd bei, „war es mir unangenehm, meinen armen Freund Charpentier als den Gegenſtand des Abſcheus Ihrer Frau zu ſehen . . . die ihn fur ein Ungeheuer der Grauſamkeit hielt; dann, unter uns geſagt, war ich auch nicht entzückt, als eine alberne, für die ſchönen Zeiten der Feudalität ſchwärmende Marquiſe angeſehen zu werden. Endlich,“ ſprach Madame Raymond mit ernſtem, innigen Tone, „endlich wollte ich das Vertrauen von Madame Dupleſſis ge⸗ winnen; zu dieſem Ende mußte ich ihr einen Veweis von Offenherzigkeit geben, indem ich einer Lüge ein Ziel ſetzte, durch die man dieſes liebe Kind beihörte.“ ʒ „Ich ſagte Ihnen, Madame, warum ich es für klug erachtete, meiner Frau nichts anzuvertrauen. Die Zukunft wird hoffentlich beweiſen, daß ich mich in meinen Vorherſehungen täuſchte.“ „Mein lieber Herr Dupleſſis, es war, wie ich Ihnen ſo eben bemerkt habe, mein Wunſch, das Ver⸗ trauen Ihrer Frau zu erlangen .. Wiſſen Sie, in welcher Abſicht?“ „Nein, Madame?“ „Sind Sie nicht betroffen von der indolenten Träg⸗ heit, in welche Albine verſunken iſt? Ich ſage Albine, das iſt eine Vertraulichkeit, zu der mich mein Alter berechtigt.“ 6 „Unter uns geſagt, Madame, und aus dem Geſichts⸗ punkte des zurückgezogenen Lebens, das ich führe, ziehe ich eine eingeſchlafene Frau . einer zu ſehr aufge⸗ weckten Frau vor.“ 197 „Warum dies?“ „Ich ſinde hierin Garantien der Sicherheit, der Ruhe für mich und auch Glück für meine Frau.“ „Sie glauben?“ . „Ich bin deſſen ſicher.“ „Sie ſind ſicher, daß Albine glücklich iſt?“ „Glücklich . beziehungsweiſe; ebenſo wie ich . auch beziehungsweiſe glücklich bin . . . Wer iſt völlig glucklich nach ſeinen Wünſchen?“ „Was fehlt Ihnen? Sie haben eine reizende junge Frau voll Gemüth und Geiſt, ja, Geiſt, viel Geiſt, lächeln Sie nicht mit einer ungläubigen Miene, wir werden ſogleich auf dieſen Punkt zurückkommen.“ „In Erwartung Ihrer Offenbarungen in dieſer Hinſicht, muß ich Ihnen geſtehen, Madame, daß ich jung, ſchnell und viel gelebt habe; moraliſch genommen . habe ich nun das Doppelte meines Alters, und Albine zählt erſt neunzehn Jahre.“ „So daß, da Sie Ihre Frau zu jung finden und ſie nicht alt machen können . . .“ „Ich ſuche ſie einzuſchläfern, bis das Alter ihrem Geiſte eine Reife gegeben hat, die mich beruhigt.“ „Und Sie glauben, es ſei richtig, es ſei gut, was Sie thun?“ „Ja, Madame.“ „Sie ſagen ſich nie, dieſe junge Frau, die Sie in ſich ſelbſt zurückdrängen, Gott habe ſie für alle zärtliche Gefühle, für alle Genüſſe des Herzens prä⸗ disponirt? Sie glauben Ihre Pflichten als ehrlicher Mann erfüllt zu haben, weil Sie Albine alle materielle Wohlfahrt gegeben, die ſich eine Frau wünſchen kann? weil Sie für ſie die Rückſichten haben, die ſie der Frau ſchuldig ſind, welche Ihren Namen führt?“ „Was kann ich ihr mehr geben?“ Sie beklagt ſich nicht, was ich Ihnen ſogleich erklären muß; nein, denn in der langen Unterredung, welche ich dieſen Morgen mit ihr gehabt habe, iſt 198 nicht ein Wort der Anſchuldigung über ihre Lippen gekommen.“ „Sie ſehen wohl, Madame? . ..5 „Sie hat ſich nicht nur nicht beklagt, ſondern Sie ſr darüber gerechtfertigt, daß Sie ſie für dumm halten.“ „Ah! ſind wir hiebei, Madame!“ rief ich lächelnd. „Geſtehen Sie doch, daß ich nicht der Rechtfertigung meiner Frau bedurfte, um freigeſprochen zu werden. Seit Ihrem Aufenthalte hier haben Sie Albine beur⸗ theilen muͤſſen.“ „Und erſt dieſen Morgen vermochte ich ſie zu ſchätzen. Ah! warum waren Sie nicht dabei, mein Herr! Wie ich, wären Sie entzückt, gerührt geweſen von dieſer zugleich ſo beredten, ſo naiven und ſo ver⸗ nünftigen Sprache! Sie wären wie ich erſtaunt gewe⸗ ſen über die Zartheit, zuweilen ſogar über die Erha⸗ benheit ihres Geiſtes. Ja, warum waren Sie nicht dabei, Sie wären vor ihr auf die Kniee gefallen, wie Sie auf die Kniee fallen werden von dem Tage an, vons es verdient haben, daß ſie ſich Ihnen ent⸗ üllt.“ „Sie ſprechen ſo ernſthaft, Madame, daß es mir unmöglich iſt, Ihnen nicht zu glauben,“ rief ich. „Und wenn ich Ihnen glaube, ſo muß ich meine Frau einer ungeheuren Verſtellung bezüchtigen.“ 5 „Verſtellung!“ erwiederte lebhaft Madame Ray⸗ mond mit einem Ausdrucke des Vorwurfs. „Sie ſind alſo Heuchler, diejenigen, welche ſchweigſam und düſter vor der Kälte oder der Verachtung bleiben? Sie ſind alſo Heuchler, diejenigen, deren Lippen eher ſtumm bleiben, als daß ſte ihr Herz belügen würden? Sie bezüchtigen Ihre Frau der Verſtellung! und mit wel⸗ chem Rechte, mein Herr? Was haben Sie denn ge⸗ than, um ihr Vertrauen und ihre Hingebung zu 5 dienen? Was haben Sie denn verſucht, daß ſie Ihnen die Schätze ihrer Seele öffne? Und dieſe Seele iſt 199 groß, und ſchön, und rein, das betheuere ich Ihnen. Sie haben ſich alſo geſagt, wie die Biſchöfe ich weiß nicht welches Concils, die auch leugneten, daß die Frau eine Seele habe: „„Bah! wenn ſie nur ißt und trinkt, ſchläft, warm hat, elegant gekleidet iſt, ſo bin ich quitt gegen ſie! Die Seele, das Herz! Was iſt das? Chimäre! Vorurtheile! Es ſind die Dichter, die Tränmer, welche behaupten, Gott habe jede Frau geſchaffen und begabt, um eines Tags die berauſchenden Freuden, die himmliſchen Pflichten der Liebe, getheilt mit dem Gatten ihrer Wahl, kennen zu lernen. Irr⸗ thum! Tollheit! Wie viele Frauen kennen dieſe ideale Liebe? Eine von tauſend vielleicht. Sind die Anderen darum unglücklicher, weil ſie ſterben, ohne dieſes Glück gekannt zu haben?““ Ja, mein Herr, ſie ſterben, ſich ſelbſt nicht kennend, es ſterben aber auch mit ihnen unbekannte Schätze von Empfindbarkeit, von Selbſt⸗ verleugnung, von Tugend, oft ſogar von Heldenmuth, welche die Liebe dem Gatten, der ſie geliebt hätte, enthüllt haben würde. Ah! viele Männer ſind noch mehr zu beklagen, als die Frauen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie verlieren!“ „Glauben Sie mir, Madame, es gibt andere Männer, die auch zu beklagen ſind ... Das ſind diejenigen, welche faſt glücklich .. . bis zu dem Augen⸗ blick, wo eine plötzliche Offenbarung. ich will nicht ſagen, eine verhängnißvolle Vergleichung, ihnen die Eitelkeit ihres vergangenen Glückes gezeigt hat, die Unmöglichfeit ihres zukünftigen Glückes erkennen.... So iſt es beimir.“ „Bei Ihnen, mein Herr?“ „Ah! warum habe ich, ſtatt ein Mädchen zu hei⸗ rathen, dem ich Furcht einflöße, das mir mißtraut, nicht eine von den Frauen geheirathet, die mit den Reizen der Jugend die Vernunft, die geiſtige Solidität des reiferen Alters verbinden!“ Ich hatte unwillkürlich dieſe Worte ſo lebhaft be⸗ tont, daß ich von Madame Rahmond begriffen worden 200 zu ſein hoffte oder vielmehr befürchtete; doch ſie war von dieſem Gedanken ſo weit entfernt, daß ſie lachte und die Achſelu zuckend zu mir ſagte: „Eine Frau von meinem Alter, nicht wahr? . Das iſt es, was ſie brauchten! Iſt es möglich, Herr Fernand, die Verkennung des Glückes, das man hat, ſo weit zu treiben! Aber, ich bitte, laſſen Sie uns im Ernſte ſprechen . . . und verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen ein wenig wegen Ihrer Anrufung der Frauen von vierzig bis fünfzig Jahren ins Geſicht gelacht habe. Glauben Sie mir, es hängt von Ihnen ab, der Glück⸗ lichſte der Menſchen zu ſein, ſich von Ihrer Frau an⸗ beten zu laſſen. .. Denken Sie, ich hätte bei Ihnen einen ſo zarten, ſo ernſten Gegenſtand berührt . . ohne zu wiſſen, was ich that . .. worauf ich abzielte? Mein Gott! welchen anderen Zweck kann ich haben .. als den, bemüht zu ſein, Ihnen meine Dankbarkeit zu be⸗ weiſen ... Ihnen. . . Ihnen, der Sie in dieſem Augenblick meinem Sohne das Leben retteten,“ fügte Madame Ray⸗ mond, die Augen von Thränen befeuchter, bei, „denn ohne Ihre edelmüthige Gaſtfreundſchaſt wäre Jean im Gefängniß an den Folgen ſeiner Wunde geſtorben. Ich ſagte auch dieſen Morgen Ihrer lieben Frau, ich hege den einzigen Wunſch, mein Aufenthalt hier möchte, ſollte er auch nur kurz dauern, Ihnen Beiden nützlich ſein. Auf,“ ſprach ſie mit einem bezaubernden Lächeln, „auf, Herr Fernand, ſeien Sie alſo vernünftig, wie ich Ihnen vor eilf Jahren . . . bei mir . . . im Faubourg Saint⸗Antvine ſagte. . . . Sie wiſſen? als Sie noch Schüler waren und ich Ihnen Sitten predigte? Laſſen Sie mich Ihnen abermals predigen, derſelbe Alters⸗ unterſchied bevollmächtigt mich, meine Großmutterrolle fortzuſetzen. Ei! mein Gott! ich tadle Sie nur halb; Sie folzen dem allgemeinen Jirthum. In den Augen der Welt wäre Ihr Benehmen gegen Ihre Frau ſtreng untadelbaft; Sie ſind artig gegen ſie, nichts fehlt ihr. Was kann ſie mehr wünſchen? Doch Sie haben 201 zu viel Redlichfeit, zu viel Gemüth, um nicht zu füh⸗ len, daß eine Frau wie die Ihrige etwas Beſſeres als dies verdient.“ „Mein Gott! was ſoll ich thun? Was Sie mir von ihr ſagen, bringt mich ganz in Verwirrung.“ „Ihr Benehmen iſt ganz einfach, ſeien Sie gut, ſeien Sie zärtlich gegen Albine, verſchanzen Sie ſich nicht mehr in Ihre kalte Würde, behandeln Sie dieſes arme Kind nicht mehr von der Höhe Ihrer Lebenserfahrung herab; ſeien Sie gegen Ihre Frau nicht wie ein ernſter Vor⸗ mund gegen ſeine Mündel; ſeien Sie im Gegentheil ſo viel als möglich vom Alter von Albine . . Statt ihr zu imponiren, ziehen Sie ſie an ſich, bezaubern Sie ſie, erwärmen Sie wieder dieſes arme junge Herz, und Sie werden wie durch ein Wunder das Eis ſchmelzen ſehen, das Sie von einander trennt! Machen Sie, daß Sie von ihr geliebt werden, ſtatt zu machen, daß ſie Sie erträgt oder ſogar achtet; es iſt noch Zeit, Albine iſt noch nicht neunzehn Jahre alt . 3 Alles⸗ was Empfindſames, Liebevolles, Leidenſchaftliches in ihr iſt, verlangt nur, auf Ihren Hauch ſich zu er⸗ ſchließen . . . Befürchten Sie ubrigens von ihrer Seite nicht die Zudringlichkeit ihrer Zärtlichkeit .. . ich habe hiefür Vorſorge getragen ...“ „Was ſagen Sie, Madame?“ „Morgen werden Sie mein Geheimniß erfahren; Sie werden alſo, ich wiederhole es Ihnen, die In⸗ discretion einer müßigen Zärtlichkeit nicht zu befürchten haben. Nur, Herr Fernand, ermuthigen Sie dieſes liebenswürdige Kind, unterſtützen Sie es auf dem gu⸗ ten Wege, den ich ihm vorgezeichnet habe, benützen Sie zum Vortheil von Ihnen Beiden dieſe edle Erxal⸗ tation, welche die Gewohnheit der hochherzigen Gedan⸗ ken und Handlungen gibt . .. Loben Sie Albine ſo zart, daß ſie, wenn ſie Sie hort, noch mehr glücklich, als ſtolz wegen ihrer ſanften Tugenden ſein wird; das Gefühl des Guten, des Gerechten und des Schönen 202 vermenge ſich bei ihr mit ihrer Liebe für Sie, ſie lerne endlich durch Sie das berauſchende Glück, zu lieben und geliebt zu ſein, kennen . . . Mit einem Wort . von heute an machen Sie Ihrer Frau den Hof . . .; Sie ſind hiefür ſo gut geſtellt,“ fügte Ma⸗ dame Raymond voll Feinheit lächelnd bei, „Sie haben ſo viele Vortheile . . keine Eiferſüchtige, keine Ne⸗ benbuhler . . . Ah! wenn ich an Ihrem Platze wäre .. ich wollte der Liebhaber meiner Frau werden und ehe ein Monat verginge, es dahin bringen, daß ſie mich anbeten würde . . .“ Es lag ein ſo überredender Reiz in den Worten von Madame Raymond, ſie lieh der Pflicht, der Vernunft eine ſo anziehende Sprache; ihre Stimme, ihr Geſicht, ihr Ausdruck, ihre ganze Perſon übten auf mich eine ſo unbegreifliche Macht aus, daß ich ihr nicht weniger plötzlich als vor eilf Jahren unterlag, wo ich, bezau⸗ bert von dieſer ſeltſamen Frau, den Entſchluß faßte, mit Jean in die Schule der Künſte und Wiſſenſchaften einzutreten, ſtatt mich dem Militärſtande zu widmen. Wird mein Entſchluß von dieſem Morgen, trotz des beſchworenen Verſprechens, ſo eitel ſein, als mein Entſchluß vor eilf Jahren? Ich weiß nicht, doch bei der Stimme von Madame Rahmond bin ich zu mir ſelbſt gekommen, ich habe den Wahnſinn meiner Liebe für ſie, die Richtigkeit ihrer Rathſchläge, denen mein Eiferſuchtsinſtinet gegen Jean ein neues Anſehen verlieh, gefühtt; ergriffen endlich von dem, was Pi⸗ quantes in der Iee lag, nach einer Ehe von unge⸗ fähr einem Jahre der Liebhaber meiner Frau zu wer⸗ den, ſie ſich mir unter einem neuen Lichte enthüllen zu ſehen, beſchloß ich, den Rath von Madame Raymond zu befolgen, und ich antwortete ihr aufrichtig und aus der Tiefe meines Herzens: 6 „Ja, ja, Madame, Sie haben Recht; ich ſchäme mich meines Benehmens gegen Albine und bereue es; ich ſah in dieſem Benehmen ein Pfand der Sicherheit ——— 203 für die Zukunft . . . Doch ich täuſchte mich ohne Zweifel .. . Und wenn ich auch richtig geſehen hätte, ſo urtheilte ich doch mit einem grauſamen Egpiemus. Ihre Stimme erleuchtet mich; ja, Albine wird das Glück, zu lieben, kennen lernen, ſie wird es ohne Furcht genießen ... Was auch geſchehen mag, ich werde wenigſtens als Mann von Herz gehandelt haben, da Sie, Madame, mir ſagen werden: Es iſt gut . .. ich bin zufrieden.“ „Und ich ſage es Ihnen, Herr Fernand, es iſt gut, ich bin zufrieden,“ erwiederte Madame Raymond bewegt, indem ſie mir die Hand reichte. „Ja, Sie ſind ein Mann von einem guten und würdigen Herzen, und an dieſes Herz müſſen Sie ſich immer wenden, nie täuſcht Sie ſeine erſte Bewegung.“ Nach dieſen Worten drückte mir Mabume Ray⸗ mond voll Innigkeit die Hand. 2 Was ich den Druck dieſer ſo ſanften, ſo reizendem kleinen Hand erwiedernd empfunden habe, iſt unaus⸗ ſprechlich. Ich fühlte das Blut mir ins Herz und ins Geſicht fließen, trotz deſſen, was ich Madame Raymond über meine weiſen Entſchlüſſe geſagt hatte. Zum Glück begegneten wir Charpentier, der den Spazier⸗ gang mit uns fortſetzte. XLIV. Slbine an Hermancr. Ah! meine Freundin, welch ein Glück für mich, daß ich den Rath von Madame Raymond befolgt habe! Sie hat mich anferweckt. Ich war todt . . und ich lebe! Oft habe ich Dir geſagt, in welcher düſteren Er⸗ ſtarrung meine Tage früher vergingen. Vernimm die 204 einfache Erzählung von einem Tage, der in meinem Leben zählen wird, und auf den andere nicht minder reizende Fhe gefolgt ſind. Vergleichſt Du die Gegenwart mit der Vergangen⸗ heit, ſo wirſt Du ſelbſt die Commentare machen. Es war vor acht Tagen; am Morgen nach meiner langen und ernſten Unterredung mit Madame Ray⸗ mond gingen wir Beide ſehr frühzeitig aus, um die Kirche zu beſuchen; das Wetter war herrlich; der Weg iſtentzückend; eine lange Platanenallee führt vom Schloſſe bis zum Dorf; rechts dehnt ſich ein hübſches Thal aus, durch welches ein breiter und raſcher Bach fließt, der von Weiden eingefaßt iſt und ſtellenweiſe von natür⸗ lichen, eben ſo viele Cascaden bildenden Hemmungen aufgehalten wird; große Eichenwälder, hinter denen ſich die Sonne erhob, beſchatten den Kamm des Berges. „Mein Gott! Madame,“ ſagte ich zu Madame Rahymond; „ſehen Sie doch dieſe ſchöne Landſchaft? Wie friſch, wie glänzend grün iſt ſie hier, während ſie dort mit einer Gaze verſchleiert zu ſein ſcheint . . . Das iſt der Dunſt der Wieſen in den erſten Strahlen der Sonne. Sehen Sie doch, ſo wie ſie aufſteigt und auf den Waſſerfall glänzt, nimmt dieſer alle Farben des Regenbogens an .. Mein Gott! welch ein rei⸗ zender Anblick. Und dann riechen Sie dieſen ſüßen Duft der wilden Nareiſſen und der Lilien der Wieſen!“ „Ich bemerke mit Vergnügen, liebes Kind, daß durch die Gewohnheit Ihre Bewunderung nicht müde wird; denn Sie müſſen dieſen Weg jeden Tag gehen?“ „Das iſt wahr, Madame, dieſe Anſicht hat mir aber nie einen Genuß gewährt wie heute; ſoll ich Ih⸗ nen geſtehen, daß ich ſie kaum wahrgenommen hatte .. .“ „Und wo hatten Sie denn Ihre Augen, liebe Blinde?“ „Wenn ich in die Kirche fuhr, ſchaute ich nichts an, und wenn ich zu Fuße ging, fiel es mir nicht ein, etwas Anderes anzuſchauen, als den Sand des Weges.“ — 205 „Ich begreife das; es bedarf einer gewiſſen Hei⸗ terkeit des Geiſtes, um nur eine einfache, lachende Landſchaft wie die dieſes Thälchens zu ſchätzen.“ Nachdem wir einige Minuten gegangen waren, in dem Augenblick, wo wir uns einer elenden, vom Dorfe abgelegenen Hütte näherten, drückte Madame Raymond, die mich an ihrem Arme führte, plötzlich den meini⸗ gen, blieb ſtehen und ſagte zu mir: „Sehen Sie doch dieſe Frau.“ Stelle Dir eine Frau vor von . . . Es wäre in der That ſchwer, das Alter dieſer Unglücklichen mit ihrem von der Sonne verbrannten, gegerbten und vom Leiden ausgehöhlten Geſichte zu errathen .. Man ſah indeſſen, daß ſie nicht mehr ſehr jung und doch auch noch nicht alt war; eine ſchlechte blaue Haube verbarg ihre Haare und umſchloß ihr Geſicht; ihr mit Lumpen geflickter Rock ließ den untern Theil ihrer Beine und ihre nackten ziegelrothen Füße ſehen; auf ihrem rechten Arme trug ſie ein ganz kleines, kaum mit einem Hemde bekleidetes Kind. Wir ſahen dieſe Frau nur vom Proſil. Sie ſchien gegen das Dorf zu ſchauen, als ſuchte ſie mit den Augen oder erwartete ſie ängſt⸗ lich die Ankunft von irgend Jemand. Sie weinte ſtille, während das Kind, obgleich bleich und ſchwäch⸗ lich, überlaut lachte und dabei ſeine Händchen an ein⸗ ander ſchlug. Zu den Füßen dieſer Frau endlich und im Staube der Straße ſitzend, ſpielten zwei Knaben von vier bis fünf Jahren, kaum mit Lumpen bedeckt, mit Kieſelſteinen. Madame Raymond und ich wechſelten einen Blick, und wir hatten uns verſtanden; der Contraſt dieſer unglücklichen Mutter mit dem ſanften Gelächter ihres kleinen Kindes und den Spielen ihren älteren Knaben machte unſer Herz bluten. Dieſe Gruppe hob ſich vom ſchwarzen Grunde der offenen Thüre ab; immer mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit in der Richtung des Dorfes ſchauend, hatte die Frau das Geräuſch unſerer Tritte nicht gehört. Wir traten näher hinzu, und um das Geſpräch anzuknüpfen, ſagte Madame Raymond mit leutſeligem Tone zu ihr: „Ihr habt da ein hübſches kleines Kind. Wie alt iſt es?“ Bei dieſen Worten, und als ſie uns erblickten, entliefen die zwei Knaben in das Innere des Hauſes; die Frau fuhr raſch mit ihrer ſonnverbrannten Hand über ihre Augen, um die Thränen abzuwiſchen, und antwortete, indem ſie ſich, ſo gut ſie konnte, vor Madame Raymond, die ſie nach dem Alter ihres Kin⸗ des gefragt hatte, verneigte: „Sie ſind ſehr gut, meine liebe Dame. Die Kleine wird bald ein Jahr alt ſein.“ „Sie ſieht munter aus, das beweiſt, daß ſie ge⸗ ſund iſt?“ „Ach! nein, Madame, ſie hat das Fieber.“ „Schon?“ „Seit fünf Monaten. Sehen Sie, wie bleich . Als wir das Kind näher anſchauten, bemerkten wir in der That ſeine Bläſſe, ſo wie die Weiße ſeiner Lippen; es lachte jedoch, oder lächelte mit einer ſo ſanften Miene, daß man es nicht hätte ſür leidend hal⸗ ten ſollen. „Nie, oh! gar nie ſchreit die Kleine,“ fügte die Mutter bei. „Wird ſie vom Fieber gepackt, ſo weint ſie leiſe, ohne daß man es hört, und wenn das Uebel vorüber iſt, fängt ſie wieder an zu lachen . . Sie iſt ſo artig! Und nachdem ſie ihr Kind abermals geküßt hatte, ſie den Kopf ab und hielt ihre Hand vor ihre ugen. „Arme, liebe kleine Creatur,“ ſagte Madame Ray⸗ mond leiſe zu mir, „ſie ſcheint dem Leben zuzulächeln je „und, mein Gotti welch ein Leben wird das ihre ein. 207 „Aber,“ fragte ich dieſe Frau, „Ihr zieht alſo keinen Arzt wegen dieſes Kindes zu Rathe?“ „Doch, Madame, der Arzt iſt ſehr mildthätig; er kommt zweimal die Woche, um meinen Mann zu be⸗ ſuchen; dieſen Morgen . . erwarte ich ihn noch . er kommt nicht . . . das macht mir großen Kummer, denn mein armer Mann iſt ſehr übel auf.“ „Euer Mann iſt alſo ſchwer krank?“ „Seit bald fünf Monaten, meine liebe Dame, ver⸗ läßt er ſein Bett nicht.“ „Und was hat er?“ „Es fehle ihm auf der Lunge, ſagt der Arzt; das iſt eine große Pein wir waren ſo glücklich! ſo glücklich!“ „Was für ein Gewerbe trieb Euer Mann?“ „Das eines Wegmachers, Madame. Er hatte die Unterhaltung der Straße von der Croir⸗Blanche bis zur Cavée; dreißig Sous täglich, ganz ſicher; nie Feiern, nie ein Verluſt, jede Woche von der Regie⸗ rung ausbezahlt . .. Bedenken Sie doch, liebe Dame! nie Feiern, das iſt ſo ſelten!“ „Und dieſer Verdienſt genügte für Euch Alle?“ „Gewiß, Madame; wir hatten dabei zwei Ziegen, welche meine Knaben in den Wald führten, und ein kleines Viertel Land, das man mit dem Hauſe an uns verpachtete, und das mein Mann nach ſeinem Tagewerk baute. Plötzlich iſt das Unglück mit der Krankheit meines armen Mannes über uns gekommen. Er war genöthigt, ſeine Straße zu verlaſſen, und ohne die öf⸗ fentliche Wohlthätigkeit wären wir Hungers geſtorben. Seit einiger Zeit geht es ſchlechter, als zuvor; in der vergangenen Nacht wäre er beinahe erſtickt .. Dieſen Morgen iſt der Tag des Arztes . . und er kommt nicht! Ach! mein Gott, wie lange bleibt er aus!“ „Euer Arzt, von wo iſt er,“ fragte ich, „wie heißt er?“ . 208 „Er iſt von Chambly, Madame, es iſt der Doctor Laurent.“ „Herr Laurent, in Chambly,“ verſetzte ich, dieſen Mann im Gedächtniß behaltend. „Wenn er heute Mor⸗ gen kommt, bittet ihn, ſich nach Riballiere, Ihr wißt, hier in der Nähe, zu bemühen; er wird nach Madame Dupleſſis fragen.“ „Oh! ja, Madame, ich kenne Sie wohl; Sie ſind die Bame des Schloſſes; ich ſehe Sie alle Tage hier vorüber nach der Kirche gehen.“ „Muth gefaßt!“ ſprach ich zu ihr, „Euer Mann wird ſeinen Dienſt auf der Straße nicht verlieren, oder wenn er ihn verliert, ſo werden wir Arbeit für ihn finden, ſobald er hergeſtellt iſt; Ihr werdet die Arznei⸗ mittel bekommen, die Ihr braucht; und was Eure Kleine betrifft,“ fügte ich bei, „nicht wahr, ſie iſt getauſt?“ „Ja, Madame,“ erwiederte die arme Frau, die mich anhörte, ohne mich noch zu verſtehen, „ja. Ma⸗ dame „ die Schweſter meines Mannes iſt Pathin geweſen.“ „Nun wohl, ſie wird zwei Pathinnen haben, ſie ſoll auch mein Täufling ſein . und ich werde ſie übernehmen .. Wollt Ihr? Eure zwei Knaben ſchicken wir in die Schule, und wir werden für ſie ſorgen.“ „Aber, Madame,“ erwiederte ſie mit Thränen in den Augen, „ich weiß nicht, warum Sie ſo mildthätig ſind. Was haben wir Ihnel denn gethan, mein Gott! was haben wir Ihnen denn gethan?“ In dieſem Augenblick hörten wir ein ſchwaches Stöhnen im Innern der Hütte, und eine Stimme rief: „Jeanne .. Jeanne.“ „Mein Mann ich komme,“ ſagte Jeanne; und ſie ging haſtig in das Haus hinein, während ich mich mit Madame Raymond entfernte. „Es iſt doch beinahe ein Jahr, vaß ich jeden Tag an dieſem Elend vorübergehe,“ ſagte ich zu Madame 209 Raymond, „und ich ſah es eben ſo wenig, als das lachende Gemälde des kleinen Thales! Ah! Madame, wer hat mir die Angen geöffnet ? .. . Sie . Sie ...“ fügte ich ganz gerührt bei. Wir waren nun unfern vom Portal der Kirche, ich ſah mehrere Frauen herauskommen. „Wir haben uns verſpätet,“ ſprach ich zu Madame Raymond, „die Meſſe iſt beendigt.“ „Was liegt daran?“ erwiederte ſie lächelnd; „ha⸗ ben Sie nicht zu Gott eben ſo gut, beſſer vielleicht, als in der Kirche gebetet?“ Als ich nach Riballiére zurückkam, erhielt ich einen Beſuch von Herrn Laurent, dem Arzte. Er gab mir die beſte Auskunft über meine Schützlinge. Ich bat ihn, den Ankauf aller nothwendigen Arzneimittel zu beſorgen. Dann hatte ich eine Beſprechung mit Ma⸗ dame Rahmond und Madame Claude, meiner Kammer⸗ frau, in Betreff der Verfertigung von Kleidungsſtücken aller Art, die ich dieſen armen Leuten zu ſchicken beab⸗ ſichtigte. Man mußte uns dreimal melden, das Früh⸗ ſtück ſei ſervirt, und wir begaben uns dann zu Jean, Herrn Charpentier und meinem Mann. Ohne heiter zu ſein, fühlte ich mich im Herzen ſo zufrieden, ſo leicht, daß ich zum ſichtbaren Erſtaunen von Herrn Dupleſſis ſprach. . Es ſchien mir, er finde, ich ſpreche nicht durchaus wie eine Einfältige, und er hörte mir mit großer Verwunderung zu. Dieſer kleine Erfolg ermuthigte mich, ich gewann immer mehr Vertrauen — meine Zunge löſte ſich gänzlich — wie die Schrift ſagt, und ich machte am Ende, glaube ich, die geiſtige Eroberung von Herrn Dupleſſis. Es liegt etwas ſo Schmeichelhaftes für uns in einer Eroberung (das iſt meine erſte), daß ich Herrn Dupleſſis großen Dank dafür wußte, daß er ſich hatte erobern laſſen; er war liebenswürdiger, aufmerkſamer gegen mich, als er es bis dahin geweſen; und ſeit die⸗ ſem Tage hat die Beſſerung ihren Fortgang genom⸗ Fernand Dupleſſis. I. . 14 men; ich erinnerte mich der Worte von Madame Ray⸗ mond: Verwandeln Sie ſich .. und Sie wer⸗ den Ihren Mann verwanvdeln... Wäre dieſes Wunder wirflich möglich? Ich fange an es zu glauben. Eine Thatſache iſt, daß ich, ſo wie ich, Eſels⸗ haut in Mährchen ähnlich, meine alberne Hülle ab⸗ ſtreife, die Manieren, die Sprache und ſogar die Phy⸗ ſiognomie meines Mannes ſich verändern ſehe; er, der bis daher ſo falt, ſo protectorartia (das iſt das artige Wort, ich will nicht den Ausdruck geringſchätzend ge⸗ brauchen), gegen mich war, ſcheint zu ſagen: Ich will mit dieſem blonden jungen Kopfe wie mit meines Glei⸗ chen umgehen; kurz, er ſteigt von ſeinem Piedrſtal herab, um ſich artig auf mein Niveau zu ſtellen, und ich ver⸗ ſichere Dich, er gewinnt viel dabei, daß man ihn nicht mehr ſo ſehr in der Höhe ſieht. Als wir von Tiſche aufſtanden (ich ſetze die Er⸗ zählung meines Tages fort), machte Madame Raymond, da es ſehr heiß war, und da die Bibliothek ein geräumiger Saal im Erdgeſchoſſe iſt, wo eine große Kühle herrſcht, den Vorſchlag, in Erwartung der Stunde der Prome⸗ nade etwas vorzuleſen; indem wir uns in die Biblio⸗ thek begaben, kamen wir durch das kleine Gewächs⸗ haus, das mein Mann beim Salon hat bauen laſſen; ich trennte mich einen Augenblick vom Arme von Ma⸗ dame Raymond, und ſagte zu ihr, ich lauere ſeit dem vorhergehenden Tag auf das Blühen eines Cactus, deſſen herrliche Blume, wie mir der Gärtner geſagt, einen köſtlichen Vanillegeruch ausſtröme. „So lange der Tag dauert, Madame,“ erwiederte mir lächelnd Herr Jean Raymond, „werden Sie in Ih⸗ getäuſcht ſein, dieſe Pflanze wird nicht ühen.“ „Warum denn?“ erwiederte ich auf den Cactus deutend; „ſehen Sie die ungeheure Knoſpe, ſollte man nicht glauben, ſie ſei im Begriffe, aufzugehen?“ „Nie bei Tage, Madame.. alle wohlriechende 211 Cactus, und der Cactus grandiflorus (verzeihen Sie mir den barbariſchen Namen) gehört zu dieſer Gat⸗ tung, alle dieſe Cactus, ſage ich, gehen immer erſt auf, wenn die Sonne untergegangen iſt, und bei Tagesan⸗ bruch. haben ſie gelebt.“ „Das iſt ſeltſam, Herr Rahmond; ſind Sie deſſen cher?“ „Meine Mutter wird Ihnen ſagen, Madame, wie ich eine Zeitlang leidenſchaftlich Botanik getrieben habe; ich kann Sie verſichern, daß Sie heute Abend, denn dieſe Blume iſt am Ziele, die ziemlich häßliche, mit langen grünen Faſern bedeckte Hülle ſich in einen herr⸗ lichen, außen ſilberweißen und innen lebhaft vrange⸗ gelben Kelch öffnen ſehen werden. Was den Vanille⸗ duft betrifft, den dieſe Blume ausſtrömt, ſo wird dieſer Geruch ſo ſtark ſein, daß er in Ihren ganzen Salon eindringt.“ „Und eine ſo prächtige Blume öffnet ſich nur bei Nacht, und lebt nur eine Nacht?“ „Nie mehr,“ erwiederte Herr Jean, „aber auch welcher Glanz, welcher Wohlgeruch, Madame!“ „Laſſen Sie hören, meine liebe Albine,“ ſagte lä⸗ chelnd Herr Dupleſſis zu mir, „wenn Sie Blume wä⸗ ren, würden Sie lieber einige Stunden bewundert, wie dieſe prächtige Blüthe, oder lange und unbekannt wie das Margarethenblümchen der Wieſen, leben?“ „Man müßte wiſſen,“ antwortete ich, „ob die Blumen als Egviſten für ſich allein leben, oder ob ſie, ſtolz und gefallſüchtig, das Bewußtſein der Bewunde⸗ rung haben, die ſie einflößen!“ „Geben wir ihnen dieſes Bewußtſein,“ ſagte mein Mann. „Was wäre Ihre Wahl?“ „Mir ſcheint, die Frage iſt ſchlecht geſtellt,“ rief heiter Madame Raymond. „Ich würde ganz einfach fragen: Iſt es mehr werth, vor Bitt eine 14 * Stunde lang zu blenden und dann zu verſchwinden .. als immer zu gefallen?“ „Aber wen blenden, Madame?“ verſetzte mein Mann; „wem gefallen?“ „Demjenigen, welchen man liebt,“ erwiederte Herr Jean Raymond. „Ah! Du,“ ſagte Herr Dupleſſis lachend, „ich ver⸗ biete Dir, von Liebe zu ſprechen!“ „Und warum?“ „Weil Du mir erklärt haſt, Du habeſt nie geliebt, Pe werdeſt nie lieben, und Du glaubeſt nicht an die ebe. „Gott ſei Dank, Fernand, ich glaube daran ... bei den Andern.“ „Aber bei Dir?“ „Wenn ich einſt liebe, ſo werde ich wohl daran glauben müſſen.“ „Bah! bah! Du wirſt nie lieben.“ „Ich hoffe es wohl, mein guter Fernand, denn ich glaube, ich wäre ein trauriger Verliebter. Doch Du haſt Madame Dupleſſis verhindert, auf die Frage meiner Mutter zu antworten: iſt es beſſer, vor Bewun⸗ derung einen Tag lang denjenigen zu blenden, welchen man liebt, und dann verſchwinden. .. als ihm unabläſ⸗ ſig zu gefallen?“ „Mir ſcheint, daß man, wenn man mehr liebt, als man geliebt wird, es vorziehen muß, unabläſſig zu ge⸗ fallen,“ ſagte ich zu Madame Raymond, „und eine Stunde zu blenden, wenn man weniger liebt, als man geliebt wird.“ „Im Gegentheil,“ rief mein Mann. „Madame hat Recht,“ ſprach Herr Jean. „Madame Dupleſſis hat nicht Unrecht, und Herr Dupleſſis auch nicht,“ fügte Madame Raymond bei. Ich verzichte darauf, Dir einen Bericht über dieſe Debatte zu geben, welche ſehr heiter, ſehr lebhaft wurde, 213 und auf dem ganzen Weg vom Gewächshauſe zur Bi⸗ bliothek, wo wir bald ankamen, fortwährte. XLV. (Fortſetzung des Briefes von Albine.) Als wir in die Bibliothek eintraten, ſagte Herr Jean, mit den Augen ein Fach Bücher in ſeiner Nähe durchlaufend, zu meinem Mann: „Höre, Fernand, man ſpricht von der Unſterblich⸗ keit der Seele, ich glaube daran. Denn hier iſt etwas, was auf eine greifbare Art die Intelligenz beweiſt, welche nur ein Refler der Seele iſt: Homer. .. Mar⸗ cus Aurelius. .. Sophokles. .. Ovid. . Ra⸗ belais.. Montaigne... Lafontaine... Ra⸗ eine. Molibre... Byron. .. Lamartine.“ „Sprechen Sie, Madame Dupleſſis,“ ſagte Ma⸗ dame Raymond, „welches von dieſen Genies werden wir ohne Umſtände bitten, von ſeiner Unſterblichkeit her⸗ abzuſteigen, um einige Augenblicke mit uns demüthigen Sterblichen zuzubringen?“ „Ich verlaſſe mich auf Ihre Wahl, Madame.“ „Madame,“ ſagte Herr Jean zu mir, „wollen Sie gewiſſe Stellen des Alceſte aus dem Miſanthrope leſen hören, wie Sie dieſelben vielleicht nie haben leſen hören?“ „Gewiß, mein Herr.“ „So bitten Sie Herrn Charpentier, dieſen Band von Moliere zu nehmen,“ ſprach Madame Raymond zu mir; „hören Sie ihm zu, und Sie werden, wie mein Sohn und ich, ſagen, nie haben die derbe Redlichkeit von Alceſte, ſeine tugendhafte und bittere Entrüſtung beſſeren Dolmetſcher gehabt, als unſer Freund es iſt.“ „Wenn Madame es wünſcht,“ verſetzte Charpentier, ſich bitten zu laſſen, „ich werde thun, was ſie will.“ „Vortrefflich!“ rief mein Mann; „Madame Rah⸗ mond wird vielleicht die Güte haben, ein paar Stellen der Rolle von Célimone zu leſen?“ „Das wäre ſehr ehrgeizig von mir, und ſehr über meinen Kräften,“ erwiederte Madame Rahmond lächelnd. „Da mich aber im Ganzen neulich Ihr Präfect, wie mir ſcheint, erträglich in meiner Rolle als Marg uiſe gefunden hat, meine liebe Albine, ſo werde ich Herrn Charpentier die Antwort geben, um die Leſung zu ver⸗ vollſtändigen.“ „Hier ſind gerade zwei Ausgaben von Moliere,“ ſagte Herr Dupleſſis, indem er einen Band Madame Raymond und einen andern Herrn Charpentier übergab. „Sollen wir die Scene von Alceſte ünd Céliméne im vierten Acte leſen?“ fragte Madame Raymond im Buch blätternd. 3 „Gewiß, Madame, die Wahl iſt vortrefflich,“ er⸗ wiederte Herr Dupleſſis, „das iſt eine der bewunderungs⸗ würdiaſten Scenen des Miſanthrope.“ Ich war, ich will nicht ſagen ſehr unruhig, aber ſehr neugierig, zu erfahren, wie ſich Herr Charpentier aus dieſer Leſung herausziehen würde; ich wußte von Madame Raymond, daß er lange Handwerksmann ge⸗ weſen war, und fragte mich, ob er das Gewicht dieſer großen Rolle auszuhalten vermöchte; nun denn, meine liebe Hermance, das Herz, das Naturell, die Einfach⸗ heit haben eine ſolche Macht, eine ſolche Zauberkraft, daß uns Herr Charpentier ein unendliches Vergnügen bereitete; man kann ſich unmöglich zugleich ungeſtümer, naiver und rührender zeigen. Alles, bis auf die etwas herbe Stimme von Herrn Charpentier, bis auf ſein rauhes Geſicht, aus dem indeſſen eine ernſte Seelengüt ſprach, trug zur Vermehrung der Illuſion bei und machte aus ihm einen vortrefflichen Alceſte. 2¹⁵ Madame Rahmond übertraf Alles, was wir von ibr erwarteten; mein Mann ſchien von Erſtaunen und Bewunderung ergriffen zu ſein; dieſes Erſtaunen, dieſe Bewunderung theilte ich auch; denn trotz der Erhaben⸗ heit ihres Charakters und ihres Geiſtes, hatte ſich Ma⸗ dame Raymond bis daher immer als das gezeigt, was man eine gute Frau nennt, den Tag ausgenommen, wo ſie ſo trefftich die Rolle der Marquiſe und der vor⸗ nehmen Dame ſpielte; aber in Célimène war es nicht nur die Anmuth, ſondern die Feinheit, die Eleganz, die Coquetterie verperſönlicht; ſie hatte Biegungen der Stimme, Stellungen, Geberden, Mienen, lachelnde Züge, welche noch ihrén Reiz und ihre Schönheit ver⸗ doppelten; mein Mann konnte ſich nicht faſſen, doch unter ſeiner Begeiſterung drang eine Nuance von Trau⸗ rigkeit durch, die ich mir nicht erkläre; ich war ent⸗ zückt. Ah! theure Freundin, welche Zauberin iſt dieſe Madame Raymond. Nein, ſiehſt Du, Hermance, ich muß darauf ver⸗ zichten, Dir eine Idee von ihrer einſchmeichelnden An⸗ muth zu geben, da wo ſie an Alceſte die Entſchuldi⸗ gungen richtete, welche, beinahe liebfoſend, doch jene Nuance ſanfter Empörung, die einer redlichen Seele ein ungerechter Verdacht einflöst, an ſich trugen. Kaum hatte ſie auch die Scene zu leſen aufgehört, als mein Mann ausrief: „Das iſt bewunderungswürdig! Ah! Madame, Sie ſöhnen mich mit Célimène aus .. Nein, ſie iſt nicht coquette! nein, ſie hat nicht an Oronte geſchrieben; nein, nein, ſie liebt Alceſte aufrichtig, das iſt keine Frau ohne Gemüth, das iſt ein edles und anbetungswüldi⸗ ges Geſchöpf!“ „Es iſt ein Tadel und kein Lob, was Sie mir da ſagen, Herr Dupleſſis. Doch hören Sie, warum ich es annehme,“ erwiederte lachend Madame Raymond; „die Falſchheit, ſo geſchmückt ſie auch ſein mag, empört mich dergeſtalt, unk Alceſte iſt ein ſo muthiges Herz, daß ich in der That die Verſe geſprochen habe, als hätte ich nicht an Oronte geſchrieben, und als liebte ich wirklich den Mann mit den grünen Bändern. Doch die Célimène von Moliére mußte dieſe Scene nicht ſo betonen, und in dieſer Scene habe ich falſch geſprochen: Céliméène iſt eine Coquette, nicht aus Ab⸗ ſicht, nicht, um Alceſte boshaft zu quälen, ſondern ſie iſt Jahre alt... man ſchmeichelt ihr, man betet ſie an.“ „Oh! meine Mutter! erlauben Sie mir, nicht Ihrer Anſicht zu ſein,“ rief Herr Jean, „Célimone hat eine dürre Seele . ein hartes Herz. . .“ „Ich glaube es wohl,“ ſprach Charpentier im Tone zorniger Anſchuldigung, „es iſt ein teufliſches Geſchöpf, die wahre Cöélimene! fle ſpielt mit mir, wie eine Katze mit einer Maus.“ „Und Sie, mein Freund,“ ſagte ich zu meinem Manne, der, nachdem er ſeine Bewunderung Madame Rahmond ausgeſprochen hatte, die Augen fortwährend mit einem ſeltſamen Ausdruck ſtarr auf ſie heftete, „was denken Sie? halten Sie die Célimène von Moliére, trotz ihrer Coquetterie, für gut oder für böſe?“ Zu meinem großen Erſtaunen bebte Herr Dupleſ⸗ ſis und ſchlug die Augen nieder, als wäre es ihm à gerlich geweſen, von mir Madame Raymond anſchau ertappt zu werden; er antwortete auf meine Frage mit offenbarer Zerſtreuung. Bald nachher verließ er uns beinahe ungeſtüm, unter dem Vorwande, er habe Befehle zu geben. Es wurde verabredet, daß er um vier Uhr wieder zu uns kommen ſollte, um mit uns ſpazieren zu fahren. Der Abgang meines Mannes war nicht natürlich; er war ſo ſichtbar verwirrt, zerſtreut, daß Madame Raymond ſelbſt bemerkte und leiſe zu mir agte: „Was hat denn Herr Dupleſſis? Er hat uns mit einer ſeltſamen Miene verlaſſen.“ „Madame,“ erwiederte ich lächelnd, „vielleicht be⸗ ——— 217 fürchtet er, Sie durch den Ausbruck ſeiner Begeiſte⸗ rung zu ermüden, und er geht, um ſie den Wieſen, den Wäldern, den Wolken zu ſagen . . . Da im Ganzen dieſer Vorfall nichts Ernſtes hatte, ſo vergaßen wir ihn bald. Die Unterhaltung nahm zwiſchen Madame Raymond, ihrem Sohne, Herrn Char⸗ pentier und mir ihren Fortgang, auf eine ſehr intereſ⸗ ſante Weiſe von ihrer Seite, über die verſchiedenen Zweige der Literatur; in Folge der glücklichen Umher⸗ ſchweiferei der Converſation kamen wir auf Lamartine, Du weißt, unſern Lieblingsdichter, zu reden; ich ſprach von ihm mit ſo viel Leivenſchaft, daß Madame Rah⸗ mond zu mir ſagte: „Nun, meine liebe Madame Dupleſſis, leſen wir Lamartine; es iſt die Reihe an Jean, Ihnen ſeine Schuld zu bezahlen.“ Madame Raymond ſtand auf, holte einen Band Poetiſchen Harmonien, reichte ihn mir und prach: „Wollen Sie wählen, Madame, und mir ſagen, was er leſen ſoll.“ „Oh! Herr Jean,“ ſagte ich zu dieſem, „es bedarf keiner Wahl, Alles iſt gut zu leſen.“ „Wohl! mein Freund,“ ſprach Madame Raymond zu ihrem Sohne „ſo öffne auf das Gerathewohl.“ Während Madame ſo zu Jean ſprach, kam mir ein ſonderbarer Gedanke. Ich wünſchte, er möchte das Buch bei einer Liebeselegie öffnen, denn ich war begie⸗ rig, zu erfahren, mit welchem Ansdruck er dieſe Verſe leſen würde, er, der nie geliebt und nie zu lieben hofft, wie er zu meinem Manne geſagt hat. Der Zufall entſprach meinem Wunſche nicht. Das Buch öffnete ſich bei einer Harmonie betitelt: Segen ottes über die Einſamkeit, und Herr Jean begann zu leſen. Ich weiß nicht, Hermance, ob Du Dich des Ge⸗ genſtandes dieſer Harmonie erinnerſt? es iſt das Gemälde des einſiedleriſchen, mildthätigen, den Studien gewidmeten und ein wenig beſchaulichen Lebens einiger durch eine gemeinſchaftliche Freundſchaft verbundener Perſonen; das war, wie Du geſtehen wirſt, ein reizen⸗ des, ſeltſames Zuſammentreffen; das hieß gleichſam unſern Tag poötiſirt ſehen. Herr Jran las dieſe Verſe mit einem unendlichen Zauber; ich fand hier wieder ſeine ſo weichen, ſo zar⸗ ten Biegungen der Stimme, von denen ich ſchon betrof⸗ fen geweſen warz ſie wurden beinahe muſifaliſch, als er dieſe ſchönen, ſo mit Recht Harmonien genannten Verſe las. Es erfaßte mich ein köſtlicher Eindruck, während ich dieſe Poeſie ſo mit einer weichen und wohlflingenden Stimme geleſen hörte. Dieſe unaus⸗ ſprechliche Melodie wiegte mich; es ſchien mir, als machte ich einen Zaubertraum, als hörte ich, ich weiß nicht, welches göttliche Genie uns verherrlichen, uns, die wir hier vereinigt auch den Segen Gottes in unſerer Einſamkeit verdienten. Hermance, ich geſtehe Dir, einen Augenblick blutete mein Herz, als ich Jean mit einem ſo melancholiſchen Reize die Süßigkeiten dieſes dunklen, frievlichen und glücklichen Lebens leſen hörte; ich erinnerte mich, daß ſeine Mutter, er und Herr Charpentier, ihr Freund, Geächtete waren . . . Die Geſahr ſchwebte beſtändig über ihren Häuptern; ein Zufall, eine Anzeige konnte ſie ins Verderben ſtürzen . . . morgen . . heute viel⸗ leicht! Welchen Muth, welche Verachtung oder welche der Gefahr hatten ſie, um ſich ſo zu ver⸗ eſſen? Welch ein muthiges Herz iſt doch das Herz von Madame Raymond, die nur an mich denkt unter den Beſorgniſſen, von denen ſie bedrängt ſein muß, die meine Schritte leitet, auf dieſem neuen Wege, wo ich ſchon, Du begreifſt es nach meinem Briefe, ſo viel Selbſtzu⸗ friedenheit, ſo viele Gegenſtände der Hoffnung finde! um vier Uhr holte uns Herr Dupleſſis, ſeinem 2¹9 Verſprechen gemäß, ab, um eine Spazierfahrt zu machen; Herr Jran und Charpentier entſchuldigten ſich, daß ſie uns nicht begleiteten. Sie zogen es aus Klug⸗ heit wie gewöhnlich vor, nicht aus dem Parke zu gehen, da das Signalement von Jean in alle Meiereien der Gegend geſchickt worden war. Ich fand bei Herrn Dupleſſis nicht mehr die ge⸗ ringſte Spur von ſeiner Unruhe am Morgen, deren Urſache ich nicht kannte und noch nicht kenne. Ich weiß nicht, ob die Wetſſagung von Madame Raymond in Erfüllung gehen ſoll, und ob meine Verwandlung auch die meines Mannes herbeiführen wird; aber ich muß geſtehen, daß er ſich während unſerer Spazierfahrt im⸗ mer liebenswürdiger zeigte; er beſchäftigte ſich ſogar ſo ausſchließlich mit mir, daß ich, nicht g⸗wöhnt an ſeine eifrigen Gefälligkeiten, an ſeine Zuvorkommen⸗ heiten, die mich tief glücklich machten, Furcht gehabt hatte, darin beinahe eine Zuneigung zu ſehen, hätte mir nicht von Zeit zu Zeit ein Blick oder ein bezeich⸗ nendes Lächeln von Madame Raymond geſagt: was hatte ich Ihnen verſprochen? Mein Mann war in der That nicht mehr derſelbe; je herzlicher, je freundlicher er wurde, deſto vertrauens⸗ voller wurde ich, und er ſchien mir wahrhaft liebens⸗ würdig. Gewöhnlich, wenn ich mit ihm ſolche lange Fahrten auf ſeinen Gütern machte, gab er ſeine Befehle, plauderte er mit ſeinen Meiern, aber er richtete ſelten ein Wort an mich; er war im Gegentheil an dieſem Tage ſehr geſprächig und intereſſirte uns ungemein. „Aus einem erhabenen Geſichtspunkte aufgefaßt, wie er es zu ſein verdient,“ ſagte Madame Raymond zu uns, „kann nichts ſchöner ſein, als der Landbau; nichts feſſelnder, ich möchte beinahe ſagen, rührender, betrachtet man die unermübliche Freigebigkeit der Erde, dieſer guten, nährenden Mutter, welche verſchwenderiſch iſt, wie alle Mütter, und Alles gibt, was ſie geben kann, uund mehr ſogar noch, als ſie geben kann, bis er⸗ 1 6 ſchöpft, vertrocknet durch die unwiſſende oder ſtrafbare Habgier ihrer Kinder, die Erzeugungskraft ihr fehlt.“ „Mißbraucht man dagegen ihre göttliche Frucht⸗ varkeit nicht und behandelt ſie mit Schonung, mit Liebe,“ fügte lachend mein Mann bei, „ſo iſt ſie un⸗ erſchöpflich.“ Madame Raymond war wieder ſehr beredt, als ſie uns das Landleben, gemiſcht mit Induſtrie und erhöht durch alle intellectuelle Genüſſe, als den Zweck und das ideale Ziel der Menſchheit zeigte. „Je mehr die Civiliſativn und die allgemeine Bil⸗ vung Fortſchritte machen werden,“ ſagte ſie, „deſto mehr wird man ſich von dem erkünſtelten und entſitt⸗ lichenden Leben der Städte entfernen.“ Dann fügte ſte die tiefe Betrachtung bei: „Nur auf dem Lande kennt man den wahren Werth des Geldes, indem man ſieht, daß der Preis des geringſten Ueberfluſſes, zehn Fran⸗ ken, zum Beiſpiel, in unſern Provinzen genügt, um die Arbeit eines Tagiöhners zehn Tage lang zu bezahlen.“ Dieſe Geſpräche, welche Dir ohne Zweifel zu ernſt ſcheinen werden, wußte aber Madame Raymond rei⸗ zend, und beſonders ſo gut, ſo heilſam für das Herz zu machen, daß man ihr mit Glück und Dankbarkeit zuhörte. Wir kamen durch die Melkerei in dem Augenblick zurück, wo die Herden nach den Ställen über eine un⸗ geheure, ſtellenweiſe von Gruppen großer Eichen be⸗ ſchattete Wieſe heimkehrten; die Sonne ſenkte ſich und warf ihren goldenen Schimmer auf die ſchönen Kühe, welche langſam im hohen Graſe marſchirten, einen kur⸗ zen Halt machten, als ſie uns erblickten, und ihr gro⸗ ßes, ruhiges, ſanſtes Ange auf uns hefteten. „Finden Sie nicht,“ ſagte Madame Raymond zu uns, „daß dieſe ſchönen Kühe die Gefälligkeit, die müt⸗ terliche Großmuth verperſönlichen, wenn ſie mit ihrem geduldigen, fanften Weſen ihre von Milch angeſchwol⸗ lenen Euter austrocknen laſſen!“ „ 221 „Madame,“ erwiederte mein Mann, „unſere Bauern nennen auch mit Recht ihre Kuh das wahre gute Thier des guten Gottes.“ „Und man geht in das Muſeum, um die Paul Potter zu bewundern!“ ſagte Madame Rahmond. „Sehen Sie, ob je die idealifirteſte Kunſt dieſer Wirk⸗ lichkeit nahe kommen wird; man brächte eine Stunde mit Bewunderung eines ſolchen Gemäldes zu. Geſtehen Sie, Herr Dupleſſis,“ fügte Madame Raymond auf eines unſerer letzten Geſpräche anſpielend bei „geſtehen Sie, es iſt ſchmerzlich, es iſt unmenſchlich, daß wir allein dieſes bewunderungswürdige Gemälde genießen, welches wir in allen ſeinen Einzeiheiten von Poeſie und Farbe ſchätzen, während jener arme Hirte, der die Herde vor ſich hertreibt, wie ein Blinder unter dieſen Schönheiten iſt, die uns entzücken? Wo wäre das Uebel, wenn er, wie wir, das Bewußtſein und den Genuß von dieſem wunderbaren Gemälde hätte, von dem er eine der Perſonen iſt? Müßte das nicht ſeine Seele vergrößern, indem es ihn zu Gott . . . dem Schöpfer dieſer Herrlichkeiten, erheben würde?“ Ah! Hermance, wie ſchön und rührend war Ma⸗ dame Raymond, wenn ſie ſo ſprach! * Beſonders, wenn dieſe anbetungswürdige Frau Fragen des Herzens und der Menſchenfreundlichkeit zur Sprache bringt, wird der Ausdruck ihrer Phyſiognomie und ihrer Stimme unwiderſtehlich. Sie hatte übrigens Recht, als ſie das Gemälde rühmte, das ſich vor unſern Augen fand. Der F Künſtler der Welt wäre vielleicht unfähig gewe⸗ en, dieſen Paul Potter des guten Gottes wieder⸗ zugeben, wie die Mutter von Herrn Jean ſagte, denn es iſt mir nicht möglich, ihn von ihr zu trennen; es herrſcht unter ihnen eine ſolche Uebereinſtimmung der Gedanken, der Worte und des Ausdrucks, daß für mich die Eine oder den Anderen hören ganz Eines iſt. Ich war bezaubert von dieſem Gemälde, das ich hundertmal angeſchaut hatte, ohne es zu ſehen. Dieſe 222 herrlichen Thiere von verſchiedenen Farben vom Silber⸗ weiß bis zum Goldfalb, bis zum Ebenholzſchwarz waren auf der Wieſe zerſtreut; die ſinkende Sonne ſchien auf ſie eine rothe Glaſur zu werfen, und eben ſo auch auf das Gras und auf die Bäume, deren Grün bei der Neigung des Tages ſo glänzend wird. Der Berg, der im Hintergrunde das Thal begrenzt, hinter welchem die Sonne unterging, verſchleierte ſich mit einem bläulichen und goldenen Dunſte, während die Fenſterſcheiben der als Chalet gebauten Melkerei, unter dem Abhange ihres langen Daches von rothen Ziegeln, zu flammen ſchienen. Ich wiederholé Dir, hundertmal hatte ich dieſes Gemälde unter den Augen gehabt, nie war es mir auf⸗ gefallen. An dieſem Abend hätte ich eine Stunde in der Betrachtung hingebracht, die mir die Seele mit Ruhe, Bewunderung und Heiterkeit erfüllte. Wir kamen nach Riballiere zur Mahlzeit zurück. Unſer Abend vervollſtändigte köſtlich unſern Tag: wir machten Muſik, Madame Rahmond und ich; ich hatte mein Clavier ſo lange nicht geöffnet, daß ich zögerte, aber ich mußte den Bitten unſerer Freunde nachgeben; ich hatte mehrere von unſern vierhändigen Phantaſien, Du weißt, unſere Variationen über reizende Motive aus der Zauberflöte von Mozart, die wir ſo oft mit einander ſtudirten. Madame Rahmond iſt in der Muſik wenigſtens ſo ſtark als Du, liebe Hermance; neben ihr bin ich auch, wie neben Dir, nur eine Schü⸗ lerin. Als ich meine Schuld bezahlt hatte, willigte Madame Rahmond, deren Freundlichkeit unerſchöpflich iſt, ein, über das Thema des Letzten Gedanken von Weber zu improviſiren. Hermance, ich verſichere Dich, unter der Hand dieſer außerordentlichen Frau hatte das Clavier eine Stimme von ſo klagender Melancholie, daß Worte, und wären 223 ſie von Lamartine geweſen, nicht bezeichnender, nicht ſprechender, als dieſer Geſang, hätten ſein können. Wir waren ganz unter dem Zauber; ſie ſelbſt un⸗ terlag ſeinem Einfluß; ein ſchmerzliches Lächeln auf den Lippen ihre großen blauen Augen leicht befeuchtet, ſchüttelte ſie von Zeit zu Zeit ihren von herrlichen blonden Haaren bekränzten Kopf, als hätte ſie dem peinlichen Schauſpiel einer erlöſchenden Seele beige⸗ wohnt, welche gegen den Tod kämpft und ſich durch einen letzten Gedanken am Leben anzuklammern ſucht durch einen Gevanken, rührend wie die äußerſte Anſtrengung des Genies, das ſtirbt, herzzerreißend wie ſein Todeskampf. Herr Dupleſſis ſchien weniger ergußreich in ſeiner Bewunderung zu ſein, als er es am Morgen geweſen, doch der Eindruck war bei ihm um ſo tieſer. Denn — etwas für mich Unbekanntes und wozu ich ihn nicht fähig gehalten hätte, — ich ſab ihn weinen. Während er verſtohlen ſeine Thränen trocknete, ſagte ich zur Mut⸗ ter von Herrn Jean: „Sehen Sie doch Herrn Dupleſſis, wie bewegt er ſur . Iſt dieſe Thräne nicht der aufrichtigſte Bei⸗ a „Ich würde meinen Succeß bedauern,“ antwortete ſie, „müßte ich Herrn Dupleſſis unter einem traurigen Eindruck laſſen; doch um unſern Abend nicht ſo zu en⸗ digen, fordern Sie meinen Sohn auf, Ihnen die arra⸗ goneſiſche Freiheit zu ſingen, eine allerdings blaſſe franzöſiſche Ueberſetzung des bewunderungswürdigen RKriegsgefangs der ſpaniſchen Inſurgenten, welche kürz⸗ lich für die Unabhängigkeit gekämpft haben. Dieſer Geſang hat in der That eine urkräftige Farbe und eine großartige Energie; ein Parteigänger⸗Anfüh⸗ rer, welcher ſeitdem erſchoſſen worden iſt, Ro⸗ mero Lopez ſoll die Worte auf eine in Arragonien volksthümliche Melodie von wildem, ſtolzem Charakter gedichtet haben.“ 224 Ich richtete dieſe Bitte an Herrn Jean, während Herr Dupleſſis ſchweigſam und ſo in Gedanken verſun⸗ ken blieb, daß er nicht einmal Madame Raymond ein Compliment geſagt hatte. Brauche ich Dir zu bemerken, daß Jean meinem Wunſche auf das Freundlichſte entſprach? Du weißt, Hermance, ich bin wenig kriegeriſch, ſehr feigherzig, und habe keine von den muthigen Eigenſchaften einer Brada⸗ mante, einer Clorinde oder einer andern Amazone; nun denn! dieſer Geſang des Kriegs und der Tapferkeit wurde von Jean mit einer ſolchen Enorgie ausgeführt, er betonte auf eine ſo hinreißende Art den, doch ſehr alltäglichen, Refrain: Entendez-vous ce cri de guerre! Combattons pour la liberté! *) daß mir das Blut zu Geſicht ſtieg. Zum erſten Mal begriff ich, was der Heldenmuth der Empörung, der Fa⸗ natismus der Freiheit ſein können: nichts war natürlicher übrigens, als die Leidenſchaftvon Jean bei dieſem Kriegs⸗ geſang, er drückte ſeine eigenen Gefühle aus, dies jedoch nicht mit Stimmausbrüchen oder mit heftigen Geberden, nein, ſeine Stimme vibrirte, aber halb verſchleiert durch eine tiefe, faſt religiöſe Gemüthsbewegung. Da begriff ich auch, was mir bis dahin ſeltſam geſchienen hatte: Herr Jean Raymond mußte nie etwas Anderes lieben, als ſeine Mutter und die Freiheit. So war dieſer Tag, meine liebe Hermance; ver⸗ gleiche ihn mit den endloſen Tagen, die ich früher in einer albernen Lethargie hinſchleppte, und ſage mir, ob die Mutter von Herrn Jean nicht eine wohlthätige Fee iſt. Nichts hat ſich um mich geändert, und dennoch hat Alles ein anderes Anſehen gewonnen; Alles, bis auf *) Hört Ihr dieſes Kriegsgeſchrei! Für die Frei⸗ heit laßt uns kämpfen! 225 meinen Mann, ber ſich, ſeit dieſem beglückenden Tag, ſo freundlich zeigte, daß ich nicht mehr verzweifle, viel⸗ leicht einſt in ihm, Du weißt? den zärtlichen und hei⸗ teren Gefährten des Feſtes meiner Jugend zu finden! Ich habe allerdings noch keine Luſt,hn zu umarmen, doch Madame Rahmond iſt eine ſo große Zauberin, daß dieſe Luſt vielleicht bei mir kommen wird. Eil ei! ich ſage nicht nein! Im Ernſte geſprochen, nicht wahr, welch ein an⸗ betungswürdiges Weſen iſt die Mutter von Herrn Jean? Findeſt Du ſie nicht auch über Allem dem, was uns die Freundin Deiner Mutter von ihr ſagte? Welches Herz, welcher Geiſt, welch ein erhabener Verſtand! und dabei ſo einfach, ſo freundlich, immer ſo gleich .. Ah! Hermance, Hermance, ich begreife, daß Herr Jean, da er das unerhörte Glück hat, eine ſolche Mutter zu beſitzen auf der Welt nur ſie und die Freiheit liebt. Lebe wohl, liebe Freundin. Ich freue mich über das Vergnügen, das Dir dieſer lange Brief bereiten wird. — Bitte Gott und alle Heilige, ſie mögen die Wunder von Madame Raymond unterſtützen damit ſie raſch die glückliche Verwandlung meines Mannes vollende. Ich weiß nicht, warum mir dieſe Verwandlung für mich ein doppeltes Glück ſcheinen würde! Warum ein doppeltes Glück? wirſt Du mich ragen. Ich weiß es nicht das iſt eine Ahnung. Sobald ich beſſer über mich unterrichtet bin, werde ich Dir ſchnell ſchreiben. Gott befohlen . . Ich küſſe Dich. Deine ſehr glückliche hoffnungsvolle Fernand Dupleſſts. I 15 . 226 XLVI. Fortſetzung des Tagebuchs. Ich werde verrückt . . . Meine vor zwei Monaten beinahe völlig wiederhergeſtellte Geſundheit verſchlechtert ſich ungemein, ich bin wie im Fieber, einer beſtändigen Ueberreizung preisgegeben; ich ſchlafe kaum, und wenn ich ſchlummere, ſtört das bezaubernde Bild von Madame Raymond meine kurze Ruhe. Statt auf dem unſeligen Wege anzuhalten, auf den mich das Schickſal forttreibt, gebe ich der Hinrei⸗ ßuna meiner blinden Leidenſchaft nach; ſie wird einen erſchrecklichen Ausbruch herbeiführen. Es vergeht kein Tag, ohne daß ich einen neuen Reiz an Madame Raymond entdecke. Welche Anmuth, welche Feinheit hat ſie neulich in der Leſung von Célimene entwickelt, und am Abend, als ſie Kla⸗ vier ſpielte, welcher Geſchmack! welche Seele in ihrem Vortrag! Vor Kurzem haben wir den Cid von Corneille und zwei Fabeln von La Fontaine geleſen, ich weiß nicht, was mich mehr in Erſtaunen geſetzt hat, die Art zu leſen, dieſer außerordentlichen Frau, oder die Zartheit und die Erhabenheit ihres Urtheils über Corneille und La Fontaine . . und immer ſo reizend und ſo ſchön. Ja, ſchön, ſo anbetungswürdig ſchön, trotz ihres Alters, daß ich mit derſelben Gluth wie vor eilf Jahren nach ihr verlange. Ei! warum hat ſie mir von meiner Frau geſpro⸗ chen, mir ihre Jugend, ihre Schönheit, ihren Geiſt gerühmt? Was iſt mir hieran gelegen? Albine flößt mir nichts ein! es bedurfte der unbegreiflichen Einwir⸗ kung, einer Art von Bezauberung, welche Madame Ray⸗ mond über mich ausübt, um mich dahin zu bringen, 227 vaß ich ihr aufrichtig (ich war damals aufrichtia) ver⸗ ſprach, mein Benehmen gegen meine Frau zu ändern, mich von ihr lieben zu machen, bemüht zu ſein, ihr Liebhaber zu werden. Einen Augenblick fühlte ich, hier ſei das Glück, das Heil meiner Zukunft, und ich würde vielleicht mein Wort gehalten haben, hätte ich nicht alle Tage Ma⸗ dame Raymond vor Augen gehabt, von der meine Frau immer nur eine verwiſchte Copie ſein wird. Und dennoch habe ich mich unglaublich angeſtrengt, um die Rathſchläge von Madame Roymond zu befol⸗ gen; ich war bemuͤht, eifrig gegen Albine zu ſein, aber ich konnte mich nicht länger verſtellen, ich fühle nichts fur ſie; was ich ihr Liebenswürdiges und Zärtliches zu ſagen verſuchte, kam mir wie ein Diebſtahl an Madame Raymond begangen vor. Ich konnte eine ſolche Rolle nicht länge vfortſetzen; jeden Augenblick fehlten mir das Herz und das Wort. Ich täuſche mich nicht über die Folgen meiner Rückkehr zu meiner erſten Kälte gegen Albine, ſie wird um ſo mehr dadurch verletzt, gedemüthigt ſein, als ſie ſogleich mein Entgegenkommen erwiederte; ihr gezmun⸗ genes Weſen verſchwand, ſie ſchien ſo glücklich über die Veränderung, die in mir vorging, ſie ſuchte mir ihrerſeits zu gefallen, und verlangte, davon bin ich 3 überzeugt, nichts Anderes, als mich zu lieben und ge⸗ liebt zu werden! .. Und nun werde ich plötzlich wieder kälter, eiſiger, als in der Vergangenheit. Sie hat indeſſen noch nichts von ihren bitteren Empfindungen verrathen. . Gleich⸗ viel, die Verſtellung liegt in ihrem Charakter. Ah! die Gelegenheit iſt ſchön für Jean . . Nie 5 werde ich glauben, daß er, trotz ſeiner ſcheinbaren 6 Gleichgültigkeit, er, der in vertraulichem Umgang mit einer jungen und hübſchen Frau lebt und ohne Zweifel meine Kälte gegen ſie und den Aerger, den ſie darüber empfinden muß, bemerkt hat, nicht daran denke, die Umſtände zu benützen. Ei! mein Gott, er benütze ſie! Was würde mir das machen? Denke ich an meine Frau? Ich habe nicht mehr die Muße, eiferſüchtig zu ſein, und ich bin es übrigens immer nur aus Stolz geweſen; ich bin unempfindlich für die Furcht vor der Schande, vor der Lächerlichkeit geworden; alle lebendigen Kräfte meines Herzens ſind in meiner tollen Leidenſchaft concentrirt, und ich wende alle Mittel meines Geiſtes an, um ſie vor Aller Augen, beſonders vor Madame Raymond zu verbergen. In dieſer Hinſicht glaube ich, daß es mir glücken wird; zwanzigmal iſt mir indeſſen ein Geſtänd⸗ niß auf die Lippen gekommen, aber die Angſt hat mich zurückgehalten . . . Ich kenne Madame Raymond, nun genug, um ihre Antwort zum Voraus zu errathenz ich höre ſie ohne Zorn, ohne Verachtung, lächelnd, wie eine gute und redliche Frau, welche mit einem Blöd⸗ ſ oder einem Wahnwitzigen Mitleid hat, zu mir agen: „Ah! mein lieber Herr Fernand, ich bitte, machen Sie doch keine ſolche Späſſe: ſchonen Sie ein wenig die Beſcheidenheit einer armen, alten Frau von fünf⸗ und vierzig Jahren, die einen Sohn hat, der älter iſt als Sie; verſprechen Sie mir, nicht mehr mit mir von ſolchen Tollheiten zu reben; kehren Sie zu Ihrer rei⸗ zenden Frau zurück, welche allein würdig iſt der Liebe, die Sie mir anzubieten mir die ausgezeichnete Ehre erweiſen, und bleiben wir gute Freunde.“ Ja, das würde ſie mir antworten, ſagt ſie nicht zu mir mit einer niederſchmetternden Verachtung: „Mein Herr, Sie laſſen mich die Gaſtfreundſchaft, die Sie mir bewilligt, ſehr theuer bezahlen; in einer Stunde werden wir Ihr Haus verlaſſen haben.“ So würde mein Geſtändniß aufgenommen, ich fühle es, ich weiß es; und ich kann mich doch nicht 229 erwehren, ſie zu lieben, mit Trunkenheit, mit Wuth i eeen Was thun? was beſchließen? ich zittere bei dem Gedanken, daß dieſe Leidenſchaft zu denjenigen gehört, die man der Frau, welche ſie einflößt, nicht geſteht, wäh⸗ rend ſie dennoch nicht einmal vor dem Unmöglichen anhält. Oh! wie leide ich, mein Gott! wie leide ich!. Ich war überzeugt, früher oder ſpäter werde ich dieſer ſchmählichen Verſuchung unterliegen. Was habe ich dabei gewonnen? Ah! ſie wird ſich verwirklichen, die Ahnung, die mich belagert: Dieſe wüthende Leidenſchaft wird auf einen abſcheulichen Ausbruch hinauslaufen! Sammeln wir unſere Erinnerüngen. Vielleicht, wenn ich ſte geſchrieben, materiell über⸗ ſetzt ſehe, werde ich mich meiner ſchämen und auf der Senkung des Abgrundes, dem ich zulaufe, ſtehen bleiben. Das von Madame Raymond bewohnte Zimmer iſt von einer eigenthümlichen Beſchaffenheit: eine der Füllun⸗ gen von hochſchäftiger Tapiſſerie, womit es ausgeſchlagen iſt, läßt ſich nach Belieben in einen Falz ſchieben und entblößt ſo einen engen Durchgang, durch welchen man ſich insgeheim in das Schlafzimmer von Madame Raymond ſchleichen kann; dieſe Oeffnung mündet gegen einen ziemlich langen, ſchmalen Gang aus, deſſen äuße⸗ res Ende mit einem Zimmer mit Nebenausgang durch dieſen in Verbindung ſteht. Als ich Anfangs das⸗ Tapiſſerie⸗Zimmer als dasjenige bezeichnete, welches Madame Raymond inne haben ſollte, war es beſonders mein Gedanke, ſie, ſo wie Jean und Charpentier, in dem abgelegenſten Theile des Hauſes und in einer Wohnung einzuquartieren, welche durch den geheimen Gang einen ſehr nützlichen Ausweg im äußerſten Falle bieten würde, wenn Alles entdeckt und man zu mir gekommen wäre, um meine Gäſte zu verhaften. Wahrend ich ſo der Hinreißung meiner Liebe nach⸗ gab, kam mir die Erinnerung an die geheime Ver⸗ bindung unwillfürlich wieder in den Kopf. Dieſen Morgen, da ich wußte, daß Madame Raymond mit Albine ausgefahren war, ſchlich ich durch den Gang; als ich zu der beweglichen Fullung kam, verſicherte ich mich, daß ſie frei in den Falz ſchlüpfte; mittelſt einer unmerklichen Oeffnung, die ich längs der Bordure in der Tapete machte, bereitete ich mir ſodann das Mittel, Alles zu ſehen und zu hören, was im Schlafzimmer von Madame Raymond vorging. Dieſen Abend begleitete ich meine Gäſte, nach meiner Gewohnheit, bis zur Thüre ihrer Wohnung; dann, nachdem ich meine Frau in ihr Zimmer geführt hatte kehrte ich zu mir zurück. Rach einer Stunde, während welcher mein Herz hundertmal heftiger klopfte, als bei meinem erſten Lie⸗ besrendez⸗vons, ſolgte ich in der Dunkelheit dem ge⸗ heimen Gange. An dem leichten Lichtfaden, der durch die in die Tapete gemachte Oeffnung drang, bemerkte ich, daß Madame Raymond in ihr Zimmer zurückgekehrt war, nachvem ſie, wie ſie dies zu thun pflegte, einige Augenblicke mit ihrem Sohne geplaudert hatte. Man ging zu ihm auf einer kleinen Treppe hinauf, welche nach einem großen Ankleidecabinet ausmündete, das zu dem Schlafzimmer von Madame Raymond gehörte. Von der Stelle aus, wo ich verborgen war, ſah ich drei Seiten dieſes Zimmers, im Hintergrunde den Alcoven, gegenüber den Kamin, und auf der anderen Seite die zwei Fenſter, welche auf den Park gingen. Vor dem Spiegel des Kamins ſtehend, fing Ma⸗ dame Raymond damit an, daß ſie eine ſehr einfache Haube abnahm, die ſie trug, dann hakte ſie ihr ſchwarzes Kleid auf, das, zu ihren Füßen gleitend, 231 ihren Hals, ihre Bruſt, ihre Schultern und ihre Arme entblößte. Ich war geblendet. . . Der ſchönſte grie⸗ chiſche Marmor hätte nicht mehr Weiße, nicht mehr Reinheit der Umriſſe; was aber der Marmor nicht hat, und was ich bis dahin nie bei irgend einer Frau ge⸗ ſehen, war eine Haut ſo friſch, ſo atlaßartig, daß ſie jenen Glanz, jene ſchimmernde Blankheit hatte, welche die Oberhaut einen Angenblick behält, wenn ſie im Waſſer gebadet worden iſt. Das Licht ſchimmerte und ſpielte auf dieſer breiten und feſten Bruſt, auf dieſen ſchönen Schultern mit den Grübchen, auf dieſen reizenden Armen, welche einen ſo friſchen Glanz hatten, als ob Madame Raymond eine Minute vorher aus dem Bade geſtiegen wäre. Nichts Köſtlicheres, als die Biegung dieſes perlmutterweißen Halſes, an den ſich ſehr tief ihr herrliches blondes, hinter dem Kopfe in eine dicke Flechte mit goldenen Refleren zuſammengewundenes Haar anſchloß. Ich weiß nicht, ob Madame Raymond von einem Gefühle unwillkürlichen Stolzes ergriffen wurde, als ſie ſich noch ſo ſchön ſah, aber mir ſcheint, daß ſie, vor ihrem Spiegel ſtehend, ihre beiden Arme über ihren Kopf erhoben, um ihre Friſur wieder in Ordnung zu bringen, einen Augenblick ihr Bild anlächelte. Bald aber wurde ſie träumeriſch; ſtatt ſich vollends auszukleiden, behielt ſie ihren Schnürleib von Baſin und ihren Unterrock an, ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, ihre Füße ausgebreitet, ihre Hände krenzweiſe über ihren Buſen gelegt, als hätte ſie einem Inſtincte der Schamhaftigkeit gehorcht, und neigte ihren Kopf auf ihre Bruſt. Was die Gedanken von Madame Raymond wäh⸗ rend einer Viertelſtunde, die ſie an dieſem Platze blieb, geweſen find, weiß ich nicht; doch ihr Geſicht nahm allmälig einen tief ſchwermüthigen Ausdruck an; ihre großen blauen Augen ſchauten ſtarr in den leeren Raum, und einige Male hob ein langer Seufzer ihre 232 Bruſt . . . Dann erwachte ſie aus ihrer Träumerei, zog aus ihrem Buſen ein kleines Medaillon, befeſtigt an einem goldenen Kettchen, das ſie am Halſe trug, und das ich noch nicht bemerkt hatte, drückte das Me⸗ daillon mit einer Art von leidenſchaftlichen Gluth an ihre Lippen . . . und flüſterte: „Oh! es bleibt mir wenigſtens Dein Sohn.“ Und ſie fuhr mit ihrer Hand über ihre feuchten Augen. Ohne Zweifel dachte ſie an ihren Gatten, der vor langer Zeit geſtorben. Bald ſchlug es Mitternacht. Bei dieſem ſonoren Schalle ſprang Madame Rah⸗ mond auf, bebte leicht, kleidete ſich langſam vollends aus, und. Hier war mein Tagebuch unterbrochen und zerriſſen. Es war unterbrochen, weil die Ereigniſſe ſich ſo haſtig, ſo ernſt gefolgt ſind, daß ich es erſt lange Zeit nach dieſer Epoche wieder habe aufnehmen können. Es war zerriſſen, weil ich, nachdem ich mit Feuer⸗ zügen die letzten Erinnerungen dieſer unſeligen Nacht aufgezeichnet hatte, das Blatt zerriß, in Verzweifelung darüber, daß ich nicht auch aus meinem Gedächtniſſe das brennende Bild, welches daſſelbe belagert hielt, vertilgen konnte. . . . Nachdem ich eine Stunde ſo ſchmählich, verräthe⸗ riſch Madame Raymond beſpähend, zugebracht hatte, kehrte ich verwirrt, trunken, wahnſinnig vor Liebe und und Begierde in mein Zimmer zurück. . Am frühen Morgen ſtieg ich zu Pferde, ſchützte einen langen Ritt und Geſchäſte, die ich in Chambly zu ordnen habe, vor und ließ meiner Frau ſagen, ich werde erſt zum Mittagseſſen und vielleicht ſpäter nach Hauſe kommen. Ich hoffte, es werde mir während dieſes Tages der Einſamkeit gelingen, mich durch die Ueberlegung zu 233 bezähmen. Auch empfand ich eine Art von Scham, wieder vor Madame Raymond zu erſcheinen, nachdem ich, obgleich ohne daß ſie etwas davon wußte, das Aſyl, in das ſie ſich geflüchtet, entweiht hatte. Ich täuſchte mich nicht: es hatte für mich einer übermenſchlichen Stärke bedurft, um nicht in das Zim⸗ mer von Madame Raymond einzutreten, auf die Ge⸗ fahr, ein erſchreckliches Aergerniß herbeizuführen, denn Jean und Charpentier wohnten ganz in der Nähe; ich fühlte, daß ich, wenn ich noch ein zweites Mal ſo wahnſinnig wäre, mich einer ſolchen Verſuchung aus⸗ zuſetzen, nachgeben würde, was auch daraus entſtehen möchte. Dadurch, daß ich lange bei dieſem ſchändlichen Gedanken verweilte, zog ich ihn am Ende in ſeiner ganzen Häßlichkeit, in allen ſeinen gräßlichen Folgen in Betrachtung; ich kam ruhiger und beinahe das Vergangene bereuend nach Hauſe. Zu größerer Sicher⸗ heit zog ich es indeſſen vor, Madame Raymond an dieſem Abend nicht mehr zu ſehen; ich ließ ſagen, ich befinde mich ein wenig unwohl, und blieb den ganzen Abend in meinem Zimmer. Es war ungefähr eilf Uhr; ich ſchickte mich an, zu Bette zu gehen, als mir mein Kammerdiener mel⸗ dete, Madame Claude wünſche mich ſogleich zu ſprechen; ich ließ ſie eintreten. Aus ihrer unruhigen, geheim⸗ nißvollen Miene errieth ich, daß ſie mir eine Mitthei⸗ lung zu machen habe; ich entließ meinen Bedienten und blieb mit ihr allein. „Nun! Madame Claude, was gibt es?“ ſagte ich zu ihr. „Ich befürchte, Ihres Vertrauens unwürdig ge⸗ worden zu ſein .. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Aber ich werde wenigſtens theilweiſe meinen Feh⸗ ler wieder gut gemacht haben . „Erklären Sie ſich, Madame Claude.“ „Ich hatte ſchon bemerkt, daß Madame zuweilen lange, zu verſchiedenen Malen unterbrochene Briefe ſchrieb; nun mache ich es mir auch zum Vorwurf, daß ich den Herrn nicht davon unterrichtet habe „ „Meine Frau ſchrieb ohne Zweifel an ihre Mutter Le „Nein, denn die Briefe, welche Madame an ihre Frau Mutter geſchrieben hat, bin ich auf die Poſt zu tragen beauftragt geweſen.“ S „und die Brieft, von denen Sie ſprechen“ „Ich weiß nicht, an wen und durch wen Madame ſie bis jetzt abgeſchickt hat; doch heute Abend, ehe ſie ſchlafen ging, ſagte Madame zu mir: „ „Meine liebe Madame Claude, hier iſt ein Brief, den ich Sie mor⸗ gen früh auf die Poſt zu bringen bitte, Sie ſelbſt, hören Sie,““ fügte Madame bei, „und es iſt unnöthig, Jemand von den Lenten des Hauſes zu ſagen, daß ich Ihnen dieſen Auftrag gegeben habe.““ „Und dieſer Brief, an wen war er adreſſirt?“ „Hier iſt er,“ antwortete Madame Claude, waͤh⸗ rend ſie den Brief aus ihrer Taſche zog. Ich nahm raſch den Brief; er hatte die Adreſſe: An Fräulein Hermance von Villiers, Rue d'Anjou Nro. 17, in Paris. „Ich werde dieſen Beweis Ihres Cifers nicht ver⸗ geſſen, Madame Claudes es verſteht ſich, ſollte meine Frau Sie mit andern Briefen beauftragen. „So werde ich ſie dem Herrn bringen, wie dieſen „ Madame Claude ging ab, und ich las folgenden Brief. 235 XLVII. Albine an Hermance. Lies aufmerkſam dieſen Brief, meine liebe Freun⸗ din; diesmal erwarte ich . .. fordere ich eine raſche Antwortz mein Kopf iſt in einem ſalchen Chaos, daß, wenn ich Dir Alles erzählt habe, Du vielleicht klarer als ich in meiner Lage ſehen wirſt; dann wirſt Du mir rathen, oder Du wirſt mir vielmehr ſagen: „Sieh, wo Du biſt, . ſieh, wohin Du gehſt . urtheile, nimm Dich in Acht, und entſcheide Dich.“ Gewiſſe Stellen dieſes Briefes werden Dir zeigen, warum ich mich in ſo ſchwierigen Umſtänden nicht an Madame Raymond wende, zu ver ich ein ſo großes Vertrauen habe. Durch meinen letzten Brief haſt Du erfahren, welche vortreffliche Raihſchläge mir dieſe anbetungs⸗ würdige Frau gegeben, wie ich, durch ihren Beiſtand, aus einer verdumpfenden, ſchmählichen Lethargie her⸗ ausgetreten bin. Ich habe Dir einen von unſeren Tagen erzählt, die anderen waren nicht minder glücklich, nicht minder gut angewendet, denn die Genüſſe des Herzens und des Geiſtes ſind unverſiegbar; Du haſt endlich meinen Entſchluß erfahren, mich in den Augen von Herrn Dupleſſis zu verwandeln, in der Hoffnung, bei ihm eine zärtliche Zuneigung, das einzige Glück zu finden, das mir fehlte, um das neue Leben, welches mir Ma⸗ dame Raymond geoffenbart hat, vollſtändig zu machen. Um zu dieſem von mir ſo lebhaft erſehnten Re⸗ ſultate zu gelangen, habe ich Alles bei meinem Manne verſucht; ich habe vergeſſen, mit welch grauſamem Egoismus er lange in mir Alles erſtickt hat, was Ver⸗ ſtändiges und Edles vorhanden ſein konnte; ich habe mich angeſtrengt, ihm zu gefallen, ihn mich lieben zu unerklärlicher Inſtinet näherte mich, wie ich Dir in meinem letzten Briefe geſagt habe, meinem Manne, als hätte ich in ſeiner zärtlichen Zuneigung eine Zu⸗ flucht, eine Schutzwache gegen eine Gefahr, die ich un⸗ beſtimmt ahnete, finden ſollen. Dieſe Gefahr (iſt es eine Gefahr?) ich kenne ſie nun „₰z vielleicht hätte ich ſie nie errathen ohne einen plötzlichen Umſchlag in der Handlungsweiſe von Herrn Dupleſſis gegen mich. Ich muß ihm indeſſen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, eine Zeitlang hat er ſein Möglichſtes gethan, um mir einige Zärtlichkeit zu bezeigen. Oh! wenn Du wüßteſt, Hermance, mit welchem Glück, gemiſcht mit ſüßen Hoffnungen, ich ihn ſich ſo umwandeln ſah, mit welchem ſeſten Willen ich aus meinem Gedächtniß Alles entfernte, was mich an meine früheren Urſachen des Widerwillens erinnern konnte, wie ich auf Mittel ſann, um Herrn Dupleſſis auf dem Wege zu ermuntern, wo wir, wie ich glaube, eines Tages unſer gemein⸗ ſchaftliches Glück hätten finden können! Aber, ach! bald müde, das zu heucheln, was er nicht empfand, kehrte mein Mann zu ſeinen erſten Gewohnheiten eines trockenen, kalten Benehmens zurück, oft nahm er ſogar mit einer ſchlecht verhehlten Unge⸗ duld und Verachtung mein eifriges Beſtreben, mich ihm zu nähern, auf, und er masquirte kaum dieſe Härte durch einige freundliche Aeußerlichkeiten in Ge⸗ genwart von Madame Raymond, die ihm ungemein imponirt, und die er mit tiefer Ehrfurcht anhört. Sobald ich mich ſo von meinem Manne zurück⸗ geſtoßen, in meinen zarteſten Gefühlen verletzt, in meinen edelſten Hoffnungen verwundet ſah, fühlte ich nur noch eine eiſige Verachtung für ihn; nichts in der Welt, hörſt Du, nichts in der Welt würde mich fortan von dieſem Eindrucke zurückbringen. machen, wie ich geliebt zu ſein zu verdienen glaube. Ein Gott ſei gelobt, das neue Leben, das ich Madame 237 Rahmond zu verdanken habe, iſt ſo reich an edlen Trö⸗ ſtungen, daß das Benehmen von Herrn Dupleſſis in keiner Hinſicht meine ſüße Zufriedenheit geſtört haben würde, hätte nicht gerade das Unwürdige dieſes Be⸗ nehmens in meinem Herzen eine gefährliche Vergleichung angeregt. Du mußt nun Herrn Jean Raymond ſo gut als ich durch das, was ich Dir von ihm geſagt habe, kennen; ich werde Dich daher nicht überraſchen, wenn ich Dir geſtehe . was ich mir, nachdem ich mich lange befragt, endlich ſelbſt geſtanden habe daß ich Herrn Jean Rahmond liebe. Ich mache Dir dieſes Geſtändniß, ohne zu erröthen, Hermance, weil ich nicht zu erröthen habe. Herr Jean weiß nichts von dieſer Liebe, er wird nie etwas davon wiſſen; er kann ſie nicht theilen, er liebt nur ſeine Mutter, und ich bin verheirathet .. Das iſt alſo eine Liebe ohne möglichen Ausgang. Ich liebe alſo für das Glück oder für den Schmerz, zu lieben. Bis jetzt iſt das, was ich empfunden habe, ſo ver⸗ worren, ſo neu, ich habe bald ſolche Ausdehnungen des Berzens, bald ſchnürt es ſich im Gegentheil unter ſo ſchmerzlichen Bangigkeiten zuſammen, und dies ohne einen entſchiedenen Veweggrund, daß ich in der That noch nicht weiß, was die Oberhand hat, das Leiden oder das Vergnügen .. wenn man liebt. Ich weiß nur, daß ich liebe. daß kein Tag vergeht, wo ich mir nicht meinen alten Refrain, Du weißt, ſage „Herr Jean, hätte er lieben können, wäre .. der Gefährte des von mir ſo oft geträumten Feſtes meiner Jugend geweſen; das iſt ein warmes, für das Gute leidenſchaftliches Herz, ein lebhafter, heiterer eiſt, trotz der traurigen Beſorgniſſe, von denen er belagert wird, ein offener, feſter, gleichmäßiger und reizender Charakter . .“ Ah! wenn man ſich ſelbſt ſein Schickſal machen würde, wäre eines auf der Erde oder im Himmel, bas ſich mit dieſem vergleichen ließe, Hermanee: „Mit Herrn Jean Rahymond verheirathet ſein und mein Leben zwiſchen ihm und ſeiner Mutter zubringen ſage, iſt das nicht das Jveal des Glücks?“ Höre der Wahrheit gemäß, wie es um mich ſteht: Ich gehe vielleicht an einem gräßlichen Abgrunde hin, doch ich kenne ihn nicht; weit entſernt, zu zittern oder mich zu ängſtigen, fühle ich mich bis jeszt beſſer, edler, verſtändiger, empfänglicher für die Schönheiten der Natur, für die Größen des Geiſtes, kurz, ich fühle mich ſehr ruhig, ſehr ſtark und ſehr entſchloſſen. Fragſt Du mich, wozu ich dieſe Stärke, dieſe Ent⸗ ſchloſſenheit anzuwenden gedenke, ſo werde ich Dir ant⸗ worten: Ich weiß es nicht; doch mir ſcheint, daß dieſe Liebe mein Herz kräftig geſtählt hat. Ich bin für jedes Ereigniß bereit. Was für Ereigniſſe? Ich weiß es nicht, doch ich ahne ernſte. Ich habe meinen Brief wieder geleſen, ich finde ihn vollkommen, in ſo ſern er das gibt, was noch Dun⸗ keles und Unentſchiedenes in meiner Lage iſt. Suche mir nun zu rathen, meine Freundin. Soll ich bleiben? Soll ich meinen Mann bitten, mich nach Paris gehen zu laſſen, und einige Zeit bei meiner Mutter zubringen? Soll ich mich Madame Raymond anvertrauen? was ich nicht zu thun gewagt habe, weil es ſich um ihren Sohn handelt. Soll ich mich den Süßigkeiten und den Bangig⸗ keiten der Liebe überlaſſen? Soll ich ſie zu erſticken ſuchen, wie einen Gedan⸗ ken, wie eine ſchlimme Handlung? Soll ich ſie im Gegentheil hegen, religiös im Grunde meines Herzens pflegen, wie man einen Schatz für die unglücklichen Tage vergräbt? Soll ich mich bemühen, an die Zukunft zu denken, 239 und danach ſtreben, ſie zu ergründen, um vorher zu ſehen und zu beurtheilen, was ſie mir nun vorbehält? Soll ich im Gegentheil, was ich übrigens bis jetzt gethan habe, mich ſo ganz mit der Gegenwart be⸗ ſchäftigen, ſo thätig alle Stunden, alle Minuten von heute anwenden, daß ich nicht die Muße habe, an morgen zu denfen? Ich beſchwöre Dich, Hermanee, antworte mir ſchleu⸗ nigſt auf alle dieſe Fragen; was auch Deine' Anſicht ſein mag, ſie wird mich ohne Zweifel erleuchten. Was bin ich? eine große Verbrecherin? Eine höchſt glückliche Frau? Oder eine arme Tolle, welche ſehr zu beklagen? Wenn Du es weißt, ſage es mir, die Zeit bedrängt mich; ich erwarte Deinen Brief. Immer und aus dem Grunde der Seele . Antworte mir unter der Adreſſe der Frau Mar⸗ quiſe von Berteuil; ich werde Madame Raymond in Kenntniß ſetzen, denn Dein Brief ſoll nicht in die Hände von Herrn Dupleffis fallen. Ich hielt mich gepanzert gegen die Eiferſucht: der Brief von Albine zerſtreute meinen Irrthum; nichts in ihren Worten berechtigte mich, Jean zu beargwoh⸗ nen, meine Frau anzuklagen, welche nur ſchuldig, eine unwillkürliche Liebe zu empfinden. Das Leſen dieſes Briefes brachte mich aber in Wuth. „Lügen. . Verrath iſt Alles dies!“ rief ich. „Jean wird der Liebhaber meiner Frau ſein, wenn er es nicht ſchon iſt. und er iſt es, deſſen bin ich ſicher. Sie getraut ſich noch nicht, dieſe Schändlichkeit ihrer Freundin zu geſtehen . . . Sie bereitet ſie auf dieſe Offenbarung vor . So ſchamlos man auch ſein mag, man macht nicht ſogleich, ſelbſt nicht einmal einer Freundin, ein ſolches Geſtändniß. .. Die Elende! Oh! ich bin kein Dummkopf! .. . Ich glaube nicht an die platoniſche und demjenigen, welcher ſie ein⸗ flößt, unbekannte Liebe. Herr Rahmond behandelt zu leicht die Ehe, um das geringſte Bedenken gehabt zu haben; er wird eine Schuld von meiner Seite vermu⸗ thet oder als ſolche die Klagen angenommen haben, die ihm wohl meine Frau gemacht hat. Hat er mir nicht geſagt: das Unrecht eines Mannes entſchuldige die Untreue ſeiner Frau? . . Oh! Herr Raymond iſt ein großer Betrüger, er iſt mit Albine einverſtanden, ſie benützen ohne Zweifel meine Abweſenheiten! Elend Gottes! bei diefem Gedanken erſticken mich der Haß, die Wuth. Verrathen, entehrt, mit Schmach und Lächerlichkeit bedeckt durch meinen Freund . durch einen Menſchen, den ich gerettet habe, indem ich ihm hier eine Zuflucht gegeben! Schändlichkeit! dop⸗ pelte Schänblichfeit! Betrogen, wie ſo viele Andere, mein Leben vernichtet; oh! ich werde ſie beſpähen .. ich werde ſie umbringen . . . Und ſeine Mutter ſeine Mutter .. Dieſe Mabdame Rahmond, bei ſeinem Vertrauen zu ihr, wird er ſie in das Geheimniß ein⸗ geweiht haben . Charpentier auch! Bei Gott! ich bin ihr Thor, den ſie verlachen! . . . Die Mutter hat das Spiel ihres Sohnes verborgen, indem ſie ſich das Anſehen gab, als wollte ſie mich meiner Frau näher bringen . . . Das war geſchickt... Das lenkte meinen Verdacht ab; und dann mußte Madame Raymond meine tolle Leidenſchaft für ſie wahrnehmen . . Ja, und während ich beſcheiden nach ihren Reizen ſeufze, als ein einfältiger und verzagter Verliebter, findet ſie es piquant, ihrem Sohne meine Frau, die Frau eines Royaliſten, verführen zu helfen. Das iſt um ſo be⸗ luſtigender, als der Royaliſt dieſe Jacobiner von dem Looſe errettet hat, das ſie verdienten. . Der Streich iſt reizend, übrigens ein wenig nach Art der Regent⸗ ſchaft für dieſe Stoiker des alten Rom. Ah! bei der Hölle! Jean hat meine Fran verführt!.. Wohl denn! ich werde heute Nacht . auf der Stelle ſeine 24¹ Mutter verführen. gutwillig ober mit Gewalt Bah! mit Gewalt!. Wer weiß? ... Dieſe Frauen von großen Charakteren werfen gewöhnlich die gemeine Moral weg! Man kennt die ſprüchwörtliche Keuſchheit der Sempronia, der Herzogin von Longueville, der Thé⸗ roigne von Mirecourt, und anderer älterer und neuerer Verſchwörerinnen. Und überdies habe ich keine Wahl. Ich! ihr kläglich mein Liebesmärtyrthum erzählen! Das hieße machen, daß man mir ins Geſicht lachen würde. Wenn ſie widerſteht, wenn ſie ſchreit, nun! was wenn ſie ſchreit? . . . ihr Sohn wird herbeilaufen . . Deſto beſſer! . . . Druell auf Leben und Tod, angenommen . ein Duell auf Leben und Tod! die Beſchimpfung wird gleich auf beiden. Seiten ſein Tödtet er mich, ſo werde ich wenig⸗ ſtens nicht wie ein Dummkopf getödtet worden ſein. Oh! ſeine Mutter, dieſe Frau! . dieſe Frau; nein, es iſt nicht mehr Liebe, es iſt Leidenſchaft, was ſie mir einflößt, es iſt nun beinahe Haß! es iſt eine hölliſche Begierde, zu brandmarken, was immer rein, bewun⸗ derungswürdig, himmliſch geweſen iſt! es iſt ein wil⸗ des Bedürfniß, ſie zu entheiligen, die ſtolze Tugend, die herviſche Größe, welche dieſe Frau ſo hoch über die anderen Frauen ſowohl durch ihren Charakter, als durch ihre Schönheit ſtellt .. Deſto beſſer! Je größer ihre Erhabenheit geweſen iſt, deſto tiefer wird ihr Fall ſein. Dieſes ſtolze Geſchöpf erniedrigen, de⸗ müthigen, dieſes Geſchöpf, das mir, trotz ſeines unwi⸗ derſtehlichen Zaubers, eine beinahe furchtſame Ver⸗ ehrung eingeflößt hat! .. Oh! es müßte für Tarqul⸗ nius eine ungeheure, erſchreckliche Wolluſt ſein, die keuſche Lucretia zu ſeinen Füßen zu ſehen!“ Und wie jene Mörder, die ſich mit der Trunken⸗ heit ihres Verbrechens ſelbſt berauſchen, einem gräß⸗ lichen Schwindel preisgegeben, beinahe wahnſinnig ge⸗ worden, lief ich in den Gang, der in das Zimmer von Madame Raymond führte. Ein geheimer Inſtinet Fernand Dupleſſis. M. 16 ſagte mir ohne Zweifel, eine Secunde der Ueberlegung hätte mir die Schändlichkeit meines Benehmens gezeigt und dem albernen Vorwande, mit dem ich meinen ab⸗ ſcheulichen Plan bedecken wollte, ſein Recht widerfah⸗ ren laſſen, dem Vorwande: Rahmond müſſe meine Frau verführt haben. Ich ließ alſo raſch die Füllung in den Falz glei⸗ ten und trat ungeſtüm in das Zimmer von Madame Raymond ein. XLVIII. Madame Rahmond war nicht zu Bette gegangen; beim Kamine ſitzend, war ſie im Nachtgewande und las bei der Helle einer Kerze. Als ſie mich auf eine ſo ſeltſame Manier erſcheinen ſah, warf ſich Madame Raymond raſch rückwärts, ließ ihr Buch fallen und ſtaunte mich ganz beſtürzt an; dann ſtand ſie plötzlich auf, lief, ohne an die Unordnung ihres Anzugs zu denken, auf mich zu und rief mit einer bebenden Stimme: „Mein Sohn . . . man kommt, um ihn zu ver⸗ haften?“ Ich begriff ihre Gedanken. Madame Raymond, als ihr erſtes Erſtaunen vorüber war, konnte ſich meine ungeſtüme, geheimnißvolle Erſcheinung nicht anders als dadurch erklären, daß ſie vermuthete, ich komme, um ſie von der Gefahr zu benachrichtigen, von der ihr Sohn bedroht ſei, und um ihm das Mittel zu geben, ſich derſelben zu entziehen. Dieſer der mütterlichen Zärtlichkeit entriſſene Schrei rührte mich nicht; ich verſchlang mit dem Blicke Ma⸗ dame Raymond, welche nur halb angekleidet war; plötzlich ergriff ich eine von ihren Händen, die ſie ge⸗ gen mich ausſtreckte, und ſagte zu ihr: 243 „Nein beruhigen Sie Ihr Sohn läuft keine Gefahr.“ big 66 „Oh! ich danke!“ rief ſie, indem ſie mir die Hand in einem erſten Erguſſe der Freude und der Dankbar⸗ keit drückte. Dann erſt dachte ſie an die wenig anſtändige Art, wie ſie gekleidet war, kreuzte mit einer Hand ihr Nacht⸗ gewand, ſuchte aus der meinigen ihre andere Hand zurückzuziehen, die ich krampfhaft preßte, und ſagte mit einem Tone, der weniger Mißtrauen, als ein großes Erſtaunen andeutete. „Da Jean keine Gefahr läuft, Herr Dupleſſis, was führt Sie denn in mein Zimmer . zu dieſer Stunde durch dieſen geheimen Eingang?“ . „Ich bete Sie an!“ erwiederte ich ganz leiſe; und die Hand, die ich ergriffen, mit Küſſen bedeckend, fuchte ich mit meinem andern Arm den Leib von Madame Raymond zu umſchlingen. Doch die Entrüſtung, der Zorn gaben ihr eine außerordentliche Stärke; ſie machte Kti aus meinen Armen los, waif ſich zurück und rief: „Elender! Schändlicher!“ Viele Jahre find ſeit dieſer Nacht vergangen, und ich ſehe Madame Raymond noch bleich, bebend, gereizt, das Auge funkelnd, vor mir; ihre während dieſes Kam⸗ pfes von einer Secunde aufgelöſten Haare bedeckten halb ihre Schultern. Sie war bewunderungswürdig von Schönheit, Zorn und ergrimmtem Stolz. Weit entfernt, mich niederzuſchmeitern, vermehrte ihr Anblick noch meinen Wahnſinn, und ich ging auf ſie zu, als ich plötzlich ſachte an die Thüre von Ma⸗ dame Rahmond klopfen und die Stimme von Jean ſagen hötte: „Meine Mutter, ſind Sie zu Bette gegangen?“ „Mein Sohn er wird dieſen Menſchen töd⸗ ten!“ rief Madame Raymond. Was ich in dieſem Augenblicke fip ich ver⸗ möchte es nicht zu ſagen; war es Feigheit, Gewiſſens⸗ biß oder Schwindel, ich weiß es nicht; doch bei der Stimme von Jean verlor ich den Kopf; ich erinnere mich nur, daß ich, als ich zu mir kam, mich in dem geheimen Gange befand, in den mich Madame Ray⸗ mond ohne Zweifel hinausgeſtoßen hatte, wonach jie die Füllung der Tapete wieder geſchloſſen. Als ich meine Lebensgeiſter wieder ſammeln konnte, gelangte die Stimme von Jean an mein Ohr. Folgendes war ſein Geſpräch mit ſeiner Mutter, deſſen Anfang ich nicht hatte hören können: „Ich verſichere Sie, meine Mutter,“ ſagte Jean, „ich verſichere Sie, Sie beunruhigen mich ſehr .. Sie ſind ganz bleich ... und in Augenblicken ſchauern Sie Oh! gerade jetzt . 4 „Und ich verſichere Dich, mein liebes Kind, daß ich nichts habe. . . Ich las . ich entſchlummerte in dieſem Lehnſtuhle .. Du haſt mich durch Dein Anklopfen aufgeweckt . . . ich nahm mir nur die Zeit, in einen Schlafrock zu ſchlüpfen, und öffnete Dir „ Ich wiederhole, wenn ich bleich bin, ſo wird mich die Kälte, während ich ſchlief, gepackt haben; ſei alſo un⸗ beſorgt und ſage mir . was Dich hieher führt. Ich glaubte, Du lägeſt längſt im Bette.“ „Wahrhaflig, meine Mutter, Sie ſind nicht un⸗ päßlich?“ „Wenn ich Dir ſage, nein, lieber Halsſtarriger; laß hören, was fuͤhrt Dich hieher? erzähle mir „Hüllen Sie ſich wenigſtens in dieſen Shawl, meine Mutter.“ „Gut Biſt Du zufrieden? Ich bin in den Shawl gehüllt. Nun ſprich.“ „Seit heute Morgen quält mich ein Gedanke. Vor einer Stunde, als Sie mir gute Nacht ſagten, war ich auf dem Punkte, mich Ihnen zu eröffnen aber ich habe mich nicht getraut ... denn es kann ſein, daß 245 ich mich durch eine Illuſion bethören laſſe . . Doch wenn ich mich nicht täuſche, iſt die Sache ſo ernſt, daß ich nach reijlicher Ueberlegung herabgegangen bin, auf die Gefahr, Sie aufzuwecken.“ „Um was handelt es ſich denn?“ „Es handelt ſich um Fernand.“ „Ah!“ „Sie wiſſen, meine Mutter, welche edelmüthige Gaſtfreundſchaft er uns bietet!“ „Ich weiß das.“ „Er hat durch ſeine aufopfernde Ergebenheit bei dieſem Umſtande das Unrecht getilgt, das man einſt ſeinem Leichtſinn vorwerfen konnte; aber Sie ſehen, ſein Herz iſt geblieben, was es war . . . . „Ich glaube es z es iſt geblieben, was es war.“ „Sie werden alſo begreifen, meine Mutter, wie ſchmerzlich es für mich wäre, ſelbſt ohne es zu wollen, Fernand den geringſten Kummer zu verurſachen.“ „In wie fern kannſt Du Herrn Duypleſſis einen Kummer verurſachen?“ „Meine Mutter, ich wäre ſehr in Verlegenheit, wenn ich zu irgend einer Andern als zu Ihnen ſprächez und ſelbſt gegen Sie ... „Nun! ſelbſt gegen mich?“ „Ich weiß nicht, wie ich mich erklären ſoll; denn es iſt zugleich ſo ernſt und vielleicht ſo lächerlich ſo albern .. „Vollende doch.“ „Haben Sie bemerkt, daß Fernand, der uns im⸗ mer rückſichtsvoll gegen ſeine Frau geſchienen hatte, und der ſogar in der letzten Zeit ſeine Aufmerkſamkeit und Zuvorkommenheit gegen ſie verdoppelte, ſie ſeit Kurzem mit einer kaum verhehlten Kälte behandelt?“ „Ich habe das bemerkt .. . und dieſe Veränderung jenen leichten Wolken zugeſchrieben, von denen die beſten Ehen nicht frei ſind; doch worauf willſt Du hiemit kommen?“ „Wir haben oft gemeinſchaftlich Leſungen gehabt. Zuweilen habe ich, während ich las, die Augen auf Madame Dupleſſis geworfen, und immer fand ich ihren Blick auf den meinigen mit einem ſeltſamen Ausdruck geheſtet. Vorgeſtern Abend, als ich von Tiſche kam und durch das Gewächshans ging, pflückte ich eine Paſ⸗ ſionsblume; ich behielt ſie einige Zeit in der Hand. Als mich aber Fernand rief, um die Stelle von Char⸗ pentier beim Billard einzunehmen, ließ ich die Blume auf einer Conſole; beinahe in demſelben Augenblick ſah ich in einem Spiegel Madame Dupleſſis die Blume nehmen, wobei ſie ihr Taſchentuch darauf legte, um nicht bemerkt zu werden, dann einen Moment hinaus⸗ gehen und ſogleich wieder zurückkommen. Alles das, ich fühle es und ich wiederhole es, meine Mutter, das iſt in meinem Munde äußerſt lächerlich .. doch „Nein, Jean, nein, bas iſt nicht lächerlich, das iſt ernſt . . . Deine Bemerkungen erinnern mich an gewiſſe Umſtände, die mir bis jetzt ſehr unbedeutend geſchienen hatten .. . und die es, ich glaube, ſind, denn Madame Dupleſſis iſt ein Engel der Unſchuld und der Tugend.“ „Ich weiß es, meine Mutter; auch würde ich kein Gewicht auf Penſionnaire⸗Kindereien legen, wenn ich Fernand nicht für ſehr eiferſüchtig hielte .. . Es wäre mir aber höchſt verdrießlich, wenn ich denken müßte, ich errege ſelbſt unwillkürlich ſeine Eiferſucht, ſo wenig gegründet ſie auch ſein möchte. Ich finde Madame Du⸗ pleſſis reizend, ich ſchätze ſie nach ihrem Werthe, ich bin aber nicht im Geringſten verliebt in ſie .. Ich befürchte nur, die Kälte, die ihre Fernand ſeit einigen Tagen bezeigt, habe die Eiferſucht zur Urſache; viel⸗ leicht wird er auch einige von dieſen Blicken oder von dieſen Kindereien, die ich ſelbſt bemerkt, wahrgenom⸗ men haben.“ 247 „Hat Dir Herr Dupleſſis mißtrauiſch, gezwungen gegen Dich geſchienen?“ „Nein, nicht gerade . . . Ich fühle indeſſen in⸗ ſtinctartig, daß etwas zwiſchen uns Beiden iſt .. Ich habe auch aus Rückſicht auf die delicate Stellung, in der ich mich Fernand gegenüber befinde vorbe⸗ hältlich Ihrer Billigung, meinen Entſchluß gefaßt.“ „Welchen Entſchluß?“ „Morgen Abend werde ich dieſes Haus verlaſſen.“ „Das iſt Deine Pflicht, mein Kind.“ „Ich werde Fernand einen genügenden Vorwand geben, um meine Abreiſe zu erklären .. . Sie bleiben mit Charpentier hier . . . und . . . „Charpentier und ich werden mit Dir abreiſen.“ „Meine Mutter . . . das iſt unmöglich Die⸗ ſer Zufluchtsort iſt ſicher . . . bedenken Sie das wohl. Sie wollen dieſes Haus bei Nacht verlaſſen, ohne zu wiſſen, wohin Sie gehen werden!“ u wirſt Du wiſſen, wohin Du gehſt?“ ch 6 „Du, das iſt etwas Anderes, nicht wahr? wie in der Komödie!“ „Meine Mutter, ich bitte, hören Sie mich!“ „Mein Kind, ſprechen wir nicht mehr hievon.“ „Nun wohl! Charpentier wird mich begleiten; aber ich flehe Sie an, meine Mutter, bleiben Sie hier, Sie werden hier in Sicherheit ſein.“ „In Sicherheit . . . Wäreſt Du in Sicherheit, wenn Du mich den Gefahren ausgeſetzt wüßteſt, die Du laufen wirſt?“ „Aber ich, meine Mutter 4 „Aber Du, das iſt etwas Anberes .. Im⸗ mer wie in der Komödie .. . Mein braves Kind, keine Schwäche, haben wir nicht ſchlimmere Prüfungen durch⸗ gemacht? Als mein Bruder auf das Schaffot ging? Laß uns nicht zum Voraus verzweifeln. Deine Wunde iſt geheit. Das war meine größte Sorge; 24⁸ was das Uebrige betrifft, ſo denken wir an mehrere von unſern Brüdern, welche, da ſie nicht wie wir ha⸗ ben fliehen können, muthig und ergeben das Schickſal ertragen, das Dich für mich erſchreckt.“ „Sie haben Recht, meine Mutter, wir können uns nicht verlaſſen. Armer, guter Fernand . Wie groß wird ſeine Unruhe, ſeine Angſt ſein, wenn er unſern Entſchluß erfährt . . —er, der ſo glücklich war, uns bis jetzt Schutz vor den Verfolgungen gewährt zu haben.“ „Gewiß, doch Du ſagſt es, mein Sohn, es iſt beſſer, der Gefahr entgegenzugehen, als Deinem Freunde den geringſten Kummer zu verurſachen .. Nun müſſen wir uns mit Charpentier berathen, ſehen, auf welche Straße wir uns wagen können, über die Vorſichts⸗ maßregeln, welche zu treffen ſind, übereinkommen . Wir werden mit dem Ende der Nacht nicht zu viel für dieſe Unterredung haben.“ — 8 „Ich will Charpentier aufwecken und ihn hierher bringen.“ „Nein wecke ihn nicht auf; ich werde Dich in dem Salon erwarten, der⸗deſem Zimmer vorher⸗ geht omm Ich hörte Jean und ſeine Mutter aus dem Schlaf⸗ zimmer weggehen und die Thüre zumachen. XKLIX. Ich kehrte in meine Wohnung durch den geheimen Gang zurück. Als ich in meinem Zimmer war, hatte ich das Bewußtſein der Schändlichkeit meines Benehmens. Der Edelmuth von Jean, der eher einen Zufluchtsort ver⸗ ließ und ſich ſo vielen Gefahren ausſetzte, als mir 249 einen Kummer verurſachte, das Stillſchweigen von Madame Rahmond über meine Beleidigung drückten mich vor Scham und Schmerz zu Boden. Dann dachte ich an die Zukunft. Ich ſollte allein mit meiner Frau bleiben, — fie ohne Zweifel in ihrem Innern immer mit Jean be⸗ ſchäftigt, trotz ſeiner Abreiſe, ich immer gemartert von Gewiſſensbiſſen und der Bedrängung einer tollen Liebe; denn alle Erinnerungen an dieſe unſelige Nacht, in der ich es einen Augenblick gewagt hatte, Madame Raymond in meine Arme zu ſchließen, waren unab⸗ läſſig meinem Geiſte gegenwärtig. Zwanzig Entwürfe durchkreuzten ſich in meinem Kopfe, indem ich an die Mittel dachte, um von Ma⸗ dame Raymond und ihrem Sohne die Gefahren abzu⸗ wenden, denen ſie zu trotzen hätten. Ich war einer Art von ſieberhaften Aufregung preisgegeben. Der Tag kam. Ich hoffte auswärts ein wenig Ruhe und Ueber⸗ legung zu finden, ging in den Stall hinab, ließ mir ein Pferd ſatteln, und ritt auf das Gerathewohl in die Felder hinaus. Ich hatte den ganzin Tag vor mir, um einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, denn ich dachte, Jean und ſeine Mut⸗ ter würden aus Klugheit, wie ſie es verabredet, erſt am Abend das Schloß verlaſſen. Den Blicken von Madame Rahmond nach der Scene in der Nacht trotzen, das überſtieg meine Kräfte; Jean inſtändig bitten, zu bleiben, — ich durſte nicht daran denken, ihn hiezu zu beſtimmen, denn ich kannte die Unbeugſamkeit ſeines Charakters in Betreff ſeiner Pflicht; und dann konnte überdies ſeine Mutter nicht einwilligen, unter einem Dache mit mir zu bleiben. Da ſann ich darüber nach, wie ich ihre Flucht be⸗ günſtigen oder ihnen ein anderes Aſyl finden könnte; ich ſuchte in meinem Geiſte, welcher derjenige von meinen Meiern ſei, zu dem ich genug Vertrauen hätte, um ihn zu bitten, meine Gäſte zu verbergen; doch hier 250 ſtieß ich auf neue Schwierigkeiten. Das Signalement von Jean war überall verbreitet worden; meine Päch⸗ ter waren umgeben von zahlreichen Dienſtboten, auf köre Verſchwiegenheit man durchaus nicht rechnen onnte. Endlich, nach tauſend Plänen, die ich eben ſo bald wieder aufgegeben, als ich ſie erſonnen hatte, blieb ich bei einem Entſchluß ſtehen, der mir Alles zu ebnen ſchien; er gab wenigſtens Madame Raymond und Jean ein paar Tage Zeit, um ſich mit einander zu verab⸗ reden und ihre Abreiſe weniger gefährlich zu machen. Ich ritt nach Chambly; von da beabſichtigie ich mein Pferd nach Hauſe zurückzuſchicken und meiner Frau zu ſchreiben, wichtige Geſchäſte rufen mich auf einige Tage nach Chateauronx, ich werde ſie von mei⸗ ner Rückkehr benachrichtigen, und ſie möge mittler⸗ weile fortfahren, meinen Gäſten die Honneurs von Ri⸗ balliere zu machen . . . Mein Ritt hatte lange ge⸗ dauert, und ich hatte eine der von Chambly entgegen⸗ geſetzte Richtung genommen; ich mußte ungefähr vier Meilen machen, um mich dahin zu begeben; ich kam gegen zehn Uhr Morgens beim Gaſthauſe zum Weißen Krenz an, wo Madame Raymond, ihr Sohn und Char⸗ pentier, ehe ſie zu mir kamen, abgeſtiegen waren. Ich verlangte nach dem Wirthe; er erſchien, ſchaute mich ſehr erſtaunt an und ſagte zu mir: „Aber, mein Herr . . . ſie find vor zwei ſtarken Stunden abgereiſt . . .“ „Wer iſt abgereiſt?“ „Der Herr Marquis, die Frau Marquiſe und ihr Sohn Ich habe ihnen mein beſtes Pferd und ein Cabriolet gegeben; ſie werden gerade Zeit haben, Cha⸗ teaurvur zu erreichen, wenn die Diligence durchkommt.“ Ich hatte genug Selbſtbeherrſchung, um meinen grauſamen Verdruß zu verbergen, und ich antwortete dem Wirth: Ich hoffte den Herrn Marquis von Berteuil noch ich Madame Claude in der Hausflur; ich winkte ihr, * 251 hier zu treffen; er hat ein Porteſenille dei mir ver⸗ geſſen; ich wollte es ihm bringen und ihm noch ein⸗ mal die Hand drücken . . . Leider iſt es zu ſpät.“ Ich ſtieg wieder zu Pferde und kehrte eiligſt nach Hauſe zurück, um die einzelnen Umſtände dieſer Abreiſe zu erfahren, die meine Pläne zerſtörte. Zufällig traf mir zu folgen, und als ich in meinem Zimmer war, ſagte ich zu ihr, um die plötzliche Abreiſe meiner Gäſte minder nnerklärlich zu machen und den Verdacht zu entfernen, der ſie verfolgen konnte: „Der Marquis von Berteuil iſt als ein Duckmäuſer abgereiſt . .. Daran erkenne ich ihn . . Wie iſt das zugegangen ? „Heute Morgen um ſechs Uhr,“ antwortete mir Madame Clande, „hat mich die Frau Marquiſe bitten laſſen, zu ihr hinaufzukommen. „Meine liebe Ma⸗ dame Claude,““ ſagte ſie zu mir, „„ich habe Sie um einen kleinen Dienſt zu erſuchen. Könnten wir dieſen Morgen einen Wagen bekommen, um nach Chambly zu fahren? Wir haben die Idee, einen kleinen Ausflug zu machen. Das Wetter iſt herrlich. Herr und Ma⸗ dame Dupleſſis ſind ohne Zweifel noch nicht wach, es iſt unnöthig, ſie zu ſtören.“ „„Madame hat noch nicht geklingelt,“ erwiederte ich der Marquiſe; „„aber der Herr iſt vor einer Stunde ausgeritten.“ „„Dann, meine liebe Madame Claude, wollen Sie ſogleich an⸗ ſpannen laſſen .. .““ Ich beeilte mich, den Wünſchen der Frau Marquiſe zu entſprechen .. „Hernach?“ * „Als der Wagen bereit war, benachrichtigte ich die Frau Marquiſe, und zu meinem großen Erſtaunen ſah ich in ihrem Zimmer ihr Toilettegeräthe eingepackt, ihren Koffer gepackt, und der Herr Marquis und ſein Sohn traten ihren Nachtſack in der Hand haltend ein. Sie können ſich wohl denken, daß ich mir, trotz meines großen Erſtaunens, nicht erlaubt habe, etwas n ſagen“ — 2352 „So iſt es, der Marquis iſt immer berſelbe,“ verſetzte ich; „immer originell .. «; er hat ein wahres Grauen vor dem Abſchiednehmen, und er verläßt ſeine Gäſte nie anders.“ „Ah! das iſt es alſo; dann erkläre ich mir Alles; nichts kann einfacher ſein. . „Und Frau von Berteuil iſt abgereiſt, ohne meine Frau zu ſehen? 2. „Ja, mein Herr, doch die Frau Marquiſe hat einen Brief für Madame und Herr Jean Berteuil einen für den Herrn übergeben.“ „Ich nahm den Brief und fragte Madame Claude, wo der für meine Frau beſtimmte Brief ſei. Ich habe ihn Madame eingehändigt. Der ei wird vielleicht finden, daß ich Unrecht gehabt. „Iſ meine Frau in ihrem Zimmer?“ „Ja, mein Heit poch Madame iſt eingeſchloſſen.“ „Wie, eingeſ * mir für ſie übergeben hatte, bena der Abreiſe des Herrn Marquis und ſeiner Familie, Madame ließ mich daſſelbe zweimal wiederholen, als ob ſie mir nicht glauben könnte; und nachbem ſie den Brief, den ich ihr übergeben, geleſen hatte, zerfloß ſie in Thränen, ſie befahl mir, ihre Läden zuzumachen und nicht wiederzukommen, bis ſie mir geklingelt hätte. Ich wollte ein paar Worte nogeh aber Madame hieß mich ungeſtüm ſchweigen ₰ ich ging hinaus und ich hörte Madame hinter mir ihre Riegel vorſchieben.“ „Es iſt gut; laſſen Sie mich allein, Sie werden es mir melden, wenn meine Frau nach Ihnen verlangt.“ „Als ich Madame den Brief den man Ich war allein und las den Brief von Jean, er war alſo abgefaßt: „Verzeih' mir, mein lieber Fernand, daß ich Dich verlaſſe, ohne Dir die Hand gedrückt und aus dem Grunde meines Herzens geſagt zu haben, wie ſehr Dir tigte ich ſie von 253 meine Mutter, Charpentier und ich für Deine ebel⸗ müthige Gaſtfreundſchaft dankbar find. „Beweggründe, welche für Dich von keinem In⸗ tereſſe ſind, nöthigen uns, den Zufluchtsort zu verlaſſen, den Du uns geboten hatteſt; unſer Reiſeplan iſt, wie ich glaube, ziemlich glücklich entworfen, wir dürfen hoffen, den Nachforſchungen zu entgehen. Meine Wunde iſt geheilt, ich kann alſo ohne Gefahr den Strapazen und Abenteuern dieſer unvorhergeſehenen Reiſe trotzen. „Lebe wohl, in Eile, denn nach reiflicher Erwägung haben wir uns entſchieden, dieſen Morgen aufzubrechen, um mit der Süd⸗-Diligence zuſammenzutreffen, welche, wie man uns geſagt hat, durch Chateaurvux kommt. Sobalv wir an ſicherem Orte ſind, werde ich Dir aus⸗ führlich ſchreiben, um die Beſorgniſſe Deiner Freund⸗ ſchaft zu beſchwichtigen. „Noch einmal, Gott be nn Du biſt ein wackeres Herz. Ich liebe Dich und werde Dich immer lieben als meinen beſten Freund. „Der Deinige „Jean Raymond.“ „Brauche ich Dir zu ſagen, daß Charpentier und meine Mutter meine Dankbarkeit und mein Bedauern, Dich ſo plötzlich zu verlaſſen, theilen?“ Ich war auf dieſen Brief von Jean gefaßt, und dennoch belebte er meinen Kummer auf's Neue; ſo unvorſichtig die Abreiſe meiner Gäſte war, ſo bot ſie ihnen doch wenigſtens eine Chance der Rettung: man wußte in Chambly, daß ſie einige Zeit bei mir ge⸗ wohnt hatten, und man hatte ſie nach Chateaurour ohne Mißtrauen geführt; hier hatten ſie vielleicht ohne Hinderniß Plätze in der Süd⸗Diligenee finden können. Gegen zwei Uhr melbete mir Madame Claude, meine Frau ſei aufgeſtanden, ſie ſcheine ſehr leidend und habe iel geweint, aber ſie erwarte mich in ihrem Zimmer, wenn ich ſie zu ſprechen wünſche. Ich begab mich ſogleich zu Albine. ———— L. Als ich bei Albine eintrat, fand ich ſie bleich, nie⸗ dergeſchlagen, die Augen von friſchen Thränen geröthet. „Nun!“ ſagte ich zu ihr, „unſere Freunde ſind alſo abgereiſt?“ „Ja, zum Unglück für mich und für ſie „Ihre Abreiſe iſt in der That eine große Unklugheit.“ „Und ſie bereitet mir einen grauſamen Kummer.“ „Sie ſind offenherzig.“ „Habe ich Ihnen denn zu verbergen, daß mir die Gegenwart und die Freundſchaft von Madame Raymond theuer und koſtbar waren?“ „Sie hat Ihnen geſchrieben?“ „Allerdings.“ „Können Sie mir ihren Brief zeigen?“ „Hier iſt er,“ ſagte Albine. Ich nahm den Brief und las, was folgt: „Ernſte Beweggründe veranlaſſen uns, abzureiſen, mein liebes Kind; ich wollte Ihnen den immer pein⸗ lichen Abſchied erſparen; ſeien Sie unbeſorgt, wir haben alle Urſache, zu hoffen, daß unſere Reiſe ohne Unfall endigen wird. „Einige Worte bei meiner Abreiſe, liebe Albine, nehmen Sie dieſelben wie immer mit Vertrauen auf; es iſt eine aufrichtige Freundin, es iſt beinahe eine Mutter, die zum letzten Male vielleicht mit Ihnen ſpricht, denn ich habe beinahe die Gewißheit, daß wir uns nie wiederſehen werden. „Unſere Lebensweiſe in den vergangenen Monaten hat Ihnen gezeigt, welche Schätze an Hülfsmitteln und Tröſtungen man in ſich ſelbſt mitten in der Einſamkeit finden kann. Doch Sie ſind nicht allein und nach meinen Rathſchlägen haben Sie weiter in der Zuneigung Ihres Gatten vorzudringen geſucht; er hat ſich ſeinerſeits heri⸗ . 3 + 255 licher, zuvorkommender gegen Sie gezeigt, und oft haben Sie mir, beglückt, die Hoffnungen anvertraut, welche dieſe Annäherung für die Zukunft in Ihnen entſtehen machte. „Eine leichte Mißhelligkeit, deren Urſache ich nicht kenne, hat, wenn ich mich nicht täuſche, eine gewiſſe Erkaltung zwiſchen Ihnen und Herrn Dupleſſis ſeit einigen Tagen herbeigeführt; dieſe Mißhelligkeit wird vorübergehend ſein, davon bin ich überzeugt; Sie be⸗ dürfen Eines des Andern zu ſehr. Ihr gutes Verneh⸗ men kann und muß ſo erfreuliche Folgen für Ihr ge⸗ meinſchaftliches Glück haben, daß die leichte Wolke, von der ich ſpreche, bald verſchwinden wird. „Wenn indeſſen wider meine Erwartung dieſe Kälte fortwähren, ſogar zunehmen würde, wenn, was doch nicht möglich iſt, Herr Dupleſſis wieder gegen Sie würde, was er früher war, dann, mein Kind, beſchwöre ich Sie im Namen dieſer Freundſchaft, von der Sie mir oft geſagt haben, ſie ſei Ihnen theuer, vergeſſen Sie nie meinen Rath: ſuchen Sie beſtändig edle Trö⸗ ſtungen in den reinen und ſüßen Genüſſen, die Sie ſchon getröſtet haben; ſtählen Sie Ihren Muth in der Selbſtzufriedenheit, und ſeien Sie beſonders nachſichtig; haben Sie Geduld, hoffen Sie, früher oder ſpäter muß Ihr Gatte nothwendig anbeten, was Reizendes und Vortreffliches in Ihnen iſt. Was auch geſchehen mag, was er auch thun mag, flößen Sie ihm immer Achtung und Ehrfurcht ein; nehmen Sie muthig Ihre Lage an; ſchließen Sie ſich ſtandhaft in den Kreis Ihrer Pflichten ein; ſuchen Sie nichts jenſeits deſſelben, denn Sie würden nur Täuſchungen, gefährliche Träume oder bittere Reue finden. „Aus Furcht, Ihre Gedanken, Ihre Wünſche könn⸗ ten ſich oft, ohne Ihr Wiſſen, verirren, geben Sie ſich immer ſtreng Rechenſchaft von dem, was recht oder unrecht, gut oder ſchlecht iſt, und ich kenne Sie genug, 256 um zu wiſſen, daß Sie nach dieſer unfehlbaren Pru⸗ fung jeder ſchlimmen Hinreißung widerſtehen werden. „Allerdings werden Sie, um ſo allein feſten und ſichern Schrittes durch die Prüfungen des Lebens zu ehen, ohne anderswo Kräfte zu ſchöpfen, als in ſich elbſt, eines großen Muthes, einer großen Beharrlich⸗ keit bedürfen; Sie werden kämpfen, ohne Zweifel leiden müſſen, armes, zartes Kind; aber glauben Sie mir, je mehr Sie in Ihren eigenen Augen wachſen, je mehr Sie ſich zu dem Ideale der Pflicht erheben werden, deſtv mehr werden Sie die Schwierigkeiten, die Be⸗ trübniſſe, vor denen Sie Anfangs erſchrocken ſind, all⸗ mälig ſich vermindern und dann ganz verſchwinden ſehen. „Spreche ich mit Ihnen von Pflicht, liebe Albine, ſo handelt es ſich nicht allein um Ihre Gattinpflicht, ſondern auch um das, was Sie ſich ſelbſt, ſo wie Ihren Brüdern und Schweſtern in der Menſchheit ſchuldig find. „Dieſe Pflichten faſſen ſich in wenigen Worten zu⸗ ſammen: Ihren Verſtand ausbilden, Ihre Vernunft be⸗ feſtigen, Ihre Seele erheben, beſſern, diejenigen, welche leiden, in ihren Schmerzen und in ihrem Elend tröſten, erleichtern; mit einem Wort, wie wir ſo vft geſagt haben: wir müſſen in uns und um uns durch den Geiſt und das Herz leben. „Leben Sie immer ſo, mein theures Kind, und Sie werden den ſchlimmſten Tagen Trotz bieten können; ſollten Sie unwillkürlich einige Anfälle von ſchwarzer, urſachloſer Schwermuth erfahren, welche ich beinahe einen Luruskummer nennen möchte, ſo ſchauen Sie umher, vergleichen Sie Ihr Lvos mit dem von jenen Tauſenden von ehrlichen, arbeitſamen, verſtändigen unſeliger, gezwungener Weiſe durch die Unwiſſenheit und die fociale Ungerechtigkeit zahlloſen Entbehrungen⸗ einer gräßlichen Armuth geweihten Geſchöpfen; in Gegen⸗ wart dieſer, leider zu reellen, Uebel werden Sie dann über Ihren eingebildeten Kummer erröthen; Sie werden durch die Mittel Ihres Geiſtes und Ihres Her⸗ 257 zens, dieſe Unbeſtimmle, ungeſunde, gottloſe Traurigkeit vergeſſen, welche beinahe immer eine von den Folgen der⸗ Sättigung, der Trägheit, des Müßiggangs oder der ſtrafbaren Sorgloſigkeit in Betreff deſſen, was recht, gut und ſchön, iſt. „Fern ſei von mir der Gedanke, Sie, mein armes Kind, werden in jene Art von Entſittlichung verſinken, welche eine gewöhnliche Erſcheinung bei den Leuten iſt, die, abgeſtumpft durch den Ueberfluß, während ſo viele Andere am Nothwendigen Mangel haben, die bittere und unwürdige Wolluſt der chimäriſchen Leiden ſuchen! Ha! dieſe müßigen, überfütterten, wahnſinnigen Splee⸗ niker brauchen nur den Jammer und die Noth um ſie her anzuſchauen, daran müßten ſie leiden! und dieſe Ur⸗ ſache des Leidens wäre wenigſtens wahr, edel und könnte ſich durch die Uebung der menſchlichen Bruder⸗ liebe beſänftigen. „Doch, nein, nein, Sie werden dieſen Entmuthi⸗ gungen, dieſen Ohnmachten entgehen, liebe Albine, Sie werden gluͤcklich ſein; Sie werden ſich glücklich machen, weil Sie muthig Ihre Pflichten erfüllen werden; ich nehme dieſe ſüße Gewißheit mit und bin ſtolz, zu den⸗ ken, unſere Freundſchaft werde wenigſtens nicht unfrucht⸗ bar für Sie geweſen ſein. „Leben Sie wohl, theures, würdiges Kind, Ihr liebenswürdiges, rührendes Andenken wird oft meinen Geiſt unter den von meinem Leben und dem meines Sohnes unzertrennlichen Aufregungen beruhigen. „Gott befohlen, theure Albine, denken Sie vft, recht oft an mich, und lieben Sie mich immer ſo zärt⸗ lich, wie ich Sie liebe. „Juliette Rahmond.“ Ich ſuchte mir eine Waffe aus dieſem ſo weiſe, ſo nütterlich vorſichtig an meine Frau von Madame Ray⸗ mond ein paar Stunden, nachdem ſie ſchändlich von mir beleidigt worden war, geſchriebenen Brief zu machen und ſagte zu Albine mit einem höhniſchen Fernand Dupleſſis. II. 258 „Das ſind ſehr gute Ralhſchläge .. Sie werden dieſelben hoffentlich befolgen?“ „Ich werde mich bemühen.“ „Unter dieſen Rathſchlägen iſt beſonders einer, Wünſche, Begierden betreffend, die Sie nicht hegen fönnen, ohne Ihre Pflichten mit Füßen zu treten; über dieſe Rathſchläge, welche Ihnen eine ſo hellſehende Frau wie Madame Raymond nicht ohne Motive ohne ernſte Motive gegeben hat . über dieſe Rathſchläge ermahne ich Sie nachzudenken, Madame viel nach⸗ zudenken.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.“ „Sie verſtehen mich vortrefflich, denn Sie erröthen.“ „Wollen Sie ſich deutlicher erklären.“ „Fordern Sie mich in Ihrem eigenen Intereſſe nicht hiezu auf.“ „Das iſt vielleicht eine Drohung?“ „Pielleicht „ „Hören Sie, Herr Dupleſſis, glauben Sie mir, laſſen Sie uns aufrichtig ſprechen; wir werden Beide dabei gewinnen und wenigſtens wiſſen, worauf wir für die Gegenwart und für die Zukunft zu rechnen haben.“ „Geben Sie mir zuerſt das Beiſpiel von dieſer Aufrichtigkeit, Madame z ich werde dann ſehen, was mir zu thun bleibt.“ „Nun wohl! mein Herr, ich werde Sie mit der Linie des Benehmens, die ich feſtzuhalten entſchloſſe bin, bekannt machen . Vor Allem will ich vergeſſen verzeihen, wenn ich kann „4 3 „Verzeihen „„ wem?“ „Ihnen.“ „Die Prätenſion iſt ſeltſam mir verzeihen!“ „Beſtehen wir nicht hierauf . . . Jeder iſt ſelbſt der beſte Richter über den Kummer, den er erdulde hat . Vielleicht haben Sie mich ohne eine böſe Abſicht verletzt .Ich wünſche es, ich glaube es, ſage Ihnen auch, ich werde mich bemühen, Alles 3 X vergeſſen .. haben.“ „Wahrhaftig? das iſt ein Glück!“ „Nein, das iſt kein Glück, mein Herr, das iſt trau⸗ rig. Ja, es iſt traurig, zu denken, man habe vielleicht ein langes Leben vor ſich bei Einem zuzubringen, dem man gleichgültig iſt, und der uns gleichgültig iſt; aber nach dem Rathe von Madame Raymond werde ich die⸗ ſes Leben ſo ausfüllen . . .“ „Daß ich für Sie ſein werde, als ob ich nicht exiſtirte.“ „Nein, mein Herr, ich werde gewiſſenhaft meinen Pflichten nachkommen, wie ich denſelben bis jetzt nach⸗ gefommen bin . . . Ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie Ihre Lebensweiſe ändern, ich werde mich ganz Ihrem Willen unterwerfen, ich werde hier bleiben ſo lange und ſo vereinzelt, als es Ihnen beliebt. Kurz, ich werde ſo ſein, wie früher; nur werde ich meine Zeit beſſer anwenden.“ „Ohne Zweifel, um eine zweite Madame Raymond zu werden.“ „Um mit Ehren das Leben zu ertragen, das Sie mir gemacht haben.“ „Das iſt von einer Kühnheit . . . „Herr Dupleſſis,“ ſagte Albine zu mir mit Thrä⸗ nnen in den Augen, „ich beſchwöre Sie, ſeien Sie groß⸗ müthig beugen Sie mich nicht nieder, entmuthigen Sie mich nicht; was habe ich Ihnen zu Leide gethan? WMißten Sie nicht im Gegentheil, wenn nicht mir Bei⸗ fall ſpenden, doch mindeſtens mich ohne Härte behan⸗ deln, da Sie mich geneigt ſehen, den Rath einer Frau zu befolgen, deren hohe Vernunft Sie mir tauſendmal gerühmt?“ „So werde ich mich verheirathet haben, um bei⸗ nahe eine Fremde bei mir zu ſehen, die ſich für quitt gegen mich halten wird, wenn ſie mein S be⸗ und nur Gleichgültigkeit gegen Sie zu 260 aufſichtigt und, bin ich krank, meine Geſundheit ge⸗ pflegt hat?“ „Ich bin nicht materiell gezwungen worden, mein Herr, Sie zu heirathen; ich konnte nein ſagen, ich habe ja geſagt; ich habe zu dieſer Heirath eingewilligt und muß mich den. annehmbaren.. Folgen hievon unter⸗ ziehen .. Was die Zuneigung und die Gleichgültig⸗ keit betrifft, ſie laſſen ſich nicht befehlen. oder viel⸗ mehr, ich täuſche mich, ſie laſſen ſich befehlen.“ „Und ich ſage Ihnen, Madame, daß es von der Gleichgültigkeit gegen ſeinen Gatten bis zum Vergeſſen der heiligſten Pflichten nur ein Schritt iſt.“ „Für gewiſſe Frauen, ohne Zweifel?“ „Für Sie auch, Madame, ich bin kein Blinder, man treibt nicht ſein Spiel mit meiner Scharfſichtig⸗ keit! und nun, da mir die Abreiſe von Jean die Frei⸗ heit läßt, zu reden, mein Herz zu erleichtern, werde ich Ihnen ſagen: Wagen Sie es doch, mir in's Geſicht zu ſchauen, wagen Sie es doch, zu leugnen . . daß Sie Jean Raymond lieben?“ „Ich habe Ihnen hierauf nichts zu antworten.“ „Schändliche Verſtellung!“ „Ich bitte Sie, ſprechen wir von etwas Anderem.“ „Sie lieben Jean!“ „Glauben Sie mir, ich werde ſtets bemüht ſein die Rathſchläge von Madame Rahmond zu befolgen mich redlich, ehrlich gegen Sie zu benehmen, Ihr Leben ſo glücklich als möglich zu machen.“ „Das heißt nicht antworten, ich ſage Ihnen, daß Sie Jean lieben. Sie bleiben ſtumm . . Ha! un würdiges Weib, die Scham drückt Sie zu Boden.“ „Die Scham . und warum die Scham! Nu wohll ja, da Sie mich auf's Aeußerſte treiben, ja, ich liebe Herrn Jean Raymond.“ „Sie lieben ihn! . „Ich liebe ihn.“ „ünd Sie haben die Frechheit, Madame, mir ein ſolches Geſtändniß zu thun . die Stirne hoch, den Blick heiter! ſtatt vor Beſchämung zu ſterben.“ „Ich habe mir keinen Vorwurf zu machen . .. Nie ohne Zweifel werde ich Herrn Raymond wieder⸗ ſehen. das Gefühl, das er mir ohne ſein Wiſſen eingeflößt hat, iſt ihm unbekannt, wird ihm immer un⸗ bekannt ſein.“ „Oh! nein, nie werden Sie ihn wiederſehen; nie, das ſage ich Ihnen.“ „Ich weiß es.“ „Und Sie glauben, Madame, ich werde thöricht genug ſein, eine Frau bei mir zu behalten, die ich be⸗ ſtändig in ihrem Innern mit ihrer Liebe für einen andern Mann beſchäftigt wüßte!“ „Wollen Sie mich zu meiner Mutter zurückſchicken? . Ich werde abreiſen, wann Sie es wünſchen.“ „Um allein und nach Ihrem Gefallen zu leben .. nicht wahr? um darnach zu trachten, Jean wiederzu⸗ finden, ſich ihm an den Hals zu werfen und meinen Namen im Koth herumzuſchleppen?“ „Das ſind Worte, mein Herr, welche zu vergeſſen mir ſchwer ſein wird; wie dem auch ſein mag, der Name, den ich trage, wird immer geachtet ſein, da⸗ von ſeien Sie überzeugt; aber meine Gedanken werden wenigſtens mir gehören.“ „Sie haben alſo geſchworen, mich in Verzweiflung zu bringen?“ 3 „Nicht gegen mich müſſen Sie in Zorn gerathen, mein Herr; ich hatte die Vergangenheit vergeſſen; ich hatte Alles verſucht, um Ihre Kälte gegen mich zu be⸗ ſiegen, um eine Zuneigung zu verdienen, die Sie mir bis dahin verweigert hatten: ich bin verächtlich zurückge⸗ ſtoßen worden, ich habe mich nicht beklagt, ich beflage mich nicht, ahmen Sie mir nach; fügen Sie ſich in eine der traurigen Folgen unſerer Heirath.“ „ „Madame, wir müſſen auf die eine oder die andere 3 Art aus dieſer Sackgaſſe heraus kommen.“ 262 „Ich habe Ihnen geſagt, wenn Ihnen meine Ge⸗ läſtig iſt, ſchicken Sie mich zu meiner Mutter zurück.“ „Oh! das würde Ihnen vortrefflich anſtehen; doch es wäre allzu einfältig von meiner Seite.“ „Wollen Sie lieber reiſen? Laſſen Sie mich hier, ich werde mich über meine Einſamkeit nicht beklagen.“ „Dieſes Gut verlaſſen, an das mich alle meine Intereſſen feſſeln? wo ich beträchtliche Kapitalien ein⸗ geſetzt habe? ſind Sie denn toll?“ „Alſo leben wir hier . wie früher . ich ver⸗ lange nicht mehr nicht weniger.“ „Wie früner? Nein, Madame, das iſt nicht mehr möglich, meine Illuſionen ſind zerſtört. Ich glaubte eine fromme, unterwürfige, nur an ihre Pflichten den⸗ kende Frau geheirathet zu haben.“ „Mein Herr, ich bin dieſe Frau geweſen . . ich bin es noch ich werde es immer ſein.“ „Mit einer anderen Liebe im Herzen, nicht wahr?“ „Warum nicht?“ „Ah! hätte ſich Ihre Zunge nicht nach achtzehn Monaten der Verſtellung gelöſt, ich würde ſagen, das ſei der höchſte Grad von Treuherzigkeit. Aber Sie kennen vollkommen den Werth der Worte; ich ſage Ihnen auch, Madame, daß Ihr: Warum nicht? der höchſte Grad von Unverſchämtheit iſt.“ „Es iſt nur Offenheit“ „Sie glauben alſo, es ſei Ihnen erlaubt, Jean Raymond zu lieben?“ 6 „Ja, mein Herr, denn im Ganzen, was macht das Ihnen?“ „Madame „ „Haben Sie ſich, als wir uns heiratheten, nur gefragt, ob ich ein Herz beſitze? Nein! Sie haben m ohne Zweifel ſo gefunden wie Sie mich wünſchten, Sie mich geheirathet; ſo werde ich bleiben: worü beilagen Sie ſich?“ Jahren, welche meinen Namen führte, der Hinreßung 263 „Ich finde es abſcheulich, daß Ihr Herz, das mir gehört, wie Ihre Perſon, von einem Andern als von mir eingenommen iſt.“ „Mein Herr, dieſe Unterredung könnte den ganzen Tag, das ganze Jahr fortdauern, und ſie mürde am Ende unſere Lage nicht ändern. Ich bitte, bleiben wir hiebei ſtehen; ich bin angegriffen, leidend . . „Oh! die Verzweiflung, die Ihnen die Abreiſe von Jean verurſacht, nicht wahr?“ „Es iſt wahr. .. Von Anfang hat mir dieſe Ab⸗ reiſe einen heftigen Kummer verurſacht „ Nun fühle ich mich ruhiger.“ „Aber, Wahnfinnige, die Sie ſind! Jean liebt Sie nicht; er wird Sie nie lieben.“ „Ich weiß es; ich gebe mich auch ohne Scham und ohne Furcht meiner Neigung hin.“ „Ja, ſo gewöhnt man ſich daran, ſich von ſeinen Pflichten loszumachen; dann kommt der Tag, wo man, mude, das Unmögliche zu lieben, das Mögliche ſucht, und man verfinkt in die Schamloſigkeit.“ „Ich bitte Sie noch einmal, mein Herr, geben wir iſ⸗ Geſpräch auf, es iſt ohne Ausgang. Und ich ide „Gut, Madame, geben wir dieſes Geſpräch auf, doch erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen ſage: in meinem Leben werde ich nicht Ihr Thor, Ihr Spiel⸗ zeug oder Ihr Opfer ſein.“ Und das Herz voll Wuth und Galle, verließ ich meine Frau und kehrte in mein Zimmer zurück. Was ich während der erſten Tage, welche auf die Abreiſe von Jean folgten, litt, iſt nicht zu beſchreiben; nicht hinauskommen aus den Alternativen: Meine Frau zu ihrer Mutter zurückzuſchicken, das war ein ärgerlicher Eclat, und eine Frau von nuniehn ich drehte mich immer in demſelben Kreiſe und konnte 264 der Leidenſchaften überlaſſen, bei dieſem Gedanken empörten ſich mein Stolz und meine Eiferſucht. Dann ergriff mich die andere nicht minder grau⸗ ſame Angſt? unſere Trennung könnte nur in der Güte ſtattſinden, da keine ernſte Urſache eine geſetzliche Schei⸗ dung motivirte, und im Falle, daß meine Frau Kinder bekäme, müßte ich die Augen ſchließen, dieſe dem Ehebruch entſproſſenen Kinder meinen Namen führen laſſen oder einen beklagenswerthen Prozeß mit Albine anfangen. Reiſen, mein Gut verlaſſen, an das mich mein Ge⸗ ſchmack und gewichtige Intereſſen unüberwindlich feſſel⸗ ten, während meine Frau allein hier bliebe .. eine andere Unmöglichkeit . . . dieſelben Inconvenienzen. S Ich glaubte immer weniger an die Foridauer einer idealen Liebe bei ihr; ſobald das Herz erwacht iſt, ſchläft es nicht wieder ein, und in Ermangelung des mehr oder minder ſchnell vergeſſenen Jean würde Albine in der Nachbarſchaft mehr als eine Gelegenheit finden, das Ideal durch die Wirklichkeit zu erſetzen. Ich mußte mich alſo darein fügen, ſo zu ſagen unter vier Augen mit Albine zu leben, denn, gemartert ſowohl durch das Bewußtſein der Gegenwart, als auch durch die unabläſſig mich bedrängende Erinnerung an Madame Raymond, wäre es mir unmöglich geweſen, eine Zerſtreuung darin zu ſuchen, daß ich Geſellſchaft empfangen hätte. Ich hoffte, ich werde mich vielleicht mit der Ge⸗ wohnheit, zu denken, meine Frau liebe Jean Raymond platoniſch, vertraut machen; dann ſagte ich mir, auf meine erſten Befürchtungen zurückkommend, dieſe un⸗ mögliche Liebe werde ſie vielleicht gegen eine mögliche Liebe beſchützen. Uebrigens wurde Albine, trotz der Härte meine Vorwürfe, nicht zur Lügnerin an dem, was ſie ver⸗ ſprochen, und abgeſehen von der Zeit, die ſie dami zubrachte, daß ſie las, Muſik machte oder arme Leute be 265 ſuchte, die ſie unterſtützte, fand ich ſie durchaus wie früher; ſie beaufſichtigte vortrefflich mein Hausweſen, verdoppelte ſogar ihre Sorgſamkeit gegen mich, denn meine durch zu heftige Gemuthsbewegungen ſchon erſchüttert Geſundheit hatte ſich bedeutend verſchlimmert. Wahrend einer ernſten Unpäßlichkeit, von der ich befallen wurde umgab mich Albine mit Aufmerkſamkeiten voll Theilnahme⸗ Ach! ich erinnerte mich, eine gerechte Strafe ohne Zweifel, daß Ceſarine, während ſie Hyaeinthe ſchändlich betrog, dieſen mit den Beweiſen der pollſten, der herz⸗ lichſten Ergebenheit überhäufte. Albine, wenn ihre Pflichten gegen mich erfüllt waren, zeigte ſich zurückhaltend, ſchweigſam; ſie richtete nie ein Wort an mich, als befürchtete ſie eine Unge⸗ legenheit, da ſie mich beſtändig niedergeſchlagen, ge⸗ reizt ſah; ſie antwortete mir aber immer mit Eifer, bis ich das Geſpräch fallen ließ. Obgleich Albine ſcheinbar ruhig, heiter war, ſo mußte ſie doch leiden, denn ihre Friſche verſchwand und ſie fing an gleichſam zuſehends mager zu werden. Ungeſähr einen Monat nach der Abreiſe von Ma⸗ dame Raymond übergab mir Madame Claude, zu der meine Frau fortwährend ein großes Vertrauen hatte, einen zweiten für Fräulein Hermance von Villiers be⸗ ſtimmten Brief Ich hatte den erſten, nachdem ich ihn geleſen und ſorgfältig wieder verſtegelt, durch Madame Claude auf die Poſt bringen laſſen. Dieſer zweite Brief war alſo abgefaßt: Albine an Hermance. Deine Antwort iſt mir unter der Adreſſe der Frau Marquiſe von Berteuil zugekommen, als Madame Ray⸗ mond und ihr Sohn ſchon von hier abgereiſt waren. Dieſe plötzliche Abreiſe war, wie mir Madame aymond geſchrieben, durch wichtige Ereigniſſe moti⸗ 266 virt; mehr weiß ich nicht hierüber. Sie hat einen ſichern Zufluchtsort verlaſſen, um ſich allen Gefahren der Aechtung auszuſetzen; ich ſchwebe in dieſer Hinſicht in beſtändiger Angſt; jeden Morgen öffne ich die Zei⸗ tungen mit einem unbeſchreiblichen Herzklopfen. „Zum Glück bis jetzt nichts Neues über unſere armen Geächteten. „Ich danke Dir, daß Du mir ſo raſch geantwortet haſt; Du forverſt mich auf, zu meiner Mutter zurück⸗ zukommen, um die Gegenwart von Herrn Jean Ray⸗ mond zu vermeiden, in der Hoffnung, ich werde ihn ſo vergeſſen. „Ich habe nicht nöthig, ſeine Gegenwart zu fliehen, da er abgereiſt iſt . . Herrn Dupleſſis iſt daran ge⸗ legen, mich hier zu behalten, ich bleibe hier, und zwar mit dem größten Vergnügen: ſogleich werde ich Dir ſagen, warum. „Was den Punkt betrifft, daß ich Herrn Jean ver⸗ geſſen ſoll, ſo werde ich mich wohl hüten, dies zu thun. Ich ſinde ein ganzes neues Leben in den Gedanken, die er mir einflößt. Brauche ich Dir zu ſagen, daß ich bis jetzt die Rathſchläge von Madame Raymond befolgt habe? ich habe nichts an den neuen Gewohnheiten, die ſie mich hat annehmen laſſen, geändert, und ich finde darin unendliche Tröſtungen. „Abgeſehen von den erſten Momenten nach der Ab⸗ reiſe dieſer anbetungswürdigen Frau, einer ſo wenig erwarteten Abreiſe, daß ich mich einen Augenblick nie⸗ dergeſchlagen, entmuthigt fühlte, gewinne ich jeden Tag neue Kräfte, moraliſche Kräfte und nicht phyſiſche, denn während ich mehr und mehr durch das Herz, durch den Geiſt lebe, magere ich ab, verliere ich den Appetit, den Schlaf; glaube jedoch nicht, ich leide! Nein, ich leide nicht mehr, als ich litt, da die bei mir übertriebene materielle Eriſtenz meinen Verſtand erſtarren machte; auf jede Uebertreibung folgt nothwendig eine entgegen⸗ 267 geſetzte Reaction; dann ſellt ſich das Gleichgewicht wieder her. „Ein Jahr lang habe ich zu ſehr durch den Körper gelebt, ich lebe ohne Zweifel zu dieſer Stunde zu ſehr durch die Seele; eine richtige Mitte zwiſchen dieſen Exceſſen wird ſich, wie ich hoffe, bald her⸗ ellen. „Ich habe Dir geſagt, liebe Hermance, um keinen Preis der Welt möchte ich Herrn Jean Raymond ver⸗ geſſen; wäreſt Du hier, ſo hätten wir ohne Zweifel folgende Unterredung. Nimm das an, und der Dialog, der hier folgt, wird Dir begreiflich machen, was Dir ohne dies unerklärlich ſcheinen würde. „Du: — Wie, arme Wahnfinnige, Du gefällſt Dir in der Erinnerung an einen Mann, den Du nie wie⸗ derſehen ſollſt?“ „Ich: — Gerade deshalb gefalle ich mir darin in aller Sicherheit. „Du: — Aber, Albine, Du geſtehſt es, Herr Jean liebt Dich nicht? er liebt nur ſeine Mutter „ und die Freiheit, der er ſein Leben geweiht hat. „Ich: — Nein, Herr Jean liebt mich nicht ... Nie wird er mich lieben, ich weiß es; aber nicht wahr, Du wirſt zugeſtehen, daß er nach dem Portrait, welches ich Dir von ihm entworfen habe, würdig iſt, geliebt zu werden? „Du: — Das mag ſein. „Ich: — Du wirſt auch zugeſtehen, daß es, ohne in ausſchweifende Vermuthungen zu gerathen, nichts ſehr Auffallendes geweſen wäre, wenn Herr Jean Ray⸗ mond mich geliebt hätte? „Du: — Das mag abermals ſein; doch was willſt Du aus dieſer Vorausſetzung ſchließen, arme Albine? Warum beharrſt Du bei dieſem unſinnigen Traume? „Ich: — Hier erwartete ich Dich . . . Nein, nein, es iſt kein Traum. „Du; — Es iſt kein Traum? 268 „Ich: — Es iſt mehr als eine Wirklichkeit, denn jede Wirklichkeit kann eines Tags durch tauſend Um⸗ ſtände zerſtört werden, während die Annahme, von der ich ſpreche, allen Ereigniſſen Trotz bietet. „Du: — Meine liebe Albine, Du beunruhigſt mich. Ich befürchte, daß ſich, da Du nun zu ausſchließlich durch den Geiſt lebſt, Dein Gehirn exaltirt, und Ich: — Daß ich verrückt werde?“ „Du: — Leider. „Ich: — Beruhige Dich und höre mich. Stellſt Du Dir etwas Kößtlicheres vor, als ſich ſagen zu kön⸗ nen, was ich mir ſage, nicht einmal, ſondern hundert⸗ mal des Tags, denn nun vermiſcht ſich dieſe Idee mit allen Vorfällen meines Lebens. Ich nehme an, ich ſei noch zu verheirathen, Frau von Amberville, die Freun⸗ din Deiner Mutter, habe alles Gute, was ſie von mir denkt, Madame Rahmond geſagt. Dieſe, welche ihren Sohn zu verheirathen beabſichtigt, kommt eines Tages mit Frau von Amberville zu Deiner Mutter; ich bin zufällig da, ich mache die Eroberung von Madame Raymond; ſie ſpricht von mir mit ihrem Sohne auf eine ſehr wohlwollende Art, er wünſcht mich kennen zu lernen, er kommt mit ſeiner Mutter zu Dir; wir ſehen uns vft; er und ich, wir verſtehen uns, wir begreifen uns, wir lieben uns. Meine Famllie gibt ihre Ein⸗ willigung zu unſerer Heirath; wir ſind nun verbun⸗ den. Ich fordere Dich noch einmal auf, Hermance, ſei offenherzig; iſt dieſe Annahme zu romanhait? und verirre ich mich, indem ich ſie mache, in das Land der Chimären? „Du: — Nein, Albine, nein, Alles dies iſt mög⸗ lich, Alles hätte ſich vollkommen verwirklichen können. „Ich: — Du erkennſt es an, Du geſtehſt es zu? „Du: — Ja, doch welchen Vortheil kannſt Du aus meinem Zugeſtändniß ziehen, liebe Tolle? „Ich: — Ich ziche folgenden ſehr vernünftigen 269 Vortheil daraus; ich ſage mir, wie dieſen Morgen, zum Beiſpiel, indem ich mich zu der Frau des unglücklichen Wegmachers begebe, von der ich Dir erzählt habe: Zu dieſer Stunde, ſtatt allein Hülfe und Troſt der armen Frau zu bringen, hätte ich mich zu ihr zärtlich auf den Arm von Jean (ich geſtehe Dir, in ſolchen Augenblicken ſage ich, bei meiner Treue, ganz kurz Jean), auf den Arm von Jean geſtützt begeben können, oder wir wären von ſeiner Mutter begleitet geweſen, die mich ihr Kind, ihre Tochter nennen würde .. So ſagte ich mir kürzlich, als ich meine ſehr ſchöne Orchidea, eine Blume von ſeltſamer Form, anſchaute: Ich hätte an meiner Seite meinen gelehrten, meinen vielgeliebten Jean haben können, dem ich einen ſchö⸗ nen Kuß von ihm zu empfangen verſprochen hätte, wenn er mich in die Geheimniſſe des Lebens dieſer Pflanze einweihe; und wenn ich allein in der Biblio⸗ thek und auf dem Platze ſitzend, wo oft ſeine Mutter oder er ſaß, mit Sammlung der Gedanken ſo viele ſchöne Bücher las, ſagte ich mir: Dieſe entzückenden Stunden, während welcher unſer Geiſt und unſere See⸗ len ſich ſo oft in einem gemeinſchaftlichen Enthuſias⸗ mus für die göttlichen Werke des Genies vermengt haben, dieſe Stunden, ſtatt mir eine ſtets beklagte Ver⸗ gangenheit zu ſein, hätten für mich eine der ſüßeſten Gewohnheiten meines täglichen Lebens ſein können. Und bei meinem langen Spaziergang heute Abend durch das Thal, während ich ſtill und einſam mit Entzücken den bewunderungswürdigſten Sonnenuntergang betrach⸗ tete, den ich in meinem ganzen Leben geſehen, ſagte ich zu mir: Jean und ſeine Mutter hätten da ſein und mein Entzücken es theilend verdoppeln können? und heute beim Mittagsbrode, ſtatt allein mit Herrn Du⸗ pleſſis zu ſein, deſſen kaltes, verdrießliches Geſicht mich vereiſt oder mir ein wahres Mitleid einflößt, denn, ach! er leidet und ich vermag nichts bei ſeinem Leiden ſagte ich mir: Jean und ſeine Mutter hätten dieſes 270 Mahl ſo reizend, ſo heiter machen können? Und wäh⸗ rend der langen Winterabende beſonders, welche ſo günſtig für die Vertraulichkeit der Plauderei, die man zuweilen der Muſik zu Liebe verläßt, wie oft ſagte ich mir: Jean und ſeine Mutter hätten ſie mit mir zu⸗ bringen können, dieſe ſüßen Abende! Dann, wenn die Stunde, ſich zurückzuziehen, gekommen wäre, hätten Fean und ich Madame Rahmond auf die Stirne küſſen, ihr: Guten Abend, Mutter, jagen und in unſer Zimmer, in unſer Neſt der Zärtlichkeit und der Liebe, gehen kön⸗ nen . . Sprich, Hermance, ſprich, war denn dieſer Glückstraum, das Bild des Himmels auf der Erde, un⸗ „Du: — Aber, unglückliche Albine, gerade deshalb, weil dieſes Glück möglich geweſen wäre und es nicht iſt, kann nichts unſeliger, nichts wahnſinniger ſein, als ſich dieſen Träumereien ohne Ausgang hinzugeben . . . Das iſt zum Verzweifeln. „Ich: — Zum Verzweifeln? Ah! wenn Du mich beobachten könnteſt, während ich mich dieſen ſüßen Ge⸗ danken hingebe, Du würdeſt bemerken, ob mein Aus⸗ ſehen ein verzweiflungsvolles iſt. Und warum verzwei⸗ feln? Liebte ich irgend einen König, und ich hätte die Laune, dieſen ſtolzen Potentaten heirathen zu wollen, ſo würde ich die Verzweiflung begreifen. Bedenke ich aber, daß zur Verwirklichung meines Glückes nur we⸗ nig gefehlt hat, nichts beinahe. einer von den Zu⸗ fällen, welche häuſig über das Geſchick von uns Frauen entſcheiden . ſo finde ich hierin im Gegentheil einen Gegenſtand ſehr großen Troſtes; und dann, ich wieder⸗ hole es Dir, dieſe Illuſton, wenn Du das durchaus für eine Illuſton nehmen willſt, iſt ſehr über einer Wirk⸗ lichkeit, denn in der Wirklichkeit konnte Jean, wenn er einmal mein Mann war, ſterben. Tauſend unvorher⸗ ſehbare Vorfälle konnten unſer Glück, wenn nicht zer⸗ ſtören, doch wenigſtens betreffen, während ich in dem was Du meine Illuſton nennſt, nur die ausgezeichnete . 271 und feinen Blumen dieſer idealen Glückſeligkeit nehme; ich ordne ſie nach meinem Wohlgefallen wie die Blu⸗ men eines Sturmes . „z es ſind nicht die Ereigniſſe, die mich beherrſchen, ich beherrſche ſie. Ich bin ſelbſt meine Vorſehung; ich befehle den Umſtänden, ſich zur Freude und Zufriedenheit von Jean und mir zu grup⸗ piren; und Du findeſt das verzweiflungsvoll! Aber, Her⸗ mance, die Verzweiflung hat den Kummer, die Bitter⸗ keit, zuweilen ſogar den Haß gegen die Anderen oder gegen ſich ſelbſt zur Folge; und, Gott ſei Dank, ich hege keines von dieſen ſchlimmen Gefühlen. Ich ſtehe mit leichtem, heiterem Herzen auf, und außer den ſü⸗ ßen Zerſtreuungen, von denen ich geſprochen habe, be⸗ ſchäftige ich mich mit meinem Hausweſen wie früher; ich bin zuvorkommend gegen Herrn Dupleſſis; kürzlich iſt er krank geweſen, ich habe ihn mit einer außeror⸗ dentlichen Sorgfalt gepflegt. Was willſt Du? ich be⸗ zahle als ehrliche Frau meine Spielſchulden, wie man zu ſagen pflegt; unklug genug, auf das Gerathe⸗ wohl den großen Wurf zu thun, den man die Heirath nennt, habe ich verloren.. Wohl! ich unterwerfe mich dem Syruche des Geſchicks. „Du: — Nein, Albine, nein, Deine Gründe über⸗ zeugen mich nicht, Du biſt erſt beim Anfang Deiner tollen Leidenſchaft ... Du beginnſt damit, daß Du Dich mit einer Illuſton berauſcheſt. .. Es genügt Dir heute, Dir zu ſagen: das könnte ſein! . . und morgen wirſt Du ſagen: das iſt nicht, wehe mir das wird nie ſein. „Ich: — Hermance, Du verleumdeſt den geſunden Verſtand Deiner Freundin; ſie gefällt ſich darin, zu ſingen: Wär'ich ein Vögelchen! Aber ſie iſt nicht ſo dumm, wird nie ſo dumm ſein, zu weinen und zu ſagen: Wehe mir! — ich bin kein Vögelchen! wehe mir! ich will ein Vögelchen ſein! „Du: — (da Du nicht weißt, was Du mir ant⸗ 272 worten ſollſt): — Gut, Du wirſt ſehen, meine Albine! Du wirſt ſehen! „Ich: — Du wirſt ſehen, liebe Hermance! Du wirſt ſehen! „Nun, was fagſt Du hiezu, gute, zärtliche Freundin? Ich habe, wie ich hoffe, zum Voraus alle Deine Ein⸗ würfe beantwortet! Es lag mir hieran, um Dich zu beruhigen und Dir jeden peinlichen Zweifel über meine Verhältniſſe zu erſparen. „Erinnere Dich deſſen, was ich Dir in meinem letz⸗ ten Briefe in Betreff der Enideckung meiner Liebe für Jean ſchrieb: Ich weiß nicht, was das Schickſal mir vorbehält, aber durch den glücklichen, durchdringenden Einfluß der Rathſchläge von Madame Raymond fühle ich mich geſtählt, entſchloſſen, voll Stärke und bereit für jedes Ereigniß! „Sage, Hermance, bin ich zur Lügnerin an dieſer Behauptung geworden? und habe ich mich nicht, abge⸗ ſehen von der erſten Niedergeſchlagenheit, welche viel⸗ leicht wenigſtens eben ſo ſehr die Ueberraſchung, als der Kummer über die Abreiſe von Madame Rahmond verurſachte, entſchloſſen, muthig und bereit für jedes Ereigniß gezeigt? „Beunruhige Dich alſo nicht vergebens, liebe Her⸗ mance; ich habe mich nie freieren, ich möchte beinahe ſagen, geflügelteren Geiſtes gefunden, ſo ſehr erhebe ich mich oft durch die Gedanken; denn mir ſcheint, ich fühle meine Seele immer mehr von der materiellen Hülle ſich losmachen . „Ich bin genöthigt, dieſen Brief abzubrechen, da⸗ einige Tage früher Dir zukommt und Dich be⸗ ruhigt. „Immer und von t die Dein ige 77 273 LI. Fortſetzung des Tagebuchs. Der Zuſtand meiner Seele war ſo, daß dieſer Brief mich gegen Albine erzürnte. In dieſen vertraulichen Bekenntniſſen an eine Freundin gerichtet fand ich zugleich die Verurtheilung meines vergangenen Benehmens gegen meine Frau und, ſo zu ſagen, eine Lection in Betreff meiner tollen Lei⸗ denſchaft für Madame Raymond. Wie Albine, liebte ich ohne Hoffnung; aber ſtatt, wie ſie, eine unſchuldige Zuflucht in tröſtenden Illuſio⸗ nen zu ſuchen, fühlte ich nur Bitterkeit und Zorn. Mein Charakter wurde immer verdri ßlicher; die Galle war, wie man zu ſagen pflegt, in mein Blut ubergegangen; ich hatte es bis dahin nie an Ruckſichten gegen meine Frau fehlen laſſen: allmalig wurde ich ſehr hart, oft grob gegen ſie. Sie ert ug meine Härten, meine Sarkasmen mit einer milden Würde, mit einer ſanften Refignation, erfüllte gewiſſenhaft ihe Pflichten gegen mich, und fuhr fort, wie ſie es ihrer Freundin geſagt hatte, — als ehrliche Frau ihre Spiel⸗ ſchuld zu bezahlen. Zwei Monate nach der Abreiſe von Jean war Al⸗ bine nur noch der Schatten von ſich ſelbſt, ihre glän⸗ zende Friſche hatte einer matten, oben an den Wangen durch eine ficberhafte Röthe leicht belebten Blaſſe Platz gemacht. Sie nahm immer mehr ab, aß kaum und ſchlief beinahe nicht; Madame Claude verſicherte mich ſie höre meine Frau oft in der Nacht langſam auf und abgehen, und ſie müſſe den größten Theil der Zeit, die ſie im Bette bleibe, leſen; denn ſie nahm im⸗ mer am Abend Bücher in ihr Zimmer mit, und am Morgen waren ihre Kerzen beinahe völlig abgebranntz Fernand Dupleſſis. II. 18 „ übrigens — etwas Seltſames, was ohne Zweifel dazu beitrug, jede ernſte Beſorgniß über die Geſundheit meiner Frau von mir zu entfernen, — übrigens ſchien ſie durchaus nicht zu leiden; ihre Phyſiognomie, ob⸗ gleich bleich und mager, bewahrte eine ungeſtörte Hei⸗ terkeit; ihre blauen Augen, welche ihre hohlen Wangen noch größer ſcheinen ließen, waren glänzend und durch⸗ ſichtig, ihre mehr roth als roſenfarbig gewordenen Lip⸗ pen, die glänzende Weiße ihrer Zähne offenbarten keine verborgene Krankheit; Albine hatte endlich ganz den Anſchein einer natürlich magern und bleichen Frau, die ſich ſehr wohl befinden würde. Ihre Thätigkeit war unbegreiflich; zuweilen machte ſie zwei bis drei Meilen zu Fuß, um in einer von meinen Meiereien arme Leute zu beſuchen, die ſie unterſtützte. Sie las ungeheuer, zeichnete ſich viele Bemerkungen auf, und ihre durch die Zufälle unſerer ſpärlichen Geſpräche herbeigeführten Antworten zeugten zuweilen von zahlreichen Kenntniſſen, die ſie ſich täglich erwarb; es verging kein Abend, ohne daß ſie in ihrem Zimmer Muſik machte. Gereizt durch die Hintergedanken, die ſich in ihrem Geiſte mit gewiſ⸗ ſen, ohne Zweifel an die Erinnerung an Jean gerich⸗ teten Stücken verbinden mußten, ſagte ich eines Tags ungeſchlacht zu Albine: die Muſik mache mir Kopf⸗ ſchmerzen nach Tiſche, und ſie ſolle ihr unerträgliches Clavier in den an ihre Wohnung anſtoßenden Salon bringen laſſen. Sie entſchuldigte ſich, daß ſie mir un⸗ willfürlich unangenehm geweſen, und machte nie mehr Muſik in meiner Gegenwart. Durch einen bizarren Widerſpruch verbarg ich mich dann oft, um ſie unbemerkt unter ihren Fenſtern zu hören, die ſie offen ließ, wenn der Abend mild und der Mond glänzend war; dieſe immer ſchwermüthigen und zarten Melodien, mit einem wirklichen Talente ausgeführt, denn die Fortſchritte von Albine waren unglaublich, beruhigten mich manchmal. Ihre Stimme ſchien vibrirender, ätheriſcher, wenn man ſo ſagen darf, 275 in dem Maße zu werden, in welchem ihr Körper ab⸗ nahm, und oft, wenn ich ſie hörte, traten mir die Thrãä⸗ nen in die Augen. Dann aber erinnerte ich mich wieder, dieſe Geſänge ſeien ohne Zweifel an Jean gerichtet, und ich entfernte mich, die Wuth im Herzen. Ich lebte nicht. Die Erinnerung an Madame Rah⸗ mond belagerte mich unwillkürlich; die geſunde Ver⸗ nunft ſagte mir oft, wenn ich den Muth gehabt hätte, die Rathſchläge der Mutter von Jean zu befolgen, wenn ich, wie ſie es nannte, der Liebhaber meiner Frau geworden wäre, ſo wäre ich ſo glücklich geweſen, als ich mich nun unglücklich fühlte. Aber es war zu ſpät, ich hatte Albine bei ihrem Entgegenkommen zurückgeſtoßen, ich hatte ihr Herz ver⸗ letzt, ihre Inſtincte, ihre gebieteriſchen Bedürfniſſe der Zärtlichkeit, der Zuneigung zurückgedrängt, und ge⸗ zwungener Weiſe hatte ſie dieſelben auf Jean über⸗ tragen. Ich war auf einem der verhängnißvollen Wege, die man zum Böſen auslaufen ſieht, und auf denen man, aus Mangel an energiſcher Tugend, dennoch mit einer Art von wilden Befriedigung immer weiter geht. Oh! arme gute Großmutter, wie oft habe ich, nicht Dich, Du liebteſt mich nach Deinem Herzen und der Natur Deines Geiſtes, aber Deine ſorgloſe, leicht⸗ ſinnige Philoſophie verflucht! Sie hat mich von RKindheit an daran gewöhnt, das Leben aus dem Ge⸗ ſichtspunkte des Vergnügens und des Gefallens zu betrachten, und nicht aus dem Geſichtspunkte der männ⸗ lichen Pflichten des Menſchen und der ſtrengen Selbſt⸗ ſchätzung. In dieſem Geiſteszuſtande ſetzte ich mein ſeit langer Zeit unterbrochenes Tagehuch fort. 2 nehne virſes Tagebuch bei den .but der 276 glühenden Beſchauung der Schönheit von Madame Raymond zerriſſenen Blatte wieder auf. Ach! ich habe dieſes Blatt aus meinem Tagebuch ausreißen können nie werde ich die glühenden Erinnerungen, die es ſchilderte, zu vergeſſen im Stande ſein. Setzen wir dieſes traurige Studium über mich ſelbſt fort. Ich werde böſe. Die Gegenwart von Albine iſt mir immer mehr zuwider; ſie flößt mir Gefühle des Haſſes ein; ich haſſe ſie, weil ſie Jean liebt, ich haſſe ſie, weil ſie ſich in Betreff dieſer Liebe, die meinen Stolz ſo tief verletzt, eine Illuſion geſchmiedet hat, in der ſie das Glück findet; ich haſſe ſie wegen ihres unſtörbar ſanf⸗ ten Weſens, während mein Leben gemartert iſt. Und dennoch will ich mich nicht von Albine tren⸗ nen; ſie wäre vielleicht zu glücklich über dieſe Tren⸗ nung! Was wird der Ausgang von Allem dem ſein? Ich glaubte mich mit der Zeit an den Gedanken, meine Frau fühle für Jean eine platoniſche Liebe, zu gewöhnen „. 6Cs iſt nicht ſo . Bei dieſem Ge⸗ danken gerathe ich in einen eben ſo heftigen Zorn, als am erſten Tage dieſer Entveckung. Meine Angelegenheiten leiven unter meiner trau⸗ rigen, tiefen Mißſtimmung, ich überwache weniger meine Culturen, ich habe mich verwegen in die Spe⸗ eulation der Bodenmehlbereitung eingelaſſen, ich hätte mich thätig mit dieſer Operation beſchäftigen müſſen. Aber ich ſage, wie einſt meine Frau ſagte, das iſt mir gleichgültig. Meine Verluſte ſind ſchon be⸗ trächtlichz dieſe Vermögensunordnung übt ohne Zweifel auch einen Einfluß auf meinen Charakter aus; ſodann iſt meine, während der erſten Zeiten meines Aufent⸗ halts hier ſo blühende Geſundheit, wieder tief erſchüt⸗ meine Geſichtshaut wird gallicht wie meine eele. N7 1 Es erfaßt mich zuweilen die Luſt, zu reiſen, nach Italien zurückzukehren; ... aber ich müßte meine Frau allein laſſen, und ich habe weniger als je Ver⸗ trauen zu ihr .. Nein, nein, ich bin an meine Kette genietet ich muß ſie ſchleppen, dieſe Kette bis wann? Ja bis wann? . Nun! warum vor dieſem Gedanken zurückweichen? Iſt denn eine Annahme ein Verbrechen? Meine Frau ſagt ihrerſeits: Wenn das wäre! warum ſollte ich nicht meinerſeits ſagen: Wenn das geſchähe? Kann ich es verhindern, daß meine Frau in einem Fieberzuſtande, in einem Zuſtande beſtändiger Ueber⸗ reizung iſt, der ihre Kräfte und ihren Körper ver⸗ zehrt, wie die Flamme das Oel der Lampe verzehrt? Halte ich die Scheere der Parzen in der Hand? Liegt es in meiner Gewalt, meine Frau bis zu achtzig Jahren leben zu machen, wenn es in ihrem ² Geſchicke liegt, jung zu ſterben? Kann ich die Augenſcheinlichkeit leugnen? Iſt es nicht augenſcheinlich, daß der Tod meiner Frau, wenn vieſes Unglück geſchehen würde, allein mich aus dieſem eiſernen Kreiſe herausgehen machen könnte, aus dieſem Kreiſe, in dem ich mich unabläſſig, mir das Herz zernagend, drehe, wo ich mich vielleicht bis zum letzten Tage meines Lebens zu drehen ver⸗ dammt bin? Mein Gott! bin ich dahin gekommen, daß ich den Tod dieſes armen Geſchöpfes wünſche? Ah! ja ja, ich werde böſe. Ihren Tod wünſchen . . nein! Oh! fern von mir ſei der entſetzliche Gedanke; träte aber dieſes Unglück 3 ein, ſo würde ich mich vielleicht ſehr bald tröſten. Wir wollen offenherzig ſein, wir wollen dieſen 278 Gedanken bis zum Ende verfolgen! Wenn der Wunſch allein hinreichen würde, um ihn ſich verwirklichen zu ſehen? wenn es für mich genügte, zu ſagen .. Das iſt aber gräßlich! Das iſt ein Mord, veſſen ich mich ſchuldig mache „ Ah, ich habe Angſt vor mir .. Ich habe Angſt vor meinen eigenen Gedankeu, ſie erſchrecken mich. . Was werden die Folgen des heutigen Ereigniſſes auf die Geſundheit von Albine ſein? Ich weiß es nicht, aber ſie können äußerſt ernſt werden. Dieſen Morgen waren wir beim Frühſtück, oder Albine ſaß vielmehr bei Tiſche mir gegenüber . die Thüre öffnet ſich, und ich ſehe Herrn von Sainte⸗ Marie, unſern Präfecten, mit ſtrahlendem Geſichte eintreten; er läuft auf mich zu, ohne daß es ihm einfällt, meine Frau zu grüßen, nimmt meine Hand, drückt ſie und ruft: 35 8 gefangen, mein lieber Herr Dupleſſis! ie ſind gefangen! „Wer den 2 „Unſere Schurken von Jacobinern.“ „Welche Jacobiner?“ „Der berüchtigte Jean Raymond, ſeine Mutter und ein anderer Böſewicht, einer vor den Gefährlichſten.“ „Gefangen, und wo dies?“ rief ich, indem ich in Verzweiflung an Madame Raymond, jedoch gar nicht an die Wirkung dachte, welche eine ſolche Offenbarung auf meine Frau hervorbringen mußte; „wie ſind ſie gefangen worden?“ „Sie wiſſen, mein Lieber, daß ich, zur Zeit des Aufeüthals der anbetungswürdigen Marquiſe in Ri⸗ balliere, Ihnen das Signalement dieſes Jean Rahmond gebracht habe?“ „Ja; hernach . . hernach „Ich war ganz auf dem rechten Wege; denn dieſe Brüder und Freunde ſind durch Chateaurvur ge⸗ — 279 kommen, um ſich nach Limoges zu begeben, und in einem Dörfchen, drei Meilen von dieſer Stadt, hat man ſie vor zwei Tagen bei einen ehemaligen Soldaten, auch einem Bruder und Freunde, verhaftet. Ich gebe Ih⸗ nen zuerſt dieſe wichtige Neuigkeit mit ihren einzelnen Umſtänden Ah! mein College in Limoges iſt ſehr glücklich! welche Ehre bringt ihm dieſer glänzende Fang! Wie Schade auch, daß die anbetungswurdige Marguiſe und der alte Vendeer⸗-Häuptling nicht mehr bei Ihnen ſind . wie hätten fie unſere Freude getheilt!“ „Und kann man die einzelnen Umſtände dieſes glän⸗ zenden Fangs erfahren?“ ſagte Albine mit ruhiger Stimme. Nun erſt dachte ich an meine Frau; ich wandte mich raſch gegen ſie um; ihr Geſicht war nicht bleicher als gewöhnlich, nur waren ihre ſonſt lebhaft roſen⸗ farbigen Lippen plötzlich blaß geworden. „Oh!“ erwiederte Herr von Sainte⸗Marie mit verlegener Miene, „ich bitte Sie tauſendmal um Ver⸗ zeihung, daß ich Ihnen noch nicht meine tiefſte Ehr⸗ furcht bezeigt habe; . . ſeien Sie ſo nachſichtig, den politiſchen Drang in Rechnung zu nehmen . . denn es iſt ein Ereigniß, ein glückliches Ereigniß, die Ver⸗ haftung dieſer verdammten Jacobiner.“ „Herr Präfect,“ ſagte Albine mit einer Kaltblü⸗ tigkeit, die mich erſchreckte, „ich habe auch die Ehre, Sie um einige Details über dieſen glänzenden Fang zu bitten. wenn das keine Unbeſcheidenheit iſt.“ „Nein, Madame . und ich beeile mich zu, „Meine liebe Freundin,“ ſagte ich zu Albine, mehr beſorgt über ihre außerordentliche Ruhe, als ich es über eine tiefe Gemütbsbewegung geweſen wäre, „dieſe einzelnen Unſtände werden, wie ich glaube, für Sie nicht das Intereſſe haben, das Sie vorausſetzen . oder ſie werden einen peinlichen Eindruck auf Sie 280 machen Erlauben Sie mir alſo, daß ich Herrn von Sainte⸗Marie in mein Zimmer führe.“ „Durchaus nicht,“ antwortete Albine mit einem Lächein, das mich ſchauern machte; „ich bitte, und zwar ſehr inſtändig. Herrn von Sainte⸗Marie, mich an dieſer erſten Kunde von den einzelnen Umſtänden, wovon er vorhin ſprach, Theil nehmen zu laſſen.“ „Ich bin zu glücklich, Madame, Ihren Befehlen nachzukommen,“ erwiederte der Präfect; „hören Sie, was vorgefallen iſt: unſere Jacobiner waren alſo in einer zu einem Dörfchen gehörenden Meierei drei Meilen von Limoges verborgen; einige Carbonari hat⸗ ten ihnen dieſe Zuflucht bei einem andern Bruder und Freunde verſchafft; denn alle dieſe erbitterten Feinde der geſellſchaſtlichen Ordnung hängen zuſammen und correſpondiren; benachrichtigt, begibt ſich der Staats⸗ anwalt auf den Weg, in Begleitung eines Gendar⸗ merie Kapitäns nebſt fünfundzwanzig Mann mit gela⸗ denen Carabinern und Piſtolen; denn man weiß, wie entſchloſſen dieſer Jean Raymond iſt . Sie werden nun ſehen Madame, wie ſehr er ſeinen abſcheulichen Ruf gerſchtfertigt bat „Vollenden Sie, mein Herr,“ ſagte Albine, „das iſt ſehr intereſſant.“ „Man fommt alſo um zwei Uhr Morgens zu der Meierer, Madame; der Kapitän klopft an die Thüre, und vier Gendarmen halten ſich, das Gewehr hoch be⸗ reit, zu ſeuern, während die Andern das Haus ein⸗ ſchli⸗ßen; nichts rührt ſich; man klopft abermals, die⸗ ſe be Stille; der Stastsanwalt gibt ſodann Befehl, die Thüre zu ſprengen; doch in dieſem Augenblick hört man die Schreie der Genda men, welche das Aeußere zu bwachen beau'tragt waren. Sie hatten einen Ent⸗ weichungsver uch vereitelt. Dieſe unbändigen Revubli⸗ caner, dieſe berübmten Eiſen reſſer verſuchten es feige, durch eine Hinterthüre zu eniflehen!“ „Ah! welche Feigheit,“ ſagte Albine mit einem — 281 bittern, höhniſchen Lächeln, deſſen Ausdruck den Prä⸗ fecten täuſchte; „ſie waren zwei gegen fünfundzwanzig bewaffnete Männer, und ſie ergreiſen die Flucht, ohne nur zu kämpfen.“ „Wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt, Ma⸗ dame, dieſe Blutſäufer haben, Sie werden es ſehen nur den Muth der Mörder, welche ohne Gefahr um⸗ bringen,“ verſetzte der Präfect . . . „ünſere Schurken ſind eingeſchloſſen; man dringt in die Meierei, wo man den Jean Raymond, einen von ſeinen Mitſchul⸗ digen, Namens Charpentier, und als Krone des Gan⸗ zen, errathen, Sie wen findet, Madame?“ „Ich habe einen ſehr wenig vorherſageriſchen Geiſt, Herr Präfect; wollen Sie alſo fortfahren.“ „Nun wohl! Madame, man ſindet auch in der Meierei verborgen die Mutter des Zacobiners, eine alte Strickerin von 93, eine entſetzliche Megäre, welche bei dieſer Verſchwörung betheiligt iſt. Doch nun kommt das Tragiſche . . „Ab!“ ſagte Albine mit der Kaltblütigkeit, die mich immer mehr erſchreckte, „es iſt etwas Tragiſches dabei!“ „Zum Glück, Madame . . denn ich glaube, dieſe u wird die gerichtlichen Formalitäten ſehr ab⸗ ürzen“ . „Ich bitte, mein Herr, vollenden Sie,“ ſagte ich mit einer ſchmerzlichen Ungeduld zu Herrn von Sainte⸗ Marie, und dieſer fuhr fort: „Der Gendarmerie⸗Kapitän ſtürzte auf Jean Ray⸗ mond los, während ein Officier und ein Brigadier ſich des andern Jacobiners und der allen Strickerin von 93 bemächtigten. Sie begreifen, Madame, wenn man es mit ſolchen Creaturen zu tbun hat, ſo behandelt man ſie nicht mit Schonung. Der Brigadier packte auch die Strickerin beim Hals und drückte ſie an die Wand, um ſie im Reſpect zu halten, während zwei Gendar⸗ men ihr die Handſchellen anlegten, wogegen die Megäre 282 einwandte, man breche ihr die Fauſtgelenke entzwei. Bei dieſen Worten ſchreit der Schurke Jean Raymond, der, als er wie ſein Mitſchuldiger feſtgenommen wor⸗ den war, keinen Wiverſtand geleiſtet hatte, der Feige! und dem man durchaus nicht mißtraute, er ſchreit auf, ſage ich, man mißhandele ſeine Mutter, ſpringt nach dem Degen des Kapitäns, entreißt ihm denſelben, iſt mit einem Satze beim Brigadier, der immer noch die Strickerin beim Halſe feſthielt, und der wüthende Jean Raymond gibt . . . (ieſe feigen Mörder wiſſen nur von hinten anzugreifen) gibt einen gewaltigen Degen⸗ ſtich in den Rücken dem unglücklichen Brigadier, der, vielleicht tödtlich verwundet, niederfällt, denn zu dieſer Stunde befürchtet man für das Leben des würdigen Soldaten. Ihnen die Wuth der andern Gendarmen gegen den Mörder zu ſchildern wäre mir nicht mög⸗ lich; ohne den Kapitän und den Staatsanwalt würden die zwei Jacobiner und die Strickerin von den über die Ermordung ihres Kameraden wüthenden wackeren Leuten zuſammengehauen worden ſein. Nichtsdeſto⸗ weniger, und ich beklage das nicht, hat die Megäre einen guten Bajonettſtich in die Schulter bekommen, als ſie während des Gemenges ihren liebenswürdigen Sohn mit ihrem Leibe zu beſchirmen ſuchte, wonach unſer ehrliches Jacöbinertrio gehörig mit Stricken gebunden, in einen Farren geworfen und unter guter Bodeckung nach Limoges geführt worden iſt, wo man alle Drei in Erwartung der Befehle von Paris eingekerkert hat Die Sache dieſes Jean Raymond iſt, wie Sie ſehen, ſehr klar, Madame. Auf die eine oder andere Art wird er dem Schaffot nicht entkommen.“ „Ganz gewiß, Herr Präfect,“ erwiederte Albine; „aber Sie müſſen grauſam und doppelt dieſen glänzen⸗ ten Fang beklagen, um den Sie Ihren Collegen in Limoges ſo ſehr beneiden?“ „Ei! mein Gott! ja, ich geſtehe, Madame, ich habe dieſe kleine Schwäche.“ 283 „Und es hing doch nur von Ihnen ab, mein Herr, ſich ſo würdig um das Vaterland verdient zu machen, wie ihr ehrenwerther College.“ „Wie ſo, Madame?“ „Ganz einfach, indem Sie hier Herrn Jean Ray⸗ mond, ſeine Mutter und Charpentier verhaftet hätten.“ „Indem ich ſie hier verhaftet hätte? Ich verſtehe Sie nicht, Madame.“ „Die reizende Marquiſe von Berteuil. . in welche Sie ſo vernarrt waren, Herr Pröfect?“ „Nun, Madame?“ „Der grimmige Marquis, der unbarmherzige Chouans⸗Anführer. Sie wiſſen, Herr Präfect?“ „Nun, Madame, nun?“ „Herr Dupleſſis wird Ihnen, wie ich, ſagen, daß der Marquis, die Marquiſe und ihr Sohn, den man Ihnen nicht vorzuſtellen ſo klug geweſen iſt, feine An⸗ dere waren, als Herr Charpentier, Madame Raymond und ihr Sohn.“ „Madame, der Scherz iſt allerdings reizend; aber...“ „Meine Frau ſcherzt nicht, mein Herr,“ ſagte ich Präfecten, „Madame Dupleſſis ſpricht die Wahr⸗ heit.“ „Die Wahrheit!“ rief Herr von Sainte⸗Marie mit einem zornigen Erſtaunen. „Wie! ich wäre Ihr Gim⸗ pel geweſen! der unbeſtimmte Verdacht, der mich hier⸗ her geführt, wäre gegründet geweſen! . . . Wie! ich war dumm genug, mich durch das Geſchwätze dieſer vorgeblichen Marquiſe hintergehen zu laſſen! . . Aber, mein Herr, ich war alſo Ihr Gimpel.“ „Herr Präfect,“ antwortete ich Herrn von Sainte⸗ Marie, „Sie werden Ihre Rolle bei dieſer Sache nehmen, wie es Ihnen beliebt . .. Ich füge nur bei, daß ich Herrn Jean Rahmond, meinen alten Freund, gerade weil er wegen einer der meinigen entgegengeſetzten Mei⸗ nung geächtet war, ein Aſyl bieten .. und weder ihn, noch ſeine Mutter, noch Herrn Charpentier Ihnen 284 ausliefern mußte, denn ſie waren hier unter dem Schutze meiner Ehre.“ „Als Privatmann könnte ich ſtreng genommen Ihr Benehmen begreifen, mein Herr,“ verſeie Herr von Sainte⸗Marie: „als Beamter muß ich es nothwendig beklagen und Seine Excellenz den Herrn Miniſter des Innern davon in Kenntniß ſetzen. Denn für jeden guten Franzoſen müßte das Heil des Throns und der Geſell⸗ ſchaft vor jeder andern Rückſicht kommen.“ Und nach dieſen feierlichen Worten ging Herr von Sainte⸗Marie mit einem ſchlecht verhehlten Groll weg. LII. Fortſetzung des Dagebuchs. Als ich mit Albine allein war, ſchwiegen wir ei⸗ nen Augenblick. 2 Ich war zu ſehr perſönlich von dem bewegt gewe⸗ ſen, was in der Erzählung des Präfecen Madame Raymond betra, welche gejähriich, vielleicht tödtlich ver⸗ wu det worden, um an die erſchreckliche Gemüthserſchüt⸗ terung zu denken, die das Schickſal von Jean bei mei⸗ ner Frau hatte hervorbringen müſſen. Als ich die Augen zu ihr aufſchlug, war ihre Bläſſe nicht ſtärker als gewöhnlich, nur waren ihre Lippen weiß, und ſie hielt ihre Hand feſt an ihr Herz angepreßt, als wollte ſie ſeine Pulsſchläge zurückdrängen oder ſie zählen; ihre Augen waren trocken, glänzten aber von einem außerordentlichen Fuer; ein ſchmerzliches Lächeln zog ihre Lippen zuſammen, und ſie ſchauerte in Zwiſchen⸗ räumen und ſchloß dabei die Augenlider. „Es iſt ſeltſam, ſagte ſie zu mir mit einer Anfangs gepreßten Stimme, welche aber nach und nach freier 285⁵ wurde, obgleich ihre Zähne manchmal durch ein krampf⸗ haftes Beben an einander ſtießen, „einige Augenblicke ſchien es mir, als erſtickte mich das Blut; mein Herz hatte zu ſchlagen aufgehört 3 doch jetzt nehmen ſeine Schläge wieder ihren Lauf. . . „Sie zittern für Jean?“ „Für ihn . nein; ſein Schickſal iſt entſchieden. Ich zittere für ſeine Mutter ... Wenn ſie ſterben muß, ſo wird ſie nicht an ihrer Wunde, ſondern am Tode ihres Sohnes ſterben.“ „Sie ſprechen vom Tode von Jean Raymond ſehr a 4 „Sehr kalt . wie Sie ſehen . zich vermag nichts hiebei und faſſe meinen Entſchluß. . . Nur muß unſer Freund jung ſterben . und eines gräß⸗ lichen Todes, nicht wahr?“ „Albine, Sie erſchrecken mich .. hören Sie, ich bin grauſam geweſen verzeihen Sie mir.“ „Grauſam? nein; ich ſpreche von dem nahe be⸗ vorſtehenden Tode unſeres Freundes ohne Thränen, ohne Seufzer, ohne Herzzereißungen .. Das iſt für mich unbegreiflich; hätte man mir geſagt, ſo müſſe bei mir der Eindruck ſein, ich würde es nicht geglauht haben . . Ich will Ihnen ſogar etwas Seltſames geſtehen ich war weit entfernt, dieſe gräßliche Kunde vorherzuſehen, und dennoch überraſchte ſie mich nicht; mir ſcheint, ich erwartete ſie.“ „Ich bitte, faſſen Sie ſich.“ „Ich bin vollkommen bei Vernunft; ich habe das Bewußtſein meiner Worte und der Unempfindlichkeit, über die ich eben ſo ſehr erſtaunt bin, als Sie.“ „Dieſe Unempfindlichkeit ängſtigt mich, ſie iſt nicht natürlich .. Der Schlag war ſo ungeſtüm, ſo heftig, daß Sie noch ganz davon betäubt ſind; Sie ſehen noch nicht klar in Ihrem Herzen.“ „Sie haben vielleicht Recht, denn ich fühle es, ich liebe Herrn Jean ſo tief als je ₰z und das 286 Loos ſeiner Mutter, der ich eine kindliche Zuneigung gewidmet habe, ſcheint mir gräßlich . . Doch. .. nun bitte ich um Verzeihung . . . Ich bin grauſam geweſen, indem ich mit Ihnen von Herrn Jean geſpro⸗ chen habe Sie weinen .. „Ah! mein Herz bricht,“ antwortete ich, ohne mein Schluchzen unterdrücken zu können. „Mein Gott! mein Gott! wenn ich daran denke, daß ſie zu dieſer Stunde verwundet . . ſterbend vielleicht! von ihrem Sohne getrennt . . in einem Kerker liegt, in den man ſie geworfen . . Ah! das iſt erſchrecklich! . . . denn ich kiebe ſie . Ja . . Geſtändniß für Geſtändniß .. . ich liebe ſie ſo leidenſchaftlich, als Sie Jean lieben..“ „Sie lieben Madame Raymond?“ rief meine Frau, indem ſie ganz beſtürzt die Hände faltete. „Sie lie⸗ ben fie!“ „Ja, mit einer wahnſinnigen Liebe.“ 3 zlnd Sie lieben Madame Raymond ſeit langer eit „Nie hat mich ihr Andenken verlaſſen. Ich war ſechzehn Jahre alt, als ſie mein Herz zum erſten Male ſchlagen machte . .. und zum letzten Male hat ſie es ſchlagen gemacht, indem ſie es zerriß.“ „Und ſie kennt Ihre Liebe?“ „Nein, oh! nein,“ rief ich erröthend vor Scham und die Augen vor Albine niederſchlagend; „ſie hat nie etwas von dieſer unglückſeligen Liebe gewußt . .. ſie wird nie etwas davon erfahren.⸗ — „Ich habe nicht mehr das Recht, mich über Ihre Gleichgültigkeit zu beklagen,“ rief meine Fran, indem ſie mich mit einem Ausdruck unſäglichen Mitleids an⸗ ſchaute, „ich habe nicht mehr das Recht, Ihr Herz an⸗ zuſchuldigen. Oh! nein, eine ſolche Liebe für eine ſolche Frau, das läßt mich Alles begreifen und Alles ver⸗ zeihen! ich hatte Sie ſchlecht beurtheilt Ihre Hand, Fernand, ich bitte, Ihre Hand.“ „Wie, keinen Vorwurf?“ 287 „Vorwürfe wegen einer Liebe, die Sie ehrt und in meinen Augen erhöht! Vorwürfe! weil Sie mir eine Frau vorziehen, mit der ich nie verglichen werden könnte! Vorwürfe, da Sie die Qualen einer hoffnungs⸗ loſen Liebe ausſtehen!“ „Aber ich hatte dieſe Liebe im Herzen, als ich Sie heirathete, unglückliches Kind!“ „Ei! mein Gott! habe ich Sie nicht auch ohne Liebe gehewathet? Nichts zwang mich dazu. „Hätte ich entſchloſſen Ihre Hand ausgeſchlagen, hätte ich auf den Inſtinet meiner Vernunft gehört, der mir Wider⸗ willen gegen dieſe Heirath einflößte, ſo wären wir nicht, wo wir heute ſind; aber was ſoll ich Ihnen ſa⸗ gen? Das Drängen meiner Mutter, die ſtrafbare Schwäche meines Charakters was weiß ich? es iſt kindiſch, es iſt lächerlich, doch es iſt wahr . . der Anblick des Brautſchmucks, der kleine Stolz, Schloßdame zu ſein, und dann die Hoffnung, die göttliche Hoffnung, die ein achtzehnjähriges Herz nie verläßt, Alles dies bewog mich, zu unſerer Verbindung einzuwilligen. Das iſt mein Fehler, ich erdulde ſeine Folgen und überdies, wozu ſoll es nützen, Anklage gegen die Ver⸗ gangenheit zu erheben . Glauben Sie mir, Fernand, ſeien wir nachſichtig gegen einander . nähern wir uns in einem gemeinſchaftlichen Unglück. und .. Un⸗ glück, nein . Der nahe bevorſtehende Tod von Jean iſt kein Unglück für mich . das bricht mir das Herz nicht Ich fühle eine unſägliche Rührung, eine Reſignativn ohne Bitterkeit, und wenn ich meinen Ah⸗ ungen glauben darf, ſo iſt es wahrhaſtig nicht der Mühe werth, daß ich zu leiden anfange.“ Albine, was wollen Sie damit ſagen?“ rief ich, den Sinn dieſer dunkeln Worte ſuchend, und beſonders beunruhigt durch den Geſichtsausdruck meiner Frau; och ſie fuhr, ohne zu antworten, fort: „Bekümmern wir uns nicht um mich, ſondern um Sie. Achl wie läßt ſich Ihre Angſt veſchwichtigen? 288 Vor Allem, mein Freund, werden wir nach Limoges abreiſen.“ „Abreiſen?“ „Nach Limoges.“ „Sie wollen?“ „Sie werden leicht die Erlaubniß erhalten, Ma⸗ dame Raymond und Jean in ihrem Gefängniſſe zu beſuchen . Iſt das nicht unſere Pflicht? Sie er⸗ warten uns, mein Freund; ich bin ſicher, daß ſie uns erwarten. Sie müſſen unſere Abreiſe beſchleunigen Ihre Befehle für heute . . . in einer Stunde geben.“ „Aber Sie werden eine ſolche Reiſe nicht unter⸗ nehmen können?“ „Sollten Sie noch eiferſüchtig auf Jean ſein?“ ſagte Albine zu mir mit einem Lächeln, das mich ſchauern machte; ſie ſchien mir zu ſagen: ſind Sie eiferſüchtig auf einen Todten? „NRein, ich bin nicht eiferſüchtig,“ erwiederte ich, „aber ich befürchte, eine ſolche Reife und die Aufre⸗ gungen, welche eine Folge davon ſein werden, über⸗ ſteigen Ihren Muth nach dem erſchrecklichen heutigen Schlage.“ 3 „Man kann das, was man will. Es iſt unſere Pflicht, nach Limoges zu gehen; ich werde die Stärke, Sie zu begleiten, finden; beoenken Sie doch, unſere armen Freunde werden ſo glücklich ſein, uns zu ſehen „und wir werden .. . Albine, deren Stimme ſchwächer geworden war, vollendete nicht; ſie ließ ſachte ihren Kopf zurückfallen und ſtützte ihn auf die Lehne ihres Stuhles. Große Tropfen kalten Schweißes floſſen von ihrer Stir ſie ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte ſie zu indem ſie zu lächeln ſuchte: „Das iſt ein leichter Anfall von Schwäche; . ſer lieber, daß ich ihn vor unſerer Abreiſe geha a e.“ 289 „Albine, ich bitte Sie inſtändig, legen Sie ſich zu Bette Laſſen Sie mich Madame Claude rufen. .. einer von unſeren Leuten wird zu Pferde abgehen, um in Chambly den Doctor Laurent zu holen.“ „Nein nein . es wird nichts ſein es iſt nichts,“ fügte ſie bei, während ſie ihre beiden Hände auf den Arm des Lehnſtuhls ſtützte, um ſich zu erheben; „Sie werden ſehen, daß ich mit ein wenig Willen gehen kann .. Ich bin ſeit einiger Zeit an dieſe Anfälle von Schwäche gewöhnt, und ich beſiege ſie.“ Aber nach einigen Schritten, über denen ich mit ängſtlicher Sorgſamkeit wachte, war meine Frau ge⸗ nöthigt, ſich zu ſetzen; ihre Hand, die ich nahm, war feucht und eiskalt. „Sie ſehen,“ rief ich immer mehr beunruhigt, „Sie find außer Stande, zu gehen.“ „Für den Augenblick. . es iſt wahr ich fühle mich außerordentlich ſchwach; doch nach ein we⸗ nig Ruhe ſtehe ich für mich . . Treffen Sie alle Anſtalten zu unſerer Abreiſe.“ „Sie wollen abreiſen . . und ſich leidend, wie Sie find, auf den Weg begeben. . vas iſt unſinnig.“ „Aber ſie erwarten uns! Denken Sie doch an ihre Frende, wenn ſie befreundete Geſichter in ihrem Ge⸗ fängniſſe ſehen.“ „Albine, ich kann Ihre Geſundheit, Ihr Leben nicht risquiren, indem ich Sie den Strapazen einer langen Fahrt ausſetze. Und nun zogere ich auch, ab⸗ zureiſen, ich kann mich nicht entſchließen, Sie in dem Zuſtande zu verlaſſen, in dem Sie ſich befinden.“ ernand, fühle ich mich in zwei Stunden nicht wirklich ſtark genug, um mich auf den Weg zu begeben, ſo laſſe ich Sie allein reiſen; denn Sie muſſen ſie ſehen „ Sie werden ihnen ſagen, ich habe Sie nicht begleitet, weil mir die Kräfte gefehlt . . Sie e labem Fernand Dupleſſis. II. 19 290 Albine vertraute, wie ich es vorhergeſehen, zu viel auf ihren Muth, und obgleich ſie zu ſchlummern geſchienen hatte, während ich mich mit den Anſtalten zur Reiſe beſchäftigte, verzichtete ſie doch ſelbſt darauf, ſo groß war ihre Schwäche. Der Arzt von Cbambly, den ich hatte holen laſſen, ſchien mir Anfangs nicht beſorgt über ihren Zuſtand; er verordnete ſtärkende Mittel; da ich mich aber einiger Worte von Madame Claude erinnerte, die mich befürchten ließen, die Er⸗ ſchütterung von Albine werde ernſte Folgen haben, ſo hielt ich es für klüger, auf meinem Wege durch Cha⸗ teaurvur den beſten Arzt der Gegend zu bitten, ſich auf der Stelle nach Riballiére zu begeben und Albine je⸗ den Tag zu beſuchen. LII. Fortſetzung des Tagebuchs. Ich reiſte nach Limoges ab, der ſchmerzlichſten Bangigkeit preisgegeben, denn ich bedachte, daß ich mich, wenn es mir gelänge, zu Jean und ſeiner Mutter eingelaſſen zu werden, der niederſchmetternden Verach⸗ tung dieſer ſchändlich von mir verletzten Frau ausſetzte. Doch meine Angſt über das Schickſal, über das Leben von Madame Raymond war ſo groß, ich hoffte ſo ſehr, bei ihr vielleicht meine Beleidigung durch dieſen Be⸗ weis von, ach! ſehr uneigennütziger Ergebenheit v geſſen zu machen, daß ich dem Empfang trotzte, der mei⸗ ner harrte; ich fühlte mich überdies unterſtützt durch den Gedanken, mein Entſchluß ſei wenigſtens edelm thig, da ich Madame Raymond, was auch ihr Lo wäre, würde ſie an ihrer Wunde ſterben, oder au Lebenszeit als Mitſchuldige ihres Sohnes eingekerkert werden, nie wiederſehen ſollte. . 291 Ich war auch tief ergriffen von dem erſchrecklichen Schickſale von Jean, nicht als hätte ich dem ſelbſtſüch⸗ tigen und abſcheulichen Hintergedanken, meine Eiferſucht habe nichts mehr von Jean zu befürchten, nachgegeben, ſondern ich fühlte aufrichtig meine alte Freundſchaft für ihn ſo glühend als je wiedererwachen. Dann traten mir die Thränen in die Augen, in⸗ dem ich mich der beſcheidenen und rührenden Worte von Albine, als ſie meine Liebe für Madame Raymond erſuhr, erinnerte. Dieſe paar ſo einfachen, ſo wahren Worte hatten genügt, meinen ungerechten und gehäſſigen Groll gegen die unglückliche junge Frau auszulöſchen. Ich war durch Mitleid zu erwiedern. So geprüft ich hätte durch die Eitelkeit meiner guten Entſchlüſſe ſein müſſen, ſo ſchien es mir doch, als erblickte ich für die Zukunft zwiſchen Albine und mir irgend einen ſchwermüthigen Austanſch von Kla⸗ gen, gemiſcht mit Hingebung und Vertrauen, was ſich vielleicht ſpäter in ein zärtliches Gefühl verwandeln würde; aber dieſer ſchwache Hoffnungsſchimmer ver⸗ ſchwand bald vor den düſtern, troſtloſen Gedanken, die mir das Schickſal von Madame Raymond ein⸗ flößte, und ich kam in Limoges von einer unaus⸗ ſprechlichen Traurigkeit erfüllt an. Mit großer Mühe erhielt ich die Erlaubniß, die Angeklagten zu beſuchen. Zum Gluͤck für mich wollte der Zufall, daß im Augenblick meines Eintritts in das Gefängniß Jean ſich bei ſeiner Mutter befand, denn, trotz meines Ent⸗ ſchluſſes, hätte ich vielleicht nicht den Muth gehabt, vor Madame Raymond zu erſcheinen. Ein altes befeſtigtes Schloß mit geſchwärzten Mauern und finſteren Thürmchen diente als Gefäng⸗ niß. Ich folgte einem Schließer durch mehrere dunkle entſchloſſen, ihr Nachſicht durch Nachſicht, Mitleid Gänge und kam an eine dicke Thüre, an der eine Oeff⸗ nung mit einem Schieber angebracht war. Ich bat den Schließer, hineinzugehen und Madame Raymond zu fragen, ob ſie Herrn Fernand Dupleſſis empfangen könne; dann blieb ich allein und wartete voll Angſt auf die Antwort. Dieſe Antwort ließ nicht lange auf ſich warten. „Treten Sie ein, mein Herr,“ ſagte der Gefangen⸗ wärter zu mir. Nie werde ich dieſes traurige Bild vergeſſen: ein kleines Fenſter, beinahe ganz verdunkelt durch ein ſchwe⸗ res eiſernes Gitter, ließ kaum das Licht in dieſe Art von Caſematte mit den kahlen, grauen Wänden von Quaderſteinen, ſtellenweiſe bedeckt mit formloſen Zeich⸗ nungen oder Inſchriften, Früchten der trübſeligen Muße der Gefangenen, eindringen. Das Geräth dieſer Z lle beſtand aus einer eiſernen Bettlade mit einem Stroh⸗ ſack; gegenüber fand ſich eine Kiſte von weichem Holz, auf der der Shawl und der Hut von Madame Ray⸗ mond lagen; unter dem Fenſter ein Stuhl und ein plumper Tiſch, auf welchem ich einen irdenen Topf einen herrlichen Roſenſtrauß enthaltend erblickte; das friſche Colorit der Roſen contraſtirte ſeltſam mit der düſtern Traurigkeit dieſes Ortes. 4 In einen dunkeln Schlafrock gehüllt und die Füße unter einer grauen, groben wollenen Decke verborgen, ſaß Madame Raymond auf ihrem Bette und lehnte ſich an das Kopfkiſſen an. Ihr Geſicht war bleich gewor⸗ den; eine ſehr einfache und ſehr weiße kleine Haube verbarg halb ihre blonden Haare. Als ſie mich er⸗ blickte, faltete ſich ihre Stirne leicht; dann wurde ihre Phyſiognomie wieder ſanft und ernſt. Sobald ich eintrat, kam mir Jean raſch entgege reichte mir ſeine beiden Hände und ſagte bewegt zu mir: „Ich erwartete Dich . in dem Falle, daß das Gerücht von unſerer Gefangennehmung zu Dir gedrun⸗ gen wäre.“ 293 „Ich habe Alles durch unſern Präfecten erfahren,“ erwiederte ich. Dann, nachdem ich Jean herzlich um⸗ armt hatte, wandte ich mich gegen Madame Raymond, verbeugte mich verlegen vor ihr und ſagte: „Madame, werden Sie es entſchuldigen, daß ich mir die Freiheit genommen habe, hierher zu kommen, ohne von Ihnen gerufen worden zu ſein ?* „Ich danke Ihnen, Herr Dupleſſis, für dieſen Be⸗ weis von Zuneigung für meinen Sohn . . Und wie geht es der lieben Albine?“ „Sie war ſeit einiger Zeit leidend, Madame, und unglückticher Weiſe hat ſie, wie ich, auf eine un⸗ geſtüme Art Ihre Verhaftung erfahren.“ „Armes Kind!“ verſetzte traurig Madame Ray⸗ mond; „ich kenne ihre Freundſchaft für uns . . . und beurtheite danach ihre Unruhe.“ „Dieſer Schlag iſt auch für ſie eben ſo plötzlich als heftig geweſen: ſie wollte mich hierher begleiten ihre Kräſte ſind zu Verräthern an ihr geworden. Der Arzt hat mich ein wenig beruhigt, ohne jedoch meine Befürchtungen ganz zu zerſtreuen. Doch Sie, Madame, Sie? Mein Gott! ich habe erfahren, mit welcher Barvarei Sie behandelt worden ſind! ... Und Ihre Wunde?“ „Ich glaube, ſie wird keine ernſte Folgen haben; zum Glück iſt der Mann, den mein Sohn geſtochen at, wie man uns geſagt, außer Gefahr. Ich hätte ir den Tod dieſes Unglücklichen immer zum Vorwurf gemacht.“ „Das war der einzige Gedanke meiner Mutter ſeit unſerer Einkerkerung,“ ſagte Jean zu mir; „ſie hat die ohheit dieſes Elenden . . die Grauſamfeit ſeiner enoſſen vergeſſen, welche ſie beinahe getödtet hätten, wöhrend ſie mich treffen wollten. Du erkennſt ſie hieran, mmer edelmüthia!“ „Das iſt nicht Edelmuth, ſondern Gerechtigkeit, ein Freund; dieſe unglücklichen Gendarmen treiben ihr Handwerk mehr oder minder brutal, je nach⸗ dem ſie die Gunſt ihrer Chefs verdienen wollen. Deine erſte Bewegung, ich begreife ſie ganz wohl, hat Dich zu weit geführt. Was willſt Du? man kann von die⸗ ſen Leuten nicht erwarten, daß ſie mit Artigkeit zu uns ſagen: Erlauben Sie, Madame, daß ich die Ehre habe, Ihnen die Handſchellen anzulegen „ Mein liebes Rind, Du biſt zu lebhaft gegen die Gendarmen; wie Du in deiner Kindheit die Koſaken zu barſch be⸗ handelteſt . . . davon zeugt der Pflaſterſtein, den Du einſt einem von dieſen nordiſchen Bären auf den Kopf geſchleudert haſt.“ „Fernand, Du hörſt meine Mutter? Dieſe Freund⸗ lichkeit des Geiſtes hat ſie nicht einen Augenblick ver⸗ laſſen, wenn nicht, als ſie ſich den Bajonetten entgegen⸗ warf, um meinen Leib zu bedecken.“ Weil es unter ſolchen Umſtänden erlaubt iſt, ſeine Kaltblutigkert zu verlieren, wie Du die Deinige ver⸗ loren haſt, als Du dieſe Gendarmen mich, ich geſtehe es, mit wenig Höflichkeit behandeln ſahſt; ſind aber dieſ⸗ Aufregungen voruber, ſo kehrt man zur Mäßigung „Oh! Jean,“ rief ich, „welch ein bewunderungs⸗ würdiger Muth!“ „Was ſoll ich Dir ſagen, Fernand . . meine Mutter macht, daß ich zuwerlen Alles vergeſſe, bis auf die Geſahr, die ſie läuft. Sie plaudert hier mit der⸗† ſelben Geiſtesfreiheit, wie im Salon Deines Schloſſes.“ „Höre, mein Kind,“ ſprach Madame Raymond in Tone liebevollen Vorwurfs, „haben wir denn geſtern unſere erſten Schritte auf der Laufbahn gemacht, wo man Gott für einen Tag ohne Bangigkeit danken muß? Verfolgt man, erreicht man das Ziel, nach dem wir ſtreben, ohne Schmerz, ohne Gefahren, und oft ohne das Märtyrthum ... wie ſo Viele von unſeren aumen Brü⸗ dern, deren Blut gefloſſen iſt? . Haben wir u nicht hundertmal geſagt, unſer Leben gehöre nicht ur ſondern der heiligen Sache der Freiheit, fuͤr welche Dein Vater auf dem Schaffot geſtorben iſt? Haben wir uns nicht, ſeitdem Du das Alter der Vernunft er⸗ reicht, an den Gedanken gewöhnt: An einem Tage des Auſſtands oder der Niederlage konnte ich frommer Weiſe Deine Augen zu ſchließen haben, wie Du die meinigen ſchließen könnteſt? Darf man zum Voraus hierüber traurig ſein? Siehſt Du mich je düſter, in Thränen zerfließend, weil ich immer mit dem theuren und hei⸗ ligen Andenken an Deinen Vater lebe, deſſen blutige Stirne ich geküßt, den ich mit meinen eigenen Händen begraben? Haben wir nicht, wie die Gallier, unſere Väter, den Glauben an die endloſe Wiedergeburt un⸗ ſerer Leiber und unſerer Seelen, welche nach und nach die Unermeßlichkeit der Welten bevölkern? Was iſt der Tod für uns? Der Wiederanfang eines andern Lebens — nicht mehr. Wir ſind auf dieſer Seite des Vor⸗ hangs, wir gehen auf die andere, wo unbekannte Fern⸗ ſichten unſerer Blicke harren; mir, — ich weiß nicht, ob dies ſo iſt, weil ich eine Tochter Eva's bin,“ fügte Madame Rahmond bei, „mir hat das Phänomen des 1 immer nur eine außerordentliche Neugierde ein⸗ ge 5 t. „Ah! Madame, trotz dieſes ſcheinbaren Stoicismus brach Ihr Herz, als Sie befürchteten, genöthigt, mit Ihnen zu fliehen, könnte Jean ſeiner Wunde auf der Reiſe unterliegen? Ich habe bei mir Ihre Unruhe, Ihre Thränen geſehen, als er litt.“ „Gewiß, mein Herr, eben ſo wie ich mich den Waffen entgegengeworfen habe, die meinen Sohn be⸗ 5 8 drohten. Der mütterliche Inſtinet iſt mächtiger, als der Erhaltungsinſtinct! Doch am Vorabend eines Zwei⸗ kampfes oder einer Schlacht werde ich immer zu mei⸗ nem Sohne ſagen: Gehe und thue Deine Pflicht.“ „Ohl! meine Mutter!“ rief Jean mit einem Ausdrucke der Zärtlichkeit und der Begeiſterung, indem er ſich beim Bette von Madame Raymond auf die Kniee warf 296 unb frommer Weiſe ihre Hände küßte, „der Genius Ihrer Zärtlichkeit iſt ſo mächtig, daß Sie mich daran gewöhnt haben, nichts für mich zu fürchten, und daß Sie ſogar die Beſorgniſſe zu beſchwichtigen wiſſen, die Ihr Schickſal mir einflößt.“ Ich vermöchte die Gemüthsbewegung nicht wieder⸗ zugeben, die mich bei dieſem rührenden Gemälde, bei dieſen edlen Worten voll Seelenheiterkeit ausgetauſcht zwiſchen der Mutter und dem Sohne, in der Tiefe eines Gefängniſſes und unter dem drohenden Schlage der unglücklichſten Eventualitäten, ergriffen hat. Das Bei⸗ ſpiel der heldenmüthigen Gefühle iſt anſteckend, beſon⸗ ders für mich. Plötzlich kam mir ein Gedanke, ich wandte mich an Jean, den ſeine Mutter mit ihren Armen umſchlang und zärtlich auf die Stirne küßte, und ſagte zu ihm: „Mein Freund, die Augenblicke find leider für uns ezählt .. Ich habe eine tolle . vielleicht unaus⸗ ſihrkare Idee, aber ich muß ſie Dir ſagen.“ „Armer, guter Fernand . immer derſelbe! Laß Deine Idee hören.“ „Madame Raymond, Du und Charpentier, Ihr ſollt noch lange hier bleiben?“ „Nein ich ſoll dieſen Morgen ein letztes Ver⸗ hör ausſtehen, und übermorgen werden wir nach Paris geführt werden.“ „Vernimm meinen Plan. er iſt nicht ganz der meinige, denn er iſt mir durch die muthige Handlung † von Herrn Charpentier, der Deinen Oheim befreit hat, eingegeben worden.“ 3 „Erkläre Dich!“ „Ich habe den Weg von Limoges nach Chateaurvur gemacht und dabei fünf Meilen von hier eine Felſen⸗ ſchlucht bemerkt. Abſchüſſig an dieſer Stelle, iſt die Straße tief eingegraben ... Man wird Euch noth⸗ wendig im Wagen unter guter Bedeckung führen?“ „Ohne Zweifel.“ 297 „Fünfzehn entſchloſſene Männer, von denen fuͤnf bis ſechs beritten, können an der Stelle, die ich bemerkt habe, die Bedeckung überwältigen und Euch befreien.“ Jean wandte ſich gegen ſeine Mutter um und ſagte zu ihr, indem er mich mit dem Blicke bezeichnete: „Der wackere Fernand, immer dieſelbe Hingebung.“ Madame Raymond blieb ſtumm; ich fuhr fort: „Ich habe unter meinen Feldſchützen und meinen Meiern, beinahe lauter ehemaligen Soldaten, etwa zehn beherzte Männer; es wird mir leicht ſein, die Zahl voll zu machen.“ „Fernand .. „Laß mich vollenden . . . Ich begebe mich in einer Stunde auf den Weg und kehre nach Riballiére zurück, um meine Anſtalten zu treffen; meine Leute werden vereinzelt mit der Diligence abgehen, nachdem ich ihnen einen Zuſammenkunftsort beſtimmt habe; ich mit fünf bis ſechs der Entſchloſſenſten, wir ſteigen zu Pferde, und . „Herr Dupleſſis,“ unterbrach mich Madame Ray⸗ mond, „wir ſind Ihnen ſehr dankbar für Ihren guten Willen, es iſt uns aber unmöglich, Ihr Erbieten an⸗ zunehmen „Warum dies, Madame?“ „Einmal . weil es die wackeren Leute, die Ihnen folgen würden, ſo wie Sie ſchwer gefährden hieße.“ „Ei! Madame, was liegt mir daran! .. . . „Mir aber liegt viel daran,“ erwiederte Madame Raymond mit einem Ausdrucke ſtolzer Kälte, — eine übrigens ſo leichte Nuance, daß Jean nicht davon be⸗ troffen war. Ich fühlte zu meinem Schmerz, daß ſeine Mutter keinen Dienſt von einem Manne annehmen wollte, der ihr einen Schimpf angethan hatte; ich blieb flumm und ließ niedergeſchlagen den Kopf ſinken, während Madame Raymond mit einem minder entſchiedenen Tone, ohne Zweifel aus Furcht, bei ihrem Sohne Ver⸗ dacht zu erregen, beifügte. „Ja, Herr Dupleſſis, es liegt mir viel daran, Ihren guten Willen nicht zu mißbrauchen.“ „Dann,“ ſagte Jean, „dann würden die Anſtalten zu dieſem gewaltſamen Angriff ohne Zweifel bemerkt werden. . .. Der Ausgang des Angriffes iſt zweifelhaft. Wenn wir uns nicht geſcheut haben, Dich um ein Aſyl zu bitten, ſo geſchah dies, weil, angenommen, wir wären bei Dir verhaftet worden, Dich dies keiner Verfolgung ausgeſetzt hätte; aber ein Angriff mit bewaffneter Hand.. Teufel! Du weißt alſo nicht, wohin Dich das führen kann, mein armer Freund?“ „Ich weiß es nicht . . . ich habe nicht daran ge⸗ dacht; was ich aber nun weiß, Jean, und was mich tief betrübt, iſt, daß Du mich nur für gut dazu hältſt, Dir Dienſte ohne Gefahr für mich zu leiſten . . .“ „Dich verletzen ich. Ah! Fernand, Du biſt ungerecht!“ rief Jean, indem er meine Hände in den ſeinigen drückte. „Stellten wir nicht Deinen Edel⸗ muth ſchon dadurch auf die Prode, daß wir Dich, einen Royaliſten, um einen Zufluchtsort für uns Jacobi⸗ ner, wie man uns nennt, baten? „Du haſt vielleicht gezögert?“ „Nicht einen Augenblick, meine Mutter wird es Dir ſagen; aber ich wiederhole Dir, es iſt eine Kluft zwiſchen dem, Dich um eine Zuflucht zu bitten, und dem, von Dir eine von den gefahrvollen Anerbie⸗ tungen anzunehmen, welche nur unter Soldaten von einer gemeinſchaftlichen Sache angenommen werd Doch ich danke Dir aus dem Grunde meines Herzen mein lieber Fernand; Dein muthiges Erbieten iſt ein neues von Dir unſerer alten Freundſchaft gegebenes Unterpfand.“ „Meine Reiſe wird alſo unfuchtbar geweſen ſei ich werde alſo vergebens in dieſes Gefängniß kommen ſein . in das ich geeilt bin, um Di twas 299 zu nützen? Jean, ich flehe Dich an, ſchlage mir meinen letzten Troſt nicht ab; laß mich nicht aus dieſem Ge⸗ fängniß weggehen, ohne Dir nützlich geweſen zu ſein ... Sprich, was kann ich thun?“ „Guter Fernand,“ antwortete mir Jean, während er mir die Hand reichte, „ſchilt mich nicht; meine Mut⸗ ter und ich, wir hätten Dich wohl um einen Dienſt zu bitten aber „Jean,“ rief lebhaft Madame Raymond, ihren Sohn unterbrechend und ihm durch einen Wink Still⸗ ſchweigen auferlegend. Jean ſchaute ſeine Mutter ſehr erſtannt an und ſagte zu ihr: „Meine Mutter, ich glaube, Sie wiſſen doch, wo⸗ von ich mit Fernand ſprechen will? Wir können uns zu dieſem Ende nur an Jemand wenden, für den wir ſo gut als für uns ſelbſt ſtehen würden .. „Das iſt wahr, mein Freund .. . „Warum dann das Erbieten von Fernand nicht annehmen, meine Mutter?“ „Weil es beſſer iſt, mein Kind, die Gefälligkeit von Herrn Dupleſſis nicht zu mißbrauchen.“ „Glauben Sie, er habe bange, die Reiſe nach Paris zu machen?“ verſetzte Jean. Dann wandte er ſich an mich und fügte bei: „Das wäre Dir ohne Zweifel zu beſchwerlich?“ „Mir!“ rief ich. „Kannſt Du denken, eine ſolche Urſache halte mich zurück? Ich bitte, erkläre Dich.“ „Mein Freund,“ ſagte Madame Raymond zu ihrem Sohne, langſam jedes ihrer Worte abwägend, „ich halte es für ſchicklicher . . . Herrn Dupleſſis dieſe Be⸗ ſchwerlichkeit nicht zu verurſachen . . z ich bitte Dich alſo, nicht darauf zu beharren „Wie es Ihnen beliebt, meine Mutter,“ antwor⸗ tete Jean ehrerbietig; und er fügte lächelnd bei: „Du fiehſt, mein armer Freund, es iſt nicht meine Schuld 4 300 Ich war ſchmerzlich ergriffen; Mabdame Rahmond, in ihrem gerechten Grolle wegen der Beleidigung, die ſie ihrem Sohne hatte verbergen müſſen, verachtete mich genug, um keine Dienſte von mir annehmen zu wollen, oder ſie mißtraute mir genug, um bange zu haben, mich in ein wichtiges Geheimniß einzuweihen. Die Weige⸗ rung von Madame Raymond war mir ſo peinlich, daß Jean meine Niedergeſchlagenheit wahrnahm, denn er ſagte traurig: „Sehen Sie, meine Mutter, wie betrübt Fernand iſt, daß er uns nicht zum letzten Male ſeine Ergeben⸗ heit beweiſen kann. Ich werde mir nicht erlauben, in Sie zu dringen . . laſſen Sie mich indeſſen Ihnen bemerken .. „Mein Kind,“ unterbrach abermals ihren Sohn Madame Raymond, welche offenbar einen Vorwand ſuchte, um Jean abzulenken, der immer mehr über die beharrliche Weigerung ſeiner Matter erſtaunt zu ſein ſchien, „Du vergiſſeſt, daß uns der Herr mitgetheilt hat, Madame Dupleſſis ſei leidend, und ſie flöße ihm ſogar Beſorgniſſe ein; können wir unter ſolchen Um⸗ ſtänden von Herrn Dupleſſis verlangen, ſich nach Paris zu begeben? ſeine Frau zu verlaſſen, welche ſeine Pflege in Anſpruch nimmt?“ — u Dieſer Grund ſchien einigen Eindruck auf Jean hervorzubringen, und er war im Vegrife⸗ eißer Mutter zu antworten, als wir Schritte ſich nähern und Flin⸗ tenkolben im Gange ſchallen hörten. Unwillkürlich bebte ich, und ich rief: „Jean, was iſt das?“ „Nichts,“ erwiederte er lächelnd. „Man holt mich ohne Zweifel zu meinem Verhöre vor dem Unterſu⸗ chungsrichter. Man erweiſt mir, wie Du ſiehſt, die Ehre des Kriegs.“ Dann reichte er mir die Hand und ſprach: „Nach dem Verhöre wird man mich in mei Gefängniß zurückführen, ich werde Dich nicht mehr hie finden . denn ich hoffe, Du gewährſt noch einige Augenblicke meiner Mutter Gott befohlen, Fernand und für immer Gott befohlen! Meine Mutter und ich, wir werden nie vergeſſen, daß Du unſer Freund bis zum Ende geweſen biſt. Lebe wohl, und umarme mich, ehe dieſe Leute eintreten.“ Die Augen von Thränen befeuchtet, warf ich mich in die Arme von Jean. Bald wurde die Thüre geöffnet, der Kerkermeiſter bat Raymond, ihm zu folgen, und ſprach zu mir: „Mein Herr, in einer halben Stunde iſt Ihre Er⸗ laubniß abgelaufen.“ „Mein Herr,“ ſagte raſch zu mir Madame Ray⸗ mond vor dem Schließer, ohne Zweifel, um mich zu bewegen, wegzugehen und ſie allein zu laſſen, „ich be⸗ fürchte, Ihre Augenblicke zu mißbrauchen.“ „Madame, mit Ihrer Genehmigung werde ich nicht eine von den Minuten verlieren, die mir die Erlaubniß bewilligt, welche ich erhalten habe,“ erwiederte ich, mich verbeugend. Der Kerkermeiſter ging ab, und ich blieb allein mit Madame Raymond. „Mein Herr,“ ſprach Madame Rahmond zu mir mit einem Ausdrucke eiſiger Verachtung, „Sie miß⸗ brauchen auf eine grauſame Art meine Lage als Ge⸗ fangene.“ „Madame,“ erwiederte ich mit tief erſchütterter Stimme, „ich bedarf eines großen Muthes, um mich Ihrer gerechten Entrüſtung auszuſetzen; müßte ich aber zu Ihren Füßen ſterben, nichts wird mich abhalten, Sie mit gefalteten Händen auf den Knieen anzuflehen, nicht mir zu verzeihen, ſondern mir wenigſtens die Gelegenheit zu geben, eine Beleidigung zu ſühnen, die in der Erinnerung der ewige Gewiſſensbiß meines Lebens ſein wird.“ * „Genug, mein Herr! die Unverſchämtheiten eines betrunkenen Menſchen verletzen mich nicht! er iſt ſogar . 5 meines 80rnes unwürdig, er flößt mir eben ſo viel 302 Etel als Mitleid ein; ich vermeide ihn und gehe wei⸗ ter. Gehen wir alſo weiter, mein Herr.“ „Nun wohl! Madame, Milleid für den Trunfenen, Mitleid für den Verrückten, deſſen Wahnſinn eilf Jahre gedauert hat, und der heute zur Vernunft gekommen iſt, in dieſem Kerker, wo er eine religiöſe Bewunderung in ſeinem Herzen an die Stelle einer tollen, wüthen⸗ den Leidenſchaft treten fühlt. Ah! ſie mußte wahnſin⸗ nig, wüthend ſein, Madame, um mich bis zur Be⸗ gehung eines feigen, ſchändlichen Verraths zu verleiten, über den die Elendeſten erröthen würden! Ich habe das Bewußtſein meiner Abſcheulichkeit; aber ich be⸗ ſchwöre Sie, laſſen Sie mich an die Ane bieten der Ergebenheit appelliren, die ich ſo eben noch Jean zu machen ſo glücklich war. Ah! mein Leben, wenn es ſein muß, für . . „Mein Herr,“ unterbrach mich Madame Roymond mit kaltem Tone, „man muß die Leute, deren Hinge⸗ bung man annimmt, ſchätzen, ehren; heute annehmen heißt ſich verbindlich machen, morgen zu erwiedern. Wir, Sie und ich, ſind nicht mehr in den Bevingungen, welche dieſen Austauſch von Edelmuth geſtatten. Ich weiß nicht, ob Sie noch einige redliche Gefühle im Herzen haben; wenn das wäre, wie doch nicht möglich, ſo würde ich zum letzten Male an ſie appelliren.“ „Ah! Madame, ſprechen Sie, befehlen Sie 4 „Es handelt ſich nicht um mich, mein Herr, ſon⸗ dern um Ihre Frau — ein anbetungswürdiges Kind, das Sie mißkennen; ſie kam wieder zu Ihnen, und Sie waren ſo barbariſch, ſte zurückzuſtoßen.“ „Madame, ein letztes Wort der Bitte. In jener unſeligen Nacht habe ich Ihre Unterredung mit Jean gehört . Ja, ich habe ſo erfahren, in wilcher muthigen Reſignation er ſich meiner Ruhe opferte, neuen Gefahren trotzend . die er leider, wie Sie getroffen hat, Madame.“ „Da Sie dieſe Unterredung gehört haben, m 303 Berr, ſo wiſſen Sie, daß mein Sohn, u ihn deshalb, einem übertriebenen Zart geben hat. Gott ſei Dank, ſeine Befürg nicht gegründet.“ „Ein Irrthum, Madame; Albine „Albine?“ „Sie hat es mir geſtanden.“ „Sie! das unglückliche Kind!“ „Ja, Madame, ja, ſie iſt ſehr unglücklich, denn dieſes ehrliche Geſtändniß, über das ſie nicht zu errö⸗ then brauchte, ich habe es mit Härte aufgenommen, ich bin ihr verächtlich, grauſam begegnet . .. Ruhig und bewunderungswürdig durch Sanftmuth und Seelenadel geblieben, Ihre Rathſchläge befolgend, ihr Leben edel durch Beſchäftigung ausfüllend, kam ſie gewiſſenhaft ihren Pflichten gegen mich nach. Weit entfernt, mein Mitleid zu erregen, erbitterten mich dieſe Sanftmuth, dieſe Seelenheiterkeit; ich ſah mit gleichgültigem Auge ihre Geſundheit abnehmen .. Was ſoll ich Ihnen ſagen, Madame? Meine Aufrichtigkeit im Geſtändniß des Böſen wird Sie vielleicht an die Aufrichtigkeit ₰ meiner Reue und meiner Entſchlüſſe für die Zukunft glauben machen. Ja, da ich meine Frau von mir los⸗ gebunden und immer mit Jean beſchäftigt wußte, ging ich bis zu dem abſcheulichen Gedanken, daß, wenn ber Zufall mir Albine nehmen würde .. „Mein Herr, vollenden Sie nicht!“ rief Madame Raymond ſich mit Entſetzen von mir entfernend, „oh! vollenden Sie nicht.“ „Das Entſetzen, das ich Ihnen einflöße, Ma⸗ dame, ich habe es gegen mich felbſt empfunden, als meine Frau, die nur für Ihr Leben und für das von Jean zitterte, mir ihr Herz eröffnete. Ah! glauben Sie mir, der Haß, von dem meine Seele erfüllt war, hat ſich in ein tiefes Mitleid verwandelt, als ich den düſtern, er⸗ ſchrecklichen Schmerz von Albine ſah, da ſie das furchtbare Schickſal erfuhr, von dem Sie hedroht waren . Madame, im Namen der Unglücklichen, die Sie ihre gen waren liebt ihn.“ 3 Mutter nennt, laſſen Sie mich Ihnen noch ein Wort ſagen . . Es beleidigt Sie vielleicht, aber Sie werden es verzeihen, wenn Sie erfahren, welche rührende Er⸗ wiederung es hervorgerufen hat. Als ich Ihre Verhaf⸗ tung, die Gefahren, denen Sie preisgegeben, vernahm, konnte ich meiner Frau die wahnſinnige Leidenſchaft, die Sie mir einflößten, nicht verbergen, wobei ich in⸗ deſſen über den Schimpf, der mich vor Scham zu Boden drückt, ſchwieg. „„Ah! ich habe nicht mehr das Recht, mich über Ihre Gleichgültigkeit zu beklagen,““ rief Albine; ich habe nicht mehr das Recht, Ihr Herz anzuſchuldigen, da es eine Liebe fühlt, die daſſelbe ehrt, und die ich begreife, denn was bin ich gegen Madame Raymond!““ Als ich den Blick der Mutter von Jean feucht werden ſah, fügte ich bei⸗ „Die Thränen treten Ihnen in die Augen, Madame. Ah! ich glaube es, denn die meinigen ſind auch gefloſ⸗ ſen; von dieſem Moment habe ich das zärtlichſte Mit⸗ leid für Albine empfunden. Meine Augen haben ſich geöffnet. Ich habe den ganzen Umfang des Böſen er⸗ meſſen, das ich dieſem armen Kinde angethan, deſſen Werth ich leider zu ſpät erkannte. Nach Ihnen, Ma⸗ dame, kenne ich keine glücklicher begabte Frau ich habe daher geſchworen, ich ſchwöre vor Ihnen, Ma⸗ dame, fortan mein ganzes Leben dem Glücke von Albine zu widmen. Sie liebt Jean, ich weiß es, das iſt meine Schuld; ich werde dieſes Gefühl achten, ich werde für ſie ein Freund, ein Bruder, aber der liebreichſte, der er⸗ gebenſte der Brüder ſein.“ „Für das Glück von Albine möchte ich Ihnen ger glauben, mein Herr, und ich kann es nicht. In dieſe Augenblick halten Sie ſich für aufrichtig, wie zur Zeit, wo Sie dieſelbe Laufbahn wie mein Sohn verfolgen wollten. Am andern Tage waren Sie Page des König „Ah! Madame, Sie ſind ohne Mitleid.“ E „Bei Ihnen hielten Sie ſich auch für aufrichtig 305 als Sie mir ſchwuren, meinen Rath zu befolgen, Ihre Frau glücklich zu machen, wie ſie es zu ſein verdiente.“ „Damals, Madame, war ich bald vernünftig . bald wahnſinnig. heute iſt der Wahnſinn verſchwun⸗ den, die Vernunft allein iſt geblieben Ich flehe Sie an, haben Sie Vertrauen zu meinen Verſprechungen und ſetzen Sie mich in den Stand, die Vergangenheit zu ſühnen.“ Machen Sie Albine glücklich, der heute gefaßte Eutſchluß ſei nicht ephemer wie die anderen Das Glück Ihrer Frau wird die heiligſte Sühnung der Ver⸗ gangenheit ſein.“ „Madame, Sie wollen mir alſo die Sendung nicht anvertrauen, von der Jean geſprochen hat?“ „Nein, mein Herr.“ „Sie halten mich nicht für würdig, mich für Sie zu opfern? Sie betrachten mich als einen Menſchen ohne Treue und Glauben?“ „Mein Herr, Sie ſfind wahnſinnig geweſen, wie Sie geſagt haben; Ihre Vernunft ſcheint mir nicht lange genug wiederbefeſtigt, daß ich Ihnen mein Vertrauen gewähren könnte. Erfahre ich ſpäter, Sie machen Al⸗ bine glücklich, dann, mein Herr, werde ich die Ge⸗ wißheit haben, daß nicht jedes Gefühl von Ehre in Ihnen erloſchen iſt.“ . „So werde ich alſo nicht einmal den Troſt, daß iich Ihnen habe nützlich ſein können, mit mir nehmen?“ Madame Raymond, ſtatt mir zu antworten, ſchaute auf die Uhr, die neben ihr auf ihrem Bette lag, und ſagte kalt zu mir: „Es iſt Zeit, mein Herr, daß Sie ſich entfernen; die Stunde des Beſuches iſt abgelaufen; man wird ſo⸗ gleich kommen und Sie daran mahnen.“ „Madame, ich beſchwöre Sie . . .“ ch hoffe, daß mir Albine Nachricht von ſich geben wird. Bitten Sie ſie, mein Herr, ihre Briefe nach Fernand Dupleſſis. I. 20 306 Paris, poste restante, zu adreſſiren, ich werde Mittel finden, ſie mir in mein Gefängniß zukommen zu laſſen.“ Der Kerkermeiſter trat ein und ſagte mir, die Stunde, mich zu entfernen, ſei gekommen. Ich verbeugte mich tief vor Madame Raymond und ging weg, um ſo troſtloſer über ihre Ungläubigkeit, b da ich nie aufrichtiger geweſen war. Als ich von Ma⸗ dame Raymond wegging, gelobte ich mir auch, mein Leben dem Glücke von Albine zu weihen, — „die ein⸗ zige mögliche Sühnung der Vergangenheit,“ hatte mir die Mutter von Jean geſagt. Ich beſchloß, auf der Stelle wieder abzureiſen, ohne einen Brief zu erwarten, den mir Madame Claude nach Limoges ſchreiben ſollte, um mir Nachricht über Albine zu geben. Es war, ich erinnere mich beſſen, am 1. Auguſt 1830. Als ich einige Meilen von Limoges umſpannen ließ, bemerkte ich eine gewiſſe Aufregung in einem großen Flecken. Ich erkundigte mich und erfuhr, daß ein ernſter Aufſtand, der in Paris in Folge der Ver⸗ kündigung der letzten Ordonnanzen ausgebrochen, den Thron gefährdete. Dieſe Nachricht kam mir übertrieben vor. Die Zeitungen und die Couriere fehlten indeſſen ſeit zwei Tagen. Die Ereigniſſe ſchienen mir ſehr ge⸗ wichtig ſein zu müſſen, und obgleich die Zufälle dieſer Revolution die Lage der Partei, zu der ich gehörte, in Frage ſtellten, tröſtete ich mich doch bei dem Gedan⸗ ken, der Sieg der Liberalen müßte wenigſtens einen glücklichen Einfluß auf das Schickſal von Jean und ſeiner Mutter üben; ich ſagte mir aber auch, ſollte der Aufſtand überwältigt werden, ſo würde ihre Sache eine verzweifelte, da die Partei, deren Seele ſie waren, ebr⸗ Zweifel muthig bei dieſer Empörung gekämpft abe. Je weiter ich auf der Straße kam, deſto mehr be⸗ ſtätigten ſich die Gerüchte. Man ſprach von der Flucht von Karl X.; die Einen verſicherten, die Republik ſei 307 proclamirt, die Andern, man biete die Krone dem Her⸗ zog von Orleans an. Ich hatte nie ſehr glühende politiſche Meinungen gehabt, der Rohalismus entſprang bei mir viel mehr aus Familienüberlieferungen, als aus einer wohlbedach⸗ ten Ueberzeugung. Während meines Dienſtes bei den Pagen und bei den Garden war ich indeſſen oft in die Nähe des alten Königs gekommen, ſein Schickſal rührte mich, und ich zögerte, zu glauben, die Revolution habe völlig geſiegt. Auf der letzten Station vor Chateauroux begegnete ich einer Malle⸗Poſte, welche die dreifarbige Fahne auf⸗ geſteckt hatte: der Conducteur theilte Proclamationen und Zeitungen aus. Es unterlag keinem Zweifel mehr: Karl X. war entthront und der Herzog von Orleans zum Regenten des Königreichs ausgerufen. Ich vergaß die Größe des politiſchen Ereigniſſes, um nur an Madame Rahmond und ihren Sohn zu denken. Offenbar, war die Republik proclamirt oder nicht proclamirt, würde Amneſtie allen wegen politi⸗ ſcher Dinge Verurtheilten oder Augeklagten gewährt werden. Jean und ſeine Mutter waren gerettet. Ich hatte Anfangs den Gedanken, nach Limoges zurückzukehren, um dem Courier zuvorzukommen und der Erſte zu ſein, der die Gefangenen mit dieſer glück⸗ lichen Kunde begrüßen würde, aber meine Unruhe über die Geſundheit von Albine und der Gedanke, es ſei beſſer, zu ſeinen Freunden am Tage des Unglücks, als am Tage des Triumphes zu eilen, brachten mich wie⸗ der von dieſem Plane ab. Ich verfolgte meine Reiſe, und ich bewunderte nun nicht nur den Heldenſinn und den ausdauernden Muth von Madame Rahmond und ihrem Sohne ſondern auch die Richtigkeit ihres urtheils und die Macht ihrer Partei, da dieſe Regierung, die ſte untergruben, die ſie ſeit langer Zeit angriffen, endlich, es iſt nicht zu leug⸗ nen, unter beinahe allgemeinen Wie unterlagz 308 denn auf dem ganzen Wege machte der Anblick der drei⸗ farbigen Fahne den Enthuſiasmus der Einwohnerſchaf⸗ ten hervorbrechen. Ich ließ in Chateaurour umſpan⸗ nen, als ich Herrn von Sainte⸗Marie, unſern Präfecten, ſeinen Hut geſchmückt mit einer ungeheure Cocarde von dreifarbigen Bändern, nach der Poſt laufen ſah, wo er ſich, wie er ſagte, des Dienſtes der Malle⸗Poſten verſichern wollte. Als er mich erblickte, eilte er an meinen Wagen und ſagte leiſe zu mir: „Ah! mein lieber Herr Dupleſſis, wie ſehr wünſche ich mir nun Glück, daß ich bei Ihnen die vorgebliche Marquiſe, ihren Sohn und den alten Chouans⸗Chef nicht habe verhaften laſſen . . . Ich vermuthete die Sache, aber ich ſchloß die Augen. Ihre Partei trium⸗ phirt, das wundert mich nicht, das iſt Gerechtigkeit. Das Miniſterium Polignac war eine Frankreich zuge⸗ ſchleuderte Herausforderung. Dieſe unglücklichen Re⸗ trograden wollten uns zur Willkürherrſchaft, zur guten Zeit der Feudalität zurückführen! Das war abſcheulich; wir gingen auf einem Vulcan, ich habe es immer ge⸗ ſagt, und ich milderte ſo viel als möglich die unbarm⸗ herzigen Befehle, die ich erhielt. Sie werden ſich in einer herrlichen Stellung befinden; Sie haben drei von den bedeutendſten Verſchwörern der vorgerückten Partei verborgen; Sie werden dieſelben zu gelegener Zeit daran erinnern, daß ich ſie nicht habe bei Ihnen verhaf⸗ ten laſſen! Ah! welch eine Revolution! Sie iſt wie ein Donner losgebrochen! Heute Nacht hätte ich beinahe einen Schlaganfall bekommen . . . Und zum Unglück war mein Arzt, der beſte Arzt von Chateaurour, bei Ihnen.“ „Bei mir!“ rief ich beängſtigt, denn den unglück⸗ lichen Präfecten anhörend, deſſen feige Veränderlichkeit mir eben ſo viel Ekel als Mitleid einflößte, hatte ich Albine einen Augenblick vergeſſen. „Ihr Arzt iſt zu mir gerufen worden?“ „Ahi mein Gott! es iſt wahr „. Ich vergaß 3 6 309 unter dieſen ernſten Ereigniſſen die arme Madame Dupleſſis.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Haben Sie nicht heute Nacht einen Expreſſen mit verhängten Zügeln abgeſchickt, um meinen Arzt holen zu laſſen?“ „Ich komme nicht von Hauſe, ich komme von Li⸗ moges. Ah! Sie erſchrecken mich,“ rief ich. Und ich verließ haſtig Herrn von Sainte⸗Marie, trieb den Poſtillon zur Eile an und erreichte Riballiére mit Einbruch der Nacht. Folgender Brief war von Albine während meiner Abweſenheit an ihre Freundin geſchrieben worden: „Madame Raymond und ihr Sohn find verhaftet. „Jean hat einen Soldaten getödtet, der ſeine Mut⸗ ter beſchimpfte, und ſie iſt ſchwer verwundet worden, als ſie ihren Sohn mit ihrem Leibe bedeckte, um es zu verhindern, daß er von den Gendarmen niederge⸗ metzelt wurde. Für Jean iſt dies der Tod auf dem Schaffot; für ſeine Mutter ein ewiges Gefängniß. „Ich habe dies auf eine ungeſtüme Art erfahren. Stelle Dir einen Donnerſchlag vor. Mein Mann iſt edel und gut geweſen; er iſt ſogleich nach Limoges abgereiſt, wohin unſere Freunde ins Gefängniß ge⸗ führt worden ſind; ich habe Herrn Dupleſſis nicht be⸗ gleiten können. Ich ſchreibe Dir von meinem Bette, liebe Hermance: meine Hand kann kaum die Feder füh⸗ ren; Du wirſt es an meiner Schrift wahrnehmen. „Hermance, ich bin nie glücklicher geweſen . . ich werde bald ſterben. „Seit einiger Zeit fühlte ich das Feuer meiner Seele meinen Leib verzehren, wie eine lebhafte Flamme den Herd verzehrt, der ſie enthält; ich hatte den Ap⸗ petit, den Schlaf verloren, eine fieberhafte Aufregung verließ mich nicht, mein Geiſt war nicht mehr, einen Augen⸗ 3¹⁰ blick in Ruhe, mein Herz ſchlug zweimal ſtärker und raſcher, als es hätte ſchlagen müſſen. „Dieſe Zeit war köſtlich ich lebte unabläſſig durch den Geiſt mit Jean und ſeiner Mutter, ich hatte das Bewußtſein der Erfüllung meiner Pflichten gegen Herrn Dupleſſis. „Als ich die Verhaftung von Jean und das Schickſal, das ſeiner harrte, erfuhr, ſagte mir mein Inſtinct, ich werde ihn nicht überleben, und es ſei nicht der Mühe werth, anzufangen, ihn zu bedauern. „Das iſt ſchlimm von mir, aber ich habe nicht einen Augenblick den Gedanken gehabt, ihn zu bekla⸗ gen; ſein Tod iſt ſchön und heilig, er wird ſterben wie ſein Vater, ein Märtyrer der Freiheit. Madame Raymond iſt eine Frau des Alterthums, ſie wird die⸗ ſen Schlag ertragen wie die Mutterl der Graechen; Alles ſieht auf das Beſte; Gott weiß ohne Zweifel, was er thut und was er will. „Ich fühle mich nicht wohl; Alles wird bald be⸗ endigt ſein; ich werde einige Zeit das glücklichſte der Geſchöpfe geweſen ſein; ich habe mir nichts vorzuwer⸗ fen. Jean weiß nichts von meiner Liebe; er wird ſein Opfer nicht zu beweinen haben; ich befreie meinen Mann von einer ſehr großen Verlegenheit; trotz ſeiner guten Entſchlüſſe, wäre ihm meine Gegenwart am Ende unerträglich geweſen, er iſt entſchuldbar, daß er mich nie geliebt hat. Ich kann mich nicht weiter erklären, das iſt ſein Geheimniß und nicht das meinige. „Das Unrecht von Herrn Dupleſſis und mir iſt geweſen, daß wir uns ohne Liebe geheirathet haben. Du haſt, wie Du ſagſt, meine Briefe aufbewahrt; ich wünſche, meine Freundin, daß Du ſie ihm ſchickſt, wenn ich todt bin. Er iſt noch jung, er wird ſich wieberverheirathen, und vielleicht, wenn er erfährt, was dieſe Ehe für mich geweſen iſt, wird er nachden⸗ ken und nicht den Muth haben, unter ähnlichen Um⸗ — — — ——— — 31¹ ſtänden abermals zu heirathen und ein armes Mädchen der Unbilde auszuſetzen, zu leiden, was ich gelitten habe, und noch Schlimmeres. Außer Dir, meine zutß⸗ zärtliche Freundin, be⸗ traure ich Niemand auf der Welt. „Mama wird mich ungefähr drei Monate bewei⸗ nen; mein Vater auch. Seine Thränen werden fließen oder anhalten, ganz genau nach der Dauer der Thränen meiner Mutter. Arme, theure Mutter! glaube nicht, es ſei die geringſte Bitterkeit in meinem letzten Ge⸗ danken für ſie. Nein, nein; ſie hat mich ſo ſehr ge⸗ liebt, als ſie mich lieben konnte. Leider war ich nicht moraliſch ihre Tochter, ſonſt hätte ich gelebt wie ſie, wäre alt geworden wie ſie, und hätte wie ſie eine Tochter verheirathet — ſfeſt überzeugt, ihr Glück ge⸗ ſichert zu haben, hätte ich ihr hunderttauſend Thaler Mitgift und das, was man einen galanten Mann nennt, zum Gatten geben können. „Das Feſt meiner Jugend wird nicht lange ge⸗ dauert haben, meine arme Hermance! es hat die ganze Zeit des Aufenthalts von Madame Rahymond hier ge⸗ dauert, und ſogar nach ihrer Abreiſe habe ich noch gute Tage gehab. „Beklage mich nicht; ich habe während dieſer Mo⸗ nate, durch Madame Rahmond und ihren Sohn, mehr gelebt, als ich ohne ſie mein ganzes Leben gelebt hätte. „Sprich, Hermance, es iſt etwas Sonderbares um das Schickſal! „Wer mir vor fünfzehn Monaten geſagt hätte, ich müſſe in dieſem Schloſſe ſterben, von dem ich nie hatte ſprechen hören, hier allein ſterben, entfernt von Dir und meiner Familie, und meine letzten Blicke werden auf dieſe weiße Tapete mit ihren rothen Chineſen, die mein Zimmer verziert und in dieſem Moment einen ſeltſamen Eindruck auf mich macht, geheftet ſein . .. „Wo wäre ich, was wäre ich, hätte Herr Dupleſſis nicht an einem ſchönen Tag die Laune gehabt, ſich zu 31¹2 verheirathen, und hätte er nicht den guten Herrn Ba⸗ rantin, unſern Notar, gekannt? „Wovon hängen doch unſere Geſchicke ab! „Wie wird mein Mann bei ſeiner Rückkehr über⸗ raſcht ſein! denn ich habe die Ahnung, daß ich ihn nicht wiederſehen werde. „Der letzte Eindruck, den er bei mir hinterlaſſen hat, iſt gut und mild geweſen; ich weiß ihm Dank hiefür. Unſer Leben konnte ſo glücklich ſein, hätte er nur zu mir zurückkommen wollen, als ich zu ihm kam Das war unmöglich .. „Du ſiehſt, Hermance, Alles ſteht auf das Beſte. Unter uns geſagt, ich glaube, daß ich den Tag nicht überleben werde . . Stelle Dir vor, ich fühle, wenn man ſo ſagen kann, meinen Körper nicht mehr . Höre, in dieſem Augenblick betrachte ich meine ſchrei⸗ benden Finger . mir ſcheint, ich ſehe die Hand einer andern Perſon; und dann, eine weitere Sonderbarkeit, welche ich ſo eben wahrnehme . ich ſehe Alles, als ſchaute ich durch eine blaue, ein wenig trübe Brille oh! ſo trübe, daß ich Hier war der Brief abgebrochen „ Einige form⸗ loſe Vuchſtaben bewieſen, daß die Unglückliche es noch ver⸗ ſucht hatte, zu ſchreiben, trotz der Verdunkelung ihres Geſichts und der Abnahme ihrer Kräfte. Von einer Art von Stickfluß befallen, wurde Albine wirklich bald ohnmächtig in den Armen von Madame Claude. Da geſchah es, daß dieſe, ſehr beängſtigt, einen von meinen Leuten nach Chateaurour abſandte, um auf der Stelle den beſten Arzt der Stadt herbeizuholen. Den andern Tag, nachdem Albine ihren letzten Brief an ihre Freundin geſchrieben hatte, kam ich in Riballiere im Galopp der Poſtpferde an. Das Ge⸗ räuſch ihrer Schellen hatten ohne Zweifel meine Leute von meiner Ankunft benachrichtigt, und ich ſah von fern Madame Claude auf die Freitreppe laufen.