Leihbibliotheł deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 on Cdnard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Moͤrgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für eehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 N.— Pf. 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Lange ſtand ich in vertrauter Bekanntſchaft mit ihm; wenige Menſchen ſind von der Natur beſſer aus⸗ geſtattet geweſen, als er; ſelten habe ich trefflichere Herzen als das ſeinige, einen wohlwollenderen, offene⸗ ren, gefälligeren Charakter, eine zarter empfindliche und für edle Gedanken zugänglichere Organiſation getroffen: ein Mann von einem erprobten Muthe, von einer lebhaften, oft poetiſchen Einbildungskraft, von einem feinen, weſentlich beobachtenden Geiſte, verband er mit dieſen Vorzügen ein beträchtliches ererbtes Ver⸗ mögen, ein merkwürdig ſchönes Geſicht und ein gewiſſes Etwas, was die verſchiedenartigſten Charaktere, und ſogar diejenigen, von welchen man glauben ſollte, ſie müſſen durchaus widerſpänſtig gegen die Verführung ſein, reizt und anzieht.„ Wit ſo viel Glückschancen iſt derjenige, von wel⸗ Fernand Dupleſſis. 1. 1 — 2 chem ich ſpreche, nicht nur einen großen Theil ſeines Lebens außerordentlich unglücklich geweſen, ſondern er hat auch ſo gräßliche Uebel verurſacht, daß Jeder, der nicht den Schlüſſel zu dieſem ſeltſamen Charakter hätte, für ihn nur Abneigung oder Verachtung hegen würde, während er uns, wenn nicht Intereſſe, doch Mitleid zu verdienen ſcheint, denn bis zu dem Tage, wo ich ihm die Augen geſchloſſen, hat dieſer Mann foſtbare Eigenſchaften des Herzens bewahrt. Die Leſung dieſer Denkwürdigkeiten wird, wie ich glaube, den ſcheinbaren Widerſpruch erklären. Abge⸗ ſehen von Namensveränderungen und einigen Verklei⸗ dungen der Oertlichkeiten, welche verſchiedene Schick⸗ lichkeitsgründe geboten haben, ſind dieſe Blätter von ihrem Urheber geſchrieben worden; begabt mit einem wunderbaren und(wenn eine neue Thatſache ihre Wur⸗ zel oder ihre Erklärung in einer früheren Thatſache hatte) ſo zu ſagen rückwärtsſchauenden Gedächtniß, Beſitzer von zahlreichen, von ſeinen erſten Jünglings⸗ jahren an während ſeines Lebens geſammelten Notizen, war der Verfaſſer im Stande, eine Menge von Perſo⸗ nen wiederaufleben zu laſſen. Nichts in dieſen Blättern bezeichnet den Schrift⸗ ſteller; das iſt kein Kunſtwerk; es iſt, wenn man ſo ſagen darf, eine oft ungeſchlachte Wirklichkeit, aber nach der Anſicht des Verfaſſers(und ich theile ſie) muß dieſe Wirklichkeit ihre moraliſche Lehre haben. Dies war wenigſtens die letzte Hoffnung des Man⸗ nes, den ich unglücklich und ſein vergangenes Leben be⸗ reuend, aber ſtoiſch vor dem Tode habe ſterben ſehen. „Dieſe Erzählung iſt eine Büßung, die ich mirauferlegthabe,“ ſprach er zu mir,„möchte ſie auch eine Lehre ſein.“ Ich hatte jeden Spielraum, um die nothwendigen Beſchneidungen und Veränderungen vorzunehmen; noth⸗ wendig waren dieſelben, einmal, wie geſagt, aus ge⸗ wiſſen Schicklichkeitsrückſichten, denn mehrere Per⸗ ſonen dieſer Denkwürdigkeiten leben noch heute, und ſodann, um das Leſen dieſer Blätter, indem ich ſie von allem Ueberflüſſigen befreite, zu erleichtern. Ich habe von dieſem Rechte nach meinen beſten Kräften Gebrauch gemacht; die meiſten Ereigniſſe wa⸗ ren mir in ihren geringſten Umſtänden bekannt; die er⸗ wähnten Beſchneidungen erſetzte ich zuweilen durch die raſche Erzählung der im Manuſkripte zu ausführlich entwickelten Begebenheiten. Anfangs hatte ich den Gedanken, von dieſen Er⸗ zählungen das wegzunehmen, was die Jünglingsjahre des Verſaſſers betrifft, um ſogleich zu ſeiner Heirath zu kommen, aber ich habe geglaubt(und der Leſer wird vielleicht dieſe Anſicht theilen), häufig offenbaren ſich der Charakter, die Zukunft eines Mannes in den erſten Handlungen ſeines Knabenalters und ſeiner Jugendzeit. Da endlich das Leben des Verfaſſers innig ver⸗ bunden iſt mit dem von mehreren ſeiner Schulkamera⸗ den, welche ſchon am Anfang dieſer Denkwürdigkeiten ihre eigenthümliche und ſcharf ausgeprägte Phyſiogno⸗ mie haben, ſo glaubte ich dieſe Art von Prolog nicht wegſchneiden zu dürfen.* . . Leſer lafſe ſich beſonders nicht durch einige etwas kühne Wahrheiten zurückſchrecken; ich wiederhole, das Geſammtweſen des Werkes wird beweiſen, daß es von einer hohen Sittlichkeit iſt. Eugéne Sue. Ich bin am Anfang dieſes Jahrhunderts geboren; mein Vater war Generalpächter vor der Revolution; ich habe ihn und meine Mutter verloren, Als ich noch in der Wiege lag, und bin von meiner Großmutter, von mütterlicher Seite, Frau von Francheville, erzogen worden. Arme Großmutter, ich ſehe noch ihr feines, lächeln⸗ des Geſicht und ihre ſchönen ſchwarzen Augen, deren Glanz das Alter nicht ſchwächte; bis zu ihrer letzten Stunde hat ſie ihre weißen Haare gekräuſelt und ge⸗ pudert, nach der alten Mobe, unter ihrer Spitzenhaube getragen; mit ſechsundſiebenzig Jahren war ſie noch rüſtig, las ohne Brille und aß, wie man damals zu ſagen pflegte, gründlich zu Abend; wenn ſie lachte, und das begegnete ihr oft, zeigte ſie Zähne, welche bei vielen jungen Frauen Neid erregt hätten. Es läßt ſich nichts Liebenswürdigeres, nichts Hei⸗ tereres denken, als der Charakter meiner Großmutter. Wenige Eriſtenzen find glücklicher geweſen, als die ihrige. Sie hatte, wie durch ein Wunder und immer lachend, die erſchrecklichſten Epochen der erſten Revo⸗ lution durchlebt, ohne je Paris, das ſie anbetete, oder ihr Quartier, oder nur ihr ſchönes Haus im Marais zu verlaſſen, wo ſie geboren war, ein Haus erbaut 5 ihrem Vater, einem der reichſten Stadtvögte jener Zeit. Wie die friſche Geſundheit meiner Großmutter durchaus nicht durch die Jahre geſtört worden war, ſo hatten die ungeheuren revolutionären Ereigniſſe, welche unter ihren Augen in Erfüllung gegangen, in keiner Hinſicht ihren Charakter oder ihre Ge⸗ wohnheiten geändert; nach ihrer Anſicht hatte die Re⸗ volution den höheren Bürgerſtand für die unerträgliche Unverſchämtheit der Hofleute gerächt... Nichts mehr, nichts weniger. Und dennoch,— eine ſeltſame Erſcheinung odet vielmehr eine gewöhnliche Erſcheinung bei dergleichen Dingen,— war meine Großmutter, ohne den Schatten von angewandtem Stolze zu haben, eben ſo ſtolz darauf, unter ihren Voreltern Schöppen und Stadtvögte, Notabeln u. ſ. w. zu zählen, als der Adel ſtolz darauf iſt, unter ſeinen Ahnen Marſchälle, Cardinäle u. ſ. w. zu zählen. Mit einem Worte, Frau von Francheville ſah na⸗ türlich, aufrichtig, zwiſchen dem höheren Bürgerſtande, zu dem ſie gehörte, und dem Kleinhandel oder dem nie⸗ drigen Volke dieſelbe Entfernung, welche die Herren vom höchſten Adel zwiſchen ſich und den kleinen Gvel⸗ leuten oder den Bürgern ſehen. Bis an das Ende ihres Lebens iſt alſo meine Großmutter das geblieben, was ſie bei ihrem Eintritt in die Welt, im Jahre 1760, war: eine Frau vom hohen und reichen Bürgerſtande jener Epoche. So hatte ſie ſich, wie alle Frauen ihrer Klaſſe und ihrer Zeit, den Geiſt in der Schule von Voltaire, Diderot, d'Alembert gebildet, aber ihr bevorzugter Schriftſteller war Voltaire, dieſer ſo weſentlich bürgerliche ſpöttiſche Skeptiker; die vermeſſene Ironie, die glänzende und leichte Philoſophie des Verfaſſers von Candide ent⸗ zückten Frau von Francheville und hielten ſie im Frie⸗ den und in der Freude. Jean Jacques Rouſſeau flößte 3 — ihr dagegen eine Art von Beengung und Bangigkeit ein, er ſei beſonders, ſagte ſie, traurig zu leſen; oft verſtand ſie ihn ſogar nicht. Trotz dieſes Mangels an Verſtändniß in Betreff veſſen, was bei Rouſſeau Zartes und tief Leutſeliges war, beſaß meine Großmutter ein vortreffliches Herz; aber ſie ſchenkte mit mehr Freigebigkeit, als Scharf⸗ ſinn; der Anblick eines Armen in Lumpen war ihr moraliſch und phyſiſch unerträglich; ſie unterſtützte edel⸗ müthig das Unglück, das man ihr bezeichnete, unter der Bedingung, das herzzerreißende Schauſpiel des Elends nie vor Augen zu haben und dem zu entgehen, was ſie die Dankbarkeitsſecenen nannte, welche, ſagte ſie, ihr zum Weinen Luſt machten und ihre Beſcheidenheit in Verlegenheit brachten. Meine Großmutter gab auch nicht minder aus Mit⸗ leid, als aus einer Art von ziemlich ſeltſamem Ehrge⸗ fühle; ſie ſetzte nie den Fuß in eine Kirche, doch ſie hielt darauf, ſich eben ſo Almoſen ſpendend im Namen der Menſchenfreundlichkeit zu zeigen, als es Viele im Namen der Religion find. Dieſe Art von Antagonismus verperſönlichte ſich beſonders zwiſchen meiner Großmutter und einer ihrer Nachbarinnen im Marais, der Marquiſe von Sireval, einer ſehr frommen, ſehr ſtrengen Frau, deren Almoſen Perſonen von einer vielleicht mehr augenſcheinlichen, als aufrichtigen Devotion vorbehalten waren. Frau von Francheville hatte ſich dagegen, vorzugsweiſe dar⸗ auf bedacht, diejenigen zu unterſtützen, welche Frau von Sireval als gottlos ausſchloß, den Beinamen die Vor⸗ ſehung der Verdammten gegeben; ſie zeigte vor⸗ nehmlich eine eigenthümliche Schwäche für die Mütter⸗ Mädchen, welche immer unbarmherzig aus dem Hotel Sireval zurückgeſtoßen wurden, eine Ausſchließung, über die meine Großmutter die Achſeln zuckte,„unter dem Vorwande, mit fünfzehn oder ſechzehn Jahren ſei nichts natürlicher, als einen Liebhaber zu haben, be⸗ ſonders wenn einem Mädchen kein anderes Vergnügen zu Theil werde.“ Man muß geſtehen, der Anblick dieſer Unglücks⸗ fälle, die ſich ihr oft unter den Zügen einer jungen und hübſchen Griſette boten, war Frau von Franche⸗ ville durchaus nicht zuwider; ſie trug die Koſten für das Wickelzeug, für das Wochenbett, nahm das Kind als Täufling an(ohne eine der Pflichten von dieſer Vormundſchaſt zu vernachläſſigen), ſuchte den Verführer zu bewegen, ſeinen Fehler wieder gut zu machen, und im entgegengeſetzten Falle ſagte meine Großmutter, als getrene Schülerin von Epicur, Voltaire und Ninon, zu dem armen Opſfer: „Ein andermal, meine Kleine, triff wenigſtens eine minder gefährdende Wahl.“ Die, übrigens bei ſolchen Ermahnungen conſequente, Moral meiner Großmutter faßte ſich in einigen gewiſ⸗ ſenhaft von ihr in Ansübung gebrachten Lehren zuſam⸗ men; ich habe ſie geſchrieben von ihrer Hand an einem ihrer Philoſophietage aufbewahrt: Dieſe Lehren ſind: 5 „Sich ſo viel und ſo lange als möglich beluſti⸗ gen, ohne Anderen ein Leid zu verurſachen. „Unſere Freunde lieben, ſo lange ſie uns lieben. „Sind ſie undankbar, weit entfernt, Schmerz zu empfinden oder Haß gegen ſie zu hegen, ſie vergeſſen, und beſonders ſehr ſchnell Andere lieben. (NB. Dies läßt ſich auch anwenden bei den Män⸗ nern gegen ihre Geliebtinnen, bei den Frauen gegen ihre Liebhaber.) „Nie ein ernſtes Opfer von irgend Jemand fordern oder erwarten, einzig und allein, um keine Täuſchung zu erfahren, und beſonders, um nicht genöthigt zu ſein, ſich gleichfalls zu opfern. „Mit andern Worten: In den Verhältniſſen des Lebens immer nur das verlangen, was man redlich und ſtreng zu erwiedern ſich fähig fühlt. 9 „Nie lange voraus ſeſtgeſtellte Pläne machen, um ſich nicht zur Ausführung derſelben für verpflichtet zu erachten, was beinahe immer furchtbar verdrießlich iſt. „Auf den Zufall das Leben nehmen, wie es kommt und wie es geht, nach dem Belieben der Ereigniſſe und unſerer eigenen Unbeſtändigkeit. „Sich beſonders nicht einbilden, man habe oder müſſe haben dieſen oder jenen Charakter, dieſe oder jene Meinung, denn um conſequent mit ſich ſelbſt zu ſcheinen, legt man ſich dann eine Menge von Be⸗ engungen, von Feſſeln oder Verpflichtungen auf, welche in die Länge unerträglich ſfind. Abgeſehen davon, daß man ſich der Unannehmlichkeit ausſetzt, in be⸗ ſtändigem Widerſpruch mit dem Einen oder Andern zu ſein, ſtatt ſich darein zu ergeben, ſich ſelbſt zu wider⸗ ſprechen, was doch viel bequemer und hauptſächlich viel anſtändiger iſt. „So viel als möglich vom Charakter und von der Anſichtsweiſe ſeiner Freunde ſein, das iſt das einzige Mittel, einem Jeden zu geſallen und ihn zu lieben, denn iſt man von einer glücklichen natürlichen Gemüths⸗ art, ſo liebt man immer diejenigen, welchen man ge⸗ fällt. „Nie Jemand etwas Unverbinbliches ſagen, ſelbſt nicht denjenigen, welche uns darum bitten, unter dem Scheinvorwande von Offenherzigkeit; Einem geſtehen, er ſei dumm, boshaft, lächerlich, wird ihn durchaus nicht von dieſen Uebeln befreien. Und es iſt hundert gegen eins zu wetten, daß unſere Offenherzigkeit, ob⸗ gleich erbeten, dem Bittenden völlig unangenehm ſein und daß er uns weniger lieben wird. „Die frechen Vorrechte des Adels ſind aufgehoben; das war Gerechtigkeit, aber es iſt klar, daß es auf der einen Seite immer reiche, wohlgeborene, wohlerzogene Leute, für die das Leben ein beſtändiges Feſt ſein muß, und auf der andern arme Teufel geben wird, plumpe, brutale, völlig mittelloſe, der Arbeik und dem Elend verfallene Menſchen, deren Freuden leider eben⸗ ſo erbärmlich ſind, als ihre Eriſtenz. „Iſt es nicht ebenſo klar, daß die Erſten gerade durch die Gewalt der Dinge über den Zweiten ſtehen werden? „Von dieſer Wahrheit muß man wohl durchdrun⸗ gen ſein, um nicht zu vergeſſen, daß wir, je mehr die Leute von uns abhängen oder unter uns ſtehen, deſto mehr darauf bedacht ſein müſſen, ihnen zu gefallen, ihnen zart, an⸗ genehm zu ſein, um zu machen, daß ſie uns anbeten. Arme Leute! ſie ſind ſo erfreut über dieſes rührende Benehmen, gerade weil es von Jemand kommt, unter dem ſie ſtehen. „Ebenſo, wenn Ihr mächtige Freunde habt, hütet Euch, je etwas von ihnen zu verlangen; ſie wären zu ärgerlich, Eure Zuneigung für intereſſirt zu halten. Dieſe Discretion iſt der Lurus der Freund⸗ ſchaft. 3. „Man muß nachſichtig gegen die Andern ſein, um das Recht zu haben, es außerordentlich gegen ſich ſelbſt zu ſein. „Man muß immer das Böſe verzeihen, das man uns anthut, und ſich ſagen: Wer weiß, ob ich in einer ähnlichen Lage nicht ebenſo gehandelt hätte? „Wir wiſſen nicht, woher wirkommen„wohin wir gehen und warum wir find. „Es gibt keine ſichere Moral; um ſich hievon zu überzeugen, braucht man nur die Moraliſten zu leſen und die ſchönen Reſultate zu ſehen, die ſie erlangt haben, ſeitdem die Welt Welt iſt. „Nehmen wir alſo ganz einfach als Verhaltungs⸗ regel an, was in der Mitte, wo wir leben, geſch ieht oder nicht geſchieht. „Vor Allem, ſeien wir liebenswürdig und ange⸗ nehm, hegen wir, wenn es möglich iſt, das Bewußt⸗ ſein, das Böſe nie eigenwillig gethan zu haben. Wir werden heiterer ſterben. 11 „Streben wir nie ehrgeizig nach den großen Tu⸗ genden; einmal iſt dieſe Prätenſion ſehr unbeſcheiden, und dann iſt es mit den großen Tugenden wie mit den großen Hofſtellen... man richtet ſich in Repräſenta⸗ tionskoſten zu Grunde. „Erhalten wir uns in Freude und in guter Ge⸗ ſundheit, denn beinahe immer ſind diejenigen, welche ſich wohl befinden, bie Wohlgeſinnten, und diejenigen welche ſich übel befinden, die Uebelgeſinnten. „Benützen wir Alles, mißbrauchen wir Nichts, um ſo lange als möglich genießen zu können. Verſäumen wir nie eine Gelegenheit des Vergnügens und haben wir nur einen Zweck: „Glücklich ſein, denn die Glücklichen machen die Glücklichen.“ Wenn ich dieſe Lehren abſichtlich in ihrem reinen Egoismus, in ihrer naiven Scheu vor jeder ſtrengen Pflicht, in ihrem Ausdruck liebenswürdiger und zwang⸗ loſer, bis zum Opfer.. ausſchließlich gehender, Güte wiedergegeben habe, ſo iſt es geſchehen, weil ich ſeit meiner Kindheit bis zu meiner erſten Jugend(zu wel⸗ cher Zeit ich meine Großmutter verloren habe) in der Ausübung dieſer Theorie, genannt Theorie der an⸗ genehmen Leute, erzogen worden bin. Es gibt für den Menſchen zwei Erziehungen: Die Erziehung der Seele, die er am häuslichen Herde durch das Beiſpiel und durch die Gewohnheit erhält; Die Erziehung des Verſtandes, die er in der Schule erhält. Von dieſen zwei Erziehungen iſt die erſte ſicherlich diejenige, welche die tiefſten Wurzeln im Herzen des Menſchen ſchlägt und darin zurückläßt; ſie macht ihn aut oder böſe, ſchwach oder ſtark vor ſeinen Leiden⸗ ſchaften. II. Ich wurde in das Collége von Sainte⸗Barbe von meiner Großmutter geſchickt, obſchon es ſie viel Ueberwindung koſtete, denn ſie verzog mich in der gan⸗ zen Bedeutung des Wortes. Ich hatte dort zwei Freunde, deren Exiſtenz enge mit der meinigen verbunden geweſen iſt. Ich werde von ihnen mit einigen Einzelnheiten ſprechen. Der Eine von dieſen Freunden, ungefähr von mei— nem Alter, hieß Hyacinthe Durand; kränklich und lei⸗ dend, wie er war, machte ihn ſeine Schwäche furcht— ſam. Bei meinem Eintritt in das Collége diente er als Spielzeug, beinahe als Märtyrer für unſere Kamera⸗ den. Er weinte immer, wenn man ihn ſchlug, ver⸗ theidigte ſich nie und hieß Hyacinthe lein ſonder⸗ barer Name für einen Mann); man nannte ihn auch gewöhnlich Mademviſelle. Sein, wenn nicht ange⸗ nehmes, doch höchſt ſanftes und ſchwermüthiges Geſicht⸗ chen, die außerordentliche Zartheit ſeiner Gefühle, ſeine tiefe Empfindſamkeit waren in der That ganz weiblich. Wie ich, war er Waiſe, doch er hatte nicht, wie ich, die gutherzigſte, die⸗liebevollſte der Großmütter. Sah er einen von unſeren Kameraden frendig und voll Eifer weglaufen auf den Ruf: „So und ſo, Ihr Vater iſt da... So und ſo, Ihre Mutter erwartet Sie,“ ſo ſeufzte Hyacinthe mit einer ſchmerzlichen Miene; nie beſuchte ihn Jemand. Eines Tags, nach einem der we⸗ nigſtens wöchentlichen Beſuche meiner Großmutter, fuhrte 13 ich ſie durch die Höfe zurück; in dem Augenblick, wo wir uns trennten, küßte ſie mich mehrere Male, und ich erwiederte dieſe Liebkoſungen voll Herzlichkeit. Hya⸗ einthe war einige Schritte von uns entfernt; er wandte ſich ungeſtüm ab und verbarg ſein in Thränen gebadetes Geſicht in ſeinen Händen, ſo grauſam empfand er die Entbehrung dieſer mütterlichen Zärtlichkeiten. Sein Vormund, ein Angeſtellter im Miniſterium des Innern, war ein geiziger, harter, gallſüchtiger Menſch; er flößte Hyaeinthe eine ſolche Abneigung ein, daß er lieber im Collége ſeine Sonntage und Ferien zubringen, als zu dieſem widerwärtigen Vormunde gehen wollte. Dieſer trug übrigens durchaus keine Sorge für ſeinen Mündel und vernachläſſigte ihn ganz und gar. Hyaecinthe er⸗ freute ſich nicht nur feines von den kleinen Genüſſen, welche ſelbſt für die Kinder von weniger wohlhabenden Familien zugänglich find, ſondern es fehlte ihm ſogar oft an den unentbehrlichſten Dingen, und in Folge des ſchmutzigen Geizes ſeines Vermundes hatte Hyacinthe nie andere Kleider auf dem Leibe, als die alten Röcke dieſes Menſchen. Gott kennt die lächerliche Tournure des auf dieſe Art aufgeputzten armen Jungen; welche Spöttereien, welche Verfolgungen zog ihm ſeine groteske Kleidung zu, die immer in Fetzen an ihm hing, denn beinahe in jeder Recreation ging Hyacinthe von Hand zu Hand wie ein Spielball. Wollte er ar⸗ beiten, ſo dienten ſeine Bücher, ſeine Hefte als Wurf⸗ geſchoß. War es Mangel an Selbſtvertrauen, war es Widerwille, war es Entmuthigung verurſacht durch dieſe beſtändigen Mißhandlungen, Hyaeinthe hatte kei⸗ nen günſtigen Erfolg in den Klaſſen; er galt in den der Lehrer für einen Trägen, für einen Dumm⸗ opf. Ich bekam indeſſen ſpäter den Beweis, daß Hya⸗ einthe, ſobald er Vertrauen gewonnen hatte und mit Theilnahme gehört zu werden ſicher war, ſeltene Eigen⸗ ſchaften des Geiſtes und eine für ſein Alter merkwür⸗ dige Erhabenheit der Gedanken zeigte. Dieſer arme Junge, ohne Familie, ohne Freunde, immer geſchmäht, immer geſchlagen, immer weinend, und von einer ſolchen Sanftmuth, daß er, ſtatt ſich über die Plackereien, deren Opfer er war, zu beklagen, ſie eher verbarg; dieſer arme Junge erregte mein Mit⸗ leid. Ich zählte damals fünfzehn und ein halbes Jahr, war groß und ſtark für mein Alter. Ich übernahm die Vertheidigung von Hyacinthe, und fortan war ſeine Ruhe geſichert. Sehr erſtaunt über eine Beſchützung, deren Motive er nicht begriff, ſuchte mein neuer Freund dieſe in einer Vorausſetzung, die mich ſchmerzte; häufig nahm im Collége ein Stärkerer einen Schwächeren in ſeinen Schutz, unter der Bedingung für den Schützling, Befehle alſo ausgeſprochen:„Sklave.. hole mir meine Bücher Sklave, ſchneide mir eine Feder u. ſ. w. mit leidendem Gehorſam zu vollziehen. Hyacinthe ſagte mir mit ſeiner ſanften, furchtſa⸗ men Stimme: „Fernand, ſeit zwei Tagen plagt man mich in Folge Deines Beiſtandes nicht mehr; Du haſt mich ohne Zweifel gegen unſere Kameraden vertheidigt, damit ich Dein Sklave ſei? Es iſt mir recht, ich will das lieber, als Jedermann zum Spielzeng dienen. Sei nicht zu hart gegen mich; verlange nur das Mögliche von mir... ich werde Dich zu befriedigen ſuchen.“ „Hyacinthe,“ antwortete ich,„ich habe Dich ver⸗ theivigt, weil es mich geärgert, Jedermann ſich an Dir, der Du wehrlos biſt, vergreifen zu ſehen. Für meinen Schutz verlange ich nur Deine Freundſchaft von Dir.“ „Meine Freundſchaft,“ erwiederte er erſtaunt,„die Freundſchaft von mir! und warum? „Eiſ.. um einen Freund zu haben. ohne Zweifel.. „Du! Fernand! Du, dem Jeder Ehre anthut? Du, der Du ſo glücklich, ſo reich biſt, wie man ſagt? Du den alle Welt liebt? Welches Bedürfniß kannſt Du nach einem Freunde meiner Art haben?“ „Sprich.. ſteht Dir das an?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte er zögernd, da er die Sache immer unwahrſcheinlich fand,„das dünft mir ſo außer⸗ ordentlich.“„ „Nun denn! mein armer Hyaeinthe, nimm Dir die Zeit, Dich an dieſen Gedanken zu gewöhnen; ich werde mittlerweile immerhin als Freund handeln“ Ich hielt Wort, Hhaeinthe war endlich überzengt von meiner Freundſchaft für ihn; er ſuchte von da an alle Arten von jinnreichen und zarten Mitteln, um mir ſeine Anhänglichkeit und ſeine Dankbarkeit zu be⸗ weiſen. Unter mehreren erinnere ich mich folgender Thatſache, ſie iſt bezeichnend: Hyacinthe Durand galt, wie geſagt, für einen er⸗ bärmlichen Schüler. Man warf ihm, unter anderen Beſchwerden, ſeine abſcheuliche Handſchrift vor; ein Vorwurf, der mir, ich geſtehe es trotz meiner Freun⸗ vesparteilichkeit, gegründet ſchien. Ich fühlte ziemlich viel Neigung für das Zeichnen in mir. Meine Groß⸗ mutter gab mir Alles im Ueberfluß, ich bediente mich ſogar für meine Studien eines herrlichen Velinpa⸗ piers, das ich ſchleuderte, wie man zu ſagen pflegt, indem ich ein ganzes Blatt anwandte, wenn mir ein Viertel genügt hätte. Eines Tages fand ich in meinem Pulte ein Gevierte von dieſem wie Pappendeckel dicken Papier, auf welches, mitten in einer zierlichen Ein⸗ faſſung mit rother und ſchwarzer Tinte, mit einer wun⸗ derbar regelmäßigen Handſchrift folgende Fabel, die ich immer aufbewahrt habe, geſchrieben war: Der Baunkänig und der Falke. „Ein armer Zaunkönig ohne Vater und Mutter, klein und ſchwach wie ein wahrer Zaunkönig, diente 16 als Spielzeug für einen großen Trupp ſchwatzhafter, luſtiger, ſpöttiſcher Vögel, welche wie er in einem Vo⸗ gelhauſe gefangen gehalten wurden. „Erſchien der Zaunkönig, ſo fielen ſogleich Elſtern, Goldammern, Amſeln, Finken über ihn her, verfolgten und pickten ihn mit den Schnäbeln, mehr aus Muth⸗ willen als aus Bosheit. Da der Zaunfönig nie zu ſchreien wagte, ſo glaubten ihm die großen Vögel viel⸗ leicht nicht wehe zu thun; und dann hatte dieſer Schwächliche ſo kleine Federn, daß er es kaum fühlen mußte, wenn man ſie ihm ausrupfte... dachten ohne Zweifel auch die großen Vögel. „Der Zaunkönig hatte Geduld, hoffte auf den guten Gott und ſagte zu ſich: Gut, wie er iſt, hat er die Zaunkönige nicht ge⸗ ſchaffen, um zitternd und verborgen in einem Winkel zu bleiben, bei Strafe, wenn ſie herausgehen, lebendig gerupft zu werden! „„So klein er iſt, ſo würde der Zaunkönig doch gern wie die großen Vögel unter den Blättern flattern, ſich im Thau baden, munter zwitſchern, wenn die Sonne glänzt; früher oder ſpäter werden auch die muthwilligen Vögel, die mich plagen, während ihr Herz nicht böſe iſt, zu ſich ſagen: es muß ſehr traurig ſein, das Leben dieſes armen kleinen Zaunkönigs; das iſt peinlich an⸗ zuſchauen... Beluſtigen wir uns mit etwas An⸗ derem.““ „Die großen Vögel waren ohne Zweifel nahe daran, dies zu denken, als eines Tages ein Falke, ein kühner und edler Vogel, der auch im Vogelhauſe wohnte, für den Zaunkönig Partei nahm, ihn mit ſeinem Flügel be⸗ bedeckte, mit ſeinem Schnabel vertheidigte, und da er einen ſtarken Flügel und einen harten Schnabel hatte, ſo war der Zaunkönig von ſeinen Qualen befreit. „Ein Falke einen Zaunkönig befreien! Warum, wenn nicht, um ihn zu freſſen? 17 „Das war der Gedanke des Schwächlichen, ſobald er ſich mit ſeinem muthigen Retter allein ſah. „Aber wer wurde ſehr überraſcht? Der Zaun⸗ könig. „Weit entfernt, ihn freſſen zu wollen, liebte ihn der Falke wie ein Freund. „Ein Falke! der ſtolze Vogel, der in's Unabſeh⸗ bare fliegt und der Sonne in's Antlitz ſchaut...; ein Falke den furchtſamen Zaunkönig lieben. welcher im Mooſe lebt und höchſtens bis zum obern Zweige eines Roſen⸗ ſtocks flattert? „Ja, der Falke, der ſtolze und muthige Vogel, hat den Zaunkönig geliebt. „Warum dies? „Weil der Zaunkönig ſchwach, harmlos und ge⸗ quält war. „Und der Zaunkönig, wie bewies er ſeinem Freunde ſeine Dankbarkeit?» „Indem er ihn mit ſeinem ganzen Herzen eines Zaunfönigs liebte, das für die Liebe eben ſo groß iſt, als das Herz des Adlers. „Zuweilen wird der Zaunkönig indeſſen traurig und ſpricht zu ſich: „„Der Falke iſt ein Jagd⸗ und Lurusvogel, be⸗ liebt bei vornehmen Herren und ſchönen Damen, die ihm ihren geſtickten Handſchuh reichen; früher oder ſpäter wird der Falke auch, geſchmückt mit goldenen Glöckchen und purpurrothen Reiherfedern, das Vogel⸗ haus verlaſſen, entfliegen und für immer aus den ge⸗ blendeten Augen des kleinen Zaunkönigs verſchwinden, deſſen Welt ein Buſch iſt. „Was wird dann aus dem Zaunkönig werden, wenn er für immer von ſeinem Freunde getrennt iſt? „Oh! obgleich ganz klein, iſt dieſes Vögelchen ein großer Zauberer... Ja, der kühne Falke mag ſich immerhin unabſehbar in die Lüfte erheben, von Berg zu Berg, von Schloß zu Schloß fliegen, die Bewunde⸗ Fernand Dupleſſis. I. 2 oder phyſiſchen Leiden; er ſagte zu mir, ſeufzend, daß theidigen: rung der vornehmen, Herren und ſchönen Damen durch ſeine Anmuth und Schönheit hervorrufen, er wird den⸗ noch nie vom Zaunfönig getrennt ſein, der beſtimmt iſt, in ſeinem Buſche zu leben und zu ſterben. „Ja, der glänzende und kühne Falke mag wohl dort ſein, er wird dennoch immer hier ſein. „Wo denn? „Im Herzen des Zannfönigs.“ Nie hätte ich meinen Freund, den Trägen, den Dummen, für fähig gehalten, etwas Aehnliches zu ſchreiben. Ich war nur um ſo mehr gerührt von die⸗ ſem neuen Beweiſe ſeiner Zuneigung. Hyacinthe war ganz Herz, ganz Liebe, aber ſeine körperliche Schwäche und die anßerordentliche Reizbar⸗ keit ſeiner Nerven machten ihn feige; muthige Leute erbleichen beim Anblick des Blutes; der arme Made⸗ moiſelle erbleichte und zitterte an allen Gliedern beim Anblick eines Fanſttampfes. Das Verzerren des Ge⸗ ſichtes zweier Gegner, der Ausdruck des Haſſes, der ſie belebte, ihre Flüche, ihre Schreie, verurſachten bei Hya⸗ einthe eben ſo viel Schmerz, als Schrecken; er zerfloß 1 dieſer häßlichen Viſion zu entgeben. Hatte ich mich in in Thränen und ſchloß maſchinenmäßig die Augen, 4 einen ungleichen Kampf eingelaſſen, ſo fühlte ſich Hya⸗ einthe unfähig, mir beizuſtehen; er weinte, er bebte; war ich aber niedergeworfen, ſo bat er meinen Gegner um Gnade und bot ſich ſogar als Schlachtopfer an, um ſtatt meiner geſchlagen zu werden, wenn dies mei⸗ nen Gegner befriedigen fönnte. 4 Seltſamer Widerſpruch, der Thätigkeitsmuth man⸗ gelte Hyacinthe, doch es lag etwas Stoiſches, Herviſches ſogar in ſeiner duldenden Reſignation beim moraliſchen er feige genug, um es nicht zu wagen, mich zu ver⸗ —.————————— 19 „Es iſt nicht die Furcht vor den Schlägen, was mich zurückhält, das ſchwöre ich Dir, Fernand Es iſt der Anblick dieſer verzerrten Geſichter, dieſer wü⸗ thenden Augen, dieſer durch den Zorn weiß gewordenen Lippen„ da fehlt es mir unwillkürlich an Herz.“ ** III. Ich habe noch von einer andern Freundſchaft ge⸗ ſprochen, die ich in Sainte⸗Barbe, ziemlich lange nach meiner Verbindung mit Hyaeinthe Durand, ſchloß; dieſer andere Freund hieß Jean Raymond; wie die Mehrzahl unſerer Kameraden, hatte er ſeinen Beina⸗ men: man nannte ihn Brutusz; er näherte ſich ſeinem ſiebzehnten Jahre. Er war ein Junge von mittlerem Wuchſe, behende und ſtark, mit einem braunen, kräf⸗ tig ausgeprägten Geſichte; ſeine ſtolze Phyſiognomie, ſeine großen ſchwarzen, zugleich kühnen und denkenden Augen, ſeine Schweigſamkeit, ſein Geſchmack für die Einſamfeit imponirte, uns Allen; man kannte keine Freunde von ihm; ſelten nahm er Theil an unſeren Spielen, wenn nicht etwa, um dabei als Gebieter zu befehlen. Handelte es ſich um ein Complott, um eine Empörung, ſo war Jean Rahmond die Seele und der Anführer davon, vorausgeſetzt, daß ihm Complott und Empörung durch eine entſchiedene Ungerechtigkeit legi⸗ timirt ſchienen. War dies nicht der Fall, ſo verwei⸗ gerte er ſeine Mitwirkung. Wurde die Verſchwörung entdeckt, ſo hielt er, ohne ein Wort zu ſagen, die Stra⸗ fen aus und zeigte ſich unerforſchlich in Betreff ſeiner Genoſſen. Sein Beiname Brutus rührte von der religiöſen Verehrung her, die er für veuilt von Rom und Spatta hegte, deren Thaten wir jeden Tag überſetzten. Zuweilen nannte man Raymond auch den Tyran⸗ nen, nicht in einer Anſpielung auf die Herrſchaft, die er über uns ausübte, ſondern weil er nicht vom Kaiſer Napoleon ſprechen konnte, ohne ihn den Tyrannen zu nennen und ihn zu verfluchen. Ich ergründete ſpäter das Geheimniß dieſer Abneigung. Man muß übvigens ſagen, Jean Rahmond war nicht von ſeinem Alterz viel mehr vorgerückt, als wir Alle, verdankte er ſeiner erſten Erziehung und einigen ſeltſamen Umſtänden eine Reife der Vernunft, eine Strenge der Grundſätze, eine Macht der Rede und des Geiſtes, welche ſehr aus⸗ nahmsweiſe und ſehr merkwürdig erſcheinen mußten, wenn man bedenkt, daß er damals erſt ſiebenzehn Jahre alt war. Trotz ſeines ungeſchlachten Charakters, trotz ſeiner häufigen Empörungen, war Jean Raymond einer der beſten Zöglinge von Saint⸗Barbe, und ganz beſonders ſtark in der Mathematik, hatte er gewöhnlich glänzende Erfolge beim großen Coneurs; unſere Lehrer zeig⸗ ten ſich nachſichtig gegen ſeinen Verſchwörer⸗Cha⸗ rakter; er war unter uns mehr gefürchtet als geliebt. Seine Energie, ſein Muth, ſeine geiſtige Ueberlegenheit flößten uns eine unwillkürliche Ehrfurcht ein. Vielleicht angelockt durch die Schwierigkeit des Unternehmens, verſuchte ich es mehrere Male, mit Jean Raymond ein etwas vertraulicheres Geſpräch anzuknü⸗ pfen; die eiſige Starrheit dieſes ſeltſamen Jungen 1 6. ſtieß mich in meinem Entgegenkommen immer wieder ab, und ich grollte ihm lange wegen ſeiner ſtolzen Zu⸗ rückhaltung. Eines Tages war Hyacinthe Durand ein elaſtiſcher Ball mit großer Heftigkeit an's Auge geſchleudert wor⸗ den; der Schmerz war ſo ſcharf, daß Mademoiſelle ſchrille Schreie ausſtieß. Jean Raymond ging an uns vorüber, zuckte die 21 * Achſeln und ſagte mit ſeinem herben Tone zu dem Lei⸗ denden: „Man nennt Dich mit Recht Mademviſelle... weibiſcher Weichling!“ „Ich möchte Dich wohl an ſeiner Stelle ſehen, Dich, Brutus,“ rief ich Jean zu.„So ſehr Du auch Brutus biſt, Du würdeſt noch ſtärker ſchreien, als er, wenn Du dieſen Ball an's Auge bekämeſt.“ „Hebe den Ball auf und verſuche es,“ erwiederte Jean Rahmond mit einer Miene geringſchätzender Her⸗ ausforderung, und er pflanzte ſich mit gekreuzten Ar⸗ men vor mir auf und ſchaute mir ins Geſicht. In einer erſten Bewegung des Zorns, und eben ſo ſehr um Hyaeinthe zu rächen, als um dieſen Groß⸗ ſprecher zu demüthigen, hob ich den Ball auf und ſchleuderte ihn mit ſolcher Kraft, daß ich Jean Ray⸗ mond über dem Auge traf; ſogleich ſchwoll ſein Au⸗ genlid auf und wurde bläulich; der Schmerz mußte grauſam ſein. Unempfindlich, gab Brutus nicht eine Klage von ſich, und er ſagte verächtlich zu mir: „Habe ich geſchrieen!“ Dann wandte er mir den Ruͤcken zu, ohne daß er ſich an mir zu rächen ſuchte, obgleich er eben ſo tapfer als ſtarf war.. Ich geſtehe, ich fand nichts Herrlicheres, nichts Hel⸗ denmüthigeres in meinen Erinnerungen von Rom und Sparta. Jean Raymond ſchien mir nun hundert Ellen hoch; mein Groll machte einer Art von fanatiſcher en Platz, ich lief ihm nach und ſagte zu ihm: 6 „Nahmond, ich habe Dir feiger Weiſe wehe ge⸗ than. Du mußteſt Deine Genugthuung nehmen.“ „Nein,“ erwiederte er ungeſtüm,„ich hatte Dich heransgefordert.“ Und er entfernte ſich. Ich holte ihn wieder ein und fügte bei:. „Du biſt edelmüthig gegen mich geweſen, ich bitte 22 Dich um Verzeihung wegen des Böſen, das ich Dir feige zugefügt habe, ich bereue es. Um es Dir zu be⸗ weiſen, bitte ich Dich, laß uns Freunde ſein!...“ „Freunde!“ verſetzte er, indem er mich maß, als hätte ihm meine Prätenſion ungeheuer geſchienen; und er fügte trocken bei: „Die Freundſchaft kommt nicht ſo geſchwinde bei „Was muß ich thun, um Deine Freundſchaft zu erlangen?“ „Das Gegentheil von dem ſein, was Du biſt.“ „Und was bin ich denn?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Oder vielmehr, Du biſt träge, unwiſſend, leicht⸗ ſinnig, Du biſt ohne Charakter, ohne Energie.“ „Ich! ich habe mich doch geſtern erſt zweimal geſchlagen!“ „Ja, aus Zorn oder aus alberner Eitelkeit. Du weichſt nicht vor einem Fauſtſchlage zurück; aber Du haſt weder Kopf, noch Feſtigkeit; Du biſt unbeſonnen, geſchwätzig. Bei der letzten Verſchwörung des großen Schlafſaals haſt Du Alles durch Deinen Verrath entdeckt.“ „Ich ein Verräther!“ „Du haſt geſchwatzt. In einem ſolchen Falle heißt ſprechen verrathen. Du biſt dabei ein Lügner, und ich verachte die Lügner.“ „Was willſt Du, zuweilen lüge ich... wie ein Anderer um nicht beſtraft zu werden, zum Bei⸗ ſpie „Das iſt Feigheit, Du biſt überdies lächerlich eitel.“ „Worin?“ „In Allem. Wenn Du am Sonntag ausgehſt, biſt Du aufgeputzt wie ein Menſch von fünſ und zr. zig Jahren, Du ſpielſt den Herrn; Du allein haſt mir 23 hier eine goldene Uhr mit Berlocken, und Du läſſeſt keine Gelegenheit vorübergehen, mit Deiner Uhr Pa⸗ rade zu machen; und danm endlich biſt Du ohne Herz.“ „Nie ſeit ſeinem Eintritt in Saint⸗Barbe, hatte Jean Raymond ſo lange mit Einem von uns geſprochen, und obſchon ich damais ein ſehr ſchlechter Beobach⸗ ter war, bemerkte ich doch, daß Brutus bei jedem der Vorwürfe, die er an mich richtete, das Ge⸗ ſpräch abbrechen zu wollen ſchien, das er wie unwill⸗ kürlich fortſetzte; von allen ſeinen harten Anſchuldigun⸗ gen war die einzige, die mich verletzte, die:„Du biſt ohne Herz.“ Ich erwiederte auch mit Bitterkeit: „Ich! ich habe kein Herz!“ „Im Ganzen... doch.. ein wenig,“ fügte Jean Raymond bei, indem er ſich eines Umſtandes zu erinnern ſchien.„Du haſt Hyaecinthe unter Deinen Schutz genommen; Jedermann ſchmähte, ſchlug ihn; Du haſt ihn vertheidigt; das dentet mindeſtens ein wenig Herz an.“ Und er verließ mich haſtig. Trotz der rauhen Offenherzigkeit der Vorwürfe von Brutus, glaubte ich in ſeinem Geſichte mehr Sympathie für mich zu leſen, als er mir zu bezeigen den Anſchein haben wollte. Am Ende unſerer kurzen Unterredung hatte ſich die beißende Herbheit ſeines Tones gemildert. Und als er ſagte:„Du haſt ein wenig Herz,“ glaubte ich zu bemerken, daß er in einer erſten, bald wieder zurückgedrängten, Bewegung ſich anſchickte, mir die Hand zu reichen. Seltſam! die Vorwürfe von Jean ſtachelten mich; ich arbeitete mit einem Eifer, zu dem ich mich nicht fähig erachtet hatte. Ich erlangte einige gute Plätze; ich ging offenherzig einer Beſtrafung entgegen und geſtand einen verborgenen Fehler; ich ſchlug mich weni⸗ ger blindlings; ich kieß meine Uhr und meine Ber⸗ locken in meiner Hoſentaſche, ſtatt damit unabläſſig eitle Schauſtellungen zu machen. Bei einer bedeuten⸗ den Verſchwörung endlich, genannt die Verſchwörung der Zuglampen(ein legitimer Aufſtand, denn Bru⸗ tus hatte die Leitung davon übernommen und ihn mit ſeiner gewöhnlichen Beherztheit und Kaltblütigkeit aus⸗ geführt), legte ich einen Beweis von ſo viel Verſchwie⸗ genheit und Entſchloſſenheit ab, daß am Tage nach der Affaire Jean Raymond, der, wie ich, im Carcer der Schule eingeſperrt war, mir die Hand reichte und zu mir ſagte: „Fernand, wenn Du willſt.. nun laß uns Freunde ein.“ Bei dieſen Worten war ich gleich ſehr erſtaunt und erfreut, und bald bewerkſtelligte ſich eine völlige Verwandlung bei Jean Raymond. Zuvor gebieteriſch, herb, wurde ſeine Sprache liebevoll; ſeine rauhe Phy⸗ ſiognomie erweichte ſich; dieſes vermeintlich eherne Herz öffnete ſich endlich, und ich fand darin Schätze von Empfänglichkeit und Zartgefühl, welche des guten Mademviſelle würdig geweſen wären. Ich konnte mich von meinem Erſtaunen nicht erholen, verbarg es Jean auch nicht und fragte ihn, warum er ſo lange das Anerbieten meiner Zuneigung zurückgewieſen habe. ⸗ „Ich fühlte mich zu Dir hingezogen,“ antwortete er lächelnd.„Ich mochte mich immerhin ſträuben, ich gab dem Zauber nach...“ „Und warum haſt Du nicht ſogleich nachgegeben?“ „Weil für einen furchtbaren Mathematiker, wie ich es bin, mir meine Freundſchaftsvelleitäten für Dich nicht logiſch ſchienen; höre, warum: ich werde Dich unabläſſig über Deine Fehler ausſchelten, Du wirſt Dich nicht beſſern, ich werde darüber wüthend ſein, ich werde Dir Beleidigungen ſagen und Dich nichtsdeſto⸗ weniger lieben. Im Ganzen iſt das beſſer, als wie ein Wolf und ohne Freund zu leben.“ 25 Meine neue Freundſchaft ließ mich Hyaeinthe Du⸗ rand nicht vergeſſen; an demſelben Tag ſagte ich zu Jean: „Ehe ich Dein Freund wurde, war ich mit Ma⸗ demoiſelle verbunden; wenn ich ihn jetzt verließe, wäre er ſehr unglücklich, er würde ſich nicht beklagen und beiſeit weinen; er iſt ſchüchtern und furchtſam wie ein Mädchen, aber ſo herzlich, ſo ergeben und beſonders ſo dankbar dafür, daß man ihn liebt, daß Du ihm er⸗ lauben müßteſt, der Dritte in unſerer Freundſchaft zu ſein, und mich nicht nöthigen ſollteſt, ihn zu verlaſſen.“ Bei dieſen Worten rief Jean Rahmond im Tone des Vorwurfs: „Ich Dich nöthigen, Hyaeinthe zu verlaſſen! Du wäreſt alſo zu dieſer Undankbarkeit fähig?“ „Nein, Jean! gewiß nicht... Aber wenn ich am S wählen müßte zwiſchen Dir und ihm, ſo... d „So würdeſt Du dieſen armen Jungen aufgeben, der nur Dich zum Freunde, zur Stütze hat, um mit meiner Freundſchaft zu prunken, wie mit Deiner Uhr und den Berlocken, nicht wahr?“ fuhr Jean zornig fort:„Ich ſagte es Dir ja, wir werden uns nie ver⸗ ſtehen können! Das fängt ſchön an! Wo Teufels habe ich auch einen Freund wie Dich geſucht!“ Betrübt über die ſcharfe Vorſtellung von Jean er⸗ wiederte ich: „Es iſt wahr, ich habe Unrecht gehabt von der Aufopferung von Hyaeinthe zu ſprechen, doch mein Gedanke iſt gut geweſen; er beweiſt Dir, daß ich mei⸗ nen erſten Freund nicht vergaß.“ „Ei! mein Gott, ja!“ verſetzte Raymond ein we⸗ nig beruhigt, aber die Achſeln zuckend,„ja, Dein erſter Gedanke iſt gut geweſen, doch Du haſt ihn verdorben, Du haſt nicht den Muth gehabt, mir dreiſt zu ſagen: Ich werde Dein Freund ſein, ich will aber auch der Freund von Hyaeinthe bleiben.“ „Du haſt Recht...“ 26 „Und hatte ich Unrecht, als ich Dir vorwarf, Du habeſt nur den Muth, Fauſtſchläge zu geben oder zu empfangen?“ „Nein, Jean, ich ſcheue den Kampf nicht, doch es gibt eine Menge von Dingen, die ich nicht zu ſagen aus Furcht, Schmerz zu verurſuchen oder zu ver⸗ etzen.“ „Im Gegentheil, mit ſolchen Schonungen, mit ſol⸗ chen Charakterſchwächen verletzt man die Leute' wie mich ſo eben...“ „Ich habe Dich verletzt? „Gewiß, daß Du glaubteſt, ich ſei fähig, Deinen Bruch mit Hyacinthe zu fordern.“ „Ich danke Dir, Jean, Du willſt alſo, daß Ma⸗ demviſelle nicht allein bleiben ſoll? er ſoll zuweilen in den Erholungsſtunden mit uns kommen?“ „Bei Gott!“ erwiederte er lächelnd,„ein Made⸗ moiſelle, das iſt ohne Folge.“ Als ich Hyacinthe meine neue Freundſchaft für Naymond mittheilte, wobei ich indeſſen meinem alten Freunde verſicherte, er ſollte zu unſerem Trio gehören, ſuchte der arme Junge zu lächeln, zufrieden zu ſcheinen, und antwortete mir: Oh! deſto beſſer!... Wir werden drei Freunde ſein, ſtatt zwei, und...“ Er konnte nicht vollenden, die Thränen traten ihm in die Augen, und er ſügte bei, indem er ſeine Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen ſich bemühte: „Ja, es iſt beſſer, zu Drei zu ſein, als zu Zwei... es iſt viel luſtiger!“ Und er ſetzte mit einer ſchmerz⸗ lichen Miene hinzu:„Und dann, Du weißt wohl Fer⸗ nand, daß ich nicht das Recht habe, einen Willen zu beſitzen... Es iſt ſchon viel, daß Du Freundſchaft für mich hegſt, den alle Welt zurückſtieß.“ Zum vertrauten Umgang mit uns zugelaſſen, zeigte Hyaeinthe die größte Diseretion in ſeinen Beziehungen 27 zu uns, aus Furcht, zudringlich zu ſein oder uns be⸗ ſchwerlich zu fallen; wie oft waren Rahymond und ich genöthigt, zu ihm zu gehen, ihn unter dem Arm zu faſſen und als Dritten bei unſeren Geſprächen, bei un⸗ ſeren Spaziergängen zu nehmen. Dann wurde ſein Auge feucht, und er dankte uns voll Innigkeit. Allmälig verſchwand der Zwang bei ihm; oft hielt er uns unter dem Zauber ſeiner engeliſchen Seele; ein Nichts, ein auf einem Blümchen fitzendes Inſect, ein aus dem Sande des Hofes emporwachſender Grashalm gab Hya⸗ einthe die rührendſten, die zarteſt religiöſen Gedanken ein. Eines Tages ſagte er zu uns: „Wie billig, wie väterlich zeigt ſich der gute Gott gegen die Demüthigen und die Kleinen! Er hat dieſem Grashalme, dieſem Inſect ein Leben gegeben ſo voll⸗ ſtändig als das der größten Bäume und der größten Geſchöpfe. Ein vortreffliches und ergebenes Herz, immer ge⸗ fühlvoll bei dem, was ſchwach und harmlos war wie er, fand Hyacinthe gerade in ſeiner Gebrechlichkeit einen Grund, Gott zu preiſen und zu verherrlichen. Jean Raymond hatte auch einen ſehr klar ausge⸗ ſprochenen religiöſen Inſtinkt. Doch für ibn bedeutete Gott Gerechtigkeit, wie für Hyaeinthe Gott Liebe be⸗ deutete. Ich, was mich betrifft, ich geſtehe, ich war in die⸗ ſen Materien das Echo, das den Ton zum Täuſchen wiederholt, der Spiegel, der den Gegenſtand auf das Getreuſte wiederſcheint; ich war gerührt mit Hyaeinthe, entrüſtet mit Jean gegen die Ungerechtigkeit, und zwar aufrichtig, aus der tiefſten Tiefe meines Herzens. In ſolchen Augenblicken hätte ich meine Gefühle durch Handlungen überſetzt; ich beſaß jedoch weder die Liebe für Alles und für Alle wie Hyaeinthe, noch den Geiſt unbeugſamer Gerechtigkeit wie Jean. IV. Ein charakteriſtiſcher Umſtand wird Jean Raymond vollends ſchildern. Es war im Jahre 1815(nach der zweiten Reſtau⸗ ration) bei einem der Spaziergänge der Zöglinge un⸗ ſeres Collége auf den Boulevards. Die Kirche der Madeleine was damals im Bau begriffen; ihre weite Umfriedigung enthielt einen Bivonae von fremden Truppen; der Lehrer, der unſere Promenade leitete, willigte auf unſere Bitte ein, uns den Bivouac, wo, wenn ich mich recht erinnere, ruſſiſche Küraſſtere und regelmäßige Koſaken gelagert waren, näher anſchauen zu laſſen. Ich ging in meiner Reihe neben Jean Raymond, Hyacinthe ſchritt uns voran; wir kommen auf eine Art von Plattform, welche heute der Kirche als Säu⸗ lengang dient, damals aber, da die Stufen noch nicht gelegt waren, erhob ſich dieſe Plattform ſenkrecht, zwölf bis fünfzehn Fuß über dem Boden; Jean Raymond hatte ſeine Reihe verlaſſen, um oben von dieſer Platt⸗ form herabzuſchauen; plötzlich ſah ich, wie er ſich bückte, mit beiden Händen einen großen Stein ergriff, ihn wie zielend fallen ließ und dann unbeweglich und mit ge⸗ kreuzten Armen an ſeinem Platze blieb. Als der Stein geſchleudert war, hörten wir bald Schreie des Schmer⸗ zes und des Zorns; ich näherte mich Jean raſch mit Hyacinthe, und wir erblickten unten an der Erhöhung, auf der wir uns befanden, einen Koſaken in rother Jacke; er war auf beide Kniee gefallen, ſtöhnte ſchmerz⸗ lich und rieb ſich die Schulter; andere ruſſiſche Reiter ſchrieen aus vollem Halſe und wieſen ihre Säbel Jean Rahmond, der immer unempfindlich oben auf der Platt⸗ form ſtand. Nach einigen Augenblicken lief unſer Profeſſor herbei, packte Jean beim Arm und rief ganz beſtürzt: 29 „Ha! Unglücklicher, was haben Sie gethan!“ „Ich wolkte den großen Stein dieſem Koſaken auf den Kopf werfen,“ erwiederte Jean kalt,„leider habe ich ihn nur an die Schulter getroffen.“ „Aber Sie haben ihn vielleicht ſchwer verwundet,“ rief der Profeſſor,„Sie liefen Gefahr, ihn zu tödten.“ „Das hieß ſterben,“ antwortete Jean einfach. „Was ſagen Sie?“ rief der Profeſſor voll Angſt die Hände faltend,„und warum wollten Sie dieſen Sol⸗ daten tödten?“ „Weil es ein Koſake iſt,“ erwiederte Jean,„und die Koſaken haben in Lothringen ſchändlicher Weiſe Frauen, Kinder, Greiſe erwürgt.“ „Aber die Kameraden dieſes Soldaten laufen her⸗ bei, um ihn zu rächen, Wahnſinniger!“ verſetzte der Profeſſor, wahrhaft erſchrocken.„Sehen Sie ſie dort, ſie ſteigen im Tumult und die Säbel in der Hand die Leiter herauf!“ „Sie mögen kommen!“ ſagte Jean Raymond,„ich erwartete ſie. Wäre dieſer Koſake allein geweſen, ſo hätte ich ihn nicht zu tödten geſucht; ich wäre feig geweſen...“ Wir waren erſtaunt und begeiſtert über dieſe Ent⸗ ſchloſſenheit von Jean! Ohne Zweifel von dem Vorfalle unterrichtet, kamen mehrere ruſſiſche Ofſiciere in Be⸗ gleitung ihrer Reiter auf die Plattform; einer von vieſen Officieren ſprach Franzöſiſch; er erkundigte ſich, wo der Lehrer ſei, der uns führe, trat auf ihn zu und hatte leiſe eine lange, belebte Unterredung mit ihm. Es handelte ſich ohne Zweifel darum, dem unklugen Schüler eine ſcharfe Lection dadurch zu geben, daß man ihn erſchrecken würde. Der Lehrer, als er mit den ruſſiſchen Officieren zurückkam, ſagte auch zu Jean Raymond mit einer beſtürzten Miene: „Oh! mein Gott, was haben Sie gethan! Dieſe Herren wollen Sie verhaften!“ „Und Sie erſchießen,“ fügte der Officier der Fran⸗ 30 zöſiſch ſprach, bei,„Sie erſchießen, daß Sie einen meiner Koſaken zu tödten risquirt haben.“ Jean zuckte die Achſeln. „Ja, Sie werden in dieſer Stunde erſchoſſen,“ fuhr der Officier fort,„wenn Sie nicht um Verzeihung bitten, und zwar um Verzeihung auf den Knieen wegen deſſen, was Sie gethan haben.“ „Ich kniee nicht nieder,“ antwortete Jean,„ich bitte nicht um Verzeihung.“ „Sie bereuen wenigſtens,“ ſagte der Officier, ohne Zweifel betroffen vom Muthe dieſes Jünglings.„Nicht wahr, Sie bereuen?“ „Nein.“ „Sie würden alſo wieder anfangen?“ „Ja.“ Und es war dem Lehrer und den Officieren un⸗ möglich, etwas Anderes aus Jean Raymond herauszu⸗ bringen. Als er aus dem Gefängniß des Collége kam, wo er acht Tage lang für dieſen Angriff gegen Koſaken eingeſperrt war(Hyaeinthe und ich trugen das, was wir die Trauer um unſern Freund nannten, indem wir es dahin brachten, daß wir während aller Recrea⸗ tionen bis zu ſeinem Abgang aus dem Gefängniß zu⸗ rückbleiben mußten), als er wieder herauskam, erklärte uns Jean Rahmond umſtändlich ſeinen Haß gegen die Koſaken; wir andern Knaben kümmerken uns faum um die Politik; ich, was mich betrifft, hatte die alten Freunde meiner Großmutter von der fremden Invaſion und davon, daß die Reſtauration wieder zur Regierungs⸗ gewalt gelangte, als von einem großen Glück für Frank⸗ reich ſprechen hören; als uns aber Jean die in der Champagne und in Lothringen von den Preußen und den Koſaken begangenen Gräuel erzählt hatte, endigte er mit den Worten: „Ein Koſak iſt kein Soldat, es iſt ein wüthendes Thier, das man überall und wie man kann tödtet, mit 3¹ Steinwürfen, mit Heugabelſtichen, in Ermangelung einer Flinte.“ Ich theilte die Entrüſtung von Jean und bedauerte es im Grunde meiner Seele, daß ich nicht auch einen Pflaſterſtein auf einen Koſaken geworfen hatte. Hyaeinthe bebte am ganzen Leib und entgegnete ſchüchtern: „Jean, aber einen Menſchen tödten!“ „Ich habe geſagt, ein Koſak ſei kein Menſch,“ rief Jean, deſſen Augen vor Zorn funkelten. „Nein! es iſt kein Menſch!“ rief ich nicht minder zornig als mein Freund.„Jean hat es geſagt, ein Koſak, das iſt ein wüthendes Thier, das man tödtet, wie man kann.“. Bei dieſen Worten hielt Hyaeinthe ſchauernd ſeine Hände vor ſeine Augen und ſtammelte ſchüchtern: „Tödten.. tödten... das iſt erſchrecklich.. mein Gott! tödten... weil man getödtet hat... Wäre es nicht beſſer, zu vergeben, es zu verſuchen, diejenigen, welche böſe ſind, gut zu machen?“ Jean ſchlug ein höhniſches Gelächter auf. Ich ahmte ihm natürlich nach, und der arme Hya⸗ einthe ſtammelte ganz verwirrt: „Es iſt wahr, es iſt nicht herzhaft, was ich Euch da ſage.. meine Freunde... Entſchuldige mich, Jean und Du auch, Fernand; aber ich verſtehe mich nicht auf die Rache; das iſt nicht meine Schuld. Ich begreife nur die Verzeihung,“ fügte das ſanfte, naive Geſchöpf mit einem ſolchen Ausdruck von See⸗ lengüte bei, daß ich, nachdem ich einen Augenblick zuvor die wilde Exaltation von Jean getheilt hatte, mein Herz weich werden fühlte, und ohne die Furcht, Bru⸗ tus feige und lächerlich zu ſcheinen, hätte ich in dieſem Angenblick die Worte von Hyaeinthe wiederholt. „Du haſt Recht, mein armer Mademoiſelle,“ er⸗ wiederte Jean unſerem Freunde mit einem Tone lieb⸗ reichen Mitleids.„Nein, Dein ſauftes, zartes Gemüth kann.. ſoll die Rache nicht begreifen...“ „Nein,“ fügte ich mit dem heftigſten Ausdruck bei, „man muß die Rache energiſchen Charakteren überlaſ⸗ ſen, mein armer Hyaeinthe!“ Sehr vorgerückt für ſein Alter, war Jean Ray⸗ mond, wie man ſieht, mit einem Charakter von unge⸗ wöhnlicher Stärke ausgerüſtet. Die Unbeugſamkeit ſeiner Grundſätze, die Exaltation ſeiner Anſichten of⸗ fenbarten andere Einflüſſe, andere Beiſpiele, andere Lehren, als die unſerer Erziehung im Collége. Oft hatte Brutus mit Rührung von ſeiner Mutter mit mir geſprochen; unter dieſen Ergüſſen konnte ich be⸗ ſonders die in dieſer ſcheinbar ſo rauhen Seele ent⸗ haltenen Schätze an Empfänglichkeit und Zartgefühl würdigen. Was ſeinen Vater betrifft, ſo hatte mir Jean ein einziges Mal geſagt: „Mein Vater iſt todt.“ Und der Ausdruck ſeiner Züge war plötzlich ſo ſchmerzlich, ſo wild geworden, daß ich es nie wagte, auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen. Jean hatte mit mir auch von ſeinem Oheim(dem Bruder ſeiner Mutter) geſprochen, den er zwei oder dreimal in ſeiner Kindheit und nur bei Nacht geſehen zu haben ſich er⸗ innerte.„Dieſer Oheim wohnte in einem fremden Lande,“ hatte Jean verlegen beigefügt. Ich glaubte, es ſei ein Geheimniß mit der Exiſtenz dieſes Ver⸗ wandten verknüpft, und ſeitdem ſagte ich aus Beſchei⸗ denheit nicht ein Wort mehr hierüber zu meinem Freunde. Als Raymond an einem Sonntag Abend von Hauſe zurückkam, ſprach er mit einer ganz freudigen Miene zu mir: „Fernand, meine Mutter wünſcht Dich zu ſehen.“ „Wahrhaftig!“ 33 „Ich habe oft mit ihr von Dir als von meinem Freunde geſprochen, ſie bittet mich, Dich am nächſten Sonntag zum Gyuter zu bringen. Nicht wahr, Du wirſt kommen?“ „Sieh ein wenig,“ erwiederte ich, nicht minder freudig als er,„wie ſich das trifft.“ „Warum?“ „Meine Großmutter wünſcht auch, Dich zu ſehen; vorhin ſprach ſie zu mir:„„Aber bringe doch Deinen Kameraden Rahmond, den Du ſo ſehr liebſt, und ebenſo Deinen andern Freund. Ihr müßt am Sonntag mit mir zu Mittag ſpeiſen, und ſage Deinen Freunden, ſie mögen nicht zu ſehr vor der Großmutter bange haben.““ Und ich habe verſprochen, ich werde Euch bringen.“ „Was mich betrifft, ſo haſt Du wohl gethan, es zu verſprechen, Du kommſt zu meiner Mutter, es iſt alſo ganz natürlich, daß ich zu Deiner Großmutter gehe. Doch Du haſt vielleicht Unrecht gehabt, daß Du Hyaeinthe zu bringen verſprochen.“ „Warum?“ „Du weißt, der arme Junge iſt Waiſe Seine Empfindlichkeit iſt ſehr groß 2. Ihn zu uns führen, wo er jeden Augenblick wird ſagen hören: mein lie⸗ bes Kind mein lieber Sohn heißt ihn der Unannehmlichkeit ausſetzen, ſeine Vereinzelung mit den Zuneigungen zu vergleichen, die uns um⸗ geben, und ihm einen vielleicht um ſo lebhafteren Kummer verurſachen, als er bewältigt ſein wird? Was denkſt Du?“ „Was Du ſagſt, iſt wahr, Jean. Nun erinnere ich mich, daß Hharinthe einmal, als er meine Groß⸗ mütter mich umarmen ſah, ſo ſehr bewegt war, daß er ſeine Thränen nicht zurückhalten konnte.“ „Und das würde ohne Zweifel geſchehen, wenn wir ihn zu uns führten; es wäre für ihn ein Leiben; ich wollie auch nichts beſtimmen, ohne mich zuvor mit Fernand Dupleſſis. I. 34 Dir zu berathen, und ich erwiederte meiner Mutter, ich werde Hyaecinthe vielleicht nicht bringen.“ „Zum Glück habe ich ihn nicht von der Einladung meiner Großmutter in Kenntniß geſetzt.“ „Es iſt alſo abgemacht, Fernand, ſagen wir Hya⸗ einthe nichts, ehe wir noch reiflicher überlegt haben, denn es geſchieht vielleicht in einer übertriebenen Be⸗ denklichkeit, daß wir ihn eines guten Tages berauben, ihn, der ſo wenige hat. In jedem Fall ſei nicht un⸗ beſonnen, vergiß Dich nicht, wenn Du in ſeiner Ge⸗ genwart mit mir plauderſt, und ſprich nicht mit mir über unſere Pläne für den Sonntag.“ i haſt Recht, Jean, völliges Stillſchwei⸗ en alſo.“ „Wenn Du es beobachten kannſt.“ „Ah! Du hältſt mich alſo für ſehr ſchwatzhaft?“ „Ja,“ antwortete Brutus. Und er hatte Recht. „Am Donnerſtag, auf dem Spaziergang, führten wir uns am Arm, Hyacinthe, Jean und ich. Meine Großmutter wohnte in der Nähe der Place Royale, die Mutter von Brutus oben im Faubourg Saint⸗An⸗ toine. Wir kamen am Eingang der Straße dieſes Namens vorüber, als ich unbeſonnener Weiſe zu Ray⸗ mond ſagte: „Weißt Du, daß wir am Sonntag ein tüchtiges Stück Weg zu machen haben, um von Dir zu meiner Großmutter zu gehen?“ Raymond hätte mir beinahe den Fuß durch einen Stoß mit dem Stiefelabſatz, in Form einer Warnung, zerquetſcht, aber es war zu ſpät: Hyacinthe hatte mich gehört. Plötzlich wurde er nachdenkend und traurig, ſo ſehr er ſich anſtrengte, um ſeinen Kummer unter dem Aeußeren einer erkünſtelten Heiterkeit zu verbergen, die uns das Herz bedrückte. Unſer Spaziergang endigte ſtille; als ich, in das Collége zurückgekehrt, mit Jean allein war, ſagte er ungeſtüm zu mir: 35 „Wie kannſt Du ſo grauſam dieſen armen Hya⸗ einthe durch Deine alberne Schwatzhaftigkeit verwun⸗ den! er wird ſich von unſeren Verwandten verachtet glauben!“„ Und er fügte mit wachſender Entrüſtung bei:„Du machſt Dir alſo keine Vorſtellung von dem, was er leiden muß? Du ſetzeſt Dich alſo nicht an ſeine Stelle?“ „Was willſt Du? ich beklage meine Indiseretion; doch es gibt ein Mittel, Alles wieder gut zu machen, wir brauchen Hyacinthe nur einzuladen.“ Jean zuckte die Achſeln. „Das iſt noch ſchlimmer! ihn einladen nach dem Vorfall, als ob man ſich eines Beſſeren beſonnen hätte, und aus Mitleid! zwei Demüthigungen für eine. Doch ſchau' fiehſt Du ihn?“ ſagte Raymond. Und er zeigte mir aus dem großen Hofe, wo wir uns zur Stunde des Veſperbrods befanden, in der Ferne, vereinzelt auf einer Bank ſitzend, Hyaeinthe, der ſein Brod auf ſeinem Schvoße hielt und beiſeit weinte. „Das thut mir wehe,“ rief Jenn„ich kann ihn nicht ſo unglücklich ſehen; wir müſſen ihm Alles ge⸗ ſtehen. Komm.“ „Was denkſt Du?“ rief ich;„Du willſt es wagen, ihm ſo viel Kummer zu machen! Du willſt ihm mit⸗ theilen, daß.. „Ja, ich werde es wagen, aufrichtig zu ſein,“ unterbrach mich Raymond die Achſeln zuckend;„ja, ich werde es wagen, Hyaeinthe zu tröſten, ich werde es wagen, ſeinen Gram zu beſchwichtigen; ſchlimm für Dich, wenn Du nicht dieſen Muth haſt.. Ah! Du wirſt immer derſelbe ſein.“ Und ohne auf meine Antwort zu warten, lief Brutus gerade auf unſern Freund zu. Dieſer war ſo in ſeinen Schmerz verſunken, daß er es nicht ſah, als wir uns ihm näherten; ſobald er aber die Stimme von Jean vernahm, erhob er ſich z und ſuchte ſein Geſicht abzuwenden, um ſeine Thränen vor uns zu verbergen. „Du weinſt, mein armer Hyaeinthe,“ ſprach Rah⸗ mond mit rührendem Tone Zzu ihm.„Ich weiß, was Dich betrübt.“ „Was willſt Du damit ſagen? Jean.“ „Ich werde am Sontag bei der Großmutter von Fernand zu Mittag ſpeiſen, und er ſoll bei meiner Mutter goutiren; unſere Verwandten, welche wiſſen, wie ſehr wir Dich lieben, hatten uns gebeten, Dich auch mitzubringen... Hyacinthe machte unwillkürlich eine Geberde des Zweifels. Jean fuhr fort: „Du weißt, ich lüge nie glaube mir alſo; ich wiederhole Dir, unſere Verwandten hatten Dich auch eingeladen.“ Das Geſicht von Hyaeinthe klärte ſich auf; Ray⸗ mond ſprach weiter: „Aber höre, was uns abgehalten hat, Dir etwas von dieſer Einladung zu ſagen,“ fügte Jean mit be⸗ wegter Stimme bei;„wir befürchteten, wenn Du uns mit jenen Zärtlichkeiten überhäuft ſäheſt, die Du nicht kennſt, armer Freund, ſo würde Dir das wehe thun, denn wir find vertraut mit Deiner Empfindlichkeit. Wir zögerten dann, Dir dieſe Einladung mitzutheilen, und kamen überein, Dir nichts zu ſagen, bevor wir reiflich überlegt hätten; da man aber eher eine Fliege abhalten würde, zu ſummen, als Fernand zu ſchwatzen, ſo hat er vorhin nicht verfehlt, auf unſern Ausgang am Sonn⸗ tag anzuſpielen. Dies, mein Freund, iſt die Wahrheit, die ganze Wahrheit.. Ich wiederhole, Du kennſt mich, und Du wirſt mir glauben... Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß, wenn Du mit uns kommen willſt, das Feſt vollſtändig ſein wird.“ Viele Jahre ſind ſeit jener Zeit vergangen, und es iſt mir, als ſähe ich noch das ſo kummervolle Geſicht † 37 den Ausdruck der ergreifendſten Rührung annehmen; Freudenthränen badeten ſeine Wangen, und er rief mit einer vor Erſchütterung bebenden Stimme, indem er unſere Hände in den ſeinigen drückte: „Wie gut ſeid Ihr gegen mich!. Ach! das ſind die einzigen Freuden, die mir anſtehen. Mich ge⸗ liebt wiſſen, mich geliebt fühlen, wie ich es durch Euch bin! ſeht, das ſind ne Feſte. Nun denn! ja es hatte mich betrübt, mich von Euch hintangeſetzt zu glanben; doch Ihr hattet richtig errathen.. Würde ich Euch von einer Mutter, von einer Großmutter ſo geliebt geſehen haben, ſo hätte ich mich nicht enthalten können, zu mir zu ſagen: Und ich?“ Dann ſuchte Hyacinthe zu lächeln und fügte bei, indem er auf ſeine alten, grotesken Kleider, eine neue Verlaſſenſchaft ſeines Vormundes, deutete: „ünd überdies, ſchaut, wie ich gekleidet bin. ich ſehe aus wie eine Maske! Man würde uns nachlaufen. Wenn wir in der Reihe ſind, ſo geht das noch, man bemerkt meinen lächerlichen Anzug nicht, ich ver⸗ liere mich in der Maſſe; aber allein mit Euch Beiden, unmöglich... Beklagt mich jedoch nicht,“ fügte er mit innigem Tone bei,„ich werde wenigſtens durch den Geiſt, durch das Herz bei Euch ſein; bei Eurer Rück⸗ kehr erzählt Ihr mir das kleine Feſt, und ich werde mich dann ſo zufrieden... ſo zufrieden fühlen, als ob ich demſelben beigewohnt hätte.“ — V. Der Sonntag kam... Wir ſollten bei der Mut⸗ ter von Jean Raymond goutiren und bei meiner Groß⸗ mutter zu Mittag ſpeiſen. Brutus und ich gingen von Sainte⸗Barbe ganz freudig über dieſes doppelte Ver⸗ gnügen weg. Madame Rahmond wohnte im Faubourg Saint⸗ Antvine, in einem engen, abgelegenen Gäßchen in der Nähe der Barriere. Ich bemerkte nur drei bis vier Häuſer von armſeligem Ausſehen, in der ganzen Länge dieſes Gäßchens zerſtreut und von Gärten umgeben. Man hätte ſich in einem Provinzſtädtchen hundert Meilen von Paris entfernt glauben ſollen; das Gras wuchs zwiſchen den Pflaſterſteinen; beinahe nie fuhren Wagen durch dieſe Einſamkeit. Jean blieb vor einem völlig vereinzelten, alten Hauſe von einem Stockwerk ſtehen und klopfte an die Thüre. Das Brett eines in dieſer Thüre angebrachten inneren Pförtchens wurde gezogen. Ich ſah zwei Augen uns prüfend betrachten, dann öffnete man, eine alte Dienerin empfing uns; bleich und mager, ſchwarz gekleidet, eine Art von wei⸗ ßem Beguin auf dem Kopſfe, glich ſie einer Nonne. Während ſie Jean herzlich umarmte, ſagte ſie ihm leiſe ein paar Worte, worüber er erſtaunt zu ſein ſchien. Ich folgte ihm durch eine finſtere Hausflur und trat mit ihm in ein beſcheiden meublirtes Zimmer ein. Zu meiner großen Verwunderung fand ich hier fünf bis ſechs Männer in der Reife des Alters und gekleidet wie mäßig bemittelte Handwerksleute; die Einen hatten Hüte, die Andern Mützen als Kopfbedeckung. Einer von ihnen fiel mir beſonders durch ſein martialiſches Geſicht auf; ſtark und groß gewachſen, trug er bei ſeinem halb mi⸗ litäriſchen, halb bürgerlichen Coſtume eine grüne Po⸗ lizeimütze mit rother Flamme; ſeine ſonnverbrannte Geſichtshaut, ſein langer ſchwarzer Schnurrbart, ſeine ergrauenden Haare, das Feuer ſeiner Blicke gaben ihm die entſchloſſene Phyſiognomie, die ich gleich Anfangs bemerkt hatte. Dieſe Männer ſchienen mir düſter oder traurig; ſie ſprachen leiſe mit einander, als wir eintraten; ſo⸗ bald ſie Jean erblickten, ſtanden ſie auf und grüßten 5 39 ihn mit einer Art von Ehrſurcht gemiſcht mit Herzlich⸗ keit. Raymond drückte ihnen die Hand, während der große Mann mit dem Schnurrbart und der Polizei⸗ mütze, nachdem er mich zweimal ſehr aufmerkſam an⸗ geſchaut hatte, halblaut zu Jean ſagte: „Deine Mutter iſt mit..(und er vollendete, ſo leiſe, daß ich die andern Worte nicht hörte). Wir haben dann mit ihr zu ſprechen.. Du würdeſt wohl daran thun, wenn Du im Garten warteteſt; wir werden nicht lange verweilen.“ „Bernardine hat mir mitgetheilt, ich werde Sie hier finden,“ erwiederte Jean. Dann ſchaute er den großen Mann feſt an und fragte ihn mit bezeichnendem Tone: „Und nichts Neues?“ „Im Gegentheil,“ antwortete mit düſterer Miene der Mann mit dem Schnurrbart.„Deshalb ſind wir dieſen Morgen gekommen. Deine gute Mutter wird Dir Alles ſagen.“ „Auf Wiederſehen,“ ſprach Raymond, indem er dem Andern die Hand reichte,„auf Wiederſehen, Charpen⸗ tier.“„Auf Wiederſehen, mein Kind.“ Nachdem er mich ſodann abermals mit einer Starrheit, die mich in Verlegenheit brachte, angeſchaut, zog derjenige, welchen ich Charpentier hatte nennen hören, Raymond näher zu ſich und ſagte leiſe ein paar Worte zu ihm. Offenbar handelte es ſich um mich, und der Beiname Muscadin**) gelangte an mein Ohr. Dieſes Wort machte Jean lächeln; aber indem er ſich gegen mich umwandte, erwiederte er ernſthaft und laut genug, daß ich es hörte; „Das iſt mein Kamerad, mein beſter Freund.“ „Gut, gut,“ ſprach Charpentier, während er mich *) Petit⸗maitre, Stutzer. 40 abermals anſchaute; und er fügte, Raymond die Hand drückend, bei:„Adieu, mein Kind!“ Jean und ich verließen das Zimmer, wo dieſe Männer verſammelt waren, und traten ebenen Fußes in den von großen Bäumen beſchatteten Garten ein. Der in Beziehung auf mich von dem Manne mit dem Schnurrbart ausgeſprochene Name Muscadin lag mir auf dem Herzen. Indeſſen muß ich ſagen, ich verdiente ihn, meine Großmutter verzog mich, ſie kam allen meinen Launen entgegen. Da es aber das hef⸗ tigſte Verlangen beinahe aller Jünglinge von fünfzehn bis ſechszehn Jahren war, ſich als Herren zu kleiden, ſo hatte mir meine Großmutter in dieſer Hinſicht Voll⸗ macht gegeben. Ich trug alſo, nach der damaligen Mode, einen barhenblauen Frack mit vergoldeten Knöpfen, an⸗ liegende Beinkleider von leingrauem Tricot, auf der Fußbiege gefältete Huſarenſtiefel, eine weiße Halsbinde von geſtärkter Monſſeline, deren lange Enden Haſen⸗ ohren vorſtellten, und über meine Weſte von vrange⸗ gelbem Kaſchemir hingen die goldene Kette und die Berlocken meiner mehrerwähnten Uhr heraus. Ein verwegen ſchief auf meine zu ſehr gekräuſelten Haare geſetzter runder Hut und ein Stöckchen in der Hand vervollſtändigten dieſes Coſtume, das mir den verdienten Beinamen Muscadin zugezogen hatte. Ich gehe in dieſe, vielleicht kindiſchen, Einzelheiten ein, weil die Kleidung von Jean Raymond ſeltſam und, ich muß es ſagen, zu ſeinem Vortheil mit der meinigen contraſtirte. Seine weite Trilchhoſeſ, ſein dunkelblauer Ueberrock, ſeine nachläſſig um ſeinen Hals gebundene ſchwarze Cravate ſtanden ſicherlich ſeinem Alter und ſeinem Geſichte viel beſſer, als mir mein modiſches Coſtume ſtand. Der Anblick des traurigen, ärmlichen, einſamen kleinen Hauſes, wo wir uns befanden, die Stille, die hier herrſchte, das geheimnißvolle Weſen, das bei der Unterredung von Jean und dieſen Männern mit ver⸗ ——— 3 8 1 4¹ vrießlichen und entſchloſſenen Geſichtern obzuwalten geſchienen hatte, dies Alles erregte bei mir ein Gefühl des Erſtaunens und der Neugierde, ich möchte beinahe ſagen, einer unbeſtimmten Unruhe. Ich hatte mich mit Jean auf eine ſteinerne Bank im Hintergrunde des Gartens geſetzt, um zu warten, bis uns Madame Raymond empfangen könnte. Meinen Gedanken errathend, ſagte mein Freund lächelnd zu mir: „Du findeſt, daß wir traurig wohnen, nicht wahr, Fernand?“ Und als ich zu antworten zögerte, fügte Jean im Tone freundſchaftlichen Vorwurfs bei: „Aber mit Deiner Furcht, bei den Leuten anzu⸗ ſtoßen, ſie zu ärgern, wirſt Du nie einfach, offenherzig ſagen können, was Du denkſt?“ „Offenherzig geſtanden alſo, mein lieber Jean, ich finde, daß dieſe Wohnung nicht ſehr heiter iſt.“ „Dieſe Wohnung iſt ärmlich und traurig, mein guter Fernand, weil meine Mutter weder heiter, noch reich iſt; doch ſie iſt ſo gut, ſo zärtlich... Nun, Du wirſt ſie ſehen, und, ich bin feſt davon überzeugt, Du wirſt ſie lieben...“ „Und dieſe Männer, welche im Zimmer warteten,“ wagte ich Jean zu fragen,„wer ſind ſie denn?“ „Alte Freunde meiner Mutter,“ antwortete Ray⸗ mond mit einem Ausdruck tiefer Ehrfurcht. Ich konnte mich einer Bewegung des Erſtaunens nicht erwehren, denn Mehrere von ihnen trugen, wie geſagt, Mützen und waren als Handwerker gekleidet. Jean fuhr abermals lächelnd fort: „Du findeſt ſie ſchlecht gekleidet, nicht wahr? die Freunde meiner Mutter?“ „Ich kann nicht ſagen, daß ſie gerade das Aus⸗ ſehen von Muscadins haben,“ verſetzte ich, auf den Beinamen des Mannes mit dem Schnurrbart an⸗ 1 ſpielend. 1 5 42 Jean lachte und erwiederte. „Du haſt Charpentier gehört? Es iſt wahr, von Dir ſprechend ſagte er zu mir:„„Dieſer Junge da ſieht nicht aus wie ein Menſch von ſeinem Alter; er iſt gekleidet wie ein wahrer Muscadin Das iſt zu frühe.““ „Nun erkläre ich mir,“ ſprach ich zu Rahmond ebenfalls lachend,„nun erkläre ich mirdas Erſtaunen, das ich dieſem Herrn verurſachte, denn ſeit meinem Eintritt bei Dir hörte er nicht auf, mich anzuſchauen wie ein ſeltſames Thier, und ich geſtehe, das ſetzte mich ſehr in Verlegenheit.“ „Ich leugne es nicht, die Freunde meiner Mutter haben keine ſehr verfeinerte Manieren; ſie wiſſen weder ihr Erſtaunen, noch ihre Gedanken zu verbergen. Aber höre,“ fügte Jean mit bewegtem, tief überzengtem Tone bei,„die Männer, die Du ſo eben geſehen, ſind die die redlichſten Leute, die es auf der Welt g bt.“ „Und was machen ſie bei Deiner Mutter?“ fragte ich Jean mit einer naiven Neugierde. Einen Augenblick zog er ſeine ſchwarzen Brauen mit einer ärgerlichen Miene zuſammen; dieſer Ein⸗ druck dauerte nicht lange, er ſagte freundlich zu mir: „Was machen bei Deiner Großmutter die Freunde, die ſie empfängt?“ „Sie ſie beſuchen ſie.“ „Was iſt alſo Erſtaunliches dabei, daß die Freunde meiner Mutter dieſe beſuchen?“ nichts e iſt „Es iſt?“ Ich ſchwieg, da ich meinen Satz nicht zu vollenden wagte. Jean nahm mich herzlich bei der Hand und fuhr fort: „Armer Fernand! immer dieſes Verſchweigen! ſage doch ſogleich, Du begreifeſt nicht, daß meine Mutter ſo arme Leute zu Freunden habe.“ 43 „In der That, das wunbert mich..5 „Fernand, ich wünſche Dir, Du mögeſt ein Dutzend Freunde finden, wie dieſe ſind, und Du wirſt dem größten Mißgeſchick trotzen können.“ In dem Moment, wo Jean dieſe Worte mit einer nachdenkenden Miene ſprach, ereignete ſich etwas Son⸗ derbares vor meinen Augen. Sehr niedrig, beſtand das Haus nur aus einem Erdgeſchoß und einem Dachwerk darüber. Während ich nun meinem Freunde zuhörte, blickte ich maſchinen⸗ mäßig nach den im Dachwerke angebrachten Oeffnungen, welche ohne Zweifel einem Speicher Luft zu geben hatten, der als Trockenboden diente, wie mehrere auf Seilen ausgebreitete Stücke Wäſche andeuteten. Plötz⸗ lich ſah ich eines von dieſen weißen Tüchern ſich zurückbiegen, als ob es von innen Jemand vorſichtig auf die Seite gezogen hätte; dann erſchien vor meinen Blicken ein bleiches, halb mit einem langen blon⸗ den Barte bedecktes Mannsgeſicht. Dieſe Erſcheinung dauerte nur eine Sekunde; doch ich konnte die Züge dieſes Mannes und die Art, wie er gekleidet war, bemerken. Ohne Zweifel erblickte er uns, Jean und mich, im Garten, denn er zog ſich raſch zurück, da er vielleicht erſchaut worden zu ſein befürchtete. In ein Nachſinnen vertieft, hatte Raymond wahr⸗ ſcheinlich nichts von dem, was ich wahrgenommen, be⸗ merkt; ich öffnete den Mund, um ihm dieſen ſeltſamen Vorfall mitzutheilen, als die alte Dienerin wieder an der Stubenthüre erſchien und Jean winkte. „Komm, Fernand,“ ſagte er zu mir, indem er auf⸗ ſtand,„meine Mutter kann uns empfangen, ich will Dich ihr vorſtellen.“ Ich folgte Raymond und verſchob es auf einen andern Augenblick, mit ihm von der Erſcheinung des Mannes mit dem blonden Barte zu ſprechen. Als wir bei der Mutter meines Freundes eintra⸗ ten, ſah ich Folgendes: Die Stube, in welche uns die alte Ditnerin ein⸗ 44 führte, ging auf den Garten, wie die anderen Zimmer dieſer Wohnung. Alles war außerordentlich reinlich, aber von einer ſtrengen Einfachheit; Hausgeräthe von angemaltem Holz, glänzendes Geflieſe, ein kleiner Tep⸗ pich vor dem mit weißen Vorhängen umgebenen Bette, das war die Ausſtattung. Meine Aufmerkſamkeit und meine Neugierde wurden beſonders durch drei längs dem grauen Täfelwerk hän⸗ gende Gegenſtände erregt. Der erſte bildete eine Art von Trophäe, wobei ſich gruppirt fanden: ein Lictoren⸗Bündel und darüber eine phrhgiſche Mütze, ein großer Cavalerie⸗Säbel und eine verſchoſſene, dreifarbige ſeidene Schärpe mit golde⸗ nen Franſen. Zwiſchen dieſem Gegenſtand und einem andern, von dem ich ſogleich ſprechen werde, ſah man ein Portrait in Lebensgröße einen bleichen Mann vorſtellend; ſein von langen, ſchlichten, ſchwarzen Haaren umrahmter Kopf hatte einen zugleich ernſten und ſanften Ausdruck. Angethan mit einem blauen Frack, auf deſſen breite mit golde⸗ nen Galonen beſetzte Umſchläge die Ecken einer⸗weißen Weſte zurückgebogen waren, trug dieſer Mann einen dreifarbigen Gürtel um den Leib; eine von ſeinen Häuden ſtützte ſich auf den Griff ſeines Säbels, in der andern hielt er einen Hut mit dreifarbigem Federbuſch. Trotz ſeiner jugendlichen Züge glich Jean Ray⸗ mond dergeſtalt dem Original des Gemäldes, daß ich nicht einen Augenblick zweifelte, dieſes Portrait ſei das ſeines Vaters. Auf der andern Seite des Portraits und ein Ge⸗ genſtſck zu der Trophäe bildend ſah ich.. etwas ſehr Trauriges. Ein mit einer Glasſcheibe verſehener Rahmen mit ſchwarzem Rande enthielt ein Hemd, worauf breite braunrothe Flecken ſichtbar waren, und eine Anzahl ziemlich langer, mit einem Bande, wie eine Strähr Seide, zuſammengebundener Haare; über dem Rahme waren die Worte in einer Einfaſſung geſchrieben; 5 4⁵ 30 NIVOSE AN X. MARTVR DE LA LIBERTE.*) Ich erinnerte mich nun des düſtern Geſichtsaus⸗ vrucks von Jean Rahmond, als er mir einſt ſagte: „Mein Vater iſt todt!“ und ich errieth, daß mit dieſem Tod ohne Zweifel die traurigen Reliquien, die ich ſah, in Verbindung ſtanden; ich beſaß Selbſtbeherr⸗ ſchung genug, um meine Verwunderung und meine Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen; doch ich hatte das Ende meines Erſtaunens noch nicht erreicht. Als wir in das Schlafzimmer von Madame Ray⸗ mond eintraten, war dieſe mit dem Ordnen einiger Pa⸗ piere in einem Serretaire beſchäftigt und wandte uns den Rücken zu. Nach einem Augenblick ſchloß ſie den Seeretaire und kam uns entgegen. Ich weiß nicht, warum ich mir, an die Mutter von Rahmond denkend, eine große, magere Frau mit dü⸗ ſterer, ernſter Miene vorgeſtellt hatte. Welch ein Irr⸗ thum! Ich ſah vor mir eines der anziehendſten Geſich⸗ ter, die ſich träumen laſſen. Madame Raymond, obgleich ſie damals ſechsund⸗ dreißig Jahre alt war, ſchien kaum dreißig zu ſein; ſie war blond, von mittlerem, aber vollendetem Wuchſe, ihr ſchwarzes Kleid machte die Weiße ihrer Haut blen⸗ vend; ihre großen azurblauen Augen, hatten einen ſo ſanften, ſo innigen, ſo ſchwermüthigen und dennoch ſo liebreichen Ausdruck, daß ich, als ſich ihr Blick einen Moment auf mich heftete, erröthete; ihre leicht adler⸗ artige Naſe, ihre aſchblonden, kühn gebogenen Brauen gaben ihren reizenden Zügen, trotz der Freundlichkeit des Blickes, einen Charakter mertwürdiger Feſtigkeit, den ein Halblächeln, das ihre Perlzähne erſchauen ließ, milderte. *) Am 30. Nivoſe im Jahre 10. Märtyrer der Freiheit.— Der 30. Nivoſe(Schneemonat)i. J. 10 iſt der 19. Jan. 1802. 8 46 Was ſoll ich noch mehr ſagen„ ich zählte fünf⸗ zehn und ein halbes Jahr... Madame Rahmond war die erſte Frau, deren Schönheit mir aufſiel, und ich ſi mich von einer unbeſchreiblichen Verlegenheit er⸗ griffen. VI. Madame Rahmond empfing ihren Sohn mit dem Erguſſe einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit; während dieſes Austauſches von Liebkoſungen zwiſchen Jean und ſeiner Mutter hatte ich Zeit, mich von meinem Erſtaunen und meiner Gemüthsbewegung zu erholen. Ich erwiederte, ſo gut ich nur immer konnte, den wohlwollenden Empfang der Mutter meines Freundes. Sie ſchien mich mehrere Male mit einem aufmerkſamen Blick zu beobachten; ohne Zweifel ſuchte ſie in meiner Phyſiognomie zu leſen, ob ich ſo ſei, wie mich Jean geſchildert. Dieſe Prüfung, die ſie übrigens artig zu verhehlen bemüht war, erneuerte meine Verlegenheit und meine Röthe; ich weiß nicht, warum ich ganz leiſe meine Muscadin⸗Tracht verfluchte. Die geringſten Einzelheiten meiner erſten Zuſam⸗ menkunft mit Madame Rahmond haben ſich, aus vielen Gründen, ſo in mein Gedächtniß eingeprägt, daß ich mich nach langen Jahren beinahe buchſtäblich mehrerer Theile unſeres Geſpräches erinnere. So ſagte dieſe reizende Frau gleich Anfangs zu mir: „Es iſt ſchon lange her, Herr Fernand, daß ich Sie kennen zu lernen wünſchte; mein Sohn hat oft mit mir von Ihnen, als von ſeinem beſten Freunde geſprochen.“ „Oh! ja, Madame,“ antwortete ich naiv,„und nicht ohne Ueberwindung hat mich Jean zu ſeinem Freunde haben wollen.“ 34½ „Jean gewährt ſeine Freundſchaft nicht leichtſinnig. Er weiß, wozu er ſich verbindet; aber hat er ſie ein⸗ mal gewährt, ſo iſt ſie gut gewährt, Herr Fernand.“ 47 „Und im Gefängniß hat ſich unſere Freundſchaft mit Jean befeſtigt, Madame! Bei der berühmten Ver⸗ ſchwörung der Zuglampen!!“ rief ich nicht wenig ſtolz, mich der Mutter meines Freundes unter einem ſo herviſchen Lichte zu zeigen.„Ja, Madame, ich war bei dieſer Verſchwörung. „Obgleich eine Mutter ſich ſtreng zeigen muß gegen die Fehler und die Verſchwörung ihres Sohnes,⸗ erwiederte die Frau ſanft lächelnd,„ſo entſchuldige ich doch unwillkürlich Jean ein wenig, weil er mit einem von jenen Charakteren begabt iſt, welche die Ungerech⸗ tigkeit empört.„; und ich weiß„da er es mir geſagt hat, daß er nie an einer von Euren Schüler⸗ verſchwörungen Theil genommen, wenn ſie nicht durch eine Ungerechtigkeit hervorgerufen worden war!“ „Das iſt die Wahrheit, Madame,“ rief ich,„Jean und ich, wir verſchwören uns nie ohne Beweggründe. ſ man aber Ungerechtigkeiten an uns begeht, oh! ann Ich mußte dieſes oh! dann mit einem drohenden und ſehr tragiſchen Tone ausſprechen, denn ein ſchlecht verhehltes Lächeln ſchwebte über die Lippen von Ma⸗ dame Raymond, welche ſelten lächelte. Dieſes Lächeln kam mir billigend vor; es ermu⸗ thigte mich, und ich fügte bei: „Das iſt wie bei der Geſchichte mit dem Koſaken, wo Jean ſich ſo unerſchrocken gezeigt hat, Madame; wäre es mir eingefallen, ich hätte es gemacht wie er, und ſollte man mich auf dem Platze erſchoſſen haben.“ „Oh! hierüber habe ich meinen Sohn geſcholten, Herr Fernand,“ erwiederte Madame Raymond.„Ich hatte ihm allerdings einen Brief aus Lothringen vor⸗ geleſen, worin man mir die von den Koſaken an Grei⸗ ſen, Weibern und Kindern begangenen Grauſamkeiten erzählte. Wir waren über dieſe Gräuel entrüſtet ge⸗ weſen: doch ſeine Entrüſtung hat Jean zu weit fort⸗ geriſſen. Es iſt allerdings vortrefflich, Koſaken zu 48 töbten,“ fügte Madame Rahmond mit ihrer ſanften Stimme bei,„aber man muß nie durch Ueberrumpelung tödten. nicht einmal feige Räuber.“ „Es iſt wahr, meine Mutter,“ ſagte Jean„ich habe Unrecht gehabt; doch die erſte Bewegung.. „Mein Gott! das iſt ſo natürlich, Madame,“ unter⸗ brach ich meinen Freund;„beim Anblick von ſolchen Schurken iſt man nicht Herr über ſich.“ „Und Herr über ſich zu ſein, deſſen muß man ſich immer und hauptſächlich befleißigen, Herr Fernand,“ ra Madame mit feſtem und zugleich mütterlichem one. Dieſes, obgleich unbedeutende, Geſpräch machte indeſſen einen tiefen Eindruck auf mich. Trotz der Milde ihrer Stimme, trotz der melan⸗ choliſchen Sanftheit ihrer großen blauen Augen, trotz des Zaubers ihrer Züge und der Anmuth ihrer Ma⸗ nieren, ahnete ich, daß Madame Rahmond eine von den unbeugſamen Römerinnen oder Spartanerinnen, von deren ſtrengem Leben uns unſere Claſſikewerzählten. So groß war die, ich möchte beinahe ſagen, fieberhafte Beweglichkeit meiner Eindrücke, daß ich mich nach mei⸗ nem Eintritt in dieſes Haus, und abgeſehen ſogar von dem durch die Schönheit von Madame Rahmond auf mich hervorgebrachten Eindruck, als ein ganz Anderer fand ich fühlte mich erhabener, mein Puls mußte voller ſchlagen, was ſage ich? ich ſtrebte nach irgend einer eingebildeten Gefahr, der ich unerſchrocken unter den Augen von Madame Raymond Trotz geboten hätte. Die alte Dienerin, die uns die Thüre geöffnet hatte, brachte uns ein einfaches Gouter beſtehend aus Bro und Obſt. In dem Augenblick, wo ſie die Teller au ein am Gartenfenſter ſtehendes Tiſchchen ſetzte, hörten wir ein ſtarkes Geräuſch, wie wenn ein Gegenſtand von oben auf den Boden des Speichers gefallen wäre den das Dachwerk üher der Wohnung bildete, wo wi uns befanden. 49 Der Schall des Geräuſches war um ſo mächtiger, je tiefer die Stille, die im Hauſe herrſchte. Ich erinnerte mich der Erſcheinung des Mannes mit dem blonden Barte an einer von den auf den Gar⸗ ten gehenden Manſarden, und ich ſchaute verſtohlen nach Jean und ſeiner Mutter, in dem Moment, wo ſie raſch einen Blick der Beſorgniß wechſelten. „Oh! die verdammte Katze des Nachbars macht wieder ihre Streiche da oben auf dem Speicher,“ ſagte kalt die alte Dienerin. Und ſie ging ruhigen Schrittes hinaus. Abgeſehen vom Austauſch eines Blickes, den ich erlauert, blieben Jean und ſeine Mutter unempfindlich. Madame Raymond machte auf das Liebenswür⸗ digſte die Honneurs bei unſerem Gouter, ohne daß ſie die Einfachheit deſſelben zu entſchuldigen ſuchte. Nachdem wir einige unbedeutende Phraſen über das Collége und unſere Beſchäftigungen gewechſelt hat⸗ ten, fragte mich Madame Raymond mit einem mütter⸗ lichen Wohlwollen: „Nach welchem Ziele lenken Sie Ihre Studien, Sfit Fernand? Welche Laufbahn gedenken Sie zu ver⸗ folgen?“ „Wenn ich hievon mit meiner Großmutter ſpreche, Madame, ſo antwortet ſie mir:„Mein Kind, beun⸗ ruhige Dich nicht; Du mußt Deine Studien machen wie Jedermann; doch, Gott ſei Dank, Du haſt kein Gewerbe nöthig, um zu leben Fühlſt Du indeſſen ſpäter einen Beruf in Dir für die eine oder die andere Laufbahn, ſo wird es immer noch Zeit ſein, ſich hiemit zu beſchäftigen.““ „Und dieſen Beruf fühlen Sie noch nicht in ſich?“ fragte mich Madame Rahmond. Da ich mich in den Augen der Mutter meines Freundes erhöhen und ſie meine unglückliche Mus ca⸗ din⸗Tracht vergeſſen machen wollte, indem ich mich gleichſam in der Perſpective in eine glänzende Uniform Fernand Dupleſſis.. 4 50 S zeigte, ſo antwortete ich mit einer Eroberers⸗ miene: „Es gibt einen Stand, welchen ich anbete und für den ich mich geboren fühle,.. das iſt der Militär⸗ ſtand. Er hat ſeine Gefahren. Doch er iſt ruhm⸗ würdig.“ „Das iſt ein trauriges und unfruchtbares Hand⸗ werk, Herr Fernand,“ erwiederte Madame Raymond den Kopf ſchüttelnd;„es gibt keine ſchlimmere Knecht⸗ ſchaft, als die militäriſche; wenn ſie die erhabenen Seelen nicht entartet, ſo betrübt ſie dieſelben auf das Tiefſte.“ Sehr enttäuſcht durch dieſe Antwort, entgegnete ich indeſſen: 7 „Und Koſaken tödten, Madame!“ „Man braucht hiezu nicht Militär zu ſein, Herr Fernand. Im letzten franzöſiſchen Feldzug waren es die Bauern in Blouſen und Holzſchuhen, die den hef⸗ tigſten Krieg gegen die Koſaken und Preußen führten, und vor zwanzig Jahren, die Freiwilligen der Republik, welche barfüßig, kaum gekleidet, mit Aexten, Spießen, ſchlechten Flinten bewaffnet an die Grenze liefen, waren das Militäre? Nein, nein, und dennoch haben ſie die fremden Heere aus Frankreich verjagt.“ Während Madame Raymond ſo ſprach, färbte ſich ihr ſonſt bleiches Geſicht mit einer lebhaften Röthe, ihre ſanfte Stimme klang immer kräftiger, ihre Augen belebten ſich, und ſie wandte ihren Kopf gegen das Por⸗ trait, deſſen ich erwähnt, und heftete ein paar Secunden ihre Blicke mit einem Ausdruck männlichen Stolzes 2 ufz ſie kam mir ſo erhaben vor. Jean hatte w ſeine Mutter den Kopf nach dem Portrait umgewan und ſchien es in einer ſtillen Begeiſterung zu betrachten. Ich zweifelte nicht, der Vater von Jean ſei einer von den heldenmüthigen Freiwilligen geweſen, von denen Madame Rahymond geſprochen hatte; einer von ihr Anführern, vielleicht, in dem heiligen Kriege des Va 5¹ ⸗ landes, von dem ich zum erſten Male reden hörte, ſo ſeltſam und tief war die berechnete Unwiſſenheit, in r der man, unter allen Regierungen, die Schüler über ⸗ die Geſchichte ihres Vaterlandes gelaſſen hat. Bei dieſer Offenbarung des Heldenthums unſerer Väter, gemacht durch den reizenden Mund von Madame Raymond, gerieth mein Blut in Wallung, und in der beweglichen Exaltation meines Charakters rief ich auf das Alleraufrichtigſte: „Und wir auch, Madame, wir würden auch an die Grenze ziehen, um uns gegen die Fremden zu ſchlagen!“ h Zum unglück für meine kriegeriſche Wuth hörte mich Madame Raymalld nicht, verſunken, wie ſie es ohne Zweifel war, in die Erinnerungen, welche die An⸗ r ſpielung auf die Schlachten der Revolution in ihr 8 erweckt hatte. ⸗„Verzeihen Sie, Herr Fernand,“ ſprach Madame „ Raymond zu mir, nachdem ſie einen Augenblick geſchwie⸗ , gen hatte,„es gibt gewiſſe Erinnerungen, welche immer , einen lebhaften Eindruck auf meinen Sohn und mich n machen.“ e fuhr ſie mit ihrem ſanften, ruhigen Tone ort: N S= N „Ich ſagte Ihnen alſo, Herr Fernand, das Kriegs⸗ handwerk ſei ein trauriges und unfruchtbares Handwerk, 4 ausgenommen, wenn es ſich darum handelt, ſein Vater⸗ land zu vertheidigen, und dann iſt alle Welt Soldat. n Im Einklange mit mir, hat auch mein Sohne in nütz⸗ 3 licheres Gewerbe gewählt.“ Ja, Madame, Jean hat mir mitgetheilt, er wolle im nächſten Jahre in die Schule der Künſte und Ge⸗ werbe eintreten.“ „Und Du haſt mir nicht ſehr begeiſtert über mei⸗ nen Beruf geſchienen,“ ſagte Jean lächelnd zu mir. „Es iſt doch eine ſchöne Zukunft für meinen Sohn, Berr Fernand. Wiſſen Sie, daß er bei in Austritt aus dieſer Schule Director einer großen Werkſtätte werden kann? So der General ſein, nicht von einer müßigen, glänzenden Paradetruppe, ſondern von einem Heere wackerer Handwerker, deren Fleiß den Reich⸗ thum des Landes bildet! ſagen Sie, iſt es nicht eine ſchöne Sendung, die Arbeit dieſer trefflichen Leute zu leiten, ſie zu erleuchten, zu verſittlichen, ſie zu lieben und ihr Loos ſo glücklich als möglich zu machen? Sagen Sie, Herr Fernand, iſt das nicht mehr werth, als ſeine Zeit im unfruchtbaren Müßiggang einer Garniſon zu verlieren?“ „Oh! gewiß, Madame! Nun, nachdem ſie ſo durch Sie erklärt worden, begreife ich, daß eine ſolche Laufbahn herrlich iſt, und ich begreife eben ſo gut,“ rief ich, „daß ich noch heute meine Großmutter bitten will, in die Schule der Künſte und Gewerbe zugleich mit Jean eintreten zu dürfen. Wenn mir dies nur dazu dienen würde, daß ich mich nicht von ihm zu trennen hätte,“ fügte ich bei, indem ich meinem Freunde die Hand reichte, es wäre ſchon ein vortrefflicher Gedanke, nicht wahr, Madame? „Oh! Herr Fernand,“ ſprach Madame Rahmond gerührt von der Aufrichtigkeit meiner Zuneigung für ihren Sohn,„Jean hatte Sie richtig beurtheilt... Sie ſind ein gutes und würdiges Herz... Ihr ein⸗ ziger Fehler. und daran müſſen Sie denken, Herr Fernand,“ fügte Madame Raymond mit einem Ausdrucke rührender Sorgſamkeit bei,„Ihr einziger Fehler iſt, wie ich glaube, daß Sie zu leicht allen Hinreißungen nachgeben. Das iſt vortreffiich, wenn dieſe Hinreißungen edel ſind, aber wenn ſie ſchlecht find, ſo iſt es eine Gefahr.“ „Ach! ja, Madame...5 3 „Wenn ich Ihnen ſo Moral mache, Herr Fernand,“ ſagte Madame Rahmond mit einem unendlichen Zauber lächelnd,“ ſo geſchieht es, weil Sie der Freund 53 meines Sohnes ſind, und ich bin feſt überzeugt, Sie werden meine Worte nicht übel aufnehmen.“ „Oh! nein, Madame, im Gegentheil.“ „Nun wohl! ſehen Sie, in der Stunde, die Sie da find, haben ſie ſchon plötzlich Ihren Beruf gewech⸗ ſelt. Sie fühlten ſich, wie Sie vorhin ſagten, geboren für den Militärſtand, und durch eine raſche Umwand⸗ lung verlaſſen Sie das Militär, um es mit dem Civil zu vertauſchen, und wollen in die Schule der Künſte und Gewerbe eintreten.“ „Das iſt aber wahr, Madame. Es iſt erſtaunlich, wie raſch ich meine Anſicht geändert habe,“ ſagte ich naiv, indem ich an die Beweglichkeit meiner Entſchlüſſe dachte. Und ich fügte traurig bei: „Oh! Madame, Jean hat Recht, wenn er mir oft wiederholt, ich habe keinen Charakter.“ „Hierin, Herr Fernand, handelt mein Sohn als aufrichtiger Freund. Dies der Tadel. Nun das Lob,“ ſprach Madame Raymond.„Ihre heutigen Hinrei⸗ ßungen, die letzte beſonders, gehen aus einem vortreff⸗ lichen Herzen hervor. Es wäre keine Gefahr dabei, ſich ſo ſeinen erſten Bewegungen zu überlaſſen, würde man immer mit biedern Leuten leben.. Aber, ach! Herr Fernand, leider gibt es nicht bloß gute Leute auf der Welt, und die Verführungen der Böſen ſind gefährlich. In Gegenwart dieſer Verführungen wird die Charakter⸗ ſchwäche unheilvoll für uns. Glauben Sie mir, Herr Fernand, es iſt leichter, das Gute zu thun, als dem Böſen zu widerſtehen.. Doch genug der Moral für heute,“ fügte Madame Raymond mit einer unendlichen Anmuth bei.„Es iſt die Stunde, zu Ihrer Frau Groß⸗ mutter zu gehen; ich bitte Sie, danken Sie ihr in meinem Namen für die Einladung, mit der ſie meinen Sohn erfreut hat, und an einem der nächſten Sonn⸗ tage, wenn Sie mit Jean wieder hierher zum Gouter 54 kommen, werden Sie mir, wie ich hoffe, beweiſen, daß Sie meine Moral nicht übel genommen haben.“ „Zum Beweiſe für das Gegentheil, Madame,“ rief ich aus der tiefſten Tiefe meines Herzens und mit einem viel zu feierlichen Tone,„zum Beweiſe für das Gegen⸗ theil dient, daß ich vor Ihnen und vor Jean ſchwöre, ich werde fortan große Charakterſtärke haben. Ja, Madame, ich ſchwöre es bei dem, was ich Heiligſtes beſitze. Sie werden ſehen, und Jean wird auch ſehen, ob ich mein Verſprechen halte.“ Ehe er ſeine Mutter verließ, zog ſich Jean mit ihr in ein anſtoßendes Zimmer zuruck, wo ſie eine kurze Unterredung mit einander hatten: dieſe Unterre⸗ dung mir meinen Freund ſehr traurig gemacht zu haben. Nachdem Jean von ſeiner Mutter Abſchied genom⸗ men, verließen wir den Faubourg Saint⸗Antvine, um bei meiner Großmutter zu Mittag zu ſpeiſen. Mein erſtes Wort, als ich aus dem Hauſe von Madame Raymond wegging, war, daß ich zu ihrem Sohne ſagte: „Mein Gott! wie glücklich biſt Du, eine Mutter wie die Deinige zu haben!“ „Nicht wahr,“ erwiederte Jean mit einem Aus⸗ druck von Zärtlichkeit und Stolz,„begreiſſt Du nun, daß ich ſie vergöttere? und Du kennſt ſie erſt halb.“ „Wie!“ „Wenn Du wüßteſt, trotz ihrer Engelsgüte, wel⸗ cher Muth, welche Kaltblütigkeit in der Gefahr!“ „Was für eine Gefahr meinſt Du?“ fragte ich Rahmond raſch. „Einmal iſt Feuer in unſerm Hauſe ausgebrochen und meine Mutter hat allein ihre Kaltblütigkeit be⸗ halten,“ antwortete mir Jean verlegen. Ich errieth, daß mein Freund zu viel geſagt zu haben befürchtete und mich von der Spur ubbrin 55 wollte. Dieſes Verſchweigen betrübte mich: ich dachte, Raymond habe Geheimniſſe für mich; Anfangs fühlte ich mich verletzt durch ſeine Diseretion, dann aber er⸗ innerte ich mich meiner zahlreichen Beweiſe von Un⸗ beſonnenheit und Schwatzhaftigkeit(kürzlich erſt in Beziehung auf Hyaeinthe), und die Zurückhaltung von Raymond kam mir entſchuldbar vor; ſie hielt mich jedoch ab, ihm ein Geſtändniß zu machen, das ich auf den Lippen hatte: ich meine die geheimnißvolle Er⸗ ſcheinung des Mannes mit dem blonden Barte auf dem Speicher; eben ſo ſehr aus Schüchternheit, als aus Furcht, das Mißtrauen von Jean zunehmen zu ſehen, wenn er mich im Beſitze eines, vielleicht wichti⸗ gen, Geheimniſſes wüßte, das er mir zu offenbaren nicht für geeignet erachtet hatte, ſchwieg ich auch über dieſen Umſtand. Seit ſeiner abgeſonderten Unterredung mit ſeiner Mutter ſchien mir Jean nur mit ſeinem Innern be⸗ ſchäftigt zu ſein; ſein Stillſchweigen überließ mich allein meinen Gedanken, das heißt der bezaubernden Erinnerung an Madame Raymond. Ich war nicht frühreif; ich hatte nur die Ideen meines Alters; bis dahin waren ſie rein geblieben; der Eindruck, den Madame Rahmond bei mir zurück⸗ ließ, die Bangigkeit, die unbeſtimmte Unruhe meines Herzens ſchienen mir unerklärlich. Zum erſten Male hatte ich die Schönheit eines Weibes bewundert. Aber die bei Madame Raymond ſo merkwürdige Miſchung von Liebreiz und Melancholie, von Sanftmuth und Energie, die zugleich ernſte und wohlwollende Theilnahme, die ſie mir bezeigt hatte, Alles endlich, bis auf die Geheimniſſe, welche das kleine Haus des Faubourg Saint⸗Antoine in ſich zu ſchließen ſchien, erregte und exaltirte meine immer ſo bewegliche Einbildungsfraft. VII. Je näher Rahmond und ich zu dem Hauſe meiner Großmutter kamen, deſto mehr fühlte ich mich unruhig über den Lurus, den mein Freund bei uns finden ſollte. (Und worüber er ohne Zweifel mit ſeiner Mutter ſprechen würde.) Mit einem Wort, ich ſchämte mich in dieſem Augenblick unſeres Reichthums, wie ſo viele Andere über ihre Armuth erröthen. Ich verglich die ſtrenge Einfachheit des Lebens von Madame Rahmond, ihr vernünftiges Weſen, ihre verſtändigen und rührenden Rathſchläge mit der gut⸗ herzigen Heiterkeit meiner Großmutter, welche immer ſo aufgeräumt und, ich möchte beinahe ſagen, ſo un⸗ beſonnen zärtlich gegen mich war, denn in ihrem Leben hatte ſie es nicht gewagt, mir den geringſten Vorwurf zu machen; bevor wir bei ihr eintraten, ſagte ich auch mit einem gewiſſen Zögern zu Jean: „Du wirſt vielleicht unſer Haus lächerlich finden.“ „Lächerlich?“ wiederholte Jean mit erſtaunter Miene,„und warum?“ „Ich will es Dir ſagen, meine gute Großmutter (und man muß einer Frau von ihrem Alter Vieles hin⸗ gehen laſſen, nicht wahr, Jean*) meine Großmutter liebt ihre Bequemlichkeit, hat gern eine zahlreiche Diener⸗ ſchaft; ihr Haus iſt prachtvoll, ihr Tiſch ausgeſucht; kurz,“ fügte ich mit einem Seufzer bei,„ſie liebt es, auf einem großen Fuße zu leben.“ „Sie hat ſehr Recht, da ſie es kann,“ erwiedertes Jean.„Was ſoll ich hierin Lächerliches finden?“ „Nun,“ ſagte ich verlegen,„ich ich glaubte.. daß. weil bei Dir.. bei Deiner W „Vorwärts gebäre doch!“ verſetzte Jean lächelnd und die Achſeln zuckend, denn ich hatte mich unterbrochen;„ſprich doch Deinen Gebanken offenherzig aus. Sollteſt Du vielleicht glauben, weil ich arm ſei, ſinde ich diejenigen lächerlich, welche reich find? Glaubſt Du, gneite Mutter habe mich in dieſen Ideen er⸗ ogen?“ 1„Oh! nein, gewiß nicht,“ rief ich; es gibt auf der Welt keine beſſere Mutter, als die Deinige. Du weißt, das iſt mein erſtes Wort geweſen, als wir aus Deinem Hauſe weggingen. Sieh, Jean, ich befürchte auch, daß meine Großmutter.... Ich ſtockte abermals, Jean ſchien ungeduldig zu werden, und ich beeilte mich, entſchloſſen beizufügen: „Wohlan, ich gebäre, wie Du ſagſt„ befürchte, wenn Du Deine Mutter mit meiner Groß⸗ mutter vergleichſt, ſo wirſt Du dieſe lächerlich ſchwach gegen mich finden; denn ſie hat mich immer entſetzlich verzogen.“ „Mein guter Fernand, Deine Großmutter betet Dich an, ſie ladet mich zu ſich ein, ſie iſt von einem Alter, das ich immer achten gelernt habe; ich kenne ſie bis jetzt durch ihre Zärtlichkeit für Dich und durch ihr Wohlwollen gegen mich. Wie ſollte ich eine ſchlimme Meinung von ihr haben?“ Mit ſeiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit geſprochen, erleichterten mich dieſe Worte um eine große Laſt. „Höre, Jean,“ ſagte ich zu ihm wenige Augen⸗ blicke, ehe wir bei uns eintraten,„ich muß Dich von etwas höchſt Aergerlichem in Kenntniß ſetzen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ Ich habe zwei Couſinen, Hernance und Julia, zbei kleine Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren; alle Sonntage ſpeiſen ſie in unſerem Hauſe. Meine Großmutter ermahnt mich immer, den franzöſiſchen Chevalier gegen ſie zu machen, galant zu ſein.. vas iſt äußerſt läſtig; ſie iſt im Stande, Dich auch veranlaſſen zu wollen, den franzöſiſchen Cheva⸗ lier zu machen, und Dich bei Tiſche neben die Eine 58 oder die Andere von dieſen zwei Kleinen zu ſetzen; ſoll ich ſagen, das würde Dich auf den Tod langweilen?“ „Den franzöſiſchen Chevalier und den Ga⸗ lanten machen,“ erwiederte Raymond heiter.„Das ſagt mir eben ſo wenig zu, als Dir, doch ein Mal iſt keine Gewohnheit, und ich werde mich lieber opfern, als Gefahr laufen, Deiner Großmutter mißfällig zu ſein.“. Wir bewohnten ein ſehr ſchönes Haus im Marais. Dieſes von meinem Urgroßvater, einem reichen Stadt⸗ vogt, erbaute Haus erinnerte an die Pracht des letzten Jahrhunderts. Durch einen wunderbaren Zufall, und, man muß auch ſagen, in Folge ihrer im Quartier ſprüchwörtlichen Wohlthätigkeit, hatte meine Groß⸗ mutter die Revolution durchlebt, ohne Paris zu ver⸗ laſſen; ihrem Geſchmack und ihren Gewohnheiten wie ihren Freuden getreu, hatte ſie einen Abſcheu vor den architektoniſchen Moden des Kaiſerreichs; als bei der erſten Reſtauration Frau von Francheville ebenfalls, wie ſie ſagte, ihre kleine Reſtauration vollzog, indem ſie ihr Haus neu vergolden, malen und meubliren ließ, erhielt ſie auch gewiſſenhaft ſeinen Charakter aus der Zeit von Ludwig XV. Da ich den Tadel von Jean nicht mehr befürchtete, ſo fühlte ich(trotz meines friſchen Enthuſtasmus für die ſtrenge Einfachheit des Häuschens im Faubourg Saint⸗Antvine), ich fühlte eine geheime Eitelkeit bei dem Gedanken an das Erſtaunen, welches der Anblick unſeres Hotels bei meinem Freunde verur⸗ ſachen würde; doch ich war ſeltſam enttäuſcht, ich möchte beinahe ſagen, ein wenig gekränkt... durch die Gleich⸗ gültigkeit von Jean. Wir waren die große Marmor⸗ treppe mit reich al fresco gemaltem Plafond hinauf⸗ geſtiegen und hatten dann das weite Vorgemach mit Säulen von Stuck durchſchritten, das por mehreren Salons kam. Jean war aber nicht im Geringſten über ſo viel Herrlichkeit in Begeiſterung gerathen. Ich ſah auch nicht in ſeinen Zügen jene neidiſche — — — — S—— 8— S* — S„ 6 3 e 3 welche ſchweigt, um nichts bewundern zu müſſen; nein, Jean ſchien mir eben ſo wenig ſich um den Glanz un⸗ ſeres Hauſes, als um die beſcheidene Einfachheit der Wohnung von Madame Raymond zu bekümmern. Wir kamen in das Boudoir Pompadour, wo ſich meine Großmutter gewöhnlich aufhielt. Sie trug nach ihrer Gewohnheit eine Spitzenhaube mit Blumen und hatte ihre Haare gekräuſelt und gepudert à la maréchale. Ihre ſchwarzen Augen ſchienen noch glän⸗ zender durch den Contraſt des Puders und der Schminke, welche beinahe bis an ihre Augenlider emporgingz ſie war, wie immer, angethan mit einem Kleide von grauem weiß glacirtem Atlaß, das ſich ihrer für ihr Alter noch feinen und geraden Taille wohl anſchmiegte. Als ſie Jean und mich eintreten ſah, ſtreckte die vortreffliche Frau die Arme gegen mich aus und ſagte: „Guten Morgen, Jean, guten Morgen.“ ünd ſie umarmte mich zärtlich mitten unter einer leichten Puderwolke, verurſacht durch die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen, durch die ſie ihre Friſur guetſchte; dann fügte ſie lachend bei: „Gut, Du wirſt von mir weiß gepudert. Doch Du haſt, bei meiner Treue, ſo ſchwarze Haare, daß es nicht zu ſichtbar darauf ſein wird.“ Hierauf wandte ſie ſich an Jean und ſprach: „Nun iſt die Reihe an uns Beiden, Herr Rahmond, nicht als wollte ich Sie auch weiß pudern, haben ſie nicht bange! Ich will Ihnen nur ſagen, wie ſehr es mich freut, hier den beſten Freund von meinem Fer⸗ nand zu empfangen, von dieſem ſchlimmen Geſellen,“ fügte ſie heiter auf mich deutend bei.„Doch man muß gerecht ſein, Herr Raymond, iſt mein Fernand ein ab⸗ ſcheulicher Faullenzer, ſo hat er doch wenigſtens den guten Geiſt und den guten Geſchmack, denjenigen, welche ſo anhaltend arbeiten, wie Sie, zu huldigen.“ 5 Jean verbeugte ſich, meine Großmutter fuhr mit ihrer natürlichen Zungenfertigkeit fort: „Es gibt, zum Beiſpiel, etwas, worin mein Fer⸗ nand ſo ftark iſt, als Sie, Herr Rahmond, wie es ſcheint. Das find die Empörungen. Ah! mein Gott, wie hat er mich doch lachen gemacht(und meine Groß⸗ mutter lachte abermals bei dieſer Erinnerung); wie hat er mich doch lachen gemacht, als er mir das herr⸗ liche Complott erzählte, wo Ihr die Zuglampen mit Bindfäden auslöſchtet, nur in der Abſicht, Eure Wör⸗ terbücher dem abſcheulichen Lehrer an den Kopf zu werfen, welcher unter anderen Ruchloſigkeiten die ge⸗ habt hatte, meinen armen Fernand dreier Ausgänge an brei Sonntagen hinter einander zu berauben.. Ah! es fällt mir ein, meine Kinder, es iſt noch früh⸗ zeitig, Ihr habt vielleicht Hunger? Auf, Fernand, Du biſt hier bei Dir; mache doch Deinem Freunde die Honneurs des Hauſes, ein Tröpfchen Madeirawein oder Malvaſier mit einem Zwieback vor dem Mittagsbrod? Klingle doch, Fernand.“ „Ich danke Ihnen, Madame, ich werde nichts an⸗ nehmen,“ erwiederte Jean. „Wir haben bei Madame Rahmond einen Imbiß zu uns genommen... fügte ich bei. „Und meine Mutter hat mich gebeten, Madame, Ihnen zu ſagen, wie ſehr ſie gerührt ſei von der Ein⸗ ladung, mit der Sie mich beehrt haben,“ ſprach Ray⸗ mond. „Das iſt doch ganz einfach, meine Kinder, die Freunde von unſern Enkeln ſind die Freunde von uns Großmüttern. Was wollen wir, wir guten alten Leute? daß ſie ſich ſo viel als möglich beluſtige und glücklich ſei, dieſe ſchöne, blühende Jugend. Sie iſt ſo artig an⸗ zuſchauen, wenn ſie Luftſprünge macht in der Freude und im Vergnügen, wie junge Ziegen im Monat Mai! He! he! hei das Leben iſt ſchon nicht zu lang, und das Alter kommt ſo bald herbei! Man muß alſo ſeinen 61 Frühling benützen, und zwar tüchtig benützen.. nicht wahr, Herr Raymond? Die Roſen blühen nur ein Mal im Jahr, wie man zu meiner Zeit ſagte, man muß ſie alſo mit aller Gewalt ernten, die ſchönen, lieben Roſen der Jugend... Das iſt dann gerettet! Der Weiſe verſchiebt nie ein Vergnügen auf den andern Tag. Erinnert Euch dieſes Grundſatzes, meine Kinder, und bringt ihn, ſo viel Ihr könnt, zur Ausübung. Ah! während ich hieran denke, muß ich Euch etwas ſagen: Du weißt, mein Fernand, daß Deine Coufinen alle Sonntage mit Deiner Tante zum Mittageſſen kommen?“ Ich ſtieß Jean leicht mit dem Fuß; wir kamen an die Stelle vom franzöſiſchen Chevalier, und ich antwortete: „Ja, Großmutter, ich weiß es.“ „Ich hatte einen ſehr guten Gedanken, meine Kin⸗ der: ich wollte Euch alle Vier an einen abgeſonderten Tiſch im kleinen Speiſeſaal ſetzen. Dort hättet Ihr hübſch gelacht und geſchwatzt mit dieſen kleinen Mäd⸗ chen, wie, Ihr ſchlimmen Geſellen? doch meine Schwä⸗ gerin wollte durchaus nichts auf dieſem Ohre hören, mein armer Junge. Ihr werdet Euch alſo darein fügen müſſen, meine Kinder, am großen Tiſche zu ſpeiſen... Ich brauche Euch nicht zu empfehlen, galant gegen dieſe Fräulein zu ſein... Guch als wahre franzöſiſche Chevaliers zu zeigen.3 das ſind jene feinen Gewohnheiten, die man nicht zu früh⸗ zeitig anzunehmen vermöchte, weil... ſeht Ihr, meine Freunde.. weil Euch das ſpäter nützt. He! he! he! ich verſtehe mich, doch ich hoffe, daß Ihr mich durchaus nicht verſteht, Ihr ſchlimmen Geſellen!“ Die Ankunft von mehreren unſerer Mitgäſte un⸗ terbrach unſer Geſpräch mit meiner Großmutter; man ging vom Boudoir in einen von den Salons; ich blieb einen Augenblick allein mit Rahmond; mein Herz war beklommen, ich fühlte mich gedemüthigt. Meine arme „ 6² Großmutter hatte, wenn man ſo ſagen darf, immer falſch zum Geiſte von Jean ſprechen und in beſtän⸗ diger Disharmonie mit ſeinen geheimen Gedanken ſein müſſen. Wie groß war mein Erſtaunen, meine Freude, als er im Gegentheil mit ſeiner gewöhnlichen Aufrich⸗ tigkeit zu mir ſagte: „Welch eine wackere Dame iſt Deine Großmutter! in ihrem Alter hat ſie noch dieſe Heiterkeit, dieſe Jugend des Herzens bewahrt!“ „Wahrhaftig!“ erwiederte ich ganz freudig,„Du biſt zufrieden mit ihr?“ „Gewiß,“ antwortete Raymond lächelnd;„ich werde ihr, wenn Du willſt, ein satiskegit geben.“ „Ihre Ideen ſind Dir nicht anſtößig geweſen?“ „Warum hätten ſie mir anſtößig ſein ſollen? Was verlangt ſie im Ganzen? daß die Jugend glücklich ſei?“ „Aber ihre Anſichten ſind doch nicht die Deiner Mutter. weit entfernt!“ „Was das betrifft, das iſt wahr, Fernand,“ ant⸗ wortete er mir mit einem ſchwermüthigen Lächeln: „meine Mutter denkt anders als Deine Großmutter; dieſe hat nur Roſen in ihrem Leben geerntet, wie ſie ſagt, und ſie ſieht auch überall nur Roſen. Meine Mutter ſieht anders und Anderes..; doch Beide haben ein vortreffliches Herz.“ Die Freunde meiner Großmutter, ihre alten Getreuen, wie ſie ſie nannte, hatten früher dem höheren Bürgerſtande, der Klaſſe der Finanzleute oder der ehemaligen Magiſtratur angehört; Einige, in ſehr geringer Anzahl, dem Adel des Schwertes; abgeſehen von zwei oder drei von den Letzteren, war keiner von den alten Getreuen meiner Großmutter, gerade wie ſie, emigrirt, ohne daß ſie darum die Revolution weniger verfluchten. Sie empfingen auch mit Begeiſte⸗ rung die erſte und die zweite Reſtauration der Bour⸗ bons. Unter Anderen war unter dieſen alten Ge⸗ 63 treuen ein gewiſſer Grafde la Buſſière, damals Untergouverneur der Pagen; er wohnte dem Diner bei, von dem ich ſpreche, und entſchuldigte ſich bei meiner Großmutter, daß er in Uniform erſcheine, doch er ſei, ſagte er, genöthigt, nachher im Dienſte in die Tui⸗ lerien zu gehen. Herr de la Buſſière war ei ann von vierzig Jahren, mit einer noch eleganten Haltung und einem ſchönen Geſichte. Ich erinnere mich, daß er im Salon Aufſehen machte, wenn er mit ſeinem glänzenden, goldgeſtickten Frack, ähnlich dem der Pagen von Ludwig XVIII., eintrat. Dieſe Uniform ſchien mir ſehr verführeriſch und ich ſchaute ſie mit Bewunderung an. Meine Großmutter bemerkte es und ſagte zu mir: „Wie! mein Fernand! was für eine hübſche Uni⸗ form?“ „Ja, Großmutter, ſie iſt reizend.“ „Nun, mein lieber Fernand!“ ſprach lächelnd Herr de la Buſſiere zu mir,„es hängt nur von Ihnen ab, eine ähnliche zu haben.“ „Wie ſo, mein Herr? „Sie ſind fünfzehn und ein halbes Jahr alt; Frau von Francheville erlaube Ihnen, bei den Pagen einzu⸗ treten, und Sie werden eine Uniform ſo hübſch als die meinige haben und unter meiner Vormundſchaft ſtehen!“ „Wahrhaftig, Herr de la Buſſiere,“ rief meine Großmutter,„Sie ſprechen im Ernſte?“ „Ganz im Ernſte, Madame, und wenn Sie dieſem Gedanken Folge geben wollen, ſo werde ich darüber mit dem Oberſtkammerherrn ſprechen. Ich bin ſehr mit ihm befreundet und zum Voraus ſeiner Einwilli⸗ gung ſicher. In einem äußerſt liberalen Geiſte der Verſchmelzung wünſcht auch der König ſeine Pagen unter einigen reichen jungen Leuten aus dem höheren alten Bürgerſtande zu rekrutiren.“ „Bei meiner Treue! was denkſt Du hievon, Fex⸗ nand?“ fragte meine Großmutter;„ſage doch, mein Junge, ich ſehe Dich vor mir mit dieſer hübſchen Uniform; es gäbe keinen lebhafteren, flinkeren Pagen, als Du wäreſt; Du thuſt nicht viel in Sainte⸗Barbe! Das würde Dich immerhin mehr beluſtigen, als Dein albernes Latein? Ich würde Deinen Beutel gut ſpicken, und Du wäreſt einer der Niedlichſten?.. He! he! mein Enkel! Page!“ ſagte lachend meine Großmutter.„Das iſt drollig! mir ſcheint, das müßte mich um zwanzig Jahre verjüngern... Und überdies Du haſt den Beruf,“ fügte Frau von Francheville mit triumphirender Miene bei.„Ja, mein lieber Herr de la Buſſiére, er hat den Beruf, denn ſehen Sie, er iſt ein wahrer Teufel, wenn er anfängt.“ „Sie müſſen mir das nicht vorher ſagen, Madame,“ erwiederte heiter Herr de la Buſſiére,„bin ich nicht der zukünftige Gouverneur von Herrn Fernand?“ „Ah! ja wohl! doch einen Augenblick Geduld,“ ſprach meine Großmutter;„es fällt mir ein, wäre das nicht ein zu ſtrenges, zu beſchwerliches Gewerbe für dieſes Kind?“ 1 „Den König in's Theater, bei ſeinen Spazier⸗ fahrten und auf die Jagd begleiten, auf die Befehle Seiner Majeſtät in einem der Salons des Palaſtes warten, aus Verpflichtung bei allen Feſten des Hofes ſein, das iſt das Beſchwerlichſte beim Dienſte eines Pagen,“ antwortete Herr de la Buſſiere.„Sie ſehen, Madame, Ihr Fernand wäre nicht zu ſehr zu beklagen.“ „Oh! im Gegentheil, das iſt reizend Das, gefällt mir, das iſt wenigſtens eine Laufbahn, wo die Pflicht ein Vergnügen jedes Tages, ein beſtändiges Feſt iſt... Dagegen läßt ſich nichts ſagen!“ rief meine Großmutter.„Nun! mein Kind, was denkſt Du von dieſem Plane?... Das ſteht Dir hoffentlich „Großmutter.. ſich entſcheiden ſo.. . 6⁵ auf der Stelle.. erwiederte ich verlegen, denn ich zitterte, Jean, welchen ich ein paar Schritte von mir ein Gemälde betrachten ſah, könnte die verführeriſchen Vorſchläge hören, die mir Herr de la Buſſiére machte; „ich möchte gern überlegen.“ 3 „Was überlegen, meine Junge?.. Wie, Du zögerſt? Fünfzehn Jahre alt.. und Page bei Hofe ſein!“ verſetzte lebhaft meine Großmutter. Dann fügte ſie den Untergouverneur mit einer ſchlauen Miene an⸗ ſchauend bei:„Ah! wenn die Jugend wüßte nicht wahr, Herr de la Buſſiére?“ Der Eintritt meiner Tante und meiner zwei Cou⸗ ſinen unterbrach dieſes Geſpräch, ich benützte die Ge⸗ legenheit, um mich meinem Freunde zu nähern, immer befürchtend, er habe das Anerbieten von Herrn de la Bufſiöre gehört. Es war nicht ſo, denn Jean ſagte zu mir: „Wer iſt denn der große Herr in geſticktem rothem Frack, der mit Deiner Großmutter plauderte?“ „Es iſt der Untergouverneur der Pagen.“ „Welcher Pagen?“ „Der Pagen des Königs, Jean.“ „Wie, Fernand, in dieſer Zeit haben die Könige noch Pagen?“ „Gewiß; doch was haſt Du ſo zu lächeln?“ „Mir kommt es luſtig vor, daß der König Leute ſindet, um dieſes poſſierliche Gewerbe zu treiben.“ „Das Pagengewerbe ein pofſierliches Ge⸗ werbe?“ ſagte ich zu Jean mit einer unwillkürlichen Lebhaftigkeit;„aber die Pagen ſind von Hofe die Pagen gehen zu Hofe.“ „Ho! ho!“ verſetzte Raymond mit einem Lächeln ſpöttiſcher Verachtung;„das iſt etwas Anderes! ich wußte nichts von allen dieſen ſchönen Dingen; verzeih', mein armer Fernand, Du weißt, ich bin ein wahrer Wilder.“ Fernand Dupleſſis. I 5 66 Zu meinem Glück, denn ich war in einer außer⸗ ordentlichen Verlegenheit, rief mich meine Großmutter; meine Tante war eingetroffen und wünſchte mich zu ſehen. Ich verließ Raymond, um zu meinen Couſi⸗ nen und ihrer Mutter zu gehen. Hernance war zwölf Jahre alt, Julia dreizehn; die Erſte hatte nur ein angenehmes Geſicht, die Zweite verſprach hübſch zu werden; ſie verband mit dieſer Schönheitszukunft einen für ihr Alter merkwürdig vor⸗ gerückten Geiſt; ſie ſchrieb damals die Portraits von mehreren Perſonen unſerer Familie; ich erinnere mich, daß das meiner Großmutter ein Meiſterwerk an An⸗ muth, Zartheit und feiner Beobachtung war. Uebri⸗ gens war Julia trotz dieſer Frühzeitigkeit des Geiſtes mehr Kind geblieben, als ihr Alter geſtattete. Die Puppe, die kleine Küche, der Reif bildeten noch die Freude ihrer Erholungsſtunden; ſie flößte mir, wie ihre Schweſter,(deren Geiſt viel weniger merkwürdig, als der ihrige), nicht gerade Widerwillen, aber Lang⸗ weile ein, ſie war mir läſtig in Folge meiner gezwun⸗ genen Rolle als franzöſiſcher Chevalier; dann hatte ich einen unbeſtimmten Inſtinkt von der Ueberle⸗ genheit des Verſtandes von Julia. Das demüthigte mich ein wenig; ich fühlte mich behaglicher mit Her⸗ nance, der ich für dieſen Abend die Gunſt zuerkannte, meine Tiſchnachbarin zu ſein. Man meldete meiner Großmutter, es ſei aufge⸗ tragen. 1 „Nun, mein Kind,“ ſagte ſie zu mir,„ſeid artig, Du und Dein Freund. Herr Rahmond wird ſeinen Arm Deiner Cuufine Julia geben, Du gibſt ihn Deiner Couſine Hernance.“ — 67 VII. Man ſetzte ſich zu Tiſche. 1. Nach einigen beſonderen Geſprächen wurde die Unterhaltung allgemein. Unter Anderem kam man auf die Hochzeit des Figaro zu reden, welche ſeit kurzer Zeit im Théatre⸗Frangais wieder aufgenommen worden war. Ich hörte zum erſten Mal von dieſem Theaterſtücke ſprechen WMan wird ſpäter ſehen, warum ich bei dieſem Zwiſchenfall verweile. „Ich geſtehe,“ ſagte meine Großmutter,„ich habe nie etwas Feineres, Reizenderes geſehen, als Wlle. Mars in der Rolle von Suſanne; es iſt nicht möglich, mehr Anmuth mit mehr Schalkheit und Coquetterie zu verbinden.“ „Und Mlle. Clotilde in der Rolle von Cherubin, Madame?“ verſetzte eine andere Perſon,„iſt ſie nicht auch reizend in dem Coſtume eines kleinen Pagen?“ „Sie iſt köſtlich,“ erwiederte Frau von Francheville, „man kann kein ſchelmiſcheres Geſicht ſehen.“ „Was mir beſonders bei dem Spiel von Vlle. Clotilde aufgefallen iſt,“ ſprach Herr de la Buſſiére, „das iſt eine Nuance von zarter Schwermuth, welche ſie da und dort auf den Charakter des kleinen Pagen geworfen hatz es iſt kein Kind mehr, es iſt noch kein Mann, es iſt ein von ſeinen fünfzehn Jahren gequälter Jüngling, wie das Lied ſagt, und ſchon insgeheim verliebt in ſeine ſchöne Pathin.“ Ich horchte begierig auf dieſe Worte. Sie hätten ohne Zweifel meine Aufmerkſamkeit nicht erregt vor meinem Zuſammenſein mit der Mutter von Rahmond und dem Vorſchlag von Herrn de la Buſſiöre, bei den Pagen des Königs einzutreten; dieſer insgeheim in ſeine ſchöne Pathin verliebte Cherubin machte mich träumen, ſo ſehr träumen, daß ich mich weniger für die Folge des Geſprächs intereſſirte⸗ Man hatte in der That aufgehört, ſich mit Cheru⸗ bin zu beſchäftigen, um von Mlle. Mars in einer an⸗ deren Rolle zu ſprechen; der Name der berühmten Künſtlerin brachte die Converſation auf wiederholte, kürzlich im Parterre der Comédie⸗Frangaiſe entſtandene Unruhen, die ſich auf Veilchenſträuße bezogen, welche Mlle. Mars ſeit einiger Zeit trug— Sträuße, die man damals als aufrühreriſche Embleme betrachtete. Von den Theaterunruhen ging man bald auf ernſtere Un⸗ ruhen über, welche unlängſt im Süden von Frankreich ausgebrochen waren. In dieſer Hinſicht entſpann ſich ein Geſpräch zwiſchen Herrn de la Bufſiere und einem Herrn Descombes, Staatsanwalt in Paris. Das gal⸗ lichte Geſicht, die dicken ſchwarzen Augenbrauen, die finſtere Miene dieſes Beamten ſind meinem Geiſte im⸗ mer gegenwärtig geblieben. Als Herr Descombes die Nachricht von dieſen Unruhen mitgetheilt hatte, erwiederte Herr de la Buſſiére: „Zum Glück ſind im Süden unſere wackern katho⸗ liſchen und royaliſtiſchen Freunde in großer Majorität; ſie werden leicht mit dieſer Handvoll Bonapartiſten, die ſich in ihrer Ohnmacht gebaren, fertig werden.“ „Wenn es nur Bonapartiſten wären,“ verſetzte Herr Descombes,„dann wäre die Sache minder ernſt; doch die Proteſtanten rühren ſich. Es iſt immer bei dieſer verfluchten Race ein alter revolutionärer Sauer⸗ teig vorhanden; ich werde Sie auch ſehr in Erſtaunen ſetzen, wenn ich Ihnen ſage, daß man in Uzös rothe . Mützen geſehen, und daß man dort, ungeheuer! uner⸗ hört! gerufen hat:„Es lebe die Republik!““ „Das ſind Elende, denen man zuerſt Gießbäder und dann die Peitſche geben muß,“ erwiederte Herr de la Buſſiére lachend;„wenn dieſes Mittel ſie nicht heilt, ſo ſpende man ihnen ein paar Unzen Blei ins Gehirn. Ein Jacobiner(denn nur ein Jacobiner kann in unſeren Tagen rufen: Es lehe die Republit e — 69 Jacobiner iſt ein wüthendes oder wahnſinniges Thier. Ich wiederhole, Blei oder Gießbäder.“ „Ich widerſetze mich mit allen meinen Kräften dem Mittel des Bleis, denn ich will durchaus nicht den Tod des Sünders,“ ſagte meine Großmutter;„ſtreng genommen aber wäre ich für die Gießbäder.“ „Alſo, Madame, Gießbäder mit ſiedendem Oel,“ verſetzte ein Spaßvogel, der viel lachen machte. „Mir,“ äußerte ein Anderer,„mir hat ein Jaco⸗ biner immer den Eindruck eines einem Tiger und einer Wölfin entſproſſenen Ungeheuers gemacht.“ „Warum nicht einer Jacobinerin entſproſſen,“ fügte Einer bei,„denn es hat doch ſolche entſetzliche Frauen gegeben.“ „Dann nennen wir ſie. republikaniſche Weib⸗ chen, wenn Sie wollen,“ ſagte ein Anderer,„doch ich bitte, blasphemiren Sie nicht den Namen Frau, indem ſie ihn ſo abſcheulichen Geſchöpfen geben.“ Der Zufall ließ mich in dieſem Moment Raymond anſchauen; er ſchien mir ſehr bleich, hielt die Augen niedergeſchlagen, aß nichts, und das, was man ihm ſervirt hatte, blieb unberührt auf ſeinem Teller. Ich legte kein großes Gewicht auf dieſe Bemerkung, denn ich dachte, Jean fühle ſich verlegen, ſich in ſo glänzen⸗ der Geſellſchaft zu ſehen.. Die Unterhaltung nahm ihren Fortgang.* „Ich verſichere Sie, meine Herren,“ ſprach Herr Descombes,„was ich Ihnen ſage, iſt ernſt, ſehr ernſt. Die verabſcheuenswerthe revolutionäre Partei, von der man glaubte, ſie ſei in dem Blute, das ſie ver⸗ goſſen, erſoffen, nimmt heute die Maske des Bonapar⸗ tismus an, um das Volk irre zu führen und aufzu⸗ wiegeln. Einige von dieſen nach Metzeleien gierigen Tigern treiben die Frechheit ſo weit, daß ſie offen ihre erſchreckliche Fahne aufpflanzen, wie dies in Uzes der Fall geweſen iſt, wo ſie: Es lebe die Republik! zu rufen gewagt haben. Zum Glück ſind unſere Freunde dort, wie der liebe Herr de la Buſſiére ſagt.“ „Abgeſehen,“ bemerkte ein anderer Gaſt,„abge⸗ ſehen von den braven Truppen unſerer theuren Klliir⸗ ten, welche die Räuber von der Loire zur Ver⸗ nunft gebracht haben, und dieſe waren noch viel ſchwe⸗ rer zu demüthigen, als eine Handvoll Jacobiner.“ „Allerdings,“ erwiederte Herr Descombes,„wir haben die Macht; aber ſchlafen wir nicht ein, unſere ewigen Feinde wachen. dergeſtalt, daß ein gewiſſer Godefroid, ein wüthender Republikauer. Bei dieſen Worten ſah ich Jean, auf den ich aber⸗ mals, unruhig über ſeine Bläſſe, meine Blicke gewor⸗ fen hatte, im höchſten Grade erröthen. „Godefroid!“ fragte einer von den Gäſten,„Gode⸗ frvid, das ehemalige Conventsmitglied, der feige Heuch⸗ ler, der ſich ſo zahm ſtellte?“ „Man muß geſtehen,“ äußerte ein anderer Gaſt, „man muß geſtehen, daß man ſelbſt unter der Schrek⸗ kensregierung wunderbare Züge von Milde und Groß⸗ muth vom Conventsmitgliede Godefroid und ſeinem Schwager angeführt hat.“ „Schändliche Heuchelei!“ unterbrach Herr Descom⸗ bes voll Bitterkeit den Gaſt,„der Schakal nahm die Larve des Lammes an, um ſeine Beute beſſer zu acken.“ „Ah! mein lieber Herr Descombes,“ entgegnete meine Großmutter,„glauben Sie an das Gute, ohne einen Hintergedanken dabei zu ſuchen: es iſt ſo leicht und ſo angenehm, an das Gute zu glauben.“ Ach! Madame,“ erwiederte der Beamte,„wir, die wir die Dinge nahe ſehen, wir können einen ſolchen Optimismus, beſonders in Beziehung auf Godefroib, nicht theilen! Sie ſollen erfahren, warum.“ „Gut, mein lieber Herr Descombes, erklären Sie uns das,“ ſagte meine Großmutter,„denn ich muß Ihnen bemerken, daß ich, die ich noch mein Ge⸗ 71 vächtniß vom fünfzehnten Jahre beſitze, oft in jenen trau⸗ rigen Zeiten der Revolution das Allerbeſte von dieſem Conventsmitgliede Godefroid haben ſagen hören. Eine Frau, die ſich im Namen eines Bruders, eines Sohnes oder eines Gatten an ihn wandte, war immer ſicher, Gehör zu finden.“ „Ich wiederhole Ihnen, Madame, Heuchelei, reine Heuchelei. Dieſer Godefroid war durch die Flucht, nach dem 9. Thermidor, der Todesſtrafe entgangen, welche der Schurken ſeiner Art harrte; er hatte ſich ſeit mehreren Jahren nach den vereinigten Staaten geflüchtet; doch kürzlich in Bordeaur gelandet, iſt er nach dem Süden gegangen, wo er zahlreiche revolutio⸗ näre Verbindungen hatte; dann hat er die Proteſtan⸗ ten bearbeitet, die Bonapartiſten aufgewiegelt und, als er glaubte, der Augenblick ſei gekommen, eine republikaniſche Bewegung verſucht; dieſe wurde aber bald unterdrückt, Godefroid ſofort verhaftet und von einem unſerer Prevotalgerichte zum Tode verurtheilt.“ „Hat man je eine ſolche Frechheit eines Banditen geſehen!“ rief eine Stimme. „Das Troſtloſe dabei iſt, daß es dieſem elenden Godefroid gelungen, aus dem Gefängniß zu entweichen,“ fuhr Herr Descombes fort;„man glaubt, er irre in den Bergen des Vivarais an der Spitze einer Handvoll Räuber ſeiner Art umher. Doch, Gott ſei Dank, er wird den gegen ihn gerichteten Verfolgungen nicht ent⸗ wiſchen können, denn er iſt ein durch ſeine Verwegen⸗ heit, durch ſeine Energie und ſeinen Verſtand höchſt gefährlicher Menſch.“ „Und ich hoffe,“ ſagte ein Gaſt,„wenn man dieſen Schurken wiederbekommt, wird man nicht zur Unzeit Großmuth gegen ihn üben.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Herr,“ erwiederte Herr Descombes lächelnd,„das Wort Milde iſt glück⸗ licher Weiſe im Wörterbuche der Prevotalgericht aus⸗ 72 geſtrichen; Gott ſei Dank, es fehlt uns nicht an An⸗ zeigen; dabei hat uns die Vorſehung mit einem Poli⸗ zeiminiſter beſchenkt, der, was die Erfindungen betrifft, auf der Welt nicht ſeines Gleichen hat. Sie würden aus den Wolken fallen, meine Damen,“ fügte der Staatsanwalt mit einer ſelbſtgefälligen Miene bei, „wenn Sie die Kraftſtücke, ich müßte ſagen, die Wun⸗ der Seiner Ercellenz erführen; Sie würden mir nicht glauben, wenn ich Sie von den ausgezeichneten, uner⸗ hörten Mitteln unterrichtete, welche er in Thätigkeit ſetzt, um gewiſſe. zarte, ſehr zarte Aufſchlüſſe zu erhalten. Oh, meine Damen, wenn Sie wüßten, welche Werkzeuge er wirken läßt; Werkzeuge, die leider bis jetzt zu ſehr vernachläſſigt worden ſind,— nur nicht von dieſer feinen Fliege, dem Herzog von Otranto*). Denn unter dem Kaiſerthum hat ſich der Herr Herzog ſo bewunderungswürdig dieſer geheimnißvollen Mittel bei einigen Umſtänden bedient, daß man im letzten Augenblick den verhafteten Perſonen mitgetheilt hat, von wem ſie denuncirt worden waren. Nun denn! meine Damen, dieſe Perſonen ſind hingerichtet worden, ohne daß ſie dieſer Offenbarung Glauben ſchenken wollten, ſo albern, ſo unmöglich kam ſie ihnen vor.“ „Aber, mein Herr, wiſſen Sie, daß das entſetzlich iſt, was Sie da ſagen?“ rief eine Dame;„man würde ſich am Ende ſelbſt unter ſeinen Freunden nicht mehr in Sicherheit glauhen.“ „Beobachter unter ſeinen vertrauten Freunden haben,“ erwiederte lachend Herr Descombes,„das iſt das Geringſte. Ich wiederhole Ihnen, meine Damen, Seine Excellenz der Herr Polizeiminiſter hat viel geiſt⸗ reichere Mittel, als dieſe. Sie können auch ruhig ſein, früher oder ſpäter wird Keiner von den Elenden, von denen wir ſprechen, dem Schwerte der Gerechtigkeit ent⸗ gehen.“ —— ²) Fouché. d 73 „Ach! meine Freunde,“ ſagte traurig meine Groß⸗ mutter,„immer Verhaftungen! immer Verurtheilungen! immer Zwietracht unter den Bürgern! und ich hoffte ſo ſehr, den Frieden, die Freude, die alte franzöſiſche Heiterkeit mit der Rückkehr unſerer guten Könige wie⸗ deraufleben zu ſehen! Wann werden dieſe traurigen Uneinigkeiten aufhören?“ „Sie werden aufhören, Madame, wenn der letzte Revolutionär das Schaffot beſtiegen hat,“ antwortete Herr Descombes. Und er ſchlürfte langſam ein Glas alten Wein. Das Geſpräch wurde plötzlich durch meine Tante unterbrochen, welche ihrer Tochter Julia gegenüber ſaß und mit ängſtlichem Tone rief: „Mein Gott!. Julia.. was haſt Du denn? Du biſt ganz in Thränen.. „Verzeihen Sie, Mama, das iſt nicht meine Schuld,“ erwiederte, ihre Augen abtrocknend, meine kleine Coufine Julia, indem ſie mit einer Geberde den neben ihr ſitzenden Jean Rahmond bezeichnete, welcher, ganz bleich, den Kopf beſtändig geſenkt hielt:„Ich ſah große Thrä⸗ nen aus den Augen dieſes Herrn auf ſeinen Teller fallen. dann ich weiß nicht warum aber den Freund von Fernand weinen ſehen„das hat mir auch zum Weinen Luſt gemacht.“ Alle Blicke wandten ſich vun gegen Julia und Jean Rahmond. Sehr unruhig, ſtand ich von meinem Platze auf, um zu meinem Freunde zu laufen, während meine Großmutter mit Theilnahme zu Jean ſagte: „Mein armes Kind, was haben Sie denn? Warum dieſe Thränen?“ „Es iſt nichts, Madame,“ ſtammelte Jean;„ich bitte um Verzeihung...; aber.. ich habe ſo ſtar⸗ kes Kopfweh, der Schmerz iſt ſo heftig, daß ich mich des Weinens nicht erwehren konnte.“ „Fernand,“ ſagte meine Großmutter zu mir, ehre 74 Deinen Freund weg; laß ihn friſche Luft ſchöpfen, ich werde Euch nachfolgen.“ Ich verließ den Speiſeſaal mit Jean und führte ihn in den Garten. Kaum war er hier, als er ſeinen Kopf zwiſchen ſeinen Händen preßte und ausrief: „Oh! was habe ich gelitten!... WMein Gott! was habe ich gelitten!“ „Ich glaube es,“ erwiederte ich immer mehr be⸗ trübt.„Ich glaube es, Jean, denn Du haſt geweint. Es war aber nicht Dein Kopfweh, was Dir Thränen entriſſen hat, ich kenne Dich als zu hart gegen den Schmerz, um das zu glauben; ich bitte Dich auch in⸗ ſtändig, ſage mir, was Du haſt.“ Jean ſchaute mich mit einem Ausdruck bittern Er⸗ ſtaunens an. „Was ich habe,“ rief er,„Du fragſt mich das?“ „Ja„ erwiederte ich in aller Aufrichtigkeit. Raymond ſchwieg einen Augenblick und ſchaute mich dabei fortwährend ſtarr an; dann reichte er mir die Hand und ſprach: „Es iſt wahr.. Du kannſt nicht wiſſen.. Du haſt nicht begreifen können, wie ſehr mir das, was ich hörte, wehe that!“ „Was Du hörteſt?“ verſetzte ich, indem ich mich der Geſpräche beim Mittagsmahle zu erinnern ſuchte, und da ich nichts darin ſah, was den ſchmerzlichen Eindruck von Jean motiviren konnte, ſo fügte ich bei: „Iſt beim Eſſen Etwas geſagt worden, was Dir Kum⸗ mer verurſacht hat?“ „Fernand, gehe wieder hinein, die Luft hat mich erleichtert,“ erwiederte Jean, ohne auf meine Frage zu antworten.„Du wirſt mich bei Deiner Großmutter entſchuldigen und ihr ſagen, daß ich mich meiner al⸗ bernen Unpäßlichkeit geſchämt und deshalb nicht wieder vor ihrer Geſellſchaft zu erſcheinen gewagt habe A jz. Wie Du gehſt weg„Aber ich will es 75 nicht.. Man hat den Wagen auf neun Uhr beſtellt, um uns nach Sainte⸗Barbe zu führen.“ „Ich danke Dir, Fernand, ich ziehe es vor, zu Fuße zu gehen; das wird mir wohl thun.“ „Dann gehe ich mit Dir.“ „Nein, ich bitte Dich darum.“ „Ich ſage Dir, daß ich mit Dir gehe. Gönne mir nur Zeit, von meiner Großmutter Abſchied zu neh⸗ men.“ „Und ich ſage Dir, Fernand, daß ich allein gehen will,“ antwortete mir Jean mit einem ſo entſchloſſenen Ausbruck, daß ich nicht mehr in ihn drang. Er drückte mir liebreich die Hand und ging haſtig weg. IX. Jean Rahmond täuſchte ſich nicht. Ich konnte da⸗ mals nicht begreifen, warum er ſo ſchmerzlich ergriffen geweſen war von dem Geſpräche, das am Tiſche meiner Großmutter ſtattgefunden hatte, einem den Republika⸗ nern ſo feindlichen Geſpräche; ich wußte zu jener Zeit durchaus nichts von den Ereigniſſen der Revolution: die kaiſerliche Univerſität entfernte ſorgfältig aus un⸗ ſeren Studien dieſe Blätter unſerer Geſchichte; über⸗ dies ſprach meine Großmutter, in ihrem Grauen vor traurigen Gedanken, nie von dieſen ſchrecklichen Jahren. Es fiel mir auch nicht einen Augenblick ein, die ge⸗ heimnißvolle Erſcheinung des Mannes mit dem blon⸗ den Barte, auf dem Speicher des kleinen Hauſes im Faubvurg Saint⸗Antvine, ſtehe im geringſten Zuſam⸗ menhang mit dem unerſchrockenen und gefährlichen Godefroid, von dem man ſagte, er habe ſich in die Berge des Vivarais geflüchtet. 76 Je mehr ich aber nachdachte, deſto mehr überzeugie ich mich, es exiſtire zwiſchen Jean und mir ein wich⸗ tiges Geheimniß; ich erklärte mir, wie geſagt, durch meine häufigen Beweiſe von Unbeſonnenheit die kluge Zurückhaltung meines Freundes; ſie verletzte mich in⸗ deſſen, oder vielmehr, ich muß es geſtehen, ich fühlte faſt das Bedürfniß, mich verletzt zu finden. Das war ein Vorwand dem Zwange zu entgehen, den mir fortan meine Verbindung mit Jean verurſachen mußte. Der Vorſchlag von Herrn de la Buſſiére, Page des Königs zu wer⸗ den, verführte mich ungemein; ich hatte dieſes Aner⸗ bieten nicht ſogleich entſchieden angenommen, eben ſo⸗ wohl in Folge davon, daß mir der Gedanke, mich von Jean zu trennen, einen wahren Kummer bereitete, als aus Furcht, ihm zu geſtehen, ich ſei ſehr geneigt, den Vorſchlag des Untergouverneur der Pagen anzuneh⸗ men. Die geheimnißvolle Zurückhaltung von Jean kam mir daher wunderbar zu Hülfe. „Er hat ſeine Geheimniſſe,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich von meiner Großmutter wegging, um nach Sainte⸗Barbe zurückzukehren;„wohl denn! ich werde die meinigen haben; und wenn er mir nicht morgen ſeine Geſtändniſſe macht, ſo wird er nichts von meinem Vorhaben erfahren, das übrigens noch nicht feſt be⸗ ſchloſſen iſt.“ Muß ich abermals etwas bekennen, was meine Unentſchiedenheit erklärt? Trat ich bei den Pagen ein, ſo trennte ich mich nicht nur von Jean und brach vielleicht für immer mit ihm, ſondern ich verurtheilte mich auch, ſeine Mutter nicht wiederzuſehen, und ſchon träumte ich von dem Tage, wo ich mit meinem Freunde zu dieſer reizenden Frau zurückkehren könnte. Am andern Tag, bei der Morgenrecreation, ſagte Jean mit zugleich ernſtem und innigem Tone zu mir: „Fernand, ich habe Dich um Etwas zu bitten; ſprich nie mit mir von dem Kummer, den mir die 77 geſtrige Unterhaltung bei Deiner Großmutter verur⸗ ſacht hat; ich könnte mich nicht offenherzig gegen Dich hierüber erklären. Es fällt mir ſehr ſchwer, ein Ge⸗ heimniß für Dich zu haben, doch dieſes Geheimniß iſt nicht allein das meinige, ſonſt... würde ich Dir Alles ſagen. Vergeſſen wir alſo dieſen Abend, den ich Dir ſo verdrießlich gemacht habe... Was ich nie vergeſſen werde, das iſt der Empfang Deiner guten Großmutter, und. ſpotte nicht über mich,“ fügte er halb lächelnd bei,„ſtets auch werde ich mich des vor⸗ trefflichen Herzens Deiner Couſine Julia erinnern. Kleine! ſie weinte.. weil ſie mich weinen „Sie iſt ſo ſehr Kind...“ „Das iſt wahr... doch es iſt ein gefühlvolles und liebenswürdiges Kind... „Wirklich,“ verſetzte ich lachend,„haſt Du den franzöſiſchen Chevaljer gemacht?“ „Das wäre unwillkürlich geſchehen! Doch wir hatten ein wenig geplaudert... am Anfang des Mah⸗ „Mit einem kleinen Mädchen von dieſem Alter? ich wäre begierig, zu erfahren, worüber Ihr plaudern konntet!“ „Ueber Dich. ½ „Ueber mich?“ „Sie läßt Dir mehr Gerechtigkeit widerfahren, als Du ihr zugeſtehſt. Wiederholt hat ſie mir über Dich Dinge voll Artigkeit und Wohlwollen geſagt.. Dann,“ fügte Jean bei, deſſen Züge ſich bei dieſer Er⸗ innerung verdüſterten,„dann habe ich nur noch mit Zerſtreuung zugehört. Ich dachte an etwas Anderes.. ſo daß ich mich erſt wieder erinnerte, ich ſitze neben ihr, als ich ihre Mutter ſie fragen hörte, warum ſie weine.“ „Da Du ſie ſo liebenswürdig findeſt, ſo könnt 78 Ihr Eure Bekannſchaft das erſte Mal erneuern, wo Du wieder bei uns ſpeiſeſt; denn nicht wahr, wir wer⸗ den unſere doppelte Partie wiederbeginnen? Deine Mutter iſt ſo gut gegen mich geweſen, daß ich ſie öfter zu ſehen hoffe.“ Auf meinen Vorſchlag antwortete Jean ziemlich verlegen: „Es iſt möglich, daß meine Mutter ſich bald einige Zeit von Pavis entfernt, aber ſpäter... wenn es ſein kann, wird ſie Dir wieder einen beſcheidenen Imbiß wie geſtrige anbieten.“ Jean verſchob ſo auf unbeſtimmte Zeit meine zweite Zuſammenkunft mit ſeiner Mutter; mein Ge⸗ ſicht verrieth ohne Zweifel meinen Verdruß; mein Freund täuſchte ſich in meiner Mißſtimmung und ſagte traurig zu mir: „Ich ſehe, Fernand, Du verzeihſt mir nicht meinen Mangel an Vertrauen? und dennoch,“ fügte er mit bewegter Stimme bei:„ich ſchwöre es Dir, mein Herz iſt voll.. Es würde mich ſo glücklich machen, mich gegen Dich zu ergießen... Ach! wenn ich es könnte. „Höre, Jean,“ ſprach ich, gerührt von ſeiner Trau⸗ rigkeit,„es wäre mir allerdings lieber, wenn ich Dein Vertrauen genießen würde. doch ich habe Dir zu viele Beweiſe von meiner Indiscretion gegeben, als daß Du ohne Rückhalt mit mir ſprechen könnteſt.“ „Es iſt wahr, Du biſt leichtfinnig, unbeſonnen, deſſen ungeachtet würde ich Dir, wenn es ſich nur um Dich handelte, nichts verbergen. Doch eines Tages wirſt Du vielleicht Alles erfahren, und dann wirſt Du mein Stillſchweigen begreifen, billigen.“ Hierauf verließ mich Jean ungeſtüm, als hätte er einer peinlichen Unterredung ein Ende machen wollen. Nun allein mit den tauſend verſchiedenen Gedan⸗ ken, die ſich in meinem Innern durchkreuzten, wollte ich, ſo zu ſagen, mir ſelbſt entfliehen, und ich beſuchte 79 Hyacinthe, den ſeit einigen Tagen eine ziemlich ernſte Unpäßlichkeit im Krankenzimmer zurückhielt. Am zweiten Tage, nachdem Jean mit mir bei mei⸗ ner Großmutter geſpeiſt hatte, begab ſich im Collége eines von den kleinen Ereigniſſen, die immer Sen⸗ ſation machen, ſelbſt in den Klaſſen, welche ſo zahlreich wie die von Sainte⸗Barbe,— ich meine den Eintritt eines Neuen. Dieſer Schüler hieß André Levaſſeur. Er ſchien im Alter von Jean und mir zu ſein. Seinem, obgleich bleichen, kränklichen, Geſichte fehlte es nicht an Reiz und Annehmlichkeit; ſeine Sprache war honig⸗ ſüß, ſeine Manieren waren einſchmeichelnd, er ſchien einer reichen Familie anzugehören, wenigſtens nach den Ausgaben zu urtheilen, die er für Naſchereien machte, welche er freigebig mit ſeinen Kameraden theilte. In den erſten Tagen ſeiner Ankunft wollte er ſogar, was ſehr ungewöhnlich, ſeinen Willkommen in unſerer Klaſſe durch eine reichliche Vertheilung von kleinen Kuchen zu bezahlen; kurz, er wandte mit einer ſektſamen Beharrlichkeit alle mögliche Mittel an, um die Zuneigung ſeiner Kameraden zu gewinnen. Jean war nicht in derſelben Klaſſe mit mir: ich war in der zweiten, er in der Rhetorik. André Levaſſeur hatte bei ſeinem Eintritt in Sainte⸗Barbe die Curſe der Rhetorik mitzumachen verlangt; aber nach einer Prü⸗ fung wurde er nur in die zweite, in dieſelbe Klaſſe wie ich, zugelaſſen. Unſer neuer Kamerad war unge⸗ fähr ſeit einer Woche im Collsge, als mir Jean eines Tages ſagte: „Ich weiß nicht, warum dieſer Levaſſeur ſich durch⸗ aus mit uns und, ich glaube, beſonders mit mir ver⸗ binden will. Haſt Du bemerkt, wie er immer bei uns herumſtreicht, wenn wir mit einander ſpazieren gehen?“ „Das iſt wahr, doch was willſt Du? er kennt noch Niemand im Collége. Er ſucht ſich Freunbe zu ma⸗ 8⁰ chen. Man kann ihm das kaum verdenken. Uebrigens ſcheint er ein ſehr gutes Kind zu ſein.“ Ja,“ erwiederte Jean mit einem eltſamen Aus⸗ H 3 vruck,„er ſcheint mir ſogar ein zu gutes Kind zu ſein.“ „Wie ſo?“ „Geſtern war ich zum Portier gegangen, um eine Schreibtafel zu kaufen. Sie koſtete fünfzehn Sous, ich hatte nur zehn Sous in meiner Börſe. Der Portier bot mir Credit an, ich ſchlug es aus und nahm mir vor, die Schreibtafel erſt in der nächſten Woche zu kaufen. Levaſſeur war dabei; als ich die Loge des Portier verließ, näherte er ſich mir und ſagte mit einem ſchmeichleriſchen Tone, während er ein Goldſtück aus ſeiner Weſtentaſche zog: „Mein lieber Raymond, unter Freunden iſt Alles gemeinſchaftlich, nimm dieſe zwanzig Franken, es bleibt mir eben ſo viel bis zum Ende des Monats; Du wirſt mir das zurückgeben, wann Du willſt.“„„Einmal bin ich nicht Dein Freund,““ antwortete ich Levaſſeur, „und dann enklehne ich nur das, was ich zurückgeben iann.““ Und ich wandte ihm den Rücken zu. Mehrere Male ſeither hat er unter dem einen oder dem andern Vorwand ſeinen Angriff erneuert: bald, um mich zu bitten, ihm ein geometriſches Problem erklären zu hel⸗ fen: ich verwies ihn an ſeinen Repetitor; bald um mich wegen eines Briefes um Rath zu fragen, den er an einen ſeiner Verwandten zu ſchreiben habe, endlich in ſeiner Wuth, eine Verbindung mit mir zu ſchließen, und ohne Zweifel als letztes und ſiegreiches Mittel, hat er ſich erboten, mir ſchlechte Bücher zu leihen.“ „Schlechte Bücher? Was für ſchlechte Bücher?“ „Bei meiner Treue, ich weiß es nicht; er hat ge⸗ ſagt, er habe ein Pult mit doppeltem Boden mitge⸗ bracht, und wenn ich während einer Recreation wollte, ſo würde er mich in der Klaſſe, während Alles außen ſei, das Pult und die Bücher ſehen laſſen. Ich wurde 8¹ ungeduldig, ſein Vorſchlag, mir ſchlechte Bücher zu leihen;, machte mir übel; ich wandte ihm den Rücken zu, obſchon ich große Luſt hatte, ihn durchzuprügeln, und verbot ihm nun ernſtlich, in Zukunft wieder ein Wort an mich zu richten. Dieſer Junge hat irgend etwas Niedriges, Falſches im Geſichte, was mir Wider⸗ willen einflößt.“ Die Glocke ertönte, ich verließ Jean, um in die Klaſſe zurückzukehren. Der Gedanke der ſchlechten Bücher kam mir nicht aus dem Kopfe, ich wußte indeſſen durchaus nicht, was ein ſchlechtes Buch war; ich wäre ohne Zwei⸗ fel nicht begieriger als Raymond geweſen, mich hier⸗ über zu unterrichten, wäre nicht ſeit unſerem Beſuche hei ſeiner Mutter eine Art von Revolution in mir vor⸗ gegangen: das Geſicht dieſer reizenden Frau folgte mir überall, in meinen Träumen, unter meinen Studien, auf meinem Spaziergängen, welche oft einſam, ſeitdem ſich Hyacinthe im Krankenzimmer befand; dann laſtete aus mehreren Gründen die Gegenwart von Jean auf mir, ich warf mir beinahe wie ein Verbrechen die Ge⸗ müthsbewegung vor, die mir die Erinnerung an ſeine Mutter verurſachte; dieſe verworrenen und glühenden Gedanken belagerten mich indeſſen unabläſſig. Wenn ich an Madame Raymond dachte, ſtiegen mir Ströme von Hitze zur Stirne, ich fühlte meinen Puls voll und ſtark ſchlagen, ich trat zu frühzeitig in die Wandelung des Lebens ein, wo der Jüngling das männliche Alter berührt. Das Anerbieten von Levaſſeur in Betreff der ſchlechten Bücher kam mir alſo um ſolebhafter wieder ins Gedächtniß, als ein geheimer Inſtinkt mir ſagte, ich würde ohne Zweifel in dieſer Lectüre die Erklärung der geheimnißvollen Unruhe, die mich quälte, finden. André Levaſſeur befand ſich in der Klaſſe unter mir, auf einer Stufe, aber in einiger Entfernung; dieſe Entfernung war mir unangenehm, aber dennoch Fernand Dupleſſis. I. 6 82 empfand ich eine außerordentliche Scham, eine unbe⸗ ſchreibliche Beklemmung des Herzens nur bei dem Ge⸗ danken, mit ihm von den ſchlechten Büchern zu ſprechen, deren Beſitzer er war, und die ich ſo glühend kennen zu lernen wünſchte. Die Klaſſe ging ſo vorüber. Während der Recreation kam Jean nicht mit mir zuſammen, er wandte dieſe Zeit zu einer Privatlection in der Mathematik an; Hyacinthe war im Kranken⸗ zimmer Ich hatte alſo volle Freiheit, mich Levaſſeur zu nähern und ihn anzureden; ich ſah ihn von fern in einem Winkel des Hofes auf und abgehen; zwanzigmal war ich auf dem Punkte, auf ihn zuzuſchreiten, die Scham hielt mich zurück. Der Zuſall wollte, daß mich André erblickte. Er kam nicht ſogleich zu mir, ohne Zweifel er⸗ wartete er, Jean werde ſich mir anſchließen; bald aber faßte er ein Herz, näherte ſich mir raſch und ſagte: „Oh! Fernand, wie bin ich erfreut, Dich allein zu finden.“ Ich erröthete bis zu den Augen; mein Herz ſchlug heftig; ich wagte es nicht, dem Beſitzer der ſchlechten Bücher in's Geſicht zu ſchauen, und ich antwortete mit einer unſicheren Stimme: „Warum biſt Du erfreut, mich allein zu finden?“ „Weil man ſich Dir, wenn dieſer ungeſchlachte Jean Rahmond bei Dir iſt, nicht nähern kann.“ „„Jean iſt mein Freund, ſprich nicht ſchlecht von ihm.“ „Höre, Fernand, iſt es eine Bosheit, zu ſagen, Dein Freund Jean ſei teufelmäßig ungeſchlacht? Es iſt im Gegentheil eine Wahrheit. Eine weitere Wahrheit iſt es, wenn man beifügt, abgeſehen von ſeinem brutalen Weſen ſei Jean der bravſte Junge der Welt. Ich wäre auch ſehr glücklich geweſen, ihn zum Freunde zu haben, doch er hat denStolzen gemacht und mich zurückgeſtoßen,“ fügte André Levaſſeur bei. 83 Und er ſeufzte traurig. „Nun,“ ſprach er nach einem kurzen Stillſchweigen, „nicht alle Welt hat daſſelbe Glück wie Du. Der Ver⸗ traute von Jean zu Raymond ſein, weiſt Du, daß das beinahe ein Ruhm bei Sainte⸗Barbe iſt?“ Und nach einem abermaligen Stillſchweigen, das ich nicht unterbrach, denn ich dachte nur an die ſchlech⸗ ten Bücher, ſprach André: „Mein Gott! mein Gott! was habe ich denn ge⸗ than, daß er mich ſo von ſich weiſt? Er hat es Dir nicht geſagt, Dir, Fernand, ſeinem beſten Freunde?“ „Höre, André, wenn Du mir verſprechen, wenn Du mir ſchwören würdeſt, Niemand zu ſagen, was ich Dir anvertrauen will..“ „Ich gebe Dir mein heiligſtes Ehrenwort,“ rief André mit feierlichem Tone;„was unter uns geſagt ſein wird, wird unter uns bleiben. Oh! Fernand,“ fügte er mit rührender Stimme bei,„wenn das Ge⸗ heimniß, das Du mir andvertrauen willſt, ein Anfang von Freundſchaft ſein könnte, wie froh wäre ich, den alle Welt verläßt.“ „Alle Welt? André!“ „Wenn ich ſage, alle Welt.. ſo irre ich mich, es würde mir nicht an Freunden fehlen, wenn ich wollte,“ erwiederte Levaſſeur mit einem höhniſchen Lä⸗ cheln.„Gibt man oder theilt man, was man hat, ſo findet man immer Freunde; doch dieſe Freundſchaften verſuchen mich nicht; ich wünſchte auch lebhaft, eine Verbindung mit Raymond oder mit Dir zu ſchließen.. Doch das Geheimniß, das Du mir anvertrauen wollteſt?“ „Siehſt Du, André, Du haſt Rahmond dadurch verletzt, daß Du ihn für einen von den Freunden hieltſt, die man durch Freigebigkeit erwirbt... Du haſt ihm angeboten, ihm zwanzig Franken zu leihen Er iſt arm, und Du haſt ihn gedemüthigt.“ „Geſtehe, Fernand, daß ich viel Unglück haben muß,“ ſagte Levaſſeur traurig zu mir. 3 mache ein Anerbieten von Herzen, um einen Freund zu verbinden, und das kehrt ſich gegen mich.“ „Das iſt nicht Alles,“ fuhr ich erröthend und mit zitternder Stimme fort;„aber André, Du ſchwörſt mir, hievon mit Niemand zu ſprechen?“ „Ich ſchwöre es Dir.“ Ich ſchlug die Augen nieder, that mir alle Ge⸗ walt an und ſtammelte, als ob mir dieſe Worte die Lippen verbrannt hätten: „Du haſt geſagt... Du beſitzeſt ein Pult mit doppeltem Boden und in dieſem Pulte habeſt Du Du habeſt. ſchlechte Bücher. „Nun! ja, das iſt wahr!“ antwortete mir Levaſſeur auch leiſe und mit geheimnißvollem Tone,„ja, ich habe verbotene Bücher Faublas und den Poste... Wenn Du wüßteſt, wie beluſtigend das iſt!.. ſoll ich ſie Dir leihen?“ Bei dieſem Antrag wurde es mir beinahe ſchwach um's Herz, meine Kniee zitterten unter mir; was ich empfand, als meine Hand zum erſten Mal die Hand einer Geliebten drückte, war nur eine ſchwache Bewe⸗ gung gegen den glühenden, beinahe Schwindel erregen⸗ den Eindruck, den ich beim Anbieten dieſer Romane fühlte, deren Titel ich doch zum erſten Mal ausſprechen hörte. André errieth die Erſchütterung, die ſich meiner bemächtigte; er ſchwieg einen Augenblick und fügte dann mit einem ſpöttiſchen Lächeln, das ſeiner gewöhnlich ſüßlichen und einſchmeichelnden Phyſiognomie einen ganz neuen Ausdruck verlieh, bei:. „Du nimmſt es alſo nicht an?.. Du biſt alſo eben ſo tugendhaft, eben ſo jüngferlich, als Jean Raymond, der ſich darüber entrüſtet, daß wir Bücher von großen Jungen leſen? Als ob wir in unſerem Alter Kinder wären! Er mag ein Kind bleiben bis zu ſeinem dreißigſten Jahre, wenn ihm das gefällt; ich, was mich betrifft, ich beneide ihn nicht um ſeine Unſchuld, und 85⁵ Du auch nicht, Fernand, deſſen bin ich ſicher; Du biſt nicht einfältig genug hiezu.“ „Oh! nein,“ erwiederte ich, denn ich befürchtete, lächerlich in den Augen von Levaſſeur zu erſcheinen; zich tadle Jean jedoch eben ſo wenig: er hat ſeine An⸗ ſichten, wir haben die unſern. Nicht wahr, André?“ „Gewiß, und dann, ſiehſt Du, ich glaube, Raymond iſt eiferſüchtig auf Dich.“ „Eiferſüchtig auf mich! er! Du irrſt Dich!“ „Mein Gott, Fernand, ſtelle Dir doch vor, daß mam oft eiferſüchtig iſt, ohne es zu wollen und faſt ohne es zu wiſſen; ſo iſt Raymond, trotz ſeines unge⸗ ſchlachten Charakters, einer der beſten Zöglinge von Sainte⸗Barbe, gut; doch er iſt arm wie ein Betitler, ſeine Haltung iſt gemein, er iſt gekleidet wie ein Schü⸗ ler, kurz, er hat nicht, wie Du, das Ausſehen von einem jungen Manne comme il faut, von einem von den jungen Leuten, welche die Frauen ſchon aus dem Augen⸗ winkel anſchauen.“ „Die Frauen!“ ſagte ich lebhaft zu Andrs, indem ich carmeſinroth wurde.„Die Frauen Kindern wie mir Aufmerkſamkeit ſchenken.. Du glaubſt das, André? Geh' doch! das iſt unmöglich.“ Levaſſeur zuckte die Achſeln, lächelte mit einer Miene geringſchätziger Ueberlegenheit und erwiedert dann: „Mein armer Fernand, wenn Du Faublas und den Ppöte geleſen haſt, wirſt Du wiſſen, daß ſie haupt⸗ ſächlich Kindern, wie wir ſind, ihre Aufmerkſamkeit ſchenken, dieſe jungen und ſchönen Frauen, welche aber das dreißigſte Jahr zurückgelegt haben und gewöhnlich unſere Lehrerinnen werden.“ Ein Strom von Hitze ſtieg mir ins Geſicht, und ich bebte. Ich erinnerte mich, daß die Mutter von Raymond jung, ſchön und dreißig Jahre vorüber war; ich hatte nicht die Kraft, André zu unterbrechen, er. fuhr fort: 86 „Ja, Fernand, die Kennerinnen, wie man ſagt, ſind auf uns aufmerkſam; Du wirſt im Faublas ſein Abenteuer mit der ſchönen Marquiſe von B.. ſehen, wo er ihr in Frauenkleidern vorgeſtellt wird, denn er war beinahe in unſerem Alter.“ Dann ſchaute mich André an und fügte lachend bei: „Es iſt ſeltſam, weißt Du, daß Du ganz das Eben⸗ Chevalier von Faublus mit ſechszehn Jahren ſ 2“ „Ich! André, Du ſcherzeſt!“ „Du wirſt das Buch leſen, Du wirſt ſehen, ob ich mich täuſche. Oh! Fernand, welch ein Muſter für uns iſt dieſer reizende Chevalier! Mit achtzehn Jahren hatte er ſchon drei Geliebtinnen: die ſchöne Marquiſe von B.„ eine unſchuldige Kloſterkoſtſchülerin, und eine Schelmin von einer Kammerfrau, hübſch wie die Lie⸗ besgötter.“ Anfangs hörte ich André mit einer Art von Trunken⸗ heit zu, mein Blut kochte in meinen Adern, eine Wolke breitete ſich uͤber meinen Augen aus, dann empfand ich eine ſo ſchmerzliche Herzbeklemmung, eine ſo tiefe Bangigkeit, daß mir Levaſſeur eine Art von Furcht gemiſcht mit Widerwillen einflößte. Unwillkürlich rief ich, indem ich mich von ihm entfernte: „Du biſt doch ein zu ſchlimmer Geſell! Wenn ich auf Dich hörte. wäre ich verloren.“ André brach in ein höhniſches Gelächter aus, das mich mehr demüthigte, als ärgerte; ich empfand die falſche Scham des Guten und des Reblichen, eine der beklagenswertheſten Schwachheiten der ſchwankenden, feſter Grundfätze entbehrenden Naturen! Ich fühlte mich lächerlich in den Augen meines Kameraden; und dann, wenn ich es geſtehen ſoll, hatte ich mich unwill⸗ kürlich einnehmen laſſen durch ſeine Schmeicheleien in Betreff meiner Aehnlichkeit mit dem glücklichen Chevalier von Faublas, deſſen Liebesabenteuer zu leſen ich vor Begierde brannte; endlich aber konnte 87 ich aus meinem Geiſte die Worte von André nicht verjagen: „Dieſe jungen und ſchönen Frauen, welche aber ihr dreißigſtes Jahr zurückgelegt haben, ſchenken haupt⸗ ſächlich Kindern, wie wir ſind, ihre Aufmerkſamkeit.“ Ich war gewiß noch nicht ſo weit, daß ich mir einbildete, die Mutter von Jean ſei auf mich aufmerk⸗ ſam geweſen; doch ſie hatte däs dreißigſte Jahr zurück⸗ gelegt; ſie war bewunderungswürdig ſchön; es brauchte nicht mehr, um in Feuerzügen die gefährlichen Auf⸗ regungen von Levaſſeur in meinen Geiſt einzugraben. Er ſchwieg wie ich. Als ich die Augen wieder auf⸗ ſchlug, begegnete ich ſeinem argliſtigen, durchdringenden Blicke, der meine Verlegenheit verdoppelte. Levaſſeur hatte Miileid mit mir; er ſagte in lieb⸗ reichem Tone: „Ich habe Unrecht gehabt, über Dich zu lachen, aber'ich konnte mich deſſen nicht erwehren, da ich Dich mich als ſchlimmen Geſellen behandeln hörte, weil ich ein wenig durchtrieben bin; wohl, Fernand, um Dir zu beweiſen, daß ich Dir keine ſchlechte Rath⸗ ſchläge geben und Dich beſonders nicht verderben will, laß mich Dir ein Beiſpiel anführen; nicht wahr, Du haſt oft an den Mauern Theaterzettel geſehen?“ a nun „Auf dieſen Zetteln haſt Du vielleicht die Hoch⸗ zeit des Figaro, ein Stück, das man ſeit einiger Zeit im Théätre⸗Frangais gibt, angekündigt geleſen?“ „Ganz richtig, meine Großmutter hat dieſe Ko⸗ mödie in der vorigen Woche geſehen, und am Sonn⸗ taßh, beim Mittagsmahle in unſerem Hauſe, hat man viel von der Schauſpielerin geſprochen, welche eine Pa⸗ genrolle gab.“ „Die Rolle von Cherubin!“ rief Levaſſeur mit triumphirender Miene;„ich bin es nicht, der Dich das ſagen läßt. Sieh doch, wie ſich das trifft. Weißt 88 Du, wer Cherubin iſt, was ſeine Rolle in dieſem Stücke iſt?“ „Nein, ich weiß nur, daß es ein in ſeine Pathin verliebter Page iſt,“ antwortete ich erröthend, „das iſt Alles was ich weiß.“ „Nun, Fernand, ſo vernimm das Uebrige: Cheru⸗ bin iſt, wie Du ſagſt, ein Kind wie wir, und ſogar noch jünger als wir, denn dieſer kleine Page zählt höchſtens fünfzehn Jahre; er iſt dabei hübſch wie der Liebesgott, ſo hübſch, daß ſich ſeine ſchöne Pathin in ihn vernarrt: ſie heißt Gräfin Almaviva. Das iſt eine von den Frauen, von denen ich geſprochen, noch reizend, obgleich ſie das dreißigſte Jahr zurückgelegt hat; ſie iſt alſo insgeheim in Cherubin verliebt; er iſt auch insgeheim in ſeine Pathin verliebt, was ihn, den klei⸗ nen Leichtfertigen, nicht abhält, in allen Ecken mit der niedlichen Suſanne, der Kammerfrau der Gräfin zu ſchäkern und ſie zu küſſen. Oh! mein armer Fernand, man muß die Scene ſehen, wo Cherubin, eine Spitzen⸗ haube auf ſeinen ſchönen blonden Haaren, auf einem Kiſſen zwiſchen ſeiner Pathin und Suſanne kniet, wäh⸗ rend dieſe zwei hübſchen Frauen, welche vor Liebe für ihn brennen, davon ſprechen, daß ſie ihn als Mädchen kleiden wollen, wobei Suſanne zu der Gräfin ſagt: z„Sehen Sie doch, Frau Gräfin, was für einen weißen Arm er hat!““ und viele andere köſtliche Dinge, welche Dir zu erzählen zu lang wäre; ich wollte nur dahin kommen, mein guter Fernand, daß ich kein ſchlimmer Geſell ſei, weil ich Dir Dinge ſage, die man auf of⸗ fener Bühne ſagt, und die Deine Großmutter anhört und beklatſcht; in der That, alle Welt, und die Frauen, oh!. beſonders die Frauen ſind in dieſen artigen Cherubin vernarrt, der ſeine Pathin anbetet und Su⸗ ſanne küßt, wann er kann. Kurz, Fernand, antworte hierauf! Nimm an, wie Cherubin ſeien Du und ich, zwei Kinder, in eine ſchöne Pathin und in eine Suſanne verliebt, worin läge hier das Schlimme, da, ——— — —— 89 ich wiederhole es, alle Leute, Deine Großmutter und ihre Freunde, im Theater dieſem keinen Libertin Che⸗ rubin Beifall klatſchen? Sprich, was haſt Du hierauf zu antworten?“ André Levaſſeur hatte Recht, ich fand nichts zu antworten auf dieſe gefährliche Verherrlichung von Cherubin; ich fühlte mich um eine große Laſt erleichtert, meine letzten Gewiſſenszweifel verſchwanden, und ich ſprach zu meinem neuen Freunde: „Ich war ein Dummkopf, denn Du haſt Recht, André, es iſt nichts Schlimmes dabei, daß man in un⸗ ſerem Alter verliebt iſt. Gehen nicht meine Groß⸗ mutter, ihre Freunde, alle Welt, wie Du ſagſt, ins Theater und applaudiren dieſem fünfzehnjährigen jungen Pagen, der in ſeine ſchöne Pathin verliebt iſt?“ „Und bemerke wohl, Fernand, daß Faublas, daß der Poöte, dieſe ſchlechten Bücher, wie man ſie nennt, öffentlich verkauft werden, und am Ende nichts Anderes ſind, als die Geſchichte von anderen verliebten Cheru⸗ bins; nur empfehle ich Dir meinerſeits Verſchwiegen⸗ heit gegen Raymond in Betreff unſerer vertraulichen Unterredungen; ein ſo wackerer Junge er auch iſt, er würde Schlimmes ſehen, wo keines iſt.“ „Ich war im Begriffe, Dir daſſelbe zu empfehlen, André, und ſogar ſollten wir, wenn Dir das nicht un⸗ angenehm wäre, nicht das Ausſehen haben, als wären wir Freunde; wir ſind immer ſicher, uns in den Abendrecreationen zu treffen, ohne daß er es vermuthet, da er zu dieſer Stunde eine Lection in der Mathematik nimmt.“ „Mit dieſer Behutſamkeit bin ich im Gegentheil ganz einverſtanden. Raymond hat mich von ſich ge⸗ wiehn ich lege keinen Werth darauf, ihn als Dritten bei uns zu haben, Deine Freundſchaft genügt mir; er wäre vielleicht darauf eiferſüchtig; denn, da er Dein“ Freund vor mir geweſen iſt, mußt Du ihm keinen Kum⸗ mer machen, nicht wahr, Fernand?“ 90 „Oh! nein, er iſt ſo gut, trotz ſeines ungeſchlachten Weſens.“ „So hatte ich ihn beurtheilt; doch Du mußt ihn beſſer kennen, als ich, Du, ſein Vertrauter?“ Nachdem er ein paar Seecunden geſchwiegen, fuhr er fort mit einem Blicke und einem Ausdruck, die mir Anfangs nicht auffielen, aber aus mehreren Gründen leider ſich bald hernach wieder vor meinen Geiſt ſtell⸗ ten und ſich auf immer darin feſtſetzten: „Du und Raymond, Ihr ſeid ſo enge verbunden, daß Du vielleicht in ſeinem Hauſe geweſen biſt.“ „Ja, am vergangenen Sonntag.“ „Oh!“ machte André, als hätte ihm meine Ant⸗ wort eine geheime Freude bereitet, und er fügte bei: „Armer Raymond, es muß nicht ſehr koſtbar bei ihm ſein!“ „Ohl nein, es iſt ſehr beſcheiden und ſogar mehr als beſcheiden.“ „Biſt Du lange bei ihm geblieben?“ „Ja, wir haben dort goutirt.“ „Ein feiner Imbiß, wie, Fernand?“ „Oh! nein, Brod und Obſt, aber geboten mit ſol⸗ cher Herzlichkeit von Madame Raymond. Und meine Stirne erröthete, meine Lippen zitter⸗ ten, als ich dieſen Namen ausſprach. Ich weiß nicht, ob Levaſſeur meine Aufregung bemerkte, aber er fügte mit einer gleichgültigen Miene bei: „Und der Vater von Rahmond, war er auch bei dieſem Imbiß?“ „Sein Vater?.. Du weißt alſo nicht, daß ſein Vater vor langer Zeit geſtorben iſt?“ „Wahrhaftig? Armer Raymond, ich wußte das nicht,“ erwiederte Levaſſeur mit mitleidigem Tone.„Ich glaubte, ſein Vater und ſeine Mutter leben noch. Oh! und ſeine Mutter? iſt es eine wackere Frau?“ „Seine Mutter! ſie iſt noch ganz jung.“ 91 „Jung jung.. das iſt ſchwer. Rahmond zählt, wie wir, ſechszehn bis ſiebzehn Jahre, denke ich?“ „Siebzehn Jahre, achtzehn Monate mehr als ich.“ „Nun! dann muß ſeine Mutter wenigſtens fünf⸗ unddreißig bis ſechsunddreißig Jahre alt ſein...“ „Ich weiß ihr Alter nicht; ſicher aber iſt, daß ſie noch ſehr jung ausſieht.. und daß ſie ſchön iſt,.. oh! ſehr ſchön...“ Ich hatte dieſe letzten Worte mit einer unwillkür⸗ lichen Lebhaftigkeit geſprochen; ich erröthete abermals und wagte es nicht, die Augen zu André aufzuſchlagen. Er fuhr fort: „Und war Euer Imbiß heiter?“ „Heiter! nein, doch Madame Rahmond iſt ſo liebenswürdig gegen mich geweſen, ſie hat mir ſo gute Rathſchläge gegeben, daß dies mehr werth war, als Heiterkeit.“ Bei dieſer Erinnerung war mein Herz abermals beklommen. André Levaſſeur flößte mir zum zweiten Male eine inſtinetartige Abneigung ein; eine unbe⸗ ſtimmte Ahnung verkündigte mir eine Gefahr; ich wagte es nicht, Jean meine neue Verbindung mit André zu zu geſtehen, da ich fühlte, ſie ſei ſchlecht und, ſo zu ſagen, ungeſund für mich. André errieth ohne Zweifel meine geheimen Ge⸗ danken, denn er fuhr fort: „Alſo, Fernand, Madame Rahmond, die mir das Alter der Pathin von Cherubin oder der Marquiſe von B.. von Faublas zu haben ſcheint, iſt ſchön wie dieſe zwei reizenden Frauen, und ſie iſt ſehr lie⸗ benswürdig gegen Dich geweſen?“ Dieſe hinterliſtig von Levaſſeur berechnete Ver⸗ gleichung machte mein Herz heftig ſchlagen; mein ſchwaches und letztes Auſſtreben zu beſſeren Gefühlen verlor ſich in der Unruhe, in der Aufregung meines ganzen Weſens. Ich war außer Stande, zu ſprechen. André fuhr fort: „Ich bezweifle nicht, daß Dir Madame Rahmond gute Rathſchläge gegeben hat. Nach der Art, wie Jean erzogen worden, kann man leicht glauben, daß ſeine Mutter eine Frau von viel Kopf und Feſtigkeit iſt; doch war, abgeſehen von den guten Rathſchlägen, die Dir Madame Raymond gegeben hat, die Unterhal⸗ tung zwiſchen ihr, Dir und JFean ſehr belebt? Das würde mich wundern; wovon habt Ihr ſprechen können? vom Collége, von Euren Studien, ohne Zweifel? Und das iſt nicht ſehr beluſtigend.“ Dieſe Ablenkung erleichterte mich. Ich bemerkte auch, daß jedes von den Worten von André gleichſam eine Frage über das war, was im Hauſe von Madame Raymond vorging, und ich antwortete ihm naiv: „Wir haben von etwas Anderem geſprochen, als von unſeren Studien. Wir find nicht ganz und gar nur Schüler.“ „Ihr habt vielleicht von Politik geſprochen?“ ver⸗ ſetzte André lächelnd.„Das würde mir ſtark ſcheinen, obgleich es Frauen geben ſoll, die ſich mit der Politik beſchäftigen.. Was ich für meinen Theil faum glauben kann. Sie haben etwas Veſſeres zu thun, als dies, wenn ſie ſchön ſind, nicht wahr, Fernand?“ „Wir haben nicht von Politik geſprochen, André, und das bedaure ich nicht, denn ich verſtehe nichts da⸗ von; ich erinnere mich nur, daß Madame Raymond weder die Koſaken, noch den Militärſtand liebt.“ „Ich begreife, daß man dieſe Schurken von Koſa⸗ ken nicht liebt,“ ſagte André,„das ſind Räuber; doch gegen die Anſicht von Madame Raymond finde ich, daß der Militärſtand ein herrliches Handwerk iſt, denn weißt Du, Fernand, daß Cherubin in Uniform alle Köpfe verdrehen würde. Uebrigens Jeder nach ſeinem Geſchmacke... Feſt überzeugt aber bin ich... davon, daß Euer Imbiß nicht durch viele Beſuche muß geſtört worden ſein. Ach! wenn man arm iſt, wie die 93 86 Mutter von Rahmond, ſo hat man kaum Freunbe, mein guter Fernand...5 „Was dies betrifft, ſo täuſcheſt Du Dich.“ „Wahrhaftig.“ „Als ich und Jean in deſſen Haus kamen, war ſeine Mutter im Begriffe, mehrere von ihren Freunden zu empfangen, wie er mir ſagte, und zwar ſichere und ergebene Freunde, wie man ſie kaum in der großen Welt finde, fügte er bei.“ „Es handelte ſich ohne Zweifel um Damen,“ er⸗ wiederte André lächelnd,„denn Freund läßt ſich weib⸗ lich und männlich nehmen. Du ſiehſt, daß ich ſehr ſtark in der Grammatik bin.“ „Es handelt ſich um männliche Freunde, André; die Perſonen, welche ſich bei Madame Raymond befan⸗ den, als wir eintraten, waren Männer; ſie hatten allerdings nicht das Ausſehen von ſchönen Herren, von Muscadins; aber man errieth in ihnen wackere Leute; es war beſonders Einer darunter, deſſen Geſicht mir auffiel, er trug einen langen ſchwarzen Schnurr⸗ bart und eine grün und rothe Polizeimütze. Ich habe in meinem Leben keine offenere und entſchloſſenere Phy⸗ ſiognomie getroffen.“ „Eine grün und rothe Polizeimütze? das war ein ehemaliger Soldat ohne Zweifel? Was meinſt Du, Fernand?“ „Er hatte in der That ein martialiſches Geſicht; was die Anderen betrifft...“ „Oh! ich bemerke, daß ich eben ſo albern, als neugierig bin,“ unterbrach mich Levaſſeur. Und er fügte mit der allernatürlichſten Miene der Welt bei:„Was iſt mir im Ganzen daran gelegen, ob Madame Rah⸗ mond Freunde von dieſer oder jener Art hat. Wir ſchwatzen wie die Elſtern. Die Recreationsſtunde geht vorüber, und ſie wird geſchlagen haben, ehe ich Dir meine ſchlechten Bücher geliehen... vorausgeſetzt, daß Du ſie noch willſt.“ 94 „Ja oh! ja, mehr als je, André.“ „So komm in den Saal, ich werde Dir den erſten Band von Faublas geben. Wo wirſt Du ihn auf⸗ bewahren?“ „Sei unbeſorgt: zwiſchen meinem Hemde und mei⸗ ner Weſte.“ „Und wo wirſt Du ihn leſen? nimm Dich wenig⸗ ſtens wohl in Acht, daß man ihn Dir nicht confiscirt... Du würdeſt mich in's Verderben bringen, wenn man erführe, daß ich ihn Dir geliehen habe.“ „Sei ohne Furcht, ich werde mich auf vier und zwanzig Stunden in's Gefängniß ſperren laſſen, damit ich Zeit habe, zu leſen.“ „Ein trefflicher Gedanke. Komm, Fernand.“ Einige Minuten nachher nahm ich den koſtharen Band mit mir fort. Leider war ich in det Zeit, bon der ich ſpreche, völlig der Gimpel von André Levaſſeur. X. Nach meiner Unterredung mit Andrs Levaſſeur ließ ich mich einſperren. In meiner Einſamkeit ver⸗ ſchlang ich den erſten Band von Faublas. Dieſe entflammende Lecture brachte Unruhe und Feuer in mein Blut. So wurde ohne Zweifel auf immer in ihrem Keime, durch ein zu frühzeitiges, unheilvolles Glühen der Sinne, die friſche Blume der erſten Liebe vertrocknet, die ſich eines Tags in unſerem Herzen er⸗ ſchließen ſoll. Ich ſollte dieſes Gefühl voll Zartheit, Züchtigkeit und Geheimniß, das ſich nur in unſchuldi⸗ gen Seelen entwickelt, nicht kennen lernen. 95 Seit der Leſung von Faublas überſetzten ſich die beim Anblicke von Madame Rahmond in mir erweckten Gemüthsbewegungen in grobe Begierden. Von da an fühlte ich, daß eine Kluft zwiſchen Jean und mir befeſtigt war; ein unſeliger Reiz zog mich dagegen immer mehr in die Nähe von André Levaſſeur. Bei dieſer frühreif laſterhaften Natur fühlte ich mich be⸗ haglicher, und ich fand in ihm einen Vertrauten, bei⸗ nahe einen Mitſchuldigen meiner ſchlimmen Gedanken. Ich verließ das Gefängniß wieder. Bei meiner erſten Zuſammenkunft mit Jean Rahmond war ich kalt, gezwungen. Zu ſcharfſinnig und zu liebevoll, um dieſe Veränderung nicht zu bemerken und darunter zu leiden, täuſchte ſich indeſſen Rahmond fortwährend hinſichtlich der Urſache meiner Zurückhaltung. „Fernand,“ ſagte er traurig zu mir,„ich ſehe, Du verzeihſt mir meinen Mangel an Vertrauen nicht... Deine Zuneigung iſt nicht mehr dieſelbe; ich tadle Deine Empfindlichkeit nicht, ich begreife fie, leider aber kann ich ihrer Anforderung nicht entſprechen. Ich glaubte, Du kenneſt mich genug, daß ich hoffen dürfte, ich werde Dich zufrieden ſtellen, wenn ich Dir ſage:„„Ich habe ein Geheimniß, das nicht das mei⸗ nige iſt; das lebhafteſte Bedürfniß meines Herzens wäre, nichts vor Dir verborgen zu halten; aber es iſt mir völlige Verſchwiegenheit auferlegt; das iſt mir ſo ſchmerzlich, als Dir... Beklage mich, und Deine Zuneigung möge mich tröſten.“ Es iſt nicht ſo, Du entfernſt Dich von mir ich füge mich.. Lebe wohl Beim erſten Aufrufe Deiner Freundſchaft wi Du mich wiederfinden, wie in der Vergangen⸗ eit Der Kummer von Jean betrübte mich, ich fühlte mich indeſſen ſehr erfreut, als ich ihn ſo auf falſcher Fährte über die Urſache meiner Erkaltung ſah; ich ließ ihn in ſeinem Irrthum; er erſparte mir di⸗ Beengung, welche jede falſche Stellung herbeiführt; 96 mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick, wo ich mich wieder mit Levaſſeur zuſammenfinden würde. „Nun!“ ſagte er, als er mich erblickte,„Fau⸗ blas?“ „Ich habe ihn hier ich habe ihn verſchlungen; nicht wahr, Du leihſt mir die Fortſetzung? Einen Tag Gefängniß, um jeden Band zu leſen, das iſt nicht zu viel„ „Bravo, Fernand, ſo liebe ich Dich.. Und die Marquiſe von B**s, was ſagſt Du zu ihr?“ „Sprich mir nicht hievon.. ich bin wahnſinnig in ſie verliebt.“ „Statt in eine. eingebildete Perſon wahnſin⸗ nig verliebt zu ſein, was zu nichts führt, iſt es beſſer, ſich in eine wirkliche Perſon zu verlieben, was zu etwas führt.“ „Was willſt Du damit ſagen, Andrés?“ „Du weißt es wohl, da Du errötheſt.“ „Ich?„ich verſichere Dich.. daß... Und ich war ſo verwirrt, daß ich nicht vollenden konnte. „Sprich, Fernand, ſind wir Freunde, ja oder nein? haſt Du Vertrauen zu mir?“ Jas. „Willſt Du offenherzig ſein?“ Ja 4. Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fuhr André fort: „Willſt Du auch Deine Marquiſe von B*** haben?“ „Du ſpotteſt meiner ich weiß nicht, was Du darunter verſtehſt.“ „Oh! Du begreifſt mich wohl... Zum Beweiſe dient, daß Du abermals errötheſt. Höre, mein armer Fernand, ich habe Mitleid mit Dir.. Du möchteſt gern zur Marquiſe von B** Madame Ray⸗ mond haben, wie?“ 97 „André! ſchweige doch!“ rief ich beinahe mit Schrecken.„oh! ſchweige doch!... „Du biſt in Madame Raymond verliebt!“ „André ich bitte Dich inſtändig..“ „Und Du haſt Recht, daß Du in ſie verliebt biſt, denn, meiner Anſicht nach, haſt Du Ausſichten, daß es Dir gelingen wird.“ „Was ſagſt Du?“ „Was ich weiß.“ „Was Du weißt.. André?“ „Durch Dich ſelbſt!“ „Was habe ich Dir mitgetheilt?“ „Vieles, ohne es zu vermuthen, mein lieber Fer⸗ nand; denn fiehſt Du, ich habe mehr Erfahrung, als Du; nach dem aber, was Du mir von Deinem Beſuche bei der Mutter von Jean erzählt haſt, nach dem In⸗ tereſſe, das ſie Dir bezeigt hat, nach den Rathſchlägen, die ſie Dir gegeben „Als dem Freunde ihres Sohnes.“ „Gewiß,“ erwiederte Levaſſeur mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Gewiß Das fängt immer ſo an: man nimmt Anfangs eine mütterliche Miene an, man be⸗ handelt einen als Kind, das ermächtigt zu allen Arten von Vertraulichkeiten; und dann, an einem ſchönen Tage. Du verſtehſt, nicht wahr? Ah! nun errötheſt Du ſchon wieder Erinnere Dich doch der Anfangs ſo mütterlichen Manieren der Marquiſe gegen Faublas! Und ſage mir, wohin das Beide geführt hat?.. Zum Glück.“ „André, Du biſt ein Narr... Nie in meinem Leben werde ich ein ſolches Glück haben Du Luſ Madame Rahmond nicht Du täuſcheſt „Oh! wie hätte ich in irgend einem Winkel ver⸗ borgen ſein mögen, um Alles zu ſehen, Alles zu hören, bei dieſem Gouter bei Madame Raymond; ich wüßte, Fernand Dupleſſis. 1. 7 98 ob ich mich täuſche oder nicht täuſche, obwohl ich ſicher bin, daß ich mich nicht täuſche.“ „Nichts kann leichter ſein, als Dich unſerer Un⸗ terredung beiwohnen zu laſſen,“ ſagte ich naiv zu Le⸗ vaſſeur,„ich erinnere mich der zwei Stunden, die ich bei der Mutter von Raymond zugebracht habe, in ihren geringſten Einzelheiten, und bin im Stande, Dir Alles, durchaus Alles zu erzählen.“ „Ein vortrefflicher Gedanke, Fernand, ich werde mit Deinen Augen ſehen und mit Deinen Ohren hören. Sprich geſchwinde.“ „Wozu ſoll es aber im Ganzen nützen, André?“ „Wie?“ „Weiß ich nur, ob ich die Mutter von Jean je wiederſehen werde!“ „Warum dieſe Furcht?“ „Ich ſtehe kalt mit Jean; er iſt ganz Geheimniß ſeit einigen Tagen, das verdrießt mich; er hat es be⸗ merkt und mir geſagt, er habe ein Geheimniß, das er mir nicht anverkrauen könne, und er iſt betrübt, daß er mich durch ſeine Zurückhaltung verletzt ſieht.⸗ „Fernand, was für ein Geheimniß iſt dies? wor⸗ über dieſes Geheimniß?“ „Ei! mein Gott, über viele Dinge,“ antwortete ich (indem ich in meinem Innern auf die Erſcheinung des Mannes mit dem langen Barte anſpielte, der ohne Zwei⸗ fel im Hauſe von Madame Rahmond verborgen war); „doch gewiß iſt, daß Jean, als ich mit ihm von meinem Wunſche, öfter zu ſeiner Mutter zu gehen, ſprach, mir verlegen geſchienen und zu mir geſagt hat, er wiſſe nicht, wann er mich wieder zu ihr führen könne.“ „Siehſt Du, Fernand, ich war hievon überzeugt.“ „Ueberzeugt? Wovon?“ „Jean wird bemerkt haben, daß Dich ſeine Mutter mit einem freundlichen Auge anſchaute, und das hat ihn wohl gequält; er will Dich auch nicht mehr zu ihr führen.“ 99 „Es käme mir ſeltſam vor, wenn Jean dieſen Ver⸗ dacht gehabt hätte. Es könnte indeſſen ſein... Doch nein, nein, er iſt zu aufrichtig, als daß er mir nicht geſagt hätte, was er auf dem Herzen hat.“ „Bedenke doch, daß es ſich um ſeine Mutter han⸗ delt! Hörſt Du nicht, um ſeine Mutter? und man hriht von dergleichen Dingen nur in der äußerſten oth.“ „Du haſt vielleicht Recht, André; in dieſem Falle bliebe mir aber nicht mehr die geringſte Hoffnung; wenn Jean etwas vermuthet, ſo wird er nun um keinen Preis der Welt wollen, daß ich wieder in ſein Haus komme.“ „Was für ein gutes Kind biſt Du! wenn Dich nur dies in Verlegenheit ſetzt, ſei ruhig... Ich ſtehe Dir dafür, daß ich das Mittel finde, Dich Madame n ſo oft Du willſt, ſehen zu machen.“ „Du?“ „Ja; doch vor Allem, und obgleich das Benehmen von Raymond gegen Dich bezeichnend iſt, muß ich bis in ihre geringſten Einzelheiten Deine Zuſammenkunft mit Madame Rahmond kennen: das wird mein Urtheil feſtſtellen. Dann, wenn, wie ich immer mehr überzeugt bin, Madame Rahmond Dich behandeln will, wie die Pathin von Cherubin.. dieſen hübſchen Pagen be⸗ handeln wollte, ſei unbeſorgt, ich verbürge mich für Dein Glück, befolgſt Du meine Rathſchläge; doch ich muß Alles wiſſen.“ „Sehr gern erzähle ich Dir Alles; nichts kann leichter ſein.“ „Und wenn ich ſage, durchaus Alles, verſtehe mich wohl, Fernand, ich ſpreche von den geringſten Umſtän⸗ den Deiner Zuſammenkunft mit Madame Raymond, von ihrer Art, zu ſein, von ihrer Umgebung, von den Verſonen, die Du bei ihr haſt ſehen können. Es gibt Dinge, welche in den Augen eines Neulings, wie Du 7 100 biſt, nichts bedeuten, während ſie für mich viel bedeu⸗ ten. Auf, Fernand, ſammle Deine Erinnerungen, ver⸗ giß nichts, Du wirſt mir ſogar die einzelnen Dinge wiederholen, die Du mir ſchon, wie ich glaube, über Deinen erſten Beſuch bei Jean erzählt haſt.“ In meiner albernen Verblendung erzählte ich André dieſen Beſuch, rief meine geringſten Er⸗ innerungen herbei und überging weder die Trophäe, beſtehend aus einem Lictoren⸗Bündel mit einer phrhgiſchen Mütze darüber, noch das Portrait, noch den ein bluti⸗ ges Hemd enthaltenden Rahmen; ich ſprach auch von der Begeiſterung von Madame Raymond in Beziehung auf die Freiwilligen der Republik; ich erwähnte ferner der paar Worte, welche Jean und der Mann mit der Polizeimütze und dem energiſchen Geſichte, deſſen Phy⸗ ſiognomie mich ſo lebhaft ergriffen, gewechſelt hatten; ich ſchwieg nur über die Erſcheinung des Mannes mit dem langen Barte: ich weiß nicht, welcher Inſtinkt dieſes Geheimniß auf meinen Lippen zurückhielt, als hätte ich das Bewußtſein gehabt, ich ſei im Begriffe, mich einer Delation ſchuldig zu machen; ich zögerte indeſſen einen Augenblick bei dieſem Verſchweigen, in⸗ dem ich mir ſagte, dieſes Geheimniß gehöre mir, da ich es wahrgenommen, und da es mir Jean weder anver⸗ traut, noch zu bewahren gegeben habe: abſcheuliche Sophismen, die man ſich zu Hülfe ruft, wenn man eine unwürdige Verſuchung erleidet. André Levaſſeur hörte mich ſehr aufmerkſam an; mehrere Male ſah ich ihn vor Erſtaunen und Freude beben, ein Gefühl, welches er dadurch ausdrückte, daß er je nach den verſchiedenen Umſtänden und Vorfällen meiner Erzählung ausrief: „Sehr gut... Ich war deſſen ſicher. das zu wiſſen. Ich ſagte es Dir ohl. „Herrlich... Es iſt nicht mehr zu bezweifeln. 101 „Eine koſtbare Kunde!!! Dieſe Frau betet Dich an.“ André hatte ſich nicht weiter erklärt, um nich, wie er ſagte, nicht in meiner Erzählung zu zer⸗ ſtreuen. Als ſie beendigt war, ſprach er: „So iſt es mit der Liebe, ſie hat aus Dir einen Beobachter gemacht, der nicht mit Gold zu bezahlen iſt. Aber, Neuling, der Du biſt, eine junge und rei⸗ zende Witwe, welche allein in einem abgelegenen Quartier lebt, ein beinahe geheimnißvolles kleines Haus bewohnt, wo man nur, nachdem man an einem Pförtchen prüfend betrachtet worden iſt, eingeführt wird, wohnt nicht ſo ohne Motive.“ „Und welche Motive.. vermutheſt Du, André?“ „Wahrhaftig! Deine Madame Raymond, indem ſie zurückgezogen lebt, will die Marquiſe von B* nach ihrem Velieben ſpielen können; eine Frau, die zu vertrauten Freunden große Burſche hat, wie die, von welchen Du ſprichſt, muß ein tüchtiges, durchtriebenes Weib ſein. Du begreifſt alſo nicht, daß es, als ſie Dich ſo ſehr ermuthigte, mit Jean in die Schule der Künſte und Gewerbe einzutreten, in der Hoffnung ge⸗ ſchehen iſt, Jean werde Dich noch öfter zu ihr bringen? Wir werden auch trotz der Brutalität von Rahmond Mittel finden, zu ihr zurückzukehren... Sei ruhig, Du wirſt mich fortwährend über Alles auf dem Lau⸗ fenden erhalten... Aber was haſt Du denn, Fernand?“ unterbrach ſich André.„Wie bleich biſt Du nun!.. Du haſt Thränen in den Augen... Antworte, was haſt Du denn?“ „Oh! mein Gott! André! Du glaubſt, unter den die ich dort geſehen, habe Madame Rah⸗ mond..5 2 „Einen Liebhaber? Bei meiner Treue, das würde mich nicht wundern... Dann ſchlimm für ihn, denn 102 Du brächteſt es bald dahin, daß man ihn vor die Thüre ſetzen würde mein Lieber, dafür ſtehe ich Dir.“ Seitdem ich Faublas geleſen, war nichts weniger rein, als meine Liebe für Madame Rahmond; doch bei der ſchändlichen und albernen Vorausſetzung von Le⸗ vaſſeur fühlte ich die brennende Bangigkeit der Eifer⸗ ſucht; eine Miſchung von Schmerz und Wuth brach mir das Herz, dann durchzuckte plötzlich ein Gedanke meinen Geiſt. Ich erinnerte mich des bei Madame Raymond verborgenen Mannes mit dem langen Barte; ich ſah hierin ein Liebesgeheimniß; meine Bedenken verſchwanden, und unwillkürlich rief ich aus: „Es iſt kein Zweifel mehr!.. dieſer Mann, der ſich verbarg... Oh! mein Gott!“ „Ein verborgener Mann!“ rief Levaſſeur mit einer ſcharfen Neugierde, die mich hätte erleuchten müſſen. „Dieſer Mann, wo verbarg er ſich?“ „Ich habe nicht hievon geſprochen, André, doch als ich mit Jean im Garten ſeiner Mutter wartete, ſah ich einen Augenblick an der Luke eines Speichers einen Mann mit langem blondem Barte... Sobald er uns, Jean und mich, erblickt hatte, zog er ſich raſch zurück, als ob er befürchtete, geſehen zu werden.“ „Fernand!“ rief André mit einer beinahe zittern⸗ den Stimme und einem ſo ſeltſamen Ausdruck, daß ich meine Unvorſichtigkeit bereute,„Du biſt deſſen, was Du ſagſt, ſicher? Kannſt Du Dich des Geſichtes von dieſem Mann mit langem blondem Bart erinnern? wie alt ſchien er zu ſein? wie war er gekleidet? Sein Signalement? ſein Signalement? Raſch, antworte, antworte doch.“ „Aber,“ ſagte ich zu Jean, indem ich ihn mit Er⸗ ſtaunen und mit einer wachſenden Unruhe anſchaute, „welches Intereſſe haſt Du denn, dies Alles wiſſen zu wollen?“* „Wie! riefLevaſſeur mit einer ſo aufrichtigen Miene, daß er mich überzeugte,„wie! welches Intereſſe?.. 103 Das Deinige. Du ſiehſt alſo nicht, armer Tropf, daß Du, wenn Madame Raymond einen Liebhaber bei ſich verborgen hat, und Du es weißt, durch dieſes Geheim⸗ niß der Gebieter von ihr wirſt?“ Dieſe Berechnung ſchien mir ſo ſchändlich, daß ich, empört über die Worte von Levaſſeur, zu ihm ſagte; „Dein Gedanke iſt abſcheulich! Höre, nun bereue ich, Dir das anvertraut zu haben, was ich hätte für mich behalten müſſen.“ André Levaſſeur gewann wieder ſeine Kaltblütig⸗ keit und erwiederte lächelnd und die Achſeln zuckend: „Armer Fernand, ich werde alſo immer auf die Hochzeit des Figaro zurückkommen müſſen, welche Deine Großmutter und ihre Freunde beklatſchen!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „In dieſem Theaterſtück iſt der Graf Almaviva (der Mann der ſchönen Geliebten von Cherubin) ſeiner⸗ ſeits in Suſanne, die Zofe ſeiner Frau, verliebt; er gibt ihre Rendezvous in der Nacht; Suſanne nimmt es an, aber ſie unterrichtet ihre Gebieterin davon. Dieſe geht zum Rendezvous an der Stelle von Suſanne. Wer iſt ſehr beſchämt? der Graf Almaviva, da er ſich ſo mit ſeiner Frau unter vier Augen beiſammen ſieht. Dieſe ſagt dann zu ihm:„Mein Herr Gemahl, ich habe Ihr Geheimniß; Sie werden Suſanne und Figaro mit einander verheirathen, wenn nicht...““ Nun! Fernand, Deine Großmutter und ihre Freunde finden dieſen liſtigen Streich reizend, da ſie das Stück be⸗ klatſchen; worin läge alſo das Böſe, wenn man der Gräfin nachahmen würde? wenn man das Mittel fände (wir werden es finden), den Platz dieſes häßlichen Menſchen mit dem langen Barte einzunehmen und zu Madame Raymond, welche dann ſo beſchämt wäre, als der Graf Almaviva, zu ſagen:„Madame, ich habe Ihr Geheimniß„ Sie werden meine Marzuiſe von B***ſein, oder ich ſage Jean Alles.“ Doch beruhige Dich, Du wirſt nach dem, was Du mir von 104 ihm mitgetheilt, nicht nöthig haben, Madame Rahmond zu bedrohen; ſei überzeugt, ſie wird Dir drei Viertel des Weges, wenn nicht mehr, entgegen kommen... Eine Frau, welche bei ſich einen jungen Mann ver⸗ birat denn Du haſt mir, glaube ich, geſagt, er ſei jung?“ genicht gerade Er ſchien mir fünf und drei⸗ ßig bis vierzig Jahre alt zu ſein.“ „Läßt ſich ein ſolcher Geſchmack begreifen? Eine ſo hubſche Frau ſoll einen Liebhaber von dieſem Alter haben der obendrein vielleicht ſehr häßlich iſt!“ „Ach! nein André, er iſt nicht häßlich, ſein Ge⸗ ſicht 4 ſogar ziemlich ſchön; ſeine Stirne iſt ein we⸗ nig kahl.“ „Ein Kahlkopf!.. pſfui! wie abſcheulich! Und ſchecht gekleidet, ohne Zweifel?“ „Weder gut, noch ſchlecht; er hatte, ſo viel ich mich erinnern kann„ einen braunen Ueberrock und eine weiße Weſte.“ „Und ein ſolcher Nebenbuhler würde Dich erſchrek⸗ ken, mein armer Fernand? Dich mit Deinen ſechzehn Jahren.. und.. Plötzlich unterbrach ſich Levaſſeur, ſeine Züge drück⸗ ten Anfangs Erſtaunen, dann Bangigkeit, dann einen ſcharfen Schmerz aus; er gab einen ſchrillen Schrei 4 ſic und griff mit beiden Händen nach ſeiner ruſt. Erſchrocken über dieſe Pantomime rief ich: „André, was haſt Du denn?“ „Oh! wie leide ich 4 „Du leideſt... Wo?“ „Hier in der Bruſt das iſt entſetzlich! ich weiß, was es iſt. ein Magenkrampf.. Ich bin dieſem ausgeſetzt.. Schon zweimal wäre ich beinahe daran geſtorben... Oh! mein Gott!“ murmelte André, während er auf eine Bank ſank, wo er ſich mit dem Anſchein des grauſamſten Schmerzes krümmte.„Oh! mein Gott!“ fügte er ſtöhnend bei: „es iſt, als zerriſſe man mir die Eingeweide.“ Und er ſtieß ſolche Wehklagen aus, daß mehrere von unſeren Kameraden herbeiliefen und ihn um⸗ ringten. „Oh! das iſt, um darüber zu ſterben!“ rief André. „Meine Freunde, ich flehe Euch an, bringt mich in's Krankenzimmer!.. Habet Mitleid mit mir.“ Ein Lehrer kam dazu und erkundigte ſich, was vorgehe. Ich ſagte ihm, Levaſſeur ſei von einem Ma⸗ genkrampfe befallen worden und befinde ſich unwohl: die Schreie von André wurden immer ſchärfer; ſehr beſorgt, ließ der Lehrer Levaſſeur ins Krankenzimmer bringen; ich begleitete ihn dahin; er hörte nicht auf zu ſeufzen und fagte mit kläglicher Stimme zum Leh⸗ rer: „Mein Herr, ich leide ſo ſehr, daß es mir ſcheint, meine letzte Stunde iſt gekommen. Ich bitte Sie in⸗ ſtändig, laſſen Sie meinen lieben Oheim in Kenntniß ſetzen, damit er mich auf der Stelle beſucht.“ „Aber, mein Freund,“ entgegnete der Lebrer,„ein Magenkrampf macht Schmerzen, iſt jedoch durchaus nicht gefährlich; man ſtirbt nicht hieran. Es iſt un⸗ nöthig, Ihren Herrn Oheim wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit zu beunruhigen.“ „Mein Herr, haben Sie Mitleid, ich beſchwöre Sie!“ ſagte André die Hände faltend und weinend, „bewilligen Sie mir dieſe Gunſt.. Was macht das Ihnen 2.. Ich weiß wohl, was ich leide.. Mir ſcheint, ich würde weniger leiden, wenn ich meinen gu⸗ ten Oheim ſähe... Oh! mein Gott! mein Gott!“ fügte André mit durchdringenden Schreien bei, indem er ſich auf ſeinem Bette krümmte.„Welche Schmer⸗ zen! Zu Hülfe!.. haben Sie Mitleid mit mir!“ Sterben! ſterben, vielleicht vhne meinen Oheim, mei⸗ nen einzigen Verwandten geſehen zu haben.“ „Auf, mein Freund, beruhigen Sie fich,“ ſprach 106 der Lehrer.„Faſſen Sie Muth. Man kann übrigens ohne Anſtand Ihren Herrn Oheim von dem Unfall, der Ihnen begegnet iſt, unterrichten... man wird ihm ſchreiben... und er wird Ihren Zuſtand ſelbſt beurtheilen.“ „Oh! mein Herr, ich flehe Sie an, ſchreiben Sie ihm auf der Stelle.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Oh! wahrhaftig, mein Herr? Sie ſagen das nicht, um mich zu beruhigen?“ „Ich werde ſelbſt in Ihrer Gegenwart ſchreiben, und auch in Ihrer Gegenwart Befehl geben, den Brief Ihrem Herrn Oheim zu überbringen... Mehr kann ich nicht thun; aber, um Gottes willen ängſtigen Sie ſich nicht; ich wiederhole, dieſe Kriſe wird keine ernſte Folge haben.“ „Man laſſe mich meinen guten Oheim ſehen, und ich werde ruhiger ſein,“ erwiederte André ſeufzend. „Hier iſt der Brief geſchrieben,“ ſprach der Lehrer, indem er von dem Tiſche aufſtand, an den er ſich ge⸗ ſetzt hatte.„Ich will ſogleich zu Ihrem Herrn Oheim ſchicken; in einer Stunde werden Sie ihn ſehen, wenn ihn zu Hauſe gefunden hat; faſſen Sie alſo Ge⸗ uld „Oh! mein armer Fernand,“ ſagte Levaſſeur zu mir, während er den Kopf ſchwach gegen mich umwandte, „beklage mich, denn mir ſcheint, ich werde nicht die Kraft haben, ſo heftige Leiden auszuhalten.“ Da die Studienglocke geſchlagen hatte, ſo war ich genöthigt, das Krankenlocal zu verlaſſen, ohne daß ich Zeit gehabt, mich nach Hyaeinthe zu erkundigen, der ſeit einigen Tagen unpäßlich war. Während der Klaſſe, welche auf den Eintritt von Levaſſeur in das Krankenlocal folgte, wurde ich von traurigen Ahnungen beſtürmt. Von der Gegenwart von André befreit, fühlte ich das Strafbare und Wahnſinnige meiner Liebe für die Mutter meines beſten Freundes; meine Leidenſchaft war nicht minder heftig, aber die Ueberlegung zeigte mir die Nichtigkeit der albernen Hoffnungen, die mir Levaſſeur gegeben hatte. Ich empfand beſonders eine tiefe Reue, beinahe einen Gewiſſensbiß, über die Indiscretion, zu der ich mich dadurch, daß ich André alle Einzelnheiten meines Beſuches bei Madame Raymond erzählt, hatte fort⸗ reißen laſſen; ich ſah nicht die geringſte Gefahr in dieſen Offenbarungen, aber ich erröthete darüber wie über einen Vertrauensmißbrauch. Ich verließ die Klaſſe; ſie hatte zwei Stunden ge⸗ dauert. Jean Rahmond kam auf mich zu; ſeine Ge⸗ genwart ſetzte mich mehr als gewöhnlich in Verlegen⸗ heit; er ſah betrübt, mißſtimmt aus. „Fernand,“ ſprach er, indem er mir die Hand reichte,„ich kann mich durchaus nicht an den Gedanken gewöhnen, unſere Freundſchaft habe ſich vielleicht ge⸗ ändert, weil ich genöthigt bin, es an Vertrauen gegen Dich ermangeln zu laſſen; übermorgen, am Sonntag, iſt mein Ausgangstag. es iſt möglich, daß Du mir am Montag keine Vorwürfe mehr zu machen haſt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Es kann ſein, daß ich Dir am Montag einen Theil von dem anvertraue, was ich bis jetzt habe ver⸗ bergen müſſen... Ich meine die verſchiedenen, meine Familie, meine Mutter, die Grundſätze, die ſie mir in meiner Kindheit beigebracht hat, betreffenden Umſtände⸗ 108 Bis Montag, mein guter Fernand, befrage Dich ſelbſt, ob Du genug Charakterfeſtigkeit haben wirſt, um ver⸗ trauliche Mittheilungen, die nicht nur mein Intereſſe berühren, völlig geheim zu halten. Ich kenne Deinen Leichtſinn, Deine Unbeſonnenheit, ſie haben mir bis jetzt die größte Zurückhaltung gegen Dich geboten. Sagſt Du mir aber nach reiflicher Ueberlegung: Jean, ich ſchwöre Dir im Namen unſerer Freundſchaft, Dein Geheimniß zu bewahren... Fernand, dann werde ich Dir glauben! Klage mich alſo von jetzt bis Montag nicht an, ſetze Dein Urtheil über mich aus, werde wie⸗ der, was Du für mich warſt... wenn Du wüfßteſt, wie peinlich mir die Kälte iſt, welche ſeit einiger Zeit zwiſchen uns herrſchte!... Und ich hätte doch nie mehr Deiner Freundſchaft bedurft! ich weiß nicht, wa⸗ rum... ich fühle mich traurig, niedergeſchlagen, als ob mir ein Unglück begegnen ſollte.. Dann fuhr Jean mit der Hand über die Stirne und fügte bei: „Schütteln wir dieſe ſchlimmen Gedanken ab.. Wollen wir den armen Hyacinthe im Krankenzimmer beſuchen? ich habe geſtern nicht zu ihm gehen können.“ Der Vorſchlag von Jean beunruhigte mich, denn ich wußte Levaſſeur im Krankenlocal, doch ich wagte es nicht, ihn von mir zu weiſen. Vor dem, in zwei mit einander in Verbindung ſtehende Säle getheilten, Krankenlocal kam ein Sprach⸗ zimmer. In dem Augenblick, wo wir hier eintraten, fanden wir Hyacinthe Durand bleich und entſtellt. Er ſaß an einem Tiſche, ſchrieb und ſchien einer lebhaften Aufre⸗ gung preisgegeben; als er uns erblickte, rief er: „Ach! mein Gott.. es iſt der Himmel, der Euch ſchickt... Ich ſchrieb an Dich, Jean!“ „Du ſchriebſt an mich... und warum?“ „Der Arzt hat noch verboten, mich ausgehen zu laſſen... Man hat mir nicht erlaubt, hinab zu gehenz 109 und überdies war die Stunde der Klaſſe... Sobald aber die Glocke der Reereation ſchlug, ſchrieb ich an Dich, um Dich zu bitten, ſogleich mit Fernand zu mir zu kommen.“ „Aber was haſt Du denn, mein armer Hyacinthe?“ fragte Jean theilnehmend,„Du zitterſt ganz.“ „Es iſt wahr, und vorhin zitterte ich noch mehr. Gott wolle, daß ich mich unnöthig geängſtigt habe.“ „Geängſtigt...“ verſetzte Jean immer mehr er⸗ ſtaunt.„Und worüber haſt Du Dich geängſtigt?“ „Meber die Gefahr, welche vielleicht die Familie von einem unſerer Kameraden läuft,“ erwiederte Hya⸗ einthe.„Möchte ich mich getäuſcht haben.“ „Dieſer Kamerad!“ fragte Raymond,„wer iſt es?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Hyacinthe.„Sein Name iſt nicht ausgeſprochen worden.“ „Erkläre uns das Geheimniß,“ ſagte Jean, während ich mich unwillkürlich von einer unbeſtimm⸗ ten Befürchtung ergriffen fühlte. „Ihr wißt, meine Freunde,“ fuhr Hyacinthe fort, „Ihr wißt, daß das Krankenlocal in zwei Säle ge⸗ theilt iſt?“ „Ja,“ ſagte Jean,„in den großen und den kleinen.“ „Mein Bett iſt im großen, wo wir unſerer Meh⸗ rere ſind während Niemand im kleinen Saale iſt oder vielmehr war. Vorhin, vor der Klaſſe um drei Uhr, hatte ich ein heftiges Kopfweh; meine Kameraden von der Krankenſtube plauderten geräuſchvoll im großen Saale; um ein wenig Stille und Ruhe zu finden, warf ich mich ganz angekleidet auf eines der Betten des anderen Zimmers. Dieſes Bett ſteht der Thüre gegenüber.. und um es vor dem Luftzug zu ſchützen, hat man es mit einem Windſchirm umgeben; ich hatte dieſes Bett ausdrücklich gewählt, weil mir der Wind⸗ ſchirm die ſcharfe Helle verdeckte; ich hoffte ſo beſſer zu ruhen.“ „Sehr gut,“ verſetzte Jean;„doch ich ſehe bis jetzt 11⁰ noch nichts, worüber Du Dich ängſtigen konnteſt, mein armer Hyaecinthe.. Und Du, Fernand?“ „Ich auch nicht,“ antwortete ich. Nichtsdeſtoweniger empfand ich eine wachſende Unruhe, indem ich daran dachte, daß André in's Kran⸗ kenlocal gebracht worden war. „Ihr werdet beurtheilen, ob mich nicht die Vor⸗ ſehung dahin geführt hat, ſollten meine Befürchtungen gegründet ſein,“ ſprach Hyaeinthe;„ich entſchlief. Ich weiß nicht, nach wie langer Zeit ich durch das Ge⸗ räuſch einer Thüre, die man öffnete, und durch Stim⸗ men, welche ſprachen, aufgeweckt wurde; ich hörte Herrn Bermond(das war einer unſerer Lehrer) zu einer an⸗ dern Perſon ſagen: „„Man hat Ihren Neffen hierher gebracht, ſtatt ihn in den andern Saal zu legen, damit er ruhig und allein iſt, wie er es verlangt. Ich laſſe Sie mit ihm; ich hoffe ſeine plötzliche Unpäßlichkeit wird keine ernſte Folgen haben. Ueberdies hat man den Arzt benach⸗ richtigt, und dieſer wird bald kommen.““ „Und Herr Bermond ging hinaus; ich hatte es nicht gewagt, mich zu rühren, aus Furcht, bemerkt und vom Lehrer ausgezankt zu werden, denn es iſt verboten, ſich außer ſeinem Schlafzimmer niederzulegen. Nach dem Abgang von Herrn Bermond wagte ich es eben ſo wenig, mich zu bewegen, und unwillkürlich hörte ich folgende Unteredung zwiſchen dem Zögling, von dem ich ſpreche, und ſeinem Oheim.“ „Und dieſer Zögling,“ fragte Jean, wer iſt es?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Hyacinthe.„Da er ziemlich leiſe ſprach, ſo war ich nicht im Stande, ſeine Stimme zu erkennen. Als Herr Bermond den verlaſſen hatte, ſagte der Oheim dieſes Zög⸗ ngs: „„Nun ſind wir allein... Sprich... Ich ver⸗ muthete, Du habeſt mir etwas mitzutheilen, und die 11¹ Geſchichte Deiner Magenkrämpfe ſei eine Erfindung, um mich raſch hierher zu bringen.“ Jean Rahmond ſchaute mich an und ſagte zu mir: „Das iſt ſonderbar. Wer iſt denn der Zögling, der dieſe Lüge eines vorgeblichen Magenkrampfes macht?“ „Ich ich weiß es nicht,“ antwortete ich erröthend, ohne daß Jean auf meine Befangenheit auf⸗ merkſam wurde. Hyacinthe ſprach weiter: „Der Oheim des Zöglings, nachdem er über dieſes liſtige Benehmen gelacht hatte, fuhr fort:„Der Streich iſt gut; aber konnteſt Du mir ſtreng genom⸗ men nicht ſchreiben?““. „Es war zu wichtig,““ erwieberte der Zögling; „die Briefe verirren ſich zuweilen, meine Handſchrift war der Gefahr ausgeſetzt, erkannt zu werden, und ſo habe ich es vorgezogen, Sie kommen zu laſſen.““ „Im Ganzen haſt Du Recht... Das iſt klü⸗ ger,“ erwiederte der Oheim,„ich erkenne hieran Deinen Verſland.““ „„Haben Sie etwas zum Schreiben mitgebracht?““ fragte der Zögling;„denn es darf nichts vergeſſen werden.““ „„Ich verſah mich dieſer Sache und nahm mein Taſchenſchreibzeug und meine Schreibtafel mit,““ ant⸗ wortete lachend der Oheim.„Ah! verſchmitztes Kerl⸗ chen. ich war überzeugt, es würde Dir hier glücken, wie anderswo... Wenn Du ſo fortfährſt, wirſt Du es weit bringen.““ Jean ſchaute Hyacinthe und mich an und ſagte: „Was mag das bedeuten? Wer iſt dieſer Zögling? wer iſt ſein Oheim? worauf zielen ſie ab? Ich begreife es durchaus nicht, und dennoch beunruhigt es mich.“ „Laß mich vollenden, mein lieber Jean,“ erwie⸗ derte Hyacinthe;„ich thue mein Möglichſtes, um nichts zu vergeſſen, indem ich ſo bei meinen Erinnerungen der Ordnung nach gehe, ſonſt würde ich Gefahr laufen, mich zu verwirren. Der Oheim ſprach zu ſeinem Neffen: „„Ich bin bereit, zu ſchreiben; doch das iſt in der That ein raſcherer Erfolg, als ich es erwarten konnte.““ „„Ah! es iſt nicht ohne Schwierigkeiten geweſen,““ ſagte der Neffe;„der Sohn ift ein Wilder, von dem man nicht weiß, wie man ihm ſchmeicheln ſoll; Zuvor⸗ kommenheiten, Freundſchaft, Anerbietungen von Geld⸗ darlehen, nichts iſt geglückt; ich wandte dann das große Mittel an, das mir unfehlbar ſchien, um dieſen Unge⸗ ſchlachten an meiner Leimruthe zu fangen; mit einem Wort, ich ſchlug ihm vor, ihm ſchlechte Bücheer zu leihen um ſo ein vertrauliches Verhältniß zwiſchen uns anzuknüpfen; doch nichts! er ſchickte mich mit meinen ſchlechten Büchern zu allen Teufeln.““ Jean bebte und rief: „Hyhacinthe, ich flehe Dich an erinnere Dich wohl.. Der Zögling hat zu dieſem Manne geſagt: S „Ein Wilder.“ „Ja, aber er hat geſagt der Sohn?“ fragte Jean mit bebender Stimme:„er hat wirklich geſagt der Sohn?“ ewiß antwortete Hyacinthe;„er hat es ge⸗ ag „und,“ fragte Jean mit wachſender Bangigkeit, „und Du biſt deſſen ſicher, daß der Zögling beigefügt hat: er habe dem Sohne angetragen, ihm Geld und ſchlechte Bücher zu leihen?“ „Ja, denn ich habe nicht ein einziges von ihren Worten verloren. Doch, was haſt Du denn, Jean? Wie bleich biſt Du!“ rief Hyacinthe mit Beſorgniß. Dann ſchaute er mich an und fügte bei: „Und Du, Fernand, wie errötheſt Du, man ſollte glauben, Du zittereſt? Ach! meine Freunde, Ihr ſeht, ich habe Recht gehabt, wenn ich erſchrak.. „Dieſer Zögling muß André Levaſſeur ſein,“ rief 11³ Jean,„ich erkenne ihn an den Anerbietungen, die er mir gemacht hat.. Du erinnerſt Dich, Fernand, ich habe es Dir mitgetheilt.“ „Das iſt wahr,“ ſagte ich bebend. So groß war die Bangigkeit von Jean, daß ihm meine tiefe Angſt entging. Ich faßte nun ein wenig Muth und fügte bei: „Vielleicht hat André dieſen Antrag auch Anderen als Dir gemacht. und „Aber er hat geſagt der Sohn!“ rief Jean ganz beklommen.„Du haſt es alſo nicht gehört.. Er hat geſagt der Sohn!.. und für mich ſind dieſe Worte... Hier unterbrach er ſich, und er fügte dann bei: „Mein Gott. was bedeutet das? Ohl! un⸗ willkürlich habe ich bange. Phaeinthe, fahre fort ich beſchwöre Dich. vergiß nichts erin⸗ nere Dich an Alles, bis auf das geringſte Wort.“ „Ich bemühe mich, Jean,“ erwiederte Hyaeinthe; „zum Glück ſind mir meine Erinnerungen ſehr gegen⸗ wärtig; der Zögling ſagte ſodann zu ſeinem Oheim: „„Da es mir nicht gelang, eine Verbindung mit dem Sohne zu ſchließen, ſo wandte ich mich anderswo⸗ hin; vom Wilden, vom Bären zurückgeſtoßen, iſt es mir wunderbar geglückt bei einem unbeſonnenen Laffen, durch den ich Alles erfahren habe, was wir zu wiſſen brauchten, und ſogar noch mehr, als wir zu erfahren hofften, doch dies will ich als das Beſte bis zum Se kufbewahren. Schreiben Sie alſo unter meinen ti „Und,“ fügte Hyacinthe bei,„ich gebe Euch nun ſo genau als möglich das, was ich den Zögling ſeinem Oheim, welcher immer die kurzen, abgeſchnittenen Sätze wiederholte, dickiren hörte. Fernand Dupleſſis. 1. 8 114 SAllgemeine Peobachtungen. „„Das Haus iſt vereinzelt. „„Man erhält nur Eintritt, nachdem man durch ein Pförtchen prüfend betrachtet worden iſt. agd bewahrt mit Abgötterei im Schlafzimmer die Inſignien des Jacobinismus, das Portrait des Enthaupteten. „„Man bewahrt auch unter Glas und Rahmen die blutige Verlaſſenſchaft. z„Man ſpricht mit Begeiſterung vom Heldenmuth der Revolutionäre des Convents. „Man hat nur Haß und Verwünſchungen gegen die fremden Heere, die Verbündeten unſerer legitimen Souverains. „„Man verachtet den Militärſtand und preiſt die induſtriellen Gewerbe, welche Einfluß auf eine große Anzahl von Arbeitern und auf den gemeinen Pöbel verleihen.““ Hier unterbrach ſich Hhaeinthe in ſeiner Erzäh⸗ lung, als wollte er ſeine Erinnerungen befragen, und er ſagte, mit ſich ſelbſt ſprechend: „Ja das iſt wohl Alles, was der Zögling zuerſt. ſeinem Oheim dietirt hat. Ich vergeſſe nichts Ich weiß nicht, wie die Phyſtognomie von Jean Raymond während der Erzählung unſeres Kameraden war; ich wagte es nicht, die Augen aufzuſchlagen, ein kalter Schweiß badete meine Stirne; ein Verurtheilter, der auf ſeinen Spruch wartet, muß empfinden, was ich empfand. Ich habe mich ſpäter in ſehr kritiſchen Lagen be⸗ funden, aber nie habe ich eine ſolche Angſt erlebt. Ohne Zweifel in ſeinem Innern mehr von den „„Man hat als ganzes Gefinde nur eine alte 11⁵ Gefahren, welchen ſeine Mutter durch dieſe ſchänbliche Angeberei bloßgeſteilt ſein konnte, als von der Quelle der Angeberei ſelbſt eingenommen, merkte Jean Rah⸗ mond nicht auf mich; er war überdies tauſend Meilen davon entfernt, mich zu beargwohnen. Ich hörte ſeinen gepreßten, beinahe keuchenden Athem; doch ich fühlte nicht den Muth in mir, ihn anzuſchauen. Als ſich Hyaeinthe unterbrach, um ſeine Erinnerungen beſſer zu ſammeln, ſagte Jean zu ihm: „Vollende um des Himmels willen Vollende und vergiß nichts.“ „Der Zögling,“ fuhr Hyacinthe fort,„nachdem er Oheim dieſe Wahrnehmungen dietirt hatte, ſagte zu ihm: „„Nun wollen wir zur Sache ſelbſt übergehen. m zweiten Sonntag dieſes Monats, zwiſchen ein und zwei Uhr Nachmittags, waren mehrere Männer mit energiſchen Geſichtern, gekleidet wie Leute aus dem olke, bei der fraglichen Perſon verſammelt; der Eine von dieſen Männern,— ungefähr fünfundvierzig Jahre alt, militäriſches Ausſehen, grün und rothe Po⸗ lizeimütze, ſchwarzer Schnurrbart, ergrauende Haare, — iſt beſonders bemerkt worden; dieſe banditenartigen Menſchen haben den Sohn mit Ehrerbietung em⸗ pfangen; er wechſelte einige geheimnißvolle Worte mit dem Manne mit der Polizeimütze; dann ſind dieſer und ſeine Gefährten ungefähr eine Viertelſtunde in geheimer Berathung mit der Mutter geblieben, worauf ſie ſich entfernt haben. „„Ich habe Ihnen das Beſte zum Beſchluſſe ver⸗ ſprochen, mein Oheim,““ fügte der Zögling bei;„es kommt nun; ſchreihen Sie mit Ihrer ſchönſten Hand⸗ ſchrift: An demſelben Tag, zur ſelben Stunde, iſt ein Mann mit langem blondem Bart, von ziemlich ſchönem Geſicht, mit kahler Stirne, wie es ſchien, ſechsunddrei⸗ ßig bis vierzig Jahre alt, mit einem braunen Ueber⸗ rock und einer weißen Weſte bekleidet, 6 einer von 116 den Luken des fraglichen Hauſes geſehen worden; dann hat er ſich haſtig zurückgezogen, da er ohne Zweifel in ſeinem Verſtecke bemerkt zu werden befürchtete: dieſer iſt offenbar derjenige, welchen man anderswo ucht.““ Hyacinthe wurde durch einen Ausbruch von Jean unterbrochen, der zugleich Erſtaunen, Verzweiflung und Schrecken bezeichnete; ich weiß nicht, ob er bis dahin Verdacht gegen mich gehabt hatte, doch die Angabe in Betreff des Mannes mit dem Barte lenkte ihn ohne Zweifel ab, denn er hatte mir nichts hierüber anvertraut; und in ſeiner Verwirrung fiel es ihm nicht ein, die Stunde dieſer Erſcheinung mit der Stunde zuſammen⸗ zuſtellen, in der wir im Garten geſeſſen hatten, um auf den Moment zu warten, wo uns Madame Raymond empfangen könnte. Ich hielt mich einen Augenblick für gerettet. Immer mehr erſchrocken über die Gefahr, die ſeine Mutter und ſein Oheim liefen(dieſer Mann mit dem langen Barte war Jacques Godefroid, zum Tode ver⸗ urtheilt durch ein Prevotalgericht, den man in den Bergen des Vivarais herumirrend glaubte), rief Jean mit ſtockender Stimme, indem er ſich an Hyaeinthe wandte: „Und der Mann, welcher ſchrieb... was hat er bei den letzten Worten, die man ihm diectirt, geſagt?“ „Seine Antwort iſt es beſonders geweſen, was mich ſo ſehr erſchreckt hat,“ erwiederte Hyaeinthe; „denn ich hörte dieſen Mann ungeſtüm aufſtehen und mit einem Ausdrucke des Triumphes ſagen; „Ehe eine Stunde vergeht, haben wir Beide, ihn und ſie.““ „„Beeilen ſie ſich nun,“ ſprach der Zögling,„ich habe Ihnen nichts mehr mitzutheilen.““ In dieſem Augenblick der Erzählung von Hyaeinthe ſchlug die Glocke des Collége halb ſieben Uhr. 117 Jean ſchauerte; er berechnete, daß drei Stunden ſeit dem Abgange des Oheims von Levaſſeur verlaufen waren, und daß die Verhaftung von Madame Raymond und Jacques Godefroid ohne Zweifel ſtattgefunden hatte; er rief, die Hände faltend, mit einer herzzerreißenden Stimme: „Verloren... Beide verloren!“ Dann wurden ſeine Züge erſchrecklich vor Wuth und Haß. Mit einem Sprunge war er an der Thüre der kleinen Krankenſtube; er öffnete ſie heftig, gefolgt von Hyacinthe, der ihm ganz verwirrt nachlief, nach⸗ dem er zu mir geſagt hatte: „Fernand, verlaſſen wir ihn nicht... Ich bin überzeugt, er will den Zögling umbringen... Ich be⸗ greife nun Alles„ Komm komm. Hyaeinthe verſchwand. Ich war unbeweglich, niedergeſchmettert, vernichtet an meinem Platze geblieben und wagte es nicht, einen Schritt zu machen. Eine letzte, tolle Hoffnung blieb mir: André Le⸗ vaſſeur, an dem Jean ſeine Wuth nun ohne Zweifel auslaſſe, werde mich nicht nennen. Plötzlich hörte ich den Lärmen eines heftigen Streites, dumpfe Schläge erſchollen, gefolgt von ſchril— len Schreien von Levaſſeur, der aus Leibeskräften um Hülfe rief, während Hyaeinthe ſchluchzte und Jean, voll Wuth André ſchlagend, wiederholte: „Da, Spion.„ da, Schurke!.. wenn Du mir nicht ſagſt, wie Du meine Mutter haſt beſpähen kön⸗ nen. erwürge ich Dich.“ „Gnadel..“ murmelte Levaſſeur mit ohnmächtiger Stimme,„Gnade Es iſt Fernand er hat mir ſeinen Beſuch bei Deiner Mutter erzählt.. er hat i nn mit dem Barte geſehen.. er hat es mir geſagt 3 Ich fühlte mich verloren! Beinahe in demſelben Augenblick kam Jean zurück. In meinem Leben werde ich ſeinen Blick, ſeine Phyſiognomie nicht vergeſſen. Ich ſah darin weder Wuth, noch Drohung, ſondern einen Ausdruck tiefer Verzweiflung. Er ſagte zu mir mit dem Tone der ſchmerzlichſten Täuſchung: „Du?.. Du warſt es?“ Ich war von Sinnen. Das Sprachzimmer des Krankenlocals lag im dritten Stocke; das Fenſter ſtand offen, ich lief dahin, ſtieg, die Augen ſchließend, auf den Rand, hörte einen gräßlichen Schrei von ZJean, und in der Secunde, wo ich mich in den leeren Raum ſtürzte, hielten mich ſeine beiden kräftigen Hände am Flügel meines Ueberrocks zurück. Ich blieb einen Augen⸗ blick in einer Höhe von vierzig Fuß ſchwebend. Schon machte mein Gewicht meine Kleider zer⸗ reißen, als zwei Lehrer, welche auf den Lärmen des Streites in der Krankenſtube herbeigelaufen waren, Jean, der ſich immer an meinen Rock anklammerte, zu Hülfe eilten. Man packte mich bei den Schultern und zog mich in's Sprachzimmer herein. Da erfolgte eine höchſt peinliche Scene. Einer von den Krankenwärtern, ein Zeuge der von Jean an Levaſſeur verübten Gewaltthätigkeiten, hatte in aller Haſt die Lehrer benachrichtigt und geholt; ſie waren herbeigelaufen; während der Eine von ihnen mich feſthielt, denn ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe, gebot der Andere Jean, ihm in's Gefängniß zu folgen. „In's Gefängniß!“ rief Jean beſtürzt;„und meine Mutter? Ich laufe zu ihr... wenn es noch Zeit So ſprechend ſtürzte er nach der Thüre, doch der Lehrer packte ihn am Arm und wiederholte: „In's Gefängniß... auf der Stelle!“ „Ich werde nicht einen Augenblick länger hier bleiben,“ rief Jean ſich ſträubend;„ich muß zu meiner Mutter gehen und ſie benachrichtigen, wenn es noch 1¹9 Zeit iſt.. Ich will die Anſtalt verlaſſen laſſen Sie mich.. laſſen Sie mich...“ „Sie werden die Anſtalt verlaſſen, wenn ihre Ver⸗ wandten ihre Einwilligung dazu geben, und wenn Sie ihre Strafe erſtanden haben,“ erwiederte der Lehrer. Als er ſich aber heſtig von Jean zurückgeſtoßen ſah, rief dieſer Mann die Krankenwärter zu Hülfe, und trotz des Wiederſtandes, vermiſcht mit Thränen und herzzerreißenden Bitten, denn er flehte, daß man ihm erlaube, zu ſeiner Mutter zu laufen, welche, wie er ſagte, großen Gefahren ausgeſetzt ſei, wurde der Un⸗ glückliche niedergeworfen, mit einem Betttuche ge⸗ bunden und fortgezogen, um in's Gefängniß geführt zu werden. In dem Augenblick, wo er das Sprachzimmer ver⸗ ließ, in welchem ich halb wahnſinnig,— es war mir, als durchlebte ich einen gräßlichen Traum,— geblieben war, machte Jean eine Bewegung, um ſein bleiches, gequetſchtes, verzerrtes Geſicht gegen mich zu wenden, ich ſehe es noch vor mir. „Fahre wohl. mein Freund... ſagte er mit einem bittern Lächeln zu mir.„Das iſt Dein Werk. Das Blut der Meinigen, wenn es vergoſſen wird, falle auf Dich.; ich hätte Dich müſſen ſterben laſſen denn Du wirſt nur für das Böſe leben... Gehe ich verachte Dich!“ Ich konnte nicht mehr hören, denn ich fiel in Ohnmacht. XII. Die Verzweiflung, die bei mir die Folgen meiner abſcheulichen Schwatzhaftigkeit bei André Levaſſeur 120 verurſacht hatten, machte mich ſchwer krank; von einer Gehirnentzündung befallen, hütete ich beinahe einen Monat das Bett. Ich habe ſpäter erfahren und erzähle hier in allen ſeinen einzelnen Umſtänden den Verlauf der Verhaftung von Madame Rahymond und ihrem Bruder, Jacques Godefroid, welche Beide zwei Stunden nach der Unter⸗ redung von Levaſſeur und ſeinem Oheim in's Gefäng⸗ niß geführt wurden. Von einem Prevotalgericht in Abweſenheit zum Tode verurtheilt, ſah Jaeques Godefroid ſeinen Spruch beſtätigt. Er ſollte auf der Gréve hingerichtet werden. Folgendes ereignete ſich an dieſem Tage, nach der Erzählung von einem der Theilnehmer an dem Ereigniß. Die Hinrichtung von Godefroid war auf neun Uhr Morgens beſtimmt. Um halb neun Uhr ſollte der Karren, der den Verurtheilten auf den Richtplatz führte, die Conciergerie verlaſſen. Am frühen Morgen gingen etwa hundert Hand⸗ werksleute und Kleinhändler vom Fauboug Saint⸗An⸗ toine einzeln aus ihren Wohnungen weg und kamen von verſchiedenen Seiten auf den Quai aur Fleurs. Einige Neugierige hatten ſich an dieſen Ort be⸗ geben, der vortrefflich gewählt war, um den Verur⸗ theilten vorüberfahren zu ſehen. Die Vorſtädter, wie man damals ſagte, ſtellten ſich, während ſie ſich allmälig mit der ſchon herbeiſtrö⸗ menden Menge vermiſchten, ſo auf, daß ſie beim Vorüber⸗ kommen des traurigen Zuges ein doppeltes, zwei bis drei Mann hohes Spalier bildeten, das auf jeder Seite die Wendung der Brücke an der Stelle beſetzt hielt, wo der Karren und ſein Geleite den Quai verlaſſend einbiegen ſollten.* 121 Die Führer dieſer Gruppen waren die ärmlich geklei⸗ deten Männer, die ich bei Madame Raymond geſehen, und von denen mir Jean geſagt hatte:„Das ſind die Freunde meiner Mutter. mit ſolchen Freunden kann man dem größten Mißgeſchick trotzen.“ Dieſe geheimnißvollen Befreiungsanſtalten organi⸗ ſirten ſich auf dem Qnai unter der Leitung eines Man⸗ nes von hohem Wuchſe, bekleidet mit einer Blouſe und merkwürdig durch einen langen Schnurrbart und einen dicken Bart um die Backen und das Kinn von brennend rother Farbe; dieſer Mann war kein Anderer, als Charpentier, der ehemalige Soldat mit der grün und rothen Polizeimütze, der durch die an ſeinem Barte und an ſeinen Haupthaaren angewandte Färbung die Verfolgungen der Polizei vereitelt hatte, welche nach den von mir André Levaſſeur gemachten Mittheilungen auf ſeine Spur gebracht worden war. Nach einer letzten Ermahnung an die Anführer, welche die das Spalier an der Ecke der Brücke bilden⸗ den Männer zu leiten ſchienen, näherte ſich Charpentier zwei kräftigen Kameraden, die zwei von jenen Fäſſern zu bewachen ſchienen, an deren Arme ſich die Waſſer⸗ träger anſpannen. „Acht gegeben auf den Befehl,“ ſagte leiſe zu ihnen Charpentier, während er an ihnen vorüberging. „Sei unbeſorgt,“ antworteten ſie, ein Zeichen des Verſtändniſſes mit ihm wechſelnd,„man hat das Auge offen.“ Charpentier begab ſich nun an das Ende von einer der kleinen Gaſſen der Cité, welche nach dem Quai aur Fleurs ausmünden. Ein Fiaere ſtand hier. Der Kutſcher, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, mit einem entſchloſſenen, von einer tiefen i durchfurchten Geſichte, wat von ſeinem Bocke geſtiegen. Charpentier ſagte leiſe zu ihm; . 122 „Unſere Leute ſind da. Alles geht gut... Biſt Du bereit?“ „Jä, Rlter. „Deine Pferde ſind friſch?“ „Wie Roſen: ſie haben eine doppelte Ration Hafer gefreſſen. Ich bin lieber heute Nacht zu Fuße dort⸗ hin gegangen, um ſie nicht zu ermüden.“ „Du haſt den Steinbrechermeiſter geſehen?“ „Ich habe ihn geſehen... Alles iſt verabredet... er wird uns entgegen kommen.. Aber was haſt Du, Charpentier?“ „Morand ich habe Angſt.“ Dü Angſt?“ „Für Godefroid. für ſeine Schweſter.“ „Man muß nicht hieran denken... man wäre zu nichts tauglich.. Auf, keine Schwäche, Char⸗ pentier. Erinnere Dich unſerer Kernangriffe bei den Dragonern der Republik, als wir die Verbündeten von Coblenz zuſammenhieben.. ei! Donner Gottes, ſagen wir heute wie damals: vorwärts! unſere Leute werden nicht das Maul hängen,... Du weißt es wohl, ſie würden ſich für Godefroid, Madame Rahmond und ihren Sohn in Stücke zerhacken laſſen.“ „Ei! alle Gewitter! was ich fürchte, iſt gerade der Muth, das Ungeſtüm unſerer Leute. Ich habe bange, daß ſie die Hauptſache über der Nebenſache ver⸗ geſſen... Begreifſt Du?“ „Bei Gott! die Nebenſache iſt auch verlockend! Die Gendarmen von Ludwig XVIII. todtſchlagen!“ „Und wenn unſere Leute dieſer Verſuchung nach⸗ geben, iſt Godefroid verloren, verloren! er. er, unſere einzige Hoffnung!!..“ „Braver Godefroid! Goldherz und Eiſenkopf! Nein, nein, ein ſolches Stück iſt nicht für die Guillotine der Bourbons gemacht... Ruhe, Charpentier, Ruhe.. Wir werden ihn retten.“ Charpentier zog ſeine Uhr und ſagte: 123 „Noch fünf Minuten... Doch mir fällt ein: kannſt Du Deine Pferde allein laſſen?“ „Warum dies?“ „Ich würde es lieber ſehen, wenn Du bei uns wäreſt, ganz bereit zum Bewußten.“ „Du haſt Recht. Ich erblicke dort die Bude eines Weinhändlers; ich will den Kellner bitten, meine Pferde zu bewachen.“ Einen Augenblick nachher arbeiteten ſich Charpentier und Morand mit Hülfe ihrer kräftigen Schultern über den ſchon ganz von der Menge beſetzten Quai aur Fleurs; Beide gelangten bald in die erſte Reihe der Zuſchauer; ſie miſchten ſich unter die erwähnten Män⸗ ner, welche an dieſer Stelle das Spalier bildeten, aber nur einfache Neugierige zu ſein ſchienen; zwei von ihnen wechſelten ein paar Worte mit Charpentier, als man in der Ferne ein dumpfes, langes Gemurmel vernahm. In dieſem Augenblick ſchlug die Glocke des Palais de Juſtice halb neun Uhr. „Rührt Euch nicht, ehe ich: habt Acht! gerufen,“ ſagte leiſe Charpentier zu den Männern, welche an ſeiner Seite ſtanden,„und beluſtigt Euch beſon⸗ ders nicht an den Gendarmen, ſonſt iſt Alles ver⸗ loren.“ Bald erſchien der Zug. Ein Piquet von zwanzig Gendarmen, einen Offi⸗ cier an der Spitze, ritt voran. ſaß Dann kam ein Fiaere, in dem die Scharfrichter aßen. Dann der Karren, escortirt von einem zweiten Pi⸗ quet Gendarmen von derſelben Stärke wie das erſte. Nur mit eißer Hoſe und einem Hemde bekleidet, die Hände eu Rücken gebunden, ſtand Jacques Gode⸗ froid im Karren; er trug die Stirne hoch und ſtrah⸗ lend von Begeiſterung; ſein langer blonder Bart, ſeine kühnen, glänzenden, großen blauen Augen, die leichte 124 Färbung ſeiner Wangen, das Lächeln ſtolzer Seelen⸗ heiterkeit, das auf ſeinen Lippen ſchwebte, verliehen Zügen einen Charakter voll Energie, Ruhe und röße. Von Zeit zu Zeit wandte er ſich mit ſchallender Stimme an das Volk und ſprach: „Meine Freunde meine Brüder.. ich ſterbe ohne Furcht und ohne Tadel.. Ich habe gekämpft für die Freiheit von uns Allen... Muth... Hoff⸗ nung und Einigkeit! Der Fremde hat uns dieſe Bour⸗ bons, die Schmach, den Fluch Frankreichs, zurückgebracht! Sie werden fallen unter der Verachtung und dem Haſſe Frankreichs, wie Bonaparte gefallen iſt! Bonaparte der Abtrünnige, der Tyrann! Bonaparte der Mörder der Republik, ſeiner Mutter!... Aber ſie wird bald aus ihrer Aſche wiedererſtehen! Es lebe die Re⸗ publik!“ Man muß ſich durch die Erinnerung zu den blu⸗ tigen Tagen der Reaction von 1815 zurückverſetzen, um die kühne Energie dieſer Worte zu begreifen. Die Menge bewunderte den Muth von Godefroid, aber ſie hatte, ſo zu ſagen, Angſt, die heftigen Heraus⸗ forderungen des Verurtheilten, dieſes unbändigen Feindes des Königthums, zu hören. Ein tiefes Stillſchweigen des Erſtaunens, verhal⸗ tener Bewunderung und des Schreckens herrſchte alſo auf dem ganzen Wege von Godefroid. Als der Karren an die Ecke der Brücke kam und ſich ſo auf der Höhe des doppelten Spaliers der Vor⸗ ſtädter befand, ereignete ſich eine gewaltſame Scene. Charpentier rief mit ſchallender Stimme. „Habt Acht. 3 4 Die Männer, welche das Piquelper Vorhut hatten vorüberziehen und auf die Brücke einbiegen laſſen, ſtürz⸗ ten zum Wagen der Scharfrichter, der dem Piquet folgte, vor, warfen ihn beim Eingang der Brücke um, fügten dieſem die erwähnten zwei Fäſſer der Waſſertröger bei 125⁵ und bildeten ſo eine Art von Barricade, welche für die nun von dem verhängnißvollen Karren getrennten Gendarmen für einen Augenblick unüberſchreitbar war. Während ein Theil der Leute von Charpentier ſo manoeuverirte, überfielen die Anderen gleichzeitig und in Maſſe das Piquet der Nachhut, warfen ſich den Pferden an die Zügel, klammerten ſich an die Beine der Reiter an und hoben mehrere durch dieſen Angriff überrum⸗ pelte Gendarmen aus dem Sattel. Begünſtigt von dieſem erſchrecklichen Tumult und Gemenge blieb der Karren ein paar Minuten ohne Es⸗ corte. Charpentier und Morand, der Fiacrekutſcher, der ſeinen weiten Carrick ausgezogen und ſeinen Wachs⸗ tuchhut vom Kopfe genommen hatte, ſprangen in den Karren und durchſchnitten die Bande von Godefroid; einen Augenblick erſtaunt über die unerwartete Hülfe, denn er glaubte feſt, zum Tode zu gehen, erlangte Gode⸗ froid bald wieder ſeine gewöhnliche Energie und Kalt⸗ und war mit einem Sprunge vom Karren erab. 5„Nimm den Carrick und den Hut von Morand,“ ſprach Charpentier zu dieſem;„folge ihm.. er wird Dir Alles ſagen. Goit befohlen, Bruder.“ „Ich danke, Charpentier,“ erwiederte Godefroid ein⸗ fach, indem er ihm die Hand drückte. In einem Augen⸗ blick hatte er den Carrick angezogen und den Hut des Kutſchers ergriffen, der darunter mit einem Ueberrock betleidet aus ſeiner Taſche eine Mütze nahm, dieſe aufſetzte, ſeinen Arm dem Verurtheilten reichte, ihn raſch zu dem Fiacre fortführte und unter dem Gehen zu ihm ſprach:„Herr Godefroid, Sie werden auf den Bock ſteigen, ich in den Wagen. Fahren ſie raſch bis zur Barriere d'Enfer. Sobald wir außerhalb Paris ſind, halten Sie an. Ich werde Ihnen das Uebrige ſagen.“ Geſagt, gethan. F einigen Secunden kam Godefrvid zum Fiaere; er ſtieg auf den Bock, während Morand in den Wagen ſprang, und mit Hülfe zweier friſcher Pferde erreichte dieſer bald die Barriére d'Enfer. Alles das ging mit einer ſolchen Geſchbindigkeit vor, daß der Fiaere ſchon fern war, als es den Gendar⸗ men vom Piquet der Vorhut mit großer Mühe gelang, den Wagen der Scharfrichter und die zwei Waſſerträger⸗ fäſſer wegzurücken, die ſie dem Piquet der Nachhut, welches ſie angreifen ſahen, zu Hülfe zu kommen verhindert hatten. Dieſe Escorte war übrigens wie durch einen Zauber frei gemacht, als Charpentier, nachdem er mit dem Auge Godefroid und Morand bis zum Eingange der Straße, wo der Fiacre ſtand, gefolgt war, die Bei⸗ den wegfahren ſah und mit mächtiger Stimme ausrief: „Vorwärts!!“ Der Angriff hatte mit ſo viel Uebereinſtimmung ſtattgefunden, die Befreiung von Godefroid hatte ſich ſo raſch bewerkſtelligt, daß unter Begünſtigung des von einem ſolchen Ereigniß unzertrennlichen Tumultes die Vorſtädter, ſich durch eine gedrängte Menge durchwin⸗ dend, auf verſchiedenen Seiten entkamen und ſich einzeln die Einen nach ihren Werkſtätten, die Andern nach ihren Wohnungen begaben; nur zwei oder drei von den Urhebern des kühnen Streiches fielen, verwundet von den Säbeln der Gendarmen, in die Hände von dieſen und wurden zu einigen Jahren Gefängniß verurtheilt. Von Godefroid geführt, kam der Fiaere zu der Barriere d'Enfer und durch dieſe. Morand, der auf dem Vorderſitze des Wagens ſaß, bezeichnete dem improviſirten Kutſcher den Weg, dem er folgen ſollte. Und nach Verlauf von einer halben Stunde kam er auf einen kleinen Weg, der zu einem vereinzelten Hauſe führte, das auf der Ebene von Mont⸗ rouge und in der Nähe eines im Bau begriffenen Steinbruchs lag. Der Steinbrechermeiſter ſtand ſchon lange vor ſei⸗ ner Thüre und rauchte ruhig ſeine Pfeife; ſobald er in 127 der Ferne den Wagen herbeikommen ſah, ging er ihm entgegen und winkte dem Kutſcher, vor einem Haufen von mehreren ungeheuren, kürzlich erſt aus dem Bruche geförderten Steinen zu halten; der Wagen hielt an; während Godefroid vom Bocke ſtieg, hob der Stein⸗ brechermeiſter ein durch Schutt verborgenes Brett auf; es verſtopfte die Mündung von einer Art von Schacht! „Herr Godefroid,“ ſagte der Steinbrecher,„Sie werden ſich durch dieſe Oeffnung hinablaſſen, ſie hat nur ſechs Fuß Höhe; dann hücken Sie ſich und gehen gerade vor ſich hin; der Schein einer Lampe wird Sie leiten; Sie werden Kleider und Erfriſchungen in dieſer Höhle finden. Heute Abend beſuche ich Sie durch einen andern Schacht. Verſchwinden Sie raſch.. Ich erblicke dort Kärrner; man darf nicht wahrnehmen, daß der Fiaere lange hier gehalten hat. Godefroid warf den Carrick und den Hut von Mo⸗ rand von ſich, drückte ihm die Hand und verſchwand durch die Oeffnung des Schachtes.“ „Du, mein Alter,“ ſagte der Steinbrecher zu Mo⸗ rand,„ſteige wieder auf Deinen Bock, während ich den Eingang des Schachtes verbergen will ich ſtehe für Alles. Thue Madame Raymond und ihrem Sohne ſo bald als möglich zu wiſſen, ſie können über Herrn Godefrvid ruhig ſein.. Und unter uns geſagt, er iſt noch mit einem blauen Auge davon ge⸗ kommen..* „Zum Glück find die Freunde da,“ erwiederte Mo⸗ rand, während er haſtig ſeinen Carrick anzog; dann ſtieg er wieder auf ſeinen Bock und rief dem Stein⸗ brecher zu: „Ich will, zu größerer Vorſicht, einen Umweg ma⸗ chen und durch die Barriére des Bonshommes zu⸗ rückfahren, das wird ſicherer ſein. Adieu, Alter.“ „Auf Wiederſehen, Morand,“ antwortete der Stein⸗ brecher, und er war bemüht, den Eingang des Schachtes ſorgfältig unter Schutt und zerbröckelten Steinen zu verkleiden. Als ich alle dieſe Umſtände der Befreiung von Godefroid erfuhr, war ich tief ergriffen von der antiken Einfachheit, mit der dieſe entſchloſſenen Leute, dieſe durch einen gemeinſchaftlichen Glauben verbundenen Männer ſich einander aufopferten, Alles ohne Wort⸗ gepränge, dafür zeugt dieſes heldenmüthig lakoniſche Wort, dieſes Wort von Godefroid an ſeinen Retter, der ihn, unterſtützt von ſeinen Gefährten, einem ſichern Tode entriß: „Ich danke, Charpentier.“ Was ſo Alle für Einen thaten, hätte Einer für Alle gethan, mit derſelben Einfachheit der Aufopferung. Ich begriff nun das ganze Gewicht der Worte von Jean Rahmond, als er, da er mein beinahe verächt⸗ liches Erſtaunen beim Anblick dieſer niedrigen Freunde ſeiner Mutter bemerkte, ſtolz zu mir ſagte, ſolche Freunde ſeien ſelten. Jacques Godefroid, nachdem er vorſichtiger Weiſe ungefähr einen Monat im Verſtecke des Steinbrecher⸗ meiſters geblieben war, brachte ſo die Leithunde der Polizei von der Spur ab und entkam glücklich nach England. Madame Raymond war, zu gleicher Zeit mit ihrem Bruder verhaftet, zu mehreren Jahren Ge⸗ fängniß verurtheilt worden,— wegen Verheimlichung von revolutionären Emblemen und Theilnahme an Auf⸗ reizung zum Umſturz der beſtehenden Regierung,— ein albernes, in allen ſeinen Punkten ungerechtes Urtheil; doch die Behörden der Reſtauration bekümmerten ſich we⸗ nig um die Vernunft und die Gerechtigkeit. Am Tage nach der Befreiung von Jacques Gode⸗ froid holte Charpentier, mit einem Briefe von Madame Raymond verſehen, Jean in Sainte⸗Barbe ab, das dieſer für immer verließ. 129 Ich befand mich damals in der gefährlichſten Pe⸗ riode meiner Krankheit und ſah folglich Raymond vor ſeinem Abgang aus der Anſtalt nicht wieder; ich erfuhr nur von Hyacinthe bei meiner Wiedergeneſung, Jean habe, als er von ihm geſchieden, zu ihm geſagt: „Ich verzeihe Fernand; hätte ich ihn für fähig gehalten, meine Mutter und meinen Oheim aus Bosheit zu denunciren, ſo hätte ich ihn ſich aus dem Fenſier ſtürzen laſſen, oder ich würde ihn ſelbſt hinausgeworfen haben; denn ſein Verrath wäre tauſend⸗ mal ſchändlicher geweſen, als die Angeberei von Le⸗ vaſſeur; dieſer trieb im Ganzen ſein Spionenhandwerk. Fernand hat, wie immer, aus Schwäche, aus Leichtſinn ſchlimm gehandelt. Er flößt mir nur ein verachtendes Mitleid ein.“ „Du mußt ihm verzeihen und ihn beklagen,“ er⸗ wiederte ihm der gute, zarte Hyacinthe.„Du kannſt Dir nicht vorſtellen, was er leidet ſeit dieſem unſeligen Tag; im Delirium des Fiebers ruft er Dich und biktet Dich um Vergebung; er fleht Dich an, er bezüchtigt ſich, er bekennt ſich als unwürdig. Kurz, die be⸗ ſtändige ſchmerzliche Beſchäftigung ſeines Geiſtes iſt, daß er Dich unwillkürlich verrathen habe.“ Bewegt durch die Erinnerung an unſere gegenſei⸗ tige Liebe ſprach hierauf Jean: „So wirſt Du Fernand ſagen, ich beklage ihn und vergebe ihm; Gott ſei Dank, mein Oheim iſt gerettet. Was meine Mutter betrifft, ſo kenne ich ihren Muth, das Gefängniß wird ſie nicht niederbeugen ich hoffe auch einige Stunden jede Woche bei ihr zubrin⸗ gen zu können.“ Jean Raymond erfüllte in der That dieſe fromme Pflicht; bei ſeinem Abgang von Sainte⸗Barbe und nach dem Wunſche ſeiner Mutter, wohnte er bei Char⸗ pentier, einem Manne ohne Bildung, aber von einem en Herzen und einem heldenmüthigen Cha⸗ rakter. Fernand Dupleſſis. 1. 9 Er trieb das Handwerk eines Sattlers, ſeine Frau hatte einen kleinen Obſthandel im Faubourg Saint⸗ Antoine. Durch den Gewerbsfleiß von Beiden und durch einen muſterhaft ſittlichen Lebenswandel erfreuten ſie ſich eines beſcheidenen Wohlſtandes. Sie traten eine von den Stuben ihrer kleinen Wohnung Jean Raymond ab; von da an begab er ſich jeden Tag in die Schule der Künſte und Gewerbe, um hier an den öffentlichen Curſen Theil zu nehmen; am Sonntag brachte er ſeinen Tag im Kerker bei ſeiner Mutter zu, deren Feſtigkeit und Seelenheiterkeit ſich während einer langen Gefangenſchaft nicht einen Augenblick ver⸗ leugneten. So wandte Jean Rahmond die letzten Jahre ſeiner Jünglingszeit dazu an, daß er ſich jeden Sonntag in das Gefängniß ſeiner Mutter begab und an den an⸗ vdern Tagen die Lehrcurſe der Künſte und Wiſſenſchaf⸗ ten mitmachte, die er durch zahlreiche Studien zu ver⸗ vollſtändigen bemüht war. Am Abend kehrte er an den einfachen Herd des Handwerkers zurück, deſſen mäßiges Mahl er theilte. Oft wohnte er am Abend geheimen Verſammlungen bei, beſtehend aus Patrioten des Fau⸗ bourg Saint⸗Antvine, einfachen, ehrlichen, arbeitſamen Leuten, welche ihrem republikaniſchen Glauben treu geblieben, trotz der unſeligen Blendungen des Kaiſer⸗ thums und der unbarmherzigen monarchiſchen Reaction von 1815. Mehrere von dieſen Männern waren mit dem Va⸗ ter von Rahmond bekannt geweſen, mit ihm an die Grenze gezogen, und hatten ſeiner patriotiſchen Stimme im Convent, wo er mit ſeinem Schwager Godefroid auf dem Gipfel der Montagne ſaß, Beifall geklatſcht; Alle ſagten einſtimmig, bei dieſen zwei Schwägern, die ſich zärtlich liebten und ſich zu derſelben Anſicht bekannten, ſei mit dem unbändigſten Muthe die edelſte Seele verbunden geweſen, wie nie vielleicht bei anderen Menſchen. Oft hatten ſie durch ihre glühende, eindrin⸗ 131 gende Beredſamkeit furchtbare Repreſſalien gegen die unverſöhnlichen Feinde der Revolution verhindert. Mit Godefroid am 9. Thermidor verbannt, wie alle die ſtrengen Männer, welche nach ſo vielen Stür⸗ men die Morgenröthe einer allgemeinen Wiedergeburt aufgehen zu ſehen glaubten, kam das Conventsmitglied RNahmond mit ſeiner Frau unter dem Conſulat nach Paris zurück. Schon erſchreckten oder empörten die ehrgeizigen Pläne von Bonaparte die aufrichtigen Re⸗ publikaner; unter dieſen war Arena. Dieſer neue Brutus wollte, wie man ſagt, den neuen Cäſar erdol⸗ chen; wenn das Verbrechen beabſichtigt war, ſo hat doch wenigſtens kein Anfang der Vollbringung ſtattge⸗ funden; dennoch hatte Bonaparte die kalte Barbarei, das Todesurtheil vollſtrecken zu laſſen, das am 30. Ja⸗ nuar 1802(Jahr X. der Republik) nicht nur Arena, ſondern auch ſeine angeblichen Mitſchuldigen Cerachi, Topinv⸗le⸗Brun, Demerville und Diana traf; ſo flelen dieſe fünf Köpfe, welche ein Wort der Milde von Bonaparte hätte retten können. Ein ſechster Kopf ſiel ſpäter, das war der vom Conventsmitgliede Rahmond; das einzige Verbrechen dieſes neuen Opfers war ſein glühender Republikanis⸗ mus und ſeine Verbindung mit Arena. Aber weit entfernt, ihn zur Ermordung von Bonaparte anzutrei⸗ ben, hatte Raymond im Gegentheil ſeinen ganzen Ein⸗ fluß auf ſeinen Freund angewandt, um es zu verſuchen, ihn von dem Morde abzubringen, indem er ihm dieſe Handlung als einen Flecken für die republikaniſche Partei bezeichnete. Zum Unglück für das ehemalige Conventsmitglieb, wurden ſein häufigen Zuſammenkünfte mit Arena be⸗ ſtätigt; nach der Hinrichtung von Letzterem fand man zahlreiche Briefe von Raymond. In dieſer Correſpon⸗ denz ließ er ſeinen Schmerz, ſeine Entrüſtung aus, Frankreich dem erniedrigenden Deſpotismus von Bona⸗ parte, der nicht einmal ſeine veiheiin Pläne verbarg, entgegen eilen zu ſehen; es brauchte nicht mehr, um das ehemalige Conventsmitglied als Mit⸗ ſchuldigen des Verbrechens von Arena, deſſen Loos er ſpäter theilte, betrachten zu machen. Die Verurtheilung zum Tode von Jacques Gode⸗ froid, die Gefangenſchaft von Madame Raymond, das waren die Folgen meiner Unvorſichtigkeit im Collége geweſen. Das erſte und traurige Blatt meines Jüng⸗ lingsalters. XIII. Wir werden zuweilen die Rolle von Fernand Dupleſſis im Verlaufe ſeiner Denkwürdigkeiten einnehmen, aus denen wir den Prolog, welchen man ſoeben geleſen, ausgezogen haben. Ein beträchtlicher Theil der Erzählung von Fer⸗ nand Dupleſſis war den drei Jahren gewidmet, die er zuerſt bei den Pagen des Königs zubrachte, wo er ebenſowohl aus Eitelkeit, als aus Willfährigkeit gegen die Aufforderungen ſeiner Großmutter und des Herrn de la Buſſiöre eintrat; nach den vorhergehenden Ereigniſſen verzichtete er natürlich auf ſein früheres Vorhaben, Jean Raymond in die Schule der Künſte und Gewerbe zu begleiten. Fernand Dupleſſis erzählt auch, wie er, nachdem er bis zur Vollendung ſeines achtzehnten Jahres bei den Pagen geblieben, in eine Compagnie von Gar⸗ des⸗du⸗corps eingereiht wurde. Obgleich der Dienſt bei dieſen bevorzugten Compagnien durchaus nicht ſchwer und die Disciplin entfernt nicht ſtreng 133 war, verließ Fernand Dupleſſis doch nach Verlauf von vier bis fünf Jahren den Militärſtand. Kurze Zeit, ehe er aus dem Dienſte trat, verlor er ſeine Groß⸗ mutter. Bis zu ihrem letzten Augenblicke war ſie der Ausübung der leichten, lockeren Philoſophie treu ge⸗ blieben, in der Fernand erzogen worden, dieſer Philo⸗ ſophie, welche einen ſo unſeligen Einfluß auf ſeinen Charakter und ſeine Zukunft haben ſollte. Herr eines bedeutenden Vermögens nach dem Tode ſeiner Großmutter, überließ ſich Fernand ohne Rückhalt einem Leben des Vergnügens, der Zerſtreuung und des Müßiggangs. Seltſamer Widerſpruch! ſeine erſte Leidenſchaft für Madame Rahmond war nie völlig in ſeinem Her⸗ zen erloſchen, ſelbſt nicht unter den Hinreißungen ſeiner zahlreichen Liebſchaften, welche, was die Wahl und die Menge betrifft, mehr für das glühende Ungeſtüm ſeiner Natur, als für die Zartheit ſeiner Gefühle ſprachen; Fernand wird indeſſen ſpäter, auf eine zurückblickende und ſummariſche Weiſe, wieder zu dieſer Epoche ſeines Lebens kommen. Sehr oft, unter der Ermattung in Folge der leichten oder ephemeren Vergnügungen, erſchien das ernſte und ſanfte Geſicht von Madame Rahmond Fernand als das Ideal der Liebe, das ſeine Jugend geträumt hatte. Erwähnen wir auch, daß er lange und aufrichtig den Verluſt der Freundſchaft von Jean Raymond bedauerte. Da ſie aber ein ganz verſchiedenes Leben führten, ſo trafen ſich die zwei Freunde aus der Knabenzeit mehrere Jahre nicht mehr. Man wird ſpäter ſehen, welches Ereigniß ſie einander wieder näher brachte⸗ Durch dieſelbe Ungleichheit der Exiſtenz hatte Fer⸗ nand Duyleſſis auch ſeit ſeinem Abgange von Sainte⸗ Barbe Hyaeinthe Durand, mit dem er nun bald wieder eſen wird, völlig aus dem Geſichte ver⸗ oren. Wir werden alſo mit ein paar Worten die Ingend⸗ zeit von Fernand Dupleſſis zuſammenfaſſen. 1816, als er ſechszehn Jahre zählte, trat er bei den Pagen des Königs ein, von wo er nach zwei Jahren wieder aus⸗ trat, um bei den Gardes⸗du⸗Corps eingereiht zu werden; nachdem er ein paar Jahre gedient hatte, verließ er, beim Tode ſeiner Großmutter, um das Jahr 1822 den Militärſtand. Von dieſer Epoche bis zu der von 1826, wo wir ihn wiederfinden, war das Leben von Fernand Dupleſſis das eines reichen jungen Mannes, eines guten Tiſch⸗, Duell⸗ und Jagdgenoſſen, willkommen bei den Frauen durch ſein hübſches Geſicht, ſeine Eleganz, ſeinen Lurus und ſeinen liebenswürdigen Geiſt, eines Menſchen, der alle Vergnügungen mißbrauchte, ſeine, obgleich nicht ſtarke, Geſundheit an ſie verſchwendete und im Stande war, mochte es nun Kühnheit oder Schwäche ſein, ſein Leben für die Luſt eines Tages zu wagen, während Fernand doch ganz außerordentlich an der Epiſtenz hing. Ein Zwiſchenraum von zehn Jahren war alſo ver⸗ gangen zwiſchen den in den Denkwürdigkeiten von Fer⸗ nand Dupleſſis mitgetheilten Ereigniſſen und der fol⸗ genden Erzählung, die wir von ihm entlehnen. Gegen das Ende des Monats Juni 1826 begab ich mich zu einer Frau, deren Liebe meinem Stolze beſonders ſchmeichelte. Sie war von hoher Geburt und trug einen Namen von großem, altem Geſchlechte. Es war an dieſem Tage ein herrliches Wetter. Ich durchſchritt um vier Uhr Abends den Tuilerien⸗ Garten, kam vom Faubourg Sainte⸗Honoré und ging zum Pont⸗Royal, in deſſen Nähe ich mein Ca⸗ briolet, das auf mich wartete, wiederfinden ſollte. Als ich die Gruppe der großen Kaſtanienbäume durchſchritt, kam mir der Schatten ſo einladend, ſo kühl vor, daß ich die Stunde eines Rendezvous, obgleich ſie ſchon geſchlagen hatte, ein wenig verſchob, einen von 13⁵ den unter den alten Bäumen zerſtreuten Stühlen nahm und mich an einen wenig beſuchten Ort ſetzte. Nach einigen Augenblicken bemerkte ich in geringer Entfernung und, wie ich, beiſeit ſitzend eine junge Frau, die mir reizend ſchien; ſie las, und auf dem Stuhle, auf den ſie ihre Füße ſtützte, fand ſich neben ihrem Strohhut ein Arbeitskorb, aus dem eine angefangene Stickerei hervorſtand. Die Unbekannte trug ein ſehr einfaches Sommer⸗ fleid von weißem Grunde mit roſa Bouquets, das zum Entzücken eine vollendete Taille umſchloß, ſo weit ich es nach der Haltung der ein wenig vorgebogenen jungen Frau beurtheilen konnte; ich bemerkte auch, bis an den Knöchel entblößt, einen zierlich mit einem braunrothen Schuh mit kleinen Abſätzen bekleideten Fuß, den ſie auf den letzten Stab des Stuhles ſtützte. Von meinem Platze aus ſah ich nur das Profil dieſer einſamen Leſerin; doch dieſes Profil war köſt⸗ lich; dichte Büſchel lebhaft ſchwarzer, glänzender Haare umrahmten es wunderbar; eine kühn gebogene, eben⸗ holzfarbene Braue überragte das auf das Buch nieder⸗ geſchlagene und von langen Wimpern befranſte Augen⸗ lid; zwei kleine Maale, ähnlich zwei Schönfleckchen von ſchwarzem Sammet, von denen eines unten an der Wange, das andere am Winkel einer friſchrothen, von einem braunen leichten Flaum gleichſam überhauchten Lippe, erhöhten die belebte Weiße der Haut. Die Hände waren ſo zart, ſo elegant, daß ich mich entrüſtete, weil ich ſie einen Band durchblättern ſah, der mir nach ſeiner fet⸗ tigen Decke einem Leſecabinet angehören zu müſſen ſchien. Nie iſt übrigens ein auf Velin gedrucktes und in vergoldeten Saffian gebundenes Buch gieriger geleſen worden, als der ſchmutzige Band, von dem ich ſpreche, geleſen zu werden ſchien. Mehrere Male ſah ich eine plötzliche Röthe die weiße Stirne der jungen Frau überſtrömen und ihren 136 Buſen den dünnen Stoff, durch welchen er verſchleiert war, emporheben. Nach einigen Augenblicken legte die Unbekannte das offene Buch auf den Rand des Stuhles, auf den ſich ihre Füße ſtützten, richtete den Kopf auf und warf mit ihrer flachen Hand leicht die dicken ſchwar⸗ zen Haarlocken zurück, welche halb ihre Stirne ver⸗ bargen. Sie ſchien bewegt, unruhig zu ſein; ihre großen, kornblumenblauen, mit Wimpern ſo ſchwarz wie ihre Brauen beſetzten Augen ſchienen zu ſchmach⸗ ten, ihre Wangen ſich purpurroth zu färben und zwei⸗ mal drückte ſie ihr Sacktuch an ihre Stirne, ohne Zweifel, um die leichte Feuchtigkeit, mit der ſie ſich bedeckte, zu trocknen. Der Ort war abgelegen, die Spaziergänger fanden ſich nur ſpärlich oder in der Entfernung. Der Baum, an welchem ich ſaß, verdeckte mich halb; die Unbekannte, die ſich nicht beobachtet glaubte, verbarg auch nicht die ſeltſame Gemüthsbewegung, die ſie empfand, und einer weichen Ermattung nachgebend, verſchlang ſie bald ihre Finger, gab ihnen zum Stützpunkte eines von ihren Knieen, das ein wenig emporgehoben war, und legte ſich ſachte auf die Lehne ihres Stuhles zurück, den Kopf etwas auf ihre Schulter geneigt, die Augen bei⸗ nahe geſchloſſen und in einem Schmachten ſchwimmend, hätte ſie ſich in einem Traume voll Extaſe ver⸗ eſſen. 3 Dieſe Sonderbarkeiten, die ſeltene Schönheit der Un⸗ bekannten, wirkten ſo lebhaft auf meine Einbildungskraft, daß ich, das Rendez⸗vous, welches meiner harrte, opfernd, dieſer jungen Frau zu folgen beſchloß, um zu erfahren, wo ſie wohne; ich ſann auf Mittel, um zu errathen, wer ſie ſein könnte, und ſogar, was für ein Buch es ſei, das ſie mit einer ſolchen Aufregung las. Was den Stand der jungen Frau betrifft, ſo ſetzte ich mit ziemlich viel Wahrſcheinlichkeit voraus, ſie ge⸗ höre zum Kleinbürgerthum, und, wie ſo viele andere 137 Perſonen, bringe ſie jeden Tag ein paar Stunden in den Tuilerien zu, leſe, arbeite hier, führe ein Kind hierher, das ohne Zweifel in der Ferne mit Spielen beſchäftigt ſei; doch ich weiß nicht, warum ich mir ein⸗ bildetet, dieſe Unbekannte müſſe nicht Mutter ſein; ich wünſchte zu erfahren, welches Buch ſie las, und nahm mir epr bezeichnende Schlüſſe aus meiner Entdeckung u ziehen. i6 kam mir ein glücklicher Gedanke. Ich konnte ſowohl den Titel des Buches kennen lernen, als wahrſcheinlich auch ein Geſpräch mit der jungen Frau anknüpfen. Sie war immer noch in ihrer ſchmachtenden, nach⸗ denkenden Haltung; der Band blieb offen auf dem Rande des Stuhles liegen. Ich ſtand ſachte auf, näherte mich, faſt ohne den Sand der Alleen unter meinen Füßen krachen zu machen, und die Unbekannte erwachte auch nicht aus ihrer Träumerei bei dem leichten Stoße, den ich dem Stuhle wie aus Unachtſamkeit gab, ſo daß ich, da das Buch offen zu meinen Füßen fiel, den Titel leſen konnte, indem ich mich bückte, um den Band aufzuheben, welchen ich der Unbekannten, mich über meine Unge⸗ ſchicklichkeit entſchuldigend, zurückgab. Es gibt ſeltſame Verhängniſſe. Dieſes Buch war ein Band von Faublas, eines von den ſchlechten Büchern, das mir zehn Jahre vorher André Levaſſeur gelichen hatte, um eine Ver⸗ bindung mit mir zu ſchließen und mich zu einer un⸗ en aber abſcheulichen Angeberei zu veran⸗ aſſen. Dieſe veinliche Erinnerung bewirkte einen ſo un⸗ geſtümen Umſchlag in meinem Geiſte, daß ich mich, ſtatt ein Geſpräch mit der Unbekannten anzuknüpfen, welche meine Entſchuldigungen äußerſt freundlich auf⸗ genommen und mich ſogar zweimal ziemlich feſt ange⸗ ſchaut hatte, mit tief betrübtem Herzen entfernte. Obgleich lebhaft und ſchmerzlich, denn es erinnerte 5 138 mich an eine unwürdige, oft von mir mit Bitterkeit beklagte Handlung, verſchwand dieſes Gefühl bald vor dem immer tieferen Eindruck, den die junge Frau auf mich gemacht hatte, und ich kam dahin, daß ich es be⸗ dauerte, vielleicht den günſtigen Augenblick, ein Ge⸗ ſpräch mit ihr anzuknüpfen, verloren zu haben. Die Wahl des Buches, das ſie las, gab mir viel zu denken. Hätte es ſich um irgend einen ſentimentalen Roman gehandelt, ſo wäre mein Urtheil über die ſchöne Leſe⸗ rin ein ganz anderes geweſen; aber Faublas leſen, dieſe rohe Theorie der phyſiſchen Liebe, und beſonders in der Einſamkeit leſen, nicht mit der kalten Neugierde, welche einer ehrbaren Frau ein in ſeiner Art klaſſiſches Werk einflößen kann, ſondern ihn leſen mit einer Art von ſinnlichen Berauſchung, in welche mir die Unbe⸗ fannte einen Augenblick verſunken zu ſein geſchienen hatte, das gab mir viel Stoff zum Nachdenken. Und dann, wenigſtens nach der Freiheit, welche die Unbekannte zu genießen ſchien, und nach der Wahl ihrer Lecture zu urtheilen, war dies nicht ein junges Mädchen, es war auch nicht eine von den leichten Frauen, welche in den Tuilerien Begegnungen ſuchen. Die Frauen dieſer Art leſen den Faublas nicht mehr, oder ſie leſen etwas Schlimmeres, als den Faublas; und überdies, die Beſcheidenheit ihres Anzugs, etwas Zurückhaltendes, Verlegenes, als ich ſie anredete, Alles brachte mich auf den Gedanfen, die Unbekannte ſei das, was man eine Kleinbürgerin nennt. Entſchloſſen, zu ergründen, was ich in dieſer Hin⸗ ſicht zu glauben hatte, näherte ich mich nach einigen Gängen in der Allee, dem Orte, wo ich die Unbekannte gelaſſen. Ich ſah ſie an demſelben Platze, immer leſend. Doch plötzlich unterbrach ſie ſich in ihrer Lecture, verbarg haſtig den Band in ihrem Arbeitskorbe, nahm den Streifen Stickerei heraus, den ich bemerkt hatte, 139 und fing an emſig zu arbeiten,— mit niedergeſchlage⸗ nenen Augen, als ob ſie ſich ſeit einiger Zeit durchaus niht um das, was um ſie her vorging, bekümmert ätte. Ich ſah bald einen Mann von ſehr kleiner Ge⸗ ſtalt, deſſen Züge ich nicht unterſcheiden konnte, denn er wandte mir den Rücken zu, ſich der jungen Frau nähern. Dieſe ſpielte die Erſtaunte und nahm die Miene an, als ſähe ſie den Ankömmling zum erſten Mal, während offenbar die Annäherung dieſes Men⸗ ſchen allein den Band von Faublas im Arbeitskorbe der Einſamen verſchwinden gemacht hatte. Unter einigen Worten, die mir auf eine herzliche Weiſe gewechſelt zu werden ſchienen, ſetzte die junge Frau ihren Hut auf, machte ihren Shawl wieder zurecht, und nach einem freundſchaftlichen Kampfe, worin ſie die Ober⸗ hand behielt, blieb ſie Herrin ihres Arbeitskorbes, von dem ſie ihr Gefährte befreien wollte; dann gaben ſich Beide den Arm und wandten ſich nach einer Seite der entgegengeſetzt, wo ich verborgen geblieben war. Der Ankömmlung mußte entweder ein Vater oder ein Ehemann ſein. Um mir hierüber Licht zu verſchaf⸗ fen, und da ich wiſſen wollte, ob mich die junge Frau wiedererkennen würde, beſchleunigte ich meine Schritte, in der Abſicht, die zwei Spaziergänger einzuholen, an ihnen vorüberzugehen ſodann wieder auf meinem Wege umzukehren und ſo meine ungeduldige Neugierde zu be⸗ friedigen. Ich folgte den zwei Perſonen einige Augenblicke; man konnte unmöglich einen ſchlankeren, geſchmeidige⸗ ren, vollendeteren Wuchs und beſonders einen wollüſti⸗ geren Gang ſehen, als den dieſer Unbekannten. Der Mann, dem ſie den Arm gab, war ſehr ſchwächlich und klein, denn ſie überragte ihn um den ganzen Kopf, und beſcheiden gekleidet; ich ging an ihnen vorüber, dann nach einigen Schritten drehte ich mich um, fam ihnen entgegen und ſuchte einen — 140 Blick der Unbekannten zu erhaſchen; plötzlich ließ ihr Gefährte den Arm los, den ſie ihm gab, blieb ſtehen und machte dann raſch einige Schritte gegen mich. Ich ſchaute ihn aufmerkſamer an und erkannte.. Hyacinthe Durand, mit dem ich ſeit meinem Abgange von Sainte⸗Barbe nicht mehr zuſammengetroffen war. XIV. „Fernand!“ „Hyacinthe!“ Das waren die Ausrufungen, die wir einander die Hand drückend wechſelten. Große Thränen rollten in den Augen von Hyaeinthe. Sein ſanftes, trotz ſeines Alters noch bartloſes Ge⸗ ſicht bewahrte ſeinen ſchüchternen und zugleich lieb⸗ reichen Ausdruck von ehemals. Er war ſeit ſeinem Abgang aus dem Collége kaum gewachſen und ſah minder ſchwächlich aus, als in der vergangenen eit. „Welcher glückliche Zufall führt uns nach ſo vielen Jahren zuſammen?“ ſagte ich zu ihm. „Ja es iſt wahr es iſt der Zufall,“ er⸗ wiederte mir Hyaeinthe im Tone freundſchaftlichen Vorwurfs...„Es bedurfte des Zufalls, daß wir zu⸗ ſammentrafen.“ „Ich verſichere Dich, das iſt nicht meine Schuld,“ verſetzte ich, wahrhaft beſchämt durch mein undankba⸗ res Vergeſſen.„Ich wartete immer auf Deinen Beſuch. Du weißt, daß ich Dir bei meinem Abgange von Sainte⸗Barbe. die Adreſſe meiner Großmutter und die des Hotels der Pagen zurückgelaſſen habe.“ „Biſt Du verrückt?“ ſagte Hyacinthe lächelnd. „Was denkſt Du! ich.. Dich im Hotel der Pagen 14¹ des Königs beſuchen... mich unter dieſe glänzenden, muthwilligen Vögel wagen? ſchüchtern, wie ich war, wie ich es immer bin? Erinnere Dich doch, daß ich Dich, als wir uns verließen, nur um Eines gebeten habe: Du möſchteſt, mich im Collége beſuchen, wenn Du nichts Beſſeres zu thun hätteſt, und einige Briefe mit mir zu wechſeln... Ich habe mich beeilt, Dir zu ſchreiben, Du haſt mir zwei⸗ oder dreimal geantwortet, und dann nichts mehr, abſcheulicher Gleichgültiger!“ Aber Hyacinthe unterbrach ſich und ſagte, indem er ſich auf die Seite ſeiner Gefährtin wandte: „Dieſe Erinnerungen vom Collége laſſen mich ver⸗ geſſen, daß ich Dir meine gute, liebe Frau nicht vor⸗ geſtellt habe.. Ich verbeugte mich tief. Madame Durand erwiederte meinen Gruß errö⸗ thend, während Hyaeinthe mit einer ſanften Rührung zu ihr ſagte: „Ceſarine, das iſt Fernand, von dem ich ſo oft mit Dir geſprochen; Fernand, der Einzige, der in Sainte⸗Barbe Mitleid mit meiner Schwäche gehabt... Der Einzige, der mich vertheidigte... Der Erſte der mich geliebt hat. Er mag auch machen, was er will, der Undankbare, ich werde ihn nie vergeſſen, ich habe ihn nie vergeſſen; ich nehme Dich zum Zeugen, Ceſarine.“ „Das iſt wahr, mein Freund,“ antwortete die junge Frau mit einer ſanften, aber hellklingenden, vibrirenden Stimme, wie es die Altſtimmen ſind. „Sehr oft haſt Du mit mir von der Freundſchaft von Herrn Fernand für Dich geſprochen.“ Dann wandte ſie ſich um und fügte bei: „Es iſt Ihnen leicht geweſen, Hyacinthe zu lieben er iſt ſo gut, ſo anbetungswürdig gut.. nicht wahr, mein Herr?“ Ich kann nicht wievergeben, mit welchem Tone von Aufrichtigkeit, mit welchem Ausvruck von reiner Zärt⸗ 142 lichkeit, von inniger, überſtrömender Dankbarkeit die junge Frau die letzten der von mir angeführten Worte ſprach, welche ihre Ergebenheit für Hyacinthe bewieſen. Es ſehlte mir nicht an Scharfſinn; ich war(mit Recht) überzeugt, daß die Frau meines Freundes eine tiefe Zuneigung für ihn empfand. Ich wunderte mich nicht hierüber; aber ich begriff nicht mehr, daß eine ſolche Frau mit ſo glühendem Eifer Faublas leſen konnte. Dieſe Betrachtungen hatten ſich meinem Geiſte mit der Geſchwindigkeit des Gedankens geboten; ich antwortete auch Madame Durand auf ihre letzten Worte an⸗ 3 ſpielend: „Es iſt die anbetungswürdige Gutherzigkeit von Hyacinthe, Madame, was mir ſeine Freundſchaft ſo theuer gemacht hatte, und dieſe unausſprechliche Gut⸗ 3 herzigkeit, deſſen bin ich ſicher, wird mir, nicht mein Vergeſſen, aber meine Nachläſſigkeit verzeihen.“ „Ich verzeihe Dir,“ erwiederte Hyacinthe lächelnd, „doch unter der Bedingung, daß Du Dich beſſerſt und es nicht verachteſt, zuweilen die kleine Haushaltung eines beſcheidenen Angeſtellten mit achtzehnhundert Fran⸗ ken zu beſuchen.“ „Hyacinthe, wenn Du im Ernſte ſprächeſt, würdeſt Du mich betrüben.“ „Und darüber wäre ich troſtlos, mein lieber Fer⸗ nand, beruhige Dich; obgleich Du, für uns Kleinbür⸗ ger, ein ſehr vornehmer Herr biſt,— bei meiner Treue, ich bin überzengt, daß Du die Mittelmäßigkeit Deiner Freunde nicht fliehen wirſt; überdies genügt ihnen dieſe Mittelmäßigkeit.. Was ſage ich, die Mittelmäßig⸗ keit?“ fügte Hyacinthe lächelnd und mit einer Miene 1 triumphirenden Befitzes umherſchauend bei:„beſitzt un⸗ 3 ſere Mittelmäßigkeit nicht einen herrlichen Garten, ge⸗ 3 ſchmückt mit Statuen, Baſſins und Blumen? „Man nennt ihn den Tuilerien⸗Garten ich nenne ihn den Garten von Ceſarine, weil ſie ſich bei⸗ 143 nahe jeden Tag in denſelben ſetzt, um mich zu erwar⸗ ten, wenn ich von meinem Bureau im Miniſterium des Innern weggehe. Hat unſere Mittelmäßigkeit nicht auch bewunderungswürdige Muſeen aller Art, gepflegt, un⸗ terhalten für das Vergnügen von Ceſarine und mir, wo wir des Sonntags belehrende, köſtliche Spaziergänge machen? Hat unſere Mittelmäßigkeit nicht ihre große Oper, ihr Téätre⸗Frangais, ihre kleinen Theater, die wir zuwei⸗ len mittelſt der Billets, welche man wir in meinem Miniſterium gibt, mit unſerer Gegenwart beehren? Was Dir beweiſt, Fernand, daß trotz ihrer Mittel⸗ mäßigkeit Deine Freunde fürſtliche, königliche Genüſſe haben, deren Honneurs wir Dir machen werden, wann Du willſt.. „Und Sie werden es geſchwinde annehmen, mein Herr?“ ſagte Madame Durand zu mir.„Wenn Sie wüßten, und Sie müſſen es wiſſen, wie intereſſant Hya⸗ einthe zu hören iſt: ſo, zum Beiſpiel, haben wir am letzten Sonntag das Artillerie⸗Muſeum beſucht, das wir nicht kannten. Das ſcheint ſehr ernſt, ſehr kriegeriſch für eine Frau, und dennoch hat mir Hyaeinthe ſo viele wiſſenswerthe Dinge über die Geſchichte der Waffen und Rüſtungen mitgetheilt, daß wir in dieſem Muſeum drei äußerſt intereſſante Stunden zubrachten.“ „Madame, Sie erregen in mir zugleich Bedauern und Hoffnung,“ erwiederte ich;„Sie werden mir auch erlauben, an einem Ihrer nächſten Ausflüge Theil zu nehmen?“ „Alles dies iſt ſehr gut,“ ſagte Hyaeinthe heiter, „doch um über den Tag der Partie übereinzukommen, muß man ſich wenigſtens ſehen! Wann wirſt Du uns nun beſuchen, Fernand?.. Ah! ah! nun biſt Du in der Enge?“ „Ich werde ſo bald als möglich kommen!“ „Morgen?“ „Vortrefflich... morgen, um welche Stunde?“ „Wenn Du kannſt, komm um acht Uhr nach Dei⸗ nem Mittagsmahle, wir werden Dich erwarten.“ 144 „Hyaeinthe, ich bin anſpruchsvoller.“ „Wie ſo?“ 3 „Madame Durand, deſſen bin ich ſicher, wird wohl gütigſt begreifen, daß alte Freunde, wie wir, über eine Menge von Dingen zu plaudern haben, welche, wie ich befürchte, ohne Intereſſe für ſie wären. Ich komme alſo morgen früh, um lange mit Dir zu plaudern, was mich, wenn mir Madame dieſe Gunſt geſtattet, nicht abhalten wird, am Abend wiederzukommen.“ „Madame wird Dir dieſe Gunſt geſtatten,“ erwie⸗ derte Hyaeinthe lächelnd,„und ich, ich erwarte Dich ſchon am Morgen.. Doch komm frühzeitig, denn ich muß vor zehn Uhr auf meinem Bureau ſein.“ So plaudernd, waren wir bis zu dem Gitter ge⸗ kommen, das nach dem Pont⸗Royal geht, wo ich Hya⸗ einthe und ſeine Frau verließ. XV. Ich blieb lange unter dem ſanften Einfluß meines Zuſammentreffens mit Hyaeinthe. Obgleich ſeit ge⸗ raumer Zeit vergeſſen unter dem Wirbel von Vergnü⸗ gungen, der mich fortriß, contraſtirte dieſe naive und zarte Freundſchaft ſo ſehr mit den alltäglichen, ober⸗ flächlichen oder eigennützigen, in der Welt, in der ich lebte, ſo häufigen Verbindungen, daß ſie friſch und rein, wie eine der beſten Gemüthsbewegungen meiner Jüng⸗ lingsjahre, in mein Herz zurückkehrte. Lange in dieſe Betrachtungen verſunken, dachte ich Anfangs nicht an die Frau von Hyaeinthe; doch all⸗ mälig und gleichſam unwillkürlich mich die Erinnerung an ſie ganz und gar; in der Nähe geſehen, — 145⁵ fand ich ſie noch viel ſchöner, als ich es vermuthet hatte: es war vornehmlich, ich geſtehe es, die wün⸗ ſchensbertheſte Frau, die ich je gekannt. Ich dachte nicht nur an ihre ſeltene Schönheit, ſondern auch an die ſonderbaren Wiberſprüche, deren Ge⸗ heimniß ich vergebens zu ergründen ſuchte. So hegte ſie, ich konnte es nicht bezweifeln, die zärtlichſte Zuneigung für ihren Mann, und dennoch hatten ſich ihre am Anfang meines Geſpräches mit Hyaeinthe niedergeſchlagenen großen Augen zwei oder dreimal auf die meinigen mit einer Sicherheit geheftet, welche entweder der höchſte Grad von Dreiſtigkeit oder von Treuherzigkeit ſein mußte. Treuherzigkeit, konnte ich es glauben? Sie las den Faublas hinter dem Rücken ihres Mannes. Und dennoch bezeichnete das, was ſie mir über ihre Ausflüge in die verſchiebenen Muſeen von Paris geſagt hatte, eine gewiſſe Feinheit des Geſchmacks. Soll ich es endlich ſagen, die Phyſtognomie von Ce⸗ ſarine, welche als Typus für die Venus Aphrodite hätte dienen können, kam mir mehr ſinnlich als ver⸗ ſtändig vor; vertraut mit dem erhabenen Geiſte, mit dem außerordentlichen Zartgefühl von Hyaeinthe, fragte ich mich auch(ſollten meine Muthmaßungen gegründet ſein), durch welchen andern Contraſt dieſe Heirath ſtatt⸗ gefunden habe: ein eben ſo auffallender Contraſt aus dem materiellen, wie aus dem moraliſchen Geſichts⸗ punkte. Ceſarine ſtellte für mich, ich wiederhole es, den Typus der glühenden, leidenſchaftlichen Schönheit in der Kraft der Jugend und einer ſtrotzenden Geſund⸗ heit vor; Alles, bis auf den ſonoren, männlichen Ton ihrer Altſtimme, trug zu dem bei bieſem großen und bewun⸗ derungswürdigen Geſchöpfe ſo ausgezeichneten Charakter phyſiſcher Macht bei; während Hyaeinthe, ſchwächlich, beinahe kränklich, eine von den nervöſen, impreſſiona⸗ beln, wahrhaſt empfindlichen Naturen war, die nur durch den Geiſt und das Herz leben. Fernand Dupleſſis. 1. 10 146 Wie hatten ſich dieſe zwei ſo unähnlichen Orga⸗ niſationen verbunden? Wie ſchienen ſie beſonders ſo vollkommen glücklich durch dieſe Verbindung? Die Begierde, dieſes Geheimniß zu ergründen, machte, daß ich mit Ungeduld auf meine Zuſammen⸗ kunft am andern Tage mit Hyaeinthe wartete, und Ce⸗ ſarine, ich geſtehe es, durchſchwebte in der Nacht häufig meine Träume im ganzen Strahlenglanze ihrer Jugend, ihrer beranſchenden Schönheit. Ich war pünktlich beim Rendez⸗vous meines Freundes. um acht Uhr des Morgens befand ich mich bei ihm. Er wohnte im vierten Stocke eines in der Rue du Bac, ganz nahe bei ſeinem Miniſterium, liegenden Hauſes; ich klingelte, als ich ankam; eine ſchlecht ge⸗ kleidete alte Magd öffnete mir die Thüre. Ich durchſchritt ein dunkles kleines Speiſezimmer und trat in einen beſcheiden meublirten Salon ein, in welchem die beklagenswertheſte Unordnung herrſchte: Kleider, ein Shawl und Unterröcke lagen zerſtreut auf dem Hausgeräth und dem Boden umher; einige Töpfe mit halbverwelkten Blumen ſtanden auf dem Kamin. Ich ſah auf einem alten Klavier ein Glas, eine Flaſche und einen Teller, noch etwas Obſt und hartes Brod enthaltend, neben einem hübſchen Damenhut und, allerdings ſehr friſchen, ſehr zierlichen, aber ſonderbar † hierher geſtellten Stiefelchen. Die, einſt weißen, Vor⸗ ½ hänge hatten eine rothgelbe Farbe angenommen und waren an mehreren Stellen zerriſſen. Nie, mit einem Wort, hatte mir das Bild der Un ordnung und der Fahrläſſigkeit auffallender geſchienen Dieſes traurige Gemälde beklomm mir das Her und ſetzte mich ſehr in Erſtaunen; ich erinnerte mich, daß im Collége Hyaeinthe außerordentlich für das Wenige, was er beſaß, Sorge getragen hatte; ſei Pult und ſeine Barake, ſtatt wie ſo viele ander wahre Kapernaums voll von den verſchiedenartigſten, durcheinander aufgehäuften Gegenſtänden zu ſein, waren Muſter von Ordnung und Einrichtung. Ich erwartete alſo bei ihm eine von jenen beſcheidenen Haushaltun⸗ gen zu finden, deren Reiz und Luxus eine ausgezeich⸗ nete Reinlichkeit iſt; meine Erwartung wurde völlig getäuſcht; dieſe Täuſchung gab mir eine ſchlimme Mei⸗ nung von Ceſarine; ich begriff, daß ſie lieber ihre Tage unter dem kühlen Schatten der Tuilerien zubrachte als in einer ſo vernachläſſigten Wohnung lebte. Nach einigen Augenblicken kam Hyacinthe zu mir, er empfing mich mit ſeiner gewöhnlichen Herzlichkeit und ließ mich in ſein Arbeitscabinet eintreten. Dieſes Stübchen war, obgleich eben ſo beſcheiden meublirt, als die übrige Wohnung, wunderbar reinlich und in Ordnung gehalten, der Boden ſah blank und glänzend aus, friſche Vorhänge zierten die Fenſter. Die auf ihren grau angemalten Fachbrettern ſymmetriſch an⸗ einander gereihten Bücher von Hyacinthe boten dem Blicke nicht ein einziges Körnchen Staub; auf dem Arbeitstiſche endlich, der mit einem offenbar von einer Frauenhand geſtickten tuchenen Teppich bedeckt war, be⸗ merkte ich in einem Topfhalter von ländlicher Form einen blühenden Roſenſtock. Dieſer Contraſt mit dem unordentlichen Ausſehen des Salon fiel mir ſo ſehr auf, daß ich mich nicht ent⸗ halten, konnte zu Hyacinthe zu ſagen:„Wie mußt Du Dir in dieſem hübſchen, ſo zierlich geordneten Stüb⸗ chen gefallen?“ „Nicht wahr!“ erwiederte Hyacinthe lächelnd. „Und Du wirſt begreifen, daß ich mir doppelt darin gefalle, wenn Du erfährſt, daß es Ceſarine iſt, die Alles hier in Ordnung hält; ſie räumt meine Bücher auf und ſtäubt ſie ab, kurz, ſie beſorgt dieſe ganze kleine Wirthſchaft ſelbſt, ohne Hülfe annehmen zu wollen; ich mochte mich immerhin gegen meinen Tyrannen em⸗ pören, ich mußte nachgeben; aber,“ fügte bei, indem er mich bei den Händen ergriff,„nun biſt Du endlich da ich habe kaum geſchlafen, weil ich im⸗ mer an unſere Zuſammenkunft heute früh denken mußte. Was willſt Du, ſo ſehr ich jetzt an das Glück gewöhnt bin... Ueberraſchungen wie die geſtrige regen uns nothwendig immer ein wenig auf.“ Das Glück ſtrahlte wirklich in den Zügen von Hyaeinthe. „Mein Freund,“ ſagte ich zu ihm,„Du biſt alſo glücklich, ſehr glücklich?“ „Ja Oh! ja, Fernand, ſehr glücklich.“ „Ich glaube es, mein Freund, eine getheilte Zu⸗ neigung iſt eines der höchſten Güter.“ „Und dieſes Gut, wir beſitzen es, Fernand. Ich vergöttere meine Frau.“ Und er fügte mit einem rührenden Ausbrucke bei: „Das iſt ganz natürlich. ſie war ſo ſehr zu beklagen. als ich ſie heirathete.“ „Deine Frau?“ „Oh! mein Freund, das arme, theure Geſchöpf hat ſo viel, ſo viel gelitten, daß das beſcheidene Lvos, wel⸗ ches ich meiner Frau bieten konnte, der Gipfel der Glückſeligkeit für ſie iſt, wenn ich nach der bezaubernden, zärtlichen Fürſorge urtheile, mit der mich ihre Dank⸗ barkeit umgibt.“ „Und warum hat Deine Frau ſo viel gelitten?“ „Vernimm mit zwei Worten die Geſchichte meiner Heirath, Fernand: bei meinem Abgang aus dem Col⸗ lége bin ich als Ueberzähliger in die Kanzlei vom Mi⸗ niſterium des Innern eingetreten; als ich volljährig wurde, ſetzte mich mein mürriſcher Vormund in den Befitz meines kleinen Vermögens, das in einer Einſchrei⸗ bung von fünfzehnhundert Franken Rente beſtand; das war, wie Du ſiehſt, ſehr mäßig. Ich bewohnte ein kleines Zimmer in einem ſchlecht meublirten Hotel der Rue Mazarine, das einer Witwe Namens Ma⸗ dame Robin, der Stiefmutter von Ceſarine, gehörte; 149 Dieſe Madame Robin war die eingefleiſchte Bosheit und Grobheit; füge dem bei, daß ſie ſich häufig be⸗ trank, und beurtheile die grauſame Eriſtenz von Ce⸗ ſarine, ihrer Stieſtochter, welche dieſe Megäre haßte. Ihre Wohnung war auf demſelben Boden wie mein Zimmer; oft hörte ich das Schreien und Schluchzen von Ceſarine, welche von ihrer Stiefmutter, die der Wein oft wüthend machte, geſchlagen wurde.“ „Das war ja ein Ungeheuer, dieſes Weib„ „Ja, ein Ungeheuer, und das Leben von Ceſarine war eine Hölle; Du weißt, wie ſehr mir der Anblick von Schlägereien im Collöge Schmerz und Schrecken einflößte; nun! mein lieber Fernand, völlige Verwand⸗ lung!“ fügte Hyaeinthe bei.„Wenn ich dieſe Megäre ſo grauſam ihre Stiftochter mißhandeln ſah, ward ich, der Schüchterne, der Schwächliche, ein Held, ein Cäſar.. Mehr als einmal(das Glück der Waffen iſt unbeſtän⸗ dig), wurde ich ſogar ſchimpflich geprügelt von dieſer abſcheulichen Robin, wenn ich mich zwiſchen ihr und ihrem Opfer in's Mittel ſchlagen wolite. Doch meine Niederlage entflammte nur meinen Muth! Du ſiehſt, was es heißt für die gute Sache kämpfen.“ „Guter, wackerer Hyacinthe... „Glaube nicht, als ich mich ſo zum Paladin, zum Ritter der unterdrückten Schwäche gemacht, habe ich einen verliebten Hintergedanken gehabt.. Rein, nein. Die Ungerechtigkeit und Grauſamkeit empörten mich nur; eines Tags endlich, als ich abermals vermittelte, Madame Robin zu beſchwichtigen und ihr die Grau⸗ ſamkeit ihres Benehmens gegen Ceſarine ſühlbar zu machen ſuchte, ſagte ſie auf eine ſpitzfindige Art zu mir:„„Nun, da Sie ſich ſo ſehr für meine Stieftoch⸗ ter intereſſiren, ſo übernehmen Sie Ceſarine, befreien Sie mich von ihr, heirathen Sie ſie; ich werde ihr eine Ausſteuer liefern, das iſt Alles, was ich thun kann.““ Ich erzählte Dir ſo eben, mein lieber Fer⸗ nand, der Kummer und das Leiden von Ceſarine haben mir ein zartes Mitleid für ſie eingeflößt, aber keine Liebe. Siehſt Du, ich hatte zu viel geſunden Verſtand hiefür, zu viel Bewußtſein, um mich zu verlieben, mein armer Fernand.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ceſarine war zu ſchön.“ „Daß Du ſie lieben konnteſt?“ „Allerdings.“ „Hyacinthe, ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich ſehe es, mein Freund. Höre mich alſo. Schwächlich, ohne äußere Vorzüge, bin ich nur von Werth durch das Herz; eine Zuneigung iſt auch ein gebieteriſches Bedürfniß für mich. Ehe ich Ceſarine kennen lernte, war mein Traum, ein ſanftes, demüthi⸗ ges Weſen zu heirathen, das nicht gerade häßlich, aber auch nicht ſchön genug, um mit mir einen beinahe pein⸗ lich anzuſchauenden Contraſt zu bilden.“ 6 was denkſt Du! Du ſprichſt nicht im rnſte!“ 5 „Ich ſpreche ſehr im Ernſte, Fernand; meiner An⸗ ſicht nach find die Anmuth und die Schönheit auch Reichthümer, und in dieſem Sinne gibt es grauſam mißverhältnißmäßige Heirathen; ein Mann wie ich, zum Beiſpiel, der eine ſo bewunderungswürdige Frau wie Ceſarine heirathet, befindet er ſich nicht in derſel⸗ ben Lage wie ein armer Mann, der eine ungeheuer reiche Frau heirathet? Man gibt ihm Alles, er gibt nichts; wenn er aber nur ein wenig mit einer zarten Seele begabt iſt, hat er auch das Bewußtſein der Niedrigkeit ſeiner Stellung, ſo und er ſucht ſie durch Dankbarkeit und Ergebenheit gegen diejenige, welche wohlwollend zu ihm herabgeſtiegen iſt, in ein Gleichgewicht zu bringen.“ „Oh! glaube mir, Hyaeinthe, derjenige, welcher in eine ſolche Verbindung ein Herz wie das Deinige bringt, gleicht das phyſiſche Mißverhältniß, von dem Du ſprichſt, mehr als aus.“„ „Nein, Fernand, ich täuſche mich nicht... Ueber⸗ dies kommi das Herz meiner Frau dem meinigen we⸗ 151 nigſtens an Werth gleich; ich verdanke ihr alſo dabei noch die Augenblicke einer nicht zu beſchreibenden Ex⸗ taſe, wenn ich ſtillſchweigend, geſammelt, mit einer Art von Anbetung die blendende Schönheit dieſer jun⸗ gen Frau betrachte, die ſich an mich gefeſſelt hat.. Dann, ich geſtehe es Dir, empfinde ich zuweilen eine unbeſtimmte Bitterkeit, beinahe einen Gewiſſensbiß. Ja, dieſer Beſitz ſcheint mir ungerecht. Verdanke ich ihr nicht Entzückungen, welche ſie nie theilen wird? Und dennoch glaube ich, fühle ich, daß ich ſterben würde, wenn ich auf Ceſarine verzichten müßte... Du wirſt mich nun fragen, warum ich ſo denkend meine Frau geheirathet habe?“ „Die Liebe und die Vernunft werden Deine, unter uns geſagt, ſehr übertriebenen Bedenklichkeiten über⸗ wunden haben.“ „Höre, mein Freund, was geſchehen iſt: Die Stiefmutter von Ceſarine dachte ſpäter über die Worte nach, die ihr in einem Augenblick des Zorns entſchlüpft waren, als ſie mir den Vorſchlag machte, ſie von ihrer Stieftochter zu befreien; eines Tags hatte dieſe ab⸗ ſcheuliche Megäre die Niederträchtigkeit, zu mir zu ſagen:„„Wollen Sie, ja oder nein, Ceſarine heirathen? Sie werden mir einen Dienſt leiſten und ein gutes Werk thun; ich haſſe das Mädchen, und dieſer Haß wird immer ſchlimmer; früher oder ſpäter wird Ceſa⸗ rine auch, wie ſie mir ſchon gedroht hat, aus meinem Hauſe entlaufen. Sie iſt achtzehn Jahre alt, hat keinen Sou im Vermögen, verſteht kein Gewerbe, iſt abſcheu⸗ lich faul; denn ihr verſtorbener Vater hat ſie dummer Weiſe als Fräulein erzogen. Sie wiſſen, wie ſchön ſie iſt. Ein ſchönes achtzehnjähriges Mädchen aber, das faul iſt, keinen Sou im Vermögen hat, kein Gewerbe verſteht und nicht weiß, wo es ſchlafen gehen ſoll, ſin⸗ det am Ende immer ein Bett.. Sie begreifen mich, Herr Durand?““ „Das iſt abſcheulich!“ rief ich. 152 „Ja, Fernand, ſo abſcheulich, und leider ſo wahr, daß ich bei dem Gedanken an die ſchmähliche, viel⸗ leicht gräßliche Zukunft, der dieſes junge Mädchen aus⸗ geſetzt ſein konnte, von einem tiefen Erbarmen ergriffen wurde. Ich antwortete indeſſen dieſer ſchändlichen Ro⸗ bin:„Einmal würde mich Mlle. Ceſarine ohne Zweifel nicht zum Manne haben wollen; ſodann bin ich arm, ich beſitze nur eine Rente von fünfzehnhundert Franken; ſpäter allerdings, wenn ich vom Ueberzähligen zum Angeſtellten übergehe, werde ich ohne Zweifel einen Platz von demſelben Einkommen erhalten.“ Madame Robin ließ mich nicht endigen und erwiederte:„„Meine Stieftochter würde ſich mit dem großen Teufel der Hölle verheirathen, um meinen Klauen zu entgehen. Denn was die Abneigung betrifft, ſo bezahlen wir uns mit gleicher Münze. Ceſarine iſt da, ich will ſie Ihnen ſchicken.“ Durch ihre Stiefmutter von der Möglich⸗ keit einer Heirath in Kenntniß geſetzt, kam Ceſarine in der That nach einigen Augenblicken zu mir gelaufen. Ihre erſten Worte, die ſie mit einem Ausdrucke von Glück und unſäglicher Dankbarkeit ſprach, waren die folgenden:„„Sollte es wahr ſein, mein Herr, Sie würden einwilligen, mich zu heirathen, ich würde der Hölle, in der ich lebe, entkommen!““ Hierauf zerfloß ſie in Thränen, faltete die Hände und rief:„„FIch flehe Sie an, haben Sie Mitleid mit mir, verlaſſen Sie mich nicht.““ „Armes Mädchen.. „Meine Thränen floßen auch, das verſichere ich Dich, Fernand; dann ſprach ich vernünftig mit Ceſa⸗ rine; ich war bemüht, ſie die Zukunft ohne Illuſton in's Auge faſſen zu laſſen, um uns Beiden ſchmerzliche Täuſchungen zu erſparen; ich ſagte ihr, mit ihren achtzehn Jahren, mit ihrer Schönheit könne ſie mich nicht lieben; unſere Exiſtenz wäre eine äußerſt beſchei⸗ dene; ich würde übrigens darnach trachten, durch Herz und Zärtlichkeit die Vorzüge, die mir fehlen, zu erſetzen. Ceſarine unterbrach mich und rief mit einem ſo über⸗ zeugten Ausdruck, daß mein Zögern aufhörte:„„Wie, ich ſollte Sie nicht lieben.. bis zur Anbetung, Herr Hyacinthe.. Sie.. Sie, der Sie ſanft und gut find wie ein Engel. Sie, der Sie mich der Hölle, in der ich lebe, entziehen würden! Ich ſollte Sie nicht lieben! Sie glauben alſo, ich ſei ohne Herz und Seele?““ Ich ſage Dir, Fernand, ich hatte nicht mehr den Muth, zu zögern; ein Gefühl tiefen Mitleids machte mich meinem erſten Entſchluß ungetreu. Ich heirathete Ce⸗ ſarine... Leider,“ fügte Hyhacinthe lächelnd bei,„lei⸗ der ging ich auch noch von einem andern Entſchluß ab.. ich hatte die Keckheit, verliebt zu werden aber wahnſinnig verliebt in meine Frau, und abgeſehen von einigen kleinen Gewiſſensbiſſen, von denen ich Dir ge⸗ ſagt habe, macht mich dieſe Liebe zum glücklichſten Men⸗ ſchen. Ceſarine zeigt ſich ſehr zufrieden mit ihrem Looſe; ſie gibt mir jeden Tag Beweiſe von der Auf⸗ richtigkeit ihrer Zuneigung; in den zwei Jahren un⸗ ſerer Ehe hat ſich endlich nicht die leichteſte Wolke zwiſchen uns erhoben. Ich ſage Dir auch, ich bin glücklich, aber ſo glücklich, wie ich es nicht zu werden hoffen konnte,“ fügte Hyaeinthe mit Thränen in den Augen bei.„Du weißt es beſſer, als irgend Jemand, Fernand, ich ſchien nicht für das Glück geboren.“ „Theurer Hyacinthe! welche Freude bereiteſt Du mir, indem Du ſo ſprichſt! Warum ſollteſt Du übrigens ic glücklich ſein! Deine Frau iſt eben ſo gut als i „Ohl ja, gut, vortrefflich! Wenn Du wüßteſt, wie ſich ſeit unſerer Verheirathung ihr Geiſt gebildet, wie ſc ihr Verſtand entwickelt, ihr Geſchmack geläutert ha 6 „Ich glaube es gern, mit einer Erziehung, wie „Die Arme! ihr Geiſt war unangebaut; allmälig hat er ſich geöffnet, aufgeklärt.. Wenn 154⁴ Du Sie kennen lernſt, wirſt Du ſehen, mit welchem natürlichen Zauber, mit welchem geſunden Verſtande ſie begabt iſt. Befürchtend, ſie könnte ſich während meiner täglichen gezwungenen Abweſenheit langweilen, denn ich gehe um zehn Uhr von hier weg, um erſt um vier Uhr zurückzukehren, befürchtend auch, unſere unter vier Augen zugebrachten Abende könnten langweilig für Ceſarine ſein, gab ich ihr den Rath, ſich mit den Frauen von einigen meiner Bureankameraden zu ver⸗ binden, ſie am Abend hier zu verſammeln und ſich ſo eine kleine Geſellſchaft wackerer Leute von einer der unſern gleichen Lage zu bilden. Ceſarine wies mich zurück und ſagte: „Wozu ſollen neue Bekanntſchaſten nützen? ich bringe meine Zeit vortrefflich zu. Ich ſtehe ſpät auf, ich ſtelle die Ordnung in Deinem Stübchen wieder her, das beluſtigt mich; dann, wenn das Wetter ſchön iſt, ſetze ich mich in den Tuilerien⸗ Garten, arbeite oder leſe, in Erwartung der Stunde, wo Du Dein Bureau verläſſeſt; Du holſt mich ab, wir machen einen kleinen Spaziergang, wir kehren nach Hauſe zurück, nach dem Mittagsbrode führſt Du mich oft ins Theater, oder Du lieſeſt mir Bücher vor, die mich intereſſiren und belehren; ich langweile mich ganz und gar nicht: ſetzen wir dieſes Leben fort, da es uns Beiden gefällt.“ Und wir ſetzen es fort, mein lieber Fernand; Ceſarine liebt das Theater ungemein; da dies eine für eine kleine Börſe wie die unſere ziemlich koſtſpielige Unterhaltung iſt, ſo habe ich es ſo eingerichtet, daß ich einige Redactionsdienſte einem Unterchef des Bureau der Theater in meinem Miniſte⸗ rium leiſte; er gibt mir Schauſpielbillets, Ceſarine iſt entzückt. und ich auch.“ „Ich begreife, Hyaeinthe, daß Ihr, Du und Deine Frau, ſo glücklich und zufrieden lebet; die Glücks⸗ chancen ſind geſichert, wie mir ſcheint, wenn man die⸗ ſes Glück nur von ſich ſelbſt fordert; die geräuſch⸗ 15⁵ vollen Luſtbarkeiten der Welt ſind ſo eitel„ ſo ſ— „Das iſt auch meine Anſicht; meine Frau und ich leben wie wahre Wölfe und empfangen durchaus Nie⸗ mand.. Wenn ich ſage Niemand, wir empfangen doch oft einen Beſuch, der mir ſehr theuer iſt... und 6 Hyaeinthe unterbrach ſich, erröthete und ſchien mir verlegen; ſeine Phyſiognomie nahm ſogar einen peinlichen Ausdruck an; ich vermuthete die Urſache ſeines Schwei⸗ gens und ſagte traurig zu ihm: „Ich errathe, wen Du meinſt; es handelt ſich um Jean Raymond.. Du antworteſt mir nicht.. Ich habe alſo Recht... „Ja, Fernand.. „Beruhige Dich, Hyaeinthe; nachdem ich großes Unglück durch meinen beklagenswerthen Leichtſinn ver⸗ urſacht, habe ich, ich weiß es wohl, nicht das Recht, den Namen von demjenigen auszuſprechen, welchen wir meinen, Dich zu fragen, wo er iſt, wie ſein Leben iſt? Möchte es wenigſtens glücklich und ſeinen Wünſchen angemeſſen ſein, das iſt mein einziges Verlangen.. Ich bin überzeugt, Du wirſt meinen Worten glauben.“ „Wenn ich Dir nicht glaubte, Fernand,“ erwiederte Hyacinthe mit ernſtem, innigem Tone,„wenn ich nicht, wie Jean, der Dir verziehen hat,— ich habe es Dir einſt geſagt,— überzeugt wäre, daß man Dir nur Deine, von Levaſſeur mit einer hölliſchen Kunſt ausgebeutete, Unbeſonnenheit und Schwatzhaftigkeit vorwerfen kann, wenn ich Dich mit einem Wort einer Schändlichkeit ſchuldig glaubte, ſo hätte ich geſtern, ſtatt mit ausge⸗ ſtreckter Hand auf Dich zuzukommen, Deine Begegnung vermieden. Der Name von Rahmond iſt ſo eben auf meinen Lippen geblieben, weißt Du, warum? Weil ich befürchtete, wenn ich ihn ausſpräche, würde ich traurige Erinnerungen in Dir erwecken... Was Jean betrifft, ſo befindet er ſich wohl, er lebt bei ſeiner Mutter, er 156 W„er iſt Director einer bedeutenden Werk⸗ ätte.“ „Und ſeine Mutter?“ fragte ich, indem ich die Erinnerungen wiederaufleben fühlte, die nie in meinem Herzen ganz erloſchen waren,„ſie iſt immer noch die anbetungswürdige Frau, die ich gekannt habe?“ „Immer, Fernand, Sie iſt immer das, was ſie einſt war, nicht nur in moraliſcher Hinſicht, worüber man ſich nicht wundern darf, ſondern auch in phyſiſcher, und das iſt, ich geſtehe es, Staunen erregend.“ „Wie! ihre ſchon ſo wunderbar erhaltene Schön⸗ git 5 4. „Das Wunder währt fort, mein Freund; ich habe ſie vor drei Monaten geſehen; das iſt unerhört, ſie ſcheint nicht dreißig Jahre alt zu ſein.“ „Ah! Du übertreibſt!“ „Ganz und gar nicht. Wenn Du ſie ſiehſt, wirſt Du meiner Meinung ſein.“ Ich empfand einen ſeltſamen Eindruck, als ich er⸗ fuhr, Madame Rahmond ſei ſchön geblieben. Ich be⸗ dauerte es, denn ich dachte, dieſes reizende Bild werde mir noch öfter erſcheinen. Nachdem ich einen Augenblick geſchwiegen, ſagte ich zu Hyacinthe: „Ich danke Dir, mein Freund, für die Kunde, die Du mir über Jean gegeben haſt.. Er iſt glücklich, ſeine Mutter auch, ich habe nicht das Recht, Dich über andere Einzelheiten zu fragen... Das iſt die ge⸗ rechte Strafe für meinen verwerflichen Leichtſinn in früherer Zeit; nur ein Wort, mein Freund: ich wünſchte Dich oft zu ſehen, doch vielleicht wäre meine Gegen⸗ wart peinlich für Jean...“ „Peinlich.. ich weiß es nicht; ſein Herz iſt ſo gut, ſo edel, ſein Geiſt ſo gerecht, daß er, während er dem Deiner Indiscretion gebührenden Tadel ſeinen Theil macht, weder Haß, noch Zorn gegen Dich bewahrt hat; weit entfernt hievon, läßt Rahmond, wenn Dein 157 Name in unſeren Geſprächen auftaucht, immer dem, was Vortreffliches in Deinem Herzen iſt, Gerechtigkeit widerfahren. Kebrigens iſt Jean abweſend und wird kaum vor zwei 3 drei Monaten nach Paris zurück⸗ kommen; bis dahin,“ fügte Hyaeinthe lächelnd bei,„bis dahin wirſt Du wenigſtens den Vorwand der Mög⸗ lichkeit eines Zuſammentreffens mit unſerem Freunde nicht haben, um mich zu verlaſſen. Das iſt kein Vor⸗ wurf, Fernand, Dein Leben und das meinige ſind ſo verſchieden! es iſt ganz einfach, daß wir getrennt wor⸗ den ſind, daß wir uns aus dem Geſichte verloren ha⸗ ben; ich hatte es überdies vorhergeſagt. Erinnerſt Du Dich? Die Fabel vom Zaunkönig und vom Falken!“ „Ja,“ ſagte ich bewegt zu Hyacinthe, indem ich mich an das Ende dieſer naiven, zarten Fabel erinnerte: „„Der kühne Falke mag ſich immerhin unabſehbar in den Lüften erheben, von Berg zu Berg, von Schloß zu Schloß fliegen, er wird dennoch nie vom Zaunkönig getrennt ſein, der beſtimmt iſt, in ſeinem Buſche zu leben und zu ſterben. Ja, der kühne Falke mag wohl dort ſein, er wird immer hier ſein.— Wo denn?— Im Herzen des Zaunkönigs.““ „Ja, er iſt immer darin geblieben,“ rief bis zu Thränen gerührt Hyaeinthe, indem er die Arme gegen mich ausſtreckte.„Wie! nach ſo vielen Jahren erin⸗ nerſt Du Dich noch ſo getreu dieſes erſten Beweiſes meiner Freundſchaft... Ohl nur die zarten und edlen Herzen bewahren ſolche Erinnerungen.“ Die Gemüthsbewegung von Hyacinthe ſteckte mich an, die Thränen traten mir auch in die Augen, wäh⸗ rend ich ihn in meine Arme ſchloß; Alles, was er mir von ſeiner Heirath erzählt hatte, ſchien mir ſo rührend, ſo rühmlich für ihn und ſeine Frau, ſie waren endlich Beide ſo glücklich, daß mich eine köſt⸗ liche Freude ergriff; ich warf es mir in voller Auf⸗ richtigkeit vor, daß ich einen Augenblick befürchtet, ich 158 habe am Tage vorher die ſeltene Schönheit von Ceſa⸗ rine Durand einen zu lebhaften Eindruck auf mich machen laſſen. Der Gedanke, das Glück von Hyacinthe, nicht einmal ernſtlich, ſondern nur durch die leichteſte Inconſequenz zu gefährden, hätte mir ſo abſcheulich geſchienen, daß ich nicht einen Augenblick dabei ver⸗ weilte; ich verſprach mir im Gegentheil eine Menge von reinen und ſanften Freuden von unſerem neuen vertraulichen Verkehr. Ich erzählte meinem Freunde auch die Hauptvor⸗ fälle meines Lebens ſeit meinem Abgange von Sainte⸗ Barbe: den Tod meiner Großmutter, meinen Austritt aus dem Militärſtand, und ich theilte ihm mit, wie meine Exiſtenz im Müßiggang und in der Zerſtreuung ver⸗ gehe; Hyacinthe, nachdem er mir ſtillſchweigend zuge⸗ hört hatte, ſagte zu mir, indem er mich aufmerkſamer, als er es bis dahin gethan, anſchaute: „Mein armer Fernand, was Du mir ſo eben von Deinem Leben der Aufregung und des Vergnügens er⸗ zählt haſt, erklärt mir die Veränderung, die ich an Dir wahrnahm, ohne etwas zu ſagen.“ „Welche Veränderung?“ „Du haſt nicht mehr die ſchöne, blühende Geſund⸗ heit von einſt, Deine friſche Farbe iſt verſchwunden... ich finde Dich bleich, abgemagert... Die ſchönen Da⸗ men der großen Welt, welche vielleicht zu Deiner Bläſſe beigetragen haben, finden ſie, ohne Zweifel, äußerſt diſtinguirt,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Aber mir, der ich Dich mit Bruderaugen ſehe, wäre für Dich weniger Aehnlichkeit mit einem Romanhelden und eine beſſere Geſundheit lieber.“ „Es iſt wahr, mein guter Hyacinthe, ſeit ungefähr einem Jahre bin ich einigen Unpäßlichkeiten unterwor⸗ fen Früher blieb ich, wenn es ſein mußte, eine ganze Nacht bei Tiſche oder beim Spiel; nun ermüden mich ſolche Ausſchweifungen, ſie greifen mich an. Ohne 15⁵9 Zweifel, weil ich dieſes betäubende Leben eines jungen Menſchen mehr aus Gewohnheit, als aus Vergnügen fortſetze. „Und dann haſt Du fünf bis ſechsmal gehuſtet ein trockener kleiner Huſten, den ich nicht liebe.“ „Mein Arzt liebt dieſen Huſten auch nicht,“ ſagte ich lachend;„da aber mein Arzt der Doctor Bedenk⸗ iſt, ſo bin ich ſehr widerſpänſtig gegen ſeine Rath⸗ äge.“ „Und Du haſt Unrecht, Fernand z ein wenig Ruhe, Mäßigung in den Luſtbarkeiten und Genüſſen würden Dir ſo leicht eine gute Geſundheit wiederſchen⸗ ken; in Deinem Alter gibt es ſo viele Mittel. Und höre ich bin feſt überzeugt, wenn Du oft, wie Du es mir verſprichſt, gute, kleine, ſehr ruhige, ſehr trauliche Abende bei uns zubrächteſt und dann früh⸗ zeitig nach Hauſe gingeſt, würdeſt Du Dich ſehr wohl bei dieſer Lebensordnung befinden.. Du wirſt ſagen“ fügte Hyarinthe mit einer reizenden Gutmüthigkeit lächelnd bei,„Du wirſt ſagen, ich treibe da perſönliche Medicin, Egoiſten⸗Medicin.. aber verſuche ein wenig dieſes milde Familienleben und Du wirſt ſehen, ob Leib und Seele nicht dabei gewinnen.“ „Theurer Hyacinthe!“ erwiederte ich tief gerührt von dieſer zarten Theilnahme,„guter Bruder, wie ſcharfſichtig und beſorgt iſt Deine Freundſchaft.. Kann man Deinem Rathe wiederſtehen? Urtheile doch! Zugleich den Zauber unſerer Vertraulichkeit von einſt und meine frühere Geſundheit wiederfinden! Welch eine wunderbare Kur, wobei Du der Arzt würdeſt „Und Ceſarine!“ rief Hyacinthe heiter,„wird ſie nicht auch ihren Theil an Deiner Heilung haben? Sie wird beauftragt, Dich unerbittlich um zehn Uhr von hier wegzuſchicken und Dir Dein Wort abzunehmen, daß Du vernünftig nach Hauſe gehſt, wenn Du uns verläſſeſt. Aber,“ unterbrach ſich Hhacinthe beim Ge⸗ räuſch der Pendeluhr im Salon, welche halb zehn 160 ſchlug,„entſchuldige mich, Fernand, ich muß um zehn Uhr in meinem Bureau ſein, und ich bin von einer ſtrengeren Pünktlichkeit als je. Abſcheulicher Macchiavellismus,“ fügte Hyaeinthe mit einer geheim⸗ nißvollen Miene lachend bei„Höre, man ſpricht von einer nahe bevorſtehenden Beförderung in den Bureaux, und ich habe die Anmaßung, nach einer ge⸗ wiſſen Unterchefſtelle zu trachten... Das wäre der Traum meines Ehrgeizes, mein Stab eines Marſchalls von Frankreich. Aber ich ſchmeichle mir mit trü⸗ geriſchen Hoffnungen, denn ich habe keine Protection; doch ich will mir nun einmal Rechte durch meinen guten Dienſt verſchaffen, und dann geſchehe, was da wolle. Alſo, Fernand, nicht wahr, heute Abend? Du haſt es mir verſprochen, Ceſarine rechnet auf Deinen Beſuch, und noch heute werden wir die große Kur anfangen, die wir unternehmen.“ „So gepflegt zu werden, könnte einem Luſt machen, die Krankheit lange währen zu laſſen,“ ſagte ich zu Hyaeinthe, während ich ihm die Hand drückte. Ich ſtand auf, Hhacinthe begleitete mich in den Salon, durch den wir gehen mußten. Mein Freund bedachte wahrſcheinlich, daß der Con⸗ traſt der Unordnung in dieſem Salon mit der Ordnung, welche in ſeinem Stübchen herrſchte, mich ſehr in Er⸗ ſtaunen ſetzen müſſe; er ſagte halblaut und lächelnd: „Wenn ich von meinem vollſtändigen Glücke ſprach, ſo war das eine dicke Lüge. Ceſarine hat einen unver⸗ beſſerlichen Fehler. Sie iſt die fürchterlichſte Sorg⸗ los, die Du Dir denken kannſt.“ „Haſt Du mir aber nicht geſagt, die Zierlichkeit und die Ordnung Deines Stübchens rühren von der Sorge her, welche Deine Frau ſelbſt dafür trage?“ „Ei! allerdings, weil ſie weiß, daß die Ordnung für mich zugleich ein Bedürfuiß und ein Vergnügen iſt; was aber die übrige Wohnung betrifft, die ich nicht perſönlich inne habe. Du ſiehſt, leider!.. Und 161 das iſt noch nicht Alles; ich weiß nicht, welcher Mo⸗ raliſt geſagt hat, man verkörpere ſich noch viel mehr mit den Fehlern, als mit den guten Eigenſchaften des Gegenſtandes, den man liebe. Nun denn ohne ebenſo ſorglos zu werden, als Ceſarine, begehe ich die Ab⸗ ſcheulichkeit, ſie zu vertheidigen, zu rechtfertigen; ja, und wir haben in dieſer Hinſicht mit Raymond zuwei⸗ len die ſtürmiſchſten Streite; ich erdrücke ihn unter einem Hagel von Paradoren, die ihn empören, über die er aber überlaut lacht; ich behaupte, zum Beiſpiel, nichts ſei pittoresker, unerwarteter, als dieſer Contraſt der verſchiedenartigſten Dinge... Dieſer Teller und dieſes Stiefelchen auf dem Klavier... ich denke...“ „Ich bin vollkommen Deiner Anſicht, ein ſo rei⸗ zendes Stiefelchen vermöchte nicht zu ſehr ins Auge zu fallen, und ich für meinen Theil finde ſeinen Platz hier bewunderungswürdig.“ „Das gefällt mir!“ rief Hyaeinthe heiter,„das heiße ich als Philoſoph, als Weiſer ſprechen!.. Wir mußten uns nothwendig verſtehen... Adien, Fernand, heute Abend!“ „Heute Abend!“ XVI. Ich verließ Hyaeinthe, die Seele voll unausſprech⸗ licher Heiterkeit; nunmehr meiner ſicher, fühlte ich mich fähig, der Berauſchung zu trotzen, die mir einen Augen⸗ blick die Schönheit von Ceſarine verurſacht hatte,— ein Gefühl, welches ſich, ich geſtehe es, in Gegenwart der ſo plötzlich in meinem Herzen wiedererweckten Er⸗ innerung an Madame Raymond beinahe verwiſchte. Die brüderlichen Bemerkungen von Hyaeinthe über Fernand Dupleſſis. 1 11— 162 meine Bläſſe hatten auch Eindruck auf mich gemacht. Seit ungefähr einem Jahre war in der That meine Geſundheit in Folge zahlreicher Ausſchweifungen etwas geſtört; vergebens hatte mich mein Arzt zu einem regel⸗ mäßigeren Leben ermahnt, und mich beſonders aufge⸗ fordert, eine gewiſſe Vorſchrift zu vollführen, vor der mir graute; dagegen aber nahm ich mir vor, den Rath der moraliſchen und phyſiſchen Geſundheitslehre von Hyaeinthe zu befolgen. Ueberdies fing ich an dieſes bewegten, glänzenden und erkünſtelten Weltlebens müde zu werden; dann end⸗ lich zeigte mir die natürliche Beweglichkeit meiner Ein⸗ bildungskraft als einen köſtlichen Contraſt die friedliche Vertraulichkeit, die ich im Schooße des beſcheidenen Hausweſens meines Jugendfreundes und ſeiner Frau genießen ſollte. Als ich von Hyaecinthe wegging, erinnerte ich mich deſſen, was er mir in Betreff der Stelle eines Bureau⸗ unterchef, der Hoffnung ſeines beſcheidenen Ehrgeizes, geſagt hatte. Es kam mir der vortreffliche Gedanke, Hyacinthe nützlich zu ſein und ihm wirkſam zu dienen. Es war noch frühzeitig; ich begab mich zu Herrn de la Buſſiére, dem ehemaligen Untergouverneur der Pa⸗ gen und Freunde meiner Großmutter. Nach meinem Austritt aus dem Dienſte des Königs hatte ich mit meinem früheren Gouverneur eine freundſchaftliche Ver⸗ bindung unterhalten. Ich kannte ſein gewichtiges An⸗ ſehen und wollte ihn um ſeine thätige Protection für meinen Freund bitten. Herr de la Buſſiére empfing mich vortrefflich; er war gerade damals beſonders befreundet mit dem Gra⸗ fen von*½, Miniſter des Innern, und er erbot ſich ſehr zuvorkommend, noch an demſelben Morgen mit mir in's Miniſterium zu gehen. Ich nahm dies an, und wir begaben uns auf den Weg. In Abweſenheit des Miniſters, der, wie man uns ſagte, in dieſem Augen⸗ blick eine Conferenz mit ſeinen Diviſtonschefs hatte, 163 wurden wir von ſeinem Privatſeeretaire, einem Manne ungefähr von meinem Alter, empfangen. Herr de la Buſſiere kannte ihn ohne Zweifel ſeit langer Zeit, denn er redete ihn vertraulich mit dem Namen Herr von Sainte⸗Marie an. Dieſer empfing Herrn de la Buſſiére mit einer aus⸗ gezeichneten Artigkeit, nuancirt von der Ehrfurcht, welche das Alter und die Stellung des neuen Protectors von Hyaeinthe einflößten. In Erwartung der Rückkehr des Miniſters hielt ſich das Geſpräch in Alltäglichkei⸗ ten. Herr von Sainte⸗Marie zeigte ſich als ein Mann vom beſten Tone und von einem angenehmen, ſpöttiſchen Geiſte. Es war mir, ich weiß nicht warum, als ob er ſich meinetwegen, wie man zu ſagen pflegt, in Un⸗ koſten ſetzte, denn mehrere Male ſchien er nach einem Witzworte mit dem Blicke meine Billigung zu fordern. Wir plauderten ſo ſeit einer halben Stunde, als ein Huiſſier eintrat, Herrn von Sainte⸗Marie etwas in's Ohr ſagte und wieder abging; der Secretaire des Miniſters ſchien ſehr ärgerlich zu ſein, er wandte ſich an Herrn de la Buſſiére und ſprach zu ihm: „Mein Herr, ich bin troſtlos über das, was geſchieht; die Stunde des Miniſterraths iſt wegen der Jagd des Königs vorgerückt worden, und Seine Excellenz ver⸗ möchte nicht die Ehre zu haben, Sie dieſen Morgen zu empfangen. Kann ich Ihr Dolmetſcher bei Seiner Ercellenz ſein, ſo bitte ich Sie, über mich zu verfügen. Sie wiſſen, mein Herr, wie ſehr ich Ihnen gehöre.“ „Ich bedaure es auch ungemein, nicht mit dem Miniſter ſprechen zu können,“ erwiederte Herr de la Buſſiere,„doch ich hoffe morgen glücklicher zu ſein. Mittlerweile, mein lieber Herr von Sainte⸗Marie, werden Sie die Güte haben, ihm den Gegenſtand mei⸗ nes Beſuches zu ſagen; Herr Fernand Dupleſſis(hier wandte ſich Herr de la Buſſiöre gegen mich), der die Ehre gehabt hat, im Dienſte des Königs, bei ſei⸗ nen Pagen und bei ſeinen Garden, j. ſein, hegt 164 die lebhafteſte Theilnahme für einen der beſten und würdigſten Angeſtellten Ihres Miniſteriums; die Stelle eines Unterchef ſoll bald in der ſiebenten Diviſion er⸗ ledigt ſein; ich beabſichtigte, das Wohlwollen des Mi⸗ niſters für den Schützling von Herrn Dupleſſis in An⸗ ſpruch zu nehmen und S. E. zu ſagen, ich würde ihr ganz perſönlich für das, was ſie in dieſer Sache thun könnte, Dank wiſſen.“ „Sie können nicht an dem Eifer zweifeln, mit welchem S. E. Ihnen angenehm zu ſein ſuchen wird, mein Herr,“ antwortete Herr von Sainte⸗Marie. Dann wandte er ſich an mich und ſprach: „Die Empfehlungen von Perſonen, welche wie Sie, mein Herr, die Ehre gehabt haben, dem König zu dienen, werden immer mit der Achtung aufgenommen, die ſie ver⸗ dienen; ich bezweifle nicht, mein Herr, daß Seine Exeel⸗ lenz Alles, was von ihr abhängt, thun wird, um Ihren Wuͤnſchen und denen von Herrn de la Buſſiére zu entſpre⸗ chen. Wollten Sie wohl, um die Ernennung, wenn ſie möglich iſt, zu beſchleunigen, die Güte haben, mich mit dem Namen des Angeſtellten, von dem die Rede iſt, bekannt zu machen?“ „Herr Hyaeinthe Durand,“ erwiederte ich Herrn bin Sainte⸗Marie,„angeſtellt in der fiebenten Di⸗ viſion.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte höflich, Herr von Sainte⸗Marie, indem er den Namen Hya⸗ einthe Durand auf ein Papier ſchrieb;„Seine Excellenz wird Ihre Empfehlung berückſichtigen, davon bin ich überzengt; ſobald der Miniſter zurückkommt, werde ich ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſe Bitte lenken, und wenn Sie mir erlauben, mein Herr, ſo werde ich die Ehre haben, Sie ſelbſt von der Antwort Seiner Excellenz zu unterrichten und mich mit Ihnen darüber zu be⸗ ſprechen.“ 3 „Mein Herr,“ erwiederte ich, beinahe beſchämt durch die übermäßige Zuvorkommenheit von Herrn von NE *— — ——— N 165 Sainte⸗Marie, die mir nichts zu motiviren ſchien, „Sie ſollen ſich nicht die Mühe machen, und...“ „Glauben Sie mir, mein Herr, daß es immer für mich ein großes Vergnügen ſein wird, Herrn de la Buſſiere neue Beweiſe von Ergebenheit zu bieten; er weiß, wie ſehr ich ihm... und ſeinen Freunden ge⸗ öre.“ Vergebens wollte ich mich gegen dieſes artige Aner⸗ bieten von Herrn von Sainte-Marie wehren, es war mir nicht möglich, ſeine Beharrlichkeit zu beſiegen, und ich mußte ihm ſagen, zu welcher Stunde er mich am andern Tage zu Hauſe finden würde. Hyaeinthe Durand hatte mich auf den Abend zu ſich gebeten; um acht Uhr ging ich zu ihm, wobei ich mir vornahm, ihm nichts von meinem Schritte zu ſei⸗ nen Gunſten mitzutheilen, ehe ich eines glücklichen Re⸗ ſultates ficher wäre. Es ergriff mich ein ſeltſames Erſtaunen, als ich bei meinem Freunde eintrat. Auf die Unordnung am Morgen, oder vielmehr auf die gewöhnliche Unordnung, wie mir Hyaeinthe ge⸗ ſagt hatte, war die wunderbarſte Ordnung gefolgt. Ich fand den kleinen Salon von einer entzückenden Rein⸗ lichkeit: der Boden glänzte, als ob er gefirnißt worden wäre, friſche Blumen in Maſſe ſchmückten den Kamin, blendend weiße Vorhänge verbargen halb die Fenſter, deren friſch gereinigte Scheiben die Durchſichtigkeit des Kryſtalls hatten; dieſe kindiſchen Einzelheiten wären mir ohne Zweifel ohne den Contraſt, den ſie mit der ſchmutzigen Sorgloſigkeit am Morgen boten, nicht auf⸗ gefallen. Als ich eintrat, war Hyaeinthe allein. „Komm doch, großer Thaumaturg*)“ ſagte er lä⸗ chelnd zu mir,„komm doch und erfreue Dich Deiner Wunder.“ „Welcher Wunder?“ *) Wunberthäter. „Wie! Du ſiehſt nicht?... Du bemerkſt keine Veränderung hier? Suche doch zufällig, wie heute Mor⸗ gen, ein Stiefelchen auf dem Klavier zu finden?“ „Es iſt wahr,“ erwiederte ich mit einer Verlegen⸗ heit, von der ich mir nicht Rechenſchaft gab,„ich ſehe kein Stiefelchen auf dem Klavier, und hier auf dem Kamine ſind reizende Blumen; daß ich aber der Ur⸗ heber von dem ſein ſoll, was Du dieſe Wunder nennſt, dagegen wehrt ſich meine Beſcheidenheit mit allen ihren Kräſten.“ „Nun, mein Freund, Deine Beſcheidenheit iſt, wie immer, völlig blind; höre und ſei überzeugt.“ „Das wird ſchwierig ſein.. doch ſprich.“ „Dieſen Morgen bin ich nach meinem Bureau ge⸗ gangen, ohne etwas zu vermuthen; vorhin kehre ich wie gewöhnlich durch die Tuilerien zurück, um Ceſarine abzuholen, ich finde ſie nicht. Ich komme ein wenig unruhig hierher: denke Dir mein Erſtaunen beim An⸗ blick der in dieſem Zimmer bewerkſtelligten plötzlichen Metamorphoſe, welche kaum beendigt worden war durch die Thätigkeit meiner Frau, die ſich, unterſtützt von ihrer Magd, den ganzen Tag eine unſägliche Mühe gegeben hatte, um hier die Ordnung herzuſtellen, die Du ſiehſt.. Sie iſt auch, da ſie ſich nur ſehr ſpät erſt ankleiden konnte, noch bei ihrer Toilette... Nicht wahr, Fernand, Du entſchuldigſt ſie, in Berückſichti⸗ gung des Grundes?“ „Nichts iſt heiliger, als eine Frau bei ihrer Toi⸗ lette; doch während ich der Thätigkeit, von der ich ſo viele Beweiſe ſehe, meine Ehrfurcht bezeige, begreife ich noch nicht, was mein Antheil an dieſem Wun⸗ der iſt?“ „Du wirſt es begreifen, und vor Allem, Fernand, ſpotte nicht über mich, denn Du ſiehſt mich bewegt wegen einiger auf den Kamin geſtellter friſchen Blu⸗ men und eines Paares an einem Fenſter aufgehäng⸗ ter weißer Vorhänge; doch Du weißt nicht, welcher Ge⸗ 167 zi Zartgefühl und Dankbarkeit Ceſarine inſpi⸗ virt hit „Ich bitte, Hyaeinthe erkläre Dich.“ „„Guter Gott!““ ſagte ich zu meiner Frau, als ich vorhin nach Hauſe kam,„welche Veränderung, liebe Sorglos! Was ſoll aus meinem Arſenal von Para⸗ doren zu Gunſten des maleriſchen Anblicks der Unord⸗ nung werden! Dieſe herrliche Theſe, die ich ſo uner⸗ ſchrocken gegen Jean Rahmond behauptet habe?““ „„Mein Freund,““ antwortete mir Ceſarine mit innigem Tone,„ich war das unglücklichſte Geſchöpf... Ich wurde geſchlagen von einer Mutter... Du biſt gut geweſen.. Du biſt muthig geweſen... Du haſt Mitleid mit mir gehabt...; kurz, Du haſt für mich gethan, was einſt Herr Fernand Dupleſſis für Dich that als er Dich mit ſeinem Schutze be⸗ deckte, als er Dich gegen diejenigen vertheidigte, deren Opfer Du warſt Nun denn! es iſt für mich ein Feſttag, dieſer Tag, an welchem wir bei uns einen ſo alten und beſonders einen ſo heldenmüthigen Freund empfangen; darum habe ich nach meinen beſten Kräften unſerer beſcheidenen Wohnung ein feſtliches Ausſehen zu geben verſucht. Warum iſt mir dieſer Gedanke nicht gekommen, ſo oft wir unſeren vortrefflichen Freund Herrn Raymond bei uns empfangen haben? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil mich meine Dankbarkeit für Deine Güte noch empfänglicher für die freund⸗ ſchaftliche Ergebenheit macht, von der Dir Herr Du⸗ pleſſis einſt den Beweis gegeben hat. Und bei dem Ge⸗ danken, daß er heute Abend kommen werde, bin ich.. zu meinem großen Erſtaunen, ich geſtehe es Dir, aus meiner gewöhnlichen Sorgloſigkeit hervorgetreten, und es ſollte nach meinem Willen dieſer Salon, der mein kleines Reich vorſtellt, wie das Deinige durch Dein Arbeitscabinet vorgeſtellt wird, Herrn Dupleſſis zu empfangen würdig ſein.““ „Aber,“ fügte vyneinthe beim Geränſch der Tritte 168 ſeiner Frau ſich unterbrechend, bei,„ich will nicht in ihrer Gegenwart von dem Vergnügen ſprechen, das ſie mir bei dieſer Veranlaſſung bereitet hat, ihr vortreff⸗ liches Herz würde darüber in Verlegenheit gerathen...“ Ceſarine trat bald in einem einfachen, friſchen Mouſ⸗ ſelinekleide von bläulicher Farbe in den Salon ein; ihre Arme waren nackt, ihre Schultern und ihr Buſen halb entblößt, ſie hatte keine andere Friſur als ihre herrlichen Haare, welche hinter ihrem Kopf in Flechten gewunden waren und in langen Büſcheln an ihren Wangen herabfielen. Ach! nach meinen Betrachtungen am Tage glaubte ich mich meiner ſicher und Herrz meine Freundſchaft für Hyaeinthe, ſein edles Vertrauen, Alles, bis auf die unausſprechliche Glückſeligkeit, die er genoß, ſollte mir ſeine Frau heilig machen, ich ſollte ſie nur mit Bruderblicken anſchauen.. Doch, wie ſchon ſo oft, verſchwand die Erinnerung an Madame Ray⸗ mond aus meinem Herzen vor dem Ungeſtüm meiner Leidenſchaften, und Ceſarine war nicht zehn Minuten im Salon, als ich mich wahnſinnig in ſie verliebt fühlte darf man Liebe das glühendſte Verlangen nennen, das je das Blut eines Menſchen entzündet hat; nein, in meinem Leben war ich nicht heftiger der Herrſchaft jener Anziehungskraft unterworfen geweſen, die ſich leider nicht vernünftig erörtert, ſich nicht bekämpft; ſie iſt, weil ſie iſt. Wir erhalten den elektriſchen Schlag, keine menſchliche Macht iſt im Stande, dieſen Schlag zu verhindern, der das Feuer in unſern Adern entzündet. Ceſarine empfing mich mit einem herzlichen Wohl⸗ wollen, gemiſcht indeſſen mit einer, vielleicht erzwunge⸗ nen, Zurückhaltung; ihre Blicke, welche am Tage zu⸗ vor oft ſtarr auf die meinigen geheftet geweſen waren, ſuchten dieſe nicht ein einziges Mal; ſie nahm mit Maß, Anſtand und Beſcheidenheit Theil am Geſpräche. Nur zwei⸗ oder dreimal war bei ihren Antworten eine entſchiedene Befangenheit zu bemerken. Tauſend Sym⸗ 169* ptome bewieſen mir indeſſen während dieſer Unterhal⸗ tung, daß Ceſarine ihren Mann liebte, ich möchte bei⸗ nahe ſagen, anbetete; die Aufrichtigkeit dieſer Zunei⸗ gung offenbarte ſich jeden Augenblick nicht nur im Tone, in den Worten, im Geſichte der jungen Frau, ſondern zuweilen ſogar in ſo kindiſchen Einzelheiten, daß nie die Verſtellung eines Gefühls in dieſem Grade berechnet geweſen wäre. Ganz erfüllt von dem Glücke, das ihm die Wie⸗ dervereinigung unſeres Trio, wie er ſagte, bereitete, ſprach Hyhacinthe viel und auf eine ausgezeichnete Art. Seine ſinnreiche Freundſchaft fand oft Gelegenheit, Ceſarine und mich im Ausdrucke des Glückes, das er in unſerer Mitte empfand, zu vermengen; ſeine Frau hörte ihm mit einer Art von gierigem Stolze zu; einige Worte, wenn nicht voll Geiſt, doch wenigſtens voll Richtigkeit und Tact bewieſen mir, daß ſie die feinſten Nuancen des bezaubernden Geiſtes von Hyaeinthe zu ſchätzen wußte. Und dennoch lieſt dieſe Frau insgeheim den Fau⸗ blas, ſagte ich zu mir und ein Geheimniß oder ein Räthſel im Leben von Ceſärine ahnend, bemühte ich mich, den Grund ihres Innern zu entdecken, doch mein Scharfſinn wurde ſtumpf an dieſer Stirne ſo unbnrrifg wie der Marmor, deſſen Weiße ſie atte. Ich kürzte meinen Beſuch ab, zum herzlichen Be⸗ dauern meines Freundes und ſeiner Frau. Sie nahmen mir das Verſprechen ab, am zweiten Tage wieder zu kommen. Nach meinem Hauſe zurückgekehrt, brachte ich die Nacht in Aufregung und Unruhe zu; und nachdem ich mich mit einer unerbittlichen Strenge befragt hatte, erkannte ich, daß ich wahnſinnig in Ceſarine verliebt war, und ich faßte den Entſchluß, Paris zu verlaſſen, wenn ich dieſe unſelige Leidenſchaft nicht überwinden könnte. —.. ⸗— 17⁰ Seit mehr als einem Monat war ich beinahe jeden Abend von Hyacinthe mit dem feſten Entſchluß weggegangen, mich am andern Tag von Paris zu ent⸗ fernen, da ich die Fortſchritte meiner Liebe wahrnahm; aber eine ſtrafbare Schwäche ließ mich dieſen vernünf⸗ tigen Entſchluß immer wieder verſchieben. Was habe ich mir im Ganzen vorzuwerfen? ſagte ich zu mir. Mich allein quält dieſe tolle Leidenſchaft; ſie iſt Ceſarine und ihrem Manne unbekannt. Warum ſollte ich dieſes vertrauliche Verhältniß brechen, wobei ich jeden Tag einen neuen Reiz finde und worüber auch Hyaeinthe ſo glücklich zu ſein ſcheint! Wiederholt er mir nicht jeden Tag mit freudigem Erguſſe: „Ein Freund wie Du, eine Frau wie ſie, das iſt das ideale Glück!“ Nein, nein, fügte ich bei, ich bin meiner ſicher, nie werde ich die Schändlichkeit begehen, das offenher⸗ zige Vertrauen dieſes ſo redlichen und ſo guten Freun⸗ des zu verrathen; nie bin ich auch nur einen Augen⸗ blick allein mit Ceſarine geblieben; nie iſt ein Wort von Liebe über meine Lippen gekommen! Wird es nicht Zeit genug ſein, mich zu entfernen, wenn ich je ſo wahnſinnig bin, aus meiner Zurückhaltung herauszu⸗ treten! Dieſer Augenblick kam. Eines Tags, als Hyaeinthe einen Brief zu beant⸗ worten hatte, verließ er ſeine Fran und mich; es war das erſte Mal, daß wir uns allein fanden; das bis dahin ziemlich lebhafte Geſpräch zwiſchen Ceſarine, ihrem Manne und mir fiel plötzlich; ſie erröthete un⸗ gemein, ſchlug die Augen nieder und blieb ſtumm. Zwei⸗ oder dreimal verſuchte ich es, das Geſpräch wie⸗ der aufzunehmen; doch das Beben meiner Stimme, der Mangel an Zuſammenhang in meinen Worten verrie⸗ then meine Gemüthsbewegung. Ceſarine begriff ohne Zweifel die Bedeutung dieſes Stillſchweigens; ihr Anfangs von einer lebhaften Röthe 63 171 gefärbtes Geſicht wurde bleich; ihr Buſen wogte heftig. Wünſchte ſie, befürchttte ſie ein Geſtändniß? Ich weiß es nicht; bald aber, und als ob ſie einer unwiderſteh⸗ lichen Macht nachgegeben hätte, ſchlug ſie langſam zu mir ihre großen, zugleich feuchten und glänzenden Au⸗ gen auf und heftete ſie einige Secunden auf die mei⸗ nigen; verwirrt oder aufgebracht durch meine hart⸗ näckige Stummheit, erhob ſie ſich dann plötzlich und trat an's Fenſter, ohne Zweifel, um mir den Ausdruck ihrer Züge zu verbergen. Es iſt mir nicht möglich, wiederzugeben, was von Liebe, von Scham, von Vorwürfen, von Gewiſſens⸗ biſſen vielleicht, in dieſem langen Blicke lag, der mein ganzes Weſen entzündete, meine Sinne verwirrte, mich wahnſinnig machte, denn ich rief: „Ceſarine!!“ Und meine Lippen zitterten ſo ſtark, daß ich keine Sylbe mehr beifügen konnte; doch dieſes Wort und meine Verwirrung hatten Alles geſagt. Beinahe in demſelben Augenblick kam Hyaeinthe zurück; der Brief war geſchrieben. Durch eine uner⸗ hörte Willensanſtrengung gelang es mir, die Aufmerk⸗ ſamkeit meines Freundes genug zu beſchäftigen, daß er nichts von der Verlegenheit von Ceſarine bemerkte. Sie ſchützte bald eine plötzliche, heftige Migräne vor, um in ihr Zimmer zu gehen. Ich verließ Hyacinthe. Diesmal zauderte ich nicht mehr, mich von Paris zu entfernen. Ich ließ Poſtpferde für den andern Mittag beſtel⸗ len, entſchloſſen, einige Monate in Italien zuzubringen; am Morgen erhielt ich einen ſehr artigen Brief von Herrn von Sainte⸗Marie; er hatte die Gewogenheit, mir die Ernennung von Hyaeinthe zum Bureauunter⸗ chef zu ſchicken. Zwei Stunden vor dem für meine Abreiſe beſtimm⸗ ten Augenblick ſchrieb ich an meinen Freund folgenden Brief, dem ich ſeine Ernennung beifügte: 172 „Mein lieber Hyaeinthe, es iß mir endlich gelungen, Dir Gerechtigkeit widerfahren zu läſſen. Du erhältſt hier Deine Ernennung; leider muß ich auf das Vergnügen, Dir dieſe gute Kunde ſelbſt zu überbringen, verzichten; ein unvorhergeſehener Umſtand nöthigt mich, Paris heute zu verlaſſen; Deine Freundſchaft möge ſich nicht wegen dieſes plötzlichen Entſchluſſes beunruhigen; es handelt ſich für mich nur darum, über ziemlich wichtigen Ver⸗ mögensintereſſen, welche durch einen unerwartete Banke⸗ rott gefährdet ſind, zu wachen. Ich bin dieſen Morgen ſo beſchäftigt, daß es mir unmöglich iſt, Dir lange zu ſchreiben, doch ich werde mich nächſtens entſchädigen. „Lebe wohl, in Eile. Tauſend Empfehlungen an Deine liebe Frau. „Ganz der Deinige F. D.“ Ich ſchickte dieſen Brief zu Hyaeinthe, und beſchäf⸗ tigte mich mit den Vorbereitungen zu meiner Abreiſe. Kaum war eine Stunde vergangen, ſeitdem ich an meinen Freund geſchrieben hatte, als man mir mel⸗ dete, eine Dame wünſche mich in einer ſehr ernſten und ſehr dringenden Angelegenheit zu ſprechen. Man ließ dieſe Dame in meinen Salon eintreten, wo ich bald zu ihr kam. Als wir allein waren, hob ſie einen dicken ſchwarzen Schleier auf, der ihr Geſicht verbarg. Ich erkannte Ceſarine. XVII. Beim Anblick von Ceſarine erſtaunte, erſchrak ich beinahe.. 5 Sie war bleich, ziternd; ihre Augen glänzten vvn 173 einer fieberhaften Gluth, und auf ihren Wangen be⸗ merkte ich die Spuren friſcher Thränen. Ehe ich in meiner Beſtürzung ein Wort hatte ſprechen können, zeigte ſie mir den Brief, den ich eine Stunde zuvor an Hyaeinthe geſchrieben, und ſagte zu mir: „Sie reiſen!“ „Madame, dieſer Brief...“ „Man hat mir geſagt, er komme von Ihnen, und ich habe ihn entſiegelt... Sie.. reiſen alſo!“ „„Ja, Madame,“ antwortete ich, indem ich meiner Schwäche alle Kräfte meiner Seele zu Hülfe rief;„ich reiſe wichtige Intereſſen treiben mich nach der Pro⸗ vinz.“ 8ie täuſchen mich, nicht deshalb verlaſſen Sie Paris.“ „Es iſt wahr, Madame ich vermöchte nicht zu lügen ich verlaſſe Paris, um einer unerträg⸗ lichen, gräßlichen Lage zu entgehen. Ich verlaſſe Pa⸗ ſ in der Hoffnung, zu vergeſſen und nicht mehr zu eiden.“ „Hören Sie mich, Herr Fernand, nicht wahr, Sie lieben Hyacinthe?“ Und mit eben ſo viel Gemüthsbewegung, als Rüh⸗ rung fügte Ceſarine bei: „Sie lieben ihn dieſen Mann von einer Engelsgüte dieſen Mann, deſſen Geiſt ſeinem Her⸗ zen an Werth gleich kommt.. und dieſes Herz, gibt es ein edleres auf der Welt?“ „Weil ich ihn beurtheile wie Sie, Madame, weil ich ihn liebe wie einen Bruder, reiſe ich ab.“ „Herr Fernand, abreiſen heißt Hyacinthe tödten...“ „Was ſagen Sie, Madame?“ g „Ich ſage, daß er allein und fern von mir.. vor Schmerz ſterben würde.“ „Fern von Ihnen, Madame.. Ich bitte, was ebeitet 4 S. „Das bebeutet, daß ich nicht will, daß er vor 174 Gram ſtirbt; ich will, daß er lebt, geehrt, geliebt, ge⸗ achtet von mir von mir, der von jedem Vorwurfe Reinen. Und weil ich dies will, ſehen Sie mich hier, Herr Fernand.“ Der ſcheinbare Widerſpruch dieſer Worte mit dem unvorſichtigen und verwegenen Schritte von Ceſarine brachte mich in Verwirrung. Sie fuhr fort, nachdem ſie einen Angenblick ge⸗ ſchwiegen hatte: „Herr Frnand, als ich das erſte Mal mit Ihnen zuſammentraf, las ich ein abſcheuliches Buch. Faublas.. Wiſſen Sie, warum ich dieſen gefähr⸗ lichen Roman las?“ „Madame...5 „Ich will es Ihnen ſagen Ich las Faublas, um meine Phantaſie durch romanhafte Liebſchaften abzuziehen. Doch dieſe Lecture, ſtatt ſie zu beruhigen, entflammte, verwirrte meine Einbildungskraft noch viet mehr. Mein Mann verläßt mich des Morgens um neun Uhr, um auf ſein Bureau zu gehen, und ich ſehe ihn erſt um vier Uhr wieder... Dieſe Tage ſind lang; und in der Einſamkeit leſe ich oder träume jch Ich habe immer für Hyarinthe die innigſte Danlbar⸗ keit, eine, ich möchte beinahe ſagen, leidenſchaftliche Verehrung gefühlt; aber ich liebe ihn nicht mit Liebe; dennoch will ich, daß meine Aufführung tadellos bleibe, wie in der Vergangenheit... Dies, Herr Fernand, hängt von Ihnen ab.“ „Von mir, Madame?“ „Ganz und gar von Ihnen; Hyaeinthe ſagt oft zu Ihnen, indem er von mir ſpricht: Eine Frau wie ſie und ein Freund wie Du, das iſt das ideale Glück; ich werde ſagen: Das ideale Glück, das iſt ein Mann wie er, und ein Freund wie Sie Ich ſage ein Freund, Herr Fernand.„z dächte ich anders, ſo wäre ich vor Scham geſtorben, ehe ich einen Fuß in Ihr Haus ge⸗ 175 ſetzt hätte... Seien Sie dieſer Freund, und nie wer⸗ den Hhacinthe und ich glücklicher geweſen ſein.“ „Oh! Madame, das wäre der Traum meines Le⸗ bens, doch.. „Ich verſtehe Sie, zwiſchen einem Manne von Ihrem Alter und einer Frau vom meinigen hat die Freundſchaft ihre Gefahren; ja, für die ſchwachen, feigen, undankbaren Seelen; doch ich bin keine von ieſei Seelen und Sie auch nicht, Herr Fer⸗ nand.“ „Nein, Madame, denn ich werde den Muth haben, Paris in zwei Stunden zu verlaſſen.“ „Sie werden Paris nicht verlaſſen, weil das, ich wiederhole es Ihnen, der Tod von Hyacinthe wäre. Habe ich zufällig einige gute Eigenſchaften, ſo habe ich auch meine Fehler. Sie kommen vielleicht weniger von meinem Herzen, als von meinem Alter, von mei⸗ nem Blute, und beſonders von meiner Erziehung her. Ich bin ſo erbärmlich erzogen worden! Bin ich nicht nach Allem dem, was ich geſehen, nach Allem, was ich ausgeſtanden, verdorben, ſo iſt dies darin zu ſuchen, daß etwas im Grunde Rechtſchaffenes in mir iſt, und daß mich die anbetungswürdige Güte von Hyaeinthe einem Schlammeentriſſen hat, in welchem ich, wie ſo viele Andere, untergegangen wäre. Doch dieſe Fehler, ich habe ſie; ich will nicht meine Kämpfe gegen mich ſelbſt geltend machen, um Sie zu verſichern, daß ich gefährlichen Hinreißun⸗ gen zu widerſtehen vermöchte. Aber ich darf wohl ſagen, daß ich mich in dieſen Kämpfen geprüft habe; ich bin meiner ſicher bis zu den Grenzen des Möglichen; doch darüber, nein, ich täuſche mich nicht.„; und wiſſen Sie, Herr Fernand, was das Mögliche für mich iſt? Es iſt, fortwährend zwiſchen Hyaeinthe und Ihnen zu leben, wie wir ſeit ſechs Wochen leben. nichts mehr, nichts weniger. Unter dieſer Bedingung ſtehe ich für mich ich ſtehe ſogar für Sie und für das Glück meines Mannes. Doch das Unmögliche, 176 Herr Fernand,“ fügte ſie mit bebender Stimme bei, ohne daß ſie ihre Thränen zurückzuhalten vermochte, „das Unmögliche iſt, Sie reiſen zu laſſen oder Sie allein reiſen zu laſſen und wenn Sie mich zurück⸗ ſtoßen, wenn Sie mich fortjagen, wird auch das Un⸗ pe für mich ſein, zu meinem Manne zurückzu⸗ ehren.“ „Ceſarine, bedenken Sie!“ „Was ich da ſage, iſt abſcheulich, gräßlich, doch es iſt ſo. Ich fühle den Muth in mir, aus Pflicht auf das zu verzichten, was es Strafbares in der Liebe gibt, unter der Bedingung, daß mir die reine Liebe bleibt. Mehr opfern, ich könnte es nicht, oder dann würde ich wahnſinnig; und da eine Wahnfinnige nicht mit der Vernunft zu Rathe geht, ſo würden alle die ſchlimmen, ſo lange von mir bekämpften Inſtinkte mich beſiegen und fortreißen. z und dann.. dann. hören Sie, Herr Fernand, Sie wiſſen nicht, wohin das Un⸗ geſtüm des Charakters, die Hitze des Blutes, durch die Verzweiflung entfeſſelt, eine Frau von zwanzig Jahren, erzogen, wie man mich erzogen hat, führen können!“ Die wilde Energie, mit der Ceſarine dieſe Worte ſprach, machte mich beben. Sie bemerkte es und ſagte zu mir: „Und Hyacinthe! was würde unter allen vieſen Stürmen aus ihm werden? er, das engeliſche arme Geſchövf, das jetzt nur durch mich, nur für mich ſieht? DOh! er wird keine Klage hören laſſen; nein, wie der Zaunkönig der Fabel, die er, noch ein Knabe, für Sie geſchrieben, wird er eine Einſamkeit ſuchen, und dort wird er ſich ſterben laſſen, ohne ein Gefühl des Haſſes gegen diejenigen, welche ſeinen Tod verurſacht... Dieſer Tod wird wie ſein Leben voll Milde und Ver⸗ zeihung ſein.“ „Ah! ſprechen Sie nicht ſo,“ rief ich,„es iſt nur zu wahr. Ich kenne die außerordentliche Zartheit dieſer 177 ſo weichen, ſo ſchwächlichen, wahrhaft empfindlichen Natur, die ein Hauch des Unglücks zerſtören kann.“ „Antworten Sie alſo, Herr Fernand, dieſes Leben, von dem Sie wiſſen, wie glücklich es iſt, das Sie noch glücklicher machen können, werden Sie den Muth, die Grauſamkeit haben, es durch Ihre Abreiſe zu brechen? Mein Gott! mir ſcheint doch, Ihr Loos wäre zu he⸗ neiden: leben zwiſchen der Liebe einer redlichen Frau und der Zuneigung Ihres beſten Freundes!“ „Und dieſes Loos wird das meinige ſein!“ rief ich voll Vertrauen zu meinen Worten und zu meiner augenblicklichen Gemüthsbewegung;„glauben Sie mir, ich werde Ihrer, ſeiner würdig ſein. Sie fliehen... das wäre Feigheit, Undank...“ „Herr Fernand,“ ſprach dieſe ſeltſame Frau, deren Augen ſich mit Thränen befeuchteten,„Sie ſind ein gu⸗ tes und muthiges Herz. Ich bin ſtolz, Sie zu lieben. Sie werden meine Liebe am Glücke unſeres Hya⸗ cinthe erkennen.“ Nach dieſen Worten ließ Ceſarine ihren Schleier wieder nieder und ging raſch von mir weg. Ich hatte ein ſolches Vertrauen zu meinem Ent⸗ ſchluſſe, ich ſah etwas ſo Reines und ſo Rührendes in dieſer innigen Freundſchaft unter Dreien„ daß, glaube ich, nie eine föſtlichere Empſfindung mein Weſen erfüllte; mich von Ceſarine geliebt wiſſen und mir dieſe Liebe nicht vorwerſen müſſen, ohne Gewiſſensbiſſe das genießen, was Unwiderſtehliches im Zauber der Ergüſſe von Hyacjnthe lag, mir endlich jeden Tag ſagen, das Opfer meiner wahnſinnigen Leidenſchaft er⸗ ſpare meinem Freunde gräßliche Qualen, die ihn ge⸗ tödtet hätten; Alles endlich, bis auf die Seltſamkeit dieſer Verbindung, verlieh ihr einen unausſprechlichen Reiz. Ich fühlte mich meiner und nicht minder des Entſchluſſes von Ceſarine ſicher. Die Kühnheit ihres Schrittes zu mir bewies mir wenigſtens die Aufrich⸗ Fernand Dupleſſis. 1.* 12 178 tigkeit ihrer Worte, als ſie zu mir ſagte:„Ich bin zum Möglichen fähig.. nicht zum Unmöglichen.“ XVIII. Ich finde dieſe Blätter wieder zerſtreut in einer Art von Tagebuch, geſchrieben von mir in verſchiedenen Epochen meines Lebens und begonnen an nachfolgen⸗ dem Datum. Dieſe Blätter werden die angefangene Erzählung fortſetzen. Den 10. September 1826. Was ſeit einiger Zeit geſchieht, iſt ſo ſeltſam, die Begriffe von Gut und Böſe, von Recht und Unrecht ſind ſo verwirrt in meinem Geiſte, daß ich meine Ein⸗ drücke ſchriftlich überſetzen, die Begebenheiten berichten will; ohne Zweifel eines Tags durch das Alter gereift oder durch die Erfahrung verändert, werde ich erkennen, wett oder Falſches an meinem heutigen Ur⸗ e 3 Es ſind auf den Tag drei Monate, daß Ceſarine zu mir kam, um mich im Namen des Glückes bon Hyaecinthe anzuflehen, ich möge Paris nicht ver⸗ laſſen Dieſen Abend habe ich, was allmälig bei meinem vertraulichen Verhältniß zu Hyaeinthe Gewohnheit geworden iſt, bei ihm geſpeiſt, wie er alle Sonntage mit ſeiner Frau bei mir ſpeiſt. Das Wetter war herrlich; gegen vier Uhr holte ich meinen Freund auf ſeinem Bureau ab, wo er allein arbeitet, ſeitdem er Unterchef geworden iſt. Hyaeinthe empfing mich mit ſeiner gewöhnlichen Herzlichkeit, dann wandten wir uns, Arm in Arm, nach den Tuilerien; 179 nin ſollten dort Ceſarine ihren Mann erwartend treffen. Unter Weges plauderte ich mit Hyacinthe. Ich erinnere mich Wort für Wort unſeres heutigen Ge⸗ ſpräches. Es folgt hier: Hyaecinthe, lächelnd:— Weißt Du, Fernand, daß wir beinahe zur Zeit des Collége zurückgekehrt ſind? Ich ſpreche nicht von unſerer Freundſchaſt. ſie iſt durch das Alter gereift; doch wir haben, wie einſt, unſere Donnerſtage und unſere Sonntage. Ich ſchwöre Dir aber, nie hat ein Schüler ungeduldiger als ich auf den Donnerſtag gewartet.“ Ich:— Ich begreife Dich, und ich auch, ich warte auf meinen Sonntag.. Hyacinthe:— Nicht wahr? Es iſt ſo gut, ſo ſüß für unſer kleines Trio, ſo einen ganzen Abend bei Tiſche zu ſitzen, bald bei Dir, bald bei mir, ſcherzend, ſchwatzend in vollem Vertrauen, in der ganzen Sicher⸗ heit des Herzens. Wir verſtehen uns ſo gut. alle Drei! Ich:— Ausgenommen, wenn Deine Frau Krieg mit mir führt.. Hyaeinthe:— Zum Glück bedarfſt Du meiner nicht, um Dich zu vertheidigen; und Du ſchonſt ſie nicht; oft wäre ein Bruder nicht... nicht auf⸗ richtiger. Ich:— Du wollteſt ſagen ungeſchliffener. Hyaeinthe:— Und warum nicht! Die Derb⸗ heit iſt immer ein wenig die Sache der Offenherzig⸗ keit. und ohne Offenherzigkeit gibt es kein Heil für die Freundſchaft!... Oh! das Vertrauen, die Aufrichtigkeit! edle Bedürfniſſe der edlen Seelen! Sage, Fernand, begreifſt Du in der Welt ein Glück, das dem unſeren gleich, wenn wir, Du, meine Frau und ich, alle unſere Gedanken austauſchen, die bizarr⸗ ſten, die tollſten, bis zu den thkenße ſicher, gehört, durch befreundete Herzen verdolmetſcht zu wer⸗ den, ſagen, was man glaubt.. glauben, was man ſagt! Das iſt ſo ſüß, aber ſelten möglich für Schüchterne meiner Art, ſind ſie nicht gewiß, daß ſie ſich an ſympathetiſche und ſeit langer Zeit erprobte Naturen, wie Du und Jean, zum Beiſpiel, wenden! Und wenn es möglich iſt, Du noch mehr als Jean, er hat zu viel Dinge im Kopfe, zu viel Arbeiten, eine zu fieberhafte Thätigkeit, um ganze Abende, wie wir, in köſtlichen Ergüſſen hinzubringen. Doch ich habe ein Trachten; bei der baldigen Rückkehr von Jean ſollen unſere Trio durch ihn häufig Quatuor werden. Sei unbeſorgt wegen Deiner erſten Zuſammenkunft mit Jean, Freund Fernand, das iſt meine Sache. Er⸗ fährt er, welche Beweiſe von ſeltener Zuneigung Du mir während der letzten drei Monate gegeben haſt(ich ſpreche nicht von meinem Marſchallsſtab, den ich Dei⸗ ner freundlichen Empfehlung verdanke); wenn Jean erfährt, daß vor ſechs Wochen, als ich von jenem An⸗ fang von einer Bruſtentzündung befallen wurde, von der ich mich allmälig wieder erhole.. Ich:— Ich bitte Dich, ſprechen wir nicht hievon. Hyaeinthe:— Nicht davon ſprechen! Und wem habe ich denn die Wiederherſtellung meiner Geſundheit, mein Leben vielleicht zu verdanken, wenn nicht Deiner Pflege, Deinen Mühewaltungen und denen von Ceſarine? Die langen Nächte, die Ihr, meine Frau und Du, an meinem Bette gewacht habt? Iſt das nichts? Glaubſt Du, man vergeſſe das?(öyaeinthe drückte die Hand an ſeine Augen.) Theure, theure und ſüße Thränen, dieſe Thränen, Fernand... Oh! wenn ſie Jean fließen ſähe, wie würde er Dir den Arm öffnen und zu Dir ſagen:„Komm, komm, Du biſt gut vergeſſen wir die Vergangenheit. Alles iſt denjenigen verziehen, welche gut find!“ Ich:— Oh! Freund, es komme der Tag, wo, durch die Gegenwart von Jean, unſer Trio, wie Du 6 e—— 181 ſagſt, in ein Ouatuor verwandelt ſein wird! Welch ein vollſtändiges Feſt!* Hyaeinthe:— Das iſt auch der Wunſch von Ceſarine. Die drei Freunde um ſie vereint das iſt ihr Traum... weil es mein Verlangen iſt.“ Ich:— Gute, vortreffliche Frau! Du ſprichſt von meinen Mühewaltungen während Deiner kurzen Krank⸗ heit? Was ſind ſie gegen die ihrigen! Welche Sorg⸗ ſamkeit, welche Pflege, welche zarte Zuvorkommenheit! Welche Divination, wenn man ſo ſagen darf, um den kleinſten Wünſchen des armen Kranken zuvorzukommrn] Bei Deiner Wiedergeneſung, wie glücklich war Deine Frau, Deine noch ſchwankenden Schritte zu leiten, Dir die Unterſtützung ihres Armes zu bieten! Sie allein wollte dieſe ſüße Pflicht erfüllen; erinnerſt Du Dich, wie ſie mich ſchlimm behandelte, wenn ich ihre Stelle bei Dei⸗ nen Spaziergängen einnehmen wollte? Hyacinthe, ſehr bewegt:— Oh! ein Fie Und ſo ſchön, ſo anbetungswürdig ſchön!... Denn, in der That, man ſollte glauben, ihre Schönheit nehme jeden Tag zu wie ihr Geiſt ſich erhebt und wächſt; fällt Dir das nicht auch auf? Geſtehe, Freund, ſie hat oft Einfälle, ſie macht oft Bemerkungen, welche von außerordentlicher Feinheit und Empfindſamkeit zeugen. DOh! Fernand, Fernand, wenn ich in meiner Krankheit Euch Beide ſo voll Eifer bei mir Ich ſchwöre Dir, dachte ich zuweilen an den Tod, ſo dachte ich mit Heiterkeit daran. Nun kann ich ſterben, ſagte ich. Es gibt kein Geſchöpf Gottes, das glücklicher geweſen iſt, als ich. Ich:— Was ſprichſt Du vom Sterben? Du mußt im Gegentheil leben. und zwar lange leben für Deine theure Frau und für Deine Freunde. Hyacinthe, heiter:— Und darauf rechne ich auch, denn bei meinem armſeligen, ſchwächlichen Weſen gibt mir das Glück eine Stärke, eine Lebenskraft, um den Reid eines Rieſen zu erregen; und dann habe ich 6. 1 182 Ich:— Warum heute mehr? Hyacinthe, lachend und mit einer geheimnißvollen Miene:— Oh! oh! ſo iſt es;... das iſt eine Idee, die ich habe... Ich:— Es verbirgt ſich darunter ein fürchterliches Geheimniß. Hyacinthe, heiter:— Unglücklicher, Du wirſt es nur zu frühe erfahren!... Doch ſtille,.. ich ſehe dort Ceſarine. XIX. So plaudernd war ich mit Hyacinthe unter die großen Kaſtanienbäume der Tuilerien gekommen; Ce⸗ ſarine erwartete uns hier; ſie ſaß an demſelben Platze, wo ich ſie das erſte Mal Faublas leſend getroffen hatte. Als ſie uns ſah, lächelte ſie, ſchloß ihre Stickerei in ihren Korb und nahm den Arm von Hyacinthe, während ich an ihrer andern Seite ging; ſo erreichten wir, unter belebtem Geſpräche, die Wohnung von Hya⸗ einthe, wo das Mittagsmahl unſerer harrte; wir ſetzten uns zu Tiſche und die Unterhaltung nahm alſo ihren Fortgang? Hyaeinthe, auf den Tiſch ſchauend;— Nun! nun! Ceſarine... Du haſt alſo vergeſſen?. Ceſarine:— Was venn, mein Freund? Hyacinthe:— Der Keres von Fernand. Ceſarine:— Ich bin unſchuldig an dieſem Gräuel; der Wein iſt im Eiseimer geblieben, und man wird ihn erſt nach der Suppe ſerviren. 183 Ich:— Wahrhaftig, Madame, ich ſchäme mich meines excentriſchen Geſchmackes und der Mühe, die er Ihnen verurſacht. Ceſarine, lachend und zu ihrem Manne:— Hörſt Du ihn, mein Freund? er macht immer Umſtände.— Zu mir: Herr Fernand, um Sie zu beſtrafen, habe ich große Luſt, Sie beim Worte zu nehmen und mich gar nichts mehr um Ihren excentriſchen Geſchmack zu be⸗ kümmern. Ich, lachend:— Unter uns geſagt, Madame, ich wäre ſehr geſtraft, denn ich habe eine unmäßige Leiden⸗ ſchaft für Keres in Eis abgekühlt; Teres in Eis trinken iſt eine Ketzerei, ich weiß es, doch Sie und Hyaeinthe, Sie ſind ſo nachſichtig... Hyacinthe:— Und Du, biſt Du nicht auch ſehr nachſichtig gegen die unbändige Leidenſchaft mei⸗ ner Frau für Ananasgelée, wenn wir bei Dir ſpeiſen, Herr Lucullus? denn, in der That, Du empfängſt uns mit einer Pracht, mit einem Lurus würdig des alten Rom!. Ceſarine:— Und er hat Recht; man vermöchte, wenn man es kann, nichts zu Gutes, nichts zu Schö⸗ nes, nichts zu Ausgeſuchtes für ſeine wahren Freunde zu finden.. Und läßt Herr Fernand, um Dich und mich allein zu empfangen, Hyacinthe, mit Lichtern und Blumen alle Zimmer ſeines Hotels von der Hausflur bis zu den Salons füllen, als ob er hundert Perſonen erwartete, ſo handelt er als ein Mann, der die Freund⸗ ſchaft verſteht. Iſt das nicht Deine Anſicht? Ich, was mich betrifft, ich geſtehe, ich habe nur Verachtung für die eitlen Dummköpfe, die ſich oft dadurch zu Grunde richten, daß ſie Gleichgültige oder Neidiſche empfangen. Hyaeinthe:— Ei! mein Gott, dieſen Morgen erſt iſt im Miniſterium etwas ſehr Trauriges vorge⸗ fallen, was beweiſt, wie ſehr Du Recht haſt. Ich:— Erzähle es uns. Hyacinthe:— Oh! meine Freunde, als ich 184 dieſe traurige Geſchichte hörte, dankte ich dem Himmel doppelt, daß er mir eine Frau wie meine Ceſarine gegeben! Höret mit zwei Worten, wie ſich die Sache verhält: Einer von meinen Collegen, im Grunde ein guter Mann, aber ein Menſch von beklagenswerther Charakterſchwäche, hat das albernſte, hoffärtigſte Ge⸗ ſchöpf zur Frau; füget dieſem bei, daß die Frau einen Liebhaber hat, der nicht minder dumm und hoffärtig iſt, als ſie! Ich:— Das find wenigſtens gut gepaarte Leute. Hyaeinthe:— Oh! vortrefflich. Und wißt Ihr, meine Freunde, was aus dieſer Harmonie entſprungen iſt? Mein unglücklicher Freund wird wahrſcheinlich auf die Galeeren kommen. Ceſarine:— Oh! das iſt gräßlich.. Ich:— Und wie iſt das zugegangen? Hyacinthe:— Auf das Allernatürlichſte. Die Frau, um ihrem eitlen Liebhaber zu gefallen, machte tolle Tvilette, und um ihren Putz bewundern zu laſſen, gab ſie Abendgeſellſchaften, kleine Feſte. Ihr begreift, meine Freunde, daß es bei einem ſolchen Aufwand raſch geht mit einem Gehalte von tauſend Thalern. Der arme Michaud(das iſt der Name meines Collegen) beſaß nur dies und ungefähr zwölfhundert Franken von der Mitgift ſeiner Frau. Diefes Einkommen war mehr als hinreichend für ſeine Bebürfniſſe, denn der gute Mann hat einen ſo einfachen Geſchmack als wirz aber der alberne Aufwand der Frau hatte bald den Gehalt und die kleine Rente aufgezehrt. Es ſind die Schul⸗ den gekommen, dann die gerichtlichen Verfolgungen, die Beſchlagnahmen; auf's Aeußerſte getrieben, da er ſeinen Platz wegen ſeiner Schulden zu verlieren befürchtete, hat nun dieſer Unglückliche, den ſchändlichen Rath ſeiner Frau befolgend, einen Theil der Gelder, die ihm anvertraut waren, unterſchlagen; um bieſen Dieb⸗ ſtahl zu masquiren, ſoll er ſodann Fälſchungen in ſei⸗ nen Papieren gemacht haben... Wird die Sache 18⁵ bewieſen, ſo kommt er auf die Galeeren... Und dieſer arme Mann war tadellos geweſen bis zu dem Tage, wo ihn ſeine Frau in eine doppelte Schande verſetzt hat.. Als ich nun die traurige Geſchichte hörte, meine Freunde, verglich ich damit in meinem Innern meine ſo einfache, durch dieſe anbetungswürdige Haushälterin ſo geordnete kleine Wirthſchaft; ich dachte an unſern ruhigen, glücklichen, nur für zwei Jugendfreunde offe⸗ nen Herd und ſagte mir: Hätte ich, mit meiner Schüch⸗ ternheit, eine unwürdige Frau, ſtatt Ceſarine, gehei⸗ rathet, ſo weiß ich nicht, wo ich heute wäre. Nein, nein, meine Freunde, denn ich begreife, daß ein ſchwa⸗ cher, von einer ſchlechten Frau beherrſchter Mann am Ende den Kopf verlieren kann; wer weiß aber, ob ich nicht, wie ſo viele Andere, in einen Abgrund von Schande und Verzweiflung gefallen wäre ſtatt zu leben, wie ich lebe durch Ceſarine. Ceſarine, zu ihrem Manne, mit innigem Tone und mich mit einem bezeichnenden Ausdruck anſchauend, ohne von ihm bemerkt zu werden:— Mein guter Hyacinthe, ich mache Dich alſo glücklich, ſehr glücklich, vollkommen glücklich? Hhacinthe, mich mit einem Lächeln anſchauend:— Sieh doch die Eitle! wie gern hört ſie mich wiederho⸗ len, daß ſie für die Glückſeligkeit, die ich ihr verdanke, angebetet, vergöttert wird? Ceſarine, bewegt:— Nun wohl! ja, es iſt wahr, Deiner Lobeserhebungen werde ich nicht über⸗ drüſſig; wenn Du wüßteſt, Freund, was ſie für mich Süßes und Gutes haben? Wenn Du wüßteſt, wie wohlthuend es für das Herz iſt, ſich ſagen zu können: So, wie ich bin, trotz meiner Fehler, mache ich Hya⸗ einthe glücklich, vollkommen glücklich. Er weiß mir nicht den geringſten Vorwurf zu machen.(Sanft lächelnd.) Denn ſuche, frage in der tiefſten Tiefe Deines Innern? Nichts in meinem Benehmen, in meinen Gefühlen, in meinen Worten iſt Dir anſtößig. ich ſage weniger... 186 verurſacht die leichteſte, die unmerklichſte Unluſt Dei⸗ nem ſo zarten, für Eindrücke ſo zugänglichen Herzen, lieber Empfindlicher? Hyaeinthe, ein Lächeln auf den Lippen und ſüße Thränen in den Augen: Fernand, ich errathe, ſie will, daß ich mich in Deiner Gegenwart zu ihren Füßen werfe, um dieſe zu küſſen; ſie will beweiſen, bis zu welchem Grade von unausſprechlicher Vergötterung es ein ar⸗ mer Sklave des Glücks treiben kann, und mit welcher heiligen Freude, mit welcher frommen Dankbarkeit er vor ſeiner reizenden Gottheit niederkniet!(Heiter.) Nun wohl! nein, Madame Hyaeinthe! nein, Sie werden ſich dieſes Triumphes nicht erfreuen! Ihr unbengſamer Charakter hat mich einer ewigen Glückſeligkeit geweiht, ich werde mein Loos entſchloſſen ertragen; doch nicht Ihnen werde ich Dank ſagen, ſondern Gott, der Sie auf meinen Lebensweg geſtellt hat. Ich:— Und das wird wohl gethan ſein. Sehen Sie, Madame Hyacinthe, was man dabei gewinnt, wenn man die Leute in die Enge treibt. Man muß ſolche gute Wahrheiten einſtecken! Hyacinthe:— Und das iſt noch nicht Alles... ich werde mich für die Tyrannei von Madame rächen. Ich:— Sehr gut. Hyacinthe:— Ich habe meinen Plan. Ich:— Das Geheimniß von vorhin? Hyacinthe:— Ganz richtig. Ich:— Bravo! Sage mir Dein Geheimniß; ich werde Dir helfen. Hyacinthe:— Ich glaube wohl... Du biſt unentbehrlich bei meiner Rache... Ich:— Sprich. und ich werde Dein Seide, Dein Meuchelmörder ſein. Ceſarine, heiter:— Ach!.. habt doch Freunde daß ſie Euch im Augenblick der Gefahr verlaſſen. Hyaecinthe:— Stille, Madame...; erſticken — 187 Sie Ihre Thränen, Ihre Schreie... Vernehmen Sie meinen letzten Willen. Ich:— Laß hören. Hyaecinthe:— Er wird unwiderruflich ſein. Ich:— Unbarmherzig! Ceſarine, immer heiter: Ach! ach.. Hyaeinthe:— Ah! Sie find nicht hierauf ge⸗ faßt; doch ich ich koche ſeit vierzehn Tage langſam meine Rache. Ceſarine, die Hände zum Himmel erhebend:— Du hörſt ihn, o Himmel, er ſinnt nicht nur ſeit Tagen auf eine Rache, ſondern er kocht fie auch. Ich:— Eine wahre Kraftbrühe von Ruchloſigkeit! eine Grauſamkeit in ihrem eigenen Safte geſotten. Hyacinthe, mit einer grimmigen Miene:— Hören Sie mich wohl, Madame, da mir das Leben, welches ich hier führe, gräßlich iſt, ſo habe ich meinen Diviſtonschef vor vierzehn Tagen um einen Urlaub von einem Monat gebeten; gerührt von der Verzweiflung, die meine Züge verdüſterte, hat er mir dieſen Urlaub bewilligt. Ceſarine:— Einen Urlaub! Hyacinthe:— Oh! hoffen Sie nicht, mir zu entwiſchen(ſich gegen mich wendend), uns zu entwi⸗ ſchen, will ich ſagen... Denn, Freund Fernand, Du Faſt geſchworen, an meiner Rache Theil zu neh⸗ men? Ich, mit einer furchtbaren Stimme:— Ich ſchwöre. Ceſarine:— Herr! mein Gott! habe Mitleid mit mir! Wie wird es mir ergehen? Hyacinthe:— In acht Tagen am Abend bei Einbruch der Nacht... Hören Sie wohl, Ma⸗ dame, am Abend.. bei Einbruch der Nacht! Ich:— und vielleicht ſogar bei eingebrochener Nacht, Madame. Ceſarine:— Die Henker! gerechter Himmel, was werden ſie mit mir machen! Hyaeinthe:— Sie ſollen es erfahren, Ma⸗ dame. In acht Tagen, am Abend, bei Einbruch der Nacht... werden Sie in einen Fiaere ſteigen... mit Fernand und mir. Ich:— Der Fiaere wird mit ſchwarzen Pferden beſpannt ſein, nicht wahr, Hyaeinthe?“ Hyacinthe:— Schwarz wie Raben, mit erſchreck⸗ lichen Mähnen; Madame wird keinen Schrei von ſich geben oder Ceſarine:— Ich ſchwöre, nicht zu ſchreien. Hyacinthe:— und Sie werden wohl daran thun. Der Fiacre wird ſich dann raſch wenden... gegen.. Ceſarine:— Alles dies iſt außerordentlich und grenzt ans Wunderhare! Ein Fiacre, der ſich raſch wendet.. Hyacinthe:— Stille! Madame. es kommt noch ganz anders! Der Fiaere wird ſich alſo raſch nach einer gewiſſen engen, finſtern Straße wenden... wo es wo es Wiſſen Sie, Madame, was es dort gibt? Ich:— Ach! wenn ſie es wüßte, die unglück⸗ liche Frau!— Ceſarine:— Das Mark in meinen Knochen ſchauert!. Ach! was gibt es in dieſer Straße, mein Herr? Hyaeinthe:— Ein Diligencen⸗Bureau, Ma⸗ dame! Und durch meine lichtſcheue Vorſorge iſt das Coups ſchon beſtellt; Fernand und ich, ſchleppen Sie trotz Ihres Widerſtandes und Ihres Schluchzens in die⸗ ſes Conpé und ſteigen zu Ihnen ein; der Wagen geht ab, zwei Tage nachher ſind wir in Straßburg.. Und vann, zittern Sie, Madame!. Und dann beginnen wir alle Drei eine Reiſe an den Ufern des Rheins, 189 welche ſehr maleriſch ſein ſollen... Und das iſt noch nicht Alles.. Ceſarine, lebhaft:— Hyaeinthe!... wäre es möglich. Wahrhaftig, Du ſcherzeſt nicht? Du hätteſt uns dieſe Ueberraſchung bereitet? Welch ein Glück!.. eine ſolche Reiſe wäre entzückend. Ich:— Ich habe den Schlüſſel des Räthſels, Madame. EFrinnern Sie ſich, daß Sie vor ungefähr drei Wochen, an einem Sonntag, beim Mittagsbrode in meinem Hauſe, ein Album Anſichten vom Rhein ent⸗ haltend bewunderten? Ceſarine:— Gewiß, ich erinnere mich deſſen. Ich:— Und Sie erinnern ſich auch, Sie Unvor⸗ ſichtige, daß Sie geſagt haben:„Mein Gott, wie köſt⸗ lich muß eine Rheinreiſe ſein!“ Ceſarine:— Das iſt ebenfalls wahr. Ich:— Und ſo geht es, Madame, wenn man ſo unglücklich iſt, vor Hyaeinthe einen Wunſch auszuſpre⸗ chen, den man hegt. Er hat weder Ruhe, noch Raſt, bis er ihn zu erfüllen im Stande geweſen iſt; man iſt noch ſehr glücklich, wenn er ihm nicht zuvorkommt... Hygeinthe:— Alſo, Freunde, Ihr nehmt meine Idee an? Ich— Einſtimmig! Ceſarine:— Welch eis Glück! Dieſe Reiſe wird ein wahres Feſt ſein!... Der Herbſt iſt ſo ſchön in dieſem Jahre... Es wird bezaubernd werden. Hyacinthe:— Sehen Sie uns alle Drei dieſe magiſchen Geſichtspunkte bewundern, unſere Reiſeeindrücke austauſchen! Was für unverſiegbare Plaudereien! und bei der Rückkehr, was für gute Erinnerungen für unſere Winterabende! Ich:— Uum dieſe Erinnerungen feſtzuſtellen, müſ⸗ ſen wir auch unſere Reiſe ſchreiben: Du wirſt das über⸗ nehmen, Hyaeinthe. Ich, ich zeichne die Illuſtrationen dazu. Hyacinthe:— Vortrefflich.. und wir wid⸗ das Werk mit Ehrfurcht Ceſarine. 190 Ceſarine:— Ich nehme es mit Freuden an, und die Reiſe wird den Litel haben: Abenteuer und Wanderungen dreier Freunde: Ich:— Einverſtanden. Ceſarine:— Eine weitere Bedingung: Herr Fernand iſt ohne Zweifel ein vortrefflicher Zeichner, doch er iſt ein abſcheulicher Rechner. Hyaecinthe:— Nimm es hin, Fernand. Ceſarine:— Dabei iſt er gewohnt, den großen Herrn zu ſpielen; ich verlange förmlich, daß es ihm verboten ſein ſoll, etwas in den Gaſthöfen zu beſtellen, er würde uns zu Grunde richten. Hyacinthe:— Einverſtanden. Ich:— Ich bitte um das Wort. Ceſarine:— Das iſt recht.. doch Sie be⸗ kommen es nicht; ich werde alſo die Obliegenheit ha⸗ ben, die Befehle auf der Reiſe zu geben; Hyaeinthe wird der Kaſſier ſein... und Herr Fernand... Ich:— Nun, was werde ich ſein? Ceſarine:— Sie werden der Director und der Generalordner der Spazierfahrten und Ausflüge ſein. Ich:— Ich nehme es an; doch. Ceſarine:— Doch es iſt nach gegenſeitiger Uebereinkunft beſchloſſen, daß der Director und Gene⸗ ralordner der Spazierfahrten in dieſer Hinſicht Alles thun wird, was die Majorität der Reiſenden will, oder ſogar Alles, was jeder Reiſende will. Hyacinthe:— Das iſt klar.. ſonſt würde ſich der Director und Generalordner eine abſcheuliche Will⸗ kür erlauben. Ich:— Wohlan, ſo groß die Verantwortlichkeit ſein mag, welche auf meiner despotiſchen Gewalt laſten wird, ich unterziehe mich dieſen hohen Funetionen. Das Ende des Abends verging unter köſtlichen Er⸗ güſſen; wir ſprachen beinahe ausſchließlich von der * 5 191 nahe bevorſtehenden Reiſe, von der Hyaeinthe, Ceſarine und ich entzückt waren. Ich habe ſo eben die Unterhaltung an dieſem Abend zwiſchen Ceſarine, Hyaeinthe und mir wiedergeleſen; ich ſuche ängſtlich in meinen Erinnerungen, ob ich, ich ſage nicht von Gewiſſensbiſſen, ſondern von der ge⸗ ringſten Scham, von der geringſten Verlegenheit wäh⸗ rend dieſes langen Abends erfaßt worden ſei, an welchem mich das heitere, reine Vertrauen von Hya⸗ einthe hätte müſſen das unabläfſige Märtyrthum einer niederträchtigen, meineidigen Stellung empfinden laſſen? Denn das zwiſchen Ceſarine und mir gewechſelte Ver⸗ ſprechen, uns mit einer lauteren und keuſchen Liebe zu begnügen, dieſes Verſprechen, das wir uns gegenſeitig in gutem Vertrauen und mit der feſten Abſicht, es zu halten, geleiſtet hatten. wir haben es auf eine ſchänd⸗ liche Weiſe verrathen. Und dieſer ſchändliche Verrath, verurſacht er mit Gewiſſensbiſſe? Nein denn ich glaube, nie fühlte ich eine auf⸗ richtigere und lebhaftere Zuneigung für Hyacinthe. Ich habe indeſſen weder eine eherne, noch eine verdorbene Seele. Woher kommt es, daß ich unem⸗ pfindlich bei dieſem erſchrecklichen Gedanken bleibe? Ich mißbrauche auf eine unwürdige Art das Ver⸗ trauen meines beſten Freundes; ich habe ihn entehrt. Ich ſagte mir vorhin, alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Gut und Böſe müſſen in meinem Geiſte verwirrt ſein, man höre, warum: Hyacinthe iſt der Glücklichſte der Menſchen, er wiederholt es mir jeden Tag; ich glaube es, ich ſehe es, ich weiß es, Alles beweiſt es mir. Ceſarine, die ihn immer zärtlich wie einen Bruder geliebt hat, über⸗ ſchüttet ihn eben ſo ſehr, wenn nicht mehr als früher, mit Aufmerkſamkeiten und Gefälligkeiten. Er iſt ernſt⸗ lich krank geweſen, wir, ſie und ich, haben bei ihm 192 gewacht, nicht aus Falſchheit, nicht um uns bei ihm einzuſchmeicheln, ſondern aufrichtig, gewiſſenhaft, in Folge unſerer tiefen Zuneigung für ihn. Dieſer Plan einer Reiſe zu Drei entzückte mich, er bezauberte auch Ceſarine, ich habe es an ihrem Ge⸗ ſichte geſehen, denn wie ich würdigt ſie nach ſeinem Verdienſte den anbetungswürdigen Charakter und den reizenden Geiſt von Hyaeinthe, ſie weiß, wie glücklich unſer Freund zwiſchen uns Beiden iſt. Was dieſen Mangel an Gewiſſensbiſſen, worüber ich erſtaune, betrifft, ſo iſt Ceſarine wie ich; wie oft hat ſie mir in den kurzen Augenblicken, die auf unſere immer wiederentſtehende Trunkenheit folgen oder ihr vorangehen, geſagt: „Wozu würde Hyaeinthe die Zeit nützen, die ich Dir jeden Mittag bis drei Uhr ſchenke, während er auf ſeinem Bureau iſt? Vernachläſſige ich in irgend einer Hinſicht die Pflichten einer ergebenen Gattin, einer verſtändigen Haushälterin? Bin ich weniger liebevoll gegen ihn als früher? Nein; denn er flößt mir dieſelbe Zuneigung ein. Du weißt es, Fernand, es vergeht kein Tag, wo wir nicht von unſerem Hya⸗ einthe ſagen:„Engeliſches Herz! bezaubernder Geiſt! köſtliches Zartgefühl!““ Und das ſagen wir nicht aus Heuchelei; er iſt nicht dabei; wir find allein, wer könnte uns hören? Wir ſprechen ſo aus dem Herzen! Mag Hyacinthe morgen krank ſein, mag er meiner be⸗ dürfen, mögen mich die Sorgen meines beſcheidenen Hausweſens in Anſpruch nehmen, ſo werden unſere Rendez⸗vous ſo lange unterbrochen bleiben, als es die Nothwendigkeit erfordert. Glaubſt Du endlich, daß es auf der Welt einen glücklicheren, angebeteteren Men⸗ ſchen gibt als unſern Hyaecinthe?“ Und morgen wird ohne Zweifel Ceſarine, wenn ſie ſich der Geſchichte erinnert, die ihr Mann heute Abend 193 in Betreff eines ſeiner Collegen vom Miniſterium er⸗ zählt hat, zu mir ſagen: „Sieh doch weil ſeine hoffärtige, dumme Frau einen eitlen Gecken geliebt hat, ſtatt eines wackeren Mannes, wird dieſer Unglückliche vielleicht auf die Ga⸗ leeren kommen.“ Das werden, ich bezweifle es nicht die Betrachtungen von Ceſarine ſein; ich werde denken wie ſie und aus dem Grunde der Seele ſprechen, denn ich wiederhole, die Grundſätze des Guten und des Böſen, des Rechts und des Unrechts, müſſen in meinem Geiſte verwirrt ſein. Ja, heute Abend, den 10. September 1826, denke ich dieſes und habe es von Angeſicht zu Angeſicht mit mir, die Hand auf meinem Gewiſſen, geſchrieben. ch gebe dies genau an, um, wenn das Alter, die Reflerionen oder die Ereigniſſe mich gereift oder ver⸗ ändert haben, zu wiſſen, welches Urtheil ich über meine heutigen Ueberzeugungen fällen werde. Die zukünftige Prüfung ſcheint mir ſo intereſſant, ſogar ſo belehrend ſein zu müſſen, daß ich im Sinne habe, dieſes Tagebuch ſo viel als möglich fortzuſetzen, wobei ich mir verſpreche, im Böſen wie im Guten ſo aufrichtig gegen mich zu ſein, als ich ſo eben dieſe Zetlen ſchreibend geweſen bin. — XX. Den 15. Nov. 1851. Ja, die Begriffe von Gut und Böſe, von Recht und Unrecht waren verworren in meinem Geiſte. Fernand Dupleſſis. I. 13 „ Ach! ich brauchte nicht die Reife des Alters und der Ueberlegungen abzuwarten, um das Bewußtſein zu haben und den furchtharen Beweis zu erlangen, daß ich in meinem Benehmen gegen Hyaeinthe durch die alberne Sophiſterei des Egoismus verblendet war. Es ſind kaum zwei Monate verlaufen, ſeitdem ich obige Zeilen geſchrieben habe, und ſchon welche Thrä⸗ ih welche Gewiſſensbiſſe! vielleicht ewige Gewiſſens⸗ iſſe! Ach! es iſt nicht ein eitles Gefühl einer der Zu⸗ kunft vorbehaltenen Neugierde, was mir dieſe Seiten dietirt, es iſt eine Sühnung, die ich mir auferlege; könnte je die Vergeſſenheit auf den Kummer, den ich erdulde und beſonders auf die Uebel, die ich verur⸗ ſacht, folgen, ſo würden dieſe von Reue bebenden Zeilen mich an eine Vergangenheit erinnern, die mich durch Schmerz und Scham zu Boden drückt. Acht Tage nach dem Abend, den ich mit Hyacinthe und ſeiner Frau zugebracht hatte, ſollten wir alle Drei von Paris abgehen um die Rheinreiſe zu machen, auf die wir uns ſo ſehr freuten. An einem Sonntag, zwei Tage vor unſerer Abreiſe beabſichtigten wir nach einer Verabredung, ſtatt bei mir zu ſpeiſen, in Verſailles die großen Waſſer ſpielen zu ſehen und im Gaſthauſe zu Mittag zu eſſen; ich ſollte am Morgen Ceſarine uud Hyacinthe abholen; um die zwölfte Stunde ſtieg ich vor ihrer Thüre aus dem Wagen. Als ich in den kleinen Salon eintrat, wo ich meinen Freund und ſeine Frau zu ſinden dachte, war dieſe allein; da ich aber Hyacinthe zu Hauſe glaubte, ſo grüßte ich Ceſarine mit einer freundſchaftlichen Artig⸗ keit und ſprach zu ihr: meine Pünktlichkeit beklagen, und „Ich hoffe, Madame, Sie werden ſich nicht über 195 Doch ſie ließ mir nicht Zeit, zu vollenden, fiel mir um den Hals und ſagte: „Küſſe mich geſchwinde...“ Die Gegenwart von Hyaeinthe befürchtend, erwie⸗ derte ich Ceſarine: „Nimm Dich in Acht. keine Unvorſichtigkeit.“ „Sei unbeſorgt,“ verſetzte ſie,„Hyacinthe iſt aus⸗ gegangen. Ah! Fernand, wie gut wird unſer Tag heute ſein... und übermorgen treten wir die köſtliche Reiſe an. Doch wir müſſen die Abreiſe beſchleunigen, ſonſt würde Hyacinthe närriſch werden, das ſchwöre ich Dir, Fernand; er träumt nur von dieſer Reiſe, er ſpricht nur davon.. und wenn ſie ihm ſo ſehr ge⸗ ſo iſt dies der Fall, weil er ſie mit uns machen oll.“ „Denken wir nicht wie er?“ „Das iſt ſo wahr, Fernand, und ich bin überzeugt, daß Du wie ich ſagen wirſt... „Seht doch die Anmaßliche! Laß hören, was werde ich wie Du ſagen? „Geſtehe, daß, wenn wir die Wahl hätten, Beide in Paris zu bleiben, einen Monat lang, frei wie die Vögel durch eine Abweſenheit von Hyacinthe, oder dieſe Reiſe mit ihm zu machen, wir würden es vor⸗ zichen „Wir würden es vorziehen, die Reiſe mit ihm zu machen? Bei Gott! ich glaube wohl.“ „Und zwar, als Cgoiſten, wie wir find, wenigſtens eben ſo ſehr wegen des Vergnügens, mit ihm zu ſein, um ihm das Vergnügen zu machen, mit uns zu Sii „Das iſt ganz einfach. Wo könnte man einen reizenderen, geiſtreicheren Reiſegefährten finden? Wir find alle Drei ſo vertraut mit einander. wir ver⸗ ſtehen uns ſo gut. Und dann iſt unſer Hyacinthe ein ſo poetiſcher, ſo feiner Beobachter, er weiß ſo viel und über Alles! Ich bin auch überzeugt, S er wird uns Dinge ſehen, bemerken, fühlen machen, die uns Nichtſe henden, uns armen Unwiſſenden, die wir ſind, entgangen wären!“ „Ah! was die Unwiſſenden betrifft. geſtern hat mir Hyacinthe einen Vorfall erzählt, der mich bis zu Thränen rührte. Es iſt dies ein neuer Be⸗ weis von der Zartheit ſeines engeliſchen Herzens„. Du wirſt ſehen, Fernand, wie gut das von ihm iſt.“ „Oh! ich kenne ihn und bin auf Alles gefaßt.“ „Stelle Dir vor, in dem Bureau, zunächſt bei dem von Hyaeinthe, iſt ein Erpeditor, der naivſte, unwiſſendſte Menſch der Welt;. mit einem Wort, eine wahre Schrei⸗ bemaſchine; die ſtarken Geiſter dieſes Bureau unterlaſſen es auch nie, dieſen braven Mann zu myſtifieiren. Ge⸗ ſtern wohnte Hyaeinthe zufällig einer ſolchen lächer⸗ lichen Scene bei; man machte dem armen Gimpel ein ganz ungereimtes Mährchen von ich weiß nicht was für Bewohnern des Mondes und der Sterne vor; der würdige Mann hörte dieſe Albernheiten eben ſo treu⸗ herzig als dankbar an und ſagte von Zeit zu Zeit in ſeinem unſchuldigen Erſtaunen:„Wahrhaſtig! wie ſelt⸗ ſam iſt das! Wie glücklich ſind Sie, daß Sie ſo ge⸗ lehrt ſind! Wie gut ſind Sie, daß ſie mich ſo aufklä⸗ ren! Wie ſehr find die unwiſſenden Leute meiner Art zu beklagen!““ „In der That,“ ſprach ich zu Ceſarine,„dieſe Nai⸗ vetät rührt mich.“ „Und ſie hat Hyacinthe ſo ſehr gerührt, daß er, trotz ſeiner gewöhnlichen Schüchternheit, ſeine Entrüſtung nicht zu bemeiſtern vermochte, und er ſagte zu ihnen, wie er mir geſtern noch ganz bewegt bei dieſer Erin⸗ nerung erzählt hat:„„Ihr ſeid boshafte Menſchen; ja, man muß ein ſchlechtes Herz haben, um weder Mit⸗ leid, noch Theilnahme für ein armes Geſchöpf zu fühlen, das in Demuth ſeine Unwiſſenheit geſteht, ſich in aller Treuherzigkeit an Euch wendet, Euch glanbt und Euch dankt, während Ihr ſeiner ſpottet! Das iſt ein ſchöner 197 Triumph! Die argloſe Leichtgläubigkeit eines Kindes mißbrauchen!—— Und es iſt wahr,““ fügte Hya⸗ einthe mit Thränen in den Augen bei,„„nichts flößt mir ein ſo rührendes Mitleid ein, wie die demüthige und ſchüchterne Unwiſſenheit. Unglückliche, verbannt aus dieſer Welt der Intelligenz und des Wiſſens, wo wir Anderen ſo viel erhabene Genüſſe finden! Wenn dieſe armen Unwiſſenden ſich zufällig an mich wenden, fo betrachte ich es auch immer als eine heilige Pflicht, meine wenigen Kenntniſſe ihrem geiſtigen Vermögen anzupaſſen,““ ſetzte Hyaeinthe mit jenem ſanften, fei⸗ nen Lächeln, das Du fennſt, hinzu,„„und es ein we⸗ nig zu machen wie die Vögel des guten Gottes, welche den Fleinſten einen ihren Kräften angemeſſenen Schna⸗ bel voll geben.““ Nein, ich kann ihn Dir nicht ſchil⸗ dern, Fernand, den Ausdruck ibealer Güte im Ge⸗* ſichte von Hyaeinthe, als er dieſe Worte ſprach... Ich wiederhole Dir auch, die Thränen ſind mir in die— Augen getreten.“ „Ah! welch ein Gemüth hat er! Ceſarine, wie oft haben wir von unſerem Hyacinthe geſagt: Enge⸗ liſches Herz, bezaubernder Geiſt, köſtliches Zartgefühl! Es iſt die Empfindſamkeit, die Zartheit zum Menſchen geworden, wie Du, meine Ceſarine, die Schönheit, die Verführung, die Berauſchung in Perſon biſt „Oh! Fernand, Fernand,“ erwiederte Ceſarine lächelnd,„ſchau mich nicht ſo an, das iſt gefähr⸗ lich.. Plötzlich machte uns ein dumpfer, wiederhallender Sl der aus dem Cabinet von Hyaeinthe kam, eben. Ich ſagte leiſe zu Ceſarine: „Iſt Jemand da?“ „Feiger,“ erwiederte ſie auch leiſe, aber lächelnd und die Achſeln zuckend,„die Magd wird einen Stuhl umgeworfen haben.“ „Aber ſieh doch,“ verſetzte ich immer unruhiger, „die Thüre dieſes Cabinets iſt nicht geſchloſſen... man hat uns hören können.“ „Sei unbeſorgt,“ antwortete Ceſarine leiſe,„ich will ſie zumachen dieſe Thüre Und ſie wandte ſich auf den Fußſpitzen nach dem Cabinet, horchte einen Augenblick, und als ſie kein Geräuſch mehr hörte, öffnete ſie halb die Thüre. Doch alsbald warf ſie ſich bleich, mit verſtörtem Geſichte rückwärts und ſtieß einen erſtickten Schrei aus. Ich lief zu ihr, und was ſah ich im Cabinet? Hyacinthe lag ohne Bewußtſein auf dem Boden aus⸗ geſtreckt und hielt noch in der Hand einen herrlichen Roſenſtrauß, den er ohne Zweifel kurz zuvor für Ce⸗ ſarine gekauft hatte. Ich blieb einen Augenblick ſtarr vor Schrecken. Die Worte:„Er ſtirbt!“ welche Ceſarine mit einem herzzerreißenden Tone ſprach, riefen mich wieder zu mir ſelbſt zurück. Ich half Ceſarine Hyacinthe auf ſein Bett tragen, und wir gaben dieſem Unglücklichen mit gemeinſchaft⸗ lichem Eifer die erſte Pflege, während die Dienerin wegeilte, um einen Arzt zu holen. Hyacinthe war todesbleich, der kalte Schweiß, der ſeine Stirne überſtrömte, klebte ſeine feinen, ſeidenen Haare an ſeine Schläfe an; ſeine halbgeöffneten Augen⸗ lider ließen ſein trübes Auge ſehen; ſein Athem ſchien gehemmt; es war, als hätte der gräßliche, unvorherge⸗ ſehene Schlag, der ihn im Herzen getroffen, alle Le⸗ bensfedern bei dieſem zarten, ſchwächlichen Weſen zer⸗ brochen. Seine Lippen waren weiß, ſeine Hände träge und eiskalt. Nach einigen Augenblicken hob ſich in⸗ deſſen ſeine Bruſt wieder, es drang ein langer, ſchmerzlicher Seufzer aus ihr hervor, und bald zeigte ſich eine Thräne an ſeinen Wimpern. Ceſarine kniete vor dem Canapé, unterſtützte mit einem von ihren Armen den ſchwerfällig gewordenen 199 Kopf ihres Mannes, beſpähte ſeine Rückkehr zum Le⸗ ben und wiſchte von Zeit zu Zeit mit der umgekehrten Hand die Thränen ab, von denen ſie geblendet war. Ein leiſes Beben von Hyacinthe und ein neuer minder gepreßter Seußzer verkündigten, daß die Em⸗ pfindbarkeit bei ihm zurückkehrte. Ceſarine ſagte mit zitternder Stimme zu mir: „Ich glaube, er kommt wieder zum Bewußtſein.. Bleihen Sie nicht da Itch hatte den Schwindel, meine Kniee wankten, daß ich mich auf die Meubles ſtützen mußte, um die Thüre des Zimmers erreichen zu können; dann ſank ich vernichtet in einen der Lehnſtühle des Salon. Ich geſtehe, wenn mir in dieſem Augenblick die Kräfte nicht gefehlt hätten, ſo würde ich eine Feigheit begangen haben; ich wäre aus dieſem Hauſe geflohen und hätte Ceſarine bei Hyaeinthe gelaſſen, eine folche Angſt verurſachte mir der Gedanke, wieder vor ihm zu erſcheinen; hätte ich es mit einem heftigen und furcht⸗ baren Ehemann zu thun gehabt, ſo würde ich der Ge⸗ fahr getrotzt haben; aber den erſten Blick meines wie⸗ der zu ſich gekommenen Freundes aushalten.. dieſer Muth überſtieg meine Kräfte, und ich horchte mit einer entſetzlichen Bangigkeit auf das, was im anſtoßenden Zimmer vorging und geſprochen wurde. Anfangs hörte ich nur das Schluchzen von Ce⸗ ſarine und einige Seufzer von Hyacinthe, der bald mit einer ſchwachen Stimme, welche indeſſen bis zu mir gelangte, zu ſeiner Frau ſagte: „Ich war. aufden Quaigegangen.. um Dir Roſen zu kaufen.; bei meiner. Rückkehr ſah ich unten den Wagen von Fernand.. Da kam mir der Gedanke Euch zu überraſchen Als ich mit meinem Strauß. in der Hand eintrat.. ilingelte ich nicht. Ich öffnete die Thüre mit meinem Schlüſſel.. z ich ging durch mein Cabinet „ die Thüre des Salon war.. ein wenig geöff⸗ net. Dann. hoörte ich Alles...“ „Gnade!... Gnade!...“ murmelte Ceſarine mit erſtickter Stimmr. 3 einem langen Stillſchweigen fuhr Hyaeinthe fort: „Wo iſt Fernand?“ Ich ſchauerte, es ward mir ganz ſchwach um's Herz; ich fühlte mich an meinen Platz angenagelt, und es ſchien mir, als hätte man mich in dieſem Augen⸗ blick eher getödtet, als gezwungen, vor den Augen von Hyacinthe zu erſcheinen. Er wiederholte ſanft, indem er ſich an ſeine Frau wandte: „Ich frage Dich: wo iſt Fernand?“ „Im Salon,“ erwiederte ſie ſchluchzend. „Er komme,“ ſagte ihr Mann. Einen Augenblick nachher trat Ceſarine, bleich, in Thränen gebadet, aus dem Zimmer heraus und ſprach zu mir: „Er verlangt nach Ihnen.. kommen Sie.“ „Nein.. nein,“ rief ich,„ich wage es nicht.“ —„Ich wage es wohl,“ verſetzte Ceſarine,„kommen e Und ſie ergriff mich bei der Hand und nöthigte mich, ihr zu folgen.. Ich gehorchte maſchinenmäßig. Beim Anblick des Geſichtes von Hhacinthe, das ſchon ganz entſtellt und bleifarbig ausſah, als ſtünde der Tod nahe bevor, brach ich in ein Schluchzen aus. Ich warf mich auf ſein Kopfkiſſen, verbarg mein Ge⸗ ſicht in meinen Händen und rief, alle Qualen des Her⸗ zens ausſtehend: „Verzeih' mir, oh! verzeih' mir!“ Hyacinthe antwortete mir nicht; bald aber tappte ſeine ſchon kraſtloſe und kalte Hand umher, ſtreifte meie Haare, traf endlich eine von meinen Händen, auf die ich meine Stirne ſtützte, und drückte ſie ſchwach. 201 Bei dieſem Drucke erhob ich raſch den Kopf. Ein ſchmerzliches Lächeln ſchwebte über die entfärbten Lip⸗ pen von Hyhacinthe. Seine Augen hefteten ſich auf mich, ich las die Verzeihung in dieſem engeliſchen Blicke, und ich küßte weinend die Hand, die er in der meinigen ließ. Ceſarine ſaß mit geſenktem Kopfe und hängenden Armen am Fuße des Bettes und ſchien weder zu ſehen, noch zu hören. „Fernand,“ ſagte Hyaeinthe mit erloſchener Stimme zu mir,„ich fühlte mich vorhin... im Herzen... getroffen... als hätte ich einen Dolchſtoß be⸗ fommen... Ich werde das nicht überleben... ich ſterbe.“ „Nein,“ rief ich ſtöhnend,„nein, Du wirſt nicht ſterben.“ Hyaeinthe fuhr fort: „Die Verſprechen, die man den Sterbenden gelei⸗ ſtet hat, ſind heilig, Fernand! Schwöre mir... Ceſarine nicht zu verlaſſen... wenn ich nicht mehr ſein werde.“ „Hyaeinthe, ich flehe Dich an, verjage dieſe finſte⸗ ren Gedanken.“ „Laß mich vollenden... die Kräfte... werden mir bald.. mangeln... Fernand, der Fehler von Ceſarine iſt entſchuldbar; ſie konnte mich nicht aus Liebe lieben.. doch ſie hat mich mit der zar⸗ leſten Sorgfalt und Aufmerfſamkeit umgeben; ich hatte ihr die glucklichſten Augenblicke meines Lebens zu ver⸗ danken.. fügte Hyacinthe bei, deſſen Stimme immer ſchwächer wurde.„Du erinnerſt Dich ich habe es Dir geſagt... dieſe Heirath war. unver⸗ hältnißmäßig... für mich Sie war zu ſchön... Doch was das Herz. was die Anhäng⸗ lichkeit... was die Zuneigung betrifft... oh! ſie hat mir noch mehr gegeben.. als ich ihr gegeben habe Fernand.. ſei weder ungerecht, noch un⸗ 202 dankbar. gegen ſie„Schwöre mir, ihr... die Liebe, die ſie für Dich gehabt hat. zu verzeihen!“ „Was ſagſt Du, Hyaeinthe? Mein Gott! ich ver⸗ ſtehe Dich nicht!“ „Spricht Ceſarine. nach meinem Tode... zu Dir;„„Ich bin frei, laß uns unſere Liebe... durch die Ehe heiligen..“ ſchwöre mir, Fernand, ihr dann nicht den Fehler vorzuwerfen, bei dem Du der Mitſchuldige geweſen biſt... Schwöre mir... Ceſa⸗ rine nicht zurückzuſtoßen... und ihr nicht zu ſagen.. eine einer Schwäche ſchuldige Fran ſei nicht wür⸗ dig, Deinen Namen zu führen.“ „Das wäre ja ſchändlich!“ rief ich ſchmerzlich be⸗ troffen von dieſem Argwohn von Hyaeinthe. „Oh! ja das wäre ſchändlich!... denn ich, Fernand, ich vergebe ihr z... denn ich, ich ſpreche ſie frei, im Namen ihrer Anhänglichkeit, ihrer frommen Ehrfurcht für mich... im Namen ihrer häuslichen Tugenden, deren Zeuge Du geweſen biſt, wie ich.. Fernand... Ceſarine wird Deinen Namen auf eine edle Weiſe tragen... Ihr werdet Beide glücklich ſein GCurem Glücke wird nichts fehlen. Ihr ſeid jung, Ihr ſeid ſchön... und Ihr betet Euch an... Unbeweglich, vermochte Ceſarine kaum ihr krampf⸗ haftes Schluchzen zu bewältigen; wie das meinige über⸗ ſtrömte ihr Herz von Rührung und von Bewunderung für die anbetungswürdige Milde dieſes Unglücklichen, der ohne ein Wort des Vorwurfs oder der Bitterfeit gegen uns, ſeine Henker, verſchied. „Ceſarine,“ fuhr Hyaeinthe fort,„reiche mir... noch einmal Deine Hand... Deine ſchöne Hand... Die Kälte dringt zu meinem Herzen empor. mein Geſicht erliſcht...; das Leben ſchwindet hin... Deine Hand auch. Fernand;... Du ſchwörſt mir, daß Ceſarine Deine Frau ſein wird?“ „Oh! bei den gräßlichen Gewiſſensbiſſen für 203 Böſe, was ich Dir gethan habe, ſchwore ich es i „Du ſchwörſt mir.. ſie glücklich zu ma⸗ chen!“ 2 „Ja.. Oh! ja, ſie wird für mich durch Dein Andenken geheiligt ſein!“ „Ohweh!.. Ihr habt mich wenigſtens... Beide... geliebt.. wie ich Euch geliebt habe,“ fügte Hya⸗ einthe mit verſcheidender Stimme bei;„denkt zuweilen an Euren Freund... an Euren Hyaeinthe. Nie hat er Euch andere Thränen vergießen ge⸗ macht, als dieſe...“ Dieſe Worte waren die letzten verſtändlichen von Hyacinthe.„ Sein Todeskampf war lang, aber ſanft; er ſtar ohne ſcheinbaren Schmerz in der Nacht vom Sonntag auf den Montag. Ceſarine ſchloß ihm mit frommer Hand die Augen. Der Arzt ſchrieb dieſen ſo ſchnellen Tod zwei Ur⸗ ſachen zu, einmal einer organiſchen Unordnung, dem Reſultate der letzten Krankheit meines Freundes, wie er ſagt, dann dem plötzlichen Springen eines Gefäßes in der Bruſt, herbeigeführt ohne Zweifel durch eine zu lebhafte und zu raſche Gemüthserſchütterung; in Ver⸗ bindung mit der natürlichen Schwächlichkeit von Hya⸗ einthe, mußten ihn dieſe zwei Urſachen ſchnell in's Grab führen. 204 XXI. Der Tod von Hyacinthe verurſachte mir Anfangs einen heftigen Kummer, verzweiflungsvolle Reue; ich fand eine Art von ſchwermüthigem Troſt in dem Ge⸗ danken, den von mir meinem ſterbenden Freunde gelei⸗ ſteten Schwur zu erfüllen, den Schwur, Ceſarine zu heirathen. In meinem Zuſtande tiefer Traurigfeit und Nie⸗ dergeſchlagenheit betrachtete ich dieſe Heirath als ein Gluͤck; ſie ſtellte meine Zukunft feſt. Der einfache und wahre Schmerz, in den ich Ce⸗ ſarine ſeit dem Tode ihres Mannes verſunken ſah, die Bitterkeit ihrer Gewiſſensbiſſe, die ſich“ oft durch die unter ihren Thränen von ihr ausgeſprochenen Worte: Fernand, wir haben ihn getödtet! äußerte, die unerbittliche Strenge, mir der ſie nun die unſeli⸗ gen Sophismen verurtheilte, durch die wir unſern Verrath an Hyaecinthe bedeckt hatten, Alles machte mich an den Adel des Herzens, an die Feſtigkeit des Charakters von Ceſarine glauben; ich war überzeugt, in ihr ernſte Bürgſchaften für mein zukünftiges Gluͤck, zu finden. Die Vermögensfrage hatte für mich keine Bedeu⸗ tung: ich war reich genug, um nur auf den Wunſch meines Herzens und die Stimme meiner Fflicht zu hören. In einem von mir gewürdigten und getheilten Zartgefühle war Ceſarine ſeit dem Tode von Hyacinthe nicht wieder zu mir gekommen; ich ſah ſie jeden Tag in ihrem Hauſe. Auf die Gluth unſerer Leidenſchaft war eine durch den Gedanken an dieſes kaum geſchloſ⸗ ſene Grab gebotene Zurückhaltung gefolgt. Während unſerer langen und traurigen Unterre⸗ dungen ſprach Ceſarine nie von unſerer nahe bevor ſtehenden Heirath; ſie hätte mich zu beleidigen geglanbt; 205 ich ſprach mit ihr auch nicht davon. Wozu an eine Verbindlichkeit erinnern? So vergingen ſechs Wochen. Mein Schmerz verlor indeſſen allmälig ſeine erſte Schärfe; ich hatte ſeit langer Zeit mit jedem Vergnü⸗ gen, mit jeder Zerſtreuung gebrochen; mein Leben der Liebſchaften und Luſtbarkeiten war, ſo zu ſagen, unter dem Schlage des heftigen Kummers, in den mich der Tod meines alten Freundes verſetzt hatte, ſtille geſtan⸗ den; doch in demſelben Maße, in dem ſich dieſer Kum⸗ mer wie jeder Kummer linderte, fühlte ich mich für das Vergnügen wiedererwachen, ich empfing und be⸗ ſuchte meine lange vernachläſſigten Freunde; noch trau⸗ rig, ſuchte ich einige Zerſtreung in meinen früheren Gewohnheiten. Da fing mein Schwur, Ceſarine zu heirathen, dem ich übrigens treu bleiben wollte, an mir nicht mehr als ein ſicherer Hafen gegen die Stürme der Leiden⸗ ſchaften, ſondern als das Grab meines Lebens eines jungen Mannes zu erſcheinen. Ich erſchrak bei dem Gedanken, mich mit ſechs und zwanzig Jahren zu verheirathen; ich fragte mich in einem Gefühle von aufrichtigem Intereſſe für Ce⸗ ſarine, ob ich fähig ſei, für ihr Glück zu bürgen? Ich geſtand mir, indem ich mir denſelben vielleicht abſichtlich übertrieb, den Eindruck, den ein paar hübſche Frauen auf mich gemacht, ſeitdem ſich mein Gram 322 den Tod von Hyacinthe ein wenig beſänftigt atte. Später verwandelten ſich meine Zweifel. Ich fragte mich nicht mehr, ob ich würdig und fähig ſei, Ceſarine wahre Bürgſchaften für die Zu⸗ kunft zu bieten, ſondern ich fragte mich, ob ſie mir ſolche biete wie ich es Anfangs geglaubt hatte. Die beinahe prophetiſchen Befürchtungen von Hya⸗ einthe in ſeinen letzten Augenblicken fingen an ſich zu verwirklichen. 206 Ich ſagte mir am Ende: „Ceſarine hat Hyaeinthe betrogen; warum ſollte ſie, wenn ſie einmal meine Frau iſt, mich nicht auch betrügen? „Allerdings hat ſie mich geliebt, doch auf die glü⸗ hendſte Liebe folgen oft die Kälte, die Sättigung... Ich muß überdies geſtehen, ſeit der Unterbrechung mei⸗ ner Rendez⸗vous mit Ceſarine, ſeitdem ſie mir nicht mehr wie früher hinreißend durch Leidenſchaft und Wolluſt, ſondern ernſt, ſchwermüthig und in Thränen gebadet erſcheint, habe ich die Erkaltung ſich meiner bemächtigen gefühlt. Kann ſie ſich ihrer nicht auch be⸗ mächtigen? Und habe ich nicht, wenn ſie keine Liebe mehr für mich fühlt, zu befürchten, daß Ceſarine, der Gluth ihrer Natur nachgebend, mich behandelt wie Hyacinthe und, wenn ſie auch vielleicht für mich An⸗ hänglichkeit, Achtung nach ihrer Art bewahrt, einen Liebhaber annimmt?“ Bei dem Gedanken der Lächerlichkeit und der Schande empörte ſich Alles in mir; in Beziehung auf meine ehelichen Abenteuer fühlte ich mich weder von der Sanftmuth, noch von der Philoſophie von Hyaeinthe. Später ging ich noch weiter: Ich fragte mich, ob ich der erſte Liebhaber von Ceſarine geweſen ſei? Sie hatte mir hundertmal mit dem Ausdrucke einer vollkommenen Seelenreinheit verſichert, ich ſei ihre erſte Liebe geweſen. Doch die Frauen find ſo unergründlich!.„ Und hatte ſich mir Ceſarine nicht überdies, ſo ſagen, an den Hals geworfen? Würde eine bis dah tadelloſe Frau ſo wenig Zurückhaltung gezeigt haben? Wie ich, hatte Jean Raymond in vertrautem Um⸗ gang mit Hyaeinthe gelebt. Wer ſagte mir, ob er nicht, wie ich, der Liebhaber von Ceſarine geweſen? Nichts bewies mir, daß meine Zweifel gegründet, nichts 207 bewies mir aber auch, daß ſie es nicht waren. Ich hatte mich leichtgläubig in dieſer Hinſicht gezeigt und mich nichts um dieſe rückwärts ſchauende Eiferſucht beküm⸗ mert; in dem Augenblick aber, wo ich eine ewige Ver⸗ bindung eingehen ſollte, welche ſpäter meine Ruhe, meine Ehre in Frage ſtellen konnte, fand ich meine Unentſchloſſenheit ganz billig und gerecht. Kurz, ich kam ſo weit, daß ich dieſe Heirath als eine Thorheit betrachtete und den Hyacinthe gelei⸗ ſteten feierlichen Schwur als eine unüberlegte Hin⸗ reißung, als ein Verſprechen anſah, das ſich unmöglich verwirklichen laſſe. Die Schwäche meines Charakters, die Furcht, Ce⸗ ſarine in Verzweiflung zu bringen, hielten mich lange ab, ſie mein Zögern nur vermuthen zu laſſen; ſie hatte kürzlich einige Anſpielungen auf unſere zukünftige Hei⸗ rath mit ſo überzeugter Miene gemacht, daß ich, weit entfernt, ihr ihren Irrthum zu benehmen, ſie in ihren Illuſtonen beſtärfte und von einem Tag zum andern eine entſcheidende Erklärung verſchob. Ich erſtaunte über den Mangel an Scharfſinn von Ceſarine in Betreff meiner Erkaltung; die Urſache die⸗ ſer Blindheit war ganz einfach: ſie glaubte, ich ſtehe immer noch unter dem ſchmerzlichen Eindrucke des To⸗ des von Hyacinthe, und ſie war ſelbſt ſehr befangen. Man höre, warum. Als ich ſie am Anfang des Winters, ungefähr zwei Monate nach dem Verluſte meines Freundes, nach meiner Gewohnheit beſuchte, fand ich ihr Ausſehen wie immer ſchwermüthig, jedoch gemildert durch einen Aus⸗ druck verhaltenen Gluckes. „Mein Freund,“ ſagte ſie zu mir,„Sie haben be⸗ merken müſſen, daß ich ſeit einiger Zeit ſehr in Ge⸗ danken vertieft bin!“ „Nein, Ceſarine, ich habe dieſe Bemerkung nicht gemacht.“ ⸗ 4 „Deſto beſſer,“ erwiedberte ſie,„das hätte Sie 208 beunruhigen fönnen; ich wollte nichts ſagen, weil ich Ihnen eine falſche Freude zu verurſachen be⸗ fürchtete...“ „Eine falſche Freude. ich bitte, erklären Sie fich, meine theure Freundin.“ Ceſarine hatte mir ſeit dem Tode von Hyaeinthe nie ihre Hand zu küſſen gegeben. Plötzlich fiel ſie mir um den Hals, ſchloß mich in ihre Arme und flüſterte mir voll Leivenſchaft, mit einem Ausdruck unausſprech⸗ lichen Entzückens, die Worte ins Ohr: „Mein Fernand.. ich bin Mutter!!“ Ach! nichts klang in mir bei dieſem erſten Schrei der Mutterſchaft von Ceſarine. Ich ſah in ihrem Geſtändniſſe ein neues Recht, das ſich die Wittwe von Hyaecinthe auf mich anmaßte, und war dadurch niedergeſchmettert. Von da an kam es mir nicht mehr möglich vor, mein Wort zu brechen, ohne mich zu entehren; um das Maß meines Aergers und Verdruſſes voll zu machen, ſtellte ich mir die Schönheit von Ceſarine verdorben, verwelkt, während der ganzen Zeit ihrer Schwangerſchaft und lange nachher noch, wenn ſie zufällig ihr Kind ſtillen wollte, vor. Es waltet oft beim Erguſſe des Glückes eine ſolche Verblendung ob, daß Ceſarine, die ſich ganz und gar ihrer Trunkenheit überließ, die traurige Kälte nicht bemerkte, mit der ich ihr Geſtändniß aufnahm; die Lebhaftigkeit ihrer Phantaſie ließ mir nicht Zeit, zu antworten, und bald ſtürzte ſie ſich in die Aufzählung der Freuden, der Glückſeligkeiten aller Art die ihrer Mutterſchaft harrten. Dieſer Ausbruch von Entwürfen und Hoffnungen gab mir Zeit, mich zu faſſen; ich ſtellte mich, ſo gut ich nur immer konnte, als theilte ich die Rührung von Ceſarine, und ich verließ ſie den Tod in der Seele. Ruch langer Keberlegung ſchrieb ich noch an dem⸗ ſelben Tage Folgendes an Ceſarine:„ „ 209 Dieſer Brief war der wahre Ausdruck metnes In⸗ nern; ich hatte gehandelt, wie ich ſchrieb. Den 12. Nov. Morgens um zwei Uhr. „Meine liebe Ceſarine, ſeitdem ich Sie heute ver⸗ laſſen, habe ich ängſtlich mein Gewiſſen befragt. Das Reſultat dieſer Prüfung macht es mir zur Pflicht, Ihnen mit einer unerbittlichen Aufrichtigkeit den Zu⸗ ſtand meines Herzens und meines Geiſtes auseinander⸗ zuſetzen. Sie werden ſodann überlegen und ur⸗ theilen. „Ich muß Ihnen vor Allem erklären, meine liebe Ceſarine, daß ich bereit bin, den von mir am Bette des ſterbenden Hyacinthe geſchwore⸗ nen Eid zu erfüllen; Sie ſind Mutter.. Ein Zögern iſt mir nicht mehr möglich, Sie werden meine Frau ſein, wenn Sie es fordern das iſt Ihr Recht, ich erkenne es an. Ich werde nich die⸗ ſem unterwerfen. „Erzürnen Sie ſich nicht über meine Offenherzig⸗ keit, ich glaube als ehrlicher Mann handeln, ich handle als ein ſolcher. „Habe ich es früher nicht gewagt, Ihnen zu ſagen, was ich Ihnen zu dieſer Stunde ſchreibe, ſo iſt dies der Fall, weil ich das Schauſpiel Ihres Schmerzes ſi die Vorwürfe, die ich vielleicht verdiene, fürch⸗ „Ich zeige Ihnen nun, wie ich es Ihnen verſpro⸗ chen, die Lage meines Herzens und meines Geiſtes: „Der von mir unter einer augenblicklichen Hin⸗ reißung geſchworene Eid wird nicht gebrochen werden; aber ich muß Ihnen heute erklären, daß ich mich un⸗ überlegt gegen Sie verbindlich gemacht zu haben be⸗ fürchte, meine liebe Ceſarine, hören Sie warum: „Viele Jahre werden ohne Zweifel vergehen, ehe das Alter meine Leidenſchaften gedämpft hat. Ich zähle Fernand Dupleſſis. 1. 14 2¹0 ſechsundzwanzig Jahre, und ich fühle mich unfähig, Ihnen zu verſprechen, ein treuer Gatte zu ſein. „Bin ich Ihnen untreu, ſo habe ich die unerſchüt⸗ terliche Ueberzeugung, daß Sie meinem Betragen nach⸗ ahmen werden. „Ich halte mich aber für zu ſcharfſichtig, um ein betrogener Ehemann zu ſein, ohne es zu wiſſen; ich bin zu ſtolz, um die Schande und die Lächerlichkeit zu ertragen. „Ein, wie ich hoffe, unbegründetes und, zu meinem Bedauern, für Sie verletzendes Mißtrauen läßt mich jn Friif ziehen, daß ich Ihr erſter Liebhaber gewe⸗ en bin. „Ehe ich wußte, daß Sie Mutter ſind, hätte ich mich vielleicht, in Ihrem Intereſſe und im meinigen, be⸗ fugt geglaubt, das Heirathsverſprechen, das ich Ihnen geleiſtet, nicht zu halten; doch heute, ich wiederhole es Ihnen, iſt Ihr Recht doppelt geheiligt, und ich werde mich ihm unterwerfen, wenn Sie es ver⸗ langen. „So grauſam, ſo ſchmählich für mich dieſes Be⸗ kenniniß iſt, meine liebe Ceſarine, ich muß Ihnen ge⸗ ſtehen, daß Ihr Freudenſchrei; ich bin Mutter, in meinem Herzen nicht den ganzen Wiederhall gehabt hat, den er haben mußte; ich habe weniger das Glück, Vater zu ſein, als die Schwere der Kette, welche Ihre Offenbarung an meine Zukunft nietete, empfunden. „Das iſt es, meine liebe Ceſarine, in aller Auf⸗ richtigkeit, was ich zu dieſer Stunde denke, was ich ühle. ſi„Ich entſchuldige mich nicht, ich ſage, was iſt, da ich glaube, daß bei einem ſo ernſten Umſtande die Of⸗ fenherzigkeit die erſte Pflicht iſt. „Wie ich das Schlimme bekannt habe, ſo muß ich auch das Gute bekennen, denn ich bin weder ganz gut, noch ganz böſe. „Sie kennen mich, meine liebe Ceſarine, Sie wiſ⸗ 2¹¹ ſen, daß mein Herz wohlwollend, mein Charakter leicht und veränderlich iſt; vielleicht übertreibe ich mir ſo⸗ wohl meine Erkaltung gegen Sie, als auch die ſchlim⸗ men Chancen, die ich in unſerer Ehe erblicke. „Iſt dieſe Heirath einmal vollzogen, ſo werde ich vielleicht, halb aus Nothwendigkeit, halb aus Bequem⸗ lichkeit des Charakters, dahin kommen, daß ich das eheliche Leben weniger traurig anſehe; vielleicht wird ſogar dieſe Vaterſchaft, welche heute meinem Herzen beinahe gleichgültig, mir eines Tages ſüß und theuer werden. „Wird es ſo ſein? Ich bin weit entfernt, es Ihnen zu verſichern.. Doch am Ende iſt es möglich. „Ich kann nicht für die Zukunft ſtehen; ſicher bin ich nur der Gegenwart, deſſen, was ich heute empfinde. „Ich flehe Sie an, meine liebe Ceſarine, glauben Sie nicht, ich verberge einen feigen Hintergedanken unter dem Anſchein einer rauhen Offenherzigkeit; nein, ich will Ihr Herz nicht auf eine unheilbare Art ver⸗ wunden, um Sie gleichſam moraliſch zu zwingen, auf das Recht zu verzichten, das Sie auf mich haben. „Wäre dies mein Gedanke geweſen, ſo hätte ich Ihnen nicht geſagt, ich gebe, vielleicht unwillkürlich, übertriebenen Befürchtungen nach, und es ſei möglich, daß ich ein beſſerer Ehemann werde, als ich denke... „Und dann endlich, wäre ich falſch und feig, ſo hätte ich heute Nacht eine lange Reiſe unternehmen und Sie mit meinem Zufluchtsorte unbekannt laſſen können. „Nein, nein, das wäre unwürdig geweſen; ich habe es nicht gewollt, ich zog es vor, Ihnen die ganze ahrheit zu ſagen und mich zu Ihren Be⸗ fehlen zu ſtellen. „Ein letztes Wort, meine liebe Ceſarine. Man kann verheirathet ſein, ohne mit einander zu leben. Ich erkläre Ihnen bei meiner Ehre, daß ich, wenn Sie meinen Namen annehmen der 1 Bedingung, daß wir uns hernach in der Güte trennen, einwilligen werde. „Brauche ich es Ihnen zu ſagen, meine liebe Ce⸗ ſarine? Was auch Ihr Entſchluß ſein mag, das Loos dieſes Kindes und das Ihrige werden geſichert ſein. Morgen ſchon hinterlege ich eine Summe von hundert⸗ und fünfzigtauſend Franken für Sie bei meinem No⸗ tar.(Ich füge ſeine Adreſſe dieſem Briefe bei.) „Gott befohlen, meine liebe Ceſarine, ich bitte Sie, antworten Sie mir nicht unter der durch dieſen Brief verurſachten erſten Aufregung; nehmen Sie ſich einige Tage, um zu überlegen; aber ich wünſche, daß wir in Erwartung Ihrer Entſcheidung uns zu ſehen unterlaſſen. Sie werden den Grund meiner Bitte einſehen. „Mit einem Worte: was auch Ihre Entſcheidung ſein mag, ich vermöchte Ihnen nicht zu oft zu wieder⸗ holen, daß ich ſie zum Voraus annehme, und Sie kennen mich genug, um überzeugt zu ſein, daß ich, wenn einmal der Entſchluß gefaßt iſt, als ein Bieder⸗ mann handeln werde. „Fernand Dupleſſis.“ Am Morgen ſchickte ich dieſen Brief Ceſarine. Als ich am Abend des andern Tages nach Hauſe kam, erhielt ich folgendes Billet: „Ich danke Ihnen für Ihre Offenherzigkeit. „Ich entbinde Sie Ihres Wortes. „Sie werden nie von mir oder von meinem Kinde ſprechen hören. „Behalten Sie Ihr Geld.“ „Ceſarine Durand.“ Seltſamer Widerſpruch: beim Leſen dieſes Billets brach mein Herz; ich hatte vielleicht mehr der Unge⸗ duld, mich unter dem Drucke einer, ſo zu ſagen, ge⸗ — 8—— ꝝ — — e 213 zwungenen Ehe zu fühlen, als der Furcht vor dieſer Ehe ſelbſt nachgegeben. Die ruhige und würdige Abweiſung von Ceſarine öffnete mir die Augen, erweckte wieder meine Liebe für ſie, weil ſie vielleicht fortan unmöglich war. Ich lief um Mitternacht zu ihr. Sie hatte am Morgen ihr Haus verlaſſen, nachdem ſie ihr beſcheidenes Mobiliar an einen Tapezier verkauft, denn ſie trat, wie ſie ge⸗ ſagt hatte, eine lange Reiſe an. Trotz thätiger Nachforſchungen war es mir un⸗ möglich, die Spur von Ceſarine außzufinden. Ich ſollte ſie erſt mehrere Jahre nach dieſer Epoche wiederſehen. Der Aufenthalt in Paris war mir drückend ge⸗ worden; ich reiſte nach dem Berry ab, um das Land⸗ gut Lariballiere zu beſuchen, das mir meine Groß⸗ mutter hinterlaſſen hatte; ich war ſeit einigen Jahren nicht auf dieſem Beſitzthum geweſen, an das ich zu⸗ weilen als einen Ort dachte, nach welchem ich mich zurückziehen würde, wenn das Alter die Hitze meiner Leidenſchaften gedämpft hätte. Die Beweglichkeit des Charakters von Fernand Dupleſſis ließ ihn bald Ceſarine vergeſſen: von 1826 bis 1828, um welche Zeit er ſich zum erſten Male ver⸗ heirathete, ſetzte er ſein Leben der Abenteuer und des Vergnügens fort, und er hatte einige Liebſchaften mehr in ſeine Erinnerungen einzureihen; ſeine Erzählung, welche dieſe zwei letzten Jahre ſeines Junggeſellenlebens umfaßt, kann als das Tagebuch eines Mannes, der bei den Frauen Glück hat, aber ſchon ermüdet. durch zu frühe Ausſchweifungen die Säitigung zu fühlen an⸗ fängt, betrachtet werden. Während dieſer zwei Jahre brachte er jeden Herbſt einige Monate im Berry zu, und ſchon fand er einen gewiſſen Reiz im Contraſte der Einſamkeit der Felder und der ländlichen Arbeiten mit dems geräuſchvollen 2¹4 Leben von Paris; während der Muße dieſer ruhigen und zurückgezogenen Exiſtenz erwachte beſonders oſt in ſeinem Herzen die Erinnerung an Madame Raymond. Wir nehmen die Denkwürdigkeiten von Fernand Dupleſſis bei der Stelle wieder auf, wo er die Beweg⸗ gründe und Umſtände ſeiner Heirath auseinanderſetzt. E. S. XXII. Es liegt etwas Seltſames in der Art, wie ſich ge⸗ wiſſe Heirathen, genannt Convenienzheirathen, das heißt, die ungeheure Mehrzahl der Heirathen, bilden. Man vernehme, wie und bei welcher Gelegenheit ich mich zum erſten Male verheirathet habe. Ich ziehe die folgenden Blätter aus dem Tagebuch aus, das ich während meiner Verbindung mit Cefarine Durand zu ſchreiben angefangen,— ein oft unterbro⸗ chenes Tagebuch, worin ſich aber dennoch die Haupt⸗ begebenheiten meines Lebens finden. Am 5. September 1828, gegen Mittag, beſuchte † mich mein Arzt; wir hatten folgende Unterredung: Der Doetor:— Entſchuldigen Sie mich, lieber Freund, daß ich ſo ſpät komme; ich bin bei einer Con⸗ Li aufgehalten worden... Ah! was haben Sie?“ Ich:— Seit einiger Zeit empfinde ich ein Un⸗ behagen.. eine ziemlich große Schwäche... dann iſt der Bruſthuſten, den Sie kennen, bei mir wiederge⸗ kehrt; kurz, ſeit ein paar Tagen fühle ich mich nicht Der Doctor:— Weil wir nicht velſnftig ge⸗ weſen ſind! weil wir nicht Einhalt thun wollen, weil — 21⁵ wir das Leben eines jungen Mannes fortſetzen, als ob wir zwanzig Jahre alt wären. Ich:— Sollte man nicht glauben, Doctor, mit achtundzwanzig Jahren ſei man fiech? Der Doctor:— Ich weiß nur, daß Sie ſeit den zehn Jahren, die ich Sie ungefähr kenne, das Li cht, wie man zu ſagen pflegt, an beiden Enden ver⸗ brennen. Was wollen Sie, mein Lieber, man iſt Page und Garde⸗du⸗corps nicht ungeſtraft geweſen!“ Ich:— Ei! habe ich denn ſo große Ausſchwei⸗ fungen begangen? Der Doctor:— Bei meiner Treue, Sie hatten immer eine oder zwei Geliebten, die Launen nicht zu rechnen, dann die Soupers, die halbe Nacht beim Spiele zugebracht, und Alles, was daraus folgt.“ ch:— Lieber Doctor, im Ganzen habe ich ge⸗ than, was alle Welt thut. Der Doctor:— Und es widerfährt Ihnen, was aller Welt widerfährt, wenn Sie darunter die Ver⸗ gnügensmenſchen wie Sie verſtehen. Ei! mein Gott, nichts kann einfacher ſein: während der drei oder vier erſten Jahre der Jugend iſt der Saft im Ueberfluſſe vor⸗ handen; man beluſtigt ſich aufrichtig und weiß auch wenig von Ermüdung; ſpäter aber kommt die Sattheit, doch man ſetzt daſſelbe Leben fort, halb aus Gewohn⸗ heit, halb aus Eitelkeit; man feöhnt dieſer Eitelkeit mit Hülfe der ſchon halb erſtorbenen Kraft. Mit zwei und zwanzig oder drei und zwanzig Jahren ſtand man auch vom Tiſche bei Tagesanbruch mit lebhaftem Auge und friſcher Geſichtsfarbe auf, während man im acht und zwanzigſten Jahre mit geröthetem Auge und blei⸗ farbigem Teint davon weggeht. Ich:— Was Sie da ſagen, Doctor, iſt ein wenig wahr; ſeit ungefähr einem Jahr fange ich an des Jung⸗ geſellenlebens überſatt zu ſein. und dennoch.. Der Doetor:— Und dennoch beharren Sie dabei. Si machen es wie die Leute, welche ohne 2¹6 Apypetit eſſen; die Verdauung wird mühſam für ſie.. Im Ernſte geſprochen, Sie müſſen ſich in Acht nehmen. Ihre Conſtitution iſt ohne Zweifel gut; aber Sie be⸗ dürfen der Pflege, großer Schonung. Dieſer trockene kleine Huſten iſt ein ärgerliches Symptom.. Es ſind mehr als ſechs Monate, daß ich Ihnen ein unfehl⸗ bares Mittel, ſich davon zu befreien, angeboten habe. Vor Allem mußten Sie ſich vom Kopf bis zu den Füßen in Flanell hüllen... Sie wollten nicht. Ich:— Ich wollte nicht... Sie wiſſen wohl, daß... Der Doetor:— Ich weiß wohl, daß es, wenn man den Schönen, den Don Juan ſpielt, unange⸗ nehm iſt, wie eine Mumie in Flanell gewickelt, und beſonders mit einem... Fontanell geſchmückt zu ſein. Ich:— Ah! Doctor, ſprechen Sie dieſes entſetz⸗ liche Wort nicht aus. Der Doctor:— Gut! außer dem Flanell mit einem Erutorium geſchmückt zu ſein, da Sie die Rohheit des andern Ausdrucks erſchreckt; doch vor Allem muß man wiſſen, ob Sie am Leben hängen, ja oder nein? Ich:— Ob ich daran hänge!— Gewiß, und zwar ſehr. Der Doector:— Nun alſo, wenn Sie Ihre Le⸗ bensordnung nicht völlig ändern, und beſonders, wenn Sie das einzige Mittel, ſich von Ihrem chroniſchen Huſten zu heilen, ausſchlagen, ſo ſetzen Sie ſich, wenn nicht einem nahen Ende, doch wenigſtens einem ſehr frühzeitigen, ſehr kränklichen Alter aus... Steht Ihnen das an? Ich:— Durchaus nicht. Doch welche Lebensord⸗ nung rathen Sie mir zu befolgen? Der Dortor:— Ich habe es Ihnen ſchon ge⸗ ſagt: Sie müſſen ein regelmäßiges, ruhiges Leben füh⸗ ren, auf die Weiber und die Tafelerceſſe verzichten, früh zu Bette gehen, vorzugsweiſe auf dem Lande wohnen, wo Sie eine geſunde Luft genießen werden, ſtatt 217 die verdorbene Luft von Paris einzuathmen, welche für eine geſchwächte Bruſt wie die Ihrige immer ſchädlich iſt. Ja, befolgen Sie meinen Rath, und nach und nach werden Sie Ihre verlorenen Kräfte wiedererlangen; Ihre Conſtitution wird wieberhergeſtellt werden, und Sie können hundert Jahre leben. Befolgen Sie das nicht, ſo werden Sie in zwei bis drei Jahren entweder ſterben oder ein fieches Leben hinſchleppen; das iſt die Wahrheit. Ich bin eben ſo ſehr Ihr Freund, als Ihr Arzt. Ich wiederhole Ihnen, es iſt Zett, mehr als Zeit, daß Sie auf mich hören... Wenn nicht. Ihr Diener von Herzen. Ich:— Ich gebe Ihnen die Verſicherung, mein lieber Doctor, daß ich das Vernünftige, das Dringende Ihres Rathes fühle; ſeit einigen Monaten beſonders beunruhigt mich mein Geſundheitszuſtand, obgleich der Anſchein... Der Doctor:— Ei! gewiß, abgeſehen von ein wenig Bläſſe und Ihrem kleinen Huſten, iſt Ihr Aeu⸗ ßeres gut.. Doch warten Sie, bis Ihre Lunge ernſt⸗ lich angegriffen iſt.. und Sie werden trotz Ihrer ſcheinbaren Geſundheit ſehen, welche Veränderung in weniger als zwei bis drei Monaten vorgehen wird. Ich:— Ich glaube Ihnen; ſeit einigen Monaten dachte ich auch im Ernſte an meinen Geſundheitszuſtand, an die Lebensordnung, die Sie mir ſchon mehrere Male gerathen haben. Der Doctor:— Das Denken nützt nichts, man muß handeln, und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, wiſſen Sie, was ich thäte? Ich:— Was denn? Der Doetor:— Ich würde heirathen. Ich:— Heirathen! Der Doctor:— Nun? Ich:— Heirathen... Teufel! Der Doctor:— Was iſt denn hiebei ſo Außer⸗ ordentliches? 2¹8 Ich:— Heirathen hm. Doctor, das iſt ein Mittel, das ſchlimmer als ſchlimm ſein könnte. Doch es dürfte an Ihrem Gedanken etwas Gutes ſein; ich würde allerdings in der Ehe die Regelmäßigkeit des Lebens finden, die Sie mir verordnen. Der Doctor:— Das iſt offenbar das beſte Mit⸗ tel, mit dem Junggeſellenleben zu brechen, das Sie tödten wird, und das Sie, wie Sie ſelbſt geſtehen, mehr aus Gewohnheit, als aus Neigung fortſetzen. Um uns alſo kurz zu faſſen, heirathen Sie, tragen Sie Flanell, fügen Sie ſich für mehrere Jahre, für immer viel⸗ leicht, in das fragliche Exrutorium... und Sie find gerettet. Ich:— Dieſe letzte Bedingung iſt alſo.7 Der Doctor:— Unerläßlich es iſt das sine qua non Ihrer Frage.. Ich:— Wohlan, ich füge mich; im Ganzen hei⸗ rathet man, um in Ordnung zu kommen, um ſich zu pflegen, und nicht, um den Schönen zu ſpielen.. Indeſſen.. Der Doctor:— Indeſſen.. was? Haben Sie nicht genug Liebſchaften von allen Arten gehabt? Guter Gott! von zu vielen Arten. ich weiß etwas davon; erinnern Sie ſich? Wie! vor vier Jahren? Kurz, haben Sie nicht Alles benützt und abgenützt? Ich:— Es iſt wahr ich habe Alles und viel genoſſen, zu viel vielleicht... Der Doctor:— Warum des Teufels zögern Sie dann, zu heirathen? Iſt nicht jetzt der Augenblick oder nie? Sie beſitzen ein ſchönes Vermögen, Sie ſind der beſte Junge, den ich kenne; ſodann, ohne daß ich Ihnen ſchmeicheln will, haben Sie genug Geliebten ge⸗ habt, um zu wiſſen, daß Sie das ſind, was man einen ſehr angenehmen Mann nennt. Sie werden alſo, da⸗ von bin ich feſt überzeugt, nur die Verlegenheit der Wahl zwiſchen zehn vortrefflichen Heirathen haben. 219 Ich:— Ei! mein Gott, Doetor, ich begreife Sie: beſonders in Betreff meines Geſundheitszuſtandes bietet ſich mir die Ehe als ein Sicherheitshafen. Das iſt die Stille ſtatt der Aufregung. Es iſt ein geregeltes Leben ſtatt eines ungeordneten Lebens. Es iſt die Ruhe der Seele und des Körpers, und folglich die Geſund⸗ heit. Es iſt endlich die Freiheit, denn ſtatt den Be⸗ fehlen und Launen einer Geliebten unterworfen zu ſein, iſt man Herr in ſeinem Hauſe; ſtatt verurtheilt zu ſein, immer den Seladon zu ſpielen, macht man es ſich bequem. Es iſt, mit einem Wort, das Leben in Pantoffeln und im Schlafrock; unſere Frau umgibt uns mit Ihrer Pflege und Fürſorge, wenn wir krank ſind, fie beaufſichtigt unſer Haus und verhindert unſere Leute, uns zu beſtehlen; hat man Kinder, ſo wachſen ſie an unſerer Seite heran, das gibt Beſchäftigung. Die Ehe iſt eine ganz vorgezeichnete Zukunft, breit, gerade, re⸗ gelmäßig, wie eine ſehr reinliche, ſehr gut mit Sand beſtreute Gartenallee, die man mit einem Blicke von einem Ende zum andern umfaßt; eine Perſpective nicht ganz ohne Reiz, wenn man müde, abgemattet, entkräftet iſt, weil man zu lange über Berg und Thal gelaufen, n jeden Abend das Lager des andern Tages zu wiſſen. Der Doctor:— Das iſt die Sprache eines ver⸗ nünftigen und verſtändigen Menſchen. Ich:— Unter uns geſagt, lieber Doctor, die Ver⸗ nunft wird mir leicht; die Vergangenheit hinterläßt kein Bedauern in mir; die Liebſchaften langweilen mich, das Schauſpiel langweilt mich, die Geſellſchaft langweilt mich, das Spiel langweilt mich, die Sou⸗ pers verderben mir den Magen...; und wenn ich den Muth hätte, alle Ihre Rathſchläge bis auf den letzten befolgend, mein Heil zu gründen, ſo würde ich mich im Berry niederlaſſen. Ich habe von meiner armen Großmutter in dieſer Provinz ein ſchönes Gut geerbt, in das die würdige Frau beinahe nie einen Fuß ſetzte. 220 Ich habe es gemacht wie ſie, abgeſehen von der Jah⸗ reszeit der Jagd, welche dort herrlich iſt. Das Schloß braucht nur neu meublirt zu werden; ich würde daſelbſt als Landedelmann leben; die Liebe für die Jagd iſt mir ge⸗ blieben; mir ſcheint, ich hätte viel Geſchmack für den Ackerbau. Der Doctor:— Nichts iſt geſünder als dieſer Geſchmack; der Geruch der Ställe iſt ſehr heilſam für eine Bruſt wie die Ihrige. ch:— Oh! dann hätte ich Kühe; ich würde einen Theil meiner Güter in nutzbaren Stand ſetzen; ja, und für immer Paris, die gefirnißten Stiefel, die gel⸗ ben Handſchuhe und das Brenneiſen verlaſſend, ſehe ich mich von hier aus, wie ich nach wieder erlangter Geſundheit, mit einer Blouſe und plumpen Stiefeln bekleidet, vom Morgen bis zum Abend, meine Flinte unter dem Arm, meine Hunde auf meinen Ferſen, die Felder durchſchreite; komme ich dann nach Hauſe zurück, ſo finde ich meine Frau zierlich angethan und meiner harrend, um ſich zu Tiſche zu ſetzen, im Som⸗ mer unter einer grünen Laube, im Winter an der Ecke eines guten Kamins; und da eſſe ich wie ein Wehrwolf(wenn einmal meine Geſundheit wiederher⸗ geſtellt iſt), verdaue ſchlummernd, oder indem ich meine Frau mir die Zeitungen vorleſen höre, und lege mich ſodann zu Bette, um am andern Tage wiederan⸗ zufangen. Oh! Doctor, Doctor, wenn ich vernünftig wäre, das wäre mein Leben. Der Doctor:— Ei! wer hält Sie zurück? Sind Sie nicht frei wie die Luft? Ich wiederhole, befolgen Sie meinen Rath, ſonſt ſtehe ich nicht mehr für Sie. Mein Kammerdiener trat in dieſem Augenblicke ein und fragte mich, ob ich meinen Notar, Herrn Barantin, empfangen könne: er bringe mir eine Ur⸗ kunde zum Unterzeichnen; mein Arzt war genau be⸗ kannt mit dem Notar, und dieſer wurde eingeführt. . 221 Unſere Unterredung nahm alſo ihren Fortgang, nachdem Herr Barantin einige herzliche Worte mit meinem Arzte gewechſelt hatte. Der Notar:— Wie, mein lieber Client, ich finde Sie liegend?(Zum Arzte.) Nicht wahr, ſie iſt nicht von Bedeutung, die Krankheit dieſes lieben Herrn Dupleſſis?(Lächelnd.) Sonſt wäre ich ſehr zu rechter Zeit gekommen, um ein Teſtament aufzunehmen.(Er lacht.) He! he! he! Der Doctor:— Unſer Client iſt einfach krank am Junggeſellenleben; um ihn zu heilen, habe ich ihn auch aufgefordert, zu heirathen. Der Notar:— Ein vortrefflicher Gedanke! Da komme ich auch zu rechter Zeit; ich will lieber einen Vertrag, als ein Teſtament abfaſſen Hel! he! hel ch:— Hören Sie, Herr Barantin, die Vorſehung ſchickt Sie vielleicht.. Verheirathen Sie mich. Der Notar:— Sprechen Sie im Ernſte? Ich:— Bei meiner Treue, ja. früher oder ſpäter muß ich ein Ende machen; ſuchen Sie mich alſo ſo bald als möglich zu verheirathen. Der Notar:— Wahrhaftig, Sie würden ſich entſchließen, zu heirathen? Ich:— Gewiß, vorausgeſetzt, ich fände eine Hei⸗ rath, die mir anſtände. Der Notar:— Was nennen Sie eine Heirath, die Ihnen anſtände? Ich:— Ein Mädchen, das ein ungefähr dem meinigen gleichkommendes Vermögen hat.. von gu⸗ ter Geburt, von guter Erziehung im Beſitze der weſentlichen Eigenſchaften. mit einem guten Cha⸗ rakter und einem hübſchen Geſichte ausgeſtattet. Der Doctor, zum Notar;— Die Anſprüche unſeres lieben Clienten find nicht übertrieben? Der Notar, nachdenkend;— Nein„ nein. Der Doctor:— Sie müſſen das unter Ihren 222 Clienten finden, mein lieber Barantin. Ihr Leute ſeid wahre Heirathsmäkler. Der Notar:— Warten Sie doch... warten Sie doch; es könnte wohl ſein... wahrhaftig! ich habe, was Sie brauchen... Ich:— Ah! bah! wer iſt es denn? Der Notar:— Hunderttauſend Thaler Mitgift baar und nach dem Tode der Eltern wenigſtens zwanzig tauſend Livres Renten in hypothekariſchen An⸗ lagen.. Sprechen Sie, ſteht Ihnen das an? Ich:— Oh! ja. bis jetzt... Der Notar:— Einzige Tochter, ehrenhafte Familie; der Vater, ein ehemaliger Generalarmeeliefe⸗ rant, lebt heute von ſeinen Renten und iſt der beſte Menſch der Welt; die Mutter, eine vortreffliche Frau, betet ihre Tochter anz kurz, es iſt das Muſter von einem der Hausweſen der guten alten Zeit. Ich:— Und die Tochter? wie iſt ſie? Der Notar:— Achtzehn Jahre, friſch wie eine Roſe, die Jugend, die Geſundheit in Perſon, reizendes Geſicht, erzogen in einem der beſten Penſtonnats von Paris, ein engeliſcher Charakter, alle wünſchenswerthe Tugenden.. Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß den Hoffnungen ein ſehr ſchönes Landhaus in Sainte⸗Brice, vier Meilen von Paris gelegen, beizufügen wäre; es iſt vor drei Jahren um 167,000 Franken gekauft worden. Ich:— Wohnt dieſe Familie gewöhnlich auf dem Lande? Der Notar:— Acht Monate des Jahres. Patriarchaliſche Sitten, mein lieber Client. Vor un⸗ gefähr acht bis zehn Tagen hat die Mutter zu mir geſagt:„Mein guter Herr Barantin, ſuchen Sie doch Albine zu verheirathen. Sie iſt nun aus der Penſion ausgetreten; Sie wiſſen, welche Mitgift wir ihr geben, abgeſehen von dem, was ſie zu hoffen hat. Rechnen Sie darauf, um das Aeqnivalent dieſer Vortheile zu 223 finden; es verſteht ſich, daß wir vornehmlich einen braven und redlichen Mann, mag er Witwer oder Junggeſelle ſein, haben wollen. Was das Alter betrifft, ſo werden wir, ſtreng genommen, bis zu acht und dreißig oder vierzig Jahren gehen, aber nicht weiter; hinſicht⸗ lich des Aeußeren machen wir nur den Anſpruch, daß er weder einäugig, noch buckelig, noch krummbeinig ſein darf.“ Der Dortor, ſich an mich wendend:— Bei Gott! das iſt Ihre Sache. Ich:— Bis jetzt ſcheinen mir alle Erforderniſſe vereinigt; nur, ohne gerade das Geld als das Weſent⸗ lichſte zu betrachten. Sie wiſſen, mein lieber Ba⸗ rantin, daß mein Vermögen.. Der Notar:— Sich auf ſieben und vierzigtau⸗ ſend Livres Einkommen beläuft, Ihr Gut im Berry nicht zu rechnen, das auf dreimal hunderttauſend Fran⸗ fen geſchätzt wird. Ich:— Könnte man nicht, eintretenden Falles, 400,000 Fr. Mitgift baar bekommen? Der Notar:— Nicht einen Centime über hun⸗ derttauſend Thaler; ich kenne die Abſichten der Fa⸗ milie. Es iſt ſchon von zwei Heirathen die Rede geweſen, die eine mit einem meiner Collegen, deſſen Schreibfube jährlich 80,000 Franken einträgt, die an⸗ dere mit einem Banquier, der ſich in einer ſehr guten Lage befindet; ſie wollten, wie Sie, die 400,000 Fran⸗ ken in runder Summe haben; die Sache iſt ge⸗ ſcheitert... — Hunderttauſend Thaler das iſt höchſtens vierzehn bis fünfzehn tauſend Livres Ein⸗ kommen. Der Notar:— Ich wüßte eine gute Anlage und mache mich anheiſchig, Ihnen ſechzehntauſend Franken zu finden. Ich:— Das würde kaum die Koſten decken, die mir eine Frau verurſachen müßte... Kommen dazu 224 ein paar Kinder... Sie begreifen? Ich hänge gewiß am Gelde, aber Sie wiſſen. die Angelegen⸗ itens Der Notar:— Die Angelegenheiten ſind Ange⸗ legenheiten, und es gibt keine ernſtere, als das Hei⸗ rathen; es iſt alſo ganz einfach, es iſt ſogar unerläß⸗ lich, daß Sie, ehe Sie ſich verbindlich machen, darauf bedacht ſind, die Ausgabe und die Einnahme ins Gleichgewicht zu ſetzen. Ich, was mich betrifft, gehöre, wie Sie wiſſen, zu den Notaren von altem Schrot und Korn, die immer nur das Wahre der Dinge ſagen; ſteht Ihnen die Sache mit den hunderttauſend Thalern an, ſo iſt ſie abgemacht, dafür verbürge ich mich. Ich kenne die Eltern und die Tochter. Sie werden zu ihr ſagen:„Du mußt den Herrn So und ſo heirathen,“ und ſie wird den Herrn So und ſo heirathen; das iſt ihr Charakter... Uebrigens kenne ich Sie ſeit Ihrer Kindheit, da ich der Notar Ihrer Großmutter geweſen bin; ich habe immer Ihr Vermögen verwal⸗ tet; ich weiß, daß Sie ein vortrefflicher Menſch ſind, trotz einiger Jugendtollheiten, und es würde mir wahr⸗ haftig ſehr leid thun, wenn Sie dieſe Tollheiten nicht gemacht hätten! Sie haben ſich wenigſtens die Hörner abgelaufen die Vernunft iſt gekommen.. Soll ich mit meinem Clienten ſprechen, ja oder nein? Das verbindet Sie zu nichts. Ich:— Gehen Sie im Ganzen immerhin zu 1 m. Der Notar:— Ich habe heute gerade eine Zuſammenkunft mit Herrn Chevrier... ſo heißt er. Ich:— Und wenn zufällig die Präliminarien in Ordnung kämen, ſo könnte man die junge Perſon ſehen? Der Notar:— In einer Abendgeſellſchaft bei mir an einem meiner Sonntage wo Sie ſo ſelten kommen, böſer Burſche. Oh! Sie wiſſen, ich bin raſch und rund in den Geſchäften; ich werde heute zu Herrn Chevrier gehen. Wann ſehe ich Sie wieder? 22⁵ Ich:— Wenn Sie wollen. morgen zu dieſer Stunde, zum Beiſpiel. Der Notar:— Abgemacht. Ihr Vermögen iſt ſo liguid als das der Chevrier, und ich ſehe nirgends ein Hinderniß, hinſichtlich des Materiellen; was nun die Frage der Perſonen betrifft, ſo betrachte ich ſie als entſchieden. Ohne Kompliment, Fräulein Chevrier müßte ſehr ſchwierig ſein, würde ſie nicht mit Freuden einwilligen; überdies wird ſie, wie geſagt, hierin keinen Willen haben. Es iſt ein Engel; was ihre Familie wählt, wird Albine wählen; es fragt ſich nur noch, ob das Mädchen Ihnen gefällt. Es müßte aber mit dem Teufel zugehen, wenn mit ihren achtzehn Jahren, ihrer Friſche und ihrem zarten Geſichte Albine Ihnen nicht genügend ſcheinen würde. Denn es handelt ſich hier am Ende nicht um eine Geliebte. Ich:— Gott ſei Dank.. nein! Der Notar, lachend:— Dieſes: Gott ſei Dank! gefällt mir ſehr; es iſt der Ausruf eines Weiſen, der von den Irrthümern der Welt zurückge⸗ kommen iſt... Morgen alſo, mein lieber Dupleſſis... Ich werde Ihnen das Reſultat meiner Geſandtſchaft mittheilen... Zum Arzte:— Auf Wiederſehen, lieber Doctor. Als der Notar weggegangen war, ſagte mein Arzt zu mir: Bravo, Sie ſind das, was man einen Mann von ſchnellem Entſchluſſe nennt. Sie werden dabei vielleicht zwölf bis fünfzehn Jahre Eriſtenz mehr gewinnen; immer aber unter der ausdrücklichen Bedingung der Weſte und der Unterhoſe von Flanell und beſonders unſeres kleinen Erutoriums, zu deſſen Anwendung v bald als möglich ſchreiten werden.. nicht wahr? Ich:— Ja, doch erſt wenn Alles für meine Heirath abgeſchloſſen und feſtgeſtellt ſein wird; am Tage nach Fernand Dupleſſis. 1. 15 226 5 Unterzeichnung des Vertrages verſpreche ich es nen. Der Doctor:— Ah! ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß es auch ſehr ſchädlich, ſehr unheilvoll für Ihre Geſundheit wäre hören Sie wohl, ſehr unheilvoll... wenn Sie den jungen Mann.. den Helden bei Ihrer Frau ſpielen wollten... Sie ver⸗ ſtehen.. Man hai ſehr verliebte Ehemänner geſehen, und Sie dürfen durchaus keiner von dieſen Ehemän⸗ nern ſein.. wenigſtens in langer Zeit nicht. Ich:— Oh! mein lieber Doctor, ſeien Sie un⸗ beſorgt. gerade, um auf die Weiber zu verzichten, heirathe ich. Mein Tagebuch iſt ſehr aufrichtig; das iſt es, wie und warum ich an meine erſte Heirath gedacht abe. Zur Stunde, wo ich gegenwärtige Zeilen ſchreibe (viele Jahre nach dieſer Heirath), habe ich, indem ich mein Tagebuch wieder leſe, doppelt das Bewußtſein von dem, was Brutales, Abſcheuliches in dieſen beinahe beiallen Convenienzheirathen gewöhnlichen Präliminarien liegt, bei denen die Zufunft eines Mädchens, das man nie geſehen, das man gar nicht kennt, das entfernt nichts von den Abſichten, die man auf daſſelbe hat, vermuthet, unwiderruflich gebunden wird. XXIII. Im Verlaufe des Tags empfingen Herr und Ma⸗ dame Chevrier den Beſuch von Herrn Barantin, meinem Notar. Nach ſeiner, wie ich weiß, ſchr wahrhaften 227 Erzählung fand ſolgende Unterredung im Schlafzim⸗ mer von Madame Chevrier bei wohlverſchloſſenen Thüren, und nachdem Jedermann auf die Bitte des Notars entfernt worden war, ſtatt. Madame Chevrier:— Werden Sie uns end⸗ lich ſagen, warum Sie uns ſo einſchließen, Herr Ba⸗ rantin? Warum alle dieſe Vorſichtsmaßregeln? Herr Chevrier:— Joa, lieber Freund, warum dieſe Vorſichtsmaßregeln? Der Notar:— Weil es ſich um eine Angele⸗ genheit handelt, Madame Chevrier, um eine wichtige Angelegenheit. Madame Chevrier:— Was iſt es denn? Herr Chevrier:— Ja, was iſt es denn? Der Notar:— Meine Freunde, ich glaube dies⸗ mal eine ſehr gluckliche Hand gehabt zu haben, und ich komme ganz einfach, um Ihnen einen Phönir für Ihre liebe Albine vorzuſchlagen. Madame Chevrier:— Eine Heirath.. Der Notar:— Sieben und vierzig tauſend Liv⸗ res Rente in vortrefflichen Anlagen; ein Gut im Berry, nach dem Erbſchattsinventar vor fünfJahren geſchätzt zu dreimal hundert tauſend Franken. Madame Chevrier:— Oh! mein Goit! welch ein Fund! Das iſt ja herrlich.. herrlich! Herr Chevrier:— Es iſt prächtig. Madame Chevrier:— Und man weiß, daß wir geben? Der Notar:— Bundert tauſend Thaler Mit⸗ gift, keinen Liard mehr und man begnügt ſich da⸗ mit Madame Chevrier:— Oh! mein lieber Herr Barantin. es iſt nicht zu glauben.. Sieben und vierzig tauſend Livres Einkünfte! und ein Gut! Und man begnügt ſich mit unſeren hundert tauſend Tha⸗ lern. Das iſt um vor Freude närriſch zu werden. Aber ſagen Sie mir, die fragliche iſt ſie? Herr Chevrier:— Ah! ja, die Perſon, lieber Freund? Der Notar:— Herr Fernand Dupleſſis(das iſt mein junger Mann) zählt acht und zwanzig Jahre. Ich war der Freund ſeiner Großmutter, die ihn erzogen hat. Anfangs iſt er Page und Garde⸗du⸗corps geweſen. Beim Tode ſeiner Großmutter hat er den Militärſtand verlaſſen, um von ſeinen Renten zu leben. Als er volljährig wurde, war er daher Herr ſeiner Perſon und ſeines Vermögens. Sie fühlen wohl, bei einer ſolchen Leichtigkeit, ſich zu beluſtigen, werde ich Ihnen nicht erzählen, Herr Dupleſſis habe ſich immer wie ein Cato aufgeführt. Madame Chevrier:— Wir würden es Ihnen nicht glauben, Herr Barantin. Herr Chevrier:— Wir könnten Ihnen das unmöglich glauben, lieber Freund. Der Rotar:— Herr Dupleſſis hat alſo ein tüchtiges Junggeſellenleben geführt; während er ſich aber viel dem Vergnügen überließ, hat er nicht, wie ſo viele andere Sauſewinde, ſein Vermögen auſgezehrt oder geſchmälert; weit entfernt hievon, legte er, indeß er ſehr anſtändig lebte, ein Jahr ins andere gerechnet, ungefähr zehntauſend Franken zurück; ich habe immer ſein Vermögen verwaltet, ich bin ſein Banquier gewe⸗ ſen, Sie können mir alſo glauben. Madame Chevrier:— Alles dies kündigt ſich immer beſſer an. Ein junger Mann, der, Herr ſeiner Perſon, zwanzig Jahre alt, ſo ſein Vermögen erhält, muß ein Menſch von Verſtand ſein. Er hat alſo keinen Beruf? Der Notar:— Nein. Madame Chevrier:— Mit ſeinem Vermögen bedarf man allerdings kaum eines Berufes. Herr Chevier:— Man kann deſſelben ſtreng genommen ſogar entbehren.. * 2²9 Madame Chevrier:— Andererſeits jedoch hat ein Beruf das Gute, daß er beſchäftigt. Herr Chevrier:— Was einem nothwendig etwas zu thun gibt. Der Notar:— Allerdings, meine Freunde, iſt der Müßiggang gefährlich, wenn er einen dazu führt, daß man Albernheiten begeht; doch bei Herrn Fernand Dupleſſis iſt das nicht ſo. Sie erſehen aus dem, was ich Ihnen geſagt, daß er nie einen üblen Gebrauch von ſeinem Vermögen gemacht hat, und für uns Ge⸗ ſchäftsleute iſt das ein bezeichnender Vorgang. Madame Chevrier:— Sagen Sie nun, mein lieber Herr Barantin, wie iſt der Charakter dieſes Mannes? Herr Chevrier:— Oh! ja, es wäre gut, wenn man ſeinen Charakter kennen würde. Der Notar:— Fernand Dupleſſis iſt das, was man einen vortrefflichen Jungen nennt, offenherzig, freigebig ohne Verſchwendung, lebt gern gut und iſt dienſtfertig, wann er kann; ich ſpreche hier mit Ihnen nicht als Notar, ſondern als Freund; überdies werde ich Ihnen jede wünſchenswerthe Ausfunft über die Moralität von Herrn Dupleſſis verſchaffen; es verſteht ſich, daß ich die Jugendſtreiche, die Liebſchaften heiſeit laſſe, denn, redlich geſtanden, ein Mann erreicht nicht ſein acht und zwanzigſtes Jahr, ohne da und dort eine Geliebte gehabt zu haben. Madame Chevrier:— Man müßte hirnkos ſein, um das Unmögliche zu verlangen. Herr Chevrier:— Man würde ſich der Ueber⸗ treibung ſchuldig machen. Madame Chevrier:— Aber wiſſen Sie, daß Sie, wenn Ihrem Herrn Dupleſſis bei dieſem Portrait nicht geſchmeichelt iſt, das Recht haben, ihn uns als einen Phönir vorzuſchlagen! Und ſein Aeußeres? Das iſt allerdings ſehr untergeordnet, aber man kann ſich am Ende danach erkundigen. 230 Herr Chevrier:— Einzig und allein, um hierüber unterrichtet zu ſein. Der Notar:— Herr Fernand Dupleſſis iſt ein ſehr hübſcher Junge, groß, ſchlank gewachſen, von einer ausgezeichneten Tournure.. Kurz.. meine liebe Madame Chevrier,(Lachend.) er hat Unglückliche gemacht... He! he! he! viele Unglückliche.. der Ruchloſe! Damit iſt Alles geſagt... He! he! hel... Madame Chevrier, auch lachend:— Ha! ha! ha! ſehen Siel er hat Unglückliche gemacht, dieſer ſchöne Herr! Bei meiner Treue, deſto beſſer: die ehe⸗ maligen ſchlimmen Subjecte ſind oft die beſten Ehe⸗ männer. Herr Chevrier, auch lachend:— Hel! he! he! ſie ſind vortreffliche Ehemänner. Madame Chevrier:— Dieſe Partie würde uns in tauſend Beziehungen ſo ſehr gefallen, mein lie⸗ ber Herr Barantin, daß ich nur Eines befürchte: Al⸗ bine werde Ibrem Herrn Dupleſſis nicht anſtehen. Herr Chevrier:— Es wäre nur das! Wenn zum Beiſpiel Albine ihm nicht anſtände? Der Notar:— Albine iſt ſehr hübſch; ich ver⸗ bürge mich zum Voraus dafür, daß ſie meinem jungen Manne anſtehen muß. Ueberdies, wenn man ſo mit acht und zwanzig Jahren heirathet, um den Frieden, das Familienleben zu koſten, feſſelt man ſich viel mehr an das Herz, an den Charakter, als an das Aeußere. Seien Sie alſo auf dieſer Seite unbeſorgt. Ich möchte nur ſicher ſein, daß Fräulein Albine Herrn Dupleſſis annimmt. Madame Chevrier:— Können Sie daran zweifeln? hat meine Tochter einen Willen? Wird ſie nicht Alles thun, was wir wollen? Wenn wir zu ihr ſagen:„Mein Rehchen, wir haben für Dich eine herr⸗ liche Heirath, ſie ſteht uns in jeder Beziehung an, ſie muß Dir alſo auch anſtehen;“ wird ſie nicht antwor⸗ 231 ten:„Dann, Mama, ſteht ſie mir auch an.“ Oh! die Einwilligung von Albine! man braucht ſich gar nicht darum zu bekümmern. Sie gefalle nur Heirn Dupleſſis, und Alles iſt abgemacht... Sie haben mein Wort...“ Der Notar:— Vortrefflich, ſo liebe ich es, die Geſchäfte zu behandeln. Sagen Sie nun, würden Sie, wenn die Erkundigungen, die Sie über Herrn Dupleſſis einziehen werden, befriedigend ſind, etwas Ungeziemendes darin finden, daß Sie am Sonntag den Abend mit Ihrer Tochter und Herrn Chevrier bei mir auf dieſe Art würden ſich die jungen Leute ſehen. Madame Chevrier:— Sehr gut! bis dahin werden wir unſere Erkundigungen über Herrn Dupleſ⸗ ſis einziehen, was übrigens nach dem, was Sie uns mitgetheilt haben, eine reine Förmlichkeit iſt. Denn wir haben alles Vertrauen zu Ihnen, mein lieber Herr Barantin. Herr Chevrier:— Ein grenzenloſes Ver⸗ trauen. Der Notar:— Vertrauen hin, Vertrauen her; ich verlange, daß Sie Erkundigungen einziehen. Madame Chevrier:— Wohl denn, am Sonn⸗ ag. Der Notar:— Das iſt abgemacht, ich werde Herrn Fernand Dupleſſis von Ihrer guten Gefinnung für ihn in Kenntniß ſetzen. Madame Chevrier:— Und vor Allem, ma⸗ chen Sie ihm recht heiß, wie man zu ſagen pflegt, denn man trifft nicht alle Tage eine ſolche Partie. Sieben und vierzig tauſend Livres Einkünfte und ein Gut! das iſt herrlich! Herr Chevrier:— Ein Gut und ſieben und vierzig tauſend Livres Einkünfte, das iſt koſtbar! Der Notar:— Ich werde Ihnen ſogleich die 232 Liſte der Perſonen ſchicken, bei denen Sie ſich über meinen Clienten erkundigen können. Dies war die tinterredung meines Notars mit dem Vater und der Mutter von Fräulein Albine Chevrier. XXIV. September 1826. Ich habe mich geſtern in die Abendgeſellſchaft von Herrn Barantin, meinem Notar, begeben und dort Fräulein Albine Chevrier geſehen; ihr Geſicht iſt ſanft und ſehr angenehm, ſie hat Friſche, ſchöne Angen, ſchöne Zähne, einen eleganten Wuchs, eine ſchöne Haut, ſchöne Haare, eine hübſche Hand, einen hübſchen Fuß, und eine beſcheidene, ziemlich diſtinguirte Miene; doch ſie iſt blond, und ich liebe die Blonden nicht, oder vielmehr, ich habe in meinem Leben nur eine Blonde eliebt, Madame Raymond, und ich erlaube anderen rauen nicht, blond zu ſein. Seltſame Beharrlichkeit der Erinnerung an Madame Rahymond. Ich habe ſie ein einziges Mal geſehen.. eine Stunde lang ich war ſechzehn Jahre alt. Und ſeidem.. iſt vielleicht kein Tag in meinem Leben vergangen, ohne daß der Gedanke an dieſe anbetungs⸗ würdige Frau in mein Gedächtniß zurückgekehrt iſt. Iſt dies ſo, weil ſie zuerſt mein Jünglingsherz ſchlagen gemacht hat? Iſt es Hartnäckigkeit der Gewiſſensbiſſe wegen des Böſen, das ihr mein Leichtſinn zugefügt 233 Ich weiß es nicht; doch ſie iſt ſicherlich die Frau, an die ich am meiſten in meinem Leben gedacht habe! Kehren wir zu Fräulein Albine Chevrier zurück, Sie iſt blond, und ich finde es ſo unverſchämt, wenn man ſich blond zu ſein erlaubt, daß ich nie eine andere Geliebte, als mit ſchwarzen oder braunen Haaren ha⸗ ben wollte. Ein Grund mehr, um eine blonde Frau zu nehmen; das wird die Zurückhaltung, ich möchte beinahe ſagen, die Kälte vermehren, welche, ſelbſt abgeſehen von ge⸗ bieteriſchen Geſundheitsrückſichten, jeder vernünftige und erfahrene Mann in das eheliche Leben bringen muß. Seine Frau wie eine Geliebte behandeln heißt in ihr eine ganze Klaſſe von Empfindungen und Ideen erwecken und entwickeln, welche gefährliche Vorgänge werden, wenn, nach dem unvermeidlichen Lauf der Dinge, die Zeit die Gluth der erſten Monate der Ehe in Eis verwandelt hat. Und dann endlich iſt es albern, eine tiefe Ruhe in der Ehe zu ſuchen, wenn man thöricht genug geweſen iſt, ſelbſt darein jene leidenſchaftlichen Gährungsmittel zu bringen, welche die Liebſchaften ſo aufgeregt, ſo fieberhaft und in die Länge ſo unerträglich machen. Fräulein Chevrier vereinigt alſo körperlich Alles, was es braucht, um mir weder Verlangen, noch Wider⸗ willen einzuflößen. Wenn ich mich nicht ſehr täuſche, wird mir dieſer mezzo termine beinahe ſichere Bürg⸗ ſchaften der Ruhe und des Glückes bieten. Herr Chevrier, der Vater von Albine, ſcheint mir ein guter Menſch oder, um mich beſtimmt zu erklären, ein Dummkopf zu ſein... geſchaffen und in die Welt geſetzt, um als ein ehrerbietiges, ſchüchternes Echo Alles zu wiederholen, was Madame Chevrier ſagt; dieſe mußte einſt das ſein, was man eine ſchöne Frau nennt;z übrigens iſt ihr Geiſt platt, und ſie iſt weſent⸗ lich bürgerlich; ich bin weit entfernt, mich hierüber in Beziehung auf mich zu beklagen. Von einer ſolchen 234 Mutter erzogen, wird Albine nicht jene großen, an⸗ ſpruchsvollen Manieren angenommen haben, welche ſo viele Mädchen unerträglich machen. Die wenigen Worte, welche ich meine Zukünftige habe ſprechen hören, laſſen mich denken, ſie ſei einfachen und vielleicht beſchränkten Geiſtes. Gefiele es Gott, daß es ſo wäre, meine Wünſche wären erfüllt; das, was man eine Frau von Geiſt nennt, würde mich in beſtändigem Mißtrauen erhalten; nichts flößt dagegen, und zwar mit Recht, mehr Sicherheit ein, als ein negativer Verſtand, aus⸗ geſtopft mit vortrefflichen Grundſätzen, mit ſoliden Tugenden und einer inbrünſtigen Frömmigkeit, denn ich halte feſt darauf, daß meine Frau gottesfürchtig ſein muß. Im Ganzen genommen kommt mir die Familie Chevrier unbedeutend vor; ich bekümmere mich wenig darum, denn wenn ich heirathe, reiſe ich am Tage nach meiner Hochzeit nach dem Berry ab. Nach reiflicher Ueberlegung und unter der Vor⸗ ausſetzung, daß mich mein erſter Eindruck nicht ge⸗ täuſcht hat, nämlich, daß Fräulein Albine ein einfaches, gutes Mädchen iſt, ihr Vater ein Dummkopf und ihre Mutter ein ganzes Weib, entſcheide ich mich für dieſe Heirath. Mein Arzt hat Recht, noch einige Jahre dieſes Junggeſellenlebens, und ich wäre verloren; meine Ge⸗ ſundheit bedarf der Schonung, großer Pflege; das Land⸗ leben wird mir heilſam ſein und ganz meinem Ge⸗ ſchmacke entſprechen, urtheile ich nach der Langweile, nach dem Ueberdruß, den mir immer mehr das Leben in Paris einflößt, das mich nach und nach abſtumpft und erſchöpft; will man mich, ſo heirathe ich ent⸗ ſchieden. .. NB. Als Ergänzung dieſes Tagebuchs füge ich hier mehrere Briefe von Fräulein Albine Chevrier in Be⸗ treff ihrer Heirath mit mir bei; ich brauche nicht zu 235 bemerken, daß ich erſt lange Zeit nach unſerer Verhin⸗ dung Kenntniß von dieſer Correſpondenz bekommen habe; ſpäter werde ich erklären, in Folge welcher Er⸗ eigniſſe dieſe Briefe in meinen Beſitz gelangt ſind. Albine an Hermante Liebe Hermance, ich gebe Dir hier Wort für Wort und ohne Betrachtungen und Umſchweife die Un⸗ terredung, die ich geſtern Abend mit Mama, nach der Rückkehr aus einer Abendgeſellſchaft beim Notar mei⸗ ner Familie, gehabt habe. „Rehchen,“ ſagte meine Mutter zu mir,„Du er⸗ innerſt Dich, daß wir heute Abend ziemlich lange mit Herrn Barantin von Dieſem und Jenem geſprochen haben?“ „Ja, Mama.“ „Du weißt, daß während unſeres Geſpräches ein z Mann gekommen iſt und mit uns geplaudert at.“ „Ja, Mamg,“ „Wie findeſt Du dieſen jungen Mann, Rehchen?“ „Ich finde ihn wie alle Welt.“ „Das iſt nicht geantwortet. Ich frage Dich, ob Du dieſen jungen Mann gut oder übel findeſt?“ „Warum frägſt Du mich das?“ „Antworte immerhin: wie findeſt Du ihn?“ „Was willſt Du damit ſagen?.. Ich finde ihn weder gut, noch übel.“ „Sprich, wäre er nach Deinem Geſchmacke?“ „Nach meinem Geſchmacke?“. „Mein Gott! Albine! wie ungeduldig machſt Du mich mit Deinem Erſtaunen, mit Deiner Miene aus der andern Welt! Nimm an, dieſer junge Mann ſei ein Freier, den man uns für Dich vorgeſchlagen hätte.. würde er Dir anſtehen?“ 236 „Wie, Mama, dieſer junge Mann?. das wäre ein Freier?“ „Ja Iſt das klar?“ „Und Du ſagſt mir das jetzt erſt?... Wäre ich wenigſtens davon unterrichtet geweſen, ich würde ihn anders angeſchaut haben.“ „Was ſchwatzeſt Du mir da, mit Deinem an⸗ ders?“ „Ich hätte dieſen Herrn angeſchaut, wie man einen Freier, wie man mit einem Wort einen Menſchen an⸗ ſchaut, der unſer Mann werden kann.“ „Ah! es gibt alſo zweierlei Manieren, die Leute anzuſchauen.“ „Du fragſt mich ich antworte Dir.“ „Du antworteſt mir etwas, was keinen Sinn hat, denn auf welche Art würdeſt Du dieſen jungen Mann betrachtet haben, hätteſt Du gewußt, daß man ihn als eine Partte für Dich vorgeſchlagen?“ „Ich weiß es nicht, Mama, doch mir ſcheint, ich hätte ihn auf eine andere Art angeſchaut.“ „Laß mich doch in Ruhe, das ſind Kindereien, und auf welche Art Du dieſen jungen nn auch betrach⸗ tet haben magſt, Du haſt ſehen m„daß er brünet, groß und ſchlank iſt.“ „Ja, Mama.“ „Daß er eine reizende Tournure hat; kurz, daß er das iſt, was man einen ſehr hübſchen Mann nennt.“ „Es iſt möglich.“ „Du findeſt dieſen Herrn alſo nach Deinem Ge⸗ ſchmacke, Rehchen?“ „Ich kann das nicht gerade ſagen.“ „Mit einem Wort, wenn uns die Partie aus mehreren Gründen anſtände, Du hätteſt keinen Wider⸗ willen, dieſen jungen Mann zu heirathen? Denn vor Allem, mein Kind, wollen wir Dir durchaus freie Wahl laſſen, Dich in keiner Hinſicht zwingen.“ „Wenn ich dieſen Herrn beſſer kennete, wenn ich ————— 18— S coS 8— —— . 237 ihn beſſer angeſchaut hätte, wäre ich im Stande, Dir zu antworten und Dir zu ſagen, ob er mir anſtehe oder nicht anſtehe. Aber, Mama, wie ſoll ich Dir, weil ich ihn kaum eine Viertelſtunde geſehen habe wenn man dies Jemand ſehen nennen kann, wie ſoll ich Dir ich Luſt habe oder nicht habe, ihn zu hei⸗ rathen?“ „Albine, erkläre Dich offenherzig, was verſtehſt Du unter; dieſen Herrn beſſer kennen?“ „Das iſt ganz einfach: wiſſen, was für einen Cha⸗ rakter er hat.“ „Du ſprichſt da als ein wahres Kind! Wiſſen, was für einen Charakter er hat! Glaubſt Du, man kenne nur ſo auf der Stelle den Charakter der Leute?“ „Auf der Stelle, nein.“ „Alſo wie denn?“ „Aber, Mama, indem ich dieſen Herrn vft ſehen, indem ich mit ihm ſprechen würde, bis ich mir ſelbſt ſagen könnte: das iſt ein Charakter, der mir gefällt oder nicht gefällt.“ „Sage mir vor Allem, was verſtehſt Du unter dem Charakter von Jemand? Willſt Du damit ſagen, Du verlangeſt, wiſſen, ob dieſer Mann Sit⸗ ten habe? ob er geordnet ſei? artig? wohlerzogen? Du fühlſt wohl, Rehchen, wenn wir Dir Herrn Fer⸗ nand Dupleſſis(das iſt ſein Name) vorſchlagen, ſo müſſen wir uns genau erkundigt haben, wir müſſen ſicher ſein, daß Dein Freier alle mögliche Eigenſchaf⸗ ten hat, um Dich glücklich zu machen.“ „Aber, Mama„ „Höre mich doch, Du ſiehſt ſchon, daß Du Dich nicht um den Charakter von Herrn Fernand zu beküm⸗ mern haſt, das iſt unſere Sache; wir haben ſie ge⸗ macht und wohl gemacht; wir ſtehen Dir auch für ihn. Folge nun wohl meinem Raiſonnement; von zwei Din⸗ gen eines: entweder hat Herr Fernand den vortreff⸗ „ 238 lichen Charakter, den wir bei ihm vorausſetzen, oder er hat ihn nicht.“ „Und.. wenn er ihn nicht hat?“ „Wenn er ihn nicht hat, ſo wird er falſch und heuchleriſch genug geweſen ſein, um zehn bis zwölf der ehrenwertheſten Perſonen zu betrügen, die ihn ſeit Jah⸗ zn kennen und die beſte Auskunft über ihn gegeben aben.“ g „Nun denn! Mama, beurtheilen Sie, welches Un⸗ glück es für mich wäre, einen Mann zu heirathen, der durc ſeine Falſchheit alle dieſe Perſonen hintergangen ätte.“ „Iſt er falſch genug hiezu geweſen, ſo frage ich Dich, ob er Dich nicht hundertmal leichter täuſchen würde, Dich mit Deinem achtzehn Jahren, da er ſo viele getäuſcht hätte... Du armes Kind, das Du iſt!“ „Vielleicht würde er mich nicht täuſchen! Mehr als irgend Jemand dabei intereſſirt, die Wahrheit zu er⸗ fahren, wäre ich ohne Zweifel hellſehender.“ „Mein Gott! Albine, wie unvernünftig und hals⸗ ſtarrig biſt Du, wenn Du anfigg Ueberlege doch, was Du ſagſt. Den Charakter vön Jemand kennen... Ei! mein liebes Kind, oft iſt das ganze Leben nicht hiezu hinreichend. Und dann ſind das Worte; biſt Du einmal mit Herrn Fernand verheirathet, ſo wirſt Du ganz nach Deinem Wohlgefallen. ſeinen Charakter ſtudiren.“ „Es wird dann Zeit ſein.“ „Wahrhaftig, Albine, ich begreife nicht, daß Du in Deinem Alter ſo klägliche Raiſonnements machſt. Wozu nützt denn die Erziehung, die man Dir gegeben hat? Ich bin zuweilen geneigt, zu glauben, diejenigen⸗ welche behaupten, Dein Geiſt ſei nicht mehr entwickelt, als der eines Kindes von fünf Jahren, haben Recht.“ „Ich habe nie für geiſtreich gelten wollen.“ „Ich verlange nicht von Dir, daß Du geiſtreich M W 8 239 ſein ſollſt. Es geziemt ſich nicht für eine Mutter, ihrer Tochter zu ſchmeicheln, und ich weiß, daß die Frauen von Geiſt ſehr ſelten ſind; aber in Ermange⸗ lung von Geiſt haſt Du oft geſunden Verſtand, und heute gebricht es Dir durchaus hieran.“ „Meinetwegen!“ „Es gibſt kein meinetwegen! Du redeſt unvernünf⸗ tig. Wie, Du möchteſt etwa gern, daß Herr Fernand Dupleſſis hier Tage vom Morgen bis zum Abend un⸗ ter vier Augen mit Dir zubrächte, um Dir Muße zu geben, ſeinen Charakter zu ſtudiren? Das würde einen, zwei, drei Monate dauern, wer weiß? und Du bildeſt Dir ein, Männer würden ſich der Demüthigung ausſetzen, ihren Charakter, ſo zu ſagen, probiren zu laſſen? abgeſehen von der Unſchicklichkeit dieſer bei einer jungen Perſon zugebrachten Tage! Wahrhaftig, man ſollte glauben, Du ſeiſt bei Wilden erzogen worden?“% „Dit Amerikaner, die Engländer, die Deutſchen ſind alſo Wilde?“ „Was ſchwatzeſt Du da?“ „Ich war in Penſion mit Ellen Davy, einer Ame⸗ rifanerin, deren Eltern lange in England gewohnt haben.“ „Gut, und hernach?“ „Es war in der Penſion auch Helmine Blum, eine Deutſche.“ „Worauf zielſt Du denn ab, mit Deinen Deutſchen und Deinen Engländerinnen?“ „Nun denn! Mama, in den Ländern, von denen ich ſpreche, können die jungen Perſonen, welche heira⸗ then ſollen, ſo viel es ihnen beliebt, die jungen Leute, die man ihnen vorſchlägt, ſehen und empfangen, ſogar mit ihnen ausgehen, und man heirathet ſich immer nur, nachdem man ſechs Monate, ein Jahr, ſogar mehr, in vertraulichem Umgange mit einander gelebt hat; man hat, auf dieſe Art, jede Zeit, um ſich kennen zu lernen, 240 zu beurtheilen, ob man ſich anſteht; und in dieſen Län⸗ dern ſind beinahe alle Ehen glücklich.“ „Haſt Du geendigt?“ „Ja, Mama.“ „Da Du, Goitt ſei Dank, weder eine Deutſche, noch eine Amerikanerin, noch eine Engländerin biſt, ſo wirſt Du mir das Vergnügen machen, Dich nach den Gewohnheiten Deines Landes zu richten; nicht wahr, Du willſt denjenigen, welchen Du heirathen ſollſt, ken⸗ nen lernen? Nichts kann einfacher ſein; ſage heute ſchon:„Mama, Herr Fernand Duvleſſis ſteht mir an.““ Morgen, mein Kind, werden wir Dich Herrn Fernand vorſtellen; er wird uns alle Tage ſeinen kleinen Be⸗ ſuch machen, und in meiner Gegenwart werdet Ihr dann mit einander plaudern, ſo viel Ihr wollt... Doch Du begreilſt wohl, wenn wir einem jungen Manne einen vertraulichen Eintritt in unſer Haus geſtatten ſollen, ſo muß er von Dir zum Voraus und unwider⸗ ruflich als derjenige angenommen ſein, welcher Dein Gatte werden wird.“ „Alſo muß ich mich verſprechen, ehe ich weiß, mit wem ich mich verſpreche?“ „Ich ſage Dir noch einmal, wir wiſſen es, wir, die wir für Dein Glück verantwortlich find. Genügt das nicht? Herr Fernand Dupleſſis hat ſieben und vierzigtauſend Livres Einkünfte in vortrefflichen An⸗ lagen, ein herrliches Gut im Berry. Du glaubſt, man finde immer ſolche Partien?.. Denn ich weiß am Ende nicht, was Du denkſt. Du mußt nicht glauben, Du ſeiſt aus dem Dickbeine Jupiters hervorge⸗ gangen, wie man zu ſagen pflegt; Du haſt nur hun⸗ derttauſend Thaler Mitgift. Zwei Heirathen, die in Wahrheit nicht ſo viel werth waren, als diejenige, von welcher jetzt die Rede iſt, ſind ſchon geſcheitert, weil man viermalhunderttauſend Franken haben wollte... ſtatt dreimalhunderttauſend gewiß„aber was kann Dich rühren?“ 241 „Dieſe Perſonen wollten mich heirathen?“ „Allerdings zuerſt ein Notar und dann ein Banquier.. Wir haben ſeiner Zeit mit Dir davon geſprochen.“ „Und ehe ſie mich nur geſehen, verhandelten fie über den Betrag meiner Mitgift?“ „So geſchieht das immer. Aber wie kommſt Du mir denn vor? Du urtheilſt abermals wie ein Kind von zwei Tagen. Einigt man ſich nicht zuerſt über die Intereſſen und ſpricht dann erſt über die Perſonen?“ „So daß die Mitgift die Hauptſache bei der Hei⸗ rath iſt? Und dieſe zwei Männer, die mich zu heira⸗ then beabſichtigten, wollten mich nicht einmal ſehen, kennen lernen, um zu beurtheilen, ob ich nicht die hunderttauſend Franken werth ſei, die ſie mehr als mein Witgift verlangten?“ * gas Du auch hierüber ſagen magſt, das wird zan Ube ſein; das geht einmal ſo und wird im⸗ mer ſo gehen. Herr Fernand Dupleſſis hat übrigens nicht gehandelt; er iſt beinahe auf der Stelle mit Herrn Barantin über alle Gelbfragen einig geworden; die Zeugniſſe über dieſen jungen Mann ſind ausgezeich⸗ net. Er iſt acht und zwanzig Jahre alt, Du achtzehn, das iſt ein vortreffliches Altersverhältniß; er ſieht ſehr gut aus und ſteht uns in allen Beziehungen vollkommen an. Ich erkläre Dir auch, ſollteſt Du ſo wahnſin⸗ nig fein, eine vielleicht einzige Gelegenheit auszuſchla⸗ gen. Dein Vater und ich, wir wären in ſei und bei meiner Treue, Du könnteſt es einr chten wie Du wollteſt, um zu heirathen, wir würden uns nicht mehr darein miſchen.. Bedenke wohl, es iſt ſehr ernſt, was ich Dir da ſage: wir würden uns ſ1 mehr in Deine Verheirathung mi⸗ „Wahrhaftig? gewiß und wahrhaftig, liebe Mama? welch ein Glück! Du wirſt mich nach meiner Idee hei⸗ rathen laſſen, wann ich will, wie ich will?“ Fernand Dupleſſis. 1. 16 2⁴² „Ach! wieder eine neue Tollheit, mein Fräulein!. Wie, das iſt die Wirkung, welche meine Drohung her⸗ vorbringt.. Schämen Sie ſich nicht, ſolche Dinge zu ſagen?“. „Du bieteſt mir an, mich nach meinem Geſchmacke heirathen zu laſſen. Wayrlich, ich nehme es an.“ „Höre, Albine, Du machſt mich am Ende ungedul⸗ dig; Du thuſt Alles, was Du kannſt, um mich zu quä⸗ len, mich, die ich nur an Dein Glück denke, das iſt ſchändlich!“ „Mein Gott, Mama, ärgern Sie ſich nicht; ich ſchlage dieſen Herrn nicht ganz aus; aber was ſoll ich ſagen? ich fühle nichts für ihn und nichts gegen ihn.“ „Das iſt es gerade, was man braucht, um zu hei⸗ rathen, und zwar gut zu heirathen.“ „Mir, liebe Mama, ſcheint, daß. „Schweige, Du haſt keinen Verſtand, aber Du biſt im Grunde ein vortreffliches Mädchen. Auf, umarme mich, das iſt abgemacht: wir werden Herrn Fernand benachrichtigen, daß er angenommen iſt. Herr Baran⸗ tin wird ihn uns morgen Abend bringen.“ „Aber, Mama „Es gibt kein: aber, Mama; das iſt abgemacht, ich will auf der Stelle an unſern Notar ſchreiben: eine ſolche Heirath trifft man nicht immer; man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es heiß iſt.“ „Mein Gott, Mama, ich bitte Sie inſtändig. „Ich bin troſtlos, daß ich Dich weinen mache, mein liebes Kind, aber man muß Vernunft für Dich haben, und eines Tages wirſt Du mir danken Hiernach iſt Mama weggegangen und hat mich in Thränen zurückgelaſſen. So ſteht es mit mir, liebe Hermance. Ach! wie Schade, daß Du nicht da biſt, um mir zu rathen. Es iſt lange her, daß ich es Dir geſagt habe, und Du weißt es, meine Mutter verſteht 243 die Dinge nie wie ich. So hält ſie mich, wie ſo viele Andere, für ganz dumm, und gewöhnlich iſt mir wenig hieran gelegen. Ich thue mir gegen ſie Zwang an und ergieße mich gegen Dich. Doch heute handelt es ſich, wie Du ſiehſt, um eine ſehr wichtige Sache; ich fühle, daß ich Recht habe. Mama täuſcht ſich, und da ich das erſte und einzige Opfer dieſes Irrthums ſein werde, ſo will ich nicht ohne Kampf nachgeben. Ich werde Dich auf dem Laufenden erhalten. Adieu, ich küſſe Dich zärtlich. Albine C. XXV. SAlbine Cheprier an Hermanre. Ich mochte, wie ich Dir in meinem letzten Briefe geſchrieben habe, Mama immerhin anflehen, Herrn Fernand nicht als einen Freier von mir zu empfangen, ehe es mir möglich geweſen wäre, ihn beſſer kennen zu lernen, man hat keine Rückſicht auf meine Bitten ge⸗ nommen; ſeit acht Tagen iſt Herr Fernand ſchon fünf⸗ Mal von vier bis ſechs Uhr Abends da geweſen. Mama und mein Vater nehmen immer an unſerer Eonverſa⸗ tion Theil, und wir ſprechen vom Regen und vom Ein Wetter, Du darfſt mir glauben, das iſt nicht uſtig. Als Herr Barantin Herrn Fernand zu uns brachte, ſuchte ich ihn verſtohlen zu beobachten; ich hatte ſehr Recht, da ich Mama ſagte, ich habe ihn das erſte Mal geſehen, ohne ihn anzuſchauen. Er hat in der That eine ausgezeichnete Tournure, ein ſehr hübſches Geſicht, obgleich dieſes bleich und angegriffen erſcheint, als ob er von einer Krankheit aufſtünde, was wun⸗ 244 dern würde, denn er hat noch einen kleinen trockenen Huſten; er iſt äußerſt artig, ein wenig kalt; er lacht ſelten; nichtsdeſtoweniger ſcheint er wohlwollend zu ſein. Ich weiß nicht, ob ich mich täuſche, doch oft kommt er mir vor wie ein Menſch, der ſich langweilt; vielleicht rührt dies davon her, daß er nicht vertrau⸗ licher mit mir reden kann. Im Ganzen genommen hat er mir bis heute weder mehr, noch weniger Alltäglich⸗ keiten geſagt, als alle die andern Perſonen, welche in unſer Haus kommen. Einige Male hat mich Mama an's Klavier ge⸗ ſchickt, um Parade mit meinem Talente zu machen (wenn ich ein Talent hätte); das war eine Marter für mich, aber ich wagte es nicht, mich zu weigern, und ſpielte ganz verkehrt. Herr Fernand iſt nicht muſika⸗ liſch, er bemerkte weder die falſchen Noten, noch die unrichtigen Tempi, und machte mir nothwendig ſchöne Complimente; worüber ich mich auch ärgerte, iſt, daß ich meinen Vater und meine Mutter vor Herrn Fer⸗ immer Geſpräche wie folgendes führen hören mußte: „Mein Freund,“ ſagt, zum Beiſpiel, meine Mut⸗ ter zu meinem Vater,„Du erinnerſt Dich deſſen, was immer die Lehrerin der Penſion von Albine äußerte? —„„Oh! Fräulein Chevrier hat etwas Beſſeres, als den äußeren Glanz, ſie hat ſolide Eigenſchaften; das wird einſt eine weſentliche Frau, um einem Haus⸗ weſen vorzuſtehen: es iſt die Ordnung und die Spar⸗ ſamkeit in Perſon.““ „Die Ordnung und die Sparſamkeit in Perſon,“ wiederholt mein armer, guter Vater nach ſeiner Ge⸗ wohnheit. Und Mama fügt bei, indem ſie ſich an Herrn Du⸗ pleſſis wendet: „Was mein Mann da ſagt, iſt wahr, Herr Fer⸗ nand; unſere Albine hat gehalten, was ſie verſprach; hier erſetzt ſie mich, ſie beaufſichtigt Alles; nichts ent⸗ 24⁵ geht ihr; ſie rechnet mit der Köchin, und wir laufen keine Gefahr, unſere kleine Haushälterin könnte einen Additionsfehler nicht bemerken; doch Sie werden ſie ſ der Arbeit ſehen, Herr Fernand, Sie werden ſie ehen. „Nein, wir wollten aus ihr keine von den leicht⸗ fertigen, müßigen Frauen machen, die nur an den Putz, an das Vergnügen und an die Coquetterie denken, oder eine von jenen Schönſchwätzerinnen, die ſich Mühe geben, die Frauen von Geiſt nachzuäffen. Gott ſei Dank! un⸗ ſere Albine wird das ſein, was man eine wackere und gute Hausmutter nennt, ſie wird nur an ihren Mann, an ihre Kinder, an die Erhaltung der Oidnung und an die Sparſamkeit in ihrem Hausweſen denken. Doch Sie werden ſie ſehen, Herr Fernand, Sie werden ſie ſehen.“ Und immer: Sie werden ſie ſehen! Und immer: Das wird Ihre Frau ſein! Und ich bin ſo ſchwach, ſo albern, ſo ſchüchtern, dies in meiner Gegenwart wiederholen zu laſſen, nicht zu antworten, nicht nein zu ſagen; und ſo verbinde ich mich nach und nach wider meinen Willen durch mein Stillſchweigen. Ich geſtehe Dir auch, daß ich es Anfangs ſehr un⸗ höflich fand, daß meine Mutter meinen Mangel an Geiſt unter die Zahl meiner Eigenſchaften als weſent⸗ liche Frau ſetzte.. Dadurch erfolgt, daß mich Fer⸗ nand, mit Hülfe meiner natürlichen Schüchternheit, auch, wie ſo viele Andere, dumm glauben und finden muß; was mich ſodann über die Lobeserhebungen meiner Mutter getröſtet hat, iſt der Umſtand, daß beim erſten Anblick Herr Fernand, ich weiß nicht warum, mich jene Kälte empfinden machte, die mir jedes Ver⸗ trauen raubt und mich lähmt; Du und Deine gute Mutter, Ihr ſeid dagegen immer von den Perſonen ge⸗ weſen, welche mir die Zunge löſen, mir zum Plau⸗ dern Luſt machen, mich beleben, und mir ſo viel Si⸗ 246 cherheit einflößen, daß ich Alles ſage, was mir in den Kopf kommt; Madame d'Amberville, die vertraute Freundin der trefflichen Madame Raymond, gehört auch zu dieſer Zahl, und ich füge mich oft in die traurige Meinung, die man in meiner Familie von mir hegt, wenn ich mich erinnere, daß Madame Nay⸗ mond, dieſes lebendige Wunder, zuweilen zu Madame d'Amberville, da ſie von mir ſprach, ſagte:„Nach Allem, was Sie mir von ihr erzählen, erregen Sie in mir den lebhaften Wunſch, Fräulein Chevrier kennen zu lernen.“ Ach! liebe Hermance, warum bin ich nicht eine Madame Raymond! Ich rede nicht von ihrer Schönheit, die ſich, trotz ihrer fünf und vierzig oder ſechs und vierzig Jahre, auf eine ſo unglaubliche Art erhalten haben ſoll, daß ſie viele junge Frauen um ihre Leibesgeſtalt und um ihr reizendes Geſicht benei⸗ den würden! Ich ſpreche von ihrem erhabenen Ver⸗ ſtand, von ihrem edlen und großartigen Charakter, der der Heldenzeiten würdig, von dieſem Charakter, für den uns die Freundin Deiner Mutter fanatiſirt hat. Ach! wenn ich ſo begabt wäre, hätte ich ein volles Vertrauen zu meinen Eindrücken, zu meinen Urtheilen, ich hätte nicht die Schwächen, die Unentſchiedenheiten des Wil⸗ lens, die mich heute kraftlos machen; ich ließe nicht, wie ich Dir vorhin ſagte, meine Zukunft wider meinen Willen binden; ich würde dieſe Heirath ausſchlagen; ich würde feſt nein ſagen. Und im Ganzen, warum ſollte ich nein ſagen? ich geſtehe Dir, Herr Fernand gefällt mir weder, noch mißffällt er mir. In meinen vernünſtigen Augenblicken, das heißt, wenn ich mich geneigt fühle, auf den guten Rath mei⸗ ner Mutter zu hören, ſage ich mir: Ein Mann gilt ſo viel als der andere; es iſt eben ſo gut, wenn ich Herrn Fernand heirathe, als wenn ich einen Andern heira⸗ 247 S mit einem Wort, das iſt mir gleich⸗ gültig. Aber, Hermance, thut man auch wohl ſo? Hat man, ſo zu ſagen, das Recht, zu heirathen, wenn einem das gleichgültig iſt?.. Urtheile ich nach dem Beiſpiele der Ehen, die ich vor Augen habe, ſo mußte es meinem Vater und mei⸗ ner Mutter gleichgültig ſein, daß ſie einander heiratheten; es mußte meinem Oheim und meiner Tante in Bordeaur gleichgültig ſein, daß ſie ein⸗ ander heiratheten. Ebenſo iſt es bei zwei bis drei jungen Ehen, die ich im Hauſe ſehe; und dennoch, ich geſtehe es Dir, ſcheinen ſie nicht glücklich zu ſein... Nur.(Her⸗ mance, ſpotte nicht über mich), nur haben alle Per⸗ ſonen, von denen ich rede, Männer oder Frauen, in meinen Augen nicht das Ausſehen, als wären ſie verheirathet. Ich weiß nicht, wie ich Dir meinen Gedanken er⸗ klären ſoll, das kommt öhne Zweifel von den ſonder⸗ baren Ideen, die ich mir zuweilen von der Heirath mache; ich ſtelle mir vor, das müſſe, mit einem Wort, eine Art von Austritt aus der Penſion ſein; und auſ das ein⸗ tönige penſionäre Daſein einer jungen Frauensper⸗ ſon müſſe, wenn ſie verheirathet ſei, eine ganz andere Eriſtenz folgen, eine Exiſtenz voller Vergnügen u Pflichten ſo ſüß als Vergnügen, getheilt mit einem Gatten, jung wie ſie, munter, lebhaft wie ſie und wie ſie glücklich ſo viel als nur immer möglich über alle Arten von, ihm bis dahin auch unbekannten, Dingen, denn mir ſcheint, er müßte in der Heirath auch eine Art von Austritt aus der Penſion ſehen. Mein Gott! ich weiß nicht, ob Du mich begreifſt; was ſoll ich Dir ſagen? mir ſcheint, für zwei nach meiner Idee verbundene Gatten müßte die Ehe das Feſt und die Freude ihrer Jugend ſein ſo lange ihre Jugend dauert! Doch wenn ich in einem Monat Berrn Fernand heirathe, wo wird die Freude ſein? wo wird das Feſt meiner Jugend ſein? Er ſieht kalt und gelangweilt aus, während ich mich voll Leben und voll Verlangen, mich zu beluſtigen, fühle! Er hat die Welt viel geſehen, und ich nicht! Er weiß eben ſo viel, als ich nicht weiß, und ich fühle es, ich werde immer die Miene einer Einfältigen in ſeiner Nähe haben; ich werde es nicht wagen, mich über etwas zu wundern, ich werde beengt, gevemtigt ſein, wie bei einem Vorgeſetzten, oder ei meiner Mutter, ſtatt mich behaglich zu fühlen wie bei Dir, wie bei meines Gleichen, einer wie ich aus der Pen ſion austretenden Geſpielin. Ich komme auf dieſe Vergleichung zurück, weil ſie Dir ungefähr meine Gedanken ausdrückt; ſpotteteſt Du nicht, ſo würde ich Dir noch ſagen, daß, wenn ich mir eine Heirath nach meiner Idee denke, mein Herz ſchlägt und in Unruhe geräth. Ich verſpüre in mir alle Ar⸗ ten von Aufſtrebungen, von unbeſtimmten Vorgefühlen von einer unendlichen Süßigkeit, welche, wie ein Neſt voll Vögel, nur nach irgend einem Zauberlande zu ent⸗ fliegen trachten und Nun, haſt Du zu lachen aufgehört, Böſe? ich werde meine ſchöne Phraſe nicht vollenden.. Was willſt Du? ich bin nicht eine Madame Raymond, eine Frau eben ſo groß durch ihren Charakter, als durch den Geiſt und die Vernunft. Ich ſage Dir ganz ein⸗ fach, daß, weit entfernt, mich zuweilen tollen Viſionen u überlaſſen, mein Herz ſtille ſteht und mein Blut ſodt wenn ich daran denke, daß ich Herrn Fernand heirathen ſoll... Und dennoch wage ich es nicht, dieſe Heirath auszuſchlagen.. das iſt zugleich Schwäche, falſche Scham, Furcht, meine Mutter und meinen Va⸗ ter zu betrüben. Und dann, offenherzig geſtanden, gründet ſich mein Widerwille auf keine vernünftige Urſache, denn nun, da ich Dir Herrn Fernand geſchil⸗ dert habe, wirſt Du mir ohne Zweifel ſagen, bei dieſer 249 Heirath ſei Alles entſprechend, und ich ſei toll... daß ich ſie nicht entſchloſſen annehme. Ja, vielleicht bin ich toll. und dennoch Ich zögerte, fortzufahren, doch Dir ſage ich Alles; ich werde meinen Brief mit einem letzten Geſtändniß vollenden wonach ich nichts mehr beifüge.. denn ich glaube, ich würde vor meinem Papier er⸗ röthen. Höre mein Geſtändniß: Herr Fernand iſt hübſch. ſehr hübſch und dennoch habe ich keine Luſt, ihn zu umarmen. Ich entfliehe. Albine C. Albine Chevrier an Hermanre. Geſtern zum erſten Male ſeit den drei Wochen, die er beinahe täglich in unſer Haus kommt, iſt Herr Fer⸗ nand mit mir allein geblieben; Mama hat einen Brief vorgeſchützt, den ſie ſchreiben müſſe, und uns Beide allein gelaſſen. Folgendes war unſere Unterredung; Herr Du⸗ pleſſis fing alſo an: „Die Abweſenheit Ihrer Frau Mutter macht mich faſt glücklich, Fräulein Albine, ich kann Ihnen wenig⸗ ſtens alles Gute ſagen, was ich von ihr denke. Es iſt zugleich der Ausdruck der Wahrheit und der Dank⸗ barkeit; denn Ihre Frau Mutter hat die Gewogenheit gehabt, meine Hoffnungen zu beſtätigen, und mir ver⸗ ſichert, die Unterzeichnung unſeres Ehevertrags ſei auf übermorgen feſtgeſetzt.“ „Mein Herr, wenn Ihnen meine Mutter das ge⸗ ſagt hat. ſo muß es ſo ſein.“ „Erzogen, wie Sie erzogen worden ſind, Fräulein Albine, begabt mit den weſentlichen Eigenſchaften, die 250 Sie vereinigen, vermöchte es nicht anders zu ſein; dieſe Willfährigkeit gegen die Wünſche Ihrer Familie iſt für mich ein höchſt glückliches Vorzeichen, denn eine Heirath iſt eine ſehr gewichtige, ſehr ernſte Sache, Fräulein Albine; aber glauben Sie mir, ich fühle die ganze Bedeutung der ſtrengen Pflichten, die ſie aufer⸗ legt, und ich werde ſie als ehrlicher Mann erfüllen, ebenſo wie Sie dieſelben als eine von der heiligen Aufgabe einer Gattin durchdrungene Frau erfüllen wer⸗ den, nicht wahr, Fräulein Albine?“ „Ja, mein Herr.“ „Wir werden nur einen Willen haben, Alles ſagt mir, es werde der Ihrige ſein, denn, ich bezweifle es nicht, er wird immer weiſe und vernünftig ſein; Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter haben es mir oft geſagt, und ſeitdem ich die Ehre habe, Sie jeden Tag zu ſehen, vermochte ich zu erkennen, wie ſehr Ihre lie⸗ ben Eltern die Wahrheit ſprechen: Sie gehören nicht zu den leichtfertigen jungen Perſonen, Fräulein Albine, die in der Ehe nur eine Gelegenheit zu eitlen Beluſti⸗ gungen, zu tollen Zerſtreuungen ſehen, auf welche immer Ueberdruß und Widerwille eintreten, wenn fie keine trau⸗ rigere Folgen haben. Gott ſei Dank! Sie werden Ihre Pflichten als Gattin beſſer begreifen, Sie werden immer auf der Höhe dieſes ernſten, beſchäftigten, ſtets zwiſchen den Sorgen für das Hausweſen und ſpäter für die Erziehung der Kinder getheilten Lebens ſein— dieſes Lebens der Selbſtverleugnung, das nur ein Aus⸗ tauſch von gegenſeitigen Hingebungen, oft ſogar Auf⸗ opferungen zwiſchen dem Manne und der Frau iſt.“ „Mein Herr... Sie ſchmeicheln mir...; ich weiß nicht. ob ich alle Eigenſchaften habe, haben werde, die Sie bei mir vorausſetzen.“ „Dieſe Beſcheidenheit, Fräulein Albine, würde mir die Verſicherung hierüber geben... kennete ich Sie nicht ſo, wie ich Sie kenne; ich habe ein wenig Er⸗ —— 251 fahrung im menſchlichen Herzen, und Alles ſagt mir, Sie werden ſtets würdig den beinahe göttlichen Auf⸗ trag der Hausmutter erfüllen.„. göttlich durch ſeine heiligen Pflichten, durch ſeine heiligen Freuden und durch ſeine heiligen Leiden. Ich ſage Ihnen das, nicht um das Gemälde der Zukunft zu verdüſtern, ſondern weil man ſich zum Voraus für die Prüfungen des Le⸗ bens ſtärkt, wenn man ſie vorherſieht, wie es uns die Re⸗ ligion lehrt;... was die Religion betrifft, ich weiß, Fräulein Albine, daß Sie ſehr fromm ſind, und ich werde Sie mit Allem, was ich vermag, in der Erfül⸗ lung Ihrer religiöſen Pflichten ermuthigen, erleichtern; ich ſelbſt werde zu dieſen Uebungen zurückkehren, die ich leider lange vernachläſſigt habe, ohne darum den Glauben zu verlieren; wir werden Beide aus der Re⸗ ligion neue Aneiferungen für unſere Pflichten ſchöpfen. Was unſer materielles Leben betrifft, ſo können wir bei unſeren Vermögensverhältniſſen und mittelſt einer vernünftigen Oekonomie, wenn nicht im Reichthum, doch in großem Wohlſtand lebenz wir werden ein vortreff⸗ liches Haus haben; alle Ihre Wünſche werden befrie⸗ digt werden. Sie lieben ſehr das Land, wir werden vorzugsweiſe auf meinem Gute im Berrh leben, das ich völlig neu ausſtatten zu laſſen im Begriffe bin; mit einem Wort, Fräulein Albine, ich übernehme Ihnen gegenüber die feierliche Verpflichtung und werde eifrig darnach trachten, Ihr Leben ſo glücklich als möglich zu machen; der ſüßeſte Lohn für meine Bemühungen, für meine Ergebenheit wird ſein, daß ich Sie eines Tags, wie ich hoffe, ſich zu der Wahl Glück wünſchen ſehe, die Sie, mir die Sorge für Ihr Schickſal anvertrauend, getroffen haben. Ein letztes Wort, Fräulein Albine, ich bin mit Ihrer Frau Mutter übereingekommen, und ich hoffe, Sie werden mich deshalb nicht tadeln, ihr die Beſorgung und Auswahl des Ihnen von mir be⸗ ſtimmten Brautſchmucks zu überlaſſen; ſie kennt Ihren Geſchmack, die Gegenſtände, die Sie bevorzugen, und 2⁵2 mein lebhafteſter Wunſch iſt es, Sie zufrieden zu ſtellen.“ In dieſem Augenblick kam meine Mutter zurück und ſprach leiſe mit Herrn Fernand; dann, da es ſechs Uhr geſchlagen hatte, verließ er uns, denn er iſt die Pünktlichkeit ſelbſt. Kaum war Herr Dupleſſis weggegangen, als ich in die Arme von Mama warf und zu ihr ſagte: „Ich jlehe Dich an, laß mich Herrn Dupleſſis nicht heirathen.“ „Ahl biſt Du toll? Er hat mir ſo eben geſagt, Alles ſei zwiſchen Euch abgemacht, und ich möge den Brautſchmuck beſorgen. Er ſtellt hiefür fünfzig⸗ tauſend Franken zu unſerer Verfügung.. Das iſt herrlich.. und nun biſt Du ganz in Thränen!“ „Ich will nichts von Herrn Fernand und ſeinem Brautſchmuck„ich will nicht heirathen.“ „Aber, Albine, das iſt Wahnſinn! Wie! während Alles abgeſchloſſen iſt, während mir Herr Fernand vor einem Augenblick erklärt hat, er ſei entzückt von Dir von Deinen Antworten.. „Ich habe nichts geſagt er hat ganz allein geſprochen. Ah! mein Herz war zu beklommen, als daß ich ihm hätte antworten können.“ „Dein Herz beklommen... und warum?“ „Weil es mir, während er von ſeinen Plänen, von ſeiner Art, unſere Heirath zu betrachten, ſprach, ſchien, als bemächtigte ſich meiner eine Todeskälte.. hätte man mir von meinem Tode und von meinem Grabe geſprochen, das wäre nicht trauriger, eiſiger geweſen; ich wiederhole Dir, ich will lieber mein ganzes Leben Mädchen bleiben, als Herrn Fernand heirathen. Eher würde man mich tödten, als hiezu zwingen.“ Und ich ließ meine Mutter eben ſo erſtaunt als zornig im Salon, ging in mein Zimmer, deſſen Thüre ich ſchloß, und weigerte mich, zu Mittag zu ſpeiſen, 253 um nach meinem Belieben weinen und Dir Alles, was vorgefallen iſt, ſchreiben zu können. Meine Mutter behandelt mich als wahnſtnnig; Du wirſt es vielleicht machen wie meine Mutter, beſonders nachdem Du geleſen, was mir Herr Fernand geſagt hat, deſſen Rede ich Dir beinahe Wort für Wort mit⸗ getheilt habe. t Du wirſt mir ohne Zweifel erwiedern, man könne un⸗ möglich mit mehr Vernunft ſprechen und ſich als ein redlicherer Mann zeigen, als er es gethan habe. Das mag ſein, das iſt wahr, wenn Du willſt, und dennoch hat, wie ich es meiner Mutter geſagt, ſeine Sprache mein Blut in meinen Adern geſtehen gemacht; die Per⸗ ſpective einer Kloſterzelle auf Lebenszeit hätte mir nicht düſterer und trauriger geſchienen. Und ich betrachtete die Ehe als das Feſt meiner Jugend! Nein, ich wiederhole, man wird mich eher tödten, als mich zwingen, Herrn Fernand zu heirathen. Ich weiß nicht, wann ich Dir dieſen Brief kann zukommen laſſen. Deine bis auf den Tod verzweifelnde Freundin A. C. Dieſer Brief war ſeit zwei Tagen geſchrieben, liebe Hermance; ich öffne ihn wieder, um Dir mitzutheilen, daß man mich nicht tödten wird, und daß ich Herrn Fer⸗ nand heirathe; mein Aufgebot iſt verkündigt, unſer Vertrag iſt geſtern unterzeichnet worden. Du wirſt vor Mitleid die Achſeln zucken; Du wirſt mir ſagen, ich wiſſe nicht, was ich wolle; ich ſei ohne Charakter, veränderlich und launenhaft; was willſt Du? ich ergebe mich; Du weißt, ich bin keine Madame Raymond.. Ich habe jedoch, das ſchwöre ich Dir, nicht ohne Kampf, nicht ohne viele Thränen zu vergießen, nach⸗ 254 gegeben. Wenn Du aber wüßteſt, was es für mich war, zu ſehen, wie mich mein Vater und meine Mutter bald ſchmerzlich betrübt im Namen meines Glückes und des ihrigen anflehten, ich möge eine gute Heirath nicht ausſchlagen, bald gegen mich in Zorn geriethen und mir meinen Mangel an Gemüth, meine Albern⸗ heit, meinen Undank, meinen ſchlimmen Kopf vorwar⸗ fen, wie ich vom Morgen bis zum Abend gequält, be⸗ lagert wurde, und mich dabei, ich muß es leider ge⸗ ſtehen, unfähig fühlte, auf folgende ohne Unterlaß wie⸗ derholte Fragen zu antworten: „Aber was haſt Du denn gegen Herrn Fernand einzuwenden? Gib uns eine Beſchwerde, irgend einen Grund an, und wir werden die Erſten ſein, welche die⸗ ſes Heirathsproject abbrechen.“ Da mußte ich wohl anerkennen, daß Herr Fernand in ſich alle wünſchenswerthe Bedingungen vereinige, um das zu ſein, was man einen guten und red⸗ lichen Ehemann nennt, daß er jung, reich, ange⸗ nehm, voll Vernunft und Sanftmuth; ich hatte nichts gegen ihn, als den Zwang, den er mir einflößte, die Furcht vor einer eiſigen Langweile und meine geringe Luſt, ihn zu umarmen. Dieſe drei Gründe meiner Mutter angeben hieß machen, daß ich in ihren Augen für eine Wahnſfinnige galt, und als ich nun fortwährend wiederholen hörte, wenn ich dieſe Heirath von mir weiſe, begehe ich einen großen Fehler, eine unverzeihliche Dummheit, glaubte ich es am Ende, ſchämte mich beinahe meiner, und gab mei⸗ nem Vater und meiner Mutter mein Wort, mit der feſten Abſicht, mein Verſprechen zu halten. Seitdem fühle ich mich nicht heiterer, nicht glück⸗ licher, aber vollkommen ruhig; dieſe Entſcheidung er⸗ ſpart mir wenigſtens die Beſtürmung, das Gezerre und meine Bangigkeiten in den letzten Tagen. Alles iſt geſchloſſen; ich weiß nun, woran ich mich zu halten habe. — 255 Die Zukunft wird ſagen, ob meine Ahnungen rich⸗ tig oder unfinnig waren, ob ich vernünftig oder toll geweſen bin. Uebrigens bin ich nicht genug mir ſelbſt Feind, um mir nun das Häßliche der Lage, die ich frei ange⸗ nommmen habe, zu übertreiben. Im Ganzen hat man mich nicht mit Gewalt verhei⸗ rathet; ich habe nicht den Muth beſeſſen, einen Willen zu haben, mehr auf meine Vorgefühle, auf meine Abneigung, als auf das zu hören, was man die Vernunft zu nennen übereingekommen iſt: deſto beſſer oder deſto ſchlimmer für mich, doch es wäre fortan ſehr ungeſchickt von mir, wenn ich mich beklagen würde; ich bin auch entſchloſ⸗ ſen, den beſtmöglichſten Vortheil aus meiner Lage zu ziehen. Das wird mir wohl leichter ſein, als ich glaube; ich weiß Herrn Fernand ſogar Dank, daß er ſich gleich von Anfang vernünftig und falt gezeigt hat, ſtatt ſich nach Laune und Charakter ſo zu ſtellen, wie er nicht iſt. Es iſt möglich, daß er mit der Zeit weniger ernſt wird, und daß ich ernſter werde, und indem wir ſo jedes auf ſeiner Seite ein paar Schritte machen, um die Charakterverſchiedenheit, die uns trennt und die ich wahrſcheinlich übertreibe, zu vermindern, werden wir in einem gemeinſchaftlichen Glücke zuſammentreffen. Glücklicher Weiſe hat Herr Fernand nicht einen Augenblick eine Vermuthung von meiner Unentſchloſ⸗ ſenheit gehabt, denn während der zwei Tage, die ſie gedauert, ſagte Mama ſehr klug, ich ſei unpäßlich, und ich habe Herrn Fernand erſt wiedergeſehen, als mein Entſchluß gefaßt war. Er flößt mir immer noch viel Ehrfurcht ein, und ich weiß nicht, wann ich mit ihm auf einem vertrau⸗ lichen Fuße ſtehen werde; mittlerweile muß er aber fortwährend eine geringe Meinung von meinem Geiſte haben. Da ich dieſes Verlangen nicht auf mich zu nehmen wagte, ſo bat ich Mama, ihm zu ſagen, ſie würde es zu ſchmerzlich finden, den größten Theil des 256 Jahres von mir getrennt zu ſein, was geſchehen müßte, wenn Herr Dupleſſis nach ſeinem erſten Vorhaben bei⸗ nahe immer im Berry wohnen wollte. Dieſe Perſpee⸗ tive weiſſagte mir eine tödtliche Langweile. Zum Glück war Herr Dupleſſis ſehr liebenswürdig, und er ver⸗ ſprach meiner Mutter, wir würden nur ſo lange auf dem Lande bleiben, als es mir anſtünde. Kann ich neun bis zehn Monate im Jahre in Paris zubringen, ſo werde ich es thun; nur, da wir noch in der ſchönen Jahreszeit ſind, hat mich Herr Fernand gebeten, ſogleich nach unſerer Hochzeit mit ihm nach dem Berry abzureiſen; wir werden dort bis zum Ende des December bleiben und dann zurückkommen, um den Winter in Paris zuzu⸗ bringen. Wie es ſcheint, iſt in Riballiere(ſo heißt das Gut) ein gothiſches Schloß mit Thürmchen; Thürm⸗ chen meine Liebe!! Thürmchen! Du ſiehſt mich als Schloßherrin vor Dir. Herr Fernand will nichts neu meubliren laſſen, ohne meinen Geſchmack zu Rathe zu ziehen. Dieſer Grund wird unſere raſche Abreiſe nach dem Berry motiviren; Herr Fetnand wird mir ein Betzimmer mit farbigen Fenſtern und Gemälden einrichten. Er hat auch den Gedanken, eine an das Schloß anſtoßende Kapelle bauen zu laſſen. Herr Fer⸗ nand ſcheint mir ſehr religiös zu ſein; ich ſoll nach ſeinem Wunſche einen Beichtvater haben und alle acht Tage communiciren. alle acht Tage! das dünkt mir Lurus; um Oſtern zum Abendmahle gehen, wie in der Penſion, iſt, glaube ich, hinreichend. Es wird mich ungemein beluſtigen, dieſes Caſtell einzurichten, die Meubles zu wählen. Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß wir einen Phaston für unſere Spazierfahrten in der Umgegend haben werden. Herr Fernand hat geſtern vor unſere Fenſter meinen Wagen, wie er ſagt, kommen laſſen; das iſt ein ſehr ſchönes blaues Coups beſpannt mit zwei reizenden Eiſenſchimmeln; die Livreen find blau mit Silber; Du * 257 begreifſt, wie geblendet ich war, ich, die ich in weiner Familie nur an Miethkutſchen bei großen Veran⸗ laſſungen gewöhnt bin; wir werden auch keine Köchin, pfui! meine Liebe, ſondern einen Koch habenz mein Koch, ſagt Herr Fernand auch; Du wirſt am Ende ge⸗ ſtehen, mein Koch ſagen zu können, iſt ſchmeichelhaft, wenn man ſein ganzes Leben an die beſcheidene, bürger⸗ liche Küche unſerer Marianne gewöhnt geweſen iſt. Ich vergaß, Dir mitzutheilen, daß der Braut⸗ ſchmuck herrlich iſt: es iſt ein Schmuck von Türkiſſen und Brillianten und eine ſchöne Riviére von Diamanten mit herrlichen Ohrringen und Aehren für den Kopfputz; ich weiß nicht, was ich mehr bewundern ſoll, einen grünen Kaſhemirſhawl, oder einen andern, der von einem ſo zarten Blau und von einem ſo reizenden Deſ⸗ ſin iſt, daß ich über beide in Ertaſe gerathe; es ſind dabei auch Spitzen, Guipures, Alengoner Points von der ſchönſten Auswahl, Kleider in Stücken von allen Sorten, worunter vier von Sammet von verſchiedenen Farben; kurz, Herr Fernand, man muß ihm dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, hat die Dinge fürßtlich gemacht. Du wirſt mich ſehr vekänderlich finden: ich habe Dir in dieſem Brieſe geſchrieben man werde mich eher tödten, als mich zwingen, Herrn Fernand zu hei⸗ rathen, und ich ſchließe ihn beinahe heiter; was willſt Du, ich ſchreibe Dir, wie ich denke und ſo wie ich handle; ich bin keine Frau von großem Charakter, keine Madame Raymond, ich bin ein armes Mäd⸗ chen, das dahin geht, wohin man es führt. Ich habe noch einige kleine Schauer, wenn ich an die Zukunft denke, obſchon ich mich ungemein an den Juwelen mei⸗ nes Brautſchmucks ergötze; doch ich habe Dir geſagt, mein Entſchluß iſt gefaßt, ich will den beſtmöglichen Vortheil daraus zu ziehen ſuchen. Und dann endlich, ich ſehe meinen Vater und meiue Mutter ſo glücklich, ſo entzückt über dieſe Heirath, ſo Fernand Dupleſſis. I. 17 258 dankbar für meine Unterwürfigkeit gegen ihre Wünſche, daß ihre Zufriedenheit mich anſteckt, und in Ermange⸗ lung des Glückes, wie ich es verſtanden hätte, genieße ich das ihrige. Gott befohlen, liebe Hermance, auf baldiges Wiederſehen... Deine Freundin, welche nicht mehr verzweifelt, ſondern im Gegentheil ein we⸗ nig zu hoffen anfängt. A. C. N. S. Es verſteht ſich, daß Du ſpäteſtens in vier Tagen hierher kommſt, um mein erſtes Brautfräulein zu ſein.. 578 1s onendae