ar araatararahr Arataararar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 5 en Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — —— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 3 12— 5 „„„„„„ 5„ „ aphrarhrararararararaarrhrarhr r olhh iirr Eugen Sue's ſämmtliche Die Euecaracha. Dritter Band. Zweite, correcte und wohlfeilſte Ausgabe. ren Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. Die Cucraracha. Von Gugen Sue. De 6 von Dr. A. Diezmann. Dritter Band. Zweite, correete und wohlfeilſte Ausgabe. ernr Leipzig, 1844. Verlag von OHtto Wigand. Der Araber Godolphin. BGeſchichte eines Pferdes. — 1* — I. Der Quäker. Der Winter von 1732 war ſehr kalt geweſen und es hatte häufig gefroren. Gegen das Ende des Monats Januar in jenem Jahre hatte ſich eine bedeutende Menſchenmenge an dem Pont⸗Neuf, an der Ecke der Straße Dauphine und des Kai der Auguſtiner in Paris verſammelt. Leider war das traurige Schauſpiel“ welches die Müßiggänger da verſammelte, ein ganz gewöhnliches, wie es leider auch heut zu Tage noch gar oft vorkommt. Das Pflaſter war durch das Glatteis ſehr glatt geworden, ſo daß die Pferde ſich darauf kaum zu erhalten vermochten und namentlich wurde es einem dieſer Thiere an einem großen mit Holz beladenen Karren unmöglich, dieſen ſchweren Wagen einen Schritt weiter zu bringen. Der Fuhr⸗ mann, ein großer ſtarker Mann mit gemeinen harten Zügen, bekleidet mit einer blauen Blouſe, hieb in unbarmherziger Roh⸗ heit mit der Peitſche auf das Pferd und ſchlug es bald an den Kopf, bald an andere Theile des Körpers. Das arme Thier ſtrengte ſich ſo ununterbrochen an, daß es trotz der Kälte mit Schweiß und weißem Schaum bedeckt war. Bald ſetzte es ſo gewaltig an, daß die Funken unter ſeinen Hufeiſen umherflogen, bald wich es wieder, ohne durch dieſe kräftigen, aber nutzloſen Anſtrengungen entmuthiget zu werden, einige Schritte zurück, um einen neuen Anlauf zu neh⸗ men; dann nahm es wiederum alle ſeine Kräfte zuſammen und verſuchte wiederholt, freilich ſtets vergebens, den ſchweren Wa⸗ gen in Bewegung zu bringen. Zweimal ſtürzte es unter ſeinem ſchweren Geſchirr nieder, zweimal berührten ſeine Knie das glatte Pflaſter und zweimal riß es der Fuhrmann unter ver⸗ doppelten Flüchen und Peitſchenhieben ſo gewaltſam am Gebiß empor, daß das Maul des armen Thieres blutete. zweifelten Kraft des Schmerzes fiel das Pferd zum dritten Male auf die Knie nieder; eines ſeiner Beine verwirrte ſich dabei unter ihm, es konnte nicht aufſtehen, lag da auf der Seite, zitternd, von Schweiß triefend, und ſah ſeinen Herrn an. Die Wuth des Fuhrmannes erreichte da den äußerſten Grab; nachdem er den Peitſchenſtiel an dem Kopfe des Pfer⸗ des zerſchlagen hatte, das in der Deichſel lag, ſich kaum rühren konnte und den Hals ächzend auf dem Boden ausſtreckte, ſtieß er ſein Opfer in wilder Rohheit heftig und wiederholt mit den Füßen in die Nüſtern. Die Zuſchauer beobachteten dieſes barbariſche Schauſpiel mit ſchmerzlicher Neugierde oder mit dummer Gleichgültigkeit; die menſchlichſten machten unter einander den Vorſchlag, das Pferd ausſpannen zu helfen, aber Niemand wagte, dem Fuhr⸗ manne die Rohheit ſeines Benehmens vorzuhalten. Dieſer Mann war noch nicht am Ziele ſeiner Grauſam⸗ keit; als er ſah, daß das Pferd trotz den fürchterlichen Stößen und Schlägen ſich nicht aufrichten konnte, fiel ihm eine Schütte Stroh auf dem Wagen in die Augen; er riß eine Handvoll aus derſelben heraus, drehete es wie eine Fackel zuſammen, nahm ſein Feuerzeug aus der Taſche, ſchickte ſich an, mit der un⸗ barmherzigſten Grauſamkeit dem unglücklichen Thiere eine neue Qual zu bereiten und ſagte zu den Umſtehenden, die feig genug waren, ihn handeln zu laſſen:„Jetzt werde ich die Mähre bra⸗ ten; vielleicht ſteht ſie da auf.“* In dieſem Augenblicke erſchien ein Mann, der ſtehen blieb, als er die Menſchenmenge da verſammelt ſah. Der Mann war von mittlerer Größe, ziemlich bejahrt und ziemlich beleibt. Er trug einen alten langen grauen Mantel⸗ rock; ein niedriger dreieckiger Hut bedeckte kaum den Wirbel ſeines Kopfes mit grauen nicht gepuderten Haaren; ſein ſanf⸗ tes, gutmüthiges, lächelndes Geſicht ruhete in einer breiten Batiſteravatte, deren Enden auf ſeine Jacke fielen, ungefähr wie die Krägelchen eines Geiſtlichen. Sobald dieſer Mann den Fuhrmann den brennenden Strohwiſch ſo unmenſchlich an das Pferd halten ſah, machte er eine Geberde des Abſcheus; in ſeinen Zügen ſprach ſich plötzlich das ſchmerzlichſte Mitlei⸗ den aus, und da er ohne Zweifel den ſchrecklichen Auftritt nicht Nach einer letzten und heftigen Anſtrengung in der ver⸗ —, . 9 länger mit anſehen konnte, zog er entſchloſſen den Fuhrmann am Aermel des Kittels. Die andern Umſtehenden erſchraken, als ſie die Tollkühn⸗ heit des Fremden ſahen, denn ſein Alter und ſein friedliches Aeußere ſtachen ſeltſam von der Rieſengröße und dem leiden⸗ ſchaftlichen Ausſehen des Herren des Pferdes ab. Der Quäker, denn der Mann im grauen Rocke gehörte dieſer religiöſen Secte an, welche bekanntlich das edelſte Mit⸗ leid mit den Thieren fühlt,— der Quäker trat alſo zu dem Fuhrmanne und faßte ihn ziemlich kräftig am Arme. Der Fuhrmann drehete ſich mit drohender Miene um, ſchwang den brennenden Strohwiſch und rief:„Wer greift mich an? Sie ſind es!“ „Freund,“ ſagte der Quäker in ruhigem, ſanftem Tone, indem er dem Fuhrmanne funfzehn Louisd'or in ſeiner Hand zeigte,„Freund, willſt Du mir Dein Pferd für funfzehn Louis⸗ d'or verkaufen?“ „He?“ antwortete der Fuhrmann, der glaubte, der Mann wolle ihn hänſeln. „Ich biete Dir funfzehn Louisd'or für Dein Pferdz willſt Du es mir verkaufen?“ „Mein Pferd kaufen? Funfzehn Louisdor?“ wiederholte der Fuhrmann, indem er den brennenden Strohwiſch austrat und gierig verwundert das Geld anſah, das ihm der Quäker noch immer hinhielt. „Funfzehn Louisd'or, Freund,“ ſagte der Quäker mit ſeiner ruhigen, ſanften Stimme. „Und warum ins Teufels Namen wollt Ihr mein Pferd kaufen?“ „Was geht das Dich an? Willſt Du es mir verkaufen?“ Die Umſtehenden fingen an, großes Intereſſe an der Sache zu nehmen, obgleich die Meiſten das Mitleid des Quäkers nicht begriffen, der ohne Zweifel wußte, daß Worte nichts nützen würden und in dem frommen, mitleidigen Sinne ſeines Glaubens zu handeln glaubte, wenn er ein Geſchöpf Gottes einer ſo grau⸗ ſamen Mißhandlung entreiße. Auch wirkte noch ein anderer Grund ein, den wir ſpäter erwähnen werden. „Was wollt Ihr mit meinem Pferde ohne den Wagen machen?“ fragte der Fuhrmann. „Wenn Du mir Dein Pferd verkaufſt, Freund, ſo wirſt „ * 10 Du zuerſt den Wagen abladen, das arme Thier ausſpannen, ihm ſanft aufhelfen und es dann in den Stall führen, wohin ich Dich begleiten werde.. Dort werde ich Dir meine Abſicht mittheilen.“ „Aber mein Wagen und mein Holz?“ „Es mag Jemand hier Wache halten, bis Du Dir ein anderes Pferd geliehen haſt.. Ich bezahle, wenn es ſein muß, auch noch etwas dafür.“ „Funfzehn Louisd'or!“ wiederholte der Fuhrmann, der an ſein Glück gar nicht zu glauben wagte,„und gutes Gold?“ „Nimm einen Louisd'or da, geh zu einem Kaufmann und frage, ob es gut ſei.“ Der Fuhrmann folgte dieſem Rathe, ließ ſich die Güte des Goldes beſtätigen und kam ganz vergnügt mit den Worten zurück:„Topp! der Handel iſt geſchloſſen und Ihr kommt nicht wieder davon los.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete der Quäker,„aber jetzt hilf mir ſogleich das Thier ausſpannen, das ſo unter der ſchweren Laſt Schmerz leidet.“ — „Da nun der Handel geſchloſſen iſt, kann ich wohl fragen, warum zum Teufel habt Ihr eine ſolche Mähre ſo theuer be⸗ zahlt? Das Pferd iſt eine Schindmähre, Sie verſtehen das vielleicht nicht,“ ſagte der Fuhrmann. „Jetzt werde ich Dir's ſagen, Freund; es geſchah, um das arme Thier Deiner Grauſamkeit zu entreißen.“ Der Fuhrmann ſah den Quäker dumm an, zuckte die Ach⸗ ſeln, prüfte nochmals die Goldſtücke und da er ſolches Mitlei⸗ den nicht begriff, fing er luſtig pfeifend an, das Pferd auszu⸗ Sr Er glaubte es mit einem Uebergeſchnappten zu thun zu haben. Die Umſtehenden, welche darin die Meinung des Fuhr⸗ mannes ſo ziemlich theilten, beeiferten ſich, das Pferd mit frei⸗ machen zu helfen. Das arme Thier blutete am ganzen Körper; das Eiſen an dem ſchweren Geſchirr und die Deichſel hatten ihm an meh⸗ reren Stellen die Haut abgerieben und es fürchtete ſich noch ſo ſehr vor ſeinem Herrn, daß es bei der geringſten Bewegung deſſelben zitternd zurückwich oder auf die Seite prallte, als i es gefürchtet, jeden Augenblick wieder geſchlagen zu werden. — ——— 11 „Jetzt, Freund, wollen wir das Pferd in ſeinen Stall füͤhren,“ ſagte der Quäker. 8 Und der Fuhrmann, der Quäker und das Pferd gingen, von einigen Müßiggängern begleitet, den Kai hinunter. HI. Die Erzählung. Wir haben erwähnt, daß ein beſonderer Grund den mit⸗ leidigen Entſchluß des Quäkers unterſtützt habe, als derſelbe ſich vorgenommen, das ſo ſchwer gemißhandelte Pferd zu kau⸗ fen. Am Morgen deſſelben Tages hatte er aus Briefen aus London erſehen, daß, nach ſeinem liebſten Wunſche, ſeine Toch⸗ ter von einem Sohne entbunden worden ſei. Um dem Himmel für dieſe glückliche Nachricht durch eine gute That zu danken, hatte der Quäker geglaubt, dies kaum beſſer vollbringen zu können, als wenn er einer der liebreichſten Vorſchriften ſeiner Secte nachkomme. Der Quäker folgte alſo ſeinem Führer, ſtreichelte von Zeit zu Zeit den fleiſchloſen Hals des Pferdes und betrachtete das Opfer, das er einem ſo ſchrecklichen Zuſtande entriſſen hatte, mit einer gewiſſen wohlthuenden Befriedigung. „Ihr ſcheint ein braver Mann zu ſein,“ ſagte der Fuhr⸗ mann endlich zu dem Quäker,„und ich will Euch alſo nicht betrügen.. Da der Handel nicht mehr rückgängig zu machen iſt, ſo muß ich Euch ſagen, daß Ihr nicht blos eine ſchlechte Mähre, ſondern auch das bösartigſte, heimtückiſcheſte Thier von der Welt gekauft habt, dem ich öfterer den Peitſchenſtiel als die Hafermetze zeigen mußte und ihm das Futter kaum mit einer Schaufel hinzureichen wagte.“ 3 „War es ſchon ſo bösartig, als Du es kaufteſt, oder iſt es erſt bei Dir ſo geworden?“ fragte der Quäker. „Anfangs, ſeht Ihr, ſpielte es den Heuchler. Ich hatte es wohlfeil, für zwanzig Thaler, gekauft und ſpannte es an meinen Wagen. Wenn der nicht ſchwerbeladen war, oder viel⸗ mehr wenn das Beeſt ſeinen guten Tag hatte, ging es noch ℳ 12 an; wenn es ihm aber nicht leicht wurde, wie heute, ſo fing es ſein Spiel an, d. h. es ſtellte ſich, als zöge es mit aller Kraft, zog aber faſt gar nicht an; da fing ich denn an, es mit Schlägen zu tractiren, wie Ihr es geſehen habt.. Anfangs ſtellte es ſich nun, als nähme es die Prügel geduldig und ſanftmüthig hin und als falle es ihm nicht ein, mir auch etwas zu thun; mit der Zeit aber trug es mir die Prügel nach, die es erhielt und ehe ich mir's verſah, hatte ich einen Schlag von ihm weg, wenn ich es aus⸗ oder anſpannte, bis ich auf ein vortreffliches Mittel kam, mich vor dem Ausſchlagen zu ſichern, wenn ich es ausſpannte..“ „Und worin beſtand das Mittel?“ „Ich ſpannte es gar nicht mehr aus.“ „Wie konnte es aber dann liegen?“ „Es legte ſich nicht.“ „Weder am Tage noch in der Nacht?“ „Weder am Tage noch in der Nacht; ich führte es mit dem Wagen in einen Schuppen; da mußte es die ganze Nacht ſtehen und am Tage arbeitete es dann, um die Beine wieder gelenkig zu machen.“ „Wie, Freund, Du beraubteſt das unglückliche Thier ſo unbarmherzig des Schlafes?“ „Das glaubt nicht. Es war viel zu pfiffig und zu müde, als das es nicht hätte ſchlafen ſollen.. War es nicht daran ewöhnt, im Stehen zu ſchlafen. Da es aber doch mit der änge der Zeit ſchlecht genug hätte ſein können, krank zu wer⸗ den, ſo ließ ich es Sonntags von dem kleinen Mohren aus⸗ ſpannen und es war dann für den Mohren, für das Pferd und die Katze ein wahres Feſt.“ „Freund, ich verſtehe Dich nicht.“ „Ja, das iſt eine famoſe Geſchichte, ſehet Ihr, die beweiſt, daß es Menſchen giebt, die viehiſcher und wilder ſind als das Vieh.. Der Katze verzeihe ich es, bei ihr iſt es natürlich, ihr Stand, aber bei dem Mohren ſieht's unglaublich aus.“ „Ich verſtehe Dich noch immer nicht, Freund.“ „Denkt Euch, ich habe eine Katze, eine ſchreckbar häßliche Katze, die ſich in die Mähre da außerordentlich verliebt hat.“ „In Dein Pferd?“ „In mein Pferd... Sieht das natürlich aus, daß eine Katze ein Pferd liebt? Daß der Mohr wie beſeſſen auf das 15 Pferd iſt, läßt ſich erklären, daß er ein Menſch iſt und da ſie aus einem Lande ſtammen, aber eine Katze! Man ſollte es nicht glauben und doch, ſobald das Pferd kommt— Sie wer⸗ den die Comödie mit anſehen— ſpringt die Katze auf den Wa⸗ gen, von dem Wagen auf das Pferd und dabei ſchnurrt ſie und ſchnurrt ſie, als hörte man ein Tambourin. Das Beſte bei der ganzen Geſchichte iſt aber, daß die Mähre thut, als kenne ſie auch die Katze; das Pferd wiehert und ruft und gleich kommt die Katze, ſpringt auf das Faß, in welches ich den Hafer thue und dann liebkoſet das Pferd die Katze mit den Lippen, es leckt ſie, wahrhaftig es leckt ſie. Sie müſſen das ſehen! Ich ſage Ihnen, es iſt eine luſtigere Comödie als es eine auf dem Jahr⸗ markte zu St. Germain geben kann und man würde ſich nicht ſchlecht dabei ſtehen, wenn man die Katze, das Pferd und den Mohren für Geld ſehen ließe.“ Der gute Quäker wunderte ſich, und mit Recht, über dieſe ſeltſame Zuneigung eines Pferdes zu einer Katze; da dies aber eine Thatſache in dieſer Geſchichte iſt, ſo wird man ſie wohl ohne Weiteres zugeben. „Wo haſt Du das Pferd gekauft?“ fragte der Quäker den Fuhrmann. „Von einem königlichen Koche, denn die Mähre kommt, wie Sie ſie da ſehen, vom Könige.“ Bei dieſen Worten ſah der verwunderte Quäker den Fuhr⸗ mann und dann das Pferd an, aber er erkannte an dem erbar⸗ menswurdigen Aeußern des letztern durchaus nichts Königli⸗ ches. Seine Neugierde war indeß einmal rege gemacht und er bat den Fuhrmann, ihm zu erzählen, wie das Pferd in ſeinen Beſitz gekommen ſei. „Das iſt ſehr einfach; das Pferd wurde bei dem Könige bei den Küchenwagen benutzt, die zwiſchen Paris und Verſailles hin⸗ und herfahren; aber es war ſo bösartig, ſo bösartig mit den andern Pferden, beſonders wenn es Stuten ſah(denn mit Erlaubniß zu ſagen, das iſt ein Hengſt), es war alſo ſo bös⸗ artig, daß man es nicht bändigen konnte. Der Controleur des Küchendepartements verlor endlich die Geduld und befahl eines Tages, das Thier zu verkaufen, da aber natürlich Niemand das böſe Thier kaufen konnte, weil es Jedermann kannte und weil es mehr fraß als es werth war, ſo ſchenkte man es einem Koch, um es nur loszuwerden, unter der Bedingung, daß er 14⁴ es füttere. Gut! Mein Koch war ganz ſtolz darauf, ein Pferd zu haben, aber was geſchah! Das Pferd hätte beinahe den Koch gefreſſen; denn eines Tages packte es ihn am Leibe und riß ihm ein großes Stück von dem Barte, ſammt der Haut weg; da hatte der Koch genug und er wollte nichts mehr von dem Pferde wiſſen. Ich kenne den Gehilfen des Koches; er erzählte mir von dem Thiere, das ſein Herr für dreißig Thaler verkaufen wolle, ich handelte und bekam es für zwanzig, aber habe es da⸗ mit noch viel zu theuer bezahlt. Sehen Sie, deshalb glaube ich, Sie wollten mich zum Beſten haben, als Sie mir funfzehn Louisd'or boten.“ „Wo war das Pferd, ehe es in den königl. Marſtall kam?“ Weißt Du das?“ „Ich? Nein, das heißt, es war in einem fernen, fernen Lande; der Mohr weiß es.“ „Wer iſt der Mohr, von dem Du immer ſprichſt?“ „Ein Lump, ein Unglücklicher, ein Bettler, der ſchwarzgelb ausſieht und aus demſelben Lande iſt wie das Pferd, denn wie mir der Gehilfe des Kochs erzählt hat, wurde die Mähre da mit einem halben Dutzend anderer im vorigen Jahre dem Kö⸗ nige von irgend einem Mamamuſchi aus einem Lande bei den Türken geſchickt. Ein ſchönes Geſchenk das! Alle dieſe Thiere taugten nichts und waren den Hafer nicht werth, den ſie fra⸗ ßen; man ſchickte ſie deshalb auch gar bald zu den Waſſerton⸗ nen der Gärtner oder zu den Küchenwagen; einige ſind dabei umgekommen und andere wurden verkauft wie das meinige, ha⸗ ben aber ihren Herren auch keine Freude gemacht.“ Als der Quäker von der ausländiſchen Herkunft des Pfer⸗ des hörte, das dem Könige von Frankreich geſchenkt worden, betrachtete er es nochmals und recht aufmerkſam. Er war al⸗ lerdings kein beſonderer Pferdekenner, hatte aber doch in ſeinem Leben viele Pferde geſehen und dieſe zweite Muſterung enthüllte ihm ebenſowenig als die erſte die Eigenſchaften, welche dieſem Pferde eine ſo ehrenvolle Auszeichnung hätten verſchaffen kön⸗ nen. Dagegen intereſſirte ihn die Anhänglichkeit zwiſchen dem Pferde und dem Manne ſehr, welchen der Fuhrmann den Moh⸗ ren nannte; er fragte deshalb ſeinen Führer nochmals: „Noch einmal, wer iſt der Mann, der, wie ich ſehe, ein Afrikaner iſt und den Du den Mohren nennſt? Was iſt aus ihm geworden?“ 15 „Der Mohr? Er war mit Andern, welche die Pferde be⸗ gleiteten und, wie er, ſchwarzgelb ausſahen, nach Frankreich ge⸗ kommen.. Er ſcheint aber ſeinen Cameraden nicht haben fol⸗ gen können oder folgen wollen, als ſie wieder abreiſeten, denn er blieb in Verſailles, wo man ihn aus Barmherzigkeit fütterte, ſolange das Pferd im königl. Stalle warz als es aber hiecher kam, folgte ihm der Mohr und er lebt vom Betteln.“ „Er hängt alſo wohl ſehr an dem Pferde?“ „Das glaube ich! Er hängt an ihm wie die Peitſche am Stiele, der verfluchte Tagedieb, und eins iſt ſo faul als das andre. Das iſt aber nicht Alles; der Afrikaner, wie Ihr den Mohren nennt, gab mir durch Zeichen und Faxen zu verſtehen, denn Ihr müßt wiſſen, daß der Mohr ſtumm iſt wie ein Fiſch oder wie ſein Pferd, da er nur ein ganz kleines Stückchen Zunge hat, alſo er gab mir, denkt Euch, zu verſtehen, daß er, wenn ich wollte, das Pferd umſonſt pflegen wolle. Pflegen und pu⸗ tzen! Dummes Zeug! Dadurch werden die Pferde wie die Wei⸗ ber verdorben, und übrigens wer pflegt und putzt mich? War⸗ um ſollte alſo das Pferd gepflegt und geputzt werden?“ „Ich hoffe aber doch, daß Du dem armen Teufel, der ſchon ſo unglücklich war, nicht verwehrteſt, ſein Pferd zu ſehen, ſo oft er es wünſchte?“ „Ich hatte große Luſt dazu, weil ich glaubte, das Strei⸗ cheln und Liebkoſen des Mohren mache das Pferd ſo bösartig gegen mich; da mir es aber Spaß machte, ſie bei einander zu ſehen, was, wie geſagt, eine wahre Comödie iſt, ſo ließ ich es ihm zu. Denkt Euch das Leben, das ſie führen! Sobald ich früh aufbreche, macht ſich auch der Stumme, der die Nacht in dem Schuppen bei meinem Pferde zugebracht hat, auf den Weg, um ſich ſein Brod zu betteln; ſobald ich aber nach Hauſe komme, finde ich gewiß allemal den Mohr mit der Katze, die auf das Pferd warten. Wenn ich nicht zugebe, daß das Pferd abge⸗ ſchirrt oder berührt werde, da kauert der Mohr zwei bis drei Stunden auf den Ferſen da wie ein Affe und ſieht das Pferd an, bis er in dieſer Stellung einſchläft. Will ich aber den Mohren ſeine Sprünge machen ſehen, ſo brauche ich ihm nur zu erlauben, dem Pferde das Futter zu geben und es abzäumen zu laſſen wie Sonntags; da könnte man ſich krank lachen; der verfluchte Stumme läuft dann hin und her, um das Pferd zehnmal rund herum, ſtreichelt es, nimmt den Kopf in ſeine ———————————— —. 16 Hände, ſpringt ihm auf den Rücken, ſpringt wieder hinunter und wieder hinauf und bemüht ſich, trotz meinem Verbot, ihm hier und da etwas Schmuz wegzunehmen, oder ihm die Augen mit den Händen auszuwiſchen, und wenn es eine offene Wunde hat, was nicht ſelten vorkommt, da ich ſie ihm nicht heilen laſſe, indem die Wunden Sporen ſind, die es antreiben, ſo ſieht ſie der Stumme ſtundenlang kummervoll an. Denkt Euch, einmal habe ich ihn ertappt, wie er, da er nichts Anderes thun konnte, auf eine Wunde athmete, die das Pferd am Kopfe hatte. Mit einem Worte, ich habe eine kleine Tochter, die mein leibhaftes Ebenbild iſt, wie ich mir ſchmeichle, aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich das Kind ſo lieb habe, wie der Mohr das Pferd lieb hat.“ „Und das Pferd, das Pferd kennt ihn auch?“ fragte der Quäker, den dieſe Anhänglichkeit bis zu Thränen rührte. „Das glaube ich; es iſt noch drolliger wie mit der Katze, die bei allen dieſen Feſten iſt, wie ich ſchon erzählt habe. So⸗ bald das Pferd den Mohren erblickt und es iſt angeſpannt, ſo wiehert es, thut als rufe es ihn, legt die Ohren hinter und ſcharrt mit den Beinen; laſſe ich es aber ausſpannen und in den Stall bringen, ſo geht eine andere Comödie los: das Pferd legt ſich nieder, ſteht wieder auf, ſtreckt ihm den Kopf hin, bäumt ſich halb und jubeit gewiſſermaßen; kurz eins treibt es ſo ſelt⸗ ſam als das andere.“ „Und das hat Dich nicht gerührt?“ „Mich gerührt? Halb krank habe ich mich gelacht; einmal aber kam eine beſonders gute Comödie vor. Ich gab nämlich dem Pferde eine tüchtige Tracht Schläge mit dem Peitſchenſtiele und der Mohr wurde darüber ſo wüthend, daß er ſich auf mich ſtürzen wollte; natürlich nur einen Augenblick, denn Ihr könnt Euch denken, daß ich mit einer ſolchen Fauſt(und der Fuhr⸗ mann ſtreckte ſeine gewaltige Fauſt aus) mich vor einem Mohren nicht fürchte, der dünn iſt wie ein Rohr Ich prügelte alſo den Stummen tüchtig durch, um ihn zu lehren, ſich nur um die Hiebe zu kümmern, die er ſelbſt bekommen könnte, und fin dann wieder an dem Pferde an. Da fing Euch der Mohr zu weinen an! Es liefen ihm große Thränen über die Backen, und doch waren ihm die Augen trocken geblieben, als ich ihn prügelte. Endlich fiel er gar vor mir auf die Knie nieder, hielt mir ſeinen Rücken hin und winkte mir, ich ſolle ihn ſtatt des —— 17 Pferdes ſchlagen. Iſt dieſer Stumme nicht dümmer wie das erd?“ 8 Der Quäker, der den rohen Menſchen ſo gefühllos von der Anhänglichkeit der beiden armen Geſchöpfe an einander ſprechen hörte, fühlte ſich ſchmerzlich bewegt und wünſchte ſich noch mehr Glück, ſeinem Mitleiden nachgegeben zu haben, da es ihm möglich wurde, jenen Mann und das Pferd zu verei⸗ nigen, die ein ſeltſames Geſchick nach mannigfaltigen Schick⸗ ſalen nach Frankreich gebracht hatte. IHI. Scham und Agba. Der Fuhrmann hatte die Wahrheit geſagt: das Pferd, das ſonſt den ſchweren Karren ziehen mußte, war eines der acht berberiſchen Pferde, die der Bey von Tunis dem Könige Lud⸗ wig XV. im Jahre 1731 geſchenkt hatte, nachdem der Handels⸗ vertrag zwiſchen Beiden durch den Vicomte von Mandy abge⸗ ſchloſſen worden war. Dieſe acht Pferde von ungeſtümem Gange, wildem Aus⸗ ſehen und eckigen, fleiſchloſen Formen wurden, nachdem ſie einen Augenblick die Aufmerkſamkeit oder vielmehr die Neugierde des Königs und des Hofes erregt hatten, anfangs mit der größten Sorgloſigkeit in den königlichen Marſtall aufgenommen und da mit der tiefſten Verachtung behandelt. Die Urſache dieſer Mißachtung war einfach; der König Ludwig XV. liebte für den Krieg und die Jagd eine Art engli⸗ ſcher Pferde, die gewöhnlich in der Grafſchaft Suffolk gezogen werden und ſehr kurz und dick ſind. Da der Geſchmack eines Königs immer die Mode macht, ſo kann man ſich denken, mit welcher ſpöttiſchen Verachtung jene berberiſchen Pferde allgemein angeſehen wurden. Von den acht tuneſiſchen Sklaven, durch welche der Bey die Pferde für den König hatte nach Frankreich bringen laſſen, war nur Agba, der Stumme(den der Fuhrmann den Mohren nannte) zurückgeblieben, ſtatt mit ſeinen Gefährten nach Mar⸗ Die Cucaracha. III. 2 18 ſeille und von da nach Tunis zurückzukehren. Agba hatte ſich ohne Zweifel verſteckt, um ſich von dem Pferde nicht trennen zu müſſen, das er aufgezogen und geliebt hatte, wie die Araber die Pferde lieben, d. h. mit Leidenſchaft, und das ihm überdies eines ſeltſamen Umſtandes halber theuer war, der vielleicht dieſe Anhänglichkeit des Mauren erklärt, von der es wohl kein zwei⸗ tes Beiſpiel giebt. Ohne Zweifel hatte ſich irgend ein Subaltern⸗Beamter des königlichen Marſtalls für den Stummen intereſſirt und ihm die Er⸗ füllung ſeines Wunſches erleichtert, denn er kam aus dem Stalle zu Verſailles nicht heraus und lebte da von der Mildthätigkeit. Solange Scham dem Könige gehörte, hatte Agba von der ſorgloſen Trägheit der Stallknechte leicht die Gunſt erlangt, das Pferd ſelbſt putzen und warten zu dürfen; ſobald es aber von dem Küchenwagen in den Dienſt des Fuhrmanns überging, folgte ihm der Stumme und theilte das beklagenswerthe Schick⸗ ſal ſeines Pferdes. Dieſes zum großen Schmerze Agba's in Frankreich ſo ver⸗ achtete Pferd war gleichwohl einer der würdigſten Nachkommen einer der älteſten Racen der Berberei, die wegen ihrer Kraft und Schnellfüßigkeit Race der Könige von der Feſſel hieß. Der Bey von Tunis hatte geglaubt, Ludwig XV. ein koſt⸗ bares und ganz königliches Geſchenk zu machen, wenn er ihm Scham ſende(ſo hieß das Pferd), der, nach der Sitte, ſeinen langen und ruhmreichen Stammbaum in einem kleinen reichge⸗ ſtickten Säckchen von Kameelhaar an einer Schnur von rother Seide und Gold am Halſe trug. Bei dem Eintritte in den Marſtall des Königs war die⸗ ſes koſtbare Säckchen mit mehreren Amuletten, welche es vor Unglück bewahren ſollten, dem Pferde abgenommen und verächt⸗ lich weggeworfen worden. Höchlich erſchrocken über dieſe Miſſethat hatte Agba, der nun das traurigſte Geſchick für Scham fürchtete, dieſe Religuien ſorgſam aufgehoben und aufbewahrt, denn er hoffte einſt ſein Pferd wieder damit ſchmücken und es dadurch vor den zahlloſen Tücken bewahren zu können, welche den armen Scham bereits betroffen hatten und die Agba in ſeiner Verzweiflung zum gro⸗ ßen Theil dem Verluſte der Amulette zuſchrieb. Die Anhänglichkeit dieſes Mauren fuͤr ſein Pferd läßt ſich leicht begreifen; der Stumme hatte die Stuterei von Tunis nie 19 verlaſſen, und Scham war vor ſeinen Augen zur Welt gekom⸗ men und ſeine wunderbaren Eigenſchaften hatten ſich allmälig vor ihm entwickelt. Was aber für Agba fortwährend ein Ge⸗ genſtand des Intereſſe, des Nachdenkens, der Furcht und der Hoffnung geweſen und noch war, war das gleichzeitige Vor⸗ handenſein zweier einander widerſprechender Zeichen, eines guten und eines böſen, deren Macht nach den abergläubiſchen Ideen der Orientalen den außerordentlichſten Einfluß auf das Schickſal Schams haben mußte. Man weiß vielleicht, daß die Mauren und Araber, die in der Kenntniß der Pferde ſehr erfahren ſind, ſiebenzig Anzeichen von Glück oder Unglück kennen, nach denen ſie das Horoſcop dieſer Thiere ſtellen; merkwürdigerweiſe bemerkte man an Scham zwei unfehlbar mächtige Zeichen, deren eines das elendeſte Le⸗ ben, das andere dagegen die glorreichſte Exiſtenz verkündete, und das erſte dieſer Zeichen war eine Art Aehre, die durch eine eigenthümliche Stellung des Haares mitten auf der Bruſt ge⸗ bildet wurde. Solche Aehren werden von den Arabern zu den verderblichſten Wahrzeichen gerechnet, welche das Leben eines Pferdes durchkreuzen können. Das zweite Zeichen, das dagegen ein eben ſo langes als ruhmvolles Leben für das Pferd und deſſen zahlreiche Nachkommenſchaft verkündete, war ein kleiner weißer Fleck, den Scham, deſſen Farbe braun war, am Hinter⸗ fuße hatte. Man kann ſich denken, wie Agba ſeit ſeiner Abreiſe von Tunis bald von Angſt gepeinigt, bald von Hoffnung gewiegt wurde, da er fortwährend zwiſchen dem guten und böſen Ge⸗ ſchicke ſeines Pferdes hin und her ſchwankte. Da Scham für einen König von Frankreich, alſo für einen der mächtigſten Monarchen der Erde, beſtimmt war, ſo hatte der Maure darin den günſtigen Einfluß des weißen Fleckens erkannt, als er aber Scham aus dem königlichen Marſtall zu dem Küchendienſte und von dieſem gar an einen Holzfuhrmann verwieſen ſah, mußte er in dieſem Unfalle die Einwirkung der Aehre ſehen, welche noch trauriger durch den Verluſt der Amu⸗ lette gemacht wurde, die er dem Pferde nicht wieder anzu⸗ hängen wagte, weil er eine neue und rohe Entweihung derſelben durch den Fuhrmann fuürchtete. So verzweifelte Agba bald, bald ſagte er ſich wiederum, daß doch nicht jeder Hoffnung für Scham zu entſagen ſei. Er 2* 20 ſah in dem Unglücke der Gegenwart eine Zeit der Prüfungen,— beruhigte ſich in dem Glauben der Orientalen an den gebieteri⸗ ſchen unabweislichen Einfluß der Wahrzeichen und erklärte ſich dadurch ſeine große Anhänglichkeit an das Pferd. Wenn das Pferd ganz glücklich oder ganz unglücklich ſein ſollte, ſo würde ich es dem Willen des Propheten überlaſſen haben, denn da ich für Scham im dieſem Falle nichts würde thun können, würde ich ſein unabänderliches Schickſal beweint oder mich über das⸗ ſelbe gefreut haben; aber die beiden außerordentlichen Anzeichen von Glück und Unglück verkünden Wechſelfälle, aus denen er vielleicht zu ſeinem Ruhme hervorgeht, und da ſein Geſchick im⸗ mer ungewiß iſt, darf ich nicht aufhören, daſſelbe zu theilen. Gott hat nich gewollt, daß Scham immer unglücklich ſei, da er ihm einen weißen Flecken am rechten Hinterfuße gegeben hat; er wollte aber auch nicht, daß er immer glücklich ſei, weil er ihm eine Aehre an der Bruſt gegeben. Gott allein iſt groß und ſein Geſetz iſt ſein Geſetz. Trotz ſeiner ſtoiſchen Ergebung in die Fügungen der Vor⸗ ſehung, verlor doch Agba bisweilen jede Hoffnung, wenn erſah, wie Scham ſo weit heruntergekommen ſei, daß er den großen Holzkarren ziehen mußte. Er meinte dann in ſeiner Muthloſig⸗ keit, das Glück des weißen Fleckens ſei vorüber, und er zitterte bei dem Gedanken, daß nun vielleicht allein die Aehre über das Geſchick Schams entſcheiden und auf daſſelbe einwirken werde. Was hatte auch dem Glücke Schams gefehlt, ehe er nach Frankreich gekommen? War nicht Scham, der ſtolze Nachkomme ſo vieler berühmter Vorfahren, von dem Bey mit der rührenden Liebe der Orien⸗ talen für ihre Pferde behandelt worden? Hatte er nicht die Gerſte oder den Durra aus der Hand ſeinesHerrn gefreſſen und oft die mit Mais gemiſchte Milch aus dem weißen Mar⸗ mortroge getrunken? War er nicht mit einer Tiger- oder An⸗ goradecke geſchmückt worden? Hatte er nicht die ſeidenen Trod⸗ deln ſeines Zügels von Purpur und Gold geſchüttelt und den Stahl ſeines mit Silber ausgelegten Gebiſſes mit weißem Schaum bedeckt? Hatte er ſich nicht tauſendmal leichtfüßig bei den Ren⸗ nen in der Wüſte gezeigt, bei denen er ſtets den Sieg davon⸗ getragen, während er bei andern Gelegenheiten neue Siege in dem Dſcherid⸗Spiele gewann, dem edeln Bilde des Krieges, in welchem Scham durch ſeine Gefügigkeit, ſeine Anmuth und ſeine 21 Gewandtheit glänzte, wie er in dem endloſen Sande der Wüſte durch ſeine wunderbare Schnelligkeit geglänzt hatte? Und hatte Scham nicht üppig als Sultan geherrſcht über die ſchönſten und herrlichſten Stuten des Bey, die beſtimmt waren, die berühmte und fleckenloſe Race der Könige des Feſſelgelenkes fortzupflanzen? Welches neue Glück konnte alſo das arme Pferd in dem kalten Lande Frankreich erwarten? dachte Agba.— Doch kehren wir zu dem Fuhrmann und dem Quäker zu⸗ rück, die bald in dem Stalle Schams ankamen, wo ſie den Stummen uud die treue Katze fanden. IV. Der Menſch, das Pferd und die Katze. Der Holzfuhrmann wohnte in einem alten Hauſe der Straße Guénégaud; der Hof war klein und dunkel; hohe Mauern hielten Luft und Licht zurück; rechts ſah man einen feuchten grünlichen Gang und links einen langen ſchmalen Schuppen mit einem Ziegeldache, das mit Moos bewachſen war. In dieſem Schuppen hielt ſich Agba gewöhnlich auf. Er befand ſich auch jetzt da; der Fuhrmann bemerkte ihn und ſagte zu dem Quäker: „Seht da,— hier iſt der Stumme; ich wußte wohl, daß er mich mit ſeiner Katze erwarten würde.“ Der Quäker ſah hin und bemerkte Agba, der unbeweglich da kauerte, verſunken wahrſcheinlich in ſein Sinnen und Träu⸗ men, denn er hatte nichts gehört. Der Maure ſchien etwa dreißig Jahre alt zu ſein; er war klein, hager, ſchwächlich und mit den Ueberreſten eines zerfetzten orientaliſchen Anzugs bekleidet; ſein braunes Geſicht hatte einen Ausdruck von Schlauheit, Sanftmuth und Klugheit; ſein Bart war ſchwarz, gelockt, aber nicht ſehr dicht; ſeine Backenknochen ſtanden vor und ſeine Wangen waren eingeſunken; ein kleiner Turban, der einmal weiß geweſen war, umgab ſeine braune, bronzeartige Stirn. Agba kauerte da auf ſeinen Ferſen und war ganz von einem Mantel mit Kaputze aus einem groben 1 ſchwärzlichen Stoffe umhüllt, deſſen ſteife ſchwere Falten auf ſeine Füße fielen, die trotz der Kälte bloß waren. Eine graue weißgeſtreifte Katze, welche der Stumme in den Armen hielt und die zu ſchlummern ſchien, wurde jetzt durch das Geräuſch ge⸗ weckt und machte eine Bewegung, welche auch den Mauren aus ſeinem Sinnen aufſchreckte, denn er zuckte zuſammen und ſah den Fremden mit einem beſorgten Blicke an. Sobald aber der Stumme das Klingen der Kettchen am Geſchirr und die Tritte des Pferdes gehört hatte, ſprang er raſch auf und ging nach der Thüre des Hofes hin, um zu ermitteln, was wohl die Urſache dieſer unerwarteten Rückkehr ſei. Wie aber erſtaunte Agba, als er Scham allein, von dem Wagen abgeſpannt, ſah, als er bemerkte, daß der Fuhrmann das Pferd mit einer gewiſſen Milde zu behandeln ſchien und daſſelbe durch den dunkeln, ſchmalen und ſchlüpftigen Gang hereinführte, welcher die Straße mit dem Hofe und dem Schup⸗ pen verband. Die Katze ihrerſeits war mit zwei Sätzen auf dem Rücken Schams, der zum erſten Male unempfindlich gegen dieſe Liebkoſungen zu ſein ſchien, gleich als begreife er ſelbſt das veränderte Benehmen ſeines Herrn nicht. Der Maure wendete ſeine lebhaften blitzenden Augen bald von dem Pferde auf den Quäker, bald von dieſem auf den Fuhrmann, und als er das gutmüthige Geſicht des erſtern be⸗ merkt hatte, der von Zeit zu Zeit Scham ſtreichelte, fing Agba unwillkührlich wiederum zu hoffen an, daß die böſe Macht der Aehre vielleicht wiederum vor dem guten Zeichen des weißen Fleckes weichen müſſe. Nichts konnte übrigens rührender ſein als der Ausdruck von Verlegenheit, Zwang und inniger Theilnahme, der in den Zügen des Stummen lag, während er Scham mit der zärtlich⸗ ſten Aufmerkſamkeit betrachtete. Mit einemmale kniete er nie⸗ der, faltete verzweiflungsvoll die Hände und warf dem Fuhr⸗ manne einen Blick ſchrecklichen Haſſes zu. Agba hatte bemerkt, daß die Knie Schams haarlos und verwundet waren, in Folge des zweimaligen Sturzes auf das Pflaſter. Als der Maure dieſe beiden blutenden Wunden er⸗ blickte, ließ er wie vernichtet das Haupt auf die Bruſt und die Arme auf die Schenkel fallen. In ſeinen Augen— und alle Orientalen würden ſeine Anſicht getheilt haben— war eine 25 ſolche Verwundung an den Knien Schams der hochſte Grad des Unglücks und der Entwürdigung. Der Quäker, welcher das innige Mitleiden nicht bergen konnte, das er empfand, freuete ſich im voraus über die Ueber⸗ raſchung, welche er dem armen Mauren zu bereiten gedachte. „Verſteht er franzöſiſch?“ fragte er den Fuhrmann. „Ganz gut; in manchen Dingen iſt er gar nicht ſo dumm als er ausſieht.“ „Guter Freund,“ ſagte der Quäker zu dem Stummen in wohlwollendem ſanften Tone,„willſt Du das Pferd abſchirren, putzen und ihm Futter geben?“ Der Maure war ſo ſehr in ſeine ſchmerzlichen Betrachtun⸗ gen verſunken, daß der Quäker ſeine Frage wiederholten und ihn auf die Achſel klopfen mußte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen. Als Agba die Frage des Quäkers hörte, ſchüttelte er trau⸗ rig ſein Haupt, machte den orientaliſchen Gruß, indem er ſeine Stirn neigte und zeigte mit den Augen, in denen zwei große Thränen glänzten, und mit einem Ausdruck des verhaltenen Zornes auf den Fuhrmann. „Geh, geh nur, Du kannſt mit der Schindmähre machen was Du willſt,“ ſagte dieſer rohe Menſch;„ſie iſt nicht mehr mein, ſondern gehort dieſem braven Manne;“ dann wendete er ſich wiederum an den Quäker und ſagte:„Ich werde mir ſogleich ein andres Pferd zu verſchaffen ſuchen.. Ich danke für den Handel und wünſche Euch viel Vergnügen.. Habt Ihr keinen Stall, ſo leihe ich Euch vor der Hand den Schuppen..“ Da⸗ mit verſchwand er. Der Maure hatte anfangs offenbar die Worte des Fuhr⸗ mannes nicht ganz verſtanden; als er aber ſah, daß derſelbe fortging und als der Quäker ihm dieſelbe Verſicherung wieder⸗ holte, warf er ſich auf die Knie nieder, ergriff den Rockzipfel des Fremden, küßte denſelben ehrerbietig und ſtieß in ſeiner Freude einige dumpfe unarticulirte Laute aus, die einzige Sprache, welche der arme Menſch beſaß. „Stehe auf! Stehe auf!“ ſagte der Quäker zu ihm;„man kniet nur vor Gott; warte und pflege das Pferd gut, es iſt jetzt mein. Du wirſt es nicht mehr verlaſſen, wenn Du mir inh und verſprechen willſt, ein guter und treuer Diener zu ein.“ 24 Agba faltete bei dieſen Worten ſeine Hände, die vor Rüh⸗ rung zitterten, ſah den Quäker ſtaunend mit den großen Augen an, die vor Verwunderung noch größer geworden waren, warf ſich, mit halbgeöffnetem Munde, zitternd vor Freude, nochmals vor dem Engländer auf die Knie und nahm dann, auf die Ge⸗ fahr hin, den vortrefflichen Mann umzuwerfen, der an die Formen der Ehrfurcht der Orientalen nicht gewöhnt war, den rechten Fuß des Quäkers und hielt denſelben ehrfurchtsvoll an ſeine Stirn, um ſo ſeinem neuen Herrn anzudeuten, daß er die heilige Verpflichtung übernehme, ihm ſein ganzes Leben hindurch wie der treueſte Sklave zu dienen. „Gut, gut,“ ſagte der Quäker, indem er wankte und ſich an den Schuppen ſtützte,„ich wiederhole Dir, daß ein Menſch, der iſt wie ein anderer Menſch, vor demſelben nicht knien darf. Sei ehrlich und treu und Du wirſt mir dadurch vollſtändig vergelten, was ich für Dich thue; aber beſchäftige Dich nur mit dem armen Thiere,— es hat viel gelitten.“ Agba ſtand ſogleich auf, legte ſeinen Mantel ab, entblößte ſeine hageren aber kräftigen Arme und trat an Scham, den er einen Augenblick mit der innigſten Freude betrachtete. Dann nahm er dem Pferde mit einer Art Wuth das ſchwere Geſchirr ab, und warf es verächtlich weit von ſich. Darauf holte er aus einer Taſche eine Art Handſchuhe aus Roßhaaren, die nur einen Daumen hatten und die ganze Hand umhüllten und fing an Scham zu reiben und zu putzen, wie es die Mauren in Tunis thun, welche niemals die Striegel anwenden, deren Schärfe die feine Haut ihrer Pferde von reiner Race bald verletzen würde. Der Quäker konnte das Pferd nun beſſer betrachten. Es hatte eine ſehr dunkelbraune Farbe, war 15 Hände hoch und hatte, wie ſchon erwähnt, am rechten Hinterfuße einen kleinen weißen Fleck. Die Magerkeit des Pferdes überſtieg alle Begriffe; die vorſtehenden Knochen ſchienen durch die Haut durchzudringen, die von Natur ſo fein und zart war, daß ſie durch das ſchwere Geſchirr faſt überall aufgerieben worden war. Der Staub und Schmuz, welche das arme Thier be⸗ deckten, machten die Farbe ſeiner Haut matt, die doch ſonſt ſo glänzend geweſen war. Die Mähne endlich war buſchig, ſtau⸗ big, ſchmuzig, verworren. Ein Kenner würde indeß über Alles dies hinweggeſehen und nur den Knochenbau Schams bewundert haben, ſo außer⸗ N— 25 ordentlich ſchön war derſelbe. Er hätte mit einem Blicke auf die breite Bruſt, das ſichere Zeichen der Kraft der Lungen, er⸗ rathen, daß Scham ohne Mühe einen raſchen langen Lauf würde aushalten können. Die Schnellfüßigkeit Schams mußte außerordentlich ſein, wenigſtens wie man aus dem Baue und der Kraft ſeiner Glieder ſchließen durfte, die ſo wunderbar propor⸗ tionirt waren, daß man an die Wunden an den Knien gar nicht denken konnte; namentlich ſchienen die breiten trockenen, platten Feſſeln wie Springfedern dieſer Eiſenſtäbe zu ſein. Da nun aber in der Schöpfung einmal nichts vollſtändig iſt, ſo hatten ohne Zweifel jene ärgerlichen und neidiſchen Menſchen, die immer ſpähen, ob ſie irgend einen kaum be⸗ merklichen Flecken im ſchönſten Diamanten, oder eine Runzel bei einem Lächeln entdecken können, bemerkt, daß der Kopf Schams vielleicht nicht ganz graziös an dem Halſe ſitze und etwas zu lang ſei. War aber trotz dieſem kaum bemerklichen Mangel der Kopf nicht höchſt charakteriſtiſch? Gab nicht Alles, die breite Stirn, die großen Augen mit den topasfarbigen Ster⸗ nen und den Lichtblitzen darin, ja die vorſtehenden und offenen Nüſtern, die ſich fortwährend bewegten, dem Pferde den ſtolze⸗ ſten und verſtändigſten Ausdruck? Agba ſchien durch langes Reiben mit den Haarhand⸗ ſchuhen Scham allmälig zu verwandeln; in dem Maße wie der Schmuz und Staub von ihm fielen, wurde die Haut des Pfer⸗ des ſchwärzer und hier und da zeigten ſich gleichſam feuerfar⸗ bige Flammen. Da nahm Agba eine Art Handſchuhe von ſehr dickem Sammet, womit die Araber das Haar ihrer Pferde glätten; aber diesmal wendete Agba ſeine Geduld und Geſchick⸗ lichkeit vergebens auf, denn das arme Pferd hatte ſich in ſol⸗ cher Armuth und Unreinlichkeit befunden, daß die Haut Schams, ſtatt ſeidenartig, weich und glatt zu werden wie ſchwarzer Atlas, rauh und matt blieb.. Das Pferd war aber doch auch ſo kaum wieder zu erkennen; die feine lange ſchwarze Mähne, die Agba ſorgſam gewaſchen hatte, fiel in leichten Wellenlinien auf ſeinen Hals und der Schweif, ein wahrer Seidenbuſch⸗ ſtrömte von dem breiten Kreuze wie ein Regen von ſchwarzem Schmelz herab. Allerdings waren die Spuren der früheren Leiden noch vorhanden, aber man errieth doch in dem Pferde einen ſolchen Adel, eine ſolche Racenreinheit, daß es dem guten Quäcker, ſo 6 6 ZA.F ℳ * — 26 gering ſeine Kenntniſſe auch waren, auffiel und er endlich bei ſich dachte:„Wenn das arme Thier etwas ausgefüttert ſein wird, wird es ein gutes Reitpferd für meinen Schwieger⸗ ſohn, den Pfarrer, geben. Das Pferd ſcheint ſanft und fromm zu ſein wie ein Lamm; es iſt nur durch die ſchlechte Behand⸗ lung böſe und mager gemacht worden. Ich ſehe es ſchon, der liebe Gott wollte, daß meine gute That mir Nutzen bringe und ich will deshalb noch eine verdienſtlichere thun, indem ich den armen Stummen aus ſeiner ſchlimmen Lage reiße; ein Mann, der einer ſolchen Anhänglichkeit für ein Pferd fähig iſt, muß ein gutes Herz haben; es wäre zu grauſam, ſie zu trennen und was iſt es auch weiter?— ich habe einen Menſchen mehr in Burth Hall zu füttern. Der Quäker that, wie er beſchloſſen hatte und wir brau⸗ chen es nicht zu verſuchen, die Freude Agba's zu ſchildern, als er Scham die Amulette und den Stammbaum wieder an den Hals hing. Diesmal, glaubte er, würde der böſe Einfluß der Aehre ganz vorüber ſein und er erwartete, ſeinen lieben Scham den Gipfel der Größe erreichen zu ſehen, der ihm durch den weißen Fleck verkündiget war. Von dieſen ſtolzen Hoffnungen gewiegt, reiſete Agba mit dem Quäker nach England ab. Burry Hall. Burrh Hall, die Wohnung des Quäkers, war ein freund⸗ liches Landhaus, 15 Meilen von London am Ufer der Themſe. Vor dem Hauſe zog ſich ein großer grüner Raſenteppich, der glatt war wie Sammet, und den hier und da einige große Bäume ſchmückten, bis an das Ufer des Fluſſes hinunter. Hinter der Wohnung des Herrn befand ſich ein ziemlich großer Eichenwald, durch den ſich ein Gang ſchlängelte, welcher zu den Ställen und Wirthſchaftsgebäuden eines kleinen Landgutes führte, das der Quäker bewirthſchaften ließ. Dieſe von ge⸗ brannten Steinen aufgeführten, mit Rohr gedeckten und von —— 27 Epheuund Jelängerjelieber umrankten Wirthſchaftsgebäude hatten ein ſehr maleriſches Ausſehen. In dieſen ſtillen und freundlichen Zufluchtsort war Scham durch ſeinen guten Stern geführt worden. Statt des dunklen Schuppens und des finſtern ſtinkenden Stalles in der Straße Guénégaud in Paris erhielt Scham für ſich allein einen großen, reinlich mit Kalk geweißten Stall, der mit Ziegelſteinen gepflaſtert war, welche aber unter der weichen Streu gänzlich verſchwanden. Zwei Fenſter mit grünen Jalouſien, eines nach Mittag, eines nach Mitternacht zu, gaben dem Stalle, deſſen Krippe, von glänzendem Eichenholze, und deſſen Raufe, von poirtem Eiſen, immer reichlich mit Futter verſehen waren, Lufk und Sonne. Selbſt die Katze, die Agba und Scham ebenfalls ge⸗ folgt war, und welche die Leute des Quäkers Grimalkin nann⸗ ten, beſaß ein grünangeſtrichenes hölzernes Häuschen, von dem aus ſie ihren Freund immer ſehen und mit wachſamem Auge die Mäuſe beobachten konnte, gegen die ſie einen eifrigen Kampf begann. Das war noch nicht Alles. Der gute Quäker hatte aus Rückſicht auf die Liebe Agba's und Schams für den erſteren ein Stübchen über dem Stalle einrichten laſſen, von dem aus er ſeinen Liebling jeden Augenblick betrachten konnte. Mit einem Worte, der Menſch, das Pferd und die Katze hatten ſeit ihrer Ankunft in dieſem ſtillen, wohlhabenden Hauſe eine Art Umwandlung erfahren; das dicke glänzende Fell Gri⸗ malkins zeugte von Ruhe und Geſundheit und man erkannte leicht, wenn man ihn ſo in ſeinem Fette einherſtolziren oder ge⸗ mächlich daliegen ſah, daß der Krieg gegen die Mäuſe für ihn nur eine Zerſtreuung, eine unterhaltende und uneigennützige Jagd war. Agba hatte ſeine afrikaniſchen Lumpen, ſeinen Bart und ſeinen alten Turbaͤn mit kurzen wildledernen Beinkleidern, Stolpenſtiefeln, einer Jacke und einem Filzhute vertauſcht; ſein Geſicht war rund und voll und obwohl die Leute ſeines Stam⸗ mes nie ſehr fett werden, ſo beſaß er doch eine recht anſtändige Rundung. Scham war gar nicht mehr zu erkennen; er war zwar nicht fett geworden, denn ſeine von Natur vorſpringenden, ſehnigen Formen konnten nicht viel Fleiſch und Fett anſetzen, * 6 23 aber die Ruhe, die Pflege Agba's und ein vortreffliches Futter hatten ſeiner Haut ihren ganzen Glanz wiedergegeben. Sein Hals, ſeine Hanken und ſeine Croupe ſahen ſo glänzend und atlasartig ſchwarz aus, daß das Licht, wenn es ſich darin ſpiegelte, ſich tauſendfältig brach, während große blutrothe Flammen ſeine Flanken und den Umkreis ſeiner Au⸗ gen und Nüſtern gleichſam vergoldeten; der göttliche weiße Fleck endlich, der hauptſächliche Gegenſtand der Pflege Agba's, der ſeine Silberweiße mit den roſen⸗ und fleiſchrothen Farben des Beines verſchmolz, hörte wie abgeſchnitten unten am Hufe auf, der hart, ſchwarz und glatt wie Ebenholz ausſah. In den Augen des gemeinen Volkes verunzierte ein einzi⸗— ger, kaum bemerklicher Flecken alle dieſe Vollkommenheiten, nämlich ein kleiner Büſchel weißer Haare, den Scham an jedem Knie hatte, ſeit er ſich dieſelben auf dem Straßenpflaſter in Paris aufgeſchlagen hatte. Vergebens hatte Agba dieſe entehrenden Flecken ſchwarz färben wollen; der Quäker hatte ſich geradezu widerſetzt, denn er ſah dieſe Verheimlichung gewiſſermaßen fuͤr eine Lüge an. Das war das glückliche und friedliche Leben Agba's, Schams und Grimalkins ungefähr ein halbes Jahr nach ihrer Ankunſt in England. Trotz dieſer ſcheinbar ſo glücklichen Lage zog doch bereits wieder ein Unwetter über dieſe drei Weſen herauf, welche ein⸗ ander ſo wohl verſtanden, denn trotz der unerſchöpflichen Milde des Quäkers und trotz ſeiner Anhänglichkeit für Agba hatte das wilde, ungeſtüme Weſen Schams, der mit dem guten Futter und der guten Abwartung ſeine Kraft wieder erlangte, die Geduld des vortrefflichen Mannes endlich erſchöpft. Wie alle Per⸗ ſonen ſeiner Secte ging er aber bei allen Handlungen ſeines Lebens mit einer gewiſſen Feierlichkeit zu Werke und er wollte gegen ein Thier eben ſo wenig ungerecht ſein wie gegen einen Menſchen; deshalb entſchloß ſich denn der Herr don Burrh Hall erſt nach einer ſorgfältigen und unparteiiſchen Prüfung der Thatſachen und der Scham vorgeworfenen Vergehen, den armen Agba vor ihm und den Seinigen erſcheinen zu laſſen, nicht weil der Letztere dem Quäker irgendwie Urſache zur Un⸗ zufriedenheit gegeben hatte, ſondern weil der Maure allein das Pferd vertheidigen konnte. — —— 29 Im Anfange des Auguſtmonates 1752 ſaß alſo der Quä⸗ ker mit ſeiner Tochter, ſeinem Schwiegerſohne, dem Geiſtlichen Dr. Harriſon und Rogers, dem Beſitzer des Gaſthauſes zum gekrönten Löwen, einem Hausfreunde, in dem Zimmer und Agba, den Frau Kockborn, die Haushälterin, gerufen atte. Das ernſte, ſtrenge Geſicht dieſes Familienrathes gab dem⸗ ſelben ein noch feierlicheres Ausſehen. Die Tochter des Quä⸗ kers, eine Frau von fünf und zwanzig Jahren, von kalter, ern⸗ ſter Schönheit, die der Einfachheit ihrer Seete zufolge ein langes graues Kleid mit engen Aermeln und ein Buſentuch von Bat⸗ tiſt trug, wiegte ihr Kind auf den Knien. Ihr Mann, der Doctor Harriſon, ſaß, ſchwarz gekleidet, neben ihr und las auf⸗ merkſam in der Bibel, während der Quäker leiſe mit Rogers ſprach, einem hagern kräftigen Manne von reiferem Alter, der eine kleine ſchwarze Perrücke trug, die ſeinen ſtrengen Zügen einen noch härteren Ausdruck gab. Dazu denke man ſich noch ein vorſpringendes bauchiges Kinn, das er bisweilen hinter ſei⸗ nem hohen Halstuche verbarg, einen langen, rothbraunen Frack mit ſilbernen Knöpfen, eine Weſte von buntgeſticktem Bazin, B — kurze lederne Beinkleider, Stolpenſtiefeln und ſtählerne Sporen und man wird ein treues Bild von Rogers haben, der übrigens i einen der beſten und kühnſten Reiter der drei Königreiche galt. Frau Kockborn, welche den Zweck ihrer Sendung errieth, benachrichtigte mit geheimer Freude Agba, daß er von dem Herrn erwartet werde, denn, warum ſollten wir es verſchwei⸗ gen? Agba war in dem Hauſe der Gegenſtand eines gewiſſen Abſcheus, weil die Leute des Quäkers deſſen Duldſamkeit nicht theilten und hinter dem Rücken des vortrefflichen Mannes ihn wie einen Juden, einen Ungläubigen, Ketzer und Pariah behan⸗ delten. Der Maure hatte ſich nie beklagen können oder wollen; er achtete auf die Böswilligkeit nicht, freuete ſich, bei Scham und Grimalkin leben zu können und hatte ſich trotz der täglichen Quälereien eine Art Paradies aus ſeinem Stübchen geſchaffen, von dem aus er nicht blos ſein Pferd mit aller Bequemlichkeit betrachten konnte, nachdem er es ſorgſam geputzt hatte, in dem er auch tauſend goldene Träume über die glänzende und glor⸗ reiche Zukunft Schams träumen konnte, denn Agba, der feſter als je an den glücklichen Einfluß des weißen Fleckes glaubte, . S 1 . 30 betrachtete den Aufenthalt Schams in dem beſcheidenen Hauſe des Quäkers nur als einen Uebergang zu noch höherem Geſchicke. Aus dieſem Luftſchloſſe ſeiner Träume und Erwartungen wurde der Maure durch die gellende Stimme der Frau Kock⸗ born abgerufen, die ihm zurief, der Herr erwarte ihn ſofort in dem Geſellſchaftszimmer. Trotz ſeinem feſten Glauben an den Einfluß des weißen Fleckes Schams, wurde Agba doch durch das halb ſpöttiſche halb verächtliche Lächeln der Frau Kockborn geängſtigt, mit dem ſie ihm die Thüre jenes Zimmers zeigte. Er trat indeß ein, nachdem er ehrfurchtsvoll angeklopft hatte. Der Doctor Har⸗ riſon ſchlug alsbald die Bibel zu, der Quäker und Rogers bra⸗ chen ihr Geſpräch ab und die Tochter des Quäkers richtete ſich mit einer ernſten Miene empor. Der arme Agba fühlte einen eiſigen Schauer in ſeinen Gliedern, nachdem er dieſe Perſonen, die gewöhnlich ſo wohl⸗ wollend gegen ihn waren, nach einander angeblickt hatte. Rogers zumal flößte ihm unwillkührlich Widerwillen ein, denn zweimal ſchlug der Maure die Augen vor dem feſten, durch⸗ bohrenden Blicke des Herrn des Gaſthauſes zum gekrönten Lö⸗ wen nieder, der ihn aufmerkſam betrachtete und ſpöttiſch lächelte, indem er mit ſeiner Reitgerte auf ſeine Stolpenſtiefeln klopfte. Nachdem der Quäker dem Stummen gewinkt hatte, vorzu⸗ treten, ſprach er mit ſeiner milden und ruhigen Stimme zu ihm: „Freund, ich habe Dich in Noth und Elend gefunden und Dich aus denſelben geriſſen.“ Agba verbeugte ſich tief und legte gerührt ſeine linke Hand an die Stirn, wie ſeine rechte auf ſein Herz. „Du biſt allerdings dankbar geweſen,“ fuhr der Quäker fort, welcher die ausdrucksvollen Pantomimen des Stummen recht gut verſtehen gelernt hatte;„Du biſt ein guter und ge⸗ treuer Diener geweſen und ich habe mich auch nicht über Dich zu beklagen, wohl aber über das Pferd.“ Der Stumme richtete ſich erſtaunt auf. „Das Pferd war ſehr unglücklich,“ ſprach der Quäker weiter,„aber es war doch ein Geſchöpf Gottes und ich mußte Mitleiden mit ihm haben. Ich hatte Mitleid, ich brachte es in mein Haus und ich liebte es, weil ich es aus ſeiner traurigen Lage an dem Tage befreit, an welchem ich erfahren hatte, daß Gott meine Tochter geſegnet und mir einen Enkel gegeben habe, — v S — v v W M — M 51 und weil Alles, was ſich an dieſe glückliche Erinnerung knüpft, mir theuer und werth iſt; aber wie hat das Pferd ſo viele Güte erkannt?“ Der Stumme ſah den Quäker an, als verſtehe er ihn nicht. „Solange es noch an ſein früheres Elend gedachte, war es ſanft und gelaſſen, ich geſtehe es und ich beſtimmte es des⸗ halb für meinen Schwiegerſohn; Du weißt aber, Freund, wie das Geſchöpf dieſem Vertrauen entſprochen hat, als mein Schwie⸗ gerſohn es das erſte Mal beſtieg.“ Der Stumme ſah den Quäker erſt unverwandt an und warf dann ſeine Arme heftig vorwärts, als hätte er den raſchen Flug einer Anzahl Vögel malen und durch dieſe Geberde an⸗ deuten wollen, daß Scham ſehr ſchnell gelaufen ſei. Der Quäker verſtand es offenbar ſo, denn er ſetzte hinzu: „Ja, gewiß, das Thier iſt ſehr geſchwind gelaufen, ſo geſchwind und ſo toll und ungehörig, daß es ohne den Sumpf, in welchen mein Schwiegerſohn zum Glück fiel, ohne ſich zu beſchädigen, und in dem das Pferd ſtecken blieb, den Reiter vielleicht noch 3. ſechs Meilen weit fortgeriſſen hätte. Iſt das nicht wahr?“ Der Stumme machte eine Geberde der Zuſtimmung, legte aber gleichzeitig den Zeigefinger jeder Hand an die beiden Mundwinkel. „Ja, ja, ich weiß, daß Du mir zu verſtehen gabſt, daß das Gebiß ſchlecht geweſen ſei und mein Schwiegerſohn das Pferd nicht habe regieren können; aber das zweite Mal, als Du ſelbſt das Gebiß ausgeſucht hatteſt, hat ſich das unbän⸗ dige Thier, ſtatt ruhig ſeines Wegs zu gehen, nicht gebäumt und ſich ſo kerzengerade auf den Hinterbeinen aufgerichtet, daß mein Schwiegerſohn glücklich den Sattel verlaſſen und hinten herunter gleiten konnte, ohne daß das ungeſtüme Thier auf ihn fiel? Iſt das nicht wahr?“ Der Stumme machte von neuem ein Zeichen der Zuſtim⸗ mung und nach einiger Zögerung, als kämpfe er einen heftigen Kampf in ſeinem Innern, ſah er den Doctor Harriſon ſchüch⸗ tern an, während er mit der linken Hand eine zuckende Bewe⸗ gung machte. „Er meint, ohne Zweifel mit Recht, daß meine Hand zu hart und daß ich ſelbſt Schuld geweſen, daß das Pferd ſich ge⸗ bäumt habe,“ ſprach der Schwiegerſohn des Quälers. 52 „Es mag dies ſein,“ fiel der letztere ein,„aber als wir übereinkamen, ehe wir das Thier für unbändig anſehen woll⸗ ten, als wir übereinkamen, ſage ich, es durch den Jäger Tom Stag reiten und zureiten zu laſſen, hat es ihn nicht jedesmal durch ſeine unſinnigen Sprünge und Sätze abgeworfen, obgleich Tom Stag einer der beſten Reiter der Grafſchaft iſt? Hat es ſich nicht bei dem letzten Verſuche Tom Stag's, als es ihn nicht aus dem Sattel heben konnte, an eine Mauer gedrückt, ohne ſich von der Stelle zu rühren, ſo daß Tom Stag jämmer⸗ lich ſchrie und dem Pferde den Willen laſſen mußte? Iſt das nicht wahr?“ „Ich,“ fiel Rogers ein, während er die Gerte ſchwang, „würde das Pferd in zwei Sitzüngen gefügig wie einen Hand⸗ ſchuh gemacht haben und ich getraue mir dies auch jetzt noch.“ Der Maure ſah Rogers verächtlich von der Seite an und ließ ſein Haupt ſinken. „Iſt es endlich nicht wahr,“ fuhr der Quäker gegen Agba gewendet fort,„daß Tom Stag in Folge dieſer Bösartigkeit des Pferdes acht Tage das Bett hüten mußte?“ Das bis dahin ſchüchterne und ergebene Geſicht des Stum⸗ men belebte ſich mit einemmale, er hielt mehrmals und raſch ſeine Ferſen an einander und machte große Bewegungen mit der rechten Fauſt, als wenn er auf Jemanden losſchlage. „Er meint,“ erklärte der Quäker,„Tom Stag habe das Pferd fortwährend geſpornt und geſchlagen, was allerdings wahr iſt, da aber alle Mittel der Sanftmuth vergeblich erſchöpft waren, ſo mußte er zur Strenge ſeine Zuflucht nehmen, um ein Thier zu bändigen, das Niemand reiten kann.“ Der Maure ſtellte ſeinen Zeigefinger auf ſeine Bruſt und richtete ſtolz den Kopf empor. „Allerdings reiteſt Du, Du allein, dieſes Pferd und Du bändigeſt es, ob es gleich ſehr feuerig iſt, aber gerade das iſt ein Zeugniß von ſeiner Bösartigkeit, denn da es ſich von Dir lenken und regieren läßt, da es Dir gehorcht wie ein Hund ſei⸗ nem Herrn, warum iſt es ſo ungehorſam und eigenſinnig gegen Andere? Als es mein Schwiegerſohn das erſte Mal beſteigen wollte, hatte er es nicht geſchlagen; er hat ihm nicht einmal die Peitſche gezeigt, nicht einmal die Sporen gegeben; er redete ſanft mit ihm, ſtreichelte und liebkoſete es und doch hat das Pferd ihn zweimal mit Lebensgefahr abgeworfen. Sei gerecht, — v ——— S Sb — 55 Freund, kann ich ein Pferd behalten, das ſich blos von Dir reiten läßt?“ Der Stumme ließ traurig ſein Haupt ſinken. „Und das iſt noch nicht Alles,“ fuhr der Quäker fort, „denn das Pferd iſt gegen die Thiere eben ſo bösartig wie ge⸗ gen die Menſchen. Hat es nicht meinem Pony ein Ohr abge⸗ riſſen, ohne daß es von dem ſanften, unſchuldigen Thiere gereizt worden wäre? Iſt das nicht wahr?“ Der Stumme nahm ein Blatt weißes Papier auf dem Schreibpulte vor ihm, zeigte es dem Quäker, knirſchte mit den Zähnen und ſchüttelte mit dem Kopfe, um die Wuth auszu⸗ drücken. „Ich verſtehe Dich; Du meinſt, Dein Pferd könne die weißen Pferde nicht leiden, nicht wahr?“ Der Stumme nickte. „Mag ſein; iſt aber mein anderer Pony, der rabenſchwarz, ſanft wie ein Lamm und übrigens ſo alt iſt, daß er nicht mehr bös ſein kann, nicht auch damals, als er durch Deine Nach⸗ läſſigkeit aus dem Stalle herauskam, von dem Thiere verfolgt und gebiſſen worden? Was kannſt Du dagegen ſagen?“ Der Stumme zeigte auf ſeinen Hut, den er in der Hand hielt und machte die frühere Geberde. „Du meinſt, Dein Pferd könne auch die ſchwarzen Pferde nicht leiden? Haßt es denn alle Thiere ſeines Geſchlechtes? Vor vierzehn Tagen, als der irländiſche Pfarrer Fitz-Patrik auf dem Braunen zu uns kam und Du begegneteſt ihm, was geſchah da? Das Pferd, das Du führteſt, riß ſich von Dir los, um ſich wie wüthend auf das Pferd des Pfarrers zu ſtür⸗ zen. Stellte es ſich nicht da auf die Hinterbeine, daß es nicht blos mit ſeinen Vorderbeinen die Schultern des armen Herrn Fitz⸗Patrik berührte, ſondern ihm auch mit den Zähnen den Hut und die Perrücke vom Kopfe riß und ohne dieſelbe den Pfarrer ſelbſt vielleicht gefährlich verwundet hätte? Trotz Dei⸗ ner Macht über das Pferd gelang es Dir doch nur mit Mühe und mit Hilfe von Fuhrleuten, die eben erſchienen, das böſe Thier von dem Pfarrer und ſeinem Pferde herunterzureißen, das ſtark gebiſſen war. Iſt das nicht wahr?“ Hier wurde die Pantomime des Stummen ſo deutlich, daß Mrs Harriſon, die züchtige Tochter des Quäkers, erröthete. Nachdem Agba zuerſt auf ſeine Art die Wuth bezeichnet Die Cucaracha. III. 5 54 hatte, machte er auch eine negative Geberde, um auszudrücken, daß Scham das Pferd des Pfarrers nicht aus Bösartigkeit ver⸗ folgt, daß er vielmehr einem weit zärtlichern Triebe nachgege— ben habe, einem Triebe, den der Maure dadurch auszudrücken ſuchte, daß er auf die zärtlichſte Weiſe lächelte und liebkoſende Bewegungen mit der Hand machte. Aber das immer ſo wohlwollende und friedliche Geſicht des Quäkers nahm plötzlich einen Ausdruck der Strenge an und machte den Geberden Agba's ein Ende. Dieſer ſchwieg alſo und wartete ſchweigend auf den Ausgang dieſes Verhörs, das ihm nichts Gutes verkündigte. Er gedachte unwillkührlich, daß der wohlthätige Einfluß des weißen Fleckes vielleicht nochmals von Scham weiche und trotz den Amuletten die böſe Kraft der Aehre ſich wiederum gegen das Pferd geltend mache. Bald indeß ſetzte der Quäker, als reue ihn ſeine vorüber⸗ gehende Härte, in ſanfterem Tone hinzu: „Das Pferd kann unmöglich länger in Burry-Hall blei⸗ ben; ich habe es für die Summe, die ich dafür bezahlte, an meinen Freund Rogers hier verkauft; er hofft es bändigen zu können; Du wirſt es ihm heute noch nach London führen, Aber ich ſchicke Dich deshalb nicht fort; ich bin zufrieden mit Dir, Du biſt treu und verſtändig; wenn Du willſt und ich er⸗ ſuche Dich darum, kannſt Du in meinem Hauſe bleiben; wenn nicht, ſo werde ich Dir eine kleine Summe Geld und ein gutes Zeugniß geben... Gott geleite Dich damit zu einem beſſern Herrn, als ich bin,“ ſetzte der gute Quäker mit einem Seufzer hinzu, während er das Geſicht abwendete, damit man die Thrä⸗ nen in ſeinen Augen nicht ſehe, denn er liebte den armen Agba wirklich. Der Ausdruck des Schmerzes und des verzweiflungsvollen Kummers, welcher ſich in den Zügen des Mauren bei dieſem Ausſpruche kundgab, läßt ſich unmöglich beſchreiben. Er fal⸗ tete ſeine Hände, und warf ſich bittend auf die Knie vor dem Quäker nieder; als er ſah, daß er vergebens bat, wendete er ſich an den Doctor Harriſſon und an deſſen Frau, die ſelbſt ſehr angegriffen zu ſein ſchienen, aber die ſchrecklichen Miſſe⸗ thaten und die gänzliche Nutzloſigkeit Schams lagen zu offen: vor, als daß der Quäker von ſeinem Vorſatze hätte abgehen können; er ſagte deshalb mit feſtem, wenn auch von Rührung etwas bewegtem Tone zu Agba: 355 „Was ich geſagt habe, habe ich geſagt.. Willſt Du in Burry⸗Hall bleiben, ſo ſollſt Du da behandelt werden, wie bisher; verläßt Du mich aber, ſo wird Dir Frau Kockborn die kleine Summe auszahlen, welche ich Dir verſprochen habe.. Der Herr des Pferdes iſt jetzt dieſer da,“ ſetzte der Quäker hinzu, indem er auf Rogers zeigte. „Und an der Peitſche da ſoll das Thier ſehen, daß es ſei⸗ nen Herrn gefunden hat,“ ſagte Rogers in rauhem Tone, wäh⸗ rend er die Peitſche ſchwang. „Der Wille Gottes ſteht da oben geſchrieben, es kommt alſo jetzt die Reihe wieder an die Aehre!“ dachte Agba, indem er tief betrübt das Zimmer verließ. Noch denſelben Abend führte er Scham in den Gaſthof zum gekrönten Löwen und verließ das freundliche ſtille Burrh⸗ Hall mit einer kleinen Geldſumme, welche ihm der gute Quäker gegeben hatte, und mit Grimalkin. Der Maure war entſchloſſen, auch wenn Rogers ſeine Dienſte barſch abgewieſen hätte, Scham nicht zu verlaſſen, da derſelbe, wie er wußte, nun wiederum einem böſen Herrn an⸗ gehörte. VI. Das Gaſthaus zum gekrönten Löwen. Seit mehr als einem Monate hatten Abga, Scham und Grimalkin das ftiedliche Burry⸗Hall verlaſſen und zum erſten Male ſeit ſieben Jahren, d. h. ſeit der Geburt Scham's, waren zweiunddreißig Tage vergangen, ohne daß Agba ſein Pferd geſehen. Als er von dem Quäker den Auftrag erhalten, Scham nach London zu führen, hatte er vor der Thüre des„gekrönten Lö⸗ wen“ einen alten grauköpfigen Stallknecht mit Ledergamaſchen und ſcharlachrother Jacke gefunden, der Scham am Zugel nahm und dem Mauren barſch und rauh andeutete, man brauche ihn nicht weiter. Agba war alſo ohne eine Stelle, faſt ohne Untechalt in London, aber bei ſeiner unglaublichen Liebe zu dem Pferde 3 56 kümmerte er ſich wenig um dieſe traurigen Ausſichten, da er für den Anfang von dem Gelde, das ihm der gute Quäker ge⸗ geben hatte, und ſpäter von der öffentlichen Mildthätigkeit zu leben gedachte. Um nun um jeden Preis und vor allem in der Nähe Scham's zu ſein, hatte der Maure ſich für 3 Pence die Macht erkauft, jeden Abend in dem Winkel eines Stalles bei dem Wirthshauſe bleiben zu dürfen, der ſeinen höchſten Schatz ent⸗ hielt. Grimalkin, Dank ſei den Dienſten, welche er durch ſeine Geſchicklichkeit in der Mäuſejagd, die ihn zu einer leider ſehr unumgänglichen Hilfsquelle wurde, leiſtete, hatte vollkommene Muße, den Zufluchtsort zu theilen, den Agba der ein wenig eigennützigen Gefälligkeit ſeines Freundes des Stallknechtes verdankte. Das Wirthshaus, in der Mitte von Charing-Croß gele⸗ gen, hatte ſehr ausgebreitete Nebengebäude. Seine Ställe be⸗ fanden ſich in einer nahen Seitengaſſe, und Agba hatte geglaubt, daß es ihm, wenn er in der Nähe wohne, mittelſt einiger den Stallknechten des Herrn Rogers erwieſenen Gefälligkeiten ſehr leicht fallen würde, Scham täglich zu ſehen, und ihn durch ſeine Pflege den böſen Einfluß des Stirnhaars leichter ertragen und die wohlthätige Rückkehr des weißen Fleckchens am Fuße geduldiger erwarten zu machen, denn für den Mauren waren dieſe zwei Zeichen ſo zu ſagen zwei feindliche Geſtirne, welche in ihren Bahnen der Reihe nach einen guten oder böſen Ein⸗ fluß auf das Geſchick Scham's ausübten. Aber ach, der Stumme hatte ſich in ſeinen letzten Ausſichten grauſam getäuſcht. Tags darauf, als der Berber an Herrn Rogers abgelie⸗ fert worden war, verſah ſich Agba in der That mit einigem Gelde, um ſein Beſtechungsſyſtem durch das Anbieten eines Glaſes Grog oder Wisky zu eröffnen, und klopfte beſcheiden an die Stallthüre des„gekrönten Löwen“. Derſelbe alte Groom, welcher Scham aus den Händen Agba's übernommen hatte, öffnete und, ohne letzteren eintreten zu laſſen, fragte er barſch, was er wolle. Vergebens wandte der arme Stumme ſeine ganze Zeichen⸗ ſprache an, um dieſem Cerberus begreiflich zu machen, daß er das Pferd zu ſehen wünſche, welches der Quäker verkauft hätte, vergebens ließ er ihn ein ſchönes Halbkronenſtück ſehen und erhob den Ellbogen zur Höhe ſeines Mundes, indem er den Daumen an ſeine Lippen legte; unempfindlich für dieſe gewiß — 57 ſehr bezeichnenden Zuvorkommenheiten ſagte der Alte mit bar⸗ ſchem Tone zu dem Mauren: „Merke Dir dieſes Haus wohl, Unglücksvogel, der Du biſt, und wenn Du Dich noch einmal unterſtehſt, hier anzu⸗ klopfen, ſo werden ich und meine Kameraden, hol uns der Teufel, Dir die Luſt vertreiben, wiederzukommen.“ Dann, nachdem er die Thüre heftig zugeſchlagen hatte, zog er ſich murrend zurück. Agba, entmuthigt, verdrießlich und ohne den Zorn des Alten zu begreifen, blieb auf der Straße, um die Oertlichkeit genau zu betrachten, da er unmöglich alle Hoffnung aufgeben konnte, Scham wiederzuſehen. Der Maure dachte noch auf Mittel, welche ihn zum Zwecke führen könnten, als ſich die Stallthüre wieder öffnete; zwei Männer, welche eine Tragbare trugen, traten heraus, und ſie ſchloß ſich ſogleich wieder hinter ihnen. Agba näherte ſich und ſah auf der Tragbahre einen Mann, welcher zu leiden ſchien, und zu gleicher Zeit hörte er, wie einer der Träger zu ſeinem Kameraden ſprach: „Hol der Teufel das Pferd, welcher den armen Johnh ſo zugerichtet hat.“ „Ich hatte es Herrn Rogers vorausgeſagt,“ ſagte Johny, indem er Theil an dem Geſpräche nahm, welches jetzt für Agba vom höchſten Intereſſe wurde. „Und was hatteſt Du ihm geſagt, armer John?“ fragte der Träger. „Ach! als ich dieſes wilde Preispferd, welches nicht zehn Guineen werth iſt, ankommen ſah,“ ſagte Johny, indem er ſich mühſam auf der Tragbahre umkehrte,„ſagte ich Herrn Rogers, daß das verſchlagene und trotzige Ausſehn dieſes Dä⸗ mons nichts Gutes verheiße, und richtig iſt es eingetroffen; dieſen Morgen erhielt ich zwei Hufſchläge in die Seite, als ich mich ihm nur nähern wollte.“ „Ach, mein guter, treuer Scham, ich erkenne Dich daran,“ dachte der Maure,„ich wußte wohl, daß Du Dich nie von jemand Anderem, als mir, abwarten laſſen würdeſt.“ „Aber ſei nur ruhig, Johny,“ ſagte der zweite Träger,„Herr Rogers ſchwur bei dem Stahl ſeiner Sporen, Dich zu rächen. Meine Haut iſt ſicherer, als die dieſes verfluchten Thieres; denn ich habe Herrn Rogers, der doch überhaupt nicht ſehr iſt, noch nie in ſo furchtbarer Wuth gegen ein Pferd eſehen.“ Nun ſchwiegen die Träger und Agba konnte nichts weiter erfahren. Tags darauf war der Maure noch bei Tagesanbruch auf der Lauer und ſchlich in der Nähe des Stalles umher. Aber wer malt ſein Erſtaunen, als er die Thüre ſich öffnen ſieht, wie Tags vorher, und eine zweite Tragbahre herauskommen. Der Stumme näherte ſich, und obwohl die Träger nichts ſpra⸗ chen, errieth er doch leicht, daß man ohne Zweiſel ein zweites Opfer Scham's ins Spital trug. Obwohl ſich Agba durch den energiſchen Widerſtand, mit welchem der Berber jede fremde Wartung von ſich wies, äußerſt geſchmeichelt fühlte, zitterte er doch, wenn er dachte, zu welchen Maßregeln ſich Herr Rogers gegen Scham hinreißen laſſen konnte, und ſeine Aengſtlichkeit ſteigerte ſich immer mehr. Wie der geſtrige, war auch der heutige Tag ohne Ergeb⸗ niß; Tags darauf kam Agba wieder, aber diesmal erſchien keine Tragbahre, und die Thüre blieb den ganzen Tag verſchloſſen. Der Maure hatte gehofft, daß man das Pferd ausführen und er es ſo ſehen würde, aber auch die Hoffnung hatte ihn getäuſcht. Alle Liſt, welche der Maure anwandte, um in den Stall des Herrn Rogers zu gelangen, oder auch nur einen Blick hineinzuwerfen, wenn man die Thüre öffnete, war vergebens; denn der verfluchte Alte in Ledergamaſchen und Scharlachweſte war immer da, bereit, jeden Verſuch des Stummen zu vereiteln. Mehr als ein Monat verging auf dieſe Art. Es wäre vergebens, den Schmerz und die zahlloſen Kümmerniſſe, welche den armen Mauren peinigten, beſchreiben zu wollen. In ſei⸗ ner ſchmerzlichen Ungewißheit glaubte er bald, Herr Rogers habe Scham ſeinem Zorne geopfert, aber dann hätte er wenig⸗ ſtens ſehen müſſen, wie man die Leiche des Berbers heraus⸗ trug; bald glaubte er, mit beinahe noch bittererem Gefühle, Scham habe ſich vielleicht an fremde Wartung gewöhnt und ihn vergeſſen. Bei dieſem Gedanken verfiel der Stumme oft in unbegreifliche Anfälle von Wuth und Eiferſucht. Aber dann ſagte er ſich wieder, daß das Pferd, wenn es gebändigt wäre, ausgeführt würde, und ſeit einem Monate hatte es den Stall nicht verlaſſen. d r U —5 59 Oſt endlich redete ſich Agba in ſeiner immer wachſenden Verwirrtheit ein, Scham ſei gefährlich krank, und dann ver⸗ doppelte ſich ſein Schmerz und ſeine Verzweiflung. Scham krank, und anderer Pflege übergeben, als ſeiner, ſeines Agba's, welcher die Eigenthümlichkeiten des Thieres ſo gut kannte und wunderthätige Recepte aus dem Oriente mitgebracht hattel Scham krank und der Amulette beraubt, welche ein ſo ſicheres Vorkehrungsmittel gegen jede Gefahr ſind! Mit einem Worte, die Lage des Mauren wurde unerträg⸗ lich. Nachdem er 32 Tage in dieſer furchtbaren Ungewißheit zugebracht hatte, konnte Agba nicht länger dem gebieteriſchen Bedürfniſſe, ſich ſelbſt von dem Zuſtande Scham's zu überzeu⸗ gen, widerſtehen und beſchloß, in der Hoffnung, dem Pferde Amulette um den Hals hängen zu können, welche ſein Schick⸗ ſal mildern oder verändern mußten, wo möglich die Mauer, welche den Stall einſchloß, zu überſteigen. Der Maure hatte zu dieſem abenteuerlichen Unternehmen eine der finſtern und regneriſchen Nächte zu Anfang Oectobers gewählt; die kleine Straße war öde. Gegen 10 Uhr Abends näherte ſich Agba der Thüre und horchte aufmerkſam, er hörte nichts, als von Zeit zu Zeit ein dumpfes und entferntes Brauſen. Da er den Augenblick noch nicht für den günſtigen hielt, entfernte er ſich. Dies war übrigens die örtliche Beſchaffenheit. Von jeder Seite der Stallthüre erſtreckte ſich eine ziemlich lange bedachte Mauer von ungefähr 8 Fuß Höhe, welche an die anderen Flü⸗ gel des Gebäudes grenzte. Da dieſe Mauer keinen Vorſprung bot, ſo hatte ſich Agba, um ſie zu überſteigen, eine eben ſo einfache als ſinnreiche Art von Leiter gemacht. Mittelſt einer ziemlich ſtarken Eiſenſtange, welche er in Form eines weiten Hakens gebogen, und an deren Ende er einen langen und ſtar⸗ ken Strick, der in Zwiſchenräumen mit großen Knoten verſehen war, angebracht hatte, hoffte er, wenn er den Haken mit der Spitze auf das Dach der Mauer würfe, dann mit Hilfe der Knoten hinaufzuklettern. Und es war dies wirklich ein Leichtes für den behenden und kräftigen Mauren. Mit dieſem Stricke verſehen und ohne zu wiſſen, daß er, wenn er beim Ueberklettern ertappt würde, ſich der ſchwerſten Strafe aus⸗ ſetzte, erwartete Agba den günſtigen Augenblick, um ſeinen Plan auszuführen. 40 Es ſchlug 11 Uhr und beinahe gleichzeitig ertönte die Stimme des Wächters. Eilig kauerte ſich der Maure in die Niſche einer Mauer, der Wächter ging vorbei und der Stumme kehrte auf ſeinen Poſten zurück. Er konnte nicht länger ſeiner Ungeduld widerſtehen, und nach drei oder vier vergeblichen Verſuchen gelang es ihm, ſei⸗ nen Haken oben an der Mauer zu befeſtigen, und dann, als er behende den Gipfel mittelſt der Knoten ſeines Strickes er⸗ reicht hatte, blieb er dort einen Augenblick ſtehen und ſuchte ſich in die Oertlichkeit zu finden; aber die Nacht war ſo finſter, daß er die Gegenſtände um ſich her nicht unterſcheiden konnte. Jedoch ließ er ſich, auf Alles gefaßt, auf der anderen Seite der Mauer herab. Als er den Boden dieſes Hofes erreichte, wollte ſein Herz faſt zerſpringen; er horchte, der dumpfe Lärm, den er ſchon ge⸗ hört hatte, wurde deutlicher, er ging alſo im Dunkeln tappend weiter. Indem er immer der Mauer folgte, gelangte er an den Eingang einer Art von Durchgang, in deſſen Hintergrunde er einige Lichtſtrahlen durch die ſchlechtgefügten Bohlen einer Thüre ſchimmern ſah. Unentſchloſſen blieb der Maure einen Augen⸗ blick ſtehen, und als er jetzt den erwähnten Lärm deutlicher hö⸗ ren konnte, erkannte er den Ton eines Trommelwirbels, welcher von Zeit zu Zeit erſcholl. Dank dem Lichte, welches nur ſchwach den Hintergrund des Ganges beleuchtete, kam der Maure, indem er den Athem an ſich hielt, zu der Thüre, und ſchaute durch eine Ritze, die ſich in derſelben befand. Wer malt ſeine Freude, dann ſein Erſtaunen und endlich ſeine Wuth gegen Herrn Rogers, als er Scham, aber in wel⸗ chem Zuſtande, erblickte. Durch eine Eiſenkette ſo nahe an die Raufe gefeſſelt, daß der Kopf des Berbers immer in der Höhe bleiben mußte, war er außerdem an allen vier Füßen gebunden, und hatte das Kreuz durch einen ſtarken Spannriemen, deſſen zwei Enden am Boden in eiſernen Ringen befeſtigt waren, niedergedrückt, ohne Zweifel Alles, um das Pferd am Ausſchlagen zu hindern. Der unglückliche Scham war ſchrecklich mager, ja ſein Fell ſchien ſogar durch Peitſchenhiebe wie geſtreift, er ſchien ſo ſchwach, daß er ſich kaum halten konnte. Mit einem Worte, 4¹ der Berber war wahrſcheinlich krank geweſen, denn mehrere Na⸗ deln, umgeben von einem Haarknoten, und entweder am Halſe Scham's oder am Uebergange der Spornader(die Engländer ſchröpften ſie zuweilen) befeſtigt, bezeugten, daß der Berber viel Blut verloren haben mußte. An der Mauer hingen mehrere Gegenſtände, welche dem Mauren als eben ſo viel Marter⸗Inſtrumente erſchienen, näm⸗ lich eine Leine mit doppelten Schnürlöchern, ein Kappzaum mit Stacheln, eine Bremſe ꝛc. àc. Aber was vorzüglich dem Mauren als der höchſte Grad der Unmenſchlichkeit ſchien, war die uner⸗ bittliche Hartnäckigkeit, mit welcher der alte Groom, den er ſchon geſehen hatte, den einförmigen Schall ſeiner Trommel er⸗ tönen ließ, ſo oft Scham, von Müdigkeit gebrochen, vom Schlaf überfallen, die Augen ſchloß, um, wenn auch ſtehend, einzu⸗ ſchlafen. In den Augen des Mauren war die elende Eriſtenz Schams in Paris bei dem Holzfuhrmann, ein Leben voll Wolluſt im Ver⸗ gleich mit dieſer Höhle, in die ihn ſein widriges Schickſal ge⸗ ſchleudert hatte. Als Agba das Pferd in einem ſo ſchrecklichem Zuſtande ſah, konnte er, erſchüttert, vernichtet, keine Bewegung machen, zwei große Thränen floſſen langſam über ſeine Wange und er blieb wie verſteinert in dieſer ſchmerzlichen Betrachtung. Plötzlich wurde der Stumme durch den Klang der Schritte mehrerer ſich dem Gange nahender Perſonen aus ſeinem Stumpf⸗ ſinne aufgeſchreckt. Keine Möglichkeit der Flucht; Agba befand ſich in einem Engpaſſe, der durch die Stallthüre, die ihn von Scham trennte, geſchloſſen war. An der plötzlichen Helle, welche ſo eben die Mauer des Ganges erleuchtete, ſah Agba, daß die Ankömmlinge, noch zum größtem Unglück, eine Laterne hatten. Von Augenblick zu Augenblick wurden die Schritte deut⸗ licher, der Maure verſtand wohl die Gefahr ſeiner Lage, wenn er entdeckt würde Aber was war zu thun? Einen Augenblick hatte er den Gedanken, ſich in den Stall zu ſtürzen und ſich dort in eine Ecke zu kauern, aber es war nicht mehr Zeit dazu, das Licht, welches ſich näherte, fiel voll auf die Thüre und er hörte die rauhe Stimme Herrn Rogers, welcher mit furchtba⸗ ren Ausdrucke ſagte:„Nun wollen wir ſehen, ob meine letzte Anordnung dieſen widerſpänſtigen Bock gebändigt haben wird.“ Agba, welcher ſich gefangen ſah, wollte einen letzten Ver⸗ ſuch machen. Durch eine gedankenſchnelle Bewegung ſtürzte er ſich auf Herrn Rogers, indem er hoffte, ſeine Laterne auszulö⸗ ſchen und ihm in der Dunkelheit zu entkommen. Und in der That, in dem Augenblicke, als der Herr des Wirthshauſes zum gekrönten Löwen, im Dunkeln einen unbekannten Gegenſtand bemerkend, ſagte:„was iſt das?“ ſtürzte ſich Agba wie ein Panther auf ihn, warf ihn gegen die Mauer und gewann den Ausweg des Gan⸗ ges. Aber zum Ungluͤcke ließ derjenige von Herrn Rogers Leuten, welcher die Laterne trug, dieſelbe nicht fallen, und ſchrie:„Ein Dieb! Ein Dieb!“— Ein anderer Bedienter lief Agba nach, und der alte Grvom mit der Trommel, als er dieſen Lärm hörte, verließ den Stall, Herr Rogers vereinigte ſich, als die erſte Ueberraſchung vorbei war, mit ſeinen Leuten und alle verfolgten den Mauren, welcher, mit den Oertlichkeiten unbekannt, ſich in einem weiten Hofe verirrt hatte und die Mauer ſuchte, woran der Strick hing. Endlich nachdem er ſich tauſendmale geſtoßen hatte, fand Agba denſelben und begann eben hinauf zu klettern, als Herr Rogers dies bemerkend ihn beim Fuß faßte, und der Stumme ſich wie von einer Eiſenhand gepreßt fühlte. Sogleich kam der alte Groom und die übrigen Stall⸗ knechte, der Maure wurde nun zu Boden geworfen und furcht⸗ bar geprügelt, dann entriß ihn Herr Rogers den Händen ſeiner Leute und, als er ihm mit der Laterne ins Geſicht leuchtete, er⸗ kannte er ihn ſogleich. „Aha, alſo Du warſt es, elender Bettler, der ſchon ſeit ſo langer Zeit um mein Wirthshaus herumſchleicht, um mir dieſen ſchönen Streich zu ſpielen und mich ohne Zweifel zu beſtehlen. Warte nur, ein guter Galgen und ein guter Strick erwarten Dich und Deine Rechnung wird bald gemacht ſein.“ Dann ſagte er, ſich zu ſeinen Leuten wendend:„Bindet ihn feſt mit einem Halfterriemen, ſonſt entſchlüpft er wie ein Aal euren Händen, und dann führt den Ehrenmann vor den Sheriff.“ Und der arme Agba ergriffen, gebunden, wurde alſo gleich vor den Sheriff geführt; Herr Rogers, der ihn begleitete, trug den Strick mit den Knoten als Beweisſtück eines verſuchten nächtlichen Einbruchs, eines ſchweren Verbrechens, wegen deſſen ſich der Maure jetzt vor Gericht verantworten ſollte. 45 WI. Das Gefängniß. Bevor wir erzählen, was Agba nach ſeinem Erſcheinen vor dem Sheriff begegnete, müſſen wir ſagen, warum Herr Rogers Scham auf die erwähnte, ſonderbare Art behandelte. Als Herr des Wirthshauſes hatte Herr Rogers immer eine bedeutende Anzahl Poſt⸗ und Miethgeſpanne gehabt, war ein großer Pferdekenner und ein ausgezeichneter Reiter. Das, was ihm der Quäker von der unbezähmbaren Wild⸗ heit Schams erzählte, machte ihn ſtaunen, und aus Eitelkeit nahm er ſich vor, dieſes bisher ſo unbändige Pferd zu zähmen. Seine erſte Sorge war die Annäherung des Mauren an den Berber zu verhindern, um ihn dieſes Menſchen zu entwöh⸗ nen, zugleich behandelte er aber das Pferd mit der größten Sanftmuth. Unglüͤcklicherweiſe ſah man durch die traurige Geſchichte mit dem armen Johny und ſeinem Kameraden, daß diefe Verſuche nicht befriedigend ausfielen. Nun wendete Herr Rogers ſtrengere Mittel an, indem er glaubte, den wilden Cha⸗ rakter des Berbers, welcher ſeit ſeiner Trennung von Agba und Grimalkin, immer heftiger und bösartiger wurde, durch phyſiſche Ermattung zu zähmen. Um ſich gegen ſeine Schläge und Biſſe ſicher zu ſtellen, fieng man daher an, ihn enge zu feſſeln, dann ſchmälerte man nach und nach immer mehr ſein Futter und ließ ihm dann zur Ader. Dieſe äußerſten Mittel griffen endlich an. Nach eini⸗ gen Tagen war Scham kraftlos, er litt geduldig, daß andere als der Maure ihn pflegten und ließ ſich ſogar von Herrn Ro⸗ gers reiten, welcher ihn triumphirend auf ſeinem Hofe, der wie ſichs gebührt mit Steinen gepflaſtert war, die Schule durch⸗ machen ließ. Aber als Herr Rogers durch dieſen Verſuch befriedigt, das Futter des Berbers nach und nach zu vermehren befahl, kam Scham's Wildheit mit ſeinen Kräften wieder. Eines Tags endlich, als er vergebens Herrn Rogers aus dem Sattel zu ſchleudern ſuchte, wiederholte er die Scene mit Tom Stag, d. h. er bäumte und warf ſich ſo heftig gegen die Mauer, daß der Herr des Wirthshauſes„zum gekrönten Löwen“ beinahe erdrückt wurde. 44 Da wurde es für Herrn Rogers zu einem eigenthümlichem Ehrenpunkte und er beſtand darauf, einen ſo außerordentlichen Widerſtand zu bezwingen, indem er Scham wieder einer ſchwä⸗ chenden Behandlung unterwalf, und ihn noch dazu des Schlafes beraubte. Der Berber war alſo dieſem letzten Verſuche, den der alte Groom mittelſt ſeines ewigen Trommelns ſo gewiſſenhaft aus⸗ führte unterworfen, als das widrige Geſchick es wollte, daß Agba bei ſeinem Einbruche ergriffen und vor den Sheriff ge⸗ führt wurde. Die Thatſachen waren ſo beſchwerend, die friſche That war ſo bewieſen, daß Agba nicht hoffen konnte ſeinem traurigem Geſchick zu entgehen. Ueberdies hatte Herr Rogers, insbefon⸗ dere eiferſüchtig auf den Einfluß, welchen der Maure allein auf das unbändige Pferd ausüben konnte, und von einem genug verächtlichen, aber ſehr menſchlichen Gefühl des Neides und der Schadenfreude getrieben, kein Zeugniß abgelegt, welches die Schuld des Stummen verringern konnte, indem ſie ſie zum Beiſpiel durch die außerordentliche Zuneigung des Unglückli⸗ chen für ſein Pferd erklärten. Nächtlichen Einfalls überwieſen und verſuchten Diebſtahls angeklagt, wurde Agba von dem Hauſe des Sheriffs in das Gefängniß von Newgate geführt und erwartete, dort eingeſchrie⸗ ben, den Tag ſeiner Verurtheilung. Der Zufall wollte, daß der Kerkermeiſter ein Verwandter von Frau Kockborn, der Wirthſchafterin des Quäkers war, und daß dieſe bei einem Beſuche bei ihrem Herrn Couſin Schlüſſel⸗ träger die Einkerkerung des Mauren erfuhr. Obwohl zänkiſch genug, war Frau Kockborn doch nicht ab⸗ ſolut böſe, und als ihr Couſin ihr ſagte, daß der Stumme des Einbruches überwieſen, auch des verſuchten Diebſtahles ange⸗ klagt ſei, ſagte die Haushälterin ſogleich, dies ſei unmöglich, der Maure ſei zwar ſicher ein Heide und werde als ſolcher einſt verdienterweiſe ewig braten müſſen, aber man müſſe doch ge⸗ ſtehen, daß dieſer Heide einer ſchlechten Handlung unfähig ſei, und daß er dieſen Einbruch ohne Zweifel nur aus einer un⸗ widerſtehlichen Begierde ſein Pferd zu ſehen, in welches dieſer Unglückliche, ſo wie die Katze Grimalkin vernarrt ſei, verſucht habe. Endlich um ihre Worte zu beweiſen, erzählte Frau Kock⸗ born dem Schlüſſelträger eine Menge Anekdoten über die ſon⸗ 45 derbare Neigung des Mauren zu dem Pferde, und des Pferdes zu dem Mauren, nicht ohne bemerken zu laſſen, der Pferdefuß, mit anderen Worten der Gottſeibeiuns könne Antheil an dieſen unglaublichen Vethältniſſen zwiſchen ſo unchriſtlichen Weſen aben. Dieſe Erzählung, verbunden mit der traurigen Lage des Stummen machte einen ſolchen Eindruck auf den Kerkermeiſter, daß er der Frau Kockborn rieth, dem Quäker das Schickſal ſei⸗ nes Schützlings zu erzählen; aber in der Furcht, daß ihr Herr den Mauren, wenn ihm aus dieſem Unglücke geholfen, wieder in ſeinen Dienſt nehme, fand die Wirthſchafterin keinen Ge⸗ ſchmack an dieſem Vorſchlage und die Bewohner von Bury⸗ Hall erfuhren nichts über das wahre Schickſal ihres ehemaligen Tiſchgenoſſen. Nun zog das Gericht, in Folge der von Herrn Rogers erhobenen Klage, Erkundigungen ein. Der Stallknecht, welcher dem Stummen in ſeinem Stalle zu wohnen geſtattet hatte, wurde vernommen und Agba's Eigenthum verſiegelt. Das armſelige Verzeichniß war bald aufgenommen; es beſtand aus einem alten orientaliſchen Kaftan Agba's, aus ei⸗ nem Paar Handſchuhen von Haar und Sammt, um Scham zu ſtriegeln, endlich einem Kamm und einer Art fettiger Mi⸗ ſchung, beſtimmt die wogende Mähne des Berbers zu ſalben. Was den Stammbaum und die Amulette Schams betrifft, ſo trug ſie Agba bei ſich, und bedauerte bitter, daß er ſie nicht ſei⸗ nem Pferde um den Hals hängen konnte und er es ſo ſchutzlos dem böſen Geſchicke des Stirnhaares preisgeben mußte. Fern der heimatlichen Traufröhre fanden die Leute des Sheriffs Grimalkin in der Ecke des Stalles, die der Maure bewohnt hatte, hingeſtreckt auf den Kaftan und den Sack von Hammelfell, welcher die Reichthümer ſeines Herrn enthielt, und ſehr bereit, denſelben zu vertheidigen. Aber vergebens knurrte Grimalkin, klammerte ſich an den Kaftan an und kratzte ſogar einen der Polizeidiener blutig, Grimalkin verlor ſeine Stellung, wurde gefangen genommen, und in dem Sack, wel⸗ chen er ſo muthig den Männern des Geſetzes ſtreitig machen wollte, nach Newgate gebracht. Für den Unglücklichen iſt Alles ein Troſt; und ſo war auch Agba's Freude, als, nachdem der Sheriff, welcher gekommen war, ihn zu fragen, ob er die in dem Stalle gefundenen Sachen als ſein Eigenthum anerkenne, ſich entfernt hatte, der Kerkermeiſter mit Grimalkin eintrat, und ihm dieſen treuen Gefährten zurückgab. Dieſe Geſellſchaft war ohne Zweifel angenehm und koſt⸗ bar für Agba, aber bald bemächtigte ſich die ſchwärzeſte und verzweiflungsvollſte Schwermuth des Mauren. Vergeblich brachte ihm der Schließer von Zeit zu Zeit einige Leckereien, welche Frau Kockborn, die, trotzdem daß ſie das Geheimniß gegen den Quäker bewahrte, doch in ihrer Art Mitleid mit dem unglücklichen Stummen hatte, heimlich von Bury⸗Hall ſchickte. Grimalkin allein genoß dieſe Koſtbarkeiten, der Maure aß faſt nichts, und wurde ſichtlich ſchwächer. Das Gefängniß war klein und düſter, eine enge und hohe vergitterte Oeffnung beleuchtete daſſelbe mit lebhaften Schlag⸗ lichtern in der Art von Rembrandts Gemälden. Der Maure verbrachte ſeine Tage traurig auf das Holzbett hingeſtreckt, den Kopf auf den Rand geſtützt, ſeine ſchwarzen ſtechenden, oft mit unwillkürlichen Thränen gefüllten Augen auf die Oeffnung ge⸗ heftet, durch welche er doch zuweilen ein Stück blauen Himmels ſah. Während dieſer entzückten Betrachtung liebkoſte er mit der einen Hand maſchinenmäßig Grimalkin, und mit der andern drückte er oft wüthend Schams Amulette an ſeine Bruſt. Nie noch war der Maure in einer ſo ſchrecklichen Lage geweſen. Al⸗ lein auf der Welt, fern von ſeinem Vaterland, eines der ſchwer⸗ ſten Verbrechen angeklagt, ohne dieſe Anklage zu kennen, ohne die Möglichkeit der Vertheidigung, überdies mit einer einzigen wenig glaubhaften Entſchuldigung verſehen, da Niemand das abentheuerliche Gefühl begriffen hatte, welches ihn ſo handeln ließ; dazu noch die Qual bei dem Andenken an die ſchreckliche Lage Schams und der Glaube, für immer von dem Berber ge⸗ trennt zu ſein, endlich der entnervende Einfluß des Unglücks, der Einſamkeit, des Gefängniſſes, Alles dies ließ den Mauren jede Hoffnung aufgeben. Da beugte er ſich mit ſtoiſcher Reſignation, ohne zu mur⸗ ren, unter das Joch des Geſchickes, das ihn zertrat, in der Ueberzeugung, daß das Stirnhaar mächtiger als das weiße Fleckchen am Futße werden würde und daß er die ſchreckliche Be⸗ handlung Herrn Rogers nicht überleben könne. Und ſo beſchloß der Maure, ungeachtet des Abſcheus der Morgenländer vor dem Selbſtmorde, ſeinem ſo elenden Daſein ein Ende zu machen. In ſeiner gläubigen Ueberzeugung hoffte er dann, ſeinen ſchönen 47 Scham in den lachenden Ebenen von Mahomeds Paradies, ſtolzer und feuriger als je bald und für immer wiederzuſehen. Mit einem Wort, Agba faßte den Plan, ſich an der Sei⸗ denſchnur aufzuhängen, an der er den Stammbaum Schams trug. Noch dachte er zum letzten Male an ſein Pferd, an ſein Land und an die glorreichen Erinnerungen von Schams erſtem Ruhme. Der Berber erſchien ihm da als eine zauberhafte Er⸗ ſcheinung, ganz von Gold und Stahl glänzend, welche ſeine Purpur⸗Schabracke bedeckten; er ſah ihn vor ſich wiehernd und mit flammenden Naſenlöchern das friſche duftende Lüftchen ein⸗ ſaugen, welches die Gipfel der Palmen bewegte; er ſah ihn noch mit ſeinem ungeduldigen Fuße den Sand der Wüſte ſtampfen oder üppig hingeſtreckt liegen in dem Schatten von des Beys Zelte; er ſah ihn zuletzt als Herr und Sultan über eine Heerde weißer Stuten herrſchen, welche alle verliebt, brünſtig und eifer⸗ ſüchtig darauf waren, die glorreichen Mütter der erlauchten Foh⸗ len zu werden, welche das eigenſinnige Geſchick Scham zu ver⸗ ſprechen ſchien, indem es ihn mit einem weißen Fleckchen am Fußen beſchenkte. Dieſe ſchmerzlichen Erinnerungen vermehrten noch den traurigen Wahnſinn Agba's; er ſtieg auf ſein Bett, befeſtigte die Seidenſchnur an einer der Gitterſtangen der Fenſteröffnung, und ſteckte ſeinen Kopf in den laufenden Knoten, den er in den Strick gemacht hatte. In dieſem Augenblicke öffnete ſich raſch die Thüre ſeines Gefängniſſes. VIIHI. Der Beſuch. Durch dieſen plötzlichen Lärm wieder zu ſich gebracht, konnte der Maure ſeinen Entſchluß nicht ausführen. Aber ſeine Ueberraſchung, ſeine Verlegenheit, ſein ange⸗ griffenes Ausſehen, und der Strick, welcher noch an den Stan⸗ gen des Fenſters hing, Alles verrieth das Aeußerſte, zu dem die Verzweiflung den Unglücklichen ohne dieſe Dazwiſchenkunft ge⸗ trieben hätte. Es war faſt Nacht, und die Perſonen, welche, grell be⸗ leuchtet von den Fackeln der Schließer, eintraten, bildeten einen ſonderbaren und glänzenden Contraſt gegen das finſtere Aus⸗ ſehen dieſes Gefängniſſes. Vor Allem ſahl man eine Frau von impoſanter Geſtalt; ſie hatte ihr 71. Jahr erreicht, aber ihre edlen und regelmäßigen Züge ließen ein ſo hohes Alter nicht errathen. Ihr Anzug be⸗ ſtand übrigens aus einem ſehr einfachen langen Kleide von braunem Atlas, und auf dem linken Arme trug ſie einen jener kleinen ſpaniſchen Windhunde mit weißen und gelblichbraunen Seidenhaaren, welche ſeitdem die Stammhalter einer ſehr koſt⸗ baren und unter dem Namen der Hunde von Blenheim bekann⸗ ten Race wurden. Ihr rechter Arm ſtützte ſich auf den eines noch jungen Mannes, welcher mit außerordentlicher Pracht ein blaues mit Gold geſticktes Sammtkleid in franzöſiſchem Ge⸗ ſchmacke trug, mit Roſenpuder gepudert war und deſſen Spitzen⸗ manſchetten ſo lang und ſo prächtig waren, daß ſie ſeine vovn Edelſteinen ſtrotzenden Finger vollkommen bedeckten. Weißſei⸗ dene Strümpfe mit geſtickten Zwickeln, ein Hut mit weißen Federn und Schuhe mit rothen Abſätzen vervollſtändigten den Anzug dieſes Edelmanns, welcher an Eleganz mit dem glän⸗ zendſten Cavalier des franzöſifchen Hofes wetteifern konnte. Dieſe Dame von ſo edlem Anſehen war Sarah Jennings, Herzogin von Marlborough, Wittwe des berühmten John Churchill, Fürſten und Herzogs von Marlborough, deſſen An⸗ denken ſie ſo treu blieb, daß ſie dem Lord Conningby und ſpä⸗ ter dem Herzog von Sommerſet, welche um ihre Hand anhiel⸗ ten, antwortete: Wäre ich ſtatt 60 erſt 30 Jahre alt, ſo würde doch kein Kaiſer der Welt Nachfolger in einem Herzen ſein, welches ganz dem Herzog von Marlborough gehört. Fromm und mildthätig, und eine der glänzendſten Exiſtenzen ihres Jahr⸗ hunderts bei milden Werken vergeſſend, beſuchte die Frau Her⸗ zogin von Marlborough oft die Gefängniſſe, erkundigte ſich uͤber die Vergehen und Verbrechen Derer, die ſie beherbergten, und verwendete ſich aufs lebhafteſte für Diejenigen, welche durch Reue ihre Vergangenheit vergeſſen zu machen ſuchten oder für die Unglücklichen, deren traurige Lage Mitleid verdiente. Der Cavalier, welcher der Frau Herzogin von Marlbo⸗ rough ſeinen Arm gab, war ihr Schwiegerſohn, der Graf von Godolphin, der Sohn des berühmten Sidney, Viscount von 49 Rialton und Grafen von Godolphin, Großſchatzmeiſter von England, welcher eine ſo wichtige Rolle in der Revolution von 4688 ſpielte und 1710 ſtarb. Lord Godolphin begleitete alſo an dieſem Tage ſeine Schwiegermutter, die Frau Herzogin von Marlborough, bei einem der Beſuche, welche ſie öfters zu Newgate zu machen pflegte. Wie geſagt, der Seidenſtrick hing noch da und die Bläſſe und die angegriffenen Züge des Mauren verkündeten nur zu deutlich ſein ſchreckliches Vorhaben. Dieſer Umſtand, verbunden mit ſeinem fremdartigen Ausſehen und dem Naturfehler, womit er behaftet war, ergriff die Herzogin von Marlborough aufs Heftigſte. Sie fragte wie gewöhnlich den Direktor des Ge⸗ fängniſſes um das Verbrechen dieſes Mannes. Glücklicherweiſe für Agba hatte der Couſin der Frau Kock⸗ born geſchwatzt, und die Geſchichte des Mauren, welcher in einen Stall einbrach, um ſein Pferd wiederzuſehen, war eine der rührenden Sagen von Newgate geworden, welche jetzt der Direktor, der dem Stummen wohlwollte, erzählte. Die Herzogin von Marlborough ward bis zu Thränen gerührt und ihr Schwiegerſohn Lord Godolphin war außer ſich vor Bewunderung für Agba und ſein Pferd. Als der Schließer die Theilnahme, die ſein Schützling er⸗ weckte, ſah, wagte er es, leiſe dem Direktor zu ſagen, daß der Quäker von Bury⸗Hall gewiß für die Rechtſchaffenheit des Mauren gutſtehen werde, daß er deſſen Unfähigkeit zu einem Diebſtahle oder einer Schlechtigkeit erklären und daß im Noth⸗ falle das ganze Haus des Quäkers dieſe Behauptung unter⸗ ſtützen werde. Der Direktor theilte dieſen neuen Umſtand der Frau Her⸗ zogin von Marlborough mit, welche ſehr zufrieden, ihr Wohl⸗ wollen gut anwenden zu können, ihn bat, ihr noch einige Auf⸗ ſchlüſſe über Agba zu geben, während Lord Godolphin heilige Eide ſchwur, daß der Maure und ſein Pferd, wenn nur erſt der eine aus Newgate, das andere aus dem Wirthshauſe zum gekrön⸗ ten Löwen befreit wären, nie mehr ſein Geſtüt Gog⸗Magog in der Grafſchaft Cambridge verlaſſen ſollten. Unruhig, zitternd, Allem, was um ihn her vorging, gleich⸗ gültig, weil er ſich gänzlich unbetheiligt dabei glaubte, lehnte Die Cucaracha. III. 4 — * — 50 der Maure mit geſenkten Augen an der Wand, denn er fühlt⸗ ſich ſehr ſchwach. „Verſteht dieſer Unglückliche engliſch?“ fragte die Herzogin von Marlborough. „Ja, Eure Hoheit, er verſteht es ſo ziemlich,“ antwortete der Direktor. Da wandte ſich die Herzogin an Agba und ſagte zu ihm mit dem Ausdrucke des Wohlwollens und der Güte: „Mein Freund, Du hätteſt beinahe durch den Verſuch gegen Dein Leben eine große Schuld auf Dich geladen, Du zweifelteſt an der ewigen Vorſicht und Du ſiehſt doch, daß ſie Dir zu Hülfe kam. Das, was man mir von Dir erzählte, nimmt mich für Dich ein. Rechne auf meinen Beiſtand und die Ge⸗ rechtigkeit Deiner Richter.— Da nimm! und faſſe wieder Muth und ſegne den Herrn!“ Bei dieſen Worten gab die Herzogin dem Mauren zwei Guineen, welche dieſer wie geiſtesabweſend empfing. „Und ich, mein Junge, ſchwöre Dir bei Gott, daß, wenn Du nur einmal aus den Klauen des Gerichts biſt, Du und Dein Pferd, das Du ſo ſehr liebſt, Euer Leben lang ein Aſyl in Gog⸗Magog finden werdet, denn beim Himmel, Dein Be⸗ tragen wird allen Leuten meines Geſtüts ein lebendiges Bei⸗ ſpiel ſein, an dem ſie ſehen können, was der Mann für ſei Pferd thun müſſe. Da nimm, hier ſind 2 Guineen und kaufe dafür Deinem Pferde einen neuen Zaum; ich werde Rogers holen laſſen, und beim Teufel, ich werde ihm Deinen Berber ſo theuer als er will bezahlen, denn Ihr ſollt nie wieder ge⸗ trennt werden.“ Dann reichte Lord Godolphin auf ein Zeichen der Herzo⸗ gin ihr wieder den Arm. Das Licht verſchwand darauf mit den Schließern, die Thüre wurde geſchloſſen, und als Agba ſich wieder mit Gri⸗ malkin allein im Finſtern befand, glaubte er anfangs feſt, nur geträumt zu haben. Aber, als er die Guineen in ſeiner Hand klingen hörte, mußte er doch wohl an die Wirklichkeit dieſer Scene glauben, dann erinnerte er ſich dunkel einiger Worte, unter anderen; „Du wirſt nie wieder Dein Pferd verlaſſen, ich werde es von Rogers kaufen.“ Dieſe Worte beſonders klangen ihm ſo be⸗ ruhigend in den Ohren, daß der arme Stumme nicht mehr an ihrer Wahrheit zweifeln konnte. 51 „Wenn ſo wenig vorhergeſehene Hoffnungen ſich erfüllen ſollten,“ dachte Agba,„iſt dann nicht der Einfluß des weißen Fleckchens auf das Wunderbarſte bewieſen?“ Und, um kurz zu ſein, die Verſprechungen der Frau Her⸗ zogin von Marlborough und des Lord Godolphin wurden er⸗ füllt. Vor den Richter geführt und von dem guten Quäker, welcher auf die erſte Kunde von der Verhaftung des Mauren mit dem ehrwürdigen Prediger Harriſon eiligſt von Bury⸗-Hall gekommen war, vertheidigt, wurde Agba auf Herrn Rogers Bitte ſelbſt freigeſprochen, welcher letztere übrigens froh war, ſich eines ſo unbändigen Thieres wie Scham vortheilhaft zu entſchlagen und es für 25 Guineen an Lord Godolphin ver⸗ kaufte. Agba wurde alſo in Freiheit geſetzt und mußte ſich bei ſei⸗ nem Wohlthäter bedanken. Dieſer letztere hatte dem Mauren das Vergnügen aufgeſpart, ihn ſelbſt Scham von Herrn Rogers abholen zu laſſen, eine Sendung, über welche die Stallknechte des gekrönten Löwen, denen noch das Schickſal des armen Johny und ſeines Kameraden in Andenken war, ſich ſehr er⸗ freut zeigten. Man kann ſich das Glück vorſtellen, mit dem Agba in das Wirthshaus des Herrn Rogers ging, ſeine Bewegung und ſeine Thränen, als er Scham wiederſah und die unwürdigen Bande eins nach dem andern löſen konnte, welche die Bewe⸗ gungen dieſes edlen Thieres hemmten. Als ſich Scham ganz frei fühlte, betrachtete er Agba mit ſtarrem Blicke, dann zuckte er unter ſeiner langen Mähne, ſtreckte die Ohren und näherte ſich nach und nach dem Mauren, an⸗ fangs mit einer gewiſſen Art von Mißtrauen, dann ließ er ein kurzes furchtſames Gewieher hören, indem er ſeine weiten Na⸗ ſenlöcher faltete, eine Bewegung, welche, verbunden mit der aus⸗ drucksvollen Beweglichkeit ſeiner großen, braunen, unruhigen und erſtaunten Augen, ſeinem ſchönen Kopfe einen äußerſt verſtän⸗ digen Ausdruck gab. Endlich, nachdem Agba auf eine beſondere Art in ſeine Hände geſchlagen hatte, machte das Pferd einen Satz; es zwei⸗ felte nicht mehr, er war es, ſein Freund; da bäumte es ſich mit halbem Leibe, aber bald krümmte es den nervigen Nacken, näherte ſich Agba und rieb ſeinen Kopf an deſſen Bruſt, um eine Liebkoſung zu verlangen. 4* Als dieſer empfindſame Augenblick vorbei war, war die erſte Sorge des Mauren, die Amulette und den Stammbaum wie⸗ der ſorgfältig am Halſe des Berbers zu befeſtigen, und das weiße Fleckchen, die Quelle alles dieſes Glückes, fromm zu küſſen. Hierauf verließ Scham das Wirthshaus zum gekrönten Löwen, ohne dort, man muß es geſtehen, eben ſonderliche Sehn⸗ ſucht nach ſich zurückzulafſen. Stolz ritt ihn der Maure, um Lord Godolphin einzuholen, welcher ihn in dem Hofe ſeiner Ställe erwartete. Obgleich noch ſchwach, ſchien doch Scham glücklich und ſtolz auf ſeine Laſt und ſchlug aus und bäumte ſich. So kam er vor Lord Godolphin an. Man muß es eingeſtehen, wenn ſelbſt das Vorurtheil, wel⸗ ches man damals in England beinahe allgemein gegen die Pferde von Berber- und Araberrace hegte, nicht ſo tief gewur⸗ zelt geweſen wäre, ſo war doch Scham, abgemagert wie er war und die Spuren der ausgeſtandenen Leiden an ſich tragend, nicht beſonders geeignet, daſſelbe zu beſiegen. Als der Maure triumphirend auf Scham ankam, plauderte Lord Godolphin mit einem kleinen, noch jungen Manne, der mager, nervigt und mit einem ſilberbetreßten Rock von linkoln⸗ grünem Tuche bekleidet war, und dazu hirſchlederne Beinkleider und Reiſeſtiefel trrug. Sein Geſicht war ſchlau, ſpöttiſch, aber der faſt gänzliche Mangel an Zähnen gab ſeinem höhniſchen Lächeln, welches ein faſt bloßes Zahnfleiſch enthüllte, etwas äußerſt Abſtoßendes. „Halte hier,“ ſagte Lord Godolphin zu Agba. Der Stumme hielt ſtolz in der Stellung eines römiſchen Kaiſers. „Betrachte ein wenig dieſes Pferd, Chiffney,“ ſagte Lord Godolphin zu dem kleinen Mann im grünen Tuchrock, welcher niemand anders als der Vorſteher des Geſtütes zu Gog⸗Magog war. „Nun, Chiffney?“ fragte Lord Godolphin. „Eure Gnaden, glaube ich, ſagte mir, daß es ſich weder reiten noch anſpannen ließe, außer mit der Einwilligung dieſes Mannes.“ „Ohne Zweifel; wie findeſt Du es?“ „Ziemlich ſchöne Glieder, feſt von Knochen, aber ein häß⸗ licher Kopf und überdies ein wahres Kind der Berberei. Was denken Eure Gnaden mit einem ſolchen Thiere anzufangen? 55 „Auf mein Wort, ich weiß es nicht. Ich habe mich für dieſen armen Teufel und ſein Pferd intereſſirt, das iſt Alles. Was ich mit letzterm machen wolle, daran dachte ich nicht. Da aber das Pferd zu nichts zu gebrauchen iſt, ſoll man es in den Auen von Gog⸗Magog graſen laſſen, und den Mann kannſt Du im Geſtüte verwenden, mit einer ſolchen Liebe für die Pferde muß er uns wohl nützlich werden.“ „Erlauben mir Euer Gnaden eine Bemerkung?“ „Rede.“ „Euer Gnaden weiß, daß der Lockhengſt Hobgoblin's erſetzt werden muß. Dieſer Berber würde, wenn Mylord erlauben, prächtig dazu taugen.“ „Ach! bei Gott, Chiffney, Du biſt ein prächtiger Kerl. Ohne Zweifel iſt dieſer arme Teufel gut dazu.“ Dann wendete er ſich an Agba:„Du wirſt dieſem Herrn — er zeigte auf Chiffney, folgen und ihm gehorchen wie mir.“ Der Maure verbeugte ſich tief und ging mit Chiffney. Und doch, wenn Agba die traurige und häßliche Rolle, die man Scham zutheilte, gekannt hätte, er hätte den Berber tau⸗ ſendmal lieber wieder in dem Stalle des Herrn eingeſchloſſen, oder unter den grauſamſten Qualen geſtorben geſehen. IX. Gog⸗Magog. Ohne alſo die Beſtimmung zu kennen, welche Godolphin auf den Rath Chiffney's dem armen Scham zudachte, brach Agba den Tag darauf von London auf, und ritt auf einem ſtarken rothbraunen Pony von einem eigenthümlichen Fell, deſſen Farbe Scham, den der Maure an der Hand führte und auf deſſen Rücken ſich Grimalkin zur großen Freude der Vorbeigehenden breit machte, nicht aufbrachte, fröhlich dem Norden zu. Agba verfolgte die Straße nach der Grafſchaft Cambridge, wo Gog⸗Magog, das Beſitzthum des Lords, lag. Der Stumme reiſte nicht allein, er begleitete Chiffney, der mit einem Bedien⸗ ten zu Pferde in das Geſtüt zurückkehrte, da die Straßen für * — 54 Wagen damals noch unbequem und zeitraubend waren. Agba, welcher in Chiffney den Stellvertreter Lord Godolphins ſah, ſuchte ſich demſelben durch alle möglichen Dienſte, welche er ihm oder ſeinen Pferden erweiſen konnte, gefällig zu zeigen. Dieſes Be⸗ tragen Agba's war übrigens um ſo verdienſtlicher, als Chiffney nie die Gelegenheit verſäumte, Scham mit Neckereien und Spöt⸗ tereien zu überhäufen, was der Maure mit ſtolzer Verachtung, faſt ohne es bemerken zu wollen, hinnahm. Er ſah Scham ſchon zweimal auf die wundervollſte Weiſe dem widrigſten Geſchicke entriſſen, er ſah ſich ſelbſt, in dem Mo⸗ mente, wo er ſich aufhängen wollte, auf ebenſo wunderbare Art durch die großmüthige Dazwiſchenkunft der Frau Herzogin von Marlborough gerettet, und der Glaube des Mauren an den wohlthätigen Einfluß des weißen Fleckchens war unerſchütterlich geworden; er ſchwor, ſich blind und ohne Furcht den Wunder⸗ lichkeiten des Geſchickes, welches, ſo außerordentlich ſie auch immer ſcheinen mögen, doch trotz aller noch ſo ſchrecklichen Zwi⸗ ſchenfälle nie zu etwas als zum Ruhme und zur Verherrlichung Scham's ausſchlagen könne, zu unterwerfen. Man muß hier nun bemerken, daß Agba, als er ein ſo unverwüſtliches Vertrauen auf den guten Stern Scham's faßte, noch die neue Beſtimmung, welche dem Berber zugedacht war, und welche in ihrer widrigen Geſtalt ohne Zweifel ſeine glän⸗ zenden Hoffnungen gemäßigt hätte, nicht kannte. So aber erging ſich der Maure in fruchtloſen Muthmaßun⸗ gen über die Beſchaffenheit der Dienſtleiſtungen, welche man von Scham fordern würde, der zu ſichere Proben von unüber⸗ windlicher Halsſtarrigkeit gegeben hatte, um glauben zu laſſen, daß er ſich je von einem Andern als dem Stummen reiten oder warten laſſen würde. Ein leuchtender, glänzender Gedanke, welcher zuweilen den Geiſt Agba's wie ein Blitzſtrahl durchzuckte, verklärte dann in ſeinen Augen die Zukunft des Berbers mit dem glänzendſten Ruhme. Dieſer ſchien aber mit den wenig Umſtänden, die man mit Scham machte, ſo wenig übereinzuſtimmen, daß der Stumme nicht an demſelben feſtzuhalten wagte. Und doch, verkündete das weiße Fleckchen nicht Scham und ſeiner Nachkommenſchaft mit Gewißheit eine herrliche und glor⸗ reiche Laufbahn? Mit Einem Worte, der Maure glaubte manch⸗ mal in ſeinem beinahe fieberhaften Ehrgeiz, der Lord wolle Scham zur Racezucht verwenden. Aber obwohl man den Berber gut und paſſend behandelte, 4 umgab man ihn doch nicht mit jenen zarten und eigenthümlichen„ Aufmerkſamkeiten, welche gewöhnlich einem werthvollen Zucht⸗ S hengſte zu Theil werden. E Ueberdies hörte der Maure Chiffney oft mit der ausſchwei⸗ 1 6 ſendſten, glühendſten Bewunderung von einem gewiſſen Hob⸗ goblin, dem einzigen Sultan in dem Geſtüte des Lords Godol⸗ phin, ſprechen. Nach Chiffney zu urtheilen, war nichts auf der Welt wun⸗ derbarer, ſeltner und koſtbarer, als Hobgoblin, denn die Söhne und Töchter dieſes Pferdes, Wunder an Schönheit und Stärke,. vereinigten in ſich gleich ihrem Vater die göttlichſten Vollkom⸗ 3 1 * menheiten. Mit einem Wort, Hobgoblin ſollte die unſchätzbare Ehre haben, das Vollblut der engliſchen Race, welche um dieſe Zeit ſich zu verſchlechtern anfing und viel von ihrer urſprüng⸗ lichen Reinheit, welche ſie nach den Geſchichtſchreibern den koſt⸗ baren Kreuzungen der nach den Kreuzzügen mitgebrachten Pferde verdankte, verlor, wiederherzuſtellen. Hobgoblin war übrigens kein Pferd von berbiſcher oder arabiſcher Race; er war zwar ſchön und mehrmals Sieger zu New⸗Market, aber ſein Körper⸗ bau unterſchied ſich gänzlich von dem dieſes unvergleichlichen Vorbildes; indeß die Vorurtheile der Zeit bewirkten, daß man, ſtatt zu der urſprünglichen Quelle zurückzukehren, um eine aus der Art geſchlagene Race zu verbeſſern, ſich mit einer fernen und unwirkſamen, oft durch die verſchiedenſten Kreuzungen geſchwäch⸗ ten Abſtammung begnügte. Jedenfalls vereinigte nach Lord Go⸗ dolphin's Anſichten Hobgoblin alle nöthigen Eigenſchaften zu dieſer vollkommenen Wiederherſtellung der Race in ſich, und man konnte für ſein Serail kaum Stuten von genug edler Ab⸗ kunft auftreiben; jede dieſer ſtolzen Sultaninnen mußte die voll⸗ kommenſten und ausgeſuchteſten Formen mit dem edelſten Stamm⸗ baume vereinen. Lord Godolphin hatte ſo eben für 600 Guineen ein Wunder Namens Rorxana gekauft, die Tochter Bling⸗ Childer's und Manica's und berühmt in allen drei König⸗ reichen wegen ihrer Geſchwindigkeit, Kraft und unvergleichlichen Schönheit. 3 Rorana, von Natur aus reizbar und nervenſchwach und 1 noch an den Folgen ihres letzten Triumphes in New⸗Market leidend, war noch nicht in Gog⸗Magog angekommen; aber Chiffney ergoß ſich ſchon über ihre außerordentlichen Eigenſchaf⸗ ten und über die Hoffnungen, welche Lord Godolphin auf die künftige Generation Hobgoblin's und Roxana's gründen durfte. Aus allen dieſen vorläufigen Aufſchlüſſen, welche Chiffney Agba machte, ergab ſich nur Eines, daß nämlich der Maure, bevor er noch in Gog⸗Magog ankam, Hobgoblin, dem er Scham, abgeſehen von ſeiner Zuneigung für denſelben, ſchon aus dem einzigen Grunde ſeiner unbezahlbaren Abſtammung hundertmal vorgezogen hätte, vom Herzen verabſcheute. Alle die ſeltenen Eigenſchaften, welche man Hobgoblin zuſchrieb, verdankte der⸗ ſelbe nach der Meinung des Mauren, und hierin traf ſie das Wahre, nur Einem Tropfen des reichen und reinen Blutes, welches die Adern Scham's ſchwellte. Endlich kamen die Reiſenden in Gog⸗Magog an. Sogleich wies Herr Chiffney dem Mauren eine große und. ſchöne Halle, ſchöner noch als dieſe im Hauſe des Quäkers, an, welche Scham als Stall dienen ſollte. Agba hatte ſein Zim⸗ mer nebenan, und bis dahin war in den Augen des Mauren Alles begnügend und dem Einfluſſe, welchen er dem weißen Fleckchen zuſchrieb, gemäß. Das Geſtüt des Lord Godolphin war mit ſeltener Sorgfalt und Pracht angelegt und in Stand erhalten; aber was die Un⸗ geduld und die eiferſüchtige Neugier Agba's auf das heftigſte erregte, war der Wunſch, Hobgoblin zu ſehen, den glücklichen König, den ſtolzen Sultan dieſes Reiches. Den Tag nach ſeiner Ankunft ſollte der Maure dieſer Ehre theilhaftig werden, und Herr Chiffney ſelbſt war es, welcher ihn zu dem Stalle oder vielmehr zu dem Palaſte dieſes ſo gerühm⸗ ten Pferdes zu führen geruhte; denn der außerordentliche Lurus, welchen man noch jetzt in einigen Ställen Englands entfaltet, war zu jener Zeit noch viel weiter auf die Spitze getrieben und wurde auch vft durch außerordentlichen Glanz und Geſuchtheit ſehr lächerlich. Ehe ihn Herr Chiffney zu Hobgoblin einführte, ſagte er triumphirend und verachtend und mit einem nicht wiederzugeben⸗ den Ausdrucke von Anmaßung zu dem armen Mauren:„Nun ſollſt Du endlich ſehen, was ein Pferd iſt, was man ein Pferd nennen kann.“ Agba verbiß dieſe bittere Kränkung und folgte Herrn Chiffney. 57 Hobgoblin bewohnte ein weitläuftiges Gebäude, welches von den übrigen Ställen durch einen großen Hof, der mit fei⸗ nem und dichtem Sande beſtreut und zu ſeinem täglichen Zeit⸗ vertreibe beſtimmt war, getrennt wurde. War dieſer Hof über⸗ ſchritten, ſo trat man in eine Art von Vorhalle, von außen gekrönt mit einem Giebel von dunkelblauem Marmor, der von Flügelroſſen getragen wurde und in deſſen Mitte mit vergolde⸗ ten Bronze⸗Buchſtaben geſchrieben ſtand: Hobgoblin!!! dieſer Triumphator-Name, bei welchem die drei Ausrufungszeichen den ſonderbarſten und herausforderndſten Eindruck machten. Die Vorhalle war, wie der übrige Theil des Gebäudes, mit ſo feinen Ziegelſteinen von einem durch das Oel, welches man zuweilen darauf goß, äußerſt lebhaft unterhaltenen Roth gepflaſtert, daß man es für prachtvolles Porzellan hätte halten können. Die Wände waren von weißem Stuck ohne andere Verzierung als Basreliefs nach der Antike, welche den Ritt aus dem Parthenon darſtellt. Nun kam ein weiter Saal, zur Hälfte mit Tafelwerk von gehahenem Eichenholz ausgebohnt, und verziert mit eingebrann⸗ ter Atheit von Stechpalmenholz, deſſen glänzende Weiße wie Silber auf dem braunen Grund der Felder abſtach. Dieſe Arten von Arabesken, deren Zeichnung Keller, der berühmte fran⸗ zöſiſche Ornamentmaler entworfen hatte, ſchloſſen in ihren an⸗ muthigen tiefungen Centauren und Pferdeköpfe, in jeder Stellung und Bewegung getreu wiedergegeben, ein.— Dieſes Getäfel war nur 8 Fuß hoch; das Uebrige des Saales war mit äußerſt feinem grünen Lincoln⸗Tuch, mit dem Wappen des Fürſten verbrämt, ausgeſchlagen.— Auf dieſer Tapete ſah man eine große Anzahl Gemälde von Stubbs, welche Hobgoblin in allen Phaſen ſeines Ruhmes darſtellteit⸗ im Stalle— im Freien— vor dem Rennen— nach dem Rennen. Endlich ſah man durch die Gläſer zweier Arten Reliquien⸗ käſtchen von derſelben koſtbaren Arbeit und derſelben Gattung wie das Getäfel, die an jeder Seite der Thüre hingeſtellt waren, ſich die goldnen und ſilbernen Becher von koſtbarer Arbeit, die Hobgoblin gewonnen hatte, von einem karmoiſinroth⸗ſammtnen Grunde erheben, ebenſo wie ſeine Hufeiſen, kaum angehaucht von der Berührung des Bodens, nebſt dem Zügel, dem Gebiß und dem Sattel, mit welchen ihn der Jokey bei den Rennen gewöhnlich geritten hatte. 3 * In dieſer Abtheilung waren zwei Stallknechte in Uniform Tag und Nacht aufmerkſam auf die geringſte Bewegung Hob⸗ goblins, den ſie durch weite Fenſter, von Steinplatten eingefaßt und gegen die Seite der Halle mit einem ſehr engen vergoldeten Meſſinggitter verſehen, beobachteten.— Geblendet durch alle dieſe Wunder, aber im innerſten überzeugt, daß Scham tauſend⸗ mal würdiger als Hobgoblin ſei, dieſes Palais zu bewohnen, folgte Agba Herrn Chiffney, welcher ihm boshafterweiſe Zeit ließ, Alles zu bewundern. Endlich kreiſchten die tuchenen, reich⸗ geſtickten, gefalteten und mit dem Wappen des Lords verſehenen Thürvorhänge in ihren Ringen; die zwei geſchnitzten Thürflügel der Hallenthuͤre traten, durch eine Feder bewegt, in ihre Seiten⸗ wände zurück(die Thüren waren ſo gebaut aus Furcht, die beiden Flügel könnten, wenn ſie nach Außen ſich öffneten, das Pferd beim Aus⸗ und Eingehen verletzen) und Agba konnte die Gottheit dieſes Tempels bewundern. Träge auf ein weiches und volles Lager von feinem gol⸗ digen Stroh hingeſtreckt, erhob ſich Hobgoblin nachläſſig, nach⸗ dem er einen verächtlichen Blick auf die unwillkommenen Gäſte die ihn ſtörten, geworfen hatte. Grau von Fell mit ſchwarzer Mähne, war Hobgoblin, wie alle zur Zucht beſtimmten Hengſte von großer Wohlbeleibtheit, was die Folge einer ſehr ſtattlichen Nahrung war. Dieſe Wohlbeleibtheit, die die Muskeln unter dem Fett verſchwinden machte, hinderte auch, die Reinheit der Linien an ſeinem Baue zu erkennen. Nur ſeine Füße ſchienen im Vergleich mit ſeinem Körper⸗ baue zu ſchmächtig, aber ſein Kopf, klein und viereckig, bezau⸗ berte durch Ausdruck und Charakter. Große Polſter, mit Roßhaaren gefüllt und mit dickem Cor⸗ duanleder überzogen, acht Fuß hoch und durch vergoldete Nägel an die Wand befeſtigt, umgaben den untern Theil dieſer Halle, der übrige Theil war mit grünem Tuche ausgeſchlagen, wel⸗ ches, indem es ſich an die ſanften Farben des Leders harmo⸗ niſch anſchloß, die klare und glänzende Farbe Hobgoblins um ſo mehr geltend machte. Zwei Raufen von vergoldeter Bronze, die in jedem Winkel der Mauer angebracht waren, und zwei kleine Krippen von glänzendem, ziemlich dickem Silberblech überkleidet, ein Lurus, würdig des Pferdes eines Caligula, vervollſtändigten die Ein⸗ richtungen dieſes glänzenden Stalles. 59 Zuletzt ſah man durch zwei Fenſter, dem des Vorzimmers gegenüber und wie dieſe durch vergoldeten Meſſingdraht ver⸗ gittert, eine ungeheuere Wieſe, die von einem lebendigen Waſſer durchfloſſen, mit kleinen Gebüſchen beſetzt war, und welche Hobgoblin als Park diente, wenn die Zeit kam, ihn ins Freie zu laſſen. Eine Thüre, jener der Vorhalle gegenüber, öffnete ſich auf eine elegante Halle und dieſe führte auf jenen köſtlichen grünen Teppich, der mit fettem Klee untermiſcht, flach und von kleinen halbvioletten, halbpurpurnen Blumen beſäet war. Ich wiederhole es, während er all dieſen Glanz bewun⸗ derte, dachte Agba mit einem ſchmerzlichen Gefühl an die be⸗ ſcheidene Einfachheit des Stalles ſeines Scham, und betrachtete entſchiedener als je Hobgoblin als einen unverſchämten und unwürdigen Uſurpator. Der Maure wußte nichts von dem Amte, das man dem Berber vorbehielt. Uebrigens fühlte ſich Agba, ſeinen verach⸗ Haß gegen Hobgoblin bei Seite geſetzt, niemals glück⸗ icher. Er wartete und ritt Scham mit Herzensluſt, er hatte ihm gewiſſenhaft ſeine Amulette und ſeinen Stammbaum um den Hals gehängt, endlich verlor ſich die Magerkeit, das elende Ausſehen des Berber, welche er der Behandlung des Herrn Rogers verdankte, er bekam, ſo wie Grimalkin, wieder einen ehrenwerthen Schmeerbauch, und ihre Felle wurden wieder glatt und glänzend. So vergingen einige Monate, Es war bei der Ankunft der Sultanin Roxana zu Gog⸗Magog, wo die neuen und ſchrecklichen Kümmerniſſe Agba's und Schams ihren Höhepunkt erreichten. Rvxana. Das Frühjahr des Jahres 1733 begann die Umgegend von Gog⸗Magog mit grünem Teppich zu ſchmücken. Das Wetter war herrlich und Lord Godolphin und einige ſeiner Gäſte zu Gog⸗Magog erwarteten mit großer Ungeduld Rorana's Ankunft. Hier müſſen wir aber erſt einige ſonder⸗ bare und außergewöhnliche Einzelnheiten über den Charakter dieſer berühmten Schönheit berichten. Rorana war außerordentlich empfindlich und fantaſtiſch und, ohne mit einem Naturfehler behaftet zu ſein, doch von einer ſo außerordentlich zarten und empfänglichen Organiſation, daß man mit ihr nicht vorſichtig genug umgehen konnte. Furcht⸗ ſam und faſt ſcheu, machte ſie ein zu lautes Wort, eine zu ra⸗ ſche Bewegung, wenn man ſich ihr näherte, zitternd und ängſt⸗ lich. Voll Muth und Feuer, eiferſüchtig, ungeduldig von einem beinahe wildem Stolze, hätte ſie ſich, einmal auf der Bahn an— gekommen und ihre Nebenbuhler und Nebenbuhlerinnen an den Jockeys, die ſie ritten, erkennend, ſich gegen dieſelben,(Ne⸗ benbuhler Jockey's und Nebenbuhlerinnen) auf eine ſo feind⸗ liche Art benommen, daß man ſich genöthigt ſah, ſie nicht eher als in dem Augenblicke, wo das Rennen begann, und mit ver⸗ bundenen Augen hin zu führen. Eine andere Eigenthümlichkeit in Rorana's Charakter, welche wir ſogleich erzählen werden, machte dieſe Maßregel un⸗ umgänglich nothwendig. Wenn aber einmal die Zauberformel: „Los!“ ausgeſprochen war, ſo vereinigte ſie alle ihre eiferſüch⸗ tige, alle ihre verzehrende Ehrſucht in den glühendſten Wunſch zu ſiegen, welcher, unterſtützt durch mächtige Muskelkraft, durch Löwenmuth und Adlerſchnelligkeit, Rorana aus den erbitterſten Kämpfen immer als Siegerin hervorgehen ließ. Ein eigenthümlicher Umſtand mag übrigens eine Vorſtel⸗ lung von ihrem Charakter, von ihrem wahrhaft unglaublichen Verſtändniſſe und ihrer Thätigkeit geben. Die Reitpferde ſind vorläufig beſonderen Geſundheitsvor⸗ kehrungen und Maßregeln unterworfen. Unter Anderem pflegt man ſie täglich in Pferdemäntel und warme wollige Decken 61 ganz eingehüllt zu üben, dann von Zeit zu Zeit, gleichſam um eine Probe des Rennens zu halten, nimmt man ihnen dieſelben ab, und reitet ſie ungefähr in denſelben Verhältniſſen, in denen ſie um den Preis ringen müſſen. Endlich vermehrt man in Zeiträumen, welche durch ihre Körperbeſchaffenheit beſtimmt werden, die Zahl der Decken und läßt ſie ſo eine gewiſſe Strecke galoppiren, um durch dieſe erzwungene Ausdünſtung ihre Mus⸗ keln von allem überflüſſigen Fette zu befreien. Rorana unterwarf ſich das erſte Mal dieſen Vorkehrun⸗ gen, ſo wie allen denen, die die Vorbereitung zum Rennen ausmachen und gewann den Preis von New⸗Market auf das glänzendſte. Aber ſo groß war ihr inſtinktartiges Verſtändniß und die glühende Lebhaftigkeit ihrer Eindrücke, daß Roxana, als man ſie das nächſte Jahr derſelben Behandlung unterwarf, an dieſen Vorbereitungen errieth, daß man ſie zu einem neuen Rennen be⸗ ſtimme, und war es die Erinnerung an ihren erſten Triumph, oder die Ungeduld einen neuen davon zu tragen, oder die Furcht zu unterliegen, was ihre Einbildungskraft erhitzte, genug, ſie war, fortwährend von dieſem Gedanken eingenommen, unruhig, in beſtändiger fieberhafter Aufregung, verlor bald Hunger und Schlaf, und erſchöpfte nach und nach ihre Kräfte durch dieſe nervige Aufregung ſo, daß der erſte vorbereitende Verſuch zum größten Erſtaunen Aller ſehr unbefriedigend ausfiel ¹). Der Beſitzer Rorana's errieth mit der den Leuten, welche die Pferde lieben und ihre Natur und ihre Gewohnheiten auf⸗ merkſam ſtudieren, eigenthümlichen Scharſſichtigkeit und Beob⸗ achtungsgabe nach mehreren Verſuchen den Grund von ſeines Lieblings Unwohlſein, und richtete es ſo ein, daß ſie niemals wußte, wann es zum Rennen ging, indem er Alles aus der Behandlung wegließ, welches ihr anzeigen konnte, daß man ſie jetzt zum Rennen beſtimme. So blieben die Uebungen in den Decken, die Entziehung des Waſſers, das Stempeln mit Eiſenplatten, ja ſogar das elegante Flechten ihrer Mähne weg. 3 ¹) Die berühmte Miß Annette, welche Lorb Henry Seymour gehörte und 120,000 Franken an Preiſen gewonnen hatte, war denſelben Symptomen unterworfen, und bot überhaupt große Charakterähnlichkeit dar. i 1 * — —, Und wie groß war die Freude von Rorana's Beſitzer, als er ſah, daß ſie, nicht mehr aufgerieben durch den Gedanken an das Rennen, wieder Schlaf, Hunger und Geſundheit be⸗ kam. Und eines Tages, als er ihre Kräfte wieder genug her⸗ geſtellt glaubte, führte er ſie raſch auf den Wahlplatz. Rorana, ſo wie ihre Gegner zum Auslaufen bereit, hatte nun nicht die Zeit, ihre Kräfte in furchtloſen Ausbrüchen phyſi⸗ ſcher und moraliſcher Ungeduld zu vergeuden, und indem ſie nun alle ihre Willenskraft, Energie und Gluth in ihrem blitz⸗ ſchnellen Lauf zuſammenhielt, ſchlug ſie ihre Nebenbuhler. Aber obgleich man ſie getäuſcht, fühlte Rorana doch die Rück⸗ wirkung dieſer Art Umwälzung, welche ihr die ängſtlichen Zwiſchenfälle eines Rennes verurſachten und war, ſtatt vor dem Rennen, nach demſelben einige Tage unwohl. Roxana's Beſitzer verſtand nun die ungemeine Zartheit dieſer Organiſation, vertraute aber auf ihre Kraft und Energie, und fuhr fort, ihren ungeduldigen Eifer zu täuſchen, indem er ihr ſeine Pläne bis zu dem feierlichen Augenblicke verbarg, ſie keiner Probe unterwarf, und am Tage des Rennens von New⸗Market mit verbundenen Augen in die Bahn führen und ihr die Binde erſt im Augenblicke des Auslaufens abnehmen ließ. Und das, was ſich bei dem Verſuche gezeigt hatte, wie⸗ derholte ſich, Rorana gewann aufs herrlichſte dieſen neuen Preis, aber eine ziemlich lange Krankheit folgte ihrem zweiten Triumph. Nachdem nun Rorana, welche jetzt dem Lord Godolphin gehörte, von den Folgen ihres dritten Sieges hergeſtellt war, kam ſie in ſorgfältiger Begleitung in Gog⸗Magog an, um die Favorit⸗Sultanin des glücklichen, dreimal glücklichen Hob⸗ goblin zu ſein. Wir nennen Hobgoblin dreimal glücklich, weil die wun⸗ derbare Schönheit Rorana's, welche wir zu ſchildern verſuchen wollen, ſie der Liebe von Mohamed's Pferd ſelbſt würdig ge⸗ macht hätte. Als Rorana von Chiffney geführt ankam, blieb ſie, warm bedeckt mit einer Decke von grünem Tuche, wie eine Frau mit ihrem Kopfputz, vor dem Thore von Gog⸗Magog ſtehen. Alles was man von ihr ſah, war vorzüglich durch die Augenlöcher der Kopfbedeckung, zwei ſchwarze, ſehr glänzende, ſehr offene Augen, die horizontal am Kopfe, und wenn gleich ———————— ein wenig erſtartt, doch voll Geiſt und Feuer waren; dann zwei bläuliche, ins Roſenrothe ſpielende Naſenlöcher, welche, bei ih⸗ ren beſtändigen Bewegungen voll Anmuth und Eigenſinn, von Zeit zu Zeit Lippen vom zarteſten Incarnat ſehen ließen; end⸗ lich das Spiel ihrer breiten Hüften und ſchlanken und nervigen Leiſten, welches die mit Wappen geſtickten Seiten der Scha⸗ bracke in eine ſanfte wellenförmige Bewegung brachte, ähnlich der, welche beim Gange der Andaluſierin die Falten ihrer kur⸗ zen Baskine erſchüttert. Die Freunde des Lord Godolphin, welche Rorana nicht kannten und ihre Schönheit unter den Hüllen, die ſie verdeck⸗ ten, zu errathen ſuchten, mußten ungefähr denſelben neugierigen und aufregenden Wunſch empfinden, den man fühlt, wenn man auf einem Balle unter der Narrenmaske zwei große blitzende Augen erblickt und bei jedem Schritte eines herrlichen Fußes die ſchwarze Seide des Dominos wollüſtig zittern ſieht. Einen Augenblick war Lord Godolphin unſchlüſſig. Er wüßte nicht, ſollte er ſeine Freunde der Toilette Rorana's bei⸗ wohnen laſſen, und ſich an ihrem Erſtaunen, an ihrer wach⸗ ſenden Bewunderung weiden, wenn er ihren bezauberten Augen nach und nach dieſe idealen Schönheiten enthüllte, oder ſollte er ihnen Rorana auf einmal zeigen, leuchtend, eine zweite Ve⸗ nus Afrodite? Der Lord hielt dieſen letzteren Plan feſt, ſagte Chiffney einige Worte ins Ohr, und da die Glocke zum Früh⸗ ſtück rief, traten alle ins Schloß. Der arme Agba hatte mehr als irgend Jemand das an Rorana bewundert, was er bewundern konnte; zum erſten Male, ſeit er von Afrika fort war, fühlte er ſich ſogar tief ergriffen von jener unausſprechlichen Empfindung, die Denen eigenthümlich iſt, welche, das Schöne aus Leidenſchaft oder Naturtrieb liebend, wo ſie es auch finden, wenn ſie es gefunden haben, eine ge⸗ wiſſe Verzückung nicht überwinden können. Das war ein Unglück; denn der Maure war ſo vollkom⸗ men in ſeinem Pferde aufgegangen, daß er faſt erſchrak, als er bemerkte, daß er Roxana zu bewundern und ſie mit einer Hef⸗ tigkeit, welche an Leidenſchaft grenzte, für Scham zu begehren anfing. Nicht daß Agba gedacht hätte, der Berber wäre dieſer Verbindung unwürdig, im Gegentheile, in ſeinen Augen gab es nichts Paſſenderes, nie hatten ſich noch ſo viele Anſprüche in Bezug auf Abſtammung und Werth vereint gefunden; aber 64⁴ der Maure ahnte mit Verzweiflung, daß der Emporkömmling Hobgoblin, vom blinden Glücke begünſtigt, flugs ein ſo ſeltenes und koſtbares Glück erringen werde. Mit einem Gefühle von Traurigkeit und bitterer Eiferſucht ſchloß ſich alſo der Stumme mit Scham und Grimalkin ein, und hielt für klug, der Schau⸗ ſtellung Rorana's nicht beizuwohnen, da ihre unvergleich⸗ lichen Augen ſeine Vernunft vielleicht gänzlich erſchüttert hät⸗ ten, indem ſie ihn noch ſchmerzlicher bedauern ließen, daß man Scham ihrer unwürdig hielt. Lord Godolphin hatte ſich mit der feinſten Coquetterie be⸗ nommen, indem er Roxana ſo erſcheinen ließ, wie ſie erſchien, nicht am Tage ihrer Ankunft, ſondern den Tag darauf, die Augen der Gäſte von Gog⸗Magog blendend. Es war zehn Uhr Morgens, die Sonne erleuchtete glänzend eine weite Wieſe, auf welche Lord Godolphin Rorana führen ließ, wohl wiſſend, wie gut ſich Pferde bei Tageslicht und im Grünen ausnehmen. Von Chiffney an der Hand geführt, erſchien endlich Rorqna vor den Gäſten von Gog⸗Magog. Nach einem langen und beobachtenden Stillſchweigen er⸗ hob ſich crescendo eine Art von Murmeln der Bewunderung, welches endlich in die lebhafteſten Lobeserhebungen überging. Rorana, ganz entblößt, wurde von Chiffney an dem Ende der Zügel eines leichten Zaumes von vrangefarbener Seide, nur an jeder Seite der Stirne mit einer gleichfarbigen Troddel geſchmückt, geführt. Vom Lichte umgoſſen, wäre es beinahe unmöglich gewe⸗ ſen, die wechſelnde Farbe von Rorxana's Fell zu beſchreiben; es war milchweiß, mit ſilbernen oder röthlichen Schlaglichtern, je nachdem es von der Sonne vergoldet oder vom Halbdunkel umſchattet war; die Seiten ſpielten ins Roſenrothe, während die zarteſten graublauen Farbentöne die Augen und die Naſen⸗ löcher umgaben, und wallende Mähnen von dunklem blutfar⸗ benen Grau, welches auch ihre nervigen Füße zeigten, die Weiße ihres Halſes noch mehr hervorhoben. In dem Maße, als der Anblick des freien Raumes und der Wieſe Rorana belebte, in dem Maße, als ſie den friſchen, ſcharfen Wind mit den ſeidenen Franzen ihrer Mähne ſpielen fühlte, fingen ihre Adern an zu ſchwellen und durchzogen ihre Haut mit ihrem bläulichen Geflechte. — —.——— 65 Da bog Rorana ihren ſchönen Hals wie ein Schwan, der ſeinen Kopf unter den Flügel ſtecken will, und indem ſie nach einem gewiſſen Takte mit Anmuth und Leichtigkeit über den dichten grünen Raſen, der kaum unter dem Elfenbeine ihrer Füße ſich bog, hinſchritt, wollte ſie ohne Zweifel in ihrer Weiſe den vollen Genuß des Lebens, der Freude und der Tugend, welcher ihr bei dem Anblicke der Sonne und des grünen Ra⸗ ſens blühte und ſie gleichſam über die Erde erhob, ausdrücken, und ließ ein langes Gewieher, aber ſo ſtolz und klingend wie der Schall einer ehernen Trompete, ertönen. Faſt in demſelben Augenblicke antwortete ihr ein fernes, aber eben ſo ſtolzes und dröhnendes Gewieher. Es war nicht das Hobgoblin's, denn dieſer ſchlummerte, nachdem er gefräßig ſeine Silberkrippe geleert hatte, gemächlich auf der Streu ſeines Palaſtes. Es war die Stimme Scham's, der immer unruhig, be⸗ wegt, aufgeregt war, und den dieſes Gewieher ohne Zweifel an eine der weißen Lieblinge ſeines Harems von Tunis erinnerte. Bei dieſem Tone wurde Roxana bewunderungswürdig an Ausdruck, Verſtändniß, Geberde und Farbe. Sie hielt plötzlich inne und zitterte, dann drehete ſie ihren ſchönen Kopf langſam nach der Seite der Stuterei, und der Stern ihres großen ſchwarzen Auges, zur Hälfte verhüllt durch die lange Flechte ihrer Mähne und abſtechend gegen die Perl⸗ mutterweiße der Kugel, nahm einen nicht zu beſchreibenden Ausdruck von Staunen und Bewunderung an, dann ſpitzte ſie die ſammtartige Muſchel ihres Ohres, und ſchien mit glühender, aber ſtillſchweigender Aufregung zu horchen. Kein neues Geräuſch erhob ſich, der Wind flüſterte in den Maiblättern, während der Lord und ſeine aufmerkſamen Gäſte den Athem anhielten. Durch dieſes tiefe Stillſchweigen vielleicht noch unruhiger gemacht, ließ Rorana ein zweites Wiehern hören, aber unter⸗ drückter, furchtſamer, kürzer, faſt fragend. In ſeiner ſchwerfälligen Verdauung ſchlummerte Hobgo⸗ blin weiter; aber Scham, welcher ohne Zweifel dieſen zweiten Ruf deutlich vernommen hatte, ließ zur Antwort darauf zwei⸗ mal das Echo von Gog⸗Magog, das ſtolzeſte, dröhnenſte, furchtbar⸗leidenſchaftliche Gewieher, welches jemals aus der ſtarken Bruſt eines Wüſtenpferdes kam, widerhallen. Die Cucaracha. III. 5 66 Nun ſchien Roxana unter dem Einfluſſe eines nervöſen Zaubers zu ſein. Sie blieb unbeweglich und zitternd, ihr Athem⸗ holen ward ſchneller, ihre breiten Weichen wogten convulſiviſch, dann näßte ſich ihr eben ſo glattes, weißes und ſilberglänzendes Fell mit einer fieberhaften Feuchtigkeit, und dieſer laue Dampf welcher hier und da die dunkelſten Farbentöne zurückließ, benetzte auch ihren Hals, ihre Schultern und ihre ſtarken, in tauſend Abſtufungen von Elfenbein und Opal ſpielenden Hüften. Ziemlich lange ſchien Rorana betroffen und verwirrt mit dem glühenden Verlangen, Scham zu antworten, und einer vielleicht inſtinktmäßigen Scheu und Zurückhaltung zu kämpfen Zweimal ſchien ihre geſchwellte Bruſt bereit, einen dröhnenden Ruf erſchallen zu laſſen, und zweimal wußte ſie ſich gebieteriſch zurückzuhalten. Plötzlich zog ein anderes, aber dumpfes, gedrücktes, er⸗ ſticktes und durch ſeine Kürze faſt anmaßendes Gewieher Ro⸗ rana's Aufmerkſamkeit auf ſich. Es war der Sultan Hobgoblin, welcher, endlich aufwachend, gehört und ſo gut er konnte auf eine Herausforderung, die er ſich dünkelhafter Weiſe beimaß, antwortete. Es wäre unmöglich, den Ausdruck ſtolzer Verachtung zu ſchildern, mit welchem Ro⸗ rana ihren ſchönen, jetzt eigenſinnigen und hochmüthigen Kop in die Höhe hebend, dieſen athemloſen Zuruf hörte. Aber als Rorana von Neuem das ſtolze Gewieher Scham's, diesmal noch mächtiger durch einen wilden Schrei des Zornes und Haſſes, welcher ſich demſelben wie eine blutige Heraus⸗ forderung an den dünkelhaften Hobgoblin zugeſellte, hörte, konnt ſie ſich nicht mehr zurückhalten, verlor alle Selbſtbeherrſchung und rückhaltlos, begeiſtert, gebieteriſch, antwortete ſie Scham, dem glücklichen Scham, erſt in milden und klagenden, dann im⸗ mer mehr und mehr leidenſchaftlichen Tönen. Vergebens ſuchte Hobgoblin auch ein Wort in dieſer ſo zärtlichen Unterhaltung mitzuſprechen, denn jedesmal, wenn el es verſuchte, wurde er entweder durch das vollſtändigſte und beleidigendſte Stillſchweigen Rorana's, oder durch den heraus⸗ fordernden Ruf Scham's, welcher mit ſeinem lärmenden Aus⸗ bruche das verlegene Gewieher Hobgoblin's übertönte, aufge⸗ nommen. Dieſe Scene batte Lord Godolphin und ſeine Gäſte ſehr „— c— unterhalten, nur ſagte er zu Chiffney, als dieſer die ſchöne Roxana wieder zurückführte: 1 „Der Lockhengſt plärrt wie ein Eſel, ein Zeichen, daß der⸗ 1 ſelbe ſein dummes und lächerliches Handwerk ſehr gut verſehen 8 wird.“ 3 Dann wurden Abends bei der Tafel, als die Cryſtall⸗ d flaſchen, voll des reinſten und koſtbarſten Bordeaur unter den 1 Gäſten des Lords auf dem glänzendſten Mahagoni des Tiſches kreiſten, zahlreiche Toaſte auf die nahe Vermählung Hobgoblin's„ und Roxana's, und vorzüglich auf ihre erlauchte Nachkommen⸗ ſchaft, auf welche Lord Godolphin die glänzendſten Hoffnungen für die Zukunft gründete, ausgebracht. x* 6 6 Das Stirnhaar. 1 Mehr als 3 Jahre waren verſtoſſen ſeit dem Tage, wo Rorana zum erſtenmal und auf eine ſo romantiſche Art ein 1 ſLiebesgeſpräch mit dem unbeſiegbaren Scham angeknüpft hatte. Obgleich im Anfange des Frühjahrs, war es doch kalt und 3 der Himmel regneriſch. Ein heftiger Weſtwind jagte ſchwer⸗ fällig ſchwarze Wolken vor ſich hin, welche nur durch einen röth⸗ lichen Lichtſtreifen von dem dunklen Horizonte getrennt waren. In der Mitte einer Ebene voll Haidekraut, welche weit, 1 kahl und öde und überall durch die veränderlichen Senkungen dieſes dürren braunen Bodens zerriſſen war, ſah man einen Mann, ein Pferd und eine Katze. Iſt es erſt nöthig zu ſagen, daß der Mann Agba, das Pferd Scham und die Katze Grimalkin war? Der Maure hatte eine Scheune von Steinen und Lehm eerbaut nd mit einem Dache von Farrnkraut bedeckt. Er kauerte nun in dieſer Zufluchtsſtätte, eingehüllt in ſeinen alten Kaftan on Kameelhaaren, welcher ſein treuer Gefährte im Unglücke blieb. Zu den Füßen ſeines Herrn lag Grimalkin, der ſehr elend ausſah, aber mit ſtoiſcher Reſignation bemüht war, ſeinem borſtigen Pelz einen neuen Glanz zu geben. * 5 Der Wind, welcher in dem Haidekraut rauſchte, unterbrach allein das tiefe und traurige Stillſchweigen dieſer Einöde und wühlte manchmal unordentlich in der langen Mähne und dem langen Schweife Scham's. Dieſer weidete nicht weit von derz Hütte einige ſeltene grüne Grashalme ab, welche unter dem ſchwärzlichen Haidekraut, deſſen purpurne Blüthen noch lange ſich nicht zeigen konnten, keimten. Das ſchmutzige, lange, dichte und verwilderte Fell des Berbers ſagte, daß er ſeit langer Zeit den Unbilden der Witte⸗ rung hülflos überlaſſen war. Von Zeit zu Zeit ſchlug Agba in ſeine Hände, dann kam Scham, dieſem Zeichen gehorſam, fröhlich zu dem Mauren und betrachtete ihn mit verſtändigen und ſanften Blicken; dann nach⸗ dem er einige Liebkoſungen und einige Stücke harten Hafer⸗ kuchen erhalten hatte, kehrte der Berber in die Ebene zurück welche er oft im ſchnellſten, ungezugelſten Laufe durchflog, und dann gab dieſer regelloſe Gang Scham ein wildes, aber präch⸗ tiges Ausſehen. Andere Male hielt er bei Sonnenuntergang plötzlich wie unruhig und nachdenkend auf den Gipfel des Hügels, den er gebieteriſch erſtiegen hatte, ſtill, blieb lange Zeit unbeweglich und ſchien traurig den Raum zu meſſen. Dann erhob ſich das Bild dieſes edlen Thieres mit den langen flatternden Mähnen ſchwarz und majeſtätiſch aus dem glühenden Himmelsgrunde und ſchien am Horizonte wie eine fantaſtiſche Erſcheinung zu wachen. Es iſt nun Zeit, zu erzählen, in Folge welcher wichtigen und furchtbaren Ereigniſſe Agba, Grimalkin und Scham Gog⸗ Magog, von dem ſie ſeit 3 Jahren ſchimpflich verbannt waren, verlaſſen hatten. Der Maure war grenzenlos in Rorana verliebt geworden, immer indem er Scham's Triebe ſeinen eigenen zu Grunde legte; er hatte daher anfangs die furchtbarſten Qualen der ver⸗ zweifeltſten Eiferſucht empfunden, als er einſah, daß der Berber dieſe unvergleichbare Schönheit vergeſſen müſſe, da ſie Lord Go⸗ dolphin für den Harem Hobgoblin's beſtimmte, ungeachtet der Verachtung, welche ſie dieſem Letzteren zu bezeugen ſchien, unddem lebhaften Intereſſe, mit welchem im Gegentheile die ſchöne Sul⸗ tanin dem leidenſchaftlichen Rufen Scham's geantwortet hatte. Obgleich dieſe Qualen furchtbar waren, ſo waren ſie doch ſollte. 69 nichts im Vergleich mit jenen, welche Agba empfand, als er erfuhr, welche Beſtimmung Scham im Geſtüte des Lords haben Da wurde der Maure beinahe wahnſinnig. Ohne ſeinen Aberglauben, ohne die Art von Verehrung und Ehrfurcht, welche er vor Scham hatte und endlich ohne dieſe geheime und unerklärliche Hoffnung, welche oft in dem Abgrunde der tiefſten Schmerzen blüht, hätte Agba den Berber erdolcht und ſich dann getödtet, um ſo ſein Pferd dieſem Abgrund von Scham und Entwürdigung zu entreißen. Der Maure, welcher die Zielſcheibe der Spöttereien aller Leute des Geſtütes wurde, verbiß ſeine Scham und ſeine Wuth, aber aufrecht gehalten durch dieſen Hoffnungsſchimmer, von dem wir ſprachen, und welchen nichts erſticken noch erklären konnte, enſchloß er ſich alſo, Scham während ungefähr zwei Mo⸗ naten ſeine traurige Beſtimmung erfüllen zu ſehen. Aber als Rorana von einer ziemlich langen Krankheit, welche ihr ohne Zweifel die ermüdende Reiſe von London nach Gog⸗Magog zuzog, wieder genas und ſchöner, anbetungswürdiger als je wurde und der Moment kam, wo Scham gleichſam das Schnupf⸗ tuch, welches Hobgoblin Roranen verächtlich zuwerfen würde, derſelben aufheben ſollte, verlor Agba außer ſich gebracht voll⸗ kommen ſeine Ueberlegung. Inzwiſchen nahte ſich der Ver⸗ mählungstag Hobgoblin's und Rorana's. Es genüge zu wiſſen, daß Rorxana, welche ohne Zweifel an dem Gewieher während ihrer erſten Unterhaltung wieder erkannte, ſich eben ſo verachtend und ſpröde als feindſelig gegen Hobgoblin zeigte. Lord Godolphin und ſeine Gäſte, welche Zeugen dieſer Scene waren, konnten die Urſachen von Roranens Eigenſinn und energiſcher Weigerung nicht begreifen, da ſie ſich gegen Hobgoblin auf das Ungebehrdigſte benahm, während ſie leiden⸗ ſchaftlich dem Gewieher des Berbers, den man gegen ſeinen Willen in dem Stall hielt, antwortete. In dieſem Augenblick, als der Maure Roranen mit Freude und Bewunderung dem Andenken Schams ſo treu ſah, verlor er den Kopf und öffnete auf die Gefahr hin, einen furchtbaren Kampf zwiſchen ſeinem Pferde und Hobgoblin herbeizuführen, die Stallthüre und ließ den Berber frei. Scham war mit einem Sprunge in dem Hofe. 70 Unglücklicherweiſe nahmen die Stallknechte, welche Hob⸗ goblin, erſchreckt die Flucht. Vergebens befahl Lord Godolphin von einem Fenſter her⸗ ab und bleich vor Schrecken Agba mit den ſchrecklichſten Dro⸗ hungen, er möge wenigſtens trachten, ſein Pferd wieder zu faß ſen, bevor es mit Hobgoblin zuſammenträfe. Der Maure, trunken vor Zorn, Hoffnung und Bewunde⸗ rung hatte nun das Mittel gefunden, Scham zweifach an Hob⸗ goblin zu rächen und ſtatt dem Lord zu gehorchen, vergaß er ſich ſo weit, ſogar die einzige Thüre, die in dieſem weiten Hofe war und durch welche die Stallknechte ſich geflüchtet hatten, zu ſchließen, damit Niemand den ſchrecklichen Kampf verhinder könne, welchen jetzt Scham und Hobgoblin um den Beſitz Ro⸗ rana's, die, an einen Pfahl gebunden, den Berber durch ſtolzes freudiges Gewieher zu ermuthigen ſuchte, kämpfen ſollten. Nun begann ein bewunderungswerther Kampf, der un⸗ möglich zu ſchildern iſt. Verwundert, faſt erſchrocken, ſich frei zu ſehen, ſchienen di beiden Hengſte anfangs unentſchloſſen, ſich einen Augenblickz meſſen, denn ſie mußten dieſen ganzen weiten Hof durcheilen bevor ſie einander erreichten. Scham war faſt ſchwarz, Hobgoblin war grau, beide fühl⸗ ten ihre eiferſüchtige, rohe, thieriſche Wuth noch entflammt durch Roxana's Gegenwatt. Aber bald flogen Scham und Hobgoblin, mit blutdürſtigen Augen, mit zitternden, fliegenden Naſenlöchern, drohenden Zäh⸗ nen, bis zum Springen geſchwellten Adern, geſträubten Has⸗ ren und mit durch die Wuth rauhem und borſtigem Fell, Schwei und Mähne wie ein Kriegsbanner im Winde wehen laſſend, als tapfere Kämpfer in der Mitte des Raumes, der ſie trennte einer ſich mit Gebrüll auf den andern ſtürzend zuſammen un trafen ſich mit einem furchtbaren Stirn gegen Stirn, Bruſt ge gen Bruſt mitten in einer dichten Staubwolke. Einen Augenblick zuſammengeſunken, aber gleich darauf raſch ſich aufraffend, und feſt auf ihren kraftvollen Kniekehlen blutgierig einander gegenüber ſtehend, ſuchten ſie ſich mit den Zähnen zu faſſen. Hobgoblin bäumte ſich halb auf und nach⸗ dem er mit ſeinen harten Hufen Schams Schulter blutig ge⸗ ſchlagen hatte, ließ er ſich mit ſeinem ganzen Gewicht auf den Berber fallen und biß ihn, ſich zur rechten Zeit ſtreckend, wü⸗ thend und ohne loszulaſſen in die Lenden. Der Schmerz war ſo furchtbar, daß Scham ſich wie eine — Stahlfeder krümmte, ſich faſt auf der Erde ſchleifte und während er den Kopf mit dem Ausdrucke des furchtbarſten Schmerzes in die Höhe hob, einen ſchrecklichen Schrei ausſtieß. Aber als er wieder zu ſich kam, konnte er nun Hobgoblin ſeinerſeits bei der Kehle faſſen, und ſein Biß war ſo ſcharf, daß das Blut aus einer Ader herausſtrömte. Da, außer ſich gebracht durch den Geſchmack und den Anblick des Blutes, ſetzten die beiden Hengſte mit unerbittlicher Wuth dieſen furchtbaren Kampf fort, während welchem man ihr wildes und rauhes Gewieher dumpf grollen hörte. Von Zeit zu Zeit aber, wenn ihre Zähne vom Beißen er⸗ müdet losließen, um an einer andern Stelle zu verwunden, wurde dieſes auf Augenblicke erſtickte Gewieher plötzlich hell wie eine Kriegsfanfare. Athemlos, mit Staub und Blut bedeckt, waren die beiden Kämpfer bald marmorartig gefleckt von Schweiß und Schaum. Aber von ihrer unbezähmten Wuth fortgeſetzt wurde der Kampf ungleich. Hobgoblin war trotz ſeines ver⸗ zweifelten Muthes ſeit langer Zeit durch Vergnügungen ent⸗ nervt, während Scham im Gegentheile furchtbar aufgeſtachelt eine ſchreckliche Stärke beſaß. Und nachdem Hobgoblin ſich wacker gewehrt hatte, ſchien er zu unterliegen. Zweimal durch den Stoß von Schams ner⸗ viger Bruſt erſchüttert, ſanken ſeine Kniekehlen zuſammen; end⸗ lich erſchöpft, außer Athem, weder Kraft noch Muth zur Fort⸗ ſetzung des Kampfes fühlend, fiel Hobgoblin bei einem neuen, wüthenden Angriffe Schams auf die Knie, aber ſich durch eine letzte Kraftanſtrengung aufraffend, nahm er die Flucht und ver⸗ barg ſich ſchimpflicherweiſe in dem Stalle Schams. Als Scham Sieger blieb, mißbrauchte er nicht die Niederlage ſeines Geg⸗ ners, um ihn zu verfolgen. Stolz, leuchtend, triumphirend blieb er ſtehen. Dann ſtieß er, den Kopf erhoben, das Auge um⸗ ſchattet von einer Flechte ſeiner blutigen Mähne, ein langes, dröhnendes Gewieher wie einen Triumphgeſang aus. Ein anderes Gewieher, ungeduldig, nervenſchwach, leiden⸗ ſchaftlich, außer Athem, antwortete ihm. Es war Rorxana, der edle Preis des Siegers. 72 Es wäre unnöthig, den Antheil, den der Maure an dieſen furchtbaren Kampfe fortwährend nahm, zu ſchildern, ſeine Hofß nungen, ſeine Freude, ſeine Trunkenheit, ſeinen Triumph j nach den Phaſen dieſes Schauſpiels, welches ſo ergreifend war daß es ſogar die Zornesausbrüche Lord Godolphins aufſchol, welcher mit Schrecken ſah, in welcher Gefahr ſich Hobgoblin befand, ſein koſtbarer Hengſt, welcher mit der unvergleichlichen Rorxana die engliſche Pferderace wieder herſtellen ſollte. Aber als Lord Godolphin den Triumph Schams und die Folgen deſſelben ſah, kann man ſich ſeine Wuth vorſtellen. Als ihr Rauſch vorüber war, fielen Scham und Agba vom Him⸗ mel auf die Erde. Als der Maure wieder zu ſich kam, begrif er, daß ſeine Züchtigung ſo groß ſein müſſe, als ſein Vergehen und ſie war es!————————— Das war die Urſache von Scham's, Agba's und Grimat⸗ kin's Verbannung, welche an demſelben Tage, wie die ſo eben erzählte Scene, ſtattfand. Nur ſchickte Lord Godolphin aus ei nem Ueberreſt von Mitleid ſie auf einen 60 Meilen vom Ge ſtüte entfernten unanſehnlichen Pachthof, welchen er dort beſaß Agba ſollte ſchwarzes Brod und ein Bett von Farrenkraut be dem Pächter haben, Scham ſollte auf der Haide umher irren und keine andere Nahrung bekommen, als die er dort finden würde, und kein anderes Obdach als das des Himmels. Glück licherweiſe milderte Agba's Erfindungsgeiſt dieſe Strafe, inden er die ſchon erwähnte Art von Hütte erbaute. Das war der Ausgang von Sham's und Rorana's Liebe Dieſe letztere wurde übrigens mit derſelben Strenge be handelt wie ein Mädchen von guter Abkunft, welche eine paſ ſende Heirath ausſchlägt, um Alles einem Landſtreicher z opfern. Verbannt in einen einſamen Stall des Geſtütes von Gog⸗Magog, brachte die arme Rorana, beſchimpft und von al⸗ lem verlaſſen, den verachteten Sohn Schams zur Welt, eine armen Kleinen, deſſen Anmuth die Langeweile und tiefen Schmerzen Rorxana's, welche, noch immer an den Verbannten denkend, ſich ſtandhaft weigerte, Hobgoblin wiederzuſehen, mil derte. Es iſt alſo ohngefähr 2 Jahre nach der Geburt von Schams und Rorana's Sohn, daß wir Agba, den Berber und Grimal⸗ kin in der Verbannung wiederfinden. 75 Man muß geſtehen, daß dieſe, wenn gleich harte Strafe den Schuldigen nicht ſo ſchwer fiel! Begabt mit dem trägen und betrachtenden Naturell der Orientalen, ſeine Tage im Nichtsthun zubringend oder ſich Luftſchlöſſer für Scham bauend— denn der Stumme hoffte noch immer— glücklich vor Allem, ſein Pferd nicht verlaſſen zu müſſen, hatte ſich Agba nüchtern und herzlos bald an das Bett von Farrenkraut und an das Hafer⸗ brod des Pachthofes gewöhnt. Was Scham betrifft, ſo war er glücklich, nicht mehr die Tantalusqual, welche ſeinen Triumph, ſein vorübergehendes Glück und ſeinen Sturz verurſacht hatte, aushalten zu müſſen, und fügte ſich ſo ziemlich in ſein freies, herumſtreifendes Leben. Unſere drei Gefährten waren alſo an einem finſtern und regneriſchen Tage verſammelt, Agba träumend, Scham leidend und Grimalkin ſein Fell putzend. Plötzlich hob der Stumme den Kopf in die Höhe und lanſchte nach Süden, von wo er entfernte Töne vernahm. Da der Lärm, welchen er zu vernehmen glaubte, deutlicher und zweifellos wurde, legte er ſich auf die Erde und horchte vor Staunen. Zu gleicher Zeit wurde auch Scham unruhig und bewegt und ſtieß mehrere Male ein langes Gewieher aus. Dann, als das Geräuſch näher und näher kam, konnte man deutlich den dumpfen Huſſchlag mehrerer Pferde, welche über die Ebene ſprengten, unterſcheiden, endlich erſchien ein Rei⸗ ter auf dem Gipfel eines der Hügel, welche die Ebene um⸗ gaben. Aber wie erſtaunte der Maure, als er bald Chiffney, ge⸗ folgt von 2 Bedienten zu Pferde und einem leichten Gabelwa⸗ gen erkannte. Scham hatte erſchreckt die Flucht ergriffen, aber Agba ſeufzte bei dem Gedanken, daß der Zorn des Lord Godolphin vielleicht verraucht ſei, und man den Berber wieder zu ſeiner früheren Beſtimmung abholen wolle. Aber Agba bemerkte, daß Herr Chiffney, ſtatt ihn wie ſonſt mit ſtolzer, ſpöttiſcher und verachtender Miene anzureden, ihn herzlich grüßte und die Unterhaltung mit einer Art wohl⸗ wollender Vertraulichkeit eröffnete. „Nun, mein Freund,“ ſagte Chiffney zu dem Mauren, in⸗ dem er ihn fröhlich auf die Schulter klopfte,„es giebt Neues zu Gog⸗Magog. Ihr werdet ſehr überraſcht und vergnügt ſein. Ich komme, um Euch und Euer Pferd wieder in das Geſtüt zu holen.“ An dem plötzlichen Ausdrucke, welcher Agba's Züge ver⸗ finſterte, errieth Chiffney ohne Zweifel die Beſorgniſſe des Mau⸗ ren, denn er ſagte, indem er ihm den Gabelwagen, den ein Be⸗ dienter eben öffnete, zeigte:„Beruhigt Euch, es geſchieht nicht deshalb, mein theurer Agba, um ihn ſein früheres Geſchäft fort⸗ ſetzen zu laſſen,— ganz im Gegentheil. Da betrachtet einmal dieſe Decken vom feinſten Tuche, prächtig geſtickt mit Mylords Wappen, dieſe Leinen und dieſes Halfter von weißem und ſei⸗ denweichem Leder und überdies meine Arzneiſchachtel, welche ich immer bei mir führe, wenn ich ein Pferd von großem Werthe hole.“ Der Stumme folgte dieſer Schauſtellung mit neugierigem Auge und ſowie die Bedienten dieſe verſchiedenen Gegenſtände unter der Hütte hinlegten, fragte er jeden Augenblick Chiffney's Blick. „Ich hoffe, Ihr begreift, mein Theurer,“ ſagte letzterer, „daß man einen Bockhengſt nicht mit dieſen Geräthſchaften ver⸗ ſehen aufſucht. Mylord hat mir noch nie ſo viel Sorgfalt an⸗ empfohlen als für den Berber, welcher übrigens dieſelbe ſehr wohl verdient. Ach, wenn man das früher gewußt hätte,“ ſagte Chiffney, den Kopf ſchüttelnd. Dann rief er:„Nun trachtet ihn einzufangen, denn wir müſſen ſo ſchnell als möglich nach Gog⸗Magog zurückkehren. Dieſes koſtbare Pferd darf nicht Eine Stunde an dieſem ſchrecklichen, ſeiner ſo unwürdigen Orte bleiben.“ Agba hatte Zeit gehabt ſich zu erholen, und indem er alſo⸗ gleich dieſe unerwartete und wirklich faſt wunderbare Wendung des Glückes dem Einfluſſe des weißen Fleckchens zuſchrieb, zeigte er, zum Erſtaunen Chiffney's, nicht die mindeſte Ueberra⸗ ſchung; er nahm einen Zügel, ging hinaus, ſchlug in die Hände, und der Berber, welcher ſich ſeit einigen Augenblicken mit be⸗ ſorgtem Ausſehen in der Nähe der Hütte aufhielt, kam ſogleich fröhlich und gelehrig. Alſogleich zäumte ihn Agba auf und bedeckte ihn mit den warmen und prächtigen Decken, welche Chiffney mitgebracht hatte. Der Maure ſchien faſt maſchinenartig zu handeln, 15 man hätte ihn für einen eben aus dem Traume Erwachten hal⸗ ten können. Und in der That bot der ſonderbare Eindruck, den der Stumme in Folge dieſes Ereigniſſes empfand, ſehr viele Aehnlichkeit mit dieſer Erſcheinung dar. Endlich nahm Agba, ein Pferd beſteigend, welches ein Bedienter hielt, Scham an die Leine, und ritt triumphirend der kleinen Begleitung voraus, von Grimalkin begleitet, welcher ſei⸗ ſeiner Gewohnheit nach in zwei Sätzen auf Scham's Rücken war. Eine Stunde darauf hatten Alle den Pachthof verlaſſen. Man muß nun die Urſache dieſes unverhofften Glücks⸗ wechſels erzählen, der Scham, Agba und Grimalkin aus ihrer Zurückgezogenheit abrief, und endlich Scham die glorreiche Stel⸗ lung anwies, die das weiße Fleckchen vorherverkündigt hatte. XII. Godolphin der Araber. Es wurde erzählt, daß Rorana einen Sohn von Scham hatte, dieſer Sohn erhielt bei der Geburt den Namen Bath. Umgeben von der Abneigung, die man gegen ſeinen Vater hegte, ſchwer geſtraft für ein fremdes Vergehen, und von Allen während der erſten Monate ſeines Daſeins auf's Tiefſte ver⸗ achtet, blieb Bath allein der Pflege ſeiner Mutter, die ihn lei⸗ denſchaftlich liebte, überlaſſen. Aber ſowie Bath wuchs und ſich entwickelte, ſchien die Art von Abneigung, welche bis dahin Lord Godolphin und Chiffney gegen ihn hegten, nach und nach ihre frühere Lebhaftigkeit zu verlieren. In der That hatten ſich nie an einem Fohlen ſo viele ſeltene und für die Zukunft viel verſprechende Anlagen ge⸗ zeigt. Von einer Kraft und Ausdauer über ſein Alter, über⸗ traf und beſiegte er, fein ſpielend, ſeine jungen Nebenbuhler von Gog⸗Magog bei den tollen Rennen, welche ſie untereinander durch die weiten Wieſen der Grafſchaft Cambridge verſuchten. Bei dieſen Rennen verließ Rorana Bath nie, ſie lief mit ihm, und indem ſie ihre Geſchwindigkeit mit dem Jugendfeuer 76 ihres Sohnes maß, überholte ſie ihn immer genug, um ſeinen Ehrgeiz herauszufordern, nie aber, um ihn zu ermüden. Mit einem Worte, in dem Alter von einem Jahre mußte Bath ein außerordentliches Pferd ſein, ſo ſehr erhoben ihn jetzt ſchon die Reinheit ſeines Blutes und die unvergleichbare Schön⸗ heit ſeiner Croupe über ſeine Gefährten. Da fing auch das Vorurtheil, welches man in England gegen die arabiſchen Pferde als Zuchtpferde noch immer hatte, nach und nach ſchwächer zu werden an; insbeſondere da ſich auch die Nachkommenſchaft Darley's des Arabers, eines berbe⸗ riſchen Pferdes, welches im Jahre 1717, gegen Ende der Regie⸗ rung der Königin Anna, von Aleppo nach England gebracht worden war, ſo vor allen anderen Pferden auszeichnete, daß man zu begreifen anfing, die Quelle aller Kraft und Schön⸗ heit ſei immer in dieſem urſprünglichen und reinen Vorbilde zu ſuchen. In der That hatten die Sprößlinge Darley's des Arabers, Dart, Skip⸗jak, Dädalus, Aleppo und Manica(die Mutter Rorana's), nie Nebenbuhler auf den Bahnen von New⸗Market, Epſom und Durby gefunden. Als nun Lord Godolphin die faſt wunderbare Entwicke⸗ lung des Sohnes Scham's ſah, erinnerte er ſich, daß der arme Berber, der Vater dieſes Wunders, von vielleicht eben ſo edler Abſtammung wie Darley der Araber, verſtoßen auf den Haiden umherirre. Aber ein lange Zeit im Geiſte wurzelndes Vorur⸗ theil iſt nicht ſo leicht auszurotten, es bedurfte daher des merk⸗ würdigen Sieges, welchen Bath bei dem Proberennen über die Pferde von zwei Jahren davontrug, es bedurfte der allgemei⸗ nen Bewunderung, welche dieſes Fohlen erregte, um Lord Go⸗ dolphin auf den Gedanken zu bringen, er könne wohl in Scham einen unbezahlbaren Schatz für die Wiederherſtellung der Racen⸗ reinheit beſitzen. Es war alſo in Folge von Bath's Triumph, daß Chiffney abreiſte, um Scham aufzuſuchen und aus ſeiner Verbannung zurückzuführen. Jetzt fing der bisher zu glänzende Stern Hobgoblin's an zu erblaſſen, denn ſeine zahlreichen Kinder wurden ſämmtlich von dem jungen frühreifen Bath beſiegt, der ſich ſchon als einen würdigen Abkömmling der Könige von der Feſſel bewies. Aufgebracht durch dieſen ſchlechten Erfolg, und nach und nach die hohe Meinung, welche er bis jetzt von Hobgoblin ge⸗ habt hatte, verlierend, verwies Lord Godolphin zuerſt ſeinen Lieblingshengſt aus dem prächtigen Palaſte, welchen er ein⸗ nahm, in einen weit weniger bequemen Stall, als den Scham's, der wieder zu Gog⸗Magog angekommen war, und wenn der Berber auch noch nicht den Palaſt des unglücklichen Hobgoblin bewohnte, ſo ſchien er wenigſtens doch große Fortſchritte in der Gunſt ſeines Herrn zu machen. Agba, früher ſo verachtet, genoß jetzt der größten Aus⸗ zeichnung, und Grimalkin ſelbſt fühlte den glücklichen Einfluß, der Alles um Scham herum umgab. Aber um dem glänzendſten Triumphe beizuſtehen, um ihn in dem Ruhme ſeiner Nachkommenſchaft die wunderbare Be⸗ ſtimmung erreichen zu ſehen, welche ihm durch das weiße Fleck⸗ chen verſprochen, aber ſo lange durch den widrigen Einfluß des Stirnhaares vereitelt wurde, muß man ſich in einen Zeitraum von verfloſſenen vier Jahren, d. h. von dem Jahre 1734 bis 1738, verſetzen. Drei Söhne Scham's, welche die ſeltenſten Eigenſchaften verſprachen und ſchon erprobt hatten, waren damals fuͤr die verſchiedenen Rennen in New⸗Market eingetragen. Bath für den Preis der Pferde von fünf Jahren. Cade für den der Pferde von vier Jahren. Regulus für den der Pferde von drei Jahren. Lord Godolphin, welcher übrigens nur die allgemeine Mei⸗ nung theilte, war ſo ſicher, die Söhne Scham's die Preiſe, um welche ſie kämpfen ſollten, erringen zu ſehen, daß er in einer ſeines excentriſchen Charakters würdigen Laune beſchloß, der Berber müſſe in großem Staate den Siegen ſeines Stammes beiwohnen. Und es geſchah in der That. Die Geſundheit, das Alter, die Ruhe und ſeine neue Beſtimmung hatten Scham eine majeſtätiſche Fülle verliehen. Prächtig auf vrientaliſche Art angeſchirrt, ſchritt er gravitätiſch unter ſeiner Purpur⸗Schabracke vorwärts, von Agba, welcher ebenfalls prächtig als Araber angekleidet war, geritten. Zur größern Sicherheit und um, nach Gelegenheit, Scham's Aus⸗ brüche der Freude und des Stolzes mäßigen zu können, ſtand an jeder Seite des Berbers ein Stallknecht mit einer ſeidenen Leine, die an dem goldenen Zaume befeſtigt war. Scham's Nachkommenſchaft war ſchon ſo allgemein be⸗ rühmt und die Liebhaber der Rennbahn waren dem Berber für ſeine außerordentliche Veredlung der engliſchen Pferderace ſo dankbar, daß Scham bei ſeiner Ankunft mit Zurufen begrüßt wurde. Endlich ertönte die Glocke, und die ganze Aufmerkſamkeit der Zuſchauer, welche einige Augenblicke zerſtreut war, richtete ſich auf das Rennen. Die Vorherſagungen Godolphin's erfüllten ſich. Der Wettlauf der Pferde von 3 Jahren begann, und Re⸗ gulus, der Sohn Scham's, gewann. Bei dem Rennen der Pferde von 4 Jahren gewann Cade, der Sohn Scham's. Endlich kam das Rennen der Pferde von 5 Jahren, und es war wieder Bath, 3 Jahre hintereinander Sieger und ein Sohn Scham's, welcher gewann. Da wurden das Beifallsklatſchen und die Hurrahs wüthend. Man muß hinzufügen, daß Scham dieſe Zeichen der all⸗ gemeinen Bewunderung mit einer Beſcheidenheit voll Würde und Anſtand hinnahm und kaum die Aufmerkſamkeit, deren Gegenſtand er war, zu bemerken ſchien. Was Agba betrifft, ſo kannte er ſich nicht, er träumte, er iht in einem vollkommenen Zuſtande von Hellſehen glaubte er an dem blauem Himmel ſo viele weiße Fleckchen zu ſehen, als man in der Nacht Sterne an demſelben ſieht, ſowie in den Eingeweiden der Erde Myriaden von ſchwarzen Stirn⸗ haaren, welche in der Finſterniß verſinken wie ein Schwarm kahler Mäuſe. Als die Rennen beendigt waren, wurde Scham im Triumph nach Gog⸗Magog zurückgeführt, dort erwartete ihn eine neue Huldigung. Erſtens war ihm der Palaſt des entthronten Hobgoblin beſtimmt. Aber was die Bewunderung des Lord Godolphi in für Scham bewies, war die Aufſchrift, welche man in Gold⸗Lettern auf dem Marmor⸗Giebel dieſes prächtigen Stalles las! Godolphin der Araber. So gab alſo der Schwiegerſohn des Herzogs von Marl⸗ 79 borough, der Sohn des berühmten Sidney, Großſchatzmeiſters von England, Scham ſeinen Namen. —————— Endlich zum letzten Beweis für die Unbeſtändigkeit des Glückes, welches diesmal nicht blind war, wurde Hobgoblin, der unglückliche, entthronte, verachtete Hobgoblin, nun ſeinerſeits für den Reſt ſeiner Tage Scham's oder vielmehr Godolphin des Arabers Lockhengſt. Agba theilte das glänzende Geſchick des Berbers, und Grimalkin genoß die Ehre, dem berühmten Maler Stubbs zu ſitzen und ſeine Züge auf dem Gemälde, welches Godolphin den Araber vorſtellt und noch in der Bibliothek von Gog⸗Magog hängt, der Nachwelt übergeben zu ſehen. So erfüllten ſich die außerordentlichen Geſchicke, welche man dem Einfluß des Fleckchens am Fuße verdankte, und ſo dauerte, von Siegespracht umgeben, die herrliche orientaliſche Race der Könige von der Feſſel fort. Unter der berühmten Nach⸗ kommenſchaft Godolphin des Arabers muß man einige glorreiche Namen anführen, als: Bath, Cade, Regulus, Babram, Blanch, Dismal, Bajazet, Tamerlan, Tarquin, Phönix, Stug, Bloſſom, Dormouſe, Skewball, Sultan, Old⸗England, Noble, Thecower, Stattion, Godolphin, Colt, Cripple. Endlich als letzter Beweis der unſchätzbaren Ueberlegen⸗ heit dieſer urſprünglichen Race des Orients war Eclipſe, der berühmte Eclipſe, welcher nie den Streich einer Reitpeitſche oder das Eiſen eines Spornes fühlte, Eelipſe, das ſchnellſte Pferd ſeines Jahrhunderts, Eeclipſe, welcher einmal mit einem Gewichte von 168 Pfund eine Strecke von 4 Meilen(1 ¼ Lieues) in 8 Minuten durchlief, Eelipſe endlich, welcher niemals beſiegt wurde und im Alter von 24 Jahren am 26. Februar 1789 ſtarb, nachdem er ſeinem Beſitzer 625,000 Francs gewonnen hatte, Eclipſe war ein Enkel Godophin des Arabers. Mit einem Worte, der Reſt von des Berbers Lebenstagen war ſo ruhig, glänzend und geehrt, als die früheren Zeiten un⸗ glücklich und bewegt waren. Und die meiſten jetzigen Pferde von größerem und ver⸗ dientem Rufe verdanken denſelben nur der reinen und unver⸗ miſchten Abſtammung aus dem koſtbaren Blute dieſes edlen Sohnes der Könige von der Feſſel. Nach einer ſo verſchiedenartig zurückgelegten Laufbahn ſtarb Scham⸗Godolphin der Araber friedlich zu Gog⸗Magog im Jahre 1753 in einem Alter von 29 Jahren. Er wurde in einem be⸗ deckten Gange, welcher zum Stalle führte, unter einer weißen Marmorplatte, welche ſtatt aller Inſchrift nur ſeinen großen Namen trug, begraben. Grimalkin war ihm ins Grab voraus⸗ gegangen, und Agba überlebte ihn nur kurze Zeit. Dieß war das ſeltſame Leben dieſes berberiſchen Pferdes, welchem England faſt ganz allein die wichtige und bewunde⸗ rungswerthe Wiederherſtellung ſeiner Pferderace verdankt. Darley der Araber und Godolphin der Araber ſtellen alſo, wenn man ſo ſagen will, den Stamm des Vollblut⸗Geſchlechts⸗ baumes dar, von dem die zahlloſen und koſtbaren Aeſte aus⸗ gehen, welche, bis auf unſere Zeit ſich erſtreckend, in ihr den urſprünglichen Samen der unſchätzbaren orientaliſchen Race fortpflanzen. Ungeachtet der anſcheinenden Nichtigkeit dieſer biographiſchen Erzählung glauben wir den Schluß aus dieſen Thatſachen, welcher die unwiderlegbare Macht des Vollblutes auf die Wiederherſtellung aus der Art geſchlagener Racen be⸗ weiſt und ſo eine wichtige Frage des Ackerbaues, des Handels und des National-Intereſſes berührt, ziehen zu müſſen. Es iſt alſo wichtig, die unermeßlichen Vortheile darzuſtel⸗ len, welche für unſer Land erwachſen würden, 1) wenn die Veredlung unſerer Pferderace ſo bedeutend würde, daß Frank⸗ reich nicht genöthigt wäre, Luruspferde und Zuchthengſte, welche uns mangeln, zu ungeheuren Preiſen von England zu kaufen. 2) wenn wir, nach dem Beiſpiele der Engländer zur Urquelle des Vollblutes zurückkehrend, die heut zu Tage durch das Renn⸗ pferd, das nichts anderes als ein geſtreckter Araber iſt, dar⸗ geſtellt wird, unſere Race im Allgemeinen wiederherſtellen und auf dieſe Weiſe vervollſtändigen werden, denn die Mehrzahl unſerer Racen, ohnedies ſchon mit koſtbaren Eigenſchaften be⸗ gabt, würde bei dieſer Auffriſchung auch noch die erhalten, die ihnen noch fehlen. Und doch, obwohl von äußerſter Wichtigkeit, wird dieſe Frage über die gänzliche Erneuerung unſerer Pferderace durch ein in die Kreuzungen eingeführtes Verhältniß von Vollblut, je nach der Art der Dienſte, die man von dem Pferde erwartet, wird dieſe Frage, ſagen wir, noch lange unverſtanden bleiben, denn unglücklicherweiſe kennt in Frankreich die Mehrzahl nicht den wahren Zweck dieſer Pferderennen. Man glaubt, ein Renn⸗ — 31 pferd ſei zu nichts gut, als ſchneller oder langſamer zu laufen, man fragt nach ſeinen Nutzen, und wie es eine Veredlung der Kutſchen⸗, Sattel⸗, Kriegs⸗, Jagd⸗ oder Fuhrmannspferde her⸗ beiführen könne. 6 Man würde nicht ſo ſprechen, wenn man wüßte, daß ein Pferd, um ein Rennen unter gewiſſen beſtimmten Bedingungen ſiegreich zu beſtehen, den höchſten Grad, faſt das Ideal aller„ möglichen wünſchenswerthen Eigenſchaften in ſich vereinigen müſſe, d. h. die Stärke, die Willenskraft, die Schnelligkeit, die 1 Gelehrigkeit, die Ausdauer, die Geduld und die Schönheit, nicht ausſchließlich eine Schönheit von eleganten und reizenden For⸗ men, ſondern immer eine männliche, nützliche Schönheit: eine ſtarke Bruſt, einen leichten Hals, fehlerfreie Glieder u. ſ. w. Sind einmal dieſe Grundſätze angenommen und feſtgeſtellt, daß ein treffliches Rennpferd der Ausdruck der Racevollkom⸗ menheit, daß nach einem Naturgeſetze ſich die verſchiedenen Ei⸗ genthümlichkeiten einer Familie immer rein und ähnlich erhalten und wieder erzeugen, wenn ſie nicht durch fremdartige Kreuzungen verlöſcht werden;— ſo begreift man daß man ſich hüten müſſe, je 3 die ſogenannte Vollblut⸗oder Rennpferd⸗Race zu verſchlechtern, 1 da ſie als das vorzüglich wiederherſtellende Vorbild anerkanntiſt. Da nun der ungeheure Einfluß, der dieſes koſtbare Blut durch ein gewiſſes, bei der Zuſammenſtellung der Kreuzungen zu beobachtendes Verhältniß auf die phyſiſche und, ſo zu ſagen, auch moraliſche Beſchaffenheit der Individuen ausübt, durch die Erfahrung unwiderleglich erwieſen iſt, vorzüglich auch, daß Vollblut Pferden von was immer für einer Gattung Muth, Race und Ausdauer giebt, ſo wird man begreifen, daß ein Fuhrmannspferd z. B., welches vor vier oder fünf Generationen durch allmählige Vermiſchungen ein Rennpferd zu ſeinem Ahnen zählte, einen gewiſſen Antheil an Muth, Kraft und Schönheit 6 erben wird, welchen es nie bekommen hätte, wenn es blos von Individuen ſeiner hauptſächlich lymphatiſchen, ſchlaffen und ſchwerfälligen Gattung abſtammte. Wir werden unſere Idee zuſammenfaſſen und durch fol⸗ gende Anführung, die einer eigenen Abhandlung über dieſen Gegenſtand, einem Werke, das in England in großem und ver⸗ 8 dientem Anſehen ſteht, entlehnt iſt, beglaubigen. „Indem wir durch Kreuzungen und Vermiſchungen eine ½ paſſende Menge Vollblut zuließen, ſind wir dahin gelangt, Die Cuegracha. III. 6 32 unſere Pferde für das Land, den Spazierritt, den Krieg, den Wagen und ſelbſt die für die ſchwere Fracht ſtärker, thätiger, leichter und in allen Beſchwerden ausdauernder zu machen, als ſie es vor der Einführung des Rennpferdes und des Voll⸗ blut⸗Arabers waren, denn mit Einem Worte, das Vollblut⸗ Pferd hat großen Einfluß auf den Werth anderer Racen, es ihre Tauglichkeit, oder iſt vielmehr die Urſache der⸗ elben. Noch einmal: man ſieht, zu welchen wunderbaren Ergeb⸗ niſſen die Engländer dadurch gelangt ſind, daß ſie mit ſerupu⸗ löſer Aufmerkſamkeit als einziges Wiederherſtellungsmittel die ſo reiche und fruchtbare Quelle des Blutes Darley des Ara⸗ bers und Godolphin des Arabers rein bewahrten, welche bei⸗ den, man kann es nicht oft genug wiederholen, der reinſte Aus⸗ druck der Vollbluts⸗Pferde ſind. Man möge in Frankreich daſſelbe Syſtem annehmen. Da wir durch unſere Ankäufe in England auch Sprößlinge dieſer berühmten vrientaliſchen Race beſitzen, ſo nehme man zu Zucht⸗ hengſten des Staates nur ſiegreiche Rennpferde, man verbreite die Wiſſenſchaft, das heißt, die Praris und Zuſammenſtellung der Kreuzungen, überall bei den Züchtern und Pächtern unſerer Provinzen, dann werden unſere Pferderacen, ohnedies ſchon ſo ſchön und mannigfach, ſich ſo ſehr der Vollkommenheit nähern um mit denen der Engländer wetteifern zu können, und werden nicht mehr verpflichtet, der unbeſtreitbaren Ueberlegenheit dieſer letzteren einen drückenden Tribut zahlen zu müſſen. Kerno (Der Pirat.) k. Erſtes Kapitel. Armorik war ein harter Mann. Provengal. Sprichwort. Der Schinder und die Hexe. In einer finſtern, kadten Novembernacht blies ein heftiger Nordweſtwind, und die Wogen des Ozeans brachen ſich an den Granitblöcken, welche die Küſte von Pempoul bedecken. Die ſcharfen Spitzen dieſer Felſen verſchwanden bald in den Wogen, bald zeichneten ſie ſich ſchwarz auf einer Fläche blendendweißen Schaumes aus. Zwiſchen zwei Felſen, von denen ſie gegen die Gewalt des Sturmes geſchützt wurde, ſtand eine elende Hütte; was aber ihren Anblick furchtbar, und zugleich die Nähe ungeſund machte, war eine Menge von Knochen, todten Pferden und Hunden, blutigen Häuten und ähnlichen Gegenſtänden, welche hinläng⸗ lich bewieſen, daß der Eigenthümer dieſes Gebäudes ein Schin⸗ der ſei. Die Thür öffnete ſich, und es erſchien ein Weib, vom Kopf bis zu den Füßen in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, ſo daß man kaum ihr gelbes Geſicht ſehen konnte, das von ſtruppigen Haaren umhangen war. In der einen Hand hielt ſie eine ei⸗ ſerne Lampe, deren Flamme ſie mit der andern Hand gegen den Wind zu ſchützen ſuchte. „Pen⸗Oust!“ rief ſie mit dem Tone des Zornes und Vor⸗ wurfes,„wo biſt Du denn, verwünſchtes Kind? Beim heiligen Paul! Bedenkſt Du nicht, daß dies die Stunde iſt, wo die bö⸗ ſen Nachtſängerinnen an der Küſte herumirren?“(Volksſage: die Nachtſängerinnen ſind böſe Geiſter.) Man hörte nichts, als das Pfeifen des Sturmes, deſſen Wuth ſich verdoppelte. „Pen⸗Oust,“ ſchrie ſie wieder. Eendlich hörte Pen⸗Ouöt. Der Wahnſinnige ſaß hinter einem Haufen von Knochen, die er in die wechſelvollſten und 36 ſchroffſten Geſtalten legte. Er wendete den Kopf, ſtand mit dem Ausdrucke der Unzufriedenheit auf, wie ein Kind, das nur ungern ſein Spielwerk aufgiebt. Er kehrte zur Hütte zurüch doch nicht ohne einen ſchönen, weißen, blanken Pferdekopf mit ſich zu nehmen. Er liebte ihn ſehr, beſonders ſeitdem er meh⸗ rere Kieſel hineingeſteckt hatte, welche angenehm ertönten, wenn Pen⸗Ouét dies Inſtrument einer neuen Art ſchwang. „So komm, Verfluchter!“ ſchrie die Mutter, und ſtieß ihn ſo heftig, daß er mit dem Kopfe an die Mauer flog und das Blut danach floß. Der Wahnſinnige lachte laut auf, aber mit dummem, krampfhaftem Lachen, wiſchte das Blut mit ſeinen langen Haaren ab, und kauerte ſich beim Kamine nieder. „Jvonne, Jvonne, denke an Deine Seele, ſtatt das Blut Deines Sohnes zu vergießen!“ ſagte der Schinder, der in ein tiefes Sinnen verſunken zu ſein ſchien.—„Hörſt Du nicht?—“ „Ich höre das Geräuſch der Wellen, welche ſich an den Felſen brechen, und das Toben des Sturmes.“ „Sage vielmehr, die Stimme der Ermordeten. Beim hei⸗ ligen Johann, heut iſt der Tag der Todten, und die Schiffbrü⸗ chigen, die wir——— könnten wohl das Cariquel⸗ancou) mit ſeinen weißen Tüchern und rothen Thränen vor unſere Thür bringen,“ ſagte der Schinder mit dumpfer, zitternder Stimme. „Bah! was haben wir zu fürchten? Pen⸗Ouöt iſt wahm ſinnig; weißt Du nicht, daß die böſen Geiſter nie dem Dach nahen, unter dem ein Verrückter wohnt? Johann und ſein Feuer, welches ſich eben ſo ſchnell dreht, als der Haspel eine Spinnerin, Johann und ſein Feuer werden entfliehen vor der Stimme Pen⸗Ouöt's, wie das Reh vor dem Jäger. Was fürchteſt Du alſo?“ „Du weißt aber doch, daß ſeit dem letzten Schiffbruche— wo der Lugger, durch unſere trügeriſchen Zeichen verlockt, hit ſcheiterte— Du weißt doch, daß ſeitdem ein glühendes Fieber; und fürchterliche Träume mich quälen? Vergebens habe ich dreimal zur Stunde der Mitternacht Waſſer aus der Quelle von Krignoök getrunken; vergebens habe ich mich mit dem Fette eines am Freitag getödteten Eisvogels eingerieben; nichts konnte mich beruhigen. In der Nacht fürchte ich mich: Ach, Weib, Weib! Du haſt es gewollt!“ ¹) Todeskarren. Er wird von Skeletten gezogen, und has Rollen ſeiner Gläſer ver⸗ kündet den Tod. Volksſage. ——,——— ———— 37 „Immer furchtſam. Mußten wir nicht leben? Macht Dich Dein Stand nicht zum Abſcheu von ganz Saint⸗Pol? Der Eintritt in die Kirche iſt uns verboten; kaum wollen die Bäcker uns noch Brot verkaufen. Pen⸗Ouöt geht nicht einmal in die Stadt, ohne daß der arme Verrückte geprügelt zurück⸗ kömmt. Ja, wenn ſie es wagen dürften, würden ſie uns hetzen, wie die Wölſe in den Gebirgen von Arres; und weil wir die Beute auf den Felſen ſammeln, benutzen das, was Teus's¹) uns ſchickt, knieſt Du nieder wie ein Sacriſtan von Plougasnu, biſt Du ſo bleich wie ein Mädchen, welches Teus's⸗Arpu⸗ liök mit ſeinen drei Köpfen und flammenden Augen begegnet, wenn ſie aus der Abendgeſellſchaft zurückkehrt!“ „Weib—“ „Aengſtlicher als ein Mann von Cornouailles!“ rief Jvonne außer ſich. Da die blutigſte Beleidigung, die man einem Leoneſen zufügen kann, der Vergleich mit einem Einwohner von Cor⸗ nouailles iſt, packte der Abdecker ſeine Frau bei der Gurgel. „Ja,“ rief ſie mit rauher, halberſtickter Stimme,„Jja, feiger als ein Sohn der Ebene.“ Die Wuth des Schinders kannte keine Gränzen mehr, doch Jvonne bewaffnete ſich mit einem Meſſer. Der Verrückte lachte gellend und ſchüttelte ſeinen Pferde⸗ kopf, daß er laut und ſonderbar tönte. Zum Glück wurde an der Thür der Hütte geklopft, ſonſt hätte es Unheil gegeben. „Oeffnet, zum Henker! öffnet!“ ſchrie eine rauhe Stimme; iet Nordweſt bläſt, daß er einem Ochſen die Hörner ausreißen önnte.“ Der Abdecker ließ ſein Beil ſinken, Jvonne brachte ihr Haar in Ordnung und warf dabei auf ihren Mann immer noch zornfunkelnde Blicke. „Wer kann uns noch ſo ſpät ſtören?“ ſagte der Mann e dann zu einem ſchmalen Fenſter empor, um hinaus zu blicken. ¹) Deus's, der böſe Geiſt, welcher die Stürme lenkt. Zweites Kapitel. Armorik war ein harter Mann! Provengal. Sprichwort. Kernok. Er war es, Kernok, der an die Thür klopfte! Ein wür⸗ diger, tapferer Genoß. Man urtheile. Er wurde zu Plougasnou geboren. Mit funfzehn Jahren entfloh er ſeinem Vater und ſchiffte ſich am Bord eines Neger⸗ händlers ein, wo er ſeine Seeerziehung begann. Es gab kei⸗ nen geſchicktern Schiffsjungen an Bord, keinen unerſchrocknern Matroſen; Keiner hatte ein ſo ſcharfes Auge, das Land ſchon in der Ferne zu erblicken. Niemand hißte die Segel mit ſolcher Schnelligkeit, als er. Und welch ein Herz hatte er! Ließ ein Offizier nachläſſig ſeine Börſe liegen, ſo trug der junge Kemok Sorge für ihre Aufbewahrung; aber ſeine Kameraden hatten Theil an der Beute. Entwendete er ſeinem Capitain Rum, ſo hatten ſeine Kameraden ebenfalls Theil daran; und welch eine Seele! Wie oft half er den Negern, die man von Afrika nach den Antillen ſchleppte, wenn ſie die Viertelſtunde, wo man ih⸗ nen die friſche Luft gönnte, ſich kaum auf das Deck ſchleppen konnten, ihre Schritte beſchleunigen, indem er ihnen Peitſchen⸗ hiebe ertheilte. Herr Durand, Kanonier⸗Chirurg⸗Zimmermeiſter; der Brigg, bemerkte ſehr richtig, daß bei der Abtheilung, über welche Kernok die Aufſicht führte, keiner mit der Schlafſucht be⸗ fallen wurde, wie andere Neger. Die ſeinigen waren im Gegen⸗ theile ſtets munter und auf den Beinen, ſobald ſie nur den furchtbaren Knotenſtrick erblickten. Herr Durand meinte, dieſe Nervenanſpannung ſei ihnen ſehr vortheilhaft. Kernok erwarb ſich auch bald die Achtung und das Ver⸗ trauen des Negerhändlers, der glücklicherweiſe ſolche Eigenſchaf— ten zu würdigen wußte. Der würdige Capitain zeichnete den jungen Matroſen aus, gab ihm Unterricht in der Theorie und ernannte ihn eines Tages zu ſeinem Lieutenant. Er zeigte ſich dieſer ſchnellen Beförderung durch Muth und Gewandtheit wür⸗ dig. Beſonders machte er eine Art ausfindig, die Neger, deren die Brigg bisher nur zweihundert faßte, in dem Raume ſo unter⸗ zubringen, daß derſelbe dreihundert faſſen konnte. Freilich wurden 39 ſie dadurch etwas gedrängt; denn ſtatt wie bisher, ſich auf dem Rücken zu breiten, bat er ſie, ſich auf die Seite zu legen. Von dieſem Tage an ſagte der Negerhändler ſeinem Schützlinge die hoͤchſte Beſtimmung voraus. Gott weiß, ob er dieſe Prophe⸗ zeiung erfüllte. Einige Jahre ſpäter hatte der würdige Capitain Kernok's, als er an der Küſte Afrika's kreuzte, mehr getrunken als ge⸗ wöhnlich, und war guter, luſtiger Laune. Auf ſeinem Fenſter ſitzend, ſeine lange Pfeife rauchend, ergötzte er ſich daran, den dichten Rauchwolken, die er von ſich blies, mit den Augen zu folgen. Mit ſeinen Wünſchen beſchleunigte er den Augenblick ſeiner Ankunft in Frankreich. Dann dachte er voll Freude an die ſchönen Gegenden der Normandie, wo er geboren war; er glaubte, die väterliche Hütte zu ſehen, vergoldet von den letzten Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne; den ſchnellen, klaren Bach; den alten Apfel⸗ baum, und darunter ſeine Mutter, ſeine Frau und ſeine Kinder, die ſeiner Rückkehr warteten, und ſich ſchon auf die ſchönen Vögel und die ſeltenen Gewebe freuten, die er ihnen aus fernen Gegenden mitbringen würde. Er glaubte das Alles zu ſehen, der arme Mann! Seine Pfeife war ſeinem halb geöffneten Munde entfallen, aber er bemerkte es nicht; ſeine Augen netzten ſich mit Thränen, und ſein Herz klopfte heftig. Allmählig verließ ſeine auf einen grünen Punkt gerichtete Aufmerkſamkeit dieſe Viſion. In ſeiner Trunkenheit bildete der Capitain ſich ein, die Fläche des Meeres ſei eine grüne Wieſe vor ſeinem Hauſe, und er kam auf den verrückten Gedanken, ſich darauf zu ergehen. Die Folge davon war, daß er in das Waſſer hinabſtürzte. Andere ſagen, daß eine unſichtbare Hand ihn ſtieß, und daß der weiße Bord des Schiffes einen Augenblick roth ge⸗ färbt wurde. Die Thatſache iſt, daß der Capitain ertrank. Da die Brigg ſich in der Nähe des grünen Vorgebirges befand, war der Wind friſch, die Fahrt ſchnell, und der Steuer⸗ mann konnte daher nichts hören. Kernok aber, welcher dem Capitain Bericht von der Fahrt abſtatten wollte, mußte zuerſt das Ereigniß bemerken, dem er nicht ganz fremd war. Kernok hatte eine jener ſtarken Seelen, welche den klein⸗ lichen Gefühlen unzugänglich ſind, die ſchwache Menſchen 90 Dankbarkeit oder Mitleid nennen. Er erſchien auf dem Deck, ohne daß man die leiſeſte Rührung an ihm bemerken konnte. „Der Capitain iſt ertrunken,“ ſagte er zum Schiffsmeiſter. „Es iſt Schade, denn er war ein Tapferer.“ Hier fügte er noch einen Ausruf hinzu, den wir zu wiederholen uns enthal⸗ ten, der aber eigenthümlicherweiſe die Leichenrede des Verſtor⸗ benen enthielt. Ja, Kernok war lakoniſch! Dann zu dem Steuermanne ſich wendend, ſagte er:„Der Befehl über das Fahrzeug gehört mir als Lieutenant, Du wirſt daher die Fahrt ändern. Statt ſüdöſtlich zu ſteuern, halte nordweſtlich, denn wir legen um, und wollen wieder nach Nan⸗ tes oder Saint⸗Malo!“ Kernok hatte den Verſtorbenen vergebens gebeten, den Ne⸗ gerhandel aufzugeben, nicht etwa aus Philanthropie, ſondern aus einem in den Augen der Menſchen weit wichtigern Grunde. „Capitain,“ ſagte er ihm ohne Unterlaß,„Ihr macht im⸗ mer Auslagen, die Euch Dreihundert für Hundert geben; wär' ich an Eurer Stelle, Gebieter, ſo würde ich eben ſo viel und noch mehr gewinnen, ohne nur einen Sou auszugeben. Eure Brigg ſegelt wie ein Goldfiſch; bewaffnet ſie, ich ſtehe für die Eaquipage; laßt mich gewähren, und bei jeder neuen Priſe ſollt Ihr den Geſang des Corſaren hören. Aber die Beredtſamkeit Kernok's konnte den Willen des Capitains nie erſchüttern, denn er wußte, daß Die, welche dieſes edle Geſchäft ergreifen, früher oder ſpäter damit enden, an einem Stricke zu tanzen. Der unerbittliche Capitain war da⸗ her zufällig in das Meer gefallen. Kaum erblickte ſich Kernok als Herr des Schiffes, als er nach Nantes zurückkehrte, eine tüchtige Equipage anzuwerben, ſen Fahrzeug zu bewaffnen, und ſeinen Lieblingsplan auszu⸗ ühren. Und man ſehe, ob es nicht eine Vorſicht giebt. Kaum in Frankreich angekommen, erfuhr er, daß England dieſem den Krieg erklärt hätte. Er erhielt einen Caperbrief, ging unter Segel, machte Jagd auf einen Kauffahrtheifahrer⸗ Dreimaſter und kehrte mit ſeiner Priſe nach Saint⸗Pol de Léon zurück. Was ſoll ich noch mehr ſagen? Das Gluck begünſtigte den Kernok ſtets; denn der Himmel iſt gerecht. Er nahm den Engländern manche Priſe ab, und das Geld, das er daraus gewann, kam ſchnell in den Tabernen von Saint⸗Pol in Um⸗ 9¹ lauf. Im Begriff, wieder in See zu gehen, um Geld zu ſchla⸗ gen, wie er ſich ausdrückte, beſuchte er die ehrwürdige Familie des Schinders. „Aber zum Henker, ſo öffnet doch!“ wiederholte er, heftig an der Thür ſchüttelnd.„Ihr bleibt ja wie Sturmvögel in der Felſenritze ſitzen!“ Man öffnete. Drittes Kapitel. Die Here ſagte dem Piraten: Nein, wahrlich, Capitain, Undankbar bin ich nicht, Und Ihr ſollt Eure Schönheit haben. Victor Hugo; Cromwell. Das gute Glück. Er trat ein, nahm ſeinen Mantel von Wachsleinwand, der vom Regen triefte, ab, hing ihn an das Feuer, ſchüttelte ſeinen großen Hut von Glanzleder, und warf ſich dann auf einen erbärmlichen Schemel. Kernok konnte ungefähr 30 Jahr alt ſein; ſein hoher, kräftiger Wuchs ließ auf athletiſche Kräfte ſchließen; ſeine ſcharfen Züge, ſein ſchwarzes Haar, ſein großer Bart gaben ihm ein finſteres, wildes Anſehen. Sein Geſicht hätte dennoch für hübſch gelten können ohne die ungemein beweglichen Au⸗ genbrauen, die ſich ſchnell ausdehnten und zuſammenzogen. Sein Anzug unterſchied ihn nicht von dem gemeinſten Matroſen, ausgenommen, daß zwei goldne Anker auf das Wams geſtickt waren, und ein krummer Dolch an einer langen Schnur von den Hüften herabhing. Die Einwohner der Hütte betrachteten den Fremden mit dem Ausdrucke der Furcht und des Argwohns und warteten ungeduldig darauf, daß der ſonderbare Menſch den Zweck ſeines Beſuches verkündete. Er aber ſchien nur einen Zweck zu haben, nämlich den, ſich zu erwärmen; er warf daher auch ohne Umſtände auf das Feuer mehrere Stücke Holz, die zum Theil noch mit Eiſen be⸗ ſchlagen waren.„Hunde!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, 92 „das ſind die Trümmer meines Schiffes, das ſie auf die Küſte gelockt haben werden, um es ſcheitern zu machen. Ha! wenn je der Sperber—“ „Was wollt Ihr?“ ſagte Jvonne, welcher das Schweigen des Unbekannten zur Laſt fiel.. Dieſer erhob den Kopf, lächelte verächtlich, ſagte kein Wort, ſtreckte die Füße aus, lehnte ſich mit dem Rücken gegen die Mauer, und ſagte erſt nach einer Pauſe:„Ihr ſeid Pen⸗ Has, der Abdecker, nicht wahr, mein Braver? Und Ihr ſeid die Here von Pempoul?“ fügte er mit einem Blicke auf Jvonne hinzu. Dann betrachtete er den Wahnſinnigen mit Ekel und ſagte:„Was dieſes Ungeheuer betrifft, ſo würde es Satan ſelbſt Furcht einflößen, wenn Ihr es auf den Sabbath führtet; übrigens gleicht der Burſche Euch, meine Alte, und wenn ich das Geſicht auf das Vordertheil meiner Brigg ſetzte, ſo wür⸗ den die erſchreckten Breitfiſche nicht mehr um den Kiel ſpielen und tanzen.“ Jvonne ſchnitt hier ein zorniges Geſicht. „Still, ſtill, meine ſchöne Wirthin,“ rief Kernok;„beruhigt Euch, öffnet nicht den Schnabel, wie eine Seemöve, die auf eine Sardellen⸗Bank ſtoßen will. Hier iſt, was Euch zufrie⸗ denſtellen wird,“ fügte er hinzu, indem er mit Geld klapperte, „denn ich bedarf Euer und— des Herrn.“ Dieſe Anrede, und das Wort Herr beſonders, wurden mit ſo verächtlichem Weſen ausgeſprochen, daß es des Anblicks eines langen ledernen, wohlgeſpickten Geldbeutels, ſo wie des mit Eiſen beſchlagenen Holzes und der breiten Schultern Ker⸗ nok's bedurfte, um das würdige Paar abzuhalten, den lang⸗ unterdrückten Zorn ausbrechen zu laſſen. „Nicht etwa,“ ſagte der Korſar,„daß ich an Eure Herxerei glaube. Sonſt, in meiner Kindheit, ja, da war es etwas An⸗ deres. Ich glaubte, wie die Uebrigen, wenn ich die ſchönen Geſchichten hörte; aber jetzt, ſchöne Wirthin, achte ich eben ſo wenig darauf, wie auf ein zerbrochenes Ruder. Aber Sie hat gewollt, daß ich mir prophezeien laſſen ſollte, ehe ich wieder in See ginge. Nun können wir anfangen; ſeid Ihr fertig, Ma⸗ dame?“ Dies„Madame“ machte, daß Jvonne wieder ein fürchter⸗ liches Geſicht ſchnitt. 95⁵ „Ich bleibe nicht hier!“ rief der Abdecker bleich und zit⸗ ternd.„Es iſt heute der Tag der Todten. Weib, Weib, Du wirſt uns verderben! Das Feuer des Himmels wird dieſe Woh⸗ nung verzehren!“ Er eilte hinaus und ſchlug die Thür heftig hinter ſich zu. „Welcher Teufel beißt ihn? Lauf ihm nach, alte Nacht⸗ eule! Er kennt die Küſte beſſer als ein Pilot der Inſel Batz. Ich werde ſeiner bedürfen. Geh, verfluchte Hexe!“ Indem Kernok das ſagte, ſtieß er die Alte nach der Thür. Aber während Jvonne verſuchte, ſich von ſeinen Händen loszu⸗ machen, ſagte ſie:„Kömmſt Du, Die zu beleidigen, die Dir die⸗ nen ſollen? Höre auf, oder Du erfährſt nichts von mir.“ Kernok zuckte die Achſeln mit dem Ausdrucke des Unglaubens. „Was willſt Du?“ „Die Vergangenheit und Zukunft wiſſen, nichts als dies, meine würdige Mutter; das iſt eben ſo leicht, als 10 Knoten in einer Stunde vor dem Winde zu ſegeln,“ erwiderte Kernok, mit den Schnuren ſeines Dolches ſpielend. „Deine Hand!“ „Hier, und ich darf ſagen, daß keine es beſſer verſteht, das Seiſing zu knüpfen, ober den Abzug des Sturmböllers nieder⸗ zudrücken. Da, willſt Du es alſo leſen, alte Here? Geh! ich glaube eben ſo wenig an Deine Wahrſagungen, wie an die meines Steuermannes, der Salz und Kanonenpulver abbrennt, und ſich einbildet, er könne an der Farbe der Flamme erkennen, welch Wetter es geben wird. Albernheiten! Ich glaube nur an die Klinge meines Dolches und an meine Piſtole, und wenn ich zu meinem Feinde ſage: Du wirſt ſterben! ſo voll⸗ bringen Eiſen und Blei meine Wahrſagungen beſſer, als alle—“ „Still, ſtill!“ ſagte Jvonne. Während Kernok ſo unumwunden ſeinen Skepticismus aus⸗ ſprach, hatte die Alte die Linien ſeiner Hand geprüft. Hierauf heftete ſie ihre grauen Augen auf ihn, und legte ihren Knochenfinger auf ſeine Stirnz er bebte, als er den Nagel der Hexe die Falten zwiſchen den Augenbrauen berühren fühlte. „Holla!“ ſagte ſie mit widerlichem Lächeln,„holla! Du kräftiger Menſch, Du zitterſt ſchon?“ „Ich zittere, ja, ich zittere. Wenn Du glaubſt, daß es möglich ſei, ſich ohne Ekel von Deiner Kralle berührt zu ſehen, ſo irrſt Du Dich ſtark. Aber laß es ſtatt Deines ſchwarzen, 9⁴ verwitterten Leders eine weiche, weiße Hand ſein, ſo wirſt Du ſehen— daß— denn das—“ Er ſtotterte, und ſenkte unwillkührlich die Augen vor dem ſtarren und durchdringenden Blicke der Here. „Still!“ ſagte ſie wieder, und ihr Kopf ſank herab auf die Bruſt. Sie ſchien in tiefes Sinnen verſunken. Nur zuweilen wurde ſie von einer Art krampfhaften Zitterns ergriffen, und man hörte ihre Zähne klappern. Die flackernde Flamme des erlöſchenden Kaminfeuers erleuchtete allein mit ihrem röthlichen Lichte das Innere der Hütte, und unter ihrem Scheine nahm der unförmliche Kopf des Verrückten, der in einer Ecke ſchlief, einen wahrhaft entſetzlichen Ausdruck an. Von Jvonne ſah man nur ihren ſchwarzen Mantel und ihre langen grauen Haare; draußen heulte der Sturm, und der ganze Auftritte hatte etwas Unbegreifliches, grauſend Hölliſches. Kernok ſelbſt fühlte ein leiſes Fröſteln wie ein electriſches Zucken durch ſeine Glieder gehen. Allmälig erwachte ſein Kinderaberglaube wieder in ihm, das Weſen der ſpöttiſchen Ungläubigkeit verſchwand, kalter Schweiß bedeckte ſeine Stirn, unwillkührlich ergriff er ſeinen Dolch und zog ihn aus der Scheide. „Die Hölle erſticke Mélie!“ rief Kernok.„Ueber ihre al⸗ bernen Rathſchläge! Und daß ich ſo dumm war, ihnen zu fol⸗ gen! Soll ich mich durch Poſſen einſchüchtern laſſen, die gut genug für Weiber und Kinder ſind? Nein, zum Donner! Man ſoll nicht ſagen, daß Kernok— Heda, Teufelsbraut, ſprich ſchnell! Ich muß fort; hörſt Du?“ Dabei ſchüttelte er ſie heftig. Jvonne antwortete nicht; ihr Körper folgte den Eindrücken von Kernok's Fauſt, und dieſer fühlte nicht einmal den Wider⸗ ſtand, den ein lebloſes Weſen äußert. Das Herz des Piraten klopfte gewaltig. „Wirſt Du ſprechen?“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, und hob ihren Kopf empor, der regungslos auf die Bruſt her⸗ abhing. Er blieb aufrecht, aber ihr Auge war ſtarr und aus⸗ druckslos. Die Haare ſträubten ſich auf Kernok's Haupt; die Hände vorgeſtreckt, den Nacken gebeugt, erſchien ſie wie durch eine übernatürliche Gewalt in Stein verwandelt. „Kernok,“ ſagte endlich die Zauberin mit ſchwacher Stimme, „wirf dieſen Dolch von Dir!“ — 95 Dabei zeigte ſie auf die Klinge, die in Kernob's Hand zitterte. „Wirf ihn fort! Wirf ihn fort, ſage ichz es iſt Blut daran, Blut von ihr und ihm!“ Die Alte lächelte dabei auf entſetzliche Weiſe, legte den Finger an den Hals und ſagte:„Hier, da— haſt Du ſie ge⸗ troffen, und doch lebt ſie noch. Aber das iſt noch nicht Alles; und der Capitain des Negerſchiffes?“ Der Dolch fiel zu den Füßen Kernok's, dieſer fuhr ſich mit der Hand über die brennende Stirn, und preßte ſich dann beide Schläfe ſo heftig, daß die Nägel darauf eingedrückt blie⸗ ben. Kaum hielt er ſich aufrecht, und mußte ſich an die Mauer der Hütte ſtützen. Jvonne fuhr fort: „Daß Du Deinen Wohlthäter in das Meer warfſt, nach⸗ dem Du ihn erdolcht hatteſt, war gut; Deine Seele wandert dafür zu Teus's. Aber daß Du Meélie trafſt, ohne ſie zu tödten, das iſt ſchlecht, denn um Dir zu folgen, hat ſie das ſchönſte Land verlaſſen, wo die ſchönſten Gifte wachſen; wo die Schlangen beim Mondenlichte miteinander ſpielen; wo der Rei⸗ ſende erbleichend das wilde Geſchrei der Hyäne hört, die wie eine Frau ſchreit, welche man erdroſſelt; das ſchöne Land, wo die rothen Vipern Stiche verſetzen, welche tödten, indem ſie ein feines Gift in die Adern flößen.“ Und Jvonne rang die Hände, als fühlte ſie ihre entſetzi⸗ chen Krämpfe zurückkehren. „Genug, genug,“ ſagte Kernok und fühlte ſein Blut zu Eis gerinnen. „Du haſt das Eiſen gegen Deinen Wohlthäter und Deine Geliebte geführt, und ihr Blut wird auf Dich zurückfallen, Dein Ziel iſt nahe! Pen⸗Ouöt!“ rief ſie mit leiſer Stimme. Bei dieſem Rufe erhob ſich Pen⸗Ouöt, den man ruhig ſchlafen hätte glauben ſollen, ſetzte ſich wie in einem Anfalle von Somnambulismus auf die Knie ſeiner Mutter, welche ſeine Hände in die ihrigen nahm, und ihre Stirn an die ſeinige ſtützte. „Pen⸗Oust,“ flüſterte ſie,„er fragt, wie viel Zeit ihm Teus's noch zu leben giebt. In Teus's Namen, antworte mir.“ Der Verrückte ſtieß einen gellenden Schrei aus, ſchien einen Augenblick nachzudenken, ſprang herab vom Schooße ſei⸗ ner Mutter, und ſchlug mit dem Pferdekopfe, den er nicht von ſich ließ, auf den Boden. Er ſtieß anfangs fuͤnfmal, dann noch fünfmal und zuletzt dreimal.. „Fünf, Zehn, Dreizehn,“ ſagte ſeine Mutter, welche die einzelnen Schläge zählte. „Noch dreizehn Tage; hörſt Du? Möge Teus's Dich dann an unſere Küſte werfen mit ſtarrem, kaltem Körper, umwunden von langen Seegewächſen, die Augen ſtarr und offen, Schaum im Munde, und Deine Zunge zwiſchen die Zähne gebiſſen! Dreizehn Tage, und Deine Seele gehört Teus's!“ „Aber ſie, ſie!“ ſagte Kernok, und konnte kaum die weni⸗ gen Worte hervorbringen. „Sie!“ ſagte Jvonne,— Du haſt mich nur für Dich be⸗ zahlt. Bah! ich will großmüthig ſein!“ Dann dachte ſie einen Augenblick nach, indem ſie den Finger an die Stirn legte. „Ja, auch ſie wird kalt und ſteif ſein, mit blauem Geſiht, Schaum im Munde und die Zähne zuſammengebiſſen. O, Ihr werdet ein ſchönes Brautpaar machen, und möge es Teus's ge⸗ fallen, daß ich Euch ſehe, wenn Ihr in einer Novembernacht auf dem ſchwarzen Felſen liegt, der Euer Brautbett iſt, mit den Wellen des Oceans als Vorhängen, dem Geſchrei der Raben als Brautgeſang, und dem glühenden Auge Teus's als Fackel!“ Kernok ſank ohnmächtig zu Boden, und gellendes, wider⸗ liches Gelächter tönte durch die Hütte. Man klopfte an die Thür. „Kernok, mein Kernok!“ ſagte eine ſanfte, liebliche Stimme. Dieſer Ruf wirkte mit Zauberkraft auf Kernok; er öffnete die Augen, und ſah mit Staunen und Entſetzen umher. „Wo bin ich denn?“ ſagte er, indem er aufſtand;„iſt es ein Traum, ein entſetzlicher Traum? Doch nein— Mein Dolch — dieſe Hütte— es iſt nur zu wahr— Hölle! Verfluchte Here, ich will—“ Die Alte und der Verrückte waren verſchwunden. „Kernok, mein Kernok, öffne doch!“ wiederholte die ſanfte Stimme. „Sie,“ rief er,„ſie hier!“ Und er ſtürzte zur Thür. „Komm,“ ſagte er,„komm!“ Mit entblößtem Haupte und verſtörtem Weſen verließ er die Hütte und riß ſie mit ſich fort. Sie erſtiegen die Felſen und erreichten bald die Küſte von Saint⸗Pol. 97 Viertes Kapitel. Schönes Fahrzeug flieg! Von Letambo bis zu den Hünen Iſt im Arſenal kein Schiff, Das Dir gleichkömmt. Komm an's Ziel, und ſegle zehn Knoten. Matroſengeſang. Die Brigg„der Sperber“. Der Nebel, welcher die Umgegend des kleinen Hafens von Pempoul einhüllte, zertheilte ſich allmälig, und die Scheibe der Sonne zeigte ſich dunkelroth am grauen, trüben Himmel. Bald erſchien Saint⸗Pol mit ſeinen großen, ſchwarzen Ge⸗ bäuden und ſeinen ſteinernen Thürmen in unſichern Umriſſen aus dem im Waſſer aufſteigenden Nebel, und trat zuletzt deutlicher und beſtimmter hervor, nachdem die ſchwachen Strahlen der Novemberſonne die dicke, feuchte Morgenluft vertrieben hatten. Zur Rechten erhob ſich die Inſel Kalot mit ihren Klippen, die Mühle und der blaue Kirchthurm von Plougasnou, und in der Ferne breitete ſich die Küſte von Treguier aus und wurde durch die ungeheuern Felſen begrenzt, die ſich am Horizonte verloren. Der hübſche Hafen von Pempoul enthielt gewöhnlich nur einige ſechzig Barken und kleinere Fahrzeuge. Die ſchöne Brigg„der Sperber“ ragte deshalb auch hoch über die Menge der gemeinen Lugger, Sloops und Barken hervor, die rings um ſie her vor Anker lagen. Wahrlich, es iſt eine ſchöne Brigg, der Sperber! Kann man es müde werden, ſie zu betrachten, wie ſie da⸗ liegt auf dem Waſſer, mit ihren ſchlanken Formen und ihren hohen, etwas nach hinten geneigten Maſten, die ihr ein ſo ko⸗ kettes Anſehn geben? Muß man ſie nicht bewundern mit ihrem feinen, leichten Takelwerk, ihren breiten Unterſegeln, ihren ele⸗ gant ausgeſchnitzten Segelſtangen, ihren Beiſegeln, die ſich anmuthig ausbreiten, wie die Flügel eines Schwanes, ihren eleganten Fockſegeln, und ihrer Reihe von zwanzig Bronze⸗ karonaden, die ſchwarz und weiß ausſehen, wie das Fell eines Dammhirſches! Der wohlriechende Duft der Myrthe, der Veilchen, der Die Cucgracha. III. 8 93 Roſen und des Jasmin, deſtillirt und in koſtbaren Kriſtallfla⸗ ſchen aufbewahrt, gleichet nie dem köſtlichen Geruche, der aus dem Raume des Sperber emporſtieg. Bei Gott! es iſt eine ſchöne Brigg, der Sperber! Bewundert Ihr ſie ſchon, wie ſie ruhig vor Anker liegt, was würdet Ihr dann erſt ſagen, wenn Ihr ſie auf einen un⸗ glücklichen Kauffarthei⸗Dreimaſter Jagd machen ſäht. Kein Wettrenner ſchäumte je ungeduldiger unter dem Gebiſſe, als der Sperber, wenn der Pilot den Wind faßte, und alle Segel beigelegt wurden, das Schiff zu verfolgen. Wenn der Eisvo⸗ gel mit ſeinem Flügel die Oberfläche des Waſſers ſtreift, fliegt er nicht ſcheller, als dieſe ſchöne Brigg, wenn bei gutem Winde ſie ſo ſich legte, daß die Unterſegel mit ihrem äußern Ende faſt die Wogen berührten. Gerechter Gott! ja es iſt eine brave Brigg, der Sperber! Er iſt es, der dort liegt, ſchwarz, ruhig, regungslos, auf ſeinen beiden Kabeln. Es blieb nur wenig Mannſchaft am Bord: der Schiffs⸗ meiſter, ſechs Matroſen und ein Schiffsjunge. Die Matroſen ſaßen auf den Affüten der Karonaden oder auf den Wandtauen. Der Schiffsmeiſter, ein Mann von etwa 50 Jahren und in einen langen orientaliſchen Kaftan gekleidet, ging unruhig auf dem Deck umher, und die Erhöhung, die man unter ſeiner linken Backe bemerkte, zeigte durch die gewaltige Schnelligkeit, mit der ſie ſich hin und her ſchob, daß er ſich mit Gewalt auf ſein Primchen biß. Der Schiffsjunge, welcher regungslos, die Mütze in der Hand, neben dem Schiffsmeiſter ſtand und einen Befehl zu er⸗ warten ſchien, bemerkte dies Prognoſtikon mit einem ſtets wach⸗ ſenden Entſetzen, denn das Primchen des Schiffsmeiſters war für die Eauipage eine Art Thermometer, welcher den Wechſel ſeines Charakters verkündete, und an dieſem Tage ſchien, zu Folge der Bemerkungen des Schiffsjungen, ein gewaltiger Sturm im Anzuge. „Tauſend Millionen Donner!“ ſagte der Schiffsmeiſter, indem er ſeine Kappe tiefer in die Augen zog,„welcher hölli⸗ ſche Wind hat ihn getrieben? Wo iſt er? Zehn Uhr und noch nicht zuruͤck an Bord! Und ſein dummes Weib, das mitten in der Nacht fortgeht, ihn außzuſuchen, der Teufel mag wiſſen wo?— Ein ſo ſchöner Wind! Einen ſo ſchönen Wind ver⸗ 99 ſäumen!“ wiederholte er mit herzzerreißendem Tone, und ſah nach einer an den Wandtauen befeſtigten Windfeder, welche durch ihre Richtung einen ſtarken Nordweſtwind verkündete; er muß eben ſo verrückt ſein, als Der, welcher den Finger zwiſchen das Kabel und den Globen legen wollte.“ Der Schiffsjunge wurde ungeduldig über die Länge dieſes Monologes, und hatte ſchon zweimal verſucht, den Schiffsmei⸗ ſter zu unterbrechen, aber der wüthende Blick und die unge⸗ meine Regſamkeit des Primchens hielten ihn davon ab; doch Pich wagte er es, den Meiſter bei dem Zipfel ſeines Rockes zu ziehen. „Meiſer Zeli,“ ſagte er,„das Frühſtück wartet Euer.“ „Du biſt es, Du, Grain⸗de⸗Sel? Was machſt Du? Fi! Lump, Dummkopf, Kellerratte, willſt Du, daß ich Dir das Leder gerben laſſen ſoll, daß ich Dir das Leder ſo roth machen laſſe, wie ein rother Roſtbeef? Wirſt Du antworten, Unglücks⸗ junge?“ Dieſem Schwall ſetzte der Schiffsjunge nur eine ſtoiſche Ruhe entgegen, denn er war ein ſolches Benehmen des Mei⸗ ſters gewohnt. Im Vorbeigehen ſei es geſagt: wenn ich an die Seelen⸗ wanderung glaubte, ſo würde ich lieber in dem Körper eines Fiaker⸗Pferdes, in dem Körper eines Supernumerars, eines Eſels von Montmoreney, als nur eine Secunde in der Haut eines Schiffsjungen leben. Wie erwähnt, ſprach der Schiffsjunge kein Wort; doch als Meiſter Zeli innehielt, um Athem zu ſchöpfen, wagte Grain⸗de⸗Sel, mit einem noch demüthigern Weſen, als ge⸗ wöhnlich, zu ſtammeln:„Euer Frühſtück war—“ „Ha, das Frühſtück!“ ſchrie der Schiffsmeiſter, entzückt, daß er ſeine Wuth an Jemand auslaſſen konnte;„das Früh⸗ ſtück! Du, Du Hund!“ Dieſe Worte begleitete er mit einer Maulſchelle und einem Fußtritte, daß der Schiffsjunge, welcher nahe an der Treppe zum Zwiſchendecke ſtand, wie durch Zauberkraft verſchwand, und in dem untern Raume anlangte, indem er mit Schnellig⸗ keit die Leiter hinabfiel. Wiährend der Schiffsjunge aufſtand und ſich die Seiten rieb, ſagte er:„Ich wußte es ja, ich hatte es an ſeinem Prim⸗ chen geſehen!“— 100 Nach einer Pauſe fuhr er ſehr zufrieden fort:„Es iſt doch gut, daß ich nicht auf den Kopf gefallen bin.“ Nach dieſem philoſophiſchen Troſtgrunde ſah er getreulich nach dem Frühſtücke des Meiſter Zeli. Fuͤnftes Kapitel. Holla, woher kommt Ihr, ſchöner Herr, mit ent⸗ blößtem Haupte, den Gürtel herabhängend?— Welche Bläſſe!— Zum Henker, Freund, welche Bläſſe? Words⸗Vok. N Obgleich Meiſter Zeli ſeinen Zorn an Grain⸗de⸗Sel etwas ausgelaſſen hatte, ging er doch noch immer mit heftigen Schrit⸗ ten umher, und hob zuweilen Fäuſte und Blicke zum Himmel, wobei er Worte murmelte, die man unmöglich für einen from⸗ men Ausruf halten konnte. Plötzlich richtete er einen forſchenden Blick auf den Ein⸗ gang des Hafens, blieb ſtehen, ergriff ein Fernrohr, das an dem Compashäuschen befeſtigt war, und führte es zum Auge. „Endlich, endlich!“ rief er aus,„das iſt er ſelbſt.— Welche Ruderſchläge— wie ſie ſchwimmen!— Bravo, meine Jun⸗ gens, tüchtig, tüchtig, und wir können noch den Wind und die Fluth benutzen.“ Meiſter Zeli vergaß, daß es ſchwer war, ihn auf zwei Kanonenſchußweiten zu hören, und ermuthigte mit Stimme und Bewegung die Matroſen, welche Kernok und deſſen Gefährten an Bord hatten. Endlich hatte das Boot die Brücke erreicht und legte Steuerbord an. Meiſter Zeli eilte an die Leiter, that einen Pfiff, welcher die Ankunft des Capitains verkündete, und ſtand mit dem Hut in der Hand bereit, denſelben zu begrüßen. Kernok kletterte gewandt an der Brigg empor, und ſprang auf das Deck. Der Schiffsmeiſter erſchrak über ſeine Bläſſe und die Ver⸗ änderung in ſeinen Zügen. Sein bloßer Kopf, die Unordnung ſeiner Kleider, die leere Scheide ſeines Dolches, Alles verkün⸗ 101 dete ein außergewöhnliches Ereigniß. Zeli hatte daher auch nicht den Muth, dem Capitain ſeine lange Abweſenheit zum Vorwurfe zu machen, und näherte ſich ihm mit achtungsvoller Theilnahme. Kernok ließ ſeinen Blick über die Brigg ſchweifen, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung ſei. „Meiſter,“ ſagte er zu Zeli mit gebieteriſch harter Stimme, „um welche Zeit iſt die Fluth?“ „Um 2 ¼ Uhr, Capitain.“ „Wenn der Wind nicht nachläßt, gehen wir um 2 ½ Uhr unter Segel. Laßt die Flagge aufziehen und thut den Abfahrts⸗ ſchuß; lichtet den Kabelanker, und wenn wir über dem Anker ſind, benachrichtigt mich. Wo iſt der Lieutenant? Die übrige Equipage?“ „Am Lande, Capitain.“ „Sendet die Boote ab, ſie zu holen. Wer nach zwei Stunden nicht an Bord iſt, erhält zwanzig Tauhiebe, und kömmt acht Tage in die Eiſen.“ Nie hatte Zeli Kernok ſo rauh und ſtrenge geſehen. Er unterließ es daher auch, gegen ſeine Gewohnheit, eine Menge Einwürfe gegen die Befehle ſeines Herrn zu machen, und be⸗ gnügte ſich, die erhaltenen pünktlich zu vollziehen. Nachdem Kernok mit forſchendem Blick die Buſſole und den Wind betrachtet hatte, gab er ſeinem Gefährten einen Wink und ſtieg in die Cajüte hinab. Dieſer Gefährte war es, der ihn in der Höhle der Zau⸗ berin aufſuchte. Die ſanfte, wohlklingende Stimme, welche ſagte:„Kernok, mein Kernok!“ war die ſeinige, und wie hätte die Stimme nicht ſanft ſein ſollen? Wie ſchön er war, der Ge⸗ fährte Kernok's, mit ſeinen zarten feinen Zügen, ſeinen großen, von langen Wimpern beſchatteten Augen, ſeinen langen, kaſta⸗ nienbraunen Haaren, welche in üppigen Ringeln unter dem großen Hute hervorquollen, dem ſchlanken Wuchſe, der durch eine Jacke von grobem, blauem Tuche gehoben wurde; mit dem lebhaften Weſen!— Wie leicht und frei er ging, die Bruſt heraus, den Kopf frei und aufrecht; nur die Haut ſchien durch die Strahlen der tropiſchen Sonne gebräunt. Von dieſem brennenden Himmelsſtriche war es auch, wo⸗ her Kernok dieſen niedlichen Gefährten entführte, der Niemand Anderes war, als Melie, ein ſchönes, junges, farbiges Mädchen. 102 Arme Meélie! Um ihrem Geliebten zu folgen, hatte ſie Martinique mit ſeinen Bananen⸗Bäumen und ihr niedliches Häuschen mit grünen Jalouſien verlaſſen. Für ihn hätte ſie mit Freuden ihre tauſendfarbige Hängematte, ihre roth und blauen Matratzen, die ſchweren ſilbernen Ringe ihrer Arme und Füße hingegeben; Alles hätte ſie für ihn gegeben, ſelbſt das Etui mit den drei Schlangenzähnen und dem Turteltaubenher⸗ zen, ein Zaubermittel, welches ihr Leben beſchützte, ſolange ſie es am Halſe trug. Man kann daraus abnehmen, ob Melie ihren Kernok liebte. Er liebte ſie auch, er liebte ſie leidenſchaftlich, denn er hatte mit dem Namen Meélie einen langen Achtzehnpfünder getauft, welcher am Vordertheil ſeiner Brigg ſtand. Er ſendete dem Feinde keine Kugel, ohne ſich ſeiner Geliebten zu erinnern. Er mußte ſie wohl lieben, denn er erlaubte ihr ſeinen trefflichen Joleder Dolch und ſeine Piſtolen zu berühren. Was ſoll ich noch mehr ſagen? Ihr vertraute er die Oberaufſicht über ſeinen Wein und ſeinen Liqueur an. Was aber die Liebe Kernok's noch mehr bewies, war eine große Narbe, die Mélie am Halſe hatte. Sie rührte von einem Meſſerſtiche her, den der Pirat ihr in einem Anfalle von Eifer⸗ ſucht beigebracht hatte. Da nun aber immer die Gewalt der Liebe nach der Gewalt der Eiferſucht berechnet wird, ſieht man, daß Meélie goldne Tage an der Seite ihres ſanften Gebieters verleben mußte. Sie ging mit ihm hinab. Als ſie in ſeine Cajüte trat, warf Kernok ſich in einen Armſeſſel, und verbarg den Kopf in beide Hände, als wollte er einem peinlichen Gedanken entrinnen. Er bebte, als er das Fenſter bemerkte, durch welches ſein verſtorbener Capitain in das Meer ſtürzte, wie man weiß. Meélie ſah ihn voll Schmerz an, näherte ſich dann ſchüch⸗ kniete neben ihm nieder, indem ſie eine ſeiner Hände ergriff. „Kernok, was iſt Euch? Eure Hand brennt,“ ſagte ſie. Bei dieſer Stimme bebte er. Er erhob den Kopf, lächelte bitter, ſchlang den Arm um den Hals der jungen Mulattin und preßte ſie an ſich. Seine Lippen ſtreiften ihre Wange und be⸗ rührten die verhängnißvolle Narbe. 105 „Hölle! Fluch über mich!“ rief er aus.„Verwünſchte alte Höllenhere!— Wo hat ſie erfahren?“ Friſche Luft zu ſchöpfen, ging er ans Fenſter, aber wie von unſichtbarer Kraft getrieben, entfernte er ſich erſchrocken und ſetzte ſich auf den Rand des Bettes. Seine Augen waren roth und glühend, ſein bisher ſtarrer Blick umwölkte ſich allmälig; endlich erlag er der Ermüdung und Aufregung des vergangenen Abends, und ſeine Augen ſchloſſen ſich. Er kämpfte anfangs gegen den Schlaf, wurde aber von demſelben überwältigt. Mit feuchten Augen zog ſie nun den Kopf Kernok's an ihren Buſen, der heftig auf⸗ und niederwogte. Er gab ſich dem füßen Gefühle hin, ſo geſchaukelt zu werden, und ſchlief dabei ein. Melie hielt den Athem an, ſchob die dichten ſchwarzen Haare bei Seite, welche die Stirn ihres Geliebten bedeckten, und bald drückte ſie ihm einen leichten Kuß auf, bald fuhr ſie mit dem ſeidenweichen Finger über die dichten Augenbraunen, die ſich während des Schlafes krampfhaft zuſammenzogen—— „Capitain, wir liegen über dem Anker,“ ſagte Meiſter Zeli, indem er eintrat. Vergebens gab ihm Meélie durch Zeichen auf den ſchlafen⸗ den Kernok zu verſtehen, zu ſchweigen. Zeli dachte nur des erhaltenen Befehles und wiederholte mit lauterer Stimme:„Ca⸗ pitain, wir liegen über dem Anker!“ „He! Was giebt's— was iſt's?— rief Kernok, indem er ſich losmachte aus den Armen des Mädchens. „Wir liegen über Backbordanker,“ erwiderte Zeli, die Meldung noch lauter betonend. „Und wer hat dieſen Befehl gegeben, Meiſter Narr?“ „Ihr, Capitain.“ 27 * „Ihr, Capitain, als Ihr vor zwei Stunden an Bord zurücktehrtet. Es iſt ſo gewiß, als daß dort das Sardellenboot das Vorſtagſegel beilegt,“ ſagte Zeli mit dem Ausdrucke der innigſten Ueberzeugung, indem er durch das Fenſter auf ein Fahrzeug deutete, welches in der That das genannte Manövre vollbrachte. Kernok warf einen Blick auf Melie, welche lächelnd ihren Kopf neigte, um Zeli's Behauptung zu beſtätigen. Er fuhr ſich nun ſchnell mit der Hand über die Stirn und ſagte:„Ja ja, es iſt gut. Lichtet die Anker und bereitet Alles vor, um 104 unter Segel zu gehen. Ich komme hinauf. Hat der Wind nachgelaſſen?“ „Nein, Capitain, im Gegentheil er iſt noch friſcher ge⸗ worden.“ „Geh, eile.“ Der Ton Kernok's war nicht mehr hart und gebieteriſch, ſondern nur kurz. Als Zeli ſah, daß bei ſeinem Capitain die Ruhe auf den Sturm gefolgt war, konnte er ſich nicht enthalten, ein Aber auszuſprechen. „Willſt Du wieder mit Deinem Aber und Wenn kommen? Hüte Dich, oder ich ſchlage Dir mein Sprachrohr auf dem Kopfe entzwei,“ rief Kernok mit Donnerſtimme, indem er auf Meiſter Zeli zutrat. Dieſer entfernte ſich ſchnell, indem er wohl ſah, daß ſein Capitain noch nicht in ſo ruhiger Stimmung ſei, ſeine ewigen Widerſprüche ertragen zu können. „Beruhige Dich, Kernok,“ ſagte Mélie ſchüchtern.„Wie befindeſt Du Dich jetzt?“ „Ei, gut, ſehr gut. Wetter, die zwei Stunden Schlaf haben genügt, mich zu beruhigen und die verrückten Gedanken zu vertreiben, welche die verfluchte Here in meinem Kopfe her⸗ vorgerufen hatte. Der Wind erhebt ſich und wir verlaſſen den Hafen. Was ſollen wir auch noch länger hier, weil es noch Dreimaſter in dem Canale giebt, Galionen im Golf von Gascogne und reiche portugieſiſche Fahrzeuge in der Meerenge von Gibraltar?“ „Wie, Du wollteſt heute, an einem Freitage, unter Segel ehen?“ „Höre wohl auf das, was ich Dir ſagen will, Geliebte. Ich hätte Dich züchtigen ſollen, daß Du mich durch Deine Bitten beſtimmteſt, auf die Träumereien einer Verrückten zu hören. Ich habe Dir's verziehen, aber zerreiß mir die Ohren nicht weiter mit Deinem Geſchwätz, oder—“ „Sind denn ihre Weiſſagungen finſterer Art?“ „Ihre Weiſſagungen? Darum kümmere ich mich nicht ſo viel. Was ich ihr prophezeien kann, der alten Nachteule, und Du ſollſt ſehen, daß ich mich auf Prophezeiungen verſtehe, iſt, daß ich bei meiner erſten Landung in Pempoul ihr mit einem Dutzend Gabiers(Elitenmatroſen) einen Beſuch abſtatten werde, an den ſie denken ſoll. Der Blitz ſoll mich zerſchmettern, wenn 105 ein Stein ihrer Hütte auf dem andern bleibt, und ich ihr nicht den Rücken regenbogenfarbig mache!“ „Sprich nicht ſo von einer Frau, welche die Zukunft ſieht; aus Barmherzigkeit! geh heute nicht unter Segel. Eben flog ein ſchwarzer und ein weißer Eisvogel um die Brigg, und dies iſt ein ſchlechtes Vorzeichen. Geh nicht unter Segel!“ Bei dieſen Worten warf ſich Mélie zu den Füßen Kernok's nieder, der ſie anfangs mit ziemlicher Geduld angehört hatte; jetzt aber verließ ihn dieſe, und er ſtieß Mélie ſo heftig von ſich, daß ſie mit dem Kopfe auf den Fußboden ſchlug. In demſelben Augenblick ſagte Kernok ein heſtiger Stoß, den das Schiff erhielt, daß der Anker dem Kabeſtan gewichen ſei, und er eilte mit dem Sprachrohr in der Hand auf das Deck. Sechſtes Kapitel. Mutter! Mutter!— Die Piraten von Ochali gehen unter Segel. Der Gefangene von Ochali. Unter Segel. Als Kernok auf dem Deck erſchien, trat tiefe Stille ein. Man hörte nur das gellende Pfeifen des Meiſter Zeli, der, über den Vordertheil der Brigg geneigt, den Anker befeſtigen ließ, — er das Manövre durch verſchiedene Töne ſeiner Pfeife eitete. „Muß der Steuerbordanker gelichtet werden?“ rief er dem Unterſteuermann zu, der den Bericht an Kernok beförderte. „Warte!“ ſagte dieſer,„und laß die Equipage auf das Deck kommen!“ Ein beſonderer Pfiff, wiederholt von dem Hochbootsmann, war kaum gegeben, als die 52 Mann und die Schiffsjungen, welche die Equipage des Sperbers bildeten, auf dem Deck er⸗ ſchienen, ſich in zwei Reihen aufſtellten, den Kopf hoch und die Arme ſtramm am Leibe herabhängend. Die braven Leute hatten nicht das offene Anſehen junger Seminariſten. Nein, man ſah in ihren ſcharf hervorgetretenen 406 Zügen, an der gebräunten Geſichtsfarbe, an den gefurchten Stirnen, daß Leidenſchaften— und welche Leidenſchaften!— dieſe Zeichen zurückgelaſſen, und daß ſie ein ſtürmiſches Leben geführt, die ehrlichen Kerle.— Es war eine kosmopolitiſche Equipage, gleichſam ein leben⸗ des Muſterbild faſt aller Völker der Welt: Franzoſen, Ruſſen, Engländer, Deutſche, Italiener, Spanier, Amerikaner, Aegypter, Holländer, und was weiß ich. Von allen Völkern, ſage ich Euch, gab es hier Leute, ſelbſt einen Chineſen, den Kernok in Manilla gepreßt hatte. Dieſe aus ſo wenig übereinſtimmen⸗ den Grundſätzen zuſammengeſetzte Geſellſchaft lebte dennoch am Bord in vollkommener Einigkeit, Dank ſei es der ſtrengen Dis⸗ ciplin, welche Kernok eingeführt hatte. „Haltet Appell, ſagte er dem Bootsmanne; und jeder Matroſe antwortete nach ſeinem Namen. Es fehlte Einer, Lescost, der Pilot, ein Landsmann Kernok's. „Zwanzig Streiche mit dem Tau und acht Tage Eiſen!“ gebot Kernok dem Lieutenant. Und der Lieutenant ſchrieb: Leskoöt, 20 H. m. d. T. und 8 T. E., eben ſo gleichgültig, als ein Kaufmann, der die Ver⸗ fallzeit eines Wechſels aufſchreibt. Kernok ſtieg hierauf auf die Quartierbank, ſtellte ſein Sprach⸗ rohr neben ſich und redete die Mannſchaft in folgenden Wor⸗ ten an: „Kinder, wir ſtechen wieder in See. Seit zwei Monaten liegen wir hier vor Anker wie ein wurmſtichiger Ponton; unſere Gürtel ſind leer, aber die Pulverkammer iſt gefüllt, und unſere Kanonen ſperren den Mund auf und wiſſen nichts Beſſeres als zu reden. Bei einem guten Nordweſtwinde gehen wir unter Segel nach der Küſte von Gibraltar. Wenn der heilige Nico⸗ laus und die heilige Barbara uns beiſtehen, potz Donner, Jun⸗ gens, dann kehren wir mit vollen Taſchen zurück, um die Mäd⸗ chen von Saint⸗Pol tanzen zu laſſen und den Wein von Pem⸗ poul zu trinken.“ „Hurrah! hurrah!“ ſchrie die Equipage, zum Zeichen der Zuſtimmung. „Lichtet Steuerbordanker, viert das große Fockſegel und ſegelt neben der Brigantine fort!“ rief Kernok mit ſtärkerer Stimme, indem er ſogleich Befehl gab, unter Segel zu gehen, damit der Eifer der Equipage nicht nachlaſſe. 107 Die Brigg, welch nicht mehr auf dem Anker ruhte, folgte ſogleich dem Eindrucke des Windes und ging Steuerbord. „Mach's Segel los! Wind gefaßt! braſſt Backbord, ſorrt die Marsſegel!“ rief Kernok weiter. Die Brigg begann unter dem Einfluſſe des Windes zu ſegeln; die großen grauen Segel ſchwollen allmälig an, und der Wind pfiff durch die Takelage; ſchon verſchwanden Pempoul, die Küſten von Saint⸗Anne⸗Ros⸗Iſtan allmälig immer mehr und mehr den Augen der Matroſen, welche auf den Segelſtangen ſaßen, den Blick nach dem Lande gerichtet, als wollten ſie einen langen Abſchied von Frankreich nehmen. „Steuer Backbord, Steuer Backbord!“ rief plötzlich Zeli voll Entſetzen. Sogleich drehte ſich das Rad des Steuerruders ſchnell, und der Sperber neigte ſich. „Was giebt's?“ fragte Kernok, als das Manövre voll⸗ zogen war. „Lescoöt kömmt, Capitain,“ erwiderte Zeli;„das Boot, auf dem er ſich befindet, wäre wie eine Nußſchale in Grund gebohrt worden, hätte ich es nicht Steuerbord genommen.“ Der Nachzügler, welcher leicht an Bord geſprungen war, trat verlegen vor Kernok. „Weshalb bleibſt Du ſo lange?“ fragte der Capitain. „Meine alte Mutter iſt geſtorben; ich wollte bis zum letz⸗ ten Augenblicke bleiben, um ihr die Augen zu ſchließen.“ „So!“ ſagte Kernok, wendete ſich dann zu dem Lieutenant und gebot:„Bringt die Rechnung dieſes guten Sohnes in Ordnung.“ Der Lieutenant flüſterte Zeli zwei Worte in das Ohr, und dieſer führte Lescoöt an den Vordertheil der Brigg. „Mein Junge,“ ſagte er hier, indem er ein langes Tau ſchwang,„wir haben ein Hühnchen miteinander zu pflücken.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Lescoét erbleichend,„und wie viel?“ „Eine Lumperei.“ „Und? Man will doch gerne wiſſen—“ „Du wirſt es ſehen. Man thut Dir kein Unrecht. Ue⸗ brigens kannſt Du zählen.“ „Ich werde mich rächen.“ „So ſagt man ſtets vorher, und hinterher denkt man wei⸗ ter nicht daran, als an den Wind des vorigen Morgens. Vor⸗ 103 wärts, mein Junge, laß uns eilen, denn ich ſehe ſchon, wie der Capitain ungeduldig wird, und leicht könnte er auch mir ſo ein Gericht zudictiren.“ Man befeſtigt Lescoöt auf einer Wandtauleiter, die Arme hoch, den Rücken nackt bis zum Gürtel. „Alles bereit,“ ſagte Meiſter Zeli. Kernok gab ein Zei⸗ chen, und das Tau fiel dröhnend nieder auf den Rücken Les⸗ coöt's. Bis zum ſechſten Streiche betrug er ſich ſehr anſtändig; nichts als ein dumpfes Geſtöhn begleitete jeden Schlag. Beim ſiebenten aber verließ ihn der Muth, und in der That mußte er viel leiden, denn jeder Streich ließ auf ſeinem Körper einen rothen Streifen zurück, der ſich bald blau und ſchwarz färbte, dann ſprang die Haut, und das lebendige blutende Fleiſch quoll hervor. Es ſchien, daß die Qual unerträglich würde, denn der Zuſtand gänzlicher Erſchlaffung folgte auf die Verzuckungen, welche Lescoöt bisher erlitten hatte. „Er wird ſchwach,“ ſagte Zeli, und hielt inne. Herr Durand, der Kanonier-Chirurg⸗Zimmermann des Schiffes näherte ſich, und fühlte den Puls des Leidenden; in⸗ dem er das Geſicht verzerrte und die Schultern zuckte, gab er dem Meiſter Zeli ein bedeutungsvolles Zeichen. Das Tau ſpielte aufs neue, aber ſein Ton war nicht mehr ſo trocken und hellklingend, wie zuerſt, wo es auf eine trockne Haut fiel, ſondern dumpf und dröhnend, als ſchlüge man in den Koth. Lescoöt's Rücken war aufgeriſſen; in Fetzen fiel die Haut herunter, und Meiſter Zeli mußte die Hand vor die Augen halten, um nicht durch das Blut geblendet zu werden, welches bei jedem Streiche umherſpritzte. „Und zwanzig!“ ſagte er mit dem Ausdrucke der Zufrie⸗ denheit, gemiſcht mit der Miene des Bedauerns, wie ein jun⸗ ges Mädchen, welches ihrem Geliebten den letzten der verſpro⸗ chenen Küſſe giebt, oder wenn man lieber will, wie ein Bankier, der ſeine letzte Goldrolle zählt. 3 Lescoét wurde ohne Zeichen des Lebens fortgetragen. „Jetzt,“ ſagte Kernok,„ein tüchtiges Pflaſter von Kano⸗ nenpulver und Weineſſig auf die Schultern, und morgen iſt es vorbei.“— Dann wendete er ſich zum Steuermann und ſagtet „Haltet ſüdweſtlich, und wenn ein Segel ſignaliſirt wird, be⸗ nachrichtigt mich!“ 109 Siebentes Kapitel. Dieſe gewaltige Aufregung, bieſes verzeh⸗ rende Fieber, das iſt die Liebe. Carlos und Anita. Der Dreimaſter San-Pablo befand ſich in der Meerenge von Gibraltar. Von ſchwachem Winde getrieben, hatte er alle Segel beigeſetzt. Er kam von Peru und begab ſich nach Liſſa⸗ bon unter engliſcher Flagge, von dem Bruche zwiſchen England und Frankreich nicht unterrichtet. In der Cajüte des Capitains befanden ſich Don Carlos Toskano mit ſeiner Gattin, ein reicher Kaufmann aus Lima, welcher den San⸗Pablo zu Calao gemiethet hatte. Man erkannte die Cajüte nicht wieder, ſo viel Lurus und Eleganz hatte Don Carlos darin entfaltet. Die nackten grauen Wände wurden durch eine reiche Draperie bekleidet, welche, über den Fenſtern ſich theilend, in gefälligen Falten herabfiel. Der Boden war mit Matten von Lima bedeckt, aus feinem weißen Stroh geflochten und mit geſchmackvollen Muſtern in hellen Farben geziert. Ringsumher ſtanden, in Gefäßen von rothem polirten Akapholz, Camelien, merikaniſcher Carmin und breitblättriger Cactus. In einer ſchönen Volisre von ſilbernem Flechtwerk ſchwangen ſich Bengalis mit grünem Kopf und purpurnen goldgeſäumten Flügeln, niedliche langſchwänzige Pa⸗ pageien von Portorico, ganz blau, mit oranger Krone und einem Schnabel ſo ſchwarz wie Ebenholz. Die Luft war warm und würzig, der Himmel rein, das Meer prachtvoll, und ohne das leichte Wogen des Fahrzeuges hätte man glauben können, auf feſtem Lande zu ſein. Auf einem reichen Divan ſitzend, lächelte Carlos ſeiner Gattin zu, die eine Guitarre in der Hand hielt, auf der ſie eben geſpielt hatte. „Bravo! Bravo! meine Anita,“ rief er aus,„nie iſt die Liebe beſſer beſungen worden!“ „Weil man ſie nie inniger empfand, mein Engel.“ „Ja, und für ewig, ſagte Carlos. „Für das Leben,“ ſagte Anita. 110 Lippen begegneten ſich, und krampfhaft preßte er ſie an ſich. Die Guitarre fiel nieder zu ihren Füßen und gab einen ſanften, wohlklingenden Ton von ſich, wie der letzte Hauch einer Orgel. Carlos ſah ſeine Frau mit jenem Blicke an, der zum Her⸗ zen dringt, und der die Liebe erzittern macht. Von dem glü⸗ henden Blicke durchdrungen, murmelte ſie, indem ſie die Augen ſchloß:„Schone mich, mein Carlos!“ Dann glitt ſie ſanft zu den Füßen des geliebten Gatten nieder, ihre Hände falteten ſich und ihr Haupt ruhte auf ſeinen Knien, ſo daß ihr ſchönes, doch blaſſes Geſicht durch ihre ſchwarzen Haare wie mit einem Schleier bedeckt wurde. Nur ihre Augen funkelten durch die Hülle wie ein Stern, der hinter lichten Wolken hervordringt. „Und ſie gehört mir,“ ſagte Carlos,„mir allein und für immer, für ewig, denn wir werden miteinander alt werdenz Furchen werden auch auf dieſer glatten, ſammtweichen Stirn ſich ziehen, und dieſe ſchwarzen Ringellocken werden ſich zum Silberſcheine färben,“ ſagte er, indem er mit der Hand über das Haar Anita's fuhr.„Als alte, alte Großmutter wird ſie an einem ſchönen Herbſtabende, umgeben von ihren Enkeln, er⸗ löſchen, und ihre letzten Worte werden ſein:„Ich komme zu Dir, mein Carlos!“ „Ja, denn ich werde vor ihr ſterben, aber welch eine ent⸗ zückende Zukunft liegt noch dazwiſchen! Wie herrliche Tagel Jung und geſund, reich, glücklich durch ein reines Gewiſſen und durch die Erinnerung an einige Wohlthaten, werden wir unſer ſchönes Andaluſien wiederſehen, Cordova und deſſen Alhambra, mit ſeinem vergoldeten Moſaik, ſeinen gothiſchen Thoren; unſere ſchöne Villa mit den duftenden Orangenhainen, ſeine Baſſins von weißem Marmor mit klarem, friſchem Waſſer.“ „Und mein Vater— und das Haus, in dem ich geboren wurde— und die grünen Jalouſien, die ich ſo oft emporzog, wenn Du vorbeigingſt— und die Kirche von San Juan, wo Du, während ich betend kniete, mir zum erſten Male in das Ohr flüſterteſt: Meine Anita, ich liebe Dich, ſieh, ob die Jung⸗ frau mich beſchützt? In dem Augenblicke, wo Du mir ſagteſt: Ich liebe Dich, bat ich ſie um Deine Liebe, indem ich unſerer lieben Frau eine neuntägige Andacht gelobte.“ 117 n So ſprach Anita, denn ihr Gatte hatte aufgehört laut zu enken. „Höre, mein Carlos,“ ſeufzte ſie,„ſchwöre mir, mein Engel daß wir nach zwanzig Jahren unſerer lieben Frau wieder eine neuntägige Andacht weihen wollen, weil ſie uns in den Stand ſetzte, unſere Verbindung zu vollenden.“ „Ich ſchwöre es Dir, Seele meines Lebens, denn nach zwanzig Jahren werden wir noch jung ſein in Liebe und Glück.“ „Ja unſere Zukunft iſt ſo lachend, ſo rein, daß—“ Sie konnte nicht enden, denn eine Kugel, welche ſauſend durch das Hintertheil des Schiffes hereinflog, zerſchmetterte ihr den Kopf, riß Carlos auseinander und zerbrach die Voliére. Welch ein Glück für die Bengalis und Papageien, welche mit luſtigem Flügelſchlage durch das Fenſter entflohen! Achtes Kapitel. Gemeines Metall! 4 Burke. Die Priſe. Sacrebleu! über den ſchönen Schuß! Sieh, Meiſter Zeli — die Kugel iſt unter dem Couronnement hineingegangen und durch die dritte Stückpforte wieder heraus. Mordieu, Mélie, Du thuſt Wunder!“ So ſagte Kernok, indem er das Fernrohr vor das Auge nahm, und mit der andern Hand das Geſchütz liebkoſete, das er ſelbſt auf den San⸗Pablo gerichtet hatte, weil dieſes Fahr⸗ zeug ſeine Flagge nicht ſchnell genug hißte. Dieſe Kugel war es, welche Carlos und deſſen Gattin getödtet hatte. Das iſt herrlich,“ fuhr Kernok fort, indem er allmälig die engliſche Flagge an dem Dreimaſter aufziehen ſah.„Das iſt herrlich, er nennt ſich— was für ein Landsmann? Ich täuſchte mich nicht— ein Engländer! Und der Hund wagt es, zu ſignaliſiren, ohne eine Kanone am Bord? Zeli! Zeli!“ ſchrie er mit Donnerſtimme;„alle Segel beigeſetzt und die Ruder zur 112 Hand. In einer halben Stunde ſchwimmen wir in ſeinem Waſſer. Lieutenant, Hängematten nieder! zum Gefecht! Die Mannſchaft an ihre Geſchütze! Säbel und Enterhaken ver⸗ theilt!“ Dann ſprang er auf eine Karonade und rief:„Kinder, wenn ich mich nicht täuſche, ſo kömmt dieſer Dreimaſter aus der Südſee. An ſeiner Bauart erkenne ich ein portugieſiſches oder ſpaniſches Schiff, welches ſich unter engliſcher Flagge nach Liſſabon begiebt und vielleicht noch nicht weiß, daß England der Krieg erklärt iſt. Das iſt ſeine Sache. Aber der Hund muß Piaſter im Bauche haben. Zum Henker, das wollen wir ſehen! Kinder, die Nußſchale allein iſt über 20,000 Piaſter werth! Aber Geduld, der Sperber breitet ſeine Flügel aus und wird bald ſeine Krallen zeigen. Drauf! Kinder, drauf!“ Und mit Stimme und Miene feuerte er die Matroſen an, welche mit den langen Rudern der Brigg die Schnelligkeit ver⸗ doppelten, die der Wind verlieh. Andere Matroſen bewaffneten ſich ſchnell mit Säbeln und Dolchen, und Meiſter Zeli ließ auf jeden Fall die Enterdregs bereit legen. Nachdem Kernok die nöthigen Befehle ertheilt hatte, ging er zum Zwiſchendecke hinab zu Mélie, welche in ihrer Hänge⸗ matte ſchlief. An Bord des Sperber lag Alles bereit. Der Capitain des unglücklichen San⸗Pablo erkannte die Brigg für ein Kriegs⸗ fahrzeug; ſeufzend über das an ſeinem Bord geſchehene Unglück hißte er die engliſche Flagge, unter deren Schutz er ſicher zu ſe⸗ geln glaubte. Als er aber das Manövre des Sperbers ſah, der ſeinen Flug durch lange Ruder beſchleunigte, konnte er nicht mehr daran zweifeln, daß er einem Corſaren unter Wind gefallen ſei. Flucht war unmöglich. Der ſchwache Hauch'des Windes legte ſich faſt ganz, und die Brigg hatte durch ihre Ruder ein unbeſiegbares Uebergewicht. Vertheidigung war eben ſo un⸗ möglich. Was vermochten die zwei ſchlechten Kanonen des San⸗Pablo gegen die 20 Karonaden des Sperbers, welche ih⸗ ren drohenden Rachen aufſperrten? Der kluge Capitain ſirich alſo die Segel; das Commando erwartend, befahl er ſeiner Equipage, ſich auf die Knie zu wer⸗ fen und St. Paul, den Schutzpatron des Fahrzeuges, anzuru⸗ 115 fen, der nicht verfehlen würde, bei einer ſolchen Gelegenheit ſeine Macht zu zeigen. Dem Beiſpiele des Capitain folgend, ſprach die Equipage ein Pater, aber der Sperber kam immer näher. Zwei Ave. Man hörte ſchon den gleichmäßigen Ruderſchlag. Fünf Credos. Vale me dios! Das war die Stimme, die tiefe, furchtbare Stimme Kernok's, die jetzt in die Ohren der Spanier tönte. „Haha!“ ſagte der Pirat,„er ſtreicht die Segel; er nimmt die Flagge herab; er iſt unſer, Zeli. Laß beilegen und das große Boot bewaffnen. Kernok ſteckte Piſtolen in den Gürtel, bewaffnete ſich mit einem breiten Säbel, und war mit einem Satze in dem Boote. „Iſt es eine Liſt,“ rief er dem Lieutenant zu,„wenn der Dreimaſter nur eine einzige Bewegung macht, ſo rudert nahe und entert!“ Zehn Minuten darauf ſprang Kernok auf das Deck des die Piſtolen in der Hand, den Säbel zwiſchen den ähnen. Er brach in ein ſolches Gelächter aus, daß ſeine gute Klinge ihm aus dem Munde fiel. Was ihn dazu reizte, war der Anblick des ſpaniſchen Capitains mit ſeiner Equipage, welche kniend vor einer unförmlichen Bildſäule des heiligen Pauls lagen und ſich wiederholt vor die Bruſt ſchlugen. Beſonders der Capitain küßte mit der größten Inbrunſt eine Reliquie, indem er flehte:„St. Pablo, ora pro nobis!“ Aber ach! St. Pablo betete nicht. „Ende Deine Poſſen, alter Rabe! und führe mich zu Dei⸗ nem Neſte,“ ſagte Kernok, als er genug gelacht hatte. „Sennor, no entiendo,“ erwiderte bebend der unglückliche Capitain. „Ach, es iſt wahr,“ entgegnete Kernok,„Du verſtehſt nicht franzöſiſch.“ Da nun Kernok von allen lebenden Sprachen eben ſo viel wußte, als zur Ausübung ſeines Handwerks nöthig war, ſagte er mit ſpottendem Scherz:„el dinero, compadre, das Geld, Gevatter!“ Der Spanier verſuchte noch ein no entiendo zu ſtottern, allein Kernok, welcher mit ſeiner Sprachtenntniß zu Ende war, Die Cucagracha. III. 8 114 ließ die Pantomime an deren Stelle treten, und hielt ihm die Muͤndung ſeiner Piſtole unter die Naſe. Bei dieſer verſtändlichen Aufforderung ſtieß der Capitain einen tiefen, ſchmerzlichen Seufzer aus, und gab dem Piraten ein Zeichen, ihm zu folgen. Die übrige Equipage des San⸗Pablo hatten die Matro⸗ ſen der Brigg geknebelt, um in ihren Unternehmungen nicht ge⸗ ſtört zu werden. Der Eingang zu dem Keller, in welchem Don Carlos' Geld ſich befand, war unter dem Teppich, der den Boden be⸗ deckte. Kernok mußte durch die Cajüte, in welcher die blutigen Reſte der beiden Gatten lagen. Der arme Capitain wendete den Blick ab, und bedeckte die Augen mit ſeiner Hand. „Ei!“ ſagte Kernok, indem er den Leichnam mit dem Fuße bei Seite ſtieß,„das iſt das Werk Meélie's. Mordieu, welche Arbeit! Aber el dinero, el dinero! Gevatter, das iſt das Wich⸗ tigſte!“ Sie öffneten den Keller. Kernok wurde faſt ſchwindlich bei dem Anblicke einiger hundert Tonnen mit eiſernen Reifen, auf welchen ſtand: 20,000 Piaſter(50,000 Fr.).„Iſt es mög⸗ lich!“ rief er aus,„4, 5, vielleicht 10 Millionen!“ Und in ſeiner Freude umarmte er ſeinen Lieutenant, die Matroſen, den Capitain und ſelbſt Carlos' und Anita's Leich⸗ nam.——— Zwei Stunden darauf ſchaffte ein Boot an Bord des Sperbers die fünf letzten Geldtonnen, den Reſt der Beute des Dreimaſters, auf welchem Kernok eine Beſatzung von zehn Mann zurückgelaſſen hatte. Die ſpaniſche Equipage lag ge⸗ knebelt auf dem Deck und der Capitain war an den Hauptmaſt gebunden. „Kinder,“ ſagte Kernok,„ich gebe Euch dieſen Abend ein Feſt, und dann, wenn Ihr mäßig ſeid, eine Ueberraſchung.“ „Mordieu! Sacrebleu! Capitain, wir werden weiſe ſein, wil⸗ wie Jungfrauen,“ ſagte Zeli, indem er den Angenehmen pielte. 1 ————— 115 Neuntes Kapitel. Das iſt ein Feſt! Avienus. Wein! sacrebleu! Wein! Die Bouteillen flogen klirrend zuſammen und zerbrachen, Flüche und Verwünſchungen ertönten von allen Seiten. Bald ertönte das dumpfe Geräuſch eines Piraten, der be⸗ ſinnungslos auf dem Deck niederſtürzte, bald die heiſere Stimme derer, welche noch mit einer Hand ihr Glas hielten, während ſie mit der andern ſich an den Tiſch klammerten. Wein hierher! Schiffsjunge, Wein! oder ich erwürge ich! Einige ringen miteinander, Fuß gegen Fuß, Stirn gegen Stirn. Sie faſſen ſich, ſie umſchlingen ſich, der Eine gleitet aus, fällt, krachend bricht ein Knochen, und Flüche folgen auf das Gelächter. Dort liegen Andere, blutend, mit zerſchlagenem Schädel, zu den Füßen luſtiger Gefährten, welche wilde, bachantiſche Geſänge anſtimmen. Andere ergötzen ſich im höchſten Grade thieriſcher Betrun⸗ kenheit, die Hand eines todttrunkenen Matroſen zwiſchen zwei Kugeln zu zerquetſchen. Noch eine Menge anderer Ergötzlich⸗ keiten finden ſtatt. Seufzer, Geſchrei der Wuth und tolles Gelächter miſchen ſich durcheinander zum wirren Lärmen. Das Deck iſt geröthet von Wein oder Blut, doch was thut das! Die Zeit flieht ſchnell am Bord des Sperbers; Alles iſt Freude, Ausgelaſſenheit, Entzücken. Aufl genießt das Leben, denn es iſt kurz! Die böſen Tage ſind häufig, und wer weiß, ob das Heute ein Morgen für Euch hat. Ergötzt Euch daher! ergreift die Freude, wo ſie ſich bietet! Nicht jene zarte, beſcheidene Freude mit Flügeln von gol⸗ digem Azur, welche einem jungen, ſchüchternen Mädchen gleicht; nicht jenes zarte Vergnügen, welches den friſchen, blendenden Kopf vor den tauſend Spiegeln eines Boudoirs hin und her wiegt, oder mit den geſpitzten Roſenlippen einen Becher gefror⸗ 8* 116 nen Liqueur ausnippt; nicht jene ſybaritiſche Luſt, welche nur von Blumen, Wohlgerüchen und Edelſteinen, jungen, lebensluſtigen Frauen, wohltönender Muſik und auserleſenen Weinen wiſſen will! Nein, sacrebleu! ſondern die derbe, vierſchrötige Freude mit Satyraugen, Dämonsgelächter, welche in den Tabernen ihren Sitz hat, trinkt und ſich berauſcht, beißt und zerreißt, ſchlägt und tödtet, dann zwiſchen den Trümmern einer großen Mahlzeit ſich umherwälzt und in ein Gelächter ausbricht, ſo wild und mißtönend, daß es dem Geheul des Schakals gleicht. Aufl genießet des Lebens; denn es iſt kurz, ſage ich Euch. Und man genoß daher auch des Lebens am Bord des Sperbers. Die Nacht brach an; die Schiffslaternen verbreiteten ein helles Licht über das Deck des Fahrzeuges, welches Kernok mit Tafeln hatte beſetzen laſſen, um die glückliche Priſe zu feiern; auf die Mahlzeit folgten Zerſtreuungen. Der Schiffsjunge Grain⸗de⸗Sel beſtrich ſich vom Kopf bis zu den Füßen mit Theer und wälzte ſich dann in einem Federſack, ſo daß er einem Vogel ohne Federn glich; welch eine Luſt, ihn umhertanzen, ſingen, ſpringen und wirbeln zu ſehen, ermuthigt durch das Beifalljauchzen der Equipage, und aufgeregt durch die Tauhiebe, welche Meiſter Zeli von Zeit zu Zeit ihm zukommen ließ, um ſeine Gelenkigkeit wach zu erhalten. Aber ein luſtiger Kautz, ein Deutſcher war es, glaub' ich, wollte das Feſt vollkommen machen und näherte die Flamme einer brennenden Fackel der großen Feder, welche ſich anmuthig über Grain⸗de⸗Sel's Stirn neigte. Das Feuer theilte ſich von der Feder den Haaren, von den Haaren der übrigen Federfülle mit, und der unglückliche Grain⸗de⸗Sel ſtand bald ganz in Flammen. Anfangs lachte man bis zu Thränen am Bord des Sper⸗ bers; da aber der Schiffsjunge entſetzliches Geheul ausſtieß, fand ſich eine gute mitleidige Seele, wie es deren überall giebt, packte ihn, warf ihn in's Meer, und rief:„Ich will ihn löſchen.“ Zum Glück ſchwamm Grain⸗de⸗Sel wie ein Fiſch; er fand ſelbſt Gefallen daran, ſein Bad zu verlängern, das ihn ſehr erfriſchte; ſchwamm einige Male wie ein Triton oder eine Najade um das Schiff, kletterte durch eine Stückpforte wieder an Bord und ſagte dann mit ſeinem gewöhnlichen Stoicismus:„Das iſt mir doch lieber, als lebendig verbrannt zu werden, und überdies habe ich mich noch köſtlich unterhalten.“ . — 117 In dieſem Augenblicke hörte man einen Piſtolenſchuß, und dann tönte ein gellender Schrei heraus aus der Cajüte Ker⸗ nok's. Zeli ſtürzte hinab. Es war nichts, eine Lumperei. Kernok, durch den Grog etwas echitzt, hatte gegen Mélie ſeine Geſchicklichteit gerühmt. „Ich wette,“ hatte er ihr zugerufen,„daß ich Dir das Meſſer, welches Du in der Hand hältſt, mit meiner Piſtole herausſchieße.“ Melie zweifelte nicht an der Geſchicklichkeit ihres Geliebten; da ſie aber den Beweis nicht ſonderlich wünſchte, wich ſie dem⸗ ſelben aus. „Feige Memme!“ rief Kernok ihr zu,„um Dir zu bewei⸗ ſen, ſchieß ich Dir das Glas aus der Hand.“ Indem er das ſagte, ergriff er eine Piſtole, und das Glas Melie's, von der Kugel getroffen, zerſplitterte in tauſend Stücken. Als Zeli eintrat, lag Kernok, zurückgeworfen in die Kiſſen, die Piſtole noch in der Hand, und lachte unmäßig über die Furcht Meélie's, welche ſich bleich und zitternd in eine Ecke ge⸗ flüchtet hatte. „Nun, Zeli,“ ſagte der Pirat,„mein alter Meerwolf, machen Deine Mädchen ſich dort oben recht luſtig?“ „Dafür ſtehe ich Euch, Capitain, aber die Damen erwarten die Ueberraſchung.“ „Die Ueberraſchung? Ach, es iſt wahr. Höre!“ Er ſagte Meiſter Zeli zwei Worte in das Ohr, dieſer trat zurück und öffnete den großen Mund.— „Wie— Ihr wolltet?“ „Gewiß, ich will. Iſt das nicht eine Ueberraſchung?“ „Und eine tüchtige, die ſich komiſch genug machen wirh Ich gehe, Capitain.“ Kernok trat bald darauf mit Melie auf das Deck. Bei ſeinem Anblicke wurde er mit Freudengeſchrei „Hurrah! für den Capitain Kernok, Hurtah! für ſeine Frau, Hurrah! für den Sperber!“ Auf dem San⸗Pablo, welcher zwei Flintenſchlüſſe weit entfernt war, ſtieg eine Rakete auf, beſchrieb einen Bogen und fiel dann in Feuerregen herab. „Capitain, ſeht doch die Rakete,“ ſagte der Lieutenant. „Ich weiß, was es iſt, mein Braver. Auf, auf, Kinder, 113 laßt den Rum und den Genevre die Runde machen. Mir ein Glas und eins meiner Frau!“ Meélie wollte es ablehnen; aber wie konnte ſie ihrem ſanf⸗ ten Freunde widerſtehen? „Es leben die Kameraden und die tapfern Kinder vom Commandanten des Sperber!“ rief Kernok. „Hurrah!“ rief die Equipage mit kräftiger, ſtarker Stimme. Die Orgie hatte jetzt den höchſten Gipfel erreicht. Die Matroſen hatten ſich bei der Hand gefaßt und tanzten wirbelnd eine Runde um das Deck, indem ſie dazu aus voller Kehle die ſchlüpfrigſten und ſchmuzigſten Lieder ſangen. Meiſter Zeli legte Backbord an und brachte vom San⸗ Pablo die zehn Mann mit, welche Kernok als Beſatzung auf der Priſe zurückgelaſſen hatte. Am Bord des ſpaniſchen Schiffes war nur noch die Equi⸗ page, welche geknebelt auf dem Deck lag. „Alles iſt bereit,“ ſagte Zeli,„wenn die zweite Rakete aufſteigt, erreicht die Lunte—“ „Gut!“ erwiderte Kernok, ihn unterbrechend.„Kinder, ich habe Euch eine Ueberraſchung verſprochen, wenn Ihr Euch gut aufführt. Eure Mäßigung hat meine Erwartung übertroffen, und Ihr ſollt dafür belohnt werden. Seht den ſpaniſchen Drei⸗ maſter. So ausgerüſtet, wie er iſt, gilt er wohl— 30,000 Piaſter. Ich bezahle ihn mit 40,000, meine Jungens; ich kaufe ihn von meinem Theile der Priſe, um das Vergnügen zu haben, der Equipage des Sperbers ein Feuerwerk mit muſikaliſcher Beglei⸗ tung anzubieten. Seht, das iſt das Signal; aufl! nehmt Eure Plätze!“ Die ganze Equipage, wenigſtens Die, welche in dem Zu⸗ ſtande waren, daß ſie ſtehen und ſehen konnten, gruppirten ſich um die Brüſtung in der Takelage. Die zweite Rakete ſtieg auf dem San⸗Pablo auf, und Feuer begann ſich auf demſelben zu verbreiten. Dies war die Ueberraſchung, welche Kernok ſeiner Equi⸗ page verſprochen; er hatte Meiſter Zeli an Bord des ſpaniſchen Schiffes geſendet, das wenige Pulver, welches etwa noch dort ſein konnte, zu entfernen, brennbare Gegenſtände in dem Raume und Zwiſchendeck aufzuhaufen, und dann die unglücklichen Spa⸗ nier, die noch nichts ahnten, ſo feſt als möglich zu binden. — 1¹9 Der San⸗Pablo alſo brannte; die Nacht war ſchwarz, der Wind ruhig und das Meer wie ein Spiegel. Ein dichter, ſtinkender Rauch ſtieg mit Funken gemiſcht aus dem untern Theile des Schiffes empor. Ein durchdringender Schrei; entſetzlich aus der Ferne her⸗ übertönend, erhob ſich auf dem San⸗Pablo, deſſen Equipage jetzt erkannte, welchem Schickſale ſie beſtimmt ſei. „Da fängt ſchon die Muſik an,“ ſagte Kernok. Sie ſingen verteufelt falſch!“ ſpottete Zeli. Pald färbte der Rauch ſich ſtärker, wurde endlich blendend roth und machte dann einer Feuerſäule Platz, welche wirbelnd 6 aus dem Raume emporſtieg und auf das Waſſer einen weithin ₰ zitternden rothen Streifen warf. „Hurrah!“ ſchrie die Equipage der Brigg. Der Brand wurde jetzt heftiger; das Feuer, welches aus drei Oeffnungen des Zwiſchendecks zugleich hervorbrannte, vereinigte ſich und verbreitete ſich, wie ein gewaltiger entzündeter Vorhang auf der Takelage des San⸗Pablo ſich ſchwarz abzeichnend. Das Geheul der in der Mitte des Feuermeeres feſtgebun⸗ denen Spanier wurde jetzt ſo entſetzlich, daß die Piraten wie unwillkührlich wildes Geſchrei ausſtießen, die herzzerreißenden Laute der unglücklichen Spanier zu übertönen. Der Brand hatte jetzt die höchſte Gewalt erreicht. Bald faßten die Flammen die Takelage und liefen an dem Tauwerke hin; die Maſten, welche nicht mehr durch die Wandtaue ge⸗ halten wurden, krachten und ſtürzten mit entſetzlichem Donner nieder auf das Deck; brennende Segel hingen und flackerten überall, und die ungeheure Lichtmaſſe ſchien um ſo blendender, je dunkler die Nacht war. Die Spanier ſchrien nicht mehr. Plötzlich brach die Flamme ſich auf der Seite des Schiffes Bahn, der Hauptmaſt ſchlug auf derſelben Seite über, der San⸗ Pablo ſenkte ſich Steuerbord, und ziſchend drang das Waſſer ein in den Raum. Allmälig ſank das Schiff. Schon war nichts mehr über dem Waſſer, als der Beſansmaſt, welcher allein ſtehen geblieben war und wie eine Trauerfackel ſich erhob. Dann verſchwand auch der untere Maſt, und nur noch der Maſtkorb zeigte einen Augenblick ſein brennendes Rund; aber das Waſſer verſchlang auch dies, und man ſah nichts mehr als einen leichten röth⸗ — 120 lichen Rauch, bis auch dieſer verſchwand— nichts— als die Unendlichkeit— die Nacht.—— „Ei! ſchon zu Ende?“ ſagte Kernok;„der San⸗Pablo hat uns um unſer Geld beſtohlen.“ „Es lebe der Capitain Kernok, der ſeiner Equipage ſo ſchöne Feſte giebt!“ ſchrie Zeli. „Hurrah!“ rief die Equipage. Die Piraten warfen ſich erſchöpft nieder auf dem Deck; Kernok ließ den Sperber bis zu Tagesanbruch mit geſtrichenen Segeln ſchwimmen, und ging dann hinab in ſeine Cajüte, mit der innern Zufriedenheit eines reichen Menſchen, der nach einem üppigen Feſte, das er gab, ſein Schlafgemach aufſucht. Indem der Pirat ſich niederlegte, murmelte er: „Sie müſſen zufrieden ſein, denn ich habe mich großmüthig gezeigt. Ein Schiff von 300 Tonnen und drei Dutzend Spa⸗ nier dazu, das iſt aller Ehren werth! Sie müſſen ſich aber nicht daran gewöhnen; von Zeit zu Zeit geht es wohl an, denn man muß doch zuweilen etwas lachen.“ Zehntes Kapitel. Hinweg!— Hinweg! Byron. Jagd. Alles ſchlief am Bord des Sperber, nur Melie allein war auf das Deck geſtiegen, getrieben von einer böſen Ahnung. Noch war die Nacht dunkel; aber ein röthlicher Schein am Ho⸗ rizonte verkündete die Annäherung des Tages. Bald färbten Streifen lebhaften, goldgeſäumten Rothes den Himmel; die Sterne erbleichten, verſchwanden; die Sonne ging auf und er⸗ hob ſich langſam über die blaue, regungsloſe Fläche des Oceans, die ſie mit einem purpurnen Schleier zu bedecken ſchien. Es herrſchte eine gänzliche Windſtille, und noch immer lag die Brigg mit geſtrichenen Segeln. Meélie ſetzte ſich träu⸗ mend, den Kopf auf beide Hände geſtützt, auf die Quartierbank. 121 Als ſie den Kopf wieder erhob und die Gegenſtände ringsumher ſah, da bebte ſie voll Abſcheu und Entſetzen. Matroſen lagen ſchlafend zwiſchen den Trümmern von Flaſchen und Reſten der Mahlzeit; die vollkommenſte Unordnung herrſchte überall; Bouſſolen waren umgeworfen, Segel und Tau⸗ werk lagen untereinander umher, Waffen und Gläſer waren zerbrochen, aus zerbrochenen Fäſſern lief Wein und Branntwein auf das Deck. Hier lagen tapfere Gefährten ſchlafend, die Arme weit von ſich geſtreckt und eine Flaſche feſt umklammernd, von der doch weiter nichts blieb, als der Hals; ſo glichen ſie jenem ſtolzen Cordover, welcher ſelbſt im Tode noch den Griff ſeines Schwertes umfaßte.— Dort ſchlief ein Pirat, und ſein Hals lag unter dem Rande des Steuerruders, ſo daß ihm bei der ge⸗ ringſten Bewegung der Kopf zerdrückt werden mußte. Ein wahrer Morgen nach einer Orgie, und noch dazu von Piraten gefeiert! Meélie begann damit, die Vorſehung zu ſegnen, daß ſie mit ſolcher Liebe über alle die Menſchen gewacht hatte, die in der Brigg auf dem Waſſer ſchwammen; denn bei der Unordnung, welche für den Augenblick auf derſelben herrſchte, war es, wenn während der Nacht ſich ein Sturm erhob, um den Sperber und um Kernok, um die Equipage und um die zehn Millionen ge⸗ ſchehen.— Wie Schade! Sie wollte beten. Das arme Mädchen fand am Bord zu wenig Gelegenheit, ihre Seele zum Schöpfer zu erheben. Um zu beten, kniete ſie nieder und wendete die Augen unwillkührlich nach dem hellen Streifen am Horizonte; aber ſie betete nicht. Starr richtete ſie den Blick auf einen ungewiſſen Punkt, den ſie aber bald deutlicher zu erkennen ſchien; um beſſer ſehen zu kön⸗ nen, legte ſie die Hand über die Augen und ſtarrte einen Augen⸗ blick in die Ferne hinaus; ihre Züge nahmen dann den Aus⸗ druck lebhaften Entſetzens an, und mit zwei Sätzen war ſie in der Cajüte Kernok's. „Du biſt verrückt,“ ſagte der Pirat, indem er mit ſchwer⸗ fälligem Schritt auf das Deck ſtieg;„haſt Du mich aber nutzlos geweckt—“ „Nimm!“ erwiderte Mélie, indem ſie ihm mit der einen Hand ein Fernrohr reichte und mit der andern auf einen weißen Punkt am Horizonte zeigte. ———— 6 * — 122 „Sacrebleu!“ ſagte Kernok, nachdem er aufmerkſam durch das Rohr geſehen hatte, und ſetzte dies dann an das linke Auge. „Tauſend Donner!“ Er rieb das Glas, als wolle er ſich überzeugen, daß er deutlich ſehe, und daß keine optiſche Täuſchung ſtattfinde.— Er irrte nicht.—— Ein Crescendo aller kräftigen Ausdrücke im Fluch⸗Dictio⸗ när eines Piraten wurde nun angeſtimmt.) Kaum war dieſer Strom von Verwünſchungen und Flü⸗ chen ſeinen Lippen entflohen, als Kernok eine Handſpeke ergriff. Eine Handſpeke iſt ein Stück Holz von 5—6 Fuß Länge und 4 Zoll Durchmeſſer. Dies Spielwerk von Eichenholz iſt zum Dienſte der Schiffsartillerie beſtimmt. Kernok änderte dieſe Beſtimmung vorläufig ab, denn er benutzte die Handſpeke, die Schiffsmannſchaft damit zu wecken. Die Schläge der Handſpeke, von Fluͤchen begleitet, daß die Brigg dröhnte, hagelten dicht herab, bald auf das Deck, bald auf die ſchlafenden Matroſen. Kaum hatte daher der Capitain ſeine Runde beendet, als auch faſt alle ſeine Leute auf den Bei⸗ nen waren, ſich die Augen, den Kopf oder den Rücken rieben und unter entſetzlichem Gähnen fragten:„Was giebt es denn?“ „Was es giebt?“ ſchrie Kernok mit Donnerſtimme,„was es giebt? Hunde, die Ihr ſeid! Ein Kriegsſchiff, eine engliſche Corvette, welche alle Segel beigeſetzt hat, uns zu erreichen; eine Corvette, die über dem Sperber den Vortheil des Windes hat, denn ſie wird über uns kommen wie der Blitz, uns zu zer⸗ ſchmettern!“ Aller Augen wendeten ſich auf den Punkt, nach welchem Kernok mit dem Fernrohr deutete. „Acht, zehn, funfzehn Stückpforten!“ rief er. Eine Cor⸗ vette von dreißig Kanonen, das iſt allerliebſt, und noch dazu von der blauen Eskadre!“ Er rief Zeli. „Höre, Zeli,“ ſagte er,„hier gilt es nicht langes Beſin⸗ nen; laßt die Ruder beiſetzen und bringt Alles ſo ſchnell wie möglich in Ordnung; wir legen um und ſuchen das Weite. Schnabel und Krallen des Sperbers ſind nicht hart genug, um ſich mit einem ſolchen Vogel zu verſuchen.“ Dann ſetzte er das Sprachrohr an, und commandirte: „Jeder auf ſeinen Poſten! Viert die Mars⸗ und Brahm⸗ 125 Segel, viert die Catacoön und Contre⸗Catacoön! Richtet die Beiſegel! Und Ihr, meine Jungens, legt Euch tüchtig auf die Ruder! Gewinnen wir den Wind, dann hat der Sperber nichts mehr zu fürchten. Ihr wißt, Mordieu! daß wir zehn Millionen an Bord haben! Wählt nun dazwiſchen, an die Raaen des Engländers geknüpft zu werden, oder mit vollen Gürteln nach Saint⸗Pol zurückzukehren, um Grog zu trinken und mit den Mädchen zu tanzen.“ Die Equipage Kernol's verſtand ihn vollkommen; die Alter⸗ native war unvermeidlich; der Sperber begann denn auch, Dank ſei es den ſtarken Segeln, mit denen er ſich belaſtet hatte, und den guten Rudern! drei Knoten zu ſegeln. Kernok täuſchte ſich aber nicht über die Schnelligkeit ſeiner Brigg; er ſah, daß die engliſche Corvette einen bedeutenden Vortheil vor ihm voraushabe, da ſie mit dem Wind ſegelte. Als kluger Capitain ließ daher auch der Pirat die Hangematten zum Gefecht abnehmen, die Pulverkammer öffnen, Kugeln bereit legen, die Enterhaken und Beile auf das Deck bringen, und wachte über Alles mit unglaublicher Thätigkeit, ſo daß er ſich zu vervielfältigen ſchien. Die engliſche Corvette kam näher und immer näher. Kernok ließ Melie rufen und ſagte zu ihr: „Theure Freundin, es wird heiß werden; Du wirſt ſogleich in den Raum hinabgehen, Dich daſelbſt einſperren und nicht mehr bewegen, als eine Kanone auf ihrer Affüte. Ach, noch eins, wenn Du die Brigg ſchwanken fühlſt, dann iſt es, weil wir zu Grunde gehen. Du verſtehſt wohl, wir gehen unter, und das darfſt Du eher erwarten, als daß ein Delphin eine Pfeife raucht. Fort! Keine Thränen; umarme mich ſchnell, und nach dem Treffen ſehe ich Dich wieder, wenn ich nicht da⸗ bei meine Haut laſſe.“ Meélie wurde blaß wie eine Marmorſtatue. „Kernok,“ bat ſie,„laß mich bei Dir bleiben!“ Dabei ſchlang ſie den Arm um den Hals des Piraten, der einen Augenblick bebte und ſie dann zurückſtieß. „Geh,“ rief er ihr zu,„geh!“ „Kernok, laß mich über Dein Leben wachen!“ flehte ſie, ſeine Knie umſchlingend. „Zeli,“ rief Kernok,„befreie mich von dieſer Närrin und bringe ſie in ſin Raum hinab!“ 124 Die Leute verſuchten, ſich Melie's zu bemächtigen; ſie aber riß ſich los und näherte ſich Kernok mit glühender Wange und flammenden Augen. „Wenigſtens,“ ſagte ſie,„nimm dieſen Talisman und trage ihn während des Kampfes, ſo wird er Dein Leben ſichern. Seine Kraft iſt unfehlbar. Meine alte Großmutter hat ihn mir gegeben. Die Zauberkraft iſt ſtärker als das Geſchick; glaube mir und trage ihn!“ Dabei reichte ſie Kernok ein kleines rothes Täſchchen an einem ſchwarzen Bande. „Hinweg mit der Närrin!“ ſagte Kernok, indem er die Schultern zuckte.„Haſt Du mich nicht verſtanden? In den Raum mit ihr!“ „Wenn Du ſtirbſt,“ ſchrie ſie, ſo geſchehe es auf Deinen Willen, aber wenigſtens will ich Dein Geſchick theilen. Nichts, nichts in der Welt mehr beſchtzt meine Tage; ich werde wiedet Weib, wie Du Mann biſt.“ Dabei warf ſie den Talisman über Bord. „Gutes Mädchen!“ ſagte Kernok, indem er ihr mit den Augen folgte, während zwei Matroſen ſie auf einem Stuhle in den Raum hinabließen. Die engliſche Corvette kam immer näher und näher. Zeli trat zu Kernok. „Capitain, der Engländer faßt uns.“ „Sacrebleu! ich ſehe es wohl, alter Dummkopf! Unſere Ruder wirken nicht, und ermüden die Mannſchaften nur unnütz. Laßt ſie beilegen, die Karonaden mit zwei Kugeln laden, die Enterhaken bereit legen und die Steinkörbe füllen, denn wir werden ihrer bedürfen; hier helfen Winkelzüge nichts mehr. Laßt die Brahmſegel aufſetzen; wird der Wind friſcher, ſchlagen wir uns unter unſern eignen Segeln, das iſt das Beſte für den Sperber.“ Als das Manövre beſorgt war, redete Kernok ſeine Equi⸗ page mit folgenden Worten an: „Kinder, das iſt eine Corvette mit tüchtigen Rippen; ſie hält ſo ſcharf auf den Sperber, daß wir nicht hoffen dürfen, den Wind zu gewinnen; übrigens iſt auch keiner. Nimmt ſie uns, ſo werden wir gehängt; ergeben wir uns, ſo wird's nicht an⸗ ders; laßt uns daher als brave Matroſen rin⸗ und viel⸗ leicht gelingt es uns, wenn wir, wie das Sprichwort ſagt, mit 125 allen Vieren und mit dem Schwanze um uns herumſchlagen, ganzbeinig davon zu kommen. Wetter, meine Jungens, der Sperber hat auf der Küſte von Sicilien nach zweiſtündigem Kampfe einen großen Dreimaſter in Grund gebohrt; weshalb ſollte er eine engliſche Corvette mit blauer Flagge fürchten? Denkt auch daran, daß wir zehn Millionen zu bewahren haben. Cordieu! Zehn Millionen oder den Strick!“ Die Wirkung dieſer Rede zeigte ſich augenblicklich. Wie aus Einem Munde ſchrie die ganze Equipage: „Hurrah! Tob den Engländern!“ Die Corvette war jetzt ſo nahe, daß man Segelwerk und Takelage genau erkennen konnte. Plötzlich erhob ſich an ihrem Bord ein leichter Rauch, ein Bilitz funkelte, ein dumpfer Ton erſchallte, und eine Kugel pfiff dicht bei dem Bogſpriet des Sperbers vorbei. „Die Corvette beginnt zu ſprechen,“ ſagte Kernok.„Unſere Flagge will die Neugierige ſehen.“ „Welche ſoll ich hiſſen?“ ſagte Meiſter Zeli. „Die,“ ſagte Kernok,„denn man muß galant ſein.“ Dabei ſtieß er mit dem Fuße eine alte, mit Schmuz be⸗ ſudelte Matroſenjacke vorwärts. „Das iſt komiſch,“ ſagte Meiſter Zeli, und der Lumpen erhob ſich majeſtätiſch bis zur Spitze des Karteels. Man nahm den Scherz am Bord der Corvette etwas übel, denn faſt in demſelben Augenblicke fielen auf der Corvette zwei Schüſſe, und zwei Kugeln zerriſſen die Segel der Sperbers. „Ei, ei, wir ärgern uns, meine Schöne, und wollen ſchmollen,“ ſagte Kernok.„Zu mir, Mélie!“ Dabei neigte er ſich auf die Feldſchlange, die er auf dieſen Namen getauft hatte, und richtete ſie.„Es gilt Dir, ſchöne Engländerin!“ rief er und drückte ab. „Bravo!“ rief er, als der Rauch verflogen war, und er die Wirkung ſeines Schuſſes ſehen konnte.„Bravo! Sieh doch, Zeli, ſchon iſt der Fockmaſt geſplittert. Das verſpricht etwas, das verſpricht etwas, meine Jungens. Aber wenn der Sperber die Seiten der Engländerin mit ſeinen Enterhaken kitzelt, dann wird ſie erſt lachen.“ „Hurrah! Hurrah!“ ſchrie die Equipage. Die Corvette erwiderte den Schuß Kernok's nicht, ſtellte den Schaden ſchnell wieder her, und ließ mit vollen Segeln auf * 2 126 den Corſaren ſchießen. Sie war jetzt ſo nahe herangekommen, die Piraten das Commando der engliſchen Offiziere hören onnten. „Kinder, an eure Geſchütze!“ rief Kernok, indem er mit dem Sprachrohr in der Hand auf die Quartierbak ſprang.„An eure Geſchütze! und, sacredieu! nicht Feuer gegeben vor mei⸗ nem Commando!“ Elftes Kapitel. Zur Enterung! Zur Enterung! Man hängt ſich an das Tauwerk, Schwingt ſich auf die Wände. Victor Hugo, Navarin. a m „Meiſter Durand, Kugeln!“ „Meiſter Durand, in der Löwengrube iſt ein Leck entſtan⸗ en!“ „Meiſter Durand, mein Kopf, mein Arm, ſeht, wie das utet!“ Und der Name des Meiſters Durand, des Kanonier⸗ Chirurg⸗Zimmermanns, ertönte vom Deck bis zum unterſten Raume, und übertönte ſelbſt den Lärmen, der von einem ſo hartnäckigen Kampfe, wie der zwiſchen der Brigg und der Cor⸗ vette, unvermeidlich war; bei jeder Salve, die die Corvette gab, bebte und krachte der Sperber, als wollte er auseinanderfahren. „Meiſter Durand, Kugeln!— der Leck!— mein Bein!—“ wiederholten verwirrt und dringend die Stimmen. „Sacredieu! ſo wartet einen Augenblick; ich kann nicht Alles zugleich thun— Kugeln nach oben ſenden, unten den Leck ausbeſſern, nach Euren Wunden ſehen; man muß beim Wichtigſten anfangen, und dann mit Euch ſich beſchäftigen, denn wozu ſeid Ihr jetzt noch gut? Ihr ſeid eben ſo unnütz, wie eine Raae ohne Segel und Takelage.“ „Meiſter! Kugeln! ſchnell, Kugeln!“ „Kugeln? Gerechter Gott, welch ein Feuer! Wenn man die Arie noch eine Viertelſtunde fortſingt, ſo ſind wir am Ende 127 mit der Munition. Da, Kinder, und ſchont die Kugeln, denn es ſind die letzten.“ Meiſter Durand warf nun den Kanonierſack von ſich, um die Kalfaterbutte zu ergreifen, und eilte hinab in die Löwen⸗ grube, das Leck zu beſeitigen. „Sacrebleu! ich leide ſehr,“ ſagte Meiſter Zeli. Er lag auf dem Boden ausgeſtreckt im Zwiſchendeck, welches durch eine Laterne nur ſpärlich erleuchtet wurde; denn ſein rechtes Bein hing nur noch an einem Fetzen, und das linke war ganz ver⸗ ſchwunden. Um ihn her ſeufzten andere Verwundete bunt durch einan⸗ der auf den Fußboden geworfen und warteten, bis Meiſter“ Durand zum Amputirmeſſer greifen könne. „Sacrebleu! mich durſtet,“ rief Meiſter Zeli,„mir wird ſchwach. Kaum höre ich noch unſere Kanonen ſprechen; ſind ſie heiſer?“ Im Gegentheil, die Lagen folgten ſchneller und heftiger auf einander als je; doch das Gehör des Meiſter Zeli war ſchon durch die Annäherung des Todes ſehr geſchwächt. „Ach, wie mich durſtet,“ rief er wieder,„wie mich friert,“ obgleich es noch eben ſo heiß war. Dann wendete er ſich an einen Kameraden und ſagte:„Du, gieb doch Acht, Pole, was ſtreckſt Du Dich denn ſo? Ha, der Schurke, wie er häßlich iſt! Hat ganz weiße Augen!“ Es war Einer, der in den letzten Todeszuckungen lag. „Durand, komm doch! Cordieu!“ rief Zeli,„und ſieh nach meinem Bein.“ „Sogleich bin ich bei Dir; nur noch einen Schlag, und der Leck iſt eben ſo wenig ſichtbar, als ein Ruderſchlag auf dem Waſſer. So, nun kömmſt Du an die Reihe; wir haben alſo etwas abbekommen?“ „Ja, aber nur wenig,“ erwiderte Zeli. Meiſter Durand nahm die Laterne und näherte ſich Zeli, der eine Art Lächeln erzwang, als freue er ſich über die Ueber⸗ raſchung Durand's. „Ei!“ ſagte der Chirurg⸗Zimmermann-Kanonier,„wo iſt denn Dein anderes Bein, Spaßvogel?“ „Oben auf dem Deck vielleicht noch. Mach, befreie mich von dieſem, denn es iſt mir zur Laſt. Iſt's mir doch, als hätte 6 128 ich eine ſechsunddreißigpfündige Kugel an den Füßen! Ach, wie mich durſtet!“ Indem Meiſter Durand das Bein des Meiſter Zeli unter⸗ ſuchte, ſchüttelte er drei⸗, viermal den Kopf und ſagte, freilich ganz leiſe:„Du biſt zum Henker, mein Alter!“ „O, wirklich? Gewiß?“ „Ja, gewiß.“ „Dann, wenn Du ein braver Kerl biſt, nimm eine Pi⸗ ſtole und jage mir eine Kugel durch den Kopf.“ „Ich wollte es Dir vorſchlagen.“ Däte „Haſt Du keinen Auftrag vorher?“ „Nein. Doch! Da, nimm meine Uhr; gieb ſie an Grain⸗ de⸗Sel.“ „Gut. Weiter nichts?“ „Ach, ich vergaß noch etwas; wenn der Capitain da oben nicht ſpringt, wie eine Muskete, ſo ſag' ihm, daß er tapfer commandirt hat.“ „Gut. Nun?“ „So glaubſt Du alſo, daß ich bin, was man ſo nennt?—“ „Ja, auf Mannes Wort; und Du glaubſt wohl, daß ich gegen einen Freund nicht darüber ſcherzen würde.“ „Das iſt wahr. Aber ärgerlich iſt es doch. Brrr, wie kalt! Ich kann kaum noch ſprechen. Iſt mir doch die Zunge ſo ſchwer, als wäre ſie von Blei. Sieh, das dreht ſich. Lebe wohl, Alter.— Noch eine Hand!— Biſt Du bereit?“ „Ja.“ „Na, fehle mich nicht! Feuer! und ich bin geheilt.“ Er ſank zurück. „Armer Hund!“ ſagte Meiſter Durand. Das war die ganze Leichenrede für Meiſter Zeli. Meiſter Durand hätte vielleicht gewünſcht, alle ſeine Ope⸗ rationen auf dieſe Art zu enden, aber die anderen Clienten zogen Pflaſter von Werg und Fett vor, welches der Doctor überall auflegte, indem er durch Worte des Troſtes die Wir⸗ kungen deſſelben vergrößerte. Bald hieß es:„Bah, das Ende der Welt iſt nah,“ oder:„die nächſte Campagne wäre gewiß hart, der Winter ſtrenge, der Wein ſchlecht geweſen.“ So ſuchte er durch ähnliche Troſtgründe die letzten Augenblicke der 129 armen Piraten zu verſüßen, welche widerſtrebend das Leben ver⸗ ließen, ohne ſonderlich zu wiſſen, wohin ſie kommen würden. Meiſter Durand wurde in ſeiner geiſtigen und weltlichen Sorgfalt durch Grain⸗de⸗Sel unterbrochen, welcher wie eine Bombe unter ſieben Todte und elf Verwundete fiel. „Willſt Du mein Geſchäft ſtören, Hund?“ erwiderte der Doctor, und gab dem Schiffsjungen eine Maulſchelle, daß ein Rhinozeros davon hätte betäubt werden können. „Nein, Meiſter Durand, im Gegentheil,“ ſagte Grain⸗ de⸗Sel.„Oben verlangt man Kugeln, denn es iſt die letzte Lage gegeben, die engliſche Corvette hält tüchtig Stand, ſie iſt glatt wie ein Ponton, und unterhält ein Feuer, daß man vor Rauch nicht ſehen kann. Dann iſt mir auch ein Finger abge⸗ ſchoſſen worden; ſeht, Meiſter Durand.“ „Willſt Du, daß ich meine Zeit damit verliere, Deine Schramme anzuſehen, Du Hund?“ „Danke, Meiſter Durand, es iſt doch beſſer, als ein Arm zu wenig,“ ſagte Grain⸗de⸗Sel, indem er den Stumpf ſeines Fingers in Hanf einwickelte.„Doch ſeht, hier kömmt ein neuer Kunde, Meiſter.“ Es war ein Verwundeter, den man hinabließ; da er aber ſchlecht befeſtigt war, fiel er hinab und fiel ſich todt. „Wieder Einer geſund,“ ſagte Meiſter Zeli, welcher darüber nachſann, wie ſich dem Mangel an Kugeln abhelfen ließe. „Kartuſchen, Kartuſchen!“ riefen von oben mehrere Stim⸗ men mit dem Ausdrucke der Angſt. „Sacrebleu! wenn man die Karonaden mit Schiffsjungen laden will, ſo kann man noch Feuer auf die Engländer geben,“ rief Meiſter Durand, indem er ſchnell auf das Deckſtieg. Grain⸗de⸗Sel folgte ihm, ohne zu wiſſen, ob die Aeuße⸗ rung des Meiſters Scherz oder Ernſt geweſen ſei. Allein getreu ſeinem Troſtſyſtem ſagte er zu ſich ſelbſt:„Das wäre doch immer noch beſſer, als von den Engländern gehängt zu werden. Die Cucaracha. III. 9 3 * „ Zwoͤlfes Kapitel. Schweigen! Alles iſt gethan; Alles ſinkt in den Abgrund; ber Schaum der hohen Maſten deckt den Saum der Wogen. Victor Hugo, Navarin. Kampf. „Nun, Kugeln! oder wir werden in den Grund gebohrt, wie Hunde,“ ſchrie Kernok, als er auf dem Deck erſchien. „Es iſt nicht eine mehr da,“ ſagte der Doctor, indem er mit den Zähnen grinſte. „Tauſend Millionen Donner mögen die Brigg holen!“ ſchrie der Pirat.„Nichts, nichts, um die Engländer zu empfan⸗ gen, die gleich anlegen werden; da ſieh, Sacrebleu!“ Bei dieſen Worten ſtieß Kernok den Meiſter Durand ge⸗ gen die Brüſtung, welche in Stücken herabfiel. Obgleich die Corvette entſetzlich zugerichtet war, kam ſie doch mit den Fetzen ihres Fockſegels mit vollem Winde herzu. Der Sperber, der alle ſeine Hauptſegel verloren hatte, ſegelte nur noch unter dem Klüver und der Brigantine, und konnte die Annäherung des Engländers nicht vermeiden, mit dem er in gleicher Nähe war. „Nicht eine Kugel, nicht eine Kugel! Heiliger Nikolas, heilige Barbara und alle Heiligen des Kalenders, wenn ihr mir nicht zu Hülfe kommt,“ ſchrie Kernok außer ſich,„dann ſchwör' ich, Eure Kapellen und Altäre zu vernichten, wie ich jetzt dieſe Buſſole zerbreche; der Donner ſoll mich rühren, wenn von einer Kapelle auf der Küſte von Pempoul nur ein einziger Stein auf dem andern bleibt!“ Schäumend vor Wuth zerſchmetterte bei dieſen Worten der Pirat eine der Buſſolen, welche ſich in ſeiner Nähe befanden. Es ſcheint, als ob die Heiligen, welche Kernok ſo un⸗ beſcheiden anrief, ſich als canoniſirte Leute betragen wollten. Menſchen hätten den Kühnen beſtraft, Halbgötter aber kamen ihm zu Hülfe und zeigten dadurch, wie erhaben ihre ätheriſche Natur gegen unſere beſchränkten Geiſteskräfte iſt. Kaum hatte Kernok ſeinen ſonderbaren und entſetzlichen Anruf beendet, als er, von einem Gedanken, den er von oben echalten zu haben ſchien, ergriffen und vor Freude er⸗ röthend, rief: —7— — 151 „Die Piaſter! Cordieu! meine Jungens, die Piaſter! Laßt uns unſere Geſchütze bis zur Mündung damit vollſtopfen; der Kartätſchenhagel gilt wohl ſo viel wie ein anderer!— Die Engländerin will Geld, ſie ſoll es haben, und ganz heißes; wenn es aus unſeren Kanonen kömmt, wird es eher einer Stangenladung als guten ſpaniſchen Piaſtern gleichen. Das Geld an Bord! das Geld auf's Deck!“ Dieſer Gedanke elektriſirte die Equipage. Meiſter Durand eilte in den Raum, und es wurden ungefähr 150,000 Piaſter auf das Deck geſchafft. „Hurrah! Hurrah! Tod den Engländern!“ ſchrien die 19 Piraten, die ſich noch in kampffähigem Zuſtande befanden, ſchwarz von Pulver und Dampf waren und nackt bis an den Gürtel, um leichter arbeiten zu können. Eine Art wilder, aus⸗ gelaſſener Freude ergriff ſie. „Die Hunde von Engländern werden nicht ſagen dürfen, daß wir geizig ſind,“ rief einer von ihnen; die Kartätſchen werden den Chirurg bezahlen, der ſie verbindet.“ „Man ſieht, daß wir uns mit einer Dame ſchlagen. Sa- credieu! welche Artigkeit! Silberne Kugeln! Man erweiſt der Corvette viel Ehre!“ „Solche Kugeln möchte ich in Saint⸗Pol haben,“ ſcherzte ein Dritter,„und ich wollte mich ſchon damit luſtig machen.“ In der That warf man mit vollen Händen Geld in die Karonaden und ſtopfte ſie damit voll. Funfzigtauſend Piaſter gingen darauf. Kaum waren alle Geſchütze auf dieſe Art geladen, als ſich die Corvette ſchon ganz in der Nähe befand und manövrirte, ihr Bogſpriet in die Wandtaue des Sperbers zu bringen; Kernok aber gewann durch eine geſchickte Wendung dem Engländer den Wind ab, und ließ ſich nun ſo von demſelben treiben. Auf Piſtolenſchußweite gab die Corvette ihre letzte Salve, denn auch ſie hatte ihre Munition erſchöpft; auch ſie hatte mit Wundern der Tapferkeit während der zwei Stunden gekämpft. Das Hohlgehen der See hinderte jedoch die Engländer, richtig zu zielen, und die ganze Salve ging über den Corſaren fort, ohne ihm den geringſten Schaden zuzufügen. Ein Matroſe der Brigg gab vor dem Commando Feuer. „Verfluchter Hund!“ ſchrie Kernok, und der Pirat wälzte ſich von einem Hiebe getroffen zu ſeinen Füßen. 9 6 1 „Und daß Ihr nicht Feuer gebt, als wenn wir Bord an Bord ſind; in dem Augenblick, wo die Engländer auf unſer Bord ſpringen wollen, müſſen unſere Kanonen ihnen in das Geſicht ſpeien. Das wird ſie verdrießen, Ihr könnt es glau⸗ ben.“ In dieſem Augenblicke enterten die beiden Fahrzeuge. Was von der engliſchen Equipage noch übrig war, hing in den Wandtauen oder auf der Schanzverkleidung, das Beil in der Hand, den Dolch im Munde, bereit, mit einem Satz auf das Deck zu ſpringen. Tiefes Schweigen herrſchte am Bord des Sperbers. „Drauf, Goddam, drauf!“ ſchrie der engliſche Capitain, ein ſchöner junger Mann von 25 Jahren, dem beide Beine ab⸗ geſchoſſen worden waren, und der ſich in ein Faß mit Kleien hatte ſetzen laſſen, um den Blutverluſt zu ſtillen und bis zum letzten Augenblick commandiren zu können. „Drauf, Goddam!“ wiederholte er nochmals. „Feuer jetzt, Feuer auf die Engländer!“ heulte Kernok. Alle Engländer ſchwangen ſich auf die Brigg. Die zwei Karonaden des Steuerbords ſpieen ihnen einen Hagel von Piaſtern in das Geſicht. „Hurrah!“ ſchrie die ganze Equipage des Sperbers. Als der dichte Rauch verſchwunden war, und man über die Wirkung der Salve urtheilen konnte, ſah man keinen Eng⸗ länder mehr, keinen einzigen.— Alle waren auf das Deck der Corvette oder in das Meer geſtürzt, alle waren todt oder entſetzlich verſtümmelt. Auf das Geſchrei des Kampfes folgte ein tiefes fürchterliches Schweigen, und die achtzehn Menſchen, welche allein, und in der Mitte des Ozeans allein geblieben waren, blickten nicht ohne ein gewiſſes Entſetzen auf einander. Kernok ſelbſt ſah ſchaudernd auf den unförmlichen Rumpf des Capitains, dem der Silberhagel noch einen Arm wegge⸗ riſſen hatte. Seine ſchönen blonden Haare waren mit Blut beſudelt, und doch ſpielte noch ein Lächeln um ſeine Lippen. Ohne Zweifel ſtarb er, indem er an ſie dachte, die die langen Kleider der Trauer anlegte, wenn ſie die Nachricht ſeines glor⸗ reichen Endes empfing. Glücklicher junger Mann! Vielleicht hat er auch noch eine Mutter, ihn zu beweinen, ſie, die ihn als Kind auf den Knien ——— 135 geſchaukelt. Vielleicht erloſch in ihm eine glorreiche Zukunft, vielleicht ging ein edler, berühmter Name mit ihm unter. Wie ſehr wurde er betrauert, beklagt! Glücklicher, dreimal glücklicher junger Mann! Was hat er nicht den Geſchützen Kernok's zu danken! Sie haben ihn zu einem in allen drei Königreichen be⸗ weinten Helden gemacht. Es iſt doch eine ſchöne Erfindung, das Kanonenpulver! So ungefähr mußten die Betrachtungen Kernok's ſein, denn er blieb kalt und lächelnd bei dem entſetzlichen Schauſpiel. Seine Matroſen hingegen hatten ſich lange mit einer Art Stumpfſinn angeſehen; als aber dieſe erſte Regung vorüber war, gewann ihre natürliche Unbekümmertheit und Rohheit die Oberhand, und wie aus einem Munde ſchrien ſie: „Hurrah! Es lebe der Sperber und der Capitain Kernok!“ „Hurrah, meine Jungens,“ erwiderte dieſer.„Ihr ſeht, der Sperber hat einen harten Schnabel; jetzt aber müſſen wir daran denken, den Schaden auszubeſſern. Meiner Schä⸗ tzung nach müſſen wir in der Nähe der Azoren ſein. Der Wind wird friſch; auf, Kinder, reinigt das Deck, und was die Verwundeten betrifft,“ wiederholte er nachdenkend, indem er mit dem Beile auf die Brüſtung ſchlug,„ſo laßt ſie auf die Scha⸗ luppe bringen, Meiſter Durand.“ „Um?—“ fragte dieſer forſchend. „Du wirſt es erfahren,“ erwiderte Kernok düſter, indem er die dichten Augenbrauen zuſammenzog. Meiſter Durand ließ die Befehle des Capitains erfüllen, doch murmelte er dabei:„Was will er mit ihnen machen? Das iſt nicht richtig.“ „Schiffsjunge, hierher!“ rief Kernok Grainde⸗Sel zu, der mit trübem Angeſicht die Uhr, welche Zeli ihm hinterließ, rei⸗ nigte, denn ſie war ganz mit Blut befleckt. Der Junge erhob den Kopf und Thränen traten in ſeine Augen. Er trat zu dem furchtbaren Capitain, ohne an Zittern zu denken. Nur ein Gedanke beherrſchte ihn, die Erinnerung an den Tod des Meiſter Zeli, dem er herzlich zugethan war. „Geh' hinab in den Raum und ſag' meiner Frau, daß ſie mich umarmen kann; hörſt Du?“ ſagte Kernok. „Ja, Capitain,“ erwiderte Grain⸗de⸗Sel, und eine große Thräne fiel auf die Uhr. 154 Er verſchwand ſogleich durch den Haupteingang, um Mélie zu holen. die Takelage und das Segelwerk mit der größten Genauigkeit. Die Havereien waren zahlreich, aber nicht beunruhigend, und er ſah wohl, daß er mit Hülfe der Maſten und Ragen leicht ſeine Fahrt fortſetzen und den Hafen erreichen konnte. Grain⸗de⸗Sel kam wieder aufs Deck, aber allein. „Nun,“ ſagte Kernok,„wo iſt meine Frau? Dummkopf!“ „Capitain— ſie iſt— weil—“ „Nun, weshalb? Wirſt Du ſprechen, Hund!“ „Capitain— ſie iſt im Raume.“ „Ich weiß es. Weshalb kömmt ſie nicht herauf? Schuft—“ „Ei, Capitain— weil ſie todt iſt.“ „Todt.— todt!—“ ſagte Kernok erbleichend, und zum erſten Male nahm ſein Geſicht den Ausdruck des Schmerzes an. „Ja, Capitain, todt, hinter einem Waſſerfaſſe, getödtet durch eine Kugel, welche unter dem Spiegel des Waſſers ein⸗ gedrungen iſt. Komiſch iſt es, daß der Körper Eurer Frau ge⸗ rade das Loch zugeſtopft hat, welches die Kugel machte; außer⸗ dem würde das Waſſer eingedrungen und die Brigg geſunken ſein. Eure liebe Frau hat den Sperber gerettet, und das iſt wohl beſſer, als wenn—“ Grain⸗de⸗Sel, welcher beim Beginn ſeiner Erzählung die Augen zu Boden geſenkt hatte, da er den wilden Blick Kernok's nicht ertragen konnte, wagte jetzt, den Kopf zu erheben. Kernok ſtand nicht mehr vor ihm; er war hinabgeſtürzt in den Raum, und ſtarrte mit trocknen Augen, die Arme gekreuzt, die Fäuſte krampfhaft geballt, auf die Leiche; denn wie der Schiffsjunge es gemeldet, ſo verſtopfte der Kopf und ein Theil der Schulter Mélie's das Loch, welches die Kugel gemacht, und hatte ſo das Eindringen des Waſſers verhindert. Die arme Mélie! So war ſelbſt noch ihr Tod Kernok nützlich. Der Pirat blieb gegen zwei Stunden allein bei der Leiche Meélie's in dem Raume. Hier erſchöpfte er ſeinen Schmerz, denn als er wieder auf das Deck kam, war ſein Geſicht kalt und ruhig. Doch hörte man kurz vor ſeinem Erſcheinen einen ſchmerzhaften Schrei, und es ſtürzte etwas in das Waſſer.— Es war der Leichnam Melie's. Kernok ſtieg leicht hinauf in die Maſtkörbe und unterſuchte + 3 155 Während dieſer Zeit hatte Meiſter Durand die Verwun⸗ deten an Bord der engliſchen Corvette bringen laſſen. „Aber weshalb läßt man uns nicht an Bord der Brigg?“ fragten ſie den guten Doctor dringend. „Meine Kinder, ich weiß nichts davon; vielleicht geſchieht es, weil hier die Luft beſſer iſt, und bei ſchweren Verwundun⸗ gen, wie bekannt, die Luft oft verändert werden muß.“ „Aber, Meiſter Durand, man bringt ja alle Reſervema⸗ ſten und Ragen auf die Brigg? wie ſollen wir denn ſegeln?“ „Vielleicht mit Dampf,“ ſagte Meiſter Durand, welcher ſe Verlangen, einen Scherz zu machen, nicht widerſtehen onnte. „Halt— Ihr geht, Meiſter Durand, und Ihr auch, Ka⸗ meraden? Und wir! und wir!— Meiſter Durand— Meiſter Durand!—“ So riefen die Verwundeten, welche ſtark genug waren, zu ſchreien, aber nicht zu gehen, als ſie den Kanonier⸗Chirurg⸗ Zimmermann mit ſeiner Equipage in das Boot hinabſteigen und zur Brigg rudern ſahen. „Ja, man mag uns ſchön hierher geſchickt haben, um die Luft zu genießen,“ ſagte ein Pariſer, dem ein Arm fehlte und der eine Musketenkugel im Kreuze ſitzen hatte. „Nun, weshalb ſchickt man uns denn hieher, Pariſer?“ fragten mehrere Stimmen voll Beſorgniß. „Weshalb? Um uns hier krepiren zu laſſen, während ſie unſern Theil an der Priſe ſchlucken. Das iſt recht boshaft! Hätten ſie aber nur für zwei Sous Herz gehabt, ſo würden ſie ein Loch in den Raum gemacht haben, um uns in den Grund zu bohren, ſtatt daß ſie uns dem erfreulichen Geſchick über⸗ laſſen, uns wie Haifiſche einander aufzufreſſen.—“ Seine Stimme wurde ſchwächer, indeſſen fuhr er doch fort: „Ich habe ſie ſagen hören, daß die Corvette keine Lebens⸗ mittel an Bord hat, und daß ſie deshalb jagte, um ſich welche zu verſchaffen. Aergerlich iſt es aber doch, zu ſterben, wenn man reich iſt, denn mit meinem Antheil an der Beute hätte ich mich in Paris ſchon machen wollen. Herr Gott, die Chau⸗ mierie— die Vaurhall— Ambigu— und die Mädchen!— Ja, das iſt ärgerlich; denn jetzt noch ſo viel Zeit, ein Seifing zu befeſtigen, und ich bin— Schon fühle ich mein Bein nicht mehr, und mein Herz wendet ſich um. Lebt wohl, ihr Andern! — Für Euch iſt es eine harte Sache, denn Ihr habt zartes Fleiſch, Ihr Lämmchen— Ihr ſeid verdammt zähe, und Euch zu verſchlingen, iſt eine ſchöne Sauce nöthig.“ Seine Zunge wurde jetzt ſo ſchwer, daß man kein Wort mehr verſtehen konnte, und fünf Minuten darauf war er todt. Der Pariſer hatte recht geurtheilt. Unmöglich iſt es, die Verwünſchungen und Flüche zu beſchreiben, welche gegen Kernok und die übrige Equipage ausgeſtoßen wurden. Ein verwun⸗ deter Engländer, der Franzöſiſch verſtand, theilte ſeinen Kame⸗ raden ihr Geſchick mit. Der Lärmen wuchs. Jeder ſchwur und fluchte in ſeiner Sprache. Es war ein Lärm— ein Lärm, um einen Canonicus in der Kirche aus dem Schlafe zu wecken. Aber alle dieſe Unglücklichen waren zu ſchwer verwundet, um ſich von ihrem Lager erheben zu können; überdies hatten ſie kein Boot. Mehrere wälzten ſich bis an die Treppenöffnung und ſtürzten ſich in das Meer, denn ſie ahneten das entſetzliche Ge⸗ ſchick, welches ihrer Gefährten wartete. „Cs iſt geſchehen,“ ſagte Meiſter Durand zu Kernok, als er an Bord der Brigg zurückgekehrt war. „Wir ſind bereit,“ erwiderte Kernok;„der Wind bläſt friſcher aus Süden; mit den Segeln, die wir jetzt haben, kön⸗ nen wir ſchon unſern Weg fortſetzen. Steure in die offne See hinaus, und halte nordöſtlich. „Alſo—“ ſagte Durand, indem er auf die Corvette zeigte, welche enttakelt hin und her wogte—„ſo laſſen wir die armen Teufel dort?“ „Ja,“ erwiderte Kernok. „Das iſt aber kein ſehr zartes Benehmen.“ „Freilich— weißt Du aber, was uns nach dem Feſte, Euch gegeben habe, von Lebensmitteln noch am Bord eibt?“ „Nein.“ „Nun— es bleibt uns noch ein Faß mit Zwieback, drei Jonnen mit Waſſer und ein Faß Rum, denn Ihr habt in einem Tage die Lebensmittel von drei Monaten vergeudet.“ „Das iſt eben ſo ſehr unſer Fehler, als der Eurige.“ „Ich mache mich darüber luſtig. Wir haben vielleicht noch 800 Stunden zurüͤckzulegen und 18 Matroſen zu ernäh⸗ —— 137 ren; dieſe aber gehen allen andern vor, denn ſie ſind noch im Stande, zu manövriren.“ „Die, welche Ihr auf der Corvette laßt, werden krepiren wie Hunde, oder einander auffreſſen, denn morgen oder über⸗ morgen fühlen ſie Hunger.“ „Ich ſpotte ihrer! Mögen ſie krepiren! Es iſt beſſer, daß ſie es ſind, die ohnehin ſchon halb todt waren, als wir, die wir noch ſegeln können.“ Die Matroſen der Brigg hörten die Unterredung und be⸗ gannen zu murren. „Wir wollen unſere Kameraden nicht verlaſſen.“ Kernok ſah ſie mit durchbohrendem Blick an, nahm ſein Kampfbeil unter den Arm, kreuzte die Arme auf dem Rücken und ſagte mit gebieteriſcher Stimme: „He? Ihr wollt nicht?“ Es herrſchte Schweigen— tiefes Schweigen. „Ihr ſeid merkwürdige Thiere,“ rief Kernok.„So wißt denn, Canaillen, daß wir 800 Stunden von jedem Lande ent⸗ fernt ſind, daß wir wenigſtens vierzehn Tage brauchen, um dieſe Strecke zurückzulegen, und daß, wenn wir die Verwunde⸗ ten an Bord behalten, ſie unſer ganzes Waſſer verſchlingen.“ „Das iſt wahr,“ fiel der Kanonier⸗Chirurg⸗Zimmermann ein;„Niemand trinkt ſtärker, als die Verwundeten; ihr Durſt iſt gar nicht zu ſättigen.“ „Und wenn wir kein Waſſer und keinen Zwieback mehr haben, wird uns dann der heilige Kernok welchen ſchicken? Wir werden gezwungen ſein, unſer Fleiſch zu eſſen und unſer Blut zu trinken, wie ſie es wahrſcheinlich thun müſſen.— Allerliebſte Nahrung! Die reizt Euch wohl, nicht wahr? Ihr Dummköpfe, die Ihr ſeid! Statt zu trachten, nach Bayonne oder Bordeaur zu kommen, damit wir als gute Bürger von unſerm Priſentheil leben können, der nicht gering ſein wird, da er durch den Antheil Jener vermehrt wird, wollt Ihr hier wohl mit den Verhungernden verderben?“ Dieſer Grund beſchwichtigte ſiegreich den Widerſtand der Letztern. „Endlich,“ ſagte Kernok,„wird es ſo ſein, weil ich es ſo will; iſt das klar genug, he? Dem Erſten, der den Mund öffnet, werde ich ihn mit meinem Dolche ſchließen. Vorwärts, Cordieu!“ i Die achtzehn Mann, aus denen die Equipage noch be⸗ ſtand, gehorchten ſchweigend und warfen einen letzten Blick auf ihre Kameraden, welche in entſetzliches Geſchrei ausbrachen, als ſie die Brigg ſich entfernen ſahen. Der Wind wurde fri⸗ ſcher und der Sperber war bald von dem Orte des Kampfes entfernt. Aber am folgenden Tage erhob ſich ein furchterlicher Sturm, und ungeheure Waſſerberge ſchienen jeden Augenblick die Corvette verſchlingen zu wollen, welche ſie vor dem Scho⸗ verſegel hertrieben. Nach einer mühſeligen Fahrt erreichte der Sperber endlich Nantes, verweilte hier, um ſeinen Schaden auszubeſſern, und ging dann wieder in See, um nach dem Wunſche Kernok's wieder in der Bai von Pempoul Anker zu werfen. Hier wurde eine Comiſſion niedergeſetzt, um die Priſe zu theilen. Kernok ſchwur nun mit allen ſeinen Flüchen, daß er künftig zu St. Thomas landen wolle, da die Seeraben von Adminiſtratoren in ſeinem Waſſer fiſchten. Dies waren ſeine eigenen Worte. Dreizehntes Kapitel. Eine ſo ſeltene und muſterhafte Seele zu töd⸗ ten koſtet nicht mehr Mühe, als eine nutzloſe, ge⸗ meine. Montaigne; Bd. II. Geſang 13. Die beiden Freunde. Es iſt ein guter Gaſthof, das Wirthshaus zum goldnen Anker in Plonezoch. Neben der Thür ſtanden zwei ſchöne ſchrüne Eichen, welche die ſorgfältig gebohnten Tiſche beſchatte⸗ ten, und da der goldne Anker auf dem großen Platze liegt, kann man nirgends das Bild eines regern Lebens finden, als hier zur Marktzeit eines ſchönen Julimorgens. Zwei ehrliche Ge⸗ noſſen, welche die glückliche Loealität zu ſchätzen wußten, hatten daher auch vor einem der glatten Tiſche Wurzel gefaßt. Sie ſprachen von Dieſem und Jenem, und die Unterhaltung mußte ſchon lange währen, denn eine gute Anzahl leerer Flaſchen bil⸗ dete um die Sprechenden einen bedeutenden Wall. — 159 Der Eine mochte ungefähr 60 Jahr alt ſein, war ſehr häßlich, ſehr braun, und ein langer ſtarker Schnurrbart, deſſen Haare ganz weiß waren, ſtach ſonderbar gegen die braune Ge⸗ ſichtsfarbe ab. Er trug einen weiten Rock von ſonderbarem Schnitte, weite Beinkleider und eine ſcharlachrothe Weſte mit Ankerknöpfen; doch war ſie wenigſtens ſechs Zoll zu kurz. Ein ungeheurer ſteifer Hemdekragen erhob ſich drohend bis über ſeine Ohren. Große ſilberne Schnallen glänzten auf ſeinen Schuhen, und ein gewaltiger dreieckiger Hut, auf die Seite des linken Ohres gedrückt, vollendete ſeinen Anzug, welcher, ſeines Alters ungeachtet, verrieth, daß er noch den Stutzer machte. Alles zeigte überdies, daß er ſich im großen Putze befinde und daß dieſer ihm ſehr unbequem ſei. Sein Freund war weniger geſucht gekleidet und ſchien viel jünger; Jacke und Tuchhoſe machten ſein ganzes Kleid aus, und ein ſchwarzes, nachläſſig umgeſchlungenes Halstuch ließ den kräftigen Hals ſehen. Sein Geſicht war zwar auch ver⸗ wittert, doch lächelnd und offen. „Am nächſten Saturnisfeſte,“ ſagte er, indem er den Kopf ſeiner Pfeife leicht auf den Tiſch ſchlug, um die Aſche auszu⸗ klopfen—„am nächſten Saturnisfeſt ſind es nun zwanzig Jahr, daß der Sperber—“ hier nahm er ſeine roth⸗ und blaucarrirte baumwollene Mütze ab—„daß unſere arme Brigg zum letzten Male in der Bai von Pempoul unter dem Befehle des verſtor⸗ benen Herrn Kernok vor Anker lag—“. Er ſeufzte und wiegte den Kopf hin und her. „Wie die Zeit verfließt,“ rief der Mann mit dem großen Hemdekragen, indem er ein großes Glas Branntwein hinun⸗ terſtürzte;„es ſcheint mir immer noch, als wäre es geſtern, nicht wahr, Grain⸗de⸗Sel? Und ich nenne Dich unter uns noch im⸗ mer Grain⸗de⸗Sel, weil Du es uns erlaubt haſt. Das erin⸗ nert mich an unſere gute alte Zeit,—“ und der Greis lachte ſtill vor ſich hin. „Sacredieu! legt Euch keinen Zwang auf, Meiſter Du⸗ rand; Ihr ſeid ein Alter, Ihr, ein Freund des verſtorbenen Ker⸗ nok—“. Und er erhob wieder ſeufzend die Augen zum Himmel. „Was willſt Du, mein Junge? Wenn die Stunde kömmt, die Anker zu lichten,“ ſagte Meiſter Durand, indem er ſchlür⸗ fend den letzten Tropfen aus dem längſt ſchon geleerten Wein⸗ glaſe hinterſog,„wenn die Stunde kömmt, dann muß das Ka⸗ * beltau wohl weichen. Das ſagte ich immer zu meinen Kranken 4 zu meinen Kanonieren bei jedem Leck, denn du weißt wohl—“ „Ja, ja, ich weiß, Meiſter Durand,“ fiel Grain⸗de⸗Sel ein, welcher zitterte, den Ex⸗Kanonier⸗Chirurg⸗Zimmermann des Sperbers den Bericht ſeines dreifachen Amtes zum tauſend⸗ ſten Male beginnen zu hören.„Es iſt ſtärker, als ich, und zer⸗ reißt mir das Herz, wenn ich daran denke, daß es kaum ein Jahr iſt, ſeit der arme Herr Kernok noch dort unten in ſeiner Meierei zu Treheurel lebte und wir alle Abende eine Pfeife mit ihm rauchten.“ „Das iſt wahr, Grain⸗de⸗Sel. Guter Gott, welcher Menſch! Wie geliebt war er in der Gegend— bat ein unglück⸗ licher Matroſe ihn um etwas, ſo empfing er es auf der Stelle. Seit den zwanzig Jahren, als er ſich von den Geſchäften zu⸗ rückgezogen hatte, um als guter Bürger zu leben, herrſchte nur eine Stimme über ſeine Wohlthätigkeit. Welch ein ehrwürdi⸗ ges Anſehen gaben ihm ſeine weißen Haare und ſein kaſtanien⸗ farbiges Kleid! Wie gutmüthig ſah er aus, wenn er auf ſeinem Rücken die kleinen Kinder des Kanoniers Ceriſost trug oder ihnen Kähne von Hollunder ſchnitzte. Einen Vorwurf machte ich dem armen Kernok aber immer, nämlich daß er ſich zu viel um die Kirche kümmerte.“ „Das machte, weil er Kirchenvorſteher war; es geſchah nur, um die Zeit zu tödten; aber geſteht, daß er ſich ſehr gut ausnahm auf ſeiner eignen Bank, mit ſeinen weißen Hand⸗ ſchuhen und ſeinem Buſenſtreif, wenn in dem Kirchſprengel von Saint⸗Jean du⸗Doigt ein Feſt war.“ „Ich ſah ihn lieber auf der Quartierbank, das Beil in der Hand und ſein Sprachrohr neben ſich,“ erwiderte der Ex⸗Ka⸗ nonier⸗Chirurg⸗Zimmermann, indem er ſein Glas wieder füllte. „Und bei der Prozeſſion, Meiſter Durand, wenn er das geweihte Brod austheilte, wie machte er ſich da immer voll mit ſeiner Fackel, die er, ungeachtet der Lehren der Chorknaben, im⸗ mer wie einen Degen halten wollte. Was aber den Herrn Pfarrer noch beſonders in Verzweiflung ſetzte, war, daß der Kapitain Kernok immer Tabak kaute und während der Meſſe beſtändig ſpuckte.“ „Das ſetzte ihn in Verzweiflung, ja, ſetzte ihn in Ver⸗ 14¹ zweiflung.— Deshalb alſo hat er meinen alten Kameraden beſchwatzt, der Pfarrei 20 Acker Wieſen zu verſichern?“ Grain⸗de⸗Sel ließ hier die Unterlippe bedeutend hängen, blinzelte mit den Augen, und ſah Meiſter Durand auf die pfiffigſte und boshafteſte Weiſe an, indem er verneinend den Kopf ſchüttelte. „Sacrebleu! ich weiß es wohl,“ erwiderte Meiſter Durand, faſt beleidigt durch die Pantomime des ehemaligen Schiffs⸗ jungen. nun, beruhigt Euch nur, Meiſter Durand,“ ſagte Grain⸗de⸗Sel,„dem Pfarrex hat er die Wieſen nicht vermacht.“ Hier entſtand eine Pauſe, und das Staunen des Meiſters Durand verrieth ſich durch einen ſtarren Blick und durch ein Glas Wein, welches er hinunterſtürzte. „Der Nichte,“ ſagte Grain⸗de⸗Sel,„der Nichte des Pfar⸗ rers. Nun?—“ „Ei, der alte Poſſenreißer, der alte Poſſenreißer,“ rief Meiſter Durand, indem er laut auflachte;„jetzt wundert es mich nicht mehr, daß er Kirchenvorſteher war, und das geweihte Brod austheilte.“ Er gab ſich nun mit Grain⸗de⸗Sel ſo laut der Luſtigkeit hin, daß vorüberlaufende Hunde ſie anbellten. „Was aber verdrießlich iſt,“ ſagte Grain⸗de⸗Sel,„daß das ganze Vermögen der Regierung zufällt, und das nur, weil er kein Teſtament gemacht hat.“ „Er hätte freilich daran denken ſollen. Aber wer konnte denn ſolch ein Ereigniß vorausſehen?“ „Ihr habt ihn geſehen, Ihr, nachher? nicht wahr, Meiſter Durand? Ich war nach Saint⸗Pol gegangen.“ „Gewiß habe ich ihn geſehen. Stelle Dir vor, mein Junge, als man mir ſagte: Herr Durand, es riecht bei Herrn Kernok nach Brand, aber auf ganz eigenthümliche Weiſe!— Es war meiner Treu acht Uhr Morgens, und Niemand wagte ſich in ſein Zimmer. Sie ſind dumm! Ich trete ein, mein Junge, und— Ach, gieb mir zu trinken, mir wird übel, ſo oft ich daran denke.“ Er ſtärkte ſich durch einen tüchtigen Zug Branntwein und fuhr dann fort: „Ich trete ein, und ſtelle Dir vor, daß ich faſt erſtickt wurde, als ich den Körper meines armen Kernok ganz mit 142 einer langen Flamme bedeckt fand, die vom Kopfe bis zu den Füßen lief, ganz wie die Flamme vom Punſche. Ich näherte mich und goß Waſſer auf ihn; aber er brannte nur noch ſtärker, denn er war ſchon halb gebraten.“ Grain⸗de⸗Sel erbleichte. „Das ſetzt Dich in Erſtaunen, mein Junge? Ich hatte es erwartet und ſogar vorausgeſagt.“ „Vorausgeſagt!“ „Ja, er trank zu viel Branntwein, und ich ſagte ſtets: Mein alter Kamerad, Du wirſt durch einen Concustio invan- tanée enden.“— Und indem Meiſter Durand ſo ſprach, blies er die Backen auf und gab ſich ein wichtiges Anſehen. Er wollte ſagen, Combustio instantanea, die wahre und richtige Bezeichnung vom Tode Kernok's, welche ein Arzt aus Quimper gegeben hatte, ein ſehr geſchickter Mann, den man aber etwas zu ſpät geholt. „Und das macht Euch nicht zittern, Meiſter Durand?“ ſagte Grain⸗de⸗Sel, welcher mit Schmerz ſah, daß der Ex⸗Ka⸗ nonier⸗Chirurg⸗Zimmermann den nämlichen Weg einſchlug, wie ſein Capitain. „Ich, mein Junge?“ erwiderte Meiſter Durand;„das iſt etwas ganz Anderes, denn ich miſche meinen Branntwein mit Wein, aber er trank ihn rein, der alte Schelm.“ „So!—“ etwiderte Grain⸗de⸗Sel, von der Behauptung Durand's in nichts überzeugt. „Sieh—“ ſagte dieſer,„das iſt ein Kerl, der in der Haut eines Räubers ſterben wird, wenn man ihn nicht bald er⸗ würgt.“ Dabei zeigte er auf einen großen, hagern Menſchen in blauer, mit Silber geſtickter Uniform, der über den Platz ging. „Ich möchte mit dem Hunde von Plick am Bord ſein, er an der Wandleiter feſtgebunden, den Rücken nackt, und ich mit einer tüchtigen Peitſche bewaffnet. Wenn ich bedenke, daß un⸗ ſere Priſe dadurch, daß ſie durch die Hände dieſes Schuftes von Commiſſair ging, ſich um neun Zehntheil verringerte, daß ich, ſtatt der 60,000 Franes, von denen ich nun 20 Jahr lebe, eine Million hätte; daß der arme alte Kernok von den Millionen Piaſtern, die wir auf dem ſpaniſchen Schiffe erbeuteten, nur 100,000 erhielt;— dann möchte ich—“ „Bah!“ fiel Grain⸗de⸗Sel ein,„etwas mehr oder weniger, 145 was thut das? Ich bin doch recht zufrieden geweſen, das Hand⸗ werk aufzugeben, und mit dem, was ich erhielt, ein Sardellen⸗ boot zu kaufen und Küſtenhandel zu treiben. Aber ſeitdem ich den armen Herrn Kernok nicht mehr ſehe, fehlt mir doch etwas.“ „Apropos!“ ſagte Meiſter Durand,„ich glaube wohl, es iſt die Stunde der Meſſe, die wir dem armen Alten in Saint⸗ Jean du⸗Doigt leſen laſſen.“ Grain⸗de⸗Sel zog eine ſilberne Uhr, die wenigſtens einen Zoll dick war, aus der Taſche. „Ihr habt Recht, Meiſter Durand, es iſt zehn Uhr.“— Hierauf hielt er die an einer Stahlkette befeſtigte Uhr ſeinem Genoſſen hin, und ſagte: „Erkennt Ihr ſie?“ „Ob ich ſie erkenne?—“ Dieſer aber ließ ſich nicht zu dem geringſten Zeichen des Erkennens herab. „Es iſt die, welche der arme Zeli am Tage des Kampfes zwiſchen der Korvette und dem Sperber mir gab. Der arme Zeli! Ich ſehe ihn noch, wie er Euch die Hand hinſtreckte und ſagte:„Da!— Das iſt für Grain⸗de⸗Sel! Fehle mich nicht!“ „Sacrebleu!“ ſagte der Greis ganz gerührt,„das iſt mir wahrhaftig jetzt, indem ich daran denke, ſchmerzlicher, als es damals war; der arme Zeli!—“ Und Meiſter Durand legte den Kopf in die harten, gefurchten Hände. Grain⸗de⸗Sel ſchien von einem trüben Gedanken ergriffen, indem er ſeine Uhr betrachtete. „Fünf Flaſchen Wein und eine Flaſche Branntwein,“ ſagte der Wirth, ſeine Mütze in der Hand, und über die längere Anweſenheit der beiden Seeleute beſorgt. „Mach' Dich bezahlt,“ ſagte Grain⸗de⸗Sel, und warf ihm ein Goldſtück hin. Hierauf gab er dem alten Durand den Arm und ging mit ihm nach der Kapelle von Saint⸗Jean du⸗Doigt. „ * — Vierzehntes und letztes Kapitel. Sie trifft die Luft, wie die verbängnißvolle Todtenglocke, welche von den Lebenden Thränen für die Todten fordert, wenn ein kalter Sarg Al⸗ les iſt, was uns von Der bleibt, welche unſern erſten Anſtrengungen zulächelte. Serxtius Delaunahy. Die Todtenmeſſe. Man ſtelle ſich zwiſchen zwei hohen Bergen eine ſchmale Bucht vor, in welcher eine Menge bretagniſcher Fahrzeuge mit rothen viereckigen Segeln an dem blendend weißen Ufer liegen. Weiter hin beſpülen die blauen Wogen des Meeres friſche Wieſen, geſchmückt durch Hecken blühender Roſen und wilden Weißdornes, welche ihre Wohlgerüche weithin verbreiten. Hier und dort ſtehen hundertjährige Eichen und beſchützen ein Stroh⸗ dach, bedeckt mit hübſchem Immergrün und Waldreben, welche in langen Gewinden herunterhängen. Die Landſchaft zu beleben, ſieht man bald hier eine Ziege, auf den Hinterbeinen ſtehend, welche an den Gewinden zu hän⸗ gen ſcheint, bald dort einen leichten Karren, von gewaltigen Ochſen gezogen, hört man das rauhe, anhaltende Kreiſchen der Axen, den wilden Geſang des Bragubras, den raſchen Schritt des Bergbewohners von Arres, welcher ohne Sattel auf dem kleinen ſchwarzen Pferde mit rauhem Haar, funkelnden Augen und kräftigen Füßen, reitet, das die Berge mit der Leichtigkeit einer Ziege erklettert. Auf der Mitte eines Hügels, deſſen Abhang kaum merk⸗ lich iſt, ſieht man die dem Saint Jean du⸗Doigt gewidmeten Gebäude. Die gothiſche Kirche mit ihren Vogen, ihren langen ſchlanken Säulen, ihrer wie eine leicht gewebte Spitze durchbro⸗ chenen Fronte, ſticht ſonderbar ab gegen den ſchwerfälligen Glo⸗ ckenthurm, der ſein graues, finſteres Haupt über das Grün der Tannen⸗ und Lerchenbäume erhebt. Das Läuten aller Glocken auf der Kirche von Saint⸗Jean verkündete die Ceremonie, deren wir erwähnten, ein Todtenamt für die Seele des verſtorbenen Herrn Kernok, Eigenthümers zu Treheurel. Die ganze Bevöl⸗ kerung der Umgegend, welche den würdigen Greis anbetete, hatte die Arbeit verlaſſen, um ihrem geliebten Wohlthäter eine letzte Huldigung darzubringen. 145 WMan mußte ſehen, welche Maſſe ſich vor der Kirche drängte. Die jungen Mädchen mit den ſcharlochrothen Miedern und dem weißen Kopfputz; die Matronen mit ihren das Geſicht ver⸗ hüllenden Hauben; die Männer mit ihren ſchwarzen Käppchen, unter denen die Haare hervorquollen, die bis zum Gürtel reich⸗ ten, in welchem ein blitzendes Meſſer ſtak. Die Menge drängte ſich hin und her und wartete auf das Oeffnen der Kirchthüren. Bald erſchienen auch Grain⸗de⸗Sel und Meiſter Durand. Bei ihrem Anblicke neigten ſich die Köpfe Aller; ſie aber ant⸗ worteten nur mit einem gnädigen Kopfnicken. Endlich öffnete ſich die Thür; Alles drängte und ſtieß ſich, lief durcheinander und fand endlich Platz. Die Sonne ſendete freundlich ihre Strahlen durch die far⸗ bigen Fenſter der Kapelle und ſpielte in tauſend Farben auf der blank polirten Eichenbank, verziert mit ſchwerem Schnitzwerk, auf der an Feiertagen Kernok zu ſitzen pflegte. Ach, wie herr⸗ lich ſah er aus! Mit welcher Würde breitete er ſeinen Hals⸗ kragen und ſeinen kaſtanienfarbigen Rock aus! Mit welcher Geſchicklichkeit wußte er ſein Priemchen den Augen des Pfarrers zu entziehen! Mit welcher Andacht ſchloß er die Augen und that, als bete er inbrünſtig, wenn die Beredtſamkeit des Kanzel⸗ redners ihn in tiefen Schlaf wiegte. Die Erinnerung des ehr⸗ würdigen Geſichtes mußte Grain⸗de⸗Sel und Durand noch ſehr im Andenken ſein, denn ohne Bewegung blieben ſie ſtill auf dem Platze ſtehen. „Ich glaube ihn noch immer zu ſehen,“ ſagte Meiſter Durand. „Und ich auch,“ verſicherte Grain⸗de⸗Sel. Ein dumpfer Lärm verkündete die Ankunft des Karadeuc, des Vicars der Gemeinde. Es begann der Gottesdienſt. Nach demſelben beſtieg Herr Karadeuc die Kanzel. Die Gläubigen benutzten dieſen Augenblick zum Huſten, Schnauben, Seufzen, Gähnen und ſich um und wieder um⸗ zudrehen. Dann ſchwieg Alles— Todtenſtille. Der Redner trat an den Rand ſeiner Tribune und ſpreizte die langen Knochenhände darauf aus. Seine Augen funkelten Die Cucaracha. III. 10 146 unter den dichten, rothen Augenbrauen, ſein Mund verzerrte ſich zu einem ſonderbaren Lächeln, dann begann er: „Meine theuern Brüder, apprehensi te, ab extremis ter- rae et a longinquis ejus vocavi te; elegi te et non abjeci te; ne timeas, quia ego tecum sum.“ Da das Auditorium aus Nieder⸗Bretagnern beſtand, hatte dieſe Anrede ſchlechten Erfolg. „Ja, meine Brüder, und das will ſo viel ſagen, als: ich habe deine Hand ergriffen, um dich von den fernſten Orten herbeizurufen; ich habe dich erwählt und nicht verworfen; fürchte nichts, denn ich bin mit dir. „Dieſe Worte, meine Brüder, finden ihre volle Anwendung auf den tugendhaften, würdigen, achtungswerthen Greis, den wir Alle beweinen— mit einem Worte, auf Herrn Barbe⸗ Nikolas Kernok, ehemaligen Kaufmann.“ Meiſter Durand gab bei dieſen Worten Grain⸗de⸗Sel, deſſen Miene einem unterdrückten Lächeln ähnlich ſah, einen Rippenſtoß. „Ach, meine Brüder,“ fuhr der Pfarrer fort, dieſer ehe⸗ malige Kaufmann, dieſer Herr Kernok, war auch ein Lamm, das ſich von der Heerde entfernt hatte! Dieſes Lamm war auch in entlegenen Ländern, und die Vorſehung nahm es bei der Hand.“ „Bei der Pfote,“ ſagte der alte Durand. „Den Capitain mit einem Lamme vergleichen!“ ſagte Grain⸗ de⸗Sel und nahm die Mütze vor den Mund. Der Redner ließ ſich dadurch nicht irre machen. „Die Vorſehung, meine Brüder,“ fuhr er fort,„ſagte auch zu ihm: elegi, non abjeci te— ich habe dich erwählt und nicht verworfen, obgleich dein Leben viel bewegt war.“ „Das nennt er bewegt,“ murmelte Durand, und gab einen zweiten Rippenſtoß an Grain⸗de⸗Sel, der ihn mit gleicher Kraft erwiderte, d. h. ſo, um dem Ex⸗Kanonier⸗Chirurg⸗Zimmermann die Rippen einzuſtoßen. Ja, ſie verſtanden ſich, die Beiden. „Ja, meine Brüder, bewegt;“ fuhr der Pfarrer fort.„Aber nachdem er auf einem ſtürmiſchen Meere geſchifft hatte, erreichte ſeines Fahrzeuges den Ort des Friedens und der uhe.“ „Die Puppis! das heißt ſeemänniſch ſprechen! Der Schna⸗ bel, Herr Sakriſtan, der Schnabel!“ — 147 Der Pfarrer warf einen geringſchätzenden Blick auf Durand und fuhr eigenſinnig fort: „Aber die Puppis ſeines Fahrzeuges erreichte endlich den Hafen des Friedens und der Ruhe, wo der Tugendhafte, Wür⸗ dige, Fromme, Engliſche die Blüthe der Wohlthätigkeit und Religion entfaltete.“ „Iſt er dumm, der Pfarrer!“ murmelte Grain⸗de⸗Sel. „Dumm, wie ein Hering,“ erwiderte Durand achſelzuckend. „Alſo, meine Brüder,“ fuhr der Prediger fort,„vereinigt Euch mit mir, dem König der Könige zu danken, daß er Den, den wir beweinen, mit dem Heiligenſcheine krönte.“ „Amen!“ riefen die Zuhörer. „Sage, Grain⸗de⸗Sel, ſiehſt Du wohl den Capitain Ker⸗ nok mit dem Heiligenſcheine?“ ſagte Meiſter Durand. Aber Grain⸗de⸗Sel hörte ihn ſchon nicht mehr, denn der Pfarrer hatte die Kanzel verlaſſen, um nach dem Kirchhofe zu gehen, wo Kernok ruhte; ſie langten bei deſſen Grabe an. Das Geſicht Grain⸗de⸗Sel's wurde finſter und ſtreng; er hielt ſeine Mütze zwiſchen den beiden herabhängenden Armen, und Durand trocknete ſich eine Thräne. Der Pfarrer ſprach jetzt einige Gebete, welche die Knien⸗ den wiederholten, und dann entfernten ſich Alle. Durand und Grain⸗de⸗Sel allein blieben zurück. Die Sonne war ſchon lange hinter den Bergen von Trez⸗ nier untergegangen, als die beiden Freunde noch neben dem Grabe Kernok's ſaßen, ſtumm und nachdenkend, das Geſicht mit beiden Händen bedeckend. Ende des dritten Bandes. 8 8 — — ₰ — * * 8 — * 8 *— = — S 8 8 — G *—— FlLa ne— — — —— er⸗ oenqae