Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rt der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe en welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für penich 2 Bücher:— Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr— Pf. 1 M 50 Pf. 2 W.— f. . 7 e 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer t Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — —————— 42 2½ — Die Familie Jwuffroy von — — Eugen Sur. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Joller. Dreizehntes und vierzehntes Bändchen. M. S Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. * Schnellpreſſendruck der J G. Sprandel'ſchen Buchvruckerei. —— XXIII. Die Tante Prudence, der Vetter Rouſſel und For⸗ tuns Sauval waren im Schlafzimmer von Marianne verſammelt, welche ſo eben, ihre von den Thränen ge⸗ rötheten Angen abwiſchend, zurückkam. „Mein Vater ruht,“ ſagte ſie zu ihrem Manne, „ſein Zuſtand hat nichts Beängſtigendes, wie mich der Arzt verſicherte.“ Tief traurig, jedoch gefaßt, bildeten dieſe Mitglie⸗ der der Familie Jouffroy eine Art von Familienrath; ſie wollten gemeinſchaftlich überlegen, welche Beſchlüſſe in Folge der Ereigniſſe, deren Zeuge der Vetter Rouſſel am Morgen geweſen, zu faſſen ſeien. Von Rouſſel zu ſeiner Tochter und ſeiner Schweſter zurückgeführt, hatte ſich Herr Juufftoy, trotz der Verdunkelung ſeines Geiſtes, in ſeinem Bemüthe lebhaft ergriffen gefühlt beim Anblick der Tante Prudence, von Marlanne und Fortuné; dann hatte ihn eine Art von Ohnmacht befallen, und er war in einem Zu⸗ ſtand der Kraftloſigkeit geblieben, an welchem die Betäu⸗ bung und der Schlaf Theil hatten. „Meine Freunde,“ ſprach die Tante Prudence mit ernſtem, bewegtem Tone,„Gott ſei Dank, mein armer Bruder iſt uns wiedergegeben! täuſchen wir uns indeſſen nicht, es iſt zu befürchten, daß ſich ſein Geiſt nie wieder völlig von dem Schlage erhebt, von dem er betroffen worden iſt! Doch wir werden wenigſtens fortan meinen Die Familie Jouffroy. M. 1 2 Bruder bei uns haben; unſere Pflege, unſere Sorg⸗ ſamkeit, unſere Zärtlichkeit werden ihm nie fehlen. Den⸗ en wir nun an Aurelie und an ihre Mutter.“ Bei dieſen Worten hob ein ſchmerzlicher Seufzer den Buſen von Marianne: ihre, einen Augenblick verhaltenen, Thränen floſſen aufs Neue; ihr Mann, der bei ihr ſtand, drückte ihr die Hand und ſagte: „Muth, Freundin, Muth verzweifeln wir nicht, obgleich unſer Vetter allerdings heute Morgen Zeuge einer entſetzlichen Scene geweſen iſt.“ „Entſetzlich!“ wiederholte Joſeph...„Das Geſicht von Blut überſtrömt... „Oh! das iſt gräßlich,“ murmelte Marianne ſchluch⸗ zend.„Unglückliche Schweſter!“ „Es iſt ſehr zu bedauern, daß dieſe Scene in Ge⸗ genwart unſeres alten Freundes vorgefallen,“ ſprach die alte Jungfer;„ich kenne den Stolz meiner Schwä⸗ gerin und von Aurelie. Ach! ſeht bei dieſem Anlaß nicht die geringſte Bitterkeit in meinen Worten„ich bekräftige nur eine Thatſache; mir ſcheint es aber ſchwie⸗ rig ich will nicht ſagen unmöglich... es dahin zu bringen, daß Aurelie und ihre Mutter, wenn ſie uns von dieſen Umſtänden unterrichtet wiſſen, einwilligen, ſich uns zu nähern; die widrigen Gefühle ihrer verletzten Eitelkeit werden immer eine Kluft zwiſchen ihnen und uns befeſtigen.“ „Oh! meine Tante, glauben Sie, meine Mutter, meine Schweſter werden unſern Bitten, den Beweiſen unſerer unwandelbaren Anhänglichkeit widerſtehen?“ „Mein armes Kind, Du haſt die Erzählung von Foſeph gehört, er hat uns nichts verborgen, er durfte uns nichts verbergen. Erinnere Dich der leider begrün⸗ deten Anſchuldigungen, mit denen dieſe Frau, die belei⸗ digte Gattin, Aurelie und ihre Mutter überſchüttet hat. „ Erinnere Dich auch der entſetzlichen Worte, die dieſe — 3 an ihre Tochter gerichtet...„„Verflucht ſei der Tag, an dem ich Dich geboren.““ Marianne verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „Ich füge bei,“ ſprach der Vetter Rouſſel:„für mich iſt es augenſcheinlich, daß, wenn Madame Jouffroy, trotz ihres aufbrauſenden Charakters vernichtet, ſtumm vor den an ihre Tochter verſchwendeten gemeinen Belei⸗ digungen geblieben iſt und endlich das Bewußtſein ver⸗ loren hat, dies ſo war, weil dieſe Scene vor mir vor⸗ fiel, der ich einſt von ihr aus dem Hauſe gejagt wurde, weil ich ſie veranlaſſen wollte, die Sprache der Vernunft zu hören.“ „Und dann... doch ich bitte, liebe Marianne, laß Dich nicht kränken durch meine Worte... Wir bekräf⸗ tigen Thatſachen, wie Deine Tante geſagt hat, und wer⸗ den ſogleich auf Beſſeres bedacht ſein,“ ſagte Fortuns. „Ich muß Dir geſtehen, bei dem Beſuche, den ich Dir verbarg, weil ich Dir lieber Deine Hoffnungen, Deine Illuſionen, mit einem Worte, den Glauben laſſen wollte, nach ihrer Verbindung mit dem Prinzen reiſte Deine Schweſter mit ihren Eltern, bei dieſem Beſuche war ich tief betrübt, beunruhigt durch die Bitterkeit, durch die kaum verhaltene Gereiztheit von Aurelie und ihrer Mut⸗ ter gegen mich. Arme Frauen! trotz meiner liebevollen, rührenden Worte errötheten ſie vor mir. ich war ihr lebendiger Gewiſſensbiß; die Eine wie die Andere hatte mich einſt verſchmäht, zurückgeſtoßen.“ „Mein Gott!“ verſetzte Marianne in Thränen zer⸗ fließend,„muß ich alſo auf jede Hoffnung verzichten? Nein, nein, das iſt unmöglich. Wir wiſſen nun, wo wir meine Mutter und meine Schweſter finden werden; wir können, wir dürfen ſie nicht in dieſer gräßlichen Lage laſſen Ich wollte mich vorhin, meinen Vater Eurer Sorge anvertrauend, raſch zu Mama und Aurelie be⸗ geben Ach! wenn ich meinem Herzen glaube. ich hätte Beide zu Euch zurückgebracht.“ 4 „Mein Kind,“ ſprach die Tante Prudence,„nichts kann lobenswerther ſein, als Dein Eifer; aber wir han⸗ deln meiner Anſicht nach vernünftig, wenn wir das bei dieſem Umſtande zu beobachtende Verfahren reiflich er⸗ wägen und uns hierüber in Einklang ſetzen. Mehr als irgend Jemand laſſe ich Deinen Gefühlen Gerechtigkeit widerfahren; doch es iſt nicht zu vergeſſen: Du haſt einen Mann, Du haſt eine Tochter, Du liebſt ſie, Du genießeſt ein wohlverdientes Glück und eine ebenſo wohl⸗ verdiente Achtung.. wäre es nicht unklug, wollteſt Du, ohne auf ein Reſultat rechnen zu können, die Ruhe Dei⸗ nes Lebens gefährden?“ „Ich bitte, meine Tante, was wollen Sie damit ſagen?“ „So feig, ſo fruchtlos, ſo grauſam es wäre, über die Entwürdigung zu ſpotten, zu der Deine Mutter und Deine Schweſter herabgeſunken ſind, ebenſo gefährlich, ſtrafbar ſogar wäre es, die, wenn nicht wahrſcheinlichen, doch wenigſtens möglichen Folgen dieſer Erniedrigung hinſichtlich deſſen, was Deine zukünftige Ruhe betrifft, nicht ins Auge zu faſſen. Ich bin weit davon entfernt, mich gleichgültig gegen die Mißgeſchicke von Aurelie und meiner Schwägerin zu fühlen; ja, ich bin für meine Per⸗ ſon entſchloſſen, trotz Alles deſſen, was mein armer Bru⸗ der gelitten hat, ſo groß als möglich den Theil der Reue, der Vergebung, der Nachſicht zu machen; aber höre, mein Kind, Du haſt nie gefehlt! nie haben die Bevorzugun⸗ gen, als deren Gegenſtand Du Deine Schweſter ſahſt, die engeliſche Güte Deines Charakters geändert. Wenn Du heute glücklich biſt, wenn Du die Achtung und ſodann die Liebe Deines Gatten erlangt haſt, ſo iſt das durch Deine Hingebung, durch Deine Reſignation, durch Deine Zartheit, durch die Erhabenheit Deiner Gefühle ge⸗ ſchehen, und bei meiner Treue! ich ſage es Dir gerade heraus: ich bin vor Allem für Dich, für Deinen Mann und Dein Kind beſorgt... ** 5 „Aber, meine Tante„ „Laß mich vollenden. Nehmen wir an, was ich ſehr bezweifle, in Folge der furchtbaren Lection von dieſem Morgen geben Deine Mutter und Deine Schweſter un⸗ ſern Bitten nach und faſſen den feſten Entſchluß, auf den Weg des Guten zurückzukehren... „Hhl ich bezweifle das nicht „Gut; doch man muß den Dingen auf den Grund gehen, mein Kind, ſo widrig ſie auch ſein mögen. An⸗ relie und Deine Mutter beſitzen keinen Pfennig; theil⸗ weiſe, um dem Elende zu entgehen, wie uns der Vetter Rouſſel geſagt hat, willigte Deine Schweſter ein, ſich unterhalten zu laſſen von„ „Oh! haben Sie Mitleid, meine Tante,“ rief Ma⸗ rianne, empört von der ihrer Schweſter gegebenen Be⸗ ſenung unterhaltene Frau.„Ich bitte! Mitleid ür ſie!“ „Mein liebes Kind,“ ſprach Joſeph,„Dein Mann wird Dir ſagen, wie Prudence und ich, daß wir bei dieſer für unſere Familie ſo betrüblichen Frage nichts beſchönigen dürfen; haben wir den Muth, die Wahrheit ins Auge zu faſſen, wenn wir wirkſam handeln wollen.“ „Liebe, arme Marianne, unſer Vetter hat Recht,“ fügte Fortuns zärtlich bei;„Deine reine, zarte Seele empört ſich über gewiſſe Worte, über gewiſſe Thatſachen, mit denen Dein kenſcher Geiſt nie befleckt werden ſollte. Doch die Krankheiten haben einen Namen: muß man ſich enthalten, ſie auszuſprechen, wenn man die Uebel heilen will? Muß man nicht, um ſie zu verbinden, die Wunden ſondiren, ſo ekelhaft ſie auch ſein mögen? Wir fühlen, wie Du, ein ſchmerzliches Mitkeid für Deinen Va⸗ ter und Deine Mutter... nichts wird uns zu viel koſten, um ſie auf immer aus der gräßlichen Lage heraus⸗ zuziehen, in die ſie gerathen ſind.. „Nichts. oh! nichts. rief Marianne,„und ſodann ein völliges Vergeſſen der Vergangenheit„ 6 „Oh! das Vergeſſen das Vergeſſen,“ verſetzte die alte Jungfer, traurig den Kopf ſchüttelnd,„das iſt die Klippe.. Die edlen Seelen vergeſſen das Böſe, das man ihnen angethan hat; doch das menſchliche Ge⸗ wiſſen iſt ſo beſchaffen, daß diejenigen, welche das Böſe gethan haben, es nie vergeſſen. Das iſt ihre Sühnung, wenn ſie bereuen.. es iſt ihre Strafe, wenn ſie ver⸗ härtet bleiben! Ich gebe zu, daß Deine Mutter und Deine Schweſter berenen, daß ſie auf unſere Stimme zu einem beſſeren Leben zurückkehren; ſie ſind ohne Mittel...“ „Ei! meine Tante! was liegt uns hieran?“ „Ich verſtehe Dich, mein Kind; unſer Vermögen und das Talent Deines Mannes ſetzen uns, Gott ſei Dank! in den Stand, unſer Auskommen mit Aurelie und Deiner Mutter zu theilen.“ „Oh! ja!“ rief Marianne mit einem Erguſſe der Hoffnung;„ſie, ſowie mein guter armer Vater, werden uns in Zukunft nicht mehr verlaſſen.“ Nach einem Augenblicke peinlichen Stillſchweigens erwiederte die alte Jungfer, ihre Thränen bewältigend: „Sprechen wir jetzt nicht von meinem Bruder, mein Herz würde brechen; wir müſſen einzig und allein an den raſchen Entſchluß denken, welchen zu faſſen das Dringendſte iſt. Ich nehme an, Deine Mutter und Deine Schweſter haben ſich hier niedergelaſſen; ihre Reue iſt aufrichtig, ſie fügen ſich darein, bei uns in einer völligen Zurückgezogenheit zu lebe Du, Dein Mann und ich, wir haben die Vergangenheit gauz und gar vergeſſen; aber, liebes Kind, ſie werden ſie nicht vergeſſen! ſie werden dieſe unſelige Vergangenheit nicht vergeſſen kön⸗ nen! Sie wird unabläſſig auf Ihrem Gewiſſen laſten! Scheu, empfindlich, ſich von uns abhängig fühlend, da ſie nichts mehr beſitzen, werden ſie immer, was wir auch thun mögen, mißtrauiſch gegen uns ſein; wir werden immer aus Furcht, ſie, ich ſage nicht durch Anſpielungen auf die Vergangenheit... wir ſind unfähig zu ſolchen — —— 7 Erbärmlichkeiten ſondern durch ein unwillkürliches Wort zu verletzen, beim Geringſten, was wir ſagen, auf der Hut ſein müſſen, und entſchlüpft uns unglücklicher Weiſe, trotz des Zwanges, den wir uns anthun, trotz un⸗ ſerer Zurückhaltung, trotz unſerer Selbſtbewachung ein ort und das würde unfehlbar geſchehen entſchlüpft uns ein Wort, das eine ärgerliche Auslegung zuläßt, ſo werden Deine Mutter und Deine Schweſter in der Stille das verzehren, was ſie als eine Demüthi⸗ gung betrachten, und ihre Traurigkeit wird Dich betrü⸗ ben; oder ſie werden in bittere Vorwürfe ausbrechen, und Dein bis jetzt ſo friedlicher, ſo glücklicher Herd wird eine Hölle werden.“ „Mein Gott, liebe Tante, iſt das nicht Uebertrei⸗ bung?“ „Leider übertreibe ich nicht; Du wirſt leiden unter dieſen Reſultaten, welche ſehr verſchieden von denen ſind, die Du erwarteſt; Dein Mann wird troſtlos ſein über Deinen Kummer; und trotz ſeiner Güte, ſeiner Nachſicht gegen ſie, wird es ihm ſchwer ſein, Deiner Mutter und Deiner Schweſter gänzlich zu verbergen, daß vor ihrer Ankunft hier nie die geringſte Wolke Euer Leben trübte. Das iſt noch nicht Alles. Du haſt eine Tochter, in we⸗ nigen Jahren erreicht ſie das Alter der Vernunft; nichts iſt hellſehender als die Kinder in Betreff der Dinge, von denen man will, daß ſie dieſelben nicht wiſſen. Die geringſte Indiscretion von Deiner Seite oder von der Deines Mannes kann ſie auf den Weg des ſchmählichen Geheimniſſes bringen, welches zu bewahren wir Alle ein großes Intereſſe haben; iſt ſie endlich im Alter, zu heirathen, wird man nicht ſagen können.. denn früher oder ſpäter erfährt man Alles in Paris... Mademoi⸗ ſelle Sauval ſei bei ihrer Tante, der Gräfin von Ville⸗ taneuſe, einer einſt unterhaltenen Frau, und bei Ma⸗ dame Jouffroy, der Mitſchuldigen der Ausſchweifungen ihrer Tochter, erzogen worden? Dieſe Ausdrücke ſchmer⸗ 8 zen, verletzen Dich, armes Kind! Ach! auch mich bren⸗ nen ſie auf den Lippen, indem ich ſie ausſpreche! Iſt die Eine von den unglücklichen Frauen, um die es ſich handelt, nicht die Tochter meines Bruders? die Andere ſeine Frau? habe ich ſie nicht Beide geehrt und ehren⸗ haft gekannt? Doch die Wirklichkeit iſt die Wirklichkeit.. Ich ſpreche nicht einmal von einer gewiſſen Mißachtung, welche auf Dich und Deinen Mann zurückfallen könnte, unter den auserwählten Perſonen, aus denen Eure Kund⸗ ſchaft beſteht, würden ſie erfahren. denn ich wie⸗ derhole Dir, man erfährt in Paris Alles.. unter Deinem der Familienmutter Dache wohnen Deine Schwe⸗ ſter, bekannt durch ihre ſittenloſe Aufführung, und ihre einer unwürdigen Duldſamkeit ſchuldige Mutter. Alles dies iſt grauſam doch was läßt ſich hiebei thun? das Laſter hat nothwendig beklagenswerthe Folgen, und eine der ſchmerzlichſten iſt die, daß es Alles beſchmutzt, was ſich ihm nähert. „Meine Tante, ſind Sie es wirklich, die ich höre? Wie, es wäre Ihr Rath, meine Schweſter und meine Mutter aus unſerem Haufe zurückzuſtoßen?“ rief Marianne ebenſo betrübt, als entmuthigt.„Sie zurück⸗ ſtoßen, großer Gott! nun, da ihre letzte Hoffnung ohne Zweifel auf uns beruht!“ „Du täuſcheſt Dich über meinen Gedanken, mein Kind.. Weit entfernt, Dir zu rathen, ſie zurückzu⸗ ſtoßen, glanbe ich im Gegentheil, daß wir zu ihnen gehen, ihnen unſere Arme öffnen, alle unſere Kräfte an⸗ ſtrengen müſſen, um ſie dem Abgrunde zu entreißen, ihre Zukunft, ihre Unabhängigkeit in den Gränzen des Mög⸗ lichen zu ſichern doch ich wiederhole Dir, ſie ſo⸗ gleich hier feſtzuſetzen, ſcheint mir eine große Unklugheit n ſein.“ ſih meine Tante, ſie werden glauben, wir ſchä⸗ men uns ihrer.“ „Sollten ſie dieſen Glauben haben, und er iſt wahr⸗ 9 lich nur zu wohl begründet, ſo werden ſie ihn haben, ob ſie hier oder anderswo leben; doch es wird wenigſtens ihre Gegenwart nicht die Unruhe, die Verdrießlichkeiten herbeiführen, die ich vorherſehe.. Haben ſie dagegen Be⸗ wußtſein genug von ihrer Lage, um zu fühlen, was wenig Schickliches an ihrem Aufenthalte bei Dir wäre, ſo werden ſie die Erſten ſein, die Deinem Anerbieten da⸗ durch zuvorkommen, daß ſie es ausſchlagen.“ „Tante Prudence,“ ſprach Fortuné,„ich verberge Ihnen nicht, Marianne hat ſich dergeſtalt an den Ge⸗ danken, es werde ein Tag kommen, wo ſie unſere Ver⸗ wandten bei ſich aufnehme, gewöhnt, daß ich nicht den Muth hätte, mich dem zu widerſetzen, was ſie als ein Glück, als eine Pflicht betrachtet.. Ginge dieſer ihrem Herzen ſo theure Wunſch nicht in Erfüllung, ſo würde ich ſie immer traurig, ſorgenvoll ſehen. Ich ge⸗ ſtehe Ihnen alſo, daß ich, ſo ernſt, ſo gerecht Ihre Be⸗ fürchtungen ſind, es eher wagen werde, dieſelben ſich verwirklichen zu ſehen, als Marianne einen fühlbaren Kummer zu verurſachen“ „Wißt Ihr, meine Freunde, was ich als Mittelweg vorſchlagen würde?“ ſagte der Vetter Rouſſel.„Ihr ſolltet Aurelie und ihrer Mutter die Wahl zwiſchen dem, was ihnen am beſten anſtehen würde, anbieten, das heißt, entweder bei Euch zu wohnen, oder in Eurer Nachbar⸗ ſchaft eine Wohnung zu nehmen, die wir leicht finden werden.. Der Vorſchlag dieſer Alternative würde ſich auf eine natürliche Weiſe durch Euren Wunſch, ihnen jeden Spielraum zu laſſen, erklären; ziehen ſie es vor, ihren Aufenthalt anderswo als hier zu nehmen, ſo wirſt Du Dir nichts vorzuwerfen haben, Marianne; wollen ſie dagegen lieber bei Dir leben, ſo wirſt Du den Chancen Deiner Großmuth ausgeſetzt ſein, denn, meine Freunde ich geſtehe Euch, ich würde in dieſem Falle die Be⸗ ſorgniſſe meiner alten Freundin theilen. doch ich hoffe, es dürfte uns wohl gelingen, am Ende theilweiſe 10 die Nachtheile, die ſie befürchtet, zu beſchwören 7 Was denken Sie von meinem Plane, Prudence?“ „Das iſt ein Ausweg, mein Freund; dergleichen Mittel ſtehen, wie Sie wiſſen, wenig im Einklange mit der Entſchiedenheit meines Charakters; ich mißbillige die⸗ ſen Ausweg indeſſen nicht ganz.“ „Mein Mann und ich, wir billigen ihn, nicht wahr, Fortuns?“ ſagte lebhaft die junge Frau zu ihrem Gat⸗ ten, und dieſer erwiederte zärtlich: „Wie ſollte es mir einfallen, dem Edelmuthe Deiner Gefühle zu widerſprechen, liebe Marianne?“ „Und nun, meine Tante, will ich mich auf der Stelle zu meiner Schweſter begeben.“ „Vielleicht wäre es ſchicklich, wenn wir Alle mit ein⸗ ander zu ihr gingen?“ ſagte der Vetter Rouſſels„die⸗ ſer Schritt der Famitienmitglieder hätte, wie mir ſcheint, etwas Feierliches und zugleich Rührendes und würde vielleicht einen ſeltſamen, entſcheidenden Eindruck hervor⸗ bringen.“ „Ich bin auch der Anſicht, daß wir uns Alle zu meiner Mutter und meiner Schweſter begeben ſollen,“ verſetzte Marianne;„beſſer aber iſt es vielleicht, wenn ich zuerſt bei Aurelie erſcheine; gerade die Feier⸗ lichkeit dieſes Familienſchrittes könnte im erſten Augen⸗ blick einen zu lebhaften Eindruck auf ſie machen. Ich werde Lilie mit mir nehmen,“ fügte die junge Frau mit Thränen in den Angen bei,„und indem ich unſer Kind in die Arme von Aurelie lege, werde ich ihr ſagen: „„Schweſter, zum Andenken an Dich haben wir Deinen Namen meiner Tochter gegeben; ſie ſei das Pfand un⸗ ſerer Wiedervereinigung, die fortan nichts... Marianne unterbrach ſich, beherrſcht von der Ge⸗ müthserſchütterung, und zerfloß in Thränen. Tief be⸗ wegt, ſchloß ſie ihr Mann in ſeine Arme und ſprach: „Oh! Edelſte der Frauen, Theuerſte der Gattinnen“ Alle Deine Gedanken kommen aus dem Herzen und . 11 müſſen nothwendig zum Herzen gehen, meine geliebte Marianne! Ja, wenn ſie ſehen, wie Du mit Deinem Kinde in Deinen Armen zu ihnen kommſt und im Namen dieſes unſchuldigen Geſchöpfes die ſo erſehnte Wieder⸗ vereinigung wünſchſt, dann werden Deine Mutter und Deine Schweſter auf immer zu uns zurückkehren, und Dein ſanfter Einfluß wird ihre Bekehrung vollenden!“ „Du ſprichſt wahr, Fortuné: alle Gedanken unſerer lieben Marianne kommen aus dem Herzen und müſſen zum Herzen gehen,“ ſagte gerührt der Vetter Rouſſel. „Ich theile die Meinung Deiner Frau; die Gegenwart von uns Allen und beſonders die meine, da ich Zeuge dieſer entſetzlichen Scene geweſen bin, werden von An⸗ fang Aurelie und ihre Mutter ſchen machen.“ „In dieſem Falle gehen wir auf der Stelle; ſie müſſen gleichſam noch unter dem Schlage der furchtbaren Ereigniſſe von heute Morgen ſein,“ verſetzte die alte Jungfer;„der Angenblick iſt günſtig, benützen wir ihn.“ „Marianne, ihre Tochter und Fortuné werden in einen Fiacre ſteigen,“ ſagte Joſeph,„und Sie, meine liebe Prudence, und ich in einen andern.“ Sanft lächelnd fügte er ſodann bei: „Sie können mir dieſe Gunſt bewilligen, ohne ſich zu compromittiren, denn in vierzehn Tagen werden Sie Madame Ronſſel ſein.“ „Ah! mein armer Freund,“ erwiederte die alte Jungfer, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd,„unſere Hei⸗ rath wird unter traurigen Auſpicien ſtattfinden!“ Ihre Augen wurden feucht und ſie rief: „Ach! mein armer Bruder! mein armer Bruder! wir haben ſeinen Leib und nicht ſeine Seele! „Verzweifeln wir nicht!“ ſprach Joſeph;„wer weiß, ob die Gemüthsbewegung, die ihn ergriff, als er Sie, Marianne und Fortunés wiederſah, nicht eine heilſame Reaction haben wird?“ „Ich will mich nach meinem Vater erkundigen, meine Tochter holen und komme ſodann zurück,“ ſagte Marianne abgehend. „Die Hoffnung unſeres Vetters Rouſſel hat nichts Uebertriebenes: die Erſchütterung von Herrn Jouffroy kann glückliche Reſultate haben,“ ſprach Fortuné zur alten Jungfer.„Unſer Schritt bei dieſen zwei armen Verirrten wird vielleicht zur Zufriedenheit von uns Allen gelingen, und dann, meine Tante, wird Ihre Heirath, die uns Alle mit Freude erfüllt, ſtatt unter traurigen Auſpicien vollzogen zu werden, in dem Augenblick ſtatt⸗ finden, wo unſere Familie nach ſo vielen ſchlimmen Ta⸗ gen auf immer wiedervereinigt ſein wird.“ „Der Himmel höre Dich, Fortuns!“ erwiederte ſeufzend die alte Jungfer.„Es wird wenigſtens bei der ſchmerzlichen Pflicht, die ich zu erfüllen habe, wenn mein Bruder ſeine Vernunft nicht wieder erlangt, ſein beſter, ſein älteſter Freund meine Stütze ſein.“ Ein Diener trat ein und meldete Fortuné: „Der Vater Laurenein wünſcht den Herrn einen Angenblick zu ſprechen: es betrifft eine ſehr wichtige Sache.“ „Er komme,“ erwiederte der Goldſchmied. Und er fügte bei: „Holen Sie zwei Fiacres und laſſen Sie dieſelben vor dem Gitter warten.“ Der Diener ging ab, und beinahe in demſelben Angenblick trat der Vater Laurenein haſtig ein. XXIV. Fortuné war ebenſo erſtaunt als beunruhigt durch den Ausdruck des Schmerzes und der Verzweiflung, der in den Zügen des alten Handwerkers wahrzunehmen; dieſer rief mit einer ſtockenden Stimme: —— 13 „Ah! Herr Fortuns ich.. ich werde das nicht überleben.“ „Mein Gott, was habt Ihr?“ fragte der Gold⸗ ſchmied mit wachſender Beſorgniß, während ſich Joſeph und die Tante Prudence, nicht minder beängſtigt, dem alten Handwerker näherten. „Was gibt es?“ „Was für ein Unglück iſt Euch widerfahren?“ „Michel iſt verſchwunden, er iſt wie ein Verrückter aus dem Hauſe entflohen,“ rief der Greis. Und er fügte ſchluchzend bei: „Wehe mir! iſt er nicht wahnfinnig geworden, ſo hat er ſich in den Fluß geſtürzt!“ „Was ſagt Ihr?“ rief der Goldſchmied beſtürzt, „geſtern erſt brachte er, trunken vor Freude, ſeine Braut zu mir, und er dankte mir voll Entzücken für die Zukunft, die ich ihm, ſowie Euch und Catherine geſichert habe.“ „Wehe uns! er weiß, daß ſie ſeine Mutter iſt!“ „Großer Gott!“ „Wehe uns!“ wiederholte der Greis mit herzerrei⸗ ßendem Tone;„Michel weiß, was für ein beklagens⸗ werthes Leben dieſe unglückliche Mutter fünfzehn Jahre lang in Paris geführt hat! Camille.. das liebe, un⸗ ſchuldige Kind... weiß es auch!“ „Wer hat aber dieſe Offenbarung gemacht?“ „Sie ſtand in einem Briefe geſchrieben; dieſer Brief wurde Michel von einem Commiſſionär übergeben, den ohne Zweifel jener hölliſche Mauleon abſchickte, welcher ge⸗ ſchworen hatte, er werde ſich an Catherine rächen! Er hat überdies meinem Enkel ein Portrait von ſeiner Mut⸗ ter und Briefe eingehändigt, die ſie einſt mit einer ent⸗ ſetzlichen Schamloſigkeit an Mauleon geſchrieben! lauter niederſchmetternde Beweiſe! Das war nicht genug: dieſer Menſch gab Camille ein Billet, folgende Worte enthal⸗ tend:„„Catherine iſt die Mutter von Michel, ſie iſt fünfzehn Jahre lang Buhlerin in Paris geweſen.““ 14 „Ah! das iſt gräßlich!“ ſagten ſich die Zeugen vom Schmerze des Greiſes ergriffen.„Armer Michel!“ „Nachdem er das Billet geleſen, das Portrait an⸗ geſchaut, den die Briefe ſeiner Mutter enthaltenden Um⸗ ſchlag zerriſſen und einen von dieſen Briefen durchlau⸗ fend ihre Handſchrift erkannt hatte, blieb ihm kein Zwei⸗ fel mehr über die Wahrheit: er warf fern von ſich die Briefe und das Portrait, das wir aufgehoben haben, verließ ganz verwirrt das Haus und rief, wir werden ihn nie wiederſehen.“ „Ah! der Unglückliche! Und ſeine Mutter?“ „Sie war Anfangs einem heftigen Nervenanfall preisgegeben; wir brachten ſie in ihr Zimmer; nun iſt ſie erſchrecklich, ſie ſagt kein Wort, ſie ſpricht nicht von ihrem Sohne und hat ein ſtarres, finſteres Auge; die arme Camille zerfließt in Thränen vor ihrem Bette und ſcheint weder zu ſehen, noch zu hören. Ah! Herr For⸗ tuné, ich werde das nicht überleben! Dieſes unglückliche Kind wird ſich in ſeiner Verzweiflung ins Waſſer ge⸗ ſtürzt haben! Wehe mir! Catherine hatte Recht: ihre unſelige Vergangenheit mußte früher oder ſpäter auf ihr und ihrem Sohne laſten! Das war zu viel Glück für uns!“ „Guter Vater,“ ſprach Fortuné, von tiefem Mit⸗ leid ergriffen,„man darf noch nicht verzweifeln! Die plötzliche Offenbarung mußte Nichel einen erſchrecklichen Schlag beibringen„. doch die Heftigkeit dieſes Gefüh⸗ les wird ſich beſänſtigen, die Ueberlegung wird ihn zu Euch, zu ſeiner Braut, zu ſeiner Mutter zurückführen, und wenn er erfährt, mit welchem Muthe, mit welcher herviſchen Tugendhaftigkeit Catherine ihre Verirrungen gebüßt hat. wie ſie durch die mütterliche Liebe wie⸗ dergeboren worden iſt, ſo wird er für ſie nur Mitleid und Achtung fühlen.“ „Ah! Sie kennen ihn nicht, Herr Fortuné; Sie ſtellen ſich nicht vor, welchen Abſcheu er vor dem Laſter 15⁵ hat; und ſodann ſagt er ſich, Camille wiſſe, er ſei der Sohn einer Buhlerin; ſehen Sie, das iſt genug, um da⸗ rüber den Kopf zu verlieren!“ Der Bediente kam in dieſem Augenblick wieder und meldete dem Goldſchmied: „Die zwei Wagen ſind vor dem Gitter, Madame Sauval erwartet den Herrn.“ „Ich muß Euch verlaſſen, guter Vater, doch wir werden bald zurückſein,“ ſagte Fortuné zum Greiſe. „Ach! das iſt für uns Alle ein ſehr trauriger Tag!“ „Sobald wir zurückkommen, werden wir zu Cathe⸗ rine gehen,“ fügte die Tante Prudence bei;„wir wer⸗ den es verſuchen, ſie zu beruhigen, zu tröſten, ihr be⸗ zu machen, daß man noch nicht verzweifeln darf.“ „Nein, gewiß nicht,“ bemerkte der Vetter Rouſſel, „ſo tief auch der Widerwille von Michel gegen das Laſter ſein mag, ſo wird er doch, wenn er die Ergebenheit ſeiner Mutter für ihn erfährt und vernimmt, mit welchem Muthe ſie ihre Ehre wiederhergeſtellt hat, nicht über ſie erröthen.“ „Mein Gott! dieſe Wiederherſtellung ihrer Ehre weiß er aber nicht, und das iſt es, was mich erſchreckt!“ verſetzte der Greis mit Bangigkeit.„Wäre er unterrich⸗ tet von dem bewunderungswürdigen Benehmen von Ca⸗ therine, ſo könnte ich hoffen, ihn zurückkommen zu ſehen, doch ich wiederhole, er weiß nichts von Alle dem, was ſie gethan hat, um ihre Vergangenheit zu ſühnen; er kennt nur ihre Schande und glaubt, dieſe hafte auf ihm. Wir werden meinen armen Michel nicht mehr ſehen!.. Alles iſt verloren!... Alles iſt zu Ende für mich!“ Fortuns Sauval, nachdem er vergebens den Greis in ſeinem Schmerze zu tröſten verſucht hatte, begab ſich in Eile mit Marianne und ihrer Tochter, der Tante Prudence und dem Vetter Rouſſel zu Aurelie XXV. Fortuns Sauval, der ſich mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter nach der Rue Notre⸗Dame⸗de⸗Lorette be⸗ gab und ſich der gemeinen Scene erinnerte, deren Zeuge am Morgen der Vetter Rouſſel geweſen war, eine. Scene, die ſich unter einer andern Form erneuern konnte, dachte, es wäre unklug von ihm, Marianne zu ihrer Schweſter zu führen, ohne ſicher zu ſein, dieſe allein mit Madame Jouffroh zu finden. Als die zwei Wagen anhielten, ließ der Goldſchmied im einen den Vetter Rouſſel und die Tante Pru⸗ dence, im andern ſeine Frau und ſeine Tochter; er ging ſodann in den zweiten Stock hinauf, wo die Gräfin wohnte. Obgleich er zweimal klingelte, zögerte man doch ziemlich lang, ihm zu öffnen; endlich erſchien die noch von den Ereigniſſen am Morgen erſchrockene Dienerin und machte die Thüre ein wenig auf. „Ich wünſchte auf der Stelle Frau von Villetaneuſe zu ſprechen, oder vielmehr,“ fügte Fortuné hei, der ſich des falſchen Namens erinnerte, den ſeine Couſine ange⸗ nommen,„oder vielmehr Frau von Arcueil.⸗ „Madame iſt ausgegangen,“ antwortete mit mürri⸗ ſchem Tone die Dienerin; und ſie wollte die Thüre wie⸗ der ſchließen, als Fortuns in der Hoffnung, dieſen Cer⸗ berus zu beſänftigen, aus ſeiner Taſche einen Louis d'or zog, ihn der Dienerin in die Hand drückte und raſch zu ihr ſagte: „Meine Freigebigkeit wird ſich nicht hierauf beſchrän⸗ ken, wenn Sie mich anhören und mir beſonders aufrich⸗ tig antworten.“ „Dann treten Sie raſch ein,“ erwiederte die Die⸗ nerin, welche plötzlich ein freundliches Geſicht annahm. 17 K Und ſie ſchloß die Thüre des Ruheplatzes und führie Fortuné in die Küche. „Ich bin ein Verwandter Ihrer Gebieterin,“ ſagte der Goldſchmied.„Ich wünſche zu wiſſen, ob in dieſem Augenblick, ſie, wie Madame Jouffroy, hier iſt, und ob dieſe Damen allein ſind... Ich bin unterrichtet von dem, was dieſen Morgen vorgefallen iſt; Sie können daher ganz aufrichtig mit mir reden.“ „Sie wiſſen alſo, daß die Frau des Herren von Madame dieſer mit einem Stockſtreiche den Schädel zer⸗ ſchmettert hat?“ „Ja, ja,“ erwiederte der Goldſchmied, ſchauernd vor Ekel und Mitleid;„aber was find die Folgen die⸗ ſer Verwundung geweſen? Wie befindet ſich Ihre Gebie⸗ terin zu dieſer Stunde?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr; ſie iſt ausge⸗ gangen.“ „Ausgegangen!.. trotz ihrer Wunde? das iſt unmöglich!“ „Ich ſchwöre Ihnen bei Allem, was heilig iſt, Madame iſt nicht hier; Sie können ſie in der ganzen Wohnung ſuchen, und Sie werden ſie nicht finden.“ „Was iſt denn ſeit heute Morgen vorgeſallen?“ „Nachdem die Wache die Frau von Herrn Ba⸗ dineau weggeführt hatte(Herr Badineau iſt der Name des Herrn von Madame), legten wir ihre Mutter zu Bette; es war ihr unwohl geworden. Sie bekam ſodann einen Anfall vom hitzigen Fieber. Ich verband, ſo gut ich konnte, die Wunde von Madame; kaum hatte ich ſie ver⸗ bunden, da gab es eine andere Geſchichte.“ „Was denn noch?“ „In einem Anfalle von unbändigem Zorn läuft Herr Badineau wie ein Wüthender herbei, und ohne Rück⸗ ſicht für Madame, welche an ihrer Wunde litt wie eine Verdammte, ohne Rückſicht für Madame Joufftoy, die Die Familie Jouffroy. MI. 2 18 in ihrem Delirium verworrenes Zeug ſchwatzte, fängt Herr Badineau an Madame mit Grobheiten und Schmäh⸗ ungen todt zu ſchlagen, nennt ſie eine Canaille und was dergleichen ekelhafte Worte ſind; endlich wirft er ihr vor, ſie habe es mit einem jungen Manne!“ „Mein Gott! mein Gott!“ dachte Fortuns,„zu welcher Entwürdigung iſt dieſe Unglückliche herabgeſun⸗ ken! Sie iſt für immer verloren!.. Ich darf nicht mehr daran denken, ihr ein Aſyl in meinem Hauſe an⸗ zubieten; nein, ich kann es nicht aus Achtung für meine Frau und meine Tochter.“ „Nun denn!“ fuhr die Dienerin fort, als Herr Ba⸗ dineau Madame die hundert Abſcheulichkeiten des Lebens über ihr Verhältniß mit dem jungen Manne geſagt hatte, bedeutete er ihr, wenn ſie und ihre Mutter ſich nicht um vier Uhr Abends aus dem Staube machen, ſo werde er mit einem Gerichtsdiener kommen und ſie vor die Thüre ſetzen, in Betracht, daß die Wohnung auf ſei⸗ nen Namen gemiethet ſei und die Meubles ihm gehören; endlich hatte er die Gemeinheit, dem Portier zu verbie⸗ ten, irgend Etwas von hier wegnehmen zu laſſen, die Effecten von Madame und ihrer Mutter ausgenommen, die er ihnen, wie er ſagte, aus Barmherzigkeit über⸗ laſſe, denn ſie haben nicht einmal ein gutes Hemd auf dem Leibe gehabt, als er Madame zu unterhalten an⸗ gefangen.“ Bei der Erzählung von ſo viel Demüthigung, von ſo viel Schmach konnte Fortuné ſeine Thränen nicht be⸗ wältigen, und durch eine unerklärliche Rückkehr zur Ver⸗ gangenheit erinnerte er ſich, wie Aurelie, ein ſchönes, keuſches, glückliches Mädchen, ſich anſchickte, auf den Ball zu gehen, an jenem Abend, wo er der Familie Jouffroy ſeine Heirathsanträge machen wollte. Die Dienerin, welche die Gemüthserſchütterung vovn Fortuns nicht wahrnahm, fuhr fort: „Denken Sie ſich die Lage von Madame, mein 19 Herr; ſie iſt nun auf das Pflaſter geſetzt; Sie hat viele Schulden; ſie iſt mir den Lohn von drei Monaten ſchul⸗ dig. Ich ſage das nicht aus Intereſſe, denn Madame iſt ſehr gut; nur ihre Mutter brummt unabläſſig, weil kein Tag vergeht, ohne daß Gläubiger hier entſetzliche Scenen machen, und ſie wußten doch, daß Herr Badineau Mittel hatte, und... „Aber wie hatte Ihre Gebieterin, ſo ſchwer ver⸗ wundet, den Muth, die Kraft, auszugehen?“ „Das iſt wieder eine andere Geſchichte: Herr Ba⸗ dineau war ſo eben wüthend weggegangen, da klingelte man. Ich öffne, ich ſehe einen jungen Mann. aber ſchön.. aber ſchön... und dabei ſo elegant ge⸗ kleidet!.. „Vollenden Sie... vollenden Sie!“ „Er ſagte mir, er wolle ſogleich mit Madame ſpre⸗ chen. Da ich dachte, ſie werde in dem Zuſtande, in wel⸗ chem ſie ſich befand, Niemand annehmen wollen, ſo er⸗ wiederte ich, ſie ſei nicht zu Hauſe.„Das iſt unmög⸗ lich, ſie hat mir dieſen Morgen hier Rendz⸗vous gege⸗ ben,“ ſagt der ſchöne junge Mann zu mir. Und er übergibt mir ein Billet, das er mit Bleiſtift ſchreibt. Ich aber ſpreche zu mir ſelbſt:„„Dieſer iſt ſicherlich der ſchöne junge Mann, den Herr Badineau Madame vor⸗ geworfen hat.““ Ich bringe ihr eiligſt das Billet zu dem Bette ihrer Mutter, die ſie nicht verließ, und die immer noch in ihrem hitzigen Fieber verworrenes Zeng ſprach: Madame befiehlt mir, den jungen Mann ſogleich eintreten zu laſſen...(Es war ſicherlich der Ihrige Sie ſind fünf Minuten beiſammen geblieben, dann hat Madame einen großen Shawl genommen, einen Hut mit einem Schleier aufgeſetzt, der den Verband, den ich auf die Wunde gelegt hatte, verbarg und Beide ſind ausgegangen! Madame hat mir wohl empfohlen, über Madame Jvuffroy zu wachen, und mir einen Brief gegeben, den ich Doch die Dienerin unterbrach ſich hier, überlegie einen Augenblick, und ſagte ſodann: „Ach! mein Gott!.. der Herr iſt mit Madame verwandt?“ „Ja.“ „„Sie werden dieſen Brief einem Commiſſionär über⸗ geben,“ ſagte Madame zu mir, indem ſie mir ein ver⸗ ſiegeltes Billet einhändigte.„Er ſoll ihn zu dem erſten dem beſten Juwelier tragen; dieſer wird ihm die Adreſſe der Perſon geben, an die der Brief adreſſirt iſt. der Commiſſionär wird ihn überbringen... und.. „Wo iſt der Brief?“ „Er iſt noch auf der Commode im Zimmer von Madame. Ich habe es nicht gewagt, ihre Mutter zu verlaſſen, aus Furcht, ſie könnte in ihrem hitzigen Fie⸗ ber aus dem Bette ſtürzen. Ich erinnere mich, daß der Brief adreſſirt war:„„An Herrn Fortuné Sau⸗ val, Goldſchmied. 40 „Das iſt für mich.“ „Dann will ich den Brief holen„ „Ich folge Ihnen.. Was Sie mir vom Zu⸗ ſtande von Madame Jouffroy mittheilen, beunruhigt mich; ich will ſie ſehen. Haben Sie keinen Arzt geholt?“ „Nein, mein Herr: Madame war im Begriffe, mich einen holen zu laſſen, als ihr junger Mann kam.“ „Führen Sie mich raſch in das Zimmer von Ma⸗ dame Jouffroy.“ „Kommen Sie, mein Herr.“ Der Dienerin folgend, durchſchritt Fortuns den mit Trümmern von Glaswerk und Porzellan beſtreuten Sa⸗ lon; umgeworfene Meubles lagen überall umher; ein breiter Flecken von geſtandenem Blute röthete den Bo⸗ den; Fortuns wandte mit Abſcheu die Augen ab und trat in das Zimmer ein, wo Madame Jouffroy lag. Auf das Delirium des Fiebers folgte nun bei ihr eine tiefe Betäubung. Die Wangen purpurroth, das Ange . 21 glühend, die Stirne in Schweiß gebadet, die Lippen ſchon ſchwärzlich, vertrocknet, keuchte dieſe unglückliche Frau und bot alle Symptome von einer der niederſchmettern⸗ den Krankheiten, welche vorzugsweife kräftige Conſtitutionen wie die von Madame Jouffroy treffen. Sie befand ſich überdies in dem kritiſchen Alter der in der Rückkehr be⸗ griffenen Frauen, welches die entzündlichen Krankheiten doppelt gefährlich macht. Trotz ſeiner Unkenntniß in der Kunſt der Aerzte, war Fortuné erſchrocken über die Entſtellung der Züge von Madame Juuffroy; bei dieſem Bette des Elends, wo die von Allen verlaſſene Frau lag, welche bald auf das Pflaſter geworfen zu werden bedroht war, las For⸗ tuné folgenden von Aurelie an ihn adreſſirten Brief, den ihm die Dienerin übergab: „Mein lieber Fortuns, unſer Vetter Rouſſel, der meinen Vater weggeführt, hat Sie ohne Zweifel ſchon von dem, was heute Morgen bei uns vorgefallen iſt, unterrichtet. „Niedergeſchmettert durch ſchmerzliche Gemüthser⸗ ſchütterungen, hat meine Mutter einen Anfall von Gehirn⸗ entzündung bekommen. „Handelte es ſich nur um mich, ſo würde ich um keinen Preis unſere Bande und die Erinnerungen alter Freundſchaft anrufen; doch ich rufe ſie ohne Zögern an, ſobald es ſich um meine Mutter handelt. Vergeben Sie ihr, mein lieber Fortuné; haben Sie Nachſicht und Mit⸗ leid für ſie; ihre blinde Zärtlichkeit für mich hat ſie zu Grunde gerichtet; möge ſie, wie mein armer Vater, bei Ihnen, bei Marianne und meiner Tante Troſt für ihren Kummer und das Vergeſſen der Vergangenheit finden; das iſt die einzige, die letzte Bitte, die mir an Sie und an meine Schweſter zu richten geſtattet iſt. „Leben Sie wohl, mein lieber Fortuné„ Auf immer, Gott befohlen! 22 „Unſere Familie wird nie mehr von mir reden hören. „Auvelie „N. S. Ich weiß Ihre Wohnung nicht, doch bei der Berühmtheit Ihres Namens wird mein Bote leicht Ihre Adreſſe finden; ich beſchwöre Sie, ſobald Sie die⸗ ſen Brief erhalten haben, meine Mutter abzuholen: ſie iſt nicht mehr in Sicherheit, da wo ich ſie laſſe.. Noch einmal... Gott befohlen!...“ Fortuné weinte, als er dieſen Brief las, ſein Herz brach; eine ganze Welt von ſchmerzlichen Erinnerungen erwachte in ihm: die Kindheit, die unſchuldige und ſtrah⸗ lende Jugend von Aurelie, ihr Selbſtmordverſuch, ihre Heirath, ihre faſt königliche Exiſtenz am Hofe von Me⸗ ningen, ihr herzzerreißendes Zuſammentreffen in der Villa Farneſe, da Aurelie noch kämpfte zwiſchen dem Guten und dem Böſen, wobei das Böſe den Sieg davon trug, die Abreiſe ſeiner Couſine mit Herrn von Manzanares, dieſe unſelige Abreiſe, welche, da ſie Fortuné keinen Zweifel mehr über das völlige Verderben der jungen Frau ließ, ihn erſchreckte und ihm die prophetiſchen Worte ſuh. die er zum Adjutanten von Karl Maximilian ſprach: „Ihr Prinz wird eines Tags vor Gott über dieſe Seele, die er zu Grunde gerich⸗ eine furchtbare Rechenſchaft abzulegen haben.“ Die Prophezeiung verwirklichte ſich. Sie ſollte ſich auf eine noch erſchrecklichere Weiſe verwirklichen. Fortuné fühlte die Fruchtloſigkeit neuer Verſuche, um Aurelie dem Verhängniß, das ſie fortriß, zu entzie⸗ hen; ſie hatte ihre Wohnung ohne Zweifel in Geſellſchaft eines Liebhabers verlaſſen, und ſie beſaß dergeſtalt das 23 Bewußtſein von ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Entwürdigung, daß ſie ihren Brief mit den Worten ſchloß: ihre Familie werde nie mehr von ihr reden hören. Die Augenblicke drängten. Fortuns befürchtete, Madame Jouffrov werde bald nicht mehr wegzubringen ſein; er gab der Dienerin ein neues Geſchenk, ermahnte ſie, das Bett der Mutter von Aurelie nicht zu verlaſſen, und hieß ſie Herrn Badineau, ſollte er wieder erſcheinen, um ſeine Drohungen zu er⸗ füllen, verſprechen, es werde binnen einer Stunde ein Ver⸗ wandter von Madame Joufftoy kommen und ſie abholen; um dieſe Verſicherung zu bekräftigen, ſchrieb Fortuné ein vaar Worte auf eine von ſeinen Viſitenkarten, übergab ſie der Dienerin und kehrte ſodann eiligſt zu ſeiner Frau zurück, die ihn im Fiacre mit einer wachſenden Unge⸗ duld erwartete. „Mein Gott!“ rief Marianne betroffen von der Verſtörung in den Zügen von Fortuné,„es iſt alſo ein neues Unglück geſchehen?.. Meine Schweſter... meine Mutter, wo ſind ſie?“ „Begib Dich raſch nach Hauſe und laß ein Zimmer für Deine Mutter in Bereitſchaft ſetzen; ſie iſt ſehr lei⸗ dend, ich werde ſie bald zu uns bringen.“ „Ihr Zuſtänd iſt alſo beunruhigend?“ rief Marianne; „ich ſehe Thränen in Deinen Augen..! Und Aurelie, wo iſt ſie?“ „Marianne, ich bitte Dich inſtändig, verliere nicht eine koſtbare Zeit: kehre nach Hauſe zurück; ich werde Dir bald nachfolgen und ſodann Alles ſagen.“ „Iſt meine Mutter leidend in dieſem Hauſe, ſo will ich zu ihr gehen.“ „Das iſt unnütz; ſpäteſtens in einer Stunde wirſt Du ſie ſehen, meine liebe Marianne; mittlerweile, ich beſchwöre Dich, laß in Eile das Zimmer, das Deine Mutter bewohnen ſoll, in Bereitſchaft ſetzen.“ Um neue Fragen und Einwendungen ſeiner Frau kurz abzuſchneiden, trat Fortuné ſodann an den an⸗ dern Wagen, bat die Tante Prudence neben Marianne Platz zu nehmen und ſogleich mit ihr nach dem Quar⸗ tier Tivoli zurückzukehren, indeß der Vetter Rouſſel und er ſchleunigſt einen Arzt holen würden. Die zwei Wagen ſetzten ſich in Bewegung, der eine führte Marianne, ihre Tochter und die Tante Prudence nach Hauſe, der andere führte den Goldſchmied und den Vetter Ronſſel nach der Wohnung eines Arztes; dieſer wurde raſch nach der Rue Notre⸗Dame⸗ de⸗Lorette gebracht, beſtätigte den Zuſtand von Madame Jouffroy ais höchſt bedenklich und wollte Anfangs nicht geſtatten, daß man ſie zu ihrer Tochter transportire; doch er gab am Ende den dringenden Gründen nach, welche Fortuns geltend machte, und erlaubte, obwohl nicht ohne Bangen, den Transport der Kranken. Fortuné lief nach dem Bureau des Polizeicomiſ⸗ ſärs, wo ſich gewöhnlich für die Verwundeten beſtimmte Tragbahren finden; er erhielt eine ſolche durch die Ge⸗ fälligkeit des Beamten. Madame Jouffroy wurde mit aller möglichen Vorſicht auf die Tragbahre gelegt, man ſchloß die Vorhänge, und zwei Laſtträger luden ſie auf ihre Schultern. Dieſer traurige Zug eilte in Begleitung von Fortuns durch die Rue Notre⸗Dame⸗de⸗Lorette in dem Augenblick, wo Herr Badineau, wüthender als je, im Glanben, Aurelie und ihre Mutter haben das Haus nicht verlaſſen, zurücktam, um ſie aus ihrer Wohnung zu jagen. Fünfte Abtheilung. I Es beſtand damals auf dem Bonlevard des Italiens ein unter der eleganten Welt berühmtes Magazin von Stöcken, Fahrpeitſchen, Reitpeitſchen u. ſ. w. Ein ſchö⸗ ner junger Mann, der nach ſeinem Aeußern der Pariſer Faſhion anzugehören ſchien, hatte ſich ſo eben in die⸗ ſer Bude ein reizendes Bambusſtöckchen gekauft, deſſen einfach gravirter goldener Knopf ein Meiſterwerk der Kunſt und des Geſchmackes war; nie hatte ein reinerer, geſchickterer Grabſtichel das Metall mit anmuthigeren Schnörkeln verziert; der Käufer,(es war kein Anderer, als Angelo Grimaldi), nachdem er ein wenig um den Stock gehandelt, zog aus der Taſche eine engliſche Bank⸗ note von zwanzig Pfund, übergab ſie dem mit dem Ver⸗ kaufe beauftragten Commis und ſagte zu ihm: „Wollen Sie mir dieſe Banknote mit Gold wech⸗ ſeln.. Ich bezahle das Agiv.“ Angelo ſchaute fortwährend neugierig die Gravure am Knopfe ſeines Stockes an, indeß der Commis, nach der Gewohnheit der Kaufleute, ſorgfältig das Papier⸗ geld, das er erhalten, unterſuchte. „Man kann in der That nichts beſſer Gravirtes ſehen, als den Knopf dieſes Stockes,“ ſagte Angelo Gri⸗ maldi, der die aufmerkſame Prüfung, welcher der Com⸗ mis die Banknote unterwarf, nicht zu bemerken ſchien⸗ „Ich bin ziemlich Kenner in Kunſtgegenſtänden, und ich verſichere Sie, daß Sie unter Ihren Arbeitern einen der geſchickteſten Graveurs von Paris haben.“ „In der That, mein Herr, er iſt ebenſo geſchickt, als faul und dem Trunke ergeben,“ erwiederte der Com⸗ mis, indem er die Schublade des Zähltiſches öffnete, um die Banknote hineinzulegen und die zum Wechſeln nöthi⸗ gen Goldſtücke herauszunehmen;„dieſer Arbeiter hätte ein ausgezeichneter Künſtler werden können; doch ſeine ſchlechte Aufführung richtet ihn zu Grunde.“ „Ah!“ verſetzte Angelo nachdenkend,„dieſer Arbei⸗ ter führt ſich ſchlecht auf?“ „Ja, mein Herr, zu ſeinem Unglück.“ „Das iſt Schade,“ ſprach der Grieche in einen Ge⸗ danken verſunken, der plötzlich in ihm entſtanden war. „Dieſer Menſch hätte ſich durch ſein Talent eine ehren⸗ volle Stellung ſchaffen können.“ „Allerdings,“ erwiederte der Commis, während er auf dem Tiſche die Goldſtücke für Angelo aufzählte;„doch ſobald ein Menſch trunkſüchtig und faul bleibt, iſt es mit ihm aus. Hier ſind zwei und zwanzig Zwanzig⸗ Franken⸗Stücke, nebſt ſieben Franken in Silber nach Abzug des Agio.“ „Mein Herr,“ ſagte Angelo nach kurzem Ueberle⸗ gen, ohne daß er ſich beeilte, das Gold einzuſtecken, das man ihm auf ſeine Banknote herausgegeben hatte,„ich bin ſo ſehr erſtaunt über die köſtliche Vollendung dieſes Stockknopfes, daß ich, wenn dies möglich wäre, Ihren Arbeiter verwenden möchte, um von ihm Wappen und Ornamente auf mehrere ſchöne Stücke Silbergeſchirr gra⸗ viren zu laſſen; würde er wohl dieſe Arbeit über⸗ nehmen?“ „Bei meiner Treue, ich weiß es nicht, mein Herr; dieſer Burſche iſt ſo launiſch, und beſonders ſo träge, daß man nicht auf ihn zählen kann. Wollte er beſtän⸗ dig arbeiten, ſo bekäme er von unſerem Hauſe zahlreiche 27 Beſtellungen, und keiner ſeiner Augenblicke wäre unbe⸗ ſchäftigt; doch nein, ſobald er genug verdient hat, um ſich drei bis vier Tage zu betrinken, kann man nichts aus ihm herausbringen.“ „Wie ſeltſam!.. Iſt er jung?“ „Sehr jung, mein Herr; höchſtens ein und zwan⸗ zig Jahre alt.“ „In dieſem Alter ſchon verdorben... das iſt be⸗ klagenswerth!.. Und wo wohut dieſer Arbeiter, mein Herr?“ „In einem elenden Hotel garni, in der Rue de 'Oratvire⸗du⸗Louvre, Nro, 3.“ „Und er heißt?“ fragte der Grieche, während er die Adreſſe in ſein Notizbuch ſchrieb;„ich bitte, wie heißt er?“ „Michel.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr!“ „Dh! nicht Urſache, mein Herr, denn wenn Sie dieſem Trunkenbolde Arbeit geben, ſo wird er zwei Mo⸗ nate brauchen, um zu machen, was ein Anderer in vier⸗ zehn Tagen machen würde. Doch man muß gerecht ſein, die Arbeit wird vortrefflich werden.“ „Noch ein Wort, mein Herr: würden Sie für die Ehrlichkeit dieſes jungen Mannes ſtehen?“ „Wir haben ihm in dieſer Hinſicht bis jetzt nichts vorzuwerſen; ſeine ſchlimme Aufführung flößt uns aber ſo wenig Vertrauen ein, daß wir ihm immer nur einen Gegenſtand zu gleicher Zeit zu graviren geben.“ „Ich danke Ihnen für die Auskunft, mein Herr; ich werde in dieſem Falle von dem Graveur verlangen, daß er bei mir arbeitet, ſtatt ihm mein Silberzeug an⸗ zuvertrauen.“ „Das wird klüger ſein, mein Herr; doch ich weiß nicht, ob er ſeine Kammer wird verlaſſen wollen, um in den Tagelohn zu Ihnen zu gehen; er iſt eine Art 28 tor ungelecktem Bären. ſehr ſchweigſam und ſehr eu.“ „Er hat vielleicht eine ſchlechte Handlung auf dem Gewiſſen 7“ „Gott behüte mich, daß ich einen Unſchuldigen an⸗ klage! Doch er hat eine ſo düſtere Phyſiognomie, daß man glauben ſollte, er werde von Gewiſſensbiſſen geplagt.“ „Was Sie mir da ſagen, mein Herr, gibt mir viel zu denken; ich werde mich nicht leichtſinnig entſchlie⸗ ßen, dieſen Menſchen in mein Haus einzuführen... Es wäre jedoch, aus dem Geſichtspunkte der Kunſt bekla⸗ genswerth, wenn man ein ſolches Talent nicht benützen würde.“ Angelo nahm die Goldſtücke, ſchob ſie in ſeine We⸗ ſtentaſche, grüßte den Commis und ſtieg wieder in einen eleganten Miethwagen, der ihn vor der Thüre des Ma⸗ gazins erwartete. Er ließ ſich zu einem Juwelier der Rue Richelien fahren, kaufte hier ein ganz einfaches gol⸗ denes Bracelet gegen eine andere Banknote von fünf und zwanzig Pfund, auf die er ſich ebenfalls Gold herans⸗ geben ließ, und befahl dem Kutſcher, ihn nach der Rue de[Oratvire zu führen, wo der Graveur wohnte. II. Michel bewohnte eine kleine Stube in einem elenden Hotel garni ſeit ungefähr einem Jahre, da die von Mau⸗ leon, der ſich als Commiſſionär verkleidet hatte, gemachte Offenbarung ſtattgefunden. Michel konnte nicht zweifeln: Catherine, lange Zeit Buhlerin unter dem Namen Frau von Morlac.. Catherine war ſeine Mutter. Denkt man an die ſtrenge Erziehung dieſes jungen Mannes, an ſeinen Abſchen vor dem Laſter, an ſeinen — 29 Widerwillen gegen die Frauen, die mit ihrer Schönheit Handel treiben, ſo wird man ſeine Scham, ſeine Ver⸗ zweiflung bei dieſer unſeligen Offenbarung begreifen: in der Unſchuld ſeiner Seele glaubte er ſich auf der Stirne mit einem unvertilgbaren Brandmahle der Schande gezeichnet; es ſchien ihm gräßlich, nicht nur unabläſſig in ſeinen eigenen Angen über die mütterliche Schmach er⸗ röthen zu müſſen, ſondern auch darüber zu erröthen vor ſeinem Arbeitsgefährten, vor ſeinem Meiſter und deſſen Familie, und endlich vor Camille, ſeiner Braut. Michel erreichte kaum ſein einundzwanzigſtes Jahr. Mehr erfahren im Leben und beſonders unterichtet von der Wiedergeburt und der Wiederherſtellung der Tugend⸗ haftigkeit und Ehre von Catherine, wäre er nicht über die Zukunft verzweifelt; doch in einer edlen, den Ge⸗ fühlen der erſten Jugend natürlichen Uebertreibung, hielt er ſich für den Genoſſen der Schande ſeiner Mutter, da er nicht wußte, daß die muthige Frau, reich, jung und noch ſchön, ein dürftiges, hartes Leben ergreifend, einen edlen Gebrauch von ihrem Vermögen gemacht hatte, um ihre Vergangenheit zu ſühnen, und durch die mütterliche Liebe ganz und gar verwandelt worden war. Für die Augen von Michel blieb dieſe glänzende Seite vom Be⸗ nehmen ſeiner Mutter im Dunklen; er ſah in ihr nur eine ohne Zweifel durch ihre ſchlimme Aufführung zu Grunde gerichtete Buhlerin, welche, aus Mitleid vom Vater Laurenein aufgenommen, eine ſpäte Zuneigung für ein lange Jahre ſchändlich ſeinem Schickſale preisge⸗ gebenes Kind gefühlt habe, nachdem ſie ihren Mann i der in der Blüthe ſeiner Jahre geſtor⸗ en. Eine entſetzliche Entdeckung für einen Sohn, ent⸗ hüllten endlich die paar Zeilen eines einſt von Catherine an Mauleon geſchriebenen Briefes die Schamloſigkeit und die Verworfenheit in jedem Worte. In Gegenwart dieſer niederſchmetternden Thatſachen 30 verlor Michel völlig den Kopf; er hatte keinen andern Gedanken, als den, aus dem Hauſe ſeines Meiſters zu fliehen, und er eilte fort, ohne zu wiſſen, wohin er ging. Als er wieder zum Bewußtſein kam, befand er ſich in der Gegend von Montmartre. Es wurde Racht; auf das erſte Aufbrauſen des Schmerzes folgte bei ihm eine tiefe Niedergeſchlagenheit, und ruhiger geworden, fing er an nachzudenken und ſein Schickſal ins Ange zu faſſen. Seine Arbeitsverbindung mit Fortuné fortſetzen, trotz der unverhofften Vortheile, die er ihm bot, daran konnte Michel nicht denken, ſo liebevoll ſein Meiſter ſich immer gezeigt hatte, ſo mitleidig er ſich nach dieſer Of⸗ fenbarung zeigen müßte;— gerade die Beweiſe dieſes Nitleids würden-eben ſo viel brennende Wunden für den Sohn der Courtiſane ſein. Konnte er Camille heirathen und ſein Gewerbe bei einem andern Golbſchmied fortſetzen? Camille heirathen! das unſchuldige, ehrliche Kind! Camille, die nun unterrichtet von der Schande des⸗ jenigen, welchen ſie liebte! Welch ein verhaßter Gedanke für ihn, ſich beſtändig ſagen zu müſſen: „Trotz ihrer Liebe, trotz ihrer Herzensgüte, erröthet meine Frau, rein und fleckenlos, im Grunde ihrer Seele, den Sohn von einer dieſer Creaturen, des Auswurfs ihres Geſchlechts, geheirathet zu haben.“ Ach! gerade die Uebertreibung dieſer Gefühle zeugte von der Erhabenheit des Charakters von Michel, wie ihn oft auch in der Vortrefflichkeit ſeines Herzens ein tiefes Mitleid für ſeine Mutter erfaßte; er betrachtete den Un⸗ tergang ſeiner Hoffnungen, ohne dieſes unglückliche Ge⸗ ſchöpf zu verfluchen. Zuweilen ſogar, wenn er an Alles das dachte, was ſie ohne Zweifel, ſeitdem ſie ſich ihm genähert, gelitten hatte, wenn er an die Bangigkeiten, an die Gewiſſensbiſſe dachte, von denen ihr Leben ge⸗ martert ſein mußte, beklagte er ſie, und er ſagte ſodann zu ſich ſelbſt: 31 Nach einer langen, ſtrafbaren Gleichgültigkeit hat fie mich geliebt... Sie iſt meine Mutter, ich werde ſie nicht verlaſſen! Wir werden unſere gemeinſchaftliche Schmach anderswo als in Paris begraben; aber, ach! ich werde es nicht verhindern können, daß ich mir ſage: Dieſe Frau iſt meine Mutter, ich ſoll, ich will ſie ehren, ſie hat jedoch den frühzeitigen Tod meines Vaters ver⸗ urſacht! ſie hat lange Jahre in der Schande gelebt; ſie hat an einen von ihren Liebhabern die Zeilen geſchrieben, die ich geleſen, und die mir vor Eckel und Entrüſtung übel gemacht haben.. Ah! ich fühle es: unwillkürlich würde ich ihr nicht verbergen können, welchen Kummer mir ihr vergangenes Leben bereitet; ſie würde ſich von mir verachtet glauben, und das wäre für ſie eine Qual aller Augenblicke.“ Nach Stunden des Schwankens war Folgendes der Entſchluß von Michel: Auf ſeine Heirath mit Camille verzichten, weder ſeine Mutter, noch ſeinen Großvater, noch Fortuné wie⸗ derſehen, im Dunklen ſeinen Lebensunterhalt in irgend einem Zweige ſeines Gewerbes verdienen, ſeine Abſich⸗ ten ſeinem Großvater mittheilen und ihm von Zeit zu Zeit Nachricht von ſich geben, um ihn über ſein Schick⸗ ſal zu beruhigen, und in der Einſamkeit leben bis zu dem Tage, wo die Beharrlichkeit ſeines Schmerzes ihn von ſeinem traurigen Daſein befreien würde.. Michel vollführte dieſen von der Unüberlegtheit und den edlen Empfindlichkeiten ſeiner Jugend dictirten Ent⸗ ſchluß! Er vereitelte alle Nachforſchungen, die man unter⸗ nahm, um ſeine Spur aufzufinden. Einer von ſeinen ehemaligen Gefährten aus der Werkſtätte verſprach ihm Geheimhaltung und brachte ihn in Verbindung mit dem Stöckefabrikanten, der ihn ſeit langer Zeit beſchäftigte. Niedergebeugt, entmuthigt, gleichgültig gegen die Zu⸗ kunft, hatte Michel die Kunſt, die er ſo ſehr geliebt, nicht mehr zum beſtändigen Zwecke des Lebens; er beſchränkte ſich auf einige faſt mechaniſche Arbeiten, die ihm das ſtreng Nothwendige verſchafften, und verließ beinahe nie ſeine Stube, wenn nicht in dunkler Nacht, um in den Straßen umherzuirren; den größten Theil ſeiner Zeit brachte er zu Hauſe zu. Mit Bedauern müſſen wir geſtehen, daß Michel trank, wie man zu ſagen pflegt; es beſtand indeſſen eine Kluft zwiſchen der gemeinen Völlerei, der man ihn beſchuldigte, und der, allerdings tadelnswerthen, Thatſache, die zu dieſem Vorwurfe berechtigte. Der junge Goldſchmied hatte bis dahin ſo mäßig gelebt, daß für ihn zwei bis drei Gläſer Wein genügten, nicht um ſich bis zu einem viehiſchen Zuſtande zu berau⸗ ſchen und jedes Bewußtſein zu verlieren, ſondern um jenen Grad von Ueberreizung zu erreichen, der, ohne den Geiſt zu verdunkeln, nur ſeine Farbe verändert, wenn man ſo ſagen darf. Die Menſchen trinken, nach dem geheiligten Ausdrucke, einen traurigen oder einen luſtigen, einen blödſinnigen oder einen heſtigen Wein. Michel trank, wenn nicht einen luſtigen, doch einen an glücklichen Träumereien fruchtbaren Wein; die Riederge⸗ ſchlagenheit, die finſtere Traurigkeit, die auf ſeinem Ge⸗ müthe und auf ſeinem Geiſte laſteten, wenn er ſich in ſeinem normalen Zuſtande befand, zerſtreuten ſich allmä⸗ lig wie durch Zauber, ſobald er eine Art von leichter Trunkenheit verſpürte.. Die bis dahin düſtere, troſt⸗ loſe Zukunft klärte ſich auf, wurde leuchtend und roſen⸗ farbig von Hoffnung. Michel fragte ſich ſodann, warum er ſich, in einer ärgerlichen Uebertreibung kindlicher Solidarität, faſt als Mitſchuldigen der Ausſchweifungen ſeiner Mutter be⸗ trachte! Hatte ſie nicht bei ihm ſeit mehreren Jahren auf eine vorwurfsfreie Weiſe gelebt? die Verzeihung von Vater Laurencin verdient? Mußte ſie nicht Mitleid, ſtatt des Widerwillens, der Verachtung, einflößen? Camille⸗ ein naives, reizendes Mädchen, betete Michel an: konnte 98 ſie ihm ein Verbrechen aus der Vergangenheit ſeiner Mutter machen und ſelbſt darüber erröthen? „Nein! nein!“ ſagte Michel zu ſich ſelbſt in dieſen Augenblicken, wo er ſeltſamer Weiſe auf die Stimme der geſunden Vernunft hörte.„Nein, nein! meine Empfind⸗ lichkeiten, meine Befürchtungen, mein Entſchluß, zu leben, wie ich lebe— in der Vereinzelung, in der Trägheit und im Grame, fern von Allem, was ich liebe, ſind eben ſo viele große Tollheiten! ſchwarze Undankbarkeiten! Wie! ich habe das Glück hier unter meiner Hand; es hängt von mir ab, morgen zu Meiſter Fortuné zurück⸗ zukehren, alle Arme bei meiner Ankunft geöffnet zu ſehen, und ich zögere, ich unglücklicher Rarr, der ich bin!... Ach! fühlte ich in dieſem Augenblick nicht meinen Geiſt ein wenig getrübt, ich ginge auf der Stelle, und fiele meiner Mutter, meinem Großvater um den Hals!. Wie glücklich wären ſie über meine Rückkehr!. Und Camille, wie groß wäre ihre Freude! Ich drei⸗ facher Thor, der ich bin! Ah! es iſt beſchloſſen, mor⸗ gen ſchon kehre ich zu ihnen zurück, und wie lachend wird unſere Zukunft ſein!“ Michel, der ſich immer mehr bei dieſem Gedanken exaltirte, trat ſodann in die Welt ohne Gränzen der glücklichen Viſionen ein, deren Reflex noch ſeine Träume vergoldete, als er allmälig dem Schlafe nachgab.. Doch das Erwachen aus dieſem Schlafe war bitter, ſeine Entſchlüſſe vom vorhergehenden Tage, von denen er eine unbeſtimmte Erinnerung bewahrte, ſchienen ihm aufs Neue ſchlimm, entwürdigend, unausführbar, und er ſchwebte ſo unabläſſig zwiſchen der Hoffnung des vorhergehenden Tags und der Verzweiflung des anderen Tags! Dies waren das Geheimniß und die Urſache von dem, was der Commis des Magazins die Völlerei und die Faulheit von Michel nannte; eine ſcheinbar ſchlimme Aufführung, die, verbunden mit der außer⸗ Die Familie Iouffroy. m. 3 34 ordentlichen Geſchicklichkeit des jungen Mannes, den Be⸗ ſuch von Angelo Grimaldi mottvirte. Die Manſarde, welche Michel in ſeinem Hotel garni bewohnte, war elend ausgeſtattet mit einem ſchlechten Beite, zwei Stühlen, einer alten Commode und einem hinkenden Tiſche. Man ſah in einer Ecke der Stube eine große Anzahl leere Flaſchen; mit einer zerriſſenen Arbei⸗ terblouſe vekleidet, den Bart und die Haupthaare unge⸗ pflegt, war Michel tief traurig; denn ſeit kurzem erſt erwacht, hatte er die Welt lachender Viſionen gegen die Wirklichkeit vertauſcht, die ihm nie ſo troſtlos geſchienen. Er hörte außen klopfen, machte eine Geberde des Er⸗ ſtaunens und der Ungeduld, ſtand auf und öffnete ſeine Thüre Angelo Grimaldi. III. Als Michel einen Fremden von ausgezeichnetem Aeußerem und hoͤchſt elegant gekleidet erblickte, wich er ſehr erſtaunt, daß er einen ſolchen Beſuch empfangen ſollte, zurück. Angelo warf einen raſchen, forſchenden Blick auf das Innere der Manſarde und auf Michel, bemerkte ſein clendes Ausſehen, ſeine finſtere, niedergeſchlagene Miene, die in einer Ecke der Stube ſtehenden leeren Flaſchen, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Trägheit, Völlerei und Armuth! Es iſt hundert egen eins zu wetten, daß dieſer Burſche mir gehört. Ich kenne die Menſchen und ihre Laſter.“ Er wandte ſich ſodann mit einem herzlichen, ver⸗ Weſen an den jungen Handwerker und fragte ihn: Mein Braver, Sie heißen Michel?“ „Sie haben den Knopf von dieſem Stocke gravirt?“ 35⁵ Und er zeigte ihm denſelben. „Ja.“ „Dann, mein Lieber, ſind Sie einer der geſchickte⸗ ſten Graveurs von Paris.“ Nach ſeinen zwei Antworten ſchaute Michel Angelo mit einer ſtarren Reugierde an, die dieſen in Erſtaunen ſetzte und beunruhigte; der junge Goldſchmied hatte ihn nur ein einziges Mal in Deutſchland geſehen, bei jenem Beſuche in den Gärten der Villa Farneſe, wo ihn For⸗ tuns, getäuſcht durch das Aeußere von Angelo, höflich eingeführt hatte. So groß war aber die Schönheit dieſes Elenden, daß man ihn nur ſchwer vergeſſen konnte; Mi⸗ chel erinnerte ſich auch ſogleich ſeiner Züge. Dieſe Er⸗ innerung verurſachte nicht allein die Beharrlichkeit des Blickes, den er auf den Griechen heftete: es waren ſchlimme Gerüchte über ihn nach der Verhaftung ſeiner Gefährten Mauleon und Corbin bei dem von ihnen in Deutſchland projectirten Diebſtahle in Umlauf gekommen; ma ſuchte ihn vergebens in der Umgegend von Meningen, während er in Folge eines geglückten kühnen Streiches mit dem Herzog von Manzanares reiſte; es blieb aber zu jener Zeit außer Zweiſel für die deutſche Polizei, ſowie für Fortuné Sauval und ſeinen Arbeitsgefährten⸗ daß der elegante und ſchöne junge Mann, der Kunſtlieb⸗ haber, der den Goldſchmied gebeten hatte, ſich ſeiner Ge⸗ ſellſchaft anſchließen zu dürfen, nichts Anderes war, als ein Verbrecher, der flüchtige Mitſchuldige von Mauleon und Corbin. Ans dieſen verſchiedenen Erinnerungen ſchloß Michel, er habe einen ſehr gefährlichen Menſchen vor den Augen; nachdem er ihn Anfangs aufmerkſam betrachtet hatte, um ſich von ſeiner Identität wohl zu überzengen, hielt er es auch für klug, die Beſorgniß zu verbergen, die in ihm der unbegreifliche Beſuch dieſes Menſchen erregte, und er ſchlug mit einer ziemlich ver⸗ legenen Miene die Augen nieder. Angelo hatte auch nur ein Mal in Meningen den Goldſchmied getroffen, der zu jener Zeit noch ein Jüng⸗ ling war; die Jahre, der Gram, die Gleichgültigkeit ge⸗ gen ſein Aeußeres, der dicke blonde Bart, der ſein Ge⸗ ſicht halb verbarg, machten Michel völlig unkennbar; der Grieche erinnerte ſich ſeines Geſichtes durchaus nicht mehr er hatte auch früher keinen Grund gehabt, ihm eine beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken; jedoch zu ſchlau, zu mißtrauiſch, um nicht betroffen zu ſein von der durchdringenden Starrheit des erſten Blickes des jungen Graveur, und entſchloſſen, ſich über dieſen Punkt Aufklärung zu verſchaffen, ehe er das Geſpräch fortſetzte, ſagte er lächelnd: „Mein wackerer Junge, man ſollte glauben, Sie haben mich irgendwo getroffen?“ „Ich, mein Herr? nie.“ „Ahl man ſchaut Jemand, den man zum erſten Male ſieht, nicht ſo an.“ „Dieſer Menſch mißtraut mir, er wird mir doppelt verdächtig,“ dachte Michel.„Beruhigen wir ihn, um zu erfahren, worauf er abzielt.“ Und er ſprach laut: „Mein Herr, als Graveur zeichne ich nicht nur Verzierungen, ſondern auch Geſichter. Ohne Ihnen ein Compliment machen zu wollen... Ihr Geſicht iſt mir als Typus aufgefallen. Ich habe Sie vielleicht zu auf⸗ merkſam angeſchaut.. das iſt das Ganze.“ Dieſe Antwort ſchien Angelo aufrichtig; mehr als ein Mal hatte er bemerkt, daß die Vorübergehenden einen Augenblick ſtehen blieben, um ihn erſtaunt über die Voll⸗ kommenheit ſeiner Züge zu betrachten; da er alſo glaubte, er ſei Michel unbekannt, ſo fuhr er fort: „Sie ſchmeicheln mir, mein lieber Freund; ich wußte nicht, daß mein Geſicht die Aufmerkſamkeit eines Künſt⸗ lers zu erregen verdiente; ſprechen wir aber von etwas Anderem. Ich komme, um Ihnen Arbeit anzutragen.“ „Ich danke. Ich habe genug Arbeit“. . 37 „Oh!„geſtehen Sie, daß Sie der Arbeit den Müßiggang und die Flaſche vorziehen. Sie haben hierin, beim Teufel! wüthend Recht.“ „Wahrhaftig?“ „Man hat immer Recht, zu thun, was einem be⸗ liebt. Zum Teufel mit der Moral!“ „Das iſt bequem.“ „Und beſonders angenehm! Wenig oder gar nicht arbeiten, viel genießen, das iſt meine Philoſophie; es iſt die gute!“ „Worauf zielt dieſer Menſch mit ſeiner Uebelthäter⸗ theorie ab?“ fragte ſich Michel immer mehr erſtauntz „wir wollen uns die Miene geben, als dächten wir wie er: er wird ſich ohne Zweifel ganz eröffnen.“ Und er ſagte zu Angelo: „Auf das Beſte leben, ohne zu arbeiten.. es kann allerdings nichts angenehmer ſein: doch wie das machen?“ „Sagen Sie mir, Sie ſind ein vollendeter Meiſter im Graviren der Zierathen; die Arabesken von dieſem Stockknopf zeugen von Ihrem Talente. Können Sie die Buchſtaben graviren?“ „Ja, mein Herr.“ „Vortrefflich. Hier iſt vor Allem eine Armſpange, in welche ich zwei Namen und ein Datum graviren zu laſſen wünſchte; die Namen ſind: Angelo und Au⸗ relie, das Datum der 20. Juni 184. Meningen. Ich will das Ganze ſchreiben, damit Sie es nicht ver⸗ geſſen.“ So ſprechend, riß der Grieche ein Blatt aus ſeinem Notizbuche und ſchrieb darauf die Namen und das Datum. Die Unruhe und die Neugierde von Michel nahmen immer mehr zu; er kannte die tiefe Zuneigung von For⸗ tuné Sanval und ſeiner Frau für Aurelie von Villeta⸗ neuſe, trotz ihrer Fehler, und wußte, wie ſehr ſie es beklagten, ihre Spur verloren zu haben, da ſie immer noch die Ungückliche zum Guten zurückzuführen hofften. Rach den Namen und dem Datum aber, wie ſie An⸗ 3 gelo auf die Armſpange wollte graviren laſſen,— ein Da⸗ tum und eine Ortsbezeichnung vollkommen mit dem Au⸗ fenthalte der Gräfin in Deutſchland übereinſtimmend,— konnte Michel kaum mehr an den zärtlichen Beziehungen zweifeln, welche zwiſchen dem Uebelthäter und Aurelie beſtanden. Erſchrocken über dieſe Entdeckung, dachte Mi⸗ chel, der für ſeinen ehemaligen Meiſter ebenſo viel Liebe, als Zuneigung hegte, er könnte dieſen vielleicht in den Stand ſetzen, Frau von Villetaneuſe wieder aufzufinden und ſie dem verderblichen Einfluſſe zu entziehen, den Angelo auf ſie üben mußte, ſollte es ihm, Michel, gelingen, die Anträge dieſes Elenden bis zum Ende anhörend, ſeinen Aufenthaltsort, den die Gräfin ohne Zweifel mit ihm theilte, kennen zu lernen; er ſagte auch zum Griechen: „Die Arbeit, die Sie mir antragen, wird ſich auf das Graviren dieſer Armſpange beſchränken?“ „Nein, ich wünſchte nur eine Probe von Ihrer Ge⸗ 7 ſchicklichkeit im Graviren der Buchſtaben zu haben, und entſprechen Sie meiner Erwartung, wie ich nicht be⸗ zweifle, ſo werde ich Sie mit einer ſehr wichtigen Ar⸗ beit beauftragen; ſie dürfte Sie höchſtens drei bis vier Tage beſchäftigen, doch man würde Sie ſo reichlich be⸗ zahlen, daß es Ihnen durch dieſe Belohnung geſtattet wäre, fünf bis ſechs Monate nichts zu thun; ſo, mein Braver, würden Sie nicht nur Geld genug verdienen, um ſich Ihrem lieben Müßiggange hinzugeben, ſondern Sie könnten auch, ſtatt in dieſem Loche, bequem wohnen, Ihre alte Blouſe durch feine Kleider erſetzen, ſtatt Ihres ſchweren blauen Weines Nectar von Macon oder Cham⸗ pagne ſchlürfen, und dies in einem abgeſonderten Cabinet, mit einem hübſchen Mädchen an der Seite, ſollten Sie lieber in heiterer Geſellſchaft trinken.“ „Oh! mein Herr, Sie treiben Ihr Geſpötte mit einem armen Arbeiter„ 39 „Ich ſpreche im Gegentheil ſehr im Ernſte, mein wackerer Junge.“ „Sie wollen mich glauben machen, es würde für mich genügen, vier bis fünf Tage zu arbeiten, um.. „Um ſechstauſend Franken zu verdienen.. iſt das genug?“ „Sechstauſend Franken!“ „Ich garantire Ihnen dieſe Summe.“ „Sechstaufend Franken Belohnung für eine Arbeit von drei bis vier Tagen?“ „Ja, und ſobald Sie beim Werke ſind, gebe ich Ihnen dreitauſend Franken Vorſchuß.“ „Das kann ich gar nicht begreifen... Sie tragen mir, ſagen Sie, eine Gravirarbeit an?. „Nichts Anderes.“ „Und dieſe Arbeit würde mir ſechstauſend Franken bringen?“ „Vielleicht ſogar mehr, wenn ich mit Ihnen zufrie⸗ den bin.“ „Von welcher Art iſt dieſe Arbeit?“ „Es iſt eine ſehr delicate Arbeit; ich muß geſtehen, ſie hat ihre Gefahren... „Ah!. man läuft dabei Gefahr?“ „Sonſt würde man Sie nicht ſo theuer bezahlen.“ „Um was handelt es ſich?“ „Es handelt ſich um ein Rachahmen.“ „Was iſt nachzuahmen?“ „Eine reizende engliſche Vignette, die Fortuna vorſtellend.. ſie hat in England und in anderen Län⸗ dern Furore gemacht... „Das Nachahmen dieſer Gravüren hat alſo ſeine Gefahren?“ „Einige Monate Gefängniß im ſchlimmſten Falle. doch ich habe meine Vorſichtsmaßregeln getroffen; ich bin klug man kann hundert gegen eins wetten, daß wir nicht entdeckt werden.“ „Ja, doch das Gefängniß. Tenfelh das Gefängniß „Vorurtheil. mein Braver! Würden Sie ſich durch ein paar Monate Gefängniß entehrt glanben? Man findet da kreuzfidele, in der Moral wenig ängſtliche Kerle die Zeit vergeht raſch in ihrer Geſellſchaft; Sie verlaſſen den Kerker, die Freiheit dünkt Ihnen tauſend⸗ mal theurer, und mittelſt des göttlichen Geldes vergeſſen Sie bald Ihre Gefangenſchaft.“ „Im Ganzen wer nichts wagt, der gewinnt auch nichts!“ „Alſo mein Junge Sie nehmen es an?“ „Nun nein Herr. ſechstauſend Franken für drei bis vier Tage Arbeit.. Ah! wo iſt dieſe Vignette?“ „An einem Orte, wo Sie in vollkommener Sicher⸗ heit zum Werke ſchreiten können.“ „Ich ſoll mich alſo nicht hier mit dieſer Arbeit be⸗ ſchüftigen?“ „Nein.“ „Wo werde ich dann arbeiten?“ „Bei mir. Man wird Sie durchaus nicht ſthren; ich gebe Ihnen ein Zimmer, das Sie nur verlaſſen, wenn Sie unſere Nachahmung beendigt haben; je eher Sie damit fertig ſind, deſto früher werden Sie frei ſein.... Doch Sie müſſen dieſe Arbeit ſo bald als möglich an⸗ fangen heute noch. „Das iſt ſehr bald.“ „Was liegt Ihnen daran? „Wo wohnen Sie, mein Herr?“ „Ich wohne.. Doch er unterbrach ſich ſeiner Gewohnheit des Mißtrauens nachgebend und ſagte nach kurzem Ueber⸗ legen: „Finden Sie ſich bei Einbruch der Nacht bei der 41 de Monceaur ein. Sie wiſſen, wo dieſe Ich werde ſelbſt kommen, oder Jemand ſchicken, um Sie abzuholen; dieſe Perſon wird Sie fragen, ob Sie der Graveur ſeien... Sie können ihr in vol⸗ lem Vertrauen folgen.“ „Sehr gut, mein Herr, ich werde bei Einbruch der Nacht am bezeichneten Orte ſein.“ „Sie ſind ein wackerer Junge... Sie ſollen mit mir zufrieden ſein... Vergeſſen Sie nicht, mir die Armſpange zu bringen, nachdem ſie die beſprochenen Worte darauf gravirt haben.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Unterlaſſen Sie es nicht; ich will noch heute Abend dieſe Armſpange anbieten.“ „Ihrer Geliebten?“ „Sie ſind ein ſcharfſinniger Kopf!“ „Eine leichte Scharfſinnigkeit, mein Herr; ein Frauenname und ein Mannsname... „ Dabei ein Datum, von dem Sie ohne Zwei⸗ fel glauben, es ſei mir koſtbar im Andenken; das ge⸗ nügte, um Sie auf den Weg meines Liebesgeheimniſſes zu bringen. Sie haben alſo errathen: die Armſpange iſt für meine Geliebte beſtimmt; ich rechne auch auf Ihre Eilfertigkeit.“ „Heute Abend, mein Herr, werde ich Ihnen die rmſpange bringen.“ „Alſo. bei Einbruch der Nacht an der Barrisre de Monceaux,“ wiederholte Angelo. Und er entfernte ſich. „Es iſt kein Zweifel,“ ſagte Michel zu ſich ſelbſt, als er allein war,„dieſer Elende iſt öhne Zweifel der Liebhaber von Frau von Villetaneuſe. Er läßt auf die Armſpange die zwei Namen: Angelo, Aurelie, gra⸗ viren, ſo wie den Namen der Stadt Meningen, und ein Datum, das ſich auf die Reiſe nach Deutſchland be⸗ zieht, wo Meiſter Fortuns ſeine Couſine als die Ge⸗ liebte des Prinzen wiederfand.. Sie kannte alſo Angelo zu jener Zeit? Nein, das iſt unmöglich, da ſie mit einem Herzog abgereiſt iſt, wie uns ſpäter mein Meiſter erzählt hat... Gleichviel!.. In welchen Ab⸗ grund der Erniedrigung iſt dieſe junge Frau gefallen!. Sie!. ſie, Buhlerin!.. Ach! meine Mutter iſt auch Buhlerin geweſen!.. Dieſe Erinnerung iſt meine Schande und mein Unglück!.. Oh! denken wir jetzt nicht hieran!! Was iſt zu thun? Dieſer Menſch erbietet ſich, mir mit ſechstanſend Franken das Nachmachen einer engliſchen Vignette zu bezahlen... Das iſt eine Falle, eine Lüge! Es iſt erlaubt, die engliſchen Stiche nachzu⸗ ahmen, ohne daß man dabei das Gefängniß wagt. Er wäre ein Narr, wenn er eine ſolche Reproduction ſo ungeheuer belohnen würde... Es handelt ſich offenbar um ein verdächtiges Werk. Was iſt das? Dieſer Menſch hält mich für trunkſüchtig, faul, geſunken. er wollte mich durch den Köder des Geldes verführen; ich habe mir den Anſchein gegeben, als nähme ich ſeinen Antrag an, er mißtraut mir nicht: heute Abend werde ich ſeine Wohnung kennen lernen. Oft hat mein Großvater zu mir geſagt:„„Es iſt das lebhafteſte Verlangen von Meiſter Fortuné und ſeiner Frau, die Spur von Frau von Villetanenſe wieder aufzufinden, um es zu verſuchen, ſie zum Guten zurückzuführen... und Herrn und Madame Jouffroy ein Aſyl anzubieten*).“ Der Zufall meines Zuſammentreffens mit dieſem Menſchen gibt mir vielleicht *) Bei der Offenbarung von Mauleon hatte Michel plötzlich das Haus von Fortuns Sauval verlaſſen, ohne zu wiſſen, daß von dieſem und dem Vetter Rouſſel Herr und Madame Jouffroy aufgefunden und aufge⸗ nommen worden waren. 43 Gelegenheit, meinem ehemaligen Patron einen großen Dienſt zu leiſten, indem ich ihn von dem Orte unterrichte, wo ſich Frau von Villetaneuſe nun befindet. Da ſie ohne Zweifel keine Ahnung von den verbrecheriſchen Lebens⸗ vorgängen von Angelo hat, ſo wohnt ſie wahrſcheinlich bei ihm. Ich kann mir hierüber Sicherheit verſchaffen, wenn ich mich heute Abend in die Wohnung dieſes Elen⸗ den unter dem Vorwande der verdächtigen Arbeit, die er mir anträgt, begebe. Erlange ich Gewißheit, ſo ſchreibe ich an Meiſter Fortuné, um ihm mitzutheilen, in welche Hände ſeine Couſine Aurelie gefallen iſt, denn es iſt viel⸗ leicht noch Zeit, ſie denſelben zu entreißen; ich würde ſo theilweiſe meine Schuld der Dankbarkeit gegen mei⸗ nen Wohlthäter abtragen. Welche Zukunft war mir von ihm vorbehalten!. Wie groß wäre mein Glück gewe⸗ ſen ohne dieſe entſetzliche Offenbarung!.. Ah! fern von mir ſeien dieſe Gedanken ſie bringen mich in Verwirrung... Wir wollen kalt überlegen. Was wage ich, wenn ich zu dem Rendez⸗vous gehe, das mir dieſer Menſch gegeben hat? Kann ich nichts in Bezieh⸗ ung auf Frau von Villetaneuſe und ihre Familie entde⸗ cken, ſo werde ich es wenigſtens verſucht haben, Meiſter Fortuné einen Dienſt zu leiſten. Was das mir ange⸗ tragene verdächtige Werk betrifft.„ Niemand ver⸗ möchte mich zu einer Arbeit zu zwingen, welche auszu⸗ führen ich mich weigern würde... Es iſt entſchieden, ich werde heute Abend an den verabredeten Ort gehen; und in Erwartung der Stunde wollen wir, um jeden Ver⸗ dacht zu entfernen, auf die Armſpange die Worte und das Datum: Aurelie,— Angelo,— Meningen, — Juni 184*, graviren. 4⁴ W. Am Ende des Quartier der Batignolles und völlig getrennt von den letzten Wohnungen dieſer Vor⸗ ſtadt, ſah man ein Haus von traurigem Anſchein, leicht gebaut wie die meiſten Häuſer dieſes modernen Quar⸗ tiers; es war bedeutend in Verfall; Gras und Ge⸗ ſträuche bemächtigten ſich der Gänge des mit hohen Mauern umgebenen Gartens und bedeckten halb die ge⸗ trennten Platten einer zur Thüre der Wohnung führen⸗ den Freitreppe, wohin man kam, nachdem man eine ziemlich lange, gegen ein Gitter zulaufende Allee durch⸗ ſchritten hatte. Einige Stunden nach der Unterredung von Michel und Angelv trat dieſer in Begleitung von Frau von Villetaneuſe, welche mit der höchſten Eleganz gekleidet war, in das vereinzelte Haus ein, öffnete das Gitter mittelſt eines Schlüſſels, den er bei ſich trug, und ſtieg, gefolgt von der jungen Frau, die Stufen der Freitreppe, ſodann die einer zum erſten Stocke führenden Treppe hin⸗ auf und gelangte in ein großes, kaum meublirtes Zimmer. Die Vereinzelung, die unheimliche Stille dieſes Hauſes, ſein faſt finſterer Anblick, der Verfall des Zim⸗ mers, wo ſie von Angelo eingeführt worde ten einen lebhaften Eindruck auf die Gräfin. „Mein Freund,“ ſprach ſie zu ihrem Begleiter,„was für ein trauriges, abſcheuliches Haus iſt dies? Bei wem ſind wir denn?“ „Wir ſind in Californien, meine Angebetete.“ n war, mach⸗ „Dieſes Haus ein Caliſornien? Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Sage mir liebſt Du mich?“ „Angelo!“ 45 „Ich habe in der That die Frage ſchlecht geſtellt„ Fühlſt Du Dich fähig, mich zu lieben, ſelbſt wenn?. „Selbſt wenn?“ „Ja, was ich auch thun mag? wer ich auch ſein mag? Ich ſpreche ſo mit Dir, Aurelie, weil für mich der Tag, Dir eine ernſte Offenbarung zu machen, ge⸗ kommen iſt. Dieſe Offenbarung muß ich Dir nothwen⸗ dig hier machen.. hier in dieſem vereinzelten Hauſe; „ Du wirſt ſogleich erfahren, warum.“ „Du fragſt mich, Angelo, ob ich im Stande ſei, Dich zu lieben, ſelbſt wenn? was Du auch thun mögeſt?“ „Ja.“ „Dieſe Frage ſcheint mir überflüſſig ſeit unſerer Reiſe nach Bordeaux.“ „Ohne Zweifel iſt dies eine Anſpielung auf den Beweis von Vertrauen, den ich Dir bei dieſer Reiſe da⸗ durch gegeben habe, daß ich Dir ſagte, Mauleon und ich ſeien Griechen, und Du werdeſt die Sirene ſein, welche unſere Tölpel anzulocken habe.“ „Ich habe dieſe Rolle angenommen, Angelo. Ich Dich, ſelbſt wenn, und was Du auch thun magſt.“ „Zwei Worte noch über dieſe Reiſe, um für Dich unſere gegenwärtige Lage wohl herauszuſtellen. Unſere Geſchäfte gingen auf das Beſte, das Lanzknecht war für uns die Henne mit den goldenen Eiern; doch wir erfuh⸗ ren, man beargwohne unſere Induſtrie. Man wartete offenbar nur auf den Angenblick, um uns auf der That zu ertappen. Dieſem kritiſchen Augenblicke zuvorkom⸗ mend, machten wir uns auch kluger Weiſe aus dem Staube. Wir, Manleon und ich, theilten unſeren Nutzen; er ging ſeinerſeits, wir gingen unſererſeits, und wir ſind heute bei unſeren leßten tauſend Franken.“ „Müſſen wir unſere reizende Wohnung verlaſſen? auf unſern Luxus verzichten? uns darein fügen, armſelig 46 in dem Hauſe zu leben, wo wir ſind? Die Reſignation wird mir bei Dir, Angelo, leicht ſein.“ „Ach! wir müſſen uns darein fügen, ungeheuer viel Geld auszugeben! es buchſtäblich zum Fenſter hin⸗ auszuwerfen! Du mußt Dich in die blendendſten Toi⸗ letten, in den ausſchweifendſten Prunk fügen! denn ich wiederhole Dir: dieſes Haus mit ſeinem traurigen Aus⸗ ſehen iſt ein Californien!.. Um jedoch die Schätze zu genießen, die es enthält, mußt Du mich lieben, ſelbſt wenn. Du mußt meine Projecte kennen lernen, Du mußt erfahren, wer ich bin... „Was willſt Du damit ſagen?“ „Als ich Dich zum erſten Male in Deutſchland traf, galt ich in Deinen Augen und in denen des Herzogs für einen italieniſchen Geächteten.“ 1„Allerdings.“ „Ich bin kein Italiener. ich bin nie geächtet geweſen.“ „Gut Waos liegt mir nun hieran?“ „Warte Als ich Dich bei Clara wiederſah, und auf unſerer Reiſe nach Bordeaux ließ ich Dich in demſelben Irrthum hinſichtlich meiner Geburt und meines vergange⸗ nen Lebens; ich habe Dir nur geſtanden, ich ſei Grieche geworden.. Dieſe Enthüllung war für mich der Probirſtein Deiner Liebe, Aurelie.. Von dieſem Tage an haſt Du angefangen, mich unter jeder Bedin⸗ gung zu lieben. Das hat mich zuerſt eben ſo ſehr ent⸗ zückt, als in Erſtaunen geſetzt.“ „Woher kam Dein Erſtaunen, Angelo?“ „Du glaubteſt nur, ich ſei geächtet, unglücklich! und Dn erfuhrſt, ich„ „Du betrügeſt im Spiele nicht wahr?“ „Das iſt das Wort„„ „Unter uns geſagt, eine Empfindlichkeit wäre von mir ſonderbar geweſen.“ „Warum ſonderbar?“ 47 „Eine Frau, die ſich zweimal verkauft hat, iſt nicht berechtigt, einen Mann zu verachten, der im Spiele be⸗ trügt... Dau liebſt mich trotz meiner Schande, Angelo; . ich liebe Dich trotz Deiner Schmach: das iſt die Fatalität unſeres Geſchickes.“ „Dieſe entſchiedenen Worte ſind ein gutes Vorzei⸗ chen Ich kann Dir nun mein Leben erzählen. Vor ein paur Jahren warſt Du noch nicht reif genng für eine ſolche Erzählung.“ „Ich habe ſeit einem Jahre erſchreckliche Fortſchritte gemacht.“ „Ja, Du biſt die Frau geworden, die ich brauche. Hältſt Du muthig eine letzte Prüfung aus, ſo kann uns keine menſchliche Macht trennen.“ „Bedenke wohl, Angelo, ich habe nur noch Dich auf der Welt.“ „Ich bedenke es, und hierauf beruht meine Hoff⸗ nung. Erfahre alſo, wer ich bin. Ich heiße Jerome Chauſſard! Ein gemeiner Name! welchen Einfluß hat er auf mein Geſchick geübt! Ich bin in Paris ge⸗ boren; mein Vater war Intendant des Marguis von Chaumont, eines gewaltig reichen Mannes. Er ließ mich die Etziehung ſeines Sohnes theilen, und ich war beſtimmt, ſpäter ſein Secretaire zu werden. Durchdrun⸗ gen von der Niedrigkeit meiner Lage, fleißig, aufmerk⸗ ſam, machte ich taſce Fortſchritte in den meiſten Stu⸗ dien; ſie hielten mich nicht ab, mich auch den angeneh⸗ men Künſten zu widmen; ich hatte Neigung für das Zeichnen, eine hübſche Stimme; mit fünfzehn Jahren galt ich für ein kleines Wunder. Eines Tages hatte der Marquis die Phantaſie, den Sohn ſeines Intendanten öffontlich zur Schau zu ſtellen. Man ſpielte oft im Sommer Komödie im Schloſſe Chaumont; einer von den Genoſſen des Hauſes, ein Mann von Geiſt und ein trefflicher Muſiker, componirte bei Gelegenheit eine kleine komiſche Oper; ich gab die Rolle eines Dorf⸗Cherubins, 48 X eines von ſeinen fünfzehn Jahren geplagten jungen Schä⸗ fers. Ich erhielt einen wahnſinnigen Succeß; die ſchö⸗ nen Damen behandelten mich nach der Vorſtellung als ein Kind ohne eine gefährliche Bedeutung, hätſchelten mich wie einen Pudel und ſtopften mich mit Zuckerwerk voll wie einen Papagei. Dies war mein Eintritt in die Welt. Er berauſchte mich Anfangs mit Eitelkeit, ſodann kamen die bittern Reflexionen gerade über das Richtige dieſer Eitelkeit. Trotz meiner Succeſſe, meiner ent⸗ ſtehenden Talente, meines hübſchen Geſichts, blieb ich wie zuvor Jerome Chauſſard, der Sohn eines Inten⸗ danten von gutem Hauſe; meine Anſprüche mußten ſich darauf beſchränken, daß ich Secretaire eines vornehmen Herrn wurde. Ich nahm indeſſen Gewohnheiten der Eleganz und des Luxus an, die meinen Stolz zugleich entzückten und peinigten; ich fuhr(allerdings als Unter⸗ geordneter) im Wagen vom Sohne des Marquis; ich theilte ſeine Vergnügungen: das Schauſpiel, die Jagd⸗ die Reitübungen; ich würde aber immer nur Jerome Chauſſard ſein! Dieſe Perſpective und der gemeine Name, den ich führte, empörten meine Eitelkeit. So erreichte ich ein Alter von achtzehn Jahren. Immer mehr von Reid und Galle zerfreſſen, hatte ich, ohne es zu wiſſen, die Eroberung der erſten Kammerfrau der Marguiſe ge⸗ macht, welche, ein ſehr hübſches Mädchen, die Vertraute der Liebſchaften ihrer Gebieterin war und ſich ihre Ver⸗ ſchwiegenheit und ihre Dienſte mit Gold aufwiegen ließ. Julie(dies war ihr Name) ſammelte ſich ſo etwa drei⸗ ßigtauſend Franken. Der Marquis wurde zum Botſchaf⸗ ter in St. Petersburg ernannt; ich ſollte ihn begleiten, um ihn bei ſeinen Arbeiten als Privatſecretaire zu unter⸗ ſtützen. Dieſe, von ſo vielen Andern beneidete, Stellung dünkte mir elend, knechtiſch und würdig eines Jerome Chauſſard, der nur der Sohn von einer Art von Be⸗ dienten war. Eines Tags ſagte Julie zu mir gerade heraus:„Jerome, ich liebe Sie; ich habe dreißigtan⸗ 49 ſend Franken Vermögen; unſere Herrſchaft muß bald nach Rußland abreiſen laſſen wir ſie abreiſen; wir ge⸗ hen mit einander aus dem Hauſe und führen in Paris ein luſtiges Leben.“ Dieſer Plan entzückte mich; ich war ſehr ſchüchtern; die Zuvorkommenheiten von Julie machten es mir bequem. Alſo geſagt, gethan! Mein Vater war ſeit einiger Zeit dem Marquis nach Rußland vorausgereiſt, um das Haus des zukünftigen Botſchafters einzurichten; die Marquiſe und ihr Sohn ſollten ihn be⸗ gleiten. Ain Tage vor der Abreiſe verſchwand ich aus dem Hotel, mit Hinterlaſſung eines Briefes, in welchem ich dem Marguis ſchrieb, ich wolle nicht nach Rußland gehen, und ich werde beim Militär eintreten. Julie brach einen Streit mit der Marquiſe von Zaune ab, entriß ihr noch eine Summe Geldes durch die Drohung, ſie werde das Geheimniß ihrer Liebſchaften veröffentlichen, wünſchte ihr eine glückliche Reiſe und traf mit mir in meiner Hotel garni zuſammen, wo ſie mir Rendez⸗vous gegeben hatte. Wir fingen an die dreißigtauſend Fran⸗ ken, die ſie beſaß, zu verzehren; ſie ließ ſich Frau von Saint⸗Simon nennen. Oft hatte man mir geſagt, ich habe ein italieniſches Geſicht, ich erinnerte mich meiner Geſchichte von Genua, nahm ohne Umſtände den Namen und den Titel Angelo Marquis von Gri⸗ maldi an und gab für immer den gemeinen Namen Jerome Chauſſard auf. Ich wurde der Liebling der Tables d'hote, die ich mit Julie beſuchte. Nach Ver⸗ lauf von ſechs Monaten waren wir mit unſerem Gelde fertig; als ein Mädchen von Mitteln ſuchte ſie einen Protector und fand einen, der jedoch ſehr eiferſüchtig, ſehr wachſam! Genöthigt, mit Julie zu brechen, ſah ich mich faſt ohne einen Sou auf dem Pflaſter von Paris; und vergnügensſüchtig, unfähig zur Arbeit, an den Lupus, an ein müßiges, verſchwenderiſches Leben gewöhnt, trug ich ſchon ausgetretene Stiefel, abgeſchabte Kleider. Das Die Familie Souffroy. M. 4 4 Elend kam immer näher, der Teufel führte mich in Ver⸗ ſuchung. Ich erblicke eines Tags die herausfordernde Anslage einer Wechslerbude; ich kaufe eine Unze Tabak bei einem Specereihändler, trete bei dem Thalermanne unter dem Vorwande, Münze für ein Fünfhundert Fran⸗ ken⸗Billet von ihm zu verlangen, ein, gebe mir den An⸗ ſchein, als ſuchte ich dieſes Billet in meiner Hoſentaſche, ziehe eine Handvoll Tabak heraus und blende den Wechs⸗ ler; ich bemächtige mich eines Goldrollen enthaltenden Bottichs und mehrerer Tauſend⸗Franken⸗Billets und ent⸗ fliehe glücklich, ohne feſtgenommen zu werden. Sobald die Frucht meines Diebſtahls vergeudet war, wollte ich aufs Neue denſelben Streich verſuchen; aber diesmal minder glücklich, wurde ich ergriffen. Ich zählte noch nicht zwanzig Jahre; meiner Jugend und der Protection des Marquis, an den ich ſchrieb, der jedoch ſpäter eben⸗ ſo wenig als mein Vater mehr etwas von mir hören wollte, verdankte ich es, daß ich nur zu fünf Jahren Einſperrung verurtheilt wurde; ich brachte ſie im Can⸗ tonsgefängniß von Melun zu; dort vollendete ich meine Erziehungz ich lernte unter anderen Induſtriezweigen bewunderungswürdig falſch Karten ſpielen. In Melun machte ich die Bekauntſchaft von Mauleon; als wir ſpäter nach meiner Freilaſſung wieder zuſammenkamen, unternahmen wir es, die Edelſteine von Fortuné Sauval zu ſtehlen. Dieſes Project führte uns nach Meningen, wo ich Dich traf, Aurelie. Seit jener Zeit kennſt Du mein Leben. Du biſt nun unterrichtet von der Vergan⸗ Lenbti und weißt, wer ich bin; liebſt Du mich immer noch? „Höre mich ebenfalls an, Angelo. Hätte man mir einſt geſagt:„„Du wirſt in Deinem Leben eine tiefe, unwiderſtehliche, verhängnißvolle Liebe fühlen, ſie wird von Dir mit Leib und Seele Beſitz ergreifen; Du wirſt fortan nicht mehr Dir ſelbſt gehören. und mit einem Blicke wird Dir der Mann, den Du ſo liebſt, ſeinen „ 51 unumſchränkten Willen auferlegen. Doch der Tag wird kommen, wo Du erfährſt, daß der Mann, deſſen Herr⸗ ſchaft Du unterthan biſt, kein durch ſeine Mißgeſchicke intereſſanter Geächteter, ſondern ein ehemaliger Strafge⸗ fangener iſt.. welchen Eindruck wird dieſe Entdeckung auf Dich hervorbringen?.. „Nun, was hätteſt Du geantwortet?“ „Früher hätte ich geantwortet:„„Dieſer Menſch wird Abſchen bei mir erregen, wenn mir ſeine verbreche⸗ riſche Vergangenheit enthüllt wird.. 4 „Und heute, Aurelie?“ „Heute, Angelo?.. Heute, da ich eine um die andere, Schritt für Schritt alle Stufen des Laſters hin⸗ abgeſtiegen bin. heute, da ich hier auf der Stirne die gemeine Narbe von einem Stockſtreiche trage, den mir eine beleidigte Gattin, mich der Verführung ihres Mannes, eines Greiſes, der mich bezahlte, bezüchtigend, verſetzt hat!.. heute, da meine Ausſchweifungen mei⸗ nem Vater den Verſtand verrückt und meine Mutter ins Grab gebracht haben... heute, Angelo, weit entfernt, Dich zu verabſcheuen, weiß ich Dir noch Dank, daß Du mehr entwürdigt biſt als ich!... Eine redliche Frau iſt in der Großmuth ihres Herzens zuweilen glück⸗ lich, eine hohe Stellung demjenigen, welchen ſie liebt, zu opfern ich, ich opfere Dir meine letzten Bedenklichkei⸗ ten ich, ich liebe Dich trotz Deines Verbrechens!“ „Ah! das iſt Liebe!“ rief der Grieche mit einem leidenſchaftlichen Ausdrucke, die entſetzlichen Worte ſeiner Gefährtin erwiedernd.„Ja, unter uns allein findet ſich die beherzte Liebe. Welchen Muth braucht man, um ſich in voller Sicherheit des Gewiſſens und der Achtung zu lieben? Schöne Opfer, die, welchen die ganze Welt Bei⸗ fall klatſcht! Nein, nein! Die Frau, deren Liebe wächſt, ſich ſteigert, ſich exaltirt, gerade wegen der Brandmar⸗ kungen ihres Geliebten und der Gefahren, die ihn be⸗ 52 drohen. dieſe allein weiß zu lieben... dieſe allein liebt mit einer glühenden, entſchloſſenen Liebe.“ „Ich gehöre nun zu dieſen Frauen, Angelo,“ ver⸗ ſetzte die Gräfin mit einer düſtern, entſchloſſenen Miene. Ja, ich gehöre zu dieſen Frauen. Ich habe es di bewieſen, ich werde es Dir auch ferner zu beweiſen wiſſen.“ „Glaube mir, Du wirſt mich nicht undankbar fin⸗ den: ſie iſt nicht minder glühend und entſchloſſen, die Liebe der Männer, welche genug Vertrauen zu ihrer Liebe und zu der ihrer Frau haben, um ihr zu ſagen: „„Ich habe geſtohlen, ich habe getödtet, Du beſitzeſt mein Geheimniß, Du kannſt mich mit einem Worte ins Bagno, auf das Schaffot ſchicken! Ich bin Deiner Willkür an⸗ heimgegeben. Wirſt Du mich verrathen? wirſt Du mich verlaſſen?““ „Dich verrathen, Dich verlaſſen!... Schändliche Feigheit!...“rief die Gräfin von Villetaneuſe bebend unter dem wilden, glühenden Blicke des Sträflings. „Ah! was Du auch thun magſt, was Dir auch begegnen mag, Angelo: Dein Schickſal wird das meine ſein! Zähle auf mich bis zum Ende! zähle auf mich bis zum Tode!“ „Ah! Du biſt nicht mehr allein meine Geliebte, Du biſt auf immer meine Mitſchuldige!“ rief der Elende, indem er Aurelie in ſeine Arme ſchloß und mit dem ent⸗ flammten, faſt magnetiſchen Blicke bedeckte, der die Un⸗ glückliche bezauberte. „Ja, Dein bis zum Ende!“ rief ſie keuchend.„Dein, mein Angelo, bis zum Tode! hörſt Du? bis zum Tode!“ „Und nun, da Du mich unter jeder Bedingung liebſt,“ ſprach Angelo,„vernimm meine Pläne: wir werden uns auf dem Golde wälzen.“ „Wie dies?“ „Du glaubteſt, wir ſeien mit unſern Mitteln zu Ende, und Du ſollſt als vornehme Dame wie früher leben, die Eleganteſten durch Deine Pracht und Deine Schönheit ervrücken.“ „Was ſagſt Du?“ rief die Gräfin, deren Augen beim Gedanken an Prunk und Verſchwendung funkelten. „Iſt das ein Traum?“ „Bei Gott! nein. Nie iſt die Wirklichkeit glänzen⸗ der geweſen! Dieſes Haus, ich wiederhole es Dir, iſt ein Californien, eiue Goldgrube.“ „Erkläre Dich!“ „Ich habe ſeit zwei Monaten dieſe abgelegene Wohnung gemiethet. Mauleon, mir und einem geſchick⸗ ten Manne, der koſtbare Kenntniſſe in der Chemie be⸗ ſitzt, iſt es gelungen, das Papier der engliſchen Bank⸗ noten vollkommen nachzuahmen.. ein Papiergeld, das, weniger bekannt als die Billets der franzöſiſchen Bank, viel leichter anzubringen iſt. Wir hatten einen vortreff⸗ lichen Graveur entdeckt; er iſt vor einigen Tagen.. am Schlage geſtorben, nachdem er eine Platte von die⸗ ſen Banknoten gravirt hatte. Schon hatten wir für mehr als hunderttauſend Franken davon abgezogen.. da zerſprang die Platte. Ich hoffe dieſem Unfalle da⸗ durch abzuhelfen, daß ich für unſere Operation einen andern Graveur erwerbe; er wird uns neue Platten verfertigen. In wenigen Tagen werden wir zwei Mil⸗ lionen in Banknoten beſitzen. Zwei Millionen, meine ſchöne Gräfin!!! Die erſten ſind ſo wunderbar ausge⸗ 54 führt, daß ich heute für einige hundert Louis d'or aus⸗ gegeben habe, indem ich verſchiedene Einkäufe in mehre⸗ ren Magazinen machte, ohne den geringſten Verdacht zu erregen. Es wären übrigens ernſte Gefahren dabei, würde dieſelbe Perſon immer dieſes Papier in Umlauf ſetzen. Es muß überdieß, um keinen Verdacht zu er⸗ regen, von Leuten von guten Manieren ausgegeben wer⸗ den, welche Weltgewandtheit und das Aeußere des Reichtbums haben. Mauleon, ich und eine andere mir unbekannte Perſon, für die er aber ſteht wie für ſich ſelbſt, und die er heute Abend zum Souper hierher bringt(wir ſoupiren heute Abend hier: ich wollte Dir dieſe Neberraſchung bereiten), wir haben das Unterbrin⸗ gen der Banknoten z doch wir müſſen uns beeilen wir ſind nur zu drei, Du wirſt Dich uns anſchließen. 4 „Ich!. „Sewiß. Du wirſt uns eine vortreffliche Hülfe leiſten; eine mit der äußerſten Eleganz gekleidete Frau, welche, wie Du, die Manieren einer vornehmen Dame beſitzt und aus einem mit Wappen geſchmückten Wagen ſteigt(nichts wird uns fehlen), muß den Verdacht bis auf den Schatten beſeitigen. und. Was haſt Du Aurelie?.„Du erbleichſt. „Es iſt wahr.. Schau mir ins Geſicht!“ „Ich bitte Dich inſtändig, ärgere Dich nicht. 8 „Du haſt Angſt.“ „Angelo.“ „Du befürchteſt, Dich zu gefährden.“ „Ich, war nicht gefaßt auf dieſen Vorſchlag 5 und. „Du biſt ſehr feig⸗ Aurelie! 10 „Feig!. nein, doch. „Elende! vergiſſeſt Du ſchon Deine Worte 2 Haſt Du mir nicht geſagt:„Was Dir auch begegnen mag, 1 55 Dein Schickſal wird das meinige ſein.““ Oh! nimm Dich in Acht! Du wirſt meine Mitſchuldige! oder In dem Augenblicke, wo Angelo dieſe Worte mit einer drohenden Miene ausſprach, war es beinahe völlig Nacht geworden; die Thüre des Zimmers wurde geöff⸗ net, und Robert, einer von den Genoſſen der Fälſcher, ein kleiner Menſch mit einem kahlen Schädel und einer gemeinen, verſchmitzten Phyſiognomie trat, eine Kerze in der Hand haltend, ein. „Unſer Mann iſt da,“ ſagte er zu Angelo.„Ich habe ihn pünktlich am beſtimmten Orte bei der Barriére de Monceaux getroffen. Ich bringe ihn. „Iſt Mauleon hier?“ „So eben iſt er mit ſeinem Freunde angekommen. Sie haben in einem Wagen Werkzeug und Eßwaaren um Abendbrod gebracht, denn in dieſem Teufelshauſe ſnet ſich weder ein Glas, noch ein Teller... Nun! man miß ſich in die Umſtände ſchicken... Ich habe einen Tigershunger, und 4 Frau von Villetaneuſe bemerkend, unterbrach ſich Robert; er grüßte ſie und ſagte zn Angelo, an den er ein Zeichen des Verſtändniſſes richtete: „Das iſt Madame?“ „Ja.“ „Sie kennt unſere Operation?“ „Allerdings.“ „Vortrefflich!“ verſetzte Robert, ſich die Hände rei⸗ bend.„Oh! vortrefflich, mein Lieber. Man wird eher daran denken, die Schönheit Ihrer bewunderungswür⸗ digen Geliebten anzuſtaunen, als unſere Banknoten zu unterſuchen. Madame iſt für uns Goldes werth.“ „Aurelie,“ ſagte ungeſtüm Angelo, indem er vom Kamine eine Kerze nahm, die er anzündete und der Gräfin gab,„erwarte mich im anſtoßenden Zimmer; gehe durch dieſe Thüre, ich folge Dir bald. Sie, Ro⸗ bert, laſſen Sie unſern Mann eintreten. Wir haben 56 hier das Werkzeug vom anderen Graveur; ſein Nachfol⸗ ger muß ſchon heute Abend zur Arbeit ſchreiten, und er wird das Haus nicht eher verlaſſen, als bis er, wohl oder übel, die Platten gravirt hat.“ „Beim Teufel! wenn er ſich weigerte, wir würden ihn wohl zu zwingen wiſſen.. er iſt hier wie in einem Gefängniß,“ fügte Robert bei, indem er das Zimmer verließ. Aurelie, welche, ſeitdem man ihr den Vorſchlag der Theilnahme am Ausgeben von falſchem Gelde gemacht, bleich wie ein Geſpenſt geworden war, blieb unbeweg⸗ lich, mit ſtarrem Blicke; ſie zitterte dergeſtalt, daß die Kerze, die ſie hielt, in ihrer Hand ſchwankte. „Ha! feiges Weib!“ ſagte Angelo mit einem ver⸗ letzenden Lächeln;„ha! weichliches Geſchöpf! ich habe mich in Dir getäuſcht!... Du möchteſt gern unſere Schätze genießen, ohne unſere Gefahren zu theilen!“ „Angelo! ich beſchwöre Dich, höre mich an.“ „Welch ein Unterſchied iſt zwiſchen Dir und der kleinen Bayeul!... Sie wäre nicht zurückgewichen! ſie iſt beherzt! Oh! wenn ich ſie wiederfinde.. „Sprich nie den Namen dieſes entſetzlichen Weibes aus!“ rief die Gräfin bebend vor Eiferſucht und Haß; „Du würdeſt mich wahnſinnig machen... und... „Schweig, man kommt!“ erwiederte lebhaft Angelo, als er die Tritte von Michel hörte. Und er ergriff die Gräfin ungeſchlacht beim Arme, bezeichnete ihr durch die Geberde die Thüre eines an⸗ ſtoßenden Zimmers und fügte bei: „Geſchwinde, tritt hier ein... Es iſt unnöthig, daß dieſer Menſch Dich ſieht; ich werde Dir bald fol⸗ gen, und biſt Du immer noch ſo feig wie in dieſem Augenblick, ſo zerſchlage ich meinen Stock auf Dei⸗ nem Rücken und ſehe Dich in meinem Leben nicht wieder!“ Ganz beſtürzt bei dieſer gemeinen Drohung, ent⸗ —— 57 fernte ſich Aurelie nach dem Befehle des Sträflings aus dem Zimmer, jedoch nicht raſch genug, um den Blicken von Michel zu entgehen. Dieſer, den Robert eingeführt hatte, bebte, als er Frau von Villetanenſe in dem Augenblicke erkannte, wo ſie durch eine der Seitenthüren des Zimmers ver⸗ ſchwand. VI. Michel, als er Aurelie erblickte, beklagte es nicht, eine Zuſammenkunft angenommen zu haben, welche in ſeinen Augen immer verdächtiger wurde; er beſchloß, noch an demſelben Abend Fortuné Sauval zu ſchreiben und ihm ſeine traurige Eutdeckung mitzutheilen. Angelo öffnete beide Flügel eines im Hintergrunde des Zimmers angebrachten Alcoven, winkte Michel her⸗ beizukommen, zeigte ihm auf einem Tiſche ausgebreitet alle für einen Graveur nothwendigen Werkzeuge und eine nicht angezündete Lampe, denen ähnlich, deren ſich die Bijoutiers bedienen; man ſah in dieſem Alcoven auch noch ein Gurtbett mit einer Matratze verſehen. „Mein wackerer Junge,“ ſagte der Grieche zu Mi⸗ chel,„hier ſind die Werkzeuge zum Arbeiten, eine Lampe zum Leuchten, ein Bett zum Ruhen.“ „Mein Herr, hier iſt vor Allem die Armſpange, auf die ich nach Ihrem Wunſche die von Ihnen be⸗ Namen und das angegebene Datum gravirt abe.“ Angelo nahm die Armſpange, unterſuchte die Art, wie die Buchſtaben gravirt waren, und ſagte: „Das iſt vortrefflich; ich erwartete nicht weniger von Ihrer Geſchicklichkeit; Sie ſind der Mann, den ich brauche. Zum Werke alſo! Ich erkläre Ihnen, daß Sie nur nach Vollendung Ihrer Arbeit von hier weggehen 58 werden. An Speiſen und gutem Wein wird es Ihnen nicht fehlen; hier ſind die dreitauſend Franken Vorſchuß, die ich Ihnen verſprochen habe,“ fügte Angelo bei, während rer aus ſeiner Taſche ein Portefeuille zog und falſche Banknoten daraus nahm.„Ich gebe Ihnen allerdings engliſche Werthe, doch ich lege großmüthig fünfhundert Franken für das Agio bei.“ Und er warf die Summe auf den Tiſch, öffnete eine Schublade, nahm daraus die Bruchſtücke eines ſtäh⸗ lernen Plättchens, legte es neben eine von den Bankno⸗ ten und ſagte: „Ich habe Ihnen bemerkt, mein Lieber, die Vig⸗ nette ſtelle die Fortuna vor?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie ſehen, daß ich Sie nicht getäuſcht habe.“ „Der Elende!“ dachte Michel mit Erſtaunen und Bangigkeit,„es handelt ſich darum, Banknoten zu ma⸗ chen; ich bin in einer Falſchmünzerhöhle.“ Um ſeine Unruhe zu verbergen und ſich Zeit zu geben, um über die Mittel, wie er aus dieſer Falle entkommen könnte, nachzudenken, ſprach Michel laut: „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr. Ich ſollte nach Ihrem Antrage eine engliſche Vignette, die For⸗ tuna vorſtellend, nachahmen, ich ſehe aber keine Figur auf dieſem Papier.“ „Ei! repräſentirt denn dieſer Papierfetzen nicht fünfzig Pfund Sterling? Was iſt aber die Fortuna Anderes als Geld?“ „Teufel! mein Herr, Sie wollen, daß ich falſches Geld mache?“ „Was liegt daran, wenn man vermöge der Vollen⸗ dung Ihrer Arbeit dieſe falſchen Banknoten annimmt, als ob es ächte wären?“ „Oh! das iſt ein Galeerenfall, mein Herr!“ „Allerdings, wenn der Betrug entdeckt wird; es . 59 hängt von Ihnen ab, daß dies nicht geſchieht: machen Sie die Copie durchaus dem Originale gleichförmig,“ „Ich übernehme nicht eine Arbeit, die mich ſo großen Gefahren ausſetzt, wenn ſie nicht die verſprochene Summe verdoppeln,“ verſetzte Michel, um durch ſeine ſcheinbare Nachgiebigkeit den Verdacht des Fälſchers zu entfernen.„Und ſodann bezahlen Sie mich ohne Zwei⸗ fel in falſchen Banknoten? Ich nehme dieſen Handel nicht an.“ „Geſetzt, ich bezahle Sie in falſchen Banknoten: was iſt dabei Aergerliches, wenn Sie dieſelben gegen gutes, ſchönes Geld wechſeln können?“ „Hiedurch laufe ich noch mehr Gefahr, und das ſagt mir nicht zu... Sie werden mir zwölftauſend Franken in Gold geben.“ „Zwölf tauſend Franken in Gold? Sie ſind ein Narr.“ „Dann guten Abend, ſuchen Sie ſie einen andern Graveur.“ „Ho! ho! mein Lieber, man geht nicht ſo leicht von hier weg, als man eintritt,“ erwiederte Angelo mit einem finſtern, drohenden Lächeln.„Sie beſitzen nun mein Geheimniß und werden dieſes Haus nur, nachdem Sie meine Platte gravirt haben, verlaſſen; Sie wer⸗ den ſo mein Mitſchuldiger, und ich habe nicht mehr zu befürchten, von Ihnen verrathen zu werden.“ „Sie können mich hier zurückhalten, doch Sie wer⸗ den mich nicht zwingen, Ihre Platte zu graviren, wenn ich ſie nicht graviren will.“ „Sie glauben das?“ „Oh! ich fordere Sie heraus, mich zur Arbeit wi⸗ der meinen Willen zu nöthigen.“ „Nun!“ verſetzte Angelo, nachdem er einen Augen⸗ blick geſchwiegen,„wir wollen einen Vergleich treffen. Ich gebe Ihnen fünftauſend Franken in Gold und eine ähnliche Summe in Banknoten.“ 60 „Statt zwölftauſend Franken will ich zehn anneh⸗ men, doch in Gold.“ „Sie ſind furchtbar eigennützig, mein Lieber.“ „Man wäre es, würde man nicht... die Galeeren risquiren!“ „Zehntauſend Franken alſo!“ „In Gold?“ „In Gold, und zahlbar nach Vollendung der Platte.“ „Nein, nein! Sie werden mich bezahlen, wenn ſie zu drei Vierteln fertig iſt, weil es ſodann von mir ab⸗ hängt, ſie nicht zu vollenden, wenn Sie Ihr Verſprechen nicht halten.“ „Welches Mißtrauen!“ „Jeder hat ſeinen Charakter.“ „Gut, es ſei; Sie ſollen nach den Bedingungen, die Sie ſtellen, bezahlt werden. Hier iſt eine präparirte Platte; wann gedanken Sie fertig zu werden?“ „Hm!“ verſetzte Michel, eine von den Banknoten betrachtend;„ich brauche wenigſtens drei bis vier Tage, wenn die Arbeit vollkommen ſein ſoll.“ „Glücklicher Burſche! und nach dieſen drei bis vier Tagen Arbeit welche Schwelgereien, mit welcher Wonne werden Sie ſich Ihrem theuren Müßiggange überlaſſen! Zünden Sie alſo Ihre Lampe an, und zum Werke!“ rief der Sträfling. Und er gab Michel eine Kerze und wandte ſich nach der Thüre. „Ich ſchließe Sie ein,“ fügte er bei,„damit Sie nicht geſtört werden. Guten Abend!“ Angelo ging hinaus und ſchloß doppelt die zwei Thüren des Zimmers. 61 Als Michel allein war, begriff er erſt, jedoch zu ſpät, die ſchwere Unvorſichtigkeit, die er begangen, und er war ganz beſtürzt. „Oh! ich werde nicht einen Augenblick länger hier bleiben!“ rief er.„Ich ſchaudere bei dem Gedanken, daß die Gerichte vielleicht den Elenden auf der Spur ſind. Man könnte dieſes Haus durchſuchen, mich hier finden, mich für einen Mitſchuldigen dieſer Falſchmünzer anſehen! Oh! das iſt entſetzlich! In welche Falle bin ich gerathen! Warum bin ich hierher gegangen! Verflucht ſei mein unſeliges Verlangen, Meiſter Fortuné über das Schick⸗ ſal ſeiner Couſine aufzuklären! Mein Gott! welche Ent⸗ deckung! Frau von Villetaneuſe, die Geliebte dieſes Schurken, vielleicht ſeine Mitſchuldige!! Ach! wenn es noch Zeit wäre, ſie dem Abgrunde zu entreißen! die Fa⸗ milie dieſer Unglücklichen in Kenntniß zu ſetzen! Doch man müßte von hier weggehen... Doppelte Gefahr! denn ertappten ſie mich bei dieſem Entweichungs⸗ verſuche, ſo ſind dieſe Banditen, deren Geheimniß ich be⸗ ſitze, im Stande, mich zu ermorden... Oh! mein Herz ſchlägt... und ich bin doch nicht feig! Auf, keine Schwäche, Entſchloſſenheit, kaltes Blut! ſuchen wir aus dieſer Höhle zu entfliehen!“ Michel unterſuchte ſehr aufmerkſam die Oertlich⸗ eiten. Zuwei Thüren ſtanden mit dieſem Zimmer in Ver⸗ bindung, ihre Schlöſſer waren von Angelo doppelt ge⸗ ſchloſſen worden; es blieb kein anderer Ausweg, als das Fenſter und der Kamin. Michel ſondirte dieſen mit dem Blicke, indem er ſich mit ſeiner Kerze leuchtete. Zum Unglück bildete der ſchwarze Kamin ein paar Fuß über dem Herde einen Winkel; jede Entweichung war auf 62 dieſer Seite unmöglich. Michel öffnete ſachte die Fen⸗ ſter; der Halbmond warf in den Garten und auf die Fagade des Hauſes ein wenig Helle und erlaubte zu er⸗ kennen, daß das im erſten Stocke liegende Fenſter kaum ungefähr zwanzig Fuß über dem Boden erhaben war. Michel hielt ſich für gerettet; Angelo hatte ihm ein zu ſeinem Lager beſtimmtes Gurtbett gezeigt; dieſes Bett mußte, wenn nicht mit Leintüchern, doch wenigſtens mit einer Decke verſehen ſein, und wenn man ſie in Bänder zerſchnitt und dieſe ſodann mit ihren Enden an einander knüpfte, ſo konnte man ſich ihrer als eines Strickes be⸗ dienen und aus dem Fenſter in den Garten hinabſtei⸗ gen, der mit Mauern umgeben war, über die man leicht zu gelangen vermöchte, kletterte man auf einen der Bäume, welche dieſelbe überragten. Michel wurde abermals in ſeiner Hoffnung getäuſcht: er ſand auf dem Gurte des Bettes nur eine Matratze. Zum Fenſter zurückkehrend, gewahrte er ſodann ein ungefähr einen Fuß vorſprin⸗ gendes Karnieß, das an der Facade des Hauſes unter den Fenſtern des erſten Stockes hinlief. Man mußte einer großen Gefahr trotzen, eben ſo viel Muth als Kaltblütigkeit entwickeln, wollte man mit feſtem Fuße auf dieſer ſchmalen Paſſage hingehen, um eines von den nahen Fenſtern zu erreichen, eine Scheibe daran zu zerbrechen, von innen den Drehriegel zu öffnen, in das Haus einzudringen, auf die Treppe, in den Gar⸗ ten zu gelangen, und ſeine Mauern zu erklettern: ein doppelt gefährlicher Entweichungsverſuch, denn der Flücht⸗ ling risquirte, ehe er aus dem Hauſe kam, den Falſch⸗ münzern zu begegen. Die Augenblicke drängten; immer mehr beängſtigt bei dem Gedanken, von der, vielleicht benachrichtigten, Juſtiz in dieſer Höhle verhaftet zu werden und ſich einer Lerbrecheriſchen Genoſſenſchaft bezüchtigt zu ſehen, beſchloß Michel den Gang auf dem Karnieß zu verſuchen, nach⸗ dem er, ſo weit als möglich ſich hinausneigend, bemerkt 63 hatte, daß das anſtoßende Zimmer völlig dunkel war; er ſtieg alſo über die Fenſterlehne und zog ſich ſodann, gleichſam an die Mauer angeklebt, behutſam, Fuß um Fuß, ouf dem Rande des ſteinernen Vorſprungs hin; zum Glück bewahrte ihn die Halbfinſterniß vor einem faſt un⸗ ausbleiblichen Schwindel, indem ſie die unter ihm gäh⸗ rende Tiefe in den Schatten tauchte, und nach fünf bis ſechs Schritten kam er vor ein Fenſter, durch deſſen Scheiben er kein Licht erblickte. Er ſtieß ſachte, aufs Gerathewohl, an die Rahmen, in der Hoffnung, ſie werden vielleicht nicht feſt verſchloſſen ſein; ſie gaben nach, er drang in ein Zimmer ein und fing an in der Finſterniß umherzutappen. Bald machte ſich ſein Blick vertraut mit der Dunkelheit, welche auch ein wenig durch die eindrin⸗ gende ſchwache Helle des Halbmondes zerſtrenut wurde, und er entdeckte eine Thüre im Hintergrunde dieſes aller Mobilien entbehrenden Zimmers, das keinen andern Ausgang hatte; er horchte: eine tiefe Stille herrſchte um ihn her; immer mehr ſich ermuthigend, drehte er langſam den Knopf eines Schloſſes und er befand ſich in einem Gange, wo er nicht auf einen Schritt vor ſich unterſcheiden vermochte; er hielt ſodann an, ſtreckte den Arm nach rechts und nach links aus und begegnete den Wänden der Mauer, und unter dieſer Leitung ſetzte er ſeinen Marſch fort. Plötzlich aber traf eine lebhafte Helle ſeine Augen, er hörte ein Geräuſch von Stimmen und erblickte vor ſich und ganz nahe bei ihm eine Thüre, deren Kämpfer theilweiſe mit Glasſcheiben verſehen war, um dem Lichte Einlaß in dieſen Gang zu gewähren. Michel blieb unbeweglich vor Schrecken ſtehen, denn er wußte nicht, ob die Perſonen, deren Stimmen bis zu ihm gelangten, durch den Gang, in welchem er ſich be⸗ fand, gehen, und ſich in das Zimmer, das er verlaſſen hatte, begeben würden; ſeine Angſt war unnöthig: das Rücken mehrerer Stühle, das ſich bald mit dem Geräuſche der Stimmen vermiſchte, verkündigte, daß diejenigen, 64⁴ deren Gegenwart er befürchtete, niederzuſitzen ſich an⸗ icken. ſ6 Obwohl ein wenig beruhigt, fragte ſich Michel nichts⸗ deſto weniger, wie er aus dieſem Engpaſſe herauskom⸗ men ſollte. Das Zimmer, in das er auf dem gefährli⸗ chen Wege des Karnießes hatte gelangen können, bot kei⸗ nen andern Ausweg, als den Corridor, in welchem er ſtand; um ſeine Entweichung zu vollbringen, mußte er alſo den Abgang oder die Entfernung von denjenigen, deren Stimme er hörte, abwarten. Einer angſtvollen Bewegung der Neugierde nachgebend, ſtreckte er den Kopf bis zur Höhe der im obern Theile der Thüre an⸗ gebrachten Glasſcheiben empor, durch welche ein lebhaf⸗ ter Lichtſtrahl hervordrang. So unſichtbar für die Per⸗ ſonen, die er ſah und hörte, war Michel Zeuge und Zu⸗ hörer der folgenden Scene. VIII. Die Fälſcher ſchickten ſich an, ohne Umſtände und wie man zu ſagen pflegt, auf dem Rande des Ti⸗ ſches zu Nacht zu ſpeiſen. Mauleon hatte am Abend bei Chevet einen Salmen, eine Geflügelgalantine, eine Gän⸗ ſeleberpaſtete, ſechs Flaſchen Champagner und ſchöne Früchte gekauft; einige Kuchen, die er bei Felix genom⸗ men, ſollten das Mahl vervollſtändigen. Das Geräth dieſes improviſirten Abendbrodes beſtand aus einem Du⸗ tzend Gedecken von Scheinſilber, Meſſern, Tellern und ſehr gewöhnlichen Gläſern, Alles am Abend für dieſe Gelegenheit angeſchafft; die Comeſtibilien lagen in ihren paplerenen Hüllen auf einem alten Tiſche ohne Tiſchtuch; der unvollſtändige Service beluſtigte ungemein die Fäl⸗ ſcher, welche bei denplötzlichen Rückkehren ihres verbreche⸗ riſchen Glückes mit Luxus und Comfort zu leben ge⸗ wohnt waren. Drei von ihnen hatten ſich zu Tiſche 65 geſetzt: Mauleon, Robert und der Graf von Villetaneuſe. Der Letztere ſagte in dieſem Augenblick zu Mauleon: „Wahrhaftig, mein Lieber, es iſt äußerſt unſchick⸗ lich, daß wir uns zu Tiſche ſetzen vor der Ankunft der Herrin des Hauſes und Ihres Freundes des Herrn An⸗ gelo Grimaldi, welchem heute Abend mich vorzuſtellen Sie mir die Ehre erweiſen wollen. Mauleon. Seien Sie unbeſorgt, Angelo und ſeine Geliebte werden ſich nicht beleidigt fühlen, unſere ſchöne Wirthin muß bald erſcheinen und richtet wohl nur ihre Haare zuvor noch ein wenig zurecht; die Frauen ſind immer gefallſüchtig. Sie wird überdies gegen Sie nachſichtiger ſein, als gegen jeden Andern. Der Graf von Villetaneuſe. Wodurch kann ich ihre Nachſicht verdienen? Maulleon mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Man iſt immer nachſichtig gegen ſeine alten Freunde. Der Graf. Ich kenne dieſe Dame nicht. Mauleon. Ein Irrthum, mein Lieber.. Sie kennen Sie im Gegentheil ſehr genau. Der Graf. Ich? Mauleon. Sie. Der Graf. Sie nennt ſich, wie Sie mir geſagt haben, Frau von Arcueil? Ich erinnere mich dieſes Namens durch⸗ aus nicht. Die Familie Jvuffroy. M. 5 66 Mauleon. Der Name thut nichts zur Sache. Ich ſage Ih⸗ nen, Sie ſollen eine ſehr intime alte Freundin wieder⸗ ſehen, welche unſtreitig eine der reizendſten Frauen von Paris iſt. Der Graf. Sie ſtacheln meine Neugierde ungemein. Robert. Wir fangen alſo nicht an zu ſpeiſen? Ich habe einen ganz teufelmäßigen Hunger. Mauleon, lachend. Immer von den Meditationen der Wiſſenſchaſt in Anſpruch genommen, bleiben dieſe Gelehrten der Lebens⸗ art ganz fremd. Der Graf. Ah! der Herr iſt ein Gelehrter? Mauleon. Mein Lieber, ich ſtelle Ihnen einen unſerer aus⸗ gezeichnetſten Chemiker vor ich müßte ſagen Alche⸗ miſten, da er der Erfinder des Papieres unſerer Bank⸗ noten iſt und wir durch ihn den wahren Stein der Weiſen erlangt haben. Der Graf, Robert grüßend. Mein Herr, ich bin entzückt, hier einen Gelehrten wie Sie zu treffen. Robert, ſich verbeugend. Mein Herr, ich bin gewiß ſehr empfänglich für Ihre Complimente.. doch ich ſage wie der unſterb⸗ liche Fabeldichter: Die geringſte Schnitte Gänſe⸗ leberpaſtete wäre beſſer für mich. 67 Mauleon. Ah! bernhigen Sie ſich, unerſättlicher Gelehrter. Hier kommen Angelo und ſeine Geliebte. In dieſem Augenblicke treten Angelo und Aurelie ein. Die Gräfin hat ihren Hut abgelegt und erſcheint nur mit ihrem hohen Wellenſcheitel friſirt. Sie hat An⸗ fangs ihren Gatten nicht erkannt, da das Speiſezimmer ſchwach erleuchtet iſt. Der Graf, der, um ſich zu ver⸗ bengen, aufgeſtanden iſt, hat ſeine Frau auch nicht er⸗ kannt; bald aber ſchauen ſich Beide an und beben im tiefſten Erſtaunen. Ein ſchmerzliches Lächeln verzerrt das bleiche Ge⸗ ſicht von Aurelie; das unerwartete Zuſammentreffen mit Henri von Villetaneuſe erweckt in ihr peinliche Erinne⸗ rungen an die Zeit ihrer Ehe, die erſte Urſache ihrer Ansſchweifungen, und durch eine erſchreckliche Rückkehr auf ihre gegenwärtige Lage fühlt ſie doppelt die Ent⸗ würdigung, zu der ſie herabgeſunken iſt. Der Graf, deſſen Sittenloſigkeit ſeiner Unverſchämt⸗ heit gleichkommt, erholt ſich vom erſten Erſtaunen und bricht in ein Gelächter aus.. Mauleon wirft einen ironiſchen Blick auf Angelo, der, ſehr erſtaunt über die Unruhe von Aurelie und die Heiterkeit des Grafen, den Schlüſſel dieſes Räthſels zu ſuchen ſcheint, während Robert eiligſt den Salmen zerlegt. Der Graf, laut lachend. WMeine Frau!!!. ah! bei Gott! der Streich iſt piquant. Angelo, Mauleon anſchauend. Was ſagt er? Mauleon. „ WMein Lieber, ich ſtelle Dir den Herrn Grafen von Villetaneuſe vor, der ſich mit uns für die Unterbringung der Banknoten aſſoeiren will. Er beſitzt, wie ich Dir 68 geſagt habe, und Du ſiehſt es, die für dieſes Geſchäft nothwendigen Eigenſchaften. mit einem Worte die Manieren der beſten Geſellſchaft. Angello, erſtaunt. Herr von Villetaneuſe! Der Graf, der ſich ein Glas Champagner einſchenkt, zu Aurelie. Meine Liebe, ich trinke auf unſer Zuſammentreffen! ich muß geſtehen, es iſt höchſt vriginell... Vergeſſen wir die Vergangenheit, zum Teufel mit dem Groll, und ſeien wir gute Freunde!(Zu Angelo, indem er ihm die Hand reicht.) Meine Frau mußte Ihnen ſagen, mein theurer und ehrenwerther Genoß, daß ich kein Othello war... Laſſen Sie uns zu Nacht ſpeiſen. Robert, mit vollem Munde. Eſſen wir.. eſſen wir. Alle ſetzen ſich zu Tiſche. Ein Augenblick verlegenen Stillſchweigens folgt auf die unedlen Worte des Grafen; die anderen Uebelthäter fühlen, trotz ihrer Verhärtung, was unſelig Providen⸗ tielles in der Wiedervereinigung des Grafen und der Gräfin unter ſolchen Umſtänden liegt. Aurelie wird leichenbleich. Sie iſt tief geſunken, es empört ſich aber Alles in ihr beim Anblicke ihres Gat⸗ ten, welcher hier... unter dieſen Fälſchern ſitzt, deren Mitſchuldige ſie und er zu dieſer Stunde ſind. Michel, der unſichtbare Zenge dieſer Scene, wird von einem unbeſchreiblichen Ekel und Abſcheu erfaßt; er hält ſich für das Spielzeng eines häßlichen Traumes und vergißt die Gefahr; eine Art von erſchrecklichem Zauber feſſelt ihn an ſein Verſteck: er ſchaut und horcht. Der Graf, zu Aurelie. Bei meiner Ehre, meine Theure, Sie ſind immer 4 69 noch von einer bezaubernden Schönheit... Ich ſage mehr: das gewiſſe Etwas... was beweiſt, daß eine Frau gelebt hat, gibt meiner Anſicht nach Ihrer Phy⸗ ſiognomie einen Reiz, der weit den übertrifft, welchen Ihre friſchen, roſigen Wangen und Ihr unſchuldiger Blick zur Zeit unſerer Verheirathung boten; doch ich bitte, bleiben Sie nicht ſo ſtumm und ängſtlich. Die Lage iſt allerdings ſeltſam, aber ich dachte, Sie ſeien genug avancirt, um die Sache anders zu nehmen. Ei! hören Sie, wie wir uns Beide ganz behaglich fühlen werden! Es gibt Länder, England, Amerika zum Bei⸗ ſpiel, wo die Eheſcheidung erlaubt iſt; nehmen wir an, wir ſeien geſchieden, und Sie haben als zweiten Mann unſern ehrenwerthen Genoſſen hier geheirathet. Sogleich wird es uns ganz wohl einander gegenüber ſein. Angelv. Der Gedanke iſt reizend!... Auf, Aurelie, ent⸗ runzeln Sie ſich.. Sie haben heute Abend weder Schwung, noch Laune: dieſer liebe Graf wird glauben, ich mache Sie nicht glücklich. Aurelie. Ich fühle mich ein wenig leidend merken Sie nicht auf mich. Der Graf, zu Aurelie. Ich werde nicht ſo unbeſcheiden ſein, Sie um die Erzählung Ihrer Abenteuer ſeit unſerer Trennung zu bitten, meine Liebe. Was die meinigen betrifft, ſo müſ⸗ ſen Sie dieſelben faſt errathen, da wir uns hier aſſocirt für die Ihnen ohne Zweifel bekannte Operation wieder⸗ nden. Angelv. Aurelie weiß Alles ſie wird vor keiner Gefahr zurückweichen. Sie ſollen Sie beim Werke ſehen, mein 70 lieber Graf; ſie iſt mein Zögling, und ich bin ſtolz hierauf. Robert, mit volem Munde. Das iſt ein vortrefflicher Salm. Der Graf, zu Aurelie. Darf ich Ihnen davon anbieten? Aurelie. Ich danke Ihnen... Schenken Sie mir ein wenig Wein ein, Angelv. Ang elo, einſchenkend. Bravo, meine Liebe! nach ein paar Gläſern Cham⸗ pagner werden Sie die Sprache und die Heiterkeit wie⸗ derfinden. Aurelie. Ich hoffe es. cSie trinkt und ſagt ſodann beiſeit, indem ſie den Grafen mit einer geheimen Entrüſtung anſchaut.) Oh! ich hätte ſterben müſſen, als ich mich aus Liebe für dieſen Menſchen vergiftete! Der Graf. Meine Herren, es iſt etwas Seltſames um das menſchliche Geſchick, wenn man von den Wirkungen auf die Urſachen zurückgeht. Mauleon, den Kopf ſchüttelnd. Oh! die Urſachen. die Urſachen Angelv. Hören Sie, mein lieber Graf, ich wollte wetten, Mauleon ſagt uns, die Urſache der Zerrüttung ſeines Lebens ſei eine gewiſſe Cotherine von Morlac. Er kommt unabläſſig auf dieſe erſte Urſache zurück.„ und„ Der Graf, Angelo unterbrechend und ſich an Manleon wendend. Wie! Sie haben Catherine von Morlac gekannt? 71 Mauleon. Sie hatte mich behert. Der Graf. Und ich war wahnſinnig in ſie verliebt. Mauleon. Darf ich Sie ohne eine zurückgehende Eiferſucht fragen, um welche Zeit Sie in Catherine verliebt waren? Der Graf. Zur Zeit meiner Verheirathung, das ſind. (zu Aurelie) das ſind nun ſieben Jahre... Nicht wahr, Gräfin? Aurelie. Ja, ſieben Jahre...(gu Angelv.) Ich bitte, ſchenken Sie mir ein. Der Graf. Meine Herren, als ich vorhin von der Seltſamkeit der Geſchicke ſprach, ſo wie von den Urſachen und ihren Wirkungen, wollte ich gerade darauf kommen, daß ohne Catherine von Morlac...(Zn Aurelie.) Meine Liebe, wir können nun offenherzig reden.. Ich ſagte alſo, ohne Catherine von Morlac wäre das Geſchick von Frau von Villetanenſe ohne Zweifel ſehr verſchieden von dem geweſen, was es nun iſt. Angelv. Der Graf. Das iſt ganz einfach. Catherine beherrſchte mich dergeſtalt, daß ſie mich, unterrichtet von meiner Heirath, dieſe wieder aufgeben ließ aus Laune änderte ſie ſodann ihren Entſchluß, und ſie wollte mich durchaus verheirathet ſehen.. Ich heirathete alſo Madame. Wie ſo? Aurelie, beiſeit. Mein Gott! ich glaubte den Becher der Schande bis auf die Hefe geleert zu haben. Der Graf. Ich hatte alſo Recht, meine Herren, wenn ich ver⸗ ſicherte, obwohl Fran von Villetaneuſe gänzlich unbe⸗ kannt, habe Catherine doch über das Geſchick der Gräfin entſchieden; Catherine iſt übrigeus ſeitdem verſchwunden. Ich habe zu der Zeit, um die es ſich handelt, alle er⸗ denkliche Schritte gethan, um ſie wieder aufzufinden. Es war mir nicht möglich, es dahin zu bringen, und ich weiß nicht, was aus ihr geworden iſt. Mauleon, mit einem höhniſchen Gelächter. Catherine iſt eine Heilige geworden. Der Graf. Ah bah! fromm?.. Im Ganzen dürfte man ſich hierüber nicht wundern. Mauleon. Fromm? bei meiner Treue, noch etwas Beſſeres. Der Graf. Mir ſcheint, es wäre ſchwierig, weiter zu gehen. Mauleon. Irrthum! Sie werden etwas höchſt Seltſames vernehmen. Vor Allem erfahren Sie, daß Catherine einen Sohn hatte. Der Graf. Ich wußte das nicht. Mauleon. Sie hat dieſen Jungen, wahrſcheinlich zur Zeit, wo Sie ihre Spur verloren, wiedergefunden; ſodann 73 unglaublicher Umſchlag, völlige Verwandlung! Beim Anblicke ihres Sohnes erfaßt Catherine ein Abſcheu vor ihrem vergangenen Leben, ſie verzichtet auf den Luxus, auf die Luſtbarkeiten, realiſirt ihre Kapitalien, und um in die Nähe ihres Sohnes zu kommen, der Goldſchmieds⸗ lehrling iſt(er wußte nicht, daß ſie ſeine Mutter war), wird ſie Arbeiterin in derſelben Werkſtätte wie er. Der Graf. Ah! Mauleon, es iſt ein Roman, was Sie uns da erzählen! Ein ſolches Betragen würde von einer herviſchen Tugend zeugen, und Catherine hatte, Gott verdamme mich! ebenſo wenig Neigung für die Tugend, als für den Heroismus! Angelo. Mein lieber Graf, ſo unwahrſcheinlich Ihnen die Erzählung von Mauleon dünken mag, ſie iſt doch voll⸗ kommen richtig. Mauleon. Um die Wahrheit deſſen, was ich ſage, zu bewei⸗ ſen, werde ich Namen, Thatſachen anführen; ſo hieß der Goldſchmied, in deſſen Werkſtätte Catherine arbeitete, Fortunés Sauval. Der Graf, zu Aurelie. Ihr Vetter, meine Liebe, hieß Fortuné Sauval, wie mir ſcheint? Aurelie. Ja.(Geiſeit und niedergeſchlagen.) Ach! dieſer Name, dieſer edle Name, daß ich ihn hier muß ausſprechen hören! Der Graf. In der That, was ich da erfahre, bringt mich gauz in Verwirrung. Wie! Catherine. 74 Mauleon. Warten Sie! Sie ſind noch nicht beim Ende Ihres Erſtaunens. Catherine beſaß gegen viermalhun⸗ derttauſend Franken Vermögen... und.. Der Graf. Erlauben Sie, Sie irren ſich: ich habe mehr als einmal ihre Schulden bezahlt; allerdings wider ihren Wilen Mauleon, mit einem ſchallenden Gelächter. Wider ihren Willen! ha! ha! ha! Der Graf. Ich kann es ohne Abgeſchmacktheit ſagen: Cathe⸗ rine betete mich an; ich hatte alle Mühe der Welt, um ſie zu bewegen, ein Geſchenk anzunehmen. Mauleon. Sie nahm aber am Ende das Geſchenk an, ſie ließ ſich am Ende ihre Schulden wider ihren Wit⸗ len bezahlen, nicht wahr? Ach! mein armer Graf, dieſe verdammte Catherine war eine feine, durch⸗ triebene Perſon, und ſie verheimlichte, um Sie auszupreſ⸗ ſen, ihr Vermögen von Ihnen. Wiſſen Sie aber, welchen Gebrauch ſie von ihrem Gelde nach ihrer Bekehrung machte? Hören Sie: ſie bewohnte eine Dachkammer in der Cour des Coches, und wurde ſie von irgend einem Elend unterrichtet, ſo fand es ſogleich Mnierſtützung, ohne daß man erfahren konnte, wer der ſnhnn⸗ Wohlthäter war.. Der Graf. Sie rufen gewiſſe Erinnerungen in mir zurück. (Gu Aurelie) In der That, meine Liebe, wenn Ihre Schwe⸗ ſter Sie beſuchte, ſprach ſie immer von einem unſicht⸗ baren Geiſte, den man den guten Genins der Cour des Coches nannte. 75 Mauleon. Dieſer gute Genius war Niemand Anderes als Ca⸗ therine. Hatte ich Recht, wenn ich ſagte, ſie ſei etwas Beſſeres als fromm geworden? Der Graf. Meine Herren, wir ſind hier unter Genoſſen, un⸗ ſere Proben find gemacht, wir bleiben völlig außer den Fragen der Tugend, der Wiederherſtellung der Ehre, der Sühne und der Bußübungen. Wir können alſo, bei Gott! ohne uns zu compromittiren, ohne Gefahr zu lau⸗ fen, für Dummköpfe zu gelten geſtehen, daß das Benehmen von Catherine ganz einfach„ bewunde⸗ rungswürdig iſt! Mauleon. Ich werde dies um ſo lieber zugeſtehen, als ſich mein Haß gegen dieſe Frau, wie ich glaube, gerade we⸗ gen des Heldenmuthes ihrer Bekehrung noch mehr ge⸗ ſteigert hat; ich habe mich auch köſtlich an der Bewun⸗ derung gerächt, die ſie mir unwillkürlich einflößte. Angelo, zum Grafen. Dieſe Rache iſt ſein Steckenpferd, ſeine fixe Idee. Der Graf, zu Mauleon. Wie haben Sie ſich denn gerächt? Mauleon. Catherine wurde gequält von der Furcht, ihren Sohn von den Schändlichkeiten ihres Lebens einer Buh⸗ lerin unterrichtet zu ſehen Was that ich? Ich ent⸗ deckte dieſem Jungen, Catherine ſei ſeine Mutter, und was für eine Frau Catherine geweſen. Der Graf. Wie! Sie betrachten dieſe Offenbarung als eine Rache? 76 Mauleon. Als eine höchſt grauſame. Der Graf. Ei! Sie ſind betrogen, mein Lieber! denn wenn der Sohn von Catherine nicht dumm iſt, wenn er ein wenig Blut in den Adern hat, ſo wird er für Catherine ebenſo viel Ehrfurcht als zärtliche Liebe fühlen. Mauleon, die Achſeln zuckend. Ehrfurcht, zärtliche Liebe, nachdem er erfahren, was ſie geweſen iſt? Aurelie, lebhaft. Allerdings! Läßt die Schande der Vergangenheit dieſer Fran die Sühnung nicht noch rührender, noch mu⸗ thiger erſcheinen? Wie! jung und noch ſchön, plötzlich verwandelt durch die mütterliche Liebe, einem dürftigen, mühſamen Leben ſich widmend, um ſich ihrem Sohne zu nähern, macht ſie, ohne daß es irgend Jemand weiß, einen edlen Gebrauch von ihrem Vermögen; und der Sohn, wenn er erfährt, dieſe ſo wiedergeborne Frau ſei ſeine Mutter, ſollte nicht Anbetung für ſie fühlen? Mauleon. Sagen Sie doch Ekel, Abſcheu, liebe Dame.. Sie wiſſen nicht, daß dieſer, in den guten Grundſätzen erzogene, Einfaltspinſel ſich jeden Augenblick wiederholen muß:„Schande mir! wehe mir! ich bin der Sohn von Catherine von Morlac!“ Aurelie Im Gegentheil! wie Sie dieſe Frau, indem Sie ſie haßten, doch bewunderten, ſo wird ihr Sohn, indem er ſie bewundert, dieſelbe lieben. Mauleon. Ei! um ſie zu bewundern, müßte er die Umſtände 77 kennen, welche die Verwandlung ſeiner Mutter wahrhaft heroiſch machen, und er weißt nichts davon! Ich hätte ihn, bei Gott! nicht unterrichtet. Ich habe ihm nur geoffenbart und bewieſen, daß Catherine die Buhlerin ſeine Mutter war; in Folge dieſer Entdeckung iſt er ganz außer ſich aus dem Hauſe des Goldſchmieds geſtürzt, und er iſt noch nicht wiedererſchienen, wie ich erfahren habe, als ich mich bei meiner Rückkehr nach Paris vorſichtig nach dieſen Umſtänden erkundigte. Dieſer Junge weiß alſo nicht, was Heldenmüthiges in der Sühnung ſeiner Mutter iſt: er ſieht in ihr nur eine gemeine, mehr oder minder reumüthige Buhlerin. Meine Rache iſt ſicher, ſage ich Ihnen: Catherine lebte nur noch durch ihren Sohn und für ihren Sohn!... Er iſt für ſie ver⸗ loren, mein Haß iſt befriedigt! Robert, der bis jetzt wie ein Wehrwolf gegeſſen hat, trinkt einige ſtarke Schlücke Wein, wiſcht ſich die Lippen ab und ſpricht, leicht trunken, zu ſeinen Gefährten. Das iſt ſeltſam; wir ſind hier unter vertrauten Schelmen; die Frau Gräfin hat, nach dem geiſtreichen Ausdrucke des Herrn Grafen, galanter Weiſe mehrere Eheſcheidungen vollführt; nun wohl! wir haben ſo eben (ich ſchloß mich in der Abſicht Ihren Worten an), wir haben ſo eben eine Frage der hohen Moral: die Theorie der Rehabilitation, mit einer merkwürdigen Unpar⸗ teilichkeit behandelt... Wiſſen Sie, was dies beweiſt? Angelv. Schließen Sie, galanter Doctor, ſchließen Sie! Robert. Hören Sie meinen Schluß: Die Tugend hat in ſich etwas ſo Poſitives, ſo Mathematiſches...(Er trink) daß ihre Evidenz uns ergreift, obgleich wir ſie nicht üben; dieſe genannte Tugend zu leugnen, iſt uns unmöglich ge⸗ weſen was ſage ich!(er trint) wir haben ihr eine, Ich gehe weiter... Nehmen Sie aus den Bagnos hundert alte Galeerenſklaven, gegen die wir Alle hier zartfühlende, ſkrupulöſe, ſchüchterne Menſchen wären... (Er trinkt.) Ziehen Sie aus dem Kothe der ſchlechteſten Häuſer hundert Creaturen, gegen welche die Frau Gräfin ein Roſenmädchen wäre! Bringen Sie zu einer gleichen Zahl einen andern Areopag, gewählt unter der feinen Blüthe der Männer und der Frauen des Guten; erzäh⸗ len Sie dieſen Richtern von einer ſo verſchiedenartigen Eſſenz, dieſen Repräſentanten des Verbrechens und der Tugend, die Geſchichte von Catherine von Morlac, und ich wette, daß das Verbrechen nicht weniger warm als die Tugend dem Heldenmuthe dieſer durch die mütter⸗ liche Liebe wiedergeborenen Catherine Beifall klatſcht! (Er trinkt.) Angelo. Das iſt, bei Gott! eine ſchöne Entdeckung! Die Schurken haben ebenſo ſehr als die ehrlichen Leute das Bewußtſein des Guten und des Böſen: nur fliehen un⸗ ſere lieben, verſtändigen Schurken wie eine Peſt das Gewiſſen. eine ſtörriſche alte Jungfer, und öffnen ihre Arme dem Genuſſe, einem ſchönen, munteren, leichtfertigen Mädchen. Alle Teufel! der Genuß küm⸗ mert ſich wenig um die Quelle des Goldes, wenn es nur in Strömen fließt, wie es vermöge unſerer vortreff⸗ lichen Operation bald in unſere Kaſſen fließen wird. Robert, trunken. Nein, es wird nicht fließen! denn wir ſind Un⸗ dankbare! herzloſe Menſchen! Tiger! Angelo. Ho! ho! was Teufels haben Sie denn, gelehrter Doctor? allerdings platoniſche, aber reelle Huldigung dargebracht. 79 Robert, mit immer mehr gerübhrtem Tone. Ich hatte Hunger, ich habe gegeſſen... ich hatte Durſt, ich habe getrunken viel getrunken geheuer getrunken.. Der Graf. Das iſt augenſcheinlich wie die Tugend. Robert, weinend. Hi hi. wir ſind Egoiſten grau⸗ ſame Cgoiſten! wir haben den Bauch voll hi.. hi die Gurgel reichlich getränkt! und während unſeres Imbiſſes gräbt einer unſerer Brü⸗ der emſig das Bett des Goldſtromes, nach dem wir begehren... Ach! ohne Zweifel hat er Hunger, unſer Bruder! ohne Zweifel hat er Durſt, unſer armer Bru⸗ der! wir Undankbare vergeſſen ſen Sunge 3 vergeſſen ſeinen Durſt. S hi. i iſt ungeheuerlich! Angelv. Robert hat Recht, wir vergeſſen unſeren Graveur. Er iſt ein großer Freund der Flaſche; doch er muß ar⸗ beiten und darf ſich nicht betrinken; eine halbe Flaſche Wein wird für ihn genügen. Legen wir auf einen Teller ein Stück Paſtete, Brod, Früchte, und der gelehrte Doctor und ich, wir werden dieſen Imbiß unſerem Manne brin⸗ gen und uns verſichern, ob er zum Werke geſchritten iſt. Robert ſieht mit ſchwankenden Beinen auf, legt auf einen Teller die Ueberbleibſel des Abendbrods und ſingt: „Der dem Vögelein ſpendet ſein würziges Eſſen, „Deſſ' Güt' wird den Bildgraber auch nicht vergeſſen. Mauleon. Iſt dieſer Graveur ein Menſch, auf den man ſich verlaſſen kann? 80 Angelo nimmt vom LTiſche eines von den Lichtern, um Robert zu leuchten. der in einer Hand eine Flaſche und in der anderu einen Teller hält. Dieſer Graveur iſt ein Rekrut, den Satan für uns angeworben hat. Mauleon. Biſt Du ſicher, daß er uns nicht verrathen wird? Angelv. Einmal wird er durch ſein Werk nothwendig unſer Mitſchuldiger, und hätten wir, ehe wir ihn von hier weggehen laſſen, irgend einen Zweifel über ihn... (Er wirft Mauleon einen bezeichnenden Blick zu) nun! ſo werden wir auf die geeigneten Mittel bedacht ſein. Mauleon. Das iſt richtig. Robert. Möchte unſer Bruder in Bankuoten ebenſo viel Appetit haben, als ich in mir fühlte, da ich mich zu Tiſche ſetzte! Das iſt der demüthige Wunſch eines geſättigten Menſchen. Angelo, der ſich mit dem Lichte in der Hand nach der Thüre wendet. Gelehrter Doctor, Sie ſind heute ein wahrer hei⸗ liger Vincenz de Paula... Gehen wir zum Graveur. (Sie gehen Beide ab.) ———————— 81 IX. Gefeſſelt durch das vorhergehende Geſpräch, hatte Michel ſeine Gefahren vergeſſen; ſeine Augen waren geöffnet für die Wirklichkeit, für das Licht, für den Hel⸗ denmuth der Wiedergeburt ſeiner Mutter, deren bewun⸗ derungswürdiges Benehmen er endlich erfuhr... ein ſo unleugbarer Heldenmuth, daß ihm das Verbrechen und die Tugend gemeinſchaſtlich ihre Huldigung darbringen mußten. Michel hegte nur noch einen Wunſch, den, ſich ſeiner Mutter zu Füßen zu werfen. Doch die Gefahren, die er ſchon lief, erſchwerten ſich noch durch den Abgang von Angelo und Robert; ſie würden ſeine Entweichung aus dem Zimmer, wo man ihn eingeſchloſſen, wahr⸗ nehmen; ſie würden ſich verrathen glauben und den Flüchtling im Hauſe ſuchen; er hatte Alles von den Fälſchern zu befürchten und mußte auf der Stelle einen Entſchluß faſſen. Robert hatte eine Thüre der des Ganges gegen⸗ über, wo ſich Michel befand, offen gelaſſen; dieſer ge⸗ wahrte durch die Glasſcheiben des Kämpfers, daß ſich jenſeits des Speiſezimmers der Ruheplatz der Treppe fand; es bot ſich Michel eine einzige Chance der Ret⸗ tung: muthig ergriff er ſie. Mauleon, Henri von Villetaneuſe und die Gräfin waren um den durch eine einzige Kerze beleuchteten Liſch ſitzen geblieben; Michel tritt raſch vom Gange aus ein, wirft mit einem Fauſtſchlage das Licht um, läuft in der Richtung der Thüre fort, macht tappend einige Schritte, erreicht den Ruheplatz, ergreift das Geländer der Treppe und eilt mit einigen Sprüngen hinab, wäh⸗ rend Mauleon und Herr von Villetaneuſe, die ſich von ihrem erſten Erſtaunen erholten, ihre Genoſſen herbei⸗ riefen und in der Finſterniß ſchrieen: Die Familie Jouffroy. MI. „Verrath!... Angelo„ Verrath!!! Es war Jemand im Gange verborgen!“ „Mord und Tod! es iſt der Graveur!“ erwiederte Angelo aus einem Corrivor hervor.„Dieſer Elende iſt auf dem Rande des Karnießes hingehend aus ſeinem Zimmer entwichen! Ergreift ihn, ſchlagt ihn todt! Es iſt ein Verräther! Wenn er von hier hinauskommt, ſind wir verloren!“ So ſprechend, lief Angelo mit einer Kerze in der Hand auf den Ruheplatz... Die Treppe war bald belenchtet. Michel ſah ſich verloren, die Eingangsthüre des Hauſes war mit dem Schlüſſel geſchloſſen; vergebens verſuchte er es, umhertappend das Schloß zu öffnen. „Hier iſt er! er iſt gefangen!“ riefen gleichzeitig Angelo, der Graf und Mauleon, als ſie den Flüchtling erblickten; und ſie ſtürzten auf die Treppe.. „Du haſt unſer Geheimniß!“ ſprach Angelo mit einer finſtern Miene, indem er Michel beim Kragen packte;„Du komnſt nicht lebendig von hier weg!“ Trotz des verzweifelten Widerſtandes, erſtickten die — drei Fälſcher unter ihren Händen das Geſchrei dieſes Unglücklichen und ſchleppten ihn in eine Stube des Erd⸗ geſchoßes. X. Fortuné Sauval hatte immer noch ſeine elegante Wohnung im Quartier Tivoli inne; in Trauer gekleidet⸗ war die Familie Joufftog an dieſem Abend ihrer Ge⸗ wohnheit gemäß in dem Salon verſammelt, wo man die Goidſchmiedsarbeiten des berühmten Künſtlers zur Schau ausgeſtellt ſah; zwei bronzene Armleuchter von einem ſtrengen Geſchmack erhellten, auf einem reich ſculptirten, hohen, marmornen Kamine ſtehend, dieſe große Gallerie, — . 83 ein wahres Muſeum geſchmückt mit antiken Statuen und vortrefflichen Gemälden, und machten auf dem Grunde des rothen Sammets der Glasſchränke das Gold, das Silber, das Email, die Edelſteine der Meiſterwerke des Goldſchmieds funkeln. Eine Lampe mit Dämpfer warf ihr ſanftes Licht auf einen großen Tiſch, um den Ma⸗ rianne, die Tante Prudence(Madame Rouſſel geworden), Catherine und Camille ſich mit Stickereien und anderen Arbeiten beſchäftigten; Fortuns modellirte in Wachs eine Gruppe von Figurinen; der Vater Laurencin, nicht mehr als Arbeiter gekleidet, ſondern als Bürger, las mit lauter Stimme, unterſtützt von ſeiner Brille, die Zeitung vom Abend. Herr Jouffroy wiegte auf ſeinem Schvoße die kleine Lilie, die Tochter von Marianne, während der Vetter Rouſſel, neben ſeinem alten Freunde ſitzend und mit dem Ellenbogen auf die Lehne ſeines Stuhles ge⸗ ſtützt, die blonden Locken des Kindes ſtreichelte und, wie die anderen Perſonen, auf die Leſung von Vater Lau⸗ renein horchte. Einige Worte des Rückblicks werden erklären, warum der alte Handwerker, Camille und Catherine als Mit⸗ der Familie Joufftoy angenommen und betrachtet wurden. Der Schlag, der den Großvater, die Mutter und die Braut von Michel bei ſeinem Verſchwinden traf, war gräßlich. Die Verzweiflung von Catherine hätte dieſe beinahe ins Grab gebracht; ſie wurde während ihrer langen Krankheit von Camille mit einer kindlichen Ergebenheit gepflegt. Marianne und die Tante Prudence bezeigten dieſer unglöcklichen Mutter auch die zarteſte Theilnahme. Es entſchlüpften Catherine in ihrer Gegenwart und im Delirium eines hitzigen Fiebers Geſtändniſſe voll der ſchmerzlichſten Gewiſſensbiſſe über ihre Verirrungen, Ver⸗ nütſtungt gegen ihren Vater, Herrn Laurent Jyoufftoy, der ſie, um ſich ihrer zu entledigen, mit fünfzehn Jahren 84 an den Sohn von Vater Laurencin verheirathet, nach⸗ dem er ſie in ihrer Kindheit der ſchädlichen Berührung mit der Sittenloſigkeit ihrer Mutter, welche einſt von ihm, Herrn Laurent Jouffroy, verführt und verlaſſen worden war, preisgegeben hatte. Die Familie erfuhr ſo, daß Catherine ihr ange⸗ hörte. Dieſe ihrem Delirium entſchlüpften Bekenntniſſe flößten, beſtätigt von Vater Laurencin, Fortuné Sauval und ſeiner Frau einen edlen Gedanken ein, der von Herrn und Madame Rouſſel gebilligt wurde. Als Ca⸗ therine wieder genas, ſagte auch Fortuné zu ihr? „Sie ſind die Tochter des Bruders meiner Mutter; er iſt die erſte Urſache Ihrer Mißgeſchicke, Ihrer Aus⸗ ſchweifungen geweſen; dieſe Ausſchweiſungen haben Sie heldenmüthig geſühnt: Sie ſind in den Augen unſerer Familie, welche auch die Ihrige iſt, völlig wieder zu Ehren gebracht... Sie werden ſich in Zukunft unter uns ſetzen, wie der Vater Laurencin und Camille, die Braut von Michel, der früher oder ſpäter wiederkommen wird, davon bin ich feſt überzeugt.“ Von dieſem Tage an wurden Catherine der Va⸗ ter Laurenein und Camille als Verwandte von der Familie Jouffroy behandelt. Dieſe für Catherine ſo ſchmeichelhaften Zeugniſſe der Achtung und Zuneigung machten es ihr vielleicht noch grauſamer, daß ihr Sohn ſie verlaſſen: für ihn allein war ſie nicht zu Ehren gebracht. er allein verach⸗ tete ſie. Vergebens wiederholte Fortuns der armen Troſt⸗ loſen, wenn die Ueberlegung auf den erſten, durch eine unſelige Offenbarung verurſachten Grimm folge, werde Michel an den häuslichen Herd zurückkehren... Cathe⸗ rine hoffte nicht mehr. und die arme Camille theilte, trotz den Illuſionen ihrer Jugend, die ſchmerzliche Ent⸗ muthigung der Mutter ihres Bräntigams. Madame Jouffroy war geſtorben nach einer Krank⸗ 14 85 heit von einem Monat, deren Urſachen man geſehen hat. Die Trauer, welche die Familie noch trug, berührte ihr Ende; die letzten Momente von Madame Jouffroy wa⸗ ren herzzerreißend; ſie hatte in dieſem äußerſten Augen⸗ blicke das Bewußtſein der durch ihre beklagenswerthe Eitelkeit hervorgerufenen Mißgeſchicke. Indeſſen nahm dieſe Frau wenigſtens die Gewißheit von der zärtlichen Liebe ihrer Tochter Marianne mit ſich, die ihre Pflichten getrenlich erfüllte. Fortuné, der Vetter Rouſſel und die Tante Prudenee zeigten ſich liebevoll und nachſichtig gegen Madame Joufftoy, und ſie verſchied, indem ſie ſich voll Bangigkeit fragte, welche Zukunft Aurelie erwarte. Entſetzlicher Zweifel!. letzte Strafe dieſer ſchul⸗ digen Mutter! Trotz der Anſtrengungen der Wiſſenſchaft, trotz der eifrigen Pflege und Sorgſamkeit ſeiner Tochter, ſeiner Schweſter und ſeines alten Freundes Ronuſſel, blieb Herr Jouffroy in derſelben geiſtigen Lage, und er hatte kaum das Bewußtſein der Vergangenheit und der Gegenwart, obgleich er vollkommen diejenigen, von welchen er um⸗ geben war, erkannte. Doch die Schwäche ſeines Verſtan⸗ des machte ihm die Auffaſſung der einfachſten Gedanken unmöglich. Er genoß eine gute Geſundheit, ſeine un⸗ wandelbare Sanftmuth verleugnete ſich nie; er blieb ruhig in ſeinem Zimmer und beſchäftigte ſich mit der Ver⸗ fertigung ſeiner Papierſchiffe. Er liebte es auch, im großen Garten des Hauſes ſpazieren zu gehen; ſo⸗ dann, wie man dies oft bei den Unglücklichen bemerkt, deren Geiſt in die Kindheit zurückgefallen zu ſein ſcheint, gefiel er ſich darin, die kleine Lilie, die Tochter von Marianne, an der Hand zu führen oder auf ſeinem Schooße zu halten. Zuweilen fühlte ſich die Familie bis zu Thrä⸗ nen gerührt, wenn ſie dieſen armen Greis mit ſeinen weißen Haaren und das roſige, blonde kleine Kind Geſtammel, Gelächter und naiven Muthwillen des erſten Pers austauſchen hörte... Die Züge von Herrn 86 Jouffroy, welche gewöhnlich das Gepräge einer für die Andern betrüblichen Freundlichkeit an ſich trugen, verdüſter⸗ ten ſich indeſſen von Zeit zu Zeit; er ſchien nachzudenken, und nach langen Anſtrengungen, die er ohne Zweifel verſuchte, um den drückenden Schleier zu lüften, der ſeinen Ver⸗ ſtand und ſein Gedächtniß verdunkelte, ſagte er: „Und Mimi? und Töchterchen? wo ſind ſie denn?“ „Sie ſind nicht hier,“ antwortete man ihm;„Sie werden ſie bald ſehen, guter Vater.“ „Mimi iſt nicht böſe?“ „Nein, beruhigen Sie ſich. „Töchterchen iſt glücklich?“ „Ja, guter Vater.“ „Ah! wohl,“ ſchloß der Unglückliche. Und der ſchwache Schein von Vernunft, der einen Augenblick unbeſtimmt den ſchwarzen Abgrund ſeiner Er⸗ innerungen erleuchtet hatte, erloſch; er verſank in ſeinen gewöhnlichen Zuſtand und wiederholte von Zeit zu Zeit dieſelben Fragen, die mit denſelben Antworten aufgenom⸗ men wurden. Der Anblick des Greiſes, ein lebendiges Zeugniß von ſo vielen Uebeln, von ſo viel Gram, der Tod von Madame Jouffroy, die Unwiſſenheit über das Schickſal von Aurelie, trotz der thätigen Nachforſchungen von For⸗ tuné Sauval, die Ueberzeugung, daß Aurelie in eine immer tiefere Entwürdigung verſinken mußte, das Ver⸗ ſchwinden von Michel endlich machten ernſt und ſchwer⸗ müthig die Verſammlungen der Familie, obſchon For⸗ tuné fortwährend ein vollkommenes Glück bei ſeiner Frau und ſeinem Kinde genoß und der Vetter Rouſſel und die Tante Proudence jeden Tag ſich innigſt freuten, daß ſie ihre alte Freundſchaft durch die Ehe geheiligt hatten. Durch ihre Schnabelgefechte, wie einſt Herr Jouffroy ſagte, durch ihre Angriffe und ihre Gegenyiebe(denn Madame Jouffroy geworden, hörte Prudence nicht auf⸗ 87 ihren alten Freund wüthend zu machen, zum großen Ju⸗ bel von dieſem), brachten zuweilen Beide Heiterkeit in die Abendplaudereien, leider aber ſetzten die Gegenwart von Herrn Jouffroy, die verhaltene Traurigkeit von Ca⸗ therine und Camille, von denen die Eine unabläſſig mit ihrem Sohne, die andere mit ihrem Bräutigam beſchäf⸗ tigt war, dieſen froheren Augenblicken bald wieder ein Ziel. Nachdem wir auf unſere im großen Salon des Hauſes von Fortuné verſammelten Perſonen dieſen Rück⸗ blick geworfen haben, fahren wir in unſerer Erzählung fort. XI. Marianne, Catheriue und Camille waren, wie ge⸗ ſagt, mit Stickereien und anderen Arbeiten beſchäftigt; die Tante Prudence überließ ſich ihrem ewigen Geſtricke; Fortuné modellirte in Wachs eine Gruppe von Figurinen; Herr Jouffroy wiegte, beim Vetter Rouſſel ſißend, auf ſeinen Knieen die halbentſchlummerte kleine Lilie, und der Vater Laurencin, der das Abendjournal laut vor⸗ las, war zu dem von den Zeitungen für den Artikel„Pa⸗ riſer Ereigniſſe“ vorbehaltenen Theile gelangt und fuhr in ſeiner Leſung alſo fort: „„Seit einiger Zeit wor die Behörde einer Verbin⸗ dung von gefährlichen nebelthätern und früheren Straf⸗ gefangenen auf der Spur, welche man im Verdachte hatte, ſie legen ſich auf die Verfertigung von falſchem Papiergeld. Um ihre ſtrafbare Induſtrie geheimer zu treiben, hatten ſie ein einzeln ſtehendes Haus im Quar⸗ tiere der Batignolles gemiethet. Geſtern, gegen Mitter⸗ nacht, traf hier Herr David, Chef der Sicherheitspolizei, in Begleitung eines Juſtizbeamten und zahlreicher Agen⸗ ten, Maßregeln, um die Fälſcher auf friſcher That zu ertappen. Das Haus der Batignolles, das ſich an einem 88 abgelegenen Orte in der Nähe der Felder, findet, wurde umſtellt, alle Ausgänge wurden ſorgfältig bewacht(ſo⸗ gleich wird man ſehen, wie nothwendig dieſe Vorſichts⸗ maßregel war), und der Beamte klopfte an das Haus, um ſein Durchſuchungsmandat zu vollziehen und im Noth⸗ falle die Verhaftungen vorzunehmen.““ „Ich habe einen Abſcheu vor den Fälſchern und den Falſchmünzern,“ unterbrach Fortuné, der beſtändig an ſeinen Figurinen modellirte, die Leſung von Vater Lau⸗ renein.„Dieſe Elenden ſind in der Ordnung der Diebe, was die Giftmiſcher in der Ordnung der Mörder ſind: das Verbrechen nebſt der Feigheit.“ „Du ſprichſt wahr,“ verſetzte der Vetter Rouſſel. „Der Dieb, der eine Thüre erbricht, der Mörder, der ſein Opfer von vorne angreift, legen doch wenigſtens einen Beweis von einer Art von entſetzlichem Muthe ab, und ich will Euch in dieſer Beziehung eine kleine Anekdote erzählen, welche... „Sie werden uns das Vergnügen machen, gar nichts zu erzählen, Herr Rouſſel, und uns mit Ihrer kleinen Anekdote in Ruhe laſſen, in Betracht, daß ſie hinter⸗ hältiſcher Weiſe die Verhältniſſe des kleinen Gründ⸗ lings, der groß wird, annehmen würde, mit einem Worte, ſie würde in Ewigkeit nicht zu Ende gehen, und wir hätten zwei Stunden daran zu ſchlucken,“ entgegnete die Tante Prudence, maßlos ſtrickend.„Erlauben Sie alſo dem Vater Laurenein, ſeine Leſung zu vollenden; Sie mögen uns hernach Alles, was Sie wollen, erzählen unter der Bedingung, daß wir Sie nicht anhören, wenn es uns beliebt.“ „Madame Rouſſel,“ ſprach Joſeph mit komiſchem Ernſte zu ſeiner Frau,„es dünkt mir, ungeheuer unerhört, daß Sie ſo meine Abſichten verdächtigen und proviſoriſch Embargo auf meine kleine Anekdote legen!“ „Embargo... Sie ſelbſt, Herr Rouſſel! Seht doch die ſchöne Seemannsvergleichung! Herr Rouſſel hat 89* fich ohne Zweifel unter die Pariſer Schiffer aufnehmen laſſen. Sage, Marianne, man ſollte glauben, der liebe arme Mann ſei Flambard geworden!“ „Ohne gerade ein Flambard zu ſein, Madame Rouſſel, habe ich doch das Recht...“ „Nein, Herr Rouſſel, nein, Sie haben nicht das Recht, hinterliſtiger Weiſe bei den geringſten Heffnungen, die man Ihnen läßt, in die Erzählung Ihres Nebenmenſchen hineinzuſchlüpfen und ſo das Wort gegen Alle zu esca⸗ motiren.“ „Ah! Madame Rouſſel hat alſo die Polizei bei der Sitzung!“ rief Joſeph, der ſich den Anſchein einer gro⸗ testen Entrüſtung gab.„Madame Rouſſel iſt die Huiſ⸗ ſiöre hier; ſie gebietet nach ihrem Belieben Stillſchweigen!“ „Warum nicht, wenn Sie ſchwatzen, wie ein aus dem Neſte gejagter Advocat, Herr Rouſſel?“ Und ſie ſagte zu dem alten Handwerker, während herzlich über die Erwiederungen ſeiner Frau achte: „Fahren Sie fort, Vater Laurencin, und auf die Gefahr, zu erſticken, verfolgen Sie Ihre Leſung in einem Zuge, ohne zu athmen, ſonſt benützt mein redſeliger Mann den Augenblick, wo Sie Athem ſchöpfen, um uns mit einer Parentheſe zu beſchenken, welche bis morgen früh dauert. Mißtrauen Sie dieſem abſcheulichen Men⸗ er hat mehr als ein Stückchen in ſeinem Rede⸗ q Der Goldſchmied, ſeine Frau und Camille lachten über die Einfälle der Tante Prudence; Catherine lächelte ſanft, trotz der unheilbaren Traurigkeit, welche auf ihrem mütterlichen Herzen laſtete; unfähig, zu verſtehen, was man vorlas, wiegte Herr Ronſſel fortwährend auf ſeinen Knieen die kleine Lilie, um ſie einzuſchläfern, und da er ſelbſt allmälig dem Schlafe nachgab, ſo neigte ſich ſein ehrwürdiges Hanpt auf ſeine Bruſt, an die ſich das ro⸗ ſige Geſicht des Kindes anſchmiegte. „Hert Laurencin,“ ſagte Marianne leiſe,„leſen Sie 90 nicht zu laut, um meinen armen Vater nicht aufzu⸗ wecken.“ Der alte Handwerker nickte mit dem Kopfe und las halblaut, wie folgt: XII. „„Nachdem der Beamte an die Thüre des einſamen Hauſes geklopft hatte, forderte er die Bewohner im Na⸗ men des Geſetzes auf, die Thüre zu öffnen. „„Er erhielt keine Antwort: die tiefſte Stille herrſchte im Hauſe; plötzlich aber riefen die bei einem niedrigen Fenſter, durch welches das Licht in eine Küche gelangte, aufgeſtellten Agenten um Hülfe: ein Mann und eine Frau verſuchten es, durch dieſen Ausgang zu entweichen; doch ſie fielen in die Hände der Agenten, während Andere, durch dieſes Fenſter ins Haus eindringend, trotz ihres lebhaften Widerſtandes die drei weiteren Angeſchuldigten, welche ebenfalls zu entfliehen ſich anſchickten, feſtnahmen. „„Die in Gegenwart der Angeſchuldigten vorgenom⸗ menen Durchſuchungen wurden von einem vollſtändigen Suceſſe gekrönt. Man wurde der augenſcheinlichſten Be⸗ weiſe des Verbrechens habhaft: einer für der Druck der falſchen Banknoten beſtimmten tragbaren Preſſe, der Trüm⸗ mer einer zerbrochenen Stahlplatte, welche zum Ab⸗ ziehen der falſchen Banknoten gedient hatte, einer großen Quantität für eine neue Ausgabe bereit liegenden Pa⸗ pieres, das zum Täuſchen das engliſche Papiergeld nach⸗ ahmte; man entdeckte endlich viele für das Gewerbe eines Graveur dienende Werkzeuge, und auf einem Tiſche, auf dem man noch die Ueberreſte eines Abendbrods ſah, eine beträchtliche Summe in falſchen Banknoten, welche ohne Zweifel die Fälſcher in dem Augenblicke theilten, wo die Juſtiz in ihre Höhle eindrang, denn bei der Frau und dei den zwei von den verhafteten Männern fand man — 91 mehrere Paquets Banknoten, welche in allen Punkten mit dem in ihrem Hauſe vorhandenen präparirten Pa⸗ pier und mit der zerbrochenen Platte übereinſtimmteu. „„In Gegenwart dieſer gewichtigen Thatſachen wurde jedes Leugnen von Seiten der Angeſchuldigten unmög⸗ lich; die Frau, ihre Mitſchuldige, ſoll in einem erſten Augenblicke des Schreckens die vollſtändigſten Geſtändniſſe abgelegt haben. „„Die in dieſem Hauſe vorgenommenen Durchſuchun⸗ gen haben zu einer ſeltſamen, geheimnißvollen Entdeckung geführt. „„Als der Chef der Sicherheitspolizei das Haus von Grunde aus durchſuchte, ſtieg er auch in den Keller hinab, deſſen Thüre er mit einem Vorlegeſchloß geſchloſ⸗ ſen fand. Man ſprengte die Thüre und entdeckte im Hintergrunde des Kellers einen jungen Mann, der an den Händen und den Füßen mit Taſchentüchern gebunden war. Befragt über die Urſache ſeiner Anweſenheit an dieſem Orte, antwortete er: in dieſe Falle gelockt durch einen von den verhafteten Menſchen und von ihm aufge⸗ fordert, eine zur Verfertigung von falſchen Banknoten beſtimmte Platte zu graviren, habe er ſich den Anſchein gegeben, als wollte er thun, was man von ihm verlangte, und zu dieſem Ende in ein Zimmer eingeſperrt, habe er zu entweichen verſucht; doch von den Fälſchern auf ſei⸗ ner Flucht ertappt, ſei er geknebelt und in dieſen Keller gebracht worden, wo ihn zwei von ihnen durchaus haben tödten wollen, als die Frau, ihre Mitſchuldige, herbeigelaufen ſei, um ihnen zu ſagen, das Haus ſei um⸗ ſtellt. Die Fälſcher verließen ſodann den jungen Mann, und ſchloſſen ihn in den Keller ein, wo er entdeckt wurde. „„Die Gewaltthätigkeiten, deren Gegenſtand er ge⸗ weſen, ſchienen von dieſem Graveur jeden Verdacht der Mitſchuld an der Verfertigung der falſchen Banknoten zu entfernen; jedoch befragt, ob er die verhafteten In⸗ 1 dividuen und die erwähnte Frau kenne, antwortete er mit ſo offenbarer Verlegenheit und ſo augenſcheinlichen Verſchweigungen, daß er proviſoriſch in Haft genommen und, wie die Frau und die vier anderen Individuen, auf das Depot der Polizeipräfectur gebracht werden mußte. „„Man verſichert(und wir können dies beſtätigen unter den im Hauſe der Batignolles verhafteten Perſonen habe man erkannt den.. Die Leſung von Vater Laurenein wurde unterbrochen durch die plötzliche Ankunft des vertrauten Dieners vom Hauſe; er trat plötzlich ein und rief mit freudiger Stimme: „Ah! Herr.„ah! Herr. „Was gibt es, Alexandre?“ fragte der Goldſchmied, „Sie ſcheinen ganz bewegt!. 4 „Ah! Herr, er iſt ſo eben gekommen... Er iſt da „Wer denn?“ „Michel,“ antwortete der Diener, der von dem Kum⸗ mer unterrichtet war, den das Verſchwinden des jungen Mannes ſeit langer Zeit dem Goldſchmied und ſeiner Fa⸗ milie verurſachte..„Ja, Michel iſt da, Herr, hier iſt ere XIII. Als Catherine Michel erblickte, ſtieß ſie einen Schrei toller Freude aus und ſtürzte ihm, die Verachtung ver⸗ geſſend, die ſie ihrem Sohne einzuflößen glaubte, mit offenen Armen entgegen, er aber fiel, das Geſicht in Thränen gebadet, vor ihr auf die Kniee, und rief ſchluchzend: „Verzeihung, meine Mutter, Verzeihung! ich habe Sie mißkannt.... ich weiß nun Alles.. ich kenne Ihren Muth, Ihre Seelengröße, Ihre erhabene Süh⸗ nung!. Der gute Genius der Cour des Coches waren Sie.. Oh! Mutter.. ich liebe Sie.. ich achte Sie. ich bewundere Sie! „. ⁸ 93 „Ah! Gott hat mir vergeben!„. denn mein Sohn vergibt mir!“ rief Catherine, indem ſie in die Arme von Michel fiel, der ſie, immer noch knieend, an ſeine Bruſt ſchloß; und der Sohn und die Mutter ver⸗ mengten ihre Thränen und ihre Liebkoſungen. Der Goldſchmied und ſeine Frau, der Vetter Rouſ⸗ ſel und die Tante Prudence, Camille und der Vater Laurencin betrachteten ſtumm, unbeweglich, die Augen in Thränen der Rührung gebadet, dieſe erſchütternde Stcene. Plötzlich aus ſeinem Halbſchlafe aufgeweckt, die tief eingeſchlu mmerte kleine Lilie aber auf ſeinem Schooße behaltend“ ſchaute Herr Jouffroy dahin und dorthin, ohne zu begreiſen, was um ihn her vorging, obgleich er eine gewiſſe Aufregung wahrnahm; und er fragte die Tante Prudence, in deren Nähe er ſich befand: „Meine Schweſter, was gibt es denn?“ „Mein armer Bruder,“ erwiederte traurig Madame Rouſſel, denn ſie wußte leider, wie unnütz ihre Antwort war,„Michel kommt nach Hauſe zurück.“ „Ah! ja,“ ſagte der Greis, der ſich, wie es ſchien, anſtrengte, um ſeine Gedanken zu verknüpfen;„ah! ja. WMichel ich weiß nicht!“ Und er verſank wieder in ſeine Schweigſamkeit und wiegte das Kind auf ſeinen Knieen. Nach dem erſten Erguſſe ihres unausſprechlichen Glückes ſagte Catherine zu ihrem Sohne, während ſie Ca⸗ mille ſachte in ſeine Arme ſchob: „Umarme nun auch dieſes liebe Kind;. es ſtarb vor Gram über Deine Abweſenheit.“ „Oh! Camille... meine Braut... mein gelieb⸗ tes Weib,“ rief Michel, indem er das erröthende Mäd⸗ chen, das kaum an ſo viel Glückſeligkeit glauben konnte, an ſein Herz preßte;„verzeih mir den Kummer, den ich Dir verurſacht habe! Ihr auch, Großvater... Meiſter Fortuné, ſeien Sie nachſichtig! Verzeihen Sie einem 94 armen Wahnfinnigen, der ſich ſeiner Mntter.. ſeiner ſelbſt ſchämte und nicht mehr vor Ihnen zu erſchei⸗ nen wagte.“ „Wir hatten die Urſache Deiner Verzweiflung er⸗ rathen, liebes, gutes Kind,“ ſagte der Greis, indem er ſeinen Enkel mit Trunkenheit umarmte.„Ah! Du wußteſt nicht, wie bewunderungswürdig Deine Mutter ihre Ehre wiederhergeſtellt hatte!“ „Und ich, ich ſagte immer: Der verlorene Sohn wird wieder kommen,“ ſprach Fortuné, der Michel ſeine beiden Hände reichte.„Mein Herz hat mich nicht ge⸗ täuſcht. Du biſt zurückgekehrt zu uns, Deinen Freun⸗ den, Deinen Verwandten.. ja, zu Deinen Verwand⸗ ten! Dieſe Worte ſetzen Dich in Erſtaunen... Erfahre, daß der Vater Deiner Mutter der Bruder der meinen i „Was ſagen Sie, Herr Fortuné?“ „Deine Mutter iſt die Tochter von Herrn Laurent Jouffroy, dem Bruder des armen Herrn Jouffroy hier. Begreifſſt Du nun, daß Deine Abweſenheit uns doppelt ſchmerzlich ſein mußte? In Dir beklagten wir den Verwandten und den Freund!“ „Und nun, lieber Vetter,“ fügte Marianne bei, in⸗ dem ſie Michel mit liebevoller Herzlichkeit die Hand bot, „nun werden wir uns hoffentlich nicht mehr verlaſſen. Glauben Sie mir, wir theilen aus dem Grunde der Seele das Glück, das Ihre Rückkehr dieſer guten Camille und Ihrer würdigen Mutter bereitet, die wir Alle lie⸗ ben, verehren und vergebens zu tröſten ſuchten!“ „Oh! wie danke ich Ihnen für Ihre Güte gegen ſie, Madame Sanval!“ erwiederte Michel mit Erguß;„wir werden Ihnen unſere Dankbarkeit zu beweiſen wiſſen!“ „Ah! ich ſehe, daß nur ich allein, als Brumm⸗ geiſt, hier ſo keck ſein werde, Dir den Pelz zu waſchen, abſcheuliches Kind,“ ſagte die Tante Prudence, welche, da ſie Michel als jungen Menſchen und als Lehrling 95⁵ gekannt hatte, die Gewohnheit ihn zu duzen, beibehielt. „Haſt Du uns nicht beängſtigt trotz Deines wöchentlichen Briefes! Woher kommſt Du denn mit Deinen Lumpen? Und ſo bleich, ſo entſtellt! Sagen Sie doch, Herr Rouſ⸗ ſel, ſtart hier zu bleiben wie ein Apoco, wahrſcheinlich wegen der Freude, die Ihnen die Rückkehr von Michel verurſacht, müßten Sie dem armen Jungen etwas zu eſſen vorſetzen laſſen er hat vielleicht Hunger und Durſt.“ „Oh! Sie entſetzlicher Brummgeiſt!“ rief Joſeph lachend;„ſo zanken Sie die Leute?“ Und er ſagte zu dem jungen Manne: „Meine Frau hat Recht, Deine Rückkehr hat mich überraſcht, ergriffen, mein lieber Michel; mit Rührung erinnerte ich mich, daß Deine erſte Zuſammenkunft mit Deiner Mutter bei mir ſtattgefunden hatte.“ „Oh! ich werde das nie vergeſſen, Herr Rouſſel.“ „Mein Kind,“ ſprach Catherine, ihren Sohn mit Beſorgniß anſchauend,„ganz nur dem unerwarteten Glücke, Dich wiederzuſehen, hingegeben, bemerkte ich die Verſtörung in Deinen Zügen nicht.„Mein Gott! das iſt doch nicht der Hunger„ die Noth?“ „Beruhigen Sie ſich, meine gute Mutter, und Sie Herr Rouſſel, geben Sie ſich nicht die Mühe, etwas für mich holen zu laſſen,“ fügte Michel bei, da er Jo⸗ ſeph ſich nach der Thüre wenden ſah.„Ich habe im Ge⸗ fängniß zu Racht gegeſſen.“ „Im Gefängniß!“ rief einſtimmig die Familie.„Du kommſt aus dem Gefängniß?“ „Ich war ſeit geſtern Abend dort; doch, Gott ſei Dank! man hat erkannt, daß ich kein Mitſchuldiger der Fälſcher bin, die man verhaftet.“ „Wie,“ verſetzte Fortuné,„dieſer bei der Batignol⸗ les verhaftete Graveur 4 „Woher wiſſen Sie?“ „Das wäreſt Du?“ 96 „Ja, Meiſter Fortuné; aber wer hat Sie denn von dieſer Verhaſtung nnterrichtet?“ „Das Abendjournal.. Dein Großvater las es uns vor, als Du eintratſt.“ „Großer Gott!“ rief Michel.„Sie wiſſen alſo Alles?“ „Was verurſacht Deine Bangigkeit, Deine Unruhe?“ fragte Fortuné erſtaunt.„Wir wiſſen nur, daß Fälſcher in einem Hauſe der Batignolles entdeckt worden ſind, wo ſie ihre verbrecheriſche Induſtrie trieben.“ „Aber die Namen?“ verſetzte Michel mit einer wachfenden Angſt;„die Namen dieſer Elenden.. Sie kennen ſie?“ „Was für Namen?“ „Die dieſer Fälſcher!.. Das Journal hat ſie alſo nicht genannt?.. denn ſonſt... „Vollende... Deine Aufregung nimmt imut mehr zu!“ „Ah! Meiſter Fortuné, das iſt gräßlich!“ „Du erſchreckſt mich....“ „Madame Sauval, Herr Rouſſel, Sie Alle, da wir von derſelben Familie ſind,“ ſprach Michel nit einer zitternden Stimme,„ſeien Sie auf eine grauſame Of⸗ fenbarung gefaßt... Sie brauchen Muth, oh! ja! Mei⸗ ſter Fortuné, Sie brauchen Ihren ganzen Muth 4 „Was ſagſt Du!“ „Ach! ein neuer Schlag ſoll Sie treffen! ein ſehr ſchmerzlicher Schlag, für Sie beſonders, Madame Sauval!“ „Für mich?“ „Ja, Madame.. Erfahren Sie, daß eine Frau mit dieſen Elenden verhaftet worden iſt.. „Ja, das Journal ſagt es.“ „Nun! dieſe Frau,“ ſprach Michel mit einem pein⸗ lichen Zögern.„Mein Gott! ich wage es kaum, zu voll⸗ enden.. Wenn Sie wüßten.„dieſe Frau Sie 97 kennen ſie Sie kennen ſie nur zu genau, Madame Sauval!“ „Ah!“ machte Marianne. Und ſie ſtieß einen herz⸗ zerreißenden Schrei aus und verbarg mit Entſetzen ihr Geſicht in ihren Händen. Sie errieth den Namen der Genoſſin der Fälſcher... Fortuné errieth dieſen Namen auch und murmelte beſtürzt, niedergeſchmettert: „Aurelie, die Mitſchuldige dieſer Verbrecher! Aure⸗ lie.. mein Gott!“ „Sie iſt unſchuldig!“ verſetzte Marianne ihr in Thränen gebadetes Geſicht erhebend;„ja, ich würde da⸗ ſchwören.. meine Schweſter muß unſchuldig ein. „Sie hat Alles geſtanden,“ erwiederte Michel nie⸗ dergeſchlagen;„ſie iſt die Mitſchuldige der Falſchmün⸗ zer; unter ihnen befindet ſich ihr Gatte der Graf von Villetaneuſe.“ Die Familie Jouffroy nahm dieſe Offenbarung mit einem finſtern Stiliſchweigen und einem tiefen Er⸗ ſtannen auf. Alle fühlten ſich von demſelben Schlage getroffen, Keiner wagte es, ein Wort zu ſprechen. Welche Worte hätten ihre ſchmerzlichen Empfindungen ausdrücken können? Plötzlich ſchaute Herr Jouffroy, den der herzzerreiſ⸗ ſende Schrei von Marianne aus ſeinem Halbſchlafe auf⸗ geweckt hatte, mit ſeinem erloſchenen Blicke rings umher, und er ſprach die Worte, die einzigen, welche zuweilen in ſeinem getrübten Geiſt wiederkehrten: „Iſt Mimi böſe? Töchterchen iſt glücklich?“ Dieſe in einem ſo unſeligen Augenblick von dem un⸗ glücklichen, der Vernunft beranbten Vater ausgeſproche⸗ nen Worte hatten etwas ſo ſchmerzlich Treffendes, daß ein Schluchzen aus aller Herzen entſtrömte. Die Familie Jvuffroy. M. 7 98 XIV. Michel, nachdem er die Familie Jouffroy von den Beziehungen von Frau von Villetaneuſe zu den Fälſchern un⸗ terrichtet hatte, erzählte, in Folge welcher Umſtände er in Verbindung mit Angelo gekommen war; wie er, ein unſichtbarer Zuhörer der Genoſſen bei ihrem Abendbrode, die Wiedergeburt ſeiner Mutter erfahren hatte; wie er endlich im Keller entdeckt, wo man ihn beinahe ermordet hätte, obgleich ſeine Unſchuld betheuernd, verhaftet wor⸗ den war, wobei er übrigens ſich geweigert, dem Verhöre des Beamten zu entſprechen, der ihn nach dem Namen und den Lebensverhältniſſen der Verhafteten fragte. Unbekannt mit den Dingen der Juſtiz und von einem letzten Gefühle des Mitleids für Aurelie, die Schweſter der Fran ſeines Meiſters, ergriffen, befürchtete er, wenn er ihren Namen nennen und die verſchiedenen Fragen des Beamten beantworten würde, die Lage der Angeklagten zu erſchweren. Als er aber die Nacht und einen Theil des Tages im Gefängniß zugebracht hatte, benützte Nichel, erfüllt vom Verlangen, Camille und ſeine Mut⸗ ter wiederzuſehen, und bedenkend, daß das Geſtändniß der Wahrheit allein ihm die Thüre des Kerkers öffnen konnte, ohne Frau von Villetaneuſe mehr zu gefährden, be⸗ nützte Michel, ſagen wir, gegen Abend die Ankunft des Un⸗ terſuchungsrichters, um ihm die Urſache ſeines Schweigens zu erklären und ihn damit bekannt zu machen, daß er nur dem Zartgefühle und der Dankbarkeit nachgegeben, indem er das Schickſal der Schwägerin ſeines Meiſters zu verſchlimmern befürchtet. Die Aufrichtigkeit von Michel leuchtete bei jedem ſeiner Worte durch: er wurde auf Befehl des Unter⸗ ſuchungsrichters in Freiheit geſetzt und eilte herbei, um ſich ſeiner Mutter zu Füßen zu werfen. 99 Nachdem ſie ſich ein wenig von der ſchmerzlichen Beſtürzung, in die ſie die Verhaftung von Aurelie ver⸗ ſetzt, erholt hatte, überlegte die Familie Jouffroy, welche Beſchlüſſe bei dieſer kläglichen Conjunctur zu faſſen ſeien. Marianne hegte für ihre Schweſter, trotz ihrer Verirrungen, eine unwandelbare Zuneigung; ihr erſter Gedanke war, Anrelie in ihrem Gefängniß zu beſuchen, um ihr die Tröſtungen zu bringen, die ein lie⸗ bendes, ergebenes Herz bieten kann; unfruchtbare Trö⸗ ſtungen genügten aber nicht für die Liebe von Marianne, und nachdem ſie einen Theil der Nacht mit ihrem Manne über Pläne, denen er beipflichtete, berathſchlagt hatte, wurde verabredet, daß ſchon am andern Tage Fortuné ſeine Frau nach der Conciergerie, wo Aurelie gefangen ſaß, führen ſollte. Ueberdies ſollte der allgemein ge⸗ liebte, geachtete Künſtler ſich erkundigen, welche Mittel anzuwenden wären, um die Nachſicht, das Mitleid der Richter zu Gunſten einer unglücklichen jungen Frau zu erflehen, welche mehr verirrt, als ſchuldig. Marianne ging alſo am andern Morgen nach dem Gefängniß der Conciergerie in Begleitung von Fortuns Sauval ab. XV. Die in der Conciergerie eingekerkerte Gräfin von Villetaneuſe bewohnte ein Zimmer in dem Gebäude genannt die Piſtole, das für diejenigen Gefangenen beſtimmt war, die das Recht, abgeſondert eingeſperrt zu ſein, be⸗ zahlen konnten. Ein mit dicken Gitterſtangen verſehenes ſchmales Fenſter ließ ein zweifelhaftes Licht in dieſe Stube mit ihrem geplatteten Boden und ihren kahlen Wänden eindringen, welche nur mit einem eiſernen Bette, einem 100 Tiſche, einem Stuhle und einer als Commode dienenden Kiſte ausgeſtattet war. Das Licht fiel von oben auf das Geſicht von Au⸗ relie; dieſe ſaß an einem Tiſche, wo ſie an Angelo zu ſchreiben angefangen hatte; ſie war in finſtere Gedanken verſunken, ließ ihre Feder ihren Fingern entſchlüpfen, ſtützte ihren Ellenbogen auf den Tiſch, legte ihr Kinn in ihre Hand, ſchlug die Angen gegen das Fenſter auf und dachte das Gitter ihres Gefängniſſes anſchauend nach. Das verzerrte Geſicht der Gräfin drückte weniger die Scham, weniger das moraliſche Leiden, als den Grimm gegen das Schickſal aus; das Zuſammenziehen ihrer ſchwarzen Augenbrauen, ihr bitteres Lächeln offenbarten Gefühle der Empörung, des Zorns, welche machtlos gegen dieſen Schlag des Geſchickes, der ſie von Angelo trennte, ins Gefängniß warf, das Maß ihrer Schande voll machte und mit einer entehrenden Verurtheilung bedrohte. Dieſer offene, unwiederbringliche Bruch der letzten Bande, die ſie noch an der Geſellſchaft feſthielten, wurde von Aurelie mit einer Art von wildem Muthe, von ſtrafbarem Stolze angenommen. Da ſie nicht tiefer fallen konnte, ſo träumte ſie von einer verabſcheuens⸗ werthen Erhabenheit im Böſen; ſie warf es ſich als eine feige Schwäche vor, daß ſie unbeſtimmte Gewiſſensbiſſe über die Vergangenheit empfunden hatte, als das uner⸗ wartete Zuſammentreffen mit HerrnvonVilletaneuſe in ihrer Seele ſo viele Erinnerungen erweckte; ſie wollte ſich zur Höhe von Angelo erheben und ihm ſo die Beſtändigkeit ihrer Liebe und ihre zunehmende Verdorbenheit be⸗ weiſen. Die Gräfin trug ein eleganies Frühgewand. Sie hatte ſich ſchon am Morgen ſorgfältig vor einem kleinen Spiegel. an Angelo denkend frifirt Sie fuhr nun fort, ihm einen Brief ſo glühend wie ihre 101 einſamen Träumereien zu ſchreiben.. Plötzlich hörte Aurelie das ungeheure Schloß der Thüre knirſchen, und dieſe öffnete ſich vor Marianne und ſchloß ſich hiuter ihr, als ſie der Kerkermeiſter eingeführt hatte. Die zwei Schweſtern blieben allein. Sie ſahen ſich zum erſten Male wieder ſeit dem Tage, wo Frau von Villetaneuſe der Tante Prudence jenen das Verhältniß des Grafen mit Madame Bayeul betreffen⸗ den Brief mitgetheilt hatte. Lange Jahre waren ſeit dieſer Zeit verlaufen, zu der Aurelie, damals noch im erſten Glanze ihrer Jugend und ihrer Schönheit, eine tadelloſe Gattin, die Huldigungen, die Bewunderung, die Achtung, womit ſie umgeben war, verdiente. Und Ma⸗ rianne fand ſie wieder als Mitſchuldige von Fälſchern, im Gefängniß ein entehrendes Urtheil erwartend. Troßz ihrer engeliſchen Güte, war Marianne mit ei⸗ nem ſoliden Verſtande und einem feſten Charakter aus⸗ gerüſtet: entſchloſſen zu dieſer Unterredung, hatte ſie vorher, wenn man ſo ſagen darf, alle Thränen ihres Herzens geweint, zum Voraus alle die erſchrecklichen Gemüthsbewegungen einer ſolchen Zuſammenkunft er⸗ ſchöpft, da ſie bei Aurelie nicht ſeufzend, außer ſich er⸗ ſcheinen wollte, ſondern ruhig, zärtlich, nachſichtig, ganz ſich ſelbſt beherrſchend und unterſtützt durch den Gedan⸗ ken, ihrer Schweſter etwas Beſſeres, als unfruchtbare Tröſtungen zu bieten. Sie hatte auch gewünſcht, daß ihr Mann ſie nicht begleite, ſondern ſie in der Kanzlei des Gefängniſſes erwarte, wobei ſie mit einem ausgezeichne⸗ ten Tacte die Demüthigung, die reizbaren, mißtrauiſchen Empfindlichkeiten berückſichtigte, welche der Anblick von Fortuné bei der Gräfin erwecken mußte. „Schweſter,“ ſprach nach dem Abgange des Kerker⸗ meiſters Marianne, die Arme gegen Aurelie ausſtreckend, „Schweſter, umarme mich ich komme, um Deine Reitung zu verſuchen.“ Die Gefangene, als ſie Marianne erblickte, ſtand 102 ungeſtüm, das Auge düſter, das Herz erbittert durch die Galle der Demüthigung auf, und ſtatt die Zuvorkom⸗ menheiten ihrer Schweſter zu erwiedern, wich ſie zurück. „Was machen Sie hier?“ rief ſie mit bebender Stimme.„Was wollen Sie?“ „Aurelie! ich bitte Dich inſtändig!...“ „Sie kommen, um über mein Lage zu ſpotten!“ „Arme Schweſter, ich komme, um Dir zu ſagen, daß ich Dich liebe, und um es Dir zu beweiſen.. „Ich danke für Ihre Zärtlichkeit und deren Beweiſe! Ich bedarf das nicht.“ „Aber ich, ich fühle das Bedürfniß, zu Dir zu kommen.. „Hören Sie vor Allem meine Beichte an... Sie werden erkennen, daß keine Annäherung zwiſchen uns ſtattfinden kann... Sie redliche Familienmutter! Ich war unterhaltenes Weib, ich bin die Mitſchuldige und die Geliebte eines Fälſchers, eines Sträflings. Ehe ich mit ihm verhaftet wurde, half ich ihm im Spiele be⸗ trügen, indem ich ſeine Gimpel anköderte. Dieſen Sträf⸗ ling, dieſen Betrüger im Spiele, dieſen Fälſcher bete ich an! Sehen Sie, ich ſchrieb ihm ſo eben. Wollen Sie meinen Brief leſen?... Doch nein, Sie würden ihn nicht begreifen, Sie ehrwürdige Gattin! Sie wiſſen nun, was ich bin, und über das, was ich bin, erröthe ich nicht!... Schauen Sie mir wohl ins Geſicht... Syrechen Sie: leſen Sie die Scham in meinen Zügen? Nein, nein; ich habe alle Scham von mir geworfen, hören Sie? Möchten mir dieſe offenherzi⸗ gen Geſtändniſſe von Ihrer Seite die Fadheiten der obligaten Moral erſparen! Mein Entſchluß iſt gefaßt! meine Seele iſt mit Erz gepanzert! Sie glauben vielleicht, das Gefängniß und das Urtheil, das meiner harrt, er⸗ ſchrecken mich?... Irrthum!... Die Zeit der Reue iſt vorüber! Alles iſt abgebrochen zwiſchen der Geſell⸗ ſchaft und mir! Ich nehme den Kampf an! man wird 103 ſehen, was aus mir wird! Ich habe Angelo zum Gelieb⸗ ten gehabt: damit iſt Alles geſagt. man wird mich verurtheilen. Deſto beſſer! Ich werde mich vervoll⸗ kommnen, wenn ich ein paar Jahre unter den Diebinnen und den verlorenen Weibern zubringe; ich hoffe das Gefängniß ihrer würdig zu verlaſſen! Das iſt die Gegen⸗ wart, ſo wird die Zukunft ſein!„.. Hören Sie, Ma⸗ dame Fortunés Sauval?. hören Sie, glückliche Mutter?.. glückliche Gattin?.. tugendhaftes, reines Geſchöpf?..„fleckenloſe Lilie?.. Es beſteht eine Kluft zwiſchen uns, die Jahre werden ſie noch tie⸗ fer graben... Vergeſſen Sie mich alſo, wie ich Sie vergeſſen habe, wie ich Sie vergeſſen werde; dieſes iſt das Beſte, was wir für das, was man die Ehre der Familie nennt, thun können!.. „Aurelie. ich habe Dich angehört, ohne Dich zu unterbrechen. Deine Worie erſchrecken mich nicht.“ „Sie ſind muthig.“ „Ich leſe in Deinem Herzen Fs fehlt Ihnen nichts, als die Brille der Tante Prudence.“ „Arme Schweſter! Du willſt böſe und entſittlicht ſcheinen... Du biſt nur verirrt.“ „Sie müſſen ſich das aus Familieneitelkeit ein⸗ bilden.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Halten Sie mich für ſo dumm, daß ich glauben ſoll, die Liebe führe Sie hierher?“ „Was denn?“ „Die Scham und die Furcht.“ „Wie dies?“ Ja, die Scham! ja, die Furcht, unter meiner Schande mitleiden zu müſſen. Beruhigen Sie ſich je⸗ doch: Ihr Mann iſt ein ſo großer Künſtler, daß er 104 immerhin ſeine Goldſchmiedsarbeiten vortheilhaft ver⸗ kaufen wird; Sie werden nicht Einen von Ihren Kun⸗ den verlieren, und das muß Sie tröſten.“ „Es wird Dir nie gelingen, ich ſage nicht, mich zu verletzen.. das iſt unmöglich, ſondern nur, mich zu überreden, Du denkeſt das, was Du ſprichſt. Höre mich nun ebenfalls an: ich hoffe Dich retten zu können „Mich retten?“ „Ja, ich hoffe es dahin zu bringen, daß Du vor Deiner Verurtheilung von hier zu entweichen im Stande biſt.. Alles iſt möglich mit Geld. Wäre jedoch der Gefangenwärter unbeſtechlich, ſo iſt Folgendes mein Plan; die Leute des Gefängniſſes werden ſich daran ge⸗ wöhnen, mich jeden Tag hierher kommen zu ſehen..“ „Sie werden mich hiemit verſchonen, Madame.“ „Laß mich vollenden. Man wird meinen Beſuchen durchaus nicht mißtrauen. Du biſt größer gewachſen als ich; ich werde an einem verabredeten Tag ein langes Kleid und eine weite Mantille anziehen und einen mit einem dichten Schleier verſehenen Hut aufſetzen. Du wirſt an dieſem Tage ſagen, Du ſeiſt ein wenig leidend, um im Bette bleiben zu können. Du wirſt ſodann meine Kleider anziehen und ſtatt meiner von hier weggehen, und ich werde Deinen Platz in Deinem Bette ein⸗ nehmen.“ „Sie ſind wahrhaft edelmüthig!“ ſprach die Gräfin mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Bedenken Sie auch? die Flucht einer Verbrecherin begünſtigen?“ „Verbrecherin oder nicht, Du biſt meine Schweſter; ich will Dich retten, und ich werde Dich retten! Höre weiter.. Fortuns wird Dich außerhalb des Gefäng⸗ niſſes erwarten, eine Poſtchaiſe wird bereit ſtehen, Ihr fahrt ſogleich ab.. Wenn Ihr mit der größten Ge⸗ ſchwindigkeit reiſt, könnt Ihr das Havre erreichen, ehe man Deine Flucht bemerkt, da ich die Nacht hier zubrin⸗ 105 gen werde. Sogleich nach Deiner Ankunft im Havre ſchiffſt Du Dich auf einem für Amerika beſtimmten Pack⸗ etboot ein. Der Tag Deiner Entweichung wird ſo feſtgeſetzt werden, daß er dem Abgange des Schiffes entſpricht. Bei Deiner Ankunft in New⸗York wird Dir einer der Geſchäftsfreunde meines Mannes eine hinrei⸗ chende Summe zuſtellen, daß Du bequem leben kannſt. .. Was die Zukunft betrifft, ſo rechne ich, liebe Schweſter, ja, ich rechne mit Sicherheit auf das, was im Grunde Gutes in Dir iſt.. Ja, ich bin überzeugt, Du wirſt zum Guten zurückehrem! Und wer weiß. ob Du nicht, wenn die Jahre unſere Haare gebleicht haben, Dich uns wieder nähern wirſt? wer weiß, ob wir nicht unſere Tage mit einander beſchließen werden?... „Dieſer Plan iſt ſehr ſchön, aber...“ „Noch ein Wort, Aurelie: dieſer Plan, wirſt Du mir vielleicht antworten, werde nicht durch die Liebe ein⸗ gegeben, ſondern von dem ſelbſiſüchtigen Wunſche, Dir eine Verurtheilung zu erſparen, deren Schmach auf uns zurückfallen und das, was Du unſere Familieneitelkeit nennſt, verletzen würde. Wohl, liebe arme Schweſter, glaube dies. Was iſt im Ganzen hieran gelegen, wenn Du nur der Verurtheilung entkommſt, wenn Du nur Deine Freiheit wieder erlangſt?“ „Sie jammern mich!... Ich will keine Freiheit ohne Angelo.. „Was höre ich?“ „Ich will nicht feig meiner Verurtheilung entfliehen, während mein Geliebter die ſeine ausſtehen wird...“ „Aurelie, meine Schweſter!... „Ich will nicht Frankreich verlaſſen, wo Angelo bleiben wird... Ich werde ihn wiederfinden, wenn wir aus dem Gefuͤnguiß kommen; das iſt verabredet. das iſt unter uns beſchworen.“ 106 „Aber ich „Aber ich bin nicht feig, Madame. Ich konnte lengnen, daß ich davon Kenntniß gehabt, die Banknoten, die man bei mir gefunden, ſeien falſch... und ich habe mich laut als Mitſchuldige von Angelo erklärt, um ſein Loos zu theilen. „Mein Gott! das iſt wahnſinnig!“ „Mein Entſchluß läuft Ihren Plänen zuwider; Sie werden meiner Brandmarkung nicht entgehen! Aurelie Jouffroy, Gräfin von Vllletaneuſe, die Schweſter der Frau von Fortuns Sauval, dem berühmten Künſtler, wird zur Zuchthausſtrafe verurtheilt werden.. meine Schande wird Sie mitberühren... Ich bin darüber troſtlos... Sie bezweifeln es nicht.. aber vorgeſtern noch ſchwor ich Angelo, ſein Loos werde das meine ſein... und ſehen Sie. unter Leuten unſerer Art hält man dieſe Eide bis zum Tode.“ „Aurelie ich beſchwöre Dich... weigere Dich nicht, den Weg der Rettung zu verſuchen, den ich Dir anbiete.“ „Genug... Madame, genug „Nein, nein, Du wirſt mich anhören; Dein Gemüth iſt noch edel! Ich finde den Beweis hiervon in Deiner Weigerung, die Dir dictirt wird durch ein Gefühl auf⸗ opfernder Ergebenheit, ſo blind es auch ſein, ſo unwür⸗ dig auch der Gegenſtand deſſelben ſein mag!“ „Das iſt eine. nicht ſehr muthige... Be⸗ leidigung!“ „Wie! dieſer Fälſcher, der Dich ins Verderben ge⸗ ſtürzt hat!. „Und wenn ich dieſen Fälſcher liebe, wenn ich mit ihm zu Grunde gehen will?“ „Meine Schweſter 4 „Madame. ich glaubte, wenigſtens im Gefängniß könne man in Ruhe Einſamkeit geuießen.. Dieſer 107 Beſuch wird hoffentlich der letzte ſein, den ich von Ihnen empfange.“ „Aurelie, glaube nicht, Dich meiner Liebe zu ent⸗ ziehen; ſie überlebt Alles, muß Alles überleben; Du biſt meine Schweſter; was Du auch ſagen, was Du auch thun, was Du auch denken magſt, Du wirſt immer meine Schweſter ſein! Keines von Deinen Worten, keine von Deinen Handlungen können je die heiligen Bande zerrei⸗ ßen, die uns vereinigen; ich werde Dich wider Deinen Willen lieben, ich werde Dich wider Deinen Willen retten, und.“ Doch die junge Frau unterbrach ſich, als ſie die Gräfin nach der Thüre laufen und wiederholt klo⸗ pfen ſah. „Aurelie!“ rief Marianne,„was machſt Du?. warum klopfſt Du ſo an dieſe Thüre?“ „Sie ſollen es erfahren... Madame.. Beinahe in demſelben Augenblicke Fnirſchte der ſchwere Schlüſſel im Schloſſe, und der Kerkermeiſter er⸗ ſchien. „Mein Herr,“ ſagte zu ihm die Gräfin von Villetanenſe mit bitterer Ironie,„es liegt Ihnen ohne Zweifel viel daran, daß Sie Ihre Gefangenen behalten?“ „Gewiß.“ „Schauen Sie dieſe Frau wohl an, um ſie wieder⸗ zuerkennen. „Was bedeutet.. 7“ „Das bedeutet, Herr Kerkermeiſter, daß dieſe Frau meine Schweſter iſt und mir Mittel zur Flucht angebo⸗ ten hat! „Aurelie!“ rief Marianne mit einem Ausdrucke ſchmerzlichen Vorwurfs.„Mein Gott! es kann Dich alſo nichts rühren?“ „Wie, Madame,“ verſetzte der Kerkermeiſter, ſich an Marianne wendend,„ſo mißbrauchen Sie die Erlaubniß, die man Ihnen gegeben hat?.. Sie wollen eine Ge⸗ fangene entweichen laſſen?“ 108 „Ich hoffe,“ ſprach die Gräfin,„ich hoffe, die Vor⸗ ſchläge, die mir dieſe Frau gemacht hat, werden genü⸗ gen, daß ſie fortan nicht mehr in mein Gefängniß ein⸗ geführt wird.“ „Ich glaube es wohl, und ich werde ſogleich dem Herrn Director meine Meldung machen,“ erwiederte der Kerkermeiſter, während Marianne in Verzweiflung über die Weigerung der Gräfin, und ihre Härte, die ſie we⸗ niger ihrem Herzen, als einer vorübergehenden Exalta⸗ tion zuſchrieb, vergeſſend, in Thränen zerfloß. In dieſem Augenblick trat ein anderer Angeſtellter des Gefängniſſes in Begleitung eines Gendarmen ein und ſagte zu Aurelie: „Der Herr Unterſuchungsrichter entbietet ſie in ſein Cabinet; Sie werden ſich unter der Bewachung dieſes Gendarmen dahin begeben.“ „Es iſt gut,“ erwiederte die Gräfin. Und ſie nahm von der Kiſte ihren Mantel, ihre Handſchuhe, ihren Hut und richtete ſtillſchweigend vor dem an der Wand hängenden kleinen Spiegel ihre Ge⸗ fängnißtoilette zurecht. „Ach!“ ſagte Marianne in Verzweiflung zu ſich ſelbſt, indem ſie ihre in Thränen gebadeten Augen auf ihre Schweſter heftete,„wie oft ſchmückte ich, als wir noch junge Mädchen waren, mit Liebe und Stolz die Schönheit von Aurelie, wenn ſie auf den Ball gehen wollte, ſtrahlend von Glück und unſchuldiger Coquet⸗ terie!“ Dieſer ſchmerzliche Contraſt zwiſchen der Gegenwart und der Vergangenheit, die Weigerung von Aurelie in Be⸗ treff eines Entweichungsverſuches, deſſen glücklicher Er⸗ folg möglich war, machten einen ſo lebhaften Eindruck auf Marianne, daß ſie ſich des Schluchzens nicht erweh⸗ ren konnte, als ſie Aurelie, nachdem dieſe ihre Toilette beendigt hatte, auf den Gendarmen zugehen ſah und zu ihm ſagen hörte: —— 109 „Mein Herr, nun bin ich bereit... ich folge Ihnen.“ „Meine Schweſter!“ rief Marianne, indem ſie Au⸗ relie um den Hals fiel und ſie in ihre Arme ſchloß, „wenn ich Dich nicht wiederſehen ſoll... wenigſtens ein Wort.. ein einziges Wort... und einen letzten Kuß des Abſchieds!“ Dieſe zuckende Umarmung, das Klopfen dieſes Her⸗ zeus, das an dem ihrigen ſchlug, die unwillkürliche Er⸗ innerung an die Tage ihrer Kindheit erſchütterten Au⸗ relie, trotz ihrer Verhärtung; ihre Augen befeuchteten ſich, ſie drückte Marianne an ihren Buſen, küßte ſie auf die Stirne und ſagte zu ihr leiſe mit ihrer Stimme von einſt: „Lebe wohl, Schweſterchen, ich weiß Dir Dank für Dein edelmüthiges Anerbieten, doch ich vermöchte keinen Gebrauch davon zu machen... Suche mich nicht wie⸗ derzuſehen, es wäre vergebens... Lebe wohl, auf im⸗ mer Gott befohlen!“ Und ſie entzog ſich ungeſtüm den Armen von Au⸗ relie und verſchwand, dem Gendarmen folgend. Während der ganzen Zeit ihrer Unterſuchungshaft wei⸗ gerte ſich Frau von Villetaneuſe hartnäckig, Jemand von ihrer Familie zu ſehen; Fortuns Sauval, that viele und kräftige Schritte, in der Hoffnung, die Richter dieſer un⸗ glücklichen jungen Frau, welche mehr verirrt als ſtraf⸗ bar, wie er ſagte, zum Mitleid zu bewegen. doch bei den Criminalverhandlungen zeigte ſie, ermuthigt, aufgeregt durch die Gegenwart von Angelo, mehr als je „ 5 ſeiner abſcheulichen Herrſchaft unterliegend, ſo wenig Reue und ſo viel Frechheit, daß ſich ihre Richter dar⸗ über entrüſteten, und man erkannte eine fünfjährige Ge⸗ fängnißſtrafe gegen ſie. Mauleon, Angelo, Robert und Herr von Villetaneuſe wurden zu fünf Jahren Galeeren verurtheilt. Der Graf entging dem Bagno dadurch, daß er ſich in ſeinem Kerker erhenkte. Ende der fünften Abtheilung. Epilog. P Fünf Jahre und einige Monate ſind ſeit der Verur⸗ theilung der Fälſcher verlaufen. Es iſt Nacht, es ſchneit, der Vollmond wirft ſein bleiches Licht durch die mit Reif beladenen Wolken. Ein vereinzeltes Haus findet ſich bei der Verzwei⸗ gung von zwei Straßen, von denen die eine nach Paris führt, was ungefähr eine Meile von dieſem Orte ent⸗ fernt iſt. Eine als Wache bei dem Verbindungspunkte der zwei Wege aufgeſtellte Frau horcht von Zeit zu Zeit nach dem Hauſe hin. Rings um dieſes Haus herrſcht ein düſteres Still⸗ ſchweigen; man hört nur das Pfeifen des mit Schnee beladenen Nordoſtwindes, der das Geſicht der lauernden Frau peitſcht und ihre Kleider halb mit Schnee bedeckt; ihr um den Kopf gebundenes Taſchentuch läßt theilweiſe den Scheitel ihrer braunen Haare ſehen; ein auf der Bruſt gekrenzter Tartanſhawl iſt auf ihrem Rücken zuſammenge⸗ knüpft; ſie verbirgt in den Taſchen ihres groben Rockes ihre durch die Kälte vereiſten Hände; zuweilen ſchauert ſie, unabläſſig in der Umgegend des einſamen Hauſes wachend. Dieſe Frau, deren Alter kaum das dreißigſte Jahr überſchreitet, zeichnet ſich durch eine hohe Geſtalt aus, deren Grazie und Vollendung noch durch die groben Klei⸗ der durchdringen; ihre matten, verwelkten Züge waren einſt von einer bezaubernden Schönheit. 112 Dieſe Frau iſt Aurelie Jouffroy, Gräfin von Ville⸗ taneuſe, fünf Jahre mit Creaturen von einer abſcheulichen, furchtbaren Entſittlichung eingeſperrt. Die Schamloſigkeit des Laſters, der Haß gegen die Tugend, die Empörung gegen das Gute, alle fluchwür⸗ dige Leidenſchaften, die das Gefängniß ausbrütet und entwickelt, haben ſich der ſchon vor ihrem Eintritte in dieſe Hölle verdorbenen Seele von Aurelie bemächtigt. Ihre Jugend, ihre glänzende Schönheit, die Stellung, die ſie in der Geſellſchaft eingenommen, und über die ſie ſelbſt zuerſt mit einer finſtern Ironie, mit einer frechen Affectation von Verdorbenheit ſpottete, hatten ihr unter ihren Gefährtinnen ein verabſcheuungswürdiges Anſehen verliehen; ſie nannten ſie die Gräfin mit einem höhni⸗ ſchen Reſpecte; ſie thronte unter dieſen geſunkenen, häß⸗ lichen, brandigen Creaturen, wie ſie einſt, ein keuſches, ſchönes Mädchen, im väterlichen Hauſe umgeben von den Schmeicheleien ihrer Familie thronte... wie ſie einſt, obgleich ſchon gefallen, aber noch intereſſant, am fürſtli⸗ chen Hofe von Meningen, deſſen Idol ſie war, thronte... Ihre Gefährtinnen im Gefängniß hatten ſie die Gräfin genannt, und Gräfin nannten ſie noch ihre Schandge⸗ noſſinnen in der Höhle, in die ſie eine mit ihr Freige⸗ laſſene mitgenommen, und wo ſie Angelo bei ſeiner Rücktehr aus dem Bagno erwartet hatte. Ihre fluch⸗ würdige Liebe hatte bei Beiden ihre Trennung überlebt und ſich in ihren Seelen tiefer eingewurzelt; das Lebenim Gefängniß und im Bagno verdoppelte die Gluth ihrer unreinen Leidenſchaft, und der Galeerenſklave und die reigelaſſene, die zuſammen correſpondirten, gelobten ich, einander nicht mehr zu verlaſſen, wenn ſie ſich in Paris in dem Winkel, wo Aurelie die Schmach der⸗ jenigen, welche ſie die Gräfin nannten, theilte, wie⸗ derfinden würden. Und Marianne und Fortuné, die bis zum Ende 113 ihr Werk der Barmherzigkeit verfolgten, hatten doch Briefe auf Briefe an Aurelie während ihres Aufenthaltes im Gefängniß geſchrieben, ohne eine Autwort zu erhal⸗ ten; Ihr Mitleid wurde nicht müde; ſie hatten ſich er⸗ kundigt, an welchem Tage die Gefangenſchaft von Aurelie zu Ende gehe; und als dieſe das Gefängniß verließ, fand ſie eine von Marianne und Fortuné abgeſandte ver⸗ traute Perſon. Sie ſchickten Frau von Villtaneuſe Geld und beſchworen ſie, ihnen ihren zukünſtigen Aufenthaltsort mitzutheilen. Sie ſchlug ſtolz das aus, was ſie ein Almoſen nannte; ihre Verwandten hörten nichts mehr von ihr. Den Eingebungen einer andern Freigelaſſenen folgend, erwartete ſie Angelo in einem ſchändlichen Reſte, wo er bei ſeinem Abgange aus dem Bagno mit ihr zu⸗ ſammentraf. Die Zeit der eleganten Beutelſchneiderei, mit gel⸗ ben Handſchuhen, lackirten Stiefeln, die Roſe im Knopf⸗ loch, war für den Griechen vorüber, und für die Cour⸗ tiſane war auch die Zeit der mit Seide und Spitzen geſchmückten Proſtitution unter hohem Titel vorüber. Die Stunde des niedrigen, ſchmutzigen Laſters, die Stunde des Verbrechens in Lumpen hatte für die zwei Schuldgenoſſen geſchlagen. Das Atter, das Leben im Bagno und im Gefäng⸗ niß hatten nicht minder die Seele als die Schönheit von Aurelie und Angelo verwüſtet, und ſie ſollten aus dieſen Pandämoniums Gewohnheiten, eine Sprache, eine unverkennbare Phyſiognomie, unvertilgbare Brandmale mitnehmen, wovon die mit der Aufſuchung der Miſſe⸗ thäter beauftragten Leute beim erſten Blicke betroffen werden. Unter hundert entlaſſenen Strafgefangenen, Männern und Weibern, ſind nicht zehn, welche nicht das unverwerfliche Gepräge ihrer Schande an ſich behalten. Aurelie und Angelo konnten alſo, moraliſch und phyſiſch, ihr früheres Gewerbe nicht mehr treiben, ſich Die Familie Jouffroy. MI. 8 114 nicht mehr der Eine als Beutelſchneider von guter Ge⸗ ſellſchaft, die andere als Courtiſane der vornehmen Welt produciren. Sie mußten die letzten Stufen des Laſters und des Verbrechens hinabſteigen. Sie waren ſie hinabgeſtiegen. Darum hielt die Gräfin, wie man ſie nannte in einer entſetzlichen Höhle der Petite Pologne(einer Art von Cour de Miracles, damals unfern vom Palaſte des Elyſée⸗Bourbon liegend), darum, ſagen wir⸗ hielt die Gräfin in dieſer kalten Winternacht Wache in der Umgegend eines einſamen Hauſes, das an der Straße nach Neuilly lag. „Angelo bleibt lange aus,“ ſprach Aurelie mit einer Stimme, welche heiſer geworden durch den übermäßigen Genuß von ſtarken Getränken, was auch ihren einſt ſo reinen und zarten Teint ſtellenweiſe kupferroth gefärbt hatte.„Angelo ſagte mir, er wiſſe ſicher, die Dienerin ſei allein im Hauſe in Abweſenheit ihrer Herrſchaft... Er hat mich indeſſen beauſtragt, ein großes Küchenmeſſer zu kaufen und ſchieifen zu laſſen, um ſich, wenn man ihn angreifen würde, vertheidigen zu können.. Dieſe Frau iſt allein... ſie wird keinen Widerſtand ver⸗ ſucht haben.. Er hat ihr wohl nichts Schlimmes an⸗ gethan. YVein!“ fügte ſie bei, ohne daß ſie einen unheimlichen Schauer zu überwinden vermochte,„nein! er wird dieſer Frau nichts Schlimmes angethan ha⸗ ben!.. Doch wie lange bleibt er aus, es muß ein Uhr vorüber ſein.“ Die Betrachtungen der Gräfin werden durch Angelv unterbrochen. Er kommt haſtig aus dem einſamen Hauſe heraus, deſſen Thüre er ſorgfältig hinter ſich ſchließt. Einſt ein Mann von merkwürdiger Schönheit, iſt Angelo kaum mehr zu erkennen. Die Sonne von Tou⸗ lon, die ſcharfe Seeluft haben ſeinem Geſichte jene den Galeerenſtlaven eigenthümliche Nuance von einem fah⸗ len Bronze gegebenz ſeine, nach den Vorſchriften des * 115 Bagno, glatt geſchnittenen Haare ſind ein wenig gewach⸗ ſen und ergrauen an den Schläfen; ſein Geſicht iſt abge⸗ magert; ſeine leicht gebückte Geſtalt, eine gewiſſe Art, das linke Bein zu ziehen, zeugen von ſeiner Gewohn⸗ heit, die Kette zu tragen und ſchwere Laſten zu ſchleppen; ſeine elende Kleidung beſteht aus einer fettigen Mütze, einem abgetragenen alten Sammetpaletot, der bis ans Kinn zugeknöpft iſt, aus niedergetretenen Stiefeln und mit Koth befranſten Beinkleidern. Er hält in einer Hand einen Knotenſtock und in der andern ein an den vier Ecken zuſammengeknüpftes Sacktuch, ziemlich gewich⸗ tige Gegenſtände enthaltend. Sobald er in die Nähe von Aurelie kommt, wirft er zu ihren Füßen den Stock und das Päckchen, das ein ſilbernes Geklirr von ſich gibt; hierauf bückt ſich Angelo, um Schnee aufzuheben, womit er ſich die Hände und das Geſicht reibt. In dieſem Augenblick durch einen Riß der großen finſtern Wolken erſcheinend, wirft die glänzende Mond⸗ ſcheibe ihr lebhaftes Licht auf den Galeerenſtlaven.. Die Gräfin bemerkt, daß der Schnee, mit dem er ſich ſeine Hände und ſein Geſicht reibt, roth wird. „Blut!“ ruft Frau von Villetaneuſe ſchauernd,„Du biſt verwundet?“ „Ich! nein,“ antwortet Angelo. Und nachdem er im Schnee ſeine Hände und ſein Geſicht vom Blute gewaſchen hat, zieht er aus ſeiner Taſche einen alten Stummel, ſtopft ihn mit Tabak, ſchlägt Feuer und zündet ihn an, ohne ein Wort zu ſeiner ſchauernden Gefährtin zu ſagen. „Vor Allem, ſtecken wir die Beute in unſere Taſchen,“ ſpricht endlich Angelo; und ſeine Pfeife zwiſchen den Zähnen haltend, bückt er ſich, um das Taſchentuch aufzu⸗ knüpfen, und zieht daraus mehrere ſilberne Beſtecke, einen Tümmler von demſelben Metalle, und ungefähr zwanzig Rollen Fünffrankenſtücke, ſorgfältig in ein Papier einge⸗ wickelt; nachdem er einen Theil von dieſer Summe und — 116 vom Silberzeug in die Taſchen ſeiner Hoſe und ſeines Paletot geſchoben hat, ſagt er zur Gräfin: „Nimm das Uebrige... und vorwärts! Beeilen wir uns.“ Frau von Villetaneuſe zögert, ſich mit dieſem Raube zu beladen; ſie iſt nicht vor dem Gedanken eines Diebſtahls zurückgewichen: der Gedanke eines Mordes erſchreckt ſie. „Ah! ſage doch,“ ſpricht der Galeerenſklave, indem er e näher betrachtet,„man ſollte glanben, Du zit⸗ tereſt.“ „Dieſe Frau...“ ſtammelte Aurelie,„dieſe Frau?“ „Was für eine Frau?“ „Die Dienerin, welche das Haus bewachte, Angelo! und dann das Meſſer das ich Dir kaufen mußte... „Nun, was? mit dem Meſſer habe ich die Frau getödtet.. Sie konnte ſchwatzen. „Mein Gott!.. ein Mord!“ „Willſt Du mir zufällig Moral machen?“ eutgeg⸗ net der Galeerenſklave mit wildem, drohendem Tone; „ſtecke geſchwinde dieſes Silber in Deine Taſchen, und laß uns eilen! Es iſt ſpät!“. Die Gräfin fühlt ihre Kniee ſchlottern; unfähig, einen Schritt zu thun, bleibt ſie unbeweglich, ſtumm, niedergeſchlagen. „So empfängſt Du mich!“ ſpricht der Galeerenſklave 6 mit einem finſtern, unheimlichen Lächeln.„Ich bringe Mittel, daß wir uns neu kleiden und ein paar Monate z. angenehm leben können, und nicht ein Wort des Dankes!“ „Es iſt. es iſt.„Du ſagteſt nicht„ „Was?“ „Die Frau ſollte. Sie vollendet nicht, und in ihrem Schrecken ſchlagen ihre Zähne unwillkürlich an einander. „Vorwärts!„Höre!.„Du treibſt mir den 117 Schweiß aus!“ erwiedert Angelo die Achſeln zuckend. Er hebt ſodann ſeinen ſchweren Stock auf, nimmt die Gräfin beim Arme, und bald ſie fortziehend, bald ſie unterſtützend, nöthigt er ſie, an ſeiner Seite zu gehen, indem er wie ſie ein düſteres Stillſchweigen beobachtet. Der Schnee fällt nicht mehr; doch auf dem Bo⸗ den ſich anhäufend, hat er dieſen ungleich und ſchlüpfrig gemacht. Faſt ohnmächtig vor Angſt, ſtolpert Aurelie bei jedem Schritte, obgleich unterſtützt durch den ſtarken Arm von Angelo. Nach einer Viertelſtunde, da ſie die Richtung des Weges bemerkt, ruſt ſie erſchrocken: „Wir ſchlagen ja den Weg nach Paris ein!“ „Gewiß!“ „Und wenn man entdeckt. daß die Frau.. „Man iſt in Paris heſſer verborgen, als irgendwo. Wir kehren nach der Petite Pologne zur Mutter Ban⸗ cal, Deiner Matrone zurück; wir werden dort einige Tage todt ſein, um keinen Verdacht zu erregen.. und dann WMarſch mit den Fünffrankenſtücken! Wenn Du wieder mit einem ſeidenen Kleide und einem hübſchen Hute, im Temple gekauft, aufgeputzt biſt, ſo wirſt Du zierlich und ſchön ſein wie einſt. Komm„ komm„ alle Teufel! zittere nicht ſo!“ „Ich ſtiere „Suche Dich aufrecht zu halten.“ „Der Schnee iſt ſchlüpfrig!“ „Eil Gräfin, ſie iſt fern von uns, die Zeit, wo wir mit dem Herzog in einem Wagen mit ſechs Poſt⸗ pferden, einen Conrier voraus, reiſten. Wir ſtiegen in den beſten Gaſthöfen ab; der Herzog führte uns in den vornehmſten Salons ein.„ Du glänzteſt dort durch Deine köſtlichen Toiletten.. Ah! die ſchöne Reiſe in Italien! Luſtfahrten in der Gondel in Venedig, beim Mondſcheine. Ausflüge zu Schiffe im Golf von Nea⸗ pel bei Sonnenaufgang. Und Florenz, die blühende? 118 und die Wunder von Rom?.. Zum Teufel mit dieſen Erinnernngen!“ fügte der Galeerenſklave, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, bei,„warum tauchen ſie zu dieſer Stunde in mir guf „Angelo.. meine Kräfte ſind zu Ende.. Ich kann keinen Schritt mehr machen!“ „Schwaches Weib!“ „Ich bin erſchöpft.“ „Noch eine Anſtrengung. Kannſt Du nicht mehr gehen, ſo werde ich Dich auf meinem Rücken tra⸗ gen, wie man die Kinder trägt. Wir ſind nun bald in Neuilly.“ „In Neuilly?“ „Ja was iſt hieran ſo Erſtaunliches?“ „Richts.. nur erinnere ich mich, daß ich, als ich in Penſion war, mit meiner Familie die Ferien in Neuilly bei einem Freunde meines Vaters zubrachte.“ „Als gegenwärtige Penſionaire der Mutter Bancal, wählſt Du Deinen Augenblick drollig, um an die Tage Deiner Unſchuld zu denken, meine Liebe!“ „Es iſt wahr, ich weiß nicht, warum ich nun hie⸗ ran denke... WMir ſcheint, ich bin nicht wohl bei Sinnen das iſt ohne Zweifel die Wirkung der Kälte, der Müdigkeit Höre.. Angelo. laß mich hier ſterben,“ ſagte Frau von Villetaneuſe, wäh⸗ rend ſie in den Schnee fiel und ſich mit dem Rücken an einen der Bäume der Straße anlehnte.„Nimm alles Geld.. kehre allein nach Paris zurück „Ha! dreifach Feige!“ rief der Galeerenſklave, die Gräfin mit der Fauſt bedrohend.„Ich errathe die Ur⸗ ſache Deiner Zierereien,. Du haſt Angſt!!!“ „Angſt wovor?“ „Mit mir nach dem Streiche von heute Nacht nach Paris zurückzukehren.. Nimm Dich in Acht! wenn Du nicht gehſt, ſo treibe ich Dich mit Fußtritten bis zur Barrisre.“ —— —————— 119 „Du haſt mich ſo oſt geſchlagen, daß mich Deine Drohung nicht erſchreckt; ich bin an Deine Mißhandlun⸗ gen gewöhnt das iſt mein Loos...“ „Es iſt noch zu ſchön für Dich, Dein Loos.. dreifach Feige!“ „Ich bin nicht feig... Ich habe mich für Deine Mitſchuldige in der Banknotenſache erklärt; ich konnte Alles lengnen... „Damals handelte esſich um eine Fälſchung, und heute handelt es ſich für Dich um die Mitſchuld an einem Morde. Du haſt Angſt „Höre, Angelo. dieſer Ort iſt verlaſſen, wir ſind allein... Ich habe das Geheimniß Deines Mor⸗ des Tödte mich mit einem Meſſerſtiche ich keinen Schrei von mir geben... Iſt das Feig⸗ eit?“ „Ich tödte Dich nicht, und mein Geheimniß wird bewahrt bleiben... Ich kenne Dich; Du biſt feig, aber unfähig, mich zu verrathen; es iſt nicht Dein Tod⸗ was ich brauche, ſondern Dein Leben. Ja, ich brauche eine mir eigene Fran!! hörſt Du, Gräfin? eine Frau gehorſam und ergeben, wie der treue Hund gegen ſeinen Herrn, eine Frau, die mir bei meinen Diebſtählen hilft und ſich auf die Lauer ſtellt, wenn ich es für gut finde, mich eines gefährlichen Zeugen zu ent⸗ ledigen; Du biſt oder Du wirſt dieſe Frau ſein.. ich behalte Dich... Deine letzten Bedenklichkeiten wer⸗ den verſchwinden, wie die andern verſchwunden ſind.. „Angelo, höre mich an. 8 „Antworte! Sagteſt Du mir nicht:„„Ich werde den Herzog nicht betrügen das wäre ſchändlich!““ Haſt Du ihn betrogen?“ „Sagteſt Du mir nicht in Bordeaux:„„Nie werde ich Dich bei Deinen Betrügereien im Spiele unterſtützen.. das wäre ſchändlich..“ Haſt Du mich unterſtützt?“ 120 abe „Sagteſt Du mir endlich nicht voll Angſt:„„Ich, falſche Banknoten ausgeben„ nein! nd als man bei Dir ein Päckchen davon im Hauſe der Ba⸗ tignolles fand, haſt Du da nicht keck Deine Mitſchuld zugeſtanden?“ „Das iſt wahr. doch iſt es nicht meine Schuld wenn der Mord mich erſchreckt.“ „Du wirſt Dich an den Mord wie an etwas An⸗ deres gewöhnen; nur der erſte Schritt koſtet Ueberwin⸗ dung Ich kenne Dich, darum liegt mir daran, Dich zu behalten. Und dann.. ſoll ich es Dir ſagen?“ fügte der Galeerenſtlave mit einem Ausdrucke wilder Leivenſchaft bei,„ich finde Dich noch ſchön, ich! im⸗ mer ſchön... „Schweig, ſage mir das nicht! in dieſem Au⸗ genblick Du würdeſt machen, daß ich das Bischen Vernunft verlöre, das mir noch bleibt, um Deinen Blut⸗ worten zu widerſtehen.“ „Nein, weder Deine dreißig Jahre, noch das Ge⸗ fängniß haben Dich in meinen Augen verändert,“ fuhr der Galeerenſklave mit bebender Stimme fort, indem er mit ſeinem magnetiſchen, glühenden Blicke ſtarr dieſe Unglückliche anſchaute, die er bezauberte, wie die Schlange den Vogel bezaubert.„Ich wiederhole Dir, Du biſt immer dieſelbe in meinen Augen; es iſt ſeltſam, doch die Macht meiner Erinnerungen iſt ſo lebhaft, daß ich beſtändig in Dir die anbetungswürdige, blendende Gräfin d'Arcenil von der Villa Farneſe ſehe; dieſe Vi⸗ ſion verfolgte mich im Bagno während meiner ſchlafloſen Nächte. Deine Gegenwart erinnert mich, wird mich im⸗ mer erinnern an die einzige Liebe und die ſchönſte Zeit meines Lebens.“ „Wenn ich Dich ſo ſprechen höre, Angelo, kenne ich mich nicht mehr, gehöre ich nicht mehr mir.“ „Mir gehörſt Du, und wenn Du fortan nicht wä⸗ 121 reſt, was Du ſein ſollſt: die blinde Sklavin meines Willens... höre... ich würde Dich nicht ſchlagen ich würde Dich nicht tödten.. ich würde Dich verlaſſen.“ „Das würdeſt Du nicht thun... „Es wird mich Ueberwindung koſten. doch ich werde es thun, wenn Du mich dazu nöthigſt.“ „Angelo... Du wirſt eine Frau nicht verlaſſen, die ſich für Dich zu Grunde gerichtet... für immer zu Grunde gerichtet hat. Ich konnte auf die Nach⸗ ſicht und Liebe meiner Familie zählen.. Ich habe auf dieſe letzte Hoffnung verzichtet, um Dir nach Bor⸗ deaux zu folgen. Später hat ſich meine Schweſter er⸗ boten, meine Flucht aus dem Gefängniß zu erleichtern. Ich habe die Wahrſcheinlichkeit, einem entehrenden Ur⸗ theil zu entkommen, zurückgewieſen, weil ich Dein Lvos theilen wollte. Bei meinem Abgange aus dem Gefäng⸗ niß trugen mir endlich meine Verwandten abermals ihre Unterſtützung an ich habe ſie ausgeſchlagen. und ich erwartete Dich.. Du weißt, wo„ An⸗ gelo! Du wirſt mich nicht verlaſſen... Ich habe Dich auf der Welt, in dem Schlamme, in dem ich ebe.“ „Dann ſei die Frau, die ich brauche! und ich be⸗ halte Dich.. Das iſt mein lebhafteſter Wunſch.. ich habe es Dir geſagt; wenn nicht, ſo verlaſſe ich Dich, und dann iſt meine Wahl getroffen.“ „Welche Wahl?“ „Die einer andern Fran.“ „Von wem ſprichſt Du?“ murmelte Frau von Vil⸗ letaneuſe mit dumpfer Stimme. Und bis dahin halb liegend am Fuße des Baumes, ſetzte ſie ſich langſam auf, ſchleuderte dem Galeerenſkla⸗ ven einen Blick wilder Eiferſucht zu und wiederholte mit drohendem Tone: „Von wem ſprichſt Du?“ 122 „Von einer Deiner alten Bekannten.“ „Von wem?“ „Von einer kleinen Frau, gegen die Du eben ſo viel Haß hegteſt, als ſie gegen Dich.“ „Ihr Name ihr Name?... „Die Bayeul.“ „Du ſagſt?“ rief beſtürzt die Gräfin, welche kaum glanben konnte, was ſie hörte.„Du ſagſt.. dieſe Frau... . 2 — — 6 — — 2 — 8 — — — E — 5 — — — * — — — — — ————— „Sie?. Mein Gott!. abermals ſie!“ „Ich habe ſie in einer der unterirdiſchen Schenken der Petite Pologne gefunden, wo ſie eine Neuangekommene iſt. Mau nennt ſie die Rothe; von Fall zu Fall iſt ſie ſo tief geſunken, wie ſo viele Andere... doch ſie iſt nicht feig... Sie würde nicht vor dem Meſſer zu⸗ rückweichen! Es iſt eine Wüthende, immer zwiſchen zwei Branntweinflaſchen. Dabei hat ſie ſich, bei meiner Treue! wohl erhalten! ihr Geſichtchen iſt immer noch verlockend... Kühn wie eine Löwin, iſt ſie der Schrecken der andern Weiber der Schenke. Man mußte ihre Augen funkeln ſehen, als ich ihr ſagte, wir lieben einander immer noch; ſie hat mit den Zähnen geknirſcht und wollte Dich bei der Mutter Bancal aufſuchen, um Dir das Geſicht zu zerkratzen. Sie haßt Dich auf den Tod; ſie hat den Abend nicht vergeſſen, wo ich ſie, nachdem ich ihr verſprochen, ſie nach Bordeaux mitzu⸗ nehmen, ſitzen ließ, um Dich Deinem Badineau zu ent⸗ führen, der Dich zu Clara brachte. Bedenke alſo: ja oder nein! willſt Du nicht die ſtarke Fran ſein, die ich brauche, ſo nehme ich die Bayeul.“ Die Gräfin hatte den Galeerenſklaven reden laſſen, ohne ihn zu unterbrechen. „Iſt das ein Traum?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, un⸗ willkürlich von einem Schrecken ergriffen.„Durch wel⸗ —— „ 123 ches Verhängniß findet ſich dieſe hölliſche Creatur immer auf meinem Wege? Seit dem Tage, wo ich, ein junges Mädchen, Henri von Villetaneuſe zum erſten Mal ſah, und wo dieſe Fran ſich ſchon als meine Nebenbuhlerin erklärte... Barmherzigkeit!... verfolgt ſie mich bis zu meiner Liebe für Angelo, der aus dem Bagno kommt! Oh! das erſchreckt mich!“ „Du haſt mich gehört!“ ſprach ungeſtüm der Ga⸗ leerenſtlave.„Entſcheide Dich. Es ſchlägt zwei Uhr in der Kirche von Reuilly: willſt Du mir folgen? ich frage Dich noch einmal: ja oder nein?... Wenn nicht, ſo bleibe da die Bayenl wird mein Weib ſein.“ „Komm. laß uns gehen!“ erwiederte Frau von Villetaneuſe aufſtehend. Einer erſchrecklichen Exaltation preisgegeben, preßte ſie den Arm von Angelo mit einer krampfhaften Stärke, und ſie fügte bei: „Komm. komm... die Bayeul wird mir nicht dieſen letzten Schlag beibringen. nein!... und ſollte ich mit Dir das Schaffot beſteigen! Hörſt Du, Angelo?“ Der Galeerenſklave und ſeine Genoſſin erreichten bald Paris und wandten ſich nach den finſtern Oertlich⸗ keiten der Petite Pologne. II. Am andern Abend nach dem Tage, wo Angelo Grimaldi eine Frau ermordet hatte, um ſie zu beſteh⸗ len, war Fortuné Sanval auf der Wache auf dem Poſten des Palais Elyſée⸗Bourbon. Wenig ehrgeizig hinſichtlich ſolcher bürgerlicher Auszeichnungen⸗ hatte es der berühmte Künſtler mehrere Male ausgeſchlagen, ſich zum Kapitän von der Compagnie der Nationalgarde, zu der er gehörte, ernennen zu laſſen, und nur den beſchei⸗ 124 denen Grad eines Corporals angenommen, um ſich die Unännehmlichkeit der Wache zu erſparen. Es war ungefähr zehn Uhr. Auf einer Matratze des Feldbettes ausgeſtreckt und halb in ſeinen Mantel gehüllt, erwartete der Gold⸗ ſchmied den Schlaf, wobei er, trotz ſeiner Pünktlichkeit in Erfüllung ſeiner Bürgerpflichten, ein wenig bedauerte, daß er nicht ſeinen Abend, wie er dies gewohnt, in der ſanften Traulichkeit ſeiner Familie mit Marianne und ſeiner Tochter, mit Herrn und Madame Rouſſel, mit Catherine, ihrem Sohne und deſſen Frau zubringen konnte. denn ſeit fünf Jahren war Michel der glück⸗ liche Gatte von Camille, und der Vater Laurenein war nach ſeinen Vorherſehungen Urgroßvater. Fortuns Sauval ſuchte alſo den Schlaf, um trauri⸗ gen Erinnerungen zu entgehen, welche in ihm erweckt worden waren durch den Anfang folgenden Geſpräches, das mehrere um den Ofen verſammelte Nationalgardiſten alſo fortſetzten: „Es iſt wahrhaftig noch ein ſehr ſchöner Mann.“ „Er muß das Fünfzigſte zurückgelegt haben; ich ſah ihn heute Abend in einen von den königlichen Wa⸗ gen ſteigen, wahrſcheinlich, um ſich auf den Hofball zu begeben; er war in großer Uniform und bedeckt mit De⸗ Lorationen und Bändern.“ „Seine Fran iſt viel jünger als er, aber durchaus nicht hübſch!“ „Teufel! ganz und gar nicht! ein langes, mageres Geſicht mit Flachshaaren.“ „Und eine ſehr verdrießliche Miene; doch ſie fun⸗ kelte von Diamanten.“ „Sie ſoll eine Prinzeſſin von Oeſterreich ſein.“ „Darüber mache ich dem Hauſe Oeſterreich nicht mein Compliment.“ „Verzeihen Sie, meine Herren, ich komme gerade vom Poſten. von wem ſprechen Sie?“ 125 „Vom Fürſten Karl Maximilian, der gegen⸗ wärtig im Elyſée wohnt.“ „Ho! ho! es ſcheint, er iſt ſeiner Zeit ein loſer Vogel geweſen.“ „Karl Maximilian?“ „Gewiß! ein äußerſt loſer Vogel! Ich weiß von ihm eine Geſchichte, welche Don Juan Ehre machen würde.“ „Ah bah!“ „Erzählen Sie uns das.“ „Sehr gern, meine Herren. In Form eines org⸗ toriſchen Eingangs muß ich Ihnen geſtehen, daß ich in der Blüthe meiner Jahre die Tables d'hote anbetete.“ „Ja, ja, man trifft dort zuweilen ſehr hübſche Frauen.“ „Das ſind immer mehr oder weniger Räuberhöhlen.“ „Ich gebe es zu, meine Herren; doch die Frauen, welche dieſelben beſuchen, haben in der Regel hochſt ent⸗ blößte Grundſätze; iſt man aber ein ganz junger Mann Sie begreifen?“ „Allerdings... man liebt die Maulaffen nicht.“ „Ah! und der Fürſt Karl Maximilian? Laſſen Sie ſein Don Juans⸗Abenteuer hören.“ „Ich komme dazu, meine Herren. Vor einigen Jahren beſuchte ich alſo eine Table d'hote in der Rue de la Michodiöre, welche von einer Fran von Sablonville gehalten wurde.“ „Hol ho! Frau von Sablonville, das mußte etwas Vornehmes ſein.“ „Es war ein falſcher Name; dieſe ehrliche Matrone, genannt Clara, war einſt Kammerfrau von großem Hanſe geweſen; wiſſen Sie aber, meine Herren, wer ihr die zu Gründung ihrer Table d'hote nothwendigen Fonds gegeben hatte?“ „Wer denn?“ „Der Fürſt Karl Maximilian,“ 126 „Ah! ein regierender Fürſt ſollte in Geſellſchaft ein Spielhaus errichtet haben?“ „Sie irren ſich, meine Herren: der Fürſt belohnte durch dieſe Freigebigkeit die Dienſte, die ihm genannte Clara beim fraglichen Abenteuer geleiſtet hatte.“ „Ah! ſehr gut!“ „Clara war aber, wie ſie verſicherte, dem fremd, was Verwegenſtes bei dem genannten Abenteuer vorfiel; denn von dieſer Frau, meine Herren, habe ich die De⸗ tails, die ich Ihnen erzählen will. Karl Maximilian war zu jener Zeit wahnſinnig in die Gebieterin von Clara ver⸗ liebt, welche damals Kammerfrau einer, wie ſie ſagte, blendend ſchönen Gräfin; genöthigt, wieder nach Deutſch⸗ land abzureiſen, findet mein verruchter Prinz Mittel, es dahin zu bringen, daß als Bedienter im Hauſe der Gräfin ein ihm ergebener Menſch angenommen wird, der ihm nach einiger Zeit mittheilt, der Mann der ſchönen Gräfin ſei untreu.“ „Ei! das hat man geſehen.. einen untreuen Ehemann.“ „Das ſieht man.“ „Das wird man immer ſehen.“ 3 „Ihre ehelichen Bemerkungen, meine Herren, ſind äußerſt richtig. Karl Maximilian, ſobald er erfährt, der Gemahl der Gräfin ſei untren, eilt nach Frankreich, denn er glaubt, die Gelegenheit ſei vortrefflich, um der ver⸗ laſſenen Gattin die Süßigkeiten der Rache anzubieten; er erfährt, daß ſie einen Ball gibt; was erſinnt ſodann mein Don Juan? Um ſich eine Retterrolle zu geben, welche im Stande wäre, der Gräfin den Kopf zu ver⸗ drehen, läßt er ganz einfach von dem ihm ergebenen Manne eine für den Ball erbaute hölzerne Gallerie an⸗ zünden, ſo daß ſich mitten im Tumulte des Brandes der Prinz das Vergnügen verſchafft, ſeine Schöne den ver⸗ zehrenden Flammen zu entreißen und ſo ſich den Liebes⸗ dank der reizenden Frau zu verdienen.“ 127 „Teufel! das iſt ein wenig lebhaft!“ „Der Streich iſt in der That piquant!“ „Ich finde, es iſt ein ſchändlicher Streich!“ rief der Doctor Pascal, einer der berühmteſten Wundärzte von Paris und Kapitän der Compagnie, welche gerade die Wache im Elyſée hatte.„Wie! man risquirt es, ein Quar⸗ tier einzuäſchern, um eine Laune zu befriedigen? Ich wiederhole, das iſt ſchändlich! das iſt entſetzlich!“ „Das ſind Prinzenſpiele!“ „Und man ſchickt doch auf die Galeeren als Brand⸗ ſtifter einen armen Teufel, der, da er ſeine Hütte hat verſichern laſſen, dieſe anſteckt, um den Verſicherungspreis zu erhalten!“ ſagte der Doctor Pascal.„Ich behanpte, daß Karl Max milian, obgleich regierender Fürſt, das Bagno für dieſen ſchönen Don Juans Streich verdient.“ „Sie fühlen wohl, mein lieber Kapitän, daß ich die Sache erzähle, ohne ſie zu billigen; doch das iſt noch nicht Alles... pe dieſer Prinz hat etwas noch Schlimmeres gethan?“— „Es handelt ſich nicht um ihn, ſondern um die Gräfin. Sie erinnern ſich, meine Herren, eines Pro⸗ zeſſes falſche Banknoten betreffend, der, glaube ich, vor fünf bis ſechs Jahren ſtattgefunden hat?“ Warten Sie doch... WMir ſcheint, ich erinnere mich dieſer Sache. Es war eine Frau bei der Bande und ſogar, ſo viel ich mich entſinne, eine Frau von einer gewiſſen Geſellſchaft.“ „Ja, ja. Und Einer von den Angeklagten hat ſich i Gefängniß gehenkt, wenn ich ein gutes Gedächtniß habe.“ „So iſt es, meine Herren. Nun wohl! wiſſen Sie, wer e Frau, die Mitſchuldige der Fälſcher, war?“ „Nein.“. „Wer war es denn?“„ „Die Gräfin.... ————— „Iſt es möglich!. die junge Frau, welche die Geliebte des Prinzen geweſen war?“ „Sie ſelbſt, meine Herren. und zum Ueberfluß war der Gehenkte ihr Gatte, der Graf von. von Villetaneuſe, glaube ich.“ „Seltſame, traurige Geſchichte „Aber, mein Herr, ſind Sie ſicher, daß Ihre Er⸗ innerungen Sie nicht tänſchen? daß Sie die Perſonen nicht verwechſeln?“ „Durchaus nicht, meine Herren, denn ich beſuchte, wie geſagt, damals die Table d'hote von Clara. Und, ſeltſamer Unſchlag der Dinge hienieden! kurze Zeit vor ihrer Verhaftung und der der Fälſcher, ihrer Mit⸗ ſchuldigen, hatte ſie einer Abendunterhaltung bei Clara beigewohnt.“ „Wie! bei ihrer ehemaligen Kammerfrau?“ „Ja, meine Herren; doch die Gräfin wußte nicht, daß Frau von Sablonville dieſe Clara war. Es ereig⸗ nete ſich, wie man mir ſagte(ich war nicht bei dieſer Reunion anweſend), an dieſem Abend eine zugleich hef⸗ tige und komiſche Scene zwiſchen einem ehemaligen Specereihändler, der zu jener Zeit die Gräfin unter⸗ hielt, und einem Griechen, ihrem Liebhaber, der ſpäter zu der Bande der Fälſcher gehörte und wie ſie verurtheilt wurde.“ „Welch ein Abgrund von Schande! Eine Frau von gihſehne betitelt, ſinkt zu einer ſolchen Erniedrigung erab!“ „Das iſt abſcheulich!“ „Sie verdient kein Mitleid.“ „Mitſchuldige von Falſchmünzern!“ „Läßt ſich von einem Specereihändler unterhalten und hat einen Beutelſchneider zum Liebhaber!“ „Oh!“ rief der Doctor Pascal mit Ekel,„dieſe unglückliche war ſchon in ihrer Mutter Leibe verdorben!“ „Nein, mit achtzehn Jahren war ſie das reinſte, 1 129 das edelſte Geſchöpf!“ ſprach plötzlich eine ſo tief be⸗ wegte Stimme, daß ein allgemeines Stillſchweigen eintrat. Alle Blicke wandten ſich nach einer dunklen Ecke der Wachſtube, wo bis dahin auf einem Feldbette, in ſeinen Mantek eingehüllt, Fortuné Sauval gelegen hatte. Er wollte wenigſtens die unſchuldigen Jahre des keuſchen, reinen Mädchens, das er ſo ſehr geliebt, vertheidigen; ſeine Gemüthserſchütterung, die Verſtörung in ſeinen Geſichtszügen, als er, halb in ſeinen Mantel drapirt, auf⸗ ſtand, die Achtung, die Zuneigung, die man allgemein für ihn hegte, die Bewunderung, die ſein Genie ein⸗ flößte, vermehrten noch das durch ſeine Worte erregte Intereſſe; dieſes Intereſſe verdoppelte ſich, als Fortuné Sauval, nachdem er ein paar Schritte gegen die um den Ofen verſammelten Nationalgardiſten gemacht hatte, beifügte: „Ja, meine Herren, die Frau, von der Sie reden, war mit achtzehn Jahren das reinſte, das ſchönſte, das edelſte Weſen Nie war ein Mädchen beſſer von Ratur begabt. Die Güte des Herzens, die Zartheit der Gefühle, die Anmuth des Geiſtes erhöhten ihre bezaubernde Schön⸗ heit; erzogen in der Liebe zum Guten durch ehren⸗ werthe und geehrte, wegen ihrer Rechtſchaffenheit be⸗ kannte Eltern, die ſich durch die Arbeit bereichert hatten das war mit achtzehn Jahren Mademoiſelle Au⸗ relie Jouffroy.. die Tochter des Bruders meiner Mut⸗ ter, meine Herren.“ Es läßt ſich nicht beſchreiben, mit welchem Ausdrucke ſchmerzlicher Würde Fortuns dieſe letzten Worte ſprach, die ſeine Bande der Verwandtſchaft mit Frau von Villetaneuſe enthüllten. Ein peinlicher Eindruck laſtete auf der Verſammlung, und der Erzähler wandte ſich mit innigem Tone an Fortuné und ſagte zu ihm: „Ah! Herr Sauval, glauben Sie mir, wenn ich hätte ahnen können, Sie ſeien ein Verwandter der frag⸗ Die Familie Jouffroy. M. 9 * lichen Perſon, ſo hätte ich mir nie erlaubt, den Herren dieſe traurige Anekdote zu erzählen; ich bitte Sie auch inſtändig, meine Entſchuldigung genehmigen zu wollen.“ „Sie wiſſen, Herr Sauval, welche Achtung und Liebe wir Alle für Sie hegen,“ ſprach der Doctor Pas⸗ cal, der als Kapitän den Poſten commandirte.„Ich glaube das Organ unſerer Kameraden zu ſein, wenn ich Ihnen in ihrem Namen und im meinen die Sympathie, die Sie uns einflößen, ausdrücke und Ihnen unſer Be⸗ dauern über das, was vorgefallen iſt, bezeuge; überdies bitte ich Sie, für mich perſönlich, um Verzeihung wegen der ungemeſſenen Worte deren ich mich in Betreff einer Perſon bedient habe, die ich nur nach der Erzählung un⸗ ſeres Kameraden beurtheilen konnte.“ Ein beifälliges Gemurmel beſtätigte, daß die vom Doctor Pascal ausgedrückten Gefühle dem allgemeinen Gefühle entſprachen; und Fortuns erwiederte dem Kapitän: „Mein Herr, ich bin gerührt von der Theilnahme, die Sie mir im Namen unſerer Kameraden bezengen; doch ich geſtehe, als ich einer frühzeitigen Verdorbenheit die unglückliche Frau, von der man ſo eben ſprach, be⸗ ſchuldigen hörte, da war es mir unmöglich, nicht das zu vertheidigen, was an ihr Tadelloſes geweſen iſt: ihr Le⸗ ben als Mädchen und die erſte Zeit ihrer Che... Ach! ſpäter betrogen, zu Grunde gerichtet durch einen unwür⸗ digen Gatten, umgeben von untergeordneten Agenten einer abſcheulichen Verführung, welche, wie man Ihnen ſo eben erzählt hat(ich wußte nichts von dieſem ſchänd⸗ lichen Umſtand), nicht einmal vor dem Verbrechen der Brandſtiftung zurückwich, hat ſich Frau von Villetaneuſe gegen ihre Pflichten verfehlt... Von dieſem Tage an war ſie verloren. Vergebens hat ihre Familie,— ich und beſonders meine Frau, die Schweſter von Frau von Villetanenſe,— zu allen Zeiten ihres ſtrafbaren Lebens ſich angeſtrengt, um ſie von dem unſeligen Wege, auf dem ſie fortſchritt, zurückzuziehen; dieſe Anſtrengungen waren 131 fruchtlos; das Verhängniß trieb ſie an, ſie mußte von Fall zu Fall bis zur letzten Stufe der Schande ſinken! Ein abſcheulicher Gatte, ein verwegener Verführer waren die Haupturheber der ſtufenweiſen Entſittlichung dieſer jungen Frau;... vor zehn Jahren, in Deutſch⸗ land, fagte ich zu einem Adjutanten von Karl Maximi⸗ lian:„Ihr Prinz wird eines Tags vor Gott für eine Sen⸗ die er zu Grunde gerichtet, verantwortlich ein!““ „Herr Sauval,“ ſagte der Doctor Pascal,„ehe ich die von Ihnen genannken einzelnen Umſtände kannte, hatte ich mich ſchon in Betreff des Prinzen Maximilian, ihn als einen Elenden behandelnd, ausgeſprochen; ich be⸗ harre mehr als je bei meinem Urtheil, venn ich fühle ein tiefes Mitleid für die unglückliche junge Frau, deren Untergang er verurſacht hat.“ „Und dieſes Mitleid verdient ſie,“ ſprachen mehrere Stimmen;„Alles hängt vom erſten Schritte ab, den man im Leben thut.“ „Zu Grunde gerichtet, betrogen von ihrem Manne, umgeben von Verführungen, mußte dieſe junge Frau unter⸗ liegen.“ „Diejenigen, welche ſie verdorben haben, ſind eben ſo ſtrafbar als ſie!“ In dem Augenblick, wo ſich dieſer der Gräfin von Villekaneuſe günſtige Umſchlag der Geiſter kundgab, trat ein Mann mit bloßem Kopfe und die claſſiſche Schürze der Weinhändler tragend haſtig in die Wachſtube ein und rief mit erſchrockener Miene: „Oh! meine Herren, kommen Sie geſchwinde! Man erwürgt ſich, man ermordet ſich bei der Mutter Banral.“ „Wer iſt das, die Mutter Bancal?“ fragte der Com⸗ mandant des Poſtens. „Ich bin Weinhändler und Nachbar des Toleranz⸗ hauſes, das die Mutter Bancal in der Petite Po⸗ kogne hält... Ihre Weiber zerfleiſchen ſich dort mit Meſſerſtichen. Kommen Sie geſchwinde, meine Herren um Gotteswillen, kommen Sie geſchwinde! Es iſt vielleicht in dem Augenblick, wo ich ſpreche, gro⸗ ßes Unglück geſchehen.“ „Die Sache ſcheint ernſt zu ſein,“ ſprach der Doe⸗ tor Pascal,„meine Herren, es begebe ſich ſogleich der Corporal, der zum Marſchiren eingeſchrieben iſt, mit vier Mann an den bezeichneten Ort. Finden ſich unglücklicher Weiſe Verwundete, ſo bringen Sie dieſelben hieher: ich werde ihnen die erſte Pflege geben„. Man wird Alles zum Verbinden bereit halten. Ich wohne nur ein paar Schritte von hier: einer der Tambours wird zu mir laufen und das Nothwendige holen.“ „Es iſt an wir, zu marſchiren, Kapitän,“ ſagte Fortuns, indem er ſeine Flinte vom Wehrgerüſt nahm. „Ich bin bereit... Vorwärts, meine Herren „Herr Sauval, ſoll ich Ihnen dieſe Frohne erſpa⸗ ren?“ fragte höflich ein anderer Corporal der Compag⸗ nie.„Ich habe zwar ſo eben eine Patrouille gemacht, ſchätze mich jedoch glücklich, Ihnen einen kleinen Dienſt u thun.“ „Ich danke Ihnen tauſendmal für Ihre Artigkeit. Es iſt ein abſcheuliches Wetter: der Dienſt wird hiedurch doppelt beſchwerlich, und ich darf nicht einen Andern dieſen Unannehmlichkeiten ausſetzen,“ erwiederte der Gold⸗ ſchmied. Und zu den Rationalgardiſten, die ihre Gewehre genommen hatten: „Vorwärts, meine Herren, und im Geſchwindſchritt, um ſo raſch als möglich neuen Unglücksfällen zuvorzu⸗ kommen!“ Fortuné Sauval und ſeine vier Mann begaben ſich in aller Eile, geführt vom Weinhändler, nach der Pe⸗ tite Pologne, welche nicht weit vom Palais Ely⸗ ſée⸗Bourbon entfernt lag. — 133 III. Fortuné Sauval und ſeine Leute kamen nach zehn Minuten zur Petite Pologne, welche mit finſteren, ver⸗ fallenen Häuſern umgeben war. Der Schnee fiel in großen Flocken, die Nacht war rabenſchwarz. Nach einem heftigen Laufe ſchritten die Nationalgardiſten über einen kleinen Platz hin, den die zerlumpte Menge be⸗ ſetzt hielt, welche eine unheimliche Neugierde vor ein einen Stock hohes Haus führte, ein ſchlechtes, ſchwärz⸗ liches, ſchmutziges Haus, deſſen immer ſorgfältig auf Befehl der Polizei, im Namen der den öffentlichen Sitten ſchuldigen Achtung, geſchloſſene Läden einige bleiche Lichtſtrahlen durchdringen ließen. Die Thüre dieſes elen⸗ den Hauſes war von innen geſchloſſen: Fortuns Sauval klopfte lebhaft an und rief: „Oeffnet!. öffnet! es iſt die Wache!“ Die Thüre wurde geöffnet Einer von den Natio⸗ nalgardiſten blieb außen, um ſich einem Eindringen der Neugierigen zu widerſetzen, und Fortuns trat mit den drei Anderen in eine untere Stube mit kothigem Boden und kaum erleuchtet durch eine rauchige Lampe ein; die Bürgerſoldaten wurden empfangen von der Herrin dieſer Höhie, genannt die Mutter Bancal, einer Frau von gemeinem Geſichte, mit verſtörten Zügen, welche zitternd, in kläglichem Tone, indem ſie ſich mit gefalteten Hän⸗ den an Fortuns wandte, ausrief: „Ah! mein Herr, welch ein Unglück! Man wird mein Haus ſchließen wollen. Und es iſt doch nicht meine Schuld!“ „Was iſt denn vorgefallen?“ fragte Fortuné, dem es vor Ekel übel wurde.„Lügen Sie nicht!“ „So wahr ein Gott im Himmel iſt, mein Herr, es hat ſich alſo zugetragen: meine Frauen waren da oben. Vor einer halben Stunde ſehe ich Eine eintreten, die man die Rothe nennt; ſie verlangt ſogleich mit einer von meinen Frauen, genannt die Gräfin, zu ſprechen.. Ich heiße ſie in den erſten Stock hinauf⸗ gehen, ohne im Geringſten zu mißtrauen, obſchon mir die Rothe ſtark angezündet zu haben ſchienz doch ich weiß, daß ſie trinkt und immer zwiſchen zwei Brannt⸗ weinflaſchen lebt. Im Jimmer, wo meine Frauen wa⸗ ren, angelangt, fängt die Rothe damit an, daß ſie die Gräfin mit Schmähungen überhäuft. Nach einem kurzen Schnabelgefechte ſtürzen ſie auf einander los, und im Kampfe gibt die Rothe, welche einen Dolch in ihrer Taſche verborgen hatte, der Gräfin einen gewaltigen Meſſerſtich in den Leib.. Sie fiel zn Boden... Ich und meine Frauen warfen die Rothe nieder, ban⸗ den ſie mit einem Leintuche und ſperrten ſie in eine Stube ein, wo ſie noch iſt. Und dann legten wir, ſo gut wir konnten, einen Verband mit Zunder auf, um das Blut der Wunde der Gräfin zu ſtillen. Doch ſie hat ſo viel Blut verloren, daß ſie wie todt da oben auf einem Bette liegt. Dies, mein Corporal, iſt die reine Wahrheit! Die Rothe iſt an Allem Schuld; mein einziges Unrecht beſteht darin, daß ich ſie habe hinanfgehen laſſenz doch ich konnte nicht glauben, ſie wolle die Gräfin ermorden... Deſſen ungeachtet wird man mein Haus ſchließen wollen... Das iſt mein Ruin! und ich bin Mutter einer Familie!“ Fortuns hatte die gemeine Alte angehört, ohne ſie zu unterbrechen; es hatte ihn Mitleid ergriffen mit dem Schickſal der armen Geopferten, welche den Beinamen die Gräfin führte... der Adelstitel von Frau von Villetaneuſe, von der der Goldſchmied einige Augenblicke vorher in der Wachſtube des Elyſée⸗Bourbon geſprochen hatte. Er wandte ſich an ſeine Kameraden und ſagte: „Mir ſcheint, wir müſſen die dieſes Mordes Schul⸗ 135 dige verhaften und die Verwundete nach dem Poſten bringen laſſen. Der Doctor Pascal wird ihr die erſte Pflege geben; man führt ſie hernach ins Beaujon⸗ Hoſpital.“ „Das iſt in der That das Beſte, was wir thun können, Herr Sauval,“ erwiederte einer von National⸗ gardiſten. „Und ſich an die Alte wendend: „Wo iſt die Frau, die das Opfer geſtochen hat?“ „Da oben, mein Herr.“ „Gehen wir hinauf,“ ſprach Fortuns.„Leuchten Sie uns!“ Die Mutter Bancal nahm eine Lampe; als man ſ den erſten Stock kam, öffnete ſie eine Thüre und agte: „Meine Herren, Sie müſſen durch das Zimmer gehen, in dem die Gräfin liegt, um zu dem Orte zu gelangen, wo wir die Rothe eingeſchloſſen haben.“ Fortuns Sauval und die drei anderen National⸗ gardiſten traten hinter der Alten in ein armſelig meublir⸗ tes Zimmer von ſchmutzigem, widrigem Ausſehen, ein⸗ Drei ziemlich junge Frauen mit zerlumpten Kleidern und durch die Ausſchweifung verwelkten Geſichtern ſchauten mitleidig ihre verwundete Gefährtin an, welche auf einem elenden, wurnſtichigen, wackeligen Bette lag, deſſen ſchmutzige Tücher mit Blutflecken bedeckt waren. Eine von dieſen Creaturen hielt ein Licht in der Hand, deſſen gelblicher Schein kaum die Dunkelheit dieſes unheim⸗ üchen Ortes zerſtreute. Alle Drei entfernten ſich vom Bette bei der Ankunft der Wache und von Fortuns. Plötzlich ſtößt dieſer einen herzzerreißenden Schrei aus: er hatte in dem Opfer.. Frau von Villetanenſe erkannt⸗ Die Gräfin... ſie hatte wollen Gräfin ſein„ behielt dieſen Titel bis zum Ende!.. Geſchwächt durch den Blutverluſt war die Gräfin ohnmächtig„ Ihr noch ſchöner, aber verwelkter, entfärbter, leichenbleicher Kopf war gegen die Wand gedreht und ruhte auf einem Kiſſen gefüllt mit Stroh, deſſen Hälmchen ſtellenweiſe durch die Riſſe ſeines groben Ueberzugs hervorſtanden. Die während des Kampfes gegen Madame Bayeul, — ein Kampf, der mit einem Morde endigte,— aufge⸗ löſten, langen braunen Haare von Aurelie wogten zer⸗ ſtreut über ihre Schultern und ihren nackten Buſen, der halb durch ein blutiges Nachtjäckchen verborgen war. Einer von ihren Armen, ſo elfenbeinweiß wie ihre Bruſt, hing blutlos, träge, vom Bette bis zum kothigen Boden herab eine grobe, braune wollene Decke lag auf dem entſeelten Leibe der Gräfin. Nach einem erſten Schrei der Beſtürzung warf ſich Fortuns auf die Kniee vor dem Bette der Sterbenden und murmelte unter erſticktem Schluchzen: „Aurelie! Aurelie!“ Und entſetzlich vor Verzweiflung anzuſchauen, wandte er ſich um und rief: „Das iſt meine Couſine, meine Herren! Das iſt Fran von Villetaneuſe, deren Untergang Karl Maximi⸗ lian verurſacht hat!“ Die Entrüſtung und das Mitleid waren in den Zügen der beſtürzten Nationalgardiſten zu leſen. „Herr Sauval,“ ſagte einer von ihnen nach kurzem Stillſchweigen,„wir beſchwören Sie, bleiben Sie nicht hier!.. Dieſes Schauſpiel iſt gräßlich für Sie.. es üperſteigt Ihre Kräfte... Kommen Sie, kommen Si „Aber ſie ſtirbt! ſie ſtirbt!“ verſetzte Fortuns ganz außer ſich;„ihre Hand iſt ſchon kalt!“ Und er bedeckte mit ſeinen Thränen die eiskalte Hand, die er ſchluchzend in der ſeinen preßte. „Verlieren Sie die Hoffnung nicht,“ ſprach einer von den Leuten;„Sie wiſſen, der Doctor Pascal hat Alles für einen Verband vorbereitet. Bringen wir ſchleu⸗ nigſt dieſe Dame nach dem Poſten; man kann ſie viel⸗ leicht noch retten,.. doch es iſt keine Minute zu ver⸗ lieren.“ Im Paroxysmus ſeines Schmerzes hörte Fortuné nichts; Einer von den Nationalgardiſten ſagte traurig zu ſeinen Kameraden: „Der unglückliche Herr Sauval iſt in einem ſolchen ſeen zu einem Entſchluſſe unfähig. Handeln wir ür ihn.“ Und ſich an die Alte wendend: „Verſchaffen Sie uns auf der Stelle zwei Bretter. auf die man dieſe Matratze legt; das wird genügen, um die Verwundete nach dem Poſten zu transportiren.“ „Der Boden dieſes Bettes iſt von Brettern,“ erwie⸗ derte die Mutter Bancal,„man braucht dieſe nur zu nehmen. Ah! mein Herr, ich gäbe herzlich gern mein ganzes Hausgeräth, wenn dieſes Unglück nicht hier ge⸗ ſchehen wäre; ich bin Mutter einer Familie! ich werde zu Grunde gerichtet ſein! man wird mein Haus ſchließen!“ „Wo iſt die des Mordes ſchuldige Frau?“ „Die Rothe?... Sie iſt in dieſer Stube. feſt gebunden.“ „Wir führen ſie fort; doch wer wird es überneh⸗ men, dieſe Dame bis nach der Wachſtube des Eliſée zu transportiren?“ „Wir, wir, mein Herr, wir ſind ſtark genug, um ſie zu tragen. Dieſe arme Gräfin! es iſt das Wenigſte, daß wir ihr dieſen letzten Dienſt erweiſen,“ riefen die drei Koſtgängerinnen der Mutter Bancal. Bald kam ein trauriger Zug durch die Petite Pologne. Zwei von den Gefährtinnen der Gräfin trugen die improvifirte Bahre, auf die man fie, immer des Bewußtſeins beraubt, gelegt hatte. Die Form ihres Körvers hob ſich unbeſtimmt unter den Falten des blutigen Betttuches hervor. Fortuné Sauval ging, den Kopf auf ſeine Bruſt geßut das Geſicht in Thränen gebadet, neben der Trag⸗ ahre. Madame Bayeul erſchien ſodann zwiſchen den Na⸗ tionalgardiſten, bleich, aber trinmphirend von einer wil⸗ den Freude und mit feſtem Schritte einhergehend; ſie entrüſtete durch ihre freche Haltung, durch die Scham⸗ loſigkeit ihrer Worte ihre ganze Umgebung. „Ich habe ſie nicht gefehlt, die ſchöne Gräfin!“ rief dieſe Furie.„Sie hat mich einſt gedemüthigt, ich habe ihrhiefür ihren Gattenentführt! Angelo hat mich um ihret⸗ willen verlaſſen: ich habe ſie getödtet! Man wird mich guillotiniren, ich bekümmere mich den Teufel darum! das Leben, das ich führte, iſt nicht ſo bedauernswürdig... Ich fürchte mich nicht vor dem Tod 10 Als der Trauerzug, gefolgt von einem großen Zu⸗ ſammenlauf von Reugierigen, die Petite Pologne verließ, begegnete er einem Gendarmeriepiquet, begleitet von Polizeiagenten und einem Juſtizbeamten; ſie wollten, wie der Beamte zu einem der Nationalgardiſten ſagte, dieſen verdächtigen Ort durchſuchen, um eines des Mordes bezüchtigten ehemaligen Galeerenſklaven habhaft zu wer⸗ den. IV. Verſchiedene Perſonen von der Menge der Neugierigen, welche, ohne daß ſie ſich ihr hatten nähern können, von fern der Tragbahre folgten, auf der die Gräfin ausgeſtreckt lag, eilten ihr nach dem Poſten des Elyſée voran, in der Hoffnung, ſich hier ſo aufſtellen zu können, daß ſie das Opfer erſchauen würden. Es war höchſtens elf Uhr Abends; die ziemlich zahlreich Vorübergehenden blieben ſtehen, vermengten ſich mit dieſen erſten Gruppen, erfuhren, man transportire 139 nach dem Poſten eine ermordete Frau, und man bringe auch die Urheberin des Attentats; es bildeten ſich Znſam⸗ menſchaarungen, welche jeden Augenblick wuchſen; bald waren die Zugänge der Wachſtube und des Palais Elyſée⸗Bourbon von einer compacten Menge beſetzt, vor der mehrere Wagen ihren Gang hemmen und anhalten mußten. 3* Ein Piqueur in rother Livree mit ſilbernen Galo⸗ nen auf allen Nähten und nach dem gewöhnlichen Cere⸗ moniell eine angezündete Fackel in der Hand tragend, kam in ſtarkem Trab unter dieſe ſtillſtehenden Wagen, ließ ſein Pferd im Schritt gehen, erkundigte ſich bei einem Kutſcher nach der Urſache dieſer Verſammlung und rief: „Platz, meine Herren, wenus beliebt! Platz dem Wagen Seiner Hoheit des Fürſten Karl Maximilian, der nach dem Palais Elyſée⸗Bourbon zurückfährt.“ Beinahe in demſelben Augenblicke kam hinter dem Piqueur eine herrliche blaue Berline mit dem Namens⸗ zuge und der Livree des Königs der Franzoſen; der Kutſcher war mit einer rothen, mit ſilbernen Galonen und dickem Pelzwerk beſetzten Wildſchur bekleidet; die zwei Lackeien in großer Livree, welche hinten auf dem Wa⸗ gen ſtanden, hielten jeder in einer Hand, wie der Piqueur, eine brennende Fackel, deren Helle glübende Reflexe rings um die Berline warf, in welcher Karl Maximilian und ſeine Gemahlin Wilhelmine ſaßen, der Fürſt in weißer, goldgeſtickter Uniform, geſchmückt mit den Bändern und Sternen verſchiedener Orden, die Fürſtin in großem Hofkleide, funkelnd von Diamanten. Dieſe magere, kno⸗ chige Fran, mit gelblich blonden, ihren Haaren ähnlichen Brauen ſah hoffärtig aus und ſchien ſchlimmer Laune zu ſein. Herr von Walter, der General und erſter Adjutant des Fürſten geworden war, ſaß dieſem gegen⸗ über auf dem Vorderſitze der Berline. „Nun!. was gibt es?“ fragte mit herbem Tone die Fürſtin.„Warum hält der Wagen an?“ Der General ſchaute zum Schlage hinaus auf die Straße und antwortete der Fürſtin: „Es iſt eine große Menge von Menſchen vor den Eingängen der Elyſée verſammelt.“ „Warum läßt der Piqueur dieſe Menge nicht auf die Seite treten?“ verſetzte ungeſtüm die Prinzeſſin;„es iſt unbegreiflich, daß man ſo einen königlichen Wagen in ſeinem Gange hemmt.“ „Meine liebe Freundin,“ ſagte Karl Mazimilian, „die Menge iſt ſehr gedrängt, es wäre unklug, in dieſem Augenblick die Durchfahrt zu verſuchen; warten wir, wir werden nur ein paar Minuten ſpäter ins Palais kom⸗ men.“ „Herr von Walter, ſteigen Sie aus und geben Sie Befehle, daß der Wagen weiter fährt,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin mit zunehmend ſchlimmer Laune;„es iſt unerträg⸗ lich, ſo von dieſem ſchlechten Volke aufgehalten zu wer⸗ den.“ Der General als vollkommener Hofmann verbengte ſich, öffnete den Wagenſchlag von außen und ſprang, da der Fußtritt nicht niedergelaſſen war, leicht aus dem Innern der Berline auf das Fflaſter. „Wahrhaftig, meine liebe Freundin,“ ſagte der Fürſt, „Sie mißbrauchen die Gefälligkeit des Generals; es iſt nicht an ihm, den Dienſt des Piqueur zu thun.“ „Mißbrauche ich die Gefälligkeit des Generals,“ erwiederte die Prinzeſſin mit Bitterkeit,„ſo haben Sie heute Abend meine Geduld grauſam mißbraucht!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Heute Abend, bei dieſem Empfang, haben Sie, mein Herr, vor den Augen des ganzen Hofes ſich unan⸗ ſtändig bei der kleinen Lady Fitz Clarence compromit⸗ tirt.. Ich war empört.“ 141 „Ah!“ verſetzte der Fürſt,„abermals Ihr eiferſüch⸗ tiges Mißtranen!“ „Sie machen es ſich zur Aufgabe, daſſelbe zu recht⸗ fertigen, mein Herr; ich hoffte, das Alter werde Ihre Leidenſchaften beſänftigen, und die Scandale, deren ſchmäh⸗ licher Schauplatz die Villa Farneſe vor unſerer Verhei⸗ rathung geweſen war, werden ſich nicht erneuern... Ich befürchte, ich habe mich getäuſcht.“ Dieſe Vorwürfe der Prinzeſſin riefen plötzlich im Geiſte von Karl Maximilian die Erinnerung an die ſchöne Gräfin von Villetaneuſe zurück; er lächelte ſich ſelbſt mit einer gebeimen Befriedigung im Gedanken an dieſe glän⸗ zende Eroberung ſeines reiferen Alters zu; indeſſen wollte er es verſuchen, die bitteren Gefühle ſeiner Ge⸗ mahlin zu beſchwichtigen, als er wachſende Geräuſche un⸗ ter der Verſammlung ſich erheben hörte, und bei der röthlichen Helle der Fackeln, welche die hinten auf ſeinem Wagen ſtehenden Lackeien in den Fäuſten hielten, ſah der Fürſt in einer Entfernung von wenigen Schritten die an den Zugängen der Wachſtube zuſammengeſchaarte Menge vor einer Art von Bahre, getragen von zwei Frauen und bedeckt mit einem blutigen Leintuche, das eine menſch⸗ liche Form zeichnete, zurückſtrömen.. Bei dieſer Tragbahre ging langſam Fortuné in der Uniform der Nationalgarde. Kark Maximilian erkannte den Goldſchmied nicht und wurde ſchmerzlich ergriffen von dieſer Stcene, welche an ſeinen Augen wie eine Leichenviſion beim Scheine der Fackeln vorüberging. Dieſe Scheine und der Glanz der Livreen zogen die Aufmerkſamkeit von Fortuné Sanval auf die Ber⸗ line, in der ſich der Fürſt befand. Er erkennt ihn, ſtürzt, bleich, entſetzlich, hinzu, öffnet ungeſtüm den Wagen⸗ ſchlag, ergreift krampfhaft Karl Maximilian beim Arme und ruft mit einer drohenden Stimme: „Auf die Kniee, mein Herr!„auf die Kniee! 142 Man kniet vor der mit dem Tode Ringenden! 68 iſt eines von Ihren Opfern, das vorüberzieht!“ „Unverſchämter!“ verſetzte Karl Maximilian, indem er ſich, ohne den Goldſchmied unter ſeiner Uniform zu er⸗ kennen, betäubt, verwirrt in den Hintergrund des Wa⸗ gens zu der Fürſtin zurückwarf, welche ſtumm vor Er⸗ ſtaunen und Entrüſtung da ſaß...„Was wollen Sie? wer ſind Sie?“ „Ich bin Fortuné Sauval, mein Herr, und die Frau, die man dort unter dem blutigen Tuche, ſterbend an einem Meſſerſtiche, trägt... iſt Aurelie von Villeta⸗ neuſe, die Frau, die Sie verführt haben!“ „Großer Gott!“ murmelte der Fürſt erſchrocken. „Sie ermordet„ ah! das iſt ent⸗ ſetzlich!“ „Kommen Sie, mein Herr!“ wiederholte der Gold⸗ ſchmied mit bebender Stimme. Und außer ſich, zog er mit Gewalt den Fürſten beim Arme und ſagte zu ihm: „Kommen Sie, mein Herr, und ſehen Sie den To⸗ deskampf einer Frau, die Sie ins Verderben geſtürzt haben!... Kommen Sie, mein Herr, und bitten Sie Gott und die Menſchen um Verzeihung für das Böſe, das Sie gethan!“ Von einer Art von Schwindel erfaßt und unter der Gewalt des Entſetzens und der Gewiſſensbiſſe ſprang Karl Maximilian, trotz der Schreckensſchreie der Fürſtin, aus dem Wagen, folgte maſchinenmäßig Fortuné, durch⸗ eilte mit ein paar Schritten die über dieſe ebenſo raſche als heftige Scene ganz verwunderte Menge und ſtürzte in die Wachſtube, wo der Doctor Pascal ſich ſchon beeiferte, die erſte Pflege Frau von Villetaneuſe zu geben, welche man einige Augenblicke vorher auf das Feldbett gelegt hatte. Die Thätigkeit kräftiger Salze und ein Löffel voll Aether belebten wieder für einen Moment die Geiſter 143 der Verſcheidenden; ſie öffnete halb die Augen, als Karl Maximilian und Fortuné in die Wachſtube eintraten, deren Thüre gegen den Einbruch der Menge verſchloſſen wurde Der Fürſt hielt ſich für das Spielzeug eines gräß⸗ lichen Traumes, als er auf einer ſchmutzigen Matratze, mitten in dieſer Stube, halb nackt, ſterbend, die Bruſt durchbohrt von einem Meſſerſtiche, dieſe Frau ſah, welche einſt bezaubernd von Schönheit, Jugend und Anmuth geweſen. Er blieb verſteinert, mit ſtarrem Blicke ſtehen. Fortuné kniete bei Aurelie nieder; da und dort gruppirt, verharrten die Männer der Nationalgarde in einem düſtern Stillſchweigen; die drei Frauen⸗ welche die Gräfin gebracht hatten, weinten; der Doctor Pascal ſchüttelte, dem Opfer zum letzten Male den Puls füh⸗ lend, traurig den Kopf und ſchien auf jede Hoffnung, Aurelie zu retten, zu verzichten. Frauvon Villetaneuſe erkannte zuerſt Fortuné und dann Karl Maximilian; ſie griff mit ihren ohnmächtigen Hän⸗ den nach ihrer Stirne, als ob ſie aus einem Traume er⸗ wacht wäre; ihre hohlen, durch das Herannahen des To⸗ des getrübten Augen öffneten ſich in ihrer ganzen Größe; ihre ſchon bläulichen Lippen bewegten ſich ſchwach, ohne einen Ton zu artikuliren; durch eine äußerſte Anſtren⸗ gung murmelte ſie jedoch folgende, von häufigen Er⸗ ſtickungen der letzten Stunde gehemmte Worte: „Fortuné, ich hoffte nicht, bei Dir zu ſterben. mein Jugendfreund.. Verzeih mir... Bitte Ma⸗ rianne meine Tante„ und meinen Vater.. wenn er ſeine Veruunft wieder erlangt hat.. mir auch zu verzeihen. Ich. K Die Gräfin war genöthigt, ſich eine Minute zu un⸗ terbrechen; ſie machte ſodann eine Bewegung, um ihren beſchwerten Kopf gegen den Fürſten zu drehen, der, ſte⸗ hend, das Geſicht in ſeinen Händen verborgen, ſchluchzte; doch ſie konnte nur einen ſterbenden Blick gegen ihn wen⸗ den, und fügte mit einer immer ſchwächeren, immer mehr beklommenen Stimme bei: „Maximilian... Sie haben mich granſam ver⸗ laſſen.„Dieſes Verlaſſen hat vielleicht meinen Unter⸗ gang verurſacht Ich„ verzeihe Ihnen.“ Und da ſie fühlte, wie ihr Blick ſich trübte, wie die Kälte des Todes ſie erreichte, ſtammelte ſie: „Fortuné..Deine Hand... Oh! oh... Dies waren die letzten verſtändlichen Worte der Gräfin; ihr Hals erſtarrte, ihr Kopf fiel zurück, ihre Finger zogen ſich kramphfaft zuſammenz ſie ſpräch je doch noch einmal dentlich den Namen Angelv. Dann hauchte ſie erſtickend ihre Seele in den Armen von Fortuné aus, der herzerreißende Klagen vernehmen ließ und ſich nicht von dieſem Leichname trennen konnte. In ſeinen Schrecken verſunken, die Kniee zitternd, faſt unfähig, ſich aufrecht zu halten, ſchien der Prinz wie an das Leichenbett angenagelt. Der Doctor Pascal trat langſam hinzu, legte ſeine Hand auf den Arm der Hoheit und ſprach mit tiefem, ernſtem Tone, indem er auf die drei Frauen, die Ge⸗ fährtinnen der Gräfin, deutete: „Meine Herren.. Sie ſehen dieſe drei Unglück⸗ lichen; die Verlaſſenheit, die Noth, der Hunger vielleicht haben ſie in den häßlichſten Koth verſenkt, in dem ſich ein Geſchopf Gottes ſchleppen kann.. Frau von Villetaneuſe war tiefer und tiefer ſinkend in dieſen Koth gefallen„. ſie war die Gefährtin dieſer Frauen. In dem Neſte, wo ſie lebten iſt Frau von Villetaneuſe ermordet worden.“ „Oh! genug, mein Herr, genug!“ murmelte Karl Maximilian ganz verwirrt.„Genug... haben Sie Erbarmen.. genug!“ „Nein! Sie werden einmal im Leben die Waohrheit horen: Mein Herr!.. Sie haben ſchändliche Mittel angewendet, um Frau von Villetaneuſe zu verführen... Sie haben Sie ſodaun feig verlaſſen... Sie ſiud eine der unſeligſten Urſachen ihres Untergangs. Sie ver⸗ dieven den Abſcheu und die Verachtung der rechtſchaffe⸗ nen Menſchen... Fort von hier, mein Herr, fort, es graut mir vor Ihnen““ 3 Niedergeſchmettert durch dieſe mitten unter einem tiefen Stillſchweigen ausgeſprochene gerechte und furcht⸗ bare Rede, vermochte der durchlauchtigſte Fürſt, trotz des Stolzes ſeiner ſonveränen Race, Anfangs nichts zu er⸗ wiedern; er war aber im Begriffe, ein paar Worte der Rechtfertigung zu ſtammeln, als die Thüre der Wachſtube ſich öffnete und der General Walter haſtig eintretend fragte: „Meine Herren, iſt Seine Hoheit nicht hier?“ Und den Fürſten erblickend, trat er raſch auf dieſen zu und ſprach: „Gnädigſter Herr, Ihre Hoheit die Frau Fürſtin ſchickt mich zu Ihnen.“ „Oh! kommen Sie.. Walter, kommen Sie,“ rief Karl Maximilian, während er beſtürzt, geſolgt vom General, hinauseilte;„es gibt eine Gerechtigkeit im Himmel!“ Maubrachte hierauf den Körper von Aurelie von Ville⸗ taneuſe in das Haus von Fortuné; Marianne ſchloß from⸗ mer Weiſe ihrer Schweſter die Augenlider und hüllte ſie mit ihren Händen in ein Leichentuch. Angelo Grimaldi büßte auf dem Schaffot ſein letz⸗ tes Verbrechen; Madame Bayeul wurde zu lebensläng⸗ lichem Gefängniß verurtheilt. Herr Jouffroy erloſch ſanft, ohne ſeine Vernunft wiedererlangt zu haben. Michel, der Aſſocis von Fortuns Sauval, ward ein großer Künſtler wie ſein Meiſter und brachte fort⸗ während glückliche Tage bei ſeiner Frau und Catherine zu, deren heroiſche Wiedergeburt er immer mehr bewun⸗ Die Familie Jouffroy. III. 10 derte. Der Vater Laurenein erreichte ein ſehr hohes Alter. Die Tante Prudence hörte nicht auf, den Vet⸗ ter Ronſſel wüthend zu machen und ihn zugleich mit der liebevollſten Fürſorge zu umgeben. Marianne und For⸗ tuns theilten die unausſprechtiche Seligkeit ihrer Freunde, und die Zeit, dieſer beharrliche, tandhafte Tröſter, ver⸗ wiſchte allmälig die ſchmerzlichen Eindrücke, die beim Tode von Aurelie von Villetanenſe das Glück von den⸗ jenigen trübten, welche ſie überlebten. Ende. — 878 e1. Snenqe S 2