t ahrr arar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. franz. od. engl. 7 2 Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ———— auf 6 Monat: fl. 30 Kr. Kr. 1 fl. 12 Kr. 1 „„„„ 2„ nrt — 5 Srrtararatar urhhrhrhrarhrrrar raururarararar 1 — — Die Euearacha. Zweiter Band. 6 3 . Zweite, eorreete und wohlfeilſte Ausgabe.* —re Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand⸗ — Die Cucaracha. Von Eugen Sue. von Dr. A. Diezmann. Zweiter Band. Zweite, correcte und wohlfeilſte Ausgabe. Leipzig, 1844. Verlag von HOtto Wigand. —— „ 3 5 * I. Pariſer, S. m. die größte Beleidigung, die höchſte Schmach für einen Matroſen. Auf den Schiffen Bezeich⸗ nung eines armen Teufels und zuweilen auch eines Tauge⸗ nichts. Villaumez, Marinedict. 438. Machieu Guichard war der Sohn des Schloſſers Jean Guichard in der Rue St. Benoit. Mathieu Guichard war ungefähr ſiebzehn Jahre alt, von mittlerer Größe, mager, nervös und blaß; ſeine Augen waren grau, ſeine Haare braun, dünn und fein; ſein Geſicht verrieth ein ſonderbares Gemiſch von Liſt und Albernheit, Trägheit und Lobhaftigkeit; ſeine graue, matte Geſichtsfarbe hatte jenes fleckige, krankhafte Ausſehen, welches den Pariſer Kindern aus einer ar⸗ men, arbeitſamen Claſſe eigenthümlich iſt. So viel von den phyſiſchen Eigenſchaften Mathieu Guichards. Was die moraliſchen betrifft, wenn Mathieu deren über⸗ haupt hatte, ſo war er unverſchämt, ſpottſüchtig, verſteckt, wol⸗ lüſtig, träg und naſchſüchtig; weder ungläubig noch gläubig, noch ſkeptiſch, aber verteufelt gleichgültig gegen alle religiöſe Dinge, rief er den Namen Gottes nie anders an, als auf eine ſo abſcheuliche Art, daß es beſſer geweſen wäre, ihn gar nicht auszuſprechen. Aber in der That darf man deshalb dem armen Jungen nicht zürnen, denn die erſten Worte, welche ſein Vater, Jean Guichard, ehemaliger Kanonier, ihn ſtammeln lehrte, waren die fürchterlichſten Flüche, die man ſich denken kann. Das war die Zerſtreuung, die Freude des alten Soldaten; Abends, nach ſeinem anſtrengenden Tagewerke, fand er den höch⸗ ſten Genuß darin, ſich neben ſeinen erloſchenen Schmiedeherd zu ſetzen, Mathieu auf ſeine ſchmutzige Lederſchürze zu heben und die fürchterlichſten Flüche aus dem Kindermunde zu vernehmen. Seiner Frau, die zuweilen von Gebeten zu reden wagte, ant⸗ * 8 wortete er dann:„Ich bin weder getauft, noch eingeſegnet, noch „ſonſt etwas; ich habe Dich nur durch Civilehe geheirathet und „will nicht, daß mein Sohn ein Kuttenträger oder ein Jeſuit „werden ſoll.“ Mathieu täuſchte übrigens die Erwartungen ſeines vor⸗ trefflichen Vaters durchaus nicht, denn der wüpdige Junge war keineswegs Jeſuit. 8 Mit zehn Jahren verſetzte er ſeiner Mutter Fußtritte, ſchmähte die Greiſe, ſtahl ſeinem Vater die Nägel, um ſie zu verkaufen, that in der Werkſtatt gar nichts, empfing derbe Prügel von ſeinem Herrn Vater, und brachte ſeine Tage außerhalb des Hauſes zu. Mit zwölf Jahren kannte Mathieu, wie man zu ſagen pflegt, die Liebe, warf die Fenſterſcheiben ein, prügelte die Wache und war einer der Coriphäen des Amphitheaters de'Ambigu und der Funambules. Dieſe Abſcheulichkeiten nahmen täglich zu, und ſeine Ausſchweifungen wurden endlich ſo groß, daß ſie den Ruf, die Ehre und die Erſparniſſe Jean Guichards zu ver⸗ ſchlingen drohten, der dem Strome vergebens das kräftige Mittel mehrerer Eichen- oder Büchenknüppel entgegengeſetzt hatte, die auf dem Rücken Mathieu's zerſprungen waren, ohne in deſſen ſchlechten Gewohnheiten irgend etwas zu ändern. Zum Glück erinnerte ſich Jean Guichard einer Volkstradition, die in Frank⸗ reich, und beſonders in Paris ſehr allgemein iſt, und die darin beſteht, die Marine als eine Art von Bagno zu betrachten, eine Schundgrube, in welche man jede Art geſellſchaftlichen Unraths werfen kann. Wenn daher der Sohn einer vornehmen Familie eine jener köſtlichen Dummheiten begeht, die man ſich nur in der Morgenröthe des Lebens zu Schulden kommen laſſen kann, ſo verſammeln ſich die vornehmen Verwandten und ſprechen mit ernſter Miene das Urtheil, daß man den Don Juan einſchif⸗ fen und nach den Inſeln ſchicken muß, ſich die Hörner abzu⸗ laufen. Wenn ein Gaſſenbube das Schrecken ſeines Stadt⸗ viertels wird, ſeinen Ausſchweifungen keine Grenzen mehr ſetzt, und der Commiſſair ihm ſchon vergeblich mit Gefängniß und Galeeren gedroht hat, läßt er das furchtbare Crescendo ertönen, ihn zum Schiffsjungen zu machen. Eines Morgens alſo ſtieg der Vater nach dem Dachkäm⸗ merchen ſeines Sohnes hinauf, der durch ich weiß nicht welchen 6 — 4— —, — 9 Zufall oder welche Unregelmäßigkeit in ſeinem Lebenswandel unter dem väterlichen Dache geſchlafen hatte. Indem Mathieu die Augen aufſchlug, bebte er zuſammen; denn er ſah, daß ſein Vater keinen Stock in der Hand trug. „Er will mich erwürgen!“ dachte der Elende. „Höre, Mathieu,“ ſagte der Vater ſehr gelaſſen,„Du biſt funfzehn Jahresalt und der größte Taugenichts, den ich kenne; Prügel helfen nichts mehr, und Du wirſt durch die Guillotine endigen. 8,3ch war Soldat und bin ein rechtſchaffener Mann, alſo kann das mit Dir ſo nicht weiter gehen: Du wirſt mich nach Havre begleiten. „Wann?“ „Auf der Stelle; kleide Dich an!“ Mathieu ſagte kein Wort, kleidete ſich an, blickte ſeitwärts nach der Thür und war mit zwei Sätzen an der Treppe; aber der Urheber ſeiner Tage war ſeinen Bewegungen gefolgt, und Mathieu fühlte ſich von deſſen kräftigen Schloſſerfäuſten zurück⸗ gehalten. „Nicht ſo raſch, mein Junge,“ ſagte ſein Vater, und ging ihm voraus in die Werkſtatt; hier ſchickte er ſeine Frau, welche heftig weinte, nach einem Cabriolet, ſtieg mit ſeinem Sohne Mathieu hinein, und dieſer fühlte eine Thräne in ſeinen Augen, als er ſeine Mutter weinen ſah, aber weinen, daß es einem die Seele zerriß. „Kutſcher, nach den Diligencen,“ rief Jean Guichard. Aus dem Cabriolet ſtieg Mathieu unter der Eskorte ſeines Vaters, der ihn nicht einen Augenblick verließ, in die Diligence. Am nächſten Tage war man in Havre. In jedem Handelshafen giebt es Gaſtwirthe, welche die unbeſchäftigten Matroſen auf Credit beköſtigen. Finden ſie wieder eine Anſtellung, ſo bezahlen ſie dem Wirthe, was ſie ihm ſchul⸗ dig ſind, und landen ſie nach der Fahrt, ſo verzehren ſie bei ihm, was ſie ſich auf der Reiſe erſparten. Dann folgt der Credit wieder auf die baare Zahlung; ſo geht es im Wechſel fort, bis eine Welle des Cap Horn oder ein Tropenfieber der Alternative guter und ſchlechter Tage ein Ziel ſetzt. In dieſen Tavernen recrutiren die Offiziere der Handels⸗ ſchiffe ihre Equipagen. Der Schaffner der Diligence, welchem Jean Guichard ſeine — 40 Abſicht mitgetheilt hatte, wies ihn daher an den Wirth des „Tau ohne Ende“, indem er ihm mehrere Inſtructionen gab. Zunächſt wurde Mathieu in ein dicht vergittertes Stübchen ge⸗ ſperrt, welches ſich erſt am nächſten Morgen gegen neun Uhr wieder öffnete. „Das iſt der tüchtige Burſche,“ ſagte Jean Guichard, indem er eintrat, zu einem großen, braunen, dunhelrothen Manne, indem er auf ſeinen Herrn Sohn deutete. „Weiter nichts?“ erwiderte der große Mannz„der Hunde⸗ junge würde ja kaum gut genug ſein, meinem Schiffsjungen die Pfeife anzuzünden, wenn derſelbe rauchte.“ „Sie haben mir verſprochen, Capitain,“ entgegnete Jean Guichard. „Ich habe verſprochen, und ich werde halten.— Der Wind iſt günſtig; um elf Uhr ſegle ich, und jetzt iſt es neun.— Vor⸗ wärts, laß ſchießen, Pariſer;— Du biſt gut getauft, aber ich werde Dich umtaufen, und nach zwei Tagen kann man Dich „den Zerbläuten“ nennen.“ Mathieu Guichard erkannte ſehr wohl, was ihm bevor⸗ ſtand; er prüfte mit bewundernswerther Schnelligkeit die Mög⸗ lichkeiten, die ihm blieben, zu entfliehen oder ſich dem Willen ſeines Vaters zu widerſetzen, und da er keine fand, fügte er ſich. Jean Guichard ſagte ihm:„Beſſere Dich, Mathieu, werde ein guter Junge, und wir ſehen uns wieder.“ „Niemals!“ erwiderte Mathieu, indem er ſich der letzten Umarmung ſeines Vaters entzog und dem Capitain auf den Ferſen folgte, ein munteres Liedchen pfeifend. „Wenn er nicht zurücktäme!“ dachte der Schloſſer.„Pah!“ tröſtete er dann ſich ſelbſt;„die verirrte Taube kehrt ſtets zu ihrem Schlage zurück.“ Gleichwohl war Jean Guichard noch lange Zeit ſehr traurig. — — —— —— 1¹ II. Die„Charmante Louiſe“, eine Brick von 100 Tonnen, nach Fernambuk verladen, war ſeit fünf Tagen, mit dem einzi⸗ gen Erben der Familie Guichard an Bord, von Havre abge⸗ ſegelt. Denn Mathieu war wirklich als Schiffsjunge aufgenom⸗ men worden. Dieſer Typus der Pariſer Bevölkerung, die, ich weiß nicht aus welchem Grunde, für ſo ſchwatzhaft und ſo verwundert gilt, wunderte ſich über nichts, ſondern fand für alles Neue, was er ſah, einen Vergleich. Als ein Matroſe ihm den Haupt⸗ maſt der Brick zeigte, und dabei ſagte:„Du wirſt da nicht hin⸗ aufklettern, Pariſer!“— antwortete dieſer:„Bekannt! Ich bin wohl zwanzigmal an der mit Seife beſtrichenen Kletter⸗ ſtange hinaufgeklettert, und das iſt ganz etwas Anderes, als wenn man ſich mit all den Seilen helfen kann.“ Da man ſeine Geſchicklichkeit in Zweifel zu ziehen ſchien, kletterte der Pariſer mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens auf die Spitze des großen Maſtes, ohne durch das Katzenloch zu kriechen, und ſtieg ſo ſtolz wie ein Advokat über das große Stag herab. „Was hat mir denn ſein Vieh von Vater vorgeſungen?“ ſagte der Capitain, als er Mathieu's Geſchicklichkeit ſah;„aber er ſieht ſchon nicht ſo ganz übel aus, ſein Herr Sohn.“ Der Wind war friſch, und die See ging ziemlich hoch; die Matroſen rechneten darauf, daß der Pariſer ſeine Hemden zählen würde. Nichts da! Der Pariſer hatte nicht den leich⸗ teſten Anfall der Seekrankheit; er kaute ſeinen Zwieback, zerfetzte ſein Rindfleiſch wie mit Stahlzähnen, trank eine doppelte Por⸗ tion Wein, weil er einem Tiſchgenoſſen die ſeinige mauſte, und rauchte dann auf dem Deck wohlgemuth ſeine Pfeife. „Macht Dir denn das Schlingern gar nichts aus, Wil⸗ der?“ fragte ihn einer der Matroſen,— ſehr verdrießlich, denn er hatte nicht nur darauf gerechnet, ſich an den Verdrehungen des Pariſers zu ergötzen, ſondern auch ſeinen Wein zu trinken, während er an der Seekrankheit darniederliegen würde. „Bekannt!“ erwiderte Mathieu ſehr gelaſſen, indem er eine tüchtige Dampfwolke von ſich blies.„Ich habe mich in ⁰ 12 den Champs⸗Elyſées zu oft auf der Schaukel und der ruſſiſchen Schaukel amüſirt, als daß mir das etwas ausmachen könnte.“ Und dieſer Antwort folgten ungeheure Tabackswolken, welche den Pariſer für kurze Zeit Aller Augen entzogen. Als der Rauch verſchwand, zeigte ſich das lächelnde Geſicht des Capitains; er hatte Alles gehört und zu ſich ſelbſt geſagt: „Ganz offenbar iſt der Vater ein alter Dummkopf, und ſein Sohn mehr werth, als er ſelbſt.“ Dann rief er Mathieu zu: „Von heute an, mein Sohn, ſollſt Du nicht mehr Schiffs⸗ junge, ſondern Novize ſein.“ „Wie Ihr wollt,“ erwiderte Mathieu gleichgültig. Am nächſten Morgen ging der Capitain, der Alles be⸗ merkte und auf dem Deck nur die fünf Matroſen der Quatier⸗ wache erblickte, in das falſche Deck hinunter, trat aber leiſer auf, als er ſich dem Vordertheile näherte, denn er hörte ſehr laute Stimmen; es war wieder der Pariſer. „Der Schurke iſt ſogleich Novize geworden; das iſt un⸗ gerecht, und er muß gekielholt werden,— gekielholt!“ ſo riefen die Schiffsjungen. „Das könnt Ihr, wenn Ihr wollt,“ erwiderte der Pariſer unter gräßlichen Flüchen,„aber ich räche mich.— Ich bin zwar allein, aber das thut nichts; kommt nur an.“ „Aber Schuft, der Du biſt,“ rief einer der Redenden,„wes⸗ halb läßt Du es Dir einfallen, nicht ſeekrank zu werden, und die Spitze des Maſtes eben ſo ſchnell zu erklettern, wie wir?— He Das iſt eine Liſt, um den Vorgeſetzten zu ſchmeicheln.“ „Ja!“ riefen die Anbern im Chore,„er thut es abſichtlich.“ „Dört, ſagte der Pariſer,„wenn Einer von Euch, Einer allein, etwas mit mir zu thun haben will, ſo laßt uns Jeden eines jener mit Eiſenſpitzen verſehenen Dinger nehmen,(er deu⸗ tete auf mehrere Splißhörner) und die Sache als tüchtige Bur⸗ ſchen ausmachen.“ „Angenommen!“ antwortete der Redner. „Ganz gewiß,“ dachte der Capitain,„der Vater 6 gekielholt zu werden, und der Sohn iſt ein ausgezeichneter Menſch.“ Hierauf ſchritt er mit ſeiner Autorität ein und machte dem Streite ein Ende; am Abend jedoch fand der Kampf ſtatt und fiel zum Vortheil des Pariſers aus. Da dieſer ſich nun aus den wiederholten Prüfungen ſo — vortrefflich herausgezogen hatte, wurde er an Bord von jetzt an in Ruhe gelaſſen, und genoß die Achtung ſeiner Vorge⸗ ſetzten, ſowie die Freundſchaft ſeiner Kameraden. HI. Hätte der Capitain Mathieu Guichards irgend eine ana⸗ lytiſche Gabe beſeſſen, hätte er ganz gewiß Gelegenheit gefunden, ſie durch das Studium vom Charakter ſeines Matroſen zu üben; aber der treffliche Capitain analhſirte nicht viel, ja, er analyſirte gar nicht; er begnügte ſich damit, Mathieu zu prügeln oder ihn mit ſeiner Gunſt zu überſchütten, je nachdem Mathieu ſich gut oder ſchlecht aufgeführt hatte. Ohne ſich damit zu unterhalten, von den Wirkungen auf die Urſachen zurückzugehen, ſchloß er die Rechnung, nachdem er das Reſultat geprüft hatte, und fand, Nwie er ſagte, als Facit einen Tauhieb oder ein Glas Grog. Seitdem Machien ſich an Bord der„Charmante Louiſe“ befand, wäre es übrigens ſchwer geweſen, genau zu beſtimmen, ob die Wageſchale auf der Seite der Strafe oder auf der der Belohnung ſank, und in der That hatte der Teufelskerl weder gewonnen noch verlorenz denn eine Seele, die man jung in die ausdörrende Pariſer Luft getaucht hat, wird darin ſo bronzirt, daß ſie für beſtändige Zeiten ihre Farbe hält. Mathieu hatte daher auf das Schiff jene ſorgloſe Trägheit und jene plötzliche, nervöſe Thätigkeit mitgebracht und auf dem⸗ ſelben bewahrt, jene fieberhafte Exaltation, welche macht, daß man einen ungeheuern Graben überſpringt, aber nicht jene ge⸗ duldige und ausdauernde Kraft, deren man bedarf, um einen hohen Berg zu erſteigen. Sollte bei ſchönem Wetter ein ſchwieriges Manövre vor⸗ genommen werden, ſo war der Pariſer träge, unluſtig, nach⸗ läſſig; pfiff aber der Wind durch das Tauwerk, grollte der Donner, ſo hätte man glauben ſollen, das Gewitter wirke auf dieſe reizbare Organiſation und verhundertfache die Kraft und Entſchloſſenheit derſelben; dann war der Pariſer auf den äußer⸗ ſten Spitzen der Raaen; denn hier galt es weder, eine Laſt auf⸗ zuheben, noch ein Ruder mühſam zu handhaben, ſondern nur ein Tau zu kappen. In der That ſtand dabei das Leben auf dem Spiele, aber das war nicht anſtrengend, und der Pa⸗ riſer blieb deshalb eben ſo ruhig und kaltblütig wie der älteſte Matroſe. Kehrte das ſchöne Wetter zurüͤck, ſo wurde der Pariſer auch wieder, was er geweſen, was er beſtändig war, was er ſtets ſein wird, d. h. träg, unverſchämt, ſpottſüchtig, weil er den leb⸗ haften, ſcharfen Geiſt der Pariſer Straßen hatte; liſtig, weil er ſchwach war; und dennoch hatte er über die Equipage und ſo⸗ gar über den Capitain ſelbſt durch ſein Schandmaul(man verzeihe mir dieſen gemeinen Ausdruck ein auffallendes Ueber⸗ gewicht gewonnen. Man nußte den verdammten Pariſer oft krummgeſchloſſen in den Maſtkorb hängen, denn wenn man ihn auch mit Schlä⸗ gen bedeckte, ſo verlor er des halb weder eine Neckerei, noch eine Aeußerung des Spottes, noch eine Stunde des Schlafes. Er machte alle Welt nach. Wollt Ihr den Capitain ſehen?— Das iſt der Capitain mit ſeiner heiſeren Stimme, ſeinem halbgeſchloſſenen Auge, ſeinem Lieblingsfluche; leiht dem Pariſer den grauen Wintermantel und den gewichſten Hut des Capitains, und Ihr habt deſſen frappant ähnliches Bild. Wollt Ihr den Schiffskoch?— Da iſt er, mit ſeinem krum⸗ men Beine und ſeinem dummartigen Stottern. Und die Trinklieder! Und die Romanzen! Und die Bruch⸗ ſtücke aus Luſtſpielen, Melodramen, Opern, die der Pariſer ganz allerliebſt vortrug, indem er Stimme, Haltung und Ma⸗ nieren der Schauſpieler und Sänger copirte. Die Matroſen und der Capitain lachten dabei, daß ihnen die Thränen in die Augen traten, und konnten weiter nichts ſagen, als: „Verwünſchter Pariſer!— Geh, Du haſt Deinen rechten Namen bekommen!“ Es war nicht auszuhalten; man vergaß darüber das Ma⸗ növer; der Steuermann ſteuerte der Quere; man ſchlief an Bord nicht mehr, wenn der Pariſer ſprach; die Hängematten wurden leer, und man mußte die treuherzigen, ſonneverbrannten Ge⸗ ſichter der Matroſen ſehen, wie ſie im Kreiſe daſaßen, aufmerk⸗ ſam zuhorchend, und mit der größten Ernſthaftigkeit alle Lügen des Pariſers anhörend. Und dann fuhr auch der Pariſer fort, ſich über nichts zu —— —— — wundern. Die Matroſen hatten ſeiner in den Colonien ge⸗ wartetz ſie rechneten auf den Eindruck, den die Schwarzen, die Palmen, die Kokusnußbäume machen würden,— das Zucker⸗ rohr, und was weiß ich noch Alles. Aber nichts da! Das ewige:„Bekannt!“ warf ſo weiſe Vermuthungen über den Haufen. Der Pariſer hatte Neger im Robinſon geſehen, Pal⸗ menbäume im Jardin des Plantes, auf dem Pontneuf für zwei Sous ein Zuckerrohr gekauft und eine Kokusnuß ausgehöhlt, um ſeiner Geliebten eine Schale zu machen. Was ſollte man mit einer ſo enchelopädiſchen Natur anfangen? Schweigen und ſich wundern;— und das that denn auch die Equipage. IV. Es war ein Sonntag; die„Charmante Louiſe,“ welche ſich gewöhnlich auf die Reiſe nach den Antillen beſchränkte, war nach einer ſehr vortheilhaften Fahrt für Cadir beladen worden; ſie brachte Bordeaux⸗Weine und ſollte eres⸗Weine mit zurück⸗ nehmen. Der Pariſer, der die Colonien, die Negerinnen und Mu⸗ lattinnen überdrüſſig hatte, war nicht bös, ein wenig zu wech⸗ ſeln, wie er ſelbſt ſagte, und kaum war die Brick vor Anker gegangen, als der verdammte Mathieu, dreißig Franes reich, mit einem Satze am Ufer war. Auf dem Kopfe trug er ſtutzer⸗ mäßig einen Strohhut mit ſehr niedrigem Kopfe und ſehr breiten Rändern; dazu weiße weite Hoſen und eine blaue Jacke mit ſilbernen Ankerknöpfen; der Hemdekragen wurde durch eine ſchöne Kette zurückgehalten, die Liebesgabe einer ſchwarzen Dame auf Martinique. Es iſt unmöglich, nicht zu erklären, daß der Pariſer mit einer wunderbaren philologiſchen Fähigkeit begabt war. Sein Verfahren war ganz einfach und ſetzte ihn in den Stand, alle Schwierigkeiten zu heben, ohne Ausnahme einer einzigen Sprache oder eines Idiomes. Folgendes war ſeine Methode: Mußte der Pariſer einen Engländer nach dem Wege fragen, ſo ahmte er unerſchrocken die breite Ausſprache nach, die dieſen Inſelbewohnern in allen 16 Pariſer Theaterpoſſen beigelegt wird.— Wendete er ſich an einen Deutſchen, ſo erlitt ſein Accent eine leichte Modification; eben ſo machte er es bei einem Italiener, einem Amerikaner. Freilich muß man eingeſtehen, daß dieſe Methode zuweilen un⸗ vollſtändig blieb, daß häufig ſogar die Fremden, die ihn viel⸗ leicht verſtanden hätten, wenn er reines Franzöſiſch ſprach, bei dem unverſtändlichen Kauderwälſch taub blieben. Dann verſicherte er, daran wäre Eigenſinn, ſchlechte Er⸗ ziehung oder Nationaleiferſucht Schuld. So viel bleibt indeß gewiß, daß Mathieu nie die Verlegenheit, die Aengſtlichkeit empfunden hatte, welche den Fremden faſt immer befallen, wenn er ſich in einem Lande befindet, deſſen Sprache er nicht verſteht. Der Pariſer ſchritt daher auch durch das Seethor in Cadir eben ſo grade und feſt, als hätte er ſich ſieben Jahre über der Sprachlehre des Rodriguez 9 Berna in Badajoz oder in Toledo abgearbeitet. Mathieu befand ſich auf dem Fiſchmarkte; der Anblick, der ſich ihm hier bot, gefiel ihm: die belebte Menge, die maleri⸗ ſchen Trachten, die Männer mit kleinen Hüten und langen braunen Mänteln, die Frauen aus dem Volke mit ſeidenen Schuhen, die kleinen Füßchen, die kurzen Röckchen, die an die Hüften anliegenden Basquinen, die natürlichen Blumen, die mit Geſchmack in das Haar geflochten waren, das in dichten ſchwarzen Zöpfen herabhing, die lebhaften Bewegungen, der Solero,— das Alles nahm die Aufmerkſamkeit des Pariſers in Anſpruch, der bei ſich ſelbſt dieſe andaluſiſchen Schönheiten mit den dunkelfarbigen Töchtern der Antillen verglich, ſich aber mit dem Ausſpruche eines Urtheiles nicht übereilte, da es ihm noch an Beweiſen mangelte. Als er an dem Fuße der Treppe vorüberging, welche auf die Wälle führt, erhob er die Augen, und erblickte auf der Mitte dieſer escala ein Mädchen, welches ſehr raſch die obern Stufen erſtieg. Dieſe Aufſteigung geſtattete dem Pariſer, ein wunder⸗ ſchoͤnes Bein und einen zierlichen Fuß zu ſehen, und er ſtieg eiligſt die Treppe hinan. Da er mehr Dreiſtigkeit als Schüch⸗ ternheit beſaß, näherte er ſich ohne Umſtände, und ſah dem jungen Mädchen,— denn es war ein junges Mädchen, und noch dazu ein ſehr hübſches, grade in das Geſicht. Da er nicht wußte, wie er ſeine eigene Sprache entſtellen ſollte, um den 17 ſpaniſchen Dialekt nachzumachen, begnügte er ſich mit einem Infinitive und ſagte:„Spanierin, ſchönes Weib ſein.“ Das junge Mädchen erröthete, lächelte und ließ ihren Schleier tiefer herab. „Was der Teufel, wo habe ich denn das Spaniſche ge⸗ lernt?“ fragte ſich der Pariſer, überzeugt, verſtanden zu ſein, und indem er ſeiner neuen Eroberung mit großen Schritten folgte. Dem Douanengebäude gegenüber ging das Mädchen eine andere Treppe hinunter, ſah ſich um, erblickte den Pariſer, und ging über den kleinen Platz de la Torre, um in die Straße von Tideo einzutreten. Belebt, exaltirt, enthuſiasmirt, entzuckt, folgte ihr der Pa⸗ riſer; er wollte eben über die Straße eilen, als Kirchengeſänge ertönten, und ein langer Zug weißer Büßer aus einer Seiten⸗ ſtraße hervorkam. An der Spitze des Zuges wurden große Laternen getragen, dann kamen Reliquien, Blumen; hierauf folgte das Allerhei⸗ ligſte, und dieſem der Gouverneur. Es war eine feierliche Proceſſton, den Himmel um etwas Regen anzuflehen: denn die Dürre war im Jahre der Gnade 1829 ſehr groß. Statt ſich der Menge anzuſchließen, ſtieß der Pariſer einen gräßlichen Fluch aus, denn die Proceſſion ſchnitt ihm den Weg ab, und er zitterte, ſeine Andaluſierin mit dem ſchwarzen Auge aus dem Geſicht zu verlieren. Der Pöbel entblößte das Haupt bei dem erſten Schrei des Mönches, der den Zug eröffnete. Der Pariſer behielt ſeinen Hut auf, hob ſich auf die Spitzen der Zehen, reckte den Hals, hielt die Hand über die Augen, ſich gegen die blendenden Strahlen der Sonne zu ſchützen, und— ſah nichts,— weder die ſchwarze Mantille, noch das Blumen⸗ bouquet, welches das üppige ebenholzſchwarze Haar ſchmückte. Es kam ein anderer Mönch in grauer Kutte; er trug eine große Laterne, auf deren Scheiben menſchliche Geſtalten, von Flammen umgeben, abgebildet waren. Er deutete mit der einen Hand auf dieſe Geſtalten, und ſchüttelte mit der andern eine Almoſenbüchſe für die Seelen im Fegefeuer. Die Umſtehenden knieten nieder; Einige ſchenkten Gaben, Viele aber flüſterten unter einander, indem ſie auf den Pariſer Die Cucaracha. II. F 18 zeigten, der ſich mit der einen Hand auf den Rücken des Later⸗ nenträgers ſtützte, um ſich dadurch höher zu heben, und ſo wo möglich ſeine Audaluſierin zu ſehen. In dieſem Augenblicke zog ein prächtiges goldenes Käſt⸗ chen, mit blitzenden Edelſteinen beſetzt, und den Arm des heili⸗ gen Serono enthaltend, die allgemeine Aufmerkſamkeit an, Alle zur größten Frömmigkeit ſtimmend. Nur der Pariſer, der ſtehen geblieben war, unterbrach das religiöſe Schweigen der Menge durch einen Schrei, wie er dem Pariſer Pöbel eigenthümlich iſt, und wie man ihn zuweilen in den Vorſtadttheatern hört. Das kam daher, weil der Pariſer die Mantille und das Blumenbouquet im ſchwarzen Haar zu erkennen geglaubt hatte, und nun auf ſeine Weiſe rief. Dieſer wilde, ungewöhnliche, gottesläſteriſche Schrei machte, daß ſich alle Köpfe mit einem Male erhoben; da bemerkte die Menge erſt, daß der Pariſer vor dem Arme des heiligen Serono mit bedecktem Haupte ſtehen eblieben war, und es entſtand ein Gemurmel des Unwillens, das anfangs nur dumpf war, dann aber laut und lärmend wurde, als das Volk ſah, daß der Pariſer ſogar noch eine ver⸗ wegene drohende Stellung annahm. Das Allerheiligſte kam näher, und ſchon ſah man die gol⸗ denen Crepinen des Baldachins in der Sonne funkeln; der Weihrauch wirbelte aus den Becken empor, die Muſik ertönte, und die Mönche de la Merced ließen mit kräftiger Stimme fromme Geſaͤnge erſchallen. Die Zeit drängte; der Pariſer hielt tapfer Stand, drückte beide Hände auf ſeinen Hut, und ſchrie unter gräßlichen Flüchen, daß man nicht das Recht hätte, ihn zum Knien zu zwingen. Das heilige Sacrament war ganz nahe; ein Andaluſier von rieſenmäßiger Geſtalt griff den Pa⸗ riſer an; dieſer that einen gewaltigen Satz ſeitwärts, fiel zu den Füßen des Erzbiſchofs nieder, und ſtieß dieſen heftig. Da erſchallte lautes Geſchrei über Gottloſigkeit, Gottesläſterung; der Tumult wurde immer größer, und trotz der Bemühungen des Erzbiſchofs nahm er den Charakter der Rachgier an; Meſſer blitzten— es war um den Pariſer geſchehen. Corſarr. Ein 6 — — — — — — — — — 8 8 S — = 8 8 * — £ 5* — —= — &b * — — * — —= —= — — — 2 ———— Ich hatte von meinem Admiral einen Ur⸗ laub für mehrere Monate erhalten, und beſuchte zu meiner Un⸗ terhaltung alle Häfen des Canales von la Mancha, welche in unſerem letzten Kriege mit den Engländern eine ſo große Menge unerſchrockener Corſaren geliefert haben. Ich war damals noch ſehr jung, und da ich noch keinen Corſaren geſehen hatte, hätte ich Alles in der Welt gegeben, einen zu erblicken, aber einen wahren, ein ächtes Muſterbild, den Fluch und die Pfeife im Munde, in Ermangelung des Ta⸗ baks Pulver rauchend, mit blutigem Blick, und den Körper mit einem Netz von Wunden überzogen, deren Narben ſo tief wä⸗ ren, daß man den Finger hineinlegen könnte. Da ich an einem meiner Aufenthaltsorte der Küſte ganz unbefangen dieſen Wunſch gegen einen Freund meiner Familie ausſprach, einen ſehr liebenswürdigen und geiſtreichen Mann, an den ich empfohlen war, ſagte er:„Nun gut, morgen Mittag ſollen Sie mit einem Corſaren zuſammen eſſen.“ „Einem Corſaren?“ ſagte ich. „Einem wahren Corſaren,“ entgegnete er;„einem Corſa⸗ ren, wie es nur wenige giebt, und der allein mehr Priſen ge⸗ macht hat, als alle ſeine Brüder von Dünkirchen bis St. Malo.“ Ich ſchlief die Nacht nicht, und der Tag kam mir entſetzlich lang vor, obgleich ich den Verſuch gemacht hatte, den Manfred von Byron zu leſen, um mich auf die feierliche Zuſammenkunft vorzubereiten. 22 Um 8 Uhr begab ich mich zu meinem Freunde. Es iſt dumm, aber gleichwohl muß ich geſtehen, daß ich mich ſehr ge⸗ ſucht gekleidet hatte. Indem ich eintrat, kam mir mein Wirth mit Miene entgegen, über die ich unwillkührlich er⸗ ſchrack. „Unſer Corſar,“ ſagte er,„wird erſt gegen das Ende der Mahizeit kommen, denn er hat eine Conferenz mit dem Hafen⸗ capitain.“ „So werde ich warten,“ antwortete ich, und fühlte mein Herz ſich erleichtern. Man ging zu Tiſch. Ich ſaß neben der Frau meines Wirthes, und rechts neben mir ein Herr von 60 Jahren, der in dem Hauſe ſehr vertraut zu ſein ſchien, und den man nicht anders nannte, als kurzweg„Tom.“ Dieſer Mann, der einen ſchwarzen Rock trug, welcher ge⸗ gen ſeine Wäſche von der blendendſten Weiße ſcharf abſtach, hatte ein offenes, freundliches Geſicht, ein lebhaftes Auge, volle, glaͤnzende Wangen, und über ſeine ganze Perſon war ein Weſen der Gutmüthigkeit verbreitet, deſſen Anblick wohl⸗ thuend war. Er erzählte mir tauſend Dinge von ſeiner Stadt, auf die er ſtolz zu ſein ſchien, ſprach von den beabſich⸗ tigten Verſchönerungen, von der Nebenbuhlerſchaft zwiſchen der Schule der grauen Brüder und der des gegenſeitigen Unter⸗ richtes, und vertraute mir endlich mit einer Art ſtolzer Beſchei⸗ denheit, daß er Mitglied des Stadtrathes und Capitain der Nationalgarde ſei, und in der Fabrik) in einem gewiſſen Anſehen ſtände. Ich glaubte ihm auf das Wort. Das Alles hätte mich bei einer andern Gelegenheit ſehr intereſſirt, aber ich muß geſtehen, daß es mir jetzt langweilig vorkam, weil ich von Verlangen verzehrt wurde, meinen Corſaren zu ſehen; und er kam nicht! In Folge einer ſehr anzuerkennenden Aufmerkſamkeit, und mit der Abſicht, mich zu zerſtreuen, neckte unſer Wirth den Herrn Tom über einen gewiſſen Brunnen, der in Ruinen ver⸗ fiel, obgleich Herr Tom die beſondere Aufſicht über dieſen Stadt⸗ theil hätte. Wenn mein Freund durch dieſe Aufmerkſamkeit auch ſeinen Zweck nicht erreichte, ſo zog ich aus ſeinem Ge⸗ ſpräche doch wenigſtens die Ueberzeugung, daß Herr Tom, 4) Gouvernementsſitz. 25 neben ſeinen andern guten Eigenſchaften auch noch der gutmü⸗ thigſte und heiterſte Menſch von der Welt ſei. Man trug das Deſſert auf. Die Diener entfernten ſich, und ich war außer mir; endlich konnte ich nicht mehr an mich halten, und ſagte mit ſehr kläglicher Miene zu meinem Wirthe: „Ach, Ihr Corſar vergißt Sie!“ „Welcher Corſar?“ ſagte Herr Tom, der ganz ungezwun⸗ gen Nüſſe knackte. „Der Marine⸗Commiſſair, den ich eingeladen hatte,“ ſagte mein Wirth, indem er laut lachte. Ich ward roth wie Feuer, und ſo zornig, daß die Gegen⸗ wart der beiden Frauen nöthig war, um mich im Zaume zu halten. Ich weiß nicht, wohin meine Lebhaftigkeit mich geführt haben würde, als ich meinen Wirth ſtatt aller Antwort lächeln ſah, indem er die andern Gäſte anblickte, die ebenfalls lächelten. Herrn Tom nehme ich aus; der wurde roth bis hinter die Ohren, und blickte wie verſchämt auf ſeinen Teller. Selbſt der ehrliche Spießbürger iſt über den lächerlichen Auftritt erbittert, dachte ich bei mir ſelbſt, indem ich innerlich dem rechtſchaffenen Stadtrathe meinen herzlichſten Dank zollte. „Genug geſcherzt,“ ſagte hierauf mein Wirth mit dem Tone der Herzlichkeit;„entſchuldigen Sie es, wenn ich mein Recht als Greis brauchte, oder mißbrauchte, Sie gegen Ein⸗ drücke zu ſichern, die vorausberechnet ſind, denn ich glaube, daß man bei dieſem Vorurtheile die intereſſanten Menſchen ſchlecht würdigt. Findet man ſie ſo, wie ſie ſind, und nicht ſo, wie man ſie ſich dachte, ſo rächt unſere Poeſie ſich zuweilen an der Wirklichkeit, und erkennt aus Verdruß, falſch geurtheilt zu haben, ihren wahren Werth nicht anz oder man beharrt bei der Illuſion, die man ſich gemacht hatte.“ Ich ſah meinen Wirth ganz verwundert an. Ich war 16 Jahr alt, er 60, und dann fand ich ſeine weinigen Worte ſo verſtändig, und er ſprach ſie ſo wohlwollend aus, daß es mir unmöglich war, mich darüber zu ärgern. „Ein Beweis dafür,“ fügte er hinzu,„iſt, daß wenn ich Ihnen unſern Corſaren gezeigt, und dabei geſagt hätte: Das iſt er!— ſo würden Sie einen ganz andern Eindruck empfun⸗ den haben, als es jetzt der Fall iſt; und gleichwohl iſt der Un⸗ 24 erſchrockene, von dem ich Ihnen geſagt habe, hier unter uns, und hat mit uns gegeſſen.“ Ich machte eine Bewegung des ungläubigen Staunens. „Ich gebe Ihnen mein Wort,“ ſagte mein Wirth ſo ernſt⸗ haft, daß ich ihm glauben mußte. Ich betrachtete nun alle Geſichter, die mir freundlich zu⸗ lächelten, aber nichts von dem Corſaren wollte ſich mir zeigen. „Betrachten Sie uns genau!“ ſagte Herr Tom mit einem ſonderbaren Lächeln; hierauf deutete mein Wirth auf Herrn Tom und ſagte:„Ich habe die Ehre, Ihnen hier den Capitain Tomas S.. vorzuſtellen.“ „Den Capitain S.?— Sie ſind der tapfere Capitain S.?“ rief ich aus; denn der Name, die Unerſchrockenheit und die wunderbaren Kämpfe dieſes Mannes waren mir wohlbe⸗ kannt. Starr vor Bewunderung und Staunen blickte ich ihn an; mein Herz klopfte heftig und ſchnell. „Nun mein Gott ja, das Alles bin ich, ich ganz allein!“ ſagte der Corſar, indem er ganz ruhig fortfuhr, ſeine Nüſſe zu knacken und zu beißen. „Sie ſind der Capitain S.?“ ſagte ich noch ein Mal, in⸗ dem ich Herrn Tom mit den Augen verſchlang, und beinahe zu ſehen erwartete, daß nach dieſer Nachricht die Stirn des Stadt⸗ rathes ſich plötzlich mit drohenden Falten überziehen, ſein Auge blitzen, ſeine Stimme donnern würde. Aber nichts blitzte, nichts donnerte, ſondern der Corſar ſagte mit der größten Artigkeit:„Und ich ſtelle mich zu Ihrer Verfügung, um die Rhede und den Hafen zu beſichtigen.“ Dann machte er ſich wieder an ſeine Nüſſe; dieſe ſchien er mir für einen Corſaren zu ſehr zu lieben. In der That war ich ganz verwirrt, denn ohne zu viel zu pvetiſiren, hatte ich mir doch eine durchaus andere Vorſtellung von dem Manne gemacht, der ein ſo blutiges, abenteuervolles Leben führte. Ich konnte nicht begreifen, daß ſo viele gewaltige und fürchterliche Aufregungen keine Furche auf der glatten, heitern Stirn gezogen, keine Falte in die lächelnden, blühenden Wan⸗ gen gedrückt hätten. Mein Wirth, der mein Staunen ſah, ſagte zu dem Cor⸗ ſaren:„O, jetzt wird er Euch nicht glauben, Tom; um ihn zu überzeugen, ſprecht mit ihm vom Handwerk, oder noch beſſer, erzählt ihm Eure Flucht aus Southampton.“ Hier zog der Capitain Tom ein Geſicht. Auf meine Entgegnung beharrte mein Wirth nicht auf ſeinem Verlangen, und ich ſprach nun ernſt und heiter mit dem Capitain von einigen ſeiner glänzenden Waffenthaten, die für uns Schiffsaſpiranten ein Sporn des Ehrgeizes waren. Dieſe Aufmerkſamkeit ſchmeichelte dem Capitain Tom, und es entſpann ſich zwiſchen uns Beiden ein längeres Geſpräch; er gab mir ſelbſt einige Weiſungen über die Art zu kämpfen, aber das Alles mit einem ſo ſanften, ruhigen Ton und Weſen, daß es einen ſonderbaren Contraſt zu dem finſtern Gegenſtande unſeres Geſpräches bildete. Unter anderm werde ich nie vergeſſen, daß er auf meine Frage, wie er gewöhnlich den Feind enterte, ganz ruhig ant⸗ wortete, und indem er mit ſeiner Gabel ſpielte:„Mein Gott, ich enterte immer auf der breiten Seite, aber ich hatte eine Ge⸗ wohnheit, die ich für gut halte, und die ich Ihnen empfehle, gelegentlich anzuwenden, denn ſie iſt ſehr einfach.“— Das Alles ſagte er ungefähr in demſelben Tone, wie eine Hausfrau, die es nur ſchüchtern wagt, das Recept zu einer Confitüre zu empfehlen. „Dieſe Gewohnheit,“ fuhr er fort,„iſt folgende: In dem Augenblicke, wo ich Bord an Bord mit dem Feinde war, gab ich ihm eine volle Lage meines ganzen Musketen- und Kano⸗ nenfeuers, mit dreifacher Ladung vollgepfropft; Sie können ſich keinen Begriff von der Wirkung machen, die das hervorbrachte,“ ſagte der Capitain, indem er mit dem Ausdrucke wohlgefälliger Ueberzeugung den Kopf neigte. Ich nahm mir die Freiheit, dem Capitain zu verſichern, daß ich mir einen ſehr deutlichen Begriff von der Wirkung ma⸗ chen könnte, welche dieſe Gewohnheit hervorgebracht haben müßte, eine Gewohnheit, die in der That ſehr einfach ſei. „Pah!“ ſagte mein Wirth mit boshafter Miene;„Tom macht den Prahler, denn er ſagt Ihnen nicht, daß er ſich vor Geſpenſtern fuͤrchtet.“ „O, vor Geſpenſtern!“ erwiderte Tom ſehr heiter, indem er ſein Glas mit vortrefflichem Cüragao füllte. „Ja, vor Geſpenſtern!“ fuhr mein Wirth fort;„beſucht Euch der Menſch mit den ausgehackten Augen nie mehr?“ 26 Das Geſicht des Capitains nahm jetzt einen ſonderbaren Ausdruck an; er erröthete, ſein Auge belebte ſich zum erſten Male, und ſein geleertes Glas auf den Tiſch ſtellend, ſagte er zu mir, indem er ſich die grauen Haare aus der Stirn wiſchte: „Er will, daß ich meine Flucht aus Southampton erzählen ſoll, denn die verteufelte Geſchichte ſteht damit in Verbindung. — Nun, ſo hören Sie mir zu, junger Mann.“ „Tom,“ ſagte mein Wirth, indem er auf ſeine Frau und deren Freundin deutete,„denkt an die Damen.“ „Meiner Treu,“ erwiderte der Capitain,„wenn die Hitze der Erzählung mich fortreißen ſollte, ſo denken Sie ſich, meine Damen, daß an der Stelle des Wortes Punkte ſtänden.“ Ich weiß nicht, ob es eine Täuſchung war, oder die Wir⸗ kung des Cüragao, oder der finſtere und magiſche Zauber, den der ſtolze Name Corſar der Stirn eines jeden Mannes auf⸗ drückt, genug, als der Capitain ſeine Erzählung begann, be⸗ mächtigte er ſich der allgemeinen Aufmerkſamkeit durch eine ſtumme Bewegung des Befehles, und er ſchien mir jetzt ein von dem Stadtrathe ganz verſchiedener Menſch zu ſein. Der Capitain begann alſo mit folgenden Worten: „Es war, ſoviel ich mich erinnern kann, im Monat Sep⸗ tember 1812. Es blies ein hübſcher friſcher Nord⸗Weſt; ich hatte keinen ganz ſchlechten Kreuzzug gemacht, und kehrte nach Calais ganz ruhig mit einer Priſe zurück, einer Brigg von 280 Tonnen, mit Zucker und Holz beladen; plötzlich ſignaliſirte mein Lieutenant, der die Priſe kommandirte, ein auf uns zu⸗ kommendes Segel. Ich ſah Maſtkörbe, ſo groß wie ein Haus: es war eine Fregatte vom erſten Range. Die verdammte Brigg ſegelte wie ein Küſtenwächter; ich gab meinem Lieute⸗ nant Befehl, Segel aufzuſetzen, und begann, meinen armen kleinen Lugger mit ſo viel Leinwand zu bedecken, als er tragen konnte; er war glühend, wie ein Teufel, und verlangte nichts weiter, als vorwärts zu gehen; wir fingen deshalb auch an, Luft zu holen und tüchtig ſchießen zu laſſen, aber das hinderte unglücklicherweiſe die Fregatte nicht, nach dreiviertelſtündiger Jagd in unſern Gewäſſern zu ſein. „Um mich zu bitten, beizulegen, ſchickte ſie mir zwei Schüſſe, mir einen Novizen tödteten und drei Menſchen verwun⸗ eten. „Der Form wegen, nur der Form wegen, antwortete ich 27 durch eine Lage Kartätſchen, die ein halbes Dutzend Englaͤnder etwas zwickten; das war doch immer ſo viel, und damit Alles abgemacht. Ich wurde aufgebracht, aber von dem engliſchen Kommandanten mit der größten Achtung behandelt; er hatte von mir ſprechen hören, denn man machte mich zum dritten Male gefangen, aber ich war immer ſo glücklich geweſen, von den Pontons zu entwiſchen. „Wir kamen nach Portsmouth, ungefähr zu derſelben Stunde, zu welcher ich in Calais zu ſein gedacht hatte. Statt meine Mutter und meinen Bruder zu umarmen, meine Priſe in den Hafen zu bringen, und am Lande zu ſchlafen, kam ich geradewegs auf ein Ponton, und vielleicht für lange Zeit. Das war hart; aber damals war ich noch unternehmend, jung und kräftig; ich hatte einen guten Gürtel voll Guineen, und überdies ein ſo raſendes Verlangen nach Frankreich, daß es mich ſehr ſtark machte.— Als mir daher der Kommandant in Gegenwart ſeines ganzen dummköpfigen Generalſtabes eine Rede hielt, um mir zu ſagen, daß ich in Zukunft auf das Strengſte gehalten, in eine eigene Cajüte geſperrt, und jede Minute bewacht werden würde;— daß ich mein Leben auf das Spiel ſetzte, wenn ich die Flucht verſuchte;— kurz, als er mir eine ganze Menge ſchöner Worte vorſagte, antwortete ich ihm ſehr ruhig weiter nichts, als die wenigen Worte: „darauf—“ „Tom! Tom!“ rief mein Wirth ſehr zu rechter Zeit, denn der Capitain ſtand auf dem Punkte, in der Hitze der Erzäh⸗ lung ein etwas derbes Wort auszuſprechen. „Ei, das iſt wahr!“ rief der Capitain heftig;„darauf—“ „Tom,“ ſagte mein Wirth,„ich ziehe Eure Wahrheits⸗ liebe nicht in Zweifel, aber denkt doch an die Damen!“ „Ach ja ſo! Das iſt wahr!“ ſagte der Capitain.„Ich ſagte alſo: „Darüber mach' ich mich luſtig; ich werde doch entfliehen.“ „Das werden wir ſehen!“ entgegnete der Engländer. „Ich hoffe es wenigſtens,“ erwiderte ich, und ſo wurde ich nach Southampton⸗Lake an Bord des Pontons„die Krone“ geſchickt. „Southhampton⸗Lake iſt ein großer See, ungefähr funf⸗ zehn Stunden von Portsmouth; er hat keinen andern Abzug, als einen ſchmalen Kanal, der ſich in einen Arm des Meeres 28 ergießt, welcher von Nord⸗Oſt nach Süd⸗Weſt fließt; dieſer Meerarm ergießt ſich in den Kanal von la Manchä, nachdem er die Rheden von Portsmouth, Spitheat und St. Helena ge⸗ bildet, und die Inſeln Portſea, Haling, Torney umfloſſen hat. „Ich gebe eine ſo genaue Beſchreibung, um zu beweiſen, daß dieſer Teufelsſee eine unbezwingliche Lage hat, und des⸗ halb ganz vorzüglich dazu geeignet war, in demſelben ein Dutzend Pontons vor Anker zu legen, die damals einige Tau⸗ ſend franzöſiſche Gefangene enthielten, zu denen auch ich ſehr bald gehörte, indem ich an Bord der Krone gebracht wurde, eines enttakelten Kriegsſchiffes von 80 Kanonen. „Dieſes Ponton kommandirte ein Einarm, Namens Roſa, ein boshafter, verſchmitzter Kerl, wenn es je einen gab, übri⸗ gens aber ein ſchöner, junger und braver Burſche, der bei Tra⸗ falgar einen Arm verloren hatte. Er verabſcheute die Franzoſen eben ſo ſehr, als ich die Engländer; das war ganz in der Ord⸗ nung, und ich konnte ihm deshalb nicht zürnen, denn er gehörte ſeinem Lande an, und ich dem meinigen. „Den erſten Tag, als ich zu ihm an Bord kam, zeigte er mir ſein Ponton in allen Einzelnheiten, die Gitter, die Schlöſ⸗ ſer, die Fallen, die Schlingen, die Riegel, die eiſernen Stan⸗ gen, die Ronden, die man jede Viertelſtunde machte, die Unter⸗ ſuchungen, die den Wänden des armen alten Schiffes keine Ruhe ließen. Dann fügte er noch die Nachricht hinzu, daß ich außer dieſen Vorſichtsmaßregeln noch beſtändig einen Cor⸗ poral zu meinem Befehl haben würde, der mich eben ſo wenig verließe, wie mein Schatten, um, wie er ſpöttiſch bemerkte, dem geringſten meiner Wünſche zuvorzukommen. „Wollen Sie mir aber Ihr Ehrenwort geben, Capitain, keinen Verſuch zur Flucht zu machen,“ ſetzte er hinzu,„ſo dür⸗ fen Sie täglich an das Land gehen, und an Bord ſoll Ihre Kajüte nie unterſucht werden.“ „Sie ſind zu liebenswürdig,“ erwiderte ich ihm,„aber das Wort gebe ich Ihnen nicht, und zwar, weil ich Abends und Morgens, Tag und Nacht, nur einen Gedanken, eine Ab⸗ ſicht, einen Willen habe:— zu entfliehen!“ „Sie haben ganz Recht, und an Ihrer Stelle würde ich eben ſo handeln,“ antwortete der Einarm,„aber ich muß Sie auf etwas aufmerkſam machen: Sie fordern mich heraus, und um Sie zurückzuhalten, wird mir jedes Mittel recht ſein.“ 29 „Das iſt vollkommen in der Ordnung,“ erwiderte ich, „weil mir zur Flucht ebenfalls jedes Mittel recht iſt.“ „Die Thatſache iſt, daß der Teufel darin ſaß, von dort zu entfliehen. Denken Sie ſich, daß alle Luken und Oeffnun⸗ gen, durch welche das Licht in die Batterien fiel, vergittert und wieder vergittert, und noch einmal vergittert waren, ſo, daß man nicht daran denken konnte, hindurchzukommen, und zwar um ſo weniger, als die Stangen fünf⸗ bis ſechsmal täglich, und eben ſo oft des Nachts unterſucht wurden. Und nahm man ſelbſt an, daß man durch eine dieſer Luken hätte kommen können, ſo lief doch unter denſelben rings um das ganze Schiff her eine Gallerie, auf welcher beſtändig Schildwachen hin und hergingen. Wäre man auch wirklich dieſen Schildwachen ent⸗ gangen, ſo hätte man doch ſchwerlich den Ronden der bewaff⸗ neten Böte entgehen können, die ſich während der Nacht, im eigentlichſten Sinne des Wortes, um die Pontons her kreuzten. Hätte man nun auch noch dies Glück gehabt, ſo hätte man doch noch ſchwimmend die Ufer des Sees erreichen müſſen, die auf allen Seiten wenigſtens anderthalb Stunden von dem Ponton entfernt waren. „Das iſt noch nicht Alles. Wenn das Waſſer des Sees überall tief oder durchwatbar geweſen wäre, ſo hätte man die Fahrt, obgleich mit größter Gefahr, doch noch möglicherweiſe zurücklegen können; was aber die Sache beinahe ganz unaus⸗ führbar machte, war, daß man, um das Ufer zu erreichen, über drei Schlammbänke mußte, die ſo dicht waren, daß man ſie weder durchſchwimmen noch durchwaten konnte. „Die Wahrheit zu ſagen, ſo bildeten dieſe Schlammbänke zum Theil die größte Sicherheit der Pontons. „Ueberdies diente auch noch die Spionerie den Englän⸗ dern, denn es giebt überall Verräther und auf den Pontons noch mehr als anderwärts, denn das Elend entwürdigt; von zehn mißglückten Fluchtverſuchen ſcheiterten daher auch immer neun an dem Verrathe falſcher Brüder. „Die Gefangenen hatten zwar verſucht, dieſem Uebelſtande dadurch abzuhelfen, daß ſie die Verräther, von denen ſie ver⸗ kauft wurden, niedermetzelten, wenn der engliſche Commandant ſie ihrer Rache nicht ſchnell genug entzog; aber das half nichts, ſondern die Angeberei ging ruhig ihren Weg, weil die Englän⸗ der ſie gut bezahlten. „Ich war acht Tage an Bord der Krone, als man eines Morgens erfuhr, daß ein gewiſſer Dubreuil, ein Matroſe aus meiner Provinz, und übrigens ein ziemlich ſchlechter Kerl, wäh⸗ rend der Nacht entflohen ſei; er hatte, wie es ſchien, am Abend zuvor Mittel gefunden, ſich in einer großen Runden⸗Schaluppe zu verſtecken. Als das Boot im Gange war, hielt man ihn, bei der Dunkelheit der Nacht, für einen dienſtthuenden Matro⸗ ſen; als er dann den günſtigen Augenblick erſah, ſprang er in das Waſſer, tauchte unter, und verſchwand, ohne daß man ſei⸗ ner wieder habhaft werden konnte. „Sie können denken, ob dieſe Nachricht mein Verlangen reizte, ebenfalls zu entfliehen; aber ich fand keinen ſichern Men⸗ ſchen, dem ich mich anvertrauen konnte, und wollte aus den angegebenen Gründen nicht zu viel wagen. Da führte mein guter Stern als Gefangenen an Bord der Krone einen mir be⸗ freundeten Capercapitain, einen zuverläſſigen und unternehmen⸗ den Menſchen— kurz einen Mann.— „Sobald wir uns erkannt hatten, ſahen wir, ohne es ge⸗ gen einander auszuſprechen, ſogleich die Nothwendigkeit ein, unſere Freundſchaft vor dem engliſchen Commandanten zu ver⸗ bergen. Ich ſtellte mich daher auch immer, als ſei ich mit Til⸗ mont— ſo hieß der Capitain— weit eher verfeindet als be⸗ freundet. „Tilmont hatte einen alten Matroſen Namens Jolivet bei ſich, auf den er ſich verlaſſen konnte, denn ſie ſchifften ſeit 20 Jahren mit einander. Wir verabredeten uns, und am achten Tage nach der Flucht Dubreuils war die Sache im guten Gange. „Am Morgen dieſes Tages ließ der Einarm mich in ſeine Cajüte rufen; er war ſehr heiter, und ſtrich ſich das Kinn mit einem ſolchen Ausdrucke, daß man ihm weit eher hätte die Rippen zerbrechen, als guten Tag ſagen mögen. „Capitain,“ ſagte er zu mir,„Sie wollten hohes Spiel gegen mich ſpielen, und haben verloren; das iſt ein Unglück, und ein ander Mal wählen Sie Ihre Vertrauten beſſer.“ „Wie das?“ fragte ich, ohne eine Miene zu verändern. „Ja,“ erwiderte er, indem er gleichgültig ſeinen Kragen abſtäubte,„ja, Sie wollten morgen oder übermorgen durch ein Loch entfliehen, welches Sie an Backbord, in der Nähe der Löwen⸗ höhle, durch die Belleidung des Schiffes gebrochen hatten. Ein 54 gewiſſer Jolivet machte das Loch; Sie gaben ihm dafür 10 Louisd'or, und er forderte von mir 15 Guineen, die ich ihm ſehr ſchnell gab, weil ich es wohlfeil genug fand.“ „Wie Sie wohl denken können, ſtellte ich mich ſo wüthend, als würde ich Jolivet erwürgt haben, hätte ich ihn unter mei⸗ nen Händen gehabt.„Eine ſo wohlüberlegte Flucht!“ rief ich aus, indem ich vor Zorn bebte;„eine Flucht, die auf dem Punkte ſtand, zu gelingen!“ „Ich begreife, daß das ärgerlich iſt,“ ſagte das Ungeheuer von einem Engländer,„aber um Sie zu tröſten, Capitain, laſ⸗ ſen Sie uns auf das Gelingen Ihres nächſten Verſuches ein Glas Madeira mit einander trinken.“ „Ei,“ ſagte ich, indem ich that, als ob ich gute Miene zum böſen Spiele machte,„das läßt ſich von vorn anfangen, und zum Glück bleiben auch genug andere Stellen übrig, wo man durchbrechen kann.— Da man ſich einer ſolchen Sache wegen nicht umbringen kann, tranken wir auf das Gelingen des nächſten Fluchtverſuches, wie er es mir vorgeſchlagen hatte, und gingen dann in der untern Batterie mit einander auf und nieder. „Ich war, oder ſchien vielmehr, äußerſt niedergeſchlagen, während der Einarm nie heiterer geweſen warz er lachte, pfiff und ſang, falſch wie alle Engländer, und konnte ſeine Freude nicht verbergen, meine Flucht vereitelt zu haben, was ihm übri⸗ gens nicht zu verargen war. „Als wir ſeit einer halben Stunde in der untern Batterie auf und niedergingen, er ſtets heiter, ich ſtets traurig, entſtand plötzlich über unſern Köpfen, in der Batterie der IsPfünder, ein Höllenlärmen, und unterbrach unſer Geſpräch, welches ohnehin nicht ſehr lebhaft war. „Was iſt das?“ fragte der Commandant einen Aſpiranten, der eben herunterkam. „Commandant,“ ſagte der Aſpirant,„die Gefangenen tanzen; ſie haben ihren täglichen Ball.“ Da ſagte der Schelm von Einarm:„Laſſen Sie ſie auf⸗ hören; dieſe Freude ſchickt ſich für die Gefangenen an dem Tage nicht, an welchem der Fluchtplan eines ihrer Landsleute ſchei⸗ terte.— Laſſen Sie ſie für heute aufhören.“ „Und ehe ich ihn daran hindern konnte, ſtieg der Hund von einem Kadetten auf das Deck, und der Lärmen, der don⸗ nerte, daß er uns betäuben konnte, hörte augenblicklich auf. chenblaß, denn in dem Augenblicke, wo der Tanz endete, ließ „Da,— ich geſtehe es,— ward ich unwillkührlich lei⸗ ſich ein leiſes Geräuſch, zum Glück für Jeden als für mich un⸗ hörbar, hinter der Wand von dem Zimmer Tilmonts verneh⸗ men, unmittelbar über welchem die Tänzer ſich am liebſten lu⸗ ſtig zu machen ſchienen. Dieſes leiſe Geräuſch, welches dem Kreiſchen einer Säge glich, währte kaum eine Sekunde fort, als der Tanz den Fußboden der Batterie nicht mehr erſchütterte, aber, wie geſagt, dieſe Sekunde reichte hin, mir Höllenangſt zu bereiten; hätte man mir das Herz durchſägt, es wäre nicht ſchlimmer geweſen. „Zum Glück hielt der Einarm meine Bläſſe für die des Zornes, denn augenblicklich ſchrie ich wüthend:„Und ich, mein Herr, ich widerſetze mich Ihrem Befehle; die armen Leute zu beſtrafen, weil ich albern genug war, mich anführen zu laſſen, iſt ungerecht; Sie wollen mich meinen Landsleuten verhaßt ma⸗ chen, und das iſt eine Schlechtigkeit, hören Sie, eine Schlech⸗ tigkeit, und wenn Sie ein Ehrenmann ſind, ſo erlauben Sie ihnen, den Tanz wieder zu beginnen.“ „Beruhigen Sie ſich, Capitain,“ ſagte der Einarm ſehr verbindlich;„ich will ſogleich ſelbſt die Erlaubniß dazu er⸗ theilen.“ „Und das Vieh, der Dummkopf, der dreifache Dummkopf von einem Engländer, ging ſelbſt auf das Deck,— ſelbſt,“— rief der Capitain, indem er auf ſeinem Stuhle einen Satz machte, und mit wilder Freude in die Hände klatſchte und dabei ſo laut lachte, daß er uns in das höchſte Staunen verſetzte. „Ich will Ihnen erklären, weshalb ich bei dieſer Erinne⸗ rung ſo gewaltig lache,“ fügte er hinzu, indem er ruhiger wurde, —„Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ich es war, der ſeit acht Tagen die Tänzer mit 20 Sous für den Kopf bezahlte, damit ſie einen Höllenlärmen über dem Zimmer des armen Tilmont machen ſollten. Ich gab vor, ich wollte ihn dadurch ärgern, aber der eigentliche Grund war, daß man das Geräuſch nicht hören ſollte, welches er machte, indem er für mich durch die Wand ſeiner Cajüte, welche zugleich die Schiffswand war, ein Loch ſchnitt. „Der Verrath Jolivets war nämlich zwiſchen Dieſem, mir und Tilmont verabredet worden, und er hatte das erſte für mich gemachte Loch nur deshalb verrathen, um die Aufmerkſamkeit 55 abzulenken, und unſere Caſſe durch die 15 Guineen zu verſtär⸗ ken, welche der Einarm ihm gegeben hatte. Noch in eben dieſer Nacht ſollte ich entfliehen, denn das Loch Jolivets war beinahe beendigt, und der Wind ſchien heftig aus N. O. blaſen zu wol⸗ len, was eine finſtere und ſtürmiſche Nacht verſprach. „Wie ich Ihnen ſagte, trug ſich dies acht Tage nach der Flucht Dubreuils zu; mein falſches Loch war verrathen, der Tanz hatte wieder begonnen, und ich trug die Verzweiflung auf der Stirn und Frankreich im Herzen;— denn Tilmont benach⸗ richtigte mich ſo eben durch ein Zeichen, daß das Loch ganz vollendet ſei. „Ich wollte eben auf das Deck gehen, um nochmals nach⸗ zuſehen, von wo der Wind käme, da hörte ich die Pfeiſe des Schiffsmeiſters, welche alle Welt auf das Deck rief. „In demſelben Augenblicke meldete mir ein Zimmermann, daß der Capitain mich augenblicklich auf der Campanei zu ſprechen wünſchte. „Ich begriff von der ganzen Sache nichts, ging aber dennoch gleich hinauf; aber was ſah ich? Den engliſchen Ge⸗ neralſtab in Paradeuniform, die Truppen unter den Waffen, die Gefangenen in Reih und Glied aufgeſtellt, und, wie ge⸗ wöhnlich, von vier mit Kartätſchen geladenen Karonaden bedroht. „Der Commandant Roſa hatte eine ernſte, feierliche Miene, die ich noch nicht an ihm kannte. Er ſtand, und zu ſeinen Fü⸗ ßen auf dem Deck lag eine Hängematte, mit einer ſchwarzen Flagge verhüllt. „Der Einarm befahl, einen Wirbel zu ſchlagen, und als die Tambours dies gethan hatten, ſagte er in franzöſiſcher Sprache: „Vor acht Tagen iſt einer von den Gefangenen dieſes Pontons entflohen. Bei den Schlammbänken angelangt, iſt er in denſelben ſtecken geblieben,— und Sie können hier ſehen, was ihm begegnete.— Hierauf wendete er ſich zu mir, und ſagte:„Sehen Sie, Capitain, ob Sie den Cameraden nicht zu⸗ fällig erkennen?“ „Bei dieſen Worten ſtieß er mit dem Fuße die ſchwarze Flagge zurück, welche die Hängematte verhüllte. Da erblickte ich einen ganz nackten Leichnam von grünlicher Farbe; aber be⸗ ſonders gräßlich war ſein ganz zerfetztes Geſicht und hauptſäch⸗ Die Cucaracha. II. 3 54 lich ſeine leeren blutenden Augenhöhlen; die Raben hatten die Augen ausgehackt. „Bei dem Anblicke dieſes zerfetzten, von der Sonne aus⸗ gedörrten Geſichtes war es klar, daß der Unglückliche in einer der dichten Schlammbänke ſtecken geblieben ſein mußte, und dort, voll Leben und Kraft, den Tod Tage lange erwartete. Bei dem Ende ſeiner Todesqual hatte er dann, als er die Raub⸗ vögel ſein Haupt umkreiſen ſah, vielleicht geahnet, was ſeiner wartete. „So viel iſt gewiß, daß es mir unmöglich wäre, den Ein⸗ druck zu beſchreiben, den der Anblick dieſer Leiche auf die Equi⸗ page und namentlich auch auf mich machte. Ich geſtehe, daß mein Blut ſeinen Kreislauf nur ein Mal vollbrachte, dann aber ſtockte, indem ich daran dachte, daß ich die nächſte Nacht über dieſelbe Schlammbank fort wollte, und daß meiner dort vielleicht daſſelbe Schickſal harrte. Aber da ich immer ziemlich viel Herrſchaft über mich ſelbſt hatte, faßte ich mich ſchnell wie⸗ der, und als der verwünſchte Einarm, nachdem er Alle ange⸗ ſehen hatte, um zu bemerken, welchen Eindruck der Anblick her⸗ vorbrächte, ſich wieder zu mir wendete, und nochmals fragte: „Nun, Capitain, erkennen Sie den Cameraden?“ „Da kreuzte ich die Hände auf dem Rücken, und ſagte mit gleichgültigem Tone,— der mir freilich ſchwer genug wurde, das kann ich beſchwören: „Ich erkenne den Cameraden ſehr gut.— Es iſt Du⸗ breuil, ein Matroſe, mit mir aus einer Provinz gebürtig.— Das Unglück iſt nicht groß, denn er war ein Taugenichts, der ſeine Mutter ſchlug.“ „Meine Kaltblütigkeit verwirrte den Einarm, welcher bei⸗ nahe wüthend ausrief, indem er die Leiche mit dem Fuße ſtieß: „Sie ſehen aber, Capitain, daß der Weg über eine Schlamm⸗ bank ein anſtrengender Spaziergang iſt, denn man nutzt dabei ſogar ſeine Haut ab.“ „Ja, wenn man dumm genug iſt, keine Schlittſchuhe mit⸗ zunehmen!“ erwiderte ich, unwillkührlich lachend, denn indem der Dummkopf mir die nackten, zerfreſſenen Beine zeigte, brachte er mich auf einen vortrefflichen Gedanken. „Er nahm meine Antwort für einen Scherz, und ſagte kurz, und ſehr ernſt: „Sie ſind luſtig, Capitain.“ 55 „Sehr luſtig, Capitain,“ erwiderte ich;„folgen Sie daher meinem Rathe, und werfen Sie das Zeug da in das Meer. Spielen Sie auch nicht mehr den Nußknacker mit mir, und hal⸗ ten Sie ſich feſt überzeugt:„Wenn der Himmel des guten Got⸗ tes auf mich herabfiele, würde ich noch daran kratzen, um mir ein Loch hindurch zu machen.— Und nun guten Abend, mein err.“ d„Ich entfloh, denn ich konnte es nicht mehr aushalten. Der in Fäulniß übergegangene Leichnam empörte mich, und da ich dieſe Nacht entweichen wollte, hatte ich noch viele andere Hunde zu ſcheeren, als dem Herrn Dubreuil gegenüber ſtehen zu bleiben.“ „Und Sie wagten es, in jener Nacht zu entfliehen, Capi⸗ tain?“ fragte eine der Damen, deren Angſt den höchſten Gipfel erreicht hatte. „Ja, Madame,“ entgegnete der Capitain,„und bei der Hölle, es war eine recht ſchlechte Nacht.“ Wahrſcheinlich in Erinnerung an all den Muth, all die Entſchloſſenheit, die er in jener fürchterlichen Nacht entwickelte, nahm das Geſicht des Capitain,Tom einen bewundernswerthen Ausdruck unbezwinglicher Kraft und verzweifelter Beſtimmtheit an. Sein Blick war feſt und tief, ſeine Haltung kräftig. Er war ſo erhaben. Einen Moment hatte ich den Mann, den ich zu ſehen wünſchte, durch die unbefangene, einfache Hülle erblickt. Der Capitain fuhr in ſeiner Erzählung fort. „Wie ich ſagte, war das Loch Tilmonis fertig, und wenn die Nacht gut würde, wollte ich die Sache verſuchen. „Und die Nacht wurde gut, ſo gut, daß gegen 7 Uhr Abends der Wind auf unſerem See blies, als wollte er einem Ochſen die Hörner ausreißen. Der Himmel bedeckte ſich im Nordweſten mit Wolken; es fiel ein feiner, eiſiger Regen, und das Wetter wendete ſich zum Sturme, daß es ein Segen war. „Um 8 Uhr Abends wurde Zapfenſtreich geſchlagen. Die Matroſen ſuchten ihre Hängematten, die Offiziere ihre Cajüten; zehn Minuten ſpäter war alles Licht, ausgenommen die Wach⸗ feuer, ausgelöſcht, und man hörte nichts mehr, als den gemeſ⸗ ſenen Schritt der Schildwachen in den Batterien und auf den Gallerien. Ich ſchlüpfte jetzt in Tilmonts Zimmer. Jolivet war ſchon dort.— Ich muß erwähnen, daß der Capitain die Ueberzeugung hatte, Tilmont könne nicht ſchwimmen, und folg⸗ 3 56 lich nicht daran denken, zu entfliehen; deshalb war er gerin⸗ gerem Zwange unterworfen, als wir Uebrigen. „Ich erinnere mich noch an Alles, als wäre es geſtern geweſen. Jolivet ging hinaus, um draußen aufzupaſſen; ich trat hinein. Tilmont ſaß auf ſeinem Bette; vor ihm ſtand ein Feldſtuhl, auf dieſem ein zinnernes Gefäß, und in demſelben befand ſich etwas Dampfendes. „Nun,“ fragte Tilmont,„bleibt es noch bei dieſer Nacht?“ „ ſich, mein Junge, verſteht ſich; die Nacht iſt errlich.“ „Tilmont drückte hierauf die Planke, welche das Loch ver⸗ barg, etwas nieder, und es ſtrömte in die Cajüte ein friſcher Luftzug, der beinahe eine kleine Lampe ausgelöſcht hätte, die unter dem Bette verſteckt ſtand. Wir ſahen nun einen finſtern Himmel, eine Nacht, ſchwarz wie Dinte; einige Tropfen Regen oder Schaum, von der Gewalt des Windes gepeitſcht, drangen ſogar bis in die Cajüte. „Tilmont ſchob hierauf das Bret wieder vor, ſah mir ſcharf in die Augen und ſagte: „Aber, ohne Spaß, Tom, weißt Du wohl, daß das Wetter nicht ſchön iſt?“ „Ich ſehe es, aber ich ſpotte darüber.“ „Du kannſt Deine Haut dabei laſſen.“ „Noch einmal, ich ſpotte darüber. Da crepiren oder ander⸗ wärts, das iſt all' eins.“ „Aber höre doch den Wind, Tomz fühle doch, wie er uns rüttelt, Tom.“ „In der That ſchwankte das verwünſchte Ponton wie eine Galiote; es war ein hübſcher Sturm. Um noch einen Verſuch zu machen, mich von meinem Vorſatz abzubringen, zog Tilmont abermals die Planke von dem Loche zurück, und ungeachtet der Finſterniß ſahen wir die ganze Fläche des Sees weiß von dem Schaume der Wellen;— der Wellen eines Sees, Sie können alſo von dem Winde urtheilen. Ueberall war der Himmel ſchwarz und es ſtürmte höllenmäßig. Ich geſtehe, daß es eine Thorheit war, bei ſolchem Wetter zwei und eine halbe Stunde ſchwim⸗ men zu wollen, aber ich hatte einmal zu mir ſelbſt geſagt: Ich werde fliehen!— alſo mußte ich auch fliehen. Ich hielt daher auch tüchtig Stand, und als Tilmont nochmals durch das Loch ſah, ſagte ich ihm: 57 „Stecke Du zwanzig Mal Deine Naſe durch das Fenſter, ſo änderſt Du damit doch nichts; noch einmal— ich gehe;— auf Tom's Wort, ich gehe!“ „Tilmont wußte wohl, daß Alles aus war, ſobald ich ge⸗ ſagt hatte: Auf Tom's Wort!— Er ſagte daher ſehr ernſt, in⸗ dem er ſein Loch wieder zuſperrte:„Leb wohl!— Geh!“ „Was iſt das?“ fragte ich ihn, indem ich das dampfende Gefäß betrachtete, aus dem kein ganz übler Geruch aufſtieg. „Das iſt Zucker, Rum und Kaffee zuſammen gekocht.— Es iſt eine Pinte voll, und Du wirſt damit den Anfang ma⸗ chen, mir das zu trinken, Tom!“ „Nein,“ ſagte ich;„der Teufel ſoll mich erwürgen, wenn ich es ſo mache, wie dieſe Hunde von Engländern, die nur be⸗ trunken Männer ſind.“ „Ich ſage Dir, daß Du mir das trinken wirſt, Tom.“ „Nein!“ „Und meines Sträubens ungeachtet mußte ich Alles trin⸗ ken, denn wenn der verteufelte Tilmont ſich etwas in den Kopf geſetzt hatte, dann wich er von ſeinem Willen nicht ein Haar breit ab; aber obgleich ich ſeinen Höllentrank nur Glas für Glas verſchluckt hatte, fühlte ich doch lebendiges Feuer in mei⸗ nem Bauche. „Und nun das Talg?“ „Ich habe es,“ ſagte er.„Sechs Pfund, wie wir ver⸗ abredeten.“ „Ich zog mich hierauf aus, nackt wie die Hand;— Ver⸗ zeihung meine Damen,— und wir Beide, Tilmont und ich, wir rieben mich mit einer Fettkruſte von wenigſtens ſechs Linien Dicke ein; das iſt eben nicht ſehr reinlich, aber ein vortreffliches Mittel, welches ich Ihnen gelegentlich empfehle, junger Mann, denn auf dieſe Weiſe ſchwimmt man in eiskaltem Waſſer, als wäre es lauwarm, ohne die Kälte auch nur zu bemerken. „Als ich eingeſchmiert war wie ein Wallffiſchfahrer, befeſtigte Tilmont um meinen Hals eine Schnur Guineen, die in eine Aalhaut eingenäht waren; in meinen gewichſten Hut ſteckte ich eine Karte von la Mancha, die ich dem Kinde eines Korporals aus ſeinem Geographie⸗Buche entwendet hatte; ich that auch noch einen Compaß, Stahl, Stein und Schwamm hinzu; ich ſteckte meinen Dolch durch die Schnur meines Hutes, den ich feſt auf dem Kopfe anband, und ſchnallte auf die Schultern den 53 kleinen Lederſack, der einen vollſtändigen Anzug enthielt, mich zu bekleiden, wenn ich aus dem Waſſer käme. „Indem ich den letzten Knoten dieſes Sackes befeſtigte, fühlte ich: wie mein Tilmont noch etwas hineinſchob: es waren 20 Guineen, Alles, was er beſaß. „Tilmont,“ ſagte ich,„das iſt ſchlecht; Du mißbrauchſt Deine Stellung.“ „Mach fort, mach fort,“ erwiderte er ſehr ungeduldig,— „mach keine Sperenzien.— Und Deine Schlittſchuhe zu der Schlammbank,— wo ſind die?“ „Dort hinten auf dem Sacke; wenn ich mir Bahn breche, kann ich ſie nehmen und anſchnallen.“ „Gut; haſt Du nun Alles?“ „Alles!“ „So lebe wohl, Tom; glückliche Reiſe!“ „Lebe wohl, Tilmont!“ „Er machte das Loch jetzt ganz auf. Der Wind war ſo heftig, daß er die Lampe verlöſchte. Ich umarmte Tilmont, ohne ihn zu ſehen, und ſagte ihm:„Danke dem guten Jolivet noch in meinem Namen.“ „Damit ſchlüpfte ich durch das Loch. „Viele Grüße zu Hauſe!“ rief mir Tilmont noch zu. „Weiter hörte ich nichts, denn ſchon glitt ich an einem Taue hinab. Dank dem Fett bemerkte ich erſt, daß ich im Waſſer ſei, als es mir in das Geſicht ſchlug. „Indem ich mich von den anprallenden Wellen treiben ließ, bemerkte ich, daß ich bei den Ketten des Steuerruders ſei, und da ich fürchtete, daß ich ungeachtet des Höllenlärmens, den der Wind machte, und des Tobens der Wellen, von den Schild⸗ wachen bemerkt werden möchte, tauchte ich ungefähr zehn Klafter weit. Als ich wieder auf das Waſſer kam, hatte ich das Ponton zur Linken; ich erkannte es an ſeinen drei Feuern, die in der Dunkelheit der Nacht wie drei Sterne funkelten. „Das Wetter war zum Glück ſo ſchlecht, daß man es nicht gewagt hatte, die Boote zu den gewöhnlichen Nachtrunden aus⸗ zuſegen. Von der Seite der Menſchen konnte ich daher ruhig ſein; nur noch das Waſſer, der Wind und der Schlamm be⸗ drohten mich. „Uebrigens ſchwamm ich, ohne alle Eitelkeit zu reden, wie ein Fiſch. Das Getränk, welches mir Tilmont eingezwungen hatte, wärmte mich von Innen, und das Fett hielt die Kälte 59 von Außen ab. Die Lage war erträglich, aber der Wind des⸗ halb nicht minder höllenmäßig. „Als ich zweihundert Klafter von dem Ponton fort war, ſah ich gar nichts mehr. Der einzige Horizont, den ich rings⸗ umher erblicken konnte, war ein Horizont großer ſchwärzlicher Wogen, welche weiß wurden, indem ſie ſich auf meiner Bruſt brachen. Der Himmel war mit dichten Wolken bedeckt, die der Wind vor ſich hertrieb, und der Regen, der ſchräg herabſtürzte, peitſchte mir das Geſicht, und war für mich das Läſtigſte, da er mich hinderte, frei zu athmen. „Ich ſchwamm noch eine halbe Stunde muthig vorwaͤrts, dann aber hatte ich einen Augenblick der Schwäche.— Ich überlegte, daß ich vielleicht beſſer gethan hätte, bis zum näch⸗ ſten Tage zu warten; dann aber dachte ich an meine Mutter, meinen Bruder, und meine Kräfte kehrten zurück; ich fühlte mich wie über das Waſſer erhoben und konnte mich nicht enthalten, ein lautes Hurrah zu rufen. In dieſem Augenblicke that ich ganz gewiß die zwanzig beſten Stöße meines Lebens. Ich war außer mir, und ich glaube, in jenem Augenblicke hätte ich im Feuer ſchwimmen können. „Seit drei Viertelſtunden war ich im Waſſer, als ſich end⸗ lich in Nord⸗Oſt ein kleiner Fleck bildete. Ich ſah etwas Blau und einige von Wolken verſchleierte Sterne. Bei dieſem Scheine entdeckte ich am Horizonte die Flügel einer Mühle, welche mir als Richtpunkt dienen ſollte, um über die Schlammbänke zu kommen. Ich bemerkte zugleich, daß ich dieſen letztern bereits näher ſei, als ich bisher geglaubt hatte. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen hier eine Sache geſtehen ſoll, die Ihnen ſehr dumm erſcheinen wird, die mir aber nicht ſo vorkam, denn ſie hätte mich beinahe getödtet.— Kaum hatte ich an dieſe Schlammbänke gedacht, als plötzlich die Erinnerung an den Dubreuil, dem auf eben dieſen Bänken die Augen aus⸗ gehackt worden waren, ſich meiner bemächtigte und mich nicht mehr verließ. „Und dieſe Erinnerung war faſt eine Wirklichkeit, denn das verteufelte Geſicht hatte auf mich einen ſolchen Eindruck gemacht—1— Ich erinnerte es mir ſo gut, daß ich es zu ſehen glaubte— und auch wirklich ſah. „Ja, ich ſah es, wie ich es noch jetzt zuweilen in meinen Träumen erblicke;— das gebräunte und zerriſſene Geſicht; die ſchwärzlichen, aufgeſchwollenen Lippen; die weißen Zähne;— 40 vor Allem aber die blutigen, augenloſen Augenhöhlen!— Noch ein Mal,— ich ſah das Alles, und in dieſem Augenblicke, in einer ſolchen Sturmnacht, ſo etwas zu ſehen,— das war un⸗ angenehm, wie Sie mir glauben dürfen. „Immerhin mochte ich mich zuſammennehmen;— denken, daß es der getrunkene Rum ſei;— die Augen ſo weit aufreißen, als ich konnte, und ſie dann wieder ſchließen,— untertauchen, Waſſer treten, mir die Arme und den Körper berühren;— das Geſicht verfolgte mich dennoch. Es war ein Alpz ich hatte das Fieber; ich war im Delirium, kurz Alles, was Sie wollen, aber ich ſah, was ich ſah. „In jenem Augenblicke wäre ich in der That beinahe ver⸗ rückt geworden, und um mir ſelbſt zu entfliehen, oder vielmehr dem verwünſchten Geſpenſte, das mich verfolgte, tauchte ich wüthend unter; aber nach zwei Klaftern fühlte ich mich plötzlich durch eine dichte Maſſe gehalten;— der Grund wurde fühlbar geringer;— ich war bei der Bank. „Als hätte der Teufel ſich hineingemiſcht, verdoppelte in dieſem Augenblicke der Wind noch ſeine Gewalt, der Regen ſei⸗ nen Ungeſtüm; die Nacht wurde noch dichter, und es ſchien mir, als ſähe und hörte ich ganze Schwärme von Raben, zwiſchen denen hindurch ich ſtets die leeren blutenden Augenhöhlen er⸗ blickte.— Es war ſtärker als ich; ich fühlte eine Ohnmacht herrannahen, und gleichwohl raffte ich mich zuſammen und rief mit der ganzen übrigen Kraft meiner Lungen:„O mein Gott!“— Man muß mich auf dem Ponton gehört haben, obgleich ich eine Stunde von demſelben entfernt war.— Die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, hatte ich nun den ſchrecklichſten Augenblick jener Nacht überſtanden, denn ich kam wieder zu mir, ich fing an, zu ur⸗ theilen, indem ich mich fern von der Bank hielt, an die ich zum Glück nur angeſtreift hatte. Endlich ſagte ich zu mir ſelbſt: Tom, du biſt ja kein Weib.— Bedenke, daß du deine Mutter, deinen Bruder wiederſiehſt, wenn dein Unternehmen gelingt;— du biſt ja ſchon dem Wütherich von Einarm entronnen;— Dubreuil kam freilich in dieſer Bank um, aber er war ein Schuft und du biſt ein rechtſchaffener Menſch; oder, was noch mehr werth iſt, Du haſt Schlittſchuhe, und er hatte keine.— Alſo, Muth im Leibe, alle Wetter, und dringe vorwärts! „Ich hörte auf mich, und ich hatte Recht. Ich that mein Möglichſtes, und ſtets ſchwimmend und mit den Händen taſtend fand ich eine Stelle, wo die Bank feſt genug war, mich einen 41 Augenblick zu tragen. Ich machte mir das zu Nutzen, meine Schlittſchuhe an den Füßen zu befeſtigen, und niedergebückt gleitete ich dann wie auf Rädern über den flüſſigen Schlamm. Die Schlittſchuhe beſtanden aus ſehr dünnen und ſehr breiten Fichtenbrettern, welche durch die große Fläche, welche ſie dem Schlamme entgegenſetzten, mein Einſinken in denſelben verhin⸗ derten. So kam ich über die erſte Bank, und ſchwamm dann weiter, um die andere zu erreichen. „Als ich meine Schlittſchuhe einmal verſucht hatte, fand ich, daß die Sache nur ein Kinderſpiel ſei; ich fuhr daher auch über die zweite und dritte Bank, ohne daran zu denken, und ge⸗ langte ungefähr zwei und eine halbe Stunde nach meiner Flucht von dem Schiffe, an das Ufer des Sees. „Das war allerdings etwas, aber noch lange nicht Alles, denn ich mußte nun auch an meine Toilette denken. Ich war mit Schlamm bedeckt, wie eine Krabbe; mit Hülfe des Suchens fand ich in der Nähe der Mühle einen Bach; hier ſäuberte ich mich, und eine Viertelſtunde ſpäter war ich wie ein Bürger ge⸗ kleidet. Ich nahm einen Schluck Rum aus einer Feldflaſche, welche der ehrliche Tilmont in meinen Sack geſteckt hatte, und dann mit Hülfe meines Feuerſtahles meinen Compaß zu Rathe ziehend, richtete ich mich gegen Oſten, und wollte die ganze Nacht durch gehen, um mit Anbruch des Morgens weit genug Southampton entfernt zu ſein, keinen Verdacht zu er⸗ wecken. „Was ich um jeden Preis mußte, war, die Küſte zu er⸗ reichen, und hier im Guten oder mit Gewalt ein Boot zu fin⸗ den, das mich über den Canal von la Mancha ſetzte. „Ich kann Ihnen nicht alle die wechſelnden Gefühle be⸗ ſchreiben, die ich empfand, da ich gezwungen war, mich am Tage zu verbergen und nur während der Nacht zu gehen, das Stillſchweigen zuweilen mit Gold erkaufend, zuweilen es etwas barſch erzwingend. Sie können ſich die ermüdenden Wege und Umwege denken, zu denen ich gezwungen war, wenn ich Ihnen ſage, daß ich das Ponton ſchon ſeit 9 Tagen verlaſſen hatte, und erſt in der Gegend von Winchelſea war, ungefähr fünf und zwanzig oder höchſtens dreißig Stunden von Portsmouth. „Ich fing an, mich zu demoraliſiren. Solange nur noch Hinderniſſe zu beſiegen waren, ging Alles von ſelbſt, denn über Hinderniſſe,— na, da kömmt man ſchon weg; aber als es nur noch darauf ankam, ſich wie ein Räuber zu verſtecken, 42 ſich vor einem Scherif oder einem Aufſeher zu fürchten,— da ſagte mir die Sache nicht mehr zu. „Eines Morgens endlich, es war eine Mittwoch, und ich war die ganze Nacht durch marſchirt, befand ich mich in der Nähe von Falkſtone, einem kleinen Fiſcherhafen der Küſte, un⸗ gefähr ein Dutzend Stunden von Dovres entfernt. Ich war erſchöpft, beinahe ohne Geld, niedergeſchlagen, und übler Laune. Es war heiß, und ich hatte mich unter zwei großen Bäumen niedergeſetzt, welche eine Bank beſchatteten, die vor der Thür eines netten Häuschens ganz in der Nähe der Dünen ſtand. „Da ſaß ich alſo, meinen Stock zwiſchen den Knieen, und überlegte, ob ich nicht am beſten thäte, ganz einfach dem erſten beſten Fiſcher, den ich auf der Küſte träfe, meinen Dolch an die Gurgel zu ſetzen, um ihn zu zwingen, mir ſeine Barke zur Ueberfahrt uͤber den Canal anzuvertrauen, ſtatt mich wie ein Miſſethäter zu verſtecken; da hörte ich jenſeit der Mauer des Hauſes, vor dem ich ſaß, ſingen: es war eine weibliche Stimme. Maſchinenmäßig, oder vielleicht auch aus Neugier, ſtieg ich auf die Bank, und bemerkte in dem Garten eine ſchöne junge Frau mit einem großen Strohhut, herrlichen ſchwarzen Haaren und in einem zierlichen weißen Kleide. Sie ordnete Blumen, und ahnete meine Nähe nicht. Da drehte ſie ſich um, und was erblickte ich? Einen ziemlich werthvollen, beſonders aber ſehr merkwürdigen indiſchen Schmuck, den ich auf der Stelle er⸗ kannte. Dieſer Schmuck und die Gegend der Küſte, in welcher ich mich befand, erinnerten mich plötzlich an einen Umſtand, deſſen ich meiner Treu nicht gedacht hatte; mit einem Satze war ich daher auch auf der Mauer, von der Mauer in dem Garten, und nahe genug bei der ſchönen Frau, um ſie am Arme zu faſſen, als ſie mit unbeſchreiblichem Schrecken entflie⸗ hen wollte. Die arme Frau zitterte an allen Gliedern, und hatte dazu wahrlich guten Grund; aber ich beruhigte ſie balb, indem ich in gutem Engliſch zu ihr ſagte: „Sie ſind die Gattin des Capitain Dulow?— Iſt er „Jal“ „Hat er Ihnen nie von dem Capitain Tom S. erzählt, der ihm dieſen Schmuck gab?“— Dabei deutete ich auf einen kleinen goldenen Fiſch mit Steinſchuppen, den ſie neben ihrer Uhr an einer goldenen Kette trug.“ „Allerdings, mein Herr, dem Capitain S. verdankt mein 45 Mann ſeine Freiheit!“ antwortete mir die hübſche Frau, indem ſie mich mit ihren ſchönen großen Augen verwundert anſah. „Nun wohl, Madame, der Capitain Thomas S. bin ich; — ich bin Gefangener; bin auf der Flucht.— Verbergen Sie mich!“ „Sie, mein Herr?— Ach, welch ein ſchöner Tag wird das für meinen Mann ſein!— Folgen Sie mir!“ „Dulow war ſpazieren gegangen; er kehrte bald zurück, und begrüßte mich ſo herzlich, als ich es erwartet hatte. Er hielt mich verſteckt in ſeinem Hauſe, deſſen Lage dazu ſehr be⸗ quem war. Am Tage ging ich nicht aus; Abends, in der Dämmerung, gingen wir mit ſeiner Frau und ſeiner Schweſter, auch einer ganz vortrefflichen Perſon, durch die Dünen. „Als Dulow mich früher verließ, hatte ich ihn als einen herrlichen Jungen ſo lieb gewonnen, daß ich ihm fuͤr ſeine Frau, von der er beſtändig ſprach, jenes Fiſchchen, welches ich einſt aus Indien mitbrachte, ſchenkte, indem ich dabei ſagte: Dulow, ſie trage es zum Andenken an einen Freund ihres Mannes.— Sie ſehen, daß ſich das ganz vortrefflich gemacht hat, denn an dem Teufelsfiſchchen erkannte ich die Frau Dulows. „Was ich für Dulow gethan hatte, lohnt nicht der Mühe, es Ihnen zu erzählen; in der Zeit aber war es viel für ihn, wenn auch nichts für mich; doch er erinnerte ſich an das er⸗ ſtere. Das war übrigens ganz einfach, denn an ſeiner Stelle hätte ich eben ſo gehandelt. „Ich mochte aber Dulow von meiner Ueberfahrt über den Canal ſagen, ſo viel ich wollte, hatte er mir ſtets ſchlechte Gründe entgegenzuſetzen. Es war ſehr ſchwer, ein Boot zu finden.— Es war unmöglich, die Küſtenwächter zu vermeiden. — Die Winde waren widrig— wechſelnd.(Darin hatte er Unrecht.)— Endlich, ich geſtehe es, fing ich an, ſeinen guten Willen zu bezweifeln. Das war, nur dreißig Stunden von Frankreich entfernt, ſehr hart. „Schon ſeit zehn Tagen war ich bei ihm, da ſagte er eines Abends wie gewöhnlich zu ſeiner Frau und ſeiner Schwä⸗ gerin:„Meine Damen, nehmen Sie Ihre Hüte und laſſen Sie uns einen Spaziergang in den Dünen machen.“ Ich ging mit. Wir wanderten ziemlich lange umher, ohne ein Wort zu ſagen; ich war traurig; die Zeit verſtrich; ich war für meine Mutter beſorgt; der Krieg dauerte noch fort, und ich war nicht dabei;— und dann verdroß es mich auch, an der Freund⸗ 44⁴ ſchaft Dulows zu zweifeln, der doch nicht undankbar hätte ſein ſollen.— Die Sonne war untergegangen, und der Abend be⸗ gann ſehr finſter zu werden, als Dulow, zu einer kleinen Bucht gelangt, zu mir ſagte, indem er zugleich die Naſe in die Luft ſtreckte:„Capitain, was ſagen Sie zu dem Winde?“(Es war ein köſtlicher, voller Nordwind.) „Meiner Treu,“ erwiderte ich,„mehr wäre für einen ar⸗ men Gefangenen, der ein Boot hätte, nicht nöthig, um morgen früh in dem Hauſe ſeiner Mutter auszuruhen.“ „Nun gut, Capitain,“ entgegnete Dulow,„ſo nehmen Sie Abſchied von den Damen, und reiſen Sie.“ „Ich verſtand ihn nicht ſogleich; das war von meinen augenblicklichen Gedanken zu weit entſernt. „Dulow ergriff mich bei der Hand, indem er die Achſeln zuckte, und führte mich hinter einen Hügel, wo ich ein ziemlich großes Boot mit einem Haupt⸗, einem Beſam⸗ und einem Vorſtakſegel an einem Felſen angelegt erblickte. „Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte hierauf Dulow,„wenn ich Sie ſo lange warten ließ, aber der Küſtenwächter, der dieſe Nacht an der Küſte kreuzt, und der mir ganz ergeben iſt, mußte erſt an die Reihe kommen. Er weiß, was ich Ihnen ſchuldig bin, und dieſe Nacht können Sie ohne Furcht abſegeln.“ „Ich erkannte meinen Dulow von ehemals wieder, und wunderte mich über nichts mehr; ich umarmte die Damen ſehr kräftig, ihn auch, und ſprang in das Boot. „Ich fand darin Lebensmittel, einen Compaß, Waffen, Pul⸗ ver, ein Nachtfernrohr und eine Fackel. Ich winkte den Damen und Dulow noch ein Mal zu, und ſtieß ab.— Ich war frei! „Ich ging ſogleich in See; das Meer war prachtvoll, ein wahres Stutzerwetter. Das Nachtfernrohr that mir gute Dienſte, denn nach einer Stunde erkannte ich eine Corvette, vielleicht eine engliſche, auf die ich gerade zu ſteuerte; ich legte um, und ſegelte ſeitwärts. Dies kleine Ereigniß hielt mich etwas zu⸗ rück, aber am nächſten Morgen mit Tagesanbruch war ich ſo glücklich, die Küſte Frankreichs aus dem Nebel hervortreten zu ſehen, und die Rhede von Calais zu erkennen. In zwei Stun⸗ den ſollte ich meine Mutter und meinen Bruder umarmen. „Gut war es, daß die Piloten, die Seeleute und die Ha⸗ fenlungerer wie gewöhnlich auf der Rhede ſtanden, und indem ſie mit ihren Fernröhren bald hier, bald dorthin blickten, mich in meinem Boote gewahrten. „Seht, da iſt ein Gefangener, der entrann,“ ſagie Einer. „Gut!— Wenn das der Capitain S. wäre!“ rief ein Anderer. „Das könnte wohl ſein!“ bemerkte ein Dritter. Ein Schiffsjunge verſtand ſtatt: das könnte,— das iſt der Capitain S..., er flog wie ein Pfeil davon, fiel wie eine Bombe zu meiner Mutter und meinem Bruder in die Stube, und ſchrie wie ein Tauber:„Der Capitain kömmt von England in einem Boote ganz allein.“ „Ich brauche nicht zu beſchreiben, wie ich empfangen wurde. Alle Fiſcher- und Lootſenbvote von Calais fuhren mit entgegen und begleiteten mich. Es waren Männer, Weiber, Kinder; lautes Geſchrei, allgemeine Freude und wiederholtes Geſchrei: Es lebe der Capitain S...!— ſo daß ich weinen mußte wie ein Vieh.— Und dann, am Ende von alle dem er⸗ blickte ich auf der Rhede meinen Bruder, der meine arme alte Mutter ſtützte, die höchſtens noch ſo viel Kraft hatte, ihr Ta⸗ ſchentuch zu ſchwingen, ſo gerührt war ſie. „Als ich den Fuß auf die Leiter ſetzte, mein Boot zu ver⸗ laſſen, wobei ich immer rief:„Mutter! Mutter!“ ſehe ich mich durch einen Narren in ſchwarzem Rock und mit der Schärpe, von zwei Gendarmen begleitet, zurückgehalten, der mich nach meinem Paſſe fragte. „Es war der Hafencommiſſair, der dumm genug war, mich nach meinem Paſſe zu fragen.— Mein Paß!— Das Thier!— Als ob ich auf der großen Landſtraße und in der Kutſche nach ſeiner Stadt gekommen wäre.— Den Capitain S. der zum dritten Male von den engliſchen Pontons ent⸗ floh, nach dem Paſſe zu fragen! Man hätte darüber ſelbſt Com⸗ miſſair werden mögen. Ein Hund, der mir etwas von einem Paſſe vorſchwatzte, während ich meine Mutter zwanzig Schritt von mir entfernt ſah; als er Miene machte, mir den Weg zu verſprerren, ſchickte ich ihn daher auch mit ſammt ſeinen Gen⸗ darmen zu ihrer Erfriſchung in den Hafen hinunter. Mit einem Satze war ich auf der Brüſtung, und Sie können ſich denken, ob ich von meiner Mutter und meinem Bruder umarmt wurde. „Merkwürdig war es übrigens, daß die Teufel von Ser⸗ leuten wüthend waren, und den Commiſſair mit ſeinen beiden Gendarmen nicht wieder aus dem Waſſer laſſen wollten; ſie krabbelten von einem Boote zum andern, und ſchrien dabei 46 ganz jämmerlich!“ und bei dieſer Erinnerung mußte der Capi⸗ tain noch jetzt laut lachen. „So, meine Herren,“ ſagte endlich Tom,„kam ich jenes Mal aus England zurück, aber es vergeht wirklich keine Woche, daß ich nicht an den elenden Dubreuil denke, und im Traume das verwünſchte Geſicht mit den leeren Augenhöhlen ſehe, die mir beinahe einen ſo verdammten Streich geſpielt hätten.“ Es wäre mir unmöglich, den Eindruck zu beſchreiben, den dieſe Erzählung auf mich machte, die kurzen, kräftigen Bewe⸗ gungen des Capitains, ſeine derbe, barſche Stimme, die ſich gleichwohl nach allen verſchiedenen Anforderungen der Erzäh⸗ lung modificirte. Ich habe nichts ausgelaſſen, nichts verändert, und welch ein Unterſchied gleichwohl! Wie kalt, bleich, farblos, ſcheint es jetzt mir, der ich den Capitain hörte, ſah! Sonderbar war noch das komiſche Gemiſch zwei verſchie⸗ dener Menſchen: der eine großartig, kräftig, glühend, uner⸗ ſchrocken, hart wie Stahl, ſeine Kraft aus dem Widerſtande ſchöpfend, der zwanzig Mal dem Tode, den Gräueln des Ge⸗ metzels und des Sturmes trotzte;— und dann der ſanfte, ein⸗ fache, gute, der ſo ausſah, als hätte er dem erhabenen und fürchterlichen Theile ſeines Lebens, den er ſchilderte, nur als Zuſchauer beigewohnt, und erinnere ſich daran, wie an ein finſteres und prachtvolles Drama, das er ehemals ſpielen ſah und auswendig wußte. Was mir in dieſer Erzählung noch beſonders auffiel, das war die treue Ergebenheit der Seeleute für einander; die Dienſte, bei denen es ſich mit jedem Schritte um Leben und Freiheit han⸗ delte, und die ſie ſich mit ſo erhabener Sorgloſigkeit leiſteten, und noch dazu ohne zu ſagen: Danke, Bruder!— Denn ſie danken ſich unter einander nicht. Wenn aber eines Tages das Blei Euch unter dem Kar⸗ tätſchenhagel ereilt, wenn die ſchäumenden Wogen Euch ver⸗ ſchlingen wollen, werdet Ihr eine befteundete oder dankbare Hand fühlen, die Euch ihrerſeits dem gewiſſen Tode entreißt. Wenn Ihr dann zum Leben zurückkehrt, iſt vielleicht dieſe dank⸗ bare Hand erkaltet, aber auf ſolche Weiſe hat ſie Euch: Dankel geſagt, auf ſolche Weiſe werdet Ihr Eurerſeits ein ander Mal ſagen: Danke! Kard EGine Movelle. I. Der Grucha von Debelen. Eines der ſüdlichſten Theile des neuern Griechenlands wird, wie man weiß, nördlich durch Montenegro, Bosnien und Servien begrenzt, öſtlich durch Macedonien, im Süden durch die Diſtricte von Janina und Arto, und im Weſten durch das ioniſche und adriatiſche Meer. Dieſe rauhe, wilde, bergige, von Felſen zerriſſene Gegend endet alſo in Weſten in beinahe ſenkrechten Felſen, finſtre, ungeheure, unzugängliche Mauern von Granit, deren Fuß von den Wogen beſpült wird. Ohne die Höhe der Alpen zu erreichen, übertreffen die Berge von Epirus an Höhe dennoch die Apenninen und den Jura, und kommen an einigen Orten den Pyrenäen gleich. Eine große Menge von Flüſſen und beſonders von Bergſtrömen ſtür⸗ zen von den Gipfeln dieſer Berge herab, und bewäſſern mehrere fruchtbare Thäler an der Grenze des albaniſchen Gebietes; denn das Klima dieſes Landes wird immer kälter und kälter, je tiefer man in das Innere vordringt, und funfzehn bis zwan⸗ zig Stunden von der Küſte iſt der Winter eben ſo rauh und anhaltend, wie in Savoyen. Treu der lateiniſchen Kirche, war die albaneſiſche Nation, ſtets ausgezeichnet durch die Energie ihres ungezügelten Charak⸗ ters, ſo wie durch ihre Tapferkeit, lange in ihrem religiöſen Glauben unerſchütterlich. Ungeachtet der ottomaniſchen Erobe⸗ rung herrſchte daher auch bis zu Ende des 16. Jahrhunderts die chriſtliche Religion in jenen Gegenden vor; um jene Zeit aber erkannten die Sultane, durch den Widerſtand des berühm⸗ ten Skanderberg belehrt, daß die fürchterlichſten Gewaltthaten die Albaneſer nicht zum Abfall von ihrem Glauben zwingen könnten, und ſie kamen daher auf den Gedanken, ſie dadurch zum Uebertritt zu bewegen, daß ſie denen ziemlich bedeutende Vortheile gewährten, weiche den Glauben ihrer Väter verläug⸗ Die Cucaracha. II. 4 *. 50 neten. Es wurde daher ein Firman von der Pforte erlaſſen, wonach jede chriſtliche albaneſiſche Familie, welche eines ihrer Kinder in dem muhammedaniſchen Glauben erzöge, den freien Beſitz ihrer Güter genießen und von gewiſſen läſtigen Abgaben frei ſein ſollte. Dieſe Maßregel bewirkte Wunder, denn die Mehrzahl der chriſtlichen Familien machten dem Muhammedis⸗ mus dieſes Zugeſtändniß und ſicherten ſich ſo gegen die Quä⸗ lereien und Bedrückungen, denen die Rajas(Chriſten) bisher ſtets ausgeſetzt geweſen waren. Die Lage der epirotiſchen Chri⸗ ſten war daher auch etwas weniger erbärmlich, als die ihrer übrigen Glaubensbrüder. Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, als der Zeit, zu welcher unſere Geſchichte zurückgeht, war Albanien nicht einem einzigen Weſir unterworfen, ſondern wurde von einer ziemlich großen Menge von Beys beherrſcht, welche der ottomaniſchen Pforte tributpflichtig oder deren Beamte waren. Dieſe Beys hatten unter ihren Befehlen eine ziemlich beträchtliche Menge chriſtlicher Kriegsknechte, welche dazu beſtimmt waren, die Ruhe im Innern des Landes zu erhalten; aber es ſtand damals um Albanien, wie im Mittelalter um Frankreich; die Soldaten oder chriſtlichen Armatolis, ſo wie die Palikaren, eine andere türkiſche Truppengattung, übten ihre Pflicht nicht, ſondern nahmen ſtatt deſſen Theil an den Zwiſtigkeiten der Beys unter einander; es gab daher auch überall nichts als Krieg, Plünderung, Gewalt⸗ that und fortwährende Repreſſalien. Die Streitigkeiten der Macht und der Familien endeten ſtets durch eine Berufung an das Recht des Schwertes, mit andern Worten, der offenen Gewalt, und die zahlreichſte oder gewandteſte Partei blieb im Vortheil. Während dieſer faſt ununterbrochenen Bürgerkriege mach⸗ ten die Klephthen oder Räuber, die ſich in die Berge zurückge⸗ zogen hatten, häufige Einfälle in das flache Land, welches ſchon von den Beys bedrückt wurde, die als Pächter von dem Einkommen der Pforte ungeſtraft die größten Gewaltthaten verübten. Man ſieht daher auch, daß ungeachtet einiger Frei⸗ heiten, welche den chriſtlichen Albaneſen als Lohn für ihren Abfall gewährt wurden, das Loos der Unglücklichen noch bei⸗ nahe ganz von der Gnade der Beys abhängig war. Unter den rauhen und wilden Theilen von Epirus konnte 5¹ der Pharez oder der Diſtriet von Debelen als einer der erbärm⸗ lichſten betrachtet werden. Seit dem Anfange des 18. Jahrhunderts hatte das Beyhlik dieſes Diſtrictes derſelben Familie angehört; einer ihrer letzten Abkömmlinge, Vely, heirathete Khameo, die Tochter des Beys von Conitza, und hatte von ihr zwei Kinder, Ali und Chainitza. Von dieſer Familie, würdig, den furchtbaren Stamm der Atri⸗ den fortzupflanzen, war jetzt nur noch Khamco übrig, die Wittwe Vely Beys, und ihre Kinder, Chainitza und Ali. Khamco bewohnte Debelen, den Ort ihrer Geburt. Ali, der in der Geſchichte unter dem Titel eines Paſcha von Janina ſo furchtbar berühmt geworden iſt, wohnte damals in Janina, deſſen Paſchalik er ſo eben erhalten hatte. Aus ſeinem Serail zu Janina herrſchte Ali ſchon beinahe despotiſch über Epirus, und ungeachtet der Freiheiten und Rechte, welche den Chriſten gewährt worden waren, oft ſogar mit Verachtung der Befehle des Sultans, behandelte er Alba⸗ nien als erobertes Land. An der Spitze von 4000 entſchloſſe⸗ nen Armatolis verpflanzte er die Bewohner des Südens nach dem Norden und die des Nordens nach dem Süden, äſcherte Dörfer ein, erhob Tribut und zeigte ſich nach dem Ausſpruche der unglücklichen Albaneſer als die rächende Geißel Gottes. Gegen das Ende des Monats Januar 1788 mit der Abenddämmerung tobte ein mit Hagel und Schnee gemiſchter Sturm wüthend in dem Grucha oder dem Defilé von Debelen, das von dieſer Stadt nach Berat führte. Im Grunde dieſes Defilés lief ein ſchmaler, mit Felsſtücken bedeckter Weg längs des ſteilen Bettes der Volouſſa hin, eines ungeſtümen Fluſſes, der, nachdem er die Mauern von Debelen beſpült hat, ſich nörd⸗ lich wendet und ſich dann in das adriatiſche Meer ergießt. Nichts kann entſetzlicher ſein, als dieſe tiefe, öde Schlucht, ein finſtres Bild des Chaos. Durch unterirdiſche Feuer geho⸗ ben, durch die Jahrhunderte oder durch vulkaniſche Bewegun⸗ gen zu bizarren Maſſen aufgethürmt, zwängen rieſenhafte Felſen von grauem Granit den Fluß und den Weg ein, und erheben ſich beinahe parallel bis zu einer Höhe von 300 Fuß; hier näherten ſie ihre Gipfel wie ein ungeheures Bogengewölbe, und ſo verſchlangen ſich beinahe die ſchwarzen Zweige einiger Fichten, oder Lerchenbäume, welche, von beiden Seiten über 4* 52 den Abgrund gebeugt, einen Dom bildeten, der oft für das Licht des Tages undurchdringlich war. Zuweilen auch wurden dieſe Bäume durch die Gewalt der Stürme, deren gewöhnlicher Aufenthalt der Grucha von Debelen iſt, entwurzelt, und nachdem ſie die ſteilen Felswände hinabgeſtürzt waren, blieben ſie entweder an den Vorſprüngen der Felſen hängen, oder ſie ſchmetterten in die reißenden Ge⸗ wäſſer der Volouſſa hinab. Mit jedem Augenblicke verdoppelte ſich die Wuth des Sturmes, welche durch das Echo noch vervielfältiget wurde; der Wind fing ſich in dieſer Einſamkeit und ſchien zuweilen unter den weißen Wirbeln des Schnees gleich dem Donner zu krachen, während dichte aſchgraue Wolken ſich ſchwer auf die Gipfel der Berge lagerten und den Grund des Defilés in Nebel und Schatten hüllten. Wenn die furchtbare Stimme des Unwetters plötzlich inne hielt, ließen dann die Platanen, die am Ufer des Fluſſes wuchſen und ihre Wipfel bis zu der Höhe des Weges erſtreckten, der an dem Abgrunde hinlief, das dumpfe Rauſchen ihrer blätterloſen Zweige hören. Plötzlich ſchwang ſich ein Kind von ungefähr zehn Jah⸗ ren, beinahe nackt, mager, mit langen, dünnen ſchwarzen Haaren, mit einem zerfetzten Lammfelle kaum bedeckt, mit ſeltener Ge⸗ ſchicklichkeit von Aſt zu Aſt bis in den Wipfel eines dieſer Bäume. Das Kind zeigte den größten Schrecken, blickte voll Ent⸗ ſetzen nach dem Bett des Fluſſes hinab, ſtieß gellendes Geſchrei aus, und als es den Gipfel der Platane erreicht hatte, ſuchte es mit verzweiflungsvollem Blicke umher, um zu ſehen, ob es ſich nicht auf den Weg ſchwingen könnte, ohne Zweifel um ſo dem Feinde zu entgehen, der es zu verfolgen ſchien. Als es aber die Unmöglichkeit erkannte, dieſen Plan aus⸗ zht ſchrie das Kind mit wachſender Angſt nach ſeinem ater. Keine Stimme antwortete ihm, denn zu wüthend tobte der Sturm. 3 Bald zeigte ſich zehn Fuß ungefähr unter dem Kinde ein gewaltiger Bär, hing ſich ſchwerfällig an jeden Abſatz der Pla⸗ tane, und kletterte langſam, doch mit Umſicht, in die Höhe. Er war ſchmutzig ſchwarz, wie die Bären dieſer Gegend, die bei den harten Wintern in Cpirus ihre unzugänglichen Höhlen 1 55 in Haliacmontes ¹) verlaſſen, um in das flache Land hinabzu⸗ ſteigen. Die wilde Beſtie, welche ſich ohne Zweifel ihrer Beute ſicher glaubte, machte einen Augenblick Halt. Da ſtieß das Kind einen letzten, herzzerreißenden Klage⸗ ſchrei aus, zu welchem das arme Geſchöpf Alles ſammelte, was ihm von Leben, Kraft und Hoffnung noch blieb. Bleich, mit blauen Lippen, krampfhaft zitternd, vor Kälte mit den Zähnen bebend, machte der Knabe dann noch eine letzte Anſtrengung, ſich nach Art der griechiſchen Chriſten zu bekreuzen, und ſchloß hierauf die Augen, den Tod erwartend. Nachdem der Bär ſich klug auf einem großen Aſte gewiegt hatte, um deſſen Sicherheit zu prüfen, kletterte er den Baum weiter hinauf. Obgleich der Sturm noch immer wüthete, öffnete doch das Kind plötzlich die Augen, horchte und ſchien mit entſetzlicher Angſt zu kauſchen.— In der That ſchien anfangs fernes Hunde⸗ gebell ſich immer mehr zu nähern, bis es endlich ganz deutlich wurde. Das unglückliche Kind wendete hierauf den Kopf nach der Seite des Fluſſes und ſchrie abermals:„Mein Vater, mein Vater, hierher!“ „Bete zur Jungfrau und faſſe Muth, Michael!“ antwor⸗ tete eine männliche Stimme, welche die Anſtrengung eines ra⸗ ſchen Laufes keuchen gemacht hatte. In demſelben Augenblick traf ein mit Kraft geworfener Stein den Bär in die Seite, und zwang ihn, plötzlich Halt zu machen und nach dem Fuße des Baumes hinabzublicken. Das Gebell der Hunde wurde jetzt wüthend, und die Stimme wiederholte: „Muth, Michael!“ Ein kräftiger Bergbewohner, mit dem Fez, mit einem Zie⸗ genfell bedeckt, einen langen Dolch zwiſchen den Zähnen, erſtieg den Baum und machte Halt in kurzer Entfernung von dem Bären, um dieſen zu beobachten. Dieſer, der ſich an den Stamm der Platane klammerte, fing jetzt wüthend an zu brüllen, indem er drohend den Rachen auftiß; aber die nachtheilige Stellung des wilden Thieres be⸗ nutzend, das, durch die Dicke des Stammes von ihm getrennt, ¹0 Eine der höchſten Bergketten in Cpirus. 34 ſich ſeiner fürchterlichen Klauen nicht bedienen konnte, gelangte der unerſchrockene Bergbewohner bis zu der Höhe des Bären und dieſem beinahe gegenüber; er preßte die Platane zwiſchen ſeine Knie, ergriff mit der einen Hand den Bären im Rucken bei ſeinem dicken Fell, und ſtieß ihm mit der andern ſein langes Meſſer in das Herz, indem er in das Siegesgeſchrei der grie⸗ chiſchen Chriſten ausbrach: „Sieg dem Kreuze!“— Heilige Worte, welche ſie ſtets zum Zeichen religiöſer Anrufung oder frommer Dankbarkeit aus⸗ ſprechen, wenn ſie einer großen Gefahr trotzen oder ſie beſiegen. Bei der fürchterlichen Verletzung ſtieß der Bär ein dum⸗ pfes Geheul aus, und indem er eine ſeiner Tatzen ſo weit als möglich ausſtreckte, ſchlug er ſeine ſcharfen Krallen in die Schul⸗ ter des Griechen. Durch Wuth und Schmerz außer ſich gebracht, verſetzte dieſer dem Bären eine neue und ſo tiefe Wunde, daß das Thier hinabſtürzte und den Bergbewohner nachzog. Zum Glück durch das dichte Lager dürrer Blätter, welche das Ufer des Fluſſes bedeckten, gemildert, war der Fall nicht gefährlich für den Griechen. Dennoch hätte der Bär in ſeinem furchtbaren Todeskampfe den Mann vielleicht zu ſeinem Opfer gemacht, hätten nicht zwei gewaltige Hunde ſich auf das Thier geſtürzt und es nach einem hartnäckigen Kampfe, bei dem ſie nicht ohne Wunden blieben, erwürgt. Michael folgte mit wechſelsweiſe gierigem und ängſtlichem Blicke allen Abſchnitten dieſes Kampfes; als er aber den Bären unter dem Dolche ſeines Vaters fallen ſah, ſtieß er einen wil⸗ den Freudenſchrei aus, und ließ ſich leicht an der Platane hin⸗ abgleiten. Der Bergbewohner fing ſein Kind in ſeine Arme auf, drückte es voll Leidenſchaft an ſeine blutende kräftige Bruſt, bedeckte es mit Küſſen und rief abermals:„Sieg dem Kreuze!“ Erhabene Worte, welche diesmal nicht mit dem wilden Tone des Triumphes ausgeſprochen wurden, ſondern mit zit⸗ ternder Stimme, mit dem Tone der Dankbarkeit und Liebe. Mitten unter dem Toben des Sturmes, in dieſer entſetzli⸗ chen Einſamkeit, die ſchon in Dunkelheit ſich hüllte, dem noch immer drohenden Leichnam des Bären gegenüber, wurde der ohnehin ſo rührende und erhabene Anblick von hoher Majeſtät. „Mein Vater, Du biſt verwundet?“ rief Michael, indem 55 er das Blut an einem Stück des Ziegenfelles ſah, welches der Bär aus dem Ueberwurf des Bergbewohners geriſſen hatte. „Das glaube ich,“ ſagte der Bergbewohner, indem er den Kopf nach der linken Schulter wendete.„Leg etwas feuchte Erde auf die Wunde, und der gute Gott wird das Uebrige thun!“ Dann ſich auf den getödteten Bären ſetzend, zog der Berg⸗ bewohner des noch immer heftig fallenden Schnees ungeachtet die Kleidung aus, und entblößte die Wunde ſeiner kräftigen braunen Schulter, während er mit der rechten Hand die beiden großen Hunde ſtreichelte, die ihre ſchönen, klugen, kühnen Köpfe auf ſeine Knie legten. Michael feuchtete ein wenig thonichte Erde an, ſchöpfte in ſeiner rothwollenen Mütze eiskaltes Waſſer aus dem Fluſſe, und nachdem er die Wunde ſeines Vaters fromm geküßt hatte, wuſch er ſorgſam das Blut davon ab und bedeckte ſie mit dem friſchen weichen Thon, auf den er einige welke Blätter legte. Der Grieche wendete den Kopf halb um und betrachtete Michael mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit. „Du verbindeſt mich beſſer, mein Kind, als der beſte Phy⸗ ſiker ¹) der verdammten Hexe von Debelen.“— Und er bekteuzte ſich.„Aber wenn die Jagd hart war, ſo war ſie doch auch gut. Der Gehörnte ²) iſt nicht allzu mager,“ fügte der Berg⸗ bewohner hinzu, indem er mit der Hand über die rauhen Flan⸗ ken des Bären fuhr;„Deine Mutter und Du, Ihr könnt des⸗ halb auch dieſen Winter eingeſalzenes Fleiſch eſſen, und das Fell wird eine gute und warme Decke für Euch ſein, Euch gegen die Nachtkälte des Grucha zu ſchützen. Segnen wir daher die Jungfrau, welche die Chriſten nie vergißt und uns dies Glück ſendete, Michael!“ ſagte ernſt der Bergbewohner, indem er mit ſeinem Sohne niederkniete. Dies war alſo die Entblößung und die fürchterliche Lage der griechiſchen Chriſten von Gladiſta, welche aus ihrem Ge⸗ burtslande Chaonien auf Befehl Ali's, Paſchas von Janina, nach dieſem wilden Theile von Epirus verpflanzt worden wa⸗ ren; ſo ſchlimm war ihr Geſchick, daß der Vater Michael's ein ungehofftes Glück, beinahe eine Fügung der Vorſehung in dem fürchterlichen Zufall erblickte, welcher ihm beinahe das Leben Atzt. 2) Eine verächtliche Benennung, deren ſich die Albaneſer bedienen. * 56 ſeines Sohnes und das ſeinige gekoſtet hätte und den Leichnam eines wilden Thieres zu ſeinen Füßen zurückließ. „Und der Bär, mein Vater?“ ſagte das Kind. „Tomoros wird ihn hüten und gegen die Schakals zu vertheidigen wiſſen; morgen mit Tagesanbruch wollen wir ihn mit Deiner Mutter holen,“ erwiderte der Grieche, indem er auf einen der beiden großen Hunde deutete, der ſeinen Herrn mit klugen Augen anblickte, als er ſeinen Namen nennen hörte. „Vertheidige das, Tomoros,“ ſagte der Bergbewohner, indem er ſeinen Fez auf den todten Bären warf. Der Hund legte ſich ſogleich auf die wollene Mütze, knurrte gewaltig und zeigte ſeine ſcharfen weißen Zähne, als wollte er ſeinem Herrn andeuten, daß er ihn verſtanden hätte und ſeine Befehle befolgen würde. „Gut, wären jetzt alle Schakals des Grucha verſammelt, ſo würden ſie es nicht wagen, Tomoros anzugreifen. Komm, Kind; die Nacht bricht an und Deine Mutter wartet.“ „Gute Nacht, Tomoros,“ ſagte Michael, indem er den Hund noch einmal liebkoſte, der gehorſam und ergeben regungs⸗ los auf dem Fez liegen blieb und mit dem Blicke ſeinem Herrn folgte, bis dieſer mit Michael und dem andern Hunde unter den Platanen verſchwand. H. Die Escorte. Zwei Stunden nach dem beſchriebenen Ereigniſſe herrſchte die tiefſte Nacht; der Sturm tobte noch immer, als plötzlich die Felſen des Defilés von Debelen allmälig durch den unſichern Schein langer harziger, mit Fett getränkter Fichtenzweige er⸗ leuchtet wurden, von Negerſelaven getragen. Dieſe Art von Fackeln widerſtand der Heftigkeit des Windes; bei dem Scheine ihrer rothen und rauchenden Flamme erblickte man einige zwan⸗ zig gueguiſche ¹) Reiter, deren ſchwarze Kepes ²) mit Kaputzen ¹) Die Gueguen waren einer der wildeſten Stämme des obern Albaniens. 2 Kepe, eine Art weiten Ueberwurfes mit langen Aermeln und einer Kaputze, aus Ziegenhaar gewebt. 57 von Schnee bedeckt waren. Dieſe Soldaten führten ihre Pferde am Zügel, indem ſie mit Mühe und Vorſicht das ſteile, ſchmu⸗ tzige, glatte Defilé erſtiegen, das bei jedem Schritte durch Fels⸗ ſtücke oder vom Sturm entwurzelte Baumſtämme verſperrt wurde. Unter dem kleinen Haufen blieb nur ein Mann beritten; er ſaß auf einem weißen Maulthiere, welches zwei Sklaven am Zügel führten, und zu dem die Anderen mit ehrfurchtsvollem und ängſtlichem Blicke zurückſahen; ungeachtet der Unebenheit des Weges war der Tritt des Maulthieres doch ſo ſicher, daß es nicht ein einziges Mal ſtrauchelte. Die Gueguen, für gewöhnlich ſo indisciplinirt, ſo heftig, ſo redſelig, bewahrten, obgleich ſie ſchon ſeit vier Stunden von Debelen aufgebrochen waren, das tiefſte Stillſchweigen und er⸗ laubten ſich nicht eine einzige Klage über das abſcheuliche Wet⸗ ter und den mühſeligen Weg. Dieſe auffallende Veränderung ihrer Gewohnheiten mußte ohne Zweifel dem Schrecken zugeſchrieben werden, welchen die⸗ ſen eben ſo grauſamen als abergläubiſchen Reitern die Anwe⸗ ſenheit des Bektadji's einflößte, der, zugleich Prieſter, Wahr⸗ ſager und Zauberer, dieſe kleine Abtheilung von der Garde Khamco's, der Mutter Ali's, Paſchas von Janina, comman⸗ dirte, welche eben jetzt, wie man ſagte, in dem Serail von De⸗ belen, dem Geburtsorte des Paſchas, ſterbend lag. Der Bektadji trug einen langen ſchwarzen Mantel und einen Turban von rothem Filz und von auffallender Form; ſein Geſicht war knochig und mager, ſein Bart roth, ſeine Ge⸗ ſichtsfarbe bleich, ſeine Augen meergrün. Der Gegenſtand ſei⸗ ner Sendung mußte wichtig ſein, denn bei jedem neuen Hin⸗ derniſſe des Weges flüſterte er mit dumpfem Kehltone:„Es wird zu ſpät— es wird zu ſpät!“ Endlich wurde der Weg minder ſchlecht, minder ſteil; die Gueguen beſtiegen ihre Pferde wieder, und der kleine Haufe, begleitet von den Negern, welche die Fackeln trugen und ihm laufend folgten, gelangte bald zu einem Orte, wo das Defilé ſich erweiternd eine Art von Fläche bildete, auf der das Tchiſtlik oder Dorf des Grucha lag. Bei dem Scheine der Fackeln ſah man rings um die kleine Ebene her und gegen die ſieilen Felſen gelehnt einige erbärm⸗ liche Hütten, von Steinen und Lehm aufgeführt, mit Schindeln 53 gedeckt und mehrere Fuß über dem Boden erhaben. Dichte Rauchwolken und ein röthlicher Schein, welche aus dem ein⸗ zigen und engen Fenſter einer jeden dieſer Hütten drangen, be⸗ wieſen, daß das ärmliche Dorf bewohnt ſei. Die unglückſelige Bevölkerung, welche auf Befehl Ali's in dieſe entſetzliche Ein⸗ ſamkeit verpflanzt worden war, beſtand, wie erwähnt, aus den Trümmern der Bevölkerung von Gladiſta, eines Dorfes von Chaonien, welches durch die Waffen des Paſchas verheert wor⸗ den war. Die Guequen ſtiegen vom Pferde und gaben den Negern die Zügel zu halten; jeder ſah nach der Pfanne ſeiner langen, mit Perlmutter beſetzten Piſtole und bewegte ſein Schwert in der Scheide von rothem Sammt, mit Silber beſetzt; einige Rei⸗ ter verſahen ſich mit Stricken; geführt von dem Bektadji, trafen ſie dann Anſtalten, jede Hütte dieſes elenden Dorfes zu durch⸗ ſuchen. In einer derſelben wohnte der Vater Michael's. HI. Der Bektadji. Es wäre ſchwer, ſich das Elend vorzuſtellen, welches in der Wohnung Marco Ducas', Michael's Vaters, herrſchte, wel⸗ cher übrigens das heweinenswerthe Loos faſt aller chriſtlichen Bauern Albaniens theilte. Der Zuſtand der Anarchie, der Gewaltthätigkeit und Räu⸗ berei, in dem dies unglückliche Land ſeit der ottomaniſchen Er⸗ oberung fortwährend ſich befand, hatte den allgemeinen Gebrauch der ſonderbaren Bauart nothwendig gemacht, welche man auch in dem Tchiftlik oder dem Dorfe des Defilés von Debelen wieder⸗ fand. Ehe die Verbannten von Gladiſta dieſe erbärmlichen Hütten bewohnten, waren ſie von den Ducas erbaut worden, die einem Stamme angehörten, welcher durch Ali anderwärtshin geſchafft worden war, indem er für ſeine finſtere Politik es für nothwendig hielt, die Völkerſchaften ſo fortwährend zu ver⸗ pflanzen. Obgleich auf ſeinen Befehl die Bewohner von Gla⸗ 59 diſta bei ihrer Ankunft in dieſem Dorfe entwaffnet worden wa⸗ ren, ſchienen die Häuſer des Tchiftlik durch ihre beſondere Lage dennoch nicht minder feſt; denn jede Hütte, von den benach⸗ barten Wohnungen getrennt, lag, je nachdem die Loealität es erlaubte, auf einem Hügel oder einem Felsſtücke und beherrſchte auf Flintenſchußweite das Terrain ringsumher. So wurde jede Hütte zu einer Art von Redoute, zu der man oft nur mit Hülfe einer Leiter gelangen konnte, welche während der Nacht fort⸗ genommen wurde. Nichts konnte ärmlicher ſein, als die Wohnung des Marco Ducas. Nackte, ſchwarze Wände, ein feuchter, kaum geebneter Fußboden, eine dünne Strohmatte, welche der armen Familie zugleich als Sitz und Bett diente; ein Fetzen von einer Decke, ein alter Kaſten, auf dem zwei grobe irdene Vaſen ſtanden, die eine mit Waſſer aus der Voiuſſa, die andere mit Mais gefüllt, unter der Aſche geröſtet und mit geronnener Ziegenmilch ver⸗ miſcht, ein abſcheuliches Gericht, welches Curumane heißt und die gewöhnliche Nahrung der Bergbewohner von Epirus iſt;— das war das Innere dieſer Hütte, kaum erwärmt durch ein rauchendes Feuer von Fichtenholz, welches in der einen Ecke brannte und deſſen Rauch keinen andern Ausgang hatte, als einen engen Spalt, durch den mit jedem Augenblicke Wolken von Schnee und eiskaltem Winde in die Hütte ſchlugen. Der Bergbewohner, ſeine Frau und ſein Sohn ſchienen aber in dieſem Augenblicke heiter und beinahe glücklich zu ſein; das Bewußtſein einer überſtandenen Gefahr, das Glück, nach derſelben vereinigt zu ſein, die Hoffnung auf eine geringe Ver⸗ beſſerung ihrer elenden Exiſtenz, welche ſie durch den unter der Obhut des Tomoros zurückgelaſſenen Bären zu erhalten hoff⸗ ten;— das Alles trug dazu bei, ihnen die Zukunft unter etwas weniger ſchwarzer Farbe als gewöhnlich zu zeigen. Zwiſchen ſeinem Vater und ſeiner Mutter auf dem Teppich ſitzend, den ſie näher zum Feuer gezogen hatten, war Michael wechſelsweiſe der Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit. Nosmi, die Frau des Marco Ducas, ungefähr dreißig Jahr alt, würde ſchön geweſen ſein ohne die tiefen Spuren und früh⸗ zeitigen Runzeln, welche das Elend und eine harte Arbeit ihren von Natur feinen und zarten Zügen eingeprägt hatten. Sie war in ein weites, zerfetztes Gewand von brauner Wolle ge⸗ kleidet; auf dem Kopfe trug ſie den rothen Nationalfez, beſetzt 60 mit einer Reihe Muſcheln, welche bei den Armen die Reihen von Gold⸗ und Silberſtücken erſetzen, mit denen die reichen oder wohlhabenden griechiſchen Frauen ihren Kopfputz ſchmücken; ihre ſchwarzen Haare fielen in langen Ringeln auf ihre Schul⸗ tern herab; ſie drückte den Kopf Michael's gegen ihre Bruſt, indem ſie das Kind zu erwärmen ſuchte, das auf ihren Knien eingeſchlafen war. Marco Ducas war von mittlerer Größe, aber kräftigem Wuchſe; ſeine Geſichtsfarbe war blaß, ſeine Züge zugleich ruhig, klug und kühn; er trug die Haare hinten am Kopf lang herab⸗ fallend, auf der Stirn und den Schläfen aber glatt abgeſchnitten. Er hatte ſeinen Ueberwurf von Ziegenfell abgelegt und trug einen alten Yellek oder kurzes Wamms von grobem grünen Tuche; ein Gürtel von rother Wolle war mehrmals um ſeinen Leib geſchlungen und hielt den epirotiſchen Rock von weißer Leinwand feſt; ein Stück ungegerbten Leders, mit Riemen be⸗ feſtigt, umhüllte ſeine kräftigen Füße und Beine nach Art der Kamaſchen. Er rauchte ſeine Pfeife mit thönernem Kopf und einem Rohr von wilden Kirſchen; von Zeit zu Zeit liebkoſte Marco Ducas den Hund, den treuen Gefährten des Tomoros, wech⸗ ſelte einige Worte mit Noömi oder ſchürte das Feuer an, deſſen flackerndes Licht dieſe Scene beſchien. Nachdem die armen Leute lange darüber geſprochen hatten, wie ſie den Bären benutzen wollten, den ſie als ein Geſchenk der Vorſehung betrachteten, kam ihre Rede auf Khamco, die Mutter Ali Paſchas, die fürchterliche Frau, deren Namen man nie anders ausſprach, als mit Schrecken, und indem man ſich bekreuzte, als ſei die Rede von dem Feinde des Menſchen⸗ geſchlechtes. „Die heilige Junfrau ſteh' uns bei,“ ſagte Noömi,„ein Ziegenhirt von Berat, der geſtern gegen Abend am andern Ufer des Fluſſes vor dem Schloſſe Debelen vorbeikam, ſah alle Fen⸗ ſter des Serails durch die Gitter blitzen, anfangs in blauem, bald aber in rothem Scheine— in blutrothem.“ Marco Ducas machte das Zeichen des Kreuzes und er⸗ widerte:„Die Zauberin gebietet Eblis, ¹) wie ich meinen Hun⸗ den, und ſie kann die Klarheit des Tages in einen glühenden 1) Der Teufel. 61 Ofen vewandeln, wie ihr Sohn, der Löwe von Debelen, ¹) unſere ſchöne Sonne von Gladiſta in eiſigen Nebel, unſere fruchtbaren Felder in öde Felſen verwandelt hat, zwiſchen denen wir unſere Kinder auch den wilden Thieren ſtreitig machen müſ⸗ ſen,“ ſagte der Bergbewohner, indem er mit neuer Bitterkeit an die grauſame Verbannung dachte, die ihn nach dem Grucha ge⸗ worfen hatte. Mit finſterm Weſen ſetzte er endlich hinzu:„Gott verwünſche Khamco und ihren Sohn, und entferne uns ſtets von ihrem Wege, denn da, wo ihr Fuß vorübergegangen iſt, kann keine Ernte mehr gedeihen.²) „Iſt es wahr,“ fragte Noémi mit leiſer Stimme,„daß man Nachts aus den ſchwarzen Kellern des Serails Klage⸗ geſchrei herauftönen hört, und daß darauf andere klagende Töne in der Luft antworten?“ „Dann ſind es die Seelen der Todten, welche ſo die See⸗ len derer, die ſterben ſollen, zu ſich rufen, denn die alte Khamco hat in dem Serail Viele getödtet und tödtet noch Viele,“ ant⸗ wortete der Bergbewohner. Nach einer langen Pauſe fuhr er dann fort: „Ja, ja, ſie und ihre Tochter Chainitza morden in dem Serail durch Gift und Zauberei, wie der Löwe von Debelen, ihr Sohn und Bruder, auf dem Felde des Krieges durch Schwert und Kugel tödtet.— Fluch über die Löwin und die jungen Lö⸗ wen!— Fluch über Ali, welcher Gladiſta verheerte, die Unſri⸗ gen erwürgte oder in die Sklaverei führte, die er nicht in dieſes abſcheuliche Land trieb, wo wir vor Kälte, Hunger und Elend umkommen. Noch einmal und noch einmal verflucht ſei der ganze Stamm von Debelen!“ In dieſen Augenblicke trieb eine gewaltige Wolke von Schnee und Wind durch die kleine Oeffnung des Fenſters her⸗ ein, drückte den Rauch auf dem Heerde nieder und erſtickte bei⸗ nahe das Feuer. Von einem Gefühl unwillkürlicher Furcht aufgeregt, drängte ſich Noömi dichter an ihren Mann, indem ſie ſich zugleich doch ſorgfältig hütete, ihren Sohn zu erwecken. „Fürchterliche Nachtl“ ſagte der Grieche, indem er auf das Feuer einige Tannenäpfel warf, die wieder ein helles Licht ver⸗ breiteten. —— 1) Beiname Ali Paſchas. ²) Ein griechiſches Sprichwort, auf die Türken ang wandt. — 2 62 Dann fügte er hinzu:„Obgleich unſer Schutz nur kläglich iſt, wollen wir doch Gott dafür danken, denn es muß jetzt ein fürchterliches Wetter in dem Defilé ſein;“— und an ſeinen Hund denkend, der den Bären bewachte, fügte er mit einem Seufzer hinzu:„Armer Tomoros!—“ und liebkoſte ſeinen zwei⸗ ten Hund um ſo herzlicher. Die Augen in Thränen gebadet, zeigte Noémi ihrem Manne den kleinen Michael, der auf ihren Knien ſchlummerte, und ſagte: „Theures Kind! Sieh! wie es ſchläft!“— Sie dachte mit Wonne daran, daß ihr geliebtes Kind die Gefahr überſtanden. Dann ſtrich ſie die braunen Locken zurück, welche das magere, bleiche Geſicht des Kindes bedeckten, und küßte leiſe deſſen Stirn. Der Bergbewohner beugte ſich ebenfalls über Michael und be⸗ trachtete ihn einige Zeit ſchweigend mit trüber Zärtlichkeit. Plötzlich bewegte Michael die Hände ohne die Augen zu öffnen, und ließ einige unartikulirte Worte hören. „Er träumt, er träumt! Möge die Jungfrau ihm glück⸗ liche Träume verleihen!“ ſagte Noömi, welche, über das Kind gebeugt, den Ausdruck ſeines Geſichtes voll Beſorgniß beob⸗ achtete. Michael's Stirn bedeckte ſich mit Schweiß, ſeine Züge veränderten ſich; er ſchien von einer fürchterlichen Angſt ergrif⸗ fen zu ſein, ſtieß plötzlich unter einem verhängnißvollen Angſt⸗ ſchrei den Namen Khamev aus und verſtummte dann; ſeine Aufregung aber währte fort. „Gott beſchütze unſer Kind!“ rief die arme Mutter voll Verzweiflung.„Er träumt von der Zauberin! Wehe uns, wehe uns!“ „Gott verfluche und verdamme ſie für ewige Zeiten, denn ſie vergiftet ſelbſt den Schlaf der Kinder,“ ſagte der Berg⸗ bewohner voll Bitterkeit. Er wäre vielleicht fortgefahren, aber plötzlich hielt er inne und ſagte zu ſeiner Frau, indem er den Kopf in die Höhe rich⸗ tete und nach der Seite der Thür blickte: „Haſt Du nichts gehört?“ „Nichts,“ erwiderte Noömi, und ſah ihren Mann voll Entſetzen an, indem ſie ihren Sohn feſter in die Arme drückte. Marco Ducas ſprang mit einem Satze empor und ſah nach, ob die beiden hölzernen Riegel, welche die Thür von 65 innen verſchloſſen, feſt wären; dann blieb er ſtehen und fuhr fort zu lauſchen. „Ich fürchte mich,“ ſagte Noömi erblaſſend. Der Grieche legte plötzlich das Ohr gegen die Thür, horchte einen Augenblick, gab ſeiner Frau ein Zeichen, zu ſchweigen, und flüſterte dann leiſe:„Man kommt— man kommt— ich höre den Hufſchlag von Pferden.“ „Die Klephthen!“ ¹) rief Noömi mit dem Tone des höch⸗ ſten Schreckens. „Meine Mutter, meine Mutter!— Die Zauberin!—“ ſchrie das Kind, welches plötzlich aus dem Schlafe auffuhr und ſich feſt an Noémi's Hals klammerte. Nachdem Marco Ducas einen flüchtigen und verzweif⸗ lungsvollen Blick durch das Gemach hatte ſtreifen laſſen, erhob er die Augen zum Himmel und vermochte nichts als die Worte auszuſprechen:„Keine Waffen!“ In dieſem Augenblicke wurde die Thür heftig erſchüttert und eine Stimme ſchrie: „Weshalb wagſt Du es, Dich in Deine Wohnung einzu⸗ ſchließen, Hund von Radja?“2) „Oeffne ſogleich, Haſe!“ 3) ſagte eine andere Stimme. Und noch ehe der Bergbewohner Zeit hatte, zu gehorchen, ſteckte einer der Gueguen das lange Rohr ſeines kleinen Geweh⸗ res zu dem Fenſter herein, ſchien den Schuß von oben nach unten richten zu wollen, und gab Feuer. Die Kugel pfiff, ricochettirte, und fuhr glücklich, ohne Je⸗ mand zu verwunden, in die entgegengeſetzte Wand. „Ihr werdet das Kind tödten!— Sie werden das Kind tödten!— Gebt Acht auf das Kind!“ rief der Bektadji mit ſeiner dünnen, gellenden Stimme. Als die unglückliche Mutter dieſe Worte hörte, die ſchein⸗ bar ſo menſchlich waren und dem rohen Angriffe der Reiter ſo ſehr widerſprachen, errieth ſie mit dem Inſtinkt eines entſetz⸗ lichen Scharfſinnes plötzlich, daß man komme, um ihr ihren Sohn zu rauben. Marco Ducas hatte denſelben Gedanken und Beide blick⸗ ten ſich entſetzt an. ¹) Räuber. 2) Radja, Ungläubiger. 3) Ausdruck der Verachtung der Türken gegen bie Chriſten. — 64 Der Blick des Bergbewohners, der auf Michael fiel, wel⸗ chen Noömi mit dem Ausdrucke wilder Herausforderung an ſich preßte, mußte fürchterlich und bedeutungsvoll geweſen ſein, denn Noömi warf ſich Marco Ducas zu Füßen und ſchrie mit gefalteten Händen:„Tödte ihn nicht!“ „Und weshalb nicht?“ fragte der Grieche mit einer entſetz⸗ lichen Ruhe. „Wirſt Du endlich öffnen, Hund von Radja?“ riefen tu⸗ multuariſch die Stimmen außerhalb, indem die Thür heftig ge⸗ rüttelt wurde. „Willſt Du gehangen werden?“ rief der Bektadji mit ſeiner gellenden Stimme. „Du hörſt es,“ ſagte Marco Ducas, indem er den Dolch aus ſeinem Gürtel zog und den Sohn erfaßte. „Tödte ihn nicht! Im Namen Gottes, tödte ihn nicht!“ ſchrie die Mutter. „Du wrillſt alſo, daß ſie ihn lebend haben ſollen? Du willſt, daß er unter den gottloſen Zauberformeln Khamco's und ihrer Tochter enden ſoll?“ ſagte der Bergbewohner, indem er eine verzweifelte Bewegung machte. „Gnade, mein Vater, Gnade! Was habe ich Dir ge⸗ than?“ rief das Kind voll Entſetzen. „Gott hat ihn heut ſchon vor den wilden Thieren errettet,“ ſagte die Mutter,„er wird ihn vielleicht auch vor der Zaube⸗ rin erretten.— Aber im Namen des Himmels, erbarme Dich einer!“ „Michael— mein Michael— ſenke Dein Haupt— ſieh mich nicht an—“ ſagte der unglückliche Vater mit bebender Stimme, die Augen in Thränen gebadet; dann noch ehe Noémi eine Bewegung machen konnte, hob er raſch ſeinen Dolch empor, aber zweimal brach ſein Muth, als das Eiſen die Bruſt ſeines Kindes beinahe erreicht hatte. „Er iſt gerettet!“ rief Noömi mit dem Tone des Trium⸗ phes, indem ſie zu ihrem Sohne eilte und ihn mit ihrem eige⸗ nen Körper deckte. „Ich bin eine Memme!— Das Elend der Sklaverei hat mich entnervt! Mein Vater hätte Dich getödtet und Deinen Sohn. Aber ich bin feiger als ein Lapez. Gott hat dieſer Wohnung geflucht, und es geſchehe ſein Wille! Das Blut Michael's wird die Hände Khamco's färben!“ ſagte der Berg⸗ bewohner, indem er ſeinen Dolch von ſich warf; dann öffnete er den Reitern ſeine Thür. Der Auftritt bot ein ergreifendes Bild; das glühende Licht der Fackeln, welche die Neger vor dem Hauſe hielten, ließ un⸗ geachtet der Racht hier und dort die glänzenden Waffen der Gueguen funkeln, die in ihre prachtvollen rothen, mit Gold geſtickten Gewänder gekleidet waren, und eine Art Beinſchienen von Silberblech trugen, denn ihre mit Schnee bedeckten Kepes waren auf ihren Sätteln geblieben. Die Soldaten mit den bleichen, wilden Geſichtern, mit den langen Bärten, mit ihren geflochtenen Haaren mit dem Fez bedeckt, drängten ſich tumultuariſch zu dem Eingange in die Hütte des Griechen; aber Niemand wagte hineinzudringen; der Bektadji allein ſtand mit ſeinem umherflatternden ſchwarzen Mantel, die beiden Hände in die weiten Aermel verborgen, ruhig, regungslos' auf der Schwelle der Thür, welche Marco Ducas raſch geöffnet hatte. Vor Schrecken verwirrt, nicht mehr denkend und einer in⸗ ſtinktmäßigen Eingebung gehorchend, kauerte die unglückliche Noämi ſich hinter den Kaſten und umſchlang ihr Kind mit den zitternden Armen, während Marco Ducas, auf dem Ka⸗ ſten ſitzend, den Kopf geſenkt, die Augen ſtarr vor ſich hin auf den Boden gerichtet, fühllos gegen Alles zu ſein ſchien, was rings um ihn her vorging. Nachdem der Bektadji dieſe Scene einen Augenblick be⸗ trachtet hatte, ſagte er zu dem Bergbewohner: „Wo iſt Dein Sohn?“ Marco Ducas antwortete nicht. Der Bektadji zuckte mit den Schultern, gab den Gueguen ein Zeichen, ſich nicht zu nahen, und trat in die Hütte. Im Nu war Michael ergriffen, fortgeriſſen und vor dem Bektadji auf den Sattel geſetzt, welcher, ſeine Beute mit ſich fortführend, von ſeiner Escorte begleitet, den Rückweg nach Debelen einſchlug. Die Cucaracha. II. 5 ———— ——— IV. Khameo. Ali. Chainitza. Ehe wir in dieſer Erzählung fortfahren, müſſen wir drei Hauptperſonen derſelben in ein helleres Licht ſtellen. Wir glau⸗ ben, daß vielleicht nie die Geſchichte des Menſchengeſchlechtes der finſterſten und glühendſten Einbildungskraft etwas in ſeinen Contraſten ſo Auffallendes, in ſeinem Charakter ſo fürchter⸗ liches, in ſeinem Ganzen ſo Verderbliches geboten hat, als dieſe drei gewaltigen Figuren, die ein Dante geträumt haben könnte: Khamco, die Mutter;— Ali, der Sohn;— Chai⸗ nitza, die Tochter!— Wir ſind öfters vom Schwindel ergriffen worden, indem wir in die unermeßlichen Tiefen dieſer geheimnißvollen Drei⸗ einigkeit zu dringen ſuchten, welche zuweilen über die Grenzen des Möglichen hinauszugehen ſcheint, theils durch die unge⸗ heure Uebertreibung unerhörter Miſſethaten, theils durch die wilde Majeſtät einiger ſeltenen, aber erhabenen Tugenden. Der Sohn eines Beys von Debelen, eines Vaſallen der Pforte, einem alten albaneſiſchen Stamme entſproſſen, welcher nach der muſelmänniſchen Eroberung das Chriſtenthum abge⸗ ſchworen hatte, war Vely Bey, der Gatte Khamco's, Vater Ali's und Chainitza's, bei der Theilung der väterlichen Erb⸗ ſchaft in heftige Streitigkeiten mit ſeinen Brüdern, Salik und Mehemed, gerathen. Um die Frage zu entſcheiden, berief ſich die Familie nach dem wilden Gebrauch der Sitte auf das Recht des Schwertes, d. h. Salik und Mehemed verſammelten ihre zahlreichen Anhänger gegen Vely und die ſeinigen und griffen ihn an. Nach einigen blutigen Treffen wurde dieſer Letztere gezwungen, aus Debelen zu fliehen, ſeinen Theil der väter⸗ lichen Erbſchaft aufzugeben und ſich nach Haliacmontes zu flüchten, wo er ſich zum irrenden albaneſiſchen Ritter machte, d. h. zum Klephthen oder Bergräuber, wie der alte epiriſche Geſang ſagt: „Nanos iſt auf die Berge gegangen, auf die hohen Gipfel „der Berge. Er verſammelt Klephthen, junge und brave Bur⸗ „ſchen. Er verſammelt, er vereinigt, er findet drei tauſend,— „und jeden Tag belehrt er ſie— und jede Nacht ſagt er ihnen: 67 „Hört, meine Braven, und Ihr, meine Kinder, ich will keine „Klephthen mit Ziegen, keine Klephthen mit Schafen; ich will „Klephthen mit Säbeln, Klephthen mit Musketen. Einen „Marſch von drei Tagen wollen wir in einer Nacht zurück⸗ „legen. Laßt uns das Haus jener Nicolo überfallen, die ſo „viele Goldſtücke und ſo ſchönes Silbergeſchirr hat. Willkom⸗ „men ſei Nanos, wird ſie ſagen, und willkommen ſeien ſeine „Tapfern! Und die Tapfern werden die Goldſtücke bekommen, „die jungen Burſchen werden die Paras erhalten, und ich will „die Dame ¹).“ Wie der berühmte Nanos, ſammelte auch Vely junge Burſche und Tapfere, nicht ſchüchterne Klephthen mit Ziegen und Schafen, ſondern kühne Klephthen mit Säbeln und Mus⸗ keten; und nach drei Jahren eines wilden, plündernden, mord⸗ erfüllten Lebens hatte er eine Bande entſchloſſener Anhänger ver⸗ ſammelt, ſtieg eines Nachts herunter von den Bergen, ſchwamm durch die Voiouſſa, überfiel ſeine Brüder in dem väterlichen Hauſe, und erdolchte ſie ungeachtet ihres verzweifelten Wider⸗ ſtandes. Dieſe Art, durch Mord und Brudermord wieder in den Beſitz der Erbſchaft zu gelangen, war ſo ſehr nach den Sitten jener wilden Gegenden, wo Erfolg und Muth Alles rechtfer⸗ tigen, daß Velh bei ſeinen Nachbarn nur für einen Mann galt, der einen langen Familienprozeß gewann und glücklich beendet hatte. Seine Klephthenbande wurde natürlich in eine Armato⸗ lica ²) verwandelt, und Vely Bey, der zum erſten Aga von Debelen ernannt wurde, konnte ſich ungeſtört ſeiner Neigung für die Trunkenheit hingeben. Von Zeit zu Zeit jedoch unternahm er einige Streifzüge auf das Gebiet benachbarter Stämme oder Phares, ohne Zwei⸗ fel zum Andenken an ſeinen alten Stand. Gegen 1736 heirathete Vely Khamco, die Tochter des Bey von Conitza, ſeines Nachbarn. Aus dieſer rein politiſchen Ver⸗ bindung, die keineswegs auf Neigung geſtützt war, wenigſtens nicht von Seiten Khamco's, entſprangen zwei Kinder, Ali und Chainitza. 6 Vauriel, Volksgeſänge der Griechen: Die Lehre des Nanos, Klephthengeſang. 2) Bewaffnete Miliz, dazu beſtimmt, die Ruhe des Landes zu ſichern. 5* — — Ungefähr ſechszehn Jahre nach ſeiner Verheirathung ſtarb Vely plötzlich in einem Alter von fünfundvierzig Jahren, Ei⸗ nige ſagten, an den Folgen ſeiner bacchantiſchen Ausſchweifun⸗ gen, Andere, durch Gift. Khamco war damals vierunddreißig Jahre alt, Ali ſechs⸗ zehn und ſeine Schweſter Chainitza funfzehn. Die männliche und ſtrenge Schönheit ihrer Mutter Khamco, der braunen Tochter des Bey von Conitza, war durch die Ge⸗ ſänge der Albaneſen oft gefeiert worden. Ihr Wuchs war vollendet, ihre Bewegungen voll ernſter, imponirender Anmuth, ſelbſt wenn der Gebrauch ſie zwang, die Pyrrhica, jenen kriege⸗ riſchen Tanz des alten Epirus, mit irgend einem jungen Ana⸗ tolen aus dem Phares ihres Vaters zu tanzen. Stolz und hochmüthig, beſonders ſeitdem ſie zweimal Mut⸗ ter geweſen war, verachtete Khamco ihre Nebenbuhlerinnen des Serails und zeigte ſich ſo gebieteriſch und ſo geringſchätzend ge⸗ gen Vely Bey, daß dieſer ſich allmälig von ihr losmachte und ſie in einen abgelegenen Theil des Schloſſes von Debelen ver⸗ bannte. Einſam und verlaſſen lebte Khamco dort bis zum Tode des Bey, unabläſſig beſchäftigt mit ihren beiden Kindern, die ſie mit einer Leidenſchaft und Eiferſucht liebte, welche an Grau⸗ ſamkeit grenzten. Es war eine ſchweigſame, finſtere, in ſich verſchloſſene Frau, die, wie man ſagte, nie gelacht hatte. Wenn ihre Kinder ſpielten oder ſchliefen, brachte ſie träu⸗ meriſch lange Stunden ſcheinbar in Unthätigkeit zu, ihre großen ſchwarzen, von einem braunen Ringe umgebenen Augen auf den ewigen Schnee des Maile⸗Dam gerichtet. Zuweilen, ſagt man, ſollen in dieſen Augenblicken überſpannter Betrachtungen, und beſonders wenn die Sonne langſam hinter den Gipfeln der Argenikberge niederſank, jener öden Felſen, welche nackte Köpfe genannt werden und in die öſtliche Kette der Acroceraunen auslaufen, die Augen Khamco's ſich weit geöffnet haben, ihr blaſſes Geſicht purpurroth geworden ſein und ein unerklärliches Zittern ihren ganzen Körper ergriffen haben; dann, faſt außer ſich, erhob ſie ſich halb, ihre bebenden Hände ſtreckten ſich in das Weite, während ihre rothen Lippen, durch ein unbeſchreib⸗ liches und göttliches Lächeln halb geöffnet, unbekannte Worte zu flüſtern ſchienen. 3 „ 69 Wenn dann der letzte Strahl der Sonne ſeinen glühenden Wiederſchein geworfen hatte, nahm in dem Maße, wie die Dämmerung ihren Schleiet ausbreitete, der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes, der einen Augenblick ſo heiter geweſen war, einen im⸗ mer finſtreren Charakter an, bis es ſo ſchwarz war, als die Nacht; dann, ſagt man, ſollen bittere Thränen langſam über die abgemagerten Wangen Khameo's gefloſſen ſein. Zu anderen Zeiten wieder, nachdem ſie ſonderbare und weiſſagende Figuren zu Rathe gezogen hatte, rief ſie ihren Sohn zu ſich, den jungen Ali mit dem blonden Haar und den blauen Augen, preßte ihn zärtlich an ihr Herz, zeigte ihm in der Ferne an dem Horizont, den die letzten Strahlen des Tages glühend erhellten, irgend ein geheimnißvolles Bild, und ſagte leiſe, doch mit Stolz:„Sohn Khamco's, Du wirſt Weſir werden.“ Wer kann es je wiſſen, welche Viſion ſo jeden Tag einen Augenblick auf den Gipfeln jener wilden Berge den getäuſchten Augen der Mutter Ali's von Debelen ſich zeigte! Kaum waren die letzten Worte der Myriologien der Frauen von Debelen über dem Grabe Vely's geſungen, als Khamco aus einem lethargiſchen Traume zu erwachen ſchien. Ihre ganze Geſtalt verwandelte ſich; die trägen und con⸗ templativen Gewohnheiten des Serails wichen einem Leben unglaublicher Thätigkeit; Khamco, die bis dahin ſchmachtend geweſen war, wurde ſchön, ſtolz, verwegen; ſie legte die wollü⸗ ſtige Tracht der albaneſiſchen Frauen ab, um die Kleidung der kriegeriſchen Palikaren anzulegen; ihre ſchlanke feine Taille wurde von einem grüntuchenen Yellek umſchloſſen, der mit Silber geſtickt war, einer Art engen anliegenden Wamnſes, vom Hals bis zum Gürtel zugeknöpft; eine Djubbe, ein ear⸗ moiſinrother Pelz mit fliegenden Aermeln, bedeckte ihre Schul⸗ tern; der weiße Schurz der Klephthen umgürtete ihre Hüften, und der rothe Fez ließ die langen Flechten ihres brauen Haares ſehen. Ihr kräftiges Bein bekleidete ſie bald mit rothen Maro⸗ quinhalbſtiefeln mit ſilbernen Sporen, bald mit ſeidengeſtickten Kamaſchen, und indem ſie zu Pferde über die Ebene ſprengte, oder zu Fuß die Berge erſtieg, ſetzte ſie wechſelsweiſe durch ihre Kraft und ihre Gewandtheit die verwegenſten Reiter und Fuß⸗ gänger in Verwunderung. 70 Ali und Chainitza, ſchön wie ſie, gekleidet wie ſie, uner⸗ ſchrocken wie ſie, verließen ſie nie und bildeten ihre einzige Be⸗ gleitung. Vergebens hatten Lapezräuber ihre Nähe in der Umgegend von Debelen durch Mord und Plünderung kund ge⸗ than; Khamco verachtete dieſe Gefahren, und man hätte be⸗ haupten mögen, daß dieſe kühne Frau durch Mühſeligkeiten und Gefahren ohne Zahl ihren Sohn und ihre Tochter auf irgend eine große, verwegene That vorbereiten wolle. Vom Morgen bis zum Abend ſtets auf dem Wege, ſah man ſie bald wie eine Viſion mitten in einer Wolke von vergoldetem Staub mit verhängtem Zügel, begleitet von Ali und Chainitza, dahin⸗ ſprengen; bald ſtand ſie, auf eine lange albaneſiſche Flinte ge⸗ ſtützt, während ihre beiden Kinder zu ihren Füßen ſaßen, einſam 6 majeſtätiſch auf dem Gipfel eines mit Schnee bedeckten elſens. Bald verführt durch die wilde und kühne Anmuth dieſer Amazone, welche ohne Zweifel in ihren Augen den idealen Typus kriegeriſcher Schönheit erfüllte, wurden alle Häuptlinge der Palikaren oder Armatolen von Toscaria, unruhige Führer ungezügelter Soldaten, über die ſie ganz nach ihrer Laune ver⸗ von leidenſchaftlichem Enthuſiasmus für Khamco er⸗ griffen. Wenn daher die Nacht finſter, ruhig und ſchweigend war, wenn die Gewäſſer der Voiouſſa ſanft murmelnd über ihr Moos⸗ bett hinglitten, hörte man zuweilen einen verliebten und melan⸗ choliſchen Geſang, begleitet von den Tönen der albaneſiſchen Leier, am Fuße der Mauern des Serails.— Es war irgend ein junger Palikare, erfullt von Liebe zu Khamco, der ſo dieſe heldenmüthige Schönheit feierte. Oft aber unterbrach plötzlich ein erſtickter Schrei, ein plötzliches Schweigen, der Ton eines ſchweren in den Fluß fallenden Körpers die Serenade: es war irgend ein anderer, eiferſüchtiger Palikare, der ſeinen Neben⸗ buhler ermordete, der aber ſogleich zu der Leier des Ermordeten den Geſang fortſetzte. Wie oft ſah man am Tage zwei Armatolen einen wüthen⸗ den und erbitterten Zweikampf beginnen, wenn die bleiche Wittwe mit ihrem Sohne und ihrer Tochter dahergeſprengt kam. Glücklich der Sieger, wenn ein flüchtiger Blick Kham⸗ co's ihn traf! Glücklich der Beſiegte, wenn ſeine ſterbenden Augen dem ſchwarzen, glühenden Auge Khameo's begegneten! 71 Wie oft endlich ſah man zwei junge Hirten, die langen geflochtenen Haare an ihrem Beſicht herabhängend, mit nackten kräftigen Beinen, mit einer antiken Tunica bekleidet, einen gro⸗ ßen, ſchweren Korb von Weidengeflecht, mit Haidekraut be⸗ deckt, in dem Serail niederſetzen, indem ſie ſagten, ein kühner Palikare habe ihnen befohlen, dieſes ärmliche Geſchenk der der Wittwe Vely Beys von Debelen zu überbringen. Voll Ungeduld befragten die Frauen Khamco's ihre Ge⸗ bieterin mit einem neugierigen Blicke; dieſe gab ein Zeichen, das Haidekraut wurde fortgenommen, und es zeigte ſich irgend eine ſcheußliche Trophäe, der Kopf eines wilden Lapezräubers, dem mit dem Dolche auf die Stirn geſchrieben war: Liebe für Khamco die Bleiche. Beſcheidene Huldigung irgend eines geheimnißvollen und ſchüchternen Liebhabers, der aber ohne Zweifel errathen zu werden hoffte. Und voll Entſetzen flohen die Weiber. Aber Chainitza, die Tochter Khamco's, Chainitza, die ſchöne albaneſiſche Jung⸗ frau, floh nicht, ſondern betrachtete das, ohne zu beben; aber Ali, der Sohn Khamco's, Ali mit dem blonden Haar, mit dem milden Lächeln, mit den ſanften blauen Augen, ſtieß ſtolz dieſe blutigen Köpfe mit dem Fuße von ſich. Dann umarmte ſeine Mutter ihn wie mit Raſerei, indem ſie ihm leiſe, ganz leiſe ſagte:„Du wirſt Weſir werden!“ Ungeachtet ſo vieler Beweiſe der Liebe von den Palikaren und den Armatolen blieb die Wittwe Vely Beys gefühllos, geringſchätzend, einſam: ſie ſchien nur für die Zukunft ihres Sohnes zu leben. Zuweilen jedoch ſang ſie, aber ſelten, aber trübe; dazu war nöthig, daß der Mond bleich ſchien, daß die ſteilen Gipfel des Mejurani, in einen bläulichen Dunſt gehüllt, einem ungeheuren Geſpenſt glichen; daß das Echo der Berge das dumpfe, ferne Rollen des Donners wiederholte, daß bei ſtürmiſchem Wetter kleine phosphoriſche Flammen, aus den vulkaniſchen Riſſen an dem linken Ufer der Voluſſa aufſteigend, blau und unerreichbar auf dem ſchwarzen, ausgedörrten Boden hier und dort umhertanzten. Beim Scheine der Blitze konnte man dann das melancholiſche, ſtrenge Geſicht Khameo's hinter dem Gitter irgend eines Fenſters im Serail erblicken, wie ſie mit glühenden Augen den blendenden Zacken des Blitzes folgte. Dann konnte man ihre ſtolze, männliche und kräftige Stimme einige Worte ſingen hören, aber fremdartige, aber finſtere Worte, wie 3. B. den Schluß von: Das junge reiſende Mädchen, einer verſchrobenen albaneſiſchen Myriologie, welche lauten: „O ſeht den ſchönen Körper, einen Doliman zu tragen; „die ſchönen Finger, um Diamanten zu tragen;— ſeht die „ſüßen Lippen, ſo einladend zum Kuſſe, wie blutig ſie auch „ſind!— Ich habe ſie geküßt, dieſe rothen Lippen, und gefärbt „mit Blut waren meine Lippen.— Ich trocknete ſie mit meinem „Tuche, und gefärbt mit Blut war das Tuch;— ich wuſch es „im Fluſſe, und gefärbt mit Blut war der Fluß;— und ge5 „färbt mit Blut war das Meer, in das der Fluß ſich ergoß;— „und gefärbt mit Blut war auch der Himmel— und die ganze „Welt!—“ Weshalb war Khameo ſo traurig, weshalb klagte ſie ſo? Erſchien ihr denn der Schatten Vely Beys, der vielleicht durch Gift fiel, jede Nacht? War es denn das Schrecken vor dieſer Viſion, welches ſie in ihrer Schlafloſigkeit nach Ali rufen ließ? Ali, ihr Sohn, ſo ſchön, ſo jung, ſo kühn, unbeſiegt beim Wett⸗ rennen, im Tanz, im Ringen, Ali, ſtets gewiß, ſeinen Mann oder ſein Ziel zu treffen, ſagte mit ſeiner ſanften, melodiſchen Stimme, wenm er ſein ſchweres Gewehr, mit Gold, Perlmutter und Korallen ausgelegt, gegen die Schulter ſtemmte, mit zärt⸗ lichem Ausdruck:„Steh' mir bei, meine Mutter!“ Entſetzlicher Contraſt! Weshalb war dieſe Stimme, die nicht müde wurde, zum Gemetzel zu rufen, ſo harmoniſch rein und friſch!— Weshalb war dieſer Mund, der zu ſo vielen Miſſethaten lächeln ſollte, ſo bezaubernd und unwiderſtehlich? Weshalb waren ſeine blauen Augen, die ſich voll Gier an Auftritten des Gräuels weiden ſolten, ſo reizend und von ſo klarem Blau? Weshalb war dieſe Mordhand, welche ſo oft und wieder oft den mit Blut gefärbten Dolch in die Scheide ſenken ſollte, ſo weiß, ſo zart und ſo ſchön? Entſetzliches, geheimnißvolles und verderbliches Weſen! Ali, Sohn Khamco's, Ali von Debelen, Du, ein unerſättlicher Plünderer, Du, ein hölliſcher Politiker, Du, ein unverſchämter Satrap, Du, ein gegen ſeinen Herrn empörter Großvaſall, Du, der beinahe ein ganzes Jahrhundert lang die Menſchheit durch entſetzliche Miſſethaten erſchreckte;— Ali von Debelen, wes⸗ halb wurdeſt Du während Deiner langen Laufbahn ſtets ſo übermäßig angebetet, der Du mit jungem und flüchtigem Fuße 75 das blühende Haidekraut von Debelen niedertrateſt und in Deinem Alter, in das finſtere Seeſchloß zurückgezogen, dort ſtarbſt, noch fürchterlich für Deine Feinde, wie der verwundete Löwe? Weshalb wurdeſt Du ſo innig von Deiner Mutter ge⸗ liebt, von Deiner Schweſter? Weshalb wurdeſt Du ſo leiden⸗ ſchaftlich angebetet von der unſchuldigen und rührenden Emineh, von der glühenden und thörichten Zobeide, von der ſtrengen und chriſtlichen Vaſiliki— von den drei keuſchen Gattinnen, drei Engeln, die ſtets rein und ſtrahlend über der zahlloſen Menge unbekannter Weiber ſchwebten, welche Dein Serail be⸗ völkerten? „Ja, Ali wurde geliebt, leidenſchaftlich angebetet; ange⸗ betet nicht als gebieteriſcher Sultan, nicht als furchtbarer Herr, ſondern angebetet als Sohn, als Bruder, als Geliebter. Weil auch er, der gebieteriſche Sultan, der furchtbare Herr, zärtlich, innig, eidenſchaftlich als Sohn, als Bruder, als Gatte zu lieben verſtand. Aber der Sohn Khamco's ſollte nie einen Freund unter den Männern haben. Alle die, welche ihr böſes Geſchick ihm in den Weg warf, wurden, fortgeriſſen durch den Wirbel der Verachtung, des Egoismus, der Tücke und unverſöhnlichen Grauſamkeit, entweder Seiden, Werkzeuge, Sklaven, Betrogene, oder Opfer ſeines eiſernen Willens; denn kein Mann konnte durch den mildernden Einfluß einer großmüthigen Freundſchaft dieſe unbeugſame Seele zügeln. Für ſeine Mutter, ſeine Schweſter und ſeine drei Frauen bewahrte Ali die Schätze der Zärtlichkeit, die er in ſeinem Her⸗ zen barg. Wenn Khamco, ſeine Mutter, ihn ſo ſehr liebte, kam es daher, daß die Worte: Steh mir bei, meine Mutter!— die einzigen waren, welche dieſer Menſch, der ſtets mit ſo ent⸗ ſetzlicher Ironie die Geſetze und göttliche wie menſchliche Strafe verſpottete, nie ohne Rührung und Ehrfurcht ausſprach. Galt es, in einem Kampfe oder gegen Mörder ſein Leben zu verthei⸗ gen, ſo wich Ali von Debelen, deſſen Löwenmuth vor nichts zitterte, nie zurück; aber er, der ſich durch ſeine Verbrechen eine ſo entſetzliche Einſamkeit mitten unter Menſchen begründet hatte, empfand mitten in der Gefahr das unüberwindliche Bedürfniß, durch dieſe für ihn heiligen Worte die Erinnerung an ſeine ℳ₰ —— 74⁴ Mutter anzurufen, die einzige Religion, den einzigen Glauben, von dem er Schutz zu fordern wagte, fordern mochte. Wenn Khamco, ſeine Mutter, ihn ſo ſehr liebte, ſo kam es daher, weil ihr mütterlicher Inſtinkt ihr ohne Zweifel ent⸗ 6 hüllt hatte, daß einſt ein Tag kommen würde, ein fürchterlicher Tag, an dem ſie zu ihrem Sohne ſprechen müßte: Räche mich! und daß dieſer Sohn bis zum Ende ſeines Lebens unabläſſig alle Anſtrengungen ſeiner Macht, alle Verſchlagenheit ſeiner nichtswürdigen und blutigen Politik, die ganze grauſame Ener⸗ gie ſeines ungezügelten Willens aufbieten würde, an den Fein⸗ den ſeiner Mntter eine Rache zu nehmen, die noch tauſendmal fürchterlicher wäre als ihre Beleidigung! Wenn Emineh, Zobeide und Vaſiliki ſo ſchön, ſo keuſch und ſo leidenſchafllich, Ali bis zum Wahnſinn liebten, wenn durch das geheimnißvolle und fürchterliche Verhängniß, welches über dem Leben dieſes Menſchen zu ſchweben ſcheint, dieſe drei Gattinnen, die ſo herrlich begabt waren, ein gewaltſames und unerwartetes Ende nahmen;— ſo bewies die entſetzliche Reue, die ſie für immer in dem verzweifelnden Herzen Ali's überlebte, wie ſehr dieſe edlen Frauen geliebt wurden, und welche glän⸗ zende Perle heiliger und religiöſer Zärtlichkeit die Natur zuwei⸗ len in unbegreifſichem Contraſt in den Grund der ſchwärzeſten und verheſten Seelen ſent. Ali war alſo nur noch ein Jüngling, als Khamco, die Wittwe Vely Beys, ſich ſo gleichgültig gegen die wilde Liebe faſt aller Häuptlinge der Palikaren und Armatolen von Tos⸗ caria zeigte. Dieſe Gleichgültigkeit und dieſe Verachtung waren jedoch nur etheuchelt. Nicht etwa, daß Khamco je ihr ſtolzes und eiskaltes Herz in Liebe für irgend einen Sterblichen ſchlagen fühlen ſollte; aber gewandt und von tiefer Verſtellung, ſah ſie mit geheimer Freude ihren Einfluß über die Häuptlinge in⸗† disciplinirter Banden um ſo mächtiger werden, als ſie ihn we⸗ niger zu ſuchen ſchien. Die Wittwe Vely Beys glaubte blind an die Enthüllun⸗ gen ihres finſtern, krankhaften und exaltirten Geiſtes und wurde von Ehrgeiz verzehrt, nicht für ſich ſelbſt, aber für ihren Sohn, den ſie ſich als Weſir geträumt hatte. Einige behaupten, ſie ſei dem frühen Tode Vely Beys nicht fremd geweſen, und wenn ſie dieſe Miſſethat begangen * L 75 habe, ſo ſei es geſchehen, um allein die Herrin über das Ge⸗ ſchick ihres Sohnes zu bleiben, das ſie ſich vom Verhängniß anvertraut glaubte. Sie wußte, daß der, welcher ſeine Anſprüche auf die blinde Ergebenheit der Bandenführer ſtützen könnte, deren Verein die einzige militäriſche Macht dieſer Gegenden bildete, früher oder ſpäter eine unumſchränkte Gewalt erlangen müßte. Khamco hatte abſichtlich eine Art wilder und kriegeriſcher Coquetterie angewendet, um die Häuptlinge der Armatolica leidenſchaftlich zu entflammen und ſo gewandt die Zukunft ihres Sohnes vor⸗ zubereiten, indem ſie jedem die unbeſtimmte Hoffnung ließ, einſt vielleicht das Herz der Wittwe Vely Beys durch Opfer und Anhänglichkeit zu rühren. Als Ali mit Hoffnung auf Sieg den Preis des Wettlau⸗ fes, des Ringens und des Schießens den flüchtigſten, kräftig⸗ ſten und geſchickteſten Albaneſen ſeines Alters ſtreitig machen konnte, veranſtaltete Khamco eine Art von Turnier vor dem Serail. Sie ſelbſt wohnte demſelben verſchleiert an einem nie⸗ dern Fenſter bei, und der Preis erhielt einen unſchätzbaren Werth, indem er durch ihre Hände ging. Einer der Toscaria benachbarten Beys, der Bey von Kar⸗ diki, fürchtete aber bald die Folgen von dem ungewöhnlichen Einfluſſe, den Khamco gewann, und da er glaubte das Gebiet von Debelen ungeſtraft verheeren zu können, griff er es unver⸗ ſehens an. Auf das erſte Gerücht dieſer Feindſeligkeiten ver⸗ ſammelten ſich die Bandenführer Toscaria's in Debelen und boten voll Enthuſiasmus Khamco ihre Dienſte an. Dieſer Angriff und der Krieg, den er verurſachte, Ereig⸗ niſſe, welche auf die Laufbahn Ali's einen wunderbaren Ein⸗ fluß hatten, trugen ſich ungefähr zwanzig Jahre vor der Zeit zu, von welcher hier die Rede iſt, d. h. während der Jünglings⸗ jahre Al's. Wir finden ihn in dem ganzen Glanze ſeiner Macht wieder, indem er aus dem Schooße von Epirus zu ſeiner ſterbenden Mutter eilte, welche die Wahrſager nur noch durch einen entſetzlichen Trank retten zu können glaubten, ein blutiges Opfer, zu dem der unglückliche Michael beſtimmt war, den der Bektadji ſo grauſam geraubt hatte. V. Die Reiſe. erfuhr. Bei dieſer Nachricht verließ er plötzlich die Stadt, um ſich nach Debelen zu begeben, aber die Schnelligkeit dieſer Reiſe war weit entfernt der Ungeduld des Satrapen zu entſprechen. Gewöhnt, Alles ſich ihren geringſten Launen fügen zu ſehen, täuſchen die Despoten ſich bald über ihre wunderbare Leichtigkeit, Gehorſam zu finden; Niemand leidet daher auch grauſamer als ſie, wenn ihr Wille ſich an einer phyſiſchen Un⸗ möglichkeit bricht. Es iſt keine Paradore, wenn man ſagt, daß ſie ihre Macht ſehr beſchränkt finden, wie unumſchränkt ſie auch ſein mag; Alles, was den andern Menſchen unmöglich ſcheint, iſt in ihren Augen von der gemeinſten Möglichkeit, und da die Schwierigkeiten, welche man die Zwiſchenſchwierigkeiten nennen könnte, vor ihrer Allmacht verſchwinden, finden ſie ſich täglich den unüberſteiglichen Grenzen gegenüber, die Gott zwiſchen ſich und der Menſchheit aufgeführt hat. So beweiſen die Zeit, der Raum, der Tod, die ewigen Geſetze der Natur durch ihre ge⸗ bieteriſche Unwandelbarkeit fortwährend das Nichtige und die Eitelkeit von der vorgeblichen Allgewalt der Despoten. Ali hatte alſo, wie erwähnt, als er von der plötzlichen Krankheit ſeiner Mutter hörte, Alles verlaſſen, um nach Debe⸗ len zu eilen; aber bei dem rauhen Winter Albaniens hatten der Schnee, grundloſe Wege, Abgründe, übergetretene Sturz⸗ bäche bei jedem Schritte ſeinen Weg gehemmt, vergebens hatte er durch furchtbare Drohungen und durch unerhörte Grauſam⸗ keiten die Strecke verkürzen wollen, indem er die Reiſe über⸗ mäßig beſchleunigte. Wüthend über die Unmöglichkeit des Ge⸗ lingens, war er beinahe ſinnlos geworden, indem er die un⸗ überſteigliche Vielfältigkeit der Hinderniſſe erkannte, auf die er bei faſt jedem Schritte ſtieß; der Satrap hatte daher nichts ver⸗ mocht als zu tödten und wieder zu tödten, ohne deshalb ſchneller gegen Debelen vorzudringen, wo ſeine Mutter ſtarb. Einer der Albaneſen, welcher den Wagen fuhr ¹), in wel⸗ ¹) Ali bediente ſich zu ſeinen Reiſen ſtets deutſcher Wagen. Ali belagerte Banagin, als er die Krankheit ſeiner Mutter 77 chem Ali mit ſeiner Gattin Emineh reiſte, hatte eines Tages von dem Weſir den Befehl erhalten, ein gewiſſes Dorf in einer beſtimmten Friſt zu erreichen, wo nicht, ſo ſollte der Unglück⸗ liche ſterben. Noch vor Erreichung des Zieles ſtürzte eines der Pferde und brach das Bein. Ali gab ein Zeichen, und der unglückliche Kutſcher wurde dem Henker überliefert, um gehan⸗ gen zu werden. „Du willſt mich tödten laſſen?“ ſagte der Albaneſe zu Ali; „nun gut, und was dann?“ „Er hat Recht,“ ſchrie der Satrap;„dann, dann— dann kann ich weiter nichts—“ und dabei drohte er mit der geball⸗ ten Fauſt wüthend zum Himmel hinauf. Aber der unglückliche Kutſcher mußte dennoch ſterben. Ein andermal, als er auch wieder einen ſeiner Kutſcher wegen ſeiner unwillkürlichen Langſamkeit mit einer fürchterlichen Strafe bedrohte, bat die zitternde Emineh um die Begnadigung dieſes neuen Opfers. Der Weſir richtete auf ſeine Frau ſeine großen blauen, in Thränen ſchwimmenden Augen, und ant⸗ wortete mit innig gerührter Stimme und voll wilder, naiver Zärtlichkeit:„Aber, ſüße Blume ¹), bedenke doch, daß ich nach Debelen kommen muß,— ehe meine Mutter ſtirbt— um durch meine Gegenwart vielleicht Die wieder in das Leben zurückzuru⸗ fen, die mich zum Mann und zum Weſir gemacht hat.“ Und Ali ſprach nicht etwa ſo, um unter erheuchelter Kin⸗ desliebe eine überflüſſige Grauſamkeit zu verbergen. Zum Un⸗ glück für die Menſchheit konnte Ali von Debelen ganz offen blutdürſtig ſein; wie unerklärlich auch der Contraſt einer kalten Grauſamkeit und einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit ſein mag, ſo iſt doch das Gefühl, aus dem dieſer Contraſt entſpringt, na⸗ türlich, ja wir möchten beinahe ſagen, ein Allen gemeinſchaft⸗ licher Inſtinkt. Der Menſchlichſte ſtelle ſich eine Mutter vor, eine angebetete Mutter, die mit dem Tode ringt; er empfinde für dieſe Mutter Alles, was Liebe und Dankbarkeit dem Herzen des Menſchen Unvergängliches und Glühendes einprägen kön⸗ henz er glaube feſt, daß ſeine eigene Gegenwart oder die eines Retters, den er mit ſich bringt, das ihm ſo theure Leben dem Tode zu entreißen vermögen;— daß die Schnelligkeit der Reiſe ——— ¹) Schmeichelname, den Ali ſeiner Emineh zu geben pflegte. und folglich die Stunde des Heiles von irgend einem furchtba⸗ ren Beiſpiele abhängt. Würde wohl der Menſchlichſte zu behaupten wagen, daß er nicht lieber, als zu ſpät zu dem lebloſen Körper ſeiner Mut⸗ ter zu gelangen, in Gedanken einen Mord begehen würde, in⸗ dem er in verzweiflungsvoller Angſt daran dächte, daß der Tod eines gleichgültigen Menſchen ihm einen ſo ſchmerzlichen Ver⸗ luſt hätte erſparen können? Für Ali, den Paſcha von Epirus, aber, der in der größten Verachtung des Menſchengeſchlechts erzogen war, hieß ſo den⸗ ken, zugleich auch handeln; und wenn er den geringſten Begriff von Gerechtem und Ungerechtem gehabt hätte, würde er ſich ohne Zweifel und mit Grund nicht für ſtrafbar gehalten haben, indem er als verzweifelnder Sohn ſeiner innigen, wenn auch wilden Liebe für ſeine Mutter einige Sklaven opferte, oder doch für minder ſtrafbar, wie an dem Tage, an welchem er, ein wil⸗ der Eroberer, Feuer und Tod in eine friedliche Gegend trug. Der Satrap mußte übrigens tief in ſeine ſchmerzlichen Ge⸗ danken verſunken ſein, als er ſich nach Debelen begab, denn abgeſehen von den beſchriebenen Grauſamkeiten, welche ſeine glühende Ungeduld bewieſen, verrieth bei ſeiner eiligen Reiſe nichts die gewöhnliche Art derſelben, welche der Bevölkerung einen ſolchen Schrecken einflößte, daß es in Epirus beinahe ſprichwörtlich geworden war, bei ſeiner Annäherung auszuru⸗ fen: Laßt uns fliehen; der Weſir kommt, uns zu verſchlingen! Entſetzlicher und merkwürdiger Contraſt! Sei es nun Folge einer ausgeſucht unerhörten Grauſamkeit, ſei es empörender und furchtbarer Spott gegen die Uebel, die er dem Menſchenge⸗ ſchlecht auferlegte, ſei es endlich ein unüberwindlicher Inſtinkt der Güte, die ſich merkwürdig genug in der ſüßlichen Ausfüh⸗ rung ſeiner abſcheulichſten Handlungen oder ſeiner blutdürſtig⸗ ſten Befehle äußerte;— genug, Ali von Debelen plünderte und mordete faſt nie, als mit dem verführeriſcheſten Lächeln auf den; Lippen und indem er ſeine Opfer mit den freundſchaftlichſten Verſicherungen überhaufte. Auf ſeinen gewöhnlichen Reiſen, bei welchen ſeine alba⸗ 9 neſiſchen Couriere ihm voraneilten, ſchrieb der Satrap mit ei⸗ gener Hand Manifeſte des Mitleids und der Liebe, in denen er den Bewohnern der Diſtriete, durch die er kommen ſollte, ver⸗ kündete: daß ſie die vielgeliebten Söhne ſeines Herzens wären und daß ihnen binnen Kurzem das unerhörte Glück zu Theil werden ſollte, ſich vor ſeinen goldenen Stiefeln in den Staub zu werfen. Bei der Nachricht von der Ankunft Ali's von Debelen herrſchten bald Schrecken und Verwirrung allgemein unter dem Volke. Die Einen entflohen mit ihren Koſtbarkeiten nach dem Gebirge; Frauen brachen in Schluchzen aus, indem ſie ihre Kinder umarmten, während griechiſche oder muſelmänniſche Prieſter ſich in Eile verſammelten und die Männer zu überreden ſuchten, ſich eine freiwillige Contribution aufzuerlegen, ſtark ge⸗ nug, die unerſättliche Habgier des Weſirs zu befriedigen, und um dieſen Preis von ihm die Gunſt zu verlangen, einen an⸗ dern Weg zu wählen. In dieſem Falle wurde das Geld, oder in Ermangelung des Geldes der Schmuck nach der nächſten Reſidenz des Weſirs durch Abgeordnete der Städte gebracht, welche demüthig im Namen ihrer Mitbürger erklärten, daß die armen Leute ſich der Blicke Sr. Hoheit für unwürdig hielten und deshalb das unerhörte Gluͤck ablehnten, den Staub ſeiner Füße küſſen zu dürfen. Genügte die Summe dem Satrapen, ſo willigte er ein, ſeine Reiſeroute zu ändern, indem er, wie er ſagte, es ſchmerz⸗ lich bedauerte, ſich das Glück verſagen zu müſſen, einen Theil ſeiner Völker, den er am meiſten liebte, zu ſehen; oft aber auch, ſei es nun Laune, ſei es, daß die Contribution nicht bedeutend genug war, beharrte er mit einer ſcheinbar ſehr freundſchaftli⸗ chen Hartnäckigkeit auf dem unüberwindlichen Bedürfniß ſeines Herzens, welches ſich durchaus nach dem Anblicke ſeiner viel⸗ geliebten Unterhanen ſehnte.— Dann gab er trotz den Bitten und Thränen der Abgeordneten den Befehl zur Abreiſe. Fand er bei ſeiner Ankunft die Contributionen der Wich⸗ tigkeit der Stadt nicht angemeſſen, ſo ließ er augenblicklich die Abgeordneten hängen oder pfählen, indem er ihnen ſanfte Vor⸗ würfe darüber machte, daß ſie ihn der Gefahr ausgeſetzt hätten, das Herz und die Großmuth der Bewohner zu verkennen, da ſie ihm einen ſo ärmlichen Tribut anbotenz er ſchloß dieſe Rede, welche den ganzen Charakter väterlicher Güte trug, damit, daß er die Hoffnung ausſprach, eine Bevölkerung, die er liebe, und aus Liebe zu der er ſeinen Weg verändert hätte, würde ſich ſicher nicht von ihrem guten Weſir trennen, ohne demſelben ——— — ₰„ 3 30 einen augenſcheinlichen Beweis der Anhänglichkeit und Liebe zu geben, oder, mit andern Worten, ohne ihm eine beträchtliche Contribution zu zahlen. In dem Schrecken, welches die Palikaren des Paſcha ein⸗ flößten, und im Angeſicht der jüngſten Opfer ſeiner unerbittli⸗ chen Grauſamkeit verdoppelten oder verdreifachten die unglück⸗ lichen Einwohner die Summe. Ali umarmte hierauf die Vor⸗ nehmſten voll Innigkeit und rief dabei aus, die Beſtrafung der Abgeordneten ſei offenbar gerecht und wohlverdient geweſen, da ſie ihren Weſir unverantwortlich über die Gefühle einer vor⸗ trefflichen Einwohnerſchaft getäuſcht hätten, die er jetzt ſo fände, wie er ſie in ſeinem Herzen ſich immer gedacht. Als letzten Beweis ſeiner Liebe für die Einwohner forderte der Satrap, ſie alle verſammelt zu ſehen, um ihnen Lebewohl zu ſagen. Man gehorchte zitternd dieſem neuen Befehle; Män⸗ ner, Weiber, Kinder verſammelten ſich mit finſtern, verzweifeln⸗ den Geſichtern, entweder auf dem Hauptplatze des Ortes, oder in der Ebene. Nachläſſig in ſeinen Wagen zurückgelehnt, warf dann der Weſir auf die ſchweigende und zitternde Menge einen lächelnden Blick; gefiel ihm ein ſchönes junges Mädchen, ſo bezeichnete er ſie mit dem Finger und ſagte einem ſeiner Offi⸗ ziere ein Wort.— War es ein hübſcher junger Burſche von ſchönem Wuchs und wohlgefälligem Geſicht, kurz, würdig, unter ſeine Pagen einzutreten, ſo machte er ein anderes Zei⸗ chen, ſagte ein anderes Wort, und wenn dieſe Art von Revue beendigt war, wiederholte er nochmals die Verſicherung der Liebe, die er zu der Bevölkerung hegte, und zum Beweiſe davon wolle er eine lebendige Erinnerung daran ſtets in ſeiner Nähe haben. Er deutete hierauf auf die von ihm bezeichneten Ge⸗ fangenen und ließ ſie von ſeinen Albaneſen auf der Croupe ihrer Pferde mit fortnehmen, und dieſe neuen Opfer ſeiner zi⸗ gelloſen Leidenſchaften vermehrten dann die Zahl der Weiber ſeines Serails oder der Pagen ſeines Palaſtes. Ruhig ſetzte dann der Satrap ſeine Reiſe fort, indem er überall eine entſetzliche Contribution an Gold, Blut und Ge⸗ ſchöpfen Gottes erhob, und nichts als Elend, Tod und Ve⸗ zweiflung hinter ſich ließ. Einmal jedoch zeigte Ali von Debelen auf einer ſeiner Rei⸗ ſen durch Epirus eine ſolche Kühnheit, Geiſtesgegenwart und einen ſo wunderbaren Muth, daß die Gewandtheit und Unet⸗ 31 ſchrockenheit ſeines Benehmens bei dieſer Gelegenheit genügten, ihn weit über die Tapferſten und Gewandteſten zu erheben. Er war kürzlich zum Paſcha von Theſſalien ernannt wor⸗ den; ſeine Gewalt war noch nicht feſt begründet, und er fühlte das Bedürfniß, Alles zu wagen, um für immer ſeine Gewalt und die Strafloſigkeit ſeiner Miſſethaten zu ſichern, indem er den Völkern, die er ſo furchtbar beherrſchen wollte, eine beinahe übernatürliche Meinung von ſich beibrächte. Zu der Handlung, die wir ſchildern wollen, und die eben ſo wunderbar in ihrem Erfolge, als in ihrer Verwegenheit war, wurde er durch drei Gründe bewogen: durch ſein unwandelbares Vertrauen in ſein Geſtirn, die ewigen Prophezeihungen ſeiner Mutter; durch ein nicht minder tiefgewurzeltes Vertrauen in ſeine Kraft und Gewandtheit; endlich durch die Gewißheit, daß ſeine Völker gegen ſeine Erpreſſungen und Grauſamkeiten zu murren begannen, und daß er ohne einen auffallenden Zug der Kraft und des Muthes früher oder ſpäter niedergemetzelt werden würde, während ſeine Macht auf immer geſichert ſei, wenn ſeine Abſicht gelang. VI. Der Kampf. Es war ungefähr vier Jahr vor der letzten Krankheit Khamco's; Ali, kürzlich von der Pforte zum Paſcha von Theſ⸗ ſalien ernannt, zählte erſt vier und dreißig Jahr. Er durchzog Teſſarotien, einen Suli ſehr nahe gelegenen Diſtriet, der durch ein kriegeriſches, eben ſo unbeugſames als wildes Geſchlecht be⸗ völkert wird. Seine Bedrückungen und Grauſamkeiten began⸗ nen, wie erwähnt, die Albaneſen zu erbittern. Er wollte alſo durch einen kühnen Streich der in Furcht geſetzten Bevölkerung als ein beinahe übernatürliches Weſen erſcheinen, oder in dem Kampfe untergehen, denn er war überzeugt, daß ſeine Banden von Palikaren nicht immer genügen würden, ihn gegen die wider ihn aufſtehenden Maſſen zu vertheidigen; war aber der Die Cucaracha. II. 32 grobe und abergläubiſche Geiſt dieſer Völkerſchaften einmal tief ergriffen, ſo rechnete Ali darauf, ihnen als eine verhängnißvolle Nothwendigkeit zu erſcheinen, die von der Vorſehung ihnen geſendet, und die keine menſchliche Macht zu beſiegen im Stande ſei. Er war nach Levtochor gekommen, einem Dorfe Theſſaliens, das durch die Tapferkeit ſeiner Einwohner berühmt war, unter denen drei Brüder ſich auszeichneten, drei Klephthen, die drei Demir⸗Dorſt genannt, Männer von rieſenhaftem Wuchs, von athlethiſcher Kraft und heldenmüthiger Tapferkeit. Der Satrap hatte ſeinen Marſch ſo berechnet, daß er das Dorf während der Nacht überfallen konnte, um ſich dieſer drei Klephthen zu be⸗ mächtigen, die in den Bergen berühmt waren. Seine Palikaren umzingelten in großer Menge Levtochor, und nach einem ver⸗ zweifelten Widerſtande wurden die drei Demir⸗Dorſt gefangen⸗ genommen und geknebelt. Mit Tagesanbruch begab ſich Ali, prachtvoll gekleidet, begleitet von zwei tauſend Albaneſen, ein kohlſchwarzes arabi⸗ ſches Pferd von ſeltener Schönheit reitend, das eine Satteldecke von einem Tigerfelle trug, deſſen Klauen von Gold waren und deſſen Kopf mit Augen von Rubinen auf der Croupe den Ra⸗ chen aufzuſperren ſchien, auf eine Art von Plateform, welche von ſteilen Felſen eingeſchloſſen war. Auf Befehl des Satrapen wurden die Einwohner verſammelt, und nach ſeiner Gewohnheit ſchrieb er dann eine ſtarke Contribution aus und befahl die Ent⸗ führung eines jungen Mädchens, welches die Braut eines der drei Demir⸗Dorſt war. Nach Ertheilung dieſer Befehle ließ der Satrap, der noch immer zu Pferde war, die drei Klephthen kommen, die mit Feſ⸗ ſeln bedeckt waren, indem er hoffte, daß der unbeugſame Cha⸗ rakter dieſer Krieger einen Auftritt herbeiführen würde, den er außerdem ſelbſt zu veranlaſſen entſchloſſen war. Aber der älteſte der gefangenen Brüder kam den Wünſchen Ali's bald zuvor. „Ich will Deine Braut, Dein Gold und Dein Leben neh⸗ men,“ ſagte der Satrap mit ſeiner ſanften, melodiſchen Stimme, indem er ihn lächelnd anblickte vom Pferde herab, das den Bo⸗ den ungeduldig ſtampfte. „Du willſt mein Leben nehmen, weil hundert Schakals mehr ſind wie ein Wolf,“ erwiderte der Suliote mit dem Tone 35 wilder Verachtung, indem er auf die albaneſiſchen Soldaten des Weſirs deutete, die in Reihe und Glied aufgeſtellt waren. „Nein, mein Sohn, ſondern ich will Dein Leben, Dein Gold und Deine Braut nehmen, weil ein Löwe ſtärker iſt, als drei Wölfe,“ ſagte der Weſir noch immer ſehr ruhig. „Ja, wenn die drei Wölfe in der Falle ſind,“ erwiderte der zweite Demir⸗Dorſt mit bitterem Lächeln. „Nein, wenn die drei Wölfe frei ſind,“ entgegnete der Weſir, ohne ſeine Kaltblütigkeit zu verlieren. „Die Weiber ſagen wenn, die Männer ſagen hier,“) antwortete der andere Klephthe. „Und ich, Ali, der Löwe von Debelen, ich ſage, daß man dieſe drei tapfern Wölfe ſogleich in Freiheit ſetze, um zu ſehen, ob ſie es wagen, den Löwen offen anzugreifen.“ Und auf Befehl Ali's fielen die Bande der drei Brüder. Zuerſt ſtarr vor Staunen, richteten ſie bald auf den Weſir wuthfunkelnde Blicke. Ali wendete ſich hierauf an den Aelteſten und fuhr mit einem begeiſterten Weſen fort, das er nur ſelten zeigte, das aber auf dieſe groben Geiſter einen großen Einfluß üben mußte: „Ich nehme Dir Dein Gold, Deine Braut und Dein Leben, Demir⸗Dorſt, und weißt Du, weshalb? Nicht etwa, weil ich dort dreitauſend Palikaren und Armatolis habe, denn die ſollen ſich entfernen!“— Und auf ein gebieteriſches Zeichen des Weſirs wichen die Truppen zurück. „Nicht weil ich Paſcha von Theſſalien bin; hier werfe ich meinen Pelz und meinen Reiherbuſch hin;“— und er warf Pelz und Reiherbuſch von ſich. „Nicht, weil ich dieſes muthige Roß reite, den Sohn Omer's; es ſei frei!“— Und Ali ſtieg vom Pferde, verſetzte ihm einen Schlag, und es ſprang in wilden Sprüngen davon. Ali fuhr fort:„Auch nicht, weil ich meine von edlen Stei⸗ nen funkelnden Piſtolen habe; nicht weil mein Säbel und mein Dolch vom feinſten Damascener ſind. Da liegen ſie;“ und er warf ſeine Waffen weit von ſich. Dann ſagte er mit einem Herrſchertone und mit Bewegun⸗ gen voll ruhiger und fürchterlicher Majeſtät, wie die Jupiters des Donnerers:„Ich nehme Dein Gold, Dein Weib und Dein ¹0 Epirotiſches Sprichwort. 6* Leben, und willſt Du wiſſen, weshalb, Sohn des Demir⸗Dorſt? Erhebe die Augen zum Himmel, und Du wirſt es wiſſen; denn Du wirſt ſehen, wie der Adler auf den Raben ſtößt und ihn zerreißt.— Senke Deine Augen auf die Erde, und Du wirſt es wiſſen; denn Du wirſt ſehen, wie der Hirſch von dem Luchs des Pindus zerriſſen wird.— Blicke hinab in den Grund des Meeres, und Du wirſt es wiſſen; denn Du wirſt ſehen, wie der Hai den Thunfiſch und die Goldbraſſe zerreißt.— Sieh, mein Sohn, das iſt dort oben von Ewigkeit zu Ewigkeit mit blutigen Buchſtaben geſchrieben, Du mußt Dich ihm alſo unterwerfen, denn die Natur hat den Raben, den Hirſch und die Goldbraſſe dazu geſchaffen, die Beute des Adlers, des Luchſes und des Hais zu ſein, wie die Natur Dich dazu geſchaffen hat, meine Beute zu ſein, denn Du biſt ſchwach und ich bin ſtark!— Des⸗ halb nehme ich Dein Gold, Dein Weib und Dein Leben!“ „Du biſt ſtark, weil Du Weſir biſt, und die Palikaren ih⸗ rem Weſir gehorchen!“ ſagte bitter der älteſte der drei Klephthen. „Ich bin ſtark, weil ich Ali bin, der Löwe von Debelen. Ich bin ſtark, wie der Adler von Haliacmontes, weil er Adler iſt,— wie der Luchs des Pindus ſtark iſt, weil er Luchs iſt,— wie der Hai des Golfes von Kiefali ſtark iſt, weil er Hai iſt,— Du aber biſt ſchwach und meine Beute, weil es dort oben ge⸗ ſchrieben ſteht, daß Du ſchwach ſein ſollſt und meine Beute; unterwirf Dich alſo.— Wollt Ihr übrigens ſehen, Söhne des Demir⸗Dorſt, wie weit Eure Natur der meinigen untergeordnet iſt? Nehmet jeder ein Gewehr, einen Säbel und eine Streit⸗ artz gebt mir ein Gewehr, einen Säbel und eine Streitart, und ich allein tödte Euch alle drei; weder Euer Blei noch Euer Eiſen werden mich erreichen, und das, weil Ihr Demir⸗Dorſt ſeid und ich Ali von Debelen bin. Und wenn ich Euch alle drei tödte, müſſen dann nicht Euer Gold, Eure Bräute, Euer Leben mein eigen ſein?“ In dem Tone, in den Zügen, in der Haltung Ali's lag eine ſolche erhabene Ueberzeugung des Triumphes, mit ſolcher Kühnheit ausgeſprochen, daß die drei Brüder ſich nicht enthal⸗ ten konnten, etwas Uebermenſchliches in der unerklärlichen Zu⸗ verſicht des Weſirs zu finden, obgleich ſie noch weit entfernt waren, daran zu glauben, daß er in die Entſcheidung des Schwertes willigen würde. Ali aber, hingeriſſen durch die wilde Größe der Handlung, 835 die er beabſichtigte, beruhigt durch ſein unerſchutterliches Ver⸗ trauen auf ſein Geſtirn, angeſpornt durch einen geheimen und unerklärlichen Inſtinet, der ihm ſagte, daß er ſiegreich aus dieſer fürchterlichen Prüfung hervorgehen würde, daß er ſich dadurch für die Zukunft eine grenzenloſe Macht ſichere, und entſchloſſen, Alles zu wagen, um Alles zu gewinnen, gab einem ſeiner Offi⸗ ziere ein Zeichen und befahl, ihm die Piſtolen, die lange Flinte, den Säbel und die Streitaxt eines ſeiner Palikaren zu bringenz dieſelben Waffen wurden auch an die drei Klephthenbrüder ge⸗ geben, welche das Ende dieſes Auftrittes mit wilder Unentſchloſ⸗ ſenheit erwarteten, indem ſie noch immer fürchteten, das Spiel⸗ werk irgend einer blutigen Spötterei des Satrapen zu ſein. Die Vorbereitungen und der Schauplatz dieſes Kampfes waren von homeriſcher Größe. Die Sonne ging hinter den Gipfeln der waldbewachſenen Berge von Levtochor auf, während der Morgennebel den Fuß derſelben noch in ſeinem bläulichen Dunſt badete. Der reine, ſtrahlende Horizont wurde überall von den gewaltigen Zacken nackter grauer Felſen begrenzt, und nur im Weſten konnte man durch eine Spalte in großer Ferne und in gewaltiger Tiefe das fruchtbare Thal des Karitene er⸗ blicken, das von den Schlangenwindungen dieſes Fluſſes durch⸗ ſchnitten und von den ſchneebedeckten Gipfeln des Zalongos begrenzt wurde. Der Ort des Kampfes war eine Fläche, von Granitblöcken heſe welche eine Art wilden, rieſenmäßigen Amphitheaters ildeten. Auf Befehl Ali's ſtellten ſeine Albaneſen ſich in einiger Entfernung auf, während die Bevölkerung von Levtochor re⸗ gungslos und ſtumm, mit einer Art von abergläubiſchem Ent⸗ ſetzen, den Ausgang dieſes ſcheinbar ſo ungleichen Kampfes er⸗ wartete. Ali von Debelen war von mittlem, ſchlankem, kräftigem Wuchſe, dabei von ſeltner Gewandtheit und vier und dreißig Jahre alt. Seine großen blauen, ſanften und auch ſtolzen Augen wurden von einer weißen, offnen, hohen Stirn überragt; ſeine dichten braunen Augenbraunen waren gewölbt. Sein dunkelblonder, ſorgſam gepflegter, glänzender und wohlriechender Bart umgab den untern Theil ſeines Geſichtes und verlieh der blaſſen, zarten Farbe ſeiner Wange einen goldigen Schimmer. Seine korallenrothen Lippen endlich ließen in ihrem verführeri⸗ 36 ſchen Lächeln blendend weiße Zaͤhne erblicken, die durch die braune Farbe ſeines Schnurrbartes noch mehr hervorgehoben wurden. Der Weſir hatte nur ſeinen Yelek anbehalten, einen Wamms von karmviſinrothem Sammt, reich mit Gold geſtickt, ſeinen weißen albaneſiſchen Schurz und ſeine Maroquinhalbſtiefeln, die unter Gold beinahe verborgen waren. Stets kalt und geringſchätzend, als hätte er das Bewußt⸗ ſein gehabt, in keiner Gefahr zu ſchweben, ſchnallte der Weſir den Ledergürtel eines ſeiner Palikaren um, ſteckte ein Paar ſchwere Piſtolen hinein, hing eine Streitart mit kurzem Griff und langem Eiſen daran und nahm ein Gewehr in die Hand, deſſen Stein er nicht einmal prüfte, ohne Zweifel aus berech⸗ neter Geringſchätzung. Stumm und finſter hefteten die Söhne des Demir⸗Dorſt, eben ſo bewaffnet wie Ali, auf ihn ihre wilden Blicke, welche gleichwohl eine Art dumpfen und unwillkürlichen Schreckens verriethen, denn die Schönheit, die Kaltblütigkeit und das herr⸗ ſchende Weſen Ali's von Debelen erſchien dieſen Klephthen faſt übermenſchlich. Nach der Berechnung des Weſirs glaubten ſie bald, daß nur eine unſichtbare Macht ihm ſolches Vertrauen auf ſein Geſtirn einflößen könnte, weil er ſo blind ſich in die Gefahr dieſes ungleichen Kampfes ſtürzte; bald glaubten ſie, obgleich frei, als Opfer irgend einer fürchterlichen Schlinge zu fallen und, ſo zu ſagen, auf einem unter ihren Füßen ausgehöhl⸗ tem Boden zu kämpfen.— Dieſer Eindruck mußte, ſo ſchnell und flüchtig er auch war, einen verhängnißvollen Keim in der Stimmung der drei Brüder zurücklaſſen. Gleichwohl aber ſtets unerſchrocken, die Arme ſtolz über dem Laufe ihrer Gewehre gekreuzt, richteten ſie ſich in ihrer gan⸗ zen herkuliſchen Geſtalt auf. Das Haupt mit dem Fez bedeckt, Schläfe und Kinn geſchoren, trugen ſie in einer wilden Laune ihren langen, dichten ſchwarzen Schnurrbart geflochten und hinter ihrem Stierhals zuſammengebunden. Ihre männlichen Geſichter ſchienen durch Mühſeligkeiten und ihr kriegeriſches No⸗ madenleben in Erz verwandelt zu ſein; ihre dunkelfarbigen, mus⸗ kulöſen, mit Narben bedeckten und mit ungegerbtem Ziegenfell kaum eingehüllten Beine ſchienen noch brauner durch den Schurz grober weißer Leinwand, welcher die Hüften der Albaneſen um⸗ ſchloß und kaum bis zu ihren Knien herabreichte. 37 In der Erwartung des Kampfes ſchüttelten ſich die drei Brü⸗ der von Leptochor, vor Wuth und Ungeduld bebend, zuweilen in den dichten ſchwarzen Schaffellen, welche ihre kräftigen Schul⸗ tern bedeckten, ſo wie die wilden Thiere zuweilen bei der An⸗ näherung einer großen Gefahr unter ihrem ſich ſträubenden Haar erzittern. Plötzlich ertönte die helle, wohllautende Stimme Ali's von Debelen:„Glücklich, Ihr Söhne von Levtochor— glücklich— glücklich, von der Hand Ali's des Auserwählten zu fallen!— Noch einmal betrachtet Euch Eure Berge, noch einen Blick werfet auf Eure Häuſer, einen letzten Blick auf Eure Weiber; — denn ſo wie der Adler dort, der über Euren Häuptern ſchwebt, ſo werdet auch Ihr für immer auf die blutige Haide niedergeſtreckt!“— Dabei zielte er auf einen Adler, den ein Zufall in großer Höhe vorüberfliegen ließ. Indem Ali von Debelen dieſe Worte ſprach, fiel ſein Schuß, und nach zwei oder drei krampfhaften Flügelſchlägen ſtürzte der Adler zu den Füßen des Weſirs nieder. Bei dieſer Handlung der Geſchicklichkeit erblaßten die drei Klephthen, die darin ein böſes Vorzeichen ſahen.— Die Ein⸗ wohner von Levtochor ſenkten voll Schrecken die Blicke, die Palikaren des Weſirs hingegen ſtießen ein triumphirendes Ge⸗ ſchrei der Bewunderung aus. „Nun, nun, brave Wölfe, Ihr ſeid frei! Die Ebene gehört Euch, wie dem Löwen, der Euch zeigen will, daß ſein Recht in ſeiner Kraft liegt!“— So rief der Weſir, indem er ſein Ge⸗ wehr weit von ſich warf, und mit einem großen Satze in ziem⸗ lich weiter Entfernung von ſeinen drei Gegnern war. Dann zog er eine ſeiner Piſtolen aus dem Gürtel, legte das Rohr auf den linken Vorderam und lief in unregelmäßigen und heftigen Sprüngen umher, indem er ſich den Demir⸗Dorſt näherte, bald ſich von ihnen entfernte, um ihnen durch dieſe heftigen Bewe⸗ gungen den Zielpunkt ſchwerer zu machen. Was Ali in dieſem ungleichen Kampfe beſonders zu Nutzen kommen mußte, war die unglaubliche Schärfe ſeines Blickes und die überraſchende Sicherheit ſeines Schuſſes, die weder durch den Galopp eines Pferdes, noch durch ſeinen eigenen ſchnellen Lauf gehindert wurde. Außerdem mußte Ali die wilde Beſorgniß der drei Kleph⸗ then zu Hülfe kommen, die jeden Augenblick in eine unſichtbare 38 Schlinge zu fallen fürchteten und ihren Muth allmälig immer mehr ſinken fühlten. Dennoch trafen ſie Anſtalt zum Kampfe. In dem Augenblick, als der Weſir die drei Brüder ſich trennen ſah, um ihn zu umzingeln und die Flinten an ihre Schulter zu ſetzen, zielte er auf den älteſten, indem er leiſe flüſterte:„Steh mir bei, meine Mutter!“ Drei Schüſſe fielen faſt zu gleicher Zeit. Der Ali's und die zweier ſeiner Gegner. Zwei verlorne Kugeln aber pfiffen an den Ohren des Weſirs vorbei, während die ſeinige den dritten Klephthen in die Seite traf, der zuſammenſtürzte, und dann den Kopf erhob und die Arme gegen den Himmel ausſtreckte, als wollte er die Luft an ſich ziehen. Eine Minute Zögerung konnte Ali verderben; kaum ſah er daher ſein Opfer fallen, als er mit einer Bewegung, ſchneller wie der Gedanke, ſeine Piſtole fortwarf, die Unentſchloſſenheit der Klephthen benutzte, die der Tod ihres Bruders einen Au⸗ genblick vor Schmerz und Wuth ſtarr gemacht hatte, und mit einem Satze bei ihnen war, aber ſo nahe, daß er ſie berühren konnte, Auge in Auge, Bruſt gegen Bruſt; und mit unerhörter Kühnheit, die waffenloſen Arme über ſeiner Bruſt kreuzend, rief er mit donnernder Stimme und einem niederſchmetternden Blicke ſeinen Gegnern zu: „Wer kann nun dem Löwen widerſtehen?“ Durch dieſe ungewöhnliche Handlung ohne Zweifel noch mehr erſchreckt, als ſie durch einen ungeſtümen Angriff geweſen wären, wichen die beiden Klephthen entſetzt zurück; ſchnell aber faßten ſie ſich und wollten nun auf ihren Feind einſtürzen, dieſer aber hatte ihre Verwirrung benutzt, ſich in Vertheidi⸗ gungszuſtand zu ſetzen, und mit einem wüthenden Streiche ſeiner ſchweren Streitart ſpaltete er dem einen ſeiner Gegner den Schädel und warf dann mit der Kehrſeite der Waffe den letzten der Demir⸗Dorſt auf die Leichen ſeiner Brüder nieder. Hierauf wendete ſich Ali von Debelen mit erhabener Ruhe zu dem Volke, zeigte mit der Spitze ſeiner Streitart auf die drei Gefallenen, und rief: „Ich habe es geſagt, ein Löwe iſt ſtärker als drei Wölfe, weil er der Löwe iſt.“ 39 Dann verbarg er unter ſcheinbarer Gleichgültigkeit und Ernſthaftigkeit den Triumph des Stolzes und die fürchterliche Aufregung, die ihn bewegt haben mußte und ſicher noch be⸗ wegte, und rief: „Mein Pferd!“ Ein Negerſklave brachte es. Leicht ſchwang er ſich auf das prachtvolle Thier, das von Gold, Purpur und Stahl funkelte, und kaum war er im Sattel, als er den Zügel ſtraff anzog, ſo daß das Pferd ſich hoch, bei⸗ nahe kerzengerade bäumte, und ſo ließ er es mehrere Schritte machen. Mit ſeinem weißen Schurz und ſeinem karmoſinrothen, von Stickerei funkelnden Yelek bekleidet, den Kopf entblößt, die langen Haare im Winde flatternd, die Stirn drohend, das Auge unerſchrocken, mußte Ali von Debelen, ſo majeſtätiſch auf dem pechſchwarzen Pferde mit flatternder Mähne ſitzend, das wüthend wieherte, die Luft mit den Vorderfüßen ſchlug und in jeder Sekunde zu überſchlagen drohte, der entſetzlichen Bevöl⸗ kerung wohl wie ein übermenſchliches Weſen erſcheinen— da warf das Verhängniß noch ein neues Wunder auf das Geſicht, das ſchon einen ſo großartigen, ſo fürchterlichen Charakter trug. Die Sonne, welche ſich langſam am Horizonte erhoben hatte, ſtieg über die Gipfel der Berge von Leptocher und warf ihre erſten Strahlen auf Ali von Debelen, der ſo plötzlich von einem Heiligenſcheine umgeben ſchien, während der übrige Theil der Ebene und die Zuſchauer dieſes Auftrittes für den Augen⸗ blick noch im Schatten blieben. Lächelnd und ſtolz über dieſen Zufall, den er für ein glückliches Vorzeichen hielt, und da er bei dem Volke einen bei⸗ nahe verhängnißvollen Eindruck hinterlaſſen und die gewaltige Scene würdig beſchließen wollte, ſtieß der Satrap ſeinen Kriegs⸗ ſchrei aus, ſeine Palikaren erhoben ſich tumultuariſch, nahmen ihre Waffen, und nach wenigen Minuten war der Weſir an ihrer Spitze in einem Hohlwege verſchwunden, der nach der Bergebene führte. Entſetzt, ſtarr vor Staunen über den raſchen Kampf, den plötzlichen Triumph, den Glanz und das ſchnelle Verſchwinden, blieb die Bevölkerung von Levtocher überzeugt, daß Ali von Debelen mehr als ein Sterblicher ſei, und daß es vergeblicher 6 90 Wahnſinn wäre, ſeinen Befehlen widerſtehen zu wollen, ſo willkürlich und grauſam ſie auch ſein möchten. Unglücklicherweiſe verbreitete ſich dieſer verderbliche Glaube von Levtochor allmälig durch ganz Albanien; die natürlichen Umſtände des Kampfes wurden fabelhaft! Die finſtre und glü⸗ hende Einbildungskraft dieſer Völkerſchaften entſtellte die That⸗ ſachen und übertrieb die verderblichen Uebertreibungen noch mehr, ſo daß zuletzt die drei Klephthen nicht mehr unter dem Eiſen und dem Blei Ali's gefallen waren, ſondern nur durch ſeinen Blick, der eine tödtende Gewalt haben ſollte. Nach ſeiner hölliſchen Politik und überdies vom Geſchick ſtets begünſtigt, wurde der Weſir bald in ganz Epirus ein Ge⸗ genſtand ſtummen Schreckens, eine verheerende Geißel, unter deren Streichen ſich Alles ohne Murren und ohne Hoffnung beugte, weil die unſichtbare Hand Gottes, wie die Albaneſen ſagten, Ali von Debelen der Menſchheit aufbürden wollte.— Der große militäriſche Inſtinkt Ali's, ſeine ſtrategiſche Ge⸗ wandtheit in der Art des Parteigängerkrieges, welche die Loca⸗ lität von Epirus und des nördlichen Griechenlands nöthig machte, entwickelte ſich bald, und beſonders bei dem Bruche zwiſchen der Türkei, Oeſtreich und Rußland im Jahre 1788, kurze Zeit vor der tödlichen Krankheit Khameo's. Ali kam in das Lager der Ottomanen, um deren Armee zu verſtärken, und ſtellte ſich dem Großweſir an der Spitze von 4000 Albaneſen und 500 Gueguenreitern vor, die vortrefflich bewaffnet, disciplinirt und von furchtbarer Tapferkeit waren. Die Unerſchrockenheit, die Kaltblütigkeit, die geiſtigen Hülfs⸗ quellen des verwegenen Ali von Debelen, der Einfluß, den er auf ſeine Truppen übte, ſicherten ihm bald eine hohe Stellung in der Armee, und zum Lohn für die Dienſte, die er während des Feldzuges geleiſtet hatte, erhielt er den Titel eines Paſcha, das Amt eines Derwendji(Großprevoſt der Straßen), ſowie das Amt eines Gouverneurs von Trikala, einer im Oſten des S in Theſſalien gelegenen Stadt, zwiſchen Lariſſa und anina. Als die Anweſenheit Ali's der Armee nicht mehr nöthig war, kehrte er in ſein Gouvernement zurück. Epirus befand ſich in einem ſolchen Zuſtande der Anar⸗ chie, daß die Großvaſallen des ottomaniſchen Reiches, es vet⸗ 9¹ geſſend, daß ſie nur Lehnsträger der Pforte waren, ſich beinahe als unumſchränkte Gebieter ihres Paſchaliks betrachteten, ſie führten daher auch fortwährend unter einander Krieg, um ſich gegenſeitig aus ihren Gouvernements zu verjagen; waren ſie dann einmal durch Liſt oder Gewalt der Waffen Herren ihrer Stellung, ſo ſchickten ſie dem Sultan einen ehrfurchtsvollen Firman, in welchem ſie den entſetzten Paſcha oder Bey des Verrathes gegen die hohe Pforte anklagten und zugleich als Lohn ihres Eifers die Hälfte von den Gütern des angeblichen Verräthers in Anſpruch nahmen. Gewöhnlich wurde dieſer Firman dem Divan von Conſtantinopel durch die Anhänger⸗ des uſurpatoriſchen Weſirs vorgelegt, die durch Beſtechung und die treue Ueberlieferung der andern Hälfte an den Sultan faſt immer die Beſtätigung des Paſchaliks erhielten. Ali handelte nicht anders, um ſich des Sandgiak von Ja⸗ nina zu bemächtigen. Die Schätze des Gouverneurs waren unermeßlich. Nachdem Ali ihn durch die Gewalt der Waffen beſiegt hatte, brachte er dem Geize des Divans von Conſtanti⸗ nopel einen großen Theil davon zum Opfer; der Sultan erhielt drei Millionen, und als Belohnung für die Ermordung des Paſcha von Janina, den Ali als an Rußland verkauft darge⸗ ſtellt hatte, wurde Ali in dem Paſchalik beſtätigt, deſſen er ſich bemächtigt hatte, und überdies noch mit der Aufſicht über die Straßen in Rumelien belohnt. Dies war die ungehoffte Lage, zu welcher Ali, der Sohn eines unbedeutenden Bey von Toscaria, durch ſeinen Muth, ſeine Verwegenheit, ſeine Liſt, durch ſeine eben ſo gewandte als verrätheriſche Politik, und beſonders, wie er ſelbſt oft ſagte, durch ſein unwandelbares Vertrauen auf ſein Geſtirn gelangt war, ein Vertrauen, welches ihn mit der Gewißheit des Erfol⸗ ges die verwegenſten Unternehmungen beginnen ließ. Sein unbegreiflicher Glaube zu ſich ſelbſt entſprang den unabläſſigen Prophezeihungen ſeiner Mutter, welche ihn zum Mann und Weſir gemacht hatte. Man wird daher die fürchterliche Angſt begreifen, die Ali von Debelen erfaßte, als er von der Krankheit Khamco's hörte, ſo wie die wilde Ungeduld, mit der er ſich nach Debelen begab, um ſeine ſterbende Mutter zu ſehen. 92 WVIHI. Die Escorte. Es war der nächſte Tag nach dem, an welchem Michael ſeinem Vater und ſeiner Mutter ſo grauſam entführt worden war. Das finſtere Schloß von Debelen erhob ſich beinahe ſenk⸗ recht über den Ufern der Voiuſſa. Dieſes Gebäude, welches zugleich traurig, verſchroben und großartig ausſah, hatte etwas von einer Feſtung, etwas von einem Gefängniß und etwas von einem Minaret; wenige ſchmale vergitterte Fenſter waren hier und dort unregelmäßig in die Granitmauer gebrochen und nur eine enge Thüre mit dichtem Eiſengitter bildete den einzigen Eingang in das Innere dieſer feudaliſtiſchen Wohnung, und zwei Redouten, deren Feuer ſich auf dem einzigen Eingangs⸗ punkte kreuzte, erhoben ſich einige Schritte von der Poterne. In Ermangelung einer Brücke endlich diente eine Fähre, eine Art groben viereckigen Kaſtens, welche im Fluſſe feſt geankert war, zur Communication mit dem andern Ufer. Das Unwetter währte noch immer fort; der Regen goß in Strömen herab; die aufgehende Sonne kämpfte mühſam gegen dichte ſchwefelgefüllte Wolken und warf nur einen röthlichen Schein auf den unebenen Gipfel des Maile⸗Dam, welcher ſchwarz und öde gegen die Zone bleichen Lichtes abſtach. Der Haufe der Gueguen, welcher unter dem Befehle des Bektadji Michael mit ſich führte, befand ſich bald dem Schloſſe gegenüber. Nach dem ſchnellen Ritte waren die Reiter triefend von Waſſer und mit Koth bedeckt. In kurzer Entfernung hinter ihnen folgten Marco Dukas und ſeine Frau, bleich, entſtellt, mit rothen, brennenden Augen. Vergebens hatten die Solda⸗ ten, ſeitdem ſie das Defilé verlaſſen, den Schritt ihrer Thiere beſchleunigt; vergebens hatten ſie die beiden unglücklichen Berg⸗ bewohner bedroht und ſogar mehrmals nach ihnen geſchoſſen. Der unglückliche Vater und die wehklagende Mutter hatten die Spur ihres Kindes nicht aufgeben wollen, und bald durch die Vorſprünge der Felſen verborgen, bald auf den Gipfeln der Berge der Escorte folgend, waren ſie beinahe zugleich mit den Albaneſen bei Debelen angelangt. 9⁵ Kaum waren die Reiter vom Pferde geſtiegen, als einer von ihnen ſein Gewehr abſchoß. Einige Armatolen verließen hierauf ſogleich das Schloß, machten die Fähre los, die ſich langſam über den Fluß bewegte und den Bektadji mit ſeinem Gefolge aufnahm. An dem Thore ſtieg der Bektadji von ſeinem Maulthiere, übergab Michael zwei ſchwarzen Sklaven, die ihnen entgegen⸗ kamen, ſagte ihnen leiſe einige Worte und ging dann ſchnell nach jenem Theile des Schloſſes, in welchem die Wohnung Khamco's lag. Um hierher zu gelangen, mußte er durch eine lange Gallerie, welche von Palikaren angefüllt war, alle prachtvoll gekleidet, eine Art von Ehrenwache, von der Ali ſeine Mutter ſtets um⸗ geben ſehen wollte. Ihre funkelnden Waffen hingen an den Wänden; bereit bei dem erſten Signal aufzubrechen, ſpielten dieſe Würfel, während andere auf einem langen Strohpolſter mit untergeſchlagenen Füßen ſaßen und ihre Pfeifen rauchten, wieder andere auf dem Boden ausgeſtreckt ſchliefen, in ihre dich⸗ ten Kepeneks gehüllt, und wieder andere endlich ihre Säbel mit ſilbernen Scheiden, oder ihre mit Perlmutter ausgelegten Piſto⸗ len putzten. In einem andern Gemache hielten ſich Wahrſager, Magier und einige arme zigeuneriſche Tänzerinnen auf, die braun, abgemagert und elend waren, und Kleider von grellen Farben mit Schellen verziert trugen. Den Tag zuvor hatte die ſterbende Khamco in einer jener verſchrobenen Launen der glühenden Fieberhitze verlangt, dieſe Unglücklichen einige ihrer Tänze ausuͤben zu ſehen; aber da ſie in Kormoovo waren, ei⸗ nem ſechs Stunden von Debelen entfernten Dorfe, beſtiegen die Albaneſen ſogleich das Pferd und vier Stunden ſpäter erwar⸗ teten die braunen Mädchen Aegyptens, von den Soldaten auf der Croupe ihrer Pferde herbeigeführt, zitternd die Befehle Khamco's, die, in Gedanken verſunken, ſie nicht ſehen wollte. Nachdem der Bektadji die dichte Menge durchſchritten hatte, die ängſtlich und beſorgt, nicht etwa um die Anhänglichkeit an ihre Gebieterin, ſondern weil jede von ihnen fürchtete, zum Ge⸗ genſtande irgend einer furchtbaren Laune der Sterbenden ge⸗ macht zu werden, kam er zum Eingange eines Hofes, auf wel⸗ chem ein langer mit Marmorſäulen verzierter Gang auslief, welcher zu der äußern Thüre von den Zimmern Khamco's führte, die von ſchwarzen Verſchnittenen bewacht wurden. 94 Der Bektadji klopfte leiſe an die Thüre; eines der Weiber Khamco's öffnete ſie, ſchob einen langen Vorhang zur Seite und fragte den Magier, was er wollte. „Das Kind des Radjas iſt hier,“ ſagte er.„Sollen die Myſterien von Eblis begonnen werden?“ Die Sklavin kehrte bald mit dem Beſcheide zurück:„Noch nicht!“ und ging dann wieder in das innere Gemach. Dies war ein geräumiges Zimmer, welches ein längliches Viereck bildete, und deſſen Mauern gegen die orientaliſche Ge⸗ wohnheit mit Hautelice⸗Tapeten von finſterem Grün bedeckt waren, die Ali von Debelen für ſeine Mutter aus Frankreich hatte kommen laſſen. Ein breiter niedriger Divan, mit Gold und Scharlach, Brocat aus Lyon überzogen, lief rings um das ganze Gemach her. Obgleich es heller Tag war, verdeckten doch dichte Vorhänge das ſchmale und einzige Fenſter, welches das Zimmer hätte erhellen können, und die Kerzen, die auf ei⸗ nigen Kryſtallleuchtern brannten, verbreiteten allein ein zweifel⸗ haftes Licht. Ein ungeheurer Kamin, deſſen Bekleidung von ſchwarzem Marmor aus zwe antiken Carituden beſtand, ver⸗ breitete eine bedeutende Wärme im Zimmer, denn der mit rothen Kohlen bedeckte Herd glich der glühenden Eſſe einer Schmiede. Der Weſtwind ſtrich klagend durch die langen äußern Gallerien des Serails und vereinte ſich mit dem rauhen Gebell der Wach⸗ hunde von ungeheurer Größe. Drei Menſchen befanden ſich in dieſem weiten Gemache: eine alte cypriotiſche Sklavin, welche von Zeit zu Zeit das Feuer anſchürte, Khamco und ihre Tochter Chainitza. In der Ecke, welche dem Feuer zunächſt war, auf dem Di⸗ van halb liegend, ſaß Khamco in Pelze gehüllt und betrachtete aufmerkſam ihre Tochter, die, ohne Zweifel durch die Nachtwa⸗ chen und die Anſtrengung erſchöpft, eingeſchlafen war. Sie lag dicht zu den Füßen ihrer Mutter, die ſie an ihrer Bruſt hatte erwärmen wollen. Wechſelsweiſe von der Gluth des Kamins und dem un⸗ ſichern Lichte der Kerzen beſchienen, trugen die Züge Khamco's einen unbeſchreiblichen Ausdruck des Schmerzes und der Ver⸗ zweiflung. Die Mutter Ali's von Debelen war 56 Jahre alt. Ehe⸗ dem ſehr ſchön, zeigte ihr Geſicht die grauſamen Spuren eines Alters, welches ohne Zweifel durch ein fürchterliches Unglück 95 beſchleunigt worden war; ihre langen weißen Haare fielen in zahlreichen Ringeln auf ihre Schultern herab; ihre farbloſe kalte Stirn, glatt wie Marmor und die die Runzeln in eigenthüm⸗ licher Laune verſchont zu haben ſchienen, war hoch, vorſpringend und überragte tiefe Augenhöhlen, in denen zwei große ſchwarze Augen mit dem finſtern Feuer des Fiebers funkelten. Ihre ein⸗ gefallenen Wangen waren bleich, die Lippen aber auffallend roth; ihre abgemagerten Arme blickten aus den weiten Aermeln ihres ſchwarzen Pelzes hervor. In die Betrachtung ihrer Toch⸗ ter verſunken, ſtützte Khameo ihren ſchweren ſchmerzenden Kopf in eine ihrer Hände. Chainitza, welche, auf albaneſiſche Weiſe gekleidet, ein langes Gewand von blauer Seide trug, und darüber eine Art brauner Turnik, mit Silber und Seide geſtickt, welche um die Taille mit einer Cachemir⸗Schärpe feſtgehalten wurde, ſtand in dem ganzen Glanze ihrer männlichen Schönheit, denn ſie glich ihrer Mutter ſehr; ihre braunen Flechten, welche durch ihren Schlaf in Unordnung gerathen waren, verhüllten ihr Geſicht faſt ganz. Sie ſaß halb liegend zu den Füßen Khameo's, und man konnte in dieſer Stellung die ſchönen Formen ihres Wuchſes erkennen. „Ali kommt nicht;— ich werde Ali nicht wiederſehen,“ ſagte Khamco mit leiſer Stimme, das Auge ſtarr und glühend vor ſich hingerichtet. Lange ſaß ſie ſchweigend da. „Ali kommt nicht,“ ſagte ſie endlich noch ein Mal;„er iſt vor Banagia. Seit den drei Monaten, welche die Belagerung dieſer Stabt währt, hat mein Sohn viele ſeiner Soldaten ver⸗ loren.— Gäbe er ſie jetzt auf, wäre all' das Blut umſonſt ver⸗ goſſen.— Nein, nein, Ali wird nicht kommen!“— wiederholte ſie, indem ſie ſich auf den Divan mit einer verzweiflungsvollen Miene zurückwarf und dadurch Chainitza erweckte; dieſe fuhr ſchnell in die Höh', und indem ſie ſich ermunterte, ſagte ſie: „Ich ſchlief, glaub' ich, Mutter. Deine Füße, ſind ſie noch immer kalt?“ „Ali kommt nicht,“ erwiederte Khamco traurig. „Er wird kommen, Mutter.“ „Wie er zögert!— Und ich fuͤhle, wie das Leben in mir erliſcht!— Mein Sohn, mein Sohn!— Meinen Sohn nicht wiederzuſehen!“— 96 „Ali wird kommen.— Geſtern muß er Deine Botſchaft erhalten haben und heute Abend wird er bei Dir ſein. Beru⸗ hige Dich, meine Mutter!“ „Aber die Belagerung, die Schlacht, die Armee?“ „Belagerung, Schlacht, Armee, Alles wird er verlaſſen, um zu Dir zurückzueilen, die, wie er ſagt, ihn zum Mann und Weſir gemacht hat.“ „Ja, er muß kommen— denn ich fühle, daß ich ſterbe.“ „Nein, nein, meine Mutter, Du wirſt nicht ſterben.— Der Bektadji hat dieſe Nacht den Sohn eines Radja entführt, und er ſagt, daß ſein Trank unfehlbar iſt.“ „Wieder Blut!“ ſagte Khamco mit Niedergeſchlagenheit. „Aber es iſt Dein Leben, meine Mutter, welches der Trank“— ſagte Chainitza, verwundert über die Gewiſſensbiſſe Khamco's. „Wozu jetzt leben? Iſt nicht Ali Weſir? Wenn ich ihn nur ſehe, ſo ſterbe ich nicht zu früh.“ „Du mußt leben, meine Mutter,“ ſagte Chainitza mit fin⸗ ſterem, faſt wildem Tone. „Und weshalb?“ wiederholte Khamco aufgeregt.„Iſt die Weiſſagung nicht erfüllt? Haben die geheimnißvollen Zei⸗ chen, die ich jenen Abend bei Sonnenuntergang während der Kindheit Ali's glänzen ſah, nicht die Wahrheit geſagt? Iſt mein Sohn nicht Paſcha von Theſſalien und Janina?— Jetzt iſt meine Stunde gekommen, die Stunde für mich, die in ihrem mütterlichen Stolze ſtets die Liebe der Menſchen verachtete, weil man alle andern Menſchen verachten muß, wenn man zum Sohne den jungen und dann den großen Löwen von De⸗ belen hatte.“ „Und das iſt wahr, meine Mutter, ich war noch ſehr jung und ſah Dich, ſtolz und ſchön, verächtlich lächeln, wenn Du von der Liebe ſprechen hörteſt, die Du den furchtbaren Häupt⸗ lingen Toskaria's eingeflößt haben ſollteſt.“ „Weil Ali von Debelen mein Sohn war!“ ſagte Khamco mit triumphirendem Tone. Chainitza fuhr fort, indem ſie aufmerkſam die Züge Kham⸗ co's beobachtete, als wollte ſie die Wirkung jedes ihrer Worte erkennen: „Deshalb, meine Mutter, ſind auch ſeit langer Zeit die Geſänge der Armatolen nichts geweſen, als trauernde Klagen 97 über die ſtolze Verachtung Khameo's, der bleichen Wittwe Velh Beys.— Sie vergleichen die Höhe ihres unbezwinglichen Her⸗ zens mit dem hohen eisbedeckten Gipfel des Mejurani, deſſen ewigen Schnee noch kein menſchlicher Fuß betreten hat.“ „Ali von Debelen war mein Sohn!“ wiederholte Khamco mit den Worten ſtrahlenden Stolzes, welcher ihren ſchon durch die Annäherung des Todes entſtellten Zügen neue Verklärung zu geben ſchien. Chainitza fuhr fort: „In der Ebene, wie auf den Bergen ſprach man den Na⸗ men der Wittwe Vely Beys nur mit einer Art ehrfurchtsvollen Schreckens aus.— Der Albaneſe, der Palikare, der Klephthe und der Radja grüßten ſie wie eine kaiſerliche Sultanin, ſobald ſie ſie nur von fern erblickten.“ „Und ich war berauſcht durch dieſe Ehrfurcht, mein Kind,“ ſagte Khamco;„und mein Stolz ging bis zu den Wolken, und ich hätte, wenn es erforderlich geweſen wäre, dieſe Bewunde⸗ rung, dieſe Ehrfurcht mit meinem Leben bezahlt, mit den ent⸗ ſetzlichſten Martern, weil an die Mutter Ali's von Debelen ſo viele Huldigungen gerichtet wurden! Weil man, indem man mich ſo ehrte, die Mutter meines Sohnes ehrte, weil ich von dem Geſchick dazu erwählt war, ſeine Mutter zu ſein, hätte ich Königen, Göttin ſein mögen.— Und glaube mir,“ fügte Khamco hinzu, indem ſie den Kopf ſtolz erhob und mit einer erhabenen Bewegung ihn zurückwarf,„und glaube mir, Die, welcher das Geſchick enthüllt, was es mir enthüllt hat, Die, welcher es Ali von Debelen zum Sohn gab, iſt mehr als eine Sterbliche!“ Durch ihre kindliche, rauhe, wilde Liebe fortgeriſſen, hatte Chainitza ihr Ziel erreicht, denn ſie wollte die verderbliche und übermüthige Manie ihrer Mutter nur deshalb bis zur Raſerei ſteigern, um ſie deſto ſicherer in eine verderbliche Erinnerung zu ſtürzen, einen Abgrund der Schmach und Entwürdigung; denn ſie hoffte, daß Khamco, um ihre Rache zu erreichen, in die Art von Menſchenopfer willigen würde, welches einem e Aberglauben zufolge allein ihr Leben verlängern onnte. Indem daher Channitza die letzten Worte Khameo's wie⸗ derholte, fuhr ſie langſam fort: „Und Du ſprichſt wahr, meine Mutter; Die, welcher das Geſchick enthüllte, was es Dir enthüllte;— Die, welcher es Die Cucaracha. II. 7 93 zum Sohne Ali, den Löwen von Debelen, Ali, den Paſcha von Janina gab— ja, ja, Die iſt mehr als eine Sterbliche.“ Khamco erhob abermals ihre ſterbende Stirn, ſo ſtolz, als hätte ſie ein königliches Diadem getragen. „Weshalb,“ nahm Chainitza zütternd wieder das Wort, indem ſie an die entſetzlichen Worte dachte, welche der Seele ihrer Mutter Angſt und Pein bereiten mußten,„weshalb muß doch der nichtswürdigſte Räuber dem Löwen von Debelen in das Geſicht ſagen können: Ali, Du, Paſcha von Janina; Ali, Du, Weſir von Theſſalien; Du, dem man nur kniend und mit Schrecken naht; Du, der auf ein Zeichen die Völkerſchaften des Nordens nach dem Süden und die des Südens nach dem Nor⸗ den ſendet, wie gemeine Herden; Du, der durch ein Zeichen ganze Wolken von Armatolen und Palikaren abſendet, um Tod, Verwüſtung und Brand in den Schooß der verderblich⸗ ſten Oerter zu bringen; Du, reicher, als ein König; Du, ta⸗ pferer und ſchöner, als der Tapferſte und Schönſte Deiner Hauptleute; Du, der Du mehr als fünfhundert Weiber in Deinem Serail beſitzeſt; Du, deſſen Namen der Sultan mitten in ſeinem verſammelten Divan nur mit Beſorgniß ausſpricht“— „Sieh Dich vor, ſieh Dich vor!“ flüſterte leiſe Khamco, die Augen glühend auf ihre Tochter gerichtet, und ohne Zweifel den fürchterlichen Sturz ahnend, der dieſem pomphaftem Gemälde Ali's folgen ſollte. „Weshalb alſo, meine Mutter, muß ein Lapez, ein Räu⸗ ber, ein Radja, um Deinen Sohn und meinen Bruder mit Schmach bedeckt zu ſehen, ihm nur die Worte ſagen dürfen: „Ali— erinnere Dich an Kardiki!“ Chainitza ſprach dieſe letzten Worte mit donnernder Stimme aus. Kaum waren ſie über ihre Lippen, als die Züge Khamco's ſich verzerrten, und ihre Augen in einem hölliſchen Feuer blitz⸗ ten; dann fuhr ſie mit ihren abgemagerten Armen gegen die Stirn, als erwache ſie aus einem entſetzlichen Traume, und ballte in krampfter Wuth beide Fäuſte, preßte ſie auf die Augen und ſtieß ein langes Geſchrei aus, indem ſie ſich auf dem Divan umherwälzte. Chainitza bebte, denn ſie fürchtete, daß dieſe heftige Er⸗ ſchütterung, bei der ohnehin ſchon ſo großen Schwäche ihrer Mutter, den Tod derſelben herbeiführen könnte; aber eben die 99 Gewaltſamkeit der fürchterlichen Erinnerungen, welche in dem Geiſte der ſterbenden Khamco erweckt wurden, verlieh ihr eine trügeriſche und vergängliche Kraft, und ſie rief wüthend aus: „Ich wollte ſterben und vergaß meine Rache!— aber— ich will leben—; leben, um mich zu rächen;— leben, um das letzte Haus der nichtswürdigen Stadt niederbrennen zu ſehenz — leben, um ihren letzten Einwohner unter den entſetzlichſten Martern ſterben zu ſehen;— ja, ja, ich muß leben— weil mein Sohn mich trotz ſeiner Macht noch nicht rächen kann, wie er ſagt;— weil die letzte Stunde dieſer ganzen verab⸗ ſcheuungswürdigen Bevölkerung noch nicht gekommen iſt.— Ich will leben, um dieſe Stunde zu erwarten; ich will leben, bis mein fürchterlicher Löwe von Debelen dieſe Stadt gerächt haben wird.— Wo iſt der Bektadji? Alle ſeine blutigen Tränke bereite er im Augenblick, und noch andere— ohne Mitleid, ohne Barmherzigkeit,— denn ich muß leben.“— Plötzlich fuhr Chainitza zuſammen und lauſchte. Fernes Trompetengeſchmetter ließ ſich vernehmen. Mit einem Satze war ſie am Fenſter, und indem ſie den Vorhang aufzog, rief ſie aus: „Meine Mutter, meine Mutter, es iſt Ali!“ „Mein Sohn! Ha, jetzt bedarf ich keines Trankes mehr! Ich werde leben!“ rief Khamco mit einer Exaltation, die ſich nicht beſchreiben läßt. VIHI. Der Schwur. „Meine Mutter, o meine Mutter!“ Das waren die einzi⸗ gen Worte, die Ali auszuſprechen vermochte, indem er ſchluch⸗ zend die Knie Khamco's umſchlang, deren Züge, von der An⸗ näherung des Todes mehr und mehr entſtellt, ein baldiges Ende erkennen ließen. Chainitza, deren Blick glhend und ſtarr war, weinte nicht, aber ſie betrachtete ihren Bruder mit ſtarren Augen. 7* 100 Als die erſte Aufregung des Wiederſehens vorüber war, nahm Khamco in ihre beiden matten Hände den Kopf Ali's, der zu ihren Füßen kniete, zog ihn bis zu ſich empor und prüfte mit beſorgtem Blicke das ſchöne Geſicht, welches in dieſem Au⸗ genblicke den rührendſten und tieſſten Schmerz ausſprach, und mit ſtrahlender Freude rief ſie dann aus: „Noch immer der Schönſte, noch immer der Tapferſte unter Allen!“ Als ob ſie von einem entſetzlichen Gedanken ergriffen würde, fügte ſie dann plötzlich wie in wilder Verwirrung hin⸗ zu:„Ich ſterbe— ich ſterbe— und Kardiki liegt noch nicht in Aſche— der letzte der Kardikioten hat noch nicht ſeine verab⸗ ſcheuungswerthe Seele unter den Trümmern der Stadt ausge⸗ haucht.— Sei daher verwünſcht— verwünſcht— Ali von Debelen!“ „Mein Bruder, ſie ſpricht in der Raſerei des Fiebers— Wehe uns, ſie ſtirbt!“— rief Channitza, indem ſie ſich auf die Knie niederwarf, und verzweiflungsvoll die ſchon feuchte und kalte Hand Khamco's mit ihren Küſſen bedeckte. „Meine Mutter— meine Mutter— ich bin es— Dein Sohn— es iſt Ali— der kommt, um Dich zu rächen!“— Und die Stimme des Weſirs war ſo ſchmerzlich, ſo zärtlich, ſo gerührt, daß ſie eine letzte Saite in dem Herzen der Sterbenden anzuſchlagen ſchien. Khamco ſetzte ſich in die Höhe und blickte umher, als wollte ſie ihre Gedanken ſammeln; mit einer letzten Anſtren⸗ gung ſagte ſie dann mit anfangs ernſter und ruhiger Stimme, die aber bald den Charakter ſteigender Aufregung annahm: „Ali, mein Sohn— Du biſt es— ich erkenne Dich— es iſt gut— auch Dich, Chainitza— es iſt gut— mein Geiſt iſt jetzt ruhig— hört dieſe Worte, die letzten, welche meine theuren Kinder von ihrer Mutter vernehmen werden; möge die Kraft mich nicht verlaſſen, ehe ich in dieſer letzten Stunde Alles geſagt habe. Ali— ich muß Dir mittheilen, was meinen Tod verurſacht— was ſeit langer Zeit— ſeit ſehr langer Zeit mein Leben untergraben hat.“ „Du wirſt nicht ſterben, meine Mutter!“ ſagten zugleich Ali und Chainitza. „Ich werde ſterben, ſterben am frühzeitigen Tode— früh⸗ zeitig wie dieſes Haar, das meinen Kopf vor der Zeit bedeckt. 101 — Aber was hat meine Haare ſo gebleicht? Aber was ver⸗ urſacht meinen Tod?— Die Verzweiflung— eine entſetzliche Erinnerung, welche, mich täglich marternd, allmälig die ganze Kraft der Mutter des Löwen von Debelen aufgerieben hat,“ ſagte Khamco mit aufgeregten Augen ſtrahlenden Stolzes. „Wehe mir,“ ſagte Chainitza,„denn ich wollte dieſe ent⸗ ſetzliche Erinnerung erwecken, um Dich zu zwingen, den Willen zum Leben zu haben, damit Du die Früchte Deiner Rache ge⸗ nießen könnteſt, meine Mutter.— Aber der Trank— der Trank! Jede Minute der Zögerung kann ein Schrecken mehr zum Grabe ſein. Ich will den Bektadji holen!“ „Bleib!“ ſagte Khamco mit gebieteriſchem Tone,„ich habe meinen Sohn wiedergeſehen— und Ali von Debelen ſehen, heißt meiner Rache beiwohnen— heißt die unfehlbare Waffe ſehen, die bald meine Feinde vernichten wird!“ „Die ſie vernichten wird, meine Mutter— bei Deinen weißen Haaren— bei Deiner tödtlichen Verzweiflung ſchwöre ich es!— Ja, ich ſchwöre es— aber die Stunde der Rache— ach, die kenne ich noch nicht.— Um ſie zu ſichern, muß ich ſie erwarten.“ „Was kommt auf die Stunde an, wenn ſie nur mit blu⸗ tigem Grabesgeläute ertönt, und dann,“ fügte Khamco mit einem wilden Lächeln hinzu,„vermehrt ſich nicht die wilde Be⸗ völkerung täglich? Wächſt nicht ſo die Zahl der Opfer mit je⸗ der Generation?— O, Eblis, Eblis ¹), mache, daß alle Mütter fruchtbar werden! Mache, daß das Glück und der Wohlſtand dieſes Volkes bei ihnen den Traum des goldenen Zeitalters er⸗ wecke! Mache, daß die Natur mit allen ihren Gaben ſie über⸗ häufe, mache, daß die theuerſten, die innigſten Bande ſie eng an das Leben feſſeln, daß ſie jeden Tag ausrufen: Ruhm ſei Dir, Schickſal! Mein Glück iſt heute noch ſchöner, als es ge⸗ ſtern war!— Und wenn dann der Tag kommt, höre ſie plötz⸗ lich Dein wüthendes Gebrüll und ſei Deine Beute— Löwe von Debelen!“— „Und Du wirſt dieſem blutigen Opfer beiwohnen, o meine Mutter,“ ſagte Ali, indem er mit Schrecken bemerkte, daß die Blicke Khamco's ſich wieder zu verwirren begannen. ¹) Der Geiſt des Böſen. — — — ₰ K 102 In der That ſchien ſie eine Beute der Verſtandesverwir⸗ rung zu werden, die der Vorläufer des Todes iſt, aber durch ein ſonderbares Phänomen ſpiegelte dieſe letztere Ueberreizung des Todeskampfes in der erlöſchenden Einbildungskraft der Mutter des Weſirs das treue Bild der Vergangenheit wieder: eine mäch⸗ tige Rüͤckwirkung der Gefühle, welche das ganze Leben Khameo's beherrſcht hatten, und welche ihre Gedanken noch einmal zu einer Zeit zurücktrugen, die für ſie zugleich ſo glorreich und ſo entſetzlich geweſen war.— Mit dem trüben und einförmigen Tone einer albaneſiſchen Myriologie¹), und als ob ſie ihren Geſang über ihrem eigenen Grabe gehalten hätte, ſtieß Khamco mit leiſer, oft durch Klagen unterbrochener Stimme und mit unzuſammenhängenden Worten, wie von finſterm Wahnſinn eingegeben, einen letzten Schrei des Stolzes und der Mutterliebe aus, einen letzten Schrei des Haſſes und der Rache. Ali und Chainitza wagten dieſe verhängnißvollen Enthül⸗ lungen nicht zu unterbrechen und hörten ihnen mit ſchmerzlicher Hingebung zu. „Die Wittwe Vely Beys iſt todt.— Todt iſt die Wittwe Vely Beys!— Ein ſchwarzer Geier mit kahlem Kopfe²) hat ſich auf die Cypreſſen ihres weißen Grabes niedergeſetzt; und mit blutigem Schnabel und glühenden Augen ruft er durch den Leichenſtein der Todten zu: „Iſt Dein Mann durch Gift oder durch einen Zaubertrank geſtorben?“— Und Khamco, die tapfere Tochter des Beys von Conitza, wurde, obgleich todt, noch blaſſer— noch bläſſer unter dem Leichenſteine, und ſie antwortete dem todten Vogel: Cha⸗ ron³) hat Vely Bey in dem rothen Pelze fortgetragen, wie er auch mich fortgetragen und hierher gelegt hat— in die Erde. Vely Bey muß es Charon geſagt haben, ob er durch das Gift oder durch einen Zaubertrank geſtorben iſt; frage Charon dar⸗ nach— ich kann es Dir nicht ſagen, denn hier unter der Erde, ¹) Todtengeſänge, dazu beſtimmt, das Leben der Verſtorbenen zu ſchilbern. 2) Dieſe Fabel von ſprechenden Vögeln findet ſich in den Volksgeſängen des neuen Griechenlands oft wieder.— Von der Höhe der Berge der breifachen Gipfel hat ein Sperber geſprochen(Hochzeitsgeſang, Vauriel)— ein kleiner Vogel aus Faltos ſagt Tag und Nacht: Mein Gott, wo finde ich die Klephthen von Gorgo⸗Thomas(bendaſelbſt)— Volksgeſänge des neuern Griechenlands, Theil 11, p. 355 und 326.— Vauriel. 3) Der Tod;— griechiſcher Aberglaube. 105 mit gekreuzten Armen und unter meinem Leichenſtein von Mar⸗ mor weine ich nur beſtändig eiskalte Thränen über den ſchönen Ali, meinen Sohn, und die ſchöne Chainitza, meine Tochter, die ich dort oben ließ— während ich ſie ehedem dort oben unter dem ſchönen Himmel und unter meinem ſeidnen Baldachin zärt⸗ lich liebkoſ'te.“ Und indem die unglückliche Mutter zu ſich ſelbſt ſprach, fuhr ſie fort, indem ſie ihr weißes Haupt mit dem Ausdrucke verzweifelnder Zärtlichkeit ſchüttelte, daß darüber Ali und ſeine Schweſter in lautes Schluchzen ausbrachen: „Ach, ja, ehedem, da warſt Du, Khamco, durch Deine beiden Kinder eine ſtolze und glückliche Mutter!— Ja, ſtolz und glücklich, wenn Du ſtets mit ihnen umherſchweifend die Liebe der Männer verachteteſt. Vergebens ſagten die Arma⸗ tolen: Für eine Frau iſt es ſüß, zu ihren Füßen Häuptlige zu ſehen, die das Schwert niederlegen— die das tödtende Schwert mit der tönenden Lyra vertauſchen.— Süß iſt es für eine Frau, zu den Häuptlingen ſagen zu können: Nach den Bergen, eilt— In die Ebene, eilt!— Zu dem Meere, eilt, und bringt mir Beute zurück!— Es iſt ſüß für eine Frau, das Waffengeräuſch der Häuptlinge zu hören, welche eilend rufen: Ich gehe, ich gehe!— Und welche dann zurückkommen und ſagen: Sultan, nimm ſie hier die fetten Herden der Hirten aus der Ebene;— ſieh hier die glänzenden Gewebe, die reichen Steine der Kauf⸗ leute zur See;— ſieh hier die blutigen Säbel und die rauchen⸗ den Musketen der Klephthen des Gebirges— denn es ſind nicht Klephthen, die fliehen gleich Herden und ihre Frucht auf dem Wege im Stiche laſſen, ſondern Klephthen mit Säbel und Mus⸗ kete, die ihre Waffen nur ſterbend ausliefern.— Nutzloſe Hul⸗ digungen! Khameo, die glückliche und ſtolze Mutter antwortete den Häuptlingen: Süßer iſt es für mich, mein ganzes Herz, meine ganze Seele meinem Sohne zu bewahren.— Eure Stim⸗ men ſind ſchön und kriegeriſch; aber ſüßer iſt es für mich, auf eine geheimnißvolle Stimme zu hören, auf eine Stimme, groß wie das Rauſchen des Sturmes, groß wie das Zucken des Blitzes, groß wie das Toben des Meeres; auf eine Stimme, welche mir wachend und träumend zuruft: Dein Sohn, Ali von Debelen, wird Weſir werden!— Und der Himmel, und die Sonne und die Sterne ſind in meinen Augen der Kör⸗ per dieſer großen Stimme; denn der Himmel in ſeinen Wolken, 104 die Sonne in ihren Strahlen, die Sterne in ihrem Funkeln ſchrieben, was die Stimme ſagte: Dein Sohn, Ali von De⸗ belen, wird Weſir werden.“ „Der Tod naht— ſie ſpricht irre,“ ſagte Ali tief betrübt, als er einen kalten Schweiß die Stirne ſeiner Mutter bedecken ſah. „Mutter, höre uns, erkenne uns,“ rief Chainitza, indem ſie Khamco verzweiflungsvoll in ihre Arme ſchloß; aber noch immer eine Beute des Fieberanfalles, der das ſchwache Ueber⸗ bleibſel ihres Lebens aufrieb, fuhr Khamco fort, ohne die Gegen⸗ wart ihrer Kinder zu bemerken: „Und eines Tages ſind alle Hauptleute der Armatolen von Toskaria gekommen— ſie ſind gekommen, um Khamco zu ſa⸗ gen, als ſie noch lebte, die blaſſe Wittwe Vely Beys: Du biſt tapfer, Du verſchmähſt unſere Liebe, aber Du gehörſt keinem Andern an;— wie der Schnee des Haliacmontes eiskalt für Alle iſt, ſo iſt Dein Herz eiskalt für uns; deshalb, Tochter des Conitza, wollen wir Deine Vertheidiger ſein und die Vertheidi⸗ ger des ſchönen Ali, Deines Sohnes, und der ſchönen Chai⸗ nitza, Deiner Tochter!— Da hüpfte das Herz Khamco's vor Stolz, da dankte ſie den Häuptlingen und rief ihnen zu, indem ſie ihre Waffen ergriff: Vorwärts!— Denn der Bei von Kar⸗ diki, ſeine Lapez's und ſeine Klephthen haben geſtern unſern Pharez geplündert und deſſen Einwohner niedergemetzelt!“ „Mutter, Mutter!“ rief der Weſir mit Schrecken, als er ſah, daß Khamco durch ihre Verſtandesverwirrung zu jener fürchterlichen Epiſode zurückgeführt wurde, deren Erinnerung ſie in tödtliche Wuth verſetzen mußte. Aber ſie fuhr mit ſcharfer Stimme fort, indem ſie ihre Worte mit heftigen krampfhaften Bewegungen begleitete: „O, es war eine ſchöne Nacht— eine ſchöne finſtere Nacht, die Nacht, welche auf die Niederlage der Kardikioten folgte! Den gangen Tag lang hatte man gekämpft und den Abend auch noch gekämpft. Khamko, die Kriegerin, und ihr Sohn, der junge Löwe, waren ermüdet durch das Gemetzel, die Kardikioten waren geflohen, alle geflohen. Die Hauptleute und ihre Armatolen wollten ausruhen in einem Defilé— in einem ſchwarzen Deſilé; die Krieger hatten ihre Kepes auf den nackten Fels gebreitet und waren darauf entſchlafen.— Khamco fror für ihre Kinder, ſie fror eben ſo ſehr, als ſie jetzt in ihrem Grabe friert. Die armen Kinder, welche die Nacht erſtarren 105 machte, ſie, die den ganzen Tag durch die glühende Sonne und die Hitze des Kampfes verſengt worden waren!— Es war alſo ſehr finſter, man hörte kein Geräuſch, gar kein Geräuſch, als den Wind, der klagend durch die Aeſte des Baumklees ſtrich.— Khamco, die in der Höhlung eines Felsſtückes ſaß, nahm in den einen Arm ihre Tochter und auf den andern ihren Sohn und preßte ſie feſt an ihre Bruſt; ſie küßte ihre Stirnen, ſie küßte ihre Hände, als hätten ihre Küſſe ſie erwärmen können;— und dann hüllte ſie ſie in die Zipfel ihres Kepes und erwärmte ſie mit ihrem Athem; aber ungeachtet ihres Sieges über die Kardikioten, war ſie unglücklich, wie eine Mutter unglücklich iſt, deren Kinder frieren.— Endlich waren ſie eingeſchlafen, und die Mutter wollte über ſie wachen, aber die Erſchöpfung über⸗ wältigte ſie, die Träge, die Nichtswürdige, die Verfluchte! Die Erſchöͤpfung überwältigte ſie, und ſie ſchloß die Augen.— Plötz⸗ lich erwachte ſie und ſah ihre beiden Kinder gefangen. Da wollte ſie ſich über ſie werfen, aber ſie hatte nicht ſogleich be⸗ merkt, daß auch ſie eine Gefangene ſei.— Die feigen Kardi⸗ kioten, die entflohen waren, alle entflohen,— hatten ſich in dem Defilé verſteckt, und als ſie ſahen, wie die tapfern Arma⸗ tolen ſchliefen, da hatten ſie ſich kriechend genähert wie Scha⸗ kals, hatten viele Armatolen während ihres Schlafes ermordet und die andern verrätheriſch gefangen genommen, wie ſie Khamco und ihre beiden Kinder gefangen nahmen.— Da, da,“ rief die Mutter des Weſirs mit entſetzlicher Ruhe, aber mit einer Grabes⸗ ſtimme, die immer ſchwächer, immer umſchleierter wurde, wäh⸗ rend Ali und ſeine Schweſter kniend und mit gefaltenen Hän⸗ den voll Schrecken den Zeichen des Todes folgten, die auf ihrem Geſichte immer deutlicher hervortraten;—„da,“ ſagte Khamco, „wurden die Mutter und die Tochter, die Jungfrau von De⸗ belen und die Wittwe Vely Beys, die ſtolze Frau, welche die Liebe ihrer Männer nicht werth hielt;— die Tochter des Bey von Conitza, zu der die große geheimnißvolle Stimme geſagt hatte, daß ihr Sohn Ali Weſir werden ſollte,— die Frau, welche dieſe Worte noch in den Sternen leſen konnte— dieſe Frau wurde, ſie und ihre Tochter, in einem Saale des Bey von Kardiki angeſchloſſen. Das Haus blieb Allen geöffnet, allen Klephthen, Radja's und Lapez's— und täglich kamen Klephthen, Radja's und Lapez's— und beſchimpften— und entehrten dieſe Wittwe und ihre Tochter, die noch Kind war, 106 ihre Tochter!— Dann wurden die Wittwe, ihre Tochter und ihr Sohn wie gemeine Zigeuner aus Kardiki verjagt und ſo kehrten ſie nach Debelen zurück.“ Bei dieſer entſetzlichen Erinnerung färbte ein erhabener In⸗ ſtinkt der Keuſchheit und Scham das blaſſe entſtellte Geſicht Khamco's einen Augenblick mit kaum merklicher Röthe.— Dann wurde ſie immer ſchwächer und ſchwächer, und mit erſterbender, ſchon gebrochener Stimme ſagte ſie: „O, die arme Mutter— die beklagenswerthe Mutter— wer vermag es je, ihre Scham, ihre Marter, ihre Wuth zu er⸗ meſſen— ſie, die bisher ſo ſtolz geweſen war— auf ſich und auf ihre Tochter— weil ſie die Mutter und die Schweſter Ali's waren?— O, wie hat ſie jeden Tag, jede Stunde ihren Haß in ſich hineingeſchlungen und ihre ohnmächtige Wuth ver⸗ wünſcht— ihre Wuth, welche das Blut der Radja's, die ſie der großen Stimme opferte, nicht zu erſticken vermochte.— Da fiel der Schnee auf die Haare Khamco's, und ſie fühlte all⸗ mälig ihr Herz erkalten— und dann wollte ſie ihre Kinder noch einmal ſehen— und dann iſt ſie geſtorben.— Sie iſt ge⸗ ſtorben!— Und jetzt, da Khamco todt iſt, wer wird ſie an den Kardikioten rächen?— Du wirſt es ſein, mein Sohn, Ali von Debelen!“ So ſchrie Khamco mit donnernder Stimme, indem ſie zum Bewußtſein zurückkehrte und ſich mit einer krampfhaften An⸗ ſtrengung in ihrer ganzen Länge emporrichtete, als wäre dieſer Schimmer der Kraft und Vernunft nach der langen Geiſtes⸗ verwirrung zurückgekehrt, um noch einmal die beiden Gefühle auszuſprechen, welche über ihr ganzes Leben geherrſcht hatten: Mutterliebe und Rachſucht. Todt ſank ſie auf den Divan zurück. „Mutter,“ riefen wie aus einem Munde Ali und Chai⸗ nitza, mit einem Ausdrucke, der ſich unmöglich beſchreiben läßt, „Mutter, Du ſollſt gerächt werden.“ IX. Die Rache. Das Jahr 1812 begann. Seit vierundzwanzig Jahren war Khamco todt, und gleich⸗ wohl ſtand Kardiki mit ſeinen Moſcheen von Marmor, mit ſei⸗ nen glänzenden Minarets und ſeinen Mauern von Granit und ſeinen Thürmen von den Schießſcharten. Zweiundſiebenzig Beys, Großvaſallen des ottomaniſchen Kaiſerreiches, hielten dort Garniſon und der Neffe des Sultans, ſein Lieblings⸗Neffe, commandirte ſie. Seit vierundzwanzig Jahren war Khamco todt; aber ſeit vierundzwanzig Jahren hatte auch Ali von Debelen täglich einen Schritt gegen Kardiki gethan. Die Gefahr nicht ken⸗ nend, die ſie bedrohte, hatten die Kardikioten von der Höhe ihrer Citadelle aus täglich die Herrſchaft des Weſirs ſich aus⸗ vreiten und ihr Gebiet umringen ſehen, wie das Meer, das zürnend wächſt, allmälig mit ſeinem verderblichen Gürtel den Fels enger einſchließt, den es bedeckt. Weshalb aber ſo zögern in der Stunde der Rache? Weil Kardiki die Hauptſtadt des Paſchaliks, des Favoritneffen des Sultans war; weil an dem Tage, an welchem Ali von Debe⸗ len es gewagt hätte, dieſen Platz anzugreifen, der Divan das Verderben des Satrapen beſchloſſen haben würde; weil ſich Kardiki's bemächtigen, des einzigen Zufluchtsortes, des einzigen Ortes der kaiſerlichen Macht, wo der Weſir von Janina bei⸗ nahe ſchon als König herrſchte, für Ali eben ſo viel hieß, als ſich unabhängig und in Kriegszuſtand gegen ſeinen Herrn zu erklären; er wäre als widerſpenſtiger Großvaſall in den Bann gethan worden. Um daher Kardiki ſicher zu umzingeln, wußte Ali von Debelen vierundzwanzig Jahre lang ſeine Pläne zu verbergen. Seine ganze Politik ſtrebte dahin, allmälig dieſes Paſchalik von ſeinen Umgebungen zu trennen, und es durch die Erwer⸗ bung oder Anſichreißung der angrenzenden Diſtrikte zu um⸗ zingeln, um ſich vollkommen zum Herrn ſeiner Beute zu ma⸗ chen. Aber indem er ſich ſo aller Beyliks von Epirus bemäch⸗ tigte, und ihre Paſchas zwang, an ſeinen ſouverainen Hof nach 108 Janina zu kommen und ihn als ihren Lehnsherrn anzuerken⸗ nen, war die Unterwürfigkeit des Satrapen gegen den Sultan nie größer erſchienen; nie waren die Auflagen, die er für die Pforte in Empfang nahm, dem Divan pünktlicher und gewiſſen⸗ hafter überſendet worden. Verwundert über die Geldmittel, die er von Epirus zog, ſeitdem die allmächtige Hand Ali's auf dieſer Gegend laſtete, faſt gleichgültig gegen die auf einander folgenden Anmaßungen des Paſchas, hatte der Sultan ſich damit begnügt, den militä⸗ riſchen Punkt von Kardiki von ſeinem Neffen beſetzen zu laſſen, denn er durchſchaute den Plan Ali's von Debelen nicht, und ſah nicht ein, daß wenn der Weſir, endlich die Maske ablegend, dieſen Ort angreifen würde, es der Pforte unmöglich ſein würde, ihn zu retten oder ihm zu Hülfe zu kommen. Im Jahre 1812, der Zeit, mit welcher dieſe Erzählung in Verbindung ſteht, war in der That jede Verbindung zwiſchen Eonſtantinopel und Kardiki unmöglich geworden. Ali von De⸗ belen war jetzt unumſchränkter Herr der Albaneſen, der Defilés der Grenzen; unumſchränkter Herr einer Armee von 15,000 Mann, unumſchränkter Herr von 1 Million Einkommens, das ihm erlaubte, den Hof eines Herrſchers zu halten. Der Augenblick der der ſterbenden Khamco geſchworenen Rache war alſo endlich gekommen. Jetzt 62 Jahre alt reſidirte er in Janina. Unſichtbar im Schooße ſeines Serails gab er den Befehl und entwarf er den Plan zu dem Feldzuge, und im Monat Februar deſſelben Jah⸗ res(den Jahresmonat vom Tode Khamco's) ſollten ſeine Ge⸗ nerale gegen Kardiki und Agyro⸗Kaſtron ziehen; dieſe letztere Stadt war gewiſſermaßen der Schlüſſel zu der erſtern. Gegen Kardiki marſchiren, die einzige kaiſerliche Stadt in Albanien! die Stadt, welche von 72 Beys, Großvaſallen der Krone beſetzt war! Kardiki, die Reſidenz vom Neffen des Sul⸗ tans!— Das war ohne Zweifel ein großes Verbrechen, aber der Weſir hatte geſprochen, er wollte endlich, vielleicht mit Ge⸗ fahr ſeines Lebens die Schmach retten, die den Seinigen ange⸗ than worden warz er hatte geſprochen, und man hatte ihm ge⸗ orcht. Durch ihre beinahe unangreifbare Lage unterſtützt, verthei⸗ digten die beiden Städte ſich unerſchrocken; aber der Neffe des Sultans wurde getödtet und die Capitulation erzwungen, Gleichwohl ergaben die Kardikioten ſich erſt, als ihre Lage ganz unhaltbar war, als Durſt und Hunger die Einwohner zu deci⸗ miren begann. Dieſe äußerſte Noth hatte nicht lange auf ſich warten laſſen, denn die Sapeure der Armee Ali's hatten bald die Waſſerleitungen zerſtört, welche den Städten das nöthige Waſſer zuführten, die auf dem Gipfel der Felſen erbaut waren, und eine enge Blokade ſchnitt jede Zufuhr von Lebensmitteln ab. Gleichwohl ſahen die Kardikioten noch nicht voraus, was ihrer wartete; ſie betrachteten den Angriff Ali's nur als eine Folge ſeiner Anmaßungen und glaubten, es ſei der Zweck des Weſirs, ſeine Souverainität durch dieſe Uſurpation vollſtändig zu machen. Wie hätten ſie auch übrigens an die Beleidigung denken können, die ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter ein hal⸗ bes Jahrhundert vorher zugefügt worden war? War nicht bei⸗ nahe die ganze gegenwärtige Generation jener Unthat fremd? Was noch dazu beitrug, die Bevölkerung über die Folgen der Eroberung des Paſchas von Janina zu beruhigen, war, daß bei der Uebergabe der Stadt die Generale Ali's die ſtrengſten Befehle gegeben hatten, daß Perſonen und Eigenthum geachtet bleiben ſollten. Der folgende Vertrag iſt ein Beweis für dieſe friedlichen Geſinnungen. „Muſtapha Paſcha, Selim Bey Goka, ein Abkömmling „des erſten Stammes der Gueguen, und 72 Beys, Häupter „der erhabenſten Stämme der Skopetaren, ſämmtlich Mahome⸗ „daner und Großvaſallen der Krone, begeben ſich frei nach „Janina, wo ſie mit den ihrem Range gebührenden Ehrenbe⸗ „zeugungen empfangen und behandelt werden ſollen.— Dort „werden ſie ihrer Güter genießen und ihre Familien werden „verſchont.— Alle Einwohner von Kardiki ohne Ausnahme „werden als die treuſten Freunde Ali Paſchas von Janina be⸗ „trachtet, der die Stadt unter ſeinen beſondern Schutz nimmt. „Niemand ſoll wegen Handlungen, die der Beſitznahme voraus⸗ „gingen, beläſtigt oder in Unterſuchung gezogen werden“ ¹). Von beiden Seiten wurde feierlich dieſer Vertrag auf dem Koran beſchworen und die Truppen Ali's beſetzten alle Quar⸗ tiere der Stadt. Ueber dieſe Maßregeln gleichwohl erſchreckt, welche mit der gewöhnlichen Grauſamkeit Ali's von Debelen ſo ſehr contraſtir⸗ 4) Pouqueville. 110 ten, zogen es Mehemed Bey Goka und ſeine Frau, ſich ſelbſt den Tod zu geben, vor, ſtatt dem Worte Ali's zu trauen und nach Janina zu gehen. Vertrauensvoller brachen die andern Beys unter guter Eskorte nach der Reſidenz des Weſirs auf. Ihre Reiſe war ein fortwährendes Feſt; in jeder Stadt wurden ſie auf den Befehl Ali's unter dem Schalle der Muſik und dem Freudengeſchrei der Bevölkerung empfangen. Als ſie nach Ja⸗ nina kamen, ſchmetterten Trompeten und Pauken. Mit Kör⸗ ben voll Blumen, den Erſtlingen des Frühlings, und mit Lyra⸗ ſpiel begleitet, kamen junge Mädchen ihnen entgegen und ſangen den Gefangenen das freundliche Lied von den Schwalben. Ali trat prachtvoll gekleidet, lächelnd, mit freundlichem Blick, den Beys drei Schritte entgegen, umarmte die vornehm⸗ ſten zärtlich und ſagte ihnen, er betrachte ſie jetzt als zu ſei⸗ ner eigenen Familie gehörig; er ſei eiferſüchtig geweſen, aber zärtlich eiferſüchtig, Kardiki ſo lange außerhalb ſeiner Herr⸗ ſchaft zu ſehen, da dieſe Stadt ebenſo wie die andern Beſitzun⸗ gen des Sultan ein Recht auf den Schutz und die Freundſchaft ſeines Weſirs hätte.— Da aber das Gluͤck dieſer Stadt ge⸗ wollt hat, daß ſie ſich unter ſein Geſetz fügte, fuhr der Satrap mit dem verführeriſcheſten Lächeln fort, will ich ſie künftig als undankbares, aber theures Kind behandeln, das man liebt, und zwar um ſo mehr, je länger man von ihm getrennt war. Vollkommen beruhigt durch dieſe tückiſchen Worte zögerten die Beys nicht, ſich nach dem Schloß am See zu begeben, wo die glänzendſten Wohnungen für ſie bereitet waren. Als ſie aber den finſtern Aufenthalt betreten hatten, wurden ſie nieder⸗ gemetzelt und ihre Leichen den Fiſchen zur Nahrung in den Fluß geworfen. Obgleich dieſe entſetzliche That Ali ſchon in den Reichs⸗ bann bringen mußte, beſchleunigte er ſeine Abreiſe nach Kardiki, das ſeine Truppen noch immer beſetzt hielten. Den Tag vor dieſer Reiſe erhielt er einen Brief von ſeiner Schweſter Chainitza, die ſich nach Liboowo zurückgezogen hatte, wo ſie die Einnahme der Stadt erfuhr. Wir erwähnten bereits, daß ein blutiges Verhängniß auf dieſer Familie zu haften ſchien, welche durch ihre Miſſethaten würdig war, der der Atriden gleichgeſtellt zu werden. Als Khamco todt war, hatte Chainitza, um den Befehlen ihres Bruders zu gehorchen und ſeinen Befehlen zu dienen, welcher 11¹ ſchon damals danach ſtrebte, ſich durch Eroberungen oder durch Bündniſſe Kardiki zu nähern, ohne Liebe und nur, um den blutgierigen und rachſüchtigen Abſichten ihres Bruders zu die⸗ nen, Soliman, Bey von Berat, geheirathet, einen Nachbar und ehemaligen Verbündeten der Kardikioten, gegen den Ali ſchon ſeit langer Zeit einen tiefen aber verborgenen Haß nährte. So hanbelte Ali ſtets. Er begann damit, ſich ſeine Opfer durch die Bande des Blutes oder Zuneigung zu verbinden, um ſie dann deſto ſicherer treffen zu können. Zwei Jahre nach der Verheirathung wurde Soliman, der Gatte Chainitza's, erdolcht durch ſeinen eigenen Bruder Is⸗ maöl und auf Befehl Ali's; Chainitza heirathete den Bruder⸗ mörder, der auch wieder unter den Streichen des Satrapen zu ſterben beſtimmt war.— So wurde Ali Herr der Beſitzungen der beiden Brüder, eine Erbſchaft, die ſeine Schweſter ihm ab⸗ trat, welche ſeine Verbrechen mit grauſamer Sorgloſigkeit theilte, oder ſich wenigſtens zu denſelben hingab, indem ſie in dieſen abſcheulichen Mordthaten nichts ſah, als das Mittel, die Rache zu ſichern, die er auf dem Grabe Khamco's beſchworen hatte. Chainitza aber, welche gegen ihre Gatten ebenſo unbarm⸗ herzig war, wie Khamco es gegen Vely Bey geweſen war, fühlte gleich ihrer Mutter gegen ihre Kinder eine Art von wilder raſender Liebe, eine Art von Löwinnen Zärtlichkeit, die ſich bei ihr durch eine wüthende Manie äußerte. Man ſtelle ſich daher ihre Raſerei vor, als ſie in der Blüthe der Jahre die drei Kin⸗ der ſterben ſah, die ſie aus ihren beiden Ehen gehabt hatte! Der letzte ihrer Söhne, Aden Bey, war ungefähr zwei Monate vor der Einnahme von Kardiki geſtorben. Der Schmerz Chainitza's kannte keine Grenzen und äußerte ſich durch Beweiſe eines wilden Wahnſinns. Die Aerzte, welche ihren Sohn dem Tode nicht hatten entreißen können, wurden gepfählt. Zweimal ſturzte ſie ſich in einen See, wurde aber bei Zeiten herausgezogen. Zweimal wollte ſie ihren Palaſt in Brand ſtecken, um ſich mit allen ihren Frauen unter deſſen Trümmern zu begraben; aber ſie leiſtete Verzicht auf ihre Plane des Selbſtmordes und Brandes, ließ die Spiegel und alle Zierrathen ihres Serails zertrümmern, die Scheiben der Fenſter ſchwarz anmalen, zerbrach all ihren Schmuck, ſowie den, welcher ihrem Sohne gehört hatte, ließ alle Pferde und alle Sklaven Aden Beys erwürgen, und mit einem Sacke be⸗ 112 kleidet wollte ſie nur noch auf der Aſche ihres verheerten Se⸗ rails ſchlafen. Während dieſes entſetzlichen Parorysmus des Schmerzes erfuhr ſie die Einnahme von Kardiki. Sie ſchrieb ſogleich an Ali:„Ich nenne Dich nicht mehr Weſir, nicht mehr Bruder, wenn Du nicht den Schwur hältſt, den Du auf dem lebloſen Körper unſerer Mutter geleiſtet haſt. Wenn Du der Sohn Khamco's biſt, mußt Du Kardiki zerſtören, ſeine Einwohner vernichten, und ihre Weiber und Töchter in meine Hände über⸗ liefern, damit ich nach meiner Laune über ſie verfüge. Sie alle ſollen ſterben und ich will künftig nur auf Matratzen ſchlafen, die von ihrem Haar geſtopft ſind. Als unum⸗ ſchränkter Herr der Kardikioten vergiß die Beleidigung nicht, die wir von ihnen in den Tagen unſerer demüthigenden Ge⸗ fangenſchaft erlitten“. Am Tage nach dem Empfange dieſes Briefes, den 19. Februar 1812, machte Ali ſich auf den Weg. Er wollte, in⸗ dem er nach Kardiki ging, in Liboowo Halt machen, um Chai⸗ nitza zu ſehen. Herr Pouqueville, franzöſiſcher Conſul in Ja⸗ nina, hatte mit Ali zu ſprechen und begab ſich nach dem Pa⸗ laſte. Seit dem Morgen defilirten die Truppen, Bagagen kamen aus dem Serail, und die Pagen, mit allen Waffen aus⸗ gerüſtet, warteten nur noch auf den Befehl, das Pferd zu be⸗ teigen. In die innern Gemächer des Palaſtes gelangt, ließ der Conſul von Frankreich ſich melden. Der Vorhang von Brocat, der die Thüre verhüllte, wurde zurückgezogen, er trat ein und ſah Ali Paſcha in einer nachdenkenden Stellung. Seine Züge waren von hoher Majeſtät und ſein weißer Bart fiel in reichen Wogen auf ſeine kräftige Bruſt herab; den Kopf des Paſchas bedeckte eine violetté mit Gold geſtickte Sammetkappe; er trug einen ſcharlachrothen Mantel und hatte Stiefel von carmoiſin⸗ rothem Sammet an. Auf ſeine Streitart geſtützt, gab er dem Conſul ein Zeichen, näher zu treten, desgleichen ſeinem eben verſammelten Divan, ſich zu entfernen. Nach der Etiquette nahm der Conſul zu ſeiner Rechten Platz; Ali ſchien jetzt aus einem Traume zu erwachen, heftete von Zeit zu Zeit einen Blick auf den franzöſiſchen Abgeordneten ¹) Dieſen Brief führt Pyuqueville wörtlich an. 115 nahm theilnehmend eine ſeiner Haͤnde in die ſeinige und ſagte mit einer Stimme, welche den Ton tiefer Traurigkeit trug, in⸗ dem er die thränengefüllten Augen gen Himmel richtete ¹): „Folge mir, mein Sohn, und vergiß Dein Vorurtheil gegen mich; ich ſage Dir nicht mehr, daß Du mich lieben ſollſt, aber ich will Dich dazu zwingen, indem ich ein Syſtem befolge, das meinem bisherigen entgegengeſetzt iſt. Meine Laufbahn iſt er⸗ füllt und ich werde meine Arbeit beenden, indem ich zeige, daß, wenn ich furchtbar und ſtreng war, ich auch das Unglück und die Menſchlichkeit zu achten weiß.“ Starr vor Staunen über dieſe ſo neue Sprache in dem Munde Ali's, verrieth das Geſicht des Geſandten dieſen Zwei⸗ fel, als der Satrap mit ſchmerzlicher Niedergeſchlagenheit und wie von tiefer Reue ergriffen fortfuhr:„Ach, mein Sohn, die Vergangenheit ſteht nicht mehr in meiner Gewalt; ich habe ſo viel Blut vergoſſen, daß der Strom deſſelben mir folgt, und ich wage es nicht, hinter mich zu blicken.“ Bei dieſem Geſtändniſſe, welches den Conſul an alle Miſ⸗ ſethaten Ali's erinnerte, wollte er in einer Bewegung unwill⸗ kürlichen Abſcheus ſeine Hand aus den Händen des Paſchas ziehen; dieſer ſah ihn aber mit einem ſo ſchmerzlich verzweifelten Ausdrucke an, daß der Franzoſe den Weſir nicht zurückſtieß. „Ja, glaube mir, mein Sohn,“ fuhr Ali mit einer vor Rührung zitternden Stimme fort,„ich habe mir Reichthum ge⸗ wünſcht, und ich bin mit ſeinen Gütern überſchüttet; ich ſehnte mich nach Serails, nach einem Hofe, nach Prunk, nach Macht, und ich habe Alles erlangt; wenn ich das Haus meines Vaters mit dieſem Palaſt vergleiche, der mit Gold, mit Waffen, mit koſtbaren Teppichen geſchmückt iſt, ſollte ich auf dem Gipfel des Glückes ſein; meine Größe blendet den gemeinen Haufen. Alle dieſe Albaneſen, die mir zu Füßen liegen, beneiden den glückli⸗ chen Ali von Debelen, aber wenn man wüßte, was dieſer Pomp koſtet, ſo würde ich Mitleid einflößen!— Ich habe Alles mei⸗ nem Ehrgeize geopfert; ich bin nur von Denen umringt, deren Familien ich ermordet habe.— Aber entfernen wir dieſe trau⸗ rigen Erinnerungen: meine Feinde ſind in meiner Gewalt und ich denke ſie durch meine Wohlthaten zu unterjochen. Ich will, daß Kardiki die Blume Albaniens werde und nehme mir vor, Auch bieſes Geſpräch führt Herr Pouqueville wörtlich an. Die Curgracha. II. 8 114 dort die Tage meines Alters zu verleben. Das ſind meine letzten Pläne. Ich mache Dir nicht den Vorſchlag, mein lieber Sohn, mich auf meiner Reiſe zu begleiten, und da ich bald zu⸗ rück ſein werde, wollen wir die erſten ſchönen Tage in Preveſa zubringen. Schreibe, ich bitte Dich, das, was ich Dir eben ſagte, Deinem Geſandten, denn meine Feinde werden nicht ver⸗ fehlen, mich in Conſtantinopel zu verläumden, aber es iſt gut, daß die Wahrheit ihren Anklagen voraneile.“ ¹) Als dieſes Geſpräch beendet war, trennte ſich der Paſcha von dem Conſul und beſtieg ſeinen Wagen. Zwei Tage nach ſeiner Abreiſe von Janina kam Ali auf das Gebiet von Liboowo, dem Aufenthaltsorte Chainitza's. Der Weſir fand ſeine Schweſter in der finſterſten und wildeſten Entmuthigung. Er blieb lange mit ihr eingeſchloſſen. Man erfuhr nichts von ihrer geheimnißvollen Unterhaltung, aber der beinahe wüthende Schmerz Chainitza's ſchien plötzlich gemildert zu ſein. Der Schmuck des Serails wurde in der Eile herge⸗ ſtellt oder wieder aufgeführt, und ſie gab ein glänzendes Feſt für ihren Bruder, der am nächſten Tage ſeinen Weg nach Kar⸗ diki fortſetzte, begleitet von den Palikaren und von Michael, der, durch Ali dem entſetzlichen Looſe entriſſen, welches der Bektadji ihm beſtimmt hatte, unter dem Namen Anaſtaſius Vaia einer der grauſamſten Veiden des Weſirs geworden war. Nie war Ali heiterer, munterer geweſen. Der Weg von Liboowo nach Kardiki war reizend; man trat in den Frühling von Epirus; die Wieſen bedeckten ſich mit zartem grünen Klee; ganze Strecken von Anemonen, Hyazin⸗ then und Narziſſen durchwürzten die Luft; der Mandelbaum hüllte ſich in ſeinen wohlriechenden Schnee; das ſpäte Laub der Granatbäume begann hervorzubrechen; der Judenbaum war purpurroth gekrönt. Die weißen Schwäne kamen eilend herbei⸗ gezogen, denn der März war gekommen, doch noch nicht die Schwalben, die Wachteln, wie die Wiedehopfe, welche unter der glühenden Sonne des tropiſchen Himmels den April ab⸗ warten. Einige ungeduldige Nachtigallen aber, in dem dichten Gebüſch von Fichten und Lentisken geſchützt, eilten dem ſüßen Monat voran und ſchon ſeufzte ihre reine und einſame Stimme und ſchien die wandernden Sänger herauszufordern, welche, ¹) Pouqueville, Wiedergeburt Griechenlands. Thl. I. p. 407. 115 von Dorf zu Dorf ziehend, auf der albaniſchen Leier die Geſänge von den Veilchen und von den Schwalben ſingen. Am zweiten Tage kam Ali nach Kendria, einem feſten Schloſſe, am Abhange eines Felſens erbaut und nicht weit von dem öſtlichen Ufer des Celydnus, von wo man in der Ferne gleich einem ungeheuren Panorama das Thal von Drinopolis überſieht, die Stadt Kardiki, den wilden Eingang zu den ſchwar⸗ zen antigoniſchen Defilés, die Rieſenleitern von Muſſana und die fruchtbaren Ebenen von Argyrine. Mit dem Morgen waren Waffenherolde Ali's, in Purpur gekleidet, Trompeten mit ſeidenen Behängen in der Hand, nach Kardiki vorangeeilt, im Namen Ali's das Verſprechen allge⸗ meiner Verzeihung und Amneſtie zu überbringen. Dem zu⸗ folge forderte der Weſir alle Kardikioten auf, Männer und Kinder, von 10 Jahren an bis zum höchſten Greiſenalter, ſich vor das Schloß Kendria zu begeben, um dort aus dem Munde des Paſchas ſelbſt die Beſtimmung zu vernehmen, die ſie glück⸗ lich machen ſollte. Obgleich das Geſchick der Beys noch nicht bekannt war, fürchtete man doch ſo allgemein die Grauſamkeit Ali's und deſ⸗ ſen heuchleriſches Benehmen, daß die Bevölkerung, ohne das Loos vorauszuſehen, das ihrer wartete, dieſen Befehl mit allen Zeichen des höchſten Schreckens vernahm. Die Weiber, die auf Befehl des Weſirs in Kardiki zurückblieben, brachen in Thränen aus, und die Männer in Verwünſchungen. Mehrere Mütter nahmen ihre Kinder in die Arme und ſtürzten ſich von den Gipfeln der Felſen hinab in den Celydnus. Aber endlich mußte man doch gehorchen, und alle männlichen Bewohner der Stadt begaben ſich in eine Ebene am Fuße des Schloſſes Ken⸗ dria, wo der Weſir ſich ſchon befand, umgeben von 4000 Pa⸗ likaren, Armatolen und Myrditen. Die erſten Einwohner der Stadt wollten ſich dem Weſir zu Füßen werfen, dieſer ließ ihnen aber dazu nicht die Zeit, ſondern umarmte voll Herzlichkeit die Aelteſten, nannte ſie die Vielgeliebten ſeines Herzens, ſeine gu⸗ ten Väter, ſprach mit ihnen von den guten alten Zeiten in Epi⸗ rus, von den Tagen, in denen er, Ali, den Jüngſten und Ge⸗ wandteſten unter den Farnys, den Nachbarn von Debelen, den Preis des Wettlaufens, Ringens und Schießens ſtreitig machte, den ſeine Mutter Khamco vertheilte, an einem der Fenſter des Serails ſtehend. Er ſprach ferner mit ihnen von den berühm⸗ 116 ten Klephthen jener Zeiten, deren Namen in der Ebene Schrek⸗ ken verbreitete; aber von ſeiner Mutter, aber von ſeiner Schwe⸗ ſter, aber von der ſeiner Familie angethanen Schmach ſprach Ali kein Wort. Endlich wendete der Weſir noch den unwiderſtehlichen Zauber ſeiner gewöhnlichen Verführungskünſte an, beruhigte die Unglücklichen, rührte ſie, beſchwichtigte ihre Furcht und fragte voll Theilnahme nach ihren Bedürfniſſen, ſo wie nach denen der Stadt, die er, wie er ſagte, blühender ſehen wollte, als irgend eine andere Stadt Albaniens. Er ſprach ferner von den Landſtraßen, die er bahnen, von den Waſerleitungen, die er wiederherſtellen wollte; endlich, nachdem er ſeine Opfer voll⸗ kommen getäuſcht, verabſchiedete er ſie, nachdem er ſie gebeten hatte, ſeiner in einer benachbarten Karawanſerai zu warten, wohin er ſich begeben würde, um ſich mit ihnen über die Er⸗ füllung der Verſprechungen zu verſtändigen, die er ihnen wegen der Verſchönerung von Kardiki und wegen der Ermäßigung mehrerer Abgaben gemacht hatte. Dieſe Karawanſerai bildete ein ungeheures Viereck von einem Hofe, zu dem nur eine einzige Eingangsthüre führte. Starke Mauern, welche ſich terraſſenförmig erhoben, umſchloſſen den Platz auf drei Seiten. Die vierte Seite wurde von dem Wohngebäude der Karawanſerai gebildet. Am Nachmittage betrat die ganze männliche Bevölkerung von Kardiki dieſen Hof. Sogleich wurde die Thür geſchloſſen und feſt verrammelt. Jetzt kam Ali herab von den Höhen von Kendria, in ſei⸗ nem prachtvollen Palankin, getragen von ſeinen Valaguen. Am Fuße des Berges ſetzte er ſich in ſeine Kaleſche, die mit Kiſſen von Goldbrocat und mit koſtbaren Cachemir⸗Shawls geſchmückt war. Nachläſſig in ſeinem Wagen ausgeſtreckt, mit Pelzen bedeckt, befahl er ſeinem Kutſcher, ihn nach der Kara⸗ wanſerai zu fahren; er fuhr rings um dieſelbe her und über⸗ zeugt, daß keiner der Kardikioten entkommen könnte, ließ er plötzlich halten, ſtand auf, wendete ſich zu ſeinen Truppen und rief vras(tödtet), indem er mit der Büchſe, die er in der Hand hielt, nach der Karawanſerai zeigte. Aber die Albaneſen weigerten ſich durch den Mund ihrer Führer auf das Beſtimmteſte, dieſe empörende Metzelei zu be⸗ ginnen. 117 Ali wendete ſich hierauf zu ſeinen chriſtlichen Milizen, aber er ſtieß bei ihnen auf dieſelbe Weigerung. Stets äußerlich gelaſſen, unterdrückte Ali zwei⸗ oder drei⸗ mal ein krampfhaftes Gähnen, welches bei ihm das Zeichen eines eben ſo heftigen als verbiſſenen Zornes war, lächelte und gab den Mordbefehl an Michael Anaſtaſius Vala, welcher die Jokadaren befehligte, eine Art Miliz aus den wildeſten Stäm⸗ men der Gueguen zuſammengeſetzt. Michael ſenkte das Haupt zum Zeichen des Gehorſams, ſtieg an der Spitze ſeiner Tokadaren auf, und die Metzelei begann Das Blutbad währte bis zum Abend. Als die Sonne untergegangen war, blieb kein Kardikiote mehr übrig, weder Greis, noch Mann, noch Kind. Was die Muskete verſchonte, hatten Beil und Säbel nie⸗ dergehauen. Die Frauen und die jungen Mädchen waren in Kardiki gelaſſen worden. Dieſen Theil der Rache nahm Chainitza für ſich in Anſpruch. Nachdem ſie den Soldaten preisgegeben worden, wurden mehr als 900 nach Libvowo geführt. Die Tochter Khamco's befahl Allen die Haare abzuſchnei⸗ den, und mit dieſen ließ ſie eine ungeheure Matratze ausſtopfen. Dann auf dieſer Trophäe ſitzend, ließ ſie ihre Opfer ſich bringen; alle mußten niederknieen, und ſie ſprach über ſie fol⸗ gendes Urtheil, das die öffentlichen Ausrufer wiederholten: „Weh Jedem, der den Frauen, den Töchtern oder Kindern von Kardiki Obdach oder Kleidung giebt; meine Stimme ver⸗ urtheilt ſie dazu, in den Wäldern umherzuirren, und mein Wille widmet ſie den wilden Thieren, deren Beute ſie werden ſollen, wenn der Hunger ſie vernichtet hat).“——— Vor ſeiner Entfernung von Kardiki hatte Ali befohlen, die Leichen zu entkleiden und damit einige gewaltige Holzflöße zu beladen, damit dieſe, eine Art beweglicher Schlachtbank, von dem Celydnus in das Bett der Voſufſa getragen, faſt ganz Al⸗ banien durchzögen und dieſes fürchterliche Beiſpiel ſeiner Rache ¹) Pouqueville, Wiedergeburt Griechenl., Thl. I. p. 419.. 418 die epiriſchen Völkerſchaften von Debelen bis zum adriatiſchen Meere mit Entſetzen erfüllten. Ali wollte die Erinnerung an dieſe entſetzliche Rache auch noch dauernd machen, und ließ daher mitten auf dem Hofe der Karawanſerai von Kendria eine ſchwarze Marmortafel errich⸗ ten, auf der noch jetzt folgende Inſchrift zu leſen iſt: Von Seiten des ſehr furchtbaren Ali Paſcha an ſeine Nachbarn. Ich, Weſir Ali Paſcha, Wenn ich mich an das große Blutbad erinnere, das hier ſtattfand, bin ich betrübt. Möge eine ſolche Kataſtrophe Sich nie erneuern können!!! Deshalb empfehle ich meinen Nachbarn, Meine Familie nie zu beleidigen, Und meinem Willen unterwürfig zu ſein, Wenn ſie glücklich leben wollen. Die, welche gehorchen Und mir zugethan ſind, Können darauf rechnen, in Frieden zu leben. Dieſe Vertilgung der Kardikioten Fand ſtatt 1812, den 15. März, An einem Freitage Nach der dritten Stunde des Tages, Als die Sonne im Untergehen war ¹). Anhang*. Eine Quelle von den Reichthümern Ali's war, daß er ſich zum Erben des Todten erklärte, wenn irgend einer ſeiner Unterthanen ſtarb. Zuweilen wurde er wirklich durch Teſta⸗ ment zum Erben ernannt, im entgegengeſetzten Falle aber ließ er die Erben kommen und ſagte ihnen(ich ſelbſt habe dies ¹ Herr Pouqueville hat getreu dieſe Inſchrift abgeſchrieben, welche auf der Marmor⸗ tafel in zwei Sprachen ſteht, in der türkiſchen und albaneſiſchen, ohne Zweifel um von Allen verſtanden und geleſen werden zu können. 2) Die folgenden merkwürdigen Details, welche ſich auf die letzten Zeiten von dem Leben Ali Paſchas beziehen, entlehnen wir dem vrientaliſchen Verichte Ibrahim Mangur Effendis⸗ eines der Vertrauten des Ali Paſcha. 119 mehrmals gehört): Ich war ſehr befreundet mit Eurem Vater, und er ſagte mir, daß er mich zu ſeinem Erben einſetzen würde.— Oder, wenn er irgend eine Beſitzung haben wollte, ſagte er: Ich weiß, daß er mir dieſes oder jenes Landſtück geben wollte, denn er liebte mich ſehr. Zuweilen beraubte er auch die Familien ganz und ließ die Wittwen und die Waiſen mit Stockſchlägen aus ihrem Hauſe treiben, was man Mahlohl nennt, d. h. für den Fiskus in Er⸗ mangelung eines Eigenthümers die Beſitzung einziehen, da das Geſetz der Regierung den Beſitz aller Mobilien oder Immo⸗ bilien zuſpricht, deſſen Eigenthümer man nicht kennte; aber Ali trieb auch die rechtmäßigen Erben aus dem Beſitz, um ſich immer feſter zu ſetzen. Ali Paſcha hoffte bis zu einem Alter von 150 Jahren zu leben. Er war ebenfalls uberzeugt, daß er ſich zum Herrn von Corfu machen würde, welches eine der Hauptfeſtungen von Europa iſt. Ein perſiſcher Derwiſch, Scheikh Ali, hatte ihm dieſe Albernheiten weiß gemacht. Er hat über dem Grabe dieſes Betrügers, der in Janina ſtarb, ein Mauſoleum errich⸗ ten laſſen. Der Weſir ſelbſt leitete die Erbauung im Jahre 1817. Ich habe ihn häufig lange Zeit zu Pferde unter den Arbeitern geſehen und es ging faſt kein einziger Tag vorüber, ohne daß er ſich dahin begab, um auf die Arbeiten zu achten und auf dem Grabe des heiligen Heuchlers zu beten. Als Alles beendigt war, ließ er in der Mitte der Kuppel eine ſil⸗ berne Ampel aufhängen, und ſtattete die Kapelle mit 2 ½ Beutel aus(1200 türkiſchen Piaſtern), theils zur Unterhaltung des Mauſoleums und des Oeles zu der Ampel, theils zur Beſol⸗ dung eines Derwiſches, der mit dem Dienſte dieſes Monumen⸗ tes beauftragt war, ein Beweis von dem Aberglauben und der Unwiſſenheit dieſes ſtolzen Tyrannen, der von dem Gedanken, einſt durch das Geſchick der Waffen Herr von Corfu zu wer⸗ den, ſo eingenommen war, daß er einſt, im Laufe eines Ge⸗ ſpräches, welches er mit mir über die Vertheidigung der Küſten hatte, ganz ernſt ſagte:„Sobald ich Herr von Corfu bin, wird nicht nur dieſer Theil meiner Küſten des Feſtlandes in vollkommener Sicherheit ſein, ſondern ich werde auch einen Theil der Artillerie von Corfu dahin ſchicken, um zu der Vertheidigung derſelben zu dienen.“ Ich fragte ihn, ob er wirklich glaubte, dieſen Platz einzu⸗ nehmen, der ſchon unter den Venetianern einer der feſteſten in der ganzen Welt geweſen ſei und zu deſſen Verſtärkung die Franzoſen, die Ruſſen und die Engländer macheinander Alles erſchöpft hätten, was die Kunſt ihrer Ingenieure zu leiſten ver⸗ möchte? Der Tyrann erzählte mir hierauf ſelbſt mit dem Tone der innigſten Ueberzeugung, was der Derwiſch ihm prophe⸗ zeiht und ich ſchon aus Anderer Munde vernommen hatte; ich glaubte aber bis zu jenem Tage, daß Ali Paſcha dieſen lügne⸗ riſchen Prophezeihungen nur in Folge ſeiner liſtigen Politik Glauben beizumeſſen ſchiene. Als ich aber ſah, daß er dieſen ſonderbaren Glauben wirklich in das Syſtem der Vertheidigung ſeiner Staaten aufnahm, konnte ich mich über ſeinen eben ſo abergläubiſchen als ſtolzen Charakter nicht mehr täuſchen, denn er hielt ſich wirklich für einen Bevorrechteten der Natur und zu großen Kämpfen beſtimmt. Es war unmöglich, ihn über etwas zu enttäuſchen, was er ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, beſonders wenn ſeine Eigenliebe und ſein Geiz etwas dabei betheiligt waren. Auf dieſe Kenntniß ſeines Charakters ſtützte ich folglich meine Einwürfe. Ich ſagte ihm alſo, in Er⸗ wartung, daß er der ruhige Beſitzer von Corfu und deſſen Feuer⸗ ſchlünden ſei, würde es klug ſein, ſo zu handeln, als hätte er in dieſer Beziehung nie den geringſten Gedanken, ſeine Küſten gegen eine Landung ſeiner Nachbarn, der Engländer, in Sicherheit zu ſetzen, welche ſich früher oder ſpäter mit ihm entzweien würden; er müſſe daher Batterien, Wachhäuſer, Ra⸗ vellins, Kanonen und Roſte zu den glühenden Kugeln errichten laſſen, von denen eine einzige für ein Schiff gefährlicher und von den engliſchen Seeleuten gefürchteter iſt, als hundert kalte Kugeln. gEoute man glauben, daß Ali mir den Einwurf machte, das würde eine große und überflüſſige Ausgabe ſein, da er ge⸗ wiß wäre, Corfu bald darauf zu erlangen, daß er im Beſitz von Parga wäre, und daß er keinen Bruch mit England zu befürchten hätte, während der ganzen Zeit von dem Tage, an welchem wir ſprachen, bis zur Uebergabe von Parga. Ich be⸗ gnügte mich, die Achſeln zu zucken, und die Küſten blieben ſo, wie ſie waren.. 12¹ Ali Paſcha bildete ſich ein, daß alle Berge ſeiner Staaten Gold⸗ oder Silberminen enthielten. Er hat zu dieſem Zwecke große Nachſuchungen anſtellen laſſen; eine Menge von Char⸗ latans, die aus Italien herbeigeeilt waren, haben für ihn mit Wünſchelruthen, ſympathetiſchen Kugeln und andern Mitteln gearbeitet; einige gaben ſich ſogar unverſchämt für große Mine⸗ ralogen aus. Die griechiſchen Grammatikos(Schreiber) un⸗ terſtützten dieſe Betrüger mit dem ganzen Einfluſſe, den ſie über ihren unwiſſenden Gebieter in ſolchen Dingen hatten, denn ſie wären in Verzweiflung geweſen, die Türken gut bedient zu ſehen, und wenn dieſe von den Europäern, deren ſie ſich be⸗ dienten, einen wahren Nutzen gezogen hätten. Jeder Mann von Verdienſt, in welchem Geſchäftszweige es auch ſein mochte, konnte daher gewiß ſein, von den Grammatikos hinterliſtig ver⸗ folgt und ihr Opfer zu werden. Alle Nachſuchungen, welche auf Befehl des Tyrannen gemacht wurden, blieben fruchtlos; man fand keine Minen, obgleich es ſehr wahrſcheinlich iſt, daß es deren in einem Lande giebt, welches häufig von Erdbeben heimgeſucht wurde, ein ganz gebirgiges Land, welches mehrere heiße Quellen enthält; aber Gott hat in ſeiner Weisheit ohne Zweifel nicht erlaubt, daß der Tyrann von Cpirus Kenntniß davon erhielt, denn er würde nicht ermangelt haben, ſeine Un⸗ terthanen zu zwingen, ſie zu ſeinem Nutzen auszubeuten, wie dies in der Turkei Gebrauch iſt, und man kann ſich leicht vor⸗ ſtellen, welche verhängnißvolle Ausdehnung Ali Paſcha der Verpflichtung ſeiner Unterthanen gegeben haben würde, für ihn in den Minen zu arbeiten. Der Tyrann hielt ſeine Exiſtenz für ſo wichtig, daß er zu ſeiner individuellen Erhaltung die größten Vorſichtsmaßregeln traf. Er öffnete nie ſelbſt einen Brief us Furcht, daß er irgend ein feines Pulver enthalten möchte, dich deſſen Einath⸗ mung er ſich vergiften könnte. Bei meiner Ankunft in Janina überbrachte man ihm ſeine Mahlzeit noch nach dem im Orient Lwöhnlichen Gebrauche, d. h. die Gerichte befanden ſich in Schüſſeln auf Präſentirtellern; jede Schüſſel hatte einen Deckel und Alles war von plattirtem Kupfer; das Alles wurde auf große runde Platten geſetzt, welche Männer von der Küche bis vor die Thür des Speiſeſaales auf dem Kopfe trugen. Die 122 Schüſſeln Ali Paſchas, die ſo getragen wurden, unterſchieden ſich durch nichts, als daß ſie von Wachen und einigen ſeiner vertrauteſten Diener begleitet wurden; aber 1818 kam der wilde und argwöhniſche Ali auf den Gedanken, Futterale von wei⸗ ßem Eiſenblech machen zu laſſen, in denen Schüſſeln und Teller ſtanden. Dieſe Etuis wurden mit zwei Schlöſſern verſehen, und jeder der vertrauten Leibdiener trug zu einem derſelben den Schlüſſel; über dieſes Futteral wurde dann noch eine ſcharlach⸗ rothe Decke geworfen und unter dem Ganzen mit Schnuren zugezogen. Die Schlöſſer wurden dann erſt an der offenſte⸗ henden Speiſethür aufgeſchloſſen, und er ſelbſt, welcher der Thür gegenüber ſaß, konnte Alles ſehen, was dabei vorging. Aus Furcht, ungeachtet der Wachen, der Leibdiener, der Decken, der Futterale und Schlöſſer vergiftet zu werden, bezahlte der Tyrann einen ſeiner vertrauten Albaneſen, Namens Moukhtar, welcher keine andere Funktion hatte, als die, in Gegenwart des Weſirs einen Mundvoll von jeder Schüſſel zu koſten, die man auf die Tafel ſetzte; das war übrigens eine unnütze Vorſicht, weil es Gifte giebt, die erſt lange nachher wirken, nachdem ſie genoſſen ſind. Man wußte nie, in welchem Zimmer der Tyrann die Nacht zubrachte, denn er hatte in ſeinem Palaſte mehrere Schlaf⸗ gemache, obgleich er bei ſeinen häufigen Blutfahrten ohne Schwierigkeit in den Bauernhütten übernachtete. Freilich war er dabei gut bewacht. Er fürchtete ſich ſehr vor dem Donner, etwas Seltenes bei den Orientalen, und gleichwohl war er feſt überzeugt, daß er 150 Jahre alt werden ſollte. Was ihn aber am meiſten in Furcht ſetzte, war die Peſt; er fürchtete ſie mehr als ſogar die Europäer, und das will nicht wenig ſagen, denn ich muß, obgleich widerſtrebend, geſtehen, daß die Meiſten derſelben ihre † Furcht bis zum Lächerlichen treiben. Ich kenne jedoch Einige, die ſie ebenſowenig fürchten als ich. Um aber wieder auf Ali Paſcha zurückzukommen, ſo lieferte er ſich, wenn nur die gering⸗ ſten Spuren der Peſt in Janina ſich zeigten, ganz in die Hände der Italiener, und ſcheute die Annäherung der Muſelmänner und Juden, welche die Peſt nicht fürchten, und deshalb keine Vorſichtsmaßregeln gegen dieſelbe treffen. Er entfloh dann aus Janina und begab ſich gewöhnlich nach Preveſa. Ich war zweimal Zeuge von den Wirkungen ſeiner Furcht vor de 125 Peſt, das eine Mal im October 1816, das andere Mal im Jahre 1817. Das erſte Mal genoß ich noch ſeiner großen Gunſt, denn ich war erſt vor vier Monaten angelangt; das erſte Mal alſo, als die Peſt in Janina ausbrach, wußte ich davon noch nichts, als ich eines Morgens ſehr frühzeitig durch meinen Diener die Nachricht davon erhielt, die mich aber gar nicht beunruhigte. Während ich nach nähern Umſtänden fragte, wurde ich zu dem Paſcha gerufen. Ich wohnte damals noch nicht in der Feſtung, und als ich an das Thor derſelben kam, fand ich es verſchloſſen. Der Kavaſſe, der mich gerufen hatte, fand die größte Mühe von der Welt, ſich das Thor öffnen zu laſſen; die Schwierigkeiten währten ſo lange, daß ich ungedul⸗ dig wurde, mein Pferd umwendete, und ſchon wieder über die Brücke ſprengte, um nach Hauſe zu reiten, als der Kavaſſe herbeieilte, um mir zu ſagen, daß man das Thor öffne. Bei dem Brückenkopfe auf der Seite der Stadt und an den Ufern des Feſtungsgrabens ſtanden eine beträchtliche Menge Men⸗ ſchen, aber Niemand wurde hinausgelaſſen, ausgenommen Tag⸗ liapietra, von der Inſel Zante, der Arzt des Weſirs, und ich; man ſchloß das Thor wieder, ſobald wir eingetreten waren. In dem Palaſte, Caſtro genannt, fand ich den Hof mit einer Menge Vornehmen und namentlich mit beinahe allen nur etwas ausgezeichneten Europäern angefüllt. Niemand wagte es, ohne gerufen zu werden, in die Gemächer hinaufzugehen; ich wartete länger als zwei Stunden darauf, daß auch an mich die Reihe komme, aber ich benutzte dieſe Zeit, um Erkundigungen über Alles einzuziehen, was ſich zutrug. Ich erfuhr, daß ſeine Ho⸗ heit(ſo nannten die Griechen und Europäer Ali Paſcha) nach dem Eſſen nach Preveſa aufbrechen würden; daß die meiſten Großen ſeines Hofes ſich ebenfalls dahin begäben, mit Aus⸗ nahme Mehemed Effendis, ſeines Kjahyah, und einiger andern ausgezeichneter Muſelmänner; daß Griechen und Europäer ſich in Maſſe nach Preveſa verfügten. Da dieſe Stadt nun ſehr klein iſt, mußten ſich dort oſt ſechs Perſonen mit einem Stüb⸗ chen begnügen, und die Dienerſchaft, ſo wie die Eigenthümer mit ihren eigenen Familien bivouakirten in den Gärten und auf den Straßen. Mit einem Worte, man befand ſich ſchlecht in Preveſa, wenn der Weſir dort war, und beſonders in den Zeiten der Peſt, weil dann eine zu große Menge Menſchen hier zuſammenſtrömte. Ich faßte daher den Entſchluß, nicht 124 hinzugehen, wenn ich es vermeiden könnte, um ſo mehr da ich die Stadt und ihre Umgebung genau kannte, weil ich ſchon zweimal dort geweſen war, das erſte Mal bei meiner Ankunft in den Staaten Ali Paſchas, das zweite Mal von ihm hinge⸗ ſchickt, die Feſtungswerke zu beſichtigen und ſeine Befehle in Beziehung auf dieſelbe zu überbringen. Die Reiſe konnte mir daher nur ſehr unangenehm ſein, ohne mir irgend etwas zu bieten, das im Stande war, meine Neugier oder meine Wißbe⸗ gier zu befriedigen. Als ich daher vor Ali erſchien, war ich entſchloſſen, unter der Obhut Gottes in Janina zu bleiben. Als ich in ſein Zimmer trat, bemerkte ich, daß man die Fuß⸗ teppiche weggenommen hatte, mit denen in der Türkei faſt alle Fußböden bedeckt ſind. Am Tage meiner erſten Unterredung mit Ali, gleich nach meiner Ankunft in Janina, hatte ich den Fußboden ſchon einmal ſo entblößt gefunden. Damals ver⸗ heerte die Peſt die Stadt Larta, 12 Stunden von Janina, und da die Europäer behaupten, daß Wolle die Peſt mittheilt, ließ Ali bei dem geringſten Zeichen dieſer Geißel die Teppiche weg⸗ nehmen, ungeachtet er überzeugt war, 150 Jahr alt zu werden. Sobald ich eingetreten war, ſagte er ſeufzend zu mir: „Du weißt ohne Zweifel ſchon, Ibrahim Effendi, welches Un⸗ glück auf dieſer Stadt laſtet; ich gehe nach Preveſa; triff Deine Anſtalten, mir zu folgen und reiſe noch heute Abend, ſpäteſtens aber morgen früh ab. Ich fragte ihn, ob ich in Dienſtangelegenheiten nach Pre⸗ veſa gehen ſollte, oder nur aus Furcht vor der Peſt. Er ant⸗ wortete mir, wegen der Peſt, da er vorausſetze, daß ich trotz meines Islamismus nicht bös ſein würde, unter ſolchen Um⸗ ſtänden Janina verlaſſen zu können. Da die erſten Muſel⸗ männer, wie Mehemed Effendi, Kiahyah Ali Paſchas, der Mufti, der Cadi, der Divan⸗Effendi und mehrere andere zuge⸗ gen waren, hielt ich die Gelegenheit für paſſend, die Religion als Vorwand meiner Weigerung zu nehmen; ich bat ihn da⸗ her, wenn er es vermöchte, mir irgend einen Ort auf der Erde anzugeben, der außerhalb des Himmelsgewölbes läge, ſo würde ich mich augenblicklich dahin begeben, weil ich dort von der Peſt nicht erreicht werden könnte; da aber Preveſa ebenſogut als Janina unter dem Gewölbe des Himmels, und folglich unter der Allmacht Gottes läge, würde ich glauben, das Ver⸗ trauen zu verletzen, das ich der göttlichen Vorſehung ſchuldig — „ ſei, wenn ich mich den Abſichten zu entziehen ſuchte, die ſie mit mir haben könnte. Die Religion verbiete zwar, ſich an einen Ort zu begeben, den die Peſt verheert, aber ſie befehle auch zu⸗ gleich, wenn man ſich in einer Stadt befinde, die von dieſer Geißel heimgeſucht iſt, dieſe nicht zu verlaſſen, und folglich füge ich mich in den Willen Gottes. Alle anweſenden Muſelmänner und Ali ſelbſt prieſen meine Frömmigkeit, und er ſagte dann, es ſei auffallend, daß ich, ein geborner Franzoſe, die Peſt nicht ſcheue, da ſie alle ſie fürchte⸗ ten. Ich antwortete ihm, das ſei nicht Mangel an Muth, nur Mangel an Einſicht in die göttliche muſelmänniſche Religion. u haſt Recht, ſagte der Weſir, denn der Eiſenkopf Pouque⸗ ville, der nichts auf der Welt fürchtete, nicht einmal meinen Zorn, hat eine ungeheure Furcht vor der Peſt. Wollte Gott, ich hätte das Vergnügen gehabt, ihn hier daran ſterben zu ſehen, mit allen Ruſſen und allen Feinden unſerer heiligen Religion. Alle Anweſenden ſagten Amine(Amen), was die Maho⸗ medaner nie unterlaſſen, wenn einer von ihnen Verwünſchungen gegen die Chriſten ausſpricht, oder Wünſche für das Wohl des Islamismus oder des Sultans.— Das Reſultat meiner Au⸗ dienz war, daß ich in Janina blieb, denn ich habe mich in der That nie vor der Peſt gefürchtet. Mein Entſchluß erwarb mir übrigens einen hohen Grad der Achtung bei den Muſelmännern. Ali Paſcha war abergläubiſch und unwiſſend, in ſolchem Grade, duß er einen horizontal gelegten Zirkel hatte, auf dem ſich vorgeblich magiſche Figuren befanden; eine goldene Nadel drehte ſich auf einer Kurbel in der Mitte, wie die Drehſcheiben auf den Jahrmarktslotterien. Bei allen Angelegenheiten von einiger Wichtigkeit zog der abergläubiſche Tyrann ſein Orakel zu Rathe, indem er die Nadel drehte, während er einige vor⸗ geblich magiſche Worte ausſprach, und je nachdem die Nadel bei dem einen oder dem andern Zeichen ſtehen blieb, wurde die beſchloſſene Sache aüsgeführt oder verworfen, der Plan aufge⸗ nommen oder aufgegeben. Ich habe ihn dieſe Lächerlichkeit nie begehen ſehen, denn er wollte dabei ſtets allein ſein; aber ich ſah zweimal die Ma⸗ ſchine, nach welcher ſich das Benehmen eines Weſens richtete, 126 dem die willkuͤhrliche Gewalt über ſo viele hundert tauſend See⸗ len anvertraut war. Eine andere eben ſo lächerliche als abergläubiſche Idee Ali Paſchas war, daß er fortwährend bauen ließ, entweder Paläſte oder Feſtungen, Magazine, Arſenale oder andere Gebäude. Er glaubte feſt, daß ſein Geſchick an den Mauern hinge, die er aufführen ließ, und daß ſein Leben nicht bedroht ſei, ſolange Gebäude in Arbeit wären. Noch ein Zug von dem Aberglauben Ali Paſchas war das blinde Vertrauen, welches er in einen Siegelring ſetzte, wie alle Orientalen deren haben. Der Stein dieſes Siegelringes, ein Carneol, war in zwei Stücke gebrochen und in Silber ge⸗ faßt, und der Ring war ebenfalls von Silber. Die Geſchichte dieſes Ringes ſcheint mir merkwürdig genug, ich will ſie daher ſo erzählen, wie ich ſie von wohl unterrichteten Perſonen ver⸗ nommen habe. Zu der Zeit, als Ali noch ein armer Jüngling, ungefäht 15 Jahr alt war, bat ein afrikaniſcher Derwiſch aus dem Kö⸗ nigreich Marocco um Gaſftfreundſchaft in dem Hauſe ſeiner Mutter, welche ſich damals in einer Lage befand, die an gänz⸗ lichen Mangel grenzte. Man weiß, daß die Gaſftfreundſchaft im Orient eine Tugend iſt; Khamco, die Mutter Ali's, war in Verzweiflung darüber, daß ſie wegen ihrer Armuth kein Fleiſch für ihren Gaſt hatte; ſie glaubte, dieſer verſtände die albane⸗ ſiſche Sprache nicht, in der ſie zu ihrem Sohne redete. Es war kein Geld im Hauſe, und Ali faßte den Entſchluß, ſein einziges gutes Kleid zu verkaufen, um den Gaſt, den Gott dem Hauſe geſendet hatte, beſſer bewirthen zu können. Der Derwiſch wurde krank, und Ali, der kein Geld zu borgen fand, verkaufte allmä⸗ lig mehrere Geräthſchaften, um die Koſten zu decken, welche die vermehrten Ausgaben verurſachten. Nach ungefähr einem Mo⸗ nate war der Fremde hergeſtellt, und im Augenblick ſeiner En⸗ fernung ſagte er zu Ali, daß er das Albaneſiſche verſtehe, und folglich von allen den Opfern unterrichtet ſei, die er ſeinetwegen ſo großmüthig gebracht habe. Um ihn zu belohnen, gab er ihm den zerbrochenen Ring, indem er ihm rieth, ihn nie von ſich zu geben, weil er ihm dann ein ungewöhnliches Glück bringen und; ihn ſchnell zu den höchſten Stufen des Glückes, der Reichthümer und der Macht führen würde. Das Vertrauen, welches der leichtgläubige Ali den Worten des Derwiſches ſchenkte, war Z 127 vielleicht die Haupturſache ſeiner Größe; denn voll unbedingten Glaubens in die Kraft ſeines unſchätzbaren Talismans ging er voll Begierde dem Glücke entgegen; es kann alſo in der That der Ring ſein, der ihn zu ſeiner Größe führte. Sobald der Derwiſch fort war, wollte Ali die Wirkſamkeit ſeines Talis⸗ mans prüfen, und zugleich die Breſche ausfüllen, die der Auf⸗ enthalt des Fremden in ſeinen Sachen zur Folge gehabt hatte; er fand es dazu ganz einfach, ſich zum Klephthen(Straßen⸗ räuber) zu machen, ein Handwerk, bei dem es ihm vollkommen glücklich ging und welches die erſte Sproſſe ſeiner Glücksleiter war. Ich ſah dieſen Ring; er trug ihn an einer Schnur an dem Hals und er ſelbſt hat mir ihn im Jahre 1817 gezeigt. Ich glaube einige Beiſpiele anführen zu müſſen, welche darthun, bis zu welchem Punkte Ali Paſcha, der ſtolzeſte Menſch, der grauſamſte Despot, der je exiſtirte, ſeine Ehrfurcht und ſeine Furcht vor den Derwiſchen trieb. Ich könnte eine große Menge ſämmtlich ſehr ſonderbarer Thatſachen anführen, ſowohl nach eigener Kenntniß, als nach dem, was man mir erzählte, aber ich werde mich auf einige der hervorſtechendſten beſchränken, deren Augenzeuge ich zu meinem großen Erſtaunen war. 1sl6, wenige Wochen nach meiner Ankunft in Janina, war ich auf dem Wege zu dem Tyrannen, der mich hatte rufen laſſen, um ihn außerhalb der Stadt nach einem Hügel zu be⸗ gleiten, auf dem er ein Fort errichten laſſen wollte. Ein Der⸗ wiſch ging mit mir denſelben Weg. Er ging neben meinem Pferde her und bat mich um Geld; ich gab ihm einige Paras. Nach den empfangenen Befehlen machte ich unter einem Ge⸗ wölbe des Palaſtes vor einer Thüre Halt, über der ſich ein in Janina ſehr bekanntes Fenſter befand, wo man es mit dem Namen Kafaß Gitter) bezeichnete, wegen eines ſehr engen Git⸗ ters, mit dem es verſchloſſen war. Ali Paſcha befand ſich oft hinter dieſem Fenſter und gab den Perſonen, die unten auf der Straße ſtanden, unſichtbar Audienzen oder ertheilte ihnen Be⸗ fehle. Nur durch beſondere Gunſt wurde man in das Zimmer vorgelaſſen, welches dies Fenſter beleuchtete, und während der ganzen Zeit, die ich in Janina zubrachte, habe ich nur fünf⸗ oder ſechsmal dort Zutritt erlangt. Die meiſten ſeiner Höflinge und der in ſeinem Dienſt ſtehenden Perſonen, ausgenommen 128 ſeine Leibdiener, ſind nie in dieſem Zimmer geweſen, deſſen Name Allen eine Art von Furcht einflößte, weil man bemerkt hatte, daß, wenn er nur einen halben Tag im Kafaß. zuge⸗ bracht, ſeine tyranniſche Neigung ſich ſteigerte und daß dann ſtets ein verderblicher oder blutiger Erfolg die Folge deſſelben war. Erſt ſeit wenigen Minuten war ich bei der Thür ange⸗ langt, als man ſie von innen öffnete und Ali Paſcha heraus⸗ kam, zu Pferd, begleitet von einigen ſeiner Tcharkadgis(eine Art von Leibgarde, aus ehemaligen Straßenräubern zuſammen⸗ geſetzt. An einer andern Stelle werde ich eine ausführlichere Beſchreibung von dieſen Ungeheuern geben). Die Menge der Bittſteller wurde ſogleich mit gewaltigen Stockſchlägen ausein⸗ andergetrieben, der Derwiſch aber, der auch vor dem Kafaß ſtehen geblieben war, verſchont. Er trat mit der größten Kalt⸗ blütigkeit vor den Weſir und ſagte, daß er mit ihm ſprechen wolle; dieſer antwortete ihm, er habe jetzt keine Zeit, der Der⸗ wiſch ſolle dieſen Abend wiederkommen. Der Derwiſch beſtand darauf, ihn augenblicklich zu ſprechen. Um ſich ſeiner zu ent⸗ ledigen, fuhr Ali in die Taſche und zog eine Handvoll Ru⸗ biens(eine ſehr kleine Goldmünze, im Werth von ungefähr 14 Groſchen), die er ſtets bei ſich trug, heraus, um ſie dem Derwiſch zu geben. Er bot ſie dieſem, indem er ſagte: Nimm einſtweilen dies, bete zu Gott für mich und komm dieſen Abend wieder. Indem er ſo ſprach, ließ er ſein Pferd eine Bewegung machen, um weiter zu reiten, aber der Derwiſch wagte es, den Zügel nahe am Gebiß anzugreifen, hielt es zurück, indem er gebieteriſch verlangte, gleich gehört zu werden, und hinzufügte, daß er von einem Kiafir(Ungläubigen) nichts annehmen wolle. Erſchreckt ſagte Ali, der die Zurückweiſung ſeiner Geſchenke durch einen Derwiſch ſehr fürchtete, daß ich ihn erwarte, und daß wir wegen einer ſehr wichtigen Angelegenheit, die keine Verzögerung litte, an irgend einen Ort gehen müßten. Der Derwiſch ent⸗ gegnete, ich könnte warten oder gehen, wie es mir gut dünken würde, ihn aber anzuhören müßte Ali ſich durchaus entſchlie⸗ ßen. Der Weſir wendete ſich hierauf zu mir und ſagte: Wir müſſen uns gedulden, Ibrahim Effendi, es wird nicht lange dauern. Es wird nicht lange dauern? unterbrach ihn der Derwiſch, was weißt Du davon, alter Sünder? Und nun begann er eine Strafrede, die in der That lange genug währte; dabei hielt er 129 ſtets den Zügel vom Pferde des Weſirs, der ihm von Zeit zu Zeit ſeine goldgefüllte Hand hinhielt; jedesmal unterbrach dann der Derwiſch ſeine Rede, um das Gold mit den Worten zurück⸗ zuweiſen: Ich will es nicht, es iſt ſchlecht erworben. Dann fuhr er in ſeiner Strafpredigt fort, in welcher er dem Tyrannen mit lauter vernehmlicher Stimme in Gegenwart einer zahlreich verſammelten Menge alle Verbrechen zum Vorwurf machte, mit denen er ſich beſudelt hatte, ſeine Irreligioſität und die Verach⸗ tung, die er allen beſſern Menſchen einflößte. Einige Stellen ſeiner Rede waren wirklich ſehr ſchön, wie z. B. die, wo er ſagte: Jeder Stein der zahlreichen Paläſte, die Du aufgeführt haſt, könnte ganz mit dem unſchuldigen Blute gefärbt werden, das Du vergoſſen haſt; könnten die Seelen, die Du ihrem Kör⸗ per vor der Zeit entriſſeſt, Dich umſchweben, ſo würde ihre Zahl größer ſein, als die Worte, die Du an Gott richteſt, um ſeine Gnade zu erflehen; das Geld, das Du zu Geſchenken und Al⸗ moſen anwendeſt, iſt durch Gewaltthat und Ungerechtigkeit er⸗ worben, und die Almoſen werden Dir nicht als verdienſtliche Werke angerechnet, ſondern nur als ſo viele Sünden mehr, da Die, welche es empfangen, ſündigen, wovon Du die Ur⸗ ſache biſt. Der Weſir antwortete kein Wort, da er aber die Gewohn⸗ heit hatte, wenn ihn irgend etwas verdroß, den Kopf ſtolz zu erheben und die Blicke in die Höhe zu richten, ließ die Rede des Derwiſches ihn dieſe Blicke machen; der Derwiſch aber be⸗ merkte dies, glaubte, es geſchehe aus Stolz und redete ihn mit folgenden Worten an: O, Ali, ſieh nicht immer nach oben, ſon⸗ dern wirf die Blicke nach unten, von woher Du gekommen biſt, und wohin Du zurückkehren wirſt, ſobald der Wille des all⸗ mächtigen Gottes es gebietet. Damit ließ er den Zügel des Pferdes los, wendete dem Paſcha den Rüͤcken und ging. Wir ritten ſogleich nach dem Hügel. Während des Weges und indem wir durch die Stadt kamen, hielt ich mich dem Gebrauche zu Folge 100 Schritt hin⸗ ter dem Tyrannen, kaum aber hatten wir das Quartier Backhtche erreicht, ſchickte er mir einen Tcharkadgi, mit dem Befehle, zu ihm zu kommenz ich ſprengte im Gallop heran. Er befahl mir, mich dicht zu nähern, und fragte mich dann, was ich von dem Auftritte dächte, deſſen Zeuge ich geweſen war. Ich ſagte ihm, ich ſei ſehr überraſcht, daß er ſolche Unverſchämtheiten öffentlich Die Cucarachg. II. 9 150 dulde, und ich geſtand, daß ich nicht ſo geduldig geweſen wäre, wie er. Mein Sohn, ſagte Ali, ich habe viele Fehler; ich bin ein Tyrann, das iſt wahr, aber ich beſitze eine Tugend, die Alles überwiegt, das iſt die Geduld. Unter allen denen, welche an Mahomed glauben, iſt nicht ein Einziger, welcher ſo viel Ge⸗ duld hat, wie ich. Ich fragte ihn, weshalb er, mit dieſer ſchönen Tugend be⸗ gabt, ſo viele Menſchen tödten ließe; er entgegnete mir, das ſei bei ſolchen Unterthanen, wie die, über welche er gebiete, noth⸗ wendig. Du kennſt noch weder die Albaneſen, noch die Grie⸗ chen; während ich an die Platane den einen Bruder hängen laſſe, ſtiehlt der andere Bruder in dem Gedränge unter eben dieſem Baume. Ließe ich einen verbrennen, ſo würde ſein Sohn die Aſche ſtehlen, um ſie zu verkaufen. Sie ſind dazu beſtimmt, von mir beherrſcht zu werden, und nur ich allein bin im Stande, ſie in der Furcht zu erhalten. Er ſagte mir hierauf, daß er es nicht für paſſend gehalten hätte, gegen den Derwiſch den Grund zu äußern, weshalb wir die Stadt verließen, weil es vor der Volksmenge, die Zeuge dieſes Auftrittes war, ſo ausgeſehen haben würde, als gäbe er von ſeinen Handlungen Rechenſchaft, er, der dazu nur gegen Gott und gegen den Sultan verpflichtet ſei; ich ſolle aber, ſo⸗ bald wir nach der Stadt zurückgekehrt ſein würden, wie aus eigenem Antriebe zu dem Derwiſch gehen und ihm ſagen, der Weſir habe ſeines hohen Alters ungeachtet die Stadt verlaſſen, um einen paſſenden Ort zu der Erbauung einer Feſtung des Sultans(Padichahkalaaſi) zu ſuchen; deshalb ſei er ſo eilig geweſen und habe es auf eine andere Zeit verſchoben, ihn zu hören; deshalb ſolle er einem Greiſe nicht zürnen, der ſo eifrig im Dienſt des Herrſchers und für die Sicherheit des muſel⸗ männiſchen Gebietes ſo beſorgt ſei; er dürfe ſich nur Abends zu ihm begeben, und ich könne ihm den beſten Erfolg zuſichern. Ich ſtellte alle möglichen Nachforſchungen an, nicht für die Ruhe Ali Paſchas, ſondern weil es mich gefreut haben würde, den muthigen, tugendhaften und uneigennützigen Mann, Eigen⸗ ſchaften, die bei den Derwiſchen ſo ſelten ſind, näher kennen zu lernen. Alle meine Mühe blieb fruchtlos, und ich hatte das Vergnügen, dem beſorgten Tyrannen zu melden, daß ich den 15¹ 5 Mann nicht hätte entdecken können. Die Nachricht brachte ihn außer ſich, und das freute mich um deſto mehr. Aber man darf nach dieſer Thatſache nicht glauben, daß alle Derwiſche dieſelbe Tugend beſaßen, obgleich alle ſo dreiſt waren. Sie gaben dem Weſir nie einen Titel, ſondern nannten ihn kurzweg Ali. Faſt täglich fanden Derwiſche Gefallen daran, ihn nach den muſelmänniſchen Begriffen mit den gröbſten Schmä⸗ hungen zu überhäufen; denn unter andern beleidigenden Aus⸗ drücken erlaubten ſie ſich auch ihn Domouz(Schwein) zu nen⸗ nen, Guayour und Kiafir. Das erſtere dieſer beiden Worte iſt nur auf einen Chriſten anzuwenden, mit dem es ſynonym iſt, denn es läßt ſich nicht einmal auf die Juden beziehen, da dieſe als Anbeter der ſtrengen Einheit Gottes den Muſelmännern gleich ſtehen. Das Kiafir bedeutet buchſtäblich einen Atheiſten. Eine andere Schmähung iſt in der Türkei noch häufiger, näm⸗ lich das Wort Peſevenk, welches einen Menſchen bedeutet, der darein willigt, daß ſeine Frau ihm untreu iſt. Oſt ſind durch dieſes Wort Kämpfe und Mordthaten herbeigeführt worden, und gleichwohl verſchwendeten es die Derwiſche gegen Ali Paſcha, ohne daß er es gewagt hätte, einem ſeiner Satelliten zu befeh⸗ len, ſie zum Schweigen zu bringen. Alle dieſe Unverſchämt⸗ heiten fanden ſtets öffentlich ſtatt, wenn der Paſcha an einem offenen Fenſter ſaß und der Hof ſeines Palaſtes mit Menſchen angefüllt war; das kam daher, weil er die größte Vorſicht we⸗ gen ſeiner perſonlichen Erhaltung traf; dann eiferten die Der⸗ wiſche gegen ihn. Sie waren aber auch in den Sälen nicht gemäßigter, wie man aus folgender Thatſache erſehen wird. Am Tage des Beiramfeſtes, welches im Sommer des Jah⸗ res 1817 ſtattfand, waren alle ausgezeichneten Perſonen vom Hofe Ali's bei dem Paſcha verſammelt, um ihm zu dem Feſte Glück zu wünſchen, da trat ein bejahrter Derwiſch herein, ſchmu⸗ zig, halb nackt, mit einer Tigerhaut um die Schultern, kurz in dem Aufzuge eines wahren Derwiſches. Er verſchmähte es, über die Feierlichkeit des Tages nur ein Wort zu ſagen und ſetzte ſich auf das Sopha, welches nach orientaliſcher Sitte rings um den Saal herumlief. Die Diener ſtehen auf der vierten Seite. Der Derwiſch wendete ſich zu den Dienern, welche im Begriff ſtanden, ihm eine kleine Taſſe Kaffee zu bringen, die jedem Gaſte überreicht wird, und gebot ihnen mit lauter Stimme, ihm eine Pfeife zu bringen. Der am Hofe Ali's eingeführte 9* 152 Gebrauch erlaubte Niemand, in deſſen Gegenwart zu rauchen, mit Ausnahme des Mehemed Effendi, ſeines Kiahyah, und eines Scheiks, Maſſeont, eines alten Wüſtlings aus Conſtan⸗ tinopel, wo er Superior eines Teke in Scutari war, und der Ali Paſcha jährlich einmal beſuchte; er war der vertraute Ge⸗ noſſe aller ſeiner ſchmuzigen Orgien. Daſſelbe Vorrecht war auch allen Monbagis und andern ausgezeichneten Perſonen ge⸗ währt, welche von Conſtantinopel kamen, ſo wie den Conſuln der fremden Mächte. Es war ſchon zuweilen geſchehen, daß ein Derwiſch in Gegenwart des Weſirs eine Pfeife forderte, aber nur in kleiner Geſellſchaft, und die Diener glaubten, daß bei der großen Anzahl der anweſenden Perſonen, welche ſich durch ihren Rang, ihr Vermögen, oder ihre Gunſt, in der ſie beim Paſcha ſtanden, auszeichneten, und von denen keiner eine Pfeife hatte, denn Ali Paſcha allein rauchte, es nicht paſſend ſein würde, einem zerlumpten Derwiſch eine Pfeife zu geben. Der unverſchämte Menſch aber ſchrie von ſeinem Platze aus dem Weſir zu: Ali, ich will rauchen! Dieſer befahl ſogleich, ihm eine Pfeife zu bringen, aber der Derwiſch erklärte, daß er einen Narguile verlange(eine perſiſche und arabiſche Pfeife, bei welcher der Rauch durch Waſſer geht).— Ali befahl, ihm zu bringen, was er verlangte. Der eigenſinnige Derwiſch ſagte, er wollte durchaus die, aus welcher der Paſcha ſo eben rauchte; Ali, ſowie einige andere Perſonen, mochten ihm immer noch ſagen, daß er eine noch reichere bekommen ſollte, er beharrte bei ſeiner Starrköpfigkeit, ſtieß den prachtvollen Narguile, den ein Diener ihm zu Füßen ſtellte, mit dem Fuße von ſich, ſodaß die Maſchine umfiel, der Deckel aufging und das Waſſer über den reichen Teppich hinlief. Als der Weſir die Hartnäckigkeit dieſes eigenſinnigen Menſchen ſah, befahl er, ihm ſeinen Narguile zu bringen. Eben in dem Augenblicke, als Ali Paſcha ſo viele Herablaſſung zeigte, wagte es der Derwiſch, der eben ſo ver⸗ ſchroben als verwegen war, zu verlangen, daß der Weſir ſelbſt ihm den Narguile bringen ſollte, während mehr als dreißig Diener und ſogar alle Anweſenden ſich beeilt haben würden, ihm zu bringen, was er verlangte, um dem Tyrannen dieſe De⸗ müthigung zu erſparen. Es fanden Hin⸗ und Herreden ſtatt, welche wenigſtens eine Viertelſtunde währten und mich ſehr unterhielten. Um ſeine Würde nicht in den Augen ſeines gan⸗ zen verſammelten Hofes zu verletzen, indem er die Verrichtung 135 eines Dieners übernahm, bat er den Unverſchämten, ſich an ſeine Seite zu ſetzen, wo aus Ehrfurcht immer rechts und links ein großer leerer Raum war. Das war eine Ehre, die er dem ſonderbaren Menſchen anbot, aber dieſer wollte ſich nicht von der Stelle rühren und zeigte ſich ſo hartnäckig in ſeiner auffal⸗ lenden Laune, daß der ſtolze, mächtige, bejahrte und kränkliche Ali gezwungen war, von ſeinem Platze aufzuſtehen und ſeinen Narguile demüthig zu den Füßen des Derwiſches niederzuſetzen; er that dies ohne ein Wort zu ſprechen, und Jener nahm es ebenfalls ſtumm hin. Ali kehrte auf ſeinen Platz zurück, nach dem orientaliſchen Gebrauch auf den Arm des Omir Bey Ounioni geſtützt, der damals Generaliſſimus ſeiner Truppen war, und auf Hadgi Gebri Effendi, einen ſeiner Miniſter. Sein Geſicht vertieth keine Aufregung. Nachdem der Derwiſch einige Mi⸗ nuten geraucht hatte, ſtand er auf und ging, ohne etwas zu ſagen. Keiner der Anweſenden wagte es, in Gegenwart des Tyrannen hierüber eine Bemerkung zu machen, aber dann wur⸗ den genug Commentare angeſtellt. Ich habe ſeitdem dieſen Derwiſch öfters in den Straßen von Janina, ſowie in dem Schloſſe des Despoten gefunden, ohne daß er mir unverſchämter vorgekommen wäre als alle übrigen. Eines Tags(1818) ließ Ali Paſcha mich rufen, um mir einige Befehle zu geben. Als ich in dem ſogenannten Schloſſe Caſtro zu ihm kam, aß er in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes, in welchem Niemand als die beiden Sklaven waren, die ihn bedienten; aber vor dem Zimmer am Fenſter ſtand ein Derwiſch und forderte von dem Weſir Geld, auf die roheſte Weiſe und indem er ihn mit Schmähungen überhaͤufte. Der Auftritt hatte ſchon vor meiner Ankunft begonnen, und die Fortſetzung deſſel⸗ ben hinderte Ali nicht, ruhig zu eſſen und mit mir zu ſprechen. Ich ſtand dem Paſcha gegenüber, denn wenn er mir nur ſeine Befehle ertheilen wollte, ließ er mich gewöhnlich nicht ſetzen, ich konnte folglich alle Bewegungen des Derwiſches durch das Fen⸗ ſter ſehen, an welchem der Thrann aß. Der Menſch benahm ſich wie ein Wahnſinniger, drohte mit der Stimme und den Händen und zog von Zeit zu Zeit ſein Meſſer, das er auf den Weſir zückte, der ihn nicht zu hören ſchien und ihn nicht ſehen konnte. Man hätte glauben ſollen, wenn er viel Geduld mit den Derwiſchen hätte, ſo fände er auch Vergnügen daran, die ihrige auf die Probe zu ſetzen, indem er ſie Stunden lang toben 154 ließ, ohne ſie zu hören. Endlich zählte er einige funfzig Ru⸗ biens auf, die er ihm durch einen Diener ſchickte; da aber wurde der Derwiſch wüthend, weil er die Summe zu gering fand. Da der Weſir auf ſein lärmendes Verlangen nicht achtete, ſetzte der Verwegene ſein Youfbora) an und begann eine fürchterliche Muſik, welche die Stimme des Tyrannen, welcher rühig mit mir zu ſprechen fortfuhr, ſo ſehr übertobte, daß ich mich ge⸗ nöthigt ſah, ihm zuzuſchreien, wenn er dem Derwiſche nicht Stillſchweigen geböte, ſo ſei es überflüſſig, mit mir zu ſprechen, denn ich verſtände doch nichts. Er ſchwieg hierauf, aber ohne einen Befehl in Bezug auf den läſtigen Derwiſch zu geben, und ſcheinbar, ohne auf ihn zu achten; der Derwiſch wurde darüber ſo ärgerlich, daß er mit ſeinem Youfbora einen heſtigen Schlag gegen die kryſtallene Scheibe that, die Ali Paſcha mit großen Koſten aus Deutſchland hatte kommen laſſen; die Stücken flogen auf das Sopha rings um den Tyrannen, der ſich begnügte, mit der größten Ruhe zu ſagen: Mein Vater, Ihr ſeid ſehr ungeduldig; nehmt das und betet zu Gott für mich!— Dabei gab er ihm noch eine Handvoll Gold, ohne es zu zählen. Der Derwiſch entfernte ſich murrend und ohne zu danken, der Paſcha aber fuhr fort, ruhig zu eſſen und mir meine Befehle zu ertheilen. Ich habe ſehr oft geſehen, wie dieſe Derwiſche Steine oder Erdklöße auf Ali warfen, ohne daß dieſer darüber bös zu wer⸗ den ſchien, und ohne daß ſeine fürchterlichen Satelliten die ge⸗ ringſte Bewegung machten, dieſe Beleidigung zu hindern. An einem Sommerabende des Jahres 1818 befand ſich der Weſir an einem Fenſter im Erdgeſchoſſe des Schloſſes Caſtro; da er aber in dem Hofe einen breiten Graben hatte aufwerfen laſſen, der das Gebäude von dem Hofe ſelbſt trennte, und man, um zu ihm zu gelangen, über eine Brücke mußte, die mit einer Barriere verſchloſſen war, welche von den fürchterlichen Ka⸗ 5 vaſſen bewacht wurde, welche nur den dazu berechtigten Per⸗ ſonen öffneten, wurden die Derwiſche wuͤthend. Am erſten Abend, als der Tyrann ſich auf dieſe Weiſe öffentlich zeigte, faßte ein Derwiſch mit beiden Händen das Gitter, welches an 0 Ein hohles Horn, in welches die Derwiſche von dem Orden der Roufais in den orientaliſchen Bazars blaſen, um die Aufmerkſamkeit der Muſelmänner auf ſich zu ziehen und ihre Barmherzigkeit zu erwecken. Der Ton dieſes Inſtrumentes iſt eben ſo betäubend als unangenehm. 155 beiden Seiten des Hofes an dem Graben hinlief, wendete ſeine ganze Kraft an, es zu erſchüttern, und forderte die Umſtehenden auf, ihm zu helfen. Man kann ſich leicht denken, daß Nie⸗ mand eine ſolche Thorheit beging, welche jedem Andern, als einem Derwiſch, das Leben gekoſtet haben würde. Als der Wahnſinnige ſah, daß Niemand ihm beiſtand, wendete er ſich zu dem Volke und forderte es mit der größten Heftigkeit auf, das Gitter niederzureißen, in den Palaſt zu dringen und ihn zu plündern, wobei er es ſich vorbehielt, den Thrannen, ſowie die Chriſten, die ihn umgaben, zu tödten. Er ſuchte die Hab⸗ gier der Albaneſen dadurch zu reizen, daß er ihnen ein Bild von den ungeheuern Reichthümern entwarf, welche in dem Palaſte aufgehäuft wären, und um ſie gegen ihren Herrn auf⸗ zubringen, ſchrie er ihnen zu, es ſei ſchmachvoll für Muſelmän⸗ ner, ſich von einem Menſchen beherrſchen zu laſſen, der von griechiſchen und europäiſchen Chriſten umgeben ſei, welche ihn leiteten und ſo eigentlich Die wären, welche rechtgläubige Mu⸗ hammedaner beherrſchten. Man verräth Euch, ſchrie er; Mu⸗ ſelmänner, Ihr, Eure Weiber, Eure Kinder, Eure Güter und Euer Land, ſeid verkauft und werdet den Chriſten überliefert werden. Was wartet Ihr, Euch des Tyrannen zu entledigen, des Verräthers, der Euren Blicken durch ſeine Gitter trotzt? Fürchtet Ihr die Stöcke ſeiner Kavaſſen? Ein Augenblick Eures Willens, und ſie zerbrechen auf dem Rücken Derer, die ſie mit ſo großer Unverſchämtheit tragen. Fürchtet Ihr die Waffen Derer, welche es vielleicht wagen ſollten, den Chriſten zu vertheidigen; Ihr tragt auch Waffen und Ihr ſeid hundertmal zahlreicher als ſie; folgt mir im Namen Gottes und ſeines Propheten. Niemand wagte ſich zu ruͤhren, ausgenommen einige Der⸗ wiſche, welche wie Wüthende an die Seite eines ſo verwegenen Oberhauptes traten. Der Weſir fuhr fort, ſeine Pfeife zu rauchen, und mit Anbruch der Nacht, als die Thore des Pa⸗ laſtes geſchloſſen wurden, verlief ſich die Menge, die Derwiſche mit ihnen und die Sache hatte kein weiteres Reſultat. Der Tyrann hatte ſehr ſonderbare Launen. Das erſte Mal als ich mit ihm ſprach, fragte er mich, ob ich griechiſch verſtände. Ich antwortete ihm verneinend, und ſeitdem ſprach er immer türkiſch mit mir. Eines Tages 1818 kam er aus Preveſa zurück und kaum war er abgeſtiegen, als er mich rufen ließ. Ich fand in ſeinem Zimmer bei ihm ſeinen älteſten Sohn, Mukhar Paſcha, der ſtand, weil die Söhne der höhern Claſſe bei den Muſelmännern ſich nie in Gegenwart ihrer Aeltern ſetzen; außerdem ſaß noch auf dem Sopha dem Paſcha gegen⸗ über Mehemed Effendi, ſein Kiahyah, bei dem ich wohnte, und Hadgi Gebri Effendi, deſſen ich weiter oben erwähnte. Der Tyhrann begann damit, mich zu fragen, ob ich mich während ſeiner Abweſenheit wohl befunden hätte, und ob die Befehle, die er mir aus Preveſa in Bezug auf die Befeſtigungen geſen⸗ det hatte, mit denen er die Stadt Janina umgeben wollte, und zu denen ich ihm Pläne hatte entwerfen müſſen, nachdem ich das Terrain beſichtigt, vollzogen wären. Plötzlich fing er dann an griechiſch mit mir zu ſprechen, während er über zwei Jahre nur türkiſch mit mir geſprochen hatte. Obgleich ich das Neu⸗ griechiſche ſeit meinem Aufenthalte in Janina ſo ziemlich ver⸗ ſtehen gelernt hatte, konnte ich doch kein Geſpräch darin führen, bei dem man techniſche Ausdrücke anwenden mußte. Ueberdies ſprach Ali das Griechiſche ſehr ſchlecht, indem er es mit alba⸗ neſiſchen und türkiſchen Wörtern untermiſchte; ich hatte das ſchon ſelbſt bemerkt, denn ich verſtand nie, was er ſagte, wäh⸗ rend ich bei Andern wenigſtens den Sinn ihrer Rede faßte. Als er daher plötzlich auf griechiſch von Geſchäften ſprach, be⸗ merkte ich ihm in türkiſcher Sprache, daß ich ihn nicht verſtehen könnte; er fuhr aber dennoch fort, griechiſch zu ſprechen. Ich fragte ihn hierauf, ob er die Abſicht hätte, ſich über mich luſtig zu machen, ſagte aber zugleich, ich ſei keiner ſeiner Spaßma⸗ cher, und würde beſſer thun, mich zu entfernen, um an meinen Plänen zu arbeiten, als ihn griechiſch ſprechen zu hören. Er achtete nicht auf meine Bemerkungen, und da er fortfuhr, grie⸗ chiſch zu ſprechen, verließ ich das Zimmer, weil ich mich nicht dem Scheine ausſetzen wollte, als gebe ich mich zu ſeinen Necke⸗ reien her, denn ich glaubte wirklich, der Weſir wollte ſich über mich luſtig machen. An demſelben Abend aber erfuhr ich von Mehemed Effendi, daß es die Gewohnheit des eigenſinnigen Despoten wäre, in der von den drei Sprachen, die er redete Griechiſch, türkiſch und albaneſiſch) fortzufahren, in der er zu ſprechen angefangen hätte, ohne Rückſicht darauf, ob man ihn verſtände oder nicht. d —— 157 Am nächſten Tage ſchien der Thrann gar nicht gegen mich deshalb aufgebracht zu ſein, weil ich ihn ſo ohne Um⸗ ſtände verlaſſen hatte; ſeitdem aber redete er mich nie wieder griechiſch an. 1819 hörte ich ihn auch mit einem malteſiſchen Juwelier türkiſch reden; dieſer ſagte ihm durch ſeinen griechiſchen Dol⸗ metſcher, daß er es nicht verſtände, aber Ali achtete nicht dar⸗ auf, ſondern ſprach türkiſch fort. Der Malteſer wurde zuletzt darüber ungeduldig, packte ſeine Steine ein und ging; der un⸗ verbeſſerliche Weſir rief ihm dabei noch immer auf türkiſch nach, daß er am nächſten Tage wieder kommen ſollte. Ich werde die Details über die Perſon Ali Paſchas durch einige beſondere Bemerkungen ſchließen. Ali war ſehr empfänglich für Muſik; eine ſchöne Stimme machte ihm die größte Freude. Ich habe ihn mehrmals Thrä⸗ nen vergießen ſehen, während ein junger arabiſcher Sänger Illahis(Hymnen) ſang. Der Weſir verſtand zwar die arabi⸗ ſche Sprache nicht, aber die Melodie allein rührte ſein wildes erz. Er liebte die Pracht in der Kleidung und beſonders in den Waffen ſehr. Seine Piſtolen und ſeine Dolche waren mit Diamanten überſäet. Er hatte auch ſehr werthvolle Ringe an den Fingern; unter andern einen Solitär, den er von dem Erkönige von Schweden gekauft hatte, als dieſer nach Preveſa, kam, in der Hoffnung ſich nach Jeruſalem begeben zu könnenz der Sultan hielt es aber nicht für angemeſſen, die Erlaubniß zu geben. Die Tabatieren, deren Ali Paſcha ſich bediente, waren ſämmtlich von der größten Pracht und kamen aus Frank⸗ reich oder England. Er war nur in ſeinem Kopfputze einfach, und trug nur bei den beiden Beiramsfeſten einen Turban, und auch dann nur während er in der Moſchee war; dieſer Turban beſtand übrigens nur aus der Borte eines Shawls, den er vom Grunde abſchneiden und ſich aufwinden ließ. Die übrige Zeit trug er ſtets nur eine blaue oder violette Sammetkappe, mit Gold beſetzt. Ich kann verſichern, daß er ſich nie einfallen ließ, einen Reiherbuſch auf dem Kopfe zu tragen, wie einige Perſonen behauptet haben, und das zwar aus zwei Gruͤnden. 453 Der erſte iſt, daß nur der Sultan dieſes Recht hat, und auch der nur, wenn er ſich Freitags in die Moſchee begiebt, und während der Beiramsfeſte, während er die Huldigungen der Großen des Reiches empfängt, oder wenn er einem fremden Geſandten Audienz ertheilt. Jeder Andere, der es wagen würde, dieſen Schmuck zu tragen, welcher Surgudge heißt, würde als Rebell betrachtet und als ſolcher behandelt werden, denn der Surgudge iſt bei den Türken das, was bei den Eu⸗ ropäern die Krone iſt. Ali Paſcha war aber zu verſchlagen, um ſo offen das Vorrecht ſeines Herrſchers und die öffentliche Meinung zu verletzen, denn das hätte ihn einem Aufruhr aus⸗ ſetzen können, ſelbſt bei ſeinen eifrigſten Anhängern. Der zweite Grund iſt, daß es in der Türkei nicht üblich iſt, den Turban zu ſchmücken; man trägt ihn von mehr oder minder feinem Stoffe, doch ohne alle Verzierung. Ueberdies trug Ali Paſcha, ich wiederhole es noch einmal, keinen Turban. Ich berufe mich auf das Urtheil des Herrn Pouqueville, den ich zwar nicht die Ehre habe perſönlich zu kennen, der aber Frankreich zehn Jahre lang in Janina ſo würdig vertreten hat. Ich erwähne dieſen an und für ſich ſelbſt unbedeutenden Umſtand, um zu zeigen, wie ſehr man durch Unwahrheit das Publikum zu locken weiß, denn man hat mich verſichert, es ſei in irgend einem Werke be⸗ hauptet, Ali Paſcha hätte Diamant-Agraffen auf dem Turban getragen, und ein Sklave hätte vor ihm auf dem Boden gele⸗ gen, auf den Befehl wartend, ſeine Pfeife zu nehmen. Das iſt auch eine Erfindung, die Alle beſtätigen werden, welche die Türkei kennen. Alle Diener, Freie wie Sklaven, ſtehen beſtän⸗ dig vor ihrem Herrn, die Hände über dem Bauche gekreuzt oder auf die Piſtolen oder den Dolch in ihrem Gürtel gelegt. Sie werfen ſich nur vor Gott nieder, wenn ſie beten; ſie beu⸗ gen ein Knie zur Erde, um unter die Pfeife eine kleine Platte zu legen, damit die Aſche den Fußteppich nicht beſchmutzen kann. Ali Paſcha war ein großer Eſſer und ein großer Trinker (von Wein und Liqueur); er rauchte fortwährend die Pfeife oder den Narguile, wie alle Orientalen, und trank nach dem Gebrauche ſeines Landes eine große Menge Kaffee; in welcher Jahreszeit es auch war, trank er nie anderes Waſſer, als in Eis abgekühltes. Obgleich er ſchon ſehr alt war, als ich ihn ſah, hatte er 3 doch ein ſehr mildes Lächeln, ſchöne Augen, eine ſchöne Hand und kräftigen Wuchs; ſein Schnurrbart war ungeheuer lang. Im Winter ſtanden in dem Zimmer, in dem er ſich auf⸗ hielt, wenigſtens vier große Mangals(Kohlenpfannen) und zuweilen die doppelte Anzahl, je nach der Größe des Zimmers. Dieſe Pfannen enthielten Kohlenberge und verbreiteten eine ſehr läſtige Wärme; deſſen ungeachtet war er noch in zwei Pelze gehüllt, von denen der oberſte ſehr weit war und ſeinen ganzen Körper einſchloß. Obgleich Ali für gottlos galt, für einen Ungläubigen, und ſelbſt nach der Meinung Einiger für einen Atheiſten, könnte ich doch mehrere merkwürdige Anekdoten von ihm erzählen, welche klar beweiſen, daß er an die mahomedaniſche Religion glaubte, und wenn er ſie nicht beobachtete, dies nur deshalb geſchah, weil ſein Stolz ihn zu dem Glauben verleitete, er ſei ein von Gott bevorrechtetes Weſen, von Allem befreit, was ihm Zwang auflegen könnte, ſobald er nur die Derwiſche hörte. Die Muſelmänner liebte er nicht, und zwar wegen ihrer un⸗ wandelbaren Anhänglichkeit an den Sultan, die ihn bei ſeinen Plänen und Abſichten ſtörte. Von den Griechen glaubte er ſich geliebt, weil er ihnen viel Freiheit ließ, aber er kannte ihren intriguanten Charakter, ihre Neigung zur Liſt und Falſch⸗ heit, ſo wie ihre Habgier, und deshalb verachtete er ſie. Das habe ich aus ſeinem eigenen Munde. Den Europäern miß⸗ traute er in Folge ſeines argwöhniſchen Charakters; er haßte ſie aus Neid und Eiferſucht, denn er fühlte wohl, daß er durch alle ſeine Prahlerei Menſchen nicht blenden könnte, die daran gewöhnt waren, in ihrem Vaterlande das in der Wirklichkeit zu ſehen, wovon er ihnen nur einen ſchwachen Schein zeigen konnte, wie zum Beiſpiel ſeine Truppen, ſeine Feſtungen, ſeine Paläſte, ſeine Arſenäle, ſeine Straßen, ſeine Wagen ꝛc. 7c.z er aber, der bewundert werden wollte, litt unendlich durch die Ge⸗ ringſchätzung, welche die Europäer, wie er wohl wußte, gegen ihn hegten. So war Ali Paſcha von Janina. Einkünfte Ali Paſchas. Man ſchätzt die Einkünfte Ali's aus den Gütern, die er willkürlich an ſich geriſſen hatte, auf zehn bis zwölf Millionen Franes jährlich. Dazu muß man noch das hinzufügen, was ihm die kaiſerlichen Zölle eintrugen, deren Pächter er war, ſo⸗ wie die Bedrückungen, die er täglich beging und die ſtets zum Vortheil des Fiscus waren. Der Ertrag der Douanen, Sali⸗ nen und Fiſchereien, ſeiner zahlreichen Heerden, welche aus mehr als fünfmalhunderttauſend Schafen und ſechsmalhundert⸗ tauſend Ziegen beſtanden, bildete auch eine beträchtliche Reve⸗ nue, die ſich auf zwölf bis funfzehnmalhunderttauſend Franes jährlich belaufen mochten. Er zahlte dem Sultan zwei Millionen viermalhunderttau⸗ ſend Franes und zwei Millionen den Ridjahs ¹) von Conſtan⸗ tinopel, um ſie zu Beſchützern zu gewinnen. Der Sold der Truppen betrug nicht ganz zwei Millionen, ſeine Marine ko⸗ ſtete höchſtens viermalhunderttauſend Franes; die Ausgaben ſei⸗ nes Lurus, wie Pferde, Ebelſteine, Doſen, Uhren ꝛc. 2c. zwei⸗ malhunderttauſend Francs höchſtens; Geſchenke und Almoſen zweimalhunderttauſend Francs; Feſte, Launen, Leckereien 2. hunderttauſend Franes; Meuchelmörder, Spione und Lieferanten ſeiner nichtswürdigen Ausſchweifungen hunderttauſend Francs. Das Alles macht die Summe von ſieben Millionen, und dabei habe ich noch alle Ausgaben auf das Höchſte angeſchlagen. Die Söhne und Enkel Ali Paſchas hatten zuſammen ein Einkommen von ungefähr zehn Millionen Franes jährlich, welche aus Grundſtücken herrührten, die um denſelben Preis erworben waren, wie die ihres Vaters, aus tzahlreichen Heerden, aus kai⸗ ſerlichen Zöllen und aus Geſchenken, die ihnen gemacht werden mußten. Sie gaben nicht die Hälfte ihrer Einkünfe aus. Ali Paſcha, ſowie ſeine Söhne beſtritten die gewöhnliche Ausgabe ihrer Tafel, ſowie die ihrer Weiber, ihrer Diener, das Mais⸗ brod für die Truppen und ſelbſt die Fourage mit ihren Territo⸗ rialproducten und Naturalaustauſchen gegen Wolle, Korn, Reis, Holz ꝛ. Dafür tauſchten ſie Colonialwaaren oder Gegenſtände eines nothwendigen Lurus ein, wie Tuch, Pfeifen, Kaffeetaſſen, Feuerwaffen, Pelzwerk ꝛ. 1) Die Großen des Hofes, welche die höchſten Aemter des Staates bekleiden. 2. ——————— . 141 Ali Paſcha unterhielt zu dieſem Zwecke griechiſche Agenten in Wien, in Bukareſt, in der Wallachei, in Trieſt, in Venedig, in Meſſina, in Malta, in Livorno, in Corfu und an verſchie⸗ denen Orten der Levante. Die Familien dieſer Handelsagenten blieben als Geißeln in den Händen des Satrapen, als Caution für die Treue ſeiner Abgeordneten, welche ihn aber doch deshalb ſo viel betrogen, als ſie konnten. Nilitäretat Ali Paſchas. Es iſt außerordentlich ſchwer, wo nicht unmöglich, genau zu ſagen, wie viel die Zahl der Truppen Ali Paſchas betrug. Ich ſelbſt ſtand als Militär in ſeinem Dienſte, bekleidete einen höhern Grad, war Chef in ſeiner Armee, hatte einen Dienſt, der mich in unmittelbare Berührung mit den andern militäriſchen Chefs brachte, und mußte zum Wohl des Dienſtes ſo genau als möglich von der Zahl der Soldaten unterrichtet werben, über die Jeder verfügen konnte; gleichwohl aber war es mir nie möglich, eine genaue Kenntniß in dieſer Beziehung zu erlangen. Das Militärſyſtem iſt in der Türkei ſo verderbt und verwickelt, daß ich überzeugt bin, Ali Paſcha wußte ſelbſt nicht genau die Stärke ſeiner Streitkräfte. Er hat mir dies ſelbſt geſtanden und mich über die Mittel zur Abhülfe dieſer Unordnung zu Rathe gezogen, die, wie er ſagte, ihn viel unnützes Geld koſtete. Ich bewies ihm, daß man die Vertheidigungsmittel, über die ich ihm 1816 und 1817 meine Meinung ſagen mußte, nie genau beſtimmen könnte, ohne genau die Zahl der Truppen zu wiſſen, über die man zu verfügen hätte, weil man darauf den Verthei⸗ digungsplan ſtützen und danach den Schauplatz ſeiner Operatio⸗ nen ausdehnen oder zuſammenziehen müßte. Er rieth mir hier⸗ auf, unſer Verlangen, von der Zahl der Truppen genau unter⸗ richtet zu ſein, nicht laut auszuſprechen, weil das die Bimba⸗ ſchis und Beulukbaſchis gegen mich aufbringen würde.„Und der Zorn des Albaneſen,“ fügte er lachend hinzu,„legt ſich erſt mit dem Tode deſſen, der ihn erweckt hat. Sie ſind daran ge⸗ wöhnt, ſo zu dienen, wie ſie jetzt dienen; jede Neuerung ſcheint ihnen ſchmachvoll und beleidigend, beſonders wenn es etwas iſt, das dazu beitragen ſoll, eine gute Ordnung einzuführen. Sie würden darüber um ſo erbitterter ſein, weil alle, ſelbſt die 142 chriſtlichen Albaneſen Feinde jedes europäiſchen Gebrauches ſind, und ſie würden im Stande ſein, Thorheiten von den gefährlich⸗ ſten Folgen zu begehen. Das, was, abgeſehen von jeder an⸗ dern Rückſicht, den Widerſtand dieſer Spitzbuben von Bimba⸗ ſchis und dieſer Schelme von Belukbaſchis bewirken würde, iſt, daß ſie bei den Terkeres gewinnen, und nicht den dritten, oft ſogar den ſechſten Theil der Mannſchaft haben, die ſie nach der Beſtimmung ihrer Terkeres haben ſollten.“ Er fügte hinzu, ich würde wohl daran thun, mit denen, die er mir mit Namen und Stand bezeichnete, Freundſchaft zu ſchließen, außer denen, mit denen ich ſchon befreundet ſei; er wolle mir auch eine Anzahl Terkeres für Kanoniere bewilligen, damit ich wie ſie handeln könnte und ſie ſich in ihren Operatio⸗ nen nicht gegen mich verläugneten; auf dieſe Weiſe könnte ich allmälig, und ohne daß es auffiele, die Zahl ihrer Truppen, ſowie die mehrerer anderer Chefs von ihnen erfahren. Er machte mich darauf aufmerkſam, daß dieſe Terkeres nur wegen der Form wären, und daß ich daher nur ſagen ſollte, meine Truppen wären in Preveſa, Donitra, Leponte und Cara⸗Feriah vertheilt, damit es nicht nöthig wäre, ſo viele Rationen zu lie⸗ fern, als wenn ſie alle in Janina geweſen wären, wo ich in der That zwanzig Mann bei mir haben ſollte, für die ich die Verpflegung in natura erhalten könnte, während man glaubte, daß die Soldaten in den andern Städten die ihrige dort erhiel⸗ ten. Den Sold ſollte ich ganz in Janina empfangen, nach der Beſoldung meiner zwanzig Mann aber ihm den Ueberſchuß heimlich zurückbringen. Er ließ mir in der That zwei hundert funfzig Terkeres als Bimbaſchi über ſo viel Mann ausſtellen. Meine Erkundigungen begannen ſogleich, und ich werde das Reſultat davon etwas weiter unten mittheilen. Ich wurde von ſo vielen Bittſchriften um die Stellen von Beulukbaſchis über⸗ häuft, die ſich anboten, unter meinen Befehlen zu dienen, daß ich nicht wußte, wie ich mich derſelben entledigen ſollte, da ich nur einen Beulukbaſchi, und einen Beirokdar haben konnte, de⸗ ren erſterer fünf Terkeren und deren zweiter drei Terkeren er⸗ hielt; dazu zwölf Soldaten, ſo waren die zwanzig Terkeren, die der Satrap feſtgeſetzt hatte, erfüllt. Ich ſagte Ali von meiner Verlegenheit und erklärte ihm, daß dieſe Verfahrungsweiſe un⸗ ſern Abſichten mehr ſchädlich als förderlich ſei. Er fragte mich, was ich für zweckmäßig hielte; ich antwortete ihm, mir entwe⸗ 3 ———————— 145 der die zweihundert funfzig Terkeren, von welchen zweihundert dreißig nur ſcheinbar wären, wirklich zu gewähren, oder mir meinen Rang als Bimbaſchi mit Terkeren abzunehmen, da mir die abſchläglichen Antworten, zu denen ich gezwungen ſei, Feinde zuziehen müßten. Der argwöhniſche⸗Tyrann ſagte mir hierauf, er ſehe wohl, daß ich den Gebrauch der Terkeres eben ſo ange⸗ nehm fände, wie die übrigen Bimbaſchis, daß ich aber nicht durch mein Beiſpiel zu dem ermuthigen dürfte, was ich bei den Andern getädelt hätte.—„Ich hielt Dich nicht ſchon in dieſem Grade für einen Osmanli,“ ſetzte er hinzu. Ich bemerkte ihm hierauf, er ſelbſt hätte den Gedanken der Terkeres gefaßt, und ich ſchlüge ihm vor, ſie mir wieder zu ent⸗ ziehen. Er erwiederte mir, ich hätte Recht, und um mich nicht in die Verlegenheit zu ſetzen, nahm er ſie augenblickich zurück. Obgleich ich noch mehrere Nachforſchungen anſtellte, um von der Zahl der Truppen genau unterrichtet zu werden, erfuhr ich doch nur ſo viel, daß Ali Paſcha zwiſchen ſieben und acht tauſend Mann hatte, Alles mit inbegriffen, und daß dieſe Zahl im Fall der höchſten Noth bis auf das Doppelte gebracht wer⸗ den könnte, d. h. bis auf funfzehn, höchſtens ſechzehntauſend Mann. Hier die Namen der verſchiedenen Truppencorps: Tſchohadaren, dies war eine Art von Eliten, deren Dienſt aber zuweilen darin beſtand, die Pachthöfe oder die Heer⸗ den zu bewachen, Aufträge zu verrichten, Magazinwärter zu ſein, oder irgend etwas Aehnliches, was mit dem Militärdienſt nichts zu thun hat. Tſchargadſchis, Leibwache Ali Paſchas. Um zu dieſem Corps zugelaſſen zu werden, mußte man durchaus Klephthe ge⸗ weſen ſein(ausgezeichneter Räuber und Straßenräuber), d. h. wilder als die gewöhnlichen Räuber. Sie näherten ſich der Perſon des Tyrannen beſonders auf Reiſen. Zog er zu Pferde oder zu Wagen durch die Stadt, ſo hatte er gewöhnlich mehrere von ihnen zu ſeiner Escorte. Sie hatten zugleich das Amt, die unglücklichen Opfer der Grauſamkeit Ali Paſchas zu martern. Sie waren mit der Hinrichtung Derer beauftragt, die er zum Tode verurtheilte, ausgenommen zum Hängen; damit iſt ein Tſchingane oder wirklicher Henker beauftragt. Dieſe Tſchar⸗ gadſchis waren von geprüfter Tapferkeit, aber von einer Grau⸗ „ 144 ſamkeit, die jeden Glauben überſtieg. Von den Einwohnern wurden ſie ſehr gefürchtet. Gueguen. Südliche Albaneſen, keine Unterthanen Ali Paſchas, aber von ihm in ſeinen Dienſt gezogen. Sie waren die beſten und wildeſten ſeiner Truppenz ſie dienten faſt alle zu Pferde, und hatten zum Commandeur einen ihrer Landsleute, Namens Huſſein Bey. Es gab auch ein Corps chriſtlicher Gueguen, vom lateiniſchen Ritus, welche einen Chef von ihrer eignen Religion und ihrem eignen Vaterlande hatten, unter dem Oberbefehl Huſſein Beys. Dieſe chriſtlich⸗lateiniſchen Gue⸗ guen oder apoſtoliſch⸗römiſch⸗katholiſche Gueguen waren Leute von großer Tapferkeit, voll Redlichkeit und ſehr reizbar im Punkte der Ehre, dabei ſehr friedlich und von der löblichſten Aufführung. Sie waren ſo gekleidet, wie die anderen Gueguen, von denen ſie ſich nur durch die Unterweſte unterſchieden, die bei ihnen ſchwarz war, bei den Muſelmännern aber roth oder rün. Asker. Ein zuſammengeraffter Haufe albaneſiſcher Troß⸗ knechte, Menſchen aus den Stämmen der Torka, Tſchameh und Lepez, alle zu Fuß, alle undisciplinirte und wilde Räuber. Sie bilden die eigentliche Infanterie. Ende des zweiten Bandes. Druck von Bernh. Tauchnitz jun. —— ⸗——— *————— . 3 8 — 2 . 578 ę18 vnencne