8 e deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Cdnard Oltmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und Keſebedingungen. 1 Oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 6 ——— ——— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Pet. — Pf. 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre Se Föſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. § 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 Engen Sue's ſämmtliche Werke. Thereſe Dunoyer. Erſter Band. 3 Zweite, eorreete und wohlfeilſte Ausgabe. Leipzig, 1845. Druck und Verlag von Otto Wigand. Thereſe Dunoyer. Von EGugen Sue. Ueberſetzt von A. Diezmann. Erſter Band. Zweite, eorrecte und wohlfeilſte Ausgabe. Leipzig⸗ 1845. Druck und Verlag von Otto I. Divugan Gwene' Hlan. ¹) Der Winterſturm brauſt ungeſtüm von Weſten her; am Horizonte thürmen ſich große ſchwarze Wolken auf; die Sonne geht in rother Flammenglut unter und wirft auf die Granit⸗ felſen der Küſte der Bretagne einen letzten bleichen Schein, gleich einem traurigen Abſchiedsblicke. Das Meer rauſcht grollend; die Nacht bricht ein; die hohen grünlichen Wogen verlieren ihre Durchſichtigkeit und wer⸗ den ſchwärzlich; ſie ſtoßen an einander, ſie erdrücken einander und ihr Schaum erſcheint um ſo weißer, je dunkler die Finſterniß der Nacht ſich herabſenkt. Fern, fern von der Küſte ſieht man eine gebrechliche Scha⸗ luppe allein auf dieſem unermeßlichen, ungeſtümen Meere, um⸗ hergeſchleudert von den ungeheuren Wogen, die ſie jeden Augen⸗ blick mit einem bittern Schnee bedecken. Bisweilen neigen ſich in der Gewalt des Orkanes ihre Segel und berühren die Gipfel dieſer flüſſigen Berge; bald taucht ſie hinab in die Tiefe eines Abgrundes, bald wird ſie hinaufgeſchnellt auf den Rücken einer ungeheuren Woge, um in einen neüei Abgrund geſtürzt zu werden. Das Dunkel nimmt zu, die Wuth des Sturmes ſteigt und das Mee en Scheine des Zwielichtes ſicht man zwei 1) Diougah ſen Beſ k(die Prophezeihung Gwenc' Hlans), einer der verbreitet⸗ en Geſänge 5 änner in dem Boote ſitzen, das zwanzigmal verſchlungen den zu müſſen ſcheint, bevor es den Hafen erreichen kann. Der Eine hält mit feſter Hand das Steuer; er heißt Mor⸗ ader und iſt ein Lootſe von der Inſel Sein. Mor⸗Nader ſoll die Gabe des zweiten Geſichtes beſitzen; man fürchtet ihn. Er ſagt die Zukunft vorher; ſeine Prophe⸗ zeihungen ſind ſchrecklich und faſt immer gehen ſie in Erfüllung. Seine Sprache iſt oft bildereich, poetiſch, wie die der Barden Armorica's, die ſich bis auf unſere Tage erhalten haben. Mor⸗Nader iſt alt; ſein langes weißes Haar, das der Sturm zauſet, ſcheint ſtarr auf ſeinem Kopfe zu ſtehen; der Abend iſt kalt, Mor⸗Nader aber ſitzt da mit entblößter Bruſt und mit nackten Armen; in ſeinem Geſichte ſpricht ſich Rohheit aus; ſeine grauen runden Augen funkeln von wildem Wahn⸗ ſinne. Seine hohle, aber ſtarke Stimme übertönt das Brauſen des Windes und das Toben der Wogen. Seine Begeiſterung wächſt mit der Gefahr; er ſingt in rauhen Kehltönen folgende Worte von ſeltſamer ſchauerlicher Bedeutung: Fvid aoun me nam euz ket, Meuz ket aoun da vout lazet; Fvid aoun me nam euz ket, Amzer awaleh ez- onn-me bet. „Ich fürchte mich nicht, ich fürchte mich nicht zu ſterben; „Ich fürchte mich nicht, denn lang genug habe ich gelebt.“ Der andere Mann, der am Vordertheile ſitzt, iſt jung; er heißt Ewen von Ker⸗Ellio. Ewen von Ker⸗Ellio iſt der Beſitzer des alten Schloſſes Treff⸗Hartlog, das mit ſeinen ſpitzen Dächern und ſeinen Gra⸗ nitmauern da unten, zwei Stunden weit im Nebel, auf dem einſamen Gipfel der ſchwarzen Felſen ſteht. Dieſes Gut ſchaut über die „Bucht der Todten“ und den „Felſen der Sterbenden“ hin. ¹) Ewen iſt jung; ſein braunes Haar flattert im Winde; ſeine Züge ſind hart und männlich, aber ſein Blick kann ſich nicht losreißen von dem des Alten. Ewen lauſcht dem ſeltſamen Geſange Mor⸗Naders mit ¹) Gefährliche Felſenriffe an der Südſpitze der Bucht von Douarnenes. Neugierde und Entſetzen zugleich. Bisweilen mildert ein tr riges und ſanftes Lächeln ſeine harten Züge. 3 Der Lootſe hat die erſte Strophe ſeines ſchauerlichen Liedes beendigt und Ewen ſpricht zu ihm in demſelben Dialecte in welchem der Alte ſang: „Du haſt mir angezeigt, es käme die Stunde, in welcher ich mein Schickſal erfahren könnte. Mein Verſtand ſagk mir zwar, daß Du das, was den andern Menſchen verborgen iſt, auch nicht kennſt; er ſagt mir, daß Du Dein Spiel mit mir treibſt, daß Du mich täuſcheſt, und doch bin ich ſchwach genug, Deine Worte mit ängſtlicher Spannung zu erwarten. Warum behaupteſt Du, nur auf dem Meere könnteſt Du mir die Zukunft enthüllen? Sprich, rede! Der Sturm nahet; bald werden wir nur daran denken müſſen, wie wir das Boot lenken ſollen, wenn wir nicht untergehen wollen.“ Mor⸗Nader ſang fort, als ſollte ſein Lied die Antwort ſein auf die Fragen Ewen's von Ker⸗Ellio. Deuz fors pétra a choarvézo, Pez a z0 dléet, a vézo; Red è d'aun holl mervel tar gwes, Kent évid arzao enn-divez. „Gleichgiltig iſt's, was auch geſchehen mag, „Denn was geſchehen ſoll, geſchieht; „Wir alle müſſen dreimal ſterben, „Bevor wir ganz zur Ruhe gehn.“ „Verkündigeſt Du mir einen nahen Tod?“ fragte Cwen. — „Was kümmert's Dich? bin ich nicht ein Betrüger?“ äntwortete der Alte mit finſterem Spotte. „Rede! Rede!“ — „Nein, nein, ich bin ja ein Lügner; nein, nein, ich ſche auf der Stirn des Menſchen das Zeichen ſeines nahen Todes nicht.“ „Wirſt Du reden?“ — „Wenn ich Dir nun auch ſagte: Ewen von Ker⸗Ellio, verrichte Dein Gebet, im nächſten Augenblicke wird Dich das Meer verſchlingen; was hülfe es? Du würdeſt mir doch nicht glauben. Ich ſage alſo lieber: Ewen, Dir ſteht ein kanges glückliches Leben bevor; Du wirſt eine Frau finden, die ſanft 8 und gut iſt, wie ein Täubchen; Du wirſt die Kinder Deiner Kinder um Dich ſpielen ſehen.“ Und der Alte brach in ein wildes Gelächter aus. Der junge Mann fing an, Grauen zu fühlen vor dem Alten, denn er glaubte, derſelbe ſei wahnſinnig geworden, und er behauerte es zu ſpät, ſich in die Hände dieſes Mannes gege⸗ ben zu haben. „Was meinſt Du, Mor⸗Nader? Sprich Dich deutlicher aus, wenn mir eine Grfahr droht.“ . — „In welchem Monate ſtarb Dein Großvater, Ewen von Ker⸗Ellio?“ fragte der Alte plötzlich mit ſchrecklicher Stimme. „In dem ſchwarzen Monate, ¹)“ antwortete Ewen. — „In welchem Monate ſtarb Dein Vater, Ewen von Ker⸗Ellio?“ „In dem ſchwarzen Monate, in dem ſchwarzen Monate,“ antwortete Ewen, der unwilltürlich zitterte. 3 — „Und welchen Monat haben wir jetzt, Ewen von Ker⸗Ellio?“ „Den ſchwarzen Monat,“ entgegnete Erin kaum ver⸗ nehmlich. Dann rief er: „Lootſe! Lootſe, ſieh Dich vor, vermeide dieſe Woge! Verflucht! Willſt Du, daß wir ertrinken? Willſt Du Ewen konnte nicht weiter ſprechen; eine ungeheure Woge das Fahrzeug faſt ganz auf die Seite und füllte daſſelbe mit Waſſer. Mor⸗Nader hatte das Steuer nicht verlaſſen; er ſaß da mit ſtolz erhobenem Haupte, mit funkelnden Augen und unbe⸗ kümmert um die Gefahr. „Noch eine ſolche Woge,“ ſprach Ewen, „und man wird morgen unſre Leichen am Strande finden.“ — „Ja, ja, man wird Dich als kalte Leiche am Strande finden, und bleiches Seegras wird Dein naſſes Haar bekränzen. Das wird Dein Todtenkranz ſein,“ murmelte der Alte. — „Wenn Du jetzt ſterben ſollſt, wirſt Du jetzt Prben z der Monat iſt der ſchwarze Vnt Sie 4) 1 November, welcher nach dem Aberglauben in der Bretagne ein Unglücks⸗ na „ 6 — 9 Und Mor⸗Nader ſang weiter ſein Lied noch lauter als zuvor. Mè wel as mor vareh énep tont, Ken a gren ann aot gant ar spont, Hen ken gwenn ewid and erc'h gann. Enn hé henn kerno a argant. „Ich ſeh' das Meerroß mir entgegenkommen, „Und es zittert entſetzt vor ihm die Küſte; „Es iſt ſo weiß, wie der glänzende Schnee, „Und trägt an der Stirn ſilberne Hörner.“ Mor⸗Nader hatte das Steuer faſt aus der Hand gelaſſen. Eine noch gewaltigere Woge ſtürzte das Fahrzeug bei⸗ nahe um. Ewen, den der Schlag halb niedergeworfen hatte, richtete ſich wieder auf und ſprach mit drohender Geberde: „Willſt Du mich hier umkommen laſſen, Elender? Ach, wehe! wehe! Warum begleitete ich dieſen Wahnſinnigen?“ — „Nein, nein,“ entgegnete der Lootſe in höhnendem Tone, „ich bin ein Betrüger. Nein, ich höre nicht in den Lüften das Grabgeläute derer, welche ſterben müſſen. Ich ſehe nicht die Hand des Todes ſich ausſtrecken nach ihnen. Ewen von Ker⸗Ellio, wirſt Du mich einen Lügner nennen, wenn Du in der Tiefe des Meeres verſinkeſt und die Wogen ſich donnernd über Dir ſchließen? Ewen von Ker-Ellio, ſiehſt Du da unten im letzten Schimmer des Zwielichtes, da unten weit jene unge⸗ heure ſchwarze Woge, die brüllend herankommt und ihre ſchäu⸗ mende Mähne ſchüttelt? Sie kommt, ſie naht, ſie brüllt, ſie droht, ſie ſagt: nein, Mor⸗Nader lügt nicht, er hat mich ge⸗ rufen, damit ich auf meinem eiskalten Rücken einen Leichnam hinwegtrage. Wo iſt dieſer Leichnam? Hier bin ich, hier bin ich.“ Der Wahnſinn des Lootſen erreichte den äußerſten Gipfel; eraltirt durch das majeſtätiſche und ſchreckliche Schauſpiel des Sturmes, verblendet durch einen dummen und wilden Stolz, bereit und fähig, ſein Leben zu opfern, um ſich an der Ungläu⸗ bigkeit Ewen's zu rächen und ſeine grauenvolle Prophezeiung zu rechtfertigen, verließ er das Steuer und ſtellte ſich aufrecht hin am Hintertheile des Fahrzeugs. So, die Arme über einandergeſchlagen über der nackten — Bruſt, mit begeiſtertem Blicke und drohender Stirn, glich er dem böſen Geiſte dieſes wüthigen Meeres. Das gebrechliche Fahrzeug, das nicht mehr gelenkt wurde, drehte ſich zweimal über dem Abgrunde rund herum; man hörte ein grauſiges Fesſhen⸗ etwas Weißes flatterte und verſchwand im Dunkel — der Wind hatte das Segel hinweggeriſſen. „Wir ſind verloren!“ rief Ewen. lünd in ſeinem Zorne ſtürzte er nach dem Alten hin, um das Steuer zu erfaſſen. Mor⸗Nader ſtieß ihn mit Gewalt zurück. Es entſtand ein Kampf zwiſchen dieſen beiden Männern über dem Abgrunde, der ſie vielleicht bald verſchlingen ſollte. Der Alte wurde an der Stirn verwundet und das Blut quoll hervor. Cwen erhielt einen Schlag auf den Kopf; halb betäubt ſtürzte er nieder in die Schaluppe; er glaubte, ſein letztes Stündlein ſei gekommen, empfahl ſeine Seele Gott, ſchloß die Augen und erwartete den Tod. Die ſich ſelbſt überlaſſene Schaluppe wurde von den Wo⸗ gen hierhin und dorthin geworfen. Mor⸗Nader, mit blutiger Stirn und ſtierem Blicke, ſtimmte einen Todtengeſang an. GFwen, der allmälig wieder zu ſich kam, glaubte von einem 5. ſchrecklichen“ une gepeinigt zu werden, als er die gſchi hörte: — Morvrongoz — 16 lavar d'i-mé, Pétra c'hoari gan — ou amé? — lal ann prenn — lu choari gan —in nnna ru a fel d'in. a grabann net. k da cé enn deuz tennet. „Alter Sbe ſage mir, was hältſt Du feſt? „Ich halte den Kopf des ee ich will ſeine rothen ug huben. „Ich reiße ihm die Augen aus, weil er die Deinigen ausgeriſſen hat.“ „Lootſe! Teufelslootſe! führſt Du mich in die Hölle?“ murmelte Ewen, der ſich vor dem Wahnſinn Mor⸗Nader's zu fürchten begann.“ „Soll ich denn ſterben?“ — „War ich ein Betrüger? War ich ein Lügner?“ fragte der Alte, indem er ſich mit der blutenden Stirn zu Ewen hin⸗ bog, der noch immer ausgeſtreckt in der Schaluppe lag. — —— E 4 ſtürzte ü „Nein, nein, Gnade! Du biſt kein Betrüger; aber, bevor ich ſterbe, beweiſe mir, da Du Alles weißt, Deine Höllenkunſt und ſage mir, wer iſt jenes geheimnißvolle Portrait, jenes Bild mit den ſchwatzen Augen und der bleichen Stirn, das mir erſchien gleich einem Geſpenſte und das mich verfolgt, wie Ge⸗ wiſſenspein?“ — „Es iſt eine Blume des ſchwarzen Monats, es iſt eine Blume der Gräber,“ antwortete der Lootſe. Eine neue Woge warf das Fahrzeug voll Waſſer. Ewen konnte, betäubt von dieſer Waſſermaſſe, ſich nicht rühren; die Schaluppe war faſt geſunken. Die Stimme Mor⸗Nader's erklang immer ſtärker und er ſang: Na té louarne lavar di-mé Pétra c'hoari gand- oud a mé? Hé galon a c'hoari gan-i Oa ken d'gwir vel ma-hani, Na té lavard'i-me tousek? Petra rez azé korn hévek? Mé a z0 ama' nem-laket C'hortoz he éné da zonet. „Und Du, Wolf, was hältſt Du da? „Ich habe ſein Herz, das ſo grauſam war, wie das meine. „Und Du, ſag an, Natter, was thuſt Du, verſteckt im Winkel ſeiner Lippe? „Ich habe hda verſteckt, um auf ſeine Seele zu lauern.“ Eit ergebirge, das ſich mit entſetzlichem Getöſe erhob, Schaluppe zuſammen und begrub ſie. Ewen ſank in die Tiefe hinab. MI. Das Herrenhaus Treff⸗Hartlog. Die Weſtküſte der Bretagne, die ſich von Breſt bis Nantes erſtreckt, iſt dürr und wild, ihr Ausſehen grauſig, aber großartig. Zwiſchen den Spitzen von Karnarvan und der Spitze der Raz liegt eine Bucht, die den Schiffern ſo verderblich iſt, daß man ſie die „Bucht der Todten“ genannt hat. Etwas weiter⸗ hin befindet ſich der „Felſen der Sterbenden“ und der „Stein der Todten.“ Dieſe ſchauerlichen Namen deuten an, wie ge⸗ fährlich die Schifffahrt in dieſen Gewäſſern iſt, welche faſt im⸗ mer von den Weſtwinden gepeitſcht werden. Das Ereigniß, welches wir eben geſchildert haben, geſchah unweit von dieſen Klippen. Hier und da erheben noch jetzt auf dem Gipfel der unge⸗ heuren Felſen, welche dieſen Theil der Küſte Armorica's begren⸗ zen, einige alte bretagniſche Herrenhäuſer ihre Granitmauern und ſpitzigen Dächer. Unweit von dem kleinen Flecken Saint⸗ Michel ſtand und ſchaute über die Bucht der Todten das Schloß Treff⸗Hartlog, das Beſitzthum des freiherrlichen Hauſes Ker⸗ Ellio, eines der angeſehenſten der Bretagne. Man konnte nicht begreifen, aus welcher ſeltſamen Laune die Gründer von Treff⸗Hartlog dieſes Schloß in ſo rauher, ein⸗ ſamer Lage erbaut haben mochten. Die maſſiven Granitmauern ſchienen ein Theil des Felſens ſelbſt zu ſein, denn ſie hatten dieſelbe ſchwärzliche Farbe und die⸗ ſelben mit fahlem Moos bewachſenen Unebenheiten. Das Haupt⸗ gebäude ſtand am Ende eines Hofes, der mit ſonſt ſymmetriſch verſchnittenem, jetzt ſich gänzlich ſelbſt überlaſſenem Buchsbaum und mit Stechpalmen verziert war. Der linkeF ſtieß an einen ziemlich hohen Thurm, den hundertjäh S ſchlang; der rechte war ſchon vor langer Zeit abgetragen. An dieſer Seite ſtand das Gcbäude perpendiculär über dem Meere, und man hatte hier dadurch, daß man etwa drei Fuß über dem Niveau des Hofes die Grundmauer des abgetragenen Thurmes geebnet, eine Art Terraſſe angelegt, von der aus man den ſchmalen Kanal, welcher die Todtenbucht von der Inſel Sein trennt, und weiterhin, am fernen Horizonte, den Ozean ſah. Die zu Treff⸗Hartlog gehörenden Meiereien blickten hier und da in der Ebene aus grünen Eichenhainen hervor, und dieſe friſchen Haſen unterbrachen die rauhe Einförmigkeit der uner⸗ meßlichen und öden Haiden, die ſich unabſehbar ausbreiteten. Ewen von Ker⸗Ellio hatte Treff⸗Hartlog am Morgen ver⸗ laſſen, um mit Mor⸗Nader, dem Lvotſen von der Inſel Sein, 4 eine Fahrt auf dem Meere zu machen. Wir haben den trauri⸗ gen Ausgang dieſer Promenade geſehen. In dem Herrenhauſe kannte man ihn noch nicht. 8 . Es war im Monat November 1838; der Tag, welcher trübe und nebelig geweſen, neigte ſich allmälig; in dem ge⸗ waltigen Kamine der Schloßküche flackerte ein großes Feuer von Buchenholz. Ein niederländiſcher Maler würde ein treffliches Sujet in der Scene gefunden haben, die wir zu ſchildern verſuchen wollen. Ein einziges langes und ſchmales Fenſter mit kleinen in Blei eingefaßten Scheiben erhellte die große mit Kalk geweißte Küche; die Mauern waren ſo dick, daß man in die Fenſterver⸗ tiefung einen Tiſch, eine kleine Truhe von glänzendem Nußbaum⸗ holze und einen alten mit Leder überzogenen Stuhl mit hoher Lehne hätte ſtellen können. In dieſem Lehnſtuhle ſaß die alte Ann⸗Jann, die Amme Ewen's von Ker⸗Ellio, ſpann und rauchte dabei aus ihrer thönernen Pfeife, wie es viele ihrer Landsmänninnen in Armo⸗ rika zu thun pflegen. Der Tag neigte ſich mehr und mehr; außer der noch be⸗ leuchteten Silhouette, welche das charakteriſtiſche Profil der Ann⸗Jann auf dem durchſichtigen Fenſter bildete, war ihre ganze übrige Geſtalt in Dunkel gehüllt. Ann⸗Jann trug eine ziemlich weiße, dicht um die runzelige Stirn anliegende Haube; der Schnitt ihres Leibchens von blauem Tuche mit ſilbernen Knöpfen und ihres Rockes von grobem braunem Wollenzeuge, der ſchar⸗ lachroth beſetzt war, hatte ſich ſeit vierzig Jahren nicht geändert. Das Dunkel, das in der Küche immer dichter wurde, kämpfte mit dem hellen Lichte des Feuers, das auf den Granit⸗ platten des Fußbodens zitterte, und einen röthlichen Widerſchein auf einen Tiſch von maſſivem Eichenholze und auf einen An⸗ richteſchrank mit ſehr rein gehaltenem Porzellan und Zinnge⸗ ſchirr warf. Einige ſehr anſpruchsloſe, grob colorirte Holz⸗ ſchnitte, welche durch vier Nägel an den Wänden befeſtigt waren, ſtellten die Portraits der Schutzheiligen der Bretagne vor, den heiligen Guchenok, den heiligen Hennok und den heiligen Goul⸗ venn. Der größte, der am ſorgfältigſten colorirte dieſer Holz⸗ ſchnitte ſtellte die Kapelle von Falgvat dar, die durch Saléuns Einſiedlerleben ſo berühmt iſt. In einer Art Heiligenſchein 14 ſah man dieſes Kind und unter dem Bilde las man folgende Worte: „Wann Saleun um Almoſen ausging nach der Stadt Lesneven oder in die Umgegend, beläſtigte er die Leute nur mit wenigen Worten, denn an den Thüren ſagte er: Ave Maria! nebſt den bretagniſchen Worten: Saléun a depri bara, d. h. „Saléun möchte wohl Brod eſſen“; dann nahm er, was man ihm reichte, und begab ſich wieder in ſeine kleine Einſiedelei an ſeiner Quelle, wo er das grobe ſchwarze Brod aß, das er in das kalte Waſſer tauchte.“ „Wann er ſehr hart gefror, ſtieg der kleine Saléun, der nur einen ärm⸗ lichen, vielfach ausgebeſſerten Rock hatte, um ſich zu erwärmen und die Kälte etwas zu mildern, auf einen Baum, nahm in jede Hand einen Zweig und wiegte ſich daran hin und her, während er ſang: „Ach Maria! ach Maria!“ Als er ſtarb, wuchs eine ſchöne, friſche und wohlriechende Lilie wunderbarer Weiſe auf ſeinem Grabe, und auf ihren weißen Blättern las man in golde⸗ nen Buchſtaben die Worte, welche der kleine Salcun immer ſprach: „Ach Maria!“ Wir konnten dem Wunſche nicht widerſtehen, dieſe Stelle aus einer der anmuthigſten Legenden des alten Armorica anzu⸗ führen, und da Ann⸗Jann eine beſondere Verehrung für die dem kleinen Saléun geweihte Kapelle zu Falgoat hegte, ſo hatte ſie dieſem Heiligen während der Kindheit Ewen's von Ker⸗Ellio ein Gelübde dargebracht. Der Wind pfiff und rüttelte an dem Küchenfenſter des alten Herrenhauſes; der Regen ſchlug mit Hagel untermiſcht an die Scheiben; in der Ferne hörte man das Rauſchen und Toben des Meeres. Ann⸗Jann hatte mehrmals ängſtlich durch das Fenſter hinausgeſchaut; mit einem Male ftand ſie auf, legte ihren Spinn⸗ rocken auf den Tiſch und ſagte im niederbretagniſchen Dialecte zu einer bis dahin unſichtbar gebliebenen Perſon: „Les⸗en⸗Goch! Les⸗en⸗Goch! Welches Wetter für mei⸗ nen mab-mefbrin 1“0 4) — „Bah! Wind und Regen, weiter nichts! Der pen- kan guer ²) hat in dem Walde von Menez⸗Chom ſchlimmeres Wetter erlebt“, antwortete der Mann der Ann⸗Jann, ohne ſich zu rühren. ¹) Säugling, ein Ausdruck liebevoller Vertraulichkeit, den die Ammen, wann ſie alt geworden ſind, den Kindern gegenüber brauchen, die ſie ſäugten. 2 Capitain, Bandenführer. „ — — „ —5 — 1⁵5 Les⸗en⸗Goch war ein anderer Typus jenes alten bretagni⸗ ſchen Volkes, hart und rauh, wie die Felſen Armorica's, eines redlichen und frommen, eigenſinnigen und hingebenden, treuen und tapfern, verſtändigen und ſchweigſamen Volkes. Er ſaß in nachdenklicher Stellung unter dem Heerdmantel und rauchte ſeine Pfeife Taback. Der Schein des Feuers beleuchtete ſein von der Sonne verbranntes, von dem rauhen Seewinde ge⸗ bräuntes Geſicht; ſein langes ſchwarzes Haar fing kaum zu er⸗ grauen an, ob er gleich über funfzig Jahre zählte; ſein Körper war von mittler Größe, ſchmächtig, aber kraftvoll, ſeine Stirn breit, ſeine Backenknochen traten ſpitz hervor, ſeine Augenhöhlen waren tief, ſeine Naſe etwas aufgeſtülpt, ſeine Augen braun und ſtechend; der ernſte, nachdenkende, melancholiſche Ausdruck ſeiner Züge verrieth es, daß er viel dachte und grübelte. Er hatte das rechte Bein über das linke geſchlagen, krümmte den Rücken, ſtützte den Elnbogen auf das Knie und das Kinn in die hohle Hand, und zog ſo langſam den Rauch aus der Pfeife. Seine lange Jacke, ſeine weiten Hoſen und ſeine großen Gamaſchen von grober, gelblich weißer Leinewand gaben ſeiner Figur vor der ſchwarzen Hinterwand des ungeheuren Heerdes ein maleri⸗ ſches Ausſehen. Ein großer Wolfshund mit röthlichem Haar, dickem Kopfe und gerade ſtehenden ſpitzen Ohren, der ernſt daſaß, ſchien ſich an der Wärme des Feuers zu erfreuen und fegte von Zeit zu Zeit die Steinplatten mit ſeinem langen Schweife. Endlich trug Les⸗en⸗Goch, um bei der Schilderung des Ehemannes der Ann⸗Jann nichts zu vergeſſen, am Halſe meh⸗ rere Reliquien, die an einem ſchmalen Riemen hingen; ſein Geſicht war faſt bartlos, ob es gleich einen energiſchen Charak⸗ ter verrieth; über ſeine Stirn und ſeine Wange lief eine tiefe Narbe. Seinen Kopf bedeckte ein großer niedriger runder Hut mit breiten Krämpen; um den Leib hatte er einen rothen wolle⸗ nen Gürtel geſchlungen und an den Füßen trug er große Holz⸗ ſchuhe. 6 „Welcher Regen, welcher Regen!“ begann Ann⸗Jann von Neuem. „Warum iſt nur der Herr gerade in ſolchem Wetter ausgegangen? Ach, Les⸗en⸗Goch, ich weiß nicht, aber ſeit einiger Zeit iſt unſer Ewen nicht mehr, wie er ſonſt war. Nicht, daß er nicht mehr gütig und ſanft wäre, Jeſus mein Gott! nein, aber er iſt ſo traurig! Was kann ihn wohl ſo traurig machen, Les⸗en⸗Goch?“ Der alte Bretagner antwortete nicht und zog nur raſcher den Rauch aus ſeiner Pfeife. „Du antworteſt nicht, Les⸗en⸗Goch? Ich ſehe es wohl, es iſt auch Dir aufgefallen. Aber, Herr Jeſus, welches Wetter, welches Wetter! Hörſt Du das Meer? — wie es brüllt!“ ſetzte Ann⸗Jann hinzu, indem ſie ein großes Scheit auf das Feuer: warf. „Mein Mab⸗mer⸗brin iſt ſchon ſeit dem Morgen fort und der Regen hat nicht aufgehört. Er finde wenigſtens Feuer, damit er ſich trocknen kann, wann er zurückkommt.“ — „Der Pen⸗kan⸗guer iſt abgehärtet; wann er auf der Erde ſchlief im Walde, wachte er nicht immer bei den erſten Schüſſen der Soldaten auf, die uns verfolgten wie eine Heerde Wolfe in dem Gebirge von Arrez. Damals war er nicht traurig.“ „Willſt Du denn immer von jener Zeit reden, Les⸗en⸗ Goch?“ fiel Ann⸗Jann im Tone des Vorwurfs ein. — „Iſt unſer Ewen in jenem Kriege nicht verwundet worden? Wurdeſt Du es nicht auch und wie er zum Tode verurtheilt, aber mit ihm vor zwei Jahren begnadigt? In den funfzehn Monaten, welche die Chouanerie dauerte, ſetzte ich mich jeden Tag, nach⸗ dem ich in der Kirche von St. Michel zu Gott und unſern bre⸗ tagniſchen Heiligen gebetet hatte, hieher, verhüllte mir das Ge⸗ ſicht mit meiner Schürze, und weinte über meinen Mab⸗mar⸗brin und über Dich, Les⸗en⸗Goch.“ — „Damals war der Pen⸗kan⸗guer glücklicher, als jetzt; er hatte keinen andern Schutz und Schirm als die Wälder, er mußte ſich jeden Tag ſchlagen und ging immer heiter zuerſt gegen den Feind.“ „Warum nennſt Du doch immer Ewen den Pen⸗kan⸗guer, da doch, Gott ſei Dank! der Krieg vorüber iſt?“ ſprach Ann⸗ Jann, indem ſie eine kupferne Lampe anzündete. Der Bretagner zeigte auf ein langes Gewehr von ſchwerem Kaliber, das über dem Heerdmantel hing, und ſagte: — „Mag es Krieg oder Frieden ſein, das Gewehr da wird immer ein Gewehr heißen.“ Hatte der Regen bis jetzt an das Fenſter geſchlagen, war der Wind heftig geweſen, ſo brach nun der Sturm los. Das anfangs dumpfe, ferne Rollen des Meeres ſchien ſich zu nähern; man hörte die See donnern, wie ein Wetter am Himmel. Die Thüren und Fenſter des Hauſes zitterten. „Jeſus Maria! Heilige Jungfrau von Falgoat!“ rief Ann⸗Jann mit gefalteten Händen. „Wenn nur unſer Ewen nicht an die Küſte gegangen iſt! Die See und die Flut müſſen entſetzlich ſein.“ — „Er iſt nicht an die Küſte gegangen“, antwortete ihr Mann phlegmatiſch. „Weißt Du das gewiß, Les⸗en⸗Goch?“ Der Bretagner ſchlug die Beine auseinander, antwortete aber nicht, ſtand ſchnell auf und legte ſeine Pfeife weg. Wagw, ſein großer Wolfshund, ſtand mit ihm auf. „Willſt Du unſern Ewen aufſuchen?“ fragte die Frau. Der Mann ließ, ohne zu antworten, das Haupt auf die Bruſt ſinken, ſchlug die Arme über einander und ging raſchen Schrittes in der Küche auf und ab. Wagw folgte ihm Schritt für Schritt mit einer Art Angſt. „Gott ſtehe uns bei!“ rief Ann⸗Jann mit Entſetzen, denn ſie kannte ſchon längſt die Bedeutung auch der geringſten Ge⸗ berde ihres Mannes. „Du legſt Deine Pfeife weg, Du gehſt unruhig umher, Les⸗en⸗Goch; mein Mab⸗mer⸗brin iſt in Ge⸗ fahr!“ — „Der Sturm iſt heftig und er iſt auf der See mit Mor⸗Nader!“ antwortete Les⸗en⸗Goch düſter vor ſich hin. „Jeſus Maria, erbarme Dich deſſen, den ich genährt habe, wie mein Kind!“ rief Ann⸗Jann, indem ſie auf die Kniee niederſank. Les⸗en⸗Goch nahm ſeinen Hut ab, ſchob ihn unter den Arm, knieete neben ſeiner Frau nieder, küßte inbrünſtig die Re⸗ liquien, die er am Hälſe trug, faltete die Hände und begann ſtill zu beten, denn ſeine Lippen bewegten ſich, als ſpräche er. War es nicht ein rührendes, ein edles Schauſpiel, in unſrer Zeit, im Jahre 1838, zwei treue Diener ſo. fromm für ihren Herrn beten zu ſehen? Les⸗en⸗Goch that der Jungfrau von Auray ein Gelübde, indem er ſie bat, Cwen von Ker⸗Ellio, den jungen Herrn von Treff⸗Hartlog, aus der Gefahr zu befteien. . Thereſe Dunoyer I. . . 18 Faſt beruhigt ſtand er ſodann auf, denn er hoffte auf die Kraft ſeines Gebetes. Er ging wieder auf und ab und blieb nur von Zeit zu Zeit ſtehen, um auf den Sturm zu hören, deſſen Wuth noch immer zunahm. Bisweilen hörte man ein donnerndes, langtönendes Ge⸗ krach, als würden mehrere Geſchütze gelöſet. Es waren Waſſer⸗ maſſen, die auf die Felſen der Todtenbucht ſtürzten. Der Regen fiel in Strömen nieder und die großen Tropfen gelangten durch den Schoinſtein bis auf den Heerd herab; die Nacht war ſtockfinſter; der Wind trug den Klang der Glocke von St. Michel herbei; es ſchlug ſieben Uhr. Die beiden Eheleute liebten Ewen, wie ihr theuerſtes Kind; ihre Angſt war deshalb grenzenlos, aber ſie äußerte ſich nicht in lärmender, unfruchtbarer Demonſtration; ſie war ſtill und ſtumm ergeben, denn ſie hatten ja gebetet. Um ihre Unruhe zu betäuben, wo möglich zu vergeſſen, begann Ann⸗Jann die gewöhnlichen Vorbereitungen zu dem Abendeſſen ihres lieben Mab⸗met⸗brin. Sie rückte an das Feuer einen wohlgebohnten Tiſch von Nußbaumholz und breitete dar⸗ auf ein Tuch, das in den langen Winterabenden in Treff⸗Hartlog gewebt und im Thau der Mainächte gebleicht worden war. Auf dieſes Tiſchtuch ſtellte ſie ſymmetriſch, aber faſt maſchinenmäßig, zwei uralte Salzgefäße von maſſivem Silber mit reichen Ver⸗ zierungen, ſowie das Uebrige, das zu dem Couvert ihres jungen Herrn gehörte. Vielleicht hält man die Gewohnheit des jungen Barons von Ker⸗Ellio, ſeine Mahlzeiten in der Küche einzunehmen, für noch mehr als patriarchaliſch; da er ſich aber um die Etikette nicht ſehr kümmerte, ſo war es ihm angenehmer, an jenem großen Heerde zu eſſen, an welchem er in iner Kindheit begierig auf die Wunderlegenden ſeiner Amme Ann⸗Jann oder auf die Er⸗ zählung der Heldenthaten der Vendeer gegen die Blauen gehört hatte, die ihm der Vater Les⸗en-Goch, ein alter unbezwing⸗ barer Chouan mit dem Beinamen Bral⸗Kueffle (der Dachs) berichtete. Während dieſer beſcheidenen Mahlzeiten plauderte Cwen mit Ann⸗Jann, ſeiner Haushälterin, und mit Les⸗en Goch, der zu gleicher Zeit das Amt eines Stallmeiſters, eines Gärtners und Kammerdieners bekleidete. —— 19 Hier am Heerde gab Ewen, wie ſein Vater, der verſtorbene Tremadeur von Escvet, Baron von Ker⸗Ellio, ſeinen Pächtern Audienz. Niemals wieß er eine Reclamation zurück, niemals verweigerte er einen Dienſt oder eine verſtändige, begründete Forderung. Um dieſe Zeit brachten auch die Fiſcher nach ihrer Rückkehr von der See ihre ſchönſten Fiſche, die Ewen immer über den Werth bezahlte, trotz den ökonomiſchen Bemerkungen der Ann⸗Jann. Nach dem Abendeſſen endlich pflegte ſich der junge Edelmann auf ſeinem großen Lehnſtuhle auszuſtrecken, während ſeine alte Amme und deren Mann ihrer Seits ihr Mahl an dem großen Eichentiſche verzehrten. Er zündete da ſeine Pfeife an und verſank, während er in die Flammen des Heerdes blickte, in dreierlei Träumereien, denn ſein Charakter war ſeltſam, wie wir ſpäter berichten werden. Gegen neun Uhr endlich begab er ſich in ſein Zimmer, legte ſich in das Bett, in welchem ſein Vater, ſein Großvater und ſein Urgroßvater ge⸗ ſtorben waren, und verſank in friedlichen Schlummer. Mit Ausnahme der fünfzehn Monate, in denen er an der Spitz einer Schaar von vierzig Bauern von ſeinen Gütern (bei der Schilderhebung der Herzogin von Berry) Krieg in der Ven⸗ dee geführt hatte, war dies ſtets die friedliche Lebensweiſe des Herrn von Treff⸗Hartlog geweſen. * Es ſchlug acht Uhr; die Wuth des Orkans nahm noch immer zu; Ewen erſchien nicht. „Hatte Mor⸗Nader recht?“ ſprach Les⸗en⸗Goch vor ſich hin. „Sollte er ein Diougan ſein?“ „„Der liebe Gott macht Niemanden zum Diougan“, ſprach Ann⸗Jann. „Das weiß man nicht, das weiß man nicht, Frau. Mag er aber ſeine Wiſſenſchaft n Gott oder von dem böſen Geiſte verflucht ſei ſeine Prophezeihung, wenn ſie in Erfüllung geht. „Welche Prophezeihung?“ — „Ich begegnete letzthin dem Mor⸗Nader am Strande. Er ſaß auf einer Klippe; die Sonne ging feuerroth unter, es drohte ein Unwetter und der Lvotſe ſang: 1) Ein mit dem zweiten Geſicht begabter, ein Wahrſager. 2* Pa guz ann Héol, pa goenv ar mör Hé war kana war trenz ma dor. „Wenn die Sonne ſinkt, wenn das Meer ſich hebt, „Singe ich auf der Schwelle meiner Thür.“ „Das iſt ein ſchreckliches Lied, Les⸗en⸗Goch; wenn es Mor⸗Nader ſingt, ſollen die Wolken ſchwärzer und die Wogen wüthender werden. — „Auch wurden an jenem Abende die Wolken dunkler, die Wogen wüthender. Ich ſagte zu Mor⸗Nader: Lvotſe, es wird eine böſe Nacht geben. — Ohne mir zu antworten, wies er mir in der Ferne den Thurm von Treff⸗Hartlog, den man über die Felſen der Küſte hervorragen ſah. — — Was willſt Du damit ſagen, Mor⸗Nader? Jenes Haus iſt die Wohnung des Pen⸗ kan⸗guer. — Nachdem der Lootſe einen Augenblick ſchweigend dageſeſſen hatte, ſprach er: „Der Wind des ſchwarzen Monats hat immer den Tod über dieſes Haus gebracht.“ Mehr konnte ich nicht aus Mor⸗Nader herausbringen, und das iſt's, was mich ängſtigt.“ „Warum, Les⸗en⸗Goch?“ Nachdem dieſer einige Augenblicke gezögert hatte, ſprach er leiſer: — „Frau, welchen Monat haben wir?“ „Den ſchwarzen, Les⸗en⸗Goch.“ Ann⸗Jann hatte anfangs nicht an die traurige Zuſammen⸗ ſtellung gedacht, welche ihr Mann machen wollte, indem er die Worte Mor⸗Naders über den verderblichen Einfluß des ſchwar⸗ zen Monats auf die Familie Ker-Ellio wiederholte; mit einem Male aber rief die alte Amme: „Jetzt verſtehe ich Dich, Les⸗en⸗Goch; wir haben ijenen ſchrecklichen Monat noch immer.“ Der alte Bretagner ließ den Kopf ſinken und ging von Neuem aufgeregt in der Küche auf und ab. „Wir haben noch immer den ſchwarzen Monat“, wieder⸗ holte Ann⸗Jann in Entſetzen, „und Ewen iſt bei dieſein ſchreck⸗ lichen Wetter auf dem Waſſer, auf dem Waſſer mit Mor⸗Nader Ach Mor⸗Nader ¹) heißt er mit Recht; er 3 he und ¹) Mor⸗Nader heißt Meerſchlange (Meernatter). — — S — — — ſchlau; Jedermann flieht ihn; der Herr Rector von St. Michel, der Abbé von Kervuellan, hat ihm bereits gedroht, ihm die Kirche zu verbieten, wenn er ſeine Teufelskünſte noch ferner be⸗ triebe.“ — „Es iſt ein großes Unglück, daß der Herr Rector ſeit drei Monaten in Paris iſt; ſeit drei Monaten iſt der Pen⸗kan⸗ guer traurig. Der Herr Abbe würde ihm geſagt haben, was wir ihm nicht ſagen können.“ „Beſonders ſeit er uns von jenem geheimnißvollen Bilde erzählt hat, Les⸗en⸗Goch, hat die Traurigkeit noch zugenommen. Haſt Du jenes Frauenbild niemals bei Lebzeiten des ſeligen Herrn Baron geſehen?“ — „Niemals.“ * „Das Bild iſt doch aber alt.“ Der Bretagner ſchüttelte zweifelnd den Kopf und ſagte halblaut: — „Es liegt vielleicht ein Zauber in dieſem blaſſen Geſichte.“ „Ach, Les⸗en⸗Goch, erinnerſt Du Dich noch, wie unſer junger Herr erſchrocken ausſah, als er uns fragte, ob wir nicht wüßten, wie jenes Bild in das Zimmer gekommen ſei, und wir nichts antworten konnten?“ — „Ja, es muß ein Zauber auf dem Bilde ruhen“, wie⸗ derholte Les⸗en⸗Goch. „Kürzlich ging ich im Dunkeln in das Zimmer des Pen⸗kan⸗guer hinauf. —“ „Nun, Les⸗en⸗Goch?“ — „Da war es mir, als funkelten und bewegten ſich die Augen jenes blaſſen Geſichtes.“ „Jeſus Maria! das würde ein großes Unglück für dieſes Haus bedeuten. Ach, mein Gott, der Sturm nimmt immer mehr zu. Es iſt vorbei, es iſt vorbei mit unſerm Kinde“, rief die Amme mit einem herzzerreißenden Schrei. — „Der Herr gebe, daß Mor⸗Nader nicht in dem Ge⸗ ſchicke des Pen⸗kan⸗guer leſen konnte!“ „Nein, nein, der Herr hat es nicht gewollt“, rief mit einem Male Ann⸗Jann, indem ſie den Kopf auf die eine Seite ſenkte, um zu horchen, und mit einer Hand nach der Thüre wies. „Ich höre ſeinen Tritt, er iſt es! Heilige Mutter Gottes, 22 Jungfrau von Falgoat, ſei geprieſen! Du haſt das Kind nicht verlaſſen, für das ich ſo oft zu Dir gebetet habe!“ Ann⸗Jann fiel mit gefalteten Händen auf ihre Kniee. Les⸗en⸗Goch eilte nach der Thür. Sie wurde raſch aufgeriſſen und Ewen von Ker⸗Ellio trat herein⸗ II. Die Rückkehr. Das Geſicht Ewen's hatte auf den erſten Anblick nichts Einnchmendes. Seine behaarte Stirn, ſeine dicken Augen⸗ brauen, ſein dunkler Bart, den er ſeit dem Kriege in der Vendee wachſen ließ, gaben ihm ein rauhes Ausſehen; aber die Milde ſeines Blicks und ſein freundliches Lächeln milderten die Härte ſeiner Züge. Bei ſeinen Ausflügen auf dem Meere trug Ewen die Kleidung der bretagniſchen Matroſen. Weite Beinkleider von Segeltuch, ein Kittel von grobem braunem Wollenzeuge mit Kapuze, darin beſtand ſein Anzug, als er jetzt in der Küche ſeines Hauſes erſchien. Obgleich der Regen in Strömen her⸗ unterſank, hatte er doch die Kapuze ſeines Kittels nicht empor⸗ gezogen; ſein Kopf war unbedeckt und ſein Geſicht bleich; ſein ſchwarzes Haar lag glatt und naß an den Schläfen; von der Kutte tropfte das Waſſer. Nachdem er eingetreten, ſchloß er die Thüre raſch hinter ſich zu und ſchob den Riegel vor, als würde er von Jemandem verfolgt. Der Herr von Turff⸗Hartlog war ſo plötzlich erſchienen und ſah ſo erſchrocken aus, daß Les⸗en⸗ Goch nach ſeinem Gewehre ſprang. „Herr Ewen, was giebt es?“ fragte der Alte, indem er zu Ewen trat. — „Heilige Mutter Gottes, ſind Sie in Gefahr?“ rief Ann⸗Jann. Erſt dieſe Worte ſchienen Ewen aus ſeiner Betäubung zu wecken. Er blickte verwundert um ſich, ſtrich mit der Hand — — — über die Stirn, und da er ſich ohne Zweifel ſchämte, eine kin⸗ diſche Furcht geäußert haben, verſuchte er zu lächeln und ſagte zu Les⸗en⸗Goch: „Errathe, wem ich den Eintritt wehren will?“ Der Bretagner ſah ihn erſtaunt an; Ewen ſuchte zu lächeln und ſetzte dann hinzu, indem er den Riegel an der Thür wieder zurückſchob: „Der rothe Mönch ¹) verfolgt mich.“ Trotz dieſem Scherze blieb der Blichgwen's noch immer düſter. . — „Und er hat Sie erreicht?“ fragte der Alte; „Ihre Beinkleider ſind voll Blutflecken.“ „Heilige Mutter Gottes! Sie ſind verwundet, mein Kind!“ rief Ann⸗Jann, und wollte in die Arme ihres jungen Herrn ſinken. Zum erſtenmal in ſeinem Leben ſtieß dieſer die Amme faſt hart von ſich; ohne ihr zu antworten, ſetzte er ſich am Heerde nieder. — „Les⸗en⸗Goch, er iſt verwundet“, ſprach Ann⸗Jann mit leiſer und bebender Stimme. Der alte Chouan antwortete nichts, betrachtete aber einige Augenblicke mit großer Aufmerkſamkeit die Blutflecken am untern Theile der Beinkleider ſeines jungen Herrn und ſagte ſodann zu ſeiner Frau: — „Es iſt nicht ſein Blut; er geht zu feſt, als daß er am Fuße verwundet ſein könnte.“ — „Gelobt ſei Gott, wenn es nicht ſein Blut iſt!“ ent⸗ gegnete Ann⸗Jann halblaut und ſich bekreuzigend. Die Kleidungsſtücke Ewen's waren ſo durchnäßt, daß ihn bisweilen der Froſt ſchüttelte. — „Wollen Sie nicht andere Kleider anziehen?“ fragte ihn die Amme ſanft. Ewen ſchien ſie nicht zu hören. Ann⸗Jann trat deshalb zu ihm und wiederholte die Frage, aber ebenfalls vergebens; endlich legte ſie die Hand leicht auf die Achſel Ewen's und ſagte: 1) Ein ſagenhaftes Geſpenſt. — „Sie können nicht länger in dieſen von Seewaſſer und Regen durchnäßten Kleidern bleiben.“ Nach einigen Augenblicken eines finſtern Schweigens er⸗ wachte Ewen aus ſeinem Sinnen und ſprach, als wollte er ſich ſelbſt durch ſeine Worte beruhigen: „Bah! Wenn der November der ſchwarze Monat heißt, ſo heißt der Mai der Blüthenmond. Ich muß ein Schwachkopf ſein, daß ich mich von ſolchen Beſorgniſſen guälen laſſe. Bin ich nicht der größten Gefahr entgangen, der ich bisher ausgeſetzt geweſen? Wenn Mor⸗Nader verrückt iſt, ſo iſt das kein Grund, daß er ein Wahrſager ſein muß. Ann⸗Jann, bring' mir das Abendeſſen“ — fuhr Ewen fort, indem er allmälig wieder ruhig wurde und ſeine Züge ihren gewöhnlichen Ausdruck annahmen. „Dann mache mir einen Becher Glühwein, von dem Du und Les⸗en⸗Goch auch Euren Theil erhalten ſollt.“ — „Den wir trinken wollen auf Ihre Geſundheit und glückliche Wiederkehr, Herr Ewen,“ antwortete der Bretagner. „Aber in ſolchem Wetter ſich auf das Meer zu wagen! das heißt Gott verſuchen.“ — „Und noch dazu mit Mor⸗Nader, heilige Jungfrau! das heißt, die Gefahr verdoppeln,“ warf Ann⸗Jann halblaut während ihrer Arbeit am Heerde ein. Der Name des Lootſen machte einen peinlichen Eindruck auf Ewen; ſein Geſicht verdüſterte ſich von Neuem einige Mi⸗ nuten lang, doch fuhr er mit einiger Anſtrengung, ſeine Heiter⸗ keit wieder zu erlangen, fort: „Im Gegentheil, Amme, es iſt beſſer, auf dem Meere zu ſein mit dieſem alten Hexenmeiſter, der der Windsbraut ange⸗ traut ſein ſoll; aber, beim heiligen Guehenoc, die Braut hat ihren Bräutigam heute tüchtig geſchüttelt und blutig gepeitſcht.“ — „Bis auf's Blut, Herr Ewen?“ „Siehſt Du die rothen Spuren da an meinen Bein⸗ kleidern?“ S — „Ja, Herr.“ „Nun, Les⸗en⸗Goch, wir wollten während eines Wind⸗ ſtoßes das große Segel einziehen; eine rieſengroße Woge legte das Fahrzeug faſt auf die Seite; Mor⸗Nader ſtolperte und ſchlug ſich im Fallen die Stirn auf. Glicklicher Weiſe hat er mehr Blut verloren, als Schaden gelitten.“ 25 Obgleich Ewen dieſe Erklärung mit Beſtimmtheit und Sicherheit geben wollte, war er doch ſo wenig an die Lüge ge⸗ wöhnt, daß er unwilltührlich ſtotterte. — „Und Sie waren allein mit Mor⸗Nader in dem Boote, Herr Ewen?“ „Brauchten wir denn Hülfe? Seit wann ſind wir, ich und Mor⸗Nader, nicht mehr im Stande, eine ſolche Nußſchaale zu ſe „Und Mor⸗Nader iſt in ſolchem Wetter nach Sein zurücgetehrt, Hert Ewen?“ „Nein, nein,“ antwortete Ewen verlegen; „wir legten in det Kerer⸗ Bucht an; Mor⸗Nader wird wahrſcheinlich den Fiſcher Legal um ein Nachtlager angeſprochen haben.“ „Wiſſen Sie gewiß, Herr Ewen, daß er die Nacht bei Legal zubringen wird?“ „Mein Gott, ſo ganz gewiß weiß ich es nicht; aber ich glaube es,“ antwortete Cwen ungeduldig; dann ſetzte er hinzu: „Komm, Alter, hilf mir die Kleider ausziehen, die einen Cent⸗ ner wiegen und die der rothe Mönch berührt hat, wie Du ſagſt.“ Les⸗en⸗Goch war zu beſcheiden, als daß er ſeinen Herrn nach der Urſache des Schreckns geftagt hätte, den dieſer bei ſeinem ſo eiligen Eintritte in die Küche zu erkennen gab. Nach dem Abendeſſen ging Ewen in ſein Zimmer; das alte Ehepaar blieb wieder allein in der Küche. Les⸗en⸗Goch rauchte ſchweigend und in Gedanken verſun⸗ ken ſeine Pfeife. Ann⸗Jann, die recht wohl wußte, wie vergeblich es ſei, ihren Mann anzureden, wenn derſelbe ſich ſeinen Gedanken hin⸗ gegeben hatte, ſaß traurig an einer Ecke des Heerdes; eine ge⸗ heime Ahnung ſagte ihr, ihr Mab⸗mer⸗brin ſei noch andern Gefahren, als dem Sturme, ausgeſetzt geweſen. Mit einem Male ſteckte Les⸗en-Goch ſeine Pfeife in die Taſche, ſtand auf, nahm das Gewehr, das er vorher an den Heerd gelehnt hatte, unterſuchte das Schloß daran und ſchritt langſam nach der Thüre zu. Eben als er dieſelbe öffnen wollte, zögerte er; er blieb ſtchen kehrte, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht, wieder ſelte das Gewehr hin und verſank von n in ſein Ann⸗Jann war allen Bewegungen ihres Mannes mit beſorgtem, unruhigem Blicke gefolgt. Sie errieth den Gedan⸗ ken, den er gehabt hatte: — „Les⸗en⸗Goch, Du wollteſt zu dem Fiſcher Legal gehen, um — Mor⸗Nader aufzuſuchen. Thue es nicht, ich bitte Dich. Hat er etwas gegen unſern Herrn verſucht, ſo wird ihn Gott ſtrafen.“ Der Bretagner ſchien ſich nicht darüber zu wundern, daß ſeine Frau ihn durchſchaut hatte; er antwortete: „Bisweilen iſt der Menſch das Werkzeug des Herrn.“ — „Les⸗en⸗Goch!“ rief Ann⸗Jann entſetzt; „Du wirſt Mor⸗Nader nicht tödten, wie ſchuldbeladen er auch ſein mag, nein!“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Mann. Ann⸗Jann horchte ſodann an der Thüre Ewen's, um ſich zu überzeugen, ob er ſchlafe; ſie hörtg kein Geräuſch. Als ſie wieder in die Küche hinunterkam, träf ſie ihren Mann im Ge⸗ bete und ſie betete mit ihm. Bald darauf herrſchte die tiefſte Stille in dem Herrenhauſe von Treff⸗Hartlog. Ewen von Ker⸗Elliv. Wir unterbrechen einen Augenblick die Erzählung der Er⸗ eigniſſe, um eine ausführliche Schilderung des ſeltſamen Cha⸗ rakters des jungen Herrn von Treff⸗Hartlog zu geben. Später werden wir auch erklären, wie er auf faſt wunderbare Weiſe den Gefahren entriſſen wurde, in die ihn der wilde Wahnſinn Mot⸗ Nader's geſtürzt hatte. 4 Ewen, der einzige Sohn des Barons von Ker⸗Ellio, hatte ſeine Mutter verloren, als er noch in der Wiege lag. Ann⸗ Jann, die unſern Helden aufzuziehen hatte, löſete dieſe Aufgabe mit eben ſo großer Aufopferung, als Zärtlichkeit. Als es ſich um die weitere Erziehung Ewens handelte, berief der —— — 27 den Abbé von Kerouellan, der früher Dragonerlieutenant ge⸗ weſen war, aber den Säbel abgelegt hatte, in den geiſtlichen Stand getreten und Pfarrer (oder Rector, wie man in der Bretagne ſagt) der Gemeinde St. Michel, eines kleinen Fle⸗ ckens in der Nähe von Treff⸗Hartlog, geworden war. 3 Ein Gelehrter war der Abbé nicht, aber er verband mit Geradſinn und Feſtigkeit ſeltene und werthvolle Eigenſchaften. Er lehrte ſeinen Schüler ziemlich richtig ſprechen und ſchreiben und von der Rechenkunſt ſoviel als er brauchte, um eine Pacht⸗ rechnung in Ordnung zu führen. Die wiſſenſchaftliche Erziehung Ewen's wurde ſonach von dem Abbs ſehr vernachläſſigt, die moraliſche und phyſiſche da⸗ gegen bewundernswürdig gut geleitet; er entwickelte in dem Knaben die Körperkraft und die Energie des Charakters und machte ſo aus ihm einen rechtlichen und edelſinnigen, kräftigen und muthvollen Mann. Da er aufrichtig fromm und faſt aus Inſtinct Royaliſt war, ſo waren die religiöſen und politiſchen Grundſätze Ewen's die eines jeden bretagniſchen Edelmannes; ſie liefen in den zwei Worten zuſammen: Gott und der König. Der alte Baron ſtarb und empfahl ſeinem Söhne, der Kirche und dem Könige treu zu ſein, ſich gegen ſeine Pächter immer gerecht und gütig zu zeigen und niemals nach Paris zu gehen, wo man nur ſeine Seele verderben und ſein Vermögen verlieren könnte. Cwen befolgte gewiſſenhaft auch den geringſten Wunſch ſeines Vaters. Die Julirevolution von 1830 trat ein; im Weſten brach der Bürgerkrieg aus und der Herr von Treff⸗ Hartlog hielt es für ſeine Pflicht, zu handeln, wie ſein Vater, ein ehemaliger Bandenführer, gehandelt hatte; er brach deshalb auf, um die Sache ſeines rechtmäßigen Fürſten an der Spitze von vierzig Männern zu vertheidigen, die ſämmtlich auf ſeinem Grund und Boden geboren waren. Sie ſangen beim Abſchiede jenes alte Lied der Chouans: Er re goch huy er mere hed nager er ported ete. „Die Greiſe und die jungen Mädchen, die kleinen Kinder und Alle, welche nicht mitkämpfen können, werden beim Schla⸗ fengehen ein Ave und ein Pater beten für die Chouans.“ So lange die Inſurrection dauerte, kämpfte Ewen muthig und unerſchrocken an der Spitze ſeiner kleinen Schaar, die er auf eigne Koſten unterhielt. Nach Beendigung des Krieges wurde er verfolgt, in contumaciam zum Tode verurtheilt und genöthigt, ſich mit ſeinem getreuen Les⸗en⸗Goch in den Wäl⸗ dern zu verbergen. Nachdem er vier Monate lang ſo unſtät umhergeirrt war, wurde er amneſtirt. In mehreren Schar⸗ mützeln gegen die conſtitutionellen Truppen hatte er einen nicht gewöhnlichen Muth und große Kaltblütigkeit gezeigt. Ewen ſetzte darauf ſein früheres friedliches Leben fort; einige Zeit lang ſehnte er ſich wohl nach der abenteuerreichen Eriſtenz eines Bandenführers zurück, da man ja in der erſten Jugend Alles liebt, was gefahrvoll und ritterlich iſt; aber all⸗ mälig erloſch dieſe kriegeriſche Begeiſterung in der ruhigen Stille der Einſamkeit. Seltſamer Weiſe fand Ewen große ren an dem abgeſchiedenen Leben. Das erſte Jahr der Amneſtie ver⸗ ging in einer angenehmen Ruhe. Bald gab ſich Ewen lieblichen Träumen hin, bald überließ er ſich den verſtändigſten und fromm poetiſchen Betrachtungen der großen Erſcheinungen der Natur; oft überraſchte ihn die Nacht, wenn er im Wonnegefühle an einem ſchönen ſtillen Sommerabende die Sonne in das Meer hatte hinabſinken ſehen, während die Kinder und jungen Mädchen am Strande Seegras ſammelten und die alten bretagniſchen Lieder ſangen, welche die Kinder Armorica's immer erfreuen. Ja — das Zwielicht verdrängte den Tag, die Nacht trat an die Stelle des Zwielichtes und Ewen ſaß noch immer auf demſelben Felſen, die Augen von Wonnethränen gebadet, durch⸗ ſchauert von unbeſchreiblichen Gefühlen. Dann trat er langſam den Rückweg nach dem alten Herren⸗ hauſe an, bewunderte den geſtirnten Himmel und zog entzückt den kräftigen und geſunden Duft des Seegraſes oder des Haide⸗ krautes ein, der allen denen ſo lieb iſt, welche an der Küſte der Bretagne gewohnt haben. In Treff⸗Hartlog fand Ewen die liebevolle Pflege ſeiner guten Diener, ein flackerndes Feuer auf dem großen Heerde, das Abendeſſen bereit und ſeine Amme beſorgt und ängſtlich, ob ihrem Mab⸗mer⸗brin das Mahl wohl munden werde; dann — 29 kam das ſinnende Träumen am Heerde und endlich eine Nacht friedlichen Schlummers unter dem Dache ſeiner Ahnen. Oder Ewen beſtieg eines der kleinen Bergpferde von Arrez, die ſo kräftig und feurig ſind, und unternahm weite Ausflüge in das Land hinein, wobei er die Städte Pont⸗Croir und Kemper immer vermied, ſo ſehr ſcheute er Lärm und Tumult. Er wählte zu ſeinen Spazierritten viel lieber die unermeßlichen Haiden, Ebenen, die öde ſind wie das Meer und impoſant wie das Meer. Oft jagte Ewen auch den ganzen Tag hindurch in der von undurchdringlichen Hecken, tiefen Gräben und ſteilen Wegen ſo coupirten Gegend, und in Folge ſeiner kräftigen Conſtitution kehrte er ſchnellen, elaſtiſchen Schrittes mit voller Jagdtaſche in ſein Haus zurück, begleitet von ſeinen treuen Hunden, Eyfnerth und Bidnewin. Nach dieſer Skizze des Lebens des jungen Barons von Ker⸗Ellio könnte man wohl glauben, er habe ſich nur mit kör⸗ perlichen Uebungen beſchäftigt; aber im Gegentheil, ſeine Ge⸗ danken waren ſehr lebendig und höchſt poetiſch. Ewen war für die Reize und die Pracht der Natur zu empfänglich, als daß er nicht hätte Dichter ſein ſollen; nicht daß er jemals Verſe gemacht hätte (er ſchrieb und ſprach ſeine Sprache kaum correct, ja er war, um es mit einem Male her⸗ auszuſagen, ſehr unwiſſend, aber er war Dichter durch den ſel⸗ tenen Aufſchwung ſeiner Empfindungen, Dichter durch ſeine äußerſt zart empfundenen Wahrnehmungen, Dichter durch ſeine Liebe zur Einſamkeit, — zur Einſamkeit, in welcher die ſchlech⸗ ten Naturen ſich noch mehr verſchlechtern, während die kräftigen und edeln Seelen ſich in ihr ſtählen, reinigen, erheben; er war Dichter endlich durch ſeine inſtinctmäßige Liebe zum Schönen, durch ſein Mitgefühl für die Männer von roher, ungefirnißter, energiſcher Natur, ſowie durch ſeinen unwillkührlichen Wider⸗ willen vor Allem, was bürgerlich oder trivial war. Da Cwen aus Neigung unter Fiſchern und Bauern lebte, ſo konnte er ſich nicht entſchließen, Umgang mit den jungen Herren der benachbarten Städte zu pflegen; ihre gemeinen Ver⸗ gnügungen, ihre lärmende Luſtigkeit erregten in ihm einen un⸗ beſieglichen Widerwillen und Abſcheu. Die Rechtlichkeit und Gutherzigkeit des Barons von Ker⸗ 5 3 30 S Ellio war in ſeiner Gegend ſo allgemein bekannt, daß er durch⸗ aus keinen Feind hatte; man vergaß ſein kräftiges Auftreten bei der Vendee⸗Angelegenheit nicht, und ſein zurückgezogenes Leben, das Manche vielleicht als Stolz oder Verachtung hätten aus⸗ legen können, fand nie eine böswillige Deutung. Man nannte ihn den Philoſophen und dieſe unſchuldige Benennung war die einzige Proteſtation, welche ſich die Nachbarn Ewen's gegen ſeine Menſchenſcheu erlaubten. Wie paßte ein ſo empfängliches Gemüth zu einem ſo ener⸗ giſchen Charakter? Wie hatte ſich unter ſo rauher Schaale ein ſo feines Zartgefühl entwickeln können? Wie konnte er ſich, ohne jemals einen Vers oder irgend ein literariſches Werk geleſen zu haben, mit einem Male mit ſo viel Glück in die endloſen Räume des Gedankens und der Poeſie, wenn auch nicht der ge⸗ ſchriebenen, ſondern der gedachten, emporſchwingen? Woher ſchrieb ſich die ſeltſame Vorliebe für ein beſchauliches, einſames Leben, das er von ſeinem Vater, einem braven Edelmanne, tüchtigen Zecher und Waidmanne nicht gelernt hatte, von dem ſeine einfache Erzichung ihn hätte abziehen ſollen? Wir wollen nicht verſuchen, dieſes Räthſel zu löſen; wir erzählen nur ein leider! zu wahres Ereigniß. Es iſt ein ſchmerzlicher Gedanke, daß es vielleicht mora⸗ liſche Inſtinete gibt, wie es körperliche Lüſte giebt; je mehr man ſie reizt, um ſo mehrientwickelt man ſie; je mehr man ſie ent⸗ wickelt, um ſo mehr verlangen ſie; dann tritt der Mißbrauch ein, die Sättigung folgt und hinterihr die Ausartung. Auf die Bedürfniſſe der Phantaſie angewendet, iſt dieſe fortſchreitende Logik oft noch weit ſtrenger. 2 Das Leben des jungen Herrn von Treff⸗Hartlog, das bis dahin ſo heiter und friedlich geweſen war, erfuhr allmälig eine vollſtändige Umwandlung. So iſt der Himmel bisweilen am Morgen vom rreinſten, lachendſten Blau; keine Wolke trübt ſeine Heiterkeit. Allmälig aber, faſt ohne daß dieſe Veränderung ſichtbar iſt, breitet ein unbemerklicher Dunſt ſeinen leichten, durchſichtigen Schleier über den Horizont; der Himmel iſt noch immer blau, aber weniger klar, das Blau hat ſich getrübt; endlich geht es von Nüance zu Nüance unmerkbar in ein trauriges Grau, in ein bläuliches Schwarz über, das der Vorläufer des Donnerwetters iſt. 31 Nichts kann einfacher und menſchlicher ſein, als es die Ur⸗ ſache der Umwandlung in dem Leben Ewen's war. Eines Tages kam ihm die Einſamkeit drückend vor. Nach⸗ dem er lange ſeine Gefühle in ſich zuſammengedrängt hatte, ſehnte er ſich allmälig nach einem befreundeten Herzen, nach einem gebildeten Geiſte, nach einem poetiſchen Gemüthe, das ſie mit ihm theile. In dieſer Sehnſucht ſchuf ſich ſeine Phan⸗ taſie eine Gefährtin, eine jener reizenden Geſtalten, die immer die Schöpfungen unſerer erſten und keuſchen Träume ſind. Wir haben von den Gefühlen Ewen's in Hinſicht auf die Liebe noch nicht geſprochen, weil einige Begegnungen im Wald mit barfüßigen Nymphen in grobem Rock dieſen Namen nicht verdienten. Seine Nachbarn, die er bisweilen auf ſeinem Wege traf, fragten ihn: „Nun, Herr von Ker-Ellio, wann werden Sie ſich eine Frau nehmen?“ „Niemals,“ antwortete der Herr von Treff⸗Hartlog. „Ich denke nicht an das Heirathen; ich bin zu menſchenſcheu und zu eiferſüchtig auf meine Freiheit.“ Ewen ſagte die Wahrheit nicht; ſeit einiger Zeit verging kaum ein Tag, an dem er nicht die wunderbarſten Romane über ſeine Ehe oder vielmehr über die Ehe, die er ſich dachte, zuſam⸗ mengebaut hätte; er verlangte aber ſo viele Tugenden, ſo viele Reize von ſeinem Ideale, daß er die Hoffnung aufgeben mußte, daſſelbe jemals in der Wirklichkeit zu finden. Dieſelbe Empfind⸗ lichkeit, die ihn von ſeinen luſtigen Nachbarn entfernt hielt, ver⸗ urſachte auch ſeine übertriebene Abneigung gegen die jungen Mädchen ſeiner Provinz, unter denen er ſich hätte eine Frau ſuchen können. Das bedeutende Vermögen Ewen's, ſein in der Bretagne hochverehrter Name und ſeine bekannte Rechtlichkeit machten ihn zu einer ſehr wünſchenswerthen Partie. Sein ehemaliger Lehrer, der Abbé von Kerouellan, hatte ihm unter andern zwei reiche Erbinnen von Quimper vorgeſchlagen, die zufällig mit dem Herrn von Treff⸗Hartlog bei dem Pardon ¹) von Falgoat zu⸗ ſammengetroffen waren. Obgleich dieſe beiden Mädchen recht angenehm, aus guter ¹) Pardons, ländliche Feſte in der Bretagne. Familie und gut erzogen waren, ſo entſprachen ſie den Wün⸗ ſchen Ewen's doch ſo wenig, daß er es ablehnte, eine Wahl zu treffen und, wie immer, ſeine Abneigung gegen die Ehe vor⸗ ſchützte. Lange beſchäftigte ſich Ker⸗Ellio im Stillen damit, ſich ein Bild von dem Mädchen zu entwerfen, wie er es ſich wünſchte; jeden Tag ſchmückte er es mit einem Reize, mit einer Tugend mehr; zu einer ſeltenen Schönheit fügte er mannigfaltige Talente und weſentlich nothwendige Tugenden; ihr Charakter ſollte ſanft und feſt zu gleicher Zeit, ihr Gemüth weich und poetiſch ſein, namentlich mit ihm in den Reizen der Natur zu ſchwelgen ver⸗ mögen und endlich die Einſamkeit unter zweien eben ſo ſehr lieben, wie er ſelbſt. Mit einem Worte, dieſe Schöpfung war das poetiſche Werk Ewen's und als keidenſchaftlicher Künſtler begabte er ſie mit allen Schätzen ſeines Herzens und ſeiner Phantaſie. So lange dieſe ſeltſame Einbildung nur ein Spiel des Geiſtes Ewen's war, beſchäftigte ſie angenehm ſeine Einſamkeit; allmälig aber wurden dieſe anfangs ſo lieblichen Gedanken bitter für ihn. Nachdem er ſtolz darauf geweſen war, ſoviel Inſtinct des Schönen zu beſitzen, um ſich ein ſolches Ideal ſchaffen zu können, nachdem er ſich begnügt hatte, mit rührender Melan⸗ cholie zu ſagen: „wenn es doch ein ſolches Weib gäbe!“ wurde er endlich ſehr traurig und ſprach bei ſich: „warum giebt es keines?“ Dieſe Gedanken betrübten ihn noch mehr, als er ſich über⸗ redete, ein ſolches Weib, wenn es auch zu finden ſei, würde ihm nicht zu Theil werden. „Wehe mir!“ ſagte er; „meine Wünſche verlangen ſoviel, daß ſie unmöglich erfüllt werden können; ſie haben meine Forde⸗ rungen ſo hoch geſpannt, daß ich mich in Zukunft mit dem ge⸗ wöhnlichen Glücke, auf das ich Anſpruch machen kann, nicht werde begnügen können. Was ich wünſche, liegt viel zu hoch über mir; was ich erreichen kann, ſteht zu tief unter mir.“ Von dieſem Augenblicke an erlitten die Gedanken Ewen's verderbliche Reaction, von welcher wir bereits geſprochen haben. Die lachenden ruhigen Bilder, die ihn anfangs entzückt hatten, ſagten ihm nicht mehr zu; er ſuchte und erſehnte ſtür⸗ 33 miſche Nächte, wie er ſonſt an friedlichen Morgen ſich erquickt hatte, welche die beginnende Morgenröthe mit brennendem Roth und Gold umwob; die friſche Poeſie der thaugebadeten grünen Wieſen ſprach ihn nicht mehr an; ſein Auge erfreute ſich nicht mehr an den weiten Haiden mit den purpurrothen Blümchen, die im lauen Sommerwinde wogten; er ſuchte nicht mehr das Murmeln der Bäche auf, die unter den Weiden flüſterten und ruhig das Bild des Mondes und der Sterne abſpiegelten. Ewen ſaß nur noch auf den hohen Klippen der Küſte, wann die Sonne feuerroth hinter ſo ſchwarzen Wolkenmaſſen unterging und eine ſo ſchreckliche Nacht verkündete, daß die Fiſcherbvote gleich einer Schaar erſchrockner Möven eilig den Hafen zu erreichen ſuchten. Begann dann der Sturm zu wüthen, ſo hörte er mit einer Art Wolluſt das Meer zu ſeinen Füßen donnern, ſah die ſchäumen⸗ den Wogen an den Klippen der Todtenbucht ſich brechen und folgte mit düſterem Blicke den dicken Wolken, die der Orkan vor ſich hertrieb und die, von dem bleichen Lichte des Mondes ſelt⸗ ſam beleuchtet, bisweilen einem Heere bleicher Geſpenſter glichen. Nach dieſen ſchmerzlichen Betrachtungen kehrte Ewen in ſein Schloß zurück, athemlos und erſchöpft, und der Sturm raſete, wie er ſich ausdrückte, in ſeiner Seele fort. Die mütterliche Pflege der Ann⸗Jann, die ſchweigende Hingebung des alten Les⸗en⸗Goch beruhigten die fieberhafte Aufregung ihres jungen Herrn ein wenig. Ehe er ſich in ſeine Zimmer zurückzog, ſchritt er langſam durch die großen unbe⸗ wohnten Gemächer und hörte mit unklarem Schauer die Winde in den öden Räumen heulen. Dieſes Bedürfniß aufregender Gefühle, dieſe traurige Me⸗ lancholie ſchwächten den Geiſt Ewen's und entwickelten in ihm den Glauben an das Wunderbare. ſagekunſt Mor⸗Naders, des Lootſen von der Inſel Sein, und Ewen konnte dem Wunſche nicht widerſtehen, denſelben wegen ſeiner Zukunft zu befragen. Der alte Lootſe, deſſen Verſtand halb zerrüttet war, hatte ihm die traurigſten Dinge über den ver⸗ derblichen Einfluß des Monats November verkündigt, welcher der Familie Ker⸗Ellio immer nachtheilig geweſen war. Man hat geſehen, wie Mor⸗Nader, auf die Gefahr hin, Thereſe Dunoher I. Man ſprach mit einem gewiſſen Schauer von der Wahr⸗ 3 1 mit ſeinem Opfer zu ertrinken, in ſeinem wilden Wahnſinne ſeine düſtern Prophezeiungen wahr zu machen verſucht hatte. Trotz ſeiner ſeltſamen Aufregung war Ewen, was wir nicht unerwähnt laſſen dürfen, gut und rechtlich geblieben; ſeine liebevolle Mildthätigkeit gegen die Unglücklichen hatte ſich ſogar im Verhältniß mit ſeinem wachſenden Kummer geſteigert. Rur ein Umſtand machte ſeine Geiſtesverwirrung faſt unheilbar, indem ſie einer Viſion einen Körper und dem Mädchen ſeiner Träume eine menſchliche Geſtalt gab. Obgleich die Gegenſtände der Kunſt in Treff⸗-Hartlog ſelten waren, ſo befand ſich doch in dem Zimmer Ewen's ein altes halbzerſtörtes Gemälde, das eine Dame von ſeltener Schönheit darſtellte. Das bleiche Geſicht mit faſt verwiſchtem Colorit trat aus einem faſt ſchwarzen Hintergrunde hervor; eine rothe Tunika, von der aber kaum noch eine Spur zu ſehen war, bedeckte die Achſeln; einige braune Locken lagen an den Schläfen, der übrige Kopfputz aber verſchwand in dem Dunkel des Grundes. Unver⸗ letzt waren blos die Stirn und die Augen, — die hohe, ſtolze, marmorweiße und marmorharte Stirn und die ſchwarzen, gro⸗ ßen, trotz ihrem kecken und boshaften Ausdrucke wunderſchönen Augen. Die Umriſſe der Naſe, des Mundes und des Kinnes mußte man mehr errathen, ſo wenig war davon noch zu ſehen. Das Bild machte einen höchſt ſeltſamen Eindruck. Auf den erſten Blick bemerkte man gleichſam nur eine mattweiße Stirn und zwei große ſchwarze Augen; als letzte Eigenthümlich⸗ keit zeigte ſich ein Schönheitsmaal etwas über der linken Augen⸗ braue gleich einer ebenholzſchwarzen Fliege; der übrige Theil des Geſichts verſchwand unmerklich in dem Halbdunkel und dem Schatten. Ewen hatte dem Ideale, in welches er ſich ſo leidenſchaft⸗ lich verliebt, das Antlitz dieſes Porträts gegeben; die unbe⸗ ſtimmten Umriſſe und das phantaſtiſche Ausſehen deſſelben paßten vortrefflich zu dieſer neuen Laune ſeine krankhaften Phantaſie. Abends, wann er ſich niederlegte, früh, wann er erwachte, blickte Ewen ſtets nach jenen beiden großen, ſo ſchwarzen Augen und nach jener ſo blendend weißen Stirn. Bei der Stimmung der Herrn von Treff⸗Hartlog mußte die geringſte Ungewöhnlichkeit für ihn einen geheimnißvollen, faſt 35 übernätürlichen Charakter annehmen. Ewen glaubte, entweder weil er jenes Gemälde erſt ſpäter bemerkt hatte oder weil es ohne ſein Wiſſen in ſeinem Zimmer aufgehangen worden war, daſſelbe bei Lebzeiten ſeines Vaters nicht geſehen zu haben, auch vermochte er nicht die Zeit beſtimmt anzugeben, in welcher es in ſeinem Zimmer aufgeſtellt worden. Vergebens fragte er Ann⸗ Jann und Les⸗en⸗Goch; ſeine beiden Diener konnten ihm dar⸗ über keine Auskunft geben und ihre Antworten ſteigerten ſeine ängſtliche Neugierde nur noch mehr. Das Bild war auf Holz gemalt. Ewen unterſuchte daſ⸗ ſelbe ſorgfältig; endlich entdeckte er an einer Ecke mehr am Rande mehrere halb verwiſchte Buchſtaben und las das Wort No⸗ vember. Er ſchauderte. Aus welchem geheimnißvollen Grunde fand er da den Namen dieſes ſchwarzen Monats wieder, welcher der Sage nach für ſeine Familie ſo verderblich ſein ſollte? Nur der frühere Lehrer Cwen's, der Rector der Gemeinde St. Michel, hätte dieſes Geheimniß aufflären können, aber der Abbé war ſchon ſeit drei Monaten abweſend. Seit dieſer Zeit hatte die finſtre Melancholie Ewen's reißend ſchnelle und beſorgniß⸗ erregende Fortſchritte gemacht. Das war der Gemüthszuſtand Ewen's in dem Augen⸗ blicke, da wir ihn dem Leſer vorführen. F. Der Reetor. Am Tage nach jenem Abende, an welchem Ewen von Ker⸗Ellio ſo großer Gefahr ausgeſetzt geweſen war, ritt der Abbé von Kerouellan, der Rector der Gemeinde von St. Michel, ein großer ſtarker Greis in geiſtlicher Tracht, auf ſeinem kleinen Schimmel langſam den ſteilen Weg hinauf, der nach dem Schloß Treff⸗Hartlog führte. Der Sturm hatte ſich gelegt; ein kalter, feuchter Nebel umſchleierte den Horizont; man ſah das Meer nicht, aber man hoͤrte in der Ferne das dumpfe Toſen der Brandung. 36 Der Abbé von Kerouellan ſang mit mehr ſtarker, als wohl⸗ klingender Stimme das Kanouanen ar Belck forhannet (das Lied von dem verbannten Prieſter), das mit den Worten anfängt: „Hört auf einen Rector aus dem Bisthum Vannes, der um des Glaubens willen aus ſeinem Vaterlande verbannt wurde; ſein Leib iſt fern von Euch, aber ſeine Gedanken und ſein Herz verlaſſen Euch nimmer.“ Der Abbé, ein ehemaliger Soldat, hatte nie die ernſten und wichtigen Pflichten des geiſtlichen Standes vernachläſſigt; aber ſeine Sprache war rauh und hart. Wenn dem guten Rector einige Worte entſchlüpften, die zu ſeinem Gewande nicht eben paßten, ſo fügte er als Verbeſſerung gewöhnlich ſchnell hinzu: „Würde ich geſagt haben, als ich Soldat war.“ Uebrigens leitete der Abbé ſeine kleine Heerde mit eben ſo viel Feſtigkeit als Klugheit und ſeine Kirchkinder liebten ihn ſehr. Aus ſeinem männlichen offenen Geſichte ſprach wohlwollende Herzlichkeit. Wenn man ihn feſt und ſicher auf ſeinem Pferde ſitzen ſah, erkannte man wohl, daß er kein Neuling in der Reit⸗ kunſt ſei; das militäriſche Weſen, das ſich nie ganz abſtreifen läßt, verrieth ſich in allen ſeinen Bewegungen. Als er am äußern Thor von Treff⸗Hartlog ankam, zog er die große Glocke. Alsbald erſchien Les⸗en⸗Goch, der den Pfarrer ehrerbietig begrüßte und den Zügel des Pferdes nahm, um daſſelbe in den Stall zu führen. „Iſt Ewen zu Hauſe? fragte der Geiſtliche, der ſeinen ehemaligen Schüler noch immer ſo vertraulich benannte. — „Ja, Herr Rector, der Pen⸗kan⸗ guer wird ſich freuen, Sie von Ihrer Reiſe zurückgekehrt zu ſehen.“ „Wie geht es ihm nach den drei Monaten, die ich ihn nicht geſehen?“ fragte der Abbé, der, wie bereits erwähnt, nach Paris abgereiſt war, als die Veiſtimmung Ewen's ſich eben elte Les⸗en⸗Goch ſchüttelte traurig ſein Haupt. „Ich werde ihn alſo wiederfinden, wie ich ihn verlaſſen habe?“ fragte der Abbé weiter. 2 — „Weit ſchlimmer, Herr Rector.“ „Uud er hat Niemanden, keinen unt Nachbarn bei ſich geſehen?“ 82 — „Niemanden, Herr Rector. Geſtern waren wir, Ann⸗ 37 Jann und ich, während des Sturmes um den Pen⸗kan⸗guer ſehr beſorgt.“ „Nun, was that er während des Sturmes, der mein Haus vom Keller bis zum Giebel tüchtig geſchüttelt hat? Seit zehn Jahren hat kein ſolcher Orkan an der Küſte getobt. Ant⸗ worte; was geſchah während des Sturmes?“ — „Der Pen⸗kan⸗guer war auf dem Meere.“ „Herr Jeſus! Er wird ja ganz toll!“ rief der Rector und er fuiet die Hände dabei. „Auf dem Meer mit Mor⸗Nader,“ ſetzte Les⸗en⸗ Goch Iin u. Das Geſicht des Pfarrers verdüſterte ſich. „Mit dem alten Narren? trotz den ſchlimmen Gerüchten, die über dieſen Menſchen umlaufen? Er thut Unrecht, Les⸗en⸗ Goch, ſehr Unrecht.“ — „Ja, ja, Herr Rector, er thut Unrecht. Mor⸗Nader iſt ein böſer Geiſt; er weiß mehr von der Zukunft, als ein guter Chriſt wiſſen darf.“ „Und Du biſt ein größerer Eſel, als ein guter Chriſt ſein darf. Willſt Du auch an die Zauberkunſt des alten Spitzbuben glauben? Du biſt ein eben ſo großer Narr, wie Dein Herr, und ich bin ein noch größerer, als ihr Beide, da ich vernünftig mit Dir rede. Führe mein Pferd in den Stall, ich werde zu Ewen geben.“ — „Der Pen⸗kan⸗guer ſchläft noch, Herr Rector.“ „Um zehn Uhr! Ich werde ihn wecken; es wäre nicht das erſte Mal. Sage der Ann⸗ Jann, daß ich hier frühſtücke.“ Der Bretagner verneigte ſich ehrerbietig und führte das Pferd des Pfarrers in den Stall, während der Abbé ſelbſt die mit Granitplatten belegte Treppe hinaufſtieg, die zu dem Zim⸗ mer des Herrn von Treff-Hartlog führte. Statt an dem Schlafzimmer Ewen's anzuklopfen, trat er geräuſchvoll hinein und rief laut: „Auf, Faulpelz! auf!“ Ewen ſaß halb angekleidet auf dem Bette und betrachtete das Porträt, von welchem wir geſprochen haben. Um es beſſer ſehen zu können, hatte er es auf einen Stuhl vor ſich geſtellt. Der Herr von Treff⸗Hartlog erſchrak bei der plötzlichen Ankunft des Rectors und wendete ſich raſch um. „Welches Glück! Sie ſind es, mein guter Abbé von 38 Kerouellan?“ rief er eben ſo erfreut als überraſcht und reichte dem Prieſter die Hand. Der Abbé trat zurück. „Nein, nein, Sie verdienen es nicht, Herr Träumer, daß ich Ihnen die Hand reiche. Schöne Dinge muß ich von Ihnen hoͤren! Herr Jeſus, welchen Schüler habe ich da gezogen! Sie ſcheinen raſchen Schrittes nach dem Irrenhauſe zuzugehen. Als er dann das bleiche, abgemagerte Geſicht Ewen's bemerkte, ſetzte er unwillig hinzu und ohne Spott: „Man ſehe das bleiche Geſicht, dieſe eingefallenen Augen! Das fehlte noch. Auch ſeine Geſundheit geht zu Grunde. Aber es iſt ganz einfach: . man will den Sonderling ſpielen, als Menſchenfeind leben; die Langeweile plagt Sie, und da man ſeine Rolle auch ausſpielen will, ſo geht man lieber ganz zu Grunde, als daß man geſteht, daß die Einſamkeit am Ende unerträglich wird. Man geht zu Grunde — und das iſt ſehr angenehm für die, welche Sie lieben. Das kommt von dem abgeſchiedenen Leben.“ — „Sie haben Recht,“ entgegnete Ewen finſter; „es iſt ein jämmerliches Leben.“ — Und wer trägt die Schuld? Wie oft habe ich Ihnen geſagt: heirathen Sie, nehmen Sie ſich ein gutes braves junges Mädchen aus unſrer Gegend zur Frau, die Ihr Herz erfreut und Ihnen ein Heerdchen Kinder giebt; aber nein, der Herr iſt ſtolz, der Herr hält es unter ſeiner Würde, ſich mit einem Mädchen aus der Provinz zu verheirathen; es muß ein Püpp⸗ chen aus Paris ſein, nicht wahr? Schöner Geſchmack das!“ — „Mein üitbe Abbé, ich verſichere Sie, daß Sie mich verkennen und daß — „Das iſt noch nicht einmal Alles,“ fuhr der Rector fort, indem er ſeinen ehemaligen Schüler unterbrach; — „was er⸗ denkt ſich der Herr Baron zum Zeitvertreib? Bei entſetzlichem Wetter auf dem Meere umherzufahren und mit wem, wenn es 4 beliebt? — mit einem alten Narren, den alle redlichen Leute flichen wie die Peſt. Und warum verkehrt der Herr mit einem ſolchen Lump? — weil der Herr Baron, nachdem er halb und ganz verrückten Einbildungen nachgelaufen, ſo geiſtesſchwach, ſo wahnſinnig geworden iſt, daß er ſich an magiſche und teuf⸗ liſche Ideen hängt. Aber es läßt ſich Alles einfach erklären; 3 Zaubeter! — das iſt originell, und dann, es iſt ſpaßhaft, 39 wegen einer Albernheit, die kein vierjähriges Kind erſchrecken würde, mit verſtörter Miene ſagen zu können: „Ja, es giebt etwas Uebernatürliches; der menſchliche Verſtand vermag es nicht zu erklären; und wann — ich — Himmel — Ach, mein Gott! — aber was ſeh' ich?“ rief der Abbé von Kerouellan mit einem Male, ſich ſelbſt unterbrechend, während er mit Ent⸗ ſetzen das halb verwiſchte Portrait betrachtete, das Ewen vor ſich auf einen Stuhl geſtellt hatte. „Herr Jeſus!“ wieder⸗ holte der Abbé, „wie kommt dieſes Portrait hieher? Iſt es möglich?“ — „Was meinen Sie?“ fragte Cwen mit klopfendem Herzen. Der Rector griff, ohne zu antworten, lebhaft nach dem Gemälde und hielt es in das Licht am Fenſter. Ewen folgte allen Bewegungen des Pfarrers mit ſteigen⸗ der Aengſtlichkeit und geſpannt auf die Löſung dieſes neuen Räthſels. „Ja, ja, es iſt daſſelbe“, ſagte der Rector, indem er das Portrait mit der größten Aufmerkſamkeit beſichtigte. „Iſt es ein Traum? täuſcht mich mein Auge? Nein; ich irre mich nicht. Es iſt daſſelbe; da ſtehen die rothgeſchriebenen kaum lesbaren Worte in der Ecke dicht am Rahmen — November. — Es iſt daſſelbe. — Ich begreife nicht —; mein Verſtand weigert ſich zu glauben, was meine Augen ſehen, und doch eriſtirt das, was ich ſehe. Wahrhaftig, das iſt ein Geheimniß, das mich erſchreckt“, ſetzte der Abbé hinzu, indem er mit einer Geberde des Abſcheues das Gemälde wieder auf den Stuhl ſtellte. Es lag ein ſeltſamer Contraſt zwiſchen den erſten und letz⸗ ten Worten des Abbé; er hatte ſich eben gegen die Leute exeifert, die ſich thörichter Weiſe in das Wunderbare verlieben, um an unmögliche, übernatürliche Dinge zu glauben, und bei dem An⸗ blicke des Portraits rief er doch ſelbſt aus: — „Ich begreife nicht —; mein Verſtand weigert ſich zu glauben, was meine Augen ſehen, und doch eriſtirt das, was ich ſehe. — Wahr⸗ haftig, das iſt ein Geheimniß, das mich erſchreckt.“ Man ſtelle ſich vor, welchen Eindruck dieſer ſeltſame Wider⸗ ſpruch zwiſchen den Worten und Gefühlen eines ſo feſten, ſo verſtändigen, ſo achtbaren Mannes, wie der Abbé von Kerouellan war, auf Ewen machte. 10 „Noch einmal, wie kommt dieſes Bild hieher, in Ihr Zim⸗ mer, Ewen?“ fiagie der Rector. — „Ich weiß es nicht; ich wartete nur auf Ihre Zurück⸗ kunft, um Sie zu fragen, wen dieſes Portrait darſtellt. Sagen Sie mir, warum ſetzt Sie ſein Anblick ſo in Erſtaunen?“ „Mein Erſtaunen iſt ſehr natürlich, mein Kind. — Vor ſechs Jahren haben wir, y Vater und ich, dieſes Portrait hier in dem Kamine verbrannt.“ — „Sie haben Portrait ein Jahr vor dem Tode meines Vaters verbrant?“ fragte Ewen. „Ich habe es mit eigenen Augen ein Jahr vor dem Tode Shres 2 Paters brennen ſehen.“ „Aber, Abbé, das iſt ja nicht möglich.“ „Ailerdings, abet ich wiederhole, daß ich es habe brennen ſch.“ „Seit dem Tode meines Vaters ſind Sie zwanzigmal in meinem Zimmer geweſen und das Portrait hing da zwiſchen den beiden Fenſtern.“ „Ich habe es nicht bemerkt, ſonſt würde mein Erſtaunen eben ſo o groß geweſen ſein, wie jetzt. „Aber warum verbrannte man das Bild? Wo befand es ſich? Warum habe ich nichts davon erfahren?“ „Weil man keine Veranlaſſung dazu hatte, Ihnen etwas davon zu ſagen. Sie waren, wie ich glaube, bamals auf der Jagd in der Gegend von Lesneven.“ „Warum aber verbrannte man das Portrait?“ „₰ht Vater bat mich, ihm bei der Aufſuchung einiger Dokumente in Bezug auf eine Forderung an den jüdiſchen Ban⸗ quier Achille Dunoyer behilflich zu ſein. „Achille Dunoyer, bei dem meine Gelder angelegt ſind und den Sie in Paris aufſuchen ſollten, bevor Sie hieher zurück⸗ kehrten?“ „Derſelbe; ich habe ihn nicht ſprechen können und werde Ihnen dies ſogleich erzählen. Kommen wir erſt mit der Ge⸗ ſchichte dieſes Teufelsbildes zu Ende. Bei der Nachſuchung nach dieſen Papieren, die Ihr Vater verlegt zu haben glaubte, rückten wir einen großen Schrank ab, hinter welchem dieſes halb verwiſchte Portrait vielleicht viele Jahre lang gelegen hatte. Aus Ihr Vater das Bild erblickte, wurde er bleich und W. 41 „Da alſo iſt das Portrait, das ich nach dem Tode meines Vaters ſo ſehr geſucht habe, um die verhaßte Geſtalt zu vernich⸗ ten, welche ſo traurige Erinnerungen in mir weckt! Sehen Sie hin, Abbé, ſagte Ihr Vater zu mir, es muß ein Datum, ein verderbliches Datum, das unſter Familie immer verderblich war, an irgend einer Ecke ſtehen. Wir ſuchten und fanden wirklich die Worte: November 17. — das Uebrige war verſchwun⸗ den.“ — „Das Wort November iſt noch lesbar“, ſprach Ewen, indem er das Portrait aufmekkſam betrachtete; „die Zahlen hat die Feuchtigkeit zerſtört. Und wer iſt die Frau, die dieſes Bild darſtellt?“ „Das weiß iſt nicht; Ihr Vater ſagte blos, indem er dem Portrait die Fauſt wies: „Du biſt leider! nur zu lange der böſe Geiſt meiner Familie geweſen. Von der Erde biſt Du, Gott ſei Dank! verſchwunden, und es ſoll von Deinem hölliſchen Bilde auch keine Spur übrig bleiben.“ Mit dieſen Worten riß Ihr Vater die Leinwand von dem Holze ab, auf dem ſie ſich be⸗ fand, und da in dem Zimmer des Thurmes, in welchem wir waren, Feuer brannte, ſo warf er vor meinen Augen das Bild in die Flammen hinein. Das betheuere ich auf mein Wort und meinen Prieſterglauben.“ — „Nun, Abbé“, entgegnete Ewen mit düſterer Stimme, „Sie beſchuldigten mich eben, ich glaube zu bereitwillig an über⸗ natürliche Dinge.“ Der gute Rector bemerkte zu ſpät den Fehler, den er ge⸗ macht, indem er den gewöhnlichen Gedanken ſeines ehemaligen Schülers dieſe neue und gefährliche Nahrung gegeben hatte. „Hol' Sie der Teufel“, rief er außer ſich, gleich aber ſetzte er ſeine gewöhliche Verbeſſerung hinzu: „würde ich geſagt ha⸗ ben, als ich Soldat war. — „Iſt das die Lehre, die Sie aus dem ziehen, was ich Ihnen erzählt habe? Es iſt eine ſchöne Beſchäftigung, im Hinterhalte auf Worte zu lauern, die zu Ihren Träumereien paſſen können!“ — „Aber, Abbé, wie geht es zu, daß Sie einen Gegen⸗ ſtand, den ſie vor Ihren Augen haben verbrennen ſehen, wieder ſehen und fühlen?“ „Was beweiſt das?“ — „Was das beweiſt?“ „Ja; man muß wie ein vernünftiger Menſch darüber ſprechen, um ſolche Dinge in's Klare zu bringen. Geben Sie wohl Acht. Iſt es ein Grund, an Uebernatürliches zu glauben, wenn man zugiebt, daß man etwas für den Augenblick Uner⸗ klärliches vor ſich hat? Der Beweis, daß nichts einfacher iſt, liegt eben darin, daß es unerklärlich iſt! — geben Sie immer genau Acht! — was unerklärlich iſt, iſt unmöglich; etwas Un⸗ mögliches aber kann es nicht geben. Das beweiſet offenbar, daß — kurz — daß Alles vollkommen natürlich zugeht.“ Die Logik in dieſer Schlußfolge kam dem jungen Baron nicht eben überzeugend vor; er antwortete deshalb, indem er traurig den Kopf ſchüttelte: — „Und dieſes für unſere Familie ſo verderbliche Datum? Dieſer ſchwarze Monat, der meinen Vater und meinen Groß⸗ vater ſterben ſah; der ſchwarze Monat, der da auf dem Portrait dieſes räthſelhaften Weibes ſteht, der unſrer Familie ſo verderb⸗ lich geweſen iſt, wie Sie ſagen?“ „Nun wieder von dem ſchwarzen Monate! Lucifer ſoll mich braten (würde ich geſagt haben, als ich Soldat war), wenn er nicht ſo dumm wird, wie Les⸗en⸗Goch! Was? der ſchwarze Monat? der ſchwarze Monat? Fallen nicht im No⸗ vember die Blätter ab, ſterben nicht die Pflanzen ab im Novem⸗ ber? Warum ſollten da nicht auch die Menſchen ſterben?“ — „Warum ſind aber zwei meiner Vorfahren in dieſem traurigen Monate geſtorben, Abbé?“ „Weiß ich es? Und glauben Sie denn, die Familie Ker⸗ Ellio habe das Privilegium, in dem Monat November zu ſter⸗ ben? Sie ſind ſo toll, daß man Sie binden ſollte. Und nach ſolchen Beiſpielen ſoll man ſich bemühen, Kinder vernünftig zu erziehen?“ rief der unglückliche Rector, indem er mit großen Schritten auf und ging. „Hätte ich ihm Albernheiten in den Kopf geſetzt, hätte ich ihn Romane und Gedichte leſen laſſen, ſo könnte ich begreifen, was geſchieht; aber nein, ich lehre ihn blos, was ich weiß, und das iſt nicht viel, leſen, ſchreiben, ſeine Mutterſprache ziemlich richtig reden, die vier Fpecies der Rechen⸗ kunſt, damit er ſeine Pachtrechnungen führen könne, und ſoviel von der Geſchichte und Geographie, daß er weiß, Ludwig KII. war der Sohn Ludwigs KlI. und Peking liegt in China. Ich lehre ihn kein Wort lateiniſch, weil ich ſelbſt davon gerade nur ſoviel verſtehe, als ich brauche, um eine Meſſe leſen zu können. Er geht aus meinen Händen fröhlich und redlich, mildthätig und muthig, geſund und kräftig, ſtark und bärtig hervor, er ſieht eher aus, wie ein Pachter, denn wie ein Herr. Er ſpielt muthig funfzehn Monate den Chouan. — Wer, zum Teufel! (würde ich geſagt haben, als ich Soldat war) würde auf den Gedanken gefommen ſein, dieſer rauhe Sohn unſter Küſte würde zuletzt noch ein Träumer, ein Kopfhänger und ſo abergläubiſch werden, wie der dümmſte Bauer? Machen Sie keine ſolchen albernen Streiche mehr, lieber Ewen! Iſt der November ſchlim⸗ mer, als die andern Monate, weil er der ſchwarze Monat heißt? Beſuchen Sie heute Abend unſte guten Leute, Ihre Pächter; Sie werden dieſelben zufrieden und heiter in ihrem Stalle ver⸗ ſammelt finden, wo ſie Milinerez Pontaro (die Müllerin von Pontaro) oder Mellezouron arc' Hant (ie ſilbernen Spiegel) ſingen. Wenn der November ſchwarz für Jemanden ſein muß, iſt er es nicht für dieſe armen Leute, deren Heerd dunkel iſt, weil kein fröhliches Feuer auf ihm flackert? Sie begnügen ſich aber doch mit der milden Wärme des Stalles und wiſſen ſich den Abend angenehm zu vertreiben. Gehen Sie, Ewen! Sie beleidigen Gott und die wirklich Unglücklichen, wenn Sie ſich mit eingebildetem Kummer plagen. Wie dürfen Sie wagen, ſich zu beklagen, wenn ſo viele Unglückliche, die oft hungern und frieren, für ſich und ihre Kinder Gott jeden Abend danken, und mit fröhlichem Herzen erwachen, ſobald es ihren Armen nur nicht an Arbeit fehlt, wie ſchwer ſie auch ſein mag?“ Dieſe ungekünſtelte Sprache des guten Rectors verfehlte ihre Wirkung auf Ewen nicht; er reichte dem Abbé von Kerouel⸗ lan die Hand und ſagte zu ihm: — „Verzeihen Sie mir, lieber Freund. Sie haben Recht; mein Kopf iſt ſchwach geworden; ich erkenne mich oft ſelbſt nicht wieder. Der Gedanke, ja der Gedanke bringt mich um.“ „Der Gedanke bringt Sie um, armer Freund? Ach, man muß immer zu der alten Bibel zurückkehren, um ſich das Herz und den Geiſt zu ſtärken an ihren weiſen Parabeln, wie man zu der reinen und geſunden Milch greift, um den verdorbenen Magen zu heilen. Der Gedanke bringt Sie un? Ach, mein Gott! das iſt ganz einfach, es iſt immer wieder die Geſchichte von dem Baume des Guten und Böſen; Sie haben nach ſeinen 44 Wurzeln gegraben, wie ein Dachs, der ſein Loch baut, und nichts als Bitteres gefunden. Statt als guter Chriſt, als guter Herr zu handeln, den Zweck zu erſtreben, um deſſenwillen Gott Sie geſchaffen hat, gehen Sie umher und ſitzen und grübeln. Was ſitzt Ihnen im Kopfe?“ — „Weiß ich es? Konnte ich vorherſehen, daß meine anfangs ſo friedlichen und heitern Gedanken endlich in dunklen bittern Fluthen über ihre Ufer ſtrömen würden? Nichts iſt klarer, heller und ruhiger, als die Quelle der Helle, und doch vermiſcht ſich dieſer Fluß brauſend mit den Wogen des Meeres. Anfangs gefiel mir die Einſamkeit wohl, ich ſonderte mich mit innigem Behagen von der Welt ab; je mehr ich aber dieſe Reize würdigen lernte, deſto mehr beklagte ich es, dieſes herrliche Leben nicht mit einer geliebten Gattin theilen zu können.“ „Da haben Sie eine ſchöne Entdeckung gemacht! Habe ich Ihnen nicht hundertmal ſchon gerathen, Sie müßten ſich ver⸗ heirathen? Es iſt ja auf der Welt nichts leichter und es hat Ihnen an Gelegenheiten nicht gefehlt.“ — „Allerdings nicht, aber nachdem ich ſo lange an das Ideal gedacht, das ich mir gebildet habe, glaubte ich endlich an daſſelbe und die Wirklichkeit, die ich erfaſſen konnte, kam mir verächtlich vor.“ „Du lieber Gott! Mein armer Ewen, wo haſt Du alle- dieſe Albernheiten gelernt? Wer hat Dir den Kopf zu dem Maße verwirrt? Ideale! Ideale! Nimm Dir eine brave ächte Bretagnerin, eine Monne von Kergalek zum Beiſpiel, oder eine Marie Jeane von Tremadek; Du kennſt ſie beide, haſt ſie bei dem Pardon in Falgvat geſehen. Sie ſind achtzehn Jahre alt und kerngeſund, haben friſche dicke Backen, gute Felder und dichte Eichenwälder, ſie ſind treu wie Gold, und lieblich wie eine gute Frucht; ſie werden Dir ſchöne Kinder geben, die emporwachſen wie der wilde Ginſter und Dir alle Deine Monate in Wonne⸗ monde verwandeln. Soll ich nach dem Frühſtück nach Kergalek! oder nach Tremadek reiten? Ich werbe für Dich, man ſagt Ja, und nach zehn Wochen ſingt man bei Deiner Hochzeit Ar Chouleun. ¹)“ ¹) Die Werbung, ein Nativnallied, das vor der Hochzeit geſungen wird. 3 Geiſt ſ — „Nein, ich werde niemals eine Andere lieben können, als die, welche mir vor meiner Seele ſteht. Wenn ſie lebt, ſo wehe mir! denn ſie muß dieſem Portrait gleichen.“ Nachdem Ewen dieſe Worte mit finſterer Miene geſprochen hatte, verſank er wieder in ſein träumeriſches Sinnen. Der gute Rector konnte eine Bewegung der Ungeduld und des Unwillens nicht unterdrücken; er ſtieß zornig an den Stuhl, ſtürzte ihn ſo mit dem Bilde um und ſprach, indem er mit ſei⸗ nem ſchweren eiſenbeſchlagenen Stiefel auf das Gemälde trat: „Daß Du in der Hölle brennteſt, verfluchtes Bild, wenn Du dieſen Narren noch närriſcher machen mußt! Was hat Dir dieſe Familie gethan? War es nicht genug, daß Du der böſe ſeines Großvaters wareſt?“ — „Abbé, beim Himmel! ſchonen Sie dieſes Bild Ewen. „Nehmen Sie Ihren Fuß da weg!“ „Verflucht! dreimal verflucht!“ wiederholte der Abbé, in⸗ dem er mit dem geſpornten Fuße in das Bild hieb, das zum Glück auf die linke Seite gefallen war. — „Abbé!“ rief Ewen außer ſich. — „Abbé, hören Sie auf oder —“ Und er machte eine drohende Geberde. „Oder?“ wiederholte der Greis, indem er ſich ſeiner gan⸗ zen Länge nach aufrichtete. Dann ſah er den jungen Mann mit einem zugleich ſtrengen und traurigen Blicke an, und ſagte: „Ach, Ewen, Ewen!“ — „Verzeihung, lieber Freund!“ ſprach Ewen, über ſei nen Zorn erröthend; vergeben Sie mir; ich verehrr Sie wie meinen Vater, aber aus Barmherzigkeit ſchonen Sie dieſes Bild.“ Der Rector trat einen Schritt zurück. Cwen hob das Portrait auf und ſtellte es auf den Kamin; als er ſich wieder umkehrte, ſchritt der Abbé von Kerouellan eben aus dem Zimmer hinaus. — „Mein alter Freund!“ rief er, indem er ihm nach⸗ eilte, „wohin gehen Sie?“ „Sie haben mir gedroht, Ewen!“ entgegnete der Alte mit bewegter Stimme, dann machte er ſich los und ſchritt weiter nach der Thüre zu. = „ 46 Der junge Mann ſchwieg einen Augenblick, während er die Hand des Abbe in der ſeinigen hielt; dann ſprach er in ſo ernſtem Tone, daß der Rector erbebte: — „Sie läugnen gewiſſe Schickſalsfügungen und doch kommt Ihnen ſelbſt die Eriſtenz dieſes Portraits unerklärlich, faſt übernatürlich vor. Die Dame, welche es vorſtellt, iſt der böſe Geiſt meines Großvaters geweſen, und wegen dieſes ver⸗ derblichen Bildes drohte ich Ihnen — Ihnen, der Sie mich er— zogen haben, wie Ihr eigenes Kind, Ihnen, der Sie mein ein⸗ ziger Freund ſind, Ihnen, dem vortrefflichen frommen Manne, der Sie meinem Vater die Augen zudrückten! Sagen Sie, iſt dies nicht auch eine Fügung des Schickſals?“ Der Rector, auf den dieſe Worte unwillkührlich einen tiefen Eindruck machten, wußte nicht ſogleich, was er antworten ſollte. Ewen aber fuhr fort: — „Ich beſchwöre Sie, glauben Sie lieber an gewiſſe geheimnißvolle, unwiderſtehliche Einwirkungen, als an einen böſen Gedanken in mir. Vergeben Sie mir; ich ſchäme mich, ich bereue die Bewegung, zu welcher ich mich hinreißen ließ.“ „Ich entſchuldige Dich wahrhaftig auch ohne dieſe Er⸗ klärung, armer Sohn“, ſprach der Abbé, indem er Cwen in ſeine Arme ſchloß. „Gott ſei Dank, zur Erſchütterung meines Verſtandes gehört mehr, als das Auffinden eines alten Bretes, das ich für verbrannt hielt. Deine Hand, mein guter Cwen, Deine Hand! Laß uns nicht mehr davon ſprechen. Aber Du biſt aufgeregt, Du haſt das Fieber gehabt.“ — „Ja, ich habe eine peinliche Nacht gehabt.“ „Und geſtern? Dich bei ſolchem Wetter dem Meere anzu⸗ vertrauen mit einem Menſchen, wie Mor⸗Nader, der früher oder ſpäter, verlaß Dich darauf! merken ſoll, daß ich als Hirte meiner Heerde meinen Hirtenſtab, auch Knotenſtock genannt, mit kräfti⸗ ger Hand zu führen weiß! Der liebe Gott wird mir dieſe etwas weltliche Erecution verzeihen, aber ich will dem alten Spitz⸗ buben die tüchtigſte Tracht Prügel geben, die je ein Taugenichts empfangen hat. Dann werde ich zu ihm ſagen: „So würde ich Dich behandelt haben, als ich Soldat war.“ Dieſe Züchti⸗ gung wird eine milde Gabe ſein, denn hoffentlich erſpart ſie dem Burſchen das Gefängniß oder die Galeere.“ 47 —„Mor⸗Naber iſt nicht das, für das Sie ihn hal⸗ „Er iſt ein jämmerlicher Betrüger, der den Herenmeiſter ſpielt. Wenn er es ſo forttreibt, werde ich nächſtens ein paar Worte über ihn mit dem königlichen Procurator von Kemper reden, und dann wollen wir ſehen, ob der Mor⸗Nader meine Gemeinde noch immer erſchreckt und brandſchatzt.“ — „Hören Sie mich an; der Mann iſt vielleicht ein Monomane, ein Narr, aber ein Betrüger iſt er nicht. Er hat von den Leuten, die ſich an ihn wenden, nie einen Pfennig ver⸗ langt. Er ſagt die Zukunft vorher und der Zufall hat ſeine Prophezeihungen faſt immer wahr gemacht.“ „Bah! bah! wenn er ſich das Wahrſagen nicht ſogleich bezahlen läßt, ſo handelt er als kluger Charlatan, um die von ihm Bethörten zu locken, und er wird ſie ſpäter brandſchatzen. Wenn einige ſeiner Prophezeihungen in Erfüllung gehen, ſo be⸗ weiſt dies weiter nichts, als daß Leute auch bisweilen gewinnen, die rathen.“ — „Hören Sie mich an, lieber Abbé — *, ſprach Ewen nach kurzem Schweigen, „ich kann, ich muß Ihnen vielleicht erzählen, was geſtern während des ſtürmiſchen Wetters Abends geſchehen iſt.“ Der junge Herr von Treff⸗Hartlog ſchilderte den Vorfall vom vorigen Abende; er erzählte, wie ihn die Friſche des Waſſers wieder zur Beſinnung gebracht, nachdem die Schaluppe geſun⸗ ken; wie er, durh den Wind und die Fluth getrieben, habe ſchwimmen und das Ufer erreichen können, das nicht ſo weit entfernt geweſen, als er anfänglich geglaubt, und wie er endlich nach Treff⸗Hartlog halb verwirrt gekommen, einen ſo gewaltigen Eindruck habe der wilde Wahnſinn Mor-Nader's auf ſeine Phantaſie gemacht. Der Abbe entgegnete, nachdem er Ewen angehört und über die Gefahr geſchaudert hatte, welcher derſelbe ausgeſetzt geweſen: „Das beweiſet, daß der Clende ſo dumm und ſo toll war, daß er ſich mit Ihnen, armer Freund, ertränken wollte, um nach ſeinem Tode von dem Volke für einen großen Zauberer ge⸗ halten zu werden. Die ſchlechteſten Sachen haben ihre Märtyrer gefunden, wie die beſten. Mit Recht hatten Sie ihn einen —— 48 Betrüger genannt, und mit Gefahr ſeines Lebens wollte er ſich rächen. Vielleicht wußte er auch, daß die Küſte nahe ſei. Da Sie glauben, daß er, wie Sie, dem Tode entgangen iſt, ſo will ich Ihnen keine Vorleſung halten; der Vorfall hat Ihnen be⸗ wieſen, wie unrecht Sie thaten, als Sie Ihr Leben den Händen eines ſolchen Elenden anvertrauten. Doch laſſen wir das, ſprechen wir von etwas Anderem und gehen wir von dieſen trau⸗ rigen Viſionen zu ganz materiellen Intereſſen über. Wollen Sie, lieber Ewen, halb ruinirt ſein?“ — „Was ſagen Sie?“ „Das Geld, das Ihr Vater bei dem Banquier Achille Dunoyer in Paris angelegt hat, ſcheint mir ſehr gefährdet zu ſein. Es handelt ſich um einen bedeutenden Theil Ihres Ver⸗ mögens, und ich glaube nicht, daß dieſer Verluſt Ihnen gleich⸗ gültig iſt.“ — „In welcher Art ſollte das Geld gefährdet ſein?“ „Es iſt ſehr gefährdet, wenigſtens fürchte ich es. Der Herr Achille Dunoyer konnte mir nicht den vierten Theil der Summe auszahlen, die ich für Sie erheben ſollte.“ — „Man nannte aber doch den Herrn Achille Dunoyer unermeßlich reich.“ „Man ſagt gar vielerlei, mein Sohn. So viel iſt gewiß, daß man, als ich zu ihm ging, mir ſagte, er ſei verreiſt, man wiſſe nicht genau, wann er zurückkommen werde, und er habe keine Ordre zu dieſer Zahlung hinterlaſſen. Da es ſich um eine Kleinigkeit von 50,000 Fr. handelt, ſo ſollte ich meinen, dies vergeſſe man nicht, es müßte denn eine Summe von 50,000 Fres. für den Herrn Dunoyer weniger als nichts ſein.“ — „Die Sache iſt allerdings ſeltſam.“ „Ihr Notar in Kemper räth Ihnen, ſogleich nach Paris zu reiſen und Ihre Maßregeln zu nehmen, ſo lange es noch Zeit iſt.“ — „„Kann ich nicht dem Notar in Kemper Vollmacht geben?“ „Das geht nicht an. Wenn ſich der Herr Achille Dunoyer in ſchlechten Umſtänden befindet, ſo kommen Verhandlungen vor, bei denen nur Sie allein Ihre Zuſtimmung geben oder ver⸗ ſagen können.“ — — . 49 — „Ach, wie läſtig!“ rief Ewen verdrüßlich aus. „Das Leben in Paris wird mir gewiß unerträglich ſein. Ich kenne Niemanden dort.“ „Und Ihr Vetter, der Herr Graf Eduard von Montal, an den Sie mir einen Empfehlungsbrief mitgaben?“ — „Ich habe ihn vor drei Jahren kaum ein paar Mal in Kemper geſehen, wo er einen Monat bei dem alten Ritter von Lemolean verbrachte.“ „Er wird Sie gewiß eben ſo gut aufnehmen, als er mich aufgenommen hat. Er wird Sie einführen; er kennt die große Welt und ſcheint, wenn nicht reich, doch wohlhabend zu ſein.“ — „Ich glaubte, es ſei ihm von dem Vermögen ſeines Vaters nichts mehr übrig.“ „Das hatten Sie mir auch geſagt, Ewen; wenn dies der Fall wirklich iſt, ſo muß er den Stein der Weiſen gefunden ha⸗ ben, denn er wohnt wie ein Fürſt. Uebrigens ſtellte er ſich Ihnen herzlich ganz zur Verfügung für den Fall, daß Sie ein⸗ mal nach Paris kämen.“ — „Das iſt ſehr freundlich von ihm.“ „Allerdings, und doch würde ich, wenn ich Sie nicht kennte, wie ich Sie kenne, einen andern Mentor für Sie ge⸗ wünſcht haben, denn während meines Beſuchs erſchien ein ſchlechtes Subjekt von mittleren Jahren bei ihm, ein gewiſſer Marquis von Beauregard — richtig, Beauregard (merken Sie ſich dieſen Namen), der wie der ſchamloſeſte Taugenichts aus⸗ ſah. Ich muß indeß der Gerechtigkeit die Ehre widerfahren laſſen und geſtehen, daß der Marguis, nachdem ſeine erſte Ver⸗ wunderung vorüber war (Ihr Vetter mag nicht oft Männer meines Standes bei ſich ſehen), ſo artig als möglich gegen mich war, was beweiſet, daß er wenigſtens eine gute Erziehung ge⸗ noſſen hat. Lange habe ich mich, wie Sie ſich leicht denken kön⸗ nen, nicht aufgehalten, doch lange genug, um ein Mädchen, das Ihr Vetter Julie nannte, hereinhupfen zu ſehen.“ — „Wer war dieſes Mädchen?“ „Nach dem, was ich in den Zeitungen geleſen habe, iſt das Mädchen eine der berühmteſten Schauſpielerinnen unſerer Zeit. Sie können ſich denken, lieber Freund, daß der Abbé von Kerouellan bei dem Anblicke eines ſolchen Zugvogels nicht lange bei Ihrem Vetter geblieben iſt. Sie, mein lieber Ewen, werden Thereſe Dunoher l. 4 50 trotz der Gefahr, den frechen Marquis von Beauregard und jene Demoiſelle Julie zu treffen, immer wohl thun, wenn Sie den Herrn Grafen von Montal beſuchen. Solche junge Leute ken⸗ nen alle Welt, und Sie erhalten vielleicht von ihm ſogar nütz⸗ liche Winke über die Art, wie Sie mit dieſem Dunoyer in's Reine kommen, und worüber ich mit ihm nicht ſprechen konnte, ohne von Ihnen beauftragt zu ſein. Reiſen Sie alſo nach Paris, mein Sohn, ſobald als möglich, ſowohl wegen Ihrer Geldangelegenheiten, als auch wegen der Geſundheit Ihres Ge⸗ müths. Befinden Sie ſich einmal in der großen Stadt, ſo wer⸗ den Sie, ſelbſt gegen Ihren Willen, von der Melancholie frei werden, die an Ihnen nagt, und nach wenigen Monaten ruhig und mit dem Vorſatze zurückkommen, von meiner Hand eine Frau anzunehmen.“ — „Sie haben vielleicht Recht“, antwortete Ewan, „meine krankhafte Phantaſie hat einige ſeltſame Ereigniſſe bis . in's Abenteuerliche geſteigert. Die Zerſtreuungen in Paris, die Ortsveränderung, die Sorge für mein Intereſſe werden dieſe thörichte und unglückliche Melancholie verſcheuchen. Ja, mein alter Freund, ich hoffe es; geheilt von meiner Traurigkeit werde ich zurückkommen und durch Sie um Eine Ihrer Schutzbefohl— nen werben.“ „Komm, mein Sohn“, rief der Abbé, „komm in meine Arme! Seit langer Zeit hat mein Herz nicht ſo freudig ge⸗ ſchlagen. Reiſe morgen, ich würde ſagen, reiſe ſogleich, wenn dies möglich wäre. Dein Notar in Kemper ſagte mir, daß er 40,000 Fres. für Dich erſpart habe; das iſt zweimal ſoviel, als Du zu der Reiſe und dem Aufenthalte in Paris brauchſt. Das Geld wird nicht ſchlecht angelegt ſein, wenn Du durch Deinen Aufenthalt in Paris den Herrn Dunoyer nöthigen kannſt, Dir zu zahlen, was er Dir ſchuldig iſt. Trotz ſeinem Reichthum habe ich kein rechtes Vertrauen zu ihm. Das räthſel⸗ hafte Portrait da“, ſagte der Pfarrer, indem er nach dem Ge⸗ mälde griff, ſoll diesmal wirklich verbrannt werden; die ſchöne Glut da im Kamine ſoll uns ſogleich davon befreien.“ — „Nein, Freund“, fiel Ewen ein, „thun Sie es nicht; ich will dieſes Gemälde vielmehr aufbewahren. Später, wenn ich es betrachte, wird es mich an meine Schwäche er⸗ innern.“ 51 „Hmlhm! ich ſähe es lieber, wenn das abſcheuliche Bild vernichtet würde“, ſagte der Abbé, indem er ungern ſeine Hand zurückzog. * — „Alter Freund“, entgegnete Ewen lächelnd, „ich werde am Ende glauben müſſen, daß Sie ſich vor dem blaſſen Bilde da fürchten.“ „Um Dir zu beweiſen, daß ich mich vor ihm nicht fürchte, ſo will ich es, wenn Du es verlangſt, allen Teufeln zum Trotze (würde ich geſagt haben, als ich Soldat war) mit in mein Haus nehmen.“ — „Nein, nein, laſſen Sie es hier bis zu meinem Hoch⸗ zeitstage; dann wollen wir es feierlich verbrennen.“ eo ſei es, denn dieſer Tag iſt hoffentlich nicht mehr weit entfernt. —“ Nach dieſem Geſpräche fühlte ſich Ker⸗Ellio etwas beruhig⸗ ter und er ſah hauptſächlich die Wichtigkeit ein, ſich von den DOrten zu entfernen, an denen ſeine Gedanken ſich faſt bis zum Schwindel verwirrt hatten. Um in dieſem guten Vorſatze nicht wieder wankend zu werden, bat er den Abbé, den ganzen Tag in Treff⸗Hartlog zu bleiben und ſelbſt da zu ſchlafen. Der Rector wünſchte ſelbſt zu aufrichtig, Ewen abreiſen zu ſehen, als daß er dieſer Aufforde⸗ rung nicht nachgekommen wäre. Den übrigen Theil des Tages verbrachte man mit den Vorbereitungen zu der Reiſe. Ann⸗ Jann wiſchte mehrmals die Augen, wenn ſie an die ſo plötzliche Abreiſe ihres Mab⸗met⸗brin und an die Gefahren dachte, denen er in Paris ausgeſetzt ſein würde, denn Paris und die Hölle waren für die alte Amme vollkommen gleichbedeutend. Der Kummer des alten Les-en⸗Goch war, wenn auch ſtumm, doch eben ſo groß, wie der ſeiner Frau; er rauchte den ganzen Tag hindurch nicht eine Pfeife aus, war noch ſchweig⸗ ſamer als gewöhnlich und antwortete auf die Befehle des Pen⸗ kan⸗guer höchſt einſilbig. Ewen hatte einen Augenblick daran gedacht, dieſen treuen Diener mit ſich zu nehmen, der Abbé rieth ihm aber davon ab, und machte ihm bemerklich, daß ihm Les⸗en⸗Goch in Paris mehr hinderlich als nützlich ſein würde. Uebrigens würde auch der Bretagner niemals eingewilligt haben, ſeine Rationaltracht ab⸗ 1* 52 zulegen, um die Kleidung eines Andern (Herrn), wie er ſich ausdrückte, anzuziehen. Am andern Tag wurden zwei Ackergäule an die alte Kutſche geſpannt, deren ſich ſchon zwei Generationen der Ker⸗Ellio be⸗ dient hatten. Ein Knecht ſetzte ſich auf den Bock und Ewen verließ Treff⸗Hartlog. Der Abbé von Kerouellan, der ſeinen Zögling bis Pont⸗Crvir begleiten wollte, ritt neben dem Wagen. Wir brauchen nicht von den bittern Thränen der Ann⸗ Jann und von der düſtern Verzweiflung Les⸗en⸗Goch's zu ſprechen, als das treue Dienerpaar an dem Thore des Herrn⸗ hauſes in der Ferne den Wagen verſchwinden ſah, der den jungen Herrn entführte. Zu allen Gefahren, denen Cwen ohne Zweifel in Paris, der gottloſeſten Stadt, ausgeſetzt ſein würde, fügten die beiden ungebildeten Leute noch die Gefahren, welche ihm der unglück⸗ liche Tag ſeiner Abreiſe zuziehen müßte, denn Ewen reiſete an einem Freitage des ſchwarzen Monats ab. Ann⸗Jann wollte gegen ihren Mab⸗mer⸗brin eine Bemer⸗ kung darüber machen, der Abbé aber, der es hörte, warf ihr einen ſolchen Blick zu, nahm ſie dann bei Seite, und las ihr ſo derb den Tert, daß die arme Frau kein Wort zu ſagen wagte. Als die beiden Bretagner gar nichts mehr von dem Rollen des Wagens hörten, kehrten ſie ſchweigend in die Küche zurück. Ann⸗Jann ſetzte ſich an der einen Seite des Heerdes nie⸗ der, verhüllte das Geſicht mit ihrer Schürze und weinte noch bitterer als damals, da Ewen an der Spitze ſeiner Chouans in den Kampf auszog. An der andern Seite ſaß Les⸗en⸗Goch mit übereinander geſchlagenen Armen, ließ den Kopf ſinken und rührte ſich nicht. Die Nacht fand die beiden Diener noch an derſelben Stelle neben dem kalten Herde; ſie hatten kein Wort geſprochen. Nur das erſtickte Schluchſen der Ann⸗Jann unterbrach die traurige Stille, die in Treff⸗Hartlog herrſchte. 53 VI. Der Herr von Montal. Der Leſer wird gern die Felſen der bretagniſchen Küſte ver⸗ laſſen, um uns in eine kleine Wohnung im Entreſol eines Hauſes des Boulevard des Italiens in Paris zu folgen. Dieſe Wohnung des Herrn Grafen Eduard von Montal hat, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, eine ſehr bezeichnende Phyſiognomie; es gehört jedoch einige Uebung dazu, um die Nuancen zu erkennen, welche dieſe Phyſtognomie charakteriſiren. Beim erſten Blick fällt ein Anſchein von Lurus, ſelbſt von Ele⸗ ganz auf, bei etwas größerer Aufmerkſamkeit entdeckt man aber, daß Alles auf Effect abgeſehen, Alles Nachahmung iſt. Papiertapeten und gemeine Stoffe ahmen die weiche Dicke und die glänzenden Farben der alten Damaſte nach. Einige grobgemalte, in Kupfer gefaßte, moderne Porzellanvaſen ahmen das alte Porzellan von Sovres mit der ſo feinen Malerei und der vergoldeten Bronze nach. Weiterhin iſt ein Büffet von Eichenholz, eine groteske Zuſammenſtellung von gothiſchen Fel⸗ dern und Renaiſſance⸗Frieſen, eine Nachahmung jener be⸗ wundernswürdigen Meubles von Ebenholz oder Nußbaum, die mit ſo viel Vorliebe und mit ſo großer Kunſt geſchnitzt ſind, an denen eine reizende Phantaſie ſich in ſeltſamen Arabesken von Vögeln, Kindern und Blumen ergeht. Mit Kupferplättchen ausgelegte, geſchmacklos geſchnörkelte Eckſchränke ahmen jene Boule⸗Meubles nach, an denen das braune von Korallen und Perlmutter eingefaßte Schildpatt mit Kupfer ausgelegt war, welches Nanteuil oder Audran, jene unnachahmlichen Graveurs zur Zeit Ludwigs XIV., mit dem Grabſtichel geſchmückt hatten. Einige Käſtchen endlich von vergoldetem Silber und mit unäch⸗ ten Steinen beſetzt, einige Emails von Limoges, die prahlend auf einer Etagsre ausgeſtellt waren, bildeten eine Nachah⸗ mung jener ſeltenen Sammlungen von florentiniſchen Basreliefs in Buchsbaum oder Elfenbein, von ſilbernen Figürchen, an deren Sockel man den Namen Germain Pilon lieſet, von byzantiniſchen in Purpur und Himmelblau emaillitten goldenen Statuetten, 5⁴ und von niedlichen Tabatieren, auf denen die bewundernswürdig⸗ ſten Miniaturgemälde Petitots mit Smaragdblättern, mit Guir⸗ landen aus ächten Perlen und Rubinen eingerahmt ſind. Ebenſo war es mit den Gemälden; einige breite Rahmen mit ſchlechten verräucherten, undeutlichen, von dickem Firniß bedeckten Male⸗ reien ahmten die Meiſterwerke Wouvermann's, Teniers' oder van Oſtade' nach. Wir heben dieſe Unterſchiede zwiſchen dem ächten und falſchen Lurus bei Gelegenheit des theatraliſchen Aufputzes hervor, mit dem ſich von Montal umgab, weil dieſes unabweisliche Bedürfniß zu ſcheinen einer der vorſtechendſten und am deutlichſten ausgeſprochenen Züge in dem Charakter dieſes Mannes war. Wir werden uns ſpäter darüber erklären. Es kommt uns nicht in den Sinn, die geduldige Mittel⸗ mäßigkeit zu verſpotten, die eine beſcheidene Wohnung durch viele Entbehrungen ſchmückt; wir achten dieſen Cultus des eige⸗ nen Heerdes, dieſes Streben nach Lurus im Hauſe hoch, ſelbſt wenn die Regeln des guten Geſchmacks dabei nicht immer beob⸗ achtet werden. Die Leute, welche viel zu Hauſe ſind, welche ihre vier Pfähle lieben, wie man im gewöhnlichen Leben ſagt, die ihr Zimmer mit Liebe ausſchmücken, wie Fromme eine Kapelle, er⸗ freuen ſich faſt immer eines Andern unbekannten Glückes, führen ein reines friedliches Leben oder beſitzen vortreffliche Eigenſchaften, welche eine Vorliebe für die Einſamkeit erzeugen. Die Leute, welche im Stillen ſo recht glücklich ſind, die einfachen Charaktere, die etwas menſchenſcheuen Trümmer be⸗ ſitzen unſere ganze Theilnahme. Der Herr von Montal gehörte zu keiner Klaſſe dieſer Freunde des ſtillen, häuslichen Glückes; ob er gleich ſeine Woh⸗ nung ſo ſehr als möglich ausgeſchmückt hatte, ſo würde ihm doch nichts unangenehmer ſein, als einen Tag oder einen Abend einſam zu Hauſe zuzubringen. Für die Leute, welche ein außerhäusliches Leben, ein ge⸗ räuſchvolles, bewegtes, vorzugsweiſe von äußern Eindrücken abhängendes Leben führen, iſt das eigene Zimmer ein öder, ſtiller Raum, das Pandämonium, in welches ſie jeden Abend zurückkehren, um über den Demüthigungen des Stolzes, über dem Haſſe der Eiferſucht, über den bittern Thränen einer ver⸗ ſchmähten Liebe zu brüten; ſie haben, als fortwährend auf der * Bühne beſchäftigte Acteurs, zu Hauſe nur Gedanken des Zornes oder des Neides, denn zu Hauſe fühlen ſie erſt die ſchmerzliche Nachwirkung deſſen, was ſie in der Geſellſchaft mit Lächeln auf den Lippen ertragen haben. Da ſolche Leute das, was ſie das Glück nennen, nur aus dem Grunde erſtreben, damit man ſie ſehe, damit man ſie kennen lerne und für glücklich halte, ſo ver⸗ mag die Erinnerung an ihr erkünſteltes Behagen ihre Einſamkeit nicht aufzuheitern, denn dieſes Behagen entſteht und ſtirbt im Glanz und Rauſch der Feſte. Die wahren Freuden dagegen, die immer etwas egoiſtiſch, etwas mißtrauiſch ſind, enthüllen alle ihre Reize nur in der trau⸗ lichen Stille des Hauſes; dieſes wird ihnen dann theuer und heilig; ſelbſt die materiellen Gegenſtände verwandeln ſich in Schätze lieber Erinnerungen, ſpäter in die Schätze der Sehn⸗ ſucht, ja in Schätze! Rechnet man den ſehnſuchtsvollen Rück⸗ blick nach dem vergangenen Glücke für nichts? — die Sehn⸗ ſucht — jene melancholiſche Hoffnung der Vergangenheit? Der Herr von Montal gehörte zu der erſten Klaſſe der Leute, von denen wir geſprochen haben; faſt immer kam er ärgerlich geſtimmt, mit Neid und Haß im Herzen, in ſeine Wohnung zurück, wo er mit ſich ſelbſt, mit der traurigen Wirklichkeit ſeiner falſchen und precairen Stellung allein war. Einige Worte über den Charakter dieſes Mannes ſind für das Verſtändniß dieſer Erzählung durchaus nothwendig. Eduard von Montal zählte ungefähr dreißig Jahre und ſtammte von altem gutem Adel der Bretagne. (Sein Urgröß⸗ vater war der Oheim des Vaters Ewen's von Ker⸗Ellio.) Sein Vater war, nachdem er unter dem Kaiſer und unter der Reſtau⸗ ration hohe Aemter in der Verwaltung bekleidet hatte, geſtorben, und hatte ſeinem Sohne ein jährliches Einkommen von etwa 25,000 Francs hinterlaſſen. Das Spiel, gutes Eſſen und Trinken, einige Mädchen von der Oper, eine vorübergehende Leidenſchaft für Pferde zehrten dieſes beſcheidene, aber achtbare Vermögen in fünf bis ſechs Jahren auf. Die unheilbare Wunde Montal's war die Eitelkeit; er hatte ſein Vermögen dem eiferſüchtigen Wunſche geopfert, es viel reicheren Leuten im Aufwande gleichzuthun. Es giebt nichts Entſetzlicheres, aber auch nichts Häufi⸗ geres, als dieſen Schwindel, der den Menſchen nach dem Ab⸗ grunde hinreißt, ob er gleich ſein drohendes Verderben, ſeinen bevorſtehenden Sturz kennt, ob er gleich durch die Dünſte der Trunkenheit hindurch bisweilen am Horizonte die bleichen blut⸗ befleckten Phantome der Armuth und des Selbſtmordes ſich erheben ſieht. Der Herr von Montal gehörte durch ſeine Vergeudung ohne alle Originalität der gemeinſten Klaſſe der Verſchwender an; je mehr ſeine Mittel abnahmen, deſto mehr bemühete er ſich, wie es gewöhnlich geſchieht, die Welt über den wahren Zuſtand ſeines Vermögens zu täuſchen. Man glaubt es nicht, wie unberechenbar groß die Zahl des Elendes, der Verdrüßlichkeiten, der Gemeinheiten, der Nie⸗ derträchtigkeiten, des Unglücks, des entſetzlichen Unglücks iſt, welche die Beſorgniß veranlaßt, vor den Augen deſſen, was Jedermann in ſeinem Kreiſe die Welt nennt, arm zu erſcheinen. Man glaubt es nicht, bis zu welchem Grade ſelbſt ausge⸗ zeichnete Geiſter die Wichtigkeit ihres größern oder geringeren Aufwandes vor den Augen dieſer Welt übertreiben; es iſt ihnen unmöglich, zu Zeiten gewiſſe überflüſſige Ausgaben zu vermindern oder einzuſtellen, obgleich dies ſie vom Verderben retten könnte; ſie halten feſt an dieſen koſtſpieligen Nichtigkeiten, weniger wegen des Genuſſes, den ſie davon haben, als wegen des Anſehens, das ihnen, ihrer Meinung nach, dieſer Lurus in den Augen der Welt giebt. Und, merkwürdig! Niemand freut ſich ſchadenfroher über fremdes Unglück, als gerade dieſe ſelbſtſüchtige Welt, dieſes ver⸗ ſtändige oder vielmehr unverſtändige Weſen, dem man ſo große, ſo ſchmerzliche und bisweilen ſo blutige Opfer bringt, dem man ſein Vermögen, ſeine Ehre, ſein Leben und — ſein Glück ſtets darbringt und hingiebt. Der Herr von Montal hat dieſen Hohn der Welt über die Thoren, die ſich ruiniren, um eine Zeitlang zu glänzen, tief empfinden müſſen. Er ſchützte eine Reiſe nach Italien vor, um ein Recht zu haben, ſeine Pferde zu verkaufen, ſeine Geliebte und ſeine Dienſtleute zu entlaſſen, ohne ſich zu viel zu vergeben; er hatte eine ſehr große Wohnung inne und gab dieſelbe unter dem Vorwande auf, er wolle von nun an ein Haus bewohnen, in welchem er allein ſei; er entäußerte ſich ſeiner Meubles, weil ſie, wie er ſagte, ihm nicht mehr gefielen. Der Verkauf dieſer 57 Trümmer ſeines Wohlſtandes lieferte ihm eine Summe von un⸗ gefähr dreißigtauſend Francs und er konnte davon in irgend einem Winkel Frankreichs verborgen leben, aber doch leben. Statt ſich in dieſe beſcheidene, aber ſichere Lage zu fügen, kaufte der Herr von Montal einen Reiſewagen, und trat mit einem Bedienten, den er behalten hatte, die ſo pomphaft angekündigte Reiſe nach Italien an. In Lyon hielt er an; dann ſchlug er die Straße nach Avignon ein und wohnte drei Monate in einem kleinen Dorfe in der Nähe dieſer Stadt. Darauf erſchien er wieder in Paris und antwortete denen, welche ihn über ſeine italieniſche Reiſe fragten, geheimnißvoll, ein ſeltſamer Vorfall in Lyon habe ſeinen Plan umgeändert, die Discretion verbiete ihm aber, mehr davon zu ſagen. Weil ihn dieſes Abenteuer genöthigt, ſchnell nach Paris zu reiſen, und weil es ihn nöthigen könnte, jeden Augen⸗ blick ſich wieder zu entfernen, hätte er die kleine Wohnung, die wir ſchilderten, nur als Abſteigequartier genommen. Dieſe mühſam erſonnenen Lügen täuſchen, wie gewöhnlich, Niemanden; die Welt hat einen bewundernswürdigen Scharf⸗ blick, durch welchen ſie das zu Ende gehende Vermögen unter den glänzenden Lappen entdeckt, mit denen man es bedeckt; ſie wittert den Ruin von weitem. Montal war feſt davon überzeugt, wie dies ebenfalls ge⸗ wöhnlich der Fall iſt, die Welt über den wirklichen Zuſtand ſeiner Angelegenheiten getäuſcht zu haben. Es waren ihm etwa noch fünfundzwanzigtauſend Franes übrig und er nahm ſich vor, vier bis fünf Jahre von dieſer Summe zu leben, die, wenn ſie klug zuſammengenommen wurde, ihm für dieſe Zeit wohl den Schein des Lurus erhalten konnte, dem er Alles geopfert hatte. Ein anderer, ſehr in die Augen fallender Zug in dem Cha⸗ rakter des Herrn von Montal war ein gewiſſer blinder Glaube an irgend einen Einfluß, der, wie er meinte, nicht zugeben könnte, daß ein liebenswürdiger geiſtreicher Mann, wie er, in eine jener entſetzlichen Verlegenheiten gerathe, denen man nur vurch den Selbſtmord entgehen kann. Wenn man dieſem thörichten Glauben etwas tiefer auf den Grund gegangen wäre, ſo würde man ohne Zweifel das dem Menſchen ſo natürliche Bedürfniß gefunden haben, der pein⸗ lichen Wirklichkeit durch eine tröſtende Hoffnung zu entgehen. 58 Wie eine heilige, auf der Erde vielgeprüfte Seele ſagt: „Ich kann mich unmöglich fromm mein Lebenlang in ſo viel⸗ fachen Schmerz ergeben haben, um in das Nichts zu verſinken;“ ſo dachte Montal bei ſich: „Ich kann unmöglich, nachdem ich im Schooße des Lurus und des Vergnügens gelebt habe, zu einem ſchrecklichen und traurigen Ende kommen.“ Wie der Gläubige hatte er keinen ſichtbaren, keinen greifbaren Beweis für die zukünftige Verwirklichung dieſer Hoffnung; er hielt aber die Lebhaftigkeit ſeiner Wünſche für Gewißheit und glaubte des⸗, halb feſt an ſeinen glücklichen Stern. Wenn der Zufall ſo thörichte Ideen zu begünſtigen ſcheint, indem er ſie bisweilen rechtfertigt, ſo werden ſie unheilbar. Wir werden ſpäter ſehen, wie ein paar glückliche Ereigniſſe den ſelt⸗ ſamen Fatalismus des Herrn von Montal bis zum Schwindel ſteigerten. Mit den fünfundzwanzigtauſend Franes, die er be⸗ ſaß, begann alſo der Graf ein ſo bizarres Leben, wie es überall, außer in Paris, unmöglich iſt. Ein Platz in einer Loge in der Oper, die Mitgliedſchaft eines Clubbs, eine Wohnung von elegantem Ausſehen, feine modiſche Kleidung, ein Bedienter, das iſt das Strengnothwen⸗ dige der an Ueberfluß Armen, wie Brod, Kleidungsſtücke und 5 ein Obdach die dringendſten Bedürfniſſe der wirklich Armen ſind. Sechs bis ſiebentauſend Franes des Jahres, geſchickt gebraucht und vertheilt, können dieſen Similor-Lurus gewähren. Es gewährt, wir geſtehen es, eine gewiſſe Selbſtzufrieden⸗ heit, mit ſo wenigen Koſten in ſehr guter Geſellſchaft glänzen zu können. Aber dieſe übergoldete Mittelmäßigkeit genügte dem Herrn von Montal nicht und erregte um ſo mehr ſeine Verſtim⸗ mung, da ſie ihn forwährend in Berührung mit Perſonen brachte, die eben ſo reich und viel reicher waren, als er es früher geweſen. Wie alle ſehr eiteln Menſchen, bildete er ſich ein, man denke ſtets an ihn, und der Gedanke, man ſpotte über ſeine Verarmung, empörte ihn. Dieſer ſtille Ingrimm ſteigerte ſeinen Wunſch, wieder Vermögen zu erwerben, noch höher, weniget vielleicht, um daſſelbe zu genießen, als um durch ſeinen neuen Lurus diejenigen zu übertreffen, die ſich, wie er glaubte, übr ſein Unglück freuten. 6 Eines Tages nahm er eines jener Lotteriebillets, welche durch die Frankfurter Banquiers ſo häufig ausgeboten werden; — 59 mit einem Louisd'or gewann er dreihundert; er ſah darin eine Kundgebung der Vorſechung, die über ihn wache, und ſein Glaube an eine glänzende Zukunft wurde faſt zur firen Idee. Er hoffte nun, oder er war vielmehr überzeugt, eines Tages eine reiche Erbin oder irgend eine wohlhabende Wittwe zu hei⸗ rathen; die Loge, in welcher er jeden Abend in der Oper thronte, war deshalb gewiſſermaßen ein für ſeine Pläne durchaus noth⸗ wendiges Ausſtellungsloral und er ſah dieſe Ausgabe für ein Kapital an, das ihm einſt reichliche Zinſen tragen würde. So vergingen anderthalb Jahre; die Erbinnen und Witt⸗ wen erſchienen nicht; aber das Vertrauen auf ſeinen Glücksſtern blieb unerſchüttert. Zwei für ihn ſehr glückliche Umſtände, ob ſie gleich mit ſeinen Heirathsabſichten nicht in Verbindung ſtan⸗ den, belebten ſeine Hoffnung von Neuem. Ein Schulfreund des Herrn von Montal, ein unbekannter und lächerlicher Advocat mit Namen Roupi⸗Gobillon, wurde aus einem Deputirten ein Miniſter — durch welchen ſinnreichen Mechanismus, werden wir ſpäter angeben. Um ſich in dem Glanze ſeiner neuen Stellung ſeinem ehemaligen Mitſchüler zu zeigen, der ihn bis dahin wie die Peſt gemieden hatte, und um zugleich den Glauben zu erregen, als habe er ſich vor ſeinem Eintritte in das Miniſterium in guter Geſellſchaft bewegt, kam Herr Roupi⸗Gobillon dem Herrn von Montal in jeder Weiſe entgegen und warf ihm ſeine Kälte vor. „Wenn ich Dich bisher kalt behandeln konnte,“ ſagte der Graf zu ihm, „ſo lag der Grund darin, daß Deine Stellung als ausgezeichneter Advocat, dann als einflußreicher Deputirter und endlich als Miniſter eine ſo hohe war, um Dir es faſt zur Pflicht zu machen, zu mir zu kommen; der gute Geſchmack er⸗ fordert immer, daß hochgeſtellte und ausgezeichnete Perſonen ganz unabhängigen Perſonen entgegenkommen, die weder über noch unter einem gewiſſen Niveau der Geſellſchaft ſtehen.“ Herr Roupi⸗Gobillon, den dieſe Entſchuldigung entzückte, dachte ſich eine Ueberraſchung für ſeinen Freund aus, deſſen be⸗ ſchränkte Umſtände er kannte, und er bot ihm deshalb eines Tages liebevoll ein Tabaksburcau an. Der Graf ſchlug es rund ab, ſchalt den Miniſter tüchtig aus wegen ſeines imper⸗ tinenten Antrags und ſagte, er verlange von Niemandem etwas. Dieſer Antrag und die Ablehnung deſſelben, welche Mon⸗ 60 tal klug und übertrieben unter die Leute zu bringen wußte, ver⸗ fehlten ihre Wirkung nicht; man fing wieder an, von ſeinem Credit zu ſprechen. Er traf Abends mehrmals im Miniſterium mit einigen Collegen ſeines Freundes zuſammen, die keine Roupi⸗ Gobillons warenß er ſpielte den aufmerkſamen Schmeichler gegen ſie und wußte ſeinen Huldigungen dadurch Werth zu geben, daß ſie nicht dem Amte, ſondern dem Manne zu gelten ſchienen. Man fand ihn zuvorkommend, liebenswürdig; ſein Benehmen gefiel, und da er nichts verlangte, ſo wurde er in dieſen politi⸗ ſchen Kreiſen von mehreren ſehr ausgezeichneten Staatsmännern mit freundlicher Gleichgiltigkeit behandelt. Dieſer geſchickt zur Schau geſtellte und mit ſeinem Leben im Clubb und in der Oper in Verbindung geſetzte Umgang ließ den Herrn von Montal allmälig als einen ernſtern Mann er⸗ ſcheinen, als es die Modeherren gewöhnlich ſind; man ſagte von ihm „er habe das Ohr der Miniſter,“ ein freilich vollkommen negativer, für Montal aber doch ſehr werthvoller Vortheil, weil er ihm einen Schein mehr gab und dieſer Schein den Neid vvn Perſonen erregte, die viel reicher waren, als er, denn ſchon fing man an, in einem gewiſſen bittern Tone zu ihm zu ſagen: „Sie ſind ſehr glücklich; Sie gewinnen in einer deutſchen Lot⸗ terie und ſtehen bei den Miniſtern in Gunſt. Manchen Leuten gelingt doch Alles!“ Oder auch: „Ach, Sie ſind klug, lieber Freund, Sie ſind gewandt. Sie gehören zu den Leuten, die ſich keine Sorge um die Zukunft machen und immer auf die Füße kommen, wenn ſie einmal fallen. Mit einem Worte, Sie haben Glück.“ Wenn der erſte Umſtand, den wir erwähnt haben, den Grafen in den Ruf brachte, ein angeſehener und gewandter Mann zu ſein, ſo erhöhte ein beneideter Sieg ſeinen Stolz noch mehr. — Ein junges ſchönes Mädchen, Julie Dubreuil, debutirte in dem franzöſiſchen Theater und machte große Senſation. Ihre Schönheit und ihr an Feinheit, Grazie und Reiz ſehr reiches Talent machten ſie in der eleganten Welt ſehr beliebt. Mehrere der erſten jungen Modeherren unſchwärmten Fräulein Julie; ſie wurden nicht erhört; ein gewaltig reicher Banquier war nicht glücklicher; ein fremder Fürſt, in der ganzen Stadt ſeiner . 61 Prachtliebe wegen bekannt, wurde abgewieſen. Dieſer ſpröde Widerſtand ſteigerte den Ruhm der Künſtlerin bis zur höchſten Stufe. Der Herr von Montal wollte, bis ihm ſein Glücks⸗ ſtern mit einer reizenden Frau, Mädchen oder Wittwe (das war ihm einerlei) Vermögen zuführe, ebenfalls über die eigenſinnige Tugend Juliens zu triumphiren verſuchen und ließ ſich bei ihr einführen. Einige von den Herren, welche der ſchönen Schauſpielerin den Hof gemacht, hatten, auf ihre perſönlichen Reize bauend, in einer Verbindung mit ihr nur ein angenehmes Verhältniß ſehen wollen und ſich wenig um die Couliſſenintriguen Juliens gekümmert; Andere, welche ſolide Vortheile boten, verlangten vor allen Dingen die Entfernung einer Art Tante mit Namen Madame Sauvageot, eines unerträglichen Geſchöpfs, die einen unbeſchränkten Einfluß auf Julien hatte. Der Herr von Montal verfuhr ganz anders und außer⸗ ordentlich kug. Die Abweiſung ſeiner Nebenbuhler diente ihm zur Lehre und er bemühte ſich deshalb, zuerſt die Tante Sau⸗ vageot zu gewinnen. Er war im höchſten Grade galant und zuvorfommend gegen dieſe ſchreckliche Alte; er benahm ſich, als gehöre er zu der Familie, und nahm lebhaftes Intereſſe an den Theatertrivialitäten, an den Rolleneiferſuchten, welche durch Juliens Talent nothwendig geweckt wurden. Als Beſchützer, Berather und erklärter Sald der jungen Künſtlerin, ließ ſich Montal durch die unangenehmſten Schritte nicht zurückſchrecken; ſein ſcharfſinniger Geiſt erſann tauſend Aus⸗ kunftsmittel; er gewann das Wohlwollen einiger namhaften Journaliſten, verwickelte ſie ſehr geſchickt in einen erbitterten Kampf gegen die Rivalinnen Juliens, kam allen Intriguen auf den Grund und vereitelte alle gegen ſeine Freundin angelegten Couliſſencomplotte. So, unetmüdlich, unabläſſig, bald herz⸗ lich, bald herzlos, bald voll Schmeicheleien, bald voll Grob⸗ heiten, erlangte er eine ſehr einflußreiche Einwirkung auf die Umgebung Juliens, wurde der geheime Rath derſelben und der Schrecken ihrer Nebenbuhlerinnen. Selbſt der Ehemann, der den Gewinn und den Ruhm, welche das dramatiſche Talent ſeiner Frau der ehelichen Ge⸗ meinſchaft bringt, im höchſten Grade liebt, würde keine demü⸗ thigere Verehrung, keinen eiferſüchtigern Fanatismus haben 62 zeigen können, als Montal für das Talent und die Perſon Juliens kund gab. So große Aufopferung, ſo große Selbſtverläugnung, ſo große Aufmerkſamkeit und Thätigkeit fand denn auch ihren ſüßen Lohn; der Herr von Montal, den die Tante Sauvageot achtete, wurde von Julien geliebt. Ja, Madame Sauvageot vermochte der Verführung des Herrn von Montal nicht zu widerſtehen. Er gab ihr Beweiſe von einer zugleich ſo zärtlichen und ſo kindlichen Verehrung, daß ihn die Tante ihren Sohn, bald ihren kleinen Notar nannte, Letzteres wegen der verſtändigen Art, mit welcher er über die materiellen Intereſſen Juliens ſprach. Dieſer Sieg, von dem man nur die glänzende Außenſeite, nicht aber die ſchmachvollen Urſachen und Mittel ſah, ſtellte den Herrn von Montal in der Rangordnung der nobiſchen Lrute zwar ſehr hoch, erhöhte ſeinen Ruf als glücklicher und gewandter Mann und erregte den Neid ſeiner Freunde, änderte aber in ſeiner pecuniären Lage nichts. Nachdem ſein Verhältniß mit Julien, die ihn übrigens mit der größten Uneigennützigkeit liebte, zwei Jahre gedauert hatte, war ſein Vermögen bis auf zehn⸗ tauſend Francs herabgeſchmolzen. Zum Unglück für das Zartgefühl Montals war ſeine Liebe zu dem jungen ſehr kühl; täglich verletzte ſie ihn durch ihr gemeines Weſen oder durch gebieteriſche Anforderungen; da er aber, nicht aus Liebe, ſondern aus Stolz an dieſer glänzenden Croberung feſthielt, ſo ertrug er mit verbiſſenem Grimme die ſchmählichſten Beleidigungen; mit einem Worte, der Graf war arm und Julie ſein Lurus, denn die, welche er um ihr Ver⸗ mögen, um ihre hohe Stellung beneidete, beneideten ihn um dieſes Mädchen; er würde deshalb vor keiner Niederträchtigkeit zurückgewichen ſein, wenn es darauf angekommen wäre, die Geliebte ſich zu erhalten. Wir ſagen „Niederträchtigkeit,“ weil Montal Julien nicht liebt; hätte er ſie geliebt, ſo würde ſeine Kammerdienerei vielleicht lächerlich, aber keine Schande ge⸗ weſen ſein. Das war noch nicht Alles; der Graf mußte ſich oft ſtellen, als höre er gewiſſe ſtechende Worte eines alten faſt gebrechlichen Schauſpielers Ducanſon nicht. Dieſer äußerſt chniſche und beißende Mann ſtand an der Spitze der Partei der Gegner Ju⸗ 63 liens und verſchonte ſie weder mit anzüglichen noch groben Worten ſelbſt im Beiſein Montals, der ſie häufig in das Theater begleitete, da Madame Sauvageot ihm einen letzten Beweis ihrer Achtung und ihres Vertrauens mit den Worten gegeben hatte: „Sie ſind zugleich der Liebhaber und der Bruder Ju⸗ liens; ich brauche mich nicht mehr um ſie zu kümmern; Sie ge⸗ hören zur Familie.“ Der beißende Spott des alten Ducanſon war zwar für den Herrn von Montal nicht minder unerträglich, da er aber von einem gebrechlichen Alten keine Satisfaction verlangen konnte, ſo ertrug er geduldig die Folgen der Stellung, in welche er ſich bei Julien gebracht hatte. Unterdeß verging ein Jahr nach dem andern und der glück⸗ liche Einfluß des guten Sterns des Herrn von Montal wollte ſich noch immer nicht fühlbar machen. Vor und ſeit ſeiner Ver⸗ bindung mit Fräulein Julie war er in der Oper und in Geſell⸗ ſchaften von allen Wittwen und allen Erbinnen in Paris geſehen worden und keine that, als bemerke ſie ihn. Obgleich Julie ihm keine Ausgaben verurſachte, ſo hatte er doch kaum noch für anderthalb Jahr zu leben und er mußte nach dieſer Zeit, wenn ſich kein Wunder ereignete, dem vollſtändigſten Mangel ausge⸗ ſetzt ſein und ſich glücklich ſchätzen, wenn ihm ſein Freund Roupi⸗ Gobillon ein Aemtchen verſchaffte, vorausgeſetzt, daß derſelbe dann noch Miniſter ſei. Eines Tages verzweifelte denn Montal an ſeiner Vor⸗ ſchung, da er die Armuth immer näher rücken ſah; mit einem Male aber kam ihm ein Gedanke bei, die Hoffnung kehrte zurück und er ſprach zu ſich ſelbſt: „Ich bin ein großer Thor! Meine Vorſehung, meine treue Vorſehung bietet mir, wenn auch keinen Schatz, ſo doch eine angenehme, vollkommen geſicherte Eriſtenz und ich bin blind genug, an dieſem Glücke vorbeizugehen! Julie beſitzt hundert⸗ tauſend Thaler, die gut angelegt ſind, ſie verdient jährlich min⸗ deſtens funfzigtauſend Francs; warum heirathe ich ſie nicht? Hält mich eine alberne falſche Scham zurück, deſto ſchlimmer für mich; ich verdiene dann zu verhungern. Wie? Ich ertrage bereits die ganze Langeweile und alle Verdrüßlichkeiten eines Hausweſens, ohne die poſitiven Vortheile davon zu haben. Wie? Ich liebe Julie nicht; ich behalte ſie blos, um mich von 64⁴ den Leuten, die glücklicher ſind, als ich, um etwas beneiden zu laſſen. Wenn ich ſie heirathe, behalte ich ſie doch aus einem vernünftigen Grunde und übrigens — werden wir ja ſehen, wenn ich erſt ihr Vermögen in den Händen habe. Julie beſitzt ein ſicheres Vermögen von 100,000 Thalern und hat jährlich 50,000 Franes zu verzehren; davon können wir köſtlich leben. Ich werde dann freilich nicht mehr dieſelben Geſellſchaften be⸗ ſuchen können, aber ich gehe dann mit Künſtlern um und kann dabei nur gewinnen. Ohne Zweifel wird die Welt mich tadeln. Die Welt!“ — ſetzte er achſelzuckend hinzu — „wenn ich zu meinem letzten Louisd'or gekommen bin (und das wird bald ge⸗ ſchehen), wird mir die Welt zum Lohne dafür, daß ich ihre Vor⸗ urtheile achtete, die Vortheile gewähren, welche ich in einer Ehe mit Julien gefunden haben würde? Bei Gott! ich wäre ein großer Thor, wenn ich um eines Schattens von Anſehen willen die Wirklichkeit verſchmähen wollte, die ſich mir ſo gefällig darbietet.“ Man wird daraus erkennen, daß der Ehrgeiz Montals ſehr geſunken war; es lag ohne Zweifel ein gewaltiger Abſtand zwiſchen Fräulein Julie und einer wohlhabenden Wittwe oder einer reichen Erbin, aber der Graf wollte nicht mit zu großen Anſpüchen an ſeine Vorſehung auftreten, um dieſelbe nicht zu erzürnen. Er wußte beſcheiden zu ſein, indem er annahm, was ſie ihm bot. . Der Graf entſchloß ſich indeß nicht ſogleich zu dieſem wich⸗ tigen Vorſatze; ſeine Eitelkeit und ſein Stolz ſträubten ſich heftig gegen eine ſolche Verbindung. Julie war ſchön wie ein Engel, ſie liebte die Ordnung und Sparſamkeit, lebte vollkommen tadel⸗ los und beſaß ein ausgezeichnetes Talent, war aber etwas phantaſtiſch, rückſichtslos in ihren Forderungen und Anſprüchen und gemein; es fehlte ihrem Charakter an edler Würde und ihrem Geiſte an Bildung. Auf der Bühne war ſie tadellos, ſelbſt höchſt elegant und der Ton ihrer Stimme beſaß einen zauberiſch ſüßen Klang; zu Hauſe aber, wahrſcheinlich um von dem Zwange auszuruhen, den ſie ſich auf der Bühne anthat, ſtieg ſie von ihrem Piedeſtal herunter, legte Maske und Kothurn ab und vermenſchlichte ſich in ſolchem Grade, daß man in ihr leicht die liebe Nichte der Madame Sauvageot erkannte. Wenn der Herr von Montal ſeine zukünftige Frau unter 65 dem Sauvageot⸗Geſichtspunkte betrachtete, wurde ſein Vor⸗ haben bedeutend wankend, beſonders wenn er an gewiſſe ver⸗ trauliche Mittheilungen der Tante dachte, die ihrem „kleinen Notar“ nichts verſchweigen wollte und ihm geſtanden hatte, daß die hunderttauſend Thaler Juliens ihr von ihren ſeligen Be⸗ ſchützern hinterlaſſen worden wären. Solche Arten von Geſchenken und deren Geber bezeichnete die achtbare Madame Sauvageot nie anders. Aus den Worten „„hinterlaſſen“ und „ſelig“ hatte Herr von Montal anfangs geſchloſſen, jene frühern Freunde wären wenigſtens todt — keineswegs; ſie waren nur in dem Herzen Juliens geſtorben, was denn dem Grafen den poetiſchen und bildlichen Sinn der Sprache der Madame Sauvageot erklärte. Obgleich die Herrſchaft der ſelig verſtorbenen Beſchützer Juliens bereits ſeit drei bis vier Jahren ihre Endſchaft erreicht hatte, ſo kam es doch dem Grafen bisweilen äußerſt erniedrigend vor, ſich durch ein Vermögen von ſo unreinem Urſprunge eine angenehme Exiſtenz zu verſchaffen und er ſprach ſich bitter gegen ſeine Vorſehung aus. Er kämpfte gegen die Verſuchung, aber die Noth rückte ihm täglich drohend und unerbittlich näher. Entweder in Folge richtiger Ueberlegung oder in dem Be⸗ dürfniſſe, vor ſich ſelbſt den Entſchluß zu entſchuldigen, den er aus Furcht vor der Armuth faßte, ſagte er auch zu ſich: „Nur in den unwahrſcheinlichſten Romanen findet man Verbindungen gleich der, an welche ich dachte; wie die reichen Wittwen ſelten ſind, welche arme vornehme Männer heirathen, ſo findet man auch ſelten Aeltern, die im Stande ſind, ihre Tochter und ihr Vermögen jungen Herrn zu geben, deren Habe in einem glück⸗ lichen Stern und deren Einnahme in den möglichen Gewinnen in der Frankfurter Lotterie beſteht.“ Nichtsdeſtoweniger entſchloß ſich der Graf von Montal nach langem Zögern doch, die Schauſpielerin zu heirathen. Wäre ihm das Herz weniger durch die Selbſtſucht vertrocknet, weniger durch den Neid gereizt geweſen, ſo hätte er unter die Entſchädigungen für ſein Opfer auch das Glück Juliens rechnen können, die weit entfernt war, einen ſolchen Entſchluß zu erwar⸗ ten, denn der Graf hatte ihr nie ein Wort davon geſagt. Montal gab indeß bei dieſem verzweifelten Vorſatze hauptſächlich der Thereſe Dunoyer 1 5 66 Furcht vor der Armuth nach und dachte wenig oder gar nicht an die ſtolze Freude Juliens mit einem Male Gräfin zu werden. Vierzehn Tage etwa vor der Abreiſe Ewen's von Ker⸗Ellio nach Paris erwartete der Herr von Montal einrs Morgens Julien, um ihr ſeinen Entſchluß mitzutheilen. Er hatte es für zweckmäßig gehalten, daß dieſe wichtige Scene ſeines Lebens in ſeiner Wohnung aufgeführt werde. VII. Die Heirath. . Nachdem wir den geiſtigen Menſchen geſchildert haben, müſſen wir auch noch einige Worte über das Aeußere des Gra⸗ fen hinzufügen. Er war von mittlerer Größe, ſchlank und zierlich gewachſen und hatte ein allem Anſchein nach offenes Geſicht; betrachtete man aber daſſelbe genauer, ſo verriethen gewiſſen Falten der Stirn ſchlechte Gedanken, wie ſeine dünnen Lippen auf Falſch⸗ heit ſchließen ließen. Bei manchen Gelegenheiten hatten ſeine braunen Augen einen Ausdruck heuchleriſcher Sanftmuth, ge⸗ wöhnlich aber war ſein Blick keck und munter; ſeine kleine etwas aufgeſtülpte Naſe gab ihm etwas außerordentlich Schlaues. Das Oval ſeines Geſichtes war regelmäßig, ſeine Zähne da⸗ gegen zeichneten ſich weder durch Schönheit noch durch gute Stellung aus. Im Ganzen hatte der Graf Montal, was man ein ange⸗ nehmes Aeußere nennt; ſeine Haltung war dabei vortrefflich und ſein Benehmen ausgezeichnet. An dem Morgen, da er Julien erwartete, trug er einen Hausrock von franzhſiſchem Caſhemir, Beinkleider von rothem Flanell und türkiſche Babu⸗ ſchen. Er ging in fieberhafter Unruhe in dem Zimmer auf und ab, welches wir beſchrieben haben, als er klingeln hörte; er zuckte zuſammen, machte dann eine entſcheidende Bewegung und ſagte halblaut: „ich darf nicht länger zögern.“ 3 „ 3 67 Die Thüre wurde geöffnet und eine junge Dame trat ein. Julie, groß und hager, ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt, war mehr als beſcheiden gekleidet, nicht aus Armuth, ſon⸗ dern aus Geiz. Ihr Hütchen von halbverſchoſſenem weißen Moire vermochte die dicken Locken ihres ſchönen braunen Haares kaum zuſammenzuhalten. Sie hatte große ſchwarze Augen, einen kleinen Mund mit kirſchrothen Lippen, Zähne wie Perlen, einen etwas braunen, aber friſchen Teint, mit einem Worte, Julie war trotz ihrer höchſt einfachen Kleidung reizend. Leider legte ſie, wie wir bereits erwähnt, mit ihrem Theatercoſtüm auch ihr feines Benehmen ab. Julie hatte ihren Regenſchirm und ihre Galoſchen in dem Vorzimmer ſtehen laſſen, gab dem Herrn von Montal nachein⸗ ander Muff, Mantel und Hut und beobachtete mit ſorgſamem Blick, wie er mit dieſen verſchiedenen Gegenſtänden umging. Da Montal in der Zerſtreuung den Mantel auf den Hut gelegt hatte, ß rief Julie: „Mein Hut! mein Hut! Nimm Dich doch in Acht; Du zerdrückſt ihn mir ja ganz und gar.“ — „Es iſt wahr, liebe Julie, ich achtete nicht darauf.“ „Aber man muß Acht geben; ein faſt neuer Hut! Ich halte auf meine Kleidungsſtücke, Gott ſei Dank! Und wie ſchlecht das Feuer brennt! Sag' mir doch, was iſt Dir einge⸗ fallen, daß Du mich ſtörſt und nach der Probe zu Dir beſtellſt? Gieb mir ein Fußbänkchen. Geh, wie ungalant Du heute biſt!“ — „Liebe Julie, ich habe ein ernſtes Wort mit Dir zu reden,“ begann Montal mit ernſtfreundlichem Geſicht, während er ſich neben dem Stuhle Juliens auf die Knie niederließ und den Arm auf denſelben ſtützte. „Du biſt allerliebſt, wenn Du ſo knieſt und Dein freund⸗ liches Geſicht machſt,“ fiel Julie ſanfter ein. „Sieh mich nicht ſo an, denn ich muß Dir böſe ſein.“ — „Mir böſe ſein?“ „Gewiß. *s iſt wirklich eine Freude, Dir Aufträge zu geben! Ich ſchicke Dich geſtern zu Melnote mit dem Maße zu meinen Stiefelchen; eben ging ich bei ihm vorbei und er wußte kein Wort. Sehr hübſch!“ — „Meine liebe Kleine, ich habe Olivier aufgetragen, dahin zu gehen und ich begreife —“ 5* 68 „Von Olivier iſt nicht die Rede; hätte ich die Sache einem Dienſtboten übertragen wollen, ſo würde ich Annette geſchickt haben. Ich forderte Dich auf zu gehen, damit ich mich darauf verlaſſen könnte, daß Alles recht beſtellt ſei. Man rechne aber nur auf Jemanden!“ — „Sei nicht böſe, mein Engel. Bin ich nicht ſchon unglücklich genug, weil ich mir Dein Mißfallen zugezogen habe?“ „Es iſt aber auch wahr, daß Niemand nachläſſiger iſt, als Du. Letzthin empfehle ich Dir im Zwiſchenakte meine kalte Bouillon; Du weißt, daß ich ſie ſehr nothwendig bedarf, wenn ich in zwei Stücken ſpiele und ſehr angegriffen bin —“ — „Bin ich nicht zu Very gegangen und habe ſie beſtellt?“ „Ja, aber wie fett! wie fett! ſo daß ich ſie nicht genießen konnte. Du hätteſt in Deinem Beiſein das Fett abnehmen laſſen ſollen.“ — „Lieber Engel, Du biſt übler Laune und haſt Unrecht, denn es ſteht Deinem hübſchen Mündchen nichts beſſer, als Dein reizendes Lächeln.“ „Ach, ich ſeh', wohinaus Du willſt; Du willſt mich durch Schmeicheln beſänftigen, es iſt aber nicht nöthig, denn ich bin nicht übellaunig; ich ſage Dir dies Alles, ohne bös zu ſein; aber Du biſt nicht mehr ſo achtſam, wie ſonſt. Siehſt Du, geſtern bat ich Dich, für Tripotte Biscuit mitzubringen; Du weißt, daß die Aufmerkſamkeit gegen das arme Hündchen ein Mittel iſt, mit meiner Tante Sauvageot in gutem Vernehmen zu ſtehen, die das Thierchen vergöttert; aber Du denkſt gar nicht einmal daran.“ — „Es iſt dies ein Vergeſſen, das ich wieder gut machen werde,“ antwortete Montal, der ſeinen Verdruß unter dem reizendſten Lächeln verbarg und heiter hinzuſetzte: „Du wirſt mir wohl glauben, denn ich habe viel und Schlimmes gethan, um der Tante Sauvageot zu gefallen.“ „Siehſt Du, Eduard, ich habe Dir es oft geſagt, ich liebe Dich ſehr, ich habe Dich ſehr reichen Männern und jungen Modeherrn vorgezogen. Ich würde von Dir nicht ſo viel an⸗ nehmen (ſie biß dabei auf einen Fingernagel); Dir gehört mein Herz, meine Tante aber würde ſagen: „Julie, Du mußt zwi⸗ ſchen Deiner Tante und Deinem Eduard wählen; — ach, mein lieber Armer, ich glaube, ich hätte den Muth, Dich zu opfern 69 Ich würde zwar höchſt unglücklich ſein, denn ich liebe Dich wirklich zärtlich, aber — mein Gott, wie das bei Dir raucht! Willſt Du nicht das Fenſter ein wenig aufmachen?“ — „Du wirſt frieren. Der Kamin raucht gewöhnlich nicht. Ich begreife nicht —“ „Da habe ich Unglück; das letzte Mal, als ich bei Dir war, rauchte es auch. Aber welchen Einfall Du nur hatteſt, mich hieher zu citiren! Um ein ernſtes Wort mit mir zu reden? Was denn? Kannſt Du nicht eben ſo ernſthaft bei mir ſprechen?“ — „Nein, mein Engel, nein. Sowohl Deinet⸗ als meinetwegen muß ich Dir, was ich zu ſagen habe, hier ſagen — bei mir. Ja,“ ſetzte er mit einem Lächeln melancholiſcher Zärtlichkeit hinzu, während er noch immer kniete, aber Julien mit einem Arme umſchlang; „ja, meine Julie, ich glaube, meine Worte werden ſo inniger, vertraulicher.“ „Mit welcher Stimme Du mir das ſagſt, mein Eduard! Was iſt es denn? Ich vergehe vor Ungeduld. Es muß etwas ſehr Hübſches ſein, gewiß. Du biſt ſo liebevoll, ſo zärtlich, ſo ſchmeichelnd, wenn Du willſt, Böſewicht! Die Tante nennt Dich ihren kleinen Notar; wenn Du die Aufträge beſſer beſorg⸗ teſt, würde ich Dich lieber meinen kleinen Laufburſchen nennen. — Jetzt mach' das Fenſter auf; es iſt nicht zum Aushalten; es brennt vielleicht beſſer, wenn es zieht. Der Kamin ſcheint gar nicht daran gewöhnt zu ſein, Feuer zu ſehen. Gieb mir meinen Mantel; ich will mich nicht erkälten; ich habe heute eine große Rolle und ich muß mich ſchonen. Richtig! Ich wußte doch, daß ich Dir wegen des Theaters etwas ſagen wollte — Nun kannſt Du das Fenſter wieder zumachen; blaſ' das Feuer noch ein wenig an und es wird gehen.“ Wir brauchen den Ingrimm Montals während dieſer Scene nicht zu ſchildern; da er aber auf dem Punkte ſtand, uih zu ſagen, er wolle ſie heirathen, ſo mußte er an ſich alten. Aus der vorſtehenden Unterhaltung wird man ſich eine Vorſtellung von der niedrigen Sclaverei machen können, mit welcher Montal das Glück bezahlte, um das man ihn beneidete. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß ein ungeheurer Abſtand zwiſchen der zärtlichen Achtſamkeit und der beſorgten Zuvor⸗ 7⁰ kommenheit, welche die wahre Liebe einflößt, und zwiſchen der ſchmachvollen Knechtſchaft liegt, welcher der Graf ſich unterwarf. Montal verſchloß das Fenſter und kniete wieder zu den Füßen Juliens nieder, da er ſobald als möglich zu der wichtigen Beſprechung mit der Geliebten zu kommen wünſchte. Ziemlich ruhig begann Julie darauf wieder, aber allmälig wurde ſie lebhafter: „Ich wußte doch, daß ich Dir etwas wegen des Theaters ſagen wollte! Dieſen Morgen komme ich in die Probe, und in dem Augenblicke, als ich in das Converſationszimmer trete, höre ich meinen Namen nennen. Ich bleibe ſtehen und horche; es war wieder der alte ſchlechte Ducanſon, der immer Abſcheulich⸗ keiten gegen mich erdenkt. Ich trete wüthend ein; er wird immer unverſchämter. Ich ſage ihm dann, er würde es mit Dir zu thun haben und er antwortete, er mache ſich den Teufel aus meinem Liebhaber und mir, und er hat Recht, denn Alles, was ich Dir auch darüber ſage, iſt ſo vergeblich, als wenn ich einen Mohren weiß waſchen wollte.“ — „Aber, liebe Julie, ich —“ „Mein Gott, ich weiß, Du kauſt mir wieder vor, daß der Ducanſon ein gebrechlicher Alter iſt und daß Du Dich weder mit ihm ſchlagen, noch ihm das Reden verbieten kannſt. Was hilft mir das? Er bleibt grob und unverſchämt und wer ſoll mich vertheidigen, wenn Du es nicht thuſt?“ — „Aber, liebes Kind, was ſoll ich thun? Du geſtehſt ſelbſt zu, daß Ducanſon ein gebrechlicher alter Mann iſt; was wird es mir helfen, wenn ich ihm derbe Worte ſage! Ich ziehe mir einen lächerlichen Auftritt zu und warum?“ „Freilich, ich bin es nicht werth, daß man meine Partie nimmt; man darf mich ungeſtraft beleidigen.“ — „Das ſage ich ja nicht, liebe Julie. Ich habe, wie Du weißt, Dein Intereſſe immer, auf jede Art und bei jeder Gelegenheit, vertheidigt.“ „Willſt Du mir damit einen Vorwurf machen? — „Gewiß nicht; aber Du biſt in dem Falle hier nicht gerecht.“ Ich bin nicht gerecht? Ich denke doch, daß ich Dich zu meinem Liebhaber nahm, um Jemanden zu haben, der meine Streitigkeiten übernimmt, wenn dergleichen vorkommen, der 71 meinen Groll theilt, wenn ich Groll hege, und der meine Feinde für die ſeinigen anſieht —“ — „Aber, Julie, höre mich doch an.“ „Mein Gott, wenn ich einen Liebhaber hätte haben wol⸗ len, der mich nur ſeines Vergnügens wegen liebte, ſo brauchte ich ja nur zu wählen; ich wollte aber keinen herzloſen Menſchen, der ſich nicht mit mir in das Theater bemüht, der Wynder was für mich gethan zu haben glaubt, wenn er mit mir ſpaziren fährt, mir Geld giebt oder Geſchenke macht. Gott ſei Dank, ich brauche Niemanden mehr. Ich habe mir ein kleines Ver⸗ mögen erſpart, ich lege meine Gage an, lebe von meinem Spielhonorar und befinde mich in ſolchen Umſtänden, daß ich mir einen Liebhaber für das Herz nehmen kann, von dem ich keinen rothen Heller annehme. Dafür darf ich wohl aber auch verlangen, daß mein Liebhaber mich nicht von einem Ducanſon inſultiren läßt.“ Die Lippen Montal's wurden blaß vor innerem Unwillen; er machte indeß eine heftige Anſtrengung und er konnte auch diesmal noch ſich verſtellen. Freundlich ſagte er: — „Julie, ſei vernünftig; denke nach, erinnere Dich und Du wirſt finden, daß ich bei allen Gelegenheiten Alles gethan habe, was menſchenmöglich war, ausgenommen —“ „Das iſt's ja eben, ausgenommen da, wo Du mich im Stich ließeſt. So war es auch mit dem Kerl von Grenouillot und Du haſt da dieſelben Gründe vorgebracht.“ — „Wer und was iſt Grenouillot?“ „Wie? Wer er iſt? Du kennſt doch Grenouillot, den Chef der Claqueurs! Auch der gehört zur Clique Ducanſon's. Man muß es geſehen haben, wie aufmerkſam, wie dienſtfertig er bei den Debüts der kleinen Spinne, der Mlle. Darbot, gear⸗ beitet hat, während er ſich bei mir nicht rührte.“ „Aber, Jylie —“ „Aber, aber, weil Du ein oder zweimal die kleine Darbot unbedeutend haſt auspfeifen laſſen, folgt noch nicht, daß ich be⸗ klatſcht werde, wie ich es wohl verdiente. Du weißt doch, daß ich einer Anfeuerung bedarf; es gelingt mir ſonſt nichts. — Als ich mich gegen Dich über das unwürdige Benehmen Grenouillot's beklagte, was antworteteſt Du? Mit einem Claqueur könnteſt Du Dich nicht compromittiren. Es iſt alſo immer daſſelbe. 72 Ich muß von dem Einen Alles ertragen, weil er ein Claqueur iſt, und von dem Andern, weil er alt und gebrechlich iſt; als ob keine andern Mittel gegen ſie anzuwenden wären, als Ge⸗ waltthätigkeit!“ — „Welche Mittel denn, mein Engel?“ „Welche Mittel? Tauſende giebt es. Da Du dem Gre⸗ nouillot kein Geld bieten kannſt, ſo mußteſt Du ihn durch das Benehmen gegen ihn gewinnen, durfteſt nicht den Stolzen ſpie⸗ len. Ducanſon würde Zuvorkommenheiten, Schmeicheleien nicht widerſtanden haben.“ — „Du wollteſt, J „Ich? Gewiß nicht; eher ließe ich mich in Stücke hacken, als zwingen, dieſem Ducanſon auch nur eine Artigkeit zu ſagen.“ — „Nun, und —?“ „Aber Du? Du haſt nicht dieſelben Gründe wie ich, Deiner Würde ihm gegenüber nichts zu vergeben; er iſt ja nicht Dein College; mit etwas Geſchick, mit etwas Schmeichelei, und daran fehlt es Dir, Gott ſei Dank! nicht, würdeſt Du den alten Böſewicht haben entwaffnen können, wenn Du nur wollteſt. Er iſt z. B. ein Gutſchmecker; Du könnteſt ihn bis⸗ weilen einladen; ſchmeichelteſt Du ihm, ſo würdeſt Du Dir ihn zum Freunde machen, und Deinetwegen verläumdete und be⸗ ſchimpfte er mich dann nicht mehr.“ Der Herr von Montal zan ſich ſo mit anſcheinender Er⸗ gebung, mit geſenktem Haupte, immer vor Julien knieend, den Tert leſen laſſen; nur an dem ſtarken Klopfen einer Ader auf ſeiner Stirn ſah man, daß er ſeinen Grimm mit Mühe verbiß. Trotz dieſen neuen Vorwürfen, die er hatte anhören müſſen, hatte ſein Blick, als er den Kopf wieder emporrichtete, einen Ausdruck ſchüchterner Zärtlichkeit, ängſtlicher und bittender Unterwerfung, dem Julie nicht widerſtehen konnte; denn ſie war im Ganzen doch ein gutes Mädchen, und liebte den Herrn von Montal nach ihrer Art. Ihr Aerger und Verdruß ſchwankte vor der rührenden Reſignation Montal's, der zärtlich ihre Hand ergriff, ſie an ſeine Lippen drückte und ſagte: — „Ja, mein Engel, Du haſt Recht; verzeihe mir, ich habe gefehlt. In Zukunft werde ich Alles, was Du wünſcheſt, wu wie es mir auch werden mag. . — 73 „Du biſt zum Aufeſſen liebenswürdig!“ rief Fräulein Julie, die, bis zu Thränen gerührt, langſam von dem Stuhle herunterglitt, ſich neben Montal auf den Fußboden ſetzte, ſeinen Kopf mit beiden Händen ergriff und leidenſchaftlich küßte. „Ich bin Dich nicht werth!“ fuhr ſie dann fort; „ich bin undankbar; s iſt ſchrecklich. Das liebe Kätzchen ſpränge für mich in das Feuer; ich habe es ungerechterweiſe ausgeſcholten und kein har⸗ tes Wörtchen ſagt es! Es bittet mich noch um Gnade und Verzeihung.“ — „Julie, gute Julie, ich wußte, daß nur Dein Kopf, nicht Dein Herz ſprach. —“ „Ich bin nicht Deine gute Julie; ich bin ein Ungeheuer. Iſt Deine Selbſtachtung nicht auch die meinige? Soll mein Geliebter ſich vor einem Ducanſon, vor einem Grenouillot er⸗ niedrigen? Erniedrigt dies nicht auch zugleich mich? Ich ſage Dir, daß ich eine Närrin bin; aber ſo iſt es immer; man er⸗ kennt ſein Glück immer erſt, wenn man es nicht mehr hat. Du haſt nur einen Fehler, ſiehſt Du: Du biſt zu gut.“ — „Du kiebſt mich ſo innig, Julie, warum ſollte ich nicht nachſichtig ſein!“ „Nein, Du verwöhnſt mich; Du ſollteſt mich ausſchelten. Es muß wohl wahr ſein, weil meine Tante Sauvageot, die mich vergöttert, ſehr oft ſagt: Weißt Du, warum ich unſerem kleinen Notar nicht recht traue? Weil er zu nachſichtig, zu unterthänig gegen Dich iſt. Wäre ich an ſeiner Stelle, ich würde oftmals ganz anders mit Dir reden.“ — „Armer Engel, ich hüte mich ſo ſehr, Dir nur den geringſten Verdruß zu machen.“ „Gerade weil Du mich liebſt, ſollteſt Du ſtreng gegen mich ſein. Darf ich Alles das vergeſſen, was Du für mich thuſt? Meine Tante Sauvageot ſagt mit Recht oft: Such Du nur einen andern Mann, der Deine⸗Rechnungen führt, Deine Ausgaben einträgt, Dein Geld ſicher unterzubringen ſucht, zu Deinem Advokaten, zu Deinem Notar läuft, Dich bei der Theaterdirektion vertritt, mit den Kaufleuten handelt, kurz ein wahres Factotum iſt.“ — „Was iſt dabei zu verwundern, wenn ich mich Deiner Intereſſen annehme, Julie? Liegen ſie mir nicht eben ſo am Herzen, als wären ſie die meinigen? Muß ich Dir nicht behilf⸗ 7⁴ lich ſein auf dem Wege der Ordnung und Sparſamkeit, den Du mit ſo viel Klugheit gehſt?“ „Wie ſchön Du ſprichſt! Und wie wahr Alles iſt, was Du ſagſt!“ — „Eben weil Du ſo ein geregeltes, anſtändiges Leben führſt, — doch, ſtehe auf, Julie!“ „Nein, ich will da zu Deinen Füßen bleiben; ich bin un⸗ gerecht gegen Dich geweſen, es ziemt ſich, daß ich knie.“ — „Ich bitte Dich, mein Engel.“ „Nun ſo ſetz' Dich auf den Stuhl und ich ſetze mich dann auf Deinen Schvoß.“ „So. Jetzt gieb mir Deine beiden Hände und ſieh mich nicht ſo zärtlich mit Deinen ſchönen großen Augen an; Du würdeſt mich ſonſt irre machen, und ich habe doch ein ernſtes Wort mit Dir zu ſprechen. Höre mich alſo an, ich bitte Dich.“ „Armer Eduard“, fiel Julie ein, „Du haſt noch nie in ſolchem Tone mit mir geſprochen, mich nie ſo angeſechen. Du mußt mir wirklich etwas ſehr Ernſtes und Wichtiges zu ſagen haben.“ — „Etwas ſehr Ernſtes, und deshalh wünſchte ich auch, bei mir darüber mit Dir zu ſprechen“ „So laß hören, guter Eduard; Du ſiehſt ſo ernſt aus. Es iſt wie an dem Tage als wir uns ewige Liebe ſchwuren; erinnerſt Du Dich noc) Ich zögerte und Du agteſt in einem ſo ſanften, ſo traurigen ſo feierlichen Tone: „Julie, ich ſchwöre Ihnen bei dem 'nge meiner ſterbenden Mutter, bei dieſem Ringe, den ich Ihnen wehe, daß Sie nie einen hingeben⸗ deren, treueren Freund gehabt haben ſollen, als mich.“ Da traten mir, erinnerſt Du Dich? die Thränen in die Augen, — wie jetzt, und ich antwortete: Eduard, ich bin Dein!“ tulie wiſchte eine Thräne, eine wirkliche Thräne ab, die in ihren ſchönen ſchwarzen Augen glänzte. — „Ach, ja, Julie, geliebte Julie, gedenke jenes heiligen Andenkens —; der Ring meiner armen ſterbenden Mutter war nicht blos das Pfand der Liebe, er war mehr, — ein Pfand der Achtung, Julie, hoher Achtung. — Ja, denn damals ſchon hatte ich in Deiner Seele geleſen und Deinen Werth erkannt. 75 Trotz den willkührlichen Verirrungen Deines frühern Lebens er⸗ kannte ich den Adel Deines Herzens.“ „Wie gut Du biſt!“ entgegnete Julie ſehr gerührt. „Wenn ich jetzt einige Tugenden beſitze, ſo verdanke ich ſie Dir. Du biſt immer ſo edel geweſen, daß ich Deiner Liebe werth zu ſein mich beſtrebte.“ — „Ich glaube es“, ſprach Montal in Begeiſtrung. „Ja, meine Liebe hat Dich wieder erhoben. Lange ging ich Dir nach und ſtudirte Dich; Du wuchſeſt unter meinen Augen her⸗ an. Dein Wandel rechtfertigte meine Liebe zu Dir und ich bin ſtolz auf meine Liebe.“ „Ach, nur Du kannſt ſo etwas ſo ſchön ſagen — „Weil meine Julie mich begeiſtert.“ „Lieber Mann!“ — „Höre mich an, Julie; es iſt Zeit, Deine Liebe, Deine Zärtlichkeit, beſonders Dein würdevolles Benehmen an⸗ zuerkennen.“ „Wie meinſt Du das?“ — „Ich will“, fuhr Montal feierlich fort, „ich will Dir einen glänzenden Beweis nicht blos meiner Liebe und Dankbar⸗ keit, ſondern auch meiner Achtung geben.“ „Damit iſt es nichts, Eduard. Kennſt Du unſere Ueber⸗ einkunft nicht? Du biſt nicht reich. Ich nehme von Dir nichts an, als einen Strauß an meinem Namenstage. Ich verlange nichts, als Dein Herz und Deine Liebe.“ — „Edles Mädchen! würdige Feundin! Ich erkenne den Adel Deiner Seele, aber beruhige Dich“, ſetzte Montal mit geheimnißvollem Lächeln hinzu; „das Geſchenk, das ich Dir zugedacht habe, wird allerdings Deine Erwartungen über⸗ treffen, aber Du wirſt es mit Freuden annehmen.“ „Was willſt Du mir geben?“ — „Meine Hand!“ „Du meinſt —“ — „Ich will Dich heirathen, meine Angebetete, ja, ich trotze allen thörichten Vorurtheilen der Welt, ich bringe Dir mein ganzes Leben dar und nehme Dich zu meiner Frau. Schlagen Sie dieſes Geſchenk aus, Frau Gräfin?“ Montal erwartete lächelnd und mit ſtolzer Selbſtzufrieden⸗ heit den Ausbruch des Dankes ſeiner Geliebten. 76 Julie aber ſah ihn in höchſter Verwunderung anfangs ſchweigend an, dann verbarg ſie ihr Geſicht mit den Händen und ſank halb ohnmächtig auf einen Seſſel. Montal glaubte, die Freude erſchüttere Julien ſo ſehr. Er bückte ſich deshalb und ſagte zärtlich: — „Vergebung, mein Engel, ich hätte Dich allerdings auf dieſe glückliche Mittheilung vorbereiten ſollen und —“ Aber Julie ſtieß den Herrn von Montal von ſich, ſtand auf und ſprach in unwilligem, ſchmerzlichbitterem Tone: „Ach, meine Tante hatte es mir wohl geſagt!“ — „Was, Julie?“ „Ach, Du täuſchteſt mich, Eduard!“ — „Wie ſo?“ „Du wollteſt mich heirathen!“ — „Sagte ſie es?“ „Jetzt erkenne ich Alles. Es iſt unwürdig! Alſo meines Geldes wegen liebteſt Du mich! Um mich zur Heirath zu ver⸗ leiten, nahmſt Du Dich meiner Angelegenheiten ſo an! Und ich war bei meiner Liebe ſo uneigennützig! Ach, Eduard, Eduard, Du zerſtörſt mein Glück auf eine grauſame Weiſe!“ Der Herr von Montal wurde durch dieſe eben ſo uner⸗ wartete, als beleidigende Weigerung ſo überraſcht und ſo auf⸗ gebracht, daß er erbleichte, und, ſchäumend vor Wuth, einige Augenblicke gar nicht zu ſprechen vermochte. Julie, die in ihrer Eitelkeit und ihrem Geize verletzt war, in der Liebe des Herrn von Montal nichts als eine gemeine Berechnung ſah, vermochte ihren Unwillen nicht zu bergen. „Ach, meine arme Tante Sauvageot hatte wohl Recht. Ich wundre mich nun nicht mehr, daß ſie Ihrer Ergebung in alle meine Launen mißtraute. Es iſt ganz einfach: Sie ſpecu⸗ lirten auf mein Vermögen; 's war freilich der Mühe werth: hunderttauſend Thaler ſicher angelegt und fünfzigtauſend Francs an Gage und Benefiz. Ich hielt mich leider! für jung und hübſch genug, daß man mich mit derſelben Uneigennützigkeit lieben könnte, als ich ſelbſt liebte. Man ſehe, der erſte Ein⸗ druck der Tante Sauvageot hat ſie nicht getäuſcht; ehe ſie gleich mir bezaubert wurde, ſagte ſie oft: traue dem Montal nicht; er iſt ein Verſchwender, der nichts als Schulden hat; er wird Dir nichts übrig laſſen, als Thränen. Und ſo geſchieht es. — Ach, W Eduard, Eduard!“ fuhr Julie mit wirklichem Schmerz und wahrer Würde fort, „mußte der Ring Ihrer Mutter zu ſolchen Plänen dienen, die für mich ſo erniedrigend, für Sie ſo ſchmach⸗ voll ſind?“ Die letzten Worte trieben die Wuth des Herrn von Montal auf den äußerſten Grad, und er ſprach, indem er auf einen Ring wies, den er am Finger trug: — „Der Ring meiner Mutter? — hier iſt er. Es gehört eine große Dummheit dazu, um zu glauben, daß ich ihn durch Ueberlaſſung an ein Geſchöpf Ihrer Art proſtituiren würde. Der Ring, den ich Ihnen gegeben, hat meiner Mutter niemals angehört.“ „Mein Herr, es iſt tauſendmal ehrloſer, daß Sie mit der Erinnerung an Ihre verſtorbene Mutter ſpielten, als daß Sie mich hintergingen“, ſprach Julie in edlem Stolze. — „Wollen Sie ſchweigen?“ „Jetzt erſt lerne ich Sie kennen. Ach, ich fürchte mich vor Ihnen, — ich werde gehen.“ Der Herr von Montal faßte Julien am Arme und ſagte: — „Um überall zu erzählen, daß ich Dich heirathen wollte und Du mir eine abſchlägige Antwort gabſt?“ „Sie können mich doch nicht verhindern, fortzugehen. — Laſſen Sie meinen Arm los, Sie thun mir weh, — ich ver⸗ ſichere Sie, daß Sie mir wehthun.“ „Ja, ja, geh' und ſpiele nur Deine Rolle!“ ſprach Herr von Montal in bitterer Jronie, indem er den Arm Juliens heftig ſchüttelte; dann ſtieß er ſie mit den Worten von ſich: „Nimm Dich in Acht! Außer Dir und mir weiß Niemand, was hier geſchehen iſt. Wenn es bekannt wird, wirſt Du mir dafür büßen. Verſtehſt Du? Ich habe Einfluß erlangt, um Dir zu nützen; ich werde ihn gegen Dich wenden und Dich ver⸗ nichten.“ . „Mein Gott! Mein Gott!“ rief das unglückliche Mäd⸗ chen weinend, „iſt dies der Lohn für meine Liebe!“ — „Ihre Liebe! Habe ich ſie nicht tauſendfältig bezahlt durch dieſe Erniedrigung, zu der ich mich Ihrer gemeinen Tante gegenüber herabließ, durch die Sclaverei, zu der ich mich ver⸗ urtheilte, durch meine Theilnahme an allen Ihren ſchmutzigen Couliſſen⸗Intriguen?“ So war Ihre Hingebung, Ihre Aufmerkſamkeit —“ — „Sie iſt ſo eingebildet, ſo dumm, daß ſie glaubt, ich habe aus Liebe ſo den Komödianten geſpielt“, fiel er achſel⸗ zuckend ein. „Liebte ich Sie denn? Ich ſpielte den Geliebten, um den Neid der Leute zu erregen, die reicher und glücklicher ſind, als ich. Endlich, als ich es überdrüſſig war, die ganze Langeweile, den ganzen Ekel eines ſolchen Hausweſens zu ertragen, wollte ich Sie Ihres Geldes wegen heirathen, — ja, Ihres Geldes wegen. Iſt das deutlich? Ich hatte das Ehrge⸗ fühl, das ſich in mir ſträubte, zum Schweigen gebracht und — Aber ich werde mich rächen. —“ „Sie wollen ſich dafür rächen, daß ich mir den Strick nicht um den Hals legen laſſen mochte? Habe ich Sie denn nicht gekannt? Begeht ein Mann wie Sie, der nichts hat und ein Mädchen heirathet, das reich iſt wie ich, nicht eine Gemein⸗ heit? Und welches Vertrauen kann man zu einem Manne ha⸗ ben, der eine ſolche Gemeinheit begeht? Als Liebhaber ließ ich Sic mir wohl gefallen, weil mich der zu nichts verpflichtete, lieber aber würde ich tauſendmal ſterben, als Sie zum Manne nehmen. — Wenn ich mich einmal verheirathe, ſo werde ich wohl einen Mann finden, der mich nicht ruinirt, und der mir die Bürgſchaften bietet, die ich wünſche, um glücklich und ruhig zu leben.“ — „Entfernen Sie ſich und ſuchen Sie dieſen Mann beim Teufel, wagen Sie aber nie, meinen Namen auszuſprechen.“ Dieſe Scene iſt peinlich; es iſt eine Schmach, einen Mann, der anfangs ſo kriechend ſchmeichelt, ſo brutal und un⸗ verſchämt werden zu ſehen, wenn ſeine Beute ihm entgeht; aber wir halten dieſen Auftritt für wahr. In frühern Zeiten würde er unwahrſcheinlich geweſen ſein; in unſern Tagen wird man nichts Außergewöhnliches darin finden. Denke nür ein Jeder nach, vielleicht findet er in ſeiner Erinnerung ähnliche Vor⸗ gänge. Der Leſer kennt nun Fräulein Julie hinlänglich, um einzu⸗ ſchen, daß jedes weitere Andringen des Grafen, die Hand der Schauſpielerin zu erhalten, vergebens geweſen ſein würde. 3 Julie, die in der Armuth aufgewachſen war und das Elend in der Nähe geſehen hatte, fürchtete nichts mehr, als ein hilf⸗ 79 loſes unglückliches Alter; ſie trieb die Ordnung bis zum Geize, und lebte, wie bereits erwähnt, äußerſt ſparſam. Ein ſolches Mädchen mit beſchränktem Geiſte, kaltem Herzen und verſtändi⸗ gem Charakter mußte ihr Geld außerordentlich feſthalten: die Eitelkeit, Gräfin von Montal zu werden, konnte bei Julien kei⸗ nen Augenblick einen Vergleich mit der Furcht aushalten, durch den liebenswürdigen Grafen an den Bettelſtab gebracht zu werden. Montal ſeinerſeits lebte nur vom Stolz und Neide; als er dieſelben Saiten bei Julien berührte, als er ihr das Mittel bot, ihren Stolz zu befriedigen, und den Neid ihrer Nebenbuhlerinnen zu erregen durch eine vornehme Heirath, mußte er an das Ge⸗ lingen ſeines Planes glauben. Er irrte ſich. Nachdem Julie ſich entfernt hatte, verbrachte der Graf einige ſehr peinliche Stunden. Dieſe abſchlägige Antwort ver⸗ nichtete ſeine letzten Hoffnungen; er beſaß kaum noch zehntauſend Francs. War dieſe Summe aufgezehrt, ſo ſtand er der Armuth oder dem Selbſtmorde gegenüber. Indem er jedoch bitter ſeinen Glauben an die Vorſehung verhöhnte, gab ihm plötzlich ein neuer Umſtand das verlorne Vertrauen wieder und neuen Glau⸗ ben an ſeinen guten Stern. Er hatte bei ſeinem Freunde Roupi⸗Gobillon bisweilen den Herrn Achille Dunoyer geſehen, einen ſehr reichen Banquier, einen Mann von ungefähr vierzig Jahren, der die lächerlichſte Eitelkeit beſaß, den Modeherren zu ſpielen ſuchte, und um jeden Preis das Benehmen, den Lurus und die eleganten Thorheiten der Ariſtokratie nachahmen wollte. Herr Achille Dunoyer hielt die Bekanntſchaft mit dem Grafen Montal für einen Glücksumſtand. Der Graf gehörte zu jener faſhionabeln Jugend, in deren Geſellſchaft Dunoyer aufgenommen ſein wollte, und übte darin einen gewiſſen reflec⸗ tirten Einfluß aus wegen ſeiner vertrauten Freundſchaft mit dem Marquis von Beauregard, dem Könige dieſer Stutzerwelt. Herr Achille Dunoyer kam dem Herrn von Montal auf jede mögliche Weiſe entgegen; dieſer, welcher damals den Ban⸗ guier nicht brauchte, behandelte ihn ſehr kalt und vermied ihn; nachdem aber Julie ſeinen Heirathsantrag auf ſo unerwartete Weiſe zurückgewieſen hatte, als er erkannte, daß ſeine Geld⸗ 80 mittel bald erſchöpft ſein würden, kam er zu der Ueberzeugung, daß ein ſo wichtiger Freund, wit Dunoyer, nicht zu verachten ſei. Er manövrirte deshalb ſehr geſchickt, um die ſo lange zu⸗ rückgewieſenen Zuvorkommenheiten des Banguier auf eine natür⸗ liche Weiſe anzunehmen. Das war die Lage Montal's, als Ewen von Ker⸗Ellio die Bretagne verließ, um in Paris die Bezahlung ſeiner Forde⸗ rungen zu betreiben. Da auch Dunoyer eine wichtige Rolle in unſerer Erzäh⸗ lung ſpielt, ſo führen wir den Leſer nun bei dieſem Geld⸗ manne ein. VII. Herr Achille Dunoyer. Das Geſchäftslocal des Herrn Achille Dunoyer befand ſich auf dem Börſenplatze, ſeine Wohnung aber in der erſten Etage eines großen und ſehr tiefen Hauſes in der Rue de Provence. Dunoyer hatte zwei Töchter, die im dritten Stocke deſſelben Gebäudes unter Aufſicht ihrer engliſchen Gouvernante wohnten. Dieſe Einrichtung hatte die Unannehmlichkeit, daß die jungen Mädchen oft ziemlich unſchickliche Begegnungen erfuhren, wenn ſie in einem von ſo verſchiedenen Menſchen beſuchten Hauſe zu ihrer Mutter hinuntergingen. Dunoyer hätte ſeiner glänzenden Wohnung ein Haus vorziehen ſollen, das er mit ſeiner Familie allein bewohnte; aber Madame Heloiſe Dunoyer war eine ele⸗ gante Dame, ſie wollte durchaus in der Chauſſée dAntin woh nen und in bieſem Faubourg St. Germain der Geldwelt ſn kleine Häuſer ſelten. Uebrigens kennen gewiſſe Perſonen (wir ſind weit entfer zu ſagen, gewiſſe Claſſen) das leicht zu verletzende Zartgefi ganz und gar nicht. 5 81 Madame Heloiſe Dunoyer, die etwa achtunddreißig Jahr alt war, hatte ſich ſehr jung verheirathet und ihrem Gatten zwei Töchter gegeben, von denen die eine, Thereſe, kaum ſiebenzehn, die andere, Clementine, zwölf Jahre zählte. Sowohl um der Mode zu folgen, als um ſich von eine Laſt zu befreien, die ſich mit ihrer großen Vergnügun nicht vertrug, hatte Madame Heloiſe Dunoyer ein Gouvernante angenommen, und ſie überließ de el ſchließlich die Erziehung ihrer Töchter, die, wie be in eine kleine Wohnung im dritten Stocke des Hauſe waren. Wir wollen die Sorgfalt und Aufmerkſamk ſtreiten, welche die Engländerinnen den Kindern w auch das Beſte wird durch Mißbrauch verdorben. um jeden Preis oder vielmehr um einen ſehr geringfügi ungeſchickt die Gewohnheiten einer erceptionellen Welt h⸗ äffen. Wenn nur die Perſon, welcher man die Erzichung ſeiner Töchter anvertraut, eine Engländerin iſt und nicht gar ße Forderungen macht, ſo kümmert man ſich wenig um ihr Leben, ihren Charakter und ihre Moralität; man könnte f mit weit geringern Koſten eine franzöſiſche Gouvernante aus irgend einer armen und achtbaren Familie von guter Erziehung nehmen, für welche eine ſolche Stelle ſehr oft eine große Wohl⸗ that ſein würde, aber dann hätte man auch nicht die Freude, ſagen zu können: „Miß Aſhton oder Miß Turner u. ſ. w, bringen Sie mir meine Kinder.“ Madame Heloiſe Dunoyer hatte alſo eine engliſche Gou⸗ vernante. Leider hieß dieſe Gouvernante Miß Hubert; ein zu franzöſiſcher Name, welcher die Frau des Bangquier zur Ver⸗ zweiflung brachte. Madame Helviſe hatte der Miß Hubert den Namen Miß Blvomfield oder Miß Mortimer aufnöthigen wol⸗ len, was beſſer geklungen haben würde, aber die ſtolze Eng⸗ länderin widerſetzte ſich dieſer Umtaufung hartnäckig. Madame Heloiſe Dunoyer galt in der Geſellſchaft für eine ſogenannte „Löwin“; ſie ritt in einem Reithabit mit Schnuren⸗ beſatz und einem Hute à la Ludwig XIM mit einer Feder; ſie hatte eine Loge in der Oper für einen Tag in der Woche und auf dem Nipptiſche in ihrem Boudoir ſah man eine Reitpeitſche, ſowie ein Käſtchen aus Palixanderholz, auf dem man in großen Thereſe Dunoyer l. 6 F 82 Buchſtaben das Wort Cigarren las. Um zu beweiſen, daß dieſes Tabakskäſtchen auch wirklich ihr gehöre, ſah man an der andern Seite in Elfenbein den Namen Helviſe. Zur Vervollſtändigung dieſer ritterlichen Uebertreibungen bemerkte man in demſelben Boudvir einen arabiſchen Zügel von ſcharlachrother Seide mit Troddeln, der künſtleriſch über einem Portrait der Madame Heloiſe zu Pferde aufgehangen war. Als letzten Zug aus dieſem zugleich „Löwinnen⸗“ und Pompadour⸗ 5 en etzählten die böſen Zungen, die Frau des Banquier und eine vertraute Freundin derſelben, die Frau eines Notars, hätten als Pierretten mit zwei unbekannten Begleitern den Maskenball * — im Rengiſſance⸗Thrater beſucht. Ni noch ein Wort über die artiſtiſche Seite der Ge⸗ ſchmacksrichtung der Madame Helviſe. Sie beſaß ein großes Piano und machte Anſpruch auf umfangreiche muſikaliſche Kenntniſſe Sie ſagte nicht Rohin des Bois, ſondern Freiſchütz; nicht Becthoven, ſondern Betovvy; nicht Weber, ſondern Webrrr, was eine ganz ungewöhnliche muſikaliſche Bildung errieth. In der Literatur gehörte ſie zu der Voltaireſchen Schule und in vertrauten Kreiſen führte ſie Stellen aus Parnys uetre des Pieux oder Bruchſtücke von Gentil Bernard an. Was die Malerei betrifft, ſo colorirte ſie Lithographieen recht hübſch und wußte dergleichen auf Holzkäſtchen überzutragen. Während ſo Madame Heloiſe ihre Zeit auf angenehme Weiſe Lerbrachte, ſahen ihre beiden Töchter, welche ausſchließ⸗ lich der Fürſorge der Miß Hubert überlaſſen waren, die Mutter nur einen Augenblick bei Tiſche. Zu einer ſolchen Zeit wollen wir den Leſer in die Familie des Banquier einführen. Die beiden Zöglinge der Miß Hubert waren in dem Bou⸗ doir ihrer Mutter erſchienen. Madame Dunoher, eine Frau von männlicher und gemeiner Schönheit, war klein und beleibt, hatte einen kurzen dicken Hals, ein großes ſtark gefärbtes Geſicht und ſchüürte ſich übermäßig, um ihr Embonpoint zu verſtecken, das mit dem Alter zunahm. Ob es gleich ſchon ſpät war, ſo trug Madame Heloiſe doch noch das Negligé, in welchem ſie Vormittags ihre Freunde zu empfangen pflegte. Es beſtand dies in einem verzierten Hauskleide mit hängenden Aermeln, das vorn offen und um die Taille durch eine reiche Gürtelſchnur — mit goldenen Troddeln zuſammengehalten war. Zwiſchen den Zacken eines breiten Volants ſahen zwei ziemlich hübſche Füße in Hausſchuhen von mauriſch geſticktem Maroquin hervor. Eine keck auf die eine Seite geſetzte Toque von kirſchrothem Sammet gab der Dame das Ausſehen einer dicken muthwilligen Odaliske und verdrehte allen ihren Bewunderern den Kopf. Mlle. Thereſe Dunoyer ſtach auffallend von ihrer Mut ab. Sie war groß und ſchlank; ihr alabaſterweißer, n einem leichten Roſadufte angehauchter Teint erſchien no dender unter den beiden dicken rabenſchwarzen Haarſtre ihren Schläfen. Am meiſten fielen an dieſem ungewöhnli Geſichte gleich auf den erſten Blick zwei große ſchwatze Aus auf, die in dem mattweißen Geſichte mit melancholiſchem un gezwungenem Ausdrucke funkelten. Etwas über der linker Augenbraue bemerkte man ein Schö nheitsmaal, ein kleines rundes Fleckchen, gleich einer Mouche von ſchwarzem Sammet. Vielleicht iſt es nöthig, den Leſer daran zu erinnern, daß das räthſelhafte Portrait in Treff⸗Hartlog (in welches Ker⸗Ellio ſich ſo ieidenſchaftlich verliebt hatte) eine Frau darſtellte, die auch große ſchwarze Augen, eine elfenbeinweiße Stirn und etwas über der linken Braue ein ſchwarzes Schönheitsmaal hatte. Wir erwähnen ſchon jetzt, auf die Gefahr hin, den Ereig⸗ niſſen vorzugreifen, daß das Portrait in Treff⸗Hartlog der Toch⸗ ter des Banquier außerordentlich ähnlich war. 4 Es fehlte der ſchlank aufgeſchoſſenen Geftalt Thereſens etwas mehr Fülle; ihre Hände waren nicht fleiſchig genug, we man vergaß dieſe Mängel über der ſeltenen Schönheit der⸗ elben. Clementine, die jüngere Schweſter Thereſens, glich auf⸗ fallend ihrer Mutter. Es war ein gutmüthiges dickes rundes Geſicht mit einem Walde von krauſem röthlichem Haar. Die beiden jungen Mädchen trugen ſchwarze Kleider. Miß Hubert war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt; zwei röthlichblonde Haarflechten zogen ſich an ihren gelblichen Wan⸗ gen herunter; an ihrer hochmüthigen kalten Miene erkannte man ſehr leicht, daß ſie durch die Uebernahme der Erziehung der Töch⸗ ter der Madame Dunoyer ihrer Würde etwas vergeben zu ha⸗ ben glaubte. Miß Hubert kam, wie ſie ſagte, aus dem Hauſe des Herzogs von **s, eines der größten Herrn in England. 6* ₰ Clementine war der Liebling der Madame Dunoyer, die ſich in ihrer Tochter wieder aufleben ſah und über deren heiteres und muthwilliges Weſen entzückt war. Gegen die immer zu⸗ rückhaltende, ſchweigende und nachdenkende Thereſe dagegen fühlte ſie nicht ſowohl Abneigung, als Eiferſucht, und aller⸗ ing war, wie wir erwähnen müſſen, das unglückliche Mäd⸗ hen die Frucht einer eben ſo verbrechtriſchen als unglücklichen Im Anfange ihrer Ehe war Madame Helviſe tüciſchtblos on em Manne verlaſſen worden, dem ſie während einer Reiſe oyer's ihre Pflichten geopfert hatte; dieſer hatte bei ſeiner ückkehr beſtimmte Beweiſe von der Untreue ſeiner Frau erhal⸗ en und die Geburt Thereſens war das Signal zu den heftigſten Stürmen im Hauſe. Die Habſucht aber und die Furcht, Hand⸗ lungen von bedeutender Undelicateſſe enthüllt zu ſehen, nöthigten Achil e Dunoyer, das erſte Verbrechen ſeiner Frau zu verzeihen, deren Vermögen er, gegen ſein Recht, durch nicht eben ehren⸗ Seandal zu machen. Die Zeit beſänftigte allmälig die erſten Nucehifihle Du⸗ büßen mußte, welche die Erinnerung an das Vergehen ſeiner Frau in ihm erweckte, und er wußte es Heloiſen gewiſſermaßen Dank, daß ſie eine Abneigu ng gegen dieſe ihre Jochter zeigte. glaubte, ſeine Frau wolle auf dieſe Art ihr Unrecht abbüßen, hrend dieſe dagegen in dummer Rohheit ſch dadurch, daß ſie Thereſen peinigte, an dem Manne zu rächen gedachte, über den ſie ſich ſo ſehr zu beklagen gehabt hatte. Das Verfahren der Madame D Dunoyer war die Fol meiner Bosheit. Edle Herzen adeln ihre Verirzungen durch ihre Aufopferung oder machen ſie durch ihre Reuk verzeihlich; gemeine und entartete Seelen verſchlimmern ihre Fehler noch durch Selbſtſucht und Es war fünf Uhr, als Miß Hubert in dem Boudoir der Madame Helviſe Dunoher Thereſe und Clementine erſchien. Bald darauf trat Herr Achille Dunoher mit freudeſtrahlendem Geſichte ein. Er war etwa vierzig J Phr alt, hager, von mit ler Größe und elegant gekleidet. Den Phyſiologen, wilcht 3 volle Speculationen gefährdet hatte; eine Trennung würde ihn in eine ſchwierige Lage gebracht haben. Die Nr hinderte ihn, noyer's; Thereſe war die einzige Perſon, welche die Zornanfälle 85 Analogieen zwiſchen der Phyſiognomie der Menſchen und der Thiere ſuchen, würde ſogleich die Aehnlichkeit zwiſchen dem Ge⸗ ſichte des Herrn Achille Dunoyer und dem eines Bockes aufge⸗ fallen ſein; ſeine eingedrückte Stirn, ſeine kleinen ſchief ſtehenden und nach den Schläfen hinaufgezogenen Augen, ſeine runde und vorſpringende Kinnlade, ſein großer Mund, ſeine ſtumpfe Naſe mit den weiten Löchern machten dieſe Aehnlichkeit noch frappan⸗ ter. Auf dieſem gemeinen, faden und harten Geſichte ſprach ſich Stolz, Egvismus und Habſucht aus; man erkannte in ihm den Mangel eines jeden höheren Gefühls und jeder menſchlichen Regung. Mit dieſer abſcheulichen Organiſation contraſtirend oder vielmehr in Folge derſelben überflog bei der geringſten ver⸗ traulichen Annäherung eines Hochgeſtellten ein falſches ſerviles Lächeln auf einen Augenblick das von den ſchlechteſten Leiden⸗ ſchaften zerwühlte Geſicht. Herr Achille Dunoyer trat mit triumphirender Miene in das Zimmer ſeiner Frau ein. „Wir werden morgen einen Gaſt haben, Helviſe“, ſagte er, „und wir müſſen uns bei dieſer Gelegenheit zeigen.“ — „Warum Umſtände machen, Achille?“ ⸗ „Weil der Gaſt einer der erſten Modeherren von Paris iſt, der Liebling aller Herzoginnen im Faubourg St. Germain, der größte Taugenichts, aber der liebenswürdigſte Menſch von der Welt, der überdies mit den Miniſtern auf Du und Du ſteht, kurz ein höchſt verdienſtvoller und dabei gewandter, gewitzter Mann. Die Frau möcht' ich ſehen, die ihm widerſteht! Du kennſt doch Julie? — vom Theatre francais? Niemand konnte bei ihr zum Ziele kommen, weder die liebenswürdigſten „Löwen“, noch die reichſten Männer; er brauchte nur zu wollen, und, ge⸗ horſamer Diener! Julie war ſein.“ — „So nenne mir doch auch den Namen dieſes Don Juan Dunoyer, den die Neugierde ſeiner Frau in hohem Grade zu ergötzen ſchien, fuhr fort: „Du wirſt ihn erfahren; er iſt höchſt liebenswürdig gegen mich geweſen und Du wirſt ihn hoffentlich ſehr zuvorkommend behandeln. Ich machte ſeine Bekanntſchaft bei dem Miniſter Roupi⸗Gobillon, was mich auf den Gedanken gebracht hat, daß ich wohl Deputirter werden könnte, wenn mich unſer Don 86 Juan, wie Du ihn wahrhaftig ganz mit Recht nennſt, unter⸗ ſtützen wollte. Er iſt ein Mann, der außerordentliches Glück hat, dem Alles gelingt, was er unternimmt, und klug! ge⸗ wandt! Er würde einen vortrefflichen Diplomaten abgegeben haben.“ „Wahrhaftig, Achille, es kann nichts alberner ſein, als mich ſo vor den Kindern hinzuhalten und auf die Folter zu ſpannen. Das giebt ihnen ein ſchlechtes Beiſpiel“, ſagte Madame Dunoyer ärgerlich, die übrigens nichts Unſchickliches in der Art fand, wie ihr Mann ſich in Gegenwart der beiden Mädchen über ſeinen Gaſt ausgeſprochen hatte. „Nun, werde nur nicht bös; mach' mir keine ſo großen Augen, als ob Du mich verſchlingen wollteſt. Ich werde Dir den Namen meines Freundes nennen; Du wäreſt ſonſt im Stande, Widerwillen gegen ihn zu faſſen.“ — „Das werde ich allerdings, wenn Du mich ſeinetwegen lange langweilſt.“ „Nun, es iſt kein Anderer, als der Graf von Montal.“ „Ah, wenn er zu uns kommt, werden die Dubois vor Neid berſten“, entgegnete Madame Helviſe mit kaum verhalte⸗ nem Jubel. „Ich habe viel von dem Herrn von Montal ſprechen hören, ihn auch oft in ſeiner Loge in der Oper geſehen. Ich werde ihn allerdings ſehr zuvorkommend behandeln; nur Eins macht mich etwas unruhig; er ſieht ſehr ſpottluſtig aus. Einmal ſah ich ihn bei dem Herausgehen aus der Oper ganz in der Nähe und hörte ihn auch ſprechen. Mein Gott, wie er über Madame Dubois und deren Schwägerin ſprach! Wie hat er ſie zugerichtet! Ich mache ihm übrigens kein Verbrechen dar⸗ aus. Sie thun ſo groß und verdienten Alles, was er über ſie ſagte. Warte, Achille, warte jetzt beſinne ich mich; der Herr von Montal iſt der Vertraute des Marquis von Beauregard, weißt Du? des Mannes der kleinen hübſchen amerikaniſchen Marquiſe, die ſich ſo gewaltig ziert?“ Richtig, richtig. Ah, der Beauregard iſt der König der liebenswürdigen Taugenichtſe, und Montal der Fürſt. O, das iſt ein großer Herr, dieſer Marquis! Welch' Geld hat er ausgegeben! Man ſagt, er habe ſich in Amerika wieder et holt, und ſeine Frau habe ihm Millionen zugebracht.“ 87 „Trotz ſeiner Verheirathung hat der Marquis ein Ver⸗ hältniß mit der kleinen Roſa von der Oper“, ſagte Madame Heloiſe Dunoyer, indem ſie mit mütterlicher Liebe mit dem Hagr ihrer jüngſten Tochter ſpielte, die ihren Kopf auf ihre Kniee legte. — „Allerdings; er verheimlicht es nicht; man ſagt ſogar, er ſtehe mit der andern Schweſter in demſelben Verhältniſſe. Man ſieht ſie wenigſtens beide in den kleinen Logen, die er in der italieniſchen und in der großen Oper für ſeine Freundinnen hat. Und ſeine liebe Frau ahnt nicht das Mindeſte.“ „Deſto ſchlimmer für ſie. Trotz ihrem hübſchen Geſichte ſieht ſie doch ziemlich wie ein Gänschen aus. Mit ihrem Häub⸗ chen à la puritaine gleicht ſie einer Nonne.“ — „Gleicht die Dame einer Nonne, weil ſie wie ein Gäns⸗ chen ausſieht?“ fragte die kleine Clementine. „Du liebes Kind!“ rief Madame Dunoyer, indem ſie ihre Tochter aus Liebe und Stolz küßte. „Auf Ehre, nur das Mädchen da kommt auf ſolche Gedanken! Und ſie ſagt, was ihr durch den Kopf geht.“ — „Es ſollte dies aber auch nicht zu weit gehen“, fiel Achille ſententiös ein. „Ich habe ſie lieber muthwillig und ausgelaſſen, als heuchleriſch.“ Und Madame Dunoyer warf einen Seitenblick auf Thereſen. Herr Dunoyer verſtand ohne Zweifel die Andeutung, denn er ſetzte mit einem Blick auf das junge Mädchen trocken hinzu: — „Freilich, ſtille Waſſer ſind am tieſſten. Von ver⸗ ſteckten und heuchleriſchen Charakteren muß man Alles erwarten, aber man darf nie auf etwas rechnen.“ Thereſe hatte die Augen niedergeſchlagen; ſie fühlte, daß dieſe beiden Ausfälle ihr galten und ſagte kein Wort. Miß Hubert blieb ganz ruhig mit übereinander geſchlage⸗ nen Armen daſtehen, und richtete ihre kleinen hellblauen Augen auf den Kamin; nur ſpielte von Zeit zu Zeit während dieſer im Beiſein junger Mädchen ſo unpaſſenden Unterhaltung ein ſpötti⸗ ſches Lächeln um ihre Lippen. 88 Das Schweigen und die ſcheinbare Gleichgiltigkeit There⸗ ſens brachten Madame Heloiſe Dunoyer auf, und ſie ſetzte hinzu: „Es ſcheint mir, Mademoiſelle, daß, wenn von Heuchlern die Rede iſt, Du wohl aufmerkſam zuhören ſollteſt, was man ſagt.“ Thereſe antwortete nicht und Achille rief laut: „Nun, Thereſe, hörſt Du nicht, daß Deine Mutter mit Dir ſpricht?“ „Ich wußte nicht, daß die Rede von mir ſei“, antwortete das Mädchen. — „Von wem denn ſonſt? Von Nachbars Katze?“ fuhr Madame Heloiſe zornentbrannt auf. „Wenn es eine Heuchlerin hier giebt, ſo biſt Du es doch.“ Thereſe ſchwieg und ihre Mutter fuhr mit wachſender Heftigkeit fort: — „Wirſt Du antworten?“ „Was ſoll ich antworten, Mama?“ — „Mademoiſelle“, fiel Achille ein, „ſtatt Deiner Mut⸗ ter unziemlich Trotz zu bieten, mußteſt Du antworten: Mama, da Du mich wegen meiner Heuchelei tadelſt, ſo will ich nicht mehr heucheln.“ „Ich werde nicht mehr heucheln“, ſprach Thereſe, ohne die Augen außzuſchlagen. — „Man ſehe nur, ob ſie nicht Züchtigung verdient!“ rief Madame Heloiſe aus. „Sie iſt eine Duckmäuſerin! ſie iſt falſch mit ihrem Blicke unten hervor!“ „Liebe Mama, ſchilt Thereſen nicht“, fiel Clementine ein, indem ſie ihre Mutter liebkoſete. — „Wenn ich ſie ſchelte“, fuhr Madame Helviſe barſch fort, „ſo verdient ſie es. So lange ſie auf der Welt iſt, hat ſie mir nur Aerger und Verdruß gemacht.“ Nach dieſen Worten biß ſich die Frau des Banquier auf die Lippen, denn ſie bemerkte die Unklugheit, die ſie begangen hatte, zu ſpät. Das Geſicht des Herrn Achille Dunoyer verzog ſich; er warf einen zornigen Blick auf ſeine Frau und ſagte bitter: „Ich rathe Dir, wegen des Verdruſſes, den Deine Tochter Dir verurſacht hat, ſeit ſie auf der Welt iſt Err betonte dieſe 89 Worte ſtark), Dir nur ſelbſt Vorwürfe zu machen. Es würde beſſer ſein, wenn Du ſchwiegeſt, ſtatt manche Dinge zu er⸗ wähnen.“ Madame Dunoyer antwortete, gereizt darüber, vor There⸗ ſen ſo behandelt zu werden, und wohl wiſſend, daß ihr Mann nicht weiter gehen durfte: — „Ich ſage, was ich zu ſagen Luſt habe; verſtanden? Du wirſt mir das Reden nicht verbieten.“ „Ich wiederhole Dir, daß Du beſſer ſchweigeſt, als an manche Dinge erinnerteſt. Iſt das nicht deutlich genug?“ — „Papa, Papa, ſchilt die Mama nicht“, rief Clemen⸗ tine, indem ſie ſich an den Hals ihres Vaters hing. „Und ich ſage Dir“, entgegnete Madame Dunoyer mit zornglühenden Wangen, „daß, wenn gewiſſe Dinge vorgekom⸗ men ſind und man ließ ſie ſich gefallen, man ſeine Rechnung da⸗ bei gefunden hat. Iſt das nicht auch deutlich genug?“ — „Wenn die Kinder nicht zugegen wären“, ſprach Du⸗ noyer wüthend, „ſo würde ich Dich behandeln, wie Du es verdienſt.“ „Und ich würde Dir, wenn die Kinder nicht hier wären, ſagen, wie die Sache ſteht; Du weißt wohl, daß ich mich vor Dir nicht fürchte trotz Deinen wüthigen Geberden.“ Miß Hubert erhob ſich und ſagte mit eiskalter Jronie zu den beiden Mädchen: — „Kommen Sie. Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter ſcheinen mit einander plaudern zu wollen.“ „Ja, ja, Miß Hubert, führen Sie die Mädchen fort“, ſprach Dunoher, der in großer Bewegung in dem Zimmer auf und abging. Die beiden Mädchen verließen mit ihrer Gouvernante das Zimmer. Sobald die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, fuhr Dunoyer auf: „Schämſt Du Dich nicht, mich im Beiſein Deiner Kinder auf's Aeußerſte zu treiben?“ — „Wer hat angefangen? Ich?“ „Soll es mir nicht erlaubt ſein, bei der Erinnerung an Dein früheres Leben aufgeregt zu werden? Weil ich ſo edel⸗ ſinnig war zu vergeſſen —“ — „So edelſinnig! Sieh' doch! Das gefällt mir. Weiß ich denn nicht, daß Du damals kein Aufſehen machteſt, weil Du mein Vermögen in Deine ſchöne Speculation geſteckt hatteſt, und weil Du vorzogſt, lieber zu ſchweigen, als mir die Rechnung vorzulegen, die für Deine Rechtlichkeit kein eben vor⸗ theilhaftes Zeugniß abgelegt haben würde.“ „Iſt deshalb Dein Wandel minder verbrecheriſch ge⸗ weſen?“ — „War Deine Nachſicht deshalb ehrenvoller? Haſt Du die Schande nicht aus Geiz ertragen? Und wie oft haſt Du mir übrigens wie heute Deinen Edelmuth vorgehalten! Ein ſchöner Edelmuth!“ Ich müßte kein Blut in den Adern haben, wenn ich das Mädchen, das nicht das meinige iſt, ohne Haß anſehen könnte. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich ihre Anweſenheit dulde, warum ich ſie nicht aus dem Hauſe jage.“ — Thue, was Du willſt; was geht es mich an?“ ent⸗ gegnete Madame Heloiſe. „Habe ich jemals die Partie There⸗ ſens gegen Dich genommen? Wende ich nicht meine ganze Liebe ihrer Schweſter zu? Sollte Dir die Abneigung, welche ich gegen die große Duckmäuſerin immer zu erkennen gegeben habe, nicht beweiſen, daß ich das Geſchehene bereue? Und übrigens, was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Was ſoll ich thun?“ „Wenn jene verhaßten Erinnerungen mir ohne meinen Willen in den Kopf kommen, ſollteſt Du mich beſänftigen, ſtatt mich abſichtlich noch mehr zu reizen.“ „Meinſt Du denn, es ſei mir angenehm, vor der Thereſe in dem Augenblicke gemißhandelt zu werden „wann ich ſie noch ausſchelte?“ „Nun, mein Gott! Jedermann brauſt einmal auf. Und ich habe übrigens wohl ein Recht dazu.“ „Wer behauptet denn das Gegentheil? Du mußt nur an Dich halten, wenn es nöthig iſt. Es würde einen ſchönen Auf⸗ tritt gegeben haben, wenn Fremde dageweſen wären! Und die Miß Hubert mit ihrem impertinenten eiskalten Geſichte verliert ganz gewiß kein Wort von dem, was geſprochen wird.“ „Wer trägt die Schuld davon? Du mußteſt ja durchaus eine engliſche Gouvernante haben; nun haſt Du ſie und ein Geſchöpf um Dich, das Alles ausſpionirt.“ 9¹ — Ich wollte eine engliſche Gouvernante haben, weil alle Leute von gutem Tone engliſche Gouvernanten haben, und wenn ich Miß Hubert nicht genommen hätte, würde ſie zu den Dubois gekommen ſein. Was das Spioniren betrifft, ſo iſt uns, das Frühſtück und das Diner abgerechnet, Miß Hubert durchaus nicht in Wege, da ſie den ganzen Tag bei den Kleinen oben iſt. Die viertauſend Franes, die ſie jährlich erhält, machen Dich nicht arm.“ „Klage ich darüber? Giebſt Du nicht ſoviel aus, als Dir gefällt?“ — „Und kümmere ich mich um das, was Du thuſt?“ „Das ſage ich nicht.“ — „So verlohnt es ſich nicht der Mühe, daß wir uns ſtreiten.“ „Wer trägt die Schuld?““ — „Wer?“ „Wer? die Thereſe“, antwortete Achille Dunoyer, der ſich wieder beſänftigte, „die Duckmäuſerin, die Schleicherin, die ſich eben jetzt, wie ich überzeugt bin, die Hände vor Freude reibt, daß wir uns ſtreiten.“ — „Mein Gott, ja, ſie iſt im Stande, mit ihrer Miß Hubert ſich über uns luſtig zu machen. Ich bin überzeugt, daß ſie mit einander einverſtanden ſind, wie Taſchendiebe auf dem Jahrmarkte“, entgegnete Madame Helviſe, die ſich ebenfalls wieder beruhigte. „Es iſt wahr, Thereſe iſt Schuld daran. Hätte ſie mich nicht durch ihre inſolente Kaltblütigkeit gereizt, ſo würde ich nicht heftig geworden ſein. Ich war ja eben ganz vergnügt bei dem Gedanken, daß wir mit dem Grafen von Montal genauer bekannt werden ſollen.“ „Ich wußte wohl, daß ich Dir ein Vergnügen machen würde, wenn ich ihn in unſer Haus einführte. Welchen Dank aber erhalte ich dafür!“ — „Mein Gott, Achille, wie lange willſt Du zürnen? Was wiliſt Du denn noch, wenn ich ſage, daß Thereſe an Allem Schuld iſt?“ „Nun, ich will es gut ſein laſſen, aber Thereſe muß heute auf ihrem Zimmer eſſen“, entgegnete Herr Dunoyer. „Man ſoll nicht ſagen, daß ein ſolches Mädchen in meinem Hauſe den Ton angiebt.“ 6 92 — „Du haſt Recht, Achille“, antwortete Madame Du⸗ noher; „ſie ſoll auf ihrem Zimmer eſſen. Sie iſt übrigens im Stande, darüber ſich nicht eben zu grämen, die Heuchlerin.“ Was meinſt Du? Sie iſt ſiebenzehn Jahre alt; man kann ſie nicht mehr blos auf trocknes Brod ſetzen.“ — „Dann muß man auch von ihr Alles ertragen.“ „Gott ſei Dank, ſie iſt heirathsfähig.“ — „Ja, aber, mein Gott! wer wird ſie uns ab⸗ nehmen?“ VPoch einige Worte über die Familie Dunoyers. Der gemeine und ſchlechte Charakter des Herrn Achille war durch die Erziehung ſorgfältig entwickelt worden. Der Vater Dunoyer, anfangs Keſſelflicker, dann Mitglied der ſchwar⸗ zen Bande, dann Banquier, hatte drei bis viermal mit größerem oder geringerem Gewinne und ſo geſchickt Banquerott gemacht, daß er vor dem Geſetze nicht als Betrüger erſchien. Keine Schlechtigkeit war ihm zu ſchlecht geweſen; er hatte weder wucheriſche Darlehn noch unwürdige Betrügereien verſchmäht. Als er mit der Beute, die er den Betrogenen abgenommen, am Ziele ſeiner langen ſpitzbübiſchen Laufbahn angekommen, als er reich war, wollte er auch geehrt ſein und er erhielt wenigſtens Ehren⸗ ämter. Er wurde Mitglied des Stadtrathes, dann Maire, endlich Deputirter und er ſaß im Centrum. Er hielt Reden vor Frank⸗ reich, er hielt ſelbſt viele Reden. Und ſo viele redliche Männer, die der Meinung zugethan waren, welche dieſer Mann befleckte, indem er ſich auch dazu bekannte, jagten dieſen durch Beſtechung Erwählten, der nur die kecke und unbeſtrafte Betrügerei reprä⸗ ſentirte, nicht von der Rednerbühne, nicht aus der Kammer! Vater Dunoyer ſah mit Wohlgefallen ſein Ebenbild in dem Sohne Achille erſtehen, der dieſelbe Neigung zur Nieder⸗ trächtigkeit, zur Plünderung und zum Raube, zugleich aber auch einen um ſo maßloſern Stolz beſaß, weil er keinen Grund dazu hatte, denn Achille hatte ſo ziemlich das Geſicht, den Geiſt und das Benehmen eines Lohnbedienten, was nichtsdeſtoweniger eine Veredlung der Familie bewies, denn der Vater Dunoyer hatte immer das Weſen eines herumziehenden Keſſelflickers behalten. Achille war der Stutzer, der Elegant der Familie, der um ſo koſtbarere Sprößling, da zwei ſeiner Brüder, welche alle 93 Eigenthümlichkeiten der Familie geerbt zu haben ſchienen, ſtar⸗ ben. Um dieſen ſchmerzlichen Verluſt zu vergeſſen, erſann der Vater ein Actienunternehmen, das hundert Familien in Armuth ſtürzte, ihm aber einen Gewinn von einer Million brachte. Aber ach! trotz dieſen unſchuldigen Zerſtreuungen, trotz den Triumphen Achille's, der durch ſeinen Lurus alle Börſen⸗ Dandies verdunkelte, fand Vater Dunoyer keinen Troſt; ſein Vaterherz war tödtlich verwundet; er zog ſich in ein prachtvolles Haus zurück, das er in der Nähe von Paris beſaß, beſchloß hier friedlich ſeine Laufbahn inmitten der gemeinſten Völlerei und hinterließ ſeinem Sohne Achille ein großes Vermögen, ſein Beiſpiel und einen gebrandmarkten Namen. Achille trug den Namen, folgte dem Beiſpiele und ver⸗ mehrte ſein Vermögen. Wie widerwärtig dieſe Schilderung auch ſein mag, ſie iſt nicht übertrieben. Es giebt Familien, in welchen die Gewöh⸗ nung an legalen Betrug gleichſam forterbt, in welchen der in allen geduldeten Niederträchtigkeiten erfahrene Vater den Sohn die Kunſt des ehrlichen Banquerotts als ein Auskunftsmittel für ſchlechte Zeiten lehrt, wie die vorſichtigen und weiſen Väter ihre Kinder in einem Handwerke unterrichten laſſen, damit ſie in demſelben eine Zuflucht bei Umwälzungen finden möchten, welche auch das größte Vermögen vernichten. Dieſe ſchmachvollen Sitten treten um ſo greller hervor, da es in denſelben Kreiſen glückliche und zahlreiche Contraſte giebt; man findet da Familien, in denen ſich die Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit rein und fleckenlos von Generation zu Genera⸗ tion vererben, Familien, deren Name überall geachtet war, deren Anſehen immer in gleichem Glanze geſtrahlt hat; Leute, deren Caſſe der Gotteskaſten der kleinen Vermögen und der Heerd der größten Staatsintereſſen iſt. Dieſe leben einfach und ſittlichſtreng im Kreiſe ihrer Familie; ihre durch Bildung und Züchtigkeit ausgezeichneten Frauen ſind fromm und mildthätig, beſitzen beſonders die Schamhaftigkeit des Reichthums, wie die „Löwinnen“ der Geldariſtokratie die Schamloſigkeit deſſelben. Jene Männer ſind fern von der thörichten Eitelkeit, die großen Herrn nachzuäffen, und ſetzen ſich deshalb auch nicht der Ver⸗ achtung und Verſpottung aus; ſie halten ſich in würdevoller edler Zurückgezogenheit. Deshalb werden ſie von den ausge⸗ 94⁴ zeichnetſten Männern geliebt, geachtet und aufgeſucht, die an . ihnen nichts weiter tadeln, als die — glatte Kälte. Zum Glücke finden ſich dieſe Ausnahmen überall. Wenn wir von den Banguiers, die mur ſo reich ſind, wie Dunoyer, zu den Fürſten der Geldwelt oder zu den coloſſal⸗reichen Leuten übergehen, ſo finden wir auch hier glückliche Contraſte. Wenn mehrere ihr großes Vermögen zur Befriedigung der verächtlich⸗ ſten Leidenſchaften benutzen, wenn andre ſchmutzigen Geiz be⸗ weiſen, ſo brauchen andre ihre ungeheuren Reichthümer auf edle Weiſe, indem ſie freigebig die Künſte fördern, die ſie lieben oder ausüben, oder im Stillen unermeßliche Almoſen geben, und zwar mit ſo zartfühlender und rührender Güte, daß die, welche Unterſtützung von ihnen erhalten, ihnen eine von aller Kriecherei freie Dankbarkeit weihen. Auch müſſen wir zur Ehre unſerer Zeit und zur Verzweif⸗ lung der Dunoyer oder der Männer, die nichts für ſich haben, als die unverſchämte Keckheit, die ihnen ein königliches Ver⸗ mögen und die ſchmachvolle Speichelleckerei ihrer reichen und betitelten Paraſiten giebt, hinzufügen, daß gewiſſe von der öffentlichen Meinung gebrandmarkte Menſchen niemals die Schwelle einiger adeliger Heiligthümer überſchreiten werden, in denen man die ſtrengen Traditionen der guten alten franzöſiſchen Geſellſchaft treu bewahrt. Ja, es giebt auch in unſern Tagen noch einige geiſtreiche, liebenswürdige und mithige Frauen, deren erhabener Charakter und vollkommner Geſchmack, deren ſeltner Geiſt und beſonders deren hohe Würde ſtets gegen die um ſich greifende Anbetung des goldnen Kalbes proteſtiren und unerbittlich alle die aus⸗ ſchließen werden, die es nicht werth ſind, von Leuten von Ehre und Herz empfangen und geſucht zu werden. — — 95 VIHI. Thereſe Dunoyer. Die Wohnung, welche die beiden Töchter des Banquier inne hatten, beſtand aus einem großen Zimmer, das ſie als Arbeitszimmer benutzten; rechts befanden ſich die Zimmer der Miß Hubert und Clementinens, links die Thereſens und einer Dienerin der beiden Schweſtern. Als man zu Tiſche ging, meldete ein Bedienter Thereſen, man würde für ſie in ihrem Zimmer decken, und das junge Mädchen war, wie es Madame Dunoyer vorhergeſehen, mit dieſer Maßregel, die für ſie keine Strafe war, vollkommen zufrieden. Das Zimmer Thereſens war ziemlich groß, in ſchlechtem Geſchmack und unpaſſend meublirt, was bewies, daß Madame Dunoyer nicht zu den Müttern gehörte, die großen Werth auf die Einrichtung der Wohnung ihrer Töchter, des jungfräulichen Heiligthumes, legen, das immer einfach und züchtig ſein muß, da auf die Gedanken junger Leute nichts größeren Einfluß hat, als die Gegenſtände um ſie her. Madame Dunoyer, der ein großes Bett von Mahagoni mit Basreliefs und vergoldeter Bronze, Amoretten und Faunen vorſtellend, die mit Nymphen ſcherzten, nicht mehr gefiel, hatte daſſelbe für ihre ältere Tochter beſtimmt; ein Kranz mit zwei verliebten Tauben darüber und mit einem Spiegel inwendig bildete die Decke dieſes Bettes. Auf dem Kamin ſtand eine Uhr, an welcher ein Satyr und eine Bacchantin ſpielten, deren Stellung an die Licenz der Directoriumszeit erinnerte. Dieſe cyniſche Gruppe war eben⸗ falls von Madame Dunoyer verwieſen worden, welche für das Rococo eingenommen war. Thereſe beſaß übrigens alle dieſe ſchönen Dinge nach dem Rechte der Erſtgeburt und zum großen Neide ihrer Schweſter Clementine, zu welcher Madame Helviſe Dunoyer in dem Ge⸗ — ſtrenger Unparteilichkeit, auf das ſie ſtolz war, geſagt atte: 96 „Thereſe iſt die ältere und muß Beſſeres bekommen, als Du.“ Um Clementine zu tröſten, hatte ihr die Mutter eine Nacht⸗ lampe in etruskiſcher Form mit rothen Figuren auf ſchwarzem Grunde geſchenkt, welche eine intereſſante Cpiſode aus den Hoch⸗ zeitsceremonien der Römer darſtellten. Die Unbedachtſamkeit der Madame Dunoyer war mehr noch eigenſinnig, als verbrecheriſch. Hätte man ihr den ver⸗ derblichen Geſchmack dieſer Zimmerverzierungen vorgeſtellt, ſo würde ſie die Achſeln gezuckt haben; hätte man ihr dagegen ge⸗ rathen, ihren Töchtern ein ganz kahles, einfach geweißtes Zim⸗ mer mit einem Crucifir, einem Betſtuhl, einem Weihwaſſergefäß mit einem Oſterpalmenzweige darüber zu geben, ſo würde ſie ironiſch geantwortet haben, ihre Töchter wären keine Nonnen und brauchten deshalb nicht ſo in Zellen eingeſperrt zu werden. WMiß Hubert beſaß aus Inſtinkt die Prüderie der Englän⸗ en Anfangs erſtaunte ſie über die ſeltſame Ausſchmü⸗ ung der Wohnung ihrer Zöglinge, bald aber erkannte und durchſchaute ſie, unter welchen Leuten ſie lebte. Da ſe übrigens die Stelle nur angenommen, weil ſich ihr nichts Beſſeres dar⸗ geboten hatte, ſo empfand ſie keine Theilnahme für die beiden jungen Mädchen. Thereſe ſchickte ſich alſo, wie bereits erwähnt, mit ſtiller Zufriedenheit an, den Abend allein zuzubringen. Um ihrer Tochter die Strafe empfindlicher zu machen, hatten Herr und Madame Dunoher während der Tafel Billets zu einer Loge im Theater des Palais Royal holen laſſen. Miß Hubert und Clementine ſollten ſie dahin begleiten. Thereſe hörte mit einem wohlthuenden Gefühle den Wagen ihrer Mutter abfahren; es war ihr, als ſei ſie nun erſt recht allein; ſie verriegeltè die Thüre, ſetzte einen Schirm auf ihre Lampe, rückte ein großes Kanape an den Kamin, hob dann ge⸗ heimnißvoll ein Kiſſen auf und nahm darunter hervor ein kleines in rothen Maroquin gebundenes Buch, das ſie mit kindlicher Zärtlichkeit küßte. Halb liegend, die ſchöne Stirn auf eine ihrer weißen Hände geſtützt, deren herrliche Form von den ſchwarzen Flechten ihres Haares abſtach, verſank Thereſe gänzlich in die Lectüre ihres 97 Wir müſſen einige Worte über den Charakter des Mäd⸗ chens ſagen. Das Gemüth Thereſens war vortrefflich, da es noch nicht verdorben worden. Welche Richtung hätten ihre Gefühle und Anſichten nehmen können, da ſie von ihrem Vater und von ihrer Mutter hart und rauh behandelt und immer ihrer jüngern Schweſter nachgeſtellt und aufgeopfert wurde, oft den gemeinen Zänkereien im Hauſe beiwohnte, von denen wir ein Pröbchen gegeben haben, täglich eine gemeine Sprache und plumpe Scherze hörte, Leute ſah, deren Betragen ſich wenig von dem des Herrn und der Madame Dunoyer unterſchied, die Regungen ihres Herzens ſtets in ſich ſelbſt verſchließen mußte, keine Theil⸗ nahme bei der kalten Miß Hubert, keine Zerſtreiung in dem Umgange mit ihrer Schweſter fand, von einer ſorgloſen, gleich⸗ giltigen Gouvernante jene grwöhnliche Erziehung, jene unklaren moraliſchen S Lehren empfing, die für das eigentliche Leben ſo wenig zureichen, ihre Aeltern einander ſo gehäſſige Vorwürfe machen hörte, daß ihre Achtung gegen dieſelben ſchwinden mußte; kein Beiſpiel ihr euchhe ſie die Aeltern weder nachahmen, noch lieben, achten, ſondern blos fürchten konnte und ihr endlich bei ihrer bedauerlichen Erziehung auch die unermeßk Hilfsmittel der Religion abgingen! Nach der Logik unſerer Leidenſchaft ſpricht uns die Unge⸗ rechtigkeit, deren Opfer wir ſind, in unſeren eigenen Augen von ſo vielen Fehlern frei, daß die Schlechten und Ungerechten eine ſchreckliche Verantworilichkeit auf ſich laden. Eine aufrichtige und liebevolle Freundin, die gleichſam den Ueberfluß von Zärtlichkeit in ſich aufgenommen, von welcher das Herz Thereſens überſtrömte, würde für ſie von unſchätzba⸗ rem Vortheile geweſen ſein. Leider verankaßte ſie, bei ihrem Stolz und ihrer Schüchternheit, die Beſorgniß, ihr Entgegen⸗ kommen kalt aufgenommen zu ſehen, zu einer großen Zurück⸗ haltung, und die wenigen Mädchen, die ſie in der Geſellſchaft ihrer Mutter traf, erregten in ihr den Wunſch nicht, dieſe Zurückhaltung abzulegen. Thereſe beſaß von Natur jene edeln Gefühle, die, mora⸗ liſch geleitet, oft zu den heroiſcheſten Tugenden werden, aber, irregeleitet, durch gefährlichen Schein, durch glänzendt Ilu⸗ Thereſe Dunoyer I. 7 9⁸ ſionen zu dem Verderben führen. Bis jetzt hatte ſie noch keine Gelegenheit gehabt, ihren Aeltern einen Beweis von der Energie ihres Charakters und ihres Willens zu geben; Menſchen, die ihrer Kraft ſich bewußt ſind, geben in Kleinigkeiten leicht nach. Thereſe gehörte, um unſere Gedanken ganz auszuſprechen, zu den Frauen, welche ſtets entſchloſſen und ſtolz bis zum Ende der Bahn folgen, die ſie ſich vorgezeichnet haben, welche einen großen unverbeſſerlichen Fehler begehen können, aber nur einen, die zwar in das Verderben ſtürzen können, aber ohne Gemein⸗ heit, ohne Verrath, ohne Schlechtigkeit; zu jenen Frauen end⸗ lich, die ſo erhaben und aufrichtig lieben, daß ſie ſelbſt dann Theilnahme erregen, wann ihre Liebe eine verbrecheriſche iſt; zu jenen ſo ausgezeichnet guten und edeln Naturen, daß ſelbſt auf ihre Fehler ein Widerſchein ihrer Größe fällt. Thereſe hatte, wie erwähnt, ein unter dem Sophakiſſen verſteckt geweſenes Buch zur Hand genommen. Nachdem ſie eine Zeit lang geleſen, ſank ihr Haupt auf die ſanft ſich hebende Bruſt, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Das Werk, welches einen ſolchen Eindruck auf Thereſen achte, war Chateaubriand's „René“. Herr Achille Dunoyer beſaß eine Bibliothek blos zur Aus⸗ füllung und zum Schmucke ſeines Zimmers und in ſeiner un⸗ glücklichen Unbedachtſamkeit ließ er Thereſen nach Belieben dar⸗ aus Werke von Voltaire, Prevoſt, Jean Jacques, Marivaur, Parny, Leſage, Byron, Scott, Chateaubriand, Diderot, Crébillon u. a, nehmen und leſen. Man denke ſich die Verwirrung, welche die meiſten dieſer Werke in einem jungen, liebeglühenden Herzen, in einem leben⸗ digen, wiſſensdurſtigen Geiſte anrichteten. Zum Glücke ſchützte gerade die Verſchiedenartigkeit und die Abwechſelung dieſer Lectüre Thereſen lange, indem ſie in ihr tauſend einander widerſtreitende Gedanken weckte. So hatte ſie ſich, nachdem ſie lange den zarten Saint Preur, den armen ſo ſchwachen und ſo keidenſchaftlichen des Grieur geliebt, ernſtlich für Byrons Don Juan begeiſtert. Oft,⸗ ſehr oft hielt ſie nachdenklich bei den Stanzen inne, welche die erſte Liebe Don Juan's mit ſo wollüſtigem Reize ſchildern: . — , —, 99 Sie ſah Juan; als einen hübſchen Knaben Liebkoſte ſie ihn oft, das konnte klar Nur etwas Unſchuldsvolles in ſich haben, Denn ſie war zwanzig und er dreizehn Jahr; Doch könnt ich wohl am Lächeln mich erlaben, Wenn ſechzehn er, ſie dreiundzwanzig war. Die kurze Friſt pflegt wunderbar zu ändern, Zumal in ſolchen ſonnenheißen Ländern. Und Juliens Stimme ward ſo leis im Stöhnen, Auch war's zu ſpät nun für ein kluges Wort; Die Thrän' umzog die Augen ihr, die ſchönen, O wozu riß Gelegenheit ſie fort! Doch wer bleibt weiſe bei der Liebe Tönen? Zwar das Gewiſſen war noch nicht verdorrt, Ein wenig ſträubt ſie ſich und ſpricht mit Beben: „Nein, nimmermehr!““ — um ganz ſich u ergeben ¹). Man kann ſich denken, daß neben dieſem fröhlichen, reichen Don Juan, dem ſpottſüchtigen, verführeriſchen und kecken Don Juan Thereſen der ſchüchterne Liebhaber Juliens ſehr ernſt und philiſterhaft und der immer betrogene Liebhaber der üppigen Manon ſehr albern vorkam. Eine neue Liebe verdrängte indeß Don Juan aus dem Her⸗ zen Thereſens. Seit einigen Tagen hatte ſie René geleſen, und dieſe ſchöne traurige, nachdenkliche und einſame, immer den Stürmen der Leidenſchaften ausgeſetzte Geſtalt erregte in dem jungen Mädchen ein tiefes, faſt ſchmerzliches Gefühl; bis dahin hatte ſie ihre Helden nicht vollſtändig angebetet; die Liebe war immer etwas durch die Eiferſucht getrübt worden, denn Saint Preur liebte Julien, Janhoe die ſchöne Sachſin und Rebecca, des Grieur Manon und Don Juan ſeine zahlloſen Geliebten, während Rens ſeit dem Tode Ameliens allein war. René war das erſte, das einzige Werk, welches Thereſen den unbegrenzten Horizont des träumeriſchen Sehnens erſchloß. Seit dieſer Lectüre irrte ihre Phantaſie unaufhörlich an den „öden Küſten“ und den „regenfeuchten Hügeln umher, oder ſie ſchloß ſich mit Amelie in dem Kloſter am Meeresufer ein: „In der Nacht werde ich in der Stille meiner Zelle das Rauſchen der Wogen hören, welche die Mauern des Kloſters 1) Byrons ſämml. Werke, überſetzt von A. Böttger. Leipzig, Otto Wigand. 1841. 7* 100 beſpülen, ich werde an die Wanderungen gedenken, die wir mit einander machten im Walde, wo wir das Rauſchen des Meeres in den bewegten Wipfeln der Fichten zu vernehmen glaubten.“ Oder Thereſe veränderte ihrem Herzen nach die Entwick⸗ lung jenes bewundernswürdigen Gedichtes: Amelie ſtarb dann nicht; Thereſe, die ſich durch ein unwiderſtehliches Mitgefühl zu ihr hingezogen fühlte, tröſtete und beruhigte ſie, wie ſie auch René tröſtete und beruhigte; der Bruder und die Schweſter er⸗ goſſen ihre Thränen in den Buſen ihrer gemeinſchaftlichen Freun⸗ din; die beiden ſo unglücklichen Herzen reinigten ſich durch dieſes Vertrauen, ihre Neigung wurde wieder geſchwiſterlich und die Liebe René's belohnte Thereſen. Dieſe wenn auch kindiſchen Träume nahmen ſeit einiger Zeit einen großen Raum in dem Leben Thereſens ein; Don Juan war vergeſſen; die Liebhaberin René's lächelte nicht mehr mit niedergeſchlagenen Augen vor den kecken Blicken des Helden Byrons; ſie betrachtete ihn mit Würde; ſeinen Bouquets, ſeinen galanten Serenaden zog ſie tauſendmal die düſtern Töne der Kloſterglocke Ameliens oder die Klagen René's vor, die mit dem Rauſchen der Wogen verſchmolzen. Thereſe fühlte einen unüberwindlichen Widerwillen gegen Paris. Sie ſehnte ſich hinaus in die freie Luft, auf das Land, an den Meeresſtrand, an die See mit ihrer impoſanten Herr⸗ lichkeit. Bisweilen dachte ſie mit Schmerz, daß vielleicht ein unbekannter René für ſie ſeufze, wie ſie für ihn ſeufzete; daß vielleicht ein trauriger, liebreicher, gleich ihr für das einſame beſchauliche Leben begeiſterter junger Mann weine und ſpreche: „wo werde ich das Mädchen meiner Träume finden?“ — wie ſie oft mit Sehnſuchtsthränen in den Augen leiſe vor ſich hin ſprach: „wo finde ich den René meiner Träume?“ Seltſame Erſcheinung oder vielmehr ſeltſame Aehnlichkeit! Um dieſe Zeit, in demſelben Augenblicke wurde Ewen von Ker⸗Ellio von der gleichen unbeſtimmten Sehnſucht, von der⸗ ſelben ebenſo wonnigen als troſtloſen Ueberzeugung gepeinigt, daß ein anderes Herz ſich nach ſeinem Herzen ſehne, daß aber beide durch den Abgrund der Unbekanntſchaft geſchieden würden. Ach, wie oft muß ein ſolches räthſelhaftes Zuſammen⸗ treffen ſich erneuern! Wie oft haben vielleicht Shinn und ſtille Wünſche in der Ferne einſamen Thränen und einſamen „ * 101 Wünſchen geantwortet! Wie manches innige Mitgefühl, wie manche innige Seelenverwandtſchaft iſt unbekannt geblieben, wie ſo manches unausſprechliche Glück iſt geſcheitert, weil zwei gleichgeſtimmte Seelen zufällig nie zuſammenkamen. Wir ſprechen dieſe vielleicht ganz gewöhnichen Gedanken aus, weil die Erzählung uns dieſelben darbietet. Eben als Thereſe die Zauberkraft René's und die neuen Gefühle empfand, welche jenes Buch in ihr geweckt hatte, ſchickte ſich Ewen von Ker⸗Ellio an, die Bretagne zu verlaſſen und nach Paris zu kommen; er mußte nothwendig Herrn Achille Dunoher beſuchen, Thereſen ſehen, deren Aehnlichkeit mit dem geheimnißvollen Portrait in Treff⸗Hartlog bemerken, und ohne Zweifel für ſie von leidenſchaftlicher Liebe ergriffen werden, da der Zufall dem Mädchen alle Vorzüge und alle Neigungen gab, die Ker⸗Ellio ſeinem Ideal beigelegt hatte. Konnte Ker⸗Ellio nicht hoffen, von Herrn und Madame Dunoyer als Schwiegerſohn aufgenommen zu werden? War er nicht reich und vornehm? Erlöſete er ſie nicht von der Tochter, wie ſie es wünſchten? Der Fortgang der Geſchichte wird berichten, ob das Schickſal die Sympathien, die vielfältigen Bande, welche Ewen und Thereſen zu einem ewigen Glücke vereinigen zu müſſen ſchienen, zuſammenknüpfte oder zerriß. Herr Dunoyer hatte, als er in Gegenwart ſeiner beiden Töchter mit ſeiner Frau von ſeiner neuen freundſchaftlichen Ver⸗ bindung mit dem Herrn von Montal ſprach, die Ausſchweifung, die Verſchwendung, das Ausſehen ſeines neuen Freundes ge⸗ rühmt und ſeine Bewunderung in die Worte gefaßt: „Er iſt ein wahrer Don Juan.“ Wäre Thereſe nicht für René begeiſtert geweſen, ſo würden dieſe Worte vielleicht in ihr eine gefährliche Neugierde geweckt haben. Unter den Perſonen, welche ſie im Salon ihrer Mutter und auf den Bällen traf, zu denen man ſie bisweilen mitnahm, hatte ſie durchaus den Typus des Byronſchen Helden nicht gefun⸗ den. Ihr Geſchmack war zu ſchwer zu befriedigen, ihre Phantaſie verlangte zu iel, als daß ſie in dem erſten beſten Manne einen Don Juan geſehen hätte, während die Verführungsluſt und Verführungsgewohnheit, die Herr Achille Dunoyer dem Herrn von Montal zuſchrieb, zu der vortrefflichen Schöpfung Byrons wohl paßte. Aber der Einfluß René's war übermächtig; Thereſe ſchmückte ſogar abſichtlich den Herrn von Montal mit den verführeriſcheſten Reizen aus, um ihn dann ihrem bleichen René mit inniger Freude zum Opfer darzubringen. Sie verwünſchte den Läſtigen, der ihre ernſte wonnereiche Liebe zu dem Bruder Ameliens ſtörte, und ſie nahm ſich vor, am nächſten Tage ſich auf ihr Zimmer verweiſen zu laſſen, um dem langweiligen Diner zu entgehen, deſſen Held der Don Juan Montal ſein ſollte. René war niemals feuriger geliebt worden, als an dieſem Abende; niemals hatte ſie ſo ſchön von Einſamkeit und Liebe geträumt, niemals nahm ein Gebild der Phantaſie eine, wenn wir uns ſö ausdrücken dürfen, reellere Geſtalt an, niemals brachte die Schöpfung eines großen Dichters eine tiefer greifende Wirkung hervor. — Wenn man nicht fürchten müßte, durch den geringſten Hauch die engelgleiche Reinheit dieſer keuſchen Liebe durch einen Vergleich anderer Art zu trüben, ſo könnte man ſagen, René war an dieſem Tage glücklich, denn das Herz Thereſens fühlte ſich, nachdem ſie lange an ihr Ideal gedacht, ſo gepreßt, als hätte ſie etwas Unrechtes gethan. Das Mädchen ſtützte den Kopf auf das Sopha, ihre glü⸗ henden Wangen waren noch von Thränen benetzt, als an ihre Thüre geklopft wurde. Sie hatte die Zeit vergeſſen; es war faſt Mitternacht. Clementine und Miß Hubert kamen aus dem Theater zurück. Die Erſchütterung, wir könnten faſt ſagen, der Schrecken Thereſens, als ſie das Geräuſch hörte, das ſie aus ihren Träu⸗ men riß, war ſo groß, als wenn René in ihrem Zimmer ver⸗ ſteckt geweſen wäre; ſie fuhr zuſammen, erbleichte und blieb einen Augenblick bewegungslos ſitzen. „Schweſter Thereſe! Schweſter Thereſe!“ rief Clementine durch das Schlüſſelloch, „mach' doch auf; wir kommen aus dem Theater.“ — „Warum ſchließen Sie ſich ein, Mademviſelle?“⸗ fragte Miß Hubert. Thereſe hatte ſich unterdeß geſammelt, lächelte über ihre — ——— 103 Furcht, verſteckte ſorgfältig ihren lieben „René“ und öffnete die Thüre. — „Sieh da, Du riegelſt Dich jetzt ein?“ ſagte Cle⸗ mentine. „Ja, kleine Schweſter.“ — „Und warum, Mademoiſelle?“ fragte Miß Hubert. „Weil ich mich fürchte, da ich allein hier bin,“ antwortete Thereſe. — „Sie ſind doch ſonſt nicht ſo furchtſam,“ fuhr Miß Hubert fort; „doch thun Sie, was Sie wollen. Ich habe meine Pflicht gethan, indem ich dieſe Bemertung machte.“ Das war die gewöhnliche Formel, mit welcher die Gou⸗ vernante ihren Tadel begleitete. Ob ihre Zöglinge ihn benutzten oder nicht, blieb ihr gleichgiltig. „Soll ich Dir von dem Theater erzählen, Thereſe?“ fragte ſodann Clementine. „Wir waren im Palais Royal und es war recht hübſch. Die Dejazet war dabei ſo drollig! Sie erſchien als Marquiſe und es war ein junger Burſch da, der ſie küßte, während ihr Mann eingeſchlafen war, und ſie ſagte, ſie ließe ſich von dem weit lieber küſſen, als von ihrem Manne, weil ihr Mann alt ſei. Nicht wahr, Miß Hubert?“ „Ja — es iſt allerdings ein vortrefflich gewähltes Schau⸗ ſpiel für Kinder,“ bemerkte die Engländerin; „aber Ihre Eltern finden es für ſchicklich und Sie müſſen ſich nach den Anſichten derſelben richten und die Lehren benutzen, welche Sie durch dieſe ſchönen Dinge erhalten,“ ſagte die Gouvernante, indem ſie ſich die Füße am Kamine wärmte. Das Kind fuhr fort, ſtolz darauf, ſein gutes Gedächtniß zu zeigen: . „Dann war noch ein kleines Bauermädchen da, das der Mann der Marquiſe auch küſſen wollte, da er aber alt war, ſo ließ ſich das Bauermädchen auch lieber von dem Burſchen küſſen, der die Marquiſe küßte. Der Burſche küßte nur immer. Giebt es denn Männer, die immer ſo küſſen, Miß Hubert?“ — „Schweigen Sie, Mademoiſelle; es ſchickt ſich nicht, in meiner Gegenwart von ſolchen Dingen zu ſprechen. Vor Ihren Eltern — das iſt etwas Anderes, denen macht es Ver⸗ gnügen.“ „Kind,“ ſiel Thereſe ein, „es giebt Dinge, die man vor Niemandem ſagen darf.“ — „Was ſoll ich Dir denn aber erzählen?““ „Waren viele Leute im Theater? Waren die Damen recht geputzt?“ fragte Thereſe zerſtreut. — „Ach ja, Thereſe, es waren viele Leute da. Und dann, weißt Du, der junge Herr, von dem Papa vor dem Eſſen ſoviel ſprach —2“ „Welcher junge Herr?“ — „Du weißt es ja, der, wie Papa ſagt, eine Liebſchaft mit einer Schauſpielerin haben ſoll, der Herr, der morgen bei uns eſſen wird.“ „Ach ja, der Herr von Montal.“ — „Ja, ein Graf, ein Adeliger.“ „Nun?“ — „Er war in einer Loge mit Damen, Herzoginnen, wie Papa ſagte.“ „Es war nur eine einzige Herzogin da, Mademoiſelle, die Frau Herzogin von Miremont,“ fiel Miß Hubert im Lehrtone ein, ohne Zweifel, um anzudeuten, welche vornehme Bekannt⸗ ſchaften ihre frühere Herrſchaft gehabt; „ich ſah ſie vor zwei Jahren in England, wo ſie einen Mollat auf dem Schloſſe Milady's verweilte.“ — „Ach wie ſchön war dieſe Herzogin! Nicht wahr Miß Hubert?“ „Reizend. Nur die Ariſtokratie kann ſolche Auszeichnung und ein ſo vollendetes Benehmen beſitzen.“ — „Wenigſtens wenn wir armen Bürgerlichen nicht das Glück hätten, von Ihnen, Miß Hubert, gebildet zu werden,“ entgegnete Thereſe mit ironiſchem Lächeln. Die Gouvernante antwortete nicht darauf und Clementine fuhr fort: — „Ach ja, ſie ſah ſehr hübſch aus, die Herzogin mit dem kleinen Spitzenhütchen, und Papa ſagte zu Mama: „Siehſt Du den Spitzbuben von Montal? wie er der kleinen Herzogin einheizt?“ Was wollte er damit ſagen, Miß Hubert, „der kleinen Herzogin einheizt“2 Ich habe mir den Ausdruck befon⸗ ders gemerkt, um Sie darüber zu fragen. „Sie machen da einen vortrefflichen Gebrauch von Ihrem 105 Gedächtniſſe. Es liegt mir indeß nicht ob, die Unanſtändig⸗ keiten Ihres Herrn Vaters zu überſetzen und ich verſtehe dazu die Landesſprache nicht genug; fragen Sie Ihre Frau Mutter, die wird es wiſſen.“ — „Eine Unanſtändigkeit iſt es gewiß nicht, da es Papa zu Mama ſagt.“ „Eine ſchöne Garantie!“ erwiderte die Gouvernante. „Miß Hubert,“ ſprach Thereſe ernſt und beſtimmt, Sie thun nicht Recht daran, in meiner und meiner Schweſter Gegen⸗ wart ſo zu ſprechen.“ „Erzählen Sie es Ihren Eltern, Mademviſelle, es ſteht Ihnen frei; es liegt mir nicht ſo viel an meiner Stelle.“ — „Wohl möglich, aber ſo lange ſie dieſelbe bekleiden, ſprechen Sie mit mehr Achtung von meinem Vater und meiner Mutter.“ „Sehr wohl, Mademoiſelle,“ entgegnete die Gouvernante kurz; dann ſetzte ſie hinzu: „Kommen Sie zu Bett; Mitternacht iſt vorüber, Cle⸗ mentine.“ „Ach, Miß Hubert, laſſen Sie mich der Schweſter erſt noch mehr erzählen.“ „So beeile Dich, Kind; was haſt Du mir noch zu ſagen?“ fiel Thereſe ein. — „Das ſollſt Du ſogleich erfahren. In einem Zwiſchen⸗ acte verließ der Herr von Montal die Loge jener Herzogin; ſobald dies Papa ſah, ſprang er aus der unſrigen hinaus und ſagte zu Mama: „Zch werde den Grafen wegzufangen ſuchen und Dir ihn bringen.“ Mama zupfte da an ihren Manſchetten und an der Schneppe und ſagte zu Miß Hubert: „Iſt das Schlößchen an meinem Stirnbande genau in der Mitte der Stirn, Miß Hubert?“ „Ihre Mutter hatte es ſchön gefunden, zu einem Hute mit Federn ein Stirnband mit Diamanten zu tragen,“ ſprach die Gouvernante ironiſch. „In dieſem Augenblicke,“ fuhr Clementine fort, „öffnete Papa die Thüre; er brachte den Herrn und Mama ſtand auf.“ „Auch dies iſt wahr,“ ſagte Miß Hubert; „Ihre Frau Mutter ſtand auf, was beweiſet, wie hoch ſie den Herrn Grafen 106 von Montal ſchätzt, denn eine Dame ſteht nie auf um einen Herrn zu empfangen, beſonders wenn die Dame in dem Alter Ihrer Frau Mutter und der Herr in dem Alter des Herrn von Montal iſt.“ Nach dieſer neuen boshaften Bemerkung, die eine Bewe⸗ gung des Unwillens in Thereſen veranlaßte, fuhr Clementine in ihrer Erzählung fort: „Dann trat der Herr von Montal in unſere Loge, grüßte Mama und bat ſie, wieder Platz zu nehmen.“ „Was Ihre Frau Mutter aber durchaus nicht that, immer in Folge ihrer hohen Verehrung gegen von Montal, der ihr Sohn ſein könnte,“ ſagte die Gouvernante. — „Ja, Schweſter, wie Miß Hubert ſagt, Mama blieb ſtehen, ſo lange Herr von Montal da war, und ich hörte, daß man neben unſerer Loge viel lachte und uns anſah. Ich lachte nicht, ſondern ſah den Herrn an, der morgen bei uns zu Tiſche ſein ſoll. Wie hübſch er iſt, mein Gott! und wie ſchön trägt er ſich! Ich würde mich gern von ihm küſſen laſſen, wie ſich die Marquiſe in dem Stücke im Theater von dem Bauerburſchen küſſen ließ. Nicht wahr, Miß Hubert?“ „Gewiß, das iſt die Moral der Comödie; daran hatten Ihre Eltern ohne Zweifel gedacht, als ſie ihre Tochter mit in ein ſolches Theater nahmen, und Sie entſprechen ihren Erwar⸗ tungen vollkommen,“ entgegnete Miß Hubert. 9 geg „Geh in Dein Bett, kleine Schwätzerin,“ ſagte Thereſe zu ihrer Schweſter. Clementine und Miß Hubert entfernten ſich. Thereſe blieb allein und ſchlief mit Gedanken an René ein. IX. Der Marquis von Beauregard. Che wir in unſerer Erzählung weiter fortfahren, müſſen wir den Leſer mit einer neuen Perſon bekannt machen, mit dem Marquis von Beauregard. — 107 Wir müſſen uns um ſo ausführlicher über ſeinen Charakter auslaſſen, da dieſer Mann gewiſſermaßen eine lebendige Pro⸗ teſtation gegen das war, was er die jämmerliche Kleinlichkeit und die ſchmutzige Knickerei der Unordnung unſerer Zeit nannte. Nach der Meinung des Marquis müßte man entweder coloſſal verſchwenderiſch ſein oder wie ein Spießbürger leben; in der Narrheit gab er keine Nittelſtraße zu. Sobald Jemand entſchloſſen ſei, ſagte er, ſich zu ruiniren, ſei er es ſich ſelbſt ſchuldig, ſeinen Zweck auf eine galante, ritterliche und großartige Weiſe zu erreichen. Es giebt, ſagte er, Poltrons jeder Art und ich kenne nichts Alberneres, als jene Männer, die hinter ſich bli⸗ cken, nachdem ſie ſich einmal in einen Kampf mit dem Schickſale eingelaſſen haben. Man muß ſehr reich ſein (wir ſprechen immer in dem Sinne des Marquis), um ſich auf eine gute Art zu ruiniren; der Glanz des Ruhmes, den eine blendende Pracht giebt, gleicht den Verluſt des Vermögens aus, das man dabei daran geſetzt hat. Man gewinnt an Glanz, was man an Dauer verliert. Mit dem Gelde, das ein prächtiges Feuerwerk koſtet, von welchem nach einer Viertelſtunde nichts als ein wenig Rauch übrig bleibt, könnte man ſich Heizungsmaterial für ein ganzes Jahr kaufen; aber was iſt der beſcheidene Schein des Kamins neben jenen Feuerzungen, die nach den Wolken emporſteigen und ſie mit Gold und Purpur überſtrahlen; neben jenen Licht⸗ ſtrömen, welche den Himmel und die Erde beleuchten; neben jenen unermeßlichen Garben von Saphiren, Rubinen und Sma⸗ ragden, vor denen die Sterne erbleichen! Die Verſchwendung, ſetzte der Marquis hinzu, muß, um logiſch und moraliſch, d. h. ſchön und vollſtändig zu ſein, eben⸗ falls die Menge entzücken, blenden, ſie zum Händeklatſchen hin⸗ reißen, ohne Jemandem zu ſchaden. Jene Armſeligen, — die, ſtatt in einer redlichen und beſchei⸗ denen Mittelmäßigkeit zu leben, ſich ungeſehen und dumm rui⸗ niren, um ſich die ſtolze Genugthuung zu gewähren, zwei ſchlechte Pferde zu beſitzen ſtatt eines, ſich mit ſechs ſchlechten Gerichten zu plagen, ſtatt mit drei, im Spiel zehn Louisd'or zu verlieren ſtatt fünf, eine häßliche Phryne knickerig zu bezahlen, ſtatt ſich umſonſt hintergehen zu laſſen, — verachtete der Marquis K. m Grunde ſeines Herzens und er ſagte, dieſe Unglücklichen S. 108 brächten die Verſchwendung in ſchlechten Ruf, wie die Reiſe⸗ diener und die Advocaten täglich den franzöſiſchen „Esprit“ in Mißcredit brächten. Der Marquis hatte ſich nicht begnügt, dieſen Kreuzzug zu Gunſten der ächten Prachtliebe gegen unwürdige Anmaßun⸗ gen zu predigen; er war ſelbſt als Beiſpiel und Muſter ſeiner Theorie aufgetreten. Ob er gleich ein ungeheures Vermögen zum Theil vergeudet hatte, ſo kamen doch noch immer wenige Häuſer in Paris, ſelbſt unter den beſten, dem ſeinigen gleich; man fand da vortreffliche Tafel, man hörte die ſchönſte Muſik und ſah alle Arten des raffinirteſten Comforts und der höchſten Eleganz; ſeine Bälle waren unnachahmlich, denn nur er ver⸗ ſtand große Feſte zu geben. Im Herbſt hatte er auf ſeinem Gute Beauregard in der Dauphins die ſchönſten Jagden in ganz Frankreich und er entfaltete da eine der größten Herrn Englands würdige Gaſtfreundſchaft, was gewiß das Höchſte iſt, was ſich von dem Landleben ſagen läßt. Ein ſo durchdachtes Lebensverſtändniß verräth immer einen ungewöhnlichen Geiſt und der Herr von Beauregard war denn auch ein ausgezeichneter Mann, aber ſeine wirkliche Excentricität entſtand aus einem ſeltſamen Contraſte zwiſchen ſeiner gutmü⸗ thigen, zartfühlenden Natur und ſeiner närriſchen Affectation von Cynismus und Schlechtigkeit⸗ Der Theorie nach gab es in der Welt keinen größern Rous, als den Marquis, im wirklichen Leben aber war Niemand häu⸗ figer dupirt worden, was er übrigens unverholen und lachend ſelbſt zugeſtand. Niemand hatte die Frauen genauer gekannt, als der Mar⸗ quis; Niemand hatte in höherem Grade die Mittel beſeſſen, ſie durch Ergebenheit zu verführen, ſie durch Unerwartetes zu über⸗ raſchen, durch Pracht zu blenden, durch Kühnheit zu beherrſchen, bisweilen wohl auch durch Mißachtung ſie an ſich zu ziehen; kurz niemals vereinigte ein Mann in höherem Grade jene koſt⸗ bare Miſchung von Impertinenz und Grazie, von Frechheit und Zärtlichkeit, von Bravour und Selbſtverleugnung, die einen unwiderſtehlichen Reiz beſitzt, wenn ſie namentlich mit einem ſchönen Geſichte und der edelſten Haltung in Verbindung ſteht. In der Theorie hatten Don Juan und Lovelace kein liebereiche⸗ res, leichtfertigeres, weiteres, gegen Thränen unempfindlicheres 5 109 Gewiſſen, als der Marquis, und doch war Niemand mehr von ſeinen Geliebten beherrſcht und tyranniſirt worden, als gerade er. Wenn er ſeine ſocialen Theorien auseinander ſetzte, ſo ſtaunte man über ſeine gänzliche Demoraliſation, über ſeinen Hohn gegen alle Grundſätze; man zitterte, wenn man ihn den grauſamſten Despotismus zum Syſtem erheben, den mate⸗ riellen Genuß in jeder Form preiſen, jede Noth und Armuth ſchmähen hörte. Man mußte ihn ſeinen Worten nach entſetzlich habſüchtig, ſelbſtſüchtig, für einen Menſchen ohne Glauben, ohne Herz, ohne Ehre halten — das point dhonneur ausge⸗ nommen, denn er trieb die Bravour bis zur Verwegenheit. Dennoch ſtand die Börſe des Marquis ſeinen Freunden ſtets offen und ſeine übermäßige Freigebigkeit beförderte unter den Bauern in der Dauphins die Faulheit; er hatte ſich durch ſeine Geſchäftsführer fortwährend betrügen laſſen und trieb die Uneigennützigkeit ſo weit, daß er die bedeutende Summe, welche er in Folge des Verkaufs eines Grundſtücks erhielt, nicht ausleihen mochte. Ein Edelmann darf, ſagte er, nur von dem Getreide ſeiner Felder oder von dem Holze ſeiner Wälder leben; armſelige Zinſen von 4 bis 5 Prozent von ſeinem Gelde zu ziehen, verräth auf eine Stunde weit die Kaufmannsſeele. Das war noch nicht Alles; der Marquis affectirte auch eine Mißachtung der heiligſten Gefühle. Sein Vater, ein Mann von kräftiger Conſtitution, war ſehr alt geworden. So lange der alte Mann ſich wohl befand, erlaubte ſich der Marquis alle möglichen ſchlechten Späße und Scherze, um über das viel zu lange Leben dieſes Vaters zu klagen, der ihn unbeſcheiden lange auf ſein Erbe warten laſſe. Ein Freund Beauregard's ſagte zu ihm: „Ich begegnete Ihrem Vater; er ſah recht leidend aus. In ſeinem Alter kann das geringſte Unwohlſein ſehr ernſt werden.“ „Schmeichler!“ antworterte der Graf. Ein andermal erzählte er, an einem Wintertage habe ſein Vater zu ihm geſagt: „Es friert gewaltig und doch trage ich trotz meinen ſiebenundachtzig Jahren nur einen leichten Rock. Ich habe einen eiſernen Körper und werde hundert Jahr alt werden.“ „Du weißt mir nichts als Unangenehmes zu ſagen,“ hatte der Marquis verdrüßlich geantwortet. 1¹⁰ 3 „ Sobald aber ſein Vater ſich im Geringſten unwohl fühlte, wich Herr von Beauregard Tag und Racht nicht von ſeinem Bette und pflegte ihn auf das Zärtlichſte. Als ſein Vater ge⸗ ſtorben war, unternahm er eine lange Reiſe in Italien; ſein Schmerz war tief und dauernd. Nach einigen Jahren entſchloß ſich der Marquis, als ſein Vermögen ſehr gelitten hatte, eine reiche Frau zu nehmen, um den Schaden wieder auszugleichen. Da hätte man ſeine derben Ausfälle gegen Frauen von niedrigem Stande hören ſollen, die ſich glücklich ſchätzen, ihr Vermögen zu den Füßen eines adeligen Herrn niederzulegen, der ſie der Camaille entzieht und von dem Bürgerſchmutze reinigt, indem er ihnen einen menſchlichen Namen giebt. Man hätte ihn auseinander ſetzen hören ſollen, wie die Leute aus vornehmem Hauſe von Zeit zu Zeit auf dieſe Weiſe ihre Beſitzungen düngen müßten, da das Geld eines bürgerlichen Schwiegervaters ein Dünger wäre, der im Ganzen doch immer einen unangenehmen Geruch verbreite. Der Marquis, der alſo ſeinem Vermögen durch eine reiche Heirath aufhelfen wollte, glaubte einen Meiſterſtreich auszu⸗ führen, wenn er eine reiche amerikaniſche Erbin zu bezaubern verſuche (Herr von Beauregard glaubte noch an ſolche über⸗ ſeeiſche Pactolus). Er ſchiffte ſich nach Havanna ein und verbrachte dort die drei ſchrecklichſten Monate, die ein Mann von ſeinem Charakter in dieſem Lande verbringen kann. Nachdem er die nöthigen Er⸗ kundigungen eingezogen, begann er endlich ſeine Operationen, um die Sennorita Dolores zu bezaubern, eine allerliebſte kleine Havaneſerin von ſechzehn Jahren, die Tochter des Bürgers Pablo, eines der reichſten Männer der Inſel, der ſich haupt⸗ ſächlich mit der Zucht zahmer Eber beſchäftigte, — wie der Marquis die Zöglinge jenes Bürgers der neuen Welt nannte. Um den Schwiegervater Pablo zu bewegen, ihm ſeine Tochter zu geben, bot Herr von Beauregard mehr Schlauheit, mehr Intriguen und größere Liſt auf, als er nöthig gehabt haben würde, um zwanzig diplomatiſche Verträge abzuſchließen. Um der unſchuldigen Creolin zu gefallen, wendete der Marquis mehr Geiſt und Grazie auf, als er gebraucht hätte, um zwanzig der koketteſten Pariſerinnen Herzweh zu machen. Aber trotz ſeinem Don⸗Juan⸗Weſen, trotz ſeiner Lovelace⸗ 11¹ Haltung verliebte er ſich endlich ernſthaft und leidenſchaftlich in die kleine Dolores, und der Tag, an welchem er ſich mit ihr ver⸗ mählte, war wirklich der glücklichſte ſeines Lebens. Der Marquis hatte ſich immer ſehr gehütet, irgend etwas von Geſchäften zu verſtehen; als verliebter großer Herr, der er war, unterzeichnete er blindlings den Ehecontract. Mit wel⸗ chen Cpigrammen er ſeinen unglücklichen Schwiegervater miß⸗ handelte, den er bald einen Huronen, bald eine Rothhaut, bald einen Inca nannte, möge der ſcharfſinnige Leſer ſich ſelbſt denken. Der Schwiegervater Pablo beſaß ein unerſchütterliches Phlegma. Er hatte ſeiner Tochter als Mitgift einige tauſend Acker Urwald in Teras an den Ufern des Sees Yamabyloyckaw gegeben. Zur Ausgleichung ſetzte der Marquis freigebig der ſchönen Dolores, Dolorita, die ihre herrlichen blauen Augen immer niederſchlug, ein Wittwengeld von 400,000 Francs aus. Kraft des Contracts, den der Marquis blindlings unter⸗ zeichnet hatte, verlangte der vortreffliche Schwiegervater Pablo, der Hurone, der Inca, vor der Abreiſe ſeines Schwiegerſohnes nach Frankreich eine Abſchlagszahlung auf das Witthum von fünftauſend Louisd'ors, welche fünftauſend Louisd'ors, von dem Marquis in guten Wechſeln bezahlt, zur erſten Urbarma⸗ chung der Wälder am See Yamabyloyckaw beſtimmt waren. Dieſe ſchöne Beſitzung ſollte von da an den prächtigen Namen Beauregardville führen. Zur Strafe für die Idee, in Amerika ſeinem Vermögen wieder aufhelfen zu wollen, kam alſo der Marquis um hundert⸗ tauſend Francs ärmer (den Reſt des Witthums ungerechnet) mit einer Frau nach Paris zurück, und in den Nebeln des Sees Yamabyloyckaw zeigte ſich ihm Beauregardville, Der Herr von Beauregard war viel zu klug, als daß er nicht hätte bemerken ſollen, daß ſein Schwiegervater, der Inca, ſeine Sorgloſigkeit arg gemißbraucht; da er aber zu ſehr großer Herr war, als daß er lange an eine ſolche Erbärmlichkeit ge⸗ dacht, ſo ſchloß er, man müſſe, wenn man eine Reiſe unter⸗ nähme, um ſich eine Frau zu ſuchen, ſich von einem Notar als Kammerdiener begleiten laſſen. Zu verſchweigen dürfte indeſſen nicht ſein, daß die Liebe, welche er für Dolvres fühlte, ihm die Uneigennützigkeit ſehr erleichterte. Der Mann, der ſo unbarmherzige Sarkasmen gegen die Männer zu ſchleudern pflegte, welche in ihre Frauen verliebt ſind, der Mann, der in ſeiner Frau nichts als einen Geldſack ſehen wollte, den er in einen Winkel werfe, ſobald er leer ſei, hatte ſich in die hübſche Creolin immer mehr und mehr verliebt. * Um indeß den Schein zu retten, wie er es nannte, um nicht merken zu laſſen, daß er hunderttauſend Franes in Amerika gelaſſen und aus der neuen Welt nichts als eine leidenſchaftliche Liebe für ſeine Frau mitgebracht habe, verdoppelte der Marquis, treu ſeiner Theorie von Laſter und eyniſcher Affectation, ſeinen Aufwand, begnügte ſich nicht mehr mit einer Geliebten von der Oper, die er vor ſeiner Verheirathung gehabt hatte, ſondern nahm ſich auch noch die Schweſter dieſes Mädchens, und ſchickte beide, um zu beweiſen, daß ſie ihm angehörten, in kleine Logen, welche er in der großen und in der italieniſchen Oper beſaß. Nicht genug; zu Ende der Junggeſellendiners, die der Marquis von Zeit zu Zeit ſeinen Freunden gab, forderte er die⸗ ſelben auf, ſeiner Frau den Hof zu machen und ſie etwas in die Schule zu nehmen; er affectirte in ſeinen Reden die ſchamloſeſte Frechheit der Ehemänner aus der Zeit der Regentſchaft, und bat, die erſten Anbeter der Frau von Beauregard möchten ihn zum Vertrauten machen, damit er ihnen mit gutem Rathe bei⸗ ſtehen könnte, aber er erſuchte ſie auch, die Marquiſe zu bilden, da die kleine Creolin noch eine Menge irokeſiſcher Vorurtheile an ſich habe, als habe ſie eben erſt aufgehört die zahmen Eber ihres Vaters zu hüten. Trotz dieſer impertinenten Verſtellung blieb der Marquis im Stillen leidenſchaftlich in ſeine Frau verliebt. Nun noch einige Worte über die Verhältniſſe, in denen Beauregard und Montal zu einander ſtanden. Als der Letztere in der Geſellſchaft erſt auftrat, ſtand der Erſte bereits auf dem Gipfel ſeines Ruhmes. Man ſprach von nichts, als von ſeinem Geiſte und von ſeinem Aufwande; ſein Geſchmack war in allen Dingen der Eleganz eine despotiſche Autorität; man ſchrieb ihm die originellſten Abenteuer und Dinge aller Art zu, und man rühmte den ritterlichen Muth, den er in zwei oder drei ſehr glücklichen Duellen bewieſen, in welchen er eine tollkühne Tapfer⸗ keit gezeigt hatte. —— — S— —— — — . 113 Herr von Montal fühlte eine hohe Bewunderung für den Marquis. Er wollte ſoviel als möglich deſſen geiſtreiche Im⸗ pertinenz, Verſchwendung und Thorheiten aller Art copiren; da es ihm aber an Geld und an Originalität fehlte, um dieſe Rolle lange und glücklich zu ſpielen, ſo ging in kurzer Zeit ſein Glück⸗ ſtern unter, und es blieb ihm nichts, als der Troſt, ein Satellit des blendenden Planeten geweſen zu ſein. Der Marquis ſeiner Seits wußte dem Herrn von Montal dieſes Nachahmungs⸗ ſtreben Dank, ob er ihn gleich ſeiner Thorheit wegen auslachte und ſah ihn noch immer ziemlich häufig. Der Herr von Montal war viel zu eitel, als daß er nicht viel auf den Glanz gegeben hätte, der durch ſeinen Umgang mit dem Herrn von Beauregard auf ihn fiel; auch bot er Alles auf, um dem Marquis zu ſchmeicheln, ihn für den Nachfolger eines Baſſompierre, eines Richelieu, eines Lauzun und Brummel aus⸗ zugeben, ihn ſeinen Herrn und Meiſter und den einzigen Mann in Frankreich, folglich in Europa, folglich in der Welt, zu nen⸗ nen, der das Loben noch begreife. Obgleich der Marquis ſich innerlich von dieſen Lobpreiſun⸗ gen geſchmeichelt fühlte, ſo ſagte er doch eines Tages zu dem Herrn von Montal mit ſeinem gewöhnlichen Cynismus: „Sie wollen entweder Geld von mir borgen oder meiner Frau den Hof machen; es liegen fünfhundert Louisd'or für Sie bereit und morgen werde ich Sie der Marquiſe vorſtellen. Jetzt kann ich mich mit aller Gemächlichkeit dem Vergnügen hingeben, mich durch Ihre Schmeicheleien düpiren zu laſſen.“ Der Herr von Montal hatte noch Geld genug, ſo daß er zu der Börſe ſeines Freundes ſeine Zuflucht nicht zu nehmen brauchte, und die Eroberung der Marquiſe ſchien ihm über ſeine Kräfte zu gehen. Er ſchlug deshalb die Anerbietungen ſeines Helden aus und machte dieſem dadurch ſeine Lobeserhebungen doppelt werthvoll. Der Marquis, den dieſe Uneigennützigkeit rührte, wurde ein faſt aufopfernder Freund Montal's, ob er ihn gleich oft Juliens wegen derb anließ, und ſagte, es ſei unedel und eines Adeligen unwürdig, ſich mit ſolchen Perſonen familiär zu machen, man müſſe ſie als Lurusartikel, als eine Gelegenheit zum Auf⸗ wande anſehen; man ſtehle dieſen armen Mädchen alles das Geld, das man ihnen nicht gäbe. Thereſe Dunvher I. 8 11⁴ Wir werden ſogleich den eigentlichen Grund des Morgen⸗ beſuches angeben, den der Herr von Beauregard dem Herrn von Montal machen wollte. Wir bemerken nur, daß der Marquis in den wenigen Augenblicken, die er an der Thüre Montal's wartete, ohne nöthig zu haben, ſeine Züge in eine gewiſſe Lage zu bringen, heftig von Haß und Zorn bewegt zu ſein ſchien; ein paar Mal verzerrte die Wuth ſein Geſicht, ſobald er aber bei dem Grafen eingetreten war, nahm er ſeine gewöhnliche Maske von ironi⸗ ſcher Gleichgiltigkeit wieder an und zeigte in dem Geſpräche ſelbſt eine große Heiterkeit. Ein aufmerkſamer Beobachter würde indeß bei dem Mar⸗ guis doch eine gewiſſe fieberhafte Aufregung entdeckt haben, die ſeine heitere Laune verdecken ſollte. X. Die Vorſtellung. Der Herr von Montal trank ſeinen Thee, als ſein Diener die Thüre öffnete und den Marquis von Beauregard anmeldete. Der Marquis ſtand etwa im 40. Jahre, und war groß und tadellos gewachſen; obgleich das Alter ſeiner Taille, die ſonſt ſchlank und zierlich geweſen, eine gewiſſe Fülle gegeben hatte, ſo nahm ſie ſich doch noch immer unter einem Rocke von Bronzefarbe recht gut aus, der über den Hüften knapp anlag und deſſen breite mit Sammet gefütterte Revers eine weiße Piquéweſte und den großen Knoten einer blaßblauen ſeidenen Cravatte ſehen ließen. Hellgraue Beinkleider, welche auf nette Gamaſchenſtiefeln fielen, vervollſtändigten den Anzug des Mar⸗ quis. Sein braunes, von Natur bockiges, hier und da mit Silberfädchen durchzogenes Haar umfaßte eine breitte glatte Stirn; über ſeinen großen ſchwarzen Augen, die ziemlich weit vorſtanden und durch die Lider halb verſchleiert wurden, wölbten ſich ziemlich ſtarke und namentlich ſehr hohe Brauen. Dieſes 115 charakteriſtiſche Zeichen des Stolzes, verbunden mit der gebiete⸗ riſchen Haltung des Kopfes des Marquis und der Fähigkeit, die er zu beſitzen ſchien, immer von oben herab zu ſehen, an welchem Platze er ſich auch befinden mochte, gab ihm ein ſehr hochmüthiges Ausſehen. Seine Adlernaſe von ſeltener Tadel⸗ loſigkeit charakteriſirte ſein Geſicht auf edle Art; auf ſeinen ſpöt⸗ tiſchen Lippen ſpielte häufig ein halbes Lächeln; ſeine etwas vollen Wangen wurden von einem ſeidenweichen braunen Backen⸗ barte ümfaßt, der an jeder Seite bis faſt an den Mundwinkel reichte; das keck vorſpringende, etwas bläulich gefärbte Kinn mit dem Grübchen war ſtets ſehr ſorgfältig raſirt. Als ächter Pariſer ſtieß der Marquis beim Sprechen etwas mit der Zunge an. Es fehlte dem Herrn von Beauregard nur der geſtickte Frack des achtzehnten Jahrhunderts, um dem Körper, wie dem Geiſte nach als Typus der großen Herren jener Zeit zu erſchei⸗ nen, deren vollkommene Eleganz der Herr von Lauzun, deren rückſichtsloſen, ſpottſüchtigen Sinn der Herr von Lauraguais repräſentirte. Entweder in Folge eines vertraulichen Scherzes oder in der Meinung, welche der alte Ruhm Beauregard's den Leuten einflößte, die jünger waren als er, nannte man ihn gewöhnlich Marquis; vielleicht war er auch ſo weſentlich Marquis in der ariſtoftatiſchen Bedeutung dieſes Wortes, daß nichts natürlicher zu ſein ſchien, als ihm dieſen Titel zu geben. Der Herr von Beauregard trat ſeiner Gewohnheit gemäß geräuſchvoll ein. Nie hatte ihn Montal heiterer und beſonders nie ſpottluſtiger geſehen. „Ach, lieber Freund“, ſagte er zu dem Grafen, „was wird aus Ihnen? Seit fünf bis ſechs Tagen hat man Sie nicht im Clubb geſehen. Es gehen ſeltſame Gerüchte über Sie um.“ „Welche Gerüchte, Marquis? Sie erſchrecken mich.“ „Man ſagt, Sie hätten im vollen Theater eine öffentliche Ausſtellung abgehalten? — „Wie? wo?“ „Jü Palais Royal, welcher Pranger! — in einer Loge mit einer dicken Frau, einem Ehemanne und Kinde, mit einer Madame — Madame —“ 8* 116 — „Helviſe Dunvyer, Marquis.“ „Richtig, eine Helviſe, die aber nicht neu iſt, wie man ſagt, im Gegentheile. — Aber warum compromittiren Sie ſich ſo? Wiſſen Sie nicht, daß ſolche Dinge in die Kategorie des Bizarren gehören, zu denen man einmal aus Geſchmacksver⸗ wirrung Luſt bekommt? Aber dann zeigt man es ſeinen Freun⸗ den vorher an, damit ſie wiſſen, woran ſie ſind. Vor zehn Jahren iſt mir auch einmal etwas der Art begegnet und ich ſchlug folgendes Verfahren ein.“ „Ich bin ganz Ohr, Marquis; bei Ihnen giebt es immer etwas zu bewundern und zu lernen.“ „Denken Sie ſich, eines Morgens, als ich erwache, fährt mir, ich weiß nicht, welche tolle Idee durch den Kopf und ich ſage zu mir: habe ich doch noch nie die Frau eines Richters zur Geliebten gehabt. Das muß ſeltſam ſein; die Frau eines Mannes, der eine Robe trägt! es muß die verkehrte Welt ſein. — Aber wo ſollte ich die Frau eines Richters finden?“ — „Für Sie mußte das wirklich eine ſchwere Aufgabe „Es geht doch“, dachte ich bei mir; „ich muß mir einen Prozeß zu verſchaffen ſuchen.“ — „Sehr gut, Marquis.“ „Ich wohnte damals in der Rue de Grenoble in dem Hotel de Verneuil, dem Eigenthume meines Großoheims; mein Nachbar war ein alter grilliger Menſch, der auf's Strengſte auf die Nachbarrechte hielt. Ich ſuchte einen Prozeß, um einen Richter zu finden, und einen Richter, um deſſen Frau zu bekom⸗ men; bei meinem alten Nachbar war der Prozeß leicht zu finden. Ich ließ deshalb ein halbes Dutzend Maurer kommen und die Mauer niederreißen, welche meinen Garten von dem meines eigenſinnigen Nachbars ſchied.“ — „Aber, Marquis, dadurch mußten Sie ihn ja raſend machen.“ „Nach drei Stunden bildeten unſere beiden Gärten nur einen.“ — „Und der Nachbar, Marquis?“ „Der Nachbar ging alle Morgen auf dem Boulevard des „ Italiens ſpazieren; als er zurückkam, ſah er die Verſchmelzung 117 der beiden Gärten in einen einzigen, gerieth vor Wuth außer ſich, erkundigte ſich und kam dann zu mir.“ — „Und was ſagten Sie ihm?“ „Ich ſagte dem Alten, ich hätte ihn ſo lieb, daß es mir unmöglich ſei, getrennt von ihm zu leben, ich würde auch die Wand niederreißen laſſen, welche unſere Zimmer ſcheide, und die Maurer gingen an's Werk. Der Nachbar hielt mich für verrückt und ſchickte nach einem Polizeicommiſſär; ich entgegnete, ich handle vollkommen nach meinem Rechte und würde es vor Gericht beweiſen, aber, aus Achtung vor dem Geſetz, das Ein⸗ reißen einſtellen. Es kam zum Prozeß, und ich machte einem unſerer Solons einen Beſuch, einem gewiſſen Joſeph Renar⸗ deau.“ — „Und es gab da eine Madame Renardeau, nicht wahr, Marquis?“ „Eine ungeheure, lieber Freund, ſo ungeheuerlich wie Ihre Helviſe. Kurz, unter dem Vorwande meines Prozeſſes (den ich natürlich verlor, und der mich zehn bis zwölftauſend Franes koſtete) führte ich mich bei den Renardeau's ein; das Uebrige machte ſich von ſelbſt.“ — „Aber die Ausſtellung, Marquis?“ „Darauf komme ich ſogleich. Ich habe immer in der Oper außer meiner Loge eine andere für gewiſſe Fälle gehabt; dieſe bot ich der Themis⸗Familie an und die Renardeau brüſtete ſich darin, wie ein Pfau; es war eine dicke kleine friſche, wirk⸗ lich recht hübſche Blondine mit ſchönen blauen Augen und voller Taille.“ „Sie hatten nicht Urſache, Ihren närriſchen Einfall zu bereuen, Marquis?“ „Durchaus nicht, und ich ſtellte mich hier als Beiſpiel auf. Am Abende vorher hatte ich im Clubb offiziell die öffent⸗ liche Ausſtellung der Renardeau in meiner kleinen Loge ange⸗ zeigt und erklärt, wie es mir eingefallen ſei, einmal den Lieb⸗ haber der Frau eines Richters zu ſpielen, wie ich mich habe ver⸗ klagen laſſen, um eine Urſache zu finden. Die Geſchichte kam unter die Leute und am andern Tage erwartete Alles, was nur einigermaßen zur guten Geſellſchaft gehörte, mit der Lorgnette in der Hand in der Oper die Ankunft der Familie Renardeau. Es fehlte wenig, ſo hätten alle Logen meiner Bekanntſchaft 118 applaudirt, als mein Mann mit ſeiner Familie in meiner Loge erſchien; er hatte ſich auf das Beſte herausgeputzt und ſicherlich in ſeinem Leben noch nie ſoviel Effect gemacht. Ich ging ſo⸗ dann zu meiner Renardeau, um meinen Triumph zu genießen, und ich konnte das, ohne mich zu compromittiren. So offen muß man gegen ſeine Freunde zu Werke gehen, wenn man nicht will, daß die Sachen ein zu wahrſcheinliches Ausſehen be⸗ kommen.“ — „Ich werde die gute Lehre benutzen, Marquis, obgleich meine Lage von der Ihrigen einigermaßen verſchieden iſt. Aber was wurde aus Ihrer Liebſchaft mit der Frau des Richters? War ſie ſo originell, als Sie es erwarteten?“ „Auf Edelmanns Wort, lieber Freund, ſie war vollkom⸗ men wie eine andere und ihr Mann wie jeder andere Mann. Aber die Ihrige, die dicke Dunoyer? die alte Heloiſe? Der Scherz iſt nicht der beſte, aber ich bleibe dabei.“ — „Sie wiſſen es, Marquis, ich ſage Ihnen Alles, ich bitte Sie um Rath und befolge ihn blindlings; mit einem Worte, wenn ich ein Verdienſt beſitze, ſo verdanke ich es Ihnen.“ „Schmeichler, Sie ſehen aus, als wären Sie vollkommen mit ſich ſelbſt zufrieden.“ — „Und mit vollem Rechte. Erſtlich iſt mir die alte Heloiſe durchaus nichts; aber ſagen Sie mir, Marquis, wie viel Vermögen giebt man dem Achille Dunoyer zu?“ „Was man ihm giebt, weiß ich nicht, aber man ſagt, er und ſein Vater hätten drei bis vier Millionen genommen.“ — „Ein ſchönes Vermögen! Und der Dunoyer hat nur zwei Töchter, Marquis?“ „Ich errathe. Es iſt nur ein Uebelſtand, lieber Freund; man wird Sie nicht zum Schwiegerſohne haben wollen. Man wird mit Ihrer Freundſchaft prunken, weil Sie für ſolche Leute etwas ſind; man wird Sie gewiſſermaßen als Helmbuſch tragen, man wird Ihnen Dieners, und welche Diners! geben, wird Ihnen ſelbſt zwei bis dreihundert Louisd'or leihen, ſtatt ein neues Geſpann ſich anzuſchaffen, weil die Leute mit Ihnen ebenſo viel Effeet machen werden, wie mit einem Paare neuer Pferde und Sie ihnen nicht höher zu ſtehen kommen, aber darauf rechnen Sie nicht, daß man Ihnen eine Tochter zur Frau giebt.“ 119 — „Es iſt möglich, daß man ſie mir nicht giebt, Mar⸗ quis, aber, wenn ich ſie erhalte, wie Dunoyer ſein Vermögen, wenn ich ſie — nehme?“ „Noch beſſer, Mamſell Dunoyer entführen! Das iſt etwas Anderes, lieber Freund, das geht an. Die Sage von der Entführung wird ſo vergeſſen, die Mädchen könnten am Ende glauben, ſie käme nur in den Romanen vor, und dies würde den Muth der armen kleinen Engel bei vielen Gelegen⸗ heiten ſchwächen.“ — „Hören Sie mich an, Marquis, und laſſen Sie ſich Gerechtigkeit widerfahren, indem Sie Gerechtigkeit dem wider⸗ fahren laſſen, den Sie biöweilen Ihren Zögling nennen. Um Ihnen einen Beweis meines unbedingten Vertrauens zu geben, will ich Ihnen in Bezug auf Julien mittheilen. —“ „Daß Sie dieſelbe heirathen wollten, aber einen Korb be⸗ kamen?“ — „Wie, Sie wiſſen?“ fragte Montal, vor er⸗ bleichend. „Man ſprach geſtern im Foyer der Oper von nichts An⸗ derem. Die kleine Flora ſagte überall, die Tante Sauvageot ſchrie es überall aus, Sie hätten ihre Richte unwürdiger Weiſe verlocken wollen, — und man fand das Wort „verlocken“ bei einer rechtmäßigen Heirath allerliebſt. Sie wiſſen, daß ich viel zu ſehr Ihr Freund bin, als daß ich ein Wort, ein einziges Wort von dieſem ſchlechten Spaße glaubte. Sie waren ſchon viel zu ſehr Liebhaber Juliens. Noch einmal, ich will die Wahr⸗ ſcheinlichteit einer ſolchen Schmach nicht einmal in Frage ſtellen. Kommen wir wieder auf Mlle. Dunoyer. — „Sie haben Recht, Marguis. Vor drei Wochen ſpeiſete ich zum erſten Male bei dem Banquier.“ „Und ſeine Tochter, wie iſt es? Etwas Gemeines?“ Montal ſtand auf, nahm ein Käſtchen mit einem Portrait aus ſeinem Secretair, zeigte es dem Marquis und ſagte: — „Was ſagen Sie zu dieſem Geſicht?“ „Reizend! aber von etwas hartem Ausdrucke. Wer iſt dieſe Frau?“ — „Meine Urgroßmutter, die Vicomteſſe von Montal, eines der ſchönſten und diaboliſcheſten Weiber ihrer Zeit, die in einem Alter von achtundzwanzig Jahren ſtarb; ſie bildete die 120 ſchönen Tage der Regentſchaft; ihr Leben iſt ein Roman mit gräßlichem Ende; ihr Leichtſinn, um nicht mehr zu ſagen, hat ſchreckliches Unglück in meiner Familie veranlaßt. Dieſe ſchöne Dame da war die Urſache des tragiſchen Todes eines meiner Großoheime, des Großvaters jenes bretagniſchen Vetters, von dem ich mit Ihnen geſprochen habe.“ „Des Barons von Ker —, von Ker ner haben ſolche Namen.“ „Ewen von Ker⸗Ellio, der als ächter Landedelmann ſein altes Schloß bewohnt.“ „Richtig, Ker⸗Ellio. Und ſein Großvater?“ — „Starb auf traurige Weiſe wegen der ſchönen Frau, deren Portrait Sie da ſehen, Marquis.“ „Aber in welcher Verbindung ſteht dieſes Portrait Ihrer Urgroßmutter mit der Tochter der Dunoyers?“ — „In Folge eines ſeltſamen Zufalls gleicht Fräulein Thereſe Dunoyer dieſem Portrait vollkommen.“ „Einbildung eines Verliebten!“ Sie gleicht ihm, ſage ich Ihnen, ſo, daß ſie ſelbſt, wie dieſes Portrait, ein ſchwarzes Zeichen über der linken Augen⸗ braue hat.“ . „Das wird wahrhaftig höchſt romantiſch, nicht minder ſeltſam aber iſt es, daß ich mich undeutlich erinnere, vor langer Zeit irgend Jemanden geſehen zu haben, der dieſem Portrait ebenfalls ſehr glich; aber wo? und wann? Ich weiß es wahr⸗ haftig nicht. Alſo weiter. Die Dunoyers ſind reich, ihre Tochter iſt hübſch, ſie gleicht Ihrer Urgroßmutter — und Sie wollen Sie entführen —“ — Ich weiß nicht, warum Fräulein Thereſe (Chereſe heißt ſie) an dem Tage, für welchen ihr Vater mich eingeladen hatte, nicht zu Tiſche kommen wollte; Herr Dunoyer mußte ſie holen laſſen. Nach dem Ausplaudern der kleinen Schweſter, die erzählte, ihre Schweſter ſei traurig, weil ſie den Tag vorher habe zu Hauſe bleiben müſſen, errieth und ſchloß ich, die ältere Tochter müſſe Vieles ertragen. Was ſoll ich ſagen? das Ge⸗ ſicht, das Benehmen, die Stimme Thereſens verriethen eine znur die Bretag⸗ ſolche Hoheit, ſie ſchien ſo hoch über ihrer Umgebung zu ſtehen, daß ich glaubte, die „alte“ Heloiſe, wie Sie die Mutter nen⸗ nen, hat vor ſechzehn oder ſiebenzehn Jahren geſündigt. Merk⸗ 8 —————— ——— . —— 124 würdiger Weiſe fällt mir ein, daß gerade um dieſe Zeit einer meiner Oheime von mütterlicher Seite, der meiner Urgroßmutter ſehr glich, der Marquis von Senonges, einige Zeit in Paris geweſen iſt, und —“ „Richtig, lieber Freund; Sie bringen mich auf den rech⸗ ten Weg. Als ich Ihnen eben ſagte, das Portrait erinnere mich unklar an Jemanden, ſo meinte ich den Marquis von Senonges, Ihren Oheim; er war allerdings ein ſchöner Mann und in ge⸗ wiſſen Kreiſen ſehr beliebt. Man nannte ihn den Richelieu der Bürgersfrauen. Uebrigens hat er ſich als Oberſt unter dem Kaiſer tapfer geſchlagen.“ — „Es iſt derſelbe, Marquis.“ „Man konnte dem Herrn von Senonges weiter nichts vorwerfen, als daß er zu ſehr wie ein Theateroffizier ausſah, aber gerade deshalb war er der Liebling des Viertels dAntin, der Banquierfrauen und dergleichen. Was iſt aus ihm ge⸗ worden?“ — „Ich weiß es nicht; er ſchiffte ſich nach Teras ein und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.“ „Weiter. Thereſe iſt einigermaßen Ihre Couſine. — Sie iſt ſchön wie ein Engel oder vielmehr wie ein Teufel. Weiter von dem Diner.“ — „Thereſe ſah mich nicht an; ich ſprach mit ihr und ſie antwortete ganz kurz; ich erkannte leicht, daß ſie ſich es ſo vor⸗ genommen hatte. Nach Tiſche kamen einige Perſonen, ohne Zweifel, um mich zu ſehen; ich war angemeldet, war der „Löwe“ dieſer Geſellſchaft; die „alte“ Heloiſe ſetzte ſich an das Piano und ich begann vorſichtig die kleine Schweſter aus⸗ zuhorchen; ich weiß nicht, warum ich mir einbildete, Thereſe müſſe heimlich viele Romane leſen; es iſt dies der gewöhnliche Troſt der gemißhandelten jungen Mädchen; ich fragte alſo die Kleine, ob ihre Schweſter gern leſe. Thereſe las wirklich viel und wählte nach Belieben die Bücher aus der Bibliothek ihres Vaters. Der Bücherſchrank ſtand offen in dem Nebenzimmer; ich trat hinein; es fehlte kein Buch. Sie ſah die Schriften Voltair's, Rouſſeau's, Diderot's, Marivaur', Byrons.“ „Darnach hätte Thereſe zuerſt greifen müſſen.“ „Ich glaube es, aber wie geſagt, es fehlte kein Buch. 122 Nach vielem Suchen endlich bemerkte ich, daß bei einer Ausgabe von Chateaubriand's Werken „René“ fehlte. Thereſe fühlte wahrſcheinlich den Zauber dieſes melancholiſchen Buches. Ohne Zmeiſihe ſie in Chactas oder René verliebt, und da ich nicht in dem Rufe ſtand, ein Chactas oder René zu ſein, ſo ſchrieb ſich ohne Zweifel daher die kalte, faſt verletzende Aufnahme. Was meinen Sie, Marquis?“ „Die Schlüſſe ſcheinen vollkommen richtig zu ſein. Fahren Sie fort.“ — „Zum Glück war ich, als ich mich an den Tiſch ſetzte, ſo mit Thereſen, der Aehnlichkeit mit meiner Urgroßmutter und mit dem Plane, den ich ſogleich entwarf, beſchäftigt, daß ich durchaus nicht glänzte, zumal es mir nicht darauf ankam, mich für die Dunoyers beſonders anzuſtrengen. Ich konnte alſo meine Zerſtreuung wohl einem melancholiſchen Sinnen und Träumen zuſchreiben, nachdem ich die Entdeckung gemacht hatte, daß Thereſe in Chactas oder Rens verliebt ſein müſſe. Ich trat wieder in den Salon; die alte Helviſe hatte aufgehört zu ſpielen und ſchwamm in Schweiß. Nach einigen Gemeinplätzen über ihr Talent näherte ich mich ihrer Tochter. Thereſe ſaß traurig und nachdenkend in einer Ecke. Sie mußte mich indeß anhören, da ich von Literatur zu ſprechen anfing. Zuerſt fragte ſie mich mit allerliebſt impertinenter Verwunderung, ob ich auch leſe. — „Ich leſe ſehr wenig“, antwortete ich, „und immer nur zwei oder drei Lieblingsbücher, Montaigne, die neue Helviſe und René.“ — „Sie leſen René? Sie!“ rief Thereſe faſt zornig, als hielte ſie mich für fähig, die ſo poetiſche Schöpfung zu entweihen. — „Ja, ich leſe Rens. Das wundert Sie, Fräu⸗ lein?“ Das arme Kind iſt ſo wenig an Umgang mit Menſchen 9 9 gewöhnt, daß ſie mir faſt gegen ihren Willen antwortete: „Es wundert mich nicht, aber es betrübt mich.“ — „Wegen René?“ fragte ich ſie lächelnd. Sie ſchien überraſcht zu ſein, ſich verrathen zu ſehen, erröthete und ſchlug die Augen nieder. Nach einer Pauſe von einigen Minuten fuhr ich fort: „René iſt gegen mich minder grauſam, als Sie wohl meinen; ſo un⸗ würdig ich auch im Vergleich mit ihm bin, ſo nimmt er mich doch freundlich auf, läßt ſich lieben und verſtößt einen Unglück⸗ lichen nicht, der zu den trügeriſchen Freuden der Welt ver⸗ urtheilt iſt.“ 123 „Lieber Freund, Ihre Thereſe iſt ein Gänschen, wenn Sie Ihnen darauf nicht in das Geſicht lachte.“ — „Das that ſie allerdings, Marquis.“ „Das Mädchen fängt an, mich ſehr zu intereſſiren.“ — „Sie lachte mir alſo in das Geſicht. Ich blieb ruhig und nach einigen unbedeutenden Worten ging ich fort, ziemlich zufrieden mit dem Mangel an Achtung des Fräulein Dunoyer. Es tritt nun von zwei Fällen einer ein; entweder ſie glaubt mich verblüfft zu haben, und ein junges Mädchen, wie ſie, muß ſtolz darauf ſein, einen Mann wie mich zu verblüffen; oder ſie be⸗ dauert, das Geſtändniß einer Sympathie, die nichts Verletzen⸗ des für ſie hatte, auf eine ſo beleidigende Weiſe aufgenommen zu haben, und die Vorwürfe, die ſie ſich dann machen dürfte, werden mich ihr intereſſant machen.“ „Möglich, aber bis jetzt, lieber Freund, finde ich noch nicht den geringſten Grund, Sie zu bewundern; Alles iſt ganz richtig gethan, aber mehr nicht.“ „Warten Sie nur, Marquis, warten Sie; mir fielen die Worte der alten Heloiſe auf: „Sag' meiner Tochter, ſie möge herunterkommen.“ Die Tochter wohnt alſo nicht in derſelben Etage, wie die Mutter. Durch die jüngere Schweſter — ein ſchreckliches Kind — erfuhr ich, daß die beiden Mädchen und Miß Hubert, die engliſche Gouvernante, allein in der dritten Etage wohnen. Das Haus iſt ſehr großz es mußte irgend ein Zimmer da zu vermiethen ſein; bei dem Fortgehen ſah ich mich um und was las ich auf einem aushängenden Zettel? — zwei Zimmer zu vermiethen im vierten Stock vorn heraus, alſo gerade eine Etage über den Schweſtern.“ „Das iſt etwas.“ — „Den nächſten Tag ließ ich die kleine Wohnung von meinem Tapezierer miethen und meubliren für einen Herrn Bernard, der auf dem Lande wohne und ein Abſteigequartier in Paris zu haben wünſche. Vor drei Wochen, Marquis, hatte ich mit Thereſe Dunoyer das Ihnen eben berichtete Geſpräch. Ich übergehe das Dazwiſchenliegende und komme zu den That⸗ ſachen. Hier ein Brief, den mir geſtern Abend die Tochter des Bangier bei ihrer Mutter zuſteckte.“ „Sehr gut.“ 124⁴ Herr von Montal übergab dem Marquis den Brief, den dieſer laut las: „Mein Herz klopft, meine Hand zittert. — Mein Gott! was ich thue, iſt Unrecht, aber ich vertraue mich Ihrer Ehre an; ich beſchwöre Sie, ſchreiben Sie mir nicht mehr. So ge⸗ ſchickt Sie mir auch Ihre Briefe zuzuwenden wiſſen, ſo zittere ich doch immer. — Ach, warum nöthigte mich Ihre Unklugheit, Ihr erſtes Billet anzunehmen? Warum war ich ſo ſchwach, es zu leſen? Noch einmal, ich beſchwöre Sie, ſchreiben Sie mir nicht wieder und beſonders, bleiben Sie nicht ganze Tage lang in der kleinen Wohnung über der unſerigen. Mein Gott! wenn man wüßte, daß Sie da wohnten, wäre ich verloren. — Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, weil Sie ſich unglücklich nen⸗ nen meinetwegen. Sie ſagen: Sie lieben mich; ich glaube es. Sie brauchen es mir nicht zu beweiſen durch die Zurückge⸗ zogenheit, die Sie ſich auferlegen, durch Ihre Fähigkeit, der Welt und den Erfolgen zu entſagen, die für Sie ſo vielen Reiz haben müſſen. Sie ſagen mir, Sie hätten die Schauſpielerin aufgegeben; mein Vater hatte es uns geſagt, ſonſt würde ich es nicht geſchrieben haben. — Sie ſagen auch, der ſtille Aufent⸗ halt in unſerem Hauſe ſei Ihnen lieb, weil Sie mir näher wären; dieſes Gluͤck ſei Ihnen genug, Sie wünſchten kein An⸗ deres, und wenn ich Sie liebte, hätten Sie der Welt nichts zu beneiden, und dann ſetzen Sie hinzu: ein Geheimniß hindere Sie, mich zu fragen, ob ich Sie liebe. — Warum ſagen Sie mir dann, daß Sie mich lieben?“ „Arme Kleine; ſie iſt intereſſant“, ſagte der Herr von Beauregard. „Sie iſt himmliſch⸗naiv.“ — „Weiter, Marquis!“ Und er fuhr fort zu leſen: „Ein gefährliches Geheimniß, ſagen Sie? Mein Gott, was iſt dieſes Geheimniß? Warum ſchreiben Sie es nicht in Ihrem langen Briefe? Ein Geheimniß und ein gefährliches? — Mein Gott! ich habe die ganze Nacht nicht geſchlafen, ſo ſehr quälte mich dieſer Gedanke. Geſtern, bei meiner Mutter, ſahen Sie ſo traurig, ſo traurig aus; ich mußte alle Kraft auf⸗ bieten, um nicht zu weinen. Aber wie habe ich in meinem Zim⸗ mer geweint! Miß Hubert iſt gar nicht freundſchaftlich; man kann ihr kein Vertrauen ſchenken. Mein Gott! machen Sie mich nicht unglücklich. Mein Vater und meine Mutter ſind ſo 125 ſtreng gegen mich! Ach! wenn Sie es wüßten! ſie ſind nicht wie andere Eltern, ſonſt, und überdies — doch was hülfe es mir, Ihnen Alles zu ſagen, da ein Geheimniß Sie hindert, mich zu fragen, ob ich Sie liebe.“ „Ich würde es gern erlauben, daß Sie mir auch ferner ſchrieben, aber nur einmal, zum letzten Male, wenn Sie mir verſprechen, mir jenes Geheimniß mitzutheilen und nicht mehr ſo traurig zu ſein, wie Sie es ſeit mehreren Tagen geweſen ſind.“ „Sie beklagen ſich darüber, daß ich Sie bei meiner Mutter nicht anſehe; das geſchieht, weil ich nicht vor allen Leuten wei⸗ nen will. Es liegt in Ihrem Geſichte etwas ſo Troſtloſes, daß mir die Thränen ſogleich in die Augen treten. Und man hat Sie doch ſo ſpottſüchtig, ſo ausgelaſſen, ſo heiter geſchildert! Ich glaubte es, und deshalb that es mir weh, daß Sie meinen armen René lieben wollten. Sie haben mir das verziehen, nicht wahr?“ „Ach ja, Sie ſind werth, René zu verſtehen; ach, ich hätte Ihnen darüber ſoviel zu ſagen und Sie ſcheinen die Ge⸗ legenheit zu vermeiden, wo Sie mit mir darüber ſprechen könn⸗ ten. Geſtern ließ uns meine Mutter einen Augenblick allein mit einander und Sie ſagten doch kein Wort, Sie ſahen mich ſtill ſo zärtlich, ſo traurig an, daß ich dieſen Blick ſeitdem nicht ver⸗ geſſen kann; er nöthigt mich, Ihnen zu ſchreiben, denn es iſt mir, als wären Sie da, und ſähen mich an. Sie ſahen ſo un⸗ glücklich aus. Sie werden nicht mehr ſo ausſehen, nicht wahr, um mich nicht wieder zu nöthigen, an Sie zu ſchreiben? Das iſt ſo ſchlimm und ſo gefährlich!“ „Ich weiß nicht, ob ich den Muth haben werde, dieſen Brief unter Ihre Thüre zu ſtecken, wie Sie mir empfohlen ha⸗ ben. Wenn man mich überraſchte? Ach! ich werde es nicht wagen; ich begehe eine ſo große Sünde. Mutter, Mutter, warum habe ich kein Vertrauen zu Dir?““ — „Hier, Marquis“, ſiel Montal ein, „werden Sie Spuren von Thränen bemerken.“ „Ja, lieber Freund, und dann einige Worte, die durch dieſen Himmelsthau halb ausgelöſcht ſind; endlich die naive, flüchtig hingeworfene Nachſchrift: „Verbrennen Sie dieſen 126 Brief.“ Und öffnete ſich Ihre Thüre ſchnell, als Thereſe zit⸗ ternd den Brief unter dieſelbe ſchob?“ — „Marquis, ich bin nicht ſo ſehr Anfänger; dadurch hätte ich ſie auf mindeſtens vierzehn Tage verſcheucht.“ „Die Thüre blieb alſo verſchloſſen.“ — „Redlich verſchloſſen. Ich hatte Thereſen gerathen, ihre kleine Schweſter und Miß Hubert zum Mittageſſen hin⸗ unter gehen zu laſſen und dieſen Augenblick zu benutzen, um an meine Thüre heraufzukommen.“ „Nicht übel, das hieß zugleich an die Gegenwart und an die Zukunft denken, eine Gewohnheit ausbilden, die anfangs faſt unſchuldig iſt und ſpäter — Bravo, mein werther Schüler!“ — „Beim erſten Schellentone, der eine halbe Stunde vor dem Augenblicke ſich hören läßt, in dem man ſich an den Tiſch ſetzt, ſtellte ich mich auf die Lauer; die Thüre im dritten Stocke öffnete ſich und das ſchreckliche Kind lief lärmend mit der Gou⸗ vernante hinunter; einige Minuten darauf hörte ich den leichten, ſo zu ſagen bewegten Tritt Thereſens; ſie kam herauf und blieb faſt auf jeder Stufe ſtehen. Ich legte das Auge an das Schlüſſelloch und ſah ſie ganz deutlich; ſie blickte ſich ängſtlich, erſchrocken um, dann horchte ſie, entfernte ſich von meiner Thüre, kam wieder und brachte ſo hundertmal mehr Zeit, als nöthig geweſen wäre, um den Brief unter die Thüre zu ſtecken. End⸗ lich, nachdem ſie nochmals gezögert, machte ſie eine himmliſche Bewegung, die zu ſagen ſchien: der Würfel iſt gefallen, bückte ſich und ſchob den Brief unter die Thüre. Als ſie ſich wieder aufrichtete, glühte ihr Geſicht, ihre Kniee zitterten, ſie ſtützte ſich einen Augenblick auf die Rampe und legte die Hand auf den Buſen, der heftig klopfte; eine Secunde lang ſprachen ſich ſo auf ihrem reizenden Geſichte die heftigen Gefühle der Kühnheit und der Beſorgniß, des Stolzes und der Reue, der Leidenſchaft und der Schüchternheit aus, welche die Züge jedes jungen Mäd⸗ chens umwandeln, welche zum erſten Male etwas Unrechtes be⸗ geht. Plötzlich ließ ſich im erſten Stock die kreiſchende Stimme des ſchrecklichen Kindes hören. Thereſe zuckte zuſammen. Leicht wie eine Fee ſchien ſie die Treppe hinunterzugleiten; an der Wendung derſelben ſah ich, da Thereſe ihr Kleid etwas auf⸗ nahm, um ſchneller gehen zu können, den ganzen ſchwarzen —— ,— —— ,— 127 Schuh, der mir den niedlichſten Fuß von der Welt verrieth; noch einen Augenblick bemerkte ich ihre ſchlanke, leicht gebogene Taille und ihren ſchönen weißen Hals, auf den ihre dicken ſchwarzen Locken ſo anmuthig fielen, dann verſchwand ſie gleich einer Sylphide. Darauf —“ So weit war Montal in ſeiner Erzählung gekommen, als ſein Diener den Kapitän Des Roches meldete. Bei dem Namen des Kapitäns verzerrte ein Ausdruck des Haſſes die Züge des Marquis, aber dieſe Bewegung ging ſo ſchnell vorüber, daß Montal ſie nicht bemerkte, der das Portrait ſeiner Urgroßmutter und den Brief Thereſens wieder in ſeinen Secretair legte. XI. Die Einladung. Des Roches war ein Kapitän der Spahis, ein Mann von vortrefflicher Figur, groß, ſchlank, von der Sonne ver⸗ brannt, kaum dreißig Jahre alt, und hatte einen rabenſchwarzen Brat, ſowie blendend weiße Zähne. Man konnte nichts Blen⸗ denderes ſehen, als dieſen jungen Mann in ſeiner orientaliſchen Tracht; an dieſem Tage war er einfach und elegant gekleidet. Der Kapitän Des Roches war nicht blos ein ſehr tapferer Soldat, ſondern auch einer der ausgezeichnetſten Reiter in Frank⸗ reich. Es gab keinen beſſern Reiter beim Wettrennen oder Kirch⸗ thurmrennen; übrigens war er offenherzig und heiter, ein guter Geſellſchafter, großer Jagdfreund, tüchtiger Trinker, leidenſchaft⸗ licher Spieler und den Frauen gegenüber ebenſo verführeriſch als glücklich, eben ſo geſucht als verſchwiegen, wie man ſagte. Der Kapitän, der ſchon in dem Zimmer vor dem Schlaf⸗ gemache Montal's zu reden anfing, hatte den Marquis nicht bemerkt und ſprach beim Eintreten: „Kennſt Du die Geſchichte von Beauregard?“ Als er dieſen erblickte, machte er eine Bewegung des Staunens, eilte 128 zu ihm, drückte Eu herzlich die Hand und ſagte mit bittendem Blicke zu ihm: „Es war alſo nicht wahr?“ — „Was? . fragte der Herr von Montgl. „Sein Duell dieſen Morgen?“ fuhr der Kapitän fort. — „Sein Duell! Sein Duell! — Sie wollten ſich dieſen Morgen ſchlagen, Marquis?“ fragte Montal. „Mein Gott, lieber Freund, Heinrich W, iſt todt. Vor drei Stunden habe ich den Oberſten Koller erſchoſſen.“ — Dann wendete er ſich an den Kapitän Des Roches und fragte: „wie geht es, Beduine?“ — „Sehr gut“, antwortete der Kapitän. „Teufels⸗ Marquis! Nur er kann eine Sache ſo ſchnell und ſo gut ab⸗ machen. Warum aber haben Sie mich nicht zum Secundanten gewählt?“ „Und mich, Marquis?“ fragte Montal. „Weil Baudricourt und Sainte Luce geſtern bei mei⸗ nem Wotiwechſel mit Koller im Clubb waren und die Sache ſogleich abgemacht wurde.“ „Ach, Marquis, Sie werden immer unſerer Aller Meiſter ſein. Welche Kaltblütigkeit! ſprach Montal. „Denke Dir, Des Roches, er iſt ſeit einer Stunde hier, erzählt mir die drollig⸗ ſten Dinge und ſchwatzt mit mir von Dem und Jenem ſo ruhig, als komme er eben aus dem Bette.“ 3 — „Ich muß mich wirklich über Sie wundern. Bin ich denn ein fünfzehnjähriger Knabe? Iſt es mein erſtes Duell? Wie ſoll ich mich denn dabei benehmen?“ „Und die Veranlaſſung zu dem Duell?“ fragte Montal. — „Nichts. Koller rühmte ſich ſtets ſeiner Duelle; das langweilte und verdroß mich.“ „Sie hatten es ihm allerdings hundertmal geſagt und ich begreife heute noch nicht, wie er Ihre Ausfälle darüber ſo ge⸗ duldig anhören konnte. Der arme Teufel achtete Sie“, ſagte Des Roches. — „Sehr verbunden. Geſtern Abend fing er ſeine Spi 2 3 über ſein Duell mit dem unglücklichen Armentières, den er er . ſtach, von Neuem an.“ 5 „Ein Kind, das er gefordert hatte“, fiel Montal ein. 129 — „Ja. Das ärgerte mich, ich beleidigte Koller derb, wir ſchlugen uns dieſen Morgen; er iſt geblieben. Sprechen wir von etwas Anderem.“ „Aber, Marquis, er iſt jung geſtorben für einen verhei⸗ ratheten Mann“, ſagte Montal. — „Bei dem verheiratheten Mann fällt mir ein, werther Beduine, Sie wollen alſo meiner Frau durchaus nicht den Hof machen“, ſagte der Marquis zu dem Kapitän Des Roches. „Sind Sie ſonderbar! Ich ſtellte Sie der Marquiſe bei dem letzten bal costumé in dem ganzen Glanze Ihrer vrientaliſchen Pracht vor; ſeit zwei Monaten ſehen Sie dieſelbe und Sie zei⸗ gen gegen ſie (wenigſtens in meiner Gegenwart) eine Kälte, die faſt wie Abneigung ausſieht, während meine Frau Sie unaus⸗ ſtehlich findet (wenigſtens ſagt ſie ſo).“ — „Sehen Sie denn nicht, Marquis, daß Des Roches ſich wohl mit der Frau von Beauregard beſchäftigt hat, aber nichts erreicht hat und ihr nun grollt?“ fiel Montal ein. — „Du biſt ein Narr, lieber Freund“, entgegnete der Kapitän lachend. — „Wenn ich es geſtehen ſoll, die Frau von Beauregard iſt mit zu ſehr — Puritanerin. Die Damen von guter Geſellſchaft imponiren mir und machen mich albern; ich kann dann kein Wort mit ihnen reden. Habe ich die Ehre, die Marquiſe zu ſehen, ſo blicke ich bald den Teppich, bald die Uhr an, um zu ſehen, ob das Ende meines langweiligen Beſuchs bald gekommen, und Sie ſehen ein, daß mich dies nicht eben liebenswürdig macht, wie Ihre Frau ſagt.“ „Glauben Sie kein Wort davon, lieber Montal“, ent⸗ gegnete der Marquis; „es kann nichts Heimtückiſcheres, nichts Treuloſeres geben, als die Taugenichtſe, die ſich ſtellen, als liebten ſie nur die „Unreinen“; die armen Ehemänner glauben es und ſagen zu ihren Frauen: „Glaubſt Du wohl, liebes Kind, daß Des Roches (Ceiſpielsweiſe), der Alles beſitzt, um Glück zu machen, ſeine Huldigungen nur gemeinen Geſchöpfen darbringt?“ Da ſteht denn die Frau auf dem Punkte, unwill⸗ kührlich dem Manne zu antworten: „Vofür hältſt Du mich? Du beleidigſt mich.“ Die Unterhaltung wurde abermals durch den Diener des Herrn von Montgl unterbrochen, der ſeinem Herrn eine Viſiten⸗ „ karte übergab. Thereſe Dunoyer I. 9 130 Dieſer las laut: Der Baron von Ker⸗Ellio. „Der Chouan? Der ächt⸗bretagniſche Vetter?“ rief der Marquis. „Die wilde Ente hat alſo ihre Haide verlaſſen?““ „Ich laſſe den Herrn von Ker⸗Ellio bitten einzutreten“, ſagte Montal. Der Diener entfernte ſich. — „Einer aus der Provinz?“ fragte der Kapitän Des Roches. „Ja, der zum erſten Male nach Paris kommt“, ant⸗ wortete Montal lächelnd. — „Nun, er kommt zu rechter Zeit“, ſiel der Marquis ein; „er mag heute Abend mit uns ſpeiſen.“ „Heute Abend?“ fragte Montal. — „Allerdings, ich wollte Sie einladen und dann auch zu Ihnen kommen, Beduine.“ „Ich danke, Marquis. Aber welche ſeltſame Idee! Gerade an dem Tage des Duells?“ — „Das kommt Ihnen ungewöhnlich vor, nicht wahr? aber ich habe meine Gründe, ſo zu handeln, und Sie ſind nicht mein Freund, wenn Sie ſich nicht einfinden. In dieſem Augenblicke trat Herr von Ker⸗Ellio ein. Wir erſuchen den Leſer, ſich zu erinnern, daß Ewen ein einfacher, träumeriſcher, frommer und gutmüthiger Menſch von gebildetem Geiſte, von feſtem und loyalen Charakter, von edlem und liebreichem Herzen, von ruhigem, aber geprüftem Muthe, kurz ein Mann, ganz unbekannt mit den gewiſſen Sitten und gewiſſen Verderbtheiten, mit einem Worte der bäueriſche Zög⸗ ling des ehemaligen Dragoners, des Abbé von Kerouellan war. Das Aeußere Ewen's hatte nichts Lächerliches, weil er nicht anmaßend auftrat; ſein blauer, bis an den Hals zuge⸗ knöpfter Rock, ſeine ſchwarze Cravatte, ſein kurz abgeſchnittenes Haar und ſein brauner ſtarker Bart gaben ihm ein ernſtes männ⸗ liches Ausſehen. Elegants gegenüber fühlte Cwen keine Schüchternheit; er ſtellte ſich kalt und artig vor. Wir haben die Hauptzüge des Charakters Cwers ge ſchildert und der Leſer wird deshalb fühlen, wie der junge Land⸗ edelmann bei gewiſſen Stellen des folgenden Geſprächs ſtaunen mußte. 13¹ Der Herr von Montal war ihm herzlich entgegen gegan⸗ gen; der Kapitän Des Roches ſtand auf, um ſich eine Cigarre anzuzünden, der Marquis blieb ſitzen und muſterte neugierig den Bretagner. „Wie freut es mich, Sie zu ſehen, lieber Vetter! Der Herr Abbé von Kerouellan ließ mich Ihre Ankunft nicht ſobald hoffen“, ſagte Montal, indem er die Hand Ewen's herzlich drückte. — „Ich ſelbſt glaubte es nicht, daß ich ſobald nach Paris kommen würde, unvorhergeſehene Geſchäfte aber —“ „Seit wie lange ſind Sie in Paris?“ — „Ich wurde nach meiner Ankunft etwas unwohl und das hinderte mich, Sie früher aufzuſuchen.“ „Dieſes Unwohlſein hat mich ſehr benachtheiligt“, ent⸗ gegnete Montal. Dann wendete er ſich an den Marquis, ſtellte ihm Ewen vor und ſagte: „Der Baron von Ker⸗Ellio, mein Vetter.“ Der Herr von Beauregard ſtand auf und verbeugte ſich. Die Vorſtellung endigte damit, daß Montal zu Ewen ſagte: „Der Herr Kapitän Des Roches, mein Freund.“ Der Kapitän verbeugte ſich. Alle ſetzten ſich wieder. Einen Augenblick herrſchte ein unangenehmes Schweigen, das endlich der Marquis brach. Er wendete ſich an Ewen und ſagte zu ihm mit der Riſhung von Adel und Herzlichkeit, die ihm eigen war: Ich will Ihnen ein paar indiserete, aber gut gemeinte Vorſchläge machen, und als Bretagner werden Sie mich ent⸗ ſchuldigen. Ihr Vetter, der Kapitän Des Roches und noch einige meiner Freunde machen mir das Vergnügen, heute mit mir zu Mittag zu ſpeiſen; wollen Sie uns Ihre Gegenwart ſchenken? Sie werden auf dieſe Weiſe mit einem Male einige Koryphäen der vornehmen Jugend kennen lernen, in der ich mei⸗ nem Alter zu Folge den Vorſitz führe.“ Ewen beſaß zuviel guten Geſchmack, als daß er dieſe Ein⸗ ladung aus übertriebener Indiscretion ausgeſchlagen hätte; er antwortete deshalb: 9* 132 „Ich ſage mit großem Vergnügen zu, mein Herr, und danke meinem Vetter für die gute Aufnahme, die Sie mir zu Theil werden laſſen.“ — „Sie haben nicht Unrecht, denn er hat uns viel Gutes von Ihnen geſagt.“ „Und Sie haben beſtätigt, was ich geſagt hatte, lieber Vetter“, ſetzte Montal hinzu. — „Meine Herren“, ſagte Ewen heiter, „ich muß Ihnen ſagen, daß ich als ächter Bretagner im Stande bin, Alles zu glauben, was Sie mir da ſagen.“ „Dazu ſagen wir es auch und wahrhaftig! Ihre Offen⸗ heit behagt mir ſo, daß ich Sie um die Erlaubniß bitte, das Geſpräch mit dieſen Herren fortzuſetzen, das wir begonnen haben.“ — „Aber, Marquis — “ fiel Montal ein. „Was ſollen wir mit dem Herrn reden? Gemeinplätze! Wie finden Sie Paris? Hat Paris Ihrer Erwartung ent⸗ ſprochen? — und andere Albernheiten, die ſeiner und unſerer nicht würdig ſind.“ — „ch bin ganz Ihrer Meinung und fürchte mich vor einem ſolchen Geſpräche eben ſo, wie Sie“, entgegnete Ewen lächelnd. „Mit Recht. Sie erlauben mir alſo den Herren zu ſagen, wer meine Gäſte ſein werden. Sie werden Sie vielleicht in⸗ tereſſiren, namentlich die Damen, die niedlichſten „Unreinen“ von Paris.“ — „Ah, es werden Damen zugegen ſein, Marquis?“ fiel Des Roches ein. „Der Kapitän ſtellt ſich ſo erſtaunt, weil ich verheirathet bin“, ſagte der Marquis vertraulich zu Ewen. „Wenn Sie erlauben, werde ich Sie der Frau von Beauregard vorſtellen; ſie iſt alle Mittwoch zu Hauſe.“ — „Mein Herr“, — ſprach Ewen, ſich verbeugend. „Im Voraus muß ich Ihnen indeß ſagen, daß die Mar⸗ quiſe kaum achtzehn Jahre alt und ſchön iſt, wie ein Engel; verlieben Sie ſich nicht in ſie, Sie würden ſonſt den Kapitän da eiferfüchtig machen wie einen Tieger; er will es zwar nicht geſtehen, aber er beſchäftigt ſich viel mit meiner Frau.“ 3 133 — „Hören Sie nicht auf den Marquis, er treibt Spott mit mir. Ich habe das Unglück, nur die Mädchen von ſchlechter Geſellſchaft zu lieben. Die Frau Marguiſe imponirt mir, um es rein herauszuſagen, ich fürchte mich vor ihr. Ich habe nicht die Ehre, ihr zu gefallen und der Marquis höhnt mich unbarm⸗ herzig.“ „Gleichviel“, fiel Herr von Beauregard ein, indem er ſich an Ewen wendete, nehmen Sie ſich vor Des Roches in Acht, wenn Sie meiner Frau einige Aufmerkſamkeiten erweiſen. Auch ein gewiſſer Herr Labirinte beſchäftigt ſich viel mit der Marquiſe, aber ich weiß freilich nicht, ob er für einen gefährlichen Gegner zu halten ſei. Was meinen Sie, Des Roches?“ — „Den Teufel auch, Marquis! Wenn ich ſo glücklich wäre, mir wegen der Anbeter der Frau von Beauregard Sorge zu machen, würde ich den Herrn Labirinte ſehr fürchten. Be⸗ denken Sie doch — ein junger Dichter, blühend wie eine Roſe im Mai, überdies Deputirter und die rechte Hand des Mini⸗ ſters, wie heißt er doch? des vertrauten Freundes des Herrn von Montal!“ „Freilich“, entgegnete der Marquis, „als Deputirter hat er einen Vorzug vor Ihnen, mein armer Des Roches, voraus. Sie dienen dem Lande, während Herr Labirinte regiert, und die Frauen herrſchen bekanntlich gern über — die Regierenden.““ — „Möglich, Marquis“, fiel Montal ein, „aber wir wollen uns nicht in die Angelegenheiten anderer Leute miſchen.“ „Sie haben Recht, lieber Freund; ich zeige da Mangel an gutem Geſchmack, da ich mir das Anſehen gebe, als wollte ich zwei Nebenbuhler gegen einander aufreizen, als ob mich die Sache etwas anginge. Sprechen wir alſo, ohne Uebergang, von den „Unreinen“ unſers Diners. Zuerſt bringe ich Ihnen Fräulein Emma und deren Schweſter Herminie. Emma iſt“, ſetzte er gegen Ewen hinzu, „ein ausgezeichnetes Mitglied des Ballets bei der Oper und Herminie eine nicht minder ausge⸗ zeichnete Soubrette an einem kleinen Theater. Beide ſind mein. Wenn es Ihnen angenehm iſt, will ich Sie bei den Mädchen einführen, und Sie haben dann die Frau von Beauregard von der guten Geſellſchaft und Mamſell Emma und deren Schweſter von der ſchlechten.“ 134⁴ — „Wer wird von den Damen außerdem da ſein?“ fragte Herr von Montal. „Die boshafteſte, die frechſte, die beißendſte, die teufliſchſte Teuflin unſerer Hölle — Serpentine.“ — „Der Name verſpricht etwas“, meinte Cwen lächelnd. „Es iſt nur ein Spitzname“, erklärte Montal, „eigent⸗ lich heißt ſie Adele Clermont, aber ſie iſt, wie der Marquis ſagt, allerdings das diaboliſcheſte Geſchöpf, ein Dämon; ſie ſchont nichts, reſpectirt nichts, kennt alle Scandale, denn ſie ſieht nur Männer aus guter Geſellſchaft, und ſagt Alles, was ſie weiß, wenn ihr die Luſt ankommt, ohne auf die Liebhaber und Ehemänner Rückſicht zu nehmen.“ — „Dabei ſchön wie ein Engel“, ſetzte Des Roches hin⸗ zu, „und keck wie Lucifer.“ „Ich vergaß die Clariſſe Harlowe und die ſchöne Griechin“, fuhr der Marquis fort. — „Wenn der Name „Serpentine“ bedeutungsvoll iſt“, fiel Ewen ein, „ſo iſt es Clariſſe Harlowe nicht minder, nur kommt mir dieſer Name in einer ſolchen Geſellſchaft zu ſenti⸗ mental vor.“ „Beruhigen Sie ſich“, erwiederte der Marquis, „Clariſſe Harlowe iſt ein Name, der gerade das Gegentheil bezeichnen ſoll. Clara Duval iſt das ausgelaſſenſte, luſtigſte, ſorgenloſeſte Mädchen, das jemals Abends eingeſchlafen iſt, ohne zu wiſſen, wovon es morgen leben wird; ſie ſteht am Ende ihrer zweiten Million, die Lord Fitz⸗Herald repräſentirt. Die ſchöne Griechin iſt etwas glänzend Schönes, das man bei einem guten Diner haben muß: Serpentine für den Geiſt, Clariſſe Harlowe für die tolle Luſtigkeit, die Griechin wegen der Schönheit; ein Diner iſt ohne dieſes Kleeblatt nicht vollſtändig. Mamſell Emma, die mir angehört, iſt dumm wie eine Gans und ihre Schweſter gleicht ihr, aber ſie ſind beide ſehr hübſch, und ihre Dummheit iſt ſo coloſſal, daß man bisweilen zu der Meinung verſucht wird, ſie für geiſtreich zu halten.“ — „Wer wird von den Herren da ſein, Marquis?“ „Von Herren? — die Inhaber jener Schönen, nämlich Sainte Luce für die Serpentine, Baudricvurt für die ſchöne Griechin, Fitz⸗Herald für Clariſſe Harlowe, dann der Major Brown, der Herzog von Serda, der Fürſt Caſtelli, ſonſt Niemand. ———— —. — 135 Ah, ich vergaß den Herrn Flores, einen Amerikaner, einen Vetter meiner Frau, einen jungen Inca, der erſt in die eivili⸗ ſirte Welt eintritt. Der Wilde wird, denke ich, dieſen Abend die Augen und Ohren aufſperren.“ — „Gerade wie ich, Herr Marquis,“ ſagte Ewen lächelnd. „Keineswegs, Herr Baron,“ enitgegnete Beauregard mit vieler Grazie; „mein junger Vetter wird Augen machen, Sie werden zuſehen; er wird horchen, Sie werden hören.“ Dann ſtand der Marquis auf und ſagte zu dem Herrn von Montal: „Es iſt alſo abgemacht, halb acht Uhr — „Und wo, Marquis?“ „Natürlich im Kaffeehauſe „Rocher de Cancale“. Wo anders ſoll ein verheiratheter Mann ein Garcondiner geben, bei dem — Damen ſind? — Sie werden nachſichtig ſein,“ ſetzte er zu Ewen gewendet hinzu, „und mir erlauben, mich anſtändig in meinem Hauſe zu revanchiren, nachdem ich die Ehre gehabt habe, Sie der Frau von Beauregard vorzuſtellen. — Auf Wiederſehen, Montal — Wohin gehen Sie, Des Roches? Soll ich Sie begleiten?“ — „Ich habe Sainte⸗Luce verſprochen —“ „Sehr wohl, ich begleite Sie.“ Dann empfahl er ſich herzlich dem Baron von Ker⸗Ellio und ging mit Des Roches fort. — „Wie finden Sie den Marquis?“ fragte Montal ſei⸗ nen Vetter. 3 „Mein Vater erzählte viel von den großen Herren des alten Regimes, von ihrem Geiſte und Witze und von der cava⸗ lieren Art, wie ſie die Ehe behandelten. Der Herr von Beaure⸗ gard muß ihnen ſehr ähnlich ſein. Welcher Leichtſinn! Welche gute Laune!“ — „Sie glauben wahrſcheinlich nicht, daß er dieſen Vor⸗ mittag einen Mann im Duell getödtet hat?“ „Er!“ rief Ewen mit Abſcheu; „und dieſen Abend ein Diner?“ — „Es iſt allerdings nicht ganz in der Ordnung, indeß muß ich, um den Marquis zu entſchuldigen, bemerken, daß jener Mann eine Art Bravo, ein Raufbold war, den Niemand 136 bedauert; man wird es dem Marquis ſogar Dank wiſſen, daß er Paris von ihm erlöſet hat. Trotzdem iſt das Diner an dem Tage des Duells etwas ſeltſam; der Marquis ſagte jedoch, er habe ſeine Gründe, ſo zu handeln, und er bat uns ſo dringend, ſeine Einladung anzunehmen, daß wir ſie annehmen mußten, und Sie werden unſerem Beiſpiele folgen.“ „Jetzt kann ich freilich nicht anders,“ entgegnete Ewen verſtimmt. — „Der Marquis muß etwas Beſonderes gehabt haben,“ fuhr Montal fort, „denn ſeine Duellſucht war bereits ſeit fünf oder ſechs Jahren vorüber. — Aber wo wohnen Sie denn, Vetter? Wenn Sie es wünſchen, hole ich Sie zu dem Diner ab.“ „Ich nehme das Anerbieten mit Vergnügen an,“entgeg⸗ nete Ewen, „Ich wohne in dem Hotel du Croiſſant, in der Rue Montmatre. Aber nun muß ich noch eine Frage als Be⸗ wohner der Provinz an Sie richten, Vetter wie zieht man ſich denn an zu dieſem Garcondiner, — bei dem Damen ſind? Sie führen mich ein und ich möchte nicht, daß ich einen Verſtoß be⸗ ginge und Sie ſich meiner zu ſchämen hätten,“ ſagte Ewen lächelnd. — „Kleiden Sie ſich ſo einfach als möglich, wie Sie wollen; nur einen Frack ziehen Sie an ſtatt des Rockes. — Uebrigens hoffe ich, Vetter, Ihre Angelegenheit möge ſich recht verwirren, damit Sie recht lange bei uns bleiben.“ „In dieſer Hinſicht ordnen ſie ſich von ſelbſt. Der wür⸗ dige Abbé von Kerouellan hatte bei ſeiner Reiſe nach Paris eine ziemlich en⸗ Summe bei einem Banquier, Herrn Achille er, zu erheben —“ — „Bei Herrn Achille Dunoyer?“ „Ja; kennen Sie ihn?“ . — „Allerdings, genau; aber fahren Sie fort,“ ſprach der Herr von Montal. „Der Abbé, der nicht wußte, daß ein Banquier in Paris ein Comptoir, wo er ſeine Geſchäfte beſorgt, und eine Woh⸗ nung hat, in welcher er ſie flieht, wie man ſagt, ging in die Wohnung des Herrn Achille Dunoyer, wo man ihm ſagte, der Banguier ſei verreiſet. Ohne ſich weiter zu erkundigen, ſagte mir darauf hin der gute Abbé, meine Gelder wären ſehr gefähr⸗ 137 det, weil mein Banguier Reiſen mache, ohne an die Bezahlung meiner Forderung zu denken.“ — „Das iſt unmöglich,“ entgegnete Montal mit unwill⸗ kührlich großer Lebhaftigkeit; „das Vermögen Dunoyer's iſt bedeutend; ſein Haus iſt eins der ſicherſten in Paris.“ „Das ſagt man mir überall und ich bin auch überzeugt davon,“ ſprach Ewen, „denn heute Morgen hat mir Herr Dunoyer nicht nur das Verfallene bezahlt, ſondern ſich auch erboten, mir ſofort den Betrag der drei andern Obligationen zu zahlen, die ich von ihm habe.“ Der Herr von Montal ſchien freier aufzuathmen und ant⸗ wortete: — „Auch wunderte ich mich ſehr über dieſe Gerüchte.“ — „Nur der Irrthum des guten Abbé von Kerouellan hat meine Aengſtlichkeit veranlaßt. Selbſt in dem Hotel, in welchem ich wohne, gab man mir ſo gute Nachrichten über den Credit des Herrn Dunoyer, daß ich die verfallene und von ihm bezahlte Summe von Neuem bei ihm angelegt habe.“ „Sie thaten Recht daran; denn Sie können das Geld nicht ſicherer anlegen. Dunoyer beſitzt Grundeigenthum von großem Werthe; man ſchätzt ſein unbewegliches Vermögen auf beinahe zwei Millionen. Ungerechnet ſein Portefeuille und was ihm das Banquiergeſchäft einbringt, wies das letzte Inventar 4 Millionen 260,000 Francs nach.“ — „Sie ſcheinen mit ſeinen Umſtänden ſo genau bekannt zu ſein,“ fiel Herr von Ker⸗Ellio ein, „daß ich b hnen hätte Erkundigungen einziehen ſollen.“ 3 „Ich hörte wenigſtens ſein Vermögen ſo hoch ſche entgegnete Montal erröthend. — „Herr Dunoyer ſcheint mir überhaupt ein vortrefflicher Menſch zu ſein,“ fuhr Ewen fort; „er hat mich zum nächſten Sonntag zu Tiſche geladen.“ „Nächſten Sonntag? das trifft ſich vortrefflich,“ entgeg⸗ nete Montal; „ich bin an dieſem Tage auch ſein Gaſt.““ — „Ein Glück für mich,“ ſagte Ewen, „doch jetzt ver⸗ laſſe ich Sie.“ „Adieu alſo, Vetter.“ — „Heute Abend, wenn Sie die Gefälligkeit haben und mich abholen wollen!“ 6 138 Ker⸗Ellio drückte dem Herrn von Montal herzlich die Hand und ging. Bis dahin hatte er aus- und an ſich gehal⸗ ten; aber als er im Freien war, kam es ihm vor, als fehle es ihm an Luft. Er wurde faſt ſchwindelig von dem“ was er ge⸗ hört hatte. Der Marquis beſonders, der Mann aus ſo guter Geſellſchaft, der ſo heiter, ſo ſpöttiſch, ſo graziös ſein, die ganze Unbefangenheit ſeines Geiſtes behaupten konnte, ob er gleich ein paar Stunden vorher einen Mann im Duell getödtet hatte, war ihm ein Räthſel, eine merkwürdige Erſcheinung. Dieſer Marquis ſprach mit gleichem Cynismus von ſeiner jungen Frau und ſeinen Geliebten und doch bediente er ſich der Formeln der vollkommenſten Artigkeit, als er Ewen den Antrag machte, ihn der Marquiſe vorzuſtellen; dieſer Mann, der ab⸗ wechſelnd herzich und anzüglich, heiter und grauſam, ein Sclave der guten Lebensart und Verächter der für Alle heiligen Bande war, der Mann von ſo ab ſfen Aeußern und ſo verdor⸗ benein Innern flößte Ewen eine unklare Furcht ein. Dagegen fühlte er ſich zu Montal hingezogen, den er liebevoll und zuvor⸗ kommend fand. Die erſte Pariſer Feuerprobe hatte Ewen mit würdevoller Einfachheit beſtanden. Sein feſter Charakter, ſein geſunder Verſtand und ſein natürlicher Takt hatten ihmn beigeſtanden. Der Verſtand Ewen's, der durch den Mißbrauch der Einſamkeit etwas erſchüttert worden, war in ſeine vollen Rechte wieder ein⸗ 5 getreten in dem Maße, wie er ſich von Treff⸗Hartlog, dem traurig e Schauplatz ſeiner gefährlichen Träumereien, entfernte. e tſeinem Aufenthalte in Paris ſah er ſeine Lage mit btem Blicke an und ſeine Chimären von Idealen waren Umälig verſchwunden; er erkannte die Unmöglichkeit derſelben und lächelte, wenn er an das Portrait von Treff⸗Hartlog dachte, das ihn in ſo große Angſt geſetzt hatte. Das Geheimniß der Anweſenheit dieſes Gemäldes, das der Abbe wollte haben brennen ſehen, kam Ewen allerdings * noch unerklärlich vor, aber keineswegs übernatürlich. Er dachte ſehr ernſtlich an die Heirathsvorſchläge, die ihm der gute Abbé gemacht hatte, und erinnerte ſich, daß die beiden Schutzbefoh⸗ lenen des Rectors wenn nicht ſchön, ſo doch angenehm und an⸗ ziehend waren; die Erinnerung an die eine beſonders, die brü⸗ nett, friſch, naiv und heiter war, nahm allmälig in ſeinen Ge⸗ 139 danken den Platz ein, den das unklare und bleiche Geſicht von Treff⸗Hartlog inne gehabt hatte. In dieſem Sinne ſchrieb Ewen einen langen Brief an ſei⸗ nen ehemaligen Lehrer und fügte einige Zeilen für Les⸗en⸗Goch und die alte Ann⸗Jann hinzu. Bei der Lectüre dieſes Schrei⸗ bens mußte der Abbs vor Freude ſpringen und das alte Diener⸗ paar vor Freude weinen, denn der Mab⸗mer⸗brin kündigte ſeine nahe Rückkehr an. Um ſeinen Aufenthalt in Paris zu benutzen, und alles Merkwürdige zu ſehen, hatte Ewen ſich entſchloſſen, noch höch⸗ ſtens vierzehn Tage zu bleiben und dann in ſeine liebe Bretagne zurückzukehren. * Nicht ohne eine faſt peinliche Aengſtlichkeit wartete der junge Baron auf die Zeit, in der ſein Vetter ſich einfinden und ihn zu dem Diner im Rocher de Cancale abholen ſollte. Dieſes Diner kam ihm entſetzlich vor. Und allerdings, der Uebergang von der einſamen Küſte von Armorica zu einem Diner in Geſellſchaft von „Unreinen,“ das ein verheiratheter Mann gab, der zwei Geliebte hat, die Liebhaber ſeiner Frau neckt und am Morgen deſſelben Tages einen Mann im Duelle getödtet hatte, — war für den Zögling des Abbé von Kerouellan ein zu raſcher. Nach dem Rathe ſeines Vetters kleidete ſich der Herr von Ker⸗Ellio ſehr einfach; er wählte einen blauen ganz zugeknöpf⸗ ten Frack, eine weiße Weſte und ſchwarze Beinkleider. Es lag durchaus nichts Bemerkenswerthes in ſeinem Anzuge und doch ſah er ſehr elegant aus. Um ſieben Uhr kam der Herr von Montal und Beide begaben ſich nach dem „Rocher de Cancale“. XII. Das Kaffeehaus Rocher de Canecale. Als Ewen und Herr von Montal in das Zimmer traten, das für die Gäſte des Marquis beſtimmt war, war der letztere noch nicht angekommen. Der Kapitän Des Roches ſprach mit Herrn Labirinte, ſeinem Nebenbuhler, wie ihn Beauregard genannt hatte. Herr Labirinte, der Dichter und Abgeordnete, war ein junger friſcher blonder Doctrinär mit hübſchem Geſichte und erröthete wie ein junges Mädchen bei dem geringfügigſten leicht⸗ fertigen Ausdrucke; aus übergroßer Blödigkeit wagte er die Tribune nicht zu betreten, aber mit der Feder in der Hand, in der Stille ſeines Studierzimmers, ließ er die Oppoſition hart an durch das Organ Roupi⸗Gobillons, des Miniſters, ſeines Freundes, deſſen Reden er ausarbeitete, wie man ſagte. Unter den anweſenden Gäſten befand ſich auch der Major Brown, ein engliſcher Offizier, der ſich durch ſeine ſeltſamen Wetten auszeichnete, welche er faſt immer gewann, denn er ging mit einer fabelhaften Unerſchrockenheit darauf ein. In England ſprach man nach folgender faſt unglaublicher That nur mit einer gewiſſen Verehrung von ihm: der Major befand ſich auf der Yacht des Lords Fitz⸗Herald auf hoher See; das Meer ging ſehr hohl und der Wind entführte dem Major die Mütze. „Ihre Mütze iſt verloren,“ ſagte der Lord zu ihm, indem er ihm die Kopfbedeckung zeigte, die ſchon weit fort war. — „Ich wette hundert Louisd'or, daß ſie nicht verloren iſt,“ entgegnete der Major. — „Ich halte die Wette,“ ſprach der Lord und mit einem Sprunge war der Major im Meere. Er ſchwamm wie ein Fiſch, hatte aber die Kleidungsſtücke an und mußte mit be⸗ deutend hohen Wellen kämpfen. Er ſetzte ſich der größten Ge⸗ fahr aus, um ſeine Mütze wiederzuerlangen, was ihm denn auch glückte. Der Lord hatte, erſtaunt über dieſe Tollkühnheit, die Yacht ſogleich beilegen und ein Boot ausſetzen laſſen; dieſes Manöver erforderte viel Zeit, ob es gleich ſo raſch als möglich ausgeführt wurde, und als das Boot zu dem Major gelangt, waren ſeine Kräfte faſt erſchöpft. 14¹ Eine Menge anderer Züge der Art hatten dem Major öfters den Titel eines „Löwen“ in der eigentlichen Bedeutung des Wortes erworben. Uebrigens war er noch jung, ſchlank gewachſen und auf ſeinem Geſichte ſprach ſich ſein energiſcher Charakter aus. Bald fanden ſich der Fürſt Caſtelli und der Herzog von Serda ein. Der Fürſt Caſtelli, ein vornehmer Florentiner, früher als Carbonaro verbannt, ſchien der Zeit der Medicäer anzugehören wegen ſeiner Eleganz, ſeiner ausgelaſſenen Luſtigkeit und ſeiner glühenden Freiheitsliebe; in Verſchwörungen hatte er ſchon hun⸗ dertmal mit heldenmüthiger Sorgloſigkeit ſeinen Kopf gewagt. Sah man dieſen heitern ſchönen Fürſten der Renaiſſance, der ſich gleichſam in unſere traurige Zeit nur verirrt hatte, ſo mußte man ihm einen der prachtvollen Anzüge der Herren Titian's wünſchen, die ſo ſtolz, mit ſchönen Frauen am Arme, in jenen großen Villen unter tiefblauem Himmel, auf den von Bäumen beſchatteten weißen Marmorſtufen hinſchreiten. Der Fürſt Caſtelli brauchte eigentlich nicht Fürſt zu ſein; er ſang als vollendeter Künſtler und componirte wie ein Meiſter. In Folge ſeines ſeltenen Talentes und ſeiner reizenden Laune war auch der Fürſt Caſtelli ein wahrer „Löwe“, wie denn überhaupt, Herrn Labirinte und Ewen ausgenommen, faſt alle Gäſte des Marquis mehr oder minder merkwürdige Männer waren. 8 Der Herzog von Serda, Grand von Spanien, Marquis von Buonaviſta u. ſ. w., hatte in der Normandie eine koſtbare Stuterei angelegt, die ihm ungeheure Summen koſtete. Seine „Zöglinge“ hatten bereits in Chantilly und auf dem Mars⸗ felde glänzende Siege gewonnen. Er zuerſt hatte in Frankreich die Sitte eingeführt, die Rennpferde in Wagen transportiren zu laſſen. Auch er konnte für einen „Löwen“ gelten. Uebrigens war er ein ächter Spanier, bleich und hager, mit hochblondem Haar, das Velasqucz unſterblich gemacht hat, ernſt und ſchweig⸗ ſam, ſah aber, trotz ſeiner Kleinheit, ächt vornehm aus. Bald darauf trat der Graf von Sainte⸗Luce ein, ebenfalls ein „Löwe““. Dieſer junge Pair vertrat in der hohen Kammer würdig die unter der Kaiſerherrſchaft geborene Jugend und er wurde von jener berühmten Verſammlung immer mit Aufmerk⸗ ſamkeit, oft mit geſpanntem Intereſſe angehört. Beſtimmter und einſchneidender Ausdruck, geſundes Urtheil, vollkommner Takt, die Jronie des guten Geſchmacks, eine aufgeklärte Vater⸗ landsliebe und tiefe Verachtung der politiſchen Gemeinplätze, das waren die parlamentariſchen Eigenſchaften des Herrn von Sainte⸗Luce. Zum „Löwen“ wurde er, weil er, der Geſetz⸗ geber, der luſtigſte Menſch war und bei den geiſtreichſten Poſſen im Nothfalle den ſchärſſten Verſtand verrieth. Daß ein Mann von ernſtem Talente und von ernſter Stel⸗ lung überall und immer ernſt iſt, iſt achtungswürdig und lang⸗ weilig; daß ein frivoler und leichtfertiger Mann überall frivol und leichtfertig iſt, verdient Bewunderung; aber für ſelten und verdienſtlich halten wir es, ebenſo bei Tafel als auf der Rednerbühne zu glänzen, ebenſo ausdauernd einem Miniſter, wie einem Zecher gegenüber Stand zu halten, den Hermelin des Pairmantels in den Bacchanalien, deren Held man iſt, nie zu beflecken, mit dem Einen ernſt und würdevoll, mit An⸗ dern toll und ausgelaſſen zu ſein und Alles zu thun, was Einem gefällt und doch Allen zu gefallen. Aus dieſem Grunde hatte der Graf von Saint⸗Luce alle Anſprüche auf den Titel eines „Löwen““. Der Herr von Baudricourt, der andere Gaſt, war in einer andern minder glänzenden Art ausgezeichnet, und nicht minder berühmt. Er war ein vollendeter Spieler in Whiſt und Piquet, beſonders aber bekannt durch ſein hohes Spiel. Man erwähnte Partien, die er mit Herrn H. oder Lord G. geſpielt und bei denen, die Wetten eingeſchloſſen, vier bis fünftauſend Louisd'or geſtanden hatten. Auf den höchſten Gipfel wurde ſein Ruhm dadurch geſteigert, daß er eines Tages einen Rentenſchein von zweitauſend Livres geſetzt und ſtatt: „ich ſetze tauſend Louisd'or“, geſagte hatte: „ich ſetze hundert Louisd'or Rente“. Wenn ein Fremder eine ungewoͤhnliche Partie vorſchlug, ſo antwortete man: „Warten Sie, bis Baudricourt kommt; wo iſt Baudricourt? Nur er kann ein ſolches Spiel ſpielen?“ Das Ende und der Zweck aller Dinge war für Baudricourt das Spiel; das Spiel war das durchaus nöthige Zubehör eines Diners, eines Wettrennens, einer Jagdpartie; nach der Oper folgte das Spiel; nach dem Balle das Spiel; früh, den ganzen Tag wurde geſpielt. Die Hazardſpiele verabſcheute er; wie 143 man ſagte, gewann er jährlich ſechzig bis achtzig tauſend Francs wenigſtens; das Doppelte dieſer Summe hatte er inmer als Einſatz bereit. Deshalb gehört denn Baudricourt ebenfalls unter die ächten „Löwen“. Lord Fitz⸗Herald hatte auch ſeinen eigenthümlichen Ge⸗ ſchmack; er liebte mit Leidenſchaft die Blumen; ſeine bewun⸗ dernswürdigen Gewächshäuſer mit Tropenpflanzen konnten den Vergleich mit denen des Herzogs von Devonſhire aushalten; er hatte reiſende Gärtner in Amerika, Afrika und Aſien und ſeine als Wärmehäuſer eingerichteten Dampfböte brachten ihm Gartenſchätze aus allen Theilen der Welt. Seine Sammlung von Orchideen war bewundernswürdig; er hatte es dahin ge⸗ bracht, in ſeinen Treibhäuſern ſtets eine feuchte Wärme von dreißig bis vierzig Graden zu haben. Aus dem heißeſten dieſer Treibhäuſer hatte man den Lord einmal faſt erſtickt forttragen müſſen. Der Vetter der Marquiſe von Beauregard, Herr Alonſo Flores, war ein junger Amerikaner von dreiundzwanzig Jahren mit krauſem Haar und langen Zähnen. Das waren die Gäſte des Marquis; die Damen hießen Serpentine, Clariſſe Harlowe und Cora, genannt die ſchöne Griechin. Serpentine war hager, ſchlank, brünett und bleich; aus ihren ſchwarzen Augen blitzte der Muthwille; ihre dünnen Lippen, ihre zuſammengedrückten Naſenlöcher verriethen Jronie und eine tiefe Querfalte zwiſchen den beiden Augenbrauen kün⸗ digte Schadenfreude an. Clariſſe Harlowe war blond, weiß und ziemlich voll. Ihr rundes blühendes Geſicht, ihre lachenden himmelblauen Augen und ihr ſinnlicher Roſenmund ſtachen ſeltſam von den melancho⸗ liſchen Erinnerungen ab, zu denen ihr Name Veranlaſſung gab. Um ſich Cora, die ſchöne Griechin, vorzuſtellen, betrachte man die Venus Milo's; dieſelbe Schönheit, dieſelbe Leiden⸗ Se dieſelbe Marmorweiße mit ebenholzſchwarzem aar! Wir brauchen kaum zu erwähnen, daß die drei „Un⸗ reinen“ nach dem beſten Geſchmack gekleidet waren und die ele⸗ 14⁴ ganteſten Damen nicht in anmuthigerer Einfachheit hätten erſcheinen können. In weniger als einer Viertelſtunde waren alle Gäſte da; man wartete nur noch auf Herminie, Roſa und den Marquis. Der Letztere war ein ſolches Muſter der guten Lebensart, daß Jedermann ſein Ausbleiben für unwillkührlich hielt und Niemand daran dachte, ihm daſſelbe übel zu nehmen. Alle Gäſte des Herrn von Beauregard ſahen vergnügt aus. Das Vergnügen oder vielmehr die Hoffnung auf Vergnü⸗ gen lag gleichſam in der Luft. Die Herren kannten und freuten ſich, bei einander zu ſein; die Damen wußten, daß ſie bewun⸗ dert und nach ihrem Verdienſte gewürdigt werden würden, die eine nach ihrem Geiſte, die andere wegen ihrer Luſtigkeit, die dritte wegen ihrer Schönheit. Wir ſagten, alle Gäſte des Herrn von Beauregard hätten vergnügt ausgeſehen; wir irrten uns: Cwen von Ker⸗Ellio war ernſt, aufmerkſam und diesmal ein wenig verlegen, ob ihn gleich Herr von Montal allen Herren vorgeſtellt hatte. Herr Labirinte, der doetrinaire Deputirte, ſchien ſich eben⸗ falls unbehaglich zu fühlen; er erröthete von Zeit zu Zeit, ob⸗ gleich Niemand mit ihm ſprach, denn mit Ausnahme Montal's und des Kapitäns Des Roches kannte er die Andern kaum von Anſehen. Herr Alonſo Flores endlich ſtand ſeit ſeinem Eintritte un⸗ beweglich vor einem Küpferſtiche, die Erziehung Achills vor⸗ ſtellend, den er mit der größten Aufmerkſamkeit zu betrachten ſchien. Endlich hörte man zwei Wagen ankommen und halten und Alle riefen: „Der Marquis! da kommt er!“ Es waren wirklich der Marquis in ſeinem und Roſa und Herminie in ihrem Wagen. Trotz ſeiner chniſchen Affectation wich der Marquis nie von einer gewiſſen Etiquette ab. Die beiden Schweſtern ſchienen nur zufällig zugleich mit ihm ange⸗ kommen zu ſein. Er fand es angenehm, ſich durch ſie einen Triumpheintritt zu verſchaffen. Ein Haushofmeiſter öffnete wirklich geräuſchvoll die beiden Flügel der Thüre und der Marquis erſchien zwiſchen den beiden Schweſtern, die er führte. 7 145 Er wurde laut begrüßt und blieb eine Secunde in der hohen Thüre ſtehen mit einer Miene ſpöttiſcher Unentſchloſſenheit. Der Herr von Beauregard war, wie bereits erwähnt, groß und gut gewachſen; trotz ſeiner Neigung zum Starkwerden hatte ſeine Taille noch viel Eleganz behalten. Wenn er ſich des Vor⸗ mittags äußerſt einfach kleidete, ſo überließ er ſich Abends allen Einfällen ſeiner Phantaſie; ſeine glänzende Toilette ſtand aber auch nur ihm; jeden Andern außer ihm würde ſie lächerlich ge⸗ macht haben, während ſie im Gegentheile an ihm ſein vornehmes Weſen hob. Der Marquis trug dieſen Abend einen hellblauen Frack mit ciſelirten goldenen Knöpfen von vortrefflicher Arbeit; ſein breiter ſchwarzer Sammetkragen und ſeine maßlos weit zurückgeſchla⸗ genen Revers breiteten ſich bis auf die Achſeln aus; ſeine Weſte von braunem, ſilberfarbig und carmoiſinroth glaſirtem Sammet mit Knöpfen von Rubinen, um die herum kleine Perlen geſetzt waren, ſtand weit offen über einem reich geſtickten Battiſthemde mit drei koſtbaren Rubinen, die ebenfalls mit Perlen umgeben waren, wie die Knöpfe auf der Weſte und an den Frackauf⸗ ſchlägen; eine hohe weiße ſteife Cravatte, über welcher ſich der ſorgſam gepflegte Backenbart beſonders gut ausnahm, erhöhte den Teint des Marquis. Faſt anliegende Beinkleider von ſchwarzem Caſimir, durchbrochene ſeidene Strümpfe und ſehr weit ausgeſchnittene Schuhe — der Marquis beſaß einen ächt ariſtokratiſchen Fuß — vervollſtändigten dieſen übermäßig reichen Anzug, den man in Folge des vornehmen Airs des Marquis nicht blos nicht unpaſſend fand, ſondern ſogar bewundern mußte. Nun denke man ſich den Marquis zwiſchen zwei jungen reizenden Mädchen, die in der Hand große Bouguets hielten und im bloßen Haare gingen, mit unbedeckten Schultern, mit Wespentaille und bauſchigen Kleidern von ſchwerem glänzenden Moire erſcheinen; man laſſe dieſe Gruppe von einem Lichtſtrome überſtrömen, man erinnere ſich endlich des ausdrucksvollen, ſpöttiſchen Geſichts des Marquis, und man wird ein Ganzes haben, dem es bei der entſetzlichen Häßlichkeit unſter Herrn⸗ kleidung weder an Effect, noch an Glanz gebricht, man wird das bewundernde Gemurmel begreiflich finden, das den Eintritt des Marquis und der beiden Schweſtern begrüßte. In dem Augenblicke, als der Herr von Beauregard den Thereſe Dunoyer I. 10 Arm der Mlle. Roſa und der Mlle. Herminie losließ, trat ein Haushofmeiſter zu ihm und ſagte: „Herr Marquis, es iſt ſervirt.“ Während der ganzen nachfolgenden Scene, d. h. während des Diners, wird der Marquis trotz ſeiner ſcheinbaren Heiterkeit von einer fieberhaften Aufregung leiden, ſeine Augen werden glänzender ſein als gewöhnlich, und ſeine Scherze bisweilen bitter und verletzend. Warum ſollen wir es nicht ſagen? — das laute Lachen des Herrn von Beauregard wird mehr krampfhaft, als herzlich ſein, denn es wird einen ſtechenden ſchmerzlichen Gedanken ver⸗ hüllen; die Freude des Marquis wird faſt etwas Schreckliches haben. * XII. 5 * Das Diner. Gäſte. Der Marquis von Beauregard. Herr Dieudonns Labirinte, De⸗ Der Bar. Ewen von Ker-Elliv.; uputirter. Der Graf Eduard von Montal. Der Kapitän Des Roches. Der Fürſt Caſtelli. Herr Alonſo Flores. Der Herzog von Serda. Vlle. Serpentine. Lord Fitz⸗Herald. Mlle. Clariſſe Harlowe. Der Major Brown. Mlle. Cora, die ſchöne Griechin. Der Graf von Sainte⸗Luce, Mlle. Roſa, von der Acad. Royale Pair von Frankreich. de Muſique. . Der Vicomte von Beaudri⸗Mlle. Herminie, von dem Theater court. des Palais Royal. Ein großer Saal; reich ſervirte Tafel; die ſilbernen Schellen u. ſ. w. funkeln im Lichte der Kronleuchter und Candelaber. Die Facetten der Caraffen und der Criſtall⸗ gläſer ſpielen in allen Farben des Prismas. In der Mitte der Tafel ein ſehr großer von Porzellan mit natürlichen Blumen. (Der Korb war Eigenthum des tarquis. Der Marquis ſitzt in der Mitte der Tafel, zu ſeiner Rechten der aſtelli als Fremder, zu ſeiner Linken Ewen von Ker⸗Ellio, da ihm der Baron rmittag vorgeſtellt worden; dem Margquis gegenüber Serpentine. hatten die Außer dieſen drei Plätzen, die der Marquis von Beauregard e andern Gäſte nach Belieben ſich Platz geſucht. Der Kapitän Des Roches Serpentines und der Major Brown zu ihrer Linken. Clariſſe Harlon rRechten befand ſich 147 zwiſchen dem Herrn von Beaudricourt und dem Grafen von Sainte⸗Luce. Cora ſaß rechts von Ewen von Ker⸗Ellio; Herminie links von dem Fürſten Caſtelli. Zu jeder Seite Cora's, der ſchönen Griechin, war ein leerer Platz. Man fragte nach dem Hrn. Labirinte, dem Dichter und Deputirten, und dem Herrn Alunſo Flores. Sie befanden ſich Beide außerhalb der Salonthüre und aus guter Lebensart wollte Keiner vor dem Andern vorübergehen. Auf ein Zeichen des Marquis ſtand Cora majeſtatiſch auf, nahm erſt den Herrn Flores an der einen und den Herrn Labirinte an der andern Hand, führte ſie ſo zugleich durch die gefürchtete Thüre und bat ſie, Platz neben ihr zu nehmen, den Einen zur Rechten, den Andern zur Linken. Herr Flores hat ſeinen Hut in der Hand behalten; derſelbe hindert ihn ſehr und er faßt den Vorſatz, ihn zwiſchen die Knie zu nehmen. Jemand von den Leuten in dem Kaffeehauſe bemerkt dies und will ihm den Hut abnehmen, Flores aber lehnt es beſcheiden ab. Der Aufwärter dringt, jedoch ſehr ehrerbietig, fortwährend in ihn und befreit endlich den Vetter Beauregard's von dieſer Laſt. Herr Labirinte befindet ſich neben Herminie. Während der Stille, welche das Einſchlürfen der Suppe nöthig machte, glaubte Herr Labirinte mehrmals den Blick des Marquis mit einem ungewöhnlichen Aus⸗ drucke auf ſeiner Perſon ruhen und ſich dann mit einem nicht minder ſeltſamen auf den Kapitän Des Roches richten zu ſehen. Herr Labirinte bedauert ſehr, zu dieſem Diner gekommen zu ſein. Er hat erfahren, daß der Marquis früh den Oberſten Koller im Duell getödtet. Ewen beobachtet aufmerkſam; ſein Herz iſt ihm wie zuſammengeſchnürt. Er bemerkte etwas Ungewöhnliches; ſein Knie herzrie einen Augenblick das des Mar⸗ quis und er fühlte, daß es krampfhaft zitterte. Dennoch ſah das Geſicht des Marquis heiterer und ſpottluſtiger aus, als gewöhnlich. Die anderen Gäſte haben nichts Eigenthümliches. Alle ſcheinen heiter geſtimmt und bereit zu ſein, das Vergnügen zu genießen, das ihnen die ſo glücklich zuſammengeſetzte Geſellſchefe zu verſprechen ſcheint. Bald begann die Unterhaltung und wurde allge⸗ mein, da die Tafel nicht ſo groß war, als daß Zwiegeſpräche hätten erlaybt ſein können. Serpentine. Du haſt lange auf Dich warten laſſen, Marquis; hatteſt Du ein Liebesgeſpräch mit Deiner Frau? Der Marquis. Mit meiner Frau? Ich habe ſie ſeit zwei oder drei Tagen nicht geſehen. Wiſſen Sie, wie ſich meine Frau befindet, Herr Labirinte? Herr Labirinte Ger ſehr roth wir). Ich habe ſeit mehreren Tagen nicht die Ehre gehabt, die Frau Marquiſe Er ſtellt ſich, als müſſe er huſten, um ſeine Verlegenheit und ſein Erröthen zu verbergen) — die Frau Marquiſe zu ſehen, — ich — ich bin in der Kammer ſehr be⸗ ſchäftigt. Er huſtet noch einmal und trinkt ein Glas Waſſer.) Serpentine 6u Serrn Labtrinte). Ah, ich habe die Ehre, mit Herrn Labirinte zu ſprechen! Mit Herrn Labirinte, dem doctrinären Deputirten? Labirinte Geſcmeicheth. Der bin ich —. Mademoiſelle, ich weiß — ich weiß wirklich nicht — wie mein Ruf — Serpentine. Mein Herr, erlauben Sie mir, daß ich Sie mit Verehrung, mit Bewunderung, mit Staunen betrachte. Der Marquis cachen). Und woher kommt dieſe Ver⸗ ehrung, dieſes Staunen, meine Tochter? Serpentine. Wie, Marquis, Du kennſt die Geſchichte nicht, die Herr Labirinte mit Des Roches gehabt hat? 10* 18 Der Marquis. Welche Geſchichte? Labirinte (eniger geſchmeichelt und erröthend). Mademvoiſelle — ich — wirklich — Mademoiſelle — Mehrere Gäſte. Die Geſchichte! Die Geſchichte! Serpentine. Es iſt ſehr unſchicklich. Beaudricvurt dachen). Das iſt ein Grund mehr. Labirinte Gerlegem. Ich weiß, was Mademoiſelle ſagen will — Es iſt eine rein erfundene Geſchichte; nicht wahr, Ka⸗ pitän Des Roches? — Des Roches Cschelndd. Es liegt ihr doch einige Wahrheit zu Grunde — Wir werden ja ſehen, Serpentine. Serpentine. Sie müſſen alſo wiſſen, und das iſt, was meine Verehrung für Herrn Labirinte verurſacht, en tragiſchem Ton Sie müſſen alſo wiſſen, daß, wenn vor einigen Monaten das trauernde Vaterland einige Blumen auf das Grab dieſes inter⸗ eſſanten Doctrinärs geſtreut hätte — Giezeigt auf Herrn Labtrinth. Montal. Mein Gott, welcher ſchauerliche Eingang! Serpentine. — dieſer intereſſante Doetrinär moraliſch Anſpruch darauf gehabt hätte, daß, o keuſches Symbol! ſein Sarg mit ſo weißen Draperien behangen worden wäre, wie die, welche auf dem Sarge eines jungen Mädchens ſchweben. Sainte⸗Luce. Das iſt ja ganz einfach; Herr Labirinte iſt nicht verheirathet. Serpentine. Etwas Anderes wollte ich auch gewiß nicht ſagen. Indeß intereſſirte die Unſchuld, welche von der Stirn unſeres Doctrinärs ſtrahlte, ſehr lebhaft eine geheimnißvolle Unbekannte und dieſe Unbekannte wurde bald ſo leidenſchaftlich verliebt, daß das unbefleckte Herz des Herrn Labirinte bei ſeiner pattintchalichen Unſchuld in große Verlegenheit gerieth. Dieſer junge Deputirte hatte nicht die geringfie Kenntniß von der Kunſt — zu lieben; er begab ſich deshalb zu Des Roches, der in ſolchen Sachen große Erfahrung beſitzt, und Des Roches unter⸗ ſtützte ihn, wie man ſagt, mit vortrefflichem Rathe. (ule Gäſte lachen mit Ausnahme des Herrn Labirinte.) 3 Der Marquis (bricht mit einem Blicke auf Des Roches ebenfalls in eachen auch. Wie? Wahrhaftig, Des Roches? Sie waren es, der — er lach) Ah! ah! ah! 's iſt vortrefflich. Serpentine. Nun möcht' ich gar gern det Nan n de 3 Unbekannten erfahren. 5 149 Des Roches. Herr Labirinte iſt die Verſchwiegenheit ſelbſt. — Mir, ſeinem Lehrer, hat er ihn ſtets verheimlicht — gei Seic) Wenn er nicht ſo albern wäre, würde ich eine Muth⸗ maßung gehabt haben. — Seit einigen Tagen — Sainte-Luce. Man darf hoffen, daß Herr Labirinte die guten Lehren benutzt hat und daß er jetzt in der Kunſt zu lieben ſo groß iſt, wie in der Politik. Montal. Ah, in der Politik iſt Herr Labirinte kein Neu⸗ ling. Er iſt die rechte Hand meines Freundes, des Miniſters Roupi⸗Gobillon. Clariſſe Harlowe. Roupi⸗Gobillons, des dicken Mi⸗ niſters, der häßlich iſt wie eine Raupe? Montal. Allerdings kann man nicht leugnen, daß mein Freund, der Miniſter, eine eben ſolche Galgenphyſiognomie be⸗ ſitzt, wie alle die Spitzbuben, die er vertheidigte, als er noch ein ſchlechter Advokat war. Der Marquis. Woher kennſt Du denn den Herrn Roupi⸗Gobillon, Clariſſe? Clariſſe. Von hier. Er hatte Dorville, Einen meiner Freunde, aufgefordert ihn zu einem Diner mit einigen Mädchen von Geiſt zu bringen, denn er wollte ſich eine kleine Ausſchwei⸗ fung à la Regentſchaftszeit erlauben. Der arme liebe Mann! Unaufhörlich ſagte er zu Dorville: Biſt Du auch überzeugt, daß es meine Frau nicht weiß? Du glaubſt alſo, meine Frau werde es nicht erfahren? Gott, wenn es meine Frau wüßte! Der Major. Seine Frau führt alſo die Herrſchaft? Der Marquis. Das glaub' ich! Sie war früher ſeine Köchin und er heirathete ſie, als er noch Advokat war. Jetzt mag er es freilich ſehr bereuen. Die Verbindung Roupi⸗Go⸗ billons mit ſeiner Köchin halte ich übrigens für ein Symbol; es bedeutet, daß unter ſeinem Miniſterium jeder Bürger ein Huhn im Topfe haben wird, wie es der gute Heinrich wünſchte. Der Herzog von Serda. Hat dieſer Roupi⸗Gobillon einigen Werth? Der Marquis. Keinen; höchſtens beſitzt er den Muth, die gröbſten Beleidigungen zu ſagen und zu ertragen. Der Major. Wie iſt aber dieſer Menſch Miniſter ge⸗ worden? Der Marquis. Fragen Sie darüber Herrn Labirinte, 15⁰ Major; als Deputirter macht und entſetzt er Miniſter; er muß wiſſen, wie man dabei zu Werke geht. Herr Labirinte Erröthend und ſti. Da die Majorität die Meinung des Landes repräſentirt, ſo müſſen die Führer dieſer Majorität — eer huſte) — dieſer Majorität — Eer trinkt ein Glas Waſſer). Sainte⸗Luce. Sie wiſſen aber doch, mein werther Herr Labirinte, daß bei Herrn Roupi⸗Gobillon ſelten von einer Ma⸗ jorität die Rede iſt, im Gegentheile. Herr Labirinte. Ich muß dem ehrenwerthen Pair be⸗ merklich machen — Sainte⸗Luce. Hier ſind wir Alle Pairs (einander gleich), Herr Labirinte, Pairs vor dieſen g gutmüthigen Mädchen, nicht wahr, Clariſſe? — Doch um wieder auf Roupi⸗Gobillon zu kommen, ſo wurde er durch ein ſehr ſinnreiches Verfahren Miniſter; et und ein Dutzend andere „Erwählte des Volkes“ kamen eines Tages auf den ſcharfſinnigen Gedanken: „Die Parteien ſind ſo vieltheilig und geſpalten, daß das Appoint, welches eine Majorität ausmacht, höchſtens aus einem Dutzent Stimmen beſteht. Werden wir — WMontal. Appoint? Sainte⸗Luce. Wie Sie ſagen, Montal — werden wir po und man wird genöthigt ſein, mit uns zu zählen. Beaudricourt. Oder vielmehr, man wird nicht ohne uns zählen können. Der Marquis. Wir werden, wie man ſagt, den Werth einer gutgeſtellten Null haben. Sainte⸗Luce. Wir, eine unbemerkliche Unterabtheilung, werden dann die Majorität fertig machen und, da wir über alle Fragen entſcheiden, einen großen Antheil von dem erhalten, was von der Verwaltung zur Belohnung gegeben wird, denn man wird, um ſich unſerer Unterſtützung zu verſichern, wenig⸗ ſtens einen Miniſter aus unſerer Mitte nehmen müſſen. Ich nehme an, ſagte Roupi⸗Gobillon zu ſeinen Genoſſen, daß Ihr mir Eure Vollmacht gebt, daß ich der Bevollmächtigte der poli⸗ tiſchen Compagnie Roupi⸗ Gobillon und C. werde. Geſagt gethan; ihre Erwählten ſchaarten ſich zuſammen uz ſo Herr Roupi⸗Gobillon Miniſter. Der Marquis. Und ſo wurde dieſer vn Manſch, 151 der Mann einer Köchin, berufen, den Rath der Krone zu ver⸗ unehren. In welcher Zeit leben wir! Serpentine. Es muß Ihnen Vergnügen machen, Mon⸗ tal, Ihren vertrauten Freund, der Ihnen ſo ſchöne Poſten an⸗ geboten hat, ſo behandeln zu ſehen. Montal. Ich ſchlug Alles aus, um meine Unabhängig⸗ keit zu bewahren und wie jeder Andere über Roupi⸗Gobillon mich luſtig machen zu können. Clariſſe. Es wäre doch möglich, daß Sie durch Ihr Nachäffen des Marquis dahin gebracht würden, Herrn Roupi⸗ Gobillon um ein Aemtchen bitten zu müſſen. Montal Gerletzt, aber an ſich haltend. Wenn ich den Marquis nachahmte, ſo habe ich wenigſtens ein gutes Muſter gewählt und meine Sache gut gemacht, nicht wahr, Beauregard? Der Marquis. Hm! hm! Wie man es nimmt. Immer bin ich nicht mit Ihnen zufrieden geweſen, lieber Freund. Wenn Sie hundert ſchöne Louisd'or durch das Fenſter hinauswerfen ſollten, um als Edelmann zu handeln, warfen Sie neunzehn⸗ hundert und ſiebzig Livres in ſchweren Sous weg. In Folge dieſer knickerigen Verſchwendung haben Sie ſich denn auch auf bürgerliche Weiſe ruinirt und nicht als vornehmer Mann. Montal (nit etzwungenem Lachem. Sie ſind ſtreng, Marquis. Clariſſe Harlowe. Was Du da ſagſt, Marquis, iſt vollkommen wahr. Deshalb ſchlug denn auch wahrſcheinlich Julie die Hand dieſes ſeligen Sous-Verſchwenders aus, wie die Tante Sauvageot ſagt. Sie zeigt auf Montal) Montal Grgerlich). Die Geſchichte iſt ſehr alt, mein Kind. Serpentine. Sagen Sie, Montal, iſt es wahr, daß Ihnen die gute Julie monatlich zehn Lvuisd'or gab? Montal En ſich haltend, aber ſehr gereißt). Böſe Zunge! Clariſſe qugen). Das iſt eine Verleumdung, eine ſchaͤnd⸗ liche Verleumdung. Dezu iſt Julie viel zu geizig. Montal Gu Serpentin). Schen Sie? Serpentine. Gewiß, jetzt bekommen die Mädchen vom Theater den Herrn Montal umſonſt. Er ſinkt im Preiſe und wird ſich nun den Damen von Welt zuwenden. Des Roches. Wenn ſie von den vornehmen Damen zu reden anfängt, werden wir ſchöne Dinge hören. 152 Serpentine. Da fällt mir das Abenteuer der Herzogin von Mirepont ein. Beaudricourt (gezwungen lachend). Serpentine, nimm Dich in Acht. Sie iſt meine Couſine. Serpentine. O, ich rede von der Geliebten des kleinen Sainval. Beaudricourt. Deswegen kann ſie doch meine Cou⸗ ſine ſein. Serpentine. Deine Couſine? Laß hören. Wie ſoll das zugehen? Beaudricourt. Die Herzogin von Mirepont iſt die Tochter meines Oheims. Serpentine. Ah, geh', ſie iſt die Jochter des Generals Montfort, das weiß ganz Paris. Mit troniſchem Ernſt) Ich weiß jedoch, welche Rückſichten man den Familien ſchuldig iſt. Ich werde deshalb die Herzogin nicht als Tochter Deiner Tante, noch viel weniger als Tochter Deines unglücklichen Onkels, ſon⸗ dern blos als Geliebte des kleinen Sainval, d. h. als meine Nebenbuhlerin anſehen. Beaudricvurt. Jetzt iſt ſie im Zuge. Gei Seite.) Gif⸗ tige Schlange. Sainte⸗Luce. Wie ſo, Deine Nebenbuhlerin, Serpen⸗ tine? Iſt von mir, der ich Dich liebe, dabei die Rede gar nicht? Serpentine. Du biſt der Nebenbuhler — Deines Neben⸗ buhlers, nichts weiter. Beaudricvurt. Ich muß geſtehen, daß wir, um nicht mehr zu ſagen, ſehr nachſichtig ſind, wenn wir die vornehmen Damen ſo verleumden laſſen. Serpentine. Nachſichtig! Verleumden! das iſt ja aller⸗ liebſt. Wer erzählt uns denn alle Spöttereien, Ausfälle und Witzeleien über die vornehmen Damen, als Sie? Durch wen kennen wir dieſe Damen? Durch Sie. Wie hätte ich z. B., Beaudricourt, wiſſen können, daß Dir die Baronin von Clair⸗ ville Rendezvous giebt, wenn Du es mir nicht erzählt hätteſt? Beaudricourt uchend, aber an ſic halten). Ah, ich machte Dir etwas weiß — es iſt nicht wahr. — Serpentine. Es iſt ſo wahr, daß Du Dich erboteſt, 2 mir eine Nachtmütze von ihr zu leihen, und mich aufforderteſt, mir ähnliche darnach machen zu laffen, weil ſie einen zu hüb⸗ 153 ſchen Schnitt hätten. — (Wyn lacht) Es iſt ganz einfach. Ihr macht uns gern zu Euren Vertrauten, weniger um uns durch Eure Siege zu blenden, als weil Ihr darauf rechnet, daß wir überall davon reden. Dumoncel erbot ſich, mir Briefe von der Frau von Senanges zu geben, um ſich an ihr zu rächen; er ſagte, ſie habe ihm ſein halbes Vermögen gekoſtet und ſei ihm nun wegen des ſchönen Derfeuil untreu geworden. Der Marquis. Und was ſollteſt Du mit dieſen Briefen thun? Serpentine. Sie lithographiren laſſen und unter meine Freunde vertheilen. — Ich mochte das nicht. Die arme kleine Frau von Senanges! Unter guten Freunden darf dergleichen nicht vorkommen. Sainte⸗Luce. Was Du da ſagſt, iſt völlig unwahr⸗ ſcheinlich. Die Vicomteſſe von Senanges hat Niemanden etwas gekoſtet, denn ſie beſitzt ein jährliches Einkommen von 50,000 Livres; ungerechnet das Vermögen ihres Mannes. Dumoncel iſt aus Eiferſucht von der Wahrheit abgewichen. Clariſſe Harlowe. Mir hat er geſagt, ſeine Senanges koſte ihm über 300,000 Francs. Der Herzog von Serda. Wie man ſagt, hat er ihr Haus auf bas Prächtigſte neu meubliren laſſen. Beaudricourt. Man ſpricht auch von einem Silber⸗ ſervice für 50,000 Francs. Der Fürſt Caſtelli. Jedermann behauptet wenigſtens, Dumoncel habe ihretwegen ſeine Beſitzungen in Lothringen ver⸗ kauft. Sainte⸗Luce. Aber, lieber Fürſt, noch einmal, Jeder⸗ mann behauptet da eine Albernheit. Wie ſoll man 100,000 Thaler mit und für eine Dame von Stande ausgeben, die bei ihrem Manne lebt und jederzeit ein großes Haus gemacht hat? Mehrere. Das iſt wahr — allerdings. Der Marquis 6u wen von Ker Cllio). Sie werden wahr⸗ haftig eine ſeltſame Vorſtellung von unſerem geſellſchaftlichen Leben erhalten. Ewen von Ker⸗Ellio dachend). Ich bin ſo unglücklich, Herr Marquis, nur nach meinen Eindrücken zu urtheilen und ich geſtehe Ihnen, daß ich nach Allem, was ich eben gehört 154⁴ habe, in Bezug auf die Geſellſchaft in Paris in völliger Un⸗ wiſſenheit befangen bin. Serpentine. Sie glauben alſo, daß ich lüge, Herr Bretagner? Galant ſind Sie nicht. Ewen von Ker⸗Ellio. Ich halte Sie für ſehr liebens⸗ würdig. Sainte⸗Luce. Und Sie könnten hinzuſetzen, bisweilen auch für ſehr wahrheitliebend, denn dieſe Welt iſt ein ſeltſames Ding, ein unergreifbarer Proteus, bald Sclave, bald Tyrann, bald leichtgläubig wie ein Kind, bald ein ſchamloſer Ver⸗ leumder. Der Fürſt Caſtelli. Ich habe die Welt immer beſſer ge⸗ funden, als ihren Ruf. Der Marquis. Lieber Fürſt, Sie können ebenſowenig von der Schlechtigkeit der Welt ſprechen, als Orpheus von der Wildheit der Tiger oder Don Juan von der weiblichen Tugend. Bei der Tugend fällt mir aber das Abenteuer der Herzogin wie⸗ der ein, Serpentine. — Laſſen Sie das Mädchen erzählen, Beaudricvurt; wir werden kein Wort von dem glauben, was ſie ſagt. Serpentine. Auch ich nicht, weil mich es ſo weniger genirt. Sie wiſſen, daß die Herzogin vor der Herrſchaft des kleinen Sainval ſich in den großen dicken Tambour⸗Major von Preval verliebt hatte. Jedermann kann ſich irren und die Her⸗ zogin irrte ſich. Nun iſt es aber nicht leicht, von Preval wie⸗ der loszukommen, der ungemein zäh und ſo roh iſt, daß er geradezu ſagt: ich werde Sie windelweich klopfen, wenn Sie mich verlaſſen. Der Marquis. Und er hält Wort; er hat einer Dame, die ich kenne, den Arm zerſchlagen, als ſie von Trennung ſprach; er verlangt, wie er ſagt, von der Liebe unauflösliche Bande. Der Herzog von Serda. Es giebt alſo wirklich einen ſo ungeſchlachteten Menſchen? Der Marquis. Ob es ihn giebt? ich glaube es. Zu jener Dame hatte er geſagt: ich liebe Sie ſehr und ich werde Ihnen ganz treu ſein, aber wenn Sie mich hinege wenn Sie mich verlaſſen, bekommen Sie Schläge, denn d Leide ſchaft kennt keine Vernunft. Da er ein wahrer Sti — — 155 fürchtete ſich die arme Frau ſehr vor ihm und ſie zögerte lange, ehe ſie ihn verließ, endlich aber — Serpentine. Darnach können Sie beurtheilen, wie ſchnell die Herzogin ſich von einem ſolchen Ungethüme freizu⸗ machen wünſchte. Zum Glück erinnerte ſie ſich der Gräfin Sur⸗ ville, ihrer Todfeindin, mit der ſie jedoch fortwährend in ge⸗ wiſſen freundſchaftlichen Verhältniſſen ſtand, um ihr immer etwas anhängen zu können, was bei vollſtändiger Trennung nicht möglich geweſen ſein würde. Sie näherte ſich ihr alſo wieder mehr. Des Roches. Das nenne ich eine vorſichtige Frau. Serpentine. Die Frau von Suwville war auf ihrer Hut, aber die Herzogin iſt ſchlau. Die Frau von Surville hatte eine heirathsfähige Tochter. Die Herzogin erlaubte ſich, unaufhörlich mit ihr von dieſer Tochter zu ſprechen, und ihr zu ſagen, ſie habe eine vortreffliche Partie für dieſelbe. Endlich ſchlug ſie ihr vor — rathen Sie, wen? — Montal! Das war grauſam. Montal. Mich? Welcher Scherz! Serpentine. Sie haben nichts davon erfahren, aber es iſt ſo, wenigſtens nach der Erzählung des kleinen Sainval. Suchen Sie Streit mit ihr, wenn Sie wollen, ich nenne meine Quelle. Nach dieſem Antrage der Herzogin dachte die Frau von Surville bei ſich: „Ich errathe Dich; Du haßeſt mich, Du möchteſt meine Nichte durch eine Heirath mit Montal un⸗ glücklich machen. Dieſer Bosheit wegen näherteſt Du Dich mir wieder, aber ich bin auf meiner Hut.“ Die Herzogin hatte erreicht, was ſie erreichen wollte; ſie erregte das Mißtrauen der Frau von Surville in Bezug auf deren Nichte, und verhinderte ſie dadurch, ſich vor Preval in Acht zu nehmen, den ſie ihr auf⸗ bürden wollte. Der Fürſt Caſtelli. Eine treffliche Taktik! Der Major Brown. Der Scheinangriff iſt ſehr klug er⸗ ſonnen. Serpentine. Die Herzogin nahm ihr gutmüthiges Weſen an, ſprach allmälig immer vertraulicher mit der Frau von Surville, geſtand ihr endlich ihre Liebe zu Preval, dem reizendſten, dem zartfühlendſten und zärtlichſten aller Männer, und ſetzte hinzu, ſie würde ſich höchſt unglücklich fühlen, wenn 156 er ihr jemals untreu würde. „Jetzt habe ich Dich“, dachte die Frau von Surville, „Du wollteſt mich in meiner Nichte verwunden. —“ Und die verblendete Thörin kokettirte offen mit dem Goliath. Des Roches. Die Unglückliche! Serpentine. Sie können ſich die Freude der Herzogin denken, die ſich ihrerſeits die Aufgabe geſtellt hatte, ſich dem Preval unerträglich zu machen. Es war nur noch der letzte Schlag zu führen. Eines Morgens kam ſie zu der Frau von Surville, zerfloß in Thränen und ſagte, ſie habe ihr Wohl⸗ wollen gegen Preval bemerkt und wende ſich an ihr Herz, an ihren Edelmuth, denn ſie würde die Untreue Prevals nicht über⸗ leben. Dies bewog die Frau von Surville, die Herzogin auf der Stelle umzubringen, wenn es möglich ſei; ſie verſtärkte ihre herausfordernden Blicke gegen Preval, er benutzte dieſelben, und es währte nicht lange, ſo war er der ihrige. Aber ſehr bald er⸗ kannte ſie den Werth ihrer Wahl, wurde höchſt aufgebracht, durchſchaute die hinterliſtige Türke der Herzogin und ſchwur ihr Weiberhaß. Die Herzogin ihrer Seits ſagte zu Jedermann mit ihrer verwunderten aufrichtigen Miene: „Mein Gott, ich weiß nicht, was die arme Frau von Surville gegen mich hat; ſie wirft mir niederſchmetternde Blicke zu, ſeit ſie mit dem Herrn von Preval gut ſteht, als wenn es meine Schuld wäre.“ Des Roches. Allerliebſt. Serpentine. Das iſt noch nicht Alles; die Frau von Surville wollte vor Zorn mit Preval brechen, der ihr aber zum Anfange, ohne Zweifel als Allegorie, einen Finger zerbrach. Deshalb ſieht ſie ſeit drei Wochen Niemanden bei ſich, und da jetzt Preval vollkommen bekannt iſt, wird es lange währen, ehe eine Andere ſie von ihm erlöſt. Sainte⸗Luce. Sie muß warten, bis eine unſchuldige Fremde erſcheint. Beaudricourt (eyr vertet. Bah! bah! Es iſt ein Mähr⸗ chen, das man erſonnen hat. Serpentine iſt ſo ſchadenfroh. Der Marguis. Wenn es nicht wahr iſt, iſt es ſehr Schade, lieber Freund; da aber die Leute abgedeckt haben, will ich Ihnen auch eine Ehegeſchichte erzählen, die gewiß eben ſo viel werth iſt, als die Serpentinens. . 157 Serpentine. Weißt Du, Marquis, daß das Ehejoch Niemand ſo graziös trägt, als Du? Und doch ſind Deine Freunde ſehr beſorgt geweſen. Lord Fitz⸗Herald. Ja, lieber Marquis, Ihre Verhei⸗ rathung war vierzehn Tage lang der Gegenſtand aller Geſpräche. Ich befand mich damals in London; es war ein Ereigniß. Bei Crockford wurden dreitauſend Guineen gegen das Gerücht ge⸗ wettet, das man für falſch erklärte. Der Fürſt Caſtelti. Ich war in Mailand, und auch da ſprach man von nichts Anderem. Der Marguis von Beauregard heirathet! riefen die Damen; möge unſer Geſchlecht endlich ge⸗ rächt werden! Denn ich verheimliche es nicht, Marquis, in Italien ſtehen Sie zugleich in dem abſcheulichſten und dem be⸗ wundernswürdigſten Rufe. Sainte⸗Luce. Ja die Ehe! Sie iſt die Klippe aller Männer, die Glück bei den Damen haben. Es bleibt ihnen durchaus keine Wahl übrig; ſie müſſen hintergehen oder hinter⸗ gangen werden. Der Marquis. Was würden Sie vorzichen, zu hinter⸗ gehen oder hintergangen zu werden? Sainte⸗Luce. Das iſt eine ſchwer zu beantwortende Frage, denn das Eine wie das Andere hat ſeine Reize für einen verheiratheten Mann. — Clariſſe. Seine Reize! Sainte⸗Luce. Allerdings; wird er hintergangen, ſo kann er ſich erhaben im Verzeihen zeigen; hintergeht er ſelbſt, ſo wiſſen Sie ja, daß nichts unterhaltender iſt, als ſolche kleine Untreue. Der Marquis. Bei der Gelegenheit giebt es eine Frage zu löſen: eine Frau hat einen Liebhaber, Serpentine. O das iſt ja alltäglich. Der Marquis. Sie iſt ihm untreu. Serpentine. Noch alltäglicher. Der Marquis. Welcher von den beiden Liebhabern, der erſte oder der zweite, befindet ſich in der ſchmeichelhafteſten Lage?* Beaudricourt. Darüber braucht man gar nicht zu dis⸗ cutiren; der zweite, der neue, ohne Zweifel. Montal. Nein, der erſte, der alte. — 1³5 Der Major Brown. Wie ſo der alte? — der, welcher verlaſſen worden iſt? Montal. Der neue folgt nur nach und das iſt demüthi⸗ gend, weil es ſich mit der Liebe der Frauen nicht wie mit dem Adel verhält, deſſen Glanz mit jedem neuen Sproſſen ſich ver⸗ mehrt. Sainte-Luce. Aber man wird verlaſſen, aufgegeben, das iſt verletzend. Montal. Iſt man doch zuerſt geliebt worden, hat man doch die erſte Blüthe der Liebe gehabt. Der Marquis. Man ſieht, wie ſehr unſer Freund Montal an den Triumph des Aufgegebenwerdens gewöhnt iſt. Wir können übrigens, meine Herren, dieſe Frage ſogleich auf⸗ klären. Alle. Wie ſo? Der Marquis. Zwei von uns befinden ſich in eben der Lage; der Eine wurde dem Andern geopfert. Wir wollen den Thatbeſtand prüfen und dann zur Abſtimmung ſchreiten. Aue Liſ ſehen einander verwundert an. Herr Labirinte wiſcht ſich den Schweiß von der tirn.) Serpentine. Welche ſind die beiden? Der Marquis dachend). Des Roches — und Herr Labirinte. Des Roches Cer eine lebhafte Bewegung unterdrückh). Was bin ich, Marquis? Der Betrogene oder der Vorgezogene? Gei Seite) Was will er? — Seine Scherze heute früh, die Verlegenheit des Herrn Labirinte. — Der Marquis. Ach, mein armer Des Roches, danken Sie Montal für die Vertheidigung der Theſis, daß der betrogene Liebhaber ſich mit dem Gedanken tröſten müſſe, ſein Nachfolger ſei doch nur — eben ſein Nachfolger. — Das rettet Sie. Des Roches (nit erheuchelter Sorgloſigket). Kann ich wenig⸗ ſtens erfahren, wo der Herr Labirinte mich verdrängt hat? Der Marquis Gieht einen Brief aus der Taſche und wirft ihn Des Roches him. Bei der Dame, welcher Sie dieſen zärtlichen Brief ſchrieben. Des Roches Cetrachtet die Schriſc) Gei Seith. Ein Brief von mir an ſeine Frau! — Er wußte Alles; das giebt ein Duell. — — — — — 159 — Er wird ſogleich losbrechen. Guu unnfeſt) Ich kenne dieſe Schrift, Marquis. Was habe ich zu thun? (Erſtaunen ver Gäſte) Der Marquis. Nun wahrhaftig, lieber Des Roches, ich an Ihrer Stelle würde Philoſoph ſein. Wir haben Alle ab⸗ wechſelnd Glück und Unglück. Serpentine duut laceu). Gott! wie drollig, wenn die geheimnißvolle Unbekannte des Herrn Labirinte die Geliebte Des Roches wäre! (Sie lacht von Neuem.) Clariſſe. Herr Labirinte ſiegt bei der Geliebten des Herrn Des Roches durch den guten Rath des Herrn Des Roches! Sie lacht) Der Marquis dachend. Sehr leicht möglich. Des Roches Gei Seuh. Welche Kaltblütigkeit! Was hat er im Sinne? Sainte⸗Luce deme zu Beaudricurh. Des Roches iſt blaß geworden; unter dieſem Scherz liegt etwas Ernſtes. Der Marquis Gu Berrn Labirinc). Und Sie, mein Herr Labirinte, kennen Sie dies? Er wirt ihm einen Brief zu) Labirinte (urchlauft den Brief mechaniſch) (bei Seite). Ich dachte es ein Brief von mir an ſeine Frau. — Ich bin verloren — zwiſchen Hammer und Ambos; auf der einen Seite Des Roches, auf der andern der Marquis. Und dieſen Morgen hat er den Oberſten Koller im Duell getödtet! Caut, verlegen) Aber ich — ich — erkenne die Schrift nicht genau. — Der Marquis. So betrachten Sie dieſelbe genau, mein lieber Herr Labirinte. Serpentine. Marquis, mach geſchwind. Es verſpricht, ſpaßhaft zu werden. Nenne uns den Namen der Frau. Es muß die Unbekannte des Herrn Labirinte ſein; ſie muß es ſein. — Des Roches Cebhaft und ängſic). Gnade, Marquis! Kein Wort weiter! Der Marquis Geten. Iſt dieſer junge Doctrinär da nicht Ihr Zögling in der Verführungskunſt? Seine Siege ſind die Ihrigen. Des Roches ant Beſtmntheih. Ich will Niemandes Spiel⸗ zeug ſein, Beauregard. Das Abenteuer iſt lächerlich für mich, und ich bitte Sie, den Scherz nicht weiter zu treiben. 160 Der Marquis Geie). Sie werden ihn gewiß gut auf⸗ nehmen. Meine Herren, Sie werden Herrn Labirinte in einem ganz neuen Lichte erkennen. Bis jetzt kannte man ihn nur als Staatsmann; aus dieſem da wird der Don Juan hervorgehen. Labirinte (ucht zu lächeln und ſeine Ruhe wieder zu gewinnen). Ich trage auf den Schluß der Debatte an — ha! ha! ha! — auf den Schluß — und auf geheime Abſtimmung, hal ha! Ich bin nicht eitel auf dieſe Thorheiten — GeiSeih. Ich habe kei⸗ nen Blutstropfen mehr in den Adern. Welche Blicke mir Des Roches zuwirft! ℳ Der Marquis. Herr Labirinte iſt edel; er will Deine Lehreitelkeit ſchonen, armer Des Roches, aber ich werde ihn nicht nachahmen. Labirinte Gei Seich. Dieſer verteufelte Marquis will den Kapitän noch mehr gegen mich reizen. Gaut) Ich erkenne bereit⸗ willig die glänzenden Eigenſchaſten des Herrn Kapitäns Des Roches an, und erkläre, daß, wenn ich den guten Rath gemiß⸗ braucht zu haben ſcheine, den er mir gegeben hat. — Des Roches car. Verſchonen Sie mich mit Ihren Er⸗„ klärungen und Lobeserhebungen. Gum Maraus.) Noch einmal, Marguis, da ich nur bitten kann, ſo bitte ich Sie. Treiben Sie den Scherz nicht weiter. Der Marguis. Es iſt nichts bürgerlicher, als dieſe Empfindlichkeit, lieber Freund. Sie werden finſtrer, als die Nacht, weil Herr Labirinte (m komiſchemphatiſchen Tone) Sie am Fuße der Myrte niedergeſtreckt hat, die Sie in Ihre afrikaniſchen Lor⸗ beeren flechten wollten. 5. Des Roches 6orig. Marquis, noch einmal, es iſt genug. Der Marguis Gachen). Sie werden wirklich bös, Freund? Das iſt merkwürdig. Des Noches läßt den Kopf ſinken, ohne zu antworten. Des Roches Gei Seich. Ich habe ihn beleidigt; ich bin in ſeinen Händen. Der Marquis. Die Ungetreue ſpricht ſich in folgenden Worten über unſern unglücklichen Beduinen aus. cder Marguis ueſet) „Ich werde aufrichtig ſein, mein lieber For⸗ tuné.“ Sie müſſen wiſſen, daß Herr Labirinte Fortuns „ heißt. 5 1 161 Serpentine. Er ſieht ganz ſo aus. Der Marquis Giſch. „Ja, mein Fortuné, ich habe Herrn Des Roches geliebt oder vielmehr zu lieben ge⸗ glaubt.“ . Des Roches ceiSeth. Kein Zweifel mehr, Dolores hinterging mich auf unwürdige Weiſe, — und ich — ich habe — ach — ſo vor Allen verhöhnt zu werden! Welche diaboliſche Kaltblütigkeit des Beauregard! (Luut und gezwungen lächeln.) Wahr⸗ haftig, Sie haben Recht, Marquis, man muß gute Miene zum böſen Spiele machen. Meine Herren, ich bekenne mich für überwunden von Herrn Labirinte, und es tröſtet mich nur, daß er meine Lehren ſo gut benutzt hat. Der Marquis. Bravo, Des Roches! So muß es ſein. Ich fahre fort: „Ich habe Des Roches zu lieben geglaubt, ich irrte mich; es war der Traum der Liebe, ein Traum meines Herzens. Du allein, mein For⸗ tuné, der Du mir die erſte Liebe Deines Herzens gabſt, ſollteſt mich die Wirklichkeit dieſes Gefühls kennen lehren.“ Hm! Wer zum Teufel hätte ſich einge⸗ bildet, daß zwiſchen Herrn Labirinte und Des Roches, zwiſchen einem Spahis Kapitän und einem doctrinären Deputirten ein Unterſchied iſt, wie zwiſchen Traum und Wirklichkeit? Aber aufgepaßt, meine Herren, hier wird es der grauſame Machia⸗ vellismus unſeres jungen Repräſentanten — ich weiß nicht welches Wahlcollegiums — entwickeln. Herr Labirinte (ucht zu lähelm. Mein Herr, der Staats⸗ mann verſchwindet hier gänzlich vor dem Privatmanne, ah! ah! ah! Wenn Sie mir glauben, wird der Privatmann auch vollſtändig verſchwinden. Der Marquis. Wir laſſen die Unterſcheidung zwiſchen Staatsmann und Privatmann nicht gelten, mein würdiger Solon. Sie ſind mit einem unvertilgbaren Charakter bekleidet, Herr Labirinte; Sie ſind Deputirter überall, Deputirter immer, Sie repräſentiren ihre Wähler in Allem und bei Allem; Sie han⸗ deln in Ihrer Perſon; Sie ſind die ein Mann gewordenen Wähler. Das eben macht die Lage des armen Des Roches ſo unangenehm; denn es iſt gerade, als wäre er durch ein ganzes Wahlcollegium — betrogen worden. Thereſe Dunoyer I. 4 11 162 Serpentine dachend). Auf ſolche Gedanken kommt doch nur der Marquis. Deiner Meinung nach könnte man alſo von den Wählern des Herrn Labirinte ſagen, ſie wären auch glück⸗ lich geweſen bei — Der Marquis. Mit ihrem Deputirten? Allerdings. Das iſt die repräſentative Regierung. Gu SainteLur.) Nicht wahr, edler Pair? Sainte⸗Luce. Es wäre dies eine neue Theorie der Menſchenrechte. Der Marquis Cei Seith. Muth! — ich muß meine Rolle bis zu Ende durchführen. Caut) Ich fahre fort: „Ja, mein Fortuné! Du ſolkteſt mich die Wirklichkeit dieſes Gefühles kennen lehren. Stattzu ſchweigen über die Verirrung meiner Phantaſie, werde ich vielmehr da⸗ von ſprechen, um mich anzuklagen, mir ſelbſt zu flu⸗ chen, nicht, daß ich Dir den Herrn Des Roches vor⸗ ziehen konnte, weil ich erſt nach ihm das Glückhatte, Dich auf der Erde kennen zu lernen, ſondern um mich anzuklagen, Deine Exiſtenz nicht errathen zu haben.“ Ganz Recht; die einfachſten Naturgeſetze mußten ihr ſagen, daß es irgendwo einen Fortuné Labirinte gebe. 3 Serpentine. Es iſt ſehr hübſch geſchrieben, auch ortho⸗ graphiſch? Der Marquis. Allerdings — nach der Orthographie des Herzens. Ich fahre fort: „Du wagſt es alſo eifer⸗ füchtig zu ſein, böſer Menſch? Siehſt Du nicht ein, daß ich den unerträglichen Des Roches noch immer wie früher bei mir ſehe, blos um nicht durch einen zu raſchen Bruch mit ihm Argwohn zu erwecken? Kannſt Du glauben, daß ich, ſeit ich Dich geſehen, Dich, deſſen erſte Liebe ich beſitze, Dich, der Du ſo ſüß, ſo zärtlich biſt, Dich mit jenem buchsbaumfarbigen Men⸗ ſchen nur vergleiche“ — das iſt unterſtrichen — „der von Converſation ſo viel verſteht, wie ein Pferd, wie Du in Deinem Briefe ſo boshaft ſagſt.“ — Des Roches (wüthend, aber an ſich haltend). Es freut mich ſehr, Herr Labirinte, Ihnen Gelegenheit zur Uebung Ihres Witzes gegeben zu haben. Vielleicht kann ich Ihnen ſpäter Gelegenheit zu einer andern Art Inſpiration geben, 163 Labirinte (ehr veregem. Mein Herr, ich verſichere Sie — ein bloßer Scherz — ein ſchlechter Spaß. Gei Seite) Der Marquis hat geſchworen, mich umbringen zu laſſen. Des Roches 6u Labirinch. Wir werden dieſe Unterhal⸗ tung ſpäter weiter fortſetzen. Gei Seie) Ich bin nun der Gegen⸗ ſtand aller Geſpräche in Paris! Mehrere Gäſte. Des Roches, es iſt ja nur ein ſchlechter Spaß, wie Herr Labirinte ſagt. Clariſſe aachen). Der arme Des Roches, der ſeinen Neben⸗ buhler in der Kunſt zu lieben unterrichtet! Ha! ha! ha! Serpentine. Ausgeſtochen — hintergangen durch Herrn Labirinte! Des Roches 6e Seuh. Verfluchte Schlangen! Sie werden den dummen Vorfall überall ausplaudern, aber ehe ich noch eine Ausforderung von dem Marquis Prhalte, zerſchmettere ich dieſem Schwachkopf wenigſtens ein Glied. Gaut) Herr La⸗ birinte, haben Sie dieſen Brief geſchrieben, den Herr von Beau⸗ regard vorlieſet? Labirinte (m parlamentariſchem Lonch. Mein Herr — in je⸗ dem Falle dürfte dieſer Brief ein vertraulicher ſein und keines⸗ wegs ein offizieller, und ich proteſtire — Des Roches. Haben Sie dieſen Brief geſchrieben, ja oder nein? ₰ Alle Gäſte. Des Roches, laſſen Sie doch, Sie ſind ein Thor. Der Fürſt Caſtelli. Es liegt ja in der Sache durch⸗ aus nichts Ernſthaftes. Der Marquis wollte einen Scherz machen — Des Roches (der nicht mehr an ſich halten kann). Mein Herr, über ſolche Dinge kann Jeder nur allein entſcheiden; ich ſage deshalb dem Herrn Labirinte, der Brief, den er geſchrieben hat, er mag ein vertraulicher oder ein vffizieller ſein, rührt von einem dummen und impertinenten Menſchen her. Alle. Des Roches! Des Roches! Serpentine Caut lachend). Jetzt bekommt die Sache eine Farbe. Bisher war ſie ſehr matt. Des Roches (eht au. Herr Labirinte, ich wiederhole Ihnen, daß Sie ein einfältiger und impertinenter Menſch ſind. 164 Labirinte (eht ebenfalls auf, in parlamentariſchem Tonc). — Mein Herr, was Sie da ſagen, iſt nicht völlig genau. Ich laſſe dieſe irrigen Behauptungen nicht gelten und gebe ſie Ihnen zurück. Des Roches it wrohender Geber). Ich werde Sie wohl dahin bringen, daß Sie etwas Anderes gelten laſſen. Mehrere Gäſte. Des Roches, ſetzen Sie ſich doch; es iſt ja ganz unſinnig. Labirinte (nit erhobener Stimme). Sie dürfen nicht glauben, daß Sie mich mit Ihren gewaltigen Armen einſchüchtern. Des Roches (nthend zum Marguis). Mich einem ſolchen Gegner gegenüber zu ſtellen! Brächte ich ihn um, ſo würde man mich nur noch mehr auslachen. Beauregard, Beauregard, Sie rächen ſich grauſam! Der Marquis Gei Seuch. Ich weiß es wohl. Labirinte Ge Sech. — Ihn auslachen — wenn er mich umbrächte — dieſer Marquis iſt ein Tiger! (Lant zu Des Roches und immer mehr in parlamentariſchem Tone.) Mein Herr „ man bringt einen Abgeordneten der Nation nicht um, wie man eine Razzia macht. Ein Deputirter iſt kein Beduine, mein Herr. Des Roches (ußer ſich. Tauſend Donnerwetter! Sie haben mich beleidigt, Sie werden ſich mit mir ſchlagen oder ſagen warum? Labirinte (nit erhöhter Wurdh. Ja, mein Herr, ich werde Ihnen ſagen warum — ich ſchlage mich nicht. Erfahren Sie alſo, daß ich während der Seſſion nicht über mich verfügen kann. Ich gehöre meinen Committenten an. Ich vertrete große Landbau⸗, Weinbau⸗, politiſche, Schifffahrts⸗ und Handels⸗ Intereſſen. Und übrigens iſt das Duell, wie ein berühmter Rechtsgelehrter auf der Rednerbühne ſagte, ein roher, barbari⸗ ſcher Gebrauch, der — Des Roches (hn berrohen). Wir ſind hier nicht in der Kammer, mein kleiner Phraſenmacher. Labirinte ant 6mphaſch. Wir ſind aber in Frankreich, mein Herr, und Frankreich bin ich von meiner politiſchen Eri⸗ ſtenz Rechenſchaft ſchuldig. Da nun meine politiſche Eriſtenz mit meiner eigentlichen Eriſtenz eng verbunden iſt, ſo — bin ich es meinen Committenten ſchuldig, Ihren Antrag abzulehnen — und ich lehne ihn hiermit ab — — 165 Des Roches (ehr afgebrah. Ich werde Ihrer eigentlichen Eriſtenz Stockprügel geben. Alle Gäſte. Des Roches, Sie verlieren den Kopf; be⸗ ruhigen Sie ſich doch. Labirinte co luut als möglich. Ich trotze Ihrer Drohung, Herr. Getreu den Pflichten, die mir das Vaterland auferlegt, entſchloſſen, mein Mandat bis zum Ende durchzuführen, werde ich den Muth haben — Serpentine duu uchen). — Eine Memme zu ſein. Bravo! Labirinte! Ehre dem Herrn Labirinte! Ich verlange, daß man die Geſundheit des Herrn Labirinte trinke, daß man ihm eine Bürgerkrone — von Haſenhaar zuerkenne. Herminie. Nach dem Sprichworte: feig wie ein Haſe. Die Nachbarn Des Roches ſuchen ihn zu beruhigen. Die Aufregung hat den höch⸗ ſten Grad erreicht; nur der Marquis lacht.) Des Roches (mit verhaltenem Grimmc). Sie ſehen, Beau⸗ regard, dieſer Menſch hat mich beleidiget; — wenn er mir Genugthuung verweigert, bleibt die Beleidigung an mir haften; und wenn ich ihn zwinge, ſich mit mir zu ſchlagen, was iſt ge⸗ wonnen? So und ſo bin ich der Spott von Paris. Dieſe Stellung iſt im höchſten Grade peinlich und Sie haben mich in dieſelbe gebracht. Der Marquis Geu. Ich? Ich? Sie beſchuldigen mich deſſen nicht im Ernſt, armer Des Roches? Dazu beſitzen Sie zu viel guten Geſchmack. Des Roches Get Seich. Es iſt zum Wahnſinnigwerden! Hintergangen von ſeiner Frau, zum Narren gehalten von dieſem Schwachkopfe, verhöhnt von dem Marquis, verlacht, verlacht überall — und ich kann Beauregard nicht fordern! Sainte⸗Luce Geue. Ein Wort, meine Herren. Die ganze Frage läßt ſich ſo zuſammenfaſſen; Verlohnt die Frau, um die es ſich handelt, die Mühe, daß man ſich ihretwegen um⸗ bringt, ja oder nein? Alle. Ja, ja, das iſt es, das iſt das Rechte. Der Marquis G Stich. Dieſer letzte Stoß traf nicht — Muth! Sainte⸗Luce. Nach der Leichtfertigkeit, mit welcher der Marquis die Anecdote erzählt hat, nach den wenigen Zeilen aus dem Briefe, den er vorlas, verdient offenbar die Frau, um die 166 es ſich handelt, die ernſte Anhänglichkeit eines Mannes nicht. Des Roches und Labirinte können deshalb nichts Beſſeres thun, als das Geſchöpf verachten und über ihre Rivalität lachen. Montal. Ganz Recht; Sainte⸗Luce hat vollkommen Recht. Der Herzog von Serda. Es giebt Frauen, um deret⸗ willen man ſich nicht ſchlägt. Der Fürſt Caſtelli. Dieſe Weiber verlaſſen uns nicht, ſondern befreien uns von ſich. Der Major. Der ketzte iſt der Betrogene, wie in der Geſchichte Serpentinens. Lord Fitz⸗Herald. Ich glaube, Herr Labirinte iſt ſehr zu bedauern. Beaudricourt dachend). Sehr wahr. Des Roches, Sie ſind dem Herrn Labirinte noch Dank ſchuldig, Sie müſſen ſich bei ihm entſchuldigen. Opferte er ſich nicht für Sie auf, indem er Sie von ſeiner Frau befreite? Der Marquis 6ei Seich. Ach, mein Muth! erhalte mich aufrecht bis an's Ende. . Alle. Sprechen Sie, Marquis. Nennen Sie die Frau. Der Marquis (nachläſſig mit einem Zahnſtocher ſpielend). Dieſe Frau? — Sie werden ſich wundern, oder vielleicht auch nicht wundern. Alle. Den Namen, Marquis, den Namen! Des Roches Gei Seich. Er wird es nicht wagen. Serpentine. Wir ſterben vor Ungeduld. Iſt dieſe Frau eine der unſrigen? Der Marquis. Noch nicht, aber —, jetzt iſt ſie eine ſehr vornehme Dame. Serpentine. Verheirathet? Eine Frau aus der großen Welt? Der Marquis. Ich glaube es; eine verheirathete Frau, aus der größten Welt, kaum achtzehn Jahre alt, ſchon wie ein Engel, dabei unternehmend und Meiſterin in der Verſtellungs⸗ kunſt. Serpentine. Und einen Mann hat ſie auch? Der Marquis. Allerdings, ſie hat einen Mann; ich kenne ihn genau; er iſt ein galanter Mann, hoch erhaben über die kleinlichen Miſeren des menſchlichen Lebens und wird ſich 167 aus den Leichtfertigkeiten ſeiner Frau ſo wenig machen als ich. Uebrigens iſt er ein Mann von zu viel Muth, als daß man es für Schwäche halten könnte, ein Mann von zu viel Geiſt, als daß er nicht von ſeinem Unfalle wie von etwas Anderem ſpräche, ohne Groll und Bitterkeit. Ich an ſeiner Stelle würde ſagen: ſteht das Kind, wenn man Alles bedenkt, nicht in dem Alter der Liebe? Habe ich als Ehemann das Recht, mich darüber zu be⸗ klagen? Giebt ſie ihren Liebhabern irgend einen Vorzug? Nein; ſie iſt ihnen eben ſo untreu, wie mir. Armer Engel, iſt es von ihrer Seite nicht zarte Aufmerkſamkeit, meine Eigenliebe wenig⸗ ſtens ſicher zu ſtellen? Alle. Aber der Name — der Name? Serpentine. Nenne ihn geſchwind, Marquis; Du bringſt uns zur Verzweiflung. Den Namen! den Namen! Der Marquis. Es iſt — die Frau Marquiſe von Beau⸗ regard geb. Dolores Pablo, meine Frau. Gie meiſten Gäſte ſprin⸗ gen vor Erſtaunen auf. Der Marquis bleibt ſitzen, trinkt langſam ſein Glas aus und wendet ſich an Herrn Flores) Ja, Ihre Couſine Dolorita; Sie fönnen es dem Inca, meinem vortrefflichen Schwiegervater Pablo melden. (6r ſieht die Gäſte verwundert an) Was habt Ihr? Welche beſtürzten Geſichter! Wie? alle ſo erſchrecken, weil die Geliebte — des armen Des Roches ihm untreu geworden iſt und ihm den Herrn Labirinte vorgezogen hat! Ewen von Ker⸗ Ellio chalblaut zu dem Marquis). Herr Marquis, ich bin Ihr Secundant, wenn Sie es wünſchen. Der Marquis Gmmer ſtzen). Mein Secundant? Zuerſt danke ich Ihnen für Ihr Anerbieten, Baron; aber warum mein Secundant? Bin ich bei der Sache betheiligt, ich? Unſer Solon und Des Roches haben ſie unter einander auszumachenz mich geht ſie nichts an. Jetzt, da dieſe Herren den Namen der Dame kennen, ſteht es ihnen zu, zu entſcheiden, ob es der Mühe werth iſt, daß man ſich ihretwegen die Hälſe bricht. Was mich betrifft, ſo würde ich an der Stelle von Des Roches mich be⸗ gnügen, dem Herrn Labirinte irgend ein Glied zu zerſchlagen. Aber — wenn wir den Kaffee tränken und von etwas Anderem ſprächen? Schenke mir ein mit Deinen weißen Händchen, Ser⸗ pentine. Hoffentlich iſt meine Geſchichte eben ſo gut, wie die der Herſogin von Mirepont. (Während dieſer Worte hat der Marquis geklingelt; die Leute kommen, um den Kaffee zu ſerviren; man ſteht auf und begiebt ſich in das Nebenzimmer. Dieſe Scene 168 kam ſo uncrwartet, ſie iſt für alle Anweſenden ſo Verlegenheit erregend, paßt ſo wenig u den Gemeinplätzen und gewöhnlichen Phraſen, daß die Gäſte, ſchweigend und be⸗ ſurz kaum einige Worte zu wechſeln wagen. Der Marquis beſitzt zu viel guten Geſchmack und leidet ſelbſt zu viel, trotz ſeiner ſttee Gleichgiltigkeit, als daß er die für Alle drückende Lage länger hätte dauern aſſen.) Der Marquis ent Wurc). Dieſes Abenteuer iſt zu origi⸗ nell und die Masken ſind zu bekannt, als daß es geheim bleiben könnte; man wird wenigſtens acht Tage lang davon ſprechen. Ich empfehle Ihnen alſo die äußerſte Indiscretion. Ja, im Ernſt, und ich weiß, daß Sie alle zu ſehr meine Freunde ſind, als daß ich Sie zu bitten brauchte, mir Anzeige zu machen, wenn ſich irgend Jemand erlauben ſollte, unter irgend einem Geſichtspunkte, entweder mein Benehmen oder meinen Charakter bei dieſer Gelegenheit anzutaſten. — Deshalb empfehle ich Ihnen nochmals die größte Indiscretion. QAlle entfernen ſich.) XIV. Der Brief. Um die Rolle, welche er ſich auferlegt hatte, bis zu Ende zu ſpielen, zeigte ſich der Marquis ſpäter noch in der Oper und in drei oder vier Geſellſchaften. Wir wiederholen es, der Oberſt Koller ſtand in einem ſo ſchlechten Rufe als Raufbold, ſein Tod war die Strafe für ſo vielfaches Unglück und der Marquis wurde ſo allgemein geliebt, daß Niemand die Gleichgiltigkeit, die er in Folge des unglück⸗ lichen Duells an den Tag legte, übel deutete. Der Marquis von Beauregard war in den Geſellſchaften, die er beſuchte, nicht minder heiter als gewöhnlich. Seine Eitel⸗ keit hielt es für wichtig, ganz gleichgiltig über die Untreue ſeiner Frau zu erſcheinen und glauben zu machen, der Auftritt in dem Rocher de Cancale ſei der aufrichtige und wahre Ausdruck dieſer Gleichgiltigkeit. Um ein Uhr nach Mitternacht kam er nach Hauſe. — —— ———— — ——— ———7 169 Um die Heftigkeit ſeiner Verzweiflung, der er ſich überließ, als er allein war, zu erklären, müſſen wir die wahre Urſache ſeines Duells mit dem Oberſten Koller angeben und mittheilen, auf welche Weiſe er das Geheimniß der Schuld ſeiner Frau entdeckt hatte. Den Tag vorher hatte er durch die Poſt unter Couvert mehrere Briefe von Des Roches an die Frau von Beauregard und ein Billet derſelben erhalten, das ſie denſelben Tag an Herrn Labirinte geſchrieben. Die Marquiſe hatte in Gegenwart andrer Donmeſtiken einem Kammermädchen ſchwere Vorwürfe gemacht und dieſe rächte ſich an ihr dadurch, daß ſie dieſelbe hinterging, da die Frau von Beauregard die unglaubliche Unvorſichtigkeit began⸗ gen hatte, dieſes Mädchen als Vertraute zu behalten, ihr ein neues Billet an Labirinte anzuvertrauen und ihr auch das Käſt⸗ chen mit den Briefen des Kupitän Des Roches zu überlaſſen, welches Käſtchen ſie bei dem Kammermädchen ſicherer hielt. Dieſe Entdeckung war ein Blitzſtrahl für den Marquis. Nach zweiſtündigem Nachdenken hatte er ſeinen Entſchluß gefaßt. Abends erſchien er im Clubb und ſcheinbar noch heiterer als gewöhnlich. Er trat in den Billardſaal, wo der Oberſt Koller ſpielte. Der Marquis, ein ſo muthiger Mann wie irgend einer in der Welt, hatte den Oberſten mehrmals zwar artig, aber ſehr beſtimmt merken laſſen, daß ihm ſeine blutdürſtigen Prahlereien zuwider wären, und aus Laune oder aus Rückſicht für einen Mann, der ſeine Proben abgelegt, hatte der Oberſt die Bemer⸗ kungen des Marquis ruhig hingenommen. An jenem Abende ſagte der Oberſt, während er nach einem Balle zielte, zu Beauregard: „Marquis, ſo wahr ich meinem letzten Hühnchen, dem jungen Manne von neunzehn Jahren, den ſeine Mutter ſo ſehr beweinte, zur Ader gelaſſen habe, ich mache dieſen Ball in's Mittelloch.“ 8 — „Das iſt nicht wahr,“ ſagte Beauregard, und in dem Augenblicke, als der Oberſt ſtoßen wollte, ſtieß er ihn mit ſei⸗ nem Stockknopfe ſtark an den Elnbogen. 17⁰ Der Oberſt drehte ſich zornig um und ſagte, während ſeine Lippen zitterten: „Marquis, wenn Sie nicht augenblicklich genügende Er⸗ klärung über Ihten albernen Spaß geben, haben Sie es mit mir zu thun!“ — „Ich ſpaße nur mit meinen Freunden, entgegnete Beauregard ſtolz. „So iſt es eine Beleidigung!“ rief der Oberſt. — „Es iſt eine Beleidigung,“ wiederholte der Mar⸗ quis kalt. Der Oberſt ſtand einen Augenblick erſtaunt da über dieſe Kühnheit und begriff nicht, wie man es wagen konnte, ihn ſo anzugreifen. Mit einem rohen Gelächter ſprach er jedoch bald: „Sehr wohl, morgen früh werde ich Sie niederſtrecken; ich bin beleidigt, ich wähle Piſtolen und habe den erſten Schuß. Noch habe ich keinen Marquis umgebracht.“ Eine Ausgleichung zwiſchen den beiden Gegnern war nicht möglich; die Bedingungen und der Ort des Duells wurden, wie bereits erwähnt, ſofort beſtimmt und man kam überein, die Sache am nächſten Morgen bei den Steinbrüchen von Charen⸗ ton auszumachen. Der Marquis hatte, nachdem er lange aufgeregt in ſeinem Zimmer auf- und abgegangen, ein Käſtchen aufgeſchloſſen, die Briefe, welche man ihm geſandt, herausgenommen, ſie in ein Couvert eingeſchlagen, ſich ſodann an ſeinen Secretair geſetzt und an die Marquiſe, ſeine Frau, geſchrieben. Dienſtag, ein Uhr früh. „Dolorita mia, Du haſt mich hintergangen; die Briefe, welche Du unter dieſem Couvert finden wirſt, das auch mein Teſtament enthält, werden Dir zeigen, daß ich Alles weiß. Dieſen Morgen ſchlage ich mich mit dem Oberſten Koller; er hat den erſten Schuß und ich habe ihn abſichtlich beleidigt. Beobachtet und belauſcht habe ich Dich nicht; der Zufall hat mir Alles entdeckt. „Eines Deiner Mädchen, das ohne Zweifel von Dir be⸗ leidigt worden iſt, wird ſich haben rächen wollen; . ſchickte mir dieſe Briefe; ich ſende ſie Dir —,—— 17¹ „Du zählſt kaum achtzehn Jahre und beſitzeſt ein offenes Geſicht, große Verſtellungskunſt und einen undurchdringlichen Charakter; ehe ich las, was ich geleſen habe, hielt ich Dich für die tugendhafteſte Frau. Ich mache Dir keine Vorwürfe; ich habe verdient, was mir geſchehen iſt. „Es iſt Zeit, daß ich Dir das Räthſel meines Benehmens gegen Dich löſe. „In Geſellſchaft meiner Freunde ſprach ich mit Dir von meinen Geliebten, ſpottete grauſam über die Männer, die ſich ſo lächerlich machen, in ihre Frauen verliebt zu ſein, und machte Dir ſcherzend Vorwürfe, daß Du ſo gleichgiltig gegen die Hul⸗ digungen wäreſt, die man Dir von allen Seiten darbrächte. „War ich allein mit Dir, ſo änderte ich die Sprache; ich kniete vor Deinen Füßen nieder und küßte dieſelben wie ein Sclave; war ich allein mit Dir, ſo trieb mich die Zärtlichkeit zur Narrheit; war ich allein mit Dir, ſo fand ich keine Worte, die liebevoll genug klangen, um Dir zu ſagen: Dolorita, ich liebe Dich — „Du verlangteſt keine Erklärung wegen meiner Geliebten; Dein Charakter blieb vollkommen gleich und heiterz ich ſah Dich ſo ernſt glücklich über meine Liebe (Dein Geſicht iſt offen und ernſt), daß ich mir einredete, Du hielteſt meine affectirte Liebe für Scherz oder hätteſt die geheimen Beweggründe meines Scheinens durchſchaut und fühlteſt Dich genug geliebt, um mir meine Schmach verzeihen zu können. „Ich irrte mich. „Vielleicht haſt Du niemals die Heftigkeit meiner Liebe zu Dir, noch meine ſchweren Kämpfe geahnt, dieſe Liebe zu ver⸗ heimlichen. 3 „Vielleicht glaubteſt Du, ich vernachläſſigte Dich wirklich — Dich, Du Engelskind — über längſt ſchon gebrandmarkten elenden Geſchöpfen. „Kurz Du haſt vielleicht nie die Wahrheit geahnt. „Ja, Du wirſt mich für grob⸗untreu, für unverſchämt gleichgiltig gehalten haben; die leidenſchaftlichen Betheurungen unter vier Augen werden die ſchmerzlichen Wunden nicht ge⸗ ſchloſſen haben, die Dir meine ſcheinbare Verachtung geſchlagen. Es iſt ganz gerecht, Dolores, und ich klage Dich nicht an; jetzt 172½ aber erfahre die Urſache dieſer Widerſprüche; Du ſollſt mich nicht einmal bedauern. „Ich bin von Natur gut und edelſinnig, aber mein ganzes Leben hindurch bemühete ich mich, ſelbſtſüchtig, ſorglos und ſpöttiſch zu erſcheinen. Ich heuchelte das Laſter, wie ſo viele Andere die Tugend heucheln. Ich bin darin noch ſchlechter, als die Tugendheuchler; dieſe ſtreben nach dem Beifall der Gu⸗ ten; ich ſuchte ſtets nur den Beifall der Schlechten. „Es würde mich zu weit führen, wollte ich Dir ſagen, wie ich, erzogen von einem Oheime, der lebendigen Ruine des vorigen Jahrhunderts, einem der Koryphäen der ſcandalöſeſten Zeit der Regierung Ludwigs XW., faſt von Kindheit an die reinſten Gefühle verhöhnen, keine andern Geſetze, als die des Vergnügens kennen und die heiligſten Gefühle für gemein, bür⸗ gerlich und lächerlich anſehen lernte, kurz wie ich die abſcheuliche Gewohnheit annahm, die Fehler, die ich hatte, beſonders aber die, von denen ich frei war, zu affectiren und zu übertreiben, um es durch mein regelloſes Leben und das Aufſehen meiner Abenteuer den Helden der Regentſchaft gleich zu thun. „„Ich beſitze den Muth, zehn Minuten lang um das Leben zu ſpielen, bin aber der feigſte Menſch, ſobald es gilt, die Spöttereien einiger verdorbener Thoren zu ertragen. Freilich bin ich der Lucifer dieſer infernaliſchen Welt; freilich ging ich in der Theorie des Laſters weiter, als irgend Jemand und habe durch meine ausgkſprochenen Grundſätze ſelbſt die Frechſten und Schamloſeſten zum Erbleichen gebracht. „Das iſt ſchön, nicht wahr, mein Kind? Aber es iſt noch nicht Alles. Hundertmal habe ich den ſanfteſten, den liebens⸗ würdigſten Neigungen Gewalt angethan. Meine Natur trieb mich an, alles Schöne und Reine zu verehren, in dieſer Ver⸗ ehrung die unausſprechlichſten Freuden zu finden, aber ich gab mich, wenn auch oft mit Widerſtreben, dem Häßlichſten und Verdorbenſten hin. „Ich verſichere Dich, Dolores, der, welcher die energiſche Ausdauer, welche ich aufbot, um ſchlecht zu werden, zu ſeiner Veredlung verwendete, müßte ein Heros werden. Mein Herz vereitelte faſt immer die ſchmachvollen Berechnungen meines Kopfes. Ich ging nach America mit den habſüchtigſten, ſelbſt⸗ füchtigſten Abſichten; ich wollte ohne Liebe ein reiches Mädchen * 173 heirathen und was that ich? Ich verliebte mich leidenſchaftlich in Dich und kam minder reich zurück, als ich abgereiſet war. „Aber denke Dir! — errathen zu⸗laſſen, daß der Mar⸗ quis von Beauregard, der Marquis von Beauregard, dieſer große berühmte Rous, eine ſolche Schule gemacht habe, das war unmöglich; ich verdoppelte meine Ausgabe, und man glaubte, ich habe mich durch meine Heirath bereichert; ich nahm mir zwei Mädchen zu Geliebten ſtatt einer und man meinte, ich verachte Dich. Während ich die Frau, die mich nach der An⸗ ſicht der Leute bereichert hatte, ſo behandelte, zeigte ich ſtolze Unabhängigkeit; meine Aufmerkſamkeit gegen Dich würde man als eigennützige Kriecherei ausgelegt haben. „Alles war Lüge. Dolvrita mia, Deine naive Anmuth und Beine rührende Natürlichkeit hatten auf mich einen tiefen Eindruck gemacht; ich kannte nichts Reizenderes als Dich und tenne jetzt noch nichts; ich habe in meinem Leben nur Dich ge⸗ liebt; Du biſt die Einzige geweſen, auf die ich tief und mit Schmerzen eiferſüchtig war. „Die cyniſchen und grauſamen Scherze, die ich gegen meine Freunde machte, indem ich ſie aufforderte, ſich mit Dir zu beſchäftigen, brannten mir auf den Lippen. „Jeden Tag nahm meine leidenſchaftliche Liebe zu Dir zu; Dein ſcheinbar zurückhaltendes, kaltes und würdevolles Beneh⸗ men ſteigerte mein Vertrauen und meine Kühnheit. „Ich, ich forderte mit Vergnügen die Gefahr heraus, die ich nicht fürchtete. Ich rief keck Anbeter in Deine Nähe, weil ich Dich für die tugendhafteſte Frau hielt; kurz, ich ſtellte mich, als verſchmähete ich den koſtbaren Schatz, um den mich Alle beneideten und auf den ich im Herzen ſo ſtolz und ſo eifer⸗ ſüchtig war. „So wurde meine abſcheuliche Laſter⸗Eitelkeit befriedigt, und meine verblendete, vertrauensvolle Liebe zu Dir machte täglich neue Fortſchritte. „Warum ſollte ich in dieſer Stunde Dich belügen, Dolv⸗ res? Ich kann Dir Alles ſagen; höre alſo den letzten Plan an, den ich mir entworfen hatte. „Ich hielt Dich durch eine zweijährige ſtrenge Beſtändig⸗ keit für hinreichend geprüft; ich glaubte, Du hätteſt den Ge⸗ fahren, mit denen ich Dich umringte, ſo vollkommen wider⸗ 17⁴ ſtanden, daß mir geſtern, als ich an Dich dachte, ein Blitz des geſunden Verſtandes einen für mich vollkommen neuen Horizont erſchloß. durchaus nur für Andre gelebt, indem ich meine eigentlichen Neigungen dem abſcheulichſten Rufe opferte, und könne, wenn ich dieſe eiteln Vergnügungen aufgäbe, wenn ich mich mit Dir auf unſer Gut zurücköge, mein Leben auf die glücklichſte Weiſe beſchließen. Der Anſchein von Kälte, den ich bisweilen an Dir bemerkte, mußte, meiner Anſicht nach, augenblicklich ſchwinden, ſobald mein Leben Dir gänzlich gewidmet ſei. Das waren meine Abſichten, Dolores, als ich dieſe Briefe, dieſe Briefe erhielt. „Es war wahrhaftig ein entſetzlicher Augenblick. Der Stoß traf mitten in mein Herz; ich fühlte einen gewaltigen Schmerz, aber ohne Haß, ohne Zorn gegen Dich und es miſchte ſich mit ihm, ich weiß nicht welche Zärtlichkeit, welches Mitleid mit Dir. „Wäre ich Vater geweſen, hätte ein geliebtes Kind die Hand gegen mich erhoben, ſo würde ich nicht in Zorn gerathen ſein, nicht wahr? — ich würde geweint haben. Und das that ich; ja, Dolores, ich habe geweint — ich! ich! Wie wirſt Du mit Des Roches oder Labirinte darüber lachen! „Das war meine erſte Regung, aber das Nachdenken, die verderbte Gewohnheit befleckten bald dieſen edeln Schmerz mit dem Schaume des niedrigſten Zornes. „Ich zitterte vor Wuth bei dem Gedanken, daß ich, der ich in der Intrigue alt geworden, ich, der überall durch mein Glück bei den Frauen und durch meine Gewandtheit bekannt bin, von Dir hintergangen ſei! — durch ein Kind! überall und immer hintergangen! Deine ſcheinbare Natürlichkeit hatte über meine eigennützige Rouerie triumphirt, — Du hatteſt mich verlockt, Dich zu heirathen. Während ich mit Deiner Liebe prahlte, hatteſt Du den ſchwärzeſten, den kühnſten Verrath erſonnen. „Du, Dolores, Du! Und ich hatte Dich ſo oft friedlich wie ein Kind ſchlafen ſehen; Dein Athem war leicht und ſanft; keine Gewiſſenspein hob ſchmerzlich Deine Bruſt, keine Angſt bewegte Dein Herz; ein unſchuldiges Mädchen von funfzehn Jahren, das unter dem mütterlichen Schirme ſchläft und von „Ich ſagte mir, das Alter rücke heran, ich habe bisher ——,— — ———,— 175 dem lieben Gott und den Engeln träumt, kann keine keuſchere Ruhe finden. 6 „Und dieſes Engelsgeſicht, dieſer reine Blick, dieſe keuſche Stirn können ſolche — „Doch nein, nein —, teine Vorwürfe, keine Vorwürfe, Dolores; nur noch ein letztes Wort; erfahre, warum ich den Oberſten Koller gereizt habe. „Ein Mann wie ich mußte zuerſt über Deinen Verrath lachen und dem Verlachtwerden dadurch entgehen, daß er ihn ſelbſt bekannt machte; wollte ich mich mit einem oder dem an⸗ dern Deiner Liebhaber ſchlagen, ſo würde ich die Zielſcheibe des allgemeinen Spottes werden. Dennoch iſt mir das Leben jetzt unerträglich. Soll ich mir ſelbſt eine Kugel durch den Kopf jagen? — das wäre unerhört; ich glaube wahrhaftig, ich würde es ſelbſt nicht glauben, wenn man mich mit einem Piſtol in der Hand ſähe. „Ich wollte alſo einem Andern die Sorge dafür übertra⸗ gen; deshalb beleidigte ich dieſen Abend den Oberſten Koller, mit dem ich mich früh ſchieße. „Unter dem Geſichtspunkte meiner Grundſätze iſt das ſelt⸗ ſam, ich weiß es; es iſt, glaube ich, albern, völlig inconſequent, ich geſtehe es ein. Der Marquis von Beauregard ſich tödten oder ſich tödten laſſen, weil ſeine Frau ihm untreu geworden iſt! „Du biſt noch ſehr jung, mein Kind, aber Du wirſt eines Tages einſehen, daß häufig nichts logiſcher iſt, als die Unwahr⸗ ſcheinkeit; übrigens würde ſch mich ſelbſt erſchoſſen haben, wenn es unter einem Anſcheine von Wahrſcheinlichkeit geſchehen könnte, und ich bin noch ſo kokett, um mich nicht im Grabe auslachen zu laſſen. „Zu jeder Zeit habe ich es laut ausgeſprochen, daß der blutdürſtige Cynismus des Oberſten. mir zuwider ſei; mein Duell und mein Tod werden darnach eine ſehr natürliche Er⸗ klärung finden. „Lebe alſo wohl, mein liebes Kind. Ich beſitze, glaube ich, noch funfzigtauſend Thaler bei meinen Geſchäftsführern, meinen Palaſt in Paris und mein Landgut, auf das Dein Wit⸗ thum hypothezirt iſt; das giebt zuſammen ungefähr eine jähr⸗ liche Rente von 60,000 Livres. Gehorche mir (ch ſpreche nicht aus Eiferſucht) und bleibe Wittwe: Deine achtzehn Jahre, 176 Dein jungfräuliches Ausſehen und Deine Kühnheit werden Dir viel Unterhaltung verſchaffen. „Lebe wohl, auf ewig lebe wohl! „N. S. „Es iſt wirklich höchſt ſeltſam, daß ich mich deshalb umbringen laſſe.“ Nachdem Beauregard dieſen Brief geſchrieben hatte, legte er ihn mit andern Papieren unter Couvert, ſiegelte dies zu und ſchrieb darauf: „Dies iſt mein Teſtament; man wird es der Frau von Beauregard übergeben.“ Nachdem einiges Andre geordnet war, legte ſich der Graf nieder und ſchlief vortrefflich. Um ſechs Uhr kamen ſeine Se⸗ cundanten, um ihn zu wecken. Um acht Uhr fand das Duell ſtatt. Merkwürdiger Weiſe fehlte der Oberſt den Marquis und ſchoß ihm nur eine Haarlocke ab. Nach welchem ſeltſamen Contraſte klammerte ſich der Mar⸗ quis von Beauregard, der den Tod geſucht hatte, der ihn ohne zu erbleichen erwartete, ſo feſt wieder an das Leben, als die erſte Gefahr vorüber war? War es der Inſtinet der Selbſterhaltung, ſpäte Ueberle⸗ gung oder plötzliche Beruhigung über ſein Schickſal? Wir wol⸗ len dieſe Erſcheinung nicht zu erklären verſuchen. Soviel iſt gewiß, daß der Marquis keinen Augenblick die Abſicht hatte, nachdem er unverletzt geblieben, in die Luft zu ſchießen, was ſeinen ſichern Tod herbeigeführt hätte, denn ſein Gegner war nicht der Mann, der zweimal fehlte. Gleichwohl fühlte der Marquis, als er den Oberſten ſo vor ſeinem Piſtol ſah, einige Bedenklichkeiten, denn er war der angreifende Theil; aber zu ſehr gelegener Zeit fiel ihm ein, daß der Raufbold ſeine Opfer faſt immer gereizt habe und daß er die Geſellſchaft von einer Geißel befreie. Kurz er ſchoß und erſchoß ihn. Wie bei Beauregard auf den Entſchluß zu ſterben die Liebe zum Leben gefolgt war, ſo änderte ſich auch ſeine Anſicht von dem Benehmen ſeiner Frau. Zwar fühlte er ſich durch daſſelbe nicht minder verletzt, aber ſeine infernaliſche Affectation des Cynismus, die einen Augenblick niedergehalten worden war, ſtellte ſich um ſo ſtärker wieder ein, da er einer ſchuldigen Frau gegenüber keine Schonung zu beobachten brauchte. Eine neue Beſorgniß beſtärkte ihn in ſeinem Vorſatze; die Chemänner erfahren ihr Unglück immer zuletzt; vielleicht kannte 7* — 177 er allein das ſtrafbare Benehmen der Marquiſe nicht. Vielleicht lachte man ihn ſchon längſt aus. Bei dieſem Gedanken fuhr der Marquis vor Unwillen auf und erſt weiteres Nachdenken beruhigte ihn wieder; er entwarf den Plan, den wir ihn bei dem Diner im Rocher de Cancale haben ausführen ſehen, einen Plan, der ihn vor der Lächerlich⸗ keit retten und die Lacher auf ſeine Seite bringen zu müſſen ſchien für den Fall, daß die Untreue ſeiner Frau ſchon be⸗ kannt war. Leidend, wie er war, denn nachdem das Duellfieber ver⸗ flogen, der Gedanke an den Tod verſchwunden war, fühlte er den Schmerz der tiefen und geheimen Wunde nur um ſo mehr, bei ſeiner Liebe und ſeinem Vertrauen gehörte ein ſchrecklicher Muth, eine gewaltige Selbſtbeherrſchung dazu, um ſo den Schmerz ſtoiſch zu verbergen, wie er es that. Jetzt, da man weiß, wie ſchwer dem Herrn von Beaure⸗ gard ſeine anſcheinende Gleichgiltigkeit geworden, wird man auch an die Größe ſeiner Verzweiflung glauben, deren Beute er war, als er ſich nach jenem ſchrecklichen Diner allein in ſeinem Zimmer befand. Ende der erſten Abtheilung. Thereſe Dunoyer I. 12 Druck von Ottvo Wigand in Leipzig.