Eugen Sue's ſömmtliche Werke. Thereſe Dunvoyer. Zweiter Band. Zweite, correcte und wohlfeilſte Ausgabe. Leipzig, 1845. Druck und Verlag von Otto Wigand. Thereſe Dunoyer. Von Eugen Sue. Ueberſetzt von A. Diezmann. Zweiter Band. Zweite, correcte und wohlfeilſte Ausgabe. Leipzig, 1845. Druck und Verlag von Otto Wigand. „ A——— —..——— —— 5 — 3 — — 2 „——— „ I. Die Unterredung. Kach dem Briefe, den der Marquis von Beauregard an ſeine Frau geſchrieben hatte, fann man den peinlichen Zwang, den er ſich auferlegt hatte, und den tiefen Schmerz beurtheilen, der unter ſeiner anſcheinenden Gleichgiltigkeit verborgen war. Wir müſſen Alles ſagen. Ohne Zweifel erſcheint die affectirte Gleichgiltigkeit Beau⸗ regard's über die Untreue der Marguiſe chniſch und abſcheulich, indeß handelte er ſo nicht ausſchließlich aus Mißachtung der Sitte und aus Prahlerei mit dem Laſter; er wußte, daß es nach einem ſolchen Eclat ſeiner Frau faſt unmöglich ſein würde, wie⸗ der in der Geſellſchaft zu erſcheinen, und die Eiferſucht, wir wagen nicht zu ſagen, die Liebe des Marquis freute ſich darüber. Wie ſchuldig auch Dolores war, Beauregard liebte ſie doch noch; er überredete ſich, ſowohl aus Nachſicht als aus Stolz, daß nur ſeine Vernachläſſigung und ſein ſchlechtes Bei⸗ ſpiel die Verirrung der Margquiſe veranlaßt hätten; er hoffte, daß ſie zurückgezogen leben müßte, durch große Hingebung und Zärtlichkeit ihr Vergehen mit dem Schleier des Vergeſſens zu bedecken ſuchen und daß edles Verzeihen ſie vielleicht völlig wieder zur Tugend führen würde. Endlich hatte Beauregard, wie er es an die Margquiſe ge⸗ ſchrieben, zum erſten Male in ſeinem Leben das unklare Bedürf⸗ niß eines ruhigen eingezogenen Lebens gefühlt — eine ſeltſame Jronie des Schickſals, das ihm dieſe heilſamen Gedanken in „ 6 dem Augenblicke ſandte, als das unwürdige Betragen der Frau von Beauregard ſeine Wünſche faſt unmöglich machte. Der Marquis wußte nicht, ob er Dolores den Brief leſen laſſen ſollte, den er ihr am Tage vorher geſchrieben hatte, als er erwartete, von dem Oberſt Koller erſchoſſen zu werden. Vielleicht fühlte die junge Frau, wenn ſie erfuhr, wie ſehr ſie geliebt werde, eine tiefere Reue. Sollte er ſie dagegen auf der andern Seite erfahren laſſen, welche Herrſchaft ſie über ihn gehabt, als ſie ein ſo unwürdiges Leben begonnen hatte? In dieſer Ungewißheit zog es der Marquis vor, davon abzuſtehen, bis er geſehen, wie die Frau von Beauregard die ſchreckliche Entdeckung aufnehmen würde, die er ihr zu machen hatte, denn ſie kannte den Verrath ihres Kammermädchens noch nicht. Trotz ſeiner Welt- und Frauenkenntniß wußte Beauregard nicht, welchem Umſtand er die verbrecheriſche Schwäche der Marquiſe zuſchreiben ſollte; ſie war ſo jung, ſie hatte ein ſo ehrlich⸗offenes Geſicht, ſie war ihm ſo ernſt, ſo züchtig erſchie⸗ nen, daß er nicht glauben konnte, alles dies ſei Lug und Trug und man könne in ſo jugendlichem Alter eine ſo vollendete Ver⸗ ſtellungskunſt beſitzen. Auch dürfen wir nicht verſchweigen, daß (ihm ſelbſt viel⸗ leicht unbewußt) der Stolz des Marquis ſich gegen den Ge⸗ danken ſträubte, wie ein ganz gewöhnlicher Ehemann betrogen worden zu ſein. Er ſuchte nach ungewöhnlichen, geheimniß⸗ vollen Gründen des Benehmens ſeiner Frau, das indeß nur die Folge einer natürlichen Schlechtigkeit war. Entſchloſſen alſo, einen definitiven Beſchluß erſt nach der Erklärung ſeiner Frau zu faſſen, nahm er die Briefe des Kapitän Des Roches und des Herrn Labirinte und begab ſich zu der Marquiſe auf die Gefahr hin, den Schlaf derſelben durch dieſe niederſchmetternde Ent⸗ deckung zu unterbrechen. Die Zimmer des Marquis waren der Sitte gemäß von denen ſeiner Frau weit abgelegen. Sie bewohnte den linken, er den rechten Flügel des Palaſtes. Mehrere große Säle trennten dieſe beiden Gebäude von einander. Der Mond goß ſein glänzendſtes Licht in dieſe großen Gemächer, als der Mar⸗ quis von Beauregard hindurchging, um zu der Wohnung ſeiner Frau zu gelangen. Er trat ſo leiſe ein, daß Dolores, die im ——— 7 erſten Schlummer lag, ihn nicht hörte. Einen Augenblick be⸗ trachtete er ſie ſchweigend in dem bleichen Lichte einer an der Decke hängenden Alabaſter-Lampe. Die Bettvorhänge und der Beſchlag dieſes Schlafzimmers waren von weißem Mouſſelin mit untergelegter kirſchrother Seide. Die Meubles von Citronenholz waren mit weißem Atlas mit Roſenbouquets beſchlagen und nett mit trefflich ge⸗ ſchnitztem Elfenbein verziert, ſo daß ſie zu jener durchſcheinenden Draperie von roſenfarbigem Anfluge vollkommen paßten. Die Marquiſe war nur halb ſichtbar in der Menge von Batiſt und Spitzen, die ſich um ihre Kiſſen bauſchten; unter einer mit Eiderdunen gefüllten und mit den ſchönſten engliſchen Spitzen garnirten ſeidenen Decke erkannte man unbeſtimmt die graziöſe und ungezwungene Lage der jungen Frau; ein halb zurückgeſchobener Aermel ließ einen runden feſten weißen Arm ſchen, auf welchem ihr ſchöner jugendlicher Kopf ruhete; ihre ſchwarzen Haarſtreifen ſahen durch die Valencienner Spitzen ihres niedlichen Häubchens hindurch; über ihre rothen halb⸗ geöffneten Lippen ging ein leichter friſcher Hauch und die milde Wärme des Schlafes färbte Grübchenwangen mit lebhafter Röthe. Nie hat die Phantaſie Greuzes feinere und reizendere Züge, nie ein koketter naives Geſicht geſchaffen; nie verſchmolzen ſich das Elfenbeinweiß, der Carmin und das Ultramarin ſeiner gött⸗ lichen Palette zu einem durchſichtigeren, reineren und zarter mit bläulichen Halbtinten nüancirten Teint. Der Marquis trat langſamen Schrittes und mit geſenktem Haupte an das Bett; lange betrachtete er ſeine Frau mit einem Ausdrucke des Schmerzes, des Unwillens und der Liebe; ein bitteres Lächeln umzog ſeine Lippen und er ſprach murmelnd vor ſich hin: „Wer ſollte glauben, daß ſie bei einem ſo ehrlichen Ge⸗ ſichte —“ Dolores machte eine leichte Bewegung, ſtreckte den Arm aus, auf welchem ihr Kopf ruhete und ſtieß einen leichten Laut der Ueberraſchung aus bei dem Anblicke ihres Gemahls. Marquis heftete einen feſten, faſt drohenden Blick auf ſie. „Welche Zeit iſt es? Was wünſcheſt Du, lieber Mann?“ fragte die Marquiſe, indem ſie ſich aufſetzte. Der Herr von Beauregard ſetzte ſein Licht auf ein Tiſchchen, übergab ſeiner Frau die Briefe, die er mitgebracht hatte, und wartete ſodann auf das erſte Wort, die erſte Geberde, den erſten Schrei von Dolores. Die Marquiſe nahm, anfangs überraſcht, die Briefe, er⸗ kannte ſie und ſchien ſie in ihren unter der Bettdecke verborgenen Händen zuſammenzudrücken. Sie erbleichte nicht; ihre Züge blieben unverändert. Beauregard ſprach endlich mit tiefbewegter Stimme: „Nun, Dolores?“ Die Marquiſe blieb ſtumm und ſaß da mit geſenktem Haupte und verſteckten Händen. Beauregard, der dieſes Schweigen ſeiner Frau der Ver⸗ wirrung zuſchrieb, trat zu ihr und begann von Neuem, mit mehr Bitterkeit und Aerger als Zorn: „Du hintergingſt mich, Dolores. Das war ſchlecht.“ Dolores antwortete nicht. Das hartnäckige Schweigen reizte die Ungeduld des Mar⸗ quis; er ergriff ihre Hand mit den Worten: „So ſprich doch wenigſtens!“ Als Beauregard die Hände ſeiner Frau an ſich zog, fiel eine Menge kleiner Papierſtückchen auf den Teppich. Die Marquiſe war vor Allem bedacht geweſen, unbemerkt die ſie anklagenden Briefe zu zerreißen. Beauregard ſtand verlegen da über dieſe kaltblütige Keck⸗ heit; er erwartete Thränen, Aeußerungen des Bedauerns, Be⸗ theurungen der Reue und fand eine unerſchütterliche Frau, die nur daran dachte, die Beweiſe ihrer Schuld zu entfernen. Dieſe von dem, was er erwartet hatte, ſo ganz verſchiedene Aufnahme — verwirrte ſeine Gedanken und im größten Unwillen ſprach er: „Das iſt niederträchtig! Sollteſt Du dieſe jetzt zerriſſenen Briefe abzuleugnen wagen? Meinſt Du, ich hätte keine andern Beweiſe Deines Verrathes?“ 8 Dolores antwortete nicht. „Aber,“ fuhr der Marquis fort und ſtampfte zornig mit dem Fuße, „— ſoll ich außer mir gerathen? Wie! Auch nicht ein Wort?“ —— 9 — „Ich habe nichts zu ſagen,“ antwortete Dolores in vollkommen ruhigem Tone. „Und dieſe Briefe? dieſe Briefe?“ Die Marguiſe ſchwieg. Beauregard fuhr fort, indem er ſich zu mäßigen ſuchte: „Ich könnte jetzt dieſes Schweigen der Schaam, der Be⸗ ſtürzung zuſchreiben; da Du aber ſoviel Geiſtesgegenwart be⸗ halten haſt, um die Briefe zu zerreißen, ſo heuchle nicht länger Verlegenheit; ich laſſe mich von Dir nicht täuſchen. Nach einem Benehmen, wie das Deinige, habe ich wohl das Recht, einige Worte der Reue von Dir zu erwarten.“ Dolores blieb ſtumm. Zum erſten Male in ſeinem Leben war der aufgebrachte Marquis nahe daran, ſich thätlich an einem Weibe zu vergrei⸗ fen; er ballte wüthend die Fauſt, erröthete aber auch faſt ſogleich über ſeine leidenſchaftliche Hitze, trat ſchnell von dem Bette ſeiner Frau zurück, ſank auf ein Sopha und verbarg das Geſicht unter ſeinen Händen. Ohne daß es ihr Gemahl bemerkte und mit bewunderns⸗ würdiger Schnelligkeit legte die Marquiſe ein auf dem Stuhle neben dem Bette hängendes Hauskleid an, trat mit den bloßen Füßen in Pantoffeln, rückte einen Stuhl an den Kamin uud ſchürte das Feuer wieder an. Bei dieſem Geräuſche drehte der Marquis ſich um und ſah ſeine Frau da ſitzen. Sie hatte das Häubchen abgenommen und ſtrich mit der kleinen weißen Hand ihre ſchwarzen Haar⸗ ſchalen glatt, während ihre Stirn fortdauernd ruhig und ihr Blick unerforſchlich blieb. Beſiegt, überwältigt durch dieſe diaboliſche Kaltblütigkeit, nahm Beauregard einen Stuhl, rückte ihn an den Kamin, heu⸗ chelte eine Ruhe, die er durchaus nicht beſaß, und ſagte zu Dolores: „Ich ſehe, daß Du eheliche Erklärungen nicht liebſt. Dein Schweigen iſt ſehr bedeutſam — auf eine alberne Frage giebt man keine Antwort — Ich verſtehe. Ich habe die Be⸗ weiſe Deiner doppelten Untreue in der Hand; ich zeige ſie Dir und hoffe wenigſtens einige Worte der Reue von Dir zu er⸗ halten; — nichts. Dein Geſicht bleibt marmorkalt; Du biſt gerichtet. Unter hundert Frauen, die unter ſolchen Unſtänden — „ 10 plötzlich durch ihren Mann geweckt würden, dürfte es ſchwerlich eine einzige geben, die nicht wenigſtens Unruhe zeigte. Du biſt unbewegt und unerſchüttert geblieben. Du zählſt kaum acht⸗ zehn Jahre und giebſt alſo die ſchönſten Hoffnungen. Aber es handelt ſich nicht um Vorwürfe. Darf ich, ohne unbeſcheiden zu ſein, nach Deinen Abſichten für die Zukunft fragen?“ — „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich frage, ob Du glaubſt, daß wir in Zukunft in den⸗ ſelben Verhältniſſen wie bisher mit einander leben können?“ — „Das überlaſſe ich Dir.“ „Du würdeſt alſo,“ fuhr der Marquis mit einem bittern Lächeln fort, „mir die Gnade erzeigen und in gutem Vernehmen mit mir bleiben?“ — „Wenn Du es wünſcheſt.“ „Und wenn ich es nicht wünſchte, Madame?“ fragte der Marquis mit wachſendem Unwillen, — „wenn ich eine ver⸗ brecheriſche Frau aus dem Hauſe jage?“ — „So werde ich gehen,“ antwortete Dolores, indem ſie ruhig die Manſchette an dem einen Aermel ihres Hauskleides zuknöpfte. Der Herr von Beauregard ſprang auf; er war außer ſich. Nachdem er einige Male auf- und abgegangen war, ſetzte er ſich wieder nieder.. „Und wenn ich den ECdelmuth bis zur Schwäche triebe, wenn ich feig genug wäre, Ihnen zu verzeihen, Madame, könnte ich darauf rechnen, daß in Zukunft Ihr Benehmen meiner Nach⸗ ſicht würdig ſein würde?“ — „Das weiß ich nicht.“ „Wie, Madame, Sie bürgen mir nicht für die Zukunft, auch wenn ich das Geſchehene vergeſſe?“ — „Ich kann die Ereigniſſe nicht vorausſehen.“ „Das iſt wenigſtens offen und ich danke Ihnen dafür, Madame. Ich ſchätze mich glücklich, daß Sie wenigſtens die Gewogenheit haben, mich in Ungewißheit zu laſſen. Und Sie glauben, daß ich mich damit begnügen werde?“ — „Das wiſſen Sie allein.“ „Madame, das ſind wirklich himmliſch aufrichtige Ant⸗ worten; nur wundert es mich, daß Sie mich nicht an meine ärgerlichen Liebſchaften erinnern, an den Cynismus/ in dem ich —— 11 mit meinen Maitreſſen prahlte, an den böſen Rath, den ich Ihnen gab, indem ich Sie zur Koketterie aufforderte; es wären dies tröſtende, ſchlagende Antworten auf meine Vorwürfe. Darf ich fragen, warum Sie mir ſolche Antworten nicht geben, Madame? Schonen Sie mich nicht, Frau Marquiſe“ — ſetzte Beauregard ironiſch hinzu. — „Sie handelten, wie es Ihnen gefiel, Herr Marquis.“ „So geſtehen Sie wenigſtens, daß ich Sie verletzte, daß ich Sie kränkte; Ihre Untreue wird dann in dem Verdruſſe, in der Rache eine Entſchuldigung finden.“ — „Ich habe nie Verdruß gefühlt.“ „Nie, Madame?“ — „Niemals.“ Und Dolores knöpfte die andere Manſchette zu. Der Margquis konnte kaum noch an ſich halten. „Mein Benehmen hat alſo auf das Ihrige keinen Einfluß gehabt, Madame?“ — „Durchaus nicht.“ „Sie fielen alſo abſichtlich, mit Vorbedacht, aus eigener Schlechtigkeit ſo tief?“ — „Ich werde meine Vergehen nicht durch eine Lüge ent⸗ ſchuldigen.“ „Sie wählen da eine ſchöne Gelegenheit, der Wahrheit die Ehre zu geben!“ — „Sie fragen mich und ich antworte.“ „Sonach war ich alſo für Sie öffentlich, was ich unter vier Augen war, Ihr eifrigſter Anbeter, und Sie hintergingen mich nicht, weil ich vor Aller Augen Gleichgiltigkeit gegen Sie heuchelte?“ — „Ich weiß es nicht; die Vergangenheit, die nicht war, iſt mir ebenſo unbekannt, wie die Zukunft.“ „Sehr gut, Madame; Sie drücken ſich ſehr kurz und bündig aus; bei Ihnen kommt man ohne Umwege zur Sache. Es ſei. Um ebenfalls kurz und bündig zu ſein, ſo verbiete ich Ihnen zuerſt, den Herrn Des Roches und Labirinte ferner bei Ihnen zu ſehen.“ — „Sie haben das Recht dazu.“ „Nach acht Tagen werden Sie auf mein Gut in der Dau⸗ phiné abreiſen.“ 12 Der Marquis erwartete in ängſtlicher Spannung die Ant⸗ wort ſeiner Frau. — „Ich wünſche dieſen Winter in Paris zu bleiben.“ „Ich will es nicht; Sie werden mich in die Dauphiné begleiten.“ — „Wenn ich dazu genöthigt werde, muß ich gehorchen.“ „Ohne Zweifel werden Sie dort ſo liebenswürdig ſein, wie Sie es in dieſem Augenblicke ſind?“ . „Sie hoffen, mich auf dieſe Weiſe zu ermüden und mich zur Rückkehr nach Paris zu zwingen?“ — „Ich hoffe es.“ „Und wenn ich nicht ermüde, Madame?“ — „Sie werden ermüden.“ Dieſe letzten Worte wurden in ſo feſtem, hartem Tone ge⸗ ſprochen, daß der Marquis erbebte. Das kühne Phlegma die⸗ ſer Frau brachte ihn wirklich in Verlegenheit. Bis dahin hatte er ſie unterwürfig, kalt, zurückhaltend, ſchweigſam gefunden, aber nie hatte er ſie dieſes Entſchluſſes fähig gehalten. Sein Zorn, den er ſo lange gezügelt, ließ ſich nicht länger zurück⸗ halten; er ſtand auf und ſagte: „Ich bin doch wahrhaftig ein rechter Thor, daß ich mich mit dem beſchäftige, was Ihnen zuſagt oder nicht, und daß ich Sie nach der Art, wie ich Sie dieſen Abend behandelt habe, noch als meine Frau anerkenne. Ja, Madame, heute Abend im „Rocher de Cancale“ bei einem Junggeſellendiner habe ich Ihre beiden Liebhaber einander gegenübergeſtellt, habe Des Roches Ihr letztes Billet an Herrn Labirinte leſen laſſen, habe ſie verhöhnt, ſie an einander gehetzt und endlich meinen Freun⸗ den geſagt, was ſie morgen in ganz Paris weiter erzählen wer⸗ den, daß die verächtliche Heldin dieſes Abenteuers meine Frau ſei. So räche ich mich und ſo behandeln Leute meiner Art die ungetreuen Frauen.“ — „Sie haben dies gethan?“ fragte die Marquiſe, ohne die Augen aufzuſchlagen. „Ja, Madame. Oh, ich gehöre nicht zu den albernen Ehemännern, die Thränen vergießen und ſolche Zufälle tragiſch nehmen. Sie ſähen mich wohl gern traurig und niederge⸗ ſchlagen?“ „ 13 — „Ein Jeder thut mit ſeiner Ehre, was ihm beliebt.“ „Und wie glauben Sie, daß Sie in Zukunft in den Ge⸗ ſellſchaften werden aufgenommen werden?“ — „Die Leute werden Ihrem Beiſpiele folgen; trennen Sie ſich von mir, ſo werden die Leute ſich auch von mir trennen.“ „Sie haben mich alſo nie geliebt, nie?“ fragte ſchmerzlich der Marquis, der ohne Uebergang zu dieſer Frage kam. Dolores ſchwieg. „Warum wurden Sie dann meine Frau?“ — „Ueber dem Wunſche, nach Paris zu kommen und in der großen Welt zu leben, vergaß ich die Ungleichheit unſers Alters.“ Niemals hatte Beauregard daran gedacht, daß er fünf⸗ undzwanzig Jahre älter ſei, als ſeine Frau; die Gewohnheit des Sieges und ſeine übrigen Vorzüge hatten ihm, ſo zu ſagen, nie daran zu denken erlaubt, daß er altere und daß er ein alter Mann ſein würde, wenn Dolores erſt in den Frühling des Lebens einträte. Die jetzige Entdeckung war um ſo ſchrecklicher für einen Mann von Beauregard's Charakter, da ihn ſeine Frau darauf hinwies, die ihn in ſeiner Eiferſucht, in ſeiner Liebe und ſeinem Stolz ſo ſchmerzlich verwundet hatte. Nichts iſt bei Vergnügungsmenſchen gewöhnlicher, als dieſes Vergeſſen des Altersverhältniſſes. Ein vierzigjähriger Mann kommt kaum jemals auf den Gedanken, daß ihn eine zwanzigjährige Frau für etwas mehr als reif halten könnte. Zwingt ihn dann aber einmal ein unvorhergeſehener Umſtand, Rechnung mit ſich zu halten, ſo wünſcht er mit eben ſoviel Neid als Bitterkeit die Jugend zurück, die Jugend, den unſchätzbaren Vortheil, von dem er ſich von Tag zu Tage mehr entfernt. Die harten und trockenen Antworten ſeiner Frau warfen alle Berechnungen des Marquis um und brachten ihn in ein es Labyrinth. er es zu einem ernſten Eclat kommen laſſen, nach⸗ dem er eine ſo große Sorgloſigkeit zur Schau getragen hatte? Sollte er dieſelbe Rolle weiter fortſpielen? Sollte er ſeine Frau zwingen, der Welt zu entſagen, und hoffen, ſie in der Einſam⸗ keit durch Aufmerkſamkeit zu beſſern Anſichten zurückzuführen? 14 oder ſollte er ſich ganz von der Marquiſe trennen und ſie ihren Aeltern zurückſchicken? Das Letztere würde das Klügſte, das Würdevollſte geweſen ſein, aber es verletzte die jämmerliche Eitelkeit Beauregard's, der durchaus nicht für einen gewöhnlichen Ehemann gelten wollte, und übrigens hätte er der Dolores entſagen müſſen, die er gegen ſeinen Willen noch immer liebte. Es peinigten ihn zu ſchmerzliche, zu bittere Gedanken, als daß er in dieſem Augenblicke einen entſcheidenden Entſchluß hätte faſſen können. Nach einer neuen Pauſe ſtand er wieder auf und ſagte zu der Marquiſe: „Morgen, Madame, werden Sie meine weitern Be⸗ ſchlüſſe vernehmen. Ich will glauben, daß Sie ſich in dieſelben fügen.“ „Ich werde Ihre Befehle erwarten“, ſprach Dolores, und der Marquis begab ſich wieder in ſeine Zimmer. % IH. Die Aehnlichkeit. Der Auftritt in dem „Rocher de Cancale““ hatte einen ſchmerzlich⸗unangenchmen Eindruck auf Gwen von Ker⸗Ellio ge⸗ macht und ſeine Abneigung gegen das Leben in Paris i er⸗ höht. Jeden Abend, wann er in ſeine geräuſchvolle Wohnung in der Rue Montmartre zurückkehrte, ſehnte er ſich nach ſeinem friedlichen Treff⸗Hartlog, nach dem er auch gewiß bald abgereiſt wäre, hätten ihn nicht die Cinladung des Herrn Achille Dunoyer zum Diner und einige Formalitäten in auf die Anlegung ſeiner Gelder bei dieſem Banquier zurückgehalten. Sr Der gute Abbé von Kerouellan wünſchte ihm in einem Briefe Glück zu ſeiner Herſtellung und zu ſeiner Abſicht, ſich mit einer guten bretagniſchen Erbin zu verheirathen, und meldete ihm zugleich, er habe den Aeltern des Fräuleins Yvonne von 3 15 Kergalek Eröffnungen gemacht und man warte nur auf die Rück⸗ kehr des jungen Barons, um die Sache völlig einzuleiten. Ewen langweilte ſich in Paris ſehr, wünſchte ſich aber täglich Glück, daß er dahin gereiſet, denn durch die Reiſe hatte er ſich ſeinen thörichten Träumereien entriſſen und ſich wieder zur Vernunft gebracht. Man hat nicht vergeſſen, daß der Baron zugleich mit ſei⸗ nem Vetter acht oder zehn Tage nach dem Vorfalle im Rocher de Cancale von Herrn Achille Dunoher zu Tiſche geladen war. Montal zeigte Ewen an, daß er ihn nicht abholen könne, und der Baron begab ſich deshalb allein zum Banquier. In der etwas provinziellen Beſorgniß, zu ſpät zu kommen, kam der Herr von Ker⸗Ellio viel zu früh. Ein Bedienter, der ſeine lächerlich betreßte Livree ausge⸗ zogen hatte, um mit größerer Bequemlichkeit decken zu können, führte den Baron in den Salon, erſuchte ihn, da auf Helviſe Dunoyer zu warten und brummte impertinent vor ſich hin: die Uhr des Herrn gehe ohne Zweifel vor, er ſei gewiß ſehr zeitig aufgeſtanden, man komme nie ſo bald c. Unterdeß nahm er einen Stock, an welchem ſich ein Stück brennenden Wachsſtocks befand, und fing an, die Luſtres und Candelaber anzuzünden. Ewen blieb allein. Um die nachfolgende Scene begreiflich zu machen, müſſen wir Einiges über die Einrichtung des Zimmers vorausſchicken, in welcher ſie vorgeht. Dem Kamine gegenüber, über welchem ſich ein Spiegel be⸗ fand, ging eine Thür in das Bibliothekzimmer Dunoyer's, das nur eine Schirmlampe beleuchtet, alſo ziemlich dunkel war. Wwen ſtand vor dem Kamin mit dem Rücken nach jener Thüre zu und ſah, ohne etwas dabei zu denken, in den Spiegel. Wie entſetzte er ſich, als er da mit einem Male ein Geſicht er⸗ ſcheinen ſah, das dem geheimnißvollen Portrait in Treff⸗Hartlog vollkommen ähnlich war! Wie bei jenem Portrait trat das marmorweiße Geſicht blendend hell aus einem ſehr dunkeln Hintergrunde hervor. Wie bei jenem Portrait war das Geſicht ein vollkommenes Oval, die Naſe fein und gerade, die Augen ſchwarz und groß und die Brauen ſtark und lang. Nie hatte es eine auffallendere Aehnlichkeit gegeben. 2 Thereſe Dunoyer II. —— Man begreift das Wunder. Thereſe war durch das Bibliothekzimmer in den Salon ge⸗ treten; auf dem dicken Teppiche hatte Ewen ihre Tritte nicht hören tönnen; bei dem Anblicke eines Fremden war ſie einen Augenblick in dem Schatten der Thüre ſtehen geblieben und das Bild des jungen Mädchens erſchien ſo im Spiegel. Ewen erbleichte und einen Augenblick hörte ſein Herz auf zu ſchlagen; er glaubte von einer Geſichtstäuſchung umgauckelt zu werden, und er hielt den Athem an, während er die Blicke brennend auf die Erſcheinung richtete. Bald wurde das Bild undeutlicher, es verſchwamm all⸗ mälig und verſchwand endlich ganz. Auch dies iſt leicht zu erklären. Thereſe hatte ſich aus Schüchternheit auf den Fußſpitzen zurückgezogen. Ewen kam endlich auf den Gedanken, die Perſon, deren Geſicht er im Spiegel ſah, müſſe hinter ihm ſein, und er drehte ſich deshalb raſch um. Thereſe war nicht mehr da. Dieſer ſeltſame Vorfall, zuſammengehalten mit der nicht —— minder räthſelhaften Eriſtenz des s Portraits in Treff⸗Hartlog, würde ſelbſt auf einen Mann von minder romantiſchem ter, als Ewen, einen tiefen Eindruck gemacht haben. Man denke ſich, was der junge Baron empfand! Herr und Madame Dunoyer traten in den Saal und ent⸗ ſchuldigten ſich bei ihrem Gaſte, daß ſie ihn hätten warten Ewen, deſſen Züge ſichtbar verändert waren, antwortete ſo ſtreut, und ſchien zu aufgeregt zu ſein, daß Herr Achille und Madame Heloiſe einander erſtaunt anſahen. Es erſchienen zum Glück mehrere andere Perſonen und der Herr von Ker⸗Ellio konnte ſeine Verlegenhrit leichter ver⸗ bergen. Auch Herr von Montal kam und bald nach ihm erſchien deren Schweſter und Miß Hubert. Bei dem Anblicke Thereſens verdoppelte ſich das Staunen des Barons; in dem hellen Lichte war die Aehnlichkeit noch außerordentlicher; ſelbſt das kleine ſchwarze Zeichen benrhz . 1 man, das die Tochter des Banquiers über der linken Augen⸗ braue hatte. Die verſtändigen Vorſätze Ewen's ſchwanden jetzt ſchnell wie ein Traum. Die heftige Liebe, die er ſo lange genährt hatte, erwachte plötzlich von Neuem und mit unechörter Gewalt; Thereſe war es, die er in der Einſamkeit ſo glühend geliebt hatte! Auf ſie trug er die thörichte Leidenſchaft über, welche ihm das chimäriſche Weſen eingeflößt hatte, deſſen lebendiges Ebenbild ſie war. Er zweifelte nicht, das junge Mädchen mußte in Allem ſeinem geliebten Neale gleichen und die anbetungs⸗ würdigen Eigenſchaften in ſich vereinigen, die er demſelben an⸗ gedichtet hatte. Das Schickſal ſelbſt rief ihn zu dieſer Liebe: zu viel unglückliche Umſtände hatten ihn dieſem Mädchen genähert, als daß ſie nicht auf ſein Leben einen unermeßlichen Einfluß, im Guten oder Böſen, haben mußte. „ Nach welchem ſeltſamen Zufalle hatte das junge Mädchen bis in's Einzelnſte eine ſo große Aehnlichkeit mit einer Frau, die ein Jahrhundert früher der böſe Geiſt der Familie Ker⸗Ellio ge⸗ weſen? Drohte Ewen daſſelbe Schickſal? Seine Gedanken verirrten ſich in dieſem Chaos. Die Beſchäftigung mit dieſen Gedanken, verbunden mit der natürlichen Blödigkeit Ewen's, erlaubte ihm nicht, ſich in einem vortheilhaften Lichte zu zeigen. Selbſt wenn Thereſe nicht zu Gunſten Montals eingenommen geweſen wäre, würde der Pen⸗kar⸗guer ſchwerlich einen günſtigen Eindruck auf ſie ge⸗ macht haben. . Die Speiſen wurden aufgetragen. Zweimal erfuchte Herr Achille Dunoyer den Herrn von Ker⸗Ellio, Madame Helviſe die Hand zu geben. Vergebens bot dieſe Alles auf; er war in der Betrachtung Thereſens völlig verſunken. Das junge Mäd⸗ chen ſprach wenig, drückte ſich aber mit bezaubernder Anmuth und Beſcheidenheit aus. Cwen hörte ihr mit ſtummem Ent⸗ zücken zu; nie hatte ſein Ohr eine reinere Stimme, einen zaube⸗ riſcheren Klang vernommen. Zwei oder drei Male knüpfte Montal, welcher die Vorzüge Thereſens hervorzuheben ſuchte, ein lautes Geſpräch mit ihr an. Cwen bewunderte von Neuem den anſprechenden Geiſt und den 2* 18 vollendeten Takt des Mädchens, deren natürliche Vorzüge unter den gewöhnlichen Menſchen um ſie her noch mehr hervor⸗ traten. Das Geſicht des Herrn von Ker-Ellio war, wie bereits erwähnt, ernſt und männlich; ſeiner Haltung aber fehlte die Eleganz, und bald erhielten durch ſein Staunen und ſeine Zer⸗ ſtreuung ſein Geſicht und ſein Benehmen etwas Verlegenes, Stieres, Zuckendes, das ſelbſt in ſolcher Geſellſchaft für gänz⸗ lichen Mangel an Lebensart gelten konnte. Herr Dunoyer täuſchte ſich nicht über die wirkliche Urſache der Zerſtreutheit des Barons. Mehrmals beobachtete der Banquier den Blick ſtummer, begeiſterter Bewunderung, welchen Ker⸗Ellio auf Thereſen hef⸗ tete. Dieſe Entdeckung weckte allerlei Gedanken in Herrn Achille, der bald in tiefes Sinnen verſank, aus dem er ſich nur heraus⸗ riß, um abwechſelnd Ewen und Thereſen anzuſehen. „ Unter den andern Gäſten kam das Geſpräch auf das be⸗ rüchtigte Diner im „Rocher de Cancale“, das ſeit acht Tagen allgemein in der Stadt beſprochen wurde. Herr von Montal, als Freund des Marquis, wurde mit Fragen beſtürmt. „Der Marquis“, antwortete er, „iſt reicher und lebens⸗ luſtiger als je. Er hat unverſchämtes Glück. Vor vier Tagen erhielt er die Nachricht von dem Tode ſeines Schwiegervaters, Don Pablo, der ein ungeheures Vermögen hinterlaſſen ſoll. Die Marquiſe iſt alſo jetzt coloſſal reich. Um die erſten Tage ſeiner Trauer zu verbringen, hat er eine große Jagd in dem Walde von Breteuil angeſtellt. Es werden etwa zwanzig ſeines Gleichen dort ſein und Gott weiß, welches Leben ſie dort führen werden!“ — „Gewiß haben ſie Mädchen mitgenommen“, fiel Ma⸗ dame Helviſe ein. „Und ſeine kleine Frau, die ſo ſcheinheilig ausſah! Iſt es wahr, daß man ſie nirgends mehr annimmt und daß er ſich ſeit der Geſchichte im Rocher de Cancale von ihr ge⸗ trennt hat?“ „Keineswegs, Madame“, antwortete Montal; Marquis hat ſich nicht von ihr getrennt, aber man hat dem“ 19 Betragen der Frau von Beauregard, die keck genug war, wie⸗ der in Geſellſchaften zu erſcheinen, ihr Recht widerfahren laſſen.“ — „Wie ſo?“ fragte Heloiſe. „Vor einigen Tagen, noch vor der Trauer der Marquiſe, befand ich mich Abends bei der Herzogin von Noirmont; die Frau von Beauregard trat ein, begrüßte höchſt unerſchrocken die Herzogin und ſetzte ſich ſodann neben zwei Damen nieder, welche alsbald unwillig aufſtanden. Die Marquiſe wählte ebenfalls einen andern Platz, aber auch da ſtanden ihre Nachbarinnen ſo⸗ gleich auf. Nach einer allgemeinen Stille von etwa zwanzig Minuten entfernte ſich die Frau von Beauregard, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken.“ — „Sie hätte vor Scham müſſen in die Erde ſinken“, bemerkte Madame Heloiſe. „O, die kleine Marquiſe kann in dieſem Punkte viel er⸗ tragen“, entgegnete Herr von Montal. Das Geſpräch wandte ſich auf einen andern Gegen⸗ ſtand. Trotz der Verwandtſchaft, trotz der Freundſchaft, die zwi⸗ ſchen ihm und Ewen beſtand, begann Montal den Baron zu necken, um ſich Thereſen in einem neuen Lichte zu zeigen. Dem Grafen kam dabei die Zerſtreutheit des Herrn von Ker⸗Ellio ſehr zu ſtatten, der die Spöttereien ſeines Vetters nicht einmal bemerkte. Madame Heloiſe gehörte zu den Leuten, welche nie eine Gelegenheit verſäumen, ihren ſchlechten Geſchmack zu zeigen. Mit Hintanſetzung der erſten Regeln der Lebensart und ohne zu bedenken, daß ihre Töchter zugegen waren, wollte ſie auch Scherz mit dem Baron treiben. Da ſie ihn als Vendéer für fromm hielt, ſo begann ſie mit einer gottloſen albernen Redensart des ehemaligen Lberalismus und fragte ihn unter andern, ob ſich die Pfarrer in ſeiner Heimath hübſche Haushälterinnen aus⸗ ſuchten und ob ſie den Beichtſtuhl mit den ſchönen Beichtenden nicht etwas mißbrauchten. Herr von Ker⸗Ellio hatte ſehr feſte und beſtimmte religiöſe Grundſätze; er war gewohnt, eine von ihren Kindern umgebene Mutter mit Ehrfurcht zu betrachten; die ſeltſamen Fragen der Madame Helviſe, die ihn aus ſeinem Sinnen weckten, verletzten ihn deshalb doppelt, und er antwortete trocken: „Madame, meine Mutter hat mich die Religion und deren Diener achten gelehrt, und ſie verdienen dieſe Achtung.“ Madame Heloiſe verſtand den Sinn dieſer Antwort nicht oder wollte ihn nicht verſtehen, ſie fuhr deshalb mit pikanter, Voltaireſcher Keckheit fort: — „Wir Pariſerinnen lehren dagegen unſere Kinder die Scheinheiligen und Bigotten verachten. Nicht wahr, Achille?“ Herr Achille, eine andere Art Freigeiſt, antwortete ſorglos⸗ — „Ich lache über alles Religiöſe; 's ſind Albernheiten, die nur für Weiber und Kopfhänger paſſen. Nicht wahr, lieber Graf?“ Herr Achille war ſo ſtolz darauf, einen betitelten Mann an ſeinem Tiſche zu haben, daß er jene Adelsbezeichnung nie wegließ. Der Herr von Montal wußte bereits, wie hart der Ban⸗ quier ſeine Tochter behandelte, und glaubte, Thereſen ſich ange⸗ nehm zu machen, wenn er den Herrn Achille perſifflire; er ant⸗ wortete deshalb mit der hochmüthigen Jronie ſeines Freundes Beauregard: „Ich ſage Ihnen ganz offen, mein lieber Herr Dunoyer, daß wir beſondere Ideen über Religion haben; es mag eine Sache der Kaſte, der Partei, der guten Geſellſchaft, wenn Sie wollen, ſein, aber wir haben es uns immer zum Geſetz gemacht, die Geiſtlichen und die Religion zu achten.“ Das Wörtchen wir zog eine ſo ſcharfe Grenze zwiſchen Montal und Dunoyer, daß dieſer ſich ärgerlich auf die Lippen biß. Madame Helviſe wurde über und über roth. Ewen war wieder in ſeine Gedanken verſunken und nahm durchaus keinen Antheil an dem Geſpräche. — „s iſt eine bekannte Sache“, ſagte Herr Achille Du⸗ noyer; „Sie wollen die Religion als Mittel zur Herrſchaft brauchen, aber durch den Sieg des dritten Standes, durch die Revolution von 1789 iſt das Mittel unbrauchbar gemacht. Sehen Sie, das Centrum der Kammer, zu welchem mein Vater gehörte, iſt der einzige und wahre Adel unſerer Zeit; es giebt nur noch eine Ariſtokratie, die des Geldes. Ein Herzog 3 würde heut zu Tage für Sſeinen Titel nicht vier Sous be⸗ kommen.“ ℳ 4 „Gewiß würde es anders ſein, wenn ſolche Titel an reich gewordene Bürger verkauft werden könnten, mein lieber Herr Dunoyer“, antwortete der Graf lachend. Wir wollen dem Geſpräche nicht weiter folgen, von dem wir dieſes Pröbchen mitgetheilt haben und bei welchem Montal eine ziemlich geiſtreiche Grobheit entwickelte. Man ſtand auf. Einer der Gäſte glaubte ſich der Madame Helviſe Dunoyer angenehm zu machen, wenn er Thereſe bitte, etwas zu ſingen. Die dicke Frau erröthete verlegen, mußte aber doch ihre Tochter auffordern, ſich an das Piano zu ſetzen. Thereſe weigerte ſich anfangs; Herr von Montal drang aber in ſie, und mit einem verſtohlenen Blicke deutete ſie ihm endlich an, daß ſie ſich nur ſeinem Wunſche füge. Thereſe ſang mit ſo viel Gefühl, ſo kunſtfertig, ſo ge⸗ ſchmackvoll, ſie übertxaf ſich ſelbſt dermaßen, daß ihre Mutter aus Eiferſucht ſie nach einer Viertelſtunde unterbrach und ſagte: „Thereſe, es greift Deine Bruſt an. Es iſt genug, mein Kind.“ Cwen war entzückt, wenn auch weniger das wirkliche Ta⸗ lent Thereſens, als das Gefühl, das ſich in ihrer melodiſchen Stimme ausſprach, einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht atte. Zweimal traten ihm Thränen in die Augen. Zum Glück bemerkte Niemand dieſe lächerliche Rührung. Man brachte einige Whiſtpartien zuſammen. Cwen benutzte einen Augen⸗ blick, in weichem Niemand auf ihn achtete, um ſich zu entfer⸗ nen. Er kam in einem an Wahnſinn grenzenden Zuſtande nach Hauſe. Bald überließ er ſich einer unſinnigen Freude bei dem Ge⸗ danken, daß ſeine Träume und ſeine ideale Liebe nur eine Ah⸗ nung geweſen, und daß das Weib, welches das Glück ſeines Lebens gründen könne, ſo eriſtire, wie er ſich daſſelbe gedacht. Bald verſank er wieder in tiefe Trauer und Verzweiflung. Viel⸗ leicht, dachte er, gelinge es ihm nie, die Liebe Thereſens zu er⸗ werben, denn ſein erſtes Erſcheinen mußte einen ungünſtigen Eindruck auf ſie gemacht haben. Wir wiederholen es, Ewen war ſchon durch den Anblick Thereſens überzeugt worden, daß ſie alle die Eigenſchaften beſitze, welche er ihr zuſchrieb. Er kannte ſie ja, ſo zu ſagen, ſchon ſo lange, daß dieſes einmalige Sehen ſeine Liebe bis zur heftigſten Leidenſchaft ſteigerte. Am zweiten Tage ſtand er auf dem Punkte, wieder zu dem Banquier zu gehen, aber ſeine Blödigkeit hielt ihn zurück, denn er fürch⸗ tete, ſeine Gefühle nicht beherrſchen zu können und ſich lächer⸗ lich zu machen; er nahm ſich alſo vor, zu warten, bis er wieder ruhiger geworden. Das geſchah nicht. Seine L zu Thereſen machte viel⸗ mehr täglich neue Fortſchritte; es war dieſelbe begeiſterte Auf⸗ regung, die ihn in ſeiner Einſamkeit gequält hatte, nur auf eine greifbare Wirklichkeit gerichtet. Da er allein war und keinen Freund hatte, ſo verbrachte der Baron von Ker⸗Ellio ganze Tage in ſeinem düſtern Stübchen in der Rue Montmartre und vermochte keinen der Pläne feſtzu⸗ halten, die in ſeinem Kopfe ſich bildeten. Mehrmals war er zu Montal gegangen, zu welchem er ſich hingezogen fühlte, aber zu ſeinem großen Bedauern hatte man ihm immer geſagt, der Graf ſei nicht zugegen. Weil er das freundſchaftliche Verhältniß kannte, in welchem ſein Vetter mit dem Bangquier ſtand, ſo rechnete er viel, wenn auch nicht auf die Unterſtützung, ſo doch auf den Rath Montals bei gewiſſen entſcheidenden Schritten, die er zu thun entſchloſſen war. Eines Tages traf er endlich, glücklicher als gewöhnlich, Herrn von Montal zu Hauſe. Man ließ ihn eintreten. Der Pen⸗kan⸗guer war bleicher, trauriger, muthloſer, als er es geweſen, da ihn der Abbé von Kerouellan nöthigte, Treff⸗ Hartlog zu verlaſſen und nach Paris zu reiſen. Montal hatte ſeinen Vetter ſeit dem Diner bei Herrn Du⸗ noyer nicht wiedergeſchen, und es fiel ihm die Veränderung in den Zügen des Barons ſogleich auf. „Was iſt Ihnen, lieber Vetter?“ fragte er. „Sind Sie ernſtlich krank geweſen?“ — „Nein“, antwortete Ewen finſter, „ich war nur ein wenig unpäßlich. Ich fand mich mehrmals hier ein, um Ihnen einen Beſuch zu machen, aber man ſagte mir immer, Sie wären nicht zugegen.“ 6* — — — — 23 „Allerdings“, ſprach Montal und erröthete gegen ſeinen Willen; „ich machte eine Jagdpartie in der Normandie mit.“ Gerr von Montal log; er war dieſe Zeit über in der kleinen Wohnung geweſen, die er in dem Hauſe Dunoyer's gemiethet hatte.) „Aber“, fuhr er fort, „ich bedaure ſehr, abweſend ge⸗ weſen zu ſein, wenn ich irgend eine Gelegenheit verabſäumt habe, Ihnen mit irgend etwas zu dienen.“ — „Sie können mir Keher Vetter, allerdings einen großen Dienſt erzeigen.“ „Sprechen Sie, ich bitte Sie darum.“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr Ewen fort: — „Sie haben mir Ihre Dienſte angetragen; Sie ſind ein getreuer braver Vetter und ich kann Ihnen Alles ſagen.“ Montal, den das feierliche Weſen des Barons überraſchte, reichte ihm die Hand. „Sprechen Sie nur; verfügen Sie über mich, ich bitte darum.“ — „Halten Sie mich nicht für einen Narren, hören Sie mich an und Sie werden ſich vielleicht eine Vorſtellung von meiner ſeltſamen Lage machen können. Nach dem Kriege in der Vendée kehrte ich in die Heimath zurück, um in dem Hauſe meiner Väter zu leben; ich habe immer die Einſamkeit geliebt. Vor einigen Monaten nun erdachte ich mir nach langem zweck⸗ loſen Träumen und Sinnen ein Ideal, das alle Reize vereinigte, die ich an meiner Frau zu finden wünſchte. In meinem Zimmer befand ſich ein altes Familienportrait, das eine Frau von ſeltener Schönheit darſtellt; ich betrachtete dieſes reizende Geſicht oft, trug die Züge deſſelben allmälig auf mein Ideal über, und — ſoll ich es Ihnen geſtehen? — verliebte mich in dieſes Bild —“ „Das iſt ja ein Roman, lieber Vetter.“ — „Ja, ein alberner und ſchmerzlicher Roman. Ich ver⸗ liebte mich alſo leidenſchaftlich in dieſes Portrait — leidenſchaft⸗ lich, und dieſe Manie nahm einen ſo ernſten Charakter an, daß mein ehemaliger Lehrer, der Abbé von Kerouellan, mir rieth, die Bretagne zu verlaſſen. Ich kam nach Paris; die Zer⸗ ſtreuungen ſollten mein Gemüth beruhigen, und wirklich, ich ſah dieſe Chimäre bereits nur noch als einen Traum an, a 2 „Fahren Sie fort; Sie glauben nicht, wie ſehr dieſe Er⸗ zählung mich intereſſirt.“ Ker⸗Ellio ſtrich mit der Hand über ſeine brennende Stirn und fuhr dann leiſer fort: — „ — als ich Fräulein Thereſe Dunoher ſah.“ „Nun, Vetter?“ — „Nun? Sie gleicht dem erwähnten Bilde auf das Auffallendſte.“ Cwen ſah ſeinen Vetter mit ängſtlicher Spannung an. Man erinnert ſich vielleicht, daß Montal auch ein Portrait ſeiner Urgroßmutter beſaß, jener dämoniſchen Frau, die, wie man ſagte, ſchreckliches Unglück über die Familie Ker⸗Ellio ge⸗ bracht hatte. Trotz dieſer Erinnerung, trotz der Unruhe, in die ihn die Liebe Ewen's verſetzen konnte, verrieth Montal ſeine Aufregung nicht, ſondern antwortete lächelnd: Ich verſtehe oder vielmehr ich errathe: Sie lieben Fräu⸗ lein Dunoyer. Aber haben Sie ſich wirklich, lieber Vetter, blos wegen dieſer außerordentlichen Aehnlichkeit in eine junge Dame verliebt, die Sie zum erſten Male ſahen?“ — „Ich bin überzeugt, ich möchte ſagen, ich weiß, daß Fräulein Dunoyer den Geiſt, die Eigenſchaften, die Tugenden beſitzt, die ich ihr zuſchreibe. Ich ſche meinen Traum verwirk⸗ licht, ich fühle es.“ „Ich wünſche es um Ihretwillen und wegen Fräulein Dunoher; aber was kann ich dabei —2“ ch ſtand zwanzig Male auf dem Punkte, zu Dunoyer zu gehen und ihn um die Hand ſeiner Tochter zu bitten.“ Montal blieb ganz ruhig und fragte: „Und was hinderte Sie daran, Vetter?“ — „Das große Vermögen des Herrn Dunoyer und die außerordentliche Schönheit ſeiner Jochter“, antwortete Ewen mit Muthloſigkeit. „Bis jetzt konnte ich mich nicht zu einem Schritte entſchließen, den man ohne Zweifel der Habſucht oder einer lächerlichen Anmaßung zuſchreiben würde; aber in dieſem Augenblicke beherrſcht mich dieſe unſelige Leidenſchaft dermaßen, daß ich einen verzweifelten Schritt wage auf die Gefahr hin, für den albernſten oder anmaßlichſten Menſchen gehalten zu werden, — —,— da ich dem Fräulein Dunoyer nur ein beſcheidenes Vermögen bieten kann.“ „Ein anſehnliches, wollen Sie ſagen, lieber Vetter, un⸗ gerechnet Ihren in der Bretagne ſo bekannten Namen.“ — „Ich täuſche mich nicht ſelbſt“, fuhr Ewen kopfſchüt⸗ telnd fort; „ich beſitze nichts, was ein Mädchen beſtechen könnte, außer meiner grenzenloſen Liebe und dem treuen Herzen. Ich müßte ein Thor ſein, wenn ich dem Fräulein Dunoyer zu ge⸗ fallen hoffen wollte; möglich wäre es vielleicht, ihre Theilnahme zu gewinnen. Mein Plan iſt alſo folgender, doch rechne ich noch auf Ihren Rath: ich will zu Dunoyer gehen und ihm offen ſagen, wie es mit mir ſteht; der Eigennutz treibt mich nicht, denn ich würde im Voraus allen Begünſtigungen ſeiner Tochter entſagen; dann will ich ihn erſuchen, mir in ſeiner Gegenwart eine Unterhaltung mit ihr zu geſtatten. Dabei gedenke ich ihr Alles zu erzählen, meine ideale Liebe, die Geſchichte von jenem Familien⸗ portrait, deſſen ſo unſelige Aehnlichkeit mit Fräulein Dunoyer, und meine eben ſo glühenden als unſinnigen Wünſche.“ „Ihr Plan iſt ſehr ſeltſam.“ ch weiß es; man wird meine Offenheit vielleicht für Albernheit halten; Herr Dunoyer und ſeine Tochter werden mich abweiſen, ſie müßten denn errathen, daß ich trotz meiner rauhen Außenſeite des Glückes würdig bin, nach welchem ich ſtrebe, ſodald dieſes Glück durch blinde Hingebung oder durch grenzenloſe Liebe erkauft werden kann. Jetzt, lieber Vetter, ſagen Sie mir, da Sie Herrn Dunoyer genau kennen, wird meine Offenheit, mein Geſtändniß Eindruck auf ihn machen? oder muß ich offiziell um die Hand ſeiner Tochter anhalten? In dieſem Falle werden Sie für mich ſprechen oder ich ſchreibe noch dieſen Abend an Herrn Dunoyer.“ Die beſtimmte Art, in welcher ſich Ewen ausſprach, ließ bei Montal nicht den geringſten Zweifel über den Entſchluß ſeines Vetters übrig. Vor Allem kam es dem Grafen darauf an, Zeit zu gewin⸗ nen; wir werden ſpäter ſehen, welche unſelige Fortſchritte er in dem Herzen Thereſens gemacht hatte; die Liebe dieſes unglück⸗ lichen Mädchens war in ſeinen Augen eine ſichere Zukunft, ein glänzendes Vermögen. Daraus wird man abnehmen, wie wichtig für ihn die vertrauliche Mittheilung Ker⸗Ellio's war, 26 denn ſie machte ihn auf die Gefahr aufmerkſam und gab ihm faſt Zeit, dieſelbe zu beſeitigen. Nach einigen Minuten des Nachdenkens antwortete er ſeinem Vetter, indem er die herzlichſte Theilnahme äußerte und ihm die Hand drückte: — „Ihr Vertrauen zu mir ſoll gerechtfertigt werden, lieber Ewen, lieber Freund, laſſen Sie mich ſagen; ſolche Mittheilun⸗ gen macht man nur dem Freunde.“ „Ich habe mich alſo nicht getäuſcht“, entgegnete Cwen, indem er ſeinerſeits die Hand Montal's mit Innigkeit drückte. — „Sie fragen mich um Rath““, antwortete dieſer, „und ich werde Ihnen unumwunden antworten. Ihr erſtes Mittel, die Erzählung von Ihrer idealen Liebe und das Abenteuer von dem Portrait werden, fürchte ich, einem Geſchäftsmanne wie Dunoyer etwas ungewöhnlich und romanhaft vorkommen. Die Vorlegung Ihres Vermögenszuſtandes würde ihm jedenfalls beſſer gefallen.“ „Und würde auch ſeine Tochter ebenſo unempfänglich, wie ihr Vater, für dieſe allerdings romanhafte Liebe ſein, der aber das Romanhafte nichts von ihrer Aufrichtigkeit und Innigkeit entzieht?“ — „Ich kenne Fräulein Dunoyer nicht genau, lieber Vetter, doch glaube ich, daß ſie etwas von dem Geiſte und dem Charakter ihres Vaters beſitzt.“ „Sie! — mit ihrem weichen melancholiſchen Blicke, mit ii rührenden Stimme? Das iſt nicht möglich“, entgegnete wen. kenne; es iſt möglich, daß ich mich irre. In Bezug auf ihren Vater aber bin ich meiner Sache gewiß. Glauben Sie mir alſo, beſchränken Sie ſich darauf, einfach um ihre Hand anzu⸗ halten, und ich werde mit Vergnügen Ihr Dolmetſcher bei Herrn Dunoyer ſein.“ „Sie ſind ſehr freundlich und gütig!““ rief Ewen mit inni⸗ ger Dankbarkeit. „Mein Schickſal wird alſo nun unwiderruf⸗ lich entſchieden werden. Ach, gewiß bin ich nicht ſo glücklich, meine Wünſche zu erreichen; es wäre zu viel. Warum ſollte ich ſo ſehr glücklich ſein?“ — „Um das Glück zu genießen, lieber Vetter. Ernſtlich, Sie dürfen nicht ſo muthlos ſein; wenn ich Ihnen auch nicht — „Ich wiederhole, daß ich Fräulein Thereſe zu wenig —— 27 zurufen will: hoffen Sie! — kann ich doch auch eben ſo wenig ſagen: geben Sie alle Hoffnung auf. Auf der einen Seite iſt Ihre Geburt glänzend, Ihr Vermögen anſehnlich, und Sie be⸗ ſitzen vortreffliche Eigenſchaften; auf der andern Seite freilich iſt Dunoyer ſehr reich, er kann andere Abſichten mit ſeiner Toch⸗ ter haben, und ich glaube nicht, daß Fräulein Dunoyer andere Abſichten hat, als ihre Aeltern“ — ſetzte Montal heuchleriſch hinzu. „Sie ſehen alſo, die Chancen ſtehen ſo gleich, daß es unmöglich iſt, den Erfolg Ihrer Bewerbung vorauszuſehen. Geſtatten Sie mir, Ihnen noch einen ſehr wichtigen Rath zu ertheilen, und zwar in Ihrem wie in des Mädchens Intereſſe.“ „Was meinen Sie?“ — „Der Auftrag, den Sie mir geben, iſt ein ſehr delicater.“ „Allerdings.“ — „Wenn die Sache mißlänge, würde es Ihnen und Fräulein Dunoyer unangenehm ſein, wenn ſie vor der Zeit be⸗ fannt würde; die böſe Welt würde nicht ermangeln —“ „Beruhigen Sie ſich, Vetter“, unterbrach Ewen den Herrn von Montal; „außer Ihnen wird kein Menſch von dem Schritte etwas erfahren; und wäre der Abbé von Kerouellan, mein alter Freund, hier, ich würde ihm nichts davon ſagen.“ — „Noch etwas: Herr Dunoyer iſt ſehr ängſtlich in Ge⸗ ſchäften; er wird in der Sache eben ſo bedächtig und vorſichtig gehen wollen, in die Bretagne ſchreiben, um Nachrichten über Sie einzuzichen u. ſ. w. Das Alles muß natürlich die Sache verzögern.“ „Leider wahr.“ — „Sind Sie überzeugt, Ihre Ungeduld ſo weit beherr⸗ ſchen zu können, um nicht ſelbſt zu Herrn Dunoyer zu gehen, und das zu beendigen, was ich angefangen habe? In dem letztern Falle möchte ich mich lieber nicht damit befaſſen, denn Sie ſehen ein, daß meine Rolle — Ewen unterbrach den Grafen noch einmal und ſagte: „Einer ſolchen Rückſichtsloſigkeit, einer ſolchen Undankbar⸗ keit bin ich nicht fähig. Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie allein in der Welt ſollen von dieſem meinen Wunſche wiſſen; von Ihnen allein will ich die Antwort erwarten, die meine Hoffnun⸗ gen vernichten oder ermuthigen ſoll; ich werde Herrn Dunoyer nicht ſehen, bevor er ſich über mein Schickſal ausgeſprochen hat; weigert er ſich, ſo reiſe ich ab, ohne Abſchied von ihm zu nehmen.“ „Vielleicht hätten Sie Recht“, ſagte Montal; „es wird Zeit ſein, im letzten Augenblicke daran zu denken; aber auf ſo weit hinaus darf man auf Unglück nicht rechnen. Sobald ich mit Herrn Dunoyer geſprochen habe, werde ich Ihnen mit⸗ theilen, wie er Ihren Antrag aufgenommen hat, und ich hoffe Ihnen einen günſtigen Beſcheid zu bringen.“ „Lieber Vetter“, ſagte Ewen in gerührtem Tone, indem er die Hand Montal's drückte, „von dieſem Augenblicke an rech⸗ nen Sie in allen Stücken unbedingt auf mich.“ „Gewinne ich nicht bei der Sache“, fiel Montal ein, „da ich mir durch ſo wenig einen Freund erwerbe?“ „Ich weiß, welchen Dank ich Ihnen ſchuldig bin. Auf baldiges Wiederſehen alſo, Vetter.“ — „Bald! Muth und Hoffnung!“ ſprach Montal. Ewen ſchüttelte traurig den Kopf und bemühte ſich nicht, die Thräne zu verbergen, die in ſeinen Augen glänzte; dann ku er die Hand des Grafen nochmals und entfernte ſich raſch. Montal ſah ihm nach, zuckte die Achſeln und ſagte: „Ah, der thörichte Menſch! — mir, mir vertraut er ſeine theuerſten Intereſſen an. — Mein Stern erglänzt wieder mehr und mehr. Wenn ich mich nicht irre, wird mir dieſer Zwiſchen⸗ fall, klug benutzt, viel nützen. Der Bretagner wird, ſeinem Verſprechen treu, nicht wieder zu Dunoyer gehen und meine Antwort abwarten; ich halte ihn acht bis zehn Tage hin, und mehr braucht es nicht, wie die Sachen jetzt mit Thereſen ſtehen, um alle Beſorgniß wegen eines Vendéers zu verlieren, deſſen Heirathsantrag mich bei der Ausführung eines Meiſterſtreiches unterſtützen wird. Jetzt ein Wort an Thereſen. Ich muß ſie durchaus morgen ſehen, und ſie wird kommen; ich werde ihr einige ſchreckliche Worte ſchreiben. „Ja“, fügte von Montal hinzu, indem er ſich an den Tiſch ſetzte, „jetzt wollen wir Thereſen antworten. Sie fühlt Reue, ſie bittet mich um Verzeihung; ſie ſcheint nicht mehr ge⸗ neigt zu ſein, mir die Ehre zu erzeigen und mir ihre Hand zu reichen!“ ſetzte er mit Ironie hinzu —, „was mich jezt wirklich 3 ————————— 29 ſehr troſtlos macht. Sie bietet mir aber doch ihre Liebe an, die, alles betrachtet, auch nicht ganz zu verſchmähen iſt, beſon⸗ ders wenn es etwas Heimlichkeit dabei giebt, denn Julie kann noch immer für eine recht angenehme Zerſtreuung gelten, ſelbſt für einen Mann, der ſich mit Fräulein Dunoyer beſchäftiget.“ Und Herr von Montal ſchrieb den folgenden Brief an Thereſen: „Ich muß durchaus mit Ihnen ſprechen; ein entſetzliches Unglück bedroht unſere Liebe . . ., d. h. mein Leben. Heute Abend werde ich hinauf gehen und die Nacht da bleiben; mor⸗ gen erwarte ich Sie an meiner Thüre . . . Ihre Schweſter geht um drei Uhr mit Miß Hubert aus, um die gewöhnliche Promenade zu machen . . Schützen Sie Kopfweh vor, um zu Hauſe zu bleiben; dann können Sie zu mir heraufkommen, es wird keine Gefahr zu fürchten ſein . . Ach, Thereſe, die Kraft gebricht mir . . ., welcher ſchreckliche Schlag! Meine Thränen fließen, ich muß verzweifeln . . .“ Nachdem Montal dieſes Brieſchen geſchrieben hatte, über⸗ las er es laut und ſagte: „Ja ſo iſt es recht zerriſſener Styl .. eine ebenſo entſetzliche als geheimnißvolle Drohung . . . Sie wird kommen . . Das letzte Mal wagte ſie ſich nur einige Schritte in das Vorzimmer herein, und ihre Schüchternheit war ſo groß, als ſie ſich allein mit mir ſah, daß ſie erblaßte und ich faſt er⸗ ſchrak. Zum Glück beruhigte ſie mein achtungsvolles Benehmen; morgen wird ſie nicht zögern .. noch weiter zu kommen. Jetzt an Julien; eine andere Perſon, ein anderer Styl ... „Du verdienteſt, boshafter Dämon, daß ich noch länger alle Strenge gegen Dich übte; aber ich bin zu gutmüthig, ich kann Deinen kleinen artigen Entſchuldigungen nicht widerſtehen; ja, ich werde Dich wiederſehen wie in der ſchönen Zeit, aber unter der Bedingung, daß kein Wort von einem thörichten Streiche geſprochen wird, zu welchem nur Du anreizen konnteſt, und über den ich jetzt aus Herzensgrund lache. Adieu, Julie, übermorgen früh küſſe ich Dich; erwarte mich.“ Einen dieſer beiden Briefe ſchickte Montal an Julien, den andern an Roſalien, das Kammermädchen Thereſens, das er gewonnen hatte, und unter deren Namen er die Briefe an Fräu⸗ lein Dunoyer brachte. 30 Montal gelangte ganz einfach in das große Haus, das Herr Dunoyer bewohnte und deſſen Thor fortwährend offen ſtand. Er machte entweder dem Banquier einen Beſuch, und ging, ſtatt die Treppe hinabzugehen, in das vierte Stockwerk hinauf, oder er hüllte ſich Abends in einen Mantel, ſetzte eine grüne Brille auf, galt ſo für Herrn Bernard, den angeblichen Miether, und verließ den andern Abend zu derſelben Stunde und auf dieſelbe Weiſe das Haus wieder. IHIH. Der Antrag. Herr von Ker⸗Ellio kam ruhiger in ſeine Wohnung zurück. Nach dem Geſpräche mit Montal hatte er nur wenig Hoffnung, er hatte aber ſeinen liebſten Wunſch nicht aufgegeben. In dem Augenblicke, als der Baron in ſeiner Wohnung erſchien, ſagte einer der Kellner zu ihm: „Es wartet ein Herr auf Sie; er fragte, um welche Zeit Sie gewöhnlich nach Hauſe kämen, und ich ſagte, um fünf Uhr; es war halb fünf Uhr. Der Herr wollte auf Sie warten und er befindet ſich hier im Saale.“ Ewen, der ſich über dieſen Beſuch ſehr wunderte, da er außer Montal, Beauregard und Dunoyer in Paris Niemanden kannte, begab ſich in den Saal, und wie erſtaunte er, als er den Banquier da ſah! Obgleich die Ankunft des Vaters Thereſens für Ewen nichts Außerordentliches hatte, ſo mußte ihm doch die Seltſam⸗ keit auffallen, wenn er an den Schritt gedachte, den Montal für ihn thun ſollte. „Sie werden mich entſchuldigen, Herr Baron, daß ich durchaus auf Sie warten wollte“, ſagte der Banquier zu Cwen; „da ich Ihnen aber etwas Wichtiges mitzutheilen habe, ſo wollte ich das Vergnügen, Sie zu ſehen, nicht bis morgen verſchieben.“ — — — 31 — „Ich ſtehe Ihnen ganz zu Befehl und bedaure nur, daß ich Sie ſo hoch in eine ſehr beſcheidene Wohnung führn muß“, antwortete Ewen. „Ach, Sie ſcherzen, Herr Baron. Im Kriege und auf der Reiſe richtet man ſich ein, wie es eben geht.“ Als Herr Dunoyer in dem Zimmer des Herrn von Ker⸗ Ellio ſaß, fagte er mit vieler Heiterkeit und Herzlichkeit: „Ich komme, um Sie viel Geld gewinnen zu laſſen.“ „Auf weiche Weiſe?“ fragte Ewen verwundert. Auf eine ſehr einfache. Sie haben zweimalhundert und dreizehntauſend Franes zu fünf Procent bei mir ſtehen. Vor vierzehn Tagen ſollte ich Ihnen fünfzigtauſend zurückzahlen, das Uebrige in drei gleichen Raten von zwei zu zwei Monaten.“ — „Allerdings, aber ich habe Sie erſucht das Geld zu behalten, da ich die Abſicht habe, die Summe auf einmal zu entnehmen, um mir einige Meiereien zu kaufen, die mir ge⸗ fallen.“ „Erlauben Sie mir zu bemerken, daß Sie dabei Ihr Geld ſehr ſchlecht anlegen. Landgüter bringen nicht über dritthalb Procent netto ein, während ich Ihnen den Vorſchlag mache, mit mir ein Unternihmen; zu wagen, das in vier bis fünf Jahren Ihr Kapital verdoppeln wird. 2 Cwen hatte von ſeinem Vater alles Speculiren verab⸗ ſcheuen gelernt und war dieſen Grundſätzen treu geblieben. Die Gelder bei Herrn Dunoyer rührten von einer ſehr alten Schuldforderung her, die der ſelige Herr von Ker⸗Elliv geerbt hatte. Trotz ſeinem Mißtrauen und ſeinem Widerwillen gegen Geſchäfte ſolcher Art glaubte Cwen einen Meiſterſtreich auszu⸗ führen, wenn er den Antrag des Banquiers annähme. Er ant⸗ wortete deshalb: — „Ich wollte das Geld anders anlegen, ſtehe aber da⸗ von ab, weniger, verſichere ich Sie, wegen des Gewinns, den Sie mir bieten, als um unſere Verbindung, die Sie mir kishet ſo angenehm gemacht haben, fortdauern zu laſſen und noch in⸗ niger zu machen.“ derr Dunoyer erwartete dieſen verblendeten Leichtſinn von Stiten des Herrn von Ker⸗Ellio ſo wenig, daß er nw lich ſagte: Thereſe Dunoyer II. 43 32 3 „Wie! Sie nehmen an ohne nur zuwiſſen, was ich Ihnen vorſchlage, ohne mich nach den Garantien zu fragen, welche ich bieten könnte?“ — „Sie haben mir geſagt, daß es vortheilhaft ſei.“ „Allerdings, und ich will es Ihnen beweiſen .. — „Es iſt bewieſen, wenn Sie mir es ſagen.“ „Wahrhaftig, Herr Baron, ohne Compliment, die Leute wie Sie ſind ſelte . Aber wiſſen Sie, daß Sie ſehr un⸗ recht thun würden, dies Spiel mit Jedermann zu wagen? Mein Haus iſt, Gott ſei Dank! bekannt und ſolid, indeſſen . . .“ — „Glauben Sie mir, Herr Dunoher“, ſagte Ewen, indem er den Banquier unterbrach — „„ich handele nicht ſo aus Leichtſinn und Unbeſonnenheit; ich weiß, wem ich mein Ver⸗ trauen ſchenke.“ „Ach, Herr Baron, Ihre Worte machen einen unbeſchreib⸗ lichen Eindruck auf mein Herz“, entgegnete der Banquier ge⸗ rührt, — „und ich muß wiederholen, was ich eben ſagte: Männer wie Sie ſind ſelten. Man iſt jetzt ſo habſüchtig, ſo begierig, ſo gewinnſüchtig!“ — „Bei Ihrem Geſchäfte und bei Ihren verſchiedenen Verbindungen werden Sie freilich häufig Gelegenheit haben, Habſucht bei Andern zu bemerken.“ „Dies zu bemerken, habe ich doppelt Gelegenheit, einmal als Bangquier und ſodann als Vater eines heirathsfähigen Mädchens.“ Ewen zuckte zuſammen, erröthete, ſchlug die Augen nieder und antwortete nichts. Herr Dunoyer bemerkte die Verlegenheit Ewens, lächelte und fuhr fort: „Ich habe z. B. eine Tochter, die allerdings gerade keine Schönheit und überdies etwas ſchüchtern, etwas originell iſt, die aber eine vortreffliche Erziehung genoſſen und eine engliſche Gouvernante gehabt hat, alſo doch eher annehmlich iſt als nicht, nicht wahr, Herr von Ker⸗Ellio? — ich berufe mich auf Ihren bretagniſchen Freimuth.“ Cwen hatte ſeine Faſſung wieder gefunden und antwortete aufrichtig und unverſtellt: — „Ich finde Ihre Tochter mehr als ſchön . Ich ſah niemals ein zugleich reizenderes und ausdruckvolleres Geſicht.“ ₰ . — 33 „Sie ſagen das, um mir zu ſchmeicheln; aber gleichviel, wenn ich für das Mädchen auch nur die Hälfte Ihrer Compli⸗ mente annehme, ſo bleibt noch immer ſehr viel übrig. Glauben Sie wohl, daß das erſte Wort der jungen Männer, welche an meine Tochter denken, immer iſt: wie viel bekommt ſie?“ — „Ich bitte Sie!“ „Das ſetzt Sie in Erſtaunen, empört Sie? Es iſt aber doch ſo. Man weiß, daß ich reich bin und daß Thereſe, wenn ich auch bei meinen Lebzeiten nicht viel für ſie thun ſollte, nach meinem Tode eine hübſche Summe bekommen dürfte. Aber nein; man will ſogleich genießen; man ſpricht nur von der Mitgift, denkt nur an die Mitgift, träumt nur von der Mitgift. Ach, mein lieber Herr von Ker⸗Ellio, ein Vater, der eine hei⸗ rathsfähige Tochter hat, iſt ſehr unglücklich.“ Und Herr Dunoyer ſtieß einen heuchleriſchen Seufzer aus, während er von der Seite den Herrn von Ker⸗Ellio betrachtete, um zu ſehen, welchen Eindruck dieſe Tirade auf ihn machte. Die Hand Thereſens zu erhalten, war für Ewen ein ſo unwahrſcheinliches Glück; es würde ihm ſo fabelhaft vorge⸗ kommen ſein, daß Herr Dunoyer ſie ihm gleichſam antrug, daß der Baron keine der Anſpielungen merkte und einfach ant⸗ wortete: „Ich möchte aber doch glauben, daß Sie im Beſitz einer Tochtet wie Fräulein Thereſe unter den Gewählteſten nur zu wählen brauchten.“ „Sollte ich mich geirrt haben?“ — dachte Dunoyer; — „machen wir noch einen andern Verſuch. Die Bretagner haben einen ſo harten Kopf, daß man derb anklopfen muß.“ Laut fuhr er ſodann fort: „ich habe ohne Zweifel zu wählen, mein werther Herr von Ker-Ellio, aber bis jetzt habe ich bei dieſer ſchönen Wahl nichts gefunden, was der Mühe werth geweſen wäre. Sie können ſich denken, daß das Glück einer geliebten Tochter — von Wichtigkeit iſt, ich wollte deshalb Thereſen kei⸗ nem Springinsfeld, keinem leichtſinnigen Verſchwender geben, der ſie unglücklich machen würde. Am willkommenſten . .. und Herr Dunoyer betonte dieſe Worte recht abſichtlich, ſo daß der Baron errathen mußte, was der Banquier wollte — „am willkommenſten, mein werther Herr von Ker-Ellio, würde mir für Thereſen ein geſetzter, rechtſchaffener, ernſter Mann von 3* 34 guter Familie ſein, der Herr ſeines Vermögens iſt, der ſieben oder acht Monate des Jahres auf ſeinem Gute verbringt und nur etwa im Winter zwei bis drei Monate nach Paris kommt; denn Thereſe liebt die Geſellſchaften nicht, ja — das kommt Ihnen bei ihrem Alter ſonderbar vor. . ., es iſt aber ſo. Mit einem Worte: der Mann, der ſie glücklich, d. h. recht glücklich machen wollte, müßte wenigſtens einen Winter um den andern mit ihr auf dem Lande bleiben. Aber von ſo etwas rede man einmal mit unſern jungen Herren, die nichts kennen als Paris!“ „Wie?“ rief Cwen, „Fräulein Thereſe liebt ein einfaches zurückgezogenes Leben?“ „Das liebt ſie, Herr Baron. Sie iſt wahrhaftig faſt menſchenſcheu, und auch dies macht es ſo ſchwer, einen Mann für ſie zu finden, wenigſtens einen, der ſie glücklich machen kann.“ Ewen wagte noch nicht, ſich den Hoffnungen hinzugeben, die auf ihn einſtürmten; er blieb ſtumm und verlegen. „Er beißt nicht an —, er beißt nicht an,“ dachte der Banquier. „Ich muß wahrhaftig noch einen Verſuch machen und wenn auch dieſer fehlſchlägt, ſo habe ich mich geirrt.“ Laut und mit großer Bonhomie fuhr er fort: „Sehen Sie, mein werther Herr von Ker-Ellio, ich will Ihnen etwas ſagen, das Ihnen ſehr albern vorkommen wird; aber da es nur ſchmeichelhaft für Sie iſt, ſo werden Sie mich wohl entſchuldigen. Sehen Sie, wenn ich mir einen Mann für Thereſen denken ſollte, — Sie verſtehen mich — für The⸗ reſen — ſo würde ich mein Muſter nicht weit ſuchen; ich wünſche für das Mädchen einen Mann, der Ihnen gleicht.“ „Wäre es möglich? Wie?... Hert .., ich wage es nicht zu glauben, ich wage es nicht zu ſagen, daß Thepeſe auch mein Ideal geweſen iſt . . ., ſein würde.“ „Das bleiche melancholiſche Mädchen würde Ihnen alſo gefallen trotz ihrer Schüchternheit? Und warum wollen Sie mir es nicht ſagen? Ich weiß es, es iſt nicht Sitte, ſolche An⸗ träge ſelbſt zu machen, aber zum Teufel die Sitte, wenn es ſich um das Glück zweier Menſch geſchaffen ſind!“ „Herr Dunoher,“ ſagte Ewen mit tiefer Rührung „verzeihen Sie mir . .., ich glaube zu träumen. ., ich kann noch nicht glauben. ..“ n en handelt, die für einander . 35 „Es iſt aber doch ſehr einfach. Wenn Thereſe Ihnen zu⸗ ſagt, ſo gebe ich ſie Ihnen von ganzem Herzen gern, denn Si ſind der Mann, den ich für ſie gewünſcht haben würde.““ „Aber ſie!.. . ſie, Herr Dunoyer!... Ach, ich geſtehe Ihnen, Ihre Einwilligung würde mir ohne die Zuſtimmung Thereſens nicht genügen.“ „Sehen Sie, Herr von Ker-Ellio,“ ſagte der Banguier nach kurzer Pauſe, „mit Leuten, wie Sie ſind, muß man offen ſein. Ich bin hierher gekommen, um zu hören, wie Sie über dieſen Punkt denken . „Iſt das wahr?“ „Und Sie können ſich denken, daß ich dieſen Schritt nicht gethan haben würde, ohne der Einwilligung Thereſens ſicher zu ſein.“ „Sie williget ein? Sie williget ein?“ „Ich bürge dafür und ſie wird mit Ihnen vollkommen glücklich ſein, das ſage ich Ihnen. Sie ſehen indeß ein, daß ich nicht gleich anfangs deutlicher ſprechen konnte als ich gethan habe, da ich Ihre Abſichten nicht kannte.“ „Sie ſind alſo wirklich überzeugt, Herr Dunoyer, daß Thereſe ihre Einwilligung giebt?“ „Hören Sie mich an? ſie hat ihr ganzes Leben lang nur einen Traum, nur einen Gedanken gehabt, nämlich in einer Art Einſamkeit, fern von der Welt, mit ihren Büchern, ihrer Muſik und ihrem Manne zu leben, wenn ſie einen finden ſollte, der an ſolchen Neigungen ebenfalls Gefallen findet. Sie iſt teufel⸗ mäßig romantiſch, ich könnte faſt mehr ſagen, ſie hat eine Lei⸗ denſchaft, eine thörichte Leidenſchaft für die Bretagne.“ „Iſt das wahr?“ — „Da ſie romantiſch iſt, erklärt ſich das ganz leicht. Im vorigen Herbſte ſchwärmte ſie immer von einem Schiffe auf dem Meere, von Haidekraut, Felſen u. ſ. w. Sie können ſich denken, daß mich das ſehr unruhig machte, denn von Haide⸗ kraut und Felſen mit unſern Dandies, unſern „Löwen“ zu ſprechen —“ „Herr Dunoyer,“ ſagte Ewen, indem er den Banguier unterbrach, „wenn Fräulein Thereſe einwilligt, mir ihre Hand zu geben —“ — „Ich ſage Ihnen, daß darüber kein Zweifel ſtattfindet.“ 36 „So würde ich Ihnen, würde ich ihr mehr als das Leben verdanken — Wenn Sie die geheimnißvollen Umſtände kennten, welche ſich an dieſe Heirath knüpfen, an die ich noch nicht zu glauben wage, würden Sie ſehen, daß das Schickſal, die Vor⸗ ſehung ſelbſt für mein Glück und, ich wage es zu ſagen, für das Glück Thereſens thätig geweſen iſt.“ — „Wie ſo? Welche Umſtände?“ „Erlauben Sie mir darüber zu ſchweigen bis zu dem Augenblicke, da Sie mich Ihrer Tochter vorſtellen werden; dann werde ich ihr in Ihrer Gegenwart Alles ſagen und ſie wird, hoffe ich, meinen leidenſchaftlichen Dankf durch das Glück ermeſſen können, das ich ihr verdanken werde. Was Ihnen auch beweiſen wird, wie ſehr ich Recht habe, über dieſes unver⸗ hoffte Glück mich zu freuen und zu verwundern, iſt der Um⸗ ſtand, daß ich eben den Herrn von Montal gebeten habe, für mich um die Hand Thereſens zu bitten; er ſollte morgen dieſen Schritt bei Ihnen thun.“ — „Wie das ſich ſeltſam trifft!“ entgegnete der Ban⸗ guier. „Geſtern ging ich zu Montal, um ihn zu bitten, mein Vermittler bei Ihnen zu ſein, aber er war auf dem Lande. Da ich nun nicht wußte, daß er ſobald zurückkommen würde und überdies vorzog, die Sache ſelbſt zu verrichten, ſo fand ich einen ganz natürlichen Vorwand in dem Geſchäfte, über welches ich mit Ihnen ſprechen wollte, wendete mich alſo direct an Sie und wünſche mir nur Glück deshalb.“ „Jetzt nur noch ein Wort, Herr Dunoyer, über die Ge⸗ ſchäfte, um nie wieder darauf zurückzukommen. Die einzige, aber unabweisliche Bedingung, die ich bei meiner Verheirathung ſtelle, iſt die, von Ihnen durchaus nichts anzunehmen. Meine Beſitzungen bringen mir ungefähr funfzehntauſend Franes ein dazu rechnen Sie das Geld, das ich bei Ihnen habe und ſechzig⸗ tauſend Franes, glaube ich, bei meinem Notar in Rennes, mit denen ich mein altes Haus auf eine Thereſens würdige Weiſe neu meubliren werde. Das iſt mein ohne Zweifel beſcheidenes Vermögen, das aber, wie ich mit Vergnügen ſehe, hinreichen wird, die Wünſche Thereſens zu befriedigen.“ — „Mit ſo zartfühlenden Leuten, wie Sie ſind, verſtän⸗ digt man ſich immer ſehr leicht, mein lieber Herr von Ker⸗Ellio, — 37 oder wollen Sie mir erlauben vielmehr zu ſagen, mein werther Herr Schwiegerſohn?“ „Das iſt,“ ſagte Ewen faſt erſchrocken, „zu ſchön, zu viel Glück; ich kann nicht daran glauben, nein, ich kann nicht daran glauben.“ — „Was iſt denn da zu verwundern? Sie ſind eine vor⸗ treffliche Partie für Thereſen; ſie gefällt Ihnen, Sie gefallen mir —“ „Ja, ja, aber wenn Sie wiſſen werden, wie außerordent⸗ lich mir mein Glück vorkommen muß — 3 — „Nun deſto beſſer. Uebrigens habe ich wohl be⸗ merkt, daß Sie gefangen waren, als Sie Thereſen zum erſten Male ſahen, bei dem Diner, — ja, oh ich bin fein! Aber ich glaubte nicht, daß es zur völligen Liebe und Leidenſchaft kom⸗ men würde. Uebermorgen Abends um neun Uhr werde ich Sie meiner Familie als meinen künftigen Schwiegerſohn vor⸗ ſtellen; bis dahin laſſe ich einen Heirathscontract entwerfen und einige andere Förmlichkeiten in Ordnung bringen, über die wir uns, wie ich nicht zweifle, leicht verſtändigen werden.. Leben Sie alſo wohl, mein lieber Herr von Ker⸗Ellio .. Ich hatte. eine unbeſtimmte .. offnung, als ich in dieſes Haus eintrat, aber ich war weit entfernt zu glauben, daß ſie ſo ſchnell in Erfüllung gehen würde.“ „Sie glauben alſo, Herr Dunoyer, daß Fräulein Thereſe..“ — „Sie wollen mich nöthigen zu viel zu ſagen, Verführer Sie!“ entgegnete Dunoyer lächelnd. — „Uebermorgen um neun Uhr alſo.“ Und er ging fort. Wir unternehmen es nicht, die Freude und das Staunen des Herrn von Ker⸗Ellio zu ſchildern. Ob er gleich nicht glaubte, ſein dem Herrn von Montal gegebenes Wort gebrochen zu haben, ſo eilte er doch ſogleich zu demſelben, um ihm anzuzeigen, daß ein eben ſo glücklicher als unerwarteter Zufall ſeine Vermittlung unnöthig gemacht habe. Er traf den Grafen nicht zu Hauſe und man ſagte ihm über⸗ dies, daß man nicht wiſſe, ob er die Nacht nach Hauſe kom⸗ men würde. Ewen ſchrieb ihm, was er ihm ſagen wollte. Einige Worte werden erklären, was den Banquier bewog, Ewen ſo raſch dieſen Heirathsantrag zu machen. Trotz ſeinem großen Vermögen befand ſich Herr Dunoyer bisweilen in Verlegenheit; ſeine ungeheuren Speculationen er⸗ forderten alle ſeine disponiblen Gelder und die bedeutende Rück⸗ zahlung, die er Ewen in naher Zeit zu leiſten hatte, genirte ihn ein wenig, ob er gleich die ganze Summe zu der Verfallzeit bereit hielt. Wir haben geſagt, daß Herr Achille Dunoyer den Ein⸗ druck errathen, den Thereſe auf Ker⸗Ellio gemacht hatte, und er entwarf ſogleich einen Plan, der ihm anfänglich freilich ſehr thöricht, bald aber doch leicht ausführbar vorkam. Es handelte ſich darum, Ewen mit Thereſen zu ver⸗ heirathen. Dieſe Verbindung gewährte dem Herrn Achille Dunoher mehrere Vortheile; er konnte Thereſen verheirathen, ohne ihr eine Mitgift zu geben, er wurde das Mädchen los, das immer unangenehme Exinnerungen in ihm weckte, und er konnte frei mit dem Gelde des Barons gebahren, ſtatt ihm daſſelbe in naher Zeit zurückzahlen zu müſſen. Herr Achille Dunoyer gehörte einer Familie an, die ſo verſchiedene Speculationen unternommen, daß er ſchon ſehr frühzeitig und gleichſam durch Tradition eine gewiſſe Menſchen⸗ kenntniß erlangt hatte, wonach er die Menſchen in zwei Claſſen eintheilte — in betrügende und betrogene. Den Herrn von Ker⸗Ellio hatte er ſogleich unter die Betrogenen eingeordnet. Angenommen nun, daß die Schönheit Thereſens wirklich auf den Baron einen tiefen Eindruck gemacht hatte, ſo mußte dieſer, nach der Meinung des Banquiers, hoch erfreut ſein, ſich mit ihr chelich zu verbinden und in Geldſachen ſich ſehr nach⸗ giebig zeigen. Sich über die Moralität Ewen's zu erkundigen, fiel ihm nicht ein. Uebrigens ſind die Leute, die zu der Claſſe gehören, in welche er den Pen⸗kan⸗guer einordnete, immer überrechtſchaffen, wie der alte ſelige Dunoyer zu ſagen pflegte. Man ſieht, daß die Vorausſicht Dunoyers ſich in nichts 3 geirrt hatte und daß Herr von Ker⸗Ellio ſeinen liebſten Wun⸗ ſchen ſogar entgegenkam. Leider ſollte der Plan des Banquiers auf einer andern Sb⸗ —— — — —— „— — 39 Seite auf große Hinderniſſe ſtoßen. Thereſe Dunoyer liebte den Herrn von Montal leidenſchaftlich; ſie wechſelte Briefe mit ihm; ihr Verderben, ihre Entehrung hingen nur noch von einer Gelegenheit und von der Kühnheit des Mannes ab, den Julie nicht zum Gatten hatte nehmen mögen. Wir glauben den romanhaften Character der Tochter des Banquiers, ihre traurige Erziehung, die ungerechte Härte ihrer Eltern gegen ſie hinreichend auseinandergeſetzt zu haben, um ihr Benehmen zu erklären, wenn nicht gar zu entſchuldigen. Bei der erſten Zuſammenkunft mit ihr hatte Montal durch ſein Verhalten den Don⸗Juan⸗Ruf nicht gerechtfertigt, den ihm Herr Achille Dunoyer beigelegt. Es war dies ſchlaue Berech⸗ nung von Seiten des Grafen; er würde ohne dies den Wider⸗ willen Thereſens geweckt haben, die, wie wir erwähnt haben, damals eine ſchwärmeriſche keuſche Liebe für René fühlte und mit Vergnügen das geräuſchvolle Pariſer Loben mit der Einſam⸗ keit in der Bretagne vertauſcht haben würde. Wir haben auch erwähnt, daß Montal, nachdem er die Lectüre Thereſens erra⸗ then, eine nachdenkliche, melancholiſche Miene angenommeh hatte, welche das arme Mädchen um ſo mehr überraſchte, als Herr Dunoyer ſeinen neuen Freund ganz anders geſchildert hatte. Es fehlte dem Herrn von Montal weder an Schlauheit noch an Scharfſinn; er errieth ſehr bald, daß Thereſe mehr edle Gefühle, als feſtſtehende Grundſätze beſitze, daß ihr Geiſt durch gefährliche Lectüre eraltirt und ihr Gemüth durch ſchlechte Be⸗ handlung gereizt ſei; daß ſie für ihren Vater und ihre Mutter weder Vertrauen noch Achtung haben könnez er erkannte mit einem Blicke den ganzen Einfluß, den er auf das junge Mäd⸗ chen auszuüben im Stande ſein würde, das ſich völlig ſelbſt überlaſſen und durch nichts gegen die Schlingen geſchützt war, welche er ihr ſtellte. Er wollte gefallen, verführen; er gefiel und verführte. Thereſe hatte in den Geſellſchaften bei ihrer Mutter nie einen Mann geſehen, der mit Montal zu vergleichen geweſen wäre, und dann ſah er ſie mit einem ſo liebevollen, ſo traurigen Blicke an; er verſtand die poetiſchen Inſpirationen René's und ging in dieſelben ein; das weltliche Leben war ihm plötzlich ſo läſtig geworden. Hatte er nicht eine junge Künſtlerin aufge⸗ geben, welche die modiſcheſten jungen Herren um die Wette zu 40 erobern ſich bemühten, um ganze Tage lang in der kleinen Wohnung zu verbringen, die er in dem Hauſe Dunoyer's ge⸗ miethet? Verließ nicht der ſo geſuchte Mann die Geſellſchaften, um das höchſte Glück darin zu finden, unter einem Dache mit Thereſen zu ſein? War ſeine Liebe nicht ſo glühend als auf⸗ richtig? Wenn er nicht ſogleich bei dem Vanguier um ihre Hand angehalten hatte, ſo war es nur geſchehen, um ſich zuerſt die Zuſtimmung Thereſens zu erwerben, denn er wollte eine Heirath aus Liebe. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß der Mann, den wir Julien gegenüber ſo einſchmeichelnd, ſo gefügig, ſo kriechend geſehen haben, der das Mädchen durch Schmeicheleien und er⸗ heuchelte Zärtlichkeit getäuſcht, der nicht verſchmäht hatte, das heilige Andenken an ſeine Mutter zu entweihen, daß mit einem Worte Montal, an jede Verſtellung, an jede Liſt, an jede Schändlichkeit gewöhnt, leicht das junge, warme, unverdorbene Herz gewinnen mußte, das, ſeit ſo vielen Jahren bedrückt und verletzt, an die erſte Betheuerung der Liebe, die man ihm machte, glauben und Dank eben ſowohl für die Liebe fühlen mußte, die es ſelbſt empfand, als für die, welche es einflößte. Sehr wenige Mädchen in der Lage Thereſens würden dieſer Verführung widerſtanden haben, die um ſo gefährlicher war, weil ſie den ehrenwertheſten Zweck zu haben ſchien. Man muß, um die Siege Montal's und derer, die ihm gleich ſind, zu erklären, Siege, die immer große Verwunderung erregen, wenn man die jämmerlichen Eigenſchaften der Männer bedenkt, welche ſie erhalten, Vergleiche und Analogien in den niedrigſten Claſſen der Geſellſchaft ſuchen. Man wird finden, daß dieſe Männer ihre Siege faſt immer einer eben ſo gehäſſigen als ſchlauen Heuchelei verdanken, die darin beſteht, entweder ſchwache und zutrauliche Perſonen als Beſchützerinnen anzurufen oder bei gebrandmarkten Geſchöpfen ſich zu erniedrigen. Die gemeinen Frauen, die Schande und der Auswurf ihres Geſchlechtes, welche ihre Verdorbenheit durch die Verachtung büßen, die ſie erdulden, ſind nicht die häßlichſten Geſchöpfe des Schmutzes, in dem ſie ſich bewegen; es giebt noch einen Grad unter dieſer Schande. Ja, es giebt Männer, die für dieſe Ge⸗ ſchöpfe das ſind, was Montal für Julie war. — ——— — —— 41 Dieſe Männer, abwechſelnd verworfene Sclaven oder un⸗ barmherzige Tyrannen ſolcher Geſchöpfe, ſchmeicheln denſelben und beſtehlen ſie, dienen ihnen und ſchlagen ſie, fürchten und beherrſchen ſie, tröſten ſie beſonders über ihre Erniedrigung, indem ſie ihnen beweiſen, daß es noch tiefer geſunkene Geſchöpfe giebt, als ſie, weil ſie ihre ſchreckliche Liebe aufſuchen und dieſen Unglücklichen Gelegenheit geben, Milde zu üben, jene Milde und chriſtliche Liebe, die man immer, wenigſtens als Inſtinct, in dem Herzen auch der am tiefſten geſunkenen Frauen findet. Der Herr von Montal war nichts, als einer dieſer wider⸗ lichen Menſchen, aber abgeſchliffen durch den Umgang mit guter Geſellſchaft; er beſaß dieſelbe Servilität, denſelben Egoismus, dieſelbe eigennützige und niedrige Schmeichelei, wenn er ſeine Habſucht zu befriedigen hoffen konnte; dieſelbe brutale Inſolenz, wenn er ſich täuſchte, oder auf eine Weigerung ſtieß, kurz die⸗ ſelbe Gewohnheit, den guten Armen zu ſpielen, indem er ſich an die chriſtliche Liebe, an das Mitleiden der Frauen wendete und geſchickt ſein Unglück ausbeutete, ein Unglück ohne Adel und Würde, das durch die ſelbſtſüchtigſte Liederlichkeit verdient war. Es fand ſich bei ihm, wie bei den Männern, von denen wir ſprachen, dieſelbe Entweihung der heiligſten Gefühle und der heiligſten Worte, die ſie in ihrer habſüchtigen und unreinen Liebe parodiren. So verächtlich dieſe Männer ſind, welcher Claſſe ſie auch angehören, es ergiebt ſich aus ihren abſcheulichen Sitten eine gefährliche Gewohnheit der Heuchelei, etwas Demüthiges, Klägliches, Süßliches, Einſchmeichelndes, das den Frauen⸗ zimmern wie Julien gefällt, weil ſie Menſchen wie Montal be⸗ nutzen, oder Unerfaßrene täuſcht, wie Thereſen, weil die gut⸗ müthigen Herzen immer an den Leidenden Antheil nehmen. Man wird ſogleich ſehen, daß Montal die entſcheidendſten Fortſchritte in dem Herzen Thereſens gemacht hatte, indem er ſich an ihr Mitleiden, an ihre Menſchenliebe wendete. Der Marquis von Beauregard hatte dem Grafen den Ausgang ſeiner Verhältniſſe mit dem Banquier richtig voraus⸗ geſagt. Herr Achille und Madame Heloiſe Dunoyer brüſteten ſich eine Zeit lang mit der Freundſchaft des Grafen, Dunoyer lich ihm etwa zweihundert Lvuisd'or und Montal beſtritt davon zum Theil die Koſten, die er ſich gemacht hatte, um ſeinen 42 Plan gegen Thereſen durchzuführen; da aber der Banquier durch die Bekanntſchaft mit dem Grafen die Vortheile nicht erlangt, die er davon erwartet hatte, ſo wurde er alsbald müde, eine „milchende Kuh“ zu ſein, wie er ſich ausdrückte, und be⸗ nahm ſich deshalb bald ſehr kalt gegen den Herrn von Montal. So gleichgiltig dem Bangquier auch Thereſe war, ſo würde er ſie doch nie dem Grafen von Montal gegeben haben, der, wie er wohl wußte, völlig ruinirt war; Dunoyer wollte in Uebereinſtimmung mit ſeiner Frau, die ihre Abneigung gegen ihre Tochter immer weniger verbarg, derſelben eine ſo geringe Mitgift als möglich geben und ein armer Schwiegerſohn wäre für ihn natürlich eine Laſt geweſen. Dem Grafen waren die Hinderniſſe, die er vorausſah, nicht unlieb, denn ſie mußten die Leidenſchaft Thereſens noch ſteigern und ſie ihrem Verderben entgegenführen. Nachdem er von der tiefen Liebe, die er geweckt hatte, überzeugt war, enthüllte er eines Tages Thereſen das angebliche Geheimniß, das er ihr bis dahin verheimlicht hatte. Der Graf geſtand unter Thränen dem jungen Mädchen, daß er arm ſei, daß er am Rande der Armuth ſtehe. Lange habe er gehofft, einen Prozeß zu gewinnen, aber er müſſe jetzt dieſe Hoffnung aufgeben, da der Prozeß verloren ſei. Er fürchte indeß die ſchreckliche Armuth nicht, in die er verſinken müſſe, nein, vor dieſen Leiden könne ihn der Selbſtmord bewahren, er beklage nur die Nothwendigkeit, der. Hand Thereſen zu entſagen. Sie ſei zu reich — für ihn; da er jetzt ſo arm ſei, könne er nicht daran denken, ſie zu heirathen; ſein Gefühl widerſtrebe einer ſolchen Verbindung. Dieſe Bedenklichkeiten kamen ohne Zweifel etwas ſpät, aber Thereſe konnte dies nicht wiſſen, und dachte nicht daran. Im Gegentheil, ihr edler Stolz empörte ſich darüber, daß 3 Montal eine ſolche Berechnung anzuſtellen wagte. Sie warf ihm bitter vor, daß er an andere Intereſſen, als an die ihrer Liebe denke. „Iſt es meine Schuld,“ ſagte ſie, „daß ich reich bin?“ £ Montal blieb unerbittlich. Der Auftritt, von dem wir eben ſprachen, erfolgte in dem Garten von Monceau. Da Miß Hubert krank war, ging Thereſe ſeit einigen Tagen mit einem Kammermädchen und ihrer 43 jungen Schweſter aus. Montal hatte, wie bereits erwähnt, dieſes Kammermädchen beſtochen, die Clementinen hinwegführte und für das Zuſammentreffen Thereſens mit dem Grafen ſorgte. Herr von Montal verließ das junge unglückliche Mädchen ganz troſtlos und erſchrocken; ſie verwünſchte die Bedenklich⸗ keiten des Grafen und verbrachte eine ſehr ſchlechte Nacht. Sie erkannte dabei, wie groß ihre Liebe zu Montal war und be⸗ dachte, daß ſie ihn durch einen ſchrecklichen Tod verlieren könnte. Wir kennen nichts Rührenderes, nichts Heiligeres, als die Armuth, wenn ſie Gleichgiltigen gegenüber ſtolz iſt und ſchweigt oder mit Freuden über ihre Entbehrungen ſpricht, die ſie muthig oder ſelbſt mit Schmerzen trägt; aber unedel im höchſten Grade iſt es, zu thun, was Montal that, die Theil⸗ nahme und die Liebe eines jungen reichen Mädchens dadurch zu erzwingen, daß man unaufhörlich die ſchrecklichen Bilder vor Augen ſtellt, von der Kälte und dem Hunger ſpricht, die man erdulden wird, von den Lumpen, in denen man ſich wird zeigen müſſen, und von dem Selbſtmorde, der allein übrig bleibe, ſich von einem ſo ſchrecklichen Leben zu befreien. Am Tage nach der Zuſammenkunft in Monceau ſchrieb Thereſe, die den Herrn von Montal in ſeinem Zimmer oben gehen hörte, flüchtig folgende Worte: „Ich muß mit Ihnen ſprechen, erwarten Sie mich oben. Um drei Uhr geht meine Schweſter aus.“ Dann eilte ſie hinauf und ſteckte das Briefchen unter die Thüre. Ob ſie die große Bedeutung ihres Schreibens wohl er⸗ fannte, erſchien Thereſe um drei Uhr doch zum erſten Male in dem Zimmer Montals, aber bleich, verzweifelt, bittend; ſie beſchwor ihn, ſie nicht unglücklich zu machen auf ewig, ſondern ihren Vater um ihre Hand zu bitten, die er ihm nicht verſagen könnte. Montal hütete ſich wohl, das blinde Vertrauen Thereſens diesmal zu mißbrauchen; er beruhigte ſie, ja er hielt ihr die Unvorſichtigkeit ihres Beſuches vor, bat ſie, ſchnell wieder hin⸗ unter zu gehen, und verſprach ihr, über das, was ſie ihm geſagt habe, nachzudenken. Es war zwei Tage, nachdem Ker⸗Ellio dem Herrn von Montal ſeine Liebe zu Fräulein Dunoher geſtanden und, als er 44 nach Hauſe gekommen war, der Banquier ihm die Hand The⸗ reſens beſtimmt zugeſagt hatte. Man hat geſehen, daß der Herr von Montal nach dem Geſpräche mit ſeinem Vetter zwei Briefe geſchrieben hatte, einen an Julien, den andern an Thereſen. Der Letztere war geheim⸗ nißvoll, drohend, und Thereſe mußte, nach den Umſtänden, die wir auseinandergeſetzt haben, zu der Zuſammenkunft eilen, die der Graf erbeten hatte. Den andern Tag um drei Uhr war ſie bei ihm. Die Wohnung, welche Montal in dem Hauſe des Ban⸗ quier inne hatte, beſtand aus drei kleinen Piecen, einem Vor⸗ zimmer, einem nicht meublirten Cabinette zur linken und einem Schlafzimmer zur rechten Hand. In dieſes führte der Graf Thereſen. Nachdem er die Thüre geſchloſſen hatte, ſank der Graf vor dem jungen Mädchen nieder, ohne ein Wort zu ſprechen und verhüllte ſein Geſicht mit beiden Händen. Thereſe war bleich und erſchrocken; ſie konnte ſich kaum aufrecht erhalten und lehnte ſich an den Marmor-Kamin. Ihre großen ſchwarzen Augen füllten ſich mit Thränen, ihre Lippen zitterten krampfhaft und ihr Buſen wogte heftig. Nach einigen Minuten richtete Montal ſein von Thränen überſtrömtes Geſicht wieder auf (er verſtand zu weinen); er faltete die Hände und ſprach mit einer von Schluchzen unter⸗ brochenen Stimme: „Es iſt geſchehen. Leb' wohl, Thereſe! Leb' wohl auf ewig!“ Die Züge Montals waren ſchön, regelmäßig; ſein treff⸗ lich erheuchelter Schmerz und ſeine Bläſſe gaben ſeinem Geſichte einen rührenden Ausdruck. Als er mit ſchmerzlich bewegter Stimme wiederholte: „Es iſt geſchehen. Leb' wohl, Thereſe! Lebe wohl auf ewig!“ — fühlte ſich Thereſe im Innerſten er⸗ ſchüttert, ſo daß ſie in Verzweiflung mit unglaublicher Ent⸗ ſchloſſenheit ausrief: „Nein, nein — Ich weiß zwar nicht, was Sie mir noch ſagen wollen, ich weiß nicht, was uns bedroht; aber nichts in der Welt wird mich von Ihnen trennen.“ — „Aber, Thereſe, ich bin arm. Wenn das Wenige, S—— 45 das ich noch beſitze, verbraucht iſt, bleibt mir nichts als Armuth, die ſchrecklichſte Armuth.“ „Mein Gott! Mein Gott!“ rief Thereſe ſchluchsend. — „Ich werde nicht einmal Brod haben, Thereſe, denn ich beſitze in mir ſelbſt kein Hülfsmittel, — ich tauge zu nichts. Im Lurus erzogen, habe ich an eine ſolche Zukunft nie gedacht. Mein Geſundheitszuſtand hindert mich, mein Brod durch Hand⸗ arbeit zu verdienen.“ „Er — er, dahin gebracht, großer Gott! 4. — „Ich geſtehe es, es iſt ſchwach, es iſt feig, aber ich werde nicht die Kraft haben, die Armuth zu ertragen. Bedenken Sie, Thereſe, zu frieren, zu hungern, nicht zu wiſſen, wohin das Haupt legen und das vielleicht ein langes Leben hindurch! Ach, lieber den Tod, tauſendmal lieber den Tod als ein ſolches Leben!“ „Aber was ſoll aus mir, aus mir werden, wenn Sie ſich umbringen? — Was Sie da ſagen, zeugt von entſetzlichem Egois⸗ mus. Weil der Zufall mir Vermögen giebt, weil der Zufall Sie in Armuth ſtürzt, müſſen Sie meiner Liebe, müſſen Sie dem Leben entſagen?“ — „Thereſe, es wäre ehrlos, wollte ich Sie an mein jämmerliches Schickſal feſſeln. Das Unglück hat auf meinem ganzen Leben ſchwer gelaſtet, und in dem Augenblicke, da ich das Glück, das einzig wahre Glück erreicht zu haben glaube, muß ich ihm entſagen. Es iſt entſetzlich!“ Und der Herr von Montal vergoß von neuem heuchleriſche Thränen. „Eduard, Sie machen mich wahnſinnig!“ rief Thereſe aus, die ſchon faſt von Sinnen gekommen warz; „dieſes grau⸗ ſame Zartgefühl wird mich zum Aeußerſten treiben.“ — „Thereſe, um Gottes willen, beruhigen Sie ſich! 6 „Noch dieſen Abend werde ich meinem Vater alles ſagen,“ fuhr Thereſe im Tone ruhiger Entſchoſſenheit fort, welcher den Grafen erſchreckte. Das hieß zu bald von ſeinen Plänen ſprechen. — „Thereſe, davor hüten Sie ſich.“ „Beruhigen Sie ſich, Eduard, ich werde Ihr Zartgefühl ſchonen. Sie haben es ſelbſt geſagt, Sie ſind nie glücklicher geweſen als in dieſer beſcheidenen ſtillen Wohnung. Wie viel 46 braucht man, um auf dem Lande, in irgend einem verborgenen Winkel zu leben? — ſehr wenig. Ich werde deshalb von mei⸗ nem Vater nur das verlangen, was zu einem ſolchen Leben durchaus nothwendig iſt. Iſt dies noch zu viel?“ rief The⸗ reſe aus bei einer Bewegung des Schreckens an Montal, die ſie als den Ausdruck einer übergroßen Uneigennützigkeit aus⸗ legte — „Nun wohl, ſo werde ich ihn um nichts, um gar nichts anſprechen, Eduard. Ich werde arbeiten; ich kann nähen und ſticken; die Erziehung, die wir Mädchen erhalten, giebt uns, ſo leichtfertig ſie zu ſein ſcheint, doch Hülfsmittel für die böſen Tage. Auch Sie, Eduard, werden ſich anſtrengen und ein Mittel finden, unſer Wohlſein zu vermehren; wenn nicht, ſo arbeite ich für uns beide. Fürchten Sie nichts; die Liebe wird mir Muth und Kraft geben; wir haben Niemandem etwas zu verdanken und machen es wie ſo viele arme Familien, die glücklich und zufrieden leben.“ „Ich Sie zu einer ſo grauſamen Lage verdammen, Sie, die Sie an den Lurus gewöhnt ſind! — Nein, niemals!“ rief der Herr von Montal, höchlich erſchrocken über die Uneigen⸗ nützigkeit des jungen Mädchens. „Aber wenn ich auch mich hierein fügen, wenn ich auch Ihr edles Opfer annehmen wollte, — es ℳ zu ſpät.“ Wie ſo?“ 6 — „Das Briefchen, das ich Ihnen S5 — „Es kündigte ein neues Unglück an, ihene Und welches iſt es?“ — „Ich ſchwöre Sie, Thereſe, beruhigen Sie ſich oder ich ſage gar nichts.“ „Nun ich bin ruhig, ganz ruhig; reden Sie, ich höre.“ — Haben Sie den Herrn von Ker⸗Ellio hier geſehen?“ „Dieſen Bretagner, über den Sie ſich ſo luſtig machten?“ — „Wie finden Sie ihn?“ „Jiht — „Ja. Was denken Sie von ihm?“ „Mein Gott, gar nichts. Sie haben ihn läche ge⸗ macht und dies chat mir wegen der armen Bretagne Leid, die ich unwilltührl ich immer geliebt habe.“ — „Und ſein Geſicht?“ „Welche Fragen legen Sie mir vor? Ich habe es nicht „ „ 47 beachtet; es kam mir ziemlich unbedeutend vor. Aber wozu alles dies?“ — „Sie werden es ſogleich erfahren — Der Herr Baron von Ker⸗Ellio, mein Vetter, hat ein Einkommen von wenig⸗ ſtens zwanzigtauſend Livres aus ſeinen Beſitzungen in der Bre⸗ tagne und eine bedeutende Summe bei Ihrem Herrn Vater.“ „Weiter! Weiter!“ — „Der Herr von Ker⸗Ellio hält um Ihre Hand an.“ „Um meine Hand?“ — „Geſtern trug er mir auf, ſein Dolmetſcher bei Ihrem Vater zu ſein. Verſtehen Sie nun? Sie ſehen, Alles iſt ver⸗ loren und ich kann nicht einmal Ihr edles Anerbieten an⸗ nehmen.“ „Weil der Herr von Ker⸗Ellio um meine Hand wirbt? Sie ſind ein Thor.“ — „Was ſagen Sie?“ „Iſt dies das Unglück, welches uns bedroht?“ ſ nichts „Nichts —, wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe.“ — „Thereſe, dieſe Sprache —“ „Ich muß ſie führen, weil Sie dieſelbe nicht führen — Was antworteten Sie dem Herrn von Ker⸗Ellio?““ — „Daß ich ſein Geſuch Ihrem Vater vortragen würde.“ „Das haben Sie verſprochen? — — „Ich habe es verſprochen; — ich konnte es ihm nicht verweigern, ohne ſeinen Argwohn zu wecken.“ „Sie thaten Unrecht; Sie hätten zu ihm ſagen ſollen: Thereſe liebt mich, ich liebe ſie, — ihre Hand gehört mir.“ — „Thereſe, ich wiederhole es, Ihre Aufregung erſchreckt mich — Sie ſtellen ſich ruhig und ſind es nicht.“ „Werden Sie das Geſuch meinem Vater vortragen?“ — „Ich habe meinem Vetter mein Wort gegeben —, ich konnte nicht anders — ohne zu wagen, Ihrem Rufe zu ſchaden.“ 3. „Ach, Sie lieben mich nicht ſo, wie ich Sie liebe! Ich würde es nicht fürchten, für Sie mich und meinen Ruf zu wa⸗ gen — Aber wenn Sie es verſprochen haben, müſſen Sie dieſes Verſprechen halten —. Halten Sie bei meinem Vater um Thereſe Dunoyer IM. 4⁸ meine Hand an für jenen Herrn, deſſen Liebe ſich ſo ſchnell ge⸗ funden hat.“ — „Man weiß, daß Ihr Vater ſo reich iſt, Thereſe.“ „Der Bretagner will die Tochter des reichen Banquier heirathen, ich zweifele nicht daran.“ — „Ich bitte alſo Ihren Vater um Ihre Hand für mei⸗ nen Vetter.“ „Mein Vater wird mit mir davon ſprechen, — ich weigere mich und ſage ihm, daß ich nie einem andern Manne als Ihnen angehören werde.“ — „Ach, Thereſe, Ihr Vater, der auf der einen Seite einen reichen verſtändigen Mann ſieht, der für ſeine Intereſſe zu ſorgen verſteht, und auf der andern einen Mann, der bald ganz arm ſein wird —“ „Er wird Ihnen Ihren Vetter vorziehen, das iſt nicht zu bezweifeln.“ „Leider!“ „Ich aber werde Sie Ihrem Vetter vorziehen, und da meine Hand mir angehört, ſo habe ich zu entſcheiden.“ — „Ihr Vater wird darauf dringen.“ „Ich werde unerſchütterlich ſein.“ — „Er wird Sie mißhandeln.“ „Daran bin ich gewöhnt.“ — „Er wird mir ſeine Thüre verſchließen“ „So komme ich hierher zu Ihnen und ſage: Eduard, ich bin die Ihrige, Ihre Gattin, verfügen Sie über mich — Sie ſind ein edler, rechtlicher Mann, laſſen Sie uns abreiſen —“ — „Und wenn ich mich weigere, Sie an mein unglück⸗ liches Schickſal zu knüpfen —“ „Wenn Sie ſich weigern —“ — J „Wenn Sie ſich weigern —, nicht um arm zu leben, nicht wahr, ſondern um einen Selbſtmord zu begehen —“ Herr von Montal ließ traurig das Haupt ſinken und ant⸗ wortete nicht. 3 — „Ich verſtehe —, Sie würden ſich lieber umbringen als die Aufopferung eines Mädchens annehmen, die ihr Ver⸗ mögen mit Ihnen theilen will, wenn Sie es wünſchen, Ihre Armuth, wenn Sie vorziehen arm zu ſein —“ 5 49 „Thereſe, — Sie ſind unbarmherzig.“ — „Und Sie —, wenn Sie dies thun, wenn Sie ſich tödten, ſo tödte ich mich auch, denn mein Herz iſt in Ihnen, mein Leben iſt in Ihnen, das einzige Glück, nach dem ich ſtre⸗ ben kann, liegt in Ihnen.“ Thereſe — „Es iſt dies kein leeres Wort; — Sie kennen mich, Sie kennen die Entſchloſſenheit meines Characters. Ich bin jetzt bei Ihnen; um hieher zu gelangen, um wieder fort zu kommen, trotze ich der Schande, meinem Unglücke; beurtheilen Sie darnach, was mir noch zu thun übrig bliebe und was ich thun würde, wenn der Mann, für den ich ſo viel opferte, feig ſich ſelbſt umbrächte.“ * „Feig, Thereſe!“ — „Feig —, Sie müßten ſich vor meiner Liebe fürchten.“ Die großartige Energie in dem Tone Thereſens, als ſie dieſe letzten Worte ſprach, läßt ſich nicht beſchreiben. Der Herr von Montal ſchien durch dieſe Entſchloſſenheit beherrſcht, überwunden zu werden und rief in einem vortrefflich erheuchelten Liebesentzücken: „Nun wohl, ja, ja, Thereſe, ich werde Deiner bewun⸗ dernswürdigen Aufopferung, ich werde Deiner würdig ſein, ich werde mich zu Deiner Höhe erheben, bewundernswürdiges Mäd⸗ chen, meine Bedenklichkeiten ablegen, nur noch einen Wunſch, einen Zweck haben, Dir durch unauflösliche Bande anzugehören. — Ja, Thereſe, ich ſchwöre es Dir mit einem Eide, den ich nie vergebens anrufe,“ fuhr Montal mit feierlicher Stimme fort, „ich ſchwöre es Dir bei dem Andenken an meine arme Mutter — was auch geſchehen möge, ich bin Dein, auf ewig Dein.“ — „Und ich,“ rief Thereſe begeiſtert, „ich, die ich in der Welt nichts Heiligeres habe als meine Liebe, ich ſchwöre Ihnen im Namen dieſer Liebe, was auch geſchehen möge, nur Ihnen anzugehören. Ja, ich bin für ewig die Ihrige.“ Das junge Mädchen ſtreckte mit funkelnden Augen und ſtrahlender Stirne beide Hände Montal entgegen. Dieſer ſchlug die Augen gen Himmel und hatte die empö⸗ rende Frechheit, mit einer Stimme, die er rührend zu machen wußte, die läſterlichen Worte zu ſprechen: 41 * 50 „Mutter, ſieh aus dem Himmel hernieder und ſegne un⸗ ſern Bund.“ Dann trieb er die gehäſſige Comödie ſo weit, daß er an einen Finger Thereſens einen Ring (den er früher Juüien gegeben hatte) ſteckte in bewegtem Tone, mit Thränen in den Au⸗ gen, ſagte: „Thereſe, ich habe in meiner Armuth noch ein unſchätz⸗ bares Kleinod, — den Ring, den mir meine arme Mutter auf ihrem Sterbebette mit ihrem Segen gab. Dieſer heilige Ring möge das Pfand unſers Gelübdes ſein!“ — „Ach, Sie lieben mich wie ich Sie liebe —, da Sie mir ein ſolches Opfer bringen. Ich werde deſſelben würdig ſein und nehme es an,“ ſprach Thereſe wonnetrunken, indem ſie den Ring mit Ehrfurcht und Dankbarkeit küßte. Mit Thränen ſetzte ſie dann hinzu: „Vor Gott, vor Ihrer Mutter, Eduard, bin ich nun Ihre Frau.“ In dieſem Augenblicke hörte man einen Wagen in das Haus hereinrollen. „Mein Vater,“ rief Thereſe erſchreckend; „„er kann mich zu ſich rufen laſſen.“ — „Schnell, ſchnell, gehen Sie hinunter,“ ſprach Montal. „Und was beſchließen wir?“ „Daß ich Ihnen angehöre.“ — „Dein alſo, Thereſe, ach ja, Dein, Dein! Nur laß mich einige Tage darüber nachdenken, was wir zu thun hahen⸗ ſprich noch nicht mit Deinem Vater.“ „Muß ich Dir jetzt nicht in Allem gehorchen, Eduard!“ — „Morgen, wenn Du kannſt, um drei Uhr, geliebte Thereſe, werde ich Dir hier ſagen, wozu ich mich entſchloſſen habe. Wirſt Du kommen, mein Engel?“ — „Ob ich komme, Eduard? Ach ja, ja, jetzt komme ich ohne Angſt und ohne Scheu,“ entgegnete das Mädchen, indem ſie Montal den Ring ſeiner Mutter zeigte, den er ihr gegeben hatte, und mit Ehrfurcht dieſen Ring noch einmal küßte. „Engel, angebeteter Engel!“ rief Montal, indem er auf ſeine Knie ſank und die Hände Thereſens mit gühenen Füſn bedeckte. Das Wen bückte 6 mit einer höchſt geazſ Bewe⸗ vüceecciich — —— ——— 51 gung, berührte züchtig mit ihren Lippen die Stirn Montals und ſagte mit leiſer Stimme: „Mein Eduard, dieſen erſten Kuß im Namen Deiner Mutter.“ Dann öffnete ſie raſch die Thüre und verſchwand. IV. Die Heirath. An dem Tage nach jenem, an welchem Thereſe Montal geſchworen hatte, nur ihm anzugehören, wurde ſie gegen zwei Uhr Nachmittags zu ihrem Vater beſchieden und ſie ging mit Miß Hubert zu ihrer Mutter hinunter. Madame Heloiſe be⸗ fand ſich gegen ihre Gewohnheit in dem Zimmer ihres Mannes. Herr Achille ſagte zu der Gouvernante, er habe mit The⸗ reſen zu ſprechen und dieſe blieb allein bei ihrem Vater und ihrer Mutter, durch die feierliche, faſt ſtrenge Art, mit der man ſ aufnahm, ziemlich eingeſchüchtert. Herr Dunoyer verſchloß, als er ſich überzeugt hatte, daß Niemand ihn hören konnte, die Thüre des Zimmers, kehrte dann zu Thereſen zurück und ſagte in ernſtem ſententiöſem Tonet „Obgleich Du nicht immer verdient haſt, was wir, ich — und Beine Mutter, für Dich gethan haben, ſo wollen wir Dir doch einen neuen Beweis von unſerer Theilnahme geben.“ — „Und Gott gebe, daß Mademoiſelle dafür nicht undank⸗ bar ſei, wie für das Uebrige,“ bemerkte Madame Helviſe bitter. Da bei der Conferenz, welche ſtattfinden ſollte, Dinge vorkommen konnten, welche in dem Herzen des Banquiers un⸗ angenehme Erinnerungen weckten, ſo wollte Heloiſe den Groll Achille's über die Geburt Thereſens dadurch mildern, daß ſie ſich ſehr hart gegen ihre Tochter zeigte. Thereſe ſelbſt war ſchon zu lange an die Härte ihrer Mut⸗ ter gewöhnt, als daß ſie ſich beſonders ſchmerzlich davon berührt gefühlt oder ſich darüber gewundert hätte. Sie ſenkte ihrer Ge⸗ wohnheit nach den Kopf und ſchwieg. „Wie ich es ſagte!“ fuhr Madame Heloiſe fort; „ſie ſagt kein Wort. So nimmt ſie die Güte auf, die man gegen ſie zeigt.“ — „Ja, Thereſe, Du haſt die abſcheuliche Gewohnheit, niemals auf die Vorwürfe zu antworten, die man Dir macht; es kann nichts Impertinenteres geben, als ein ſolches Be⸗ nehmen.“ „Hörſt Du, was man Dir ſagt?“ fiel Madame Heloiſe ein. „Ob ſie nur die Augen aufſchlägt!“ Thereſe richtete den Kopf empor und blickte traurig ihre Mutter an. „Hm!“ ſagte dieſe ironiſch; „eine ſcheinheilige Miene anzunehmen, verſtehſt Du vortrefflich, das weiß man ſchon.“ — „Sie ſind ſehr ſtreng gegen mich, liebe Mutter,“ ſagte Thereſe mit bewegter Stimme. „Warum nicht gleich lieber ungerecht?“ . — „Beruhige Dich, Heloiſe, beruhige Dich,“ fiel Herr Achille ein; „wenn ſie die Abſicht gehabt hat, die Achtung gegen Dich aus den Augen zu ſetzen, ſo wird ſie es ſogleich bedauern, wenn ſie erfährt, wie gut wir gegen ſie ſind.“ Es giebt Leute Herr und Madame Dunoyer gehörten zu denſelben), welche das Gute auf eine Weiſe thun, als thäten ſie es höchſt ungern; der Fortgang dieſes Geſprächs wird zei⸗ gen, daß trotz der Bitterkeit dieſer erſten Worte der Banquier und ſeine Frau ihrer Tochter etwas anzukündigen glaubten, das ihr angenehm ſein würde. Vielleicht könnte man auch die Bit⸗ terkeit der Madame Heloviſe dem Neide zuſchreiben, den ſie über das künftige Schickſal ihrer Tochter empfand, wenn ſie auch den Augenblick der Trennung von Thereſen mit Vergnügen her⸗ annahen ſah. Herr Dunoyer fuhr mit erhöhter Feierlichkeit fort: „Du wirſt nun bald achtzehn Jahre alt, Thereſe; Du biſt heirathsfähig.“ Das Mädchen fühlte ihr Herz krampfhaft zuſammengepreßt, doch nahm ſie alle ihre Kräfte zuſammen, um gegen den Sturm kämpfen zu können, den ſie vorausſah. Eine Ahnung ſagte ihr, daß es ſich nicht um den Herrn von Montal handelke. Herr Achille Dunoyer fuhr fort: 55 „Du biſt heirathsfähig und wir haben zufällig eine Partie * für Dich gefunden, — eine unverhoffte Partie.“ — „Ja wohl eine unverhoffte“, bemerkte Madame Heloiſe, die ihre Eiferſucht nicht bergen konnte. „Du wirſt aufgeboten und dann ſogleich getraut werden“, ſprach Dunoyer weiter. „Ich hoffe, daß Du damit zufrie⸗ den biſt.“ Herr und Madame Dunoyer erwarteten einen Ausbruch der Dankbarkeit von Seiten Thereſens, ſie wunderten ſich deshalb anfänglich über das Schweigen derſelben und wurden unwillig darüber. „Da ſiehſt Du die Dankbarkeit des Mädchens, Achille! Kein Wort, keine Geberde! — Wie ich Dir ſagte, Achille, ſie verdient ein ſolches Glück nicht. — Aber ſie ſtellt ſich nur 105 ſie brennt vor Sehnſucht nach einem Manne, glaubt aber ohne Zweifel, wie eine Herzogin, es zieme ſich nicht, die Freude, einen Mann gefunden zu haben, merken zu laſſen.“ — „Ehe ich mich glücklich ſchätzen kann, liebe Mutter, muß ich doch wenigſtens wiſſen, mit wem Sie mich zu ver⸗ heirathen verſuchen“, entgegnete Thereſe, indem ſie Helviſe ſtarr anblickte. „Ich verſuche!“ rief Heloiſe ergrimmt; „ich verſuche! Hörſt Du, Achille, ich verſuche?“ — „Es kommt mir allerdings vor, Thereſe“, ſagte der Banquier, der ſich ſtellte, als bliebe er ungemein ruhig, „daß Du Dich ſehr ungebührlicher Ausdrücke bedienſt. Wir ver⸗ ſuchen nicht, Dich zu verheirathen, wir gedenken, wir wollen Dich verheirathen, weil dieſe Heirath uns angenehm iſt, und weil ſich kein Einwurf dagegen machen läßt.“ — „Ich muß aber doch den Mann kennen, um den es ſich handelt, und er muß mir gefallen“, ſagte Thereſe mit feſter Stimme. Herr und Madame Dunoyer ſahen einander achſel⸗ zuckend an. „Es iſt zum Erbarmen!“ rief Heloiſe lachend aus; „Mademviſelle will wohl eine Heirath aus Neigung ein⸗ gehen?“ 3 54 — „Antworte ihr nicht, Heloiſe. — Der Mann, von dem die Rede iſt, paßt vollkommen für Dich. Er iſt jung, reich, von Adel.“ „Baron!“ fiel Helviſe ein, „Baron! Und das Mäd⸗ chen ziert ſich, Baronin zu werden!“ — „Mit einem Worte, es iſt der Herr Baron von Ker⸗ Ellio, der vor mehreren Tagen bei uns gegeſſen hat“, ſagte Herr Achille. „Jetzt hoffe ich, daß Du uns endlich danken wirſt. Das unbewegliche Vermögen des Herrn Barons iſt ſehr anſehnlich; er hat übet zweimalhunderttauſend Francs bei mir ſtehen und bezieht aus ſeinen Gütern wenigſtens fünfzehntauſend Livres jährlich. Uebermorgen Abend werde ich Dir Deinen Bräutigam förmlich vorſtellen und nach einem Monate wirſt Du verheirathet ſein.“ „Aber der Herr von Ker⸗Ellio kennt mich nicht mehr, als ich ihn kenne“, ſagte Thereſe, die zögerte und der die Thränen in die Augen traten. „Ich leugne ſeine guten Eigenſchaften nicht, aber ich habe ſie nicht würdigen lernen können ʒ er ſeiner⸗ ſeits kennt meinen Charakter nicht. — Wie konnte er —“ — „Sollteſt Du die Keckheit haben, mir ungehorſam zu ſein?“ fragte Herr Dunoyer mit ſchrecklicher Stimme, indem er näher an ſeine Tochter trat. „Achille, Du ſiehſt es, ſie iſt zu Allem fähig“, entgegnete Helviſe. „Sie wird uns in's Grab bringen.“ — „Es handelt ſich um das Schickſal meines ganzen Lebens, und ich bin entſchloſſen, nur mein Herz zu Rathe zu ziehen, ehe ich mich ewig binde“, antwortete Thereſe muthig. „Hörſt Du die Freche, Achille?“ rief Helviſe aus. — „Thereſe, Du mußt den Verſtand rein verloren haben. Glaubſt Du, ich würde Deiner ſchönen Augen wegen die Ge⸗ legenheit verabſäumen, Dich nach meinem Gefallen und beſſer zu verheirathen, als ich es jemals hoffen konnte?“ „Es iſt zum Erbarmen!“ rief Heloiſe aus. „Sich zu weigern, Baronin zu werden mit mehr als fünfundzwanzig⸗ tauſend Livres Einkünften! Welchen Mann denkſt Du denn zu finden? einen Prinzen? Man ſollte wirklich glauben, Du wärſt aus den Lenden Jupiters hervorgegangen.“ Dieſe zarte Anſpielung auf die Geburt Thereſens war keine glückliche. Herr Achille zog die Augenbrauen zuſammen. 55 Madame Heloiſe bereute, wie immer, ihre unpaſſenden Worte zu ſpät; zum Glück für ſie ließ Achille, der ihr ohne Zweifel die Härte gegen Thereſen danken mußte, ſeinen ganzen Jorn auf dieſe fallen. Mit vor Zorn aufgeblaſenen Naſen⸗ löchern und ſchäumend ſchrie er: — „Du willſt Dich alſo in einen Kampf mit mir ein⸗ laſſen, Mädchen? Gut? ſo ſei es Kampf. Weißt Du noch nicht, mit wem Du es zu thun haſt? Weißt Du nicht, daß ich Dich mit einem Worte hundert Fuß tief unter die Erde ſchleudern kann? Haſt Du mich noch nicht zornig geſehen, he? Sieh mich an!“ rief er, indem er brutal die beiden Hände Thereſens in die ſeinigen nahm und ſie zwang, ihm in das Geſicht zu ſchen. In dem Parorysmus ſeiner Wuth war der Mann häßlich. „Sei ruhig, Achille, wir kommen zum Zwecke; ſie muß doch nachgeben oder ſagen warum? Eine ſolche Partie auszu⸗ ſchlagen! Aber wir wollen ſehen! wir wollen ſehen! Vor allen Dingen geht ſie wieder auf ihr Zimmer hinauf, das ſie nicht verläßt, als um hieher zu kommen und den Herrn Baron von Ker⸗Ellio zu empfangen, und wehe ihr, wenn ſie ihn nicht empfängt, wie er nach dem, was wir geantwortet haben, jetzt erwarten kann!“ — „Nein“, begann Herr Dunoyer wieder, der ſich be⸗ ruhigte, „ich kann es nicht glauben, daß ſie den Wahnſinn ſo weit treibt, ſich offen gegen uns aufzulehnen. Wie Du ſagſt, Helviſe, ſie will ſich ohne Zweifel bitten laſſen. — Antworte alſo!“ rief er Thereſen rauh zu, „und wage mir in das Geſicht zu ſagen, daß Du die Keckheit haben willſt, meinem Willen zu widerſtehen?“ „Ich ſage“, antwortete Thereſe mit Feſtigkeit, „ich ſage, daß ich mich nicht in einem Augenblicke zu dem Verſprechen ent⸗ ſchließen kann, irgend einen Mann zu heirathen, den ich nicht kenne; ich ſage daß ſchlechte Behandlung meinen Entſchluß, ſtatt ihn zu erſchüttern, nur um ſo unbeweglicher machen wird.“ — „Nun wahrhaftig! Und Du glaubſt, ich hätte nicht auch meinen Kopf?“ rief Dunoyer, durch den Widerſtand Thereſens gereizt. „Du glaubſt, ich würde mir die Gelegen⸗ heit, die ſich mir darbietet, Dich loszuwerden, vorbeigehen laſſen?“ 56 Achille bereute trotz ſeiner natürlichen Rohheit dieſe Worte, als er den ſchmerzlichen Ausdruck bemerkte, der ſich in den Zügen Thereſens zeigte. Heloiſe, die einen wo möglich noch häßlicheren und ge⸗ meineren Charakter beſaß, als ihr Mann, hatte nicht daſſelbe Bedenken wie dieſer, und ſetzte hinzu: „Ja, Dich loswerden, das iſt das rechte Wort. Achille hat ganz recht; ja, es wäre ein Glück für uns, von einem ſo ſchlechten Geſchöpfe befreit zu werden.“ Dieſe Rohheit verletzte Thereſen tief, gab ihr aber auch unwillkührlich eine ganz neue Anſicht von ihrer Lage; trotz dem Verſprechen, das ſie dem Herrn von Montal gegeben hatte, und auf die Gefahr hin, den Argwohn des Banquier zu wecken, ent⸗ gegnete ſie ſchmerzlich: — „Wenn es Ihnen nur darauf ankommt, mich loszu⸗ werden, ſo wird es Ihnen auch gleichgiltig ſein, ob ich den Herrn von Ker⸗Ellio oder irgend einen andern heirathe.“ „Das iſt mir gar nicht gleichgiltig““, entgegnete der Ban⸗ quier. „Ich will Dir Alles ſagen. Wenn es ſich für Dich 0 „Ich 8 um eine Heirath handelt, ſo handelt es ſich für mich um ein Geſchäft. Der Herr von Ker-Ellio hat Gelder bei mir ſtehen und er genehmigt meine Anordnungen (wenn er Dein Mann wird), dieſe Gelder zu behalten und ſie zu benutzen, wie es mir gut dünkt; iſt das deutlich?“ — „Du biſt viel zu gut, in ſolche Details einzugehen“, unterbrach Madame Helviſe ihren Mann. „Haben wir ihr die Gründe anzugeben?“ „Allerdings nicht, aber ich will ſie überzeugen, daß die Heirath ſtattfinden muß und daß ſie ſtattfinden wird, nicht blos weil ſie für das undankbare Mädchen paßt, ſondern auch weil ſie für mich paßt. Beſonders möge ſie bedenken, daß, wenn ich auch in Bezug auf ſie ſchwach ſein könnte, in Rückſicht auf das, was mich perſönlich berührt, ich es nicht auch ſein werde.“ „So verkaufen Sie mich alſo, lieber Vater? So vopfern Sie mich irgend einem Geldgeſchäfte auf?“ fragte The⸗ reſe mit Unwillen; „und Sie glauben, ich könnte den Mann, von Liebe gar nicht zu reden, achten, der im Stande iſt, zu ſolchen Mitteln zu greifen, um meine Hand zu erhalten?“ 57 „Entferne Dich, Unglückliche!“ rief Herr Dunoyer wüthig; „entferne Dich! Geh in Dein Zimmer hinauf! Uebermorgen Abend wird der Herr von Ker⸗Ellio hicherkom⸗ men; ich ſelbſt werde Dich abholen und wir wollen ſehen, wer nachgiebt, ich oder Du!“ Thereſe ſtreckte mit flehendlicher Geberde die Hände nach ihrem Vater und ihrer Mutter aus und ihre Augen ſchwammen in Thränen; ſie wollte bitten, aber ſie erkannte auf beiden Ge⸗ ſichtern ſo viel Bosheit, daß ſie ſich ſchämte, zum Bitten ſich zu erniedrigen. Sie richtete ſich gerade empor mit ſtolzem verach⸗ tendem Blicke und ſagte: „Es gilt einen Kampf, wohlan! Gott kann nicht für die ſein, welche ihre Kinder opfern.“ — „Welche Keckheit! welche Frechheit!“ ſprach leiſe Heloiſe. „Ich habe nie dieſen gebieteriſchen Blick an ihr ge⸗ ſehen. Ach, er erinnert mich nur zu ſehr an den Blick des ver⸗ haßteſten der Männer.“ „Du willſt alſo einen Kampf?“ rief der Banquier wüthend. „Nimm Dich in Acht, Du könnteſt dabei zertrüm⸗ mert werden.“ . — „Sie können mich vernichten, ja, aber beugen nie!“ entgegnete Thereſe, indem ſie ſich nach der Thüre wendete. „Unglückliche!“ fuhr der Banquier fort, bleich vor Wuth; „Du wagſt ſo mit mir zu reden, weißt Du, was Du hier biſt? Weißt Du, daß ich blos ein Wort zu ſagen brauche —“ — „Achille, Achille, meinetwegen!“ rief Heloiſe in Ent⸗ ſetzen, als ſie ſah, daß ihr Mann auf dem Punkte ſtand, das traurige Geheimniß der Geburt Thereſens auszuſprechen. Thereſe hatte in ihrem Schmerze und in ihrer Verzweiflung die Worte Dunoyers nicht beobachtet; ſie ging raſch aus dem Zimmer hinaus und in das ihrige hinauf, um ſich ohne Zeugen ihrem Schmerze zu überlaſſen und Montal von dem Vorfalle zu benachrichtigen. 58 V. Das Geſtändniß. Wir führen den Leſer in das beſcheidene Zimmer, das der „ Herr von Ker⸗Ellio bewohnte, an dem Tage, da er offiziell dem Fräulein Dunoyer vorgeſtellt werden ſollte. Am Tage vorher hatte, wie wir geſehen haben, die peinliche Unterredung zwi⸗ ſchen Thereſen und deren Eltern ſtattgefunden. Die große Freude wie der große Kummer verurſacht eine gewiſſe fieberhafte Unruhe und unaufhörliche Bewegung. Ewen ſollte Thereſen erſt um acht Uhr Abends ſehen. Er war mehrmals zwecklos ausgegangen und eben ſo zwecklos zurückgekehrt; aus ſeinen Zügen ſprach ein ſtrahlendes Entzücken, ob ſie gleich durch ſo heftige Aufregungen etwas verzerrt waren. Bald ging er mit großen Schritten auf und ab, bald blieb er mit einem Male ſtehen. „O, wie die Zeit ſchleicht! Erſt vier Uhr“, ſagte Ewen vor ſich hin. „O, wie drückend iſt es, auf das Glück zu war⸗ ten. Es iſt faſt ein Schmerz. Die Stunden des Kummers enteilen raſcher. Thereſe hat mich bemerkt; ſie genehmiget meine Bewerbung. Ohne Zweifel hat meine innere Bewegung Ein⸗ druck auf ſie gemacht. Ihr Vater williget in Alles; ſie wird meine Frau werden, meine Frau! Nun wird mir der gute Abbé von Kerouellan keine Vorwürfe mehr machen über die Unfrucht⸗ barkeit meiner Träumereien. Hätte ich nicht geträumt, hätte ich jenes reizende Bild mir nicht immer vor die Seele beſchworen, ſo würde ich mich mit einer gewöhnlichen Heirath begnügt haben, während ſie es iſt, die ich heirathe, ſie, die Schöne, die wunder⸗ bar Begabte! Es grenzt wirklich an das Wunderbare. Sollte man nicht ſagen, eine wohlwollende Fee mache ſich ein Ver⸗ gnügen daraus, mir einen jener unſinnig ehrgeizigen Wünſche zu erfüllen, die alle Menſchen hegen? „Thereſe wird meine Frau ſein! Ich nehme ſie mit mir in das Haus meines Vaters; mit Thereſen wandele ich an un⸗ ſern Küſten hin, über unſere Haiden, über unſere Felſen, durch unſere Wälder. Ich werde mich mit ihr dahin ſetzen, wo ich ₰ —. — 59 ſo oft allein geweint habe, wo ich ſie ſo oft anrief, als ich ſie ſo glühend liebte, ohne ſie zu kennen. Sie, mein ſchöner Traum! Wie wird ſie die Seltſamkeiten dieſer Leidenſchaft begreifen, wenn ich ihr jenes geheimnißvolle Portrait zeige, das mir eben ſo großes Entſetzen als Liebe einflößte, wenn ich ihr meine armen alten Diener vorſtelle, die vor Freuden weinen werden, indem ſie ihr die Hand küſſen. Welches Glück! Welche Wonne! „Ach ja, ich wußte wohl, daß Thereſe empfänglich ſein würde für die Schönheiten der Ratur; ihr Vater hat es mir ge⸗ ſagt, meine Ahnungen haben mich in nichts betrogen, in nichts. Ach, welches Glück! — im Winter, neben dem Heerde, während der Wind über die Haide brauſet, während der Sturm an der Küſte brüllt, ihre Stimme, ihre melodiſche Stimme zu hören, die, ſeit ich ſie vernommen habe, unaufhörlich in meinem Herzen wiederklingt! Ach ja, ſie wird dieſes ruhig ſtille glückliche Leben lieben. „Ich weiß nicht, warum mir es ſo vorkommt, als könnte ich dieſe friedlichen Neigungen auf ihrem melancholiſchen Ge⸗ ſichte leſen. Ich glaube, ſie iſt gleich mir dazu geboren, das zurückgezogene Leben zu lieben. Sie wird ſo viel Gutes thun; wie werden unſere Fiſcher, unſere Pächter ſie ſegnen! Es iſt ſeltſam; es kommt mir vor, als würde ich gleich das erſte Mal neben ihr nicht verlegen ſein, als ſetzte ich, im Geſpräch mit ihr, eine geſtern abgebrochene Unterredung fort. Ich wollte ihrem Vater die romantiſchen Umſtände nicht erzählen, welche dieſe Liebe herbeigeführt haben; er würde ſie nicht verſtanden haben; aber ſie, wie wird ſie ſich wundern! wie wird ſie ſich den Ein⸗ druck erklären, den ſie auf mich machte! Bisweilen kommt mir es vor, als müßte ſie hier das gehört haben, was ich in der Bretagne geſprochen. — Doch ich verliere den Verſtand“, ſetzte Cwen lächelnd und mit Achſelzucken hinzu; „ich werde wahn⸗ ſinnig. — Endlich, endlich wird es Nacht. „Ach die Stunden! die Stunden! Ob ich ausgehe? Zu welchem Zwecke? Es iſt ſeltſam, was mir geſchieht; der Finger Gottes zeigt ſich darin; unendliche Güte, unerforſchliche Abſich⸗ ten, geheimnißvoll vollbrachtes Werk! Erſt ſchweben meine Ideen unklar und unſicher nach einem Ieale umher, dann fin⸗ den ſie eine feſte Stelle, erhalten eine feſte Form und einen Körper durch das Portrait, das mir der Zufall zuführt; dann 60 finde ich gar das junge Mädchen, das eine ſo auffallende Aehn⸗ lichkeit mit dieſem Portrait hat, und endlich heirathe ich in dieſen Engel. — Welche Reihe von Thatſachen, welche nur die Vor⸗ ſehung herbeiführen konnte! Eine Frau mit den Zügen There⸗ ſens hat vor einem Jahrhunderte ſchreckliches Unglück in meiner Familie angerichtet und Thereſe wird bald ſo viel Thränen trock⸗ nen, als die Frau, welcher ſie gleicht, früher auspreßte. Viel⸗ leicht war das Unglück meines Vorfahren die Büßung eines Verbrechens unſerer Familie. — Vielleicht iſt das Glück, das mich erwartet, der Lohn für irgend eine edle längſt vergeſſene That. Es muß ſo ſein, — es muß ſo ſein, denn ich habe ſo großes Glück nicht verdient. —“ Es war ganz Abend geworden. Man klopfte an die Thüre Ewens. Ein Kellner des Hauſes erſchien mit Licht und ſagte zu dem Herrn von Ker⸗Ellio: „Herr Baron, ein Mädchen wünſcht mit Ihnen zu ſprechen.“ — „Mit mir?“ fragte Ewen verwundert. „Ja, Herr Baron; ſie fragte nach dem Herrn Baron von Ker⸗Ellio, der ſind Sie ja.“ „Ohne Zweifel. — Laſſen Sie das Mädchen ein⸗ Eine Dame mit ſchwarzem Hute und Mantel trat nach einer Verneigung zu Ewen; ihr Geſicht war gemein und nichts⸗ ſagend. Der Kellner entfernte ſich. „Was wünſchen Sie?“ fragte Ewen. — „Es handelt ſich um etwas ſehr Wichtiges“, erhielt er zur Antwort, und darauf ein Brieſchen mit den Worten: „Im Namen Ihrer Ehre und Ihrer Rechtlichkeit, denen ich vertraue, beſchwöre ich Sie, der Perſon zu folgen, die Ihnen dieſe Zeilen übergeben wird. Fragen Sie dieſelbe nicht, ſondern gehen Sie, wohin Sie von ihr geführt werden.“ „Thereſe Dunoyer.“ Der Baron ſah das Mädchen verwundert an und ſagte dann lebhaft: „Ich folge Ihnen.“ „ — — 61 Er ging mit ſeiner geheimnißvollen Führerin fort, die keine andere war als Roſalie, das Kammermädchen Thereſens. Wir haben erwähnt, daß Montal dieſes Mädchen gewon⸗ nen hatte. An der Thüre des Hotels hielt ein Fiacre. Ewen ſtieg mit Roſalien ein und er fühlte ſich von entſetz⸗ licher Angſt bewegt, denn der ungewöhnliche Schritt Thereſens ſchien nichts Gutes hoffen zu laſſen. Der Wagen hielt; Ewen erkannte das Haus des Herrn Dunoyer. Es war vollkommen finſter und Roſalie ſagte zu dem Herrn von Ker⸗Ellio: „Gehen Sie nicht die Hintertreppe hinauf, ſondern folgen Sie mir.“ Der Portier, der das Kammermädchen des Fräulein Du⸗ noyer ſah, achtete auſ Ewen nicht. Dieſer folgte dem Mädchen und gelangte mit ihr auf einer Hintertreppe bis vor die Wohnung, die der Herr von Montal gemiethet hatte. Es war ungefähr ſechs Uhr. Roſalie öffnete leiſe eine Thüre und ſagte zu dem Baron⸗ „Das Fräulein iſt darin.“ Dann machte ſie die Thüre wieder zu und verſchwand. Der Herr von Ker⸗Ellio befand ſich in einem dunkeln Zimmer; das anſtoßende war erleuchtet; er trat in daſſelbe und fand da Thereſen. Thereſe ſtand bleich, mit Fieberglanz in den Augen, am Kamine; der Ausdruck ihres Geſichtes benahm Ewen alle Hoffnung. Als er das junge Mädchen das erſte Mal geſehen, als er ſie mit dem geheimnißvollen Gemälde in Treff⸗Hartlog ver⸗ glichen hatte, war ihm mehr die materielle Aehnlichkeit Thereſens mit dem Portrait als die geiſtige, wenn man ſo ſagen kann, aufgefallen, ſo mild und melancholiſch kamen ihm die Züge Thereſens vor: jetzt aber, als er die ſtolze, gebieteriſche, ver⸗ ächtliche Miene erblickte, glaubte er das drohende Portrait von Treff⸗Hartlog mit den harten drohenden Blicken vor ſich zu haben; ſeine abergläubiſche Furcht kehrte zurück, verband ſich mit den andern heftig angeregten Gefühlen und lähmte ſo ſeinen Geiſt. Er ſah das Mädchen furchtſam an. 62 Nach einigen Augenblicken des Schweigens ſagte Thereſe in gereiztem Tone zu ihm: „Wiſſen Sie, wo Sie ſind, mein Herr?“ — „In dem Zimmer, glaube ich, das Sie mit Ihrer Schweſter bewohnen.“ Thereſe lächelte bitter. „Sie ſind bei dem Herrn von Montal —“ — „Bei Montal, Fräulein? Ich begreife nicht!“ „Ich ſage Ihnen, der Sie mich von meinem Vater kaufen wollen, daß ich bei dem Herrn von Montal bin.“ — „Fräulein —“ „Sie erſehen daraus, daß aus Ihrem Handel nichts wer⸗ den kann — Montal war noch vor einer Stunde auch hier —“ — „Aber Montal wohnt ja nicht hier“, fiel Ewen ein. „Sie ſcheinen ſchwer zu begreifen, Herr. — Montal hat längſt ſchon dieſe drei Piecen gemiethet, verbringt ganze Tage hier und ich theile ſeine Einſamkeit, ſobald ich der Aufſicht meiner Familie entgehen kann. — Mit einem Worte, Montal iſt — mein Geliebter. Wollen Sie mich noch immer heirathen, mein Herr?“ § Cwen ſeußzte tief und ſchlug die Hände über das Geſicht. „Jetzt“, fuhr Thereſe verächtlich fort, „Jjetzt kennen Sie mein Geheimniß; binnen einer Stunde werden meine Eltern zurückgekommen ſein, gehen Sie hin und ſagen Sie ihnen, was Sie wiſſen —“ „Mein Gott! Mein Gott!“ flüſterte Ewen wie ver⸗ nichtet. „Ich kann, um Sie zu zwingen, meiner Hand zu ent⸗ ſagen, mich leider nicht an Ihren Cdelfinn wenden“, fuhr Thereſe fort. „Ich ſage deshalb blos, wenn Sie mir trotz dieſem Geſtändniſſe noch immer nachſtellen, ſo ſterbe ich tauſend⸗ mal lieber, als daß ich einwillige, und Sie werden nach der Entſchloſſenheit meines Charakters ſehen, daß ich thue, was ich ſage.“ — „Und Sie haben mir geſchrieben —“ . „Ich habe Ihnen geſchrieben, um Ihnen zu ſagen, daß ich nie einem andern als Montal angehören werde; freilich fürchte ich, dies wird nicht hinreichen, um Sie zum Aufgeben meiner Hand zu veranlaſſen; — mein Vater iſt ja ſo reich!“ —— 63 — „So beurtheilt zu werden!“ ſprach Cwen in düſterer Verzweiflung. „So beurtheilt zu werden?“ wiederholte Thereſe unwillig. „Haben Sie denn als ehrlicher, rechtlicher Mann gehandelt? Ohne ſich um meine Einwilligung zu kümmern, ohne mich zu kennen, ohne mich zu lieben, denn Sie haben mich kaum zwei Stunden geſchen, wenden Sie ſich an die Habſucht meines Vaters, um ihn für dieſe Heirath zu gewinnen, denn man hat mir keine Bewerbung in Ihrem Namen vorgelegt, ſondern roh einen unwiderruflichen Befehl angezeigt, während man mich zu gleicher Zeit mit Beleidigungen und Drohungen überhäufte. Sie ſind der Anſtifter oder doch wenigſtens der Mitſchuldige der ſchlechten Behandlung, die ich erlitten habe und noch erleiden werde; deshalb haſſe ich S — „Wie hat man Sie getäuſcht, mein Gott!“ ſprach Ewen; „wie hat man Sie getäuſcht!“ „Meine Weigerung ſetzt Sie in Erſtaunen? Ich ſollte nich glücklich ſchätzen, Ihr Vermögen zu theilen oder vielmehr Ihnen das zuzubringen, was Sie durch mich zu erhalten hoffen, denn Sie wollten die Tochter des reichen Banquier heirathen, und indem Sie einen Theil Ihres Vermögens in den Händen meines Vaters ließen, hofften Sie Gewinn davon zu haben.“ — „Wehe, wehe! Das Schickſal verfolgt mich —“, ſprach Ewen leiſe vor ſich hin. „Die Vorſehung iſt nicht aus⸗ geſöhnt, mein Geſchick wird ſich erfüllen.“ „Sie ſind beſtürzt darüber, ſich ſo errathen zu ſehen? Das iſt noch nicht Alles. Schmach und Verachtung uber Sie! Heimtückiſch gegen ein Mädchen, wortbrüchig gegen einen Mann, haben Sie den Ausgang der Schritte Montal's bei meinem Vater nicht abgewartet, ſondern handelten über meine Hand hinter dem Rücken des Mannes, dem Sie verſprochen hatten, nichts zu thun.“ c rief, Ewen aus, betäubt durch dieſe neue Anklage. „Und wiſſen Sie, was Montal iſt?“ fuhr Thereſe in größerer Aufregung fort. „Wiſſen Sie, wie weit ſeine ritter⸗ liche Rechtlichkeit geht? Er liebt mich, er weiß, daß ich ihn liebe und doch wollte er, um Ihrem Vertrauen zu entſprechen, wie ſchwer es ihm auch würde, getreulich meinem Vater Ihren Thereſe Dunoyer II. 5 64 Antrag überbringen, als Sie Ihrem Worte entgegen handelten. Und Sie wagen nach einem Herzen zu ſtreben, das einem ſolchen Manne angehört? Sie ſind ſehr eitel, mein Herr, oder ſehr unſinnig.“ Man wird die Aufregung, die Heftigkeit Thereſens viel⸗ leicht entſchuldigen. Sie glaubte leider! an die Drohungen von Selbſtmord, die Montal ausgeſprochen hatte; ſie ſah ſchreck⸗ lichen Kummer nahen; ihre Liebe war bedrohet, ihr Vater und Montal hatten ihr, jeder in verſchiedenem Intereſſe, den Charak⸗ ter des Herrn von Ker⸗Ellio unter einem ſelbſtſüchtigen oder ge⸗ häſſigen Lichte dargeſtellt. Der Baron ließ das Haupt ſchweigend ſinken; er war ver⸗ nichtet. Vor gewiſſen Beſchuldigungen kann man unmöglich eine Rechtfertigung unternehmen. Ewen fiel aus ſo großer Höhe herunter, der Sturz hatte ihn ſo zerſchmettert, daß er nicht die Kraft hatte ſich zu verthei⸗ digen; die bittern Sarcasmen Thereſens trafen ihn nicht. Be⸗ graben unter den Trümmern ſeiner Hoffnungen, hörte und ſah er kaum, was um ihn her vorging, und fühlte nichts als das Bewußtſein von der entſetzlichen Täuſchung, deren Opfer er war. Der einzige Gedanke, der ihm klar und deutlich vor⸗ ſchwebte, war, Thereſen zu gehorchen und mit Herrn Dunoyer zu brechen. Ewen hatte ſich in ſeiner Verzweiflung niedergeſetzt; er ſtützte die Stirn auf den rechten Arm, den er auf die Lehne des Stuhls gelegt hatte und ſprach kein Wort; die linke Hand, die herabhing, zog ſich bisweilen in krampfhaften Zuckungen zu⸗ ſammen. Thereſe ſah ihn mit Verachtung und Aengſtlichkeit an. Sie ſchrieb dieſe Beſtürzung des Barons der Reue und der Scham zu. Nichtsdeſtoweniger fühlte ſie, daß die ſchreckliche Energie ſie allmälig verließ, die ſie hatte aufbieten müſſen, um ſo kühn mit ihrer Schande einem Manne gegenüber zu prahlen, den ſie nicht kannte, und es folgte auf dieſe flüchtige fieberhafte Ueber⸗ reizung eine gewiſſe Abſpannung. Das lange Schweigen Ewen's fing an Thereſen zu äng⸗ 65 ſtigen. Sie war allein mit einem Mann, den ſie ſo grauſam behandelt hatte, und ſie fürchtete ſich. Der Pen⸗kan⸗guer richtete endlich den Kopf wieder empor; ſein männliches charakteriſtiſches Geſicht hatte einen herzzer⸗ reißenden Ausdruck; die Schwärze ſeines Bartes und Haares hob ſeine Bläſſe noch mehr heraus; mit Thränen in den Augen ſtand er auf und trat langſam zu Thereſen; er nahm ihre Hand, betrachtete einen Augenblick das junge Mädchen mit tiefer Auf⸗ merkſamkeit und ſagte leiſe: „Ja, gerade ſo; jetzt iſt es derſelbe harte Blick, daſſelbe verächtliche Lächeln; Mor⸗Nader hatte Recht, die Blume der Gräber blüht im ſchwarzen Monate. — Im ſchwarzen Monate habe ich Sie geſehen. — Mein Schickſal wird ſich erfüllen und das Ihrige auch, armes Mädchen —, aber traurig iſt es, traurig.“ Bei dieſen Worten, die Ewen mit unbeſchreiblicher Sanft⸗ muth und Troſtloſigkeit ſprach, fühlte Thereſe ihre Verachtung und ihren Unwillen mit einem Male ſchwinden. In Folge einer unerklärlichen pſychologiſchen Erſcheinung hatte ſie eine Secunde lang die vollkommene Ueberzeugung, daß der Mann, der ihre Hand hielt, der ſie mit ſo ſanftem Blicke anſah, das Ideal ſei, das ſie liebte. . Ein himmliſches Licht, das einen Augenblick die Gedanken Thereſens erhellte, erlaubte ihr, die Wahrheit zu erkennen. Während dieſer blitzſchnell verſchwindenden blendenden Viſion glaubte ſie ihr Bild und das Bild Ewen's ſtrahlend von Glück vor ſich zu ſehen; ſie hielt die Hand Ewen's, ſie fühlte dieſelbe in der ihrigen beben und drückte ſie unwillkührlich. Gleich darauf verſank aber Alles wieder in Nacht. Thereſe glaubte aus einem Traume zu erwachen. Sie ſah nur noch einen Mann vor ſich, der, eingeſchüchtert durch die Entſchloſſenheit, die ſie ihm gezeigt, erbärmliche Ent⸗ ſchuldigungen ſtotterte. Was ſoll man von den ſeltſamen und flüchtigen Eindrücken Thereſens denken? War es nicht einer jener inſtinktmäßigen Offenbarungen, die ſich bisweilen aus dem Zuſammentreffen von Sympathien ergeben, die von einander nichts wiſſen; ein Strahl von dem göttlichen Lichte, das einen Augenblick das Dunkel erhellt, in 56 welchem zwei gleiche Herzen vor einander verborgen liegen, die geſchaffen ſind, einander zu lieben; der herzzerreißende Angſt⸗ ſchrei der Seele bei dem Anblicke des wahren Glückes, das ihr nur einen Augenblick erſcheint, um für immer zu ver⸗ ſchwinden? Thereſe behielt ſeltſamer Weiſe keine Erinnerung an dieſe flüchtige faſt übernatürliche Offenbarung. Sie erröthete vor Zorn, als ſie die Hand Ewen's in der ihrigen fühlte, und ſie ſtieß dieſelbe hartherzig von ſich. Aber die Züge Thereſens hatten verrathen, was in dieſem ſo flüchtigen Augenblicke in ihr vorging; ihr zärtlicher, ſtrahlen⸗ der Blick hatte ſich mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Glück und Liebe auf den Ewen's geheftet und ihre Hand einen Augenblick die ſeinige gedrückt. Der Pen⸗kan⸗guer ſchien bezaubert zu ſein. Seine Augen konnten ſich von denen Thereſens nicht losreißen; auch er er⸗ kannte nicht blos das Glück, das ihn an der Seite Thereſens erwartet hätte, ſondern auch Alles, was ſie in dieſem Augen⸗ blicke für ihn war. Aber auch Ewen erwachte wie aus einem Traume bei der raſchen Bewegung Thereſens, die ſeine Hand zurückſtieß. Als er wieder zu ſich kam und ſeine grauſame Lage er⸗ kannte, beeilte er ſich, dieſer peinlichen Scene ein Ende zu machen. Mit ſanfter und ruhiger Stimme ſagte er zu Fräulein Dunoyer: „Werde ich jetzt Ihren Herrn Vater zu Hauſe finden?“ — „Nein, mein Herr“, antwortete ſie hart; er wird erſt halb ſieben Uhr mit meiner Mutter wiederkommen. Sie wollen ihm ohne Zweifel ſagen, daß ich den Herrn von Montal liebe und demſelben angehöre. Sie können das thun. Ich bin auf „ Alles vorbereitet und habe Ihnen dieſes Geſtändniß gethan, da⸗ mit Sie daſſelbe mißbrauchen möchten.“ Der Unwille und die Verachtung Thereſens ſchienen wieder ſtärker zu werden, ſeitdem ſie einer unwillkührlichen Rührung nachgegeben hatte. — „Gehen Sie, ₰ gehen Sie“, fuhr ſie fort, „ich fürchte nichts. Kein U iglüt kann mich treffen. Ich werde von Montal geliebt und keine menſchliche Macht vermag mich 67 zu zwingen, Sie zu heirathen, — Sie, den Urheber, den allei⸗ nigen Urheber aller meiner Leiden. Ohne Ihren Antrag, ohne den gehäſſigen Handel, den Sie meinem Vater vorgeſchlagen haben, würde er meine Hand dem einzigen Manne, den ich hei⸗ rathen werde, nicht verſagt haben. — Wehe, wehe über Sie, der Sie durch Habſucht ſo viel Unheil veranlaſſen.“ Der Herr von Ker⸗Ellio fand eine gewiſſe ſchmerzliche Wolluſt darin, ſich ſo ungeheuer verkannt zu ſehen. Der Schmerz kommt oft mit ſolcher Heftigkeit, daß man gar nicht verſucht, ihm zu entgehen. Zwanzigmal hatte der Herr von Ker⸗Ellio eine Frage auf den Lippen; er wollte Thereſen fragen, ob Montal von dem geheimnißvollen Portrait und den Umſtänden ſeiner romantiſchen Liebe mit ihr geſprochen habe, aber er ſchwieg vor der Aufre⸗ gung des jungen Mädchens. Warum ſollte er ihr dies mit⸗ theilen? Die Leidenſchaft des Mädchens würde dieſes Ge⸗ ſtändniß mit Verachtung, mit Mitleiden aufgenommen haben; auch wenn ſie über die romanhaften Vorfälle nicht gelacht ſe würden ſie doch ihre Liebe zu Montal in nichts verringert aben. Ewen war zu ſtolz, um bei einer ſolchen Gelegenheit ſein Herz auszuſchütten. Seine Kräfte waren etſchöpft. Er ging fort, kaum im Stande ſich auf den Füßen zu hal⸗ ten, mit Thränen in den Augen, ſchweigend und ließ Thereſen in der größten Verlegenheit zurück. Langſamen Schrittes, mit faſt grauenhafter Ruhe kam er in ſeine Wohnung. Er ſchrieb an Herrn Dunoyer, daß wichtige und unvor⸗ hergeſehene Ereigniſſe ihn nöthigten ſogleich abzureiſen und der Hand Thereſens zu entſagen. Nachdem er dieſen Brief abgeſandt hatte, blickte er mit faltem Blute in die Zukunft und überſchaute ſeine Lage mit einer entſetzlichen verzweifelten Klarheit. Er ſagte zu ſich „Ich wurde faſt wahnſinnig dadurch, daß ich ein ideales Weſen liebte; jetzt weiß ich, daß dieſes Weſen lebt; es lebt nicht nur, es hätte mir beinahe angehört, und gehört einem Andern. — Ja, Thereſe fühlt für ihn ſo viel Liebe und für mich ſo viel Verachtung, daß ſie mit Freuden, mit Stolz geſtand, ſie habe 68 dieſem Manne Alles gewährt. Sind der Haß und die Verach⸗ tung jemals weiter gegangen? Dennoch liebe ich ſie noch immer, und wenn ſie morgen ſtürbe, würde ich ſie ſo wahnſinnig lieben, wie ich ſie liebte, ehe ich ſie kannte. — Ich kehre nun in die Einſamkeit zurück, und will mir dieſe Einſamkeit, wo möglich, noch einſamer machen. — Die abergläubiſchen Ideen und Schrecken werden ſich mit meiner verzweiflungsvollen Sehnſucht verbinden. Ich irre mich nicht, im nächſten ſchwarzen Monate bin ich entweder wahnſinnig oder habe mich umgebracht, um die Prophezeihung Mor⸗Naders und den verderblichen Einfluß des Portraits nicht Lügen zu ſtrafen.“ Den nächſten Tag war Ewen von Ker⸗Ellio nach Treff⸗ Hartlog abgereiſet. VI. Die Rache. Als Thereſe den verzweifelten Entſchluß faßte, an den Herrn von Ker⸗Ellio zu ſchreiben und ihm ſo kühn ihre Liebe zu Montal zu geſtehen, war die Unglückliche entehrt. Am Tage vorher, nach ihrer Unterredung mit ihrem Vater, — hatte ſie ſich in ihrem Zimmer eingeſchloſſen. Abends waren ihre Eltern, um ſie zu ſtrafen, mit Clementinen und Miß Hubert in das Theater gegangen. Thereſe benutzte dieſe Freiheit, um zu dem Grafen hinaufzugehen, der ſie erwartete. Montal benutzte das Vertrauen, die Furcht, die Aufregung, die Verzweiflung und die blinde Liebe des unglücklichen Mädchens, und entehrte ſie. Wenn das Benehmen dieſes Mannes nicht durch die ge⸗ meinſte Habſucht, durch die unedelſte Berechnung geleitet worden wäre, hätte man ihn vielleicht entſchuldigen und annehmen kön⸗ nen, er ſei feſt entſchloſſen geweſen, Thereſen zu heirathen; aber dieſek Entſchluß ſelbſt entſtand aus einem ſo erbärmlichen Ge⸗ fühle, daß er das Verbrechen des Grafen in nichts milderte. 69 Am Tage nach der Abreiſe des Herrn von Ker⸗Ellio, welche Dunoyer noch nicht kannte, ließ Thereſe Clementinen und Miß Hubert allein ausgehen und begab ſich um drei Uhr wieder zu Montal hinauf, wie ſie es verabredet hatten. Der Graf empfing ſie knieend mit den Betheuerungen einer ewigen Treue, der ſtärkſten Zärtlichkeit und der feurigſten Liebe. „Wir ſind gerettet, Eduard. Jener Schritt iſt mir ſchwer geworden, aber nun wird ſich mein Vater unſerer Verbindung nicht mehr widerſetzen“, ſprach Thereſe, indem ſie weinend in die Arme Montal's ſank. — „Was meinſt Du, Thereſe?“ „Geſtern, nachdem ich Dich verlaſſen, ſchrieb ich dem Herrn von Ker⸗Ellio, er möge zu mir kommen. Roſalie trug meinen Brief zu ihm und brachte den Baron hieher.“ — „Hierher, Thereſe? Hierher, ſagſt Du?“ „Ja, hierher, zu Si — „Und warum?“ „Um ihm zu ſagen, daß ich Dein ſei. Glaubſt Du, daß der Herr von Ker⸗Ellio mich nun noch wird heirathen wollen?“ — „Du haſt dies gethan, edles, muthiges Mädchen?“ rief Montal aus, indem er von Neuem vor Thereſen auf die Knie ſank, „und was antwortete er?“ „Er konnte kaum einige Worte ſtammeln, er war wie ver⸗ nichtet. Ich hielt ihm ſeine Wortbrüchigkeit gegen Dich und ſeine Intriguen vor, die er angewendet, um meinen Vater zu zwingen, ihm meine Hand zu geben.“ „Das haſt Du gethan, meine Thereſe? Ich kann mich von meinem Staunen kaum erholen.“ „Mein Vater, der ein Intereſſe dabei hatte, mich zur Heirath mit dem Herrn von Ker⸗Ellio zu zwingen, konnte ſich unſerer Verbindung unbeugſam widerſetzen; aus welchem Grunde ſollte er dagegen ſeine Einwilligung verweigern, nachdem Ker⸗ Ellio zurücktritt, da er mich nur los ſein will? Das ſind ſeine eigenen Worte. Es liegt mir aber nichts daran; ich ziehe es vor, bisher von Niemandem geliebt worden zu ſein, denn ich werde durch Deine Liebe um ſo glücklicher, für dieſelbe um ſo dankbarer ſein.“ — „Engel meines Lebens! Ja, Du wirſt ſchen, daß ich Dir alles das Glück gewähre, das Du ſeit Deiner Kindheit ent⸗ behrt haſt. Wie Du, zweifle ich auch nicht, daß Dein muthi⸗ ges Geſtändniß die Bewerbung des Herrn von Ker⸗Ellio un⸗ möglich machen wird. Er hat ſich unredlich benommen, indem er ſich ſeinem Worte entgegen an Deinen Vater wendete. Er hat die gerechte Strafe gefunden. Wir wollen aber auch, meine Angebetete, ſobald wir von dem Zurücktritte meines Vetters über⸗ zeugt ſind, geradezu an Deinen Vater gehen. — Jetzt biſt Du mein, Du biſt meine Frau und es —“ In dieſem Augenblicke wurde heftig an die Thüre des Vor⸗ ſaals geklopft. „Ich bin verloren!“ rief Thereſe erſchrocken. — „Das iſt früher, als ich glaubte!“ dachte Montal bei ſich. „Indeß ihre Gegenwart hier wird genug ſein.“ Dann nahm er eine erſchrockene Miene an und ſagte: — „Mein Gott, was iſt das?“ „Ach, ich bin dem Tode nahe,“ rief Thereſe, indem ſie ſich an Montal ſchmiegte. — „Geſtern habe ich der Schande getrotzt, weil es uns rettete; aber heute — wäre es Schande blos der Schande wegen.“ — „Es iſt die Stimme Deines Vaters,“ fiel Montal plötzlich ein, der horchte. „Mein Gott, erbarme Dich meiner; er wird mich um⸗ bringen,“ flüſterte Thereſe. Der Graf öffnete die Thüre ſeines Schlafzimmers. Man hörte deutlich Lärmen draußen auf der Treppe und Herr Achille Dunoyer ſchrie, während er an der Thüre rüttelte: „Herr von Montal, machen Sie auf oder ich laſſe die Thüre aufſprengen.“ „Und kein Ausgang, keiner!“ ſagte der Graf, der den Verzweifelten trefflich ſpielte. „Eduard, rette mich, rette mich!“ rief das unglückliche Mädchen auf den Knieen. „Meine Herren,“ ſprach Herr Dunoyer draußen, „Sie alle müſſen mir bezeugen, daß ſich der Herr von Montal mit Thereſen eingeſchloſſen hat, daß er ſich weigert zu öffnen und daß er mich zwingt, die Thüre zu erbrechen. Joſeph, ſchlag ſie ein!“ — „Ja, ja, ſchlag ſie ein, Joſeph!“ wiederholten im Chore mehrere Stimmen unter Lachen und Pfeifen. 7 Ein gewaltiger Keulenſchlag erſchütterte die Thüre. Thereſe dachte an die entſetzliche Veröffentlichung ihrer Schande und wäre lieber geſtorben. Mit einem Sprunge war ſie am Fenſter, das ſie aufriß, und Montal mußte alle ſeine Kräfte aufbieten, um ſie zu hin⸗ dern, ſich hinunter zu ſtürzen. In dieſem Augenblicke gab die Thüre nach. Man konnte vor derſelben und auf den Stufen der Treppe eine große Anzahl Nachbarn und Dienſtleute ſehen, die durch dieſen geräuſchvollen Auftritt herbeigezogen worden waren, wel⸗ chen Herr Dunoyer ſo ſcandalös als möglich machen wollte. „Meine Herren,“ ſagte er mit triumphirender ſchrecklicher Freude, indem er ſich zu den verſammelten Leuten umdrehte und ihnen Thereſen zeigte, die bleich, halb ohnmächtig in den Armen Montals lag, „meine Herren, Sie ſind Zeugen, daß ſich The⸗ reſe hier mit ihrem Geliebten eingeſchloſſen hatte, aber Sie wer⸗ den ſogleich noch mehr ſchen, — denn ich weiſe das Mädchen aus meinem Hauſe hinaus. Wenn Sie neugierig ſind, ſo warten Sie einen Augenblick, ich habe dem Grafen von Mon⸗ tal, dieſem gewandten Verführer, nur einige Worte zu ſagen.“ Neues Geſchrei und neues Pfeifen begleitete dieſe Worte des Banquiers. Der Graf hatte Thereſen in das Schlafzimmer getragen. Der Banquier verſchloß die zweite Thüre des Vorzimmers, um die Neugierigen zurückzuhalten, und trat in das Zimmer, in welchem ſich Montal und Thereſe befanden. Einen Augenblick ſchwiegen alle Drei. Der Banquier betrachtete Thereſen mit grauſamer Zufrie⸗ denheit, rieb ſich die Hände und warf dem Grafen einen ironi⸗ ſchen Blick zu. 3 Thereſe, die todtenbleich, mit aufgelöſetem Haar auf einem Stuhle ſaß, drückte in ihren Händen krampfhaft die Hand Montals, der neben ihr ſtand und ſagte mit kaum vernehmlicher Stimme zu ihm: — „Verlaſſen Sie mich nicht, — verlaſſen Sie mich nicht.“ Der Graf allein hatte ſeine Kaltblütigkeit behalten; er hielt den Faden dieſes Auftrittes, der von ihm ſelbſt herbeigeführt worden war, in der Hand. Ja, ein anonymer Brief, den er geſchrieben hatte und der 72 den Vormittag dem Banquier übergeben worden war, meldete dieſem, ſeine Tochter habe faſt jeden Tag Zuſammenkünfte mit dem Herrn von Montal in einer kleinen Wohnung im vierten Stocke und er könne ſich leicht von der Wahrheit der Anzeige überzeugen. Um drei Uhr ſah Dunoyer Miß Hubert und Clementine ausgehen. Die Gouvernante hatte ihm geſagt, Thereſe ſei nicht ganz wohl und wünſche, zu Hauſe zu bleiben. Der Banquier ſtellte ſich nun auf der zweiten Treppe auf die Lauer, hörte Thereſen die Thüre aufmachen und ſah ſie zu dem Grafen hinaufgehen. Sogleich rief er ſeine Leute, damit ſie die Thüre aufbrächen. Der Zweck dieſer neuen Niederträchtigkeit Montal's war ſehr einfach; er wollte ſich mit Thereſen überraſchen laſſen, um die Familie ſeines Opfers zu zwingen, ſie ihm zur Frau zu geben. Der Haß des Herrn Dunoyer gegen das Mädchen förderte ſeinen Zweck mehr, als er wünſchte. „Mein Herr,“ ſagte er zu dem Banquier in zugleich zu⸗ traulichem und reuigem Tone, „„ich bin ſchuldig, ich weiß, wie gerecht Ihr Zorn iſt, aber aus Mitleiden mit Ihrer Tochter —“ Herr Achille lachte laut auf. — „Schuldig! Sie ſind nicht ſchuldiger, als ich erzürnt. Schuldig? — im Gegentheil, mein werther Herr, Sie haben ganz recht gehandelt und ich weiß es Ihnen Dank, ja, ich bin überaus erfreut über das, was geſchieht.“ Montal ſah den Banquier mit wachſender Ueberraſchung an; er erwartete Vorwürfe, Zornausbrüche. Thereſe ſah und hörte ihren Vater mit nicht minder großer Verwunderung an. „Sie verzeihen uns alſo, Herr —?“ — „O ich bin ſehr weit entfernt, Sie anzuklagen, mein werther Herr,“ entgegnete Dunoyer. „Sie haben das Mäd⸗ chen verführt, ſehr gut; alle Welt weiß es, noch beſſer. Ja, die Sache iſt ſo allgemein bekannt, daß man mir dieſen Vormit⸗ tag einen anonymen Brief geſchrieben hat, um mich von den Zuſammenkünften hier zu benachrichtigen. Ohne Zweifel iſt das Gerücht auch Ihrem Vetter, dem Herrn von Ker⸗Ellio, zu Ohren gekommen, denn eben ſchrieb er mir, wichtige Ange⸗ 1 73 legenheiten riefen ihn in die Bretagne zurück und er gäbe die Hoffnung auf, das Mädchen da zu heirathen. Er iſt zu artig, als daß er mir ſeinen igentlichen Beweggrund angegeben hätte, mit andern Worten, daß die Schande des Mädchens ſtadtbe⸗ kannt ſei. „Ich hatte großes Vergehen begangen, ich weiß es, lieber Vater,“ ſagte Thereſe; „ich verdiene Ihre Vorwürfe. Ach, warum behandelten Sie mich ſo grauſam, um mich zu zwingen, den Herrn von Ker⸗Ellio zu heirathen!“ S „War Warum? Weil ich ein Intereſſe dabei hatte, dieſe Heirath abgeſchloſſen zu ſehen; aber was jetzt ge⸗ ſchieht, iſt mir noch lieber, ich verdiene hundert Procent dabei,“ ſagte Herr Dunoyer, indem er ſich die Hände fortwährend rieb. „Mein H entgegnete Monkal im feierlichen Tone, „ich bin, wie Ihr Fräulein Tochter, bereit, was wir verſchul⸗ deten, auf jede Weiſe wieder gut zu machen. Ich bin ein Mann von Ehre; vor Ihnen werde ich Thereſen wiederholen —, erlauben Sie mir, dieſelbe ſo zu nennen.“ — „Nennen Sie das Mädchen, wie Sie wollen; geniren Sie ſich nicht.“ „Ich will alſo Thereſen wiederholen und ihr in Ihrer Gegenwart von neuem ſchwören, keine andere als ſie zur Frau zu nehmen.“ — „Und ich, lieber Vater,“ ſprach Thereſe, „ich ſchwöre, keinem andern als ihm meine Hand zu geben.“ Herr Dunoher ſah beide an. Seine Ironie verſchwand; er ſah gerührt und bewegt aus und ſagte in ernſtem innigem Tone: „Wahrhaftig, das entwaffnet mich. Die armen Kinder! Sie ſind doch allerliebſt. Nun, meinetwegen, ſo heirathet ein⸗ ander, da Ihr ſo große Luſt dazu habt, und je ſrüher, deſto beſſer.“ „Ach, Vater, welche Güte! Jetzt erſt fühle ich die ganze Größe meines Fehlers,“ ſagte Thereſe, deren Geſicht Thränen überſtrömten und die vor dem Banquier auf die Knie ſank. „Ja, jetzt ſind wir Ihre Kinder,“ fiel Montal ein, in⸗ dem er mit der Hand über die Augen ſtrich, aus denen er wirk⸗ lich mit einiger Anſtrengung einige Thränen hervorpreßte. 1 Damit dieſer Thräneneffect nicht verloren gehe, ſank er in die Arme des Herrn Dunoyer und wiederholte? „Ja, jetzt ſind wir Ihre Kinder.“ Der Banquier hatte Spott mit Montal und Thereſen trei⸗ ben wollen, als er eine Rührung heuchelte, die er nicht fühlte. Bei der raſchen Umarmung des Grafen brach er von neuem in ein Gelächter aus; er drückte grotesk Montal an ſeine Bruſt und ſprach: „Wie das rührend und dramatiſch iſt! Sieht es nicht aus, Montal, als ſpielten wir eine Scene aus „Robert Macaire“ Spaßvogel Sie!“ Für Thereſen waren dieſe Worte ihres Vaters völlig un⸗ verſtändlich; nur die beleidigende Jronie des Banguiers, die auf die erheuchelte Rührung folgte, fiel ihr auf; ſie ahnte eine ſchreckliche Entwickelung dieſer Scene, ſtand wieder auf und ſetzte ſich ſchweigend nieder. Auch Montal erſchrak über den Spott Dunoyers und be⸗ trachtete den Banquier mit Beſorgniß. Plötzlich hörte man an die Thüre des Vorzimmers klopfen und eine Stimme rief: „Dauert es noch lange, Herr Dunoyer? Wir warten.“ Darauf lachte und pfiff man draußen wieder. „Das Geſinde des Hauſes verliert die Geduld,“ bemerkte der Banquier kalt. — „O der Schande! der Schande!“ ſprach Thereſe, indem ſie das Geſicht mit den Händen verhüllte. „Sie hätten,“ fiel Montal ein, „wohl allein kommen können, wäre es auch nur aus Rückſicht für Ihre Tochter.“ — „Jetzt ſind Sie auf dem rechten Punkte!“ rief Du⸗ noyer mit einem Ausbruche höhniſcher Freude; dann wies er mit verächtlicher Geberde auf Thereſen und ſagte: „Die meine Tochter? Sie iſt meine Tochter nicht.“ „Der Fehler Thereſens, unſer Fehler, muß ich ſagen, iſt grß, allerdings,“ entgegnete der Graf, „aber Ihre Tochter groß, 9 geg „ bleibt doch noch immer Ihre Tochter.“ — „Ich habe nicht geſagt „nicht mehr,“ ich habe geſagt, ſie iſt meine Tochter nicht.“ „Ich begreife den Unterſchied nicht.“ — „So will ich mich deutlicher ausdrücken,“ fuhr der — Banquier diesmal ernſt fort und ſein Geſicht wurde von Haß und Rache verſtellt; „erfahren Sie die Sache. Das Mädchen iſt nicht mein; ſie iſt mir nichts, ſondern die Frucht des Ehe⸗ bruchs. — Ja, und da es bewieſen iſt, daß ſie drei Monate nach meiner Zurückkunft nach einer einjährigen Abweſenheit ge⸗ boren wurde, ſo habe ich, was ich bisher für ſie gethan, nur aus Menſchenliebe gethan; heute noch werde ich gerichtlich ihre Unfähigkeit conſtatiren laſſen, von meinem Vermögen zu erben, doch erſt will ich ſie aus dem Hauſe weiſen, damit ſie mir nicht auch Clementinen verderbe, meine einzige und rechtmäßige Tochter. Nun heirathen Sie das Mädchen oder heirathen Sie es nicht, ich waſche meine Hände in Unſchuld. Heirathen Sie das Mädchen, ſo wird ſie das unglücklichſte Geſchöpf ſein; heirathen Sie ſie nicht, ſo wird ſie in Gram und Noth ſterben, wenn ſie es nicht macht wie andere hübſche Mädchen, wodurch ſie ſich aber freilich keine angenehmere Zukunft bereitet.“ — „Aber, Herr, was Sie da ſagen, iſt ja gräßlich,“ entgegnete Montal, der vor Ueberraſchung ſtammelte. „Wirklich?“ fuhr der Banquier fort; es iſt gräßlich?“ Und war es nicht gräßlich für mich, ein Kind, das mir nicht angehörte, ein lebendes Zeugniß meiner Schande in meinem Hauſe, immer vor Augen zu haben? Glauben Sie, daß ich nicht auch gelitten habe?“ — „Ich war an meiner Geburt unſchuldig,“ ſprach The⸗ reſe ſchmerzlich. „Was nützt mir das? Du warſt doch nichts deſto weniger geboren und ich mußte den Widerwillen verbergen, den ich gegen Dich empfand.“ — „Wäre es nicht beſſer geweſen, mich ganz aufzuge⸗ ben?“ entgegnete Thereſe, in Thränen ſchwimmend. „Wenn ich es nicht gethan habe, ſo hatte ich meine Gründe dazu; Gott ſei Dank, heute iſt das Scandal Deines ehrloſen Wandels offenbar und man wird mir es nicht verargen, wenn ich eine Perſon, deren Betragen meine Strenge rechtfertiget, aus dem Hauſe jage. Jetzt werden wit, ich und Deine Mutter, Dich für immer los werden. Für Helviſen wird zwar bei der Erörterung und Feſtſtellung Deiner Lage alle Schande wieder aufgerührt, aber ſie hat ſich dazu entſchloſſen und ſagt, ſie büße dadurch ihren Fehltritt ab.“ — „Meine Mutter? Auch meine Mutter!“ ſprach The⸗ reſe, tief erſchüttert. „Warſt Du denn blind?“ entgegnete Dunoyer. „Deiner Mutter warſt Du eine eben ſo große Laſt als mir.“ Nach dieſem letzten Schlage ſtand Thereſe ergeben und ent⸗ ſchloſſen auf. Sie reichte Montal die Hand und ſagte zu ihm: „Eduard laß uns gehen.“ Dieſe vier Worte faßten die ganze Lage des unglücklichen Mädchens in ſich; ſie hatte in der Welt Niemand mehr als Montal. — „So verſtehe ich es allerdings,“ ſagte der Banquier. „Du wirſt mein Haus auf der Stelle verlaſſen, denn ich erlaube Dir nicht, noch eine Nacht hier zu verbringen. Wohin ſoll man Deine Sachen ſchicken? Wohin? Ohne Zweifel zu dem Herrn Grafen?““ „Ja, zu mir,“ antwortete Montal über den Umſturz ſeiner Hoffnungen eben ſo ſehr als über die Grauſamkeit des. Banquiers erſchrocken. — „So ſei es,“ fuhr Dunoyer fort, „man wird die Habſeligkeiten des Mädchens zu Ihnen bringen. Es iſt ein Anfang für die Wirthſchaft.“ Der Graf war ſo habſüchtig, ſo niederträchtig, ſo egviſtiſch, daß er ſelbſt in dieſem Augenblicke nicht verbergen konnte, wie unangenehm ihm die Täuſchung war. Dunoyer konnte auf der bleichen Stirn Montals den Ge⸗ danken leſen: „ſo bin ich denn ſo arm wie vorher und habe überdies eine Frau auf dem Halſe.“ Dunoyer las ganz richtig und man braucht ſich darüber nicht zu wundernz die beiden Männer mußten einander verſtehen und errathen. Glücklicher Weiſe ahnte Thereſe in Folge der ſchrecklichen Enthüllung, die ihr der Banquier gemacht hatte, noch nicht im Geringſten, was in dem Herzen Montal's vorging⸗ Herr Dunoyer wurde beſorgt wegen der Ruhe Thereſens; ſeine Rache war noch nicht vollſtändig; er mußte in das Herz ſeines Opfers noch einen grauſamen Argwohn legen. Deshalb ſagte er zu dem Grafen: 5 „Was wollen Sie nun? Hoffen und erhalten iſt zweier⸗ lei; aber ſo geht es immer: man bemerkt, wie leicht es ſei, „ vergiften ſuchen.“ 7 8 ein Mädchen zu verführen oder vielmehr die Tochter eines reichen Bangquiers, für die man ſie hält, und ſagt zu ſich: iſt es ein⸗ mal geſchehen und der erſte Unwille vorbei, ſo müſſen mir die Eltern ſie doch geben. Es ſind zwei Schweſtern da, das Ver⸗ mögen des Vaters beträgt drei bis vier Millionen, ich bekomme alſo achtzig bis hunderttauſend Livres Rente; bis dahin kann man mir doch nicht weniger als zwei bis dreimalhunderttauſend Francs geben. Und das iſt ſchon etwas, wenn man beinahe an den Bettelſtab gekommen.“ — „Herr,“ rief Montal, wüthend darüber, ſo gut er⸗ rathen worden zu ſein, „ich bin hier in meiner Wohnung; Sie ſind nicht der Vater Thereſens, ich werde alſo Ihre Grobheiten keinen Augenblick länger dulden.“ „Wenn Sie in dieſem Tone ſprechen wollen, mein werther Herr, ſo müſſen Sie mir zuerſt die zweihundert Louisd'or wie⸗ dergeben, die ich Ihnen geliehen habe.“ Montal ließ das Haupt finken. „Und dann, fuhr Dunoyer fort, „ſpreche ich keine Grob⸗ heiten aus. Ich ſage, eigennützige Leute haben ſo gerechnet; das trifft Sie nicht, im Gegentheil, das Mädchen, das zu ihrer Mitgift nichts als ein paar hübſche Augen hat, wird Ihnen ſehr zur Laſt, ſtatt eine Hilfe für Sie ſein, wie Sie vielleicht hofften.“ — „Komm, Eduard, komm,“ fiel Thereſe ein, die ver⸗ ächtlich lachte; „glaube nicht, daß eines dieſer Worte uns treffen und mich veranlaſſen könnte, auch nur einen Augenblick an Deiner Liebe zu zweifeln. Gott ſei Dank, mein Glaube an Dich iſt meine Stärke, mein Muth und meine Hoffnung, mein einziges Gut jetzt, um das man uns beneidet. — Komm, Eduard. — Das Glück, das uns trotz unſerer Armuth erwar⸗ tet, iſt gewiß, weil es ſchlechte Menſchen durch Mißtrauen zu „Entfernen Sie ſich, Herr,“ rief Montal, indem er dem Banguier mit drohender Geberde die Thüre wies, — „Thereſe iſt nicht Ihre Tochter und Sie haben deshalb kein Recht über ſie; wenn Sie mich noch inehr aufbringen, werfe ich Sie hinaus.“ „Sehr wohl, Herr Graf; ich will Sie nicht ſtören. Nur noch ein Wort.“ 78 Montal ging aus dem Zimmer hinaus, in welchem ſich Thereſe befand, und begleitete den Banquier in das Vorzimmer. 3 einer ziemlich langen Pauſe ſagte dieſer zum Grafen: „Ich will Ihnen beweiſen, daß ich keinen Groll gegen Sie zehe —, indem ich Ihnen einen guten Rath gebe. Haben Sie Rachrichten von dem Herrn von Beauregard ſeit zwei oder drei Tagen?“ „Nein, und warum?“ 5 „3 habe dieſen Morgen einen Brief von dem Herrn von Saiit Luce erhalten, deſſen Banquier ich bin und der die Jagdpartie in dem Walde zu Breteuil mitmachte.“ „Was geht das mich an?“ „So warten Sie doch nur! — Vorgeſtern iſt der Marquis zufällig auf der Jagd erſchoſſen worden. Er hatte eben von ſeinem Schwiegervater ein ungeheures Vermögen geerbt. Die Marquiſe von Beauregard wird alſo eine prächtige Partie, wenn nin für Jebernant Sie kennen die Sc ich an Ihrer Stelle „Thereſen zu hei⸗ rathen.“ Und Herr Achille Dunoyer ging fort. VIHI. Das Dachſtübchen. Ein Jahr iſt vergangen ſeit dem Tage, als Thereſe aus dem Hauſe des Banquier geſtoßen wurde. Wir führen den Leſer in ein Gäßchen bei der Barriete Vaugirard in Paris. Das ſchmuzige Pflaſter, die Farbe der ärmlichen Häuſer, die langen Stangen mit zertiſſener Wäſche an den Fenſtern, Alles verräth die Armuth der Wohnungen daſelbſt. Es war zu Ende des Novembers, empfindlich naßkalt un 6 in Folge eines rauhen Nebels ziemlich dunkel. 79 Das letzte Haus in dem Gäßchen war das elendeſte aller dieſer Wohnungen; es hatte zwei Fenſter in der Fronte, drei Etagen und eine Wohnung unter dem Dache. In der erſten und zweiten Etage hauſete ein Lumpenhändler en gros, dem die Lumpenſammler ihre Ausbeute brachten. Dieſer Haufen von Lumpen verbreitete einen widerlichen Geruch nicht blos in dem Hauſe, ſondern in dem ganzen Gäßchen. Ein Klempner hatte die dritte Etage inne. Peter Feraud, ein rechtlicher junger Handwerker, der thätig und fleißig war, aber eine zahlreiche Familie hatte, verdiente trotz der angeſtrengten Arbeit kaum ſoviel, um ſeine Frau und fünf Kinder vor dem Hungertode zu bewahren. Es war zwei Uhr; ein Fenſter, deſſen Scheiben zum größ⸗ ten Theile durch Papierſtücke erſetzt waren, ließ nur ein mattes Licht in das Stübchen fallen, in welchem Feraud mit gewaltigen Hammerſchlägen das Blech bearbeitete. Ein kleiner eiſerner Ofen, der kalt war (man kochte nur die Speiſen darin), ſtand neben dem Kamine, in welchem ein Häufchen Holz lag; im Hintergrunde ſtand ein ärmliches Lager von einem Strohſacke, einem Betttuche und einer dünnen Decke; ein kleines Bett, in welchem zwei Kinder ſchliefen, und eine Wiege, in der ſich ein anderes befand, ſah man nicht weit da⸗ von; der Arbeitsbank Feraud's gegenüber endlich ſtand ein kleiner tragbarer Ofen und eine Commode. Eine armſelig gekleidete Frau von dreißig Jahren nähete; zwei kleine Mädchen von ſechs bis ſieben Jahren ſaßen zu ihren Füßen und ſchmiegten ſich zitternd an ihre Kniee. „Friert ihr armen Kleinen?“ fragte Auguſte, die Frau Feraud's. — „Ach ja, Mutter.“ 5 „Sobald Louiſe und Juſtine erwachen, lege ich Euch in das Bett. Es iſt freilich recht kalt, die Hände ſind mir erſtarrt und ich kann kaum noch die Nadel halten.““ Peter, der ſich durch ſeine lärmende Arbeit betäubte, hörte das Geſpräch nicht. „Ich werde ein wenig gehen“, ſagte die Frau, „das er⸗ wärmt.“ 5 — trat zu ihrem Manne und legte die Hand auf ſeine chſel. Thereſe Dunoyer II. 6 8⁰ „Peter, wie kalt — und wie dunkel ſchon. Wir wer⸗ den die Lampe bald anzünden müſſen. — Ach, der Winter iſt theuer.“ — „Leider; der Winter iſt nicht der Freund der Armen. Aber Du haſt ganz kalte Hände. Mach' doch ein kleines Feuer an, Auguſte.“ „Frierſt Du, Peter?“ — „Ich? nein; der Hammer, Gott ſei Gank, er⸗ wärmt.“ „Nun, ſo wollen wir das Holz ſparen. Du weißt wohl, daß das Bündel die Woche ausreichen muß und wir haben erſt Mittwoch.“ — „Aber die Kinder —“ „Ich lege ſie in das Bett; die andern werden auf⸗ wachen.“ — „Und Du, Auguſte?“ „Ich gehe einige Male im Zimmer auf und ab und habe mich dann wieder erwärmt.“ — „ Du gute Frau!“ „Biſt Du nicht auch ein guter Mann?“ — „Freilich, es giebt noch Unglücklichere, als wir es ſind.“ „Und da brauchen wir nicht weit zu ſuchen“, ſagte Auguſte, indem ſie an die Decke blickte. — „Hat die Dame oben wieder mit Dir geſprochen, ſeit ſie Dich um Feuer bat?“ „Nein, ſie dankte mir ſehr artig und ging wieder hinauf, 1„ weil ſie ihr Kind ſchreien hörte.“ f — „Du hätteſt ſie fragen ſollen, ob ſie ſonſt noch etwas bedürfe.“ „Das habe ich nicht gewagt; man hört es aus ihren Re⸗ * den, daß ſie aus guter Familie iſt.“ — „Was hilft das, wenn man in Noth iſt?“ „Glücklich iſt ſie freilich nicht. Die Frau des Lumpen⸗ händlers, die immer ſpionirt, erzählt, ſie komme mit einem Brode von zwei Pfunden und einigen Kartoffeln drei Tage aus und hole ſich alle Morgen für zwei Sous Milch. Die arme liebe Dame! — und dabei noch zu ſtillen!“ — „Vielleicht hat ſie kein Holz.“ * 4 — — —— „ —— 81 „Das iſt wohl möglich. Was ſollen wir thun? Wenn wir nur ein wenig mehr hätten als wir brauchen; und wir müſſen noch ſparen, um Deinen Rock aus dem Verſetzhauſe zu holen!“ — „Leider! leider! Wie glücklich ſind döch die Reichen. Sie brauchen nicht ſo ängſtlich nachzurechnen. Weißt Du es gewiß, daß ſie aus guter Familie iſt?“ „Man merkt es an ihren leinen weißen Händchen und an ihrer Sprache?“ — „Und ihr Mann?“ „Er muß verreiſet oder ein herzloſer Menſch ſein, weil er die Frau ſo im Unglücke ſchmachten laſſen kann.“ — „Vielleicht iſt ſie gar nicht verheirathet, ſondern von ihrem Verführer verlaſſen worden, wie das ſo oft geſchieht.“ Ja freilich, ſo ſind die Männer“, entgegnete Auguſte; „zwei bis drei Monate Vergnügen, dann heißt es gute Nacht. Sieh Du nun, wie Du durchkömmſt, ſtürze Dich in das Waſſer oder verhungete mit Deinem Kinde 1 — „Ja, ſo geſchieht es. Aber ſein Kind zu verlaſſen? pfui! Ich habe mir das, Gott ſei Dank, nicht vorzuwerfen. Arbeitet denn die arme Dame?,“ „Die Frau unten ſagt, ſie habe in dem Monate, ſeit ſie hier iſt, ein Mädchen kommen ſehen und fragen hören, ob die Stickerin Thereſe da wohne.“ — „Stickerin? Es iſt richtig, Auguſte. Sonſt wird ſie zu ihrem Vergnügen geſtickt haben, jetzt ſtict ſie, um ihr Brod zu verdienen.“ „Ach, wenn ſie kein Holz hätte, Peter!“ — „und da fängt es gerade an zu ſchneien. Unter dem Dache iſt es ſo kalt!“ „Ich verachte Niemanden, aber ich wollte lieber ſonſt wo wohnen, als unter dem Dache, der Kinder wegen. Lieber ver⸗ ſage ich mir Alles.“ — „Arme Frau! Und wenn man ſich nichts zu verſagen hat? Auguſte, kein Holz und ein Dachſtübchen!“ „Schweig, Du zerreißt mir das Herz.“ — „Ligt Dir ſoviel daran, meinen Rock den Winter über auszulöſen?““ 6* 82 „Mir, Peter? Deinetwegen will ich es, damit Du einen anſtändigen Anzug haſt, wenn Du Sonntags nach der Arbeit einmal ausgehſt.“ — „Im Winter iſt es nicht eben angenehm ſpazieren zu gehen. Wie viel haſt Du bisher bei Seite gelegt?“ „Ich habe ſchon eilf Francs! Es iſt nicht viel, aber wir können doch ſchon unſer Holz mit der Dame oben theilen, wenn es ihr daran fehlt. Wir kaufen anderes für die eilf Francs.“ — „Du haſt Recht. Der liebe Gott wird es ſegnen. Laß Dich küſſen, Auguſte.“ „Ja, aber warte einen Augenblick. Wie ſoll ich es denn der Dame antragen? Ich werde es nicht wagen. Nicht, daß ſie ſtolz ausſähe, im Gegentheil, ſie iſt ſehr artig und ſanft, aber ſie hat etwas an ſich — mit einem Worte, ich habe den Muth nicht —“ — „Auguſte, ein Einfall! Sie bat Dich letzthin um Kohlen; geh und borge wieder bei ihr; Du wirſt da ſehen, ob ſie Feuer hat; hat ſie keines —“ „Nun?“ — „So ſagſt Du ihr, — was Dir eben einfällt. Du wirſt ſchon etwas finden.“ „Du haſt Recht, Peter. Ich nehme die Schaufel und gehe hinauf. Es iſt ſonderbar, aber das Herz klopft mir —“ — „Du biſt ein Haſenfuß, geh. Benimmſt Du Dich nicht, als ſollteſt Du etwas Schlechtes begehen?“ „Ich werde ſchon ruhiger; nimm die Kinder zu Dir, ſonſt wollen ſie mit mir.“ „Kommt her, Kinder“, ſagte der Klempner; — „es iſt Feierabend; ehe wir Licht anzünden, wollen wir in der Stube herumreiten, damit wir warm werden. Hopp! hopp!“ Und Peter nahm mit jeder Hand eines ſeiner kleinen Mäd⸗ chen, hob ſie auf ſeine Kniee und ließ ſie ſo zu großer Freude, der Kinder reiten. Auguſte war unterdeß auf der ſchmalen Treppe hinauf in as Dachſtübchen gegangen. 8 Die Thüre ſchloß kaum und der Wind rüttelte an ihr. Auguſte klopfte anfangs leiſe, dann ſtärker, und als Nie⸗ b mand antwortete, trat ſie leiſe ein. O trauriger, trauriger Anblick! „ — —,— 83 Das Stübchen wurde durch ein kleines Fenſter mit zwei grünlichen blinden Scheiben erhellt; an verſchiedenen Stellen des Daches drangen Licht und auch Schneeflocken herein. Die geweißten Wände tropften von Feuchtigkeit. Ein Ofen, ein Koffer, ein Stuhl, ein Tiſch, auf dem eine angefangene Stickerei lag, bildeten das Geräthe in dem kahlen kalten, aber außerordentlich reinen Stübchen. Auf dem Bette endlich, das ſo ſchlecht war wie das des Klempners, lag ohnmächtig Thereſe Dunoyer, bleich und abge⸗ magert. Krampfhaft drückte ſie ihr Kind an den Buſen, aus welchem das arme kleine Weſen vergebens Nahrung zu ſaugen verſuchte. „Heilige Jungfrau, wie bin ich zu rechter Zeit gekom⸗ men!“ rief Auguſte. „Die arme liebe Dame iſt vor Mangel und Kälte vielleicht krank geworden; ihre Hände ſind ganz kalt. Welches Bett, mein Gott! Ein Strohſack! Und als Decke ein alter Shawl! Welche Armuth, welche Armuth! Schnell muß ich Peter rufen.“ Als ſie ihren Mann gerufen hatte, zog Auguſte das kleine Mädchen, das etwa drei Monate alt war, aus den Armen der Mutter und legte es auf das Bett. „Was willſt Du?“ fragte Peter, als er in der Thüre erſchien. — „Schnell hole Eſſig, Holz und Feuerzeug! Die arme liebe Dame iſt ohnmächtig; ſchnell! ſchnell Peter eilte wieder fort. „Wie gut, daß ich heraufgegangen bin! Sie wäre viel⸗ leicht geſtorben und ihr Kind auch““, prach Auguſte mit ſich ſelbſt. „Das arme Würmchen! es ſchreit nicht einmal. Die ſchönen ſchwarzen Augen, die es hat, und das kleine Maal da! — Wie mager das arme Kind iſt! Und die Mutter — noch immer eiskalt. Wie lange nur Peter bleibt! — Da kommt er endlich.“ Peter kam wirklich mit den beiden kleinen Mädchen, von denen das eine eine Falſche mit Eſſig trug. Er legte einen Arm voll Holz nieder und zündete Feuer an. „Nun, kommt ſie wieder zu ſich?“ fragte er ſeine Frau. — „Sie erholt ſh. — Aber nun gehe hinunter zu uns, men — 84⁴ mach' Feuer bei uns an und ſetze ſogleich Waſſer an das Feuer; ich werde Dich rufen, wenn ich Dich brauche.“ Peter ging wieder hinunter. Auguſte hatte Thereſen auf dem Bette aufgeſetzt und hielt ſie in ihren Armen. Sie kam wieder zu ſich und ihr erſtes Wort war: „Mein Kind! Wo iſt mein Kind?“ — „Hier, Madame.“ Thereſe bog ſich über das Kind und bedeckte daſſelbe mit Küſſen. — „Der arme kleine Engel! Es iſt ſo fromm, ſchlägt die großen Augen auf und weint nicht. Wie fühlen Sie ſich, Madame? Ziehen Sie noch etwas Eſſig ein.“ „Es geht beſſer. — Ja, ja — ich danke für Ihre Güte, Madame. — Aber wie kommen Sie hieher?“ — „Das will ich Ihnen ſagen, Madame. Ich war, — ich war heraufgekommen, um Sie um ein paar Kohlen zu bitten; ich klopfte, Sie antworteten nicht, und es war ein Glück, daß ich hereinkam.“ „Ich danke Ihnen meines Kindes wegen. — Ich war ſo erſchöpft. — Aber das Feuer da?“ fragte Thereſe, als ſie den Schein der Flamme in dem Dunkel ſah. „Verzeihen Sie, Madame“, antwortete Auguſte verlegen, „aber da ich nicht wußte, wo Sie Ihr Holz haben und da ich fürchtete, das arme Kind würde frieren —“ „Vortreffliche Frau! Sie müſſen Mutter ſein, — denn Sie haben Mitleiden —“ Dann ſetzte Thereſe ſchluchzend hinzu: „Ich bin völlig erſchöpft, — ich kann mein Kind nicht mehr nähren; — es wird ſterben.“ — „Ah, ſterben! Sind wir denn nicht da? Freilich arme Handwerksleute, aber — man hilft ſich unter einander, wie es eben geht. Wir kennen die Noth auch, — ich habe meine fünf Kleinen aufgezogen trotz der Armuth und der Krankheit meines Mannes. — Warum ſollten wir das arme kleine Kind nicht auch noch mit unterhalten?“ „Sie ſind ſo gut! Ach Gott, ſo gut! Wie habe ich verdient, was Sie für mich thun?“ 6 — 85 — „Das iſt ganz einfach, Madame. Sie ſind freilich aus guter Familie, aber wir ſind Nachbarn und müſſen einander beiſtehen. Man ſieht es wohl, daß Sie nicht an die Armuth gewöhnt ſind, wie wir, aber wir werden Sie gern unterſtützen, um das arme Kind zu erhalten.“ Mit einem Male erſchütterte ein ungewöhnlicher Lärm in dem Gäßchen die Fenſter des Hauſes. Ein Poſtwagen rollte heran. Thereſe horchte mit ängſtlicher Spannung; ſie zitterte; ein Strahl der Hoffnung leuchtete aus ihren Augen. Man vernahm lärmende Tritte auf der Treppe, ſowie die Stimme Peters, der Jemanden zu führen ſchien und ſagte: „Ja, Herr, ja; nur hier herein.“ Thereſe zitterte ſo ſtark, daß Auguſte ausrief: „Mein Gott, mein Gott, Madame, was iſt Ihnen?“ Die Thüre wurde heftig aufgeriſſen und in dem hellen Scheine des Lichtes, das Peter in der Hand hielt, trat ein Mann über die Schwelle. Thereſe ſah ihn an, ſchrie laut auf, verhüllte das Geſicht mit beiden Händen und ſprach: „Er iſt es nicht. Was ſehe ich? Herr von Ker⸗Ellio!“ VII. Das Wiederſehen. Nachdem der Herr von Ker⸗Ellio einen Augenblick Thereſe Dunoyer unverwandt angeſehen und einen ſchmerzlichen Blick auf das ärmliche Stübchen geworfen hatte, welches die Tochter des Bangquier bewohnte, ſagte er leiſe einige Worte zu Peter Feraud, der hinter ihm geblieben war. Der Handwerker verſchwand, nachdem er Ewen das Licht übergeben hatte, der langſam vortrat und daſſelbe auf den Tiſch ſetzte. 86 Thereſe glaubte, indem ſie bedachte, wie hart ſie früher den Varon behandelt hatte, er ſei gekommen, um ſie in ihrem Unglücke zu höhnen und erröthete vor Scham und Verlegenheit. Cwen trat, ohne ein Wort zu ſagen, zu ihr. Da bemerkte ſie mit Verwunderung, daß das von Kummer gefurchte Geſicht Ker⸗Ellio's von Thränen überſtrömt war. „Der kleine Engel ſchläft“, ſagte Auguſte leiſe zu Thereſen, indem ſie aufſtand. „Wenn Sie ſich auch niederlegten?“ Während ſie dies ſagte, ſtellte die Frau des Handwerkers neben das Lager eine ſchöne Wiege mit kleinen grünſeidenen Vorhängen, zwei Kiſſen, einer wattirten Decke und feinem Bett⸗ tuche. Der Lurus dieſes Kinderbettes ſtach grell von der troſtloſen Armuth in dem Dachſtübchen ab. Thereſe legte ihr Kind mit ſo großer Sorgfalt nieder, als wenn der Herr von Ker⸗Ellio nicht da geweſen wäre. Bwen beobachtete ſie, erſchrocken über die Veränderung, die er in den Zügen der Unglücklichen bemerkte. Nachdem Auguſte ſich entfernt hatte, ſtieg die Verlegenheit Thereſens noch mehr. Sie hatte den Baron nicht wieder ge⸗ ſehen ſeit dem Tage, als ſie ihm ihre Liebe zu Montal geſtand; ſie kannte die Urſache der Rückkehr Ewens nicht, zweifelte aber, da ſie Thränen in ſeinen Augen bemerkte, nicht mehr an der Theilnahme, die er für ſie fühle. Thereſe war ſo ganz verlaſſen, fürchtete ſo ſehr für das Leben ihres Kindes und hatte ſo lange nicht die geringſte Spur von Mitleiden gefunden, daß ſie dem Hammel dankte für die Ankunft des Herrn von Ker⸗Ellio. Der Pen⸗kan⸗guer ſchien um zehn Jahre älter geworden zu ſein. Er ging gebückt einher, und in ſeinen eingeſunkenen Augen glühte ein düſteres Feuer; da er jene Art Matroſen⸗ tracht trug, in welcher er in Treff⸗Hartlog gewöhnlich ging, ſo erkannte man, daß er abgereiſt war, ohne ſich erſt die Zeit zu nehmen, ſeinen Anzug zu wechſeln. „Vor drei Tagen habe ich Alles erfahren. — Sie mußten todt oder das unglücklichſte Mädchen ſein. — Ich eilte her“, Ewen, „erwartete aber nicht zu ſehen, was ich da er⸗ blicke, nein, das erwartete ich nicht.“ Und von Neuem ſtrömten die Thränen über ſein Geſicht. — 87 Thereſe ſah ihn verwlndert an. „Was“, fragte ſie zitternd, „was haben Sie vor drei Tagen erfahren?“ Der Herr von Ker⸗Ellio trat erſchrocken zurück. „Wie?“ fragte er, — „Sie wiſſen es nicht?“ — „Was?“ „Montal!“ — „Ich erwarte ihn.“ „Sie erwarten ihn.“ — „Was meinen Sie?““ „Sie erwarten ihn?“ — „Mein Gott, Sie erſchrecken mich.“ „Ihn!“ — „Er iſt todt!“ rief Thereſe mit Entſetzen, indem ſie die Hände nach dem Herrn von Ker⸗Ellio ausſtreckte. „Er iſt nicht todt, — keiner Gefahr ausgeſetzt.“ — „Was alſo haben Sie erfahren? Warum glaubten Sie, daß ich todt oder das unglücklichſte Mädchen ſein müßte? Sprechen Sie, in des Himmels Namen, ſprechen Sie!“ „Warten Sie nicht mehr auf den Herrn von Montal.“ — „Warum nicht?“ „Sie werden ihn nicht wiederſehen.“ — „Ihn nicht wiederſehen?“ „Niemals.“ — „Mein Gott, was iſt geſchehen? Wo iſt er? Seit einem halben Jahre habe ich keine Nachricht von ihm erhalten, — ich wartete immer und warte noch.“ „Soll ich ihr den letzten Streich verſetzen?“ dachte Ker⸗ Ellio bei ſich; „ſie iſt ſo ſchwach, ſo leidend; ſie würde es nicht überleben.“ — „Ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir, was Sie wiſſen. Sprechen Sie offen. Jetzt kann mich nichts mehr erreichen als durch mein Kind. Mein Schickſal kann nicht ſchrecklicher wer⸗ den. Wenn ich noch eine ſchwache Hoffnung habe, Montal wiederzuſehen, ſo geſchieht es nur, weil alle Unglücklichen hoffen, ſo lange noch ein Hauch von Leben in ihnen iſt.“ 3 müſſen dieſe Hoffnung aufgeben, für immer auf⸗ 88 — „Er iſt todt! Sie wollen mir es verbergen. — Ihre Schonung iſt eine Grauſamkeit.“ „Er iſt nicht todt, ich ſchwöre es Ihnen zu, für Sie aber iſt er verloren.“ — „Für mich verloren?“ „Ja, — denn er kann Sie nicht heirathen —“ — „Er kann mich nicht heirathen?“ wiederholte Thereſe unwillkührlich. Der Herr von Ker⸗Ellio ſah mit Entſetzen, wie wenig ſie den Schlag erwartete, der ſie treffen ſollte. Vergebens hatte er alle möglichen Uebergänge und Anſpielungen gebraucht, um ſie darauf vorzubereiten; Thereſe verſtand ſie nicht, denn ein ge⸗ heimer Inſtinkt verlängert gleichſam die Unkenntniß des Un⸗ glückes, das man am meiſten fürchtet. Ewen ſagte endlich, um dieſe grauſame Scene zu beendigen, mit bewegter Stimme: „Nein, der Herr von Montal kann Sie nicht mehr hei⸗ rathen; er vergaß die heiligen Verpflichtungen, die ihn an Sie banden, er vergaß die heiligſten Verſprechungen und aus Hab⸗ ſucht hat er —“ — „Vollenden Sie.“ „Er kam mit einer verachteten, aber reichen Frau zu⸗ ſammen —“ — „Er iſt verheirathet!“ Unmöglich iſt der herzzerreißende Ausdruck zu beſchreiben, mit dem Thereſe dieſe Worte ſprach. Mit krampfhaft gefalteten Händen ſchlug ſie in ſtummer Verzweiflung die Augen zum Himmel empor. Mit einemmale dann war es ihr als könne und dürfe ſie an dieſe gräßliche Täuſchung nicht glauben; ſie beſchuldigte den Herrn von Ker⸗Ellio lieber der Unredlichkeit und ſagte: — „Das iſt nicht wahr.“ „Sie können an ſo große Niederträchtigkeit nicht glauben? — ich begreife das.“ — „Nein, es iſt nicht wahr, — Sie wollen mich hinter⸗ gehen —“ 8 „Und zu welchem Zwecke?“ — „Um ſich an Montal zu rächen, an mir vielleicht, ja an mir, da ich Sie ſonſt ſo verächtlich behandelt habe. Ver⸗ e 89 heirathet? — nein, ich glaube es Ihnen nicht. Mein Gott, mein Gott, erbarme Dich meiner! — Und mein Kind, mein Kind wäre gleich mir — ein uneheliches! — gleich mir ohne Familie, ohne Stütze!“ Dieſe Vorſtellung war fün⸗Thereſen noch ſchrecklicher ihres Kindes als ihrer ſelbſt wegen und ſie fuhr deshalb in neuer Heftigkeit fort: „Nein, ich ſage es Ihnen, es iſt nicht wahr — Montal ſſt nicht verheirathet.“ Cwen betrachtete ſchmerzlich Thereſen. Brauchen wir zu ſagen, daß dieſe Beſchuldigungen, mit denen ſie ihn in ihrer Verzweiflung überhäufte, teinen Eindruck auf ihn machten? Der Ausbruch ihres Schmerzes überraſchte ihn nicht; er fuhr mit milder aber feſter Stimme und in einem ſolchen Tone der Ueberzeugung fort, daß Thereſe nicht länger zu zweifeln wagte: „Bei Gott und bei meiner Ehre ſchwöre ich es Ihnen, daß der Herr von Montal verheirathet iſt.“ Thereſe jammerte laut, ſchlug beide Hände über das Geſicht und ſchwieg eine Zeit lang. Dann ichtete ſie den Kopf wieder empor. Sie war todtenbleich geworden und ſprach mit fieber⸗ hafter Stimme: „Vergeben Sie mir, daß ich zweifelte; jetzt glaube ich Ihnen. Sprechen Sie nun weiter — ich werde Muth haben.“ — „Ja, ich will ſprechen; ja, Sie werden Muth haben, Sie werden den Ehrloſen vergeſſen, Sie werden alle Ihre Kräfte zuſammenraffen, um nur an Ihr Kind zu denken.“ „Verheirathet — verheirathet!“ wiederholte Thereſe un⸗ willkührlich, „und mit wem 24 — Mit der Marquiſe von Beauregard — in Neapel — vor zwei Monaten.“ „Mit einem Weibe, das die Geſellſchaft von ſich wies? Ach, ich hätte das erwarten ſollen. Ich Verblendete, die ich war! Alles iſt mir nun erklärt; er verließ mich, um jene zu heirathen.“ — „Dieſe unwürdige Wahl muß Sie tröſten. — Jene S iſt ein ſchmachvoller Handel. Er wollte nichts als „Aber jene Frau iſt jung und ſchön!“ rief Thereſe heftig aus. 90 — „Sie iſt auch entehrt; die Welt hat ſie gebrand⸗ markt.“ „Allerdings“, antwortete Thereſe niedergeſchlagen, „aller⸗ dings. — Verzeihen Sie mir dieſes letzte Aufblitzen der Eifer⸗ ſucht; ich werde nun Muth haben. Sie verſtehen mich, nicht wahr? Der erſte Anſtoß iſt immer der ſchmerzlichſte. Nachher ergiebt man ſich in ſein Schickſal, weil — der Tod doch immer beſſer iſt als das Sterben.“ Thereſe trocknete von Neuem ihre Augen. „Ja“, fuhr Ewen fort, „beſſer iſt das Vergeſſen als die Unruhe. Jetzt verachten Sie ihn, ſpäter werden Sie ihn vergeſſen.“ „Wie aber haben Sie die Heirath Montal's erfahren?“ — „Vor drei Tagen kam der Abbé von Kerouellan zu mir; er hatte ein Zeitungsblatt in der Hand und ſagte: „Ihr Vetter, der Herr von Montal, hat ſich ja mit der Wittwe des Herrn von B Beauregard verheirathet!“ Ich nahm das Blatt und wirklich 5 die Nachricht wurde offiziell von Neapel aus an⸗ gezeigt, die Verbindung war in der Kapelle der franzöſiſchen Geſandtſchaft erfolgt. So unbekannt ich nun auch in meiner Einſamkeit mit den dem war, was in Paris geſchah, ſo hatte ich doch vor einem Jahre erfahren, daß Sie das Haus Ihres Vaters verlaſſen, um dem Herrn von Montal zu folgen. Ich hatte keinen Ausinhlick daran gezweifelt, daß Sie mit ihm ver⸗ heirathet wären. Er heirathete jetzt die Frau von Beauregard, Sie mußten alſo entweder todt oder unwürdig verlaſſen ſein. Ich reiſte ab und kam vor einer Stunde bei Ihrem Vater an.“ „Sie haben ihn geſehen?“ — „Ich habe ihn geſehen. „Herr“, redete ich ihn an, „Ihre Tochter iſt alſo todt, da ſich der Herr von Montgl wie⸗ der verheirathet?“ — „Meine Tochter?“ antwortete der Mann, „ich habe nur eine Tochter und dieſe befindet ſich, Gott ſei Dank! ganz vortrefflich. Der Herr von Montal hat ſich allerdings mit der Frau von Beauregard verheirathet; meine Correſpondenten haben es mir gemeldet und ich freue mich dar⸗ über, denn der Graf iſt ein prächtiger Menſch und macht da eine ausge zeichnete Partie.“ 5 „Daran erkenne ich den Herrn Dunoyer“, ſagte itter. 9¹ — „Warten Sie“, fuhr Ewen fort, „warten Sie; Du⸗ noyer ſetzte hinzu: „Herr von Montal hat mir vor ungefähr einem Jahre eine gewiſſe Thereſe abgenommen, die ſich meine Tochter nennen ließ, da ich ſie aus Mitleiden erzogen hatte. Nachdem er einige Monate mit ihr gelebt, ließ er ſie, glaube ich, ſitzen. Wenn Sie das Mädchen ſehen wollen, ſo iſt hier ihre Adreſſe. Vorgeſtern ſchrieb ſie an meine Frau um Unter⸗ ſtütung, da ſie ſich, wie ſie ſagt, in der tiefſten Armuth mit ihrem Kinde befindet. Es war allerdings das erſte Mal, daß ſie ſich an uns wendete, aber was ſollten wir für ſie thun? Wir haben ſchon unſere Armen.“ Bei dieſen grauſamen Worten des Banquiers, die Ewen berichtete, ſchlug Thereſe die Augen zum Himmel auf und ſprach: „Meine Mutter, ach, meine Mutter! Mir Brod zu ver⸗ weigern! Und ich wendete mich nur an ſie, weil mein Kind dem Hungertode nahe war.“ — „Ich entriß dem Herrn Dunoyer Ihre Adreſſe“, fuhr Cwen fort, „und eilte hierher. Sie haben Niemanden mehr, weder einen Liebhaber, noch Vater und Mutter; Sie ſind allein, von Allen verlaſſen, nahe daran, neben Ihrem Kinde zu ver⸗ hungern; Sie können das nicht leugnen, nicht wahr, Sie kön⸗ nen es nicht? Selbſt die armen Handwerksleute, die hier woh⸗ nen, fühlen Mitleiden. Der Mann, welcher mir leuchtete, ſagte: „Madame Thereſe? Ja, das iſt hier. Wenn Sie Hilfe bringen, ſo iſt es die höchſte Zeit. Geſtern ging meine Frau zu der armen Dame hinauf und fand ſie nebſt dem kleinen Kinde vor Kälte und Hunger faſt todt.“ Sie können das nicht leug⸗ nen. Ihre Lage iſt eine ſchreckliche.“ „Ja, ſchrecklich. Meines Kindes wegen graut mir da⸗ vor.“ — „Allerdings iſt ſie für daſſelbe grauenhaft.“ „Warum aber ſo lange bei dieſem düſtern Bilde verweilen? Iſt das edel? Ich bin freilich früher ſehr grauſam gegen Sie geweſen, ich fühle es, aber —“ — „Auch will ich mich rächen.“ Ewen ſprach dieſe Worte in ſo edlem, ſo liebevollem Tone, daß Thereſe die unausſprechliche Herzensgüte dieſes Mannes erkannte und ausrief: 92 „Ach, verzeihen Sie mir, das Unglück macht ſo miß⸗ trauiſch!“ Dann kam ſie wieder auf den Gedanken zurück, der ſie beherrſchte, und wiederholte in der tiefſten Niedergeſchlagen⸗ heit: „Verheirathet! verheirathet!“ — „Was liegt Ihnen an einem Manne, der ſo ſchlecht war, Sie zu verlaſſen?“ — „Und mein Kind? Wenn ich ſo gewaltigen Schlägen nicht zu widerſtehen vermag, wenn —?“ Sie unterbrach ſich, ließ das Haupt ſinken und ſetzte erſt nach längerer Pauſe hinzu: „ach, es iſt ſchrecklich, aber Gott wird das unſchuldige Kind nicht verlaſſen. Hat er nicht dieſe braven Leute mir zur Hilfe geſandt?“ — Und ich? Warum bin ich gekommen 2 „Ich denke darüber nach.“ — „Und Sie können es nicht errathen?“ „Die Theilnahme, welche das Unglück einflößt —“ — „Ja, ſo iſt es, die Theilnahme, welche das Unglück einflößt — ein gewöhnliches Mitleiden, — weiter nichts“, ent⸗ gegnete Ker⸗Ellio bitter lächelnd. — „Hat Ihnen Montal ni⸗ mals von einem gewiſſen Portrait erzählt?“ „Von einem Portrait? Nein. Aber was ſoll — — „Nichts, nichts. — Später ſollen Sie es erfahren. Jetzt müſſen wir an die Zukunft denken. — Welche Hilfsmittel haben Sie? was hoffen Sie? was haben Sie bisher gethan?“ „Ich habe gearbeitet; ich werde arbeiten.“ — „Arbeiten! — Sie! Armes Mädchen! Ich ſehe, wir haben in dem vergangenen Jahre beide viel gelitten.“ „Wir beide, ſagen Sie?“ — „Ja, ich habe auch gelitten, viel gelitten, vielleicht ſo viel als Sie.“ „Und warum?“ — „Warum? Sie fragen warum? und ich eile auf die erſte Nachricht von Ihrem Unglücke hierher? Freilich, ich habe nichts gethan, um Sie von der traurigen Meinung abzubringen, die Sie von mir hegten. Sie hielten mich für fähig, aus Hab⸗ ſucht um Ihre Hand anzuhalten, nicht wahr?“ „Ich kannte Sie damals nicht —“ — „Ich mache Ihnen auch keinen Vorwurf daraus; Sie mußten ſo denken; ich war aber ſchändlich verläumdet und wagte, 93 es nicht, mich zu entſchuldigen. Jetzt aber, jetzt iſt es anders. Jetzt müſſen Sie mich kennen lernen wie ich bin, jetzt müſſen Sie völliges Vertrauen zu mir haben und ſagen: es iſt ein braves, edles Herz, ein redlicher gerader Mann, ſonſt, ſehen Sie“, ſetzte Ewen mildlächelnd hinzu, „kann ich nichts Gutes thun.“ „Herr —“, fiel Thereſe erſtaunt ein. — „Und ich nicht allein will Ihnen beweiſen, daß ich wohl etwas werth bin; der würdige Abbé von Kerouellan wird für mich bürgen und das gute Zeugniß beſtätigen, daß ich mir ſelbſt gebe; im Nothfalle werden es ſogar meine alten Diener, meine Pächter, ſelbſt meine ehemaligen Soldaten. Allen dieſen unverdorbenen aufrichtigen Menſchen werden Sie nicht wider⸗ ſtehen können, wenn ſie Ihnen ſagen: Ewen von Ker⸗Ellio iſt ein rechtſchaffener Mann; er hat ſeit einem Jahre viel gelitten, ſo viel, daß wir armen Leute ihn bedauerten; aber trotz ſeinem Schmerze hat er Niemanden rauh behandelt, er that immerfort Gutes, wie es ſein Vater ihn gelehrt hat. — Das wird man Ihnen ſagen und Sie werden es glauben müſſen —“ „Großer Gott! und dieſer Kummer wäre meinet⸗ wegen —“ — „Ja, um Ihretwillen. — Sie müſſen endlich er⸗ fahren, was ich um Sie gelitten habe — und ſo werden Sie ſich vielleicht zu der Entſchädigung, die ich hoffe, verpflichtet halten.“ „Was meinen Sie damit?“ — „Wenn Sie wiſſen werden, daß Montal mich ſchänd⸗ lich verleumdete, daß ich Sie ſeit Jahren, ja ſeit Jahren geliebt habe, daß trotz der grauſamen Behandlung, die ich von Ihnen erfuhr, meine Achtung, meine Liebe ſich nicht verringerte, daß alle Thränen, die ich vergoß, alle Schmerzen, die ich ertrug, durch Sie, durch Sie allein veranlaßt waren —“ „Was ſagen Sie?“ — „Dann werden Sie das Unglück bedauern, in das Sie mich ſtürzten, und da Sie ein edles Herz beſitzen, mir zur Entſchädigung für ſo viele Schmerzen Ihre Hand geben, nicht wahr? Ja, Ihre Hand. — Sie ſehen mich verwundert, faſt verlegen an; ich erwarte dies.“ „Wirklich, nur durch den Edelfinn dieſes Antrages —“ — „Kann man ſeine Seltſamkeit entſchuldigen?“ „Sie werden mir verzeihen, denn Sie begreifen gewiß, daß man auch noch in der unglücklichſten Lage ein Gefühl ſeiner Würde behalten kann.“ — „Sie meinen, ich benutze Ihr Unglück, um das, was ich wünſche, um jeden Preis zu erhalten, ich ſei ein herzloſer Menſch, weil ich noch nach dem, was geſchehen iſt, mich um Ihre Hand bemühe.“ „Wenn Sie auch ſo edel ſind, die Vergangenheit zu ver⸗ geſſen, ſo muß ich mich doch ihrer erinnern. Ich bin gegen Sie grauſam, ungerecht geweſen, ich erkenne es jetzt, aber ich fürch⸗ tete für das Leben des Mannes, den ich liebte, ich glaubte an ſeine Liebe, ich glaubte —, doch wozu jetzt dieſe Vorwürfe? 5 liegt in Ihrem Antrage eben ſo viel Muth als Adel und doch — Ewen unterbrach Thereſen: — „Sehen Sie mich an; ich zähle kaum fünfundzwanzig Jahr und meine Stirn iſt von Runzeln durchzogen, der Kummer hat mich vor der Zeit gebeugt —. Ich kann Ihnen nichts bie⸗ ten, was den Augen gefällt, aber dem Herzen iſt dies gleich⸗ giltig, das werden Sie — vielleicht — ſpäter erkennen —. Wenn es möglich wäre, den einmal beſtehenden Anſichten ent⸗ gegenzutreten, würde ich zu Ihnen ſagen: „Liebe Schweſter, komm' in meine Einſamkeit; Dein Kind ſoll das meinige ſein.“ „Ach, ich erkenne Sie endlich, — leider zu ſpät, zu ſpät — „Wennm es zu ſpät wäre, würde ich nicht hier ſein —. Ich könnte alſo zu Ihnen ſagen: liebe Schweſter, theile meine Einſamkeit mit mir; — aber was würde die Welt dazu ſagen? Wenn ich die Welt ſage, ſo meine ich meine Nachbarn, einfache rechtliche Leute, ihre Mütter, ihre Schweſtern, ihre Frauen, die Sie und mich beſchuldigen würden, weil ſie ein Recht dazu hätten, weil kein Weib, außer das meinige, mit mir in dem Hauſe wohnen darf, in dem mein Vater und meine Mutter ſtarben.“ 3 „Edles Herz!“ . „Alſo, wenn ich Ihnen meine Hand biete, will ich — een unterbrach er ſich, „nein, ich kann dies nicht 95 „Ich bitte Sie, ſprechen Sie ohne Rückhalt; dieſe rühren⸗ den Beweiſe von Güte thun mir wohl. — Sprechen Sie!“ „Sie haben Recht. Alſo, wenn ich Sie bitte, meine Hand anzunehmen, ſo geſchieht es blos damit Sie meine Schweſter ſein können, ohne daß die Welt Uebles davon ſpricht. Verſtehen Sie mich? Beruhigen Sie ſich; wenn Sie Ihren Stolz haben, beſitze ich mein Zartgefühl; gehören Sie zu den Frauen, die nur eine Liebe habe, ſo gehöre ich zu den Männern, die auch nur eine Liebe kennen und die ſie um keinen Preis entweihen möchten —. Wenn ich für Sie ein Bruder bleibe, werde ich Sie ohne Schmach fort und fort lieben, wer⸗ den Sie meinen Antrag ohne Erröthen annehmen können.“ „Aber, mein Gott, was kann Sie zu einem ſolchen Opfer bewegen?“ — „Das werde ich Ihnen ſpäter ſagen, wann Sie ein⸗ gewilligt haben. Und reicht nicht ſchon Ihr Unglück hin, ſelbſt das härteſte Herz zu erweichen? Dieſes Kind, das beinahe neben Ihnen geſtorben wäre „Ach, ſagen Sie dies, ſagen Sie dies nicht.“ — „Ja, ich werde es ſagen, ich werde Ihnen wieder⸗ holen, daß Sie nicht als gute Mutter handeln, wenn Sie mei⸗ nen Antrag von ſich weiſen —. Warum wollen Sie dem un⸗ glücklichen Kinde die Stütze rauben, die ich Ihnen für daſſelbe biete? Und wenn Sie morgen ſtürben, — wenn ich ſterbe, was ſoll aus Ihrem Kinde werden?“ „Aus Barmherzigkeit, ſprechen Sie nicht alſo.“ — „Eben aus Barmherzigkeit ſpreche ich; weil Sie gegen Ihr Kind barmhetzig ſein müſſen, ſage ich Ihnen, daß es ſchlecht von Ihnen ſein würde, wenn Sie ihm die Zukunft nehmen wollten, die das Geſchick ihm bietet. Werden Sie zuerſt meine Frau, laſſen Sie mich Ihr Kind anerkennen, ihm einen ehrbaren Namen geben, ſein Schickſal ſichern; — dann werden Sie ohne Gewiſſensqual über Ihre verkannte Liebe weinen und dem Schickſal fluchen können, das Ihnen den grau⸗ ſamen Narren entgegenführte, an welchen Sie die Schätze Ihres Herzens verſchwendet haben. — Ich werde mit Ihnen weinen, denn viele Schmerzen leiden wir gemeinſam. Bevor Sie aber mit Muße an der bittern Wolluſt einer unheilbaren Verzweif⸗ Thereſe Dunoyer II. 96 lung ſich laben, müſſen Sie Ihr Kind dem ſchrecklichen Schick⸗ ſale entziehen, das Sie betroffen hat.“ „Nein, nein, das iſt unmöglich; es wäre Selbſtſucht, Undankbarkeit, ja Undankbarkeit, wollte ich das annehmen, was Sie mir bieten.“ — „Und was wollen Sie thun, wenn Sie es ausſchla⸗ gen? Sie wollen arbeiten, nicht wahr? Aber mit den Jahren ſteigen die Bedürfniſſe Ihres Kindes und ſein Leben wird noch lange ganz von dem Ihrigen abhängen. Und wenn Ihre Toch⸗ ter heirathen ſoll, wem wollen Sie dieſelbe geben? Sie wird arm und namenlos ſein; welche Bürgſchaft des Glückes können Sie für Ihre Tochter verlangen?“ „Ach Gott! mein Gott!“ ſprach Thereſe, indem ſie die Augen gen Himmel aufſchlug; denn die traurige Wahrheit der Worte Ewen's machte einen erſchütternden Eindruck auf ſie. Ewen wünſchte ſich Glück darüber. — „Sie ſehen alſo,“ ſagte er, „Sie müſſen mir meine Behauptungen zugeben.“ Aber Thereſe war in dieſem Wettkampfe zwiſchen der er⸗ habenſten Großmuth und dem eigenſinnigſten Zartgefühl noch nicht überzeugt. Sie trocknete von Neuem ihre Thränen und ſprach: „Gott wird mich nicht verlaſſen und Mitleid mit mir haben; er wird mir ein langes Leben und die Kraft ſchenken, mein Kind zu erziehen.“ — „Unglückliche! — Kraft —! Sie ſind durch das Lei⸗ den bereits erſchöpft; Ihr Leben iſt nur noch ein Hauch. — Ich ſage Ihnen dies ohne Scheu, weil ich weiß, daß Ihnen das Leben verhaßt iſt und, wenn Sie Ihr Kind nicht hätten —“ „Ach, lange ſchon —“ ſagte Thereſe mit einem traurigen Blicke auf Ewen. Sie hatte ihn verſtanden. — „Sie ſehen es alſo ein; es würde Thorheit, es würde unmenſchlich ſein, wenn Sie die Zukunft Ihres Kindes, eines Lebens, das ſo unſicher iſt, wie das Ihrige, von Ihrem Leben abhängen laſſen wollten. — Sie ſind jung und ſchön, ich weiß es; das Anerbieten, welches ich Ihnen mache, werden Ihnen auch Andre machen, aber unter welchen Bedingungen! Sie werden zwiſchen dem Widerwillen, den Sie gegen eine zweite Verbindung haben, und dem Intereſſe Ihres Kindes kämpfen 97 müſſen. Da Sie eine eben ſo muthige Mutter ſein werden, als Sie ein muthiges Mädchen waren, werden Sie ſich früher oder ſpäter in Ihr Schickſal ergeben; der aber, welchen Sie mir vorziehen, wird nicht dieſelben Gründe haben, wie ich, Ihr Kind zu lieben. — Was die Aufrichtigkeit und Redlichkeit mei⸗ nes Entſchluſſes betrifft, ſo haben Sie dafür eine doppelte Bürgſchaft, Ihr Zartgefühl und das Wort eines Mannes, der, ich ſage es ohne Demuth und ohne Stolz, ſich ſo benimmt, wie ich mich benehme.“ In dieſem Augenblicke klopfte Peter leicht an die Thüre und erſchien gebückt unter einer Laſt von Matratzen, Vorhän⸗ gen u. ſ. w. nebſt mehreren ebenfalls bepackten Trägern. „Arme Schweſter,“ ſagte Ewen laut, „ich habe den braven Mann da gebeten, zu dem erſten beſten Tapezierer zu gehen und zu holen, was dieſes Stübchen auf zwei oder drei Tage erträglich machen kann. Komm einen Augenblick mit mir hinunter zu Deinem guten Nachbar; man wird unterdeß hier ein wenig Ordnung machen.“ Thereſe ſah Ewen traurig an, als wollte ſie ihm dieſer Lüge wegen Vorwürfe machen; dann nahm ſie ihr ſchlafendes Kind auf den Arm und ging mit dem Herrn von Ker⸗Ellio zu Peter Feraud hinunter, Ein aus einem Gaſthauſe herbeigeholtes Abendeſſen war fehr reinlich in dem erſten Stübchen aufgetragen, das der Klempner nicht bewohnte, und in dem Kamin praſſelte ein be⸗ hagliches Feuer. 8 Bei dem Anblicke dieſer einfachen und geſunden Speiſen erbebte Thereſe und drückte freudig ihr Kind an die Bruſt. — Die unglückliche Mutter hungerte — Sie hatte ſeit dem vorigen Tage nichts gegeſſen. . IX. Die Erzählung. Durch die Geſchicklichkeit und Thätigkeit der Arbeiter, denen Ker⸗Ellio mehrmals Anweiſung gab, war das Zimmer There⸗ ſens nach einigen Stunden bewohnbar gemacht. Man überzog die Wände und das Dach mit einem einfachen aber dicken Stoffe, hing Gardinen an den Fenſtern auf, brachte ein vortreffliches Beit zuſammen und bedeckte endlich den feuchten Fußboden mit einem dicken weichen Teppiche. Ohne Zweifel wäre es einfacher geweſen, Thereſen in ein Hotel garni zu bringen, da aber Ker⸗Ellio ihre Weigerung fürchtete, ſo wollte er es ihr unmöglich machen, ſich ſeinem Plane zu widerſetzen. Auch konnte Thereſe die Fürſorge Ewen's nicht abweiſen, da er ſich ihren Bruder genannt hatte. Nach dieſen ſo unerwarteten und zum Theil grauſamen Erfahrungen und Nachrichten bedurfte Thereſe der Ruhe. Ewen nahm deshalb Abſchied von ihr, ſie reichte ihm liebevoll die Hand und ſagte: „Auf Morgen alſo. Sie ſind ſo gut, daß ich eine Schuld auf mich laden würde, wenn ich nicht volles Vertrauen auf Si ſetzte. Ich werde Ihnen mein Leben von dem Augenblicke an erzählen, als ich das Haus Dunoyers verließ; ich werde Ihnen ſagen, was ich gelitten habe und was ich jetzt fühle. Dann und nur dann erſt werden Sie beurtheilen, ob ich Ihren edeln Antrag annehmen kann und ob Sie mir ihn machen können.“ Am andern Tage fand Cwen Thereſen noch niedergeſchla⸗ gener, als den Tag vorher; ſie hatte viel geweint und in der Einſamkeit den Schlag erſt recht gefühlt, den ſie durch die Treu⸗ loſigkeit Montals erlitten. Der Herr von Ker⸗Ellio ſchüttelte den Kopf. „Sie haben Ihrem Gefühle zu ſehr nachgegeben,“ ſagte er. — „Allerdings; ohne den Gedanken an mein Kind würde mich meine Verzweiflung weit geführt haben.“ „Sie lieben jenen Mann noch immer,“ ſagte Cwen traurig. 99 „Ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus. — Wie grau⸗ ſam, wie verderblich auch dieſe Liebe ſein mag, ſie iſt Ihre Ent⸗ ſchuldigung.“ — „Nein, ich liebe jenen Mann nicht mehr, oder viel⸗ mehr —, doch ich will Ihnen erzählen, was ich Ihnen ver⸗ ſprochen habe, Sie werden dann vielleicht den unglücklichen Widerſpruch meines Herzens begreifen.“ „Ich werde gleich aufrichtig gegen Sie ſein und in wenigen Worten Ihnen mittheilen, was mir in dem Jahre begegnet iſt, ſeit ich Sie verließ; dann werden wir der Zukunft klarer ent⸗ gegen ſehen. Wir werden einen würdigen, verſtändigen Ent⸗ ſchluß faſſen und beſonders an Ihren armen kleinen Engel den⸗ ken, nicht wahr, Schweſter?“ Ewen ſprach das Wort „Schweſter“ in einem ſo liebe⸗ vollen, ſo achtungsvollen und zugleich ſo ergebenen Tone, daß Thereſe, bis zu Thränen gerührt, ihm antwortete: „Ja, mein Bruder. Hören Sie jetzt meine lange, trau⸗ rige Beichte an. Ehe ich das Haus Dunoyer's verließ, ließ ich um die Erlaubniß bitten, meine Mutter und Schweſtek zum letzten Male zu umarmen, und es wurde mir verweigert. Ich folgte Montal in ſeine Wohnung; wohin ſollte ich gehen? Unter den wenigen Verwandten, die ich hatte und die alle mit Herrn und Madame Dunoyer auf vertrautem Fuße ſtanden, würde mich Niemand aufgenommen haben. Ich begleitete alſo den Mann, den ich für meinen Gatten hielt — In dem erſten Augenblicke, ich geſtehe es, war ich ſelbſt⸗ ſüchtig genug, nicht zu bedenken, daß ich ihm, da er ſchon ſo arm war, zur Laſt ſein würde, ich dachte nur an das Glück, ihn nun nie wieder zu verlaſſen. Die Härte Dunoyer's, die Unempfindlichkeit meiner Mutter entſchuldigten mich. Ich war jung, liebte, beſaß Muth und fürchtete mich alſo vor der Zu⸗ kunft nicht. Ich hatte in der Welt Niemanden mehr zu lieben, als Montal. — Ich war glücklich. — Er dagegen war mürriſch und niedergeſchlagen; mein Schickſal lag ihm ſehr am Herzen, wie er ſagte. Als ich bei ihm ankam, ergriff mich eine kindiſche Freude und eine unwillkührliche Rührung; Alles, was ihn anging, was ———— mich an ſeine Lebensweiſe erinnerte, kum mir koſtbar vor; die Miſchhng von Lurus und Armuth, die ich bei ihm fand, rührte mich tief. Die gleichſam verzweifelte Affectation von Eleganz hielt ich für perſönliche Würde. Montal warf ſich auf einen Stuhl und ſchlug beide Hände über das Geſicht. Ich ſchrieb ſeine Troſtloſigkeit dem Bedauern zu, mich in eine ſolche Lage gebracht zu haben. Wenn ich damals geglaubt hätte, ihm zur Laſt zu ſein, wenn ich geahnt hätte, daß er ſeines eigenen Schickſals wegen betrübt ſei, hätte ich eine Stunde ſpäter nicht mehr gelebt; aber ich hielt mich für zärtlich geliebt und glaubte, ich ſei zu dem Glücke, zu dem Leben Montals nothwendig. „Sind wir einmal verheirathet,“ ſagte ich zu ihm, „und man erfährt das Verfahren meiner Familie gegen uns, ſo wird man ſich für uns intereſſiren. Deine einflußreichen Freunde, die Deine Fähigkeiten und unſer Unglück kennen, werden Dir zu Hilfe kommen. Wie viel brauchen wir zum Leben? — das beſcheidenſte Aemtchen neben meiner Arbeit. Wir nehmen eine Wohnung in einem entlegenen Stadttheile und Du wirſt ſehen, Eduard, ich werde Dir in dieſem beſcheidenen Stande glückli⸗ chere Tage ſchaffen, als Du ſie im Reichthume gekannt haſt.“ — „Und was antwortete er darauf?“ Er ſei nicht geſchaffen, ein untergeordnetes Amt zu beklei⸗ den; er habe noch einiges Geld, ſeine Lage ſei noch nicht ſo ganz verzweifelt. Durch ſeine Verbindungen könnte er ſich eine Conſularſtelle in einem fernen Lande verſchaffen, — einen zu⸗ gleich einträglichen und ehrenvollen Poſten. Damit jedoch ſein Privatleben ſeinen Bemühungen nicht ſchade, halte er es für zweckmäßig, bis zum Tage unſrer Trauung nicht mit mir zu⸗ ſammen zu wohnen. Er wolle mir eine kleine Wohnung in einem ruhigen Stadttheile miethen und die ganze Zeit über, die er zu ſeinen Bewerbungen nicht bedürfe, bei mir ſein, auf dieſe Weiſe würde der Anſtand bewahrt. Dieſe pein⸗ liche Trennung hielt auch ich für verſtändig und klug, und ich fügte mich in dieſelbe. Der erſte Tag, den ich ſo ver⸗ brachte, war traurig, aber angenehm. Wir entwarfen viele Pläne. Ich drang in Montal, er möchte ſeine Bewerbungen auf einen kleinen Poſten beſchränken, den er gewiß erhalten würde. Ich erinnerte ihn an meine Träume von einem ſtillen ——— ——————————— — 101 beſcheidenen Leben. Fürchtete er den Spott der Welt? Aber fönnen brave Menſchen über einen Mann ſpotten, der, chdem er ſein Vermögen thörichter Weiſe verſchwendet hat, z0 ein ehrenvolles, aber arbeitſames Leben fügt? Er blieb unerbitt⸗ lich; er wollte mich nicht ſo tief herunterziehen. Das war immer der letzte Grund, hinter welchem er ſich verſchanzte Am nächſten Tage früh ging er ſehr bald aus, um ſich nach einer Wohnung für mich umzuſehen, und empfahl mir, nicht zu antworten, wenn geklingelt würde. Ich blieb allein. Er war eine Zeit lang fort, als ich die Thüre des Zimmers vor dem Schlafzimmer öffnen hörte. — Ich glaubte, er ſei es —. Ach, Herr, dieſer erſte Verrath ſchon hätte mich aufklären ſollen; aber nein, ich war zu verblendet —“ — „Nun, wer war es?“ „Eine junge hübſche Dame, die ich nicht kannte, obwohl ich mich undeutlich ihres Geſichts erinnerte.“ — „Eine Dame! Und was wollte ſie? Wie war ſie hereingekommen?“ 4 Durch einen Schlüſſel, den ſie beſaß. Montal hatte nicht Zeit gehabt, ſie von meiner Ankunft bei ihm zu benachrichtigen. n ain War Julie, eine Schauſpielerin. Ich ſchweige von meiner Schaam, von meinem Schmerze, von der Inſolenz dieſes Mäd⸗ chens, die mich für ihres Gleichen hielt und mir grobe Vor⸗ würfe machte, daß ich ihr ihren Liebhaber abwendig zu machen ſuche; das würde aber nicht gelingen, ſagte ſie, ſie wäre der Liebe Montal's ſicher; er liebe auch ſie leidenſchaftlich und habe ſie ſogar heirathen wollen, aber ſie habe dieſen Antrag zurück⸗ gewieſen, weil ſie ſein liederliches Leben kenne. — „Mein Gott, was müſſen Sie gelitten haben!“ Nein, ich war empört, ſonſt nichts. Was mir Julie ſagte, hielt ich für eine zu alberne Verläumdung und glaubte es nicht. Endlich erklärte ſie, ſie würde auf Montal warten und ich könnte, ſobald er komme, ſehen, wer, ich oder ſie, weichen müßte. Ich werde gehen und zwar augenblicklich, antwortete ich, und wartete auf Montal unten auf der Straße. Sobald ich ihn von Weitem ſah, eilte ich ihm entgegen und ſagte ihm Alles. Er beruhigte mich. — „Er beruhigte Sie?“ Ja. Julie, ſagte er, verfolge ihn, ſeit er ſie verlaſſen, um ganz unſerer Liebe anzugehören. Früher habe er ihr einen Schlüſſel zu ſeiner Wohnung gegeben und vergeſſen, ihr den⸗ ſelben wieder abzufordern. Pas ſei das Geheimniß ihres Er⸗ ſcheinens bei ihm. Ich glaubte es; mußte ich es doch glauben. Dann ſagte er mir, er habe in der Rutz dOueſt, in der Nähe des Luremburg, zwei Zimmer in einem ſtillen abgelegenen Hauſe gefunden, er laſſe eben die nöthigen Meubles dahin bringen und ich könne ſchon den Abend einziehen. Um keinen Preis in der Welt hätte ich wieder in die Wohnung Montals gehen mögen. Nichts konnte beſcheidener ſein als die kleine Wohnung, die ich bis zu unſerer Verheirathung inne haben ſollte; das Haus war ſtill; die Fenſter ſahen in einen großen Garten und die Straße war faſt ganz todt. Die Stille gefiel mir. Wir waren zu arm, als daß ich ein Dienſtmädchen hätte annehmen können, die Frau des Portiers beſorgte mir die nöthigen Wirth⸗ ſchaftsarbeiten. In den erſten Nächten fürchtete ich mich einigermaßen ſo allein zu ſein, allmälig aber gewöhnte ich mich daran. Unſere Verheirathung ſollte ſtattfinden, ſobald den nöthigen Formali— täten Gnüge geſchehen ſein würde. Montal wartete, ſagte er mir, eben ſo ungeduldig wie ich auf das Ende dieſer Trennung. Da begann nun für mich ein friedliches glückliches, ach! ſehr glückliches Leben und die Erinnerung daran wird nie von mir weichen. Ich ſah Niemanden bei mir. Um Montal nicht zur Laſt zu fallen, ſtickte ich; die Frau, die mich bediente, ver⸗ ſchaffte mir einige Kundſchaft und ich konnte mir erwerben, was ich brauchte. Montal beſuchte mich faſt jeden Tag und er war traurig oder heiter, je nachdem er auf die Verſprechungen in Bezug auf das Conſulat hoffte oder an denſelben zweifelte. Das war aber nicht alles; meine uneheliche Geburt verwickelte, ſagte er, die Formalitäten unſerer Verheirathung ſehr und ſchob dieſelbe hinaus. Ich glaubte es und tröſtete ihn, denn in man⸗ chen Dingen beſaß ich mehr Muth als er. Allerdings ſchmerzte es mich, ſo getrennt von dem Manne zu leben, der mir Alles war; aber ich ergab mich in das Schickſal, indem ich an die Zukunft dachte und mich über das Glück der Gegenwart freuete. Meine ſchlimmen Tage waren die, an welchen ich Montal nicht ſah. Statt ihm aber Vorwürfe zu machen, beklagte ich 103 ihn; er mußte ja eben ſo viel leiden als ich. An dieſen Tagen arbeitete ich minder fleißig; ich war traurig, ohne eigentlich recht zu wiſſen warum. Aber welche Freude dann auch am nächſten Tag! Wie lauſchte ich ſchon von Weitem auf ſeine Ankunft! So verging ein Monat, in welchem er ſelten ausblieb; im nächſten kam er bisweilen zwei bis drei Tage nicht. Aber ich konnte ihm keine Vorwürfe machen; ſeine Schritte wegen des Conſulats und die Vorbereitungen zu unſerer Verheirathung nahmen ſeine ganze Zeit in Anſpruch. Auch vermochte ich mich nicht zu beklagen, weil er minder ſorgenvoll und heiterer war. Er ſchrieb dieſe glückliche Anwandlung in ſeiner Stimmung dem Umſtande zu, daß er ſeine Hoffnung faſt verwirklichet ſähe, unſerer baldigen Verbindung und der Hoffnung, mich bald in glänzenden meiner würdigen Stellung zu ſehen. Trotz dieſer Ausſicht auf ein ungehofftes Glück arbeitete ich mit doppeltem Eifer, da ich unſere Zukunft nicht ganz einer unſichern Protection überlaſſen wollte. „ Ein Buchhändler wohnte mit ſeiner Frau in dem Hauſe, in welchem ſich meine Wohnung befand; es waren vortreffliche Leute. Da ſie wußten, daß ich faſt nie ausging, ſo ſtellten ſie mir ihre Bibliothek zur Verfügung und als der Buchhändler aus der Wahl einiger Bücher ſah, daß ich die engliſche Sprache verſtehe, fragte er mich, ob ich einige Ueberſetzungen übernehmen wollte. Denken Sie ſich meine Freude und mit welchem Dank⸗ gefühle ich den Antrag annahm! Ich ſtand mit Tagesanbruche auf. Zuerſt beſchäftigte ich mich mit meiner Stickerei, die mir ein mäßiges, aber ſicheres Einkommen gewährte und an der ich den Tag über arbeitete, weil ſie Abends meine Augen angriff. Montal kam meiſt um zwei Uhr, wenn er mich beſuchte. Mein Lurus und mein Ver⸗ gnügen beſtand darin, ſeinetwegen einfache aber elegante Joilette zu machen, wie er es liebte. War er wieder fort, ſo ſtickte ich von neuem bis gegen Abend. Dann zündete ich meine Lampe an, genoß mein einfaches Abendeſſen, das mir die Frau brachte und beſchäftigte mich bis elf und zwölf Uhr mit meinen Ueber⸗ ſetzungen. Ach, wenn Sie wüßten, wie viele lange Winterabende ich ſo allein — aber beſchäftigt verbracht habe! Ich war traurig, aber nicht betrübt. — „Und er vetbracht nie * S ſelten, ein oder zweimal des Vo . „Und ſolche Menſchen erlan rach d der Herr von Ker⸗Ellio mit einem Montal mußte, fuhr Thereſe fort, en ſeinen i len, wie er ſagte, jeden Abend in Geſellſ ſchiſt gehen, um a bie einftußreichen Leute zu ſehen, deren er bedurfte. Man wird ſo bald vergeſſen, wenn man nicht dringend iſt, ſetzte er hinzu, und ich glaubte ihm wie immer und fügte mich. Die Trennung ſollte ja nur eine kurze Zeit dauern. Bisweilen begleitete ich Montal, wenn er fortging, und wir machten dann einen langen Speziergang auf dem Boulevard des Mont-Parnaſſe. Das waren meine Feſttage. Er brachte mich dann bis an meine Thüre zurück und ich ging glücklich in mein Stübchen hinauf. Die Abende nach dieſen Spaziergängen mit ihm waren die ſchönſten; die Arbeit kam w leichter vor und ich ſchrieb bis⸗ weilen bis zwei Uht früh. Ich erwarb ſo durch meine Ueber⸗ ſetzungen und meine Stickereien täglich zehn bis zwölf Francs. Eines meiner beiden Zimmer hatte ich ſo viel als möglich auf⸗ geputzt und hielt immer einige Blumen darin. Montal liebte ſie und ich kaufte ſie ſelbſt bei den B' nengärtnern ein, die in jenem Stadttheile ſo zahlte „ Es war für mich zugleich ein Vergnügen und eine „ſtreuung. Trotz dieſer Ausgaben — fuhr Thereſe mit trau gem Lächeln fort — hatte ich nach zwei Monaten über zweihundert Francs erſpart. Mit welchem Triumphe gab ich ſie Montal und ſagte zu ihm, es ſei der An⸗ fang meiner Witki Er wunderte ſich. „Wenn Du auch ſo arbeiten und Deinem ehrgeizigen Plane entſagen wollteſt“ bemerkte ich gegen ihn, „würden wir ſo glücklich ſein. Du ſiehſt es, das beſcheidenſte Amt würde mit dem, was ich ver⸗ diene, hinreichen, daß wir faſt im Wohlſtanbe lebten; wir haben ja ſo wenige Bedürfniſſe.““ Aber er wollte leider, wie er ſagte, mich nicht immer ſo Kbeiten ſehen; es ſei ihm dies peinlich und er willige jetzt nur darein, weil er ſelbſt mit der äußerſten Sparſamkeit lebe bis er den eiſch nten Poſten erhalten. Ich wagte ihm nicht zu ſagenz daß wir mit dem, was er auf⸗ wende, um denſelben zu erhalten, vielleicht Jahre lang leben könnten; aber ich freute mich, daß ich allein für unſere Be⸗ * 105 — Init Dieſet Gedanke gab mir ine.. mir zu Montal meine Kleidungsſtücke, u e Päſche unb b uleGegenſtände geſchickt, die mir geſchenkt worden waren, ſon nichts. — „Die Abſcheulichen! Montal drang in mich, Dunoher zu verklagen, um ihn zu zwingen, mir eine Summe zu meinem Unterhalte zu zahlen; aber ich wollte mich nicht dazu verſtehen. — „Ja,“ ſagte Ewen nach einigem Nachdenken, Sie mußten bei dieſem Leben voll Liebe und Arbeit ſehr glücklich ſein; ich ſehe ein, daß Ihnen die Erinnerung an jene Zeit theuer und ſchmerzlich zugleich iſt.“ Es mag unerklärlich ſein, aber es iſt ſo. Mein Glück wäre vielleicht minder groß geweſen, wenn ich Reichthümer be⸗ ſeſſen und nichts entbehrt hätte. hine Liebe hatte ſich in dieſer Zurückgezogenheit und in dem Kampfe gegen das Unglück noch geſteigert; ſie war ernſt geworden wie die Aufopferung und heilig wie die Pflicht. Es war mit, als büßte ich zum Theil mein Vergehen dadurch ab, daß ich ſo lange getrennt von Montal lebte. Mein Suhändler war ſo zufrieden mit meiner Arbeit, daß er das He Höhete; im dritten Monate — 2. nr Familie erhielten Sie keine Na hricht?““ ₰ konnte ich Montal wieder zweihunde rancs geben. — „Und er nahm das Geld?“ Warum ſollte ich es behalten? Er brauchte es mehr als „ ich. Konnte ich vorausſehen, daß ich eines Tages dieſe kleinen Summen — meines Kindes wegen — ſchmerzlich vermiſſen würde? — Später ſollen Sie alles erfahren. Ach Gott, ich ſtimme Sie traurig, ich verletze Sie, indem ich ſo von den ein⸗ zigen glücklichen Tagen ſpreche, die ich gekannt habe. — „Nein, nein, Sie wiſſen es, liebe Schweſter, daß ich alles erfahren muß, alles, damit wir, wie Sie ſagten, ſicherer die Zukunft in das Auge faſſen können. Und iſt nicht im Un⸗ glücke der einzige Troſt, von dem Glücke zu ſprechen, das nicht 1. mehr iſt?“ Ach ja, dieſe Erinnerungen, haben mir oft das Leben er⸗ ₰ leichtert. Jetzt aber gelange ich zu dem traurigſten und zugleich 6 ſchönſten Augenblicke meines Lebens; das zu große Glück hätte 3 106 mir andeuten ſollen, daß ein ſchrecklicher Hohn des Schickſals darunter verborgen liege. Es war der fünfundzwanzigſte März, Mittwochs, ich weiß es noch deutlich. Ich hatte Montal ſeit acht Tagen nicht geſehen; zum erſtenmale war er ſo lange ausgeblieben. Er kam und ich ſank ihm weinend in die Arme. „Du weinſt, liebe Thereſe,“ ſagte er, „vor Freuden mußt Du weinen! Ich habe das Conſulat in Liſſabon mit 20,000 Franes Gehalt und unſer Aufgebot iſt dieſen Morgen erfolgt, — dies die Entſchuldigung und die Urſache meiner langen Abweſenheit, die mich gewiß eben ſo ſehr betrübt hat als Dich.“ Nichts vergißt man leichter als den Kummer, wenn ein großes Glück auf denſelben folgt. Anfangs wollte ich nicht glauben, was mir Montal ſagte, aber ſeine Freude war ſo groß, ſein Geſicht ſo ſtrahlend, daß ich glauben mußte und doch — — „Wie? das Conſulat? das Aufgebot?“ Lügen! Lügen! Wiſſen Sie, was ihn ſo vergnügt ſtimmte? Ich habe es ſpäter erfahren; — es war die Gewißheit, daß er von der Frau von Beauregard geliebt werde. — „Damals ſah er ſie?“ Alle Tage. Doch dieſe Enthüllungen werden nur zu bald kommen. Da Sie mich anhören, ſo laſſen Sie mich bei dieſer letzten freundlichen Erinnerung weilen. An dieſem Tage alſo ſagte Montal zu mir: „Thereſe, . dieſe glückliche Wendung, welche unſere Zukunft ſichert, müſſen wir feiern. Das Wetter iſt herrlich; wir wollen einen langen Spaziergang machen, dann wie zwei Geliebte in Wirthshauſe eſſen und endlich in das Theater gehen.“ Nehmen Sie mir es nicht übel, daß ich Sie von dieſen Kleinigkeiten unterhalte, ſagte Thereſe zu Ewen, und wundern Sie ſich nicht, daß dieſer Vorſchlag Montals mir großes Ver⸗ † gnügen machte. Alles ſchien ſich zu vereinigen, dieſen Tag zu einem reizenden zu machen; die Sonne ſchon frühlingswarm und die Wieſen begannen zu grünen. Obgleich die Umgegend von Paris nicht eben maleriſch iſt, ſo war doch das Wetter ſo mild, die Luft ſo rein und ich ſo glücklich, daß ſelbſt die reizendſte Gegend keinen angenehmern Eindruck auf mich hätte machen können. Ich hatte meine frühere Heiterkeit wieder gefunden. Auch Eduard war ausgelaſſen luſtig. Als wir endlich müde 107 waren, kehrten wir nach Paris zurück; ich putzte mich, ſo ſehr ich es vermochte, während Montal nach Hauſe ging. Später holte er mich wieder ab und wir aßen ſehr vergnügt mit einander. Dann gingen wir in das Theater und nie hat ein Schauſpiel mir mehr gefallen. Ich war allein in einer vergitterten Loge mit Montal; unwillkührlich theilte ich ſeine Hoffnungen. War nicht das Conſulat von Liſſabon der erſte Schritt zu noch grö⸗ ßerm Glücke? Kurz dieſer Tag verging wie der lachendſte Traum. Als Montal Abſchied nahm, ſagte er mir etwas, das mir den Tag vorher Thränen ausgepreßt haben würde, jetzt mich aber durchaus nicht ſchmerzlich berührte. Er ſollte, um ſich in die Geſchäfte ſeines Conſulats einzu⸗ weihen, acht bis zehn Tage bei einem chemaligen Conſul aus jener Stadt zubringen, der in Melun wohne. Er würde, ſagte er, mir oft ſchreiben, um mir dieſe unvermeidliche kurze Tren⸗ nung erträglicher zu machen. Ich war ſo entzückt und die plumpe Lüge kam mir damals ſo natürlich vor, daß ich mich entſchloſſen fügte. Was waren auch zehn Tage? Am 17. April ſollte unſere Hochzeit ſein. Warum gerade an dieſem Tage, weiß ich nicht. Wahrſcheinlich ſprach er ſich ſo beſtimmt aus, um ſeinem Betrug einen Anſchein von Wahrheit zu geben. Er ging. — „Aber das Conſulat? die Reiſe nach Melun, um die Geſchäfte kennen zu lernen?“ Lüge, ſage ich Ihnen, Lüge! Nach vier Tagen erhielt ich einen ſehr zärklichen Brief von ihm, er hatte aber, aus Ver⸗ geſſenheit oder abſichtlich ſeine Adreſſe nicht beigefügt; ich konnte ihm aiſo nicht antworten. Einige Tage nachher kam ein eben ſo zärtlicher Brief als der erſte, der mir indeß meldete, die Ar⸗ beiten für das Conſulat würden ihn noch eine Zeit lang beſchäf⸗ tigen. Ich wartete geduldig. — „Welche Frechheit! Welche Grauſamkeit! Wiſſen Sie, wo er damals war?“ Wirklich in Melun; aber die Frau von Beauregard hatte eine Beſitzung ganz in der Nähe dieſer Stadt und er war Tage lang bei ihr. — „„Es iſt entſetzlich! Und warum alle dieſe abſcheuli⸗ chen Lügen?“ Es kam ihm beſonders darauf an, daß ich nichts arg⸗ 108 wöhne; er wollte mich um jeden Preis beruhigen und für ſeine Abweſenheit einen Vorwand geben; ohne Zweifel fürchtete er, ich möchte ein Aufſehen erregen, das ihn bei der Frau von Beauregard compromittiren könnte. Endlich kam er wieder und als ich ihn nach vierzehn Tagen wiederſah, ſank ich ihm ſtolz, entzückt in die Arme. Ich fühlte, daß ich Mutter werden ſollte. — „Und das rührte das Herz dieſes Menſchen nicht?“ Er theilte allerdings mein Glück, wenigſtens ſtellte er ſich ſo, aber er kündigte mir auch etwas Trauriges an. Das Mi⸗ niſterium wankte und der Miniſter, ſein Freund, hatte, um ſich einen ſehr einflußreichen Gegner zu gewinnen, das Conſulat vergeben. Ach, ich geſtehe, unſeres Kindes wegen bedauerte ich jetzt, nachdem ich bis dahin den ehrgeizigen Plänen Montals faſt entgegen geweſen war, jenen Poſten, der uns vor den Ent⸗ behrungen geſchützt haben würde, die ich um meinetwillen nicht fürchtete. Von dieſem Tage an beginnt mein Unglück. Montal kam eine ganze Woche lang nicht. Ich ſchrieb ihm zweimal und erhielt keine Antwort. Endlich kam er, aber ſein kaltes barſches; Weſen verletzte mich tief. Die für unſere Hochzeit feſtgeſetzte Zeit war längſt verſtrichen; ich erinnerte ihn daran. Da fragte er mich rauh, ob ich ihm traue oder nicht. „Wir ſind aber doch aufgeboten!“ hielt ich ihm entgegen. — „Das beweiſt nichts,“ entgegnete er; „Deine uneheliche Geburt macht bei jedem Schritte neue Schwierigkeiten. Ich bin es überdrüſſig, ſie hinwegzuräumen; verſchone mich damit, immer dieſelbe For⸗ derung anhören zu müſſen!“ Dieſer Vorwurf wegen meiner Geburt kränkte mich. Ich dachte an mein Kind; einen Augenblick überwältigte mich eine ſchreckliche Ahnung: wenn Montal mich hinterginge, könnte man auch meinem Kinde ſpäter die Geburt zum Vorwurfe ma⸗ chen — Ich beruhigte mich jedoch bald mit dem Gedanken an die Rechtlichkeit und Treue Eduards. Es vergingen wieder zwei Wochen ohne daß ich ihn ſah und tauſend Beſorgniſſe quälten mich. Aber es war noch nicht alles. Dieſer Gram nebſt dem Gedanken an meinen Zuſtand benahm mir die Freiheit meines Geiſtes und doch fühlte ich, ſeit die Hoffnungen Mon⸗ tals zuſammengeſtürzt waren, mehr als je die Nothwendigkeit, durch eigene Arbeit mich zu erhalten. . 3 5 — S — 109 Zum erſtenmale war ich faſt unfähig etwas zu thun, ſo wenig vermochte ich meine trüben Gedanken zu verſcheuchen. Zwar kämpfte ich mit dieſer Entmuthigung, aber vergebens. Aus dem wohlgemeinten Tadel des Buchhändlers erkannte ich, daß meine Arbeit von Tage zu Tage werthloſer wurde; ob ich aber gleich meine ganze Kraft zuſammenraffte, meine Gedanken waren immer anderswo, und wenn es mir einmal gelang, auf eine Stunde die peinlichen Ideen, die mich beſtürmten, von mir fern zu halten, ſo kehrten ſie dann ſpäter mit neuem Unge⸗ ſtüm zurück. Da entfiel die Feder meiner Hand und ich weinte; ich gab mich meiner Verzweiflung hin und ſank auf die Knie, um die Vorſehung anzurufen, aber — die Zeit verging. Jede Stunde, die ich in der Verzweiflung verbrachte, war auch für meinen Verdienſt verloren. Bei dieſem troſtloſen Gedanken trocknete ich meine Thränen, nahm meine Arbeit wieder auf, verwünſchte meine Schwäche und hielt mir vor, daß mein Kummer vielleicht auf mein Kind einwirke; ſelbſt meinen Schmerz machte ich mir zum Vorwurfe, — er konnte dem armen kleinen Weſen nach⸗ theilig ſein. Aber meine Gedanken verdüſterten ſich mehr und mehr und der Gram ſtumpfte mich ab; der Buchhändler war unzufrieden und beſchäftigte mich nicht mehr. Ich mußte mich auf das Sticken beſchränken, und obgleich in der fieberhaften Aufregung meine Hand oft krampfhaft zitterte, ſo war ich doch zu dieſer Arbeit nicht ganz unfähig. Aber welcher Unterſchied! Wenn ich auch zwölf bis funfzehn Stunden täglich ſtickte, ſo verdiente ich doch nicht ein Viertel von dem, was mir der Buch⸗ händler gegeben hatte, und dann — wurden meine Augen immer ſchwächer. Ach, es war ein ſchrecklicher Tag, als meine er⸗ matteten Augen mir endlich den Dienſt verſagten und ich das einzige Mittel verlor, meinen Unterhalt zu erwerben! — „Arme Unglückliche, Sie haben Schreckliches gelitten. Ich ſpreche auch von meinen Schmerzen; großer Gott, habe ich nur das Recht, mich zu beklagen? Und jener Menſch!“ Nach jenem Auftritte, den ich erwähnte, und bei dem er ſo hart und rauh war, ſah ich ihn vierzehn Tage nicht; ich hatte ihm geſchrieben, aber keine Antwort erhalten; zu ihm zu kom⸗ men, hatte er mir immer verboten, jetzt aber, erſchrocken über ſeine lange Abweſenheit⸗ achtete ich jenes Verbot nicht und ging. Sein Bedienter ſagte mir, er ſei ausgegangen, er kleide ſich im Clubb an, in welchem er zu Abend eſſe und er käme wahrſchein⸗ lich erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe. — „Montal lebte alſo noch immer in einer Art Lurus, während Sie ſich durch Arbeit aufrieben? Er nahm Ihnen das wenige Geld ab, das Sie mit ſo großer Anſtrengung ver⸗ dienten? — Das iſt niederträchtig!“ Er war an Ausgaben gewöhnt, die er ſich nicht verſagen konnte; er geſtand es offen ein. Das wenige Geld, das ich ihm von Zeit zu Zeit gab, war damals für mich faſt Ueberfluß. Ich wartete auf Montal auf der Straße, an ſeiner Thüre von zwei Uhr bis Mitternacht. Da konnte ich die Müdigkeit und Abſpannung nicht länger bezwingen und ging nach Hauſe. Ich hatte einen Tag verloren. Am andern Tage ganz früh begab ich mich wieder zu ihm. Sein Bedienter ſagte, er habe Befehl, ſeinen Herrn erſt um Mittag zu wecken. Ich wartete bis Mittag. — Ich kann Ihnen aber nicht ſagen, wie aufgebracht, wie roh er mich em⸗ pfing, wie bitter er mir vorwarf, ich beläſtige ihn mit Briefen, verfolge ihn mit meiner Gegenwart! Ich verfolge ihn mit meiner Gegenwart! wiederholte Thereſe bitter, — hatte ich ihn doch ſeit vierzehn Tagen nicht geſehen. Ich beläſtige ihn mit Briefen! — War es ein Vergehen, daß ich ihm ſchrieb, wenn mich die höchſte Angſt peinigte? Endlich erklärte er mir gar, wenn ich ihn ſo fort beſtürme, würde er keine ſeiner Verſprechungen halten. — „Er hatte lange gezögert.“ Weil er einen Eclat fürchtete. — Sie werden dies ſpäter erfahren. — Zuletzt ſagte er mir zum erſten Male — — „Sie zögern, Thereſe? Iſt es ſo entſetzlich?“ Ja, aber ich will Ihnen nichts verheimlichen, ich habe ihn nicht mehr zu ſchonen. Zum erſten Male alſo ſagte er zu mir: als er mir verſprochen habe, mich zu heirathen, habe er ſich an ein junges Mädchen gewendet, das er für die cheliche Tochter des Herrn Dunoyer gehalten und nicht an ein uncheliches, von der Familie verſtoßenes und verläugnetes Kind. — „Fahren Sie fort, fahren Sie fort; ich werde über nichts erſtaunen.“ Dieſe Doppelzüngigkeit empörte mich. Aber was konnte ich thun? Lag nicht mein oder vielmehr meines Kindes Schickſal in ſeinen Händen? Ich war ſchwach, ich weinte, Montal beſänftigte ſich und ſagte, er ſei unſer entgegen, müſe ſich es aber vorbehalten, die Zeit zi beſtimmen, und es würde auf meinen Gehorſam ankommen, ob dieſe Zeit hinausgeſchoben oder näher gerückt werden ſollte. Ich war in ſeinen Händen und fügte mich; weinend fragte ich ihn, wann ich ihn wiederſchen würde, und er erzürnte ſich da von Neuem. Ich fange, ſagte er, von Neuem an, ihn zu beſtürmen, er würde mich beſuchen, wenn es ihm genehm wäre, ich möchte nur war⸗ ten, er würde in den erſten Tagen kommen. So verließ ich ihn. — „Und er fragte nicht, ob Sie etwas nöthig hätten 2 ½ Daran hatte ich ihn nicht gewöhnt; meine Arbeit hatte an⸗ fangs zu meinen Bedürfniſſen ausgereicht und noch weiter. — „Wie aber w ihm möglich, noch ſo bedeutende Ausgaben zu machen?“ Als ich das Haus Dunoyer's verließ, beſaß Montal noch, wie er mir ſagte, fünf bis ſechstauſend Franes. Aber Dunoher hatte ihm in meiner Gegenwart vorgeworfen, daß er ihm zwei⸗ hundert Louisd'or geliehen. Oftmals bat ich Montal drin⸗ gend, er möge dieſe Schuld bezahlen; ob er es gethan hat, weiß ich nicht. Verzeihen Sie mir, daß ich nun in einige Details eingehe, die Ihnen kindiſch vorkommen werden, aber ſie ſind nothwendig. Es vergingen drei Wochen, ohne daß ich von Montal wieder etwas hörte. Ich vergaß ſeine Drohungen und das Verbot, ihn aufzuſuchen, nicht; ich wagte ihm nicht zu trotzen und ſchrieb ihm blos, ohne tich zu beklagen, daß ich unwohl, niederge⸗ ſchlagen, troſtlos ſei, daß ich nichts verlange, aber mich ſehr freuen würde, ihn einmal wiederzuſehen, wäre es auch nur auf eine Stunde, daß dies meinen Muth aufrichten würde und daß der Zuſtand, in welchem ich mich befände, dieſen Beweis von ſeiner Liebe vielleicht verdiene. Alles dies — ſetzte Thereſe hin⸗ zu, indem ſie Thränen aus ihren Augen wiſchte, ſchrieb ich ihm recht traurig, aber ohne Bitterkeit, ohne einen Schatten von Vorwurf. — „Ein Tiger wäre erweicht worden; er antwortete nicht?“ Thereſe Dunoyer II. 8 Nach meinem letzten Briefe hatte ich, ich geſtehe inen Beſuch gerechnet; ich wartete einen, zwei, drei ezert am nicht. Da gab ich denn endlich alle Hoffnung auf; meine Kräfte waren erſchöpft; ich hatte die kleine Summe ausgegeben, welche ich mir erſpart; meine Augen wurden ſchwächer und ſchwächer und ich verdiente durch das Sticken kaum das nöthige Brod; ich wurde krank. Ehe ich überzeugt war, daß ich wirklich krank ſei, wagte ich nicht, Montal zu bitten, mich zu beſuchen; nach einigen Tagen aber, als man auf meinem Geſichte deutlich die Spuren meines Schmerzes las, er⸗ ſuchte ich ihn darum. — „Er kam nicht? Er antwortete nicht?“ Ja, er antwortete — er laſſe ſich durch meine Lügen und Vorſpiegelungen nicht irre nuch — „Der Niederträchtige! 2 Meine Krankheit währte be en um die Koſten zu beſtreiten, die ſie mir verurſachte, ve meiner Kleidungsſtücke und einige kleine de man mir bei meiner Mutter geſchenkt und mir in die Wohnung Montals nachgeſchickt hatte. Ungeduldig wartete ich auf meine Wiedergeneſung oder vielmehr auf den Augenblick, in dem ich würde aufſtehen können, denn ich hatte einen Plan. Endlich fand ich die Kraft wieder, mich aufrecht zu er⸗ halten. Als ich das erſte Mal in den Spiegel ſah, erſchrat ich anfangs, dann aber freute ich mich faſt über die Veränderung in meinen Zügen; Montal mußte daraus erkennen, daß meine Krankheit weder eine Lüge, 6 eine Vorſpi geweſen, und doch wenigſtens einige Worte der Thei e für mich haben. Ich ging zu ihm; es ſind jetzt Kn ſeitdem vergangen. An ſeiner Thüre fiel ich f Ohnmacht, ſo ſchwach war ich noch. Endlich raffte ich n Muth zuſun⸗ men; Montal mußte bei meinem Anblicke eiden fühlen. Ich ging die Treppe hinauf; es wurde lau geſprochen; ah ich aus ſei⸗ wähnt habe — ſeine Thüre ſtand halboffen. Mit eine nem Zier jenes Mädchen kommen, das ulie?“ Si ſelbſt; ſie ſchien ſehr aufgebracht zu ſein. Der Be⸗ diente folgte ihr 3 bemühete ſich ſie zu beſänftigen. Als ſie mich erblickte, gab ſie laut ihre Verwunderung zu erkennen. 113 „Sie hier, Madame? Sie ſind alſo nicht entbunden? —“ Ich ſah ſie an, ohne zu antworten; ihre Aufgereiztheit erſchreckte mich. Nachdem ſie mich einen Augenblick aufmerkſam betrachtet hatte, ſprach ſie: „Der Unmenſch! Es war eine Lüge, — ich bin auch diesmal von ihm betrogen worden.“ Dann faßte ſie mich ungeſtüm am Arme, zog mich in das völlig kahle Zim⸗ mer hinein, und verſchloß die Thüre, ſo daß wir ganz allein waren. Ich ſuchte nicht fortzukommen, denn ich war wie ver⸗ nichtet und die traurigſte Ahnung zerbrach mein Herz. „Ma⸗ dame“, ſagte das Mädchen faſt mit Theilnahme zu mir, „„ver⸗ zeihen Sie mir, daß ich Sie beleidigte, als ich Sie das erſte Mal hier ſah, ich wußte nicht, wer Sie waren — zum Unglück für Sie, denn damals wäre es vielleicht noch Zeit geweſen, Sie über den Elenden zu enttäuſchen, der uns beide auf ſo unwürdige Weiſe hintergangen hat. Jetzt erfahren Sie ſein ſchändliches Verfahren; ſeit ſechs Monaten iſt er Ihnen meinetwegen untreu und mich hintergeht er ebenfalls. Er macht einer Wittwe, der Marquiſe von Beauregard, den Hof; er will ſie heirathen und wird ſie ohne Zweifel heirathen. Geſtern habe ich Alles er⸗ fahren und ich war bis dahin ſo thöricht, nichts zu ahnen. Das iſt aber noch nicht Alles; dieſe Nacht iſt er abgereiſt, man weiß nicht wohin, ohne Zweifel aber zu ſeiner Marquiſe.“ Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, fuhr Thereſe fort, welchen ſchrecklichen Eindruck dieſe Nachricht auf mich machte. Indeſſen würde ich bis dieſe Stunde, was mir Mlle. Julie auch geſagt, den Herrn von Montal nicht für fähig gehalten haben, mich auf ſo unwürdige Weiſe zu opfern und die Frau von Beau⸗ regard zu heirathen. Mein Vertrauen war blind, aber ich ſegne es, denn es hielt mich vielleicht von einem Verbrechen zurück. — „Welche Verblendung! Sie dachten nie an dieſe Verheirathung?“ Niemals. Ich glaubte, es ſei ein Verhältniß der Galan⸗ terie, mehr nicht. — Die Marguiſe war ja in der öffentlichen Meinung vernichtet. — „„Aber ſie war ungeheuer reich.“ Allerdings, aber an ſo große Niederträchtigkeit konnte ich nicht glauben. Endlich theilte mir Mlle. Julie auch mit, Montal habe ihr geſtanden, daß er mich entführt, weil er auf eine reiche Mitgift und ſpäter auf die Beerbung Dunoyers ge⸗ 8* 114 hofft, daß er aber, nachdem ich verſtoßen worden, nicht mehr daran denke mich zu heirathen und nur wegen meiner traurigen Lage noch einige Rückſicht auf mich nehme. Das war nicht Alles — wie ſoll ich wagen? — — „Muth! Muth!“ Es iſt mir als falle die Schande Montal's auch auf mich. — Ich habe einen ſolchen Menſchen geliebt — ach! und — verachten Sie mich! — ſehne mich nach der Zeit zurück, in welcher ich an ſeine Liebe glaubte. — Es wird eine Büßung mehr ſein. — „Nun?“ Dieſes Mädchen, Wlle. Julie, erzählte mir und ihr Zorn verdoppelte ſich dabei, drei S vorher ſei Montal in Thränen zu ihr gekommen und habe ſchluchzend ihr mitgetheilt, ich ſei bben niedergekommen, er hab ſein Letztes für mich aufgewendet und ſpreche nun den Edelmuth Juliens an, damit ſie ihm tauſend Thaler leihe, die er anwenden wolle, um mich und mein Kind für einige Zeit vor Noth zu ſichern. — „Dieſer Menſch beſitzt aber eine empörende raffinirte Niederträchtigkeit!“ rief der Herr von Ker-Ellio in höchſtem Unwillen aus; „das iſt die Heuchelei in der tiefſten Entwürdi⸗ gung.“ Die Thränen Montal's waren ſo künſtlich wahr erheuchelt, er ſchilderte meine traurige Lage ſo beredt, daß er die Theil⸗ nahme des Mädchens erregte, deren Nebenbuhlerin ich geworden war, und daß ſie trotz ihrem Geize (ſie geſtand es ſelbſt) das Geld Montal gab, der, wie ſie ſagte, durch die Schilderung meiner Leiden während der Schwangerſchaft ſie gleichſam be⸗ zaubert habe. — „Welche Schmach! Mein Gott, iſt es möglich? — Zum Glück nahet dieſe häßliche Geſchichte ihrem Ende.“ Das Geld, welches Montal ſeinen Worten nach für mich geliehen, hatte et zu einer Reiſe beſtimmt, die er machen wollte, um zu derß Frau von Beauregard zu gelangen, welche vor einigen Tagen abgereiſt war. So meinte wenigſtens Mlle. Julie. Die Entfernung aller Meubles aus der Wohnung Montal's recht⸗ fertigte dieſe leider nur zu wohl begründete Beſorgniß. Mlle. Julie hatte den Tag vorher erfahren, und ſie theilte mir es mit, daß Montal ſeit vier bis fünf Monaten der Frau 6 41⁵5 von Beauregard auf das eifrigſte den Hof mache. Die Geſell⸗ ſchaft hatte trotz ihrer gewöhnlichen Nachſicht dieſe Frau völlig ausgeſtoßen; ſie wurde in keinem Hauſe mehr geduldet, ſeit ihre Abenteuer an den Tag gekommen. Zweimal hatte Montal ſie auf das Land begleitet. Das war der Grund ſeines Aufent⸗ haltes in Melun. Was ſoll ich noch mehr ſagen? Ich war durch dieſe Nachricht ſo niedergedrückt, daß ſelbſt Mlle. Julie Mitleiden mit mir fühlte; ſie wollte ſich an Montal rächen, ſeine Spur ausfindig zu machen, ihn aufſuchen und ihn vor der Frau von Beauregard entlarven. Sie bot mir ihre Dienſte an. — „Sie ſind keinem Schmerze, keiner Demüthigung ent⸗ gangen!“ Ich ſchlug es aus und kehrte in meine Wohnung zurück. — Was ich noch zu ſagen habe, iſt ſo ſchmerzlich, daß ich ſchnell darüber hingehen werde. Kurz nachher drückte mich die Noth ganz darnieder; in Folge meiner Krankheit hatte ich die Seh⸗ kraft faſt verloren und meine Arbeit brachte mir ſo wenig ein, daß ich die Miethe nicht bezahlen konnte. Ich verkaufte die wenigen Meubles, die ich beſaß, und nahm eine Wohnung in einem Cabinet garni. — „Sie! Sie! Im Lurus erzogen!“ Das Ende meiner Schwangerſchaft kam heran und ich überwand einen entſetzlichen Widerwillen; mein Kind ſollte nicht das Opfer meines Stolzes ſein; ich begab mich in das Gebär⸗ haus, in dem ich und mein Kind die Pflege fanden, die ich mir bei meiner Armuth nicht hätte verſchaffen können. Der Herr von Ker⸗Ellio barg ſein Geſicht mit beiden Hän⸗ den und ſeufzte. Thereſe trocknete ihre Thränen und fuhr fort: Nach vierzehn Tagen entließ man mich nach dem Herkom⸗ men mit meinem Kinde, das nun meine Freude und mein Schmerz war. Als ich in die Anſtalt ging, beſaß ich ungefähr vierzig Franes; durch meine Arbeit während meines Aufent⸗ halts dort konnte ich dieſe Summe noch um etwas erhöhen. Als ich herauskam, kaufte ich dieſe ſchöne Wiege für mein Kind, ſagte Thereſe, indem ſie auf dieſelbe zeigte; es war meine letzte Thorheit. Dann verſah ich dieſes ärmliche Dachſtübchen mit dem durchaus Nothwendigen und es blieb mir darauf gar nichts übrig. Die Pflege, die mein Kind erforderte, nahm einen großen * 116 Theil meiner Zeit in Anſpruch; ich verdiente kaum ſo viel als ich zur Erhaltung des Lebens brauchte. Ich hatte kein Holz. Die Kälte wurde ſo ſtreng, daß ich aus Beſorgniß für die Ge⸗ ſundheit und das Leben meines Kindes mich zum erſten Male zu einem Schritte entſchloß, den ich um meinetwillen nie gethan haben würde; — ich ſchrieb an meine Mutter. — Die Ant⸗ wort kennen Sie. — Als die vortreffliche Frau, meine Nach⸗ barin, zu mir kam, fand ſie mich in Folge der Kälte und des Hungers dem Tode nahe. Sie wiſſen nun Alles bis auf den heutigen Tag. Faſt gegen meinen Willen hoffte ich unklar auf die Rückkehr Montals, und ſo unſicher auch dieſe Hoffnung war, ſo hat ſie mich doch immer aufrecht erhalten. Brauche ich Ihnen nun zu ſagen, daß mein Herz ge⸗ brochen und todt iſt für jedes andere Gefühl als die Mutter⸗ liebe! Nachdem ich durch die Liebe ſo viel gelitten, iſt mir das Wort ſchon verhaßt. Soll ich Ihnen ſagen, daß ich trotz der entſetzlichen Un⸗ dankbarkeit Montals, trotz ſeiner Niederträchtigkeit, trotz ſeinem Meineide und Verrathe die Zeit, in welcher ich ihn bei meiner Mutter ſah, und die meinem Herzen noch theurere Zeit, als ich in meiner Wohnung in der Rue d'Oueſt die Hälfte meiner Tage arbeitend ihn erwartete und die andere Hälfte mit Freuden an ſeine Anweſenheit zurückdachte, für die ſchönſte, für die glück⸗ lichſte Zeit meines Lebens halten werde! Es iſt dies ſchmachvoll und unrecht, ich weiß es; ſein ab⸗ ſcheuliches Verhalten ſollte ſelbſt dieſe theuern Erinnerungen ver⸗ wiſchen, aber es iſt nicht ſo, nein, es iſt nicht ſo. Keine Er⸗ innerung hält länger aus und iſt mächtiger als die an glückliche Liebe bei Armuth und Arbeit; kein prächtiges Vergnügen, keine weltliche Verpflichtung vermag ſie zu verdrängen. Von ihr, von ihr allein erwartet man ſeine Freuden und ſein Glück. Ich wiederhole es Ihnen, mein Herz iſt durch das Glück wie durch das Unglück ertödtet, und jedes Gefühl, das mir ge⸗ blieben, bezicht ſich auf mein Kind. — Ja, mein Herz iſt er⸗ ſtorben; wenn es noch bisweilen, ſelten, ſchlägt, ſo geſchieht es bei dem Andenken an die vergangenen Tage, bei dem Andenken an ein Glück, das ich leider nicht mehr fühlen ſoll. „ * 117 Sie wiſſen nun Alles, ſagte Thereſe zum Schluſſe; ſehen Sie jetzt ein, warum ich Ihren ſo edeln, ſo hochherzigen Antrag zurückweiſe? Was würde ich Ihnen ſein? Kaum eine kalte und traurige Freundin. Warum wollen Sie Ihr Leben an ein Leben ketten, das von nun an ſtumm und kalt iſt wie das Grab? Glauben Sie mir, ein Herz wie das Ihrige verdient ein Herz zu finden, das es verſteht. Geben Sie nicht einer exaltirten Regung des Mitleidens nach; Sie würden eines Tages bittere Reue fühlen und es tiof beklagen, die Seelengröße bis zum Wahnſinn getrieben zu haben.“ — Ewen von Ker⸗Ellio hatte Thereſen mit einer unbeſchreib⸗ lichen Miſchung von Bewunderung, Schmerz und Mitleiden angehört; ſie kam ihm ſo muthig, ſo ergeben vor, daß ſeine Liebe zu ihr ſich noch ſteigerte. Jedes menſchliche Herz hat ſeine ſchwache Seite. Ewen log, vielleicht unbewußt, indem er von dem durchaus brüder⸗ lichen Gefühle ſprach, das er Thereſen geweiht habe; nicht daß er jemals daran gedacht hätte, Rechte zu mißbrauchen, die ihm ſeine Verheirathung mit Thereſen geben könnte; er hoffte viel⸗ mehr, ſeine Zärtlichkeit, ſeine Sorgſamkeit würden mit der Zeit die unwürdige Erinnerung an Montal aus dem Herzen der jungen Frau verdrängen, ſie würde eines Tages ſeine Liebe würdigen lernen und ihn dadurch beglücken und belohnen, daß ſie dieſelbe erwiederte. Der Herr von Ker⸗Ellio, der die ſtolze Empfindlichkeit Thereſens kannte und wußte, wie mißtrauiſch der erſte Schmerz iſt, hatte es für klug gehalten, ſich anfangs Thereſen nicht als Liebenden, ſondern als Bruder vorzuſtellen, und war übrigens entſchloſſen, als Mann von Ehre ſtets ihr Bruder zu bleiben, wenn es ihm nicht gelange, ihr ein zärtlicheres Gefühl einzu⸗ flößen. Cwen liebte leidenſchaftlich, er hatte Vertrauen auf ſeine Hingebung und wurde durch die feſte Hoffnung aufrecht er⸗ halten, eines Tages die Liebe Thereſens zu erlangen. Wird man nicht die Art von Unehrlichkeit entſchuldigen, die in ſeinem Benehmen lag, wenn man bedenkt, daß er übrigens einen edeln Zweck verfolgte, den Zweck, vor allem Thereſen und deren Kind der ſchrecklichſten Armuth zu entreißen? 415 Thereſe ihrerſeits war vollkommen aufrichtig; ſie ſprach die Wahrheit als ſie Ewen erklärte, daß ihr Herz für immer und für Alles außer der Mutterliebe abgeſtorben ſei, und daß ſie für ihn, den ſo edelſinnigen Mann, nur eine aufrichtige Freundſchaft würde fühlen können. Die vollkommene Ueberzeugung von ihrer Unfähigkeit, von neuem zu lieben, wurde ihr durch eine Art Hellſehen des Her⸗ zens gegeben, das nur die Frauen beſitzen, denn nur ſie allein vielleicht können nur einmal lieben und ewig trauern. Nach großem Kummer weicht die Hoffnung auf immer aus manchen Herzen, die gewiß wiſſen, daß ihnen kein Glück wieder blüht. Nicht der Wille, ſondern die Kraft zu lieben fehlt ihnen. Sie haben es gefühlt, man könnte faſt ſagen, ſie haben geſehen, daß ihnen die empfindlichſte Saite aus ihrem Herzen herausgeriſſen wurde. Wie der Verſtümmelte aber bisweilen durch eine ſeltſame Sinnestäuſchung den Arm zu fühlen glaubt, den er verloren hat, ſo fühlen auch dieſe verſtümmelten Herzen bisweilen das Verlangen, die Sehnſucht nach Liebe, — ein Trugbild, das verſchwindet, ſobald der Verſtand wieder erwacht. Thereſe war alſo wirklich verzweifelt, während Ewen noch immer die ſüßeſten Hoffnungen hegte und mit der Faſſung einer edeln Seele ſagte: „Im ſchlimmſten Falle habe ich Thereſen und ihrem Kinde doch meinen Namen und eine Zukunft gegeben.“ GFwen beſaß jede edle Liſt der Hochherzigkeit. Er wußte wohl, was die Worte bedeuteten, die er Thexeſen immer wieder⸗ holte: „Und Ihre Tochter? Was wird aus ihr, wenn Sie ihr entriſſen werden! Bedenken Sie, was Sie ſelbſt gelitten haben. Wollen Sie Ihre Tochter denſelben Schmerzen ausſetzen? Haben Sie das Recht, das Vermögen zurückzuweiſen, das ſich ihr darbietet? Und ein Mädchen! ein Mädchen! ein ſchwaches, ie Gefahren ausgeſetztes Weſen, das Schande und twürdigung zu fürchten hat, das gleich Ihnen ſein Verderben 119 in einem anfangs reinen und keuſchen Gefühle finden kann, während ein Mann, der liebt, nichts auf das Spiel ſetzt als das Glück, die Ehre und die Ruhe derer, die er verführen will. Und Sie wollen Ihr Kind allen Stürmen des Lebens ausſetzen, wenn ein redlicher Mann ihm und Ihnen einen ſichern und fried⸗ lichen Zufluchtsort bietet?“ Thereſe konnte auf dieſe Einwürfe ſchwerlich antworten. Die ritterliche Redlichkeit Ewen's ſtrahlte aus allen ſeinen Worten und gab Thereſen eine ſichere Bürgſchaft; ſie zögerte (mit Recht) nicht länger an der Aufrichtigkeit der Verſprechungen und der Anerbietungen des Herrn von Ker⸗Ellio. Wenn er zu ihr ſagte: „ſei meine Schweſter“, ſo war er entſchloſſen, ihr ein Bruder zu ſein, und ſie nie fühlen zu laſſen, daß er den Mangel eines leidenſchaftlichen Gefühls bedaure. Dennoch zögerte ſie aus Zartgefühl in die Verheirathung zu willigen. Es war ihr, als begehe ſie eine Schlechtigkeit, wenn ſie einen Antrag annähme, der ihr die größten Vortheile bringen mußte. Vergebens bewies ihr Cwen, daß er ohne ſie tauſendmal unglücklicher ſein würde, während er ſich für den glücklichſten Menſchen hielte, wenn er ihr ſein Leben widmen könnte. Er that noch mehr; er ſchlug ihr vor, ihrer Tochter eine unab⸗ hängige Eriſtenz zu ſichern und ihr, Thereſen, eine Summe zu leihen, von der ſie leben könnte; aber Thereſe würde ſie nicht haben zurückzahlen können und ſchlug deshalb auch dies aus. Nach den dringendſten und hartnäckigſten Bitten gab The⸗ reſe endlich doch nach. Der Herr von Ker-Ellio ſah ſie nun für ſeine Frau an und nahm ſie mit ſich in ein Hotel garni. Nachdem den nöthigen Formalitäten Gnüge geleiſtet war, heirathete er ſie, erkannte ihr Kind an und reiſte hoffnungsvoll mit ſeiner Frau und ſeinem Kinde nach Treff⸗Hartlog ab. X. Der ſchwarze Monat. Der Leſer hat vielleicht das alte Dienerpaar nicht vergeſſen, das den jungen Herrn von Treff-Hartlog ſo ſehr liebte: Ann⸗ Jann, die Amme Cwen's, und Les⸗en⸗Goch, den ehemaligen Kämpfer bei dem Aufſtande der Vendée. Ein Jahr war vergangen ſeit der Verheirathung Thereſens und des Herrn von Ker⸗Elliv. Das Geſpräch des Les⸗en⸗Goch mit Ann-Jann wird uns Nachricht von den Ereigniſſen geben, welche in dieſer Zeit vor⸗ gekommen ſind. Es war wieder November, — November, jener ſchwarze Monat, den die Sage der Familie Ker⸗Ellio für ſo verderblich ielt. . Um ein Uhr Nachmittags verdunkelte noch immer ein dicker Nebel die Atmoſphäre. Les⸗en⸗Goch und Ann⸗Jann ſaßen wie gewöhnlich neben dem Herde in der Küche. Nichts hat ſich hier verändert; man ſieht noch immer den gewaltigen Herd, die colorirten Bilder, Heilige der Bretagne, an der Wand. Das ſchmale Fenſter mit den grünlichen kleinen in Blei eingefaßten Scheiben läßt noch immer nur ein mattes Licht einfallen, das die Ecken des maſſiven eichenen Tiſches und des alten Anrichtetiſches von Nußbaumholz trifft. Es iſt noch immer der große, ſchwarze, verräucherte Herd, vor welchem man den hohen Wuchs und den weißlichen Anzug des alten Les⸗en⸗Goch erkennt. . Ann⸗Jann ſchien in tiefe Betrübniß verſunken zu ſein. Der alte Bretagner, noch ſchweigſamer und wortkarger als gewöhnlich, hatte ſeine Frau nicht gehört, die ihn ſchon zweimal angeredet. „Les⸗en⸗Goch, Du antworteſt mir nicht“, ſagte Ann⸗ Jann, indem ſie aufſtand und die Hand leicht auf die Achſel ihres Mannes legte, der dabei zuſammenfuhr. „Haſt Du den Herrn Rector nicht zu Hauſe gefunden?“ 121 — „Er war in Rödek bei einem Sterbenden. Der iſt glücklich!“ ſetzte der alte Bretagner düſter hinzu. „Was willſt Du damit ſagen? Glücklich der Ster⸗ bende?“ — „Ja, glücklich iſt der Sterbende!“ wiederholte der Alte mit einem tiefen Seufzer. „Alſo iſt der Lebende unglücklich? Les⸗en⸗Goch, Du trägſt Dich mit traurigen Gedanken.“ — „Sie ſind traurig wie der ſchwarze Monat.“ „Ach der ſchwarze Monat, der ſchwarze Monat!“ ſprach ſchmerzlich die alte Amme, indem ſie ihr Geſicht mit ihrer Schürze verhüllte. — „Mor⸗Nader hatte Recht“, fuhr der Alte, mit ſich ſelbſt ſprechend, fort. „Vor zwei Jahren, im ſchwarzen Mo⸗ nate, hat der Pen⸗kan⸗guer ſein Haus verlaſſen, um nach Paris zu gehen, und er kam zurück verzweifelt, entſchloſſen zu ſterben. Wieder im ſchwarzen Monate, vor einem Jahre, kehrte er plötz⸗ lich nach Paris zurück, um jene Frau zu heirathen, die bleich iſt wie das hölliſche Bild, dem ſie ähnlich ſieht. Jetzt haben wir wieder den ſchwarzen Monat. Der Pen⸗kan⸗guer iſt ſeit einem Jahre verheirathet und nie trauriger geweſen, als jetzt.“ „Niemals!“ wiederholte Ann⸗Jann, indem ſie ihr von Thränen überſtrömtes ehrwürdiges Geſicht emporrichtete, denn ſie hatte das Selbſtgeſpräch ihres Mannes gehört; „nein, nie⸗ mals iſt der Mab⸗met⸗brin trauriger geweſen.“ — „Und dieſe verfluchte Frau nie bleicher. — Man könnte ſie ein Geſpenſt nennen“, ſagte der Bretagner. — „Wann wird ſie in die Hölle zurückkehren, aus der ſie gekom⸗ men iſt?“ „Fluche ihr nicht. Sie hat ihr kleines Kind verloren und nur der gute Gott ſieht die Thränen, die ſie Tag und Nacht weint.“ — „Dieſes Kind war kein Kind.“ „Wie?“ — „Es war ein Geſpenſt —“ „Les⸗en⸗Goch!“ — „Die Frau iſt keine Frau. — Ich ſage Dir, es ſind Geſpenſter, Geiſter, die aus der Hölle kommen und den Men⸗ ſchen erſcheinen im ſchwarzen Monate. ſagt und er hat Recht.“ „Les⸗en⸗Goch, wie kannſt Du nur immer das Zeugniß dieſes Mannes anrufen? Hat ihn der Herr Abbé von Kerouel⸗ lan nicht bereits von der Kanzel herab verdammt, ſowie die, welche ſeine Prophezeihungen anhören?“ — „Der Herr hat den Satan verdammt und Satan iſt noch immer Satan.“ „Warum aber willſt Du die ſo unglückliche Frau an⸗ klagen? Iſt nicht der Herr Rector ſo gütig gegen ſie? Iſt er nicht ganze Tage hier geblieben, um ſie über den Verluſt ihres Kindes zu tröſten? Ach, man ſieht es wohl, der Gram bringt ſie um. Nein, die Frau iſt nicht bös; ſie nimmt die unglück⸗ lichen Mütter immer wohl auf, ſie ſchlägt nie eine Bitte ab, die man ihr durch Kinder vorlegen läßt, wenn ſie auch bei dem An⸗ blicke derſelben weint, da ſie an ihr armes kleines Töchterchen erinnert wird. — Die Unglücklichen finden noch immer wie ſonſt in dem Schloſſe Brod, ein Obdach, Almoſen; die bleiche Frau hilft Allen.“ Les⸗en⸗Goch ſchüttelte den Kopf und antwortete: — „Der Teufel nimmt alle Geſtalten an.“ „Er erſcheint aber nie in der Geſtalt einer traurigen Mut⸗ ter, die ihr Kind beweint, Les⸗en⸗Goch.“ — „Er nimmt alle Geſtalten an; ich ſchließe aus dem Kummer des Pen⸗kan⸗guer auf die Bosheit der blaſſen Frau.“ „Sie ſcheint ihn aber doch zu lieben.“ — „Das Grab liebt die Lebendigen.“ „Die blaſſe Frau verläßt ihn niemals — — „Wie das Fieber den Sterbenden nicht verläßt.“ „Les⸗en⸗Goch, Du biſt ungerecht.“ — „Ungerecht! Iſt Dir der Pen⸗kan⸗guer in der ſchlimmſten Zeit ſeiner Schwermuth trauriger erſchienen, Ann⸗ Jann?“ „Leider nein.“ — „Ich ſage Dir, dieſe Frau iſt ſein böſer Geiſt. Vorigen Abend, im Dunkel, zur Zeit des Abendeſſens, habe ich den Pen⸗kan⸗guer und die blaſſe Frau überall geſucht, und wo fand ich ſie, Ann⸗Jann? Ich zittere noch; ſie ſtanden oben auf der Platte des Thurmes, an den unten das Meer ſchlägt. Es „ Mor⸗Nader hat es ge⸗ 123 ſtürmte gewaltig, der Mond trat bisweilen hinter den Wolken hervor, die am Himmel hinjagten; in ſeinem Lichte ſah ich ſie — der Pen⸗kan⸗guer und die bleiche Frau ſtierten in den Ab⸗ grund hinunter und beugten ſich über denſelben, als wollten ſie ſich in das Meer hinunterſtürzen —“ „Wehe, wehe!“ rief die Amme, indem ſie die Hände über die Augen hielt. — „Ja, wehe! Aber wehe auch dieſer Frau, wenn je⸗ mals —“ „Les⸗en⸗Goch, beruhige Dich. — Es geht hier etwas vor, das wir beide nicht begreifen können; — aber, was ſagteſt Du, als Du den Mab⸗mer⸗brin auf der Platte des Thurmes ſaheſt?“ — „Ich wagte es nicht, den Pen⸗kan⸗guer zu rufen, weil ich fürchtete, er möchte erſchrecken, ſtraucheln und hinunter⸗ ſtürzen. Ich wartete. Eine Möve flog mit krächzendem Ge⸗ ſchrei von den Trümmern auf. Die bleiche Frau und der Pen⸗ kan⸗guer zuckten zuſammen und dreheten ſich um; Beide weinten.“ „Ja, das iſt wahr, ſie weinen oft. Noch vorgeſtern —“ — „Haſt Du ſie geſehen? Und welche traurige Stille während des Abendeſſens! Wie traurig lächeln ſie einander an! Ich ſage Dir, die bleiche Frau ſucht die Seele des Pen⸗ kan⸗guer. Auch der Rector iſt durch das Geſpenſt getäuſcht worden. — Einſache und gute Menſchen werden durch den Teufel am leichteſten betrogen — Ann⸗Jann! Ann-Jann! Die blaſſe Frau wird dem Hauſe verderblich ſein; ihr Bild begann das Unglück unſeres Herrn, ſie ſelbſt wird es vollenden; ich ſage Dir, ſie ſucht die Seele Ewens; — eines Tages wird ſie damit verſchwinden; Mor⸗Nader hat es geſagt.“ „Mor⸗Nader iſt wahnſinnig.“ — „Er weiß, was die Menſchen nicht wiſſen; er kann nicht ſein wie die andern Menſchen; was er ſagt, geſchieht.“ „Dann wehe, wehe dieſem Hauſe. Warum ſagt Mor⸗ Nader nicht vorher, daß unſer Schickſal das des Mab⸗mel⸗brin ſein wird?“ Der alte Bretagner dachte lange nach; dann ſagte er plötz⸗ lich mit leiſer Stimme und zu ſich ſelbſt: 124⁴ — „Wenn ich ihn auch ermordete, die Prophezeihung würde doch in Erfüllung gehen!“ „Ermorden? — ermorden? Wen? Les⸗en⸗Goch?“ rief die Amme entſetzt. — „Den Mor⸗Nader.“ „Ihn ermorden! Und die Gerechtigkeit der Menſchen? Und die Gerechtigkeit Gottes?“ — „Als ich den Blauen erſchlug, der auf den Pen⸗kan⸗ guer anlegte, dachte ich weder an Gott, noch an die Men⸗ ſchen, noch an mich; ich dachte an den, welchen ich liebe wie mein Kind — Zwanzigmale habe ich ſeit zwei Jahren mein Gewehr genommen und mich in Hinterhalt gelegt am Strande, neben dem Rothen Mönche, jenem Felſen, wo an Sturmtagen Mor⸗Nader das Sterbelied für die Ertrinkenden ſingt, wenn er die Sonne in den Wolken untergehen ſicht.“ . „Dahin gingſt Du, Les⸗en⸗Goch? Der Herr hat ſich Deiner erbarmt, daß —“ — „Vielleicht — Einmal zitterte mein Arm und mein Auge wurde trübe — Zwanzigmale habe ich den Lotſen vor dem Gewehre gehabt. — Gott wollte es nicht.“ „Nein, Gott wollte es nicht, daß Du ein Mörder würdeſt — Er behält ſich vor, Mor⸗Nader ſelbſt zu ſtrafen — Mich betrübt es nur, daß der Mab⸗mer⸗brin ſo oft mit dieſem Sün⸗ der ſpricht. Hat er ihn nicht im vorigen Monate auf das Meer begleitet? Hatte er vergeſſen, daß er vor zwei Jahren mit dem Lotſen im Sturme beinahe umkam?““ „Mor⸗Nader ſagt, er habe es in den Wolken geleſen, daß der Pen⸗kan⸗guer und die blaſſe Frau im Sturme im ſchwarzen Monate umkommen —,“ ſetzte Les⸗en⸗Goch faſt ſchaudernd hinzu. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre gesffnet. Mor⸗Nader trat langſam in die Küche. Wir haben bereits geſagt: dieſer Greis war hoch gewach⸗ ſen; ſein langes röthlich weißes Haar fiel auf die von der Sonne und dem Seewinde gebräunte Stirne er trug den dunkel⸗ farbigen Anzug der Fiſcher von Sein, einen ſchwarzen Kittel und weite weiße Hoſen; trotz der Novemberkälte war weder ſein Hals noch ſeine Bruſt bedeckt. Sein Geſicht hatte etwas Dü⸗ — 125 ſteres, Verſtörtes; die Augenblicke ſeines Hellſehens und Wahn⸗ ſinns wurden immer häufiger. Trotz dem Widerwillen, den er Les⸗en⸗Goch und der Ann⸗Jann einflößte, konnten ſie doch einer unwillkührlichen Ehrfurcht nicht widerſtehen, als der Lotſe eintrat. Mor⸗Nader trat mit gemeſſenen, faſt feierlichen Schritten näher und richtete ſeine runden Augen mit den gelblichen Pupil⸗ len auf das Dienerpaar. „Wo iſt der Pen⸗kan⸗guer?“ fragte er barſch. Les⸗en⸗Goch und Ann⸗Jann ließen das Haupt ſinken und antworteten nicht. Die Amme griff an das Kreuz, das ſie an ſich trug, gleich⸗ ſam um ſich vor böſer Zauberkunſt zu ſchützen. „Wo iſt der Pen⸗kan⸗guer?“ fragte Mor⸗Nader lauter, in faſt Hrohendem Tone. — „Du weißt alles, errathe es, antwortete Les⸗en⸗Goch. „Wo iſt er?“ rief der Lotſe. „Der ſchwarze Monat wird ſeinen und der bleichen Frau Tod ſehen —“ — „Hörſt Du?“ ſagte Les⸗en⸗Goch leiſe zu der Amme, die ſich fromm bekreuzigte. Der Lotſe ſtreckte den Arm nach dem Fenſter hin aus, das nach dem Meere ſah und ſtimmte eine Art improviſirtes Lied an, das dem Geſange der alten Barden glich und dem es nicht an einer rauhen wilden Poeſie fehlte: „Der Nebel iſt dicht, das Meer ſchläft, der Wind ſchlummert, der alte Ocean iſt ſo ruhig wie ein See. Die Menſchen ſagen: laßt uns ruhig bleiben, laßt die Netze am Strande liegen. „Aber der Seerabe, der ſich in die Höhe und immer höher ſchwingt, ſieht was die Menſchen nicht ſehen. „Unter der luſtigen blauen Fluth, auf der die Sonne glänzt, ſieht er einen Leichnam mit grünen Augen. „Unter der Meeresſtille ſieht er den Sturm. „Er ſteigt höher und höher, der alte Seerabe: und er ſieht die ſchwarzen Steine überſtrömt und er ſieht, wie der Wirbel am Todtenfelſen ſich ſchneller und ſchneller dreht. „Und er ſieht einen rothen Dunſt am Niedergange und er hört den Sturm, der herankommt, immer näher und den die Menſchen noch nicht hören — Er ſieht in der Ferne den weißen Schaum, den die Menſchen noch nicht ſehen, und da der alte Seerabe den Pen⸗kan⸗guer liebt —“ ſetzte der Lotſe mit wildem Gelächter hinzu, „ſo ſucht er ihn auf, um ihm Dinge zu ſagen, die nur er hören kann — Wo iſt er? Wo iſt er? Wo iſt er?“ * So fragte der Lotſe dreimal mit immer ſchrecklicherer Stimme. Ann⸗Jann bekreuzigte ſich. Der Mann ſah aus wie ein Teufel, der eine Seele haben will. „Was willſt Du dem Pen⸗kan⸗guer ſagen?“ fragte Les⸗en⸗Goch. Der Lotſe lächelte finſter, erhob den Zeigefinger gen Him⸗ mel und antwortete mit den beiden geheimnißvollen und prophe⸗ tiſchen Verſen: „Gleichgültig iſt's, was auch geſchehen mag, Denn was geſchehen ſoll, geſchieht.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre raſch aufgeriſſen und der Abbé von Kerouellan trat in die Küche; mit blitzendem Auge, mit zorngeröthtetem Geſicht ſchritt er gerade auf Mor⸗ Nader zu, packte ihn mit kräftiger Fauſt am Kragen und zog ihn aus der Küche hinaus, während er ſprach: „Du alter Narr weißt, was geweſen, was iſt und was ſein wird? Erinnere Dich an die Züchtigung und was ich Dir geſagt habe, und nimm jetzt dieſe Züchtigung hin, die ich Dir ſo gegeben haben würde, — als ich noch Dragoner war.“ Bei dieſen Worten gab der ehemalige Soldat dem Lotſen einige tüchtige Hiebe mit dem Stabe ſeiner Peitſche über die Schultern und ſtieß ihn hinaus. Mor⸗Nader wurde bleifarbig vor Wuth; ſeine Augen rollten in ihren Höhlen, ſeine Vernunft verließ ihn und er ſtieß ein wahnſinniges Lachen aus. Nach einem kurzen Kampfe blieb er einen Augenblick unbe⸗ weglich, dann erhob er ſeine beiden Arme gen Himmel, wie um dem Hauſe zu fluchen und murmelte einige Worte vor ſich hin, dann zerriß er das ſchwarze Band, das er am Halſe trug, und warf die Stücke davon auf die Schwelle der Thüre, wo der Abbé noch immer ſtand. Der Rector, den dieſes Zaubermittel von neuem auf⸗ brachte, rief aus: „Höre augenblicklich mit Deinen Poſſen äuf, alter Schurke, oder ich wiederhole die Züchtigung auf der Stelle. Einmal für immer, beſieh Dir dieſe Thüre genau und zeige Dein verworfe⸗ nes Geſicht nie wieder hier, was Dir übrigens nicht ſchwer 127 werden ſoll, denn morgen ſchon wird der königliche Proeurator meine Klage erhalten und einige Jahre im Gefängniß werden Dich lehren, die Leichtgläubigkeit meiner Kirchkinder zu miß⸗ brauchen und den Herenmeiſter zu ſpielen.“ Mor⸗Nader, der ſich mit ſeinen geheimnißvollen Ver⸗ ſuchen beſchäftigte, ſchien die Worte des Rectors nicht zu hören. Als er endlich die Stücke des ſchwarzen Bandes und eines Säckchens, das er auf der Bruſt trug, nach einander auf die Thürſchwelle geworfen hatte, rief er mit lauter Stimme in Bre⸗ tagniſcher Sprache: „Das Zaubermittel da, Prieſter, wurde bereitet aus dem Auge eines Seeraben und dem Herzen einer Viper.“ — „Du wagſt noch immer von Deinen Zaubereien zu reden?“ fragte der Rector, indem er ſeine Peitſche ſchwang und einen Schritt näher trat. „Nimm Dich in Acht; dieſes Nittel da beſchwört alle Zauberkünſte.“ Der Lotſe dagegen fuhr fort und er ſchien den Fluch über das Haus auszuſprechen: 2 „Morgen wird der alte Todtengräber mit ſeinem Glöckchen in der Hand einhergehen. „Er wird einhergehen, um Nachricht zu geben von den Todten.“ Mor⸗Nader ſprach dieſe Worte mit ſo feſter Ueberzeugung, ſein Geſicht hatte einen ſo eraltirten, ſo entſetzlichen Ausdruck, er ſchien wirklich durch eine geheime Offenbarung ſo begeiſtert zu ſein, daß ſich der Abbé von Kerouellan einen Augenblick der Verwunderung nicht erwehren konnte, aber bald kehrte er in die Küche zurück, nachdem er Mor-Nader noch einmal gedroht hatte, der mit großen Schritten nach dem Strande zu ging. Als der Rector zurückkam, ſah er mit Erſtaunen, daß Ann⸗Jann und Les⸗en⸗Goch da knieten und inbrünſtig beteten. — „Nun, was zum Teufel habt Ihr? — würde ich ge⸗ ſagt haben, als ich Soldat war. Fürchtet Ihr, der alte Böſe⸗ wicht werde das Haus umſtürzen können, wenn er daran blaſe? Haſt Du, Les⸗en⸗Goch, nicht da den Knittel, um dem alten . Narren den Rücken damit einzureiben? Dem widerſteht kein Zauber; er iſt noch kräftiger als das vade retro, Salanas, welche Worte man übrigens zugleich mit ſagen kann; ſie ſchaden nicht. Folge Du meiner Methode und meinem Beiſpiele. Wenn Thereſe Dunoyer II. 9 128 es eine Sünde iſt, ſo gebe ich Dir Abſolution; ſei Du nur ganz ruhig. Wo iſt Ewen? Ich muß ſogleich mit ihm reden.“ „Ich glaube, der Pen⸗kan⸗guer iſt mit — der blaſſen Frau in dem großen Saale,“ antwortete der Bretagner, der es nicht über ſich gewinnen konnte, Thereſen ſeine Gebieterin zu nennen. Der Rector zog die Augenbrauen zuſammen; eine Wolke ſtrich über ſeine Stirn und er antwortete dem alten Les⸗en⸗Goch: — „Schadet nichts; führe mich zu dem Pen⸗kan⸗guer.“ Der Bretagner ſtand auf und ſchritt vor dem Rector her die große ſteinerne Treppe hinauf, die zu den obern Stockwerken des Schloſſes führte. X. Die Unterredung. Cwen befand ſich, als der Abbé von Kerouellan eintrat, allein in einem großen Saale, deſſen Fenſter auf das Meer gingen. Der Abend, der noch ruhig war, drohete, wie es Mor⸗ Nader angekündiget hatte, ſtürmiſch zu werden. Die Sonne ging hinter großen ſchwarzen Wolken unter; das Meer warſtill, aber das Waſſer nahm eine immer dunklere Farbe an; es ging kein Wind und doch zogen die Wolken von Weſten her heran, langſam, aber furchtbar. 5 Cwen hörte den Abbé nicht eintreten. Er hatte beide Elnbogen auf den Tiſch geſtützt; ſein Kinn ruhete in der hohlen Fläche ſeiner Hände; ſeine Augen waren roth von Wachen und Thränen und er ſah unbeweglich nach dem Himmel und dem Meere. Fwen war nur noch ein Schatten ſeiner ſelbſt; ſeine hohlen Wangen, ſeine eingeſunkenen Augen, ſeine Bläſſe, ſeine verän⸗ derten Züge verriethen einen tiefen Kummer. Der Rector betrachtete eine Zeit lang ſeinen ehemaligen Zögling, dann trat er näher zu ihm und ſagte: 4 129 „Ewen, Ewen, woran denken Sie, mein lieber Sohn?“ Der Baron zuckte zuſammen, ſah den Abbé ſtier an, ſam⸗ melte ſich ſodann und antwortete: „Es wird eine böſe Nacht werden, ich betrachte das Meer.“ — „Und Sie haben ohne Zweifel Luſt, eine Fahrt in der Bucht zu machen? Die Gelegenheit iſt ſchön und der Lotſe war eben unten,“ ſetzte der Abbé ironiſch hinzu. Cwen ſenkte das Haupt und antwortete nicht. Der Abbé fuhr fort: — „Ich kam eben recht, um den Herenmeiſter da mit Peitſchenhieben aus Ihrem Hauſe zu jagen. Sind Sie ein Narr? Vergeſſen Sie, daß der Elende Sie vor zwei Jahren faſt ertrinken ließ, um ſeine Prophezeihung wahr zu machen?“ Ewen ſtellte ſich ruhig, heuchelte eine Heiterkeit, die ſein Herz nicht kannte und ſagte, um den Abbé zu beruhigen: „Sie wiſſen es ja, lieber Freund, daß ich die Fahrten auf dem Meere, wenn es — nicht ganz ruhig iſt, liebe. Ich habe ſeit meiner Rückkehr viele gemacht, bald allein, bald mit meiner Frau, und der alte Mor⸗Nader hat ſeinen Ruf als vortefflicher Lotſe nie verläugnet. Noch im vorigen Monate ſind wir, The⸗ reſe und ich, in dem Boote Mor⸗Naders nach der Inſel Sein gefahren.“ — „Aber Sie wiſſen auch, Ewen, daß der Elende zu glauben vorgiebt, der Monat November, den wir angetreten haben, ſei für Ihre Familie ein Unglücksmonat. Noch einmal, trauen Sie dem Lotſen nicht; er iſt eben ſo verrückt als bosha „Thereſe unterhält ſich an ſeinen wilden Seltſamkeiten; es iſt nichts dabei zu fürchten — An das Unglück des ſchwarzen Monats muß man glauben, ohne es erklären zu wollen; unſer Verſtand kann auch viele andere Dinge nicht erklären.“ — „Sie ſpielen damit auf jenes Portrait an, das ver⸗ brannt worden und doch wieder zum Vorſchein gekommen iſt; — Sie haben Unrecht; nichts iſt einfacher als dieſes Geheimniß; ich habe es Ihnen bereits erklärt. Nach Ihrer Abreiſe unter⸗ ſuchte ich das Portrait genau, die Leinwand, die Ihr Vater von dem Holze, auf dem ſie befeſtigt war, abgeriſſen hatte, enthielt nur eine Copie des Bildes — Anfangs war das Gemälde faſt 9* 130 unſichtbar, in der Luft ſind die Farben aber allmälig wieder mehr hervorgetreten und —“ „Dieſe Erklärung gnügt mir.“ — „Jetzt werden Sie mir vielleicht die außerordentliche Aehnlichkeit Ihrer Frau mit dieſem Portrait entgegenhalten, aber „Bloßer Zufall, lieber Freund, und welchen Vergleich kann man übrigens zwiſchen Thereſen und dem Original dieſes geheimnißvollen Gemäldes anſtellen? Die Frau, die es dar⸗ ſtellt, hat den Tod meines Großvaters herbeigeführt, nachdem ſie ihn lange gepeiniget, — Thereſe dagegen macht mich zum glücklichſten Menſchen; Thereſe iſt ein Engel an Güte, Sie wiſſen es.“ — „Ja, Ihre Gattin iſt ein Muſter von Sanftmuth, Güte und Ergebung; ſie unterſtützt die Armen, ſie beſitzt ſeltene Tugenden — und doch verſchlimmert ſich Ihr Zuſtand von Tage zu Tage und Sie ſind keineswegs der glücklichſte Menſch.“ „Meine Geſundheit iſt angegriffen in Folge des Krieges, alter Freund,“ ſagte Ewen lächelnd. „Ich habe viele Nächte im Walde, auf der feuchten Erde gelegen.“ — „Das iſt es, Gott ſei Dank! nicht; Sie waren rüſtig und ſtark wie ein Eichbaum —“ „Aber Abbé — — „Ihr Gemüth iſt krank, nicht Ihr Körper.“ „Ich verſichere Sie —“ — „Ihre Schwermuth nimmt von Tage zu Tage zu.“ „Ich bin nie luſtig geweſen.“ — „Man braucht nicht luſtig zu ſein, ſoll aber auch nicht verzweifeln.“ „Noch einmal, Abbé —“ — „Deſto ſchlimmer, wenn es Sie verletzt — Ich kann nicht länger ſchweigen —; Ihr Hetz iſt ſchwer verwundet —, ich muß offen mit Ihnen ſprechen; ich habe Sie errathen.“ „Was ſagen Sie?“ — „Ich weiß Alles.“ „Was wiſſen Sie?“ fragte Ewen beſorgt. — „Beruhigen Sie ſich, — das, was man unbeachtet in den Herzen der Menſchen entdeckt, iſt ein eben ſo heiliges 8 13¹ Geheimniß wie das der Beichte Ich habe Sie errathen und ich ſpreche nur mit Ihnen allein, mein Sohn.“ „Nun?““ — „Es nagt ein geheimer Kummer an Ihnen; er bringt Sie um — Sie ſehen aus wie ein Geſpenſt — Sie ſind der unglücklichſte Menſch.“ „Der Tod unſers Kindes hat mich tief geſchmerzt. Iſt das nicht natürlich?“ — „Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben —“ „Warum nicht?“ — „Zwingen Sie mich nicht, darauf zu antworten.“ „Was wollen Sie damit ſagen? „Nicht der Tod Ihres Kindes verurſacht Ihnen dieſen unheilbaren Gram.“ „Ich habe Ihnen vor zwei Jahren, bei meiner erſten Reiſe nach Paris, geſtanden, daß ich Fräulein Dunoyer verführt und ſie dann verlaſſen hatte; aus Reue machte ich im vorigen Jahre, um dieſelbe Zeit, mein Vergehen wieder gut, indem ich Thereſen und unſerm Kinde meinen Namen gab.“ Man ſieht, daß der Herr von Ker-Ellio die Geburt der Tochter Thereſens auf dieſe Weiſe erklärt hatte. — „Das haben Sie mir freilich geſagt, Ewen; Sie woll⸗ ten ſo den heftigen Schmerz rechtfertigen, in dem Sie hier ſo lange verſunken waren, ihn der Reue über einen Fehltritt zu⸗ ſchreiben! Edelſinniger Lügner! — es war eine Unwahrheit.“ „Abbé!“ — „Es war eine Unwahrheit; Sie verheimlichten eine gute und ſchöne That wie ein Verbrechen.“ „Noch einmal —“ — „Noch einmal, Ewen, Sie haben einem unglücklichen Mädchen, das ein Unmenſch entehrt hatte, die Ehre und das Leben wiedergegeben. Sie wundern ſich, daß ich hier in unſerer Einöde dieſes Geheimniß entdeckt habe?“ „Es iſt wirklich ſeltſam,“ ſprach Ewen, höchſt überraſcht. — ch ahnte Ihre Lüge. Erſtens ſind Sie nicht der Mann, der eine Schändlichkeit begeht, und dann, wer hinderte Sie, Thereſen die Ehre wiederzugeben, wenn die Reue darüber, das junge Mädchen betrogen zu haben, Ihre Verzweiflung ver⸗ urſachte? Warum kamen Sie erſt auf dieſen Gedanken, nachdem 132 Ihr ehrloſer Vetter ſich verheirathet hatte? Sie ſchen, dieſe Ver⸗ läumdung Ihrer ſelbſt hält nicht Stich Sie kamen hierher zurück mit Ihrer Frau und dem Kinde, das Sie Ihr Kind nannten.“ „Habe ich es nicht behandelt, als wäre es das meinige geweſen?“ — „Was beweiſ't dies? Haben Sie jemals gegen das gehandelt, was das Zartgefühl und der Edelmuth verlangten? Während des erſten Monats nach Ihrer Rückkehr bemerkte man an Ihnen eine große Veränderung; Ihr Geſicht ſtrahlte von Glück und Hoffnung — Ich geſtehe es, ich war gegen die Frau eingenommen; meine vorgefaßten Meinungen ſanken aber all⸗ mälig vor ihrer engelgleichen Sanftmuth, vor der Liebe gegen Sie, die ſie zeigte, obgleich dieſe Liebe mir bisweilen — zerſtreut vorkam. Nur etwas beſtärkte meinen Argwohn; Sie waren gegen Ihr Kind vollkommen, gleichmäßig und ſorgſam gütig, indeſſen entſchlüpften Ihnen bisweilen, Ihnen unbewußt, un⸗ bemerkliche Bewegungen nicht der Ungeduld, ſondern — des Schmerzes, ja, Ewen, Regungen eines traurigen bittern Schmerzes, eines Schmerzes, gleichſam der Eiferſucht, ich will nicht ſagen des Haſſes gegen dieſes Kind.“ „Aus Barmherzigkeit, Abbé, kein Wort weiter!““ — „Ewen, mein Sohn,“ ſagte der Abbé zärtlich, indem er die Hand des Herrn von Ker-Ellio in der ſeinigen hielt, — „glauben Sie, daß ich Ihnen Vorwürfe mache? — Ihnen, der Sie die Aufopferung bis über die Grenzen des Möglichen getrieben haben? Nein, ich erbitte, ich verlange Ihr Vertrauen, indem ich Ihnen beweiſe, daß ich deſſen würdig bin, weil meine Theilnahme mit Ihnen mich einen Theil Ihres Geheimniſſes ertathen ließ. Ich habe lange gezögert; aber wenn ich Sie ſo verändert, ſo troſtlos ſehe, muß ich verſuchen, Sie zu tröſten, Ihren Kummer vielleicht zu lindern, indem ich Sie veranlaſſe, ihn auszuſprechen — Gegen meinen Willen und ob ich gleich die Dummheit von Schickſalsnothwendigkeit und dieſen ſchwarzen Monat behandle, wie ſie es verdienen, fürchte ich doch, ich weiß nicht warum; er iſt an unſern Küſten imner ſo ſtürmiſch, er kann einen nachtheiligen Einfluß auf Ihre ſchon ſo erſchütterte Geſundheit haben —“ 6 „Beruhigen Sie ſich, alter Freund, die Zeit — iſt ein 8 133 großer Arzt,“ entgegnete Cwen lächelnd; ſie wird auch mich heilen.“ — „Möglich, aber vielleicht weicht der Gram, der an Ihnen zehrt, der Gram, deſſen Wirkungen ich ſehe, deſſen Ur⸗ ſache ich nicht kenne, einer Reiſe, Zerſtreuungen — Glauben Sie mir und reiſen Sie ſobald als möglich mit Ihrer Gattin ab; — die Ortsveränderung wird Ihnen beiden wohlthun; bleiben Sie den Winter über im Süden —“ „Warum, lieber Freund? Würde mir der Gram, wenn einer an mir zehrt, wie Sie meinen, nicht auch dahin folgen?“ — „Sie geſtehen den Gram alſo zu, armer Sohn?“ „Ich geſtehe, daß meine Traurigkeit ganz ſo ausſieht, wie Gram —“ „Aber warum dieſe Traurigkeit? Fräulein Dunoyer iſt Ihre Gattin geworden, ſie hat alſo Ihren niederträchtigen Vetter vergeſſen — anders kann es nicht ſein. Warum ſcheint ſie aber gleich Ihnen von derſelben düſtern Verzweiflung nieder⸗ gedrückt zu werden, da ſie doch ſo edle Eigenſchaften beſitzt, erkenntlich iſt für Ihre Zuvorkommenheit, von Allen geliebt und jetzt vielleicht eben ſo wie Sie ſelbſt geſegnet und verehrt wird?“ „Der Tod ihres Kindes iſt für Thereſen ein ſchwerer Schlag geweſen — Der Kummer einer Mutter iſt oft ewig; ich — ich leide, weil ich ſie ſo leiden ſehe — Weiter nichts — Ich verſichere Sie, Ihre Freundſchaft ängſtigt ſich mit Unrecht; ſeit einigen Tagen fühle ich mich ſogar ruhiger — Auch Thereſe iſt minder niedergeſchlagen; ſahen Sie uns nicht geſtern faſt heiter an der Küſte?“ — „Dieſe Heiterkeit erſchreckte mich, Cwen; ja, gerade dieſe Heiterkeit veranlaßte mich, mit Ihnen zu ſprechen, wie ich heute mit Ihnen ſpreche.“ „Ich verſichere —“ — „Ich ſage Ihnen, daß dieſe Heiterkeit etwas Schauer⸗ liches hatte.“ ch ſage Ihnen, daß ich über den Ausdruck Ihres Geſichtes und jenes Ihrer Gattin in jenem Augenblicke erſchro⸗ cken bin.“ „Noch einmal, Abbé, Sie ſind im Irrthume; niemals waren wir, Thereſe und ich, vertrauter mit einander; wir hatten 134 einen langen Spaziergang an der Küſte gemacht und unſere Ge⸗ danken offen, vertraulich, vollſtändig ausgeſprochen.“ — „Ach, Unglücklicher, Sie ſehen ſich ſelbſt nicht, indem Sie ſo mit mir ſprechen. Ihre Worte ſind beruhigend und doch treten mir die Thränen in die Augen und das Herz bricht mir — Ich ahne ein ſchreckliches Unglück — Ewen, im Namen des Himmels, verbergen Sie mir nichts —“ „Ich habe nichts, Abbé, und verſtehe Sie nicht.“ — „Mein Inſtinkt ſagt mir, daß in Ihren ſcheinbar ſo ruhigen Worten Bitterkeit liegt; Ihr Lächeln verletzt, Ihre Ruhe erſchreckt mich. Ewen! Ewen! ich beſchwöre Dich, mein theurer Sohn, vertraue mir. Bis jetzt habe ich ſchweigend Deine Zurückhaltung geduldet, aber heute erſchreckſt Du mich und ich verlaſſe Dich nicht, bis Du mir geſagt haſt —“ „Was denn, mein guter alter Freund? Ich wiederhole Ihnen, daß ich nichts habe, auch Thereſe nicht; ihr Gram ſcheint vielmehr abzunehmen. Sie liebt mich zärtlich; ich theile dieſe Liebe; der Verluſt ihres Kindes hat das Band, das uns vereinigt, noch feſter gezogen, indem er uns einen gemeinſamen Schmerz gab. Wir ſind traurig, weil es unſer Charakter iſt; ich bin niemals ſehr heiter geweſen. Sie wiſſen es. Die Ge⸗ ſundheit Thereſens iſt angegriffen, die meinige ebenfalls. Indeß wir ſind jung und werden die Melancholie, der wir uns, ich geſtehe es, vielleicht etwas zu ſehr überlaſſen, allmälig überwinden — Glauben Sie mir, ich verberge Ihnen nichts; Sie ſind ja ein zweiter Vater für mich. Was den nachtheiligen Einfluß des ſchwarzen Monats betrifft,“ ſetzte Cwen hinzu, „„ſo iſt es nicht klug von Ihnen, als einem Freigeiſte, eine Furcht vor demſelben merken zu laſſen. Muß ich armer Abergläubiger Sie an Ihre ſonſtigen Worte erinnern: „Warum der November verderblicher ſein, als der Mai? Wachſen die Blätter im Frühlinge nicht wieder, wenn ſie auch im Herbſte abfallen?“ Beruhigen Sie ſich alſo, mein guter Abbé; wir werden noch viele ſchwarze Monate mit einander verleben, freilich werden Sie uns, mir und meiner Frau, auch noch oft vorwerfen, wir wären Träumer. Unſere beiderſeitige Vorliebe für die Einſamkeit war gerade eine der Sympathien, die uns mit zuſammenführte.“ Der Abbé von Kerouellan ſah den Herrn von Ker⸗Ellio zweifelnd an und ſagte, indem er ſeine feuchten Augen abwiſchte: 135 — „Es iſt mir ein ſo großes Bedürfniß, Dir zu glauben, mein lieber Sohn; ja, ich verlange nichts, als Dir zu glauben. Du haſt vielleicht Recht, ich fürchte mich ohne Grund, indeß ich weiß nicht, welche unbeſtimmte Ahnung, die Anweſenheit jenes Mor⸗Nader — Aber, Gott ſei Dank! ich habe meinen Plan; ſchon von morgen an ſoll uns der alte Narr nicht mehr beun⸗ ruhigen — Wie ich aber vergeſſen bin! Eben als ich in mein Haus zurückkam, erhielt ich einen Brief von einem Freunde in Rennes, der mir ſchreibt, die Angelegenheiten Deines Schwie⸗ gervaters verwirrten ſich mehr und mehr und er habe ſeine Zahlungen eingeſtellt. Ich weiß nicht, wie Du mit ihm ſtehſt, jedenfalls wird Dich dieſe Nachricht intereſſiren.“ „Ich danke Ihnen; ich habe zum Glück bei Zeiten meine Gelder zurückgezogen und übrigens kommt nichts darauf an,“ ſagte Ewen unwillkührlich. — „Wie? es kommt nichts darauf an?“ fragte der Abbé; „mehr als zweimalhunderttauſend Franes, über ein Drittel Ihres Vermögens!“ „Ich wollte ſagen, daß, da das Geld ſicher angelegt iſt, wenig daran liegt, ob Herr Dunoyer Bankerott macht, — ohne Zweifel, weil es in der Familie einmal ſo herkömmlich iſt.“ 3 — Sie haben mich wieder etwas beruhigt, Ewen, und ich gehe zufrieden fort. Morgen gehe ich aber nach Pont⸗Croir wegen des alten Narren, den ich eben ſchon im Voraus gezüch⸗ tigt habe, gerade wie ich es gethan haben würde —, als ich Soldat war.“ „Und was wolken Sie thun?“ — „„Sie ſind ein eben ſo großer Thor, daß Sie den Elen⸗ den in Schutz nehmen; ich werde es Ihnen ſagen, wenn es ge⸗ ſchehen iſt, morgen, — wenn ich bei Ihnen eſſen darf.“ „Gewiß, es wird uns eine große Freude ſein,“ ſagte Cwen mit einiger Verlegenheit, die aber dem Rector entging. „Für heute Abend halte ich Sie nicht zurück, weil Thereſe etwas unwohl iſt.“ — „Ich bin wie ein Kind,“ ſagte der Alte, „ein Nichts „ vertreibt meine trüben Ahnungen und läßt mich hoffen. Ich gehe faſt ruhig fort — Auf Wiederſehen alſo, Morgen! Aber ich werde noch oft, das ſage ich Ihnen, auf dieſen Punkt zurück⸗ kommen — Leben Sie wohl; auf Morgen, mein lieber Ewen!“ 136 Er reichte ihm liebevoll die Hand. Der Herr von Ker⸗Ellio drückte ſie zärtlich; er war nahe daran, in die Arme des Abbs zu ſinken, aber er that ſich Zwang an, denn er fürchtete den Argwohn des Alten von Neuem zu wecken. Der Abbé entfernte ſich. Ewen ging lange aufgeregt auf und ab. Die Nacht kam und mit der Nacht erhob ſich der Wind. Um ſechs Uhr meldete Les⸗en⸗Goch ſeinem Herrn, daß der Tiſch gedeckt und daß aufgetragen ſei. Ewen fand Thereſen in dem Speiſeſaale. Das Mahl war von kurzer Dauer und ſtill; Beide fühlten ſich unbehaglich. Thereſe und Ewen begaben ſich nach Tiſche in das Zimmer, in welchem der Abbé von Kerouellan die Unterredung mit dem Herrn von Ker⸗Ellio gehabt hatte. XIH. Geſtändniſſe. Das Zimmer war mit dunkelrothem Zeuge ausgeſchlagen; die Fenſter ſahen auf das Meer; eine Schirmlampe verbreitete in dem weiten Raum nur ein ſchwaches Licht. Der Wind pfiff und nahm an Heftigkeit zu; von weitem hörte man das eintönige Rauſchen der Wogen, die an der Küſte zerſpritzten. Der Regen ſchlug an die Fenſter und der Wind heulte durch die langen Gänge des Schloſſes. Ewen und ſeine Frau ſaßen vor dem Kamine und ſchienen in tiefe Gedanken verſunken zu ſein. Ewen ſtützte die Stirn auf ſeine Hände. Thereſe ſaß bleich, abgehagert, mit ſtierem Blicke, geſenkten Hauptes, die Hände auf den Knieen übereinandergelegt, voll⸗ kommen bewegungslos da. Man hätte ſie für die Statue des Schmerzes halten können. ————— 137 Nach einem ziemlich langen Schweigen ſagte die junge Frau, aber ohne von dem Feuer aufzublicken, in das ſie ſtierte: „Wird Mor-Nader morgen wiederkommen — trotz den Drohungen des Abbé?“ . Cwen richtete den Kopf empor, lächelte bitter und ant⸗ wortete: — „Mor⸗Nader wird wiederkommen; — wir haben den ſchwarzen Monat.“ „Er hatte dieſen Sturm vorhergeſagt. — Wird er bis morgen dauern?“ fuhr die junge Frau fort, ohne ihre Stellung zu ändern. — „Es iſt daran nicht zu zweifeln, Thereſe.“ Dann ſtand Cwen auf, ging eine Zeit lang in dem Saale auf und ab, trat darauf zu ſeiner Frau und ſagte ſanft: — „Wenn Du — an Jemanden ſchreiben willſt, — es iſt Zeit.“ „Das Schweigen wird würdevoller ſein.“ — „Allerdings. — Ich habe dem Abbé von Kerouellan die Hand gedrückt und ihm damit herzlich Lebewohl geſagt.“ „Wie weit iſt es von hier bis zur Spitze Kergal zur See?“ — „Zwei Stunden.“ „Und der Wind iſt gegen die Fahrt dahin?“ Bei einem ſolchen Winde würde kein Lotſe dieſe Fahrt wagen. — Man kann ſicher ſein dabei unterzugehen.“ Nach einiger Zeit ſetzte Ker⸗Ellio in ernſtem Tone hinzu: — „Du haſt es reiflich erwogen, Thereſe 2. „Ich habe es erwogen.“ —Bu willſt es?“ ch will es. Ich begehe ein Verbrechen, indem ich einwillige.“ „Der Entſchluß iſt uns gemeinſam. Wer hat ihn zuerſt ausgeſprochen, Du oder ich? Es würde ſich ſchwer ſagen laſſen — Du hatteſt nur die Idee, den Jahrestag unſerer Verhei⸗ rathung zu wählen, zu —“ — „Zu unſerer Erlöſung, Thereſe. Habe ich unrecht gethan?“ „Nein. — Aber haſt auch Du den Schritt erwogen? Biſt Du entſchloſſen?“ „Ich wollte, es wäre ſchon morgen. — Bisweilen nur kommt mir ein Gedanke —“ „Welcher?“ — „Den Selbſtmörder trifft ewige Verdammniß. „Wir tödten uns ja nicht. — Mor⸗Nader ſchlägt uns eine Spazierfahrt auf dem Meere vor, — wir nehmen es an —“ — „Allerdings, — wir wollen den Caſuiſten eine inter⸗ eſſante Frage zu erörtern hinterlaſſen“, ſagte Ewen mit trauri⸗ gem Lächeln. — „Unſere Bürde iſt zu ſchwer, ein Vorüber⸗ gehender nimmt ſie uns ab, das iſt Alles — fügen wir ein Leid zu, Ewen? Niemandem.“ „Niemandem, Thereſe.“ „Du haſt mir edelſinnig Deine Hand gegeben, um die Zukunft des armen Kindes zu ſichern, das nicht mehr iſt; ich habe Dich geliebt — 6 liebe Dich wie den Sirtüchſen Bruder, und doch — welches Leben führen wir!“ — „Ein elendes, ſehr elendes.“ „Die Freundſchaft vermochte uns nicht zu tröſten. — Ich fühle noch dieſe Stunde ſo ſchmerzlich als jemals den Verrath des Mannes, dem ich Alles geopfert habe. Er war ein Niederträchtiger und doch kann ich ihn nicht vergeſſen. — Du liebſt mich und trotz Deiner liebenswürdigſten Hingebung kann ich Dich nicht lieben, wie einen Geliebten — das Schickſal will es ſo — was können wir thun?“ — „Was wir thun, Thereſe. Jenes unglückliche! nd feſſelte Dich an das Leben, — durch Dich band es auch mich; ſein Tod hat unſere letzten Hoffnungen zertrümmert. Seit je⸗ nem traurigen Ereigniſſe haben wir uns nichts verheimlicht. — Grauſame, bittere Geſtändniſſe! Wir haben einander Alles geſagt, Alles, — unſere Sehnſucht, unſere unheilbare Schwäche, unſere Scham, nur Leid in unſerer Verbindung zu finden und dem Kummer über eine unmögliche Liebe zu unterliegen. — Wir haben uns mit einer Art Freude, mit kaltem Blute zur Verzweiflung getrieben. — Schwäche unſerer Natur! Es fehlt uns die nöthige Energie, unſere Lage zu nehmen wie ſie iſt, unſern Schmerz Gott vorzultgen und ue trauriges Leben, ge⸗ ſtützt auf einander, fortzuſetzen.“ „Warum. auch leben?“ ſprach herſe; „Du kannſt Deine Liebe zu mir nicht unterdrücken, ich kann jenen Mann nicht ver⸗ 139 geſſen. Unſere Kräfte ſind zu Ende, der Kampf drückt uns nieder. — Wir müſſen ſcheiden.“ Nach einem kurzen Schweigen fiel Ewen ein: — „Ich möchte wohl wiſſen, was Montal in dieſem Augenblicke thut und denkt, er, der zwei Geſchöpfe Gottes in den Abgrund geſtoßen hat. — Es iſt zehn Uhr, — er wird in der Oper oder auf einem Balle ſein mit dem verächtlichen und verachteten Weibe, die er zu ſeiner Frau genommen hat, weil ſie reich iſt.“ Dann ſtand Ewen auf und ſetzte in bitterer Jronie hinzu: „Wahrhaftig, Perſe wir verdienen unſer Schickſal. — Du biſt jung und ſchön, ich bin jung und zuch — Unſere Herzen ſind geſtorben, das inenſchliche Geſchlecht iſt uns ſo ver⸗ haßt, daß wir auf ewig die Augen ſchließen wollen, um es nie mehr zu ſehen; ſtatt eines Todes zu ſterben, wollen wir doch unſere Jugend, unſer Geld, unſere Verachtung benutzen, Böſes mit Böſem vergelten; das hilft uns vielleicht das Leben ertragen.“ „Armer Ewen““, ſagte Thereſe ſanft lächelnd, „das iſt unſere Aufgabe hienieden nicht; wir würden uns bei dieſer Rache linkiſch genug benehmen.“ — „Allerdings“, antwortete Ewen ctunfals lächelnd, „ich würde die Kraft nicht haben, ſchlecht zu ſein. Die Spring⸗ federn meiner Seele ſind brocheit ich habe alle Hoffnung ver⸗ lore Warum ſoll ich D Dir 6 in dieſer Stunde verbergen? — Ich häbe gehofft — auf Dich, Thereſe.“ „Du mußeſt hffe aus Eitelkeit, ſondern weil Du Deinen Werth kannteſt. Leider war ich einer ſo edeln Liebe un⸗ würdig. Ich ſage wie Du: warum ſollte ich in dieſer Stunde lügen? — Ja, ghut Rückſicht auf das friedliche Leben in Reich⸗ thum und Ehre, das ich Deinem Edelmuthe verdankte, habe ich mich immer in der T Tiefe meines Herzens 2. jener Zeit, nach jener ſchönen Zeit geſehnt, in der ich aus Liebe die Schande ver⸗ gaß und die Armuth hochſchätzte.“ — „Mit Recht. Deine Liebe zu jenem Manne verdient eben nur Theilnahme und Mitleiden, weil ſie unbezwingl 3 iſt, Thereſe. Ach ch, das menſchliche Heiz! fuhr Ewen nach en kurzen Pauſe fort, menſchliche Herz iſt ein unergründlicher Abgrund! Welche Contraſte! Mein heißeſter Wunſch war, Deine Liebe zu erlangen, die Erinnerung an Deinen Henker aus 14⁰ Deinem Herzen zu verwiſchen, und doch würde ich Dich weniger geachtet haben, wenn Du jenen Mann leichtſinnig vergeſſen hätteſt. Wie oft habe ich mir geſagt mit einer gewiſſen ver⸗ zweiflungsvollen Bewunderung: „Ach, Thereſe wird mich nie lieben! Sie gehört zu jenen Frauen, die nur eine einzige Liebe kennen und an dieſer Liebe ſterben.“ „Hätte ich Dich vor Montal gekannt, ich würde Dich ohne Zweifel geliebt, innig geliebt haben. Welches Leben würden wir geführt haben, begeiſtert durch unſere Liebe und durch die Betrachtung dieſer ſchönen Einöden, nach denen immer mein Sinn ſtand!“ — „Du würdeſt mich haben lieben können, Thereſe; ja, dieſer Gedanke hat mein Unglück unheilbar gemacht.“ „Warum bin ich jetzt nicht fähig, das Glück zu genießen, das Du mir geboten haſt, Ewen? Beſteht noch in dieſer Stunde der verfluchte Einfluß eines Mannes, der Kummer und Schande über mich gebracht hat? Wie konnte ich den bewun⸗ dernswerthen Beweiſen von Zärtlichkeit widerſtehen, die Du mir jeden Tag gegeben haſt? Ich weiß es nicht und ſage wie Du: wie unergründlich iſt das Herz!“ — „Weil Du mich nicht liebſt, wie einen Geliebten, The⸗ reſe; — ſchreckliche Worte, unwiderruflich wie das Schickſal!“ „Ja, ich habe Dich nicht lieben können wie einen Gelieb⸗ ten, mein guter, mein edler Bruder!“ — „Hat allein der Unterſchied zwiſchen einer n Freundſchaft und einem ſtärkern Gefühle unſer Unglück herbei⸗ geführt? Iſt es Schwäche? Iſt es Hoheit?“ „Es iſt Schwäche und Hoheit, Ewen. Wir ſind würdig und fähig, einander die größen Opfer zu bringen, an Seelen⸗ ſtärke und Edelmuth zu wetteifern. Unſere Verbindung iſt durch göttliche und menſchliche Geſetze geweiht; wir haben Beweiſe von ſeltenem Zartgefühle gegeben, — unſere bitteren Geſtänd⸗ niſſe zeugen von der Stärke und Liebe, — und weil uns die Liebe gebricht, iſt das Leben uns verhaßt, ſo verhaßt, daß wir ungeduldig darauf hoffen, davon befreit zu werden.“ „Noch einmal, Thereſe, iſt es Schwäche oder iſt es Hoheit, wegen ſo wenig zu verzweifeln?“ „Dieſes Wenig iſt nichts für gewöhnliche Gemüther, Alles aber für leidenſchaftliche Herzen. Warum gehören zwei 141 Herzen wie die unfrigen einander nicht völlig an? Es iſt uner⸗ Härlich — vielleicht giebt es nie Liebe zwiſchen zwei gleichen Herzen, Ewen; vielleicht muß auf einer Seite Selbſtſucht und Härte ſein, um der Hingebung und Sanftmuth Werth zu ge⸗ ben; ja, vielleicht täuſchen wir uns, Ewen; vielleicht dürfen wir keine Liebe für einander fühlen. — Was hätten wir mit unſerem Edelmuthe begonnen? Welche Opfer würde ich Dir auferlegt haben? Was würdeſt Du mir haben verzeihen müſſen? Und dann — wehe über unſere verderbte Natur! — ich will Dir etwas gräßliches ſagen, — ein immer milder, immer zärt⸗ licher Ton wird uns faſt gleichgiltig; dagegen fühlen wir uns erhoben durch Glück und Stolz, wenn eine gewöhnlich gebieteriſche und rauhe Stimme bewegt und liebkoſend zu uns ſpricht. Und dann iſt es ſo ſüß zu verzeihen! ſo herrlich zu lieben trotz den Leiden, die man uns bereitet hat! — Zu lieben, wer uns liebt, iſt leicht. Wo iſt da der Muth? wo iſt der Schmerz?“ — „Du haſt Recht, Thereſe; auch zur Liebe gehört die Wolluſt des Schmerzes. — Wenn morgen jener Mann zu Dir ſagte: komm —“ Thereſe anwortete einige Augenblicke nicht, dann ſagte ſie ſeufzend, um der Frage Ewen's auszuweichen: „Der Tod meines Kindes hat mein Leben beſchloſſen.“ „Dieſer Tod hat in mir die letzte Hoffnung vernichtet, die eweckt hatte.“ „Was meinſt Du damit, Ewen?“ — „Ich finde in dieſek Stunde eine bittere Freude darin, Dir keine Wunde meines Herzens zu verbergen. Als Dein Kind ſtarb —“ „Sprich, Ewen; — als mein Kind ſtarb —?“ — „Du haſt geſehen, wie ſorgſam ich das arme kleine Weſen pflegte bis zu ſeinem letzten Hauche —“ „Ich habe es geſehen.“ — „Nein, nein, — es iſt zu ſchrecklich.“ „Nun?“ — „Sein Tod —“ „Sein Tod?“ Ewen ſchwieg einige Augenblicke, dann ſprach er zögernd, ls ſchaudere er, ſeine Gedanken auszuſprechen: 142 — „Das Leben dieſes Kindes war das letzte Band, das Dich noch an Montal binden mußte. — Als dieſes Band zer⸗ riſſen war —“ „Konnteſt Du Dich einer freudigen Hoffnung nicht er⸗ wehren —“ S „A „Das finde ich natürlich, Ewen. Der Tod der Frau von Montal würde mir Freude machen.“ — „Und man verläßt ein ſolches Leben nicht mit Freu⸗ den!“ rief Ewen aus. „Sich durch die Leidenſchaft zu den grauſamſten Wünſchen hingeriſſen zu ſehen, — wenn man einer ſchlechten Handlung unfähig iſt; — jeden Tag die unerbittliche Unmöglichkeit des Glückes zu erkennen, das wir ſuchen, ich in Deiner Liebe, Du in der Liebe eines Andern!“ In dieſem Augenblicke verdoppelte ſich die Wuth des Win⸗ des; das Meer donnerte. „Welcher Sturm, Ewen! Als wenn er das Schloß um⸗ ſtürzen wollte!“ — „Geſegnet ſei dieſe ſtürmiſche Nacht, Thereſe, — ſie verſpricht einen noch ſtürmiſchern Tag. — Morgen wird das Meer ſchön ſein zur Fahrt nach der Kergall⸗Spitze.“ Thereſe drückte bewegt die Hand Ewens und ſagte: „Muth, mein Bruder! — unſer Geſchick erfüllt ſich, Es wäre Thorheit gegen daſſelbe zu kämpfen.“ — „Unſer Geſchick iſt ſeltſam. Welche ungew che, geheimnißvolle Umſtände von dieſem Portrait an!“ „Ach, dieſes Portrait!“ wiederholte Thereſe; „welchen ſchrecklichen Eindruck hat es auf mich gemacht! — Dieſe außer⸗ ordentliche Aehnlichkeit, — die Frau, die Deinem Großvater ſo verderblich war! — Alles ſagt mir, daß auch ich Dir verderb⸗ lich ſein werde. — Und doch könnte ich einen Bruder nicht zärt⸗ licher lieben als ich Dich liebe.“ — „Ich habe oft, Thereſe, wenn ich über die Hartnäckig⸗ keit meiner Liebe, über Deinen unwiderſtehlichen Einfluß auf mich nachdachte, Schwindel gefühlt gleich dem, welcher uns er⸗ greift, wenn wir in einen Abgrund hinunterblicken. — Die Ge⸗ fahr iſt ungeheuer und man tritt ihr entgegen; trotz dem, daß man ſein Verderben kennt, fühlt man ſich durch einen ſchrecklichen“ Zauber hingezogen. — Der Verſtand, der Inſtinkt ſträubt 143 ſich, aber durch eine unwiderſtehliche Macht wird man nach dem Abgrunde hingezogen. — Der Tod iſt da und man wird von dem Tode verſucht.“ „Die ſtärkſten Geiſter fühlen oft ein unwilltührliches Be⸗ ſtreben, die Vorherſagungen zu rechtfertigen, die ſie bedrohen. — Vielleicht finden wir eine Art trauriger Genugthuung darin, uns zu Helden und Märtyrern einer Wunderſage zu machen.“ Dieſe traurige Unterhaltung wurde von Neuem durch ein langes Schweigen unterbrochen, in welchem man das Toben des Sturmes hören konnte. Er erſchütterte das Haus bis zu den Grundmauern. Die Lampe und das Feuer verbreiteten ein mattes Licht. Der Mond blickte von Zeit zu Zeit aus den Wolken her⸗ vor, die der Wind am Himmel hinjagte, und er warf ſeine bleichen Strahlen durch die Fenſter herein. In der Ferne, auf dem Thurme der Kirche des Abbé von Kerouellan, ſchlug die Mitternachtsſtunde. Der gute Rector, der die Angſt nicht F konnte, die er um Ewen fühlte, betete. Er betete allein. Les⸗en⸗Goch und Ann⸗Jann beteten auch. Dieſe alten Diener, auf welchen die Brohungen Mor⸗ flungsvolle Trauer Ewens und T Thereſens während des ſſens bemerkt. Beide beteten knieend für ihren Herrn und für deſſen Gattin. Es war ein entſetzlicher Anblick, Thereſen und Ewen zu ſehen, die mit Todesgedanken, mit ſo ſchrecklicher Kaltblütigteit über ihre Lage nachdachten. Der Sturm verdoppelte ſeine Wuth. Gewaltige Windſtöße, mit Regen untermiſcht, fuhren durch den Schornſtein herein und verlöſchten das Feuer. Ewen und ſeine Frau blieben in düſteres Sinnen ver⸗ ſunken. Endlich brach Thereſe das Schweigen und ſagte mit traurigem Lächeln zu Ewen: „Wie ſeltſam iſt der Flug unſerer Gedanken! Weißt Du, woran ich jetzt denke?“ — „Sage es mir, Thereſe?“ Thereſe Dunoyer II. 10 bereits einen tiefen Eindruck gemacht, hatten die düſtere „An einen der friedlichſten liebſten Abende, den ich als junges Mädchen in meinem Zimmer verbrachte. Es war vor zwei Jahren. Nach ungerechten Vorwürfen hatte meine Mutter mich zu ſtrafen geglaubt, wenn ſie mich verurtheilte, den Abend ganz allein zu ſein. Es war während meiner ſtärkſten Leiden⸗ ſchaft für René, meinen ſchönen melancholiſchen Helden — Ich ſehe mich noch, wie ich neben dem Feuer halb liegend auf mei⸗ nem Sopha ſitze, ganz allein das Bewundernswürdige Buch Chateaubriands leſe, mich an der Poeſie deſſelben berauſche und mich nach jenen großartigen Einöden der Bretagne ſehne, wo der traurige Bruder Ameliens ſich verirrte — Nie habe ich ſüßere Thränen geweint; nie wiegte mich ein reizenderer Traum — Wer mir damals geſagt hätte, daß ich nach zwei Jahren an dieſer ſo erſehnten Küſte der Bretagne ſein, einen eben ſo guten, zärtlichen und ritterlichen Mann wie René zum Freund, zum Gatten haben und doch traurig, — traurig, bis zum Tode be⸗ trübt ſein würde!“ — „Es iſt ſeltſam, Thereſe. Sieh dieſe Aehnlichkeit! Vor zwei Jahren dachte auch ich an ein Ideal; ich kannte Dich nicht und doch träumte ich von Dir — Ich ſagte zu mir: ohne Zweifel giebt es kein Weib ſo ganz nach meinem Herzen, und wenn eines lebt, wehe mir! werde ich dieſen Schatz nie beſitzen — Wer mir damals geſagt hätte, daß dieſer Traum in Efül⸗ lung gehen, daß dieſes Ideal meine Gattin werden, daß wie einen Bruder lieben, daß ich mein Leben neben ihr in⸗ gen und daß ich doch traurig ſein würde, Thereſe, bis zum Tode betrübt!“ „Was iſt jetzt das Leben für uns? Was knüpft uns an daſ⸗ ſelbe? Welches ſind unſere Bande, unſere Vergnügungen, unſere Intereſſen? Das wenige Gute, das wir thun? Du haſt es hun⸗ dertmal geſagt: glücklich die Reichen! ihre Almoſen überleben ſie! — Der gute Abbé von Kerouellan wird unſer Teſtament erhalten und uns bei unſern Armen erſetzen — Die alten Diener —“ — „Ach, ſprich nicht von ihnen, Thereſe! — es thut mir weh — Ich will meine Undankbarkeit vergeſſen — Arme Amme! armer Les⸗en⸗Goch! Wenn Du ihn in jenem Kriege geſehen hätteſt! welche Treue! welcher Muth! — Sprich nicht von ihnen, Thereſe. Was giebt es für einen Mann nach ſeinem . 1 3 145⁵ Vater und ſeiner Mutter ehrwürdigeres als ſeine Amme und den alten Diener, der an ſeiner Seite gekämpft hat? — Sie werden ſehr unglücklich ſein, wenn ſie uns nicht mehr ſehen; ich fühle es; aber ich kann mich ihnen nicht aufopfern. Und ſie lieben mich ſo! Arme Ann⸗Jann! Wie hat ſie mich gepflegt, wie für mich geſorgt! — Du ſprachſt von ſeltſamen Launen der Phantaſie; ſag', warum gedenke ich in dieſet Stunde, die ſo traurig von den lachenden Erinnerungen meiner erſten Jugend abſticht, an ein melancholiſches Lied, mit dem Ann⸗Jann mich ſonſt einwiegte? — Du dachteſt eben an Deine Abende als junges Mädchen, ich glaube noch jenes Lied und jene rührenden Worte zu hören. Thereſe, verzeihe mir meine Schwäche, — meine Thränen fließen bei dieſer Erinnerung an meine ſchönen längſt verſchwundenen Jahre.“ Ewen fuhr mit der Hand über ſeine feuchten Augen. „Nenne mir dieſe Worte, Cwen, an die Du ſo gern zu⸗ rückdenkſt. Du weißt, wie ſehr ich die Legenden Deiner wilden Bretagne liebe.“ — „Wie, Thereſe, Du wilſſt —“ „Ich bitte Dich darum; es zerſtreut mich.“ — „Wer ſollte es glauben, Thereſe, wenn er Dich ſo von Legenden ſprechen hört, daß morgen — Du haſt Recht, in dem Augenblicke, da wir aus dem Leben ſcheiden wollen, wird jenes Lied ein letzter Abſchied von meinen glücklichen Tagen ſein. Und dann — erſcheint die Morgenröthe noch nicht, Thereſe, — auch fühle ich ein Bedürfniß zu weinen und dieſe Thränen werden nicht bitter ſein. — Höre die Legende wohlwollend an, Thereſe; ſie wird viel von ihrem Reiße verlieren, da ſie weder geſungen, noch in unſerer alten ſo ernſten und ausdrucksvollen bretagni⸗ ſchen Sprache geſprochen wird, aber Du wirſt doch die ſanfte Melaͤncholie erkennen, die in ihr liegt.“ Ewen ſprach mit bewegter Stimme die folgenden Worte: (Ein junges Mädchen ſpricht.) „Als ich am Fluſſe wuſch, hörte ich den Todesvogel ſeufßzen. Kleine Tina, ſagte er zu mir, Du weißt es nicht, Du biſt verkauft an den Baron von Janioz. — Mutter, iſt es wahr, was ich erfahren habe? Iſt es wahr, daß ich an den alten Janioz verkauft bin? — Ich weiß nichts davon, mein armes Kind; frage Deinen Vater. — Vater, iſt es wahr, daß ich an Loiz von Janioz verkauft bin? 10* 14⁴6 — Mein liebes Kind, ich weiß nichts davon, frage Deinen Bruder. — Lanieck, mein Bruder, ſage mir, bin ich jenem Herrn verkauft? — Ja, Du biſt an den Baron verkauft und Du wirſt ſogleich, ſogleich gehen, Du wirſt gehen ohne Zögern. Der Kaufpreis iſt gegeben: funßzig Thaler weißes Silber und eben ſo viel glänzendes Gold. — Meine gute Mutter, welche Kleider ſoll ich anziehen? Mein rothes Kleid oder weißwollenes Kleid, das meine Schweſter Helene gemacht hat? — Fleide Dich, wie Du willſt, — ſagte mein Bruder, — es liegt wenig daran; an der Thüre ſteht ein Rappe, der wartet, daß die Nacht an⸗ breche, ein ſchwarzes Pferd, ganz ſchwarz gezäumt, das Dich forttragen wird. Ewen hielt inne; die Thränen erſtickten ſeine Stimme. Auch Thereſe weinte. „Dank Dir, Ewen, Dank Dir für dieſe wohlthätigen Thränen. Meine Augen brennen weniger, meine Seele ent⸗ faltet ſich. Und warum ſollen wir uns wundern über dieſen Contraſt? Findet nicht Desdemona in ihren trüben Ahnungen, in dem Augenblicke, als ſie ſterben ſoll, ein trauriges Vergnügen darin, die klagende Romanze von der Weide zu ſingen? Ewen“, ſetzte Thereſe lächelnd hinzu, „Shakeſpeare iſt ein großer Dich⸗ ter; er hat uns errathen und wir ahmen ihn nach, ohne daran zu denken.“ — „Es iſt ſeltſam, aber es iſt auch ein Glück, daß die menſchliche Seele ſolcher Eindrücke fähig iſt, wenn das Leben zu Ende geht; ich fühle noch mehr als Du, Thereſe, die we hl⸗ thätige Wirkung dieſer Thränen; ſie ſchwächen meinen nicht, ſie machen mir ihn leichter. — Die Legende verſenkte mich ſchon als kleinen Knaben in eine ſüße Melancholie. Wer mir damals geſagt hätte, daß ich ihr die letzten Thränen ver⸗ danken würde, die ich vergießen werde! Doch höre ſie zu Ende, Thereſe, und bei dem, was folgt, vergiß nicht, daß es für uns Bretagner nichts Heiligeres giebt als die Glocken unſerer Kirche; ihr Klang erweckt in uns eine Welt von lachenden, lieblichen, traurigen Gedanken, Gedanken der Taufe, der Trauung und dem Tode.“ Dann fuhr Ewen fort: „Tina war nicht weit vom Dörfchen, als ſie die Glocken klingen hörte und ſie fing an zu weinen. — Lebe wohl, heilige Anna, lebt wohl, ihr Glocken meiner Heimath; Kirche meines Dörfchens, lebe wohl. An dem Angſiſee ſah Tina eine Schaar von Todten. 147 Sie ſah eine Schaar von Todten, die weiß gekleidet in kleinen Böten aßen. Sie ſah Todte in Menge. Ihr Kopf ſank auf ihre Bruſt und ihre Zähne ſchlugen klappernd auf einander. Durch das Blutthal ſah ſie die Todten ihr nachkommen. Thereſe entſetzte ſich bei dieſen Worten, ſah ſich erſchrocken um und ſagte leiſe zu Ewen: „Bruder, lieber Bruder, kalter Schweiß ſteht auf meiner Stirn. — Morgen, nach unſerm Tode, wenn wir durch die ewige Finſterniß ſchreiten, werden wir auch wie Tina jenen Angſtſee ſehen, mit den weißgekleideten Todten darauf; vielleicht gelangen wir auch in das Blutthal, in welchem die andern Tod⸗ ten uns verfolgen —“ — „Ich habe oft, ſehr oft darüber nachgedacht, Thereſe, welcher körperliche Eindruck wohl dem Tode folgen möge, und ich habe ſeltſame Träume gehabt.“ „Morgen, Bruder, wird dieſes ſchreckliche Geheimniß kein Geheimniß mehr für uns ſein. Morgen werden wir wiſſen, was allen denen unbekannt iſt, die noch auf der Erde wandeln. Das giebt Troſt im Tode, nicht wahr?“ — „Ich ſcheue mich nicht zu ſterben. Aber Du, Du, Thereſe?“ Thereſe legte ihre abgemagerte Hand auf die Lippen Ewen's und ſagte: „Vollende die Geſchichte der armen Tina.“ Cwen küßte die glühende Hand Thereſens und fuhr dann fort: „Der Baron von Janioz ſagte zu der kleinen Tina, ihr Bruder habe ſie verkauft. — Sttze Dich, ſetze Dich daher bis zur Stunde des Mahles. Der Baron ſtand neben dem Feuer, ſchwarz wie ein Rabe, mit weißem Bart und Haar und Augen, die glühten wie Kohlen. — Da, ſagte er, iſt ein junges Mädchen, nach dem ich mich ſchon lange ſehne. — Komm, Schöne, laß Dir meine Schätze zeigen; komm mit mir von Gemach zu Gemach und zähle mein Gold und mein Silber. — Ich möchte lieber bei meiner Mutter die Spähne zählen, die in das Feuer geworfen werden. — Laß uns hinunterſteigen in den Keller und meinen ſüßeſten Wein koſten. — Lieber möchte ich Waſſer trinken von der Wieſe, wo die Pferde meines Vaters trinken. 148 — Komm mit mir von Laden zu Laden, um einen Feſtmantel zu kaufen. — Mir iſt ein Leinwandröckchen lieber, wenn meine Mutter es ge⸗ macht hat. — Nach Deinen Worten, kleine Tina, muß ich fürchten, daß Du mich nicht liebſt; daß ich ein Geſchwür auf der Zunge gehabt hätte an dem Tage, als ich ſo thöricht war, Dich zu kaufen, wenn nichts Dich tröſten kann. — Gute kleine Vögel — ſagte Tina — die Ihr dahinftiegt, hört, ich bitte Euch, meine Stimme; ihr fliegt in meine Heimath und ich kann Euch nicht folgen; ihr ſeid fröhlich, ich aber bin traurig. Grüßt alle meine Lands⸗ leute, wenn Ihr ſie ſeht, meine gute Mutter, die mich geboren hat, den guten alten Geiſtlichen, der mich taufte, — ſagt allen ein Lebewohl. — Und ſagt meinem Bruder, daß ich ihm verzeihe. „O wie wohlthätig ſind dieſe Thränen ſprach Thereſe, indem ſie ihre Augen trocknete. — „Noch einige Worte, Thereſe, und ich habe das Lied beendet, in dem alle Erinnerungen meiner Jugend zuſammen⸗ fließen —“ „Zwei oder drei Monate nachher war die Familie der kleinen Tina zur Ruhe gegangen. Sie lag und ſchlief ruhig gegen Mitternacht. Weder innen noch außen ein Geräuſch. An der Thüre aber hörte man eine ſanfte Stimme: — Mein guter Vater, meine gute Mutter, um der Liebe Gottes willen, laßt für mich beten. — Betet auch und legt Trauer an, denn Eure Tochter Tina liegt auf der Bahre. ¹) „Arme, arme kleine Tina!“ ſprach Thereſe. „Wie rüh⸗ rend iſt das Lied!“ „Ich kann Dir nicht ſagen, Thereſe, was ich fühle; es iſt mir, als ſähe ich meine alte Wärterin, als hörte ich ſie leiſe das klagende Lied murmeln, als ich auf ihren Knien ein⸗ ſchlief.“ Es folgte eine lange Pauſe, in welcher Ewen und Thereſe wieder tief in Gedanken verſanken. Der Wind brüllte noch immer, eine Stunde verging nach der andern, der Tag wollte anbrechen. — „Nach vielen Jahren“ ſagte endlich Ewen mit einem Male, — „„wird vielleicht ein bretagniſcher Dichter auch aus dem Tode des Barons von Ker⸗Ellio und deſſen Frau eine ¹) dem vortrefflichen Recueil des Chants populaires bretons von de la Ville⸗ marqué. — 149 Legende machen, ein ſchreckliches Lied, wenn man ſich der Pro⸗ phezeihung erinnert, die meine Familie bedrohte und des düſtern Geheimniſſes des Portraits.“ 8 . „Möge dieſe Legende ſo ſüße Thränen hervorlocken wie die, welche ich eben geweint habe!“ 3 Nach einer neuen Pauſe ſagte Ewen zu ſeiner Frau: — „Thereſe, in dieſem feierlichen Augenblicke bleibt uns kein Gedanke des Haſſes gegen — den Mann, der uns ſo ſchwere Leiden bereitet hat.“ „Keiner, — mein letzter Wunſch gilt ſeinem Glücke. — Ja, und wenn, wie manche Dichter ſagen, der göttliche Lohn eine ewige Erinnerung an die ſüßeſten Eindrücke von unſerm Erdenleben iſt, ſo werde ich meiner Liebe zu Eduard jene himm⸗ liſchen Freuden verdanken, wenn Gott mich in ſein Paradies aufnimmt.“ Thereſe ſprach dieſe Worte mit ſolcher Begeiſterung, daß Cwen ſchmerzlich das Haupt ſenkte. „Verzeihung, Vetzeihung, mein Bruder, — ich thue Dir weh“, ſetzte Thereſe hinzu; aber was ſoll ich thun?“ — „Wir fahren mit Mor⸗Nader auf das Meer hinaus“, ſprach Cwen verzweifelt. Der erſte Schein der Morgenröthe warf ſein Licht in den Sagl. In den ſeltenen Pauſen des Sturmes hörte man einen ſelt⸗ ſamen Geſang. Die Stimme ſchien vom Himmel zu kommen. „Horch, Ewen, horch!“ ſprach Thereſe erbebend. lind man hörte die Stimme in drohendem Tone bretag⸗ niſche Worte ſingen. — „Es iſt die Stimme Mor⸗Naders“, entgegnete Ewen. „Was bedeuten dieſe Worte?,“ fragte die junge Frau. — „Die Worte ſind ſchauerlich. Er überſetzte die düſtere Improviſation Mor⸗Naders alſo: „Der Tod klopft an die Thüre, „Alle Herzen zittern entſetzt. „Der Tod kommt an die Thüre, Wen will er von dannen holen?“ 42 — „Das ſingt er, Thereſe.“ Die Stimme fuhr fort. 5 15⁰ „Ewen, was bedeuten dieſe Worte?“ „Dieſe Worte? — Sie ſind noch immer ſchauerlich, Thereſe. Höre ſie an: „Ein weißes Tuch und fünf Bretter, „Ein Strohſack unterm Kopf „Fünf Fuß hohe Erde drüber „Iſt alles Gut der Welt.“ Die Stimme ſang immer weiter. „Ewen, was bedeuten dieſe Worte?“ — „Ach, arme Frau! die Worte zerreißen ein Mutter⸗ herz.“ „Jungfrau Marie, auf Deinem Thron „Haſt Du den Sohn im Arme, „Biſt glücklich und erfreut. „Ich habe mein Kind verloren, „Vergehe in bitterm Schmerz.“ — „Das bedeuten dieſe Worte.“ „Ach, mein Kind, mein Kind!“ rief Thereſe mit einem tiefen Seufzer. Die Stimme ſang immer weiter. „Was ſagt er? Was ſagt er?“ fragte Thereſe, deren Mutterſchmerz durch die letzten Worte geweckt worden war. — „Ach, arme Mutter, die Worte ſind noch immer ſchrecklich.“ „Du haſt behalten Dein heiliges Kind, „Ich habe das meine verloren, „So ſende nun mir auch den Tod, den Tod, „Du heilige Mutter der Liebe.“ „Ja, ja, den Tod, den Tod! Dieſe Worte ſind prophe⸗ tiſch!“ ſprach Thereſe, indem ſie zu einem der Fenſter trat, die das bleiche Licht des Morgens erhellte. Ewen folgte ſeiner Frau, um Mor⸗Nader zu erblicken. Die Wolken jagten ſchnell am Himmel hin und die Ränder färbten ſich im Morgenlichte allmälig blutroth. Am Horizonte ging die Sonne hinter einem gewaltigen bleigrauen Wolkendamm auf, der hier und da von dunkelrothen Streifen durchzogen war. In der Ferne wälzte das vom Sturme gepeitſchte Meer ſeine langgeſtreckten grünen Wogen mit dem Schaumkamme da⸗ her, die toſend an den ſchwarzen Felſen der Küſte zerſchellten. „— 15¹ Auf dem verfallenen Thurme von Treff⸗Hartlog ſtand, wie der Geiſt des Sturmes, Mor⸗Nader; ſein weißes Haar flatterte im Winde, die Arme hatte er über die Bruſt gekreuzt. Der Pen⸗kan⸗guer riß das Fenſter auf. Mor⸗Nader bemerkte ihn und deutete mit feierlicher Ge⸗ berde auf ſein Boot, das ſich in einer kleinen Bucht ſchauckelte. Das Bovot war ſchwarz angeſtrichen wie ein Sarg. Dann ſang Mor⸗Nader mit ſeiner kräftigen Stimme die letzten Worte ſeines improviſirten Liedes. „Ewen, was ſagt er?“ — „Er ruft uns, Thereſe. Er ſagt: „Die Glocken werden nicht mehr für uns klingen am Lande, „Kein Prieſter wird beten an unſern Leichen — „Auf's Meer! — auf's Meer! — auf's Meer!“ Thereſe und Ewen wechſelten einen verzweiflungsvollen Blick. Les⸗en⸗Goch hatte einen Theil der Nacht hindurch gebetet; früh ſchlief er noch. Ewen und Thereſe gingen an ſeiner Thüre vorüber., ohne daß er ſie hörte. nn. Die Todtenbucht. Schwarz ſind die Wolken des Himmels; der Sturm treibt ſie brüllend vor ſich her. Schwarz ſind die Wogen des Meeres; der Sturm treibt ſie brüllend empor. Schwarz ſind die Felſen der Todtenbucht; der Sturm fährt bruͤllend dazwiſchen. Thereſe Dunoher II. 11 Schwarz iſt die Barke Mor⸗Naders; der Sturm wiegt ſie prüllend. Die Barke wartet auf Ewen und Thereſen in der Todtenbucht. Hinter ſich Granitlawinen, über ſich entſetzliche Wolken, vor ſich das wüthende Meer —, das ſicht man in dieſer Bucht; kein Haus, keinen Baum, keinen Grashalm. . Es iſt eine verfluchte Stelle. Der Sturm brüllt —, das Meer donnert —, Mor⸗ Nader ſingt —, das hört man in der Todtenbucht. Mor⸗Nader ſteht auf einem Felſen und blickt nach ſeiner ſchwarzen Barke, deren beide große rothe Segel ſchlagen wie ungeduldige Flügel. Seine ſchwarze Barke zerrt und zieht an dem Taue wie ein wildes Thier an der Kette. Und Mor⸗Nader richtet folgendes Lied an ſeine Barke. — „Du jagſt Deiner Beute entgegen, ſchwarze Barke; warte, warte, ſie wird kommen — Horch — Horch! — „Die Wogen öffnen ihren eiskalten Schvos und ſprechen: Mor⸗ Nader, wir ſind bereit, — wir ſind bereit — Wo iſt Ewen von Ker⸗Ellio? Wo iſt die blaſſe Frau? —„Das bleiche Seegras breitet ſeine klebrigen Arme aus, die die Stirn der Todten ſo ſchön bekränzen, und rufen: Mor⸗Nader, wir ſind bereit —, wir ſind bereit. Wo iſt Ewen von Ker-Ellio? Wo iſt die blaſſe Frau? — „Die Klippen richten ihre tauſend Granitſpitzen empor, an die ſich die Leichen hängen, welche die Wellen an den Strand werfen wie zerbrochene Spielſachen, und rufen: Mor⸗Nader, wir ſind bereit, — wir ſind bereit — Wo iſt Ewen von Ker⸗Ellio? Wo iſt die blaſſe Frau? — „Die beutegierigen Seeraaben wetzen ihre ſcharfen Schnäbel, ſchärfen ihre ſchneidenden Fänge und rufen: Mor⸗Nader, — wir ſind bereit, — wir ſind bereit. Wo iſt Ewen von Ker⸗Ellio? Wo iſt die blaſſe Frau? — „Du eileſt Deiner Beute entgegen, ſchwarze Barke; warte, ſie kommen —, ſie nahen — Da ſind ſie —“ „Ewen von Ker⸗Ellio, Du kommſt ſpät.“ — „Guter Lotſe, wir werden zeitig genug kommen.“ „Frau, Du kommſt ſpät.“ — „Guter Lotſe, ich wollte zum letzten Male die feuchte Erde küſſen, die mein kleines Kind bedeckt.“ „Ewen von Ker⸗Ellio — wir haben den ſchwarzen Mo⸗ nat — haſt Du Dein Gebet verrichtet —“ — „Guter Lotſe, lichte Deine Anker.“ — ———— — —— — —— * 153 „Frau, Deine Großmutter hat den Großvater zum Tode geführt; Du führſt den Enkel zum Tode — Haſt Du Dein Gebet verrichtet?“ — Guter Lotſe, ſpanne Deine Segel aus.“ „Cwen von Ker⸗Ellio —, der Anker iſt gelichtet — Frau, das Segel iſt ausgeſpannt.“ — „So laß uns fahren.“ „Wir fahren dahin —“ — „Thereſe, es geht in die Cwigkeit!“ — „In die Gwigkeit, Ewen! —“ Am Tage nach dem Jahrestage der Verheirathung There⸗ ſens und Ewens wurden die Leichname der beiden Gatten an dem Strande von Treff⸗Hartlog gefunden. Mor⸗Nader und ſein Boot hat Niemand wiedergeſehen. Alle Fiſcher, alle Bauern an der Küſte, von der Spitze Kernarwan bis zur Spitze der Bucht von Audierne, ſprechen den Namen des Lotſen von Sein nur mit Grauſen aus. Er iſt für ſie ein übernatürliches Weſen. Nach ſeiner Prophezeihung ſollten der Letzte der Ker⸗Ellio und die blaſſe Frau in dem ſchwarzen Monate ſterben. Der Letzte der Ker⸗Ellio und die blaſſe Frau ſind in dem ſchwarzen Monate geſtorben. Mor⸗Nader iſt zu einem böſen Geiſte geworden. Thereſe und Ewen wurden von Ann⸗Jann und Les⸗en⸗ Goch beerdigt. Der Abbé von Kerouellan betete bei den Todten. Nach dem letzten Willen des Barons und der Baronin von Ker⸗Ellio ſieht man auf dem Gottesacker von Treff⸗Hartlog drei Gräber, ein kleines Grab zwiſchen zwei großen. Das Kind Thereſens ſchläft nach ſeinem Tode wie in ſeinem Leben zwiſchen den beiden Weſen, die es auf immer getrennt hatte. Am Abende nach dem Begräbniſſe Ewens und ſeiner Frau war es in der großen Küche des Schloſſes Treff⸗Hartlog ſtill und finſter. Keine Flamme glänzte auf dem Herde. Man ſah Niemanden, — Niemanden und man hörte ſchmerzliche Seufzer. Der Sturm hatte ſich gelezt Der reine Himmel funkelte von Sternen. Um Mitternacht ging der Mond auf; ſein weißes Licht drang durch das ſchmale Fenſter der Küche herein und beleuchtete Ann⸗Jann und Les⸗en⸗Goch, die Beide ſchwarz gekleidet waren. Die beiden Alten ſaßen einander gegenüber an dem Herde, die Amme hatte ihr Haupt mit der Schürze verhüllt unb der altt Chouan barg das Geſicht in ſeinen Händen. Ende. Druck von Otto Wigand in Leipzig. ——