uurhrhrrr hnahrhrharraaar 2 — E B E — F B f B Fi. — f B F. B E F. Fi. F. B fi- B fi. 5 Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. ₰„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Pücher: 4 Bücher: 2Bücher: auf6 Monat F. 3 K.— Kr. Wf. Kr. 3 7 b.„„ „„ S 2 „ rar ar ohi 5 El Gitano. (Der Zigeuner.) Erſtes Kapitel. Der Barbier von Santa Maria. „Bei dem Auge des heiligen Proko, ich ſchwöre es Euch, Gevatter, der Gitano wird zu Matagorda landen. Meine wüͤrdige Tante Iſabelle, welche von der Inſel Leon zurückkehrte, hat mir geſagt, daß ſie alle Küſtenwächter auf den Beinen fand. Man hat zwei Vedetten auf den Leuchtthurm geſtellt, um alle Bewegungen zu beobachten, die das Schiff dieſes Verruchten, das man in der Ferne erblickt hat, machen wird.“ „Bei der Jagd des heiligen Jago, Gevatter, der Fiſcher Pablo kömmt von Conil und ſagte mir, die Tartane mit dem rothen Segel liege einen halben Kanonenſchuß weit vom Ufer auf der Rhede, und alle Lederjacken(die Douaniers) ſeien auf⸗ geſchreckt. Man hat Eure Leichtgläubigkeit mißbraucht, Don Joſeph.“ „Man hat ſich über Euch luſtig gemacht, mein Herr von Scheermeſſer,“ erwiderte Joſeph ſpöttiſch. Dieſe Benennung, Herr von Scheermeſſer, machte, daß Florez heftig bebte; denn wenn er auch das Publikum verjüngte, ſo geſchah es doch nur, um das Meſſingbecken, welches vor ſei⸗ ner Thür in einer finſtern Ecke hing, nicht ganz Lügen zu ſtra⸗ fen; im vollen Lichte aber zeigte ſich neben dem Becken ein un⸗ geheures Gemälde, welches eine Hand darſtellte, die mit einer Lancette bewaffnet war, und ſehr geſchickt die Ader eines Rieſen⸗ armes öffnete. Jeder konnte daran leicht erkennen, daß der Barbier ſeinen Ruhm darin ſetzte, gewiſſe chirurgiſche Functio⸗ nen auszuüben, und daß er ſich faſt mit Widerwillen zu dem edeln Barbiermeſſer herabließ, deſſen Ertrag jedoch ziemlich be⸗ deutend war. Meiſter Florez genoß einer wohlverdienten Achtung; ſein Laden war, wie das bei den Barbieren in Spanien immer der Fall iſt, der Sammelplatz aller Neuigkeitskrämer, und beſonders 8 der in Ruheſtand verſetzten Seeleute, welche in Santa Maria wohnten. Waren die Nachrichten, welche man aus dieſer Quelle ſchöpfte, auch nicht immer ganz authentiſch, ſo konnte man doch wenigſtens nicht läugnen, daß ſie gut erſonnen wa⸗ ren. Nähere Umſtände, bezeichnende Worte, Portraits, nichts fehlte. Fromm, mit ſanftem, verſöhnlichem Geiſte begabt, ſtrömte der Barbier das Glück durch alle Poren aus. Er war ſtets ſorgfältig ſchwarz gekleidet, ſeine grauen glatten Haare waren hinter die Ohren geſtrichen, und zwei große rothe Flecken, die Augenbrauen erſetzend, zeigten ſich über zwei kleinen ſchie⸗ lenden Augen von ſeltener Lebhaftigkeit. Was an ihm beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit verdiente, war ſeine Hand, deren Weiche und Weiße, in Verbindung mit ihren roſigen Nägeln, einem Kanonikus von Toledo Ehre gemacht haben würde. Florez bebte alſo bei der frechen Aeußerung Joſephs heftig, und dieſe plötzliche zornige Bewegung machte die ſonſt ſo feſte und ſichere Hand wanken. Der ſcharfe Stahl ſchnitt leicht in den Hals eines ſeiner Kunden, der ſich wohlgefällig in einem großen Seſſel von polirtem ſchwarzen Holz dehnte, auf dem allmälig alle Seeleute von Santa Maria Platz nahmen. „Hol' Euch der Teufel, Meiſter,“ rief der Geſchnittene, in⸗ dem er von ſeinem Sitze aufſprang.„Der Poſten des Scharf⸗ richters iſt in Cordova erledigt. Beim Chriſtus, Ihr könnt ihn ethalten, denn Ihr habt vortreffliche Anlage dazu, Chriſten⸗ leuten die Kehle abzuſchneiden.“ Er trocknete mit dem Ende ſeiner Schärpe das Blut ab, das aus ſeiner Wunde floß.„Beruhigt Euch,“ erwiderte Flo⸗ rez wichtig, getröſtet, entzückt faſt über ſeine Ungeſchicklichkeit, durch den bloßen Gedanken, daß er dadurch Gelegenheit erhielt, ſeine chirurgiſchen Kenntniſſe zu zeigen;„beruhigt Euch, mein lieber Sohn; das Oberhäutchen iſt nur verletzt, die Haaradern ſind durchſchnitten, und ein Diachylon⸗Pflaſter, oder irgend eine heilende Salbe, wird meine Ungeſchicklichkeit wieder gut machen. Offen geſtanden, wird Euch dieſer kleine Aderlaß ſelbſt ſehr heilſam ſein, denn Ihr ſcheint mir ein Gevatter, der ſehr zum Schlagfluß geneigt iſt. Statt zu fluchen, mein Sohn, ſolltet Ihr—“ „Euch danken! nicht wahr, Meiſter? Ich will mich daran erinnern, und beim erſten Meſſerſtoß, den ich austheile, werde ich dem Alkade ſagen: Herr, mein Feind iſt ein Gevatter, der ſehr zum Schlagfluß geneigt iſt, und Ihr dürft dies nur als einen Aderlaß betrachten. Beim Himmel, es geſchah nur zu ſeinem Wohle!“ Die zahlreichen Kunden in Florez Laden lachten dabei laut, und der Barbier wurde purpurroth vor Zorn.„Satans⸗ ſohn!“ murmelte er, indem er beſchäftigt war, ſein wohlthätiges Pflaſter aufzulegen. „Ihr verwünſcht mich, mein Vater?“ ſagte der Seemann; „thut es, und legt Euch keinen Zwang auf. Ich verzeihe Euch Alles, ſelbſt den Aderlaß, für die gute Nachricht, die Ihr uns gegeben habt. Ha, die Tartane des Verwünſchten liegt bei Conil auf der Rhede! Beim Buſen meiner Mutter, ich gäbe die 8 Jahre Sold darum, die Ferdinand mir ſchuldig iſt, könnte ich den verfluchten Zigeuner, an Händen und Füßen gefeſſelt, in der glühenden Capelle knien ſehen. Wie oft habe ich, wenn wir mit dem ſchweren Küſtenwächter Jagd auf ihn machen, meinen Schutzheiligen geläſtert während der Fahrten, zu denen uns dieſer Günſtling der Hölle zwang; denn ſtets ſtach er beim ſchlechteſten Wetter in See, und während unſer Fahrzeug ſchwer mit den Wellen kämpfte, ſchien das ſeinige darüber hin zu tan⸗ zen! Santa Carmen, ich wette darauf, wenn der Zigeuner ſei⸗ nen Finger in ein Weihbecken tauchte, ſo würde das heilige Waſſer ſieden und ziſchen, als hätte man ein rothglühendes Eiſen hineingeſteckt.“ „Das hat man ſchon geſehen,“ ſagte Flores;„gewiß iſt aber, daß meine Neuigkeit wahr iſt.“ „Der Himmel gebe es,“ ſagte Einer,„und ich gelobe dem heiligen Franziskus, daß meine Leute auf Steinen ſchlafen, und neun Tage lang weiter nichts als in Waſſer gekochtes Gemüſe eſſen ſollen!“ „Man ergreife ihn,“ ſagte ein Anderer,„und ich gelobe der heiligen Jungfrau eine ſchöne Mantilla und einen Ring.“ „Ich,“ ſagte ein Dritter,„habe unſerer lieben Frau von Pilar ſchon gelobt, von hier nach Seres mit nackten Füßen, die Hände auf den Rücken gebunden und eine Kerze von drei Pfun⸗ den zwiſchen den Zähnen, zu gehen, wenn ich dieſen Renegaten im Kerker erblickte ſeiner Strafe harrend.“ „Und ich,“ rief ein Viehhändler,„ich gelobe den heiligen Vätern von San Juan zwei meiner beſten Ziegenböckchen, wenn man mir verſpricht, den Ungläubigen zu viertheilen, und 10 ihm glühendes Blei in die Augen zu gießen. Beim heiligen Pedro, ich will nicht den Tod des Sünders, aber Gerechtigkeit muß ſein. Wenn dieſer Satansvetter ſich damit begnügte, zu kontrebandiren, ſo möchte er immer verdammt ſein; man könnte doch ſeine Waaren kaufen, wenn man ſie exoreiſiren ließe; aber der Verfluchte plündert die Meiereien auf der Küſte, entführt unſere Töchter und ſchändet unſere Kapellen.“ „Noch kürzlich hat man die Bildſäule des heiligen Fran⸗ cesko mit einer Perrücke auf dem Kopfe und einer Pfeife im Munde gefunden. Bei den ſieben Schmerzen unſerer lieben Frau! ſolche Abſcheulichkeiten verkünden großes Unheil!“ „Und zu ſagen,“ fuhr der Redner fort,„der Herr Gouver⸗ neur von Cadiz könnte nicht über eine gute Fregatte gebieten, um ſolchen Gräueln ein Ende zu machen, und wir hätten keine andere Vertheidigung, als einige Küſtenwächter, welche die Flucht ergreifen, ſobald ſie die Wimpel der verfluchten Tartane erblicken! Laßt uns einige Feluken gemeinſchaftlich bewaffnen, und beim heiligen Jacob, wir wollen wohl ſehen, ob Satan ihn ſchützt, und ob er hieb⸗ und ſchußfeſt iſt!“ „Eine ſonderbare Sache,“ fuhr der Viehhändler mit leiſerer Stimme fort,„daß Pedrillo, mein Ziegenhirt, ein Boot von den Zigeunerfahrzeugen an der Küſte hin nach dem Kloſter San Juan hat fahren ſehen und daß—“ „Und daß?“ fragten Alle mit einer Stimme. „Und daß der Verdammte ſelbſt den heiligen Ort betrat.“ „Jeſus! heilige Jungfrau! Santa Carmen! welch ein Gräuel!“ rief die Menge, indem ſie ſich bekreuzte. „Das iſt noch nichts,“ fuhr der Viehhändler fort;„der Verdammte iſt ſogar auf den Glockenthurm geſtiegen, und mein Ziegenhirt hat ihn ganz deutlich ſeine verfluchte Cigarre rauchen ſehen. Dann— dann hat er ihn ein verwünſchtes Lied zu ſeiner verwünſchten Guitarre ſingen hören!“ „Aber wie haben die würdigen Väter ſolche Abſcheulichkei⸗ ten dulden können?“ ſagte Florez voll Verwunderung. „Ei nun,“ meinte der Erzähler, ſchloß die Augen halb, und lächelte boshaft. Ungeachtet der Gefahr, welche damit verbunden iſt, ſich von Angelegenheiten der Geiſtlichkeit zu unterhalten, ſtand er doch auf dem Punkte, dieſe Sache weiker zu beſprechen, als eine ——— — r— F 11 gellende, ſchneidende Stimme ſagte:„Wenn nur der verdammte Zigeuner nicht etwa am Ende Satan ſelbſt iſt!“ Aller Blicke wendeten ſich ſogleich nach einer dunkeln Ecke des Ladens, denn dort ſaß der Unbekannte, der dieſe Worte ge⸗ ſprochen. Als er die Augen Aller auf ſich geheftet ſah, ſtand er auf, ließ ſeinen braunen Mantel fallen, ſchritt langſam durch das Gemach, und ſetzte ſich ernſt in den großen Lehnſtuhl, der eben leer geworden war. Er war wohl gewachſen, obgleich nur von Mittelgröße, und der Reichthum ſeiner andaluſiſchen Kleidung zeigte die Schön⸗ heit ſeines Körpers. Er wickelte das rothe Tuch los, womit ſein Haupt umwunden war, und es floß eine üppige Haar⸗ maſſe herunter, welche faſt ſein ganzes Geſicht bedeckte; ſeine großen ſchwarzen Augen funkelten in ſanftem Glanze. „Nun, mein Meiſter,“ ſagte er zu Florez, indem er die Bewegung des Raſirmeſſers mit dem Finger nachahmte, mit dem er um das Kinn fuhr;„aber meiner Sünden wegen, be⸗ handelt mich nicht ſo wie dieſen Kameraden mit den Ankerknö⸗ pfen; erſpart mir ſolchen Aderlaß!“ Der Kamerad mit den Ankerknöpfen wollte antworten, doch ein anfangs ferner, allmälig aber näher kommender Lärm hin⸗ derte ihn; man unterſchied eine ſchüchterne, bittende Mannes⸗ ſtimme, und den ſcharfen, kreiſchenden Ton eines Weibes. „Schändlicher Lügner, ich will dir das Maul ſtopfen!“ rief ſie, indem ſie einen jungen Burſchen von ohngefähr funf⸗ zehn Jahren ſich nachzog. „Meine Tante Iſabella,“ ſagte Florenz, das Meſſer er⸗ ebend.* „Und der Fiſcher Pablo,“ riefen die Andern. „Sennora,“ ſagte der Burſche,„ich ſchwöre es Euch bei der Seele meines Vaters, daß ich vor zwei Stunden die Tar⸗ mit dem rothen Segel auf der Rhede von Conil geſehen abe.“ Die Sennora Iſabella machte eine Bewegung, welche ohne den Seemann, der ſich zwiſchen die beiden Kämpfer ſtellte, ihre ganze Bedeutung erhalten haben würde. „Wieder dieſer verfluchte Zigeuner!“ ſagte der junge Mann in der andaluſiſchen Kleidung.„Meiſter, das iſt eine ſchöne Gelegenheit, zu erforſchen, was ich eben ſagte, ob nämlich der Zigeuner Satan ſelbſt iſt.“ Dabei erhob er ſich gemächlich —.————— N 12 aus dem Stuhle—„Sennora, ich kann die Frage vielleicht erläutern, denn ich habe das Fahrzeug ſelbſt geſehen, vor etwa zwei Stunden.“ „Gerade wie ich,“ erwiderten Iſabella und Pablo zu⸗ gleich. „Schwört Ihr bei den Namen des heiligen Gottes und des Märtyrers am Kreuze, daß Ihr die Wahrheit ſaget?“ „Wir ſchwören es!“ „So ſprecht denn, Sennora!“ „Nun wohl, ſo wahr die heilige Iſabella, meine Schutz⸗ heilige, in Cordova ihr Reliquienkäſichen hat(ſie bekreuzte ſich), ſo wahr ſah ich vor noch nicht zwei Stunden das Schiff des Zigeuners auf der Höhe von Matagorda kreuzen. Gott möge mich abrufen aus dieſem Leben, wenn ich lüge!“ „Nun ſprich Du,“ ſagte er zu dem Fiſcher. „San Pablo laſſe mich und meine Feluke bei dem erſten Fiſchfange untergehen, wenn ich nicht vor zwei Stunden die Tartane des Verfluchten, kaum einen Büchſenſchuß von Conil ¹) entfernt, vor Anker geſehen habe. Es iſt ſo wahr, Ihr Herren, daß ich ſogar bei Veger einer Abtheilung Douaniers begegnet bin, welche ſich eiligſt nach der Küſte begaben. Der Sohn Barſo's, der kleine Barſillo, der ſie benachrichtigt hatte, war ihr Führer. Ich will der Sennora Iſabella nicht widerſpre⸗ chen, aber Gott möge mich vernichten, wenn ich nicht die Wahrheit ſage!“ In dieſen zwei ſo verſchiedenen Ausſagen lag der ganze Ausdruck der Wahrheit und Ueberzeugung, ſo daß die Zuhörer ſich voll Erſtaunen anblickten. Der Fremde ſelbſt lächelte un⸗ gläubig. Was Florez betraf, ſo bemerkte er nicht, daß er, ſeit ſein neuer Kunde ſich wieder auf den Stuhl niedergelaſſen hatte, maſchinenmäßig mit dem Rücken des Raſirmeſſers über das Kinn hinfuhr. „Heda, Meiſter!“ ſagte der junge Mann,„wenn Ihr ſo fortfahrt, ſo habe ich freilich keinen Aderlaß zu fürchten; übri⸗ gens müßt Ihr ganz verdammt in Gedanken geweſen ſein, wenn Ihr nicht gleich anfangs bemerkt habt, daß Ihr mein Haar und nicht meinen Bart in Ordnung bringen ſollt.“ ¹) Ueber 25 Lieues von Matagorda entfernt. ———— 13 „Wahrhaftig,“ ſagte der Barbier verwirrt,„Ihr habt ein Kinn, das ſo glatt iſt, als gehöre es einer Frau.“ „Einer Frau!“ wiederholte Pablo und die Sennora Iſabella. In dieſem Augenblicke näherte ein kleines Kind ſich der Thür, ſteckte ſeinen niedlichen Blondkopf herein, zog ihn zurück, blickte wieder herein, als ſuche es Jemand, bemerkte den Unbe⸗ kannten und war mit zwei Sätzen zwiſchen deſſen Knien. Kaum hatte das Kind dieſem einige Worte in das Ohr geſagt, als er ſchnell aufſprang, ſeinen Mantel ergriff, Florez einen Piaſter zuwarf, und mit ſonderbarem Ausdrucke rief: „Ihr Herren, der Zigeuner muß doch wohl Satan ſelbſt ſein, weil er an drei Orten zugleich ſelbſt iſt; denn ich ſchwöre es Euch bei Chriſtus(er bekreuzte ſich), daß er ſeit zwei Stunden im Angeſichte von San⸗Lucar kreuzt.“ Als er dieſe Worte beendet, ſprang er mit Behendigkeit auf ſein Pferd, das vor der Thür wieherte, nahm das Kind vor ſich in den Sattel, und verſchwand bald in einer dichten Staubwolke, welche ſein Pferd in der Straße Majaderita⸗An⸗ goſta aufwirbelte. Florez' Kunden, die an die Thür geſprungen waren, dem Unbekannten mit den Augen zu folgen, ſtellten, indem ſie wie⸗ der in den Laden des Barbiers zurücktraten, die ſonderbarſten Vermuthungen über die wunderbare Dreifaltigkeit des Kontre⸗ bandierers an. Sie endeten ſie aber, ohne ſie erſchöpft zu haben, um ſich von dem Stiergefecht zu unterhalten, das am folgenden Tage ſtattfinden ſollte. Zweites Kapitel. Madrid, wenn Deine Stiere ſpringen, Klatſchen viel weiße Hände Beifall, Wehen viel Schärpen. A. von Muſſet. Das Stiergefecht⸗ Spanien! Spanien! wie rein und glänzend erhebt ſich deine Sonne. Schon iſt Santa⸗Maria gebadet in den Flu⸗ 44 then des Lichtes; die tauſend Fenſter ſeiner weißen Häuſer fun⸗ keln und flammen, und die wohlriechenden Orangenbäume der Alameda ſcheinen mit goldnen Blättern bedeckt. In der Ferne liegt Cadiz, eingehüllt in einen heißen, röthlichen Dampf, und dort auf dem blendenden Küſtenſande ſpritzen die blauen durch⸗ ſichtigen Wogen wie ein langes Diamantengewinde ihren Schaum funkelnd in den Strahlen der Sonne an das Land; im Hafen ſind Tauſende von Feluken und Balanzellen, deren Wimpel von dem leichten Hauche flattern, welcher pfeifend durch das Tauwerk fährt. Singend entfalten die Matroſen die großen grauen Segel, die von dem Thau der vergangenen Nacht noch feucht ſind; die Glocken ertönen von der Kirche herüber; auf wiehernden Pferden ſprengen Reiter vorüber auf die grünen Wieſen vor der Stadt; kurz Alles iſt Leben, Wohlgeruch, Licht. Die Ankündigung eines Stiergefechtes, das an eben dem Tage zu Santa⸗Maria gehalten werden ſoll, vermehrt noch den Tumult. Faſt die ganze Bevölkerung der benachbarten Städte und Dörfer iſt auf dem Wege; rothe Wagen, reich ver⸗ goldet, fliegen dahin, gezogen von einem raſchen Pferde, deſſen Kopf mit bunten Federn und Glöckchen geziert iſt, die weit in die Ferne tönen; hier zittert das Pflaſter unter dem Tritte von acht Maulthieren, deren Riemenzeug mit Silber geſchmückt iſt, und die nur mühſam eine große Kutſche ziehen, umgeben von der glänzenden Livree eines ſpaniſchen Grands; Läufer in reichbetreßten Jacken laufen voran.. Weiterhin ſieht man den engen, leichten Anzug des an⸗ daluſiſchen Bauern. Bei allen Heiligen von Aragonien, wie ſchön er iſt, hinter ſich auf dem Pferde ſeine Geliebte, in ihrem prachtvollen braunen Anzuge, ganz mit Seide geſtickt und mit Scharlach gefüttert! Wie herrlich nehmen ſich die kleinen gold⸗ nen durchbrochnen Knöpfe aus, die vom Schenkel hinab bis zum ledernen Kniebande ſich ziehen! Wie feſt ſein Fuß in den breiten mauriſchen Steigbügeln ſteht! Sein Geſicht aber kann man nicht ſehen, denn es iſt faſt ganz bedeckt von der Man⸗ tilla ſeiner Andaluſierin. Beim heiligen Jacob! das Paar iſt ſchön, wie ſie ihn mit ihren beiden Armen umſchlingt, und wie die grünen Aermel ihres Monillo ſich anmuthig ausnehmen auf der dunkeln Jacke ihres Geliebten! Welch ein Feuer funkelt aus ihren ſchwarzen Augen unter den glänzenden Augenbrauen! Gott, welch ein 15 Blick! welch ein ſchlanker Wuchs! Die Jungfran ſegne die ge⸗ fällige Pasquine mit den Seidenfranzen, die ein wohlgeformtes Knie und einen ſchönen kleinen Kinderfuß zeigt! Dreimal ge⸗ ſegnet ſei ſie, denn einen Augenblick ſah man das blaue Strumpf⸗ band, welches ihren ſeidenen Strumpf und den kleinen toskani⸗ ſchen Dolch feſthält, von dem eine wahre Andaluſierin ſich nie trennt. Vorwärts! ihr vortreffliches braunes Pferd ſprengt dahin, die ſchwarze Mähne mit rothen Bändern durchflochten und das Gebiß von Schaum bedeckt! Vorwärts, junger Mann! Drücke den Sporn der Seite Deines Pferdes ein, denn Dein Mäd⸗ chen mit den ſchönen Augenwimpern preßt Dich, zitternd über die gewaltigen Sätze, an ihr Herz, ſo daß Du ſeine Schläge fühlen kannſt; ihre Haare berühren Deine Stirn, ihr Odem verſengt Deine Wange! Beim heiligen Jacob, vorwärts, Du ſchönes Paar, und verſchwinde dem Auge der Menge in der aufwirbelnden Wolke! Da iſt das Thor von Santa⸗Maria. Alles drängt und ſtößt ſich. Verwirrtes Geſchrei des Schmerzes und der Freude ertönt; Männer, Weiber, Greiſe, Kinder, warten regungslos und mit angehaltenem Athem auf den Augenblick des Beginnes. Endlich öffnen ſich die Barrieren; das Volk ſtürzt hinein und im Nu ſind die ungeheuern Gallerien, welche den Kampfplatz umgeben, mit Zuſchauern erfüllt, denen vor Ungeduld der Athem ſtockt. „Platz, Platz für den Alkade, für die Junta, für den Herrn Gouverneur! Vor ihnen her marſchirt die Miliz der Stadt mit ihren langen Musketen, und dann die Unteroffiziere mit ihren gelb und rothen Bannern, auf denen die Löwen von Kaſtilien und die Krone geſtickt ſind. „Platz, Platz für die Monja! denn es iſt das erſte und letzte Feſt, dem das arme Mädchen beiwohnen wird. Heut ge⸗ hört ſie der Welt an, morgen Gott. Heut iſt ſie daher noch blendend durch Edelſteine; ihre Robe wird durch Silberplatten beſchwert; fünf Reihen Perlen ſchlingen ſich um ihren Alaba⸗ ſterhals. Wieder Perlen und Diamanten ſchlingen ſich um ihre weißen Arme; wieder Perlen und Blumen durch ihre ſchwarzen Haare, welche ihre Stirn beſchatten. Seht, wie rührend ſie iſt, wie ſie die Priorin des Magdalenen⸗Kloſters mit Achtung anſieht! Keinen Blick hat ſie für das lärmende 16 Schauſpiel, kein Lächeln für die Bewunderung, die ſie umgiebt, für die eifrigen Huldigungen des höchſten Adels von Sevilla und Cordova. Nichts kann ſie von ihren heiligen Gedanken abbringen. Eine Waiſe und reich, widmet man ſie Gott, und übergiebt ſie der Vorſteherin des Magdalenen⸗Kloſters. Ihr reines, unſchuldiges Herz fürchtet die Welt, ohne ſie zu kennen; denn ohne Kampf ſoll ſie den Himmel erringen. Morgen fällt nach dem Gebrauche die reiche Haarfülle unter der Scheere; morgen erſetzen grobe Leinwand und Haartuch die glänzenden Gewebe; morgen wird ſie für ewig durch einen furchtbaren Eid gefeſſelt; aber heut will der Gebrauch, daß ſie der Eitelkeit der trügeriſchen Welt beiwohne, um ihr dann ein ewiges Lebewohl zu ſagen. „Platz doch, Platz für die Monja!“— und ſie tritt in ihre Loge, die mit weißen Vorhängen vetziert iſt. „Bravo!“ die Muſik ertönt, das Zeichen wird gegeben, die Schranken öffnen ſich. Ein Stier ſtürzt auf den Kampfplatz. Ein ſchöner, wilder Stier, geboren in den Wäldern von San⸗ Lucar. Er iſt roth, und nur auf dem Rücken zieht ſich eine weiße, ſchmale Linie hin. Seine Hörner ſind kurz, aber derb und ſpitz, und der polirteſte Stahl iſt nicht glätter. Sein kräf⸗ tiger Hals trägt leicht einen ungeheuern Kopf, und die nervigen Beine wanken nicht unter der Laſt ſeiner Bruſt und ſeines Rü⸗ ckens, die von ungewöhnlicher Breite ſind. Seine Seiten ſind knochig, rund und tönen dumpf unter den Schlägen ſeines lan⸗ gen Schweifes. Sowie er eintritt, erſchallen die Aeußerungen der Be⸗ wunderung ſo laut, daß die Berge der Sierra davon dröhnen. Von allen Seiten ertönt das Geſchrei: bravo toro! Der Stier bleibt ſtehen, läßt ſeinen Schweif einen Augenblick ruhen und ſieht ſich verwundert um. Dann geht er mit langſamen Schrit⸗ ten an den Schranken umher, welche den Kampſplatz von den Zuſchauern trennen, und ſucht einen Ausgang; er findet ihn nicht, kehrt zurück in den Circus, wetzt die Hörner und wirft den Sand hoch in die Luft. Jetzt erſcheint ein Chulillo. „Die heilige Jungfrau beſchütze dich, mein Sohn! Gebe der Himmel, daß dein ſchönes Kleid von Atlas, mit Silber geſtickt, nicht bald mit Roth geſchmückt werde, ſo blutfarbig wie auf, indem er ſeine Lanze dir über der Schulter einſticht. Dein 17 der Mantel, den du vor den Augen des Gevatters ſchwingſt, der zu brüllen und bös zu werden anfängt. „Bravo, Chulillo! Deine Schutzheilige bewacht dich! Kaum hatteſt du ſo viel Zeit, dich hinter die ſchützenden Schranken zu werfen, dem Stier zu entrinnen, deſſen Augen zu funkeln be⸗ ginnen wie glühende Kohlen. Aber Geduld, da kömmt der Picador mit feiner langen Lanze, auf einem ſchnellen Pferde reitend; ſein breiter grauer Hut iſt mit Bändern geſchmückt, und er trägt hohe ſteife Stiefeln, ſich gegen die erſten Angriffe zu ſichern. „Bravo, Stier! du nimmſt deinen Anſatz mit gebeugtem Kopfe gut, du ſtürzeſt auf den Picador. Aber er hält dich kurz Blut ſpritzt, und deine Wuth verdoppelt ſich. Hilf Himmel, wie ſchön wird der Kampf werden! „Beim heiligen Jacob! welche Sätze, welch Gebrüll! Bravo, Stier! Der Picador wälzt ſich am Boden, ſeinem Pferde iſt die Flanke geſchlitzt und unter Strömen von Blut ſtürzen die Ein⸗ geweide hervor. Es macht noch einige Schritte— fällt— ver⸗ endet.— Gut, Gevatter mit den ſcharfen Hörnern, gut! hörſt du das Beifallsgeſchrei einer wilden Freude? Ich ſage es wie⸗ der: der Kampf wird ſchön werden! „Still! da kommen die Benderillas von Fuego. Olol Er durchläuft die ganze Länge der Schranken, ſtampft den Bo⸗ den und ſtößt fürchterliches Gebrüll aus. Was wird es wer⸗ den, mein Burſche, wenn der brave Chulillo, den unſere liebe Frau beſchütze, dir die langen Pfeile in die Seite bohrt, die mit Blumen geſchmückt ſind, in welchen ſich Schwärmer und Schläge verſtecken, die ſich wie durch Zauberei entzünden?— Sagt ich nicht wahr?— Bei der Seele meines Vaters, dem Chulillo iſt der Bauch geſchlitzt! Jeſus! über den ſchönen Hornſtoß!— „Es iſt ſein Fehler; warum warf er ſich nicht ſchnell ge⸗ nug zur Seite. Bravo, Stier! Wie edel und ſtolz du aus⸗ ſiehſt, umſpielt von den ſich kreuzenden Flammen! Dein Blut miſcht ſich mit dem Feuer, deine Haut wird verſengt, deine Wuth hat ihren höchſten Gipfel erreicht, und die Zuſchauer fliehen aus der erſten Barriere, denn ſie fürchten, daß du ſie überſpringſt, und doch iſt ſie 6 Fuß hoch. „Tod und Hölle! Der Matador kömmt nicht, und doch wäre jetzt der Augenblick. Könnte er einen wünſchenswerthern finden? Nein! die Wuth des Gevatters wird keinen höhern Grad Die Cucaracha. IV. 2 —————— erreichen, und ich möchte meinen engliſchen Stutz gegen eine gemeine Muskete verwetten, daß der Matador dabei umkommen wird.— Heilige Jungfrau, wie er zögert! Mache doch, daß er bald anlangt! „Da iſt er! es iſt Pepé Ortis. „Viva Pepé! Viva Pepé Ortis! „Ha! er grüßt den Herrn Gouverneur, die Junta und dann die Monja. Er hat ſeinen Hut abgenommen, und man ſieht ſeine rothe Reſilla herabhängen. Gut! Wie er ſein langes doppelſchneidiges Schwert probirt! Jeſus! wie viel Gold auf ſeinem gelben Wamſel ich bin geblendet davon! Gold überall! Gold bis auf die Zipfel ſeiner Strümpfe! Gold bis auf ſeine rothledernen Schuhe! Da iſt er endlich in den Schranken! „Tödte den Stier für mich, mein Geliebter,“ ſchreit eine Andaluſierin mit weißer Haut und elfenbeinernen Zähnen.„Um Jeſu willen, lächle deiner Geliebten nicht zu. „Fliehe, Joſeph, fliehe! Der Stier ſtürzt auf dich zu.“— Doch nein, Joſeph erwartet ihn mit feſtem Fuß; den Degen zwiſchen den Zähnen haltend, ergreift er eines der Hörner und ſpringt leicht über das Thier weg.„Bravo! mein würdiger Matador, bravo! Raffe die Mandelblüthe raſch auf, die deine Geliebte dir händeklatſchend zuwirft!“ Aber der Stier kehrt um! Santa Carmen! ein ſchlechtes Zeichen! Er ſteht, er brüllt nicht mehr; die Beine ſind geſpreitzt, die Augen funkeln, und der Schweif ſchlägt ein Rad. Empfiehl deine Seele Gott, Joſeph, denn die Schranken ſind weit und der Stier iſt nahe. Vorwärts! Dämonio! vorwärts deine gute Klinge!— Jeſus! es iſt zu ſpät! es ſplittert die Klinge, und Joſeph, von einem Horne des Stieres durchbohrt, iſt an die Schranken angenagelt. „Ich ſagte es wohl, daß der Kampf ſchön ſein würde!“ Ein wildes Freudengeſchrei ertönt, daß die Todten davon erwachen könnten. „Bravo, Stier, bravo!“ riefen Alle wie aus einem Munde. Alle? Eine fehlte, die des jungen Mädchens mit dem Mandelblüthenzweige. Seit langer Zeit hatte man kein ſolches Feſt geſehen. Noch aufgeregt von ſeinem Siege, flog der Stier in furchtbaren Sätzen auf dem Kampſplatze umher. Er wälzte ſich auf den blutenden 19 Reſten des Matador und des Chulillo, und blutende Stücke von jenen beiden Ungeſchickten regneten herab auf die Zuſchauer. Man ſchwebte in einer großen Ungewißheit über den Ausgang des Kampfes, denn das Ende des Pepe Ortis hatte den Eifer ſeiner Brüder gewaltig abgekühlt; da verſenkte ein unerwartetes wunderliches Ereigniß die Zuſchauer in dumpfes Staunen. Drittes Kapitel. Wie man vor ſeinen glühenden Blicken erbeben muß.— Wie ſchön er iſt! Delphine Gah, Magdalene. 5 Geſ. El Gitanv. Man weiß, daß der Circus von Santa⸗Maria am Ufer des Meeres gebaut iſt, und daß nur zwei Thore zu demſelben führen. Plötzlich wurde die Barriere der Loge des Gouverneurs gegenüber gewaltſam aufgeriſſen, und ein Reiter ſprengte herein. Es war kein Chulillo, denn er ſchwang nicht die leichte Fahne von rother Seide; ſeine Fauſt führte nicht die lange Lanze des Picador, noch das zweiſchneidige Schwert des Matador. Eben⸗ ſowenig trug er den mit Bändern gezierten Hut, die Reſilla, das mit Silber geſtickte Wams; ganz ſchwarz, nach Art der Croaten gekleidet, trug er wildlederne Hoſen, die in zahlreichen Falten auf die Waden herabfielen, und eine Matroſenmütze, auf welcher eine weiße Feder ſchwebte. Er ritt mit einer ſeltenen Geſchicklichkeit und Anmuth ein kleines ſchwarzes Pferd, voll Kraft und Feuer und mit mauriſchem Sattel und Zaumzeuge. Lange, reichgeſchmückte Piſtolen ſtaken in den Halftern des Sattels, und er trug nur einen jener kurzen ſchmalen Säbel, wie ſie bei der Kriegsmarine üblich ſind. Kaum erſchien er, als der Stier ſich an das äußerſte Ende der Schranke zurückzog, um ſich auf die Bekämpfung ſeines neuen Gegners vorzubereiten. Der ſchwarze Unbekannte gewann dadurch Zeit, ſein Pferd einige Künſte machen zu laſſen, worauf er unter der Loge der Monja anhielt, um dieſe Braut des Herrn feſt zu betrachten. 5 20 Das Geſicht des armen Mädchens wurde roth wie die Granatblüthe, und ſie verbarg ihren Kopf an dem Buſen der Superiorin, die über die Vermeſſenheit des Fremden erſtaunt war. „Ave, Maria, welche Keckheit!“ ſagten die Frauen. „Bei der Jungfrau! woher kömmt dieſer Teufel?“ fragten die Männer, ſtaunend über ſolche Kühnheit. Plötzlich ertönte ein allgemeiner Schrei, denn der Stier nahm ſeinen Anſatz gegen den Reiter mit der weißen Feder. Dieſer grüßte die Monja und ſagte lächelnd:„Für Euch, Sennora, und für Eure ſchönen Augen, blau wie der Azur des Himmels!“ Kaum hatte er dieſe Worte beendet, als der Stier auch ſchon in ſeiner Nähe war. Mit ſeltner Geſchicklichkeit, wobei die Leichtigkeit ſeines Pferdes ihm zu Hülfe kam, machte er eine Volte und befand ſich zehn Schritt von ſeinem Feinde, der ihn wüthend verfolgte. Aber Dank ſeiner Schnelligkeit, ſpielte das Pferd faſt mit ihm, und er gewann genug Vorſprung, um wie⸗ der unter der Loge der Monja einen Augenblick anhalten zu können.„Wieder für Euch, Sennora,“ ſagte er,„aber diesmal zu Ehren dieſes reizenden Mundes mit Purpurlippen wie Co⸗ rallen von Pervan.“ Schäumend ſtürzte der Stier heran. Der Mann mit der weißen Feder erwartete ihn kalt, nahm eine ſeiner Piſtolen, zielte und ſchoß ſo geſchickt, daß der Stier dicht vor ſeines Pferdes Füßen todt zu Boden ſtürzte. Beim Anblick der ungeheuern Gefahr, welche der ſonderbare Menſch lief, ſtieß die Monja einen Schrei aus und ſtürzte an die Balluſtrade ihrer Loge, die beiden Hände vorwärts geſtreckt. Er ergriff eine derſelben, drückte ihr einen glühenden Kuß auf und ſah dabei das Mädchen mit einem ſeelenvollen Blicke an. In dieſem fremdartigen Auftritte lag ſo viel Grund des Staunens, daß Alle regungslos verwundert daſtanden. Dieſer bizarre Anzug, der, gegen den Gebrauch, mit einem Piſtolen⸗ ſchuß getödtete Stier; dieſer Mann, der die Hand einer halben Heiligen, einer Braut Chriſti küßte, widerſprach den Gebräuchen ſo ſehr, daß die Junta, der Alcade und der Gouverneur mit offenem Munde daſtanden, während Der, der die allgemeine Neugier ſo ſehr reizte, glühende Blicke auf die Monja warf, die, verwirrt vor Scham, nicht die Kraft hatte, ihre Loge zu verlaſſen. Vergebens überhäufte die Superiorin den ſchwarzen 21¹ Mann mit Schmähungen und nannte ihn einen elenden Rene⸗ gaten! Vergebens ſchrie ſie ihm mit der heiligſten Entrüſtung zu:„Fürchtet den Zorn des Himmels und der Menſchen, Ihr, der Ihr weltliche Worte vor den Ohren dieſer Heiligen zu ſpre⸗ chen wagtet, der Ihr nicht gezittert habt, die Hand einer Got⸗ tesbraut zu berühren! Der Elende betrachtete die Monja noch immer, und rief voll Begeiſterung:„Wie ſchön ſie iſt! Wie ſchön ſie iſt!“ Endlich zog die kreiſchende Stimme des Alcade ihn um ſo leichter aus ſeiner Extaſe, als die Monja, auf den Arm der Superiorin geſtützt, ihre Loge verließ. Zwei Gerichtsdiener faßten die Zuͤgel ſeines Pferdes und er gab es geduldig zu. „Zum fünften Male,“ ſagte der Alcade,„frage ich Euch, wer ſeid Ihr? Antwortet! Mit welchem Rechte habt Ihr mit einem Piſtolenſchuſſe einen Stier getödtet, der für das Vergnü⸗ gen des Volkes beſtimmt war? Mit welchem Rechte habt Ihr Worte an ein junges Mädchen gerichtet, die morgen ihr Ge⸗ lübde ablegen ſoll? Redet! wer ſeid Ihr?“ Der Beamte ſetzte ſich wieder auf ſeinen Platz, indem er 6 Stirn wiſchte und den Gouverneur ſelbſtgefällig an⸗ ächelte. Zugleich ſagte er zu den beiden Gerichtsdienern:„Haltet ſein Pferd feſt!“ „Wer ich bin?“ ſagte der Unbekannte, indem er ſtolz ſein Haupt erhob, das man bis jetzt noch nicht hatte ſehen können. Man erblickte Züge von vollkommener Regelmäßigkeit; ſeine Augen waren keck und durchdringend; ein ſchwarzer Bart beſchattete ſeine purpurrothe Oberlippe, und ein dichter krauſer Backenbart zog ſich von den Wangen nach dem Kinn, das mit einem Grübchen geſchmückt war; nur die Farbe ſeines Geſichts war bleich und fahl. „Wer ich bin?“ wiederholte er mit ſchöner, ſonorer Stimme; „Ihr ſollt es erfahren, würdiger Alcade.“ Dabei drückte er ſei⸗ nem Pferde, indem er die Zügel ſcharf anzog, beide Sporen in die Seiten. Das Thier erhob ſich hoch, und machte einen ſo gewaltigen Satz, daß beide Gerichtsdiener in den Sand rollten. „Wer ich bin? Ich bin Gitano der Zigeuner, der Ver⸗ wünſchte, der Verdammte, wenn Ihr das lieber hört, würdiger Alcade!“ Mit zwei Sätzen war er über die Schranken, erreichte —— ———— —— die Küſte, ſtürzte ſich in das Waſſer, und man ſah, wie er das Schiff erreichte. Nun fand ein ſonderbarer Auftritt ſtatt. Der Name des Zigeuners brachte eine ſolche Wirkung hervor, daß alles Volk ſogleich die Schranken verlaſſen wollte und ſich gegen die Aus⸗ gänge ſtürzte, welche zu ſchmal waren, einer ſolchen Maſſe von Menſchen den Durchgang zu geſtatten. Die Balken der Gal⸗ lerien ſtürzten krachend zuſammen, und ein Theil des Amphi⸗ theaters ſank unter den Füßen der Zuſchauer zu Boden. Der Tumult und das Entſetzen hatten bald den höchſten Gipfel er⸗ reicht. Eine Menge von Menſchen wurden übereinander ge⸗ worfen, und beſonders Die, welche unten lagen, ſtießen kläg⸗ Geſchrei aus und empfahlen die Seele ihrem Schutz⸗ eiligen. „Das iſt der Verwünſchte, der Verdammte,“ ſagte man, „der den Zorn des Himmels herabzog, da er die Hand der Braut Chriſti küßte. Seine Gegenwatt iſt eine Geißel.— Anathema! Anathema über ihn!“— Und es ertönten Ver⸗ wünſchungen, daß man hätte verzweifeln mögen. Vergebens thaten der Alcade und der Gouverneur, welche glücklich ent⸗ rannen, ihr Möglichſtes, die Ordnung wieder herzuſtellen; es gelang ihnen nicht, einigen Tauſend Spaniern, die ſich unter Klaggeſchrei drängten und drückten, die Stimme der Vernunft hörbar zu machen. Die Behörden riefen eben ſchon die letzten Heiligen des Kalenders an, als plötzlich die ganze Maſſe Men⸗ ſchen wie durch Zauberei ſich auflöſte. Jeder fand ſich plötzlich auf den Beinen, aber bei Mehreren folgte der laute Schrei des Schmerzes und der Ausdruck der Furcht. Die Sache trug ſich folgendergeſtalt zu. Der unglückliche Barbier Florez, der ſich auf der niedrig⸗ ſten Reihe des Eirkus befand, kam mit unter diejenigen, welche das ganze Gewicht zu tragen hatten. Nachdem er mit ſeinen Ungluͤcksgefährten alle mögliche Anſtrengungen gemacht hatte, und ſah, daß alle Vernunftgründe nichts über die obenliegen⸗ den Gevattern vermochten, ſtöhnte er, mit einigen Ungllcilthen die gleich ihm litten: „Gevattern, ich dächte, wenn wir mit den Meſſern über uns ſpielten, kreuz und quer, ſo würden wir das Mitgefühl unſerer Nachbarn erwecken. Giebts dabei einige Knopflöcher, 25 ſo werde ich ſie ſchon wieder zumachen, entweder mit Diachylon oder mit“— Er hielt ein, um Athem zu ſchöpfen, denn ſein böſes Ge⸗ ſchick hatte ihn unter die wohlbeleibten Körper zweier Mönche und eines Fleiſchers gebracht. „Oder mit Salſarina,“ fuhr er nach einer Pauſe fort. „Abſolvirt mich daher, ihr heiligen Väter, denn es geſchieht zum Heile Aller, beſonders aber Derer, die unter mir ſind. Ihr ſollt ſehen, meine ehrwürdigen Väter, daß die Spitze eines Meſſers mehr überredet, als die rührendſten Worte.“ „Ave Maria, Gott behüte uns,“ erwiderten die beiden Mönche, welche den Barbier mit ihrer ganzen klöſterlichen Run⸗ dung drückten, und an ſeinen Bewegungen merkten, daß er ſein Meſſer ſuchte.„Um des Himmels willen! thut ſo etwas nicht; Menſchenmord darf nicht ſein!“ „Aber, meine Väter, Ihr mordet, Ihr er— erdrückt mich!“ „Beim Chriſtus, wir werden ſelbſt erdrückt!“ „Nun dann will ich für Euch arbeiten. Wendet Euch zur Seite, meine Väter; dann ſind die Wunden weniger gefährlich, denn man trifft blos das weiche Fleiſch. Nun endlich habe ich's,“ ſagte er, indem er mühſam ſein Meſſer öffnete.— „Sind wir ſo weit, meine Väter?“ „Keineswegs, Jeſus! durchaus nicht!“ „Nun das iſt gleich, Gott ſteh uns bei!“ Dabei ſtieß er über ſeinem Kopf hin. Die, welche dieſe theilnehmende Benachrichtigung empfingen, hatten bald nichts Anderes zu thun, als dem Beiſpiele nachzuahmen; dies erfolg⸗ reiche Mittel wurde ſchnell von unten nach oben fortgeſetzt, und hatte bald den glücklichſten Erfolg, bis auf die Knopflöcher, die Florez zu heilen verſprochen, und die er bei ſeiner bekannten Geſchicklichkeit auch wirklich heilte. Als die erſte Verwirrung beſeitigt war, rief man mit wil⸗ dem Geſchrei, wo der Verfluchte hin ſei. Eine Tartane mit rothem Segel, ganz bewimpelt, wie an einem Feſttage, ſchwebte in der Ferne. Er war es, man konnte nicht daran zweifeln. „Zum Hafen, zum Hafen!“ ſchrie Alles, und ſtürzte da⸗ hin, den Piraten zu verfolgen. Aber großer Gott, welch ein Schauſpiel bot ſich hier! Das ſpaniſche Volk iſt ſo leidenſchaftlich für die Stiergefechte, daß kein Mann, kein Weib, kein Kind zu Hauſe bleibt. Alles be⸗ fand ſich daher im Cirkus, und ſelbſt die Seeleute hatten ihre Fahrzeuge verlaſſen. Als ſie nun zum Ufer kamen, fanden ſie alle Taue durchſchnitten, und Feluken und Balanzellen ſchwam⸗ men auf dem Meere, wohin der Wind ſie trieb. Nun ertönten neue Verwünſchungen über den Zigeuner, und die ganze Bevölkerung warf ſich nieder auf die Knie und flehte zu Gott, die Tartane zu verſchlingen, welche ſich über die troſtloſe Menge noch luſtig zu machen ſchien, indem ſie ihre tauſendfarbige Flagge wehen ließ. Plötzlich ſchien der Himmel die gerechten Wünſche des Volkes erhören zu wollen, denn zwei Segel zeigten ſich in der Ferne und flogen mit vollem Winde gegen Bord heran, ſo daß das Fahrzeug des Zigeuners entweder zwiſchen beide genom⸗ men, oder an die Küſte geworfen werden mußte. Wie groß war die Freude der Volksmenge, als man die beiden Wacht⸗ ſchiffe erkannte, welche ſogleich die Flagge hißten, und dies mit einem Kanonenſchuſſe begleiteten. Die Tartane holte nun ſchnell die Halſen um, ſegelte nach dem Winde, mit einer Schnelligkeit, die an das Wunderbare grenzte, fuhr zwiſchen den zwei Wachtſchiffen durch, gab ihnen eine volle Salve und ſteuerte auf die Landzunge von la Torre. Obgleich das geſchickte und kühne Manöver der Tartane den Plan der Wachtſchiffe ſo wie den der Zuſchauer ſtörte, zählten ſie doch immer auf die Schwäche und Zahl der Angrei⸗ fenden, den Feind noch überwältigt und in das Schlepptau genommen zu ſehen. Die Tartane hatte aber vor den beiden Küſtenwächtern den Vortheil größerer Leichtigkeit voraus, und verſchwand bald hinter der Spitze von la Torre, die ſich weit in das Meer erſtreckt, und erſt eine Viertelſtunde darauf ſah das Volk die beiden Küſtenwächter die Landzunge umſegeln. Ganz Santa⸗Maria bebte vor Ungeduld und Verlangen, den Ausgang des Kampfes zu erfahren, der hinter jener Land⸗ zunge ſtattfinden ſollte. 25 Viertes Kapitel. Leb wohl, du Nachen Der auf der Woge ſchaukelt Und gleich ein Funken Auf dem Meere blitzt. Victor Hugo; Navarin. Die beiden Tartanen. „Vorwärts, mein treuer Iskar; ſieh, das Meer iſt blau, und ſanft küßt die Woge Deine breite Bruſt, ganz weiß von Schaum. Vorwärts! Du tauchſt in das klare Waſſer die Nü⸗ ſtern! Deine lange Mähne iſt mit Perlen geſchmückt, wie mit Tropfen von Roſenwaſſer. Vorwärts! Noch einmal rege die kräftigen Feſſeln, welche pfeifend die Luft durchſchneiden. Muthl mein treuer Iskar! Muth! denn ach, die Zeiten haben ſich geändert!— Wie oft haſt Du unter dem friſchen Laubwerke des Prado von Sevilla oder Cordova die glänzenden Wagen erreicht und überflügelt, in denen die ſchönen braunen und lachenden Mädchen Granadas ſaßen, mit ihren purpurrothen, im Winde flatternden Netzen, mit ihren reichen Monillos, be⸗ feſtigt durch blitzende Agraffen; wie oft haſt Du ungeduldig mit dem Fuße geſtampft, hinter dem ſchmalen Fenſter, hinter dem meine Zetta ſeufzte!— Wie oft haſt Du gewiehert, wäh⸗ rend unſere Lippen ſich ſuchten und glühend ſich preßten, ob⸗ gleich geſchieden durch das eiferſüchtige Gitter, aber damals war ich reich; damals wurde das große Kriegsbanner mit den rothen Feldern und dem goldnen Löwen am Hauptmaſt gehißt, wenn ich an Bord meiner tapfern Fregatte kam; damals hatte die Inquiſition noch keinen Preis auf meinen Kopf geſetzt! Damals nannte man mich noch nicht den Verworfenen, und mehr als eine Frau eines ſpaniſchen Grands hat mir zärtlich zugelächelt, wenn ich an einem ſchönen Sommerabende ihre ſchöne ſonore Stimme mit der Guitarre begleitete!— Muth, meith treuer Iskar, denn die Vergangenheit liegt weit hinter uns! Doch Du haſt mich gehört, ſpitzeſt die Ohren und ver⸗ doppelſt Dein Gewieher.— Da iſt meine Tartane, da iſt meine Geliebte! Sie wiegt ſich auf den Wogen, wie der Eis⸗ vogel ſein Neſt von der durchſichtigen Welle ſchaukeln läßt.— Aber hörſt Du nicht auch das verwirrte ferne Geſchrei, das nur undeutlich zu meinen Ohren dringt? Bei den goldnen Strah⸗ len der Sonne, es iſt die gemeine Maſſe von Santa⸗Maria, die mein Name in Schrecken ſetzte und die mit den Schranken des Kampfplatzes zuſammenbrach!— So habe ich ſie denn wenigſtens zum zweiten Male geſehen, dieſe Nonne.— Wie ſchön iſt ſie! Und morgen ſoll ſie für immer von dem Magda⸗ lenenkloſter verſchlungen werden? O Verbrechen! und ich darf ſie Gott nicht rauben!“ Sein Lächeln hatte etwas Schreckliches. Kaum endete der Gitano dieſe Worte, als die Tartane eine Art fliegende Brücke in das Waſſer herabließ, die mit langen eiſernen Armen an dem Fahrzeuge befeſtigt war. Das Pferd ſtützte die Vor⸗ derfüße auf die Kante der Brücke, und war mit einem kräftigen Satze am Oberlauf, welches ſich nur wenig über den Niveau des Meeres erhob. Das Innere dieſes Fahrzeuges zeigte von der größten Sorgfalt und Reinlichkeit, und man ſah Niemand am Bord, als einen feiſten Mönch, der eine blaue Kutte mit einem Strick umwunden trug; aber der ehrwürdige Vater ſchien ſich in einem unruhigen, angſtbeklommenen Zuſtande zu befinden. Mit einem gewaltigen Fernrohre bewaffnet, richtete er daſſelbe immer auf den ungeheuern Raum, welcher Santa⸗Maria von Leon trennt, indem er dazwiſchen Klagelaute ausſtieß, die einen Corregidor hätten erweichen können. Als er den Gitano erblickte, nahm ſein Geſicht einen wirk⸗ lich mitleiderregenden Ausdruck an. Seine niedrige kahle Stirn wurde von einem Kranze hellblonden Haares umzogen, das ſich vor Ingrimm zu ſträuben ſchien. Wüthend rollten ſeine Augen und ein krampfhaftes Zittern bewegte ſeine Lippen und ſein dreifaches Kinn. Endlich, nachdem er vergeblich nach Worten gerungen, ergriff er den Arm des Gitano, und zeigte mit dem Ende des Fernrohres, das in ſeiner Hand furchtbar zitterte, nach einem weißen Punkte, den man in der Ferne be⸗ merkte. „Nun! was ſoll das?“ fragte der Pirat. „Es iſt— es iſt— der— der— Küſtenwächter!“ Pn⸗ melte der Mönch mühſam hervor. Man hörte ſeine Zähne aufeinander ſchlagen. Mit gekreuzten Armen und athemlos ſtarrte er auf das Wachtſchiff., Der Gitano zuckte die Schultern, ſetzte ſich, wendete die Blicke nach der Richtung von Santa⸗Maria, und ſagte:„Wie ſchön war ſie!“ Das Fernrohr fiel aus den Händen des Mönches; er ſchlug ſich vor die Stirn, ſuchte ſich zu ſammeln, wiſchte ſich den Schweiß vom Geſichte, machte eine gewaltige Anſtrengung, ſich ſelbſt zu einer kühnen That anzuſpornen, und ſagte dann zu dem Gebieter der Tartane, der noch immer in ſeine verlieb⸗ ten Träumereien verſunken zu ſein ſchien. „Verworfener— Renegat, Verdammter, Apoſtat— Ex⸗ communicirter— Satansſohn— Rechter Arm Beelzebubs—“ „Nun!“ ſagte der Gitano, den dieſe Anrede in ſeinen Ge⸗ danken geſtört hatte. „Nun wohl, dreimal Verdammter— ich fordere Dich auf im Namen des Superiors des Kloſters von St. Francisco, meines Gebieters und des Deinigen—“ „Des meinen?„Nein Mönch!“ „Meines Gebieters und des Deinigen, die Segel zu hiſſen und das offne Meer zu ſuchen.“ Der Küſtenwächter nähert ſich, und wir müßten ſchon im Angeſicht Tarifa's ſein, wenn die Hölle Euch nicht den tollen Gedanken eingegeben hätte, zum Stiergefechte zu gehen, und mich hier ganz allein zu laſſen, mich, der ich nichts von Euerm verfluchten Manövre verſtehe. Wenn man Dich nun ergriffen hätte, da ein Preis auf Deinen Kopf ſteht?“ „Ich fürchte es nicht.“ „Es handelt ſich hier nicht um Dich, beim Chriſtus! ſon⸗ dern um mich. Wenn Du auf dem Lande verhaftet worden wäreſt, was hätte ich dann hier anfangen ſollen?“ „Was wollt Ihr? Die Zerſtreuungen ſind zu ſelten in unſerm Lande. Der Gedanke, das Feſt zu beſuchen, lächelte mich an, und mein guter Engel hat mich geführt, mein Vater!“ „Nenne mich nicht Deinen Vater, Verdammter! Was den betrifft, den Du Deinen guten Engel nennſt, beim heiligen Jo⸗ hann, der hat einen geſpaltenen Fuß!“ ie Ihr wollt, mir kömmt darauf nichts an. Was Eure Aufforderung betrifft, ſo achte ich nicht darauf; wißt da⸗ her, daß ich noch einen Küſtenwächter erwarte, der aus Oſten kommen muß.“ „Du willſt ſie erwarten? Du willſt ſie erwarten?— O heiliger Franciscus, bete für mich!“ Nach einem augenblicklichen Schweigen ſchrie er mit aller Gewalt:„Herauf die Mannſchaft! Herauf meine Brüder! Im Namen des Superiors von San⸗Francisco bef“— „Macht ein Ende, Mönch,“ ſagte der Ausgeſtoßene, drückte dem Vater eine Hand auf den Mund, und mit der andern deſſen Arm ſo gewaltig, daß der Unglückliche die ganze Bedeu⸗ tung dieſes Griffes verſtand, und ſich auf das Deck des Schiffes mit jenem Ausdrucke des Schreckens niederwarf, von dem wir ergriffen werden, wenn wir die feſte Ueberzeugung gewinnen, einer gewiſſen Gefahr nicht entgehen zu können. Der Gitano lächelte voll Mitleid, und ſah dabei ſcharf nach der Richtung von Cadir hinaus. „Bei den Felſen von Carniol, Du zögerteſt lange,“ rief er aus, indem er den zweiten Küſtenwächter am Horizonte er⸗ blickte, und raſch auf ſich zukommen ſah.„Ihr kommt daher, wie zwei Spürhunde, die eine Hirſchkuh in das Netz jagen wollen; aber die Spürhunde ſind ſchwerfällig und unbeholfen, und die Hirſchkuh iſt leicht und liſtig. Bei den blauen Augen von ehemals! Die Schlacht ſoll beginnen, denn ſchon ertönt die Fanfare.“ Es war einer der Küſtenwächter, welcher ſeine Flagge mit einem Kanonenſchuß verſicherte. Bei dieſem unerwarteten Geräuſch that der Mönch einen krampfhaften Satz, blickte furchtſam über die Gallerie, ſah die beiden Küſtenwächter, duckte den Kopf wieder unter, und eilte in den Schiffsraum, ſich un⸗ zähligemal bekreuzend. Schweigend näherte ſich der Gitano der Buſſole, verglich ſeine Richtung mit dem Winde, berechnete die Wahrſcheinlich⸗ keit der Luftwirkung, dachte einen Augenblick nach, nahm dann eine goldne Pfeife, die an ſeinem Gürtel hing, pfiff dreimal mit gellendem Tone und war mit einem Sprunge auf der Schanzverkleidung. Bei dieſem Signal ſtiegen achtzehn Neger ſchweigend auf das Verdeck. Kaum war ein zweiter Pfiff ertönt, als auch die Tartane ſchon ihre Querſegel, ihr Bog ſpriet und das Ver⸗ ſtagſegel aufgetakelt und gehißt, die Klüver ausgeſpannt hatte, und der Verdammte das Steuer hielt. Die beiden Lugger nä⸗ herten ſich von beiden Seiten und waren nur noch einen Ka⸗ nonenſchuß von der Tartane entfernt, als dieſe ſich gegen den Wind wendete, unerſchrocken zwiſchen ihren Feinden hindurch⸗ 29 ſegelte, ihnen eine volle Lage gab, und dann gerade auf die Landzunge von la Torre zu hielt. Dieſes unglaubliche Ma⸗ növer konnte nur ein Fahrzeug unternehmen, welches ſo ein tüchtiger und ſchneller Segler war. Ehe die beiden Lugger noch den Wind wieder gewonnen hatten, lavirte der Gitano ſchon hinter dem Vorgebirge, das ihn den Augen der unge⸗ ſchickten Spanier verbarg, die maskirt waren, und ſich erſt orientiren mußten. An dieſem Orte war es, wo ihn die Be⸗ wohner von Santa⸗Maria aus den Augen verloren. Eine Flintenſchußweite von dem Fuße des Vorgebirges ethob ſich eine Kette Berge von Granitblöcken, welche ſich in das Meer erſtreckten, und einen engen Canal bildeten, der ſich zwiſchen ihnen und dem Fuße des Berges dahinſchlängelte, und keinen andern Ausweg hatte, als durch die gefahrvollſte Brandung. Der Gitana war mit den Klippen ſo bekannt, daß er ſich ohne Furcht in den engen Paß wagte, und nachdem er mit be⸗ wunderungswürdiger Schnelligkeit darin fortgeſegelt war, ließ er alle Segel kappen und entmaſten, indem er die Wandtaue ſchießen ließ, welche nicht feſt ſtanden, ſondern auf Flaſchenzü⸗ gen gingen, ſo daß nach wenigen Minuten die Tartane, die nur wenig Waſſer brauchte, glatt war wie ein Ponton, und durch die Felſen, welche den Canal auf der Seite des offnen Meeres maskirten, verborgen wurde. Hier ertönte die Pfeife des Verdammten wieder, doch in zwei Abſätzen und in verſchiedenen Modulationen. Sogleich hörte man das Geräuſch von Rudern, die nach dem Takte das Meer ſchlugen, und hinter einem Felſen kam eine Tartane hervor, der des Gitano ganz ähnlich. Am Hin⸗ tertheil ſtand der junge Mann mit dem unbärtigen Geſicht, der den Barbier Florez ſo in Erſtaunen geſetzt hatte. Der Ver⸗ dammte gab ihm ein Zeichen, das er zu verſtehen ſchien, denn er ſteuerte ſein Schiff an den Felſen entlang, ſolange er unter Wind des Caps war; an das andere Ende des Canals ge⸗ lanß nachdem er geſchickt die Maſſe der Klippen vermieden hatte, nahm er den Wind, hißte die Segel, und verließ den Paß in demſelben Augenblicke, als die beiden ſpaniſchen Lugger endlich das Vorgebirge umſegelten. Als ſie dieſe neue Tartane erblickten, ſetzten ſie alle Segel bei, ſie zu erreichen, indem ſie noch immer den Gitano zu verfolgen glaubten. „Ihr ſeid brave Jäger,“ ſagte der Verdammte, welcher ruhig auf dem Hintertheil ſeines Schiffes ſaß;„die Hirſchkuh hat gewechſelt und Ihr ſeid auf der falſchen Fährte; während das Hirſchkalb dort in allen Richtungen kreuzen wird, Euch zu locken, wird die Hirſchkuh die reichen Gewebe Venedigs, den Stahl Englands, das Kupfer Deutſchlands, welches ſie in ih⸗ ren Seiten verborgen hält, ans Land ſchaffen laſſen. Vor⸗ wärts, vorwärts zur Jagd! Und möge die meine, die bei dem Flimmern der Sterne zu glänzen beginnt, in dieſer Nacht glück⸗ lich ſein, denn ſchon ſenkt ſich die Sonne.“ In der That war die Sonne ihrem Untergange bereits nahe, und Himmel und Meer verfloſſen in den Ozean, der einen ungeheuern Feuerkreis bildete. Die Gipfel der Wogen funkel⸗ ten in goldigem Glanze, der in dem Schatten der Küſtenfelſen erloſch. Lange Zeit ſah man die Tartane mit überraſchender Geſchicklichkeit manövriren, um den beiden Luggern zu entgehen. Bald zog ſie zur Hälfte ihre rothen Segel ein und legte ſich gegen die Wogen. Dann wurde ſie von weißem Schaum be⸗ deckt, und in funkelnden Tropfen fielen die Nebel herab, die in den brechenden Strahlen der Sonne einen Regenbogen bildeten, ſo daß ſie das Fahrzeug wie mit einem Heiligenſchein umgaben. So erwartete die Falſche den Feind, indem ſie ſich von den Wogen treiben ließ. Kamen aber die Lugger heran, dann wen⸗ dete ſie ſich ſchnell herum, legte ſich vor den Wind, breitete die Segel aus wie große Purpurflügel, und ließ die guten ſpani⸗ ſchen Fahrzeuge, die ſich thörichterweiſe geſchmeicheit hatten, ſie zu ergreifen, weit hinter ſich. Bald ſteuerte ſie vor dem Winde, bedeckte ſich mit allen Segeln und Wimpeln, und eilte ſelbſt den Küſtenwächtern ent⸗ gegen. Dieſe trennten ſich ſogleich, ſie zwiſchen zwei Feuer zu nehmen, und bereiteten ſich zum Kampfe vor. Sie aber, wie eine eigenſinnige Kokette, kehrte wieder um, faßte den Wind, und ſenkte ſich in die Fluthen des Lichtes, von dem das Meer umfloſſen war. So ſetzte ſie die ehrlichen Küſtenwächter in Rer⸗ zweiflung, die immer vergebliche Verſuche machten, und es ge⸗ lang ihr durch die Ueberlegenheit ihrer Schnelligkeit und der Manöver, die beiden Lugger bis Einbruch der Nacht von dem Orte zu entfernen, wo der Gitano zu landen gedachte. Die Verwünſchte erfüllte ihre Inſtruetion ſo gut, daß all⸗ mälig die drei Fahrzeuge in der Ferne verſchwanden, und die Sterne zu funkeln begannen. Jetzt hörte der Gitano, mit aufmerkſamem Ohr am Vor⸗ dertheile der Tartane ſtehend, einen gleichmäßigen Laut, wie den Tritt mehrerer Pferde. „Endlich kommen ſie!“ rief er aus. Fuͤnftes Kapitel. Biſt du denn nichts, als ein heulender Mönch? J. Janin; die Beichte. Die Gottesläſterung. Man konnte von der Spitze des Berges la Torre nur auf einem ſchmalen, in den Felſen gehauenen Fußpfade, der eine Menge Umwege machte, an das Ufer gelangen. Der Abhang des Pfades war auf dieſe Weiſe weniger ſteil, aber man brauchte mehr Zeit, bis ans Ufer zu kommen. Am Eingange dieſes Fußpfades zeigte ſich ein Reiter, den man bei der Dämmerung kaum erkennen konnte. Er hielt ſein Pferd an, ſchien mit ſeinen Genoſſen zu berathen, die wahr⸗ ſcheinlich hinter einigen Aloös verborgen waren, und warf dann eine angezündete Cigarre in die Luft, ſo daß ſie einen Feuer⸗ bogen beſchrieb. Als daſſelbe Signal auf der Tartane wiederholt wurde, ſetzte der Menſch ſeinen Weg fort, und es folgten ihm ein Du⸗ tzend Spanier, ebenfalls zu Pferde, und ritten den ſchmalen Pfad vorſichtig hinab. Die Einen trugen einen Sombrero, die Andern eine Reſilla oder ein einfarbiges Tuch von greller Farbe um den Kopf gewunden, ſo daß die Zipfel auf die Achſeln her⸗ unterhingen. Alle hatten aber jene braune Geſichtsfarbe, jene ſchahf charakteriſirenden Züge, kurz jenen nicht beruhigenden Ausdruck, welcher die Land⸗Contrebandirer Spaniens auszeich⸗ net. Ihre Pferde waren mit zwei großen Körben mit Wachs⸗ leinwanddeckeln beladen, und dieſe Körbe waren ſehr leicht, aber ſo groß, daß die Reiter nur auf der Kruppe dahinter Platz fin⸗ den konnten; Schaffelle wanden ſich um die Hufe der Pferde, ſo daß es unmöglich war, ſie zu hören, wenn ſie im Schritte ingen. 2 An dem Ufer, zwei Flintenſchüſſe weit von der Tartane angekommen, wandte ſich der Führer zu den Uebrigen, und ſagte:„Bei dem Reliquienkäſtchen meiner Schutzheiligen— er nahm ſeinen Hut ab— meine Söhne, beim Schein des auf⸗ gehenden Mondes ſehe ich auf der Tartane den Hut des Ver⸗ fluchten mit der weißen Feder!“ Eine Stimme. Wo iſt denn der Bruder? Eine andere. Wenn der Bruder nicht gegenwärtig iſt, ſo ſoll von den Waaren nicht für einen Realen in meine Körbe kommen. Gott ſchütze mich, aber der Superior des Kloſters von San⸗Juan hat ſehr Unrecht, einen ſolchen Ungläubigen zu benutzen, um ſeine Contrebande ans Licht zu ſchaffen. Wenn auch ein Mönch da iſt, die Waaren zu ſegnen, und die Spuren der Krallen Satans zu vertilgen, ſo glaube ich doch, daß wir früher oder ſpäter für unſern Verkehr mit dem Verfluchten be⸗ ſtraft werden. Der Führer. Und glaubſt Du, daß ich nicht eben ſo wie Du den Zorn der heiligen Jungfrau fürchte, weil ich die Waa⸗ ren berühre, die, beim heiligen Jacob! mehr nach Schwefel als nach Weihwaſſer riechen? Ein Philoſoph(welcher Koch eines Cortez geweſen war). Aber bedenft doch, Gevatter, bedenkt doch, daß man Euch die Waaren auf dem ganzen Wege nach Quadrupeln abnehmen wird, ohne viel zu fragen, ob ſie nach Schwefel oder nach Weih⸗ waſſer riechen. Der Führer. Schweig, Gottloſer! Der Philoſoph. Wahr iſt es doch bei alle dem, daß die Faxen des Vaters den Geruch nicht fortſchaffen können, wenn anders welcher vorhanden iſt. Er mag ſie verteufelt ge⸗ ben, aber wohlfeiler, ich mache damit meine Geſchäfte; ich denke— „Ave Maria purissima! bedauert den Gottesläſterer,“ fag⸗ ten die Contrebandirer, vor Entſetzen bebend und ſich bekreu⸗ zend. Mehrere eifrige Katholiken ſuchten ſogar nach ihren Meſſern. Der Gitano begriff dieſes Zögern nicht, und wiederholte ſein Signal. 35 „Wie viel verlorne Zeit!“ ſagte der Philoſoph, und ritt in das Waſſer, daß er auf der Tartane gehört werden konnte. „Herr Verdammter! Herr Verfluchter!“ rief er mit poſſen⸗ haftem Tone,„habt Ihr denn vergeſſen, daß dieſe heiligen Leute ſich nicht nähern, wenn nicht der heilige Vater die Gewiſſen ſeiner Lämmlein beruhigt?“ Hierauf ritt er zu dem Haufen zu⸗ rück, der ihn verwünſchte. Der Gitano ſchlug ſich vor die Stirn, und that einen lei⸗ ſen Pfiff.„Der Bruder!“ ſagte er zu einem Neger, der ſich am Eingange zu dem Raume zeigte. Der Schwarze verſchwand, kam aber bald wieder und machte mit dem Kopfe eine vernei⸗ nende Bewegung. „Nun, ſo hißt ihn!“ Mit bewundernswerther Schnelligkeit machte der Neger eine Segelquerſtange los, befeſtigte daran einen Kloben und ein Tau, ſtieg damit hinab in das Unterdeck, und drei Minu⸗ ten darauf ſah man den ehrwürdigen Vater aus der Oeffnung hervorkommen, die zum Raume führte, einen Augenblick über der Tartane ſchweben, und dann an der Seite des Verdammten niedergleiten, der ihn ſogleich gefällig von den Stricken und Tauen losmachte, woran man den neuen Jearus befeſtigt hatte. Als die Contrebandirer die Himmelfahrt des Mönches ſahen, riefen ſie„Gloria in excelsis,“ und warfen ſich nieder auf die Knie, denn ſie glaubten, es wäre ein Wunder. Nur der Philoſoph lachte über ihre Einfalt. Als der neue Jearus wieder auf den Beinen war, ſah er den Gitano mit ſo verächtlichen Blicken an, wie ſie ihm nur immer möglich waren, ohngefähr wie ein Märtyrer ſeinen Hen⸗ ker anſehen würde. Der Gitanv. Entſchuldigt mich, mein Vater, daß ich Euch helfen ließ auf das Deck zu kommen, aber die ehrlichen Contrebandirer warten mit Ungeduld darauf, daß Ihr Euer heiliges Amt verrichtet. Dabei zeigte er auf den Haufen der Paſcher, welche auf⸗ merkſam beobachteten, was am Bord vorgehe. Der Mönch. Wie viel chriſtliche Milde muß ich haben, daß ich einwillige, ganze Tage mit einem Apoſtaten, einem Verworfenen Deiner Art zuzubringen, und das nur, um zu reinigen, was durch Deine ketzeriſche, ſataniſche Hand beſudelt Die Cucaracha. 1V. 3 wurde, damit Chriſten ſich dieſer Waaren bedienen können, ohne den Zorn des Himmels fürchten zu müſſen! Der Gitano. Was wollt Ihr, mein Vater? Euer Su⸗ perior bezahlt mich gut, und er wendet mich dazu an, die Con⸗ trebande zu landen, von der ſein Kloſter angefüllt iſt. Er be⸗ dient ſich meiner, weil er weiß, daß Niemand beſſer dieſe Küſte — kennt, und daß er, wenn ich ergriffen werde, keine Gefahr laͤuft, da das Todesurtheil, welches auf mir laſtet— Aber Anathema! wie Ihr ſagt, Anathema! Ich bin verflucht!— man weiß es, und da ſelbſt dieſe ſpaniſchen Contrebandirer zu religiös ſind, . um etwas zu kaufen, was von einem Excommunicirten berührt wurde, ſendete man Euch an Bord, dieſe reichen Stoffe, dieſe glänzenden Stahlarbeiten zu ſegnen, um das Gewiſſen der Käufer zu beruhigen, und Eurem Superior Abſatz zu ver⸗ ſchaffen. Kurz, ſo ſind wir Gott und Teufel im Kleinen. Der Mönch. Elender!— Renegat!— Ungläubiger!— Der Gitano. Uebrigens macht Ihr einen ſchönen Han⸗ del mit dieſen ehrlichen Leuten, denn Ihr verkauft ziemlich theuer Euren Segen und Eure Erorcismen, welche, unter uns geſagt, weder das Seidenzeug dichter, noch den Stahl härter machen. Der Mönch. Satansſohn! Verfluchter! Verdammter! Der Gitano. Aber da Euer glorreicher Gebieter die Induſtrie hemmt, und verbietet, was er verhindert zu fabriciren, wird die Contrebande unerläßlich. Die Mönche treiben ſie mit Gibraltar, und kaufen, was ſie ſelbſt fabriciren könnten. ———— —— S Ich meines Theils finde das höchſt lächerlich. Der Mönch. Verfluchter! Verabſcheuungswerther Aus⸗ geſtoßener! Ich... Der Gitano. Genug, Mönch, die Leute warten. Thue Dein Geſchäft, denn der Himmel umzieht ſich und die Nacht rückt vor. 3 „Verfluchter Hund! Mein Geſchäft! Mein Geſchäft!“ murrte der Mönch, indem er das Ufer mit Hülfe einer von der Tartane herabgeworfenen Brücke erreichte. Der Gitano beſtieg die Brücke ebenfalls, auf ſeinem kleinen Pferde reitend, das auf eben die Weiſe aus dem Raume heraufgehißt wurde wie der Pater, worüber ſich dieſer wieder ereiferte. - Während der Gitano ſich mit der Ausſchiffung der Kauf⸗ mannswaaren beſchäftigte, näherte ſich der Pater den Contre⸗ bandirern. „Friede ſei mit Euch, Brüder!“ „Amen!“ erwiderten ſie, den Saum ſeines Gewandes küſſend. Der Mönch. Ihr ſeht, meine Söhne, wie theuer Euer Heil mir iſt, und— Der Philoſoph. Das heißt: uns. Gebe Gott nur, daß das Capital, welches wir hier im Oremus anlegen, uns dort oben die Seligkeit verſchafft. „Schweig, Ketzer!“ riefen die Andern. Der Mönch gab ein Zeichen der Verachtung und fuhr fort:„Wie theuer Euer Heil mir iſt, denn ich lege die Qual mir auf, ganze Tage mit dieſem Satansſohne umzugehen, nur daß Gott Euern Verkehr mit ihm nicht ſtrafe.“ „Und Euer Schäfchen zu ſcheren!“ fiel der unverbeſſerliche Philoſoph ein. „Und wir ſegnen Euch dafür, mein Vater,“ riefen die An⸗ dern mit lauter Stimme, um dieſe freche Unterbrechung zu ver⸗ decken. Der Mönch. Jeſus, meine Söhne, ich ſeufze ſo viel wie Ihr darüber, daß ein Verdammter die Tartane führt, aber er iſt der einzige Ungläubige, welcher dieſe Küſten genau kennt. Ach, warum zeigt ſich kein Chriſt? „Hört, mein Vater,“ ſagte der Seemann, der durch Flo⸗ rez' Zerſtreuung litt, der Mann mit dem Aderlaſſe,„hört, mein Vater, iſt es eine verdienſtliche Handlung, die Erde von einem Heiden zu befreien?“ „Man erwirkt den Himmel dadurch, mein Sohn.“ „Ich danke Euch, mein Vater.—“ Und er entfernte ſich. Der Zigeuner war während deſſen vom Pferde geſtiegen und ſtand da in Gedanken vertieft, während ſeine Neger die Ausſchiffung beendeten. Sein treuer Iskar ſpielte an der Küſte, und badete ſeine lange Mähne, als er plötzlich einen gewalti⸗ gen Satz machte und heftig wieherte, ſo, daß ſein Gebieter ſich ſchnell nach ihm umſah. In dieſem Augenblicke war das Meſſer des Seemanns ge⸗ gen die Bruſt des Gitano erhoben; dieſer packte den Mörder bei der Gurgel, und zwar ſo heftig und ſchnell, daß er keinen Schrei ausſtoßen konnte. Das Meſer entfiel ſeiner Hand, die Augen traten aus ihren Höhlen; ſeine Fäuſte ballten ſich, ſeine Arme ſanken am Körper herab, ſeine Knie brachen, und er fiel 56 erwürgt zu Boden. Seine Gefährten glaubten, man ſchmeiße einen Ball hin. „Auf die Knie! meine Söhne,“ ſagte der Mönch zu den Paſchern. Sie knieten nieder, außer dem Philoſophen, welcher den Mond anſah, und die Trancola abpfiff. Der Mönch, mit einem Weihbecken verſehen, nahete ſich den Ballen, und indem er daran vorbeiging, rief er:„Hinweg, Satan! hinweg! Und dieſes Zeichen der Weihe reinige dieſe Waaren von den Griffen, welche die Hände der Ketzer ihnen aufgedrückt haben. Hinweg Satan! hinweg!“ und dabei ſchüttete er Fluthen von Weihwaſſer über die Ballen. „Er macht ſie ſo zu naß, er wird ſie verderben,“ ſagte der Phiroſoph. „Schweig!“ riefen die Andern mit Einer Stimme. „Hinweg, Satan!“ ſagte der Mönch noch ein Mal. „Jetzt, meine Brüder, könnt Ihr die Sachen berühren.“ Die Paſcher umringten ihn eifrig, und er zog ein langes Papier aus dem Gürtel. „Die ſechs Ballen, meine Söhne,“ ſagte er,„ſind venetia⸗ niſche Seidenwaaren, von denen Ihr hier die Proben habt. Seht die ſchönen Farben, das dichte, weiche Gewebe. Wir ſtellen den Preis von zwei Quadrupeln für die Barre, meine Söhne.“ „Ei, mein Vater!“ „Es iſt heilig und geſegnet, meine Kinder.“ „Bei den Hörnern Satans! der Stempel der heiligen Douane kömmt uns theurer zu ſtehen, als der von Cadix,“ ſagte der verwünſchte Philoſoph. „Schweig! Elender,“ rief der Mönch. „Aber, ehrwürdiger Vater, zwei Quadrupeln!“ „Es bleibt dabei, mein lieber Sohn, das koſtet die Barre den Superior ſelbſt.“ Der Streit wäre wahrſcheinlich heftiger geworden, wäre nicht den Fußſteig herab ein Menſch mit ſichtlicher Angſt ge⸗ ſtürzt gekommen. Es war der Fiſcher Pablo. „Bei der Jungfrau! flieht!“ ſchrie er,„flieht! Die Leder⸗ wämſe ſind mir auf den Füßen. Der Matroſe Punto hat uns verrathen. Er hat den Landungsplatz an den Alcade Veger verrathen; er hat verſprochen, den Gitano zu tödten, und die Verwirrung, welche durch deſſen Tod entſtehen würde, —— —— 1 — 37 noch dadurch zu vermehren, daß er die Soertaue der Tartane ſchießen ließe, um Euch dadurch jeden Rückzug abzuſchneiden.“ „Tod! Tod dem Verräther Punto!“ und alle Meſſer blitzten. „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr Pablo fort.„Die Ver⸗ brechen und Gottesläſterungen des Verfluchten fallen auf Euch zurück, und der Biſchof hat befohlen, Euch zu hetzen und zu tödten, wie die Wölfe der Sierra, weil Ihr Euch mit einem Excommunicirten verbunden habt.“ „Der heilige Hirt verwandelt ſeine Schafe in Wölfe; welch ein Wunder!“ ſagte der Philoſoph. „Flieht daher, flieht! Ihr habt keinen Pardon zu er⸗ warten.“ „Tod! Punto dem Verräther Tod!“ ſchrien Alle, und die Meſſer wurden herbeigeſucht. „Es iſt ſchon genug,“ ſagte der Gitano, den Leichnam mit dem Fuße ſtoßend, ladet alſo Eure Waaren auf, denn das Meer wächſt, der Himmel bedeckt ſich mit Wolken, und wenn Ihr erſt die Gewehre der Lederjacken dort oben habt blitzen ſehen, dann könnt Ihr noch zwiſchen dem Feuer und dem Waſſer wählen, meine Söhne.“ Hierauf that er einen gedehnten Pfiff, und die Schwarzen, welche ſchon wieder am Bord der Tartane waren, zogen die Brücken auf und ſteuerten nach den Klippen hinüber, welche das andere Ufer des Kanales bildeten. Der Verdammte blieb bei ſeinem treuen Iskar an der Küſte. „Ich habe es ja dem Superior immer geſagt,“ rief der Mönch,„benachrichtigen Sie den Herrn Biſchof, daß der Ver⸗ fluchte in Ihrem Solde iſt, und die Verfolgungen werden da⸗ nach eingerichtet werden. Aber nein. Er wollte es ihm ver⸗ bergen, und nun ſieht man die Folgen davon.“ Voll Beſorgniß wendete er ſich hierauf zum Gitano, und ſagte:„Weshalb läßt Du Dein Fahrzeug ſich entfernen? Sollen wir es denn ſchwimmend wieder erreichen?“ „Wozu iſt das Fahrzeug jetzt gut, mein Vater? Ich kann bei der Fluth nicht durch die Klippen kommen.“ „Aber wenigſtens wären wir doch dort in Sicherheit, im Fall die Douaniers herabkommen, uns anzugreifen. Beim Chriſtus, ſie können doch nicht durch die Wogen und Klippen zu uns kommen! Laßt alſo die Brücken herab.“. Der Gitano machte eine leichte verneinende Bewegung mit dem Kopfe, die den Mönch erſchreckte. Die Contrebandirer hatten an dieſem Streite keinen Theil genommen, ſo ſehr eilten ſie, die Waaren einzupacken, die ſie unter den gegenwärtigen Umſtänden bedeutend billiger zu er⸗ langen hofften. Der Philoſoph beſonders bepackte ſein Pferd ſo ſehr, daß das arme Thier unter der Laſt faſt zuſammenſank. Dabei ſagte er leiſe vor ſich hin:„Sind wir nur erſt auf der Straße von Veger, dann muß Gott Dir die Flügel eines Se⸗ raphs borgen, um mitzukommen, Mönch!“ „Ach ich hab's, ich hab's!“ rief der Mönch, als er ſich von ſeinem Schrecken über das verneinende Zeichen etwas er⸗ holt hatte.„Ich hab's; der Herr Capitain bleibt bei uns, weil er einen geheimen Ausgang kennt, durch den wir dieſen Keſſel verlaſſen können, ohne den Fußſteig hinaufzuklettern, der ſo hoch iſt wie die Leiter Jacobs. Der Herr Capitain hat es mir hundertmal geſagt, wie ich mich jetzt erinnere.“ Indem er dieſe Worte beendigte, klapperten ſeine Zähne; er war leichenblaß, und doch ſuchte er ein Lächeln zu erzwin⸗ gen, indem er den Excommunicirten gnädig anſah. Das Geſicht des Gitano nahm einen ſehr zweideutigen Ausdruck an, als man, beim Scheine einer Gewehrſalve von der Spitze des Berges herab, die Küſtenwächter bemerkte, die ihre Poſitionen nahmen. Jeder Rückzug nach der Seite war verloren. „Heilige Jungfrau! retten Sie uns, Herr Capitain!“ ſagte der Mönch.„Der Ausgang! Herr Gott, zeigen Sie uns den Ausgang!“ „Den Ausgang!“ wiederholten die Paſcher, ohne zu wiſſen, warum es ſich handle. „Welchen Ausgang?“ fragte der Gitano.„Ihr träumt, mein Vater, und ich fürchte, daß Ihr einen böſen Traum habt: denn die Lederwämſe beginnen ſchon herabzuſteigen und die Kugeln pfeifen. Hört!“ „Aber mein Gott, Ihr habt mir doch geſagt, daß in dieſen Felſen ein geheimer Ausgang ſei, der an das andere Ufer führe! Ein Ausweg, der uns aus dieſem Keſſel bringen könnte, welcher ſchon vom Meere erreicht und überall von Bergen um⸗ geben iſt! Heilige Jungfrau! öberall himmelhohe Felſen!“ rief der Mönch verzweiflungsvoll, indem er über ſich blickte. „Ja, uberall himmelhohe Felſen,“ wiederholte der Gitano. „Vorwärts, Ehrwürdiger! Ein Wunder! Dies iſt der Au⸗ genblick dazu,“ ſagte der Philoſoph, indem er einen ſchmerzli⸗ chen Blick auf ſein Pferd warf. Mehrere Schüſſe fielen wieder auf der Spitze des Berges, aber die Kugeln kamen kraftlos herab, denn die Douaniers näherten ſich nur langſam und waren wegen der Krümmung des Fußweges noch weit entfernt. Der Mond glänzte an einem ſchönen Himmel, und ſein Licht erhellte das Gemälde von allen Seiten. „Wie ſehr ich eine ſchöne Sommernacht liebe!“ ſagte der Gitano.„Die Blumen enffalten ſich, die friſche Luft einzu⸗ ſaugen, und ſanfter dringt ihr Wohlgeruch zu uns. Ihr Brü⸗ der, riecht Ihr den ſchönen Geruch der Aloän?“ Eine neue Salve unterbrach dieſen unzeitigen Monolog; aber diesmal fiel einer der Contrebandirer. „Im Namen Chriſti, Du mußt uns retten! ich befehle es Dir im Namen Gottes,“ ſagte der Mönch zu dem Gitano, in⸗ dem er nach dem Himmel zeigte. Die Bewegung war ſchön, aber ſie brachte keine Wirkung hervor, denn lachend erwiderte der Gitano: „Im Namen Gottes; Gottes! Habt Ihr es wohl be⸗ dacht, mein Vater? Scherzt doch nicht! Der Augenblick iſt ernſt! Seht vielmehr den Chriſten, der ſein Blut verliert und mit dem Tode ringt.“ Mit dem entſetzlichen Lachen des Verdammten vereinigte ſich der Lärm und das Toben des Meeres, welches ſtieg und ſtieg, und mit jedem Augenblicke den kleinen Raum verengte, uf welchem ſich die geringe Zahl der Menſchen zuſammen⸗ rängte. Die Spanier bekreuzten ſich bebend. Einer der Paſcher ſpannte ſeinen Hahn, und legte auf den Gitano an. Der Mönch trat noch zeitig genug dazwiſchen.„Unglücklicher!“ rief er,„er allein kann uns retten, er allein kennt den Aus⸗ weg!“ Bei dieſer feindlichen Bewegung ritt der Gitano in das Meer, das ſchon bis zur Bruſthöhe ſeines Pferdes ging. „Da kommen die Douaniers ſchon die letzten Abſätze der Anhöhe herab,“ ſchrie der Verdammte,„und Ihr wißt, daß jetzt ihre Kugeln treffen.“ Bei dieſen Worten zeigte er auf den verwundeten Paſcher. 40 „Mein Vater! betet für uns!“ riefen die Spanier, indem ſie ſich dem Mönche zu Füßen warfen. Der Mönch ſtürzte auch nieder auf die Knie und rief: „San Juan! San Juan! bete für uns!“ Sie ſchlugen ſich die Bruſt, und bei der Helligkeit, welche das Gewehrfeuer verbreitete, ſah man den Gitano zu Pferde ſie in ſeiner ganzen Höhe überragen. Die dunkle Geſtalt, deren Größe durch die Schatten der Nacht ſich verlängerte, erſchien auf dem blendend weißen Raume der Brandung. Mehrere Schüſſe fielen wieder; ein zweiter Paſcher ſank getroffen, und man hörte das Commandiren der Offiziere an der Küſte. Der Schrecken des Mönchs hatte den höchſten Gipfel er⸗ reicht; er ſchleppte ſich bis zum Ufer des Meeres und ſchrie hier, mit den Knien im Waſſer liegend, dem Gitano mit dem Aus⸗ drucke des tiefſten Entſetzens zu:„Rette mich! rette mich!“ Und der Mönch weinte. „Bei der Seele Deines Vaters, rette uns!“ „Wir wollen Dir Gold geben, Gold, daß Du Deine Tar⸗ tane damit ausfüllen kannſt!“ heulten die Paſcher. Sie flehten ihn mit gefalteten Händen an, während drei von ihnen in den letzten Zuckungen des Todes lagen.„ „Mein Gott! Mein Gott!“ ſchrie der Mönch und rang verzweifelt die Hände. „Gott iſt taub,“ rief der Gitano,„rufe den Satan an!“ und er lachte. „Zurück! zurück! Gottesläſterer,“ rief der Bruder, indem er voll Entſetzen aufſprang. Aber das Meer wuchs ſo ſehr, daß die Wogen ſich ſchon zu ihren Füßen brachen und ſie mit Schaum beſpritzten. „Rufet Satan an, und ich rette Euch! Hinter einem Felſen iſt ein Ausgang, der durch einen bewegbaren Stein ver⸗ deckt iſt; er wird Euch vor den Küſtenwächtern retten. Noch iſt es Zeit, denn jetzt verbirgt der Felsvorſprung Euch ihren Augen noch,“ rief der Gitano, der mit ſeinem Pferde ſchon ſchwamm. Die Contrebandirer prüften voll Verzweiflung jeden Stein, und der Mönch gab auf's neue mit verzerrtem Geſicht ſein Ent⸗ ſetzen zu erkennen, indem er an den Vorſchlag des Verfluchten dachte; dann aber ſchien er zu wanken. 41 Das iſt leicht begreiflich, denn obgleich man die Douaniers nicht ſah, ſo hörte man doch in dieſem Augenblicke das Klap⸗ pern ihrer Gewehre und das Knacken der Hähne, welche ſie ſpannten. „Nun wohl,“ ſagte der Mönch,„nun wohl, Satan rette uns! denn Du biſt Satan, Du mußt es ſein.“ „Ja, Satan, rette uns!“ riefen die Spanier mit dem Aus⸗ drucke unbeſchreiblichen Entſetzens. Und athemlos, die Augen ſtarr und funkelnd auf den Gi⸗ tano gerichtet, warteten ſie. Der Verdammte zuckte mit den Schultern, wendete den Kopf ſeines Pferdes nach der Tartane und erreichte dieſe ſchwim⸗ mend unter einem Kugelregen und unter dem alten mauriſchen Geſange des Hafiz: Schlinge, o reizendes Mädchen, Die Arme mir feſt um den Hals. Die Contrebandirer blieben vernichtet zurück. „Feuer! beim heiligen Jacob, Feuer! Schießt auf das Pferd und die weiße Feder, denn das iſt der Bandit ſelbſt!“ rief der Offizier, den man jetzt deutlich ſah, denn ſeine Leute ſtanden auf der letzten Windung, bildeten ein Peloton und unterhielten ein ununterbrochen gut gerichtetes Feuer auf den Reſt der Paſcher. Was von dieſen Kaufleuten ohne Patent übrig blieb, hatte, wie der Gitano zuvor geſagt, nur zwiſchen dem Feuer und dem Waſſer zu wählen. „Feuer! Feuer! auf dieſe Ungläubigen,“ rief der Offizier ſeinen Leuten zu; der Herr Biſchof hat Ablaß für die nächſten Faſten verſprochen, und ehe uns der Anführer entwiſcht, laßt uns den Reſt der Bande vernichten. „Aber, Capitain, ich ſehe einen Mönch.“ ſiut„Schändliche, gottloſe Verkleidung! Feuer auf den Apo⸗ aten!“ „Beim heiligen Pedro! Feuer! Es gilt Euch, mein ehr⸗ würdiger Vater!“ Der Mönch empfing den Schuß in die Bruſt und ſank nieder in die Knie. Es blieben nur noch Zwei übrig, Er und der Philoſoph. Die Andern waren entweder getödtet oder er⸗ trunken, indem ſie die Tartane ſchwimmend erreichen wollten, oder die wüthenden Wogen der Brandung hatten die Schwim⸗ menden fortgeriſſen.„Meine Kinder,“ ſchrie der Pater,„ich bin ein Mönch von San⸗Juan und von meinem Superior hier⸗ her geſchickt. Barmherzigkeit! im Namen Chriſti, Barmherzig⸗ keit! ich bitte Euch darum!“ Er klammerte ſich krampfhaft an die Spitze des Felſens. „Wenn ich etwas glauben ſollte,“ ſtammelte der Philoſoph, indem er eine zweite Wunde empfing,„ſo würde ich weder an Gott, noch an den Teufel glauben, denn ich habe es mit Bei⸗ den verſucht, und ich— ich—“ Seine Arme thaten ſich auseinanderz er ließ den Felsblock fahren, den er bisher umklammert hatte, verdrehte die Augen— und verſchwand in den Wogen. „Gnade! Gnade! Mein Gottl ich ertrinke!“ heulte der Mönch im Todeskampfe mit einer Woge. Er biß ſich feſt an den Felſen. Feuer!“ Drei Schüſſe fielen zugleich; das blaue Gewand des ehr⸗ würdigen Paters ſchwamm noch einen Augenblick auf den Wo⸗ gen und dann war nichts mehr zu ſehen. Nichts— weder Pferde, noch Menſchen, noch Mönch— Nichts als ſchäumende Wogen, die ſchon brauſend den erſten Abſatz des Fußweges hinanſtürmten. Der Gitano allein war entkommen. „Bei Chriſtus! ſeine Tartane muß an den Klippen zer⸗ „Wie?“ rief der Offizier;„der Gottloſe lebt noch? Feuer, ſchellen. Gott iſt gerecht, und da er aus dem Kanal gegen die Brandung ſteuert, iſt ſein Untergang gewiß.“ In der That lavirte der Unerſchrockne in dem engen Paſſe, den die Wuth der Wellen ganz ungangbar machen mußte. 45 Sechſtes Kapitel. Ach, dies Herz ſtieg lebend in das Grab, Und die Strenge des finſtern Kloſters Bewahrte mich vor ſtrafbarer Reue; Vergebens bade ich mich in bittern Thränen. Delphine Gah, Frau von la Valliere. Die Monja. Wahrlich, wär' ich eine Nonne, und hätte ich ein Kloſter zu wählen, ſo müßte es das der heiligen Magdalena ſein. Es iſt ein würdiges Kloſter, traurig und finſter, am Ufer des Meeres gelegen, 7 Stunden von Tarifa. Nördlich iſt der Ozean, der ſeine Mauern peitſcht; ſüdlich ſind die undurch⸗ dringlichen Lagunen, weſtlich himmelhohe Felſen; aber öſtlich— ach, öſtlich iſt eine ſchöne grüne Wieſe, durch die ſich ein Bach ſchlängelt, der tauſend Umwege macht, und in der Sonne glänzt wie ein ſilbernes Band. Die Veilchen und Waldreben ziehen ſich am Ufer hin, und hohe Palmen und blühende Mandel⸗ bäume beſchatten es. In der Mitte der Ebene liegt das nied⸗ liche Dorf Pelleta, mit ſeinem hohen, ſchlanken Glockenthurme, ſeinen weißen Häuſern, ſeinem Gebüſch von Myrthen und Jas⸗ min. Am Horizonte zeigen ſich die braunen Berge von Medina, deren Abhänge mit Eichen- und Olivenbäumen bedeckt ſind. Ich wiederhole es, wenn ich eine Nonne wäre, würde ich kein anderes Kloſter wählen, als das der heiligen Magdalena. Und erſt an den Feiertagen! Da tanzt man faſt unter ſeinen Mauern, und man wird mir zugeſtehen, daß eine arme Eingeſchloſſene ein Vergnügen daran finden muß, das berau⸗ ſchende Klappern der Caſtagnetten zu hören, die unter den ge⸗ läufigen Fingern der Andaluſier ertönen, die ruhigen Bewegun⸗ gen des Bolero zu hören, den Majo zu ſehen, der ſeine Maja verfolgt, die ihn flieht und vermeidet, die ſich dann ihm wieder nähert und ihm ihre Schärpe zuwirft, die er innig küßt, um die er einen Arm windet, während er mit dem andern die Elfenbein⸗ caſtagnetten rührt. Rührt, rührt eure Caſtagnetten, ihr jungen Burſchen, denn die Cachucha tritt an die Stelle des Bolero. Die Cachucha! Ein wahrer andaluſiſcher Tanz, ein Tanz, laͤrmend und belebt, leicht und lieblich. So ſchlinge den liebenden Arm um den Leib Dei⸗ ner Geliebten; zieh' ſie fort, ſchnell und behend bei dem Klange der Inſtrumente. Sieh, ihr Buſen pocht, ihr Auge funkelt, der Wind hebt ihr dichtes, ſchwarzes, mit Blumen durchwundenes Haar.— Ja, flüſtere ihr in das Ohr: Geliebte, wie glücklich wird es mich machen, heut Abend an Deiner Seite den Duft der Mandelblüthen einzuſaugen!— Lebhafter entringt ſie ſich Dir, aber Dein Arm hat ſie ſo ſtark umfaßt, daß Du ihr Herz unter der Mantilla pochen hören könnteſt. Geh, fürchte nichts, gutes Mädchen; Deine Mutter hat nichts gehört, und dieſen Abend nach dem Gebete, wenn der alte Großvater Dir die Stirn geküßt hat, wirſt Du zitternd und unruhig über den grünen Raſen dahinſchweben, zwanzig⸗ mal ſtillſtehen, und kaum athmen können. Mit klopfendem Buſen wirſt Du Dich niederſetzen am Fuße des blühenden Mandelbaumes, deſſen Blätter den ſanften Schein des Mondes wiederſpiegeln. Dort werden plötzlich zwei kräftige Arme Dich umſchlingen, und, heiliger Gott, welcher Muth, Du braves Mädchen fürchteſt Dich nicht! Aber leiſer tönt der Klang der Caſtagnetten. Die Sonne geht unter, die Cachucha iſt beendet, die jun⸗ gen Mädchen kehren zu ihren Dörfern zurück, lachen und ſingen und legen die feuchten Haare hinter dem Ohr in ſorgfältige Ringeln. Sagt Ihr jetzt nicht gleich mir, daß es ein würdiges Klo⸗ ſter iſt das Kloſter der heiligen Magdalena? Denn ſtellt Euch nur dort ein armes junges Mädchen vor, das eingeſchloſſen iſt mit ihren ſchwarzen Augen, ihrem jungen ſpaniſchen Herzen, das unter dem Scapuliere ſchlägt! Zuerſt am Morgen ein lan⸗ ges Gebet in der finſtern, eiskalten Kirche; dann die Vesper, dann die Meſſe, dann das Angelus, dann das Schlußgebet und was weiß ich noch Alles. Zur Zerſtreuung zwei Stunden Spaziergang in dem alten Kloſtergarten. Ihr kennt doch einen Kloſtergarten? Große, ſchwarze, ſchweigende Eichen; ſparſamer Raſen, eingefaßt mit Burbaum; ſengende Sonnenſtrahlen; das iſt Alles! Ihr müßt daher eingeſtehen, daß, wenn man an einem Feſttage einen Augenblick der Kirche entſchlüpfen konnte, um in ſeine Zelle zu gehen, das Herz freudig ſchlägt. Man tritt ein, ſchließt ſorgfältig die Thür hinter ſich und iſt zu Haus. Zu Haus! Begreift Ihr das Wort? Vier nackte Mauern, aber ſie ſind weiß; ein Crueifir von Ebenholz hängt 45 uͤber einem Tiſche von Nußbaumholz, aber es iſt mit Blumen geſchmückt; ein Fenſter mit Eiſengittern, aber es hat die Aus⸗ ſicht auf die grüne Wieſe; ein ſchmales, hartes Lager, aber man träumt darauf.— Offen geſtanden, würdet Ihr mit Euern Mädchen⸗Erfahrungen das Schickſal der Camera Major der Königin aller Spanier beneiden. Und doch war ein junges Mädchen hier allein; das Cru⸗ zifir, der kleine Tiſch, das Fenſter, das Lager, der Blumenge⸗ ruch, nichts fehlt, und doch ſah ſie weder auf die Wieſe, noch auf den Tanz, noch auf die untergehende Sonne. Ihre Stirn war in die Hände geſenkt, und Thränen perl⸗ ten zwiſchen den Fingern hindurch. Endlich erhob ſie den Kopf: es war die Monja, welche dem Stiergeſechte beiwohnte. Sie funkelte nicht mehr in Seide und Edelſteinen, wie an jenem Tage, wo ſie der Welt Lebewohl ſagte. Nein, ein hä⸗ renes Gewand umſchloß ihren ſchlanken Wuchs, eng anliegend wie ein Leichentuch; ihre üppigen ſchwarzen Haare waren ab⸗ geſchnitten, und verbargen ſich hinter einer Leinwandbinde, welche ſich über ihre offne Stirn hinzog, und auf beiden Seiten über die Wangen herabfiel. Aber wie blaß war ſie! O, mein Gott! Ihre blauen Augen, ſo ſanft und ſo rein, waren von einem leichten ſchwarzen Rande umgeben, und hellblaue Adern wanden ſich durch die roſige Haut. „Mein Gott! Verzeihung! Verzeihung!“ ſagte ſie, indem ſie auf die Knie niederſank. Bald darauf erhob ſie ſich wieder mit purpurrothen Wan⸗ gen und entfärbten Lippen. Flieh! gefährliche Erinnerung“ rief ſie aus, indem ſie zum Fenſter ſtürzte.„Ach! Luft! Luft! ich verbrenne. Ach! ich will die Sonne ſehen, und die Bäume und die Berge, und das Feſt und die Tänze! Ja ich will das Feſt ſehen, ich will mich durch das lärmende Schauſpiel zer⸗ ſtreuen. Glücklich ſind ſie. Bravo! junges Mädchen; welche Leichtigkeit! welche Anmuth! wie liebe ich die Farbe Deiner Pasquine! Wie ſchön nimmt ſich die Blume in Deinem blon⸗ den Haar aus! Ach, Du näherſt Dich Deinem Tänzerz er iſt ſchön und ſeine Augen heften ſich auf Dich. Er hatte auch einen ſanften Blick, aber—“ Sie verbarg den Kopf in die Hände und ſchwieg, denn ihr Herz klopfte ſo heftig, daß es die Buſt zu zerſprengen ſchien. Dann ſprach ſie wieder haſtig, als wollte ſie einer drücken⸗ den Erinnerung entfliehen: „Wie die Sonne glänzend untergeht! Jeſus! wie ſchöne Wolken mit Purpurſaum! Wie ihre Geſtalt ſchroff und wechſelnd iſt! Eben noch war es ein ſchlanker mauriſcher Thurm, jetzt iſt es eine kleine feurige Kugel, aber wieder wechſeln die Umriſſe und zeigen ſich beſtimmter. Santa Carmen! man möchte be⸗ haupten, es ſei ein menſchliches Geſicht. Ja— die hohe Stirn— und— dieſer Mund— ach nein— doch— Jeſus — die Wolke gleicht ihm!“ Athemlos, auf den Knien liegend, die Hände gefaltet, in einer Art von Extaſe lag ſie vor dem phantaſtiſchen Bilde, das ſich in Dunſt hüllte, allmälig verſchwand, und dann ganz er⸗ loſch. Als ſie nichts mehr ſah, wie einen flammenden Hori⸗ zont, ſprang ſie heftig empor, und ſchwang ſich von ihrem Lager. „Er— Er— immer Er— Er überall!“ rief ſie mit dem Ausdrucke der Verzweiflung.„Entſetzen! wenn ich mich vor Deinem heiligen Bilde, o Chriſtus, niederwerfe, dann verwi⸗ ſchen ſich Deine göttlichen Züge— und Er iſt es, den ich ſehe! Ex iſt es, den ich anbete! „Wenn ich ſtumm und verwirrt der Superiorin zuhören will, wenn ſie eine heilige Geſchichte vorlieſt, ach! dann ver⸗ ändert ſich ihre Stimme, und Er iſt es, den ich höre, denn der harmoniſche Klang ſeiner Worte tönt ſtets in meinem Herzen. „Entſetzen! Wenn ich mich reuig vor Gott niederwerfe, dann iſt Er es wieder— denn meine Liebe iſt das einzige Ver⸗ brechen, deſſen ich mich anklagen kann.“— Sie weinte. „Ein Verbrechen? Iſt es wohl ein Verbrechen? Ach, meine Mutter, wenn Du nicht todt wäreſt, ſo müßteſt Du jetzt bei mir ſein; ich legte meinen Kopf auf Deine Knie, Du ſpielteſt mit Deiner Hand in meinen noch langen gelockten Haaren, und Du würdeſt mir ſagen, ob es ein Verbrechen iſt, denn ich geſtände Dir Alles. „Siehſt Du, meine Mutter, man hatte mich verſichert, daß ich im Kloſter glücklich ſein würde, daß ich aber dazu die Welt verlaſſen müßte; ich ſagte ja, denn damals wußte ich noch nicht, daß eines Tages die Welt— Er ſein würde. Und dann hat man mich ſchön gemacht, hat mich wie eine Heilige geſchmückt, hat mich zu einem Feſte geführt,⸗wo ein Stier zwei Chriſten tödtete, wie man mir ſagte, denn ich verbarg mein Geſicht wäh⸗ 47 rend des ganzen entſetzlichen Schauſpiels an dem Buſen der Superiorin. „Plötzlich ertönte ein Schrei der Ueberraſchung, ein Schrei des Staunens, und ich erhob meinen Kopf. Es war— es war Er, ja, er richtete auf mich einen Blick— der mich noch tödten wird. Er ſagte mir das erſte Mal— ach! ich höre es noch immer: Für Euch, Sennora, und für Euere ſchönen Augen, blau wie der Azur des Himmels. Dann flog er ſchnell davon— und ich bebte unwillkührlich. „Zum zweiten Male ſagte er mir mit derſelben Stimme, mit demſelben Blicke, indem er mir zulächelte, und mich mit ſei⸗ ner rechten Hand grüßte: Wieder für Euch, Sennora, und zu Ehren Eures Mundes, roth wie die Perlen von Jervan. „Und mit Unerſchrockenheit wartete er dann des Ungeheuers, deſſen Hörner mit Blut gefärbt waren, und erlegte es vor mei⸗ nen Augen. Ich ſtreckte von Entſetzen ergriffen die Hände aus, ſo ſehr fürchtete ich für ihn, denn es ſchien mir, wenn er verwundet würde, ſo müßte ich an ſeiner Wunde ſterben. Da ergriff er meine Hand, ach, wider meinen Willen, meine gute Mutter — und er küßte ſie gar— ſieh— ſeine Lippen haben die Stelle geröthet.“ Ihre ermüdeten Augen ſchloſſen ſich, ſie lehnte ſich in ihre Kiſſen, und fuhr mit leiſer Stimme ununterbrochen fort: „Vielleicht würdeſt Du mir ſagen, meine Mutter, meine Roſita, Du liebſt ihn wohl ſehr? Nun ihr ſollt verlobt werden, und Gott wird Euch ſegnen— Ach ja— verlobt— das iſt mein Bräutigam; wie ſchön er iſt!— Blumen— überall Blu⸗ men— Da kommen meine Gefährtinnen mit ihren langen wei⸗ ßen Schleiern— der erſte Ton der Orgel— und die Menge wiederholt, gleich mir— wie ſchön er iſt!— Ach! da iſt der alte Mönch, ſeine Hand zittert, indem er uns einſegnet. Er iſt mein!— Mein Gatte!— Mein Gatte!— Ach, meine Mut⸗ ter, bleib!— Du verläßt mich?— Dein Gatte iſt bei Dir, mein Engel!— Meine Mutter, meine gute Mutter!———“ Glückliches Mädchen! ſie ſchlief.— Iſt es nicht ein herr⸗ liches Kloſter, das Kloſter der heiligen Magdalena? Siebentes Kapitel. Der Tod! Don Quixote. Der Levante. Der Levante iſt ein Oſtwind, und wenn er weht, erbleichen die erfahrenſten Seeleute. Es iſt nicht einer jener unſchuldigen Lufthauche, welche die Wellen berghoch heben; das Meer ſtürmt nur ſehr wenig, denn die Gewalt des Levante iſt ſo groß, daß er die Wellen niederdrückt, und ſie durch die Macht des Druckes, welchen die Luftſäule auf den Spiegel des Waſſers ausübt, ni⸗ vellirt. Aber der Steuermann muß auch wohl Acht geben, daß das Schiff nicht wirbelnd in den Abgrund geriſſen werde. Dann glänzt die Sonne wieder, der Himmel iſt ſchön, von herrlichem Blau mit roſenrothen Wolken geſchmückt, die den reizendſten Eindruck machen. Fahrzeuge von höherer Bauart, wie Schiffe, Fregatten und Corvetten, haben, ſelbſt wenn ſie mit Klugheit manövriren, im⸗ mer von dem Winde zu fürchten; Goeletten, Tartanen und Slops aber haben die größte Wahrſcheinlichkeit des Untergan⸗ ges, wegen ihrer Fläche, da dieſe Fahrzeuge wie Enten ſind. Wenn die Gefahr während des Tages groß iſt, ſo wird ſie des Nachts ungeheuer, beſonders wenn ſie in der Nähe von Küſten die unſicher, und mit 4—5 Knoten Länge durchſchnit⸗ ten ſind. Es war aber Nacht, und der Levante, der auf der Küſte von Velda wehete, die mit Felſen bedeckt iſt, war etwas heftiger als jener denkwürdige im Jahr 1797, der alle Schiffe auf der Rhede von Cadir vernichtete. Man weiß, daß alle mit Gut und Mannſchaft untergingen. Es war einer jener ſchönen Windſtöße, während welcher die Matroſen fromm ſind, und an Gott glauben. Die Sterne blitzten, und indem die Wogen ſich brachen, funkelten ſie ſo viel Phosphor, daß die weite ſchwarze Fläche durch tauſend bläuliche Flammen beleuchtet wurde. Es wäre ein ſchönes Schauſpiel geweſen, wenn der Levante nicht war, der ſtärker wüthete, als der Donner.. 49 Die beiden Küſtenwächter, welche die falſche Tartane des Gitano gejagt hatten, ſchwebten über dem gähnenden Abgrunde. Sie hatten die Segel gerefft, und entflohen, das Fockſegel vor dem Winde; das Steuerruder war geſorrt, und die ganze Mannſchaft im Zwiſchendeck beſorgt, ihr Gewiſſen in Ordnung zu bringen. Da ſie keinen Prieſter am Bord hatten, nahmen ſie ſich unter einander ſelbſt Beichte ab. Die Beichte iſt an und für ſich etwas Bewundernswerthes. Auf dem Lande z. B., in einer Dorfktirche, durch deren Fenſter ein heiterer Sonnenſtrahl fällt, wenn Ihr Euch zu einer langen Reiſe vorbereitet, und die alte Großmutter auf den Knien lie⸗ gend, in Thränen aufgelöſt, der Madonna für Euch eine ge⸗ weihte Kerze anzündet, ja dann iſt die Beichte in den Ohren eines frommen Prieſters mit weißen Haaren etwas Erhebendes, beſonders wenn er dann aus dem Beichtſtuhle tritt, ſeinen zit⸗ ternden Arm auf den Eurigen ſtützt und ſagt: „Mein Sohn, laß uns dort zum Ufer des Baches gehen, wo meine Heerde weidet, und dabei wollen wir dem armen Jo⸗ hann, dem Proteſtanten, eine gute Flaſche Wein bringen.“ So, ja, ſo verſtehe ich die Beichte; aber am Bord eines Schiffes, bei einem Sturme— wenn man nur durch die Kraft der Arme dem Tode entrinnen kann; wenn die Wogen mit Wuth gegen das Fahrzeug peitſchen; wenn Ihr mit jeder Mi⸗ nute ein Stück des Takelwerks verſchwinden ſeht; wenn die Maſten ſich beugen und krachen; wenn eine Welle ſich wüthend auf dem Decke bricht und Menſchen und Waaren mit ſich fort⸗ reißt, dann, dächte ich, wäre die Beichte nicht an ihrer Stelle. Man hatte alſo das Steuer am Bord der beiden Lugger geſorrt(feſtgebunden), ſo daß die beiden Schiffe in der Nähe, von einander fortgetrieben, nur der Gnade Gottes überlaſſen blieben, denn Niemand, Niemand war auf dem Deck geblieben. In Bezug auf die Taktik war es aber ſehr bös, denn der Lug⸗ ger,„das Reliquienkäſtchen des heiligen Joſeph“ ſegelte, in Folge des Winkels, den das Steuer mit dem Kiel machte, ſchneller als ſein Genoſſe,„der Segen unſerer lieben Frau von den ſieben Schmerzen,“ ſo daß er gerade auf dieſen letztern zu⸗ ſchoß und mit deſſen Hintertheil zuſammentraf. Da dieſes nun bei einem Fahrzeug ſchwächer iſt als das Vordertheil, ſo ge⸗ ſchah es, daß der„Segen unſerer lieben Frau von den ſieben Schmerzen“ das Bugſpriet des„Reliquienkäſtchens des heiligen Die Cucaracha. IV. 4 Joſeph“ in ſein Couronnement bekam, wodurch dieſes einge⸗ drückt wurde und das Waſſer freien Zutritt erhielt, der Lugger aber mit ſeinen Beichtenden und Beichte Hörenden in den Ab⸗ grund ſank. Man ſieht wohl, die Beichte taugt nichts in einem ſolchen Augenblicke. Aber der Lugger verſank nicht augenblicklich. Das„Re⸗ liquienkäſtchen des heiligen Joſeph“ fühlte an dem entſetzlichen Stoße, daß außerhalb etwas Ungewöhnliches vorgegangen ſein müſſe, und ſchickte einen Schiffsjungen, der eben erſt bei ſeiner 63ſten Sünde ſtand, hinauf, um zu ſehen, was geſchehen ſei. Als er auf das Deck kam, ſäh er das Bugſpriet faſt ganz zer⸗ ſchmettert, und einen Flintenſchluß weit den andern Lugger, deſſen Hintertheil eingeſtoßen war, und deſſen Schnabel ſich nur noch über die Wogen erhob; hierher hatte ſich geflüchtet, was von der Equipage übrig war. Der Capitain des ſinkenden Fahrzeuges hielt die Hände vor dem Munde zuſammen, und redete in dieſer improviſirten Sprache eines Sprachrohrs mit dem Schiffsjungen, der ſich ebenfalls mit ſeiner Hand eine Art von Sprachrohr bildete. Unglücklicherweiſe war aber der„Segen unſerer lieben Frau von den ſieben Schmerzen“ unter dem Winde, und der Schiffs⸗ junge hörte nichts. Da man ihm jedoch befohlen hatte, zu ſehen, kauerte er ſich neben dem Hühnerkorbe nieder und ſah. Einige der Schiffbrüchigen warfen ſich in das Meer; aber, beim heiligen Petrus! ſie mußten gegen Wind, Wellen und Strömung ſchwimmen, um zu dem Lugger zu gelangen.— Es ging nicht!— Sie ertranken daher, die Unklugen, nachdem ſie durch den Schaum der Wogen, die ihnen das Geſicht blutig peitſchten, geblendet waren. Der Schiffsjunge ſah das Alles, und gab ſich die mög⸗ lichſte Mühe, von dem Todeskampfe, dem Zähneknirſchen der Untergehenden, nichts zu verlieren, damit ſein Rapport rechte Kraft habe. Doch er betete zu Gott für die Sterbenden, der gute Junge. Bald ſank das Vordertheil des Luggers tiefer, und Die, welche ſich noch erhalten hatten, ſtiegen auf den Fockmaſt, der ſich allein noch über das Meer erhob, und an dem Kopf an Koypf ſich reihte. Dieſer Balken, mit Menſchen überladen, blieb nicht zehn ¹ 51 Minuten über Waſſer; doch welch ein Drama zeigte ſich, ehe er verſank! Endlich blieben nur noch zwei auf dem Maſte übrig, zwei Brüder, fromme, rechtlichdenkende Menſchen. Aber Lebens⸗ inſtinkt ſiegte über die Bruderliebe. Als ſie noch klein waren, ach, wie liebten ſie ſich da! Die ſchönſten Früchte boten ſie ſich gegenſeitig an, und für einen begangenen Fehler fand die Mutter immer zwei Schuldige. Später beteten ſie daſſelbe Weib an, und tödteten es, damit es Keinem angehöre.— Sie waren Spanier, und man muß ſie entſchuldigen.— Für dies Verbrechen wurden ſie fünf Jahre auf die Galeere geſchickt; der Aelteſte entſprang; da er aber die Flucht ſeines Bruders nicht bewirken konnte, kehrte er zurück, die Hände den Feſſeln und dem Stocke den Rücken darzubieten, da er ohne den theueren Bruder nicht leben mochte. Es waren zwei brave, tapfere Gefährten, wie es je deren gab; aber dem Tode gegenüber tritt der Egoismus hervor. Der Maſt erhob ſich nur noch ſechs Fuß über das Waſſerz für Den auf der Spitze war dieſe Höhe dem gewaltigſten Berge gleich, denn in ſolchen entſcheidenden Augenblicken iſt eine Mi⸗ nute ein Jahr, ein Zoll eine Meile. Der älteſte Bruder, welcher aber hier den unterſten Platz hatte, fühlte ſchon die Näſſe des Meeres ſich wie einen eiſigen Kranz um ſeinen Leib legen, machte eine heftige Bewegung und klammerte ſich feſt an die Knie ſeines Nachgebornen. Dieſer umfaßte den Maſt mit der krampfhafteſten Gewalt der Todeszuckungen, und trachtete, den Fuß auf die Bruſt des Bruders zu ſetzen, um ihn ins Waſſer zu drücken. Verzweif⸗ lung! Es war nicht möglich. Er umſchloß ihm die Knie wie mit einem Schraubſtocke. Die beiden Köpfe, welche oft ſich zärtlich anlächelten, wenn ſie ſich umarmten, verfolgten ſich jetzt mit wüthendem Blicke, tödteten ſich mit den Augen. Endlich ließ Der, welcher die Spitze des Maſtes umfaßte, dieſe einen Augenblick los. Der Andere bemerkte dieſe Bewegung und ſchwang ſich hinauf; das hatte der Jüngere erwartet. Er ſchlang ihm beide Arme um den Hals, doch nicht innig wie ſonſt, wenn er zu ihm ſagte:„Guten Tag, lieber Bruder!“ ſondern mit Raſerei. Er erwürgte ihn, indem er mit einem am Maſte noch hängen⸗ ⸗ 52 den Taue ſeinen Hals umſchlang. Vergebliches Streben! der Gedanke allein wurde in dem Körper erſtickt, denn die Arme des Leichnams umklammerten noch eben ſo feſt die Knie des Brudermörders, als beide zuſammen verſchwanden. Als der Schiffsjunge nichts mehr ſah, rieb er ſich die Au⸗ gen, blickte noch einmal hin, und ſtieg dann hinab, ſeinen Rap⸗ port zu machen, der ſehr überraſchte. Man brach die Beichte ganz kurz ab, mit dem Verſprechen, zu derſelben zurückzukehren, und die Quartierwache des Backbord ſtieg auf Befehl des Ca⸗ pitains aufs Deck. Der Wind wehte etwas weniger heftig und die Nacht war hell; man ſtellte einen guten Matroſen in den Maſtkorb und ſetzte die Fahrt nach Weſten fort. Sie ließen einige Zeit in dieſer Richtung ſchießen, als der Matroſe der vordern Quartierwacht rief:„Segel, Steuerbord!“ Man zündete die Fanale an, und erblickte die Tartane ganz enttakelt, die Tartane, die ſie ſeit dem Morgen verfolg⸗ ten, die Tartane, welche die allererſte Urſache alles ihres Un⸗ glücks war. Endlich ſchrie der Capitain:„Die heilige Jungfrau ſei uns gnädig! Gott iſt gerecht. Du ſollſt den Tod unſerer Brüder bezahlen, Verfluchte!“ Ungeachtet des ungeſtümen Windes trachtete er, auf die Seite zu legen. Achtes Kapitel. Aus Furcht?— Nein Herr! Calderon. Das Reliq uienkäſtchen des heiligen Joſeph. „Jago! Jago!“ ſchrie der Capitain vom Reliquienkäſt⸗ chen des heiligen Joſeph.„Jago, mein zweites Ich! Laß die Kanoniere an die Geſchütze treten!“ „Capitain— ich“— „Du zitterſt, glaube ich gar?“ „Nein, Capitain; aber der Levante iſt mir auf die Nerven gefallen.“ 1 55 „Beim Chriſtus, das iſt ſchön. Was ſollte man wohl ſagen, wenn man den Lieutenant des Schiffes, das ich kom⸗ mandire, zittern ſähe wie eine Seemöve beim Sturme! Vor⸗ wärts, Kanoniere, an Eure Geſchütze! und Ihr Andern hißt die Segel, nehmt der Tartane, die Satan verderben möge, den Wind. Wenn wir an ihrem Hintertheil vorüberſegeln, wollen wir ihr eine Lage geben. Gott ſteh uns bei, der Levante nimmt ab! Bei der Jungfrau! es wird ein ſchönes Feſt für das Volk von Cadir ſein, wenn Du gefeſſelt an Händen und Füßen mit den Dämonen durch die Straßen geſchleppt wirſt. Verfluchter Hund!“ ſagte der ehrliche Maſſareo, mit der geballten Fauſt nach der Tartane drohend; die ſchweigend von den Wogen ge⸗ ſchaukelt wurde. „In, ja,“ fuhr Maſſareo fort,„beim heiligen Joſeph! das iſt eine Kriegsliſt. Du regſt Dich nicht, damit ich mich bis auf die Länge Deiner Enterhaken Dir nähere; dann würdeſt Du auf meinen armen Lugger ein Schwefelende werfen, und ihn bis auf die Rippen verbrennen, oder mir irgend einen an⸗ dern Teufelspoſſen ſpielen; aber die heilige Jungfrau beſchützt den armen Maſſarev. Mehr als einmal hat er reiche Gallio⸗ nen Merikos den Klauen der Engländer entriſſen, und Die wuß⸗ ten ſie doch lang genug zu machen, die Ketzer!“— Dann wendete er ſich zum Steuermann und ſagte:„Du, halte vor den Wind, lvof, loof, Du Dummkopf, und denke daran, nach dem Winde zu ſegeln!“ Der Levante nahm merklich ab, und man ſah an den Wol⸗ ken, die ſchnell am Horizont hinfuhren, ſowie an dem Schaum der Wellen, daß er ſich nach Süden wendete. Die Sterne ver⸗ hüllten ſich, und die Nacht, bis jetzt hell, wurde dunkel. Die Tartane verſank in die Finſterniß; nur am Hintertheil glänzte ein heller Punkt in der Nähe der Kajüte, aber kein Menſch erſchien am Bord und Niemand auf dem Deck. Der Capitain des Lugger hatte glücklich ſein Manöver beendigt, und ließ nun bis auf Piſtolenſchußweite auf die Tar⸗ tane ſchießen. Hier rief er wieder ſeinen Lieutenant Jago; aber dieſer, welcher glaubte, daß es darauf ankomme, Feuer! zu kommandiren, verſchwand mit der Schnelligkeit eines Blitzes. „Jago!“ rief er wieder,„Jago!“ „Herr Capitain,“ rief eine Stimme,„er iſt im Raume, um, wie er ſagt, auf Euren Befehl das Pulver auszugeben.“ „Der Elende! Beim heiligen Jacob! bringt ihn todt oder lebendig auf das Deck! Und Du, Alvarez, gieb mir ein Schlacht⸗ ſprachrohr!“ Der brave Maſſareo legte nun auf das ſtumme Fahrzeug die ungeheure Oeffnung des Inſtrumentes an, und rief: „Hohö! Tartane, Hohö!“ Dann ſenkte er das Sprachrohr und hielt die Hand an das Ohr, um keinen Laut zu verlieren. „Nichts; tiefes Schweigen!“ „He?“ ſagte er zum Quartiermeiſter, der neben ihm ſtand. „Ich habe nichts gehört, mein Capitain, außer eine Art von Geſtöhn; aber beim Himmel, traut dem nicht; ſprecht lieber mit guten Kanonenſchüſſen. Die Sprache verſtehen ſie, beim heiligen Petrus! denn unſer braver Admiral Galledo, den Gott unter ſeinen rechten Arm nehmen möge, meinte immer: das wäre die Univerſalſprache.“ „Still, Alvarez, ſtill! Schweig, alte Plaudertaſche! Es war mir, als bewegte ſich auf dem Deck etwas.—“ Und von neuem ſetzte er das Sprachrohr an und rief:„ „Hohö, Tartane, Hohö! ſchickt ein Boot an Bord oder Ihr werdet in den Grund gebohrt— wie verfluchte Hunde, die Ihr ſeid!“ ſagte Alvarez. „Wirſt Du ſchweigen? Sie können geſprochen haben, und Deine dumme Zunge, die eben ſo ſchnell geht wie ein Ka⸗ beltau, hat mich gehindert, etwas zu hören,“ ſagte der Caiti ärgerlich, und rief dann wieder, zum dritten Male:„Hohö, Tartane!— Antwort, oder ich gebe Feuer!“ Diesmal hörte man ganz deutlich ein tiefes Geſtöhn, wel⸗ ches nichts Menſchliches hatte und den Capitain Maſſareo er⸗ bleichen machte. „Capitain, wenn Ihr mir glauben wollt,“ ſagte Alvarez, indem er ſich bekreuzte,„ſo ſchicken wir ihm eine Lage und gehen unter Wind, denn ich ſehe das St. Elmsfeuer, und bei der hei⸗ ligen Jungfrau, es iſt nicht gut ſein hier.“ „Das iſt zu arg,“ ſchrie Maſſareo;„heiliger Petrus, bitte für uns! Drauf! in Gottes Namen, Kanoniere, an Eure Ge⸗ ſchütze! Fertig! macht das Zeichen des Kreuzes! jetzt Feuer, Steuerbord!“ Die Salve geſchah, und ihr Schein erleuchtete auf einen Augenblick die Tartane, welche einen dunkeln Schatten auf das — 55 Waſſer warf. Als der weißliche Rauch des Pulvers verflogen war, ſah man das Fahrzeug noch immer ſchweigend, ſchwarz, mit einem hellen Punkt am Hintertheil, der von Zeit zu Zeit von einem vorübergehenden Schatten verdunkelt wurde. „Nun, Alvarez!“ ſagte Maſſareo, welcher die Halsſtarrig⸗ keit des beſchloſſenen Fahrzeuges nicht begriff. „Capitain, alle Kugeln ſitzen im vollen Holz, und der Verfluchte rührt ſich nicht. Es iſt aber Mannſchaft am Bord, darauf möchte ich bei meinem Roſenkranze ſchwören.“ „Der Fall iſt ganz eigen,“ ſagte Maſſareo voll Beſorgniß. „Ich will ihr noch eine Lage geben, und dann wollen ich, Du, Perez und die Memme Jago, der doch im Rathe gut iſt, über das, was weiter zu thun ſein möchte, berathſchlagen.“ Man ging unter Wind, Jago herauf, die vier Mitglieder des Rathes verſammelten ſich und die Diskuſſion wurde eröffnet. 6 war kein Plan entworfen worden, als der kluge Jago ausrief: „Mit dem Schutze unſerer lieben Frau will ich thun, was ich Euch jetzt ſagen werde. Ich bewaffne eine Schaluppe, nähere mich der verfluchten Tartane und bemächtige mich ihrer durch Enterung!— He, Gevattern, was ſagt Ihr dazu?“ Die Gevattern hatten zwar ſchon an das Mittel gedacht, das einzige, welches man anwenden konnte; allein ſie hatten ſich enthalten, den Rath zu ertheilen, da ſie wußten, daß Der, welcher denſelben ertheilte, auch mit der Ausführung beauftragt werden müßte. Die unbegreifliche Kühnheit Jago's zog ſie aus der Verlegenheit), und einſtimmig brachen ſie in das Lob dieſes herrlichen Planes aus, woraus der Angeber ſah, aber zu ſpät, in welche gefährliche Lage er ſich verſetzt hatte. Himmel hat Euch begeiſtert; ihm müßt Ihr danken, „Bruder Jago, wie glücklich Du biſt!“ ſagte Alvarez, in⸗ dem er ihn freundſchaftlich auf die Schulter klopfte.„Beim Chriſtus, das iſt eine ſchöne Gelegenheit für Dich zum Avance⸗ ment! Weshalb bin ich nicht an Deiner Stelle? Welchen Ruhm wirſt Du durch die Ausführung Deines kühnen Vor⸗ habens erndten. Den Verfluchten entern! Man wird Dein Bild in den Straßen von Cadir verkaufen, und Dich auf dem Platze St. Antonio beſingen. Glücklicher Sterblicher!“ Dabei ſchritt er ſingend die Treppe nach dem Raume hinab. „Aber,“ ſchrie der unglückliche Jago zitternd,„ich habe ja nicht geſagt, daß ich—“ „Beſſer iſt es, mein Sohn,“ ſagte ernſt der Kanonier Pe⸗ rez,„wenn Ihr den Verfluchten am Steuerbord angreift; Back⸗ bord bringt Unglück, und wahrſcheinlich wird es ſo kommen: Ihr nähert Euch bis auf Booteslänge, dann ſchießt man auf Euch, und das iſt gut, Gevatter; Ihr legt an; man wirft von der Tartane Traubenkugeln herunter und bohrt Euer Boot in den Grund; das iſt gut, Gevatter.— Mit der Behendigkeit, die Ihr und Eure Leute beſitzen müßt, ſucht Ihr Euch dann an den Kanonenluken mit den Händen anzuklammern. Das iſt ganz gut, Gevatter.— Aber nun kömmt's freilich, bei allen Heiligen des Paradieſes, bös! Während Ihr ſo am Unterbord hängt, wird plötzlich ein Fach demaskirt, und Ihr ſeht Euch, Naſe gegen Naſe, einem Dutzend Muskedonnern gegenüber, die mit Nägeln und gehackten Kugeln geladen ſind, ein helles Feuer auf Euch geben und wenigſtens Dreiviertel Eurer Leute tödten.— Die, welche bleiben, klettern dann wie wilde Katzen, den Dolch zwiſchen den Zähnen und die Piſtole in der Fauſt, vollends hinan; man ſchlägt ſich Mann gegen Mann, man tödtet und wird getödtet, aber das hat doch Ruhm, und das gilt!— Bei den Schmerzen unſter lieben Frau, warum bin ich nicht an Eurer Stelle! ja, weshalb bin ich nicht an Eurer Stelle, mein Sohn!“ wiederholte er mit einem tiefen Seufzer, verſchwand aber nichtsdeſtoweniger in dem engen Raume. „Aber bei der heiligen Jungfrau,“ ſchrie Jago, der zwanzig⸗ mal verſucht hatte, den Kanonier Perez zu unterbrechen,„bei der Dornenkrone unſeres Heilandes, wenn ich auch den Rath gab, ſo geſchah es doch nicht, um ihn ſelbſt auszuführen, und da Ihr Euch an meine Stelle wünſchet—“ „Nein, Jago,“ ſagte der brave Maſſareo,„das wäre eine Ungerechtigkeit; die Unternehmung gehört Euch, und Ihr ſollt ſie haben. Ihr ſollt ſie haben, Jago.“ „Das heißt die Beſcheidenheit zu weit treiben. Ihr habt geſäet, und es iſt billig, daß Ihr auch erndtet. Ohne Zweifel habt Ihr viel Muth, Kaltblütigkeit und Geſchicklichkeit nöthig um dies Vorhaben zur Ausführung zu bringen, aber mit Gott und Euerm Schutzheiligen Jago werdet Ihr Euch mit Ehren aus der Sache ziehen; wo nicht ſo ſterbet Ihr den Tod der Tapfern, und das iſt auch nicht Jedem beſchieden. Geht, mein itiitieciaäih 57 Sohn, haltet Euch tapfer, Gott und der Capitain haben die Augen auf Euch gerichtet.“ „Aber bei allen Heiligen der Kapellen der Kathedrale zu Cadir,“ ſchrie Jago bleich vor Furcht und Zorn,„ich will auf der Stelle—“ „Ich kann einen ſolchen Eifer nur loben und gebe ſogleich Befehl zur Kriegsbewaffnung der Schaluppe. Nichts ſoll Euch fehlen, Dolche, Haken, Enterhaken, gehackte und ungehackte Kugeln, Kartätſchen c. Seid ruhig, mein Sohn, ich wache über Euch mit der Sorgfalt eines Vaters. Mäßigt Euer Feuer und denkt wie ein Spanier an Gott, an den König und an Eure Geliebte, wenn Ihr eine habt. Denkt, wie groß ihre Freude ſein wird, wenn ſie Euch zurückkommen ſieht, bedeckt mit ſchweren Wunden, und die Menge ſchreit:„Er iſt es, der Sie⸗ ger des Gitano, der tapfere Jago!“ „Ach, mein Sohn, wenn mein Poſten mich nicht verpflich⸗ tete, am Bord zu bleiben, ſo ſolltet Ihr die Unternehmung nicht vollbringen; nein, bei Gott, Ihr hättet ſie nicht bekommen!“ Der Capitain wollte denſelben Weg einſchlagen, wie die andern Mitglieder des Raths, doch Jago hielt ihn beim Arme zurück und ſchrie: „Nein, Capitain, nein! Lieber wollte ich in der Kirche mit dem Hute auf dem Kopfe bleiben, vor dem heiligen Sacra⸗ mente nicht niederknien, als an Bord dieſes verfluchten Schiffes gehen, dieſes Fahrzeuges, auf dem Satan ſeinen Hof hält, und überdies,“ fuhr er gelaſſener fort, überzeugt, einen Ausweg ge⸗ funden zu haben, der keine Widerlegung geſtattete,„überdies verbietet mir meine Religion die Berührung des Excommuni⸗ eirten und Apoſtaten.“ „Wer ſpricht davon, mein Sohn,“ ſagte der Capitain, in⸗ dem er ſich bekreuzte;„ich bin ein zu guter Chriſt und zu ſehr beſorgt um das Wohl der Seele und der Körper meiner Ma⸗ troſen, um ſie ſo auszuſetzen.“ „Schön, Capitain, das iſt's eben; ſeid beſonders beſorgt für das Wohl des Körpers, verſteht Ihr wohl? Der Körper Eurer Leute iſt ſehr wichtig,“ ſagte Jago etwas beruhigter. „Mein Sohn,“ erwiderte der Capitain,„Ihr habt mich nicht verſtanden; ich bin weit entfernt, von Euch zu verlangen, daß Ihr den Gottloſen mit eignen Händen erwürgt. Heilige Jungfrau! nein; eine ſolche Berührung macht mich beben; aber die Kugel Eurer Muskete, oder die Klinge Eures Dolches wer⸗ den Euern chriſtlichen Händen die Beſudelung erſparen.“ Außer ſich über dieſe neue Täuſchung, ſchrie Jago:„Nein, weder Eiſen noch Blei, noch ich werden dieſen Excommunicir⸗ ten tödten. Ich gehe nicht an Bord, bei den taufend Wunden des heiligen Julian! nein, ich gehe nicht!“ und dabei ſtampfte er heftig mit dem Fuße. „Jago, mein Freund,“ ſagte kalt der Capitain,„ich habe Gewalt über Leben und Tod jedes Mannes auf meinem Schiffe, der ſich empört und meine Befehle zu vollziehen ſich weigert.“ Indem er ſo ſprach, zeigte er ihm zwei Piſtolen, die er neben ſich liegen hatte. In dieſer entſetzlichen Alternative zog Jago die Enterung vor, und beſtieg die ſeiner ſchon wartende Schaluppe, mit dem Gefühle eines Menſchen, den man zum Tode führt. Als der unglückliche Jago ſich von dem Lugger entfernte, erinnerte er ſich der Rathſchläge und Weiſſagungen des Kano⸗ niers Perez, welche die Furcht ihm ins Gedächtniß gegraben, und erwartete mit jedem Augenblicke eine heftige Kleingewehr⸗ ſalve. Er legte jedoch glücklich an der Seite der Tartane an, ohne daß ein Schuß geſchah. Er enterte nun, und empfahl ſeine Seele Gott, denn nach den topographiſchen Weiſungen des Kanoniers war dies der Augenblick, wo die Muskedonner ein Höllenfeuer beginnen ſollten. Er rief daher, indem er ſeinen Roſenkranz ergriff:„Auf die Knie, meine Brüder; wir ſind todt!“ Die zehn Mann, die ihn begleiteten, benutzten auf jede Art der Gefahr hin die Weiſung, und fielen ſogleich nieder. Schweigen, immer daſſelbe Schweigen; man hörte und ſah nichts, außer das Licht in der Kajüte, und den Schatten, der von Zeit zu Zeit, es verdunkelnd, daran vorüberging. Jago, dadurch ein wenig beruhigt, wagte es, den Kopf zu erheben, duckte ihn aber geſchwind wieder unter, weil auf der Tartane etwas kniſterte. Dann ſah er wieder empor, und erblickte keine Donnerbüchſen. Da nichts ſo viel Sicherheit verleiht, als eine vorüberge⸗ gangene oder überſtandene Gefahr, erhob ſich Jago, erweckt von kriegeriſchem Muthe, und kletterte an der Tartane empor, ge⸗ folgt von ſeinen zehn Mann, die ſein Beiſpiel begeiſterte. Auf dem Deck angelangt, fanden ſie üichts als Trümmer, zerbro⸗ 39 chene Segelſtangen, kurz, alle Anzeichen der Zerſtörung, die der Levante angerichtet hatte. Plötzlich aber vernahm man ein dumpfes Lärmen im Zwiſchendeck. Die zehn Matroſen und ihr Führer ſahen ſich erbleichend an, riefen aber dann fröhlich mit etwas bebender Stimme:„Es lebe der König, vorwärts St. Jago!“ Die Waffengefährten des tapfern Jago, die ihm auf den Ferſen ſaßen, drängten an einander und ſtießen dabei ihren An⸗ führer durch die Oeffnung hinab, die nach dem Raume führte. Seine Matroſen nahmen dieſen Sturz für einen Beweis des Muthes und der Unerſchrockenheit, und folgten dem neuen Curtius mit dem Geſchrei:„Es lebe Jago!“ Jago war ſchnell wieder aufgeſtanden, benutzte den Irr⸗ thum ſeiner Leute, und ſagte mit gedämpfter Stimme:„Meine Kinder, Muth und Gleichgültigkeit ſind nichts; Ihr habt ge⸗ ſehen, daß ich, auf die Gefahr hin, mich in tauſend Lanzen und Schwerter zu ſtürzen, mich blind hinabwarf in das Zwi⸗ ſchendeck;— das iſt Verwegenheit, und die gilt!“ „Es lebe unſer tapferer Jago!“ ſchrien Alle. „Schweigt, um des Himmels willen! Ihr ſtoßt ja ein Ge⸗ ſchrei aus, das Todte erwecken kann! Behaltet Euer:„Es lebe Jago!“ bis zu anderer Zeit; Ihr könnt es auf dem Platze St. Antonio rufen. Da nimmt es ſich viel beſſer aus. Jetzt laßt uns auf Mittel ſinnen, dieſes Teufelsneſt einzunehmen.“ Da⸗ bei wies er auf die große Kajüte, in welcher jetzt ein Höllen⸗ lärm entſtand. Plötzlich von einem Gedanken ergriffen, rief er: Freunde, ſpannt den Hahn, Feuer, Feuer durch die Thür!“ Was beſonders Jago zu dem tafern Manöver beſtimmte, war, daß er ſich beſtändig hinter ſeinen Leuten hielt, und folg⸗ lich gegen den möglichen Ausfall der Belagerten geſichert war. —„Feuer! und Gott ſteh uns bei!“ Man gab Feuer. Bei einer ſo geringen Entfernung wurde die Thür durch die Gewalt der Kugeln zum Theil niederge⸗ ſchmettert, und ehe die Matroſen Zeit hatten, ihre Gewehre wieder zu laden, ſtürzte eine dunkle Maſſe unter großem Ge⸗ räuſch auf ſie los. „Traut ihnen nicht, traut ihnen nicht!“ ſchrie Jago, wel⸗ cher einen ſeiner Leute zum lebenden Schilde für ſich gemacht ſich gleich auf uns ſtürzen. Ladet Eure Gewehre wieder!“ „Herr Lieutenant,“ ſagte einer der Matroſen,„der Bela⸗ hatte,„traut ihnen nicht; es iſt eine Kriegsliſt und ſie werden gerte hat das ſchönſte Paar Hörner, welche je ein Chriſte⸗ menſch auf dem Kopfe getragen haben kann.“ „Ergreift das Ungeheuer!“ ſchrie Jago, indem er voll Ent⸗ ſetzen zu ſeinem Schilde zurücktaumelte.„Das iſt der Ver⸗ fluchte! Ergreift ihn— vade retro Satanas— heiliger Jacob! heiliger Joſeph! habt Barmherzigkeit mit uns!“ „Aber, Lieutenant, es iſt ja nur ein Ochſe, bei der Jung⸗ frau, ein tapferer Ochſe, der ſtirbt; Jeſus, ſieben Kugeln im Leibe!“ fuhr der Matroſe fort, der das Licht herbeigeholt hatte, ſich zu überzeugen. Es war in der That ein Ochſe, zum Un⸗ terhalt der Equipage der Tartane beſtimmt, und den man zu⸗ rückließ, als man die Tartane verlaſſen mußte. „Ein Ochſe, ein gemeiner Ochſe,“ ſagte Jago.„Ein An⸗ griffsplan, mit ſo viel Kaltblütigkeit entworfen und mit ſo viel Kühnheit ausgeführt, um— um einen Ochſen durch Enterung zu erobern!“ „Wir nehmen ihn mit, Lieutenant, nicht wahr? Wir ha⸗ ben uns lange mit Speck und Erbſen begnügen müſſen, und ein Stück friſches Fleiſch ſollte uns gut ſchmecken.“ „Seht mir doch!“ rief Jago zornig.„Eſel, Dummköpfe, die Ihr ſeid! Wollt Ihr Euch dem Geſpött Eurer Kameraden ausſetzen, wenn Ihr dieſe Trophäe mitbringt? Ich leide es nicht. Kommt wieder guf das Deck, folgt mir, und wenn wir wieder am Bord des Luggers ſind, dann widerſprecht keinem Worte, was ich dem Capitain Maſſareo ſagen werde; das for⸗ dert Euer Vortheil wie der meine. Jago kehrte zum Lugger zurück, wo man ſich ſchon über die Folgen des Gewehrfeuers beunruhigte, und ſtattete hier voll ſeltener Frechheit einen Bericht über den Gitano und ſeine Dä⸗ monen ab.„Kurz, Capitain,“ ſchloß er,„Alle ſind todt oder außer Gefecht!“ Bei der Anhörung dieſer Erzählung, wo ſich die Uner⸗ ſchrockenheit Jago's zum erſten Male zeigte, begriff der Capi⸗ tain nichts von dem Wechſel, da er die Feigheit Jago's hin⸗ länglich kannte. Er erinnerte ſich aber an den Kinnbacken Simſons, an den Eſel Bileams, und andere Wunder, und be⸗ trachtete Jago wie einen Erleſenen, den Gott erwählt, ihm die 61 Kraft zu verleihen, einen Verworfenen, einen Sohn gefallener Engel zu bekämpfen. Als er dieſen unglücklichen Gedanken ge⸗ faßt hatte, glaubte er auch blind an die Lügen, die Jago ihm aufheftete. „Und der Gitano?“ fragte er endlich. „Der Gitano, Capitain, war wahrſcheinlich verkleidet, aber ich bin überzeugt, daß er ſich unter den Todten befindet. Verteufelter Fleck!“ ſagte Jago, welcher ohne Zweifel das Ge⸗ ſpräch von einem ſo zarten Gegenſtande ablenken wollte, und wiſchte ſich einen Blutflecken von der Weſte. Es war ein Ue⸗ berbleibſel von dem Todeskampfe des armen Vierfüßlers. „Ihr ſeid verwundet, tapferer Jago?“ ſagte der Capitain theilnahmvoll;„laßt mich ſehen!“ „Nein, nein, bei meiner Mutter! das dürft Ihr nicht. Es iſt nichts, eine Lumperei,“ ſagte Jago mit erheuchelter Gleich⸗ gültigkeit, trat aber dabei zurück.„Das Beſte aber, Capitain, wird jetzt wohl ſein, das Teufelsneſt in Grund zu bohren. Die Luken habe ich ſchließen laſſen, ſo daß es die Sache von ein Paar Lagen ſein wird; dann haben wir die Küſte für ewig von dem größten Ungeheuer befreit.“ Maſſareo ſtarb vor Ungeduld wegen der Frage, weshalb man keine Gefangenen mitgebracht habe, welche den glücklichen Erfolg der Unternehmung beſtätigen könnten, aber er ſah die Nothwendigkeit ein, dieſen zweiten Theil des Sieges zu voll⸗ bringen. Er war von jedem Mißtrauen weit entfernt, und be⸗ willigte daher Alles, was der tapfere Jago verlangte. Die Kanonade gegen die Tartane des Gitano begann, und dieſe vermochte nicht, einem ſo wohl unterhaltenen Feuer lange zu widerſtehen. Neuntes Kapitel. Menſchenmord ſoll nicht ſein! Gebot Gottes. Die Erzählung. Während der tapfere Maſſareo eine der Tartanen vernich⸗ tete, ſegelte die andere, geſchickt aus dem Kanale von La Torre entkommen, trotz des Levante glücklich ihre Bahn. Nichts Reizenderes konnte es auf der Welt geben, als die kleine Cajüte, in welcher zwei Genoſſen an der Tafel ſaßen. Eine ungeheure Kriſtallkugel, an der Decke befeſtigt, verbreitete ein helles, reines Licht, welches ſeine Strahlen über einen rei⸗ chen türkiſchen Stoff von Lapis Lazuli ergoß, auf dem man rothgeſtickte Vögel erblickte, mit ausgebreiteten, vergoldeten Flü⸗ geln, welche zwiſchen den verſilberten Krallen große Schlangen mit funkelndgrünen Schuppen hielten; ein Divan mit braunem Atlas überzogen lief an den Wänden der Cajüte hin, welche ein längliches Viereck bildete. In der Mitte der Cajüte, vor dem Divan, befand ſich eine Tafel, die mit auserleſenem Geſchmack beſetzt war; aber ſtatt auf Füßen zu ruhen, wurde ſie durch vier geſchmackvolle Bronze⸗ ketten feſtgehalten. Der Tintilla von Rota, der Feres und der Pakarete glänzten in koſtbar geſchliffenen Kriſtallflaſchen, deren tauſend Facetten wechſelnde Lichtſtrahlen von ſich warfen, wie die Farben des Regenbogens, und die Trauben von San⸗Lucar mit ihren ſammtartigen Beeren von dunkelblauer Farbe, die ſchwarzen Feigen von Medina, die Granaten von Sevilla, die Hrangen von Altrava, erhoben ſich in Phramiden aus leicht und elegant gearbeiteten Fruchtkörben, wie man ſie in Smyrna ſieht; das Tafelzeug von blendender Weiße war, nach orienta⸗ liſcher Mode, reich in Gold und Seide geſtickt. Einfache Flaſchen von dunkelm Glaſe mit langem Halſe, und drahtüberzogenem und vergoldetem Kork, kurz, Flaſchen, welche ſogleich an Frankreich und die Champagne erinnerten, ſtachen ſonderbar gegen den außerdem ganz vrientaliſchen Lurus der Cajüte ab. Und es war auch Champagner; denn zwei lange Cylindergläſer auf ſchlankem Stiel wurden eben glorreich angefüllt, und das roſige, ſprudelnde, ziſchende Naß quoll mit dem weißen Schaume bald über den Rand des Glaſes hervor⸗ „Aufgepaßt, Commandant; die Fluth ſinkt!“ So ſagte der unbärtige Menſch, welcher die falſche Tar⸗ tane commandirte, die von den beiden Luggern mit ſolcher Hartnäckigkeit und ſolchem Unglück verfolgt wurde, dieſelbe Tartane, welche der tapfere Jago durch Enterung erobert hatte, und deren Vernichtung der tapfere Capitain jetzt mit Kanonen⸗ ſchüſſen vollendete. „Commandant, die Fluth ſinkt; und wenn Ihr nicht Acht gebt, wird ſie bald ganz verſchwunden ſein,“ wiederholte der Jüngling. Dabei ſchlürfte er die Fluth hinein, ſo daß ſein Glas bald trocken war. „Wie ich dieſen Wein liebe!“ rief er dann.„Unſer Feres und unſer Malaga mit ihrer dunkelbraunen Farbe kommen mir eben ſo traurig vor, als ein Liebesgeſang, den eine Duenna ſingen wollte; wie entzückt mich dagegen die roſige Farbe dieſes Champagners! Bei Gott! es iſt als hörte ich die Juana auf einer leichten Guitarre ſpielen. Ja, es lebe der franzöſiſche Wein!“ rief er, und ſetzte dabei das Glas ſo lebhaft auf den Tiſch, daß es zerbrach. Dieſes Geräuſch weckte den andern Genoſſen aus ſeiner Träumerei. Es war der Gitano. „Frankreich! Vaſillo, auf mein Wort, das iſt ein wür⸗ diges Land!“ „Land der Gaſtfreundſchaft,“ ſagte Vaſillo, indem er ein zweites Glas Champagner trank. Der Gitano ſah ihn an, lehnte ſich zuruͤck in die Kiſſen des Divans, und lachte laut auf. „Und der Freiheit!“ fuhr Vaſillo eben ſo fort. Hier wurde das Gelächter des Gitano ſo heftig, daß es ſelbſt den draußen tobenden Sturm übertönte; ja es verdoppelte ſich ſogar zur großen Verlegenheit Vaſillo's, der ihn verwun⸗ dert anſah. Der Gitano bemerkte dies und ſagte: „Verzeihung, Vaſillo, Verzeihung, mein Sohn; aber Deine natürliche Bewunderung für das ſanfte Frankreich erinnert mich an ſo Vieles!“ Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr der Gitano mit der Hand über die Stirn, wie um einen peinlichen Ge⸗ danken zu verſcheuchen, und ſagte lachend: „Jetzt, da wir nicht mehr contrebandiren können, und — unſere Eskadre um die Hälfte verringert iſt, jetzt ſage mir, Va⸗ ſillo, was wir machen ſollen?“ „Nach Italien, Commandant; wie hier, iſt dort die Sonne heiß, der Himmel blau, die Bäume grün; wie hier, fingen auch dort braunwangige Weiber zur Guitarre, und knien vor der Madonna! Ungerechnet wollen wir laſſen, daß die Küſte Sici⸗ liens Eurer Tartane einen guten Ankerplatz bietet. Vorwärts, Commandant, nach Italien! Ihr tretet in den Sold des heili⸗ gen Vaters.“ „Nach Italien? Nein! denn die Mörder werden dort mit dem Tode beſtraft. Siehſt Du, Vaſillo!“ „Himmel, Ihr ein Mörder?“ rief der Jüngling. „Höre, Vaſillo: Ich war vierzehn Jahr alt; ich und meine Schweſter Sadiha führten meinen Vater, der kaum gehen konnte; da ſank er zu Boden, getroffen von einer Büchſenkugel. Es war die Frucht eines heiligen Haſſes, den ein Chriſt gegen uns hegte. Ich hatte nur meinen Dolch bei mir, aber ich verfolgte ihn und erreichte ihn bei dem Felſen. Er war ſtark und kräf⸗ tig, doch das Blut meines Vaters hatte meinen Gürtel gefärbt! Ich erwürgte ihn mit Entzücken; ſo verließ ich Italien mit meiner armen kleinen Sadiha.— Was würdeſt Du gethan haben, Vaſillo?“ „Ich hätte meinen Vater gerächt,“ ſagte der Jüngling nach einem Augenblicke ausdrucksvollen Schweigens. Seuf⸗ zend aber fuhr er dann fort:„Laßt uns umlegen und nach Aegypten ſegeln. Man ſagt, daß Mehemed Ali und Ibrahim die Fremden gut empfangen. Laßt uns nach Alexandrien ſegeln!“ „Es iſt eine ſchöne Stadt, Alexandrien; dort landete ich, als ich aus Italien entfloh. Ein braver Emir nahm mich mit meiner Schweſter auf, und ſchickte mich in das Collegium, denn in den Schulen von Alexandrien kann man mehr Unter⸗ richt genießen, als in den ſämmtlichen Schulen Spaniens.“ „Ich glaube Euch, Commandant.“ „Dort lernte ich die franzöſiſche Sprache, das Spaniſche, das Rechnen, und die Kunſt der Nautik. Kurz, man machte aus mir einen tüchtigen Seemann. Ja, bei meiner Mutter, das muß wahr ſein. Nach ſechs Jahren befehligte ich eine Brigg, welche auf Canaris Brander ſtieß.“ Vaſillo machte einen militairiſchen Gruß. 65 „Ich kehrte in den Hafen zurück, mein Schiff wieder in Stand ſetzen zu laſſen, wieder herzuſtellen, was das Feuer ver⸗ nichtet hatte. Das hatte man ſtets nöthig, wenn man auf Canaris Brander ſtieß. Man empfing mich mit Jubel in Alexandrien. Ja, es iſt eine herrliche Stadt, beſonders an einem ſchönen Abend, wenn die Sonne hinter dem Sande der Wüſte untergeht, und mit ihren Strahlen den Harem Mehemed Ali's vergoldet, und die Feſtungswerke des Hafens, den Palaſt der Pharaone, und die Säule des Pompejus. Dann kühlt die Meeresluft die erhitzte Atmoſphäre ab; die Neger ſpannen die blaugeſtreiften Zelte auf den Terraſſen auf, und auf üppi⸗ gen Kiſſen liegend, ſchlürft man den Wohlgeruch des levan⸗ tiſchen Tabaks ein, deſſen Rauch wohlriechend wird, indem er durch Roſen- und Flieder⸗Waſſer geht. „Dann kniet ein ſchönes Mädchen von Candien oder Sa⸗ mos nieder, und bietet erröthend eine Schale gefrornen Sorbet dar. Man macht ein Zeichen, ſie tritt näher, und einen Arm um ihren ſchönen Hals geſchlungen, der ſich neigt, betrachtet man wohlgefällig den Engelskopf, der wie eine phantaſtiſche Erſcheinung aus den Wolken von bläulichem wohlriechendem Narguilek aufſteigt.“ Die Augen Vaſillo's glänzten ſtärker als die Facetten der Kriſtallflaſchen. „Laßt uns nach Alerandrien!“ rief er, ſich halb erhebend. „Nach Alerandrien! Wie wird es Dir gefallen, mein Kind, wenn man Dich auf den ſcharfen Pfeil eines Minarets ſetzte, Dich in die Wolken erhöbe, und Dich in dieſer unange⸗ nehmen Lage ließe, bis die Raben Dir die großen ſchwarzen Augen ausgehackt hätten?“ Dieſer Vorſchlag mäßigte den Wunſch Vaſillo's, der ſchnell ſein Glas leerte, und ein anderes füllte. „So laßt uns wieder umlegen, Commandant!“ „Ja, Vaſillo, dieſes Geſchick wartet meiner in Alexan⸗ drien, wenn ich je mit meiner Tartane dort landen ſollte.“ „Und weshalb, Commandant?“ „Ha! weil ich fünfmal meinen Hanſchar in die Bruſt des guten Emir ſtieß, der meine Sadiha und mich aufnahm, und mich unterrichten ließ.“ „Herr des Himmels, wieder ein Mord! und Ihr der Mör⸗ der Eures Wohlthäters?“ Die Cucaracha. IV. 5 66 „Er mißbrauchte die uns gewährte Gaſtfreundſchaft, um meine Schweſter zu verführen, und er konnte ſie nicht zur Frau nehmen. Was hätteſt Du an meiner Stelle gethan, Va⸗ ſillo?“ Der junge Spanier verbarg den Kopf in beide Hände. „Und Eure Schweſter?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ihr konnte ich nur meinen letzten Beweis der Liebe ge⸗ ben, und ich that es.“ „Und welchen?“ „Ich habe ſie getödtet.“ „Getödtet! Eure Schweſter auch? Ihr ein Brudermörder? Anathema!“ „Kind, weißt Du, welches Geſchick in Aegypten ein ver⸗ führtes junges Mädchen meiner Kaſte erwartet, wenn ihr Ver⸗ führer verheirathet iſt? Weißt Du es? Man entkleidet ſie, ſchleppt ſie nackt durch die Stadt, und verſtümmelt ſie. Dann bekleidet man ſie mit einem Seck, ſetzt ſie bei einer Moſchee aus, und jeder Vorübergehende, ſelbſt der Chriſt, darf ſie ſchla⸗ gen, ſchmähen und beſchimpfen.— Was hätteſt Du für Deine Schweſter gethan, Vaſillo?“ „Alſo Mord und immer Mord,“ ſagte Vaſillo vernichtet, „und doch bewundere ich ihn unwillkürlich!“ „Laß uns trinken, Kind!“ ſagte der Gitano.„Sieh, wie der Schaum ſprudelt und ziſcht; laß uns trinken, und die trü⸗ ben Erinnerungen von ehemals vergeſſen! Auf Deine Geliebte, Deine Juana mit den ſchwarzen Augen!“ Vaſillo wiederholte faſt maſchinenmäßig:„Auf die Juang mit den ſchwarzen Augen!“ „Vaſillo, wo ſollen wir jetzt den Anker werfen?“ „Ich hab's, Commandant: in Frankreich!“ Und dabei zeigte er auf ſein halbgeleertes Glas.„Denn, bei der Juana, wenn die Franzoſen ihrem Weine gleichen—“ „Richtig, Vaſillo, richtig: wie ihr Wein ſprudeln ſie auf und verdünſten.“ „Es giebt aber dort, wie ich hoffen will, keine Minarets mit ſpitzigem Pfeile, auf welche man die Menſchen ſetzt, auch beſchimpft man nicht junge Mädchen an den Thüren der Mo⸗ ſchee, und ſchießt keinen Menſchen nieder wie ein Reh. Uebri⸗ gens ſeid Ihr ja wohl dort geweſen, Commandant?“ „Ja, Vaſillo.“ „Bliebet Ihr lange in jenem ſchönen Lande?“ „Höre! Als ich Aegypten verließ, kam ich zur Zeit der Cortes nach Cadir; ich bot meine Dienſte anz man fragte mich nicht, ob ich das Kreuz oder den Turban trüge; man ließ mich mit einer guten Kriegsfregatte manöpriren, und als man ſah, was ich konnte, vertraute man mir ſie an. Ich kreuzte glücklich und lernte namentlich die Küſte mit der größten Sorgfalt ken⸗ nen. Später, als die heilige Allianz anerkannt hatte, daß in Deinem ſanften Lande das gelbe Fieber—“ „Bei Mina!“ fiel Vaſillo ein,„das war das Freiheits⸗ ſieber „Wohl wahr, Vaſillo, es war ein Anfall vom Freiheits⸗ fieber, kurz und ſchnell vorübergehend. Die heilige Allianz heilte es mit etwas Kanonenpulver. Schöner Sieg! Deine Landsleute, welche nie auf einen Menſchen ſchießen, der ein Cruzifir trägt, mußten ihre Waffen ſenken vor den Kreuzen, Bannern u Mönchen, die der franzöſiſchen Armee voranzo⸗ gen, nd knieten nieder beim Anblick des Feindes, als wenn eine Prozeſſion vorüberzöge. Es war auch ein Sieg, Vaſillo, ein Sieg des Weihwaſſers: ich folgte meinem andern Syſteme, ließ die Tonſuren vorüber, und ſchoß auf die Soldaten. Da⸗ her wurde ich auch beim Frieden von Cadix als Freimaurer, Communero, Ketzer, oder was Alles Eins iſt, zum Tode ver⸗ dammt. Ich entfloh nach Tarifa, wo ich mich mit Valdez und einigen Andern einſchloß. Man belagerte uns, und nach acht Tagen einer Belagerung hatte ich das Glück, ſterbend in die Arme eines franzöſiſchen Offiziers zu fallen, der meine Flucht begünſtigte, und ſo kam ich nach Bajonne, und von 1 dort nach Paris.“ „Nach Paris, Commandant? Ihr waret in Paris?“ „Ja, mein Sohn, und es war für mich ein neues, ſon⸗ derbares Leben. Ich erneute die Bekanntſchaft mit einem Schiffskapitain, den ich zu Groß⸗Kairo geſehen und der eben damals hingerichtet werden ſollte, weil er der Frau eines Fel⸗ lah's den Schleier aufgehoben hatte. Ich rettete ihn an Bord meiner Brigg. Als er mich in Frankreich wiederfand, wollte er mir ſeine Dankbarkeit beweiſen, und ſtellte mich einem Kreiſe von Freunden als einen durch die Inquiſition verbannten 3 Aegyptier vor. Sie bezeugten mir ihre Theilnahme ſo lebhaft und warm, daß ich dadurch gerührt wurde. Bald vergrößerte 6 63 ſich der Zirkel, und Jeder wollte mein Unglück von meinen eig⸗ nen Lippen vernehmen. Ich gab mich dazu her; denn es iſt ſo ſuͤß, von ſeinem Unglücke zu Denen zu ſprechen, die einen beklagen. Aber ich wurde grauſam beſtraft für den eiteln Prunk mit meinen Leiden. Eines Tages bemerkte ich, daß man mich die Erzählung meines Unglücks recht oft wiederholen laſſe. Ich wurde mißtrauiſch, ſtudirte die großmüthigen Seelen, und lernte ſo die Art der Theilnahme kennen, die man für einen durch das Unglück gebeugten Menſchen hegte. Anfangs wurde ich da⸗ durch betrübt, dann aber lachte ich darüber. Denke Dir, Va⸗ ſillo, daß ſie um jeden Preis neue Aufregung ſuchen, wie ſie ſagen; dieſe zu finden, würden ſie dem Todeskampfe eines Ster⸗ benden beiwohnen und jede ſeiner Zuckungen zergliedern. Statt meines Todeskampfes nun zerſetzten ſie den Bericht meines Un⸗ glücks; ſie fanden einen Gefallen daran, jede ſchmerzhafte Seite meines Herzens zu berühren, um zu ſehen, welchen Ton ſie gebe. Ja, wenn ich mit glänzenden Augen und hochwogender Bruſt den Tod meiner Schweſter beſchrieb, dann ſagten ſie in die Hände klatſchend:„„Welch ein Ausdruck,— welche Mi⸗ mik!— Wie gut würde er den Othello ſpielen!““ „Ja, wenn ich meine Kämpfe für die Unabhängigkeit Spaniens erzählte, das mich verbannte; wenn meine afrika⸗ niſche Heftigkeit mich ſo weit hinriß, daß ich mit bebendem Buſen ausrief:„Freiheit! Freiheit!“— dann ſagten ſie: „Es iſt wahrlich ein ſchöner Mann, er müßte den Bru⸗ tus herrlich ſpielen!“ „Wenn ſie dann der moraliſchen Tortur beigewohnt hat⸗ ten, die ſie mir durch die moraliſche Aufregung auferlegt, dann gingen ſie kalt auf den Ball, an ihre Geſchäfte, zu Vergnü⸗ gungen, denn für ſie war das Stück ausgeſpielt. Dann glaubte ich aus einem Traume zu erwachen, und fand mich allein mit meinem Schiffskapitain, der ſtolz auf mich war, wie auf einen gezähmten Tiger, den man für Geld ſehen läßt.“ „Die Nichtswürdigen!“ rief Vaſillo aus. „Nein, Vaſillo; die guten Leute ſuchten Zerſtreuung; der Tag iſt zu lang! Und dann, worüber darf ich mich beklagen? Sie haben mich nicht ausgepfiffen, ſondern im Gegentheile applaudirt. Was willſt Du? Mein Leben war meine Rolle, denn dort wie anderwärts iſt Alles Rolle: Freundſchaft, Muth, Tugend, Ruhm, Anhänglichkeit.“ . 69 „Ach, Commandant!“ ſagte Vaſillo voll Bitterkeit. „Alles, Kind, Alles! ſelbſt das Mitleid der Frauen über das Unglück. Siehſt Du, Vaſillo, ich hatte eine Liebſchaft mit einer jungen, ſchönen, reichen Frau. Eines Abends war ich vor der Zeit in ihr Boudvir geſchlüpft, und wartete dort hinter einem Spiegel verſteckt. Plötzlich öffnete ſich die Thür und Jenny trat mit einer andern ſchönen Frau herein. Bald kamen die Vertraulichkeiten; ihre Freundin beneidete ihr meine Liebe, und Jenny erwiderte:„Du glaubſt doch nicht, daß ich ihn liebe? Nein, nein! Aber er ſetzt mich in Erſtaunen und erweicht mich; er flößt mir Furcht ein, unterhält mich. Wie matt ſind die Klagen eines Romanhelden gegen ſeine Verzweiflung! Denn ſiehſt Du, meine Liebe, wenn ich den armen Menſchen auf das Capitel ſeines ausgeſtandenen Unglücks bringe, dann weint er echte Thränen, und, ſollteſt Du es wohl glauben? ich werde gerührt dadurch,“ fügte ſie helllachend hinzu. „Siehſt Du, Vaſillo, ſie hatte ihre Pflichten verrathen; ſie hatte ſich mir ganz hingegeben, um mich erſt Schmerz, dann Wuth ſpielen zu laſſen. Ich hatte Mitleid mit ihr, Vaſillo. Zu trinken, Kind! So viel von der Gaſtfreundſchaft Frankreichs, die Du zu rühmen begannſt; jetzt auch von der Freiheit.— Eines Morgens kam mein Freund, der Schiffscapitain, zu mir und ſagte, meine Gegenwart in Paris ſtehe auf dem Punkte, die Fackel des Aufruhrs in Spanien wieder zu entzünden, und wenn ich Frankreich nicht binnen drei Tagen verlaſſen hätte, ſetzte ich mich der Gefahr aus, verhaftet und bis an die Grenze transportirt zu werden. Dort— Du weißt, was meiner dort wartete. Als der rechtſchaffene Menſch meine Verlegenheit ſah, machte er mir den Vorſchlag, nach Nantes mit ihm zu gehen, wo er den Befehl über ein Regerſchiff übernehmen ſollte. Ich nahm es an, und zehn Tage darauf waren wir im Angeſicht von Gibraltar. Mein Freund landete zu Tanger, wo ich einige Zeit blieb. Ein Jude, Zamerich, Mitglied einer unſerer Secten, zu deren Oberhäuptern ich gehöre, trat mir die beiden Tarta⸗ nen mit ihren ſtummen Negern ab, und Dich, Caro mio, gab er mir zu, Dich, den armen Adſpiranten, den man am Bord einer Jacht gefangen genommen, deren ganze Mannſchaft nie⸗ dergemetzelt worden. Du armes Kind hingſt Dich an den Verdammten, und Du liebſt ihn, wie Du ſagſt; liebſt Du mich wirklich?“ Der Gitano ſprach dieſe letzten Worte voller Rührung; die einzigen Thränen, die er ſeit langer Zeit vergoſſen, glänz⸗ ten in ſeinem Auge; er ſtreckte Vaſillo die Hand hin, die dieſer ergriff, indem er mit Enthuſiasmus ausrief:„Auf Leben und Tod, Capitain!“ Auch ſeinen Blick verdunkelte eine Thräne, denn Alles, was auf das Geſicht des Verdammten einen Eindruck machte, ſah man bei ihm wie in einem Spiegel wieder. Vaſillo nahm zwar die Ideen des Gitano an, aber es war nicht eine bleiche, knechtiſche Parodie dieſes ſchönen Cha⸗ rakters. Doch in ſeinen Augen vereinte der Gitano in ſich Alles, was einen großen Menſchen ausmacht, und er ahmte ihm nach, wie einer ſchönen, tugendhaften Seele. Wenn er deſſen Gefahren theilen wollte, ſo geſchah es in dem Glauben einer Art Fatalismus, denn er hielt ſich überzeugt, daß er mit ſeinem Leben lebe, mit ſeinem Tode ſterbe. Der ſonderbare Menſch war für den Jüngling mehr als Vater, Freund, Ge⸗ liebter; er war ſeine Religion. Und in der That, dieſe Zuſammenſetzung von Kühnheit und Kaltblütigkeit, von Grauſamkeit und Zartgefühl; dieſer ſichere, durchdringende Blick des erfahrnen Tactikers, vereint mit der Schnelle der Ausführung, welche ſtets ein glücklicher Erfolg krönte; dieſe bald in orientaliſchen Farben prangende, bald ganz harte Sprache; dieſe ausgebreiteten Kenntniſſe; dieſe Verbrechen, die man begreift und entſchuldigt; die Theilnahme, die man für den Verbannten hegt; dies ſo früh getrübte Leben; die bitteren Mittheilungen dieſer kräftigen, großmüthigen Seele, welche das Geſchick dahin führte, die Kindesliebe durch einen Mord und die Bruderliebe wieder durch einen Mord zu bewei⸗ ſen; endlich der Anblick des Verworfenen, der durch ſo viel Un⸗ glück groß war;— das Alles war wohl geeignet, einen jun⸗ gen, glühenden Kopf einzunehmen. Der Gitano übte daher auch auf Vaſillo jenen gewaltigen Einfluß aus, den unſer außerordentlicher Menſch auf einen eraltirten Charakter haben mußte. Mit einem Worte, Vaſillo faßte für ihn jenes Gefühl, welches mit der Bewunderung beginnt, und mit gänzlicher, doch heldenmüthiger Ergebenheit endet. „Zu trinken, Vaſillo!“ rief der Commandant, deſſen Blick ſeine gewöhnliche Lebhaftigkeit wieder gewonnen hatte. „Zu trinken, denn ich habe Dir eine lange und langwei⸗ ⸗ 71 lige Beichte abgelegt. Nur denke nicht daran, von alle dem jemals wieder mit mir zu ſprechen; nein, niemals. Du kennſt nun mein Leben, kommz jetzt auf Deine Juana!“ „Auf Eure Monja, Commandant!“ „Ich hatte ſie vergeſſen, ſo wie meinen Plan, die Mauern zu überſteigen, denn ſie ſind ſehr hoch, Vaſillo.“ „Beim Himmel, Commandant, wenn die Mauern des Magdalenenkloſters hoch ſind, ſo fliegt doch ein Pfeil mit einem ſeidenen Faden noch höher, und kann auf jener Seite des Klo⸗ ſters in den Hof herabfallen.“ „Und dann, Vaſillo?“ „Dann, Commandant, giebt Eure Monja Euch ein Zei⸗ chen, daß ſie das eine Ende des Fadens hält, deſſen anderes Ihr in den Händen behieltet; an dieſes befeſtigt Ihr nun eine Strickleiter; das Mädchen zieht dann den Faden an ſich, und macht nun die Leiter auf ihrer Seite feſt, wie Ihr auf der Eurigen. Bei der Jungfrau, dann könnt Ihr in einer ſchö⸗ nen Nacht den heiligen Ort betreten, und eben ſo leicht wieder herauskommen, wie ich das Glas leere.“ „Bei meinem Hanſchar, junger Mann, Du kennſt die und ſchwache Seite jener Redoute, und ich habe wohl uſt— In dieſem Augenblicke trat ein alter Neger mit weißen Haaren, der Einzige von der Equipage, welcher nicht ſtumm war, haſtig in die Cajüte und unterbrach den Capitain. Zehntes Kapitel. Ich begreife davon nichts, Meiſter; er iſt ein Dämon oder ein Zauberer; mein rother Plaid iſt ſchwarz ge⸗ worden, und mein Claymore ſprang, indem ich auf den ſeidenweichen Flügel eines jungen Schwanes ſchlug. Word Wok, Abenteuer Ritsbores, des guten Narren. Das Wunder. „Nun, Bentek,“ ſagte der Gitano zu dem alten Neger, zwas willſt Du? Warum ſpringſt Du herein, wie ein Hai⸗ fiſch, der von der Harpune geſtochen iſt?“ Aber Bentek, welcher ſtets unter den Stummen lebte, hatte die Sprache faſt ſelbſt verlernt. Er antwortete daher auch dem Verdammten nur mit:„Bumm— bumm!“ und begleitete dies mit kurzen, heftigen Bewegungen. „Ach, ich hab's!“ ſagte Vaſillo;„der alte Seerabe meint wahrſcheinlich Kanonen!“ Vaſillo irrte nicht, denn kaum hatte er ausgeſprochen, als man ganz deutlich einen Kanonenſchuß hörte, dann einen zwei⸗ ten, dann einen dritten und dann eine förmliche Kanonade. Es waren die Tapfern Maſſareo's, welche die andere Tar⸗ tane vernichteten. „Bei den Heiligen des Paradieſes!“ rief der glühende junge Menſch,„das ſind Kanonenſchüſſe!“ Der Gitano forſchte geſpannt, indem Bentek in ſeinem bumm, bumm, und in ſeiner lebhaften Pantomime fortfuhr. Vaſillo ſchnallte ſchnell ſeinen Säbel um und ſteckte Dolch und Piſtolen in ſeinen Gürtel. Schon hatte er einen Fuß auf der; erſten Stufe der Treppe zu dem Zwiſchendeck, da rief der Gi⸗ tano, der ſich wieder auf den Divan geworfen hatte, ihm zu: „Vaſillo, zu trinken, mein Kind! Laß uns von der Monja ſprechen und wie ich die Mauern des Magdalenenkloſters er⸗ ſteigen will.“ „Zu trinken! Plaudern— jetzt?“ fragte Vaſillo verwirrt, indem er den purpurrothen Seidenſtrick fahren ließ. Der Gitano ſah Bentek feſt an, und gab ihm ein Zeichen, das der alte Neger verſtand, denn mit zwei Sätzen war er ver⸗ ſchwunden. „Ja, mein Kind, zu trinken, und in dieſem Augenblicke; denn, Vaſillo, Du gleicheſt dem jungen, unerfahrnen Adler, der das gefahrloſe Geſchrei des Eisvogels nicht von dem Kriegsrufe des Geiers unterſcheiden kann; der die Krallen ſpitzt und den Sn ſchärft, um den eingebildeten Kampf beginnen zu önnen. „Horch achtſam auf, und Du wirſt hören, daß die Kano⸗ nade nicht erwidert wird. Wärſt Du nicht da, oder hätte der Höllen⸗Levante Dich nicht gezwungen, die arme Schweſter meiner Tartane zu verlaſſen, die nun entmaſtet umhergeworfen wird, wie das verlaſſene Neſt der großen Seemöve; wenn Du nicht da wäreſt, Caro mio, ſo würde ich nicht ſo ruhig hier liegen, denn ich fürchtete für Dich; mäßige alſo Deinen Eifer, 75 Vaſillo, es iſt ohne Zweifel irgend ein untergehendes Fahrzeug, das nach Hülfe ruft. Es kömmt ſchlecht an, Vaſillo, denn was ich geſtern für Dich that, hätte ich für keinen andern ge⸗ than, würde es auch nicht thun.“ „Ich danke Euch zum zweitenmal mein Leben, Comman⸗ dant; ohne Euch, ohne die Woge, welche mich Euch in den Weg warf, wäre ich mit dem Boote verſchlungen worden, ehe ich die Tartane beſtieg.“ „Armes Kind!“ ſagte der Gitano,„und doch hatteſt Du mit ſeltener Geſchicklichkeit manövrirt, um die beiden ſchwerfälli⸗ gen Küſtenwächter fortzulocken von der Spitze von la Torre, während ich die Contrebande des Tonſurmannes landete; eine ſchlechte Nacht für ihn, Vaſillo; weshalb hat er aber auch Gott geläſtert?— Der gute Gott hat ihn geſtraft,“ fügte er lachend hinzu, indem er ſein Glas leerte. „Bei der Seele meiner Mutter! Commandant,“ ſagte Va⸗ ſillo,„Eure zweite Tartane ſegelte wie ein Goldfiſch. Welche Leichtigkeit! In einem Glaſe Waſſer hätte ſie umgelegt. Jetzt? Nichts— als einige zerſchmetterte Breter und Balken, die an irgend einem Felſen hängen.“ „Alſo kam ich ganz zur rechten Zeit, Vaſillo?“ „Herr des Himmels, Commandant, ich hatte den großen Maſt und das Bogſpriet verloren, drei Viertel meiner Equipage waren von den Wellen fortgeriſſen, und meine Pumpen über⸗ wältigten das Waſſer nicht mehr. Ach, ich mußte wohl das Fahrzeug verlaſſen, welches jetzt vielleicht ſchon ganz unter⸗ gegangen iſt.“ In dieſem Augenblicke wurde die Kanonade ſo deutlich, daß der Gitano und Vaſillo auf das Deck gingen. Die Racht war dunkel, und der Verdammte, welcher ſich über Wind von Maſſareo's Lugger befand, der nach der ent⸗ gegengeſetzten Richtung ſchoß, konnte ſich ihm nähern, ohne be⸗ merkt zu werden, denn der Blitz der Kanonenſchüſſe erhellte nur einen kleinen Raum des Schiffes, von dem ſie abgefeuert wurden. Der Verdammte ließ noch einen Augenblick ſchießen, alle Feuer auslöſchen und einen halben Flintenſchuß weit von dem Küſtenwächter beilegen, der kanonirte und kanonirte, und deſſen aufmerkſame Equipage in dem Takelwerk ſaß. Man hörte ganz deutlich die Stimme Jago's und des tapfern Maſſareo. „Beim Himmel, das iſt das Kiel der andern Tartane!“ 74⁴ rief Vaſillo mit gedämpfter Stimme, indem er dem Gitano die Trümmer des Fahrzeuges zeigte, welche durch jede Lage beleuchtet wurden und jeden Augenblick zu verſinken drohten.„Feuer auf die Hunde! Feuer!“ „Still, mein Sohn! erwiderte der Verdammte und nahm Vaſillo auf das Deck, wohin er auch Bentek zu kommen befahl. Man weiß, das nach der tapfern Erpedition Jago's gegen das Schiff, das keinen andern Vertheidiger hatte, als einen Ochſen, Jago den würdigen Capitain bewog, die Tartane in Grund zu ſchießen, weil er mit ihr ſeine Lüge zu begraben hoffte. Seine grelle, ſchreiende Stimme tönte vorzüglich laut am Bord des Lugger.„Muth, meine Kinder!“ ſagte er,„Gott iſt gerecht, und durch ihn und meine Hülfe werden wir bald von dem Gi⸗ tano befreit ſein!“ „Wie?“ ſagte der ehrliche Maſſareo,„Du biſt überzeugt, daß der Gitano ſich unter den Todten befindet?“ „Wo ſoll er ſein, Capitain? Bei einem ſolchen Wetter kann man ſich nicht ſchwimmend von einem ſolchen Fahrzeuge retten. Aber hört, ich wollte Euch eine Ueberraſchung bereiten,“ ſagte er, da er die Tartane immer mehr ſinken ſah.„Ich weiß, daß der Verdammte unter den Verwundeten war, denn ich ſelbſt habe mit ihm gefochten und ihn niedergeworfen.“ „Du?“ antwortete Maſſareo mit mehr als zweifelhaftem Ausdrucke. „Ich,“ erwiderte Jago mit unbeſchreiblicher Frechheit. „Jago, wenn Du mir einen Beweis für das bringen kannſt, was Du ſagſt, beim heiligen Bernhard, dann wird Dir der Gouverneur von Cadir mehr Piaſter geben, als Du bedarſſt, einen Dreimaſter auszurüſten, um die Fahrt nach Merxiko zu machen.“ „Einen Beweis, Capitain?“ erwiderte Jago;„wär's auch nur das furchtbare Geheul; hört Ihr?— Iſt das wohl die Stimme eines gewöhnlichen Menſchen? Wer ſoll es ſonſt ſein, wenn es nicht der Verdammte iſt?“ Es war wieder der unglückliche Ochſe, der, ſein Ende ahnend, ganz entſetzlich brüllte. „Wahr iſt es, Jago,“ erwiderte der Capitain bebend,„daß weder ich noch Du ſo nach Hülfe rufen würden.“ „Und wenn Ihr ihn geſehen hättet, den Verfluchten,“ fuhr Jago fort,„wie ich ihm zwei Kugeln in die Seite ſchoß, und 75 das Ungeheuer ſich gebehrdete; aber bei den ſieben Schmerzen unſerer lieben Frau! ſein Blut war ganz ſchwarz und roch ſo ſehr nach Pulver, daß Bendito glaubte, es brennten im Raume Zündſchnuren.“ „Heilige Jungfrau, habe Mitleid mit uns!“ ſagte der gute Maſſareo, indem er aufmerkſam zuhörte.„Aber weshalb habt Ihr uns dieſe Umſtände nicht früher mitgetheilt?“ Da eben wieder eine Lage gegeben wurde, ſtellte ſich Jago als hätte er die Frage nicht gehört, und fuhr mit der größten Unverſchämtheit fort:„Ich ſehe ihn noch, Capitain, ganz roth gekleidet, das Ungeheuer, mit ſilbergeſtickten Todtenköpfen.— Und ein Wuchs— acht Fuß und einige Zoll hoch; Schultern, ſo breit wie das Hintertheil des Lugger; rothen Bart und rothe Haare; funkelnde Augen und Zähne— das heißt Hauer, wie, wie ein Eber in den Wäldern von Galzar! Die Füße waren geſpalten!“ Maſſareo pries Gott, indem er ſich bekreuzte, daß durch ſeinen Willen die Küſte von einem ſolchen Ungeheuer befreit wurde. In dieſem Augenblicke ſank die Tartane, gänzlich zertrüm⸗ mert, unter dem Freudengeſchrei des Küſtenwächters, und die dichte Finſterniß, welche während der langen Kanonade etwas gemildert worden war, ſchien ſich noch dichter herabzuſenken. Das Meer war faſt ganz ruhig, und nur ein leichter Süd⸗ wind wehte. „Endlich,“ rief der Capitain,„endlich ſind wir ihn los, durch den Beiſtand der heiligen Jungfrau und die Tapferkeit Jago's, die für ein glänzendes Wunder gelten kann; der Wille Gottes geſchehe überall! Nieder auf die Knie, meine Kinder, und laßt uns dem Himmel danken für dieſen Beweis ſeiner Gnade für die Geſegneten und für ſeinen Zorn gegen die Ver⸗ dammten.“ „Amen,“ ſagte die Equipage, welche niedergekniet war, und ſtimmte im Chor eine Art Tedeum an, das von einer herrlichen Wirkung war. Die Luft war ſchwer, die Nacht finſter, und man konnte ſich nicht zwei Schritt weit ſehen. Nach dem Ende des erſten Verſes entſtand eine tiefe, tiefe Stille. Maſſareo begann allein: „Gott der Gnade, der Du wachſt über Deine Kinder, und ſie vertheidigeſt gegen den Satan—“ Weiter konnte er nicht. Er, Jago und die ganze Equi⸗ page lagen ſtarr, die Augen weit aufgeriſſen und in regungs⸗ loſem Schrecken auf dem Deck. Auf mein Wort, ich will es glauben; man erinnere ſich nur, daß die Nacht ſchwarz und ganz finſter war, und— Ein ungeheures rothes Flammenmeer brach plötzlich aus; die See, die Lichtſtrahlen zurückwerfend, wogte in feurigen Wel⸗ len, die Atmoſphäre entzündete ſich, und die Spitzen des Felſens von la Torre wurden von purpurnem Scheine beleuchtet, als verzehrte ein ungeheurer Brand die Küſte. Das glänzende Licht verbreitete ſich von dem Deck der Tar⸗ tane des Gitano in tauſend flammenden Funken, die zum Him⸗ mel aufſtiegen und in blitzendem Regen blau und roth nieder⸗ fielen. Myriaden flimmernder Meteore verbreiteten rings um das Schiff her eine blendende Helle. In der Mitte dieſes Feuermeeres erſchien der Gitano und ſeine Tartane. Ja, es war der Gitano ſelbſt, umringt von ſeiner ganzen Neger⸗Equipage mit den entſetzlichen Geſichtern, die ſchwarzen, vom Feuer rothangeflogenen Masken glichen. Da hielt der Gitano auf dem Deckſeines Fahrzeuges, ſchwarz gekleidet, mit der weißen Feder auf dem Baret, die Arme ge⸗ kreuzt, im Sattel ſeines kleinen ſchwarzen Pferdes, deſſen Schön⸗ heit durch das reiche purpurfarbne Sattelzeug gehoben wurde, und deſſen üppige, golddurchflochtene Mähne der Hauch der Luft funkelnd hin und her bewegte. Neben dem Verdammten und auf den Hals Iskar's ge⸗ ſtützt, ſtand Vaſillo, ebenfalls ſchwarz gekleidet und in der Hand eine Damascener⸗Büchſe. Bentek und die Schwarzen waren in zwei ſchweigenden Linien hinter den Kanonen aufgeſtellt, und der leichte weißliche Rauch bewies, daß die Lunten brannten und die Stücke geladen waren. Es konnte in der Welt keinen impoſantern Anblick geben, als dies Schauſpiel ſataniſcher Erſcheinungen; denn das tiefe Schweigen der Equipage des Verworfenen, deſſen eigene Un⸗ beweglichkeit, das ſchwarze Fahrzeug, alle Segel eingebunden, das vor den Augen der Spanier, die nicht wußten, daß der Gitano zwei Tartanen hatte, in eben dem Augenblicke aus dem Abgrunde flammenſprühend heraufſtieg, wo ſie dieſelbe ganz verſunken glaubten; das ruhige, kalte Geſicht des Verdammten, deſſen Blick etwas Uebermenſchliches zu haben ſchien, mußte 77 wohl den armen Maſſareo und deſſen Mannſchaft erſchrecken, welche in dieſer pyrotechniſchen Begebenheit nichts ſahen, als einen Triumph Satans. Die Stimme des Verdammten ertönte, und die ganze Equipage ſtürzte mit dem Geſicht nieder auf das Deck. „Nun?“ rief der Gitano,„nun, Du tapferer Küſten⸗ wächter, ſiehſt Du wohl, daß weder Feuer, noch Waſſer mir etwas anhaben konnte, und daß jede Deiner Kugeln eines meiner Segel herſtellte? Beim Satan, meinem Gebieter! Wirſt Du Dich noch der Verfolgung des Gitano ausſetzen, wirſt Du noch glauben, daß ſo Elende wie Du und die Deinigen, Den in ſeinem Laufe aufhalten können, der dem Sturmeshauche und dem Willen Deines Gottes widerſteht?“ Niemand auf dem Lugger wagte eine Antwort auf dieſe freche Prahlerei. „Bei den funkelnden Augen Molochs!“ ſchrie der Gitano wieder,„Ihr antwortet nicht? Der Capitain, der meine Tar⸗ tane mit ſolcher Geſchicklichkeit in den Grund bohrte, der tapfere Capitain ſtehe auf, oder ich vernichte das Schiff. Auf mein Wort! bedenkt es wohl, meine Brüder, Ihr werdet nicht, gleich mir, auf dem Boden des Oceans brave Dämonen mit feurigen Flügeln finden, welche aus den brennenden Abgründen herauf⸗ ſteigen, um Euern Lugger auf den Rücken zu nehmen, und ihn wieder flott zu machen, denn die Helligkeit, welche Ihr erblickt, meine Brüder, iſt nichts als der Widerſchein ihrer Flügel, die ſie einen Augenblick entfaltet haben. Noch einmal ſage ich es Dir, Capitain, ſtehe auf, oder ich hefte an Dein Schiff ein Feuer, das kein Weihwaſſer und alle Exorcismen nicht auslö⸗ ſchen ſollen, das ſchwöre ich Dir.“ Alle Spanier thaten einen Satz, als hätten ſie einen elec⸗ triſchen Schlag bekommen, aber Keiner ſtand auf. „Bei den Krallen Beelzebubs!“ ſchrie der Gitano,„es iſt ohne Zweifel der Held dort in der blauen Uniform mit den goldnen Epauletts, der ſeinen Kopf hinter einer Caronade ver⸗ birgt, und ſich ſo wenig rührt, wie ein todter Fiſch.— Vaſillo, mein Sohn, ſetzte ihm das Bein in Bewegung, das man doch noch ſieht, denn der Tapfere gleitet wie eine Schlange hinter die Affüte.“ Vaſillo drückte ab, und der Capitain Maſſareo ſaß, in Folge des ſchmerzhaften Zuckens der empfangenen Wunde, auf⸗ 73 recht auf dem Deck, und heftete auf den Gitano zwei große, ſtarre Augen, ohne zu ſehen. Die Kugel Vaſillo's hatte ihm, glaube ich, das Bein zer⸗ ſchmettert. „Sagt den Häſchern der Douane und dem Gouverneur von Cadir,“ rief der Gitano wieder,„daß ich Dich vernichten, Dein Fahrzeug in Brand hätte ſtecken können, und es nicht that. Erinnere Dich meiner wohl, damit Du den Verdamm⸗ ten und deſſen Gnade nicht vergißt; da Du aber morgen glau⸗ ben könnteſt, einen Traum gehabt zu haben, will ich Dir hier einen Beweis für die Wirklichkeit Deiner Viſion hinterlaſſen. Lebe wohl, tapferer Mann!“ Dabei nahm er eine Lunte aus der Hand Bentek's, und näherte ſich einer Kanone. Der Schuß fiel, die Kugel pfiff, zerſchmetterte den Fockmaſt des Luggers, tödtete zwei Menſchen und verwundete drei. Kaum war der Schuß gefallen, als auch das ungeheure Feuermeer, in deſſen Mitte der Gitano und deſſen Schiff bisher geſchwebt, wie durch Zauberei erloſch. Die dichte Finſterniß, welche auf die blendende Helle folgte, wurde noch undurchdringlicher; man ſah durchaus nichts mehr und hörte auch kein Geräuſch. „Nun, Vaſillo, was ſagſt Du zu meiner Rache?“ fragte der Gitano ſeinen jungen Gefährten, nachdem ſie ſich von dem Lugger, mit Hülfe ihrer langen Ruder, entfernt hatten, die ſorgfältig umwickelt waren, ſo daß man ſie nicht hören konnte, und ſie daher den Spaniern wie durch ein neues Wunder zu entſchwinden ſchienen. „Eure Rache, Commandant, Eure Rache?“ ſagte Vaſillo; „wie hättet Ihr dann Eure Feinde behandelt? Die Elenden entkommen zu laſſen! Bei der Jungfrau! Ihr hättet wiſſen ſollen, was ich litt, als ich die arme Tartane unter den Kano⸗ nenſchüſſen dieſer Feigen ſinken ſah!“ „Du biſt ein Kind, Caro mio. Wenn ich die Elenden mit ihrem Lugger in den Grund bohrte, wer hätte dann davon etwas erfahren? Man würde glauben, er ſei im Sturme un⸗ tergegangen, und morgen würden zwei andere Lugger meine Verfolgung beginnen. Morgen aber, Vaſillo, wird weder eine Fregatte, noch eine Brigg oder ein Schiff es wagen, ſo groß iſt der Schrecken, den ich dieſen Küſtenwächtern eingeflößt habe. 79 Ich hätte zwölf Memmen getödtet, jetzt aber breche ich tauſend Tapfern den Muth, denn in Deinem Lande ſchlägt man ſich tapfer gegen die Menſchen, hat aber noch Furcht vor dem Teufel. Die Mönche wiſſen dies wohl; ſie bedienen ſich daher auch Gottes, wie ich mich Satans. Wieder eine Rolle, Va⸗ ſillo, die geſpielt wird.“ Vaſillo erwiderte nichts, fragte aber den Gitano, was er nun zu thun gedenke. „Meiner Treu, mein Sohn, wir dürfen nicht mehr an die Contrebande denken; es bleibt uns nur noch Eines zu thun, nämlich unſere Dienſte den ſüdamerikaniſchen Inſurgenten an⸗ zubieten; ehe ich aber abreiſe, will ich die Monja wiederſehen. Der Schrecken Deiner Landsleute wird noch lange anhalten, und überdies iſt unſer Rückzug ſtets ſicher und geheim. Laß uns daher von dem Magdalenenkloſter ſprechen, Vaſillo.“ „Das wollen wir, Commandant.“ Sie plauderten mit einander, und zwar lange. Maſſareo und deſſen Equipage erwarteten den Tag in derſelben Lage, das heißt, mit der Naſe auf dem Deck. Erſt als die Sonne hoch am Himmel ſtand, wagten ſie, den Kopf zu erheben; da ſie aber während dieſer ganzen fürchterlichen Nacht nicht manövrirt hatten, fanden ſie ſich an der Küſte von Conil geſtrandet, gerade dem Leuchtthurme gegenüber. Bleich und entſtellt, konnten die Unglücklichen ſich kaum erheben, blickten dann ſich voll Entſetzen um, ſprangen über Bord, und liefen davon, was ſie laufen konnten, als waͤre der Gitano noch hinter ihnen. Sie fanden ein Aſyl zu Conil; hier erzählten ſie lang und breit das hölliſche Wunder, von dem ſie Zeuge geweſen waren, und die ſchon durch ſie entſtellte Erzählung nahm, indem ſie durch den Mund der Bauern in der Umgegend von Conil ging, einen ſolchen Charakter an, daß es nicht mehr eine Tartane blieb, die man geſehen hatte, ſondern ein ungeheuer großes Schiff, angefüllt mit Legionen flammenſpeiender Dämonen, welche feurige Flügel trugen, und auf deren Häuptern der Gi⸗ tano ſchwebte, oder vielmehr Satan ſelbſt, wie man dies ſchon ganz richtig in dem Laden des Barbiers bemerkt hatte. Dies Schiff erhob ſich aus dem Boden des Oceans in demſelben Augenblicke, wo die Tartane unter den Schüſſen des Küſten⸗ wächters ſank. So abgeſchmackt indeſſen auch die Geſchichte 30 klingen mochte, ſo traf doch die Wahrſagung des Gitano ein, daß der Schrecken vor dem bloßen Namen des Gitano ſich noch lange an der Küſte erhielt. Elftes Kapitel. Ich möchte ſo viel Sinne haben, als eine ſchöne Nacht Sterne, um ſie alle mit unſerer Liebe zu be⸗ ſchäftigen. Ich glaube, dadurch ſind die Engel vor allen andern Geſchöpfen glücklich. Ch. Nodier, König von Böhmen. Liebe Ach, wie liebe ich eine Sommernacht, eine ſanfte ſpaniſche Nacht, mit ihrem klaren blauen Himmel, ihrem Monde, der hier mehr funkelt, als anderwärts die Sonne! Alles iſt Ge⸗ heimniß und Schweigen, Alles vergrößert ſich in dem Helldun⸗ kel. Das leichte Geräuſch der fallenden Blume, die auf ein trocknes Blatt trifft, das leiſe Gemurmel der Zweige, welche die Luft bewegt, tönen ſtärker in das lauſchende Ohr, als die Kanonen am Tage der Schlacht, als das Freudengeſchrei eines ganzen Volkes am Tage eines Feſtes. Seht Ihr das Kloſter der heiligen Magdalena? Wie ſtolz und impoſant es ſich jetzt, da es nicht mehr von den Strahlen der Sonne vergoldet wird, mit ſeinen ſchwarzen hohen Mauern, ſeinen gothiſchen Zinnen in die Luft erhebt! Wie die ſchweren Thürme, die langen, öden Gallerien ſich gegen das dunkle Grün der alten Eichen ausnehmen! Wie der dunkle Schatten das weißliche Licht hebt, mit dem der Mond die Mauern beſcheint, die Bleidächer verſilbert und die Spitzen er⸗ leuchtet. Ich ſagte ſchon, Alles ſchweigt; man kann den Flug eines Schmetterlings von dem der Biene unterſcheiden. Hört Ihr nicht das Klopfen eines hochwogenden Herzens und halbunterdrückte Athemzüge? Hört Ihr nicht das Gras rauſchen unter der leichten Laſt, die es beugt? Schlüpfet hinter . 31. jenes Caprifolium, deſſen ſchöne Palme eine Kette von Guir⸗ landen umzieht. Seht,— bei Gott! das iſt die Monja, das iſt der Gi⸗ tano! Ein ſchwacher Schein des Mondes beleuchtete die Gruppe. Der Zigeuner ſaß zu den Füßen der Nonne, die Arme auf die Knie des jungen Mädchens geſtützt; er lächelte liebend den Engelskopf an, und gab ſich dem kindiſchen Spiel der Monja hin, die bald ſeine hohe Stirn mit ſeinen üppigen Haaren be⸗ deckte, bald ſie wieder zurücklegte. „Engel meines Lebens,“ ſagte endlich Roſita,„ſo möchte ich ſterben, in Deinen Armen, meine Augen auf die Deinigen gerichtet, meine Hände in den Deinigen!“ „Nein, meine Liebe,“ ſagte der Gitano,„ſo möchte ich ſtets leben.“ „Ach, ja wohl, ſtets ſo leben!“ wiederholte die Monja, „denn leben iſt ja bei Dir ſein, Dich lieben. Mein tägliches Gebet an die Jungftau iſt auch, daß ſie unſere Liebe beſchützen möge, Caro mio.“ „Sie ſchützt ſie auch, theurer Engel. Sieh, Alles lächelt uns zu!“ 1 „Erinnerſt Du Dich aber noch des Sturmes? Jeſus, wie bebte ich da, als ich Dich bei dem Scheine des Blitzes die Mauer hinabſteigen ſah, um wieder nach Deiner Tartane zu kommen! Der Himmel ſtand in Flammen, heilige Jungfrau! und ich ſah ſpäter an den Wunden Deiner Hände, daß Du 1 Dich an den Felſen hatteſt anklammern müſſen, um nicht von den wüthenden Wogen fortgeriſſen zu werden.“ Und noch zitternd über die vergangene Gefahr, umſchlang ſie ſich mit ſeinen beiden Armen, als hätte ſie ſich von einer Gefahr erretten wollen.„Erinnerſt Du Dich noch? 2 „Nein, mein Engel, ich erinnere mich nur des Kuſſes, den Du mir zum Abſchiede gabſt.“ „Erinnerſt Du Dich noch des Thierkampfes auf der Ebene, die ſich vor dem Kloſter ausſtreckt? Ach, wie klopfte mein Herz, als ich an Deinen Bewegungen ſah, daß Du mich erkannteſt! Als ich Deine Stimme unter meinem Fenſter hörte! „Und dann,“ ſagte ſie leiſer,„als Du mir mit einem Pfeile die ſeidne Strickleiter in den Garten ſchoſſeſt? Wie Die Cucgracha. IV. 6 32 befeſtigte!“ „Meine Hand zitterte auch, Roſita.“ „Erinnerſt Du Dich noch? Aber weshalb von der Ver⸗ gangenheit ſprechen, mein Geliebter? Die Gegenwart gehört uns, die Gegenwart mit ihrem Entzücken, ihrer berauſchenden Freude, ihren glühenden Liebkoſungen! Wenn ich allein bin, der Schlaf mein Auge flieht, mein Buſen ſchwer ſich hebt, meine Augen ſich mit Thränen füllen, dann— ja, dann iſt es Zeit, meine Erinnerungen herauf zu beſchwören.“ Ihr Haupt neigte ſich zu dem des Gitano, ihre Lippen trafen ſich. „Ach komm,“ ſagte er, indem er ſie ſanft herabzog;„komm mit mir unter den ſüßen Duft der Orangenbäume! Siehſt Du, Roſita, ich bin Dein Cavallero; dieſe finſtre Allee iſt der Prado von Madrid; komm, meine Geliebte, ſchlinge Deinen Arm um den meinigen, laß die Spitzen Deiner Mantille über Deine glänzenden Augen herab, und betrachte die ſchönen Equipagen, die prächtigen Livreen. Und dies ſchwarze, ſchweigende Kloſter iſt das Theater, welches erglänzt in Gold, Criſtall und Licht; da iſt der König, die Königin und ihr Hof im glänzenden Edel⸗ ſtein; man ſteht auf, man grüßt; Du, Du trittſt in Deine Loge; Dein Gewand iſt weiß wie Dein Buſen, und eine Blume, roth wie Deine Lippen, ſchlingt ſich in Dein Haar. Man erhebt ſich vor Dir wie vor der Königin aller Spanier und ruft be⸗ wundernd aus: Wie ſchön ſie iſt!“ Lächelnd ſah er das junge Mädchen an, und belauſchte einen Gedanken des Stolzes auf ihrer Stirn. „Ach, lieber iſt mir doch das alte Kloſter und Deine Liebe,“ ſagte ſie. Als ſie ſich ihm dabei näherte, ſtieß ſie ſich mit dem Fuße an einen grünlichen Stein und ſtrauchelte. „Was iſt das, meine Liebe?“ fragte der Gitano. „Ein Grab,“ ſagte das junge Mädchen und bekreuzte ſich. „Wie? Ein Grab hier im Garten des Kloſters? Ich glaubte, die Chriſten begrüben ihre Todten nur in geweihter Erde? Iſt es dieſe?“ „Nein, heilige Jungfrau! Denn man ſagt ſich leiſe, ganz leiſe im Kloſter, dies Grab ſei das Pepa's, welche einſt aus dieſem Kloſter zu entfliehen ſuchte. Man holte ſie aber auf der ⸗ meine Hand zitterte, als ich ſie am Fuße dieſes Palmbaumes Straße von Sovilla ein, ihr Geliebter wurde getödtet, indem er ſie vertheidigte, und ſie—“ „Nun, und ſie, theurer Engel?“ „Sie wurde gefangen in das Kloſter zurückgeſchleppt und ſtarb einen tauſendfachen Tod. Drei Jahre litt ſie die fürchter⸗ liche Strafe, ſchlief auf einem Lager von ſpitzigen Steinen, wurde täglich gepeitſcht, empfing die elendeſte Nahrung, in welche mannoch garſtige Thiere warf um ſie hienieden zu züch⸗ tigen, und ſie ſo ihr Verbrechen ſühnen zu laſſen, wie die Prio⸗ rin ſagt.“ „Alſo, bei den Strahlen der Sonne!“ rief der Zigeuner, „wenn man uns überraſchte?“ Er betrachtete das junge Mäbchen voll Beſorgniß, denn die grauſame Frage war ihm wider Willen entſchlüpft, und er fühlte, wie ſehr ſie das Mädchen ergreifen mußte. „Dann werde ich ſterben wie Pepa,“ erwiderte das liebe Kind lächelnd mit dem Blicke der Liebe und Anhänglichkeit. „Wie ſie, würde ich für meinen Geliebten ſterben. Ja, ich weiß es wohl, ich habe ſchon daran gedacht!“ „Und wie? Dies ſchreckliche Geſchick—“ „Iſt tauſendmal weniger ſchrecklich, als einen Tag ohne Dich zu ſein, ohne Dir zu fagen: Ich bete Dich an!“— mur⸗ melte ſie zwiſchen den krampfhaft gepreßten Zähnen und ſank ſtumm zu ſeinen Füßen nieder——— „Du willſt es? So lebe wohl!“ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer. „Ja, lebe wohl, lieber Engel, wir müſſen uns trennen! Sieh, ſchon iſt die Nacht weniger finſter, die Sterne erbleichen und das röthliche Licht dort verkündet die Rückkehr des Mor⸗ gens; noch einmal, lebe wohl, meine Roſita!“ „Noch einen Kuß— einen einzigen— den letzten Kuß, Seele meines Lebens!“ Die Sonne vergoldete ſchon die Spitzen der hohen Thürme des Kloſters, als dieſer letzte Kuß noch währte. Eendlich entriß ſich der Gitano den Armen, die ihn noch immer liebevoll umſchlungen hielten, erreichte die ſeidne Strick⸗ leiter, und kletterte mit ſeiner gewöhnlichen Leichtigkeit hinauf. Die Monja folgte, am Fuße des Palmbaumes ſitzend, mit beſorgtem Auge, doch voll Entzücken jeder ſeiner Bewegungen. 34⁴ Auf dieſen Abend,“ ſagte ſie,„auf dieſen Abend, meine iebe!“ Der Zigeuner hatte die letzte Sproſſe erreicht, wendete ſich noch einmal um, ſeiner Roſita zu lächeln, und wollte eben den Fuß über die Mauer heben, da wich die Leiter unter ihm, glitt an der Mauer hinab, und der Gitano ſtürzte blutend, zer⸗ ſchlagen, mit offenem Schädel zu den Füßen der Nonne nieder! Ohne Zweifel hatte man die Seide durchſchnitten, die auf der äußern Seite die Leiter hielt. „Ich bin verrathen!“ ſchrie der Zigeuner, und ſeine Augen wendeten ſich nach der Nonne, die auf den Knien lag, mit ge⸗ falteten Händen, bleich, leblos. „Roſitg, Roſita!“ bat er,„zieh mich hinter jene Orangen⸗ bäume, ehe der Tag anbricht, denn ich kann mich nicht erheben. Ach, ich leide ſehr!“ Der Unglückliche hatte den Schenkel zerbrochen, und der Knochen ſtieß durch das Fleiſch. „Roſita! meine Liebe! Roſita, hilf mir!“ ſtöhnte er mit ſchwacher Stimme. Die Nonne ſtieß ein heftiges, gellendes Geſchrei aus, ihre Augen vergrößerten ſich, aber ſie ſagte nichts. „Himmel! die Unglückliche iſt wahnſinnig! ſchrie der Gi⸗ tano und wollte die Hand des Mädchens ergreifen, aber die Bewegung preßte ihm einen gellenden Schrei aus. Plötzlich hörte man ein dumpfes Geräuſch in der Gegend der Gartenthür. „Roſita! Roſita!“ flehte er mit herzzerreißendem Tone,„es iſt Dein Geliebter, welcher Dich beſchwört: rette, rette wenig⸗ ſtens Dich!“ Regungslos blieb ſie auf den Knien vor ihm liegen. Das Geräuſch wurde deutlicher und näherte ſich. De Gitano verſuchté, ſich hinter ein dichtes Gebüſch von Caprife⸗ lium zu ſchleppen, das ihn vor Aller Augen verbarg. Untet entſetzlichen Qualen gelang es ihm endlich. Plötzlich wurde die Kloſterthür aufgeriſſen, und eine Maſſe von Douanen, Mönchen und Volk fluthete in den Garten. „Tod dem Verfluchten! Tod dem Verdammten!“ ertönte das allgemeine Geſchrei. Der Gitano ſchleppte ſich weiter hinter dichte Aloen. Die Menge gelangte am Fuß der Mauer zu dem Palmbaume, und fand hier die Nonne, immer noch auf den Knien, die Hände gefaltet und regungslos. Das wilde Geſchrei weckte ſie aus dem Starrſinne, ſie ſenkte die Augen, ſah friſch vergoſſenes Blut am Boden und lächelte. Aber ihre Lippen hatten ſich ſo feſt auf einander gepreßt, daß dieſes Lächeln etwas Furchtbarem glich. Die Menge bebte, bekreuzte ſich, und blieb ſtumm. Die Nonne winkte Denen, die um ſie her ſtanden, mit der Hand, und folgte dann, auf den Knien rutſchend, der blutigen Spur, die der Gitano auf dem Sande zurückgelaſſen hatte. Alle folgten ſchweigend und von Entſetzen ergriffen und kamen ſo an den Ort, wo der Gitano verſteckt lag. Hier blieb Roſita einen Augenblick ſtehen; die breiten Blät⸗ ter der Aloe auseinander biegend, ſchleppte ſie ſich dann zu dem Verwundeten, ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus, und ſtürzte an ſeiner Seite nieder, mit dem Ausrufe:„Todt!“ „Da iſt der Renegatz umzingelt den Ort und treibt das Volk zurück!“ rief der Commandant der Douane.— „Ergieb Dich, Hund! denn zwanzig Gewehre ſind auf Dich angelegt. Fertig!“ rief der Commandant ſeinen Leuten zu, und die Hähne knackten. „Armes Kind! Du wenigſtens wirſt nicht unter ihren Qua⸗ len leiden,“ ſagte der Gitano, indem er die Monja betrachtete, und eine Thräne, welche die entſetzlichſten Schmerzen ihm nicht hatten erpreſſen können, rann über ſeine Wange. „Ergieb Dich, Renegat, oder ich laſſe Feuer geben!“ wie⸗ derholte der Offizier. „Ihr ſeid tapfere Leute, meine Söhne,“ ſagte der Gitano, „der Hirſch liegt in den letzten Zügen und ihr fürchtet ihn noch. Eine ſchöne Jagd! auf mein Wort!“ Er ſchwieg. Man ſtürzte auf ihn zu, band ihn, und drei Tage darauf war er zu Cadir, im Gefängniſſe des heiligen Auguſtin, unter der Obhut eines Bataillons von der Miliz. Seit längerer Zeit hatten Fiſcher Bericht erſtattet, daß faſt jede Nacht ein Boot unter den Mauern des Kloſters kreuze, und dadurch den Verdacht des Alkaden erweckt. Man verſteckte Menſchen in den Spalten der Felſen, man erforſchte die Schritte des Gitano, folgte ihnen, und bemerkte, wie dieſer die Leiter be⸗ feſtigte; man wartete. Als man nun an der Spannung der Seile bemerkte, daß er wieder heraufſtieg, ſchnitt man die Halt⸗ ſtränge außerhalb durch, und es geſchah, was erzählt wurde. Zwoͤlfes Kapitel. „Bei meinem Haupte! Glaubt Ihr, daß man ſich auf einem ſolchen Lager behaglich fühle?“ rief la Value, indem er ſich in ſeinem Käfig auszu⸗ ſtrecken verſuchte. Der Wegelagerer; Geſchichte aus den Zeiten Ludwigs KI. Die glühende Capelle. In der Mitte des Platzes San⸗Juan, in der Nähe des Walles, erhebt ſich eine ziemlich hübſche Rotunde mit einem Bleidache, welches glänzt wie die Kuppel eines Minarets. Die Zwiſchenräume der Steinſäulen ſind mit ſtarken Eiſengittern ausgefüllt, ſo daß das ganze Gebäude einem großen runden Käfig gleicht. In der Mitte befindet ſich eine ſchöne Capelle mit weißen Wachskerzen ausgeſchmückt. Die Altardecke von ſchwarzem Tuch war mit ſilbernen Thränen und Todtenköpfen geſtickt; vor dem Altare, auf der einen Seite, ſtand ein ſichtner Sarg; dieſem gegenüber, auf der andern Seite, ein Bett aus drei Bretern und einem Aſchenſack beſtehend; in einem beſondern Verſchluſſe kniete betend ein Mann in rother Tracht. Auf dem Rande des Bettes, gebeugt unter der ſchweren Laſt der Ketten, ſaß der Gitano; der Sarg iſt der ſeinige und der Kniende der Scharf⸗ richter. 5 Der Gitano war gerichtet, verurtheilt, und mußte nun, dem Gebrauche gemäß, die drei Tage vor ſeiner Hinrichtung in der glühenden Capelle bleiben. Dieſer ſonderbare, von der Inguiſition übrig gebliebene Gebrauch beſtand darin, dem Verurtheilten während dieſer Zeit Sterbegeſänge vorzuſingen, ihn Tag und Nacht vom Schlafe abzuhalten, damit er Leib und Seele kaſteie und mit Muße nachdenken könne über die lange Reiſe, die er bald antreten müſſe; ihm all den religiöſen Troſt anzubieten, den Mönche . 37 und Capuziner geben können; ihn ſanft auf das Ende vorzu⸗ bereiten, ſtellt man vor ſeinen Blick den Sarg, welcher ſeinen Leichnam aufnehmen, und den Scharfrichter, der ihn von dem Leben des Elends und der Noth befreien ſoll. Der Scharfrichter muß aus einem andern Grunde hier ſein. Es handelt ſich darum, ihn im voraus wegen des Menſchen⸗ mordes zu entſühnen, den er vollbringen ſoll. Alles ging in der vorgeſchriebenen Ordnung: die Kerzen brannten, die Mönche ſangen, der Scharfrichter betete und der Sarg wartete. Der Gitano gähnte fürchterlich und rief die Stunde ſeiner Hinrichtung mit eben der Ungeduld herbei, wie ein Menſch, der müde iſt, ſich nach dem Bette ſehnt, und doch fehlten noch ſieb⸗ zehn Stunden! Die Mönche hörten auf zu ſingen, denn die Stimme er⸗ mattete; der Scharfrichter ſtand auf, denn der Druck auf dem Pflaſter war zu ſchmerzlich. Ein Bocksſchlauch, mit Tintilla angefüllt, machte die Runde zwiſchen den Capuzinern und dem Scharfrichter. Erwähnen muß man freilich, daß dieſer zuletzt trank, ſo wie auch, daß er, abgeſehen von ſeinem Amte, ein gut⸗ müthiger Menſch warz er reichte den Schlauch durch das Gitter dem Zigeuner hin.„Danke, Bruder,“ ſagte dieſer. „Beim Chriſtus! Ihr ſeid ſehr eigen,“ ſagte der würdige Mann;„aber ich ſehe wohl, Ihr verachtet mich meines Stan⸗ des wegen. Hört aber, Gevatter, alle Welt will leben, und ich habe große Laſten. Ich habe eine alte, kranke Großmutter, eine angebetete Frau und zwei kleine Kinder mit ſchönen blon⸗ den Haaren und roſigen Wangen. Nun!“ Der Gitano unterbrach ihn mit einer ſo heftigen Bewegung, daß ſeine Ketten klirrten, als wollten ſie zerbrechen. „Iſt es möglich!“ ſagte der Verdammte, die Augen feſt auf ein ſchönes junges Mädchen geheftet, welche unter dem Haufen Neugieriger ihre ſchwarze Kappe einen Augenblick gehoben hatte. „Vaſillo! Vaſillo hier!“ fuhr er mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens fort. Die Pſalme der Kapuziner begannen mit neuer Kraft; der Mann im rothen Kleide ging wieder an ſeine Entſühnung, und der Gitano verſank wieder in ſeine Gedanken, denn das große junge Mädchen war verſchwunden. Beſiegt durch Erſchöpfung und Schlafloſigkeit, begann er 38 einzuſchlummern, als ein Karmeliter, welcher es bemerkte, ihn mit einer Feder an der Naſe kitzelte und zu ihm ſagte:„Denke an den Tod, mein Sohn!“ Der Zigeuner fuhr aus dem Schlafe empor und warf dem heiligen Manne einen furchtbaren Blick zu. „Segne mich vielmehr, mein Bruder,“ ſagte dieſer, denn hier kömmt der ehrwürdige Paolo, der Superior von San⸗ Franzisko, um Dich zu ſprechen.“ In der That trat ein feiſter Mönch, die Augen nieder⸗ geſchlagen, die Hände über der Bruſt gekreuzt, zu ihm herein. „Ave Maria purissima, mater Dei,“ murmelte er, indem er ſich näherte und dem Karmeliter ein Zeichen gab, worauf dieſer ſich ohne weitere Antwort entfernte. Der Mönch ſetzte ſich neben den Gitano, der ihn mit einem ſonderbaren Ausdrucke des Spottes und der Verachtung betrach⸗ tete. Nachdem der Mönch mehrmals tief geſeufzt hatte, begann er mit einer auffallend dunnen Stimme, die gegen ſeine Cor⸗ pulenz mächtig abſtach: „Der Himmel ſtehe Euch bei, mein Bruder!“ „Sagt vielmehr: der Teufel, mein Bruder!“ „So wollt Ihr denn wirklich in Verſtocktheit ſterben?“ Ja . „Bedenkt doch, mein Bruder, mit welchem Ruhme Ihr Euch bedecken würdet, wenn Ihr Eure Irtthümer abſchwöret und Euch in den Schovoß der heiligen Kirche begebt!“ „Für ſo kurze Zeit lohnt es nicht der Mühe!“ „Aber das ewige Leben, mein Bruder?“ „Spiel doch nicht den Prieſter mit mir, Gevatter; was Ihr vor allen Dingen wünſcht, iſt, meine Bekehrung durch Einen Eures Ordens bewirkt zu ſehen. Das begreife ich wohl; eine ſolche Bekehrung würde Euch einige Hundert Gläubige mehr zuführen, und dies verlohnt ſich ſchon der Mühe.“ „Der Himmel, mein Bruder, iſt mein Zeuge!“— „Macht ein Ende! das Alles wird ſo kleinlich und abge⸗ ſchmackt, daß es mir zuwider iſt.— Heda! mein Gevatter mit dem rothen Rocke, gebt Ihr denn Eure neue Eroberung ſo ſchnell wieder auf?“ rief der Gitano dem Scharftichter zu, ohne dem heiligen Pater weiter zu antworten. Der Henker eilte mit heiterem Geſichte ſchnell herbei. „Gut ſo;“ ſagte der Gitano.„Laß uns ein wenig plau⸗ 39 dern, denn Du biſt es, mein braver Freund, der mich in das Nichts ſenden ſoll. Du haſt einen ſchönen Stand; Du thuſt, was ihr Gott nicht könnte: zur beſtimmten Stunde, zur feſt⸗ geſetzten Sekunde ſogar, löſcheſt Du ein Leben aus, wie man ein Licht ausbläſt.“ „Es kömmt daher, mein Bruder, weil das Leben nicht län⸗ ger währt, als ein Licht,“ antwortete der Scharfrichter lächelnd. „Meiner Treu, die Leute wollen, daß ich beichten ſoll, und ich wählte Dich— Du wirſt ſonderbare Dinge hören; doch nein, Du würdeſt Dich fürchten.“ Der Mann in dem rothen Rocke erbleichte. Der Mönch, welcher bisher geſchwiegen hatte, ſtand jetzt auf, ging einen Augenblick hinaus und kehrte bald in Begleitung zweier kräftiger Männer zurück, welche Stricke trugen. „Meine Brüder,“ ſagte er ſanft, indem er auf den Gitano zeigte,„dieſer verſtockte Sünder iſt ſchon allzu ſehr zu beklagen; haltet ihn daher ab, ſich durch Ausſtoßung ſolcher Gottesläſte⸗ rungen noch tiefer in die Verdammniß zu ſtürzen. Knebelt ihn, meine Kinder, und Gott ſtehe ihm bei.“ Er entfernte ſich hierauf, und man knebelte den Gitano, daß ſeine Augen ſtarr hervortraten, wie glühende Kohlen. Da er nach zwei Stunden ziemlich ruhig ſchien, nahm man ihm den Knebel wieder ab, und zwar um ſo mehr, da einige ſehr hübſche Frauen der vornehmſten Geſellſchaft von Cadir, welche die glühende Kapelle umſtanden, ſich mit Recht darüber beſchwerten, daß man die Züge des Zigeuners nicht deutlich ſehen könnte, ſolange das häßliche Lederpflaſter ihm Naſe und Mund bedecke. Vor ſo wichtigen Gründen ſank natürlich der Knebel, aber nicht alle hegten das rührende Mitleid für den Zigeuner; die Einen lobten das Urtheil der Junta, Andere verſprachen ſich von dem Tage der Hinrichtung großes Vergnügen; Mehrere ſchmähten den Gitano, welcher aber nur darüber lächelte. Einer beſonders, ein großer dürrer Mann, Corregidor von Sevilla, der ſich eines Prozeſſes wegen in Cadir befand, ſchimpfte den unglücklichen Verurtheilten und ſagte mehrmals:„Welch ein Ungeheuer!— Welch ein Glück für die menſchliche Geſell⸗ ſchaft, daß ein ſolches Ungeheuer nach Verdienſt beſtraft wird!— Mit Freuden werde ich ihn erwürgen ſehen.“ 90 Es ſchien, als ſei der Zigeuner dieſer Schmähungen über⸗ drüſſig; ſtolz erhob er das Haupt und rief mit lauter Stimme: „Sennor Don Perez, Ihr ſeid nicht ſehr mild.“ „Wer hat dem Elenden meinen Namen geſagt?“ fragte der Mann verwirrt und erbleichte. „O, mein Herr, ich weiß noch ganz andere Dinge; und Eure Villa am Quadalquivir? Und das niedliche Boudoir mit den grünen Vorhängen, und das Baſſin von weißem Marmor?“ „Jeſus! woher weiß dieſer Dämon—“ „Dort ſuchte die Sennora Perez während der glühenden Hitze des Tages Schweigen und Erholung.“ „Hund, beſchimpfe nicht einen achtungswerthen Namen! Giebt es denn kein Geſetz, keine Gerechtigkeit mehr? Du lügſt! Schweig, oder ich laſſe Dich wieder knebeln!“ ſchrie der Cor⸗ regidor. Aber die Menge begann das Geſpräch ſehr unterhaltend zu finden und drängte näher; der Sennor Don Perez konnte ſich nicht zurückziehen, und der Gitano fuhr fort: „Ihr ſagt, daß ich lüge, Don Perez? Wollt Ihr Beweiſe?“ „Wirſt Du ſchweigen, Renegat!“ „Ihr ſollt ſie haben. Die Sennora iſt ſchön und jung, hat braunes Haar und Augen ſo ſchwarz wie der Fittig des Raben; ſie iſt voll und weiß, und ihr Fuß, ihr Wuchs und ihre Hand könnten einen Canonikus des Eskurials wahnfinnig machen.“ „Nichtswürdiger, Du wagſt—“ „Unter der linken Schulter hat ſie ein kleines ſchwarzes Mal, ſammtweich, und es nimmt ſich herrlich aus, denn es hebt die Weiße der weichen Haut nur noch mehr hervor.— Das iſt noch nicht Alles!“ Der Corregidor ſchaͤumte vor Wuth und konnte kein ein⸗ ziges Wort finden, dem Gitano und den Spöttereien zu ant⸗ worten, mit denen die Menge ihn mitleidlos überhäufte. End⸗ lich ſtürzte er gegen das Gitter und ſchrie: „Der hölliſche Zigeuner hat es von irgend einer Kamariſta meiner Frau— oder ſollte er—“ „Nein, Don Perez, nein,“ ſagte der Gitano;„ich habe es von dem Schiffskapitain erfahren, den Ihr zu Sevilla bei Euch aufnahmt, denn dieſer Capitain— war—“ „Vollende, Ungeheuer!“ 9¹ „War ich!— Iſt Euer Rino ſchon getauft, Sennor?“ Die Wuth des Don Perez erreichte den höchſten Gipfel; er ſchuttelte wie raſend die Eiſenſtäbe, aber der Gitano war vor ſeinem Zorn geſichert. „Ich ahnte es! Und er kann nur ein Mal hingerichtet werden!“ heulte der Corregidor, indem er ſich an die Eiſenſtäbe krallte. Mitleidige Freunde führten ihn endlich mit ſich fort, die 4 Menge verlief ſich, und als die Nacht anbrach, war faſt Nie⸗ mand mehr in der Nähe der Kapelle. „So bin ich denn endlich dieſe dummen Neugierigen los,“ ſagte der Gitano, als die Uhr auf dem Thurme San Franzis⸗ kus elf ſchlug.„Doch nein, da ſind wieder welche, und von der gefährlichſten Art,“ rief er, indem er zwei Prieſter in ſchwar⸗ zen Kutten auf die Kapelle zukommen ſah. Der wachende Bruder ging ihnen entgegen. „Was wollt Ihr?“ fragte er den Aelteſten barſch, denn man weiß, welchen Haß die Mönche gegen die übrige Geiſt⸗ lichkeit hegen. „Dieſen Chriſten hören, der uns rufen läßt,“ erwiderte ernſt der Prieſter. „Das iſt unmöglich. Beim heiligen Jacob, er hat den Pater Paolo fortgeſchickt, indem er ihn wie einen betrunkenen 3 Maulthiertreiber behandelte.“ „Das heißt, wir lügen, verfluchter Hund!“ rief der Ge⸗ fährte des bejahrten Prieſters, der, trotz des herabhängenden Hutes, viel jünger ausſah. Der Gitanv war bis jetzt ruhiger Zuſchauer geblieben; als er aber die ihm wohlbekannte Stimme hörte, rief er: „Ehrwürdiger Karmeliter, laßt die Prieſter herein; ich bin es, ich, der Gitano, der ſie rufen ließ, um ihnen meinen letzten S zu verkünden und ihnen zu beichten. Was warteſt Du 4 alſo?. „Da Ihr es wollt, mein Bruder,“ ſagte der Karmeliter ſtammelnd,„ſo geſchehe es; aber bei der heiligen Jungfrau, Ihr habt übel daran gethan, nicht dem Pater Paolo zu beich⸗ ten; denn er ſteht gut bei dem Ewigen! Amen.“ Als der Hüter den Raum durchſchritt, der ihn von dem* Gitano trennte, ſtürzte ſich der junge Prieſter auf die Hand des 4 Zigeuners und benetzte ſie mit Thränen. — 92 „Unvorſichtiger! Ihr ſtürzt Euch ins Verderben,“ rief ſein Gefährte, und trat vor ihn hin, um ihn den Augen des Kar⸗ meliters zu entziehen. Als dieſer ſich entfernt hatte, näherte er ſich dem Gitano und ſagte: „Ich kenne Eure Abſichten, Euern Glauben und Euern Willenz ich werde dieſe Augenblicke nicht mißbrauchen, denn ſie ſind koſtbar; aber hört mich an. „Vor einer Stunde kam dieſer junge Mann, der vielleicht der einzige Freund iſt, den Ihr noch habt, und warf ſich mir zu Füßen. Er hat mir Alles geſagt, Eure Verbrechen und Eure Irrthümer. Er bat mich, eine letzte Unterredung, die er mit Euch zu haben wünſchte, zu begünſtigen, und ich willigte ein. Es iſt vielleicht eine Schwäche von mir, aber in dem feierlichen Augenblicke, in welchem Ihr Euch befindet, glaubte ich, daß vielleicht der Troſt der Freundſchaft, da Ihr den der Religion verſchmähet, Euch helfen könnte, Eure entſetzliche Lage zu ertragen.— Ihr wißt nun Alles; wenn es Mitternacht ſchlägt, müßt Ihr Euch trennen.— Ich will für Euch beten, denn der Menſch, der eine ſolche Anhänglichkeit einzuflößen ver⸗ mag, kann nicht ganz ſtrafbar ſein.“ Der ehrwürdige Geiſtliche kniete nieder am Fuße des Altares. „Herr,“ ſagte der Gitano,„es thut mir leid, daß meine Dankbarkeit ſich nur noch kurze Zeit zeigen kann.“ „Die Stunde drängt,“ erinnerte der Prieſter. „Ja wohl,“ entgegnete der Zigeuner, ſich zu Vaſillo wen⸗ dend, denn er war es, der in dieſer Kleidung erſchien, und be⸗ trachtete ihn mit wehmüthigem Blicke.„Nun, Vaſillo,“ ſagte er,„lebe wohl— unſere Pläne—“ „Mein Commandant, mein armer Commandant!“ klagte Vaſillo; er weinte. „Siehſt Du, wahrlich, Deinetwegen möcht ich leben; ich liebte Dich.“ „Ich werde Euch nicht überleben.“ „Du biſt ein Kind! Haſt Du nicht noch meine Tartane, meine Schwarzen? Fliehe nach Amerika; Du biſt jung, tapfer—“ „Nein, ich räche Euch, hier—“ Du wirſt meine Befehle vollziehen, ich gebiete es Dir.“ „Ihr werdet gerächt! Mein Plan ſteht feſt, unabwendbar ⸗ 93 wie der drohende Tod, denn auch Ihr müßt ja ſterben. Ihr, ſo tapfer und groß, und ſterben, ſterben wie ein elender Verbre⸗ cher!“ ſagte Vaſillo mit leiſerer Stimme, aus Furcht, den Ver⸗ dacht der Hüter zu erwecken, und ſchweigend rang er die Hände. Der Gitano fuhr ſich mit der Hand über die Stirn. „Vaſillo, laß uns enden; der Auftritt iſt grauſam. Lebe wohl, verlaß mich!“ „Commandant, noch nicht, noch nicht!“ „Höre, mein Kind. Du wirſt in einem eiſernen Käſtchen Haare finden; es ſind die meiner armen Schweſter. Du wirſt einen alten Gürtel finden: es iſt der, den mein Vater trug, als er ermordet wurde. Verbrenne Alles! Was ſonſt noch darin⸗ nen iſt, gehört Dir. Alles, ſelbſt die Schrift, die Dich zum Herrn der Juden zu Tanger macht, wenn Du dahin zurückzu⸗ kehren wünſcheſt.“ „Doch Euch nicht retten zu können, Euern Tod, Euern Leidenskampf zu ſehen!“ „Beim Blitze! Vaſillo, vergißt Du, mein Sohn, unſere langen, mühſeligen Fahrten, unſere Gefahren, auf die dann wieder neue Mühſeligkeiten folgten, und morgen, Vaſillo, mor⸗ gen finde ich Ruhe, wahre Ruhe, und für immer. Beklage mich alſo nicht; nur für Dich leide ich; nochmals, lebe wohl! flieh Spanien und ſuche einen andern Erdtheil. Verkaufe die Tartane, die Schwarzen, und lebe ruhig, glücklich, und in Dei⸗ nem Glücke bewahre zuweilen einen Gedanken an den Zi⸗ geuner.“ Vaſillo fiel ihm zu Füßen. „Findeſt Du nicht, mein Kind,“ fuhr der Gitano fort, „daß es traurig für mich iſt, mein Leben damit zu endigen, wo ich es hätte beginnen ſollen? Hätte ich mit zwanzig Jahren einen Freund wie Du gehabt, und eine Roſita, ſo wäre ich nicht in der glühenden Kapelle, ich hätte eine Familie, liebende Zuneigung, und wäre einſt ruhig erloſchen im Kreiſe meiner Enkel. S, über die Laune des Geſchicks!“ Nach einer Pauſe nahm er ein rothes ſeidenes Tuch von ſeinem Halſe und gab es Vaſillo.„Trage das als Liebeszei⸗ chen von mir. Lebe wohl!“ „Ach, bis zum Tode!“ „Geh!— Lebe wohl!“ Die Uhr auf San Franzisko verkündete die Mitternachts⸗ 94 ſtunde. Jeder Schlag tönte auf herzzerreißende Weiſe in das Ohr des Jünglings. Bei dem letzten ſtürzte er betäubt zu Boden. Der Gitano ſtieß einen Schrei aus, der Geiſtliche und der Karmeliter eilten herbei. „Heilige Jungfrau! was iſt denn Euerm Gefährten?“ fragte der Hüter. „Es iſt nichts: die Aufregung, indem er den Schuldbe⸗ laſteten hörte—“ „Kommt, mein Sohn, erholt Euch,“ ſagte der treffliche Greis, indem er Vaſillo aufhob. Als Vaſillo wieder zu ſich kam, blickte er um ſich, und ſtürzte dann dem Gitano aufs neue in die Arme. „Welch ein Mitleid!“ ſagte der Hüter;„er zerquetſcht ſich die Glieder an den Feſſeln des Banditen.“ Der Prieſter mußte den Jüngling faſt bewußtlos aus den Armen ſeines Commandanten reißen. „Herr,“ ſagte der Gitano,„ich wünſchte, Euch morgen wieder zu ſehen.“ Er blieb allein, verſank die ganze Nacht in tiefes Sinnen, und als der Klang des Angelus und der erſte Schein der Sonne ihn aus ſeiner Träumerei erweckte, fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn und ſagte:„Es geht nicht; ich kann nicht an eine Ewigkeit glauben!“— Lachend fügte er dann hinzu:„Ich wollte aber lachen, wenn ich mich dennoch täuſchte.“ Dreizehntes Kapitel. Gefangen, bis der Tod erfolgt. Es ſcheint mir, als müßtet Ihr bas ſchöne Leben ſehr bedauern, ſagte ich ihm mit dem Ausdrucke der größten Theilnahme. J. Janin; der totte Eſel. Das Blutgerü ſt. Auf der Mitte des Platzes San⸗Juan de Dios erhebt ſich ein Gerüſt, zu dem zwei Treppen führen: in der Mitte des Gerüſtes ſteht ein Armſtuhl von einfachem Holze, mit den Füßen anf den Bretern befeſtigt; zwei Reihen Mi⸗ liz, zu beiden Seiten des Blutgerüſtes aufgeſtellt, bilden einen langen Cor⸗ don, der ſich bis an die glühende Kapelle ausdehnt. Eine zahlloſe Volks⸗ . . 95 menge erfüllt den Platz, die Fenſter und Dächer der Häuſer; ſelbſt die Befe⸗ ſtigungswerke des Hafens ſind mit Volk bedeckt. Es iſt elf Uhr, die Sonne brennt, und die hohe Kuppel von San⸗Juan zeichnet ſich ab am ſchönen blauen Himmel. Der Barbier Florez Gu einem Manne aus dem Volke). Erzeigt mir die Gunſt, Gevatter, mich vor Euch treten zu laſſen, denn Ihr ſeid groß genug, über mich wegſehen zu kön⸗ nen, und, Gott ſteh uns bei, dieſe Schauſpiele ſind ſo ſelten, daß man einander als Chriſt auf der Bahn des Heiles bei⸗ ſtehen muß. Der Mann aus dem Volke. Gut, tretet vor, und vergeßt mich nicht in Euerm Gebete. Florez. Der Himmel wird Euch ſegnen, mein Gevatter, und Ihr dürft die mir erwieſene Gefälligkeit nicht bereuen, wenn Ihr er⸗ fahrt, daß ich merkwürdige Umſtände von dem Renegaten weiß, der dort erwürgt werden ſoll. Ein junges Mädchen. Heilige Jungfrau! Ihr habt ihn vielleicht geſehen? Welch ein Glück! Solche Gunſt iſt nicht für Leute wie wir. Wäh⸗ rend der drei Tage, die der Verdammte in der Kapelle zu⸗ brachte, waren die guten Plätze nur für die großen Damen. Ein anderes junges Mädchen. (mit Bändern geſchmückt und geſchminkt). So bin ich eine große Dame, denn ich habe ihn geſehen, ſo genau wie dort das Barbierbecken des Barbiers mit den Reiherbeinen, und bei meiner Schutzheiligen— Der Barbier Florez(mit zornigem Tonc). Deine Schutzheilige, meine Tochter, ſteht nicht im Kalen⸗ der, und wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt ſie oft durch die Stadt geritten, mit geſchornem Kopfe, auf einem Eſel, und das Geſicht nach hinten gekehrt. . Das junge Mädchen, (indem ſie ihren Dolch aus dem Kniebande ziehth. Höllenbarbier, Deine Kehle iſt zu eng für ſolche Worte. Beim Chriſtus! ich will ſie Dir etweitern. Ein Majo. Schweig, Du, Mädchen mit den Bändern; kehre zurück in die Straße del Fideo, ſinge zur Guitarre und laſſe die Jalou⸗ ſien herunter, um den Vorübergehenden Blumen zuzuwerfen. Wenn Du den Gitano ſo ſehr in der Nähe geſehen haſt, kömmt es wahrſcheinlich daher, weil der Scharfrichter Dir oft geholfen hat, Deine Mantille loszubinden. Er wird Dir wohl bei dieſer Gelegenheit ſeinen Schutz verliehen haben(Er entreißt ihr das Meſſer). Dämonio! ſpiele nicht mit der Nadel, denn Du könn⸗ teſt Dich verwunden, und mich auch. Willſt Du, daß ich ſie wieder an ihren Ort ſtecke, Mädchen meiner Seele? Das junge Mädchen. Ketzeriſcher Hund, ich werde gerächt werden, denn da kömmt der Pater Joſeph. Ein Kapuziner. (In einer Hand eine Laterne, aufwelcher Teufel mitten in den Flammen ge⸗ malt ſind, in der andern einen Geldbeutel.) Für die Seelen, die im Fegefeuer leiden, meine Brüder; gebet, im Namen Chriſti! Der Himmel wird es Euch wieder erſtatten. Die Umſtehenden knien ehrfurchtsvoll nieder und geben nichts.) Das Mädchen mit den ſchönen Bändern. Ave Maria, empfangt dieſen Real, Bruder Joſeph, und betet, daß dieſem Hunde von Majo bei ſeiner erſten Ausſchwei⸗ fung der Bauch aufgeſchlitzt werde. Sagt, Bruder Joſeph, werde ich Euch bald ſehen? meine Decke iſt weiß, meine Alkan⸗ tara iſt mit friſchen Blumen geſchmuͤckt und ich habe königliche Cigarren von Havanna. (Der Kapuziner dreht ſich ſchnell um und ſchreit mit lauter Stimme: Por los almas del purgatorio, sennores 1) Das junge Mädchen. Bruder Joſeph! Bruder Joſeph! habt Ihr mich denn ver⸗ geſſen? Ich ließ doch keine Meſſe und kein Angelus aus. Florez. Es ſcheint, Ihr Herren, der Ehrwürdige iſt der Gewiſſens⸗ rath der Sennora; zum Glück ſieht er kräftig aus, denn das muß eine ſchwere Arbeit ſein. . 97 Das junge Mädchen. Caramba, Sennores, es iſt hart, den ehrwürdigen Bruder ſo durch einen Communero, einen Fraumaurer, verläumdet zu ſehen! Mehrere Stimmen. Ein Communero? Ein Freimaurer? Wo iſt er? Florez(erbleichend). Beim Buſen Deiner Mutter, ſchweig, Mädchen, ſcherze nicht ſo. Es war nicht mehr nöthig, um Perez zu verderben. Das junge Mädchen. Ihr hört es, mein Herr, er kannte Perez, der, gelobt ſei Gott, mehr Stockſchläge empfing, als dieſer ketzeriſche Barbier in ſeinem Leben Kinne geſchoren hat. Seht, er trägt ein grü⸗ nes Band um den Hals. Bei der Jungfrau, die mich ſieht und erleuchtet, es iſt ein Maurer! Entfernt Euch, meine Kin⸗ der! entfernt Euch!(Bewegung im Volke.) Mehrere Stimmen. In das Meer mit dem Communero!— Tod dem Frei⸗ 3 maurer!— In das Meer! Florez. Ich ſchwöre Euch bei dem Blute des Kreuzes, Gevattern, dies Band bedeutet nichts, und— 4 Ein Bauer(ihn ſchlagend). Da, Carrajo, nimm das! Du wagſt es, Dich in Geſell⸗ ſchaft von Chriſten zu miſchen? Ein Anderer. S Nimm den Schlag! Wir wollen doch ſehen, ob Dir Deine andern Brüder zu Hülfe kommen; ruf ſie zu Deinem Beiſtande! Mehrere Stimmen. 3 In das Meer! In das Meer! Das junge Mäbchen.. Bravo, Sennores! Die Jungfrau wird Euch ſegnen. Bringt ſein grünes Band und ſeinen Kopf dem Alkalden, und Die Curaracha. IV. 65 98 die Quadrupeln werden Euch eben ſo wenig entgehen, als In⸗ dulgenz für die kommenden Faſten. (Florez wird geſtoßen, geſchlagen, geworfen, und kommt ſo aus einer Hand in die anderé, bis an den Wall, deſſen Fuß das Meer beſpült; hier faßt ihn ein kräftiger Andaluſier, und wirft ihn an das Meer, indem er ſchreit:) Gott ſteh mir bei, ſo ſterben alle ketzeriſchen Freimaurer, und die Conſtitutionellen, die Feinde des abſoluten Königs. Die Voksmenge. Bravo!— Viva el rey absoluto! Ein Seemann. Still! ſtill, meine Kinder, der Zug beginnt. Heiliger Gott, das iſt ein ſchöner Tag für mich! Ein Bauer. Für Euch, wie für alle Welt, Herr Matroſe. Der Matroſe. Für mich ſchöner, beim heiligen Jacob! War ich nicht am Bord des Küſtenwächters, der unter dem Befehl des tapfern Jago den Verfluchten jagte? Mehrere Stimmen. Wie, Sennor, Ihr habt dem entſetzlichen Kampfe beige⸗ wohnt? Heilige Jungfrau! Und Ihr lebt noch? Der Matroſe. Glücklicherweiſe hatten wir am Morgen communieirt, ſonſt würde uns der Verdammte in den Grund gebohrt haben. Ein Bauer. Aber wie iſt es denn gekommen, Sennor? denn man ſagte doch, Ihr hättet die Tartane in den Grund gebohrt? Der Matroſe. „Ja, Gevatter, in den Grund gebohrt wie eine Nuß⸗ ſchale; aber plötzlich erhob ſie ſich hinter uns wieder, flammen⸗ ſprühend, und auf dem Deck ſtanden mehr als 10,000 Dämo⸗ nen, welche aus dem Munde Feuer ſprühten. Mehrere Stimmen. Heilige Jungfrau, bitte für uns! ⸗ 99 Der Matroſe. Und unter ihnen ſtand der Gitano, der Verfluchte, läſterte Gott, und ſchmähete den Himmel, die Heiligen des Paradieſes, und den Herrn Gouverneur. Die Volsmenge. Jeſus, welch ein Gräuel! Und wer befreite Euch denn von dem Ungeheuer? Der Matroſe. Unſer Capitain hatte zum Glück eine Flaſche mit Waſſer, welches der Biſchof von Toledo geweiht hatte, und da das Höllenſchiff ganz nahe war, wurde die Flaſche an Bord deſſel⸗ ben geworfen. Der Bauer. Mit einer Kanone, Gevatter? Der Matroſe. Nein, Bruder, mit der Hand, und von da iſt dann plötz⸗ lich Alles wie durch Zauberei verſchwunden, und die Tartane verſank aufs neue unter dem Geheul der Dämonen. Ein Bürger. Aber, Herr Matroſe, wie hatte es denn der Gitano ange⸗ fangen, ſich in einem Kloſtergarten ergreifen zu laſſen, wenn er ſolche hölliſche Macht beſaß? Der Matroſe. Eben weil er an einem heiligen Orte in einem Kloſter. ſich befand. Heilige Jungfrau! Den Boden eines heiligen Kloſters betreten, iſt für einen Verdammten eben ſo gut, als wollte er in Weihwaſſer ſchwimmen. Die Volksmenge. Das iſt wahr!— Herr Gott, das iſt immer ſo!— Wer wagt, daran zu zweifeln? Der Bürger. Aber, Sennores, mußte er nicht ſeine Macht wiederge⸗ winnen, wenn er aus dem Kloſter auf die Straße kam? Der Matroſe. Ja, man hatte die Vorſicht gebraucht, ſeine Ketten in 7* 100 Weihwaſſer zu tauchen, und zwei Mönche, die neben ihm gin⸗ gen, goſſen ihm beſtändig davon auf den Kopf. Jeſus! Ihr hättet ſehen ſollen, wie er ſich wand und kruͤmmte, ſo arg, daß er kaum gehen konnte. Der Bürger. Ich glaube es, heiliger Gott! Der Unglückliche hatte ein Bein gebrochen. Eine Frau. Das war eine Liſt, die er anwendete, um beklagt zu wer⸗ den; wenn man ihn ſah, ſollte man glauben, er litte. Der Bürger. Seht, Gevatter, das Alles iſt mir nicht recht klar, und was die Mönche davon ſagen, glaube ich doch nicht— Die Frau. So ſeid Ihr alſo kein Chriſt? So ſeid Ihr ein Ketzer, weil Ihr nicht an die erſten Grundſätze der Religion glaubti Santa Carmen! Ihr macht mich beben! Heilige Jungfrau, bete für mich! Er glaubt nicht!! Der Bürger (erinnert ſich an Florez's Geſchick, und ſieht ſich um, ob er noch weit vom Meere entfernt ſei). Sennora, ich glaube an Alles; ich habe unſerer lieben Frau von Pilar eine Kerze von 30 Pfund gelobt. Ich trage einen Roſenkranzz ſeht! Mehrere Stimmen. Itt es wahr? Zeigt den Roſenkranz— Es iſt vielleicht ein Freimaurer!— Der Bürger(ſehr blaß). Hier iſt er, Sennores, hier iſt er, ſeht! Und dieſer an mich gerichtete Brief des Superiors von San⸗Juanz ſeht, leſt! Mehrere Stimmen. Wir können nicht leſen; das iſt eine Schlinge, die uns der Ketzer legt; ins Meer mit dem Freimaurer! Er muß ein Freimaurer ſein! (Man dringt auf den Bürger ein; in dieſem Augenblicke werden die Ge⸗ ſänge der Mönche, die den Zug begleiten, lauter; das Volk läßt ab von dem Bürger, welcher ſich in eine Taberne flüchtet.) 101 Eine Frau. Ach! welch ein Glück! Da kömmt die Proceſſion. Wir ſtehen gut, Juana; ſieh, wir können das Schaffot faſt berühren. Sag', meine Tochter, warum ſind denn zwei Treppen? Juana. Ei, weil der Verdammte ſonſt ein königliches Schiff com⸗ mandirte, hat man ihm die Gunſt erwieſen, ihm eine eigne Treppe bauen zu laſſen. Er ſteigt nicht mit dem Scharftichter hinauf, und das iſt auch angenehm. Ein Mann. Dämonio! welche Ungerechtigkeit! Das gewährt man einem Renegaten, und mir würde man dies wahrſcheinlich verweigern! Juana. Sieh, Pepa, da tragen die grauen Büßenden ſeinen Sarg. Jeſus! wie häßlich ſie ſind, mit ihren unter den Capuzen her⸗ vorfunkelnden Augen. Pepa. Whn kömmt auch der Scharftichter. Heilige Jungfrau! er iſt nicht häßlich für einen Mann ſeines Standes. Das Roth kleidet ihn gut; er ſieht aber ſehr blaß aus. Juana. Das iſt natürlich, denn es iſt der Scharfrichter von Cor⸗ dova, der den unſerigen erſetzt; man muß ihm Zeit laſſen, ſich zu ſammeln; es iſt ihm wohl erlaubt, etwas ſchüchtern zu ſein, weil man noch nicht an ihn gewöhnt iſt. Ein Mann.. Sagt, Gevattern, ſeht Ihr den Gitano? Juana. Nein, mein Sohn. Da ſind die Banner des Kloſters von San⸗Juan, und nun die Milizen mit ihren geladenen Geweh⸗ ren und—(ſie wendet ſich zu Vaſillo, der, in einen Mantel gehüllt, ſie derb ſtößt.) Nehmt Euch doch in acht, junger Menſch! Ihr habt mich ja beinahe umgeworfen! Heilige Jungfrau! Wieder! So, nun ſtellt Ihr Euch gerade vor mich hin; dicht vor das Schaf⸗ fot, auf den beſten Platz.(Leiſe zu Pepa) Jeſus! Pepa, welch ein Blick! wie ſeine Augen unter dem Hute flammen! 102 Pepa. Es iſt vielleicht der Sohn von einem Manne, der durch den Verdammten fiel, und er kömmt nun, ſich an der Hinrich⸗ tung des Verdammten zu ergötzen; das iſt ganz natürlich. Ach! da kömmt er! Nach dem Tage meiner Communion iſt dies der ſchönſte meines Lebens. Heilige Jungfrau, ich danke Dir, daß Du mir einen ſo guten Platz verlieheſt. Mehrere Stimmen. Ha, bravo! Dämonio!— Verfluchter Hund!— Zum Tode mit dem Gitano!— Zum Tode! Ein Mann. Ich gäbe 20 Piaſter, um an der Stelle des Scharfrichters zu ſein. Ein Anderer. Ich gebe 40; aber ich muß ſein Blut ſehen. Eine Frau (wirft einen reichen Roſenkranz zu den Füßen des Alkaden). Dieſer Roſenkranz iſt 20 Quadrupeln werth; ich gebe ihn der heiligen Jungfrau, wenn ich den Verfluchten umbringen darf. Vaſillo Gertritt den Roſenkranz und packt heftig den Arm der Frau). Still, Weib! Wenn Dir Dein Leben lieb iſt, ſchweig! Die Frau. Herr Gott, zu Hülfe! Er drückt mir die Nägel in das Fleiſch! Seht, das Blut rinnt! Mehrere Stimmen. Still! ſchweigt; ſtill! (Der Gitano erſcheint, mit Ketten belaſtet; er ſtützt ſich auf den Prieſter und hat einen Jasminzweig in den Händen.) Ein Mann. Da iſt er endlich! Wißt Ihr wohl, Gevatter, daß der Scharfrichter bläſſer iſt, als er? Juana. Jeſus! der Renegat hat keinen Mönch gewollt, und läßt ſich von einem Prieſter begleiten. Welche Verfluchtheit! 105 Eine Stimme. Sennores da vorn, die Ihr ihn ſehen könnt, ſagt mir doch, wie er gekleidet iſt? Juana. Ganz ſchwarz; er ſtützt ſich auf den Prieſter, denn er ſcheint an ſeiner Wunde zu leiden; ſeine Ketten hindern ihn auch. Jeſus! er denkt nicht an die Ewigkeit, und riecht an den Jasminzweig. Ein Mann. Der Nichtswürdige! Er verzieht keine Miene. Zum Todel! Zum Tode! Der Prieſter (die Keiten des Gitano aufhebend). Ihr müßt ſehr leiden; ſtützt Euch auf mich. Ach! wir ſind nahe— Der Gitanv. Bei dem Ziele unſerer Reiſe, das iſt wahr; aber von hier iſt die Ausſicht reizend. Man überſieht die ganze Küſte von San⸗Lucar; ein herrlicher Anblick! Mehrere Stimmen. Zum Tode mit dem Hunde! Reißt ihn in Stücken!— Der Gitanv. Man hört ſein eignes Wort nicht bei ihrem Geſchrei. Sagt mir, lieber Pfarrer, hat man dieſe Batterien erſt kürzlich erbaut? Der Prieſter. Ja, aber denket— Der Gitanv. An den Tod? Ach! da iſt mein alter Freund, mit dem i Rocke, der denkt ſtatt meiner daran; es iſt genug an inem. Ein Mann. Kreuzigt ihn! Verbrennt ihn bei langſamem Feuer! Der Gitanv. Aus dieſen Menſchen iſt es ſchwer ein Volk zu machen. Welch eine reine Sonne, welch ein ſchöner Himmel! 104 Der Prieſter. Ja, mein Freund, mein Sohn, der Himmel iſt ſchön; denket an den Himmel. Der Gitanv. Da ſind wir ja; lebt wohl, mein Freund; gebt mir noch einmal Eure Hand. Nehmt dieſe Blume; ſie iſt Alles, was ich habe. Behaltet ſie. Lebt wohl, mein alter Freund. Der Prieſter. Ach! Welch ein Geſchick habt Ihr bei dieſem Muthe, die⸗ ſer Kraft, verfehlt! Der Gitano(eine Thräne trocknend). Es iſt wahr, es iſt eine ſonderbare Beſtimmung. Eine Stimme aus dem Volke. Der Feige! Er weint. Zum Tode mit der Memme! Der Gitano(ächelnd). Sonderbar! durch eine bittere Verirrung des Geſchickes finde ich erſt unter dem Beile des Henkers die Neigungen, die ich während eines ſturmbewegten Lebens vergebens ſuchte; ich finde Vaſillo, Roſita und Euch, Euch, an dem die Tugend hängt. Ihr könnt mich an die Tugend glauben machen, guter Greis. Das Volk. Zum Tode mit dem Verdammten! dem Apoſtaten! Man zögert lange!— zum Tode! Der Scharfrichter. Sennor Gitano, das Volk wird ungeduldig! Der Gitano. Ich wäre in Verzweiflung, die Herrſchaften warten zu laſſen Er giebt dem Prieſter die Hand). Lebt wohl, mein Freund! Der Prieſter. Ich verlaſſe Euch noch nicht. Der Gitano (ſetzt den Fuß auf die Treppe, Vaſillo nähert ſich ihm, ergreift ſeine Hand und ſagt mit dumpfer, Stimmch. Lebt wohl, Commandant! Ihr ſollt gerächt werden, gerächt 105 auf entſetzliche Weiſe! Gerächt an dieſem ganzen nichtswürdi⸗ gen Pöbel, und durch mich allein. Jetzt ſterbet; ich kann Euern Tod ſehen, ohne zu erbleichen. Gier läßt der junge Mann die Falten ſeines Mantels fallen, und erhebt ſtolz den Kopf, ſeine Wangen ſind purpurroth, und er läßt glühende Blicke über die Verſammlung gleiten.) Der Gitano (nit leiſer Stimme, indem er die Treppe hinaufſteigt). Lebt wohl, caro mio Vaſillo. Juana. Heilige Jungfrau! Pepita, weißt Du wohl, daß der junge Mann mit dem glühenden Blicke zu dem Verfluchten geſpro⸗ chen hat? Pepa. Ich habe es geſehen; ohne Zweifel warf er ihm irgend ein Verbrechen vor, denn ſieh nur, wie freudig er jetzt ausſieht, da man dem Verdammten das letzte Halsband umlegt. Ein Mann. Da ſitzt ja der Verdammte endlich auf dem Stuhle. Du wirſt lang ſo ſitzen bleiben, Hund, wenn Du auf Deinen eignen Beinen wieder aufſtehen ſollſt! Ein Anderer. Gott ſei gelobt! endlich legt man ihm das eiſerne Hals⸗ band um. Juana. Heilige Jungfrau! ſie ziehen ſchon.(Sie wendet ſich zu dem Volke) Aber, Sennores, man wird ihn doch nicht ſchon er⸗ würgen? Ein Mann. Nun! Juana. Er iſt ein Gottesläſterer, wir müſſen ſeine Fauſt haben; man betrügt uns; man beſtiehlt uns! Das Volk. Es iſt wahr, die Fauſt des Gottesläſterers, die Fauſt vor dem Tode!(Heftiges Gemurr, Geſchrei, Tumult; der Scharfrichter, welcher die Schlinge des eiſernen Halsbandes zuziehen wollte, hält inne, und der Alkade beredet ſich mit der Junta.) 406 Der Alkade. Das iſt wahr, wir hatten es vergeſſen; wir thaten Un⸗ recht daran. Ein Mitglied der Junta. Wir kommen nicht zu Ende; das währt noch zwei Stun⸗ den, und Jeder hat doch ſeine Beſchäftigung. Der Alkade. Mein lieber Freund, wir haben nicht ſo oft Gelegenheit, den Schreiern gefällig zu ſein, um dieſe zu verſäumen. Es iſt die Sache einer Minute, und man populariſirt ſich. Der Prieſter(zu dem Gitanc). Mein Freund, mein Sohn, verzeihe ihnen; der Fanatis⸗ mus führt uns irre. Der Gitano. Das ſehe ich; wird man mir nur eine Hand abhauen? Vaſillo(mit lauter Stimme). Bravo, Volk, bravo! Erfinde Qualen, und es wird Dir reichlich vergolten werden. Juana. Der arme gute Junge hat Recht, Gott wird uns für un⸗ ſern Eifer belohnen, heilige Jungfrau! Vaſillo(achelnd). Ja, Weib, Gott oder der Teufel. Juana. Jeſus! welch ein Blick! Das Volk. Die Fauſt, die Fauſt des Gottesläſterers, des Verfluchten! Der Alkade 6zu dem Volke). Sennores, ich bitte um Ruhe(mit kreiſchender Stimme). Die Gerechtigkeit, das lebende Symbol der Göttlichkeit, iſt kein eitles Wort; nein, Sennores, die Gerechtigkeit ſeht Ihr hier durch die erlauchten Mitglieder der Junta vertreten. Dieſe Gerechtigkeit nun hat ſich ſtets eine Pflicht daraus gemacht, die Wünſche des Volks zu erfüllen, des weiſen Vertheidigers der Religion und des Thrones. —— 107 Das Volk. Viva!— Viva! Der Alkade. Sennores, die Junta— Der Prieſter(ihn unterbrechend). Herr, im Namen des Himmels, bedenket, daß der Unglück⸗ liche den Tod erwartet! Der Alkade. Ich weiß, was ich zu ſagen habe. Sennores, die Junta hat in ihrer tiefen Weisheit den Wunſch, welchen Ihr derſelben vor⸗ legtet, geprüft und erwogen, und Ihr könnt ſehen, Sennores, daß das Wohl und der Vortheil des Volkes der einzige Beweggrund unſerer Entſcheidung iſt; Ihrkönnt ſehen, daß die Abgeordneten des Königs deſſen väterlichen Anordnungen Folge leiſten, den väter⸗ lichen Anordnungen deſſen, der Euch Alle in ſeinem Herzen trägt, wie eine einzige Familie(der Alkade wird allmälig gerührt), denn er hat mir ſelbſt geſagt: Ich vertraue Euch einen Theil meiner Rechte über meine Kinder an(er weint); bedenket, daß ihr Glück mir vor Allem theuer iſt(er ſchluchzt); und da ich ge⸗ ſchworen habe, Euer Glück zu gründen, werde ich meinen Schwur halten. Aber ich ſchweige, Sennores, ich ſchweige, denn mir fehlen die Worte; zum Glück werden die Thatſachen ſprechen(nit einem rührenden Lächeln, gemiſcht mit Thränen), Ihr ſollt die Fauſt haben, meine Freunde, Ihr ſollt ſie haben. Die Menge. Viva!— Viva el Acade!— Viva el rey absoluto!— Viva el Alcade! Der Alkade. Scharfrichter, Du haſt es gehört, handle nun! Der Gitanv. Endlich! Der Scharfrichter. Nein, Sennor. Der Alkade. Was? Der Scharfrichter. Man ließ mich von Cordova kommen, man ſtörte mich in meinen Beſchäftigungen, und es iſt nicht meine Schuld, daß der Scharftichter von Cadir ſtarb. Der Alkade. Was geht uns das an? Der Scharfrichter. Sennor, man zahlt mir 20 Dueros, um den Verurtheilten zu hängen, aber nicht um ihm die Fauſt abzuhauen; fügt noch 10 Dueros hinzu, Sennor, und ich bin Euch zu Dienſten. Der Prieſter. Wie entſetzlich, o mein Gott! Der Gitano.“ Der Burſche wird ſeiner Tochter eine gute Ausſteuer ge⸗ ben; er verſteht ſich auf die Geſchäfte. Der Alkade Gur Juntah. Ich dächte, Sennores, 10 Dueros wäre ſehr theuer.(Zum Scharftichter) Ei, Minko, ein Streich mit dem Beile iſt ja leicht gegeben, ſei gefällig! Der Scharfrichter. Ich thue es nicht um einen Real billiger. Das Volk(Geld werfend). Da, da ſind die 10 Dueros, die Fauſt des Gottesläſterers! Ein Fleiſcher (indem er ſein Meſſer ſchwingt und auf das Schaffot ſpringt). Beim heiligen Jacob! ich ſchneide ſie für nichts ab; die Fauſt und die andere, und den Kopf dazu, wenn man will! Der Scharfrichter. Gevatter, tödte ich Eure Thiere? Jeder verſehe ſein Amt; nur borgt mir Euer Meſſer, wenn Ihr ein Chriſt ſeid. (Unter dem allgemeinen„Bravo!“ verläßt der Fleiſcher das Schaffot; der Scharfrichter ſammelt ſorgfältig das Geld auf, tritt zum Gitano, legt deſſen Fauſt auf die Lehne des Seſſels, erhebt das Meſſer, die Klinge ſauſt durch die Luft, und die Fauſt fällt vor dem Prieſter nieder.) 409 Die Menge. Bravo! Viva!— Tod dem Ketzer!— Tod dem Gottes⸗ läſterer! Der Gitanv. Ich hielt es für ſchmerzhafter, mein alter Freund. Der Prieſter (indem er ſich erhebt, mit tiefer, feierlicher Stimme). Er war ſchuldig vor den Menſchen, doch dies Märtyrer⸗ thum entſühnt ihn vor Gott. Vaſillo, (indem er ſich auf die Fauſt ſtürzt und ſie in ſeinen Mantel hüllh. Prieſter, Du haſt nicht Alles geſagt; dies Blut wird auf ſie zurückfallen. Lebt wohl, Commandant, ich bedarf noch der Kraft, um Euch zu rächen! Ich gehe, denn noch eine Minute länger, und ich müßte ſterben. (Vaſillo verſchwindet unter der Menge.) Pepa. Wen nennt er denn ſeinen Commandant, der junge Thor? Schweig doch, Juana, jetzt iſt der ſchöne Augenblick gekommen. Still, ſtill! Es herrſchte eine tiefe Stille. Der Prieſter warf ſich in die Arme des Verurtheilten, der Scharfrichter näherte ſich, drehete an dem Halseiſen, ſo daß der Strick ſich feſt um den Hals legte. Noch einmal herum die Schraube, und der Gitano iſt erwürgt. In dieſem Augen⸗ blicke wirft der Prieſter einen Schleier über ihn, und fällt zu ſeinen Füßen nieder, für ihn zu beten; die Menge ſchrie: „Bravo!“ und entfernte ſich dann zufriedengeſtellt. Am Abend, als die Sonne hinter der Douane untergegangen war, kehrte der Alkade zum Fuße des Schaffots zurück, auf welchem man den Körper gelaſſen hatte. Er enthüllte ihm das Geſicht, und rief ihn dem Gebrauche nach dreimal beim Namen; da aber, ebenfalls dem Gebrauche nach, der Gitano nicht antwortete, nahmen die Knechte des Scharftichters den Leichnam herunter, und warfen ihn in die Schundgrube, wo er von den Hunden zerriſſen wurde. 110 Vierzehntes Kapitel. Rache! Freude der Menſchen. Meiſter Ploſck. Nach einer glücklichen Ueberfahrt begab ſich Vaſillo in eine der ſchmuzigen, engen, ſtinkenden Straßen mit hohen Häuſern i Fenſter, in die Straße Moa⸗B' d'hal, glaube ich, zu anger. Mehrere Tage waren ſeit der Hinrichtung des Gitano verfloſſen, und ſeine Tartane entging in ihrem unerforſchlichen Zufluchtsorte um ſo leichter den Küſtenwächtern, da ganz Cadir überzeugt war, der Capitain Maſſareo habe das einzige Fahr⸗ zeug zerſtört, welches der Gitano je beſeſſen. Vaſillo legte da⸗ her leicht die Strecke von Cadir nach Tanger zurück. Es iſt wahrſcheinlich eine ſchlechte Straße, die Straße Moa⸗B'd'hal, erſtlich, weil eine glühende Sonne ihre Strahlen ſenkrecht hineinſendet, und zweitens, weil ſie von Juden und Armeniern bewohnt wird, welche das Mittel gefunden haben, für Räuber zu gelten, und zwar ſelbſt unter den Piraten, welche dieſen Theil der Küſte von Afrika bewohnen. Auch konnte man ſich nicht ohne Gefahr in das Quartier der Juden wagen, denn die Araber der Bey's ergötzen ſich häufig daran, ſich auf den Seiten in Hinterhalt zu legen und mit ihren langen mit Silber beſchlagenen Gewehren auf die Armenier zu lauern. Sobald nur einer von ihnen den Kopf zur Thür hinausſteckte, ſetzten vier bis fünf Schüſſe ihn in Kenntniß, daß die Söhne der Wüſte einige Gläſer guten Chispa tranken, den die alte Maurin auf dem Fiſchplatze ihnen zu wohlfeil verkauft. Vaſillo hatte daher auch nicht viel Mühe, die Thür ſich öffnen zu laſſen, ſondern nur die lange ausgedörrte Geſtalt eines Greiſes an däs eiſerne Gitter der Thür zu locken. Das folgende Geſpräch entſpann ſich zwiſchen ihnen in franzöſiſcher Sprache: Vaſillo. Ihr zögert lange, mein Vater; und doch wißt Ihr, daß es für die Chriſten in dieſer verfluchten Straße Kugeln regnet. Der Jude. Iſt es weiter nichts? Lebt wohl, junger Mann. 11¹ Vaſillo. Ein Wortz ſchließt doch nicht ſo ſchnell das Gitter wieder— Der Jude. Sprich, aber ſei kurz. Vaſillo. Hier auf der Straße kann ich es nicht ſagen; laßt mich ein zu Euch, und dann— Der Jude. Der Ring Salomo's diene Dir zum Halsbande, geh! Vaſillo. Da Ihr Euch ſo hartnäckig weigert, muß ich noch das letzte Mittel verſuchen.(Er zeigt ihm ein mit verſchiedenen Hiero⸗ glyvhen bedecktes Pergament.) Der Jude. Was ſehe ich! Ein ſolcher Schatz in Deinen Händen, junger Mann?— Wer konnte— doch tritt ein, ſchnell, eine Kugel geht leicht durch eines Menſchen Kleidung; und um mein Leben wollte ich nicht, daß dieſer Talisman von den Ungläu⸗ bigen beſudelt würde. Die Thür öffnete ſich. Vaſillo trat, ſich bückend, ein, ging durch zwei andere ſchwere Eiſenthüren und gelangte dann auf einen engen Hof, der nur von oben ſpärlich ſein Licht er⸗ hielt. Vor ihm ſtand der alte Jude, der in ein hellgelbes Ge⸗ wand gekleidet war, welches ſeine langen dürren Glieder deut⸗ lich zeigte. „Zeige mir die Schrift, mein Sohn,“ ſagte er,„daß ich das Siegel näher betrachte.“ Seine Augen flammten unter den dichten Augenbraunen hervor. „Seht, mein Vater,“ erwiderte Vaſillo. „Bei den fünf Sternen Sternboth's, es ſind die Zeichen eines hohen Grades in unſerm Vereine, und Dem, der ſie führt, muß ich gehorchen, ohne zu fragen, wie er in deſſen Beſitz kam. Was befiehlſt Du, Knabe? der Greis liegt zu Deinen Füßen. „Man nennt Dich Jacob, und doch iſt Dein Name Plock; nicht wahr, Greis?“ fragte Vaſillo. 112 „Es iſt die Wahrheit. Der Engel berühre mich mit ſeinem Finger, wenn ich lüge.“ „Meiſter Plock, Ihr habt Magazine, nahe an der Küſte, beim Ausgange von Betim⸗Sah?“ „Es iſt die Wahrheit. Der Engel berühre mich mit ſeinem Finger, wenn ich lüge.“ „Und in dieſen Magazinen verbergt Ihr reiche Gewebe von Tunis, Schärpen von Conſtantinopel und Cachemirs von Cairo und Ispahan?“ Der Jude erbleichte, antwortete aber doch;„es iſt wahr; der Engel berühre mich, wenn ich lüge.“ „Dieſe Nacht noch wirſt Du ohne Zögern mit dieſen Waa⸗ ren die Tartane befrachten, die bei der Küſte am Ausgange von Betim⸗Sah vor Anker liegt.“ Der Jude, der noch immer kniete, ſprang auf, als hätte eine Viper ihn geſtochen. „Bei dem Gürtel der Magier,“ rief er aus,„Du weißt nicht, was Du willſt, junger Mann. Es iſt unmöglich! Beim Balthaſar, die Haare ſträuben ſich auf meinem Kopfe, wenn ich nur daran denke.“ „Verdammter Jude!“ rief der Jüngling,„glaubſt Du, daß ich Deine Waaren umſonſt will? Nimm hier Gold, Gold ge⸗ nug, um Deine Magazine, Dich und Deinen Rabbiner zu kaufen „Gott des Himmels, behalte Dein Gold; es erſchreckt mich. Du irrſt über den Grund meiner Weigerung, junger Mann. Weiß ich nicht, daß Du mit dieſer heiligen Schrift Alles von mir fordern könnteſt, mein Vermögen, mein Leben? Aber weißt Du auch, was Du forderſt?“ Er faltete die Hände, und ſein auf Vaſillo gehefteter Blick ſprach das höchſte Schrecken aus. „Ich weiß es, Meiſter Plock.“ „Du weißt es? Doch nein, das iſt nicht möglich.“ Er ſah hierauf ängſtlich um ſich her, als fürchtete er, ge⸗ hört zu werden, näherte ſich dann Vaſillo, flüſterte ihm einige Worte ins Ohr und ſah ihn dann fragend an, indem er den Kopf ſchüttelte. „Ich wußte es, ſage ich Dir, Meiſter Plock.“ „Und Du willſt?—“ „Ich will.“ Am Abend führte Vaſillo die Aufſicht über die Einſchiffung der Waaren; der alte Bentek und die Schwarzen trugen die letzten Waaren an Bord, als Meiſter Plock, der ſich ſtets ent⸗ fernt gehalten hatte, ſich dem jungen Mann näherte und ſagte: „Der Teufel allein, mein Sohn, hat Dir einen ſolchen Auftrag ertheilen können. Ich bin unſchuldig daran. Die Rache des Himmels falle auf Dich oder Die, welche Dich ſo handeln hießen!“ „Der Himmel ſtehe Euch bei,“ erwiderte Vaſillo, ihm die Hand hinreichend. „Es iſt wahr; ich dachte nicht mehr daran,“ ſagte der Jüngling.„Lebt wohl, Meiſter Plock, auf Wiederſehen!“ „Auf Wiederſehen? So muß es morgen ſein, denn nach drei Tagen hat Eure Mutter keinen Sohn mehr.“ „Nein, Jude; auf Wiederſehen— dort unten, wo unſer erſter Gruß ein Zähnegrinſen ſein wird; denn noch früher als Du, Meiſter Plock, werde ich auf dem Lager von glühendem Schwefel ruhen; doch will ich Dir einen guten Platz aufheben. Auf Wiederſehen alſo!“ „Er flößt mir Entſetzen ein;“ ſagte der Jude. Er folgte, indem er regungslos ſtehen blieb, Vaſillo mit dem Blicke, und dieſer ging an Bord der Tartaue, benutzte einen friſchen Nord⸗ Oſt⸗Wind, um unter Segel zu gehen, ſteuerte nach der Meer⸗ enge von Gibraltar zu, und verſchwand allmählig am Horizonte. Als der Jude nichts mehr ſah, kehrte er mit langſamem Schritte nach Tanger zurück. Doch zu einer niedrig gewölbten Thür gelangt, eilte er, die Hände zum Himmel erhoben, vor⸗ über: es war der Eingang zu ſeinen Magazinen. Gerade einen Monat nach der Hinrichtung des Gitano wurde Cadir von einer furchtbaren Peſt verheert, denn Vaſillo hatte ſeine Tartane am Fuße des Forts St. Catharina ſcheitern laſſen; das Volk plünderte das Fahrzeug, welches mit den in Tanger gekauften Waaren befrachtet war. Dieſe Waaren kamen aus der Levante, als dort die Peſt wüthete; Vaſillo wußte, daß ſie angeſteckt waren, und daß Mei⸗ Die Cucaracha. 1V. 8 114⁴ ſter Plock, um ſie zu purificiren, nur den günſtigen Augenblick abwartete ¹). Das Volk von Cadix, welches hiervon nichts wußte, be⸗ mächtigte ſich der ſchönen Cachemirs von Ispahan und der Gewebe Georgiens, und das Volk wurde angeſteckt. Die gute Geſellſchaft fand es bequem, ſolche Seltenheiten um niedrigen Preis zu kaufen, und die gute Geſellſchaft wurde angeſteckt; ſelbſt der Alkade und die Mitglieder der Junta konn⸗ ten dem Verlangen nicht widerſtehen, ihre Frauen und Töchter geſchmückt zu ſehen wie die Gattin eines ſpaniſchen Grands, und die Mitglieder der Junta, der Alkade und deren Familien wur⸗ den angeſteckt. Es ſtarb in Cadir und in der Umgegend eine zahlloſe Menſchenmenge, denn die Monate Juli und Auguſt waren ſehr heiß, und das gelbe Fieber kam noch zur Peſt. Man ſchätzt die Zahl der Todten auf 29,739, ohne die Mönche. Man weiß nicht, was aus Vaſillo und aus der Equipage und den Schwarzen wurde. Dem Gitano hielt er gräßlich Wort: er hat ihn gerächt. 0) Anmerk. Viele Juden Tanger's treiben dies einträgliche Geſchäft. Sie kaufen angeſteckte Waaren um geringen Preis, reinigen ſie gut oder übel und verkaufen ſie dann nach Europa. Die Peſt zu Cadir im Jahre 1760 hatte keinen andern Grund. Ein Contre⸗ bande⸗Fahrzeug entging den Contumaz⸗Maßregeln und verbreitete die Peſt. — a. — 0 8* I. Welche Thorheit, ſich nicht darauf zu beſchränken zu wiſſen, das Geſchöpf nur ſo zu lieben, wie man lieben muß, was der Vergänglichkeit unterworfen iſt. Bekenntniſſe des heiligen Auguſtin Buch IV. Kap. VII. ——— Ich hatte einem zweijährigen Feldzuge in In⸗ dien beigewohnt. Seit ſechs Monaten wieder in Paris, hatte ich zur Geliebten die Frau eines meiner Jugendfreunde. Es war eine ſehr hübſche Frau, ein wahres Muſter der Feinblütigkeit; ſchlank, weiß, zart, nervös, blaß, mit großen braunen Augen, die kaum ſahen; ihr Weſen war ſtolz und hochmüthig; der Fuß allerliebſt; Hand und Taille göttlich; Geiſt? Seele?— Seele— weder zu wenig noch zu viel, ſon⸗ dern gerade ſo viel, als nöthig war, einige Poeſie in unſere Verbindung zu bringen, ohne in die Forderungen und die Langeweile der Leidenſchaft zu verfallen. Eines Abends, als wir allein mit einander gegeſſen hat⸗ ten, mein Freund, ſeine Frau und ich, ließ er feinen Wagen vorfahren und ſagte: „Ich verlaſſe Dich, Jenny, denn ich habe Geſchäfte; über⸗ dies iſt heut, wie ich glaube, Dein Operntag—“ „Ja,“ ſagte Jenny,„aber ich habe meine Loge an Breſ⸗ ſaes gegeben.“ „Und was wirſt Du vornehmen?“ „Ich weiß es noch nicht.— Da heut der Empfangstag Frau von Arville iſt, gehe ich vielleicht einen Augenblick hin. Ich ſtand auf, und wollte meinen Freund begleiten, als ſeine Frau zu mir ſagte: „Ich ſchicke ſie nicht fort; ich habe meine Toilette erſt für neun oder zehn Uhr beſtellt.“ Ich verbeugte mich. 113 „Ohne Zweifel haſt Du nichts zu thun,“ ſagte mein Freund,„bleib alſo bei meiner Frau und leiſte ihr Geſellſchaft, zumal ich mit meinem Notar ein ganz verwünſchtes Geſchäft habe, das ſich nicht verſchieben läßt.“ „Adieu, Jenny!“ ſagte er zu ſeiner Frau, indem er ihr die Hand küßte. Dann zu mir ſich wendend, fügte er hinzu: „Vergiß nicht, daß ich Dich morgen um zwei Uhr abholen will, um 3 Hötel in der Rue de Londres zu beſehen.“ r ging. Als das Rollen des Wagens mich von ſeiner völligen Entfernung überzeugt hatte, verließ ich meinen Stuhl, und ſetzte mich auf die Cauſeuſe neben Jenny. „Sehen Sie, was ich Ihnen opfere, Arthur!“ ſagte ſie mit einem Seufzer. Dieſe Bemerkung war nach einer Vertrautheit von drei Monaten ſo auffallend, ſo wenig in Einklang mit dem, was geſagt und gethan worden war, daß ich, davon wirklich nichts verſtehend, ganz verwundert fragte: „Wie— Jenny?— Welches Opfer?“ Sie antwortete mir nicht, nahm ihr Riechbüchschen von dem kleinen Tiſchchen, das neben ihr ſtand, wendete mir den Rüͤcken, und ſpielte mit dem Schmuckfläſchchen, indem ſie mür⸗ riſch und verletzt ausſah. „Oho,“ ſagte ich, indem ich ihre hübſche Schulter küßte, „ich begreife.— Hören Sie, meine Theure;— wir haben uns verſprochen, offen gegen einander zu ſein, ich will Ihnen daher ſagen, was Sie verdrießt.— Sie haben von Opfer geſprochen, weil Sie vielleicht dieſen Morgen den Roman irgend einer un⸗ glücklichen Leidenſchaft geleſen haben, oder weil der phantaſti⸗ ſche Lauf Ihrer Ideen Sie antreibt, dieſen Abend von Fehler und Reue zu ſprechen. Auf Ehre, ich hätte Ihnen dieſe Zer⸗ ſtreuung nicht verſagt, wäre ich darauf vorbereitet worden, hätten Sie den Gegenſtand natürlicher herbeigeführt. Aber das kam in der That in dem Augenblicke, wo der gute Octav Sie verließ, um mit ſeinem Notar zu conferiren, ſo unpaſſend, daß ich einen Augenblick des Staunens nicht unterdrücken konnte.— Dieſe Ueberraſchung hindert Sie nun, von Ihrer heutigen Stim⸗ mung Gebrauch zu machen, und deshalb zürnen Sie mir.— Iſt es das?“ Jenny lächelte beinahe. 119 „Ich habe richtig gerathen, und da wir mit der Offenheit einmal im Zuge ſind, laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß das ein ſchlechtes Thema war,— das Opfer.— Zwiſchen uns, und bei einer Verbindung wie die unſrige, was opfern Sie da? Angebetet werden, der Gegenſtand der zärtlichſten Sorgfalt, der innigſten Huldigung ſein, das Bewußtſein alles deſſen zu ha⸗ ben, was man thut, um Ihnen zu gefallen, das nennen Sie ein Opfer bringen?— Freilich, das iſt eine Folge unſerer Gewohnheit, Ihnen für das Glück zu danken, welches wir Ihnen bereiten.“ „Vortrefflich!— Und unſer Ruf?— Unſere Grundſätze?“ „Das iſt ein doppelter Gebrauch der Worte. Ruf ſagt Alles!— Nun, wenn man ſich nicht ſchreibt, und zum Ge⸗ liebten einen Ehrenmann hat, der zu leben verſteht, bleibt der Ruf unangetaſtet.“ „Das gebe ich zu.— Und unſere Grundſätze?“ „Ja;— aber ich gebe Ihre Grundſätze nicht zu.“ „Arthur,— Sie reden irre, oder Sie ſind lächerlich fade.“ „Im Gegentheil, weil ich nicht fade bin, und mich ſelbſt für ſehr wenig zähle, glaube ich nicht an die Grundſätze— „Wie, wollen Sie im Ernſt, daß ich an den Einfluß deſſen glauben ſoll, was Sie Ihre Grundſätze nennen, wenn ich ein ſo geringes Verdienſt, wie das meinige, darüber trium⸗ phiren ſehe? Und das Verdienſt iſt noch gar nichts.— Wenn ich Ihnen wenigſtens meine Liebe durch eine grenzenloſe Erge⸗ benheit, eine uneigennützige und vollkommene Beſtändigkeit be⸗ wieſen hätte; aber nein. Vor ſechs Monaten hatte ich Sie noch nie geſehen; ich habe mich mit Ihnen beſchäftigt, wie man ſich mit allen Frauen zu beſchäftigen pflegt; Sie nahmen mich auf, wie man alle Männer aufnimmt, und ich war glücklich, weil das Glück zu unſerer Stellung, unſerem Verkehr paßte. Sie ſind mir nicht mehr verpflichtet, als ich Ihnenz; jeder von uns hat ſeine Annehmlichkeit geſucht und hat ſie gefunden; genießen wir, was wir haben, aber ſprechen wir nicht von Opfern.“ „Wahrlich, man ſollte glauben, das Wort müßte in un⸗ ſerer Sprache geſtrichen werden!— Und die Reue!— Iſt es denn kein Opfer, ſich derſelben auszuſetzen?“ „Sie haben heut einen Ihrer Tage der Paradoren. Mag ſein, daß das eine Koketterie von Ihnen iſt, weil Sie wiſſen, daß mich nichts ſo ſehr anzieht und unterhält, als Para⸗ 120 doren.— Genau genommen, iſt daher auch meine Liebe zu Ihnen nichts als—“ „Eine Paradoxe?“ „Sie haben es ausgeſprochen.“ „Aber um wieder auf unſeren Streit zuruͤckzukommen,— leugnen Sie alſo, daß eine Frau ihrem Geliebten ein Opfer bringen kann?“ „Keineswegs! Ich leugne nur, daß wir uns bisher gegen⸗ ſeitig das geringſte Opfer gebracht haben; ja, was noch mehr iſt, wenn Jemand irgend eines brachte, ſo war vielmehr ich es.“ „Das iſt ſehr amüſant.— Und wie denn das?“ „So hören Sie, Jenny.— Sie ſind verheirathet, und ich bin es nicht. Sie haben nicht daran zu denken, ſich eine Zu⸗ kunft zu begründen, ich aber befinde mich in derſelben Lage wie eine junge Perſon, die etablirt werden ſoll und einen Gelieb⸗ ten hat.“ „Sie ſind ein Narr!“ „Die Thatſache iſt ſo wahr, daß, wenn ich morgen ſtürbe, man mir auf den Sarg einen Kranz von weißen Roſen, ſchöne weiße Schleier und ſo viele Zeichen der Unſchuld und Reinheit legen würde, als nur immer ein Engel von ſechzehn Jahren bekommen kann, der in den Himmel zurückkehrt.— So iſt die Welt!“ „Und die Gelegenheiten, bei denen eine Frau fur ihren Sietten ein Opfer bringen kann, ſind wohl ſehr ſelten?“ fragte Jenny. „Zum Glück— ſehr ſelten, und in Frankreich beinahe un⸗ möglich aufzufinden, Dank ſei es unſeren Sitten, unſerer gött⸗ lichen Verderbtheit, welche bis in das Laſter Bequemlichkeit, Ruhe, beſonders aber Freiheit fordern.“ „Und anderwärts?“ „O, anderwärts iſt das verſchieden.— In einem beinahe wilden Lande kann es ſein,— iſt— war ſogar,— ich darf es behaupten.“ Gott, vielleicht eine Sie perſönlich betreffende That⸗ ache?“ „Nun ja— vielleicht!“ „Ach, erzählen Sie mir das; ich bitte Sie darum.“ „Wenn ich fade wäre, würde ich ſagen, daß es Sie eifer⸗ . 121 ſüchtig machte;— ſo aber ſage ich lieber, daß es Sie lang⸗ weilen wird.“ „Sie wiſſen ſehr gut, daß das nicht der Fall iſt, daß mich nichts mehr intereſſirt, als Sie von Ihren Reiſen erzählen zu hören.— Aber Sie wollen davon ſo ſelten ſprechen.— Arthur, ich bitte Sie darum!— Erzähle mir die Geſchichte;— ich will es!“ „Nun, ſo höre!“ erwiderte ich ihr. HI. „Vor ungefähr achtzehn Monaten war ich in Indien. Der Admiral*** hatte mir einen ziemlich wichtigen Auftrag für Vizapapatnam ertheilt. Ich reiſte von Madras ab, erfüllte meine Inſtructionen und kehrte zurück. Ich war nur noch 13 Stunden von Madras entfernt, als ein Unfall, der einem von den Trägern meines Palankin zuſtieß, mich zwang, in einem Dorfe Namens Iſchina⸗Marmelong zu übernachten.— In Indien giebt es nur ſolche verwünſchte Namen. „Ich hatte einen meiner Offiziere bei mir, einen vortreff⸗ lichen Menſchen, Namens Duclos, der nur einen Fehler hatte, nämlich den: daß er es liebte, am Morgen ſchon zu wiſſen, was er den ganzen Tag über vornehmen würde, und in Verzweif⸗ lung gerieth, wenn irgend ein Ereigniß ſeine Anordnungen über den Haufen warf. „In Ermangelung unvorhergeſehener Ereigniſſe übernahm ich es ſtets, ſeine Pläne zu ſtören, weil mich dann nichts ſo ſehr unterhielt, als ſein Zorn und ſeine Klagen.— Du begreiſſt wohl, daß man ſich auf der Reiſe zerſtreuen muß. „Als Herr Duclos über die Zögerung, die uns in der Herberge des Dorfes zurückhielt, hinlänglich Feſeufzt hatte, ſagte er:„Nun haben wir bis morgen Ruhe; was fangen wir nun an? Ich liebe es zu wiſſen, worauf ich rechnen darf.“(Das war ſeine Redensart.) „Ei,“ entgegnete ich ihm,„das Beſte, was wir thun kön⸗ nen, iſt, zu Abend zu eſſen, uns dann niederzulegen und zu ſchlafen, wenn die Muskitos es erlauben.“ 122 „Gut,“ erwiderte der vortreffliche Menſch,„denn ich liebe es, zu wiſſen, worauf ich rechnen darf.— Ich will daher in Erwartung der Zeit zum Abendeſſen einen Sparziergang ma⸗ chen; das wird mir Appetit geben und mich zu einem geſunden Schlafe in den Stand ſetzen.“ „Er ging, und ich verſprach mir ſelbſt, daß er ſo wenig, als ich es nur irgend einzurichten vermöchte, eſſen, ſich nieder⸗ legen und ſchlafen ſollte. „Die Herberge füllte ſich mit Reiſenden. Du mußt wiſſen, Jenny, daß eine ſolche Herberge eine Caravanſerei iſt, ein öffent⸗ liches Gaſthaus, von mildthätigen Seelen geſtiftet, in denen man unentgeldlich Waſſer und Decken findet und in einigen ſo⸗ gar Nahrungsmittel für die Armen. „Bald wurde die Geſellſchaft durch eine Truppe von Daatſcheries oder öffentlichen Tänzerinnen, begleitet von ihren Muſikern, vermehrt. „Nachdem dieſe Bajaderen nach der Vorſchrift ihrer Reli⸗ gion, die täglich zwei Abwaſchungen gebietet, in dem Teiche ein Bad genommen hatten, begrüßte mich die Führerin oder Bidda der Truppe, überreichte mir ein Blumenbouquet und bat um die Erlaubniß, vor mir tanzen zu dürfen. „Dieſe Bitte war für mich ein Wink des Himmels. Ich beſchloß bei mir ſelbſt, daß der unglückliche oder vielmehr der glückliche Düelos, ſtatt zu eſſen, ſich niederzulegen und zu ſchla⸗ fen, nicht eſſen, dem Balle beiwohnen und die ganze Nacht wachen ſollte. „Ich ſagte daher der Frau, daß es mir das größte Ver⸗ gnügen machen würde, ihre Truppe tanzen zu ſehen, daß wir aber dazu die Ankunft meines Kameraden abwarten müßten. „Kaum hatte ich meinen Entſchluß bekannt gemacht, als alle Anweſenden ihre Freude durch den Ausdruck zu erkennen gaben:„Nela dore! Maaradja!“ was ſo viel heißt, als: Großer Prinz! Braver Herr! „Man hing hierauf kleine Lampen über die Niſchen, welche zu dieſem Zwecke in den Mauern der Herberge angebracht wa⸗ ren; ich befahl meinen Trägern, eine Menge Aeſte von Tama⸗ rinden und Mongobäumen abzuhauen, mit denen man die große Halle ausſchmückte. „Aus meinem Palankin ließ ich meine Matratze holen und in eine Ecke legen; mein treuer Fritz machte mir eine Bowle . 125 guten Arrakpunſch; ich zündete meine Huka an und erwartete Duclos. „Du hätteſt gewitß eben ſo gelacht, wie ich, Jenny, hätteſt Du das verwunderte, dumme Geſicht geſehen, welches der arme Menſch bei dem Anblicke der vielen Leute machte, des Glanzes, des von Lampen beleuchteten Grün, kurz, von dem frſtlichen Anſehn, welches für ſein Abendeſſen und ſeine Ruhe etwas ſehr Verderbliches zu haben ſchien. „Er drängte ſich durch die Menge und näherte ſich mir. „Nun,“ fragte er,„wir eſſen alſo nun nicht mehr? Es iſt unerträglich, daß man bei Ihnen nie auf irgend etwas rechnen kann.— Noch einmal: Eſſen wir jetzt nicht mehr zu Abend?“ „Keineswegs, mein lieber Duelos, weil wir auf dem Balle ſind.“— Und zum Beweiſe gebot ich meinem erſten Kurli, die Bajaderen zu benachrichtigen. „Auf dem Balle! Auf dem Balle!“ wiederholte er mürriſch; „weshalb laſſen Sie mich dann aber auf Abendeſſen und Schlaf rechnen? Ich richte mich nach dieſem Gedanken ein, und nun kömmt gerade das Gegentheil.“ „Es war eine Ueberraſchung, mein lieber Duclos.“ „Aber mein Gott, Sie wiſſen ja, daß das, was ich auf der Welt am meiſten verabſcheue, eben eine Ueberraſchung iſt.“ „Hat denn Madame Duclos Ihnen nie zu Ihrem Namens⸗ tage mit einem Kranze und Kanonenſchlägen Glück gewünſcht?“ „O ja, aber wir flochten den Kranz vierzehn Tage vorher mit einander, und ich ſelbſt brannte die Kanonenſchläge los.“ „Nun, ſo trinken Sie mit mir ein Glas Punſch auf die Geſundheit der Madame Duclos, welche Ihnen nie eine Ueber⸗ raſchung bereitete.“ „Ich danke Ihnen recht ſehr; wenn ich Punſch zu trinken erwarte, trinke ich Punſch; wenn ich zu Abend zu eſſen denke, eſſe ich zu Abend,— oder wenn ich das nicht kann, ſo trinke ich doch wenigſtens keinen Punſch,“ erwiderte er mir mit ſehr verdrießlichem Tone. „Er war in der That außer ſich, denn der vortreffliche Menſch trieb die Liebe zu dem Vorwiſſen ſo weit, daß bei der Schlacht von Tarifa das, was ihn am meiſten verdroß, nicht etwa die Gefahr war, der er ſich ausgeſetzt ſah, denn dieſer trotzte er mit der unerſchrockenſten Kaltblütigkeit, ſondern die 124 Unordnung, welche dieſes unerwartete Ereigniß in ſein Tage⸗ werk brachte. „Der Tanz begann; es waren ihrer ſieben Bajaderen. Die Muſik erſchallte, und die Herberge erdröhnte unter den durch⸗ dringenden Tönen der Cymbeln, Careſaſſen, Matatans und der andern landesüblichen Inſtrumente. „In der That, Jenny, die Bajaderen waren allerliebſt; ihre Tracht war ſo verführeriſch, ihr Haar ſo ſchwarz und glän⸗ zend; die goldenen Plättchen, die ſie, an einem ſeidenen Netze befeſtigt, auf dem Scheitel des Kopfes tragen; ihre langen Ohr⸗ gehänge; die goldenen und ſilbernen Ringe, welche ihre Arme und Beine umfangen; ihre Gewänder von geſtreiftem Seiden⸗ ſtoff, um die Hüften mit einem Gürtel von geſchlagenem Silber befeſtigt;— das Alles war ſo elegant, ſo vrientaliſch; ihre Stel⸗ lungen endlich, üppig und leidenſchaftlich, trugen einen ſo eigen⸗ thümlichen Charakter, daß ich zwanzig Eurer glänzenden Opern⸗ ballets dafür gegeben hätte und noch für dieſen einfachen Tanz der Daatſcheries in einer ärmlichen Herberge von Carnate gäbe. „Als der Ball ungefähr eine Stunde gewährt hatte, gab ich ihnen ein Zeichen, aufzuhören, und zwar zum großen Ver⸗ druſſe Duclos', deſſen Augen ſich belebten, und der ſich endlich bequemt hatte, von dem Tanze, dem Huka und dem Punſch ſeinen Antheil hinzunehmen, als wäre er ſeit acht Tagen darauf gefaßt geweſen, und der die ehelichen Kränze, ſowie die Kano⸗ nenſchläge der Madame Duclos zu vergeſſen und ſich unrechten Gedanken hinzugeben ſchien. „Da ich die Sprache der Hindu ganz leidlich redete, dankte ich dem guten Mädchen, indem ich ſie verſicherte, daß Ramble ſelbſt, die Göttin des Tanzes, ſie nicht überträfe; aber ich bat ſie, auch etwas zu ſingen. „Meine Schmeicheleien gefielen und überraſchten ſie von einem Europäer ſehr; ſie fragten mich dann, was ſie ſingen könnten, um mir angenehm zu ſein. Ich bezeichnete ihnen die Kamie, die ich ſehr liebte, und die ich in Surate oft gehört hatte. „Sie ſangen mir alſo die Abenteuer der Prinzeß Bedd'hia vor, eine marattiſche Epopee voll Anmuth und Friſche. 1 „Es war Mitternacht, als ihre Geſänge endeten. Sie wollten ein anderes Giez oder Gedicht anfangen, aber ich dankte ihnen, und nachdem ich, wie der Gebrauch es heiſchte, der er⸗ ſten Tänzerin mein Geſchenk auf einem Teller überreicht hatte, „ 125 der mit Betel⸗ und Arekanuß⸗Blättern bedeckt war, zogen ſich alle Zuſchauer zurück, die einen in ihre Hütten, die andern in die übrigen Theile der Herberge. „Duelos wollte ſchlafen gehen,— zu Abend hatte er nicht gegeſſen;— ich ließ meinen Palankin unter einen gewaltigen Kokosnußbaum tragen, und athmete hier in bequemer Lage mit unbeſchreiblichem Entzücken den lebhaften, durchdringenden Ge⸗ ruch der würzigen und üppigen Vegetation ein. „Kaum war ich eingeſchlafen, als eine Bewegung an der Decke meines Palankins mich wieder erweckte. „Wer da?“ fragte ich ziemlich verwundert. Eine weibliche Stimme antwortete mir:„Ich bin es, Herr, die Bidda der Daatſcheries; ich komme zu Dir mit tauſend Grüßen des jungen Mädchens mit dem gelben Leibchen und dem grünen Kranze im Haar,— Daja.— Ihr Herz hat ſich zu Deinen Gunſten geöffnet, wie der Kelch der Blume ſich vor den Strahlen der Sonne öffnet.— Empfange den Betel, den ſie ſelbſt für Dich bereitet hat. Sie ſitzt zu den Füßen Deines Palankins und erwartet Deine Befehle.“ „Der Teufel ſoll mich holen, Jenny, wenn ich mich der Tänzerin mit dem gelben Leibchen erinnerte; überdies hatte ich Luſt zu ſchlafen, denn ich wollte am nächſten Morgen ſehr früh nach Madras aufbrechen; endlich wäre mir dies Entge⸗ genkommen vielleicht den Tag zuvor, den Tag nachher, will⸗ kommen geweſen, aber in dieſem Augenblicke ſagte es mir nicht zu. Ich dankte daher der Bidda für ihre redliche Einmiſchung, und forderte ſie auf, den Liebes⸗Betel meinem Freunde Duclos anzubieten, dem ich dadurch eine neue Ueberraſchung zu berei⸗ ten hoffte. „Tembrane meharsa! Gott allein iſt groß!“— antwor⸗ tete mir die Bidda, was mir nicht ganz zu der Ueberraſchung zu paſſen ſchien, die ſie Duclos bereiten ſollte. Dann ging ſie. „Am nächſten Morgen weckten uns die Kurlis. Duclos war bereit, und wir wollten eben aufbrechen, als die Daatſche⸗ ries kamen, um von uns Abſchied zu nehmen. „Ich ſah mich— aus bloßer Neugier,— nach dem jun⸗ gen Mädchen mit dem gelben Leibchen um; es war nicht zuge⸗ gen. Ich fragte nach Baja bei der Bidda, und bieſe rief ſie. Sie trat einen Augenblick in die Thür der Karavanſerei, ſah 126 mich voll Stolz, Zorn und Geringſchätzung an, legte die Hand auf die Bruſt, um mich zu grüßen, und verſchwand. „Wir brachen auf. Hundert Schritt von der Herberge hob ich den Zipfel eines der Vorhänge meines Palankins in die Höhe, und da ich in der Richtung des Dorfes zurückſah, erblickte ich mit Erſtaunen Daja, die geweint zu haben ſchien, denn ſie trocknete ſich die Augen, und zwei ihrer Gefährtinnen waren bemüht, ſie zu tröſten.“ war das Mädchen hübſch?“ fragte Jenny unge⸗ uldig. „Allerliebſt, zum Malen!“ antwortete ich. HI. „Ich weiß nicht,“ fuhr ich fort, indem ich über das leichte Wölkchen lächelte, welches Jennys Stirn verdunkelte,„weshalb mich während des ganzen Weges die Erinnerung an Daja verfolgte. Immerhin mochte ich mir ſagen, daß ſie ja doch nur eine Dirne ſei, eine jener Bajaderen, welche ſich dem Erſten Beſten hingeben; ich mochte mir alles Mögliche vorſchwatzen, Punſch trinken, meine Träger zu ſchnellerem Schritt antreiben, Betel kauen, Duclos Ueberraſchungen bereiten, Opium rauchen, — nichts konnte mich den Gedanken entziehen, die mich ver⸗ folgten.“ „Und ſie war Mädchen?“ fragte Jennh. „So ſehr, als man nur Mäbchen ſein kann.— Endlich konnte ich es nicht mehr ertragen, und als wir am Abend Tunipatnam erreichten und unſere Träger eben zur Ruhe ge⸗ hen wollten, ſuchte ich Duclos auf. „Der vortreffliche Menſch traf eben Anſtalten, in ſeine Hängematte zu ſteigen, die er in einer finſtern Ecke der neuen Karavanſerei aufgehangen hatte. „Der Unglückliche ahnete den Zweck meines Beſuches nicht im geringſten, denn er zeigte mir mit Wohlbehagen die Anord⸗ nung ſeiner Hängematte, die in der That Luſt einflößen mußte, darin zu ſchlafen, ſo friſch, ruhig und wohlgeordnet war Alles. „Geſtehen Sie mir,“ ſagte der brave Mann,„daß ich in — 127 der hübſchen kleinen Ecke da eine herrliche Nacht zubringen werde.“ „Wahrlich, Jenny, ich bedurfte eines beinahe übermenſch⸗ lichen Muthes dazu, um Duclos für Daja zu opfern, um mit einem Hauche das ſo ſehr gewürdigte Glück zu zerſtören.— Ich hatte dieſen Muth, dieſen bewundernswürdigen Muth. „Ich bin außer mir, mein lieber Duclos,“ ſagte ich,„aber wir brechen auf der Stelle auf, und zwar machen wir den Weg zurück, den wir gekommen ſind. „Spaßmacher!“ entgegnete Duclos, indem er mit einem Satze in ſeine Hängematte ſprang, und mit Ruhe alle Vorkeh⸗ rungen fur die Nacht traf, ſein Kiſſen zurecht legte u. ſ. w., ſo weit war er entfernt, an die entſetzliche Ueberraſchung zu glau⸗ ben, die ihm bevorſtand. „Ich ſcherze nicht, mein lieber Duclos,“ ſagte ich ſehr ernſt;„wir brechen auf.— Da kommen ſchon meine Träger, und auch die Ihrigen habe ich beſtellen laſſen.“ „Duclos glaubte von einem fürchterlichen Alp gedrückt zu werden.— Umkehren!— Jetzt!— Umkehren!— Aufſtehen,“ ſagte er in abgebrochenen Sätzen, indem er ſich betaſtete, um zu zu ſehen, ob er auch nicht etwa träume. „Ja, wir müſſen fort,“ ſagte ich,„und zwar auf der Stelle.— Muth, lieber Duclos, Muth!“ „Ach was, ich gehe nicht mit, nein, hol's der Henker, ich gehe nicht mit!“ rief er plötzlich, indem er ſich in ſeiner Hänge⸗ matte richtauf ſetzte wie ein Verzweifelnder, und mich mit wil⸗ dem Blicke anſtarrte. „Herr Duclos,“ ſagte ich,„ich konnte einen Augenblick vergeſſen, daß ich Ihr Vorgeſetzter ſei, jetzt aber befehle ich.“ „Aber,— weshalb denn umkehren?“ „Ich habe nur dem Admiral Rechenſchaft zu geben, und Sie müſſen mir blindlings gehorchen.“ „Duclos antwortete keine Sylbe weiter, kleidete ſich an, ließ ſeine Hängematte abhaken, beſtieg ſein Duli und folgte meinem Palankin. Er war ganz blau vor Zorn. „Meine Abſicht war, die Bajaderen zu treffen, die, wie die Vidda mir geſagt hatte, ſich ebenfalls nach Madras begaben. Da es keinen andern Weg dahin gab, war ich gewiß, ihnen zu begegnen; wir reiſten die ganze Nacht hindurch.“ „Und der unglückliche Duclos?“ fragte Jenny. 123 „Indem ich am Morgen in das Dorf kam, wo ich die Tänzerinnen zu finden glaubte, hielt ich an, ehe ich die Kara⸗ vanſerei betrat. „Ich ließ Duelos rufen, und um mich ſeiner zu entledi⸗ gen, ſagte ich ihm: „Herr Duclos, ich will Ihr unziemliches Betragen von geſtern vergeſſen, und Ihnen einen neuen Beweis meines Ver⸗ trauens geben;— beſteigen Sie den Hügel, der gegen Süd⸗ weſten egt Nehmen Sie Ihren Winkelmeſſer und Ihre Waſſerwage mit, und nehmen Sie einen Plan von dem gan⸗ zen Theile des Landes auf, welches ſich von Nordweſten nach Südweſten erſtreckt.“ „Aber weshalb haben wir das nicht geſtern gethan;— und wozu nützt es?— Seit Vizapapatnam iſt das der erſte Plan,“ entgegnete Duclos, im höchſten Grade überraſcht. „Ich ſchnitt ſeine Fragen kurz durch meine gewöhnliche ntwort ab,— daß ich nur dem Admiral Rechenſchaft ſchuldig ſei,— und der redliche Duclos nahm ſeine Inſtrumente, beſtieg den Hügel, und ſtellte die verſchiedenſten Vermuthungen dar⸗ über an, was mich wohl bewegen könnte, umzukehren und den Plan von Jaffanapatnam aufnehmen zu laſſen. „Hierauf ließ ich meinen Palankin nach der Karavanſerei tragen; ſie lag am Ende einer langen Allee der ſchönſten Ko⸗ kosnußbäume, die einen ausgemauerten Teich beſchatteten, in welchem ich viele Badende erblickte, und unter andern auch am äußerſten Ende eine kleine Gruppe von Frauen. „Plötzlich erſchallte aus dieſer Gruppe ein gellender Schrei. Ich ſah aufmerkſamer hin, und erkannte Daja, meine Tänzerin mit dem gelben Leibchen, die eben erſt aus dem Waſſer gekom⸗ men war, denn ſie hatte noch ihren Bademantel um. „Das arme Mädchen hatte mich erkannt. Ich gab ihr„ ein Zeichen, näher zu treten; ſie hüllte ſich in eine große baum⸗ wollene Decke, und eilte ganz verſchämt zu mir. „Daja,“ ſagte ich zu ihr,„ich bin Deinetwegen wiederge⸗ kommen,— um Dich zu holen.— Willſt Du mit mir gehen?“ „Sie erhob ihre großen ſchwarzen Augen auf mich, und wagte nicht zu antworten. „Willſt Du, Daja?“ „ ————— 129 „Mit Dir?“ „Ja, Daja, mit mir ſollſt Du nach Madras gehen.“ „Da ſah mich das arme Mädchen, an allen Gliedern zit⸗ ternd, und wahrſcheinlich nicht muthig genug, mir zu antwor⸗ ten, wie außer ſich an, faltete gewaltſam beide Hände ineinan⸗ der, und gab mir durch eine Bewegung des Kopfes zu verſte⸗ hen, daß ſie einwillige.“ „Und Sie nahmen das Geſchöpf mit ſich?“ fragte Jenny. „Ja, meine Liebe, in einem Duli, denkich mir zu ver⸗ ſchaffen wußte. So brach ich wieder nach Madras mit dem guten Duclos auf, der mir ſeinen Plan brachte, und glaubte, daß eine hohe politiſche Combination mit dem geheimnißvollen Duli, deſſen Inhalt er nicht ahnete, und dem Plane, den er bei glühender Sonnenhitze aufgenommen hatte, zuſammenhinge. „Zuletzt vergaß der gute Menſch ſeinen Rückmarſch, nur daß er mir eines Abends, als er eben das Glas zu den Lippen führte, ſagte:„Sehen Sie, wenn jetzt Jemand ſpräche: Sie er⸗ warten, ein Glas Arrak zu trinken, und danach ſchlafen zu ge⸗ hen, nicht wahr, Herr Duclos?— aber nein, ſtatt deſſen wer⸗ den Sie die Pagode von Mehemonga, zwölf Stunden von hier ausmeſſen;— ſo würde ich dieſem Jemand antworten: Das ſollte mich gar nicht wundern.“ „Und Sie hätten Recht,“ ſagte ichz gleichwohl ſchlürfte er diesmal ſein Glas Arrak, und brachte die Nacht zu, wie er es ſich vorgenommen hatte, denn ſeitdem ich Daja hatte, bereitete ich meinem Reiſegefährten keine Ueberraſchung mehr.“ „So!— Aber das Opfer?— Bis hierher ſcheint es mir als ob Sie—“ „So warte doch!“ ſagte ich, indem ich ſie küſſen wollte. „Sie ſtieß mich zurück, und ſagte:„Eine Dirne!— Pfui!“ „Das heißt, Jenny, eine Dirne, ja, aber die durch eine merkwürdige Laune des Schickſals in der Mitte der wandern⸗ den Truppe rein geblieben war. Sie war erſt ſeit ungefähr ſechs Monaten dazugetreten; bis dahin lebte ſie bei ihrer Mut⸗ ter; aber in einem der zahlreichen Kriege, welche jene Gegenden verheeren, wurde ihre Mutter getödtet, ihr Feld verwüſtet, und um zu leben, ſchloß ſie ſich den Daatſcheries an. Als ſie mich ſah, hatte ihr Herz noch nicht geſprochen; es ſprach, und ſie ſagte es mir ganz unbefangen.“ Die Cucaracha. IV. 9 1³0 „Und Sie haben daran geglaubt?“ fragte Jenny. „Wie ſonderbar Sie ſind, Jenny. Ein Mal wenigſtens muß das doch wahr ſein, und Daja zählte kaum ſechzehn Jahr.“ IV. „Als ich nach Madras kam, ſtattete ich dem Admiral von meiner Sendung Bericht ab, und brach dann einige geſell⸗ ſchaftliche Verbindungen ab, die ich in der weißen, und ſelbſt in der ſchwarzen Stabt hatte, um Daja meine ganze Zeit zu widmen.“ „Das war ja eine fürchterliche Leidenſchaft,“ unterbrach mich Jenny mit ſpöttiſchem Tone. „Beſſer als das, es war ein Vergnügen, und zwar ein Vergnügen aller Tage. Ich hatte ein ziemlich großes Haus mit einem dichten, ſchattigen Garten gemiethet, in welchem ein Teich mit criſtallhellem Waſſer lag. An dieſen köſtlichen Auf⸗ enthaltsort hatte ich Daja gebracht.“ „Und wie ich hoffe, hielten Sie dieſe Dirne auf einen an⸗ ſtändigen Fuß?“ fragte Jenny mit ſarcaſtiſchem Lächeln. „Sehr anſtändig, meine Liebe; und dann kannte das arme Mädchen in Madras keine Seele, und ging nie aus; ihre Klei⸗ der waren eine Art weiter Pudermäntel von Baumwolle; ſie ſchlief nach Art der Landesſitte auf einer Reisſtrohmatte, aß et⸗ was in Pfefferwaſſer gekochten Reis, kaute Betel, und lebte in der That von nichts als Müßiggang, Liebe, Bädern und Son⸗ nenſchein.— Ach, wenn Sie wüßten, Jenny, was für ein Vergnügen es für mich war, mit der erſten Morgenröthe, wenn die weißen Blüthen des Lotos noch geſchloſſen waren, und die Wolken der Papageien und Reiher ihren Flug noch nicht an⸗ getreten hatten, mit Daja an dem Ufer des friedlichen Teiches auf⸗ und niederzugehen, oder uns in das friſche, ſchweigende Waſſer zu werfen, und die Gewandtheit und Leichtigkeit meiner Indianerin zu ſehen, die über dem Waſſer hinzufliegen ſchien, wenn ſie ſchwamm; das Waſſer in Perlen über die bräunliche, ſammtweiche Haut rinnen zu ſehen.“ 151 Jenny machte eine Bewegung der Ungeduld. „Nach dem Bade ging ich dann an Bord meines Schiffes, und Abends kehrte ich zurück. Auf einer Matte liegend, und meinen Huka rauchend, ſah ich dann Daja zu tanzen, oder ſie ſang mir die Lieder ihres Landes, ein Khyour oder ein Giet, indem ſie ihre ſchöne Stimme mit der Peha begleitete, einer Art Guitarre mit drei Saiten. „Dann wieder erzählte ſie mir Geſchichten aus ihrer Kind⸗ heit, ſprach von ihren Göttern, von ihrem naiven Glauben, ihren ſonderbaren Gebräuchen, eine Unterhaltung voll Intereſſe, die meine Neugier reizte, ohne ſie zu befriedigen. „Zuweilen gab ſie mir, nach der Sitte des Landes, Räthſel auf, kurz, das arme Mädchen wendete alle ihr möglichen Mit⸗ tel auf, mir die Zeit angenehm zu vertreiben. „Abends bereitete ſie dann den Reis mit aromatiſchem Waſſer, und heitern Sinnes theilten wir dieſe frugale Mahlzeit.“ „Aber, in der That,“ ſagte Jenny,„das iſt äußerſt rüh⸗ rend, und eines Bernardin von St. Pierre würdig. Das iſt ja ein Hirtengedicht, eine Idylle, welche einen Geßner hätte begeiſtern können.“ „Meine liebe Freundin,“ antwortete ich ihr,„mit achtzehn Jahren lebt man Idyllen, weil man dann ein Weib nicht für ſich, ſondern für ſie liebt, und von Selbſtverläugnung lebt. Man wird dann auch gewöhnlich betrogen, oder iſt ſo unglück⸗ lich wie ein Stein; mit fünfundzwanzig Jahren beginnt man, ſeinen Theil des Glückes zu verlangen; aber mit dreißig Jahren wird man Egoiſt, und liebt lediglich für ſich ſelbſt; wird man dann auch betrogen, ſo hat man doch wenigſtens genoſſen. „Da nun Daja mich ſehr angenehm unterhielt und die Geſellſchaften in Madras mich tödteten; da die Frauen daſelbſt Allem und Nichts glichen, indem ſie weder Natürlichkeit, noch Reize, noch Originalität beſaßen, und von nichts zu ſprechen verſtanden, als von dem, was ich beſſer wußte, wie ſie; da es leider noch immer Zeit genug iſt, zur Civiliſation zurückzukeh⸗ ren, das heißt, zu den Schnürleibern und einer faden Kokette⸗ rie, fand ich mich ſehr gut in meine Eriſtenz und brachte ſo drei Monate hin, ohne nur einen Augenblick der Langeweile zu 2 und ohne außer Daja irgend eine lebende Seele zu ehen.“ „Das begreife ich vollkommen,“ ſagte Jenny,„aber zum 152 Glück hat die Menſchenfeindlichkeit das Gute, daß ſie uns von den Menſchenfeinden befreit.“ „Ei, meine Liebe, wenn man viel gereiſt iſt, hat man ſo viele Erinnerungen, ſo viele Punkte des Vergleiches, daß man, wie Frau von Maintenon von Ludwig XIvV. ſagte, ſchwer zu amüſiren wird. „Das iſt ein Unglück, aber es iſt nun einmal ſo.— In⸗ deß zurück zu Daja. Ich hatte ihr eines Tages verſprochen, mit ihr eine Fahrt von zwei Stunden über das Meer zu ma⸗ chen, um eine berühmte Pagode zu beſuchen; aus Gründen, die Sie begreifen werden, wollte ich kein Boot meiner Fregatte nehmen, und miethete deshalb eine Schelingue, mich, Daja, und eine alte Meſtize aufzunehmien, welche Daja bediente. Wir kamen an die Küſte; die Schelingue lag mit ihrem Randel oder Patron und ſechs Ruderern bereit. „Wir ſtiegen hinein, und ich befahl, auf das offene Meer hinauszuſteuern. „Kaum waren wir zwanzig Faden vom Ufer entfernt, als ich bemerkte, daß die Teufelsſchelingue ſehr ſchwer belaſtet war, denn es blieben kaum ſechs Zoll Bord über dem Waſſer. „Hund,“ ſagte ich zu dem Patron, indem ich auf ihn zu⸗ trat,„weshalb haſt Du die Schelingue ſo beladen, ohne es mir zu ſagen?— Du kehrſt ſogleich an das Uſer zurück, oder ich ſchlage Dir mit dieſem Ruder das Geſicht auseinander.“ „Gott iſt groß!“ ſagte das Vieh mit ſeiner Kaltblütigkeit. „Aber obgleich Gott groß iſt, war es doch ſchon zu ſpät, denn wir befanden uns mitten in der Brandung. Die erſte Welle ſchlug über Bord, und füllte unſer Boot zur Hälfte an. Die verdammte Barke war ſo ſchwer, daß es mir nichts nützte, mich an das Steuer zu ſtellen: ich vermochte ſie nicht zu re⸗ gieren. Eine zweite Welle füllte uns ganz an. Es war keine Sekunde zu verlieren.“ „Daja, folge mir!“ rief ich der Indianerin zu, indem ich in das Meer ſprang, um ihr Loos unbekümmert, denn ſie ſchwamm wie eine Ente. „Kaum war ich im Waſſer, als eine neue Welle mir to⸗ ſend über den Kopf ſchlug; ich tauchte, um Grund zu faſſen, und mit einem kräftigen Fußſtoße kehrte ich dann an die Ober⸗ fläche des Waſſers zurück. In der Ferne ſah ich die Ruder der Schelingue und neben mir Daja, die einen Freudenſchrei aus⸗ 155 ſtieß, als ſie mich erblickte und mir dann ſagte, daß ich mich auf ſie ſtützen möchte, wenn ich müde würde. „Ich dankte Daja, und bot ihr im Gegentheile meinen Beiſtand an, und rieth ihr, mir zu folgen, um die Klippen un⸗ ter dem Waſſer zu vermeiden; denn ich hatte dieſe Küſte mit dem Senkblei unterſucht, und kannte ſie ſo genau, wie mein Zimmer. „So ſchwammen wir einige Minuten, und lachten ſelbſt über unſer Mißgeſchick, denn wir hatten das Ufer dreihundert Schritt vor uns. „Plötzlich aber fühlte ich mich durch ein ungeheures Ge⸗ wicht niedergezogen; im Untertauchen ſah ich nach der Urſache und bemerkte, daß die alte Meſtize ſich in der Todesangſt an eines meiner Beine geklammert hatte; denn die Wellen hatten ſie halb todt ſo weit getrieben. Ich ſuchte mich von ihr loszuma⸗ chen, aber es war unmöglich; Alles, was ich vermochte, war, mich noch einmal über Waſſer zu ſchwingen und zu ſchreien: „Daja, zu Hülfe!“ „Das gute Geſchöpf eilte voll Schrecken herbei, und ſagte mir, daß ich meine beiden Hände auf ihre Schultern legen möchte, während ſie blos mit den Füßen ſchwimmen wollte. Ich that es, denn die verdammte Meſtize ließ mich nicht los, und machte mir jede Bewegung unmöglich. Daja ſtrengte all ihre Kräfte an und es gelang ihr, etwas vorwärts zu kommen, wobei ſie wiederholt nach Hülfe rief. Plötzlich biß mich die Meſtize, indem ſie ſtarb, in das Knie, und dieſe Bewegung machte, daß Daja und ich unterſanken.“ „Zum Glück ſind Sie wieder emporgekommen,“ ſagte Jenny ſehr kalt. „Ja, zum Glück!“ wiederholte ich, und fuhr dann fort: „Ich war früher ſchon ſehr geſchwächt; jetzt verlor ich das Bewußtſein ganz; eine Schlagwelle muß mich gefaßt haben, und warf mich gegen eine Klippe, an der ich mir am Kopfe die Wunde ſchlug, von der Sie hier die Narbe ſehen, nach deren Urſprung Sie mich ſchon mehrmals gefragt haben. „Vierzehn Tage nach dieſem verhängnißvollen Ereigniß kehrte ich erſt wieder ganz zum Bewußtſein zurück; ich erblickte mich im Hoſpitale. „An meiner Seite ſaß der redliche Duclos. „Ei, meiner Treeu,“ rief er, indem er mich die Augen auf⸗ 154 ſchlagen ſah,„das geht noch nicht ohne Mühe.— Wie befin⸗ den Sie ſich?— Sie haben mich hübſch beunruhigt.“ „Ich fühle mich ſehr ſchwach,“ ſagte ich, indem ich meine Erinnerungen zu ſammeln ſuchte.—„Und Daja?“ „Wer iſt das, Daja?— Ein Hund?“ „Ich unterdrückte eine Bewegung der Ungeduld, und fragte: „Wiſſen Sie, Herr Duclos, wo mein Kammerdiener Fritz „Er iſt ausgegangen, und wird in einer Stunde zurück⸗ kehren.“ „In einer Stunde?— Das iſt ſehr lange.— Doch ich werde warten!“ „Ich glaube wohl, daß Sie warten werden! Ei, ver⸗ dammich, das wird nicht mehr ſo ſein, wie auf der Teufelsreiſe, wo Sie mich bald hierhin, bald dorthin ſchickten, und wo ich nie eher ſicher war, meine Nacht zu ſchlafen, als am nächſten Morgen, wenn ich erwachte.— Erinnern Sie ſich wohl noch an das eine Mal— an den Plan von Jaffanapatnam?“ „Was giebt es Neues, Herr Duclos?“ fragte ich, um Er⸗ innerungen zu vermeiden, die für mich ſo grauſam waren, da ich über das Geſchick Daja's in ſolcher Ungewißheit ſchwebte. „O, eine hübſche Geſchichte, die man ſich in allen Geſell⸗ ſchaften der weißen Stadt erzählt.— Stellen Sie ſich vor, daß ein Offizier unſerer Diviſion allem Anſchein nach ein Mädchen dieſes Landes unterhielt.— Recht gut.— Das heißt, wenn ich ſage, ſehr gut, ſo ſoll das nicht bedeuten, daß er ſie ſehr gut unterhielt, denn das geht mich nichts an.— Das iſt nur ſo eine Seitenbemerkung.— Sehr gut.— Das ging alſo ſo weit, daß er in gar keine Geſellſchaft mehr ging, und die Damen un⸗ ter ſich zu einander ſagten: Wir müſſen den liebenswürdigen Menſchen wiedergewinnen, welcher der Schmuck unſerer Feſte war, und um ihn wiederzubekommen, müſſen wir ihm einen Poſſen ſpielen.— Sie wiſſen nicht, was für einen Poſſen ſie ihm geſpielt haben?— Rathen Sie!“ „Sprechen Sie!— Sprechen Sie!“ drängte ich ihn. Und dabei war ich bleich wie der Tod, Jenny, denn eine fürchterliche Ahnung zerriß mir das Herz.— Duclos fuhr fort: „Das heißt, die Poſſe wurde nicht ihm geſpielt,— ſon⸗ dern der Andern, dem Mädchen.— Der Offizier, den ich, auf Ehre, nicht kannte, war krank. Was thut man? Man ſagte ₰ 135 zu dem Mädchen: Ihr Diener,— von ganzem Herzen.— Dein Geliebter iſt todt; denke daher nicht mehr an ihn und kehre in Deine Provinz zurück, Du Schöne mit den ſanften Augen.“ „Das hat man gethan?— Wer hat das gethan, Duclos?“ rief ich, indem ich beinahe aus dem Bette fiel. „Meiner Treu, ich weiß es nicht, entgegnete Duclos ſehr gelaſſen;„ich gehe nicht in Geſellſchaften und habe die ganze Geſchichte von unſerem Commiſſionär gehört.— Wer es gethan hat? Vielleicht die Damen und Herren, die den jungen Offi⸗ zier wiederhaben wollten, der ein ſo allerliebſter Menſch war.— In einer ſo verwünſchten Stadt, wie Madras, iſt es ganz na⸗ türlich, auf ſeine Geſellſchaft zu halten.— Aber das iſt noch nicht Alles.“ „Wie ſo, noch nicht Alles!“— Ich glaubte zu träumen, Jenny, und hörte wie betäubt Duclos zu, der weiter erzählte: „Nein doch.— Denken Sie ſich, das dumme Mädchen glaubt das; aber nun ſtellen Sie ſich vor, wie weit der Fana⸗ tismus und der Aberglaube dieſer albernen Menſchen geht.— Das dumme Mädchen alſo glaubt das und beſinnt ſich nicht lange. Da ſie weiß, daß ſie den Körper ihres verſtorbenen Geliebten nicht erhalten kann, weil man in unſerer Religion nicht die Thorheit begeht, ſich wie bei ihnen zu verbrennen,— was macht das wüthende Mädchen? Sie rafft alle Kleinig⸗ keiten zuſammen, die ſie von dem Offizier erhalten hat, läßt daraus einen Scheiterhaufen errichten und— verbrennt ſich darauf bei dem Geſange ihrer Thiere von Prieſtern, welche ganz entzückt waren, weil die Sache jetzt ſehr ſelten wird.“ ——„Das iſt ungefähr Alles, was ich hörte, Jenny, denn ich wurde von einem fürchterlichen Zittern ergriffen, kalter Schweiß überzog mich, ich ſchrie: Dajal— und wurde ohn⸗ mächtig.“ Während dieſer langen und grauſamen Erzählung hatte ich Jenny aufmerkſam bettachtet und in ihrem hübſchen Geſicht nichts als Staunen und Ueberraſchung geleſen. „Nun?“ ſagte ſie,„war es wirklich jenes Mädchen, das Sie todt glaubte und ſich verbrannte?“ „Sie war es, Jenny!“ „Ich geſtehe, daß das eine Art von Opfer iſt, die ich nicht begreife.— Das Mädchen war verrückt.“ „Zum Binden verrückt!“ erwiderte ich. In dieſem Augenblicke kam die Kammerfrau Jenny's un fragte, ob die gnädige Frau ſich ankleiden laſſen wolle. „Allerdings!“ erwiderte ſie. Wie ausgedörrt auch Jenny's Seele ſein mochte, hatte dieſe Erzählung ſie doch etwas ergriffen; ihr Teint hatte ſich belebt, mochte es nun aus Unwillen, mochte es aus Eiferſucht ſein. Sie fand ſich ſehr gut ausſehend und wollte aus den phyſiſchen Vortheilen ihrer Aufregung Nutzen ziehen.— Das war ſo natürlich! „Wären Sie wohl ſo gut, in mein Sprechzimmer hinüber⸗ zugehen?“ ſagte mir Jenny,„denn ich will mich ankleiden und möchte Sie ſpäter um Arm bitten, mich zu Frau von Arville zu führen.“ „Ich ſtehe Ihnen zu Befehl, gnädige Frau,“ erwiderte ich und ging nach dem Sprechzimmer hinüber. Dieſe Erinnerungen an Indien hatten mich trübe geſtimmt, denn jener Abſchnitt meines Lebens iſt einer von denen, die ich am meiſten zu vergeſſen ſtrebe. Ich war traurig, nachdenkend, träumeriſch, als Jenny wiedererſchien, glänzend in Schönheit, Eleganz und Anmuth. Mir fuhr ein Gedanke durch den Kopf. „Wie finden Sie mich?“ fragte ſie, indem ſie ſich in dem Spiegel beſah und noch eine Agraffe befeſtigte. „Zum Entzücken, Jenny!— Nie waren Sie ſchöner.— Dieſe glänzenden Augen,— dieſe roſigen Wangen!“ „Wem verdanke ich das Alles?“ fragte ſie, indem ſie mir i Hand zum Kuſſe reichte.„Danke ich es nicht Ihnen, Ihren häßlichen Geſchichten, durch die man ſelbſt wider Willen gerührt mied— Aber bin ich auch nicht zu roth?“ „Keineswegs; es kleidet Sie ausgezeichnet; aber da Sie mir das danken, Jenny,— opfern Sie es auch mir.— Sie ſind ſchön, glänzend, geſchmückt;— gehen Sie nicht aus.— Dieſe Erinnerungen haben mich trübe geſtimmt; ich würde mich ſo glücklich fühlen, meinen Abend allein mit Ihnen zubringen zu können.— Jenny, willſt Du?— Ich bitte Dich darum;— ſag' es mir zu!“ „Ei,“ ſagte ſie lachend,„was für eine Thorheit! Wozu ſollte denn das nützen?— Ich habe ſeit langer Zeit nicht ſo gut ausgeſehen, und Sie voleß daß ich das opfern ſoll— ⸗ 157 und wegen was?— wegen Träumereien.— Wenn das Opfer der Mühe lohnte, dann möchte es noch etwas Anderes ſein.“ „Aber ich, der ich darum bitte, ich bin darüber Richter.“ „Sie ſind ein Kind!“ ſagte ſie; dann klingelte ſie und ge⸗ bot der eintretenden Kammerjungfer: „Julie— meinen Wagen!“ Ich konnte eine Bewegung der Ungeduld nicht unterdruͤcken. „Holla,“ ſagte Jenny mit ihrer ſanften Stimme,„üble Laune? Nehmen Sie ſich in Acht! Man beſtürmt mich mit Huldigungen, und wenn ich kokett wäre—“ ⸗ „Was das betrifft, meine Theure, ſo bin ich kein Kind mehr, auch gelangte ich zu jenem Punkte der Sorgloſigkeit, welcher macht, daß ich mich mit einer einzigen Ueberzeugung begnüge.“ „Und welche iſt das?“ „Daß eine Frau unmöglich zwei Liebhaber auf einmal haben kann. Bei ſolchen Grundſätzen iſt man aber wegen der Wahl ſeiner Geliebten nie in Verlegenheit; ich hoffe deshalb 2 mit Zuverſicht, eine in England zu finden,— woyhin ich reiſe.“ „Ah, Zorn— Abreiſe? Das iſt ſehr luſtig,“ ſagte Jenny nachläſſig. „Zorn? O mein Gott, nein; es iſt eine ſeit längerer Zeit beſchloſſene Reiſe, denn ſeit einem Jahrhundert guält mich die kleine Louiſe, das Land der wahren Mylords zu ſehen, wie ſie ſich in ihrer natürlichen Sprache ausdrückt.— Zweifeln Sie etwa an dieſer Reiſe, ſo leſen Sie dieſen Brief, den man mir eben von meinem Wagenbauer gebracht hat.— Leſen Sie!“ Jenny nahm mir mit Heftigkeit den Brief aus der Hand und las: „Ich habe die Ehre, den gnädigen Herrn zu benachrichti⸗ „gen, daß Ihre Dormeuſe ſowie Ihre Briska übermorgen, Frei⸗ „ag, fertig werden.— Auch die Damenhutſchachteln ſind be⸗ „ſorgt.. „Alſo, mein Herr, reiſen Sie, ohne mich davon zu unter⸗ richten, ohne Rückſichten,— ohne Anſtand?“ „Ja, ſehen Sie, Jenny, ich haſſe rührende Abſchiedsſcenen bis auf den Tod.— Und dann hätte ich auch dem guten Octav geſchrieben.“ 158 „Vortrefflich, mein Herr!— Sie verlaſſen mich zuerſt;— Sie reiſen;— Sie haben ein ſchönes Spiel.“% Sie müſſen wiſſen, meine Liebe,— deshalb ſpielt man.“ Ich küßte ihr die Hand und ging. Ich machte meine Reiſe nach England und trat die kleine Louiſe dort an Lord Nottington ab, der ſie von mir erbat. — Ende des vierten Bandes. Druck von Bernh. Tauchnitz jun. Erſter Band: Cucaracha.. 5 S Be n Ri Siüciche Faun Zweiter Band: e Piſ 5 Sſ Dritter Band: Der Araber Godolphin. Geſchichte eines Pferdes 5 Kernok. ,, Vierter Band: EGiianb, S Si ————————————— — —— —k.— 8 er⸗